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Bruderliebe

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24.9.2018 11:49
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

2 Charaktere

Tatsuha Uesugi

Eiris jüngerer Bruder. Mönch in Ausbildung im Schrein des Vaters. Sozial, freundlich, zuverlässig, aber leider auch grenzwertig lebhaft. Er kennt keinen persönlichen Raum und auch nur wenig andere Grenzen, wenn es darum geht, die eigene Neugierde zu befriedigen.

Yuma Kitazawa

Yukis älterer Bruder. Ziemlich direkt und schonungslos, aber zuverlässig und hilfsbereit. Hat man ihn erstmal für sich gewonnen, gibt es fast nichts, was er nicht für einen tun würde. Trauert noch immer um Yuki, kann sich dem Charme seines neuen Mitbewohners aber auch nicht ganz verschließen.

Autorennotizen

Klicken.

 

„Du störst.“

 

„Auch dir einen wunderschönen guten Tag, geliebter Bruder!“

 

„Was willst du?“

 

„Ich habe mich gefragt, ob du nicht Spaß und Freude daran hättest, einen armen, obdachlosen, völlig harmlosen und absolut pflegefreien Mönch in Ausbildung das Wochenende über bei dir wohnen zu lassen?“

 

„Nein.“

 

„Och, Eiri, sei nicht so! Ich verspreche, so leise wie möglich zu sein und euch mit drei Mahlzeiten am Tag zu beglücken!“

 

„Nein.“

 

„Eiriiiii! Komm schon! Du wirst gar nicht merken, dass ich da bin!“

 

„Frag Mika.“

 

„Mika hat Gäste, das weißt du genau, schließlich bist du einer von ihnen! Und ich bin der Letzte, den Tohma auf der privaten Geburtstagsparty von Herrn Sakuma zulassen würde!“

 

„Ich stimme ihm ausnahmsweise zu.“

 

„Eiri! BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE!!!“

 

„Hmmm ... Nein.“

 

„Aniki! Wenn ich schon nicht zu einer so wichtigen Familienfeier eingeladen werde, dann will ich wenigstens auf das Extra-Super-Sonderkonzert! Papa erlaubt mir das nur, wenn du mich aufnimmst!“

 

„Ich sagte ‚Nein‘, Herrgott nochmal! Der rothaarige Idiot liegt mir schon seit einer Woche damit in den Ohren. Es ist völlig normal zu altern, ich weiß nicht, warum so ein Trara um Ryuichi Sakuma gemacht wird. Und jetzt gehst du mir auch noch mit diesem Mist auf den Sack!“

 

„Herr Sakuma ist ein Gott! Ich flehe dich an, Eiri, das ist wirklich-“

 

Klicken.

 

„Obermegawichtig für mich. Mist.“

 

Mit einem herzzerreißenden Seufzen ließ Tatsuha den Telefonhörer sinken und starrte an die gegenüberliegende Wand seines Schlafzimmers. Dann wählte er gleich noch einmal die Nummer seines älteren Bruders und wartete. Es piepte zehn Mal, ehe wieder das leise Klicken ertönte. „Aniki“, bettelte er umgehend wieder los, „ich beschwöre dich! Ich tue alles, was du willst, wenn du-“

 

„- nicht zu erreichen. Versuchen Sie es später nochmal oder hinterlassen Sie eine Nachricht. Wenn mir Ihr Anliegen nicht gefällt, können Sie allerdings lange auf Antwort warten.“

 

Tatsuha blinzelte irritiert und begann innerlich zu kochen. Wie konnte man ihm so einen bescheidenen Wunsch wie ein Bett für die Nacht verwehren, zumal Eiri und Shuichi den Samstag ohne ihn bei Tohma und Mika verbringen und mit seinem großen Idol persönlich feiern würden? Für ihn als schwarzes Schaf der Familie hingegen blieb nur der Weg in Nittle Graspers kurzfristig angekündigtes „Birthday-Special-Concert“, um Ryuichi gebürtig zu ehren!

