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Vom Flossenschlag zum Dolchstoß
Die Geschichte menschlicher Bewegung reicht zurück bis zu den frühen Wirbeltieren vor etwa 400 Millionen Jahren. Diese Tiere nutzten eine laterale, wellenartige Körperbewegung zur Fortbewegung im Wasser. Laterale Undulation - eine sequenzielle Aktivierung der Rumpfmuskulatur, gesteuert von segmental-neuronalen Schaltkreisen, die Vortrieb und Richtungswechsel ermöglichten.
Am Anfang war die Welle, nicht der Schritt.
Diese frühen Bewegungsformen verbanden bereits mehrere funktionale Elemente: eine rhythmische Wirbelsäulenbewegung, rotatorische Anteile des Rumpfes sowie eine mechanische Kopplung zwischen Rumpf, Schultergürtel und Extremitäten. Aslan Coogan nennt diese Kraftübertragung Spinal Wave. Das Wort beschreibt anschaulich reale biomechanische Phänomene wie segmentale Rotation, elastische Rückstellkräfte des Bindegewebes und diagonale Muskel-Faszien-Ketten.
Mit der Evolution der Landwirbeltiere und später des aufrecht gehenden Menschen veränderte sich die Orientierung des Körpers grundlegend. Die Vertikalisierung stellte jedoch keinen vollständigen Bruch mit älteren Bewegungsmustern dar. Vielmehr wurden horizontale Fortbewegungsprinzipien – laterale Rumpfbewegung, Rotation und elastische Kraftspeicherung – in eine vertikale Organisation integriert. Sie zeigen sich bis heute im menschlichen Gang, in Ausgleichsbewegungen der Wirbelsäule, in der Beckenrotation und in den schräg verlaufenden Faszienzügen zwischen Schulter- und Beckengürtel.
Aslan spricht von funktionaler Kontinuität. Der menschliche Bewegungsapparat nutzt nach wie vor wellenartige, rotatorische und elastische Mechanismen, nun jedoch unter den Bedingungen der Schwerkraft und des zweibeinigen Standes. In Kampfkünsten und anderen Bewegungsschulen werden diese Prinzipien kultiviert und verfeinert.
Aslan und seine Schülerin Aiko bewegen sich schon eine Weile an einer Schnittstelle zwischen östlichen Bewegungstraditionen und westlicher Bewegungswissenschaft. Konzepte wie Qi bezeichnen in asiatischen Kontexten kein messbares Objekt, sondern ein Erfahrungs- und Erklärungsmodell für koordinierte Bewegung, Atmung, Spannungsregulation und gerichtete Kraftentfaltung. Aus westlicher Perspektive lässt sich Qi daher als emergentes Phänomen verstehen; als ein Ergebnis des Zusammenspiels von Haltung, Atmung, neuromuskulärer Koordination, Rotation und faszialer Kraftübertragung. Diese Übersetzung ist eine Annäherung, keine Gleichsetzung.
Ich nähere mich dem Thema in einer ausschweifenden Lehrgeschichte.
Geologische Architektur
Aslan Coogan betrachtete die Werkzeuge des Todes mit nüchterner Faszination. Sein Blick prüfte jede Klinge. Takemori Aiko fühlte sich von seiner vereisten Leidenschaft ins Unrecht gesetzt. Da war ein Interesse, das sich nicht drosseln ließ. Dieses Feuer sollte in Aiko lodern. Jedenfalls durfte sie sich nicht weniger angesprochen fühlen von diesen anachronistischen Kriegskunstzeugnissen. Sie stammte aus einem Samurai-Geschlecht. Mit raffiniertem Trotz hatte sie sich einer Erziehung im Geist des säkularisierten Kodex‘ zwar niemals offen widersetzt, aber doch innerlich versperrt. Als Jugendliche hatte sie verhaltene Gleichgültigkeit gegenüber familiären Erwartungen zur Schau gestellt; indes, ohne aus der Rolle der folgsamen Tochter zu fallen. Ihre Geschicklichkeit erschien ihr nur noch fade. Aslan hatte ihr die Augen geöffnet.
Sie hielt eine verschwiegene Andacht für ihren Großvater ab, der den antiken Bushi-Techniken religiöse Verehrung entgegengebracht hatte. In Gedanken verbeugte sie sich und bat um Vergebung. Aiko entsprach nicht nur Gepflogenheiten des Shintō-Ahnenkults. Sie wollte unbedingt die eigene Ächtung aufheben. - Endlich zurückkehren in die noble Ahnenreihe und wieder eine Perle auf der Familienschnur sein. Sie ersehnte Läuterung und Buße mit existenzieller Inbrunst.
In einem intrusiv-wiederkehrenden Tagtraum wähnte sich Aiko in der Haltung einer Verworfenen - verstoßen und verachtet - vor einem Ahnentribunal ihres Clans. Die Vorfahren glichen grotesk-bärbeißigen wie aus dem Kabuki-Theater entsprungenen, ritterlichen Nussknackern. Sie erinnerten an Protagonisten in den frühen Werken von Akira Kurosawa mit ihrer expressionistischen Ästhetik. Aiko vernahm ein Echo der Bunraku-Tradition, in der jede Geste Bedeutung trug. Die Phantasmagorie war eine Emanation des Fluchs, der auf ihr lastete.
Ihre Richter erlaubten Aiko kein Wort zu ihrer Verteidigung. Aber was hätte sie auch sagen können? Die Delinquentin spürte eine Last, die sie zu erdrücken drohte. Vielleicht war es die Last der Jahre, in denen sie gleichgültig und hochmütig gewesen war.
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