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Schwert & Schild

7
28.02.21 20:50
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
Bisexualität
In Arbeit

Vorwort: Ich habe keinerlei Rechte an Star Wars oder den jeweiligen Charakteren. Dies ist ein freies Werk, das lediglich der Unterhaltung dienen soll.

Da dies meine erste Fanfiction ist, wäre ich sehr dankbar für jede Art von Rückmeldung. Kritik ist also nicht nur gern gesehen, sondern ausdrücklich erwünscht.

Die Geschichte setzt ungefähr da an, wo der Film "Solo - A Star Wars Story" aufgehört hat und wird voraussichtlich 30 Kapitel und 120k Wörter umfassen.

Falls sich jemand fragt, warum ich mich ausgerechnet für diesen Titel entschieden habe: Das Schild soll für die Jedi stehen und das Schwert für die Sith. Bezogen auf meine Story bildet Ahsoka hier also sinnbildlich gesprochen den Schild und Maul das Schwert.

Pairings und Romance wird es geben und zwar zwischen Qi'ra und Han Solo und Maul und Ahsoka, allerdings erst im späteren Verlauf.

Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid und die Story lesen mögt, wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!

—✻—

 

1. Kapitel

- Kehrtwende -




Es war einmal vor langer Zeit
in einer weit, weit entfernten Galaxis...




10 BBY, Zanbar, Geheimversteck von Crimson Dawn, Uhrzeit: 2134


Ungläubig starrte die Frau auf die rote Flüssigkeit, die den Stoff ihres Kleides tränkte.

Die Zeit schien schlagartig stillzustehen. Sämtliche Geräusche um sie herum verstummten, als würde die Luft aus dem Raum entweichen und sie in einem Vakuum zurücklassen.

Sie war wie gelähmt. Eine gefühlte Ewigkeit lang, so kam es ihr vor. Dabei waren gerade einmal ein paar Sekunden verstrichen. Mit angehaltenem Atem tastete sie über den feuchten Stoff an ihrem Bauch. Sie spürte, wie sie alle anstarrten. Ihre Blicke krochen über ihren Körper wie corellianische Hakenwürmer auf der Suche nach ihrer nächsten Mahlzeit.

„Ach du meine Güte!“

Die blechern klingende Stimme zu ihrer Rechten ließ Qi'ra erschrocken zusammenfahren. Mit aller Macht riss sie sich vom Anblick ihres ruinierten Abendkleids los und hob den Kopf.

Sie blickte in zwei ausdruckslose, gelbe Photorezeptoren. Der silberne Metallkörper des Droiden war für die heutige Abendveranstaltung auf Hochglanz poliert worden, sodass sich ihr Gesicht in seinem rechteckigen Brustteil grotesk verzerrt widerspiegelte.

Sie sah blass aus. Abgekämpft. Müde. Aber allen voran erschrocken.

„Es tut mir ja so leid, Miss Qi’ra!“, rief der Droide mit schriller Stimme, die Arme ungelenk in die Höhe gereckt. „Mit meinen Schaltkreisen scheint etwas nicht zu stimmen! Das ist das erste Mal, dass mir so etwas passiert!“

„Schon gut“, hörte Qi’ra sich sagen und spürte, wie ihre Mundwinkel automatisch nach oben wanderten, um ein geschäftsmäßiges Lächeln aufzusetzen.

Der Droide – eine modifizierte WA-7-Service-Einheit mit Beinen anstelle von Rollen – sprühte sofort eine farb- sowie geruchslose Reinigungsflüssigkeit auf den Fleck auf ihrem Kleid. Qi’ra wusste jedoch aus Erfahrung, dass seine Mühe vergeblich war. Corellianischer Wein ging nur schwer wieder aus Seidenstoffen heraus. Insbesondere, wenn diese von so heller Farbe waren, wie die ihren.

„Lass nur. Ich werde mich schnell umziehen gehen“, beschwichtigte sie den aufgeregt umherfuchtelnden Droiden, ein charmantes, kleines Lächeln auf den Lippen.

Der Droide protestierte lautstark, als Qi’ra Anstalten machte, aufzustehen. Verzweifelt versuchte er, sie am Gehen zu hindern, indem er ihr den Weg versperrte, doch sie schob sich geschwind an ihm vorbei.

Ungeachtet des peinlichen Vorfalls von gerade eben und dem hässlichen roten Fleck auf ihrem Kleid, hatte Crimson Dawns Vizekommandantin nichts von ihrer Anmut und Eleganz eingebüßt. Den Kopf hoch erhoben, die Schultern gestrafft und den Rücken durchgedrückt, schwebte sie regelrecht über den Boden, als sie auf den Ausgang zusteuerte.

Von der gegenüberliegenden Seite des Raumes aus blickte ihr ein Paar gelber Augen aufmerksam hinterher. Etwas Raubtierhaftes, Lauerndes lag in ihnen; wie bei einem Wolf, der seine Beute ins Visier nahm. Die Augen eines Jägers, eines Killers. Sie gehörten einem rothäutigen Zabrak, dessen haarloser, gehörnter Schädel mit schwarzen Tätowierungen verziert war. Um seinen Hals lag eine schwere, goldene Kette, die ihn als Mitglied von Crimson Dawn auswies.

„Süß, die Kleine“, meinte der gelbhäutige Mirialaner, der ihm gegenüber am Tisch saß, bevor er mit einem breiten Grinsen zwei Reihen strahlend weißer Zähne entblößte.

Der Zabrak ließ die Worte des Mannes unkommentiert und nahm mit ungerührter Miene einen Schluck von seinem Getränk.

In der Mitte des Raumes befand sich eine kreisrunde Bühne, auf der fünf Bith-Musiker standen. Sie stimmten gerade ein neues Lied an. Ein schwermütiges Musikstück mit Saxophonen, Trompeten, Klarinetten und Steeldrums, das sich insbesondere in Cantinas großer Beliebtheit erfreute.

Um die Bühne herum standen mehrere Tische und Stühle, an denen paar- oder grüppchenweise Mitglieder des Schatten-Kollektivs beisammensaßen und sich angeregt miteinander unterhielten. Ihre Leibwächter hielten sich dabei unauffällig im Hintergrund und beobachteten mit wachsamen Augen das Geschehen. Allzeit bereit, jeden, der ihren Klienten schaden wollte, eine Kugel durch den Kopf zu jagen.

Die Stimmung war überraschend entspannt und ausgelassen für einen Haufen Krimineller, die sich dicht an dicht drängten. Bis jetzt war es noch zu keinem unerfreulichen Zwischenfall gekommen, und Maul hoffte inständig, dass es dabei blieb.

Ab und an sah man Metall zwischen den Tischen aufblitzen. Vier Service-Droiden eilten geschäftig von einem Gast zum Nächsten, nahmen Bestellungen entgegen und servierten Speisen und Getränke. Der Droide, der Qi’ra bedient hatte, durfte sich gerade eine Standpauke von seinem Vorgesetzten anhören. Einem dicklichen Devaronianer mit gewaltigen grauen Hörnern und einer Vorliebe für teuren Schmuck. Maul hatte bei der Vielzahl an Ketten, die von seinem wulstigen Hals herunter baumelten, irgendwann den Überblick verloren und zu zählen aufgehört.

„Kommen wir zum Geschäftlichen“, sagte er, nachdem er den Becher mit der milchigblauen Flüssigkeit abgesetzt hatte.

Der Mirialaner nickte zustimmend, wobei ihm einige Strähnen seines schulterlangen, schwarzen Haars in die Stirn fielen. Über seine linke Gesichtshälfte zog sich ein Netz aus verblasstem Narbengewebe. Der Form und Beschaffenheit nach zu urteilen, stammten sie höchstwahrscheinlich von einem Blasterschuss. Aus nächster Nähe abgefeuert, wenn Maul nicht alles täuschte.

Nase und Wangen des Mirialaners waren von einer Reihe rauteförmiger, schwarzer Symbole bedeckt, die - wie es bei seiner Spezies üblich war - wichtige Ereignisse und Errungenschaften seines Lebens kennzeichneten. Auf seinem Kinn fanden sich noch mehr der schwarzen Markierungen. Ein Mann mit einer ereignisreichen Vergangenheit, wie es schien.

Maul bemerkte, wie die leicht bekleidete Twi’lek, die hinter dem Mirialaner nonchalant an der Wand lehnte,  verstohlen zu ihnen herüber starrte. Es war nicht das erste Mal, dass er sie dabei erwischte. Ihr Augenmerk galt dabei jedoch vorwiegend dem Mirialaner und nicht ihm. Sie schien sich seinem verwegenen Charme nur schwer entziehen zu können.

Maul konnte ihr keinen Vorwurf machen. Calor Jondu war ein attraktiver Mann, der Macht und Selbstbewusstsein ausstrahlte. Eigenschaften, zu denen sich Frauen ihres Kalibers unwiderstehlich hingezogen fühlten. Dass er obendrein der Anführer der Ebonscars war – einem Haufen Gesetzloser, die illegal Waffen schmuggelten – war aus ihrer Sicht gewiss ein nettes Extra.

Die Twi’lek hörte auf den Namen Nima Veil. Sie leitete zwei der angesehensten und best besuchten Kasinos auf Nar Shaddaa. Des Weiteren war sie Verwalterin von Hutt Enterprise, einem Konzern, der Weltraumschrott verkaufte und darüber hinaus alles Mögliche reparierte. Angefangen bei Droiden bis hin zu Raumschiffen. Auf Wunsch führten sie auch die ein oder andere nicht ganz legale Modifizierung durch. Bis jetzt waren sie dem Imperium noch nicht negativ aufgefallen.

Doch das war noch längst nicht alles. Die Twi’lek machte auch mit den Pykes gemeinsame Sache und verdiente sich mit gestrecktem Glitzerstim und anderen illegalen Substanzen den ein oder anderen Credit dazu. Nicht, dass sie das Geld nötig hätte.

Nima Veil zählte zu den vermögendsten Geschäftsfrauen in der Galaxis. Sie tat es nicht des Geldes wegen, sondern weil sie den Nervenkitzel liebe. Den süßen Hauch der Gefahr. Das Spiel mit dem Feuer. Vermutlich fühlte sie sich deshalb so zu Calor Jondu hingezogen. Der zwielichtige Mirialaner versprach nichts als Ärger.

„Hier?“, fragte Calor, eine Augenbraue skeptisch hochgezogen und ließ demonstrativ den Blick durch den Raum schweifen.

Sich selbst und Maul ausgenommen, befanden sich neunzehn weitere Personen mit ihnen im Raum. Personen, von denen Calor gerade einmal die Hälfte kannte. Den Rest sah er heute zum ersten Mal. Dementsprechend verunsichert war er nun.

„Hier“, erwiderte Maul.

Der Mirialaner wirkte überrascht, nahm die Antwort jedoch widerstandslos zur Kenntnis und winkte einen seiner Männer heran. Aus den Schatten hinter ihm trat ein hochgewachsener Trandoshaner. Er trug einen knielangen Ledermantel, der am Kragen mit Wampa-Fell besetzt war. Eine gleichermaßen kostspielige wie ungewöhnliche Anschaffung.

„Lissk, wärst du wohl so freundlich Lord Maul eines unserer neuesten Produkte zu präsentieren?“

Die geschlitzten Reptilienaugen des Trandoshaners richteten sich auf den rothäutigen Zabrak. Aus seinem breiten Echsenmaul drang ein leises, bedrohlich klingendes Zischen, gefolgt von einer hervorschnellenden Zunge, die sich begierig über die Lefzen leckte.

Maul war sich nicht ganz sicher, was der Trandoshaner mit der Geste bezwecken wollte. Wenn er ihm damit zu drohen oder einschüchtern versuchte, so war ihm dies nicht im Entferntesten gelungen.

„Wird gemacht, Boss“, sagte Lissk, wobei er die S-Laute aufgrund seiner spitzen Zähne und Kieferform unnatürlich in die Länge zog.

Lissks geschuppte Pranke glitt unter seinen Mantel. Doch noch bevor er diese wieder hervorziehen konnte, zielten bereits mehrere Blastergewehre auf seinen Kopf.

Mit einer unwirschen Handbewegung erteilte Maul seinen beiden Leibwächtern - zwei stämmige Death-Watch Mandalorianer - den Befehl, die Waffen herunterzunehmen.

Lissk zögerte einen Augenblick; verunsichert, ob man nicht doch auf ihn schießen würde, sollte er die Bewegung zu Ende ausführen. Dann, mehrere Herzschläge später, zog er langsam einen Blaster unter seinem Mantel hervor. Die Waffe wirkte auf den ersten Blick recht gewöhnlich, durch das schwarz lackierte Plastikgehäuse fast schon billig.

Der Trandoshaner knallte den Blaster geräuschvoll vor Maul auf den Tisch und verschränkte anschließend die Arme vor der Brust. Sichtlich unbeeindruckt nahm der Zabrak die Schusswaffe in die Hand.

„Ein DL-44 Blaster?“, fragte er, nachdem er die Waffe einer eingehenden Musterung unterzogen hatte.

Calor schüttelte überheblich grinsend den Kopf. Er ließ sich absichtlich Zeit mit seiner Antwort. Genoss, dass er mehr wusste als Maul und ihm so seine Überlegenheit demonstrieren konnte.

„Ein modifizierter DL-44 Blaster", korrigierte er den Zabrak nach einer langen Pause. „Er ist mit speziellen Wärmesensoren, einer verbesserten Kühlung, einem längeren und präziserem Lauf sowie einem verbessertem Energiemagazin und Schaltkreisen ausgestattet. Eine Ebonscars-Sonderanfertigung. Ein Schuss durchdringt mit Leichtigkeit jede Art von Panzerung und das aus jeder beliebigen Entfernung.“

Maul sah alles andere als beeindruckt aus, was Calor insgeheim mehr ärgerte, als er sich einzugestehen gestattete.

„Wieviele könnt Ihr mir davon zur Verfügung stellen, Jondu?“, fragte er.

„Wir haben dreihundert Stück vorrätig“, erwiderte Calor. „Aber wir können mehr herstellen. Für einen Aufpreis von... sagen wir zehn Prozent?“

Maul rechnete kurz nach.

„Vierzigtausend Credits.“

Calor nickte, bevor er sich zu dem Zabrak vornüberbeugte. Mit gesenkter Stimme sagte er: „Ich lege noch hundertfünfzig Thermaldetonatoren obendrauf. Als Zeichen meines guten Willens. Und um unsere neue Partnerschaft zu feiern! Auf eine gute und vor allem lukrative Zusammenarbeit!“ Der Schmuggler hob abrupt sein Glas und prostete Maul grinsend zu.

Der wog noch immer den Blaster unschlüssig in der Hand, hin- und hergerissen, ob die modifizierten Waffen ihr Geld Wert waren oder nicht. Obwohl er Calors Enthusiasmus nicht im Geringsten teilte, schien er einem Handel grundsätzlich nicht abgeneigt zu sein. Und wenn er schon einmal hier war....

„Und? Sind wir im Geschäft?“, hakte der Mirialaner ungeduldig nach.

Der Zabrak wollte zu einer Antwort ansetzen, als sich jäh die Tür öffnete und eine Frau mit aufwendig drapierter Hochsteckfrisur den Raum betrat. Qi’ra. Ihre Präsenz blieb auch von den anderen nicht lange unbemerkt. Das weiße, eng anliegende Kleid mit dem tiefen, V-förmigen Ausschnitt, das sie trug, zog sämtliche Blicke auf sich.

Mit einem verführerischen Lächeln auf den feuerrot geschminkten Lippen hielt sie auf Maul und Calor zu. Letzterer begann dabei dermaßen schmierig zu grinsen, dass Maul genervt und angewidert zugleich die Augen verdrehte. Hätte er gewusst, dass der Waffenschmuggler so einfach zu beeinflussen war, hätte er Qi’ra die Verhandlungen führen lassen. Vielleicht wäre dabei sogar ein Rabatt für sie herausgesprungen.

