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Ein tödlicher Raub

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29.11.25 22:12
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

3 Charaktere

Commander Bricks

Skrupelloser, machthungriger Befehlshaber. Egoistisch, empathielos, ein kalter Opportunist.

Die Handerson Brüder

4 treu dienente Soldaten, die nichts auseinander bringt. Lt Joe Handerson Veteran, Kriegsheld, Ausbildner. Capt Jakob Handerson und Capt Dwight Handerson Furchtlose Piloten und hochbegabte Ingenieure. AB Michael Handerson. Intelligent, einfühlsam, ruhig, talentierter Späher.

Julia, Stefan und Dominik

Drei eng befreundete Medizin Studenten, dessen Urlaub durch ein dramatisches Ereignis ein gefährlichen Lauf nimmt. Julia Empathisch, liebevoll, manchmal schnippisch. Stefan Sakastisch, stark, humorvoll Dominik Schüchtern, intelligent, neugierig.

Als Joe langsam zu sich kam, konnte er sich kaum bewegen.

Eine eisige Kälte umhüllte ihn, so durchdringend, dass sie seine Glieder beinahe betäubte. Doch zugleich spürte er die Sonne, die ihm grell ins Gesicht schien.

Mit Mühe öffnete er die Augen. Alles verschwamm. Er versuchte, sich aufzurichten – ein stechender Schmerz schoss durch sein linkes Bein und warf ihn sofort wieder zu Boden. Heftig atmend sog er die eiskalte Luft ein, die ihm in der Nase brannte und ihn erzittern ließ.

Etwas drückte in seinem Rücken. Er griff danach – seine Finger berührten den Schaft eines Gewehrs. Offenbar hatte er es mit einem Gurt über die Schultern gelegt. Mit letzter Kraft rollte er sich auf den Bauch und stemmte sich auf die Arme. Laut schreiend drückte er sich hoch und ließ das Gewehr über seinen Kopf nach vorn fallen. Als es endlich vor ihm lag, packte er es und nutzte es wie einen Gehstock, um sich aufzurichten.

Keuchend stand er da. Die Sonne blendete ihn, der Schnee glitzerte schmerzhaft hell.
„Wo zum Teufel bin ich?“, flüsterte er heiser.

Er drehte sich um und erstarrte. Unter ihm – endloses Weiß. Gipfel, scharf wie Messer. Er befand sich auf einer Bergspitze, mitten im Nichts. Panik stieg in ihm auf. Hastig suchte er die Umgebung ab, bis er in der Ferne eine Rauchsäule aufsteigen sah.

„Das Flugzeug! Die Jungs!“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Verdammt, ich muss sie finden!“

Er biss die Zähne zusammen und humpelte los, Schritt für Schritt durch den hohen Schnee. Jeder Meter war Qual. Doch als die Rauchschwaden näher rückten, flackerte Hoffnung auf.
„Nur noch ein Stück, gleich hinter dem Hügel“, keuchte er. „Reiß dich zusammen, Joe!“

Mühselig kämpfte er sich den Hang hinauf, jeder Schritt schmerzhafter als der letzte. Als er die Kuppe erreichte, stockte ihm der Atem.
„Scheiße!“ brüllte er in den Wind.

Vor ihm lag ein steiler Abhang, übersät mit Trümmern. Am Ende, nur wenige Meter vor einer schroffen Felskante, lag das Wrack ihres Frachtflugzeugs – zerschmettert, zerfetzt, von Rauchschwaden umgeben.

Joe zwang sich, hinunterzuklettern. Jeder Griff, jede Bewegung brannte in seinem Körper. Die Schmerzen waren unerträglich, doch er kämpfte weiter. Der Schnee war von Treibstoff durchzogen, scharf roch es nach Metall und Rauch.

„Jakob! Michael! Dwight!“ rief er. Keine Antwort. Nur der Wind heulte über die Felsen.
„Nein, nein, das darf nicht sein…“ murmelte er panisch und schleppte sich weiter.

Endlich erreichte er das Wrack. Am Heck klaffte ein großes Loch – dort, wo einmal die Laderampe gewesen war.
„Jungs! Ich bin da!“ rief er und kletterte hinein.

Drinnen herrschte Chaos. Überall lagen Geldscheine, Schmuck, Goldbarren, verstreute Papiere. Die Ladung hatte sich in alle Richtungen verteilt.

„Joe…“ Eine heisere Stimme kam aus der Dunkelheit.

„Michael? Bist du das?“ rief er hoffnungsvoll. „Warte, ich komme!“

Doch als er ihn fand, wich alle Hoffnung aus seinem Gesicht. Eine riesige Frachtkiste, mehrere Tonnen schwer, hatte Michael gegen die Wand gedrückt. Blut klebte an Metall und Boden, dunkle Spuren zogen sich über den Frachtraum.

„Oh, Gott… Michael!“ Joe stürzte zu ihm, versuchte verzweifelt, die Kiste zu bewegen – vergeblich.

„Lass es, Joe…“ Michaels Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Die wiegt zwanzig Tonnen. Du weißt das… ich hab’s doch selbst berechnet.“

„Verdammt!“ Joe schlug mit der Faust auf den Boden. „Was ist mit Jakob und Dwight?“

Michael schloss die Augen. „Tot. Ich habe sie schreien hören, als wir aufgeschlagen sind. Seit Stunden ist alles still.“

Joe taumelte zur Leiter, die ins Cockpit führte. Oben fand er seine Brüder – Jakob und Dwight. Regungslos. Eiskalt. Der Aufprall hatte keine Gnade gekannt.

Stumm kletterte er zurück zu Michael, Tränen liefen ihm über die Wangen.

„Joe… nimm meine Hand“, flüsterte Michael.

Joe tat es sofort, kniete sich neben ihn.

„Danke“, hauchte Michael. „Danke, dass ihr versucht habt, mich zu retten. Ihr wart die besten Brüder, die man sich wünschen kann.“

„Nein, nein, red nicht so! Ich hol Hilfe, du bleibst bei mir! Bitte!“ Joes Stimme brach.

Michael lächelte schwach. „Für mich gibt’s keine Rettung mehr. Aber du… du kannst es schaffen.“

Joe schüttelte den Kopf, Tränen tropften auf den blutigen Boden.

„Jemand hat uns verraten, Joe…“ flüsterte Michael mit letzter Kraft. „Sie konnten unmöglich wissen, welche Route wir fliegen…“

Joe starrte ihn an, unfähig zu antworten.

„Ich finde ihn, Michael“, presste er hervor. „Ich finde den Bastard, der uns das angetan hat.“

Michael drückte seine Hand ein letztes Mal – dann ließ er los.

Joe blieb kniend zurück. Für einen Moment war alles still. Nur der Wind jaulte durch das zerrissene Metall.
Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand das Herz aus der Brust gerissen.

v

Zehn Jahre später.

„Julia, gibst du mir bitte was zu trinken aus meiner Tasche nach vorne?“, fragte Stefan schon fast fordernd.

„Es gibt da so ein besonderes Wort, das man sagt, du Affe!“ konterte Julia schnippisch von der Rückbank.

Mit einem genervten Augenrollen griff sie nach Stefans Tasche und zog die Wasserflasche heraus.
Sie hatte sich gerade über den Sitz gebeugt, als Dominik, der am Steuer saß, plötzlich eine Vollbremsung hinlegte.

„Mann, bist du bescheuert, du Vollidiot!“ fluchte er, während der Wagen auf der vereisten Straße zum Stehen kam.
Ein anderer Fahrer hatte sich einfach vor sie gedrängt.

Julia verlor das Gleichgewicht, die Flasche glitt ihr aus der Hand und rollte in Stefans Fußraum.

„Super. Danke schön!“, sagte Stefan sarkastisch.

„Ach, halt doch die Klappe!“ fauchte sie zurück.

„Ihr haltet jetzt beide die Klappe!“ schrie Dominik. „Dieser Urlaub ist sowieso schon eine Katastrophe – also bitte, einfach mal still sein!“

Beschwichtigend setzte Julia sich wieder auf ihren Platz. „Tut mir leid, Dominik“, sagte sie und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.

Der geplante Skiurlaub der drei Freunde stand von Anfang an unter keinem guten Stern.
Zuerst hatten sie den Autozug verpasst, der sie samt Dominiks Wagen über die Grenze in die Schweiz bringen sollte. Der nächste fuhr erst fünf Stunden später.
Als sie endlich ankamen, wurde es nicht besser: Auf einer vereisten Straße verlor Dominik die Kontrolle über seinen alten Minivan und krachte seitlich gegen einen Laternenpfahl.

„Wie soll ich mir das jemals leisten?“ stöhnte er, als er den massiven Schaden an der Fahrerseite sah. „Meine Mutter bringt mich um. Wir können uns kaum noch die Studiengebühren leisten – und jetzt das!“

Julia legte ihm die Hand auf den Arm. „Ganz ruhig, Dominik. Wir kümmern uns darum, wenn wir wieder zu Hause sind, okay? Jetzt versuchen wir, den Urlaub wenigstens ein bisschen zu genießen.“

Dominik atmete tief durch. „Ihr habt recht…"

Etwa eine Stunde später erreichten sie ihr Hotel – ein altes, aber charmantes Haus in einem tiefen Tal, umgeben von gewaltigen, schneebedeckten Bergen.
Weihnachten stand vor der Tür, und überall glitzerten Lichterketten, der Schnee funkelte in der Dunkelheit.

Dominiks Stimmung besserte sich langsam wieder. Er hielt den ramponierten Van vor dem Eingang an, wo ein Page schon auf Gäste wartete.

„Herzlich willkommen“, sagte der junge Mann höflich. „Unser Personal kümmert sich um Ihr Gepäck und parkt Ihren Wagen. Dürfte ich bitte die Schlüssel haben?“

Da die Fahrertür durch den Unfall eingedrückt war, musste Dominik über die Beifahrerseite aussteigen.
Er reichte dem Pagen den Schlüssel und grinste schief. „Wenn Sie irgendwo gegenfahren – keine Sorge. Bei dem Schrotthaufen macht das keinen Unterschied mehr.“

Der Mann sah ihn kurz irritiert an, zuckte dann mit den Schultern und fuhr den Wagen weg.

Im Zimmer angekommen, fielen die drei erschöpft in ihre Betten und schliefen bis zum nächsten Morgen durch.

Dominik wachte als Erster auf.
Um die anderen nicht zu wecken, setzte er sich in den kleinen Wohnbereich und schaltete den Fernseher ein.

Auf dem Bildschirm stand ein hochrangiger Offizier, kahlgeschoren, das Gesicht glattrasiert, die Brust voll mit glänzenden Orden.
Die Nachrichtensprecherin wandte sich ihm zu.

„Commander, können Sie uns erste Details sagen?“, fragte sie, während im Hintergrund eine Luftaufnahme eines Flugzeugwracks gezeigt wurde.

„Nun, wie Sie an diesem Symbol auf der Tragfläche erkennen können, scheint es sich um eine unserer Maschinen zu handeln“, erklärte er trocken.

„Welches Symbol meinen Sie?“, fragte die Reporterin verwundert.

„Das Symbol der US Air Force – deswegen bin ich hier“, sagte der Commander.

„Commander, wie werden Sie nun weiter verfahren?“, fragte die Reporterin dann.

Der Commander nahm eine strenge Haltung ein.

„Mit sofortiger Wirkung erkläre ich diesen Bereich zu einer militärischen Sperrzone. Allen Skifahrern und allen, die hier wandern gehen, rate ich dringend, sich an diese Einschränkungen zu halten, sonst spüren Sie die Konsequenzen.“

„Vielen Dank, Commander Bricks. Bitte halten Sie uns auf dem Laufenden. Vielen Dank für Ihre Zeit“, nickte die Reporterin.

„Immer wieder gerne“, antwortete der Commander knapp und marschierte aus dem Studio."

Dominik lehnte sich zurück. Nachdem die Nachrichten zu Ende waren, sah er sich noch in Ruhe das Frühstücksfernsehen an.

Dann krochen auch Julia und Stefan aus ihren Betten.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg hinunter in den Speisesaal, um zu frühstücken.

Schon auf dem Treppenabsatz hörten sie eine laute, aufgebrachte Stimme, die durch die Lobby hallte.

„Was zum Teufel soll das heißen? Alle Pisten sind gesperrt? Ich bin Skirennfahrer, verdammt nochmal! Ich muss für einen Wettkampf trainieren!“ brüllte ein Mann in einem blauen Trainingsanzug die Frau hinter dem Empfangstresen an.

„Das verstehe ich ja, Sir, aber wir haben eine offizielle Wetterwarnung erhalten. In den nächsten Tagen wird es heftige Schneestürme geben“, erklärte sie ruhig.

Der Mann warf wütend die Arme in die Luft. „Großartig! Dann kann ich die Goldmedaille ja gleich vergessen. Vielen Dank auch für nichts!“
Mit einem genervten Schnauben stapfte er davon.

„Was für ein Idiot“, murmelte Julia geringschätzig, als sie an ihm vorbeigingen.

Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster, von wo aus man die schneebedeckten Berge in der Ferne sehen konnte.
Das Licht des frühen Morgens brach sich auf den Scheiben, und im Kamin knisterte leise das Feuer.

„Einen schönen guten Morgen zusammen“, begrüßte sie eine gut gelaunte Kellnerin und legte ihnen freundlich die Speisekarten hin.

„Guten Morgen“, antworteten sie fast im Chor und begannen zu blättern.

Stefan seufzte. „Tja, Skifahren können wir dann wohl auch abhaken.“

„Ich hab mir heute früh die Nachrichten angesehen“, sagte Dominik, während er die Karte studierte.

„Na und? Da kommt doch eh immer derselbe Mist“, meinte Stefan beiläufig.

„Nein, diesmal war’s anders“, entgegnete Dominik. „Da war so ein komischer Typ – sah aus wie ein General oder so. Ganz übler Kerl. Der hat irgendwas von einem Flugzeugwrack erzählt, das sie in den Bergen gefunden haben.“

Er schilderte den beiden, was er gesehen hatte: den Fernsehbeitrag, den ernsten Ton des Reporters, den Hinweis auf das mysteriöse Wrack hoch oben im Gebirge.

Stefan lehnte sich interessiert vor. „Klingt ja fast wie in einem Film. Vielleicht war’s ein Transportflugzeug aus dem Krieg oder so?“

„Oder ein Geheimprojekt“, sagte Dominik grinsend. „US Air Force, das war sicher kein normales Flugzeug.“

Julia verdrehte die Augen. „Können wir bitte über etwas anderes reden? Ich hab keine Lust auf eure Verschwörungstheorien.“
Sie nahm einen Schluck Wasser. „Lasst uns doch heute einfach ein bisschen in der Stadt shoppen gehen.“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, bebte der Boden leicht unter ihren Füßen.
Ein tiefes Dröhnen, dumpf und gleichmäßig, drang von draußen herein – Motoren. Viele.

„Was war das?“ fragte Stefan.

Dominik stand auf und trat ans Fenster. „Was zum…?“

Eine Kolonne schwer gepanzerter Militärfahrzeuge bog in die Straße vor dem Hotel ein. Schnee spritzte auf, Metall klirrte, Männer in weißen Schneetarnanzügen sprangen aus den Fahrzeugen und stürmten ins Gebäude.

„Was ist hier los?“ rief die Frau an der Rezeption, als die ersten Soldaten die Lobby betraten.

„Das erfahren Sie gleich, Ma’am“, antwortete einer der Männer kurz angebunden.

Dann öffnete sich die Tür erneut – und ein hochgewachsener Mann mit strengem Gesicht und perfekt sitzender Uniform marschierte herein.
Begleitet von zwei Soldaten ging er ohne Umschweife direkt in den Speisesaal.

„Das ist der Typ aus dem Fernsehen“, flüsterte Dominik. „Dieser- Commander.“

Der Mann blieb in der Mitte des Raumes stehen, räusperte sich und sprach mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete:

„Ladies and Gentlemen, ich darf um Ihre Aufmerksamkeit bitten – ich wiederhole mich nur ungern.“

Er machte eine kurze Pause.

„Commander Bricks, United States Air Force. Aufgrund eines laufenden Militäreinsatzes ist es sämtlichen Zivilisten untersagt, die höheren nördlich gelegenen Bergregionen zu betreten.
Ab sofort wird die Stadt und das umliegende Gebiet rund um die Uhr patrouilliert.
Alle Fahrzeuge, die das Gebiet verlassen, werden durchsucht.

Sollte jemand gegen diese Auflagen verstoßen, sehen wir uns gezwungen, entsprechend zu handeln.“

Er nickte knapp. „Einen angenehmen Aufenthalt – und einen schönen Tag noch.“

Keiner der Gäste brachte ein Wort heraus, als Bricks sich wortlos umdrehte.
Die Soldaten folgten ihm im Gleichschritt hinaus. Autotüren wurden zugeschlagen und Motoren heulten auf. Sekunden später verließen die Militärfahrzeuge das Gelände des Hotels, so schnell wie sie gekommen waren.

Einen Moment lang herrschte absolute Stille.
Das Knistern des Kamins war das Einzige, was blieb.

„Was hatte das eben zu bedeuten?“ fragte eine ältere Frau mit zitternder Stimme und durchbrach die angespannte Stille im Speisesaal.

Die Rezeptionistin trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Ich… ich kann es Ihnen leider nicht sagen, werte Frau“, stotterte sie unsicher.

Kurz darauf kehrte die Kellnerin an den Tisch von Julia, Stefan und Dominik zurück, als wäre nichts geschehen.
„Sind Sie bereit zu bestellen?“ fragte sie bemüht freundlich.

„Für mich bitte einen Obstteller“, sagte Julia.
„Ich nehm Rührei mit Speck“, meinte Stefan.
„Dasselbe für mich“, fügte Dominik hinzu.

Das Frühstück verlief stiller als sonst. Immer wieder wanderten ihre Blicke zum Fenster hinaus, wo die Spuren der Militärfahrzeuge im Schnee noch deutlich zu sehen waren.

Nach dem Essen kehrten sie auf ihre Zimmer zurück, um sich für ihre kleine Shoppingtour vorzubereiten.
Doch als sie das Hotel verließen, lag eine seltsame Stimmung in der Luft.
In der Lobby tuschelten Gäste, einige standen in Gruppen beisammen, andere starrten wortlos auf ihre Handys.
Es schien, als rede das ganze Hotel über nichts anderes mehr.

Am Hoteleingang trat Dominik zu einem der Pagen, um seine Autoschlüssel abzuholen. Der junge Mann war in ein angeregtes Gespräch mit seinem Kollegen vertieft – natürlich über das Militär.

„Entschuldigung, könnte ich bitte meine Schlüssel bekommen?“ fragte Dominik höflich.

Der Page reagierte einen Moment lang nicht, dann zuckte er zusammen.
„Oh – ja, natürlich, einen Augenblick bitte.“ Er griff nervös hinter die Theke und suchte in einem Haufen von Schlüsseln.

„Ganz ruhig“, meinte Dominik grinsend. „Hier wird schon keiner erschossen werden“

Der Page lachte unsicher. „Bei dem, was hier gerade abgeht, wär ich mir da nicht so sicher.“

Draußen auf dem Parkplatz blieb Dominik stehen und betrachtete seinen ramponierten Wagen.
Die Dellen im Kotflügel und der Sprung in der Frontscheibe erinnerten ihn an den Unfall am Vortag.

„Verdammt“, murmelte er kopfschüttelnd. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass das passiert ist. Ich hab dieses Auto seit dem College… und jetzt muss ich’s wohl verschrotten.“

„Wir haben so viel in dem Ding erlebt“, sagte Stefan leise.

Julia nickte nachdenklich. „Das war irgendwie immer unser Glücksbringer.“

Sie stiegen ein und fuhren die schmale Straße hinunter, die aus dem Tal hinaus auf die Hauptstraße führte.
Online hatten sie gelesen, dass es ein kleines Einkaufszentrum in der Nähe der Stadt gab – ihr Ziel für den Tag.

Der alte, ramponierte Van quietschte laut vor sich hin. Immer wieder hörte man, wie herunterhängendes Metall kurz über den Boden schleifte.

"Oh Mann" seufzte Stefan" Vielleicht sollten wird mit dem Teil doch mal in die Werkstatt fahren"

"Ja, aber nicht heute. Heute haben wir uns einen Tag Entspannung verdient klar?" warf Julia von der Rückbank ein.

Je weiter sie fuhren, desto unheimlicher wurde die Szenerie.
Immer wieder kamen ihnen Militärkonvois entgegen – gepanzerte Fahrzeuge, Lastwagen voller Soldaten, Männer mit Sturmgewehren, die in Reih und Glied durch die Straßen marschierten.

"Guckt mal, ein Weihnachtsmarkt" sagte Julia mit leuchtenden Augen, als sie daran vorbeifuhren.

„Was geht hier bloß vor sich?“ fragte Stefan leise, während er aus dem Fenster starrte.

„Das muss ja echt was großes sein“, sagte Dominik und hielt den Blick auf die Straße gerichtet.

Schließlich erreichten sie das Ortsende.
Vor ihnen stand eine Straßensperre – Stacheldraht, Warnschilder, Absperrungen. Ein Kettenpanzer blockierte die Zufahrt.

„Was zur Hölle…?“ flüsterte Dominik.

Er trat auf die Bremse, und der Wagen kam langsam zum Stehen.
Kaum hatte er angehalten, bewegten sich zwei Soldaten auf sie zu.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Julia nervös.

„Ganz ruhig bleiben“, sagte Stefan, doch seine Stimme klang alles andere als ruhig.

Ein dumpfes Klopfen an der Fensterscheibe ließ alle drei zusammenzucken.
Ein Soldat in weißem Schneetarn stand draußen, das Gewehr lässig über der Schulter. Mit einer kurzen Handbewegung deutete er Dominik, das Fenster herunterzulassen.

„Schönen guten Tag. Wo kommen Sie her, und wohin wollen Sie?“ fragte er mit freundlicher, aber bestimmter Stimme.

Einen Moment lang wusste Dominik nicht, was er sagen sollte.
„Äh… aus dem Hotel unten im Tal. Wir machen Urlaub – wollten nur kurz zum Einkaufen fahren“, brachte er schließlich hervor.

Der Soldat nickte knapp. „Gut. Bitte steigen Sie alle aus. Wir müssen Sie und das Fahrzeug durchsuchen.“

Dominik starrte ihn einen Augenblick ungläubig an.
„Ist das… wirklich nötig?“ fragte er vorsichtig.

„Na los, worauf warten Sie?“ Die Stimme des Soldaten klang jetzt schärfer, ungeduldig.

Stefan öffnete als Erster die Tür und trat hinaus in die klirrende Kälte. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen. Dann half er Dominik, auf der Beifahrerseite auszusteigen, da die Fahrertür immer noch verklemmt war.

Julia folgte, zog ihren Mantel enger um sich und sah sich nervös um.
Kaum stand sie draußen, winkte der Soldat zwei seiner Kollegen heran. Die Männer trugen Helme mit getönten Visieren, ihre Gesichter waren kaum zu erkennen.

Einer begann sofort, die Autotüren zu öffnen, der andere leuchtete mit einer Taschenlampe ins Innere.

„Wieso ist das Fahrzeug in diesem Zustand?“ fragte einer der Soldaten mit schneidendem Ton, während er den verbeulten Minivan musterte.

Dominik schluckte schwer. „Wir… wir hatten auf dem Weg hierher einen Unfall“, stotterte er, seine Stimme zitterte leicht. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, trotz der eisigen Kälte.

Der Soldat trat einen Schritt näher. „Alle drei an das Fahrzeug. Hände aufs Dach. Auch Sie, Miss.“

Ohne zu zögern gehorchten sie. Der kalte Stahl des Daches brannte auf ihren Handflächen, während die beiden Soldaten routiniert mit der Durchsuchung begannen. Man hörte das Rascheln von Stoff, das metallische Klirren von Ausrüstung, und irgendwo in der Ferne das dumpfe Brummen eines Panzermotors.

Jede Tasche, jedes Fach, selbst die Innentaschen ihrer Jacken wurden überprüft. Einer der Soldaten trat schließlich vor Julia.
„Miss, Ihre Handtasche bitte.“

Zögerlich reichte sie sie ihm.

Ohne Rücksicht begann er, den Inhalt herauszuzerren und Stück für Stück auf das Dach des Autos zu legen – Lippenstift, Parfum, ein kleiner Spiegel, eine Packung Kaugummis.

„Hey! Passen Sie auf, das sind teure Make-up-Produkte!“ protestierte Julia empört.

Der Soldat warf ihr nur einen kurzen, kalten Blick zu. „Sicherheitsvorschrift, Ma’am.“

Er durchsuchte weiter, ohne jede Regung im Gesicht, während sich um sie herum die gespannte Stille verdichtete.

Der dritte Soldat machte sich inzwischen am Minivan zu schaffen.
Mit schnellen, groben Bewegungen öffnete er Türen, riss das Handschuhfach auf und leuchtete in jeden Spalt und Winkel. Der kalte Metalllauf seiner Taschenlampe streifte die Sitze, die Ritzen, den Kofferraum – nichts blieb unberührt.

„Alles sauber“, meldete er schließlich knapp.

„Hier auch“, bestätigten die beiden anderen.

Der ranghöhere Soldat nickte. „Gut. Sie können weiterfahren.“
Mit einer kurzen Handbewegung gab er dem Panzerfahrer ein Zeichen.

Ein tiefes, dröhnendes Grollen ertönte, als der tonnenschwere Koloss langsam zur Seite rollte und die Straße freigab. Dieselqualm mischte sich mit dem feinen Schnee, der von den Ketten aufgewirbelt wurde.

„Schönen Aufenthalt noch,“ sagte einer der Soldaten mit einem Unterton, der alles andere als freundlich klang.

Dominik, Julia und Stefan nickten stumm. Ihre Bewegungen waren fahrig, hastig – nur noch weg von hier.
Julia stopfte ihre Sachen hastig zurück in die Handtasche, während Dominik hinter dem Steuer Platz nahm.

„Bloß weg hier“, murmelte Julia und sah nervös über die Schulter.

Dominik drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang mit einem heiseren Knurren an.
Er spürte, wie sein Herz raste, seine Hände zitterten, als er den ersten Gang einlegte.

Im Stress ließ er die Kupplung zu schnell kommen, und würgte den Motor ab.

Einer der Soldaten winkte ungeduldig. „Los jetzt – fahren Sie!“

"Ist ja gut" rief Dominik.

Erneut startete er den Motor und Minivan setzte sich ruckartig in Bewegung, rollte langsam an den gepanzerten Fahrzeugen vorbei. Niemand sprach ein Wort. Nur das leise Summen des Motors und das Knirschen der Reifen auf dem Schnee begleiteten sie, während die Berge in der Ferne wie stumme Wächter über ihnen thronten.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erreichten sie das kleine Einkaufszentrum am Rande der Stadt.
Dominik war noch so zittrig, dass er den Minivan schief in eine Parklücke stellte, halb über der weißen Linie.

Er atmete schwer aus, hielt kurz inne und starrte auf das Lenkrad, als müsste er sich vergewissern, dass alles wirklich vorbei war.
„Zum Glück ist das vorbei" murmelte er leise.

Julia löste ihren Gurt, fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln.
„Also, ich brauche jetzt erstmal einen richtig schönen, heißen Kakao. Was meint ihr, Jungs?“
Sie zeigte auf ein kleines Kaffeehaus mit beschlagenen Fenstern, aus denen warmes Licht in die Kälte fiel.

Dominik und Stefan nickten nur. Beide wirkten, als hätten sie in den letzten Minuten Jahre gealtert.

Drinnen war es wohlig warm. Der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee, Vanille und Zimt hing in der Luft. Eine ältere Frau hinter der Theke wischte Tassen ab, ein paar Einheimische saßen still an ihren Plätzen, die Gespräche leise, gedämpft – fast, als wollte niemand zu laut atmen.

