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Mosaik

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23.1.2019 12:22
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Bisexualität
Workaholic

Autorennotiz

Liebe Leser*innen,

Es freut mich oder eher uns, da ich diese Geschichte gemeinsam mit meinem Freund schreibe, sehr, dass ihr hierher zu unserem kleinen Experiment gefunden habt, das ganz nebenbei auch unser absolutes Herzblutprojekt ist.

Mosaik ist als Webserie konzipiert und daher auf das Medium der Onlineportale optimiert, weshalb die Geschichte verhältnismäßig kurze Kapitel (bzw. Szenen, die als einzelne Kapitel gelten) hat, die dafür vergleichsweise häufig geupdated werden kann, um einen stetigen Strom neuer, schnell lesbarer Kapitel zu garantieren.

Es sei noch erwähnt, dass Mosaik ist in vier „Arcs“ aufgeteilt ist, also vier Abschnitte: Maschinen, Menschen, Geister, Götter. Diese Handlungsabschnitte hängen zwar absolut zusammen, haben aber verschiedene übergeordnete Themen. Daher dass die Übergänge jedoch fließend sind, werden auch die Arcs innerhalb derselben Geschichte dauploaded, anstatt Mosaik in vier verschiedene Geschichten aufzuteilen.

Viel Spaß bei der Geschichte!

4 Charaktere

Pakhet

Name: Joanne SnyderAlter: 33Geboren: 28. Januar 1978Pakhet lebt und arbeitet seit sieben Jahren als Pakhet in Kapstadt. Sie ist latent magisch begabt und war einst Soldatin. Ihr einziger Freund in Kapstadt ist Robert.

Doctor Heidenstein

Name: ???Alter: 38Geboren: 14. Oktober 1973Doctor Heidenstein fängt erst an als Söldner zu arbeiten, war bisher ein Straßendoc, fängt nun aber als Medic an, als Feldarzt. Für einen Söldner ist er zu warmherzig, zu gutmütig. Eigentlich sehnt er sich nach dem Leben zurück, dass er einst hatte.

Michael Forrester

Name: Michael (Mi-ka-el) ForresterAlter: 41Geboren: ??? 1970Michael. Besitzer von Forrester Security, das als Front für das Söldnereiunternehmen genutzt wird. Er ist kühl und berechnend. Dass er Pakhet besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt, hat seine Gründe.

Mr Smith

Name: ???Alter: 56Geboren: ??? 1955Einer der längsten Angestellten von Forrester Security. Er ist vor allem für das Einstellen neuer Söldner und die Planung von Einsätzen zuständig. Anders als Michael hat er ein ruhiges, manchmal sogar warmes Gemüt.

Seit sie gestorben war, hatte Joanne drei Dinge gelernt.
Erstens: Magie war real.
Zweitens: Man vertraute besser niemanden, außer sich selbst.
Drittens: Wer überleben wollte, hatte auch für's Backup ein Backup.
Letzteres galt vor allem für Pläne. Normal begab sie sich nicht auf einen Einsatz, ohne mindestens drei Ersatzpläne bereit zu haben, doch der laute Knall von der Rückseite des Gebäudes einer Explosion verriet ihr, dass ihr dritter Plan gerade in Flammen aufgegangen war.
Natürlich war sie nicht wirklich gestorben. Sie lebte noch, selbst wenn sie im Moment nicht sicher war, wie lang dieser Zustand noch anhielt. Dennoch hatte sie ihr altes Leben sehr wohl zu Grabe getragen.
Und jetzt lief sie.
Ihre Blick erfasste so viele Details, wie möglich, als sie sich nach links wandte und die Straße hinablief. Sie musste von hier weg.
Es waren mindestens sechs Gegner und sie hatte keine Ahnung, ob aus ihrem Team noch jemand stand. Die Sprachkanäle waren gestört, sie hatte Polo nicht mehr gesehen, seit sie die alte Lagerhalle verlassen hatte und war sich recht sicher, dass Cris gemeinsam mit dem Fluchtwagen in die Luft geflogen war.
Verzweifelt suchten ihre Augen den Himmel über ihr ab, in der Hoffnung eine von Aix' Drohnen zu sehen, die die Lage hatten überwachen sollen. Soweit entdeckte sie nichts.
Sie brauchte einen Plan, um zu entkommen.
Schüsse schnitten hinter ihr durch die Luft, verfehlten sie jedoch. Sie war zu schnell.
Rufe in Zulu hallten durch die Nacht, gefolgt von raschen Schritten. Okay, sie sollte von der breiten Straße, die zwischen den großen Lagerhallen verlief, die zum Hafen von Durban gehörten. In der offenen Fläche stellte sie ein zu leichtes Ziel.
Da hinten, noch knapp hundert Meter weiter, war das Fabrikgebäude irgendeiner Firma – inklusive eines durchgehenden Zauns aus Metallplatten. Das würde ihr mehr Sicherheit geben, auch wenn sie ohne den Wagen aktuell keine Möglichkeit hatte gänzlich zu entkommen. Außer zu rennen. Schneller rennen.
Weitere Schüsse. Einer streifte sie an der rechten Seite des Halses, entlockte ihr ein schwaches Keuchen. Trotzdem rannte sie weiter. Sie hatte gelernt Schmerzen zu ignorieren. Wenn die kleine Truppe dahinten, bei der sie nicht einmal sicher war, wer sie waren, sie zu Fassen bekam, würde sie mit ganz anderen Schmerzen rechnen müssen.
Eine weitere Kugel traf sie in den Rücken, wurde jedoch von ihrer Weste aufgehalten. Ein Hämatom würde es dennoch geben.
Sie hatte den Zaun fast erreicht und sammelte auf den letzten Metern ihre Energie, um sich mehr Kraft für den Absprung zu geben. Dann sprang sie. Problemlos bekam sie den oberen Rand des knapp zweieinhalb Meter hohen Zauns zu fassen und schwang sich in einer fließenden Bewegung darüber. Auf der anderen Seite kam sie auf weichem, wenngleich leicht eingetrocknetem Rasen auf.
Kurz wanderte ihr Blick über den Innenhof der Firma, die den Reklamen nach zu urteilen Farben herstellte oder vermarktete. Der Banner, der sich um das moderne Gebäude herumschlang, zeigte Pinsel, die in bunten Farben malten. Dazwischen das Logo der Firma auf weißem Grund. Auch gut.
Sie wusste, dass sie keine Zeit hatte, sich auszuruhen. Die Schritte ihrer Verfolger kamen bereits näher. Weitere Rufe.
Sie sollte wirklich ihr Zulu aufpolieren.
Wohin jetzt? Sie könnte versuchen auf das Dach des Gebäudes zu kommen, doch hier im Hafengebiet, wo die Lagerhallen und Firmengebäude weit auseinander lagen, würde es ihr wenig bringen.
Nach kurzem Zögern entschloss sie sich, um das Gebäude zu rennen. Vorhersehbar, ja, aber es konnte reichen, um zumindest etwas Abstand zu gewinnen. Die andere Seite des Gebäudes lag in Richtung Südwesten – in Richtung der Stadt. Wenn sie es schaffte in die belebteren Teile der Stadt zu kommen, wäre sie sicher. Sie glaubte nicht, dass man ihr dort folgen würde.
Also rannte sie. Wieder sprang sie problemlos über den Zaun, froh, dass das Firmengelände unbewacht gewesen war. Glück hatte sie an diesem Tag jedoch nicht. Wieder schoss jemand auf sie.
Wieder sah sie sich um, erkannte ihre Verfolger, die sich offenbar um den Zaun des Geländes herum verteilt hatten. Links von ihr standen sie bereits, rechts von ihr kamen zwei am Zaun vorbei gelaufen.
Fuck.
Direkt vor ihr war nur ein weiteres Gebäude – sie könnte vielleicht hochkommen, allerdings war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sie dabei erschießen würde.
Was blieb ihr für eine Wahl?
Sie rannte nach rechts, da die beiden Verfolger hier sich bisher nicht positioniert hatten. Sie bevorzugte es, Waffengewalt zu vermeiden, doch wer auf sie schoss, musste damit rechnen, dass sie zurückschoss.
Mit einem Haken zur Seite, ging sie hinter einem am Straßenrand geparkten Van in Deckung und zog ihre Pistole, eine SIG Sauer P250, aus dem Holster an ihrer Hüfte. Mit der Waffe in der Hand kam sie hinter dem Wagen hervor und schoss auf die Angreifer. Sie zielte auf den ersten der beiden Angreifer und drückte ab. Ein Schuss, ein zweiter, dann ein dritter, unterbrochen von kurzen Pausen, um ihr Ziel zu justieren.
Der erste traf, wie gezielt, den Mann in der rechten Schulter, riss ihn nach hinten. Der zweite verfehlte, der dritte traf die Hüfte, noch während der Mann fiel.
Im Adrenalinrausch und dank ihrer Magie erschien der Schrei des Mannes um eine Ewigkeit verzögert.
Sie ignorierte es. Stattdessen legte sie auf den zweiten an. Wieder drei Schuss – eins, zwei, drei, Schulter, Schulter, Beine – wie sie es trainiert hatte. Dieses Mal verfehlte der erste, der zweite aber traf, wenngleich zu nah am Körperzentrum, ehe der dritte sich in das Knie bohrte.
Ein weiterer Schrei.
Sie hörte nicht. Sie rannte. Sie musste weiter in Richtung der Stadt.
Endlich: Ein Rauschen in ihrem Ohr. Gefolgt von einer leicht verzerrten Stimme. „Pakhet?“
Endlich. „Aix?“
„War gejammt“, erklärte die Hackerin kurz angebunden. „Was ist passiert?“
„Keine Zeit zum Sprechen“, erwiderte Joanne. Pakhet war der Name, den sie als Söldnerin benutzte. Ein Codename, der nach ihrem vermeintlichen Tod zu ihrer neuen Identität geworden war. „Verfolger. Bin auf der“ – ihre Augen suchten nach einem Straßenschild – „Crabtree Road Richtung Westen. Brauche dringend eine Fluchtroute.“
Einem Instinkt folgend, sprang sie zu ihrer linken Seite, als mehrere Schuss erklangen.
„Was ist mit den Wagen?“, fragte Aix.
„Explodiert.“ Mehr sagte Pakhet nicht. Sie hatte genug Erfahrung mit langen Läufen, um zu wissen, dass Gespräche der Ausdauer entgegenwirkten.
Endlich erreichte sie die nächste Straßenecke Richtung Südwesten. Sie bog ab.
Wo blieb die Polizei? Immerhin gehörte das Industriegebiet selten zu den Stadtteilen, in denen bewaffnete Straßenschlachten ignoriert wurden. Sie war in einer Hafengegend. In Häfen wurde nachts gearbeitet. Jemand musste sie gehört haben.
Es war besser für sie, wenn keine Polizei kam, solange sie entkam. Dessen war sie sich allerdings nicht vollkommen sicher.
Wieder erklang das Rauschen einer aktiven Leitung. „Wenn du dich weiter südlich hältst, kommst du zu der nächsten Wohngegend. Knapp fünfhundert Meter.“
„Gut. Hast du Sichtkontakt?“, fragte Pakhet.
„Positiv.“ Eine kurze Stille. „In zwanzig Metern links, danach die nächste rechts.“
Pakhet erwiderte nichts. Wieder waren Schüsse zu hören, doch schienen ihre Verfolger zurückgefallen zu sein.
Sie wandte sich kurz um. Da waren nur noch zwei.
Wieder gab sie zwei Schüsse ab, Warnschüsse dieses Mal.
Sie war sich nicht sicher, ob ihre Schüsse auf den zweiten Angreifer zuvor tödlich gewesen waren. Zumindest lag es im Rahmen des Möglichen. Der zweite Schuss hatte potentiell Organe oder Aorta verletzt.
Die Warnschüsse schienen Wirkung zu zeigen: Für einen Moment zögerten die beiden verbleibenden Verfolger.
Noch immer wusste sie nicht, wer ihre Verfolger waren. Ihre Erfahrung hatte ihr allerdings gelehrt, dass es meist nicht sinnvoll war ein Gespräch mit Menschen anzufangen, die versuchten auf einen zu schiesßen. Also rannte sie.
Sie bog ab, hielt sich nahe an dem Bürogebäude, das nun zu ihrer Rechten lag, und konnte bereits die schlichten Reihenhäuser in der Ferne erkennen. Sie erlaubte sich inne zu halten und sich zu ihren Verfolgern umzusehen.
Sie blieben zurück. Endlich.
Dennoch rannte Pakhet weiter. Sie musste sicher gehen.
Kurz bevor sie die Gebäude – schmucklose, dreistöckige Betonbauten, wie sie früher oft in Arbeitervierteln hochgezogen worden waren, allerdings mit neu hinzugefügten gußeisernen Balkonen – erreichte, steckte sie ihre Waffe weg, ehe sie sprang.
Sie besaß selbst wenig magische Kräfte, war jedoch fähig ihre Körperkraft weit genug zu beeinflussen, als dass sie mit ihrem Sprung den Balkon im zweiten Stock erreichen und sich an dessen Geländer in die Höhe ziehen zu können. Für eine Sekunde hielt sie inne, sprang dann auf das Flachdach und wandte sich dort ein letztes Mal um.
„Ding dong“, säuselte eine Stimme in ihr Ohr. „Sie haben das Ziel erreicht.“
„Was machen die Ärsche?“, fragte Pakhet.
„Rückzug“, antwortete Aix schlicht. Sie hielt inne, wohl um etwas nachzuschauen. „Also, brauchst du Hilfe, um zum Safe House zu kommen oder kennst du den Weg?“


