Storys > Geschichten > Fantasy > Aschenregen

Aschenregen

154
2
25.9.2018 14:45
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Homosexualität
Bisexualität
Asexualität
In Arbeit

Linus Färber befestigte gerade die Takelage am Klüverbaum, als in der Stadt auf der gegenüberliegenden Uferseite die Rathaushalle explodierte. Als Linus das Seil aus den Händen rutschte und ihm synchron dazu der Mund offen stand, hätte die Detonationswelle den kleinen Fischkutter bereits zum Kentern bringen müssen. Eine gewöhnliche Explosion hätte dies nie im Leben geschafft. Form und Farbe jedoch waren selbst im Dunkeln der Nacht sehr gut sichtbar und wiesen darauf hin, dass es sich nicht im entferntesten um eine gewöhnliche Explosion handelte, viel mehr war es eine magischen Ursprungs. Linus wusste nicht, wie sie funktionierten. Aber um der Macht deren Detonationswellen wusste er gut Bescheid.

Wie auch immer, die Welle erreichte sie nicht. Verpuffte kurz vor der Grenze zum anderen Kontinent. Der Fischkutter schwankte in der Stille der ruhigen See, so wie zuvor auch.
Ungläubig starrte Linus geradeaus, starrte die Stadt Sysdale an und wie ihr Zentrum brannte. Häuser waren eingestürzt, aus ihnen hervor ragten lodernde Flammen.

„Himmel, Arsch und Zwirn.“ Kaspar Schuchard war an Deck erschienen und Linus schaute zu ihm, wie er sich die Stirn rieb. Schweißperlen hatten sich auf dieser gebildet - Schuchard schwitze immer sehr schnell - und in ihnen spiegelte sich das Feuer von Sysdale.

Auch Linus' andere Kollegen hatten aufgeschaut, die beiden Frauen Falk und Frieda hatten ihre Aufgabe, die Netze zu verstauen, unterbrochen. Ein Moment der Stille zog ein, auf allen acht Metern vom Bug bis zum Heck.

„Was ist mit Bosch, wo steckt der Kapitän?“, fragte sich Linus, sagte aber nichts, starrte nur.

„Was war'n das?“ Schuchard schaute mit zusammen gezogenen Augenbrauen hin und her.

„Feuer, wie du siehst.“ Falk seufzte laut, dann ging sie ihrer Arbeit wieder nach.

„Aber nein, nein.“ Der junge Mann fuchtelte mit den Händen. „Nein, ich meine, was war'n das?“

Falk reagierte nicht weiter. Linus schwieg nach wie vor. Sein Blick hing am Feuer, das zum dunklen Nachthimmel hinauf loderte, sowie dem schwarzen Rauch. Die Detonationswelle hatte Schiffe in Hafennähe erwischt, sie umgeworfen. Er konnte die Schreie der Menschen hören. Es war kalt in jener Nacht vom fünfzehnten auf den sechzehnten Januar 6399. Nichts wirkte real.

„Wir sollten was machen, die sterben in der Kälte.“ Frieda schaute sich besorgt um. Wo steckte der Kapitän?

„Das ist Hostis, das geht uns nichts an.“ Falk sah doch noch einmal auf. „Außerdem dürfen wir da eh nicht hin – was war das grad eigentlich?“

„Feuer“, kam es von Schuchard.

„Mein ich nicht, Idiot.“ Sie nickte gen Sysdale. „Warum hat uns die Welle nicht erwischt, Linus, warst du das? Du kannst so 'nen Kram doch.“

Linus' Blick schweifte kurz zu ihr. Sie meinte die Barriere, die sie vor der Druckwelle bewahrt hatte, die magische Blockade eines Schutzzaubers. Er schüttelte den Kopf. Nein, das war er nicht gewesen. Stattdessen nickte er in jene Richtung, aus der er die Ursache vermutete.

Von Falk war er Worte wie diese gewohnt, sie mochte Hostis nicht und jegliche Versuche, ihr ihre Vorurteile auszureden, waren bisweilen gescheitert. Linus mischte sich da nicht ein, aber Schuchard hatte es einmal versucht. Er hatte Verwandtschaft auf dem Nordkontintent, wenn auch nicht in Sysdale. Es war ein langer Streit gewesen und am Ende hatte Kapitän Bosch dazwischen gehen müssen, der die beiden beinahe gefeuert hätte.

Doch selbst Falk konnte nicht leugnen, dass sie ihr Leben einem hostischen Grenzschiff zu verdanken hatte. Mit seinen drei Masten gehörte es zu den größeren Grenzschiffen. Seit der hostischen Wirtschaftskrise fünfzehn Jahre vorher, war die Zahl der illegalen Einwanderer von Norden nach Westen besonders hier, zwischen Sysdale und Hohendamm, enorm angestiegen, die Anzahl der Grenzer seitdem verdreifacht worden. Dreimastige Grenzschiffe waren große Grenzschiffe, aber bei Weitem keine Seltenheit mehr. Der eiserne Rumpf spiegelte den brennenden Hafen. Wind war aufgezogen, auch wenn er nicht sehr stark war. Zwei der großen Segel waren eingeholt.

Auf jeden Fall war Linus sich nicht sicher, ob sie den Menschen im Wasser, auf der anderen Seite der Grenze, überhaupt helfen durften. Bojen markierten es im Wasser und er hatte die ganze Zeit über schon gefunden, dass sie sich zu nah an ebenjenen aufgehalten hatten.

Falk wirkte nicht begeistert davon, ganz und gar nicht. Sie verzog das Gesicht, sodass ihr Nasenrücken faltig wurde. „Schuchard, geh Bosch wecken, ich glaube, den brauchen wir jetzt.“
Linus begann unter kristallisierendem Atem, die Takelage wieder zu befestigen. Seine Finger zitterten. Es war nicht der Kälte zuzuschreiben.

Noch ein anderes Grenzschiff war in Sichtkontakt. Dieses war ein Stück weiter entfernt, hatte einen Mast weniger als das andere und vor allem bereits in Richtung des Hafens abgedreht. Das nähere jedoch hielt genau auf den kleinen Fischkutter zu.

Linus war in seinem Leben noch nie in direkten Kontakt mit dem hostischen Militär geraten, auch nicht mit deren Marine. Man könnte meinen, dies wäre nicht allzu verwunderlich, da Hostis nicht sein Heimatland war und er es auch noch nicht einmal betreten hatte. Statistisch gesehen war Hohendamm jedoch, als seine Heimatstadt und sein derzeitiger Wohnort, jene tribunische Stadt, die das höchste Aufgebot an Fremdmilitär hatte. Die Leute redeten viel, sie fluchten viel, auch auf das landesfremde Militär, auf Soldaten wie Offiziere. Hostis sollte sich fernhalten. Wenn sich der Nordkontinent mit den anderen nicht zur Union vereinen wollte, dann sollte er mit den anderen auch nichts zu tun haben. Wer verlangte, allein gelassen zu werden, der sollte auch die anderen allein lassen. Die Leute redeten viel, sie fluchten viel. In dieser Gegend war das nicht anders als im Rest der Welt.

Ein Licht wurde vom Achterdeck des Grenzschiffes gefeuert. Ein Signalzauber, niedrig, blau leuchtend. Ein weiteres. Linus konnte die Nachricht nicht lesen, auch wenn die Formen deutlich waren und garantiert nicht von einem Praktikanten wie ihm selbst gemacht wurden. Falk jedoch konnte sie sehr wohl entziffern und stürzte zum Steuer, um in Abwesenheit des Kapitäns zu entscheiden, was zu tun war.

„Das ich sowas mal erlebe“, ächzte sie, während sie eindrehte, um das Schiff über die Grenze zu lenken. Blau als Farbe war kein Befehl, es war aber auch kein Hilfe, keine Warnung. Eine Bitte. Linus konnte sich gut denken, worauf sie bezogen war.

 

 

„Himmel, Arsch und Zwirn“, hörte er gleich darauf ein zweites Mal, diesmal von Kapitän Bosch persönlich. Er erschien an Deck, nachdem er die Klappe zum Frachtraum aufgeworfen hatte. Dann rieb er sich die Augen und schaute angestrengt Sysdale an. „Und ich dachte, die hätten zur Feier der Konferenz ein Feuerwerk gezündet, was läuft eigentlich schief da drüben?“ Für einen Moment war er still, kratzte sich am Kopf. Sein Blick wich zum Grenzschiff der hostischen Marine und die Mimik fror ihm ein. „Fatum bewahre. Die Konferenzen!“

Linus hatte auch nicht daran gedacht. Er hatte es völlig verdrängt gehabt, obwohl die Nachrichten sich die letzten Tage um nicht viel Anderes gedreht hatten. Es hatte ihn nicht interessiert. Die Konferenzen fanden auf einem anderen Kontinent statt, der, obwohl von Hohendamm aus bei fast allen Wetterlagen sichtbar, in einer ganz anderen Welt lag. Einer fremden, kalten. Die nordische Welt aus Eis und Schnee.

Er interessierte sich nicht für Politik, weshalb er nicht genau wusste, was für einen Anlass die Konferenzen in Sysdale eigentlich gehabt hatten. Doch auch er hatte mitbekommen, dass der Zar und seine Frau persönlich anwesend waren, weshalb die letzten Wochen in der Gegend das Militäraufgebot auch entsprechend hoch gewesen war. Noch höher als ohnehin schon.

Von Frieda hörte Linus ein erschrockenes Einatmen und sah aus dem Augenwinkel, wie sie sich die Hände vor den Mund hielt. Schuchard verstand nichts, gar nichts, wie immer, doch er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er scheiterte dabei.

Niemand auf der ganzen Welt, niemand in ganz Miseria, brauchte im Moment noch mehr Reibereien zwischen dem Norden und dem Westen, doch wem auch immer diese Explosion zuzuschreiben war, schien augenscheinlich anderer Meinung zu sein. Sicherlich hatte derjenige seine Gründe und obwohl Linus eigentlich jede Meinung respektierte und bei entsprechender Begründung für existenzberechtigt hielt, kam er an jenem Abend zu dem Entschluss, dass eine Bombe in einer Großstadt zu zünden eine beschissene Meinung war.

Es dauerte nicht mehr lange und sie lagen Flanke an Flanke mit dem Grenzschiff. Nach knapper Verständigung zwischen den Schiffen, stand ein Mann bei ihnen an Deck, bei dem es sich offenbar um den Kapitän der Grenzer handelte; an jener Stelle, an der Linus zuvor noch gearbeitet hatte.

„Ich danke Ihnen vielmals, dass Sie meiner Aufforderung nachgekommen sind, Kapitän Bosch“, sprach der Mann, dessen hostischer Akzent weniger rau als erwartet war. Vom Alter her war er wider Erwarten vermutlich näher an Linus als an Bosch selbst. Jung, mit kurzem, dunkelblonden Haar und mit der Uniform eines hostischen Kampfmagiers.

„Es ist mir eine Ehre, Herr...“ Bosch kniff die Augen zusammen, um zu lesen, was auf der Uniform des Militärs stand, „Kapitänleutnant Frederik.“ Er lächelte kurz. Es war gelogen. Bosch mochte Hostis und sein Militär vermutlich noch weniger als Falk.

Einer der oberen Offiziere, am Land wäre er Hauptmann gewesen. Doch hier war er Kapitänleutnant und trug die Uniform der Marine, die man vom Land ganz leicht durch die umgekehrten Farben unterscheiden konnte. Hauptsächlich weiß, nur wenig des sonst so dominanten dunklen Graugrün an den Rändern. Lediglich die dicken, goldenen Knöpfe waren gleich, sowie das Kreuz auf den oberen Ärmeln, unterlegt mit der gespaltenen Tanne. Das Zeichen des hostischen Militärs. Sowie sein Schild mit seinem Vornamen auf der Brust, befestigt über dem gestickten Clansymbol der Täysikuu. Der Clan der Eisbändiger aus dem Süden des hostischen Hauptlandes, deren Provinz nordöstlich an die der Hauptstadt grenzte.

„Was ist geschehen?“, erkundigte sich Bosch indessen.

Kapitänleutnant Frederik verschränkte die Arme, sein Blick schweifte zur Stadt. „Wir wissen es nicht, unsere Verbindung wird blockiert.

„Und Sie beschäftigen sich mit uns?“

Der Mann lächelte kurz und verbittert. „Wir haben noch mehr Leute in der Stadt stationiert, die kümmern sich. Wir müssen den Menschen hier helfen und ich erteile Ihnen die Genehmigung, uns zu unterstützen.

Bosch legte den Kopf schief, Linus schaute weg. Er konnte sein Herz schlagen spüren und es war unangenehm. Das Wasser war eiskalt. Bosch sollte nicht vor einem so hochrangigen Mann heraushängen lassen, wie wenig er Hostis leiden konnte, das war der falsche Moment.
​​​​„Bei einem Ereignis wie diesem lockern Sie die Grenzvorschriften?“

Linus hätte gern sein Gesicht in den Händen vergraben. Er erhaschte einen kurzen Blick auf den düsteren seines Kapitäns.

„Das Wasser hat vier Grad.“ Herr Frederik schien unbeeindruckt. „Wenn Sie helfen wollen, sollten Sie vergessen, wo diese Menschen herkommen.“ Er trat wieder zur Reling. „Holen Sie sie aus dem Wasser und bringen Sie sie zu uns, wir schaffen sie zurück ans andere Ufer.“

Daraufhin kletterte er die Strickleiter wieder nach oben, die zu seinem Schiff führte und war so gleich darauf aus der Sichtweite verschwunden. Die Leiter wurde eingeholt.

Es war nicht das erste Mal, dass Linus einen Magier gesehen hatte. Er selbst gehörte ebenfalls einem Clan an, auch wenn seine magischen Fähigkeiten nur knapp ausreichend gewesen waren, um ihm den Clannamen „Färber“ zu verschaffen. Jedoch war es das erste Mal, dass er direkt mit einem Kampfmagier, einem Magier des Militärs zu tun hatte. Obwohl sie im Heimatland Tribunus keine offiziellen Militärränge haben durften, hatten sie doch einige Kampfmagier selbst, insgesamt mehr als Hostis. Linus hatte mit denen, den sogenannten Großmeistern, aber nur wenig zu tun. Wären seine Fähigkeiten stärker ausgebildet, dann vielleicht, da man ihn dann ins Militär geschickt hätte, doch dem war nicht so. So war er nur ein einfacher Fast-Siebzehnjähriger, der seit einem halben Jahr mit der Schule fertig und zu unfähig gewesen war, sich einen Platz an einer Hochschule oder eine Ausbildung zu beschaffen, sodass seine Mutter ihm aus Verzweiflung dieses Praktikum hier besorgt hatte. Er wollte ihr dankbar dafür sein, aber er konnte es nicht.

Gleich darauf wurde Steuerbord eingelenkt, um sich von dem Marineschiff zu lösen, dann backbord, um die Grenze zu überqueren. Linus' Blick hing an der leuchtend orangefarbenen Boje im Wasser. Er war noch nie in Hostis gewesen. Weder auf dem Hauptland noch auf den Iliarys, der großen Inselgruppe direkt vor seiner Haustür, auf der Sysdale lag. Es war anstrengend, ein Visum zu bekommen.

Bosch grummelte vor sich hin, nachdem er Frieda und Linus die Anweisung gegeben hatte, alle Lichter anzuzünden. Falk unterdessen hielt noch immer das Steuer und Schuchard regelte etwas an der Takelage.

„Aufgeblasene Mistmagier“, hörte er Bosch fluchen. Linus hörte Boschs Ausfälle nicht gern, aber besser hier als direkt vor dem Magier. „Vergessen, woher die Menschen kommen, ja, selbstverständlich, aus dem Grund sperrt ihr sie ja auch in eurem eigenen Land ein.“ Bosch entfernte sich von Linus, sodass er sein wütendes Grummeln nicht mehr verstehen konnte. „Wenn ihr mir hier Leute reinholt, dann schaut, dass das Boot nicht zu voll ist, ich habe keine Lust zu kentern oder Fracht über Bord schmeißen zu müssen.“ Mit den Worten verschwand er wieder unter Deck.





Eigentlich waren sie nur Nachtfischen und kurz davor gewesen, wieder zurück zum Hafen von Hohendamm zu fahren. Doch seit jenem Moment, an dem Linus am Klüverbaum alles hatte vorbereiten wollen, waren ein paar Stunden vergangen und erst jetzt machten sie sich auf den Heimweg.

Der Kapitänleutnant hatte sich dankbar gezeigt, wenn auch ungewollt nervös. Linus vermutete, dass die Verbindung zu den Einheiten in Sysdale immer noch nicht funktionierte, hatte es aber nicht angesprochen. Als minderjährigem Praktikanten stand ihm das nicht zu. Aber immerhin hatten sich die Feuer in der Stadt gelegt.

Die gesamte Mannschaft atmete tief durch.

„Vielleicht weiß die Zeitung morgen, was passiert ist“, sprach Frieda und sie war damit die erste, die wieder etwas sagte.

„Das ist Hostis, du weißt doch, dass die etwas radikaler sind.“ Falk zuckte mit den Schultern, lehnte sich ans Steuerrad.

„Aber was ist, wenn die jetzt Tribunus den Krieg erklären?“, sorgte sich die andere Frau.

„Wenn sie selbst 'ne Bombe legen, warum sollten die Tribunus den Krieg erklären?“ Sie wirkte unbesorgt. Linus verdrehte die Augen und ging weiter seiner Arbeit nach. Er ersehnte den Tag, an dem es auf diesem Schiff ein Gespräch mit Substanz geben würde.

„Das ist Hostis?“, lenkte Frieda wieder ein, woraufhin Falk nur sehr laut aufstöhnte, aber nichts weiter sagte. „Ich meine, die kennen da nur Winter und Schnee und außerdem fürchten die sich vor nichts.“

„Die sind keine Barbaren, das sind Menschen.“ Schuchard verschränkte die Arme vor der Brust.
Während Linus weiter das machte, was er eigentlich schon vorhin hätte tun sollen, versuchte er, seine Nervosität einfach herunter zu schlucken. Das Gespräch seiner Kollegen hörte sich ein bisschen wie eine Diskussion aus einem Ethikkurs der achten Klasse an. Bei dem Gedanken fühlte er sich schlecht. Er stellte sich nicht gern über andere, aber ein Praktikum auf einem Fischkutter war nie das gewesen, was er sich sehnlichst gewünscht hatte. Selten zuvor war er tagtäglich an einem Ort, an dem er so wenig intellektuellem Austausch ausgesetzt war wie hier.
Das, was ihn jedoch am meisten störte, war, dass das Thema in der Fassung Schuchard-Falk-Frieda klang, als würde eine Boulevard-Zeitschrift es behandeln. Er interessierte sich nicht für Politik, nein, aber das musste er auch gar nicht, um über die angespannte Lage zwischen dem Norden und dem Westen, zwischen Hostis und Tribunus, Bescheid zu wissen. Das Problem war nicht erst diese Woche aufgetaucht. Vor allem auf den Iliarys war es seit der Wirtschaftskrise vor fünfzehn Jahren unruhig und obwohl sich die hostische Wirtschaft stabilisiert hatte, war es auf den Inseln nur noch chaotischer geworden. Hostis und Tribunus würden sich wegen eines Attentats auf den Zaren wohl kaum den Krieg erklären. Viel höher stand die Chance, dass sich die iliarische Bevölkerung gegen die Clans des Festlands erhob.

„Ruhe, alle miteinander“, schallte irgendwann die Stimme des Kapitäns über das Deck und die rege Diskussion der anderen brach ab. Wie lange würde es noch dauern, bis sie in Hohendamm anlegten? Dreißig Minuten? Es konnte nicht schnell genug gehen, immerhin mussten sie die Waren noch in den Lagerhäusern unterbringen und Linus war fürchterlich müde. Es war bald früher Morgen. Die Nacht war anstrengend gewesen.

„Ich kann's erklären“, hörte er dann und zu seiner Verwunderung kannte er die Stimme nicht, weshalb er sich zu seinen Kollegen umdrehte und einen Schritt zur Seite machte, um etwas sehen zu können, da ihm sonst der Mast des Kutters die Sicht versperrt hätte.

Kapitän Bosch stand an der Luke zum Frachtraum. Da er ein großer Mann war, stellte es für ihn kein Problem dar, den fremden Jugendlichen am Genick gepackt zu halten, der deshalb die Schultern hochgezogen hatte, sich aber nicht wehrte. Der Junge war von der Kälte sehr blass, nass und durchgefroren, zitterte stark und seine Lippen waren blau angelaufen. Linus schätzte ihn als nicht viel älter als sich selbst, auch wenn er sich fragte, was er mitten in der Woche mitten in der Nacht auf einem der Schiffe gemacht hatte, die von Sysdale nach Hohendamm übersetzten. Und vor allem, wie er es geschafft hatte, sich vor ihnen zu verstecken.

„Ich höre, Junge“, sprach Bosch streng, Frieda hingegen schaute besorgt drein.

„Wir sollten ihm erst einmal eine Decke geben, er holt sich sonst den Tod“, protestierte sie, Falk seufzte daraufhin noch lauter als sonst und niemand ging weiter darauf ein.

„Ich...“, begann er und diesmal fiel Linus auf, wie heiser seine Stimme klang. „Ich wollt' nich' zurück nach Hostis, ich wollt' weg.“

„Hatte da jemand kein Visum?“

Er öffnete leicht den Mund, sein Blick zuckte nervös hin und her.

„Nein also.“ Bosch seufzte. „Ich würde dich ja echt gern augenblicklich wieder rüber schicken und zwar mit einem riesigen Arschtritt, aber ich an deiner Stelle hätte auch weg gewollt.“ Der Kapitän ließ ihn los. Offensichtlich war es zu plötzlich für ihn, doch obwohl er zuerst stolperte, schaffte er es, nicht hinzufallen.

„Was haben Sie denn gedacht?“, erkundigte er sich, stützte sich auf seinen Knien ab, während er zu dem Mann aufschaute.

„Wenn du versuchst, dich an unserem Fisch zu vergehen, schmeiße ich dich über Bord.“

Der Junge verzog das Gesicht. „Wer isst denn bitteschön rohen Fisch?“

„In Agmen essen sie rohen Fisch“, warf Frieda ein, aber außer, dass der fremde Junge knapp lächelte, reagierte keiner auf sie.

Bosch indessen verschränkte die Arme und betrachtete den Flüchtling vor sich mit schief gelegtem Kopf. „Du bist nicht aus Sysdale, das hört man dir an.“

„Cilghain“, antwortete der Junge.

„Hast du in Hohendamm Familie?“

Er schüttelte den Kopf. „Nay, aber...“

Bosch hob die Hand. „Sonst in Luchtal?“

„Nay, ich...“

„Irgendwo in Tribunus?“

„Nay, meine...“

„Dann wird das nichts, Junge, du hast keine tribunische Krankenversicherung, kein Geld, kein nichts, außer vielleicht 'ne schwere Lungenentzündung morgen früh und...“

„Jetzt lassen Sie mich doch ausreden!“, fauchte der Junge und es schien ihm Einiges an Kraft abzuverlangen, die Stimme so zu heben. Von Bosch kam ein Schnauben, doch er schwieg.
​​​​​„Ich will nach Rubrica. Meine Schwester hat gesagt, sie trifft sich da mit mir in... ein paar Tagen... oder so.“

„Oder so? Keine sehr genaue Angabe“, sagte Bosch, dessen kritischer Blick immer noch auf dem Jungen lag.

„Sehr genau am Arsch“, schnaufte er. „Was interessiert Sie das, Fakt ist, dass ich weg will.“

„Sehr viel, das ist mein Schiff, auf dem du dich illegal aufhältst“, knirschte der Kapitän. Der Junge jedoch wich seinem Blick aus und schaute zur Seite weg, in jene Richtung, in die das tribunische Festland lag. Erst jetzt schien er Linus im Halbschatten des Masts zu erkennen.

„Ich hatte noch 'ne zweite Jacke mit“, sagte Schuchard irgendwann. „Die können wir ihm geben.“

Der Gesichtsausdruck des Fremden erhellte sich etwas, doch Bosch unterbrach die Freude mit einem Knurren.

„Wir wollen hier mal nichts überstürzen. Der Junge ist immer noch aus Hostis – wie heißt du überhaupt?“

„Immer noch aus Hostis, dass ich nich' lache!“, sagte er mit plötzlich viel festerer Stimme. Wie zuvor auch erschöpfte es ihn wohl, lauter zu sprechen. Dennoch machte er es und Linus wusste nicht, ob er besonders mutig war, sich so dem sehr großen und sehr kräftig gebautem Kapiän Bosch entgegen zu setzen, oder aber besonders dumm. „Iliarys, es sind die Iliarys, Hostis schert sich eh 'nen Scheißdreck um uns! Wenn die ohnehin immer sagen, wir würden nich' zu denen gehören, soll'n die sich nich' wundern, wenn wir uns auch nich' als Hostis bezeichnen und Tribunus ist auch nich' besser, pah!“

„Nicht frech werden, Bursche, ich kann dich immer noch über Bord gehen lassen!“ Bosch fiel es leicht, den Jungen zu übertönen.

„Mein Name ist Horatio.“ Linus konnte durch das schlechte Licht und die Entfernung schlecht sagen, ob es Wahrheit oder Einbildung war, doch der Blick des Jungen war herausfordernd und fest. Es stand im Kontrast dazu, dass er immer noch zitterte und seine Lippen bebten.

„Fatum noch eins, Bosch, jetzt lassen Sie ihn doch wenigstens 'ne trockene Jacke anziehen, sonst hat er die schwere Lungenentzündung schon, wenn wir in Hohendamm ankommen!“, warf Falk schließlich ein.

„Wenn wir überhaupt direkt nach Hohendamm fahren, wenn wir umdrehen, dauert es nicht lange, bis...“

„Warum interessiert Sie das eigentlich, wie ich mich in Hohendamm anstelle“, beschwerte Horatio sich und wollte wohl noch mehr sagen, doch stattdessen folgte ein trockenes Husten.

„Hören Sie es sich doch an.“ Falk deutete auf ihn. „Ich mag Hostis auch nicht, aber er war in eiskaltem Wasser, wollen Sie auch noch für seinen Tod verantwortlich sein?“

Bosch grummelte irgendetwas. Auf einen Handwink von Falk verschwand Schuchard unter Deck.

„Hast du einen Ausweis dabei?“, fragte Bosch dann, die Stimme wieder etwas ruhiger, und verschränkte die Arme vor der Brust.

Horatio schwieg, dann fasste er sich langsam in die Hosentasche. „Ich hab... Geld...“

Bosch schnaubte. „Ich lasse mich nicht...“, setzte er an, brach aber mit großen Augen ab, als er den ganzen Haufen zerknüllter Geldscheine in den Händen des Jungen entdeckte. Vorsichtig nahm er einen Schein, hielt ihn hoch, schaute ihn an. Dann gab er ihn zurück. „Sogar tribunische Sere, Himmel, Arsch und Zwirn“, murmelte er. Linus konnte durch das wenige Licht nicht genau sagen, wie viele Scheine wie beschriftet waren. Doch die größte der drei tribunischen Währungseinheiten war ausgesprochen viel wert.

„Pack das wieder weg, pack das wieder weg“, sagte Bosch schnell mit hoch gehaltenen Händen.

Horatio hielt es noch einen Moment lang Bosch unter die Nase, ehe er es langsam wieder weg packte. Linus konnte seine Zähne klappern hören.

Schuchard kam unterdessen wieder nach oben, in der Hand eine Jacke. Das viele Geld hatte er demnach verpasst. „Hier, hier“, sagte er und war der einzige an Deck, der im Moment lächelte, als er Horatio die Jacke reichte.

Der bedankte sich knapp und nahm die Kleidung an. Sein Blick huschte nervös übers Deck, ehe er sie über zog. Bevor er mit dem Arm durch den Ärmel der Jacke fuhr, rutschte sein Hemdärmel ein Stück nach oben. Linus bemerkte es nur, weil er zufällig darauf schaute und offenbar bemerkte es sonst keiner seiner Kollegen, aber offenbar waren Horatios Arme tätowiert. Einmal davon abgesehen, dass tätowierte Minderjährige nicht so häufig anzutreffen waren, wusste Linus, dass zumindest Bosch die ganze Situation noch schneller durchschaut hätte, als Linus es in jenem Moment tat.

Horatio war ein Magier. Das war die einzige Erklärung. Die Crayfish, der große Clan der Metallbändiger aus Sysdale, waren bekannt für ihre kunstvollen Tattoos. Wenn Horatio so alt war wie Linus selbst, dann würde er kurz vor Beginn der Ausbildung im hostischen Militär stehen und offenbar wollte er das nicht.

„Das ist 'ne Menge Kohle“, sagte Bosch schließlich und unterbrach eine unangenehme Stille damit. „Aber das ist schneller alle, als du denkst. Bei uns drüben ist es ein bisschen teurer als bei euch.“ Er klang ruhiger als zuvor noch, als hätte ihm die Minute, die Horatio zum Anziehen gebraucht hatte, genügend Zeit gegeben, um kurz alles zu überdenken. „Und legal macht das das alles hier trotzdem nicht. Wir nehmen dich mit nach Hohendamm, da kannst du dich aufwärmen, aber morgen früh geht’s wieder rüber.“

„Bitte nich'!“, kam es sehr schnell von Horatio. „Ich kann nich' zurück! Ich hab kein' Dunst, was Morgen drüben läuft, ich kann nich' zurück.“

„Da hat er Recht, wir wissen nicht, was in Sysdale drüben läuft!“, warf Frieda ein. „Erst recht nicht dann morgen.“

„Was ist, wenn die sich dann morgen den Kopf einschlagen?“ Schuchard musterte Horatio. „Ich will da keinen Jugendlichen reinschicken.“

„Er ist aus Cilghain, hat er selbst gesagt“, murrte Falk. „Wie kommt es, Horatio, dass du mitten in der Nacht einer Explosion auf dem Schiff bist, einem hostischen Kampfmagier bei der Untersuchung unseres Frachtraums durch die Lappen gehst und jetzt hier bist, mit einem kleinen Vermögen in der Tasche?“

„Ich...“ Horatio starrte sie an wie ein verschrecktes Kaninchen. „Ich kann nich'...“

„Das sagtest du bereits.“ Boschs Stimme klang wieder härter. „Warum. Warum kannst du nicht?“

Horatios Mund stand einfach nur offen. Vielleicht wollte er etwas sagen, doch kein Wort kam heraus, kein einziges. Stattdessen stand Falk wieder am Steuer und schaute zum Kapitän, schien auf dessen Befehl zu warten, irgendetwas zu machen. Irgendwo schrie eine einsame Möwe.

„Ich kann ihn mitnehmen.“

​​​Einen weiteren Moment lang war es leise auf dem Schiff. Linus wusste, dass ihn alle anschauten.

„Ich kann ihn mitnehmen, meiner Mutter fällt sicherlich etwas ein.“ Sein Herz schlug ihm bis zur Brust. Er bemerkte Horatios Blick und die großen Augen, mit denen dieser ihn anschaute. Eine Mischung aus Verwirrung und Dankbarkeit.

„Oha, er kann sprechen“, war Falks Murmeln das erste, was sonst jemand sagte. Ein Glück ging niemand darauf ein. Das unangenehme Kribbeln in Linus' Bauch war schlimm genug.

„Deine Mutter ist eine gute Frau“, sagte Bosch seufzend. „Aber ihre hohe Position in der Hafenverwaltung wird sie nicht vor Stress mit dem hostischen Militär bewahren, wenn die das herausfinden.“

„Oder mit dem tribunischen“, merkte Falk an. „Keiner mag illegale Einwanderer. Nirgendwo.“

„Nein, also...“ Linus schüttelte verlegen den Kopf und wusste selbst nicht ganz, was er sagen sollte.

„Dann lass es sein. Wir sorgen dafür, dass er morgen zurück nach Hostis kommt“, sagte wieder Bosch.

„Du bist ein Färber, richtig?“ Horatios Blick lastete immer noch auf ihm. Linus schaute augenblicklich weg, nickte allerdings. Es gab nicht viele Clans in Miseria, die man allein am Aussehen erkennen konnte, jedoch gehörte sein eigener, sowie nahe Verwandte, dazu, hatten sie unter anderem die Fähigkeit, Haar- und Augenfarben nach Belieben zu wählen. Die Voraussetzung dafür und somit den Clannamen „Färber“, war eine Ausprägung des Fähigkeitengrades, der hoch genug sein musste. Bei Linus reichte er gerade so für den Namen. Er konnte ein bisschen an der Helligkeit seiner Haare schrauben, weshalb er sie so dunkel wie möglich hielt. Dass sie dennoch sehr deutlich ein kräftiges Rot innehatten, wurde umso klarer, da Horatio ihn ohne Probleme in den miserablen Lichtverhältnissen an Deck seinem Clan hatte zuordnen können.

„Dein Clan kann ihm nicht helfen“, sagte Falk.

„Wissen Sie's?“ Horatio schaute nun sie an. Seine Atmung ging noch etwas schneller als zuvor. „Das können wir versuchen, sie... Also, die könn' mich ja immer noch rüber schicken, wenn's nich' klappt, aber bitte, bitte, ich kann nich' – ich will nich' zurück, bitte, ich...“

„Wir unterstützen keine minderjährigen Ausreißer!“, sagte Falk etwas lauter, hielt sich aber zurück, als Bosch ihr mit einer Hand anwies, Ruhe zu bewahren.

Linus wollte noch irgendetwas Nützliches sagen, aber er wusste nicht was. Wenn Horatio es vorzog, seine Clanherkunft den anderen zu verschweigen, dann wollte er ihm nicht in den Rücken fallen. Es gab Verträge zwischen den Clans, uralte Verträge. Vielleicht konnten die helfen, um Horatio etwas neuen Boden hier in Tribunus zu geben. Über Sysdale hing nach wie vor dicker Rauch, selbst bei der Entfernung und der Dunkelheit war es gut zu sehen. Linus hätte dorthin auch nicht zurück gewollt.

Bosch hatte erneut die Arme verschränkt und musterte Linus und Horatio abwechselnd, vor allem aber letzteren. „Von mir aus“, sagte er schließlich. Als Horatio sehr breit zu grinsen begann, hob er jedoch einen Finger. „Aber wenn das hostische Militär oder das tribunische oder sonst irgendein hohes Tier ein meine Tür klopft, dann gnade euch Fatum.“

„Wir werden das fürchterliche Missverständnis sofort klären, ja!“ Horatio umarmte Bosch. Der hatte nicht damit gerechnet und schaute dementsprechend drein.

Falk schnaubte verächtlich, sagte aber nichts weiter.

„Frieda, kümmere dich um ihn“, wies Bosch an, den Blick aber auf Hohendamm gerichtet. Die Stadt war nicht mehr weit. „Schuchard, in den Frachtraum. Linus, du kriegst deinen nächsten freien Tag gestrichen. Zurück an den Klüverbaum.“

Linus versuchte, nicht allzu offensichtlich das Gesicht zu verziehen, sagte jedoch nichts weiter und ging wieder seiner Arbeit nach. Im Hintergrund bekam er mit, wie Frieda Horatio versorgte, der offenbar kein Problem mit der Behandlung hatte. Doch gelegentlich sah er, wie er zu ihm herüber schaute, und wich dem Blick aus. Er wollte ihm keine Hoffnung machen. Es gab keine Garantie, dass die Clanverwaltung etwas machen konnte.

 



Die restliche Fahrt verlief still und auch beim Anlegen wurde weniger gesprochen als sonst, kaum mehr als das Nötigste. Horatio bot seine Hilfe an, doch Bosch wimmelte ihn grob ab, sodass der Junge nur daneben stand und nichts machte. Linus sah, dass er nach wie vor zitterte. Auch seine Gesichtsfarbe war noch nicht gesünder geworden. Und dennoch lächelte er vor sich hin. Warum lächelte er?

Es war halb fünf am Morgen, als sie endlich fertig waren. Bosch sagte nichts zu Linus, was ihm das Gefühl gab, dass der Kapitän sauer auf ihn war und es die nächsten Tage auch sein würde. Er wusste nicht, ob er das vorhin mit dem freien Tag ernst gemeint hatte, befürchtete dies allerdings. Aus dem Kopf wusste er gerade gar nicht, wann er das nächste Mal frei hatte, von heute abgesehen. Zu Hause würde er dann nachsehen.

Falk sagte ebenfalls nichts zu ihm, nur Frieda kam noch einmal und wünschte Horatio sehr viel Glück, Schuchard tat das gleiche. Außerdem merkte er an, Horatio könne seine Jacke vorerst behalten, Linus solle sie dann einfach demnächst wieder mitbringen. Nachdem das getan war gingen die beiden los, die ersten Minuten lang in unangenehmem Schweigen.

„Isses weit bis zu dir?“, fragte Horatio irgendwann. Er lächelte immer noch, auch wenn seine Augen nicht mitmachten.

Gerade, als Linus antworten wollte, sprach er schon weiter. „Also, nich', dass du denkst, ich würd' das nich' schaffen, ich bin nur doch etwas müde – ah, im Übrigen. Eh, ich bin dir so dankbar, dass du das getan hast, ich dacht' echt, der katapultiert mit mit 'nem Arschtritt zurück nach Eart.“

Linus nickte und wollte aufgrund der Formulierung lächeln, es wurde aber nur eine schiefe Grimasse daraus. Doch ja, das hätte er Bosch zugetraut, deshalb hatte er etwas gesagt. Horatio musste wohl mehrere Gründe haben, nicht in seine Heimatprovinz zurück zu wollen.

„Du... bist doch wirklich ein Crayfish, oder?“

„Huh? Woher weißt'n das?“ Horatio wirkte erstaunt und sah ihn an. Linus hörte seine Zähne klappern und band sich gleich darauf den Schal ab, um ihn dem Jungen zu reichen. „Eh, du bist irgendwas Übernatürliches, danke, danke, danke.“

„Kein... Thema“, sagte Linus langsam, der jetzt lieber wieder gerade aus schaute. Trotzdem spürte er, wie Horatios Blick weiterhin an ihm hing. „Dir sind vorhin kurz die Ärmel hochgerutscht.“

„Oh. Hm. Nah. Glück, dass der Kapitän das nich' gerallt hat – ist der immer so drauf?“

„Häufig, ja.“

„Pft, Seeleute, hach.“

Sie waren noch nicht weit gelaufen, aber Linus konnte Horatio anhören, wie sehr er außer Atem war. Es war nicht weit bis zu Linus nach Hause, aber er wollte Horatios Lungen nicht weiter strapazieren. An der nächstbesten Straßenbahnhaltestelle würde er nachschauen, ob sie zeitnah eine Tram nehmen konnten. Erneut war es kurz still.

„Nimmst du mich wirklich mit zur Clanverwaltung?“

„Hmmmm.“ Linus wusste es nicht. Wenn Horatio das nicht wollte, würde Linus ihn nicht drängen, nein. „Musst mit meiner Mutter reden. Die hat da mehr Ahnung als ich.“ Er wollte ihn nicht anlügen. Wenn seine Mutter darauf bestand, würde es darauf hinauslaufen. Aber erst einmal mussten sie den Rest der Nacht darüber schlafen. Linus war zu müde, um sich damit zu befassen.

„Ich kann mich auch jetzt gleich in 'nen Zug setzen und nach Rubrica abdüsen. Geld hab ich, haste ja gesehen.“ Aus dem Augenwinkel sah er Horatio mit den Schultern zucken.

„Hm, nein, also.“ Er räusperte sich, weil er spontan nicht wusste, wie er das formulieren sollte, was er ausdrücken wollte. Ihm wurde warm. „Bosch hatte Recht. Musst dich erstmal ausruhen, sonst wirst du wirklich, wirklich krank.“

Horatio gab ein Geräusch von sich, das sehr unzufrieden klang, sagte aber nichts weiter dazu. Stattdessen war es erneut still.

„Du“, begann Linus schließlich langsam, „bist hier, weil du nicht ins Militär willst, oder?“

Seine Zähne klapperten nicht mehr. Der Schal wärmte gut. „Eigentlich nich'“, antwortete er dann. „Hat... Obwohl, doch, doch, eigentlich schon, ja.“ Linus hörte sein Schnaufen. „Meine große Schwester hat'n paar Gruselgeschichten über die da erzählt, is' echt nich' soooo bequem dort? Ich meine, es is' das Militär. Haha. Wär' ja eigentlich ehrenvoll, da zu arbeiten? Aber es is' gefährlich und wir sind ja auch nich' aus Vorderagmen und setzen unsere Ehre über sonst alles.“

„Aber an sich... Also, du hättest schon zur Militärakademie gesollt?“, fragte er nach, auch wenn ihn das eigentlich nichts anging. Immerhin war es Horatios Angelegenheit, nicht seine.

„Aye, schon. Militärfamilie und so. Richtig anstrengend. Außer meine Schwester, die is' super.“ Er grinste kurz, aber es war ein leeres Grinsen. „Sie is' Major im Militär! Major! Mit fünfundzwanzig! Du müsstest sie echt mal kennenlernen, sie is' klasse. War mit in Sysdale wegen der Konferenz... und so.“ Mit den Worten war er auf einmal ruhig.

Linus ließ die Ruhe einen Moment lang wirken. „Wo ist sie jetzt?“, fragte er dann und bereute es sofort.

Es dauerte länger als zuvor, bis Horatio seine Antwort fand. „Uh. Also. Ich weiß... Sie, hngh.“ Er hustete und es hörte sich sehr ungesund hat. „Wir treffen uns in Rubrica, das hat sie gesagt. Ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie haben keine Verwandtschaft dort? Nich', dass ich wüsste. Vermutlich schon. Weiß ja auch nich' alles. Haha.“ Er lachte auf. „Sie hat gesagt, wir treffen uns in Rubrica. Das hat sie gesagt.“

Von da an schwiegen die beiden, bis sie an der Straßenbahnhaltestelle angekommen waren. Kurz, nachdem sie aus der Tram wieder draußen waren, kurz vor Linus' Wohnung, begann es zu schneien. Mittlerweile war es windiger als zuvor noch. Es trug wohl Asche und Ruß aus Sysdale über die Wasserstraße zwischen den beiden Städten. Denn anders konnte sich Linus nicht erklären, warum die zahlreichen Flocken heute so ungewohnt grau aussahen.

 

Als Linus aufstand, war es bereits Nachmittag. Bevor er ins Bett gegangen war, hatte er sich seinen Wecker gestellt, aber offensichtlich nicht den penetrantesten Modus gewählt. Er hatte den Alarm im Halbschlaf ausgeschaltet und einfach weitergeschlafen. Nach abruptem Aufwachen war er erfahrungsgemäß komatös genug, um sich nicht an die Gegebenheit erinnern zu können und sich stattdessen beim Erwachen zu wundern, warum sein Wecker denn nicht geklingelt hatte. 

Er gähnte einmal, streckte sich, kuschelte noch einen Moment mit der Katze auf seinem Bauch, dann sammelte er seine Kleidung ein und ging erst einmal duschen. Gestern war er nach kurzem Gespräch mit seiner Mutter einfach nur ins Bett gekippt. Heute fühlte er sich eklig. Der ganze Schweiß musste weg, außerdem hatte er das unangenehme Gefühl, dass seine Haare nach Rauch rochen. Sysdale war zu weit weg gewesen. Vermutlich bildete er sich das nur ein. 

Außerdem schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn er jetzt gleich duschen ging. Dann wäre er angezogen, wenn seine Mutter von der Arbeit kam. Pure Konfliktvermeidung, denn Alrun Färber konnte es überhaupt nicht ausstehen, wenn ihr Sohn den ganzen Tag lang in Nachtzeug in der Wohnung hing. 

Und dann war da noch der Junge aus dem Wasser. Während des Duschens versuchte Linus jeden Gedanken an ihn zu verdrängen, auch wenn er scheiterte. Aber wenn nicht, während er geschlafen hatte, irgendetwas Unvorhergesehenes geschehen war, dann lag Horatio an jenem Morgen im Gästezimmer im Bett. Dort, wo er gestern auf der Stelle eingeschlafen war. Keiner hatte es ihm übel genommen. 

Bei Linus hatte es etwas länger gedauert, ehe er ins Bett gekonnt hatte, denn seine Mutter hatte alles wissen wollen. Alrun war ein unglaublich fürsorglicher Mensch, doch manchmal wünschte sich Linus, dass sie es weniger wäre. Gestern war nicht das erste Mal gewesen, dass er es als störend empfunden hatte. Gestern, als er nichts weiter gewollt hatte, als einfach nur schlafen zu können, doch Alrun waren immer wieder neue Fragen eingefallen. 

Im Bad putzte er auch gleich die Zähne, dann nahm er eine von zwei Tabletten. Die andere durfte er nicht so spät am Tag nehmen, die musste er am Morgen schlucken, wenn sein Schlafrhythmus wieder hergestellt war. 

Anschließen verließ er das Bad und ging in die Küche, um die Katzen zu füttern. Aria und Grave waren seit fünf Jahren bei ihnen, unabhängig voneinander, da im gleichen Jahr ihre beiden alten Katzen gestorben waren. Aria war klein, hatte einen sehr runden Kopf und war eine schlaue Katze, die lieber beobachtete, als selbst irgendetwas zu machen. Grave hingegen war groß und verlor seine grauen, langen Haare überall. Und vor allem war er außerordentlich blöd. 

Als die zwei sich dann ihrem Frühstück widmeten, entdeckte Linus auf dem Küchentisch einen Zettel, den seine Mutter geschrieben hatte, sowie Kuchen von vorgestern und die Zeitung von heute. Alrun hatte vergessen, den Kuchen über Nacht abzudecken, sodass er knochentrocken war. Linus wusste nicht, ob er genug Hunger und Faulheit zugleich hatte, den heute noch anzurühren. Und, ob er dreist genug war, Horatio etwas davon anzubieten. 

Da seine Gedanken ohnehin wieder bei Horatio waren, ging er als nächstes ins Gästezimmer. Die Wohnung war nicht riesig, aber für zwei Personen doch recht groß. Theoretisch wohnten sie hier zu dritt, Linus' Vater gab es ja auch noch. Aber der lebte für seine Universität, so sehr, dass er häufig genug dort nächtigte. Doch selbst an der Uni hielt sich Dewin im Moment nicht auf. Er hatte einen Auftrag in einem ganz anderen Teil Miserias zu erledigen. 

Linus öffnete die Tür zum Gästezimmer so leise wie es ging, dennoch konnte er nicht verhindern, dass die Angeln quietschten. Als Antwort darauf ertönte ein Husten. 

„Schon gut, bin wach.“ 

Er trat ein, lehnte die Tür hinter sich an. Dann schaute er zu Horatio. Der Raum war nicht groß und beinahe mehr Abstellkammer als Gästezimmer. Wären sie alle heute Morgen nicht so müde gewesen, wie sie gewesen waren, hätte Alrun sich sicherlich hundertfach für den Zustand des Zimmers entschuldigt und noch mit Putzen begonnen. Sie hätte nicht Unrecht gehabt, andere Teile der Wohnung waren auch schon einmal sauberer gewesen. Aber wann hatten die zwei schon einmal Besuch? Lieber lagerten sie Bücher und Gerümpel, das sonst in der Wohnung keinen Platz mehr fand. 

„Guten Morgen?“, grüßte Linus vorsichtig, missachtend, dass es bereits sechzehn Uhr war. 
Horatio öffnete den Mund, doch da er gleichzeitig versuchte, sich aufzusetzen, artete sein Morgengruß in ein Stöhnen vor Schmerz aus. Daraufhin ließ er sich lieber wieder ins Bett fallen, hustete, und hob die Arme vor das Gesicht. „Moin.“ 

Linus musterte ihn und stand einen Moment lang einfach so da. Gastfreundlichkeit, puh. Soziale Interaktion, doppelt puh. Seine Mutter war in Dingen wie diesen besser. Doch die war leider nicht da. 

„Dein Name war Linus, richtig?“, war Horatio dann der, der zuerst wieder sprach. 

Er nickte, ehe ihm auffiel, dass Horatio das im Moment nicht sehen konnte. „Ja. Ja.“ Was sagte er jetzt am besten? „Kann ich dir irgendwas bringen? Tee?“ 

„Schmerztabletten?“ Horatio hörte sich ausgesprochen gequält an. 

„Beides?“ 

Trotz der Arme in seinem Gesicht, konnte Linus ihn grinsen sehen. Es wirkte nicht ganz so kaputt wie am Morgen. Vielleicht lag es am Schlaf, vielleicht hatte er die schweren Gedanken im Moment nur verdrängt. 

„Kannst du mal einen Moment nicht so perfekt sein?“, fragte Horatio wenig verständlich, dann lachte er heiser und ausgesprochen leise. Es ging in ein ungesundes Husten über. 

Linus biss sich leicht auf die Unterlippe und ihm wurde warm. „Kennst mich doch gar nicht“, sagte er anschließend und es sollte irgendwie lustig klingen, aber er war zu unfähig dafür. Nein, Horatio sollte ihn nicht für etwas halten, was er nicht war. „Einen... Einen Augenblick.“ Er lächelte ein schiefes Lächeln, das sein Gast ohnehin nicht sehen konnte, und verschwand in die Küche. Warum war er perfekt durch allgemeine Gastfreundlichkeit? Er verstand das nicht wirklich. Ihm musste nicht gedankt werden, für Dinge, die selbstverständlich waren. 

Das Teelager seiner Mutter konnte ihn ein Glück ablenken. Er trank in der Regel nur Schwarztee und hatte sich lange nicht mehr mit den merkwürdigen Teesorten seiner Mutter beschäftigt. Merkwürdige Mischungen mit ebenso merkwürdigen Namen, weshalb er lieber erst einmal den Wasserkocher anschmiss. Horatio bekam aus offensichtlichen Gründen keine Heiße Liebe von ihm und da er aus Hostis kam auch keine Hostische Waldgurke. Tore von Caelum war vom Titel vielleicht nicht so schlimm, aber er wusste nicht, was er sich unter „Apfelstrudel“ als Teesorte im Geschmack vorstellen sollte. Aliatusgesang klang sehr lyrisch, Scheißwettertee aus Kaw zumindest passend zu Kaw selbst, einer Stadt weit in Tribunus' Westen. Er entschied sich schließlich für irgendetwas Normales, etwas Gesundes, füllte ein bisschen Tee ins Sieb und goss anschließend das Wasser drauf. Anschließend brachte er ihn Horatio auf einem Tablett, zusammen mit einem Glas Wasser und Schmerztabletten aus dem Badschrank. 

Horatio hatte sich eine Rückenstütze aus Kissen gebaut, damit er ohne Anstrengung im Bett sitzen konnte, und lächelte freundlich, als Linus eintrat. Seine Müdigkeit konnte er dabei jedoch nicht verstecken. 

„Danke, echt“, sagte er, als Linus das Tablett abgestellt hatte.

„Kein Thema.“ Linus lächelte knapp und stand einen Moment lang da wie bestellt und nicht abgeholt. Was machte er jetzt? Er kannte Horatio nicht wirklich und dennoch waren sie hier zu zweit. Wenigstens wusste er um die eigene soziale Inkompetenz bescheid, das verhalf ihm ihn einer realistischen Selbsteinschätzung. Das Wissen darum half ihm aber nicht weiter. Es machte ihn nur noch unsicherer. 

„Sag mal“, begann Horatio dann ein Glück und unterbrach die unangenehme Stille. Er schaute an Linus vorbei, in Richtung Fenster. Der Tisch vor diesem war unter den Stapeln an Büchern kaum noch auszumachen. „Hat das Zimmer 'ne Heizung?“ 

„Oh, ja, klar!“ Linus drehte sich zu ihr um. „Soll ich sie aufdrehen?“

„Wär' echt super, danke. Is' dein Kapitän eigentlich immer so?“ 

Linus hatte sich dazu entschlossen, sich noch einen Stuhl heran zu holen. Stehend fühlte er sich dümmer als sitzend. Aber erst einmal hatte er die Heizung aufgedreht. „In der Regel, ja.“ 

„Eh, da hoff' ich mal, dass der sich nich' der hostischen Marine gegenüber so hatte“, feixte Horatio daraufhin, ehe er sich die Schmerztablette gönnte. „Die meisten Magier mögen es nich' so wirklich, wenn sie von 'nem Zivilisten blöd angemacht werden, erst recht mal nich' die Magier aus'm Militär. Sind nämlich echt eingebildete Schnösel. Kapitäne leider nur auch, hah.“ 

„Hm?“ Linus sah auf, mied aber nach wie vor Augenkontakt. „Bist du nicht selbst Magier?“

Horatio schüttete sich Zucker in den Tee. „Ja, irgendwie, ich bin unter zwanzig und ohne Ausbildung, da nenn man uns nich' so, aber ich denk' mal, das wär für den Fischer eh zu viel gewesen, der wollt' doch sowieso nichts begreifen.“ 

Linus unterbrach ihn nicht, um anzumerken, dass Bosch noch der intelligenteste auf dem Schiff war und erstaunlich viel wusste. 

„Aber nay. In Hostis beginnt das Schuljahr im März und ich werd' im Mai erst siebzehn, wäre dann erst so ab dann an der Militärakademie dort... Oder eben auch nich', so wie's gerade steht. Wenn das mit... der Clanverwaltung läuft. Oder so.“ Er schaute in seinen Tee und zog die Augenbrauen kurz zusammen, offenbar dachte er nach. Seine Gedanken gab er jedoch nicht preis. „Ich hätt' ja eh keinen Bock gehabt, dahin zu müssen. Also, zur Militärakademie. Avasikuu is' echt 'ne supertolle Stadt, aber es ist doch ein Stück weg von zu Hause. Nay. Die Hauptstadt ist schön, aber meine Heimatstadt Cilghain is' auch nich' langweilig. Auch wenn meine Schwester in Avasikuu ist... meistens. Sein sollte. Was auch immer.“ 

Er zuckte mit den Schultern, grinste bei der Erwähnung seiner Schwester kurz. Dann war es still, weil ihm nicht mehr einfiel, was er noch sagen sollte. Oder sein Körper war an seine Grenzen gekommen, seine Atmung ging schwer und er hustete gelegentlich. Linus würde ihn morgen definitiv zum Arzt schleifen, aber heute hatte schon alles geschlossen. 

Jetzt jedoch wollte er die Stille nicht auf ihnen lasten lassen. „Was ist mit deiner Familie?“, fragte er. Es interessierte ihn, auch wenn er nicht wusste, wie Horatio auf diese Frage reagieren würde. Vielleicht half es ihm, darüber reden zu können.

„Ich... weiß es nich'. Nach wie vor“, antwortete er schließlich nach weiteren Augenblicken der Stille. Sein Grinsen verschwand und hinterließ Leere. „Ich... Hab' keine Ahnung. Ophelia – also, meine Schwester – is' kurz vor Beginn von dem ganzen Trara drüben zu mir gekommen und hat mich auf ein Schiff nach Hohendamm verfrachtet. Kannst dir ja denken, dass ich das komisch fand und viele Fragen gestellt hab und blah.“ Er seufzte. „Ich hab' kein Visum. Ich glaub' auch nich', dass sie eins hatte. Aber... sie hat mir das Geld gegeben.“ 

Horatio nickte zu einem alten Sessel, der lange nicht mehr in Benutzung war. Der Bezug hatte ein paar Mottenlöcher, doch dies war nicht der Grund, warum keiner darauf saß. Das lag an dem weiteren sehr großen Stapel Bücher und ein paar Fachzeitschriften, in der Ecke klemmte Linus' alter Cellobogen, dessen Bespannung ganz labberig durchhing und dann war da noch ein Karton, in dem die Katzen sich gelegentlich versteckten. Und auf dem ganzen Haufen lagen im Moment Horatios Klamotten. Sie hatten sie gestern zum Trocknen ins Bad gehängt, aber da sie trocken waren, hatte Alrun sie wohl vor dem Gehen wieder zu Horatio gelegt. 

Linus fragte sich, ob Bosch Horatio weitergelassen hätte, hätte er kein Geld gehabt. Er hatte nichts von Horatio verlangt, das nicht. Aber ohne wären seine Chancen im neuen Land noch wesentlich geringer gewesen, das war auch Linus bewusst. Hatte Horatios Schwester geahnt, was an jenem Abend in Sysdale passieren würde? 

„Warum das?“ 

Er sah Horatio mit den Schultern zucken. „Was weiß ich. Hat halt... mitgedacht... oder so.“ Horatio räusperte sich, es ging in ein Husten über. „Ich werd' trotzdem versuchen, zur Hauptstadt zu kommen. Rubrica ist ein guter Anhaltspunkt und ein ganzes Stück größer als Hohendamm.“ 

„Das stimmt wohl“, gab Linus ihm murmelnd Recht. „Wenn du Magier bist, dann... hast du sicherlich auch am Amt kein Problem.“ Viele Leute, die auswandern wollten, wurden zurück geschickt. Linus wusste nicht, wie das bei Angehörigen eines Clans war, aber er wusste sehr wohl, dass jedes Land nach besten Möglichkeiten versuchte, alle Magier zu ergattern, die es kriegen konnte. Sie müssten Horatio also mit offenen Armen empfangen. 

Horatio verzog das Gesicht ganz leicht. „Die schicken mich bestimmt zur Akademie.“ 

„Hm, das kann sein“, sagte Linus. „Aber... hättest du das in Hostis nicht auch gemusst?“ 

„Jaaaa, schon.“ Horatio lachte leise, klang ein bisschen abwesend dabei. „Zu Hause lachen die nur über's tribunische Militär. Weißt du, wie sie die Großmeister nennen? Bademeister. Weil die aussehen und sich verhalten als hätten die Strandaufsicht und angeblich immer nur daneben stehen und zuschauen und nie was machen.“ 

„Ich weiß nicht“, gestand Linus. „Hab bisher noch keinen getroffen.“ Dabei lächelte er leicht. Hostis und Tribunus hatten sich nie sehr nahe gestanden und dass Leute aus dem hohen, kalten Norden jene im Süden für verweichlicht hielten, erschloss sich ihm. 

„Na ja. Aber schlimmer kann's wohl nich' sein, oder? Werd' ich ja sehen. Vielleicht schicken die mich ja auch gar nich' hin. Also, wenn ich so die Wahl hab, dann mach ich das nich'. Sondern halt... irgendetwas anderes, fänd' ich angemessen.“ 

„Was denn so?“, erkundigte sich Linus, woraufhin Horatio mit den Schultern zuckte. 

„Was auch immer. Keine Ahnung, ah. Na ja. Es is' ein bisschen komisch, weil Hostis is' ja sonst in allem strenger, aber dabei offenbar nicht?“ 

„Uh“, kam es sehr langsam von Linus. „Ich weiß nicht genau. Damit habe ich mich bisher noch nie beschäftigt.“ 

„Bist selbst keiner, was?“

„Hm?“ 

„Kein Magier?“ Erneutes Husten. Er trank einen Schluck Tee, der aber offenbar zu heiß war. 

Linus schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nichtmal eine ordentliche Haarfarbe verpassen.“ 

„Ordentlich? Ich find die echt hübsch.“ Horatio grinste kurz. Linus wurde warm. „Aber nay, hast du schonmal dein Blut getestet?“ 

Linus verneinte stumm. 

„Warum?“

„Was hätte ich davon?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich will nicht ins Militär.“ 

„Man kann mit Magie 'ne Menge mehr machen, als Leuten aufs Maul zu geben“, sagte Horatio. 

„Schon, ja.“ Eigentlich wollte Linus nicht über sich reden. „Ich... will aber auch nichts mit Magie, ich meine... Nein.“ Sein Fähigkeitengrad war eh zu gering für irgendetwas, dann würde seine Magie auch nicht für Zauber reichen, die nicht an seine Clanfähigkeiten gebunden waren. Ganz einfach. Nicht, dass er deshalb bestimmt wusste, was er eigentlich beruflich machen wollte später. Aber immerhin wusste er doch recht sicher, was er nicht wollte. 

Linus schaute auf die Uhr an der Wand. Er brauchte ein anderes Thema. „Meine Mutter kommt bestimmt so in einer Stunde nach Hause.“ 

Horatio nickte und schien den Köder zu schlucken. „Was macht sie eigentlich?“ 

„Hafenverwaltung“, antwortete er.

„Warst du deshalb auf dem Kutter?“ 

„Hmmm, Praktikum.“ Er nickte. „Noch bis März.“ Linus überlegte, was er sagen konnte, damit sie nicht mehr über ihn redeten. 

„Hast du keine Ausbildung gefunden oder wurdest du abgelehnt oder was?“ Horatio wirkte aufmerksam und müde zugleich. Er sollte ihn nicht über so etwas ausfragen, das war unwichtig. Auch wenn es ihm vielleicht half, sein mögliches Schuldgefühl damit zu schmälern, dass er gerade im Grunde genommen kostenlos bei Alrun und Linus unterkam. 

„Abgelehnt“, antwortete Linus. Eigentlich war es gelogen, aber er erinnerte sich nicht gern an letzten Sommer. 

„Hm, in Ordnung.“ Horatio trank noch mehr Tee. „Und dein Vater? Was macht der so? Also, wenn der mit hier is', wenn nich' dann, uh... Ja. Was auch immer.“ 

„Doch, ist hier. Also, nicht im Moment, im Moment ist der in Rantastala und...“ 

„Rantastala? Das ist ja echt am Arsch der Welt, was verschlägt den denn dorthin?“ 

„Er ist Professor für Sprachen an der Universität hier in Hohendamm“, erzählte Linus. „War erst in Rubrica vor ein paar Wochen und dann haben sie ihn nach Hostis geschickt.“ 

„Macht er da... Hostisch als Sprache oder was?“ Er konnte nicht einschätzen, ob Horatios Interesse ehrlich war oder nur aus Pflichtgefühl bestand. 

„Ja. Vor allem altes Nordosthostisch. Im Moment... Egal.“ Mit einem Handwink brach er ab. 

„Was is'?“

„Ich, hm.“ Linus seufzte. „Willst du wirklich mehr hören?“

„Hey, hey.“ Horatio hob Abstand haltend seine freie Hand. „Warum sollt' ich dich was fragen, wenn ich's gar nich' wissen will, aye?“ 

„Hm. Keine Ahnung“, murmelte er, schaute ihn dabei aber nicht an. Dann räusperte er sich, weil er irgendetwas machen wollte. Weil er nicht über sich reden konnte und ihm nichts einfiel, was er Horatio im Gegenzug fragen konnte und sich deshalb schlecht fühlte. Warum war er eigentlich so unfähig in völlig normalen Dingen? Es herrschte einige Augenblicke Stille, in denen Horatio Linus vermutlich sehr genau musterte. Linus sah es nicht gut, er schaute weg. Es war die Art von Stille, die man physisch spüren konnte. „Ich... Tut mir Leid, ich bin nicht so spannend.“ 

„Sag das nich', das führt nur dazu, dass ich drüber nachdenke, das will ich doch gar nicht.“ Horatio winkte ab. „Also, was wolltest du noch sagen?“ 

„Ich... weiß nicht mehr.“ Linus schaute weg. Er wusste wirklich nicht mehr, was er in dem Moment noch hatte hinzu fügen sollen. Seine Gedanken waren abgelenkt gewesen. 

Horatio seufzte schwer und Linus machte sich sehr auf einen Kommentar diesbezüglich gefasst, aber es kam nichts. Stattdessen trank der Junge noch ein paar Schlucke Tee. „Was auch immer. Rantastala is' echt am Arsch der Welt. So weit weg war ich noch gar nich'. Also, ich war generell noch nich' weit weg. Jetzt halt mal in Sysdale und ansonsten mal in Avasikuu? Yay. Aber das war's auch schon.“
 
„Avasikuu?“ Linus konnte wieder aufschauen. Er wusste nicht, ob Horatio jetzt mit Absicht einfach so weitersprach. Wenn ja, dann war er dankbar darüber. Das Thema war ihm gerade angenehmer, er dachte lieber an Avasikuu als anderes. Immerhin war Hostis' Hauptstadt jetzt seit Jahrhunderten in der ganzen Welt gelobt für seine Schönheit. Gesehen hatte er sie allerdings nicht, nur auf Bildern. 

„Ja!“ Horatio nickte. „Hab meine Schwester besucht, ein paar Mal. Das letzte Mal letzten Sommer? Ja. Die Stadt ist super, man kann so viel machen, viel mehr als in Cilghain und das Wetter ist auch nich' so eklig da. Viel wärmer und weniger Regen. Also, in Ordnung, ein paar Ecken sind da sehr aufgeblasen, der Palast und das gesamte Regierungszentrum, aber wenn man das so anschaut, sieht man schon, warum die Yelkin so irre stolz auf ihre Heimat sind.“
Linus nickte langsam. Das konnte er sich vorstellen. Das Zarenreich der Yelkin war jetzt knapp siebenhundert Jahre alt und hatte nach wie vor einen Posten als Großmacht inne, trotz der vielen harten Winter. Siebenhundert Jahre waren genug Zeit, die eigene Hauptstadt aufzubauen, ihr zur Prunk und Größe zu verhelfen. Auch wenn sein Vater einmal gesagt hatte, Hostis wäre vor zwanzig Jahren noch schöner gewesen als jetzt. Linus konnte sich an die fünf Jahre Schnee und Eis nicht mehr erinnern. Es war überall, in ganz Miseria spürbar gewesen, auch hier, in Hohendamm. Aber Linus war damals noch zu klein gewesen. 

„Warst du im Palast?“ 

Horatio schüttelte sofort den Kopf. Seinem darauf folgenden Gesichtsausdruck zu urteilen bereute er es aufgrund der Kopfschmerzen sogleich wieder. „Nay, nay, natürlich nich', die lassen da nich' jeden rein. Also schon, es gibt den Museumsteil und blah, aber das kostet Geld und eigentlich interessiere ich mich nich' so super für Geschichte und außerdem ist das alles unendlich voll mit Touristen. Und da ist das echt nur ein kleiner Teil vom Palast, kein' Schimmer, wer da eigentlich wohnen soll. Vermutlich ist das Ding echt nur zum Angeben da. Yelkin eben. Hat zumindest meine Schwester gemeint.“ Er gluckste. 

„Wohnt sie in Avasikuu?“, fragte Linus weiter, bemerkte aber, wie Horatios Mimik daraufhin etwas zusammen brach. Er wünschte sich, er hätte den Mund gehalten. 

„Aye“ seufzte er. „Also. Zumindest hat sie das lange. Dann hat sie sich Ende letztes Jahr von ihrem Freund getrennt und ist erst zurück nach Cilghain gekommen und dann nach Sysdale gegangen und... Ja. Was auch immer.“ Er zuckte mit den Schultern. „War auch schön, sie mal wieder dazuhaben.“ 

Er nickte erneut, wusste dann aber nicht, was er noch fragen sollte oder wollte. Theoretisch würde er noch etwas über Horatios Familie fragen, aber er wollte ihn nicht durch den Gedanken daran traurig machen. Auch ohne das war er schon mitgenommen genug. Dann jedoch, als Horatio gerade wieder Tee trank, fiel ihm noch etwas ein und er stand auf. Auf den Gedanken hätte er schon viel eher kommen können. 

„Einen Moment“, sagte er zu Horatio, ehe er das Zimmer verließ, in die Küche ging und mit der Zeitung vom Tisch wiederkam. Wie hatte er die nur vergessen können? 

„Uh“, hörte er Horatio aufgeregt neben sich. „Schreiben sie was? Sie schreiben doch was, nicht wahr? Das müssen sie, aye!“

Die Frage erübrigte sich, als Linus das Titelblatt anschaute, samt Bild darunter. Natürlich hatte es das Ereignis vorne drauf geschafft. Erst recht, als er las, was passiert war. 

„Was steht da, was steht da?“, quengelte Horatio weiter, stellte den Tee weg und streckte die Hand nach der Zeitung aus. Linus lies sie sich abnehmen, damit er selbst beide Hände frei hatte, um das Gesicht kurz in ihnen zu vergraben. 

Der Zar war tot. 

Der Sprengsatz gestern in Sysdale hatte beim explodieren den Zaren von Hostis getötet. Ihn, ein paar Militärangehörige, ein paar Politiker, eine ganze Hand voll Angestellter. Magische Explosion, deshalb waren sämtliche Spuren der Täter verwischt worden. Ermittlungen liefen. Hostis' Flaggen hingen reichsweit auf halbmast. 

In dem Zeitungsartikel standen nur Fakten über die Geschehen, keinerlei Kommentare. Nicht von Hostis selbst, auch nicht von Tribunus' Präsidenten. Die beiden Länder standen sich nicht nah, im Gegenteil. Tribunus formte mit den anderen beiden Kontinenten eine Union, während sich Hostis heraus hielt und sein eigenes Zeug machte, was von allen anderen kritisiert wurde. Aber die Winter waren gekommen, die Wirtschaft zusammen gebrochen, der alte Zar verstorben. Dann war Nikolaij VI gekommen, hatte Hostis aus den Ruinen wieder hochgeschaufelt und jetzt hatte auch sein Regime so jäh geendet wie das seines Vaters. 
Nikolaijs Tochter war zu jung für den Posten als Regentin sein jüngerer Bruder würde seinen Platz besetzen. Doch Hostis schwieg und so machte es auch Tribunus. 

Horatio war ausnahmsweise still, als er die Zeitung weglegte und nach seinem Tee griff. Er war zu schnell dabei, ihm spritzte Flüssigkeit über die Finger, doch er schien sich dafür nicht zu interessieren. „Meine Schwester muss da irgendwie rausgekommen sein, sie wird hier gar nich' erwähnt.“ 

Linus schaute ihn an. Er durfte ihn jetzt nicht bemitleidend anschauen, das würde ihm nicht helfen. 

„Ich muss nach Rubrica“, kam es sehr gepresst von Horatio. „Ich muss da hin, ich kann nich' hier sitzen und... nichts machen und hier sitzen und Zeit und ich... Ich weiß nich'.“ Seine Stimme klang schrecklich dünn, zitternd. Mehr noch als in der Nacht. Dann schwang er seine Beine aus dem Bett, sprang auf, verlor jedoch gleich darauf das Gleichgewicht und fiel zurück. „Wenn Ophelia sagt, dass ich da Familie hab, dann stimmt das auch, sie hat immer Recht, dann kann ich sie dort wieder treffen! Sie lügt nich', sie... kann nich'...“

„Du kannst jetzt nicht...“, wollte Linus ihn beruhigen, doch er schien ihm gar nicht zuzuhören. 

„Du kennst sie ja gar nich', wenn sie sagt, wir treffen uns in Rubrica, dann treffen wir uns auch in Rubrica! Wirklich, kannst du mir ruhig glauben.“ 

Linus hatte die Augenbrauen zusammengezogen und musterte Horatio, sagte aber nichts. Was konnte er in einer solchen Situation schon von sich geben, was auch geholfen hätte? 

„Tut mir Leid, ich...“, setzte Horatio an, doch er zitterte zu sehr, um weiter zu reden. Daraufhin vergrub er das Gesicht in den Händen. 

Unsicher kaute sich Linus auf seiner Zunge herum. Er konnte nicht einmal in Ansatz verstehen, wie Horatio sich fühlen musste, denn bisher hatte er niemanden Nahestehenden verloren. Es wäre anmaßend zu behaupten, dass er dies könnte. Er war nicht in Horatios Situation und selbst wenn, so war er doch ein ganz anderer Mensch. Jeder fühlte unterschiedlich. Hier ging es nicht um ihn. Hier ging es um Horatio und wie es ihm wieder besser gehen könnte, einen richtigen Weg, mit seinem Problem umzugehen. Nur hatte Linus keine Ahnung, wo er ansetzen sollte. 

