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Auf und Ab

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10.12.23 14:20
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

Monate vorher in der westdeutschen Provinz

Es mußte endlich Schluß sein mit dem Theater, das ich meinen Eltern, Lehrern und Mitschülern schon so lange vorspielte! Ich mußte - ich würde die Aufnahmeprüfung der Musikhochschule bestehen, Rossinis Dandini würde mir dazu verhelfen. Und ich schwor mir, daß ich meinen Studienkollegen und Professoren gegenüber offen dazu stehen würde, daß ich schwul war.

Seit April wußte ich, was für die Aufnahmeprüfung gefordert wurde, aber leider gab es sehr strenge Vorgaben in den für mich in Frage kommenden Fächern Gesang und Klavier, von denen mir nicht alle lagen. Immerhin wurde der Vortrag eines Stückes eigener Wahl erwartet und diese Wahl fiel mir nicht schwer. Ich liebe Rossini-Opern, insbesondere 'La Cenerentola', seit ich als kleiner Junge einmal mit meinen spanischen Großeltern eine Aufführung in Valencia gesehen hatte. Also mußte es natürlich Dandinis Arie 'Come un'ape' sein, an der ich mich seit meinem Stimmbruch mit zunehmender Perfektion versuchte. Mein Gesangslehrer war ebenfalls der Meinung, daß mein Vortrag inzwischen ganz ordentlich war und es wohl für eine Studienzulassung reichen würde, auch wenn ich kaum auf ein Stipendium hoffen konnte.

Meinem Vater schwebte für mich allerdings eine weniger künstlerische Laufbahn vor und es schien zunächst unmöglich, ihn davon zu überzeugen, daß ein Studium an der Musikhochschule die passende Wahl war. Da ich meiner um meine Gesundheit besorgten Mutter schon erklärt hatte, daß ich nicht zur Bundeswehr eingezogen werden würde, wenn ich an der MSH studierte, unterstützte sie jedoch meinen Studienwunsch. Und so erhielt ich schließlich die grundsätzliche Einverständniserklärung für das Studium - wenn ich denn die Aufnahmeprüfung bestand. Aber erst nachdem Tante Isabella versprochen hatte, ein Auge auf mich zu haben, bezahlte mein Vater im Juni die Fahrkarte.

*

Tante Isabella nahm mich bei sich auf, gab mir das Zimmer ihres längst ausgezogenen Sohnes und bemutterte mich fast unerträglich. Sie brachte mich sogar bis vor die stark frequentierte Tür des Prüfungsamtes, in dem ich mir die Unterlagen für die verschiedenen Prüfungsteile der nächsten beiden Tage abholen sollte und ließ sich nicht bewegen, einfach wieder nach Hause zu gehen. "Tante, ich bin fast neunzehn Jahre", protestierte ich auf Spanisch, als sie sich auf einen der wenigen leeren Stühle auf dem Flur niederließ, um auf mich zu warten.

"Ich warte, Schätzchen", entgegnete sie stur, nahm einen ihrer Liebesromane zur Hand und richtete sich ein.

Mein Seufzer blieb ungehört. Immerhin konnte ich mich glücklich schätzen, daß meine Eltern Tante Isabella nicht erzählt hatten, weswegen sie gegen meinen Besuch in der Großstadt, dem Sündenbabel - dessen Name hier nichts zur Sache tut - waren. Aber Marco stammte von hier, und natürlich hatte der ihren Sohn, ihren Augenstern, der einmal für ein Haus voller Enkel sorgen würde, zu den unchristlichen Praktiken verführt, bei denen Mama uns dummerweise erwischt hatte. Gut zwei Jahre war das jetzt her, natürlich durften Marco und ich uns danach nie wieder außerhalb der Schule treffen, und meine Eltern waren erst halbwegs beruhigt, als ich ihnen ein junges Mädchen als Freundin vorstellte. In den zwei Jahren hatte ich sechs oder sieben Freundinnen gehabt, sogar Spaß am Verführen gefunden und mit meinem großen Freund zu viel Genuß verholfen. Aber es war nicht mehr als ein beliebiges Freizeitvergnügen, das ich auch problemlos hinter mir lassen konnte. Mit Beginn des Studiums würde ich mir in dieser Stadt einfach eine eigene Wohnung suchen, in der ich mein eigener Herr sein konnte und niemandem mehr etwas vormachen mußte. Hoffnungsvoll betrat ich also den Raum, in dem hinter einer langen Theke mehrere überfüllte Schreibtische und einige genervt wirkende Angestellte zu sehen waren. Zwei der mürrischen Damen wurden bereits von angehenden Prüflingen beschäftigt, eine dritte kam zu mir, begutachtete das mir vom Prüfungsamt zugesandte Schreiben und suchte dann aus einem dicken Stapel die Zettel mit den Zeiten und Raumnummern meiner Aufnahmeprüfungen in den Fächern Klavier, Gesang und Allgemeine Musiktheorie. "Viel Erfolg", wünschte sie wenig überzeugend und drückte mir noch ein umfangreiches Heft in die Hand.

"Erläuterungen zur Prüfungsordnung für die Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen", las ich und schlug das Heft auf, als ich wieder vor Tante Isabella im Flur stand. "Erstbewerbern empfehlen wir, die vom AStA angebotenen Informationsveranstaltungen in Anspruch zu nehmen. Termine entnehmen sie bitte dem Aushang an Raum F-103", stand in einem dicken Rahmen im Deckel des Heftes.

"Bist du fertig, Schätzchen?" fragte Tante Isabella und schloß ihr Buch um ihren Zeigefinger.

Noch ein bißchen Ruhe vor Tante Isabella war überaus verlockend, also schüttelte ich den Kopf. "Nein, ich muß noch zu Raum... F-103", vergewisserte ich mich mit einem Blick in das Heft. "Einen Termin für die Prüfungsvorbereitung besorgen."

Tante Isabella, die nicht mehr als die Mittlere Reife abgelegt hatte, nickte verständnisvoll. "Ich warte hier auf dich, Schätzchen, in Ordnung?"

Natürlich war das in Ordnung, und ich machte mich auf zu Raum F-103, der zwei Flure weiter lag. Dort hing eine Liste mit drei Terminen für die Informationsveranstaltung an diesem Tag, der nächste in einer guten Stunde in eben diesem Raum. Nachdem ich einen Teil der Wartezeit mit Tante Isabella auf der Terrasse der Cafeteria verbracht hatte, ging ich allein wieder hinauf.

Raum F-103 erinnerte an ein Klassenzimmer, eine Tafel an der Wand rechts von der Tür, acht oder zehn Tische standen zu einem Rechteck angeordnet um eine leere Fläche und an der Seite vor der Fensterfront hatten schon drei Mädchen Platz genommen. Bei meinem Eintreten grinsten sie verlegen, dann flüsterten sie miteinander, kicherten, guckten. Um ihnen noch etwas mehr zum Gucken zu geben, setzte ich mich an die gegenüberliegende Seite des Rechtecks, den Stuhl ein gutes Stück vom Tisch abgerückt, die Beine ausgestreckt und übereinander geschlagen, einen Ellbogen lässig auf die Rückenlehne gelegt, auch wenn die schmale Kante sich durch den dünnen Stoff meines Hemdes unangenehm bemerkbar machte. Als sie wieder guckten, lächelte ich zurück. Sofort steckten sie abermals die Köpfe zusammen, eine von ihnen bekam einen hochroten Kopf. Ein nettes Spielchen - und ich überlegte, ob ich mein Hemd vielleicht noch einen weiteren Knopf öffnen sollte. Immerhin war es in diesem Raum angesichts der kräftigen Sonne recht warm.

Aber dann trat ein blonder Mittzwanziger durch die Tür, gefolgt von einem Pulk jüngerer Leute, einer davon mit auffällig roten Strubbellocken, der unglaublich jung für einen angehenden Studienanfänger aussah. Der Rothaarige sah sich scheu um, versuchte, in der unmittelbaren Nähe des Blonden zu bleiben, aber setzte sich dann doch schüchtern an die Tischecke nahe der Tür, so daß mein Blick ihn gerade noch bequem streifte, wenn ich zu dem Blonden hinüber sah, der sich mittig an die Seite vor der Tafel gesetzt hatte.

"Hallo, ich bin Felix", stellte der Blonde sich vor. "Ich studiere Gesang und Musikwissenschaft im sechsten Semester und biete im Auftrag des AStA, des Allgemeinen Studierendenausschusses unserer Hochschule, diese Informationsveranstaltung an. Bevor wir loslegen, stellt ihr euch am besten auch erst einmal vor."

Wir stellten uns also vor, und schließlich war auch der Rotschopf an der Reihe, der sichtlich nervöser als der Rest der Schulabgänger wirkte. Verunsichert sah er in die Runde. "Hey, ich bin... also ich heiße Florian", begann er mit erstaunlich tiefer Stimme, "und ich gehe noch zur Schule." Er räusperte sich. "Aber weil ich mich äh... übernächstes Jahr auch bewerben will, habe ich Felix einfach gebeten, mich mal mitzunehmen." Ein hilfesuchender Blick zu Felix, der brüderlich lächelte und dann wieder das Wort ergriff, uns erklärte, wie eine Prüfung ablief, worauf wir achten sollten, welche Unterlagen wir mitzubringen hatten und wo das alles in der Prüfungsordnung wiederzufinden war.

Ich muß gestehen, daß ich dabei nur mit einem halben Ohr zuhörte, denn die Stimme dieses rothaarigen Jungen war einfach faszinierend gewesen. Er war schlank, etwas schlaksig, sein Gesicht wirkte irgendwie ein bißchen unfertig, vielleicht wegen der weichen, fast mädchenhaften Konturen. Einen nennenswerten Bartwuchs hatte er natürlich auch noch nicht, nur ein bißchen Flaum an den Wangen, den man mit viel Fantasie als Koteletten bezeichnen konnte. Aber die für einen Jungen ungewöhnlich sonore Stimme erinnerte mich so sehr an Marco, als wir etwa in dem Alter gewesen waren, daß es fast schmerzte - auch wenn Marco sehr viel attraktiver gewesen war, mit breiterer Sportler-Statur, dunklerer Haut und schwarzen Haaren und natürlich viel dunkleren Augen als der kleine Florian. Ich wollte unbedingt ein paar Worte mit dem Jungen wechseln, und während Felix Fragen beantwortete, überlegte ich mir, wie das am geschicktesten anzustellen war.

Natürlich! Wenn er seinen großen Bruder begleitete, würde Florian auch bei Felix bleiben, wenn diese Informationsveranstaltung vorbei war. Ich mußte mich nur an Felix halten um an Florian heranzukommen - und das war völlig unverdächtig. Zufrieden mit der Lösung hatte ich dann auch die Ruhe, Felix' Ausführungen konzentriert zu folgen, notierte mir die wichtigsten Sachen in dem Prüfungsordnungsheft und blieb sitzen, als Felix die Veranstaltung auflöste und die anderen hinausgingen.

"Hast du noch eine Frage... Juan?" fragte Felix, als nur noch er und ich und der rothaarige Florian im Raum waren.

Florian war aufgestanden, stand nun direkt neben Felix, und ganz offensichtlich sahen sich die beiden überhaupt nicht ähnlich. Ich konnte die Frage trotzdem nicht zurückhalten: "Seid ihr beide eigentlich Brüder?"

Florian lachte fröhlich, und dieses wunderbare Geräusch ging mir so durch und durch, daß sich meine Nackenhaare aufstellten. "Nee, meine Mutter arbeitet nur für seinen Vater", erklärte er.

"Na, mein Vater sagt, daß er für sie arbeitet", widersprach Felix grinsend. "Florian ist ein Freund, kein Bruder. Ich meinte aber eigentlich, ob du noch eine Frage zum Prüfungsablauf oder zu den Prüfungsanforderungen hast."

Leider fiel mir da gar nichts ein. Ich seufzte innerlich, erhob mich und ging das Tischkarree entlang, bis ich vor den beiden stand. Der 'kleine' Florian war tatsächlich ein wenig größer als ich. "Nein, deine Erläuterungen waren ganz klar", sagte ich zu Felix, dann sah ich Florian in die Augen. Sie hatten einen Grünton, der mich an das Wasser in der Mittelmeerbucht nahe dem Wohnort meiner spanischen Großeltern erinnerte. "Alles Gute für deine Aufnahmeprüfung in zwei Jahren, Florian", wünschte ich dem Kleinen.

Sein Lächeln war hinreißend. "Danke", sagte er artig. "Das wünsche ich dir auch, also... für morgen meine ich natürlich", und eine bezaubernde Röte überflog seine Wangen.

"Man sieht sich", gab ich meiner Hoffnung Ausdruck und ging.

*

Am kommenden und darauf folgenden Tag sah ich allerdings weder Florian noch Felix wieder, auch wenn ich während der Entscheidungen der Prüfer und zwischen den Prüfungsteilen viel Zeit vor irgendwelchen Räumen verwartete, immer mit Tante Isabella an der Seite, die an den beiden Tagen bestimmt fünf Liebesromane durchlas.

Zunächst stellte ich fest, daß zwölf Jahre Klavierunterricht bei einer Kleinstadt-Organistin nicht ausreichten, um mit nur nachlässigem Üben der Prüfungsstücke musikhochschulreife Leistungen zu erbringen. Der musiktheoretische Teil der Aufnahmeprüfung war dagegen ein Witz, den ich mit Bravour hinter mich brachte, aber das reichte natürlich nicht. Ich mußte in mindestens einem praktischen Fach überzeugen, um die Zulassungsprüfung zu bestehen. Am zweiten Prüfungstag runzelten die Prüfer bei meiner gesanglichen Interpretation von Bernstein erwartungsgemäß die Brauen, und auch bei Schubert schüttelte eine der Damen den Kopf. So fürchtete ich schon, daß meine Lebensplanung nun eine jähe Änderung erfahren würde.

Der ortsansässige Pianist, den mir mein Gesangslehrer zur Begleitung meines Prüfungsvortrags vermittelt hatte, spielte unverdrossen ein paar Noten als Vorspiel für die Bachkantate, ich holte Luft und begann: "Ich will den Kreuzstab gerne traa-aa-aaa...".

Aber das Prüfungskollegium war sichtlich unkonzentriert, vermutlich hörte es die drei Stücke heute schon das zehnte Mal, und noch bevor ich die Zeile ganz wiederholt hatte, wurde mein Vortrag unterbrochen. "Bringen sie doch bitte zum Abschluß ihre eigene Auswahl zu Gehör, junger Mann", sagte der Prüfungsvorsitzende, rückte seine Brille zurecht und sah mich dann erwartungsvoll an.

Der Pianist blätterte durch seine Noten, suchte Blickkontakt zu mir und begann auf mein Nicken mit einer abgekürzten Version des Chorparts vor Dandinis Auftritt in Don Magnificos Haus. Diese Töne reichten schon, daß mir geradezu das Herz aufging. Hier stehe ich nun, als falscher Prinz, um für meinen Herrn zu erforschen, welche der vorhandenen Töchter als Heiratskandidatin geeignet wäre. "Come un'ape nei giorni d'aprile", begann ich und stellte mir vor, entlang der Fenster ständen die zu umschwärmenden, verheißungsvollen aber nicht genügenden Mädchen, schritt mit hopsenden Schritten von einem zum anderen, vielleicht ein bißchen zu albern, aber ich verglich mich ja gerade mit einer Biene, die von Blüte zu Blüte flog.

Hatten die drei Prüfer zuvor noch mit ihren Stiften, Papieren und Brillen gespielt, hatte ich nun ihre ganze Aufmerksamkeit. Der Pianist spielte den Part der Töchter und Magnificos, und ich verneigte mich vor ihm, als sei er der Baron, hielt mit "Dico bene? Dico bene?" Rücksprache mit dem Garderobenständer, meinem Prinzen, und versicherte dem Baron "Son tutte papà, son tutte papà". Noch einmal den Damen schmeicheln, dann der Koloraturteil, in dem ich zeigte, was stimmlich in mir steckte, auch wenn ich das Theater etwas zurücknehmen mußte, um mit dem Atem zurecht zu kommen. "Qui nascer, qui nascer dovrà." Bescheiden neigte ich meinen Kopf, aber ich hatte noch das Lächeln des Prüfungsvorsitzenden gesehen. Mit Dandini hatte ich sie wirklich überzeugt. Die Studienzulassung hatte ich in der Tasche.

* * *

Die Semesterveranstaltungen begannen Mitte September, meine Eltern verweigerten, Geld für die Mietkaution einer Wohnung vorzustrecken, und im Studentenwohnheim war kein Platz zu bekommen. Also stand ich drei Monate nach der Aufnahmeprüfung zähneknirschend wieder vor Tante Isabellas Wohnungstür. In den Pausen zwischen meinen Veranstaltungen hörte ich mich nach Wohnungen um, die ich von meinen kümmerlichen Ersparnissen selbst finanzieren konnte. Durch Empfehlungen ortskundiger Kommilitonen wurde ich sogar bald fündig: die Hinterhauswohnung in vierten Stock eines Hauses, das mit der U-Bahn eine gute halbe Stunde von der MHS entfernt lag, hatte als einzigen Komfort zwar fließend kaltes Wasser und Stromversorgung, aber ich unterschrieb trotz Ofenheizung und fehlendem Badezimmer sofort den Mietvertrag, weil ich die Kaution bezahlen konnte und die Miete auch nicht unvernünftig hoch war. Außerdem stand die Wohnung, mit der ich mir die Toilette auf dem obersten Treppenabsatz des Hinterhauses teilte, leer, es war also praktisch meine.

Natürlich hätte mir bewußt sein müssen, daß meine Eltern dem nicht schweigend zusehen würden. Kaum hatten sie erfahren, daß ich bei Tante Isabella ausgezogen war - ihr hatte ich vorher nichts erzählt, sondern frecherweise ihren sonntäglichen Kirchenbesuch abgewartet, um heimlich meine Sachen zu packen und zu verschwinden, aber immerhin einen Brief hingelegt, in dem ich erklärte, daß ich eine nette Wohnung gefunden habe, in der ich endlich ohne Rechtfertigungsnöte meine Homosexualität ausleben könne - wurde mein Vater beim Dekan der Hochschule vorstellig, und ich wurde aus einer Übung in das Büro zitiert.

Mein Vater wedelte mit dem Brief, den ich Tante Isabella hingelegt hatte, tobte und fluchte auf Spanisch, Französisch und Deutsch, bis es dem Dekan endlich gelang, ihm klarzumachen, daß sein Sohn volljährig war und daher auch in Sachen Wohnung durchaus seine eigenen Entscheidungen treffen durfte. Ich hielt mich lieber bedeckt, schwieg und ließ die alten Männer die Sache unter sich ausmachen. Am Ende war ich trotzdem der Dumme, denn mein Vater zog die Einzugsermächtigung für die Studiengebühren zurück. Wenn ich nicht bei Tante Isabella wohnen wolle, solle ich mir auch das Studium selbst finanzieren. Das war sein letztes Wort und er rauschte ab.

Der Dekan sah mich eine Weile über seine Lesebrille hinweg an, packte dann die Unterlagen, die mich betrafen, beiseite. "Sie haben ihren Vater gehört, Herr Calatrava. Für das laufende Semester ging die Zahlung bereits vor zwei Monaten ein, und damit ist ein Rückruf über die Banken nicht mehr möglich. Was allerdings ihr weiteres Studium bei uns betrifft... sie könnten ihren Vater auf Zahlung verklagen und für die Zwischenzeit eine Ausbildungsförderung beantragen. Oder sie versuchen, sich selbst zu finanzieren, bis ihr Vater sich beruhigt hat. Unter den Aushängen im AStA-Gang finden sie vielleicht einen passenden Job."

Mit Bauchschmerzen dankte ich dem Dekan für sein Verständnis, verließ sein Büro, das davor liegende Sekretariat und ließ mich dann an der Wand des Flurs auf dem Boden nieder, stützte den Kopf in die Hände. Meine Studienzeit hatte so verheißungsvoll begonnen, und nun saß ich da und mußte zusehen, wie ich die Miete, das gerade installierte Telefon und die kommenden Studiengebühren - gar nicht zu reden von Lebensmitteln oder gar Heizmaterialien für den Winter - allein finanzierte. Natürlich sah mein Vater sich im Recht und konnte ja wohl auch nach Einklagung der Zahlung verlangen, daß ich bei Tante Isabella wohnte. Mama würde nichts tun, was Vater mißhagte, und bei Tante Isabella brauchte ich mich gar nicht wieder blicken zu lassen.

Irgendwie raffte ich mich auf, die restlichen Veranstaltungen des Tages zu besuchen, schleppte mich dann in den 'AStA-Gang' und fand dort wirklich ein schwarzes Brett mit Aushängen, auf denen Gelegenheitsarbeiten angeboten wurden. Lagerhilfe in dem Supermarkt, der nur eine Straße von meiner Wohnung entfernt lag, klang noch am besten, die Bezahlung war stundenweise, gar nicht mal so schlecht, und als ich dort noch von der Hochschule aus anrief, hatte man tatsächlich Verwendung für mich.

Als ich wieder nach Hause kam, erwartete mich jedoch die zweite unerfreuliche Überraschung des Tages: die andere Hinterhauswohnung der obersten Etage wurde gerade von einem neuen Mieter bezogen, die Toilette gehörte also nicht mehr mir allein. Ein ganzer Schwarm Türken wuselte gut gelaunt die Treppen auf und ab, schleppte Möbel, Packkisten und eine Duschwanne durch das Treppenhaus in die Nachbarwohnung. Durch die offenstehende Tür konnte ich sehen, daß sie sich kaum von meiner Wohnung unterschied, nur die Wände waren offensichtlich frisch gestrichen und der Boden hatte einen Teppichboden. Als eine riesige, in Plastikfolie eingehüllte Matratze an mir vorbeigetragen wurde, stieg der Neid in mir auf. Ich schlief seit einer Woche auf einer furchtbar schmalen Luftmatratze. Aber zurück zu Tante Isabella, vor meinem Vater zu Kreuze kriechen? Nein, niemals! Ich würde ihnen zeigen, daß ich alles auch allein auf die Beine stellen konnte und nicht lange in diesem Loch wohnen bleiben würde!

Aber die nächsten paar Wochen ging mein schöner Plan leider noch nicht auf. Das Geld, das ich am Ende des Monats im Supermarkt ausgezahlt bekam, reichte gerade, um die Miete zu bezahlen, für das Telefon hatte ich mein Konto schon überziehen müssen. Dabei versuchte ich, meine Lebenshaltungskosten niedrig zu halten, indem ich auf den Besuch der Badeanstalt und des Waschsalons verzichtete und mich und meine Kleidung mit dem Inhalt aus dem Fünf-Liter-Boiler in meiner Küche wusch. In der Mensa bestellte ich nur Gemüse und Stärkebeilage, auf die mir die Küchenkräfte aus Mitleid regelmäßig auch eine Kelle Soße gossen, so daß ich eine nahezu vollwertige, in jedem Falle sättigende Mahlzeit zum halben Preis hatte. Außerdem hatte ich mir angewöhnt, bei Bedarf aus dem Vorrat einer der selten frequentierten Damentoiletten im Seitentrakt der MHS ein bis zwei Rollen Toilettenpapier mit nach Hause zu nehmen, um diese Ausgabe ganz zu vermeiden, auch wenn das Hochschulpapier eine eher feste Konsistenz hatte. Und dann lief ich im Vorraum dieser Damentoilette meiner Kommilitonin Bianca in die Arme.

Die blonde Bianca besuchte dieselben musiktheoretischen Veranstaltungen wie ich und hatte mir am Anfang schöne Augen gemacht. Mein offensichtliches Desinteresse sowie die Tatsache, daß sich inzwischen herumgesprochen hatte, daß ich schwul bin, hatten sie aber offenbar entmutigt, denn sie war dazu übergegangen, mich zu ignorieren. Mit vor Erstaunen offenem Mund registrierte sie nun, wie ich zwei Rollen Toilettenpapier in meine Umhängetasche stopfte. Die Tür der Damentoilette schloß sich hinter ihr langsam, und ich beeilte mich, an ihr vorbei auf den Gang zu kommen.

Eine Viertelstunde später setzte Bianca sich - ohne Essen - neben mir an den Mensa-Tisch. "Was hast du da gemacht, Juan?" fragte sie mit einer Stimme, als sei sie nicht ganz sicher, ob sie eher empört oder besorgt klingen wollte.

"Äh, ich nutze die Großzügigkeit unserer Alma Mater", antwortete ich und verzehrte den Rest meines frugalen Mahls.

"Du KLAUST Klopapier?" ereiferte Bianca sich mit gedämpfter Stimme. "Geht's dir jetzt schon so schlecht?"

"Wie meinst du das denn?" wollte ich wissen. Sah man mir etwa so deutlich an, daß ich pleite war?

"Ich meine, daß es dir, angesichts deiner plötzlichen Schweigsamkeit in den Übungen, ziemlich dreckig gehen muß. Außerdem steckst du jetzt auch noch dieses extraharte Klopapier ein und ißt in der Mensa." Sie schüttelte den Kopf, als habe sie für mich jede Hoffnung verloren. "Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?" fragte sie dann überraschend.

"Kannst du mir vielleicht Notenpapier leihen?" packte ich die Gelegenheit beim Schopf. Ich hatte nur noch zwei oder drei unbeschriebene Blatt, aber wenn Bianca mir etwas lieh, konnte ich den Kauf eines neuen Heftes noch etwas hinausschieben.

