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Der Fluch

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7.8.2018 18:05
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
Fertiggestellt

Nachdenklich und sichtlich niedergeschlagen stehen die Drei im vernebelten, kalten und verlassen wirkenden Fischereihafen auf ihrem Segelschiff „Little Josie“. Es sind die Seefahrer Jack, Skippy und Lilly.

 

Mittlerweile ist es fünf Tage her, seitdem das Schicksal – ein schwerer Unfall auf der weiten See – ihnen übel mitgespielt hat. Jack leidet unter starker Amnesie und kann sich an nichts erinnern, sein Zustand ist jedoch stabil. Er war bereits in der früheren Vergangenheit stark vom Schicksal geprägt – vor nicht allzu langer Zeit verlor er seine kleine und süße Schwester Josie, welche sich auf eine Seefahrerschnuppertour einließ und auf hoher See ihr Leben lassen musste. Zu seiner restlichen alkohol- und psychischkranken Familie pflegt er keinen Kontakt. Skippy und Lilly hingegen hatten großes Glück und blieben weitestgehend unversehrt. Das zerstörte Schiff des Trios schaukelt durch den Wellengang im alten Hafen leicht hin und her.

 

„Jack! Wir sitzen hier fest und müssen schleunigst unseren Kahn flottmachen, um wieder auf Seefahrt gehen zu können! In Nähe dieses Hafens soll angeblich vor vielen Jahren ein wertvoller Schatz vergraben worden sein! Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber wir sollten meiner Intuition folgen und Glauben schenken, zumal der Schatz womöglich in unmittelbarer Nasenlänge liegt. Er sollte uns aus unserer Notlage helfen – vielleicht finden wir auf unserer Erkundung ja auch nützliche Materialien zur Sanierung unseres Schiffs“, sagt Skippy.

 

„Aye-aye! Wir haben wohl keine andere Wahl… Ich habe aber irgendwie ein mulmiges Gefühl bei der ganzen Sache – durch so eine Art sechsten Sinn meinerseits, verstehst du? Egal, auf geht’s! Lilly hält hier die Stellung und behält ein wachsames Auge, bis wir zurück sind“, ruft Jack ermutigt – „Gleich morgen früh brechen wir auf!“

 

Die Beiden verlassen am nächsten Tag das Schiff und durchstreifen den alten Fischereihafen, welcher von keifenden Möwen, alten Kuttern und rauer Seeluft von gespenstischer Atmosphäre mit modrigen Gerüchen heimgesucht wird. „Hier, sieh’ nur! Ich habe was Interessantes gefunden!“, schreit Skippy aufmunternd.

Skippy ergreift eine antike, in auffallend dunklen Farbtönen gehaltene Flaschenpost an der Kaimauer des Hafenbeckens – mit einem großen schäbigen Stück schatzkartenartigen Papier mit Bild einer Piratengestalt in alter verschnörkelter Schrift gehalten, auf dem steht:

 

„Willkommen, Sterbliche! Ich bin der einarmige Wächter der Toten – Käpt’n Balthasar – und begrüße Euch aufrichtig auf der Suche nach dem sagenumwobenen Schatz der Verfluchten und Vergessenen. Folget meiner Spur, wenn ihr zu ihm geführt werden wollet. Bedenket, dass dabei große Gefahren auflauern werden. Eure Reise wird euch in eine Scheinwelt gespickt mit abtrünnigen Illusionen und wahren Gegebenheiten führen. Nur wenn ihr euch ihnen tapfer stellt und reinen Herzens seid, werdet ihr eine Chance des Überlebens wittern und diesem Ort entfliehen. So gehet und ziehet durch das Land, wenn ihr euch als würdige Schatzsucher bezeichnet – besuchet die Gegend rund um den alten Schuppen in der Nähe des Hafens und nehmet ihn in Augenschein – vielleicht bekommet ihr dort das, wonach ihr suchet…“

 

„Oje, scheinbar sind wir wirklich vom Pech verfolgt… Erst verreckt uns der Kahn, und jetzt halten wir Ausschau nach einem Schatz, der vermutlich noch nicht einmal existiert. Außerdem ließ Lilly verlautbarten, dass unser Proviant allmählich knapp wird und wir kaum noch Moneten in den Taschen haben. Wohnen hier überhaupt Leute? Und was hat es mit den ganzen unheimlichen Nebelschwaden mitsamt der trockenen Klimatisierung auf sich – wir haben gerade mal eine Sichtweite von 20 Metern. Hörst du das? In der Ferne kann man leise Tiere heulen und krähen hören… Jack! Hast du das Funkgerät dabei?“, fragt Skippy leicht beängstigt.

 

„Klar“, sagt Jack. „Dann versuche mal Kontakt mit unserem Funker Brody aufzunehmen – er dürfte sich momentan auf einer der Inseln aufhalten und hat die Frequenz 190.13. Wir sollten ihn auf jeden Fall kontaktieren, um einen Rettungstrupp entsenden zu lassen – wer weiß, wie lange wir hier ohne weitere menschliche Hilfe festsitzen werden. Die Nachricht auf dem Schatzkartenpapier mit dem einarmigen Bastard Balthasar jagt mir zusätzlich noch den einen oder anderen kalten Schauer über den Rücken – gwahhh!! Wie der aussieht!!!“, erwidert Skippy lauthals.

Die Beiden erreichen den alten maritimen und von historischer Geschichte angehauchten Schuppen. Noch bevor die Zwei den Schatzort ausfindig machen, versucht Jack per Funkgerät einen Notruf abzusetzen: „Dies ist Jack der Little Josie, bitte antworten! Ich wiederhole – dies ist Jack der Little Josie…verdammte Scheiße! Nur rauschen…kein Empfang…super!!“

 

„Jack, du alter Nasenbär! Komm’ rüber und hilf mir bitte beim Suchen, wir haben keine Zeit zum Rumkaspern“, bölkt Skippy. „Rumkaspern?! Ich versuche hier gerade auf deinen Wunsch einen Notruf abzusetzen und du machst mich blöd von der Seite an, Skippy! Geht’s noch?! Merkst du noch was?! Du hast sie wohl nicht mehr alle!!!“, schreit Jack. „Waaaaas???“, brummt Skippy überrascht. „Ach…, küss’ mich doch hinten, Skippy…“, seufzt Jack. „Hey Jack, schau’ dir das hier mal an…“, erwidert Skippy.

 

Er findet am besagten Ort des Käpt’n Balthasar eine kleine Schatulle, welche mit einem fünfstelligen Zahlenschloss sowie einem Totenkopf versehen ist. „Und wie öffnen wir jetzt das Teil?“, murmelt Skippy verdutzt. „Du bist ein echter Blindfisch, Skippy! Guckst du – da liegt doch ein alter Stein, der mit einer Zahlenkombination versehen ist: „2-5-8-7-9“, mault Jack. „Gut“, babbelt Skippy freudestrahlend – „Ich gebe ihn ein! So ein Käse! Funktioniert nicht! Was soll das?!“ „Ein wahrer Eiernacken und Speckfuchs, dieser Skippy – ja, damit meine ich dich, du Vollpfosten!!! Dein Verstand ist so scharf wie eine heiße Kartoffel und unglaublich einsam… Es ist doch so einfach“, ächzt Jack. Er gibt die Zahlen aufsteigend in das Zahlenschloss ein – *KLICK*. Der Totenkopf auf der Kiste beginnt zu grinsen und rot schimmerndes Blut zu vergießen – die Truhe öffnet sich darauf wie von Geisterhand.