„Du wirst jetzt erstmal wieder gesund“, begann er dann langsam und vermutete, dass es wohl ein mitfühlendes Zeichen gewesen wäre, hätte er ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. Aber er mochte keinen Körperkontakt, schon gar nicht mit fremden Menschen. „Und dann fährst du nach Rubrica. Ich hab doch gesagt, dass ich helfen werde. Und meine Mutter definitiv auch.“ 

„Du hast schon genug gemacht.“ Horatio schaute noch nicht auf. Seine Stimme war immer noch brüchig und heiser. „Ich steh schon so tief genug in deiner Schuld.“ 

„Ist doch egal“, nuschelte Linus. „Ich helfe dir doch nicht, damit ich von dir irgendetwas bekomme. Das wäre albern.“ 

„Das, was du machst, ist doch erst recht albern, du kennst mich doch gar nich'“, beharrte Horatio. Linus konnte sehen, wie er zwischen seinen Fingern hindurch lugte. 

„Das ist doch aber meine Sorge, oder?“ 

Diesmal war es der Magier, der ein leises „Hm“ von sich gab. Er ließ den Kopf hängen. „Das ist alles so grässlich. Von vorn bis hinten.“ Er seufzte leise, hustete anschließend. 

Auch Linus wusste nicht, was jetzt passieren würde. International, politisch, und um ehrlich zu sein wollte er sich auch keine Gedanken darüber machen. 

„Du musst schnell gesund werden, um nach Rubrica zu kommen.“ 

Sein Gegenüber nickte langsam, dann lehnte er sich zurück ins Bett und kuschelte sich in die Decke ein. „Habt ihr was zu essen?“ 

„Oh.“ Das war peinlich. „Ja, ja, natürlich. Was willst du? Wir haben... Zeug.“ 

„Zeug, ja. Ich hätt' gern Zeug.“ Horatio gluckste. 

„Ja ich... koche heute Abend etwas, bis dahin, ich weiß nicht. Es hat trockenen Kuchen und... Brot?“ 

Horatio lächelte in sich hinein. „Ich nehm' gern auch trockenen Kuchen.“

Eine Woche darauf stand Linus zusammen mit seiner Mutter und Horatio am Hauptbahnhof von Hohendamm. Alrun redete mit Horatio, drückte ihm noch einen Beutel extra in die Hand. Vermutlich war Essen darin und Horatio bedankte sich dafür. Es wäre alles doch gar nicht nötig gewesen und so weiter und so fort. Linus war sich sicher, dass er einfach nur unglaublich dankbar darüber war, denn dem Blick nach zu urteilen, den er in den Beutel warf, hatte er jetzt schon wieder Hunger. 

​​Er war schnell gesund geworden. Das, oder er hatte seine Erkältung gut vor Linus und Alrun verstecken können. Und dann war da auch noch das Ding mit der Clanverwaltung gewesen, die Horatio freiwillig ein Ticket nach Rubrica bezahlt hatte. „Als Start, Hilfe für Geflüchtete und so“, hatte er gemeint und dabei an die Decke geschaut. „Ich bin ja auch aus 'nem Clan. Da gibt es halt ja die Verträge und blah, ich hab das auch echt nich' alles verstanden. Beamte können echt kein klares Tribunisch reden und Hostisch noch weniger.“ 

Linus hatte das so hingenommen und nicht weiter nachgefragt. Es hätte ihn interessiert, aber er respektierte, dass Horatio nicht darüber reden wollte. 

„Ich werd' euch auf jeden Fall schreiben!“, versprach Horatio laut genug, dass Linus sich auch angesprochen fühlte. „Vor allem Ihnen, Frau Alrun, ich kann's nur immer und immer wieder sagen – ich mein', Linus war der, der mich vor'm grummeligen Kapitän gerettet hat, aber letztendlich zahlen Sie ja die Miete, aye?“ Er grinste dabei und Alrun erwiderte es. 

„Ich bin vielleicht eine Mutter, aber wohl kein Monster, Horatio, ich weiß nicht, ob es irgendwo Menschen gibt, die eiskalt genug gewesen wären, dich vor die Tür setzen. Und wenn ja, dann will ich die nicht kennenlernen.“ Sie klopfte Horatio auf die Schulter, der ein paar Zentimeter kleiner war als sie. Alrun war generell eine sehr große Frau, nur ein paar Zentimeter unter eins achtzig und damit auch nur wenig kleiner als Linus selbst. 

„Außerdem“, fügte sie mit vorgehaltener Hand hinzu und kicherte sinister, „ist es bis jetzt auch noch nicht vorgekommen, dass Linus mitten in der Nacht jemanden mit nach Hause schleppt.“ Jetzt rubbelte sie Linus über den Oberarm, der darauf gar nicht anders reagieren konnte, als eine Grimasse zu ziehen. 

Horatio lachte. Linus wusste nicht, ob er lachte, um ihr die Reaktion zu geben, die sie sehen wollte, oder weil er das tatsächlich lustig fand. 

„Wird schon, Linus. Ich komme einfach öfter mal nach Hohendamm.“

„Ich bitte darum“, sagte Linus trocken. Horatio gluckste. 

„So, Jungs. Horatio.“ Alrun nickte ihm zu. „Die einzige Schuld, die du hast, ist, dich hier zu melden, wenn du angekommen bist, verstanden?“

„Aye, Sir!“, meldete sich Horatio mit dazu passender, militärischer Geste. 

„Die Adresse habe ich dir gegeben – Güte, habe ich das?“ Sie begann, ihre Tasche abzutasten. 
„Haben Sie“, sagte Horatio lachend, ehe er wieder zu Linus schaute. „Und nochmal vielen Dank an dich, wirklich. Irgendwann sehen wir uns wieder und dann mach' ich es gut, ich versprech's dir.“ 

Linus nickte und schaffte es zu lächeln. „Sicher, ja.“ Er fand es gar nicht nötig, dass Horatio irgendetwas wieder gut machte. Aber wenn er das wollte, auch, um sein Gewissen zu bereinigen, dann war es vielleicht besser so. 

Eigentlich hätte er noch mehr sagen können. Ihm Glück auf seinem weiteren Weg wünschen, Zuversicht, seine Schwester zu finden, dass es ein gutes Ende hatte, für ihn und für alle anderen. Aber Horatio wurde immer traurig, wenn es um Familie ging. Daran wollte er ihn nicht erinnern. 

Der Hauptbahnhof von Hohendamm war überfüllt mit Menschen und der Zug, der nach Rubrica durchfuhr, laut Anzeige ausgebucht. Alrun hatte erwähnt, dass im Zentrum bereits seit einer Woche reger Betrieb herrschte. Es war so stürmisch drüben in Sysdale, die gesamte Provinz Eart war in Aufruhr und ihren Nachbarprovinzen Dwinnis und Midland ging es nicht anders.

​​​​​​Weder Hostis noch Tribunus schafften es, die Seewege vollends zu kontrollieren. Irgendwelche Lücken gab es immer, durch die sich Leute hindurch quetschen konnten, um den Unruhen in der Heimat zu entkommen. Und Hohendamm lag an einer Meerenge, sehr nah an Sysdale. Der Weg war hier am kürzesten. 

Die Fahrt nach Rubrica würde lang dauern. Hohendamm, Hauptstadt der Provinz Luchtal, war eine der zwölf tribunischen Provinzen und auch noch eine der größeren. Auf gerader Strecke waren es mehr als zweitausend Kilometer bis nach Rubrica, wo die tribunische Gesamtregierung saß, am äußeren Rand von Tribunus' Nordosten. Von dort aus war man schneller in Hostis' Hauptstadt als in Hohendamm. 

Horatio würde mehr als vierundzwanzig Stunden im Zug verbringen, doch seine Laune schien davon nicht negativ beeinflusst zu werden. Ganz im Gegenteil, offenbar hatte er seinen Optimismus im Lauf der letzten Woche wiederfinden können. 

„Gute Reise“, sagte Linus schließlich leiser, als er vorgehabt hatte. Der Schaffner pfiff gerade die Leute vom Gleis zurück, als der Zug einfuhr. „Viel Glück.“ 

„So viel ich kriegen kann!“ Horatio grinste breit. „Und ich werd' garantiert nichts vergessen, gar nichts, verlasst euch drauf!“ Er salutierte überschwänglich. 

Die Zugtüren öffneten sich und Leute stiegen aus. Die drei gingen ein paar Schritte zur Seite, damit sie nicht im Weg standen. Alrun wirkte nervöser als Horatio. 

Den Beginn seiner Reise hatte der Zug in Kaw gemacht, in jener Stadt, aus der immer nur Leute kamen und in die keiner wollte, denn niemand wollte nach Kaw. Angeblich war es die miserianische Stadt mit der höchsten Suizidrate und wenn man sich die Wetterberichte der Gegend so anschaute, war dieses Gerücht auch gut verständlich. 

„Na dann“, sagte Horatio, als schließlich alle Leute durch waren und das Einsteigen begann. Er schulterte jene Tasche, die Alrun ihm gefüllt hatte, immerhin hatte er bei seiner Ankunft in Hohendamm gar nichts dabei gehabt. 

„Sag Bescheid, wenn du angekommen bist.“ Alrun zog ihn in eine Umarmung. Horatio wirkte überrascht, aber nicht abgeneigt. Ein wenig verwirrt erwiderte er sie, löst sich anschließend und schaute zu Linus. 

Linus jedoch bewegte sich nicht, weil er die Motivation nicht fand, die Hände aus den Taschen zu nehmen. „Komm gut nach Rubrica und so“, nuschelte er und lächelte schief. Eigentlich wollte er richtig lächeln und so, wie Alrun ihn anschaute, erwartete sie auch mehr, doch er tat es nicht. 

„Werd' ich, werd' ich.“ Er seufzte leise und schaute zur Tür, wobei sein Lächeln kurz bröckelte. Doch gleich darauf schaffte er wieder, es aufrecht zu erhalten. 

„Eine gute Reise, wenn du überfallen wirst, verhau denjenigen mit der Tasche!“, rief Alrun, als Horatio zum letzten Mal die Hand hob, um anschließend im Zug zu verschwinden. Linus sah ihn durch das Fenster noch einmal kurz. Er war dabei, sein Abteil zu suchen, war aber zu abgelenkt, um noch einmal nach draußen zu schauen. 

„Vielleicht sehen wir ihn mal wieder“, sagte Alrun, die immer noch auf die Tür schaute. 

„Hm“, kam es von Linus nur. Ja, ja, schon. Irgendwie. Im Grunde genommen kannten sie ihn gar nicht wirklich. Er hatte jetzt nur eine Woche lang bei ihnen gewohnt. 

Linus drehte ab und lief auf die Unterführung zu, um endlich aus den Menschenmassen verschwinden zu können. Heute war es grässlich voll am Hauptbahnhof und jetzt, da Horatio nicht mehr da war und der Zug gleich abfuhr, merkte Linus, wie nervös ihn das eigentlich machte. 

Er hatte die Hände in den Jackentaschen vergraben und durch die Kälte den Hals eingezogen, sodass sein Schal seinen Mund bedeckte. Sein zweiter, den anderen hatte er Horatio überlassen, damit der überhaupt etwas hatte. 

Wind wehte durch die Unterführung und verursachte ein pfeifendes Geräusch. Deshalb und wegen der vielen Menschen, hatte Linus Probleme, seine Mutter zu verstehen, als diese zu ihm aufholte. 

„Ich wünsche ihm wirklich, dass er den Weg zu seiner Familie findet“, sagte sie. „In solchen Zeiten ist es nicht gut, auf sich allein gestellt zu sein.“ 

Er sagte nichts, schaute nur auf dem Boden, zu den Zigarettenstummeln und alten Kaugummis dort.

„Es ist, als hätten sie für Hohendamm einen Räumungsbefehl erteilt“, redete Alrun weiter. „Alles, was genug Geld hat, flieht weiter ins Inland. Dabei hört sich das, was drüben gerade passiert, gar nicht so schlimm an? Anderseits, vermutlich kriegen wir auch gar nicht alles mit, wir sind ja auch nur auf die Medien angewiesen – wobei, ich meine, so wie unser Präsident drauf ist, nimmt der alles, was in Hostis passiert und lässt es von den Medien noch schlimmer darstellen, als es ist. Zumindest hat er das in der Vergangenheit schon oft genug gemacht.“ 

Dewin - Linus' Vater - war oft in Hostis gewesen und hatte selbst berichtet, was eigentlich los war. Gerade war er aber am falschen Ende von Miseria, um erzählen zu können.

An den Wänden der Unterführung klebten Plakate der Reform. Jener Partei, die Tribunus und auch die gesamte Union seit der Einigung leitete, auch wenn sie seit sehr langer Zeit nichts mehr reformiert hatten. Abgebildet waren Großmeister, tribunische Kampfmagier in ihren blau-weißen Uniformen, verängstigte Bürger schützend. Lasst die Kälte des Nordens nicht in eure Herzen. 

„Linus?“ 

„Hm?“ 

Seine Mutter ließ sich einen Moment Zeit, ehe sie weiterredete. „Weißt du, so ganz theoretisch könnten wir grad auch gehen, dein Vater ist immerhin nicht da. Wir haben Verwandtschaft an der Grenze zu Anjerun. Weißt du noch, wie waren einmal dort, vor... fünfzehn Jahren?“ 

„Erwartest du, dass ich mich daran noch erinnere?“, erkundigte er sich trocken, woraufhin sie ihm mit dem Ellenbogen in die Seite knuffte. 

„Ich wollte es nur gesagt haben“, meinte sie. „Dein Großonkel im Übrigen.“ 

„Hm.“ Er hatte keine Ahnung, von wem sie sprach. Familie war so ein Ding, dem er lieber aus dem Weg ging. Seine Eltern waren in Ordnung, Geschwister hatte er keine, aber bei Familienfeiern suche er bereits Wochen vorher für Ausreden, um nicht erscheinen zu müssen. 

„Tu nicht so desinteressiert, Linus“, ermahnte sie ihn. „Du merkst doch selbst, was hier vor sich geht. Und wenn es nur das ist, dass du nicht noch einmal auf Arbeit durftest seit dem Attentat.“ 

„Hm“, wiederholte er. „Keine Ahnung. Stress an der Grenze gab es doch immer mal.“ 

„Stress an der Grenze, vielleicht. Aber das dort ist etwas anderes. Falls du dich nicht erinnerst, die haben letzte Woche den Zaren gesprengt.“ 

„Ja, haben sie halt einen neuen.“ Er zuckte mit den Schultern. Eigentlich war es ihm auch nicht egal, aber er wollte nicht mit seiner Mutter darüber reden. Vor allem nicht jetzt. 

Alrun seufzte laut. „Ich dachte, du wärst langsam alt genug, um dich nicht mehr so gegen alles zu stemmen. Und vor allem, dir der Lage bewusst zu sein und dich nicht nur in deine eigene, kleine Welt zurück zu ziehen.“

Doch von ihm kam wieder nur ein „Hm“. Die Sache bereitete ihm auch schon ohne das Gerede seiner Mutter Kopfschmerzen. Zwei Tage nach dem Attentat hätte er wieder zur Arbeit erscheinen sollen, doch als er dort angekommen war, hatte ihn Bosch geradewegs wieder nach Hause geschickt. Es würde erst wieder losgehen, wenn sich die Lage beruhigt hatte. Seine Reederei hatte von der Hafenverwaltung nicht die Erlaubnis bekommen, ihre Schiffe auf See zu schicken, sie wären nicht gut genug ausgerüstet. Der hostischen Grenze solle man als Fischerboot derzeit nicht zu nahe kommen. Bosch würde sich dann melden, hatte er gesagt, und einen Brief schicken, wenn es weiter ging. Linus hatte nichts dagegen, zu Hause zu sein. Selbstverständlich, die Situation war nicht in Ordnung, aber er ging gern nicht arbeiten. 

„Ich möchte nicht, dass du das auf die leichte Schulter nimmst.“ 

Linus starrte geradeaus. „Mach ich nicht.“ Doch, tat er. Gerade zumindest. War ihm auch egal. 

Während seine Mutter sich weiter über ihn beschwerte, schaltete Linus einfach ab. Dafür fiel ihm bereits der dritte Großmeister auf, den er heute zu Gesicht bekam. In wichtigen Grenzstädten wie Hohendamm war eigentlich immer in Kampfmagier stationiert, zumindest hatte Alrun das mal erzählt. Aber das man den auch einmal sah, das war selten. Linus versuchte, das Clanabzeichen zu erkennen, doch der Großmeister stand zu weit entfernt, auf der anderen Seite des Bahnhofseingangs. Wie eine Statue, unbeweglich und wachend. 

Schließlich seufzte Linus laut. Er wusste selbst, dass es übertrieben war. „Keine Angst, ich zieh bald aus.“ 

„Und von welchem Geld, wenn ich fragen darf?“, erkundigte Alrun sich scharf und stemmte die Hände in die Hüften. „Dein Vater und ich, wir unterstützen dich gern, Linus, wirklich. Aber ich kann dir nicht alles vorlegen, irgendwann musst du auch mal allein was hinbekommen.“ 

„Hm“, brummte er nur erneut. Er hatte keine Luft, mit ihr zu streiten. Nicht jetzt und nicht darüber. Warum konnte sie dieses Thema nicht zusammen mit allen anderen sein lassen und aufschieben, auf den einen passenden Moment, der nie kommen würde?

„Du sagst immer nur, was du nicht machen willst und was du nicht kannst.“ Die beiden stiegen in eine der Straßenbahnen vor dem Hauptbahnhof. Die Tram war voll und Linus wäre es lieb gewesen, würde ihn seine Mutter nicht vor so vielen Leuten zusammen falten, sodass er seinen Kopf weiter in seinen Schal zurück zog wie eine Schnecke. „Ich frage mich, ob du überhaupt zufrieden sein kannst, vielleicht habe ich in den letzten siebzehn Jahren zu viel für dich getan.“ 

Linus starrte die ganze Fahrt über die gleiche Werbung an der Straßenbahntür an, um Alrun nicht zuhören zu müssen und vor allem, um die Blicke der anderen Fahrtteilnehmer nicht zu spüren. Ihm wurde warm. Irgendwie dauerte die Fahrt länger als sonst immer. 

„Du bist zu besorgt“, sagte er, als sie aus der Tram stiegen, und bereute es sogleich. Für gewöhnlich machte er alles schlimmer, sobald er den Mund öffnete – wenigstens war es nicht mehr weit bis nach Hause. 

„Zur besorgt? Erklär mir bitte, wie man in einer solchen Situation zu besorgt sein kann, Linus.“ Ihm war ihre Lautstärke unglaublich peinlich. „Ach nein, was rede ich eigentlich. Du hörst mir weder zu noch redest du mir, Hostis fletscht die Zähne und du...“

„Der Norden wird im Norden bleiben“, seufzte er laut. „Als ob Hostis und Tribunus nicht in den letzten fünfzehn Jahren sich oft genug angefeindet hätten, oh Fatum.“ Doch selbst der allmächtige Schicksalsgeist konnte ihm in dieser Situation nicht weiterhelfen. 

„Der Zar wurde ermordet.“ Ihre Stimme klang nich ein bisschen schärfer als zuvor. 

„Von irgendwelchen Irren, Hostis hat interne Probleme deshalb, nicht externe.“ Obwohl es noch hundert Meter bis zur Haustür waren, kramte er schon einmal seinen Schlüssel hervor, um möglichst beschäftigt zu wirken, was seine Mutter jedoch nicht davon abhielt, weiter zu reden.
 
„Stell dich bitte nicht blöd und auch nicht blind!“ 

„Ich kann dich nicht hören, ich kann dich nicht hören, ich kann dich nicht hören“, dachte er sich immer und und immer wieder, einem Mantra gleich, und hoffte, dass dieses innere Summen die Stimme seiner Mutter verdrängte. Es funktionierte nur spärlich. 

„Bitte, Mama. Jetzt nicht“, versuchte er, sie endlich zum Schweigen zu bringen. 
„Nicht 'Mama, jetzt nicht', Linus, du bist fast siebzehn Jahre alt und solltest langsam erwachsen genug dafür sein, dich mit einer gewissen Reife mit solcherlei Dingen auseinander zu setzen!“ 
Er öffnete die Haustür, hielt sie ihr aber nicht auf, sodass sie Alrun fast vor der Nase zufiel. 

„Linus!“, rief sie laut und empört, doch er reagierte nicht darauf. Er ging voran, um schnellstmöglich in die zweite Etage und die Wohnung zu kommen. „Bleib stehen!“ Doch sie musste erst noch die Post aus dem Briefkasten holen. Während sie unten also noch weiter zeterte, schloss er oben schon einmal auf, zog seine Jacke aus und schnappte sich eine der Katzen, die ankam um ihn zu begrüßen. Ihr weiches Fell hatte eine beruhigende Wirkung.

Und selbst wenn er mit seiner Mutter da sitzen und sich um die Sicherheit seines Landes bangen würde: Ändern konnten sie nichts, sollte etwas passieren. Was nicht der Fall sein würde. Der letzte Krieg war über hundert Jahre her und hatte Tribunus im Westen, Arma im Süden und Agmen im Osten zu einer Union geeinigt, an der Hostis nicht hatte teilhaben wollen. Und so war es seitdem und so würde es auch bleiben. Zumal Linus bezweifelte, dass es Alrun im tiefsten Inneren darum ging, dass ihr Sohn sich zu wenig mit der aktuellen Weltpolitik auseinander setzte. Sie war ohnehin seit einem knappen Jahr sehr schlecht auf ihn und seine Meinungen und Entscheidungen zu sprechen, seit er seine Bewerbungen verhauen hatte. 

Grave auf seinem Arm miaute ihn an. Linus miaute zurück. Als dann Alrun hoch kam und die Tür fiel zu laut ins Schloss fiel, vergrub Linus sein Gesicht im Bauchfell seines Katers und pustete hinein. Er hörte das Tier schnurren. 

„Was ist nur alles falsch mit dir?!“, ächzte Alrun. „Du bist keine dreizehn mehr, ich dachte du...!“ 
Sie verstummte abrupt, als sie einen der Briefe öffnete. Linus war das egal. Er setzte Grave auf dem Boden ab und ging in die Küche, um sich einen Tee zu machen. Draußen war es viel zu kalt und seine Mutter hatte ihm Kopfschmerzen verpasst und ihn müde gemacht. 

„Du musst dich bis nächste Woche Mittwoch bei der Clanverwaltung melden“, sagte Alrun und klang wesentlich ruhiger als zuvor noch. 

„Was ist denn nun schon wieder?“, fragte er genervt, ohne sich dabei zu ihr umzudrehen. Vermutlich füllte er gerade viel zu viel Tee in das Sieb, aber es war ihm egal. Es würde ekelhaft bitter werden, sodass man das Koffein noch stärker als sonst heraus schmecken konnte. Aber zumindest würde das zu seiner derzeitigen Laune passen. 

Seine Mutter antwortete nicht. In dem Fall war es ihm egal, dann war es nicht wichtig. Vielleicht hatte die Clanverwaltungs ausnahmsweise nichts daran auszusetzen, dass ihre Familie mit dem Clan kaum etwas zu tun hatte. „Verfall der Kultur“ hatte einer von denen einmal gesagt, dabei hatte sein Vater, der nicht einmal Clanmitglied war, in den letzten fünf Jahren vermutlich mehr zum Erhalt der Kultur beigetragen als der gesamte Clan in den letzten zwanzig. 

Das Wasser kochte und er goss es in die Kanne. Zucker und Milch gab er nicht hinzu. Er wollte bitteren Tee, da brauchte er letzteres nicht, und Zucker machte es klebrig. Neben ihm begann wieder, Grave sich mit ihm zu unterhalten. Linus machte kurz mit. Aria saß auf dem Fensterbrett und schaute ihnen dabei zu. 

Alrun legte den Rest der Post auf dem Küchentisch ab. „Sie wollen Bluttests machen. Aufgefordert dazu sind alle Clanmitglieder zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahren. Es ist...“

„Was ist?“ Seine Stimme klang ungewohnt schneidend und er fand selbst, dass es ihr gegenüber unfair war, doch im Moment wollte er einfach nur seine Ruhe haben. 

„Eine Art... Einzugsbefehl.“

Nun drehte er sich doch zu ihr um und schaute sie fragend mit zusammen gezogenen Augenbrauen an. 

„Also, wenn deine Bluttests positiv ausfallen...“ Ihre Stimme hörte sich fürchterlich leise an. 

Linus seufzte und zuckte mit den Schultern. „Dann können wir ja beruhigt sein, weil wir beide wissen, wie meine Blutwerte aussehen.“ Daraufhin nahm er die Kanne, eine Tasse und ging in sein Zimmer. Grave folgte. Er könnte sich einmal wieder an sein Instrument setzen. Gestern war ein Paket von seinem Vater angekommen, der ihm neue Saiten geschenkt hatte. Allerdings war Linus zu faul gewesen, diese aufzuspannen. 

„Linus, du solltest...“

„Es ist Samstagnachmittag. Ich geh am Montag gleich am Morgen hin, ja, ich weiß. Bis später.“ 
Anschließend schloss er die Tür und hoffte, für die nächsten paar Stunden nichts mehr von seiner Mutter zu hören.

Der Test bei der Clanverwaltung konnte warten. Linus hatte seiner Mutter nicht Bescheid gegeben, dass er sich mit seinem Vater zu einem Gespräch verabredet hatte. Er war alt genug, das allein zu regeln und obendrein mochte er es nicht, wenn sie dabei war. Alrun versuchte in der Regel, es sich nicht anmerken zu lassen, aber ihre Ohren waren groß und sie hörte alles, registrierte alles, und sog es in sich auf wie ein Schwamm, solange, bis sie die Informationen gebrauchen konnte. 

Hinzu kam, dass ihm alles recht war, was den Termin bei der Clanverwaltung weiter hinaus zögerte. Sein Clan war der größte in ganz Miseria. Die Mitglieder verstreuten sich in alle Welt, doch hier in Hohendamm war die Zentrale, das Clananwesen, und die Leute dort gehörten zu den anstrengendsten, die Linus je getroffen hatte. 

Letztendlich würde ohnehin nicht das Ergebnis kommen, das der Clan sich erhoffte. Linus' Fähigkeitengrad genügte nicht einmal, um sich selbst eine gescheite Haarfarbe zu verpassen. Dass er auf einmal hoch genug sein sollte, um ihn zum Kampfmagier zu machen, war lachhaft, aber wenigstens war er im Clan kein Einzelfall. Von allen derzeit sechsundvierzig miserianischen Clans hatte nur eine Hand voll Fähigkeiten, die sich auch gut in der Offensive anwenden ließ, deshalb war es nicht verwunderlich, dass mit den Färber-Fähigkeiten im Kampf nicht viel anzufangen war. Doch immerhin konnte sich ein richtiger Magier ausgesprochen gut tarnen. Wie exorbitant. 

Es war zwei Wochen her, dass Linus zuletzt mit seinem Vater geredet hatte, was noch ein Grund mehr war, weshalb er sich auf das Gespräch freute. Er machte nicht einmal einen Umweg – wenn er von seiner Wohnung aus zum Clananwesen wollte, kam er ohnehin bei der Post vorbei. Da war es keine große Sache, einen Halt von ein paar Minuten einzulegen, denn lange würde es nicht dauern. Linus hatte die Verschwiegenheit eindeutig von seinem Vater. Und außerdem reichte sein Geld nicht für mehr. 

„Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht anzurufen brauchst“, war das erste, was er von Dewin zu hören bekam, als dieser abgenommen hatte. Zwölf Uhr Montag, das hatten sie sich beim letzten Mal ausgemacht. Zwölf Uhr in Hohendamm, fünfzehn Uhr in Rantastala. 

„Du bezahlst das Fünffache“, sagte Linus, obwohl Dewin das bereits wusste. Er lächelte die Wand ihm gegenüber an. Einladendes Grau, wie in jedem Raum mit Ignis Fatuus. „Wie ist es bei dir?“ 

„In Sysdale brennt gerade die Luft und du fragst mich das?“ Sein Vater lachte kurz, seufzte dann aber. „Ruhig, wie immer. Flaggen auf Halbmast. Aus Solidarität hängen viele von den Yelkin und von den Kraskow, so viele wie sonst nicht. Ein paar Wappen des Halowkintrakaij. Na ja. Der Monarch ist gestorben, eben... So das Übliche. Ansonsten ist alles wie sonst auch. Wie ist es bei euch? Wie ich die Akademie kenne, wimmelt es doch sicherlich vor Großmeistern.“ 
„Hab die letzten paar Tage einige gesehen.“ 

„Dachte ich mir.“ Dewin ächzte. Er war kein Freund von Kampfmagiern, da vor allem die, die freiwillig im Militär waren, 'auf höchstem Grad ätzende Charaktere' und 'eine unbeschreibliche Arroganz' besäßen. Linus fragte sich, welches Ereignis bei Dewin zu einer solchen Meinung geführt hatte. Er selbst hatte zu wenig Kontakt mit ihnen gehabt, um überhaupt irgendetwas über sie zu denken, außer vielleicht, dass sie in ihren Uniformen schick aussahen. 

„Reden sie viel über die Miserianische Union?“ 

„In der Zeitung, ja“, antwortete Linus. Allerdings las er in der Regel nicht viel Zeitung, er wusste das nur über seine Mutter. „Delec weniger.“ Er hatte leider keine eigene, obwohl er sich seit Jahren eine wünschte – selbst hatte er das Geld dafür nicht. Aber seine Mutter meinte, wenn er die Möglichkeit bekommen würde, auf seinem Zimmer Musik zu hören, würde er es gar nicht mehr verlassen. 

„Tatsächlich...“ Dewin hörte sich überrascht an. „Ich habe das Gefühl, Hostis hätte keine Musiksender mehr. Egal auf welcher Welle, es laufen nur noch politische Debatten.“ 

„Gar nicht“, sagte Linus. „Nur das übliche Blahblah. Tribunus in Angst, weil Hostis seinen Kram nicht unter Kontrolle hat. Wären sie nur in der Union, die ganze Welt wäre eins und keiner würde mehr zanken. Dann würde auch Zar Nikolaij noch leben. Aber es ist ja Hostis' eigene Schuld, dass sie nicht in der Union sind.“ 

„Ach ja, Herr Nikolaij... Aber, ganz ehrlich. Von Harrard habe ich nichts anderes erwartet.“ Linus hatte seinen Vater in den sieben Jahren, die Präsident Harrard jetzt schon im Amt war, noch nicht ein gutes Wort über ihn verlieren hören. „Der wird sicherlich nur darauf gewartet haben, feine Gegebenheit.“ Er machte eine kurze Pause. „Politik.“ Es klang sehr gequält. 

„Anstrengend“, unterstrich Linus das. Er brauchte ein anderes Thema. Auch wenn er mit Dewin viel lieber darüber redete als mit Alrun, es reichte langsam. „Die Saiten und die Noten sind angekommen“, teilte er seinem Vater dann mit. 

„Ah, das freut mich. Schon ausprobiert?“ 

„Die Noten noch nicht“, antwortete er. „Also, ich hab sie mir angeschaut, aber ich habe noch keine Zeit zum Üben gehabt. Aber die Saiten hab ich am Mittwoch aufgespannt...“ Er überlegte, ob er Dewin etwas von Horatio erzählen sollte. Sein Vater hatte noch nicht danach gefragt, also hatte Alrun es ihm noch nicht erzählt. Stimmt ja, sie hatten beide seit über anderthalb Wochen nicht mit ihm gesprochen. Ferngespräche waren teuer. 

Dabei hatte Horatio sich so gefreut, als Linus die Saiten eingespielt hatte. Und er hatte viel darüber geredet, wie gern er eigentlich auch ein Instrument spielen können würde, aber keinerlei Begabung in der Richtung hätte. Umso lieber hörte er von daher zu, wenn andere spielten. Linus würde von sich nicht behaupten, dass man eine Begabung brauchte, außer vielleicht Taktgefühl. Man konnte alles, wenn man genug übte. Zudem redete das Wort 'Talent' die Stunden um Stunden an Training herunter, die er gebraucht hatte, um auf sein derzeitiges Level zu gelangen. 

„Lass mich raten, sie sind nicht so gut wie Wiitala?“, fragte Dewin. 

„Nichts ist so gut wie Wiitala“, antwortete Linus schmunzelnd. Weltweit bester Hersteller für Saiten. Leider unbezahlbar. 

Linus entschied sich, nichts über Horatio zu erzählen. Er hätte es machen können, aber er hatte nicht das Geld und somit auch nicht die Zeit. Alrun würde das die Woche garantiert noch machen. 

Dennoch hielt das Gespräch länger als erwartet. Die Ignis Fatuus, das Gerät zur Fernkommunikation, vor dem Linus stand; war mittlerweile warm gelaufen und surrte leise vor sich hin. Vielleicht würden sie eines Tages klein und handlich sein, nicht so teuer im Erwerb, dass es nur öffentliche gab. Doch diese Zeit war noch lange nicht erreicht. Sie wurden mit synthetischer Magie betrieben, die im freien Handel gar nicht erhältlich war. So musste man eben zur Post gehen, um sich direkt mit Freunden oder Verwandten unterhalten zu können, die sich weit weg aufhielten. Linus hätte auch einen Brief schreiben können, aber das hätte noch länger gedauert. 

Neben Horatio hatte Linus Dewin auch nichts von dem Schreiben erzählt, das am Samstag im Briefkasten gelegen hatte. Weswegen er sich jetzt eigentlich auf dem Weg zum Clananwesen befand, damit sein Blut getestet werden konnte. Er hatte einen Augenblick lang darüber nachgedacht, es aber sein lassen. Dewin hatte genug um die Ohren. Als Sprachforscher an der Bibliothek musste er stetig viel nachdenken und in Hostis war die Lage angespannt. Nein, er brauchte ihm nicht noch mehr Sorgen zu bereiten, als er ohnehin schon hatte. 

Es konnte jedoch nicht das schlechte Gewissen verhindern, das Linus beim Auflegen überfiel. Sein Vater war ein ehrlicher Mann und er erwartete selbiges von seinem Gegenüber. Na ja. Alrun würde es ihm später die Woche sagen, das würde sie ganz bestimmt. 





Vor der Postzentrale nahm Linus eine Straßenbahn. Eine von elf Linien in der Stadt, die im Gegensatz zu den Zügen kleiner und beweglicher waren und zudem regelmäßiger fuhren. Nummer sieben, in den Osthafen. Das Ticket kaufte er sich direkt in der Bahn, da es hier keinen Schalter gab. Er entwertete es gleich vor Ort.

Die Fahrt dauerte ungefähr zehn Minuten. Das Clananwesen hatte vor langer Zeit einmal im Zentrum der Stadt gelegen, aber dann war der Clan gewachsen und der Platz hatte nicht gereicht. Von daher hatten sie sich kurz nach dem Bürgerkrieg, bei dem sich Tribunus als letzter der Kontinente zu einem Staat zusammengeschlossen hatte; angefangen, ein neues etwas außerhalb zu bauen. So kam es, dass, obwohl dreihundert Jahre an sich eine ordentliche Zeit waren, das Anwesen der Färber im Vergleich zu denen anderer Clans eher jung war. 

Für die Zeit des Bürgerkriegs typisch, dominierte Stahl die Optik des Gebäudes. Es war direkt an die Hafenkante erbaut, sodass man, wenn einem aus welchem Grund auch immer danach war, von der fünften Etage auf ebenjener Gebäudeseite aus dem Fenster springen konnte und ohne Probleme auch im Wasser landete. Der kalte Stahl der zahlreichen Träger und Pfeiler glänzte matt in der Mittagssonne. So auch die beiden Pfeiler am Tor vor der Auffahrt, die mindestens drei Meter höher waren, als es nötig gewesen wäre. Das war es dann allerdings an Dingen, auf die man hätte verzichten können. Ansonsten war das Anwesen durch und durch praktisch gestaltet – der Architekt hatte sich den Leitspruch 'Die Form folgt der Funktion' sehr zu Herzen genommen und keine weiteren nennenswerten Formen auftauchen lassen. 

Die Gärten waren in Relation zur Clangröße lachhaft, es gab keine Erker, höchstens ein paar wenige Balkone und Linus wusste von der Terrasse an der Hinterseite. Vor allem, wenn man bedachte, dass es sich hierbei um den Färber-Clan handelte, wirkte das Anwesen trist und trostlos. Derzeit war auch noch Winterpause. Erst im März wieder würden die Magier die Gebäude bunt färben. 

Das Eingangstor stand offen, sodass Linus ohne Weiteres auf das Gelände gelangte. Dann stand er unschlüssig da und versuchte sich zu erinnern, wo er als nächstes hinmusste. Doch je mehr er versuchte, sich den Weg zurück ins Gedächtnis zu rufen, desto ratloser wurde er. Sein Puls ging hoch. Linus bemühte sich, sich selbst ruhig zu halten, indem er bedacht ein- und ausatmete. 

Vermutlich wäre er dort verzweifelt, wäre ihm nicht irgendwann ein Schild aufgefallen, das an der Tür des Haupteingangs stand. Irgendwer war dagegen gerempelt und hatte es verschoben, sodass es ihm auf den ersten, nervösen Blick nicht aufgefallen war. „Für Bluttests in der Verwaltungszentrale melden“. 

Linus lächelte schief. Bereits die dritte Menschengruppe lief an ihm vorbei. Es waren nicht genügend Leute, dass er untertauchen konnte und nicht länger auffiel. Er wusste, dass diese Nervosität irrelevant war, dass er keinen Grund hatte, die Situation als Gefahr zu empfinden, aber dieses Wissen ließ ihn nicht unbedingt besser fühlen. Eher im Gegenteil.

Als er dann endlich hinein ging und den Schildern folgte, verlief es schneller, als er zuerst vermutet hatte. Obwohl er nicht der einzige war, der etwas wollte, konnte ihm rasch weiter geholfen werden und so wurde er nach einem kurzen Gespräch in einen der Nebentrakte geschickt. Sein Adrenalin nahm ganz langsam wieder ab. 

Wie viele miserianische Clananwesen verfügten die Färber über ein großes Gelände, auf dem die Clanverwaltung im Grunde genommen treiben konnte, was sie wollte. Linus hatte von vielen Clans gelesen, die beeindruckende Anwesen besaßen. So hatten die hostischen Valyin einen Palast, gehauen in die Klippen von Lakejew, die hinab fielen in den Kuujewa, den größten See der Welt. Die agmischen Shen, ein Clan aus der Steppe, lebten nomadisch mit einer eigenen Pferderasse, während die Larroque, deren Provinz südlich an Rubrica grenzte, viel in Forschung und Heilung investierten. Das beste Krankenhaus Miserias stand auf ihrem Gelände. Es gab Anwesen im Urwald, in der Sawanne, eines auf einer Insel in einer gewaltigen Trichtermündung, eines inmitten eines Gebirgssees, der angeblich niemals zufror. 

Die Färber hatten akkurat gepflegten Rollrasen und ein paar Bäume, die weniger umsorgt aussahen. Schnee lag im Moment keiner, vor zwei Tagen war alles geschmolzen. Er würde wieder kommen, aber gerade war es eklig und matschig. Hohendamm war eine der tribunischen Kornkammern. Das Umfeld war weitestgehend gerodet und die Dämme und Deiche das Einzige, was wirklich hoch war. Irgendwann weiter im Süden kam dann das Gebirge, irgendwann. Hohendamm war weit davon entfernt. 

Auf dem Anwesen reihte sich Gebäude an Gebäude. Verwaltung, Lager, Wohnungen, ein Forschungszentrum, von dem Linus keine Ahnung hatte, was es eigentlich erforschte. Zugegeben, es gab einen schönen Springbrunnen. Und wenn es dann im Frühjahr bunt wurde, sah es zumindest nicht mehr so trostlos aus wie im Moment, doch im Großen und Ganzen war es langweilig. Es gab Bilderbücher für Vorschüler, die spannender waren. 

Letzten Endes saß Linus in ebenjener Forschungszentrale in einem Warteraum. Der Wissenschafter, der ihm zwei Ampullen Blut abgezogen hatte, gehörte offensichtlich nicht zum Clan, aber er wirkte sehr, als hätte er eine Kanne Kaffee zu viel getrunken. Linus hatte seinen Namen interessant gefunden, aber als er dann saß, stellte er fest, das er ihn bereits vergessen hatte. Ihm schräg gegenüber saß eine junge Frau, die ein bisschen älter war als er. Sie hatten sich zugenickt, als er sich gesetzt hatte, aber er wollte keinen Augenkontakt und sie schwiegen sich an. 

Linus warf einen Blick auf die Zeitung, die auf dem Stuhl neben ihm lag. Präsident Harrard war derzeit mit nichts anderem beschäftigt, als irgendwelchen Blättern die Lage des Kontinents zu erklären – zumindest erweckte es den Eindruck. Sein Gesicht war schon so zu häufig auf Titelblättern zu sehen gewesen und jetzt war es noch schlimmer als zuvor. Krisengebiet Nordinseln, das kalte Hostis, wie hätte sich das alles verhindern lassen können. Das übliche Gerede. Ein Glück wurde Linus nur von seiner Mutter dazu gezwungen, sich tagtäglich damit auseinander zu setzen und nicht auch noch von anderen Leuten. 

„Dieser Aufstand, pfs.“ Das Mädchen Linus gegenüber verschränkte die Arme vor der Brust und er bemerkte, dass sie ihn musterte. „Ich frage mich, ob die anderen Clans im Moment auch so ein Tamtam machen von wegen, alle müssten sich testen lassen.“ 

Linus zuckte mit den Schultern. „Hab nicht so Kontakt zu anderen Clans.“ 

Sie pustete sich eine Strähne aus dem Sichtfeld. Genau wie bei ihm auch waren ihre Haare dunkel und sehr deutlich nicht in einer natürlichen Haarfarbe. In ihrem Fall war es ein Blau wie der wolkenlose Nachthimmel. „Ich müsste das eigentlich mal machen. Ich hab eine Freundin aus Feldau, eine Whebber, die müsste Bescheid wissen.“ Ihr entwich ein Seufzen. „Ich verstehe das nicht, das kann doch nicht der erste Anschlag auf eine Regierungstagung sein, oder?“ 

„Der letzte war in den Fünfzigern.“ Er wusste nicht, warum er das gesagt hatte.

Sie nickte mit hochgezogenen Augenbrauen, sagte aber nichts weiter. Gut so. Oder schlecht, je nachdem. Eigentlich musste er sein frisch angelesenes Wissen nicht anderen Leuten unter die Nase reiben. Eigentlich wollte er das gar nicht. Uneigentlich rutschte es ihm manchmal heraus. Er versuchte, nicht weiter daran zu denken. 

Die Tür öffnete sich.
 
„Lisbeth?“

Eine Laborantin war eingetreten. Sie hatte mit einem Klemmbrett dagestanden und Notizen gemacht, als der Mann ihm Blut abgenommen hatte. 

Das Mädchen – Lisbeth – erhob sich und ging erneut in das Untersuchungszimmer, sodass Linus für kurze Zeit allein im Raum saß, bis die Tür erneut geöffnet wurde und die beiden zurück kamen. Lisbeth hielt einen Brief in der Hand und wirkte unzufrieden. 

„Sie sind gleich dran, Linus“, sprach die Wissenschaftlerin und lächelte breit, woraufhin Linus so knapp nickte, dass er sich fragte, ob sie das überhaupt gesehen hatte. 

„Man sieht sich“, sagte Lisbeth, die sich ihre Jacke anzog, nachdem die Frau zurück ins Labor gegangen war. „Einen schönen Tag noch. Ah – und viel Glück!“ Sie lächelte knapp und Linus erwiderte es. Er bekam ein „Gleichfalls“ heraus, woraufhin sie ihm noch einmal zunickte und anschließend ging. 

Mit einem Seufzer lehnte Linus sich an seine Stuhllehne und schaute an die Decke. Ihm war kalt und er überlegte, sich seine Jacke anzuziehen, entschied sich aber dagegen. Dann würde er draußen nur noch mehr frieren. Bisher war er zu jeder Jahreszeit schon im Anwesen gewesen und ihm war unklar, warum niemand in der Lage war, in den kalten Monaten gescheit zu heizen. Ein Grund mehr, warum er froh darüber war, dass seine Familie wenig bis keine Verbindung zur Hauptfamilie hatte und sie deshalb nicht auf dem Grundstück wohnen mussten.

Zeit verstrich. Linus erbarmte sich noch einmal, die Zeitung in die Hand zu nehmen und überblätterte sämtliche Artikel, bis er das Kreuzworträtsel fand. Ein paar Lücken füllte er in Gedanken aus, aber auch nicht mehr. Er hatte weder einen Stift noch war das seine Zeitung. 

„Linus?“ 

Linus legte die Zeitung weg, als er aufsah. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass jemand den Raum betreten hatte – diesmal war es der Wissenschaftler von vorhin. 

„Kommen Sie doch bitte rein.“

Linus nahm seine Jacke und folgte der Geste zurück in das Untersuchungszimmer. Das Labor war steril und weiß und ein paar der Testapparate dampften noch, aber da Linus sie noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte, wusste er nicht, wofür sie da waren. Mindestens eines davon musste jedoch in der Lage sein, Blut in seine Bestandteile zu zerlegen. 

„Ihre Mutter ist Alrun Färber, korrekt?“, erkundigte sich die Frau, die an eben einer jener Maschinen stand und Zettel auf ihrem Klemmbrett durchlas. „Zuständig in der Hafenverwaltung.“ 

Linus nickte. 

„Und ihr Vater Dewin Ruun, der derzeit im Auftrag der Akademie an den Archiven der Hostischen Nationalbibliothek in Rantastala ist?“ 

Erneut nickte er. 

„Es ist so, dass wir das eigentlich nur mit Ihnen besprechen würden, aber da Sie nun einmal noch nicht volljährig sind, brauchen wir mindestens einen Ihrer Erziehungsberechtigten.“ 

Linus wurde zunehmend verwirrter, während er zwischen den beiden Wissenschaftlern hin und her schaute. Wenn sie bei jeder Testperson unter zwanzig ein Elternteil brauchten, warum hatten sie das nicht in den Brief geschrieben? 

Die Frau indes nickte ihrem Kollegen zu, der sich erneut an Linus wandte. „Ich werde eben in die Zentrale gehen und dort Bescheid geben, damit sie Ihre Mutter schnellstmöglich herholen. Wir dürfen jetzt nicht noch mehr Zeit verlieren als ohnehin schon.“ Er atmete tief durch und wirkte ausgesprochen zufrieden dabei. 

„Meine Mutter arbeitet im Moment, sie...“

„Machen Sie sich darum keine Sorgen, Linus.“ Er klopfte ihm einmal kurz auf die Schulter.

Offenbar wollte er ein zweites Mal klopfen, aber bevor er ihn erneut berühren konnte, wich Linus mit ebenjener Schulter aus, ohne den Rest vom Körper großartig zu bewegen. Der Wissenschaftler verstand anscheinend nicht, was er falsch gemacht hatte, beschäftigte sich jedoch nicht weiter damit. Stattdessen ging er einfach zur Tür hinaus. 

Linus bemerkte, dass seine Finger zitterten und versuchte, es unter Kontrolle zu bringen. Doch es wurde nur noch schlimmer. Er verstand nicht, was hier lief und war sich sicher, dass seine Unruhe unbegründet war – zur einen Hälfte. Zur anderen hatte er Angst davor, dass sie sich bewahrheitete. Sein Fähigkeitengrad lag weit unter dem Durchschnitt. Wie hoch sein Energiegrad war, das wusste er nicht, aber er hatte niemanden in der Verwandtschaft, der in magischen Angelegenheiten in irgendeiner Form herausragend gewesen wäre. Vielleicht hatten diese Wissenschaftler eine seltene Blutkrankheit festgestellt und herausgefunden, dass er nur noch ein paar Monate zu leben hatte. Das fand er im Moment die bessere Alternative zu jenen Dingen, die ihm sonst so einfielen. Möglicherweise würde der Clan ihm eine Reise nach Rantastala finanzieren! Er würde seinen Vater wirklich gern noch einmal sehen, bevor er sterben würde. 

Ihm war noch kälter als zuvor. 

Die Wissenschaftlerin versuchte mit ihrem Lächeln wohl, beruhigend zu wirken, doch es funktionierte bei ihm nicht. „Sie haben den Brief sicherlich gelesen, der Sie hierhin beordert hat“, sprach sie, ließ ihm jedoch keine Zeit, darauf zu reagieren. „Der Zivilbevölkerung bleiben die Machenschaften unseres Militärs im Moment verborgen, schließlich muss in diesem Land niemand unnötig beunruhigt werden. Ich schätze mal, Sie sind da meiner Meinung.“ 

Theoretisch, ja. Praktisch würde er aber viel lieber wissen, ob er gerade unnötig beunruhigt war oder nicht. Ob nichts geschah und er sich einfach unnötig stresste, so wie immer, sodass er die Option, in Kürze unter der Erde zu liegen, verlockend fand. 

„Allerdings müssen Tribunus und die Miserianische Union auf alles vorbereitet sein, gerade durch die derzeitige Instabilität der Iliarys. Deshalb möchte die Akademie wissen, welche Männer, Frauen und Sonstige sie notfalls zu sich rufen kann, um der Union beistehen zu können.“

Im Notfall zu sich rufen? Linus hoffte sehr, dass sie damit nicht das meinte, woran er dachte, wenn er das hörte. Warum machten alle so einen Aufstand? Es war nur jemand bei einer Regierungskonferenz gestorben, das war vielleicht tragisch, aber das kam vor. Linus wollte nicht in die Armee gezogen werden, sollten die beiden Großmächte sich von heute auf morgen dazu entscheiden, sich gegenseitig mit Stahl und Magie zu bewerfen. Er wollte nicht die nächsten Jahre lang unsicher und unruhig da sitzen mit der Angst, jeden Tag in die Hauptstadt beordert zu werden. Und er wollte auch keine Bomben in Hohendamm. 

„Bei Ihnen jedoch ist es etwas ganz Spezielles, etwas, worauf wir hier in Hohendamm gar nicht gehofft hatten und schon gar nicht bei Ihnen. Immerhin stammen Sie aus einer Familie, die bisher ganz und gar unauffällig war!“

Linus' Organe zogen sich zusammen. Irgendetwas drückte auf seine Lungen. Gleich würde alles in die Luft gehen, explodieren und implodieren gleichzeitig und eine eklige Masse im Raum verteilen. 

„Meine Fähigkeiten sind...“, setzte er an, doch seine Stimme klang so belegt, dass der Rest des Satzes unverständlich tonlos war. 

„Irrelevant, kaum ausgeprägt, das wissen wir“, redete die Frau weiter. „Sie hatten bisher keinerlei Ausbildung in Sachen Magie – von dem bisschen an obligatorischem Zeug in der Schule einmal abgesehen – und dennoch ist Ihr Energiegrad so außergewöhnlich hoch, dass Sie damit viele ausgebildete Kampfmagier in den Schatten stellen.“ 

Er vergaß zu atmen. 

„Zudem sind Sie knapp siebzehn Jahre alt und die Akademie versucht derzeit, noch eine weitere Gruppe Schüler für die Kampfmagierausbildung zusammenzustellen. Ist das nicht großartig? Damit sind Sie ein Schüler von insgesamt zwölf und das, Hostis ausgenommen, miseriaweit!“ 

Sie freute sich. Ganz offensichtlich war sie begeistert davon, dass ausgerechnet hier, hier in Hohendamm, jemand war, dem die Genetik gut zugespielt hatte, damit die Akademie ihn ausbilden konnte. Doch Linus teilte diese Freude nicht. Er hatte das Gefühl, in einer Ecke zu stehen und zuzusehen, wie in einem Traum oder vielleicht einem Theaterstück. Einem fiktiven Werk als Gast im Publikum Aufmerksamkeit schenkend, bei dem man jederzeit aussteigen konnte, wenn es einem nicht gefiel. Einem dargestellten 'Was wäre wenn?'-Szenario, dass er sich am Abend ausmalte, wenn er im Bett lag und nicht schlafen konnte. 

Fähigkeiten- und Energiegrad lagen in der Regel, aber nicht unbedingt, nah aneinander und beide wurden normalerweise vererbt. Fähigkeitengrad für die Stärke der Clan bedingten Fähigkeiten, Energie für die Masse an Magie, die im Blut zur Verfügung stand, um in eben diese Fähigkeiten, oder aber Zauber, umgewandelt zu werden. Linus wäre nicht der erste Fall in miserianischer Geschichte, bei dem die beiden Grade weit auseinander lagen, garantiert nicht. Wer keine Fähigkeiten anwenden konnte, galt nicht als Magier, sondern als Zauberer und von denen gab es nur wenige, waren Zauber in ihrer Anwendung doch wesentlich energieaufwändiger als Fähigkeiten. 

Surreal. Aufwachen und vor Nervosität lachen. Vielleicht auch vor Scham – Großartig, Linus, du bist etwas Besonderes, etwas Spezielles. Welch eine Ehre. Seine Mutter sollte nichts davon erfahren. 

Tribunus suchte so verzweifelt neue Magier, dass die Akademie mitten im Schuljahr nach Jugendlichen schickte, die sie ausbilden konnten. Das war kein Zufall in der weltpolitischen Lage, das war jetzt auch Linus bewusst. Alrun hatte Recht gehabt. 

„Sie sagen ja gar nichts.“ Die Frau ihm gegenüber wirkte enttäuscht. Linus zuckte zusammen. 

„Ich..." Seine Stimme war kaum hörbar. Er räusperte sich. „Ich bin nur...“ 

„Überrascht?“ Warum ließ sie ihn nicht aussprechen? „Das sind wir alle, das können Sie mir glauben! Sie wissen ja gar nicht, wie wenig wir mit so etwas gerechnet haben – gelegentlich mal etwas für die Reserve, für die Ausbildung zum Offizier, ja. Aber Kampfmagier? In Ihrem Fall wohl eher Zauberer, aber das spielt keine Rolle.“ Sie warf einen Blick in ihre Unterlagen. „Wir werden Ihnen eine Zugkarte zukommen lassen, damit Sie alsbald in Rubrica sein können.“

„Als...bald?“ Seine Stimme hatte einen Schlenker nach oben gemacht. 

Die Frau nickte kräftig. „Spätestens nächsten Freitag! Wenn sie so schnell wie möglich in der Hauptstadt sind, verpassen Sie nicht noch mehr vom Schuljahr, nicht wahr?“ 

„Vermutlich“, sagte er langsam, schaute weg. Warum mitten im Schuljahr – er konnte unmöglich so viel Stoff nachholen! Das lag nicht im Spektrum seiner Fähigkeiten. Und generell gab es nicht viele Dinge, die er konnte. Passabel Cello spielen, kleine Dinge auf Angelsehne fädeln, schön anordnen. Er konnte eine Heißklebepistole bedienen. Fisch kühl lagern, Netze einnehmen. Bewerbungen nicht abschicken. Das konnte er alles. Was er nicht konnte war, durch den Dreck kriechen, schnell reagieren, irgendetwas machen, bei dem der Körper in guter Kondition sein musste. Er wusste nichts über Magie, das über das Basiswissen und ein bisschen Heilzauber hinaus ging. Er wusste nichts vom Militär, von Waffen und vom Kämpfen. Das war nie das gewesen, was er sich unter seiner Zukunft vorgestellt hatte. Vielleicht hatte er nicht gewusst, was er eigentlich wollte, das nicht, aber er war sich schon immer sicher gewesen, das er nie etwas machen wollte, bei dem er Gewalt gegen andere ausüben musste. Nicht Kampfmagier sein an der Akademie. Dozent vielleicht, aber nicht das. 

„Was ist mit...“ Blöder Anfang. Was wollte er stattdessen sagen? Nein, doch. Es war in Ordnung so. „Was ist mit... Krankheit... und so?“ Seine Hand umklammerte seinen Unterarm. Die Maschinen gaben keine Geräusche mehr von sich. 

„Seien Sie unbesorgt, Linus.“ Die Frau versuchte ebenfalls, ihm auf die Schulter zu klopfen. Linus wich aus. „Das ist an der Akademie Gang und Gebe, wirklich. Sie würden schlucken, würden Sie wissen, was die meisten Großmeister sich so einwerfen, um funktionstüchtig zu sein.“ Sie lachte. „Glauben Sie mir, es gibt dort sehr viele Ärzte, die sich damit auskennen, an die können Sie sich wenden.“

Er wollte sich setzen, aber es gab keinen Stuhl. Vielleicht konnte er nach Hostis abhauen. Dann würde er nie wieder zurück nach Hause kommen, weil er in Tribunus als abtrünniger Zauberer galt, aber immerhin musste er nicht ins Militär. Die Krankheit – er wünschte sich die schlimme Blutkrankheit. 

Man würde ihn nicht ablehnen lassen. Selbst, wenn er fragen würde, der Staat würde kein 'Nein' akzeptieren von jemandem, den sie brauchten, nachdem sie extra gesucht hatten. Es gab so viele Clanmitglieder im passenden Alter, das war nicht gerecht. 

Als seine Mutter erschien, waren ihre Augen gerötet und Linus wusste, dass es ihr viel abverlangte, nicht erneut zu weinen. 





Am Donnerstag war am Hauptbahnhof wesentlich weniger Betrieb als an jenem Tag, an dem sie sich von Horatio verabschiedet hatten. Linus hatte nicht noch einmal mit seinem Vater gesprochen. Er hätte gar nicht gewusst, was er hätte sagen sollen. Seit Montagnachmittag hatte er keinen Appetit mehr und so kam es, dass sein Magen sich windend zusammenzog, als er mit Alrun an Gleis zwölf ankam. 

„Lächle doch wieder, Linus.“ Alrun lächelte ihrerseits, doch er sah ihr an, dass auch sie nicht in der Stimmung dazu war. Offenbar wollte sie stark wirken, wofür er ihr dankbar war. Es gab nichts mehr zu sagen, das nicht schon gesagt worden war. Sein Leben hatte sich von einer Sekunde auf die andere so radikal geändert, dass er die entsprechenden Gefühle dafür nicht in Worte packen konnte. 

Linus ließ den Blick über die Bahngleise schweifen. Am Nachbargleis fuhr ein Regionalzug ab, an dem dahinter kam gerade einer aus Sandenfall an. Jeder hatte seinen eigenen Weg, sein eigenes Ziel. 

Er beugte sich zu seiner Mutter hinab und nahm sie in den Arm. Sie war eine große Frau mit mehr Willen zu kämpfen als er. Mittlerweile überragte er sie um ein paar Zentimeter und dennoch schaffte sie es, dass er sich klein neben ihr fühlte. Wem sollte er in Zukunft Abendessen kochen? 

„Jetzt hast du doch etwas gefunden, was du machen wirst. Du schaffst das, Linus.“ Sie lächelte weiterhin. Ihre Unterlippe zitterte. Seit Tagen fühlte es sich an, als würde ihn die Regierung zum sterben schicken. „Du bist so groß geworden.“

Es wäre schlau gewesen, etwas zu sagen. Möglicherweise würde er es später bereuen, würde er jetzt schweigen, aber ihm fiel einfach nichts mehr ein, das es wert gewesen wäre, gesagt zu werden. 

„Wenn du in Rubrica bist, erinnere dich daran, dass du abgeholt wirst vom Hauptbahnhof, ja?“

Sein Hals war zugeschnürt. Linus konnte nur nicken.

Der Zug fuhr ratternd ein. Die Gleise quietschten, das Dach wackelte. 

„Mach, was man dir sagt, Linus.“ Alrun schaute zu ihm auf. „Verstanden? Das sind Militärleute, die finden es vermutlich noch einmal wesentlich weniger lustig als deine Lehrer an der Schule, wenn du nicht mitarbeitest, weil du keine Lust auf irgendetwas hast. Mach dir dort keine Feinde, selbst wenn sie im Unrecht liegen. Sie sitzen am längeren Hebel, das weißt du. Irgendwann wirst du ja auch Großmeister sein, dann darfst du gern tun und lassen, was du willst, aber bis dahin dauert es noch mindestens acht Jahre und ich möchte nicht, dass du es dir da mit irgendwem verscherzt! Wenn ich eine Beschwerde kriege, fahre ich persönlich nach Rubrica, verstanden?“

Mit ihren Worten schaffte er es kurz zu lächeln. „Kein Angst. Ich passe auf mich auf.“ 

„Versprich es mir.“ 

Er seufzte. Es war war kein genervtes Ächzen wie so häufig. Viel mehr war es müde und geschafft. „Ich verspreche es dir.“ 

„Hier.“ Sie drückte ihm eine ähnliche Tasche in die Hand, wie sie Horatio letzte Woche gegeben hatte. „Hast du alles?“ 

„Ich bin fast siebzehn, ich...“ Linus sprach nicht zu Ende. Vermutlich hatte er irgendetwas Wichtiges vergessen. Und selbst wenn nicht, der Gedanke daran machte ihn nervös genug. Außerdem konnte er sein Instrument nicht mitnehmen, was ihn zusätzlich bitter stimmte. „Ich denke an alles.“

„Pass auf, dass du auf der Fahrt nicht verloren gehst. Trink genügend Wasser. Lass dein Gepäck nicht aus den Augen. Kauf keine Drogen aus Kaw.“ 

Er nickte und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, umarmte sie noch einmal. Nun schwieg auch sie, lehnte sich an ihn. Es würde eine Weile dauern, ehe sie sich das nächste Mal wiedersehen würden, vermutlich bis zum Sommer. 

Alrun war angenehm warm. Er hatte sie länger im Arm als es in letzter Zeit der Fall gewesen war. Nachdem sie sich gelöst hatten, wirkte es kurz, als wollte sie noch etwas sagen, doch es kam nichts mehr. 

„Ich ruf an“, nuschelte er, den Blick gen Boden gerichtet. Morgen Abend um sieben. Morgen Abend um sieben. Linus drehte sich um und stieg in den Zug, das Herz wild schlagend, und es fühlte sich an, als würde er sich selbst auf dem Gleis stehend zurück lassen. 

Seine Karte war eine Bettreservierung. Er würde sehr lange mit dem Zug fahren. So eine weite Strecke hatte er bisher noch nicht hinter sich bringen müssen und da sich die Akademie offenbar darum kümmerte, dass ihre neuen Rekruten erste Klasse reisten, hatte er sein Zimmer – eine Art Kajüte – ganz für sich allein.

Draußen stand seine Mutter. Linus winkte ihr kurz zu, doch sie sah ihn nicht. Alrun hatte das Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte und weil sie nicht aufschaute, blieb Linus nichts anderes übrig, als ihr dabei zuzuschauen, während sein Zug sich langsam in Bewegung setzte und den Bahnhof schließlich verließ.

Milijena Kraskow war müde, als sie die Augen aufschlug. Sie wusste nicht, ob sie geschlafen hatte oder bewusstlos gewesen war; es war ein traumloser Zustand der Leere gewesen, der keine Erholung gebracht hatte. Jetzt saß sie auf einem Stuhl, die Hände hinter dem Rücken und der Lehne mit Handschellen gefesselt, vor sich einen Stahltisch. An der Decke flackerte eine einsame Glühbirne. 

Heute Morgen – zumindest glaubte sie, dass es am Morgen gewesen war – hatte sie erfahren, dass sie jetzt fast eine Woche an diesem Ort gefangen war. Wahrscheinlich ein Bunker, denn seit jenem Nachmittag, an dem sie die Rathaushalle in Sysdale betreten hatte, hatte sie kein natürliches Sonnenlicht mehr gesehen. Ihr Zeitgefühl hatte sie verlassen. Ihre Tage waren ohne Struktur, ohne Rhythmus, eine Mischung aus Ohnmacht, Schlaf, Amnesie. Milijenas Schulter tat immer noch weh, war mittlerweile blau angelaufen. Der Mann, der dafür verantwortlich war, stand in der Ecke des Raumes, hatte die Arme verschränkt. Dunkle, ungepflegte Haare hingen ihm über das Gesicht. Sie nannten ihn Francach. Francach, die Ratte. Selbst seine Freunde wussten, dass er Abschaum war. 

Doch er war unwichtig. Francach war nichts weiter als eine bedauernswerte Kreatur, die endlich die Möglichkeit bekommen hatte, ihren Sadismus auszuleben. Viel interessanter war der Mann vor ihr am Tisch. 

„Ich kenne Sie“, sprach Milijena mit trockener, kratziger Stimme, die sie schon viel zu lange nicht mehr verwendet hatte. Sie versuchte, sich nicht zu bewegten, da ihr gesamter Körper schmerzte. Selbst ihre Handgelenke waren wund gescheuert. „Sie sollten eigentlich hinter Gittern sitzen.“ 

„Und Ihr im Palast, meine Zarin“, sagte er lächelnd. Er strahlte eine ihr unangenehme Ruhe aus. „Aber ich bin schon' bisschen beeindruckt, dass Ihr mit meinem Elfengesicht was anfangen könnt.“ 

Es gab nichts an seinem Gesicht, das nur in irgendeiner Art elfenhaft gewesen wäre. Milijena hätte gerne ausgespuckt, unterließ es jedoch. Rebellion auf dem Level eines Jugendlichen war unangemessen und brachte ihr nur noch mehr Schmerz. Francach war eine Ratte, der Mann vor ihr hingegen hatte ihr bisher physisch noch kein Leid zugefügt. 

Sein Name war Cajetan Letham. Milijena wusste von ihm, weil er vor einem Jahr wegen Besitz einer beachtlichen Menge an Sprengstoff in Avasikuu festgenommen worden war. Alles war konfisziert worden, das und ein paar Kisten aus Lethams privater Sammlung diverser Gegenstände, was im Militär zu einer Geschichte geworden war, die seitdem gern erzählt wurde. Für den Sprengstoff hatten sie aber kein Motiv aus Letham herausbekommen, außer, dass er wohl Chemiker ohne Anstellung war, dem sein Job als Barkeeper zu langweilig geworden war. 

Letzten Endes hatte Letham nur zwei Tage in Gefangenschaft verbracht. Dann war ihm zur Flucht verholfen worden und seitdem hatte man ihn nicht noch ein einziges Mal gesichtet. 

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Milijena und schaute ihn an. „Ich bin Ihnen nicht von Nutzen, das dürften Sie mittlerweile bemerkt haben.“ 

Lethams Lächeln weitete sich zu einem Grinsen. Der zweite linke Schneidezahn fehlte ihm. „Is' nich' so wichtig für Euch. Kooperiert einfach, vielleicht seht Ihr Eure Tochter dann irgendwann wieder.“ 

Dass der Kerl es wagte, ihre Tochter überhaupt zu erwähnen, nachdem was er und seine Leute angerichtet hatten, ließ Wut in ihr aufschäumen. Sie musste sich zusammenreißen. Diese Menschen hatten ihr bereits Nikolaij genommen. Wenigstens ihre Tochter Elena wollte sie außerhalb der Insomnia wiedersehen. 

„Wollt Ihr was trinken?“ Letham strich sich ein paar störende Haare aus dem Sichtfeld, doch sie rutschten wieder zurück. Lange, leichte Wellen, rotblond, und locker im Nacken zusammen gebunden. So locker, dass sie vorne wieder heraus fielen.

„Meine Hände sind hinter meinem Rücken zusammen gebunden“, antwortete Milijena, obwohl sie Durst hatte. Noch viel lieber wäre ihr eine Dusche. 

Dieser Mann sah genau wie der Stereotyp einer Person von den Iliarys aus. Milijena hatte selten jemanden gesehen, auf den es besser gepasst hätte. Er war nicht sehr groß, aber dafür hatte er ein sehr breites Kreuz und sein Bizeps hätte vermutlich noch für zwei andere gereicht. Dann war da die Haarfarbe, die dunklen Augen unter buschigen Augenbrauen, und käsig weiße Haut, die höchstens dadurch dunkler wirkte, dass es vermutlich keinen Zentimeter ohne Sommersprossen gab. Lethams Nase hatte unter dem ein oder anderen Faustkampf gelitten, hinzu kam der fehlende Zahn. Seine Klassenkameraden waren sicherlich immer nett zu ihm gewesen. 

Mit einer langsamen Bewegung griff Letham zu einem auf dem Tisch stehenden Glaskrug und einem Becher, in den er Wasser füllte. Dann machte er einen Handwink zu Francach, der aus der Ecke geschlurft kam und mit einem Messer das Band zwischen Milijenas Handschellen durchtrennte. 

Ungläubig nahm sie ihre Hände vor, betrachtete diese kurz. Dann sah sie zu Letham. Dieser Bastard. Er wusste genau von ihrer Ausbildung, von ihrem Beruf. Nicht als Zarin, sondern als des Zaren Leibwächterin, die darauf trainiert worden war, Nikolaij zu schützen, auch wenn sie in dem Gebiet wohl versagt hatte. Letham schien genau zu wissen, dass ihre derzeitige Verfassung viel zu schlecht war, um in irgendeiner Weise ohne Magie Schaden anzurichten. 

„Danke“, sagte sie schließlich und nahm sich das ihr angebotene Glas, das sie in einem Zug austrank. Vermutlich hatte sie zu lange im Palast gelebt. Sie hatte fast vergessen, wie wohltuend so ein Glas Wasser sein konnte. 

Der Mann ihr gegenüber lehnte sich zurück. „Herada wurde letzte Woche zum Oberst befördert, aye?“ 

Milijena nickte. Sie wollte hier weg, zurück nach Hause. Noch hatte sie lebendige Familie dort. Ihre Tochter, ihre kleinen Geschwister, Nikolaijs Familie. Lediglich auf ihren Vater konnte sie verzichten. Aber sie wusste nicht, ob sie in der Lage wäre, sich eine Kooperation zu verzeihen. 

„Hm, scheint mir besser so.“ 

Die Zarin musste auf diesen Kommentar leise, aber ausgesprochen bitter lachen. Herada war nicht nur die Person gewesen, die den Einsatz geführt hatte, der Letham damals festgenommen hatte – tatsächlich war sie sich sicher, dass er ihm den fehlenden Zahn zu verdanken hatte. Er war auch letzte Woche zum Schutz für sie und Nikolaij auf der Konferenz eingeteilt gewesen. Wäre er nicht spontan befördert worden, wäre Nikolaij jetzt vielleicht nicht tot und sie würde nicht hier sitzen. Aber es half ihr nicht weiter, darüber nachzudenken, was hätte sein können. Es stimmte sie lediglich traurig. 

Lethams Stuhl knarzte, als er sich zurück lehnte, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Ich denk' Euch is' bewusst, dass wir Euch nich' aus Spaß an der Freude hier haben.“ 

Milijena schnaubte und schaute ihn nicht an. Dieser Bastard verdiente es nicht, am Leben zu sein. Ihn hätte es sprengen müssen. „Was verlangen Sie?“ 

„Bitte?“ 

„Was Sie für meine Freiheit verlangen. Von mir, von Nikolaijs Bruder, von der hostischen Regierung, wem auch immer.“ 

„Ah, also, da Ihr es so sagt, hm.“ Der Mann grinste kurz. „Gar nichts.“

Nun schaute sie doch auf, konnte einen verwirrten Gesichtsausdruck ihrerseits nicht verhindern. „Ich bin keine Geisel?“ 

Letham schüttelte langsam und andächtig den Kopf. „Nay, nay. Geiselnahmen sind viel zu aufwändig und unglaublich anstrengend, bah. Is' viel angenehmer, wenn niemand außerhalb weiß, dass Ihr noch lebt. Vorerst zumindest.“ 

„Vorerst? Was soll das heißen?“ Sie musterte ihn kritisch. „Warum bin ich hier?“

Letham schenkte ihr Wasser nach. „Warum, warum.“ Er seufzte gespielt schwer. „Ganz ehrlich kann ich Euch das nich' beantworten, meine Zarin.“ 

„Dann beantworten Sie es unehrlich.“ 

Francach zuckte leicht mit einer Hand und Milijena wusste, hätte sie ihn so etwas gefragt, hätte er sie geschlagen. Doch Letham tat nichts dergleichen. Tatsächlich lachte er. 