"Hey, ich schenk dir zwei Hefte, wenn du dich zu einem Kaffee einladen läßt." War sie etwa immer noch an mir interessiert? Aber der Kaffee war ein überaus verlockendes Angebot, also sagte ich zu.

In der Cafeteria bezahlte Bianca für jeden von uns eine Tasse Kaffee und dazu noch ein Stück Apfelkuchen, dann schob sie mir zwei leere Notenhefte über den Tisch. "Wann hast du eigentlich das letzte Mal was Ordentliches gegessen?" wollte sie wissen und rührte Zucker in ihren Kaffee.

Ich dachte zurück an Tante Isabella. Inzwischen war es November, meine letzte hausgemachte Mahlzeit lag also über einen Monat zurück. "Das Mensaessen schmeckt mir", behauptete ich.

Bianca schüttelte sich mit vor Ekel verzogenem Gesicht. "Aber das ist doch Mist, dieses viel zu fette, viel zu salzige und viel zu lange gekochte Zeugs." Und mit einem einnehmenden Lächeln fügte sie hinzu: "Wenn du magst, kannst du morgen bei mir essen."

Sicher wäre bei Bianca auch gut geheizt. Ich fror zuhause wie ein Schneider, da ich mir bisher weder Kohle noch Briketts eingelagert hatte und die Preise mit dem Kälteeinbruch massiv angezogen hatten. Natürlich hatte ich mir von zu Hause auch keine Winterkleidung mitgenommen, als ich mein Studium aufnahm, und deswegen jetzt angekrochen zu kommen, verbot mir eigentlich mein Stolz. Aber da es an diesem Morgen auch noch zu Schneien begonnen hatte, war ich inzwischen doch kurz davor, meinen Stolz herunter zu schlucken und Tante Isabella um Obdach zu bitten. Wenn das Studium bisher nicht so gut gelaufen wäre, hätte ich diesen Punkt vermutlich schon früher erreicht.

So versonnen wie Bianca mich nun ansah und auf meine Antwort wartete, wurde mir klar, daß sie weniger an eine bloße Mahlzeit, als auch an ein amouröses Abenteuer dachte. Wahrscheinlich wollte sie feststellen, wie schwul ich tatsächlich war. Verglichen mit dem Versuch einer Aussöhnung mit Tante Isabella war ein bißchen unverbindlicher Sex mit Bianca die erfreulichere Alternative. Und sicher hatte sie auch eine Dusche oder sogar eine Badewanne mit unendlich fließendem, warmem Wasser. Aber waren ein paar Annehmlichkeiten es wirklich und wahrhaftig wert, mein mir selbst gegebenes Versprechen, meine Homosexualität nicht mehr zu verleugnen, zu brechen?

Nein. Ich dankte also höflich und deutete an, daß ich gegebenenfalls auf das freundliche Angebot zurückkommen würde. Bianca verzog darauf die Lippen, als habe sie ein Stück Zitrone im Mund. Offensichtlich hatte sie sich mehr als eine ausweichende Antwort erhofft. Sie atmete tief durch und zog dann beleidigt ab.

Einen Moment später hätte ich mich für meine Prinzipientreue ohrfeigen können. Es hätte doch nicht mehr bedeutet, als es mit einer der Schnepfen aus meiner Schule zu treiben. Alles nur rein physischer Sex mit einer beliebig austauschbaren Partnerin. Und die Belohnung dafür wäre gar nicht so übel gewesen. Es war ja nicht so, daß ich bisher irgendwo Anschluß gefunden hätte, denn auch wenn es sicher einige schwule Studenten an der MHS gab, so waren die mir zumindest noch nicht begegnet. Und um mich außerhalb der Hochschule im verheißungsvollen Nachtleben der Stadt herumzutreiben fehlte mir das Geld.

So war meine Stimmung ziemlich gedrückt, als ich mich im Studienraum an eines der Klaviere setzte, um ein neues Stück einzuüben. Da es damit dann auch nicht so recht klappen wollte, hatte ich für meine schlechte Laune allen Grund, als ich endlich nach Hause ging, zurück in dieses kalte, unfreundliche Loch, noch immer ohne Möbel, Gardinen und Teppich, und die Wände noch immer nicht frisch gestrichen. Immerhin bot das einen gewissen Unterhaltungswert, denn bei Tageslicht konnte man dort, wo nicht der Ruß vom Schornstein gelb durch den abblätternden Anstrich schlug, anhand der grauen Schatten an den Wänden Spekulationen über die Einrichtung des Vormieters anstellen.

Zuhause bei meinen Eltern hätte ich eine Rossini-Platte aufgelegt, um endlich wieder zu mir selbst zu kommen und die widrigen Umstände zu vergessen. Aber zur Zeit konnte ich natürlich weder die LP's noch den Plattenspieler von meinen Eltern einfordern. Was hatte ich eigentlich von meiner tollen Freiheit, so zu leben, wie ich wollte, wenn ich pleite war? Ich konnte mir nicht mal ein kleines Radio oder einen billigen Kassettenrekorder leisten, von den Kassetten ganz zu schweigen. Trübsinnig richtete ich mich mit meinen zwei Synthetikdecken und dem ausgeliehenen Englischwörterbuch in der Zimmerecke neben der kleinen Schreibtischleuchte ein und versuchte, den englischen, dreißigseitigen Aufsatz über Verdi zu lesen. Eigentlich war mein Englisch in der Schule gar nicht so übel gewesen, aber wo die internationale Musikwissenschaft sich nicht italienischer Begriffe bediente, kam ich ins Schwimmen. Schließlich begann ich, den Text Wort für Wort zu übersetzen, aber nach vier oder fünf Seiten war ich einfach nicht mehr aufnahmefähig. So kam zu der Frustration über meine Wohn- und Lebensumstände noch die über meine mangelnden Englischkenntnisse, und ich blätterte schließlich durch die im Foyer der Mensa eingesammelten Prospekte, um eine passende Wichsvorlage zu finden.

Da klingelte es an meiner Tür. Warum ausgerechnet jetzt? Ich wickelte mich widerwillig aus den Decken, schlurfte den düsteren Flur entlang und schaute durch den Spion: es war der Türke von gegenüber, ein dickes Paket in den Armen. Er stemmte es gegen die Wand, um es mit der Hüfte halten zu können, klingelte noch einmal.

"Was willst du?" fragte ich ziemlich unfreundlich, nachdem ich mich entschlossen hatte, die Tür zu öffnen.

Der langhaarige Kerl grinste mich breit an. "Hey, kein Grund mich zu beißen", sagte er. "Das Paket wurde gestern bei mir abgegeben, aber gestern abend warst du auch nicht da und heute nachmittag hatten wir Theaterprobe, und des..."

"Gib schon her", fuhr ich ihn an, und er streckte es mir entgegen. Ich nahm es und brach unter dem Gewicht beinahe zusammen. Der Türke mußte ja enorme Kraft haben, wenn er es so einfach mit ausgestreckten Armen hatte halten können. Das nötigte mir wider Willen doch Respekt ab. Er war nicht größer als ich und sah gar nicht nach einem Bodybuildertyp aus, dafür war er zu schlank, aber recht breite Schultern hatte er schon.

"Brr, kommt ja kalt aus deiner Wohnung", sagte er dann, rieb sich die wollpulloverbekleideten Arme. "Ist dir der Ofen ausgegangen?"

"Ja", sagte ich und versuchte, die Tür zu schließen. Dummerweise hatte ich das Paket gerade in ihren Schwingkreis gestellt.

"Brauchst du vielleicht ein paar Kohlen... oder ein bißchen Kohle?" fragte er mit fast besorgtem Blick. Sah ich wirklich schon so schlecht aus? Hatte Bianca einfach Mitleid mit mir gehabt? "Nein, alles bestens. Ich war eingeschlafen und der Ofen ist ausgegangen, nichts Besonderes." Mit dem Fuß versuchte ich, das Paket beiseite zu schieben, um die Tür endlich schließen zu können, aber der Flur war zu schmal. Ich mußte das Paket weiter in die Wohnung ziehen, dann...

"Hey, Mann, ich biete dir Hilfe an!" fuhr der Kerl mich an. "Und du brauchst sie, sei also nicht so verdammt stur!"

Ich stemmte mich gegen das Paket, um es weiter in meinen Flur zu schieben. "Ich brauche keine Hilfe", stieß ich dabei zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, während mir gleichzeitig bewußt wurde, daß ich sie mit dem Paket gerade in diesem Moment eben doch brauchte. Ich mußte trotz meiner Bauchschmerzen plötzlich lachen, und dann stürzte das Bewußtsein, daß ich auch in fast jeder anderen Beziehung dringend Hilfe brauchte, mit solcher Gewalt auf mich ein, daß sich ungewollt Schluchzer in mein Lachen mischten und ich dem Paket frustriert einen Tritt gab. Jetzt heulte ich also auch noch vor dem Türkenbengel, dann war ohnehin alles egal. Ich plumpste auf das widerspenstige Paket und ließ den Tränen freien Lauf. Und irgendwann bemerkte ich, daß mein Nachbar mir den Arm um die Schulter gelegt hatte, neben dem Paket hockend, mir mit der anderen Hand sanft über das Haar strich, mir irgendwas Beruhigendes zuflüsterte.

"Ich hatte so gehofft, daß ich es allein schaffe, aber ich packe es nicht", sah ich meinem Scheitern endlich ins Gesicht. "Ich hätte schon vor Wochen aufgeben müssen, und nun ist wohl alles zu spät."

"Blödsinn, nichts ist zu spät. Du hast nur Hunger und bist müde, außerdem völlig durchgefroren. Du kommst erst mal mit." Und er zog mich von dem Paket hoch, schleppte den Karton dann noch etwas weiter in meinen Flur, so daß er nicht mehr gegen die Fußleiste stieß, die ich mit meinen Bemühungen schon zum Teil von der Wand gelöst hatte. "Hast du deinen Schlüssel?" fragte er. Den trug ich in der Hosentasche, also nickte ich. Er nahm mich am Arm, zog meine Tür ins Schloß und führte mich über den Treppenabsatz in seine Wohnung, die meiner spiegelbildlich glich, nur daß es hier warm war und anheimelnd beleuchtet. Er setzte mich auf ein gemütliches, rotes Sofa, deckte eine karierte Wolldecke über meine Beine, verschwand dann, und ich saß da, kam langsam wieder zu mir, sah mich in diesem Zimmer um. Es gab himmelblaue Vorhänge vor dem Fenster in den Innenhof, ein riesiges, dunkelblau und grün bezogenes Bett, dessen Matratze ich ja schon kennengelernt hatte, einen mittelgroßen Fernseher auf einer Kommode mitten im Raum, so daß man ihn von Bett und vom Sofa aus gut sehen konnte, außerdem einen riesigen Kleiderschrank, daneben noch einen bis auf Stifte und einen Schreibblock leeren Schreibtisch und überall an den Wänden Plakate von irgendwelchen Filmen oder Theaterstücken. Bei mindestens zweien davon handelte es sich dem Titel nach um Stücke von Shakespeare.

Auf den zweiten Blick erkannte ich zwischen den Plakaten ein kurzes Regal mit einigen Büchern über dem Schreibtisch. Ein Wäscheständer stand neben dem Bett, Unterwäsche und Sportsachen hingen da zum Trocknen, außerdem ein rotgetupftes Kleid und zwei Seidenstrümpfe. Na klar, er hatte eine Freundin, die ihm seine Wohnung so schön eingerichtet hatte, ihm die Wäsche machte. Kein Wunder, daß sie so gemütlich wirkte.

Der junge Mann kam mit einem Tablett zurück, darauf standen zwei kleine Gläser, Zucker, eine Kanne, aus der es dampfte, außerdem ein Teller voller Kekse. Er stellte seine Last auf der Kommode neben dem Fernseher ab. "Ich hab leider gar nichts Vernünftiges da", sagte er entschuldigend, "muß morgen dringend einkaufen gehen. Aber der Tee wird dir auch schon mal gut tun."

Er hatte recht. Der Tee war sehr heiß, fast ungenießbar bitter und schließlich entsetzlich süß, aber er wärmte mich, füllte und besänftigte meinen schmerzenden Magen und erlaubte mir, mich fast wieder wie ein Mensch fühlen. "Warum hilfst du mir?" fragte ich, nachdem wir eine Weile schweigend auf dem Sofa gesessen und Tee getrunken hatten.

"Weil du offenbar niemanden sonst hast, der dir hilft. Oder täuscht der Eindruck?" Er schien mich mit seinem Blick durchbohren zu wollen, strich sich dann mit einer fast femininen Bewegung die Haare aus dem Gesicht. "Was machst du denn so, außer im Supermarkt zu jobben?"

"Und was machst du, außer zu versuchen, hoffnungslose Existenzen zu retten?"

Der Kerl grinste so fröhlich, daß es ansteckend war. "Ich heiße Ahmet und bin neunzehn Jahre alt. Ich habe dieses Semester angefangen, Sport zu studieren, außerdem spiele ich in der Theatergruppe der Uni. Noch Fragen?"

"Also hallo, Ahmet. Ich bin Juan, ebenfalls neunzehn Jahre alt und studiere Gesang an der MHS. Und wie du richtig bemerkt hast, arbeite ich im Supermarkt, um mein Leben und mein Studium zu finanzieren. Zur Zeit klappt es aber gerade nicht so gut." Das war natürlich die Untertreibung des Jahres, aber ich wollte die langsam lockerer werdende Stimmung nicht gleich wieder verderben.

"Wie bist du denn an den Job gekommen? Hast du schon mal im 'Tagesblatt' die Anzeigen durchgesehen? Da findet sich sicher was Besserbezahltes als nun gerade dieser Supermarktjob." Dann sah er in sein halbvolles Teeglas, schaute nach einer Weile wieder hoch. "Und wenn du gerade im Moment Geld brauchst, leih ich dir auch gerne was. Du kannst doch nicht einfach nicht heizen und nicht essen, um irgendwie über die Runden zu kommen." Er klang richtig besorgt.

"Du bist nicht meine Mutter", gab ich ein bißchen zu ruppig zurück, auch wenn es mir fast im selben Augenblick leid tat. Trotzdem entschuldigte ich mich nicht für meine Worte. Ich hatte ihn schließlich nicht um seine Hilfe gebeten, er hatte sie mir aufgedrängt. "Ich werde Montag mal im 'Tagesblatt' schauen. Danke für den Hinweis", versuchte ich dann, für eine etwas versöhnlichere Atmosphäre zu sorgen.

"Schau am Dienstag, da gibt es eine Beilage mit Stellenanzeigen", riet Ahmet mir, als nähme er mir meine Unfreundlichkeit nicht einmal übel. Ich nickte dazu, genoß die Wärme seiner Wohnung, des Tees und der Decke. "Hast du heute abend noch irgend etwas vor, oder hast du Lust, mit mir fernzusehen?" fragte Ahmet dann überraschend.

Die Wärme machte mich träge und so blieb ich dort, eingekuschelt in die Decke, und Ahmet und ich sahen uns einen Western an, dessen Held nebenher auch noch eine kleine Romanze erleben durfte. Wann ich wohl endlich wieder den Sex hatte, den ich mir wünschte? Marco einen zu blasen und von ihm einen geblasen zu kriegen war wie der Himmel auf Erden gewesen. Er hatte sich von mir ficken lassen wollen, war erfahren genug gewesen, um mir die meiner Erziehung entstammenden Bedenken schon im Vorfeld zu nehmen, doch bevor wir wirklich so weit hatten kommen können, war Mama dazwischen gegangen. Sie war so entsetzt gewesen, als sie uns beide nackt in meinem Bett entdeckt hatte, als wolle sie mich nicht mehr kennen. Und so ich begann damit, meinen Eltern einen guten Sohn vorzuspielen. Das Flirten und auch der Sex mit den Mädchen, die ich seit dem Erlebnis mit Marco flachgelegt hatte, war nett gewesen, aber mehr auch nicht. Der rothaarige Junge bei der AStA-Info-Veranstaltung, Florian, hatte eine unglaublich attraktive Stimme gehabt, war durch seine Scheu aber eher uninteressant gewesen. Der dunkelhäutigen Ahmet aber - so alt wie ich, einen deutlichen Bartschatten am Kinn und an einem wildfremden Kerl interessiert genug, um ihm Hilfe und Geld anzubieten - war genau richtig und so überaus anziehend, das ich nicht anders konnte, als über Sex mit ihm nachzudenken. Daß er mich zu sich eingeladen hatte konnte doch eigentlich nur bedeuten, daß ich in seinen Augen ähnlich attraktiv war, wie er in meinen.

Als der Abspann des Filmes lief, stand Ahmet auf, trug das Teegeschirr in die Küche, kam wieder zurück, blieb in einiger Entfernung von mir und dem Sofa stehen, betrachtete mich fast träumerisch aus seinen dunklen Augen. Hatte er während des Filmes ähnliche Gedanken wie ich gehabt? "Was guckst du mich so schwul an?" fragte ich leise, merkte, wie angesichts seines Blickes meine Erregung wuchs.

Ahmet grinste, schüttelte den Kopf. "Ich gucke dich müde an, Juan. Ich muß dringend ins Bett. Schlaf einfach hier auf dem Sofa, bei dir ist es doch viel zu kalt. Gute Nacht." Er ließ sich wie er war auf sein Bett fallen und rutschte zwischen seine Decken. Wenig später waren schon leise Schnarchgeräusche zu hören.

Ich war tatsächlich enttäuscht, aber morgen war ein neuer Tag und der Spaß am Sex war ja nicht auf die Nachtstunden beschränkt. Ich zog also meine Jeans aus, legte den Schalter der Stehlampe um, die das Zimmer erleuchtet hatte, rollte mich auf Ahmets Sofa zusammen und schlief ebenfalls sehr schnell ein.

* * *

Als ich aufwachte, war ich völlig desorientiert. Das war nicht Tante Isabellas Wohnung, aber meine erst recht nicht, und als ich von der überraschend hohen Matratze rutschte und mir unangenehm den Ellbogen prellte, fiel mir wieder ein, daß mein Nachbar Ahmet mich zeitweilig aufgenommen hatte. Meinen Sturz vom Sofa hatte er offensichtlich gehört, denn er kam, einen Kochlöffel in der Hand, in das Zimmer gerannt. "Ist was passiert?" fragte er panisch.

Ich rappelte mich auf, verlor die Decke, die noch um meine Beine gelegen hatte. Meine Moprala hatte sich ihren Weg durch den Schlitz der Boxershorts gebahnt. Ahmet wurde rot, konnte aber anscheinend nicht den Blick von meinem hervorstehenden Schwanz wenden. Und schwoll da nicht auch etwas in seiner Hose an? "Willst du mehr sehen?" fragte ich also herausfordernd, griff mit beiden Daumen hinter den Bund der Shorts. Ich hatte nichts zu verstecken, bisher hatte ich nur Komplimente für meinen Schwanz erhalten.

Aber Ahmet drehte ohne ein Wort auf dem Absatz um und lief zurück in die Küche. Und ich mußte an ihm vorbei, um aufs Klo zu gehen. Ich blieb einen Moment vor der Küchentür stehen, so daß er auch meinen Schwanz noch einmal bewundern konnte, aber Ahmet drehte sich weg. Na, dann eben nicht. Nachdem ich mich erleichtert hatte, packte ich meinen großen Freund doch ein, denn im Treppenhaus war es eisig kalt. Ich beeilte mich, meine Jeans wieder überzuziehen, dann ging ich zu Ahmet in die Küche.

Er hatte wieder eine Kanne Tee gemacht, dazu Rührei, Weißbrot-, Käse- und Wurststücke und Oliven auf Tellern drapiert. Ob seine Freundin noch kam? "Hast du bei dir denn überhaupt eine vernünftige Waschgelegenheit?" fragte er zusammenhanglos, während er Tomaten viertelte und auf einen weiteren Teller legte.

"Naja...", begann ich.

"Wenn du willst, kannst du gerne meine Dusche benutzen", bot er großzügig an und zeigte auf die Duschkabine mit Falttür neben seinem Spülbecken. "Ich geh dann natürlich aus der Küche, ist ja klar." Er wurde wieder ein bißchen rot. Das waren keine unschuldigen Gedanken zur Körperpflege, die ihm bei diesen Worten durch den Sinn gegangen waren, dafür hätte ich meinen rechten Arm verwettet.

Ich setzte mich auf den freien Stuhl Ahmet gegenüber, sah ihm beim Schneiden des Gemüses zu, betrachtete seine schlanken, aber trotzdem kräftig wirkenden Hände, das perfekt rasierte Gesicht, das ihn mit den schulterlangen Haaren fast wie ein Mädchen aussehen ließ, trotz der recht breiten und anscheinend auch muskulösen Schultern. Auf die Sache mit der Dusche würde ich zurückkommen, aber jetzt interessierte mich etwas ganz anderes. "Hast du eigentlich eine Freundin?"

Überrascht sah er auf, schnitt sich mit dem Tomatenmesser in den Finger, stieß einen leisen Fluch aus und steckte den Finger zwischen seine hübschen Lippen, um an dem Schnitt zu saugen. Als er den Finger wieder aus dem Mund zog, konnte ich einfach nicht anders, ich beugte mich über den schmalen Tisch und küßte ihn auf den Mund. Ahmet wich vor mir zurück und sah mich panisch an. "Was sollte das jetzt?" fragte er.

"Gefällt es dir nicht?" wollte ich wissen, stand auf und küßte ihn noch einmal. Diesmal zog er sich nicht zurück, aber man konnte auch nicht wirklich sagen, daß er den Kuß erwiderte. Ich löste mich also von ihm, sah ihn an.

Ahmet leckte an seinen Lippen, als versuche er meinen Geschmack zu kosten. "Das war nett", sagte er dann, mit einer deutlich schüchterneren Version seines Grinsens. "Aber warum sollte ich vorgeben, in einen Rausch des Begehrens zu verfallen? So ist es einfach nicht."

Das war ja eine regelrechte Kampfansage. Ich ging um den Tisch herum, fühlte, daß mein Körper schon eindeutig auf die Küsse und Ahmets Widerstand gegen meine Verführungskünste reagierte. Ich zog ihn also in eine Umarmung, schmiegte meinen wieder steif gewordenen Schwanz eng an seine Hüfte und küßte ihn noch einmal, strich mit den Händen über seinen Rücken bis zu seinem Gesäß. Mit meiner Zungenspitze leckte ich über seine Lippen, versuchte, sie dazwischen zu drängen, aber er presste den Mund zusammen, löste sich problemlos aus meiner Umarmung, trat einen Schritt zurück. Zumindest hatte ich ihn jetzt so weit, daß sich in seiner weiten Hose nun auch deutlich der Schwanz abzeichnete.

"Hey, mal langsam! Komm erst mal mit deinem Leben klar, bevor du anfängst, mich zu verführen", empörte er sich. "An deiner beschissenen Situation hat sich doch seit gestern nichts geändert, und mit Sex wird alles gut? Helfen würde ich lieber einem Freund als je..."

"Und du solltest dir vielleicht deine Begierden eingestehen", gab ich aufgebracht zurück. "Oder bist du noch Jungfrau?" Oha, das mußte es sein, so plötzlich wie er meinem Blick auswich. Eine schwule Jungfrau, auch das noch. Andererseits war das ja eine besondere Herausforderung. Aber dann sollte ich es wohl auch etwas langsamer angehen lassen, um ihn nicht zu verschrecken.

"Entschuldige, ich wollte dir keine Unannehmlichkeiten bereiten", versuchte ich es lahm, setzte mich wieder auf den Stuhl Ahmet gegenüber, getrennt von ihm durch den vollbeladenen Tisch. "Ich nehme deine Einladung zum Frühstück gerne an, danach verziehe ich mich zu mir, okay? Und ich laß meine Finger von dir."

Ahmet atmete schwer, nickte langsam. "Das ist okay. Also guten Appetit."

*

Später stellte ich dann fest, daß das Paket, das Ahmet mir am Abend zuvor gebracht hatte, von meiner Mutter kam, vollgestopft war mit Winterkleidung, außerdem einem neuen Paar Winterschuhen, Keksen und einem langen Brief. Sie schrieb, daß sie mir leider kein Geld schicken könne, ohne daß Vater es merke. Und das könne sie nicht riskieren, denn er sei nach seiner Rückkehr wirklich sehr aufgebracht gewesen. Er habe in meinem Zimmer gewütet, meine Schallplatten zerbrochen, aber zumindest die beiliegenden meiner Kleidungsstücke habe sie aus dem Müllcontainer wieder herausholen und bei der Nachbarin heimlich waschen können, um sie mir zu schicken. Wenn ich ihr schreiben wolle, und sie hoffe, daß ich es bald täte, solle ich eben dieser Nachbarin schreiben, die den Brief dann an meine Mutter weiterleiten würde, ohne daß Vater Verdacht schöpfen könne. Zudem wünschte sie mir alles Gute für mein Studium.

Nur langsam sackte die Erkenntnis von der Zerstörung meiner in vielen Jahren gesammelten Opernaufzeichnungen, zum Teil seltener Tondokumente, für deren Anschaffung ich über Jahre den Großteil des mir monatlich zur Verfügung stehenden Geldes ausgegeben hatte. Von meinen Eltern konnte ich also nichts mehr erhoffen. Eingewickelt in meine Decken legte ich mich auf meine Luftmatratze und starrte auf den lampenlosen Stromanschluß in der fast zur Unkenntlichkeit überstrichenen Stuckrosette über mir, ohne ihn wirklich zu sehen. Weg, alles weg. Mit einem Mal war ich ganz leer.