Pakhets Laune war nicht auf der Höhe, als sie zwei Tage nach der Katastrophe, die Durban gewesen war, das dunkle Bürogebäude betrat, in dem sie – zumindest offiziell – arbeitete. Das Missionsziel war erfüllt, man konnte ihr nichts vorwerfen, und dennoch wurmte es sie, dass sie nicht nur zwei Leute, sondern auch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Ausrüstung verloren hatte, zur Flucht gezwungen worden war. Sie wusste auch jetzt nicht, wer ihre Verfolger gewesen waren.
Das Gebäude war innen, wie außen modern. Die Fassade dunkel und verspiegelt gehalten, das Gebäude insgesamt vier Stockwerke hoch und weitläufig. Etwas zu groß für eine einfache Security Firma, doch kam es selten vor, das jemand das hinterfragte. Sie waren international tätig. Damit konnte man vieles erklären.
Auch die Flure wirkten modern: Die Wände teilweise mit abstrakten Mustern verziert, teilweise mit moderner Kunst behangen, die Bürotüren schlicht weiß, aber mit eckig geformten Türklinken, die Brandschutztüren dagegen aus dunklen Rahmen und fein gesäuberten Glas. Nichts, worauf sie viel gab.
Sie war auf dem Weg zu einem Büro in der obersten Etage. Eins der größten Büros. Das Büro, in dem jemand saß, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen konnte.
Mit langen Schritten marschierte sie den Flur entlang. Sie hatte die Treppe genommen, die auf der Rückseite des Gebäudes lag. Dann schlug sie, ohne zu klopfen, die Tür auf und musste sich im nächsten Moment beherrschen, nicht in das Gesicht zu schlagen, das sie nun angrinste.
„Ah, Pakhet, meine Liebe, ich sehe, du bist wieder da“, flötete Michael Forrester, ihr Chef. Ihr nomineller Chef, der offenbar an seinem Rechner gearbeitet hatte.
Michael wirkte absolut durchschnittlich. Er war zwar hübsch, aber nicht auffallend hübsch. Er war normal groß, nicht unsportlich, aber auch nicht athletisch gebaut. Sein Haar war braun. Seine Augen grau. Sein Lächeln auf den ersten Blick geübt freundlich – wenn man genauer hinsah kühl und berechnend. Er musterte sie.
„Und wieder beweist du deine Fähigkeit das Offensichtliche festzustellen“, erwiderte sie missmutig. 
Er setzte sich in seinem ledernen Bürostuhl auf, um ihr seine volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. „Aber, aber, hast du etwa was Schlechtes gegessen?“
Sein Büro war protzig. Viel zu groß, mit einem verzierten, teuer wirkenden Schreibtisch aus poliertem Holz, die Fensterfront dahinter, irgendeinem modernen Gemälde, inklusive eigener Beleuchtung, an der Wand und – für den besonderen Arschloch-Faktor – einem ausgerollten Golf-Teppich auf der einen Seite des Zimmers. 
Pakhet ignorierte diese Frage. „Was war das für ein Scheiß, Michael? Die ganze Aktion war ein Hinterhalt, verdammt!“
„Ja, dessen bin ich bereits informiert worden“, stellte Michael nüchtern fest.
„Verdammt noch mal, es ist deine Aufgabe, Informationen zu beschaffen, um genau so etwas zu verhindern!“
Michael zuckte mit den Schultern. „Es ist meine Aufgabe, Leute zu beauftragen, diese Informationen zu beschaffen. Aber du weißt, wie es ist. Die meisten Leute sind ihren Aufgaben einfach nicht gewachsen.“
„Fick dich, Michael. Polo und Cris sind tot!“ 
Wieder musterten seine Augen sie kalt. „Seit wann regst du dich so darüber auf? Es waren nicht die ersten Teammitglieder, die du hast sterben sehen, es werden nicht die letzten sein. So ist das halt. Berufsrisiko. Wie du sehr wohl weißt.“
„Ich rege mich so auf, seit ich den Eindruck habe, dass jemand mit Informationen verschwiegen hat.“ Sie wusste, dass es nicht professionell war, kannte Michael aber lang genug, um zu wissen, dass er vor allem zwei Dinge war: Gewissenlos und berechnend. Sie wusste nicht, aus welchem Grund er sie in eine Falle locken würde – doch etwas an dem gesamten Einsatz erschien ihr faul.
Natürlich nahm er sie nicht ernst. Er seufzte übertrieben und ließ sich wieder gegen die Rückenlehne zurückfallen, die Ellenbogen auf den Armlehnen aufgestützt. „Ich kann dir garantieren, dass ich dir keine Informationen verschwiegen habe, meine Liebe“, erwiderte er mit aalglatter Stimme. „Es ist dumm gelaufen.“
Sie fixierte ihn, wollte zu einer Antwort ansetzen, kam aber nicht dazu.
„Was für einen Grund sollte ich haben, dich loszuwerden?“, fragte er und setzte ein gewinnendes, jedoch übertriebenes Grinsen auf.
„Ich weiß es nicht“, zischte sie. 
„Siehst du“, erwiderte er. Sein Lächeln wurde wieder zu einem Grinsen. „Ach komm, hab dich nicht so. Es ist halt blöd gelaufen. Jetzt entspann dich“ – er hielt inne – „oder auch nicht. Also je nachdem, wie es dir beliebt.“
Sie verschränkte die Arme. „Fick dich, Michael.“
„Nicht mein Stil, wie du wohl weißt.“ Er strahlte sie an. „Nun. Du bist angeschossen worden, nicht? Willst du es noch einmal nachsehen lassen? Wir haben einen neuen Medic.“ Auch wenn es eher wie eine Frage formuliert war, wusste Pakhet, dass es eine indirekte Aufforderung darstellte. 
Sie hatte den Streifschuss selbst noch in der Nacht ihres knappen Entkommens versorgt, hatte ihn mit einem großen Pflaster bedeckt. Es war nur eine oberflächliche Wunde, nicht weiter der Rede wert, doch so sehr sie auch Lust hatte, sich weiter mit Michael anzulegen, so wenig Sinn lag darin. 
Sie zuckte mit den Schultern. „Dann sehe ich mir mal unseren neuen Medic an.“
„Gut.“ Michaels Lächeln wurde wieder geschäftsmäßig. Er schob die Finger ineinander und beobachtete sie. „Smith hat übrigens ein paar Neulinge angeheuert.“
Pakhet hob den Blick. Was sollte sie dazu sagen? „Okay“, meinte sie schlicht und wandte sich zum Gehen.
„Wann bist du für den nächsten Job einsatzbereit?“, fragte Michael, gerade als sie die Hand auf die Türklinke legte.
Ein weiteres Schulterzucken von ihr. „Immer.“ Sie warf ihm einen letzten Blick über die Schulter zu. „Solange ich deinen Hintergrundchecks in Zukunft weiter vertrauen kann.“
„Wie gesagt“, antwortete er leichthin, „Fehler passieren.“
„Ja.“ Damit drückte sie die Türklinke herunter und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Auch wenn außen vor dem Bürogebäude das Schild dem „normalen Menschen“, der eventuell daran vorbei fuhr oder mit dem Hund vorbei spazierte, weismachen wollte, dass sie eine einfache Firma für private Sicherheit waren, so war die Realität eine andere. Zwar nahmen normale Sicherheitsaufträge an, jedoch waren die meisten Aufträge eher delikater Natur: Militärunterstützung, Spionage, speziell Betriebsspionage, Auftragsmorde, Erpressungen, sowie eher ungewöhnlichere Jobs, wie Exorzismen und das vertreiben von andere, paranormalen Kreaturen, oft von belebten Orten. 
Was diese Einsätze zumeist gemeinsam hatten, war, dass sie mit allerhand Gesundheitsrisiken einher gingen. Von der üblichen Gefahr einem Unfall zum Opfer zu fallen einmal abgesehen, sah man sich relativ regelmäßig als Ziel von Waffen jedweder Art, von Magie und ab und an auch von Monstern, die entweder territorial waren oder Menschenfleisch für schmackhaft hielten.
Kurzum: Es hatte einen Grund, warum sie einen eigenen, kleinen Krankenflügel hatten, warum mehrere Ärzte für sie arbeiteten und warum manche dieser Ärzte, so genannte Medics, auf gefährlich eingestufte Einsätze mitkamen. Auch wenn Michael nie besonders betroffen davon war, so waren Tote oder eingeschränkte Angestellte, mit finanziellen Ausfällen verbunden – und daran hatte er Interesse.
Entsprechend waren die Ärzte gut bezahlt. Viele von ihnen hatten, wie auch die einfachen Söldner, einen Militärhintergrund, wussten entsprechend mit einer Waffe umzugehen.
Die „medizinische Abteilung“ befand sich im Erdgeschoss in der nordöstlichen Hälfte des Gebäudes. Wenn man einmal mithilfe der Mitarbeiterkarte die Sicherheitstür vor dem Gebäudeabschnitt passiert hatte, konnte man den Eindruck bekommen, sich in einem Krankenhaus zu befinden. Die Flure waren breiter, als im Rest des Gebäudes, der Boden mit demselben PVC belegt, wie man es meistens im Krankenhaus fand. Einzig die Schilder, die in Krankenhäusern die Räume und Abteilungen ausschilderten, fehlten. Dasselbe galt für eine Rezeption, doch Pakhet wusste, wohin sie sollte.
Sie wandte sich, kurz nachdem sie die Abteilung betreten hatte, nach rechts und klopfte an der zweiten Tür. Ohne auf eine Antwort zu warten, betrat sie den Raum – das Untersuchungszimmer, in dem man zu jeder Zeit mindestens zwei Ärzte auffand.
Den Krankenhausverordnungen hätte dieses Zimmer trotz oberflächlicher Ähnlichkeit nicht entsprochen. Es gab, wie in den Ambulanzen vieler Krankenhäuser mehrere Liegen, um die herum Vorhänge gezogen werden konnten, die üblichen weißen Schränke, in denen das medizinische Equipment aufbewahrt wurde, und zwei Schreibtische mit Computern, alles übliche Einrichtung. Doch war es in Krankenhäusern für gewöhnlich verboten in den Behandlungsräumen zu essen und hier fand sich eine Kaffeemaschine, mitten auf einem der unteren Schränke, und Dr. Heath, eine der beiden Ärzte, aß in Ruhe einen Donut.
Dr. Heath war eine dunkelhäutige Frau, die Pakhet auf Anfang vierzig schätzte. Das kurze krause Haar der Ärztin war – ähnlich wie Pakhets kurze Stoppeln – rot gefärbt. Ihr Gesicht war faltig und eine Narbe an ihrem Kiefer verriet, dass sie als Medic tätig gewesen war. Mittlerweile arbeitete sie jedoch ausschließlich vor Ort.
Der andere Arzt arbeitete an einem der beiden Rechner. Das musste der Neue sein, von dem Michael gesprochen hatte. Ihn schätzte sie um die fünfzig. Sein Haar musste einst dunkel gewesen sein, war jetzt jedoch von grau-weißen Stoppeln durchsetzt. Sein Gesicht war kantig, aber auch faltig. Er wirkte müde.
Die meisten Ärzte, die hier anfingen, waren bereits am Ende ihrer Karriere angelangt.
Dr. Heath hob den Kopf. „Pakhet.“ Sie musterte sie. „Was kann ich für dich tun?“
Von dem Streifschuss war nichts zu sehen. Aufgrund der Jahreszeit trug Pakhet einen einfachen, dunklen Pullover, der das Pflaster verdeckte. Sie war daran gewöhnt, sich die Folgen von Verletzungen nicht anmerken zu lassen.
Sie setzte ein distanziertes Lächeln auf. „Mr Forrester schickt mich, wegen einer Verletzung vom letzten Einsatz“, erklärte sie. „Streifschuss.“
Dr. Heath nickte stumm und stand auf. „Ich schaue es mir an.“ Mit dem Kopf deutete in Richtung der ersten Liege.
Pakhet kam der unausgesprochenen Aufforderung nach, ging zur Liege hinüber und wartete auf die Ärztin, zog sich bereits den Pullover aus. Sie trug einen schwarzen Sport-BH drunter, entblößte sich daher nicht vollständig. Wie so oft bliebt der Pullover beim Ausziehen an den Gurten ihrer Armprothese hängen, doch Dr. Heath kannte sie gut genug, um ihr keine Hilfe anzubieten.
Stattdessen wartete die Ärztin, bis der Pullover ausgezogen war und Pakhet auf der Liege saß.
„Was ist genau passiert?“, fragte Dr. Heath, während sie begann, das Pflaster, das an Pakhets rechter Schulter anlag, abzuziehen.
„Es gab einen Hinterhalt“, erklärte sie knapp. „Jemand hat den Fluchtwagen gesprengt.“ Eine Tatsache, die ihr noch immer zu Denken gab. Wer sollte es wann getan haben? Vielleicht war es auch eine Granate gewesen, die sehr glücklich gelandet war – oder ein Zauber. „Ich musste zu Fuß fliehen. Verfolger haben auf mich geschossen. Daher der Streifschuss.“
„Seither irgendwelche Auffälligkeiten?“
Pakhet deutete ein Kopfschütteln an.
Die Ärztin schwieg und knipste die Lampe über der Liege an, um sich die Wunde unter dem Licht genauer anzusehen. „Sieht nicht dramatisch aus“, schloss sie nach einer knappen Untersuchung. „Es braucht keine Stiche. Ich werde die Wunde aber neu auswaschen.“
„In Ordnung.“ Pakhet nickte, während sie zu dem neuen Arzt hinübersah. 
Sein Blick ruhte auf ihr. Als er jedoch bemerkte, wie sie ihn fixierte, wandte er sich rasch ab. Wahrscheinlich hatte er die Gurte bemerkt und daher ihren Arm genauer in Augenschein genommen. Jetzt aber, tippte er weiter, die Augen auf den Bildschirm des Rechners gerichtet.
„Irgendwelche anderen Wunden?“, fragte Dr. Heath, während sie destilliertes Wasser, Jod und Salbe, sowie Pflaster und Topfer aus dem Schrank holte. „Irgendwelche Probleme wegen der Explosion? Klingeln in den Ohren? Desorientierung?“
Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Pakhet zu nahe bei einer Explosion gestanden hatte. Es würde auch nicht das letzte sein. Sie kannte die Gefahren, die üblichen Symptome, wusste, worauf sie achten musste. „Nein. Nichts.“
„Gut.“ Die Ärztin begann mit ihrer Arbeit. „Dann werden Sie keine weiteren Probleme haben.“
Pakhet nickte wieder stumm und wartete. Noch einmal blickte sie zum neuen Arzt hinüber, sagte aber nichts. Sie fragte sich, ob er sie auf die Prothese ansprechen würde, wie es zu viele taten. Für den Moment jedoch schwieg er.
Während sie darauf wartete, dass Dr. Heath ihre Arbeit beendete, wanderte Pakhets Blick zur Kaffeemaschine. Vielleicht sollte sie sich einen Kaffee schnorren – doch auf der anderen Seite würde ein Kaffee mit Gesprächen einher gehen, die sie zu vermeiden mochte. Davon abgesehen, wartete zuhause ihre Kaffeemaschine und vor allem ihr Kaffee auf sie, der sehr wahrscheinlich von weit höherer Qualität war, als das hier verwendete Pulver. Also würde sie warten, bis sie daheim war.
Keine fünf Minuten später war die Wunde neu versorgt und mit einem neuen, wasserfesten Pflaster bedeckt. 
„Ich gebe Ihnen Ersatzpflaster mit“, sagte Dr. Heath. „Und eine Salbe.“
„Danke.“ Pakhet nickte. „Sonst noch etwas?“
Die Ärztin schüttelte den Kopf. „Nein. Von meiner Seite aus nicht.“
„Gut.“ Damit zog sie sich den Pullover wieder über und bewegte vorsichtig die Schulter, um sicher zu gehen, dass das Pflaster sie nicht behinderte. Dann wartete sie darauf, dass Dr. Heath ihr die versprochenen Pflaster gab, auch wenn sie zu Hause genügend hatte.
„Danke“, meinte sie, als sie schließlich Pflaster und Salbe in der Hand hielt. „Dann will ich nicht weiter stören.“
Die Ärztin nickte. „Gute Besserung.“
„Danke.“ Damit schritt sie zur Tür.
Zwar sah der neue Arzt noch einmal auf, sagte aber nichts, und so verließ sie ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