Die drei setzten sich an einen Tisch im hinteren Teil des Raumes.
Julia rieb sich die Hände, um sie zu wärmen. „Gott, was für ein stressiger Urlaub. Da hätten wir auch gleich zu Hause bleiben können.“

„Kein Witz“, murmelte Stefan, der nervös an seiner Serviette zupfte. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass unser Urlaub so laufen, hier nach brauche ich Urlaub vom Urlaub “

Dominik schwieg. Sein Blick war nach draußen gerichtet, hinauf zu den Bergen, die sich im Schneetreiben verloren.

„Leute… seht mal da hinten“, sagte er leise.

Julia und Stefan folgten seinem Blick. Durch die beschlagenen Scheiben konnten sie gerade noch die blinkenden Lichter eines Militärhubschraubers erkennen, der sich in Richtung der Berge bewegte. Rot und Blau pulsierten sie im Nebel, wie das Herz eines Ungeheuers, das sich in die Wolken schraubte.

„Tja, die lassen wohl nichts anbrennen“ sagte Stefan schulterzuckend.

Dominik verzog verwundert das Gesicht, als der Hubschrauber plötzlich anfing, unruhig zu taumeln. Erst leicht – dann immer stärker. Er flog seltsame, hektische Manöver, als würde er irgendetwas ausweichen, das man vom Tal aus nicht sehen konnte.

„Was… was macht der da?“ fragte Julia verwirrt.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten als plötzlich ein helles Licht zwischen den Wolken blitzte. Feuer!

Im ganzen Café verstummten die Gespräche. Alle starrten hinaus, wie gebannt, während der Pilot offenbar die Kontrolle verlor, und der Helikopter brennend in einer Spirale vom Himmel fiel.

Dann – ein dumpfer, alles durchdringender Knall.
Das Echo hallte durch das Tal, prallte an den Bergen ab, und ließ die Fensterscheiben erzittern.

Für einen Moment herrschte absolute Stille. Niemand sprach ein Wort, geschockt über das, was gerade vor ihren Augen geschehen war.

 

Es herrschte eine dicke Luft in dem sonst sehr gemütlichen Cafe.

Eine Frau am Nebentisch, wo Julia, Stefan und Dominik saßen, brach in Tränen aus und schlug die Hände vors Gesicht.
„Oh Gott … diese armen Menschen“, schluchzte sie.

Die einst fröhliche Stimmung war komplett verschwunden – ersetzt durch Panik, Trauer und Fassungslosigkeit. Hastig sprangen die Gäste von ihren Stühlen auf und strömten nach draußen.

Auch die drei Freunde folgten ihnen. Auf dem Parkplatz hatte sich bereits eine Menschenmenge versammelt, alle starrten mit entsetzten Gesichtern hinauf zu den Bergen.
Eine pechschwarze Rauchwolke stieg zum Himmel und hüllte den Berg in ein unheilvolles Grau.

„Denkt ihr, da hat jemand überlebt?“ fragte ein Mann in der Menge.
„Das bezweifle ich stark“, antwortete jemand anderes.

„Seht nur, da!“ rief Stefan aufgeregt und zeigte auf drei weitere Hubschrauber, die sich Richtung Sperrgebiet bewegten – ein großer und zwei kleinere.

„Die werden sie retten, oder? Das müssen sie doch!“ rief Julia, Tränen liefen ihr über die Wangen.

Doch nichts in der Welt hätte sie auf das vorbereitet, was als Nächstes geschah.
Plötzlich erhellte eine grelle Explosion den Himmel, kurz nachdem die Helikopter im Rauch verschwunden waren.

Die Menge erstarrte. Ein gewaltiger Knall folgte, als der große Helikopter brennend vom Himmel stürzte.
Und dann noch zwei weitere Explosionen – die beiden kleineren Maschinen folgten kurz darauf.

„Oh Gott, nein …!“ schluchzte Julia und drückte sich an Stefan.
Dieser schloss sie fest in die Arme, versuchte, sie zu schützen, obwohl er selbst erschüttert war.

Plötzlich quietschten Reifen auf dem Parkplatz. Blaulicht spiegelte sich auf dem nassen Asphalt.
Eine Kolonne schwer gepanzerter Fahrzeuge hielt abrupt an. Männer und Frauen in Militäruniformen stiegen aus, Waffen bereit, Mienen ernst.

Aus einem der Militärfahrzeuge ertönte eine laute Durchsage aus dem Lautsprecher:
„Dieses Gebiet wird mit sofortiger Wirkung zur Sperrzone erklärt! Alle Zivilisten begeben sich sofort zu ihren Fahrzeugen und fahren nach Hause!“

Die Menschen eilten, angetrieben von den Soldaten, schnell zu ihren Autos. Dominik starrte wie eine Statue in Richtung der Berge, bis ihm einer der Soldaten einen groben Schubs gab.

„Na los, Junge! Beweg dich!“ befahl er.
„Okay, schon gut, wir gehen ja“, murmelte Dominik. Stefan zerrte ihn zum Minivan.
„Fahr du lieber“, sagte Dominik leise und reichte ihm die Schlüssel.

Hastig stiegen die drei ein und schnallten sich an. Julia wischte sich mit dem Ärmel ihres Mantels die Tränen aus dem Gesicht.
Stefan legte den Rückwärtsgang ein, und der Motor heulte auf, als er aus der Parklücke fuhr.

An der Ausfahrt des Einkaufszentrums herrschte ein heilloses Chaos. Autos stauten sich, hupend drängte jeder nach vorne. Polizei- und Militärfahrzeuge rasten heran und blockierten die Zufahrt.

Nachdem sich die drei sich zwei Stunden lang durch den Stau vor der Stadt gekämpft hatten, erreichten Julia, Dominik und Stefan völlig erschöpft ihr Hotel. Wie nach einem Marathon fielen sie auf das Sofa ihres Zimmers. Dominik schaltete wortlos den Fernseher ein. Auf dem Bildschirm berichtete eine Außenreporterin, während im Hintergrund noch immer der dichte Rauch von den Bergen aufstieg.

„Noch ist völlig unklar, was zu dieser Tragödie geführt hat“, begann sie. „Neben mir steht Commander Bricks von der US Air Force. Commander, können Sie etwas zu diesem Unglück sagen? Wie viele Opfer gibt es, und wurden Rettungsteams losgeschickt?“

Die Reporterin hielt ihm das Mikrofon hin. Mit ruhiger, bestimmter Stimme antwortete der Commander:
„Im Moment können wir noch nicht allzu viel sagen. Wir gehen davon aus, dass es sich um eine terroristische Aktion handelt. Wir haben die Situation völlig unter Kontrolle"

„Ich verstehe, Commander. Was werden die direkten Folgen sein?“ fragte die Reporterin.

Mit ernstem Blick sah der Commander in die Kamera:
„Wer auch immer sich da oben befindet, wir werden ihn finden.

Bis auf Weiteres rufe ich eine Ausgangssperre für die gesamte Stadt aus. Sämtlichen Zivilisten ist es ab sofort untersagt, ihre Häuser zu verlassen. Danke.“

Bevor die Reporterin weitere Fragen stellen konnte, drehte sich der Commander um und marschierte davon. Sichtlich verwirrt wandte sie sich wieder der Kamera zu.
„Tja, meine Damen und Herren, Sie haben es gehört – offenbar befindet sich die Stadt nun im Lockdown.“

Dann wurde wieder ins Studio geschaltet.
„Unfassbar, in welchen falschen Film sind wir hier?“ sagte Stefan wütend und schlug die Hände über dem Gesicht zusammen.

„Mir reicht’s für heute“, murmelte Julia und gähnte erschöpft. „Ich geh ins Bett und schlaf mindestens eine Woche durch.“

„Ja, geht mir genauso. Was ist mit dir, Dominik?“ fragte Stefan.

Einen Moment lang kam keine Antwort. Dominik starrte noch immer auf den Bildschirm, als würde er versuchen, die Worte des Commanders in seinem Kopf zu ordnen.

„Hallo? Erde an Dominik?“ fragte Stefan und winkte ihm vor dem Gesicht herum.

„Was? Ach so, ja. Natürlich. Ich komm schon“, sagte Dominik hastig und schaltete den Fernseher aus.

Wenig später lagen sie alle in ihren Betten. Julia und Stefan schliefen sofort ein – erschöpft, ausgelaugt, leer.
Nur Dominik lag hellwach da, die Augen starr auf die dunkle Decke gerichtet.
Die Ereignisse des Tages kreisten unaufhörlich in seinem Kopf:
Warum waren die Hubschrauber abgestürzt?
Und was meinte der Commander mit „Wer auch immer da oben ist“?

Er drehte sich auf die Seite, schloss die Augen, doch sein Herzschlag blieb unruhig. Etwas stimmte hier nicht. Und je länger er darüber nachdachte, desto stärker wurde das nagende Gefühl, dass er Antworten finden musste – egal wie.

Am nächsten Morgen lag eine bedrückende Stimmung über dem Hotel.
Als die drei zum Frühstück hinuntergingen, sahen sie draußen mehrere Militärfahrzeuge, die den Parkplatz blockierten. Soldaten bewachten den Eingang zum Hotel.

Im Foyer hörte man eine ältere Frau aufgebracht mit einem von ihnen diskutieren.
„Das ist ja wohl eine Frechheit! So etwas habe ich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt!“ schimpfte sie lautstark.

Der Soldat blieb ungerührt. „Tut mir leid, Ma’am. Bis auf Weiteres ist es Ihnen untersagt, das Hotel zu verlassen. Kehren Sie bitte in Ihr Zimmer zurück oder bleiben Sie im Speisesaal.“

Zornig murmelnd drehte sich die Frau um und stapfte die Treppe hinauf.

Mit strengem Blick beobachteten die Soldaten die drei Freunde, jede ihrer Bewegungen im Auge behaltend – als wollten sie sicherstellen, dass niemand auf dumme Gedanken kam.
Schweigend nahmen Dominik, Julia und Stefan an ihrem gewohnten Tisch Platz. Der Duft von Kaffee und Rührei lag in der Luft, doch niemandem war wirklich nach Frühstück.
Sie bestellten mechanisch das Übliche, jeder versunken in seine eigenen Gedanken.

Eine Weile herrschte bedrückende Stille – bis Dominik plötzlich das Wort ergriff.

„Leute, was glaubt ihr was oder wer da oben ist?" fragte Dominik aus dem Nichts heraus.

Julia schnaufte genervt: "Ist doch egal, dieser Urlaub ist ein verdammter Alptraum"

Dominik sah sich um vergewisserte sich, das niemand zuhörte.

"Was wäre, wenn wir da raufgehen würden?" fragte er leise.

Stefan verschluckte sich fast an seinem Orangensaft. „Bitte was?“ brachte er hustend hervor.
Julia starrte ihn an, als hätte er gerade den Verstand verloren.

„Du spinnst ja wohl" sagte Julia scharf.

Doch Dominiks Blick war ernst – viel zu ernst.
„Nein, ich meine es todernst. Irgendwer ist da oben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Hubschrauber von Lenkraketen abgeschossen wurden. Irgendwas stimmt hier nicht, und ich will herausfinden was“

Stefan schüttelte fassungslos den Kopf. „Sind dir jetzt völlig die Sicherungen durchgebrannt? Da oben ist ein verdammtes Sperrgebiet! Das Militär wird dich verhaften, bevor du überhaupt den halben Hang geschafft hast! Und außerdem wurden Wetterwarnungen ausgesprochen, ist dir das klar?"

Dominik zuckte nur mit den Schultern: "Na und? Wir sind den verdammten Mount Everest raufgestiegen, falls du dich erinnerst. Dagegen ist das hier ein Spaziergang"

„Nicht so laut, Stefan!“, zischte Julia.

Doch es war bereits zu spät – jemand hatte sie gehört.

Ein Mann, Mitte dreißig, mit kurz geschnittenem Haar und einem schmalen Spitzbart, kam langsam auf sie zu. Er trug ein schlichtes T-Shirt und Jeans. Misstrauisch sah er sich mehrmals um, als wolle er sicherstellen, dass keiner der Soldaten ihn beobachtete. Dann beugte er sich über den Tisch und flüsterte:

„Tut mir leid, wenn ich störe, aber ich habe euer Gespräch mitgehört, ich wollt also da rauf?"

„Nein“, antwortete Stefan sofort, sichtlich angespannt. „Wir haben uns bloß unterhalten – über ein Videospiel, weißt du?“

„Ich schwöre euch, ich bin nicht vom Militär“, sagte der Mann leise. „Ich bin von der Bergrettung.“

„Dann zeig uns deinen Ausweis“, verlangte Julia misstrauisch.

„Was?“, fragte der Mann überrascht.

„Deinen Dienstausweis der Bergrettung – das sollte doch kein Problem sein, oder?“

Nach einem Moment des Zögerns griff er in seine Hosentasche und reichte ihr ein abgenutztes Ledertäschchen. Julia klappte es auf.

Sebastian Hoffmann – Schweizer Bergrettung.

Sie nickte knapp. „Na gut, setz dich"

Erneut sah Sebastian sich vorsichtig um, nahm Platz, senkte die Stimme und sagte dann:

„Ich muss euch was erzählen. Das Militär ist nicht erst seit gestern hier. Die sind schon über zehn Jahre in der Gegend. Damals haben sie den alten Bahnhof westlich der Stadt in eine Basis umgebaut.“

„Aber warum? Was wollen die hier?“, fragte Stefan leise.

Sebastian atmete tief durch. „Das begann alles vor zehn Jahren. Ich hatte Nachtschicht in der Notrufzentrale, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Geräusch den Himmel zerriss. Es klang wie Schüsse... dann ein lauter Knall. Durch die Fensterscheiben sahen wir eine schwarze Rauchspur am Nachthimmel. Wenige Minuten später kam der erste Notruf herein.“

Er senkte den Blick, als würde er sich genau an diesen Moment erinnern. Dann flüsterte er und er und sagte den Funkspruch auf.

„Mayday, Mayday, Mayday... Hier spricht Delta Fox Bravo 1023...Triebwerksausfall... verlieren schnell an Höhe... können Höhe nicht halten...“

Ein grelles Rauschen durchzog die Leitung – und dann, erzählte Sebastian, hallte ein dumpfer Knall durch das Tal. Sekunden später folgte ein Aufschlag, so heftig, dass der Boden bebte.

„Wir konnten kein Rettungsteam losschicken, da in jener Nacht ein schwerer Blizzard tobte“, erzählte Sebastian mit trauriger Stimme.
„Erst am frühen Morgen, als sich das Wetter endlich etwas beruhigte, wollten wir aufbrechen. Doch dann kam dieser Typ hereingestürmt – mindestens zwei Meter groß, Glatze, und ein Blick, als hätte er direkt in die Hölle gesehen. Er trug eine graue Militäruniform, über und über mit Orden behängt.“

Sebastian machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach.

„Er befahl uns, den Einsatz sofort abzubrechen. Meinte, es hätte sich lediglich um eine Übung gehandelt.“

„Und... was war mit dem Notruf?“ fragte einer meiner Kollegen damals.

Sebastian schnaubte leise. „Der Kerl grinste nur kalt und sagte: ‚Reines Schauspiel. Gehört alles zur Übung.‘
Was sollten wir denn tun? Wir mussten auf seine Befehle hören.

„Commander Bricks – der Typ, der in den Nachrichten war“, murmelte Dominik.

„Genau den meine ich“, bestätigte Sebastian.
„In den Wochen nach dem Absturz kamen noch drei weitere Notrufe bei uns an. Ich habe sie alle heimlich aufgezeichnet.“

Sebastian warf einen schnellen Blick über die Tische hinweg, um sicherzugehen, dass niemand mithörte.
„Dann lass hören!“, platzte Dominik heraus, seine Augen funkelten vor Aufregung.

„Nicht hier“, flüsterte Sebastian hastig. „Habt ihr ein Zimmer?“

„Ja, haben wir“, antwortete Julia sofort.

„Gut, dann treffen wir uns in zwei Stunden dort“, sagte Sebastian und verschwand schnell, unauffällig unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste.

 

Nervös saßen die drei in ihrem Hotelzimmer. Stefan stand auf und begann gestresst auf und ab zu gehen.
„Wo bleibt er verdammt noch mal?“ fragte er panisch. „Wurde er festgenommen? Wir sind erledigt!“

„Beruhig dich, Stefan“, sagte Julia sanft und legte ihm tröstend die Arme um seine Schultern.

Kurz darauf klopfte es an der Zimmertür.
„Wir haben nichts bestellt, gehen Sie bitte!“ rief Stefan, schwer atmend.

„Ich bin es. Macht die Tür auf“, flüsterte Sebastian von draußen.

Dominik öffnete und ließ ihn herein.
„Wo warst du denn? Mann, wir dachten, die hätten dich erwischt!“ sagte Stefan atemlos.

„Ich musste noch heimlich die Aufnahmen von Zuhause holen“, erklärte Sebastian. „Das Militär überwacht alle Ein- und Ausgänge, aber es gibt einen alten Zugang ins Hotel, von dem sie nichts wissen.“

Dann packte er ein altes Diktiergerät aus.
„Also, seid ihr bereit? Aber ich muss euch warnen: Das ist nichts für schwache Nerven“, fragte er die drei.

Julia und Dominik nickten, unsicher, aber entschlossen.
Stefan setzte sich wieder hin, völlig mit den Nerven fertig, und gab zögernd sein Okay.

Sebastian drückte auf „Play“.

Langes Rauschen, keine stabile Verbindung …Hier… hier spricht Lieutenant Joe Handerson… stöhnt vor Schmerzen …US Air Force. Unser Flugzeug wurde angegriffen, ich fiel aus der Maschine. Die Crew… meine Brüder… sind alle tot. Ich konnte sie nicht retten… tiefes Einatmen, unterdrücktes Weinen. Mein Bein ist gebrochen, ich kann nicht laufen. Mein rechtes Auge ist schwer verwundet, ich sehe kaum etwas und weiß nicht, wo ich bin. Hier ist überall nur Schnee und Berge. Falls mich jemand hört… schicken Sie umgehend Hilfe.“

Damit endete die erste Aufnahme.

„Oh Gott, wie schrecklich…“ flüsterte Julia, den Tränen nahe.
Dann drückte Sebastian erneut auf „Play“.

Erneut lautes Rauschen, verzerrte Störgeräusche, Wind pfeift durch das Mikrofon.

„…Hier… ist nochmal Lieutenant Handerson…“
Ein tiefes, raues Keuchen folgt.
„Es sind… inzwischen drei Wochen vergangen…“ Er hustet schwer, seine Stimme bricht.
„Wieso kommt… keine Hilfe?“

Ein paar Sekunden lang ist nur Wind zu hören. Dann ein dumpfes Stöhnen.

„Ich… ich habe unten im Tal eine Stadt gesehen. Ich weiß, dass jemand da ist… Ich weiß, dass ihr mich hören könnt!“
Seine Stimme kippt zwischen Wut und Verzweiflung.
„Bitte… kommt mich holen…“

Ein lautes Klirren, als würde etwas Metallisches umfallen.

„Mir gehen… die Vorräte aus. Mein Bein…“ Er schreit kurz auf vor Schmerz „…blutet stark. Es ist blau, geschwollen… und ich spüre es kaum noch.“

Ein Zittern ist in seiner Stimme zu hören.
„Es ist bitterkalt hier oben… Ich weiß nicht, ob ich noch… länger durchhalte.“
Ein langes, tiefes Einatmen. Dann flüstert er fast tonlos:
„Bitte… lasst mich hier oben nicht sterben…“

Das Rauschen verschluckt den Rest seiner Worte. Die Aufnahme endet abrupt.

Dominik blickte entsetzt zu Sebastian. Er schluckte, kämpfte gegen die Tränen an.
„Wieso… habt ihr ihm nicht geholfen?“ fragte er vorwurfsvoll, die Stimme zitternd.

„Wir konnten nicht,“ sagte Sebastian leise. „Bricks hatte uns vollkommen im Würgegriff. Die ganze Stadt war abgeriegelt. Es gab keine Möglichkeit, unbemerkt dort hoch zu gelangen – geschweige denn mit einem Rettungshelikopter.“
Er senkte den Blick.
„Aber… ich glaube, dass er noch lebt.“

„Wie kommst du darauf?“ fragte Dominik.

„Die Helikopter, die gestern abgestürzt sind. Ich glaube, das war er."

Er zog sein Handy aus der Tasche.
„Ich habe einen heimlichen Kontakt in der Basis. Ich rufe ihn kurz an.“

Es läutete mehrmals.

„Bin gleich wieder da, meine Mutter ruft mich gerade an“, sagte eine Stimme im Hintergrund.

„Sebastian, das ist gerade sehr ungünstig“, fauchte die Stimme am Telefon.

„Hör zu, David. Erzähl mir nochmal schnell das von gestern, okay?“, sagte Sebastian leise.

„Wer hört noch mit?“, fragte David misstrauisch.

„Du kannst ihnen vertrauen, David. Sie wollen nur helfen, ihn zu finden. Vertrau mir bitte“, versicherte Sebastian ihm.

Ein tiefes Durchatmen war zu hören.

„Also gut. Heute Morgen wurde ein Pilot auf die Krankenstation gebracht. Völlig unterkühlt, verletzt, hat sich wohl den Berg hinuntergekämpft. Ein Überlebender der Abstürze von gestern. Er wirkte traumatisiert und hat wirres Zeug erzählt. Von einem Kerl… heruntergekommen, langer Bart, lange Haare. Er soll gehumpelt haben und hat ihn angeschrien, er solle verschwinden.“

David senkte die Stimme.

„Bricks ist völlig ausgerastet. Er hat ihn angebrüllt: ‚Wieso haben Sie ihn nicht erschossen? Wo ist das Flugzeug, verdammt?‘

"Bricks scheint völlig besessen davon, dieses Flugzeug zu finden. Seit ich hier stationiert bin, hat er dutzende von Hubschraubern das hochgeschickt, und obwohl sie seit Jahren nichts finden, schickt er unaufhörlich weitere"

David schreckte auf: "Okay, ich muss auflegen"

"Danke…" mehr konnte Sebastian schon mehr nicht sagen bevor das Gespräch endete.

Dominik runzelte die Stirn: "Meint ihr, Bricks sucht nach diesem Joe Handerson?"

"Da bin ich mir sogar absolut sicher. Hört euch das hier an" sagte Sebastian und drückte auf Play.

Erneut lautes Rauschen, Störgeräusche. Dann eine befehlerische, wütende Stimme durch den Funk:
„Handerson! Handerson! Antworten Sie, verdammt nochmal!“

„Das ist er“ flüsterte Dominik.

„Bricks, Sie alter Bastard,“ antwortete Joe leise, seine Stimme brüchig, voller Hohn. „Na, wie geht’s Ihnen?“

„Wo sind Sie, verdammt? Wo ist das Flugzeug? Die Fracht?“ brüllte Bricks.

Joe lachte schwach, bitter.

"Sie gieriger alter Mistkerl… Ihre Leute sind ihnen einfach nur scheißegal oder? Solange sie die Klappe halten und alles tun was sie befehlen. Sie hätten Michael sterben lassen, nur um seine Behandlung nicht zahlen zu müssen – wegen der Verletzungen, die Sie zu verantworten hatten."

Ein trockenes Husten, dann ein leises Stöhnen.

„Ha… ha… Wir haben Sie hinter Ihrem Rücken ausgenommen wie eine Weihnachtsgans… und Sie haben es nicht einmal bemerkt."
Kurzes, schmerzvolles Husten, dann schweres Atmen.
„Ich habe erst vor kurzem den GPS-Tracker gefunden, den Sie an den Kisten angebracht hatten. Schlaue Idee… das muss ich zugeben. Aber keine Sorge… der ist beim Absturz zerstört worden.“

Ein paar Sekunden Stille. Nur Wind und das Knacken des Funkgeräts.

Dann spricht Bricks – ruhig, gezwungen freundlich:
„Hören Sie, Handerson. Warum sagen Sie mir nicht einfach, wo Sie sind, okay? Ich schicke Ihnen Hilfe. Sie werden überleben, verstanden?“

Joe lacht erneut, dieses Mal müde, heiser.
„Und das soll ich Ihnen glauben? Nachdem Sie einen Kampfjet auf uns gehetzt haben? Sie wussten genau wo, wir sind, sie hätten uns zur Landung zwingen können, aber sie haben uns abgeschossen, wollten uns alle töten, damit ihre dreckigen Geschäfte nicht ans Licht kommen“

Ein Zittern in seiner Stimme.

„Meine Brüder sind tot… und ich bald auch. Aber Sie, Bricks… Sie werden’s nicht schaffen, Ihren verdammten Arsch zu retten.“
Kurze Pause. Dann mit letzter Kraft:
„Weder werden Sie mich, noch die Fracht, noch die Beweise gegen Sie jemals in die Finger bekommen.“

Er atmet schwer, man hört das Funkrauschen wieder lauter werden.
„Und ich… ich werde jetzt sterben. Aber wenigstens… mit einer schönen Aussicht.“
Ein leises Klicken.
„Handerson Ende.“

Das Band stoppt. Nur das gleichmäßige Surren des alten Diktiergeräts bleibt zu hören.


Niemand sagte etwas. Nur das leise Summen des Diktiergeräts erfüllte den Raum.
Sebastian saß mit gesenktem Kopf da, die Hände zitternd.

„Ich hätte etwas tun müssen…“ flüsterte er schließlich.
„Verdammt, ich hätte irgendwas tun müssen.“
Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, die Stimme brüchig.
„Er war da oben. Allein. Und wir… wir haben einfach weitergemacht, als wäre nichts passiert.“

Julia legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. „Du konntest nichts tun, Sebastian. Bricks hatte euch vollkommen unter Kontrolle"

„Vielleicht“, antwortete er leise. „Aber das rechtfertigt es nicht.“
Er sah auf. In seinen Augen lag eine Entschlossenheit, die den anderen einen Schauer über den Rücken jagte.
„Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass er noch lebt, dann muss ich darauf. Ich muss ihm wenigstens sagen können, dass es mir leid tut"

Dominik beugte sich vor. „Was meinst du damit?“

„Ich weiß, wie man unbemerkt aus der Stadt kommt,“ sagte Sebastian. „Es gibt einen alten Versorgungstunnel, den das Militär übersehen hat. Er führt fast bis zum Fuß des Berges.“

Stefan sah ihn entgeistert an. „Nicht du auch noch. Da draußen wimmelt es von Soldaten verdammt“

Wütend sprang er auf und lief im Zimmer hin und her.

Julia ging zu ihm, um ihn zu beruhigen,

„Dann gehen wir eben Nachts" sagte sie ruhig" Wenn wir jetzt nichts tun, bleibt dieser Joe für immer verschollen. Und Bricks kommt damit davon.“

Einen Moment lang war es ruhig im Zimmer.

„Also gut,“ sagte Dominik schließlich, „dann machen wir es richtig.“
Er stand auf.
„Wir gehen da hoch. Heute Nacht.“

Sebastian nickte dankbar. „Ich besorge die Ausrüstung. Wir treffen uns um Mitternacht wieder hier und bereiten alles vor"

Draußen begann der Wind stärker zu werden. Schneeflocken tanzten vor dem Fenster, und irgendwo in der Ferne grollte Donner über die Berge hinweg.

Julia sah hinaus in die Dunkelheit. „ Sieht nach einem Unwetter aus“

Dominik schnürte entschlossen seine Jacke enger. „Dann ist das unser Zeichen.“

Noch ahnten die vier nicht, dass die nächsten Tage ihr Leben komplett auf den Kopf stellen würde.

 

Es war kurz nach Mitternacht, als die vier – vollgepackt mit Ausrüstung – durch die düsteren, verlassenen Gänge des Hotels schlichen.
Am Tag hell und lebendig, wirkten sie nun unheilvoll, bedrückend, fast wie der Schlund eines alten Geisterschiffs.
Jeder Schritt klang wie ein Donnerschlag in Sebastians Ohren. Ein falsches Geräusch, ein zu lautes Atmen, ein Knarzen des alten Bodens – und alles könnte vorbei sein, bevor es überhaupt begonnen hatte.

„Ich geh vor“, flüsterte Sebastian, kaum hörbar.

Vorsichtig lehnte er sich über das Geländer der Wendeltreppe, die in die Lobby führte, und versuchte, einen Blick nach unten zu erhaschen.
Nichts. Kein Laut. Nur die schwach flackernden Notbeleuchtungen an den Wänden und das gedämpfte Heulen des Windes, das durch die zerbrochenen Dichtungen der Fenster drang.