Abends klingelte es und Ahmet lud mich wieder vor den Fernseher ein, aber anscheinend hatte er mir nur halb verziehen, denn er stellte gleich klar, daß ich nach dem Film wieder zurück in meine Wohnung müsse. Trotzdem ergriff ich dankbar die Gelegenheit, mich abzulenken, konnte ihn sogar noch einmal nach seiner Freundin zu fragen, und er erklärte, daß das Kleid ihm gehöre, ebenso wie die Seidenstrümpfe: dies sei sein Bühnenkostüm. Ich konnte mir vorstellen, daß er in dem leichten Sommerkleid geradezu unwiderstehlich aussehen mußte, aber er tat mir nicht den Gefallen, es für mich anzuziehen. Ich nahm mir vor, nicht so leicht aufzugeben.

Am Sonntag morgen stand ein Kasten Briketts und eine Schütte voll Eierkohle vor meiner Wohnungstür, daran war eine Brötchentüte mit zwei Croissants und ein Zettel von Ahmet befestigt, daß er leider keine Zeit habe, mir aber einen erfreulichen Sonntag wünsche, am Montag dürfe ich ab sechs Uhr abends auch gerne seine Dusche benutzen.

Ohne Gesellschaft fiel es mir sehr schwer, die Gedanken an die Vernichtung meiner Schallplatten zu verdrängen. Die Erinnerung an die ansonsten so tröstlich wirkende Musik aus der Feder meines geliebten Rossini, von dessen Opern ich so viele wunderbare Einspielungen besessen hatte, machte alles noch schlimmer. Und jedesmal, wenn die Erkenntnis wieder hochwallte, rebellierte mein Magen. Nachdem ich mich drei mal übergeben hatte, rief ich meinen Kollegen aus dem Supermarkt an, um seine frühe Montagsschicht gegen meine späte Dienstagsschicht zu tauschen, denn Lehrveranstaltungen zu besuchen schien mir in diesem Zustand nicht möglich. Dann erinnerte ich mich an das Paar Winterschuhe, das neben der Katastrophenmeldung im Paket meiner Mutter gelegen hatte, zog mich warm an und lief raus.

Wenn ich mich körperlich verausgabte, wurden andere Probleme gewöhnlich viel kleiner. Und auch diesmal erwies es sich als richtig, denn mein zielloser Weg durch die von schmutzigen Schneewällen flankierten Straßen führte mich, nachdem ich das verschneite und natürlich geschlossene Sportgelände in der Nachbarschaft zwei mal umrundet hatte, an einem mir bis dahin unbekannten Musikaliengeschäft vorbei, das seinen antiquarischen Tonträgern ein ganzes Fenster gewidmet hatte. Da standen sie, unversehrt und in voller Schönheit, meine Mailänder 'Cenerentola', der Londoner 'Barbiere di Siviglia', so daß ich mir schließlich an dem eisigkalten Fenster die Nase platt drückte, um noch mehr Schätze entdecken zu können. Es waren nur wenige Preise zu erkennen, und die, die ich sah, waren - wenn auch nicht unangemessen - hoch. Dafür besaß ich kein Geld, würde es mit dem Supermarktjob auch in absehbarer Zeit nicht besitzen. Aber wenn ich etwas in den Stellenanzeigen des 'Tagesblattes' fand, wußte ich genau, was ich mir nach der Lohnauszahlung als erstes gönnen würde. So konnte ich schließlich hoffnungsvoller nach Hause zurückkehren, als ich Stunden zuvor aufgebrochen war.

*

Ich hatte Herzklopfen, als ich am Montag abend, Punkt sechs Uhr, bei Ahmet klingelte. Natürlich brauchte ich endlich einmal wieder eine heiße Dusche, aber vor allem wollte ich doch eine Gelegenheit finden, Ahmet bezüglich seiner sexuellen Vorlieben zu einem Bekenntnis zu bewegen. Und welche bessere Gelegenheit gab es dafür, als ein mehr oder weniger gemeinsames Bad?

Als Ahmet mir die Tür öffnete, gähnte er kaum verhohlen und sah in T-Shirt und Jeans auch ziemlich zerknittert aus, als hätte ich ihn gerade aus einem Nickerchen geklingelt. "Störe ich?" fragte ich, denn ich wollte es mir mit meiner zukünftigen Affäre ja nicht verscherzen.

Ahmet schüttelte, erneut gähnend, den Kopf. "Ich hab nur grad noch ein bißchen geschlafen. War ein anstrengender Tag gestern." Dann fiel sein Blick auf mein zusammengerolltes Handtuch, die darin eingewickelte Duschgelflasche. "Ach ja, komm rein, Juan. Du weißt ja, wo die Dusche steht. Wenn du was brauchst, ich bin in meinem Allzweckzimmer." Er bat mich mit einer Handbewegung herein und schlurfte auf Socken wieder zurück zu dem lautlosen, bläulichen Flimmern des Fernsehers, das in den Flur schien. Ich duschte mich also, wusch schließlich die Seife aus meinen Haaren und genoß so lange das wunderbare Gefühl des meinen Rücken herunterperlenden warmen Wassers, bis der Boiler leer war. Dann trocknete ich mich ab und band mir nur das Handtuch um die Hüften, denn auch die Wärme von Ahmets Wohnung hatte einen hohen Genußfaktor für mich. Barfuß ging ich über den etwas kratzigen Teppich bis in das Zimmer, in dem mein Nachbar bäuchlings auf seinem Bett lag und in einem kleinen Heftchen las. Der stumme Fernseher lief noch immer, aber er sorgte nur für eine unstete Beleuchtung, die Vorabendserie interessierte Ahmet anscheinend nicht im geringsten. Und er sah auch nicht von seiner Lektüre auf, als ich zu ihm kam und mich schließlich nahe seinem Oberkörper auf die Bettkante setzte. Ich hätte mich in der Küche gleich wieder anziehen sollen, und nun sollte ich einfach für die Duscherlaubnis danken und wieder gehen.

Der Kohleofen in der Zimmerecke neben dem Bett strahlte eine solche Wärme aus, daß mir trotz fehlender Kleidung der Schweiß ausbrach - oder war es der Anblick der dunkelhäutigen Arme, des dunkelhäutigen Nackens, der um Ahmets Hals liegenden, schwarzen Haare, die in mir diese Hitze entfachten? Das T-Shirt spannte etwas über seinen breiten Schultern und sie verlockten mich so sehr, ihm den weißen Stoff vom Leib zu reißen, um seinen dunkelhäutigen Rücken betrachten zu können, mit meinen Händen über seine Muskeln zu streichen.

Plötzlich sah Ahmet von seiner Lektüre auf, mir gerade ins Gesicht. "Warum seufzt du?" fragte er, legte das Büchlein aufgeschlagen, mit dem Rücken nach oben neben sich. 'Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück' las ich. Dann sah ich Ahmet wieder in die Augen. "Ich habe doch nicht geseufzt", verwahrte ich mich.

Ahmet drehte sich auf die Seite, legte den Kopf auf den aufgestützten Unterarm. "Und wie du geseufzt hast. Als hättest du gerade einer verlorenen Liebe gedacht." Dann lachte er leise. "Bitte entschuldige meine Sprache, aber ich glaube, Lessing färbt ab."

"Das ist schon in Ordnung", antwortete ich gedankenverloren. Ob seine dunkle Haut ebenso zart war wie die Marcos? Aber Ahmet war ein Mann, und damals waren Marco und ich noch fast Kinder gewesen.

Ahmet hatte sich aufgesetzt, rutschte näher an mich heran. "An wen denkst du gerade?" fragte er neugierig. Jetzt war an seinem Kinn nicht den Hauch eines Bartschattens zu sehen, also hatte er sich wohl extra für mich rasiert. Ahmets volle Lippen verzogen sich zu einem Schmollen, als ich mir mit der Antwort auf seine Frage Zeit ließ. Ganz sanft fuhr ich mit den Fingerkuppen die Rundung seines Kinns entlang, die Haut war glatt, wenn auch nicht so zart wie bei Marco. Aber wie weich die Kontur seiner Unterlippe war!

Ahmet erduldete meine Berührung fast bewegungslos. Als ich innehielt, die Finger noch an seiner ebenfalls recht weichen aber nicht mehr jungenzarten Wange, griff er mit seinen schlanken, etwas schwieligen Fingern um mein Handgelenk und zog meine Hand nach unten. "Warum willst du mich verführen?"

Er erinnerte mich so sehr an Marco, diese kakaobraune Haut und die dunklen Augen, umrahmt von schwarzen Wimpern. Atmete er schwerer, oder bildete ich mir das nur ein? Waren es etwa meine eigenen keuchenden Atemzüge, die ich hörte? Es schmerzte, wie sehr ich ihn wollte, ihn, Ahmet, denn Marco war doch schon längst Vergangenheit. Das Verlangen schnürte mir die Kehle zu, ich konnte Ahmet nicht antworten, daß er mich in diesem Augenblick fast um den Verstand brachte. Mit den Mädchen war es so einfach gewesen, eine Berührung, ein Kuß und schon waren sie so willig, daß ich alles mit ihnen hätte machen können, als wäre ihr Verstand so gelähmt, wie nun der meine. Doch Ahmet widerstand mir, obwohl er gerade in diesem Moment doch aussah wie ein Mädchen, obwohl ich mir so sicher war, daß er zumindest nicht völlig abgeneigt war, etwas mit einem anderen Mann anzufangen, die Mundwinkel halb spöttisch, halb freundlich lächelnd verzogen. Seine Finger lagen noch um mein Handgelenk, locker, sich ein wenig, fast streichelnd, über meine Haut bewegend.

Ich versuchte mich zu sammeln, atmete tief durch. "Laß dir noch einen Kuß geben, nur einen, dann gebe ich Ruhe - außer du WILLST mehr."

"Du bist sehr von dir überzeugt, nicht wahr, Juan?" fragte er, doch nun klang seine Stimme belegt, als fürchte er den Kuß oder was danach kommen mochte. Aber er blieb, wo er war.

Plötzlich fiel es mir schwer, die paar Zentimeter zu überbrücken. Was, wenn er auf meinen Kuß so wenig reagierte, wie am Sonnabend? Ich schmeckte schon seinen Atem, roch irgendwelche Süßigkeiten. Und dann wagte ich es endlich, meine Lippen auf die seinen zu legen, ganz vorsichtig, als würde ich versuchen, einen Schmetterling zu küssen. In Ahmets Augen schien ein wenig die Panik zu flackern, aber seine Lippen waren weich, fest, nachgiebig, diesmal öffneten sie sich meiner langsam vordringenden Zungenspitze, seine süß schmeckende Zunge begegnete ihr, sie betasteten sich sanft, als würden die Fühler zweier Schmetterlinge inmitten von Blütennektar prüfen, mit wem sie es da zu tun hatten. Ahmets Blick war nun entrückt, seine Augen halb geschlossen, als sehe er mich gar nicht mehr richtig.

Es fiel mir so schwer, die in mir aufsteigende Glut zurückzuhalten, mein im Moment geradezu kannibalisches Interesse an seinem Mund, seinem ganzen Körper unter Kontrolle zu halten. Er hatte mein Handgelenk losgelassen, und ich schloß Ahmet in eine heftige Umarmung, um meine Finger davon abzuhalten, seine Hose zu öffnen oder mir das Handtuch von den Lenden zu reißen. Dann wurde ich mir seiner Arme um meinen nackten Rücken bewußt, einer sich langsam zu meinem Gesäß vortastenden Hand. Offensichtlich hatte er den Spröden also nur gespielt, und ich legte alle mir selbst auferlegten Beschränkungen ab, drückte ihn mühelos auf das Bett und konnte ohne Gegenwehr seinerseits mit den Händen unter sein T-Shirt fahren, über seine festen Bauchmuskeln, bis zu seinen von lockigen Härchen umgebenen Brustwarzen, merkte, daß unter seinen Händen das Handtuch wegrutschte, wie die Knöpfe seiner Jeans fast schmerzhaft gegen meinen steifen Schwanz drückten.

Und dann lag plötzlich ich unter Ahmet, ohne recht zu wissen, wie das passieren konnte. Er löste sich von meinen Lippen, lächelte mich so verführerisch, so siegessicher an, setzte sich auf meine Beine, zog sich das T-Shirt aus, senkte den Kopf wieder zu mir, von seinen ungebändigten Haaren wie von einem Schleier umgeben, küßte mich aber nur flüchtig auf die Lippen, im Vorübergehen gewissermaßen, während er sich weiter abwärts bewegte, seine Lippen und Haare mein Kinn, meinen Hals, die Kehle zwischen meinen Schlüsselbeinen streiften. Ich hatte doch tatsächlich die Kontrolle verloren! Ahmet gab mir keine Chance, seinen traumhaft schönen Körper zu berühren, er hatte meine Arme mit seinen kräftigen Händen am Bett fixiert, ließ sich auch nicht beirren, als ich versuchte, mich ihm zu entwinden, denn die angestaute Lust wurde mir unerträglich. Ich konnte nicht darauf warten, bis er mit seinen Liebkosungen fertig war, irgendwie mußte ich diese Anspannung loswerden!

Aber Ahmet ließ mir kaum Spielraum, mich zu bewegen, hilflos wand ich mich in seinem Griff, während seine Lippen immer tiefer und tiefer wanderten, über meine Brust, zu meinem Bauchnabel, noch tiefer, so daß mir ein kleiner Schrei der Erregung entwich. Ahmet lächelte sehr zufrieden, wiederholte das Spielchen, so daß mir ganz schwindelig wurde! Ich ließ den Kopf nach hinten fallen, konnte mich nicht mehr wehren. Er erkannte offensichtlich, daß er meinen Körper nun allein mit seinem Mund völlig unter Kontrolle hatte, und löste die Hände von meinen Armen. Er ließ mich so gewaltig kommen, daß ich für einen Moment glaubte, ich wäre der Belastung nicht gewachsen. Natürlich verkraftete ich es, aber weder Marco noch eines der Mädchen hatten mir bisher so kunstvoll einen geblasen. Vielleicht hatte Ahmet keine Freundin, aber mit Sicherheit einen Freund.

Ahmet legte sich neben mir auf die Seite, duldete, daß ich matt über seine dunkle Brust strich, streichelte mein Gesicht. "Es scheint wohl in Ordnung gewesen zu sein", sagte er dann leise. Ich brummte nur eine Zustimmung. Ich war so geschafft, daß ich mich nicht mehr rühren wollte, dabei hatte ich doch vorgehabt, ihn zu verführen, anstatt selbst verführt zu werden, und noch immer trug er seine Hose. Ahmet hielt meine Hand nicht auf, als ich nun träge meine Finger bis zu seinem locker sitzenden Hosenbund bewegte und an seiner Bauchdecke entlang weiter hinein schob. Sein Atem ging schwerer, als ich meine Finger voran bewegte. Aber dann ließ ich einfach meine Hand liegen wo sie war.

* * *

Als ich aufwachte, war es stockdunkel, ich lag nackt unter einer Decke, fühlte einen warmen, ebenfalls nackten Körper neben mir, einen männlichen Körper. Ich strich sanft über Ahmets Rücken, sein festes Gesäß. Er murmelte irgendwas im Schlaf, schmiegte sich an mich, und ich schlief wieder ein.

Das zweite Mal weckte mich Ahmets Wecker, das erbarmungslos aufflammende Licht, das fröhliche: "Guten Morgen, Juan", aus Ahmets grinsendem, bartstoppeligen Gesicht. Er war schon fast fertig angezogen, griff noch nach seinem Wollpulli. "Ich habe dir deine Sachen dort hingelegt", zeigte auf das Sofa, auf dem er meine Kleidungsstücke ordentlich zusammengelegt hatte. "Ich mache uns Frühstück", und er ging. Draußen war es doch noch finstere Nacht!

Ich hörte ihn in der Küche wirtschaften, während ich mich anzog, ging dann zu ihm, konnte mein Gähnen nicht zurückhalten und erst danach fragen: "Wie früh ist es denn eigentlich?"

Es war sechs Uhr, das Frühstück war fast ebenso reichlich wie am Sonnabend, in einer halben Stunde mußte Ahmet aufbrechen, und er strahlte mich die ganze Zeit über den Tisch hinweg an. Aber ich fühlte mich mies. Ich versuchte zu lächeln, aber die finsteren Gedanken konnte ich nicht unterdrücken. Wieso hatte er mir nicht erlaubt, ihn zu befriedigen? Wieso hatte er sich mir nicht ebenso hingegeben, wie er mich... ja, wirklich 'genommen' hatte? Und wieso diese Schamhaftigkeit am Anfang, wenn er solche Kunstfertigkeit an den Tag legen konnte? Ganz unerfahren konnte er angesichts dessen ja wohl kaum sein, also hatte er mir am Wochenende etwas vorgespielt.

"Was ist los?" verlangte Ahmet zu wissen, vielleicht zeichneten sich meine Gedanken auch zu deutlich in meinem Gesicht ab.

"Hast du einen Freund?" fragte ich also, hörte selbst die Feindseligkeit in meiner Stimme.

Ahmet ignorierte diese Feindseligkeit. "Ja, er heißt Juan", antwortete er, noch immer lächelnd.

"Was soll der Blödsinn?" fragte ich aufgebracht. "Du scheinst doch einen Kerl zu haben, oder meinetwegen gehabt zu haben, mit dem du rumgemacht hast. Wieso solltest du sonst so... so...", mir fehlten die Worte. Es war so heiß gewesen, was er mit mir gemacht hatte, aber trotzdem fühlte ich mich jetzt benutzt und verraten.

"Es hat dir doch gefallen", stellte Ahmet etwas erstaunt fest.

"Das ist nicht der Punkt", fuhr ich auf. "Du bist doch keine Jungfrau, wenn du solche Sachen mit einem fremden Kerl machst."

"Was geht dich mein Privatleben an, wenn du nicht mein Freund bist?" fragte Ahmet mit ärgerlich zusammengezogenen Brauen zurück. "Wolltest du denn nicht mein Begehren wecken? Sei stolz auf dich, es ist dir gelungen. Hast du ein Problem damit, dich hinzugeben? Willst DU immer derjenige sein, der sagt, wo es lang geht? Damit kann ich nicht dienen!" Er sah mich wirklich böse an, biß ein Stück Brot ab, als wünsche er sich, es wäre mein Kopf - oder mein Schwanz.

"Ich brauche weder dein Mitleid, noch deine Psychoanalyse!" Ich stand auf und verließ seine Wohnung, mußte viel zu lange an meiner Tür pfriemeln, bis ich sie endlich aufgeschlossen hatte, warf sie hinter mir wieder zu, lehnte mich dagegen, ließ mich mit Bauchschmerzen auf den kalten Boden sinken. Wieso hatte er sich so aufgeblasen? Wieso konnte er nicht einfach meine Frage beantworten, dieser Scheißtürke? Es war ja nicht so, daß ich ihn und sein Mitleid so dringend brauchte, es gab da notfalls noch Bianca - und das 'Tagesblatt' vom Dienstag mit den Stellenanzeigen.

Ich kratzte mein Bargeld zusammen, warf den von meiner Mutter nachgeschickten Parka mit Teddyfutter über und lief zur U-Bahn Station, um mir die Zeitung zu kaufen. Im 'Stellenmarkt' gab es für ungelernte Kräfte auf den ersten Blick nicht viel anderes als bei den Aushängen im AStA-Gang, aber dann sprangen mir die Worte "Gute Bezahlung... gerne Studenten" entgegen. Ich las die Anzeige, sie war von einer 'Agentur Casanova' geschaltet worden, einem 'Gehobenen Begleitservice für die Dame', die angegebene Telefonnummer sollte täglich rund um die Uhr besetzt sein. Gepflegte Erscheinung und gute Umgangsformen waren gefordert, eine freie Zeiteinteilung und hohe Trinkgelder wurde versprochen. Suchten die so eine Art Callboy? Ich schüttelte darüber den Kopf und wollte schon weiterblättern, aber dann fiel mir ein, daß ich für eine Bekochung durch Bianca ja beinahe so weit gegangen war.

Natürlich hatte ich eine gepflegte Erscheinung, außerdem war bisher keines der Mädchen, das ich im Bett gehabt hatte, unzufrieden mit mir gewesen. Warum sollten also die vermutlich etwas älteren Frauen unzufrieden mit mir sein, die sich so einen 'Begleitservice' leisten konnten? Eine Frau war eine Frau, und hieß es nicht, an jeder könne man irgendetwas finden, was sie attraktiv und einzigartig machte? Vielleicht war das im hohen Alter nur noch ihr Geld, aber das war doch auch nicht schlecht. Und ich verleugnete bei so einem Job ja auch nicht meine sexuellen Vorlieben, denn zu den Frauen würde ich rein geschäftliche Beziehungen haben. Trotz der noch frühen Stunde versuchte ich also mein Glück.

"Agentur Casanova, Neuhaus am Apparat", meldete sich eine melodiöse, wohlartikulierende Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

"Äh...", brachte ich nur heraus, während ich noch einmal in den Anzeigentext schielte, da hatte ich ja gleich die Inhaberin der Agentur erwischt.

"Rufen sie wegen unserer Anzeige an?" fragte Frau Neuhaus am anderen Ende hilfsbereit.

"Äh, ja, ich rufe wegen der Anzeige an", antwortete ich noch immer etwas verblüfft. So hatte ich mir die Stimme einer Puffmutti nicht vorgestellt.

Frau Neuhaus erklärte mir, daß es sich zunächst um eine zwanzigstündige Probeanstellung zu einem Pauschalgehalt handele. Bei beiderseitigem Interesse, könne daraus sogar eine sozialversicherte Anstellung bei der Agentur werden. Auf meine vorsichtige Anfrage, was denn während der Probeanstellung zu meinen Aufgaben gehören würde, betonte sie, daß es auch bei einer Festanstellung um die bloße Begleitung alleinstehender Damen ginge.

Das klang gar nicht schlecht, aber natürlich wollte Frau Neuhaus sich zunächst im persönlichen Gespräch überzeugen, daß ich dem Anspruch der Agentur an ein gepflegtes Äußeres und tadelloses Benehmen gerecht wurde und vereinbarte mit mir für den Nachmittag einen Termin. Nach meinen Veranstaltungen rasierte ich mich also gründlich, parfümierte mich mit dem sündhaft teuren Aftershave, das ich mir in wohlhabenderen Tagen geleistet hatte, zog meinen einzigen und leider für die Wetterverhältnisse viel zu dünnen Anzug an, den gar nicht elegant wirkenden Parka noch darüber und merkte, daß ich mir mit dem Zurechtmachen viel zu lange Zeit gelassen hatte. Mit noch offenem Parka stürmte ich also aus der Wohnung und lief die Treppe hinunter, fast Ahmet in die Arme.

"Uh, so schick?" fragte er.

Was ging ihn das an? "Vorstellungsgespräch", rief ich trotzdem und hastete weiter, hörte noch sein 'Viel Glück' im Treppenhaus nachhallen, verlogener Kerl. Im Galopp zur U-Bahn, aber dort mußte ich dann doch warten und langsam fraß sich die Kälte durch die dünnen Ledersohlen meiner elegantesten Schuhe. Immerhin war ich dank der Minustemperaturen trotz der Hetzerei nicht in Schweiß geraten.

Ich schaffte es so gerade zu meinem Termin, da die 'Agentur Casanova' ihr Büro gleich in der Nähe der U-Bahn-Station hatte. Laut Wegweiser im marmorgefliesten Foyer des hell erleuchteten Bürohauses residierte die Agentur im zweiten Stock. Inmitten einer kreisrunden Theke saß ein alter Wachmann oder Portier in blauer Uniform, der mich ob meiner offensichtlichen Orientierungslosigkeit mißtrauisch musterte, aber da entdeckte ich eine Wand mit vier Fahrstühlen, betrat den einzigen offenstehenden und drückte auf die '2', neben der ein graviertes Messingschild den Weg zur 'Agentur Casanova' wies.

Eine Glasfront lag der Fahrstuhltür im zweiten Stock gegenüber, auch hier noch einmal der verschlungene Schriftzug 'Agentur Casanova', darunter: 'Inh. Ilona Neuhaus'. Die unauffällig gekleidete Vorzimmerdame schickte mich gleich durch eine Tür zu ihrer Chefin.

Frau Neuhaus war in den Vierzigern und selbst eine sehr gepflegte Erscheinung, brünette Kurzhaarfrisur, dezent geschminkt, in einem eleganten grauen Zweiteiler. Sie hätte auch Filialleiterin einer Bank sein können. Bei meinem Eintreten hatte sie sich erhoben, war um ihren antiken Schreibtisch herumgegangen und streckte mir zur Begrüßung die Hand entgegen. "Guten Abend, Herr Calatrava. Ich freue mich wirklich, sie kennenzulernen." Sie bot mir einen Platz auf der Ledersitzgruppe in einer Ecke an, dann etwas zu Trinken, griff sich von ihrem Schreibtisch Papier und Stift und setzte sich mir gegenüber. Den Parka hatte ich über die Lehne eines Sessels gelegt, öffnete die Anzugjacke und ließ mich nieder, nippte an dem Glas Mineralwasser, wußte nicht so recht, wie beginnen.