 

„Iiieeehhh!! Wie ekelig – was zum…bäh…! Den Code hätte ich übrigens auch knacken können – das war ja sooo einfach“, sagt Skippy in aufbrausender Art. „Hast du aber nicht!! Du hast es nicht geschafft – und du konntest es nicht!!! Gwahaha!!!“, erwidert Jack höhnisch und zugleich leicht schockiert bedingt durch das Eigenleben des Totenkopfes. Die Streithähne finden einen roten Saphir sowie ein altes und verstaubtes Schriftstück mit in Spinnenweben gehaltener, verwobener Schrift in der Truhe: „…am Pavillon im Kurgarten…bitte…helft uns…schnell…“ Skippy: „Boah! Ist das wirklich ein Saphir? Wir sind reich, Jack! Wir sind reich!! Whoo-hoo-hoo!!!“ Jack: „Ja, du Pflaume! Nur bringt uns dieses Schmuckstück im Moment leider nicht viel…“ Skippy: (schnief…heul…schluchz…) „… … …Jack…? ...Jack…?! ...Jack!! Was in Gottes Namen…?!“

 

Jack fällt wenige Minuten in einen traumatischen Trancezustand – er bricht zusammen, liegt unansprechbar mit geöffneten Augen zitternd am Boden. Traumatisiert erwacht er im Bett in einer finsteren Schlafkoje im stockdüsteren Umfeld. Lediglich eine kleine brennende Kerze auf einem an der Wand verankerten mittelalterlichen Kerzenständer erhellt in spärlichen Maßen die Umgebung. Der Raum wirkt morsch und brüchig; teilweise verbrannt sowohl verätzt. Wände, Boden sowie das gesamte Bett sind mit vertrocknetem Blut verschmiert. Übel riechende Kakerlaken, merkwürdige Spinnen und schaurige Würmer bevölkern die gesamte Sphäre; an etlichen Stellen haben sich scheinbar über mehrere Jahre hinweg großflächige abartige Schimmelschichten feuchter sowie trockener Art gebildet, welche sichtlich als Brutstätten des scheußlichen Getiers dienen. Auf dem schäbigen Nachttisch steht ein runder barocker Bilderrahmen mit dem Bild einer älteren Frau. Eine handgezeichnete Inschrift am unteren rechten Rand des Bildes ist zu erkennen – „Bethany“.

 

Jack liegt bibbernd und erschüttert auf dem Bett. Im näheren Umfeld sind krankhaft schmatzende Geräusche zu hören. Draußen tobt ein laut pfeifender Wind – ein starker Wellengang ist durch das heftig gefühlte Schaukeln und ein starkes Aufschlagen der Wellen auszumachen.

 

Auf einmal erlischt das Kerzenlicht, eine Totenstille kehrt ein.

Jack bemerkt ein leises Wimmern in der Nähe, welches unaufhaltsam auf ihn zukommt. Er starrt verängstigt vom Bett aus auf die morsche Tür der Schlafkoje. Schritte sind zu hören, das Wimmern wird immer lauter und verstörender. Durch das kleine runde Fenster im oberen Türbereich erhellt eine schauerlich grelle Beleuchtung mit Sicht auf eine unheimlich wirkende Wand eines kleinen Ganges. Das Geräusch des vermuteten, sich in unaufhaltsamer Geschwindigkeit nähernden Wesens wird schlagartig so unerträglich, dass Jack sich wie ein Igel zusammenkauert und die Augen stark zukneift – er hört schließlich das Aufschlagen der Tür und spürt, dass sich die wimmernde Bestie auf ihn einstürzt… Jack: „Gwaaaaaaaaahhhhhhhh!!!“

 

Skippy: „Jack…? ...Jack…?! ...Jack!! Um Himmels Willen… Bist du wach…?“ Jack: „… … … … … … …j-j-j-j-a-a-a-a…“ Skippy: „Mein Gott, wie du aussiehst!!! Komm’ erstmal wieder zu dir. Reiche mir deine Hände – ich helfe dir beim Aufstehen. Und…geht es wieder?“ Jack: „Ja. Möglicherweise hatte ich wohl eine Halluzination – aus welchen Gründen auch immer…“ Jack erzählt Skippy alle Details, an die er sich noch erinnern kann. Skippy (im verängstigtem Zustand): „Wie ein böser Albtraum – erinnert mich an die Träume meiner Kindheit...“ Ein Lächeln und Schwärmen tritt kurzerhand in Skippys Gesicht: „Meine erste große Liebe hieß übrigens auch Bethany. Verträumte Kulleraugen und ein verschmitztes Lächeln – mann, war das eine schnuckelige Frau! Nichtsdestotrotz nützt es alles nichts... Wir müssen weiter – auf zum Pavillon!“ Jack: „Dein Wort in Gottes Ohr…“

Der Marsch der Beiden zum besagten Pavillon gestaltet sich als äußerst unheimlich. Der faulig duftende Nebel scheint immer dichter zu werden und zieht sich wie ein Tau durch den verlassenen Ort. Mittlerweile durchstreifen die beiden Seebären den beinahe schon verwunschen-nebelig wirkenden riesigen Kurgarten – noch immer auf der Suche nach dem Pavillon. Der Rasen sifft bräunlich dahin, Bäume samt Äste und Gestrüpp ragen wie monströse Wucherungen aus dem Boden. Deformierte Blumenmädchen mit verschlissenen Röckchen und zuckenden tentakelartigen Auswüchsen, die mit schädelgeformten, gelblich verschleimten Knospen enden, tanzen singend um die verwelkten Blumenbeete: „La-la-lalala-la-lalalala-lala…“ Alles wirkt wie ein einstig tobendes Schlachtfeld – mit einem scheinbar vergeblichen Hilferuf der Natur.

 

Nichtsahnend erreicht das Gespann den Pavillon… „Oh mein Gott! Arrrgh!! (…würg…gulp…). Nicht hinsehen, Skippy, sieh’ einfach nicht hin!“, schaudert Jack. Im verkommenen Pavillon finden die Zwei drei fast völlig verweste, von eigenartigen Insekten und Maden umgebene Leichen. Lediglich ein paar vertrocknete Fleischreste am Torso sind auszumachen. Ihre Identität lässt sich nur beim genaueren Hinsehen erkennen. Sie sitzen alle Hände haltend tot nebeneinander auf einer der langen Bänke. „Jack! Jack! Ich spüre, jetzt möglicherweise am genauen Ort unseres vermeintlichen Schatzes zu sein – kann aber leider nichts ausmachen. Nur dieser widerliche verweste Gestank liegt in der Luft. Verdammt, was machen wir denn nun? Stopp!! Hier ist was!“, zetert Skippy.

 

Er findet eine alte nackte Meerjungfrauenskulptur auf einem Podest im verkümmerten Zustand mit folgender Inschrift: „SEEFAHRER SOLLEN IHREN TOD GENIEßEN – EBNET IHNEN DIE LETZTE REISE UND LASSET SIE IN DER HÖLLE SCHMOREN“. „Hä??? Was soll das??? Wie kann man nur so abartig sein! Ich versteh’ die Welt nicht mehr! Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein“, schluchzt Skippy. „Komm’ lieber erstmal her, mein Freund, und schau’ dir das hier mal genauer an“, wimmert Jack leichenblass. Die Seefahrer erkennen, dass es sich bei den Leichen um sie selbst und Lilly handelt. Im Kernstück des Pavillons befinden sich zudem acht Liegestühle, die kaum noch als solche zu erkennen sind. Auf drei dieser Stühle befindet sich am oberen Innenbereich der Lehne ein verschmutztes und uralt wirkendes Emblem mit je einem Namen eingraviert – „Jack“, „Skippy“ und „Lilly“.

 

„Ich bin jetzt endgültig raus! Ich trage doch nicht meinen eigenen toten Körper zu Grabe…äh…Liege…“, jammert Skippy. „Und was soll ich sagen?? – Glaubst du etwa, dass mich diese Situation kalt lässt…? Du weißt, was zu tun ist, Skippy – hilf mir beim Tragen, wenn du leben willst…wir haben keine andere Wahl, wenn wir überleben wollen – dies ist wahrscheinlich nur ein Trugbild oder gar böser Traum…nun mach schon!!“, ruft Jack verzweifelt. Nachdem die Toten auf ihre vorgesehenen Plätze platziert wurden, erleuchtete der Bauchnabel der Meerjungfrauenskulptur und ein gelber Saphir fiel heraus.