Die Lobby lag in völliger Dunkelheit. Der Tresen, an dem tagsüber noch Stimmen, Lachen und Musik zu hören waren, wirkte jetzt wie ein leerer, toter Ort.
Sebastian wagte sich Stufe für Stufe weiter hinunter.
Sein Herz raste.

Dann – Bewegung.
Draußen, vor der verglasten Eingangstür, tauchten die Schatten zweier Soldaten auf. Ihre Silhouetten zeichneten sich in den Lichtkegeln der Außenbeleuchtung ab,
Sie standen dicht nebeneinander, Gewehre geschultert, die Gesichter unter Helmen verborgen.

Sebastian hielt die Luft an. Der Schneesturm draußen tobte nun so heftig, dass der Wind an den Scheiben rüttelte und Schnee durch die Ritzen drückte.

Plötzlich öffnete einer der Soldaten die Hoteltür.
Eisiger Wind fegte in die Lobby, und die Männer traten ein. Ihre Stiefel klackten auf den Fliesen, als sie sich den Schnee von ihrer Ausrüstung klopften.

Sebastian presste sich an die Wand und hastete lautlos die Stufen hinauf, deutete den anderen hektisch, sich auf den Boden zu werfen und kein Geräusch zu machen.

Unten in der Lobby griff einer der Soldaten nach seinem Funkgerät.
„Johnson an Zentrale, Zentrale bitte kommen“, sagte er und klopfte sich den Schnee von der Uniform.

Ein kurzes Rauschen, dann eine Antwort:
„Hier Zentrale, was gibt es?“

„Bitten um Erlaubnis, aufgrund der Wetterverschlechterung die Stellung zu verlassen.“
Ein paar Sekunden Stille. Dann:
„Negativ, Johnson. Sie haben Anweisung, die Stellung bis zum Morgen zu halten. Zentrale Ende.“

Ein genervtes Fluchen. Dann schoben sich die Männer näher an den Eingangsbereich zurück.
Einer zündete sich eine Zigarette an – die Glut war das einzige Licht in der Dunkelheit.

Sebastian wagte kaum zu atmen.
Wir sitzen fest, dachte er. Verdammt fest.

Dann passierte es.
Ein tiefes, drohendes Knacken hallte von draußen.
Ein dumpfer Schlag folgte – Metall auf Metall. Der Sturm schien wütend gegen das Gebäude anzubrüllen.
„Was zum Teufel war das?“ fluchte einer der Soldaten und rannte zur Tür.
In diesem Moment flackerten die Lichter im Hotel. Erst kurz, dann gingen sie komplett aus.

Das Hotel und die umliegenden Straßen lagen nun in völliger Finsternis.
Nur die schwachen Umrisse der geparkten Fahrzeuge waren im peitschenden Schneetreiben noch zu erkennen.

„Verdammt nochmal!“, fluchte einer der Soldaten und griff nach seinem Funkgerät.
„Zentrale, hier nochmal Johnson. Wir haben einen kompletten Stromausfall im Hotel. Begeben uns zum Schaltraum zur Überprüfung.“
Ein kurzes Knistern folgte.
„Verstanden. Halten Sie uns auf dem Laufenden. Zentrale Ende.“

Da war sie – die goldene Gelegenheit.

Sebastian drehte sich zu den anderen um und gab das Signal zum Aufbruch.
Kaum hatten die Soldaten die Lobby verlassen, huschten die vier wie Schatten die Treppe hinunter.
Jeder Schritt war ein Risiko, jeden Moment bestand die Gefahr entdeckt zu werden.

Sie erreichten die Lobby, duckten sich hinter den Tresen und sprinteten weiter in den Speisesaal.

Geschickt wichen sie den Tischen und Stühlen aus.
Dort befand sich eine Glastür, die in den Hotelgarten führte.

"Bitte sei offen" betete Sebastian innerlich
Er drückte vorsichtig die Klinke herunter – ein leises Klicken.
Die Tür öffnete sich.

Einen Moment lang atmete keiner. Dann huschten sie hinaus in die eisige Nacht.
Der Schnee lag zentimeterdick, der Sturm peitschte ihnen scharf ins Gesicht.
Sie kämpften sich durch den tiefen Schnee, vorbei an eingefrorenen Bänken und Blumenkübeln, bis sie den Zaun erreichten, der den Garten vom von der Auffahrt des Hotels trennte.

Ein schneller Sprung über das Gitter, dann so schnell wie möglich weg vom Hotel.
Der Wind trug ihre Atemzüge davon.

Als sie schließlich die Hauptstraße erreichten, blieb Dominik stehen und drehte sich noch einmal um.
Das Hotel lag nun hinter ihnen – dunkel, still, wie ausgestorben.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Den Wagen nehmen?

Er schüttelte den Kopf. Unmöglich.
Ein laufender Motor würde sofort Aufmerksamkeit erregen.

Also blieb nur eine Wahl.
Zehn Kilometer zu Fuß.
Durch das Dorf, mitten hinein in die Nacht, an bewaffneten Patrouillen vorbei – direkt zum Beginn des Bergpfads.

Niemand sprach ein Wort.
Nur das Knirschen ihrer Schritte im Schnee begleitete sie, während über ihnen der Sturm lauter und gnadenloser wurde.

„Gut, es sind keine Helikopter auf Patrouille“, sagte Dominik erleichtert. „Die können bei dem Wetter wohl nicht starten.“
„Es ist so unglaublich kalt“, zitterte Julia und rieb sich die Hände.
„Und dazu noch dieser eisige Wind“, stotterte Stefan und zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht.

Die vier zogen alle Reißverschlüsse, die sie hatten, bis zum Anschlag hoch. Ihre Gesichter bedeckten sie so gut sie konnten. Zum Glück wusste Sebastian genau, welche Ausrüstung man für einen Schneesturm wie diesen brauchte.

Meter um Meter kämpften sie sich durch die Straßen der Stadt. Der Wind nahm stetig an Stärke zu und peitschte ihnen den Schnee ins Gesicht. Den Hauptstraßen wichen sie so gut wie möglich aus, um das Risiko entdeckt zu werden zu verringern.

Die einst festliche, weihnachtliche Stimmung, mit der die drei Freunde noch vor wenigen Tagen empfangen worden waren, war wie ausgelöscht.
Alle Läden hatten ihre Schutzgitter heruntergelassen, keine Tür war mehr geöffnet.
Die bunten Lichterketten, die sonst in den vereisten Straßen glitzerten, waren erloschen.

Nur Militärfahrzeuge durchbrachen noch gelegentlich die Dunkelheit.
Kein Zivilist war mehr zu sehen – die Bewohner hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, und eine unheimliche, fast greifbare Stille lag über der Stadt.

Langsam, aber stetig marschierten die vier durch jede noch so schmale Seitengasse, die sie finden konnten.
Jeder Schritt war wohlüberlegt, jedes Geräusch zu viel hätte ihr Ende bedeuten können.
Die Devise war klar: Bloß nicht auf die Hauptstraße.

Plötzlich machte Stefan, der als Letzter ging, hektische Handbewegungen.
„Leute… da kommt was!“ zischte er, so leise er konnte.

Ein dumpfes Motorengeräusch schwoll in der Ferne an – ein Geländewagen, der sich rasch näherte.
Sebastian sah sich fieberhaft nach einem Versteck um, sein Blick huschte durch die Dunkelheit.
Dann entdeckte er einen kleinen Hof mit ein paar Mülltonnen am Rand.

„Da rein! Schnell!“ flüsterte er und zeigte dorthin.

Hastig huschten die vier über den vereisten Boden, duckten sich hinter die Mülltonnen und pressten die Rücken an die kalte Steinwand.
Der Schnee peitschte ihnen ins Gesicht, während das Brummen des Motors immer lauter wurde.

„Jetzt bloß keine falsche Bewegung…“ dachte jeder von ihnen.

Der Geländewagen fuhr so dicht an ihnen vorbei, dass sie das Knirschen der Reifen im Schnee hören konnten.
Ein gleißender Lichtkegel wanderte über die Häuserfassade, kam gefährlich nahe – und zog schließlich weiter.

Für einen Moment war nur noch das Heulen des Windes zu hören.
Dann atmete Julia leise aus: „Das war… verdammt knapp.“

"Okay, ich glaube er ist weg" flüsterte Sebastian und winkte alle aus ihrem Versteck.

„Leute… seid ihr euch wirklich sicher, dass wir das machen sollen?“ Julias Stimme bebte, fast verschluckt vom Sturm. Zweifel lagen in ihrem Blick, der zwischen den anderen hin und her wanderte.

Stefan trat einen Schritt näher, legte seine Hände auf ihre Schultern und sah sie fest an.
„Hör zu, Julia. Ich weiß, du hast Angst. Wir alle haben sie. Aber erinnerst du dich noch, was wir uns geschworen haben, als wir mit dem Medizinstudium angefangen haben?“

Julia blinzelte gegen die Schneeflocken und nickte zögernd.
„Der Welt helfen, so gut wir können“, sagte sie leise.

Dominik wiederholte die Worte fast flüsternd – als würde er sie sich selbst in Erinnerung rufen.

„Genau“, sagte Stefan ruhig, aber bestimmt. „Wenn wir diesen Joe Handerson finden, können wir Commander Bricks und seinen ganzen korrupten Truppen das Handwerk legen. Wir können Menschenleben retten. Und das… das ist es, worum es geht, oder?“

Julia sah ihn an. Trotz der Kälte um sie herum, lag ein kleines, warmes Lächeln auf ihren Lippen.
„Ja… du hast recht.“

Stefan beugte sich vor, drückte ihr einen Kuss auf die eiskalte Stirn – ein kurzer Moment der Nähe mitten im Sturm, bevor sie wieder in die Dunkelheit aufbrachen.

„Leute, kommt ihr?“ rief Sebastian gegen den tosenden Wind.

Die drei schlossen zu ihm auf, jeder Schritt schwerer als der vorige. Der Schneesturm peitschte ihnen ins Gesicht, der Atem bildete dichte Wolken in der Kälte.

Eine halbe Stunde lang kämpften sie sich durch die verlassenen Straßen, geduckt, vorsichtig, immer in der Angst, entdeckt zu werden.

Sie erreichten das Stadtzentrum.
Der einst hell erleuchtete Weihnachtsmarkt lag nun in düsteren, unheilvollen Schatten. Die farbigen Lichterketten, die sonst warm geglitzert hatten, wirkten wie erloschene Erinnerungen.

Fast auf Zehenspitzen schlichen die vier an den verschlossenen Marktständen vorbei, als könnten selbst ihre Schritte etwas aufwecken, das besser verborgen blieb.
Der eiskalte Wind fegte durch die leeren Gassen, wirbelte Papier und anderen Müll auf, die wie geisterhafte Gestalten zwischen den Buden hindurchtanzten.

Sie wichen weiter den Patrouillen und den Fahrzeugen aus, die ab und zu über die verschneiten Sraßen rollten.
Nachdem sie den Weihnachtsmarkt hinter sich gelassen hatten, führte ihr Weg hinaus aus der Stadt, über die Hauptstraße.

Sebastian, der vorne lief, blieb abrupt stehen.
„Wir haben ein Problem. Und zwar ein großes.“

Er deutete nach vorn. Im grellen Schein der Flutlichter war eine massive Straßensperre zu sehen – Stacheldraht, Sandsäcke, bewaffnete Soldaten. Und ein Panzer, halb eingeschneit, aber einsatzbereit.

„Verdammt…“, flüsterte Stefan. „Da sind wir gestern durchgefahren. Selbst der Panzer steht noch dort.“

Er ballte die Fäuste, fluchte leise vor sich hin.

„Ich hab eine Idee,“ sagte Dominik plötzlich. Seine Stimme war kaum zu hören, aber fest.
Er zeigte auf die Reihe abgestellter Autos auf der anderen Straßenseite. „Wartet hier. Keine Bewegung.“

„Dominik, was hast du vor—“ begann Stefan, doch da war er schon weg.

Geduckt und vom Schneesturm halb verschluckt, rannte Dominik über die Straße.
Er griff sich einen handgroßen Eisbrocken vom Boden, holte aus – und zerschlug mit einem harten Schlag die Seitenscheibe des ersten Wagens.

Ein gellender Alarm durchbrach die Stille der Nacht.
Dann der nächste, und der nächste.
Innerhalb von Sekunden schrillten mehrere Sirenen gleichzeitig, ihr Echo hallte zwischen den Häuserwänden wider.

„Was zum Teufel—?“ rief einer der Soldaten und rannte mit erhobenem Gewehr los.

Wie auf Kommando bewegte sich der ganze Posten in Richtung des Lärms.
Dominik nutzte den Moment, sprang in ein Gebüsch, kroch unter dem Lärm hindurch auf die andere Seite der Straße.

Das Dröhnen der Sirenen, das Heulen des Windes – alles verschmolz zu einem einzigen, chaotischen Klangteppich.
Niemand bemerkte ihn.

Sebastian winkte hektisch. „Jetzt! Los!“
Die vier nutzten die Gelegenheit und rannten los. Der Panzer war keine Gefahr, solange sie nicht in das Blickfeld des Fahrers traten.

Dann hatten sie es endlich aus der Stadt rausgeschafft. Nun war es nicht mehr weit bis zu dem Pfad, Der sie rauf auf den Berg führen sollte.

 

Die Stunden vergingen wie Tage, als die vier sich weiter durch den Schneesturm den Bergpfad hinaufkämpften.
Sie waren erschöpft, zitterten vor Kälte, und jeder Schritt wurde zur Qual. Der Wind peitschte ihnen Schneeflocken ins Gesicht wie winzige Nadeln.

Trotz der starken Taschenlampen, die jeder von ihnen trug, reichte das Licht kaum zehn Meter weit. Dahinter nur Dunkelheit – ein endloses, flackerndes Nichts.
Die Kälte brannte auf ihrer Haut, kroch durch Kleidung und Knochen.

„Leute, ich kann nicht mehr!“, rief Julia gegen den Sturm an. „Der Wind wird immer stärker, das hat keinen Sinn. Lasst uns hier rasten!“

„Sie hat recht!“, rief Stefan und wandte sich an Sebastian, der vorne ging. „Wir haben vielleicht ein Drittel geschafft – wenn überhaupt.“

Sebastian blieb stehen, sein Atem ging stoßweise. Schneekristalle hatten sich in seinem Bart gesammelt. Er blickte sich um, musterte die Umgebung mit müden Augen.
„Da drüben“, sagte er schließlich und zeigte auf eine Gruppe dichter Tannen, deren Äste schwer vom Schnee hingen. „Dort sind wir etwas geschützter.“

Sie kämpften sich hinüber, sanken knietief in den Schnee, bis sie endlich den kleinen, von Bäumen umschlossenen Bereich erreichten.
Der Wind war hier schwächer, aber das Heulen des Sturms blieb unheilvoll präsent – wie ein fernes Tier, das nur darauf wartete, dass sie einschliefen.

Stefan begann damit, das Zelt auszupacken.
„Verdammt nochmal!“ fluchte er, als er versuchte, die Stangen in den gefrorenen Boden zu schlagen.

Die vier halfen sich gegenseitig, kämpften gegen den Wind, der an den Zeltplanen zerrte, als wolle er sie wieder vom Berg hinabreißen.
Ein Feuer zu entfachen war bei diesem Sturm unmöglich – die Flammen wurden jedes Mal sofort vom Wind erstickt.

Schließlich blieb ihnen keine Wahl: Sie krochen in ihre Schlafsäcke, klammerten sich aneinander und hofften, dass die Zelte halten würden.

Draußen tobte der Sturm unermüdlich weiter. Das Heulen des Windes wurde zu einem einzigen, tiefen Grollen, das die Nacht füllte.
Manchmal glaubten sie, Schritte im Schnee zu hören – doch jedes Mal war es nur der Wind, der die Planen schlagen ließ.

Vor Erschöpfung fielen sie schließlich in einen unruhigen Schlaf, während der eisige Sturm weiter gegen ihre Zelte drückte, als wolle er sie mit Gewalt ins Tal hinunterstoßen.

Als sie am nächsten Morgen aufwachten, war es still. Unnatürlich still.
Der Sturm hatte sich gelegt, doch die Landschaft war verwüstet. Umgestürzte Bäume, zersplitterte Äste, meterdicker Schnee – der Berg war kaum wiederzuerkennen.

Julia trat als Erste aus dem Zelt, zog die Kapuze enger.
„Das… das sieht aus, als wäre ein Krieg hier oben gewesen.“

Unten im Tal erklang plötzlich ein heulender Ton – laut, schrill, beunruhigend.

„Verdammt, sind wir aufgeflogen? Wir müssen weg! Schnell!“ rief Stefan panisch.

„Beruhige dich,“ sagte Sebastian ruhig, während er den Hang hinunterblickte. „Das ist der Katastrophenalarm. Die Stadt hat es wohl noch härter getroffen als wir.“

Unten im Tal sah man, wie Einsatzfahrzeuge ausrückten. Blaulichter flackerten durch die Schneemassen, die Sirenen klangen dumpf bis hier hinauf.

„Verdammt,“ murmelte Sebastian. „Ich hoffe, da unten ist niemand gestorben.“

In diesem Moment vibrierte plötzlich sein Handy.
Er starrte es an, als wäre es ein Geist, dann nahm er ab.

„Sebastian? Wo bist du, Mann?“ Die Stimme am anderen Ende war aufgeregt, panisch fast. Es war Matthias, ein alter Kollege. „Hier draußen ist die Hölle los! Drei Personen aus dem Hotel werden vermisst!“

Sebastian schloss kurz die Augen, atmete tief durch. Dann sagte er leise:
„Matthias… wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen?“

„Über zehn Jahre,“ antwortete der. „Ich habe dich doch damals selbst ausgebildet. Warum fragst du?“

Sebastian schluckte.
„Ich möchte, dass du dir jetzt nichts anmerken lässt, verstanden?“

Eine kurze Pause. Dann fuhr er fort, leise, aber mit Nachdruck:
„Erinnerst du dich an den Notruf vor zehn Jahren – den, den Commander Bricks uns verboten hat, zu verfolgen?“

Am anderen Ende war Schweigen. Nur das Rauschen der Leitung und das ferne Heulen des Windes waren zu hören.

„Du meinst… diese Übung damals?“ fragte Matthias schließlich vorsichtig.

„Es war keine Übung,“ sagte Sebastian mit fester, aber gebrochener Stimme. „Es war echt. Drei Menschen sind damals gestorben. Nur einer hat überlebt – und genau den suchen wir jetzt. Da oben, auf dem Berg.“

„Wir?“ fragte Matthias misstrauisch.

In dem Moment riefen Julia, Stefan und Dominik fast gleichzeitig: „Wir vier!“

Matthias keuchte hörbar. „Dann seid ihr… die Vermissten aus dem Hotel?“

Sebastian nickte, obwohl Matthias es nicht sehen konnte.
„Ja. Ich erklär’s dir. Alles.“

Er erzählte – vom geheimen Fund der Tonaufnahmen, der Flucht aus dem Hotel, der Nacht im Sturm, und von ihrem Plan, Joe Henderson zu finden oder wenigstens Beweise gegen Bricks zu sichern.

Am Ende herrschte kurz Stille. Dann hörte man Matthias schwer atmen.
„Heilige Scheiße… dieser verdammte Bastard Bricks,“ fluchte er leise.

„Du musst uns Zeit verschaffen, hörst du?“ flehte Sebastian. „Wenn Bricks Helikopter losschickt, war alles umsonst. Es werden noch mehr Menschen sterben!“

Matthias zögerte keine Sekunde.
„Ich rufe Lawinengefahr aus,“ sagte er entschlossen. „Damit hat selbst Bricks keine Befehlsgewalt mehr. Ihr habt mein Wort – ich halte sie so lange wie möglich unten.“

„Danke, mein Freund,“ sagte Sebastian leise, bewegt.
„Passt auf euch auf. Und findet diesen Mann,“ erwiderte Matthias.

Dann legte Sebastian auf.

„Okay, ich denke, das hat uns ein paar Stunden Zeit verschafft. Lasst uns kurz stärken und dann weiter“, sagte Sebastian.

Zustimmend nickten die drei, und Stefan packte seinen Gaskocher und zwei Dosen Bohnen mit Speck aus. Der Geruch des warmen Essens mischte sich mit der kalten Bergluft und gab den Vieren für einen Moment ein Gefühl von Normalität – so flüchtig wie der Rauch, der aus dem kleinen Topf aufstieg.

Nachdem alle gegessen hatten, packten sie ihre Ausrüstung zusammen und marschierten weiter den Berg hinauf.
Durch den hohen Schnee zu stapfen, war mühsam. Jeder Schritt schien doppelt so schwer zu wiegen.

„Also, mein Fitnesstraining habe ich für dieses Jahr dann wohl erledigt“, keuchte Dominik und versuchte zu scherzen.

Etwa fünf Minuten später rief Julia, die am Ende der Truppe ging:
„Leute, seht mal da drüben… sind das Fußspuren?“

Sofort eilten die drei zu ihr und beugten sich über den Schnee.
Was sie dort fanden, war seltsam.

Die Spuren waren ungleichmäßig, als hätte sich jemand – oder etwas – nur mühsam fortbewegt. Teilweise wirkten sie eher geschleift als gesetzt.

Sebastian kniete sich hin und fuhr mit den Fingerspitzen vorsichtig über die Eindrücke im Schnee.
„Das ist seltsam“, murmelte er. „Die Abdrücke hier – das sind Stiefel. Ganz klar. Aber die daneben…“

Er zeigte auf eine zweite Reihe von Spuren, die parallel verliefen.
„Seht ihr? Kein Profil, keine Struktur. Einfach nur flach. Wie...“ Er zögerte, suchte nach einem passenden Wort. „…als würde etwas Glattes über den Boden gleiten.“

Julia runzelte die Stirn. „Als hätte jemand etwas Schweres hinter sich hergezogen?“

Sebastian schüttelte langsam den Kopf. „Vielleicht. Aber das hier ist anders. Irgendwas stimmt damit nicht.“

Er folgte der Linie mit den Augen. Zwischen den flachen Abdrücken zogen sich winzige, runde Vertiefungen durch den Schnee – zu gleichmäßig, zu exakt, um zufällig zu sein.

„Das ist doch nicht von einem Tier, oder?“ fragte Dominik leise.

„Denkt ihr… das ist er? Joe?“ fragte Julia zögerlich, während ihr Blick den Spuren folgte, die sich durch den Schnee zogen.

„Wenn er das sein sollte, kann es ihm nicht besonders gut gehen“, sagte Sebastian leise, aber bestimmt.
Noch ahnte er nicht, wie recht er damit haben sollte.

Die vier entschlossen sich, den Spuren zu folgen.
Meter um Meter kämpften sie sich weiter durch den tiefen Schnee, bemüht, die Spur nicht zu verlieren. Der Wind hatte wieder zugenommen, zerrte an ihren Jacken und ließ den Schnee wie Nadeln gegen ihre Gesichter peitschen.

Plötzlich blieb Sebastian abrupt stehen.
„Oh nein…“ entfuhr es ihm tonlos.

„Scheiße…“ stieß Stefan hervor, als er sah, was vor ihnen lag.

Nur wenige Meter weiter, halb vom Schnee verschluckt, ragten die Überreste eines Hubschraubers aus dem Eis. Die Rotorblätter waren zerbrochen, das Heck abgerissen, die Seitenwand aufgeschlitzt wie eine geöffnete Konservendose.

„Bleibt bitte zurück“, sagte Sebastian ruhig, aber mit belegter Stimme. Langsam ging er auf das Wrack zu, die Taschenlampe fest in der Hand.

Das Metall war von Frost überzogen, der Rumpf unheimlich still. Kein Rauch, kein Geräusch – nur das leise Pfeifen des Windes.

„Hallo?“ rief er vorsichtig. „Hört mich jemand?“

Keine Antwort. Nur Stille.

Sebastian hob den Kopf, leuchtete durch das zerborstene Cockpitfenster – und erstarrte.
Die beiden Piloten saßen noch immer aufrecht in ihren Sitzen, angeschnallt, die Hände noch an den Kontrollen. Ihre Gesichter waren leblos, die Haut blau gefroren, die Augen halb geöffnet, als würden sie ihn immer noch ansehen.

„Verdammt…“ flüsterte Sebastian und senkte den Blick.
„Sie hatten keine Chance.“

Er kehrte zur Gruppe zurück und schüttelte traurig den Kopf.
„Wir müssen diesen Wahnsinn hier beenden“, sagte er dann, die Stimme leise und fest zugleich.

Als sie weiter den Hang hinaufstiegen, fanden sie die Wracks der anderen Hubschrauber. Das Ergebnis war überall dasselbe: zerschmetterte Metall, ausgebrannte Sitze, und kein Zeichen von Überlebenden.

Etwa eine halbe Stunde später erreichten sie ein kleines, von Fichten umstandenes Waldstück. Nun war auch der Gipfel zum Greifen nah. Zwischen den kahlen Stämmen entdeckten sie schließlich ein provisorisches Lager — zusammengeflickt aus rostigen Schrotteilen, Ästen, Blättern und großen Stofffetzen, die im kalten Wind flatterten.

„Das muss sein Lager sein!“ rief Sebastian aufgeregt.
„Dominik, du passt hier draußen auf, okay? Stefan, Julia — kommt mit, wir schauen nach“, winkte er die beiden zu sich.

„Aber ich…“ stammelte Dominik, ehe die anderen bereits in den Unterstand verschwunden waren.

Drinnen schlug ihnen sofort ein Geruch entgegen, der ihnen den Atem nahm: Verwesungsgeruch von Kleintieren, aufgespießt an scharfen Metallstücken, die in den Boden gerammt waren. Ein provisorisches Bett — zwei umgeklappte Flugzeugsitze, mehr eine Lehne als eine Liegestätte — lag im Zentrum, daneben ein Wirrwarr aus Papieren, Schrotteilen, Munitionskisten und Waffen.

„Okay, lasst uns das durchsuchen. Vielleicht finden wir etwas Wichtiges“, sagte Sebastian.
„Muss das wirklich sein?“ erwiderte Julia angeekelt und hielt sich die Hand vor die Nase.

Dominik wartete draußen, ungeduldig. „Nun macht schon“, flüsterte er, während er unruhig hin und her ging.

Da knackte plötzlich ein Ast – scharf, klar, wie ein Finger, der auf einen unbedachten Moment deutete. Dominik fuhr herum. „Wer ist da?“ stammelte er, das Herz raste.

Aus den Bäumen scholl ein metallisches Geräusch: Klong! Klong! Klong!
Er erstarrte. Dann sah er sie — oder vielmehr: sah etwas auf sich zukommen. Eine große, zottelige Gestalt humpelte hervor, die Bewegung schwerfällig, aber zielgerichtet.

„Stehen bleiben, Junge“, stöhnte eine tiefe, heisere Stimme. Sie klang alt, voller Schmerz — und gleichzeitig drohend. „Eine falsche Bewegung, und es ist deine letzte.“

Dominik konnte kaum glauben, was vor ihm stand. Die Gestalt hielt ihm eine Pistole entgegen. Ihr Atem ging rau, stieß wie das Schnaufen eines verwundeten Tieres aus der Brust.

„Jo… Jo… Joe — sind Sie das?“ fragte Dominik zögernd, fast ehrfürchtig.

Die Gestalt lachte, zuerst hämisch, dann in ein kratziges Husten übergehend. „Woher kennst du meinen Namen? Schickt Bricks jetzt schon Verkleidete? Glaubt nicht, dass ich darauf reinfalle.“

Und dann trat Joe vollständig ins Licht — eine Gestalt, die zugleich vertraut und fremd war.

Er war zu einem Gerippe aus Haut und Mut geworden: Ausgehungert, so dünn, dass Rippen und Knochen unter der schmutzigen Kleidung deutlicher hervorstachen. Sein Haar und sein Bart hingen in langen, verfilzten Strähnen, grau und weiß durchzogen, im Wind verfilzt wie altes Tauwerk. Über den zerfetzten Klamotten und Lumpen hatte er sich aus Fallschirmseide einen Mantel gezimmert; Fetzen flatterten hinter ihm wie müde Flaggen.