Anscheinend merkte Frau Neuhaus das. "Meine Agentur vermittelt interessierten Damen einen Kavalier zur Begleitung, also etwa ins Theater oder Konzert, aber auch ins Restaurant oder zum Tanzen. Die Auslagen tragen dabei natürlich unsere Kundinnen. Von unseren Herren erwarten wir ein tadelloses Auftreten und Benehmen, sie holen unsere Kundinnen ab und bringen sie wieder zurück, die Agentur stellt dafür einen Wagen mit Chauffeur. Sollte eine Kundin unzufrieden sein, garantieren wir die Geldrückzahlung, die der entsprechende Herr zu fünfzig Prozent tragen muß - das betrifft die Probeanstellungen allerdings nicht. Und selbstverständlich erwarten wir von unseren Herren, daß sie keine Informationen über unsere Kundinnen nach außen tragen."

"Das klingt ja ganz seriös", rutschte mir heraus, denn ich hatte befürchtet, daß sich im direkten Gespräch vielleicht herausstellte, daß es mit meinem ersten Gedanken doch seine Richtigkeit gehabt hatte.

"Natürlich, ich führe ein überaus seriöses Unternehmen, Herr Calatrava, und wir haben einen sehr guten Ruf, um den wir natürlich auch besorgt sind. Darf ich vielleicht auch etwas über sie erfahren?"

Ich erzählte von meinem Studium, meinen spanischen Wurzeln, meiner Freude am Gesellschaftstanz und meiner Unzufriedenheit mit meinem momentanen, monotonen, schlecht bezahlten Supermarktjob. Darauf sprang Frau Neuhaus an, betonte, wie frei ihre Herren in der Zeiteinteilung seien, sie müßten sich nur einen oder zwei halbe Abende in der Woche freihalten, um dann, wenn sie gebucht wurden, auch zur Verfügung zu stehen. Über die Buchung würde man spätestens am Abend des Vortages Bescheid erhalten. Trinkgelder der Damen ständen mir zur Gänze zu, darüber wäre ich auch nur dem Finanzamt rechenschaftspflichtig, ansonsten würde bei einer Festanstellung je nach Buchungsinteresse der Damen ein Gehalt pro Monat vereinbart. Frau Neuhaus schien sehr zufrieden mit mir, bat mich in einen Nebenraum, um noch ein Foto von mir zu machen - für die 'Mappe' wie sie sagte - damit hatte ich den Job; eine Sozialversicherungsnummer und die Lohnsteuerkarte würde ich erst bei einer Festanstellung brauchen, aber sie meinte, ich hätte gute Chancen. Während der Probeanstellung stand ich wöchentlich sonnabends für fünf Stunden zur Verfügung, so ließ sich 'Agentur Casanova' gut mit meinem Lagerhilfejob und dem Studium vereinbaren.

Von meiner ersten Kundin erfuhr ich bereits am Mittwoch abend. Ich besuchte mit der anscheinend recht wohlhabenden, grauhaarigen Dame eine sehr moderne Theateraufführung und anschließend ein Nobelrestaurant, ließ sie reden, über ihre Mitarbeiter lästern, nickte höflich und versuchte ansonsten, eine gute Figur zu machen. Als ich sie zu Hause ablieferte, bekam ich ein fürstliches Trinkgeld und einen fast schüchternen Kuß auf die Wange.

Mit einem solchen Trinkgeld pro Woche würde ich bald meine erste Rossini-Platte kaufen können. Außerdem war ich von Ahmets Wohlwollen dadurch vollkommen unabhängig. Überhaupt konnte mir der Feigling gestohlen bleiben, der solche Angst davor gehabt hatte, von mir verführt zu werden, daß er lieber in die Offensive gegangen war, als sich mir hinzugeben - als hätte das seinem Ego oder seiner Männlichkeit Abbruch getan.

Ich ging Ahmet nicht einmal bewußt aus dem Weg, aber vielleicht vermied er ja den Kontakt, denn ich sah ihn nie. Und wenn nicht noch sein Name auf dem Klingelschild gestanden hätte und gelegentlich eine frische Rolle Toilettenpapier, die nicht ich deponiert hatte, neben der Toilette zu finden gewesen wäre, hätte ich vermutet, er sei ausgezogen.

Meine nächste Kundin sollte ich zum Tanzen begleiten, sie war ganz hübsch, wenn auch schon nicht mehr ganz jung, ließ sich wirklich gut führen und redete nicht viel, sondern schmiegte sich lieber in meine Arme. Anscheinend war sie auch zufrieden gewesen, denn sie buchte mich für die nächste Woche gleich wieder. Und als wir nach dem zweiten Termin mit der Firmenlimousine zu ihrem Haus gefahren wurden, sagte sie: "Zu schade, daß sie nicht auch für die Premiumdienste zur Verfügung stehen. Mit ihrer Spannkraft, ihrem wunderbaren Körper...", aber mehr sagte sie nicht, lächelte mich nur an, ließ sich zur Haustür bringen und verabschiedete sich, indem sie mir einen Hunderter in die innere Brusttasche meines inzwischen angeschafften Wintermantels steckte.

*

In der Hochschule hatten die Weihnachtsvorbereitungen bereits begonnen. Von uns Studenten wurde erwartet, daß wir uns an einer der Gesangsaufführungen im Rahmen des Weihnachtskonzertes beteiligten. Als Solist war ein großer Chor definitiv nichts für mich, aber als Erstsemester mußte ich mir eine Gruppe suchen, und die kleinste Gruppe, die ich unter den Ausschreibungen freier Plätze gefunden hatte, war ein a-cappella-Quintett namens 'Die Volltönenden', das einen neuen Bariton suchte. Unter einem Herrn Wintermann wollten sie ein Programm mit Schlagern aus den zwanziger und dreißiger Jahren einstudieren, für eine Aufnahme mußte man 'Ein Freund, ein guter Freund' zusammen mit den anderen Sängern des Ensembles vortragen. Diese Musik, mit der ich während meiner Schulchorzeit schon einmal konfrontiert worden war, sagte mir zwar weniger zu, aber es war immer noch besser, alberne Schlager als einer von fünfen zu Gehör zu bringen, als in einem Chor von annähernd fünfzig Sängern unterzugehen. Also tauschte ich wieder einmal meine späte Dienstagschicht, besorgte ich mir den Text und die Noten in der Bibliothek und war an dem Dienstag nachmittag vorbereitet und überpünktlich im angegebenen Studienraum, wie drei weitere Baritone. Ich war jedoch der einzige Erstsemester.

Dann kamen die vier Volltönenden, stellten sich kurz vor. Die beiden Bärtigen, die schon auf die dreißig zugehen mußten, waren Holger, schwarzhaarig mit Brille, und Bernhard, dunkelblond mit deutlichem Bauchansatz. Dann war da noch Felix Wintermann, der Felix vom AStA, an dessen Rockzipfel im Sommer der rothaarige Florian gehangen hatte, und ein außergewöhnlich attraktiver Schwarzer namens Ike, der aus Nigeria stammte und gerade einmal ein Jahr älter war, als ich. Seine weißen Zähne blitzten zwischen seinen üppigen, dunklen Lippen, als er mich aufmunternd anlächelte. Derart motiviert gab ich bei meiner Gesangsprobe natürlich alles. Die Konkurrenz war jedoch hart und die Volltönenden brauchten zehn Minuten Beratung, bis sie sich dazu entschlossen, tatsächlich mir die Ensemblestelle als zweiter Bariton zu geben. Das hieß auch, daß ich im Anschluß noch eine Probe mit den Volltönenden hatte.

Natürlich wurde 'Ein Freund, ein guter Freund' geprobt, vor allem wohl, um mich mit dem Ensembleklang vertraut zu machen. Dazu kamen Regieanweisungen von Felix, die zu einer ausgefeilten Choreographie der Schritte, Armbewegungen und Gesichtsausdrücke kumulierten. Das erinnerte mich an die Übungen in der Opernklasse, in der wir zur Zeit Verdis 'Aida' erarbeiteten. Felix arbeitete jedoch an einer humorvollen Präsentation und probierte für die gewünschte Wirkung verschiedene Ansätze, bis die anderen Volltönenden auch zufrieden waren. Als ich dann einen von Felix Anweisungen abweichenden Vorschlag hatte, wurde dieser nicht abgeschmettert, sondern ebenfalls erprobt, dann sogar für gut befunden. Alle waren konzentriert bei der Sache, und so machte die Probe, obwohl es nur ein Schlager war, erstaunlich viel Spaß. Und durch eine Nachfrage von Holger erhielt ich auch noch die Gelegenheit, von meinen geliebten Rossini-Opern zu schwärmen.

Im Anschluß erfuhr ich, daß der Dienstag der übliche Probentag der Volltönenden war, außerdem drückte Felix mir noch eine Liste mit den Stücken in die Hand, die ich bis zum nächsten Treffen einstudieren mußte, so daß wir uns in den Proben bis zur Jahresabschlußfeier auf die Arbeit an der Aufführung konzentrieren konnte. Jetzt mußte ich also nur noch meine späte Dienstagschicht dauerhaft loswerden.

Ich konnte endlich meine Unabhängigkeit genießen, da sie angesichts der großzügigen Trinkgelder der Kundinnen von 'Agentur Casanova' keine bloße Illusion mehr war. Eine der wichtigsten Rossini-Platten hatte ich mir schon kaufen können, und mein Gehalt für die Probeanstellung bei der Agentur würde sicherstellen, daß ich über den Jahreswechsel weder frieren noch hungern mußte. Es war einfach wunderbar, nun wirklich auf eigenen Füßen stehen zu können. Und wenn ich bei meinem Weg durchs Treppenhaus an der Tür zu Ahmets Wohnung vorbeikam, verschwendete ich kaum noch einen Gedanken an ihn.

Nach meiner vierten Verabredung bestellte Frau Neuhaus mich zu sich. "Mein lieber Juan, ich darf sie doch so nennen? Sie sind ja ein wahres Phänomen", begrüßte sie mich überschwenglich. "Sie haben schon jetzt für die nächsten zehn Sonnabende Vormerkungen. Ich hoffe sehr, sie entscheiden sich für eine Festanstellung in unserer Agentur." Sie machte mir ein Angebot für ein Gehalt bei vier bis fünf Sonnabenden im Monat, das so hoch war, daß ich spontan zusagte. Erst danach fragte ich: "Ich wurde auf Premiumdienste angesprochen. Was umfassen diese denn?" Ich hatte ja den Verdacht, daß sie eher in die Callboy-Sparte zielten, als die gewöhnlichen Begleitdienste der Agentur.

Frau Neuhaus räusperte sich. "Ja, wir hatten zu ihnen sogar schon vier Nachfragen diesbezüglich, obwohl aus der Mappe eindeutig hervorgeht, daß sie dafür nicht zur Verfügung stehen. Zuerst bräuchten wir selbstverständlich ein Gesundheitszeugnis - immer vorausgesetzt, sie sind überhaupt interessiert. Sie müssen bedenken, daß die Kundinnen bei einer Buchung von Premiumdiensten zu Recht erwarten, daß ihr Kavalier die entsprechenden Leistungen auch erbringt."

"Die wären?" fragte ich nun doch noch einmal direkt nach. Sollte Frau Neuhaus doch aussprechen, was sie verkaufen wollte.

"Zu der Begleitung kommt bei den Premiumdiensten noch der die Dame befriedigende Geschlechtsakt, selbstverständlich ausschließlich mit Kondomen. Zu Praktiken, die über einen vaginalen Verkehr hinausgehen, sind sie natürlich auch als Premium-Herr nicht verpflichtet, dafür gibt es andere Dienstleister. Allerdings erwarten einige unserer Kundinnen, daß die Premium-Herren auch massieren können. Bei Bedarf bezahlt ihnen die Agentur einen entsprechenden Kurs."

"Und das Gehalt würde dann dem entsprechen, was sie mir vorhin..."

Frau Neuhaus schüttelte mit einem strahlenden Lächeln den Kopf. "Nein, natürlich nicht. Sie können als Premium-Herr mit dem Dreifachen rechnen, zuzüglich der Trinkgelder selbstverständlich."

Ich bat um einen Tag Bedenkzeit, aber eigentlich hatte ich mich schon mit meinem Anruf auf die Anzeige vor einem Monat entschieden. Ich war sicher, daß es keine Probleme damit geben würde, jeden Sonnabend eine andere Frau zu beglücken, denn das hatte mir ja auch in der Vergangenheit nie Probleme bereitet, nicht einmal bei den Mädchen, die meine Klassenkameraden als unattraktiv angesehen hatten. Und jede der drei Frauen, die ich während meiner Probezeit bei 'Agentur Casanova' kennengelernt hatte, hätte ich bedenkenlos besprungen, wenn sie dafür gezahlt hätten. Geld machte zumindest insoweit schön, als die Kundinnen von 'Agentur Casanova' sich professionelle Schönheitspflege leisten konnten. Mehr Geld bedeutete zudem, daß ich meine Plattensammlung noch schneller rekonstruieren und einen hochwertigen Plattenspieler erwerben konnte. Und es würde mir ermöglichen, eine wirklich schöne, moderne, komfortable Wohnung zu beziehen. Ich kündigte noch an dem Tag im Supermarkt und igelte mich mit einer Flasche Calvados und einem im Kiosk gekauften 'Herrenmagazin' in meiner, mit Gardine und Schaumstoffmatratze inzwischen etwas behaglicheren Wohnung ein. Ich wollte die Probe aufs Exempel machen, daher hatte ich extra ein Heft ausgesucht, in dem kein einziger Mann abgebildet war. Und trotzdem war es gar kein Problem, angesichts der entblößten Weiber zweimal relativ kurz hintereinander zu kommen, und irgendwann, als der Calvados schon zur Hälfte geleert war und ich daran ging, ein drittes Mal abzuwichsen, schlief ich ein.

* * *

Nach der zweiten Probe mit den Volltönenden gingen wir gemeinsam etwas essen und als das Gespräch auf Liebesbeziehungen kam, erfuhr ich, daß Felix, der erste Bariton, mit seiner festen Freundin in absehbarer Zeit vor den Traualtar treten wollte, zunächst aber im Frühjahr in großem Stile die Verlobung feiern würde. Der erste Bass Holger, der auch der älteste von uns war, war bereits seit einigen Jahren verheiratet, und der ein bißchen reserviert wirkende Tenor Bernhard war ebenfalls in festen weiblichen Händen. Ike erwähnte jedoch niemanden und ich nutzte nun die Gelegenheit, insbesondere ihn darauf hinzuweisen, daß ich schwul und zu haben war. Als die anderen nach Hause strebten und Ike fragte, ob ich noch Lust hätte, ein weiteres Bier zu trinken, konnte ich mein Glück kaum fassen. Aber es stellte sich heraus, daß der zweite Bass seiner momentanen Seelennöte wegen offenbar einfach unaufmerksam gewesen war und gar nicht mitbekommen hatte, wo meine Interessen lagen. Er klagte mir sein Leid, daß er sein Herz an eine Kommilitonin verloren habe, die ihn nicht erhören wolle. Nach einem stummen Seufzer erläuterte ich ihm dann einige der während meiner Schulzeit erprobten Vorgehensweisen zum Betören der holden Weiblichkeit.

Ich konnte meine eigenen Tips bereits am kommenden Sonnabend beruflich umsetzen und stellte bald fest, daß es mir tatsächlich Spaß machte, jede Woche eine andere Dame für ihr eigenes Geld auszuführen und ihr danach in einem Hotelzimmer oder ihrem Witwenbett zu zeigen, was ein Mann meines Alters vermochte. Frau Neuhaus nannte mich 'ihren Don Juan' und die reichlichen Trinkgelder schmeichelten meiner Eitelkeit.

Schließlich stand Weihnachten vor der Tür, der Auftritt der Volltönenden war ein Erfolg und so konnte ich das Jahr nicht nur finanziell, sondern auch fachlich als Gewinn verbuchen. Ich rief sogar die Nachbarin meiner Eltern an und bat sie, meiner Mutter Weihnachtsgrüße auszurichten, erwähnte musikalische Fortschritte und deutete vage einen gut bezahlten Job an, der mich während der Ferien an meinem Studienort hielt. Ich hatte ohnehin nicht vor, noch einmal meinem Vater unter die Augen zu treten, außerdem fiel der 31.12. nun gerade auf einen Sonnabend.

Meine Kundin an Silvester war die etwa vierzigjährige Ehefrau eines Seifenfabrikanten, der den Jahreswechsel auf Geschäftsreise verbrachte. Und zumindest mir bereitete es keinerlei Gewissensbisse, der Gattin in den frühen Morgenstunden des 1.1. in ihrem Ehebett zu einem lautstarken Orgasmus zu verhelfen.

Im Januar kündigte ich meine Wohnung und suchte mir endlich eine neue, die näher an der MHS lag. Mitte Februar hatte ich sie fertig eingerichtet, mir sogar ein gebrauchtes Klavier geleistet, ließ die Mietkaution der anderen verfallen und zog um.

Meine Semesterabschlußprüfung in Klavier bestand ich mit Bravour. Die Prüfung in Gesang beinhaltete den Vortrag der Arie des Amonasro aus dem ersten Akt von Verdis Aida. Ich überzeugte als Aidas Vater überraschend so sehr, daß der auch in der Prüfung sitzende Professor Krieger, Inhaber des Lehrstuhls für Stimmbildung, mir nahelegte, mich während des Studiums weiterhin auf Verdi zu konzentrieren, da das meiner Stimme offenbar sehr entgegen käme. Felix' Angebot, mit den Volltönenden in den Semesterferien ein neues Programm für etwaige außerhochschulische Aufführungen einzustudieren, nahm ich daher gerne an, denn Verdis dramatischen Opern fehlte der humoristische Aspekt, den ich an Rossini so liebte. Außerdem genoß ich, mich dank der Einkünfte als Frau Neuhausens 'Don Juan' den anderen Volltönenden gegenüber bei unseren Restaurantbesuchen nach den Proben als großzügig erweisen zu können, ohne mir Gedanken über das Geld machen zu müssen.

*

Als Felix an einem sonnigen Samstagnachmittag im April dann die Verlobung mit seiner Freundin beging, brachten wir übrigen Volltönenden dem Paar natürlich ein Ständchen. Wir machten so nachhaltigen Eindruck, daß wir von einem der Gäste spontan das Angebot für einen bezahlten Auftritt in seinem Nachtclub bekamen, sogar mit dem Versprechen eines festen Engagements, wenn denn das Publikum unsere Kunst ebenfalls goutieren würde. Aber trotz dieser guten Nachricht fühlte ich mich auf dem Fest zunehmend unwohl.

Ike nutzte natürlich jede Gelegenheit, mit seiner endlich eroberten Kommilitonin zu knutschen, aber ich merkte, daß mich vor allem die Art störte, wie Felix, Holger und Bernhard mit und von ihren ebenfalls anwesenden Frauen sprachen und mit ihnen umgingen, so voll Anteilnahme an ihrem Leben, voller Vertrauen und Zärtlichkeit, wenn sie sich berührten, als hätten diese Frauen etwas, was die Personen, die ich kannte, nicht hatten. Natürlich war keine der Kundinnen der Agentur es wert, sich ihren Namen länger zu merken als bis zum Auseinandergehen, sie waren mir ebenso egal wie die Mädchen, die ich schon während meiner Schulzeit mit einem charmanten Lächeln auf meinen Schoß hatte locken können, hohle Püppchen, gerade gut genug, einmal gefickt zu werden, vielleicht auch ein zweites und ein drittes Mal, bis ich ihrer Hohlheit überdrüssig geworden war. Marco und Ahmet hatte ich wirklich begehrt, aber auch für sie hatte ich nicht einmal annähernd so empfunden, wie die anderen Volltönenden offenbar für ihre Frauen.

Oder lag es daran, daß meine Sangesbrüder etwas hatten, was mir fehlte? Dieser Gedanke war nicht schön, aber es gelang mir nicht, ihn zum Schweigen zu bringen. Und natürlich waren Selbstzweifel etwas, was mich sehr teuer zu stehen kommen konnte, denn dann würde es kaum möglich sein, einer Frau einen befriedigenden Geschlechtsakt zu bieten. Irgendwie mußte ich mich ablenken.

Viel früher als zu meinem abendlichen Dienstantritt für die Agentur nötig, entschuldigte ich mich also, aber Felix versuchte, mich zum Bleiben zu überreden: "Kannst du nicht heute mal deinen Job Job sein lassen und einfach blau machen? Es würde mir viel bedeuten, mit euch allen zu feiern."

Ich schüttelte den Kopf, denn ich ertrug das Liebesgesäusel der anderen nicht länger. Mir fiel sogar ein stichhaltiges Argument ein: "Wenn ich heute nicht bei der Arbeit erscheine, kostet mich das...", ich überschlug die Kosten einer Premiumbuchung, soweit sie mir bekannt waren, und nannte ihm die Hälfte.

Felix sperrte den Mund auf, dann schloß er ihn nach einem Moment wieder und schluckte. "Davon kann ich zwei oder drei Monate wirklich gut leben. Was zum Teufel machst du eigentlich jeden Sonnabend?"

"Ich bin Angestellter eines Dienstleistungsunternehmens", brachte ich meinen Standardspruch, aber dann fiel mir der Auftritt im 'Flash Nights' ein, der natürlich an einem Sonnabend stattfinden sollte. Und plötzlich fürchtete ich um meine Position als zweiter Bariton. Wenn wir, wie zu erwarten war, die Gäste des Nachtclubs begeisterten, würde es der Vereinbarung nach weitere Auftritte an Freitagen und Sonnabenden geben. Wenn ich jedoch meiner Anstellung bei der Agentur wegen bei der Hälfte der Auftritte fehlte, wäre ich wohl die längste Zeit ein Mitglied der Volltönenden gewesen, also schob ich hinterher: "Ich werde versuchen, meine Dienstzeiten zu verlegen... aber ich fürchte, bis Juni bin ich schon ausgebucht."

"Ich würd' wirklich gerne wissen, in welcher Dienstleistungsbranche man mit einem Abend in der Woche so viel Kohle machen kann. Kannst du mich da nicht auch unterbringen? Wenn ich mit Katja zusammenziehe, brauchen wir eine größere Wohnung, und das kostet auch mehr." Natürlich ließ er mich gehen, und die finsteren Gedanken über mein fehlendes Liebesglück nahm ich mit.

Meine U-Bahn-Station erreichte ich mit ernsthaften Bauchschmerzen. Endlich war ich in meiner Wohnung, machte Atemübungen, um mich zumindest ansatzweise zu entspannen und stellte fest, daß ich noch genügend Zeit hatte, eine große Runde durch den nahegelegenen Park zu laufen, zu duschen und mich für die Dame des Abends zurecht zu machen. So bekam ich wohl den Kopf wieder frei.

Als mich die Limousine der Agentur abholte, ging es mir tatsächlich viel besser, und als mir die mit Anfang dreißig noch recht junge Kundin mitteilte, daß sie sich entgegen ihrer ursprünglichen Theater-Pläne spontan für den Besuch einer Verdi-Oper entschieden habe, dachte ich, das Glück wäre mir nun hold. So würde ich bei der Plauderei während des Essens, zwischen Oper und erotischem Nachtisch, mit meinem Fachwissen glänzen können und ihr dann zeigen, daß ich noch andere Talente hatte. Doch warum mußte es ausgerechnet 'La Traviata' sein, die Geschichte einer liebesunfähigen Kurtisane? Ich würde zwar sicherlich nicht an Tuberkulose sterben, aber falls ich jemals einen finden würde, der echte Gefühle für mich hegte, mochte es gut sein, daß ich nicht dazu fähig war, sie zu erwidern - ja, vielleicht würde ich sie noch nicht einmal erkennen - und daran würde auch die Liebe des anderen scheitern.

Daß mir während des ersten Aktes die Tränen kamen, lag also weniger an Violettas Koloraturarie, sondern mußte wohl Selbstmitleid genannt werden. Die junge Geschäftsfrau an meiner Seite mißverstand es jedoch als verfeinertes Musikgefühl, griff nach meiner Hand und drückte sie tröstend, erzählte mir in der Pause von ihrem ebenso feinfühligen, homosexuellen Zwillingsbruder. Als sie dann die Dunkelheit während des zweiten Aktes nutzte, um mich ganz undamenhaft begehrlich zu befingern, merkte ich, daß trotz meines Zustandes die manuelle Stimulation ausreichte, meinem großen Freund aufzuhelfen, und das brachte auch mein Selbstvertrauen wieder soweit auf die Beine, daß ich den Rest meines Dienstes an diesem Abend zur vollen Zufriedenheit der Kundin erledigen konnte.

Zurück zu Hause aber lag ich noch lange wach. Ich mußte mir überlegen, welcher Abend, neben Studium und Proben mit den Volltönenden, bei der Agentur als Ersatz für den Sonnabend in Frage kam. Ich brauchte das Geld, das die recht angenehme Arbeit bei der Agentur einbrachte, und dem Auftragskalender in Frau Neuhaus' Büro nach waren es gerade die Freitag- und Sonnabend abende, die am häufigsten gebucht wurden. In der Woche, insbesondere an Abenden vor einem Arbeitstag, hatte wohl weniger Damen Zeit, damit würde es aber auch weniger Buchungen geben, folglich auch weniger Gehalt und weniger Trinkgeld. Aber ein echter Auftritt mit den Volltönenden, vielleicht sogar ein regelrechtes Engagement mit zwei Auftritten in der Woche war eine Gelegenheit, die ich mir einfach nicht entgehen lassen konnte, auch wenn ich dort weder Rossini singen würde, noch einen Soloauftritt hatte. Mit weniger Geld würde die Wiederbeschaffung der durch meinen Vater zerstörten Plattensammlung zwar etwas länger dauern, aber das Studium sollte ich mir trotzdem bis zum Examen leisten können. Was hatte ich da eigentlich überlegen müssen? Und beruhigt schlief ich im Morgengrauen endlich ein.