 

Nachvollziehbar also, dass er wütend war – wütend genug, um seinen Bruder so richtig in Erklärungsnöte bringen zu wollen.

 

Er hob seine Stimme zum Sopran und kicherte anbiedernd in den Hörer: „Bonjour, Eiri-Maus! Hier spricht Mimiru, du weißt schon, die ‚Braut mit den Kirchenglocken‘. Also, Sugarpuff, ich wollte nur Bescheid sagen, dass Mittwoch in Ordnung geht, sag einfach Bescheid, wo wir uns treffen. Aber ich warne dich: Vergiss danach nicht wieder deinen süßen Tiger-String bei mir, sonst müsste ich ihn persönlich bei dir vorbeibringen und du kämest gar nicht mehr zum Arbeiten! Au Revoir, mein Herz!“ Dann legte er zufrieden auf und hustete angestrengt.

 

Anschließend fischte Tatsuha die Konzertkarte unter dem Kopfkissen hervor und betrachtete sie frustriert. Nun hatte er zwar dafür gesorgt, dass Eiri ein hochnotpeinliches Gespräch mit Shuichi bevorstand, aber das machte seine Situation um keinen Deut besser. Sanft strich er mit den Fingerspitzen über die schwarzen Lettern.

 

Sieben höllische Stunden hatte er in der Warteschlange verbracht, um an eine der wenigen Backstage-Karten zu gelangen, hatte seinen Vater tatsächlich so weit bekommen, ihn bis spät in die Nacht durch Tokio streifen lassen zu wollen und jetzt das! Sein egozentrischer Bruder war die einzige Hürde zu einem glücklichen Abend mit Ryuichi Sakuma und dieser hatte nichts Besseres zu tun, als sich extra groß zu machen! „Nein“, berichtigte sich Tatsuha mürrisch, „wohl eher unüberwindlich.“ Es sickerte erst jetzt richtig zu ihm durch: Die Party des Jahrhunderts würde ohne ihn stattfinden. Er schluckte mühsam. Es war einfach nicht fair. Tohma hatte sogar ihren Vater eingeladen! Nicht, dass dieser im Traum daran gedacht hätte, hinzugehen. Natürlich nicht. Dafür wurde Tatsuhas Traum an allen Ecken und Enden gestutzt, um schließlich von Eiris sturer Gemeinheit zu Staub zermalmt zu werden. Er hatte sich schon damit abgefunden, niemals mit seinem Idol in persönlichen Kontakt zu treten, aber sogar stundenlang bei allen möglichen Familienmitgliedern betteln zu müssen, um wenigstens an den öffentlichen Auftritten von Nittle Grasper teilnehmen zu dürfen, nagte langsam an seiner Geduld.

 

Leise kullerten Tränen der Enttäuschung über seine Wangen. Minderjährig zu sein war so ... so ...

 

„SCHEISSE!“

 

Mit aller Kraft trat er gegen seinen unbeteiligten Nachtschrank. Der Ärger übernahm jetzt die Führung. „Ich heule über Sachen, die sich nicht ändern lassen. Tse, ich bin doch ein echter Idiot“, brummte er und wischte sich mit dem Ärmel energisch über die Augen. Sein Blick fiel erneut auf die Karte in seinen Händen. „Everything’s Possible“, las er auf der Rückseite und entschied, dass das ein unheimlich passendes Motto für Ryuichis Geburtstag war – aber es wohl leider nicht auf ihn übergehen wollte.

 

Ein bitteres Lächeln huschte ihm übers Gesicht, als ein lautes Rumoren durchs Zimmer hallte. Nicht zu fassen. Trotz seiner üblen Weltuntergangslaune verspürte er Hunger und so verließ er leise vor sich hin fluchend sein Zimmer und wanderte seufzend zur Küche.