Der Mirialaner war indes von seinem Platz aufgestanden und streckte den Arm in Qi’ras Richtung aus - wohl, um ihre Hand zu schütteln und sich ihr vorzustellen - als Maul unvermittelt den Blaster auf sie richtete und den Abzug betätigte. Das tödliche Geschoss traf Qi’ra genau zwischen die Augen. Mit einem Ausdruck völligen Unglaubens auf dem Gesicht sackte sie zu Boden.

In Alarmbereitschaft versetzt, griff Calor nach seiner Waffe. Erneut reagierten die Mandalorianer, die Maul flankierten, schneller. Sie richteten ihre Gewehre auf Calor, was Lissk mit einem Laut, halb Knurren, halb Zischen quittierte. Im Gegensatz zu Calor versuchte er erst gar nicht nach seiner Waffe zu greifen.

Auf Mauls tätowiertem Gesicht lag ein Ausdruck saturierter Selbstgefälligkeit.

„Wir sind im Geschäft“, sagte er.

 

—✻—

 

Anmerkungen: So, das war Kapitel 1. Der Einstieg ist geschafft.

Lasst gerne einen Kommentar oder eine Bewertung da, wenn euch die Geschichte gefallen hat. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Bis zum nächsten Mal!

Eure Azurmond

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2. Kapitel

- Umzingelt -

 

„Wirklich jammerschade...“, sagte Calor, und brach damit das angespannte Schweigen, das nach Qi’ras Hinrichtung im Raum Einzug gehalten hatte. Mit einem Ausdruck aufrichtigen Bedauerns starrte er auf die leblose Frau zu seinen Füßen. Was für eine Verschwendung, dachte er. Sie hatte umwerfend ausgesehen, und sollte seinen Informanten zufolge überdies eine fähige Kämpferin und Diplomatin gewesen sein. Warum Maul sich ihrer ausgerechnet hier und jetzt entledigt hatte - und das ohne ersichtlichen Grund - war ihm schleierhaft.

Aber im Grunde ging es ihn ja auch gar nichts an, sagte Calor sich. Und er war weder tollkühn, noch töricht genug, um Maul darauf anzusprechen oder gar eine Erklärung für sein Handeln zu verlangen. Der Mann war ihm keinerlei Rechenschaft schuldig. Es war besser, wenn er seine Nase nicht in fremde Angelegenheiten steckte. Erst recht nicht in die Angelegenheiten von solch einflussreichen und mächtigen Personen wie Maul. Mit jemandem seines Kalibers legte man sich besser nicht an. Und gewiss schätzte er es nicht, wenn seine Geschäftspartner allzu neugierig waren.

„Ich hoffe, Ihr habt nicht vor, die Waffe auch gegen mich zu richten“, sagte Calor. Der besorgte Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören und entlockte dem Zabrak ein hämisches Grinsen.

„Das liegt ganz bei Euch“, entgegnete Maul mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen. "Wenn Ihr nicht genau so enden wollt wie sie, solltet Ihr Euch an unsere Abmachung halten."

Calor runzelte verwirrt die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz, warum Ihr sie getötet habt.“

Maul setzte zu einer Erklärung an, da erklang hinter ihnen jäh eine weibliche Stimme: „Lord Maul, was hat das alles zu bedeuten?“

Als Maul den Kopf drehte, sah er Nima Veil, die in Begleitung von Ziton Moj auf sie zugestürmt kam. In den blaugrauen Augen der Twi’lek lag ein eisiges Funkeln, das ihn unbewusst an jemanden aus seiner Vergangenheit zurückerinnerte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er anstelle von Nima Veil das Gesicht von Eldra Kaitis vor sich aufblitzen. Obwohl es nun schon so lange zurücklag, hatte die Padawan einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Etwas, dass bisher nur den Wenigsten gelungen war. Der ehemalige Sith-Lord hatte in der Regel nicht viel für Jedi übrig. Aber Eldra Kaitis war anders gewesen. Sie hatte etwas an sich gehabt, das ihn in den Bann gezogen und fasziniert hatte. Er hatte sich auf eine sonderbare Art und Weise zu ihr hingezogen gefühlt.

Das hatte ihn zwar letzten Endes nicht davon abgehalten, sie zu töten, aber seitdem kam es von Zeit zu Zeit vor, dass ihr Gesicht vor seinem inneren Auge auftauchte; aus den Untiefen seines Verstands emporstieg wie heraufziehender Nebel und ihn mit einer Woge tiefen Bedauerns erfüllte. Nicht, weil er Mitleid mit ihr gehabt hätte - Maul war das Konzept davon nach wie vor vollkommen fremd. Nein. Er bedauerte Eldra Kaitis‘ Tod, weil sie unter anderen Umständen und in einem anderen Leben eine mächtige Verbündete abgegeben hätte. Vielleicht sogar eine Schülerin.

Vom ersten Augenblick an hatte er ihr Potenzial für die dunkle Seite der Macht erkannt. Sie insgeheim für ihre wilde Stärke und Entschlossenheit bewundert und die Leidenschaft, mit der sie kämpfte. Wild und hemmungslos, ungezügelt wie ein tosender Orkan. Und so ganz und gar nicht jedihaft. Wie gerne hätte er noch häufiger mit ihr die Lichtschwerter gekreuzt. Mit ihr trainiert und gekämpft, Seite an Seite. Doch es hatte nicht sein sollen. Nicht als Darth Sidious' Schüler. Den wachsamen Augen des mächtigen Sith-Lords entging nichts. Maul hatte keine andere Wahl gehabt, als Eldra Kaitis zu töten. Und zum damaligen Zeitpunkt hatte er es auch gewollt.

„Lady Veil“, hörte er sich wie in Trance sagen. Seine Stimme schien von weit her zu kommen, hörte sich fremd in seinen eigenen Ohren an. Der Zabrak blinzelte zwei Mal. Dann war er wieder im Hier und Jetzt. Eldra Kaitis war fort. Und mit ihr die geisterhaften Finger, die sich angefühlt hatten, wie der Macht-Würgegriff seines einstigen Meisters. Mit einem Mal konnte er wieder frei atmen.

„Es gibt keinen Grund zur Besorgnis. Meine Untergebene hatte ein Attentat auf mich und Fürst Jondu geplant, aber wie Ihr sehen könnt, habe ich sie rechtzeitig ausgeschaltet und Schlimmeres verhindern können.“

Nima Veil blickte verächtlich auf Qi’ra hinab. Dass Calor Jondu ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte als ihr, hatte sie sichtlich verstimmt. Ihr Tod erfüllte sie daher mit tiefer Genugtuung.

„Habt ihr sie nicht erst kürzlich zu Eurer rechten Hand ernannt, Maul? Wie kommt es, dass sie Euch so plötzlich in den Rücken fallen wollte?“

„Nun... manche Untergebene sind schlichtweg zu übereifrig und wissen einfach nicht, wo ihr Platz ist...“, sagte er mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme und fuhr mit den Fingern seiner rechten Hand unbewusst über den Griff des Doppelklingenlichtschwerts, das er unter seinem Mantel verborgen trug.

Nima Veil nickte zustimmend und öffnete den Mund, um ihrem Ärger Luft zu machen: „Das könnt Ihr laut sagen. Wenn man nicht ständig auf der Hut ist, ist man schneller tot, als einem lieb ist.“ Es entstand eine kurze Pause, in der alle Beteiligten stumme Blicke untereinander austauschten, als verdächtigte jeder den anderen insgeheim des Verrats. „Nun gut. Da wir das geklärt hätten, will ich Euch nicht länger stören. Genießt den restlichen Abend.“ Die Twi’lek bedachte Calor mit einem langen, intensiven Blick, ehe sie sich umdrehte und mit dem Oberhaupt der schwarzen Sonne gemessenen Schrittes in der Menge untertauchte.

Wie auf ein unsichtbares Signal hin, nahmen die restlichen Anwesenden des Schatten-Kollektivs plötzlich ihre unterbrochenen Gespräche wieder auf. Zwei Tische weiter fuhren Vertreter der schwarzen Sonne und Mitglieder der Pykes mit ihrer Runde Sabacc fort. Im Hintergrund spielten die Bith-Musiker ihr Stück weiter. Alles ging wieder seinen gewohnten Gang, so, als sei nichts gewesen.

Der Mirialaner wandte seine Aufmerksamkeit wieder Maul zu.

„Qi’ra hat also versucht, uns umzubringen. Wisst Ihr bereits warum?“

„Wieso werft Ihr nicht noch einmal einen Blick nach unten? Dann werdet Ihr alles verstehen“, erwiderte Maul und deutete mit dem verlängerten Blasterlauf auf Qi’ra.

Calor war sichtlich irritiert, kam der Aufforderung jedoch umgehend nach. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, sog er scharf die Luft ein. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Die Frau zu seinen Füßen war nicht mehr als solche wiederzuerkennen. Eben noch war sie atemberaubend schön, wenn auch unnatürlich blass, gewesen. Jetzt war ihre Haut aufgedunsen und hatte eine ungesunde, schmutziggraue Färbung angenommen. Das Grauenhafteste jedoch war ihr Gesicht - falls das unförmige Gebilde, das auf dem breiten, faltigen Hals thronte, die Bezeichnung überhaupt verdiente. Mit den zwei weit auseinanderstehenden Augen, die tief in ihren Höhlen lagen und dem breiten Mund erinnerte sie eher an einen toten Frosch als an eine Menschenfrau. Das wulstige Fleisch des Wesens quoll unansehnlich unter dem eng anliegenden Kleid hervor und bildete einen starken Kontrast zu dem weißen Stoff, aus dem es genäht worden war. Calor hatte etwas Derartiges noch nie zuvor gesehen.

Angewidert wich er einen Schritt zurück. „Was ist das?“

„Ein Shi’ido. Eine seltene Spezies, die auf dem Planeten Lao-Mon beheimatet ist“, erklärte Maul. „Wie man unschwer erkennen kann, sind sie dazu in der Lage, beliebig ihre Gestalt zu wechseln.“ Der Zabrak setzte sich langsam in Bewegung und umrundete den Tisch, um auf den Schmuggler zuzugehen. Seine Beinprothesen erzeugten dabei bei jedem Schritt ein dumpfes Metallgeräusch auf dem Durastahlboden. Nach dem schicksalhaften Vorfall auf Naboo war der ehemalige Sithlord von der Hüfte abwärts vollständig kybernetisch.

Mehr Maschine als Mann.

„Ich hätte auf deinen Nacken zielen sollen“, hörte der Zabrak plötzlich eine verhasste Stimme in seinem Hinterkopf flüstern.

Die Worte sandten eine Woge reinen, ungezügelten Zorns durch seine Eingeweide. Seine Adern verwandelten sich in Lavaflüsse, heißer noch als das Feuermeer auf Mustafar. Unbewusst krampfte Maul die Hände zu Fäusten und vergaß für den Moment, dass er noch immer den Blaster in der Hand hielt. Erst, als das Plastikgehäuse in seiner rechten Hand ein leises, protestierendes Ächzen von sich gab und unter der gewaltsamen Krafteinwirkung nachzugeben drohte, kehrte er ins Hier und Jetzt zurück. Härter als beabsichtigt drückte der Zabrak im Vorbeigehen einem der Mandalorianer den modifizierten DL-44 Blaster in die Hand.

„Die Himmelshunde haben ihn angeheuert und hier eingeschleust, um unsere Verhandlungen zu sabotieren“, fuhr Maul seine Ausführungen fort, ehe er sich unvermittelt zu dem unförmigen Fleischberg hinab beugte. Bestimmt packte er seinen Kopf, schob die blassblauen Lippen auseinander und griff beherzt in seinen Mund. Suchend tasteten seine Finger in der feuchten Mundhöhle umher. Als er eine Standardminute später wieder die Finger hervorzog, hielt er einen kleinen Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger. Er war kaum größer als ein Fingernagel und sah auf den ersten Blick aus wie ein schwarzglänzender Datenchip.

In Wirklichkeit war es jedoch etwas gänzlich anderes. Und bei weitem nicht so harmlos.

Es war eine Sprengkapsel unbekannter Herkunft und Bauart.

„Dieses... dieses Ding wollte uns in die Luft sprengen?“, entfuhr es Calor, woraufhin der Zabrak knapp nickte.

„Sieht ganz so aus.“

Vorsichtig übergab Maul den tödlichen Sprengkörper einem seiner mandalorianischen Leibwächter.

„Bring das weg und lass es von einem unserer Technik-Spezialisten untersuchen. Vielleicht kann er herausfinden, wer sie hergestellt hat“, wies er ihn mit ernster Stimme an.

„Jawohl, Lord Maul.“

Eiligen Schrittes verließ der Mandalorianer den Raum. Gleich mehrere Paar Augen blickten ihm mit unverhohlener Neugier hinterher, während andere hastig die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen.

„Wie Ihr sicherlich bereits wisst, sorgt seit geraumer Zeit eine Swoop-Bande in unseren Reihen für Aufruhr. Sie nennen sich selbst die Himmelshunde. Sie haben vor geraumer Zeit einen unserer wichtigsten Deals platzen lassen, mehrere Nachschublieferungen mit Waffen, Munition und Treibstoff abgefangen und vor kurzem sogar einen unserer Stützpunkte angegriffen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Spione oder Attentäter hier auftauchen.“ Der Zabrak sah zu dem toten Shi’ido. „Mein erster Verdacht fiel auf Qi’ra, weil sie in letzter Zeit des Öfteren ein, sagen wir... für ihre Verhältnisse, sehr untypisches Verhalten an den Tag gelegt hat. Um meine Vermutung, dass sie vielleicht einen Doppelgänger haben könnte, auf die Probe zu stellen, habe ich vor Beginn der Veranstaltung einen der Service-Droiden angewiesen, ein Glas Wein über ihr Kleid zu schütten. Es sollte wie ein Unfall aussehen und sie dazu bringen, dass sie sich umziehen geht. Ich wusste natürlich, dass ihr Doppelgänger sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und ihre Abwesenheit ausnutzen würde, um ihren Platz einzunehmen. Und uns gegebenenfalls anzugreifen oder unsere Verhandlungen zu stören." Maul holte kurz Luft, ehe er fortfuhr.

"Als er schließlich mit demselben weißen Kleid in der Tür stand, auf das der Droide den Wein gekippt hat, hat er sich unweigerlich verraten. Gestaltwandler können nach Belieben ihren Körper verändern, nicht jedoch ihre Kleidung. Außerdem hatte er so eine Art an sich, beim Gehen das gesamte Gewicht auf den rechten Fuß zu verlagern.“ Als ausgebildeter Sith-Lord und Attentäter, betrachtete Maul seine Umgebung stets aufs Genaueste, analysierte die Bewegungen seiner Mitmenschen, jede noch so kleine Regung, jede verräterisches Muskelzucken. Beobachtung war das A und O - und der Schlüssel zum Erfolg.

Der Mirialaner runzelte nachdenklich die Stirn. Er konnte Maul nicht ganz folgen, wollte aber auch nicht weiter nachbohren oder gar als begriffsstutzig dastehen, weshalb er einfach nur nickte.

„Das wird sicher nicht der Einzige von ihnen gewesen sein.“

„Falls dem so ist, werden sie von nun an vorsichtiger vorgehen.“

„Angenommen, es gibt noch mehr dieser Wesen. Wie wollt Ihr sie alle ausfindig machen?“, fragte Calor. Leichter Spott schwang in seiner Stimme mit, als würde er Maul oder seinen Männern nicht zutrauen, dass sie die restlichen Gestaltwandler und potenziellen Attentäter ausfindig machen und zur Strecke bringen würden.

„Ich? Gar nicht. Qi’ra wird sich von nun an darum kümmern. Ich werde in absehbarer Zeit mit anderen Dingen beschäftigt sein.“

„Und was, wenn sich gerade jetzt noch ein weiterer Shi'ido mit uns im Raum befindet, bereit das zu Ende zu führen, was sein Partner begonnen hat?“, konterte der Anführer der Ebonscars spitz.