Frau Neuhaus machte mir allerdings keine großen Hoffnungen, als ich ihr meine Terminprobleme schilderte. "Es tut mir sehr leid, Juan, aber bis Anfang August liegen uns bereits Sonnabend-Vormerkungen vor, bei denen die Kundinnen ausdrücklich sie verlangt haben. Aber selbstverständlich ist es kein Problem, weitere Buchungen auf einen Wochentag zu legen. An welchen Tag dachten sie denn?"

"Ich dachte an Mittwoch", antwortete ich resignierend. Anscheinend hatte ich der Agentur nicht nur meinen Körper, sondern zugleich auch meine Seele verkauft, denn mit Buchungen bis in den August würde es mit Sonnabend-Auftritten im 'Flash Nights' ab Juni sehr schwierig werden. Später am Tag telefonierte ich mit Felix, um ihm das wenig erfreuliche Ergebnis meiner Bemühungen mitzuteilen. So erfuhr ich, daß der bereits vereinbarte Auftritt im Nachtclub so spät in der Nacht stattfinden sollte, daß durchaus die Möglichkeit bestand, meine Pflicht gegenüber 'Agentur Casanova' bereits erfüllt zu haben. Und bei einem festen Engagement sollte es Sonnabends auch bei dieser späten Uhrzeit bleiben, nur die Freitagabende würden früher liegen.

Ich ließ es also darauf ankommen, wir studierten ein neues Programm mit einigen recht schlüpfrigen Titeln für das 'Flash Nights' ein, und als wir Ende Juni den Probeauftritt hatten, klappte es tatsächlich, auch wenn ich erst drei Minuten vor dem Auftritt in die Künstlergarderobe stürmte, um meinen Leinenanzug und das Seidenhemd gegen den Synthetikfrack mit angenähtem Hemd und Weste und die dazugehörende Hose zu tauschen. Aber der Auftritt der Volltönenden war natürlich ein voller Erfolg, und der Besitzer des 'Flash Nights' buchte uns bis weit in die Semesterferien. Ich versprach - mit einem Knoten im Bauch, weil mir bewußt war, wie wenig ich es beeinflussen konnte - immer rechtzeitig zur Stelle zu sein und schaffte es auch, Felix davon zu überzeugen.

Als wir uns trennten, fing mich unser Tenor Bernhard vor der Hintertür des Nachtclubs ab, hielt mir zwei Hunderter unter die Nase. "Juan, was für einen Job machst du eigentlich, daß du dir solche Klamotten leisten kannst und es offenbar nicht einmal merkst, wenn dir ein paar Scheine aus der Tasche fallen?"

"Ich bin Angestellter..."

"...eines Dienstleistungsunternehmens, schon klar. Das sagst du immer, wenn wir dich fragen. Aber das ist keine Antwort. Machst du was Ungesetzliches, daß du damit so viel Kohle verdienst?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nein, es ist nicht ungesetzlich, sondern sogar sozialversichert", gab ich zu Protokoll. Sollte Bernhard doch die zwei Scheine behalten, er brauchte das Geld sicher dringender als ich.

"Was machst du denn dann? Verkaufst du dich?" Das kam wie ins Blaue geraten aus seinem Mund, aber er erkannte an meinem Gesichtsausdruck anscheinend, daß er damit genau ins Schwarze getroffen hatte. "Ganz im Ernst?" fragte er dann leise, "bist du ein... ein Stricher?"

"Sehe ich etwa so aus?" fragte ich beleidigt. "Ich arbeite für einen angesehenen Begleitservice mit einer sehr exquisiten Klientel."

"Und wo ist da der Unterschied zu einem Stricher, außer daß du eben noch einen Zuhälter hast?" fragte Bernhard provozierend. "Arbeitgeber", berichtigte ich ihn halbherzig, aber Bernhard hörte mir gar nicht zu. "Ständig mit irgend einem fremden Kerl ins Bett steigen zu müssen...", sprach er leise vor sich hin.

"Die Kunden meines Arbeitgebers sind Frauen", stellte ich richtig. "Ich mache mit denen nichts anderes, als du mit deiner Freundin - nur habe ich jede Woche eine andere und werde dafür nicht schlecht bezahlt."

"Also das kannst du nun wirklich nicht vergleichen", fuhr Bernhard auf.

Na ja, da hatte er womöglich recht, denn vielleicht hatte er mit seiner Freundin ja nicht mal jede Woche Sex. Aber ich konnte mich gerade noch zurückhalten, so etwas auch noch auszusprechen. Statt dessen versuchte ich, das Gespräch wieder auf eine sachlichere Ebene zu verlagern: "Ich verlange nicht, daß DU meinen Lebensstil und den von mir gewählten Job gut findest, aber ICH kann damit und davon gut leben. Also lassen wir es doch einfach dabei."

"Solange du zu den Engagements halbwegs pünktlich bist - lassen wir es also dabei." Dann reichte er mir die Geldscheine, mein Trinkgeld vom heutigen Abend, zurück.

Ich schüttelte den Kopf. "Behalt es... vielleicht sorgt es dafür, daß du nicht gleich 'rumerzählst, wie ich mir die Wurst auf's Brot verdiene."

"Hmm, Schweigegeld also?" fragte Bernhard, betrachtete die Geldscheine nachdenklich. "Von mir erfährt auch so niemand etwas." Mit diesen Worten drückte er mir das Geld in die Hand und ging seiner Wege.

*

Die Klavierprüfung im Juli lief recht gut, ebenso Verdis 'Otello' der Opernklasse, bei dem ich den Jago singen durfte, auch wenn ich froh war, mit dem Charakter, der nur an das Schlechte im Menschen glaubte, durch die Prüfung abschließen zu können. Wahrscheinlich auch deshalb genoß ich die Proben und Auftritte mit den Volltönenden, den Vortrag der albernen Schlager, und ich verspätete mich durch meine Verpflichtungen für die Agentur nur zu einem einzigen Auftritt in den Sommerferien. Um das zu überspielen, improvisierten die anderen so gekonnt, daß wir eine Nummer daraus machten. Bernhard hielt über meinen Job tatsächlich dicht, und ich erlebte bei 'Agentur Casanova' ab August erstmals eine gewisse Flaute. Es gab Mittwoche, an denen ich nicht einmal als Begleiter gebucht wurde. Frau Neuhaus kündigte mir eine moderate Gehaltskürzung ab September an, falls sich die Auftragslage nicht ändern sollte, bat mich außerdem zu überlegen, wenigstens jeden zweiten Sonnabend zur Verfügung zu stehen, viele Damen würden danach fragen. Aber da die Volltönenden langsam eine gewisse Bekanntheit erreicht hatte, war zu erwarten, daß es während des Semesters noch weitere Engagements gab, auch wenn der Nachtclub ab November für die Sonnabende auf andere Attraktionen setzte.

Nachdem ich im September nur noch zwei Buchungen hatte, kürzte mir Frau Neuhaus das Gehalt schon deutlicher, und das tat richtig weh. Meine Lebenshaltungskosten waren durch die große Wohnung recht hoch, und mein finanzielles Polster war nach Überweisung der Studiengebühren nicht so dick, daß ich es von dem stark gekürzten Gehalt und den fast nicht mehr vorhandenen Trinkgeldern lange würde aushalten können. Da wir dienstags probten und freitags im Nachtclub auftraten, ließ ich mich darauf ein, im Oktober versuchsweise montags, mittwochs und donnerstags abends zur Verfügung zu stehen. Tatsächlich wurde ich dadurch wieder etwas häufiger gebucht, wenn auch ausschließlich für reine Begleitdienste. Und ich stellte sehr erstaunt fest, daß mir der Sex zu fehlen begann.

Als Felix bei der letzten Oktober-Probe verkündete, er habe für uns bis einschließlich Januar ein Tanztee-Engagement ergattert, jeden Sonnabend von vier bis sechs im Restaurant eines großen Kaufhauses, war der Jubel der Volltönenden groß. Innerhalb einer guten Stunde entschärften wir das Nachtclubprogramm so weit, daß es uns für den Tanztee angemessen erschien und integrierten sogar zwei Stücke, die wir bisher nur auf der MHS-Weihnachtsfeier des Vorjahres gesungen hatten. Als Felix dann im Überschwang verkündete, noch ein weiteres Engagement für den freien Sonnabend abend zu suchen, meldeten Holger, Ike und Bernhard einer nach dem anderen jedoch ihre Vorbehalte gegen einen zusätzlichen regelmäßigen Sonnabend-abend-Termin an, dem ich mich gleich anschloß. Da Felix notgedrungen einlenkte, rief ich gleich nach der Probe aus einer Telefonzelle in der Agentur an, um mich bis einschließlich Januar wieder ausschließlich für Sonnabende zur Verfügung zu stellen. Frau Neuhaus war überglücklich und stockte mein Gehalt wieder auf.

Aber irgendwie war bei den Premiumbuchungen nun der Wurm drin. War es vor meiner faktischen Pause noch möglich gewesen, zu jeder Kundin über den Abend eine elektrisierende Spannung aufzubauen, hatte sich nun eine lustfeindliche Routine entwickelt. Wenn auch die manuelle Stimulierung stets ausreichte, die gebuchte Leistung zu erbringen, und meine Schwierigkeiten, beim Verkehr mit den Kundinnen zu kommen, meinen Ruf als unermüdlicher Liebhaber zu zementieren schien, war dieser Zustand doch alles andere als befriedigend.

Auf der anderen Seite stand die Musik. Ein Gastdozent bot in diesem Semester die Einstudierung der Operette 'Orpheus in der Unterwelt' von Offenbach an, bei der ich mich als Jupiter versuchte und die Komik des Stückes und insbesondere der Rolle genoß. Außerdem stellte ich erfreut fest, daß ich mit meinem Anteil der Gage der Volltönenden inzwischen mehr verdiente, als seinerzeit im Supermarkt. Ich hatte Frau Neuhaus bereits angekündigt, daß ich meiner Prüfungen wegen von Mitte Februar bis Ende März Ferien machen wollte und mich auch nicht auf bestimmte Buchungstage für die Zeit danach festgelegt, um nicht wieder mit der Zeitplanung für Ferien-Auftritte der Volltönenden in Konflikt zu geraten.

Durch die Aussicht auf über einen Monat Urlaub fühlte ich mich so befreit, daß ich während der Auftritte mit den Volltönenden zu improvisieren begann und von der Bühne aus völlig unbeschwert mit den Damen und Herren im Publikum flirtete. Ich hatte ganz vergessen, wie gut ich das konnte, und mit dem Applaus wurden mir stets auch Kußhände zugeworfen. Hätte ich schon am Anfang meiner Studienzeit die Möglichkeit gehabt, mit Gesang mein Geld zu verdienen, wäre ich wohl niemals auf die Idee gekommen, meinen Körper anzubieten.

* * *

Ende November war ich zwanzig Jahre und drei Monate alt, ein Jahr bei den Volltönenden und ebenso ein Jahr 'Premium-Herr' bei der 'Agentur Casanova'. Ein gutes Jahr war vergangen, seit Vater meine Schallplattensammlung zerstört hatte, deren Neuaufbau sich noch Jahre hinziehen würde, ein Jahr, in dem ich mich - abgesehen von kurzen Telefonaten mit der Nachbarin - nicht bei Mama gemeldet hatte, obwohl sie mir monatlich einen Brief und ein Freßpaket schickte, von dem ich das meiste zu unseren Proben mitbrachte und verteilte. Und je weiter sich das Jahr dem Ende näherte, desto dringender sehnte ich mich nach dem Beginn meines Urlaubs von der Agentur, denn den spannungslosen Zustand bei den Premiumbuchungen, das reine Funktionieren, ertrug ich kaum mehr. Ich versuchte, möglichst wenig in meiner großen, leeren Wohnung allein zu sein, um nur nicht zu sehr über meinen Zustand nachdenken zu müssen, ging nach der Probe am Dienstag und nach dem Freitagabend-Konzert stets mit einem oder mehreren der anderen Volltönenden aus und blieb an den anderen Wochentagen bis spät abends in der Mediothek der MHS und hörte Rossini oder Offenbach.

Dann kam endlich das Weihnachtskonzert und der Jahreswechsel, und über die Agentur wurde mir von der Seifenfabrikantengattin die Anfrage hinterbracht, ob ich vielleicht, ausnahmsweise, an einem Sonntag zur Verfügung stünde, denn im letzten Jahr sei es so wundervoll gewesen, dazu habe ich ihr Glück gebracht, das gerade verflossene Jahr habe unter einem so guten Stern gestanden, daß es nur an mir gelegen haben könne.

Und ich erinnerte mich daran, wie prickelnd der Neujahrssex mit dieser Frau damals gewesen war, spürte erfreut, wie die Hoffnung keimte, eine weitere Begegnung mit ihr könnte mich in den früheren Zustand zurückversetzen - kurz und gut, ich ließ mich breitschlagen, auch wenn ich dafür leider auf die Silvesterfeier mit den Volltönenden verzichten mußte.

Ich war allerdings sehr überrascht, als ich mit der Seifenfabrikantengattin nach dem Besuch der 'Fledermaus' bei ihr zu Hause ihren Gatten antraf. Der weißhaarige Mann erwartete uns, im seidenen Pyjama, auf seiner Hälfte des Ehebettes sitzend. Das war sehr ungewöhnlich. Einen Moment überlegte ich, ob ich dagegen protestieren konnte, aber solange niemand von mir sexuelle Handlungen mit dem Ehemann verlangte, bewegten wir uns ganz im Rahmen der Bestimmungen der Agentur. Und eine Gefahr war der alte, vielleicht siebzigjährige Mann sicher nicht.

Er wollte zusehen, sagte er, seine Gattin nickte dazu, ließ lasziv ihre Hüllen fallen. Und er zog sich in einen bequem aussehenden Lehnstuhl zurück, um uns das Bett ganz zu überlassen. Ich fand es irritierend, die Augen des Ehemannes auf mir zu wissen, während ich mich entkleiden ließ, endlich die nur noch in halterlosen Feinstrümpfen auf dem Bett liegende Ehefrau anzuheizen begann. Aber als ich sein Stöhnen hörte, wahrnahm, daß er offenbar vorhatte, sich selbst zu befriedigen während er uns zusah, machte mich das plötzlich ungeheuer an. Tatsächlich wirkte das auf mich viel erotisierender als der hoch erregte weibliche Körper seiner Frau. Als ich sie endlich begattete, stellte ich mir einen Moment vor, ihn unter mir liegen zu haben; ich erreichte so schnell wie lange nicht mehr meinen Höhepunkt und mußte noch eine Weile an ihr arbeiten, bis auch sie zufrieden war.

Neben dem fürstlichen Trinkgeld gab mir der Seifenfabrikant eine Karte mit seiner Privatnummer, sein Haus würde mir immer offenstehen, denn er habe dieses Erlebnis sehr genossen. Ich dankte, versprach jedoch nichts, denn dadurch hätte ich den in dieser Hinsicht recht strikten Vorgaben der Agentur zuwider gehandelt. Aber ich legte die Karte in meine Bargeldbox, um mir die Option eines privaten Arrangements mit dem Seifenfabrikantenehepaar offen zu halten.

Vorerst aber lief alles weiter wie zuvor: Freitag abends sangen wir im Nachtclub, das Tanztee-Engagement wurden aufgrund der großen Nachfrage bis in den Mai verlängert - und die Sonnabend abende kämpfte ich mich durch die Januar-Buchungen.

Ich hatte Anfang Februar eine Verabredung mit Frau Neuhaus, um über die Buchungstage nach meinem Urlaub zu sprechen. Eigentlich wollte ich sie auf meine aktuellen Probleme mit den Premiumbuchungen aufmerksam machen und mit ihr besprechen, ob eine längere Pause daran vielleicht etwas änderte. Deswegen erbat ich mir für die Vereinbarung der Buchungstage ab April noch Bedenkzeit bis Anfang März. Aber ich war noch nicht viel weiter mit meiner Vorrede gekommen, als das Telefon klingelte.

Frau Neuhaus verwies entschuldigend auf die Abwesenheit ihrer Vorzimmerdame und nahm das Telefonat an, malte Kringel auf ihren Notizblock, während sie zuhörte, dann sagte sie mit überaus freundlicher Stimme: "Es tut mir leid, aber zur Zeit steht keiner unserer Herren für einen Herren zur Verfügung."

Diese Worte durchfuhren mich wie ein Blitz. Ich stand doch viel eher auf Männer als auf Frauen! Das war doch kein Zufall gewesen, daß mich damals die Erwähnung eines schwulen Zwillingsbruders aus meinen Selbstzweifeln gerissen hatte, daß mir der siebzigjährige Seifenfabrikant attraktiver erschienen war, als seine deutlich jüngere Frau. Mit meinen Problemen konnte ich ihr dann zwar nicht kommen, aber diese Gelegenheit mußte ich nutzen: 'Ich stehe zur Verfügung', bedeutete ich Frau Neuhaus also stumm, aber deutlich.

Sie sah mich ungläubig an, entsann sich dann des Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung: "Ach, ich sehe gerade, vielleicht habe ich doch jemanden für sie, einen Moment bitte." Sie senkte den Hörer zum Tisch, hielt die Sprechmuschel fest mit der linken Hand zu und sah mich dann prüfend an. "Es geht um eine Premiumbuchung, Juan. Sind sie sicher, daß sie das tun wollen?"

Ich nickte entschieden. Ich war mir so sicher wie nie zuvor. Den alten Seifenfabrikanten hätte ich Silvester mit Begeisterung gefickt, von jungen und attraktiven Männern wie Ike, Ahmet oder Marco gar nicht zu reden. Und wer sich die Premiumbuchungen von 'Agentur Casanova' leisten konnte, war wohl ebenso wie die Damen gepflegt genug, um es nicht zu einer ekeligen Angelegenheit werden zu lassen. "Das 'normale' in diesem Falle wäre dann wohl der Analverkehr, nicht wahr?" vergewisserte ich mich.

Frau Neuhaus nickte, aber noch immer schien sie zu zweifeln, denn das Nicken ging in ein Kopfschütteln über. "Sind sie sich da ganz sicher?" fragte sie noch einmal. "Wir sind eine Agentur für Damen. Es würde unserem Ruf keinen Abbruch tun, diesen Kunden abzuweisen."

"Ich bin mir sicher, solange die Buchung vor dem Ersten März liegt", denn das war der Freitag, an dem die Volltönenden von der Fachschaft 'Sport' der Uni für deren Semesterabschlußfete engagiert worden waren.

Frau Neuhaus nickte ergeben, nahm den Telefonhörer wieder ans Ohr. "Hören sie, ich habe einen entsprechenden Herrn in der Mappe gefunden, aber er steht nur bis einschließlich Februar zur Verfügung. Vielleicht bemühen sie sich einmal in unser... aha... ja, genau, das ist er... ganz wie sie wollen, ich erwarte also ihre Überweisung. Herzlichen Dank und noch einen schönen Tag." Nachdenklich legte Frau Neuhaus auf. "Er sagte, genau sie seien ihm von einer Kundin empfohlen worden und er bucht sie für Donnerstag, den 29. Februar. Um halb acht holt unser Fahrer sie ab."

*

Die Frau, die mich in der ersten Februarwoche gebucht hatte, war noch langweiliger, als die übrigen Kundinnen, aber es störte mich nur wenig, denn nun konnte ich mich ja auf meine erste Premiumbuchung durch einen Mann freuen. Um meinem großen Freund überhaupt aufzuhelfen hatte ich an Ike denken müssen und ich überlegte, ob ich mir nicht einen Begleitdienst für Homosexuelle als neuen Arbeitgeber suchen sollte.

Diese neue Perspektive sorgte in mir für eine geradezu fiebrige Vorfreude, die bei den Aufführungen anscheinend für übermäßigen Überschwang sorgte, so daß Felix mich an einem Abend beiseite nahm und fragte, ob mit den Prüfungen alles glatt lief, oder ob wir im kommenden Semester nicht nur Holger, der dann mitten in seiner Examensarbeit steckte, sondern auch noch mich ersetzen müßten. Aber ich konnte ihn beruhigen, indem ich auf meine gut ausgefallene Klavierprüfung verwies und die stehenden Ovationen, die ich für den offenbachschen Jupiter bekommen hatte. Felix grinste ungewöhnlich breit und riet mir, auch im kommenden Semester wieder eine heitere Rolle einzustudieren, das würde eher zu mir passen als Verdi. Und dann war der letzte Februartag da.

Ich war so aufgeregt, daß ich aus der Generalprobe für unseren Uniauftritt herauslaufen mußte und mich im Männerklo in ein Urinal übergab, weil ich es nicht in eine der Kabinen geschafft hatte. Bernhard war mir gefolgt, fragte, ob ich krank sei oder irgendwelche Probleme hätte. "Du weißt, daß wir nicht nur morgen den Auftritt hier haben, sondern übermorgen auch noch den Tanztee und den Nachholtermin für den am Freitag ausfallenden Auftritt im 'Flash Nights'. Wenn du jetzt schlapp machst... Dein Job macht dich fertig, oder?" fragte Bernhard dann plötzlich. Aber ich antwortete nicht, wusch mir weiter den Mund aus, trank dann ein paar Handvoll klares Wasser. "Hast du dich mit irgendwas angesteckt - oder merkst du jetzt einfach nur, daß es doch nichts für dich ist, jede Woche mit einer anderen Frau schlafen zu müssen?"

Natürlich war das Blödsinn. Ich war einfach nur nervös, weil Sex mit einem Mann mir wirklich etwas bedeutete. Um einem Streit aus dem Weg zu gehen und Bernhard zu beruhigen antwortete ich aber einlenkend: "Vielleicht ist es das."

"Du brauchst eine feste Beziehung", fuhr Bernhard ungefragt fort, "jemanden, zu dem du gehen kannst, um dich auszuweinen, jemanden, der dich einfach mal in den Arm nimmt, weil er dich liebt, nicht, weil er dafür bezahlt."

"Ach, was weißt du denn schon?" gab ich trotz meiner guten Vorsätze gereizt zurück. Wieso gab es eigentlich so viele Hobbypsychologen?

"Ich weiß zumindest, wie es ist, jahrelang ohne Familie und ohne Freunde in einer fremden Stadt zu leben, auch wenn ich von deinem Job glücklicherweise keine Ahnung habe. Menschen sind nun einmal soziale Wesen, wir brauchen unser Rudel, nicht nur zum gemeinsamen Heulen, sondern auch damit wir wenigstens einen Vertrauten haben, an den wir uns in unserer Höhle kuscheln können. Und bei allem, was du angesichts deiner oft unerträglichen Arroganz über dich denken magst, bist auch du doch einfach nur ein Mensch. Wenn du doch einmal das Gefühl hast, jemanden zu brauchen: ich bin jederzeit für dich da. Und mir mußt du nichts über deinen Job vorlügen." Bernhard legte mir sogar kurz die Hand auf die Schulter, und eine seltsam tröstende Wärme breitete sich von dieser Stelle in meinem Körper aus, dann ging er hinaus.

Aber ich hatte schon ganz allein die Lösung für meine Probleme gefunden, und an diesem Abend würde ich im Auftrag der Agentur erstmals die Art von Sex haben, die ich mir immer gewünscht hatte - Sex mit einem Mann. Irgendwie bekam ich den Rest der Probe herum, eilte nach Hause, duschte mich lange, rasierte mich gründlich, parfümierte mich dezent - kurz, machte mich noch sorgfältiger zurecht, als für die Treffen mit den Frauen. Der Fahrer holte mich pünktlich ab, fuhr mich in eine Gegend, die mir vertraut vorkam, aber das war kein Wunder, in genau diesem Villenviertel wohnten eben die Menschen, die sich die Dienste der Agentur leisten konnten.

Ein vielleicht dreißigjähriger Mann in dunkelblauem Anzug, mit Seidenbinder, mittelblond, Backenbart, ansonsten glatt rasiert, der mit seiner blassen Haut irgendwie britisch wirkte, öffnete mir die Tür. Er kam mir vage bekannt vor, aber das konnte eigentlich nicht sein.

"Sie sind Juan?" fragte er mit angenehm rauchig klingender Stimme.

Ich nickte.

"Ich bin Norbert. Meine Schwester hat sie mir empfohlen, Natalie - erinnern sie sich an sie?" fragte er neugierig.

Aber Namen waren für mich Schall und Rauch, bedauernd wollte ich schon den Kopf schütteln, denn im Laufe meiner Arbeit für die Agentur hatte ich inzwischen so viele Damen kennengelernt, daß es mir schwer fiel..."Ja, ich hatte sie in 'La Traviata' ausgeführt, richtig?" erinnerte ich mich dann plötzlich. Und sie hatte mir von ihrem Zwillingsbruder erzählt.