„Nay, find' es angenehm und richtig witzig, mich in meiner Freizeit um eine ausgebildete Kampfmagiern zu kümmern, die super gefährlich wäre, sollt' sie irgendwie an Magie kommen.“ Sein Grinsen verschwand ganz plötzlich und er beugte sich vor. „Denkt nich', ich wüsst' nich', wozu Ihr im Stande wärt.“ 

Es gab Dinge, die er in jenem Moment nicht sagte und Milijena versuchte herauszufinden, worum es sich dabei handelte. Letham wirkte locker, doch er war es nicht. Ganz im Gegenteil, es beunruhigte ihn, auf eine starke Magierin aufpassen zu müssen, denn ihm war bewusst, was passieren würde, würde sie sich befreien. Entweder brauchte er sie noch für etwas oder er hatte einen Vorgesetzten, der sie noch für etwas brauchte. Die vergangenen Tage hatte sie nichts von diesem Ort gesehen, an dem sie sich befand – von ihrem Zimmer und dem dazugehörigen Bad einmal abgesehen. Milijena ließ ihren Blick umher schweifen, helfen tat es allerdings nicht. Nirgendwo war ein Fenster, kein Ausweg, keiner. Die Lüftungsschächte waren zu klein, als dass sie hindurch passen würde. 

„Aber da Ihr schonmal hier seid“, sprach Letham nach einer Weile des Schweigens weiter, „wie wär's, wenn Ihr mir'n paar Sachen erzählt, hm? Über Hostis und die Pläne?“ 

Milijena trank das Wasserglas aus. „Nein.“ 

„Wie, nein?“ 

Sie atmete tief durch. „Nein, ich werde Ihnen nichts über Hostis und seine Pläne erzählen."

„Das is' Schade, hm.“ Seine Finger klopften auf der Tischplatte einen zufälligen Rhythmus. „Weil, eigentlich will ich mich nich' gezwungen sehen, Euch irgendwie doch als Geisel zu verwenden. Ich mag es einfach lieber. Aber ich weiß nich', wie würde, sagen wir... Eure Familie drauf reagieren, wenn sie erfährt, dass Ihr doch noch am Leben seid?“ 

Milijenas Magen knurrte laut. 

„Wie schätzt Ihr denn Nikolaijs Bruder ein? Ich denk' mal, dass er Nikolaijs Angelegenheiten jetzt übernommen hat – Eure Tochter ist wie alt? Sechs?“ 

„Acht“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. Wie gut, dass sie Elena nicht mitgenommen hatten. Wie gut, dass Elena nicht in Sysdale geweesen war, als... als es passiert war. Als es ein Licht gegeben hatte und eine Druckwelle, die Hitze, das Feuer. Milijena hatte nach Nikolaij gerufen, selbst dann noch, als sie ihn schon gefunden hatte. Zu spät. Kurz darauf war sie bewusstlos geworden, sie hatte vergassen wann und wie und warum. Letzten Endes war es egal. 

„Die Pläne, so'n interessanter Kram und da hab ich mich eigentlich nie mit sowas auseinander gesetzt, hah“, redete Letham weiter. „Hostis hat doch sicherlich so schicke Notfallpläne für Krisensituationen und den Kriegsfall. Ich mein', letzteres is' recht meh, aber man will ja vorbereitet sein. Auf jeden Fall bin ich mir sehr sicher, dass Ihr drüber Bescheid wisst. Na? Wie sieht's aus?“ 

Entweder ihre Familie würde alles tun, um sie zu retten – durch ihre Heirat war sie Mitglied der hostischen Zarenfamilie geworden, der wohl mächtigsten Familie in ganz Miseria – oder sie würden genau nichts unternehmen, denn sie wussten, dass sie nicht einen ganzen Kontinent wegen einer Person gefährden durften. Und daran würden sie kaputt gehen. Nikolaijs Bruder, Alexeij, war nicht dafür geschaffen, solche Entscheidungen zu treffen. Er gehörte nicht auf den Thron. 

„Sie sind grausam“, murmelte Milijena mit abgewandtem Blick. Vielleicht war Letham schlimmer als Francach. 

„Wasser is' nass“, ächzte Letham. „Ich bitte Euch. Mein Sprengsatz hat den Zaren getötet und jetzt erpresse ich seine Frau, wenn das mal nich' absolut grausam is', dann weiß ich auch nich' weiter, aye.“ Aus dem Augenwinkel bekam sie mit, wie er die Arme verschränkte. „Euer kleiner Bruder, is' der nich' Leibwächter von Alexeij? Arbeiten die beiden auch so... eng zusammen wie Ihr und Nikolaij oder is' das bei denen etwas professioneller?“ 

Milijena presste die Lippen zusammen, um nicht unflätig zu werden. Das ging ihn nichts an. Genau so wenig wie alles andere auch, aber sie wusste, dass sie reden musste. Denn obwohl es Hochverrat wäre und sie ihrer Familie nie wieder in die Augen sehen könnte, war sie sich sicher, dass es für alle beteiligten das Beste wäre. Was könnte Letham mit diesen Informationen schon anfangen? 





„War doch gar nich' so schwer.“ Letham hatte einen Stift geholt und einen Block, auf dem er das Gesagte von Milijena notiert hatte. „Ich bin stolz auf Euch, meine Zarin. Falls Euch noch was einfällt, könnt Ihr mir das nach Belieben jederzeit mitteilen.“

Sie hatte den Blick auf ihre Knie gerichtet und schaute diesen beim Zittern zu. Ihr Gegenüber erhob sich, strecke sich einmal, wobei seine Schulterblätter knackten. Er schob seinen Stuhl an den Tisch, dann verließ er den Raum. Francach folgte, sie hörte seine schlurfenden Schritte über dem Betonboden. Die Tür fiel ins Schloss. 

Milijena vergrub das Gesicht in den Händen und biss sich auf die Unterlippe, um keine Geräusche von sich zu geben. Haltung bewahren. Sie musste Haltung bewahren. Sich selbst vorgaukeln, dass diese Leute sie nicht vollständig in der Hand hatten. 

Die eine, flüchtige Träne, die ihre Wange hinab rollte, wischte sie gleich wieder weg. Die Zarin setzte sich auf, rieb sich über die Augen. Sie schniefte, aber nur kurz, nur ein einziges Mal. Mit leerem Blick starrte sie geradeaus. 

Es tut mir Leid. 

Die Tür wurde geöffnet. 

„So, Frau Zarin.“ Letham betrat den Raum, packte, ohne nachzufragen, Milijenas Hände, um neue Schellen anzulegen und die alten zu entfernen. „Hopp-Hopp. Aufstehen, meine Teuerste, im Laufschritt Marsch.“ 

Wortlos erhob sie sich, folgte Letham aus dem Raum. Die Bunkerwände wurden hier noch weniger beleuchtet, sorgten für eine schummrige Atmosphäre, der sämtliches Leben fehlte. 
Francach war wieder da. Er rümpfte die Nase, als er Milijena erblickte. 

„Hey, Fran. Bring mal Frau Milijena in ihr Zimmer.“ 

Tief im Inneren spürte sie Wut aufflammen, Wut auf sich selbst und Wut auf Letham. 

Francach reagierte mit einem Ächzen. „Das war alles nich' so geplant“, nörgelte er, bevor er Milijena unwirsch bei der Schulter packte und mit sich zerrte. 

„Niamh hat gesagt, du sollst nett zu ihr sein, also sei das auch“, hörte Milijena Letham noch sagen, in beinahe mahnendem Tonfall, ehe sie mit Francach um eine Ecke bog. Sie erinnerte sich nicht an diesen Teil des Bunkers. Das bedeutete aber nicht viel, denn hier unten sah alles gleich aus. 

Milijena wusste nicht, wer Niamh war. Vielleicht war sie es, der sie all das hier zu verdanken hatte. Ihre Gefangennahme, Nikolaijs Tod. Es war einfach, seinen Hass auf jemanden zu schieben, den man nicht kannte. 

„Niamh hier, Niamh da, blahblah“, knurrte Francach. „Die Hexe kann mich mal.“ Er grummelte noch mehr, aber da er es in seiner Muttersprache, in Iliarisch machte, verstand Milijena nicht alles und sie legte auch keinen Wert darauf. Dafür interessierte sie sich zu wenig für beide, für Francach und für die Sprache. 

Einfach abschalten. Abschweifen mit den Gedanken, sich nicht auf das Geschehene konzentrieren. 

Es tut mir Leid. 

Francach stieß sie in ihr Zimmer, als sie angekommen waren. Hier war es noch dunkler als auf dem Gang. 

„Dankbarkeit haben sie dir nich' beigebracht, was?“, hörte sie seine kratzige Stimme. 

Milijena schaute an ihm vorbei. „Ich bin nicht verpflichtet, jemandem wie Ihnen...“ 

Sie konnte nicht aussprechen, da sie im nächsten Moment seine Faust im Gesicht hatte. Milijena taumelte, konnte sich aber fangen, noch bevor sie die Wand erreichte. Schmerzen an ihrem Wangenknochen, an der Nase, Schmerzen, die sie nicht gewohnt war. Es war ihr Beruf, Schläge einzustecken, auszuteilen. Es war ihr Beruf gewesen. Gewesen. Nikolaij war nicht mehr da. Sie hatte keinen Beruf mehr, keinen Zweck. Aber vielleicht würde sie es irgendwann schaffen, ihre Fesseln zu sprengen, dann wären da keine Schmerzen mehr, nichts, das sie aufhalten könnte. Dann würden Letham, Francach und Niamh bekommen, was sie verdienten. 

„Cajetan und Niamh haben dich vielleicht supergern, aber...“ Er sprach nicht weiter, stattdessen schnaubte er. „Als ob du und deine verschissene Familie sich jemals für uns interessiert hätten. Als ob ihr jemals an was anderes gedacht hättet, als uns weiter auszuschlachten! Wer braucht schon einen Lebensstandard? Wer braucht schon die Inseln, da gibt es nur Schafe und Kohle! Nichts, was ihr Lackaffen von Magiern brauchen würdet, pah. Denn ihr habt ja alles.“ Francach packte sie am Unterarm. Milijena wehrte sich nicht, starrte an ihm vorbei. 

„Es tut mir Leid“, sagte sie heiser, an niemand bestimmten gerichtet. Nicht Francach, nicht Niamh, nicht Milijenas Vater. Vielleicht an Nikolaij, ihren Bruder oder Elena. Elena. Vermutlich war es Elena. 

„Tut es nicht“, waren Francachs Worte, ehe er die Hand hob. „Gute Nacht, Frau Zarin.“

Als die Zugansage die baldige Ankunft in Rubrica Hauptbahnhof verkündete, hatte Linus bereits damit begonnen, seinen Kram zusammen zu packen. Viel lag in seiner Kabine nicht herum, er hatte sich kaum ausgebreitet, war jedoch nervös und bereits seit gestern Abend wünschte er sich nichts sehnlicher, als diesen Zug endlich verlassen zu können. Es war bequem und bisher war er noch nie mit einem solchen Luxus gereist, aber ihn beunruhigte der Gedanke, pro Minute viele Kilometer auf einmal zurück zu legen. Das fand er gruselig. 

Draußen vor dem Fenster zeigten sich nicht mehr die Felder der ländlichen Seite der Provinz Rubrica. Die Landschaft war hügelig und unscheinbar. In den frühen Morgenstunden hatte Linus ein paar Rehe an den Feldrändern nahe kleiner Baumgruppen gesehen. Mittlerweile hatten sie die Felder passiert, sowie die Industriegebiete, wo sich große Fabriken und kleinere Manufakturen aneinander reihten, Wasserdampf ausstoßend oder aber leuchtend, so wie es synthetische Magie machte, wenn sie aktiviert und verbraucht wurde. Nun befanden sie sich in den Vororten von Rubrica. Suburbane Gegend, Familienhäuser. Etwas für Leute, die gern in Stadt und Dorf gleichzeitig leben wollten und offenbar genug Geld hatten, um sich diesen Lebensstil leisten zu können. 

Heute morgen hatte Linus sich eine Zeitung gekauft, um Kreuzworträtsel zu lösen. Es hatte einen Anschlag in Enoud gegeben. Die Stadt war etwas kleiner als Hohendamm und lag in Dwinnis, der Provinz der mittleren Nordinseln, die zu dem Clan der Pierce gehörten. Es war niemand gestorben, außer wohl ein paar Pferde, aber es hatte eine ganze Reihe Verletzte gegeben, als in den späten Abendstunden des gestrigen Tages eine Kutsche explodiert war. Und obwohl bereits seit über einer Woche auf der ganzen Iliarys die Mülltonnen brannten, hieß es, Hostis hätte aus diesem Grund derzeit die Grenzen vollkommen geschlossen. Die Zeilen überfliegend, hatte Linus den Kopf geschüttelt und weiter Kreuzworträtsel gelöst. 

In der Umgebung wurden die Häuser immer höher. Auch die suburbane Gegend war verschwunden und gleich darauf sah man gar nichts mehr, da der Zug unterirdisch fuhr. Die Lichter waren angegangen, es war dunkel im Tunnel. Da dies ohnehin die Endhaltestelle war, brauchte Linus nicht allzu nervös zu sein, um aus dem Zug heraus zu kommen. Es war ihm lieber, würde er noch etwas warten, damit er nicht allzu sehr in das Gedränge an den Ausgängen kam. 

Der Zug war merklich langsamer geworden, als er wieder an die Oberfläche kam, um in den Hauptbahnhof einzufahren, und Linus wurde beim Anblick der Hauptstadt Tribunus' und Miserias weltgrößter Metropole nicht enttäuscht. Für einen kurzen Moment konnte er den Unionsplatz sehen, dessen Springbrunnen in der Mitte so hoch war, dass Linus durch die Perspektive aus dem Zugfenster seine Spitze nicht erkennen konnte. Im Stadtplan, den seine Mutter ihm zu Hause noch in die Hand gedrückt hatte, hatte er gelesen, dass sich an diesem Platz nicht nur der Hauptsitz der Handelskammer befand, sondern auch die Zentrale der BCR, der Banca Central Rubrica. Vermutlich war es das Gebäude mit den vergitterten Fenstern und dem vergoldeten Eingangsportal. 

Als der Anblick des rubricanischen Zentrums jedoch einer hohen Schallmauer wich, bevor der Zug auf die vielen, vielen Gleise des Hauptbahnhofs rollte, wurde Linus schlagartig wieder bewusst, dass er vom Bahnhof abgeholt werden würde. Seine Organe verknoteten sich. Großmeister der Akademie, hatte im Brief gestanden. Das war nicht weniger schlimm. Was sollte er denn machen, was sollte er sagen, wie sollte er die Person erkennen – die Uniform, selbstverständlich. Aber es war gut möglich, dass mehrere Großmeister am Hauptbahnhof waren, wie sollte er den richtigen finden?

Linus versuchte, sich zu beruhigen, machte sich aber nur noch nervöser. 

„Denk an irgendetwas anderes. Denk an irgendetwas anderes“, redete er sich zu, doch es funktionierte nicht, zeigte keinerlei Wirkung. 

Der Zug kam quietschend zum Stehen, Linus schaute aus dem Fenster. Säulen aus roten Steinen stützten die schweren Stahlbalken des Daches. Der Bahnhof hier hatte, wie zu erwarten, um Längen mehr Gleise als der von Hohendamm, Linus schätzte über zwanzig allein oberirdisch. Und es war nicht der einzige Bahnhof dieser Größe in der Stadt, es gab wohl mehrere, noch in anderen Vierteln und auch etwas außerhalb. 

Viereinhalbmillionen Einwohner. Das war schwierig in den Kopf hinein zu bekommen, aber Rubrica hatte viereinhalbmillionen Einwohner. Das waren achtzehnmal so viele Menschen wie in Hohendamm. Und eine ganze Hand voll Stadtviertel. Die letzten paar Jahre, die er nach einer ganzen Reihe von Umzügen wieder in Hohendamm verbracht hatte, hatte er sich daran gewöhnt, das Meer direkt vor der Nase zu haben. Es war nie weit gewesen und er mochte die See, bei stürmischem, wie bei gutem Wetter. 

Auch Rubrica lag am Meer, jedoch nicht an einer Wasserstraße wie Hohendamm, sondern am offenen Ozean. Die Akademie für Magie außerdem befand sich in einem Stadtviertel namens Lavitelle, ein teueres Akademikerviertel, von dem aus man mit der Straßenbahn eine knappe Stunde bis zum Hafen brauchte. Eine Sache, die Linus nicht unbedingt froh stimmte. 

Da er jedoch der Meinung war, dass es selbstverständlich war, wenn er keine Lust hatte, nachdem er sich die ganze Zeit alles schlecht redete, versuchte er, mit einem Schütteln seine Nervosität abzustreifen und verließ anschließend seine Kabine, um ein paar Minuten später auf dem Bahnsteig zu stehen. 

Die Hallen waren groß und weit. In Hohendamm war ihm nicht aufgefallen, wie lang der Zug eigentlich war – jetzt schon. Und er hatte nicht erahnen können, wie riesig hier alles war. Es ließ ihn sich noch ein Stück kleiner fühlen. 

Linus wich zum Rand zurück, um sich umzuschauen und vor allem, um nach dem Großmeister Ausschau zu halten. Wie sollte er den erkennen? Er bezweifelte, dass die Akademie wusste, wie er aussah und das so dem Abholer mitgeteilt hatte. 

Da entdeckte er ihn. Aus irgendeinem Grund war sich Linus ausgesprochen sicher, dass dies die Person sein musste, immerhin hatte sie eine Großmeister-Uniform an und kam wohl oder übel genau auf ihn zu. Linus strecke den Rücken durch, versuchte, die Schultern gerade zu halten. Das war das Militär. Er hatte noch nie mit einem Kampfmagier geredet. 

Der Mann, der auf ihn zukam – Linus versuchte, nicht ganz so zu starren – hatte auf der Brust das Clanzeichen der Whebber, dem Clan aus der Nachbarprovinz seiner Heimat. Er schätzte ihn spontan auf Mitte zwanzig, aber vielleicht verschätzte er sich auch, der Mann schaute so streng drein. Und vor allem kam er immer noch auf ihn zu. Linus hätte sich gern verkrochen. 

„Linus Färber?“, erkundigte er sich, als er angekommen war. Seine Stimme war tief und passte zum Gesichtsausdruck, jedoch auf eine distanzierte Art angenehm. 

Linus nickte knapp, dann fiel ihm auf, dass das eventuell unhöflich war. „Ja. Ja, genau.“

Großartig. 

Sein Gegenüber deutete, wie es unter Magiern wohl üblich war, eine Verneigung an. „Julius Whebber, es freut mich, Sie kennen zu lernen.“ 

Er wollte ihm gern sagen, dass er ihn nicht zu siezen brauchte, traute sich aber nicht. „Ich freue mich auch, ja.“ Mit schüchternem Lächeln nickte er ihm zu. Wie war das bei Magiern noch gleich? Anrede mit Herr oder Frau und dann Vorname. Er wusste nicht warum, nur, dass es eben so war und dass es als unhöflich galt, einen Magier beim Nachnamen anzusprechen. 

Herr Julius gab ihm einen Handwink zum Ende des Gleises hin, da es sich hierbei um einen Kopfbahnhof handelte. „Wir werden einen anderen Zug nach Lavitelle nehmen, vom Bahnhof dort ist es dann nicht mehr weit“, informierte er ihn und lief los, Linus folgte. Es waren wirklich unzählige Menschen auf dem Gleis. Die Bahnhofsansagen hallten alle durcheinander, wie konnte da irgendwer etwas verstehen? Zudem war es hier wärmer als in Hohendamm, zumindest kam ihm das so vor. Vielleicht war seine allgemeine Nervosität auch Schuld daran, dass ihm auf einmal so heiß war. 

„Ich hoffe, Ihre Reise war angenehm und ohne Umstände“, erkundigte sich Herr Julius, schaute ihn dabei aber nicht an. Vermutlich achtete er darauf, keine entgegenkommenden Menschen anzurempeln. 

Erst nickte er, dann fiel ihm auf, dass er das nicht sehen konnte. „Ja. War sie.“ Vielleicht sollte er mehr sagen, aber ihm fiel nichts passendes ein. 

„Das ist erfreulich“, sagte der Magier ruhig. „Bei Zügen, die eine solche Strecke zurücklegen, ist das nicht unbedingt der Fall.“ 

Er versuchte zumindest, ein Gespräch anzufangen. Linus wollte sich daran ein Beispiel nehmen. Immerhin war er neu hier, es konnte nicht schlecht sein, sich mit den bereits fertigen Magiern gut zu verstehen. Das hatte auch seine Mutter immer wieder gesagt. „Kommen Sie aus Feldau?“

„Komme ich, ja“, antwortete er. „Ich kenne die Strecke dadurch etwas.“ 

Genau dieser Zug war über Feldau gefahren, Linus' hatte von Anjeruns Hauptstadt nur nicht viel gesehen, da es, als sie gestern dort angekommen waren, bereits dunkel gewesen war. 

„Wie lange sind Sie denn schon hier?“, fragte er nach, um keine Stille in den Lärm des rubricanischen Hauptbahnhofes einziehen zu lassen. 

„Seit Beginn meiner Ausbildung“, antwortete der Großmeister. „Fast acht Jahre.“

„Also sind sie noch gar nicht fertig?“ Linus stutze, woraufhin Herr Julius schmunzelte. 

„Nein, nicht ganz.“ Er deutete auf die Schulterpolster seiner Uniform, auf der ein weißes Kreuz auf dem dunkelblauen Untergrund zu sehen war. „Ein vollausgebildeter Großmeister hat noch ein Kreuz darunter, ich habe nur eins. Meisterausbildung abgeschlossen, Großmeister aber noch nicht. Deine Schulterpolster werden vorerst leer sein.“ 

Linus nickte langsam. Siehe da, wieder etwas dazugelernt. Am Gleisende winkte Julius ihn in jene Richtung, in die sie mussten. 

„Soll ich Ihnen Gepäck abnehmen?“, fragte er, wobei er Linus erst einmal wieder ansah. 

„Ähm, nein, nein danke, nicht nötig.“ Er lächelte schief und bereute in jenem Moment noch diese Aussage, da ihm der Rücken weh tat. Wahrscheinlich noch in Zusammenhang mit der langen Zugfahrt. 

Doch Julius nickte es einfach ab. Die beiden durchquerten die Haupthalle, um zu einem der ersten Gleise zu gelangen, wo der Zug bereits stand. Ein Mitarbeiter das Bahnhofs änderte gerade an der Anzeige die Abfahrt um zehn Minuten nach hinten. 

„Ich habe noch keine Fahrkarte“, stellte Linus mit blankem Gesichtsausdruck fest und merkte die innere Anspannung zurück kommen. 

„Keine Angst“, sagte Julius, den Blick auf den Zug gerichtet. „Die Leitung hat mir eine für dich gegeben. Und wenn du später in Uniform unterwegs bist, wirst du keine brauchen.“ 

„Also ist die Uniform ein kostenloses Zugticket in Rubrica?“ 

„Ganz Tribunus“, antwortete er. „Aber als kostenlos würde ich es nicht beschreiben. Die Arbeit ist hart.“ 






Während der Zugfahrt redeten die beiden nicht viel, da Linus hauptsächlich damit beschäftigt war, aus dem Fenster zu schauen und die Stadt zu betrachten, wann immer mal keine Schallschutzwand an den Seiten der Gleise gebaut war. Ihrem Namen alle Ehre machend, waren Rubricas Gebäude im Stadtinneren größtenteils aus rotem Backstein erbaut, auch wenn es Applikationen aus hellem Sandstein gab. Die Häuser im Zentrum waren nicht selten über zwölf Stockwerke hoch, um einiges höher, als Linus es aus Hohendamm gewohnt war. Auch hier lag Schnee, wenngleich die Straßen gut geräumt waren. 

Acht Jahre würde er jetzt hier verbringen. Die Hälfte seines bisherigen Lebens noch einmal darauf, das war schwer vorstellbar und in diesem Moment für ihn noch nicht greifbar. Sein Blick rutschte unauffällig zu Julius Whebber, der seinerseits schweigend aus dem Fenster schaute. Irgendwie passte er mit den kurzen, dunklen Haaren, die er nach hinten gestrichen hatte, dem kühlen Blick und dem breiten Kiefer sehr gut in die Vorstellung eines Kampfmagiers des Militärs, die Linus bisher gehabt hatte, auch wenn er wesentlich sanfter wirkte. Ob er, bevor er hier her hatte kommen müssen, gewusst hatte, dass er seine Heimat nun für die nächsten acht Jahre verlassen müsste? 

„Du kommst direkt aus Hohendamm?“, fragte er, als hätte er den Blick wahrgenommen. 

Linus schaute rasch wieder nach draußen. „Ja, direkt“, antwortete er dann. „Aus der Hafengegend.“

Julius nickte langsam. „Hohendamm ist eine schöne Stadt.“ Solange er damit nicht das Färber-Clananwesen meinte, gab er ihm recht. 

„Ich bin aber nicht aus der Hauptfamilie oder so.“ Linus wusste nicht, warum er das gesagt hatte, immerhin wäre er bereits seit Anfang des Schuljahres hier, wäre er aus der Hauptfamilie und hätte die Clanverwaltung gewusst, wie hoch sein Energiegrad war. 

Doch Julius nickte das ruhig und ohne weiteren Kommentar ab. 

Schließlich wurde der Bahnhof von Lavitelle als nächster Halt angesagt und als der Zug dann zum Stehen kam und sich die Türen öffneten, winkte Julius Linus vor sich aus dem Wagen heraus. Der Bahnhof hatte nicht einmal halb so viele Gleise wie der im rubricanischen Zentrum und kam von Große und Optik viel näher an den in Hohendamm heran, weshalb Linus sich sogleich weniger verloren und fremd fühlte. Zumindest ein bisschen. Außerdem hingen hier die gleichen Werbeposter des Militärs wie zu Hause auch. Nur die Plakate für Konzerte, für Veranstaltungen waren völlig anders.

„Jetzt ist es nur noch ein wenig Fußweg“, sagte Julius ihm, als die beiden den Bahnhof verlassen hatten. Linus nickte das ab. 

Der Schnee hier war sauberer als im Zentrum und lag fein säuberlich in Haufen am Straßenrand. Linus wusste nicht, wie zentral sich Lavitelle selbst befand, aber er hatte aus Hohendamm die Erfahrung gemacht, dass der Winterdienst unzuverlässiger wurde, je weiter man an den Stadtrand kam. Anderseits war Rubrica eine große und wichtige Stadt, er konnte sich vorstellen, dass es hier besser organisiert war. 

Bei Lavitelle handelte es sich um ein Gelehrtenviertel, dessen Mietpreise so hoch waren, dass sich ein Mensch mit gewöhnlichem Einkommen keine Wohnung leisten konnte, ohne sie mit anderen teilen zu müssen. Dadurch, dass Linus an der Akademie unterkommen würde, war das allerdings etwas ganz anderes und er war sogar gespannt darauf, sich diesen Teil der Stadt genauer anzusehen. Wie er gelesen hatte, befanden sich hier neben zwei großen Bibliotheken eine ganze Hand voller Museen – unter Anderem auch das Museum der modernen Musik – und ein ausgesprochen großer Park, der fast ein Drittel des Stadtviertels ausmachte. Und ein weiteres Drittel beherbergte zu großem Anteil die Akademie und deren Gelände, wodurch ohnehin nicht sehr viel für den ganzen Rest blieb. 

Der Himmel war strahlend blau, der Schnee reflektierte glitzernd die Sonne. Es war ein schöner, idyllischer Anblick, wesentlich ruhiger und angenehmer, als es am Hauptbahnhof von Rubrica gewesen war. Wenn das Viertel immer so aussah, war sich Linus sicher, könnte er sich daran gewöhnen. Ihm fielen gleich die Wegweiser auf, vielleicht hätte er die Akademie auch ohne die Hilfe eines Großmeisters gefunden. Doch ihm war es so auch sehr recht. 

Zuerst passierten sie den Park, den er auch schon auf der Stadtkarte gesehen hatte, hatten durch den Kanal am Rand aber immer etwas Abstand. Er wirkte mit seiner Ruhe, den weißen, kahlen Bäumen und der Stille beinahe gespenstisch – bis es dank eines Wehrs laut wurde. Kurz vor ebenjenem kam eine Brücke zum Park hin, mit kleinem Platz vor ihr, wo Linus und Julius abbogen. 

Sie schwiegen den ganzen Weg über. Linus wusste nicht, was er hätte sagen oder fragen sollen, obwohl er gespannt auf das Kommende war, und Julius sah offenbar keinen Anlass dazu, den Mund zu öffnen. 

Als nächstes kamen sie auf einem größeren Platz an, sicherlich einem Marktplatz vor einem Gebäude, das wie ein Rathaus aussah und sicherlich älter war als das meiste der Stadt und auch dem Viertel, das Linus bisher gesehen hatte. Ein niedriger Turm, ein Dach mit halbrunden Giebeln und großen Fenstern und fast alles aus dem üblichen, roten Gestein. 

Das Stadtzentrum und die Hafenbereiche waren hier ausgeschildert und Linus nahm sich vor, sich beides einmal anschauen zu gehen, wenn er in den nächsten Wochen die Zeit dazu bekam. Hier ankerten sicherlich noch viel größere Schiffe als in Hohendamm und er hatte sich die letzten Jahre sehr daran gewöhnt, am Meer zu wohnen. Außerdem war Rubrica nun einmal Tribunus' Hauptstadt und auch wenn sie nicht seit Jahrhunderten von jedem und seinem Hund als schönste Stadt Miserias besungen war, wie eben im Falle von Avasikuu, so hatte Linus doch schon genug positive Sachen über sie gehört und gelesen, die ihn interessierten. 

Außerdem wollte er Horatio finden. Mit der Akademie hatte er einen Anhaltspunkt, aber er musste nicht zwingend dort sein. Ihm gefiel der Gedanke, dass er nicht komplett allein hier in Rubrica war und zumindest theoretisch irgendwen kannte. 

Das Gepäck wurde langsam anstrengend schwer, aber als sie weitergingen und Linus das nächste Mal vor sich aufschaute, waren die beiden auch schon am Ziel angekommen und Linus wurde nicht enttäuscht. Das größte Gebäude in Hohendamm war das Clananwesen der Färber. Er konnte sich an ganze fünf Mal erinnern, die er darin gewesen war, das vor zwei Wochen mit eingeschlossen und er war jedes Mal froh darüber gewesen, wieder hinaus zu dürfen. Auf jeden Fall war das Eingangsgebäude der Akademie doppelt so groß wie ebenjenes Clananwesen. 
Das Eingangstor stand offen. Es war riesig und gusseisern, mit wenig Verzierungen, aber definitiv imposant. Darüber hing ein mehrere Meter hohes Stahlkreuz, unterlegt mit einem weiteren, kleineren – das Symbol des tribunischen Militärs, wie es auch auf den Oberarmen der Großmeisteruniform zu sehen war. Das Tor führte zu einem Zwischenhof, der bis auf einen dünnen, jungen Baum sehr trostlos aussah, erst danach kam der eigentliche Ausgang, der ebenfalls offen stand. 

Julius winkte ihn an allem vorbei. Er ließ Linus nicht viel Zeit zum stehen bleiben und staunen, was er im ersten Moment traurig fand, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er sicherlich genug Zeit haben würde, sich alles anzuschauen. Acht Jahre waren eine weite Spanne. 

Linus hatte mehr Leute hier erwartet. Tatsächlich begegneten sie nicht vielen, schon lange keinen Großmeistern, wodurch die riesige Eingangshalle noch größer und noch leerer wirkte, als sie eigentlich war, trotz all ihrer Säulen und Marmorkacheln und sämtlichem Schnickschnack, der der Außenfassade der Akademie gefehlt hatte. 

„Ich erspare dir das Sekretariat“, merkte Julius an, als die beiden an ebenjenem vorbei liefen und den rechten, äußeren Treppenaufgang in die zweite Etage nahmen. 

„Müssten wir da eigentlich hin?“, fragte Linus vorsichtig, der aufpassen musste, unter seinem Gepäck nicht hinzufallen, weil er eine Treppenstufe nicht ganz erwischte, immerhin war seine Umgebung gerade viel spannender. 

„Eigentlich, ja“, antwortete Julius. „Gerade sind Konferenzen in Lignier und fast keine Großmeister im Haus, aber wenn wir den Weg durch das Sekretariat nehmen, brauchen wir fünfmal so lange.“ 

„Oh.“ Er wusste nicht, was er weiter dazu sagen sollte. „Warum in Lignier?“ 

Julius zuckte mit den Schultern. „Weil es die Hauptstadt dieser Provinz ist? Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Bisher konnte mir diese Frage auch noch niemand gescheit beantworten.“ Dann blieb er kurz stehen und deutete auf den Gang in der Etage unter ihnen. „Da hinten sind die Seminar- und Vorlesungsräume, im Übrigen.“ 

Linus warf einen Blick darauf, sah aber nicht viel von der Etage, weshalb er einfach nur nickte. Dann gingen sie weiter und ließen gleich darauf auch die Eingangshalle hinter sich. Die Decken waren hier hoch, Linus hatte den Verdacht, dass die Höhe des Gebäudes nicht viel über die Etagenanzahl aussagte. Dennoch war es beeindruckend. 

Ihm fiel noch etwas Weiteres ein, worüber er bereits im Zug nachgedacht hatte. „Wer wird mein Meister sein?“ Denn jedes Team von Schülern war direkt einem Meister unterteilt, der die magische Ausbildung begutachtete. Es gab zwar noch andere Trainer und Lehrer, aber der Meister war die direkte Person des Vertrauens, an die ein Schüler sich zu wenden hatte. 

„Du wirst ihn morgen kennenlernen“, war Julius' einzige Antwort darauf. 

Linus ließ die Schultern hängen, bereute es gleich, da sich das Gewicht nun unangenehm verteilte.

„Er ist, denke ich, der beste Großmeister, den sie für euch ausgesucht haben“, fügte Julius noch dazu, was Linus neugierig machte, aber er hakte nicht weiter nach. 

In der zweiten Etage angekommen, folgten sie einem Gang nach hinten bis zu einem zweiten Treppenhaus, wo sie, zu Linus' Erleichterung, aber einen Fahrstuhl nahmen, um noch einmal drei Etagen höher zu kommen. Allein der Gebäudeteil, den er von dem Haupthaus der Akademie bisher gesehen hatte, sah unglaublich komplex und verwirrend aus, er wusste nicht, wie er es zeitnah schaffen sollte, sich hier zu orientieren. 

„Jeder vollausgebildete Großmeister hat sein Arbeitszimmer“, erklärte Julius, als sie ausstiegen. „Sie sind nicht alle hier untergebracht, wohlgemerkt.“ 

„Das ist verwirrend“, gab Linus zu. Dann musste man immer genau wissen, wo der Großmeister war, den man suchte? 

„Allerdings“, gestand Julius. 

Sie passierten ein paar Türen, auf denen zum Glück Namensschildchen standen. Es wirkte fremd und surreal auf Linus, denn von den meisten Clannamen, die hier dran standen, hatte er bisher nur in Büchern über ferne Länder gelesen und sich nie gedacht, einmal im gleichen Gebäude zu sitzen. Kein Wunder, denn seit dem letzten großen Krieg gehörten zwei weitere Kontinente zu Tribunus' Machtgebiet hinzu, wodurch sie natürlich auch zahlreiche Magier aus diesen Regionen im Militär hatten. 

Schließlich blieb Julius stehen und klopfte zweimal stark. Aus dem Inneren war ein „Herein“ zu hören, sodass er die Tür öffnete und Linus bedeutete, vor ihm einzutreten. 

„Ah, der Neue“, kam es sogleich von jener Frau, die hinter einem wuchtigen Schreibtisch im Schneidersitz auf ihrem Polsterstuhl saß. Sie lächelte Linus breit an, der ein „Guten Tag“ herausbekam, auch wenn es leise war. 

„Nur keine Scheu, legen Sie Ihr Zeug ab und setzen Sie sich.“ Sie deutete auf die beiden Stühle vor dem Tisch, die nicht ganz so bequem aussehen wie jener, auf dem sie saß, aber Linus war im Moment alles recht, weshalb er der Aufforderung auch gleich nachging. Es war so unbeschreiblich entspannend, die Last endlich von den Schultern zu haben. 

Die Frau hieß Gerel Shen. Linus hatte es auf dem Namensschild auf der Tür gelesen und ihr Clan gehörte definitiv zu jenen, von denen er vorher nie gedacht hatte, mal ein Mitglied zu treffen, kamen sie doch aus dem tiefsten Osten Agmens, vom anderen Ende der Welt. 

„Wir haben die Unterlagen von Ihrer Mutter erhalten“, begann Frau Gerel und öffnete ein Schubfach, schaute dann aber erschrocken auf. „Wie unhöflich von mir – sind Sie gut angekommen, Linus? War auf der Fahrt alles in Ordnung?“ 

Linus nickte langsam, räusperte sich. „Ja, schon.“ Er lächelte schief, er wollte nicht noch seltsamer wirken, als er ohnehin wirken musste. 

„Das ist gut, ja.“ Sie nickte. „Schon einmal die halbe Miete, sozusagen. War auch alles ein bisschen plötzlich, nicht wahr?“ 

„Kann man so sagen.“ Dass sie so locker war, verwunderte ihn. Irgendwie hatte er sich Kampfmagier viel militärischer vorgestellt und nicht so freundlich. 

„Hat sonst alles geklappt, Julius?“ Nun sah sie seinen Begleiter an, der ebenfalls nickte. 

„Ohne Probleme, ohne nennenswerte Verspätung.“ 

„Das ist großartig, das hat man selten.“ Frau Gerel wirkte für einen Moment sehr zufrieden, dann begann sie, die Unterlagen vor sich auszubreiten. In ihre schwarzen Haare waren kleine Perlen eingefädelt, die bei jeder Kopfbewegung lebendig hin und her baumelten. „Hm, hm, hm“, murmelte sie. „Linus Färber, Sohn von Alrun Färber und Dewin Ruun, geboren am elften April 6382 in Hohendamm – das ist soweit richtig, oder?“ 

„Ja, ist es“, stimmte er ihr zu, wie auch im Folgenden. Sie fragte noch weitere Dinge, einfach um abzugleichen, ob sie die richtigen Dokumente hatte und sagte auch gar nichts weiter dazu, nur, als sie las, dass er in seinem Leben bisher sieben Mal die Stadt gewechselt hatte. 

„In Ordnung“, sagte Frau Gerel schließlich. „Sie haben die folgenden Tage noch ein paar Termine, die Sie wahrnehmen müssen. Hier...“ Sie reichte ihm einen Bogen, er nahm ihn an. Mit Schreibmaschine geschrieben, sah es wie ein Plan für das Wochenende aus, der erste Punkt am morgigen Tag das Einwohnermeldeamt. 

„Julius wird Sie begleiten“, fuhr die Frau Großmeister fort. „Schließlich sind Sie noch nicht volljährig und Ihr Vormund ist nicht da, blabla, wir brauchen jemanden, der die wichtigen Dokumente trägt.“ 

„Acht Jahre Ausbildung, genau dafür.“ Julius schaffte es, es nicht vorwurfsvoll oder abwertend klingen zu lassen, tatsächlich hörte er sich eher amüsiert an. 

„Genau, genau dafür.“ Frau Gerel grinste, ehe sie wieder zu Linus schaute. „Ihr Team bestand bisher aus zwei Leuten, mit Ihnen sind sie also zu dritt und damit voll, Ihr Meister wird Ihnen, denke ich, ab morgen Abend zu Verfügung stehen.“ 

„Wer ist es denn?“, erkundigte er sich und stellte daraufhin Julius' Seitenblick zu ihm fest. Vielleicht hätte er das nicht fragen sollen – war das in Magierkreisen unhöflich? 

„Wie gut kennen Sie sich mit tribunischer Geschichte aus?“, fragte Frau Gerel gegen und lächelte vielsagend. 

Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte und brauchte somit einen Moment, ehe er antwortete. „Es geht“, sagte er. „Kommt auf die Epoche drauf an.“ 

„Letzter Krieg, so in dem Dreh?“ 

„Nicht so sehr“, gestand er. Natürlich wusste er etwas über den Unionskrieg, sie hatten es in der Schule tot behandelt. Aber es hatte ihn nie all zu sehr interessiert und so glaubte er, das meiste schon wieder vergessen zu haben. 

Gerel hingegen nickte das ab. „Ihr Meister ist Großmeister Lucas Wolf. Es ist üblich, dass der Schüler erst, wenn die erste Stunde mit Team und Meister ist, erfährt, wer es eigentlich ist, aber das hatten Sie ja nicht.“ Vielleicht war das der Grund, weshalb Julius vorhin geschwiegen hatte. Ansonsten verstand Linus den Zusammenhang nicht wirklich, traute sich aber nicht nachzufragen.

Des Weiteren verging noch etwa eine halbe Stunde, in der Gerel ihm Fragen stellte und die Antworten notierte. Einige Dinge beruhigten ihn, andere eher weniger. Zum Beispiel fand er es eine gute Nachricht zu hören, dass er vor Montag nicht mit dem Training beginnen musste, Grund dafür waren diverse Ämter, außerdem sollte er erst einmal ein paar Tage Zeit bekommen und seine Maße für die Uniform – die er am Anfang eh nicht tragen würde – mussten sie auch noch nehmen. Was Linus beinahe verstörte, war, als Gerel sich erkundigte, ob er jemals in seinem Leben aktiv Sport gemacht hätte. Als er ehrlich mit „Nein“ antwortete, zogen sich ihre Lippen leicht zusammen, sie nickte und lächelte dann sehr künstlich. Er wusste nicht, wie er diese Frau einschätzen sollte. 

Letzten Endes sagte sie ihm noch, dass er sein Gepäck erst einmal hier lassen sollte, sie würde veranlassen, es auf sein Zimmer zu bringen; Julius würde ihm noch die wichtigsten Teile des Grundstückes zeigen. Linus war froh, endlich entlassen zu werden. 






Die schweigsame Natur von Julius Whebber war ihm gleich wesentlich angenehmer. Der Mann redete, aber nicht, um sich mit ihm zu unterhalten, sondern um ihm zu erklären, in welchem Teil vom Gebäude er sich fand, beziehungsweise Grundstück, da ebenjenes aus mehreren Gebäuden und riesigen Grünanlagen bestand. Es wirkte noch größer, als es auf der Karte ausgesehen hatte. Von Julius erfuhr er, dass auf dem Plan, den er bekommen hatte, unter anderem stand, wann er wo sein musste. Eigentlich gehörte in die ersten vier Jahre Großmeisterausbildung richtig viel Theorie, gerade jedoch hatten sie den Großteil der Theoriestunden heraus genommen. Das, was wichtig war, unterrichteten ihnen ihre Meister.

Ansonsten hätten sie bei denen zweimal die Woche auf dem Akademiegelände Training, während sie Montag, Mittwoch und Donnerstag auf einen Truppenübungsplatz ein paar Viertel weiter mussten. Die Akademie sei schließlich nur für den magischen Kram zuständig, nicht für den militärischen. 

Es gab das Hauptgebäude, in dem die Unterrichts- und Forschungsräume waren, dann das Lager mitsamt unterirdischem Archiv; mehrere Hallen zum Üben, die verschiedene Szenarien darstellten, damit sich die Schüler den Bedingungen anpassen lernen konnten; dann das Übungsgelände, das fast die Hälfte der Fläche ausmachte und zu guter letzt das Wohnhaus, in dem Julius Linus zuletzt ablieferte. Und er war sich sicher, dass er morgen den ganzen Geländeplan wieder vergessen haben würde. 

Julius begleitete ihn noch in die dritte Etage, und blieb vor Zimmer 4.307 stehen. 

„So, das gehört Ihnen“, sagte er, schaute Linus an. 

Dieser nickte langsam. „Danke für die Tour“, sagte er und schaffte es sogar, kurz zu lächeln.

„Ich hoffe, ich konnte mir alles merken.“ 

Julius winkte ab. „In den Unterlagen ist noch ein gedruckter Plan drin. Sich das alles auf einmal zu merken, ist schwierig.“ Sein Blick schweifte kurz aus einem der Fenster, die an der rechten Seite des Ganges ebenjenem Licht spendeten. „Ich verabschiede mich, mögen Sie sich alsbald hier einleben, Linus.“ Anschließend deutete er mit dem Daumen auf das Zimmer. „Sie teilen sich das Zimmer mit Ihrem Kollegen.“ 

Das fand Linus weniger angenehm, aber er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, zumal Julius definitiv nichts dafür konnte. Außerdem war er die ganze Zeit über zu ihm netter gewesen, als er es erwartet hatte. 

Linus schaute wieder zu der Tür. Er würde es schon schaffen zu klopfen. „Ich... danke Ihnen trotzdem.“ 

Er hörte Julius leise lachen. „Das weiß ich zu schätzen. Bis demnächst, Linus Färber.“

Anschließend machte er jene Art von Verneigung vor ihm, die er ihm gegenüber gemacht hatte, als sie sich getroffen hatten. Linus versuchte, das zu erwidern, wusste aber nicht wirklich wie und hob einfach noch die Hand zum Abschied.

Linus sah ihm nach, bis er im Treppenhaus verschwunden war, dann schaute er wieder zur Tür, versuchte sämtliche anstrengenden Gedanken aus seinem Gehirn zu verbannen. Er klopfte. Als er aus dem Inneren des Raumes ein „Moment!“ hörte, dachte er, sein Gehör würde ihm einen Scherz spielen. Aber als die Tür dann von innen geöffnet wurde und er sich gefühlt zwei Minuten lang schweigend mit Horatio anstarrte, wusste er, dass es echt war.

Horatio umarmte ihn wortlos. 

Linus hatte die vergangenen Tage wiederholt mit dem Gedanken gespielt, wie es denn wäre, Horatio an der Akademie zu treffen, doch erst jetzt fiel ihm auf, wie offensichtlich möglich es gewesen war. Immerhin hatte dieser bereits den Einzugsbefehl vom hostischen Militär gehabt, wo er als neuer Magierschüler für den nächsten Jahrgang gemeldet gewesen war – zudem war er sehr verschwiegen gewesen über jene Dinge, die er mit der Verwaltung im Clananwesen der Färber besprochen hatte. Eigentlich hätte Linus es wissen müssen und dennoch... Er wusste nicht, wie er reagieren sollte – was machen, was sagen? 

Und so umarmte Horatio ihn schweigend eine ganze Weile, ehe er sich löste, die Hände allerdings auf Linus' Schultern ruhen ließ und breit grinste. „Mann ey, ich hab's noch nich' so verarbeitet“, sagte er dann, die Stimme rauer, als Linus sie in Erinnerung hatte, und zog ihn ins Zimmer. „Ich hätt' das ja echt im Traum nich' gedacht, und jetz', Wahnsinn, wirklich!“ 

Unsicher und langsam schaute Linus sich um, schaffte es aber zu lächeln. „Ja. Wahnsinn“, wiederholte er dann. „Ich, ähm, tut mir Leid. Ich stehe unter Schock, wahrscheinlich.“ 

Horatio lachte, klopfte ihm auf den Rücken, ehe er sich auf eins der zwei Betten fallen ließ. Es stand am Fenster, das andere an der Wand gegenüber, neben dem Eingang. Rechts waren zwei Schreibtische, links zwei Schränke, sowie eine Tür, die vermutlich zum Bad führte. Das Mobiliar wirkte alt und gebraucht, aus dunklem Holz. Es musste sich schon lange im Besitz der Akademie befinden. 

„Is' schon spannend“, redete Horatio weiter. „Wir sind jetzt nich' nur Zimmergenossen, sondern auch Teamkameraden. Das hätt' ich ja wirklich echt nich' gedacht, als ich dich vor'n paar Wochen auf dem Kutter gesehen hab. Aber sag mal, meintest du nich', du hättest gar keine Fähigkeiten, außer 'ner blöden Haarfarbe?“ 

„Energiegrad“, antwortete Linus und setzte sich auf sein Bett. Tatsächlich, wie es aussah hatte Gerel dafür gesorgt, dass sein Gepäck hergebracht worden war. „Mein Energiegrad ist angeblich richtig hoch, deshalb bin ich hier. Aber das haben sie auch erst diese Woche festgestellt. Es war komisch.“ 

Horatio ihm gegenüber setzte sich auf. „Eh, das glaub' ich dir auf's Wort, hattest doch gesagt, dass du Militär nich' so knorke findest und so. Das tut mir echt Leid.“ 

Linus winkte ab und schaffte es, erneut zu lächeln. „Kein Thema, ich habe mich damit abgefunden.“ Er belog Horatio nicht gern, aber es war immer noch besser, als wenn er sich unnötig Sorgen machte, außerdem wollte er nicht darüber reden. 

Wohlgemerkt sah Horatio auch nicht sehr überzeugt aus, doch ein Glück sagte er nichts weiter dazu, stattdessen schaute er kurz aus dem Fenster. „Ich hab' mir das Bett am Fenster geschnappt, weil ich wusste ja noch nich', dass du's bist, der herkommt, also... Falls es dich stört und du lieber da pennen würdest, kein Problem, ich zieh auch rüber.“ 

„Ah“, kam es langsam und eindeutig überfordert von Linus. Horatio war eher da gewesen und hatte somit das Recht des Ersten auf das Bett am Fenster, warum fragte er überhaupt? „Mir ist es ziemlich egal, wo ich liege, wirklich. Bleib weiter am Fenster.“ 

„Wirklich?“ Er zog die Augenbrauen hoch und grinste noch ein Stück begeisterter als zuvor. „Und das is' jetzt keins von diesen eingeschnappten 'Ja, bleib nur weiter am Fenster, viel Spaß am Fenster, mach nur, bleib da, bleib, wenn es dich glücklich macht', oder?“ 

Linus hätte fast gelacht, ließ aber nur einmal stoßartig Luft aus seiner Nase. „Nein, nein, wirklich, ist in Ordnung.“ 

Draußen wurde es allmählich dunkel, sodass Linus sich herüber beugte und die Lampe auf seinem Nachttisch anknipste. Die Matratze, auf der er saß, war zumindest zum Sitzen ausgesprochen bequem und auch das dunkelblaue Bettzeug fasste sich sehr angenehm an. 

„In einer halben Stunde gibt’s im Übrigen Essen. Wir können natürlich auch später gehen und wenn du gar nich' unten in der Runde essen willst, dann versteh' ich das auch, du magst ja das nich' so mit so...“, Horatio gestikulierte wild und hatte offenbar ein Problem, das richtige Wort zu finden, „so mit Menschen.“ 

Linus nickte langsam. „Ist schon kein Problem, ich... Ich schaffe das.“ Und vor allem wollte er dieses Mal zumindest versuchen, sich zu integrieren. Er hatte in den letzten Jahren so oft Standort gewechselt und sich von vornherein selbst ausgeschlossen, dass er zurückblickend sich nicht zu wundern brauchte, wie lange er allein gewesen war und das er selbst jetzt, nach ein paar Jahren wieder in Hohendamm, keinen stabilen Freundeskreis gehabt hatte. 

„Das ist klasse!“ Horatio wurde immer hibbeliger. „Dann kann ich dir die anderen zeigen! Oder nein, das klingt blöd, ich kann sie dir vorstellen!“ 

Linus kam der verängstigende Verdacht, dass Horatio ihn mit der ganzen Akademie vertraut machen wollte, denn das wären definitiv zu viele Menschen auf einmal. Wie viele Magier beherbergte das Gebäude eigentlich? Da er nicht wusste, was er sagen sollte, nickte er einfach und offensichtlich reichte es, denn Horatio erzählte weiter. 

„Und Holly! Holly musst du auf jeden Fall kennenlernen! Ich meine, du wirst sie ohnehin kennenlernen, aber ich denk', das is' beim Essen so etwas angenehmer, meist is' da ihre große Schwester auch noch dabei und so und hey, wer hat dich eigentlich rumgeführt?“ 

Linus blinzelte zweimal. „Wer ist Holly?“ 

Horatio musste lachen. „Na denkst du, wir wär'n die einzigen im Team? Sind zu dritt und Holly is', naja, die dritte – eigentlich die erste, weil sie war noch eher da als ich, ich bin der Zweite und du bist der Dritte.“ 

„Der Dritte“, wiederholte er langsam. „Holly. Ist sie auch von den Inseln?“ 

Sein Gegenüber nickte heftig. „Ja! Das is' voll... Ich weiß nich', also, sie haben nich' so viele Leute von den Inseln hier, aus, ich meine, du weißt warum. Aber Holly is' auch von da abgehauen, hat es ihrer großen Schwester nachgemacht und wollte nich' ins hostische Militär. Ich hab echt gedacht in Hohendamm, dass ich hier zum Außenseiter werden würde, aber is' voll nich' so.“

Linus schwirrte durch den Kopf, wie viele Freunde er selbst in den letzten fünf Jahren so gehabt hatte, entschied sich aber dafür, es Horatio nicht zu erzählen. Dieser freute sich, er hatte sich eingelebt. Nach der eisigen Nacht im Wasser hatte er es mehr als verdient. 

„Dann, hm, freu ich mich auf sie.“ Linus lächelte, was Horatio offensichtlich nur noch hibbeliger machte. Dann fiel ihm dessen zweite Frage wieder ein. „Julius Whebber hat mit herum geführt. Ist im...“ 

„Letzten Jahrgang, ja, ja.“ Horatio winkte ab. „Hat 'ne Asatana als Meisterin, die echt 'ne voll gruselige Ausstrahlung hat, aber der Kerl an sich is' echt okay, irgendwie genau so still wie du, von daher passt's doch.“ 

„Das stimmt wohl“, gab Linus ihm Recht. 

„Ich hatte so 'nen Typen aus Agmen namens Kakuro Kirigakure, ich glaube, der war noch aufgeregter als ich oder so, hat sich ständig verhaspelt und ich glaube, der kannte das Gelände weniger gut als ich nach der Führung.“ Er warf einen Blick auf den Wecker auf seinem Nachttisch. „Also, wann wollten wir essen?“ 

„Ich, ähm.“ Auch Linus schaute auf seinen Wecker. Es war viertel vor sieben und... Nein. Nein. Nein. 

„Ich meine, is' grad erstmal dreiviertel sieben, da unten kriegt man gut zwei Stunden lang... Linus, alles in Ordnung?“ 

Linus hatte nie zu Leuten mit sonderlich dunklem Teint gehört. Seit jeher war er recht bleich gewesen, nur in letzter Zeit hatte es sich gebessert, der Arbeit auf dem Schiff zum Dank. Jetzt jedoch war Linus' sämtliche Gesichtsfarbe gewichen, denn er hatte sich daran erinnert, was seine Mutter ihm zu Hause noch eingebläut hatte, bevor sie die Wohnung verlassen hatten. Neunzehn Uhr, Linus. Neunzehn Uhr rufe ich da an und wenn du nicht rangehst, nehme ich den nächsten Zug nach Rubrica und fahre hinterher. 

Er wollte nicht, dass seine Mutter nach Rubrica fuhr – ja, er traute ihr das zu - denn so würde er niemals Anschluss finden. Das war peinlich. Anderseits wollte er auch nicht mit ihr telephonieren, schon gar nicht jetzt und erst recht nicht wollte er ihren Anruf verpassen. Wo auf dem Gelände waren noch gleich die Ignis Fati gewesen?

„Linus?“ Horatio klang besorgt, Linus versuchte abzuwinken und ihm so zu zeigen, dass er sich keine Sorgen machen musste, während er die Unterlagen durchwühlte, die ihm Gerel mitgegeben hatte, bis er die Karte des Geländes gefunden hatte. Ignis Fati, Ignis Fati, wo waren die Ignis Fati?! Egal, er konnte auch noch draußen nachschauen. 

„Ich muss mit meiner Mutter reden, ich...“ Er wusste nicht, wie er den Satz zu Ende führen sollte. „Wir wäre es damit, wir treffen uns einfach in einer halben Stunde beim Essen?“ 


Horatio, der immer noch verwirrt und besorgt wirkte, nickte. „Ja. Ja, schon, aber... Wenn du mir nachher nich' erzählst, was genau los is', kitzel ich es aus dir heraus, das versprech' ich dir.“ 

„Ich bin nicht kitzlig.“ Linus grinste schief und eher etwas verzweifelt, während er aufstand und zur Tür stürzte. „Bis nachher.“ Damit verschwand er auf den Gang, schnell laufend, ohne zu rennen, und vor allem mit Blick auf die Karte. Vielleicht schaffte er es bis neunzehn Uhr. 





 

Selbstverständlich hatte er es nicht bis neunzehn Uhr geschafft. Stattdessen war er außer Atem, da er gefühlte fünf Mal den gesamten Hauptkomplex in allen Etagen abgerannt war und er hatte nicht einmal das Gefühl, sich jetzt besser auszukennen als vorher. Er musste sich darin schulen, Karten und Lagepläne zu lesen. 

Der kurze Flur war mit „Fernkommunikation“ beschriftet. In den verschiedenen Räumen standen dann vermutlich die Geräte, aber zuerst musste Linus am Schalter vorbei. 

Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihm die Puste ausgegangen war. „Kann ich“, begann er dann, aber er musste erst einmal den Frosch in seinem Hals herunter schlucken. „Kann ich mit jemandem reden?“ Ihm fiel selbst auf, wie blöd das formuliert war. 

„Weiß nicht, kannst du?“ Der Blick des Mannes am Schalter war die Inkarnation von Langeweile. Wahrscheinlich hatte er ein paar Schichten zu viel an einem Ort wie diesen übernommen. „Wo soll's denn hingehen?“ 

„Hohendamm“, antwortete Linus, der sich auf den Arm genommen fühlte. „Postzentrale, ich erwarte einen Anruf von...“ 

„Alrun Färber?“, unterbrach er ihn. „Junge, die ist schon dran.“ 

„Sie ist was?“ Linus' Stimme war mit einem Mal sehr dünn geworden und hatte einen Schlenker nach oben gemacht. 

„Ja, war grad zum Glück einer da, der abgenommen hat und so.“ Der Mann zuckte mit den Schultern und deutete mit dem Daumen hinter sich in den Flur. 

Sonst was? Hätte er selbst laufen müssen? 

„Bist du mit ihr verwandt?“ 

„Ihr Sohn.“ Dazu passend nickte er und da er nervös hin und her tippelte, erhaschte er einen Blick auf das Klemmbrett des Mannes, auf das dieser ununterbrochen kritzelte. Offenbar handelte es sich dabei um Galgenraten gegen sich selbst. 

Der Mann nickte zu der Tür, die auf den Gang führte. „Dritter Raum rechts, viel Spaß.“ 

Linus verwunderte es nur kurz, dass er nicht Geld dazu zahlen musste, wollte aber nicht darüber nachdenken, sodass er sich nur schief grinsend bedankte und dann zu besagtem Raum ging. Der Mann war jetzt wieder damit beschäftigt, gegen sich selbst zu verlieren und schaute ihn demzufolge gar nicht mehr an. 

Als er die Tür öffnete, rutschte ihm sein Herz ins dritte Untergeschoss. 

„Hm... Ja... Aha... Ja, das ist interessant... Ganz Ihrer Meinung, Frau Alrun.“ Der Mann, der mit seiner Mutter sprach, hörte sich nicht unfreundlich an, hatte Linus' aber mit einem solch kalten Blick taxiert, dass er sich fast umgedreht und wortlos wieder gegangen wäre. 

Es war ein Großmeister der Akademie und dank Julius' Hinweis von vorhin erkannte er, dass es nicht nur ein Schüler war, sondern ein voll ausgebildeter. Das Clanzeichen auf seiner Brust kannte er nicht, machte sich in jenem Moment aber auch nicht viele Gedanken darüber, stattdessen versuchte er, dessen Blick auszuweichen, was nicht einfach war. Er war groß, sicherlich einen Meter neunzig, hatte dunkle Augen und ein schmales Gesicht. 

Linus machte einen Schritt rückwärts. Hoffentlich war er nicht ins falsche Gespräch gelaufen. Aber das war das richtige Zimmer und der Mann am Schalter hatte sogar gesagt, jemand würde bereits mit seiner Mutter reden und außerdem hatte der Magier vor ihm gerade seinen Gesprächspartner Frau Alrun genannt. 

„Ihr Sohn ist da, Frau Alrun... Ja, werde ich machen... Ja. Ja. Selbstverständlich. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ja. Ja. Ja.“

Linus wusste nicht, wo er hinstarren sollte, deshalb schaute er ins Nichts, seine Seele hatte seinen Körper ohnehin schon verlassen und glitt nun mit der heiligen Laterne in der Hand durch die ewige Schwärze der Insomnia, um dort ihre endgültige Erlösung zu finden.

Der Magier rollte immer wieder eine seiner langen, weißblonden Haarsträhnen auf einen Finger, wobei er zunehmend aggressiver wurde und sich das ein oder andere Haar ausriss. Linus wäre in jenem Moment gern gestorben. 

„Ja, er möchte mit Ihnen reden... Ja. Ja. Ja, verd-... Selbstverständlich. Einen schönen Abend noch.“ Daraufhin drückte er den Hörer so schnell es ging Linus in die Hand. Es wirkte, als wollte er noch etwas sagen, tat es aber doch nicht und ging stattdessen einfach. 

Linus hatte gehofft, dass sich seine Atmung mittlerweile beruhigt hatte, doch dem war nicht so.

„Ja?“, fragte er dann in den Hörer und in jenem Moment legte seine Mutter los. Es ließ ihn beruhigt durchatmen. Alrun war besorgt, aber neugierig und fragte ihn darüber aus, wie es gestern und heute gelaufen war und er gab bestmöglich Auskunft, denn letztendlich war es doch ein gutes Zeichen, dass seine Mutter sich Sorgen um ihn machte. 







 

Tatsächlich fand Linus nach dem Gespräch schneller in die Mensa, als er es gedacht hatte. Sie war im ersten Kellergeschoss und hatte niedrigere Decken als der Teil des Gebäudes, der über der Erde lag, aber dafür sahen die Gewölbe hübsch aus. Im Moment war keine Schlange, weshalb er seinen Mut zusammennahm und einfach hinging. Der Mann, der das Essen verteilte, war netter als erwartet, stellte ihm sogar zur Wahl, was er nehmen wollte. Er entschied sich für einen Eintopf, weil er etwas Leichtes brauchte, um über die Schwere des Tages hinweg zu kommen, bekam allerdings noch einen Zettel mit, den er nachher bitte bei ihm abgeben solle. Wie Linus feststellte, war er für Essgewohnheiten, Allergien und diverse Intoleranzen. 

Einen Moment lang stand er unnütz im Raum herum, bis er Horatio an einem der langen Tische weiter in der Ecke entdeckte, der ihm zuwinkte. Erleichtert ging er auf ihn zu und setzte sich an den freien Platz neben ihm.

„Hast's ja doch noch gefunden, hat deine Mutter sehr gestresst?“, erkundigte sich Horatio sogleich grinsend. 

„Hm, nein“, antwortete Linus, der abgelenkt war, weil er das Mädchen ihnen gegenüber musterte. 

„Du musst Linus sein“, sprach sie ihn direkt an, woraufhin er langsam nickte. „Ich bin Holly, freut mich. Du hättest Horatio vorhin erleben sollen, völlig aus dem Häuschen.“ Sie lachte leise. Auch ihr war anzuhören, dass sie von den Inseln kam, sprach aber bei weitem nicht so heftig Dialekt wie Horatio. Es klang weicher und runder als Hochtribunisch, nicht so hart wie das aus Linus' Provinz und weiter westlich, nicht so nasal wie im östlichen Tribunus. 

„Na wirklich, is' doch so“, kam es von Horatio. „Da erwartet man irgendwen und du kommst.“
Linus bekam seinen Ellenbogen sanft in die Seite.
 
Er lächelte knapp und wollte Holly eigentlich fragen, zu welchem Clan sie gehörte, wusste aber nicht, ob das bei Magiern überhaupt so üblich und nicht sogar unhöflich war, weshalb er schwieg. Das Essen schmeckte gut, wobei Eintöpfe und anderes, das man als großes Ganzes zubereitete, Großküchen ohnehin mehr lagen als Einzelgerichte. Einen Moment lang dachte er darüber nach, ihnen von dem Magier bei der Ignis zu erzählen, verwarf den Gedanken allerdings wieder. 

„Also, ich muss sagen“, begann Holly dann und er stellte fest, dass sie ihn nach wie vor aufmerksam musterte. „Ich hatte mir deine Haare etwas heller vorgestellt. Kräftigeres Rot, weißt du?“ 

„Ich finde, das ist so schon kräftig genug“, gestand Linus, der in sein Essen schaute. 

„Sind perfekt, sei leise, Holly“, sagte Horatio, woraufhin Holly kicherte. „Hey sag mal, am Wochenende dürfen wir immer raus, hast du Lust, mit nach Weauponte zu kommen?“ 

„Wohin?“, fragte Linus nach. 

„Is'n Stadtviertel“, antwortete Horatio. „Unterhalb von Rubrica Mitte, eins der Hafenviertel. Lavitelle ist schön und gut, aber dort geht angeblich voll die Post ab.“ 

„Ähm“, kam es von Linus, der schon Lust hatte, aber der Meinung war, es würde für das Wochenende reichen, sich erst einmal Lavitelle genauer anzuschauen, anderseits wollte er Horatios Vorschlag auch nicht ablehnen und sich nicht wieder von vornherein ausschließen. 

„Vielleicht sollten wir ihm erst einmal dieses Stadtviertel zeigen“, schlug Holly vor. Linus wusste nicht, woher sie das genommen hatte. 

„Aber wir wollten nach Weauponte.“ Horatio wirkte verwirrt. 

„Können wir doch nächstes Wochenende noch“, hielt Holly dagegen. 

„Stimmt, ja, hast Recht“, stimmte er ihr zu und schaute zu Linus. „Also? Was hältst du davon?“ 

Er nickte und lächelte. „Ja, gute Idee.“ 

„Lavitelle is' halt etwas langweilig, falls man wohin will, wo's abgeht“, sagte Horatio. „Aber eigentlich ganz hübsch. Der Park is' klasse.“ 

„Du hast auch noch keines der Museen angeschaut“, sagte Holly. 

„Aye, du aber auch nich'.“ 

„Im Gegensatz zu dir habe ich es aber vor“, hielt sie gegen. 

Horatio schnaubte, sah dann zu Linus. „Du magst doch sowas sicherlich. So Museen und Kram.“ 

„Kommt auf das Museum an“, antwortete er. „Aber an sich... Ja.“ 

„Kannste ja mit Holly mal hin“, schlug er vor. 

Linus lächelte etwas unsicher Holly zu, die breit grinste. „Früher oder später ergibt sich sicherlich was“, sagte sie dann. 

„Vorausgesetzt du kannst dann laufen, Linus“, meinte Horatio. 
„Was, in wie fern?“, fragte er nach, weil es ihn beunruhigte, dass Horatio annahm, er könne in naher Zukunft nicht laufen. War es so schlimm hier? 

„Weil alle Ausbilder Sadisten sind und Meister Lucas ist der schlimmste von allen.“

„Horatio!“, kam es von Holly und sie schaute ihn böse an, woraufhin er feixte. 

„Na stimmt doch!“ 

„Er übertreibt“, versicherte Holly Linus. 

„Minimal“, behauptete Horatio, doch sie schüttelte den Kopf und sagte: „Maximal.“ 

„Ist Meister Lucas so schlimm?“, fragte Linus. 

„Aye“, versicherte Horatio. 

„Überhaupt nicht“, sagte Holly. 

Linus wusste nicht, wem von beiden er mehr glauben sollte, wollte aber, dass Holly Recht hatte. 
Das Mädchen verdrehte schließlich großzügig die Augen. „Der Kerl muss uns einfach in einem halben Jahr das beibringen, was man normalerweise in einem ganzen Jahr lernt und dadurch, dass die Theoriestunden bei uns wegfallen, sich auch noch irgendwie darum kümmern. Die Ausbilder vom Gesamtmilitär sind um Längen schlimmer, aber auch die wollen uns nur vorbereiten.“ 

„Blaaaaaaaah“, machte Horatio, seufzte dann aber. „Stimmt ja, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass die anderen Teams es einfacher haben. Ich meine, wir sind alle untrainiert, oder? Kann mich nich' erinnern, dass Théodore mal erzählt hätt', dass Gerel die so rumgescheucht hat.“ 

„Ja, wie gesagt, die hatten auch ein gesamtes Jahr Zeit“, sagte Holly wieder, kümmerte sich dann aber lieber um ihr Essen. „Und sind nichtmal in unserem Jahrgang.“ 

„Warum eigentlich?“, erkundigte sich Linus. „Warum sucht Tribunus sich mitten im Jahr neue Teams zusammen, wenn sie dafür die Theoriestunden herausstreichen müssen?“ 

„In der Regel sind's Dreiergruppen, vielleicht brauchen die das wegen irgendwelchen... staatlich-steuerlichen Sachen und deshalb haben die gesucht und dich gefunden“, mutmaßte Horatio und schüttelte den Kopf. 

„Es hat vorher auch schon Zweiergruppen gegeben“, sagte sie dann. „Hörst du Meister Lucas eigentlich auch nur einmal zu?“ 

„Aye, mach ich!“ Horatio klang entrüstet, während Linus keine Ahnung hatte, worum es ging, aber er wollte nicht dazwischenreden, das wäre unhöflich. „Aber manchmal is' es halt anstrengend, wenn er mit irgendwelchen Anekdoten von Anno dazumal kommt.“ 

Linus nickte langsam. „Ist er sehr alt?“ 

Horatio lachte trocken. „Der is' schon beim letzten Krieg rumgefleucht, ich sag's dir, der is' nich' nur alt, der is' antik.“

„Iliarys-Krise?“, fragte Linus nach, weil er nicht glaubte, dass irgendwer, der beim letzten Krieg aktiv gewesen war, jetzt noch lebte und die Iliarys-Krise, die letzten größeren Aufstände in Tribunus und den Nordinseln, waren auch schon sechzig Jahre her. 

„Unionskrieg“, ächzte Horatio, Holly unterstützte das mit einem Nicken. 

„Aber...“ Linus sah genau so verwirrt aus, wie er auch war. Er erinnerte sich an Gerels Worte von vorhin, aber es war schwer, es wirklich zu glauben. „Aber der ist hundertfünfzig Jahre her.“ 

„Sag' ich doch.“ Horatio zuckte mit den Schultern. „Der Kerl is' 'ne Mumie.“ 

„Wie schafft man das?“, fragte Linus weiter. 

„Geisterfluch“, antwortete Holly. „Ewige Jugend durch das Trinken von Geisterblut.“ 

Linus starrte in seinen Eintopf. „Das... gibt es wirklich?“ 

„Ich glaube, hier gibt’s nichts, was es nich' gibt... Oder so“, überlegte Horatio. „Na ja, auf jeden Fall is' der Kerl uralt und verhält sich auch so. Der is' wohl damals desertiert und sie ha'm ihn erst vor 'ner Weile zurück geholt und das findet der gar nicht toll. Sprich ihn ja nich' drauf an.“ 

„Horatio hat da schon seine Erfahrungen gemacht, glaub mir“, versicherte Holly ihm, Horatio unterstützte das mit einem kräftigen Nicken. „Wobei er es auch immer wieder darauf anlegt.“ 

„Stimmt gar nich'“, murmelte Horatio, doch ihm war anzusehen, dass es sehr wohl stimmte. 

