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Magische Abkürzung

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09.02.26 08:09
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Wir verkörperten eine Highend-Version des modernen Paars auf transkontinentaler Wanderschaft. Digital Nomads im globalisierten Homeoffice-Modus, stilvoll kuratiert zwischen Gletschern, Wüsten und Coworking-Spots. Wir hatten den Bogen raus. Wir verdienten unterwegs Geld und sammelten Statuspunkte. Wir loggten uns in Lodges, Airbnbs und Cafés in Zoom-Calls ein, pitchten Projekte und optimierten Abläufe stets im Diskurszenit. Ich glänzte bei Ranger-Touren mit präzisen Kenntnissen über Landrechte, glaziale Erosion, koloniale Kartographie und indigene Topographie. Du warst charmant, geistreich, zuvorkommend - ein Meister der zweiten Ebene. Jede Nationalpark-Rangerin verliebte sich in dich und ließ dich leicht bekümmert ziehen.

Was sie sahen, war das Paar auf der Ideallinie. Eine performative Synthese aus Bildung, Freiheit, Stil.

Wir nahmen Abschied vom Grand Canyon, überwältigt von den vorzeitlichen Emanationen tektonischer Spannungen, kosmischer Verwerfungen und (wie unter Glassturz gebannter) Kollisionen titanischer Kräfte als Kolossalverweise auf ein planetares Gedächtnis.

„Die Falte der Welt“, nanntest du die Superschlucht.

Wir entschieden uns für eine magische Abkürzung. Unser erstes Ziel war Estes Park, das Tor zum Rocky Mountain National Park. So steht es geschrieben in jedem Reiseführer. Schon im 19. Jahrhundert war dieser Ort ein Refugium für europäische Intellektuelle und Künstler gewesen. John Muir prägte das Wort von einer „Kathedrale der Erde“.

Geologisch waren der Grand Canyon und die Rocky Mountains Aspekte desselben tektonischen Dramas - Formationen, aufgeworfen, gefaltet, geformt von Eruption und Erosion. Beide Regionen lieferten Verehrungskulten Schauplätze. Atmosphärisch bot uns der Wechsel von der glutheißen Schlucht in die Höhenluft der Rockies eine fast alchemische Transmutation: Feuer zu Luft, Sandstein zu Granit.

Estes Park war ein rustikal-idyllisches Kleinod. Auf 2.300 Metern Höhe, befriedet von wuchtigen Gebirgsausläufern, wirkte das Städtchen wie eine Handvoll Licht in einer Steinschale. Ursprünglich war es die Sommerfrische der Ute - ein heiliger Ort, an den sich die First Nations zurückzogen, wenn der Schnee aus den hohen Lagen wich. Hier sammelten sie Heilkräuter, jagten, lagerten in Zelten und überlieferten Wissen, das nicht gegoogelt werden kann.

Ständig stolperten wir durch heilige Räume. Sie trugen Geschichten in sich, die älter als jedes Narrativ der Moderne waren. Ich hatte begriffen, dass unsere Abstraktions- und Repräsentationskategorien, die alles in Symbole und Zeichen übersetzten, archaische Kulturen verfehlten. Es ging nicht um Symbole, sondern um Überlebenssubstanz. Die steinzeitliche Komplexität der Kosmologien autochthoner Völker faszinierte mich inzwischen stärker als alle pixelgenauen Weltdeutungsmodelle. Du warst mein Seelenführer und Schamane. Ich war Wachs in deinen Händen. Inbrünstig war mein Bestreben, dich glücklich zu machen. Nie gabst du mir einen Grund, an dir zu zweifeln. Ich existierte in der Gravitation deiner Liebe.

Nie misslangen deine erotischen Missionen. Mit dir erlebte ich Lust nicht als Wiederholung, sondern als Transformation. Sogar in Ekstase nahm ich deine Präzision wahr.

Du warst mein Gegenentwurf zur Unklarheit der Welt. Meine Lust war auch ein Resonanzraum deiner Ideen. Du wurdest nie mechanisch. Nie gabst du dich für ein Abspulen bewährter Handgriffe her. Nie beschränktest du dich auf ein schlichtes Reiz-Reaktions-Schema. Du lasest mich. Wie ein Manuskript, dass du bereits kanntest.

„Wenigstens glaubst du jetzt nicht mehr, alles über deine Lust zu wissen. Wie könntest du auch, bei der allgemeinen männlichen, gewissermaßen amtlichen Selbstsucht, die sich seit jeher auf dich auswirkt.“

Natürlich galt das auch für dich. Das Patriarchat hatte dich genauso abgerichtet.

Sonne, Harz und Höhe. Die Luft vibrierte. Unser Ferienblockhaus lag jenseits der städtischen Peripherie, in einer Senke zwischen Bergahorn und bizarr verknorzten Kiefern. Im Unterholz brillierten Beifuß, Salbei und Lavendel. Der Weg zum Haus schien sich als Wildwechsel in die Landschaft eingetragen zu haben. In der Ferne schimmerte der Thompson River wie flüssiges Glas.