Norbert nahm seinen Mantel, dann fuhren wir in eines der Fünf-Sterne-Restaurants mit winzig kleinen Portionen, doch mein Magen war noch immer etwas angeschlagen, so daß ich selbst von diesen Kleinigkeiten nur wenige Gabelspitzen zu mir nahm. Anscheinend ging es meinem Kunden aber nicht viel anders, er schob die Erbsenschoten von einer Seite des Tellers auf die andere und stocherte später zwischen den Walnüssen in seinem Dessert herum. Er erzählte, daß ihm eine Werbeagentur gehöre, er dafür aber hart arbeiten müsse und eine Langzeitbeziehung aus der Studienzeit daran zerbrochen wäre. Er sei nicht der Typ für Darkrooms oder ähnliches, habe auch, abgesehen von seinen Kunden, kaum Kontakte und sei durch seine Schwester auf 'Agentur Casanova' und insbesondere auf mich aufmerksam gemacht worden. Sie habe meiner Empfindsamkeit und meines Einfühlungsvermögens wegen einen Seelenverwandten ihres Bruders in mir gesehen. Im vergangenen Dreivierteljahr habe er alle paar Wochen versucht, eine Buchung zu machen, sei aber immer wieder abgewimmelt worden mit dem Hinweis, daß es niemanden gäbe, der für einen Mann zur Verfügung stünde, obwohl man doch immer wieder höre, daß viele der Callboys - und er sah mich bei diesem Wort mit einer Mischung aus Neugierde und Entschuldigung an - homosexuell seien.

Ich kannte keinen meiner Kollegen persönlich, allenfalls durch das Bild in der Mappe, also zuckte ich dazu mit den Schultern. "Ich kann in dieser Hinsicht nur von mir sprechen", sagte ich. "Und wenn ich nicht an Männern interessiert wäre, säße ich nicht hier." Der in seinem perfekt sitzenden Kaschmir-Anzug auf eine altmodische Weise gepflegt wirkende Mann und seine vornehm zurückhaltende Art gefielen mir, auch wenn er nicht gerade durchtrainiert aussah und seine Haut für meinen Geschmack viel zu hell war. Wahrscheinlich hielt er sich fast ausschließlich sitzend in geschlossenen Räumen auf.

Irgendwann zahlte er und wir fuhren wieder zu seinem Haus. Er versicherte mir, daß ihm die Regeln der Agentur bekannt seien aber fragte, ob ich ihm vielleicht trotzdem bei einem Cognac Gesellschaft leisten würde. Also war er wohl tatsächlich nicht weniger nervös als ich. Ich willigte ein, nippte angesichts meines leeren Magens aber nur an dem Glas, spürte, wie die wenigen Tropfen auf meiner Zunge brannten.

Wie bei den meisten Neukundinnen mußte ich wohl den Anfang machen, also wartete ich, bis er den Cognac-Schwenker senkte, nahm ihm das Glas aus der Hand, küßte ihn auf die vom Alkohol stark durchbluteten Lippen. Er keuchte überrascht, dann überwältigt, erwiderte den Kuß leidenschaftlich, so daß ich noch einen halben Schluck Cognac aus seinem Mund erhielt. Der wenige Alkohol machte mich schon schwindelig, aber heizte mich auch an. Es war so anders, einen Mann in den Armen zu halten, und nach den ganzen Weibern hatte ich schon fast vergessen, wie sehr es mir gefiel. Ich löste Norberts Binder, zog ihm das Jackett aus, knöpfte das Hemd auf, legte seine stark behaarte, bleiche Brust frei. Natürlich war er lange nicht so muskulös wie Ahmet, hatte eher schmale Schultern und einen Bauchansatz, und seine Haut war zwar weich, doch entbehrte sie der jugendlichen Elastizität, die Marcos Haut gehabt hatte. Aber er war immerhin ein Mann.

Immer wieder verlangte Norbert weitere Küsse, hielt sich dabei fast wie ein Ertrinkender an mir fest, so daß ich Probleme hatte, ihn oder gar mich weiter zu entkleiden. Wie lange hatte dieser Mann keinen Sex gehabt? Etwa das ganze Dreivierteljahr, das er versucht hatte, bei 'Agentur Casanova' eine Buchung zu machen? Vielleicht sogar noch länger?

Irgendwie gelang es mir dann doch, meine eigene Hose abzulegen, das Jackett, aber Norberts Umarmung machte es unmöglich, den Kragenknopf meines Hemdes zu öffnen. Norbert knöpfte deutlich schwerer atmend mein Hemd auf, gab mir einen Kuß auf die Brust. "Gleich hier, auf dem Teppich", verlangte er, legte mir die Hände auf die Schultern, drückte mich nach unten, auf den langen, weichen Flor.

"Deine oder meine Kondome?" fragte ich, denn es war doch klar, worauf das hinauslaufen sollte.

"Ach ja, richtig", sagte mein Kunde, ganz in Gedanken, "also wohl doch nicht hier." Er stand auf, reichte mir eine helfende Hand, eilte dann voran, in sein Schlafzimmer. Neben dem mit roter Satinwäsche bezogenen Bett lagen auf dem Nachttisch Gleitgel, Kondome, sogar ein schmaler Vibrator bereit. Norbert lud mich ein, mich neben ihm auf die Kissen zu legen, streichelte mich wieder, griff dann nach einem Kondom und der Gleitgeltube. Er gab mir das Kondom und drückte sich dann eine großzügige Menge des wasserklaren Gels auf die hellen Finger.

Ich riß die Kondompackung auf und spürte plötzlich Norberts Finger an meinem Hintern, wie er mit streichelnden Bewegungen das kühle Gel verteilte, während er mit der anderen nun meinen Schwanz massierte und in mir damit einen solch unglaublichen Schub des Begehrens verursachte, daß ich unwillkürlich stöhnen mußte.

"Noch gut?" fragte Norbert leise an meinem Ohr, ganz fürsorglich, während die Finger weiter vordrangen.

"Noch gut", keuchte ich zurück, "sehr gut!" Es war reine Lust, die ich empfand.

Norbert fickte mich, und ich ließ es zu, nein, ich genoß es. Und endlich kam ich, erzitterte in der Umarmung meines Kunden und vernahm wenig später das Schnaufen seiner Erfüllung.

Wie hatte ich mir nur so unprofessionell die Führung aus der Hand nehmen lassen können?

*

Ich drehte mich im Halbschlaf um, und ein plötzlich durch meinen Unterleib jagender Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen. Dann kam die Erinnerung, rötliche Schlieren an dem benutzten Kondom, die ich Norberts roter Satinbettwäsche wegen einer optischen Täuschung zugeschrieben hatte. Was, wenn er mich doch verletzt hatte? Panisch richtete ich mich auf, ein weiteres Mal durchzuckte mich der Schmerz, als ich auf meinem malträtierten Hinterteil saß. Ganz klar, wo das Brennen zu lokalisieren war. Wie groß mußte die Verletzung an meinem After sein, um solche Schmerzen zu verursachen?

Zögernd erhob ich mich. Meine Beine waren immerhin nicht mehr so wackelig wie am Vorabend, als Norbert mich hatte stützen müssen, damit ich die Firmenlimousine erreichen konnte. Auf die freundlich offerierte Dusche hatte ich deswegen auch verzichtet, nur nach Hause, das war mein einziger Gedanke gewesen. Nachdem mein Kunde schon die Führung übernommen hatte, wollte ich nicht noch wie ein Amateur die Nacht in seinem Bett verbringen. Ich war so erschöpft gewesen, hatte nichts mehr gespürt - nun fühlte ich mich, als wäre in mir etwas zerrissen. Außerdem klebten meine Hinterbacken ganz unangenehm aneinander und ich roch nach Schweiß.

Jeder Schritt war eine Qual, aber endlich erreichte ich mein Badezimmer und nahm einen Handspiegel zur Hilfe, um meine verletzte Kehrseite betrachten zu können. Offensichtliche Blutspuren fand ich zwischen den Backen zwar nicht, aber wieso schmerzte es dann so? Hatte er mich innerlich zerrissen mit seinen festen Stößen? Nie wieder würde ich einem Mann erlauben, seinen Schwanz in mich zu rammen. Wenn ich vorher auch nur geahnt hätte, wie sehr man nach so ein bißchen sexueller Erfüllung leiden konnte, hätte ich mich niemals darauf eingelassen!

Vorsichtig duschte ich, befühlte zaghaft meine brennende Rosette. Reste des Gleitgels, rosa eingefärbt - also doch! Mit diesen Schmerzen würde ich den Auftritt heute abend nicht überleben. Ich griff in den von der Dusche aus gerade noch erreichbaren Medizinschrank und nahm vorsichtshalber gleich zwei Schmerztabletten, schluckte sie mit in der hohlen Hand aufgefangenem Duschwasser herunter. Dann reinigte ich vorsichtig meinen schmerzenden Hintern. Niemals, niemals wieder! Dieses Thema war abgehakt. Was fanden andere Männer nur daran? Machte sie der Schmerz ebenso geil, wie der Sex? War Marco einfach pervers gewesen? Er hatte nichts davon gesagt, daß es ihm Schmerzen bereiten würde, und er hatte doch bereits einschlägige Erfahrungen gehabt - das behauptete er damals jedenfalls. Wäre er schreiend aus meinem Zimmer geflohen, wenn wir zu Ende gebracht hätten, was meine Mutter unterbrochen hatte? Ich hätte auf Frau Neuhaus hören sollen, die mich zwei Mal gewarnt hatte.

Beim vorsichtigen Abtupfen mit dem Handtuch wieder deutliche Blutspuren. Der nächste Schock, als ich entdeckte, daß die Hose meines hellgrauen Anzuges aus Merinowolle, die ich in der Nacht nur noch über den Handtuchhalter geworfen hatte, ruiniert war. Im hinteren Teil des Schritts war ein großer, bräunlicher Fleck, der auf die Außenseite des edlen Stoffes durchschlug. Das war es nun wirklich nicht wert gewesen. Warum hatte ich es mir nur zur Gewohnheit gemacht, die Premiumbuchungen ohne Unterhose zu absolvieren?

Aber jetzt mußte ich erst einmal zum Telefon, einen Termin beim Arzt machen um sicherzustellen, daß alles wieder in Ordnung kam. Ich griff mir mein Handtuch und humpelte langsam ins Wohnzimmer, ließ mich vorsichtig auf einem dicken Kissen und dem darüber gebreiteten Handtuch nieder.

Als ich versuchte, mir von der Sprechstundenhilfe des Iraners, der die monatlichen Gesundheitschecks für die Agentur machte, einen Termin geben zu lassen, hörte ich nur eine Bandansage. Die Praxis machte zwei Wochen Urlaub, in dringenden Fällen übernahmen die Vertretung die Praxen der Doktoren... Ich notierte mir die Telefonnummer des Arztes mit dem männlich klingenden Vornamen und legte auf. Wohl war mir nicht dabei, mit diesem Problem einen mir unbekannten Arzt aufzusuchen, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich rief also in der Vertretungspraxis an und endlich hatte ich einen Menschen am Telefon, eine Frau, die albern kicherte, bis sie, noch immer erheitert, sagte: "Praxis Doktor Barini, was kann ich für sie tun?" Und dann, etwas gedämpft: "Er hat das wirklich gesagt. Hehehe." Anscheinend hielt sie die Sprechmuschel nicht richtig zu. Ob mein Problem dann auch zwischen ihr und ihrem Gesprächspartner humoristisch erörtert wurde? Aber da mußte ich wohl durch, ich war an meiner momentanen Situation ja selbst schuld. "Guten Tag, hier Calatrava. Ich hätte heute gerne einen Termin bei ihnen."

"Waren sie denn schon einmal bei uns?" kam die zu erwartende Gegenfrage.

"Nein, sie machen aber die Vertretung für meinen Hausarzt."

"Ich kann ihnen für heute leider keinen Termin anbieten. Wenn sie zu uns kommen, müssen sie mit mindestens einer Stunde Wartezeit rechnen. Worum geht es denn?"

"Ähm", jetzt half alles nichts, "es geht um Blutspuren am After nach Analverkehr", antwortet ich. Unterlagen die Sprechstundenhilfen eigentlich der ärztlichen Schweigepflicht?

"Haben sie Schmerzen?" wollte die Sprechstundenhilfe wissen.

"Oh, ja", erwiderte ich inbrünstig, auch wenn ich erfreut feststellte, daß die Schmerztabletten anscheinend anfingen zu wirken.

"Sie haben also eine größere Verletzung", schloß die Sprechstundenhilfe.

"Äh, keine offensichtliche. Ich vermute eine eher innerliche", gab ich zurück.

Diesmal hielt sie die Sprechmuschel besser zu, ich hörte nur sehr gedämpft etwas über Blut, Enddarm und innere Verletzungen, dann sprach sie wieder zu mir. "Sie sollten sich damit an einen Gastroenterologen wenden. Wir haben hier nicht die geeigneten Untersuchungsgeräte."

"Aber Doktor Barini kann ja vielleicht mal gucken", gab ich leicht verärgert zurück. Offensichtlich wollte sie mich abwimmeln.

"Ich kann ihnen für heute keinen Termin anbieten. Rechnen sie bitte mit einer Wartezeit von mindestens einer Stunde", sagte sie daraufhin wieder.

Genervt knallte ich den Hörer auf die Gabel und bereute es fast sofort. Ich konnte das doch nicht einfach so verschleppen. Wenn es etwas Ernstes war... Das mochte ich mir gar nicht vorstellen. Zumindest war ich momentan schmerzfrei, über das Wochenende würden die Tabletten reichen, am Montag wäre der Iraner auch wieder im Lande. Dann fiel mir ein, daß ich Frau Neuhaus angedeutet hatte, daß ich Premiumbuchungen durch Herren denen durch Damen vorziehen würde, also rief ich in der Agentur an und ließ Frau Neuhaus ausrichten, daß ich für Herren doch nicht mehr zur Verfügung stünde.

Egal was meinem After fehlte, bis ich in einem Monat meinen Dienst für die Agentur wieder aufnahm, würde es hoffentlich verheilen. Das sollte es zumindest, denn mit Schmerzen dieser Art war nicht einmal daran zu denken, mit einer Frau zu tanzen, geschweige denn, sie zu begatten.

Ich zog mich an, dann leerte ich die Taschen meiner verdreckten Anzughose, steckte Norberts in der Höhe anscheinend schon als Schmerzensgeld gedachte Zuwendung in meine Bargeldbox. Ich überschlug den Inhalt und stellte beruhigt fest, daß ich mir gegebenenfalls auch noch einen weiteren Monat unbezahlten Urlaub leisten konnte. Und dazu würde während der Semesterferien noch die Gage für die Provinzauftritte der Volltönenden kommen.

*

Den Vormittag verbrachte ich bäuchlings auf dem Bett liegend und Zeitschriften lesend, nahm noch einmal zwei Schmerztabletten, als ich meinen After wieder unangenehm zu spüren begann, und schaute dann, immer noch auf dem Bauch liegend, belanglose Fernsehserien, bis ich mich endlich auf den Weg machte, um pünktlich zu dem Konzert in der Mensa zu erscheinen. Ich erreichte die Uni kurz vor sieben, wo ich dann allerdings zuerst nur Bernhard mit den Fräcken für unseren Auftritt antraf. Die anderen trudelten jedoch wenig später ein und wir zogen uns in einer winzigen Abstellkammer der Mensa um, die uns als Garderobe zugeteilt worden war.

Wie vor jedem Auftritt sangen wir uns mit Tonleitern ein, kontrollierten gegenseitig den Sitz der Fräcke und der streng nach hinten gekämmten Haare, dann gingen wir hinaus. Mir war etwas mulmig. Gewöhnlich traten wir vor Publikum auf, das zumindest im Durchschnitt deutlich älter war als wir, heute waren es jedoch gleichaltrige, zum Teil sogar jüngere Zuhörer, die vielleicht nicht mit einem Auftritt wie dem unsrigen rechneten - rein vokal und ohne Tanzeinlagen. Als wir angesagt wurden, ging ich, als der Kleinste der Volltönenden, durch die riesige Menge voran zur Bühne. Uns wurde anscheinend nur widerwillig, wie zähflüssig der Weg frei gemacht, außerdem begleitete uns ein beständiges Tuscheln, unterbrochen von einzelnen Lachern. Diese Lacher mochten unserer Kleidung gelten oder unseren Frisuren, egal, ich straffte die Schultern und verlangsamte meinen Schritt zu einem Schlendern. Sie würden schon sehen, daß wir richtig gut waren. Einen neugierigen Blick aus tiefblauen Augen beantwortete ich spontan mit meinem schönsten Verführerlächeln, nahm die Plastiknelke aus meinem Knopfloch, hauchte einen Kuß auf die stachelige Blumenimitation und warf sie in die ungefähre Richtung der Hände, die zu den blauen Augen gehören mußten. Dann würde ich mir morgen eben eine echte kaufen müssen. Das Tuscheln wurde lauter, aber es klang deutlich freundlicher.

Auf der Bühne nahmen wir für die erste Nummer des leicht modifizierten Nachtclubprogramms Aufstellung, Bernhard trat den obligatorischen Schritt nach vorne, breitete die Arme mit großer Geste aus, während Felix im Hintergrund die Stimmgabel anschlug und uns die Töne gab. Als Bernhard dann begann mit "Hört die Geschichte von Frau Potifar, die ungemein erfahren war", hatte ich für einen Moment das Gefühl, seinen glockenklaren Tenor das erste Mal zu hören, obwohl wir 'In der Bar zum Krokodil' bei jedem Auftritt im 'Flash Nights' und in genau diesem Arrangement vorgetragen hatten. War Bernhard heute einfach nur besonders gut bei Stimme? Das nächste Stück war 'Mein Onkel Bumba aus Kalumba', bei dem Felix und ich mit den Schwebungen unserer sehr ähnlichen Stimmen spielten, was mir wieder einmal wohlige Schauder über den Rücken schickte, aber auch Ikes und Holgers kraftvolle Bässe gingen mir durch und durch, als würden sie mein Innerstes in Schwingung versetzen. Tatsächlich war der Klang, den wir als Quintett erzeugten, viel mehr als die Summe von fünf Einzelstimmen, es war eine Art magischer Vorgang, bei dem die Stimmen sich mit der Wertschätzung, die jeder von uns - ganz abgesehen von seinem persönlichen Musikgeschmack - der Tonerzeugung an sich gegenüber empfand, verbanden und potenzierten. Ich verstand plötzlich, daß meine ganze Zuneigung, nein, meine Liebe der Musik gehörte. Anders konnte ich dieses Gefühl wirklich nicht nennen, das mich in diesem Moment erfüllte. Und wie es aussah, transportierten wir diese Magie auch an unser Publikum weiter, das uns plötzlich so andächtig lauschte, daß man keinen Mucks aus der Menschenmenge hörte.

Nachdem wir unseren Diener gemacht hatten, war es noch einen Wimpernschlag still, bis plötzlich donnernder Applaus losbrach, ergänzt von anfeuernden Pfiffen und Gejohle. Vielleicht lag es an der schieren Menge von Publikum, dessen überraschend schnelles Mitgehen uns wiederum mitriß, daß wir letztlich unseren bisher besten Auftritt hatten. Wir hatten mit unserem Programm offenbar genau den Nerv getroffen.

Nach gut zwei Stunden auf der Bühne fühlte ich mich unglaublich euphorisch, fünf Forderungen nach Zugaben erfüllten wir auch begeistert, aber danach konnten wir einfach nicht mehr und sie hatten endlich ein Einsehen. Ein Discjockey übernahm, wir kehrten erschöpft aber sehr glücklich in unsere Garderobe zurück und wanden uns aus den durchgeschwitzten Fräcken. Als ich mich dann auf eine Holzbank fallen ließ, jagte wieder der Schmerz durch mein Hinterteil. Ich hatte meinen wunden After ganz vergessen, und natürlich auch die Schmerztabletten.

* * *

"Die Fachschaft lädt uns noch auf ein Bier ein", verkündete Felix fröhlich, während er sich wieder zivil kleidete. Das würde ich nicht durchhalten. Ich brauchte Schmerztabletten. Und nun fing auch noch mein Magen wieder an, sich zu verkrampfen. "Tut mir leid, ich muß...", begann ich, aber Felix hakte sich bei mir unter und hielt meinen Arm in einer Weise fest, daß ich ihm nicht entkam. "Heute gehst du nicht, Juan. Du hattest doch gesagt, du hättest Urlaub - oder stimmt das etwa nicht?"

"Doch", quälte ich heraus. Wenn ich mich gegen seinen Griff stemmte, zog es noch unangenehmer zwischen meinen Hinterbacken, also gab ich nach. Vielleicht war er mit einer halben Stunde zufrieden, oder vielleicht hatte ja irgend jemand Schmerztabletten dabei. "Ich hab nur ein bißchen Kopfschmerzen, hat vielleicht jemand für mich ein Aspirin oder so?"

"Dann mußt du Wasser trinken", kam der gute Rat von Ike. "Die Kopfschmerzen kommen vom Flüssigkeitsverlust."

Na toll, was halfen denn Getränke gegen die Schmerzen in meinem Arsch? Aber ich fühlte mich wirklich ausgedörrt, und gerade vor dem 'Marathonsonnabend' mit zwei Auftritten konnte ich wohl wirklich nicht Felix' Unwillen heraufbeschwören, indem ich mich einfach absetzte. Also entschied ich, für ein Bier an dem geselligen Teil des Abends teilzunehmen, schließlich hatten wir ja gemeinsam richtig gute Musik gemacht. Holger versprach, sich um die Fräcke und vor allem ihre Trocknung bis zu unserem Nachmittagsauftritt beim Tanztee zu kümmern, dann verließen wir unsere behelfsmäßige Garderobe.

Die Sportfachschaftler saßen zu viert an einem langen Tisch in einer dunklen Ecke, der Typ, der mit Felix vor und nach dem Auftritt gesprochen hatte, zwei weitere, die irgendwie sehr nach hirnlosen Sportlern aussahen und eine junge Frau, die entweder zu einem der Sportlertypen gehörte, oder tatsächlich selbst Fachschaftsarbeit machte. Außerdem stand noch jemand mit dem Rücken zu uns vor dem Tisch, beugte sich gerade darüber, um nach einer der Bierflaschen zu greifen, so daß mir als erstes der durch die glänzende, schwarze Lederhose betonte, knackige Hintern auffiel. Mir wurde wieder heiß. Der Mann in meiner Größe trug ein enges, recht knappes, rotes T-Shirt um die breiten Schultern und den schlanken Leib, hatte dunkelhäutige, muskulöse Arme, lange schwarze Haare - ich spürte, wie das Blut immer schneller durch meine Adern gepumpt wurde. Heute wurde das nichts, zumindest nicht ohne Schmerztabletten, aber es war sehr beruhigend, daß der Zauber des Begehrens, das, was mit der Anregung des Eroberns für mich immer das Wesentliche beim Sex gewesen, im Laufe der Arbeit für die Agentur aber irgendwo auf der Strecke geblieben war, doch wieder aufwallte. Dann drehte er sich um - war das Ahmet, mit tiefschwarz umrandeten Augen und blutrot geschminktem Mund?

"Hallo, Juan", begrüßte er mich nach einem intensiven Blick. Natürlich, er hatte mich ja schon auf der Bühne gesehen, ich war jedoch so überrascht über seine Anwesenheit, daß mir die Worte fehlten.

"Hey, seid ihr verwandt?" fragte Holger mich plötzlich, schaute von mir zu Ahmet und wieder zurück.

"Nein, wir waren nur mal Nachbarn", antwortete Ahmet, ließ den Blick über meinen Körper wandern, so daß ich mir meiner wenig partygerechten, zu weiten, schwarzen Jeans und des langweiligen, schwarzen Rollkragenpullis nur allzu bewußt wurde. Seine Musterung ließ mich reflexartig den Hintern zusammenkneifen, und ich mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerzen zu stöhnen.

"Ihr seht euch wirklich sehr ähnlich, mit eurem schwarzen Haar und der dunklen Haut", sagte nun einer der Sportfachschaftler, die anderen nickten dazu.

Ahmet lächelte boshaft. "Wir sind nur Brüder im Geiste, nicht wahr, Juan?"

"Das denke ich nicht, Ahmet", widersprach ich ihm mit um Freundlichkeit bemühter Stimme. Aber wahrscheinlich hatte er nicht ganz unrecht. Wir wollten beide die Richtung bestimmen. Allerdings konnte er sich besser durchsetzen.

Dankbar nahm ich die Einladung an das entfernte Tischende an und ließ mich vorsichtig auf dem Holzstuhl nieder, trank trotz meines grummelnden Magens einen Schluck von dem eiskalten Bier und hielt mich dann an der Flasche fest. Es war sehr unangenehm, so hart zu sitzen, trotzdem versuchte ich, gute Miene zu machen und gab vor, angeregt dem Gespräch zwischen Felix und den Sportfachschaftlern zu lauschen, die sich nun über Erstsemesterbetreuung austauschten. Mein Blick schweifte jedoch immer wieder ab zu Ahmet, der mir nun am anderen Ende des Tisches gegenüber saß und mich anscheinend die ganze Zeit prüfend musterte. Er sah einfach viel zu gut aus, noch dazu herausgeputzt, als wolle er heute abend unbedingt jemanden aufreißen.

"Ist das einer deiner Kollegen, Juan?" fragte Bernhard plötzlich flüsternd, als ich wieder Ahmets Blick erwiderte.