Sein linkes Bein endete knapp unter dem Knie — dort klebten schmutzige Bandagen, der Stumpf war roh und vernarbt. Statt des Unterschenkels trug er eine provisorische Prothese aus Schrottteilen: eine klobige, metallische Vorrichtung, die bei jedem seiner Schritte metallisch stampfte — ein hartes, beinahe mechanisches Klopfen im Schnee. Jedes Mal, wenn er auftrat, klang das wie das ferne Schlagen einer Glocke.

Sein rechtes Auge war von einer alten, verbrannten Narbe vernarbt; die Haut darum war aufgeschwollen, und die Pupille schien trüb. Dort, wo sonst ein voller Blick gewesen wäre, saß jetzt ein milchiger, halb geschlossener Schlitz. Narben zogen sich über sein Gesicht, als hätten Frost und Feuer dort ihre Zeichen hinterlassen. Die Haut war von Dreck und Wind gegerbt; hier und da klafften kleinere Wunden, notdürftig mit Stofffetzen verbunden.

Seine Hände, groß und von Narben überzogen, umklammerten die Pistole mit einer Sicherheit, die niemanden überraschte — ein Überlebender, der gelernt hatte, in einer Hölle aus Schnee und Eis zu überleben. Aus der Brust drang ein scharfes, zorniges Schnaufen, das eher an das Atmen eines Raubtiers erinnerte als an einen Menschen.

Als er sprach, war die Stimme rau, von jahrelangem Rufen und Kälte geschliffen. Sie klang zugleich zornig und müde, voller Bitterkeit, aber auch mit einer seltsamen, trotzigen Würde.

„Du hast mich gefunden“, sagte Joe knapp. Kein Vorwurf, kein Willkommen — nur die nüchterne Feststellung eines Mannes, der zu lange allein gewesen war.

Freude war in Joes Augen keine zu sehen. Sein Blick war leer, misstrauisch, fast paranoid — wie der eines Tieres, das zu oft gejagt worden war.

Aufgeschreckt von dem Lärm draußen stürmten Julia, Stefan und Sebastian aus dem Unterschlupf.
„Dominik!“ rief Julia, doch ihre Stimme erstarb, als sie die Szene vor sich sah.

Einen Moment lang stand alles still. Der Wind trieb den Schnee wie feine Nadeln zwischen ihnen hindurch, während Joe mit zitternden Armen die Pistole auf Dominik gerichtet hielt.

„Joe? Joe Handerson?“ fragte Sebastian vorsichtig und hob langsam die Hände, die Handflächen offen nach vorne.
„Bitte — wir wollen Ihnen nichts tun! Wir sind hier, um Ihnen zu helfen!“

Joe wich einen Schritt zurück, die Prothese knirschte im Schnee. Sein Blick irrte zwischen den vier Gesichtern hin und her, als suche er eine Falle, einen Beweis für den Verrat, den er seit Jahren erwartete.

„Nein… nein, das muss ein Trick sein!“ stieß er hervor, die Stimme rau und panisch. „Es ist zu lange her… unmöglich!“

„Joe, bitte hören sie mir zu!“ versuchte Sebastian erneut, ruhig, aber eindringlich. „Ich bin von der Bergrettung. Wir können Ihnen helfen. Es ist vorbei. Niemand will Ihnen etwas tun.“

Joes Lippen bebten. „Ihr… ihr…“ begann er, doch dann schwankte er. Die Pistole glitt ihm aus der Hand, fiel dumpf in den Schnee.
Er machte einen Schritt nach vorn, griff ins Leere — und sank schließlich kraftlos zu Boden.

Sofort eilten die drei zu ihm.
„Verdammt, er atmet nicht!“ rief Sebastian, während er sich über Joe beugte und sein Ohr auf dessen Brust legte. Kein Herzschlag. Kein Atem. Nur der Wind, der um sie pfiff.

„Zurück! Ich fang an!“ schrie er, und ohne zu zögern begann er mit der Reanimation.
Immer wieder drückte er auf Joes Brust, seine Hände bebten vor Kälte und Verzweiflung.
„Komm schon! Das darf nicht passieren, nicht jetzt!“ rief er, seine Stimme überschlug sich beinahe.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten.
Dann, endlich — ein keuchender Atemzug, schwach, aber da.

„Er lebt!“ rief Julia mit Tränen in den Augen.

Sie schleppten Joe so schnell sie konnten in den Unterstand. Der Wind zerrte an ihren Jacken, Schnee peitschte ihnen ins Gesicht, doch sie ließen nicht los.
Drinnen legten sie ihn auf das provisorische Bett aus den Flugzeugsitzen.

Sebastian zückte sofort sein Handy. „Komm schon, komm schon…“
Er wählte hektisch die Nummer. „Verdammt, heb ab!“

Dann, endlich, eine Stimme am anderen Ende:
„Sebastian? Wo bist du? Was ist passiert?“

„Matthias!“ keuchte Sebastian. „Wir haben ihn gefunden! Wir haben Joe Handerson gefunden! Aber er ist in keinem guten Zustand — du musst uns Hilfe schicken, sofort!“

„Okay“, antwortete Matthias ohne Zögern. „Ich mache mich sofort auf den Weg. Haltet ihn am Leben, hört ihr? Ich beeile mich“

Sebastian atmete zitternd aus und sah zu den anderen, die fieberhaft versuchten, Joe zu stabilisieren.

„Wie sieht’s aus?“ fragte er mit belegter Stimme.

Julia schüttelte den Kopf. „Nicht gut… Sein Fieber ist extrem hoch. Das Bein ist stark entzündet — die Wunde sieht aus, als hätte er es sich selbst amputiert. Ich… ich glaube nicht, dass wir ihn rechtzeitig in ein Krankenhaus bringen können.“

Da öffnete Joe plötzlich die Augen — trüb, kaum fokussiert.
„Das… Wrack…“ hauchte er mit brüchiger Stimme.

Julia beugte sich zu ihm hinunter. „Was sagen Sie, Joe?“

„Ihr… müsst… das Wrack… finden… dort… sind… die Beweise…“ flüsterte er und griff schwach nach Julias Hand.
Seine Finger waren eiskalt, blass, kaum noch menschlich.

"Der Koffer…..beim Triebwerk…..vergraben"

"Joe, sie müssen wach bleiben. Hören sie!" sagte Julia laut.

„Danke“, murmelte er, ein Schatten eines Lächelns auf seinen rissigen Lippen. In diesem Moment verstand er, dass sie keine Feinde waren.

Dann sank sein Kopf zur Seite.
„Joe! Joe!“ rief Sebastian und wollte ihn erneut wiederbeleben,

Stefan hielt ihn zurück.

Dominik trat langsam näher, legte Sebastian eine Hand auf die Schulter.
„Es ist vorbei Stefan, er hat zu viel Blut verloren“

Eine Blutlache hatte sich rund um Joe gebildet und vermischte sich mit dem weißen Schnee.
Stille durchzog den Unterschlupf — eine bleierne, kalte Stille, in der selbst der Wind zu schweigen schien.

Julia kniete sich neben Joe, legte ihm behutsam eine Decke über das Gesicht und stand dann wortlos auf.
Einer nach dem anderen folgten die anderen ihr nach draußen.

In der Ferne drang das dumpfe Dröhnen eines Helikopters durch den Wind — zunächst kaum hörbar, dann immer lauter.
Ein Lichtstrahl schnitt durch den Nebel. Kein Militärgrün, sondern das grelle Rot eines Rettungshubschraubers.

Er landete wenige Meter entfernt. Schnee wirbelte auf, peitschte ihnen ins Gesicht, als sich die Seitentür öffnete und Matthias heraussprang, den Erste-Hilfe-Koffer fest in den Händen.
Er rannte zu ihnen, blieb dann abrupt stehen.

Sein Blick wanderte von einem zum anderen — Sebastian, Julia, Dominik, Stefan.
Ihre Gesichter waren fahl, leer, von Trauer und Erschöpfung gezeichnet.
Matthias sah sofort, dass keine Worte nötig waren.

„Es ist zu spät… oder?“ fragte er leise.

Sebastian nickte nur. „Ja… leider.“

Ein Moment des Schweigens. Der Wind heulte zwischen den Bäumen hindurch.
Dann ballte Matthias die Fäuste. „Verdammt. Bricks wird dafür bezahlen.“

Sebastian atmete tief durch. „Joe hat uns gesagt, dass im Wrack die Beweise liegen. Wenn wir sie finden, können wir Bricks endgültig stoppen.“

Matthias zögerte keine Sekunde. „Dann los. Ich fliege euch hin. Ich schicke später ein Team, um Joe zu bergen.“

Die vier stiegen in den Helikopter. Die Rotorblätter begannen zu kreisen, der Schnee tanzte wild um sie herum.
Als sie abhoben, blickte Sebastian ein letztes Mal nach unten — auf das Lager, das Wrack aus Ästen und Schrott, in dem Joe nun still ruhte.

Dann richtete er den Blick nach vorne.

Am Horizont tauchten weitere Helikopter auf — dunkel, massiv, in Formation.
Das Militär.

„Verdammt“, murmelte Matthias, während er den Steuerknüppel nach vorne drückte. „Jetzt heißt es, schneller zu sein als sie.“

Die Maschine schoss durch den Sturm in Richtung Gipfel — dem Ort, an dem alles begann.

.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joe, Jakob und Dwight saßen im Wartebereich eines Militärkrankenhauses der US Air Force. Die sterile Luft, das Summen der Neonlampen und das entfernte Klappern von Metallwagen ließen die Anspannung unerträglich werden. Immer wieder ging Joe unruhig auf und ab.

„Verdammt nochmal, wir haben es ihm gesagt. Wir haben es ihm immer wieder gesagt“, fluchte er und schlug mit der Faust gegen die Wand.

„Reiß dich zusammen, Joe. Wir können froh sein, dass wir ihn überhaupt hierhergebracht haben. Er hätte an Ort und Stelle sterben können“, sagte Jakob mit fester, aber müder Stimme.

Dann hallte das scharfe Klacken von Stöckelschuhen über den Linoleumboden. Eine Ärztin in makellosem weißen Kittel kam den Gang entlang. Mit einem professionellen, aber dennoch sorgevollen Blick blieb sie vor ihnen stehen.

„Sind Sie die Handerson-Brüder?“ fragte sie ruhig.

„Ja, Doktor, das sind wir. Wie steht es um ihn?“, fragte Joe sofort; seine Stimme zitterte.

Die Ärztin sah kurz auf ihr Klemmbrett, dann hob sie den Blick. „Kommen Sie bitte mit.“

Sie führte die drei in einen kleinen Raum. An der Wand leuchteten bereits mehrere Röntgenbilder von Michael auf. Mit einem Stift deutete sie auf eine deutlich sichtbare Linie, die sich quer über das Schädelbild zog.

„Ihr Kamerad hat mehrere Knochenbrüche erlitten,“ begann sie sachlich, „aber das hier ist das eigentliche Problem.“
Ihre Stimme blieb ruhig und kontrolliert. „Eine Schädelbasisfraktur. Der Riss verläuft über die linke Gehirnhälfte. Ohne operative Behandlung wird er bleibende Schäden davontragen — und in einigen Jahren daran sterben.“

„Was müssen wir tun?“, fragte Jakob sofort.

„Eine neurochirurgische Operation. Präzise, riskant, aber machbar. Danach folgt eine monatelange Rehabilitation.“

Joe atmete auf. „Dann machen wir das. Wir lassen ihn operieren — egal, was es kostet.“

Die Ärztin sah ihn an, überrascht, fast nachdenklich. „Nun, Lieutenant… eine solche Behandlung kostet im Durchschnitt rund hunderttausend Dollar. Vielleicht mehr.“
Sie nahm an ihrem Schreibtisch Platz, verschränkte die Hände und fügte hinzu.

„Ich weiß, wie Sie sich fühlen – mir ginge es nicht anders. Aber Sie müssen verstehen, dass die US Air Force solche Kosten nicht deckt“, sagte die Ärztin mit ehrlicher, aber unbeugsamer Stimme.

Wütend und ungläubig sah Joe sie an, die Hände zu Fäusten geballt.
Bevor er etwas Unüberlegtes sagen konnte, legte Jakob ihm die Hand auf die Schulter.

„Danke, Doktor. Wir… wir werden mit dem Commander sprechen. Es wird bestimmt eine Lösung geben“, sagte er bemüht gefasst.

„Komm schon, Joe“, zischte er und drängte ihn zur Tür.

„Viel Glück, meine Herren“, rief die Ärztin ihnen nach, bevor die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel.

Der Gang zum Büro des Commanders war still und bedrückend. Nur das dumpfe Echo ihrer Schritte begleitete sie.

Vor der Tür blieb Jakob stehen, drehte sich zu seinem Bruder.
„Bevor wir da jetzt reingehen, musst du mir versprechen, dich zu benehmen, okay?“ sagte er ernst.

Joe nickte widerwillig, die Kiefer angespannt.

Dwight klopfte an.
„Ja, herein“, ertönte eine laute, autoritäre Stimme.

„Sir!“, sagten die drei Brüder gleichzeitig, als sie eintraten, und salutierten.

„Rühren, meine Herren. Worum geht es?“ fragte Commander Bricks, ohne vom Papierstapel auf seinem Schreibtisch aufzusehen.

„Sir, es geht um Michael Handerson Sir. Unseren Bruder“, begann Jakob mit betont respektvollem Ton.

Bricks legte den Stift beiseite, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme.
„Ich habe den Bericht gelesen. Er wurde bei seinem letzten Einsatz schwer verwundet – Sturz aus dem zweiten Stock eines Gebäudes, richtig? Tja, bedauerlich, aber nicht zu ändern"
Seine Stimme klang völlig emotionslos. Kein Mitgefühl, kein Bedauern. Nur trockene Bürokratie.

„Bei allem nötigen Respekt, Sir,“ begann Jakob und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Wir haben mehrmals darum gebeten, ihn von diesem Einsatz abzuziehen, er war nicht im geringstem bereit dafür. Seine Stärken liegen außerdem in der Aufklärung, nicht in Kraft und Ausdauer.“

Commander Bricks verdrehte genervt die Augen. „Was wollen Sie denn von mir, meine Herren? Private Handerson wurde im Dienst verwundet — denken Sie, das ist das erste Mal, dass so etwas passiert. Ich wollte eben sehen, was der Junge drauf hat"

Jakob bemühte sich erneut, ruhig zu bleiben. „Sir, wenn der Private nicht die erforderliche Operation erhält, wird er höchstwahrscheinlich sterben. Wollen Sie dafür verantwortlich sein?“

„Vorsichtig, Captain“, mahnte Bricks mit scharfem Ton. „Sie bewegen sich auf dünnem Eis.“

"Es tut mir leid Sir. Was können wir nun tun um ihm zu helfen?" fragte Jakob respektvoll.

Bricks lehnte sich in seinem Sessel zurück.

"Captain, ich weiß nicht, was sie von mir hören wollen. Auf jeden Fall kann die US Air Force solche Kosten nicht tragen"

Da platzte Joe der Kragen. „Sie elender Mistkerl!“ schrie er. „Michael ist gerade mal zwanzig! Und Sie wollen ihn sterben lassen!“

Mit Mühe hielten Jakob und Dwight den tobenden Joe zurück.

„Leutnant“, brüllte Bricks jetzt, die Stimme donnernd, „Sie sprechen gerade mit Ihrem obersten Vorgesetzten. Zügeln Sie Ihre Worte!“

„Einen Dreck werde ich tun — Sie dreckiger Bastard!“, fauchte Joe zurück, rot vor Zorn.

„Raus hier! Alle drei!“ kommandierte Bricks und deutete scharf auf die Tür.

Jakob und Dwight ringten um Kontrolle, zogen Joe an den Armen zur Tür. Sein Fluchen und Gebrüll hallte noch lange durch die Gänge, während die drei aus dem Büro gestoßen wurden.

Als die drei zurück in ihrem Quartier waren, setzte sich Joe auf sein Bett und schlug verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen.
„Was machen wir denn jetzt?“, fragte er mit brüchiger Stimme.

„Vielleicht kann ich noch einmal mit Bricks reden …“, begann Jakob vorsichtig.

„Vergiss es“, fiel ihm Dwight ins Wort. „Den Typen interessiert es einen Dreck, was mit Michael passiert.“

Jakob seufzte schwer. „Du hast recht. Wir können wohl nur warten, bis Michael aus dem Koma aufwacht … und ihm dann sagen, wie es steht.“

„Scheiße“, murmelte Joe nur und drehte sich im Bett zur Wand.

In den darauffolgenden Wochen versuchten die drei, ihren Alltag auf der Basis der U.S. Air Force so gut es ging zu bewältigen.
Joe arbeitete als Combat Arms Instructor – er bildete Rekruten im Umgang mit Schusswaffen aus, zeigte ihnen Disziplin, Präzision und Kontrolle, während in ihm selbst alles andere als Ruhe herrschte.
Jakob und Dwight waren beide Flugingenieure. Sie verbrachten ihre Tage in den Hangars oder auf Testflügen, um die Maschinen der Air Force in Schuss zu halten.

Doch egal, wie sehr sie sich in ihre Arbeit stürzten – in den stillen Momenten, wenn der Lärm der Triebwerke verklang, kehrte die Sorge um Michael immer wieder zurück.

Bei jedem Essen in der Messehalle hatte Joe größte Mühe, sich zusammenzureißen.
Am liebsten wäre er zum Offizierstisch gegangen und hätte Bricks seine ganze Wut ins Gesicht geschleudert – oder ihm einfach eine verpasst.
Doch Jakob hielt ihn immer wieder zurück, erinnerte ihn an Michael, an ihre Pflicht, an die Regeln.

Sie besuchten ihren Bruder so oft sie konnten. Sprachen mit der Ärztin, beobachteten die Werte auf den Monitoren, suchten in jedem Atemzug ein Zeichen der Besserung.
Sein Krankenbett war überfüllt mit Luftballons, Schokolade und Genesungswünschen seiner Kameraden – doch Michael blieb still.

Die Jungs hatten inzwischen eine Spendensammlung für Michaels Operation eingerichtet.
Aber egal, wie viele Kameraden spendeten, es war trotzdem nicht genug.
Zwei Monate waren vergangen – zwei Monate voller Hoffnung, Verzweiflung und endloser Warterei.

Dann ein kleiner Lichtblick:
Die Ärzte berichteten, dass Michael in unregelmäßigen Abständen versuchte, aufzuwachen. Immer wieder zeigten die Monitore Hirnaktivität – aber jedes Mal fiel er zurück in die Bewusstlosigkeit.
„Er kämpft“, sagte die Ärztin leise.
Doch niemand wusste, wie lange er das noch konnte.

Eines Tages saßen Joe, Jakob und Dwight wie üblich in der Messehalle beim Mittagessen.
Das Besteck klirrte, irgendwo lachte jemand. Für die drei fühlte sich das alles surreal an – als würde die Welt einfach weiterlaufen, während ihre eigene stillstand.

„Schlimme Sache mit Michael, was?“ sagte ein älterer Soldat, der sich zu ihnen an den Tisch setzte.
Jakob nickte nur. „Ja. Und so wie es aussieht, wird er, selbst wenn er aufwacht, nicht mehr lange leben. Die Ärzte sagen, ohne die OP…“ Er brach ab.

„Schrecklich sowas. Er ist doch noch so jung“, meinte der Soldat mitfühlend.
„Und Bricks interessiert es nicht“, murmelte Joe bitter.

Der ältere Soldat schnaubte leise. „Nicht anders zu erwarten, von diesem korrupten Schwein.“
Jakob sah auf. „Wie meinst du das?“
Der Mann sah sich kurz um, ob jemand mithörte, und beugte sich dann etwas näher zu ihnen.
„Wusstet ihr das wirklich nicht? Bricks wurde vor ein paar Jahren angeklagt, weil er bei Auslandseinsätzen Wertgegenstände und Gold beschlagnahmt hat – für eigene Zwecke, versteht sich.“
„Was?!“ entfuhr es Dwight.
Der Soldat nickte ernst. „Man hat ihm nie was nachweisen können, weil die Ware verschwunden war. Aber jeder hier weiß, dass da was dran ist. Seine Anwälte haben ihn da irgendwie rausgeboxt.“

Ein weiterer Soldat kam atemlos zu ihrem Tisch gelaufen.
„Leute, er ist aufgewacht!“ rief er, kaum dass er zum Stehen kam.

Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann sprangen alle drei gleichzeitig auf und rannten los, als ginge es um ihr Leben.
Das Klirren der Tabletts hallte hinter ihnen her, während sie durch die Gänge des Krankenhauses stürmten.

Als sie das Krankenzimmer betraten, begrüßte sie die Ärztin mit einem erleichterten Lächeln.
„Er ist wach. Und er wollte euch sehen“, sagte sie sanft.

Michael lag blass, aber bei Bewusstsein im Bett. Schläuche führten zu seinen Armen, der Monitor piepte ruhig und gleichmäßig.
Langsam öffnete er die Augen. „Jungs…“ hauchte er schwach, „schön euch zu sehen.“

Joe trat sofort ans Bett, beugte sich über ihn und umarmte ihn vorsichtig, aber fest.
Jakob und Dwight folgten, legten ihm die Hände auf die Schultern – es war ein stiller Moment, roh und ehrlich.
Nach Wochen voller Angst und Ungewissheit standen sie endlich wieder zu viert.

Nacheinander umarmten ihn seine Brüder.

„Aua!“ lachte Michael heiser, ein schwaches, aber echtes Lachen. „Meine Rippen, Jungs.“
Sie lachten alle mit – kurz, erleichtert, und mit Tränen in den Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte es sich an, als würde die Welt für einen Moment wieder stimmen.

Die vier unterhielten sich eine ganze Weile. Sie lachten, erzählten alte Geschichten und neckten sich wie früher — für einen Moment war alles so, wie es einmal war.
Brüder. Kameraden. Familie.

Niemand wagte, das Thema anzusprechen, das unausgesprochen zwischen ihnen stand.
Michael wirkte fröhlich, fast wie früher. „Ich freue mich schon so sehr, wieder in den Einsatz zurückzukehren“, sagte er hoffnungsvoll. „Das mir das Seil beim Hochklettern aus der Hand geglitten ist, ärgert mich immer noch.“

Seine Brüder sahen ihn an — still, mit schwerem Blick.
„Was habt ihr?“ fragte Michael verwundert, ein Lächeln auf den Lippen, das langsam erstarb.

Joe drehte sich weg, Dwight starrte auf den Boden. Nur Jakob fand die Kraft zu sprechen.
Er atmete tief durch, dann legte er seine Hand behutsam auf Michaels.
„Michael… du hast eine schwere Kopfverletzung erlitten.“
Ein kurzes Schweigen.
„Du bist nicht mehr diensttauglich.“

Michael runzelte die Stirn. „Ja und? Dann arbeite ich eben was anderes. Das ist doch nicht so schlimm, Jungs.“
Er lachte unsicher, suchte in ihren Gesichtern nach Zustimmung — doch fand keine.

Jakobs Stimme zitterte leicht, als er weitersprach:
„Michael… du brauchst eine Operation. Eine komplizierte, teure Operation und eine lange Therapie. Wenn du sie nicht bekommst…“
Er stockte kurz, schloss die Augen, als müsste er sich selbst überwinden.
„Wenn du sie nicht bekommst, wirst du nicht älter als fünfundzwanzig.“

Fassungslos blickte Michael ihn an.
„Aber…“ begann er, doch ihm fiel kein Gegenargument ein. Seine Stimme zitterte, als wollte sie die Wahrheit selbst nicht aussprechen.

In diesem Moment wurde die Stille von einer bekannten, aber verhassten Stimme zerrissen.
„Mr Handerson. Sie sind zu uns zurückgekehrt“, sagte Commander Bricks in seinem typischen sachlichen, emotionslosen Ton.

Joe, Jakob und Dwight warfen ihm nicht einmal einen Blick zu. Alle drei spürten, wie die Wut in ihnen hochstieg.
„Ähm… ja… auch schön, Sie zu sehen, Sir“, stotterte Michael unsicher, und wischte sich eine Träne aus den Augen.

Bricks trat näher, mit dem selbstgefälligen Ausdruck eines Mannes, der sich seiner Macht bewusst war.
„Ich möchte Ihnen etwas überreichen“, sagte er ruhig und griff in seine Uniformjacke.

Er zog einen verschlossenen Briefumschlag hervor und hielt ihn Michael hin.
„Das hier sind Ihre offiziellen Entlassungspapiere aus der US Air Force. Auf Grund Ihres Zustandes werden Ihre Dienste nicht mehr benötigt.“

Für einen Moment war es totenstill.
Michael starrte den Brief an, als hätte Bricks ihm gerade die Luft zum Atmen genommen.

„Was?“ flüsterte er kaum hörbar. „Aber… ich kann doch wieder gesund werden…“
Bricks sah ihn an, ohne jede Regung. „Das mag sein. Aber das Militär braucht Männer, die jetzt einsatzfähig sind.“

Joe ballte die Fäuste. „Sie widerlicher Bastard…“ zischte Joe.
„Joe!“, flüsterte Jakob schnell und packte ihn am Arm.

Bricks würdigte ihn keines Blickes

 Alles Gute für ihre Zukunft. Das war’s.“
Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer, als wäre nichts geschehen.

In Joe kochte die Wut hoch.
Jakob versuchte, ihn so gut es ging zu beruhigen.

„Bin ich wirklich wach? Passiert das hier gerade wirklich?“, fragte Michael, am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Joe ballte die Fäuste. „Das reicht, wir rauben den Bastard aus. Um jeden Cent der er hat, erleichtern wir ihn"

Erschrocken blickten Jakob und Dwight sich hastig um, prüfend, ob niemand mithörte.

„Was redest du da?“, flüsterte Jakob.

Joe senkte die Stimme, doch sein Ton blieb gefährlich. „Ihr habt es doch gehört — er klaut Wertgegenstände. Die müssen irgendwo sein.“

Michael sah verwirrt zwischen den Brüdern hin und her. „Wovon redet ihr überhaupt?“

„Nichts, Michael. Joe redet Blödsinn“, versuchte Jakob hastig, das Thema zu wechseln.

Aber Michael blieb hartnäckig. „Erklär es mir, Joe. Was können wir tun? Ich würde alles tun, um Bricks eins auszuwischen.“

Joe zog die Schultern hoch. „Noch nichts Konkretes. Aber wir finden etwas, das wir Bricks klauen können — damit zahlen wir deine Operation.“

„Hey, was heißt hier ‚wir‘?“, protestierte Jakob sofort.

„Joe hat recht“, warf Dwight ein. „Wenn auch nur die geringste Chance besteht, Michael zu retten, müssen wir sie nutzen.“

Jakob zögerte, dann nickte er langsam. „Okay. Meine militärische Laufbahn kann ich mir unter Bricks ohnehin abschminken. Unter ihm diene ich nicht mehr.“

„Also, was ist der Plan?“, fragte Michael mit brüchiger Stimme.

„Seine Villa“, sagte Dwight knapp. „Dort fangen wir an.“

„Du bleibst hier und ruhst dich aus“, wandte Joe sich an Michael. „Wir denken uns einen Plan aus.“

Die drei umarmten ihren Bruder nochmal kurz, verabschiedeten sich und kehrten in ihr Quartier zurück — jeder von ihnen mit einem neuen, dunklen Entschluss im Herzen.

Noch am selben Abend stiegen die drei in Joes alten, aber robusten Geländewagen. Der Motor röhrte kurz auf, dann rollten sie langsam durch das Tor der Militärbasis.

Eine Wache hob die Hand.
„Wo soll’s hingehen, Leute?“
„In die Bar. Wir müssen unsere Sorgen ertränken,“ lachte Jakob gequält.
„Na gut. Aber bis zehn Uhr seid ihr wieder hier – sonst tritt mir Bricks persönlich in den Arsch,“ antwortete der Wachposten halb im Scherz.

Sie nickten, fuhren weiter. Doch ihr Ziel lag woanders.