„Seid unbesorgt, Jondu. Ihr werdet das Gebäude lebend verlassen. Und vierzigtausend Credits reicher“, versprach Maul. Der ehemalige Sith-Lord hatte den Raum bereits mithilfe der Macht nach weiteren Attentätern abgesucht. Nichts deutete darauf hin, dass sich ein weiterer Shi’ido mit ihnen im Raum befand. Fürs Erste schienen sie sicher zu sein. So sicher, wie man in einem Raum voller Krimineller eben sein konnte.

„Wenn Ihr meint.“

Der Zabrak musste bei der schnippischen Antwort des Mirialaners still in sich hinein grinsen.

„Vertraut mir, Jondu. Ich habe alles im Griff“, versicherte er ihm und machte einen Schritt auf den mirialanischen Waffenschmuggler zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Maul wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. „Mit Eurer Hilfe werden wir die Himmelshunde im Nu vernichtet haben. Die Söldner, die ich vor kurzem auf Zanbar angeheuert habe, warten nur noch darauf, mit Euren Waffen ausgestattet zu werden.“

Calor blickte dem Zabrak nur widerwillig in die gelben Augen. Sie waren ihm nicht geheuer, so wie alles an dem zwielichtigen Anführer Crimson Dawns. Der Mann hatte etwas zu verbergen, daran bestand für ihn kein Zweifel.

Andererseits... hatten sie das nicht alle?

„Dann wollen wir diesen Krieg mal gewinnen“, sagte Calor mit grimmiger Entschlossenheit.

Als kurz darauf ein weiteres Mal zischend die Tür aufglitt, stahl sich gegen seinen Willen ein breites Lächeln auf seine Lippen. Qi’ra schien jedoch alles andere als begeistert zu sein, als sie mit großen Schritten auf sie zumarschierte. Nima Veil ließ bei ihrem Anblick beinahe ihr Cocktail-Glas fallen.

Crimson Dawns Vizekommandantin hatte in der Zwischenzeit das figurbetonte, weiße Kleid mit dem großzügigen Ausschnitt gegen ein hochgeschlossenes, rotes Minikleid und Schuhe mit niedrigeren Absätzen getauscht.

„Maul, wir müssen dringend-“, begann sie, stockte dann jedoch mitten im Satz, als ihr Blick auf die Gestalt fiel, die neben Calor Jondu und Maul auf dem Boden lag.

„Was zum Teufel ist das?“, verlangte sie zu erfahren. Konsterniert blickte sie zwischen den beiden Männern hin und her. Doch der Zabrak tat so, als habe er ihre Frage überhört. Mit einer Stimme, die vor Sarkasmus nur so triefte, sagte er: „Qi’ra. Wie schön, dass du endlich dazustößt. Ich würde dich gerne mit Calor Jondu bekanntmachen. Er ist das Oberhaupt der Ebonscars.“ Calor und Qi’ra reichten sich die Hände. Maul entging nicht, dass der Schmuggler ihre Finger dabei länger als nötig festhielt und sein Lächeln eine Spur zu breit für seinen Geschmack war.

„Es ist mir eine Freude, endlich Eure Bekanntschaft zu machen, Lady Qi’ra.“

„Die Freude ist ganz meinerseits, Fürst Jondu.“

Das Lächeln auf Calors Gesicht gefror schlagartig. „Oh, bitte. Der Titel ist nicht nötig. Jondu reicht vollkommen aus“, sagte er.

„Wir Ihr wünscht, Jondu.“

Das beantwortete allerdings noch immer nicht ihre Frage, dachte Qi'ra voller Ungeduld und wachsendem Unbehagen. Mit einem mühsam aufgesetzten Lächeln auf den Lippen fragte sie: „Will mir jetzt vielleicht endlich jemand erklären, was hier vorgefallen ist?“

„Du hattest einen Doppelgänger, der uns in die Luft sprengen wollte. Ich war so frei und habe ihn für dich ausgeschaltet“, lautete Mauls Zusammenfassung.

Qi’ras Augenbrauen schossen überrascht in die Höhe. Ein Doppelgänger? Von ihr? Dieses grauhäutige Ding auf dem Boden hatte sich als sie ausgegeben und versucht, Maul und Calor umzubringen?

„Wie hast du ihn durchschaut?“

„Er hatte dasselbe Kleid an wie du - nur ohne Weinflecken.“

„Das ist alles?!“

„Das ist alles“, bestätigte Maul.

Qi’ra war sprachlos. Mehrere Standardsekunden verstrichen, ehe sie ihre Stimme wiederfand.

„Du hättest mich also erschossen, wenn ich ein zweites identisches Kleid besessen und angezogen hätte“, sagte sie. Sie machte sich nicht einmal die Mühe ihre Verblüffung und Wut zu verbergen.

Der Zabrak beugte sich zu Qi’ra vor und sah ihr tief in die Augen. Seine von feurigen Ringen eingefassten gelben Iriden waren wie tödliche Strudel, denen man sich nicht mehr zu entziehen vermochte, wenn man erst einmal in ihnen gefangen war. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Blick abzuwenden.

„Ich bitte dich. So ein Blasterschuss hätte dich nicht aufgehalten. Dafür habe ich dich zu gut ausgebildet, meine treue Schülerin“, raunte er ihr ins Ohr.

Die dunkelhaarige Frau kniff verärgert die Augen zusammen und presste hart die Lippen aufeinander.

„Richtig.“

„Es war im Übrigen nicht nur das Kleid, dass ihn verraten hat. Ich habe es auch an seinem Gang gemerkt“, fügte Maul hinzu, da er das Gefühl hatte, die Wogen glätten zu müssen.

Qi’ra wollte gerade etwas darauf erwidern, als derselbe Service-Droide von vorhin sie unsanft von der Seite anrempelte. Zum zweiten Mal am heutigen Tag ergoss sich ein Schwall corellianischen Rotweins über ihr Kleid. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren wandte Qi’ra sich um und ging.

„Lord Maul, ich habe getan, was Ihr mir aufgetragen habt!“, rief der Droide.

Der Trandoshaner, der bis eben stillschweigend der Unterhaltung gelauscht und keinen Mucks von sich gegeben hatte, brach in schallendes Gelächter aus. „Wenn du dich da mal nicht täuschst, Kumpel“, sagte er.

„Mir scheint, du hast tatsächlich eine Fehlfunktion, Droide! Ich sagte ein Glas! Nicht zwei!“, fuhr der Zabrak die Blechbüchse ungehalten an.

„O-oh... ich muss Euren Befehl falsch verstanden haben, Lord Maul! Es tut mir schrecklich leid! Bitte, sagt mir, wie ich es wiedergutmachen kann!“

„Verschwinde!“

Calor grinste amüsiert, als der Droide rasch das Weite suchte.

„Falls ihr noch ein paar fähige Droiden benötigt-“, begann er, wurde jedoch von einer unwirschen Handbewegung von Maul unterbrochen.

„Nicht nötig. Wir haben genug Droiden.“

„Lord Maul? Im HoloNetz will Euch jemand sprechen“, meldete sich jäh ein heraneilender Mandalorianer zu Wort. „Er sagte, es sei dringend.“

„Hat er seinen Namen genannt oder was er will?“, unterbrach der Zabrak ihn gereizt.

„Darüber wollte er mir keine Auskunft erteilen. Er meinte, was ich Euch mitzuteilen habe, sei nur für Eure Ohren bestimmt.“

„Wenn Ihr mich kurz entschuldigen würdet. Ihr habt den Mann gehört“, sagte Maul, bevor er mit einem leisen Knurren auf dem Absatz kehrtmachte und aus dem Raum eilte.

Calor und Lissk tauschten einen vielsagenden Blick untereinander aus.

Das konnte ja heiter werden.
 

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Anmerkungen: Aus gegebenem Anlass ist das Kapitel zum Ende hin doch etwas heiterer als geplant geworden.

Ich hoffe, es hat euch dennoch gefallen und vielleicht musste ja auch der Eine oder Andere von euch schmunzeln. Im nächsten Kapitel gerät dann so langsam alles ins Rollen. :-D

Bis zum nächsten Mal!

Eure Azurmond

—✻—


 

3. Kapitel

- Blinder Passagier -



Maul vibrierte förmlich vor Anspannung, während er den spärlich erleuchteten Gang entlang eilte. In Gedanken war er noch immer in seinem Konferenzzimmer und sah sich der flackernden Holoprojektion eines in dunkle Gewänder gehüllten Mannes gegenüber, der ihm Informationen mitteilte, die zu schön waren, um wahr zu sein. Angeblich befand sich auf einem weitentlegenen Mond namens Lo’tua ein uraltes, längst in Vergessenheit geratenes Sith-Artefakt, das seinem Träger unvorstellbare Macht verleihen sollte. Auf Mauls kritische Nachfrage hin, hatte die mysteriöse Gestalt ihm versichert, dass sie die Wahrheit spreche und ihm im Anschluss die Koordinaten durchgegeben, an dem sich das Artefakt angeblich befinden sollte. Maul hatte diese sogleich von seinen Männern auf Richtigkeit überprüfen lassen. Wie sich herausstellte, hatte der Mann die Wahrheit gesagt. Ein Mond namens Lo’tua existierte tatsächlich. Es war nur fraglich, ob sich dort auch das besagte Sith-Artefakt befand und ob es wirklich so viel Macht verlieh, wie behauptet.

Maul war hin- und hergerissen und fragte sich, wo der Haken an der ganzen Sache war.  Hatte er irgendetwas übersehen? War das alles nur ein Trick? Nichts weiter als ein perfider Plan seines ehemaligen Meisters, um ihn aus der Reserve und in eine Falle zu locken? Es war Darth Sidious durchaus zuzutrauen, dass er zu solchen Mitteln griff, um ihn aus dem Weg zu räumen. Vorausgesetzt er hatte Wind davon bekommen, dass Maul noch am Leben war - und obendrein der Anführer einer mächtigen Verbrechensorganisation. Vielleicht befürchtete Sidious, Crimson Dawn könne ihm gefährlich werden und hatte den Entschluss gefasst, ihn ein für alle Mal unschädlich zu machen. Obwohl Maul es sich verboten hatte, regte sich in ihm ein Funken Hoffnung – allen Zweifeln und Bedenken zum Trotz. Was, wenn der geheimnisvolle Fremde die Wahrheit sprach?

Der Gedanke ließ seine beide Herzen schneller schlagen. Wie winzige Fäuste, die ihrem Gefängnis zu entfliehen versuchten, trommelten sie verzweifelt gegen seinen Brustkorb. Zum ersten Mal seit langem fühlte Maul sich wieder lebendig. Unbewusst beschleunigte er seine Schritte. Er konnte es kaum erwarten, an Bord seines Schiffes zu gehen, das bereits im Hangar auf ihn wartete, zusammen mit einer Handvoll seiner besten Männer. Vergessen war das lästige Problem mit den Himmelshunden und etwaigen Attentätern, die ihm nach dem Leben trachteten. Sollte Qi’ra sich doch damit herumplagen. Sorgen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sein oder gar scheitern könnte, machte er sich keine. Auf einen Fall wie diesen hatte er sie immerhin monatelang vorbereitet. Und was diesen nervtötenden Schmuggler der Ebonscars anging... auch damit würde Qi'ra fertig werden, da war sich Maul sicher.

Als der Zabrak scharf in den nächsten Gang einbog, kam er vor einer verschlossenen Metalltür von gewaltigen Ausmaßen zum Stehen. Gewohnheitsmäßig tippte er in rascher Abfolge den Entsperr-Code für die Tür in die Tastatur der Konsole, woraufhin diese zischend nach oben glitt und den Blick auf den Hangar freigab. Maul steuerte sofort den schwarzrot-lackierten Frachter der XS-Klasse an, der auf der linken Seite neben einem kleinen, mausgrauen Transporter stand. Als sein Pilot - ein drahtiger Menschenmann mit feuerrotem krausem Haar, das ihm wild in alle Richtungen vom Kopf abstand - ihn kommen sah, hämmerte er wie wild auf die Bordcomputer-Tastatur ein. Ihm musste wohl anzusehen sein, wie eilig er es hatte, an Bord zu gelangen und loszufliegen.

Als Maul auf die heruntergelassene Einstiegsluke zuhielt, blieb er plötzlich auf halbem Weg stehen. Da war etwas. Nein. Jemand, korrigierte er sich. Woher er diese Kenntnis nahm, wusste er nicht. Vielleicht war es die Veränderung in der Macht, die er wahrnahm.  Diese Energie... sie fühlte sich vertraut an. Warm und hell, wie die Sonne auf Dathomir. Und ebenso bedrohlich. Maul fletschte die Zähne und knurrte leise. Er spannte sich innerlich an, machte sich zum Angriff bereit. Seine Hand glitt wie von selbst an seine Hüfte, legte sich auf den Griff seines Doppelklingenlichtschwerts. Das kühle Metall an seinen Fingern sandte einen erwartungsvollen Schauder durch seinen Körper und erfüllte ihn mit dem unstillbaren Verlangen, zu zerstören, zu töten. Sein Blut sang. Rauschte wild und unaufhaltsam wie ein reißender Fluss durch seine Adern. Der aufkeimende Hass beflügelte ihn, verlieh ihm Stärke. Hoch konzentriert starrte er in die Dunkelheit vor sich, die Sinne bis aufs Äußerste gespitzt. Doch nichts geschah. Niemand kam ihm entgegen oder stürzte sich auf ihn. Obwohl es äußerst unwahrscheinlich war, mussten seine Sinne ihm einen Streich gespielt haben. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Verwundert runzelte der ehemalige Sith die Stirn und streckte mithilfe der Macht die Fühler aus. Suchend tastete er sich langsam die Außenhülle des Frachters entlang, spähte vorsichtig hinein ins Innere....

„Alles in Ordnung, Boss?“, ertönte unvermittelt eine knisternde Stimme durch den Komlink an seinem Handgelenk. Die Stimme gehörte Gale, seinem Piloten. Leicht gereizt hob Maul den rechten Arm, um ihm zu antworten.

„Alles bestens! Ich dachte nur, ich hätte etwas gesehen.“

Es entstand eine kurze Funkstille. Dann erwachte der Komlink erneut knisternd zum Leben.

„Doch nicht etwa zu viel getrunken, Boss?“

Maul hatte für die spöttischen Worte des Piloten nur ein abfälliges Schnauben übrig und ließ knurrend den Arm sinken. Wieso hatte er sich noch einmal dafür entschieden, ausgerechnet den vorlauten Gale als Piloten mitzunehmen? Der Mann konnte vom Glück reden, wenn er Lo'tua lebend erreichte.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, erklomm Maul die heruntergelassene Einstiegsluke und betrat den Frachter. Im Inneren angekommen wurde er von dem penetranten Gestank nach Schmieröl und verbranntem Metall begrüßt. Ein kurzer Rundumblick genügte, um die Ursache dafür ausfindig zu machen. Am Ende des Ganges kniete einer seiner Untergebenen - ein schmächtiger Rodianer - vor einem R6-Droiden und reparierte mit einem kompliziert aussehenden Gerät seinen linken Greifarm, der knapp unterhalb des Gelenks in einem dreißig Grad Winkel verbogen war.

Der Mann war so vertieft in seine Arbeit, dass er Maul erst bemerkte, als dieser dicht an ihm vorüberschritt - und das auch nur, weil seine kybernetischen Beine unnatürlich laut über den Boden hallten. Maul verfluchte sich einmal mehr für seine schwerfälligen Bein-Prothesen. Anschleichen stand für ihn schon seit langem nicht mehr zur Debatte. Als ausgebildeter Sith-Assassine könnte die Schmach kaum größer sein.

„Oh. Hallo, Boss!“, stammelte der Rodianer und ließ vor Schreck beinahe sein Werkzeug fallen.