"Nein, einfach nur ein ehemaliger Nachbar. Ist schon ein Weilchen her." Ich mußte weg hier, oder zumindest von dem Stuhl aufstehen, es wurde einfach zu unangenehm, auf meinem wunden Hintern zu sitzen.

"Tja, Nachbarn... wir ziehen zum ersten April aus. Hat zufällig jemand Interesse daran, meine Wohnung zu übernehmen, drei Zimmer, Küche, Bad, dritter Stock, frisch renoviert, nette Gegend? Ich suche einen Nachmieter", verkündete er.

Ich stand auf, mein Hintern stand in Flammen, ganz sicher, und es wurde nicht besser dadurch, daß ich durch Ahmets Anblick auch noch einen halben Ständer bekommen hatte.

"Willst du jetzt doch schon gehen, Juan?" fragte Felix pikiert. "Du hast ja nicht einmal dein Bier ausgetrunken."

Schnell schüttelte ich den Kopf. "Nur ein bißchen die Beine vertreten..." Plötzlich stand Ahmet neben mir, legte den Arm sehr vertraulich um meine Taille. "Ihr wißt doch, Tunten gehen immer zu zweit aufs Klo", grinste er breit in die Runde und zog mich mit sich, zu den Toiletten.

"Wieso hast du das gesagt?" wollte ich wissen, als wir im Toilettenvorraum vor den Waschbecken standen, in die Spiegel sahen. Ja, eine gewisse Ähnlichkeit konnte man uns wohl nicht absprechen, wir waren beide keine Riesen, hatten relativ schmale Gesichter, mittelmeerischer Typ eben.

"Wissen deine Freunde etwa nicht, daß du schwul bist?" fragte Ahmet mit falscher Besorgnis in der Stimme.

"Natürlich wissen sie es", gab ich verärgert zurück.

"Also was ist das Problem, Schätzchen?"

"Du bist das Problem, Ahmet." Irgendwie hatte er mich mit dem Rücken an die Wand gedrängt, stand so dicht vor mir, daß ich das Bier und noch härtere Sachen in seinem Atem riechen konnte. Wider Willen reagierte mein Körper sehr stark auf ihn.

Er sah an mir herunter, lächelte spöttisch, als er erkannte, was in meiner Hose vorging, sah mir wieder ins Gesicht. "Ach ja, der Herr hatte ja Probleme mit dem Kontrollverlust. Trotzdem hat es jemand geschafft, dich flachzulegen, und du siehst nicht grad' aus, als hätte man dich vergewaltigt." Seine Finger lagen sanft an meinem Kinn, drehten meinen Kopf leicht hin und her, als wollte er an ihm nach den Spuren von Schlägen suchen. Dann schob er mit einem Finger den Rollkragen etwas herunter, um weiter zu suchen, fand anscheinend den kleinen Knutschfleck, den Norbert mir an der Halsbeuge hinterlassen hatte, denn er zog plötzlich seine Hand zurück, trat einen Schritt von mir weg. "Was machst du inzwischen denn sonst so, außer zu singen und dich ficken zu lassen?"

Was ging Ahmet das an? "Wieso meinst du, irgendjemand würde mich ficken?" wollte ich nur wissen.

Endlich ein von Herzen kommendes Grinsen in Ahmets schönem Gesicht. "Deine Körpersprache ist unverkennbar, Juan. Und da du wohl kaum vor weniger als zwei Stunden die Beine breit gemacht hast, war es ohne Frage das erste Mal. Wie heißt denn der Typ, der mich... hehe", und das Grinsen wurde noch breiter, "ausgestochen hat?"

"Es war einfach ein Typ", gab ich zurück. "Hast du zufällig Schmerztabletten oder so was dabei? Ich habe meine vergessen, und ich kann echt nicht mehr sitzen." Wenn er sich schon so gut auskannte, konnte er mir ja wenigstens helfen.

"Also nicht die große Liebe?" war die höhnische Gegenfrage. "Oder hat er dich sitzenlassen, so wie du... hey!" Ahmet drehte sich blitzschnell um, als jemand die Hand auf seine Schulter legte und versuchte, ihn von mir wegzuziehen.

Es war Bernhard, der nun von Ahmet den Arm verdreht bekam, so daß er sich weit zu den grauen Fliesen hinunterbeugen mußte, um dem Druck, den Ahmets Klammergriff ausübte, nachzugeben. "Laß die Finger von Juan", stöhnte Bernhard. Er verstand sein Hilfsangebot wohl sehr umfassend, aber es war völlig verrückt von ihm, sich nun ausgerechnet mit dem durchtrainierten Ahmet zu prügeln. "Hey, laß Bernhard los, er hat dir nichts getan", fuhr ich Ahmet an.

"O-Kay", spuckte Ahmet betont aus, stieß Bernhard von sich, so daß dieser gegen den Handtuchspender an der gegenüberliegenden Wand zurücktaumelte. "Das ist also dein Stecher, ja? Hätt' ich nicht gedacht, daß du auf fette Typen stehst."

Zugegeben, Bernhard war etwas untersetzt, aber er war definitiv nicht fett. "Paß auf, was du über meinen Freund sagst!" entfuhr mir. Das Schreien hätte ich sein lassen sollen, das schmerzte am Hintern.

"Danke", keuchte Bernhard und rieb sich den von Ahmet verdrehten Arm.

Da standen wir drei nun und sahen uns gegenseitig kopfschüttelnd an. Bernhard, mein Retter ohne Not, Ahmet, der sich wie eine eifersüchtige Furie aufführte, obwohl er nach unserer Fummelei doch nichts mehr von mir hatte wissen wollen, und ich, der ich am liebsten mit Schmerztabletten vollgepumpt bäuchlings auf meinem Bett gelegen hätte.

"Ich hab nichts mit Juan", stellte Bernhard plötzlich klar.

"Du kannst diesem Engelsgesicht und diesem perfekten Körper widerstehen?" fragte Ahmet erstaunt.

"Bernhard ist gar nicht schwul", erklärte ich. "Und wahrscheinlich würde er auch kein Geld für eine weibliche Professionelle ausgeben."

"Sicher keinen Hunderter", murmelte Bernhard.

Ahmet zog eine Augenbraue hoch. "Professionelle was? Das was ich denke? Und wie paßt das mit deinem frisch entjungferten Arsch zusammen?"

"Hey, was geht dich das an, Türke?" Jetzt wußte Bernhard das also auch.

"Pfft." Ahmet verschränkte die Arme vor der wohltrainierten Brust. "Du warst doch derjenige, der Hilfe wollte."

"Ich wollte eine Schmerztablette, und ich würd' sie dir sogar bezahlen. Wenn du keine hast, ist auch okay, es wird mich nicht umbringen." Was konnte mich dieser Kerl auf die Palme bringen! Als würde er es darauf anlegen.

"Ich hab mich erinnert, daß ich noch welche in meinem Auto hatte", mischte Bernhard sich ein, zog ein zerknautschtes Blisterpäckchen 'ASS' aus der Münztasche seiner Jeans und hielt es mir hin. "Und wenn du nicht gerade gegen Korbblütler allergisch bist, empfehle ich Sitzbäder mit Arnika, Kamille geht aber auch."

"Bist du Arzt, oder was?" fragte Ahmet skeptisch.

Bernhard grinste schief. "Ich bin nur ein bißchen älter als ihr und habe mehr Lebenserfahrung." Er drückte mir die Tabletten in die Hand und verließ den Toilettenvorraum wieder. Eine Wasserspülung ging, dann erschien ein Kerl im Durchgang der Trennwand zu den Urinalen und Toilettenkabinen. Er ging an den Waschbecken vorbei und musterte uns kurz, bevor er durch die noch leicht hin- und herschwingende Tür ebenfalls verschwand.

"Bist du sicher, daß dein Mitsänger nicht schwul ist?" fragte Ahmet mich dann.

"Ist das nicht völlig egal?" Ich drückte zwei Tabletten aus der Packung in meine Hand und spülte sie mit einem Mundvoll Wasser herunter.

"Ich hab dich vermißt", sagte Ahmet dann plötzlich leise, sah gar nicht mehr so selbstgefällig aus, eher besorgt. "Was ist das für eine Geschichte mit deiner Profession?"

"Ach, nichts", gab ich zurück. Warum hatte ich nur damit angefangen, das ging Ahmet doch nun wirklich nichts an.

"Und der... Stecher?" fragte er dann. Wurde er plötzlich rot bei seinen Worten?

"Auch egal." Noch ein Schluck Wasser. "Aber ich mache es sicher nie wieder", fügte ich noch inbrünstig hinzu.

"Er hat dich nur benutzt, was?" fragte Ahmet erstaunlich mitfühlend. "Du bist nicht gut darin, ein Sexobjekt zu sein, jedenfalls hinterher nicht." Aber er sprach so leise, als rede er mit sich selbst.

Bei der Agentur gab es kein Hinterher, aber was war ich dort denn anderes, als ein Sexobjekt? Auch wenn ich scheinbar die Kontrolle behielt, wurde ich doch nur benutzt, die Kundinnen bestimmten wann und wo und wie. Ahmets Anblick verhinderte, daß ich mich weiter in trübsinnigen Gedanken verstrickte, sein flacher Bauchnabel unter dem im Kampf mit Bernhard etwas hochgerutschten T-Shirt, seine trainierten Muskeln, einige Löckchen seiner Schambehaarung oberhalb des tiefsitzenden Hosenbundes. Ich erinnerte mich an das Gefühl dieser Haare unter meinen Fingern. Wann ich wohl endlich mehr zu sehen bekam? Wenn geklärt war, ob Ahmet mein Rudelmitglied zum Schmusen war?

"Schade", sagte Ahmet leise, dicht an meinem Ohr, hauchte mir einen Kuß auf die Wange. Ich war zu verblüfft, um ihn aufzuhalten, als er langsam zur Tür ging, kontrollierte im Spiegel nur automatisch, ob er mit seinen roten Lippen einen Abdruck hinterlassen hatte - aber anscheinend benutzte er kußechte Kosmetik. Wie weich seine Lippen gewesen waren, wie zärtlich er bei aller Kratzbürstigkeit sein konnte, wie eifersüchtig er auf Bernhard reagiert hatte... "Ahmet, wieso gehst du?" fragte ich, als er schon die Tür öffnete.

"Wir passen nicht zusammen, wenn du 'es' nie mehr machen willst", sagte er mit Bedauern in der Stimme.

Wieso hatte ich Ahmet nicht gepackt und geküßt? Wieso hatte ich ihm nicht gesagt, daß er für mich begehrenswerter war als jeder andere Mensch? Aber die Kehle war mir wie zugeschnürt, ich sah ihm nur hinterher, wartete bis die Tür ausgeschwungen und sich wieder geschlossen hatte, die Hände um die Kante eines Waschbeckens gekrallt, so fest, daß es schmerzte, und doch nichts im Vergleich zu den Schmerzen in meinem Gedärm. Was wollte ich niemals wieder machen? Einen Mann küssen? Oh doch, ich wollte nichts sehnlicher, als Ahmet zu küssen, wollte seinen Körper spüren. Doch was, wenn ich ihm wieder unterlag? Plötzlich merkte ich, daß ich vor diesem Moment erbärmlich Angst hatte. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen, meine Beine schienen versagen zu wollen, aber ich hielt mich weiter an dem Waschbecken fest, und als ich wieder sehen konnte, spritzte ich mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht, wartete darauf, daß sich mein Magen wieder beruhigte. Immerhin mußte ich mich nicht übergeben, so daß die Tabletten irgendwann auch wirken würden. Ich kehrte zu den Volltönenden und den Sportfachschaftlern zurück.

"Ahmet ist gegangen", erklärte Bernhard, als ich ihm die restlichen Tabletten wiedergab.

Ich nickte nur dazu. Und wenig später ging ich auch. Ich muß gestehen, zuhause weinte ich mich in den Schlaf, vor Selbstmitleid über die verpaßte Gelegenheit, Ahmet in die Arme zu schließen, vor Verzweiflung über mein verpfuschtes Liebesleben. Als ich am nächsten Tag mit einem Kratzen im Hals und verquollenen Augen erwachte, war von dem Schmerz in meinem Hintern erfreulicherweise nur noch ein unangenehmes Ziehen zu spüren, also war es wohl doch keine schwere Verletzung gewesen. Versuchsweise wartete ich mit einer weiteren Schmerztablette bis nach dem Frühstück, gurgelte und trank Salbeitee gegen meine Verstimmung und überlegte ernsthaft, mir ein Kamillensitzbad zu bereiten, aber dann nahm ich doch nur eine Schmerztablette, packte diesmal als erstes die Aspirinpackung ein. Als ich die Wohnung verlassen mußte, ging es meinem Hals und meinem Hintern wieder gut, aber ansonsten fühlte ich mich eher krank.

Den Tanztee erlebte ich wie durch mehrere Schichten Watte, auch wenn ich mir wohl keine echten Patzer leistete. Beim anschließenden gemeinsamen Essen der Volltönenden fragte Felix mich jedoch, ob denn alles in Ordnung sei. Ich nahm demonstrativ ein Aspririn. "Nicht krank werden", warnte Felix mit einem freundlichen Lächeln, das ich mühsam erwiderte. "Ich habe nur ein bißchen Kopfschmerzen", versuchte ich ihn zu beruhigen.

Auch den Auftritt im Nachtclub überstand ich irgendwie dank der Routine die wir inzwischen mit dem Programm hatten. Danach allerdings fühlte ich mich sehr schlapp und sehnte mich nach meinem Bett. Da ich außerdem damit an der Reihe war, die Fräcke zu übernehmen, trödelte ich beim Umziehen, so daß sich zuerst Holger, dann Ike und schließlich Felix bei mir verabschiedeten. "Bis zur Probe", sagte er, als er die Garderobe verließ. Und ich nickte nur.

* * *

Bernhard saß mir gegenüber, fertig angezogen, aber die gefütterte Jacke hatte er noch nicht geschlossen. "Was ist los? Du siehst elendig aus. Noch immer Schmerzen?"

Ich war zu kaputt, um zu sprechen, schüttelte nur den Kopf.

"Soll ich dich nach Hause fahren? Mit den Fräcken in der U-Bahn ist doch eher unpraktisch, oder?" gab Bernhard zu bedenken, und ich nahm dankend an. Bernhard half mir, die fünf durchgeschwitzten Jacken und Hosen im Kofferraum seines Autos zu verstauen, ich setzte mich auf den Beifahrersitz und quälte meine Adresse hervor.

"Ach, das ist ja bei mir in der Nähe, auf der anderen Seite des Parkes", bemerkte Bernhard, dann fuhren wir los.

Ich sah hinaus in die von Straßenlaternen erhellte Dunkelheit, die bald in die Morgendämmerung übergehen würde, erkannte Wegmarken wie U-Bahn-Eingänge und große Leuchtwerbungen, wurde schließlich von den vereinzelten entgegenkommenden Autolichtern hypnotisiert, und Bernhard respektierte mein Schweigen. Als wir den Parkplatz vor dem modernen Mietshaus erreichten, in dem ich nun wohnte, öffnete Bernhard mir schweigend die Autotür, reichte mir die Jacken aus dem Kofferraum, behielt aber die Hosen im Arm und bestand darauf, mir beim Hinauftragen zu helfen, obwohl das Haus über einen Fahrstuhl verfügte. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Metallwand der Kabine, musterte mich, folgte mir zu meiner Wohnungstür, wartete bis ich aufschloß, das Licht im Flur anschaltete, die Bügel mit den Jacken an meine Garderobe hängte, reichte mir die Hosen. "Ich werd sie bis Freitag reinigen lassen", beschloß ich und legte sie ab.

"Eine schöne Wohnung hast du", bemerkte Bernhard, während er sich umsah. Ja, die Wohnung war schön und so zeigte ich Bernhard mit gewissem Stolz vier der fünf Zimmer, das großzügige Badezimmer, die moderne Küche, zuletzt mein Wohnzimmer, hinter der Balkontür den großen, durch Wohnzimmer- und Küchenlicht schwach beleuchteten Balkon, den ich bisher noch nie wirklich genutzt hatte. Ich bot Bernhard sogar einen Sitzplatz auf meinem Sofa und eine Cola an. In der anderen Wohnung hätte ich ihm allenfalls Leitungswasser und einen Platz auf meiner Matratze anbieten können.

"Kann ich statt dessen davon was haben?" fragte er und zeigte auf eine fast volle Flasche Calvados, die neben den Gläsern im Regal stand.

"Aber du mußt doch noch fahren", wandte ich ein, als ich schon nach der Flasche griff, um ihm und mir eine großzügige Menge einzuschenken.

"Wenn ich zu blau bin, schlaf ich einfach hier auf deinem Sofa, wenn das OK ist. Heute wartet ohnehin niemand auf mich." Ob irgendwann mal jemand auf mich warten würde? Aber ich durfte gar nicht damit anfangen, an irgend jemandes Liebesleben zu denken.

"Was ist mit dir los?" fragte Bernhard dann, als wir einander gegenüber saßen, guckte so besorgt wie am Vorabend, als er mich vor Ahmet retten wollte, vor dem wunderschönen Ahmet, der mich lieber ficken wollte, als sich ficken zu lassen... "Liebeskummer?" Ich muß wohl zusammengezuckt sein, denn Bernhard fuhr fort: "Ich weiß, daß du meinen Rat sicher nicht willst, aber sprich doch mal mit deinem... deinem ehemaligen Nachbarn. Als er sich von seinen Fachschaftskollegen verabschiedete sah nicht viel fröhlicher aus als du jetzt."

"Ich...", ich mußte mich räuspern, um den Kloß aus meinem Hals zu bekommen, "ich glaub' nicht, daß er mich sehen will, wenn ich nicht... wir passen eben nicht zusammen. Und es gibt so viele andere Typen."

"So wie du das sagst, klingt das, als ob es noch viele andere Typen für ihn gibt - aber nicht für dich."

Wieso konnte Bernhard mich so leicht durchschauen? Und wieso sprach ich überhaupt mit ihm darüber? Ja, er hatte mich vor Ahmet beschützen wollen und schien sich wirklich Sorgen um mich zu machen, wie auch immer ich das verdient hatte. Damals hatte mir Ahmet geholfen, als ich so abgebrannt war wie nie zuvor. Jetzt hatte ich zwar Geld, aber die Art des Gelderwerbs war nichts, was ich weiter durchhalten konnte, ohne in irgendeiner Weise daran kaputt zu gehen. Spätestens wenn ich die Kundinnen nicht mehr zu ihrer Zufriedenheit bedienen konnte, war meine Karriere als 'Don Juan' doch ohnehin beendet. "Ich bin... ich muß...", begann ich hilflos, ohne recht zu wissen, worauf das hinauslaufen sollte. Bevor mich der Teufel im eigentlichen oder übertragenen Sinne holte, mußte ich endlich Schluß machen mit diesem Job. "Ich werde meinen Job kündigen", sprach ich es also aus. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

"Wegen deines kürzlichen... Erlebnisses?" Vielsagend klopfte Bernhard sich an den eigenen Hintern.

"Nein, weil der Job mich fertig macht. Damit hattest du vollkommen recht. Die Sache mit... meinem letzten Kunden hat nur dazu beigetragen, mir die Augen darüber zu öffnen, daß du auch mit dem anderen recht hattest."

"Womit?" fragte Bernhard und trank einen großen Schluck Calvados.

"Ich meine deine Rudelgeschichte", gab ich widerwillig zu, drehte das Glas mit der goldenen Flüssigkeit zwischen meinen Händen. Meine eigene Begierde, endlich wieder einen Mann in den Armen zu halten, hatte mich zu einem so leichten Opfer für Norbert gemacht, richtiger: zu einem Opfer meiner eigenen Fehleinschätzung. Norbert konnte ich nichts vorwerfen. Vielleicht wäre es etwas anderes gewesen, sich einem Mann hinzugeben, den man wirklich liebte, aber ich hätte mich nicht einem Kunden so ausliefern dürfen, egal wie hoch das Trinkgeld war.

"Spricht mit Ahmet", sagte Bernhard ernst. "Was immer da zwischen euch steht, bereinigt das, sonst wirst du es vielleicht dein Leben lang bereuen."

"Ermutigt hat er mich nicht gerade", gab ich zu bedenken.

"Hast du denn gar nicht gemerkt, wie er dich angesehen hat?" Bernhard schüttelte den Kopf und trank noch einen Schluck von meinem Calvados. "So was wirft man nicht ungeprüft weg."

'Komm mit deinem Leben klar', hatte Ahmet damals gesagt, doch wenn ich die Agentur verließ und nichts vergleichbar Lukratives fand, saß ich da mit meiner schönen, teuren Wohnung und würde bald wieder am Hungertuch nagen, vielleicht sogar das Studium aufgeben müssen, weil ich es nicht mehr finanzieren konnte. Aber wollte Bernhard nicht zum Ende des Monats aus seiner bisherigen Wohnung ausziehen? Wir hatten uns schon einige Male dort getroffen, die Vermieter wohnten unten im Haus, es gab einen schönen Garten, den die Mieter ebenfalls nutzen konnten, und da die Wohnung im obersten Stockwerk des Altbaus lag, war sie auch herrlich lichtdurchflutet, mit Blick auf den nahen Park, aber im Sommer nicht zu aufgeheizt, weil es darüber noch einen Dachboden gab. Dabei war sie nicht einmal halb so groß wie meine eigene, aber für eine Person, oder sogar zwei durchaus ausreichend. "Was zahlst du eigentlich an Miete, Bernhard?" fragte ich.

Er zahlte gut ein Drittel von dem, was mich meine Wohnung monatlich kostete. "Aber für Kinder ist die Wohnung zu klein", erklärte Bernhard dann. "Außerdem gibt es keinen Fahrstuhl, und Susanne muß in ihrem Zustand immer die ganzen Treppen hoch. Und später, wenn die Kleine..."

"Du wirst Vater?" folgerte ich verdutzt. Da gratulierte man wohl: "Herzlichen Glückwunsch!"

Bernhard strahlte plötzlich. "Danke. Kam etwas überraschend, wir sind ja beide noch nicht mit dem Studium fertig, aber irgendwie werden wir das schon packen. Und Susanne ist die Frau meines Lebens, da bin ich mir ganz sicher."

Ich seufzte. "Ich wünschte, ich könnte mir auch so sicher sein."

"Mit deinem Ahmet?" fragte er mitfühlend.

"Ja, mit 'meinem' Ahmet. Er ist so unwiderstehlich, aber... naja, du weißt ja, es kann immer nur einer oben sein."

"Ihr könntet euch abwechseln", schlug Bernhard vor.

Meinte er das im Scherz? Er sah zumindest nicht so aus. "Natürlich könnten wir das", stimmte ich ihm wenig überzeugt zu, denn darauf konnte ich mich ebensowenig einlassen, wie Ahmet.

*

Bernhard übernachtete tatsächlich auf meinem Sofa, verschwand aber schon früh am Sonntag morgen, weil er seine Freundin vom Bahnhof abholen wollte. Ich verbrachte den halben Tag in der Wanne und vor den Fernseher gefläzt, bis ich mich endlich hinsetzte und ausrechnete, wie lange ich noch wie viel verdienen mußte, um genügend Geld für das nächste Semester, für die Miete einer kleineren Wohnung und meinen täglichen Bedarf zu haben. Wenn ich Bernhards Wohnung übernehmen konnte, würde fast das Geld durch die Volltönenden ausreichen, zusammen mit meinen ersparten Trinkgeldern. Ich würde es mir also tatsächlich leisten können, in den drei Monaten bis zur Wirksamwerdung der Kündigung nur ein paar Wochentagsabende für die Agentur zur Verfügung zu stehen. Auf diese Weise würde ich nur gelegentlich arbeiten müssen, aber faktisch sofort mit den Premiumdiensten aufhören können, ohne vertragsbrüchig zu werden. Wenn ich mir für die Dreizimmerwohnung von Bernhard noch einen Mitbewohner suchte, der einen Teil der Miete übernahm, war auch das Weiterstudieren über das kommende Sommersemester hinaus kein Problem. Und irgendeinen Supermarktjob würde ich immer finden können, um die kleine Finanzierungslücke, die blieb, zu schließen. Keine teuren Anzüge mehr, kein importiertes Aftershave, noch immer kein eigenes Auto, aber das war völlig in Ordnung.

Danach prüfte ich meinen Mietvertrag. Drei Monate Kündigungsfrist auch hier, ansonsten verfiel die Mietkaution, und die allein würde zwei weitere Semestergebühren sichern. Nachdem ich eine Weile mit mir gerungen hatte, rief ich bei Bernhard an, hatte aber seine Freundin an der Strippe. Moment, sie war doch schwanger, nicht wahr? "Herzlichen Glückwunsch", sagte ich artig. "Bernhard hat gestern abend erzählt, daß ihr beide ein Kind bekommt."

"Oh danke, Juan. Ja, wir freuen uns sehr darauf. Aber du willst sicher Bernhard sprechen, oder?" Dann reichte sie mich weiter.