 

Sein Vater saß am Tisch und trank genüsslich heißen Tee. Als er Tatsuha erblickte, fragte er neugierig, nichtsahnend vom Desaster, das sich abgespielt hatte: „Und? Was sagt Eiri?“ Tatsuha verdrehte die Augen und antwortete mit vor Sarkasmus triefender Stimme: „Er ist ausgerastet vor Freude! Holt mich sogar vom Bahnhof ab, weil er es gar nicht erwarten kann, seinen heißgeliebten kleinen Bruder in die Arme zu schließen!“ Sein Vater nickte lächelnd: „Schön. Das hätte ich gar nicht von ihm erwartet. Es scheint ihm recht gut zu gehen. Wann fährst du los?“ Der jüngste Uesugi strich sich erschöpft mit der Hand über die Augen: „Paps, falls du es nicht gemerkt haben solltest-“

 

Doch plötzlich manifestierte sich ein neckischer Gedanke in seinem Gehirn und er biss sich fast auf die Zunge im hastigen Bestreben, die Wahrheit zu verschlucken. Stattdessen räusperte er sich verlegen und stieß hervor: „Ja, weißt du, er ... er war einfach froh, mal wieder von mir zu hören, es ist ja schon eine Weile her und so.“

 

„Ja, du hast dich wirklich lange nicht bei ihm gemeldet.“

 

„Ja, ich ... ich soll dich von allen grüßen.“

 

„Wie nett. Bestell ihnen bitte auch meine herzlichsten Grüße.“

 

„Mika ist anscheinend schwer enttäuscht, dass du abgesagt hast.“

 

„Das tut mir leid, aber diese neumodischen Partys sind nichts für einen alten Mönch wie mich. Aber du hast mir noch nicht auf meine Frage geantwortet.“

 

„Äh ...“

 

„Wann fährst du?“

 

„Oh! Klar! Also ... Morgen um Zwei?“

 

„Sehr schön. Ein paar Tage Ruhe werden dem Tempel sicher guttun.“

 

„... Sicher. Ich ... ich geh dann mal wieder.“

 

Als Tatsuha die Schiebetür hinter sich geschlossen hatte, zitterte er wie nach ausgiebigem Eistauchen. Das konnte nicht wahr sein! Seine Zunge hatte sich verselbständigt und die Hand, die sie fütterte, schamlos belogen! Oder so ähnlich. Nach Strich und Faden jedenfalls!

 

‚Was habe ich getan?!‘

 

„Du hast dir den Weg ins Paradies geebnet“, flüsterte sein inneres Stimmchen.

 

‚Ich habe Papa belogen! Wenn das rauskommt, bin ich Asche!‘

 

Von mir erfährt niemand was.

 

‚Er wird mich auf dem Komposthaufen ausstreuen!‘

 

Wenigstens hast du Ryuichi Sakuma ein letztes Mal in voller Pracht erlebt.

 

‚Ich kann nicht einfach gehen! Wenn was passiert, dann-‘

 

Was soll passieren? Du bist ein Teen mit dem Gesicht eines Twens. Solange du nichts ... nicht so viel trinkst, deine Nerven behältst und dich nicht von Eiri, Tohma, Mika oder Shuichi erwischen lässt ...

 

‚Ich kann nicht!‘

 

Du hast die Wahl. Herr Sakuma singt unveröffentlichte Songs auf diesem Konzert. Du bist einer der Auserwählten, die sie schon vor dem Release der neuen CD zu hören bekommen. Oder du kannst drei Tage deines Lebens damit verschwenden, dich darüber zu ärgern, dass sich deine gesamte Familie auf der Party des Jahrhunderts vergnügt, ohne dich auch nur eingeladen zu haben.

 

‚Das kommt raus, das kommt raus, das kommt raus, das kommt raus-‘

 

Kommt es nicht.

 

‚Kommt es doch!‘

 

Kommt es nicht!

 

‚Kommt es doch!‘

 

Kommt es nicht!

 

‚Kommt es doch!‘

 

Nicht!

 

‚Doch!‘

 

Nicht!

 

‚Doch!‘

 

NICHT!

 

‚... Okay.‘

 

Ein irres Grinsen breitete sich auf Tatsuhas Gesicht aus. Er musste sich beeilen. Es gab eine Menge zu erledigen.