Pakhet konnte es sich nicht verkneifen, leise aufzustöhnen, als der große Held auf dem Bildschirm – in bester Actionfilmmanier – rückwärts durch ein Fenster sprang, das prompt zerbrach, während er gleich zwei Pistolen abfeuerte.
Robert verdrehte die Augen. „Denk nicht zu viel darüber nach.“
Sie warf ihm einen übertrieben gereizten Blick zu. „Ach bitte, du regst dich auch über jedes unrealistische Beschleunigungsmanöver auf.“
Mit einer Hand nahm er ein Stück Pizza aus dem Karton, zuckte dabei mit den Schultern. „Ich habe einen Pet Peeve. Ich rege mich nicht über alles auf.“
„Wir könnten auch eine Doku schauen“, bot sie sarkastisch an.
Daraufhin war er es, der stöhnte. „Bloß nicht.“
Sie lächelte. „Dann wirst du meine Genervtheit über dich ergehen lassen müssen.“
„Na großartig“, murmelte Robert und ließ sich auf ihrem Sofa zurücksinken. Während er begann, das Stück Pizza zu verschlingen, wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Film zu.
Auch Pakhet nahm ein Stück Pizza. Es war eine Pepperoni-Pizza, die zusätzlich mit Pilzen belegt war. Ihre einzige Schwäche, wenn es um Fastfood ging. Ab und an konnte sie es sich erlauben, solange sie nicht übertrieb.
Es war Mittwoch und damit Filmabend. Wie jeden oder eher fast jeden Mittwoch hieß das schlechte Actionfilme, blöde Kommentare und Pizza – selbst wenn sich die Kommentare beinahe wöchentlich wiederholten. Sie war nicht einer jener Leute im Internet, die genug Zeit hatten, um lustige Kommentare zu allen möglichen Filmen zu machen. Mehr noch: Sie besaß nicht die nötige Kreativität.
Wozu brauchte sie das auch? Die Kommentare gehörten genau so zur Tradition, wie die fettige Pizza.
„Na endlich“, seufzte sie, als schließlich die Credits über den Bildschirm liefen.
Robert lachte. „Jetzt übertreib' mal nicht. So schlimm war es nun auch nicht!“
„Nein, viel schlimmer“, erwiderte sie trocken und stand auf, um in die Küche zu gehen und sich einen Kaffee zu machen.
„Jedes Mal dasselbe mit dir“, beschwerte sich Robert, der auf dem Sofa sitzen blieb und den Karton zuklappte.
„Ja ja.“
Die Küche war, wie alles im Haus, nur mit dem nötigsten versehen und sah nahezu genau so aus, wie an dem Tag, da sie in das bereits zuvor möbilierte Haus eingezogen war. Weiß. Sauber. Modern.
Sie nahm die Kaffeedose von der Anrichte neben dem Fenster, holte einen Filter aus dem Schrank hervor und machte sich an die Vorbereitung.
Robert schwieg, hatte seine Aufmerksamkeit wahrscheinlich auf sein Handy oder die Filmcredits gerichtet. Er redete ungern mit ihr, wenn sie nicht im selben Zimmer war.
Als sie schließlich mit der Tasse Kaffee zurückkam, schenkte er ihr einen entgeisterten Blick, den sie sehr wohl kannte. Er sagte: „Wie kannst du um diese Zeit noch Kaffee trinken?“
Wie immer beantwortete sie den Blick mit einem knappen Lächeln und setzte sich wieder neben ihn auf das weiße Kunstledersofa.
Robert war ein Jahr jünger als sie, 32, hatte rotbraunes, kurzes Haar, war kräftig gebaut und besaß ein ungewöhnlich gewinnendes Lächeln, wenn er nicht – wie im Moment – einen übertriebenen Schmollmund zog. Auch zierten Sommersprossen seine Nase.
„Du erzählst mir ja auch nicht“, kommentierte er gespielt beleidigt.
„Ich bin mir relativ sicher, dass du nichts von den fünf Leuten wissen willst, die ich letzte Woche getötet habe.“ Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
Er schluckte, wich ihrem Blick aus. „Wirklich?“
„Nein“, antwortete sie. „Aber du weißt genau so gut wie ich, dass du nichts über meine Arbeit wissen willst.“
Bestenfalls würde er sich Sorgen machen, schlimmstenfalls würde er wieder verschreckt sein. Er hatte in der Vergangenheit mehr als einmal zum Ausdruck gebracht, dass er ihren Job als unmoralisch empfand.
Daher seufzte er, wechselte das Thema. „Bei mir gibt es wenig neues. Mehr Autos. Die üblichen Kunden.“ Er zögerte. „Der neue Chauffeur von Mr Thomson hat den Wagen mal wieder vorbei gebracht.“
„Aha?“ Pakhet musterte ihn über die Kaffeetasse hinweg..
Robert lächelte verträumt. „Ja. Netter Typ.“
„Nett nett?“, fragte Pakhet.
Robert zuckte mit den Schultern und seufzte. „Ja. Aber nicht …“ Er ließ den Satz ausklingen, doch Pakhet verstand.
Sie nickte. „Du solltest mehr rausgehen.“
„Sagt die Richtige“, erwiderte Robert und verzog den Mund erneut zu einem Schmollen.
Zur Antwort verdrehte sie die Augen und trank einen weiteren Schluck des schwarzen Kaffees. Als er nichts weiter sagte, meinte sie: „Anders als du, bin ich nicht auf der Suche. Und ich behaupte, dass ich häufiger rausgehe als du.“ Wenngleich mit einem anderen Ziel, als er.
Robert schürzte die Lippen. „Flirten ist nicht meins.“
„Ja ja“, murmelte sie. „Warte darauf, dass Prinz Charming vor deiner Haustür steht.“ Sie nahm einen weiteren Schluck und zog ihre Beine aufs Sofa.
Robert antwortete nicht. Vielleicht gab er ihr heimlich Recht, vielleicht schmollte er, vielleicht war es eine Mischung aus beidem, doch leerte sie ihren Kaffee fast komplett ehe er wieder sprach.
„Davon abgesehen, kriege ich nächste Woche vielleicht einen F-Type rein. Vielleicht magst du vorbeischauen“, meinte er.
„Klingt gut“, antwortete sie.
Wieder herrschte Schweigen.
Schließlich holte Pakhet Luft und erhob die Stimme. „Wann willst du mich das nächste Mal ins Kino entführen?“
„Hmm?“ Er schaute zu ihr. „Weiß noch nicht. Mal sehen. Nächsten Monat wollte ich mit Kollegen gehen. Vielleicht magst du mitkommen.“
Nächster Monat? Er sagte es, als würde er erwarten, dass sie wusste, wovon er redete. Doch sie musste überlegen. Dunkel erinnerte sie sich, das wieder einer dieser Superheldenfilme herauskommen würde.
Sie seufzte. „Mal sehen.“
Bevor sie das Gespräch weiterführen – oder sich Roberts Gründe dafür, warum dieser Film ganz bestimmt toll werden würde, anhören konnte – klingelte ihr Handy. Eine Pushnachricht von einer ihrer abonnierten Newsseiten.
Sie tapte drauf und zog im nächsten Augenblick die Augenbrauen zusammen, als sie sah, dass es Kapstadt betraf.
„Was?“, fragte Robert besorgt.
Sie zeigte ihm den kleinen Bildschirm. „Explosion. Hier. Im Hafen.“ Dann nahm sie das Handy, um den Artikel zu überfliegen. Ein Warenlager am Hafen war in die Luft geflogen. Chemische Fabrik. Aktuell war man sich nicht sicher, ob es sich um einen Unfall oder einen Anschlag handelte.
Wahrscheinlich ersteres. Dennoch … Sie hatte ein ungutes Gefühl.