Maul machte sich nicht die Mühe, seine Begrüßung zu erwidern. Entschieden hielt er auf das Cockpit zu. Das sterile, weiße Licht, das in den Gängen herrschte, brannte unangenehm in den Augen nach dem dämmrigen Halbdunkel der Gänge, in denen er zuvor unterwegs gewesen war. Als er scharf um die nächste Ecke bog, kamen ihm zwei Männer entgegen. Die schwarzroten Uniformen, die sie trugen, wiesen sie als Mitglieder seiner Mannschaft aus.

Während einer der beiden sofort Haltung annahm und wie der brave Soldat, der er war, stramm stand, hatte sein Kamerad nur ein flüchtiges „Lord Maul“ für ihn übrig. Der Zabrak störte sich jedoch nicht daran. Er hatte es eilig, zum Cockpit zu gelangen. Der Höflichkeit halber nickte er ihnen zu, bevor er seinen Weg unbeirrt fortsetzte. Als eine schmale Metalltür am Ende des Ganges in Sicht kam, wusste Maul, dass er sein Ziel erreicht hatte. Geschwind drückte er den großen grünen Knopf auf der Konsole, woraufhin die Tür nahezu lautlos nach oben glitt.

Gale drehte den Kopf in seine Richtung, als er das Cockpit betrat.

„Wir wären dann startklar, Boss.“

„Gut.“

Geschmeidig glitt der Zabrak in den Co-Piloten-Sitz. Seine gelben Augen flogen über die Steuerkonsole, bevor er die blinkenden Anzeigen auf den Computermonitoren überprüfte.

„Sind die Zielkoordinaten nach Lo’tua bereits gesetzt?“, wollte er wissen.

„Selbstverständlich, Boss. Alles schon erledigt.“

„Worauf wartest du dann noch?“, blaffte Maul ihn von der Seite barsch an. „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Gale hob abwehrend die Hände. Seine braunen Augen wirkten in dem dämmrigen Licht beinahe schwarz als er Maul mit gespieltem Entsetzen ansah.

„Immer mit der Ruhe, Boss! Es geht ja gleich los!“, versicherte er ihm, bevor seine Hände routiniert über die Vielzahl an Knöpfen flogen, die sich vor ihm auf der Konsole befanden.

Als kurz darauf die Triebwerke starteten, erwachte das ganze Schiff brummend und vibrierend zum Leben wie ein aufgescheuchtes Hornissennest.

Maul lehnte sich zurück und gestattete sich einen tiefen gleichmäßigen Atemzug. Kurz darauf verließ ihr Schiff den Hangar, schraubte sich höher und höher in den Himmel, bis sie sich im Weltraum befanden und sprang dann schließlich in den Hyperraum. Der Kurs war gesetzt.

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er es wieder spürte. Diese vertraute Energiesignatur, die seine Haut zum Kribbeln brachte. Ein Machtnutzer, schoss es ihm durch den Kopf. Warum er es nicht eher erkannt hatte, war ihm ein Rätsel. Maul verfluchte sich für seine Nachlässigkeit und sprang hastig von seinem Sitzplatz auf. Ohne ein Wort zu verlieren, verließ er das Cockpit.

Maul hatte gerade einmal zehn Schritte hinter sich gebracht, als vor ihm aus den Schatten des Ganges der schemenhafte Umriss einer verhüllten Gestalt auftauchte. Sie war einen Kopf kleiner als Maul und von schlankem Wuchs. Unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze entdeckte er zwei große, mit dichten Wimpern bekränzte blaue Augen, die ihn mit funkelnder Entschlossenheit und purer Willenskraft anstarrten. Sie verliehen ihr eine Aura der Autorität, die selbst die seines einstigen Meisters in den Schatten stellte. Maul überlief ein eisiger Schauder. Doch es waren nicht ihre Augen, die ihn schreckten. Nein, es war die Art, wie sie sich bewegte. Instinktiv zuckte er zusammen, als er sah, wie ihre Muskeln unter dem Gewand spielten. Mit welcher gefährlichen Ruhe und Eleganz sie zwei Schritte nach vorne trat. Noch ehe Maul sein Lichtschwert ziehen konnte, spürte er einen Luftzug an der Wange und nur wenig später die vertraute Hitze eines Lichtschwerts nur einen Fingerbreit von seinem Gesicht entfernt. Gerade noch rechtzeitig wich er einen Schritt zurück und entging so dem tödlichen Schlag, der ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit den Kopf vom Rumpf getrennt oder im besten Falle eine unschöne Narbe auf seinem Gesicht hinterlassen hätte. Nicht, dass der Zabrak eitel genug gewesen wäre, um sich daran zu stören. Das Einzige, was die Togruta damit verletzen würde, wäre sein Stolz.

„Lady Tano! Welch eine freudige Überraschung!“, rief er. Seine Stimme triefte förmlich vor Sarkasmus. „Dürfte ich wohl erfahren, was du hier auf meinem Schiff zu suchen hast?“ In Mauls Augen loderten eisige Flammen. Die Luft um sie herum schien unter den Gefrierpunkt zu fallen, so kam es ihm vor. Am liebsten hätte er sein Lichtschwert gezündet und sich auf die Togruta gestürzt. Doch die Neugier überwog den Zorn. Fürs Erste.

Ahsokas Züge entspannten sich ein Stück weit. Den Griff um ihre beiden Lichtschwerter lockerte sie jedoch nicht.

„Du weißt genau, warum ich hier bin!“

Mauls Verwirrung war nicht gespielt.

„Ich fürchte, ich habe keinen blassen Schimmer, wovon du redest“, gestand er, die Augen zu bedrohlichen Schlitzen verengt.

Über Ahsokas Gesicht huschte ein Ausdruck, den er nicht ganz einzuordnen wusste. Was auch immer es war, er wurde rasch von Misstrauen gepaart mit Wut abgelöst. Erneut reckte die Togruta ihre zwei Lichtschwerter in seine Richtung, weiß anstatt blau diesmal - eine stumme Drohung, ihr nicht zu nahe zu kommen.

„Du lügst! Ich weiß, dass du Rex irgendwo gefangen hältst! Und ich gehe nicht eher, bis du ihn mir ausgehändigt hast! Wenn du ihm auch nur ein Haar gekrümmt hast, dann-“

„Der Klonsoldat?“, unterbrach Maul sie in ungläubigem Staunen, bevor er hart und humorlos auflachte. „Wie kommst du darauf, dass ich deinen Freund gefangen genommen habe?“

„Hör auf, meiner Frage auszuweichen! Du wirst mir sofort sagen, wo du oder deine Leute ihn hingebracht haben oder versteckt halten!“

„Wie ich bereits sagte, ich weiß nicht, wo dein Freund sich gerade aufhält. Ich habe ihn nicht gefangen genommen.“ Maul war die milde Verärgerung darüber, dass Ahsoka ihn beschuldigte, ihren Freund entführt zu haben, deutlich anzuhören. Er spürte, wie sich die dunkle Seite in ihm zu regen begann. Wie ein schwarzer Blitz durchzuckte sie ihn, drängte darauf, ihn zu lenken und Tod und Vernichtung über jeden zu bringen, der sich ihm in den Weg stellte.

„Ach ja? Dann macht es dir ja sicher nichts aus, wenn du mir verrätst, wohin du und deine kleine Armee unterwegs seid.“

Mauls Gesicht verdüsterte sich schlagartig und er presste die Lippen so fest aufeinander, dass seine Kiefer knirschten.

„Das geht nicht“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Antwort schien Ahsoka nur noch in ihrem Argwohn zu bestärken. In ihren Fingern zuckte es und sie spannte die sehnigen Arme an, bereit die Wahrheit - wenn nötig - mit Gewalt aus dem Zabrak herauszuschneiden.

„Also schön. Du hast es nicht anders gewollt“, sagte sie in schneidendem Tonfall.

„Nicht aus dem Grund, den du vielleicht vermutest“, beeilte sich Maul zu sagen. Er war selbst überrascht, dass er die ehemalige Jedi um jeden Preis davon abzuhalten versuchte, erneut auf ihn loszugehen.

„Hast du vor, das näher zu erläutern oder versuchst du nur Zeit zu schinden und mich hinzuhalten, damit deine Freunde kommen, um dich zu retten?“

Aus Mauls Kehle drang ein bedrohlich klingendes Knurren. Er wurde nicht gerne als Feigling bezeichnet. „Nein. Es ist nur so, dass ich nicht mit dir darüber sprechen kann.“ Oder will, korrigierte sich der Zabrak in Gedanken.

„Dann hast du ja sicher nichts dagegen, wenn ich an Bord bleibe und mich mit eigenen Augen davon überzeuge, dass du die Wahrheit sprichst. Wenn du Rex wirklich nicht in deiner Gewalt hast, hast du nichts vor mir zu befürchten, nicht wahr?“, konterte Ahsoka spitz, wofür sie von Maul ein tiefes, gutturales Knurren erntete. Er ließ sich nicht gerne erpressen. Schon gar nicht von einer ehemaligen Jedi. Er hatte ihr noch immer nicht verziehen, dass sie ihn im Thronsaal von Sundari der Lüge bezichtigt und gegen ihn gekämpft und wenig später als Ablenkung benutzt hatte.

„Meinetwegen“, brummte er nach einer nachdenklichen Pause. „Aber du fasst nichts an!“

„Ich sehe schon, du hast dich kein Stück weit verändert.“

„Dasselbe könnte ich über dich sagen“, gab der Zabrak giftig zurück und bedeutete Ahsoka ihm zu folgen.

„Komm mit!“

 

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Anmerkungen: *trommelwirbel* Da ist sie nun also endlich, unsere heißgeliebte Ahsoka. :3

Maul und sie werden viel Spaß zusammen haben, so viel kann ich schon verraten... ;-)

Ich hoffe, ihr hattet genauso  viel Spaß mit dem Kapitel wie ich und seid bis zum Ende der Geschichte mit dabei! Möge die Macht mit euch sein!

Liebe Grüße

Eure Azurmond

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4. Kapitel

- Am seidenen Faden -



Ahsoka fühlte sich sichtlich unwohl. Sie fand Maul genauso vertrauenswürdig wie einen hungrigen Wampa. Nichtsdestotrotz kam sie seiner Aufforderung nach und folgte ihm. Die Lichtschwerter hielt sie dabei zur Sicherheit weiterhin in den Händen. Nur für den Fall, dass Maul seine Meinung änderte und sich dazu entschloss, sein Doppelklingenlichtschwert zu zünden. Sollte er es nur versuchen, dachte sie angriffslustig und spürte, wie ein nervöses, kleines Zucken durch ihren rechten Lekku lief. Eine lästige Angewohnheit, die sie seit dem Tag begleitete, als Darth Sidious die Order 66 ausgerufen hatte. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber der Tod ihrer Freunde war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie hatte sich verändert. War ruhelos geworden. Nervös. Angespannt, als stehe sie permanent unter Strom. Sie fühlte sich verloren und ausgeliefert, wie ein Blatt im Wind, dass keine Kontrolle darüber hatte, wo es landen würde. Nur mit Mühe gelang es der ehemaligen Jedi, die aufkeimenden, dunklen Gedanken zurückzudrängen.    

Sie rief sich Mauls und ihren letzten Kampf ins Gedächtnis. Der Zabrak war nicht halb so stark, wie er zu sein vorgab. Sie war ihm damals deutlich überlegen gewesen. Allerdings konnte der abtrünnige Sith-Lord diese Schwäche hier leicht ausgleichen. Im Gegensatz zu ihr kannte er das Schiff in- und auswendig, was ihm einen unbestreitbaren Vorteil verlieh, falls es wider Erwarten zum Kampf kam. Und dann war da noch seine Mannschaft, die ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Hilfe eilen würde, wenn sie aufeinander losgingen. Ahsoka war hierdurch gleich in zweierlei Hinsicht im Nachteil. Aber das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, allein an Bord seines Schiffes zu schleichen?!

Sie hörte im Geist die mahnenden Worte Plo Koons: „Der Schlüssel zum Erfolg ist Selbstvertrauen. Der Schlüssel zum Selbstvertrauen ist gute Vorbereitung. Stürze dich niemals unvorbereitet in einen Kampf!“

Ahsoka war noch nie gut darin gewesen, Ratschläge zu befolgen.

In Schweigen gehüllt durchquerte das ungleiche Paar eine Reihe von schmalen Gängen. Ahsoka war umgeben von eintönigem Grau. Alles sah gleich aus. Ein Labyrinth aus Metall und Stahl, in dem es abwechselnd blendend hell und dann wiederum so dunkel war, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Entweder hatte jemand beim Einbau der Beleuchtung schlampige Arbeit geleistet oder hier hatte es vor kurzem einen Kurzschluss gegeben. Dem Geruch nach verschmortem Metall und Schmierflüssigkeit nach zu urteilen, tippte Ahsoka auf Letzteres.

Bis auf die gedämpften Geräusche der Lebenserhaltungssysteme und das beinahe unhörbare Surren des Filtersystems war es beunruhigend still an Bord, fand sie. Bisher hatte nur ein gelbrot gestreifter R6-Astromechdroide ihren Weg gekreuzt. Sonst niemand. Sie kam sich vor, wie in einem metallenen Sarg, der schwerfällig durch das Weltall kreuzte. Hoffentlich bereute sie das hier nicht später.

Maul führte sie in eine überraschend geräumige Kabine, die für einen Frachter dieser Klasse alle nur erdenklichen Annehmlichkeiten bot. Ahsoka zuckte unmerklich zusammen, als die Tür nahezu geräuschlos hinter ihr zuglitt. Unbehaglich trat sie von einem Fuß auf den anderen. Mauls Nähe war für sie nur schwer zu ertragen. Es war ihr unbegreiflich, wie er all diese negativen Emotionen, diese erstickende Finsternis im Inneren auf Dauer aushielt. Er war wie ein brodelnder Kochtopf, ein Pulverfass auf zwei Beinen, das jederzeit zu explodieren drohte. Die dunkle Seite der Macht war stark in ihm. Und diese Erkenntnis erfüllte Ahsoka als Machtnutzerin der hellen Seite mit einer namenlosen Angst; ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Sie befand sich noch nicht einmal fünf Standardminuten mit dem rothäutigen Zabrak in einem Raum und hatte bereits das Gefühl, um ihren Brustkorb lägen schwere Eisenbänder. Enger und enger zogen sie sich zusammen, bis sie das Gefühl hatte, ihre Lungen stünden lichterloh in Flammen. Sie brauchte dringend frische Luft. Verzweifelt versuchte Ahsoka, sich von dem anderen Machtnutzer abzuschirmen, indem sie ihre geistigen Mauern festigte, doch es wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie war zu aufgewühlt, zu durcheinander. Nicht mit sich im Reinen, wie es der Fall sein sollte. Die Macht in ihr war im Chaos.

War es ein Fehler gewesen, hierherzukommen? Sagte Maul gar die Wahrheit? Hatte er wirklich keinen blassen Schimmer, was mit Rex geschehen war und wer ihn gefangen genommen hatte? Sollte etwa alles umsonst gewesen sein? Die wochenlangen Nachforschungen, um Mauls Aufenthaltsort ausfindig zu machen? All die Credits, die sie den zwielichtigsten Gestalten bezahlt hatte, um an Informationen zu gelangen?

Ahsokas Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Übelkeit stieg in ihr auf. Nein. Maul log sie an. Ganz bestimmt. Er log sie an, genau wie damals im Palast von Sundari, als er ihr hatte weismachen wollen, dass Anakin Darth Sidious‘ neuer Schüler sei. Er log sie an. Es musste einfach so sein. Der Mann war eine falsche Schlange. Sicher plante er schon, wie er sich ihrer rasch und unkompliziert entledigen, oder sie dahingehend manipulieren konnte, dass sie sich ihm bei seinem größenwahnsinnigen Vorhaben, Darth Sidious zu stürzen, anschloss. Irgendetwas sagte ihr, dass er es wieder versuchen würde. Sie brauchte ihn bloß anzusehen, um zu wissen, dass es in seinem Kopf arbeitete. Dass er fieberhaft darüber nachsann, mit welchen Argumenten sie sich wohl diesmal überzeugen ließe. Er würde alles daran setzen, sie auf seine Seite zu ziehen. Davon war Ahsoka überzeugt.

Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, gab sie ein verächtliches Schnauben von sich.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Maul in lauerndem Tonfall.

Ahsoka lag eine bissige Antwort auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. Besser, sie kippte nicht noch mehr Öl ins Feuer. Es war kein Geheimnis, dass Maul eine tickende Zeitbombe auf zwei Beinen war. Eine falsche Bewegung und er würde in die Luft gehen. Vielleicht sollte sie sich ein wenig zurücknehmen, sagte sie sich - auch wenn das bedeutete, dass sie über ihren Schatten springen und ihren Stolz herunterschlucken musste. Leichter gesagt, als getan, wenn man einen ruchlosen Mörder und Verbrecher wie Maul vor sich hatte.

Der abtrünnige Sith-Lord hatte Herzogin Satine ermordet. Kaltblütig unzählige Zivilisten hingerichtet, die fast noch Kinder gewesen waren. Jedimeister Qui-Gon Jinn getötet, Obi-Wans ehemaligen Meister. Dann war da noch Jesse, in dessen Kopf er gewaltsam eingedrungen war, um an Informationen über sie zu gelangen. Und wer wusste schon, was er noch alles für Gräueltaten begangen hatte. Maul verdiente weder ihr Mitleid noch verdiente er ihre Unterstützung.

„Ich traue dir nicht über den Weg, das ist alles“, sagte sie kühl. Maul quittierte ihr Geständnis mit einem wissenden Grinsen, das Ahsoka ihm am liebsten mit ihren Lichtschwertern aus dem Gesicht gewischt hätte.

„Das beruht auf Gegenseitigkeit, Lady Tano. Oder denkst du, ich würde dir vertrauen? Du hast dich wie eine feige Diebin heimlich an Bord meines Schiffes geschlichen und mich ohne Vorwarnung angegriffen“, konterte der Zabrak spitz. „Das ist so gar nicht deine Art, hab ich nicht Recht? Ich nehme an, du bist so verzweifelt, dass dir jedes Mittel Recht ist, um deinen Klonfreund zu retten. Nicht gerade die Jedi-Art.“ Maul bedeutete ihr mit einem feisten Grinsen, sich auf ein graublaues Zweisitzer-Sofa zu setzen. Doch Ahsoka lehnte kopfschüttelnd ab und beharrte darauf, stehenzubleiben.

Der rothäutige Zabrak nahm ihren Entschluss mit unverhohlener Belustigung zur Kenntnis, bevor er sich scheinbar gelassen auf das Sofa sinken ließ. Ahsoka gab es nicht gerne zu, aber Maul hatte einen wunden Punkt mit seiner Aussage getroffen. Er hatte Recht. Sie war verzweifelt. Sehr sogar.

Hinzu kam, dass sie sich so weit von den Lehren der Jedi entfernt hatte, dass sie nicht mehr wusste, wer sie war und wo sie hingehörte. Und diese Erkenntnis schmerzte mehr, als sie sich eingestehen wollte.

„Wieso erzählst du mir nicht, was mit deinem Freund passiert ist? Vielleicht kann ich helfen.“

Ahsoka hätte um ein Haar ungläubig aufgelacht.

Du? Mir helfen?“, echote sie. Sie kannte Maul gut genug, um zu wissen, dass er niemals ohne Hintergedanken handelte. Er erwartete zweifellos eine Gegenleistung für seine Hilfe. Und Ahsoka konnte sich schon denken, wie diese aussehen würde. Obwohl sie die Antwort auf ihre Frage bereits zu kennen glaubte, stellte sie sie dennoch. „Und was erwartest du dafür im Gegenzug?“, wollte sie von ihm wissen.
Doch bevor er Zeit hatte, um ihr zu antworten, hob Ahsoka eine Hand und schob ein rasches „Glaub ja nicht, dass ich diesmal zustimme, mit dir gegen Darth Sidious zu kämpfen!“ hinterher.

Mauls Augen verengten sich zu bedrohlichen Schlitzen. „Genaugenommen hast du das bereits getan. Du erinnerst dich? Du hast dich einverstanden erklärt, du würdest dich mir anschließen, wenn ich deine Frage beantworte. Nun, das habe ich getan, nicht wahr? Wenn sich jemand nicht an Vereinbarungen hält, dann bist du es, nicht ich.“

„Anakin ist nicht dieser Darth Vader!“, schleuderte sie ihm wutentbrannt entgegen.

Maul griff sich an die Nasenwurzel und gab ein entnervtes Stöhnen von sich. „Wie kann man nur so grenzenlos naiv und blind dem Offensichtlichen gegenüber sein?! Typisch Jedi!“, schimpfte er und warf wütend die Hände in die Luft. „Ich weiß, dass Skywalker Darth Sidious‘ neuer Schüler ist!“

„Ach ja? Dann beweis es mir! Falls du dazu in der Lage sein solltest, und mir dabei hilfst, Rex zu finden, dann...“ Ahsoka geriet ins Stocken.

Ja, was dann? Was konnte sie Maul schon im Austausch für seine Hilfe bei der Suche nach Rex anbieten?

Bis auf die Kleider, die sie am Leib trug und ihre beiden Lichtschwerter besaß sie nichts weiter, nur eine Handvoll Credits und ein gestohlenes Shuttle, das sie auf Zanbar zurückgelassen hatte. Nichts, was für Maul von Interesse wäre. Ihr blieb also nur eine Möglichkeit....

Sie hatte keine andere Wahl. Auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, sie musste es tun. Für Rex.

„Dann werde ich dir helfen, Darth Sidious zu besiegen.“

Maul sah aus, als hätte er einen Geist gesehen. Mit dieser Antwort schien er nicht gerechnet zu haben. Nun, da war er nicht der Einzige. Auch Ahsoka wunderte sich über die Worte, die soeben ihre Lippen verlassen hatten. Hatte sie ihm nicht eben erst gesagt, dass er es sich aus dem Kopf schlagen konnte, dass sie mit ihm gegen Darth Sidious kämpfte?

„Du hast deine Meinung ziemlich schnell geändert“, sagte Maul mit beißendem Spott. „Du gehst richtig in der Annahme, dass ich noch immer Rache an meinem einstigen Meister nehmen will. Zusammen könnten wir es schaffen. Mit dem nötigen Training und der richtigen Strategie.“ Er legte nachdenklich den Kopf schief. „Aber darüber unterhalten wir uns später. Was deine Bedingungen angeht... nun, es sollte nicht allzu schwer sein, deinen Klonfreund aufzutreiben. Ich habe Kontakte in allen Regionen der Galaxis. Irgendjemand wird wissen, wo er sich befindet und-“

„Mein Klonfreund hat einen Namen!“, fiel Ahsoka ihm scharf ins Wort. „Er heißt Rex. Im Übrigen bist du ein kleines bisschen zu zuversichtlich für meinen Geschmack, Maul. Ich warne dich. Wenn ich herausfinde, dass du in irgendeiner Weise in diese Sache mit Rex verstrickt bist und ein falsches Spiel mit mir spielst, wirst du es bereuen. Das schwöre ich dir! Ich werde dich töten, wenn es sein muss.“ Ahsokas Tonfall machte klar, dass ihre Worte keine leere Drohung waren. Sollte sich herausstellen, dass der abtrünnige Sith-Lord sie an der Nase herumführte, würde sie kurzen Prozess mit ihm machen.

Maul nickte unmerklich. Zu ihrem Missfallen wirkte er nicht im Geringsten eingeschüchtert von ihrer Drohung, im Gegenteil. Er blickte so selbstgefällig drein, wie ein sattgefressener Rancor.

„Daran hege ich keinen Zweifel. Ich hoffe doch aber, dass es nicht so weit kommen wird. Du hast übrigens mein Wort darauf, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um deinem Klonfreund... Rex, zu helfen“, verbesserte er sich schnell.

„Das hoffe ich für dich“, erwiderte sie und steckte nach kurzem Zögern ihre Lichtschwerter weg.

„Ich habe vor ungefähr einer Standardwoche einen Hilferuf von Rex empfangen“, begann sie zu erzählen. „Leider gab es wohl ein Übertragungsproblem, weshalb die Nachricht nur bruchstückhaft bei mir ankam. Ich habe lediglich die Worte Crimson Dawn und gefangen genommen verstanden. Es war also naheliegend, dass du mit seinem Verschwinden zu tun hast.“ Ahsoka konnte ihre Geringschätzung darüber, dass Maul sich zum Verbrecherkönig der Unterwelt aufgeschwungen hatte, kaum verbergen.

„Interessant“, erwiderte Maul, eine Hand nachdenklich ans Kinn gelegt. „Ich wiederhole mich nur ungern, aber ich versichere dir, dass ich nichts damit zu tun habe.“ Der Zabrak hob beschwichtigend die Hände. „Aber wir werden ihn finden, da bin ich mir ganz sicher.“ Maul ließ die Hände langsam wieder sinken und sah Ahsoka durchdringend an. „Wo wir jetzt sozusagen Partner sind, ist es an der Zeit, dass ich dich in meine Pläne einweihe“, sagte er und stand auf. Er ging zu einem länglichen Tisch mit spiegelglatter, schwarzer Oberfläche, an dem mindestens ein Dutzend Personen Platz fand.

Obwohl es in Ahsoka rumorte, gab sie sich nach außen hin gelassen. Sie wollte ihre Emotionen in Mauls Gegenwart nicht allzu offen zeigen, um ihm ja keine Angriffsfläche zu bieten. Sie wusste, dass er jede nur erdenkliche Schwäche gegen sie verwenden würde. Maul war wie ein Bluthund. Der kleinste Tropfen Blut würde genügen und er würde nicht mehr locker lassen. Also stand sie einfach nur da, die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete aufmerksam sein tätowiertes Gesicht. Wenn sie auch nur das kleinste Anzeichen bemerkte, dass er sie anlog, würde sie ihn töten. Der ehemalige Sith mochte vorgeben, ihr Verbündeter zu sein, aber Ahsoka wusste es besser. Sie glaubte erst daran, wenn er seinen Worten Taten folgen ließ. Sie wollte Beweise sehen, keine leeren Worthülsen und Versprechungen.

Als hätte Maul ihre Gedanken gelesen, zog er just einen Holo-Transmitter aus seiner Manteltasche hervor und platzierte diesen vor sich auf dem Tisch. „Ich fürchte, dein Freund wird sich noch etwas gedulden müssen. Vor kurzem hat mich eine äußerst interessante Nachricht erreicht. Da du mir vermutlich ohne Beweise nicht glauben wirst, werde ich dir die Aufzeichnung der Übertragung zeigen. Sieh es als kleinen Vertrauensvorschuss.“ Auf einen Knopfdruck hin erwachte das Gerät surrend zum Leben und projizierte sogleich das dreidimensionale Abbild einer verhüllten Kapuzengestalt in die Luft. Die bläuliche Erscheinung flackerte leicht. Vielleicht ein Sonnensturm, der das Übertragungssignal störte. In der Galaxis war das keine Seltenheit, wo die Quellen sich zumeist viele Lichtjahre entfernt befanden.

„Lord Maul“, sagte die geheimnisvolle Gestalt. „Wie schön endlich Eure Bekanntschaft zu machen. Da ich weiß, was für ein vielbeschäftigter Mann Ihr seid, will ich es kurz machen. Ich verfüge über wertvolle Informationen zu einem altem Sith-Artefakt. Wartet, lasst mich ausreden!“ Die Gestalt hob panisch die behandschuhten Hände, so, als wolle sie ihren Gesprächspartner verzweifelt am Gehen hindern.

„Ich weiß, was Ihr denkt! Ihr haltet mich für einen Scharlatan, einen Lügner! Ihr wittert Gefahr, glaubt, dass ich Euch eine Falle stellen und in einen Hinterhalt locken will. Aber so ist es nicht! Ich kann Euch versichern, dass mir nichts ferner liegt, als Euch hinters Licht zu führen! Ich möchte mein Wissen mit Euch teilen, weil ich die Auffassung vertrete, dass das Artefakt in Euren Händen besser aufgehoben wäre als in denen des Imperators“, sagte der Mann mit einer hallenden, seltsam verzerrt klingenden Stimme. Er sprach fließend Basic, erkannte Ahsoka, jedoch mit einem fremdartigen Akzent, den sie nicht ganz einzuordnen wusste. Beklommen und fasziniert zugleich lauschte sie den restlichen Worten des mysteriösen Fremden.

„Darth Sidious würde mit dem Artefakt schreckliches Unheil über die Galaxis bringen. Das heißt... noch mehr Unheil, als es bereits der Fall ist.“ Es entstand eine kurze Pause, in der der verhüllte Mann sich zu allen Seiten umsah. Er sah aus, als hätte er Angst, belauscht zu werden. Oder wurde er verfolgt? Es hatte zumindest ganz den Anschein. Vielleicht war der Mann auf der Flucht?

„Ihr müsst Euch beeilen und das Artefakt bergen, bevor Darth Sidious‘ Schergen Euch zuvorkommen! Ihr seid kein Narr, Lord Maul. Und Ihr tut gut daran, einem Fremden wie mir nicht leichtfertig Euer Vertrauen zu schenken. Aber lasst Euch gesagt sein, dass ich von hier aus leider nicht mehr tun kann, als Euch die Koordinaten zum Standort des Artefakts durchzugeben und darauf zu hoffen, dass Ihr auf Euer Bauchgefühl hört. Vertraut auf die Macht! Lasst Euch von ihr leiten!“ Es entstand eine statisch knisternde Pause. Die verhüllte Gestalt drehte sich ruckartig um, machte einen gehetzten Eindruck, so als wären ihre Verfolger bereits ganz nah. Dann wandte sie sich wieder ihrem unsichtbaren Gesprächspartner zu.

„Was Ihr damit zu tun gedenkt, ist Euch überlassen. Wichtig ist nur, dass Darth Sidious das Artefakt nicht in die Finger bekommt. Unter keinen Umständen!“ Erneut blickte der mysteriöse Fremde sich um. Seine Stimme nahm einen drängenden Tonfall an, als er Maul die Koordinaten durchgab. Dann brach die Verbindung schlagartig ab. Die Kabine war wieder in ein dämmriges Halbdunkel getaucht. Ihre Gesichter wurden lediglich schwach von der blassgelben, ringförmigen Deckenbeleuchtung erhellt. Ahsoka blickte Maul fragend an. Der rothäutige Zabrak schien plötzlich voller Tatendrang zu sein. Seine Augen leuchteten hell und klar. Ausnahmsweise einmal nicht von Hass oder Zorn erfüllt, sondern etwas anderem. War es Hoffnung, was Ahsoka in ihnen zu sehen glaubte?

„Ich habe die Koordinaten mehrmals überprüfen lassen. Sie führen zu einem Mond am äußersten Rand der Galaxis, über den nur wenig bekannt ist. Bisher wissen wir nur, dass der Mond Lo’tua genannt wird und einst von Sith bewohnt gewesen sein soll. Mein Schiff ist geradewegs auf dem Weg dorthin. Wir sind nur noch wenige Parsecs von unserem Zielort entfernt. Wenn es stimmt, was der Fremde gesagt hat, dann haben wir vielleicht bald eine mächtige Waffe, die wir gegen Darth Sidious einsetzen können!“, erklärte er wild gestikulierend.

Ahsoka beschlich ein ungutes Gefühl. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen, was Maul alles mit einem mächtigen Sith-Artefakt anzustellen vermochte. Der Mann war größenwahnsinnig und weit davon entfernt, voll zurechnungsfähig zu sein. In ihren Augen war der abtrünnige Sith-Lord kein Stück besser als sein einstiger Meister, den er vorgab, vernichten zu wollen. Doch sie hütete sich davor, ihre Gedanken laut auszusprechen.