 

---

 

Shuichi saß im Schneidersitz auf der Wohnzimmercouch und fummelte nervös an einer Kissenecke herum. Diskret linste er zu Eiri hinauf, der neben ihm saß und auf die Tastatur seines Laptops einhämmerte.

 

Ein paar Minuten vergingen, in denen man nur das Klackern der Tasten vernahm, doch dann hielt es Shuichi nicht mehr aus und räusperte sich energisch: „Yuki, hör mal, wegen Tatsuha ... Ich finde, du solltest-“ Es brachte ihm einen Seitenblick des Angesprochenen ein, der ihm deutlich verriet, was passierte, wenn er das Thema noch einmal anschnitt. Shuichi schluckte: „Ich meine ja nur, wäre es wirklich so schlimm? Es sind doch nur drei Tage. Und er ist der Einzige, der nicht eingeladen wurde.“ Eiri starrte ihn düster an. „Ich weiß ja, warum ihr sie voneinander fernhaltet“, bemerkte der Sänger umgehend, „aber er tut mir leid.“

 

Endlich seufzte der Schriftsteller und fuhr sich mit der Hand über die Augen: „Shu, es ist für alle so am besten. Du kennst doch meinen besessenen Bruder. Tatsuha würde nichts unversucht lassen, Sakuma rumzukriegen, sobald er ihm gegenübersteht. Und wer wird dann den Ärger bekommen, wenn tatsächlich was laufen sollte? Sakuma könnte im schlimmsten Fall verhaftet werden und das kapiert dieser kleine Idiot einfach nicht! Willst du deinen Lieblingssänger im Knast besuchen müssen?“ Ein trauriges Kopfschütteln erfolgte, doch ganz wollte Shuichi nicht lockerlassen: „Aber er will doch nur zum Konzert.“

 

„Glaubst du echt, dass sich dieses Energiebündel damit zufrieden gibt? Wenn wir ihm auch nur die winzigste Möglichkeit dazu geben, wird er uns weich zu allem klopfen, und wenn es nur dazu dient, ihm das nervtötende Maul zu stopfen. Es ist zu riskant, glaub mir. Ich kenne diesen Spinner wesentlich länger als du und ich will und werde mir diesen Spießrutenlauf nicht antun.“

 

„Du hast ja recht, aber ...“

 

Eiri seufzte und tätschelte den Kopf seines Freundes: „Lass dir davon nicht die Laune verderben. Der Bengel wird drüber hinwegkommen. Garantiert brütet er schon über seinem nächsten Plan. Wahrscheinlich hält er gerade eines seiner unzähligen Videos im Arm und sabbert beim Gedanken an seinen-“

 

---

 

„Ryuichi Sakuma! Er ist einfach ein GOTT!“

 

Tatsuha saß auf dem Boden, umringt von dutzenden Nittle-Grasper-Videokassetten, und starrte mit heraushängender Zunge auf den Fernseher. Es lief „Shining Collection“, einer seiner Lieblingssongs. Dass der Text der Feder seines Bruders entstammte, tat der Begeisterung wenig Abbruch.

 

Sein Rucksack lag gepackt auf dem Bett, das Motorrad stand aufgetankt auf dem Hof und seine Klamotten, die er am nächsten Tag tragen wollte, waren so sauber und steril wie auf der Konzeptzeichnung ihres Designers.

 

Sicher, einige wenige Zweifel nagten noch an seinem Gewissen, aber jetzt, nachdem er mehrere Stunden mit dem Ansehen all der im Laufe der Jahre zusammengetragenen Videos verbracht hatte, hatte er sich selbst von der Legitimation seines Vorhabens überzeugt. Ryuichi war es wert, über glühende Kohlen zu laufen und Tatsuha war aufgeregt, doch er hatte sich geschworen, das Konzert zu besuchen und wenn er anschließend unter einer Brücke schlafen musste.