Pakhet hätte wissen müssen, dass es irgendetwas mit Michael zu tun hatte. Sie hätte ahnen müssen, dass es die Neulinge gewesen waren. Sie hätte damit rechnen müssen, dass es auf sie zurückfallen würde!
Bemüht ihre Fassung zu wahren, starrte sie Smith an. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
Smith erwiderte ihren Blick. Er stand auf, klopfte ihr auf die Schulter und lächelte. „Jetzt sieh' es nicht so eng, Pakhet.“
Sie schnaubte. „Du weißt genau so gut, wie ich, dass es Michaels Plan ist, mir auf den Keks zu gehen“, erwiderte sie.
Verlegen seufzte Smith. Er war ein großgewachsener Mann, der trotz seines deutlich zu bemerkbaren Alters noch immer kräftig wirkte. Seine Haut war dunkel, sein Bart glattrasiert. Aktuell zierte ein ordentlicher Drei-Tage-Bart sein Kinn. „Ich möchte nicht ausschließen, dass Mr Forrester weiterführende Gründe für seine Entscheidung hatte.“ Er räusperte sich. „Doch ich stimme ihm zu. Unsere Neulingsgarde braucht erfahrene Unterstützung. Du bist erfahren. Du hast schon öfter Teams angeführt. Entsprechend liegt die Entscheidung nahe.“
„Warum sind die fünf überhaupt noch hier?“, fragte Pakhet. „Sie haben es vergeigt. Aber so richtig. Wieso zur Hölle haben wir sie nicht ausgeliefert und das ganze als einen Terroranschlag verkauft?“
Smith biss sich kurz auf die Lippen. Er lächelte verlegen. „Ich vertrete noch immer die Meinung, dass jeder eine zweite Chance verdient.“
Erzählte er ihr gerade wirklich, dass er sie nicht herausgeworfen hatte, da er es moralisch nicht hätte vertreten können? Ja, fraglos war Smith das absolute Gegenteil von Michael, wenn es zur Frage des Charakters kam, doch sie arbeiteten in einem Feld, wo Entscheidungen pragmatisch getroffen werden mussten. Emotionale oder gar moralische Entscheidungen führten, wenn man übertrieb, zum Tod oder zum Scheitern der Mission.
„Nicht, wenn er damit die Leben anderer Menschen gefährdet“, warf sie ein.
„Jetzt komm schon, Pakhet“, meinte Smith. „Versuch es.“ Er hielt ihr ein Tablet hin, auf dem offenbar die Lebensläufe ihrer explosiven Neulinge waren.
Lebensläufe war zu viel gesagt. „Bisherige Erfahrungen“ war die direktere Bezeichnung.
Mit einem Seufzen ließ sie sich zurück auf den Stuhl fallen, nahm das Tablet und sah die Unterlagen an.
Ihr Bauchgefühl am Vortag hatte sie nicht betrogen. Es waren die Neulinge, von denen Michael ihr erzählt hatte, gewesen, die für die Explosion im Hafen verantwortlich gewesen waren. Eigentlich hatte Smith sie losgeschickt, um Daten aus der Fabrik zu stehlen. Es war ein Probeauftrag gewesen, um zu sehen, ob die fünf etwas taugten. Und dann hatte sie jemand bemerkt, einer von ihnen war panisch geworden und hatte es für eine glorreiche Idee gehalten, den Sprengstoff als Ablenkung zu zünden.
Das von den fünf dabei niemand gestorben war, grenzte an ein Wunder.
Die fünf waren: Ein Möchtegern-Meisterdieb mit Namen Spider. Dessen Bruder, zumindest wenn sie Smiths Notiz glauben durfte, mit dem einfallsreichen Namen Mik. Ein Hacker namens Agent. Ein Magier, namens Orion, und ein einfacher Kämpfer, dessen Name Punches alle anderen in Sachen Einfallsreichtum bei weitem übertraf. Ob er so einfallslos war oder einfach nur wenig auf Codenamen gab? Es hatte nicht jeder Verständnis für das System. Wenn sie ehrlich war, fand auch sie es manchmal albern, selbst wenn sie die Notwendigkeit gerade bei internationalen Aufträgen sah und sich lange an ihren Namen gewöhnt hatte. Meistens dachte sie von sich selbst als Pakhet, nicht mehr als Joanne.
Allerdings war unter den Daten von Mr Punches ein Vermerk von Smith: „Nicht zurückgekehrt.“
Sie sah auf. „Nicht zurückgekehrt?“
„Ist abgehauen“, erwiderte Smith und zuckte mit den Schultern. „Ich gehe persönlich davon aus, dass er derjenige mit dem explosiven Gemüt war.“
Pakhet seufzte. „Okay.“
„Dafür haben wir noch jemanden“, meinte Smith und bedeutete ihr, die nächste Datei zu öffnen.
Sie tippte auf den Button, blätterte weiter und hob im nächsten Moment die Augenbraue. „Der neue Doktor?“, fragte sie und überflog das Profil des Arztes, der sich unter dem Codenamen „Doctor Heidenstein“ eingetragen war. Kein sonderlich guter Codename, da diese idealer Weise kurz waren, um schnell Anweisungen oder Warnungen geben zu können. Er würde das Schicksal jedes anderen teilen, dessen Codename mit „Doctor“ begann: Man würde ihn einfach „Doc“ nennen.
„Ja“, erwiderte Smith. „Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass diese Gruppe einen Arzt brauchen wird.“
„Sie sollten selbst erste Hilfe lernen“, erwiderte Pakhet tonlos und hob dann wieder den Blick, um Smith zu mustern. Eine Sache verstand sie nicht. „Warum ein Team? Das ist nicht, wie wir normal vorgehen.“
„Ich dachte, es wäre einmal ein Experiment wert“, antwortete Smith mit einem fröhlichen Lächeln. „Ich meine, wir haben gesamt vier Dreier-Teams, ein Vierer-Team und sie sind effizienter, da sie aufeinander eingespielt sind. Also dachte ich mir, ich versuche, selbst ein Team zu bauen.“ Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. „Und Mr Forrester hat mir zugestimmt.“
Langsam verstand sie. „Und zugleich beschlossen, dass ich die arme Sau bin, die das Experiment leiten darf.“
Smith zuckte mit den Schultern und streckte die Hand aus, um das Tablet zurück zu nehmen. „So in etwa.“
Pakhet verdrehte die Augen und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Sie stöhnte genervt, verzog dann aber den Mund zu einem grimmigen Lächeln. Manchmal erinnerte Michael sie an das Arsch, wegen dem sie überhaupt in dieser Situation gelandet war. An denjenigen, der sie vermeintlich vor sieben Jahren getötet hatte. Nur, dass Michael nichts tat, weil sie eine Frau war – er tat es, um ihr persönlich auf den Keks zu gehen, sich mit ihr zu messen. Er tat es, um sich zu amüsieren, wenn sie die Beherrschung verlor, und ihm eine verpasste. Auf irgendeine masochistische Art und Weise schien ihn das mehr als alles andere zu amüsieren. Nein, es ging ihm darum, zu zeigen, dass er ihr überlegen war.
Sollte er doch krepieren!
Diese Truppe würde es nicht lange tun. Sie würden sterben oder gefangen genommen werden. Wahrscheinlich sterben. Sie hatte keine Lust, dafür verantwortlich zu sein – aber was hatte sie für eine Wahl?
„Von mir aus“, sagte sie mit grimmiger Stimme. „Bring mich zu den Chaoten.“ Sie seufzte. „Dann sehen wir, was wir mit ihnen machen können.“
„Sieh es als Herausforderung“, meinte Smith.
Sie richtete sich auf. „Was meinst du, das ich tue?“

Wie hatte sie sich dazu überreden lassen?
Sie war sich nicht sicher. Es hatte mit ihrem Drang zu tun, sich zu beweisen, und ebenso damit, dass sie nicht riskieren wollte, dass ihr ein weiteres Fahrzeug explodierte.
Also fuhr sie an diesem Mittag vor Roberts Werkstatt vor, um sich den Wagen, den die Chaostruppe von einem Gebrauchtwagenhändler gekauft hatte, genauer anzusehen.
Sie war mit ihrem Motorrad hergekommen, einem roten Enduro von Yamaha, dass sie bei normalen Einsätzen viel zu selten nutzen konnte. Dabei war es wahrscheinlich unauffälliger als ihr normaler Wagen.
Die Chaostruppe, so würde sie fortan die Gruppe der Neulinge nennen, die nun ihre Verantwortung waren. Wenn man sie fragte waren Spider und sein vermeintlicher Bruder Mik – beide kaum Älter als zwanzig – ein Beispiel von Dumm und Dümmer. Von allem, was sie gehört hatte, war Spider an der Idee mit dem Sprengstoff beteiligt gewesen, auch wenn es Mr Punches gewesen war, der das Zeug hatte hochgehen lassen.
Agent, der selbsternannte Superhacker, war ein alter Sesselfurzer – sie schätzte ihn auf Mitte Vierzig – mit einem Ego, dass an das von Michael heranreichte. Wenn man ihn fragte, war er wohl der Gruppenanführer. Vielleicht sollte sie ihn wegen der ganzen Explosion zur Rechenschaft ziehen.
Und dann war da Orion, der Meistermagier. Er hatte angeben wollen. Sie hatte ihn gelassen. Er war gescheitert. Sein Unsichtbarkeitszauber war nicht sonderlich unsichtbar, sein Charme bei weitem nicht so überzeugend, wie er es glaubte.
Zuletzt war da Heidenstein, aka „der Doc“. Er hatte geschwiegen, hatte beobachtet und hatte dann aus dem Nichts angeboten, sich um den Wagen zu kümmern, als sich Spider und sein Bruder gegenseitig darin übertrumpft hatten, wie dringend sie einen Wagen brauchten – am beste einen Transporter. Irgendwie hatte Michael es ihnen erlaubt.
Tja, und hier war sie.
Roberts kleiner Familienbetrieb, den er von seinem Vater übernommen hatte, war eine Mittelgroße Autowerkstatt. Sie hatten mehrere Plätze, mehrere Hebebühnen, um sich die Wagen anzuschauen und so war es ein leichtes, einen davon für einen kleinen Betrag zu mieten.
Der Geruch von Motoröl, Lack und Staub lag in der Luft.
Auf dem Parkplatz vor der Werkstatt stand bereits ein weißer Transporter, an dem ein Mann lehnte. Heidenstein. Also war er da geblieben. Was hatte sie erwartet?
Sie stieg von dem Motorrad ab, nahm den Helm ab und ging raschen Schrittes zu ihm hinüber. „Hast du lange gewartet?“, fragte sie und musterte Heidenstein, der eine Nachricht auf seinem Handy las.
Er sah auf; musterte sie. „Ah.“ Er zögerte. „Pakhet.“ Einmal blickte er sich um, schüttelte dann den Kopf. „Nein. Nicht besonders lang.“
„Gut.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist der Wagen?“
„Ja“, erwiderte er. „VW T6. Standard Transporter. Drei Jahre alt. Gehörte vorher offenbar einem Malereibetrieb.“
Ein weiteres Schulterzucken. So etwas musste sie nicht wissen. „Hast du eine Möglichkeit zur Firma oder“ – sie hielt kurz inne – „nach Hause zu kommen?“ Wenn er den Wagen hergefahren hatte, bräuchte er wohl jemanden, der ihn abholte.
„Nein“, erwiderte er. Auch er zögerte. „Ich dachte, ich könnte helfen.“
„Helfen?“
„Ich habe dich richtig verstanden, oder? Du willst den Wagen selbst reparieren, oder?“
Sie seufzte. Eigentlich hatte sie den Wagen mit Roberts Hilfe reparieren wollen. Immerhin wusste Robert was er tat – anders, als sie es von einem Arzt erwartete, wenn es um Wagen ging. Doch Robert wollte nicht in diese Sachen mit hineingezogen werden. Sie konnte es verstehen. „Hast du Ahnung von Automechnanik?“
„Ich kenne die Grundlagen“, erwiderte er.
„Und das heißt?“
„Ich weiß, wie man Zündkerzen austauscht. Ich habe Ahnung von üblichen Fehlern. Ich habe das ein oder andere Mal einen Jeep repariert.“
„Ah.“ Sie verkniff sich ein genervtes Stöhnen. „Und was ist mit Grundüberprüfung?“
Er schenkte ihr ein geübtes Lächeln. „Was soll damit sein?“
„Schon mal gemacht?“
„Nein. Aber ich dachte mir, du kannst mir die Grundlagen zeigen. Man lernt immer dazu.“
Na großartig. Also sollte sie selbst für ihn noch Lehrerin spielen? „Solche Services kosten normalerweise.“
„Und was könnte ich tun, um dafür zu bezahlen?“
„Das ist es ja“, erwiderte sie grimmig. „Nichts.“
„Zu schade.“ Er zuckte mit den Schultern. 
Pakhet wandte sich ab, als ihr doch etwas einfiel. „Vielleicht gibt es eine Sache“, erwiderte sie. „Warst du bei der Jungfernmission der Chaostruppe dabei?“
„Chaostruppe?“ Er hob eine Augenbraue hoch, schien aber sehr wohl zu verstehen. „Ja, das war ich tatsächlich. Mr Smith hatte mich als Backup mitgeschickt.“
„Gut.“ Sie wandte sich ab. „Dann erzähl mir, wie das ganze so schief gehen konnte und wir können darüber reden.“
„Deal“, erwiderte er, aber sie war bereits auf dem Weg zu Robert.
Sie brauchte den Schlüssel für das Tor zu der seitlichen Garage, die ebenfalls eine Hebebühne hatte, halbwegs aber vom Rest der Werkhalle getrennt war. Dort würde sie in Ruhe arbeiten können. Soweit in Ruhe zumindest, wie es der Doktor mit dem zu langen Namen zulassen würde. Worauf hatte sie eigentlich eingelassen?
Die Werkstatt unterschied sich nicht großartig von den meisten anderen. Sie bestand aus einer einzelnen großen Halle und zwei Garagen. Daneben fand sich ein kleiner Shop, hinter diesem ein Büro, von dem aus Robert arbeitete.
Zielstrebig schritt sie zum Shop und in diesem zur Tür neben der Kasse. Sie klopfte und wartete auf Roberts Antwort.
Schritte erklangen. Dann wurde die Tür geöffnet. „Hey, Jo.“ Robert lächelte sie an und deutete kurz eine Umarmung an. „Also, wo ist der Patient?“
Sie konnte sich den Witz nicht verkneifen. „Beim Doktor.“
Verwirrt schaute Robert sie an.
Mit einem leisen Seufzen erklärte sie: „Einer meiner Kollegen hat den Wagen hergebracht. Ein Medic. Doctor Heidenstein. Und er will eine Einweisung in die Grundlagen der Fahrzeugkontrolle, scheint mir.“
„Dann schick ihn weg“, erwiderte Robert nüchtern.
Sie zuckte mit den Schultern. „Er weiß etwas, was ich wissen will. Also habe ich ihm einen Deal angeboten.“
„Das wird nur zu Schwierigkeiten führen“, murmelte Robert und Joanne seufzte. 
„Wird es. Wahrscheinlich.“
Für einen Moment seufzte Robert. Dann griff er in sein Büro rein und holte einen Schlüssel hervor. „Hier.“
„Danke. Du bist ein Schatz.“
„Und du schuldest mir eine Pizza.“
„Darüber können wir reden.“ Sie zwinkerte ihm zu und brachte sogar ein mattes Lächeln zustande, ehe sie zur Tür lief und die Hand zum Abschied hob, ehe sie den kleinen Shop verließ.
Sie eilte zur Garage hinüber, wo sie den Tür in das Schloss neben dem schweren, automatischen Tor steckte und umdrehte.
Der Motor erwachte dröhnend zum Leben und hob das Tor an. Als es schließlich mit einem Knacken einrastete, winkte sie Heidenstein hinüber, der nickte, in den Wagen einstieg und ihn hineinfuhr.
Zumindest hatte er genug Kontrolle über den Wagen, als dass der kleine Transporter schon nach dem ersten Versuch auf den Schienen der hydraulischen Bühne stand.
„Mietest du die Garage?“, fragte er, als er ausstieg.
„Ja“, erwiderte sie. „Mr Forrester zahlt am Ende aber.“ Das war natürlich gelogen, doch Doctor Heidenstein musste das nicht wissen.