Bricks’ Villa befand sich nicht weit von der Basis, in einem der nobelsten Viertel der Stadt. Vor den gepflegten Anwesen parkten Limousinen und Sportwagen — Symbole eines Lebens, das weit entfernt war von dem der einfachen Soldaten.

„Seht euch das an,“ murmelte Joe. „Alles dieselben selbstgefälligen Bastarde.“

Bricks’ Villa lag etwas zurückversetzt, groß, prunkvoll und gut gesichert. Joe parkte den Wagen ein Stück entfernt. Die drei stiegen aus, zogen ihre Jacken enger und schlichen sich im Schatten der Bäume an.

„Ich kümmere mich um den Sicherungskasten,“ flüsterte Dwight.
„Mach schnell,“ antwortete Joe.

Ein leises Klicken – dann erlosch das Licht in der gesamten Villa.

„Jetzt!“ flüsterte Joe.

Sie rannten los, lautlos, konzentriert. Sie wussten: Viel Zeit blieb nicht, bevor der Notstrom anspringen würde.

Mit einem kräftigen Tritt öffnete Joe die Haustür. Das Knirschen splitternden Holzes hallte kurz durch die Dunkelheit.

Sie durchkämmten die Räume. Schränke, Schreibtische, Kisten – nichts von wirklichem Wert. Nur vereinzelte Schmuckstücke, etwas Bargeld.

„Verdammt, das kann nicht alles sein,“ fluchte Joe.

Da schlug Jakob sich an die Stirn. „Der Bunker! Erinnerst du dich? Bei der Grillparty hat er doch damit angegeben!“

Joe nickte sofort. „Richtig. Im Garten.“

Sie hasteten hinaus. Unter einem Stück Rasen fanden sie eine Metallklappe – kaum sichtbar im Dunkel. Dwight packte sie und zog. Die Luke öffnete sich widerstandslos.

Joe stieg als Erster hinab, die Taschenlampe in der Hand.
„Heilige Scheiße …“ entfuhr es ihm.

Regale voller Gold, Schmuck und Bargeld stapelten sich vor ihm. Alte Münzen, Artefakte, Kunstwerke – alles, was man in Bricks’ Akten nie gefunden hatte.

„Deshalb hat man nie Beweise gefunden,“ murmelte Joe. „Er hat alles hier unten versteckt.“
„Dieser Mistkerl,“ sagte Jakob, halb wütend, halb ungläubig.

Dann – ein leises Summen, gefolgt von einem grellen Klick.

Plötzlich flammte draußen wieder Licht auf. Der Alarm begann zu heulen.

„Schnell, weg hier!“ rief Dwight von oben.

Joe und Jakob hasteten die Leiter hinauf, zogen die Luke zu und rannten gemeinsam über den Rasen. Sie sprangen über die Gartenmauer, rollten sich am Boden ab und sprinteten in Richtung Auto.

In der Ferne hörten sie Sirenen. Blaulichter zeichneten unstete Muster an die Wände der Villen.

Joe startete den Wagen.
„Ruhig bleiben,“ sagte Jakob, während Dwight nervös aus dem Fenster sah.

Als sie an der Polizei vorbeifuhren, die gerade vor der Villa hielt, nickte Joe nur knapp.
„Wir waren nie hier,“ murmelte er.

Der Wagen verschwand in der Dunkelheit, als hinter ihnen die Sirenen lauter wurden.

Am nächsten Morgen saßen sie beim Frühstück in der Messehalle. Die üblichen Geräusche – Besteck, Stimmen, ferne Motoren – wirkten seltsam weit weg.

Jakob beugte sich nach vorn, die Stirn gerunzelt.
„Ich hab was gehört“, begann er leise, „ein Telefonat von Bricks.“

Joe hob den Blick, aufmerksam.
„Was hat er gesagt?“

„Er hat von unserem kleinen Besuch erfahren und will in zwei Wochen alles aus dem Bunker abtransportieren“, flüsterte Jakob. „Mit gepanzerten Fahrzeugen. Komplett räumen. Und irgendwo anders verstauen."

Für einen Augenblick blieb es still an ihrem Tisch. Dann glitt ein seltsames Lächeln über Joes Gesicht. Er rieb sich gespannt die Hände.
„Perfekt“, sagte er knapp.

„Wie meinst du das?“, fragte Jakob und sah ihn ungläubig an.

„Das erzähl’ ich euch heute Abend — nicht hier,“ erwiderte Joe und senkte die Stimme.

Am Abend saßen sie wieder beisammen. Joe legte den Plan offen auf den Tisch und sprach ohne Umschweife.

Jakob starrte ihn mit offenem Mund an, die Worte schienen ihm im Hals stecken zu bleiben.
„Du willst also eine C-17 klauen? Von einer gesicherten Militärbasis?“ fragte er fassungslos.

Joe schüttelte den Kopf. „Nein — nicht von hier. Von dem Flugplatz, auf den die ausgemusterten Maschinen kommen. Der ist wesentlich weniger gesichert.“

„Okay. Und wie stellen wir das an?“, fragte Jakob.

„Ihr zwei hört euch um, welches Flugzeug demnächst ausgemustert wird“, erklärte Joe knapp.

„Ich weiß tatsächlich schon eines“, meldete sich Dwight mit heller Stimme. „Die Maschine, die vor kurzem aus einem Kriegsgebiet zurückkam — der Rumpf ist völlig durchlöchert.“

Jakob dachte kurz nach. „Die Triebwerke, das Fahrwerk — die wichtigen Teile — sind aber intakt. Die Reparatur würde Millionen kosten. Die Air Force wird das nicht bezahlen.“

„Dann beobachtet ihr beide, was mit dem Flugzeug passiert“, sagte Joe erfreut. „Ich kümmere mich darum, herauszufinden, wann genau der Werttransport stattfindet.“

Er sah die Brüder nacheinander an, die Entschlossenheit in seinem Blick war unübersehbar. „Wir schnappen uns Bricks Vermögen, hauen über den Atlantik ab und fangen ein neues Leben in Europa an.“

Ein kurzer, schwerer Atemzug. Keiner sagte sofort etwas – doch in ihren Gesichtern stand längst fest, dass es kein Zurück mehr gab.

„Gib mir den Drahtschneider“, sagte Joe hastig.
„Den Drahtschneider, Michael!“
„Ja, ja — hier“, antwortete Michael und reichte ihm das Werkzeug.

„Leute, wie sieht's aus? Sie haben gerade Landerlaubnis bekommen, sie sind nicht mehr weit weg“, funkte Dwight leise neben ihnen. Das kleine Funkgerät lag in seiner Nähe auf dem Boden.
„Verstanden“, erwiderte Jakob knapp.

In dunklen Klamotten hatten sie sich vor dem Zaun des Flugplatzes postiert. Michael, inzwischen wieder einigermaßen fit, war dabei – es hatte nicht viel Überredungskunst gebraucht, ihn zu gewinnen. Tagelang hatten Jakob und Dwight beobachtet, was mit dem Flugzeug geschah.

„Okay“, flüsterte Dwight, der den Platz aus dem Dunkel im Blick hatte. „Sie sind im Landeanflug. Sobald sie die Bahn verlassen und anhalten, stürmen wir die Maschine, überwältigen die Piloten und machen uns vom Acker. Klar?“
„Verstanden“, sagte Joe.

„Jakob — bist du dir sicher, dass du das Teil starten und landen kannst?“, fragte Joe.
„Machst du Witze?“, entgegnete Jakob selbstbewusst. „Ich krieg das mit geschlossenen Augen hin.“

Dann war es so weit. Aus der Ferne heulten die Triebwerke auf, die Landelichter zeichneten ein Band über die Piste und erhellten diese. Joe begann, den Drahtzaun aufzuschneiden. Sie schlüpften hindurch und rannten zur Landebahn.

Mit ohrenbetäubendem Lärm setzte das Flugzeug auf, wirbelte Staub und Schmutz auf und rollte langsam von der Bahn. Es hielt schließlich in einer Parkbucht am Ende der Landebahn. Joe, Michael und Jakob rannten so schnell sie konnten auf das Ziel zu, zogen die Masken über die Gesichter und stürmten zur Seitentür. Sie rissen sie auf und preschten durch den leeren Frachtraum zur Leiter ins Cockpit.

„Raus hier, na los!“, schrie Joe und zielte mit seinem Gewehr auf die Piloten.
„Was ist hier los, verdammt?“, rief einer der beiden, völlig überrumpelt.

Joe ließ keine Diskussion zu. Er holte aus und schlug mit geschlossener Faust zu. "Raus hier, sonst knall’ ich euch ab!“ brüllte er. Hastig stiegen die Männer die Leiter hinunter, Michael stieß sie hinaus und schloss die Tür hinter ihnen.

Im Cockpit begann Jakob routiniert, sich einen Überblick zu verschaffen. „Hinsetzen und anschnallen! Das wird heftig“, rief er, während er die Instrumente kurz prüfte. Er bewegte die Hebel; das Flugzeug setzte sich wieder in Bewegung.

„Bitte kommen! Sie haben keine Starterlaubnis — was tun Sie?“, ertönte ein Funkspruch aus dem Kontrollbereich. Den Worten zum Trotz rollte die Maschine auf die Startbahn. „Start abbrechen! Sofort starten!“, kam es erneut über Funk.

Jakob presste die Schubhebel nach vorn — und mit einem ohrenbetäubenden Jaulen nahm das Flugzeug Fahrt auf.
„Festhalten!“ brüllte Jakob und riss den Steuerknüppel nach hinten. Langsam löste sich die Maschine vom Boden.

Sie entfernten sich Meter für Meter vom Flugplatz, der in der Nacht hinter ihnen zurückfiel.
„Michael, komm hier hoch!“ rief Jakob hinunter in den Laderaum. Michael hetzte die Leiter empor, das Herz ihm bis zum Hals.

„Du musst mir helfen, die Radarortung und die Positionslichter abzuklemmen“, sagte Jakob kurz angebunden. Nach ein paar gezielten Handgriffen verschwanden die letzten grellen Lichter — und die Dunkelheit verschlang das Flugzeug, als es über das nächtliche New York City glitt.

Das Versteck, in dem sie den Riesen verbergen wollten, lag rund dreißig Meilen entfernt: eine verlassene US-Air-Force-Basis, die längst dem Verfall überlassen war.

„Okay… wir sind unsichtbar“, sagte Jakob, und für einen kurzen Moment spannte sich Erleichterung durch das Cockpit.

Joe funkte Dwight an: „Wo bist du?“
„Direkt auf der Straße unter euch. Ich fahre voraus und mache die Landebahn bereit“, antwortete dieser.

Etwa zehn Minuten später landete Jakob die Maschine auf der verlassenen Basis. Dwight hatte entlang der Bahn Leuchtfackeln aufgestellt, die grell durch die Dunkelheit flackerten. Das Flugzeug holperte über den mit Rissen und Schlaglöchern übersäten Asphalt, ehe Jakob es vor einem alten Hangar zum Stehen brachte.

Dwight stand schon bereit, wies mit seiner Taschenlampe ein und zog dann die massiven Türen zu. Das Kreischen der Metallscharniere hallte durch die Nacht, bevor die Tore mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fielen.

„Okay… das wäre geschafft“, seufzte Jakob und atmete tief durch.

Die drei stiegen aus. Jakob und Dwight begannen sofort, die Maschine zu überprüfen — Triebwerke, Fahrwerk, Hülle. Joe und Michael gingen derweil zu einem alten Büro, das sich am Ende des Hangars befand.

Der Weg dorthin führte sie vorbei an mehreren abgestellten Fahrzeugen — einem Gabelstapler, einem Transporter und einem alten Abschleppwagen. Alles funktionstüchtig, alles Teil des Plans.

Im Büro hatten sie sich notdürftig eingerichtet: Schlafsäcke, ein paar Decken, Campingkocher. Eine Rückkehr zur Basis war ausgeschlossen.

Joe ließ sich auf einen der alten Stühle fallen. „Wie fühlst du dich, Michael?“ fragte er ruhig.

„Na ja… so wie jeder andere, dessen Leben in Gefahr ist und der bald seinen ehemaligen Arbeitgeber ausrauben wird“, erwiderte Michael mit einem schiefen Lächeln.

Joe grinste. „Da hast du wohl recht.“

Kurz darauf kamen Jakob und Dwight dazu. Jakob sah erschöpft aus, aber in seinem Blick lag Stolz.
„Tja, ich hab eine gute und eine schlechte Nachricht“, sagte er und setzte sich.

„Die gute ist: Das Flugzeug wird fliegen. Die schlechte — durch die Treffer im Rumpf können wir nicht auf Reiseflughöhe gehen. Wenn wir’s versuchen, erfrieren wir da oben.“

„Mist“, murmelte Joe und rieb sich übers Gesicht.

„Was genau bedeutet das?“, fragte Michael.
„Wir können maximal auf 2.000–5000 Meter steigen“, erklärte Jakob. „In dieser Höhe erreichen wir gerade mal die Hälfte der normalen Reisegeschwindigkeit.“

„Und wir haben noch ein Problem“, fügte Dwight hinzu. „Kerosin. Für den Überflug des Atlantiks reicht das, was wir jetzt haben, bei weitem nicht.“

Joe schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Okay…“ Er atmete tief aus.
„Dwight, Jakob — ihr versucht alles, den Rumpf so gut wie möglich abzudichten. Und wenn es sein muss, mit Bauschaum.“

„Ich rufe einen alten Freund an“, sagte Dwight. „Er leitet eine Flugschule. Der kann uns bestimmt genug Kerosin besorgen.“

„Und was mache ich?“, fragte Michael.

„Du bist für die Logistik zuständig, Michael. Wenn wir die Fracht haben, müssen wir genau wissen, was wiegt und wie wir es verladen. Schaffst du das?“

Michael nickte selbstbewusst. „Klar.“

„Gut, Jungs. Gehen wir schlafen — das war ein anstrengender Tag“, gähnte Joe.

Am nächsten Morgen lag viel Arbeit vor ihnen. Dwight und Jakob schufteten stundenlang am Rumpf: Löcher flicken, Blech richten, schweißen, hämmern, kleben — bis in den Nachmittag hinein.

„Puh. Okay, das sollte reichen. Nicht perfekt, aber das alte Mädchen sollte fliegen können“, sagte Jakob erschöpft.

Dwight kam aus dem Büro. „Ich habe mit ihm gesprochen — er kommt gleich mit einem Tanklaster vorbei“, verkündete er erfreut.

„Vertraust du ihm, Dwight“, fragte Joe
„Mit meinem Leben“, antwortete Dwight ernst.

Eine Stunde später hielt tatsächlich ein Tanklaster vor dem Hangar. Joe ging schnell auf den Fahrer zu.
„Wir machen dir das Tor auf. Du fährst rein, sonst wirkt das zu auffällig.“

Mit Jakobs Hilfe schob Joe die Tore auf; der Tanklaster rollte in den Hangar. Der Fahrer stieg aus, sah sich um und lächelte verblüfft.
„Du hast nicht übertrieben, Dwight— ihr habt wirklich eine C-17 geklaut.“

„Wenn das hier vorbei ist und Michael wieder gesund ist, zahl’ ich dich fürstlich“, sagte Dwight. Bis dahin musst du versprechen, keinem ein Wort zu sagen — Luke.“

„Solange der Junge wieder gesund wird, schweige ich wie ein Grab“, antwortete der Fahrer, und Joe umarmte ihn fest.
„Danke. Das vergesse ich dir nie, mein Lieber.“

Nachdem die Maschine betankt war, schüttelte Dwight Luke noch einmal dankbar die Hand.
Die vier kehrten ins provisorische Büro zurück. Michael, Dwight und Jakob nahmen Platz, während Joe eine grobe Karte von New York City auf dem Tisch ausbreitete.

„Okay,“ begann er, „unsere Quellen sagen, der Konvoi wird diese Strecke nehmen. Er fährt durch Manhattan — vermutlich, um die Gefahr eines Überfalls zu minimieren.“

Joe deutete mit dem Finger auf die Karte. „Wir schlagen hier zu, kurz vor der Manhattan-Brücke.“

„Denkt daran,“ warf Jakob ein, „wir töten niemanden.“

„Dwight und ich übernehmen den Abschleppwagen. Wir versperren die Straße damit“, erklärte Jakob weiter.
„Michael, du fährst den Transporter. Ich sitze hinten im Laderaum und zwinge sie zum Anhalten.“ Joe sprach mit fester Stimme.

„Und wie genau willst du das machen?“, fragte Michael neugierig.

Joe grinste und hob ein großes, schweres Maschinengewehr. „So.“

„Nachdem wir die Fahrzeuge übernommen haben, bringen wir die Ladung hierher, laden sie ins Flugzeug und heben ab“, sagte Jakob. Seine Stimme wurde ernster.
„Wenn wir das durchziehen, kehren wir nie wieder zurück — das muss euch bewusst sein.“

Dwight stand auf und streckte seine Faust aus " Auf unser neues Leben" sagte er stolz.

Seine Brüder schlugen ein.

"Auf unser neues Leben" riefen sie nochmal gemeinsam.

 

Nun war er da, der Tag, der das Leben der vier Brüder komplett auf den Kopf stellen würde.
Nervös, aber gleichzeitig konzentriert, zogen sie ihre Tarnkleidung an: schwarze Hosen, schwarze Jacken, schwarze Schuhe — dazu die Skimasken. Joe schob zusätzlich einen schweren Helm und eine schusssichere Weste über.

Sie stiegen in die Fahrzeuge, die sie vorbereitet hatten — einige Tage zuvor vom Schrottplatz gestohlen. Ein alter, klappriger Transporter, dessen beste Zeiten eindeutig vorbei waren, und ein massiver Abschlepper, normalerweise zum Bergen von Sattelschleppern eingesetzt. Dwight und Jakob nahmen den Abschlepper, Michael und Joe den Transporter; Joe setzte sich auf die Ladefläche, das Maschinengewehr geladen und einsatzbereit.

Es war ein warmer, friedlicher Sommerabend in New York City, die Sonne sank bereits.
„Okay — ziehen wir’s durch“, funkte Joe knapp.

Sie fuhren auf die Hauptstraße Richtung Innenstadt. Kaum jemand sprach; jeder war vollkommen fokussiert. Nur das dumpfe Brummen des Dieselmotors durchbrach die Stille, wenn Jakob aufs Gas trat.

Sie näherten sich dem vornehmen Viertel, aus dem der Konvoi gestartet war — und bald schon sahen sie ihn: zwei große gepanzerte Fahrzeuge, dazu vorne und hinten jeweils ein Begleitwagen. Noch griffen die Brüder nicht an; sie warteten auf eine enge Stelle, an der man besser blockieren konnte.

Sie überholten den Konvoi mit beiden Fahrzeugen und fädelten sich vor ihn ein. Als sie dann eine enge Straße erreichten, schlugen sie zu.
„Los!“, rief Jakob ins Funkgerät und zog mit aller Kraft die Handbremse des Abschleppers.

Der Riese stellte sich quer über beide Fahrspuren; der Weg des Konvois war versperrt. Michael stand scharf und trat in die Eisen, sodass der Transporter zum Stehen kam. Entschlossen riss Joe die Hecktür auf, richtete das Gewehr auf das erste Fahrzeug — und eröffnete das Feuer, präzise auf den Motor. Ein gellender Knall, Rauch, dann blieb das erste Fahrzeug stehen.

Das Wachpersonal sprang panisch heraus. „Stehen bleiben! Waffen runter! Sonst seid ihr Schweizer Käse!“, brüllte Joe.

Michael und Dwight stürmten zum ersten Panzerwagen, Jakob zum zweiten. „Aussteigen — jetzt!“, befahlen sie mit erhobenen Waffen. Zögernd, mit den Händen in die Luft, kletterten die Wachen heraus.
„Okay, okay — bitte nicht schießen!“, flehten sie.

Joe hustete vor Staub und stieg in den Abschlepper, Michael folgte ihm. Dwight und Jakob setzten sich an die Steuer der eroberten Panzerwagen. Joe drehte den Abschlepper, rammte dabei rückwärts den Transporter an und schob ihn zur Seite — „Den brauchen wir eh nicht mehr“, grinste er kurz — und legte den ersten Gang ein.

Die Fahrzeuge setzten sich in Bewegung und rollten vorbei an den zurückbleibenden Wachen, die hektisch in ihre Funkgeräte brüllten. Blaulichter begannen weit entfernt aufzuflackern — doch für den Moment gehörte die Straße den Brüdern.

Ihr Plan war simpel: einmal quer durch Manhattan. Über die Brooklyn Bridge rüber, dann über den Times Square zurück Richtung Manhattan Bridge, diese überqueren und anschließend den Highway entlang zu ihrem Versteck.

Sie traten das Gaspedal durch und rasten über die Brooklyn Bridge. Das Heulen der Reifen schallte von den Stahlträgern wider, begleitet vom tiefen Grollen der schweren Motoren.

Am Ende der Brücke bogen sie auf eine der Hauptstraßen ein.
Und dann — Stillstand.

„Scheiße“, fluchte Joe.
„Hier kommen wir nicht durch, verdammt! Hier ist alles zu!“ rief er ins Funkgerät.

Auch Dwight und Jakob saßen fest. Nichts ging mehr — eine endlose Blechlawine verschloss ihnen den Weg.

Aus der Ferne drangen bereits die Sirenen der Polizeiwagen heran, immer näher, immer lauter.

Schließlich hielten sie ein paar Fahrzeuge weiter hinten an.

"NYPD, Motor aus und mit erhobenen Händen aussteigen!" kam aus einem Lautsprecher.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Michael nervös und blickte hektisch aus dem Fenster.

„Gibt wohl nur einen Weg hier raus“, erwiderte Joe mit entschlossener Stimme.

Er legte den ersten Gang ein, trat das Gaspedal bis zum Bodenblech — und rammte das Taxi vor ihnen mit einem brutalen Ruck. Das massive Stahlmonster schob das Auto weg wie eine Blechdose.

Nach und nach bahnte sich der Truck seinen Weg durch den Stau. Michael klammerte sich panisch an die Türgriffe, während Joe ein Fahrzeug nach dem anderen zur Seite schob. Metall schrie, Stoßstangen flogen, Scheiben splitterten.

Sie hinterließen einen wahren Pfad der Zerstörung.

„Heilige Scheiße …“ flüsterte Dwight, während er versuchte, mit dem Abschlepper durch das tobende Chaos Schritt zu halten.

Joe bog abrupt von der Hauptstraße ab, Richtung Times Square. Protestierend quietschten die Reifen, als er den tonnenschweren Koloss brutal um die Kurve zwang.

Auf den grell erleuchteten Straßen des Times Square brach sofort Panik aus. Autos kamen quietschend zum Stillstand, Menschen schrien, sprangen zwischen parkende Wagen oder warfen sich hastig hinter Straßenschilder. Das Biest bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg, jedes Hupen, jedes Aufschreien hallte von den Leuchtreklamen wider.

Immer mehr Blaulichter tauchten auf. Polizeiwagen rasten aus den Seitenstraßen heraus.

"Anhalten! Sofort!" kam eine weitere Lautsprecherdurchsage.

„Niemals, ihr Penner!“ brüllte Jakob zurück und rammte den Streifenwagen, der sich neben ihn gewagt hatte. Der Polizeiwagen wurde wie ein Spielzeug zur Seite geschleudert und krachte in eine Reihe parkender Autos. Die Explosion von Metall auf Metall hallte über den ganzen Platz.

„Pass auf, Joe!“ rief Michael panisch, als sie eine Kreuzung erreichten.

Ein Bus kam von rechts angefahren. Der Fahrer trat auf die Bremse, die Reifen kreischten — doch es reichte nicht. Er prallte mit voller Wucht gegen den Abschlepper. Der schwere Truck geriet ins Schleudern, kippte gefährlich zur Seite, aber Joe riss das Steuer herum und zwang die Maschine zurück auf die Straße.

„Lange hält das Teil das nicht mehr durch …“ sagte er kopfschüttelnd, während der Motor röchelte wie ein sterbendes Tier.

Jakob und Dwight rammten jeden Wagen, der ihnen zu Nahe kam, von der Straße.

Sie ließen immer mehr Wracks zurück.

Endlich — die Manhattan Bridge kam in Sicht. Der einzige Weg raus aus dieser Hölle. Joe trat alles durch, was der ramponierte Truck noch hergab. Das gesamte Fahrzeug vibrierte, Metall klapperte, irgendwas schleifte über den Asphalt.

Zufrieden blickte Joe in den Rückspiegel.

"Sieht aus, als hätten die aufgegeben"

„Joe! Siehst du das?! Da vorne!“ rief Micheal und zeigte nach vorne.

Eine Straßensperre. Polizeiwagen, quer über die Fahrbahn verteilt, Lichtbalken, Uniformen, gezogene Waffen.

„Halt dich fest … das wird holprig“, knurrte Joe.

Der Abschlepper nahm immer mehr Fahrt auf. Der Motor brüllte, die Brücke bebte unter dem Gewicht. Und dann — ein gnadenloser Einschlag. Der Truck pflügte durch die Polizeifahrzeuge, schleuderte sie wie Dominosteine beiseite. Jakob und Dwight rasten direkt hinterher durch die entstandene Lücke, Funken sprühten über den Asphalt.

„Piep. Piep. Piep.“

Eine Warnung aus dem Armaturenbrett. Und dann ein wütendes, lautes Zischen. Weißer Dampf schoss aus der Motorhaube. Der Kühler explodierte förmlich, kochend heißes Wasser spritzte überall hin.

Joe brachte den zerstörten Truck mit letzter Mühe zum Stehen.

„Raus!“ schrie er.

Er und Michael sprangen hastig heraus. Ohne ein Wort stiegen sie in die beiden Panzerwagen um — Joe zu Dwight, Michael zu Jakob.

„In dieser Stadt können wir uns auf jeden Fall nicht mehr blicken lassen …“ knurrte Joe und schnallte sich an.

Sie rasten weiter, bogen durch schmale Seitengassen, schleuderten Mülltonnen und sonstige Hindernisse aus dem Weg und erreichten schließlich die Auffahrt zum Highway.

Hinter ihnen, in der Ferne. Sirenen, Chaos, blockierte Straßen.
Vor ihnen: Freiheit — zumindest für den Moment.

Die Polizei stellte die Verfolgung ein. Keine Streifenwagen mehr. Wahrscheinlich zu gefährlich. Wahrscheinlich zu chaotisch.

Sie waren entkommen. Erstmal.

Sie pressten alles heraus, was die Panzerwagen hergaben.
Wie zwei rollende Stahlkolosse glitten sie durch die hereinbrechende Nacht, die Scheinwerfer schnitten Schneisen durch die Dämmerung, während am Horizont das letzte Tageslicht wie eine sterbende Flamme erlosch.

Die Fahrt zur verlassenen Basis war kurz. Kaum zwanzig Minuten später erreichten sie die Abfahrt. Nur noch eine kleine Siedlung, dann waren sie in Sicherheit – zumindest für den Moment.

„Wie verkaufen wir das Zeug eigentlich?“ fragte Michael nachdenklich.

Joe zögerte keine Sekunde. „Ich habe jemanden in der Schweiz angerufen. Einen Schwarzmarkthändler. Er nimmt uns alles ab – und zwar für die Hälfte vom tatsächlichen Wert. Und glaub mir: Was wir hinten in den Kisten haben, ist ein verdammter Goldschatz. Mehr als genug für deine Operation. Und genug, um uns irgendwo ein neues Leben aufzubauen.“

„Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein …“ seufzte Michael leise.

Kurz darauf rasten sie durch das kaputte Metalltor der verlassenen Basis. Jetzt musste jeder Griff sitzen.

Sie stoppten die Panzerwagen direkt vor dem Hangar. Michael und Dwight sprangen heraus, zogen die schweren Hangartore auf, während Joe und Jakob mit den Transportern zurücksetzten – direkt bis an die Laderampe des Flugzeugs.

„Okay, los los los!“ brüllte Joe, scharf wie ein Peitschenhieb. „Nach dem Chaos, das wir angerichtet haben, dauert’s nicht lange, bis sie hier auftauchen!“

Michael kletterte geübt in den Gabelstapler. Joe riss die Türen der Panzerwagen auf.

„Jackpot …“ murmelte er, als er die erste Kiste öffnete.