 

Mit einem gedämpften Jauchzer warf er sich aufs Bett und kuschelte sich in die Matratze. Es würde schon alles gutgehen. Schließlich war es ja nicht so, dass Tokio bei Nacht von Irren und Außerirdischen beherrscht wurde. Der abstruse Gedanke amüsierte ihn, und so kicherte Tatsuha, was schnell in ein herzhaftes Gähnen überging.

 

Vielleicht sollte er den Tag beenden, damit der nächste schneller anbrach.

 

Eine Zeitlang wälzte er sich noch unruhig im Bett, bevor die geistige Anspannung langsam verflog und er in einen tiefen Schlummer fiel.

 

---

 

„Tatsuha.“

 

Keine Reaktion.

 

„Tatsuha!“

 

Nichts.

 

Ein Pieks in die Seite.

 

„Hmmm?“

 

„Planet Erde an Tatsuha! Mensch, du pennst ja mit offenen Augen! Ich habe gefragt, ob du die Aufgabe von letzter Woche gelöst hast.“

 

„Aufgabe ...?“

 

Ein Schlag auf den Kopf.

 

„Au.“

 

„Die Matheaufgabe, die du mir gestern eigentlich vorbeibringen wolltest.“

 

Ups.

 

„Klar, hier.“

 

„Ichi, du solltest wirklich mal deine Hausaufgaben selber machen. Dann würde dir Tatsuhas Vergesslichkeit auch keine schlaflosen Nächte bereiten. Willst du blöd sterben?“

 

„Das Teil war mir doch viel zu einfach! Ich hab Besseres zu tun, als mich mit so banalen Dingen zu beschäftigen, Mina!“

 

„Und du schreibst auch nur aus purer Langeweile so miese Noten, um dir die Zeit in dieser banalen Schule zu vertreiben, richtig?“

 

„Genau!“

 

Tatsuha hörte das Gerangel seiner Freunde kaum, war er mit seinen Gedanken doch meilenweit entfernt – in drei Stunden würde er schon auf dem Weg nach Tokio sein, in neun würde das Konzert beginnen! Nittle Grasper, Nittle Grasper und nochmal Nittle Grasper, mindestens bis Mitternacht ... des nächsten Tages. Und vielleicht, nur vielleicht würde sich Ryuichi dieses Mal bei der Autogrammstunde etwas länger mit ihm unterhalten, als es eigentlich nötig war.

 

Er war so in seine wohlige Welt versunken, dass er nicht mal das Eintreten ihres Lehrers mitbekam. Erst als mit lautem Knall ein Buch auf seinen Tisch geschlagen wurde und er in die brodelnden Augen des Mannes blickte, bemerkte er, dass er als Einziger noch beharrlich auf seinem Stuhl hockte.

 

„Wie ich sehe, bist du der Meinung, mir heute mal keinen Respekt zollen zu müssen, Tatsuha“, säuselte Ayato Koizumi in dem ganz speziellen Tonfall, den er für verängstigte kleine Kinder und Überraschungsangriffe reserviert hatte. Tatsuha sprang entsetzt auf die Beine: „Schei... Ich meine, ich bitte um Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst, ich meine, ich war in Gedanken, ich meine, es war nicht meine Absicht, ich meine-“ Ayato unterbrach das Gestammel mit einem humorlosen Schmunzeln: „Schreib die Lösung für die Hausaufgabe an, sei so gut, hm?“

 

„Jawohl!“

 

Mit hochrotem Kopf und verschwitzten Händen stürmte Tatsuha zur Tafel und kritzelte hastig drauflos.

 

‚Wie peinlich, ausgerechnet heute, hoffentlich lässt er mich nicht nachsitzen, hoffentlich lässt er mich nicht nachsitzen!‘

 

Als er fertig war, wollte er nicht ohne eine gewisse Erleichterung an seinen Platz zurückkehren – die erheiterten Blicke, die seine Mitschüler in seinen Rücken gebohrt hatten, waren fast unerträglich gewesen. Doch sein Lehrer, der auf der Ecke seines Tisches hockte, machte eine Geste, die ihn vorne verharren ließ: „Vielen Dank, Tatsuha. Kenichiro, erkläre nun bitte der Klasse, wie man auf diese Lösung kommt.“ Kenichiro erbleichte sichtlich und begann, unzusammenhängendes Zeug zu brabbeln, während es dem Ursprung des Lehrerzorns immer heißer wurde.