„Ah.“ Er seufzte, während sie den Wagen umrundete. Sie machte das Licht an und begann den Wagen von außen zu inspizieren. Zuallererst wollte sie sicher gehen, dass kein Blechschaden vorlag – nicht das dieser die Leistungsfähigkeit des Wagens beeinflusste.
Sie entdeckte auf Anhieb einige Kratzer im Lack. Das hieß, sie würden auf Dauer neu lackieren müssen. Vielleicht besser, denn wenn man genau hinsah konnte man sehen, wo einst das Logo der Malerei gewesen war.
„Mir ist eine Beule in der Kühlerhaube aufgefallen“, merkte Heidenstein an.
„Dazu komme ich gleich“, erwiderte sie. „Ich will erst einmal wissen, was auf dieser Mission schief gegangen ist.“
„In Ordnung.“ Er wirkte amüsiert und lehnte sich lächelnd an den Wagen. „Was weißt du?“
„Ich weiß so viel: Ihr solltet einen Ordner aus dem Büro in der Chemiefabrik stehlen. Ihr wurdet von Security überrascht. Jemand hielt es für eine tolle Idee, irgendetwas hochgehen zu lassen.“
Heidenstein schmunzelte. „Das ist arg vereinfacht ausgedrückt.“
Mittlerweile war sie bei der Kühlerhaube angekommen und sah, wovon er zuvor gesprochen hatte. An der rechten Seite war das Heck eingedellt. Wahrscheinlich war einmal jemand an einer Mauer oder vergleichbaren langgeschrabt. Man hatte mit einem Lackstift den Lackschaden notdürftig verdeckt.
Fuck. Dieses Fahrzeug war ein Wrack. Aber dafür war es wahrscheinlich billig gewesen.
„Erzähl“, meinte sie.
„Gut. Grundlegend hast du Recht. Wir sollten Informationen holen. Keinen Ordner. Daten von einem Rechner. Forschungsdaten. Mr Smith hatte extra etwas herausgesucht, für das man einen ITler brauchte.“
„ITler im Feld sind immer eine beschissene Idee“, murmelte Pakhet, während sie sich auf den Wagen stützte und dagegen drückte, um zu sehen, ob die Federn davon allein nachgaben.
Heidenstein ignorierte sie. „Wir sind ohne große Probleme reingekommen. Mik hat jemanden bequatscht, der dort arbeitet. Er hatte einen Schlüssel. Soweit also alles kein Problem. Spider, er, Punches und Agent sind rein. Orion und ich sind draußen geblieben. Erst schien alles wunderbar zu laufen, aber dann wurden sie von einem Hund entdeckt.“ Er machte eine dramatische Pause und brachte sie damit dazu, die Augen zu verdrehen, während sie zur Kontrolle der Bühne ging.
„Und dann?“
„Und dann haben sie den Hund erschossen“, erwiderte Heidenstein nüchtern. „Und haben damit noch mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Bevor wir draußen viel mitbekommen haben, hatten sie weitere Security gerufen. Wir wollten nachziehen, aber Mr Punches“ – sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er den Namen genau so albern fand, wie sie – „meinte, er hatte einen Plan.“
„Und dann Bumm?“, fragte sie.
„So in etwa. Sie haben noch etwas gerufen, dass wir sie in Richtung Stadtmitte treffen sollen. Und dann   … Dann ist das ganze Gebäude in die Luft geflogen. Offenbar haben sie das Sprengstoff im Lacklager deponiert.“
„Und wie sind die Idioten rausgekommen?“, fragte Pakhet.
„Kanalisation“, erwiderte Heidenstein.
„Lecker.“
„Absolut.“
Sie seufzte. „Und wer war es, der das Zeug hat hochgehen lassen?“
„Punches. Soweit ich es verstanden habe. Aber es war ein gemeinschaftlicher Plan.“
Wundervoll. Sie duckte unter den Wagen. Womit hatte sie das alles nur verdient?
„Und du machst das schon lange?“, fragte er, als er ihr unter den Wagen folgte und eine kleine Taschenlampe aus seiner Jacke hervorholte.
Mit Absicht tat sie, als würde sie ihn nicht verstehen. „Was?“
„Söldnerei“, erwiderte er.
Sie zuckte mit den Schultern. „Seit einer Weile.“ Es hatte ihn nicht zu interessieren. „Und du bist genau so neu, wie die Chaoten.“
„Kann man so nicht sagen“, erwiderte er.
„Das heißt?“
Er lächelte. „Wer weiß.“
Sie würde ihn nicht bedrängen. Es ging sie genau so wenig an, wie es umgekehrt der Fall war. „Also, Doc, was kannst du mir zu dem Wagen sagen?“
„Doc?“, meinte er.
„Doctor Heidenstein ist für einen Codenamen zu lang“, erwiderte sie. „Also, der Wagen.“
„Der Wagen ist deutlich mitgenommen“, meinte er. „Die Aufhängung ist ausgeleiert, das Blech an mehreren Stellen demoliert. Vor allem aber sind die Antriebswelle ziemlich mitgenommen. Und wenn du mich fragst, brauch der Motor allgemein ein wenig Zuwendung.“
Sie machte einen halb amüsierten Laut. „Das war besser als erwartet.“
„Ich habe doch gesagt, ich habe ein wenig Erfahrung.“ Damit warf er ihr ein kurzes Lächeln zu.
„Ich merke es.“
Er betrachtete. „Und Heidenstein ist zu lang? Schade.“
„Schade?“
„Ich dachte, der Name wäre amüsant.“
„Nun, du weißt schon, dass der Doktor Jekyll war und Hyde das Monster, oder?“, erwiderte sie. Zumindest war sie zu dem Schluss gekommen, dass Heidenstein eine Zusammensetzung von Hyde und Frankenstein war.
„Vielleicht wollte ich darauf hinaus“, meinte er. 
„Und was? Plötzlich wird der Doktor Grün?“
Er zuckte mit den Schultern, lachte aber leise. „Ich denke, das ist das falsche Universum.“