 

Jack: „Oh Jesus…n-nicht…scho-on…wi-ieder…n-nein…bitt-te…“ Jack bricht wiederum zusammen, fällt in Trance und kommt wenige Minuten später wieder zu sich. Skippy: „Jack!!!“ „Skippy, ich hatte dieselbe grässliche Halluzination von vorhin – mit dem einzigen Unterschied, dass es sich bei dem Bild auf dem Nachttisch diesmal um eine ältere Frau namens „Maria“ handelte. Sehr mysteriös und unheimlich“, bibbert Jack verwirrt. Skippy: „Ich weiß da leider auch nicht weiter…

 

Oha!! Wirf mal vorsichtig einen Blick auf das Podest der „Meerjungfrauenlady“…!“ Der Schriftzug auf dem Podest verwandelt sich überraschend in widerlichen, schleimartig grün gehaltenen Worten: „An der Seehundstation im Park…wir hungern…möchten individuell nach unserem Geschmack gefüttert werden…“

 

Skippy: „Jack!!! Nein…, das kann nicht möglich sein…! Die Leichen sind verschwunden! Iiieek!“ „Whoa, stimmt! Selbst ich habe jetzt wirklich genug gesehen! Nimm den Saphir mit, Skippy. Wir sollten erstmal wieder zurück zum Schiff gehen und uns so weit wie möglich mit unseren übrigen Rationen stärken. Außerdem wird uns Lilly sicherlich schon schmerzlich vermissen – wie spät ist es eigentlich? Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr – muss wohl an der klaustrophobisch-unheimlichen Atmosphäre liegen. Habe das ungute Gefühl, als ob wir verflucht sind und hier festgehalten werden“, so Jack. Daraufhin sieht Skippy ihn nichtssagend mit großen Augen an.

 

Die Zwei erreichen schließlich wieder die Little Josie und erzählen Lilly von ihrer Tour. „Verstehe, ein Grund mehr, hier wieder irgendwie schleunigst zu verschwinden – viel Zeit bleibt uns nicht mehr, die Verpflegung wird knapp. Jack, würdest Du uns bitte noch die letzte Flasche Brandy aus der Kombüse holen?“, fragt und erwidert Lilly. „Klar doch“, strahlt Jack und verlässt kurz den Raum. „Und…Skippy? Verläuft alles nach Plan?“, fragt Lilly kaltherzig. „J-ja“, stottert Skippy. „Denke dran – kein Wort zu Jack! Seine Visionen lösen bei mir zudem schwere Bedenken aus…“, haucht Lilly Skippy kühl ins Ohr. Jack kommt zurück und die Drei verbringen einen vermeintlich schönen Abend.

 

„Ein paar Stunden ruhen, dann geht’s zur Seehundstation; wahrscheinlich mit köstlichen Überraschungen – ich kann’s nach den bisherigen Erlebnissen kaum erwarten…“, murmelt Jack verbittert.

Während sich Lilly weiterhin um die Erhaltung sowie mit den gegebenen Mitteln nötige Instandsetzung des zerstörten Schiffs kümmert, machen sich Jack und Skippy auf den Weg zur Seehundstation im Park, welcher einen völlig verkommenen und verwahrlosten Eindruck hinterlässt. Der Nebel hat sich durch den auftauchenden, beinahe schon tropisch-feuchten Wind ein wenig gelichtet. Der Himmel sowie das gesamte Umfeld wirken grau und verzogen – es herrschen weiterhin geringe Sichtweiten in bedrückender Atmosphäre.

 

„Dies ist Jack der Little Josie, bitte antworten! Ich wiederhole – dies ist Jack der Little Josie…“ „…Brody hier! Jack, alter Schwede! Was ist los? Du klingst verzweifelt…Ende.“ „Brody! Gott sei Dank! Du, ich stecke hier mit meiner Crew ganz tief in der…“ (Die Verbindung wird unterbrochen – es ist nur noch ein Rauschen zu hören…). „Brody!? Brody!! Verdammt noch mal!!! Und du…schau’ mich nicht so vorwurfsvoll mit deinen großen Plüschaugen an, Skippy! Mach dir lieber Gedanken, wie wir schleunigst die Segel streichen – was nützt uns Reichtum, wenn wir hier allein gefangen festsitzen“, schreit Jack wutentbrannt.

Skippy: „…beruhig’ dich lieber und sieh’ mal da, Jack…“

 

Die Zwei machen in der Nähe der Seehundstation eine neue schauerliche Entdeckung: Acht Säulen mit je einer Plattform auf dem oberen Ende, welche jeweils mit einer noch lebendigen, stark röchelnden und Wunden übersäten seehundartigen Mutation mit weit offenem Maul versehen ist, reihen sich kreisförmig in Menschengröße und recht dicht beisammen am vermeintlichen Schatzort. Neben jeder Säule ist eine modrige alte Kiste mit je einem großen verfaulten Fisch zu finden. Im Zentrum des Säulenkreises ist ein nicht zu übersehen großes, kreisförmiges, in schrecklich düsteren Farben gehaltenes Symbol mit einem Innen- und Außenkreis auf versteinertem Boden eingemeißelt. Im Innenkreis befindet sich das Abbild eines scheußlich aussehenden Möwengesichts mit einem Kopftuch, das den Betrachter grimmig und zynisch belächelt. Das Auge fehlt...lediglich ein Loch ist zu sehen. Der äußere Kreis ist rundum mit Initialen beschmückt: „EVIL GULL“ umschließt den Kreis – die Buchstaben bilden jeweils einen Hohlraum.

 

„Ich will nach Hause…kann einfach nicht mehr! Ich werde auch immer lieb und artig sein…meinen Teller leer machen…nie mehr saufen…keine fremden Mädchen befummeln…“ „Halt doch einfach die Klappe, Skippy, und denk’ lieber nach. Hmm…acht Fische…und acht Seehunde mit offenen Mäulern… Skippy!! Riechst du das? Aus jedem Seehund kommt ein anderer fauliger Geruch aus dem Maul…(hust…keuch…kotz). Beschnuppere mal die Fische“, würgt Jack.

 

Skippy steckt somit seine Nase in die modrigen Kisten und kotzt Jack anschließend vor die Füße: „Alle miefen unterschiedlich, Käpt’n!!!“

Die nunmehr vermufften, bekotzten und säuerlich stinkenden Seebären erkennen, dass jede Robbe scheinbar eine Kiste bis auf jeweils einen Fisch komplett leergefressen hat und jetzt der jeweilige letzte Fisch an den richtigen Heuler verfüttert werden muss. Die Beiden lösen auch diese Aufgabe mit Bravur. Nachdem die letzte Nahrung an die Seehunde verfüttert wurde, erhoben sich die Hinterteile aller acht schaurigen Artgenossen, richteten sich auf die Seeleute und pupsten ihnen gleichmäßig wie im Chor ins Gesicht.

„Iiieeehh, da kommt ja auch noch Land mit!!“, heult Skippy. „Dummkopf, schau’ mal näher hin – wir stecken eh schon lang genug in der Scheiße!!“, brüllt Jack.

 

Überraschenderweise handelt es sich bei dem Ausgeschiedenen jeder Robbe um marmorartige Buchstaben: „E“ „V“ „I“ „L“ „G“ „U“ „L“ „L“.

 

„Skippy! Lass’ uns die Buchstaben in den äußeren Steinkreis platzieren, schnell – vergewissere dich, dass vorher der Rest der Kacke der Zeichen abgekratzt ist, sonst passen sie nicht!“, ruft Jack. „Immer muss ich hier die schmutzigen Geschäfte verrichten…!“, schnieft Skippy.