„Na ja, nicht mit Missmut rangehen“, sagte Holly wieder und lächelte Linus aufbauend an. „Das ist das Militär. Einfach machen, was man von dir verlangt, und du hast mit keinem Stress.“ 

„Wenn du das sagt.“ Linus fühlte sich nicht aufgemuntert dadurch, im Gegenteil. Er war nicht so der Mensch für praktische Sachen, sonderlich pragmatisch war er auch nicht, er arbeitete lieber mit Theorie, wofür er seinen Körper nicht anstrengen musste. 

„Aber hey, mal anderes Thema.“ Linus dankte Horatio dafür, das Thema zu wechseln. „Ich find es irre lustig, dass wir alle aus der gleichen Ecke von Miseria kommen, das is' ein super Zufall. Ich meine, Linus, du hätt'st es ja nich' sein müssen, es hätt' ja jemand aus Südostarma gewesen sein können – nich', dass das schlecht gewesen wäre oder so, aber is' halt schon anders, wenn man so'n bisschen die Wetterlagen der anderen kennt.“ 

Linus traute sich immer noch nicht nachzufragen, wo genau Holly herkam. Stattdessen rührte er etwas in seiner Suppe herum. „Wie lange bist du...?“, setzte er an, bevor ihm auffiel, dass es wahrscheinlich genau so taktlos war. Zumal es auf den Iliarys nie einfach war. Im Moment erst Recht nicht.

„Wie lange ich schon hier bin?“, fragte Holly nach, er spürte, dass sie ihn anschaute. Er nickte. 
„Seit Dezember. Was gut ist, wäre ich noch drei Monate länger da geblieben, hätte man mich nach Avasikuu gezogen, wie Horatio auch.“ 

Dieser nickte. „Und wenn die dich einmal nach Avasikuu hol'n, dann kommste da nich' mehr weg.“ 

„Und Tribunus ist besser?“, fragte Linus leise und schaute sogar von seinem Essen auf. 


„In Tribunus ist es mehr als nur Militär“, antwortete Holly. „Viel mehr theoretisches Wissen und man kann sich sogar einen Fachzweig aussuchen, in dem man dann seinen Abschluss macht. Hier ist man eben Magier, der im Kampf eingesetzt werden kann und nicht fest ins Militär eingebunden, mit Rang und allem drum und dran.“ 

„Nich' zu vergessen, dass die in Hostis richtig gruselige Sachen anstellen, um Loyalität und so 'nen Quatsch zu testen“, fügte Horatio hinzu. „Hat mir meine Schwester mal im Geheimen erzählt, eigentlich hätt' sie ja gar nich' drüber reden dürfen.“ 

„Jedes Elternteil, dass selbst im hostischen Militär ist, will das nicht auch seinen Kindern antun“, erzählte Holly weiter. „Zumindest niemand, der anständig ist.“ 

„Oder Geschwister“, sagte Horatio. „Bei mir war es meine Schwester.“ 

„Meine Schwester ist schon hier, grad in ihrem letzten Jahr“, verkündete Holly. 

„Genau!“ Horatio sah Linus aufgeregt an. „Lynn ist im Übrigen in einem Team mit Julius, der Kerl der dich vorhin rumgeführt hat!“ 

Linus nickte. „Konntest du nicht eher rüber?“, fragte er Holly dann, woraufhin sie mit den Schultern zuckte. 

„Das hätte nichts gebracht, weil ich Ende September erst sechzehn geworden bin, bei meiner Größe hätten die mich gar nicht genommen, aber ich musste nach Tribunus, bevor das hostische Lehrjahr im März losgeht.“ 

„Hm, ja. Klingt nachvollziehbar“, murmelte er. „Aber dann wärt ihr ja auch in Hostis in einem Team gewesen.“

„Ja!“ Horatio grinste. „Ha'm wir auch schon festgestellt. Wir zwei und die kleine Schwester vom Ex meiner Schwester.“ 

Holly lachte leise. „Die Welt ist eben ein Dorf.“ 

„Ja, stimmt schon.“ In Anbetracht dessen, dass er jetzt mit dem Jungen, den er vor ein paar Wochen zufällig bei sich aufgenommen hatte, in einem Team an der Magieakademie in Rubrica war, musste Linus lächeln. „Wurdest du dann vorher allein unterrichtet?“ 

„Geht das überhaupt?“, fragte auch Horatio, beide sahen sie Holly an. 

„Ich weiß es nicht“, sagte sie und zuckte erneut mit den Schultern. „Ich war schon erstaunt, dass die mich überhaupt schon aufgenommen und nicht erstmal ein halbes Jahr haben warten lassen. Aber ich war bei Frau Kazuko Koizin. Halt nur, bis du dann kamst, Horatio.“ 

Dann war vielleicht Horatios Auftauchen an der Akademie der Grund dafür gewesen, warum diese so verzweifelt nach einem Dritten gesucht hatte. Um das Team zu füllen. Holly unauffällig musternd, überlegte er, wie sie wohl zum tribunischen Festland gekommen war, immerhin war es wohl kaum im Deckmantel eines Attentats gewesen. Die Mehrenge zwischen Sysdale und Hohendamm war möglicherweise der schnellste Weg, doch als Einwohner Hohendamms wusste er, wie gut sie bewacht und wie schwer es tatsächlich war, ans andere Ufer zu gelangen. Andere Wege waren weiter, die See rauer, aber weniger gut und genau zu überwachen von Seiten des hostischen Militärs. Doch das würde er ein andermal in Erfahrung bringen, da Horatio in jenem Moment eine andere Gruppe Schüler zu ihnen heran winkte. 

Auch Holly grinste jemanden an, vermutlich war es ihre Schwester, Lynn, denn neben der Gruppe Halbstarker waren Julius, noch ein anderer Mann und eine Frau aufgetaucht. Letztere winkte Holly zu und dafür, dass sie Geschwister waren, sahen sie sich nur sehr wenig ähnlich. Während Holly klein war mit rundem Gesicht, war Lynn groß und dünn, mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Lediglich die Haarfarbe – ein dunkles Blond - hatten sie äußerlich auf den ersten Blick gemeinsam. 

„Hey, du musst der Neue sein“, wurde Linus gleich darauf angesprochen und somit abgelenkt. Er wusste gar nicht, von wem es gekommen war, es waren so viele auf einmal dazu gekommen. Als er nickte, begannen sie alle, sich ihm vorzustellen, wobei er sich weniger merkte, als er es gern gehabt hätte. Théodore, Kanchara, Magalie, viele andere. Ein paar fragten ihn aus, andere tauschten sich mit Holly und Horatio über ihren Tag aus und Leben kam an den Tisch, an dem sie saßen. Junge Menschen von jedem Ende der Welt. Linus war still und hörte zu, was sie zu erzählen hatten. Es lenkte ihn in Gedanken von dem ab, was ihn in nächster Zeit wohl erwarten würde.

Es war Sonntag, Linus' dritter Tag in Rubrica. Er wusste, dass noch viele kommen würden und vermutlich war das auch gut, denn derzeit fühlte sich noch alles fremd und neu an. Die Größe der Stadt schüchterte ihn ein Glück weniger ein als am Freitag noch. Vielleicht lag es daran, dass er bisher Lavitelle nicht mehr verlassen hatte und Rubricas Größe gar nicht so sehr auf ihn Einfluss nehmen konnte. Noch viel eher war der Grund aber die nächste Woche. Allein der Gedanke an Montag, vor allem aber Mittwoch ließen Linus' Eingeweide sich heftiger verknoten, als die Einwohnerzahl der Stadt es schaffte.

Holly redete ihm gut zu. Horatio erzählte, was für ein Monster jeder ausgebildete Magier an der Schule, jeder von denen aber nur halb so schlimm war wie die Offiziersränge des hostischen Militärs. Sie kümmerten sich beide und irgendwie waren sie sich ähnlich, dennoch grundverschieden. Selbst wenn Linus nichts sagte, war es interessant, ihnen zuzuhören.

Am Samstag hatte Linus lediglich die Mahlzeiten mit seinen Kollegen verbracht, da er ansonsten von einem Amt zum anderen gestolpert war. Wie angekündigt, hatte Julius ihn begleitet. Darüber war er sehr froh gewesen, immerhin hätte es auch jemand sein können, den er überhaupt nicht kannte und im schlimmsten Fall unfreundlich und ruppig gewesen wäre. Julius hingegen hatte nicht gehetzt, hatte Linus aber auch nicht alle Zeit der Welt gegeben, für jene Strecken, die die beiden hatten zu Fuß zurück legen müssen. Es gab viele Geschäfte, die er sich gern angeschaut hätte. Im Kopf verschob er das auf irgendwann später. Heute wollte er sich mit Horatio und Holly alles genauer anschauen, doch da würde ein Großteil der Läden geschlossen haben.

Am Ende des Tages hatte Linus einen geänderten Pass und eine Bestellung für die Uniform, sowie eine Trainingsuniform und noch ein paar andere Sachen gehabt. Es hatte eine gewisse Erleichterung gebracht, sämtliche Dinge, die er erledigt hatte, von Gerels Liste herunter streichen zu können.





Am Sonntagnachmittag schlenderte er mit Holly und Horatio über den Markt. Wie erwartet hatten die meisten Geschäfte heute Ruhetag, deshalb hatten die drei zuerst eine Runde durch den Park gedreht und waren anschließend zum Platz vor dem alten Rathaus gegangen. Linus war an seinem ersten Tag schon dort gewesen. Es war der Platz in der Nähe vom Wehr. Der Himmel hatte sich seit Freitag zugezogen und es war windiger, dennoch war auf dem Markt reger Betrieb. Linus war sich sicher, im Sommer würde hier auch frisches Obst und Gemüse angeboten werden, aber im Moment beschränkte es sich auf Haushaltswahren und haltbare Nahrung, sowie Wagen mit warmen Speisen.

„Wir müssen uns Waffeln holen, die Waffeln hier sin' unglaublich gut!“, sagte Horatio und zog Linus am Unterarm weiter nach links, Holly folgte.

„Hast du nicht am Mittwoch gesagt, du wärst pleite?“, fragte sie nach, war aber offenbar der gleichen Meinung, da sie begann, nach ihrem Geld zu kramen.

„So gut wie, aye. Aber eh, Holly. Das sin' Waffeln! Waffeln!“

„Aye, schon verstanden“, lachte sie.

„Wann kriegst du wieder Geld?“, erkundigte sich Linus, der auch in seine Manteltasche griff, um sein Portemonnaie zu suchen. „Ich kann dir was auslegen.“

„Ah, kein Ding, geht schon. Aber danke.“ Horatio grinste kurz. „Also. Ich sollt' am Dienstag welches kriegen. Aber ich glaub, wird eher Donnerstag.“

„Es kommt nie pünktlich“, fügte Holly mit einem Seufzen hinzu. „Ist bei mir genau so.“

„Liegt das an den Clans?“, fragte Linus leise, der nicht wusste, ob die Frage nicht vielleicht unhöflich war. „Oder daran, dass es Hostis ist?“

„Letzteres, fff.“ Horatio schnaubte. Mittlerweile standen die drei in der Schlange am Stand mit den frischen Waffeln. „Die Yelkin meinen wohl, wäre alles grad nich' kompliziert genug und ham 'nen Riegel vor so... Clan-Kram im Ausland geschoben, deshalb läuft der Scheiß mit der Kohle – also, bei mir und Holly – jetzt über unsere Eltern und da gibt’s dann wieder Probleme wegen... Steuern? Ach eh. Keine Ahnung so richtig.“

Holly unterstützte das mit einem Nicken. „Ich glaube, die bei der hostischen Bank lassen sich mit Absicht alle Zeit der Welt. Den ganzen Dezember lang hatte ich kein Geld und hab meiner Schwester auf der Tasche gelegen.“

„Lynn hat doch kein Problem damit, oder?“, fragte Linus nach, woraufhin sie den Kopf schüttelte.

„Nein, nein, natürlich nicht, aber es ist ätzend für's persönliche Gefühl.“

„Glaub ich“, fügte er leise hinzu, dann fiel ihm noch etwas auf. Horatio hatte erwähnt, dass die Bezahlung bei ihm über seine Eltern ging, also musste er etwas von seiner Familie in Cilghain gehört haben. Linus verwunderte, dass Horatio es nicht gesagt hatte, als er ihn gestern gefragt gatte. Er hätte sich jetzt gern danach erkundigt. Es interessierte ihn wirklich, aber Horatio würde seine Gründe für sein bisheriges Schweigen haben und Linus wollte nicht aufdringlich wirken. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Vielleicht fand sich am Abend oder irgendwann die Tage mal der passende Zeitpunkt.

„Weißt du, wir wollten auch immer noch in die Bibliothek, vielleicht willst du mitkommen“, sagte Horatio. Die Schlange am Waffelstand war lang. Offenbar waren viele Leute der Meinung, hier würde es vorzüglich schmecken, denn auch hinter den Dreien kamen immer wieder Leute dazu.

„Wir waren schonmal, aber wir würden jetzt aus anderen Gründen hingehen“, fügte Holly hinzu. „Hauptsächlich Lehrbücher, damit uns Meister Lucas nicht für ganz so dumm hält.“

„Is' wirklich anstrengend, ohne den Theoriekram. Man versteht die Hälfte nich' und das kackt den Kerl mega an, ich mein, wir können nichts dafür, dass die das rausgestrichen haben.“

„Hm“, kam es von Linus, der nicht wirklich wusste, was er dazu sagen sollte, ehe ihm noch etwas einfiel. „Wenn Meister Lucas eine bedeutende Person im Unionskrieg war, dann...“

„Denk nichtmal dran!“, sagte Holly schnell, noch ehe er fertig gesprochen hatte. „Eben genau das haben wir schonmal gemacht und es war ein Fehler.“

„Ihr habt euch in der Bib Sachen über ihn durchgelesen?“ Er wusste nicht, wem von beiden er es mehr zutrauen sollte, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Horatio nickte kräftig. „Aye, jetzt wissen wir viel zu viel und eh, das ist nur ein einziges Trauerspiel, je weniger du darüber weißt, desto besser, ihw.“ Er schüttelte sich kurz.

„Und es ist generell irgendwie komisch, über einen Menschen zu lesen, den man kennt aber halt... Ich meine, man kann sein halbes Leben da nachschlagen“, fügte Holly hinzu.

„Außer die, sagen wir, hundert Jahre, in denen er in der Einöde gehockt hat und so getan hat, als würde es keine Zivilisation geben. Kein Wunder ist der Knabe so verschroben, der is'n verdammter Einsiedler-Opa.“

„Das klingt schräg“, merkte Linus an.

„Glaub mir, is' noch das, was am wenigsten schräg klingt“, versicherte ihm Horatio.

Linus hatte sich nie viel mit dem Unionskrieg auseinander gesetzt. In Ordnung, seitdem waren Tribunus, sowie Agmen und Arma, die beiden Kontinente im Osten und im Süden, in einem gemeinsamen Bund, der Miserianischen Union. Hostis fehlte, aber Hostis hatte sich seit jeher herausgehalten, lieber sein eigenes Ding gemacht. So wenig Linus über den Unionskrieg wusste, über Hostis wusste er Bescheid, was hauptsächlich seinem Vater zu verdanken war. Als Sprachprofessor hatte sich Dewin mit Hostischen Sprachen beschäftigt, bevorzugt mit Nordosthostisch, weshalb er sich auch sehr über seine Versetzung nach Rantastala weit im Osten Hostis' gefreut hatte. Über hostische Geschichte hatte Dewin im privaten Raum schon eine Menge Worte verloren.

„Ich mein', eh.“ Horatio beugte sich leicht zu Linus rüber, damit es nicht jeder hörte. „Der Kerl war mal mit 'ner Suna verheiratet. Jeder weiß, dass die irre sin'.“

„Waren, wohl eher“, sagte Holly.

„Waren, was auch immer.“ Er nickte.

Linus lächelte knapp. „Wo die Liebe hinfällt.“

„Kann man wohl sagen.“ Mittlerweile standen nur noch zwei Leute vor ihnen an. „Und sein anderer Teamkollege war ein Drache und der Kerl hat mal 'nen Geist beschworen.“

Dazu fiel Linus nicht mehr ein, als anerkennend zu nicken, denn alle drei Fakten klangen abstrus. Allein einen Geist zu sehen, war ein schlechtes Omen, waren sie es doch, die Miserias Schicksal seit jeher lenkten. Drachen hingegen waren eine seltene Angelegenheiten, als Herr über das Wasser wurde Miserias einziger Drache immer und immer wiedergeboren, doch seit der letzte gestorben war, war noch kein neuer aufgetaucht und das war jetzt über hundert Jahre her. Die Suna hingegen waren einer von Miserias ausgestorbenen Clans und seltsamerweise vermutlich der, über den Linus noch am meisten wusste, der Liebe seines Vaters osthostischer Kultur zu verdanken. Denn genau dort war dieser Clan angesiedelt gewesen, in Nordosthostis, der Provinz Ljumeshsuna. Und Dewin hatte alles daran spannend und faszinierend gefunden. Der Clan hatte zu keiner Zeit viele Mitglieder gehabt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Doch das letzte Mitglied war vor der letzten Jahrhundertwende verschollen gegangen und seitdem nicht noch einmal aufgetaucht, weshalb man den Clan in den Fünfzigern für ausgestorben erklärt hatte.

„Was willst'n für ne Waffel?“, erkundigte sich Horatio bei ihm, Linus deutete darauf, sodass Horatio einfach für ihn mitbestellte, während Holly ihr Zeug allein regelte. Linus gab ihm danach das Geld wieder, bedankte sich leise und war ihm sehr dankbar, für ihn mit dem Verkäufer gesprochen zu haben, sprach es aber nicht aus. Letzten Endes war er sich auch nicht sicher, ob das überhaupt Horatios Intention gewesen war.

„Was mir noch eingefallen ist“, setzte er dann an, als Horatio und er ein paar Schritte von dem Stand weg gemacht hatten. „Die Akademie selbst hat keine Bibliothek, oder?“

„Doch, doch“, sagte Horatio. Holly war noch dabei zu bezahlen. „Is' nur so, dass...“

Er unterbrach, als Linus aufwimmerte.

„Was'n? Die Gier?“ Linus konnte Horatio verdrückt lachen hören, nickte aber.

„Hab... Ah.“ Er schluckte das viel zu heiße Stück in seinem Mund lieber erst herunter, bevor er weitersprach. „Ich bin dumm.“

Horatio bekräftigte das mit einem Nicken, woraufhin auch Linus kurz lächelte.

„Die Dinger sind selbst mit Serviette an den Fingern extrem heiß“, sagte Holly, die zu den beiden gekommen war und offenbar mitbekommen hatte, was passiert war. „Hast du kein Schmerzempfinden an den Händen oder warum hast du das nicht schon vorher mitbekommen?“

„Offenbar hat er das nicht“, kicherte Horatio.

„Nicht in der linken Hand, Saiteninstrument und so“, behauptete Linus und sah, wie Holly ihn amüsiert musterte. Er wusste selbst nicht, ob das überhaupt der Wahrheit entsprach oder er einfach nur Hunger hatte. Darüber reden wollte er jetzt nicht. „Ich hatte dich unterbrochen, oder?“

Horatio nickte. „Aye. Na, 'ne Bibliothek haben die schon, aber das ist wirklich nur Fachliteratur und du kommst nicht an alles ran ohne Genehmigung, blah, blah.“

„Brauchen wir nicht Fachliteratur?“, fragte er weiter.

„Schon“, kam es diesmal von Holly. „Aber das ist dort die Fachliteratur, die man nicht versteht, wenn man nicht jahrelange Erfahrung auf dem Gebiet hat.“

„Findest da voll nichts über, keine Ahnung, Basiskram.“ Horatio zuckte mit den Schultern. „Aber ich wette, wenn du was zur Nutzung von synthetischer Magie beim Züchten der rotbäuchigen Drachensee-Muräne haben willst, klar, ham die ganz sicher.“

Holly lachte leise. „Es ist grässlich.“

Linus nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis.

Kurze Zeit später schlenderten die drei zurück zur Akademie. Der Himmel deutete an, dass es die Nacht wieder schneien würde, sodass Linus noch weniger Ahnung als ohnehin hatte, wie es morgen beim Training aussehen würde. In seinem Kopf spielten sich eine ganze Reihe Horrorszenarien ab, sodass er sich nicht in das weitere Gespräch von Holly und Horatio einklinken wollte, die sich über die Markttage im kommenden April unterhielten.

Im Wohntrakt angekommen, verabschiedeten sich Horatio und er von Holly, gingen auf ihr Zimmer.

„Wir sollten zeitig zum Essen, heute“, sagte Horatio, der gerade seinen Mantel ablegte. „Ich mein' ja nur, vielleicht ein bisschen eher ins Bett als gestern.“

Linus nickte. Gestern war es recht spät geworden.

„Morgen geht’s immerhin früh raus und wenn das Wetter wieder Kacke wird, sind die Straßenbahnen wieder überrascht davon, weil is' ja 'n völliges Unding, dass es im Winter schneit und so.“ Er lachte kurz, Linus lächelte.

„Wird es... schlimm?“, fragte er vorsichtig nach.

Horatio schaute auf. „Hm?“

„Na, morgen. Das Training.“

„Kommt halt echt drauf an.“ Er zuckte mit den Schultern und warf einen Blick auf die Uhr. „Brauchst 'ne Menge Ausdauer, aber wenn du das halt noch nich' hast von Anfang an, dann kommt das irgendwann. Sind ja nich' hier, weil wir's schon alles können, dann müssten die uns ja nich' ausbilden und könnten sich das ganze Tamtam schenken.“

Langsam nickend, starrte Linus das Bild von seinen Eltern an, das er auf dem Nachttisch stehen hatte. Das war bei ihrer Hochzeit vor vier Jahren gewesen. Er ließ sich etwas Zeit, wieder zu Reden, weil er nicht wusste, wie genau er die Frage stellen sollte.

„Hast du, hm.“ Er räusperte sich. „Hast du mit deiner Familie Kontakt?“, fragte er dann, ohne Horatio dabei anzusehen.

„Nah.“ Seine Stimme war ungewohnt leise. „Ah, doch, also. Uh, die mussten halt mit meiner Mutter reden wegen Geldkram und so.“

Bedeutete das, die Akademie hatte mit seiner Mutter geredet, aber Horatio selbst nicht? Das war seltsam.

„Keine Ahnung, Ophelia hat sich nich' gemeldet. Ich glaub, es geht ihr gut, die vergisst das halt manchmal, sich zu melden.“ Aus dem Augenwinkel sah er Horatio erneut mit den Schultern zucken. „Und meine Mutter hätt' mich halt lieber drüben, is' doch verständlich. Gehen wir essen?“

Linus schaute auf die Uhr. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Essen, aber wenn Horatio nicht darüber reden wollte, war das in Ordnung. Vermutlich hätte er es gar nicht erst ansprechen sollen. „Können wir machen, ja.“

Also zogen die zwei ihr Zeug wieder an und verließen kurzerhand ihr Zimmer. Ausnahmsweise gab Horatio den ganzen Weg über kein Wort von sich, starrte auf den Boden dabei. Linus hätte gern irgendetwas gesagt oder getan, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, doch ihm fiel nichts ein. Und so schwiegen die beiden einfach, bis sie unten angekommen waren.
 

Am Mittwochmorgen taten Linus den zweiten Tag in Folge alle Knochen weh. Bereits beim Aufstehen hatte er das Gefühl zu sterben und wäre gern liegen geblieben und verwest. Zum Glück hatte er Horatio, der allerbester Laune war und ihn aus den Federn zerrte.

„Hier, hier, nimm.“ Er schob ihm ein Glas Wasser und eine Tablette zu. „Wenn du dich bei Meister Lucas wie'n Rentner bewegst, kriegt der gleich am Morgen 'ne Hasslatte und glaub mir, das willst du nich'.“ Seltsamerweise lachte Horatio daraufhin und verschwand erst einmal im Bad.

Die zwei vergangenen Tage auf dem Truppenübungsplatz waren grauenhaft gewesen. Linus hatte auf Nachsicht gehofft, weil er neu war, weil er nicht schon seit September trainierte oder länger, doch die hatte es nicht gegeben. Es waren Stunden und Stunden von Qualen gewesen und die Ausbilder hatten es nicht besser gemacht. Der eine war ein sehr kleiner Mann, dessen Stimme vermutlich einen Güterzug übertönen konnte, die andere eine sehr große Frau, deren Oberarme so breit wie Linus' Oberschenkel waren. Er wollte zurück nach Hause und dort in sein Bett.

Die Frau Feldwebel hatte nicht viel mit ihm geredet, sie hatte ihn als Neuen begrüßt und beim Händedruck vermutlich sämtliche Knochen gebrochen, anschließend hatte ihr Assistent, der Unteroffizier, ihn eingewiesen. Es war nicht viel gewesen, nur, wie das Gelände aufgebaut war, wie die Pläne aussahen, wie er seine Vorgesetzten aus dem Militär anzusprechen hatte – was sich zu Linus' Entsetzen sehr von der Etikette unter Magiern unterschied – und ganz grob, wie es aufgebaut war. Er würde sich nicht alles auf einmal merken können, aber er sollte gut daran tun, es beim nächsten Mal zu beherrschen. Dafür gab es schließlich Bücher. Nach der Einführung wurde er aber behandelt wie alle anderen auch. Obwohl er es anstrengend und ermüdend fand, konnte er es jedoch verstehen. Das war das Militär, keine Vorschule.

Linus quälte sich irgendwann aus dem Bett, nahm die Tablette, die Horatio ihm gegeben hatte und holte aus dem obersten Fach seines Nachtisches weitere hervor, jene, die er ohnehin täglich nehmen musste. Anschließend zog er sich an und klopfte an die Badezimmertür.

„Kann ich mit rein?“, fragte er mit morgendlich kratziger Stimme.

„Klar, klar“, kam es undeutlich von Horatio, da dieser gerade seine Zahnbürste im Mund hatte. Linus tat es ihm nach und versuchte, ruhig und vor allem positiv zu bleiben.






Eine Dreiviertelstunde später standen sie vor dem Übungsgelände. Die Tore waren noch verschlossen, da keiner der Großmeister da war. Generell hatten sie noch ein paar Minuten Zeit, da sie alle schnell gegessen hatten und so früh am Morgen nicht einmal Horatio groß zum Reden aufgelegt war.

Insgesamt waren sie zwölf Schüler im Jahrgang. Ein paar von ihnen hatte Linus beim Essen schon gesehen, sogar ein einige Wörter mit ihnen gewechselt, doch die allermeisten waren fremd für ihn. Ein Glück schien sich keiner von ihnen sehr für ihn zu interessieren, sodass er nicht erneut erklären musste, warum er mitten im Jahr dazu gekommen war. Vier von ihnen kamen ebenfalls aus Tribunus, der Rest aus Agmen oder Arma. Keiner trug die richtige Kampfmagieruniform. Es war Übungskleidung, doch auch auf dieser waren die Clansymbole aufgestickt. Während er die tribunischen zuordnen konnte, hatte er bei den anderen Probleme - tatsächlich war das einzige agmische Clanzeichen, das er erkannte, das der Shen, weil er sich erinnern konnte, das gleiche auf Frau Gerels Uniform gesehen zu haben.

Dann, nach fünf Minuten herum stehen und warten, erschienen die vier Großmeister, um das Gelände aufzuschließen und ihre Schüler mitzunehmen. Eine kleine Frau aus Oberagmen, ein Mann und eine Frau aus Arma, und der vierte, jener Mann, der sein eigener Meister war und Linus fühlte sich, als wäre er in der falschen Realität gelandet. Denn bei Großmeister Lucas Wolf handelte es sich um niemand geringeren als jenen Magier, der am ersten Tag mit Alrun geredet hatte.

Linus wich seinem Blick instinktiv aus, merkte aber dafür, dass Horatio ihn fragend anschaute. Während alle anderen Magier ihre Teams einsammelten, blieben die vier noch stehen. Holly grüßte ihren Meister, Horatio ebenso und Linus schloss sich dem Ganzen murmelnd an.

„Hm“, kam es von Meister Lucas mit tiefer Stimme. „Guten Morgen euch auch.“ Linus konnte sich selbstverständlich nicht sicher sein, da er selbst nicht anschaute, aber er konnte irgendwie spüren, dass der Mann ihn sehr eindringlich musterte.

„Wohin geht es heute?“, hörte er Holly fragen.

„Zum Fluss. Ihr wisst, wo es lang geht. Geht schon einmal vor, Wasserzauber üben.“

„Aber das haben wir schon das letzte Mal gemacht“, ächzte Horatio, der daraufhin einen leichten Ellenbogenhieb von Holly bekam.

„Wasserzauber üben“, wiederholte Meister Lucas nur, woraufhin Holly und Horatio losgingen. Linus wollte ihnen gern folgen, aber er hatte das Gefühl, dass Meister Lucas ihn nicht involviert hatte in seiner Aufgabenstellung. Horatio beschwerte sich leise und undeutlich und es entfernte sich, je weiter er und Holly gingen.

Schlussendlich stand Linus allein vor dem Magier.

„Es tut mir Leid wegen...“, setzte er an, sah endlich auf. Meister Lucas jedoch hob die Hand und wies ihm damit an zu schweigen.

„Ist in Ordnung. Besorgte Mütter sind wünschenswert.“ Seine Aussprache hörte sich noch etwas härter an als die von Linus, sodass er spontan nicht wusste, ob er noch weiter aus Tribunus' Westen oder aber aus Hostis kam, da er, genau wie die Leute von dort, das R stark rollte. „Wenngleich nichts für meine Nerven.“ Und da er sehr tief und trocken sprach, konnte Linus nicht einschätzen, ob er es auch so meinte, wie er es sagte.

Daraufhin gab er Linus einen Wink, wies ihm an, ihm zu folgen. Offenbar nahmen sie den gleichen Weg wie Horatio und Holly, nur wesentlich langsamer. Das Übungsgelände war zum Großteil bewaldet und musste im Sommer wunderbar grün sein, aber im Moment wirkte es sehr tot. Es hatte die vergangenen Nächte geschneit und abseits des Weges, der hinein führte, war die Schneedecke größtenteils unberührt. Der Weg jedoch war in der Frühe schon geräumt worden, teilte sich nach einer Weile. Meister Lucas und Linus nahmen die ganz linke von den fünf Abzweigungen.

„Deine Akte sagt, du bist nicht wegen deiner Fähigkeiten hier“, sagte der Magier irgendwann. Linus war sich nicht sicher, ob er dafür eine Bestätigung wollte, immerhin war es keine Frage gewesen. Doch als ihm Meister Lucas' schiefer Seitenblick auffiel, nickte er schnell.

„Wie sah dein bisheriges Training aus?“, erkundigte er sich weiter.

„Mein.. wie, ich... was?“

„Nicht stammeln“, ermahnte er ihn streng.

Linus räusperte sich. „Meinen Sie... gestern und vorgestern?“

Meister Lucas ächzte leise. „Nein. Nicht gestern und vorgestern“, sagte er dann noch trockener als zuvor, während Linus' Blick gen Boden wich. Er wollte gern irgendetwas sagen, um sich aus dieser Situation zu retten, aber ihm fiel nichts ein. Sein Hirn war wie leer gefegt. Ein einziges Vakuum.

„Sonstige sportliche Betätigung bisher?“

In Gedanken fragte er sich, warum er immer wieder mit dieser Frage gequält wurde. Vielleicht sollte er sich ein Shirt zulegen, auf dem stand „Körperlich unfähiger Künstler ohne jegliche Grobmotorik“ und vermutlich würde er selbst dann noch gefragt werden.

Anstatt etwas zu sagen, schüttelte er den Kopf. Gut, dass er seine Medikamente hatte, er hatte das Gefühl, er würde bereits am Heulen sein wenn nicht. Er wollte hier weg, er gehörte hier nicht hin.

„Schon einmal einen Zauber benutzt?“, fragte Meister Lucas weiter.

Beinahe wäre Linus erleichtert gewesen, weil es das erste Mal war, dass er auf etwas Nicken konnte, aber er hatte das Gefühl, dass seine bisherigen Kenntnisse im Anwenden von Zaubern auch nicht sehr zufriedenstellend waren. Vor allem nicht für einen uralten Kampfmagier.

„Welchen?“

Linus atmete tief durch, um in sich zu gehen und nachzudenken. „Feuer, Wasser“, antwortete er dann. „Heilzauber, hm... Schutz, Signalzauber...“ Mehr fiel ihm nicht ein.

„Also die geläufigen. Schule?“

Er nickte. Jede Schule hatte Kurse für das Erlernen einfacher, simpler Zauber. Nicht alle konnten das – jene Leute mussten selbstverständlich nicht daran teilnehmen, stattdessen bekamen sie andere Aufgaben. Es wurde nicht bewertet, doch wenn Linus sich daran zurück erinnerte, war er eigentlich immer ganz gut darin gewesen. Vielleicht hätte ihm alles schon viel früher bewusst werden sollen.

„Schon einmal außerhalb des Klassenzimmers angewandt?“, fragte Meister Lucas weiter. „Außer zum Tee kochen?“

Schade, genau das hatte Linus sagen wollen. Beim Praktikum hatte er diverse Signalzauber lernen müssen. Eigentlich war es alles der gleiche Zauber, ein buntes Licht, das in den Himmel geschossen wurde. Die dazugehörige Zahl war die Fünfundsiebzig, man musste nur bestimmten, welche Form, welche Farbe und welche Intensität das Licht hatte. In der Seefahrt gab es eine ganze Hand voll, die man vielleicht nicht anwenden, aber zumindest erkennen sollte. In der Praxis war jedoch bisher keiner davon nötig gewesen. Stattdessen hatte er bei einem Sturm Mitte Dezember einmal versucht, mit dem Wasserzauber das Schiffsdeck vor Überflutungen zu schützen, aber bei so viel Wasser auf einmal hatte er Probleme mit der Konzentration gehabt. Wo fing man an und wo hörte man auf?

„Nein“, antwortete er schließlich, auch wenn es nicht ganz stimmte.

Diesmal war es Meister Lucas, der nickte, allerdings einen Moment lang schwieg. „Da der Neidzauber nicht dabei ist, wirst du zuerst den üben“, legte er dann fest, ehe er noch einmal kurz zu Linus hinunter schaute. „Was beinahe der wichtigste Zauber ist – für all jene, die Magie im Kampf einsetzen. Warum, Linus, ist das so?“

Linus wusste nicht, was der Neidzauber war. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

„Welche Zahl hat dieser Zauber?“, fragte Meister Lucas schon weiter.

Selbstverständlich wusste Linus auch darauf keine Antwort.

„Nummer Sechsundsiebzig“, sprach Meister Lucas dann nach einem Seufzen, das wohl tonlos hatte klingen sollen, es aber nicht gewesen war. „Er schneidet. Deshalb heißt er Neidzauber. Kannst du mir jetzt sagen, warum er so wichtig ist?“

Linus musste antworten. Meister Lucas hatte ihm alles zurecht gelegt, jetzt gab es keine Ausrede mehr. Der sechsundsiebzigste Zauber, ja, den kannte er, er hatte sich damals im Unterricht aber nur die Zahlen gemerkt. Der sechsundsiebzigste Zauber schnitt. Er war einer jener Zauber, die keine Materie, keinen Rohstoff, kein Element als Grundlage hatten, sondern mit purer Magie funktionierten. Auch in der Anwendung war er relativ einfach. Man benötigte das eigene Blut, denn im Blut saß die Magie und man konnte besser auf sie zugreifen, wenn es außerhalb des Körpers war – das Blut und die Zahl Sechsundsiebzig, denn an jene war der Zauber gebunden.

„Auf Fragen solltest du antworten“, hörte er Meister Lucas streng sagen.

Linus versuchte, die richtigen Worte zu finden. „Ich... Ich weiß es ni...“

„Dann sag das“, unterbrach der Magier ihn. „Wenn du etwas nicht weißt, dann sei ehrlich. Es hilft niemandem weiter, schon gar nicht dir selbst.“

Linus nickte langsam.

„Wie heißt das?“

Er atmete tief durch, versuchte jedoch, es so unauffällig wie möglich zu machen, um nicht genervt zu wirken. „Ja, Meister Lucas.“

Meister Lucas schaute ihn noch einen Moment von der Seite an, ehe er das abnickte. Anschließend sah er wieder nach vorne. „Der sechsundsiebzigste Zauber schneidet mit blanker Magie. Es gibt das Sprichwort, dass Neid schneiden würde –einer der zwei Gründe, warum dieser Zauber auch 'Neidzauber' genannt wird. Der zweite wäre seine Zahl selbst, die Sechsundsiebzig. Jene wird international mit dem Geist des Neides, Invidia, assoziiert“, erklärte er dann. Es klang immer noch streng und Linus fühlte sich bei jedem einzelnen Wort grässlich. „Mit genug Energie kann er durch alles schneiden, solange er nicht geblockt oder in anderer Form geschwächt wird. Welcher Zauber wird hauptsächlich zum blocken verwendet?“

Linus verschluckte sich fast. „Der... Der Schutzzauber.“

„Zahl?“

„Einundsiebzig.“ Es klang sehr gepresst, aber es war richtig und so sagte Meister Lucas nichts weiter dazu. Stattdessen redete er weiter.

„Auch Stolzzauber genannt. Korrekt.“ Er machte eine kurze Pause, sein Blick schweifte über die Umgebung. Linus wäre gern im Wald verschwunden oder einfach vor zu Holly und Horatio gerannt. Die beiden konnten das sicherlich besser, immerhin waren sie aus Magierfamilien – aus richtigen. Clanfähigkeiten hin oder her, Magie war bisher in seinem Alltag kaum vorhanden gewesen.

„Wie du sicherlich weißt, befindet sich Magie im menschlichen Körper hauptsächlich im Blut, weshalb man zum Formen von Zaubern in der Regel was braucht?“

„Blut?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Wispern.

Meister Lucas sah nicht sehr begeistert aus, sagte jedoch nichts weiter dazu. „Und jetzt sage mir noch einmal, warum ist der Neidzauber und seine korrekte Anwendung so wichtig?“

Er konnte durch Haut schneiden, um an Blut zu gelangen. Es ging sicherlich schneller, brauchte weniger Überwindung, war einfacher als mit einer Klinge. Linus könnte es sagen. Er war sich sicher, dass das stimmte, aber mindestens genau so unsicher war er sich – es könnte falsch sein. Meister Lucas musste schon schlecht genug von ihm denken.

„Ich weiß es nicht“, log er dann, den Blick gen Boden gerichtet.

„Na schön.“ Es klang nicht danach, als würde er es ihm abkaufen. „Er wird häufig vollkommen ohne Blut angewandt, um mehr zu holen, für das Formen größerer, komplexerer Zauber. Dafür wird er auf eigene Körperteile gerichtet und wenn das ohne korrekte Technik angewandt wird, kann eine Menge schief gehen. Ich habe schon genug missglückte Magieexperimente für zwei Leben gesehen, ich hoffe, dass du diesen Fehler nicht machen wirst. Verstanden?“

Er nickte, spürte aber seinen intensiven Blick, weshalb er sich schnell räusperte. „Ja, Meister Lucas.“ Linus hatte sogar richtig gelegen – aber er hätte zu wenig gesagt. Es war gut, dass er geschwiegen hatte. Dann jedoch blieb der Magier mit einem Seufzen stehen und Linus musste es ihm wohl oder übel nachtun, schaute kurz zu ihm auf.

„Du bist nicht wegen deiner Fähigkeiten hier, Linus. Das bedeutet, dass du allein in Zaubern geschult wirst.“

Er nickte langsam, ohne ihm dabei direkt in die Augen zu schauen.

„Dafür musst du aber mehr Zauber können als nur die üblichen fünf. Ich hatte damit gerechnet, dass du nützliches Basiswissen hast, aber entweder du willst einfach nur nicht mit mir reden, oder es fehlt wirklich viel zu viel.“

„Es tut mit Leid“, sagte Linus langsam und überlegte, ob er sich vielleicht noch verteidigen sollte. Er war nicht hier, weil er hier sein wollte, sondern weil er musste. Glauben Sie mir, Meister Lucas. Ich wäre viel lieber wieder in Hohendamm. Ich habe hier nichts verloren. Doch wie so häufig schwieg er nur und sagte nichts.

„Eine Entschuldigung hilft dir nicht weiter.“ Linus starrte an Meister Lucas vorbei, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. „Du kannst nur daraus lernen und es in Zukunft besser machen. Hast du mich verstanden?“

Wieder nickte er, war aber noch geistesgegenwärtig genug, diesmal „Ja, Meister Lucas“ von allein dazu zu sagen. Er war klein, unendlich klein und unendlich schwach. Wenn er zu unfähig war für diesen Job, wurde er dann wieder nach Hause geschickt?

Die beiden gingen den Rest des Weges schweigend – es war ohnehin nicht mehr weit. Bereits nach kurzer Zeit konnte Linus Holly und Horatio hören und gleich darauf kamen sie auch in Sichtweite. Seine Teamkollegen standen an einem Weiher, zu dem ein kleiner Bach führte. Das Wasser lag ruhig, ein paar Seerosen trieben mit ihren Blättern auf der Oberfläche und am Rand gab es viel Schilf – es sah nicht nach einer Szenerie aus, die er in einer Großstadt wie Rubrica erwartet hatte. Mit Julius war er nicht hier gewesen. Generell hatte er ihm das Übungsgelände nur sehr grob gezeigt und gemeint, dass er sich vermutlich ohnehin nie dort auskennen würde. Da Linus noch einmal darüber nachdachte, erschien es ihm nun noch größer, noch verschlingender.

Sowohl Holly wie auch Horatio hatten blutige Finger, aber es war keine Verletzung zu sehen. Sie mussten den Zauber angewandt und die Wunde gleich darauf mit dem Heilzauber wieder geschlossen haben, so erklärte Linus sich das zumindest. Er würde es so machen. Oder es zumindest versuchen, denn höchstwahrscheinlich würde er versagen dabei.

Ihm wurde ein bisschen schlecht bei dem Gedanken daran, dass es noch eine Weile dauerte, bis das Semester um war und das bis dahin jede Woche so aussehen würde wie bisher. Fatum bewahre.

Zwischen Holly und Horatio schwebte eine Wasserblase, die die beiden langsam herum lenkten. Es sah schön aus, aber auch anstrengend, sich genug zu konzentrieren, um die Flüssigkeit beieinander zu halten. Als Horatio Linus breit entgegen grinste, verformte sich die Blase und wurde flach, wäre vermutlich abgestürzt, hätte Holly sie nicht gerettet.

„Nicht ablenken lassen, Horatio“, sagte Meister Lucas streng.

Horatio, der sich wieder seinem Wasser zuwandte, sah aus, als hätte er ihn gern nachgeäfft und würde ihm jetzt eine Menge Kraft kosten, es nicht zu machen.
Sie wurden eine Weile von Meister Lucas beobachtet, der immer wieder Anweisungen gab und sagte, was sie ändern sollten, um perfekt zu sein. Holly bekam mehr Lob als Horatio. Der schaute jedoch generell nicht aus, als wäre er mit ganzer Kraft dabei.

Als Linus schon dachte, er könne den Rest des Tages ganz bequem zuschauen, wandte ihr Meister sich ihm wieder zu. „Und du wirst dich heute um den Neidzauber kümmern.“

Linus nickte. Meister Lucas starrte ihn an.

„Ja“, sagte Linus schnell. „Ja, ja werde ich.“ Eine weitere kurze Pause entstand. „Ich... weiß nur nicht so... wie.“ Dass er nichts wusste und generell dumm auf dem Gebiet war, hatte der Magier ja nun schon feststellen dürfen.

Meister Lucas seufzte leise. „Wenn du schon alles wissen würdest, müsstest du wohl nicht von mir unterrichtet werden“, sagte er dann ruhig und klang seltsamerweise wesentlich weniger streng als noch zuvor. „Es wäre lediglich praktischer gewesen, würdest du mehr können, als du kannst. Aber an deinem Vorwissen können wir nichts ändern. Ich werde dir selbstverständlich zeigen, wie man den Zauber wirkt, ohne sich den Finger abzuhacken.“

Ein kurzes Lächeln zuckte über Linus' Lippen, als er erneut nickte und diesmal zeitig genug „Ja, Meister Lucas“ sagte.







Es war Nachmittag, als die drei endlich entlassen wurden. Holly drückte sowohl Horatio wie auch Linus einen Müsliriegel in die Hand. Es war der dritte heute.

„Du brauchst mir nicht dein Essen zu geben“, nuschelte Linus, der sich langsam schlecht fühlte, während er Horatio dabei zu sah, wie der sich fast das ganze Ding auf einmal in den Mund steckte.

„Ich hab das extra für euch mitgenommen“, sagte sie und biss von ihrem ab. „Keine falsche Bescheidenheit. Lass es dir schmecken.“

„Mach's nich' so kompliziert und iss einfach“, kam es von Horatio recht unverständlich, da er den Mund voll hatte.

Linus seufzte leise und begann, auf dem Riegel herum zu kauen. Und es war gut, denn trotz ausgiebigem Mittagessen hatte er noch größeren Hunger als die letzten Tage. Training mit Magie war wesentlich anstrengender, als er es sich vorgestellt hatte. Gestern und vorgestern war er den ganzen Tag in Bewegung gewesen und von den Feldwebeln über den Platz gescheucht worden, mit Meister Lucas jedoch hatten sie sich alle drei recht wenig bewegt, hatten sie doch nur Zauber geübt. Aber wie Linus mittlerweile wusste, zog ein Tag, an dem sie nur Zauber anwandten, mehr Energie als einer, an dem sie die ganze Zeit über in Bewegung waren. Linus hatte nicht das Gefühl, jetzt mehr zu können als vorher und fühlte sich ausgelaugter als die letzten Tage. Er war eine Null und nicht ein Stück voran gekommen.

„Warum gibt Lucas uns jetzt auf einmal Hausaufgaben? Ich versteh das nich'“, ächzte Horatio dann, als er endlich herunter geschluckt hatte.

„Weil es notwendig ist?“, kam es von Holly.

„Wegen mir“, wollte Linus jammern, schaffte es aber, den Mund zu halten.

Stattdessen murmelte er, er würde sich das heute oder morgen anschauen gehen. Immerhin hätte Meister Lucas ihnen sogar die Abteilung genannt, in der sie in der Lavitelle-Bibliothek nachschauen konnten, sowie ein paar Titel als Empfehlung.

„Hmpf, wenigstens kommen wir dann mal hier weg“, murrte Horatio. „Auch wenn ich echt nich' ralle, warum die keine gescheite Bibliothek mit auf'm Gelände haben, wo sie doch sonst irgendwie alles haben. Ihw.“

„Warum sollte immer alles einfach sein. Immerhin hat uns Lucas Literatur aufgeschrieben, die uns am besten weiterhilft“, sagte Holly. „Ich werde mir das dann nach dem Duschen anschauen.“

„Hm, ich komm mit“, sagte Linus, aber wesentlich leiser.

„Ich hab keine Lust, mir den Kack durchzulesen, warum... Ich dachte, das hier wär Militär?“ Horatio warf sein Riegelpapier in den nächstbesten Mülleimer und machte das gleiche mit dem von Linus und Holly.

„Ja, und wir sollen vorbereitet sein? Ich glaube, es ist viel anstrengender, uns das so beizubringen, wenn die Theorie fehlt“, merkte Holly an.

„Warum haben sie die eigentlich gestrichen, voll anstrengend“, jammerte Horatio weiter. „Also, nich', dass ich die Theorie gern sonst wie noch dran hätte jetzt. Aber ich glaub doch irgendwie, das wär besser als das, was wir jetzt machen müssen. Aber hey, Linus. Kommst du doch zeitiger in die Bibliothek als erwartet.“

„Wie lange hat die offen?“, fragte er nach.

„Kein' Dunst?“ Horatio zuckte mit den Schultern.

„Achtzehn Uhr?“, vermutete Holly. „Was ist? Willst du jetzt noch nicht hin?“

„Ich bin müde“, antwortete er.

„Du wirst dich daran gewöhnen müssen.“

Er seufzte. Ja, würde er. Aber das änderte nichts daran, dass er jetzt im Moment müde war und sich wirklich gern hinlegen wollte. Widersprechen wollte er Holly aber auch nicht, sie hatte mehr Ahnung und Erfahrung als er.

„Eh, lass das morgen machen. Oder so. Heut hab' ich echt auch kein' Bock mehr.“ Horatio verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schaute zu Holly rüber.

„Denkst du, morgen hast du mehr Lust?“ Holly schien nicht sehr angetan von der Unlust ihrer Kollegen.

„Nay, natürlich nich'“, ächzte er und wollte wohl eigentlich noch etwas sagen, doch sie war schneller.

„Und denkst du, morgen hättest du mehr Kraft?“

„Auch nich', ich...“

„Wir gehen heute“, legte sie fest. „Ich bringe auch noch mehr Riegel mit.“

Horatio seufzte. Linus hätte das auch gern getan, aber er wollte nicht Hollys negative Aufmerksamkeit auf sich ziehen, es reichte, wenn Horatio das machte und der hatte offenbar um Längen mehr Selbstvertrauen.

„Kennt ihr das“, kam es nach kurzer Pause von Horatio. „Wenn sterben voll angemessen klingt.“

„Ja“, antwortete Linus schneller, als er vorgehabt hatte.

„Ihr könnt doch jetzt nicht so einen Aufstand machen, nur, weil wir Hausaufgaben auf haben!“, beschwerte sich Holly.

„Offenbar schon.“ Horatio grinste kurz. „Aber eh. Wenn ich in deinen Riegeln bezahlt werde, bin ich gern still. Woher hast du die eigentlich?“

Linus war der Themenwechsel sehr willkommen.

Holly seufzte. „Selbstgemacht. Mit Lynn, in der Gemeinschaftsküche unten im Erdgeschoss.“

„Uh, dann kannste ja Lynn sagen, dass die großartig sind. Ich meine. Auch für dich. Aber halt auch mit Lynn, weil... aus offensichtlichen Gründen.“

Linus bekräftigte das nickend und Holly wirkte von beidem sehr angetan, sie lächelte wieder.

„Ich hab sowas mit meiner Schwester nie zusammen gemacht, aber die ist auch nich' so großartig in der Küche.“

„Na ja. Ich hab das mit Lynn früher auch nie gemacht, ich hab sie eh nur selten gesehen. Ist bei dir doch genau so“, merkte Holly an.

„Jaaaa, stimmt“, sagte Horatio. „Nur einmal...“ Er gluckste leise. „Sie wollte hostischen Süßkram für ihren Freund machen, weil keine Ahnung, fand sie angemessen oder so. Aber am Ende hab ich das gemacht und sie hat mir nur gesagt, was ich machen soll. Weil jedes Mal, wenn der dieses klebrige Zeug an die Finger kam, ist sie fast durchgedreht, weil sie das Gefühl so widerlich fand.“

Holly musste schmunzeln. „Geschwister sind großartig.“

„Wenn man sie nich' immer bei sich hat“, fügte Horatio bei, der dann zu Linus schaute. „Kannst da nich' mitreden, was?“

Er schüttelte den Kopf. „Leider nicht.“

„Wirklich Schade. Einzelkinder sind alle verdorben.“

„Danke.“ Es klang trocken, aber er lächelte kurz. Mittlerweile waren sie am Wohnhaus angekommen und liefen die Treppen hoch, wobei Linus trotz Tabletten wieder seinen Muskelkater bemerkte. Er hoffte, dass sein Körper sich irgendwann darauf einstellen und er sich daran gewöhnen würde. So, wie es sich im Moment anfühlte, bezweifelte er das. Eigentlich wollte er nicht jammern. Aber aktiv konnte er nichts machen, um sein Problem zu lösen, lediglich mitarbeiten bei den Trainingseinheiten. Vielleicht fand die Akademie auch irgendwann einen anderen Jugendlichen, der besser zum Ausbilden geeignet war als er.

„Wie sieht's aus, heilige Holly?“, fragte Horatio dann, als sie auf ihrer Etage angekommen waren. „Gönnst du uns ein paar Minuten Auszeit oder jagst du uns gleich weiter?“

„Ich will mal nicht so sein“, sagte sie grinsend. „Heute nicht. Es war immerhin Linus' erster Tag.“

„Ich fühle mich geehrt ob deiner Nachsicht“, murmelte Linus, der wirklich ins Bett wollte.

„Aber dann wird gearbeitet, sonst erreichen Meister Lucas' Mundwinkel irgendwann den Boden!“

„Das tun sie jetzt schon“, meinte Horatio und hob zum Abschied die Hand. „Bis später. Vielleicht findet Linus ja Gefallen am Lesen.“

Linus nickte Holly noch zu und bedankte sich erneut für den Riegel, dann trennten sich ihre Wege vorerst. „Wir wären noch grässlichere Schüler ohne sie“, stellte Horatio fest, als die zwei an ihrem Zimmer ankamen. Mit einem Nicken stimmte Linus dem zu.

Milijena wusste nicht, welches Datum sie hatten. Die Tage liefen mehr oder weniger alle gleich ab. Es war immer der selbe Ort, immer die selben Gesichter. Nur zwei von denen konnte sie sich merken, aber das war schon mehr, als sie verdient hatten. Sie tauchten häufig auf und brannten sich in ihr Gedächtnis und manchmal erwischte sie sich dabei, wie sie kurz davor war, die Hoffnung aufzugeben. Hoffnung darauf, dass sich etwas ändern würde.

Sie lag auf ihrer Pritsche, den Blick geradeaus. Sie würde gern behaupten, mittlerweile kenne sie jedes Detail an der Wand, an der Decke. Aber in Wirklichkeit nahm sie die gar nicht wahr. Alles war in unendliche Ferne gerutscht. 

Milijena fasste sich ins Gesicht. Ihre Wangen waren wärmer, als sie sein sollten, obwohl ihr kalt war. Sie hätte sich ihre Decke um den Körper wickeln können, aber sie konnte nicht die Motivation aufbringen, sich zu bewegen. Es würde nicht wärmer werden. 

„Ihr müsst was essen, Frau Milijena.“ Letham seufzte, als er ihre Zelle betrat. 

Milijena schaute ihn nicht an. Welcher Tag war heute? Welcher Tag war gestern gewesen? Was war am Vortag geschehen, was würde am nächsten kommen? Wann würde sie Nikolaij wiedersehen? 

Letham packte Milijena an den Oberarmen und zog sie hoch, um sie aufzusetzen. Sein Griff war fest, jedoch nicht so ruppig, wie Francach es gemacht hätte. Die beiden waren sehr verschieden, was gut so war – wenn sie Kraft hatte, dann dachte sie darüber nach. Heute aber, heute hatte sie keine Kraft mehr. Das oder die Hoffnung war ihr die Tage noch ferner als zuvor. Heute wusste sie nicht einmal, was sie hoffen sollte. 

„Könnt Ihr laufen?“, erkundigte sich Letham. 

Milijena schwieg, als sie aufstand. Sie konnte laufen. Sie konnte so einiges, was sie im Regelfall nicht machte, denn warum sollte sie das, wenn es doch nur eine Verschwendung kostbarer Energie wäre? Ihre Kraft musste sie aufheben, für den richtigen Augenblick. 

Sie hätte beinahe über sich selbst gelacht. Die letzten Tage waren zu einer einheitlichen Masse verschwommen und sie erinnerte sich nur an wenige Momente, in denen sie nicht nur hier gelegen hatte und untätig gewesen war. Manchmal wusste sie, dass sie es diesen Leuten heimzahlen würde, wenn der richtige Augenblick gekommen war. 

Und dann spürte Milijena Blut aus ihrer Nase laufen. Resigniert drückte sie sich den Handrücken dagegen und sah, wie Letham ihr ein Taschentuch hin hielt. Sie reagierte nicht darauf. Sie hörte ihn nur seufzen, bevor er sie aus der Zelle schob, um mit ihr zum Arztzimmer zu gehen. 

Es war das erste Mal seit dem Tag ihrer Gefangennahme, dass sie Nasenbluten hatte. Sie hatte gewusst, dass es kommen würde und manchmal hatte sie gehofft, es würde früher geschehen, um sie zu erlösen. Doch gerade wäre ihr recht gewesen, hätte es erst später eingesetzt.

„Na gut nehmen wir Euch eh Blut ab, nich' wahr? Ihr sollt uns das ja nich' durch die Nase spenden.“ 

Milijena konnte Letham nicht sehen. Es war besser so. Sie hätte gern die Augenbrauen gehoben, empfand aber, dass diese Person nicht einmal das wert gewesen wäre. 

Letham führte sie in das Zimmer, das wohl so etwas wie eine Krankenstation darstellen sollte, aber nicht wie eine wirkte. Es war wie aus einem Theaterstück. Eine Bühne, lediglich auf das Nötigste beschränkt. 

Die Frau, die die Ärztin darstellte, kannte Milijena nicht. Sie war ihr egal. Ein Gesicht wie jedes andere auch, eines, das mit Letham redete. Iliarisch. Milijena strengte sich nicht an. Selbst, wenn sie die Sprache besser gekonnt hätte – im Moment wollte sie nichts verstehen. Sprachkenntnis aus.

Nikolaij hätte das nicht gekonnt. Er war gut in den Sprachen gewesen. 

Die Ärztin legte ihr eine Kompresse an den Oberarm und drückte anschließend die Spritze zur Blutentnahme in ihre Armbeuge. Milijenas Nasenbluten war nicht stark gewesen. Jetzt setzte es aus. Das war gut – sie musste weniger über die Konsequenzen ihres körperlichen Verfalls nachdenken, wenn ihr durch den Arm Blut entzogen wurde und nicht ihr Körper sich entscheid, es von selbst loszuwerden. 

Milijenas Blick lag auf Letham. Letham, diese Made. Er bemerkte es nicht. Er lehnte mit verschränkten Armen im Türrahmen, schaute nach oben, während er mit den Fingern einen zufälligen Rhythmus auf seinen Unterarmen klopfte. Diese Blutabnahme hatte zwei Effekte. Zum Einen hielt sie Milijena ein bisschen länger am Leben. Zum anderen wurde sie benötigt zur Herstellung von synthetischer Magie. 

Letham hatte Chemie studiert. Je nachdem, welchen Abschluss er in dem Fach hatte, könnte er über dieses komplizierte Verfahren Bescheid wissen. Magie war ein gefährlicher Stoff. Ein wertvoller Rohstoff zwar, der Miseria zu einem besseren Ort gemacht hatte, doch sie vermehrte sich von selbst, gefährdete immerzu auch ihr Gefäß. Ohne dieses Gefäß zerfiel sie in der Regel. Es war schwer, Magie von Blut zu trennen. Und weil bei dem Vorgang viel der ursprünglichen magischen Energie verloren ging, lohnte es sich nur bei Blut mit hohem Grad an Magie, von Spendern, die Magier im Militär waren oder eben spezielle Magier, so wie Milijena. 

Bei den Explosionen am fünfzehnten Januar war synthetische Magie eingesetzt worden. Milijena hatte sich bisher keine Gedanken darüber gemacht, aber es erklärte die fehlende Hitze und vor allem, warum niemand bisher Milijena gefunden hatte. Warum es diese Leute geschafft hatten, sie aus den Ruinen von Sysdales Rathaus zu entführen, an einen Ort wie diesen, ohne dabei eine Spur zu hinterlassen. 

Milijena wollte Letham düster anschauen, doch ihre Gesichtsmuskeln reagierten nicht. Dieser Kerl wollte noch mehr Sprengsätze bauen. Dafür brauchte er ihr Blut. Und deshalb wurde sie am Leben gehalten, für den Nachschub an synthetischer Magie. 

Eine Frage war noch offen. Milijena wollte nicht darüber nachdenken, konnte es jedoch nicht verhindern. Wessen Blut hatten sie für den Sprengsatz bei der Konferenz verwendet?

Als Milijena angewiesen wurde aufzustehen, war ihr schwindelig, aber sie bemühte sich darum, es zu verstecken. Letham führte sie heraus, diesmal nicht den gleichen Weg zurück. Es war wie jedes Mal nach der Blutabnahme. Die beiden hielten vor einer Kammer, in der Letham kurz verschwand und Milijena solange auf dem Gang stehen ließ. Sie wartete. Sie hätte irgendwohin rennen können, auf der Suche nach einem Ausweg. Aber sie wusste, dass sie viel zu schwach auf den Beinen war. Ohne Magie war sie klein und nutzlos. Sie wusste nichts über diesen Bunker, nichts, dass ihr bei der Flucht geholfen hätte. Jedes Mal wieder stand sie hier, untätig. Jedes Mal wieder dachte sie über das gleiche nach und jedes Mal wieder blieb sie stehen. 

Letham kam zurück, drückte ihr frische Kleidung in die Hand. Milijena nahm es entgegen, nickte ihm zum Dank zu. 

„Wisst Ihr“, merkte Letham an, als er sie weiter winkte. „Ihr habt in den Medien irgendwie gesprächiger gewirkt. Vielleicht nich' so eine Labertasche wie Euer Schwager, aber immer noch sehr viel mehr als Euer Mann.“ 

„Was wissen Sie schon?“, dachte Milijena sich bitter, schwieg jedoch. Schweigen war das einzige Kapital, das sie hatte. Sie musste ihre Fehler wieder wett machen.

Letham zog einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss damit eine weitere Tür auf. Die beiden befanden sich in einem Vorraum zu einem Bad wieder. Milijena schaute zu ihrem Begleiter auf – es störte sie. Sie wollte zu ihm hinab schauen, weil er es verdiente. Doch obwohl Letham wirklich kein großer Mann war, war Milijena eben auch keine große Frau.
 
„Ich würd' Euch ja öfter lassen, aber wir müssen alle Wasser sparen“, sagte er und grinste knapp, wurde schnell wieder ernst. „Ansonsten das Übliche. Wenn Ihr was Blödes anstellt, war's das. Die Tür zur Dusche könnt Ihr nich' abschließen. Die hier schließe ich ab. Ihr habt 'ne Viertelstunde, dann komme ich oder einer meiner Kollegen und holt Euch. Verstanden?“ 
Vielleicht wollte er herrisch klingen mit seiner letzten Frage, doch Milijena war unter hochrangigen Magiern aufgewachsen. Sie wusste, wie sich ein militärischer Tonfall anhörte. Das hier war keiner. Sie wusste nur nicht, ob Letham ihr oder eher sich selbst etwas vormachen wollte. 

„Ja, das habe ich“, antwortete sie monoton, nickend. „Danke.“ 

Sie bedanke sich nicht, weil sie dankbar dafür war. Es war schön, duschen zu dürfen, das konnte sie nicht bestreiten. Aber man musste nicht dankbar für etwas sein, weil sein Gegenüber sich beschlossen, normalmenschliches Verhalten an den Tag zu legen. Ihr in all dem Elend ein bisschen Würde zu lassen. 

Als die Tür hinter ihr geschlossen wurde, ließ Milijena keine weitere Sekunde verstreichen. Sie ging zur Duschkabine, legte Handtücher und die frische Kleidung ab. Nachdem sie sich entkleidet hatte, verschwand sie unter dem Wasser. 








Seife half nicht. Weder um den Schmutz vollends abzuwaschen, den sie an ihrem Körper spürte, noch gegen die Fesseln. Jedes Mal der gleiche Ablauf. Sie hatte ihre Handgelenke eingerieben, aber obwohl sie schmale Hände hatte, hatte sie es nicht geschafft, die Schellen über sie zu ziehen. Mittlerweile war sie zu müde, um verzweifelt zu sein. Resignation zog ein. Milijena saß in der Dusche auf dem Boden, ließ das Wasser laufen. Das Plätschern war Beständigkeit. 

Die frische Kleidung war Milijena zu groß und sie roch staubig. Mittlerweile war sie es gewöhnt. Sie hatte schon lange nicht mehr das Kleid, das sie zum Zeitpunkt des Attentags getragen hatte - wenn sie nur wüsste, wie lange das her war. 

Ihr war immer noch schwindelig und sie war sich sicher, dass das von Letham so eingeplant war. Nach der Blutabnahme rutschte ihr durch das heiße Wasser jedes Mal wieder der Blutdruck in den Keller. Es machte sie langsam und gebrechlich. 

Als die heiße Luft durch die Schächte abgezogen war, konnte sich Milijena im Spiegel betrachten. Sie erkannte sich schon seit einer Weile nicht mehr. Die Ohrringe fehlten, die ihr ihre Schwester letztes Jahr zum Trost nach einem Unglück geschenkt hatte. Auch die Kette, die sie anlässlich ihrer Hochzeit hatte anfertigen lassen, hatte man ihr abgenommen. Milijena fasste sich an die Finger. Sie sah die hellere Haut, die ihr Ehering hinterlassen hatte. 

All das war irrelevant. Ihre linke Wange war geschwollen, blau-violett angelaufen, an den Rändern etwas grün, etwas gelb. Die Mundwinkel eingerissen, unter den Augen tiefe Schatten, die sie alt wirken ließen. Ihre schwarzen Locken hingen hinab, tropften. Milijena fuhr den Rand des Blutergusses nach, zischte, denn die Berührung schmerzte. 

Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, sagte sie sich. Vielleicht tut es nur so weh, weil mir Schmerz sonst so fremd ist. 

Die Tür wurde geöffnet. Milijena wandte sich von ihrem Spiegelbild ab, um weg geführt zu werden, zurück in ihre Zelle. Doch es war nicht Letham oder einer seiner gewöhnlichen Kollegen. Es war Francach. Francach würde sie nicht einfach zurückbringen. 

Die beiden schauten sich an und sie spürte, wie ihr Körper Adrenalin in die Blutbahnen pumpte. Sie musste sich daran hindern, eine Bewegung zu machen, musste ruhig bleiben. Durfte ihn nicht provozieren. 

Francach, die Ratte. Jeder wusste, was er war. 

„Manchmal frag' ich mich“, nuschelte Francach. „Manchmal frag' ich mich, ob in diesem Drecksladen eigentlich überhaupt 'ne Sau auf mich hört. Wir ham nich' die Mittel, um uns zu kümmern, und dennoch scheinst du denen wichtig zu sein, pft. Ich hatt' eigentlich gehofft, die sind besser als das, wogegen wir kämpfen. Aber nay. Füttern lieber die Palastsau durch.“
Milijena verstand nicht, worauf er hinaus wollte. 

Francach fuhr sich durch die dreckigen Haare. Auch er sah müde aus, aber so hatte er schon von Anfang an ausgesehen, schon in jenem Moment, in dem sie ihn das erste Mal wahrgenommen hatte. Es passte zu seiner Erscheinung, seinem Verhalten. 

Er kam auf sie zu, sie wich zurück. Ihr Blick huschte durch den Raum, rechts, links, rechts links. Zu Hause hatte sie es geschafft zu fliehen, warum nicht auch hier? Ohne Magie hatte sie Schmerz. Ohne Magie hatte sie nicht genug Kraft sich zu verteidigen und ihr war immer noch schwindelig. Wenig Blut, wenig Wasser, viel Hitze. Milijena wusste nicht, ob sie schreien sollte, als Francach sie beim Handgelenk packte. Würde es jemand hören? 

„Wir sollten kein Problem mit dir haben. Nich' mehr. Du hättest in die Luft gehen sollen“, sagte Francach. Mit der freien Hand presste er ihre Wangen zusammen – es fiel ihr schwer, kein Geräusch von sich zu geben. Die Blutergüsse schmerzten. 

„Jedes verschissene Kind weiß, dass sich ohne Gewalt nichts ändert, yay, yay, blah. Reden könn' die andren viel. Haben doch auch alle bloß zu viel Angst was zu ändern, pah! Weißt du, was kommen wird, weißt du's? Wird zu Hause alles gleich bleiben. Werden ewig an den Titten von euch elendigen Scheißern auf'm Festland hängen. Wir sitzen hier unter der Erde für nichts und ich muss deine Scheißfresse jeden Tag sehen.“ 

Francach drückte sie weiter nach hinten und sie spürte die Wand in ihrem Rücken. 

„Milijena, Milijena.“ Er spuckte ihren Namen aus. „Weißt doch, dass du es hättest ändern können, oder? Dann wärst du auch nich' hier. Dann wär' vielleicht dein Penner von Kerl noch am Leben. Aber nay. Nay, wird nichts anders werden. Viel eher noch stürzt sich Harrard auf das, was von Hostis übrig bleibt. Interessiert sich keiner für uns, sind ja nur Menschen. Kann man entspannt beim verrecken zuschauen, haha.“ 

Milijena wusste, dass es gleich weh tun würde. Es war so oft schon ähnlich abgelaufen und dennoch konnte, wollte sie sich nicht daran gewöhnen. Das war nicht ihr Leben. Nicht mehr.
Aus einem Impuls heraus, den sie gleich darauf bereute, trat sie Francach gegen sein linkes Schienbein. Er gab ein schmerzerfülltes Zischen von sich und ließ sie los, da seine Hände zu besagter Stelle zuckten und Milijena nutzte die Gelegenheit, um sich zur Seite weg zu ducken. 
Sie war so dumm, so dumm. 

Gleich darauf hatte sie ihr nasses Handtuch an der Hand, schlug damit den Spiegel ein. Das Glas brach mit hellem Klirren, schepperte gen Boden. 

„Na warte!“, hörte sie Francach. Milijena fuhr mit einer großen Scherbe in der Hand herum, spürte, wie diese auf Gewebe stieß. Francach jaulte. 

Dann rannte sie zur Tür, öffnete sie, stürzte auf den Flur. Es ging nach rechts. Es ging nach links. Links war sie nie weiter als bis zum Verhörraum gekommen. Rechts nicht weiter als bis zum Arzt. Milijena überlegte nicht lange und rannte instinktiv nach links. Sie hätte das nicht machen dürfen – sie war so dumm. Wenn sie in dieser dämlichen Aktion draufging, hatte sie sich keinen Gefallen getan, sich nicht, Nikolaij nicht und ganz besonders auch nicht Elena.
 
Sie passierte mehrere Menschen und hinter einer weiteren Kurve in diesem Labyrinth stand Letham. Milijena bremste und fiel – ihre Füße waren nass, glitschig, sodass sie der Länge nach auf den Boden stürzte, sich gerade so mit der Schulter noch abfangen konnte. Es tat so weh.
​Milijena wollte weinen, aber sie erlaubte es sich nicht. War das der Zeitpunkt um aufzugeben? 

Letham packte sie an beiden Oberarmen und riss sie in die Höhe, stellte Milijena hin. Ausnahmsweise grinste und lächelte er nicht. Seine buschigen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen und er drückte so fest zu, dass Milijena morgen Blutergüsse dort haben würd. Ihre Füße baumelten in der Luft.

„Genügt der kleine Finger wohl nich' mehr, was?“, fragte er. 

Sie antwortete nicht. Aber beinahe hätte sie ihm ins Gesicht gespuckt, konnte sich beherrschen, auch wenn es knapp war. 

Letham schnaubte. Er ließ Milijenas einen Arm los, dann ging er den Weg zurück in Richtung Duschen, wobei er die Zarin hinter sich her schleifte. Milijena sagte nichts, machte nichts. Im Bad war Francach, der mit dem Handtuch versuchte, bei dem tiefen Schnitt in seinem Gesicht die Blutung zu stillen.
 