Goldbarren. Schmuck. Bündelweise Bargeld. Und Artefakte, die aussahen, als gehörten sie in ein Museum unter Panzerglas.
In einer anderen Kiste: Waffen ohne Ende. Pistolen. Gewehre. Schrotflinten. Munition für eine ganze Armee. Und – ein Raketenwerfer.

Jakob und Dwight sprinteten inzwischen hoch ins Cockpit. Die Systeme erwachten mit einem tiefen Brummen.

„Treibstoff – check. Reifendruck – check. Triebwerke – check.“
Dwight schaltete eine ganze Reihe von Knöpfen, während Jakob konzentriert über die Anzeigen flog.
Die Turbinen begannen zu drehen, langsam zuerst, dann immer schneller – wie ein schlafender Riese, der geweckt wurde und sehr schlechte Laune hatte.

Joe und Michael luden währenddessen im Akkord. Kiste für Kiste, Schweiß auf der Stirn, jeder Atemzug schwer.

Als alles verstaut war, wollte Joe nur noch schnell sein Gewehr aus einem der Panzerwagen holen. Er sprang hinein, griff nach seinem Sturmgewehr – und dann sah er es.

Ein schwarzer Aktenkoffer.
Unspektakulär. Staubig. Verschlossen.

„Was zum …?“ murmelte er.

Er nahm ihn mit und rannte zurück zum Flugzeug. Die Laderampe schloss sich hinter ihm mit einem tiefen, metallischen Grollen.

Michael saß einige Meter weiter vorne, angeschnallt. Joe setzte sich direkt bei der Laderampe hin – sein Gewehr in der einen Hand, den schwarzen Koffer in der anderen.

„Was hast du denn da?“ fragte Michael neugierig.

Joe öffnete den Mund – doch bevor er antworten konnte, heulten die Triebwerke plötzlich auf. Das ganze Flugzeug vibrierte, als rollte eine Naturgewalt durch den Rumpf.

„Alle bereit?!“ brüllte Jakob aus dem Cockpit.

„Bereit!“ riefen Joe und Michael gleichzeitig zurück.

„Dann geht’s los!“ rief Jakob – und drückte die Schubhebel nach vorn.

Die Triebwerke stiegen auf ein ohrenbetäubendes Kreischen an, das über das alte, zerfallene Flugfeld hallte. Die C-17 setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller.

Der Boden unter ihren Füßen bebte.
Und mit jeder Sekunde kam der Start – und alles, was danach kommen würde – näher.

Dann hob der Gigant ab – rauf in den Nachthimmel.

Keine einzige Leuchte blinkte an der Maschine. Wie ein bedrohlicher, schwarzer Schatten schob sich das Flugzeug über das hell erleuchtete New York hinweg.

Die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge zuckten noch immer durch die Straßenschluchten, als letzter Nachhall des Chaos, das sie hinterlassen hatten.

Doch das Flugzeug gewann schnell an Höhe, wurde eins mit der Dunkelheit, und nur das ferne Dröhnen der Turbinen verriet noch seine Anwesenheit.Dann schwenkten sie über den Atlantik, raus aus dem Stadtgebiet –
und hinein in die Richtung, die für sie alle gleich klang:
Freiheit.

Elegant glitt das Flugzeug mehrere tausend Meter über dem scheinbar endlosen Atlantik.
Im Cockpit saßen Jakob und Dwight, konzentriert über Anzeigen, Radar und Messgeräte gebeugt. Jeder Knopfdruck, jede Meldung wurde von ihnen doppelt überprüft – das hier war kein Vogel, dem sie blind vertrauen konnten.

Joe schnallte sich im Frachtraum ab und kletterte zu ihnen hoch.

„Wie sieht’s aus, Jungs? Wie fliegt sie sich?“ fragte er.

„Naja… für einen zerschossenen und in Rekordzeit zusammengeflickten Schrotthaufen ganz gut“, meinte Jakob abfällig, ohne den Blick vom Instrumentenbrett zu heben.

Joe verzog das Gesicht.

Jakob lachte. „Ha ha ha – du solltest mal dein Gesicht sehen. Keine Sorge, die Dinger sind zäh wie Leder. Da braucht’s mehr als ein paar Einschusslöcher, um die vom Himmel zu holen.“

„Alter Scherzkeks“, murmelte Joe und stieg wieder hinunter.

Michael hing im Gurt und schlief tief und fest – so fest, dass er leise schnarchte. Die letzten Monate hatten ihn ausgezehrt, körperlich wie seelisch.
Joe blieb einen Moment stehen und sah zu ihm hinüber. Obwohl Michael es nicht sehen konnte, lächelte er.

„Wir schaffen das. Versprochen“, flüsterte er.

Dann wandte er sich dem schwarzen Aktenkoffer zu.
Zu seiner Überraschung war er nicht einmal abgeschlossen. Er klappte ihn auf – und sofort wehten ihm lose Papiere entgegen.

Was er las, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Dokumentierte, detaillierte Berichte darüber, wie Bricks und seine korrupten Einheiten im Ausland geplündert, zerstört und getötet hatten – alles getarnt unter dem Mantel der Terrorbekämpfung.
Listen voller Wertgegenstände, die sie gestohlen hatten. Einschätzungen ihrer Preise.
Ein ganzes Archiv an Verbrechen.

Und alles war von Bricks persönlich unterschrieben.

„Jetzt haben wir dich, du elender Mistkerl“, murmelte Joe und blätterte weiter.

Er schnappte den Koffer und kletterte rasch zurück ins Cockpit.
„Ich muss das hier verstecken“, sagte er knapp und schob den Koffer zwischen ein paar technische Handbücher in einem schmalen Bordregal.

Dwight sah ihn verwirrt an. „Was hast du denn da?“

Joe grinste nur breit. „Damit ist Bricks am Arsch.“

Er ließ Dwight und Jakob mit Ratlosigkeit im Blick zurück.

Joe ließ sich wieder in seinen Sitz fallen. Auch er wollte ein wenig Schlaf abbekommen – der Flug würde ohnehin noch Stunden dauern. Müde und erschöpft fielen ihm die Augen zu.

Er träumte wieder von jenem Einsatz. Dem Tag, an dem Michael verletzt worden war.
Er sah sich selbst am Seil hochklettern, durch das Fenster gleiten… und dann Michaels Schrei.
Der dumpfe Aufprall.
Das plötzliche Schweigen, als Michael bewusstlos liegen blieb.
Der Helikopter, der ihn abtransportierte.

Doch mitten in der Erinnerung hörte Joe plötzlich Michaels Stimme.
Klar. Dringlich. Immer lauter.

„Joe! … Joe! … JOE!“

„Joe, wach auf!“ brüllte Michael.

Joe fuhr hoch, völlig verwirrt. „Was? Was ist los?“

„Komm ins Cockpit“, sagte Michael mit nervöser Stimme.

Oben angekommen standen Dwight und Jakob über dem Radar gebeugt. Dwight sah nicht gut aus.

„Wir haben ein Problem. Ein richtig großes“, sagte er.

„Okay… was ist los?“ fragte Joe vorsichtig.

Dwight deutete auf den Radar Bildschirm. „Das hier. Das ist eine verdammte Militärflotte. Und wir fliegen direkt drauf zu.“

Joe blinzelte. „Was machen die so weit draußen? US-Militär?“

„Keine Ahnung. Und wir können nur hoffen, dass die uns nicht sehen“, sagte Jakob.

„Aber unser Ortungssignal ist doch blockiert“, meinte Joe.

Dwight seufzte. „Für zivile Radare, ja. Nicht für militärische.“

„Super…“, murmelte Michael. „Und was tun wir jetzt?“

„Ausweichen. So weit wie möglich. Und hoffen auf einen Haufen Glück.“ Dwight zuckte nur mit den Schultern.

Michael und Joe kehrten zurück in den Frachtraum. Viel tun konnten sie sowieso nicht.

Etwa zwei Stunden später schaute Michael aus dem kleinen Fenster hinab.
„Joe… sieh mal.“

Joe folgte seinem Blick – mehrere gewaltige Kriegsschiffe und ein Flugzeugträger glitten in Formation durchs Wasser.

„Denkst du, wir sind hoch genug?“ fragte Joe.

„Tja… sie haben keine Jets losgeschickt. Also… vermutlich“, antwortete Michael und sah dabei keineswegs überzeugt aus.

Der restliche Flug über den Atlantik verlief erstaunlich ruhig. Sie aßen Sandwiches aus der Provianttasche, brachten Dwight und Jakob ebenfalls etwas hoch. Die Stunden zogen sich, Europa kam näher. Irlands Küste lag bereits unter ihnen.

Dann wurden Joe und Michael erneut aus dem Schlaf gerissen.

Die Maschine wurde hin und her geschleudert. Ein wilder Sturm hatte sie erwischt.
Joe kämpfte sich an den Kisten entlang zur Leiter, während draußen Donner und grelle Blitze tobten.

„Wie sieht’s aus, Jungs?“ rief er ins Cockpit hinein und stemmte sich gegen die schwankende Kabine.

„Bis auf dieses verdammte Unwetter gut!“, antwortete Jakob und hielt das Steuer mit beiden Händen umklammert. „Wir erreichen bald die Schweizer Grenze!“

Als Joe ins Cockpit raufkletterte, hörte er ein tiefes, gleichmäßiges Heulen.

„Hört ihr das auch?“ fragte er.

Dwight runzelte die Stirn. „Nein… was denn?“

Joe lauschte. „Das klingt wie… wie eine Turbine.“

Jakob schnaubte. „Ach wirklich, Einstein? Wir haben vier davon, falls dir das entgangen ist.“

„Nein… das ist es nicht“, sagte Joe leise. Sein Blick glitt langsam zum Cockpitfenster.

Und dann – ein greller Blitz.

Für den Bruchteil einer Sekunde wurde die Welt weiß.

Und darin, klar erkennbar:

Das Heckruder eines Kampfjets. Direkt neben ihnen.

Joe riss die Augen auf. „Eine F-16… eine VERDAMMTE F-16!“ schrie er panisch.

"Was? Wo?" fragte Dwight aufgeregt.

Er ging zum Fenster.
Joe deutete hinaus – in die pechschwarze Nacht, in der die Umrisse des Kampfjets wie ein geisterhafter Schatten neben ihnen schwebten.
Unheimlich. Lautlos. Bedrohlich nah.

„Was macht der denn? Wieso funkt er uns nicht an?“ fragte Dwight fassungslos. Seine Stimme vibrierte; er war völlig überfordert.

Ein weiterer Blitz teilte die Dunkelheit. Für einen Herzschlag war alles hell – dann wieder rabenschwarz.

Und der Jet war verschwunden.

„Was zum Teufel ist hier los?“ brüllte Dwight panisch.

Die Antwort kam sofort.

Ein grelles, hartes RATTERN zerriss die Stille – das unverkennbar brutale Stampfen eines Bordgeschützes.
Nur Sekunden später erschütterte eine Explosion die gesamte Maschine. Metall kreischte, als würde der Rumpf selbst vor Schmerz schreien.

Ein lauter Knall folgte, das Flugzeug wurde durchgeschüttelt. Ein Triebwerk fing Feuer und stellte mit einem lauten Jaulen seinen Dienst ein.

„Triebwerk 1 ist ausgefallen! Scheiße, die wollen uns vom Himmel holen!“ rief Jakob.

Schüsse peitschten durch das Unwetter, wie grelle Messerstiche. Manche gingen vorbei. Andere nicht.
Jedes getroffene Teil heulte, trennte sich, stob als Funkenregen in die Nacht.

Joe kletterte zurück in den Frachtraum – während oben das Chaos tobte.

Jakob riss das Funkgerät.
„Unbekanntes Flugzeug, stellen Sie SOFORT das Feuer ein! Wir befinden uns im zivilen Luftraum!“ schrie er.

Keine Antwort. Nur der Sturm.
Und wieder das Rattern. Härter. Näher.

Ein weiterer Treffer – eine zweite Explosion.

Das nächste Triebwerk zerfetzte in einem Feuerball. Flammenschweife rissen über die Tragflächen, Rauch wirbelte über das Cockpitfenster.

„Was passiert hier, Joe?!“ rief Michael. Er klammerte sich am Sitz fest, seine Augen weit vor Angst.

Im Cockpit blinkten dutzende Warnleuchten wie durchdrehende Stroboskope. Alarmtöne überschlugen sich.
Das Flugzeug vibrierte so stark, dass jeder Atemzug schwerfiel.

„Triebwerk 1 und 2 sind SCHROTT! Wir sinken!“ schrie Jakob.

Dwight setzte einen Notruf ab, doch die Funksprüche zerhackten im Sturm wie Papier im Schredder.

Mit einem schnellen Wendemanöver lies der Kampfjet plötzlich von ihnen ab.

Doch von Sicherheit waren sie keineswegs. Das schwer beschädigte Flugzeug wurde langsamer und verlor schnell an Höhe.

Joe schnallte sich an – gerade rechtzeitig.

„FESTHALTEN! WIR GEHEN RUNTER!“ brüllte Jakob.

Dann riss die Wolkendecke auf.
Und direkt vor ihnen: ein massiver Berggipfel. Eisig. Schwarz. Brutal nah.

Jakob zog das Steuer zurück, brüllte dabei vor Anstrengung.
Aber der Koloss war zu schwer. Zu beschädigt. Zu langsam.

„Scheiße…“ war alles, was er noch hervorkriegen konnte.

Der Aufprall war ein Donnerschlag.
Die Unterseite des Flugzeugs riss über Fels – Funken spritzten in Fontänen, Metall wurde wie Papier aufgeschlitzt.
Die Laderampe wurde abgerissen und verschwand in die Nacht.

Joes Sitz löste sich mit einem hässlichen Knacken aus der Verankerung – und im nächsten Moment schleuderte eine Gewalt, größer als alles was er je erlebt hatte, ihn in die pechschwarze Luft hinaus.

„JOOOOE!“ brüllte Michael verzweifelt, seine Stimme brach.

Das Flugzeug taumelte weiter, flog noch ein paar Meter – ein sterbender Riese – und krachte dann hangabwärts.
Trümmerstücke, Flammen und Funken jagten wie ein Feuersturm hinterher.

Dann kam die letzte Rutschphase.
Ein grollendes, metallisches Röcheln, bis die Maschine kurz vor einem Abhang zum Stehen kam.

Dann… Stille.

Nur das letzte Ausheulen eines Triebwerks, das langsamer wurde.
Feuer loderten überall. Rauch quoll in den Himmel.
Der Berg war in Flammen gehüllt.

Und der Wind trug den Geruch von Kerosin durch die eisige Nacht.

Im Cockpit knackte plötzlich das Funkgerät. Ein leises Rauschen, kaum hörbar unter dem Zischen des Sturms und dem fernen Knistern der Flammen.

„…Hallo? Hallo? Hören Sie mich?“
Die Stimme klang dumpf, verzerrt, als käme sie durch kilometerdicken Nebel.
„Hier ist die Bergrettung. Was ist Ihre Position? Hallo? Melden Sie sich!“

Doch niemand antwortete.

Die Bildschirme glommen schwach, manche Funken stoben noch aus gebrochenen Leitungen.
Draußen pfiff der Wind über die verbeulte Frontscheibe, und irgendwo tropfte Kerosin in langsamen, unheilvollen Intervallen.

„Wir können Ihnen erst in ein paar Stunden Hilfe schicken…“
Die Stimme kämpfte sich erneut durch das Rauschen.
„Sollte das hier irgendjemand hören… halten Sie durch. Wir holen Sie da raus.“

Dann brach das Signal ab. Ein letztes Knacken, ein heiseres Rauschen.

Und Stille.

Ein Versprechen, das nie eingehalten werden sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joe keuchte vor Erschöpfung. Sein Herz raste so stark, dass es in seinen Ohren dröhnte. Er versuchte zu denken, sich zu konzentrieren – aber sein Geist war ein einziges Chaos.
Die Gefühle überrollten ihn wie eine Lawine.
Seine Brüder – tot.
Das Flugzeug – zerrissen, verbrannt, vernichtet
Seine ganze Welt – in Sekunden zerstört.

Das muss ein Alptraum sein, dachte er verzweifelt.
Bitte… irgendwas. Irgendein Traum.

Doch alles fühlte sich zu real an.
Die Kälte biss ihm ins Gesicht wie Messer.
Der Rauch brannte in der Lunge, jeder Atemzug kratzte.
Der scharfe Geruch von Kerosin legte sich wie ein Film über seine Zunge.

Er taumelte aus dem Wrack, halb kriechend, halb fallend – körperlich und seelisch gebrochen.
Der Sturm peitschte über den Bergrücken, als wolle er alles Leben von dort oben reißen.
Schneeflocken stachen wie Nadeln in seine Haut.
Sein Blick irrte hilflos über die schwarzen Umrisse der Felsen, über glitzernde Schneefelder, über die brennenden Trümmer hinter ihm.

„Wo bin ich…? Wie… wie komme ich hier weg…?“ flüsterte er heiser.
Seine Stimme war kaum lauter als der Wind.

Er schüttelte sich, zwang sich zu atmen. Nicht jetzt zusammenbrechen. Nicht jetzt.
Dann schoss es ihm durch den Kopf: Das Funkgerät.

Er wandte sich wieder zum Wrack um. Jeder Schritt tat weh. Seine Beine zitterten, seine Finger waren taub.
Der Frachtraum war ein einziges Chaos aus eingestürzten Platten, Kisten und Metalltrümmern.
Mit letzter Kraft zog er sich an einer verbogenen Strebe hoch, kämpfte sich die wacklige Leiter zum Cockpit hinauf.

Dort lag Jakob.
Reglos.
Unbeweglich.
Kalt.

Joe schluckte schwer. Ein Teil von ihm wollte nicht länger hinsehen.

Er griff nach dem Funkgerät neben der Leiche.

„Hallo? Hallo? Hört mich jemand…?“ keuchte er ins Mikrofon.
„Hier spricht… Joe… Handerson… Unser Flugzeug… ist abgestürzt… Meine Crew… meine Brüder sind tot… Ich bin… schwer verletzt… brauche sofort Hilfe…“

Keine Antwort.

Seine Stimme brach.
Dann brach auch er.

Er sank einfach in sich zusammen. Bewusstlos, ausgelaugt, fertig.
Nur wenige Minuten später schreckte er jäh wieder hoch, nach Luft ringend.

„Heilige Scheiße…“ stöhnte er.
„Nein… nein, es war kein Albtraum… ich bin… ich bin wirklich in dieser Hölle gefangen…“

„Jakob! Dwight! Nein! Nein! Nein!“
Seine Stimme brach, riss im Sturm auseinander.

„Okay… atmen, Joe. Atmen.“
Er presste die Hände gegen die Schläfen, musste sich zwingen, nicht völlig die Kontrolle zu verlieren.
Minuten vergingen, in denen er nur zitterte und versuchte, wieder klar zu denken.

„Ich… ich muss die beiden hier rausschaffen.“
Der Gedanke tat weh, aber er gab ihm zugleich einen Zweck. Eine Aufgabe.
Und ohne Schutz würde er draußen sowieso sterben – also blieb ihm nur das Cockpit als Zuflucht. Zumindest für die nächsten Stunden.

Er sammelte all die Kraft, die er noch hatte, und hob Jakobs leblosen Körper an.
„Tut mir leid, Jakob… Ich liebe dich… Ruhe in Frieden.“
Dann ließ er ihn durch das zerschmetterte Cockpitfenster in die eisige Dunkelheit gleiten.

Dwight folgte.
Jeder Muskel brannte vor Schmerz.
Jedes Heben und Ziehen kostete ihn Kraft, die er eigentlich nicht mehr hatte.

Der Wind heulte weiterhin wie ein wütendes Tier und drückte Schneefahnen durch die zerbrochenen Scheiben.

„Das… das muss ich abdichten.“
Seine Stimme bebte.

Er stieg wieder in den Frachtraum hinab. Überall lagen Trümmerteile, verbogene Platten, Kistenreste.
Vielleicht waren sie nicht dick genug, aber besser als nichts. Alles war besser als zu erfrieren.

Mit letzter Kraft schleppte er einige Aluminiumstreifen zurück ins Cockpit und verkeilte sie vor den Fensterlücken.

Minuten später sank er keuchend auf die Knie.
„Okay… das sollte erstmal… halten…“

Schwer atmend blickte Joe sich im Cockpit um.
Es gab kaum etwas, das ihm als Schutz dienen konnte – aber die kaputten Pilotensitze waren wenigstens ein Anfang.

Mit einem Ruck riss er einen Sitz aus der ohnehin schon lockeren Verankerung.
Sein Körper protestierte bei jeder Bewegung, doch er biss die Zähne zusammen, drückte mit seinem gesunden Bein die Lehne herunter, bis sie nachgab und flach auf dem Boden lag.

Vom zweiten Sitz riss er den Stoffbezug ab und schlang ihn um sich wie eine Decke.
Nicht warm. Nicht bequem. Aber besser als die tödliche Kälte, die sich bereits in seine Knochen fraß.

Erschöpft ließ er sich auf das provisorische Bett sinken.
Schlaf war kaum möglich, doch sein Körper forderte ihn ein – gnadenlos.
Während er in die Bewusstlosigkeit glitt, nagte nur ein Gedanke an ihm:

Wer zum Teufel hatte sie abgeschossen?
Warum hatte niemand sie kontaktiert?
Und dann schoss ihm eine Erinnerung durch den Kopf wie ein Messer:
War das… war das wirklich die amerikanische Flagge auf dem Kampfjet gewesen?
Hatten die eigenen Leute sie vom Himmel geholt?

Der Gedanke brannte in seinem Kopf – und riss ihn schließlich aus dem Schlaf.

Ein grelles, kaltes Licht drang durch die notdürftig verbarrikadierten Fenster.
Die Sonne stieg über den Gipfeln auf.

Langsam versuchte er, sich hochzustemmen. Doch schon beim kleinsten Druck schoss ein stechender Schmerz durch sein Bein, so heftig, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Keuchend sackte er wieder auf den kalten Metallboden des Cockpits.

Er musste wissen, wie schlimm es war.
Er musste es sehen.

Mit zitternden Fingern tastete er das Bein ab. Jeder Millimeter brannte wie Feuer. Als seine Hand die Stelle erreichte, an der der Schmerz am heftigsten war, explodierte er förmlich in seinem Schädel – ein scharfes, durchdringendes Pochen, das ihn an den Rand der Ohnmacht brachte.

„Scheiße…“ hauchte er, als ihm die Tränen in die Augen schossen.

Behutsam, fast in Zeitlupe, rollte er das zerrissene Hosenbein nach oben.
Was darunter zum Vorschein kam, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Die Haut war knallrot, geschwollen, pulsend vor Entzündung.
Und dort, mitten in der klaffenden Wunde, ragte ein weißer Splitter hervor – ein Stück seines eigenen Knochens, dass sich durch Fleisch und Haut gebohrt hatte.
Blut hatte sich darum gesammelt, dunkel und klebrig wie Öl.

Er starrte darauf hinab, unfähig, den Blick zu lösen.
Sein Magen krampfte sich zusammen.

Das war kein normaler Bruch.
Das war ein offener Schienbeinbruch – lebensgefährlich in der Kälte, im Schnee, ohne medizinische Versorgung.

Er dachte einen Moment lang nach, zwang sich, ruhig zu atmen.
„Ich muss…“ Er presste die Zähne zusammen, der Schmerz raubte ihm die Kraft fürs Sprechen. „Ich muss den Knochen wieder in Position drücken… und das Bein schienen.“

Allein der Gedanke ließ ihn frösteln.

Er schleppte sich hinunter in den Frachtraum, stützte sich an Kisten und Trümmern ab. Der Sturm heulte draußen, als wolle er ihn daran hindern. Mit letzter Kraft zog er mehrere längliche Aluminiumteile aus dem zerfetzten Rumpf.

„Gott sei Dank…“ flüsterte er, als er unter einer umgestürzten Werkzeugkiste etwas Weißes sah. Ein Erste-Hilfe-Koffer. Fast unversehrt.

Er riss ihn auf – Verbände, Desinfektionsmittel, Schmerztabletten, sogar ein provisorisches Tourniquet.
Ein winziger Hoffnungsschimmer.

Er schleppte alles zurück ins Cockpit und breitete es sorgfältig aus. Jeder Griff musste sitzen.

Vorsichtig legte er die Metallschienen neben sein Bein, öffnete die Verbände, bereitete die antiseptischen Tücher vor. Sein Herz hämmerte. Ihm war übel vor Angst.

„Reiß dich zusammen, Joe… Wenn du das nicht machst, stirbst du hier oben“

Er riss ein größeres Stück Stoff aus der Rückenlehne eines Sitzes und schob es sich zwischen die Zähne. Dann packte er mit beiden Händen unterhalb der Wunde zu.

Er zählte.
Eins… zwei… drei!

Mit einem Ruck drückte er den herausragenden Knochensplitter zurück in die Wunde.

Ein markerschütternder Schrei riss aus ihm heraus und hallte wie ein Echo durch die verschneiten Berge. Tränen brannten in seinen Augen, ihm wurde schwindelig. Er hielt das Bewusstsein gerade so fest wie ein Mann, der am Rand eines Abgrunds hängt.

Er zitterte, rang nach Atem, während der Schmerz langsam wieder abebbte.

Dann begann er, das Bein mit den Aluminiumteilen zu schienen, wickelte Schicht um Schicht die Verbände darum, bis alles fest saß. Nicht perfekt, aber stabil genug, um zu überleben.

Als er fertig war, sank er völlig entkräftet in sein provisorisches Bett zurück. Da fiel sein Blick auf eine kleine Seitentasche unter dem Cockpitpanel.

Er griff hinein – und zog ein Päckchen heraus.
Notrationen. Zwei Energieblöcke, ein paar Proteinriegel, sogar eine kleine Wasserflasche.

Entkräftet, aber einen Hauch optimistischer, ließ er sich wieder zurückfallen.
Der Proteinriegel schmeckte nach kaltem Papp-Staub-Gemisch, aber in diesem Moment war es für Joe ein Festmahl. Ein Fünf-Sterne-Menü mitten in der Hölle.
Zwei Tage hatte er nichts gegessen. Der Schluck Wasser war kaum mehr als ein Tropfen – aber er brannte wohltuend seinen trockenen Hals hinunter.

Ein weiterer Tag verging.
Dann noch einer.
Und wieder einer.

Vier Tage, fünf, sechs… irgendwann hörte Joe auf zu zählen. Das Einzige, was er noch maß, waren seine Rationen – winzige Bissen, mikroskopisch kleine Schlucke, gerade genug, um ihn an der Grenze zwischen Leben und Tod zu halten.

Zwei Wochen lagen nun hinter ihm.
Vierzehn Tage in einem zerfetzten Cockpit, eingeschlossen in einer eisigen Gruft aus Stahl und Schnee.
Vierzehn Nächte, in denen der Wind an den verbarrikadierten Fenstern kratzte wie ein Tier, das nach seinem letzten Atemzug verlangte.

Joe lag auf seinem improvisierten Bett, bewegte sich kaum mehr als absolut nötig. Sein Bein brannte, pulsierte, schmerzte im Takt seines eigenen Herzschlags. Jede Regung war ein Kraftakt.

Dann bemerkte er es.

Seine Sehkraft ließ nach.
Zuerst schob er es auf die Müdigkeit.
Doch als er mit den Fingerspitzen vorsichtig über sein rechtes Auge strich, fühlte er es: warm, verkrustet, klebrig.

Blut.

„Verdammt …“ hauchte er, kaum hörbar.

Mit der anderen Hand tastete er nach dem Funkgerät.
Er wusste, dass es sinnlos war.
Er wusste es.
Aber der Instinkt zu überleben war stärker als die Vernunft.

Er drückte die Taste, und sendete erneut einen Notruf ab, aber außer Rauschen kam nichts zurück.

Kein Pilot.
Kein Rettungsteam.
Keine Antwort.

Nur der Wind draußen, der leise durch die Aluminiumplatten pfiff, die er vor Tagen als Fensterersatz angebracht hatte.

Joe schloss die Augen und glitt wieder in einen unruhigen Schlaf.
Kaum war er weg, zuckte sein Körper bereits, als würde er sich gegen etwas Unsichtbares wehren.