 

Als es endlich still war und alle Augenpaare von Kenichiro über Tatsuha zu Ayato glitten, war dessen Stirn bereits in tiefe Falten gelegt: „Vielen Dank für diesen ... aufschlussreichen Vortrag, Kenichiro. Ich schlage vor, dass du etwas Nachhilfe bei Tatsuha nimmst und deine Aufgaben demnächst auf eigene Faust löst, anstatt vom Klassenprimus abzuschreiben, dessen Gedankengänge du offensichtlich noch nicht ganz nachvollziehen kannst. Vielen Dank, Tatsuha, die Lösung ist korrekt. Da du wenigstens meinen Unterricht ernst zu nehmen scheinst, sehe ich von einer Bestrafung deines höchst unhöflichen Verhaltens ab. Du darfst dich setzen.“

 

Zutiefst erleichtert ließ Tatsuha den Atem entweichen und sank, nachdem er ihn nach einem unverschämt langen Weg endlich erreicht hatte, auf seinen Stuhl zurück. Minako kicherte leise über die hochroten Köpfe ihrer Freunde, wollte aber den Lehrer nicht auch noch auf sich aufmerksam machen, sodass sie es sich sparte, sie zusätzlich zu belehren.

 

Der folgende Unterricht verlief ereignislos und Tatsuha rutschte ungeduldig auf dem Gesäß hin und her, trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch und erntete schließlich einen erneuten durchdringenden Blick. Doch dann lächelte Ayato ganz unverhofft und sagte amüsiert: „Ich habe mitbekommen, dass einigen von euch heute ein wichtiges Event bevorsteht und da mir die Betroffenen anscheinend sowieso keine große Beachtung schenken wollen, entlasse ich euch ausnahmsweise inoffiziell etwas früher vom Unterricht. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!“ Ohne Proteste sprangen alle begeistert auf und verbeugten sich zum Abschied.

 

Wenige Minuten später rannten Tatsuha, Kenichiro und Minako durch das Schultor. „Tatsuha, du machst Fotos, nicht wahr, ich will alles erfahren, was beim Konzert hinter den Kulissen abgeht“, keuchte Minako, „Ich kann noch gar nicht fassen, dass dein Bruder sich wirklich erbarmt hat, dich aufzunehmen!“ Ihn durchfuhr ein jäher Schreck und er zuckte unbewusst. Ein schlechtes Gewissen konnte hartnäckig sein. Zum Glück bemerkten es die anderen nicht, ganz in ihren höchst eigenen Gram vertieft. „Ich wünschte, ich hätte auch eine Karte bekommen“, schmollte Kenichiro, „Was ist schon ʼne Party ohne Gleichgesinnte?!“ Tatsuha verzog das Gesicht zu einer mitfühlenden Grimasse: „Es tut mir leid, sie haben wirklich nur Einzelkarten verkauft, sonst hätte ich euch welche mitgebracht, ehrlich! Sie wollten damit die Chancen besser verteilen oder so ...“

 

„Schon gut, ich glaube dir ja. Aber ich erwarte einen detaillierten Bericht am Montag, klar?“

 

„Glasklar!“

 

Mit einem energiegeladenen Victory-Zeichen trennten sie sich und gingen ihrer Wege.