„Du weißt doch gar nicht, ob der Mann die Wahrheit sagt“, sagte sie. „Vermutlich existiert dieses Artefakt nur in seiner Fantasievorstellung.“

„Das werden wir schon bald herausfinden.“

„Wir? Du meinst wohl eher dich und deine kleine Truppe Speichellecker. Ich habe mich nicht dazu bereiterklärt, bei dieser Selbstmordaktion mitzumachen“, wandte Ahsoka ein. „Und außerdem müssen wir uns um Rex kümmern!“

Maul sah aus, als wäre er mit seiner Geduld allmählich am Ende angelangt. Die Wut war in seine Augen zurückgekehrt, ließ sie dunkler erscheinen, wie gesplitterter Bernstein, der von einem Ring aus Feuer umgeben war.

„Dann bleib halt auf dem Schiff.“

Ahsoka schob trotzig die Unterlippe vor. Die weißen Linien über ihren Augen krümmten sich gefährlich nach unten.

„Um was zu tun? Däumchen drehen und darauf hoffen, dass ihr in einem Stück zum Schiff zurückkehrt?!“

Aus Mauls Kehle drang ein animalisches Knurren. Mehr denn je erinnerte er Ahsoka an ein in die Enge getriebenes Raubtier. Ein Loth-Wolf mit aufgestelltem Nackenfell und gefletschten Zähnen.

„Ich werde dich zu nichts zwingen. Bleib hier oder komm mit. Deine Entscheidung“, sagte er.

Ahsoka seufzte tief. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Rex war verschollen und schwebte womöglich in Lebensgefahr und jetzt existierte zu allem Überdruss auch noch ein geheimnisvolles Sith-Artefakt, hinter dem niemand Geringeres als Darth Sidious hinterher war! Ahsoka war zum Schreien zumute. Sie haderte mit sich, hin- und hergerissen, was sie jetzt tun sollte.

„Gut. Ich komme mit. Unter einer Bedingung!“ Die Togruta hob mahnend den Zeigefinger.

Maul verdrehte genervt die Augen. „Die da wäre?“

„Du oder deine Untergebenen töten nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Und ihr werdet keine Zivilisten oder Unschuldige mit in diese Sache hineinziehen!“

„Du erwartest doch nicht etwa allen Ernstes, dass-“

„Gewöhn dich besser daran, wenn du mit mir zusammenarbeiten willst“, fuhr Ahsoka ihm unwirsch dazwischen. Eisiger Saphir traf auf feurigen Bernstein, als ihre Blicke sich kreuzten. Es war ein Kampf, der im Stillen ausgefochten wurde. Ein stummes Ringen um Überlegenheit, um Dominanz.  Feuer traf auf Wasser. Licht traf auf Schatten. Die Macht um sie herum schien sich zu einer Kugel knisternder Energie zusammenballen.

Ahsoka war nicht minder erstaunt, als Maul schnaubend den Blick abwandte.

„Also schön. Wir machen es auf deine Art“, erklärte er sich bereit. „Verfluchte Jedi und ihr Mitgefühl“, hörte sie ihn leise vor sich hin murmeln und musste gegen ihren Willen schmunzeln.

„Erstens: Ich habe dich gehört und zweitens: Ich bin keine Jedi mehr, falls du das vergessen haben solltest.“

„Das mag sein, ja. Aber du bist noch immer so arrogant und selbstverliebt wie Kenobi“, spie er ihr hasserfüllt entgegen.

Ahsoka wollte Maul vehement widersprechen, als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall ertönte und ein gewaltiger Ruck durch den Frachter ging. Die Togruta wurde von der Erschütterung hart zu Boden geworfen. Die Wände um sie herum ächzten laut, als litten sie entsetzliche Schmerzen und irgendwo in weiter Ferne hörte sie Glas splittern.

„Was... was war das?“, kam es atemlos über ihre Lippen und mühte sich ab, wieder auf die Beine zu kommen.

Der Zabrak schien genauso ahnungslos wie sie zu sein. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er sie an und warf dann einen Blick aus der Transparistahl-Sichtluke zu seiner Rechten. Bis auf umherwirbelndes Meteoritengestein und funkelnden Sternenclustern war jedoch weit und breit kein feindliches Schiff in Sicht.

„Das klang wie eine...“

„Explosion“, beendeten Maul und Ahsoka den Satz wie aus einem Mund.

Mit einem derben Fluch auf den Lippen, der selbst einen Droiden zum Erröten gebracht hätte, sprang der Zabrak auf die Beine und eilte wankend zur Tür. Erneut wurde der Frachter von einer gewaltigen Explosion erschüttert und Ahsoka musste mit Schrecken feststellen, dass der Raum sich ein ganzes Stück weit nach unten geneigt hatte. Das war nicht gut, dachte sie. Ganz und gar nicht gut.

Mit einem schrillen Kreischen erwachte der Notfallalarm des Schiffes zum Leben. Über der Tür blinkten rote Warnleuchten auf. Von draußen vernahm man die gedämpften Rufe und Schreie der Besatzung. Der Lärm war ohrenbetäubend.

„Werden wir angegriffen? Hat man auf uns geschossen?“, rief Ahsoka panisch und versuchte, sich an irgendetwas in der Nähe festzuhalten, um nicht über den glatten Boden zu rutschen, der sich Stück für Stück weiter nach unten neigte.

„Das halte ich für unwahrscheinlich. Meine Vermutung legt nahe, dass jemand eine Bombe gezündet hat.“

„Eine Bombe? Hier an Bord?“

Mauls finsterer Blick war Antwort genug.

Das wurde ja von Sekunde zu Sekunde besser!, schoss es Ahsoka durch den Kopf.

Im Laufschritt verließen Maul und Ahsoka die Kabine. Die Luft draußen auf dem Gang war von dichtem schwarzen Qualm erfüllt, der bei jedem Atemzug in der Kehle brannte wie flüssiges Feuer und die Augen zum Tränen brachte. Ahsoka hielt sich schützend eine Hand vor den Mund und atmete flach ein- und aus. Ringsum auf dem Boden lagen rauchende Trümmerteile und verbogenes Metall. Von einem faustgroßen Loch in der Decke tropfte eine dunkle, übelriechende Flüssigkeit, die bereits eine beachtliche, kleine Pfütze auf dem Boden gebildet hatte. Ahsoka zog gerade noch rechtzeitig den Kopf ein, als über ihr aus einem zertrennten Stromkabel knisternd Funken schlugen.

Maul bahnte sich routiniert einen Weg durch das heillose Chaos und hielt auf die Tür am Ende des Ganges zu. Die Außenhülle des Frachters knirschte und ächzte so laut, dass Ahsoka für einen Moment befürchtete, das Schiff müsse jede Sekunde entzweigerissen werden. Maul schien dieselbe Befürchtung durch den Kopf zu gehen, da er just wie ein Wahnsinniger auf die Tasten der Türkonsole einhämmerte, doch nichts geschah. Vielleicht war die Stromversorgung unterbrochen worden. Oder die Tür klemmte. Es war gut möglich, dass sich irgendein Riegel gelöst und in der Öffnungsvorrichtung verkeilt hatte.

Mit einem wütenden Knurren drosch Maul die Faust gegen die Tür, ehe er unter seinen Mantel griff und sein Lichtschwert zündete. Die rote Doppelklinge erwachte mit einem bedrohlich klingenden Knistern zum Leben und tauchte die Umgebung in ein unheilverkündendes, blutrotes Licht. Ahsoka wich respektvoll einen Schritt zurück.

„Was hast du vor?“, fragte sie.

„Uns einen Weg hier heraus bahnen“, antwortete er. „Falls es dir entgangen sein sollte, wir stürzen ab.“

Aus den Lautsprechern über ihnen drang jäh ein langgezogener Piepton, auf den gespenstische Stille folgte. Ahsoka blinzelte irritiert. Wie es aussah, hatte selbst der Notfallalarm den Geist aufgegeben. Sie mussten schleunigst hier weg!

„Wo befinden sich die Rettungskapseln?“

„Auf der anderen Seite der Tür.“

Großartig, dachte sie. Sie hatte ja gewusst, dass es ein Fehler war, hierherzukommen. Maul schien das Unglück anzuziehen wie ein gigantischer Magnet.

Ahsoka stieg der Geruch nach Ozon und geschmolzenem Metall in die Nase, als der Zabrak sein Lichtschwert mit voller Wucht durch die Tür rammte. So schnell, wie es ihm bei dem dichten Qualm möglich war, begann er ein Loch in das Metall zu schneiden, das groß genug war, dass sie beide hindurchpassten. Ungeduldig sah Ahsoka ihm dabei zu. Sie war es nicht gewohnt, tatenlos herumzustehen und nichts zu tun. Verdrossen sah sie sich um und bekam eine Gänsehaut, als ihr bewusst wurde, wie still es war. Die Schreie und Rufe von vorhin waren verstummt. Ahsoka wollte lieber nicht darüber nachdenken, was das bedeuten mochte.

Das Schiff wurde immer wieder in unregelmäßigen Abständen von Beben erschüttert, während sich das Feuer im Schiff unaufhaltsam ausbreitete. Die glutroten Flammen auf der anderen Seite des Ganges schlugen höher und höher. Nicht mehr lange und sie würden bei lebendigem Leib verbrennen. Wenn der Frachter nicht vorher in zwei brach, hieß es.

„Beeil dich“, zischte sie dem Zabrak voller Ungeduld zu, wofür sie von ihm einen bösen Blick über die Schulter erntete.

„Ist das Kommandieren von deinem Klonfreund auf dich abgefärbt?“

„Nein. Du bist einfach zu langsam.“

Kaum, dass Ahsoka den Satz beendet hatte, war Maul auch schon fertig. Wie in Zeitlupe krachte die ausgeschnittene Metallplatte der Tür mit einem dumpfen Laut zu Boden. Maul bedachte sie mit einem Blick, der aussah, als wolle er sagen: „Zufrieden?“. Dann kletterten sie einer nach dem anderen geschwind durch das Loch auf die andere Seite des Korridors. Der Luft nach zu urteilen, war das Feuer noch nicht bis hierhin vorgedrungen. Gut. Das würde ihnen Zeit verschaffen. Allerdings schien die Explosion ganz in der Nähe stattgefunden zu haben. Der Gang war kaum noch als solcher wiederzuerkennen und ab der Hälfte eingeknickt, als wäre der Frachter von einem anderen Schiff gerammt worden. Es war ein Wunder, dass das Schiff noch nicht komplett entzweigerissen war.

„Hier entlang!“, rief Maul und winkte sie zu sich.

Er stand neben einer weiteren Tür, die sich diesmal ohne Probleme auf Knopfdruck öffnen ließ. Dahinter lag der Raum mit den Rettungskapseln. Obwohl hier ähnliche Verwüstung herrschte wie auf den Gängen draußen, schienen die Kapseln die Explosion unbeschadet überstanden zu haben. Ahsoka blieb wie erstarrt stehen.

„Warte. Was ist mit deinen Leuten?“

Maul zuckte gleichgültig die Schultern und meinte: „Sie sind entbehrlich.“

Ahsoka hatte bereits  mit einer solchen Antwort gerechnet. Das hieß jedoch nicht, dass sie keine Abscheu und Wut über die Kaltschnäuzigkeit des ehemaligen Sith-Lords empfand. „Du bist ein Monster!“

„Nenn mich, wie du willst. Wir haben keine Zeit für Diskussionen. Steig in die Kapsel!“

„Nein“, sagte Ahsoka mit fester Stimme. Ihr Tonfall machte klar, dass sie keinen Widerspruch duldete. „Ich verlasse dieses Schiff erst, nachdem ich überprüft habe, ob noch jemand am Leben ist und Hilfe benötigt.“

Ehe Maul etwas darauf erwidern konnte, hatte sich Ahsoka bereits umgedreht und den Raum verlassen. Mit wild klopfenden Herzen eilte sie den Gang entlang und suchte mithilfe der Macht nach Lebenszeichen. Da! Weiter vorne nahm sie eine Präsenz wahr! Sie musste sich beeilen. Die Zeit drängte. Der Frachter zitterte und bebte mittlerweile so heftig, dass Ahsoka mehrmals das Gleichgewicht verlor.

Mit grimmiger Entschlossenheit kam sie wieder auf die Beine. Weiter vorne brauchte jemand ihre Hilfe! Sie durfte jetzt nicht aufgeben! Sie konnte es schaffen! Die ehemalige Jedi machte erneut von der Macht Gebrauch, um den genauen Standort der Person vor ihr auszumachen. Da war jemand, hinter dem verschütteten linken Gang! Ahsoka spürte ein leichtes Pulsieren, das sie an ein schlagendes Herz erinnerte. Kurz darauf vernahm sie eine Stimme, gefolgt von einem trockenen Husten.

„Hilfe! B-bitte... ich brauche... Hilfe... bin... verschüttet...“

Ahsoka beschleunigte ihre Schritte, sprang grazil über Hindernisse, tauchte geschickt unter funkensprühenden Stromkabeln hinweg. Und dann sah sie ihn. Einen rothaarigen Mann, der kaum älter schien als sie. Sein Körper war bis zum Kinn unter einem Trümmerhaufen aus Metall eingeklemmt. Einzig sein rechter Arm lag frei. Ahsoka öffnete den Mund, um beruhigend auf ihn einzureden, als ihr der beißende Gestank nach Kupfer in die Nase stieg. Instinktiv wanderte ihr Blick nach unten. Ihr wurde schlecht, als sie die Blutlache bemerkte, in der sie stand.

Ahsoka sank das Herz.

„B-bitte... hilf mir...“, hörte sie die verzweifelt klingende Stimme des Mannes. Sie war kaum mehr als ein Flüstern und doch reichte sie aus, um Ahsoka aus ihrer Schockstarre zu reißen.

„Hab keine Angst! Ich werde dich da so schnell, wie möglich herausholen!“, rief sie ihm zu. Ahsoka klang dabei zuversichtlicher, als sie sich in Wirklichkeit fühlte. Der Mann hatte viel zu viel Blut verloren, schoss es ihr durch den Kopf. Selbst, wenn es ihr gelingen sollte, ihn unter den Trümmerhaufen hervorzuziehen, war es fraglich, ob er überleben würde. Dennoch... sie musste es zumindest versuchen!

Ahsoka schloss konzentriert die Augen und streckte die Hände in Richtung des Verletzten aus, um mit der Macht die Metalltrümmerteile anzuheben, die den Mann unter sich begruben. Quälend langsam fügte das Metall sich ihrem Willen und erhob sich ein Teil nach dem anderen in die Luft. Da hörte Ahsoka plötzlich ein Geräusch. Es kam von vorn. Aus der Richtung des verletzten Mannes. Sie erkannte den Zusammenhang zu spät. Vor ihren Augen explodierte ein greller Lichtblitz. Unnatürliche Hitze rollte über sie hinweg wie eine Feuerzunge und kurz darauf spürte sie eine Druckwelle, die sie mit voller Wucht nach hinten wegschleuderte. Ihr Kopf traf auf etwas Hartes. Glühend heißer Schmerz durchzuckte sie. Es kam ihr vor, als hätte man ihr eine Vibroklinge in den Schädel gerammt. Kurz darauf hörte sie einen gellenden Schrei. Dann umfing sie Schwärze.

 

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Anmerkungen: Puh, was für ein Kapitel. :D

Ursprünglich sollte es gar nicht so viel Text werden, aber irgendwie hat sich alles verselbstständigt. Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen und es ist mir gelungen, Ahsokas Zerrissenheit und Verzweiflung glaubhaft darzustellen. Wie man sehr schön erkennen kann, steht die Gute ziemlich neben sich und handelt recht sprunghaft und widersprüchlich. Aber wer kann es ihr verübeln, bei dem, was sie alles durchmachen musste?

Ich hoffe, ihr fühlt euch bis hierhin gut unterhalten und habt ein wundervolles Wochenende!