„Ich bin noch nich' fertig mit dir“, zischte er und schmiss das Handtuch auf den Boden. Überall lagen Glassplitter. Francach kam auf Milijena zu. Diesmal hielt sie still. Sie durfte sich nicht zur Wehr setzen, das hatte sie früher gelernt. Das machte alles nur noch schlimmer. Sie hatte keine Macht über die Situation. 

„Superfertig, aye“, sagte Letham mit kräftiger Stimme. Er ließ Milijena vollends los, um sich stattdessen Francach zu schnappen und den aus dem Bad zu zerren. 

Francach blaffte etwas auf Iliarisch, woraufhin Letham – wesentlich ruhiger – etwas in selbiger Sprache erwiderte. Dann schloss er die Tür, Schlüssel drehten sich im Schloss. Milijena war allein. Die Türen waren dick, die Wände ebenfalls. Stille und Milijena hörte nichts und niemand hörte sie. 

Mit einem Mal fühlte sie sich wieder dreckig. Vielleicht konnte sie noch einmal duschen, es würde sicherlich helfen. Milijena schaute zum Spiegel, zu all den Scherben. Ein paar kleinere von ihnen hatten ihre Füße zerschnitten. Sie ergriff eine Größere. Aus allem konnte man eine Waffe machen, das hatte sie in ihren vielen Jahren der Ausbildung gelernt. Wenn sie sich schlau anstellte, brauchte sie keine Magie. Wenn sie sich schlau anstellte, dann konnte sie beweisen, dass sie mehr wert war, als diese Gabe, die sie durch eine Fügung des Schicksals von Geburt an im Blut hatte. Wenn sie... 

Nein. 

Nein, das konnte sie nicht. 

Milijena ließ die Scherbe fallen, starrte sich selbst in den vielen kleinen Stücken an, die noch an der Wand hingen. Das war nicht die Chance, die sie ergreifen wollte. Sie wollte nicht daran denken, dass es kein entkommen gab, sie wollte es wirklich nicht, doch ihre Gedanken zuckten immer und immer wieder dorthin zurück. Irgendwann in naher Zukunft würde sie in diesem Bunker sterben und ihre Magie mit ihr. Ob es beim Versuch auszubrechen war oder nicht, das war egal. Niemand würde sich daran erinnern. Nur ein bisschen menschlicher Abschaum. Dann wäre sie in der Insomnia und... 

Zeit für Reue. Würde sie es sich selbst verzeihen, nichts unternommen zu haben? Nein. Nein, aber Nikolaij würde das und Milijena war sich sicher, dass er auf sie wartete. Er war immer aufrichtig gewesen und loyal und die treueste Seele, die sie je kennengelernt hatte. Nach außen hin hatte er oft kühl gewirkt, distanziert und nicht an der Interaktion mit anderen interessiert, doch Milijena hatte immer gewusst, dass dem nicht so war, denn nichts an diesem Mann war kalt gewesen. Aber man konnte es nie allen Recht machen. 

Milijena drehte den Wasserhahn auf und wusch sich das Gesicht. Nikolaij würde nicht wollen, dass sie ihr Leben vergeudete. Vielleicht war diese Gelegenheit hier die einzige, die sie bekam, aber sie war nicht gut genug. Sie musste warten, mehr herausfinden. Dann würde sie es vielleicht schaffen, nicht in diesem Bunker zu sterben und auch wenn sie Nikolaij wirklich gern wieder sehen würde, er wäre nicht glücklich darüber, würde es so früh sein. Einer von ihnen beiden musste hier bleiben und auf Elena aufpassen. Ihre Tochter sollte nicht als Waise aufwachsen. 

Sie schaute zu, wie mit Wasser verdünntes Blut in den den Abfluss plätscherte. Dann sah sie auf, betrachtete die fremde Gestalt in den Scherben. So viel Training, so viel Ausbildung. Nicht albern sein. Sie hatte gelernt, wie man an einem Ort wie diesem überlebte. 

Letham trat ein. Milijena drehte sich zu ihm um, schaute ihm in die Augen. Sein übliches Grinsen fehlte immer noch und Milijena hoffte, dass Francach es ihm heraus gekratzt hatte. 

„Verzeihen Sie“, sagte sie. „Ich habe mich verteidigt. Ich kann nicht alle Reflexe abschalten.“ 

„Ts“, machte er und lachte schnaubend ein gequältes Lachen. Dann grinste er doch wieder. Heiter, locker. „Brauch auch'n bisschen Abwechslung manchmal, nay?“

Sein Griff an ihrem Arm tat immer noch weh, aber Milijena dachte nicht weiter darüber nach. Sie konnte Francach nirgends sehen und wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. 

„Würd' mir ja fast Leid tun, meine Zarin. Aber ich darf mir jetzt Francachs Geheule noch mehr anhören als sonst, das find' ich nich' so witzig.“ Lethams Aussprache war seid ihrer Ankunft immer schludriger geworden. Er kam von der Ostküste. Wie viel von seiner Maske würde er noch fallen lassen?

„Geht es Francach gut?“, fragte sie und dachte nicht darüber nach, warum sie das getan hatte. Sie ekelte sich vor sich selbst. 

Letham antwortete nicht. Die beiden kamen an Milijenas Zimmer an, das Letham aufschloss und sie mit hinein schob. Sie setzte sich hin und wartete darauf, dass er wieder ging, doch vorerst schien er daran nicht zu denken. 

„Es tut mir Leid“, sagte er schließlich. Dabei lächelte er immer noch, doch Milijena konnte erkennen, wie es bröckelte. 

„Sie haben meinen Mann ermordet“, sagte sie und es klang genau so kühl, wie es klingen sollte.
 
„Whoah.“ Er hob Abstand haltend die Hände. „Das is'n ganz anderes Thema.“
 
„Ist es nicht.“ Sie schaute ihn nicht an, weil sein Anblick sie wütend machte.

„Denk' schon“, feixte er. Milijena war sich sicher, dass dieses Geräusch nicht beabsichtigt gewesen war. Manchmal zeigten Leute im Affekt Emotionen, die sie gar nicht hatten. Wenn sie ruhig blieb, wenn sie machte, was man ihr beigebracht hatte, dann konnte sie damit umgehen und jede Chance nutzen, die sich ihr bot. 

„Ich wäre nicht hier, wenn Sie ihn nicht umgebracht hätten.“ 

„Yay, is' schon wahr“, sagte er. „Aber das tut mir halt nich' Leid. Also, schon. In dem Sinn, dass er sicherlich ein netter Mensch war und eben, rein menschlich, das alles nich' verdient hat – Ihr definitiv auch nich'! Ich meine, was würde ich mir denn rausnehmen, ich kenne Euch ja gar nich', meine Zarin.“ Er beugte sich zu ihr hinab und Milijena war sich sicher, dass er das nur machte, weil er sonst bei allen anderen Personen zu klein dafür war. „Aber irgendwer musste eliminiert werden, um in diesem System was anzukurbeln. Wie kleine Zahnräder, die fleißig ineinander greifen. Aktion, Reaktion. Mit reden kommt man weniger weit, als es schön wäre.“ 

„Wem sprecht Ihr das nach?“, wollte Milijena wissen und biss sich auf die Zunge dafür.
 
„Ich kann für mich selbst denken, ich bin Wissenschaftler.“ Mittlerweile konnte sie ihm sein künstliches Lächeln sehr gut ansehen. „Na ja, auf jeden Fall habt selbst Ihr es eigentlich nich' verdient, hier zu sein. Aber jetzt seid Ihr es und daran lässt sich nichts ändern, wir können nur unsere Vorteile daraus schöpfen. 

„Sie haben meinen Aufenthalt hier nicht eingeplant?“, erkundigte sie sich. „Wer hat es denn geplant?“ Ihr Magie abzuzwacken war also nicht von Anfang an Sinn und Zweck der Sache gewesen? Das bestätigte Milijenas Verdacht, dass sie nicht die einzige Magierin war, die ihnen zur Verfügung stand. 

„Na, na, nich' so hektisch, Frau Milijena. Ich halte Euch nich' gern hier, aber das heißt auch nich', dass ich zum Kinderbuchbösewicht mutiere und Euch meinen Plan und meinen Hintergrund und meine tragische Vorgeschichte erzähle.“ 

„Wer ist Niamh?“ 

Letham hielt für einen Moment inne und musterte sie. Sein Lächeln war verschwunden. „Ihr seid aufmerksam.“ 

„Sie kennen mich nicht.“ 

„Ich habe auch nie behauptet, Euch zu kennen.“ 

Milijena schwieg und erwiderte seinen Blick. Letham war wirklich nicht blöd, er hatte Ahnung von menschlicher Psyche und konnte das für sich so anwenden, dass es ihn zum Erfolg führte, auch bei ihr. 

„Aber is' jetzt nich' die hohe Kunst, Leute zum reden zu bringen, wenn man die richtigen Druckmittel hat, und die sind meist halt nich' schwer zu finden. Ich bin zwar von den Iliarys, aber auch ich kann eins und eins zusammenzählen und dabei auf zwei kommen.“ 

Milijena fuhr sich über die Arme. Ihre Hände waren kalt, die eigene Berührung unangenehm. „Kam das Blut für den Sprengsatz bei der Konferenz von Niamh?“ Niamh war kein seltener Name auf den Inseln und Milijena hatte das Gefühl, dass sie mindestens drei Leute kannte, die so hießen. Die Clans hatten häufig traditionelle Zweitnamen, da war Niamh eine Zeit lang sehr beliebt gewesen. 

Letham lachte, ohne Antwort zu geben. „Schlaft gut, meine Zarin. Und immer schön viel trinken.“ Mit den Worten ging er und schloss die Tür hinter sich ab, ließ Milijena ein weiteres Mal allein in dieser Zelle. Doch im Gegensatz zu all den anderen Malen tauchte Francach nicht auf. Milijena ertappte sich dabei, wie sie auf etwas wartete, auf dass sie nicht warten wollte und als sie sich hinlegte, schämte sie sich über sich selbst. Dabei hatte sie immer gedacht, sie hätte sich verändert, wäre stärker geworden, aber in Wirklichkeit war es immer so gewesen, wie ihr Vater es gesagt hatte. Sie sollte sich nichts vormachen.

Linus hatte den Kopf auf den Händen aufgestützt und starrte die Buchseiten vor sich an, ohne auch nur ein Wort zu lesen. Es war leise in der Bibliothek. Niemand sprach, nur Seiten raschelten. Gelegentlich wurden Bücher verschoben, einsortiert.

 
Mittlerweile war es Anfang März, ein Freitag. Holly und Horatio waren irgendwo in der Stadt. Zwar hatten sie ihn gefragt, ob er hatte mitkommen wollen, aber wirklich zugehört hatte er nicht. Heute wollte er einfach nur noch... 

Er wusste nicht, was er wollte. Lesen vielleicht, aber es funktionierte nicht, das hatte er heute bereits festgestellt. Ständig verrutschte er in den Zeilen und dann vergaß er auch schon wieder, was er gerade gelesen hatte. Eigentlich hatte er gehofft, dass er sich an der Akademie Launen dieser Art schenken konnte, weil er hier beschäftigt war, zu tun hatte, physisch so müde war, dass er nicht auch noch psychisch müde sein konnte. Doch dem war nicht so. Mittlerweile tat sein Körper nicht mehr weh und war nicht in dauerhaftem Muskelkater gefangen, wobei er in besonders pessimistischen Momenten der Überzeugung war, dies würde nur an Horatios Tabletten liegen. 

Zeit verging. Linus bekam das nur mit, weil er gelegentlich auf die Uhr schaute, doch er konnte sich nicht dazu aufraffen aufzustehen und irgendetwas zu machen. Er konnte den Neidzauber mittlerweile so einsetzen, dass er sich dabei nicht die Finger abhackte. Die ersten drei Male, die er das an sich selbst getestet hatte, hatte er es selbstverständlich nicht korrekt gemacht. Aber Lucas hatte alle drei Male sehr schnell reagiert und mit einem Heilzauber die Wunde narbenlos geschlossen. Der Neidzauber machte so gerade Schnitte. Wenn man mächtig und erfahren war, konnte man das sehr einfach schließen. Die Verletzung wäre verheilt, noch bevor der Schmerz im Gehirn ankam. Zumindest hatte Lucas das behauptet. 

„Hey, Linus“, sprach ihn auf einmal Holly an und er schrak zusammen. Hatte sie nicht gesagt, sie würde mit Horatio weg gehen? „Tut mir Leid.“ 

„Hm, kein Problem“, sagte er und wollte abwinken, vergaß aber, den Arm zu heben. 

Sie zog ihm das Buch vor der Nase weg. „'Die Entstehung von Licht', ist das nicht höllisch trocken und zäh?“ 

„Ist es, ja.“ Er starrte das Buch an. Ein Haufen wissenschaftlicher Berichte, die er nicht ganz verstand, aber es war das nächstbeste Buch gewesen und er hatte es gegriffen, einfach um beschäftigt auszusehen. Sie waren vor zweihundert Jahren vom Entdecker der synthetischen Magie verfasst worden. Historisch gesehen eigentlich sehr interessant. Aber entweder Linus hatte spontan lesen verlernt oder er wollte sich wirklich nicht damit beschäftigen.

Holly schob ihm das Buch wieder hin, ehe sie sich neben ihn setzte und in ihrer Jackentasche kramte. Linus starrte dabei immer noch auf den Tisch. Eigentlich wollte er nicht mit ihr reden. Nicht im Moment, im Moment wollte er nur allein sein. 

„Wir sollen uns einmal im Quartal gesundheitlich abchecken lassen“, sagte Holly nach einem Augenblick Stille, dann schob sie ihm das zu, was sie in ihrer Jackentasche gesucht hatte. Eine Visitenkarte. „Ich hab gehört, dass sie eine großartige Ärztin ist. Vielleicht meldest du dich einfach mal bei ihr.“ 

„Hm. Danke.“ Linus schaute die Karte an. Hübsches, einfaches Design. Eine Sache, mit der man nichts falsch machen konnte. Manchmal war weniger mehr. Ja, er brauchte einen Arzt, das wusste er selbst. Seine Medikamente hielten nicht mehr lange und die, die er nahm, waren verschreibungspflichtig. „Mir geht es gut.“ 

„Vorsorge, Linus“, sagte Holly. „Und du bist nicht gut im Lügen, ich krieg es mit, wenn...“

„Mir geht es gut“, wiederholte Linus, wesentlich schärfer als zuvor und auch wesentlich schärfer, als es hatte klingen sollen. Eigentlich hatte er Holly überhaupt nicht unterbrechen wollen, warum hatte er es getan? Sie hatte es nicht verdient, sie machte sich nur Sorgen. Das war ihr Recht. Weil er kein guter Schauspieler war und Aufmerksamkeit brauchte, deshalb. „Es tut mir Leid“, sagte er schnell. „Danke. Danke für die Karte. Ich werde mich dort melden, ja.“
 
„Schon gut. Aber mach's auch, ja?“ Ihr Blick war kurz sehr skeptisch gewesen, hatte sich aber wieder aufgehellt. Sie war anscheinend besser im schauspielern als er. Wie Horatio. Auch er konnte gut Interesse vortäuschen. Aber vielleicht war das auch nicht so schwer, wenn sie jemanden wie Linus vor sich hatten. 

Er nickte. Es gab nichts Einfacheres, als den Arzt zu kontaktieren. Nichts einfacheres, als zu einem fremden Menschen zu gehen und den anzusprechen. „Geht ihr... nachher noch weg?“
 
„Ja“, antwortete sie. „Eigentlich wollten wir ja schon, aber jetzt gehen wir eben am Abend. Lynn kommt mit, vielleicht der eine Kollege von ihr auch? Und du willst wirklich nicht mitkommen?“ 

Linus schüttelte den Kopf. „Julius?“ 

„Nein, das andere. Emilien heißt er. Gesprächiger als Julius, ich glaube, der macht gerade nichts anderes, als für die Examina zu lernen.“ Holly kicherte. 

„Sind die nicht erst im Mai?“ 

„Ja, das sind sie. Aber Julius ist überfürsorglich.“ Sie grinste. „Na ja, Lynn und eben ihr Team, die müssen am Sonntag weg. Sie wollte mir nicht sagen, wo der Auftrag hingeht, vermutlich irgendetwas Geheimes. Dann wird sie erst einmal ein paar Wochen lang am anderen Ende von Miseria hocken, hach.“ Mit schwerem Seufzen stützte sie ihren Kopf mit einer Hand auf der Tischplatte ab, schaute zu Linus. „Aber hey, ich hab gedacht, vielleicht können wir zwei am Sonntag mal in das Musikmuseum?“ 

Er schaute kurz auf. „Mit den Instrumenten?“ 

Sie nickte. „Ja, die Museen haben auch Sonntags geöffnet. Nicht so lang, aber wir könnten ja Vormittag oder Mittag und dann noch was essen, was hältst du davon?“ 

Auch er nickte, aber wesentlich langsamer. Bisher hatte er mit Holly noch nichts allein unternommen. Er wusste gar nicht, worüber er mit ihr reden sollte, weil sie nicht so unglaublich gesprächig war wie Horatio, der immer irgendetwas fand, worüber er reden konnte. Dann konnte Linus einfach zuhören und musste selbst nichts machen, das war eigentlich sehr angenehm. Aber Holly war anders. Bestimmter, versierter als Horatio. Nicht so chaotisch, aber auch nicht so warm. 

„Gute Idee“, sagte er, obwohl er nicht wusste, ob es eine gute Idee war. 

„Gut, gut.“ Sie grinste kurz. „Im Flyer steht, dass sie die größte Sammlung von Sousaphonen in ganzen Tribunus haben. Das klingt so langweilig, dass es wieder interessant sein könnte.“ 

Linus musste schmunzeln. „Allerdings“, gab er ihr Recht. 

„Was hast du nochmal gespielt?“, fragte sie nach. 

„Cello“, antwortete er. „Und ein bisschen Klavier. Aber weniger. Eigentlich nur Cello.“ Und er vermisste es so unendlich. Instrument spielen bedeutete, abzuschalten. Genug Konzentration aufzubringen, um beim Spielen an nichts anderes zu denken außer das Spielen selbst. 

„Was heißt 'ein bisschen Klavier'?“ 

„Hm.“ Das war schwer zu erklären und eigentlich wollte er es auch nicht. „Ich übe zu wenig.“

Das Klavier hatte er hauptsächlich zum Komponieren gelernt, aber sie würde ihn danach fragen, würde er das erwähnen. Und darüber wollte er nicht sprechen, das war zu persönlich. 

„Ich hab mal mit Klavier angefangen, aber ich habe überhaupt kein Taktgefühl“, sagte sie. 

„Ja, das... ist unpraktisch“, er wusste sonst nicht, was er dazu sagen sollte. Er brauchte Horatio. Der konnte besser Gespräche führen, besser locker sein. „Wo ist Horatio?“ 

Holly zuckte mit den Schultern. „Der hat gesagt, der will noch was machen? Hat behauptet, er will sich diese Zauberanalyse mal anschauen und sich endlich mal dransetzen, die wir für Lucas machen sollen, aber ich hab ihm gesagt, dass er doch selbst nicht glaubt, dass der jetzt was macht.“ 

„Wohl eher nicht, nein.“ Um genau zu sein wollte Horatio gar keine selbst schreiben. Linus machte das. Er würde einfach seine eigene Arbeit nehmen und sie umschreiben, dafür hatte Horatio zwei Wochen von Linus' Putzdienst übernommen. Das erzählte er Holly aber nicht, weil er sich sehr sicher war, dass sie das nicht gutheißen würde. 

Linus schaute wieder geradeaus, die Seitenwand von einem der hohen Bibliotheksregalen an. Ein Werbeplakat hing daran, für eine öffentliche Lesung im großen Saal der Akademie nächste Woche. Eine Lesung über die negativen Auswirkungen von Magie auf die menschliche Psyche, gesponsert vom Bildungsreferat der Akademie. 

„Die Abteilung hängt viel aus, mehr als in Hostis“, sagte Holly, die wohl seinen Blick bemerkt hatte. 

„In wie fern?“, fragte er nach. Das Plakat war in den üblichen Farben. Blau, weiß, golden, schwarz. Die Farben der Miserianischen Union. 

„Mehr Militärwerbung, fast schon aufdringlich“, sagte sie. „Mir ist das zu Hause nie aufgefallen, weil es kaum welche gibt. Aber hier kann man ja keine Straße entlang gehen, ohne ein 'Die Union wacht über Sie' zu lesen.“ 

„Tatsächlich? Hm.“ Ihm war das nicht aufgefallen. Aber jetzt, da sie es sagte, hatte sie Recht. In Hohendamm war das genau so gewesen. „Ich dachte, in Hostis ist das Militär viel präsenter?“
 
„Ja, schon. Vielleicht brauchen die genau deshalb keine Werbung zu machen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Für uns Magier ohnehin nicht. Wer sich zum kämpfen eignet, landet ohnehin im Militär.“ 

„Bist du hier, weil du nicht wolltest?“, erkundigte er sich und war sich sicher, dass er Horatio schon einmal Ähnliches gefragt hatte. Nur seine Antwort hatte er vergessen. 

Holly lachte kurz, doch es war kein freudiges Lachen. „Hätte ich nicht ins Militär gewollt, hätte ich wohl in den Untergrund gemusst. Sobald du dich legal einbürgern lässt, lassen sie dir keine Wahl. Du bist doch auch nicht freiwillig hier, nicht wahr?“ 

Er nickte. „Das... klingt logisch, ja.“ 

„Weißt du, das mag ich an der hostischen Regierung“, redete Holly weiter. „Genau wie alle anderen haben sie Dreck am Stecken und sind alles andere als perfekt und als Magier bist du da genau so Werkzeug, wie du es hier bist. Aber wenigstens lügt sie nicht und ist ehrlich.“
 
Linus hatte sich darüber nie Gedanken gemacht. Sein Vater erzählte zwar viel über Hostis, aber eher über vergangene Jahrhunderte als das aktuelle. Und dann kam hinzu, dass sein eigenes Interesse an Politik relativ gering war. 

„Weshalb bist du dann hier?“, fragte er weiter. Sie war ja nicht zu Hause falsch abgebogen und zufällig in Tribunus gelandet, sondern gezielt hergekommen. Wie schon ihre Schwester vor ihr.
 
Holly seufzte leise. „Das hostische Militär ist wesentlich grausamer bei der Ausbildung und... Ich wollte, dass ein paar Sachen besser sind, hier, in Tribunus. Dass es internationaler ist, freundlicher.“

Linus verstand nicht ganz, was sie meinte, und so schaute er sie auch an, weshalb sie weiter erzählte. 

„Die Iliarys gehören vielleicht zu Hostis, aber eben nicht wirklich. Wir sind voll funktionsfähige Provinzen, aber die Zivilbevölkerung des Festlands sieht in uns eher einen großen Parasiten, der im Westen an ihnen dran klebt. Die faulen Leute, die kein Geld haben und jetzt kommen sie alle nach Avasikuu, nach Avahall, Kuuringrad, et cetera, und nehmen uns die Arbeit weg.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das Übliche.“ 

„Aber“, sagte Linus langsam. „Hier in Tribunus, da...“ 

„Ich weiß, ich weiß.“ Holly winkte ab. „Ist nicht anders hier. Aber die Bevölkerung ist weniger bitter, man verdient mehr und das Wetter ist angenehmer.“ Sie grinste kurz. „Hostis' Wirtschaft hat sich außerhalb der Iliarys vielleicht erholt, aber die Leute sind bitter geblieben. Kalt und bitter. Aber letztendlich ist es wohl überall gleich. Wir sind zu Hostisch, um in Tribunus als Bürger durchzugehen und zu Tribunisch für Hostis. Manchmal denke ich, dass die Bewegungen gerade dort ein bisschen Recht haben, vielleicht sollten die Inseln einfach etwas eigenes bilden. Dann fällt mir jedoch ein, wie sehr mich die ganze Gewalt dort anekelt.“ 

„Ist noch etwas passiert?“ 

„Die letzten Tage glaube ich nicht? Das Militär macht viel und hat in Sysdale unten sogar ein bisschen Unterstützung von Tribunus, soweit ich weiß?“ Sie schwieg einen Augenblick lang. „Ich muss aber auch zugeben... Ich versuche, nicht viel darüber zu lesen. Über die Iliarys, ja, aber Hostis... Ich weiß nicht. Ich bin dort weg, es ist nicht mehr meine Heimat. Ich wohne jetzt hier.“ 

Er nickte. Horatio hatte einmal Ähnliches gesagt. „Ich hänge mich nicht einmal in tribunische Politik rein, von daher...“, murmelte er. 

„Ist ja in Ordnung. Ich meine. Ist nicht so, als dass man irgendetwas ändern könnte, es macht einen nur krank, wenn man darüber liest.“

„Das stimmt, ja“, gab er ihr Recht. Es hätte ihn jetzt aber sogar interessiert zu wissen, wie Hostis' neuer Zar die Dinge jetzt regelte. Soweit er wusste, hatte Zar Nikolaijs Bruder Alexeij die Angelegenheiten übernehmen müssen und der war erst Mitte zwanzig. Aber Linus hatte schon keine Ahnung, wie Nikolaij so regiert hatte, von daher könnte er keinen Vergleich ziehen. Offenbar nicht gut. Immerhin hatte man ihn mitsamt der Rathaushalle von Sysdale in die Luft gejagt. 

Linus erbarmte sich schließlich und klappte das Buch zu. Heute würde er nicht mehr lesen, das hatte er mittlerweile eingesehen. Vor allem nicht in so etwas Kompliziertem wie dem, wo er von der Grundmaterie schon keine Ahnung hatte. 

Holly stand auf. „Ich muss mich langsam mal frisch machen, ich war vorhin nicht duschen.“

„Viel Spaß in dem Fall.“ Er stand aber auch auf und streckte sich einmal. Seine Schulterblätter knackten, er hatte zu lange gesessen. 

„Was machst du so den Abend noch?“, fragte sie, als die beiden in Richtung Bibliotheksausgang liefen. Vermutlich waren sie die einzigen in dem Zimmer, die sich unterhielten. 

„Mit meiner Mutter telephonieren“, antwortete er. „Und das Ding für Lucas schreiben.“ 

„Dein eigenes oder das für Horatio?“ Aus dem Augenwinkel konnte er ihr Schmunzeln erkennen.
 
„Mein Eigenes, selbstverständlich.“ Es war gelogen. Sein eigenes hatte er schon seit zwei Tagen fertig. 

Irgendwann verabschiedeten sie sich voneinander, weil Linus zu den Ignis Fati wollte. Eine Ecke später stellte er fest, dass er noch eine halbe Stunde Zeit hatte und durchaus mit Holly zum Wohnhaus hätte laufen können. Anderseits wäre es dann zeitlich vielleicht doch knapp geworden. Warum war dieses Gelände so schrecklich groß? 

Er lief einfach ein bisschen herum, auch, um sich endlich mal die Bereiche der Akademie merken zu können, die er nicht täglich brauchte. Dabei scheiterte er, hoffte nur, dass er keinem begegnete. Vor allem niemandem, den er kannte. Seine Mutter rief an, dann musste er noch einmal sozial sein. Seine Fähigkeit dazu wollte er nicht jetzt bei jemand weniger wichtigem aufbrauchen. Doch selbstverständlich wurde ihm sein Wunsch nicht gewährt. 

„Hallo Linus!“, wurde er gleich um die Ecke sehr freudig von Frau Gerel gegrüßt. Linus war sehr erstaunt, dass sie ihn erkannte. Seit seiner Aufnahme an die Akademie hatten sie nicht noch einmal gesprochen. Vielleicht verrieten ihn seine Haare. 

„Guten Abend, Frau Gerel“, grüßte er sie zurück und deutete die für Magier übliche Verneigung an. Die Frau Großmeister tat es ihm nach. 

„Hast du dich gut eingelebt? Hattest ja einen schwierigen und sehr plötzlichen Start“, erkundigte sie sich. 

„Ja, denke schon.“ Er lächelte kurz und wusste nicht, was er noch sagen sollte. 

„Horatio als Teamkamerad ist auch gut?“, fragte sie gleich weiter. 

„Uh, ja, ist er.“ Das war untertrieben. Er konnte gar nicht in Worte fassen, wie froh er darüber war, dass sein Teamkamerad, mit dem er sich das Zimmer teilen musste, Horatio war und nicht irgendwer sonst, den er schlimmstenfalls nicht kannte. 

„Dann ist gut, das freut mich sehr. Er ist so aufgeweckt, ich hatte ja erst Bedenken, weil Sie ein eher ruhiger Charakter sind. Aber wenn es keine Probleme gibt, umso besser.“ Sie lächelte aufrichtig und Linus versuchte, das zu erwidern, wobei er scheiterte. 

„Wir, hm, ergänzen uns gut.“ Zumindest glaubte und hoffte er das. 

„Ihr Team hat Ausgang beantragt heute, aber ich habe gesehen, dass Sie nicht dabei sind? Haben Sie etwas anderes vor?“ 

Natürlich wusste sie das. Wie Linus bisher mitbekommen hatte, saß Frau Gerel sehr weit oben in der Administration. Im Referat für Bildung, war aber noch nicht Referatsleiterin. Es gab drei insgesamt, die die drei Bereiche der Großmeister verwalteten – Schutz, Bildung und Forschung. All das gehörte zum Militär und jeder vollausgebildete Großmeister war einem der Referate zugeschrieben. Sie gehörten zur Unterabteilung für akademische Magie des Militärs und unterstanden deren Abteilungsleiterin. Es gab also vier Großmeister, die tatsächlich etwas zu sagen hatten, die andere Uniformen trugen – nicht das übliche blau-weiß, sondern schwarz-golden – und daran auch sehr leicht zu erkennen waren. Doch von den Leitern hatte Linus bisher noch keinen einzigen gesehen. Er hatte Horatio und Holly einmal darauf angesprochen und die hatten gemeint, dass sie mal Lucas gefragt hätten. Die Leiterin zeigten sich nicht häufig unter den anderen, weil sie häufig in Regierungsangelegenheiten mit drin steckten. 

Gerel würde ohnehin nie so weit aufsteigen, Leiter zu sein. Obwohl sie samt Akademie dem Unionsmagieministerium unterstanden und es nun einmal ein Ministerium der Union war, nicht des Bundes und somit alle drei Kontinente zusammenfasste, die zur Miserianischen Union gehörten, wurden Magier, die nicht aus Tribunus waren, benachteiligt. Das hatte Lucas einmal erwähnt und Linus wusste nicht, ob es geschriebenes Gesetz war oder ungeschrieben. Aber nur Magier aus Tribunus konnten Referatsleiter werden. Da Gerel aus Agmen war, hatte sie bereits die höchste ihr mögliche Stelle erreicht. 

„Ich... werde mit meiner Mutter reden“, antwortete Linus langsam. 

„Ah, das freut mich“, sagte Gerel und nickte. „Kontakt nach Hause zu pflegen ist wichtig. Das können leider nicht alle, aber es ist schön, dass Sie diese Möglichkeit nutzen. Dann werden Sie auch in den Sommerferien nach Hohendamm zurückkehren, nicht wahr?“ 

Linus wollte eigentlich gerade wirklich keinen Smalltalk mit Gerel führen. Er konnte so etwas nicht und er wollte so etwas nicht, weil es ihm egal war. Gleichzeitig wollte er aber auch nicht unhöflich sein. Nicht zu einer solch hochrangigen Magierin in wie ihr. 

„Ähm, ja, vermutlich und...“ Im nächsten Moment spürte er eine Hand auf seiner Schulter und wurde sehr starr, ehe er sich, ohne zu laufen, in die entgegengesetzte Richtung bewegte, um der Berührung zu bekommen. 

„Abend Frau Gerel!“, hörte er dann Horatio im gleichen Moment, wie er ihn auch entdeckte. Sein Körper ging zurück in Ausgangsposition. Horatio tatschte ihn so häufig unnötig auf den Schultern herum, dass Linus sich mittlerweile daran gewöhnt und fast schon nichts mehr dagegen hatte. 

„Horatio, auch schön, dich zu sehen“, freute sich die Frau Großmeister. „Auf den Weg nach draußen?“ 

„Na ja, fast. Wollt' hauptsächlich meinen Kollegen hier erinnern, dass er'n Date mit seiner Mutter hat.“ Auch er grinste und Linus spürte, wie er ihn etwas näher an sich heran zog. 

„Date, danke“, nuschelte er und hätte fast sogar gelächelt. 

„Ah, und da ich Sie grad sehe, Frau Gerel“, redete Horatio noch weiter, ehe Gerel schon etwas Neues sagen könnte. „Wie is' das eigentlich mit Instrumenten hier an der Akademie? Bei großen, die importiert werden müssen, gelten die dann als Möbelstück?“ 

„Hmm, ja, ja das tun sie. Da sie auch unter Umständen laut sein können. Ich glaube, kleinere Blasintrumente gehören nicht dazu und so etwas wie Ukulele – um was geht es denn?“, fragte sie. 

Linus schaute langsam zu Horatio und dem sogar in die Augen, der den Blick erwiderte. Sein warmes Grinsen tat im Moment viel zu gut und Linus brauchte einen Moment, um wirklich zu verinnerlichen, worum es ging. 

„Cello“, antwortete Horatio. „Violoncello.“ 

„Oha.“ Frau Gerel wirkte überrascht. „Du hattest auf mich nicht wie jemand gewirkt, der ein Streichinstrument spielt.“ 

„Nein, nein.“ Horatio schüttelte den Kopf und nickte in Linus' Richtung. „Ich frag für ihn. Weil der Trottel es sonst vergessen würde.“ Er lachte rau auf und Linus schaffte es endlich zu lächeln. Er hatte selbst nicht einmal daran gedacht zu fragen und jetzt machte das Horatio einfach für ihn. Ihm war nicht bewusst, womit er das eigentlich verdient hatte. 

Frau Gerel seufzte freudig. „Das ist schön, ja. Und schüchtern ist er ja auch.“ 

Linus konnte das gerade nicht einmal mehr peinlich sein. 

„Dann kommt mal mit, Jungs. Ich muss ohnehin zu meinem Büro, da kann ich euch das Formular geben. Ich nehme an, das Instrument muss aus Hohendamm reingeholt werden?“

Da Horatio diesmal nicht für ihn sprach, musste Linus selbst antworten. „Ja. Ja, muss es.“ 

„Dauert nicht lange. Ich habe es gerade nur nicht auf der Hand.“ Daraufhin winkte sie die beiden Jungen hinter sich her. 

Sie folgten Gerel durch die Akademie, zu jener Abteilung, in der sie ihr Büro hatte. Horatio quatschte dabei etwas mit ihr, wobei Linus sich nicht einmischte und auch nur so halb zuhörte. Aber immerhin hatte er mittlerweile seine Schulter losgelassen. 

Irgendwann kamen sie an, Gerel kramte einen Schlüssel hervor. Sie steckte ihn ins Schloss, stellte fest, dass es der falsche war und zückte den nächsten. Auch der war nicht der richtige. Ihr Schlüsselbund war dick. Tatsächlich hatte Linus das Gefühl, dass sie jeden Schlüssel am Bund mindestens einmal ausprobiert hatte, ehe sie den richtigen fand, und er und Horatio standen die ganze Zeit über mit fragendem Gesichtsausdruck daneben. Gerel jedoch war davon völlig unbeeindruckt. Als sie fertig war, hielt sie ihnen die Tür auf, als wäre nichts geschehen. 

Sie traten ein, die Magierin folgte und begann gleich darauf in einer Schublade zu kramen und einen Ordner hervor zu ziehen. Es dauerte nicht lange und sie hatte eine Formular in der Hand. 
„Wartet hier einen Moment“, sagte sie. „Ich gehe das schnell kopieren.“ 

„Ich kann das machen“, bot Horatio an. So schnell hätte es Linus gar nicht geschafft zu reagieren. 

Gerel grinste. „Ach, nein danke. Die Maschinen sind aus dem letzten Jahrhundert und man muss sich mit ihnen auskennen, um sie bedienen zu können. Es dauert auch nicht lange.“ Daraufhin verließ sie das Zimmer. 

Linus presste die Lippen aufeinander, um Horatio nicht ganz so breit anzugrinsen, wie er es gern getan hätte. Er wäre ohne ihn nie auf den Gedanken gekommen irgendetwas zu sagen. Oder doch, vielleicht schon, aber er hätte es nicht getan. Er hätte sich nur darüber bemitleidet, wie unfähig er war. Jeder brauchte jemanden wie Horatio an der Seite. 

„Nich' so stürmisch, haha.“ Horatio lachte rau und grinste zurück. 

Eigentlich hätte Linus ihn gern umarmt. Wie am ersten Tag, als sie sich wiedergetroffen hatten. Aber irgendetwas blockierte ihn und so war er nicht in der Lage, sich zu bewegen. 

„Danke, wirklich“, flüsterte er stattdessen und versuchte, nicht an die eigene Unfähigkeit zu denken. 

„Kein Thema, wirklich.“ Er winkte ab. „Ich mein'... Du bist hier nich' super glücklich, das seh' ich doch, ich dacht', vielleicht hilft dir das etwas?“ 

„Ja. Sicher, also... Chrm. Ja.“ Linus nickte, bewegte sich dabei immer noch nicht. Aber er spürte ein warmes, angenehmes Kribbeln im Bauch. Musste an der Freude liegen. 

„Tut mir echt, echt, echt im Herz weh, den hübschesten Schüler der Akademie immer so traurig sehen zu müssen.“ Horatio griff sich mit der Hand ans Herz und seufzte sehr theatralisch. 

Linus' Gesicht wurde heiß und sein Grinsen sehr schief. Ein Glück, oder vielleicht auch Pech, kam in jenem Moment Gerel schon zurück, umrundete die beiden und verfrachtete sich hinter ihren Schreibtisch. Sehr fahrig ließ sich Linus auf dem Stuhl gegenüber nieder, rutschte zur Kante, lehnte sich vor. Aus dem Augenwinkel sah er Horatio. Er grinste nicht mehr, aber auch er schielte zu ihm herüber, sodass Linus schnell wieder nach vorn schaute. 

Gerel legte ihm ein Formular hin. „Das musst du mal eben ausfüllen. Gewicht und Größe kannst du freilassen, das ist nicht so wichtig, wenn du hinein schreibst, dass es sich um ein ganz gewöhnliches Violoncello handelt. Ihr müsstet es aus Luchtal importieren lassen, nicht wahr?“
 
„Ja, plus Bogen. Muss der...“, setzte Linus an. Gerel redete ihm dazwischen. 

„Ja, ja, muss. Unter Zusatz, dort. Was nicht so wichtig ist, aber wenn du Ersatzsaiten und Noten mit im Paket hast, sollte das da auch mit rein. Auch wenn für das Zeug eigentlich eher kein Antrag nötig ist.“

Linus nickte und begann auszufüllen. „Welches Datum haben wir heute?“ 

„Siebter März“, antwortete Horatio. 

Er bedankte sich leise, dann trug er weiter ein. Tatsächlich war es nicht viel und vermutlich war es ohnehin nur, um Formalitäten zu wahren, dass sich nicht einfach jeder Schüler sonst welche Möbel mit an die Akademie brachte. 

Als er gerade am unteren Teil des Formulars angekommen war und Horatio und Gerel sich wieder leise unterhielten, klopfte es auf einmal an der Tür und jemand trat ein. Wie sich durch Gerels Kommentar gleich darauf herausstellte, handelte es sich dabei um ihren Meister. 

„Abend, Lucas“, grüßte sie ihn freudig. Linus schaute langsam von seinem Platz auf, um ihm zuzunicken und ebenfalls leise etwas zu sagen. Horatio tat es ihm nach. 

„Abend, Gerel“, grüßte er zurück, auch wenn er dabei seine beiden Schüler anschaute. „Mit euch beiden hatte ich hier nicht gerechnet.“ Lucas legte Gerel ein paar Formulare auf den Schreibtisch, die diese gleich entgegen nahm. „Frau Referatsleiterin Sophie ist immer noch krank?“ 

„Instrumentimport“, antwortete Horatio erneut, ehe Linus überhaupt daran gedacht hatte zu reagieren. 

Lucas zog die Augenbrauen hoch. „Du spielst ein Instrument?“ 

„Ich bin nich' so blöd, als dass ich zu blöd dafür wär' oder so“, maulte Horatio. Wie Linus sah, schaffte Lucas es, die Augenbrauen noch ein Stück weiter nach oben zu ziehen, woraufhin Horatio sich räusperte. „Nay, also... Linus. Ist für Linus. Nich' wahr, Linus? Is' für dich.“ 

„Ja.“ Linus nickte und grinste kurz und sehr schief. Mittlerweile wusste er, dass Lucas fair war, aber er hatte trotzdem irgendwie Angst vor ihm. Vielleicht lag es an seiner Distanz, vielleicht am Wissen darum, wie alt der Mann eigentlich war. Es war unheimlich. 

Lucas beugte sich ein Stück über ihn, um einen Blick auf das Formular werfen zu können. Er überflog es kurz, nickte dann. „Cello, hm? Schönes Instrument.“ 

Linus, sah, dass er ihm ein knappes Lächeln schenkte und fühlte sich merkwürdig. Er hatte Lucas bisher nicht lächeln sehen und generell fand er die Aufmerksamkeit gerade sowohl angenehm wie auch schrecklich. Erneut wurde ihm warm. 

„Weil Sie gefragt hatten“, erhob Gerel wieder die Stimme und Lucas richtete sich auf. „Ja, Frau Sophie ist nach wie vor krank und sie wird es auch noch eine ganze Weile sein.“ 

„So, hm.“ 

„Was anstrengend ist.“ Gerel seufzte laut. „Ende April hat sie einen echt wichtigen Auftrag anstehen und wenn sie bis dahin nicht wieder gesund ist, muss entweder Ludjek vom Schutz übernehmen oder Nefeli aus der Forschung und dann kann man wieder alles umwerfen und umplanen, pft.“ Sie gestikulierte etwas dazu. „Bist du mit dem Formular fertig, Linus?“ 

Er nickte und wollte es ihr reichen. 

„Musst unterschreiben“, merkte Horatio an und deutete mit dem Finger aufs Blatt. 
„Oh, ja, ich, chrm.“ Linus wusste ganz genau, dass Lucas ihn sehr bewertend anschaute. Er fügte die Unterschrift hinzu und reichte den Zettel dann sehr fahrig Gerel. 

„Danke, danke.“ Sie überflog das schreiben kurz. „Alles gut sonst, ich denke, ihr könnt gehen. Oder, Lucas? Können sie das?“ Sie lächelte verschmitzt zu ihm auf. 

Lucas erwiderte das Lächeln nicht. „Vergesst den Aufsatz bis morgen nicht“, erinnerte er Horatio und Linus noch, die beide nickten. 

„So gut wie erledigt!“ Horatio grinste. Linus wusste es nicht genau, aber er war sich sicher, dass Lucas wusste, dass Horatio den nicht selbst schrieb. 

„Du knechtest sie ganz schön“, stellte Gerel fest. Aus dem Augenwinkel sah Linus Horatio exzessiv nicken. 

„Ich mache das nötigste“, sagte Lucas und es klang danach, als wäre das Thema jetzt für ihn gegessen. Und zumindest Linus wollte auch nicht weiter darin herum rühren. Er stand auf und Horatio machte es ihm nach, gab Gerel und Lucas eine knappe Verneigung. „Schönen Abend noch“, wünschte er leise, ohne ihnen dabei in die Augen zu schauen. „Und, hm... Wochenende.“ 

„Euch auch“, seufzte Lucas. 

Horatio verabschiedete sich etwas überschwänglicher, dann griff er nach Linus' Handgelenk und zog ihm aus dem Raum. Hinter ihnen schloss er Gerels Bürotür – offenbar wollte Lucas noch bleiben. 

Dann war es für ein paar Augenblicke lang still. Eigentlich wollte Linus noch etwas zu Horatio sagen, wie beispielsweise hundertfaches Danke, aber er bekam gar nichts heraus. Vielleicht sollte er ihn jetzt umarmen? Er wusste nicht, ob es der rechte Zeitpunkt war. 

„Weißt du, is' in Ordnung, ich kenn' dich doch. Ich tret dir gern in den Arsch, wenn's sein musst und wenn du schon meine Aufsätze schreibst.“ Er lachte kurz und setzte sich dann in Bewegung. Linus folgte. Er fühlte sich dabei wie ein labberiger Fisch.

„Danke“, nuschelte er knapp.

„Gern geschehen, gern geschehen.“ Horatio griff wieder nach Linus Schulter und es gab ihm das Gefühl, dass es seine Knie stärkte und gleichzeitig noch viel weicher machte. „Aber eh, bevor du mich für 'nen Heiligen hältst, Uneigennützigkeit is' auch was anderes. Ich mochte es, wie du gespielt hast, als ich mit in Hohendamm war. Wirklich, uh. Instrumente. Ich bin ja zu dumm. Aber du bist richtig gut und es is' Schade, wenn du... das nich' machen kannst und, uff, was auch immer.“ Er ließ los und winkte ab. „Na los. Du musst jetzt mit deiner Mutter telephonieren und ich treff' mich mit Holly.“ Horatio schaute sich um. „Ich find' den Weg nicht allein.“ 

Linus musste schmunzeln. „Da lang“, sagte er und nickte in entsprechende Richtung. Dann konnten sie noch zusammen ein Stück laufen. 

„Vielleicht findest du hier ja sogar Noten!“ Horatio folgte, war aber sehr aufgeregt. „Wolltest du nicht mit Holly in dieses Museum?“ 

„Hmmm, eventuell Sonntag.“ Er hatte immer noch keine Lust darauf. 

„Vielleicht haben die da was? Gibt doch immer diese Museumsläden, wo man sich so Zeug holen kann, was irgendwie einigermaßen vom Thema her zum Museumsinhalt passt.“

„Das und bedruckte Tassen. Und schreiende Kinder.“ 

„Die kann man aber nicht kaufen“, merkte Horatio an, woraufhin Linus ganz kurz grinsen musste. 

„Nicht in dem Laden. Aber vielleicht im Museumskiosk.“

Horatio musste laut lachen. „Du bist eklig.“ Er hielt inne. „Wobei. Gute Versorgung für ein paar Tage? Und schön zart.“ 

„Du sagst es.“ Linus nickte und musste dann auch ein bisschen lachen, auch wenn es nur kurz und leise war. Mittlerweile standen die beiden im Fahrstuhl. „Du musst bis zum ersten Stock fahren“, sagte er dann. „Ich muss gleich raus. Schönen Abend. Und so.“ Dann könnte er seiner Mutter gleich mitteilen, dass sie sein Instrument verschicken sollte. Das war großartig!

„Klar, klar. Dir viel Ruhe und grüß' Alrun von mir“, sagte Horatio und klopfte ihm noch unnötig auf der Schulter herum, ehe er den Fahrstuhl verlassen musste. Eigentlich war er dankbar darüber, dass er auch hier Leute hatte, die sich um ihn kümmerten. Horatio und auch Holly. Er wusste nicht, was er ohne sie machen würde.

Die Uhr im Foyer der Akademie zeigte halb elf, als Laurence Escarium durch den Haupteingang schritt, und bereits jetzt hatte die Abteilungsleiterin genug von diesem Tag. Sie hatte über eine halbe Stunde länger zur Arbeit gebraucht, weil es im Zentrum einen Unfall gegeben und der sämtliche Verkehrsnetze blockiert hatte. Die Tram war keine neue Erfindung in Rubrica, man könnte meinen, solcherlei Probleme wären schnell behoben. Aber die Menschheit war nun einmal überall gleich. Sie lernte nicht dazu. 

„Frau Abteilungsleiterin!“, hörte sie Duval von oben rufen. Der kleine Mann sah gehetzt aus, als er die Treppe hinab sprang, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Laurence schaute ihn düster an, blieb aber nicht stehen. Sie musste zum Fahrstuhl, um so schnell wie möglich in ihr Büro zu kommen. Ein paar Dinge musste sie noch regeln – nun mit einer halben Stunde weniger als eingeplant – und dann musste sie vierzehn Uhr beim Finanzamt sein. 

„Frau Laurence!“, rief Duval. Laurence hörte seinen schweren Atem, ging jedoch schnellen Schrittes weiter. 

„Ich weiß, wie ich heiße!“, sagte sie scharf. „Holen Sie auf oder belästigen Sie mich später.“ 

„Aber Frau Laurence-!“ Er sog die Luft ein. Vermutlich hatte er Seitenstechen. 

Laurence jedoch blieb erst stehen, als sie beim Fahrstuhl ankam. „Sprechen Sie.“ 

Duval sprach erst in der zweiten Etage deutlich, da er vorher nichts Verständliches hervor bekommen hatte und sie ihm jedes Mal ruhig, aber streng mitteilte, dass er bitte klar und ordentlich mit ihr reden sollte. 

Dann drückte er ihr einen Brief in die Hand. „Harrard... Harrard hat Ihnen eine Nachricht... hinterlassen. Meinte es wäre... hffff... wichtig. Sie sollten... Hnnnn...“ Die Tür öffnete sich. 

„Müssen Sie wieder in Ihr Büro?“, erkundigte sie sich, wobei sie die Rückseite vom Brief anschaute. Der Präsident hatte ihn sogar per Hand beschriftet. Wie außergewöhnlich.
 
„Ja, schon, aber...“ Laurence drückte auf den Knopf zum Erdgeschoss und verließ den Fahrstuhl. Sie schaute noch einmal kurz Duval an, der ihr einen gequälten Blick zurück gab, dann ging sie den Flur entlang, zum nächsten Trakt um dort den nächsten Fahrstuhl zu nehmen. Letztendlich war es noch später als geplant, dass sie in ihrem Büro ankam.
 
„Frau Laurence!“, hörte sie sogleich und bekam einen Stapel Blätter in die Hand gedrückt. „Die Designs für die Kampagne sind da und sie sind supergrässlich!“ Nefeli Ronthraki, die Referatsleiterin für die Forschung, klang begeistert dabei. 

„Güte“, murrte Laurence und ging zu ihrem Schreibtisch und legte den Stapel mitsamt Harrards Brief dort ab. „Guten Morgen.“
 
„Ja, ja, guten Morgen.“ Nefeli verwarf die Hand. 

Der Referatsleiter für Schutz grüßte sie auch. Zumindest versuchte er es, denn nach der Hälfte des Satzes brach er ab, um in sein Taschentuch zu niesen. Ludjek Avalka sah ausgesprochen ungesund aus, mit der roten Nase und den trockenen Augen.
 
„Sophie ist immer noch krank?“ Sie warf einen Blick auf die Probedrucke der Kampagnendesigns und versuchte, nicht so wütend auszusehen, wie sie war. 

„Ja, schon? Also, ich war bei ihr vorgestern und sie meinte, sie würde wohl Anfang April wieder gesund werden, vielleicht schon nächste Woche.“ Nefeli schob sich ihre Brille zurecht und zupfte an dem Kopftuch, das ihre rotbraunen Locken etwas zähmen sollte. 

„Hm“, nickte Laurence das ab und schaute noch einmal kurz zu Ludjek. „Sind Sie ansteckend oder kann ich mit Ihnen arbeiten?“ 

„Wenn ich Ihnen besonders stark ins Gesicht niese, finden Sie in Zukunft Buchen, Eschen und Ahorn vielleicht auch blöd“, sagte er und lugte hinter seinem Taschentuch hervor. „Ansonsten nicht, nein.“ 

„Gut.“ 

Eigentlich hatte jeder von ihnen sein eigenes Büro. Aber heute mussten sie die neuen Schüler durchgehen und von daher zusammen arbeiten, ein Glück war Laurence' Büro groß genug dafür. Vielleicht wäre es eng gewesen, wäre Sophie anwesend, aber sie wären definitiv schneller fertig geworden. 

Laurence nahm eins der Blätter und hielt es gegen das Licht. Änderte die Position, um es genaustens betrachten zu können. Aber es sah immer noch fürchterlich aus.

„Ich bin kein Künstler, ich hab keine Ahnung von deren Kram“, sagte sie. „Aber wenn man ein Künstler ist, sollte man sehen, wie fürchterlich das aussieht.“

Sie konnte nicht genau sagen, was sie störte. Eigentlich mochte sie die Stilisierung auf Werbeplakaten, aber auf dem hier sah sie aus wie ein weiblicher Gartenzwerg in Uniform und mit Flügeln. „Wenn das Marketing dieses Ding durchgehen lässt, mach ich denen Feuer unterm Arsch, sagen Sie denen das.“ 

„Werde ich genau so weiterleiten!“ Nefeli grinste und setzte sich dann an jenen Tisch, der normalerweise nicht im Raum stand. Sie und Ludjek mussten ihn herein getragen haben, bevor sie gekommen war. 

Ihr Blick fiel auf einen anderen Stapel. „Was ist das?“ 

„Uns sind die Gelder ausgegangen“, sagte Nefeli. „Brauchen finanzielle Unterstützung, das müssen Sie absegnen und zur Fachabteilung bringen. Oder gleich zum Minister. Wollten Sie nicht ohnehin noch zum Finanzamt?“

„Von wollen kann nicht die Rede sein, ts.“ Sie setzte sich auf ihren Platz, um gleich damit anzufangen, die Formulare zu unterzeichnen. 

„Angenommen, Sophie kommt nicht nächste Woche wieder“, begann Ludjek irgendwann. Auch er hatte Formulare in der Hand, die er sich dabei durchlas. „Was machen wir dann Ende April?“
 
Laurence schaute nicht auf. „Dann werden Sie gehen, Ludjek.“ 

Er seufzte schwer. 

„Tut mir Leid, Kleiner“, sagte Nefeli, die immer noch durch das Zimmer wuselte. Ludjek warf ihr einen knappen, bösen Blick zu. Er war wirklich ein sehr kleiner Mann. „Aber die Forschung braucht mich noch eine ganze Weile, ich kann hier nicht weg. Sehr, sehr Schade natürlich.“ Sie kicherte. „Und Laurence, Harrard wollte Sie bis Juni hierbehalten, oder?“ 

„Hm“, antwortete sie und nickte dabei.

​​„Und die Forschung weiß ohne dich nicht, was sie machen soll?“, erkundigte sich Ludjek.

„Die kommen ohne mich schon aus.“ Sie winkte ab. „Eigentlich. Aber unser... derzeitiges Projekt hat immer noch Probleme, sich auf Leute einzulassen, die nicht ich sind.“ 

„Was bedeutet das?“ Laurence hielt in ihrer Arbeit inne und schaute zu Nefeli auf. „Macht Milana Rückschritte?“ 

„Nein, nein.“ Nefeli hob Abstand haltend die Hände und schüttelte den Kopf. „Ganz im Gegenteil. Aber sie ignoriert die meisten Leute um sie herum immer noch und wirklich stabil ist sie auch noch nicht. Wir machen Fortschritte, aber die sind klein und es dauert lange. Wenn Harrard sein, hm. Unternehmen?“ Man sah ihr an, dass ihr das Wort nicht gefiel. „Wirklich von April mit September haben will und dann auch wirklich fertig hat, dann hat er es ohne Milana geschafft. Sie braucht noch eine Weile. Eine ganze Weile und ich will kein Risiko eingehen.“ 

„Sagst du nicht sonst, dass es ohne Risiken keinen Spaß macht?“, fragte Ludjek. 

„Ja, ja. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel in der Regel, das weißt du doch.“ 

„Schon, ja.“ Dann widmete er sich wieder den Dokumenten.

Laurence hielt in dem, was sie machte, kurz inne. Die Forschungsabteilung beschäftigte sich schon seit mindestens zehn Jahren mit der Frau namens Milana. Zumindest hatten sie schon daran gesessen, als Laurence damals das erste Mal etwas davon mitbekommen hatte und das war eben vor zehn Jahren gewesen. Damals hatte man sie auf den Posten gesetzt, auf dem jetzt Ludjek saß. Und jetzt war sie hier, Leiterin der Unterabteilung für Magie.

„Sind Sie durch?“, fragte Nefeli irgendwann, als sie gerade in einer Schublade an der Seite ihres Schreibtisches kramte. 

„So gut wie“, antwortete Laurence und sah aus dem Augenwinkel auch, wie Ludjek nickte. 

„Supi, supi“, gluckste Nefeli und holte Akten hervor. Laurence konnte es kaum erwarten. Sie mussten die Zwischenberichte der ausbildenden Großmeister lesen. Für gewöhnlich gab es die nur im Dezember, doch diesmal hatten sich ein paar Dinge geändert und sie mussten mitten im zweiten Semester noch einmal ebenjene auswerten. 

„Wie viele Teams sind im neuen Jahr?“, fragte Ludjek, der sich die Schläfen rieb, als er sah, wie viele Akten Nefeli stapelte. Dabei legte er erneut eine Pause ein, weil er niesen musste. 

„Ich würde ja sagen zu viele, aber es sind nie zu viele“, flötete sie. „Meinst du insgesamt oder nur die, die neu sind?“ 

„Letzteres.“ 

„Drei, wie üblich, dachte ich“, antwortete sie, doch Laurence schüttelte den Kopf. 

„Vier. Seit Januar. Du hast Lucas vergessen.“ 

„Aaaah, stimmt.“ Sie kaute kurz auf ihrem Bleistift herum. „Die Leitung hat sich letztens beschwert. Sein Blut wäre supergut geeignet zur Gewinnung von synthetischer Magie, blah blah. Als ob ich das nicht selbst wissen würde, aber na ja, was soll ich sagen, ich leite ja nur das Referat für Forschung, ich habe natürlich keine Ahnung von sowas.“ Nefeli lachte bitter auf und wedelte sich kurz mit der Hand vor dem Gesicht herum. Laurence verstand nicht, wie sie gleichzeitig reden und in der Akte lesen konnte und jeden anderen Kollegen hätte sie auch zurecht gewiesen. Aber Nefeli war noch einmal zwei Jahre älter als sie und die beiden hatten damals beinahe zeitgleich hier angefangen. Mittlerweile wusste sie, dass diese Frau Meisterin darin war, unzählige Dinge parallel zu machen, ohne dabei bei einer Tätigkeit an Qualität einzubüßen.

„Ich zwack mir halt sein Blut immer zur Analyse ab. Wisst ihr, wie interessant es ist? Der Kerl ist im Grunde genommen ein lebendes Fossil, ich meine, ich weiß, ich sollte ihn nicht als Forschungsobjekt ansehen und moralischer Kodex, aber es ist so... Hmmmmm... Spannend!“
 
„Eindrückliches Vokabular“, kommentierte Ludjek schmunzelnd. 

„Ach, böh. Ihr wisst, was ich meine. Ich könnte auch fünfhundert Wörter sagen und ich glaube, ich hätte es immer noch nicht korrekt ausgedrückt“, versuchte sie, wild gestikulierend zu erklären. 

„Was ist denn an seinem Blut so spannend?“, fragte Laurence, die sich nicht für Nefelis Emotionalität diesbezüglich interessierte.

„Sie meinen, außer, dass seine DNS im Grunde genommen hundertvierzig Jahre alt ist?“ Sie schaute sie verständnislos an. 

„Wissen Sie, vielleicht hat er ja auch eine wunderschöne Vorzeigemilz, aber das wäre mir genau so egal“, antwortete Laurence. „Ich brauche relevante Fakten.“ 

„Relevante Fakten, mimimi. Alles ist ein relevanter Fakt, wenn man es so will.“ 

„Sie wissen, was ich meine.“ 

Nefeli seufzte. „Ja, natürlich, Sie drücken sich ja auch klar und deutlich aus.“ Sie verwarf die Hände schon wieder. „Er ist der letzte eines Clans, der zum Bürgerkrieg damals ausgestorben ist, nicht wahr? Ja. Extrem hoher Energiegrad, extrem hoher Fähigkeitengrad, aber so etwas sieht man ja gelegentlich. Was man nicht gelegentlich mal, sondern eigentlich nie sieht, ist das Blut eines solchen Magiers, das immer noch unter Spätwirkung eines Psychomagiseriums leidet. Das hat natürlich diesen ganzen Haufen Nachteile, die synthetische Magie im Blut verursacht und blah, blah, blah, das wissen Sie natürlich. Aber jetzt kommt's. Genau diese Rückstände, die ihn dazu zwingen, andere Psychopharmaka zu nehmen, damit seine Verfassung nicht hopps geht, sorgen auch dafür, dass sich dieser extrem hohe Magievorrat im Blut von selbst hervorragend abbaut. Ich habe mit ihm vor einem Monat einen Belastungstest gemacht und er hat länger durchgehalten, als alle aufgezeichneten Magier der letzten zweihundert Jahre. Ich habe dafür sogar Dokumente aus Hostis anfordern lassen!“ 

„Hostische Clans sind prädestiniert für Schwarzmagierbluten, ohnehin“, merkte Laurence an, die aber mittlerweile von der Akte aufgesehen hatte. 

„Clans, die Rohmagie anstatt Verbindungen mit bestehenden Materialien benutzen, die sind anfällig“, sagte Nefeli. „Was derzeit zwei Clans in Miseria sind. Und einer davon ist der von Ihnen.“ 

Laurence musste schmunzeln. „Würden Sie mir jetzt empfehlen, abhängig von Psychomagieserien zu werden und mich anschließend von der Sucht zu befreien?“
 
Ihre Kollegin musste lachen. „Natürlich nicht. Aber... Vielleicht sind wir durch ihn einen Schritt näher daran, ein Mittel zu finden, um das Schwarzmagierbluten vorbeugen zu können. Oder um zumindest bei akutem Eintreten etwas dagegen zu haben, die armen Schweine nicht zu vergessen, die die Krankheit chronisch haben!“ Sie schaute zur Ludjek. „Hatten Sie schon einmal einen Ausbruch?“ 

„Hm? Nein. Ich bin mehr Zauberer, das wissen Sie doch“, sagte er und schaute von der Akte auf, von der er offenbar bislang nur das Deckblatt angestarrt hatte. 

„Auch Zauberer kann es betreffen, Ludjek, na, na.“ Sie wackelte mit dem Zeigefinger. 

Er seufzte leise. „Nein, bisher hatte ich noch nie Nasenbluten, weil ich zu viel und zu lange Magie verwendet habe. Zufrieden?“ 

„Ja!“ Als unterstützende Geste nickte sie. „Und da kannst du froh sein. Ich meine, ich hatte es bisher auch nur einmal und das ist zwanzig Jahre her – wissen Sie noch, Laurence? Die Unruhen in Yuthrabal?“ 

Laurence nickte, sagte aber nichts dazu. Sie konnte sich gut an die Auseinandersetzung in Südwestarma erinnern, auch wenn es nicht das letzte Mal gewesen war, dass sie Nasenbluten deswegen gehabt hatte. Denn wie Nefeli erwähnt hatte, gab es Magietypen, die anfälliger waren dafür. Es war etwas anderes, als wenn man einen Schlag auf die Nase oder den Hinterkopf bekam, denn es ließ sich nicht viel dagegen machen, außer ruhig zu bleiben. Sich einzureden, dass es bald aufhören würde.

„Sie sind eben noch...“, redete Nefeli schon weiter. 

„Sagen Sie es nicht“, ächzte Ludjek. 

„Ein Baby.“ 

„Fatum.“ Er schob die Akte weiter nach oben, um seine Kollegin nicht anschauen zu müssen, während diese giggelte. 

„Sie sind siebenunddreißig, was haben Sie erwartet, wenn Sie anfangen, mit uns Reptilien zu arbeiten?“

Laurence sagte nichts, obwohl sie sich eigentlich nicht gern als Reptil bezeichnen ließ. Nefeli hatte jedoch den Vorteil, dass sie sich schon zu lange kannten. 

„Es sind nur zehn Jahre“, murrte er. 

„Nur? Wir sind Magier, bei unserer geringen Lebenserwartung sind zehn Jahre viel“, sagte sie ganz gut gelaunt. Sie sagte aber auch nichts weiter zu dem Thema, als Ludjek empfand, nicht weiter reden zu müssen. Es war auch nicht schlecht, ein paar Minuten Ruhe im Büro zu haben. 

Passend zum Thema griff Laurence als nächstes zur Akte von Lucas' neuem Team. Sie überflog kurz, machte ein paar Abstriche auf einer Liste, während sie mit jedem Wort wütender auf ihren Präsidenten wurde. Vor ein paar Monaten hatten sie angefangen mit der Diskussion, ob sie die Schüler, die noch nicht einmal die ersten vier Jahre der Ausbildung durch gemacht hatten, überhaupt einsetzen sollten. Laurence war dagegen gewesen. Das hier waren unausgebildete Kinder, die gerade erst frisch aus der Schule heraus waren. Die gestrichenen Theoriestunden waren die einzige Möglichkeit gewesen, mehr praktische Erfahrung zu haben, als eigentlich nach einem Jahr, oder in dem Fall hier, nicht einmal einem halben. Aber es war kein Ersatz. Es war eine faule Ausrede und das wusste Laurence. 

„Habt ihr den jungen Crayfish noch einmal befragt?“, fragte sie, als sie gerade Lucas' Notizen über Horatio durchlas. Der würde als erstes sterben. 

„Nein“, antwortete Ludjek. „Wir haben alles Relevante von ihm.“ 

„Ich erinnere mich, es angeordnet zu haben“, sagte Laurence und ignorierte Ludjeks angefügten Satz. 

„Er ist minderjährig. Es gibt Dinge, die können wir bei ihm nicht anwenden, ohne uns dabei mit Hostis auf eine Stufe zu stellen“, behauptete er. „Ich bin kein Freund von Doppelmoralen.“

„Pft“, schnaubte Laurence. „Dann werde ich selbst noch einmal mit ihm reden.“ 

Ludjek legte die Akte auf seinem Tisch ab. „Denken Sie wirklich, dass er uns mehr erzählen kann, als er weiß?“ 

„Ja, das denke ich. Er wird sich vielleicht nicht dessen bewusst sein, aber wir haben mehr Hintergrundwissen und er ist unsere nächstbeste Quelle zum Attentat in Sysdale.“ 

„In Hostis sind sie sich dessen auch bewusst, Ludjek“, meinte Nefeli. „Die wollten ihn sehr, sehr unbedingt wieder haben und ich bin mir sicher, dass das nicht an seinen geistigen Leistungen liegt.“

„Hab ich mitbekommen, ja“, sagte er. „So gering mein Respekt Zar Alexeij gegenüber ist, bei seinem Leibwächter ist es etwas anderes. Und trotzdem haben beide Geschwister bei dem Attentat verloren, ich denke es ist verständlich, wenn auch sie die Hintergründe dazu erfahren wollen.“ 

„Das hostische Militär hat mehr Ressourcen zum Thema als wir“, widersprach Laurence. „Warum also brauchen sie unbedingt einen siebzehnjährigen Idioten?“ 

„Weil sie weniger magisch hochbegabte Leute im Land haben als wir“, behauptete Ludjek. 

„Warum unbedingt den siebzehnjährigen Idioten? Bei Holly Pierce haben sie sich nicht so bemüht, zumindest nicht, dass ich wüsste.“ 

Ludjek schwieg einen Moment und ihm war anzusehen, dass er nachdachte. „Das stimmt natürlich.“

„Ophelia Crayfish hat irgendetwas damit zu tun“, meinte sie. „Und ihr Bruder ist die beste Chance, an Informationen heranzukommen. Ob er das selbst nun weiß oder nicht, spielt keine Rolle. Es macht es lediglich ein bisschen schwerer.“ 

Laurence fiel auf, dass sie immer noch den Brief von Harrard ungeöffnet auf dem Tisch liegen hatte und griff danach. Erneut erlangte die Handschrift des Präsidenten ihre Aufmerksamkeit. Er schrieb seine Briefe nicht häufig selbst. Warum auch, er war Präsident. Anderseits kannten sie zwei sich auch schon lange. Schon eine ganze Weile länger, als er überhaupt Präsident war oder nur den Wunsch hatte, später irgendetwas mit Politik zu machen. 

Sie brach das Siegel auf, zog den Brief heraus und las ihn durch. „Fatum“, ächzte sie noch währenddessen. 

„Was ist, was ist?“, erkundigte sich Nefeli. „Will Harrard, dass wir alles doch schon Anfang April...“

„Generalversammlung im Parlament“, schnaufte sie und sprang gleich auf. 

„Wir haben noch nichtmal zu arbeiten angefangen, wirklich“, grummelte Ludjek. 

Laurence sagte dazu nichts, weil es nicht nötig war. Er wusste ganz genau, dass sie nichts ändern konnte. Hunhun, wir sind Clément Harrard, wir können Versammlungen nicht ankündigen. Sie überprüfte, ob ihre Uniform korrekt saß. Wenn sie sich beeilte und der Verkehr mitspielte, schaffte sie es sogar noch pünktlich, wenn auch knapp. 

„Ich schick euch Duval hoch, der hilft“, sagte sie noch zu Nefeli und Ludjek, während sie zur Tür ging. 

„Wenn der anpackt ist es, als würden zwei los lassen“, meinte Ludjek.
 
„Hey, wenigstens können wir ihn zur Schnecke machen, ich finde, das ist auch was“, sah Nefeli das Ganze positiv.

Laurence aber hatte nicht länger Zeit, ihnen zuzuhören. Sie hob zur Verabschiedung noch kurz die Hand, ehe sie zur Tür hinaus ging, um sich auf schnellstem Weg auf in Rubricas Stadtzentrum zu machen.

Linus hielt sich die Ohren zu, als die fünfte Explosion ertönte, und war sich sicher, dass er sich daran nie gewöhnen würde. Nicht an den Schrecken und nicht an die Lautstärke. Hier in der Übungshalle wurden sie definitiv keinen richtigen Explosionen ausgesetzt, nur magisch angepassten - immerhin waren sie noch Schüler. Aber die Detonationen waren trotzdem eine Zumutung für die Trommelfelle. Und vor allem hatten sie immer noch die Kraft, einen zu Boden zu reißen, wenn man zu nahe an ihnen stand.

„Ich sterb' gleich freiwillig“, hörte er Horatio ächzen, der sich mit ihm und Holly hinter einem großen Stein versteckte. 

„Wag es dir!“, zischte Holly, die kurz hinter ihrem Versteck hervor lugte. Doch es war sinnlos, es kam nur die nächste Explosion. 

„Wo stecken die anderen Teams?“, fragte Linus mit sehr kratziger Stimme. Er war so außer Atem, dass er nicht einmal mehr richtig sprechen konnte. Vermutlich kam es ihnen länger vor, als es eigentlich war, aber sie und noch zwei andere Teams wurden schon viel zu lange durch die Halle gescheucht. Unterstützung hatten sie von Gerels Schülern, doch Linus hatte Théodore Lunoire, eins der Mitglieder, das letzte Mal vor zehn Minuten gesehen. Die Halle war groß und er, Holly und Horatio kamen am schlechtesten voran. 

Das andere Team gehörte ebenfalls zu einer agmischen Frau. Die Schüler von Kazuko Koizin waren sogar im gleichen Jahrgang mit ihnen, aber er hatte mit keiner der drei jemals zu tun gehabt.

Sie mussten es bis zum anderen Ende der Halle schaffen, saßen aber schon viel zu Lange in der ersten Hälfte fest. Linus war vom ganzen Herumzaubern mittlerweile so erschöpft, dass er sich einfach nur noch hinlegen und schlafen wollte. Sechzehn Uhr war Schluss, aber er wusste nicht, wann sechzehn Uhr war. 