 

Zuhause schaufelte sich Tatsuha schnell noch etwas Mittagessen in den aufgedrehten Magen, um das laute Knurren zu beruhigen. Sein Vater war nirgends zu sehen, hielt sich offenbar im Tempel auf, wofür er recht dankbar war. Er bezweifelte, dass es ihm noch einmal gelungen wäre, den alten Mann zu beschwindeln. Selbst wenn seine Familie nicht unbedingt aus Weicheiern mit sonderlich viel Skrupel bestand und sich ihre Mitglieder gegenseitig oft sehr rustikal behandelten, gefiel er sich nicht unbedingt in der Rolle des unzuverlässigen Sohns, diesen Job überließ er gut und gerne seinem großen Bruder. Tatsuha hatte nie ganz verstanden, wie Eiri sich immer so gleichgültig gegenüber aller Vorwürfe geben konnte. Er hingegen konnte sich nur allzu bildlich vorstellen, wie enttäuscht ihr Vater über den jüngsten Vertrauensbruch sein würde und der Gedanke ließ seine Innereien gnadenlos verrücktspielen.

 

Im Rekordtempo räumte er das ganze Haus auf, wohlwissend, dass der Drang dazu eine Reaktion auf die brodelnden Schuldgefühle war. Wenigstens fühlte er sich im Anschluss weniger schlecht. Dann pinnte er noch eine Notiz an den Kühlschrank, um etwaig interessierte Verwandte von allen möglichen Sorgen zu befreien und zu verhindern, dass sich sein Vater bei den Geschwistern meldete, denn das hätte zu peinlicher Verlegenheit geführt. Anschließend schulterte er Rucksack, Lederjacke und Helm und verließ das Haus mit einem minimal miserablen Gefühl und maximaler Vorfreude auf einen Abend voller Ausgelassenheit und Spaß.

 

Als sein Vater ein paar Stunden später die Küche betrat, war er erst angenehm überrascht ob der unerwarteten Ordnung im Haus und entdeckte dann die Nachricht.

 

‚Hallo Papa, du bist offensichtlich im Tempel und ich kann nicht länger warten. Mach dir keine Gedanken um mein Motorrad, ich hab zwar gesagt, dass ich den Zug nehme, aber ich fahre doch lieber selber hin, um Eiri nicht auf die Nerven zu gehen wegen des sinnlosen Rumkutschierens. Ich habe alle meine Schulsachen mitgenommen, keine Sorge wegen der Hausaufgaben. Sonntagabend bin ich wieder da, mach dir bis dahin ein paar schöne Tage!‘

 

Zufrieden nickend begann der Mönch, seinen Nachmittagstee zuzubereiten. Ein ruhiges Wochenende lag vor ihm und er war entschlossen, es zu genießen, denn schon bald würde er es mit einem besonders mitteilungsbedürftigen Jüngsten zu tun bekommen – was zweifelsohne all seiner Kräfte bedürfen würde.

 

---

 

Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Noriko Ukai und Ryuichi Sakuma standen auf der Bühne und sahen interessiert dabei zu, wie Tohma Seguchi, Direktor von NG-Records, Keyboarder und Freund Unmengen von Arbeitern durch die Gegend scheuchte, umstellen und umgestalten ließ und dabei immer sein typisch freundliches Lächeln auf den Lippen bewahrte. An diesem besonderen Tag mussten alle mit anpacken, auch die Mitglieder von Bad Luck, Angehörige der Mitarbeiter und sogar Angehörige der Angehörigen. Tohma hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Ryuichis Wunsch, an seinem Geburtstag ein Konzert geben zu können, nachzukommen. Die Zeit dafür war erheblich knapp, aber er wollte nicht mehr Tohma Seguchi heißen, wenn er es nicht mal schaffte, einem Freund einen kleinen Gefallen zu tun.

 

Er wurde angerempelt, sah sich um und lächelte den mit Kabeln bepackten Shuichi an, der augenblicklich in Schweiß ausbrach und mit Lichtgeschwindigkeit das Weite suchte. Er seufzte schwer.

 

Vielleicht war es doch eher ein großer Gefallen. Aber es war ein von Ryuichi geäußerter Wunsch. Und so sollte es also sein.

 

Die bittere Wahrheit war jedoch: die Prozedur verstimmte ihn.