Eure Azurmond

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5. Kapitel

- Kein Zurück -



Mauls Faust donnerte mit voller Wucht auf die Navigationskonsole. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Seine Mannschaft war tot. Sein Schiff unrettbar verloren. Hinzu kam, dass jegliche Versuche, Kontakt mit Crimson Dawn aufzunehmen, bisher erfolglos geblieben waren. Es war, als befänden sie sich in einem Funkloch, abgeschnitten vom Kommunikationsnetzwerk. Maul starrte finster durch die schwarz getönte Frontscheibe der Rettungskapsel. Der einzige Lichtblick war, dass der Hyperraumantrieb seines Schiffes erst ausgefallen war, nachdem sie den unbekannten Sektor im Outer Rim erreicht hatten.

Vor ihm lag Lo’tua. Der Mond sah genauso aus, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Ein kleiner, unscheinbarer Planet, auf dem es erstaunlich viel Wasser zu geben schien. Die rechte Hälfte war bedeckt mit azurblauen Ozeanen, kleinen grünen Inseln und felsigen Küsten. Auf der Westseite des Mondes hingegen herrschte das genaue Gegenteil. Maul erblickte nichts als endlose Wüste. Sie hatten ihr Ziel den Umständen entsprechend erreicht. Wer auch immer die Bombe an Bord geschmuggelt und letztendlich gezündet hatte, hatte seinen Auftrag gehörig vermasselt. Sie hatten überlebt, wenn auch mit Glück.

Maul drehte den Kopf nach links, wo sich der Co-Piloten-Sitz befand. Eine gewisse Togruta saß oder vielmehr lag darauf. Er hatte sie hastig dort abgelegt, nachdem er sie aus dem brennenden Frachter geborgen hatte. Sie war noch immer ohne Bewusstsein. Maul war ganz froh darüber. Die ehemalige Jedi hätte ihn aller Wahrscheinlichkeit nach zur Umkehr gedrängt, um potenzielle Überlebende von seinem Schiff zu retten. Dass ihr Vorhaben aussichtslos war, wäre nur auf taube Ohren gestoßen. Die Togruta war stur und hartnäckiger als ein ferinischer Pfeilwurm. Maul mahlte mit den Kiefern, während er die Rettungskapsel auf direktem Wege nach Lo’tua steuerte.

Dies sollte also der Mond sein, der das mächtige Sith-Artefakt beherbergte. Maul warf einen flüchtigen Blick auf das Display der Navigationskonsole, um die Ziel-Koordinaten abzulesen. Das Artefakt befand sich irgendwo auf einer der nordöstlich gelegenen Inseln inmitten des azurblauen Wassers. Er würde versuchen, einen geeigneten Landeplatz zu finden und sich direkt auf die Suche nach dem Artefakt begeben, mit oder ohne Ahsokas Hilfe. Der Zabrak ließ es sich zwar nicht anmerken, aber auch er hatte Zweifel und Bedenken, ob das, was er hier tat, nicht doch eine ausgeklügelte Falle seines einstigen Meisters war. War die mysteriöse Kapuzengestalt gar Darth Sidious selbst gewesen?

Nein. Ausgeschlossen. Das hätte Maul bemerkt. Außerdem hatte der Mann eine ganz andere Statur gehabt, als sein einstiger Meister. Hochgewachsen, mit breiten Schultern und geradem Rücken. Sicher, ganz ausschließen konnte Maul nicht, dass Sidious hinter all dem steckte. Aber irgendetwas sagte ihm, dass er diesmal nicht seine Finger mit im Spiel hatte.

Ein langgezogenes Stöhnen riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Sein Kopf ruckte herum, richtete sich auf die Togruta, die sich neben ihm langsam zu regen begann.

„Endlich ausgeschlafen, Lady Tano?“, neckte er die ehemalige Jedi. Ihre Augenlider flatterten, ein Muskel in ihrer Wange zuckte, dann schlug sie jäh die Augen auf. Ihr Blick war unstet, irrte orientierungslos umher. Sie schüttelte den Kopf wild hin und her, als wolle sie Spinnweben loswerden. Ihre blau, weiß gestreiften Lekkus schienen ein Eigenleben zu entwickeln und kräuselten sich an den Spitzen leicht nach oben, ihrem Gesicht entgegen. Mit großen, blauen Augen sah sie ihn fragend an.

„Was ist passiert? Wo sind wir?“, verlangte sie mit bleierner Zunge zu erfahren. Bis auf ein paar oberflächliche Brandwunden im Gesicht und eine Schramme am linken Oberarm war sie äußerlich unverletzt.

„Du bist auf dem Frachter ohnmächtig geworden, als du versucht hast, den Piloten zu retten. Du hast einen ordentlichen Schlag auf den Kopf abbekommen, als das zweite Ionentriebwerk hochgegangen ist. Es war pures Glück, dass du so glimpflich davongekommen bist. Es hätte auch anders ausgehen können. Mit einem oder zwei Gliedmaßen weniger, zum Beispiel.“

Der leichte Tadel in seiner Stimme ließ Ahsoka beschämt zusammenzucken. Ihr Blick zuckte verlegen umher, auf der Suche nach einem Punkt, den sie fixieren konnte.

„Du hast Recht. Es war dumm von mir, nicht auf dich zu hören und noch einmal umzukehren. Ich schätze, ich bin dir zu Dank verpflichtet.“

Maul grinste still in sich hinein. Es war der Ex-Jedi anzusehen, wie schwer ihr die Worte fielen. Umso mehr Genugtuung empfand er dabei sie zu hören.

„Dann sind wir jetzt quitt. Du hast mir damals das Leben gerettet, als die Klonsoldaten mich in der Zelle erschießen wollten. Dafür habe ich mich nun revanchiert“, erwiderte er.

Ahsoka rieb sich gedankenverloren die Arme, so als würde sie frieren. „Was ist mit dem Piloten? Ist er...?“

Maul nickte, woraufhin Ahsoka merklich zusammenzuschrumpfen schien.

„Das ist meine Schuld“, hörte er sie wispern. „Ich hätte ihn retten können. Wäre ich doch nur nicht so langsam gewesen...“

Maul seufzte innerlich auf. Dieser frömmlerische Jedi-Kodex ging ihm gewaltig auf die Nerven.

„Es gab nichts, was du für ihn hättest tun können. Ich weiß, es ist nur ein schwacher Trost, aber der Pilot ist rasch gestorben“, versicherte er ihr.

Das war natürlich glatt gelogen. In Wahrheit war der Mann langsam und qualvoll verbrannt. Seine Schreie hallten dem Zabrak noch immer unangenehm in den Ohren. Doch er würde sich davor hüten, dies laut auszusprechen. Ahsoka würde ihm nur Vorwürfe machen und die galt es um jeden Preis zu vermeiden. Er musste ihr Vertrauen gewinnen, sie auf seine Seite ziehen. Vorwürfe waren da mehr als kontraproduktiv.

Der abtrünnige Sith-Lord musterte die Togruta verstohlen von der Seite, wobei sein Blick länger als nötig auf ihrem Gesicht verharrte. Sie hatte sich seit ihrem letzten Treffen nur geringfügig verändert, stellte er fest. Ihre Montrals sahen größer aus, als er sie in Erinnerung hatte und ihr orangerotes Gesicht mit den weißen Markierungen schien eine Spur schmaler geworden zu sein. Abgesehen davon sah sie aus wie damals.

Sollte Ahsoka seine Lüge durchschaut haben, so ließ sie sich zumindest nichts davon anmerken. Mit mürrischem Gesichtsausdruck befühlte sie die leichten Verbrennungen an Wange und Kinn, versuchte herauszufinden, wie schwer die Verletzungen waren, die sie sich zugezogen hatte. Sie schien zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die Wunden keiner medizinischen Behandlung bedurften, da sie die Hand just wieder sinken ließ. Sie blickte stur geradeaus durch die getönte Frontscheibe der Rettungskapsel nach draußen.

„Ist er das?“, wollte sie wissen. „Der Mond, auf dem sich das ach so mächtige Sith-Artefakt befinden soll?“

„Den Koordinaten zufolge ist er das, ja“, erwiderte er, den Blick konzentriert auf das Display der Navigationskonsole geheftet.

„Irgendwelche Hinweise auf Lebenszeichen?“

Mauls Hände flogen über das Eingabefeld der Konsole, ehe er Ahsoka antwortete.

„Die Scanner registrieren mehrere Lebenszeichen auf dem Festland. Aber ich gehe stark davon aus, dass sie von der heimischen Tierwelt stammen.“

„So lange es keine gefräßigen Riesenwürmer sind, die Jagd auf uns machen...“, erwiderte Ahsoka trocken. Maul musste ihr im Stillen zustimmen. Auf die konnte er ebenfalls verzichten.

Er warf kurz einen Blick auf die Instrumente, die Fluggeschwindigkeit und Höhe anzeigten, um die Entfernung bis zur Landung abzuschätzen.

„Es könnte gleich etwas holprig werden.“

Ahsokas Kopf ruckte alarmiert zu ihm herum. „Warum?“

Maul tippte mit dem Zeigefinger auf eine Anzeige zu seiner Linken, die in einem ungesunden, gelben Licht erstrahlte.

„Eines der Repulsorlift-Triebwerke wurde bei der Explosion leicht beschädigt.“

„Und das bedeutet was?“

„Dass du dich anschnallen solltest.“

Ahsoka gab ein leises Seufzen von sich, bevor sie Mauls Ratschlag befolgte und mit raschen Handgriffen die Leder-Gurte über Brust und Bauch festzog. Er glaubte zwar nicht, dass die Ex-Jedi sich im Falle einer Bruchlandung großartig verletzen würde, aber man musste das Glück ja nicht unnötig herausfordern.

Routiniert legte der Zabrak mehrere Hebel um und betätigte zwei Knöpfe, um die Landung einzuleiten. Die Rettungskapsel drang kurz darauf ohne große Schwierigkeiten in die Atmosphäre des Mondes ein und steuerte anschließend auf eine von vielen Inseln zu, die wahllos verstreut inmitten des gigantischen Ozeans lagen. Das azurblaue Wasser glitzerte und funkelte im Licht der aufgehenden Sonne wie tausend Sterne. Während es auf der Ostseite des Mondes taghell war, herrschte auf der anderen Seite, die von der Sonne abgewandt war, tiefste Nacht.

Maul war vielleicht nicht der beste Pilot, doch er schaffte es, die Rettungskapsel verhältnismäßig sanft auf einer freien Fläche am Strand zu landen. Die Kapsel hinterließ eine tiefe Schneise, als sie ungeachtet dessen, dass Maul den Steuerknüppel scharf nach hinten zog, noch ein paar Meter weiter durch den Sand pflügte. Spitze Kieselsteine und Muscheln schlugen geräuschvoll gegen die Außenhülle. Wasser spritzte auf und rann in dünnen Rinnsalen die Frontscheibe hinunter. Dann kam die Kapsel ruckartig zum Stehen. Maul schaltete die Triebwerke aus und ließ die Einstiegsluke herunterfahren, damit sie aussteigen konnten.

„Nach dir, Lady Tano“, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung zu der Togruta. Diese löste augenrollend die Gurte, bevor sie sich mit katzenhafter Anmut vom Co-Piloten-Sitz erhob. Maul folgte ihr dicht auf den Fersen. Das ungewöhnlich helle Licht, das draußen herrschte, blendete ihn im ersten Moment. Er blinzelte mehrmals und schirmte die Augen ab, gab ihnen Zeit, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Dann sah er sich um. Er hörte das sanfte, eintönige Geräusch von Wellen, die ans Ufer rollten. Aus Richtung des üppiggrünen Urwalds drang Vogelgezwitscher gepaart mit den Schreien wilder Bestien und dem Zirpen von Grillen. Überall um ihn herum pulsierte das Leben. Rasch streckte er seine Fühler in der Macht aus, versuchte herauszufinden, ob ihnen hier irgendetwas feindlich gesinnt war. Er konnte jedoch keine bedrohlichen Präsenzen in der Umgebung ausmachen. Für einen Planeten, den einstmals die Sith bewohnt haben sollten, wirkte es überraschend friedlich auf Lo’tua. Fast schon idyllisch.

Und genau das weckte sein Misstrauen. Maul hatte schon früh lernen müssen, genauer hinzusehen, wenn etwas zu friedlich wirkte. Der Schein konnte trügen, einen in falscher Sicherheit wiegen. Sie mussten auf der Hut bleiben.

„Gehen wir“, sagte er, nachdem er sich einen kurzen Überblick über ihre Umgebung verschafft hatte. Er starrte auf das Navigationsgerät an seinem Handgelenk. Der blinkende Pfeil, der auf dem Display seines Komms abgebildet war, zeigte in Richtung Dschungel.

„Dort entlang“, teilte er seiner Begleiterin unverwandt mit und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger in die angegebene Richtung.

„Ich hoffe, dass wir das Artefakt schnell finden und dann von hier verschwinden“, beschwerte sich die Ex-Jedi, kaum, dass sie zehn Meter zurückgelegt hatten. „Wenn Rex wegen dir sterben sollte, dann-“

Maul schnitt ihr gereizt das Wort ab: „Jaja, ich weiß. Du wiederholst dich.“

Ahsoka stieß geräuschvoll die Luft durch die Nase aus und warf die Hände in die Luft.

„Du weißt einfach nicht, wie das ist, wenn man sich um jemanden Sorgen macht! Du bist ein Sith!“

„War“, korrigierte er sie.

„Im Herzen bist du noch immer ein Sith.“

„So wie du im Herzen noch immer eine Jedi bist, oder willst du das abstreiten?“

Ahsoka erwiderte nichts darauf und stapfte mit energischen Schritten neben ihm den Sandstrand entlang. Maul nahm ihr eisernes Schweigen zum Anlass, erneut das Wort zu ergreifen.

„Wir sind, was wir sind. Darth Sidious hat mich mein Leben lang darauf vorbereitet, Jedi zu töten. Ich war nichts weiter als ein Werkzeug, eine Waffe, geschaffen, um nur einem Zweck zu dienen. Ich kenne nichts anderes außer Hass und Zorn und Schmerz. Dich hat man dazu ausgebildet, zu beschützen. Den Frieden in der Galaxis wiederherzustellen. Aber es gibt keinen Frieden. Frieden ist eine Lüge.“

„Hältst du mir jetzt gleich einen Vortrag über den Sith-Kodex?“

Maul schüttelte leicht verärgert den Kopf.

„Nein. Worauf ich hinauswill, ist, dass wir uns ähnlicher sind, als du denkst. Wir sollten die Stärken des jeweils anderen nutzen, um unsere Schwächen auszugleichen.“

Ahsoka dachte einen Moment lang nach und ließ das Gehörte einsinken.

„Ich gebe es nur ungern zu, aber du hast Recht. Man kann sich aber dennoch ändern, wenn der Wille dazu da ist.“

Maul nickte zustimmend.

„Wir können beide voneinander lernen, Lady Tano. Und das sollten wir. Das müssen wir, wenn wir meinen einstigen Meister besiegen wollen. Darth Sidious wird jede Schwäche gnadenlos ausnutzen, wenn wir gegen ihn antreten. Wenn er erkennt, dass wir einander nicht vertrauen, haben wir schon verloren. Er wird versuchen, uns gegeneinander auszuspielen. Das darf unter keinen Umständen passieren. Wir sind jetzt ein Team.“ Es fühlte sich seltsam an, diesen Satz auszusprechen. Maul hatte den Großteil seines Lebens als Einzelgänger verbracht. Als Attentäter, der aus dem Verborgenen heraus agierte. Die Momente, in denen er mit jemanden zusammengearbeitet hatte, konnte er an einer Hand abzählen.

„Weißt du überhaupt, was Teamarbeit ist?“ Ahsoka schien seinen Worten noch mit Skepsis gegenüberzustehen. Maul konnte es ihr nicht verübeln. Er glaubte ja selber kaum daran, dass er dazu fähig wäre, mit ihr zusammenzuarbeiten. Mit Savage hatte er keine Probleme gehabt. Aber das hier war etwas anderes als eine Meister-Schüler-Beziehung. Hier gab es keine festgelegte Rangordnung. Keinen Anführer. Ahsoka würde von nun an sein Partner sein. Ihm ebenbürtig. Ein Verbündeter, wie er gegensätzlicher kaum sein könnte.