Die Beiden platzieren alle Initialen. „J-a-a-a-c-k…das fehlende Auge des Möwengesichts beginnt zu leuchten…gwahhh“, wimmert Skippy. Aus dem Augenhohlraum erhebt sich ein gläserner Augapfel mit einem verwaschenen roten Text auf der Rückseite: „Spiel’ mit mir im GULL Schreck-Club.“ Jack: „Guck mal, Skippy…im Inneren des Augapfels glitzert was…“ Mit ein wenig Geschick gelingt es Jack, den Augapfel zu öffnen – ein grüner Saphir fällt heraus… Skippy: „Ich bin dann mal so frei und nehme neben den Saphir auch noch den gläsernen Augapfel mit – vielleicht können wir uns daraus ja mal was schmieden…“

 

Jack: „Was für ein kranker Vogel du doch bist, Skippy – gwahahaha!!! Hehehehe!!! S-s-so-o l-l-u-ust-ig, d-das i-ich gl-ei-eich einschl-a-a-a-fe…“ Skippy: „Jack!!! Oje, doch wohl nicht etwa noch einmal…?! Verdammt!“ Erneut wird Jack für kurze Zeit von seiner Vision und Wahnvorstellung heimgesucht. „Oh Jack, was mache ich nur mit dir? Bei diesen Zuständen muss man sich doch Sorgen machen. Kein Wort – schone dich lieber noch kurz von deinem Trip. Lass’ mich raten – ein und dasselbe Schaubild?“, fragt Skippy weinend. Schockierter Jack: „Ja, aber diesmal mit einem älteren Herren, der den Namen „Jeremy“ trägt. Skippy, ich verliere hier allmählich noch den Verstand! Was ist das hier bloß für ein elendiges Dilemma, in das wir da reingerasselt sind?! Hmpf!! Ich bin mir nunmehr sicher, dass diese verfluchten Saphire etwas damit zu tun haben! Hand drauf!!“

 

Skippy: „Mach mir bitte nicht noch mehr Angst, Jack! Merkst du nicht, dass du auf dem besten Wege bist, dich charakteristisch zum Negativen zu verändern? So kommt es mir jedenfalls vor. Ich leide sehr darunter – mir geht es momentan eh schon sehr schlecht. Und: Was sollen denn bitteschön die Edelsteine damit zu tun haben?! Du bist doch verrückt! Das ist einfach nur noch wahnsinnig! Höre bitte damit auf…“ Jack: „Fuck…“

„Skippy, ich bin ein wenig verwundert. Du hast dich in letzter Zeit häufig ein wenig merkwürdig und verhalten aufgeführt. Ist alles O.K.?“, fragt Jack. Skippy: „…“ „Verstehe, war wohl alles ein bisschen zu viel für dich. Wenn wir die Flucht vor diesem Ort ergriffen haben und womöglich noch in Reichtum schwelgen, machen wir ein großes Fass auf und genießen das Leben…du, Lilly und ich… Reiche mir bitte die Saphire – du scheinst gerade echt neben der Rolle und durcheinander zu sein; ist wohl besser, wenn ich sie in meine Obhut nehme“, sagt Jack aufmunternd und gefasst. Skippy übergibt nichtssagend die Saphire – Jack steckt sie dankend in seine linke Jackentasche.

 

Nach kurzer Marschroute betreten die Zwei den von Spinnenweben und einer sonderartigen Insektenbrut bevölkerten, modrigen GULL Schreck-Club. Es scheint, als wären hier schon Ewigkeiten keine Menschen mehr aktiv gewesen. Die Einrichtung wirkt verfallen, Bilder von toten Möwen, welche durch ihre garstige Abartigkeit fast schon wieder lebendig wirken, hängen an den Wänden. Die Sicht durch die verdreckten Fenster des Clubs tendiert durch den gespenstischen Nebel gegen null – es lässt sich lediglich waldartiges, von schwarzen Käfern belagertes Gestrüpp ausmachen.

Geräusche von schreienden und kreischenden Möwen, heulenden Seehunden sowie leichten Windstößen dringen von draußen durch das morbide Gemäuer.

 

Inmitten der großen und dunklen Halle befindet sich ein mächtiger als auch erstarrter einäugiger Möwenzombie mit kindlichem sowie finsterem Ausdruck, welcher von einer alt-hölzernen, galgenförmig gestalteten Straßenlaterne durch eine bläulich leuchtende Glühlampe beschienen wird. Das weiße Auge wie auch der gesamte Leib sind völlig verdorben, angefressene organische Reste hängen an sämtlichen Körperteilen, der Kopf wirkt zerrüttet, die Flügel durchweg zerrupft – besudelt von einer stinkenden, gelb gebleichten Masse; die Füße bestehen überwiegend aus langen gammeligen Krallen...

 

Jack schaut Skippy erwartungsvoll an: „Skippy…“ Skippy: „N-n-nein…Jack!“ Jack: „Aber ja doch!!!“ Skippy: „Das werde ich bestimmt nicht machen!!! Ich werde den verfaulten Augapfel des Möwenzombies nicht aus seinem Gesichtsfeld herauspulen und dafür den gläsernen Augapfel einsetzen!!! Vergiss es!!! So ein durchgeknallter Freak bin ich nicht – außerdem hab’ ich große Angst vor Möwen, das weißt du doch!“

Jack: „Skippy…Skippy…Skippy…! Wie bist du eigentlich zum Seefahrer mutiert, du kleiner Möwenschisser (Jack greift derweil in seine rechte Jackentasche und zieht einen kleinen Knüppel hervor) – tausch’ das Auge aus oder ich ziehe dir mit diesem Migränestift einen derart schmerzhaften Scheitel über die Glatze, dass dir die Eier im Karton klingeln!“

Skippy: „… … Na gut!!!! Drauf geschissen – ich mach’s!“ Jack: „Guter Junge – in dir steckt ja doch ein ganzer Kerl und keine Muschi!“

 

Skippy tauscht das Auge aus… Die gesamte Halle erleuchtet grell. Jack: „Aaaaahhhhhhhhhhhhhh, das ist viel zu hell…ich seh’ nichts mehr…Hilfe…was zur Hölle passiert…mit uns…?!“

Nach Einsetzen der Lichtdämmerung das schreckliche Bild: Skippy hängt plötzlich an einem aus verwesten Möwenköpfen zusammengestellten Strick an einer galgenförmig gestalteten Straßenlaterne – der einzige Halt, den er noch hat, ist ein leicht schwebender Kopf in der Luft. Dieser weist exakt die Form und das Aussehen von Skippys Gesicht in vergrößertem Maße auf.

Jack findet sich eingeschlossen in einem freistehenden Lichtkegel wieder.

 

Mittig vor den Beiden der fürchterliche Anblick: Möwenzombie EVIL GULL sitzt wie ein Pascha auf seinem von Schleim, Dreck und scheußlichem Getier belagerten Thron. In seiner rechten flügelartigen Hand liegt ein großer schäbiger Zauberstab, der am oberen Ende einen skelettierten, doppelt gehörnten Möwenkopf im morbiden Stil aufweist. Das verschimmelte Kopftuch setzt dem fetten Übel schließlich die Krone auf.

 

„Hilfe! Jack! Hilf mir!“, schreit Skippy. „Ich bin hier doch selbst gefangen, du Scheißhaus!“, ruft Jack.

 

„Schnauze Narren! Wie könnt ihr es wagen, EVIL GULL aus dem tiefen Schlaf zu reißen und seine Ruhe zu stören?! Dafür werdet ihr bluten! Euer Schicksal sei hiermit besiegelt – wiegt mich zurück in den ewigen Schlummer im Reich der toten Möwen! Dazu müsst ihr jedoch ein persönliches Opfer bringen. Nur so kann schließlich einer von euch meinen tödlichen Fängen entkommen. Der andere wird demnach dran glauben müssen und in die ewigen Jagdgründe befördert werden, um mir Gesellschaft zu leisten! Aber erstmal möchte ich mit euch ein bisschen spielen…hm…ah…, ich liebe „Rate mal mit Rosenthal!“ Beantworte meine Fragen, Jack! Ansonsten schwör’ ich in deiner Not – ist der kleine Skippy tot!“, kräht, krächzt und grunzt EVIL GULL.

 

Skippy: „Jaaaaaaaaack!!!!!!!“ Jack: „Skippy…“ „Nun meine Fragen“, krächzt EVIL GULL: „Wer wird heute Abend mein Candlelight-Dinner vorbereiten?“ Jack: „Waaas??“ „Falsch!“, grunzt EVIL GULL und richtet seinen Zauberstab auf den schwebenden Kopf in der Luft – Skippys einziger Halt. Man hört und sieht, wie EVIL GULL in sich geht und einen mächtigen Zauber beschwört – unvermutet entflieht durch sprühende Funken ein grässlicher Möwenschwarm vom Zauberstab, umschließt den schwebenden Kopf, pickt sich durch die erste Hautschicht und verschwindet. Blut quillt aus allen Kopf- und Gesichtswunden und klatscht in tropfenden Geräuschen auf den von schaurig ausschauenden menschlichen Überresten beschmierten, harten und kalten Boden.