Ein Albtraum.
Einer von der Sorte, die sich real anfühlen.

Er sah sich selbst – festgeschnallt auf einem der Sitze im Frachtraum.
Der Innenraum stand in Flammen, Rauch fraß sich wie schwarzer Nebel die Wände entlang. Metall knackte. Funken regneten von der Decke.

Und dann stand Michael vor ihm.

Leichenblass.
Der Oberkörper eingedrückt, als hätte ihn eine Stahlwand zerquetscht.
Blut tropfte von ihm wie von einem ausgeschütteten Eimer.

„Du bist schuld, Joe …“ Michaels Stimme war ein klagendes Echo. „Wegen dir bin ich tot.“

„Nein… ich wollte dich retten… ich—“ Joe stotterte, seine Stimme brach wie Eis unter einem Fuß.

Michaels Gesicht verzog sich zu einer grotesken Maske aus Wut und Schmerz.
„NIEMAND wird kommen, Joe! NIEMAND!

Mit einer ruckartigen Bewegung packte Michael ihn an der Schulter und stieß ihn nach hinten – hinaus, direkt aus dem explodierenden Flugzeug.

Joe fiel.
Fiel.
Fiel.

Er schrak hoch wie aus einem freien Fall.
Schweißgebadet.
Keuchend.
Sein Herz klopfte, als wolle es seine Rippen sprengen.

Panisch blickte Joe sich um, suchte nach etwas, das ihm Halt gab.
„Verdammt nochmal…“ keuchte er, die Worte mehr ein Zittern als eine Stimme.

Er zwang sich zu ein paar tiefen Atemzügen. Die Kälte in seiner Brust löste sich nur langsam.
Beruhig dich… beruhig dich…
Nach einem Moment spürte er, wie der erste Schock von ihm abfiel.

„Ich muss hier raus… ich muss an die frische Luft.“
Der Gedanke war wie ein Lichtstrahl in seinem Kopf.

Sein Bein brannte wie Feuer, als er sich zur Leiter schleppte und hinunterkletterte. Kaum hatte er den Frachtraum erreicht, traf ihn der Geruch – schwer, süßlich, verfaulend.
Er würgte.
Michaels Leiche lag noch immer unter verbogenem Metall begraben. Er hatte ihn nicht befreien können.

„Bloß raus…“ dachte Joe nur noch, griff nach seinem Gewehr und nutzte es als Gehstock.

Als er aus dem zerstörten Rumpf trat, schlug ihm die kalte Bergluft entgegen. Doch diesmal war es keine feindliche Kälte – sie fühlte sich fast befreiend an.
Der Sturm hatte sich gelegt. Die Luft war klar. Die Sonne glitzerte auf der Schneedecke.

Joe blinzelte, als das Licht ihn traf. Schritt für Schritt entfernte er sich vom Flugzeugwrack und blickte den Hang hinab.

Die Wolken hatten sich vollständig verzogen und gaben den Blick ins Tal frei.
Joe kniff die Augen zusammen, suchte nach irgendetwas, das kein endloser Schnee war.

Und dann sah er es.

Erst nur kleine Punkte im Weiß – dann erkannte er die Formen.
Ein Skilift.
Gebäude.
Straßen.
Eine Stadt.

Eine Stadt.

Sein Herz setzte kurz aus, dann schlug es schneller als zuvor.

„Das… das ist eine… eine Stadt…“ flüsterte er ungläubig.

Joe starrte ins Tal, die Augen zusammengekniffen, als wollte er die Entfernung mit bloßer Willenskraft schrumpfen lassen.
Doch je länger er hinsah, desto klarer wurde das Bild.

Es war viel weiter weg, als er zuerst geglaubt hatte.
Viel weiter.

„Wie weit ist das weg…? Zwanzig? Dreißig Meilen…?“ Seine Stimme zitterte, fast tonlos.
Dann traf es ihn wie ein Schlag in die Brust.
„Unmöglich… das schaffe ich nicht…“

Die Erkenntnis schob sich in ihn hinein wie ein Messer. Die dünne Schicht Hoffnung, die ihn gerade noch getragen hatte, zerbrach abrupt.

Panik schoss in ihm hoch.

„Sie… sie waren die ganze Zeit da…“ murmelte er fassungslos, sein Blick leer, glasig.
„Wieso… wieso kommt niemand?“

Er stolperte einen Schritt zurück, als würde ihn der Gedanke körperlich treffen. Sein Atem stockte, dann brach er in sich zusammen.

Tränen liefen über sein vom Frost aufgerissenes Gesicht.

„Wieso…?“ flüsterte er heiser, kaum hörbar.
„Wieso kommt niemand…?“

Seine Stimme brach vollständig, verwandelte sich in ein flehendes, gebrochenes Wispern, das vom Schnee verschluckt wurde.

Verzweifelt humpelte Joe zurück zum zerstörten Flugzeug. Jeder Schritt war eine Qual, doch irgendwann erreichte er das Cockpit und ließ sich wortlos auf sein provisorisches Bett fallen.
Er war gebrochen. Hoffnungslos. Leer.

Eine weitere Woche verging.
Er lag da wie ein Schatten seiner selbst, bewegte sich nur, wenn es absolut nötig war. Er lebte von Tag zu Tag, ohne Ziel, ohne Motivation, ohne den geringsten Funken Überlebenswillen.

Irgendwann griff er doch noch einmal mechanisch nach dem Funkgerät, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung, und setzte einen Notruf ab.
Stille.
Nur das endlose, kalte Rauschen.

Etwas in ihm riss.
Mit einem heiseren Laut schleuderte er das Gerät quer durch das Cockpit. Es prallte gegen eine Wand und blieb dort liegen, tot wie alles um ihn herum.

In diesem Moment wurde ihm endgültig klar:
Es kam niemand.
Für ihn gab es keine Rettung.

Zwei Tage später saß Joe mit dem Rücken an die Cockpitwand gelehnt. Sein Blick war leer, seine Arme schlaff, seine Schultern hingen herab, und sein Kopf neigte sich kraftlos nach vorne.
Seine Vorräte waren aufgebraucht. Kein Essen mehr. Kein Wasser. Nur leere Verpackungen, die stillen Zeugen eines sterbenden Überlebenskampfes.

Dann — aus dem Nichts — knackte plötzlich das Funkgerät, das er zuvor wutentbrannt weggeworfen hatte.
Eine Stimme drang daraus hervor.

Bricks.

Sein Ton war schneidend, aggressiv.
Er forderte Joe auf, sofort die Position des Wracks durchzugeben. Ohne jegliches Mitgefühl, ohne Respekt.

Joe hob mühsam den Kopf.
Und lachte.
Ein tonloses, gebrochenes Lachen, wie das eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hatte.

„Du wirst die Fracht nie finden“, spuckte er in den Funk, voller bitterer Verachtung.
„Nie.“

Er legte das Funkgerät zur Seite, nahm die Batterien heraus und schob sie in seine Jackentasche.
Dann fiel sein Blick plötzlich auf etwas, das ihn aus seinem erschöpften Dämmerzustand riss.

Der schwarze Aktenkoffer.

Der Koffer mit den Beweisen gegen Bricks.
Der Grund, warum seine Brüder tot waren.
Der Grund, warum er hier oben sterben sollte.

Joe griff danach, strich mit zittrigen Fingern über die kalte Oberfläche.

Ich muss ihn da runterbringen, dachte er.
Egal wie. Egal wie weit ich komme. Notfalls finden sie meine Leiche – und den Koffer.

Dieser Gedanke gab ihm einen seltsamen, klaren Fokus.

Er legte den Koffer neben sich, zog sich die notdürftig zusammengebundenen Decken über die Schultern und schloss die Augen.
Er musste schlafen. Kräfte sammeln.
Der Abstieg würde alles von ihm verlangen, was er noch übrig hatte.

Irgendwann in der Nacht riss ihn ein tiefes Grollen aus dem Schlaf.

Der Boden vibrierte unter ihm.
Ein dumpfes, unheilvolles Knacken hallte durch das Cockpit.

Joe erstarrte.

Dann – ein metallisches Kreischen.
Die Wände bogen sich.
Nieten sprangen.
Etwas riss.

„Nein… nein, nein!“ japste Joe, als das Flugzeug einen spürbaren Satz nach vorne machte.
Der Rumpf schien in die Tiefe gedrückt zu werden, wie von einer unsichtbaren Hand.

Über ihm riss plötzlich der obere Teil der Cockpitwand auf, als würde ein riesiges Tier das Wrack zerfetzen.
Schnee stürzte herein, begleitet von Aluminiumteilen, Schrauben und Eis. Alles prasselte auf ihn nieder.

Joe warf die Arme über den Kopf und presste sich in die Ecke.
Kälte, Staub, Dunkelheit.

Dann – Stille.
Nur der Wind.

Langsam öffnete er die Augen.

Über ihm gähnte der schwarze Nachthimmel, durchbrochen von einzelnen, zuckenden Sternen.
Der halbe Cockpitbereich fehlte.
Und das gesamte Wrack hatte sich mehrere Meter weiter in Richtung Abgrund verschoben – die Kante war jetzt nur noch wenige Schritte entfernt.

Joe richtete sich schwerfällig auf, sein verletztes Bein zitterte.

Das Flugzeug würde nicht mehr lange halten.
Wenn der nächste Schneerutsch kam… würde es endgültig in die Tiefe stürzen.

Und Joe mit ihm.

Er sah nach unten, zu dem Aktenkoffer, der halb im Schnee steckte.
Dann zum Abhang.
Dann wieder zum Koffer.

Er schluckte.

Die Entscheidung war gefallen.
Er konnte nicht länger hierbleiben.

Die einzige Chance, die er hatte… war da draußen, in der weißen Dunkelheit.

Im ersten Licht des Morgengrauens kletterte Joe vorsichtig die Leiter hinunter.
Zu seiner Erleichterung war sie nicht vom Einsturz zerfetzt worden.

Doch was ihn unten erwartete, ließ ihn kurz den Atem anhalten.
Das Flugzeug lag wie ein aufgeschlitztes Tier im Schnee – in der Mitte auseinandergebrochen, Kabel wie heraushängende Eingeweide, zerdrückte, scharfkantige Aluminiumstücke überall verteilt.
Zerstörte Frachtkisten lagen offen herum, ihr Inhalt chaotisch über den Hang verstreut. Zwischen Schmuckstücken, elektronischen Geräten, Geldbündeln und Munition glänzte hier und da etwas im Licht der aufgehenden Sonne.

Doch Joe beachtete nichts davon.
Für ihn existierte nur ein Gedanke: hinunter ins Tal.

Er stützte sich schwer auf sein Gewehr und humpelte los.
Jeder Schritt war eine Mischung aus brennender Kälte und stechendem Schmerz.
Sein gebrochenes Bein fühlte sich an, als würde es bei jedem Schritt erneut zerreißen.

Aber Joe biss die Zähne zusammen.
Er durfte nicht stehenbleiben.
Nicht hier, nicht jetzt.

In seiner rechten Hand hielt er fest umklammert den schwarzen Aktenkoffer – sein einziger Grund, weiterzugehen.

Meter für Meter entfernte er sich vom Wrack.
Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, jeder Atemzug ging keuchend, dampfend in der eisigen Luft verloren.
Er fühlte, wie seine Kräfte ihn verließen, wie sein Körper gegen ihn arbeitete.

„Muss… es schaffen…“ presste er heiser hervor.

Nach vielleicht zehn Minuten – es hätte auch eine Stunde sein können – blieb Joe stehen.
Er drehte sich keuchend um.
Das Wrack wirkte bereits kleiner, aber nicht klein genug.
Nicht weit genug entfernt.

Sein Bein pochte im unregelmäßigen Rhythmus seines Herzschlags, heiß und eiskalt zugleich.
Er wollte einen weiteren Schritt machen.

Doch sein Körper gab nach.

Joe kippte nach vorne und stürzte in den Schnee.
Der Aufprall raubte ihm die Luft.
Schwarze Punkte flackerten vor seinen Augen.

Keuchend rollte er sich auf den Rücken, das kalte Weiß über ihm verschwamm zu grauen Schlieren.
Der Koffer lag neben ihm, halb im Schnee versunken.

Und dann sah er sie.

Verschwommen zuerst, dann klarer: Silhouetten von Helikoptern, die über dem Gebirge kreisten.

Ein Funken Hoffnung zündete in ihm.

„Hier… drüben…“ hauchte er matt, als könne jemand hören, wie seine Stimme im Wind zerbrach.

Doch je näher die Helikopter kamen, desto deutlicher erkannte er ihre Form.

Und sein Herz rutschte ihm in die Tiefe.

Kein Rotkreuz.
Keine Bergrettung.

Militär.

Bricks’ Leute.

Die, die ihn sterben lassen sollten.

Sie brausten über seinem Kopf hinweg, hoch genug, dass er nur das Dröhnen spürte, nicht aber die Maschinen erkennen konnte. Mehrmals zogen die Helikopter weite Kreise über dem Hang, dann wieder engere, als wollten sie jeden Meter des Berges absuchen. Joe wagte es nicht, sich zu rühren. Er lag halb im Schnee eingebettet, sein Körper kaum mehr als ein weiterer dunkler Fleck im Weiß.

Offenbar suchten sie intensiv die Hänge ab, doch aus dieser Höhe mussten Wrack und Mensch aussehen wie bloße Schatten im Schnee. Nach einigen Minuten, in denen Joe kaum zu atmen wagte, drehten die Helikopter schließlich ab und flogen zurück Richtung Tal — als hätten sie längst aufgegeben.

Joe begriff es schließlich mit bitterer Klarheit:
Er war zu schwach. Nicht einmal ansatzweise bereit, den Berg lebend hinabzusteigen.

Nach einigen Minuten der Erholung schleppte er sich zurück zum Wrack. Dort begann er, verwertbare Teile zu sammeln—Streben aus Aluminium, Stoffreste, Kabel. Etwas weiter unterhalb, geschützt zwischen schiefen Kiefern, errichtete er einen notdürftigen Unterschlupf.

Tag für Tag kämpfte er ums Überleben. Er stellte Fallen auf, erlegte hin und wieder ein Kaninchen, kochte das Fleisch über einer kleinen Feuerstelle, deren Rauch kaum durch die Äste drang.

Eine Woche verging.
Dann ein Monat.
Schließlich ein ganzes Jahr.

Mehr als ein Dutzend Mal hatte Joe versucht, den Berg hinabzusteigen. Jedes Mal brach sein Körper zusammen, lange bevor er auch nur in die Nähe des Tals kam. Sein Bein, der Schmerz, die Kälte, die dünne Luft—alles arbeitete gegen ihn.

Es fühlte sich an, als halte der Berg ihn fest.
Als wolle er ihn einfach nicht gehen lassen.

Als Joe dann eines Tages aufwachte, ging es ihm miserabel, der Schmerz in seinem Bein hatte sich verändert.

Von brennenden Schmerzen war nur noch ein dumpfes Taubheitsgefühl geblieben.
Als er sein Hosenbein hochkrempelte, gefror ihm der Atem in der Kehle.

Sein Unterschenkel war schwarz.
Leblos.
Eiskalt.

Keine Durchblutung mehr—die Verletzung hatte zu schlecht und zu lange geheilt.

Joe schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch.
Er kannte diesen Anblick nur zu gut.

Neben seiner Ausbildung an Waffen war er auch Feldsanitäter gewesen.
Er hatte unzählige Soldaten behandelt—manchen das Leben gerettet, indem er ein Bein oder einen Arm amputiert hatte.

Aber das hier war anders.

Jetzt ging es um ihn.
Er musste es an sich selbst tun.

Ihm blieb keine Wahl, wenn er überleben wollte.

Aus dem Wrack holte er alles, was er brauchte:
den Verbandskasten, ein scharfes Metallstück – und jede Menge Mut.

Aus einem Teil des Fahrwerks bastelte er sich eine einfache Prothese.
Dann war alles vorbereitet.

Joe setzte sich in seinen Unterschlupf und atmete mehrfach tief durch.

„Du schaffst das, Joe. Danach sofort Druckverbände, sonst verblutest du“ sagte er leise zu sich selbst.

Und dann begann er.

Durch Haut. Fleisch.
Schließlich den Knochen.

Erstaunlicherweise spürte er kaum Schmerz – nur die Realität dessen, was er gerade tat, hämmerte in seinem Kopf.

Als es vorbei war, desinfizierte er die Wunde und versiegelte sie mit mehreren fest angezogenen Druckverbänden.

Erschöpft sackte er zurück auf sein provisorisches Bett, den Blick an die Decke gerichtet.
Noch am Leben.
Aber völlig am Ende.

Die nächsten Tage wurden nicht leichter.
Nur sein nackter Überlebenswille hielt ihn am Leben.

Auf einem Bein laufen zu lernen war eine Qual.
Immer wieder stürzte er, schlug hart auf, rappelte sich keuchend wieder hoch.
Jeder Schritt fraß Kraft, die er nicht mehr hatte.

Dann bemerkte er etwas Neues.
Sein rechtes Auge zeigte nur noch graue Schatten.
Blind.

Langsam begriff Joe, was das bedeutete.
Er würde diesen Berg niemals verlassen.
Nicht lebend.

Der Gedanke fraß sich in ihn hinein und ließ ihn nicht mehr los.

Ein Zorn wuchs in ihm—still, kalt, unaufhaltsam.
Auf Bricks.
Der ihn hier oben zum Sterben zurückgelassen hatte.
Der ihm alles genommen hatte, was er liebte.

Die Zeit verlor jede Bedeutung.

Tage wurden zu Wochen.
Wochen zu Monaten.
Schließlich zu Jahren.

Joe lebte in völliger Einsamkeit, begleitet nur von Sturm und Stille.
Seine Gedanken wurden schärfer, dann dunkler, dann brüchig.
Jede Nacht sah er Bricks vor sich—
wie er das Wrack fand, wie er ihn im Schlaf tötete.

Er wachte schweißgebadet auf und wartete,
ob Schritte im Schnee zu hören wären.

Doch niemand kam.

Nur der Berg.
Und sein Zorn.

Über all die Jahre hatten Helikopter die verschneiten Berge immer wieder durchsucht.
Sie kamen, kreisten, verschwanden wieder—
so regelmäßig, dass Joe irgendwann wusste, wann er stillhalten musste.

Bricks gab nicht auf.
Joe auch nicht.

Dann verging ein Jahrzehnt.

Eines Morgens änderte sich etwas.

Joe saß in seinem Unterschlupf, als ein tiefes Dröhnen den Himmel zerschnitt.
Kein Helikopter.
Ein Flugzeug.

Es flog nicht zufällig vorbei.
Es kehrte zurück.
Wieder und wieder—
exakt über die Stelle, an der das Wrack lag.

Joe erstarrte.

Mit zitternden Fingern griff er in seine Jackentasche.
Die Batterien—seit Jahren aufgehoben, für genau einen Moment.
Er setzte sie ins Funkgerät.
Ein Klicken, ein Rauschen—
dann eine Stimme.

„Ich wiederhole: Hier spricht Watchmen. Haben ein Wrack in den Bergen lokalisiert.“

Joe konnte kaum atmen.

Zehn Jahre lang hatte ihn niemand gefunden.
Jetzt war es vorbei.
Bricks würde kommen.
Nicht, um zu retten—
sondern, um zu beenden.

Joe traf seine Entscheidung ohne zu zögern.

Er stützte sich auf seine Prothese und marschierte den Berg hinauf,
Kälte und Schmerz bedeutungslos.
Im Wrack riss er eine Waffenkiste auf.

Seine Hand schloss sich um den Raketenwerfer.
Schwer.
Vertraut.

Mit festem Griff humpelte er zurück in sein Lager.

Er stellte sich aufrecht hin, nur ein Schatten im Schnee.

„Komm nur her, Bricks,“ knurrte er leise.

„Ich bin bereit.“

Joe schlief die ganze Nacht nicht.
Er saß auf seinem Bett, die Augen offen, den Körper gespannt wie ein Draht.
Jedes Knacken im Eis, jeder Windstoß ließ ihn zusammenfahren.

Als der Morgen graute, stand er vor seinem Unterschlupf.
Das Gewehr fest an die Brust gepresst.
Wenn er heute sterben sollte, dann nicht ohne Kampf.

Dann hörte er es.
Das Wummern der Rotorblätter, erst fern, dann immer näher.
Ein Hubschrauber stieg aus dem Tal empor, direkt auf ihn zu.

Joe verharrte regungslos —
nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Tier, das auf seine Beute wartet.

Als der Helikopter in Reichweite kam, eröffnete Joe das Feuer.
Er traf.
Mehrmals.
Der Hubschrauber taumelte, verlor die Kontrolle und stürzte unweit von ihm in den Schnee.

Ein roter Nebel legte sich über seine Wahrnehmung.
Er hörte seinen eigenen Atem nicht mehr, nur das Blut in seinen Ohren.

Dann sah er die nächsten Maschinen:
ein großer Helikopter, flankiert von zwei kleineren.

„Das muss er sein … komm nur her, du Bastard!“ brüllte Joe und hievte den Raketenwerfer auf die Schulter.

Ein Lautsprecher krächzte über den Berg.

„Hier spricht die United States Air Force! Lassen Sie die Waffe fallen und ergeben Sie sich!“

Doch die Worte prallten an ihm ab.
Sie erreichten ihn nicht.

„Das ist für euch, Jungs“, murmelte er und drückte ab.

Die Rakete schoss in den Himmel, traf direkt unter dem Rotor.
Der Helikopter geriet ins Trudeln, drehte sich, verlor Höhe —
und zerschmetterte am Boden.

Gefangen in seinem Zorn, taub für alles außer seiner Erinnerung, lud Joe nach.
Ohne zu zögern holte er die anderen beiden Helikopter vom Himmel.

Dann war es still.

Schwer atmend stand Joe zwischen den flackernden Rauchschwaden.
Sein Brustkorb hob und senkte sich wie bei einem Tier.

„Ich muss sichergehen“, knurrte er.

Die Wut hatte ihm Kraft gegeben, die nicht aus seinem Körper kam —
sondern aus zehn Jahren Schmerz.

Er marschierte durch den beißenden Rauch auf das zerborstene Wrack des großen Helikopters zu.
Die Hitze brannte in seiner Kehle, doch er spürte nichts mehr.

Dann bewegte sich etwas.

Ein Soldat kroch aus dem zerstörten Rumpf, blutverschmiert, hustend.
Joe stürmte auf ihn zu, zielstrebig, unerbittlich.

„Bricks … Bricks … Bricks …“ knurrte er immer wieder, als wäre der Name ein Fluch.

Er packte den Soldaten am Hals, hob ihn hoch und riss ihm den Helm vom Kopf.

„Bitte … bitte nicht“, flehte der Mann mit zitternder Stimme.

Joe erstarrte.
Seine Augen, weit und wild, suchten ein bekanntes Gesicht —
fanden aber nicht das, worauf er zehn Jahre gewartet hatte.

„Du bist nicht Bricks!!“ brüllte Joe, seine Stimme überschlug sich.
„WO IST BRICKS?!“

„Er… er hat uns vorausgeschickt … um das Gebiet zu sichern“, stotterte der Soldat.
„Morgen … morgen früh will er hier sein.“

Joe ließ ihn fallen.
Der Soldat schlug hart auf dem Boden auf.

Die Wut in Joe verglühte — nicht verschwunden, nur kurz zurückgewichen wie Glut unter Asche.

„Dann solltest du laufen“, sagte Joe tonlos.
„Morgen früh stirbt jeder, der hier hochkommt.“

Der Soldat rappelte sich panisch hoch und stolperte den Hang hinunter,
während Joe reglos im Rauch stand —
und wartete.

Schließlich drehte er sich um und stieg den Berg wieder hinauf, zurück zu seinem Unterschlupf.
Gefangen zwischen Trauer und unbändiger Wut.

In seinem Lager blieb sein Blick an dem schwarzen Aktenkoffer hängen.
Die letzten Beweise gegen Bricks.
Alles, wofür er noch gelebt hatte.

Joe nahm den Koffer an sich und ging hinauf zum Wrack.
Der Wind heulte ihm entgegen, Schnee wirbelte um seine Beine.

Er grub ein tiefes Loch in die gefrorene Schicht und ließ den Koffer darin verschwinden.
Unsichtbar. Unantastbar.

Einen Moment lang verharrte er.
Seine Hand lag auf dem Metall des Wracks.

„Ich bin bald bei euch, Jungs …“ flüsterte er heiser.

Dann wandte er sich ab und ging zurück zu seinem Unterschlupf.

Über dem Himmel zogen dunkle Wolken auf — schwer, drohend.
Ein Sturm rollte aus der Ferne heran.

Joe setzte sich auf sein Bett.
Mit steinernem Blick hielt er sein Gewehr fest umschlossen.
Seine Unterlippe bebte, nicht vor Angst — vor Zorn.

Schlaf war unmöglich.

„Morgen“, murmelte er, kaum hörbar.
„Morgen bezahlst du für alles, Bricks.“

Wie ein Raubtier lauerte er bis zum Morgengrauen.
Er rührte sich nicht, den Finger am Abzug, den Blick auf den Hang gerichtet.

Mit den ersten Sonnenstrahlen verließ er seinen Unterschlupf.
Die Welt lag still, doch in seinem Kopf rauschte es.

Dann kippte plötzlich der Boden unter ihm weg.

Joe stolperte, schwankte — als hätte jemand die Luft um ihn herum verschoben.
Er versuchte, sich zu fangen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht mehr.

Dunkle Tropfen fielen in den Schnee.
Blut. Sein Blut.

„Nein … nicht jetzt … nicht so …“ hauchte er.

Er schleppte sich zu einem Baum, die Hand im rauen Stamm verkrampft, und sackte zu Boden.
Kälte brannte auf seiner Haut, doch sein Körper glühte.
Fieber. Hoch. Gefährlich.

Sein Atem ging flach.
Sein Blick verschwamm.

Vier Gestalten kamen den Berg herauf.
Soldaten? Nein.
Ihre Bewegungen waren zu ruhig, zu ungeordnet — nichts an ihnen wirkte militärisch.

Drei von ihnen verschwanden in seinem Unterschlupf.
Der vierte blieb draußen stehen.
Wartend. Beobachtend.

Joe zwang sich hoch.
Schweiß brannte in seinen Augen, die Welt wankte wie ein Schiff im Sturm.

Mit seiner letzten Kraft griff er in seine Jacke, zog die Pistole hervor.
Sein Arm zitterte.

„Stehen bleiben … Junge …“ presste er hervor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Scheiße …“ murmelte Matthias, als er den Militärhubschrauber sah, der direkt neben dem Wrack aufsetzte.
Kurz darauf landete auch ihrer – keine fünfzig Meter entfernt.

Dann sahen sie ihn.

Commander Bricks stieg aus, gefolgt von mehreren Soldaten. Er diskutierte hitzig mit einem Offizier.

Als die Gruppe näherkam, wurde jedes Wort verständlich.

„Sir, bei allem Respekt“, sagte der Major, sichtlich angespannt. „Eine Bergung der Fracht ist unmöglich. Das Wrack steht kurz davor, den Abhang runterzugehen. Warum bestehen Sie so sehr darauf?“

Bricks’ Blick schnitt wie ein Messer.

„Was machen diese Zivilisten hier?“ fauchte er und zeigte auf die fünf.

Sofort richtete ein Soldat sein Gewehr auf sie.

„Bitte nicht schießen“, sagte Matthias und hob langsam die Hände. „Wir wissen, was hier wirklich los ist.“

Der Soldat zögerte.

„Wovon reden Sie? Das hier ist eine Bergungsmission. Wir suchen Diebesgut, gestohlen von einem wichtigen Partner der USA. Und wir haben es gefunden.“

Sebastian lachte ungläubig auf.

„Das hat er Ihnen erzählt?“

Bricks schnitt ihm das Wort ab: „Das reicht jetzt. Major, nehmen Sie diese Leute fest.“

„Warten Sie!“ rief Dominik und zog etwas aus seiner Jackentasche. „Ich will Ihnen etwas zeigen.“

Er hielt dem Major eine Erkennungsmarke hin.
Lieutenant Joe Handerson — United States Air Force.