Maul machte sich keine Illusionen. Er wusste, dass sie noch öfter streiten und in Konflikte geraten würden. Und das es nicht einfach werden würde. Vielleicht war es sogar unmöglich. Aber er würde nichts unversucht lassen, um seinen Meister zu besiegen. Dies war die einzige Chance, die er hatte. Mit Ahsoka an seiner Seite, könnte er ihn vernichten.

„Ich werde es versuchen“, sagte er mürrisch.

Ahsoka sah nicht überzeugt aus. Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Der Dschungel war jetzt so nah, dass sie nur die Hand ausstrecken brauchten, um die purpurnen Farne zu berühren, die am Eingang zuhauf aus dem Boden sprossen. Maul war die Pflanzenart unbekannt. Aber soweit er das von hier aus beurteilen konnte, schien sie ungefährlich zu sein und das war das Einzige, was für ihn zählte.

Kaum, dass sie den Dschungel betreten hatten, stieg dem Zabrak ein eigenartiger Geruch in die Nase. Er schien von den rankenartigen Gewächsen zu stammen, die sich überall um sie herum Baumstämme empor schlängelten. Sie besaßen trichterförmige Blütenkelche, die einen süßlich-herben Geruch verströmten. Angezogen von dem Duft, schwirrte eine Myriade unterschiedlichster Insektenarten um die blau-weiß-gestreiften Blüten herum. Auch sie stufte Maul nach einer eingehenden Musterung als ungefährlich ein. Zumindest machten sie keine Anstalten, sie anzugreifen, als sie sich ihnen näherten.

Als sie weiter in den Dschungel vordrangen, entdeckten sie noch mehr fremdartige Gewächse. Darunter riesenhafte, quallenartige Blumen, deren fleischige Tentakel von einer Seite auf die andere wogten wie Seetang unter Wasser und dabei einen klebrigen Saft absonderten. Maul und Ahsoka machten zur Sicherheit einen großen Bogen um sie, auch wenn das einen Umweg umbedeutete.  

„Du irrst dich“, sagte er schließlich irgendwann.

„Worin?“, wollte Ahsoka in angespanntem Tonfall wissen.

„Dass ich nicht weiß, wie es ist, sich um jemanden Sorgen zu machen. Ich weiß sehr wohl, wie sich das anfühlt.“

„Ach wirklich?“

„Ja. Ob du es glaubst, oder nicht, aber mein Bruder, Savage, hat mir etwas bedeutet.“

„War? Was ist mit ihm geschehen?“

„Darth Sidious hat ihn umgebracht.“

„Das... das tut mir leid“, sagte Ahsoka stockend.

Maul war so gefangen in seinem aufkeimenden Zorn, dass er ihre Worte nur am Rande wahrnahm. Er hatte die Hände zusammengeballt, so fest, dass sich seine Fingernägel schmerzhaft in seine Handflächen gruben und halbmondförmige Abdrücke auf seinem schwarz-roten Fleisch hinterließen.

„Er hat mir alles genommen. Er hat mich den Armen meiner Mutter entrissen. Mir meine Freiheit geraubt. Mir den Bruder genommen. Meine Heimat dem Erdboden gleichgemacht.“ Sein Zorn brach sich in einem frustrierten Schrei Bahn. Er warf einen Blick über die Schulter, suchte Ahsokas Blick. „Ich hatte nie eine Wahl. Verstehst du? Ich war nur ein Werkzeug. Genau wie du. Aber wir haben uns von unseren Ketten losgesagt, du und ich. Unseren Meistern den Rücken gekehrt. Jetzt haben wir die Chance, es all denen heimzuzahlen, die uns Unrecht getan haben. Und mit Darth Sidious werden wir anfangen.“

„Jetzt klingst du wieder wie der größenwahnsinnige Irre, für den ich dich die ganze Zeit halte“, erwiderte Ahsoka grimmig und wandte demonstrativ den Blick ab.

Maul lachte. Ein Laut, der bar jeder Heiterkeit und voll von Bitterkeit war. „Warum? Weil ich nach Gerechtigkeit strebe?“

„Nein, weil du von deinem Hass und Zorn regelrecht geblendet bist! Du bist besessen! Du solltest es einmal mit Gelassenheit versuchen.“

Maul hatte für Ahsokas Worte nur ein ungläubiges Schnauben übrig. Gelassenheit, pah!

„Wir könnten zusammen meditieren“, schlug die Togruta unvermittelt vor. „Ich kann dir Entspannungsübungen beibringen. Dir zeigen, wie dein Geist zur Ruhe kommt.“

„Oh, ich brenne förmlich darauf, die Jedi-Techniken zu erlernen!“

„Es würde sich für dich als hilfreich erweisen. Wenn du dich deiner Wut zu sehr hingibst, verlierst du irgendwann die Kontrolle. Ich weiß, dass ihr Sith eure Macht aus starken Emotionen schöpft. Aber du solltest lernen, deinen Zorn zu kontrollieren. Ihn dir..." Die Togruta geriet ins Stocken, schien nach dem richtigen Wort zu suchen. "gefügig machen. So bist du nichts weiter als ein Sklave deines Hasses.“

Maul hätte der Togruta nur zu gerne widersprochen. Doch leider sagte sie die Wahrheit.

„Hm“, machte er. Zu stolz, um zuzugeben, dass sie Recht hatte.

Den Rest ihres Weges setzten sie in einvernehmlichem Schweigen fort. Eine dreiviertel Standardstunde später erreichten sie eine Lichtung mit einer altertümlichen Tempelruine. Der graue, verwitterte Stein, aus dem das Gebäude bestand, war beinahe vollständig zugewuchert. Die goldenen Lichtstrahlen, die schräg durch die Baumkronen fielen, warfen gezackte Schatten auf den Boden. Verliehen dem Ort etwas Mysteriöses, Unwirtliches. Worte waren überflüssig. Maul wusste auch so, dass Ahsoka dasselbe durch den Kopf ging, wie ihm.

Das war er.

Der Tempel, in dem sich das alte Sith-Artefakt befand.

„Sieht gar nicht aus, wie ein alter Sith-Tempel“, meinte Ahsoka nach einer eingehenden Musterung.

„Ach ja? Wieviele Sith-Tempel hast du in deinem Leben denn bisher zu Gesicht bekommen?“

Ahsoka runzelte nachdenklich die Stirn. „Um ehrlich zu sein, noch gar keinen.“

„Dann wird es höchste Zeit“, entgegnete Maul grinsend. „Komm!“

Der Zabrak konnte es kaum noch abwarten, die Ruine zu betreten. Eiligen Schrittes steuerte er das verwitterte, alte Tor an. Wenn die Jedi und Sith eines gemein hatten, dann ihre Vorliebe dafür, ihre erbittertsten Schlachten in Stein zu meißeln, um sie für die Ewigkeit festzuhalten. So auch bei diesem Tempel. Auf dem Tor waren sechs Gestalten in einem hitzigen Gefecht abgebildet. Einer traktierte seinen Widersacher voller Feuereifer mit Machtblitzen, während die übrigen zwei ihre Gegner - Maul nahm an, dass es sich bei ihnen um Jedi handelte - mit Lichtschwertern bekämpften.

Der abtrünnige Sith-Lord fuhr mit den Fingern andächtig über den Stein. Er spürte, dass er alt war. Sehr alt. Der Tempel hatte mehrere Jahrtausende überdauert. Während all dieser Zeit, war die Energie aberhunderter Sith in den Stein gesickert und hatte ihn förmlich aufgeladen. Er fragte sich, ob Ahsoka es spüren konnte, während er nach einem Mechanismus suchte, um die Tür zu öffnen. Als seine Finger eine kleine, kaum wahrnehmbare Einkerbung im Stein erfühlten, erzitterte der Boden unter seinen Füßen. Kurz darauf vibrierte das Tor, bevor es sich knirschend in die Lüfte erhob. Sand und kleinere Gesteinsbrocken rieselten von der Decke zu Boden.

Maul trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.

Im Inneren des Tempels herrschte komplette Finsternis. Es war, als starre er in einen bodenlosen Abgrund. Einem inneren Instinkt folgend griff er an seinen Gürtel und zündete sein Lichtschwert. Nur eine Seite diesmal.

„Komm“, sagte er, bar jeder Emotion und betrat den Tempel. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Ahsoka zögerte, ihm zu folgen. Er hörte es am Ausbleiben ihrer Schritte. Fragend blickte er sich zu ihr um.

„Kommst du? Oder ziehst du es vor, da stehenzubleiben und Löcher in die Luft zu starren?“

„Ich habe ein ganz mieses Gefühl dabei“, erwiderte die Togruta mit zusammengezogenen Augenbrauen, rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

„Angst?“, höhnte er.

„Ich nehme eine dunkle Präsenz im Inneren des Tempels wahr. Du etwa nicht?“

Maul schickte seine Sinne aus. Das Einzige, was er mit der Macht wahrnahm, war Ahsoka, sonst nichts.

„Vielleicht nimmst du das Artefakt wahr. Oder die dunkle Restenergie der Sith.“

Ahsoka funkelte ihn von der Türschwelle aus wütend an.

„Es fühlt sich an wie das Wispern unzähliger, körperloser Stimmen. Ein hungriges, schwarzes Loch in der Galaxis, das alles Leben um sich herum zu verschlingen droht“, sagte sie und schlang die Arme um den Oberkörper. Ihre Angst schien echt und nicht gespielt zu sein.

Mauls Gesichtsausdruck verfinsterte sich schlagartig.

„Ich hätte dich nicht für einen Feigling gehalten“, spie er ihr voller Abscheu entgegen.

Da war er wieder, dachte Maul. Der aufflackernde Stolz in Ahsokas Augen.

„Ich bin kein Feigling!“, rief sie. „Ich bin nur vorsichtig!“

Vorsichtig, dachte er amüsiert. Ja, so konnte man es natürlich auch ausdrücken.

„Dann komm. Bevor sich das Tor vor deiner Nase schließt.“

Die Togruta stand noch einen Herzschlag lang wie angewurzelt da. Dann gab sie sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung. Eines ihrer Lichtschwerter erwachte knisternd zum Leben. Zu dem blutroten Licht, das Mauls Waffe verströmte, gesellte sich das reinweiße Licht der ehemaligen Jedi.

Seite an Seite drangen sie tiefer in die Tempelruine vor, wobei sie sich mit solcher Vorsicht bewegten, als balancierten sie auf einer dünnen Schicht Eis. Maul streckte immer wieder die Fühler aus, auf der Suche nach der bedrohlichen Präsenz, die Ahsoka gespürt zu haben glaubte. Doch da war noch immer nichts, was seinen Argwohn erregt hätte.

Seltsam.

Und dann hörte er es.

Ein schabendes Geräusch, als würde sich über ihnen etwas Großes durch einen Tunnel graben. Maul blieb abrupt stehen und hob sein Lichtschwert. Die Decke des Tunnels war jedoch viel zu hoch, als dass das Licht so weit reichen würde und mit dem bloßen Auge konnte er nur schemenhafte Umrisse erkennen. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend setzte er seinen Weg durch die Tempelruine fort. Vorbei an umgestürzten Säulen und Geröllhaufen. Seine Kehle kratzte mit jedem Schritt mehr von dem Staub, der in der Luft umherwirbelte. Es musste Ewigkeiten her sein, dass jemand zuletzt hier gewesen war.

Mehrere Standardminuten verstrichen, bis sie die nächste Tür erreichten. Wie erwartet war auch diese zugesperrt. Der Mechanismus schien jedoch ein anderer zu sein wie der bei dem Tor. Maul stieß einen leisen Fluch aus, während er fieberhaft nach einem Weg suchte, die Tür zu öffnen.

Auch Ahsoka schwenkte ihr Lichtschwert hin und her und lief die Wände ab, auf der Suche nach einem Hinweis oder verborgenen Schalter. Irgendetwas, dass sie vorankommen ließe.

Da hörte Maul es wieder. Das schabende Geräusch von vorhin. Es kam erneut von oben. Nur dass es diesmal viel näher klang als zuvor.

„Hast du das eben auch gehört?“, fragte er Ahsoka in gedämpften Tonfall.

Zu seinem Leidwesen sah die Togruta ihn ernst an und nickte.

„Über uns ist irgendetwas“, meinte er.

„Es ist die Präsenz“, flüsterte Ahsoka plötzlich mit angstgeweiteten Augen.

Und dann brach das Chaos los.

Maul wich gerade noch so mit einem Rückwärtssalto aus, als etwas Gewaltiges vor ihm auf den Boden krachte. Die Erde erzitterte wie unter einem gewaltigen Erdbeben. Staub wirbelte auf. Von der Decke bröckelten Gesteinsbrocken. Um ein Haar verlor der Zabrak das Gleichgewicht. Sein Blick zuckte von einer Ecke zur Nächsten.

Und dann sah er es. Über ihm an der Decke hing kopfüber eine geschuppte Bestie, die so groß war, dass sie beinahe den gesamten Tempel ausfüllte. Der lange, spitzzulaufende Schwanz peitschte wild umher, wie der Tentakel eines Rathar. Maul hatte schon viele Bestien gesehen und erlegt. Aber diese war ihm gänzlich unbekannt. Und es war ihm schleierhaft, wie er sie bis jetzt noch nicht bemerkt haben konnte. Weder, als er an die Decke gestarrt hatte, noch mit der Macht. Es hatte den Anschein, als ob das Wesen seine Anwesenheit vor Machtnutzern verbergen konnte.

Aber warum hatte Ahsoka es dann wahrnehmen können und er nicht?

„Maul! Pass auf!“, hörte er sie rufen. „Hinter dir!“

Der Zabrak wich geschickt mit einem Sprung nach links aus, rollte sich über den Boden und zündete, kaum, dass er wieder auf den Beinen war, die zweite Klinge seines Doppelklingenlichtschwerts.

Vor ihm aus der Finsternis schälte sich ein namenloser Schrecken. Den Schlund mit den Reihen rasiermesserscharfer Zähne weit aufgerissen und die vier Paar milchigweißer Augen auf ihn geheftet. Bereit, den Zabrak mit Haut und Hörnern zu verschlingen.

Maul wirbelte seine Klinge umher und ging in Position.

Nur zu, du hässliches Scheusal, dachte er. Komm und greif mich an.

Mit einem ohrenbetäubenden Schrei stürzte die Kreatur sich auf ihn.

 

—✻—




Anmerkungen: Passend zu Halloween, dachte ich mir, es ist Zeit für ein großes, hässliches Monster. Und was schweißt wohl mehr zusammen, als gegen eben solches kämpfen zu müssen?!

Ich hoffe, ihr hattet viel Spaß beim Lesen.


Bis zum nächsten Mal!
 

Eure Azurmond

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Kapitel:5
Sätze:1.370
Wörter:17.634
Zeichen:106.344

Kurzbeschreibung

Maul, vormals Sith-Lord, nunmehr Anführer der aufstrebenden Verbrechensorganisation Crimson Dawn, hat sich im Laufe der Zeit viele Feinde gemacht. Nach dem vereitelten Coaxium-Diebstahl auf Kessel haben ihm die Himmelshunde offen den Krieg erklärt. Zeitgleich erreicht ihn die Nachricht eines mysteriösen Fremden, der behauptet, dass sich auf dem entlegenen Mond Lo’tua ein uraltes Sith-Artefakt befindet. Doch auch seine einstiger Meister hat ein Auge auf das mächtige Artefakt geworfen. Mit einer Handvoll seiner besten Männer macht sich Maul auf den Weg, um dem finsteren Imperator zuvorzukommen. Wäre da nicht eine alte Bekannte, die sich unbemerkt an Bord geschlichen hat und all seinen Plänen einen Strich durch die Rechnung zu machen droht....

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebesbeziehung (problematisch), Action, Science Fiction und Drama (Genre) getaggt.

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