 

„Jaaaaaaack!!!! Tu’ doch endlich was!!!“, heult Skippy. EVIL GULL: „Wer wird mich zum Dinieren begleiten?“ Jack: „Du verdammter…!!!!“ „Falsch!“, kräht EVIL GULL und lässt einen weiteren Schwarm Möwen auf Skippys schwebenden Beschützer los – die zweite Hautschicht wird durchpickt. „Du musst stark bleiben, Skippy – nur nicht auf den schwebenden Kopf schauen!!! Halte durch!“, ruft Jack. „Ich kann nicht mehr…Jack, bitte…hilf mir…“, jammert Skippy. EVIL GULL: „Wer oder was wird das Hauptgericht sein?“ Jack: „Ich bring’ dich um, du Möwenfotze!!!!“ „Falsch!“, krächzt EVIL GULL und lässt einen dritten Schwarm garstigen Federviehs auf den blutüberströmten schwebenden Schädel los – die letzte Hautschicht wird durchbohrt. „Genug gespielt! Die richtige Antwort auf jede Frage wäre „Skippy“ gewesen, du Narr! Jetzt mach ich euch Zwei auf einen Schlag fertig – dann werde ich umso besser ruhen!“, grunzt EVIL GULL wutentbrannt.

 

Eine Grabesstille kehrt schlagartig ein. Der mittlerweile nur noch aus Knochen, Zähne und Augen bestehende Schädel beginnt zu erwachen: Die Augen starren auf Skippy. Der Mund sowie die Zähne bewegen sich – ein lautes Gelächter entrinnt. Dann das Unfassbare: Der schwebende Totenkopf zerfällt und reißt Skippy in die Tiefe. Die ganze Halle erleuchtet darauf grell. Jack: „Aaaaahhhhhhhhhhhhhh, das ist viel zu hell…ich seh’ nichts mehr…Hilfe…was zum Teufel passiert…hier bloß…?!!!“ Nach kurzer Zeit setzt die Dämmerung ein. Jack findet sich befreit in der dunklen Halle des GULL Schreck-Clubs wieder. Alles ist wieder in dem gleichen Zustand wie beim ersten Betreten des Ortes…na ja…fast…

 

„…Skippy…!...Skippy…?...Skippy…!!!!!...S-k-i-p-p-y…!!!!! Oh nein…!“, schreit Jack verzweifelt. Für Skippy kommt jede Hilfe zu spät – er hängt tot am Straßenlaternengalgen.

Jack sieht, dass sich weiße Schriftzüge in der bläulich leuchtenden Glühlampe bilden. Durch die Bestrahlung auf EVIL GULL lässt sich erlesen: „Ich erwarte dich im Camp – dort wirst du der Wahrheit ins Auge blicken und Farbe bekennen müssen!“

 

Das bläuliche Licht erlischt und wird durch ein Glitzern ersetzt. Schließlich löst sich die Glühlampe aus der Verankerung, fällt zu Boden und zerbricht – ein blauer Saphir erscheint… Jack: „Mir wird schon wieder ganz schummrig…ich verstehe nicht…w-a-as…g-g-ge-schieht…b-bit-t-te…m-m-mit…m-m-mei-n-nem…K-k-örper…? M-mir…i-ist…s-s-o-o…schl-l-l-lecht…“

Nachdem sich Jack mehrmals übergeben hatte, verfällt er nochmals in einen traumatischen Zustand mit den bekannten Erscheinungen und Wahnbildern der letzten drei Male. Nach kurzer Phase erwacht er wieder und erlangt das Bewusstsein zurück.

„Abermals derselbe Albtraum – mit einem älteren Herren auf einem Bild…“Luca“… Die Saphire…irgendetwas stimmt wohl tatsächlich mit den Saphiren nicht… Ich weiß nicht warum, aber mein Bauch sagt mir, dass ich sie trotzdem alle behalten und mitnehmen sollte…“, säuselt Jack in gebrochenen Worten völlig verstört und niedergeschmettert vor sich hin.

Einsam, verlassen und voller Trauer durchstreift Jack den menschenleeren, verfluchten Raum Richtung Camp. Er wirkt noch immer gänzlich verstört – psychisch als auch physisch. „D-dies i-ist J-j-jack d-der L-l-l-little J-j-j-josie, bit-t-t-t-te a-a-ant-wort-ten! I-i-ch w-w-wiederh-h-h-ole…“

„Brody hier! Wo bist du denn, Jack? Ende.“ Jack: „In der N-n-nähe d-des C-camps – hol’ m-mich hier bloß r-raus! E-ende.“

Brody: „Der Nebel ist zu dicht, um dich dort persönlich aufzuspüren – ich werde ein Rettungsboot in den Fischereihafen entsenden! Ende.“ Jack (in aufmunternder Art): „Gott sei Dank! Danke!! Ende.“ Ein Blitzen, gefolgt von einem Knall macht sich bemerkbar. „Oje, das Funkgerät hat seinen Geist aufgegeben…nein!“, seufzt Jack.

 

Er landet schließlich im Camp und findet einen verheißungsvollen türgroßen Spiegel. Ein goldener, mit uralten Schriftzeichen und Hieroglyphen versehender Rahmen schmückt das Objekt. In den zwei oberen sowie unteren Ecken sind edelsteinartige Muster eingraviert – in jeder Einkerbung ist ein farbiges Glitzern zu erkennen: Rot, Gelb, Grün, Blau… Neben dem Spiegel stehen zwei menschengroße, prächtige Statuen aus Stein auf jeweils einem mächtigen Marmorblock: Links ein bildhübscher Engel mit dem Antlitz einer kleinen Prinzessin samt weit geschwungenen, bis zum Boden ragenden Flügeln und rechts ein Dämon im Stile eines furchterregenden Gargoyles mit verbissen dreinschauendem Angesicht als auch rasiermesserscharfen Krallen. Beide Statuen scheinen der Feder gotischer Architektur entsprungen zu sein.

 

Jack stellt sich vor den Spiegel – er beginnt zu leuchten und eine Botschaft aus dem Nichts wird wellenartig in schneeweißer Schrift im Spiegel eingeblendet: „Beweise deinen Mut und dein Spiegelbild wird sich mit dir vereinen…“ Jack liest den Text leise vor sich hin – die Botschaft beginnt dabei langsam zu verpuffen. Er steht nachdenklich und melancholisch vor dem Spiegel in dem scheinbar vergessenen und trostlosen Camp.

Die Dunkelheit ist mittlerweile verstärkt eingekehrt. Ein kühler, ruhig pfeifender Wind bläst Jack um die Ohren; in der Ferne kann man Insekten zirpen und andere Tiere leise heulen und krähen hören. Immer wieder tauchen rot leuchtende Augen am Horizont auf – vermutlich nur vorbeihuschende Hasen…

 

Jack denkt nicht weiter drüber nach – er greift die vier glitzernden Saphire aus der Tasche und setzt sie in die Ecken des Spiegels ein. Zwei schillernde Handflächen erscheinen auf seinem Spiegelbild. Mutig lockert Jack die verkrampften Hände und legt seine Handflächen auf die schillernden Flächen des Spiegels… Das Spiegelbild verflüssigt sich urplötzlich – Jacks Abbild nimmt darauf unmittelbar die Gestalt eines dämonischen Gargoyles an! Seine Klauen schießen aus dem Spiegel empor und gehen Jack unter laut schallendem Gekreische an die Gurgel… „Aaahhh…wuarrrgh…w-w-was z-zum…!!!“, würgt er völlig geschockt.