„Warum bringen wir ihn nicht einfach um?“, fragte Orion. „Er hat unsere Gesichter gesehen.“
Pakhet schloss die Augen und zwang sich tief durchzuatmen. „Weil wir explizit beauftragt wurden ihn morgen wieder gehen zu lassen.“
„Ja, und?“ Der Magier funkelte sie an. „Es war halt ein Unfall.“
Sie konnte nicht glauben, dass sie diese Diskussion führen mussten. Wie unprofessionell konnte man sein? Sie schnaubte. Gerne hätte sie ihm vorgehalten, dass ihre Auftraggeberin vom MI6 war, dass sie ernsthafte Probleme hätten, wenn sie diesen Auftrag vermasselten. Doch sie verkniff sich diese Bemerkung.
„Jetzt streitet euch doch nicht.“ Spider trat zwischen sie. Der gerade einmal 20jährige wirkte sehr jugendlich. Man hätte ihn äußerlich kaum für mehr als einen Teenager gehalten. Wahrscheinlich weil er unterernährt war. Er war hager, wirkte schlacksig und sein blondes Haar war so hell, dass es beinahe weiß wirkte. „Wir wurden beauftragt, ihn morgen laufen zu lassen, also lassen wir ihn morgen laufen.“
Für jemanden, der an dem Plan beteiligt war, das Gebäude in die Luft zu jagen, klang er ja fast vernünftig.
„Können wir mit ihm reden?“, fragte derweil Mik. Wie Spider war er dünn, wirkte aber kräftiger. Er konnte nicht mehr als Spiders Halbbruder sein, denn seine Haut war dunkel, sein Haar schwarz und kraus.
Pakhet musterte ihn. „Worüber?“
„Na, warum wir ihn überhaupt festhalten sollen“, meinte Mik. „Wäre doch interessant.“
„Wäre es nicht“, erwiderte sie kühl. „Es geht uns nichts an.“
„Fuck, Lady, du hast einen verdammten Stock im Arsch“, warf Orion ein.
„Und du hast gleich eine Kugel in der Schulter, wenn du nicht die Klappe hältst.“
Der Magier – selbst gerade einmal Mitte zwanzig, aber mit kurzem braunen Haar und ebenso kurzem braunen Goatie – gab ein verächtliches Geräusch von sich. Seinem Dialekt nach, war ursprünglich aus Australien. Warum hatte er hierher kommen müssen? „Muss ich mir echt etwas von einem Krüppel sagen lassen?“
Heidenstein, der die ganze Zeit bei ihrem vorübergehenden Gefangenen gesessen hatte, den sie mit auf den Rücken gefesselten Armen und mit einem Sack über den Kopf in der Ecke der Garage abgelegt hatten, stand auf. „Es reicht, Orion.“
„Sagt wer?“, erwiderte der Magier, der sich offenbar in Rage geredet hatte.
„Sage ich“, entgegnete Heidenstein sachlich und hatte die Hand an seiner Waffe.
„Oder was?“ Orion musterte ihn herausfordernd. „Sonst haust du mir einen Betäubungspfeil rein? Oh, ich zittere schon vor Angst.“
„Ich habe auch andere Sachen im meinem Repertoire. Willst du sie ausprobieren?“ Die Stimme des Medics klang freundlich, zuvorkommend. 
Es war ihm und seiner kleinen Pfeilpistole zu verdanken gewesen, dass sie den Mann, der unter dem Decknamen Sebastian McDall agiert hatte, überhaupt hatten stellen können. Denn ganz offenbar war McDall vorgewarnt gewesen, als sie gekommen waren. Da ihr Auftrag gewesen war, ihn nach Möglichkeit nicht zu verletzen, wäre es ohne den Betäubungspfeil weit komplizierter geworden. 
Pakhet war von der Pistole beeindruckt. Wenngleich das Gerät deutlich größer war, als eine übliche leichte Pistole, so hatte sie doch eine bessere Reichweite und Genauigkeit, als sie es in der Vergangenheit bei anderen Pfeilpistolen gesehen hatte. Sie fragte sich, woher er diese Waffe hatte.
Orion funkelte ihn an.
„Ich sage dir was“, meinte Pakhet und gab ihrer Stimme einen festen, aber auch leicht wütenden klang. „Entweder du spielst mit oder du gehst. Ich bin aktuell die Leiterin dieses Teams und habe keine Lust, mich mit deinen Kindereien abzugeben. Du kannst von mir aus gehen. Wir brauchen dich nicht mehr. Aber wenn du ihm“ – sie zeigte auf McDall – „nur ein Haar krümmst, dann kannst du froh sein, wenn ich nur dafür sorge, dass du gefeuert wirst.“ Sie starrte ihn für einen langen Moment an, wohl wissend. „Also: Bleib oder Geh. Aber halt dich an den Auftrag.“
Die untere Lippe des Magiers zitterte, als er sie aus seinen grauen Augen ansah. Er zog die Nase an, als wäre er angeekelt und für einen Moment glaubte sie, dass er etwas versuchen würde. Er beließ es bei einem wütenden Schnauben, drehte sich auf dem Absatz um und stampfte zur Tür der kleinen Garage, die zu einem verlassenen Firmengelände am Rand der Stadt gehörte. „Dann gehe ich, Bitch“, verkündete er und marschierte durch die Tür, um sie einen Moment später hinter sich zuzuknallen.
Sehr erwachsen.
Pakhet holte tief Luft und wandte sich Mik zu. „Und wir werden auch nicht mit ihm reden.“
Mik verdrehte die Augen und lehnte sich gegen die Werkbank am Rand der Garage. „Von mir aus.“
„Sonst noch jemand?“, fragte sie und schaute die verbleibenden drei an. Von Heidenstein erwartete sie keine Widerworte. Er schien ihr zuzustimmen. Anders sah es mit Agent aus.
Dieser saß jedoch mit seinem Laptop auf einem Campingstuhl und schenkte ihr keine größere Aufmerksamkeit.
Stille senkte sich über die Garage, ehe Spider die Hand hob, als wäre er in der Schule.
Sie seufzte. „Ja?“
„Wenn wir die Nacht über auf ihn aufpassen“, meinte er, „darf ich dann vorher etwas zu essen holen.“
Noch einmal schloss sie die Augen. Atmete durch. Seufzte. „Mach.“
Er grinste. Dann zögerte er.
„Was?“
Verlegen sah er sie an. „Kannst du mir etwas Geld leihen?“

Die Arme auf die Beine abgestützt, starrte sie geistesabwesend in den Raum, trank dabei einen Schluck.
Der Kaffee war bereits kalt. Verdammt. Sie hatte keine Kaffeemaschine mehr hier in ihrer Garage, wie früher einmal.
Sie verzog die Lippen und wandte sich den anderen zu.
Agent war vor einer Stunde aufgestanden und hatte gefragt, ob man ihn überhaupt brauchte. Die Antwort war „Nein“ gewesen. Daraufhin war er wortlos gegangen.
Spider und Mik saßen in der Fahrerkabine des Tranporters und schliefen.
Selbst McDall schien zu schlafen. Vielleicht tat er auch nur so. Sie wusste es nicht. Am Ende war es egal. Er lag still auf der dunklen Isomatte, auf der sie ihn abgelegt hatten. Pakhet konnte recht sicher sagen, dass er wie sie war. Er arbeitete auf Auftragsbasis. An sich lag ihm wenig an der Schwarzmarktauktion, von der sie ihn fernhielten. Wahrscheinlich hatte die Auftragsgeberin statt seiner einen Spitzel hingeschickt. Das war der logische Grund für ihren Auftrag.
Heidenstein saß nehmen ihr. Er war wach, hatte einen Notizblock herausgeholt und schrieb.
Er bemerkte ihren Blick und lächelte kurz. Er hatte das übliche, freundlich distanzierte Lächeln eines Arztes, schaffte es dabei dennoch eine gewisse Wärme auszustrahlen. Er wirkte zu weich für diese Arbeit.
„Was ist?“, fragte er.
Sie zuckte mit den Schultern. „Die Pistole. Darf ich sie mal sehen?“ Sie hatte bereits seit einer Weile überlegt danach zu fragen.
Sein Lächeln veränderte sich. Es wurde verschmitzt. „Sicher.“ Er griff zum Holster, das er an der Brust trug und holte die längliche Waffe heraus. „Hier.“
Sie nahm die Pistole entgegen. Sie hatte einen länglichen, runden Lauf, wie er bei älteren Revolvern üblich war. Der Rahmen war etwas breiter, um den Druckluftbehälter unter zu bringen, der für die Beschleunigung des Schusses sorgte. Am unteren Ende war eine seltsame Vorrichtung angebracht.
Pakhet nahm sie genauer in Augenschein. Es war ein Ventil, aber auch eine elektrische Schaltung, glaubte sie. Sie hatte eine Ahnung, wofür es gedacht sein könnte. Befüllung des Druckbehälters?
Halb unter den Lauf angebracht war ein kleines Magazin. Sie kannte die hier verwendete Mechanik. Natürlich baute sie auf demselben System auf, wie normale Magazine, doch es schien, als sei es ein modifiziertes Magazin von einer dieser Spielzeugwaffen, die Styroporbolzen verschossen.
Gar nicht so dumm. Es war ein wenig zu groß, doch allgemein lag die Waffe erstaunlich gut in der Hand. Sie schien größtenteils aus Plastik zu sein. Weiß noch dazu. Wahrscheinlich würde eine einfache Kontrolle es wirklich für ein Spielzeug halten.
„Nicht schlecht“, stellte sie fest und hob die Waffe probehalber. Sie musste irgendwie beschwert sein, um keinen zu starken Vorwärtsdrall durch den langen Lauf zu haben. „Woher?“
Heidenstein lächelte geheimnisvoll und streckte die Hand aus, um die Waffe zurück zu nehmen.
Pakhet verdrehte die Augen und nahm wieder den Kaffee auf, den sie auf dem Boden abgestellt hatte. Wenn er nicht reden wollte, würde sie ihn nicht zwingen.
Er ließ ein leises Lachen hören. „Marke Eigenbau“, kommentierte er.
Überrascht warf sie der Waffe einen Blick zu. „Wirklich?“ Die Waffe war intelligent gebaut.
„Ja“, erwiderte er.
Sie nickte anerkennend. „Wow.“ Dann zögerte sie. Sie trank einen Schluck. „Warum?“
„Sagen wir es so“, meinte er, „ich bevorzuge es nicht unnötig zu töten.“
„Falscher Job“, murmelte sie.
Er zuckte mit den Schultern, lächelte aber. „Vielleicht auch genau der richtige.“
Sie musterte ihn. Wie auch immer er dazu gekommen war, ausgerechnet als Medic hier zu arbeiten. Er schien nicht die richtige Person dafür zu sein. Aber er hatte zuvor Orion widersprochen. Dafür hatte er ihren Respekt.
Kurz überlegte sie. „Könntest du so eine Waffe noch einmal bauen?“ Die Pistole faszinierte sie.
Ein weiteres Schulterzucken war seine Antwort. Sein Lächeln wurde zu einem weichen Grinsen. „Sicher.“
„Wie viel?“, fragte sie.
Wieder lachte er und überlegte. „Dreihundert. Inklusive Erstausstattung.“
„Deal.“ Sie wandte sich ihm halb zu und streckte ihre Hand aus.
Weiterhin lachend nahm er ihre Hand, musterte sie dabei. „Darf ich dich etwas fragen?“, meinte er schließlich.
Sie ahnte, worauf er hinauswollte. „Hat es mit dem Arm zu tun?“
Kurz schürzte er die Lippen, nickte jedoch. „Ja.“
Pakhet seufzte. Sie wich seinem Blick aus. „Dann nein.“

Die Waffe war leicht. Beinahe zu leicht für Pakhets Bedarf. Es war ungewohnt damit zu zielen. Die Tatsache, dass die Pfeile bei weitem nicht dieselbe Geschwindigkeit erreichten, wie normale Kugeln taten, machte es schwerer.
Deswegen übte sie.
Heidenstein hatte sich ihren Respekt für diese Waffe verdient, wenn er sie wirklich selbst gebaut hatte.
Sie kam dennoch nicht umher sich zu fragen, wieso er überhaupt hier arbeitete, ja, sogar mit aufs Feld zog, wenn er solche Fertigkeiten hatte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass das Militär daran Interesse hätte. Er könnte damit Geld machen. Mehr Geld, als mit Söldnerarbeit. Also. Wieso?
Am Ende ging es sie nichts an. Sie sollte nicht weiter darüber nachdenken. Es ging sie nichts an.
So leerte sie ihre Gedanken und konzentrierte sich auf das Ziel, das aktuell in fünfzig Metern Entfernung errichtet war. Sie hob die Waffe, justierte etwas weiter nach links und schoss.
Der Pfeil blieb zwei Ringe vom Zentrum entfernt im Styropor stecken.
Nicht gut genug.
Sie holte tief Luft. Justierte erneut. Atmete aus. Schoss.
Ein Ring vom Zentrum entfernt, genau auf der schwarzen Linie. Noch immer nicht gut genug, aber besser.
Sie senkte die Waffe, musste neue Darts nachfüllen. Das mit fünf Pfeilen Umfang sehr kleine Magazin war ein definitiver Nachteil der Waffe.
Die Tür zum Schießstand wurde geöffnet. Schritte verrieten, dass jemand den Raum betreten hatte.
„Neues Spielzeug?“ Das war Michaels Stimme.
Sie ließ ein genervtes Seufzen hören, antwortete nicht. Stattdessen hob sie die Waffe erneut. Luft holen. Zielen. Ziel justieren. Ausatmen. Schießen.
Dieses Mal lag sie mitten im inneren Ring.
„Was ist das für eine Waffe?“, fragte Michael und trat hinter sie.
„Pfeilpistole“, erwiderte sie leise. Wieder senkte sie die Waffe und sah Michael an. „Was machst du hier?“
„Ich wollte nur hören, wie es dir mit deiner kleinen Chaostruppe ergeht“, meinte er und lehnte sich gegen eine der Barrieren, die eine Schießbahn von dem Rest des Raums trennte. Er verschränkte die Arme und grinste sie an. Er hatte seine Krawatte offenbar gelockert, bevor er herunter gekommen war. „Leise Waffe. Gefällt mir. Aber nur ein Spielzeug, hmm?“
Sie seufzte. „Die Chaostruppe ist chaotisch.“
„Wunderbar“, erwiderte er strahlend.
„Fick dich, Michael“, meinte sie. Probehalber hob sie die Waffe, als wolle sie auf ihn schießen. Da die Darts aktuell nicht mit Gift gefüllt waren, würde sie ihn nicht wirklich verletzen – selbst wenn sie schießen würde.
„Vorsicht, wohin du damit zielst, meine Liebe.“ Er zwinkerte ihr zu.
„Wie lange soll ich mich noch mit diesen Idioten abgeben?“
„Nun, der gute Smithy hat einen Plan für die Idioten“, erwiderte Michael. „Einen wirklichen Einsatz. In drei Monaten.“
Sie ließ die Waffe sinken und starrte ihn entgeistert an. „Du willst, dass ich die Truppe für drei Monate babysitte?“
„Ja.“ Michael grinste sie an.
„Warum?“
„Vielleicht, weil ich glaube, dass du die einzige bist, die es kann“, erwiderte er süffisant. „Vielleicht aber auch“ – seine Stimme wurde tiefer, warnend – „weil ich dir eine Lektion erteilen will, Joanne. Du bist mir in letzter Zeit zu aufmüpfig.“
„Ich war immer schon so aufmüpfig“, entgegnete sie.
„Dann ist die Lektion vielleicht schon lange über“, meinte er und lächelte. „Wie gesagt, nur vielleicht.“ Damit stieß er sich von der Absperrung ab und wandte sich zum gehen.
Sie stöhnte genervt auf. „Hey, Michael. Was für eine Mission?“
„Frag Smithers“, meinte Michael in einem fröhlichen Singsang.
„Fick dich, Michael“, rief sie ihm hinterher, woraufhin er in der Tür stehen blieb.
„Sagen wir es einmal so: Was ganz besonderes. Geheimes Forschungslabor. Richtig spannend.“ Er zwinkerte und verschwand damit durch die Tür. „Noch einen schönen Tag“, klang seine Stimme, ehe die Tür gänzlich schloss.
Pakhet seufzte und sah auf die Waffe in ihrer Hand. Verdammt. Betriebsspionage? Geheimes Labor? Nie im Leben würde sie die fünf Chaoten innerhalb von drei Monaten dazu bekommen. Sie würden sterben. Und wenn sie Pech hatte sie gleich mit ihnen. Oh, war ihr Leben nicht wunderbar?
„Fick dich, Michael“, zischte sie der Tür zu, ehe sie sich wieder dem Schießtraining zuwendete.

