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Daydream

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29.7.2019 19:31
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Homosexualität
Bisexualität
Asexualität
In Arbeit

Der schneeweiße Stoff war längst blutgetränkt. Es war ein sauberer Schnitt und nicht sonderlich tief, aber das Blut quoll weiterhin aus der Wunde heraus. Er musste zugeben, dass die Messer ihres Onkels unglaublich scharf waren und hätte er sich nicht so leicht ablenken lassen, so hätte er wahrscheinlich jetzt nicht das Dilemma.
Toby sah zu seinem blutigen Daumen hinunter, welchen er mit seinem Taschentuch verbunden hatte. Gleichzeitig versuchte er sowohl sein Handy, als auch seinen Regenschirm zu halten.

„Frag doch David ob er dich nachhause fährt. Er hätte bestimmt nichts dagegen“, schlug Annette ihm vor.
„David liegt schon längst im Bett. Außerdem bin ich schon fast an der Bushaltestelle.“
Annette mochte es nie wenn Toby spät abends unterwegs ist. Am meisten nicht wenn er von seinem Onkel zurück kam. Es gab einfach zu viele leere Straßen, dunkle Ecken und weit und breit nur Wald.

Toby hingegen liebte es um diese Uhrzeit spazieren zu gehen. Es war immer so ruhig und friedlich.
Als seine Mutter noch lebte, gingen sie fast jeden Abend am Waldrand spazieren. Sie würden sich dann auf eine alte Steinbank setzten und seine Mutter würde ihm Geschichten von Helden, Feen und mystischen Wesen erzählen. Tobys liebste Geschichte war die von Avery von Hedera. Einem jungen Waldgeist Prinzen, welcher in einem Schloss aus Efeu im Herzen des Waldes lebt und Verlorenen den rechten Weg weist.  Auch hatte er stets den Geschichten über die Wasserschlange Tuman gelauscht, welche schon viele Helden in die dunklen Tiefen zog.
Tobys Mutter war schon immer eine richtige Geschichtenerzählerin gewesen. Genau wie ihr Bruder. Aber an Stelle ihre Geschichten niederzuschreiben und zu veröffentlichen, erzählte sie diese jeden Abend ihrem Sohn.
Toby vermisste seine Mutter. Und er vermisste ihre Geschichten.

„Bitte sei vorsichtig und ruf mich sofort an sobald etwas passiert! Hörst du!“
„Ja, mache ich“, entgegnete er. „Du, ich muss jetzt auflegen. Mein Akku ist bald leer.“
„Na gut. Ruf an sobald du wieder aussteigst. Dann kann ich dir entgegen kommen.“
„Mach ich. Bis später, An.“
„Bis später.“
Toby legte auf und steckte das Handy in seine Hosentasche.

Bis zur Bushaltestelle waren es nur wenige Meter, weshalb er sich etwas mehr beeilte um endlich im Trockenen zu sei. Er klappte seinen Schirm zu und setzte sich auf die alte Holzbank.
Die Sonne ist schon vor einer Stunde untergegangen und der letzte Bus kommt in zwanzig Minuten. Die Haltestelle lag sehr abgelegen und weit und breit ist nur Walt. Einzig die wenigen Straßenlaternen spenden Licht, was all dem nur einen noch schaurige Atmosphäre gab. Toby war dies aber längst gewöhnt und die Dunkelheit hatte etwas beruhigendes für ihn. Er war tiefen entspannt und lauschte dem Regen, welcher erbarmungslos vom Himmel fiel.

Ein ganz gewöhnlicher Abend für Toby. Bis das Licht zu flackern begann.
Sie flackerte erst kurz dreimal bis es komplett ausging. Toby sah zur Laterne hinauf, war aber keinesfalls überrascht. Die Laternen hier waren uralt und haben schon bessere Zeiten gesehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine davon ausfiel. Noch bevor er sich wieder von der Laterne abwenden konnte, sprang sie wieder an und erhellte die regennasse Straße. Zur selben Zeit hörte er das vertraute knarzten der Holzbank und ein Blick zu seiner Linken offenbarte ihm den Ursprung des Geräusches.