 

Nachdem er eine Weile von seiner neuen Abbildung furchteinflößend gerüttelt und zur Schnecke gemacht wurde, jedoch noch immer in dämonischen Klauen liegt, erklingt eine finstere Stimme aus dem Jenseits: „Guck genau hin, Jack! Schau’ nur, was du in deiner Vergangenheit angerichtet hast – sieh’ der Wahrheit ins Gesicht!“

 

Jack: „!!!!!“

 

Die dämonische Illustration verzerrt und schwindet dahin, die Klauen lassen von Jack ab und ziehen sich zurück in den Spiegel. Wenige Sekunden später werden Bilderreihen in Form eines Films im Spiegel wie von Geisterhand eingeblendet. Jack sieht und erkennt das nicht für möglich Gehaltene:

Er sieht sich als Serienmörder und –räuber verkörpert auf hoher See – von der Gier nach Reichtum und Blutdurst durchtrieben –, der seine Opfer auf hohen und weiten Gewässern fernab vom Festland überfällt, um verdeckt zu bleiben – und bis heute nicht gefasst wurde. Seine übelste Tat wird dabei im Spiegel bis ins kleinste Detail zelebriert:

 

Man sieht, wie der Killer eines Nachts im Alleingang eine kleine moderne Yacht, welche mit zwei älteren Damen und Herren besetzt ist, entert, alle vier Besatzungsmitglieder im Schlaf überwältigt, bis auf die Zähne ausraubt und anschließend blutig zu Tode foltert.

 

Die finstere Stimme ertönt erneut: „Gefällt es dir…? Wie gefällt es dir…? Nicht mehr so toll…hm…? Was ist bloß los…? Vor fünf Jahren noch der eiskalte Killer…und jetzt…unmittelbar danach…? ...den lieben und hilfsbereiten quirligen Freund für deine beiden ständigen Begleiter – Skippy und Lilly – spielen. Oh…, habe ich etwa Skippy erwähnt…? Das tut mir jetzt aber wirklich leid – na so was aber auch… Haben sich da wohl etwa über die Jahre freundschaftliche Gefühle oder gar mehr entwickelt…? Hahaha… Nach deiner kürzlich eingetretenen schweren Amnesie kann davon doch wohl nicht mehr die Rede sein…hehehe! Warum also nicht an alte Zeiten anknüpfen…hahaha!

 

Och nee, fast hätte ich’s vergessen – mein herzlichster Glückwunsch sei dir gebührt. Ich – Käpt’n Balthasar, der einarmige Wächter der Toten – hätte nie gedacht, dass ein armseliger kleiner Wurm wie du imstande ist, meinen wertvollen Schatz ausfindig zu machen. Hehehe, welch’ Ironie des Schicksals… Wirst du mir doch bald neben allen Verfluchten und Vergessenen im Reich der Toten Gesellschaft leisten – hahaha!

Dein Erlöser samt Gefolge ist dir nämlich schon lange dicht auf den Fersen. Und sie werden nicht ruhen, bis sie dich ausfindig gemacht haben, um schließlich deinen Leib in ihr kuscheliges „Rosenbettchen“ zu zerren – hahaha!!! Es ist nur noch eine Frage der Zeit…

 

Na apropos, wen haben wir denn da…? Hahaha! Ein außerordentlich gut bestücktes kleines Schnuckelchen... Wie süß! Hey Jack, ich glaube, sie steht auf derbe Spielchen… Du lässt besser deine Hose runter – vielleicht möchte sie zur Abwechslung ein bisschen mit deiner „Waffe“ spielen…hahaha! Oh, nicht doch – unter deinem Hosenverschluss bildet sich ja eine dicke Beule. Machst du kleines Ferkel dir etwa gerade ins Höschen…? Hahaha!!! Jetzt dreh’ dich doch endlich mal um! Begrüße deine kleine „Gespielin“…gib ihr zumindest ein Küsschen auf die Wange…oder doch lieber…auf den Mund…? Hahaha!“

 

Jack: „…!!!!!“ Er sieht die erzürnte Lilly hinter sich stehen, die eine Beretta – Modell 86, 9mm – entschlossen auf ihn richtet… „Mörder!!! Keine Bewegung! Nimm die Hände hoch! Du sollst die Hände hochnehmen, du mieses Schwein!!! Gut so! Komm’ jetzt mit mir zur Kurverwaltung oder du bist nur noch Chop Suey – das schwöre ich!!!“, schreit Lilly erhobenen Hauptes. Grimmig und zugleich überraschend ausschauend folgt Jack Lillys Anweisungen.

Lilly: „Willkommen in meinem betrieblichen Gefilde, Jack! Dies hier ist mein Büro. Nimm doch bitte reichlich Platz in dieser heiligen Halle – der Chefsuite. Oh! Entschuldige bitte, du kannst dich ja durch unseren schweren Unfall an nichts mehr erinnern. Gestatte, ich bin die Kurdirektorin von diesem einst so wunderschön blühenden Ort. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich über die Gewissheit bin, endlich den Mörder meiner Eltern sowie Onkel und Tante entlarvt zu haben.“ Jack: „Was…!?“ Lilly: „Kein Wort! Jetzt rede ich! Lass’ mich der Reihe nach weitererzählen – und dabei keine Bewegung, Jack! Sonst puste ich dich mit dieser Sargbegonie aus deinen Fischgräten!

 

(Jack starrt plötzlich mit leerem Blick auf einen rostigen Brieföffner, der auf Lillys Schreibtisch liegt… Jacks innere Stimme erschallt: „Tu’ es!!!“).

 

Was ging bloß in dir vor? Bist du eigentlich überhaupt mit menschlichen Genen bestückt? Macht dich so etwas glücklich? Erregt es dich vielleicht auch noch? Meine lieben Eltern – Bethany und Jeremy – sowie Onkel Luca und Tante Maria hast du auf dem Gewissen! Mit Säure, Feuer und einer Machete hast du dein blutiges räuberisches Werk verrichtet – ich konnte und wollte gar nicht länger genau hinsehen!!! Geht mein persönlicher Assistent und Sekretär Skippy ebenfalls auf dein Konto?! Er hängt tot im GULL Schreck-Club!

 

Knapp fünf Jahre sind wir gute Freunde gewesen! Du, Skippy und ich! Wir haben uns am Yachthafen bei einer abendlichen Veranstaltung im festlichen Sinne kennengelernt. Du hast dich als Abenteurer auf hoher See ausgegeben und seit deiner Ankunft vor fünf Jahren hier ein ruhiges und geordnetes Leben als Inhaber eines kleinen Bootsshops geführt. Skippy und ich waren von deinen Erzählungen auf hoher See fasziniert und entschlossen, uns in unserer Freizeit ebenfalls der Seefahrt zu widmen. So wurden wir Drei dicke Freunde – und das nicht nur auf gemeinsamen Ausfahrten:

 

In unserer Freizeit halfen wir beim Großziehen der kleinen süßen Heuler in der Seehundaufzuchtstation – wir fütterten sie und spielten zugleich mit ihnen; wir relaxten im wunderschönen Kurgarten auf unseren persönlich angefertigten Liegestühlen und träumten bei malerischen Sonnenuntergängen genüsslich vor uns hin; wir schlüpften in das speziell für die Kurverwaltung angefertigte GULL Möwenkostüm und warben damit für die Kinderevents rund um den GULL Kids-Club – es sah immer zu goldig aus, wenn die Kleinen an den pelzigen Schwanz des Kostüms zogen oder die Großen versuchten, das rote Kopftuch über GULLs Gesicht zu ziehen…

Und wie oft haben wir gemeinsam das Abendbrot eingenommen und dabei knifflige Zahlenrätsel zum Ausklang des Tages gelöst...

 

All diese Erlebnisse verhalfen mir ungemein, besser mit der Ungewissheit bezüglich meiner verschollenen Familie zurechtzukommen. Mir kommen bei diesen ganzen Erinnerungen echt die Tränen! Wie schnell sich doch Dinge im Leben ändern können – schrecklich sowie in gleicher Weise überraschend, wie sich das Blatt gewendet hat!!!

Zehn Jahre sind mittlerweile seit dem tragischen Tod meiner Familienangehörigen vergangen, über den ich bis heute noch nicht hinweg bin.

 

Ich las regelmäßig Zeitungsartikel über verschwundene Seeleute, die von ihren Angehörigen vermisst wurden oder nie ihren Weg zurück nach Hause antraten. Darunter fiel auch meine Familie. Wilde Gerüchte über einen kranken Killer auf hoher See verbreiteten sich, und viele wirre Zeugenaussagen sowie Täterbeschreibungen kamen ans Tageslicht – an handfesten Beweisen mangelte es jedoch auf ganzer Linie.