A/N: Dieses Kapitel spielt auf dieselbe Sache an, um die es auch in Wunschlos geht. Schaut doch mal bei der Geschichte vorbei!

 

Ein dünner Lichtstrahl fiel durch den Spalt zwischen den Vorhängen. Er malte einen dünnen, bläulichen Strich auf den hellen Teppichboden des Hotelzimmers.
Von draußen drang die Musik einer Diskothek bis hierher hinauf. Die Fenster waren kaum gegen Lärm isoliert, so dass sogar das Gespräch ein paar Angetrunkener auszumachen war, das sich offenbar unten auf der Straße abspielte. Es störte Pakhet nicht.
Noch einmal blickte sie sich zu dem Mann, der auf dem Hotelbett hinter ihr lag, um. Er war nicht viel jünger als sie. Ein Sekretär, hatte er gesagt. Sekretär mit Aufstiegsambitionen. Sie glaubte nichts, das daraus viel werden würde, doch sie hatte es ihm nicht gesagt. Es ging sie nichts an. Sie traf sich nicht mit Leuten, um mit ihnen zu reden.
Jetzt schlief er den Schlaf der Selbstgerechten. So oder so ähnlich. Er war eingeschlafen. Wie so viele.
Das machte es leichter.
Sie hob ihren BH vom Boden auf – nicht, dass sie wirklich einen brauchte, da ihre Oberweite kaum vorhanden war. Sie bevorzugte es dennoch einen zu tragen. Normalerweise jedoch sportlichere Modelle als dieses.
Sie zog ihn sich an, hob dann ihre Unterhose auf und schlüpfte auch in diese. Dann stand sie auf.
Sie war hierher, nach Camps Bay, gekommen, um Ablenkung zu suchen und hatte sie gefunden. Es gab diese Tage, an denen sie Ablenkung brauchte. Ablenkung vom Job. Ablenkung von ihrem normalen Leben. Im Moment Ablenkung von der verdammten Chaostruppe, die sie weiterhin babysittete.
Es war ein verdammtes Wunder, dass sie noch lebten.
Gut, sie hatten die meiste Zeit trainiert. Was bedeutete, dass sie vor allem Spider und Mik trainiert hatte. Agent beharrte darauf, dass er physisches Training nicht brauchte. Orion war ein Arschloch. Und auch wenn sie feststellte, dass sie Heidenstein respektieren konnte, so war auch er nicht angetan von der Aussicht auf Ausdauertraining. Schusstraining? Sicher. Bisher war er jedoch auf mysteriöse Weise angerufen worden, wann auch immer sie versucht hatte, die Truppe zum Fitnesstraining zu bekommen.
Und verdammt, die fünf konnten nervig sein. 
Agent tat, als stünde er über allem. Orion hatte ein Ego, mit dem seine reale Performance nicht mithalten konnte. Mik war ein Besserwisser. Und Spider verhielt sich eher, wie ein Zwölfjähriger. Zumindest war er begeisterungsfähig und gehorchte meistens.
Fakt war: Sie hatte Ablenkung gebraucht. Sie hatte Ablenkung gefunden.
Selbst für sie war es leicht. Sie war nicht hässlich, aber zu kräftig, zu hager, zu groß, um als hübsch zu gelten. Und sie trug eine Prothese, selbst wenn viele diese dank Schminke und einem matten Glamour, der in einen Armreif gebunden war, nicht einmal bemerkten. Meistens kam es darauf nicht an, wenn man wusste, wie man auftrat. Sie hatte viele Jahre damit verbracht, ihr Auftreten zu perfektionieren. Es war Teil ihres Jobs.
Nun zog sie die schwarze Seidenbluse über und fühlte sich damit dennoch halb nackt. Sie hasste es, etwas zu tragen, dass sie vor Angriffen nicht schützte.
Was sollte sie tun? Der Wagen war nahe geparkt.
Sie schlüpfte in die enge Hose, dann in ihre Schuhe und drehte sich ein letztes Mal zu dem dunkelhaarigen Mann zurück. Er schlief noch immer selig. 
Sie zuckte mit den Schultern, hob ihre Handtasche auf und ging.

Der Mann stöhnte vor Schmerzen und streckte die Hand nach ihr aus. „Okay, verdammt“, presste er hervor. „Ihr könnt das Mädchen haben, wenn ihr mir nur helft, zu einem Krankenhaus zu kommen.“
Pakhet musterte ihn. Sie war sicher, dass der deutlich übergewichtige Mafioso nicht schwer verwundet war. Schmerzhaft, ja, aber nicht schwer. Sie sah sich jedoch nicht verpflichtet, ihm das mitzuteilen. „Deal“, meinte sie und kniete sich neben ihn. Sie wollte ihn auf die Seite hieven, um ihn zum einen in der stabilen Seitenlage zu haben und zum anderen seinen blutenden Arm besser ansehen zu können, als ein Schuss erklang.
Blut spritzte und sie brauchte einen Moment zu erkennen, dass der Ursprung des Blutes der Kopf des Mannes war.
Ein letztes Zucken ging durch seinen Körper, dann war er tot. Ein rotes, unförmiges Loch zierte die Seite seiner Stirn.
„Was zur Hölle  …“, begann sie und hob den Blick. 
Orion stand mit hartem, bleichen Gesicht neben dem Toten, die Waffe in der Hand und wandte sich jetzt dem nächsten Verletzten zu, der nach dem Kampf zu Boden gegangen war.
„Orion“, knurrte Pakhet und stand auf. Sie legte die Hand auf die eigene Pistole. „Lass die Waffe fallen! Jetzt!“
Der junge Magier zitterte, das Gesicht seltsam verzerrt. „Du kannst mir nichts vorschreiben.“ Er drückte ab. 
Der halbohnmächtige Ganger stöhnte, als die Kugel ihn im Brustraum traf. 
Orion schoss erneut, traf ihn dieses Mal in die Seite des Kopfes.
Was zur Hölle tat er da? Was versuchte er?
Wut durchströmte Pakhet und sie zog ihre eigene Waffe. Sie zielte auf ihn. „Hör mir zu. Du lässt deine Waffe fallen und hebst deine Hände hoch.“
Er warf ihr einen kühlen Blick zu. „Oder was? Du wirst mich nicht erschießen, Bitch. Du hast sogar versucht, diesen Abschaum nicht zu töten.“
Das stimmte. Natürlich. Sie tötete nicht, wenn es sich nicht vermeiden ließ und ihr Auftrag es nicht verlangte. Seit Jahren nicht mehr. Sie bereute nur nicht, wenn sie dennoch tödlich traf. 
„Orion!“
Sie standen auf einem Parkplatz hinter einem alten Restaurant am Ende der Riebeek Street. Der Boden war noch nass von einem kurzen Regenschauer am Mittag, auch wenn das Wetter wieder trocken war. Es war dämmrig, aber noch nicht dunkel.
Verdammt, das hätte eigentlich eine einfache Mission sein sollen. Sie waren in Kapstadt. Es war eine Standardmission: Sorgt dafür, dass die örtliche Mafia-Truppe das zur Erpressung entführte Mädchen gehen lässt. Einfach. Es war auch alles nach Plan verlaufen – selbst wenn weder Orion, noch Spider oder Mik eine große Hilfe gewesen waren.
Auch jetzt hockten Spider und Mik hinter einem alten Nissan, dessen Kühlerhaube von acht oder neun Einschusslöchern geziert wurde.
Um sie herum: Drei tote Männer. Ein weiterer Verwundeter. Und eine junge Frau, die ihre Waffe hatte fallen lassen und nun auf dem Boden kniete. Sie zitterte, als Orion als nächstes auf sie zielte.
Fuck. Der Idiot würde sie erschießen. Aus Mordlust? Aus Panik? Aus Rache? Was wusste sie schon? Alles, was sie wusste, war, dass sie es verhindern musste. 
Und doch   …
Wenn sie auf ihn schoss, konnte sie ihn töten.
Wenn sie ihn waffenlos angriff, wäre sie zu langsam, um die Frau zu retten.
Also musste sie seinen Tod in Kauf nehmen, wenn sie die Frau retten wollte.
Es sei denn   …
„Lass mich einfach in Ruhe, Bitch“, knurrte er und machte einen weiteren Schritt auf die nun weinende Frau zu.
Mit einer ruhigen Bewegung gab Pakhet ihre Pistole in die linke Hand und griff zum zweiten Holster an ihrer Brust. Die Waffe, die Heidenstein gebaut hatte. Sie hatte Betäubungsdarts geladen, hatte sie bisher jedoch nicht an einem lebenden Subjekt ausprobiert. So würde Orion die Ehre zukommen.
Sie zog die Waffe, als Orion einen weiteren Schritt auf die Frau zustolperte.
Sein Finger spannte sich auf dem Abzug an.
Dann schoss sie. Der Dart traf ihn im Nacken. 
Für einen Moment blieb Orion stehen. Dankbarerweise drückte er nicht ab, wandte sich stattdessen zu ihr um. „Was zur Hölle   …?“ Er griff nach dem Dart. „Bitch.“ Seine Hand begann zu zittern, als er den Dart betrachtete. Seine Waffe fiel zu Boden. Er schwankte. Für einige Sekunden kämpfte er, machte einen wackeligen Schritt auf sie zu. „Bitch“, wiederholte er. Dann kippte er um,
Pakhet atmete auf und hastete zu ihm hinüber. „Spider!“, rief sie und kickte die Waffe in Richtung des Wagen, hinter dem die beiden anderen sich versteckten.
Sofort sprang Spider hervor. „Jawohl!“
Dann bückte sich Pakhet zu Orion hinab, fühlte seinen Puls.
Er war schwach und unregelmäßig. Vielleicht hatte sie zu stark dosiert.
Sie blickte zu der jungen Frau. „Lauf weg“, wies sie sie an. Sie hatte keine Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen und wenn sie zu einer Familie gehörte, hatte sie fraglos eine Zuflucht.
Die junge Frau nickte. Sie stand auf. Dann lief sie.