Vor dem Küchenfenster standen Gambel-Eichen, Espen und Felsenbirnen. Es roch würzig nach Holzrauch. Der Kamin war schon angeheizt worden.

Der Flecken trug den poetischen Namen Himmelslichtung. Die Himmelslichtung war ein Murmeltierparadies.

Wir spazierten zum Bear Lake. Der Gletschersee lag in einem Tannenrund. Die Sonne war längst hinter dem Horizont verschwunden, aber die Berge leuchteten rosarot. Alpenglühen in den Rocky Mountains. Ich war perplex. Man nannte es sogar so - Alpenglow.

Über uns erhoben sich die Front Range Peaks, darunter der Longs Peak - 4346 Meter hoch, ein Tafelberg mit fast vertikalem Südosthang. Für die Arapaho war er Neníisótoyóú’u, der „Fels, der die Welt trägt“.

Ein Weißkopfseeadler kreiste über uns. In einem natürlichen Amphitheater referierte ich über glaziale Ursprünge … das Pleistozän, Endmoränen, das Andrews Glacier Basin. Du schwiegst andächtig, ein Pilger in der mineralischen Welt, die so viel älter und resilienter ist als alle organischen Verbindungen.

*

„Wir müssen bald wieder was anschieben“, sagtest du am nächsten Morgen beim Frühstück. Es war zu kühl, um auf der Veranda zu sitzen. Ich hatte das mit einem kleinen Bedauern registriert. Du decktest den Tisch. Auch das war ein Ritual und gehörte zu unserer Liebe. Wenn wir uns morgens geliebt hatten, blieb ich noch einen Augenblick trödelnd zurück, während du dem Tag die offizielle Tür öffnetest. „Drei Wochen in den Rockies, das ist fein. Aber wir brauchen einen Plan, der uns unterwegs einpolt.“

Ich nickte. Ich war in meinem und in deinem Element. „Vielleicht endlich den Essayband zur postkolonialen Geografie der Nationalparks?“ „Zu trocken.“ „Oder etwas mit Stimme. Narrative Interviews. Selbstporträts der Landschaft in Menschenform.“ „Das klingt gut.“

Brainstorming - ich liebte es. Wir waren nicht nur ein Paar, wir waren ein Betriebssystem. Und unser System war durchlässig für Lust, Ordnung, Intellekt, Ökonomie. „Was wäre dein Ansatz?“

Ich überlegte nicht lange. „Stimmen und Orte. Menschen, die von Gegenden träumen, in denen sie noch nie waren. Oder die jeden Sommer auf denselben Campingplatz fahren, weil der Vater das schon so gemacht hat. Biografien entlang geografischer Fixpunkte.“

Du lehntest dich zurück. Dein Blick wurde scharf.

„Wir brauchen eine Klammer. Einen Filter. Sonst zerläuft uns das Projekt.“

Ich nickte. Wenn du mich so ansahst, dachte ich klarer.

Wir waren hier und da akkreditiert und hatten Referenzen genug, um von jetzt auf gleich einen Interviewtermin mit einer Rangerin zu kriegen. Wir trafen Abigail Moss auf der Sheep Lakes Area im Moraine Park Valley an der Ostflanke des Rocky Mountain National Park. Die Gegend war ein Feuchtgebiet, wo im Frühling Elche kalbten und im Spätsommer Wapiti Hirsche röhrten.

Abigail, Anfang vierzig, geschieden, Mutter einer Tochter und Tochter eines Rangers der ersten Generation, war Spezialistin für geologische Bildungsformate, spezialisiert auf Plateaustabilität und periglaziale Zonen. Ich konnte bei ihren Themen mitreden. Du konntest es nicht. Ich trug ein beiges Hemdblusenkleid, das ich mit dem Hintergedanken gekauft hatte, dir einmal wieder im Kleid zu begegnen. Du sahst mich gern in Röcken und Kleidern. Meine Shorts dienten als Ersatz in unserem Spiel, das ohne Anfang und ohne Ende war. Abigail trug das volle NPS-Set: olivfarbene Hose, graues Hemd, Stetson. Sie sprach leise und artikulierte sich im Duktus einer in jeder Hinsicht Aufsicht führenden Person.

„Ich bin in Estes Park aufgewachsen“, sagte sie, „mein Vater war Geometer. Lange bevor GPS üblich wurde.“ „Wie hat das funktioniert?“ „Mit Geduld.“

Ich fragte nach Kindheitserinnerungen. Abigail zeigte auf einen Grat, den Fern Lake Trail.

„Da oben hat er mir erklärt, wie eine Endmoräne entsteht. Da war ich sieben.“ Sie lachte nicht.