Die drei Großmeister hatten sich eine Menge Dinge einfallen lassen, um ihren Schülern das Vorankommen so schwer wie möglich zu machen. Da waren die Minen und andere explosive Dinge, die hier ein Glück so gut wie ungefährlich, aber trotzdem störend waren. Jedes Mal, wenn sie erwischt wurden, tönte irgendwo entfernt von Gerel ein lautes „Tooooot!“. Sie selbst sorgte mit ihrer Magie auch für Probleme - als Windbändigerin hatte sie ihren Spaß, den künstlichen Schneeregen noch ein bisschen unangenehmer zu machen, als er ohnehin schon war. Das Team trug heute zum Testen die richtigen Uniformen, die mit Magie so imprägniert waren, dass sie Kälte und Nässe nicht durch den Stoff ließen. Trotzdem hatte Linus das Gefühl, dass sich der Schlamm mittlerweile wie eine eisige, feuchte Haut um seinen gesamten Körper gelegt hatte.

Lucas indessen machte Dinge mit Erde, die definitiv auch weh taten, wenn man sie abbekam. Vor allem gestaltete er gelegentlich die Landschaft um, sodass sie, wenn sie mal einen Plan hatten und fünf Meter voran kamen, so spontan umstellen mussten, sodass sie wieder drei zurück gedrängt wurden. Währenddessen machte Frau Kazukos Magie, die wie die von Lucas auf Erde beruhte, alles noch ein bisschen schleimiger, als es dank der Nässe ohnehin war. Linus wollte weinen, aber er hatte weder Kraft noch Zeit dazu. 

„Heh, ich glaub ich hab dahinten Kancharas Zopf gesehen“, meinte Horatio und nickte in entsprechende Richtung. Linus strengte sich an und tatsächlich. Halb versteckt konnte er eine von Gerels Schülerinnen entdecken. 

„Wir sollten zu denen aufstoßen“, meinte Holly, die nun auch in die Richtung schaute. 

„Bist du irre, da werden wir noch viel eher getroffen“, sagte Horatio. 

„Wenn wir es bis dahin schaffen“, murmelte Linus. Es sah nach nicht viel aus, aber bei dieser Art von Training war jeder Meter wichtig. 

„Reißt euch zusammen“, sagte Holly streng. „Tiere bilden auch Schwärme, weil sie dann sicherer sind.“ 

„Nur bedingt“, widersprach Linus. „Bei mehr Individuen ist die Chance nur geringer, dass...“

„Das spielt keine Rolle“, sagte sie scharf und er wünschte sich, den Mund gehalten zu haben.
 
„Nicht so hart, is' nur'n Training“, murrte Horatio sie an, Linus schüttelte den Kopf. Es brachte jetzt nichts, wenn sie sich stritten. 

„Ein Training, das wir verkacken werden, wenn wir uns nicht anstrengend, und...“ Holly gab einen Frustlaut von sich. „Wir müssen zu den anderen, da stimmt ihr mir doch zu, oder?“ 

Linus wusste nicht, ob er ihr wirklich zustimmen wollte, aber noch weniger wollte er sich mit ihr anlegen, weshalb er nickte. Horatio wirkte, als hätte er auf seine Reaktion gewartet. 

„Aber auf dem Weg müssen wir uns aufteilen. Da drüben sind die Baumattrappen, da ist noch ein Stein und es gibt auch noch den Erdzauber“, sagte Holly. 

„Der is' anstrengend“, meinte Horatio. 

„Ja, aber notwendig“, behauptete sie. „Linus, kannst du dich um den Schutzzauber kümmern?“ 

Vermutlich sollte er dem nicht zusagen, aber er tat es trotzdem. 

„Und angenommen, einer von uns wird verletzt, können wir immer noch den Hilfezauber verwenden.“ 

Neben dem Heilzauber war der Schutzzauber der einzige, den Linus einigermaßen annehmbar beherrschte. Es gab auch nicht viel, was man falsch machen konnte, solange man nicht auf die Idee kam, ihn umzukehren und als unsichtbaren Rammbock zu verwenden. Das hatte er einmal versucht und selbst Lucas hatte ihn nicht noch einmal dazu überreden wollen, nicht in der Trainingseinheit. Linus hatte die Kontrolle verloren und das Ding hatte Horatio erwischt, der sich daraufhin von seinem Mittagessen erleichtert hatte. 

„Habt ihr im Blick, wo Lucas, Kazuko und Gerel sind?“, fragte Holly ihre Teammitglieder. 

„Bin grad erst in eine von Kazukos Schleimpfützen gelatscht, ich glaub', die is' ganz in der Nähe“, sagte Horatio, der das Gesicht dabei verzog. „Gerel hab lange nicht mehr gehört, die is' glaub nich' hier. Also schon hier, aber nich' hier-hier.“ 

„Und Lucas ist auch nicht weit“, fügte Linus hinzu. „Der war vorhin... Kurz... Ich weiß nicht.“ Er war sich nicht sicher, ob die Information relevant war. Am besten, er hätte gleich gar nichts gesagt, dann verließen sich die anderen nicht auf ihn. Denn wenn es falsch war, würde Holly das definitiv auch nicht gutheißen. 

Die beiden anderen schauten ihn an und ihnen war anzusehen, dass sie darauf warteten, das mehr kam. Horatio öffnete kurz den Mund, aber Holly schien das alles bereits als unwichtig zu erachten und winkte ab. 

„Auf mein Kommando geht es los.“ 

Linus hatte keinen Einwand. Horatio offenbar auch nicht. 





Es war noch größeres Chaos ausgebrochen. Gerels Team hatte versucht, die drei jüngeren ein bisschen abzuschirmen, aber es hatte nicht funktioniert, da sie immer noch zu wenig Augen für alle Richtungen hatten. Nach einer weiteren Explosion sah sich Linus allein an einer ramponierten Baumattrape wider, doch seine Konzentration war hinfort, denn in seinem Arm hing an einem Metallsplitter fest.

Linus versuchte, so flach wie möglich zu atmen. Die scharfe Kante drückte in seinen Arm - er konnte das Metall deutlich spüren, sowie das warme Blut, dass in den Stoff unter seinem Unterarmschützer lief und es nass wurde. Er konnte ihn nicht einfach herausziehen, damit riskierte er, noch tiefer zu schneiden. Das einzige was ihm blieb, war den Ärmel der Uniform abzutrennen - doch war das überhaupt möglich? Waren diese Uniformen nicht genau so imprägniert, um einfache Neidzauber blocken zu können? Linus wusste nicht, wie er in diese Situation geraten war.

Er biss sich auf die Unterlippe und versuchte, kein Geräusch von sich zu geben. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Er verstand nicht, warum das jetzt passiert war und warum immer er derjenige war, der aus der Reihe tanzen musste. Lucas würde das nicht gut finden. Er musste das jetzt bis zum Schluss durchziehen, einfach weitermachen. Nicht auffallen. Das Metall langsam heraus ziehen, seinen Arm nach unten nehmen und sofort heilen. Vielleicht mit dem Wasserzauber ein wenig waschen, damit es nicht so auffiel, und dann weiter machen, als wäre nichts passiert. Niemand würde es bemerken. Er wusste nicht, wo sein Team war und das war gut, denn sie sollten nicht bei ihm sein. Sie sollten das nicht sehen.

Linus legte die Hand an das Metallstück, schloss kurz die Augen. Es musste schnell gehen. So schnell, wie dieses Unglück passiert war, damit es niemand bemerkte und er nicht noch mehr Blut verlor. Der Fremdkörper wurde wärmer und passte sich damit der Temperatur seiner Oberarmvene an, sodass er Linus das Metall immer weniger spürte.

Eins, zwei, drei.

Es war schwer, kein Geräusch zu geben, als er den Splitter zog. Die scharfe Kante drückte sich einmal mehr in sein Fleisch, dann war sie draußen und Linus schmiss sie weg und sackte zusammen. Erneut schloss er die Augen, eins, zwei, drei - die Wand war bequem.

Linus gönnte sich keine lange Verschnaufpause, denn er durfte es nicht. Er fasste neben die Verletzung, wo verschmiertes Blut bereits angefangen hatte zu gerinnen, und malte eine Siebzehn dorthin. Keine Sekunde später war sie kaum noch sichtbar. Linus hatte vergessen, wie viel Blut er verlieren konnte, ohne dass es unbequem wurde. Das hier war nicht genug. Sicher nicht. Dafür fühlte er sich viel zu ruhig und bisher hatte er immer gut aufgepasst, dass es nicht zu viel wurde, dass es nicht auffiel.

​​​​Sein Blut glimmte rot auf, als er den Zauber aktivierte. Die Gerinnung setzte augenblicklich ein und er konnte beobachten, wie sich das Blut über der Verletzung zu einer dunklen Schicht verkrustete. Gleich darauf schloss sich die zerstörte Haut. Alles lief gut. Linus konnte tief durchatmen. Jetzt konnte er den anderen wieder helfen gehen, alles war gut. Vermutlich würde es Lucas auffallen, sollte er ihn nachher sehen, aber das war besser, als wenn Horatio und Holly und die anderen es sahen.

Linus ging in die Knie, um von dort in die Hocke zu kommen, damit er sich besser wieder in Bewegung setzen konnte, doch in dem Moment wurde ihm schlecht. Wo waren die anderen? Er spürte, wie sich seine Bauchmuskeln anspannten und dann wurde es ihm in der Nase genau so warm wie an seinem Arm und als er gerade dahin fassen wollte, riss die Verletzung wieder auf und alles ging von vorne los. Es war schlimmer als zuvor. Linus kippte zur Seite und verstand das alles nicht. Er konnte nur den Stein gegenüber anstarren, sich nicht bewegen, hoffen das es aufhörte. Das würde niemandem auffallen. Sein Team würde es schaffen, das würde es. Und er, er... 

Auch die Schmerzen kamen in seinem Gehirn an, als der Grint aufweichte wie ein nasses Taschentuch und schließlich verschwand. Er presste die Hand darauf, doch sie zitterte zu stark, als dass sie viel Kraft gehabt hätte. Linus stemmte sich wieder auf die Knie.

„Oh Fatum.“ 

Das hatte er nicht gedacht, das war nicht von ihm.

Horatio.

Gleich darauf spürte Linus dessen Hände unter seinen Armen und wie er ihn zu sich zog. Linus starrte Horatio an und wollte erst recht nicht mehr. Er sollte gehen und ihn wegschmeißen. Er sollte ihn nicht so sehen. Nicht so jämmerlich, wie er wirklich war.

"Geh weg", wisperte er, aber seine Stimme war kaum hörbar. Seine Atmung wurde tiefer, als er sich losriss, ein wenig taumelte, sich an der Wand abstützte, an der er zuvor gelehnt hatte.

„Du Idiot, was... Was is' das du, gnhgnnnn.“ Horatio war sofort wieder bei ihm.

Linus liefen Tränen über die Wangen und er wollte nicht angeschaut werden. Doch als er das Gesicht in beiden Händen vergrub, landete er wieder auf dem Boden.

„Linus!“, hörte er jetzt auch Holly, die keine Zeit verlor und wahrscheinlich jagte sie einen Hilfezauber in die Luft. Er konnte er nur vermuten, aber mittlerweile kannte er Holly ein wenig. Holly war gut. Zu gut für ihn, genau wie Horatio. Er war das hier nicht wert.

„Was kannst du eigentlich, du Hohlbirne“, fluchte Horatio leise, zog ihn zu sich. Linus wünschte sich, er wäre erst eine halbe Stunde später erschienen und Horatio fühlte sich so warm an in all der Kälte und der Nässe.

„Es tut mir Leid“, sagte er leise, es fühlte sich alles schwer an. Horatio versuchte wohl, die Verletzung etwas zu heilen.

„Warum hast du das nich' gemeldet?“, fragte Horatio, der sich zu ihm hinab beugte und ihn noch ein wenig fester hielt.

Linus sagte nichts. Er tat, als hätte er es nicht gehört. 

Kurz darauf war Lucas da und ab da registrierte Linus das Geschehen kaum noch. Es zog an ihm vorbei wie eine Diashow.






Erst, als er beim Arzt auf der Liege saß und eine Transfusion bekam, setzte sein Gedächtnis wieder ein. Lucas sprach ihn an. Mit seinem Namen, immer wieder. 

„Es tut mir Leid“, flüsterte Linus, ohne seinen Meister dabei anzuschauen. 

Lucas seufzte leise, sagte aber erst einmal nichts, da er dem Arzt Platz machte. „Ich werde noch einmal Verband wechseln, Herr Linus, und dann kommen Sie heute Abend und Morgen früh noch einmal und dann schauen wir weiter. Bis dahin sollte es aber verschwunden sein, sie hatten eine gute Erstbehandlung und es wurde schnell reagiert.“ Der Arzt lächelte warm. 

„Er kommt erst morgen früh wieder“, legte Lucas fest. 
„Aber er braucht einen neuen...“ 

„Den kann er selbst machen. Geben Sie mir einen Moment?“ 

Der Arzt musterte Lucas kurz skeptisch, wollte dem Magier aber offensichtlich nicht widersprechen. Stattdessen verneigte er sich kurz und ging dann. 

Linus' Atmung wurde hektischer. „Ich... Ich weiß nicht... Ich...“ Seine Stimme klang so kratzig, dass es beim Sprechen weh tat. 

„Nur ruhig. Ich zeige dir, wie es geht. Psht. Linus. Linus!"

Er schaute ihn einfach nur an und fühlte sich wie auf dem Präsentierteller, nackt und schutzlos.
 
„Du kannst es nicht wissen. Deshalb zeige ich es dir. Es wird nicht deine letzte Verletzung sein und bei einigen wirst du nicht so schnell Hilfe bekommen, deshalb ist es wichtig, dass du das kannst.“ 

Linus nickte knapp. 

„Hast du dir hier in Rubrica einen neuen Arzt gesucht?“ 

Woher wusste er davon? Linus presste die Lippen zusammen und starrte geradeaus. 

„Für verschreibungspflichtige Medikamente brauchst du einen Arzt und das weißt du. Nimmst du an, ich hätte nicht deine Akte gelesen?"

Seine Finger vergruben sich in der dünnen Decke, die man über seine Beine gelegt hatte. 
Lucas seufzte erneut und wandte sich von ihm am. Er kramte in einem Schrank, das hörte Linus, sah jedoch nicht hin. 

„Herr Lucas, Sie können nicht...“, setzte der Arzt an, doch Lucas schaffte es, ihn mit einer Handbewegung abzuwimmeln. Als nächstes setzte er sich wieder auf den Stuhl neben Linus' Liege und hielt ihm eine Flasche in der Pappverpackung hin. Linus starrte lange auf den Namen des Medikaments, bis er ihn wirklich las. 

„Synthetische Magie“, murmelte er. 

„Im Grunde genommen, ja“, antwortete Lucas. „Weiterverarbeitet zu jenem Psychopharmaka, dass auf dem Drogenmarkt das meiste Geld einbringt. Wenn du dich nicht in den Griff bekommst, dann wird die Akademieleitung veranlassen, dass du genau mit diesem Zeug vollgepumpt bist, bis zum Rand. Du bist nützlicher damit als mit einer Krankschreibung."

„Es... Es ist nicht mein Plan, eine... eine Krankschreibung, das würde ich nie... Ich würde das nie machen.“ Er schüttelte den Kopf und ihm wurde schwindelig dabei.

„Das glaube ich dir. Aber tot nützt zu dem Militär nichts. Hättest du einen Einsatz gehabt und das eben wäre dort passiert, hätten die anderen dich vermutlich weniger schnell gefunden oder sogar gar nicht. Überleben ist das Wichtigste, da draußen“, erklärte er. „Ich mache dich auch nicht darauf aufmerksam, weil ich die Haltung der Akademieleitung gut finde, im Gegenteil. Aber ich kann nichts dagegen machen. Ich kann dir nur sagen, wie es läuft und hoffen, dass es bei dir ankommt.“ 

Linus nahm Lucas das Medikament mit seiner zitternden Hand ab und versuchte, es zu öffnen.
 
„Du wirst keine Nebenwirkungen finden. Die stehen nicht da drauf.“ 

„Warum?“, fragte Linus.
 
„Die Krankenkassen bezahlen dafür nicht, ohne dass man Magier in staatlichem Dienst ist. Wer es verschrieben bekommt, ist Magier und vom Staat dazu angewiesen. Es gibt keine Informationspflicht, wenn der Kranke gezwungen ist, es zu nehmen und es keine Alternativen gibt“, sagte Lucas. „Es bringt deine Neurotransmitter und damit auch deinen Hormonhaushalt in Ordnung.“ 

„Komplett?“ 

„Komplett“, antwortete Lucas und nickte. 

Linus schaute weiter auf die Verpackung. Es stand nicht einmal der Wirkstoff darauf - war die synthetische Magie wirklich das einzige? Nur die Seriennummer, das Verfallsdatum, der Name, die Firma. Aber was sprach gegen ein Medikament, dass alles in Ordnung brachte? „Nebenwirkungen?“ 

„Es macht auf allen Ebenen abhängig und zerstört den Körper so sehr wie vermutlich kein anderes Medikament. Mit Magie spielt man sich und man sollte sich nicht mehr zuführen, als der Körper ohnehin gespeichert hat. Auf lange Zeit macht es alles schlimmer, als es zuvor war.“
 
Linus' Griff um das Medikament wurde lockerer und er ließ los, schaute es aber dennoch an. Er fühlte sich verraten, weniger von Lucas, als von diesem Mittel. Warum gab es nicht einfach irgendetwas, dass die grässlichen Gefühle ein für alle Mal wegzauberte und dabei nicht den Rest von seinem Körper zerstörte?
 
„Hör mir zu, Linus.“ Lucas' Stimme hörte sich sanfter an als erwartet. Linus hingegen war erschöpft, lehnte sich völlig matt an die Lehne der Liege. Die Angst war entschwunden und hinterließ Leere. „Du machst den Verband heute und morgen früh selbst. Solltest du Probleme damit haben, frag Horatio oder komm zu mir. Wenn du dich das nächste Mal beim Training verletzt, kannst du dich komplett vom Arzt behandeln lassen, aber ich möchte, dass du das selbst kannst. Verstehst du das?“ 

Er nickte. 

„Eine Frage noch“, sagte der Magier, als er sich erhob, um sich vom Arzt neues Verbandszeug geben zu lassen. „Hast du etwas gegen den Kopf bekommen, weshalb du Nasenbluten hattest?“ 

Linus wusste es nicht. Er erinnerte sich nicht daran, ob und was gewesen war, nur, dass auf einmal auch seine Nase geblutet hatte. Natürlich erinnerte er sich nicht, es wäre ja zu viel verlangt, dass er einfach einmal etwas wusste und keine Enttäuschung auf zwei Beinen war.

„Ja“, sagte er dann. „Beziehungsweise. Blöd auf dem Boden aufgekommen, bei... als ich, beim, beim...“

„Hinfallen?“ 

„Ja.“ Er lächelte knapp und hässlich

Lucas nickte sehr langsam, schwieg. Es gab nichts mehr zu sagen.








Als Linus am Abend in seinem Zimmer saß, hatte er einen Termin beim Arzt, zwei Packungen frischen Verband und einen Stapel Bücher von Lucas bekommen. Er verstand immer noch nicht, warum und wie der Mann so ruhig reagiert hatte. Vielleicht war es Mitleid. 

Eine ganze Weile hatte er dagesessen und gelesen. Horatio hatte er verpasst - er wusste nicht, wo der steckte. Vielleicht beim Essen. Den Verband musste er noch wechseln, aber er wollte nicht mit seinem Zimmergenossen reden und das müsste wohl bald sein, er sollte... 

Linus hatte eine Vorahnung, als er Schritte im Gang hörte. Schnell legte er das Buch weg und machte das Licht aus. Keine Sekunde zu spät. Den Verband würde er irgendwann in der Nacht wechseln. Im Bad, wenn Horatio schlief. 

„Linus, ich...“, quatschte dieser los, sobald er den Raum betreten hatte, hielt aber abrupt inne. Linus wollte nicht mit ihm reden. Schon gar nicht ihn sehen. Leider lag er mit dem Rücken zu Wand, er hatte sich nicht noch rechtzeitig drehen können. 

Horatio stand einige Augenblicke lang still. Er schaltete das Licht nicht ein, zog sich im Dunkeln um. Linus blinzelte leicht. 

„Weißt du“, sagte Horatio irgendwann. „Du könntest wenigstens, ich weiß nich'. Sagen, dass du nich' reden willst oder so.“ 

Linus öffnete die Augen und schaute ihn ausdruckslos an. Horatio, der gerade damit kämpfte, sein Schlafshirt so umzudrehen, dass er es auch anziehen konnte, sah zurück. 

„Du bist nich' so gut im Lügen, wie du denkst“, murrte er, dann zog er sich sein Oberteil über.
 
Schweigend kroch Linus weiter zur Wand zurück und schob die Bettdecke über seine Nase.

„Lucas hat mich vorhin zur Seite genommen. Hat gesagt, ich soll prüfen, ob du den Verband gewechselt hast.“ Er sah wieder zu ihm. „Hast du?“ 

Linus schwieg weiter. Eigentlich wollte er etwas sagen. Aber da war ein Drücken in seiner Brust und es hinderte ihn daran, den Mund aufzumachen. Es war falsch, egal was er sagte. Lucas hatte gemeint, er müsse etwas dagegen machen, aber nur, weil der das gesagt hatte, war es nicht automatisch weg. Es würde ohnehin nicht weggehen. Als hätte das letzte Jahr Therapie irgendetwas gebracht. 

Horatio setzte sich zu ihm aufs Bett. „Setz' dich auf. Ich mach das.“ 

Linus reagierte nicht. 

„Ach komm schon“, ächzte Horatio leise. „Ich... Du kannst das eh nich' allein mit nur einer Hand, jetzt setz dich schon auf, es is' in Ordnung, wenn du das nich' kannst, wirklich! Und ich halt' dich auch nich' für jämmerlich deshalb oder was auch immer du denkst, ich mein', schau dir mich an! Ich hab letztes Jahr gefragt, welches Datum am vierzehnten August is'!“

Von Linus kam ein leises Glucksen. Er hielt Horatio nicht für dumm, eigentlich durfte er das gar nicht witzig finden. Sein Geräusch hörte sich an wie eine Mischung aus Lachen und Weinen und er nahm die Hände vor sein Gesicht. 

Horatio zupfte die Bettdecke weg. „Wo is' das Zeug?“ 

„Schubfach“, antwortete Linus, der seitlich zur Wand hin unter der Bettdeck hervorkam und sich müde an die Wand lehnte. Er schloss kurz die Augen und versuchte einfach, an nichts zu denken. Es ging nicht. In seinem Kopf war es unglaublich laut und totenstill gleichzeitig. 

Dann spürte er Horatios Finger an seinem linken Arm und versuchte, zumindest ein wenig mitzuarbeiten und ihn so zu halten, dass er besser heran kam. Doch er schaute nicht hin, das konnte er nicht. Stattdessen betrachtete er sein Cello, dass in der Tasche zwischen den Nachttischen klemmte. Tatsächlich schaffte er es zu üben und es war angenehm, das wieder zu können. Ein bisschen abdriften in dem ganzen Stress und weil Horatio darum gebeten hatte, hatte er auch angefangen, ihm ein Bisschen beizubringen. Eine Melodie schaffte er noch nicht flüssig zu spielen, aber Linus hatte das Gefühl, dass es Horatio gar nicht wirklich darum ging. Doch er war ein dankbarer und aufmerksamer Schüler, Taktgefühl hatte er auch. Nach Horatios Worten über sich selbst hatte er etwas ganz anderes erwartet. 

„Lucas hat gesagt, du hast einen guten Heilzauber vor Ort gemacht“, sagte Horatio, während er den Verband abwickelte. „Du sollst beim nächsten Mal trotzdem gleich Hilfe holen, aber ich denk', das hat er dir... schon gesagt.“ 

Linus nickte. 

„Er hat aber auch gesagt, dass du die besten Heilzauber von uns machst. Das is'... ziemlich cool.“ Der Verband war ab. Horatio nahm etwas von der Salbe, die ihm der Arzt mitgegeben hatte, und trug sie auf Linus' Arm auf. „Es tut doch... nicht mehr weh, oder?“ 

Er schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich, nein.“ Es war merkwürdig. Heute Nachmittag hatte er ein Loch im Arm gehabt und jetzt, jetzt war kaum noch etwas davon übrig. Eine Narbe würde bleiben, aber nur eine leichte. Auch sie würde bald verschwunden sein. Es würde sein, als wäre nichts geschehen. Als wäre nie eine Verletzung da gewesen. Lucas hatte ihm das mit dem Heilzauber gesagt, ja. Und er hatte hinzu gefügt, dass Linus das unmöglich einfach so konnte. Er konnte das, weil er Übung damit hatte, weil er wohl öfter Dinge heilte, um sie verschwinden zu lassen. Linus hatte nicht darauf reagiert. 

Horatio hatte angefangen, den neuen Verband umzuwickeln. Seine Hände waren rau, aber er war darauf bedacht, den Verband festzuziehen, ohne grob dabei zu sein. 

„Wenn das nochmal passiert... Ich bin in deiner Nähe“, sagte er leise. 

Linus schüttelte den Kopf. „Muss das selbst hinkriegen“, murmelte er. 

„Ja, aber... Wenn du bewusstlos bist, kannst du auch bloß keinen Hilfezauber machen“, meinte er. Er war fertig mit dem Verband. „Ich meine nur... Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir drei. Das is' alles. Es wird sich ja nich' verhindern lassen, dass sich... irgendwann mal wieder einer verletzt, aye?“
 
„Hm.“ Linus vergaß zu nicken. „Danke fürs Verbinden.“ 

„Kein Ding.“ Horatio klopfte ihm noch kurz auf die Schultern, denn erhob er sich vom Bett und ging zu seinem eigenen. „Du bist so ein Lutscher. Irgendwer muss es doch machen.“ 

Er schaffte es tatsächlich, kurz zu lächeln, als er sich wieder unter die Bettdecke verzog.
„Kannst du das Fenster ankippen?“ 

„Klar“, sagte Horatio und machte das auch noch, bevor auch er sich einkuschelte.

„Danke.“ 

„Kein Thema.“ 

„Gute Nacht.“ Linus drehte ihm den Rücken zu, schaute die Wand an. 

„Gute Nacht.“








Am nächsten Morgen wurden die beiden davon geweckt, dass Lucas auf einmal im Raum stand. Auch ihr Meister sah nicht zu hundert Prozent wach aus, versuchte aber, dies zu verstecken. Horatios erste Reaktion war, sich unter die Bettdecke zu verziehen und irgendetwas zu nuscheln, von wegen, man würde ihnen nicht einmal mehr ihre Privatsphäre lassen. Für Lucas jedoch schien das kein Argument zu sein. Er drängt sie so zu Eile an, dass er kurzerhand Linus' Verband selbst wechselte, ohne, dass Linus dabei ein Mitspracherecht gehabt hätte. 

„Was is' eigentlich?“, fragte Horatio mit Zahnbürste im Mund, als der Verband fast fertig war. 

„Es gibt eine Versammlung im Großen Lesesaal“, antwortete Lucas. Er arbeitete wesentlich schneller als Horatio gestern, aber auch weniger behutsam. 

„Warum so früh?“, fragte er weiter.

Linus warf einen Blick auf seinen Wecker. Es war kurz nach um sechs, also eine halbe Stunde eher als sonst immer. So abartig war es eigentlich nicht, was die Uhrzeit anging. Nur stand in der Regel nicht auf einmal ihr Meister im Zimmer. 

„Der Präsident ist da, es ist wichtig“, sagte Lucas. Er war fertig und stand auf, sodass auch Linus schnell Zähneputzen und sich anziehen ging. 

„Ihr könnt das später machen, ich werde euch danach nicht gleich zum Training schicken.“ Lucas wirkte ungeduldig. 

„Was, anziehen?“

„Nicht anziehen, du Rind“, murrte Linus. „Den ganzen Rest.“ 

Horatio äffte ihn leise nach. Aber immerhin hatten sie es kurze Zeit später geschafft. Lucas war bestimmt zehn Zentimeter größer als Linus. Es war ihm dennoch unklar, wie der Mann so schnell gehen konnte, ohne zu rennen und vor allem, ohne dabei gehetzt auszusehen. 

„Was is' mit Holly?“, fragte Horatio, als sie im Treppenhaus angekommen waren. 

„Frau Kazuko bringt sie mit“, antwortete Lucas und es war die letzte Frage, die er ihnen auf dem Weg beantwortete. 

Kurz vor dem Großen Lesesaal trafen sie dann tatsächlich auf die andere Frau Großmeister und Holly kam zu ihren Teamkameraden. 

„Wisst ihr, was das wird?“, erkundigte sie sich, woraufhin Linus den Kopf schüttelte. 

„Nay. Kein' Dunst. Lucas war aber auch nich' super gesprächig“, antwortete Horatio. "Also, noch weniger als sonst."

„Frau Kazuko hat zumindest Antworten gegeben, aber es hat so gewirkt, als wüsste sie selbst nicht so ganz, was Sache ist, und ihr Team hatte auch keine Ahnung“, sagte Holly. 

„Rein in den Saal mit euch.“ Lucas stand auf einmal wieder bei ihnen und nickte in entsprechende Richtung. Keiner der drei widersprach ihm. 








Ihr Meister hatte nicht gelogen. Es waren nicht genug Sitzplätze für alle anwesenden Leute, denn neben den Großmeistern und deren Schülern schienen auch noch sämtliche restliche Akademieangestellte da zu sein. Und die Presse nahm auch viel Platz weg. 

Doch selbst von seinem Stehplatz aus konnte Linus die Bühne sehr gut erkennen, als es dann still wurde. Zwei Ministerinnen waren da, von denen Linus aber nicht wusste, was sie machten. Dann die Großmeister in den schwarz-goldenen Uniformen der Abteilungsleiter. Obwohl es Linus' Wissen nach vier hätten sein müssen, standen nur drei mit auf der Bühne. In der Mitte, am Rednerpult, stand Tribunus' Präsident, Clément Harrard. Linus hatte ihn noch nie gesehen, zumindest nicht in echt. Nur auf Photos. Auf die Entfernung wirkte er klein. Trotz Rednerpult nicht so wichtig, wie er war. Aber als er dann sprach, wusste Linus, warum er schon zum zweiten Mal gewählt worden war.

Seine Stimme klang ruhig, warm und tief, einlullend, aber nicht einschläfernd. Vor allem war sie kräftig und laut, laut genug, dass man meinen wollte, er würde auch ohne Mikrophon von allen verstanden. Seine Begrüßung waren ein paar knappe Floskeln. Es war das, was er anschließend sagte, das sich von jenem Moment an für immer in Linus' Gedächtnis brennen würde. 

„Meine verehrten Damen, Herren und Andere.“

Im Raum war es still.

„Ich bin an diesem frühen Morgen des achtundzwanzigsten Aprils 6399 hier, um euch und der Miserianischen Union mitzuteilen, dass uns das Hostische Zarenreich um zwei Uhr einundvierzig Ortszeit, den Krieg erklärt hat. Seitdem befinden wir uns im offenen Kampf mit dem Feind.“

Villeneuve hatte aufgehört zu reden. Der Wissenschaftler aus den Laboren der Akademie hatte sehr laut und vor allem sehr viel geredet, ungefähr so lange, bis Laurence und Lucas ihn synchron mit einem ernsten Blick genug eingeschüchtert hatten. Daraufhin hatte er den Mund gehalten. Offenbar schien er sogar darauf bedacht, leise zu atmen. Dieser Mann war wie die naturwissenschaftliche Ausgabe von Duval, leider aber etwas sportlicher.

„Sie hatten erwähnt, Sie wären schon einmal bei Milana gewesen?“, erkundigte sich Laurence, als sie drei im Fahrstuhl standen und Villeneuve betreten gen Boden schaute.

„Einmal“, antwortete Lucas. Sein Blick führte gerade an die Wand, jedoch an Laurence vorbei, das bemerkte sie. Es störte sie, aber sie hatte genug Respekt vor ihm, ihn nicht darauf aufmerksam zu machen. „Vor zwei Monaten. Kurz mit Frau Nefeli.“

Laurence nickte. „Dann wissen Sie Bescheid.“

„Ja.“

Sie hörte an seinem Tonfall, dass er es nicht gut fand, befürwortete allerdings sein Schweigen. Die Labore der Akademie waren kein Ort für Meinungen. Nur für Fakten. Es war von Anfang an nur relevant gewesen, ob die Wissenschaftler das Projekt realisieren konnten und wie das von Statten gehen sollte. Mehr war nicht interessant gewesen.

Der Fahrstuhl kam unten an. Villeneuve holte seinen Schlüssel hervor, damit sie durch die Sicherheitsvorkehrungen hindurch kamen.

„Wie steht es um die Botschaften?“, war es diesmal tatsächlich Lucas, der zuerst die Stimme erhob.

„Was meinen Sie?“, fragte Laurence. Villeneuve brauchte ihr zu lange.

„Sie scheinen die Presse zurückgehalten zu haben“, behauptete Lucas. „Über den Anschlag auf die Hostische Botschaft vorgestern.“

„Hostis hatte seine Botschafter am Morgen des achtundzwanzigsten abgezogen. Es war unerwartet, dass das Reich so schnell reagiert hat, aber es war besser so“, informierte sie ihn.

„Ein paar Tote weniger“, sagte Lucas trocken. Da Laurence ihrerseits darauf nichts erwiderte, redete er nach einem Moment der Stille weiter. „Irgendwelche Zahlen über Avasikuu?“

„Damit beschäftige ich mich nicht.“ Wenn sie es ignorierte, dachte sie weniger darüber nach. Das störte sie nur bei der aktiven Ausführung ihres Berufs. Da sie nicht selbst in der Nacht vom siebenundzwanzigsten auf den achtunzwanzigsten April in Avasikuu gewesen war, interessierten sie ganz andere Dinge, die Stadt betreffend. Die Regierung hatte sehr schnell den Rückzug eingeschlagen und baute ihr Quartier in Lakejew wieder auf, weit im Norden. Strategisch ein viel besserer Punkt als Avasikuu, das dem Angriff nicht hatte standhalten können, nachdem die Eistore gefallen waren. Die berüchtigten Eistore von Avasikuu, ja. Letztendlich hatten sie der Stadt nicht viel gebracht, außer ein paar Stunden mehr zur Evakuierung. Laurence' Abteilung hatte mit der Prognose Recht behalten, dass die Tore mehr Einschüchterung, Show waren, denn tatsächlich ein mächter Verteidigungswall.

Da die Provinz Halowkintrakaij mit seiner Hauptstadt Avasikuu als einzige Provinz in Miseria zwei Clans beherbergte, mussten deren Clananwesen vom Militär gesichert werden, ehe die Stadt als besetzt galt, doch genau das war noch nicht geschehen. Laurence missfiel das, aber da sie nicht selbst vor Ort war, konnte sie wenig daran ändern. Irgendjemand – und Laurence hatte auch einen Verdacht, wer das gewesen war – hatte beide Gebäude so mit Flüchen vollgesetzt, dass ein Vorankommen beinahe unmöglich war, zumal sie nicht allzu viele Großmeister in Avasikuu stationieren konnten. Sie mussten vorankommen, um die nächsten beiden wichtigen Städte einzunehmen, solange der Großteil des hostischen Militärs sich von den Iliarys aus noch nicht neu formatiert hatte.

„Ah, da sind Sie ja!“, begrüßte Nefeli die drei, als sie in entsprechendem Labor angekommen war. „Guten Morgen, Laurence. Freut mich, Sie zu sehen, Lucas.“

Die drei verneigten sich kurz voreinander. Nefeli nickte Villeneuve zu, der schnell in einen der Seitenräume verschwand.

„Ihr armen Beiden, habt Präsident Harrard ganz knapp verpasst. Der ist vielleicht vor zwanzig Minuten weg.“ Lucas reagierte nicht. Laurence auch nicht, obwohl Nefeli ihr zuzwinkerte. Es war nicht zufällig, dass sie ihn verpasst hatten, immerhin war sie um jeden Tag froh, an dem sie ihn nicht sehen musste. „Mal zur Nachfrage, ihr zwei seit nur hier, um sie kurz anzuschauen, nicht wahr?“

„Begutachten“, antwortete Laurence. Lucas war nicht freiwillig hier, sie hatte ihn einfach mitgenommen. Sie beiden waren nicht unbedingt einer Meinung, aber sie schätzte sein Können und respektierte ihn aufgrund seines Alters und seiner Erfahrungen. Es wäre dumm, das nicht zu tun.

„Dann ist gut, viel Zeit zum Erklären habe ich nämlich nicht“, sagte sie. „Ich werde mich jetzt kurz mit Milana unterhalten und in der Zeit schaut ihr zu, aber ich muss dann noch einen Bericht fertig schreiben und ihn an die Regierung schicken, Harrard will ihn heute haben.“

„Wollte er ihn nicht bis nächste Woche?“, erkundigte sich Laurence.

„Ja, ja.“ Nefeli seufzte leidend. „Ja, aber er hat sich heute spontan umentschieden. Unser lieber Präsident.“ Dann winkte sie die beiden hinter sich her, bis sie vor einer großen, verspiegelten Fensterscheibe standen. Der Raum dahinter war größtenteils leer. Es gab zwei Türen, eine mit doppeltem Sicherheitsraum davor, die hinein und hinaus führte, und eine in ein kleines Bad. Es war ein Schrank da, ein Schreibtisch, ein Bett. Alles weiß, alles ordentlich. Hätte Milana normalmenschliche Verhaltensweisen, würde Laurence es für nicht zulässig halten, aber die Frau hatte bisher noch nie groß Reaktionen auf ihr Umfeld gezeigt. Sie wirkte wie ein Fremdkörper.

Milana saß auf ihrem Bett und rührte sich nicht. Obwohl ihr Umfeld so weiß war, sah sie aus wie ein Gespenst, das nicht in diese Welt gehörte, und in gewissem Grad entsprach das sogar der Wahrheit. Sie war groß, mit dunklen Augenringen und fahler Haut, die langen, dunklen Haare unordentlich im Nacken zusammen gebunden. Nefeli hatte den Raum jetzt betreten und redete leise mit ihr. Manchmal sagte Milana ein Wort, manchmal bewegte sie sich. Doch die meiste Zeit über reagierte sie gar nicht.

Laurence bemerkte, dass Lucas' Blick ebenso an ihr hing, aber sie wusste nicht, ob er das, was er sah, überhaupt registrierte und verarbeitete. Ihr war bewusst, dass es schwer für ihn sein musste, jedoch konnte sie auf seine Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen.

„Die Schüler“, sagte er dann. Laurence warf ihm einen fragenden Blick zu. „Die Schüler im Einsatz. Kam die Idee von Ihnen?“

„Nein“, antwortete sie bestimmt. „Ich war dagegen.“ Aber ihre Meinung zählte nicht, das wusste sie. Selbst ihr Argument, dass Tribunus in spätestens hundert Jahren keine Magier haben würde, wenn die Regierung weiter so machte, hatte nur wenig interessiert. „Je mehr Magier wir zu Verfügung haben, desto schneller haben wir alles hinter uns gebracht.“

„Ihre Worte oder die von Präsident Harrard?“, fragte Lucas kühl.

„Ich vertrete die Akademie vor dem Parlament und das Parlament vor der Akademie“, sagte sie. „Meine eigenen Worte sind außerhalb von Konferenzsälen unnötig. Außerdem war das ein Fakt.“ Sie betrachtete den alten Magier aus dem Augenwinkel.

Dieser nickte. Sein Blick hing immer noch in Milanas Zimmer, aber weder betrachtete er diese oder Nefeli noch hörte er ihnen zu. „In dem Fall bitte ich um Entschuldigung. Es fällt mir nur schwer zu glauben, dass es Menschen gibt, die das gutheißen.“

„Sie sind alt“, sagte Laurence. Auch sie schaute geradeaus. „Sie kennen das doch aus vergangenen Kriegen.“

„Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich nicht“, sagte er. „Kam die Idee mit dem Streichen der Theoriestunden von Ihnen?“

Laurence nickte. „Ein Kompromiss, eine Ausrede, was auch immer.“ Sie winkte ab. „Ich kann nicht voraussetzen, dass die Großmeister mit ihren Schülern mehr machen, als sie angewiesen sind, aber ich finde es gut, dass Sie das auf sich nehmen.“

„Ich habe die Kinder lieber lebendig als tot.“

Laurence schaute zu Milana.

„Was haben Sie gestern gemacht, Milana?“ - „Mein Sohn. Ich...“ Eine kurze Pause, Kopfschütteln. „Er hat Geld gebraucht für seine Klassenfahrt im Sommer. Ich musste einen Antrag schreiben, ich... Ich konnte – mein Mann hat das gemacht. Ich will nicht, dass mein Sohn nicht auf Klassenfahrt kann, wissen Sie? Geld. Geld sollte nicht sein Leben bestimmen. Er ist doch noch ein Kind.“

Laurence konzentrierte sich auf das Gespräch zwischen Nefeli und der gefangenen Frau. Diese schaute die Wissenschaftlerin nicht an, stattdessen sah sie auf den Boden.

„Hat sie wirklich einen Sohn?“, fragte Lucas.

Laurence winkte Villeneuve heran und ließ sich vom den die Akte aushändigen.

„Höchstwahrscheinlich. Ihren Worten nach ist er zehn und sie erzählt immer die gleiche Geschichte, aber erst seit drei Monaten. Als wäre es ihr wieder eingefallen.“

„Wie lange ist sie hier?“

„Elf Jahre“, antwortete Laurence. „Wir sind durchgegangen. Der Suna-Clan ist offiziell immer noch ausgestorben, Hostis hat nichts bekannt gegeben. Aber selbst wenn wieder Mitglieder aufgetaucht sind und sie davon wissen, es wäre nicht das erste Mal, dass wir Dinge von dort nicht mitbekommen.“

„Aber sie ist... definitiv ein Clanmitglied?“ Lucas' Stimme war leise geworden. Kein Wunder, durch sein Alter war er vermutlich der einzige lebende Mensch, der noch Mitglieder dieser Familie getroffen hatte.

„Ja, definitiv. Der Raum ist extra gesichert, damit sie sich nicht heraus teleportieren kann.“ Dauerhaft Magie abbinden ging nicht. Der Schaden, der am Körper verursacht wurde, war zu groß.

„Milana ist seit elf Jahren hier, von daher kann das Alter ihres Sohns nicht aktuell sein“, redete sie weiter.

„Sie sind dem nachgegangen?“, erkundigte sich Lucas. Sein Blick hing immer noch an der Frau in dem Zimmer.

„Selbstverständlich“, sagte sie. „Diese Art von Fähigkeiten kann man als Regierung nicht nicht bemerken, vor allem den A-Typ. Der ist auffällig und zerstört.“ Sie machte eine kurze Pause, um Lucas Zeit für eine Reaktion zu geben, doch die kam nicht. „Ihr Sohn müsste mindestens einundzwanzig sein. Wenn die Regierung von ihm weiß, ist die Chance, gemessen am Fähigkeiten- und Energiegrad seiner Mutter, sehr hoch, dass auch er im Militär ist.“ Im Gegensatz zu Tribunus bestand der Beitritt von Magiern im hostischen Militär nicht auf 'freiwilliger' Basis. Es gab für Magier und Zauberer gar keinen anderen Weg.

„Also haben sie nach einem starken Zauberer dort gesucht?“, erkundigte sich Lucas.

Laurence nickte. „Und niemanden gefunden. Zumindest nicht in dem Jahrgang.“

„Aber außerhalb?“

„Ja“, stimmte sie ihm erneut zu, schlug die Akte auf und reichte sie ihm. „Sein Name ist Vilis Herada. Sechsundzwanzig Jahre alt, als Zauberer eingetragen. Er passt außerdem in die Clanoptik.“ Bleich, dunkle Haare, grüne Augen. Groß, kräftig gebaut. Einmal alle vier Jahre gab es die sogenannten Kongressbälle, ein internationales Meeting der Regierungen, bei dem haufenweise Magier anwesend sein mussten. „Er ist mir letztes Jahr zum Kongressball bereits aufgefallen, aber ich hatte mich nicht weiter damit befasst.“

„Wenn das wahr ist“, begann Lucas langsam. „Dann wird Harrard es nicht schaffen, den Krieg bis September zu beenden.“

„Es ist ein geheim gehaltener Magier. Ein einziger“, sagte Laurence. „Es hilft sehr, vorbereitet zu sein.“

„Oberst ist ein hoher Rang für einen jungen Menschen.“ Lucas überflog mit seinem Blick das Geschriebene. „Selbst in Hostis.“

„Er wurde genau am Tag vor Sysdale befördert.“

Lucas schaute auf.

„Das ist noch nicht einmal das Interessanteste an der Geschichte“, erzählte sie weiter. „Durch den Kongressball weiß ich, dass er dem derzeitigen Zaren von Hostis sehr nahe steht. Die beiden pflegen eine enge Freundschaft. Und seit dem letzten Gespräch mit ihrem Schüler“, Laurence sah an Lucas' zuckendem Augenlid, dass sie seine Meinung zu Horatios erneuter Befragung ignoriert hatte, „weiß ich, dass er eine langjährige Beziehung hatte. Mit Ophelia Crayfish.“

Lucas' Mimik entspannte sich. „Das ist in der Tat interessant.“ Er blätterte weiter in der Akte und fand offenbar die Informationen, die sie zu Horatios Schwester hatten.

Laurence hatte auch sie auf dem Kongressball gesehen, wenngleich sie weder mit ihr noch mit Milanas vermutetem Sohn geredet hatte.

„Auch wenn ich das Gefühl habe, dass uns immer noch ein wichtiges Puzzleteil fehlt“, sagte sie. „Wenn es so wäre, dass Frau Ophelia und Milanas Sohn in einer Verschwörung steckten, um Prinz Alexeij auf den Thron zu bringen, wäre ich zufrieden. Aber entweder, sie haben das ohne Absprache mit Alexeij gemacht oder es war etwas ganz anderes, denn wenn Alexeij eines nicht wollte, dann auf den Thron kommen. Dann hätte er Verantwortung und ich habe selten einen Menschen erlebt, der sich mehr vor Verantwortung scheut als er.“

„Hm.“ Sie sah Lucas an, dass er kurz nachdachte. „Wenn Ophelia ebenso verbunden mit ihrem Land ist wie ihr Bruder, dann wird sie vermutlich für die Inseln ihre Finger im Spiel gehabt haben, oder? Befreiung von der Monarchie, von der Unterdrückung Hostis'?“

„Es hat die Inseln in eine Krise gestürzt, es gab Zustände in Sheffwall und Sysdale, die bereits bürgerkriegsähnlich waren“, behauptete Laurence. „Warum sollte sie ihr heiß geliebtes Land in einen Bürgerkrieg stürzen wollen?“

Lucas zuckte mit den Schultern. Offenbar hatte er auch keine Antwort darauf.

Laurence hatte den Gedanken bereits gehabt, dass sie darauf hoffen könnte, dass Alexeij die Zustände in ihrer Heimatprovinz änderte. Dass er Dinge zum Besseren der Iliarys wendete, etwas, das Nikolaij in seinen fünfzehn Jahren Amtszeit nicht geschafft hatte. Aber den Gedanken sprach sie nicht aus. Dafür musste sie noch mehr herausfinden.

„Frau Laurence?“, hörte sie Nefelis Stimme über den Lautsprecher. Auch Lucas schaute auf. „Milana möchte mit Lucas Wolf reden.“

Sie schaute zu dem Magier neben sich, dessen Mimik sich nicht geändert hat. Sie hatte eben gehört, dass Nefeli Lucas erwähnt hatte, dennoch irritierte sie die Angabe. Milana hatte bisher nie mit irgendwem außer Nefeli gesprochen und das auch noch nicht seit langem. Nie hatte sie nach jemand anderem gefragt.

„Sie haben meine Genehmigung“, teilte sie Lucas mit.

Dieser nickte, sagte aber nichts. Stattdessen gab er ihr die Akte zurück und setzte er sich in Bewegung zum Eingang, wo er sich einweisen ließ. Laurence musterte weiterhin Milana im Raum, die die Füße baumeln ließ. Ihr Gehirn war nicht mehr als ein Stück Gemüse. Konnte sie tatsächlich mit Lucas' Namen etwas anfangen?

Ein paar Minuten später trat er ein. Er trug, genau wie Nefeli, die weiterhin im Raum stand, Schutzkleidung. Da Milana die Magie eben nicht komplett abgebunden werden konnte, mussten die Wissenschaftler hier in den Laboren alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass sie irgendjemanden verletzte.

„Frau Milana Suna“, grüßte Lucas die Frau, verneigte sich leicht.

Milana starrte ihn an, erwiderte den Gruß allerdings nicht.

Er trat einen Schritt zurück, nickte zum Stuhl. „Darf ich mich setzen?“

Ihr Blick folgte seiner Kopfbewegung, dann nickte sie langsam. Lucas setzte sich. Eine gute Methode, wie Laurence fand, denn nun war er mit der Frau auf Augenhöhe.

„Was wollen Sie mir sagen, Frau Milana?“, erkundigte er sich. Sie starrte ihn weiterhin an, aber sie sagte nichts. Laurence schaute zu Nefeli, die nicht weit entfernt an der Wand stand und aufmerksam beobachtete. In der Regel hatte sie die Angewohnheit, mit dem Stift auf dem Klemmbrett herum zu klopfen, oder aber die Kugelschreibermine stetig hinein und wieder hinaus zu drücken, doch heute konnte sie sich gut genug kontrollieren, das zu unterlassen.

„Kennen Sie die Ewigkeit?“, fragte Milana schließlich nach mehreren Minuten, nach denen Laurence schon gedachte hatte, sie würde doch nur weiter schweigen.

Lucas schüttelte den Kopf. „Ich war noch nie dort, nein.“

„Hm, hm.“ Milana wiegte den Kopf leicht hin und her, schaute kurz an die Decke. „Ich habe von Ihnen gehört, Lucas. Ich soll Ihnen Grüße ausrichten, wurde mir gesagt, wenn ich sie treffe.“

Sie griff nach Lucas Händen. Er zuckte zuerst zurück, ließ es dann aber geschehen. Wenn er angespannt war, ließ er es sich nicht ansehen.

Laurence wusste nicht, woher Milana die Ewigkeit kannte. Wenn sie mit „Ewigkeit“ überhaupt die Insomnia meinte, jene Welt in die man nach dem Tod eintrat, bevor man in die Erlösung kam. Lucas würde keine Erlösung finden, sollte er sterben. Einer der Nachteile eines Geisterfluchs.

Milana beugte sich zu Lucas vor. Sie sprach leise, flüsterte fast. „Ich habe Ewa getroffen, Lucas.“ Lucas' Hände verkrampften sich. „Und ich soll Sie von Ihrer Tochter grüßen.“







Laurence hätte gern noch etwas aus Lucas herausbekommen, aber es war noch schwerer gewesen, ihn zum reden zu bringen, als sonst. Sie hatte es nicht gutheißen wollen, konnte es aber doch nachvollziehen. Die eigenen Kinder waren die größte Schwachstelle, das wusste sie.

Nefeli hatte noch arbeiten müssen. Die gegebenen Informationen waren für sie von solchem Interesse gewesen, dass sie Laurence nicht wirklich hatte aufklären können. Auch das missfiel ihr. Sie wollte nicht, dass ihr Informationen vorenthalten wurden. Da aber auch sie einen langen Arbeitstag gehabt hatte, beließ sie erst vorerst dabei und würde eben beim nächstbesten Augenblick nachhaken.

Lucas Wolfs Tochter war kurz vor der Jahrhundertwende in der Psychiatrie von Origo verstorben, das war das einzige, was Laurence wusste. Woher wusste Milana davon, wenn sie sonst nichts wusste, was Miserias Geschichte betraf? Bisher hatte sie sie nicht über andere Personen reden hören, außer die Erwähnung von ihrem Sohn und einmal von ihrem Mann.

Aber für heute würde sie Feierabend machen. Sie war schon viel zu lange auf den Beinen und da ohnehin alles bis morgen warten musste, war es auch keine Schande, nach Hause zu gehen. Zuerst musste sie aber noch einmal in ihr Büro. Sie hatte Unterlagen zu holen und da sie auf dem Weg zu ihrem Haus am Justizpalast vorbei kam, konnte sie die dort auch noch vorbei bringen. Als sie jedoch eintrat und den Mann entdeckte, der auf ihrem Schreibtischstuhl saß, verging ihr die Lust, überhaupt noch etwas zu machen.

„Nefeli erzählte, du wärst schon gegangen“, sagte sie kühl und ging, ohne ihn weiter zu beachten, zu ihrem Tisch, um die Papiere zu holen und in einen Umschlag zu stecken.

Der Mann lehnte sich zurück. „Ich habe es mir anders überlegt, habe meine Leibwächter nach Hause geschickt. Die haben wirklich schon viel zu lange gearbeitet und...“

„Und da hast du dir gedacht, da wir uns so schrecklich lange nicht gesehen haben, könntest du das machen, schon klar.“ Sie suchte ihren Füller, um die Umschläge zu beschriften. Als er ihr gereicht wurde, fühlte sie sich beinahe gezwungen, aufzuschauen.

„Wir haben uns wirklich lange nicht gesehen“, sagte er. „Zumindest nicht privat und einmal ganz davon abgesehen, wüsste ich nicht, welcher Magier in unserem Militär aufmerksamer wäre als du, Laurie.“

„Du bist ein paar Jahre zu spät, Clément“, sagte sie und nahm den Füller an. Sie wusste nicht, wie der Präsident es in ihr Büro geschafft hatte, ohne, dass ihn sein Geschwader von fünf Milliarden Bütteln gefolgt war, aber an diesem Punkt war es ihr auch egal.

Clément Harrard seufzte. „Bin ich wohl, ja.“

„Was ich mich frage“, Laurence schrieb extra langsam, um ihn nicht anschauen zu müssen, „ist, was du hier machst, wenn du auch Interviews geben oder an unserem Problem im Norden sitzen könntest.“ Sie legte ihren Füller zurück und packte den Brief ein.

„Genug mit der Presse geredet für heute und arbeiten kann ich von zu Hause.“ Er winkte ab. „Wie geht es Monique?“

Laurence machte ihn nicht darauf aufmerksam, dass er sich auch durchaus selbst bei ihr melden konnte. „Wie wohl? Du hast ihren Freund in den Krieg geschickt“, teilte sie ihm mit. „Sie hat vor, sich für das Lazarett freiwillig zu melden, sobald ihr Semester vorbei ist.“ Ihre Stimme war zu entnehmen, dass es ihr nicht gefiel. Aber ihre Tochter war erwachsen und konnte selbst entscheiden, was sie machte.

„Und Albert?“

Sie hatte gewusst, dass er das als nächstes fragen würde, aber sie reagierte darauf nicht. Sie ging zur Tür, hielt sie ihm auf. Clément erhob sich nur sehr langsam und ließ sich Zeit.
„Kümmert sich immer noch das gleiche Mädchen wie damals um ihn? Wie hieß sie noch gleich? Shosette?“

„Shosanne“, korrigierte Laurence. „Ihm geht es blendend. War erkältet im Winter, aber hat es überstanden.“ Sie könnte fragen, wie es Cléments Schwester ging, doch das wäre unnötig. Im Gegensatz zu ihm hielt sie Kontakt zu Leuten, die ihr etwas bedeuteten.

„Das freut mich.“ Er lächelte, als er an ihr vorbei ging, blieb aber stehen, um zu warten, bis sie die Tür abgeschlossen hatte. „Du warst vorhin mit Lucas Wolf unten. Was hat er gesagt?“

„Das kannst du dir vorstellen“, sagte sie und ging voran. Sie überlegte, ihm von der Sache mit Milana zu erzählen, mit der Insomnia und Lucas' Tochter. Aber sie ließ es bleiben. Er würde ihr Fragen stellen, die sie nicht beantworten konnte, und darauf hatte sie keine Lust. Nefeli würde mehr dazu herausfinden und einen Bericht schreiben, spätestens dann würde er es ohnehin erfahren.

„Hm, eigentlich Schade“, meinte Clément, während die beiden zusammen den Gang zum Fahrstuhl entlang gingen. Sobald sie unten angekommen waren, würde er sein Geschäftsgesicht wieder aufsetzen und niemand würde erahnen, dass sie zwei sich privat schon lange kannten. „Uneigentlich ist seine Meinung recht egal, solange er macht, was wir verlangen.“

„Sehe ich auch so“, stimmte sie ihm zu.

Der Präsident warf einen Blick auf seine Taschenuhr und sie schwiegen einen Moment lang. Der Fahrstuhl kam an. „Weißt du, Laurie“, sagte er dann beim Eintreten, unterbrochen von leisem Seufzen. „Ich weiß, du bist stark. Aber mir ist unwohl bei dem Gedanken, dass du ab Juni weg bist.“

Laurence' Gesichtsausdruck blieb unverändert. Eigentlich hatte sie gesagt, sie wäre gleich ab Ende April mit in Hostis. Jetzt wusste sie, warum man das ignoriert und lieber Sophie geschickt hatte.

„Du kannst mich nicht zehn Jahre lang ignorieren und dann ankommen, als wäre nichts gewesen“, sagte sie kühl, ohne ihn anzuschauen, auch wenn sie seinen Blick ganz genau spürte. Sie erwartete ein „Ich war beschäftigt“, aber stattdessen schwieg er und da sie gleich darauf unten ankamen, um zum nächsten Fahrstuhl zu laufen, redete er ohnehin nicht weiter mit ihr. Das war schon immer so gewesen, schon bevor er „jüngster Präsident von Tribunus und der Miserianischen Union“ geworden war. Aber sie sollte sich nicht weiter den Kopf über ihn zerbrechen. Sobald sie heute Feierabend hatte, würde sie einfach wieder zusehen, dass sie ihn privat nicht zu Gesicht bekam, dann war alles in Ordnung. Ab Juni wäre sie in Hostis. Wenn sie sich selbst belog, war sie sich sicher, dass ihr die Kälte des Nordens derzeit am liebsten wäre.

Linus war schlecht. Nicht übel, nicht zum Brechen. Eher wie nach dem Ende einer guten Horrorgeschichte, eine Art unwohle Leere. Nur, dass das hier Realität war – Wirklichkeit. Er wollte das nicht wahrhaben.

„Und?“ Am Haupteingang der Akademie warteten Horatio und Holly auf ihn; letztere schaute ihn aufmerksam an. „Irgendetwas Neues?“

Linus fragte sich, wie viel er Holly antworten durfte, ohne die Stimmung komplett in den Keller zu ziehen. „Meiner Mutter geht es gut“, antwortete er also. „Sie geht nach Sandenfall zu Verwandtschaft. Für den Fall der Fälle. Grüße im Übrigen.“

Die beiden nickten. Horatio hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Gehen wir? Ich steh mir noch die Beine in den Bauch.“ Er winkte die beiden anderen hinter sich her.

„Und was ist mit deinem Vater?“, fragte Holly nach. „Kommst du zu ihm durch?“

Linus schüttelte den Kopf. „Die Zivilwellen sind komplett dicht. Ich... habe keine Ahnung, was mit ihm ist und wo er steckt.“ Er hoffte darauf, dass er einfach nur in Rantastala in der Bibliothek hing und das tat, was er immer tat. Als tribunischer Staatsbürger auf 'feindlichem' Boden.

„Hm.“ Holly klang höchst bedrückt, als sie endlich Horatio folgten, der unruhig wirkte. „Das tut mir Leid.“

Linus wollte nicht bei ihr nachfragen. Es würde unhöflich wirken, würde er es nicht machen, aber das war nicht der Grund, weshalb er es trotzdem tat. Holly verdiente Interesse. Es war nicht hundert Prozent ehrlich, aber sie legte Wert auf allgemeine Höflichkeit und es half ihr. „Bist du zu deiner Familie durchgekommen?“

Sie schüttelte betreten den Kopf und seufzte. Linus wollte nicht darüber reden, aber er glaubte, dass es ihr gut tat. „Ich weiß nicht. Ich gehöre zu einem Clan, so gesehen sind wir gar keine Zivilisten“, redete sie weiter. „Aber ich glaube, das interessiert niemanden. Horatio, bei dir sieht es doch auch nicht anders aus, oder?“

Linus presste die Lippen zusammen und versuchte nicht zu ihm zu schauen. Es misslang.

Horatio sah kurz zu Holly, ehe er mit den Schultern zuckte. „Ja, keine Ahnung, weiß nich', is' doch egal“, sagte er dann.

„Es kann dir doch nicht...“

​​​„Kann es sehr gut, doch, danke.“ Er hörte sich sehr gereizt an dabei.

„Ich wollte nur fragen“, murrte Holly. „Wenn der weiter so macht, kaufen wir dem kein Geburtstagsgeschenk“, fügte sie dann leise an Linus gewandt hinzu. Er war sich sicher, dass Horatio es trotzdem hörte.

Linus lächelte sehr knapp, schwieg. Er hätte für seine Kameraden gern irgendetwas besser gemacht, aber er wusste nicht wie. Sie sahen nichts von der Front, aber sie hörten mehr als genug. Innerhalb weniger Tage war Avahall an Tribunus gefallen, sowie Kanahamn. Die beiden Städte waren wichtig, das hatte sich Linus mithilfe der Karte erklären können. Durch ihre Besetzung war der Westen des Nordkontinents gesichert und die tribunischen Einheiten konnten nach Kuuringrad vordringen, was wiederum von großer Bedeutung war, um nach Lakejew zu gelangen. Lakejew war Endziel. Die Regierung war aus Avasikuu geflohen und hatte sich dort in der Festung verschanzt. Aber Tribunus wartete noch. Linus hatte gehört, dass sie erst noch den Osten sicherstellen wollten, ehe sie sich um die verlegte Hauptstadt kümmerten. Jargo, das an einer Meerenge lag, ähnlich wie Sysdale im Westen, würde das nächste Ziel darstellen. Danach Empä, die Hauptstadt jener Provinz, in der sich Linus' Vater gerade aufhielt.

Linus war schlecht.




„Denkst du, dass das reicht?“, erkundigte sich Holly und schaute in den Einkaufswagen.

„Das Essen oder unser Geld?“, fragte Linus gegen.

„Ich weiß nicht. Beides?“ Er holte die Einkaufsliste hervor und begann, noch einmal alles durchzugehen. „Muss da wirklich so viel Schokolade rein?“

„Sicher. Horatio inhaliert das doch.“ Sie kicherte vorfreudig.

Horatio hatte natürlich zigfach betont, dass sie ihm nichts zum Geburtstag zu schenken brauchten, aber als Freunde hatten sie das selbstverständlich so nicht akzeptieren können. Also bekam er von ihnen einen richtig großen Kuchen. Immerhin hatte Linus auch etwas von seinen Kameraden bekommen, als er Anfang April siebzehn geworden war. Holly würde dann Ende September älter werden. Wenn ab Anfang Juni alles gut verlief, waren sie bis dahin vielleicht wieder zurück in Rubrica.

Während sie einkaufen waren, hatten sie Horatio in die Nachbarläden geschickt. Er konnte vermutlich erraten, was sie machten, aber es ging dabei ein wenig ums Prinzip.

Holly und Linus bezahlten, dann gingen sie hinaus. Es war nur gut fünfzig Meter bis zum Akademiegelände und dann noch einmal hundert bis zum Eingang. Im Moment hatten sie nur wenig Freizeit und hielten sich in dieser in der Regel in der Nähe ihrer Schule auf.

Als sie jedoch ihren Kollegen entdeckten, ließen sie beinahe ihre Einkaufstüte fallen. Horatio stand neben einem Polizisten und einer Gruppe fremder Jugendlicher, an der Ecke dreißig Meter entfernt. Trotz dessen ließ sich erkennen, dass Horatio sich die Hände ins Gesicht hielt und offenkundig versuche, sein Nasenbluten zu stillen.

„Kannst du das kurz allein tragen?“, fragte Holly hektisch. Kaum, dass Linus genickt hatte, drückte sie ihm auch schon ihren Beutel in die Hand und rannte anschließend los. Er wäre gern schneller gelaufen, aber die Tüte war so dick, dass er Angst hatte, sie würde reißen.

Die Jugendlichen zogen schließlich ab, kamen Linus entgegen. Er wäre gern ausgewichen und redete sich ein, dass sie vor dem wachen Auge des Gesetzes nichts machen würden, aber seinem Körper war das egal. Er spürte seine Atmung schneller werden und wie ihm warm wurde. Er schaute keinen der vier an.

„Dass ehrliche Magier mit solchen zusammenarbeiten, eh“, ächzte einer von denen. Linus wusste, dass er ihn anschaute.

„Wenn der Kerl wenigstens nicht so dumm wie Brot wäre“, feixte ein anderer. „Schade, ist er Magier, hat die Nase bestimmt morgen wieder ganz.“

„Vielleicht finden wir ihn nochmal ohne Polizei“, sagte wieder ein anderer. „Dann wird es lustig.“

Ihre Stimmen entfernten sich. Linus lief einen Schritt schneller, um bei seinen Kollegen anzukommen. Der Polizist war bereits wieder gegangen.

„Linus, Linus!“, rief Holly. „Du musst das machen, du solltest heilen!“

Horatio versuchte sich immer noch am Heilzauber, doch es klappte nur ganz kurz. Gleich darauf hörte Linus wieder dieses widerliche Knacken, als seine Nase erneut brach. Er ächzte vor Schmerz und murrte irgendetwas auf Iliarisch, woraufhin Holly sehr säuerlich etwas in der gleichen Sprache erwiderte.

„Jetzt mach schon!“, sagte sie zu Linus, der ihr die Tüte in die Hand drückte.

Horatio wedelte mit den Händen. „Lass es.“

„Du merkst doch selbst, dass du das nicht schaffst“, meinte Holly.

Linus wusste nicht, ob er jetzt machen sollte oder nicht und fragte sich, ob er sich lieber mit Holly oder mit Horatio anlegte. „Es geht schnell“, sagte er also mit dünner Stimme zu seinem Zimmergenossen.

„Jetzt hört doch auf, mir auf die Nerven zu gehen, nay heißt nein, es is' nur'n bisschen Blut aus der Nase! Fatum eh“, ächzte Horatio und hielt Linus' Handgelenk fest. Linus vergaß in der Regel, dass Horatio um Längen mehr Kraft hatte als er.

„Reiß dich doch mal zusammen“, sagte Holly scharf, woraufhin Horatio großzügig die Augen verdrehte. Am liebsten hätte sich Linus in Luft aufgelöst.

„Kümmert euch um euren eigenen Kram“, sagte Horatio noch, ehe er Linus von sich stieß, sich umdrehte und zur Akademie stiefelte.

Holly wirkte, als wollte sie ihm hinterher, doch von Linus kam ein leises „Lass es“, dass sich anfühlte, als würde es gar nicht von ihm selbst kommen.

„Warum will er sich nicht helfen lassen?“, fragte Holly. Linus wusste nicht, ob sie verzweifelt oder schlecht gelaunt war. Obwohl er eine Vermutung hatte, sprach er sie nicht aus. „Ich habe überhaupt keine Lust, noch irgendetwas für ihn zu machen“, schnaubte sie. „Ich kann es nicht ab, dass dieser Vollhorst alles in sich hinein frisst und es dann an uns auslässt. Kannst du nicht mal... Ach nein, du redest ja nicht. Fatum verdammt!“

Sie lief weiter, allein mit der Tüte. Linus folgte eilig. „Packen wir das Zeug in den Kühlschrank?“

„Das hat nichts mit dem Thema zu tun.“

Er spürte seine Wangen warm werden. „Ja, aber, ich... Ich meine, es soll nicht schlecht werden, oder?“

Holly seufzte. „Ja, aber...“ Sie blieb wieder stehen und schaute zu ihm auf. „Im Ernst, kannst du nach Horatio schauen? Dich lässt er eher durch als mich.“

Ein schiefes Lächeln zuckte über ihm über die Lippen. „Warum auch immer.“

Obwohl sie ihm einen schiefen Blick schenkte, sagte sie nichts dazu. „Wir müssen im Team arbeiten. Wenn wir uns untereinander nicht absprechen und nicht kennen, wird das nichts, das ist eigentlich nicht so schwer.“

Mit einem langsamen Nicken nahm Linus Holly den Einkaufsbeutel ab. „Ich... rede nachher mit ihm.“ Oder so ähnlich. Eigentlich hatte sie Recht, er wollte wirklich nicht reden. Aber er wollte auch nicht, dass es ihm oder Holly oder sonst jemandem schlecht ging.





Tatsächlich war es Horatio, der zu ihm kam.

Linus war zurück ins Zimmer gekommen, um ein paar Unterlagen zu den letzten Stunden, vor allem den siegellosen Zaubern, zusammen zu kratzen. Dass man für Zauber ein Blutsiegel, in der Regel in Form einer Zahl brauchte, das wusste Linus schon lange. Ein paar von ihnen brauchten mehr als nur das, vor allem Flüche, aber da diese ohnehin illegal waren, würde Linus die wohl nie beherrschen.

Letzte Woche hatte er gelernt, dass einfachere Zauber auch ohne Siegel funktionierten. Eigentlich war das eine Sache, die erst im zweiten oder dritten Lehrjahr behandelt wurde, doch Lucas hatte es vorgeschoben. Sie hätten nicht immer Zeit, penibel irgendwelche Symbole zu malen, hatte er behauptet. An sich hatte er Recht, aber Linus wusste gar nicht, worauf er sich konzentrieren sollte.

Nachher hatte er sich mit Holly noch zum Üben verabredet und Horatio verdrängen wollen. Es war ihm schwer gefallen.

„Bist ja schon da, krass“, stellte Horatio fest, der sich einen Kühlakku an die Nase hielt.

„Warst du beim Arzt?“, fragte Linus skeptisch. Er wusste selbst, dass er der letzte war, der Horatio Vorwürfe deswegen machen durfte.

„Hat Holly noch was gesagt? Ich will sie nich' wütend machen, sie is' gruselig, wenn sie wütend wird.“ Horatio streckte sich und betrachtete sein Shirt, auf dem Blutflecken klebten. Er kam ein wenig begeistert klingendes Murren von sich, ehe er zum Schrank ging und diesen öffnete, vermutlich, um sich ein frisches Oberteil zu besorgen.

„Horatio, bitte“, sagte Linus sehr leise. Er wollte nicht ignoriert werden. Aber er wusste auch, dass Horatio das alles selbst entscheiden musste. Es war dessen Leben. In seinem eigenen, da konnte er selbst Dinge versauen.

„Sag mal, hast du nochwas zu den siegellosen Zaubern? Wenn ich das nochmal verhaue, verhaut mich Lucas.“ Horatio lachte. Er hatte ein Shirt gefunden und versuchte, es unter einem Stapel anderer Kleidung hervor zu ziehe.

„Ich... Ja...“ Linus spürte ein Ziehen in der Lunge. „Ich, hm. Mit Holly, ich treffe mich nachher noch mit ihr deswegen.“

„Großartig, haha!“

Horatio kam der ganze Stapel Klamotten entgegen geflogen. Er reagierte zu langsam und machte es nur noch schlimmer. Der halbe Schrankinhalt verteilte sich um ihn herum und er stand einfach nur da und schaute auf den Boden. Linus wollte ihn nicht allzu auffällig anschauten, aber Horatios Schultern hingen auf einmal durch.

Er schaute sich um, sah von rechts nach links, biss sich auf die Unterlippe, dann setzte er sich inmitten des Haufens und vergrub sein Gesicht in den Händen. Linus legte rasch das Buch zur Seite und ging auf ihn zu, wusste aber nicht recht, was er machen sollte. Er hörte ihn nicht schluchzen, aber bewegen tat er sich auch nicht.