Der Mann stöhnte vor Schmerzen und streckte die Hand nach ihr aus. „Okay, verdammt“, presste er hervor. „Ihr könnt das Mädchen haben, wenn ihr mir nur helft, zu einem Krankenhaus zu kommen.“
Pakhet musterte ihn. Sie war sicher, dass der deutlich übergewichtige Mafioso nicht schwer verwundet war. Schmerzhaft, ja, aber nicht schwer. Sie sah sich jedoch nicht verpflichtet, ihm das mitzuteilen. „Deal“, meinte sie und kniete sich neben ihn. Sie wollte ihn auf die Seite hieven, um ihn zum einen in der stabilen Seitenlage zu haben und zum anderen seinen blutenden Arm besser ansehen zu können, als ein Schuss erklang.
Blut spritzte und sie brauchte einen Moment zu erkennen, dass der Ursprung des Blutes der Kopf des Mannes war.
Ein letztes Zucken ging durch seinen Körper, dann war er tot. Ein rotes, unförmiges Loch zierte die Seite seiner Stirn.
„Was zur Hölle  …“, begann sie und hob den Blick. 
Orion stand mit hartem, bleichen Gesicht neben dem Toten, die Waffe in der Hand und wandte sich jetzt dem nächsten Verletzten zu, der nach dem Kampf zu Boden gegangen war.
„Orion“, knurrte Pakhet und stand auf. Sie legte die Hand auf die eigene Pistole. „Lass die Waffe fallen! Jetzt!“
Der junge Magier zitterte, das Gesicht seltsam verzerrt. „Du kannst mir nichts vorschreiben.“ Er drückte ab. 
Der halbohnmächtige Ganger stöhnte, als die Kugel ihn im Brustraum traf. 
Orion schoss erneut, traf ihn dieses Mal in die Seite des Kopfes.
Was zur Hölle tat er da? Was versuchte er?
Wut durchströmte Pakhet und sie zog ihre eigene Waffe. Sie zielte auf ihn. „Hör mir zu. Du lässt deine Waffe fallen und hebst deine Hände hoch.“
Er warf ihr einen kühlen Blick zu. „Oder was? Du wirst mich nicht erschießen, Bitch. Du hast sogar versucht, diesen Abschaum nicht zu töten.“
Das stimmte. Natürlich. Sie tötete nicht, wenn es sich nicht vermeiden ließ und ihr Auftrag es nicht verlangte. Seit Jahren nicht mehr. Sie bereute nur nicht, wenn sie dennoch tödlich traf. 
„Orion!“
Sie standen auf einem Parkplatz hinter einem alten Restaurant am Ende der Riebeek Street. Der Boden war noch nass von einem kurzen Regenschauer am Mittag, auch wenn das Wetter wieder trocken war. Es war dämmrig, aber noch nicht dunkel.
Verdammt, das hätte eigentlich eine einfache Mission sein sollen. Sie waren in Kapstadt. Es war eine Standardmission: Sorgt dafür, dass die örtliche Mafia-Truppe das zur Erpressung entführte Mädchen gehen lässt. Einfach. Es war auch alles nach Plan verlaufen – selbst wenn weder Orion, noch Spider oder Mik eine große Hilfe gewesen waren.
Auch jetzt hockten Spider und Mik hinter einem alten Nissan, dessen Kühlerhaube von acht oder neun Einschusslöchern geziert wurde.
Um sie herum: Drei tote Männer. Ein weiterer Verwundeter. Und eine junge Frau, die ihre Waffe hatte fallen lassen und nun auf dem Boden kniete. Sie zitterte, als Orion als nächstes auf sie zielte.
Fuck. Der Idiot würde sie erschießen. Aus Mordlust? Aus Panik? Aus Rache? Was wusste sie schon? Alles, was sie wusste, war, dass sie es verhindern musste. 
Und doch   …
Wenn sie auf ihn schoss, konnte sie ihn töten.
Wenn sie ihn waffenlos angriff, wäre sie zu langsam, um die Frau zu retten.
Also musste sie seinen Tod in Kauf nehmen, wenn sie die Frau retten wollte.
Es sei denn   …
„Lass mich einfach in Ruhe, Bitch“, knurrte er und machte einen weiteren Schritt auf die nun weinende Frau zu.
Mit einer ruhigen Bewegung gab Pakhet ihre Pistole in die linke Hand und griff zum zweiten Holster an ihrer Brust. Die Waffe, die Heidenstein gebaut hatte. Sie hatte Betäubungsdarts geladen, hatte sie bisher jedoch nicht an einem lebenden Subjekt ausprobiert. So würde Orion die Ehre zukommen.
Sie zog die Waffe, als Orion einen weiteren Schritt auf die Frau zustolperte.
Sein Finger spannte sich auf dem Abzug an.
Dann schoss sie. Der Dart traf ihn im Nacken. 
Für einen Moment blieb Orion stehen. Dankbarerweise drückte er nicht ab, wandte sich stattdessen zu ihr um. „Was zur Hölle   …?“ Er griff nach dem Dart. „Bitch.“ Seine Hand begann zu zittern, als er den Dart betrachtete. Seine Waffe fiel zu Boden. Er schwankte. Für einige Sekunden kämpfte er, machte einen wackeligen Schritt auf sie zu. „Bitch“, wiederholte er. Dann kippte er um,
Pakhet atmete auf und hastete zu ihm hinüber. „Spider!“, rief sie und kickte die Waffe in Richtung des Wagen, hinter dem die beiden anderen sich versteckten.
Sofort sprang Spider hervor. „Jawohl!“
Dann bückte sich Pakhet zu Orion hinab, fühlte seinen Puls.
Er war schwach und unregelmäßig. Vielleicht hatte sie zu stark dosiert.
Sie blickte zu der jungen Frau. „Lauf weg“, wies sie sie an. Sie hatte keine Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen und wenn sie zu einer Familie gehörte, hatte sie fraglos eine Zuflucht.
Die junge Frau nickte. Sie stand auf. Dann lief sie.

Die Zeit sickerte nur schwerfällig dahin. Im Behandlungsraum hing eine Uhr, deren Minutenzeiger jedes Mal ein lautes „Tock“ erklingen ließ. Wie konnte man so arbeiten?
Pakhet hatte die Beine übereinandergeschlagen und wartete. Sie wartete, dass Orion wieder aufwachte. Heidenstein hatte ihm ein Gegenmittel gegeben, das gegen die Überdosis wirken sollte. Er hatte jedoch auch gesagt, dass es dauern konnte, bis der Magier aufwachte.
Oh, wie sehr Magier sie doch immer wieder nervte. Sie waren selten genug, als dass diejenigen von ihnen, die ihren Weg in die Söldnerei gefunden hatten, einen Kopf zu groß für ihre Schultern besaßen. Nicht wenige von ihnen waren zudem auf die eine oder andere Art und Weise durchgeknallt. Kam wohl mit dem Feld.
Deswegen bevorzugte sie es nicht mit ihnen zu arbeiten. Zu unverlässlich. Zu unvorhersehbar. Unvorhersehbare Objekte gefährdeten eine Mission.
Sie nippte an ihrem Kaffee. Heidenstein war im Nachbarraum, um seinen nächsten Patienten zu behandeln.
Zur Hölle, wie lange würde es dauern, bis der Magier aufwachte? Sie wollte nach Hause, wollte sich ausruhen. Das war zu viel.
Aber aktuell war alles zu viel.
Was hätte sie nicht für eine einfache Mission allein gegeben?
Ein schmerzerfülltes Stöhnen breitete sich im Raum aus. Orions Hand zuckte, ließ die Handschellen klirren, mit denen sie ihn an die Liege gefesselt hatte.
Sie hatte zudem seine Augen verbunden. Magier zauberten entweder auf Berührung oder auf Sicht. Solang er sich nicht auf sie konzentrieren konnte, sollte es ihm schwer fallen, einen Zauber auf sie zu legen Auch wenn er nicht kompetent war: Sie wollte nichts riskieren. Gegen einen Zauber half auch ihre Weste nicht viel.
Langsam wurde Orion sich seiner Situation bewusst. Er spannte die Arme an, kämpfte gegen die Handschellen an. Sie hatte zwei Paar verwendet. Eins links, eins rechts.
Jetzt strampelte er mit seinen Beinen. „Fuck“, murrte er.
Das war wohl ihr Stichwort.
Sie stellte den Kaffee auf dem Schreibtisch neben der Zimmertür, an dem sie gesessen hatte, stand auf. „Guten Morgen, Orion.“ Einen leicht zynischen Unterton konnte sie sich nicht verkneifen.
Er hielt in seiner Bewegung inne, legte dann den Kopf auf die Seite, als wollte er sie erspähen. „Pakhet?“
Sie antwortete nicht.
Er knurrte. „Fuck. Bitch. Fick dich, Bitch.“
„Ich sehe, deine Manieren sind immer noch nicht besser geworden“, erwiderte sie.
„Was hast du gemacht? Verfluchte Hure, mach mich los!“
Sie kam nicht umher leicht zu grinsen. Ein sadistischer Teil ihrer Selbst genoss diese Situation. „Deine Flüche verbessern deine Situation nicht, mein Lieber.“
„Was willst du denn von mir?“
„Ah, ich sehe, du kommst direkt zum Punkt“, antwortete sie. Sie seufzte und griff nach ihrer Pistole, die noch immer in dem Holster an ihrem Gürtel hing. „Was ich will, ist relativ leicht.“
Wieder knurrte er, wartete aber auf ihre nächsten Worte.
„Zum ersten will ich wissen, was heute Nachmittag passiert ist.“ Sie sprach langsam, beobachtete seine Körperhaltung dabei. Auch wenn sie ihn nicht für fähig hielt und die Benommenheit von der Betäubung es schwerer für ihn machen sollte, sich zu konzentrieren, war es nicht auszuschließen, dass er sich mit Magie befreite. „Warum hast du die Leute erschossen?“
„Das geht dich nicht an, verfickte Hure“, erwiderte er.
Sie hob ihre Waffe, zog die Sicherung langsam zurück, auf die Art, dass auch er das Knacken deutlich würde hören können.
„Mach mich los!“, versuchte er es noch einmal.
Pakhet hatte nicht vor ihn zu erschießen, doch das musste er nicht wissen. Probehalber hob sie die Waffe, richtete sie in seine Richtung. Konnte er es wahrnehmen?
Einige Sekunden verstrichen. Ein lautes Tock verkündigte, dass eine weitere Minute verstrichen war.
„Okay, verdammt“, knurrte er schließlich. „Ich habe Schulden bei den Palazzolo. Wenn die mitbekommen, dass ich hier bin ...“
„Dann werden die dich umbringen lassen?“, schloss Pakhet.
Ein wütendes Schnauben. „Aber ich nehme an, jetzt wissen sie es. Dank dir, Bitch.“ Er atmete einige Male tief durch, ehe er in Frustration aufschrie. „Fuck!“
Nun, diese Information kam ihr entgegen.
Das sollte die folgende Aufforderung leichter machen.
„Nun“, sagte sie nüchtern, „ich denke, dann können wir uns darauf einigen, dass es besser für uns beide ist, wenn du Kapstadt verlässt. Was denkst du?“
Ein weiteres Stöhnen. Er knurrte. Irgendwie erinnerte er mehr an einen Hund, als einen Magier. Doch was wusste sie schon. Vielleicht war er ja von einem Hundegeist besessen. „Fick dich, Bitch?“
Sie verdrehte die Augen, auch wenn er es nicht sehen konnte. Sie wusste bereits, dass sie das hier gewinnen würde. Er musste hier weg.
Vorsichtig legte sie die Mündung der Waffe auf seine Stirn. „Orion. Du hast genau drei Möglichkeiten: Entweder du bleibst, gehst mir weiter auf den Senkel und wartest, bis ich genug habe und dich töte. Oder du bleibst, bis dich die Palazzolo finden oder dich irgendwer“ - wahrscheinlich sie selbst - „an sie verrät. Oder du nimmst deine Beine sprichwörtlich in die Hand und verduftest. Geh nach Joburg. Geh irgendwohin. Mir egal wohin. Versuch es da noch mal von vorne. Aber geh.“
Er bewegte den Kopf weg, als er die Kälte des Metalls spürte. Die Oberlippe wütend hochgezogen und den Kiefer angespannt, schwieg er für eine Weile.
Tock. Eine weitere Minute.
„Orion“, flötete sie. „Was sagst du?“
Er schnaubte wütend, fauchte. „Ganz wie du willst, Hure. Aber sei dir dessen bewusst ...“
„Dass ich mir einen Feind gemacht habe, den ich fürchten sollte?“, ergänzte sie und lachte. „Glaub mir. Du bist nicht der erste.“

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Autor

NelaNequins Profilbild NelaNequin

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Kapitel:13
Sätze:1.212
Wörter:13.400
Zeichen:79.160

Kurzbeschreibung

Joanne. Pakhet. Vor sieben Jahren gab sie ihren alten Namen, ihr altes Leben auf, zog nach Südafrika, wurde zur Söldnerin. Seither ist ihre Welt verrückter, ihr Leben jedoch kontrollierter geworden. Sie weiß was sie tut. Sie ist gut darin. Sie gehört zu dsen besten, hat Ansehen unter ihresgleichen, Geld. Sie ist frei … Solange sie für Michael arbeitet. Ein weiterer Streit mit ihm bringt seine Rache, die nicht so läuft, wie geplant. Beauftragt ein Team Neulinge für einen Auftrag vorzubereiten, gerät Pakhet nur weiter mit ihrem „Chef“ aneinander. Denn in dem Team Neulinge findet Pakhet, was sie am dringendsten gebraucht hat: Zwei Freunde. Doch das führt nur zur weiterer Rache und einem Auftrag, bei dem nicht nur ihr Leben und ihre Freiheit

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Action, Thriller und Drama gelistet.