Der Major erstarrte.

„Handerson … die Handerson-Brüder? Die gelten seit zehn Jahren als vermisst. Wie … wie ist das möglich?“

Also erzählten sie alles.
Den Raub.
Den Abschuss.
Die ignorierten Notrufe.

Bricks platzte der Kragen.

„Das ist absurd! Lügen!“

Der Major sagte nichts. Sein Blick sprach Bände.

„Haben Sie Beweise?“ fragte er schließlich.

„Ja“, sagte Sebastian ruhig.
„Und sogar noch mehr“, ergänzte Dominik.

Julia starrte ihn an. "Richtig, der Koffer den Joe erwähnt hat“
Sie deutete auf die zerfetzte Turbine.
„Dort liegt ein Aktenkoffer im Schnee.“

Bricks verlor endgültig die Fassung.

„Major! Zum letzten Mal — verhaften Sie diese Leute! Das ist ein Befehl!“

Der Major wandte sich langsam zu ihm.

„Sir … beim Briefing sagten Sie, die Maschine sei wegen Treibstoffmangel abgestürzt. Warum sind dann Einschusslöcher im Triebwerk?“

Bricks suchte nach Worten. Nichts kam.

„Woher soll ich das wissen? Die Maschine war bereits beschädigt, bevor sie gestohlen wurde!“

Keiner glaubte ihm.

Mit einer knappen Handbewegung ließ der Major graben.
Minuten später legte ein Soldat den schwarzen Koffer in seine Hände.

Der Major öffnete ihn.

Stille.

Drinnen lagen nicht nur die Beweise — sondern auch Joes handgeschriebenes Geständnis.
Der Raub.
Ihre Flucht und den Abschuss durch den Kampfjet.
Und Michaels Lage.

Der Major stockte der Atem.

„Sie haben …“ begann er, die Stimme brüchig.
„Sie haben Ihre eigenen Leute töten lassen. Unsere Kameraden.
Und wofür?“

Er hob den Blick, tödlich ruhig.

„Um ihr Gesicht zu wahren? Aus reiner Gier?"

"Das ist alles Blödsinn!", protestierte Bricks.

"Legen Sie ihm Handschellen an," befahl der Major dem anderen Soldaten.

"Niemals! Wenn ich untergehe, dann Sie auch, Major!" rief Bricks und wich ein paar Schritte zurück.

"Stehenbleiben, Sir!" befahl der Soldat und richtete sein Gewehr auf ihn.

Bricks lachte – doch es war ein verzweifeltes, brüchiges Lachen, kein selbstbewusstes.

"Ihnen wird niemand glauben," fauchte er. "Es gibt keine Zeugen, und ich habe gute Anwälte."

Doch plötzlich erstarrte er. Sein Gesicht verlor jede Farbe, seine Augen wurden weit vor Angst.

"Was zum Teufel…? Nein! Das ist unmöglich! Nicht nach so langer Zeit!"

"Dort hinten… was ist das?" fragte der Major und zeigte auf eine Gestalt, die sich langsam den Berg hinaufbewegte.

Es war Joe.

Er schleppte sich den Hang herauf, jeder Schritt ein Kampf. Eine Spur dunkler Bluttropfen zog sich hinter ihm durch den Schnee. Sein Gesicht war aschfahl, seine Haltung schwankend, aber sein Blick brannte vor Zorn.

"Bricks! Bricks!" brüllte er mit heiserer, vor Hass vibrierender Stimme.

Stefan und Dominik eilten zu ihm und stützten ihn.

"Wer ist diese Person?" fragte der Major fassungslos.

"Das ist Lieutenant Joe Handerson," antwortete Sebastian.

Der Major starrte Joe an, als hätte er einen Geist gesehen.
"Was?"

"Das ist Blödsinn! Alles erfunden!" schrie Bricks. "Das ist ein Schauspieler! Ein Komplott gegen mich!"

Bevor jemand antworten konnte, erschütterte ein tiefes Grollen den gesamten Berg. Ein metallisches Kreischen zerschnitt die Luft.

"Leute… da!" rief Dominik.

Alle drehten sich um. Oben am Hang begann sich das Flugzeugwrack zu bewegen. Erst ein Rucken. Dann noch eins. Und noch eins. Schnee brach weg, Metall ächzte und knirschte.

Mit einem gewaltigen Donner löste sich die Maschine vom Hang, schob eine Lawine aus Schnee vor sich her und rutschte über die Kante. Sekunden später krachte das Wrack in den Abgrund und schlug mit einem ohrenbetäubenden Rumms am Boden auf.

Dieser brach unter dem Gewicht ein verschluckte wie ein riesiges Monster das Flugzeug.

Bricks verlor endgültig jede Kontrolle.

"Nein! Nein! Verdammter Mist! Nein!" brüllte er und rannte wie ein in die Enge getriebenes Tier hin und her.

Joe lachte schief, keuchend.
"Ich… ich hab's Ihnen gesagt, Bricks…"

Bricks wirbelte herum, völlig außer sich.

"Ich hätte einen verdammten Luftschlag auf Sie anfordern sollen, Handerson! Ich hätte Sie töten sollen, als ich die Chance hatte!"

Seine Stimme wurde eiskalt.

"Den Fehler mache ich kein zweites Mal."

Bevor irgendjemand reagieren konnte, zog er seine Waffe und feuerte.

Der Schuss traf Joe mitten ins Herz.

Joe sackte wortlos zusammen.

"Sie verdammter Mistkerl!" schrie Julia.

Der Major riss sein Gewehr hoch und schlug Bricks mit voller Wucht gegen den Kopf. Bricks ging bewusstlos zu Boden.

Alle starrten auf Joe.

"Lebt…?" begann Sebastian.

Doch Dominik und Stefan schüttelten nur langsam den Kopf.

"Nein… diesmal nicht," sagte Dominik leise und kämpfte gegen die Tränen.

Der Major schloss kurz die Augen, dann seufzte er schwer.

"Funken Sie es durch. Die lokale Polizei soll hier raufkommen und diesen Bastard Bricks festnehmen. Und melden Sie… einen Toten."

"Jawohl, Sir."

Der Major kniete sich zu Joe, legte ihm behutsam die Hand auf die Brust.

"Es tut mir leid. Hätte ich Bricks früher durchschaut… vielleicht hätten wir ihn retten können."
Seine Stimme war weich.
"Sie haben tapfer gekämpft, Soldat."

Er wandte sich der Gruppe zu.

"Was euch fünf angeht: Die US Air Force wird euren Einsatz hier würdigen."

Kurz darauf landeten ein Rettungs- und ein Polizeihelikopter. Die Polizisten legten dem bewusstlosen Bricks Handschellen an. Joe wurde auf eine Trage gelegt und in den Rettungsheli gebracht.

Julia, Dominik, Stefan, Sebastian und Mathias stiegen in denselben Helikopter wie zuvor.

Der Major trat ein letztes Mal an die offene Tür.

"Ich werde einen ausführlichen Bericht schreiben. Mit den Beweisen, die ihr mir gegeben habt, ist Bricks erledigt. Der Lockdown der Stadt wird sofort aufgehoben. Vielleicht könnt ihr euren Urlaub wenigstens ein bisschen weiterführen."
Er lächelte matt.

"Und das Wrack?" fragte Dominik.

"Die Bergung wird kompliziert. Aber es wird alles seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben."

Er nickte ihnen zu und schloss die Tür.

Mathias startete die Maschine, und sie stiegen auf — zurück in die Stadt.
Zurück in ihr normales Leben.

.

 

 

 

 

 

„Meine Damen und Herren, bitte erheben Sie sich für Richter Barrett Kane.“
Die Stimme der Gerichtswache hallte streng durch den Saal.

Der Richter betrat den Raum mit einem Schritt, der keinerlei Zweifel an seiner Haltung zuließ.
Stolz.
Aufrechtgehend.
Fokussiert.
Ein Mann, der wusste, dass dieser Fall in die Geschichte der Air Force eingehen würde.

Er ging zielstrebig zu seinem Platz, legte die Akten ab und setzte sich.

„Danke. Sie können sich setzen.“

Als die Bänke knarrten und sich alle wieder niederließen, faltete er die Hände.

„Meine Damen und Herren, heute befassen wir uns mit dem Fall von Commander James Bricks.“
Seine Stimme war ruhig, aber mit einem Unterton, der eindeutig machte: Dieser Tag würde Konsequenzen haben.

"Herr Staatsanwalt, sie haben das Wort"

Der Staatsanwalt erhob sich.
„Sehr wohl, Euer Ehren.“

Mit einer Handbewegung ließ er einen großen Bildschirm in den Saal rollen. Als dieser eingeschaltet wurde, erschien ein Bild, das für einen Moment alles zum Schweigen brachte: Joe, Michael, Dwight und Jakob — lachend, Arm in Arm, vor ihrem Kampfjet.

„Die Handerson-Brüder,“ begann der Staatsanwalt.

Er zeigte auf Joe.

„Der Älteste: Lieutenant Joe Handerson. Kriegsheld, Waffenausbilder und Feldsanitäter. Er hat unzähligen Soldaten das Leben gerettet.“

Dann wies er auf die beiden Piloten.

„Captain Jakob und Captain Dwight Handerson. Hoch erfahrene Kampfpiloten, brillante Ingenieure. Berühmt dafür, eine zivile Passagiermaschine sicher aus einem Kriegsgebiet eskortiert zu haben.“

Bricks Anwalt sprang auf.

„Was hat das mit dem Fall zu tun?“ fragte er scharf.

„Dazu komme ich gleich,“ antwortete der Staatsanwalt und fuhr unbeirrt fort.

Nun erschien Michaels Bild.

" Michael Handerson. Zwanzig Jahre alt. Gerade einen Monat in der Grundausbildung. Kaum Erfahrung, ein unbeschriebenes Blatt.“

Der Staatsanwalt gab das Zeichen zum Umschalten.
Ein offizieller Einsatzbericht erschien.

„Am 21. Juni 2014 schickte Commander Bricks die vier Brüder gemeinsam auf einen Einsatz.“

Wieder ein Umschalten.
Diesmal ein internes Memo.

„Trotz mehrerer Anträge, Michael Handerson aufgrund mangelnder Erfahrung zurückzuhalten, bestand Commander Bricks darauf. Aus angeblichen Zeitgründen lehnte er jeden Ersatz ab.“

Der Saal wurde unruhig.
Der Staatsanwalt nutzte den Moment.

„Schalten Sie weiter.“

Ein Röntgenbild erschien — ein Schädel, deutlich gezeichnet von einem schweren Trauma.

Ein Raunen ging durch die Reihen der Jury.

„Es kam, wie es kommen musste. Mr Handerson stürzte im Einsatz zwei Stockwerke tief. Das Ergebnis: eine schwere Kopfverletzung, die unbehandelt langfristig tödlich wäre.“

Er machte eine Pause, ließ die Worte wirken.

„Doch Commander Bricks übernahm keinerlei Verantwortung. Statt medizinische Hilfe zu gewähren, entließ er ihn aus dem Dienst und überließ ihn seinem Schicksal.“

Bricks sprang plötzlich auf.

„Blödsinn! Dem Jungen ging es gut!“

Der Richter donnerte mit dem Hammer.

„Ruhe im Saal!“

Er nickte dem Staatsanwalt zu.
„Fahren Sie fort.“

Der Staatsanwalt tat es.

„Die vier Brüder waren verzweifelt. Hilflos. Und dann erfuhren sie, wie reich Commander Bricks wirklich war — und wie er zu seinem Vermögen gekommen ist.“

Er wechselte erneut die Präsentation.
Ein Diagramm, Fotos, interne Berichte.
Eine ganze Wand voller Beweise.

„Das hier dokumentiert, wie Commander Bricks über Jahre seine Macht missbraucht und Wertgegenstände aus dem Ausland gestohlen hat. Die Handerson-Brüder fanden seine Verstecke — und raubten ihn aus. In der Hoffnung, nach Europa zu fliehen und ein neues Leben zu beginnen.“

Der Richter hob eine Augenbraue.

„Worauf wollen Sie hinaus?“

Der Staatsanwalt atmete durch.

„Das wird Ihnen ein Zeuge erklären, Euer Ehren.“

Er blickte zum Wachpersonal.

„Ich rufe Sergeant David Hawkins in den Zeugenstand.“

Der Richter nickte.

Ein Mann trat ein — älter, aber mit einer Haltung, die zeigte, dass er einmal ein Soldat gewesen war, auf den man sich verlassen konnte.
Glatze, weißgrauer Vollbart, tadelloser Anzug.

Er setzte sich in den Zeugenstand.

„Sergeant Hawkins, schwören Sie, die Wahrheit zu sagen?“
„Ich schwöre, Sir.“

Der Staatsanwalt trat näher.

„Sprechen wir über die Nacht des 17. August. Sie waren auf der USS Franklin stationiert, vor der Küste Irlands — korrekt?“

„Korrekt, Sir.“

„Bitte erzählen Sie dem Gericht, was Sie mir erzählt haben.“

Der Sergeant holte tief Luft.

Seine Stimme war ruhig, aber jeder konnte hören, dass er sich schämte, überhaupt ein Teil davon gewesen zu sein.

„Ich bekam einen Anruf von Commander Bricks. Er klang… außer sich. Er sagte mir, ich solle keine dummen Fragen stellen und exakt tun, was er befiehlt.“

Er schluckte.

„Er befahl mir, ein Flugzeug abzuschießen. Alleine. Es befand sich kurz vor dem Schweizer Luftraum. Er sagte, Terroristen hätten es entführt und wollten einen Anschlag damit verüben.“

Der Saal wurde still.

„Ich startete meinem Abfangjäger. Als ich die Maschine erreichte, flog sie durch einen Sturm. Ich versuchte Funkkontakt aufzunehmen, bekam aber keine Antwort.“

Der Sergeant sah zu Boden.

„Commander Bricks gab mir den Befehl zum Abschuss. Und ich… ich befolgte ihn.“

Ein leiser Aufschrei ging durch das Publikum.

„Die Maschine stürzte in ein Gebirge ab. Ich funkte Bricks an und fragte, ob er Rettungseinheiten schicken würde. Er bestätigte es.“

Er hob den Blick, die Augen voller Reue.

"Wie ich später erfuhr, hatte er niemanden geschickt"

„Haben Sie weitere Fragen an den Zeugen, Herr Staatsanwalt?“ fragte Richter Kane.

„Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.“

„Danke für Ihre Zeit, Sergeant.“
Mit einem Nicken entließ der Richter Hawkins aus dem Zeugenstand. Der Sergeant erhob sich, straffte die Schultern und verließ den Platz wie ein Mann, der wusste, dass seine Aussage endlich das Richtige getan hatte — auch wenn sie Jahre zu spät kam.

Der Staatsanwalt wandte sich der Jury zu, doch bevor er ein Wort sagen konnte, schoss Bricks Verteidiger von seinem Stuhl hoch.

„Euer Ehren, diese Aussage hat keinerlei Wert!“ rief er laut.
Er zeigte mit einer wegwerfenden Handbewegung Richtung Sergeant Hawkins, der gerade den Saal verließ. „Meinem Klienten wurde damals bestätigt, dass niemand den Absturz überlebt hat. Niemand! Es kann sich unmöglich um die Handerson-Brüder gehandelt haben. Commander Bricks hat einen Terrorangriff verhindert, er hat seine Pflicht erfüllt und kein… kein Rachefeldzug gegen irgendjemanden geführt!“

Der Staatsanwalt verzog keine Miene.

„Euer Ehren,“ begann er ruhig, „es gibt Dutzende von Zeugenaussagen darüber, wie Commander Bricks den einzigen Überlebenden — Lieutenant Joe Handerson — regelrecht hingerichtet hat.“

Stirnrunzeln, empörte Blicke, leises Flüstern in den Publikumsreihen.

Der Staatsanwalt trat näher an die Jury heran.

„Und ich sage Ihnen noch etwas, Herr Verteidiger.“
Er wandte sich zu Bricks um.
„Ihr Klient wusste ganz genau, wer in diesem Flugzeug saß. Und er hat über Jahre hinweg aktiv verhindert, dass Joe Handerson Hilfe bekommt.“

Bricks sprang aus dem Stand hoch, als hätte ihn jemand elektrisiert.

„Das ist eine verdammte Lüge!!“ zischte er, das Gesicht rot vor Wut.

Der Staatsanwalt hob nur leicht die Augenbrauen.
„Ist das so?“

"Dann ist dieser Obduktionsbericht hier doch bestimmt auch falsch nicht wahr?"

Mehrere Bilder von Joes Leiche erschien auf dem Bildschirm.

"Hier sehen sie die geborgene Leiche von Lieutenant Joe Handerson, bestätigt durch einen DNA Abgleich" erklärte der Staatsanwalt und lies erneut das Bild wechseln.

"Wie sie sehen können, dutzende von Verletzungen, darunter leichte bis sehr schwere"

"Vor einigen Wochen hatte er sein Augenlicht auf einem Auge verloren, er war also halb blind. Aber das ist nicht mal das schlimmste"

Das Bild wechselte erneut auf eine Nahaufnahme von Joes Bein.

Ein geschocktes und angewidertes Raunen hallte durch den Saal, einige Leute wandten den Blick ab.

"Wie sie hier sehen können" fuhr der Staatsanwalt fort" war er gezwungen sein Bein zu amputieren. Ein Knochenbruch durch einen tiefen Sturz, wie mir bestätigt wurde.

Der Stumpf infizierte sich Jahre später, und der Lieutenant verfiel in einen kritischen Zustand"

Der Staatsanwalt legte eine kurze Pause.

"Das nächste Bild bitte" sagte er dann.

Eine Nahaufnahme von Joes Schusswunde war zu sehen. Daneben eine Pistole.

"Commander Bricks, das hier ist doch ihre Dienstwaffe oder nicht?"

Bricks gab keine Antwort.

"Ja, diese Waffe gehört meinem Klienten" sagte der Verteidiger zögerlich.

"Diese Waffe wurde beschlagnahmt, nachdem ihr Klient Joe Handerson damit kaltblütig ermordet hat. Vor einigen Zeugen noch dazu" antwortete der Staatsanwalt in einem ernsten Ton.

"Komm wir zum nächsten Punkt" sagte er dann.

Der Staatsanwalt lehnte gegen einen Tisch.

"Commander Bricks" begann er " was war der Grund für den Mord an Joe Handerson und wieso musste er da oben so lange leiden?"

Bricks beugte sich zum Mikrofon nach vorne.

"Dazu verweigere ich die Aussage" sagte er trocken.

Der Staatsanwalt grinste nur.

"Das habe ich mir schon gedacht" sagte er.

"Commander Bricks hat ihn da oben zurückgelassen, weil seine Ehre angeschlagen war.

Durchaus hat er Suchtrupps auf den Berg geschickt, allerdings nicht für Handerson, sondern um die Beute zu finden"

"Commander" sagte der Staatsanwalt in einem ernsten, verachteten Ton" Sie wollten ihn da oben sterben lassen, um ihre Haut zu retten. Sie wollten die Beute und die Beweise finden"

Der Staatsanwalt beugte sich zu ihm

"Und, Sie hatten sogar Kontakt zu ihm"

"Dafür haben sie keine Beweise" knurrte Bricks

„Dann würde ich gern meinen nächsten Zeugen aufrufen, Euer Ehren.“

Richter Kane nickte knapp.

Der Staatsanwalt drehte sich zur Wache.

„Holen Sie mir bitte Sebastian Hoffmann.“

Die Tür öffnete sich, und Sebastian trat ein. Sein Blick war ernst, fest, aber man konnte sehen, wie angespannt er wirklich war. Mit einem tiefen Atemzug setzte er sich in den Zeugenstand.

„Herr Hoffmann,“ begann der Staatsanwalt, „was arbeiten Sie?“

„Ich bin bei der Schweizer Bergrettung, Sir. In der Notzentrale – ich arbeite als Funker.“
Sebastians Stimme war ruhig, aber ein leichtes Zittern verriet, dass die Erinnerungen alles andere als angenehm waren.

Der Staatsanwalt zeigte auf Bricks.

„Kennen Sie diesen Mann?“

Sebastian schluckte hart.
„Ja, Sir. Das ist Commander Bricks.“

Eine kurze, schwere Pause.
Dann sagte er es.

„Der Mörder von Joe Handerson.“

Bricks explodierte förmlich.

„LÜGEN! DAS SIND ALLES LÜGEN!!“ brüllte er, während er sich gegen den Tisch stemmte, als würde er gleich losstürmen.

Der Richter schlug mit dem Hammer auf den Tisch.

„RUHE! HINSETZEN!“

Er wandte sich an Bricks Verteidiger.

„Wenn Ihr Klient noch EIN einziges Mal unterbricht, lasse ich ihn aus dem Saal entfernen. Haben wir uns verstanden?“

Der Verteidiger nickte hektisch und versuchte, Bricks zurück in seinen Stuhl zu drücken.

Sebastian atmete tief durch.

Der Staatsanwalt nickte ihm aufmunternd zu.

„Also, Herr Hoffmann… erzählen Sie dem Gericht bitte ausführlich, was in der Nacht des Absturzes geschehen ist.“

Sebastian berichtete.
Alles.

Vom ersten Hilferuf, der über den Funk kam.
Von Joes brüchiger, panischer Stimme.
Von den Befehlen, die Bricks ihnen gab — Befehle, die ihnen verboten, irgendetwas zu tun.
Von Bricks Kontrolle über die gesamte Zentrale.
Vom Abschalten der Systeme.
Von der Androhung, jeden zu verhaften, der sich widersetzt.
Vom Lockdown der gesamten Stadt.
Von den heimlichen Aufnahmen, die sie machten, weil ihnen klar war, dass etwas fundamental falsch lief.

Der Saal wurde mit jeder Sekunde stiller.
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

„Euer Ehren…“ sagte der Staatsanwalt schließlich, „ich würde diese Aufnahmen nun gern abspielen.“

Der Richter nickte langsam.

Der Techniker betätigte die Wiedergabe.

Dann erfüllte ein Klang den Saal, der alle Anwesenden durch Mark und Bein traf.

Ein verzweifeltes Atmen.
Ein Krächzen.
Windgeräusche.
Schnee.
Kälte.
Und eine Stimme, die kaum noch eine Stimme war.

Julia im Publikum schlug sich die Hand vor den Mund.
Einige Geschworene hatten Tränen in den Augen.
Selbst der Richter sah betroffen aus.

Sebastian senkte den Blick.

Der Staatsanwalt trat einen Schritt nach vorn.

„Euer Ehren… das waren die Worte eines Mannes, der zehn Jahre lang vergeblich auf Rettung hoffte.“

Bricks Gesicht lief fleckig rot an.
Doch er sagte kein Wort mehr.

Der Staatsanwalt räusperte sich noch einmal und wandte sich der Jury zu.

„Meine Damen und Herren… Commander Bricks hat nicht nur einen Angriff gegen seine eigenen Männer angeordnet. Er ist außerdem bereitwillig über Leichen gegangen, nur um sein Gesicht zu wahren und seine Geheimnisse zu schützen.

Er hätte Joe Handerson jederzeit finden und festnehmen lassen können. Doch das hätte bedeutet, dass seine eigenen Verbrechen ans Licht gekommen wären. Also entschied er sich bewusst dagegen. Stattdessen ließ er einen Mann, der ihm jahrelang treu gedient hatte, zehn Jahre lang ohne jegliche Hilfe zurück.

Und schließlich… hat er ihn kaltblütig ermordet.“

Der Staatsanwalt sah in die schweigende Runde, dann nickte er knapp.
„Ich danke Ihnen.“

Bricks blieb stumm. Kein Wort, keine Regung.
Auch sein Anwalt brachte nichts mehr hervor.
Die Beweislast gegen Commander Bricks war erdrückend.

„Die Jury wird sich nun zurückziehen, um sich zu beraten. Die Sitzung wird morgen fortgeführt“, ordnete der Richter an.

Am nächsten Tag lag eine angespannte Stille über dem Saal. Kein Murmeln, kein Rascheln von Papier – nur Erwartung.

Der Richter sah zum Sprecher der Jury.
„Nun, wie lautet Ihr Entscheid?“

Der Sprecher erhob sich.
„Euer Ehren, nach ausführlicher Beratung befinden wir den Angeklagten in allen Anklagepunkten für schuldig.“

Ein leises Raunen ging durch den Saal. Der Richter nickte ernst.

„Dann erheben Sie sich bitte für die Urteilsverkündung.“

Alle standen.

„Commander James Bricks“, begann der Richter mit fester Stimme,
„hiermit verurteile ich Sie wegen vierfachen Mordes, Unterschlagung, Machtmissbrauch, Unterdrückung der zivilen Bevölkerung, Diebstahl sowie schwerer unterlassener Hilfeleistung zu einer lebenslangen Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis. Ihr Rang wird Ihnen mit sofortiger Wirkung aberkannt.“

Ein letzter Schlag des Hammers hallte durch den Saal.
„Die Sitzung ist geschlossen.“

"Euer Ehren, wir würden noch gerne etwas hinzufügen" sagte der Sprecher der Jury.

"Aber natürlich" anwortete der Richter.

"Meine Damen und Herren, uns als Jury ist natürlich bewusst, das die Handerson Brüder keine Unschuldigen in diesem Fall sind, und wenn sie heute hier wären, würden sie für ihre Taten ebenfalls verurteilt werden.

Mr Bricks, ihnen möchten wir noch sagen, das wir regelrecht angewidert und entsetzt von ihrem Umgang mit dieser Situation sind.

Sie haben vier Männern, die ihnen treu gedient haben, das Leben genommen. Einen von ihnen haben sie bis zu seiner Ermordung grausam leiden lassen.

Nicht nur sind sie eine Schande für das Militär, sondern auch eine Schande für die Gessellschaft. Was sie getan haben ist schlicht und ergreifend unmenschlich.

Ich hoffe sie nutzen die Zeit, während sie im Gefängnis auf ihren Lebensabend warten, über darüber nachzudenken. Und ich hoffe das sie irgendwann Reue für ihre Taten empfinden.

Vielen Dank Euer Ehren"

Während Bricks in Handschellen abgeführt wurde, brach die Spannung. Julia, Sebastian, Stefan, Dominik und Mathias fielen sich erleichtert in die Arme. Tränen, Lächeln, zitternde Atemzüge – zum ersten Mal seit Jahren durften sie erleichtert sein.

Sie schüttelten dem Staatsanwalt dankbar die Hand. Dieser lächelte zufrieden.
Die Handerson-Brüder hatten Gerechtigkeit bekommen.

Gemeinsam besuchten die fünf anschließend Joes Grab und legten frische Blumen nieder. Der Wind wehte sanft über die Stelle, an der sein Name stand.

Die Leichen von Jakob, Dwight und Michael hatten jedoch nie geborgen werden können. Und das Flugzeug – mitsamt dem Vermögen – war für immer im Berg verschwunden.

Doch zumindest eines war geschehen:
Die Wahrheit war ans Licht gekommen.

 

 

 

 

 

 

 

Ende

Autorennotiz

Diese Geschichte ist frei erfunden, sie enstand aus meiner Vorstellung heraus.
Es ist die erste Geschichte, die ich veröffentliche.
Ich freue mich über Feedback.

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Autor

Roman95s Profilbild Roman95

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Statistik

Kapitel: 13
Sätze: 2.222
Wörter: 30.367
Zeichen: 182.077

Kurzbeschreibung

Es sollte ein entspannter Schiurlaub für Julia, Dominik und Stefan werden. Mitten in den traumhaften Schweizer Bergen. Doch als in der idylischen Kleinstadt, die von riesigen, beeindruckenden Bergen umringt ist eintreffen, ist alles ganz anders. Das alte Wrack eines Militärflugzeuges soll auf 4000 Metern Höhe gefunden worden sein. Die Stadt ist regelrecht eingekesselt von der US Air Force. Es dauert nicht lange, bis ein dramatisches Ereignis die Stadt erschüttert.Die drei besten Freunde, und erfahrene Bergsteiger werden kurz danach von einem Mann gebeten, ihm zu helfen, nach einem Überlebenden des Absturzes zu suchen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Action auch im Genre Drama gelistet.