Ich nahm mir jedoch die Zeit und versuchte, alle Hinweise in verschiedenster Art und Weise zu kombinieren. Ein nicht unerheblicher Anteil der Indizien deuteten auf dich – meinen besten Freund!

 

(Jack starrt mittlerweile mit verstörtem Blick auf den Brieföffner…: „Nun tu’ es endlich, verdammt noch mal!!!“, erschallt es verstärkt in Jacks Gedankenrausch).

 

Ich wollte es nicht wahrhaben und erinnerte mich an eine alte Legende über einen wertvollen Schatz hier an diesem Ort, den „Spiegel der Wahrheit“. Mein verstorbener Großvater hat mir vor vielen Jahren davon erzählt. Er sagte, dass es sich bei diesem Schatz um ein übernatürliches Phänomen aus dem Reich der Toten handele und dass dieser Spiegel Wahrheiten ans Tageslicht bringen könnte.

 

Das Schicksal nahm seinen weiteren Verlauf: Deine kleine Schwester Josie – einst als Blüten- und Blumenprinzessin vom gesamten Volk auserkoren – kam bei einer Seefahrerschnuppertour auf grausame Art und Weise ums Leben. Seit ihrem Todestag verwandelte sich dieser einst so prächtige Ort immer mehr in ein morbides Nest von toter Atmosphäre mit dämonischen Erscheinungen und seltsamen Geschehnissen – immer mehr Menschen flüchteten.

 

Als Kurdirektorin bin ich verpflichtet, um meine einst so wunderschöne Region zu kämpfen – Skippy und du standen mir dabei zur Seite. Schließlich war alles menschenleer und verloren.

Wir beschlossen demnach ebenfalls, die Gegend als letzte Bastion mit deinem Segelschiff zu verlassen. Ich war mir eigentlich sicher, in diesem nunmehr gespenstischen und untoten Höllenloch Jagd auf den „Spiegel der Wahrheit“ machen zu können, um endlich Gewissheit und Bestätigung für den Tod meiner Familie zu bekommen – es war aber viel zu gefährlich, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, weiterhin Auge in Auge mit dem Tod in dieser verfluchten Hölle zu verschimmeln.

 

Dass niemand seinem Schicksal entrinnen kann, hat schließlich unsere gemeinsame Flucht mit deinem Segelschiff bewiesen – sie hat mich in dieses Nest zurückgeführt, um diesen verdammten Spiegel ausfindig zu machen. Zudem haben die vier Saphire dazu beigetragen, dich zu verraten und meine letzten Zweifel an deiner Tat zu rauben! Jeder meiner Lieben war einst im Besitz eines Saphirs. Die Farben? – Rate doch mal… Und: Denke an deine Visionen – jetzt sollte dir alles klar werden! Ich hab’s immer gewusst: Jeder bekommt irgendwann das, was er verdient!

 

(Jack starrt nunmehr mit psychotisch krank anmutendem Blick auf den Brieföffner…: „Mach sie endlich kalt, du verfluchter Bastard!!! Töte sie, du Pussy!!! Du nichtsnutziger Feigling!!! Kill!!!“, erschallt es mit betäubendem Geschrei in Jacks Bewusstsein).

 

Und weil du mir bei der Suche so hilfreich beigestanden, ich dein dunkles Geheimnis gelüftet habe, und du mich zum Ziel geführt hast, werde ich dir jetzt mein kleines Mysterium verraten:

 

Skippy und ich sind für den Tod deiner niedlichen Schwester verantwortlich – sie kam durch unser Verschulden bei unserer gemeinsamen Seefahrerschnuppertour während eines schlagartig auftauchenden Unwetters ums Leben. 500.000 Euro Schmiergelder sind an die Bullen durch uns geflossen, damit sie die Klappe über den Vorfall halten und somit nicht wie kleine Vögelchen vor Gericht singen – eine Kurdirektorin mit blutbeflecktem weißen Jäckchen bewährt sich schließlich nicht wirklich... Hey! Hörst du mir eigentlich noch zu?! Hast du überhaupt zugehört?! Hey!!! Ich rede mit dir!!! Was zum…!!! Los!!! Antworte!!!!“

 

Jack greift in Windeseile zum Brieföffner, rammt ihn gewaltsam in Lillys linkes Auge und ergreift die Flucht. Lilly taumelt darauf stark blutend, orientierungslos schreiend und kreischend umher – sie schießt panisch-wild um sich, trifft Jacks Leiste lebensgefährlich. Jack schleppt sich keuchend mit letzter Kraft zum ehemals erlebnisreichen Meerwassererlebnisbad Power Wave, um Zuflucht zu suchen. Lilly torkelt benommen mit Höllenängsten und -schmerzen zurück in Richtung Fischereihafen.

Lilly wankt weiter mit vorgehaltener Waffe Richtung Hafen. Der rostige Brieföffner steckt noch immer Zentimeter tief in ihrem Auge. Das Umfeld erweist sich dabei als wahrer Höllentrip: Überall tauchen in der vernebelten Gegend Erscheinungsbilder von schattenartigen Wesen auf. Stimmen wie „Mörder, wir kriegen euch!“, „Es gibt kein Entkommen!“, „Dies ist euer Grab!“, „Ihr werdet sterben!“ und „Eure Seele – unser Festmahl!“ fauchen und hallen wirr durch die trostlose Atmosphäre.

 

Schließlich erreicht Lilly das zerstörte Segelschiff – die „Little Josie“. Völlig verängstigt sowie vor Schmerzen jammernd sieht sie eine Gestalt aus einem Schatten hervorkommen und eröffnet schnurstracks das Feuer. Ein dumpfes „Huarghhhhh!!!“ ist zu hören. „Uh-oh – whoops! Sorry Kumpel… …? …! Oh nein!!! Was habe ich getan?! Was zum…!!! Brody!!!! Arrrrrghhh!!!!!!!“, heult Lilly. Brody war auf der Stelle mausetot. Er fuhr eigenmächtig mit seinem Motorboot in den Hafen, um die dreiköpfige Crew zu retten. „Du musst dich jetzt zusammenreißen, Lilly! Bald hast du es geschafft! Du wirst entkommen – Jack ist Futter für die Möwen. Diese verfluchten Schmerzen und Blutungen...brauche dringend einen Arzt…muss weit weg von hier…mein Augenlicht – scheiße!!!“, kreischt Lilly.

 

Sie hinterlässt den toten Brody und macht sich mit seinem Boot auf die Flucht in nördliche Richtung. Wenige Zeit später befindet sie sich auf offener See…

 

„W-w-a-a-s i-i-s-t d-d-das…?“, zittert Lilly.

 

Im Himmel erhellt eine vor dunklen Wolken, grell leuchtende Aura mit dem Engelsgesicht der kleinen verstorbenen Josie. Der Gesichtsausdruck wirkt ernüchternd, traurig, zornig, verhasst, fassungslos… Die Augen der Erscheinung sind auf Lilly gerichtet. „J-j-osie…? Nein, das ist nicht möglich…! Du bist…“, murmelt Lilly vor sich hin. Kurz darauf schließen sie sich unter Tränen, die Aura erlischt – ein gewaltiges Unwetter epischen Ausmaßes tritt ein.

 

Lilly sackt völlig zerstört und kraftlos zu Boden. „Erlösung…bitte…E-erl-lös-s-ung“, lässt sich von ihren Lippen ablesen. Sie wird letztendlich samt Boot von der nächsten gigantischen Welle erfasst und sprichwörtlich von der weiten See verschlungen. Es fehlt jede erdenkliche Spur von ihr…

 

Jack findet Zuflucht im Power Wave. Er stolpert durch das finstere und verfallende Gemäuer, um medizinische Versorgung für seine stark blutende Wunde zu finden. Im medizinischen Versorgungsraum im Obergeschoss findet er nebst wuchernden pflanzenartigen Tentakeln und einem an der Wand hängenden Indoor Video Display mit schwarzem Bildschirm nur eine Nachricht auf einem stark verbleichten und abgenutzten Hinweisschild: „Ich bin zurzeit in meiner Ferienwohnung tätig. Wenden Sie sich bitte in dringenden Notfällen dort einfach persönlich an mich. – Dr. med. Leo.“

 

„I-ich…k-kann…n-nicht…m-mehr…b-brauche…m-medizinische…V-v-versorgung…s-s-sofort…“, röchelt und keucht Jack. Er liegt am Boden, kann sich nicht mehr bewegen, verliert weiter massig Blut.