Neben ihm saß ein junger Mann, nicht älter als er selbst. Er saß kerzengerade auf der Bank, das lange schwarze Haare klebte nass an seinem leichenbleichen Gesicht und der schwarze Anzug war ihm ein oder zwei Nummern zu groß und hing wie ein nasser Sack an ihm. Toby merkte nicht, dass er den anderen viel zu lange anstarrte und zuckte zusammen, als dieser sich zu ihm umdrehte und ihn ebenfalls ansah. Das erste was Toby durch den Kopf ging, als sein Gesicht sah, war ‚engelsgleich'. Es war perfekt symmetrisch, mit sanften Zügen und makellos. Naja, fast makellos. Er hat sehr dunkle Augenringe, welche durch seine bleiche Haut nur auffälliger waren. Die Augenringe wären wahrscheinlich das Auffälligste gewesen, wenn da nicht seine Augen wären. Sie waren ein solch schönes hellblau und wirkte fast als würden sie leuchten. Es waren die schönsten Augen die Toby jemals gesehen hatte und er könnte stundenlang in sie hinein schauen. Dies wäre wahrscheinlich auch passiert, wenn nicht ein Grummeln ihn aus seiner Trance herausgeholt hätte.
Der junge Mann schloss seine Augen und legte seine Hand auf seinen Bauch und Toby verstand nun was das Grummeln war. Er hatte Hunger!
Toby legte seine Umhängetasche, ohne welcher er so gut wie nie das Haus verlässt, auf seinen Schoß und fing an darin zu wühlen. Man kennt ja die Witze, die man immer über Frauen und ihre Handtaschen macht, nur sind es bei Toby keine Witze. Er hat immer das richtige parat und niemand wäre überrascht, wenn er eines Tages ein komplettes Zelt rausholen würde.
Nach gut zwei Minuten war er auch endlich fündig und holte eine kleine Dose mit Keksen raus, welche er am Nachmittag mit seiner Tante gebacken hatte. Toby wandte sich wieder dem jungen Mann zu und reichte ihm die Dose.
„Du kannst sie gerne essen, wenn du willst", bot er an, wobei seine Stimme leiser war, als beabsichtigt.
Der Andere sah ihn erst erstaunt an, bevor er etwas zögerlich die Dose nahm. Dabei bemerkte Toby seine langen bleichen Finger und seine schwarzen Fingernägel, welche fast schon an Krallen erinnerten. Beim überreichen berührten sich ihre Finger und ein Schauer durchfuhr ihn. Die Finger des Anderen waren eiskalt.

Misstrauisch beäugte der Bleiche die Dose bevor er diese öffnete und einen Keks rausholte. Der erste Bissen war klein, aber mit dem zweiten verschlang er den halben Keks auf einmal, was wohl heißen soll, dass es ihm schmeckt.  
Wieder konnte sich Toby nicht vom Anblick des Anderen abwenden. Wie kann man auch beim essen so gut aussehen? Erst als der Bus direkt vor ihm hielt konnte er sich wieder losreißen. Als aber wieder zum Anderen sah, war nur eine leere an seinem Platz.
Toby war verwirrt. Wie konnte er in einem Bruchteil einer Sekunde verschwunden sein. Selbst wenn er aufgestanden und weg gegangen war, müsste er ihn immer noch sehen. Aber es war, als wäre er nie da gewesen und allein die leere Keksdose war der einzige Beweis dafür, dass sich Tobi ihn sich nicht eingebildet hatte.

Als der Busfahrer ungeduldig zu hupen begann, schnappte er sich Dose und stieg ein. Im Bus bemerkte er jedoch, dass die Dose doch nicht leer war und bei näherem Betrachten fand er einen Ring darin. Es war ein silberner Siegelring mit einem eingravierten Auge und einem bläulichen Stein als die Iris. Der Stein war zu hell für einen Saphire. Möglicherweise ein Aquamarin? Es hatte jedenfalls die selbe Farbe wie die Augen des Fremden. Er muss ihn in die Dose gelegt haben, weil von selbst konnte er nicht reingefallen sein. War das seine Art um sich für die Kekse zu bedanken? Nein, der Ring war zu wertvoll für die paar Kekse.
Toby musste ihn wiedersehen. Nicht nur wegen des Ringes.

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Prizraks Profilbild Prizrak

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Sätze:77
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Kurzbeschreibung

Mit Blut sollte es beginnen und mit Blut sollte es enden

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy, Liebe und Mystery gelistet.