„Meine Nase tut weh“, sagte Horatio dann sehr leise und mit deutlich kratziger Stimme. „Es... Es tut mir Leid, ich weiß nich', ich... Ich weiß... nich'...“

Sich zu ihm kniend, berührte Linus ihn vorsichtig an der Schulter. „Ist... in Ordnung?“ Er wusste selbst nicht, ob es in Ordnung war.

„Ich bin so ein Aas, das habt ihr nicht verdient.“ Horatio linste zwischen seinen Fingern hervor.

„Lass mich... einfach heilen, ja?“

Anstatt etwas zu sagen, jaulte Horatio auf, weil er versucht hatte, die Nase hochzuziehen. Obwohl Linus sich noch nie etwas gebrochen hatte, tat ihm die Nase allein vom Anblick weh.

„Und danach schaffe ich dich zum Arzt und... Und wenn du Glück hast, kriegst du nicht mit, wie Lucas das mitkriegt.“

Horatio lachte, aber es war ein schwaches, müdes Lachen.

Linus schnitt sich mit dem Neidzauber in den Finger. Es war tiefer, als er es hatte haben wollen, aber mittlerweile lief er nicht mehr der Gefahr aus, sich den Finger versehentlich abzuhacken. Das wäre tatsächlich etwas, das sich nur schwer heilen ließe.

Mit der unverletzten Hand schob er vorsichtig Horatios Hände aus dessen Gesicht und drehte es etwas, damit er es besser behandeln konnte.

„Weißt du, wie abgefahren das eigentlich is', das wir's als ganz normal empfinden, dass du mir mit Blut 'ne Zahl ins Gesicht schmierst?“, fragte Horatio in abwesender Tonlage, während Linus ihm mit Blut eine Zahl ins Gesicht schmierte.

Linus lächelte kurz. „Irgendwie schon, ja.“ Er aktivierte den Heilzauber. Knochenbrüche waren anstrengender zu heilen als Hautverletzungen. „Ich bring dich zum Arzt. Oder du gehst selbst, du kannst auch selbst gern, aber eigentlich... Wenn du... Chrm.“ Er brach ab.

„Ich bin nicht wie du. Ich gehe schon zum Arzt.“

In seinen Bewegungen inne haltend, verhärtete sich Linus' Mimik für einen Moment. Was sollte das denn heißen?

Offenbar bemerkte Horatio das, denn seine Augen weitete sich und sein Mund stand kurz offen, bevor er etwas sagte. „Nich' so gemeint, ich meine nur, ich... Keine Ahnung, eigentlich nich', ich weiß nich', ich glaub, so anders bin ich gar nich', ich bin ja auch noch gar nicht beim Arzt gewesen bisher, ahahaha.“

Für den Moment war seine Nase gerade. Tief im Inneren fühlte sich Linus immer noch angegriffen, aber er wusste selbst, dass das übertrieben war. „Schon in Ordnung.“

„Hm, hm. Darf ich dich umarmen?“

Die Frage kam unerwartet. Linus wollte darüber nachdenken, es fiel ihm jedoch schwer. „Von mir aus.“

Linus war nicht mehr umarmt worden, seitdem Horatio das unaufgefordert an seinem ersten Akademietag gemacht hatte. Das war fast vier Monate her. Und obwohl er in der Regel eher scheu war, fühlte sich der Körperkontakt gut an. Vielleicht kannte er Horatio mittlerweile gut genug dazu. Er umarmte sogar zurück.

„Jetzt bring ich dich aber zum Arzt“, sagte er leise. „Und dann kommst du mit lernen.“

Horatio gluckste schief. „Du hörst dich fast an wie Holly.“

„Gern geschehen.“ Er löste sich. „Jetzt steh schon auf. Bevor deine Nase wieder bricht.“

„Sooo herrisch“, feixte Horatio, tat dann aber, wie Linus es gesagt hatte und stand auf.

Linus saß noch einen Moment in den Klamotten, ehe Horatio ihn da weg winkte, weil er sich doch endlich ein neues Oberteil anziehen wollte. Um nicht komisch daneben zu stehen, zog sich Linus schon einmal die Schuhe an.

„Sag, hast du noch geübt?“, fragte Horatio, als auch er fertig war.

„Was geübt?“

Horatio deutete etwas umständlich auf sein eigenes Gesicht.

„Ja, schon“, antwortete Linus.

„Whoah, hat echt was gebracht. Bist du soweit? Ich will meine wunderschöne Nase behalten.“

Linus war sehr froh darüber, dass Horatio nicht weiter nachfragte. Er hätte ja noch etwas gesagt von wegen, dass Horatio jetzt aber sehr schnell auf eine andere Meinung gekommen war, aber sein Zimmergenosse hatte ihn schon am Unterarm gepackt und hinter sich her geschleift. Seltsam. Eigentlich kam er doch auch allein zum Arzt, oder? Aber da er nichts dagegen hatte, schwieg er einfach.





„Tss“, machte Holly, als sich Horatio eins von ihren Arbeitsblättern schnappen wollte. „Du hast erstmal was wieder gut zu machen, ehe ich dir was ausleihe.“

„Wie lange bist du jetzt beleidigt?“, erkundigte er sich.

„Angemessen lange“, meinte sie. „Und wenn du demnächst dich nochmal auf der Straße von irgendwem provozieren lässt, dann kannst du dich auf was gefasst machen!“

„Können wir nicht so arbeiten wie sonst auch“, hätte Linus gern gesagt, genuschelt, was auch immer. Tatsächlich ließ er es bleiben. Er schrieb lieber still schweigend noch ein bisschen was aus einem Buch ab, formulierte es um, damit es ihm besser im Kopf blieb.

Horatio rutschte von Holly weg zu Linus, um bei dem mit hinein zu schauen. Im Lernraum war es daraufhin still. Gerels Team saß auf der anderen Seite vom Tisch. Auch die drei wälzten noch Bücher, hatten vorhin sogar noch etwas empfohlen.

„Ich frag mich ja“, sagte Horatio irgendwann leise, „warum die uns ausbilden, wenn es heißt, wir sollen eh nich' kämpfen?“

„Wann wurde das gesagt?“, fragte Holly skeptisch.

„Was jetzt?“

„Dass wir nicht kämpfen müssen? Dass wir rüber gehen nächsten Monat, das ist ja klar.“

Horatio pfiff kurz, wodurch die anderen Schüler auch aufschauten. „Heh, Théodore!“

Der Angesprochene nickte. „Was gibt’s?“

„Hat Gerel euch auch erzählt, dass ihr beide Beine in die Hand nehmen sollt, wenn ihr 'nen hostischen Magierfutzi aus'm Militär seht?“

„Nicht mit dem Wortlaut, aber an sich ja.“ Er nickte noch ein bisschen weiter.

Linus versuchte, an irgendetwas anderes zu denken und sich aus dem Thema mental auszuklinken. Es funktionierte nicht gut.

„Das klingt nicht sehr ehrenhaft“, meinte Holly mit leicht verzogenem Gesicht.

„Um euch mal eine Impression von eurem Meister zu geben“, sagte Théodore, woraufhin er sich kurz räusperte und dann ein ausdrucksloses Gesicht aufsetzte. „Ehre wird euch wenig bringen, wenn ihr tot seid.“

Horatio gluckste und auch Théos Teamkameradinnen, Magalie und Kanchara, kicherten. Letztere etwas lauter. Magalie war ähnlich still wie Linus, deshalb hatte er in seinen vier Monaten, die er jetzt hier war, noch nicht ein Wort mit ihr gewechselt.

„Nicht, dass man das euch erzählen müsste oder was auch immer“, sagte Kanchara und wedelte etwas mit der Hand herum. „Wenn einer das hostische Militär kennt, dann doch ihr zwei? Oder doch nicht? Gaukelt ihr uns was vor, hm?“

„Verschwörung!“, kam es von Théo.

Holly versuchte wohl, das zu ignorieren und steckte ihre Nase noch tiefer in das Buch, das sie gerade las.

„In Wirklichkeit sind wir gar nicht von den Iliarys, stimmt genau“, sagte Horatio. „In Wirklichkeit habe ich einfach auf diesem Fischkutter gelebt fast siebzehn Jahre lang, bis Linus' Kapitän mich gefunden hat.“

Linus musste selbst leise auflachen. Er sah sogar Holly kurz schmunzeln, die sich dann aber räusperte.

„Kanchara, was hat euch Gerel denn zu siegellosen Zaubern beigebracht?“

„Eklig, ihw“, ächzte Kanchara. „Konzentration, wie sie sagt. Der Schlüssel ist Konzentration oder so ähnlich, ich meine, sie als Großmeister hat gut reden?“

„Eigentlich käme das erst nächstes Jahr, aber die müssen ja alles stauchen“, sagte Théo und zuckte mit den Schultern. „Wenigstens wissen wir jetzt auch warum.“ Er klang weniger bitter dabei, als Linus es erwartet hätte.

„Übung“, sagte Magalie sehr leise.

Holly nickte und bedankte sich. Horatio hatte schon wieder besseres zu tun, als in die Bücher zu schauen und Linus konnte es ihm nicht einmal verübeln. Trotz des Lesens hat er selbst das Gefühl, nicht schlauer zu werden dadurch.

„Wenn es eh Übung ist, warum machen wir dann diese hässlichen Aufgaben?“, sagte Horatio, der sich zurück lehnte und die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

„Weil es nicht schadet, mehr zu wissen. Lucas erwartet das. Der ist gerade ohnehin noch mehr angespannt als sonst, da musst du ihn nicht noch provozieren“, sagte Holly streng.

Horatio verzog das Gesicht und bewegte sich ansonsten nicht.

„Die Halle ist bald frei“, sagte Linus leise zu Horatio, der nickte.

„Ich kann's kaum erwarten“, meinte er, während er sich wieder zurück lehnte.

„Ihr habt eine der Hallen bekommen?“, fragte Théo, der aufschaute. „Die sind gerade mega schwer ranzukommen, jeder will in die blöden Hallen.“

„Sie könnten uns es ja einfach machen, aber anscheinend wollen sie nicht“, sagte Kanchara, die mit den Schultern zuckte.

„Wollt ihr bei uns mitkommen?“, erkundigte sich Holly. „Ist nur eine von den kleinen Trainingshallen, aber da passen sicherlich auch sechs Leute rein.“

Théo schaute fragend seine beiden Teamkollegen an. „Wie wär's?“

Während Magalie lediglich nickte, grinste Kanchara breit. „Auf jeden Fall. Wir müssen die Kleinen doch eh an der Hand nehmen und ein bisschen herum führen, nicht wahr?“

„Ach pft“, kam es von Horatio, doch auch er grinste.

Linus hatte sehr gemischte Gefühle, was das betraf. Seit er sich letzthin vor Gerels Team so zum Ei gemacht hatte, war es ihm eigentlich nur noch lieber als zuvor, wenn ihr Team allein etwas machte.

„Was genau wollt ihr denn üben?“, hakte Théo etwas nach, der das Buch, in dem er zuvor noch gelesen hatte, mittlerweile zugeklappt hatte.

„Die üblichen Zauber?“, sagte Horatio und schaute zu seinen Teamkameraden.

Linus reagierte nicht.

Holly hingegen nickte. „Die wichtigen. Schutzzauber, Neidzauber, Vernichtungszauber. Wir müssen uns unbedingt noch einmal die Farbcodes für den Hilfezauber anschauen!“

Von Horatio kam ein leises Ächzen.

„Wasser, Feuer“, zählte Holly weiter auf.

„Denkt an den Isolationszauber!“, fügte Kanchara an. „Die hundertzwanzig. Richtig wichtig. Meinte zumindest Gerel.“

„Lucas will den nächste Woche behandeln“, sagte Holly mit einem Nicken.

Lucas hatte tatsächlich schon davon erzählt, geübt hatten sie ihn allerdings noch nicht. Insofern Linus verstanden hatte, konnte er Dinge unsichtbar machen? Und je besser man war, sie vom magischen Radar verschwinden lassen, aber es gab Einschränkungen und Dinge, auf die man achten musste. Es war einer der Zauber, die in der Ausführung nicht kompliziert waren, in der Perfektion jedoch umso schwerer zu meistern. Generell hatten sie erst die Spitze der Spitze der Spitze vom Eisberg der Zaubertheorie und auch Anwendung gelernt und Linus wusste nicht, in wie fern das reichen sollte, um in Hostis irgendetwas auszurichten. Lucas hatte gemeint, er hoffte, dass sie nur einfache Sachen in Lagern machen müssten, doch sie alle hatten ihm angesehen, dass er wusste, dass das nicht geschehen würde, zumindest nicht nur.

Linus schüttelte ganz leicht den Kopf. Er wollte nicht daran denken. Er wollte nicht daran denken.

Es klopfte an der Tür und ein Schüler kam herein, der drei Jahrgänge über ihnen war. Er schaute Holly an.

„Halle ist jetzt frei, ihr könnt, wenn ihr wollt.“

Holly bedankte sich und lächelte ihn an. Unglaublich, da ihr Gesicht im Moment davor noch so ernst gewesen war.

„Schönen Abend noch.“

„Ja, klar, euch auch!“

Er grinste kurz, dann verschwand er wieder.

Holly klappte ihr Buch zu und schaute zu Théo und dessen Team. „Wollt ihr nun?“

„Yass!“, rief Kanchara und war die erste, die aufgesprungen war. Die anderen beiden ließen es ruhiger angehen, genau wie Linus.

Horatio hingegen war auch schon auf den Beinen und hatte alles bereits zusammengepackt. Normalerweise war er nicht so schnell im Aufräumen. „Von der ganzen Theorie schlafen mir noch die Füße ein“, scherzte er und zog Linus hoch, für den das sehr überraschend kam.

„Ich weiß gar nicht, wie ich mich richtig dazu motivieren soll, wenn ich Lucas' bösen Blick nicht hab“, murmelte er und band sich schon einmal die Haare zusammen.

„Eh, ich glaub, das kann Holly für dich machen.“

Da Holly das hörte, bekam Horatio einen bösen Blick von ihr. Linus versuchte, das nicht lustig zu finden.

„Wenn Holly das nicht machen will, kann ich das machen“, bot Kanchara sehr energetisch an, die bereits in der Tür stand.

Théo lachte, vermutlich aber über Holly. Magalie lächelte, gab aber kein Geräusch von sich. Die sechs verließen den Raum dann, schlugen den Weg zu den Hallen ein. Keiner von ihnen wusste, wie lange sie in der Halle bleiben durften. Von irgendwem kam der Vorschlag, es doch einfach so lange zu machen, bis der innere Lucas ihnen sagte, dass sie immerhin die Hälfte der Leistung erbracht hatten, die sie erbringen mussten.

Es wurde allgemein so akzeptiert.

Milijena starrte ihre Knie an, schlug sie gelegentlich leicht gegeneinander und klopfte mit den Fingern leise und arrhythmisch auf ihren Oberschenkeln herum. Sie fragte sich, ob das Zufall oder doch vom Schicksal geplant war. Ihr jahrelanges Training, genau dafür. Sie hatte sich immer darauf eingestellt, Verantwortung als Leibwächterin zu nehmen, sollte sie einmal erwachsen sein. Aber noch nicht jetzt, fünf Jahre früher, und auch nicht so groß. 

Die Tür öffnete sich und der Zar trat ein. Milijena und auch ihr Vater erhoben sich, verneigten sich mit gesenktem Blick. 

„Danke, dass Sie meiner Bitte nachgekommen sind, Herr Izidor“, sprach Dmitrij Yelkin mit tiefer Stimme. 

„Ich bin Euch zu Diensten, mein Zar“, sagte Milijenas Vater. 

Als Zar Dmitrij und sein Sohn sich setzten, taten Izidor und Milijena es ihnen nach. Es war nicht das erste Mal, dass Milijena die beiden sah, gewiss nicht. Die Yelkin und die Kraskow arbeiteten seit Jahrhunderten zusammen und so hatte sie sie bereits zu Gesicht bekommen, auch von nahem. Aber nicht persönlich, dafür war sie zu jung. Es war eine Ehre und dennoch konnte sie ihre Nervosität nicht verbannen. Sie war fünfzehn. Sie war zu jung für diese Verantwortung. Sie hatte nicht vor zu scheitern, doch dem Schicksal ließ sich nur selten aus dem Weg gehen und wenn es kam, würde sie untergehen und mit ihr ihre Familie. 

Es gab nur den Job. Nur das Bewachen der ihr zugeschriebenen Person, deren Wert über ihrem eigenen Leben lag. Milijena hatte nur nie damit gerechnet, dass dies der hostische Kronprinz sein würde. 

Sie musterte ihn, während der Zar und ihr Vater sich über die kommenden Verpflichtungen unterhielten. Nikolaij starrte auf die Tischplatte vor sich und wirkte, als wäre er angestrengt damit beschäftigt, nicht auf das Geschehen zu achten. Doch nach ein paar Minuten bemerkte er ihren Blick und sah auf. Es war ein seltsames Gefühl. So wichtig, dass sie ihn beschützte, ihn, der irgendwann eine der mächtigsten Personen in Miseria sein würde, denn im Moment sah er noch nicht danach aus. Im Moment wirkte er wie ein ganz normaler Vierzehnjähriger. Ihm fehlten die weißblonden Haare der Yelkin - seine waren in dunklerem Aschblond, und auch seine Augen hatten nicht das stechende Eisblau, das für den Clan so typisch war. Sein Blick wirkte dadurch weniger kalt, weniger berechnend, was seine Aura wesentlich wärmer erscheinen ließ als die seines Vaters. 

Milijena wusste nicht, wie die Zukunft als Leibwächterin von Nikolaij Yelkin aussehen würde. Aber als sie den Jungen anlächelte und er es zurückhaltend erwiderte, war sie sich sicher, dass es nichts Schlechtes sein konnte. 





Mit Blick gen Decke musste Milijena unwillkürlich schmunzeln. Ihr Clan war klein geworden, im Laufe der letzten Jahrhunderte. Aber wäre er nicht so klein, würde er nicht immer weiter auf das Aussterben hinzu steuern, dann wäre sie nicht Leibwächterin von Nikolaij geworden. Dann wäre sie nicht hier, aber sie war sich sicher, dass es das wert gewesen war. 

Mit zitternden Fingern kuschelte sie sich weiter in ihr Laken, versuchte, sich zu wärmen. Eigentlich war ihr heiß. Ihre Stirn war nass, ihr Rücken auch. Und gleichzeitig fror sie. Mittlerweile fiel es ihr schwer zu fokussieren und auf ihrem Bett klebte Blut aus ihrer Nase, von den paar Tropfen, die gelegentlich heraus liefen. 

Sie wurde für nichts mehr gebraucht. Letham war manchmal da, redete ein bisschen mit ihr, versuchte es zumindest, genau wie sie. Sie wollte nicht mit ihm reden, aber er war die einzige Ablenkung, die einzige Beschäftigung, die sie bekommen konnte, abgesehen von den fünf Büchern, die er ihr gegeben hatte. Alle fünf hatte sie sie schon mindestens fünfmal gelesen und gut waren sie auch nicht. 

Jetzt war es mit dem Lesen vorbei. Seit drei Tagen, vermutete sie. Da sie keinen Himmel sehen konnte, keine Uhrzeit hatte, konnte sie das nicht mit Genauigkeit sagen, aber es war weniger lang, als Letham zum letzten Mal hier gewesen war. Beinahe vermisste sie ihn. 

Er war es auch gewesen, der ihr die Nachricht vom Krieg gebracht hatte. Tribunus hätte Avasikuu zerschossen. Letham hatte nicht mehr gewusst, als es die Sprecher in den hostischen Nachrichtensendern gebracht hatten, aber er war offenbar selbst in Unmut darüber gewesen.

Milijena verstand diesen Mann nicht. Am Anfang hatte sie geglaubt sie wüsste, dass er einfach nur eine miese Person war, die Mieses wollte, aber mittlerweile hatte sie ihre Zweifel darüber. Tribunus hatte Hostis' Hauptstadt ohne Vorwarnung unter Beschuss genommen. Dadurch war das Reich zur Kriegserklärung gezwungen worden, ein Zug, den Milijena Präsident Harrard schon viel eher zugetraut hätte. Nikolaij hatte nichts davon hören wollen. Er war ein guter Mensch gewesen, aber zu naiv, genau so naiv, wie es jetzt wohl sein Bruder Alexeij war. Vielleicht würde ihr eigener Bruder ihm helfen können. 

Miljena schloss die Augen. Es war so unendlich kalt und die Decke spendete keine Wärme. Jetzt gerade, da ihr wieder Blut aus der Nase lief, spürte sie den Kontrast besonders deutlich. Im Tod würde es keinen Trost geben. 

Sie betrachtete das Blut, das an ihrem Handrücken klebte, nachdem sie sich mit diesem die Nase abgewischt hatte. Kurz nur, kurz. Sie drehte sich auf die Seite. Ihre Lungen zischten mit jedem Atemzug. Milijena wurde schlecht. 




„Finger weg, Nikolaij“, sagte Milijena und schob Nikolaijs Hände samt blutigem Taschentuch beiseite. „Wie hast du das angestellt? Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für sowas!“ 

„Hnhgnngegen Schranktür gerannt“, nuschelte er, ließ seine Hände aber wirklich unten, während Milijena ihm die blutige Nase heilte. „Ich kann das auch selbst.“ 

„Ja, aber es ist mein Job, das zu machen“, behauptete sie und war tatsächlich schnell fertig. „Alles in Ordnung? Ist dir schwindlig?“ 

Er winkte ab und erhob sich, um zum Waschbecken zu gehen und sich das Gesicht zu waschen. Milijena hörte ihn leise seufzen, als er feststellte, dass er rote Flecken auf dem Hemdkragen hatte und versuchte daraufhin, das mit Seife auszuwaschen. 

Sie atmete leise durch, dann ging sie zu ihm und zog erneut seine Hände weg, aber wesentlich sanfter als zuvor noch. Seine Finger zitterten. Stattdessen half sie aus, auch wenn sie nur schwer etwas erkennen konnte, da sie so viel kleiner als Nikolaij war. 

„Was ist los?“, fragte sie leise und schaute zu ihm auf. Das Blut würde sie nicht vollständig herausbekommen, aber da sein Hemd heute schwarz war, war das auch gar nicht von Nöten. 

„Wir sind... auf einer Beerdigung“, antwortete er und es wirkte, als würde es ihm viel Konzentration abverlangen, überhaupt etwas zu sagen. 

„Das ist es nicht.“ Sie richtete ihm den Kragen, nahm seine Hände wieder. „Es ist nicht die Beerdigung an sich. Es ist auch nicht die Verantwortung, die auf dich zukommt.“ 

Milijena hatte sich aus den neuen Regelungen heraus gehalten, so viel weg gehört, wie es nur ging. Sie war Leibwächterin, mehr nicht, und wenn Nikolaij wollte, dass sie mehr wusste, als sie wissen musste, dann war das seine Entscheidung. Doch ab nächster Woche würde er Zar von Hostis sein, das hatte sie sehr gut mitbekommen. Sie hatte schon immer gewusst, dass der Tag irgendwann kommen würde, nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass es so zeitig passieren würde.
 
„Ich... weiß es nicht.“ Nikolaijs Blick ging nach unten, aber nicht zu Milijena, sondern an ihr vorbei. „Ich... Vielleicht ist das Ganze noch nicht angekommen, ich... Ich weiß es nicht, ich... Keine Ahnung, nein.“ Er schüttelte fahrig den Kopf. 

„Psht.“ Sie legte ihm die Hand an die Wange. 

„Nicht hier, Milijena.“ Es wirkte kurz, als wollte er ihre Hand wegstreichen, doch er tat es nicht. Stattdessen legte er einfach nur seine Hand auf ihre. „Es... tut mir Leid.“ 

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ 

Er lächelte, aber es war ein sehr knappes, müdes Lächeln. „Vielleicht... Ich würde gern traurig sein, wegen allem. Für Mutter, für Annelie, für Alexeij. Aber irgendwie kann ich das nicht. Vielleicht ist es einfach Schock, ich denke, das kommt noch, doch im Moment ist es fast, als wäre ich...“ Froh? „Egal.“ Nikolaij winkte ab. 

Milijena wusste genau, was er meinte, aber sie konnte ihm das nicht sagen. Sie hatte ihrem eigenen Vater zu viel zu verdanken, um dieser Meinung zu sein. Ohne ihn und seinen Ehrgeiz wäre sie nie Nikolaijs Leibwächterin geworden. Ohne ihn würde sie Nikolaij nicht so kennen, wie sie ihn kannte. 

Anstatt etwas zu sagen, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen kurzen Kuss. 
Nikolaij lachte knapp und leise auf, ehe er sich mit dem Unterarm über die Augen wischte. „Weißt du. Wenigstens... Wenigstens ist es jetzt ein Vater weniger, der dich dafür steinigen würde.“ 

Auch ihr Lächeln war sehr aufgesetzt. Nikolaij war noch nicht einmal sechsundzwanzig. Es würde eine harte Zeit werden, für sie beide, aber Milijena war zuversichtlich. 

„Hält dein Lippenstift?“ 

Sie nickte, woraufhin er sich zu ihr hinab beugte, um sie richtig zu küssen. Milijena fragte sich, wie lange sie so etwas noch hinter verschlossenen Türen machen mussten. Vielleicht dauerte es wirklich so lange, bis auch ihr Vater das Zeitliche segnete. 





Milijena drehte sich vom Bett, als sie ein Brodeln in ihrer Speiseröhre spürte. Ihre Zwerchfelle zogen sich zusammen. Sie wollte aufstehen, zum Waschbecken, doch mit ihren zitternden Beinen schaffte sie es nicht rechtzeitig. So konnte sie sich nur zur Seite drehen, als sie hustete, würgte. Blut landete auf dem Boden. 

Einen Moment lang hielt sie inne, starrte den Fleck auf dem Beton an. Da kam noch mehr. Noch ein Schwall und noch einer. Würde es aufhören? Es würde doch sicherlich aufhören. Sicherlich, sicherlich. In Milijenas Augenwinkeln sammelte sich Wasser. Nicht so. 

„Hallo?!“, wollte sie schreien, doch es war nicht laut, mehr ein heiseres, hohes Japsen. 

Erneut versuchte sie aufzustehen, schaffte es sogar, sich zur Tür zu schleppen und mit schwachen Schlägen dagegen zu hämmern. „Hallo! Ich brauch Hilfffffff...“ 

Sie ging auf die Knie, als ihr Magen sich zusammenzog. Diesmal kam mehr Blut aus ihrem Magen. Ein großer Schwall, der den Boden vor ihr rot färbte. Noch einer. Und noch einer. Nicht so, nicht so. 

„Bitte, bitte“, wisperte Milijena. Ihr Blutdruck war schon seit Tagen niedrig. Jetzt gab er endgültig auf, brach in sich zusammen. Milijenas stützende Arme rutschten zur Seite weg und sie landete im eigenen Blut. Sie spürte Tränen in ihren Augen, als sie die Lider schluchzend schloss. 






Milijena lehnte auf dem Geländer des Balkons und betrachtete das nächtliche Avasikuu vor sich. Sie fühlte sich schwer wie Blei und leicht wie eine Feder gleichzeitig, sowohl frei wie immer noch an ihre Ketten gebunden. Entkommen würde sie nie ganz, das war ein Wunschdenken. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung, das wusste sie, wenngleich es viel zu lange gedauert hatte, bis Nikolaij und sie bereit dazu gewesen waren, diese Entscheidung zu treffen. 

Hinter ihr wurden die Türen geöffnet und Nikolaij kam zu ihr. Er stützte sich neben sie auf das Geländer, schaute geradeaus und ächzte dann besonders laut. 

„Wie hat deine Mutter reagiert?“, erkundigte sie sich. Eigentlich sollte das nicht wichtig sein, sie waren beide erwachsen. Aber hier im Palast verliefen die Dinge eben immer noch ein wenig anders als außerhalb. 

„Wenn ich rate, besser als dein Vater“, sagte er, ehe er sich umdrehte und lieber mit dem Rücken lehnte, wobei er Milijena anschaute. „Tatsächlich hat sie nicht viel reagiert. Alexeijs Gesichtsausdruck hat es wettgemacht.“ 

„Sie hat nichts dagegen?“ 

„Ich weiß nicht. Vielleicht? Sie hat geschwiegen.“ Er zuckte mit den Schultern und zog Milijena zu sich. „Geht es dir gut?“ 

Sie nickte und schmiegte sich an ihn. Es war vermutlich nicht möglich, ihren Vater nie wieder zu sehen. Das ging nicht, wenn sie beide zum Adel in Avasikuu gehörten, aber zumindest konnte sie es auf ein Minimum begrenzen. Doch ob es eine gute Entscheidung gewesen war, das würde sich noch zeigen, denn sie war egoistisch gewesen. Einer der Gründe, warum sie es so weit aufgeschoben hatte. 

Milijena spürte seine Hand in ihren Haaren. 

„Wir können für heute auch einfach nicht daran denken. Keine Probleme. Alles gut“, hörte sie ihn sagen. 

„Als ob du einmal nicht an Probleme denken könntest“, sagte sie und schmunzelte in seine Brust, weil sie sich nicht wegbewegen wollte. 

„Tss.“ 

„Wie läuft das eigentlich?“, fragte sie dann und schaute doch auf. „Kannst du dich selbst trauen oder musst du auch zum Standesamt?“ 

„Um ehrlich zu sein, habe ich mich damit noch nicht befasst“, gestand er. 

Sie verzog das Gesicht. „Das allein ist anstrengend“, meinte sie. „Einmal ganz davon abgesehen, dass sich die Presse das Maul darüber zerreißen wird.“ 

„Nicht nur die Presse“, seufzte Nikolaij. „Alexeij wird ein paar dumme Fragen stellen, sobald er das verdaut hat.“ 

„Soll er doch.“ Nichts gegen Nikolaijs Familie, aber sein kleiner Bruder war blöd. 

„Sollen sie alle.“ Er lächelte zu ihr hinab und strich ihr mit der Hand über die Wange. 

„Es wird besser werden“, sagte sie, erwiderte das Lächeln. 

„Das wird es.“ 







Milijena wachte auf, öffnete jedoch nicht die Augen. Sie hörte Stimmen, gedämpft, entfernt. Sie sprachen schnell, vielleicht Iliarisch. Aber das war irrelevant. Das wichtigste an dieser Situation war, das etwas fehlte und Milijena brauchte viel zu lange, um festzustellen, was das war. 

Ihr war nicht heiß. Ihr war nicht kalt. Und vor allem hatte sie keine Schmerzen. Ihr Körper war befreit davon, weder spürte sie ihre verletzte Schulter, noch ihre aufgeschlagenen Knie oder die wundgescheuerten Handgelenke. Sie bewegte sich nicht, sie hielt ganz still. Aber sie spürte die Magie in ihrem Blut, die sich beruhigt hatte, die darauf wartete, verwendet zu werden und das zurück zu geben, was ihrem Körper angetan worden war. 

Mit einem Mal schlug sie die Augen auf, starrte den Schrank gegenüber der Arztliege an. Dann setzte sie sich auf, tief durchatmend. Ihr war durch den Blutverlust schwindelig, doch man hatte sie an den Tropf gehängt, ihr eine Infusion verpasst. Zumindest ihre Adern waren damit stabil. 

Sie hörte eine Stimme und diesmal verstand sie auch, was gesagt wurde.

„Heh, Sid. Sollte die nicht erst in 'ner halben Stunde aufwachen?“ - „Kacke, ja.“ 

Milijena schaute die beiden jungen Männer an, die auf sie zugestürzt kamen, streckte die Hand aus. Es gab nicht viele Zauber, die wirklich leicht in der Anwendung waren. Interessanterweise gehörten ein paar der stärksten dazu. Die Zarin aktivierte ihre Magie und schleuderte den vierundsiebzigsten Zauber ohne Siegel, ohne Blutzahl auf die beiden Männer. Der Vernichtungszauber tat, was er beschrieb. Er sprengte, womit er in Berührung bekam. Es war beruhigend und beunruhigend zugleich, dass ein Zauber, der dermaßen leicht jemanden töten konnte, der blutige Löcher flächendeckend in Körper riss, so einfach anzuwenden war. 

Milijena sah auf die Überreste. Sie wusste nicht, ob sie eine emotionale Regung gehabt hätte, wäre ihr das früher bei ihrem Beruf passiert, denn das war eine andere Zeit gewesen, ein anderes Leben, aus dem man sie gewaltsam entrissen hatte. 

Als sie aufstand schwankte sie erst, konnte sich aber fangen und ging zu einem Schrank an der Seite, zog die Türen auf. Es war nicht viel darin. Verbandszeug, Desinfektionsmittel. Ihre Hoffnungen waren nicht hoch, dass sie hier das fand, was sie suchte. Anderseits, diese Leute hatten ihr über Monate hinweg Blut abgenommen. Es würde sie verwundern, würde sie nicht irgendwo in diesem Bunker gelagerte synthetische Magie finden. 

Im dritten Schrank bestätigte sich ihr Verdacht. Es waren drei Spritzen. Vermutlich hatte man den Rest zu anderem verwendet, immerhin war synthetische Magie vielseitig einsetzbar. Unter Umständen würde Milijena auch diesen Vorrat noch finden, doch vorerst mussten diese drei Spritzen genügen, um hier heraus zu kommen und den Weg zum nächstbesten Wohnort zu finden. 

Sie wusste nicht, wie weit sie kam, ohne bemerkt zu werden. Auf der anderen Seite, eigentlich wollte sie hier nicht unbemerkt heraus. Sie wollten, dass diese Leute das bekamen, was sie verdienten. Für Hostis. Für Nikolaij. 

Milijena setzte sich wieder hin, band sich den Oberarm ab und setzte die Spritze in die Vene ihrer linken Armbeuge. Es fühlte sich surreal an. Nicht die Erleichterung, die Freude, als das Mittel in ihre Blutlaufbahnen gelangte, sondern die gesamte Situation. Im Grunde genommen war sie frei. Frei, weil ein paar Leute zu blöd waren, ihre Fähigkeiten richtig einzuschätzen.

Jeder wusste, dass die Fähigkeit ihres Clans darin bestand, ein gemindertes Schmerzempfinden zu besitzen, im Fall von ihr und ihrem Bruder war im Grunde genommen gar kein Schmerzempfinden vorhanden – zumindest solange, wie sie ihre Magie hatten. Aber kaum einer wusste um die hohe Immunität von Giften. Drogen und sämtliche Medikamente zeigten keine Wirkung, im Wechselzug wurden sie nur sehr schwer krank. Es hatte positive und negative Seiten. Milijena hatte nie viele Probleme damit gehabt, aber sie wusste, dass es auch anders aussehen konnte. 

Sie packte das Band in die Hosentasche, die Spritzen auch. Über die menschlichen Überreste im Türrahmen machte sie einen großen Schritt, immer aufmerksam. Angeblich hatten sie einen Magier hier, aber Milijena hatte den noch nie gesehen. Wenn er da war, hätte sie vielleicht ein bisschen Anspruch damit, diese Leute hier fertig zu machen, doch ansonsten würde es einfach werden. Man konnte Magie nicht ohne Magie bekämpfen. 






Mit einem genervten Zischen legte Milijena den Hörer der Ignis Fatuus zurück. Ihr Schwager war das anstrengendste Kind im Körper eines erwachsenen Mannes, der sich mittlerweile selbst fortgepflanzt hatte, mit dem sie privat interagieren musste. Sie beneidete ihren Bruder nicht, auf ihn aufpassen zu müssen. Ganz im Gegenteil, es war ein weiterer Grund, warum sie so unglaublich froh war, Nikolaij zu haben.

„Relevante Neuigkeiten?“, fragte er, als er den Raum betrat und sie immer noch an der gleichen Stelle stand. 

Milijena schüttelte den Kopf. „Elena geht es gut. Ihr Interesse ihrem Cousin gegenüber hat noch nicht nachgelassen und auch ansonsten ist alles beim Alten.“ Sie schaute zu ihrem Mann, der müde aussah. Die letzten Tage war viel zu tun gewesen und Nikolaij gehörte zu jenen Menschen, die bei der Arbeit hundertzwanzig Prozent gaben. 

Nikolaij nickte und lächelte, kam langsam auf sie zu und zog sie zu sich. 

„Was ist los?“, fragte sie, doch er antwortete darauf nicht. 

„Irgendwann. Irgendwann wird Alexeij so etwas wie Rücksicht lernen. Und Verantwortung“, sagte er nach einem Moment, in dem er sie einfach nur schweigend im Arm gehabt hatte. 

„Ja, Tag 586“, murrte Milijena, obwohl sie den Tag des Weltuntergangs eigentlich noch zu früh dafür hielt. 

„Mich wollte er nicht noch einmal sprechen?“, erkundigte sich Nikolaij, als er sich von ihr löste, sie aber an den Schultern immer noch nah hielt. 

Sie schaute zu ihm auf. „Er hat gemeint, er müsste dich ja noch zeitig genug wiedersehen, da bräuchte er nicht mit dir zu reden.“ 

Nikolaij seufzte und verdrehte die Augen. 

„Bring ihm kein Andenken mit.“ 

„Er ist fünfundzwanzig. Er kann sich seine Andenken selbst mitbringen.“ Er wandte sich von Milijena ab und streckte sich kurz. „Dein Bruder hat nicht nochmal mit dir geredet?“ 

„Vorhin, doch. Aber im Anwesen der Crayfish“, sagte sie. „Er wird mit Herada zurück nach Avasikuu reisen, dann sind sie schnell unterwegs. Auf der Konferenz wird Herada von Ophelia ersetzt werden, also alles in Ordnung.“ Sie schaute auf den Kalender, der an der Seite hing. Fünfzehnter Januar. Der letzte Tag dieser Verhandlungen in Sysdale und am Wochenende stand schon die nächste Veranstaltung an, diesmal in Lakejew. In der Regierung gab es immer etwas zu tun. 



Francach konnte nicht mehr als ein Schnaufen von sich geben. Blut quoll aus Mund und Nase und da Milijena ihn gepackt hielt, zu sich heran zog, konnte er es nicht richtig ausspucken. Es war ein jämmerlicher, letzter Anblick und sie würde sich ihn gut merken. Er hatte es verdient.

„Sie hatten Recht“, sagte sie dann. „Ich interessiere mich wirklich nicht für Ratten wie Sie.“

Ein letzter, kleiner Neidzauber auf den Hals reichte, um der Tortur ein Ende zu bereiten. Milijena war nicht bewusst gewesen, wie groß dieser Bunker eigentlich war und sie hatte genug lange gebraucht, um alles abzulaufen. Die Tür hatte sie verschlossen. Sie würde sie dann öffnen, wenn sie alles gefunden hatte, was sie brauchte.

In einer Kammer war sie auf noch mehr Spritzen gestoßen. Dadurch hatte sie ihren Plan ein bisschen geändert. Sie würde sie finden, sie alle, und ihnen ein Ende bereiten. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sie zu befragen, aber da sie alle definitiv wussten, dass sie sterben würden, egal was sie machten, hatte keiner von ihnen den Mund geöffnet. Milijena wollte es nicht als Ehre bezeichnen. 

Letham fehlte. Entweder, er versteckte sich sehr gut, hatte sich wie auch immer doch Magie aus dem Hintern ziehen können oder war derzeit einfach nicht im Bunker. Da er die letzten Tage auch nicht bei ihr gewesen war, tippte Milijena auf Letzteres. Schade. Auch er hätte es verdient gehabt. 

Sie hatte einen Funkraum gefunden, den sie abgeschlossen hatte. Jetzt jedoch öffnete sie ihn wieder, schloss die Tür hinter sich ab, ging auf die Ignis Fatuus in der Mitte des Raumes zu. Noch ein Grund, wofür sie die synthetische Magie gebraucht hatten. Wie es aussah, war die hier vor einiger Zeit dem Militär entwendet worden. 

Der Raum allein verriet genug. Er schloss die allermeisten Lücken in Milijenas Vermutungen nahezu perfekt. Als sie ihn vorhin zuerst betreten hatte, hätte es ein Schock sein können, doch ihre Gefühle waren lahmgelegt. Sie wusste, dass es an der synthetischen Magie lag und sie war froh darum. Ihr war selbst nicht bewusst, wie sie auf all das reagiert hätte, hätte sie sie nicht gehabt. 

Milijena bediente das Buchstaben- und Ziffernfeld. Letham hatte erwähnt, die Regierung hatte beim Angriff auf die Hauptstadt in den Norden fliehen können, nach Lakejew. Wenn sie es schaffte, mit der Festung dort, dem Clananwesen der Valyin, eine Verbindung aufzubauen, dann konnte sie die neuen Erkenntnisse dem Militär mitteilen. Dem Militär und ihrer Familie. 

Selbstverständlich waren die Codes geändert worden. Sie spürte, wie sie angespannter wurde. Nicht nervös, aber ihre Lungen zogen sich zusammen. Als sie an einem weiteren toten Ende angekommen war, spritzte sie sich die nächste Fuhre. Es war die vorletzte. Sie hatte nicht mehr viel Zeit. 

Als sie endlich jemanden zusammen hatte stauchen können, der ihr nach dem millionsten Code nicht abgekauft hatte, dass sie tatsächlich sie war, war erneut Ruhe. Ihr lief die Zeit davon. Warum dauerte das so lange? 

„Milijena?“ 

Sie horchte auf. Die Stimme ihres jüngeren Bruders klang buttrig. Ganz anders als sonst. 

„Roman? Du bist es?“ 

„Ich...“ Seine Stimme versagte. 

„Wo ist Alexeij, kann ich mit Alexeij sprechen?“

„Das... Alexeij ist...“ 

„Ach nein, schon in Ordnung. Du kannst das ohnehin besser verarbeiten.“ 

Sie hörte Roman am anderen Ende der Leitung tief durchatmen. „Wir haben...“ 

„Das ist egal, Roma. Hört mir zu. Hör mir genau zu.“

„Hm. Ja. Ja, Milijena.“ 

„Ich weiß nicht, ob ich es zu euch schaffe. Im Moment bin ich frei, aber ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Geht es Elena gut?“ 

„Ja. Ja, ihr geht es gut. Milijena, was...“ 

„Psht“, unterbrach sie ihn. „Ich habe nicht viel Zeit, ich...“ 

Vor der Tür knallte es. Explosionen konnten nur bedeuten, dass Letham wieder da war und das kam ihr eindeutig zu früh. Sie wusste nicht, ob er dumm genug war, irgendetwas Größeres in einem Bunker zu zünden, aber sie traute es ihm zu. Sie musste sich beeilen. 

„Was war das?“ 

„Ich hab nicht viel Zeit“, sagte sie schnell. „Roman. Hörst du zu?“ 

„Ja.“ Romans Stimme hörte sich sehr belegt an. 

„Ihr müsst die Pläne umstellen. Der Westen ist egal. Der Osten. Du musst dafür sorgen, dass der Osten gestärkt wird, ja?“ Sie machte eine kurze Pause, wartete aber nicht, bis ihr Bruder etwas sagte. „Ihr müsst euer Vertrauen genau in zwei Dinge legen: Rijek und die Kreatur des Waldes. Ich weiß nicht, wer diese Leute hier sind, aber es macht den Anschein, dass sie sowohl in Verbindung mit dem hostischen Militär wie auch der tribunischen Regierung stehen, es ist...“ 

Es knallte erneut. Die Tür würde jeden Moment nachgeben. 

„Hier hängen überall Papiere. Sie erschließen sich mir jetzt ganz, aber ich...“ 

„Milijena!“ 

Sie unterbrach und schaute in die Leere. 

„Komm zurück, Milijena. Bitte. Bitte, ich...“ 

Da war ein Ziehen in ihrem Bauch und sie biss sich auf die Unterlippe, um ihre Gedanken abzulenken. Roman war kein Kind mehr. Er würde erkennen, wenn sie log, aber vermutlich wusste er die Wahrheit auch schon, ohne dass sie noch etwas sagte. 

„Das ist alles die Schuld von Major...“ 

Milijena ließ den Hörer fallen, rollte zur Seite ab und beschwor einen Schutzzauber – keine Sekunde zu früh. Die nächste Explosion sprengte die Tür und da sie magisch verstärkt war, griff sie auf den Raum über. Die Bunkertür zertrümmerte die Ignis Fatuus an jener Stelle, an der Milijena bis eben noch gestanden hatte und sie konnte nur ihren schnellen Reaktionen danken, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Sie wollte aufstehen, verschwinden. Es war unwahrscheinlich, dass Letham eine Bedrohung für sie war, sollte er auf der anderen Seite der Tür gestanden haben. Immerhin gab es einen Grund, warum man keine Sprengsätze in Bunkern legte. 

Milijenas Bein war schwer und als sie hinab schaute, stellte sie fest, dass ihr Schutzzauber nachlässig gewesen war. Schnell genug, aber nur für das Wichtigste, denn ihr steckte ein Stahlrohr in der Wade. Sie biss die Zähne zusammen. Sie durfte jetzt nicht noch mehr Blut verlieren. 

Dann hörte sie Schritte. Sie wusste, wer es war und sie wusste, dass es sich dabei nicht um Letham handelte. Sie hatte einen Fehler gemacht. Hätte einfach gehen sollen, als sie die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Anderseits fiel es ihr schwer, in jenem Moment etwas zu bereuen. Dafür war es zu spät. Die Messen waren gesungen und sie konnte keine Entscheidungen rückgängig machen. 

Sie knirschte leise mit den Zähnen und nahm ihr eigenes Blut, um sich damit eine Hundertzwanzig auf den Arm zu malen. Milijena wusste nicht, wie viel sie noch blocken konnte und es war zuerst einmal gut, nicht gesehen zu werden. Danach trennte sie das Rohr ab, damit es sie beim Laufen nicht behinderte, und brachte das Blut mit einem Heilzauber soweit zum Gerinnen, dass es zumindest nicht weiterlief. Es war ein merkwürdiges Gefühl, diesen Gegenstand im Bein zu haben, aber es war immer noch besser, als ihn zu ziehen. 

Anschließend legte die die Kompresse wieder an den Oberarm, um sich die nächste Spritze zu geben. Eine war noch übrig, nur eine. Aber sie merkte, wie ihr die Energie ausging und das durfte nicht passieren. 

Langsam wurde es unangenehm heiß im Raum, die Luft stickig. Der Sauerstoff wurde knapp. Der Türrahmen war von der Magierin versperrt, aber Milijena wusste, dass es keinen besseren Ausweg gab. Sie stand auf – langsam und bedacht, musste schauen, wie es sich mit dem Fremdkörper in der Wade lief. Sie musste leise machen, denn obwohl sie nicht gesehen werden konnte, konnte man sie immer noch hören. Es war kein starker Isolationszauber, den sie verwendet hatte. Ihre Energie brauchte sie jetzt für Anderes. 

Zuletzt holte sie tief Luft. Sie musste entkommen. Für Nikolaij. 

Milijena warf einen Vernichtungszauber auf den Eingang und schickte einen umgekehrten Schutzzauber hinterher. Beides zerstörte nichts, doch es gab ihr ein winziges Zeitfenster, um in den nächsten Gang zu gelangen. Dort fand sie Letham, der sie selbstverständlich nicht sah, aber er schien sich bei der Sprengung der Tür den Arm gebrochen zu haben und sah jetzt so fertig aus, wie sie sich die letzten Monate gefühlt hatte. Nur zu gern hätte sie ihm das gegeben, was er verdiente, doch gerade war keine Zeit dafür. Sie musste sich an den richtigen Weg zum Ausgang erinnern, zur Freiheit. Ein paar Hilfezauber, die schon irgendwer vom Militär sehen würde. Dann würde das Militär helfen kommen. Es war nie weit, das Militär. 

Die Bunkertür, die Milijena vorher mit Siegeln verschlossen hatte, war nicht mehr existent. Die Siegel waren nicht gebrochen worden, stattdessen war die gesamte Tür nur noch ein großer Metallklumpen. 

Dann war da Licht und frische Luft. Milijena erlaubte sich nicht, stehen zu bleiben, aber sie spürte das Gras unter ihren Füßen und den Wind auf ihrer Haut. Ihr Zauber fiel ab. Es war egal. Der lichte Birkenwald wiegte sich sanft in den Böen, die vom Meer kamen, ließen Milijenas Haare fliegen. Sie stolperte weiter, fiel fast hin, konnte sich wieder fangen. Sie wusste nicht, wo sie war. Sie schaute nach oben, in den Himmel und die zarten Kronen der Bäume. Nicht lange. Wenn sie zu sehr in die Wolken schaute, verlor sie das Gefühl für ihren Körper hier unten.

Milijena hielt an, fasste sich an die Wade. Mit dem klumpigen Blut machte sie in der Luft eine Bewegung, die einer Fünfundsiebzig entsprach, dann aktivierte sie den Hilfezauber. 
Doch er leuchtete nicht. Er schaffte es schwache zwei Meter hinauf, ehe ein anderer Zauber ihn traf und annullierte. 

Obwohl Milijena sich in jener Situation sehr gern verzweifelt und hoffnungslos gefühlt hätte, so war dem nicht. Stattdessen war da ein Gefühl der Erfüllung, der Akzeptanz, als sie sich umdrehte und wenige Meter von sich beim Ausgang der Höhle die Magierin entdeckte, die mit geladener Waffe auf sie zielte. Auf die Entfernung würde sie treffsicher sein. Milijena könnte rennen, aber mit ihrem kaputten Körper wäre sie trotz Drogen nicht schnell genug. 

„Ich hätte es wissen müssen“, sagte Milijena. Ihre Zunge fühlte sich sehr pelzig an. 

„Es tut mir Leid, Frau Milijena. Es ist nichts Persönliches.“ 

Sie lachte kurz auf, lächelte noch einmal nach oben. „Das hätte mich auch überrascht.“ 

In all den Monaten, die sie hier gewesen war, war sie nicht darauf gekommen, dass sie Niamh kannte. Nicht ein einziges Mal. Dabei waren diese traditionellen Namen doch etwas, was vor allem die Clans so gern als Zweitnamen verwendeten. Es fiel ihr schwer, sich nichts vorzuwerfen, es nicht geahnt zu haben, selbst dann nicht, als ihr bewusst geworden war, dass diese Leute Hilfe von einem Magier aus dem Militär gehabt hatten. Es fiel ihr schwer, sich nicht vorzuwerfen, nicht jeden vollständigen Namen der Leute ihres Umfelds gekannt zu haben. 

Es ist ein schöner Name, den Sie da haben, dachte Milijena sich lächelnd, den Blick in den Birken. Ophelia Niamh Crayfish. 

Als die Magiern abdrückte, unternahm Milijena nichts, denn sie wusste, wann sie verloren hatte. Sie hörte den Schuss nicht mehr. 

Es tut mir Leid, Elena.

Bis gleich, Nikolaij.

Dicker Küstennebel lag über Sysdale. Obwohl es bereits später Nachmittag war hatte er sich noch nicht verzogen, beschränkte die Sicht auf einen einzigen weiteren Block und sorgte für eine ausgesprochen feuchte Kälte, ohne dass Schnee lag. Horatio hatte das Anwesen seines Clans größer in Erinnerung gehabt, irgendwie prachtvoller, aber vielleicht lag es an dem Fakt, dass es bei seiner gestrigen Ankunft Nacht gewesen war. Jetzt konnte er draußen kaum etwas erkennen. Er war auf den Balkon gegangen, um einen Blick auf die See zu erhaschen, vielleicht auch auf Hohendamm, aber das einzige, was er bekommen hatte, war eine wabernde Masse weißer Leere. 

„Vielen Dank auch, Fatum“, nuschelte er und entschied, dass das Nichts vor der Haustür es nicht wert war, weiter die Kälte zu ertragen, weshalb er wieder hinein ging. Obwohl es draußen nicht hell war, war es drin noch ein Stück dunkler. Sollte ein Theaterautor ein Skript für ein Horrorstück schreiben wollen, hier hätte er sich Inspiration holen können. Horatio wollte nicht schlecht über das Gebäude und all seine Bewohner denken, aber er konnte es nicht verhindern. Seine Mutter fühlte sich hier wohl, das war Grund genug, sich hier unwohl zu fühlen.

„Mam? Hey?“, fragte er ins Wohnzimmer, wo er allerdings keine Antwort bekam und in die Küche ging. Dort war sie aber auch nicht, also lief er zurück ins Wohnzimmer. Sie saß tatsächlich dort - er hatte sie beim ersten Mal übersehen. „Ich geh Ophelia suchen, aye?“ 
„Deine Schwester hat genug zu tun, belästige sie nicht“, sagte Jocelyn, ohne von dem Buch in ihren Händen aufzuschauen. 

„Sie wird mir schon sagen, wenn ich sie belästige“, meinte Horatio und ging trotzdem zur Tür.
 
„Sie hat viel zu tun, die nächsten Tage. Man stört Menschen nicht, wenn sie wichtige Aufgaben zu erledigen haben.“ 

„Ich will sie nicht stören. Ich will sie sehen. Nur kurz. Wirklich.“ Er hatte Ophelia so lange nicht gesehen, er wollte sich jetzt nicht noch von einer Moralpredigt seiner Mutter aufhalten lassen, nachdem die zu Hause in Cilghain schon wesentlich mehr darüber geredet hatte als sonst, wie unnötig es war, dass er nach Sysdale mitkam. Zugegeben, er war sich immer noch nicht sicher, ob er das hier nicht vielleicht doch träumte. Er hätte nie gedacht, seine Mutter überreden zu können, ihn mitzunehmen. 

Da sie nichts weiter sagte, hielt er kurz inne. „Weißt du, wo sie ist?“ 

Sie schüttelte den Kopf ganz leicht, schwieg allerdings. 

Horatio schaute Jocelyn kurz an. Er überlegte, noch etwas zu sagen, entschied sich aber dagegen und ging zur Tür, zog sich Schuhe und Jacke an. 

„Du bist am Nachmittag zu Hause“, legte seine Mutter fest, als er gerade die Tür aufzog. „Heute Abend wird hier alles abgesperrt und ich will nicht, dass du irgendwo Chaos verursachst.“ 

„Selbstverständlich“, sagte er, ehe er ging. 






Tatsächlich stellte es sich als ausgesprochen schwierig heraus, Ophelia ausfindig zu machen. Er war das gesamte Anwesen jetzt schon zwei Mal abgelaufen und auch im direkten Umfeld in Sysdale war sie nicht gewesen. Am liebsten hätte er ja einfach einen der vielen Militärsleute gefragt, aber er war noch geistesgegenwärtig genug, das nicht zu tun. Die reagierten da nicht gut drauf. Blah blah. Magier waren so eine anstrengende Gattung Mensch. Und im Fall seiner Schwester auch noch unauffindbar. Verglichen mit Avasikuu war Sysdale winzig! Irgendwo musste sie doch sein! Außerdem war sie – wie er mitbekommen hatte – jetzt ganz frisch direkt bei der Konferenz eingeteilt worden. Sie durfte sich doch gar nicht weit weg befinden! 

Horatio war bereits auf dem Weg zurück, die Hände in den Jackentaschen, frustriert einen Stein zur Seite kickend, als er am Hauptausgang des Clananwesens jemanden entdeckte, den er kannte. Er wusste sich nur nicht so ganz, ob er sich darüber freuen sollte und wie man auf ihn reagieren würde. Aber es war vielleicht ein Anhaltspunkt. Vielleicht. Lieber von dem angeschnauzt werden, als es nicht versucht zu haben. 

„Heeeeeeeey, Vilis, lange nich' gesehen, na? Wusst nich', dass du auch hier bist, haha“, redete er in schnellem Hostisch, hob die Hand zum Gruß und grinste nervös. 

Der sehr große Mann vor ihm musterte ihn kritisch und Horatio bereute für einen kurzen Moment, den Exfreund seiner Schwester angesprochen zu haben. Aber er war nicht in Uniform, also nicht im Dienst! Da musste es doch okay sein, ihn als Militärangehörigen anzusprechen, oder? 

Sehr zu Horatios Erleichterung breitete sich Vilis' Mund aber gleich zu einem Grinsen und er klopfte ihm mit einer seiner Pranken kurz auf die Schulter. „'Ne ganze Weile, Hurstio, 'ne ganze Weile.“ 

„Horatio! Immer noch!“ 

Vilis lachte nur auf. „Sag, was treibst du hier? Es dauert doch noch bis nächsten Monat, bis es für dich nach Avasikuu geht, oder?“ 

„Hm, ja. Also, vielleicht auch schon weniger? Ich weiß nicht, ich würde mich gern mit der Umgebung vertraut machen dort, ehe ich mindestens drei Jahre da wohnen werde“, sagte Horatio und zuckte mit den Schultern. Er kannte Vilis zwar jetzt auch schon seit ein paar Jahren, aber er war die einzige Person aus Osthostis, die er kannte. Der weiche Dialekt passte nicht zu jemandem wie Vilis, der aussah, als könnte man ihn in der hostischen Taiga aussetzen und er würde auch noch dort überleben. „Ah, wenn du zurück bist, dann grüß Finnya von mir!“ Vilis' war ein bisschen gruselig, aber seine jüngere Schwester hatte er gern. 

„Klar, klar, die freut sich.“

„Sag mal, du hast nicht zufällig meine Schwester gesehen?“, fragte er dann doch wieder etwas vorsichtiger. Er wusste, dass die beiden seit zwei Monaten nicht mehr zusammen waren. Was er nicht wusste, waren die Hintergründe und wie sie beide damit umgegangen waren, weil er von Ophelia nicht mehr dazu gehört hatte, als „Ich hab mich nach Sysdale versetzen lassen und bin wieder Single“ und sie hatte nicht in der Laune gewirkt, irgendetwas erklären zu wollen, weshalb er nicht weiter nachgefragt hatte. 

Vilis gab ein paar sehr schreckliche Augenblicke lang gar kein Geräusch von sich, bis er merkwürdig gepresst Luft zwischen seinen Zähnen durchließ. „Hab sie gesehen. Kurz. Heute... Morgen, aber keine Ahnung, wo sie jetzt ist. Sie muss arbeiten. Ich nicht.“ 

Horatio presste bei der Erwähnung des Morgens die Lippen zusammen. „Warum bist'n dann hier? Aus Spaß an der Freude, ich dachte, ihr seid nicht mehr zusammen?“ 

„Hey, Hurstio-“ 

„Horatio!“

„Kümmer' dich um deinen eigenen Scheiß, ja? Ich wurde spontan befördert und muss halt zurück nach Avasikuu nachher. Keine Ahnung, wo die mich hinstecken jetzt, hoffentlich nicht ganz an den Arsch der Welt. Warum ist dieses hässliche Land auch so groß.“ Vilis ächzte. 

„Befördert, was, warum? Warst du nich' schon superhoch im Rang, was bist du denn jetzt? Ist das nicht 'ne klasse Sache mit der Beförderung? Und seit wann geht das spontan bei so hohen Sachen, braucht das nicht viel Planung und Besprechung?“ 

„Ich kann nicht fünf Fragen auf einmal beantworten“, sagte er und schaute über den Platz vor dem Anwesen. 

„Hmmm ja, 'tschuldige.“ Horatio wären, um ehrlich zu sein, noch zwanzig Fragen mehr eingefallen. Die größte aber konnte er Vilis nicht stellen, ohne ihn wütend zu machen, einmal davon abgesehen, dass der sie vermutlich gar nicht beantworten konnte. Ophelia war jemand, der etwas entschied zu machen und das dann umsetzte, niemand, der Leuten eine zweite Chance gab oder so etwas. Theoretisch hatte Vilis ja nicht einmal gesagt, dass er sie auch über Nacht gesehen hatte. Vermutlich interpretierte Horatio nur zu viel hinein. 

„Oberst bin ich. Seit heute. Das ganze offizielle Blahblah kommt später, keine Ahnung. Irgendwann, wenn Zar Nikolaij zurück in Avasikuu ist? Pft. Oder die Marschälle machen das. Bin zwar bisher schon 'ne ganze Hand voll mal befördert worden, aber so 'Hey, zack, Vilis, bis jetzt 'nen Rang höher, Bussi', war's noch nie.“ 

„Krass“, wusste Horatio das nicht anders zu bezeichnen. „Ist Herr Nikolaij da einfach zu dir hin und...“ Als er Vilis mitleidigen Blick bemerkte, hielt er lieber den Mund, da er dadurch bemerkte, dass er Mist erzählte. „Dann eben nicht der Zar. Sonst wer eben.“ 

„Per Brief. Hätte ablehnen können, aber fff. Ich hab nichts gegen mehr Geld.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und soweit ich mitbekommen habe, arbeitet der Oberst doch am wenigsten von allen Offizieren. Zumindest hatte ich bei meinem alten Vorgesetzten immer das Gefühl, hah. Der Kerl war faul wie Scheiße und listig wie ein Fuchs.“

„Wenn du faul wirst, ist Ophelia aber nicht begei... Ich meine, du weißt, du kennst sie ja, also. Ich meine. Ahahaha.“ 

Entweder, Vilis bekam es nicht mit, oder ihm war ausnahmsweise egal, dass Horatio nur Müll redete.

„Ja. Ich werde natürlich nicht faul. Ich bin doch vorbildlich. Der vorbildlichste von allen. Vilis Vorbildlich Herada. Ich sag's dir, dafür werd ich eines Tages noch in den Adelsstand erhoben. Nach deiner Schwester, natürlich.“ Er grinste knapp den Himmel an. 

Horatio war beeindruckt davon, wie gut gelaunt der Kerl heute war, hatte aber definitiv nichts dagegen. Vilis war anstrengend, wenn er... anstrengend war. Dann wurde er gefühlt noch zehn Zentimeter größer und Horatio fühlte sich jetzt schon winzig gegen ihn. Nichts gegen die Entscheidung seiner Schwester, aber er würde definitiv nie etwas mit einem Kerl haben, der einen Kopf größer war als er. 

„Ich unterstütz dich dabei“, meinte Horatio, der aber immer noch nicht wusste, wo seine Schwester war. „Ich... Ich geh dann mal Ophelia weiter suchen oder so. Schönen...“ 

„Na, na.“ Vilis legte seine Pranke auf Horatios Schulter und hinderte ihn dadurch am Gehen. „Da hinten kommt Roman, der könnte Bescheid wissen.“

„Roman wer?“ 

„Kraskow. Der war im Sommer auch dabei auf der einen Party, aber ich glaub, der hat das Gegenteil gemacht von dem, was du gemacht hast, und die ganze Zeit die Fresse gehalten.“ 

Doch, doch. Horatio erinnerte sich an den Leibwächter von Prinz Alexeij, auch wenn er mit ihm nicht gesprochen hatte. Warum auch? Der Kerl hatte – so auch heute – einen Gesichtsausdruck, der vermuten ließ, dass er jeden mit Laserstrahlen aus den Augen tötete, der es wagte, ihn anzusprechen. 

„Hast dir aber Zeit gelassen, mein Gutster, du bist ganze drei Minuten zu spät. Gibt es dafür Disziplinarmaßnahmen?“, höhnte Vilis, aber Roman reagierte nicht darauf. „Wie auch immer. Hier, das ist Horatio, Ophelias Bruder. Der war im Sommer...“

„Ich erinnere mich“, sagte Roman sehr kühl und musterte Horatio kurz. „Freut mich. Deine Schwester sucht dich.“ 
„Meine... Das trifft sich super, ich suche sie nämlich auch und das echt schon seit 'ner ganzen Weile, hat sie dir das gesagt? Wo ist sie denn, ist sie irgendwo hier oder eher in Richtung Rathaus in Sysdale?“ 

„Ich bin mir sicher, wenn du noch fünf Fragen mehr gestellt hättest, würden die auch gleich beantwortet werden“, feixte Vilis, woraufhin Horatio ihn knapp beleidigt anschaute. 

„Ophelia ist heute beschäftigt“, sagte Roman, der Vilis' Aussage und Horatios viele Fragen zu ignorieren schien. „Sie wird sich voll und ganz auf das Geschehen der Konferenzen konzentrieren.“ 

„So lange gehen die Schichten für den Wachdienst nicht“, meinte Vilis. „Wenn die heute Morgen angefangen hat, ist die am Nachmittag fertig.“ 

„Sie ist aber nicht draußen, sondern drinnen“, sagte Roman mit etwas Nachdruck in der Stimme, als hätte ihn Vilis beim Sprechen unterbrochen. 

„Sie hat selbst gesagt, dass sie draußen ist, verkauf mich nicht für blöd“, ächzte Vilis. 

Horatio schaute kurz zwischen den beiden hin und her. Wenn Ophelia am Morgen direkt vor der Arbeit bei ihm gewesen war, wenn Vilis heute frei hatte, dann war sie fast wirklich über Nacht da gewesen. Vielleicht interpretierte er immer noch zu viel hinein. Vielleicht entsprach es aber auch der Wahrheit. Was auch immer, was zum Henker lief da eigentlich? Manchmal wünschte er sich, er wäre nicht ganz so viele Jahre jünger als Ophelia. Dann würde sie ihm vielleicht etwas erzählen und als weniger untergestellt einordnen, als es jetzt der Fall war. Im Grunde genommen kannte er sie doch gar nicht. Das letzte Mal hatte er sie zu Neujahr vor zwei Wochen gesehen und davor einige Wochen lang gar nicht. Und die Jahre, in denen sie in Avasikuu gelebt hatte, ohnehin nur, wenn sie gelegentlich mal nach Hause gekommen war oder wenn er sie in der Hauptstadt besucht hatte, was nicht oft vorgekommen war. Beides. Ophelia und ihre Mutter kamen nicht gut aus und Horatio wusste das sehr gut. Es war anstrengend, mit beiden im gleichen Raum zu sein. 

„Sie wurde heute morgen im Dienst verschoben.“ Roman klang immer noch ruhig. Horatio wusste, dass er nicht so geredet hätte, würde Vilis ihm komisch kommen. Also, eigentlich schon, bei Vilis gab er lieber nach, als gegen ihn zu reden, aber Roman war als Leibwächter des Prinzen ja im Rang irgendwie höher? Zwar nicht Militär, aber eben Zarenfamilie, das war ja... irgendwie... Ah. Aaaaaah. „Irgendwer musste schließlich deinen Platz auf der Konferenz füllen.“ 

Vilis öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn noch einmal. Er wiederholte den Vorgang ein weiteres Mal und schaute dann demonstrativ nicht Roman an. Horatio grinste unwillkürlich, woraufhin er von Vilis einen bösen Blick bekam. 

Roman räusperte sich. „Sie will sich mit dir treffen, Horatio, wenn sie dich bis heute Abend nicht sieht“, sagte er dann und reichte ihm einen Brief, auf dessen Umschlag Horatio die Handschrift seiner Schwester erkennen konnte. 

„Hm, danke.“ Er öffnete ihn noch nicht, betrachtete ihn aber, nachdem er ihn entgegen genommen hatte. Der Brief war leicht und aus wiederverwendetem Papier. „Geht es... Geht es ihr gut?“ 

Roman warf ihm einen skeptischen Blick zu und antwortete nicht auf die Frage. Stattdessen wandte er sich an Vilis. „Beeil dich mit Packen, ich will heute noch in Avasikuu sein. Wir sehen uns nachher.“ Er schaute noch einmal kurz zu Horatio. „Einen angenehmen Tag noch.“ Dann ging er weiter, ins Gebäude. Es war seltsam, dass ausgerechnet so ein hohes Tier wie er den Botenvogel gespielt hatte. 

„Bist du nicht... mit ihm befreundet oder so?“, fragte er Vilis und schaute noch einmal zu dem auf. Vielleicht fand Ophelia ja irgendwie scharf, einen verspannten Nacken zu bekommen, weil sie die ganze Zeit nach oben schauen musste; er wusste es nicht. 

„Wir kommen aus, meistens“, meinte Vilis und schaute kurz dahin, wo Roman verschwunden war. Seine Augenbrauen zogen sich dabei zusammen. Sie erinnerten Horatio ein bisschen an Nacktschnecken, wenn diese aus einem Bündel schwarzer Borsten bestehen würden und vielleicht nicht schleimig wären. Brauenschnecken. 

„Hm.“ Horatio wippte auf den Füßen hin und her und fand die Stille unangenehm, dann öffnete er den Brief. 

Sé, ich habe heute mehr zu tun als ich erwartet habe. Sollten wir uns bis heute Abend nicht sehen, treffen wir uns null Uhr am Eingang zu den westlichen Docks.
Phelia 


„Null Uhr?“, ächzte Horatio. „Das dauert ja ewig.“ 

„Was will sie mit dir mitten in der Nacht?“ Vilis beugte sich etwas rüber, um in den Brief hinein zu spähen. Horatio hatte kein Problem damit, weil er wusste, dass Vilis Iliarisch ohnehin nicht sprechen und schon gar nicht lesen konnte. 

„Frag mich das nicht“, sagte Horatio und seufzte. „Was soll ich denn machen bis dahin? Es ist Kackwetter.“ 

„Dir fällt schon was ein“, war Vilis zuversichtlich. Dann klopfte er ihm mit einer seiner Pranken erneut auf die Schulter. Horatio war sich sicher, dadurch ein paar Zentimeter zu schrumpfen. „Ich muss los. Roman wird beim Heulen sonst noch anstrengender als eh.“ Er grinste dabei breit und Horatio erwiderte es kurz. 

„Kommt gut nach Avasikuu.“ 

„Werden wir, werden wir. Wir sehen uns dann wohl oder übel im März und wehe du stiftest meine Schwester zu Mist an, du Knalltüte.“ 

„Ich mache nie Mist und ich stifte auch niemanden an, niemals, nay, nay, nay“, gluckste Horatio. 

Vilis verlagerte seine Hand auf Horatios Kopf. „Pass auf dich auf“, sagte er dann, etwas ernster. „Und auf deine Schwester auch.“ 

„Tss. Ich glaube, Ophelia kann auf sich selbst besser aufpassen, als ich auf mich“, sagte er und schielte nach oben. 

„Tu mir den Gefallen, Hurstio.“ 

„Horatio!“ 

Er lachte. „Na bitte.“ Dann nahm er die Hand runter, gab Horatio Fingerpistolen und vergrub sie anschließend in den Taschen seines dunkelgrünen Parkas und wandte sich ab und ging.

Horatio sagte nichts weiter. Er schaute ihm nur hinterher, bis sein breiter Rücken zwischen den Menschen auf dem Marktplatz verschwunden war.






Die Nacht war kalt und es kam kaum Wind vom Meer. Horatio starrte auf die dunkle Wasseroberfläche am Horizont und seine Finger froren trotz seiner Handschuhe. Die westlichen Trockendocks lagen still, unbenutzt da, es würde ein paar Stunden dauern, ehe sie wieder in Betrieb genommen wurden. Die Rathaushalle war von hier gut zu sehen. Die Besprechungen waren vorbei, es gab nur noch die obligatorische Abendveranstaltung. Horatios Blick schwenkte zu den Lichtern der Halle und dann zurück zu den Docks. Ein paar tote Banner lagen auf dem Boden, von den Demonstrationen und Gegendemonstrationen von heute und den letzten paar Tagen. Er hielt sich da heraus. Er wollte sich nicht die Illusion geben, etwas bewirken zu können. Ab März wäre er ohnehin an der Militärakademie. 

„Sé“, hörte er Ophelias Stimme und drehte sich um. 

Er grinste breit. Er hatte sie seit Dezember nicht mehr gesehen. „Phelia!“ Horatio nahm seine Schwester in die Arme. Ihr Spitzname war nur wenig jünger als Horatio und kam von ihm, als er als Kleinkind ihren Namen nicht hatte aussprechen können – sie hingegen nannte ihn häufig bei seinem Zweitnamen, auch das war schon immer so gewesen. Ophelias Zeitnamen, Niamh, verwendete aber kaum einer, nur ihre Mutter wenn sie sauer war. 