 

Eine absolute Ruhe tritt ein. Die spärliche Beleuchtung fällt komplett aus. In der stockfinsteren Dunkelheit erhellt plötzlich im Versorgungsraum an der Decke ein schauriges, in dunkelorangefarbenen Tönen gehaltenes Licht. Die Enge im farblich bedrückenden Erscheinungsbild als auch die überraschend eingetretene Stille in der zerfallenden Umgebung lassen Jack vor Angst erblassen. Abrupt sieht er, dass sich das Video Display eigenständig aktiviert – eine baufällige und brüchige alte Halle mit einer großen rostigen Tür im Untergeschoss ist zu erkennen. Zudem hängt ein großer, leicht rötlich schimmernder Scheinwerfer an der ramponierten Decke, welcher die rostige Tür bestrahlt.

 

Jack sieht und hört, wie sich die Tür öffnet – jeweils zwei zombieartige Arme mit abnormalen Klauen, welche je einen krankhaft verwesten Schädel mit sich tragen, kommen beide hintereinander hineingeschwebt. Im Schlepptau befindet sich ein gewaltiger zweiköpfiger Mutant mit vier Armen und acht Beinen. Ein Anblick des Grauens: Neben sämtlichen Verwesungen, blutigen Wunden und wabernden organischen Körperteilen ist zu erkennen, dass der rechte Kopf in Verbundenheit mit vielen Teilen des Torsos mit zwei Armen und vier aus klapprigen Knochen bestehenden Beinen krasse Verätzungen aufweist. Der linke Kopf zeigt mit etlichen angrenzenden Bereichen des Torsos einschließlich der zwei Arme und vier aus vertrockneten Fleischresten existierende Beine starke Verbrennungen auf.

 

Das Wesen knallt die Tür unter schrillen Geräuschen mit Gewalt zu und schaut sich in der Halle um – Jack verfolgt dies regungslos auf dem Video Display. Er bemerkt unerwartet, dass ihn die ungebetene Bestie mit ihrem dämonischen Gefolge über das Video Display sekundenlang mit eingelaufenen Augen und zerfallenden Fratzen auf eine unbeschreibliche anormale Art und Weise anstarrt. Sie stößt unvermutet alsgleich blitzartig ein markerschütterndes Wimmern aus – kommt den Flur sowie die Treppe hochgehastet und stürzt sich laut schreiend, kreischend und wimmernd auf Jack ein…

 

Jack: „Aaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhh!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Lilly: „Jack…! Jack…!! Jack…!!! Schätzelein, was ist los? Ich habe gerade einen lauten Schrei aus deinem Zimmer hallen hören, Hase. Du bist ja schweißgebadet, mein Süßer! Junge, es ist erst drei Uhr nachts. Hast du etwa geträumt?“ Jack: „Mama…ich…äh…“ Lilly: „Du brauchst gar nicht weiterzureden – dein Blick verrät doch alles: Gegen meinen Willen hast du dich gestern nach dem Schlafengehen mal wieder aus dem Haus geschlichen und bist zu Onkel Skippy am Yachthafen gegangen, um dir seine billigen und scheußlichen Gruselgeschichten anzuhören! Wahrscheinlich hat er dabei – wie ich ihn halt kenne – auch wieder mal eine Flasche Weinbrand plattgemacht, der alte Hafensäufer!“

 

Jack: „Aber…Mama…!“ Lilly: „Keine Widerrede!“ Onkel Skippy werde ich nachher erstmal anständig den Marsch blasen, das verspreche ich dir – dann ist Schluss mit Gruselgenuss! Der olle Spritkopp kann sich warm anziehen – unter Alkoholeinfluss einem Siebenjährigen Horrorstorys erzählen…“ Jack: „Ach Mama…“ Josie: (heul…schnief…). Lilly: „Na toll, jetzt ist deine kleine Schwester auch noch wach! Beruhige dich, Mäuschen. Dein großer Bruder ist nur mal wieder unartig gewesen. Dafür bekommt er noch seinen verdienten Hausarrest!“ Jack: „Mama!!!!!!“ Lilly: „Schrei’ nicht so rum und leg’ dich wieder schlafen!“

 

Brody: „Was ist hier eigentlich los?! Können wir vielleicht endlich mal in Ruhe pennen?!“ Lilly: „Unser Sohn ist gestern mal wieder ausgebüxt – direkt auf Onkel Skippys „Horrorkutter“. Skippys beste Freundin – Mandy Brandy – war wohl auch mal wieder mit von der Partie!“ Brody: „Och Schatzi! Jetzt spiel’ nicht gleich wieder verrückt und hör’ auf hier so rumzukotzen! Der Junge ist gerade mal sieben Jahre alt. Wir müssen in Zukunft einfach wachsamer sein. Freust du dich denn noch gar nicht? Onkel Skippy hat uns doch heute um zehn Uhr zu einer fröhlichen Kutterfahrt auf der weiten See eingeladen – da wirst du noch genug Möglichkeiten haben, ordentlich abzukotzen… Lilly: „Du blöder Arsch!“

 

Brody: „Ach übrigens: Kommt unsere puckelige Verwandtschaft – Bethany und Jeremy sowie Maria und Luca – eigentlich auch noch mit?“ „Ja, Skippy hat deine Schwiegermutter Bethany mit eingeladen“, zischt Lilly leise auf grimmige Art und Weise.

 

Brody: „Diese giftige Natter begleitet uns nachher?! Ich dachte, sie wäre mit den vielen Vorbereitungen für das anstehende Drachenfest beschäftigt – da wird übrigens noch Schießbudenpersonal gesucht. Den Part könnte sie doch rein theoretisch übernehmen! Ein Drache frei zum Abschuss in der Schießbude – wäre doch ganz passend zum Event! Das ist mal wieder so typisch für meinen kleinen rattigen Schwager – der nimmt die Alte doch nur aufgrund ihrer fetten Glocken mit! Dieser Lüstling! Hoffentlich kullert „Big Mama“ mit ihren dicken Brummern nicht über Bord! Wir hätten nämlich echt ein gewaltiges Problem, wenn sie sich ein Quäntchen Badewellness auf hoher See gönnen würde! Ich werde jedenfalls nicht auf Walfang gehen. Immerhin schwimmt Fett immer oben. Somit kann die Alte zumindest nicht absaufen – eher ausdünsten bei dem ganzen produzierten Schweiß.“

 

Lilly: „Arschloch!!! Bethany ist auch Skippys Mama, schon vergessen?!!!“ Brody: „Oops!“ Jack und Josie: (grins, kicher, gacker…).

 

Brody: „Ich mach doch nur Spaß, Lilly-Maus… Hör’ mal, wir machen jetzt schon so viele Jahre regelmäßig hier in unserer Ferienwohnung Urlaub und genießen das breite Angebot für uns und die Kinder, es ist so schön und friedlich hier, überall gesellige Touristen und nette Einheimische… Was soll schon passieren? Dein Bruder Skippy wird sich schon wie immer um uns sorgen und alles richtig machen – lass ihn doch sein, wie er ist. Wir hatten bisher immer viel Spaß – auch mit deiner Mama und allen anderen!“ Lilly: „…O.K., du hast ja recht. Hab’ dich jetzt auch wieder lieb, mein Hasipupsi.

 

Kinder, haut euch noch ein wenig hin – in nur wenigen Stunden stechen wir mit Onkel Skippy in den See!“ Jack und Josie: „Yippie-yay…mit Onkel Skippy…!! Gute Nacht, Mama! Gute Nacht, Papa!“ Lilly und Brody: „Schlaft gut, Kinder! Eine weiterhin schöne und feuchtfröhliche Urlaubszeit steht uns bevor…“

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Kurzbeschreibung

Trio strandet nach schwerem Unfall auf hoher See an einem Hafen. Sie erkunden Ort und Umgebung. Schaffen sie es, ihr Schiff wieder instand zu setzen, um die mysteriöse Gegend zu verlassen? Werden sie überleben?

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