„Seht ihr die abgeflachte Kante? Das war der letzte Gletscherstoß. Bevor ich zehn war, wusste ich das Moraine Park versumpfter Gletscherboden ist. Den Status quo nennt man Übergangsbiotop. Frost-Tau-Zyklen arbeiten an der Oberfläche. Wir stehen auf beweglichem Land.“

„Was bedeutet das für Sie im Alltag?“ Sie betrachtete mich prüfend. „Dass ich mir nichts auf meine Stabilität einbilde.“

Ich unterdrückte den Wunsch, Abigail zu umarmen.

„Ich glaube nicht, dass der Park mich braucht“, sagte sie wie in einem Selbstgespräch. „Aber ich brauche ihn. Um mich zu verorten. Ich bin keine Erzählerin. Ich empfinde mich als Punkt im Gelände.“

Eine Kollegin von Abigail kreuzte auf. Helen Katchen war dreißig, halb White River Ute, halb Finnin. Sie übertraf Abigail noch an Klarheit, Zurückhaltung und Pragmatismus. Mit ihr hätte man ethnisch-kulturelle Geologie zu einem Lehrfach machen können.

„Ich wuchs zwischen den Bergen und der Prärie auf. Die Ute nennen die höchsten Felsmassive Tavakiev - Sonnenberge. Wir lesen die Jahreszeiten an den Zyklen von Ponderosa-Kiefern und Tannenzapfen. Am Grand Lake errichteten meine Ahnen ihr Lager, weil dort Wasser und Holz zusammentrafen.“

Helen sprach von den Ute Trails, Pfaden, die seit Jahrhunderten die Rocky Mountains durchkreuzen.

„Meine Arbeit erschöpft sich nicht in Schutzfunktionen. Sie ist Erinnerung und Fortsetzung.“

Magic Force

Wir waren gut im Geschäft. Du nanntest es Resonanz-Ökonomie. Ich nannte es Magic Force. Jeder von uns war eine Kraft, gemeinsam waren wir ein Kraftpaket. Etwas sehr Überzeugendes. Es roch gut. Es hatte den richtigen Touch. Es bewegte etwas in den Beweglichen. Die Zukunftsfähigen fuhren auf uns ab. In den Rocky Mountains boomte der neue Lebens- und Arbeitsstil. Wir tingelten von einem Coworking-Space zum nächsten. Eines Tages kreuzten wir in Boulder, Colorado, auf. Die Flatirons* standen wie geneigte Gesetzestafeln über der Stadt, in der Menschen alles messbar machten - ihre Regenerations- und ihre Konzentrationskurven und ihren CO₂-Abdruck. Der Spot vibrierte. Nicht nur technisch, auch organisch.

*Das sind fünf große, schräg stehende Sandsteinplatten, die wie gigantische Bügeleisen aus der Landschaft ragen. Sie sind Teil des Foothills und besonders markant in ihrer artifiziell-skulptural wirkenden Geometrie. Ihr geologisches Alter beträgt 290 Millionen Jahre.

Formularende

Wir hatten einen Platz in der Brain Money-Faktur reserviert, einem aufgelassenen Handwerksbetrieb, umgebaut zum fließenden Raum für Design, Strategie und stille Arbeit. Die Fenster waren groß, es roch nach Holzstaub, Kaffee … und da war das einzigartige Colorado-Licht.

Ich platzierte meinen Laptop auf einem Tisch aus gebürstetem Stahl, schloss das Netzkabel an. Um mich agierten Avantgardisten in feinen Texturen, mit ruhigen Stimmen und umsichtig akzentuierten Accessoires. Ein Gespräch auf Französisch, eines auf Dänisch. Ich schnappte einen Präsentationsmoment über KI-gestützte Ökologieberatung auf.

Ich hatte einen Slot für eine Kurzpräsentation. Fünf Minuten über Kartierung von Wildtierkorridoren in sich verändernden Habitaten. Ich sprach konzentriert. Zeigte Karten, nannte Zahlen. Aber ich wusste, unsere magische Wirkung kam aus dem unsichtbaren Part der Kollaboration.

Denn ich war eingetunt auf dich.

Du hattest dich in eine Ecke verzogen. Scheinbar vertieft in etwas Eigenes. Doch riss der Kontaktfaden in keinem Augenblick. Jeder Blick war eine Liebeserklärung. Du warst mein Resonanzkörper.

Ein Ethnobiologe aus Vancouver stellte mir Fragen, klug, wohlwollend, mit überbordendem Interesse. Ich war höflich, hell, verbindlich. Er schaute mich an, als würde er mich gleich zum Kaffee einladen.

Innerlich lachte ich. Denn was er sah, war eine Oberfläche. Eine Schnittstelle, die ich beherrschte.

Ich ging zur Espressomaschine, füllte Wasser so selbstverständlich nach, als sei ich vor Ort beruflich zuhause, nickte einer Frau mit dunkelblauer Hornbrille zu, die mir ihre Visitenkarte zusteckte. Ich faltete sie in mein Notizbuch. Alles war möglich. Jeder Kontakt konnte uns weiterbringen.

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Diese Story wird neben Liebe auch im Genre Abenteuer gelistet.

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