Mittlerweile war er ein paar Zentimeter größer als sie. Es war ein schönes Gefühl. 

„Gut, dass du hier bist. Ich wusste, dass auf Roman Verlass ist“, sagte sie, als sie sich löste, und schaute ihm in die Augen. 

„Jaaa. Ja. Hab ihn vor dem Anwesen getroffen. Mit Vilis.“ Er sah Ophelias Augenlid kurz zucken. „Was wird das mit ihm eigentlich oder interpretiere ich da doch nur zu viel hinein, ich meine... Hast du das mit ihm abgesprochen?“ 

„Ja“, fiel ihre Antwort sehr knapp aus und sie stimmte ihn nicht zufrieden. 

„Also gehst du zu ihm zurück – ist das nicht kompliziert? Er hat gesagt, er ist befördert worden, damit ist er doch jetzt zwei Ränge über dir, nicht wahr? Sind dann nicht die Einsatzgebiete super weit auseinander und...“ 

„Sé, bitte. Das ist jetzt nicht wichtig“, sagte sie, nahm ihn beim Handgelenk und ging weiter in Richtung Hafen. Um die Uhrzeit waren nicht mehr viele Leute hier. Horatio durfte eigentlich gar nicht hier sein und wenn seine Mutter mitbekam dass er weg war, würde sie ihn zu Mus verarbeiten. 

„Was ist denn dann wichtig?“, fragte er. „Offenbar so super wichtig, dass du den ganzen Tag keine Zeit hast, sondern erst Null Uhr an den Trockendocks, willst du, dass ich Drogen nach Hohendamm schmuggle oder was?“ 

„Nicht so laut“, sagte sie mit leichtem Nachdruck. Horatio schnaubte leise. Er war froh, Ophelia zu sehen, aber das hier war gerade so unnötig mysteriös, dass es ihn nervte. 

„Du wirst nichts schmuggeln“, sagte sie.

„Was?“ 

Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Ihre hellbraunen, kinnlangen Haare wehten leicht im Wind – trotz der Kälte trug sie keine Mütze. Sie hatte ihre Militäruniform noch an. „Es fährt ein Schiff, in einer Stunde ungefähr. Das wird dich nach Hohendamm bringen.“ 

Horatio blinzelte zweimal. „Was?“, wiederholte er. 

„Ich hab mich deutlich ausgedrückt.“ 

„Du kannst mir nicht einfach... Was? Ich versteh das nicht, ich...“

„Psht“, wies sie ihm an, leiser zu machen, und legte eine Hand auf seine Schulter.

Horatio atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Ophelia machte keine Scherze, schon gar nicht solche. „Du... du meinst das ernst, nicht wahr?“ 

Ophelia schwieg einen Moment lang, schaute ihn an. Sie sah müde aus, als hätte sie zu viel gearbeitet – das machte sie immer, aber ihr war es in der Regel nicht anzusehen. Sie war gut darin, wie in allem was sie machte. Klug, ehrgeizig, durchsetzungsfähig und schön. Das genaue Gegenteil von ihm, aber er hatte sie seit jeher eher dafür bewundert als eifersüchtig zu sein. 
Horatio fiel auf einmal auf, wie kalt ihm war, und er strich mit zitternden Fingern ein paar Haare aus Ophelias Gesicht. 

„Morgen“, begann sie langsam. „Morgen wird hier alles anders sein und ich muss dich in Sicherheit wissen, Sé.“ 

Er sagte darauf nichts. Er könnte, oh wie er das könnte – hundert Fragen auf einmal, die könnte er stellen, aber er ließ es sein, denn er bezweifelte, dass sie ihm auch nur eine beantworten würde. Es war Ophelia, seine große Schwester, zu der er aufschaute und der er vertraute. Wenn sie sagte, es wäre das Richtige, wenn sie so entschieden hatte, dann würde es richtig sein, ganz gleich, ob er im Moment noch zweifelte. Und es war schwer nicht zu zweifeln. Woher wusste sie das? Warum Tribunus? Wenn es so schlimm sein würde, warum konnte sie ihn nicht einfach nach Cilghain zurückschicken? Oder gleich nach Avasikuu, ab nächsten Monat wäre er ohnehin dort. 

Ophelia fasste in eine Tasche ihrer Uniform, zog einen Zettel hervor, den sie ihm reichte. Eine Nummer stand darauf und ein Name. 

„Dort im Hafen wirst du das Schiff finden. Ich kann dich nicht hinbringen, ich muss gleich wieder los, zur Rathaushalle.“ 

Er nickte und starrte die Nummer an, ohne sie zu lesen. Bis auf die Kälte fühlte sich alles sehr dumpf an. Das Rauschen der See wirkte fern, die Straßenbeleuchtung gedimmt. Ihm fiel Ophelias Hand auf, die ihm ein Bündel Geld reicht. Tribunische Währung. Er reagierte nicht. 

„Ich habe kein Visum“, sagte er und es fühlte sich nicht an, als würde er das sagen. 

„Du gehst mit dem Hundertzwanzigsten aufs Schiff und versteckst dich, bis es ablegt. Du kannst den Zauber vernachlässigen, bis die Kontrollen kommen. Der Grenzer ist Kapitänleutnant Frederik Täysikuu, ein Freund von mir. Er wird dich durchlassen.“ Sie nahm seine freie Hand und packte das Geld einfach hinein. „Steck es weg.“

Langsam begann er, sich die Scheine in die Hosentasche zu stopfen. 

„Du musst zum Clananwesen der Färber und auf Aufenthaltserlaubnis als verbündetes Clanmitglied pochen, so schaffst du es, dass sie dich nicht zurück schicken. Die werden dein Blut testen, um zu schauen, ob sie dich an die Akademie schicken können. Du musst die Tests manipulieren.“ 

Er sah sie wieder an. Er wollte „Warum?“ fragen, aber er vergaß den Mund zu öffnen. 

„Die Metallwerte im Blut. Du musst sie ändern, ein wenig reicht. Das verändert die Testergebnisse, ohne dass sie mitbekommen, dass du es warst. Verstanden?“ 

Er nickte. 

„Wir treffen uns in Rubrica.“ 

Horatio biss sich kurz auf die Unterlippe, schluckte aber alles herunter. „Wann? Wo?“ 

„Das weiß ich noch nicht“, sagte sie, dann lächelte sie knapp. Ophelia lächelte nicht häufig, außer bei ihm. „Es gibt nicht viele Crayfish in Rubrica. Ich werde dich finden. Versprochen.“ 

Anstatt etwas zu sagen, umarmte Horatio seine Schwester. Sie umarmte zurück, als er das Gesicht in ihren Haaren vergrub. Es war so selten, dass sie mehr redete als er, so selten und es fühlte sich falsch an, aber ausnahmsweise wusste er nicht, was er sagen sollte. 

„Du bist groß geworden“, hörte er sie leise sagen. Vielleicht bildete er es sich ein, es klang so sentimental. Ophelia war nicht sentimental. Aber sie würde schon wissen, was das richtige war, für jetzt, für die Zukunft. Das wusste sie immer. 









Obwohl Horatios Augen weh taten und seine Lider träge waren, tat er sich schwer daran, einzuschlafen. Sogar Linus war besser darin als er. Der Mond und die Straßenbeleuchtung schienen durch die Gardinen, sodass Horatio seinen Zimmergenossen trotz Dunkelheit sehr gut sehen konnte. Selbst jetzt sah man, dass seine Haare rot waren. Er verstand gar nicht, was Linus dagegen hatte. Also, schon. Schon, im Grunde genommen. Auffällig und blah, Linus als Schildkrötenmensch wollte sich in sich zurück ziehen und von keinem gesehen werden. Das war schade. Dass er hübsch war, war das eine. Aber dafür, dass Horatio selbst teilweise ein ziemliches Aas war, war Linus eigentlich immer nett zu ihm gewesen, sicherlich aufgrund der eigenen Unsicherheit. Vielleicht wäre er nicht so nett, würde er sich mehr trauen? Horatio wusste es nicht ganz, aber er fühlte sich schlecht und irgendwie falsch, Linus beim schlafen zu beobachten, weshalb er sich auf die andere Seite drehte und die Wand anstarrte. 

Seine Schwester hatte ihn in Rubrica nicht gefunden und er sie auch nicht. Mittlerweile war er sich nicht nur sicher, dass sie nie hier gewesen war und es auch nie sein würde, sondern, dass sie es auch nie vorgehabt hatte. Es war eine Lüge gewesen, um ihn davon zu überzeugen, dass er ging. 

Die Metallwerte ihm Blut hatte er nicht verändert. In dem Moment hatte er sich gedacht „Was soll's, ich weiß ohnehin nicht, was ich außer Militär mit meinem Leben anfangen soll“ und sein Schicksal an der tribunischen Akademie akzeptiert. Jetzt wusste er, warum Ophelia gewollt hatte, dass er nicht hier landete. Er wusste, dass sie es gewusst, dass sie alles gewusst hatte und er hatte so viele Fragen an sie. Sicherlich war sie in irgendwelche dunklen Machenschaften hinein gerutscht. Düstere Geschehnisse und Erpressungen. Vielleicht war er unbewusst involviert, vielleicht nicht. Die Abteilungsleitung hatte ihm viele Fragen gestellt, aber er konnte nur sagen, was er gesehen hatte und für sich behalten, was Ophelia ihm gesagt hatte.

Vermutlich wusste die Abteilungsleitung es auch ohne ihn, denn sie war nicht dumm, aber er wollte seine Schwester nicht anschwärzen. Ophelia war nicht freiwillig in Kriegsintrigen gelandet, nein. Sie hatte nichts mit Zar Nikolaijs Ermordung zu tun. Sie hatte versprochen, dass sie Horatio finden würde und Ophelia hielt ihre Versprechen, auch wenn ihm bewusst war, dass es ihr im Moment vielleicht unmöglich war. 

Ophelia war weder tot noch ein böser Mensch. Horatio wusste das und er wusste auch, dass er über das Leben seiner Schwester kaum etwas wusste – wie denn auch? Doch das war egal. Er war ihr wichtig, da war er sich sehr sicher. Und wenn ihr gerade die Hände gebunden waren, ihn zu finden, musste er eben selbst nachhelfen. Möglicherweise war die Überfahrt nach Hostis im Juni eine gute Chance. Irgendwo musste er ja anfangen.

Ein Glück war Cajetan Rechtshänder. Das machte die Tatsache, dass ihn der Rückstoß den Arm nicht nur einfach gebrochen hatte, ein wenig weniger tragisch, auch wenn es banal war, sich in so einer Situation an einen Gedanken wie diesen klammern. Es tat weh. Gleichzeitig war es nur ein kleines Problem, ein Symptom. Wie froh er doch war, eine ehemalige Militärsmagierin bei sich zu haben.

„Ich fass es nich'“, ächzte er bereits zum zweiten Mal. Es war bewölkt. Es würde regnen. „All diese verdammten Monate und jetzt das, ich dacht', du wolltest sie am Leben halten?!“

Eigentlich wollte er ruhig sprechen. Uneigentlich wollte er nicht und angebracht wäre es auch nicht gewesen. 

„Sie hätte ohnehin nicht überlebt.“ Ophelias Stimme klang unbeeindruckt, unbeteiligt. Vom Geschehen, vom Anblick, von all dem Chaos im Gemüt lediglich tangiert und selbst das nur peripher. 

Cajetan ließ das unkommentiert, weil ihm die Worte fehlten. Er schnaubte lediglich und stapfte an Ophelia vorbei und hockte sich neben Milijena. Er schaute der Toten in die Augen. Dann erhob er sich, setzte sich unter eine der Birken und holte eine Blechdose hervor, die er gestern mit selbstgedrehten Zigaretten gefüllt hatte, von denen er sich nun eine gönnte. 

„Auch eine?“ 

Ophelia schaute ihn düster an, sagte aber nichts dazu. Sie war schwanger, natürlich rauchte sie nicht, das hatte er vergessen. Er musterte die Magierin kurz. Mittlerweile war ihr Zustand gut sichtbar. 

Sie setzte sich neben ihn und hielt die Hand hin, woraufhin er seinen Arm ihr zuwandte. „Wir müssen es trotzdem schienen“, sagte sie. „Drin sind Mittel dazu.“ Sie war nur ein einziges Mal im Bunker gewesen und das war über ein halbes Jahr her. Dennoch hatte sie den Satz nicht als Frage formuliert. 

Er nickte. Cajetan wollte nicht zurück in den Bunker, noch nicht jetzt. Es fiel ihm schwer, über irgendetwas traurig zu sein, weil zu viel Ironie des Schicksals involviert war und er höchstwahrscheinlich unter Schock stand. Eigentlich war es Gerechtigkeit, das wusste er selbst. Erst Recht nach der ganzen Sache mit dem Krieg und mit Tribunus' Beschuss von hostischen Städten, allen voran Avasikuu. 

Das Nikotin beruhigte ihn und das angenehme Ziehen in den Lungen ließ ihn müde werden. Cajetan lehnte sich an den Baum und schaute kurz nach oben. Die Birke wackelte unter seinem Gewicht. Er war sich sicher, dass er schwerer war als sie. 

„Was jetzt?“, fragte er nach einer Weile, ohne, dass er Ophelia dabei angeschaut hätte. Dennoch bemerkte er, wie sie ihr Kinn auf ihre Hände stützte. 

„Wir werden bergen, was zu bergen ist und den Rest vernichten“, legte sie fest. 

„Was machen wir mit den anderen?“ Regen würde gut sein. Das würde Spuren verwischen. „Verbrennen?“ 

„Nein, das ist zu auffällig. Du wirst graben“, sagte sie. „Ich kann helfen, aber ich darf keine Lasten heben.“ 

Cajetan blies Rauch in die kalt-feuchte Luft. „Und sie?“ Er nickte mit den Kopf in Milijenas Richtung. 

„Wasser.“ 

„Wasser was?“ 

„Das Meer ist nicht weit. An Wasserleichen lassen sich weniger Spuren feststellen, als wenn wir sie vergraben würden. Früher oder später wird das Militär diesen Ort hier finden, sei es das tribunische oder das hostische.“ 

Er bedachte Ophelia mit einem knappen Seitenblick. Die Situation fühlte sich surreal an. Nicht, dass er es jemals verinnerlicht hätte, von jenem Moment an, in dem sie ernsthaft festgelegt hatten, dass sie die Rathaushalle sprengen würden. Aber von allen Geschehnissen ab dieser Entscheidung war das Gefühl jetzt, in dem Augenblick, in dem alles vorbei war, am merkwürdigsten. 

Letztendlich drückte er seine Zigarette aus und erhob sich. Er streckte sich einmal, zweimal, dann betrat er den Bunker wieder. Er hörte, wie Ophelia ihm folgte, hatte aber zuerst einmal das Arztzimmer zum Ziel, denn er musste sich um seinen Arm kümmern. Ophelia würde sich melden, wenn sie das anders sah, aber da sie nichts sagte, war sie wohl einer Meinung mit ihm. 

Gelegentlich passierten die beiden Blutlachen und die sterblichen Überreste von jenen, mit denen sie zusammen gearbeitet hatten. Ein paar hatte Cajetan gemocht, ein paar nicht. Ein paar kannte er schon lange, andere waren neu für ihn. Vielleicht hatte er in seinem Leben schon zu viele Tote gesehen, die ihm etwas bedeuteten, als dass jene, die ihm egal waren, sehr nahe gehen würden. Und irgendwo hatten sie es alle verdient, auch er, aber er hatte Glück gehabt. Dieses Mal. 

Er holte eine Wärmedecke, als er im Krankenraum ankam, und legte sie über die beiden Leichen im Eingang. Dann machte er einen großen Schritt, um zum Verbandszeug zu kommen. 

„Setz dich, Letham“, sagte Ophelia. 

Cajetan machte, was sie verlangte. Es war schwer, jetzt nicht wütend auf sie zu sein, auch wenn er wusste, dass das alles nicht nur ihre Schuld war. Aber vielleicht wäre noch jemand außer ihm am Leben wäre sie eher aufgetaucht. Oder wäre alles nach Plan gegangen, von Anfang an. Dann wäre die Zarin in Sysdale gestorben und alles wäre in Ordnung gewesen. Es wären weniger Leute tot und vermutlich wäre es noch für Milijena selbst angenehmer gewesen, als die letzten paar Monate hier. Doch er wusste, dass es nichts brachte, Ophelia irgendetwas vorzuwerfen. Das hatte er schon einmal versucht. 

Sie brauchte nicht lange, um seinen Arm zu behandeln. Nachdem sie ihm eine lokale Betäubung mit einem leichten Anästhetikum gegeben hatte, richtete sie den Knochen und aktivierte einen Heilzauber. Cajetan schaute ihr dabei zu, wie sie seinen Arm verband. Er verfolgte jeden einzelnen ihrer Handgriffe und dennoch registrierte er sie nicht. 

„Der Knochen wird nicht erneut brechen. Alles andere werde ich später noch einmal versorgen“, informierte sie ihn und richtete sich auf. 

Cajetan starrte weiterhin seinen Arm an. Ophelia holte einen Eimer aus einem Schrank, füllte ihn mit Wasser. Der Funkraum brannte nicht wirklich, zumindest nicht, soweit er es mitbekommen hatte, aber er schwelte vor sich hin. Es war ein guter Gedanke, das löschen zu gehen. Ophelia musste daran gedacht haben, die Tür und die Lüftung in dem Raum zu verschließen – die Zarin würde es wohl kaum getan haben und es hingen keine Rauchschwaden in den Fluren. 

„Warte“, sagte er und nahm ihr den Eimer ab. „Du darfst nicht schwer heben.“ 

Sie sagte nichts, sondern ging einfach nur an ihm vorbei durch den Türrahmen und hielt auf den Funkraum zu. Ein Eimer würde definitiv nicht zum Löschen reichen. Aber Magier waren super anstrengende Leute und in Ophelias Fall auch noch so pragmatisch, dass es unheimlich war. Wenn sie sich sicher war, dass sie es mit nur zehn Litern schaffte, dann war Cajetan das auch.
 
Er blieb stehen, als er auf dem Boden Francach liegen sah. Es war viel Blut aus seinem offenen Hals gelaufen und Ophelia hatte dieser Anblick offenbar nur in sofern mitgenommen, dass sie hatte aufpassen müssen, nicht in der Flüssigkeit auszurutschen. Für Cajetan war es ein merkwürdiges Gefüh. Vielleicht war er nichts weiter als eine Astralprojektion im Kopf von irgendeinem übernatürlichen Wesen.

„Scheißkopf“, nuschelte er und hockte sich hin, um Francach die Augen zu schließen. Was war schlimmer – jemanden in die Luft zu sprengen oder eine Geisel zu misshandeln? Cajetan war immer noch sauer deshalb und er würde es nie nicht sein. Es hatte keinen Grund dafür gegeben, die Frau hatte sich schon beschissen genug gefühlt. Francach war schon immer bitter und eigen gewesen und Cajetan war am meisten sauer auf sich, weil er versagt hatte, ihn und noch so vieles anderes in der ganzen Angelegenheit richtig einzuschätzen. Wenigstens hatte er, wie viele anderen hier auch, keine Angehörigen mehr. Die Wirtschaftskrise vor fünfzehn Jahren war hart gewesen. 

„Wenn du dich beeilst, sind wir am Abend in Sysdale.“ 

Cajetan erkannte an Ophelias Tonfall, dass sie sein Anhalten nicht gut hieß. Aber sie hatte ihm nichts zu sagen. Sie war nur ein kleiner Teil des Projekts gewesen. Nicht unwichtig, aber auch nicht wichtiger als er. 

„Na aber sicher“, ächzte er. „Bis zum Abend. Musst dir ja 'nen echten Supergaul geklaut haben, dass du's einmal bis hier hin und dann zurück treiben willst. Ich hoffe echt, dass du keine Haustiere hattest.“ 

„Das Pferd ist nicht das Problem. Du bist es“, sagte sie. 

„Du hättest noch zwanzig Minuten warten können, ich wette, dann hättest du keine Probleme.“ Cajetan erhob sich und schob sich an ihr vorbei. 

„Werd' nicht kindisch.“ Sie klang kalt und Cajetan machte das wütend, aber er sagte nichts dazu, weil er wusste, dass sie Recht hatte. 

„Schon gut, schon gut“, grummelte er und wandte endlich den Blick von seinem ehemaligen Klassenkameraden am Boden. „Ich wollt' nur sagen. Wenn du nich' willst, dass die Pferde zusammenbrechen, sollten wir uns eventuell ein weniger ehrgeiziges Ziel stecken.“ 

„Wir werden es bemerken, wenn die Pferde Probleme bekommen, und dann spontan darauf reagieren.“ Offenbar wartete sie darauf, dass er endlich weiterging, weshalb er es auch machte. Da sie jetzt hinter seinem Rücken war, konnte er sie lautlos nachäffen. Die Tiere konnten nichts dafür, dass sie zwei sie so von Sysdale hier her gescheucht hatten, als der Anruf gekommen war, dass die Zarin frei im Bunker umher marschierte. 

„Milijena hat meine Siegel an den Türen beschädigt. Ich will nicht dem Militär in die Hände laufen“, redete Ophelia weiter. 

„Denkst du nicht, dass die gerade ein bisschen anderes zu tun haben?“, erkundigte sich Cajetan. „Zumindest sahen die mir doch recht beschäftigt aus, seit Tribunus gestern auf den Gedanken gekommen ist, Sysdale mit Stahl und Schießpulver zu beschmeißen.“ 

„Hostis hätte als Nation nicht so lange durchgehalten, wenn das Reich und sein Militär so funktionieren würden, wie du es dir vorstellst, Letham.“ 

„Pft“, gab es nur von sich, aber da er vor der Tür zum Funkraum ankam, ließ er das Thema vorerst fallen. Das Metall war lückendicht verschweißt. Cajetan stellte den Wassereimer ab. 
„Ich hoffe, du hast auch die Lüftung geschlossen“, sagte er, woraufhin er nur einen sehr trockenen Seitenblick von ihr bekam. 

Sie legte ihre Hand an die Tür und im nächsten Moment begann der Stahl, sich wellenförmig zur Seite weg zu bewegen, als würde er an die Wände schmelzen. Es sah interessant und faszinierend und auch ein bisschen eklig aus. 

Den beiden kam schwarzer Rauch entgegen und Ophelia reichte Cajetan ein nasses Tuch, das er sich vor den Mund halten konnte. Sie tat es ihm nach. „Warte hier“, wies sie in an, holte anschließend Luft und schloss die Augen und lief in den Raum. Cajetan wich noch ein paar Schritte zurück, weil der Rauch immer weiter heraus kam. Er hätte ja angeboten, dass er das machen könnte, immerhin war sie schwanger und sollte ihr Baby bitte nicht gefährden. Aber wenn Ophelia auch die Lüftung verschweißt hatte, dann konnte nur sie das. Sein Energiegrad lag so gegen Null und reichte nicht einmal zum Tee kochen, nur zur Aktivierung von Instantzaubern. 

Es dauerte nicht lange, da kam Ophelia aus der Finsternis heraus. Die Luft wurde wieder gefiltert, das konnte Cajetan hören. 

„Brennt's noch irgendwo?“, erkundigte er sich, woraufhin sie den Kopf schüttelte. 

„Nicht, dass ich wüsste.“ Sie ging etwas weiter aus dem Gang heraus, um nicht im Rauch zu stehen. 

„Was jetzt?“ Cajetan schob sich die Ärmel hoch. 

„Warten.“ 

Er schaute kurz zu ihr hoch, dann wieder in den sich langsam lichtenden Rauch. „Kannst du ruhig machen“, sagte er dann und ging einfach in das Zimmer. Es war wesentlich weniger schlimm, wenn man einmal drinnen stand. Mittlerweile konnte er sogar sehen, ohne dass ihm die Augen tränten und durch das nasse Tuch kratzte die schlechte Luft nicht im Rachen. 

Von der Ignis Fatuus war nichts mehr übrig, das er hätte reparieren können. Er konnte schauen, ob er sonst Teile fand, die er gebrauchen konnte, aber er war sich sicher, dass ihm Ophelia nicht die Zeit dafür geben würde. 

„Hast du 'ne Ahnung, wen sie angerufen hat?“, fragte er durch den Rauch hindurch an Ophelia gewandt. Dann ging er zur Seite, um die übrig gebliebenen Zettel an den Pinnwänden abzunehmen und zu stapeln. Vieles waren alte Pläne und auch Theorien, die sie selbst aufgestellt hatten, nichts Großes, aber es war wohl besser, würden sie das verbrennen. Sonst kam das Militär noch auf komische Gedanken, sollten sie diesen Bunker hier finden. 

„Ihren Bruder, schätze ich“, hörte er Ophelias Stimme. „Oder Alexeij. Vermutlich aber eher ihren Bruder.“ 

„Sicher? Niemand sonst?“ Er hielt einen Brief seiner Cousine in der Hand. Das war das letzte Lebenszeichen, was er von ihr hatte, danach war der Kontakt abgebrochen. Cajetan wusste nicht, ob sie überhaupt noch lebte. Die Tage war es schwer, Informationen aus Avasikuu hinaus oder aber hinein zu bekommen und Nini war zum Zeitpunkt des tribunischen Angriffs in der Stadt gewesen. 

„Sie hat noch eine jüngere Schwester“, erzählte Ophelia. „Aber die bestreitet keinen wichtigen Posten. Ihr Vater ist vor zwei Monaten in Avasikuu gestorben. Ihre Tochter ist erst acht. Ich weiß nicht, wie nah sie ihrer Schwägerin steht und Alexeij kann sie nicht leiden, bleibt nur noch Roman.“ 

Cajetan nickte, dann fiel ihm auf, dass sie das nicht sehen konnte. „Ah. Danke.“ Wie praktisch, dass sie Kontakte in das Zarenhaus hatte. Beziehungsweise, gehabt hatte, denn zurück konnte sie nicht. „Jetzt solltest du dem Militär wohl erst recht nicht in die Finger laufen.“ Er horchte kurz, aber es machte nicht den Anschein, als dass Ophelia noch etwas dazu hätte sagen wollen. „Sie wird ihrem Bruder wohl alles durchgegeben haben, was sie weiß und wenn sie in diesem Raum hier gestanden hat, wird sie das mit dir definitiv gewusst haben.“ 

„Ich denke wohl kaum, dass das für Roman eine neue Information war“, sagte Ophelia. „Viel mehr Bestätigung eines existierenden Verdachts.“ Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, wie auch sie begann, Zettel zusammen zu lesen. 

„Der wird sich ordentlich in den Arsch beißen, dass er die Beförderung für Herada durchgeboxt hat“, gluckste Cajetan, obwohl er eigentlich selbst nicht ganz wusste, wie er in Retrospektive über all das fühlen sollte. Es war zu viel geschehen seitdem. 

Er zupfte die Nummer seiner Cousine Nini von der Pinnwand, betrachtete sie einen Moment. Die würde er nicht wegschmeißen. Vielleicht stolperte er in nächster Zeit über eine funktionstüchtige Ignis Fatuus, dann könnte er es noch einmal versuchen. 

„Ich werd' nach Avasikuu gehen“, sagte er dann. 

„Vergiss es.“ Ophelia bändigte das Wasser, um die letze Glut zu löschen, dann schmiss sie ihren Müll in den Eimer.

„Ich werd' mich nicht für die Dauer des Krieges auf den Iliarys verkriechen.“ 

„Du wirst dich überall verkriechen müssen, egal wo du bist“, sagte Ophelia. „Nach Avasikuu kommst du nicht hinein. Es ist gefährlich und das weißt du.“ 

„Hör mal.“ Er unterbrach seine Tätigkeit, um sie anzuschauen. Ophelia hingegen ließ sich davon nicht beeinflussen. „Du weißt, dass es unsere Schuld ist, dass die Stadt jetzt ausschaut wie ein Aschenbecher aus Ninis Kneipe. Und nicht nur Avasikuu. Jargo, Empä, Kuuringrad, das alles. Ich kann nicht hier hocken und nichts machen.“ 

„Das sind die Iliarys. Hier gibt es immer etwas zu tun. Wir haben den Krieg seit fünfzehn Jahren, nur beschießen wir uns nicht gegenseitig. Ich weiß, dass dir das bewusst ist. Ansonsten wärst du nicht hier.“ 

Cajetan wollte sich von ihr nicht belehren lassen, immerhin war sie jünger als er. Doch er wusste, dass sie Recht hatte. Außerdem war hier die Chance am geringsten – solange er sich nicht in den großen Städten aufhielt – dass er dem Militär in die Arme lief. Die Bevölkerung würde ihn nicht verraten. Weder an Tribunus noch an Hostis. Die Iliarys hatten zu viel erlebt, um Mitleid für das Festland zu haben. Für eine Monarchie, die ihnen den versprochenen Schutz nicht hatte bieten können. 

Er wollte ein paar Überreste der Gerätschaft beiseite räumen, stellte beim Anfassen aber fest, dass es noch zu heiß war. Cajetan zischte leise und wischte das Zeug mit dem Unterarm vom Tisch. Die Baupläne für die Bombe in Sysdale lagen darunter und hatten ein paar Brandlöcher. 

„Kannst du das rekonstruieren?“, erkundigte sich Ophelia, die das mitbekommen hatte. Sie nahm den Eimer hoch, der klapperte, und ging an den Tisch auf der anderen Seite des Raumes.
 
„An und für sich, ja“, antwortete er. „Aber warum sollte ich? Ich hab nich' vor, noch so'n Ding zu bauen.“ 

„Du kannst nie wissen, was das Schicksal für dich bereit hält.“ 

„Yay“, schnaubte er. „Für den Fall, dass ich auch noch Alexeij sprengen will.“ 

Ophelia erachtete es wohl nicht als für nötig, darauf noch etwas zu sagen, weshalb er es auch nicht tat. Eigentlich hätte er die Papiere gern angezündet. Sich ein Streichholz geschnappt und zugeschaut, wie die Pläne des Todes in Flammen aufgingen, aber das ließ er lieber sein. Er wollte nicht, dass Ophelia für den Rest seines Lebens sauer auf ihn war. Und Nini wollte er auch nicht enttäuschen. 

Letztendlich seufzte er und packte die ramponierten Pläne auf einen anderen Stapel als den Müll. 






Es war spät, als die Arbeit sich dem Ende zuneigte. Kalter Wind war aufgezogen und ließ die Kronen der Birken in der Finsternis rascheln. Zwei Laternen spendeten Licht. Cajetan fror in seinem Schweiß, als er den Spaten neben das Loch steckte und ebenjenes betrachtete. 

„Hast du dich in der Zeit verschätzt?“, erkundigte er sich bei Ophelia. 

Diese schaute kurz von ihren Händen auf. Blut klebte an ihnen und sie hatte die selbst zugefügten Verletzungen gerade geheilt. Sie hatte ihm beim Graben via Magie ein bisschen geholfen. 

„Es gab ein paar Faktoren, die ich nicht bedacht habe, ja“, gab sie zu. 

„Was machen wir dann?“, fragte er weiter. Vielleicht schindete er auch nur Zeit. Er wollte nicht in die Nähe der mit menschlichen Überresten gefüllten Säcke. 

„Wir bleiben hier, über Nacht. Am Morgen im Berufsverkehr kommen wir einfacher in die Stadt als im Dunkeln“, legte sie fest und er hatte nichts dagegen einzuwenden. Es war sicherlich auch besser für die Pferde, die unweit an den Bäumen festgebunden waren. Sie beide wirkten nervös. Der Geruch von totem Mensch schien sie zu beunruhigen und Cajetan konnte es ihnen nicht übel nehmen. Ihm ging es genau so. Es erinnerte ihn an seine letzten Schuljahre, als der Duft des Todes allgegenwärtig gewesen war und es war eine hässliche Zeit gewesen. Er hatte keinen Tag bereut, zum Studieren nach Avasikuu gegangen zu sein. 

„Warst du damals eigentlich froh, von zu Hause weggekommen zu sein?“, fragte er und begann, langsam aus dem Loch herauszuklettern. 

„Warum?“, fragte sie gegen. 

„Warum nich'?“ 

Ophelia zuckte mit den Schultern. „Ich denke, jeder ist froh, wenn er ausziehen kann. Mach das hier fertig, Letham. Ich will die da unter der Erde wissen.“ 

Sie nickte zu dem weißen Stapel an der Seite. 

„Du weißt schon, dass die da mal Menschen waren, oder?“ Aufgrund seiner Müdigkeit klang er weniger sauer dabei, als er war. 

„Sie waren. Es ist lediglich von Interesse, was sie jetzt sind. Wir haben kein Recht zu trauern.“
 
Weil ihm darauf nicht einmal mehr etwas einfiel, schnaubte er bloß und ging zu dem Stapel, um den ersten Körper hochzunehmen. Er schaute nicht nach, wer es war – wer es gewesen war. Cajetan war sich nicht sicher, was melodramatischer war: Ophelia Recht zu geben oder ihr zu widersprechen. Letztendlich war es egal. 

„Mit den Toten in Sysdale habe ich mich bei der Planung abgefunden“, sagte er, als er den ersten Sack in das Loch warf. Weitere würden folgen. „Mit der Zarin, als ihr Schwarzmagiersyndrom anfing. Aber Avasikuu ist eine andere Dimension und es wird viel in Hostis folgen. Ich für meinen Teil werde nicht lange hier auf den Inseln bleiben. Die kommen auch ohne mich zurecht.“ 

„Was hat Avasikuu je für dich getan?“, fragte Ophelia. Sie hatte sich an den Rand des Bunkers gesetzt und schaute Cajetan bei der Arbeit zu. 

„Mir Heimat gegeben, als mich die Felder Tallamores nicht mehr ernähren konnten“, murrte er. Er arbeitete wie automatisiert. 

„Du hast einen der höchsten wissenschaftlichen Abschlüsse und trotzdem hast du fünf Jahre lang keinen besseren Job als in der Kneipe deiner Cousine bekommen. Hostis dankt dir nicht.“
 
Er wusste, dass sie Recht hatte. Er wäre nicht hier, wüsste er das nicht. 

„Wir sind nicht so wichtig“, fuhr Ophelia fort. „Der Krieg wäre früher oder später ohnehin gekommen. Dass Harrard Alexeijs geringe politische Erfahrung ausnutzen würde, hätte uns eher bewusst sein müssen.“ 

Sie hatten alles so gut kalkuliert. Aber irgendwo, irgendwo in der Gleichung war ein Vorzeichenfehler gewesen und er hatte das gesamte Ergebnis verändert. Cajetan war immer bewusst gewesen, dass die Geschichte sie nicht als Helden feiern würde, aber diesen Platz hatte er sich nicht verdienen wollen. Es war einfach, das alles aus theoretischer, rationaler Sicht zu betrachten – wenn man Ophelia war. Ihm fiel es schwer und daran würde sich auch vorerst nichts ändern.

„Was ist mit deinem Bruder?“, fragte Cajetan, um ein bisschen vom Thema abzulenken. „Wenn er an der Akademie ist, wird er nach Hostis müssen.“ 

Von Ophelia kam einen Moment nichts. Sie griff zu Cajetans Schachtel Zigaretten, hielt einen Moment inne und legte sie dann wieder zurück. „Ich werde ihn finden müssen“, sagte sie schließlich. 

„Und wenn du ihn hast?“ In seinem Kopf summte er ein altes Seefahrerlied, das zur Trauerfeier der auf See verschollenen gesungen wurde. Cajetan stammte aus einem kleinen Dorf an der Ostküste von Eart und sie hatten in der Krise viele Trauerfeiern gehabt. „Was machst du mit ihm? Wir zwei werden international gesucht, ich glaub' nich', dass er sicher wäre.“ 

„Denke ich auch nicht“, stimmte sie ihm zu. 

„Wohin dann? Deine Mutter?“ 

Ophelia ließ ein Schnauben aus, von dem sich Cajetan sicher war, dass es nicht beabsichtigt so laut war. „Definitiv nicht. Die Frau hat nicht einmal mit ihm reden wollen, als die Akademie sich bei der Clanverwaltung gemeldet hat.“ 

Cajetan schluckte und ließ den nächsten Körper in das Loch fallen. 

„Er ist besser dran ohne sie. Vermutlich ist er sogar an der Akademie besser dran. Mir zumindest war das Militär immer eine bessere Familie als der ganze Rest.“ 

„Ihr Magier seid aber auch echt speziell“, sagte er. „Grässlich elitär.“ Aber zumindest war aus den Clans während der Krise niemand verhungert. 

Unter Ophelias strengem Blick hob Cajetan den letzten – nein, vorletzten – Menschen auf, trug ihn zu dem Loch. Legte ihn hinein. Dann wischte er sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn und begann wieder zu schaufeln. Ophelia erhob sich, hatte immer noch Blut an den Fingern. Sie ging ihm mit ein paar Zaubern zur Hilfe, wofür er ihr dankbar war. Ohne das hätte er ewig gebraucht. Schon bald war das Grab verschlossen und Cajetan stand einen Moment lang unschlüssig da. Ophelia hingegen wandte sich ab, ging zu den Pferden. 

„Ich kümmere mich um die Tiere. Sie müssen über Nacht gut stehen“, sagte sie. „Kümmer' dich um die Zarin.“ 

Es rauschte an Cajetan vorbei, der immer noch auf das Grab starrte. „Wir sollten irgendetwas darauf machen. Zumindest eine Kerze oder so etwas, wenn wir schon keinen Stein haben.“ Er schaute auf. „Kannst du nich' irgendwie eine Metallplatte ein bisschen aufhübschen?“

Sie hielt inne und er sah ihr an, dass sie wieder mit dem Argument kommen wollte, sie hätten keine Zeit, allerdings selbst bemerkte, dass das nicht stimmte. 

„Sollte das Militär hier auftauchen, brauchen die doch vermutlich ohnehin nur drei Minuten, bis die gefunden haben, wo... na ja...“ Er wollte nicht 'Leichen' sagen. „Wo halt.“ 

„Von mir aus“, sagte sie. „Aber erst machen wir den Rest fertig.“ 

Er widersprach ihr nicht. 






Milijena Kraskow war die einzige der Verstorbenen, denen Cajetan noch einmal ins Gesicht schaute. Es wäre feige, dies nicht zu machen. Dafür, dass die Frau ursprünglich einen sehr durchtrainierten Körper gehabt hatte, war sie wirklich klein und wog weitaus weniger, als Cajetan es in Erinnerung hatte. Vielleicht bildete er es sich nur ein. Vielleicht hatte sie abgenommen. Vermutlich war es eine Mischung aus beidem. Der frischgeformte Anker, den er zusätzlich trug, war schwerer. 

Ihre Augen waren geschlossen, die Schatten darunter tief und die Leichenblässe ließ sie wirken wie eine Statue aus Marmor. Doch sie wirkte erlöst, auf eine beunruhigende Art und Weise.
 
„Möget Ihr Eure Tür schnell finden, meine Zarin“, sagte er kaum hörbar. Der raue Meerwind trug seine Worte auf die See, vielleicht rüber nach Luchtal. Die tribunische Provinz war am Horizont als dünner Streifen zu erkennen und im Moment wirkte alles friedlich. Die Sonne ging unter, aber es war kein schöner Sonnenuntergang. Er war grün, jedoch nicht beeindruckend intensiv. Er wirkte ungesund, künstlich. 

Cajetan ließ Milijena los. 

Seeböen wehten ihm seine Haare ins Gesicht, sodass er nicht sehen konnte, wie das Meer sich die ehemalige Zarin von Hostis holte. Die Küste war laut. Brandung, Möwen, Wind. Es erinnerte ihn an seine Heimat und ihm fiel auf, wie lange er nicht mehr dort gewesen war. Vielleicht wurde es langsam wieder Zeit. 

„Bist du fertig?“, hörte er Ophelias Stimme. 

Cajetan zwang sich ein Grinsen auf und drehte sich um. „Fix und fertig. Hauptsache, wir verschwinden hier so schnell es geht. Langsam wird's gruselig. Ich wette, in dreißig Jahren erzählen die nächsten Anwohner Gruselgeschichten über diesen Ort.“ Er klopfte seiner Kollegin kurz auf die Schulter, als er an ihr vorbei ging. Sie folgte ihm kommentarlos. 

„Wie lange wirst du noch mitmachen können?“, erkundigte er sich. 

Obwohl er nicht erwähnt hatte, was er meinte, wusste sie offenbar, wovon er sprach. Zumindest sah er, wie sie eine Hand auf ihren Bauch legte. Ophelia antwortete nicht. Vermutlich missfiel ihr, was sie hätte sagen müssen und Cajetan nahm es so hin. Es war auch nicht sein Problem. 

Den restlichen Weg zurück zum Bunker schwiegen die beiden. Eine schlaflose Nacht würde auf Cajetan zukommen. Er würde an diesem Ort kein Auge mehr zubekommen, schon gar nicht beim Gedanken daran, was demnächst kommen würde. Ab morgen wären sie dann in Sysdale. Sysdale und seine riesigen Festungsanlagen. 

Cajetan wusste, dass er die Stadt nicht wiedererkennen würde.

Linus hatte den Blick auf den Streifen Land links von ihm gerichtet, während er über der Reling hing. Er wusste nicht, wo er sonst hinschauen sollte. Das Meer war langweilig und er war nicht in der Stimmung, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, zu omnipräsent war der Gedanke an das Kommende. Das Kommende, von dem er nicht einmal wusste, was genau es war. Das hostische Festland rückte mit jeder Seemeile näher, und doch hatte Linus keinerlei Ahnung, was ihn dort eigentlich erwarten würde. 

Das bedrückende Gefühl schlich sich ein, dass er sich diese Langeweile nicht leisten durfte. Dass es arrogant war und hochnäsig, denen gegenüber, die bereits in Avasikuu waren. Aber Lucas hatte ihnen keinerlei Aufgaben gegeben. Er hatte gemeint, sie sollten sich ausruhen und Linus hatte die Chance genutzt, um sich geradewegs wieder ins Bett zu legen. Schlafen konnte er allerdings nicht. Nichts konnte er im Moment, außer an der Reling zu lehnen und ins Nichts schauen. 

„Du scheinst wohl der im Team zu sein, der die Einsamkeit seinen Kameraden vorzieht, oder?“ Gerel lehnte auf einmal neben ihm und lächelte ihn breit an. „Lucas sagte, du hättest neue Medikamente. Wirken sie?“ 

Linus nickte langsam. „Besser als die alten.“ Er war einerseits froh und anderseits auch nicht, dass sie ihm kein Psychomagiserium gegeben hatten. Vielleicht wäre damit alles in Ordnung. Vielleicht wäre es aber auch wesentlich schlimmer, er wusste es nicht. 

„Das freut mich zu hören“, sagte sie. 

Linus kam der Gedanke, dass es an der Akademie vermutlich so etwas wie ärztliche Schweigepflicht nicht gab und es stimmte ihn bitter. Eigentlich wollte er nicht, dass jeder Magier über seine Krankheitsgeschichte Bescheid wusste. 

„Ich bin ja überrascht, dass Lucas nicht beschlossen hat, euch noch Runden über das Deck zu jagen, bis wir in Avasikuu angekommen sind.“ 

Er erwiderte ihr Lächeln kurz. „Ich um ehrlich zu sein auch. Aber er hat gemeint, wir hätten noch genug zu laufen, in nächster Zeit.“ 

Gerel seufzte schwer. „Da hat er wohl Recht“, sagte sie. Ihr Blick folgte dem von Linus. Mittlerweile konnte er genaue Landstrukturen erkennen. Hostis hatte wohl wirklich so viel Wald, wie man immer sagte. Tiefer, dunkler Wald, voll mit finsteren Kreaturen, denen nicht einmal der Winter Einhalt geben konnte. „Zumindest sind wir bald da. Der Fjordeingang ist gleich erreicht und dann gibt es zumindest was zum Anschauen. Diese Ruhe vor dem Sturm ist ohnehin das schlimmste.“ 

Er stimmte ihr mit einem Nicken zu. Ihr darauffolgendes Grinsen konnte er aber nicht deuten und sah sie fragend an. 

„Du schaust immer nur in die Ferne, Linus. Schau doch einfach mal, was vor uns liegt.“ 

Linus drehte den Kopf und... Tatsächlich. Direkt vor ihnen lag die Landzunge, die den Fjord preisgab, der in die hostische Hauptstadt führte. Viel zu erkennen war nicht, da in den frühen Morgenstunden des Tages die Klippen in Küstennebel gehüllt waren, aber Linus war sich sehr sicher, dass sie mehr sehen würden, sobald sie näher gekommen waren. 

Und auf einmal rückte die Ankunft in greifbare Nähe. Mit der Erkenntnis wartete Linus darauf, dass ihm sein Herz schneller schlug, seine Knie weich wurden und er den Gedanken, jetzt einfach vom Schiff zu springen, sehr angenehm fand, aber nichts dergleichen passierte. Stattdessen rieb er sich fröstelnd über die Oberarme. 

„Was... was wird in Avasikuu geschehen?“, fragte Linus langsam. Es war weniger an Gerel gerichtet als sonst ein Gedankengang, der sich immer weiter in ihn hinein fraß. 

„Das kann ich dir nicht sagen“, sagte sie, ein wenig leiser als zuvor. Vielleicht bildete Linus sich das auch nur ein. „Ich weiß schon kaum, was mein Team machen wird, um ehrlich zu sein. Ich würde dir ja vorschlagen, die Oberverwalterin zu fragen, aber das lass ich lieber sein. Ich bezweifle, dass Frau Laurence jetzt gut auf so etwas reagieren würde.“ Sie drehte sich um und schaute zu Brücke, um dort vielleicht Laurence Escarium zu entdecken. Linus tat es ihr nach, konnte die Frau aber nirgends sehen. 

„Wie ist sie?“, fragte er. Die Sonne ging hinter der Brücke auf, aber es war ein grauer Tagesanbruch, mit kühlem, metallischen Licht.

„Hm?“

„Frau Laurence.“ 

„Ach so.“ Gerel lehnte sich mit dem Rücken an die Reling. „Streng, bestimmt. Du hast sie doch bei der Verkündung sprechen hören, oder?“ 

Linus nickte, obwohl er sich nicht wirklich erinnern konnte. Nachdem Harrard ihnen erzählt hatte, dass sie im Krieg mit dem Hostischen Reich waren, hatte Linus abgeschaltet. 

„Dann weißt du alles.“ 

„In wie fern?“ 

Gerel seufzte leise. „Vielleicht ist sie anders, wenn man sie näher kennenlernt. Aber ich glaube, dass keiner sie näher kennt. Sie passt perfekt zu ihrem Job und ich weiß nicht, wie so jemand außerhalb besagten Berufs funktionieren soll.“
 
„Hm.“ Sein Blick schweifte wieder zum Wasser. Es war unruhiger geworden. 

„Na ja.“ Die Frau Großmeister richtete sich auf. „Ich geh mein Team suchen. Ich bin mir sicher, Lucas will euch auch bald sprechen, wir sind immerhin gleich an den Toren.“

Die Tore. 

Linus atmete durch, nickte. „Sicher, ja. Bis später.“ 

Als Gerel ging, blieb nichts zurück. Schwere in seiner Mitte und sonst genau nichts. Nicht einmal Gedanken. Was hatte er sonst in solchen Situationen gedacht?, fragte er sich und wusste als Antwort nur zu gut, dass er noch nie zuvor in solch einer Situation gewesen war.
 
„Heh, heh!“

Linus schaute auf, als er Horatios Stimme hörte. Sein Kamerad stand auf einmal neben ihm und grinste ihn sehr breit an. „Hab dich schon gesucht. Wir sind ja gleich an den Toren und ich wollte die unbedingt anschauen, beim letzten Mal war die Sicht nämlich nicht so gut und vielleicht ist es diesmal besser.“ 

Holly trat ebenfalls an sie heran. Sie gähnte mit vorgehaltener Hand, offenbar hatte sie geschlafen. 

„Ich hätte mich nicht hinlegen sollen“, seufzte sie. „Ich hab das Gefühl, ich bin noch müder.“ 

„Ihw“, machte Linus, weil er das Gefühl nur zu gut kannte. Dann spürte er Horatios Hand an seinem Oberarm und wie er am Stoff seiner Uniform zerrte. 

„Schau nur, schau!“

Das Kampfschiff, das vermutlich das längste war, das Linus je gesehen hatte, steuerte auf den Eingang des Fjords zu. Das Ende war nicht in Sicht. Nur die hohen Klippen, die den Eingang einem Tor gleich säumten. Linus musste den Kopf in den Nacken legen, um bis ganz nach oben schauen zu können. Er erkannte die Überreste von Wachtürmen. 

Signalzauber wurden abgefeuert. Erst auf den Posten oben, dann vom Schiff aus. Rote Lichter, die nach oben stoben, wo sie sich blau und weiß färbten. 

An beiden Seiten der Passage zogen sich demolierte Rohre nach oben, die so breit waren, dass das Schiff der Länge nach hinein gepasst hätte. Insgesamt waren es fünf, jeweils rechts und links, aber sie hatten Löcher und zwei waren abgebrochen. Die Überreste mussten entfernt worden sein oder aber auf dem Grund der See schlummern. Die Türme standen über all dem wie steinerne Wächter, deren beste Tage in einer anderen Zeit gelegen hatten.

Linus hatte einmal etwas über das System der Eistore von Avasikuu gelesen. Wasser wurde mithilfe von Zaubern die Rohre hinauf gepumpt, in die Mitte gezogen und eingefroren. Dadurch ließ sich ein Eisschild formen, der massiv war wie die Gletscher der Nordgebirge und alles an sich abprallen ließ, das sich ihnen näherte. Die Wachposten oben waren militärische Außenposten der Stadt, die bisher nur wenig hatten eingesetzt werden müssen. Vermutlich hatte die wenige Übung sich am achtundzwanzigsten April ihren Tribut gefordert. Kein Gletscher war stark genug für Tribunus' Artillerie. 

Unter anderen Umständen musste es majestätisch sein, hier unten entlang zu fahren. Hinauf zu schauen und sich dem Anblick hinzugeben, sowie dem Gedanken daran, was für große Persönlichkeiten zuvor genau hier durch gemusst hatten, um zur Stadt der Städte zu gelangen, sich dabei klein und unbedeutend zu fühlen. 

Von alldem war nur letzteres geblieben. Als Linus hinauf schaute und sich wie ein Staubkorn im Universum fühlte, regte sich ihn ihm nichts weiter als Leere und vielleicht noch Reue oder Trauer. Dieses Gefühl kannte er nicht, er konnte es nicht einschätzen. Der Anblick hatte nichts Episches, nichts Lebendiges oder Einladendes. Von den Toren von Avasikuu war nichts weiter übrig geblieben als ein Sinnbild zu den Toren der Geisterwelt und kein Sterblicher konnte Caelum betreten. Es war eine Ruine aus Energie, kein Heim für Irdisches Leben. 

„Ich geh Lucas suchen“, war Linus der, der mit belegter Stimme zuerst wieder etwas sagte.
​​​​​​Weder Holly noch Horatio gaben eine Reaktion darauf. Linus fühlte sich selbst unglaublich dumm und er war sich sicher, dass es seinen Kollegen nicht anders ging. Wie hatten sie nur etwas anderes erwarten können, als das, was sie bekommen hatten? 







Die Strecke von den Toren der Stadt zu ihrem eigentlichen Hafen erwies sich als länger, als Linus es sich vorgestellt hatte, und das Warten wurde irgendwann unerträglich. Dieses Schiff war die Übergangsphase. Die Sekunde, in der er es verließ, würde alles anders sein. Von da ab gefangen in einer anderen Welt. 

Er hatte mit Horatio stillschweigend die Uniform vervollständigt. Als Schüler hatten sie auf dem Schiff nicht in Bereitschaft sein müssen, doch das änderte sich nun, da sie offiziell auf feindlichem Territorium waren. Während Horatio und er sich gegenseitig die Gurte der Uniform festzogen, dachte Linus darüber nach, wieder an Deck zu gehen. Die Zeit vertreiben, bis der erste Befehl kam. Die Landschaft des Fjordes sollte hübsch sein, doch das hätten auch die Tore sein sollen. Linus wusste, was draußen war und er wollte es nicht sehen. 

„Achtung, Achtung“, tönte es auf einmal aus einem Lautsprecher, der seit Rubrica nicht mehr in Benutzung gewesen war. „In Kürze erreichen wir Avasikuu, Hafen Ost.“

Es folgten Befehle, welche Einheiten sich an welchen Ausgängen zu versammeln und wohin sie von dort aus laufen sollten, doch Linus musste das alles nicht interessieren. Was für ihn wichtig war, war die Ansage, dass sich sämtliche Schüler des ersten Jahrgangs noch einmal an Deck versammeln sollten, für eine Unterredung mit Oberabteilungsleiterin Laurence. 

Linus gab ungewollt ein Schnarren von sich, dass sich nach einem verwirrten Waschbären anhörte. 

„Was will die von uns?“, fragte Horatio, der Linus gerade die letzte Schnalle zu zog – den linken Unterarmschützer. „Hat nicht Lucas uns schon alles gesagt?“

„Keine Ahnung“, antwortete Linus und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht will sie einfach nochmal sichergehen, dass wir nicht in die nächstbeste Tretmine rennen.“ 

Es sollte ein Witz sein, aber jetzt, da er ihn ausgesprochen hatte, hielt er ihn nicht mehr für besonders lustig. Horatio lächelte kurz, sicherlich aus Mitleid. 

„Lass uns gehen. Ich will Frau Laurence nich' wütend erleben.“ 

Linus verzog kurz das Gesicht. „Ich auch nicht.“ 






Wie auch im Lesesaal der Akademie, als Linus sie das erste Mal gesehen hatte, hatte Frau Laurence die Arme hinter dem Rücken verschränkt. So aus der Nähe war sie wesentlich kleiner, als sie damals auf der Bühne gewirkt hatte, doch tat das dieser Frau nichts ab. Die Wirkung war nach wie vor die gleiche. Linus hatte das Gefühl, sich nicht erlauben zu dürfen, jetzt schief zu stehen. Den Rücken gerade, die Füße zusammen, hatte er eine Hand hinter dem Rücken und die andere zur Faust an seiner Brust. 

„Ich richte mich an euch zwölf im Speziellen, weil ihr bisher noch keinen Einsatz hattet. Wenngleich die der anderen wohl kaum hiermit vergleichbar sind, so liegt doch eine Art Grunderfahrung vor, die bei euch fehlt“, begann Frau Laurence zu reden, nachdem sie überprüft hatte, dass alle anwesend waren. Linus erlaubte sich keinen Blick zu den Seiten, zu den Berghängen des Fjords. Er starrte lieber geradeaus und an Laurence vorbei. 

„Hört gut zu, denn ich werde es nur einmal sagen. Ihr habt Nummern erhalten, die ihr hoffentlich korrekt an eure Uniformen gesteckt habt. Diesmal wird das noch überprüft. Beim nächsten Mal wird keiner von euch Fehler machen.“ 

Lucas hatte ihnen die Nummern gegeben und gezeigt, wo und wie sie sie anstecken mussten. Sie zeigten, in welches Regiment und in welche Einheit sie gehörten. 

„Des weiteren möchte ich euch Folgendes mitteilen.“ Frau Laurence hatte keinerlei Probleme, die Schiffsmotoren zu übertönen. „Avasikuu mag von uns eingenommen sein, aber diese Stadt hat immer noch über zwei Millionen Einwohner. Zwei Millionen hostische Einwohner, um genau zu sein, denen unsere Anwesenheit missfällt. Nehmt zu diesen Einwohnern keinen Kontakt auf, wenn es nicht explizit von einem Großmeister oder einem Offizier so angefordert wurde. Macht nichts, wofür ihr keine Anweisungen erhalten habt. Mit Unvorsichtigkeit gefährdet ihr nicht nur euch, ihr gefährdet auch eure Kameraden und den Rest des Militärs und wir behalten es uns vor, auch Vergehen aus Unvorsichtigkeit zu ahnden, wenn sie dem Gemeinwohl der Truppen schaden.“ 

Linus war sich sicher, dass es mehr Möglichkeiten gab, Dinge falsch als sie richtig zu machen.
 
„Außerdem hat jeder von euch ein solches Kreuz erhalten“, sprach Laurence und öffnete die obersten Knöpfe ihrer Uniform, um aus der inneren Brusttasche ein kleines, weißes Kreuz zu ziehen. „Mit diesem Gegenstand könnt ihr die Lager betreten, ohne dass sofort Alarm ausgelöst wird. Bei Verlust werdet ihr dies augenblicklich melden – ich rate euch, sie nicht zu verlieren.“ 

Er war sich absolut sicher, dass Laurence den, der es verlor, eigenhändig köpfen würde. Zumindest sagte das gerade ihr Blick. 

„Habt ihr das verstanden?“ 

Es folgte ein kräftiges, einstimmiges 'Jawohl', dass die Oberverwalterin offenbar geringfügig zufrieden stimmte. 







Avasikuu sah genau so aus, wie Linus es nach den Toren erwartet hatte. Ihm fiel auf, dass er diese Stadt nie wirklich sehen würde, nicht in Person. Er würde nicht den Moment haben, in dem er voll von Euphorie feststellte, dass er endlich an einem so schönen Ort stand, den er bisher nur auf Bilder gesehen hatte, denn an Avasikuu war nichts Schönes geblieben. 

Beim Verlassen des Schiffes hatte Linus sich darauf konzentrieren müssen, im Gleichschritt zu bleiben. Aber jetzt stand er mit Lucas, Holly und Horatio am Rand des Hafenlagers und hatte keinerlei Ausrede mehr. 

„Schaut euch genau um“, hatte Lucas ihnen angewiesen, ohne dabei auch nur einen der Schüler anzuschauen. „Es ist wichtig, dass ihr wisst wie eure Umgebung aussieht, um sie einschätzen zu können.“ 

Anders als Rubrica lag Avasikuu in sehr viel bergigerem Land. Während die tribunische Hauptstadt einen sehr weiten, breiten Hafen besaß und eine Altstadt auf dem Hügel in der Mitte, lag Avasikuu an dem schmaleren Wasserbecken des Fjords. Durch die Steilklippen und den Berg in der Mitte teilte sich die Stadt allein optisch in zwei Bereiche. Linus und sein Team befanden sich im östlichen Hafen. Er konnte den Palast der Yelkin von hier aus gut und deutlich sehen. 

Der helle Sandstein hatte sich verfärbt, war vom Ruß ganz grau, stellenweise schwarz. Linus erinnerte sich, dass das Gebäude vier Türme gehabt hatte und wunderte sich kurz, wo die restlichen zwei hin waren, dann fiel ihm auf, dass sie offenbar weggebrochen waren. 

Avasikuu war eine Stadt, die mit dem wenigen Platz im Tal hatte auskommen und deshalb in die Höhe bauen müssen. Es wurde von engen Straßen berichtet und dass die Gebäude teilweise erst direkt an der Kante zum Flussbett endeten, aber hier im Hafen stand kein Stein mehr auf dem anderen. Grundmauern deuteten an, wo einst Häuser gestanden hatten, gaben eine Ahnung auf einstige Straßenzüge. Linus konnte nur raten, wie die viertgrößte Stadt Miserias ursprünglich funktioniert hatte, denn es war nicht viel von ihr übrig geblieben. 

Das dumpfe Gefühl in Linus' Magengegend breitete sich aus, wurde zu einem unangenehmen Ziehen. Der Himmel war grau. Der Anblick wurde dadurch vermutlich noch ein bisschen mehr monochrom, als er eigentlich war. 

Hinter der Grenze des Militärbereichs, an einem Gebäude, von dem nur noch eine Wand stand, stand eine Gruppe Zivilisten. Linus konnte aufgrund der Entfernung ihre Gesichter nur ganz grob ausmachen. Keines davon war freundlich. Doch da war auch nicht die erwartete Feindseligkeit, Hass oder Wut. Auf den meisten war einfach nur Leere. 

Als der Transportwagen vor ihnen hielt, schaffte Linus es endlich, sich von dem Anblick loszureißen. Er kletterte hinter einer Schar Soldaten auf die Ladefläche, setzte sich hin. Er wollte nicht mehr nach draußen schauen, er wollte sich einfach nur an Horatio lehnen und die Augen schließen. Doch das würde jetzt niemand gutheißen. Sie hatten Arbeit zu erledigen. 







Durch einen Tunnel gelangten sie auf die andere Seite der Stadt, wo sie an einem großen Platz in der Altstadt ausstiegen. Die Häuser hatten hier weniger Schäden als im Hafen. Linus fühlte sich klein und unter der Gefahr, vom nächsten kräftigen Windstoß weggepustet zu werden, als er den Berg in der Mitte der Stadt nun von der anderen Seite betrachtete. Er sah viele Bäume dort oben und konnte sich vorstellen, dass der Palast an einen sehr großen Garten grenzte. Alles war grün. Es war seltsam, hier diese Art von Leben zu sehen. 

Der Marktplatz grenzte an der Stirnseite an einen breiten Fluss und dieser wiederum an ein Gebäude, bei dem es sich vermutlich um ein Rathaus handelte. Auf dem Dach und an Masten davor flatterten fröhlich die vier wichtigen Flaggen im Wind – die der Union, die von Tribunus, Arma und Agmen. 

Die Soldaten formierten sich, kaum waren sie ausgestiegen, und Lucas wies seinen drei Schülern an, hinter ihnen Platz zu nehmen. Die gewöhnlichen Uniform wirkten ganz anders als die der Großmeister. Magieruniformen waren in kräftigem Dunkelblau mit weißen Verzierungen, hübsch anzuschauen, aus hochwertigem, mit Zaubern imprägniertem Stoff. Am ersten Blick war zu erkennen, dass es sich bei einer Person um einen Magier handelte. Die Soldaten jedoch trugen die gewöhnlichen Uniformen der Union, ein dunkles Graublau, die definitiv keine Wirkung erzielen, sondern einfach ihrem Zweck dienen sollten. Die Soldaten waren die Masse, das Fußvolk. Sie waren nicht die, die Ruhm ernten und den Gegner in Angst und Schrecken versetzen sollten. 

Der nächste Weg war der ins Rathaus. Der Gleichschritt der Soldaten hallte auf dem Marktplatz wider. Er war ebenso die Musik des Krieges wie Explosionen und einstürzende Gebäude. Linus erlaubte sich einen kurzen Blick zu seinen Kameraden, konnte die Ausdrücke auf ihren Gesichtern aber nicht lesen. 

Das Ende ihres kurzen Marsches war ein anderes als das der Soldaten. Während die Soldaten von einem Offizier zu ihren Quartieren geführt und eingewiesen wurden, ging es für Lucas, Linus, Horatio und Holly direkt zum Oberst, um sich ihre Befehle abzuholen. Danach würden sie Waffen und ein Quartier erhalten und Linus wollte das nicht. Er wollte kein Maschinengewehr in der Hand halten – es wäre nicht das erste Mal, auch mit dieser Art Waffe hatten sie den Umgang bereits gelernt. Aber es fühlte sich falsch an. 


Oberst Claude Perrin war ein kleiner Mann mit erstaunlich wenig Nase und erstaunlich viel Nacken, dessen Haupthaar sich wohl gänzlich an seine Augenbrauen zurückgezogen hatte. 

„Setzen Sie sich“, wies er Lucas nach einer förmlichen Begrüßung an. Seine drei Schüler mussten stehen bleiben. 

„Es ist für mich schwierig, einen gescheiten Einsatzbereich für ihre drei Anhängsel zu finden, Herr Lucas, aber es ist mir eine Ehre, dass Sie meinem Gebiet zugeteilt wurden und freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“ 

„Die Freude ist ganz meinerseits“, sagte Lucas. Hätte er nicht generell so trocken gesprochen, hätte Linus beinahe gesagt, dass Lucas' Freude ungefähr so weit entfernt lag wie internationaler Frieden. 

Der Oberst nahm Unterlagen, die er vor sich ausgebreitet hatte, und schob diese Lucas zu. Er nahm sie entgegen, in die Hand und begann, sie durchzublättern. In seinem Gesicht regte sich genau nichts. 

„Sie und Ihre Schüler werden morgen das Clananwesen der Kraskow sichern. Im Gegensatz zum Palast konnten wir noch nicht in die wichtigen Bereiche vordringen, zu viele Fluchsiegel haben uns behindert und bisher hatten wir nicht genug Großmeister in diesem Bereich. Aber ich schätze, Sie sind dafür wie geschaffen, wenn man den Geschichten glaubt.“ 

„Geschichten übertreiben gelegentlich“, behauptete Lucas, mit Blick auf die Papiere. 

„Ich bin kein Narr. Ich bin in der Lage, aus allen Heldengeschichten die Wahrheit zu picken“, sagte Oberst Perrin. 

„Sind Fluchsiegel nicht illegal?“, fragte Horatio lauter, als wohl angemessen war – angemessen wäre gewesen, hätte er den Mund gehalten. 

Oberst Perrin strafte ihn mit einem Blick, der genau das aussagte, hielt es aber ein Glück nicht für nötig, noch etwas dazu zu sagen. Linus schaute kurz zu seinem Kameraden und merkte, dass Holly das auch machte, auch wenn sie ein wenig besorgter ausschaute dabei. Horatio sah nach unten, seine Wangen waren rot. 

„Wie auch immer. Das Anwesen hat wichtige Eingänge zu dem unterirdischen Tunnelsystem, von dem ihr sicherlich gehört habt und es ist essentiell, dass wir dieses sichern. Wenn Sie mich fragen, ich würde einfach den Boden der Stadt aufreißen, bis sie etwas gefunden haben, aber offenbar stellen sich sowohl Frau Laurence wie auch die Generäle dagegen.“ Oberst Perrin zuckte mit den massigen Schultern.
 
Der Raum sah genau so tot aus wie die Stadt. Ursprünglich hatten wohl Plakate und Bilder an der Wand gehangen, vermutlich Deko der Mitarbeiter, die im hier residierenden Dezernat gearbeitet hatten. Doch die Bilder hingen nicht mehr und alles, was von ihnen übrig geblieben war, waren viereckige Stücke der Tapete, die sauberer und weniger ausgeblichen waren als der Rest. 
Lediglich ein Sticker klebte noch an einem klapprigen Schrank zur Rechten von Oberst Perrins Schreibtisch. Linus hatte keine Probleme, hostische Schrift zu lesen, nur das Übersetzen ging nicht mehr ganz so flüssig, wie sein Vater es wohl sich gewünscht hätte. 'Nirvuutka ist keine Müllhalde' reimte sich auf Hostisch sogar, aber Linus hatte trotzdem keine Ahnung, was es bedeutete. 

„Die anderen Großmeister werden Sie und Ihre Schüler in Genaueres einweihen. Einer Ihrer Kollegen dürfte vor der Tür warten.“ Linus hatte nicht gehört, was Oberst Perrin davor gesagt hatte. Er überlegte, später Horatio oder Holly zu fragen, aber irgendwie interessierte es ihn auch nicht, was dieser Mann zu sagen hatte. Wer in einer so hohen Position im Militär war, war dort nicht zufällig gelandet und Linus konnte sich nicht vorstellen, dass diese Art von Mensch zu jenen gehörte, mit denen er gern zu tun haben wollte. 

Zum Glück redete der Oberst nicht mehr allzu viel – Lucas ja ohnehin nicht – sodass die vier den Raum kurze Zeit später bereits verlassen durften. 

„Kakuro!“, freute sich Horatio, als er den anderen Großmeister sah, und hielt sich gleich darauf die Hand vor den Mund. Lucas warf ihm einen strafenden Blick zu. 

„Es freut mich, Sie zu sehen, Herr Kakuro“, grüßte er seinen Kollegen. 

„Kennst du ihn?“, fragte Linus Horatio sehr leise. 

„Er hat ihn am ersten Tag herum geführt“, flüsterte Holly. „Und mich auch.“ 

„Hatte ich dir doch erzählt“, fügte Horatio hinzu, worauf Linus nur mit den Schultern zuckte. Er hörte Horatio zwar in der Regel recht aufmerksam zu, aber er konnte nicht behaupten, dass er sich deshalb alles merkte, was er erzählte. 

Herr Kakuro schenkte Lucas und vor allem den drei Schülern ein breites Lächeln, das seine Nervosität jedoch nicht verstecken konnte. „Ist mir eine Ehre, ja“, sagte er in breitem agmischen Akzent. „Ich bring euch zu den Quartieren und gebe euch dann die Einsatzpläne, wenn das Recht sind. Ist. Hah.“ 

„Es mangelt diesem Quartier offenbar an Soldaten und nicht an Großmeistern“, stellte Lucas fest. 

„Hm. Sie kennen das doch. Wahrscheinlich.“ Herr Kakuro wischte sich rasch ein paar Strähnen aus dem Gesicht, die aus seinem Zopf gerutscht waren. Seine rotblonden Haare sahen sehr ungewohnt aus, aber das Clansymbol auf seiner linken Brust zeigte, dass er zum Clan der Kirigakure gehörte. Dieser Clan aus dem Süden von Vorderagmen war für diese Haarfarbe bekannt. 

Lucas gab als Antwort lediglich ein Seufzen von sich und wies dem anderen Magier an, voran zu gehen. Kakuro ließ sich dieses Zeichen nicht zweimal geben und winkte die anderen hinter sich her. Linus hatte immer noch nicht das Gefühl, dass das aktuelle Geschehen real war.

Autorennotiz

Habe mich jetzt mal entschlossen, die Story auch auf Storyhub hochzuladen. Kann ja nicht schaden, oder? Vielleicht freut sich ja jemand darüber und liest es, wer weiß. Viel Spaß in dem Fall (:

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

0
Stratis Profilbild
Strati Am 26.06.2018 um 14:06 Uhr Mit 14. Kapitel verknüpft
Hab mal wieder Zeit gefunden, bis zum 14. Kapitel zu lesen und bin mega gespannt auf das kommende :D

PS Ich wusste schon, seitdem Linus auf Horatio in der Akademie getroffen ist, dass er etwas anders tickt. Gefällt mir ^^
seerattes Profilbild
seeratte (Autor)Am 26.06.2018 um 14:10 Uhr
Danke dir! Ich versuch mal, Storyhub nicht ständig zu vergessen. Dann kann ich eventuell doch etwas schneller als bisher bis zum 21. Kapitel updaten (:

Das freut mich doch :D
0
Stratis Profilbild
Strati Am 05.02.2018 um 13:14 Uhr
Großartige Story! Deine Geschichte lässt sich super lesen und baut richtig Spannung auf! Ich freue mich schon auf die nächsten Kapitel (Ich will wissen wie es weiter geht, ahhh xD)
seerattes Profilbild
seeratte (Autor)Am 06.02.2018 um 0:37 Uhr
Danke! Der Kommentar bedeutet mir grad sehr viel x)
Ich hab derzeit 19 Kapitel fertig, die ich nach und nach hochladen werde. Gibt jetzt also recht regelmäßig Neues, bis ich aufgeholt hab (:

Autor

seerattes Profilbild seeratte

Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:19
Sätze:7.318
Wörter:82.331
Zeichen:482.703

Kurzbeschreibung

Den Krieg hätte Linus nicht verhindern können, keinesfalls. Vielleicht hätte er sich dagegen wehren sollen, eingezogen zu werden, doch in jenem Moment war es für ihn keine Option gewesen und erst jetzt wird ihm bewusst, wie vorhersehbar doch alles gewesen war - vom Anfang zu Hause bis hin zu den blutigen Kämpfen in Schnee und Eis. Noch weiß er nicht, wie es enden wird. Doch er erinnert sich genau an jene Nacht, in der alles begonnen hatte: An das Meer, an den Attentat und an den Jungen aus dem Wasser.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Drama und Krieg gelistet.

Ähnliche Storys