Bernhard hörte meinem Vorschlag eines Wohnungstausches aufmerksam zu, schwieg eine Weile. Ich erwähnte die Tiefgarage für die Mieter, den schönen Ausblick von meinem Balkon, den Kindergarten und die Grundschule, die eine Straßenecke weiter lagen "Die ist ziemlich teuer, deine Wohnung", sagte er dann. "Ich muß da erst einmal mit Susanne drüber sprechen", wieder zögerte er. "Also ihre Eltern wollen ihr ja zu unserer... na ja, hätt' ich am Dienstag ohnehin erzählt, also wir heiraten und die Volltönenden sind natürlich eingeladen. Wir wollten eigentlich erst einmal zu ihren Eltern ziehen, weil die uns eine Eigentumswohnung zur Hochzeit schenken wollen, aber noch nichts Geeignetes gefunden haben."

"Die Wohnungen hier kann man als Eigentum erwerben", warf ich ein. "Überlegt es euch, kommt noch mal tagsüber zum Gucken, und ansonsten suche ich mir halt einen anderen Nachmieter. Aber eure Wohnung übernehme ich definitiv. Seht zu, daß ihr im April wirklich raus seid."

Bernhard versprach das lachend, und erleichtert beendete ich das Gespräch. Dann setzte ich noch die Kündigungsschreiben an die 'Agentur Casanova' und meinen Vermieter auf, suchte mir aus meiner inzwischen neu angelegten Plattensammlung Rossinis 'Il turco in Italia' aus und ließ den Abend mit dem Rest der Flasche Calvados ausklingen.

*

Frau Neuhaus war über die Kündigung, die ich ihr am nächsten Vormittag persönlich überreichte, nicht besonders glücklich. "Haben sie sich das gut überlegt, Juan?" fragte sie. "Sie werden nicht so schnell wieder etwas finden, daß ihnen mit vergleichbar wenigen Stunden ein ähnlich hohes Einkommen verschafft. Und es ist sehr schwer, sich mit dem Verlust der Annehmlichkeiten, die das Geld ermöglicht, abzufinden."

"Das wird schon gehen", versicherte ich ihr.

"Hat es etwas mit dem Kunden, den sie am Donnerstag besucht haben, zu tun? Meine Mitarbeiterin hatte mir eine etwas kryptische Notiz auf den Schreibtisch gelegt. Gab es irgendwelche Unstimmigkeiten?"

Ich dachte an die glücklicherweise vergangenen Schmerzen in meinem After, dann schüttelte ich den Kopf. "Nein, es gab keine Unstimmigkeiten, ich habe einfach gemerkt, daß ich trotz gelegentlicher anderer Interessen eher ein 'ladies man' bin", behauptete ich.

Frau Neuhaus lächelte über meine Bemerkung. "Und trotzdem wollen sie uns ganz verlassen? Haben sich ihre persönlichen Verhältnisse geändert?"

Ich überlegte, ob ich darauf anspringen sollte, aber ich schob besser wieder das Studium vor, als eine nicht existente Beziehung. "Leider nimmt mich mein Studium zur Zeit sehr in Anspruch, und das wird sich noch verstärken. Meine Prüfungen in diesem Semester sind durch die Verpflichtungen für die Agentur schon nicht ganz so ausgefallen, wie es wünschenswert gewesen wäre, daher habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Aber das heißt ja nicht, daß ich nicht eines Tages wiederkomme", schloß ich mit einem verheißungsvollen Lächeln.

Das wirkte anscheinend noch immer, denn Frau Neuhaus' Gesichtsfarbe wurde doch tatsächlich etwas rosiger. "Sie sind uns immer willkommen, Juan." Frau Neuhaus nahm mit unbewegter Miene zur Kenntnis, daß ich nach meinem Urlaubsmonat nur noch an Mittwochen zur Verfügung stünde, auch wenn sie mir noch einmal erklärte, daß es unvernünftig sei, nicht noch einige sichere Premiumbuchungen mitzunehmen. "Es haben viele Damen nach ihnen gefragt."

"Aber gebucht hat noch keine, oder?" vergewisserte ich mich.

"Nein, da sie sich für den April ja noch nicht festlegen wollten. Ihr weiteres Gehalt werde ich nach den bisherigen Erfahrungen aber schon jetzt deutlich kürzen müssen, und wenn sie wirklich kündigen, kann ich ihnen nicht mehr die Freiheit gestatten, die Buchungstage für den Mai und Juni noch einmal zu ändern."

"Damit hatte ich gerechnet."

"Also gut. Ich nehme ihre Kündigung an, wenn auch schweren Herzens. Sie waren eine wahrhafte Bereicherung für die Agentur. Unter Zugrundelegung von fünf Buchungstagen pro Monat wird ihr letzter Arbeitstag der...", sie zählte die Mittwoche im Auftragskalender ab", ... der 12.06. sein."

Mein Vermieter bestätigte mir die Kündigung der Wohnung schriftlich und wies mich darauf hin, daß meine Kündigung trotz verspäteten Eingangs bei ihm dennoch zum 31. Mai wirksam werde, ich also bis dahin Mieter mit allen Pflichten sei. Wollte ich den Mietvertrag vorzeitig auflösen, würde die Kaution verfallen, es stünde mir allerdings frei, statt dessen einen Nachmieter zu benennen. Das waren, in anderen Worten, noch einmal die Vereinbarungen aus dem Mietvertrag, stellte ich beruhigt fest. Als Bernhard und Susanne dann am Mittwoch meine Wohnung besichtigten und Susanne Schreie der Verzückung ausstieß, als sie die Aussicht vom Balkon auf den naheliegenden Park entdeckte, war die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit entschieden. Wir sagten uns gegenseitige Umzugshilfe zu, faßten für den ersten Schwung schon einmal die Woche nach unserem ersten 'Provinztrip' mit den Volltönenden ins Auge und entschieden uns aus Kostengründen für einen Klaviertausch, anstatt zwei Klaviertransporte zu bezahlen.

* * *

Die Idee zum 'Provinztrip' war durch die Bekanntschaft des 'Flash Nights'-Besitzers mit einigen Kneipenbesitzern im Norddeutschen Flachland geboren worden und hatte nach meiner Ankündigung, im März tatsächlich Urlaub zu haben, konkretere Form angenommen. Wir hatten für die Tour, die an zwei Wochenenden, einmal von Freitag bis Sonntag und am Osterwochenende zwei Wochen später vom Samstag bis Montag stattfinden sollte, extra ein neues Programm einstudiert. Wir erhofften uns dadurch größere Bekanntheit, mehr Engagements und zumindest Felix und Holger sahen es auch ganz offensichtlich als eine Art Urlaub vom heimischen Herd. Ike dagegen jammerte schon seit Wochen, daß er seine Liebste sicher vermissen würde und Bernhard war anscheinend nicht ganz wohl damit, seine geschwängerte Freundin allein zu lassen und den Gesangsausflug einfach zu genießen.

Vor dem Wiedersehen mit Ahmet hatte ich die geplanten Ausflüge eher als eine lästige Pflicht empfunden, der über Tage andauernden Gesellschaft mit den Volltönenden mit gemischten Gefühlen entgegengesehen, jetzt jedoch freute ich mich auf drei Nächte, die ich nicht allein in meiner Wohnung schlafen mußte. Ich hatte mir Bernhards Ratschlag zu Herzen genommen und über die Auskunft Ahmets Telefonnummer besorgt. Jeden Abend nahm ich mir vor, endlich bei ihm anzurufen, hatte manchmal sogar schon den Hörer in der Hand, doch dann dachte ich wieder an seine Worte, dachte daran, wie mühelos er damals seinen Willen durchgesetzt hatte, und ließ es doch bleiben, nur um mich mit Bauchschmerzen in meinem Bett zusammenzukrümmen und endlich in den Schlaf zu weinen. Ich sehnte mich nach ihm, aber ihm die Führung ganz zu überlassen, wagte ich nicht. Zu frisch war noch das Erlebnis mit Norbert und die Erinnerung, zu welchen Schmerzen die lüsterne Vernebelung meines Verstandes letztlich geführt hatte.

Holger besaß einen Kleinbus, in den wir und unser Gepäck hineinpaßten. Die anderen vier verabschiedeten sich von ihren Frauen, dann fuhren wir los. Die Fahrt war erstaunlich lustig, mit einer spontan im Auto abgehaltenen Probe und vielen Albernheiten, so daß wir sehr gut gelaunt unsere erste Etappe erreichten. Die 'Wassermühle' war ein Ausflugslokal mit angeschlossenem Hotelbetrieb, wir wurden auf drei Zimmer verteilt und Bernhard entschied, daß er mit mir eines der beiden Doppelzimmer teilen wollte.

"Aber nichts Unanständiges machen", scherzte Holger, "sonst erzählen wir es Susanne."

Mir fiel Ahmets Bemerkung über Bernhard wieder ein. Nein, Bernhard war nicht sonderlich attraktiv, zumindest nicht in meinen Augen, mit seinem blassen Teint und den dunkelblonden Haaren war er einfach ein zu heller Typ - und zu bärtig. Aber als Sänger war er erstklassig und als Mensch hatte ich ihn inzwischen auch schätzen gelernt, so daß ich ihn fast einen Freund nennen konnte. Daß er mit mir das Zimmer teilen wollte, freute mich.

Als wir nach dem gut angenommenen Auftritt und einem Umtrunk mit dem Wirt spät in der Nacht endlich in unsere Zimmer wankten, einander aus den Fräcken halfen, saßen wir irgendwann in Unterwäsche und Socken nebeneinander auf einem der Betten, einer den Arm um den anderen gelegt, einfach die Nähe des anderen genießend. Es fühlte sich so gut an, ein warmer Leib neben mir, obwohl ich es doch so oft gehabt hatte. Fühlten sich so die einsamen Damen, die den Begleitservice nutzten, um endlich einmal wieder Arme um sich zu spüren, und sei es nur auf dem Tanzparkett?

Aus einer Laune heraus zog ich Bernhard hoch vom Bett, führte ihn zu ein paar Walzerschritten über den Teppichboden des Zimmers, während ich 'Wiener Blut' pfiff, doch nach einer Drehung führte er plötzlich mich, dann grinste er: "Links rum, schaffst du das noch?"

Nein, ich schaffte das nicht mehr, wir verhedderten uns und fielen lachend auf eines der Betten. Als ich merkte, daß ich ganz in Gedanken begonnen hatte, sein Brusthaar zu kraulen, hielt ich inne, ließ aber die Hand liegen.

Er erwiderte meinen prüfenden Blick. "Warum hast du aufgehört? Ich mag, wenn man meinen Pelz streichelt."

"Aber vielleicht mag Susanne nicht, wenn ich deinen Pelz streichle", antwortete ich, nahm langsam die Hand von seinem weichen Haar.

Aber Bernhard hielt meine Hand fest, legte sie wieder auf seine Brust. "Susanne ist nicht hier", sagte er leise.

Das machte mich sehr nüchtern. "Du bist doch betrunken, Bernhard. Laß uns schlafen - jeder in seinem Bett."

"Schade, ich hatte gehofft, wir könnten uns aneinander kuscheln." Aber dann rollte er sich schon zusammen, begann zu schnarchen, und ich deckte ihn zu.

Ich aber konnte nicht einschlafen. Bernhard hatte kein bißchen erregt gewirkt, eher schläfrig und anschmiegsam, außerdem war er doch nicht an Männern interessiert, oder? Vielleicht sollte ich in der kommenden Etappe lieber allein schlafen, damit Bernhard und ich nicht irgendwas taten, was wir später bereuen würden. Wenn wir nicht mehr miteinander auskamen wären die Folgen für die Volltönenden verheerend, und unser Ensemble bedeuteten mir viel zu viel, um eine Verstimmung zu riskieren. Das Verhältnis zu Bernhard mußte ich schnell klären, die Sache mit Ahmet war dagegen unwichtig.

Ich schlief schließlich doch ein, träumte wirres Zeug, von Marco, der mich rücksichtslos fickte, von Bernhard, der sich von mir ficken ließ, während Susanne mit einem Balg auf dem Arm daneben stand und aus vollem Halse schrie. Aber dieser Schrei war wohl nur der Wecker, der mich aus dem Schlaf riß. Verschlafen schaltete ich ihn aus, ließ mich wieder auf das Bett fallen, sah an die holzvertäfelte Decke über mir.

"Du bist ein guter Tänzer, Juan", sagte Bernhard plötzlich, "viel besser als Susanne. Und du läßt dich gut führen."

Ja, genau diese Art von morgendlicher Begrüßung brauchte ich nach einem solchen Traum. "Bernhard, sei still."

"Hey, es ist doch nichts passiert. So betrunken war ich nicht, daß ich das nicht mehr wüßte", protestierte er. Dann lachte er leise. "Und du kraulst so schön. Eine Schande, daß dein Ahmet das nicht kriegt."

"Er ist nicht MEIN Ahmet", stellte ich richtig.

"Aber er wäre es gern, da gehe ich jede Wette ein."

"Die Wette verlierst du", war ich überzeugt. "Bernhard, was sollte das gestern?"

"Was ist dein Problem, Juan? Darf man sich in deiner Gegenwart nicht einfach wohl fühlen? Ich will keinen Sex mit dir, falls es das ist, was du befürchtest. Ich wollte einfach nur deine Berührung genießen. Du kannst dich nicht einfach fallen lassen, was? Immer deiner selbst und deines Körpers überbewußt, immer im Blick, wie du von anderen wahrgenommen wirst, immer den Verstand angestellt, wenn es einfach nur um das Sein geht. Wie schaffst du es da nur, dich beim Sex hinzugeben?"

Ich dachte ernsthaft über diese Frage nach. Bernhard hatte mit seiner Charakterisierung nicht ganz unrecht, das mit dem Hingeben gelang mir ja nun gerade nicht so gut. "Der berufsmäßige Sex ist kein Problem, da geht es nur ums Funktionieren. Wo echtes Begehren damit verbunden ist, muß ich die Kontrolle behalten, sonst..." Ich verstummte, weil mir plötzlich aufging, daß ich gar nicht wußte, was sonst passierte.

"Was sonst?" fragte Bernhard nach einem Moment natürlich nach.

"... sonst verliere ich die Kontrolle über mich", ergänzte ich lahm. "Ich weiß nicht, warum es so problematisch für mich ist, die Kontrolle zu verlieren, aber als Ahmet damals die Führung übernahm, fühlte ich mich hinterher so benutzt, daß ich ihn dafür gehaßt habe", sagte ich leise. Jetzt, wo ich es Bernhard gegenüber ausgesprochen hatte, änderte sich daran ja vielleicht etwas. "Dabei tat er nichts, was ich nicht auch mit ihm hatte tun wollen", erinnerte ich mich dann. "Und während dessen genoß ich es."

"Dein Problem ist für eine Beziehung nicht sehr förderlich", analysierte Bernhard die Situation knapp. "Vielleicht solltest du einfach vorher sagen, wo deine Grenzen sind. Wenn du Ahmet wichtig bist, wird er diese Grenzen akzeptieren. Es ist eben eine Sache des Vertrauens, und dieses Vertrauen muß natürlich gegenseitig sein."

"Das hört sich bei dir so einfach an", seufzte ich.

"Mit der Person, die man liebt, ist es einfach."

*

Während des restlichen Provinztrips hätte ich viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was mich mit Ahmet verband und ob man das als Liebe oder eher als Begehren bezeichnen konnte, aber ich unterhielt mich während der Fahrt lieber mit den anderen über bevorzugte Musikstile und Komponisten und lieh mir für die Ruhepausen einen Krimi von Holger. Aber auch bei der anderen Übernachtungen teilte ich mit Bernhard das Zimmer.

Diesmal hielten wir Abstand voneinander, aber unser Gespräch wurde wieder sehr intim. Bernhard erzählte mir von seiner langen Einsamkeit, die ihn schließlich dazu geführt hatte, sich mehrfach irgendwelchen Weibern und auch Männern an den Hals zu werfen, bis er endlich, als er schon nicht mehr damit rechnete, Susanne kennenlernte. Ich erzählte Bernhard von dem Bruch mit meinem Vater, der schäbigen Hinterhauswohnung, durch die ich Ahmet kennengelernt hatte und von meinem kopflosen Bemühen, an Geld für die Neuanschaffung meiner verlorenen Plattensammlung zu kommen. Als Bernhard dann wieder damit anfing, daß ich Ahmet endlich anrufen solle, um mit ihm ins reine zu kommen, da er an mir sicher ebenso interessiert sei, wie ich an ihm, erzählte ich ihm von Marco, von der Faszination, die dunkelhäutige Männer auf mich ausübten und daß ich fürchtete, daß ein Gutteil meiner Gefühle für Ahmet allein auf diese Äußerlichkeit zurückzuführen war.

Als wir in der Nacht nach unserem dritten Provinzauftritt wieder in die Stadt zurückfuhren, mit Gesang dafür sorgten, daß Holger, der uns so tapfer durch die Nacht fuhr, auf der Autobahn nicht plötzlich einschlief, fühlte ich mich so wohl, daß ich vor lauter Zuneigung am liebsten alle umarmt und geküßt hätte, den schönen, schwarzen Ike, den manchmal etwas zu väterlichen Holger, den großen Organisator Felix und den einfühlsamen Psychologen Bernhard. Und als sie mich in der beginnenden Morgendämmerung als ersten absetzten, tat ich es, küßte unseren Tenor auf die bärtige Wange und wurde von ihm ans Herz gedrückt, umarmte unseren ersten Bariton, empfing selbst vom ersten Bass einen dicken Schmatzer und hauchte unserem zweiten Bass ein Küßchen auf die dunkle Haut.

"Gute Nacht, Juan, bis morgen zur Probe", verabschiedeten sie mich, und auch ich fühlte mich geliebt.

Beruhigt schlafen aber konnte ich nicht. Nun war ich wieder zu Hause und mußte mich endlich meinen Gefühlen für Ahmet stellen, die, kaum war ich allein, wieder meinen Magen in Aufruhr versetzen. Im Gespräch mit Bernhard war immer alles so einfach gewesen und nun konnte ich kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich mußte mich bald mit Ahmet aussprechen, da hatte Bernhard recht. Am besten machte ich mit ihm einen Termin auf neutralem Boden aus, vielleicht durfte ich ihn irgendwohin zum Essen ausführen, dann konnten wir ganz in Ruhe reden, so daß er vielleicht verstand, welche Probleme und Zweifel meine Zuneigung zu ihm überschatteten. Bis in die Morgenstunden wälzte ich meine Gedanken und erinnerte mich schließlich, daß Ahmet ein Frühaufsteher war, also rief ich endlich die Nummer an, die ich von der Auskunft erhalten hatte.

"Ahmet Cebir hier", meldete sich eine akzentgefärbte Stimme am Telefon. Das war definitiv nicht mein Ahmet! Die Stimme klang auch viel zu alt.

"Äh, ich wollte ihren Sohn Ahmet sprechen", versuchte ich es aufs Geratewohl. Notfalls würde ich Ahmet eben zu Hause aufsuchen, um mich mit ihm zu verabreden.

"Mein Sohn ist bei den Großeltern in Silifke. Er kommt nach paskalya... äh... Ostern wieder."

Konnte das denn der Ahmet sein, den ich suchte? "Ist ihr Sohn Sportstudent an der hiesigen Universität?" fragte ich, um sicher zu gehen.

"Ja, richtig. Sind sie ein Freund? Soll er sie anrufen, wenn er wieder hier ist?"

Wenn ich meinen Namen hinterließ, konnte das falsche Erwartungen bei Ahmet wecken, und er wäre enttäuscht, wenn ich ihm meine Unentschiedenheit beibringen würde. "Nein, ich melde mich wieder. Herzlichen Dank." Ich legte auf. Nichts konnte ich mit Ahmet klären, nicht vor Ostern jedenfalls. Ich würde also auch noch die Ostertour mit dieser Last absolvieren müssen. Plötzlich fühlte ich mich in meiner Wohnung wie ein Tier in einem Käfig, also zog ich mir die Turnschuhe an und lief los, durch den Park, in dem schon die ersten Bäume blühten, eine weitere Runde, vorbei an den schon die Knospen aufreckenden Osterglocken, dann ein Stück an der Straße entlang und ich stand vor Bernhards Haus. Nächsten Monat würde ich hier wohnen. Ich sah hinauf, die Gardinen hinter den Fenstern zur Straße waren alle geschlossen. Sollte ich klingeln? Was erwartete mich dann? Was, wenn nur Susanne zu Hause war? Was, wenn Bernhard keine Zeit für mich hatte, mir nicht gut zureden konnte? Was, wenn er allein war und wieder in Schmuselaune? Obwohl ich völlig erledigt war, machte ich mich zu Fuß wieder auf den Rückweg. Nur nicht denken müssen, nur nicht grübeln über Ahmet oder Bernhard oder irgendwelche... Marco, was war aus dem eigentlich geworden? Er hatte mit mir Abitur gemacht, auch wenn wir da ja schon keinen privaten Kontakt mehr hatten. Seine Telefonnummer, oder richtiger die seiner Eltern, konnte ich noch auswendig. Aber Marco war eine Jungenschwärmerei gewesen, wir hatten - abgesehen von der Gier nach männlichen Körpern - ja nicht einmal die gleichen Interessen gehabt. Er war mit Leib und Seele Fußballer gewesen, ähnlich muskulös wie Ahmet, aber Musik und insbesondere Gesang war 'Mädchenkram' für ihn gewesen. Das hätte damals nicht funktioniert, und heute würde es wohl erst recht nicht funktionieren.

Und wenn ich an den Rotschopf dachte, den Felix zur Informationsveranstaltung mitgebracht hatte, Florian... Hach ja, eine tolle Stimme, aber nichts für meine anderen Sinne. Wenn Marco ein bißchen mehr an Musik interessiert gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht damals schon über den Willen meiner Eltern hinweggesetzt, anstatt ihnen jahrelang etwas vorzuspielen. Und wenn ich mich mit Bernhard angefreundet hätte, bevor er Susanne angebumst hatte... ihm konnte ich vertrauen, ganz sicher, er würde Rücksicht auf meine Grenzen nehmen. Unter den gegebenen Umständen war Sex mit ihm natürlich ausgeschlossen, aber ich konnte eine Art brüderlicher Vertrautheit mit ihm genießen, die das mehr als aufwog. Was wollte ich von Ahmet denn eigentlich - außer Sex? Er und ich paßten nicht besser zueinander als ich und Marco. Ich hatte mich da in etwas verrannt, was die Probleme und Bauchschmerzen einfach nicht wert war. Ich konnte schon meinen Balkon über den Baumwipfeln erkennen und fühlte mich plötzlich so erleichtert, daß ich den Rest des Weges wieder laufend zurücklegen konnte.

Bernhard sah ich nun jeden Tag, Dienstag probten wir miteinander, Mittwoch und Donnerstag begannen wir mit unseren Umzügen, räumten zusammen beide Keller leer und fuhren den Kram mit seinem Auto hin und her um den Park herum, Freitag war der Auftritt im Nachtclub und Sonnabend der Tanztee, und Sonntag wurde ich von Bernhard und Susanne zum Essen eingeladen. Die nächste Woche verlief nicht viel anders, nur daß wegen des Karfreitags der Nachtclubauftritt auf später am Abend verlegt wurde. Am Sonnabend fiel der Tanztee aus und wir fuhren wieder in die Provinz, und auch diesmal schliefen Bernhard und ich wieder beide Nächte in einem Zimmer.

Als wir in den Betten lagen fragte er natürlich, wie weit die Aussprache mit Ahmet gediehen sei, aber ich erklärte ihm, daß sich Ahmets Bedeutung für mich relativiert habe. Dabei beließen wir es und planten statt dessen unsere letzte Umzugswoche.

Als wir am Dienstag nach Ostern im Anschluß an die letzte März-Probe alle zusammen bei Holger eingeladen waren, um seinen Abschied von den Volltönenden zu begehen und ihm alles Gute für sein bevorstehendes Examen zu wünschen, waren auch die Frauen der anderen dort. Diesmal war es kein Problem für mich, die Schmusereien mit anzusehen, auch wenn ich selbst niemanden hatte. "Wer wird Holgers Nachfolger als erster Bass?" war natürlich die brennende Frage, aber zunächst würden sich Ike und Felix seinen Part teilen, und Felix versprach, sich nach einem Bass umzusehen, der zu uns paßte. Bernhard und ich umarmten uns zum Abschied sehr herzlich und küßten uns, und ich wußte, daß er immer mein Freund bleiben würde.

* * *

Autorennotiz

Ich möchte auf die Quellen der durch Unterstreichung hervorgehobenen Kleinzitate in dieser Geschichte hinweisen:

Prolog:

1. Beginn der Kantate 'Ich will den Kreuzstab gerne tragen' von Johann Sebastian Bach (Bachwerkeverzeichnis (BWV) 56), Text von Christoph Birkmann, 1726;
2. Teile von Danderis Arie 'Come un'ape ne' giorni d'aprile' aus Gioachino Rossinis Oper 'La Cenerentola', Libretto von Jacopo Ferretti, 1817.

Kapitel 7:

Auftakt von 'In der Bar zum Krokodil' von Beda, Walter Fitz, Willy Engel Berger, Text: Fritz Löhner-Beda, 1927, grammatisch der Szene angepaßt.

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Autor

Elisabeths Profilbild Elisabeth

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Kapitel: 10
Sätze: 1.476
Wörter: 29.187
Zeichen: 174.151

Kurzbeschreibung

Herr Calatrava sucht die Liebe, aber er weiß es noch nicht und steht sich selbst dabei im Weg. Wer dem schwulen Juan bei seinen manchmal frustrierenden und manchmal komischen Erlebnissen über die Schulter schauen will, ist herzlich eingeladen.

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