 

Es gab Schwierigkeiten bei der Beleuchtung. Schwierigkeiten bei der Sicherheit. Schwierigkeiten bei der Akustik. Und wer sollte helfen? Tohma Seguchi, das Universalgenie. Wofür, verdammt nochmal, hatte er Fachkräfte aller Sparten engagiert, wenn sie beim kleinsten Problem an seinem Rockzipfel hingen und ihm verzweifelt in den Ohren lagen?!

 

Erschöpft rieb er sich die Augen, als sich ihm auf einmal eine Hand auf die Schulter legte. „Na, gestresst?“, erklang es in dunkler Stimmlage direkt in seinem Rücken und man konnte das hämische Grinsen hinter den Worten erahnen. Tohma lächelte, diesmal nicht aufgesetzt: „Ein wenig. Ich bin überrascht. Hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich hier aufkreuzt. Du willst doch nicht wirklich mit anpacken, oder?“

 

„Für wen hältst du mich? Ich bin gekommen, um andere leiden zu sehen. Vorzugsweise dich.“

 

„Womit hat Shuichi dir gedroht?“

 

„... Liebesentzug.“

 

„Natürlich.“

 

„Nicht, dass mich das jucken würde.“

 

„Natürlich.“

 

„Bin aus freien Stücken hier.“

 

„Zweifellos.“

 

„Tatsuha wird nicht kommen.“

 

Nun, diese Aussage kam nun doch etwas unerwartet. Tohma hob die Augenbrauen und drehte sich endlich Eiri zu, der sichtlich frustriert auf einer nicht entzündeten Zigarette herum kaute, während ihm sein abgenutztes Feuerzeug offenbar den Dienst verweigerte: „Ich bin schockiert. Warum nicht?“ Eiri ließ sich zu einem gleichgültigen Achselzucken herab: „Hab mich geweigert, den kleinen Verrückten bei mir übernachten zu lassen. Keine Bleibe, kein Konzert. Eine von Vaters Launen. Er wird drüber hinwegkommen.“ Tohma schwieg. Endlich schoss eine kleine Flamme empor und sein Schwager zog mit kaum hörbarem erleichterten Seufzen kräftig an der Zigarette. Dann beobachteten beide stumm das eifrige Treiben.

 

Minuten vergingen, ohne dass einer von ihnen etwas sagte, ehe Tohma sich räusperte: „Tut mir leid. Wenn die Feier nicht bei uns stattfinden würde, hätten wir ihn aufgenommen. Ich kann seine Enttäuschung nur erahnen.“ Jetzt war Eiri an der Reihe, überrascht zu sein: „Seit wann interessierst du dich für das Seelenleben meines Bruders? Du solltest froh sein, ihn außerhalb von Sakumas Reichweite zu wissen!“ Tohma seufzte resigniert, druckste einige Sekunden herum und rieb sich dann ratlos die Stirn: „Er hat ein Lied für ihn geschrieben.“ Eiri schnitt eine irritierte Grimasse: „Was?“

 

„Und er fragt ständig nach ihm.“

 

„...“

 

„‚Warum sehe ich deinen Schwager nur noch so selten? Den Jüngeren mit den fröhlichen Augen?‘“

 

„Wovon redest du?“

 

„Eiri ... Ich habe nicht gemerkt, wann das passiert ist, aber Ryuichi interessiert sich brennend für Tatsuha. Ich habe stundenlang auf ihn eingeredet und versucht, ihm die Flausen auszutreiben, aber ich fürchte, ich konnte ihn nicht zur Vernunft bringen. Die Verbindung zu dir und Shuichi hat seine Aufmerksamkeit wohl geradewegs wieder auf ihn gelenkt.“

 

„Aber wie kann er sich an ihn erinnern? Wir haben ihn seit damals doch so gut es ging von ihm ferngehalten?“

 

„Ich bitte dich, Eiri. Wie viele Autogramme bunkert Tatsuha jetzt schon? Er steht doch in jeder Autogrammstunde an vorderster Front. Sein Enthusiasmus amüsiert Ryu schon lange. Und weil du ihn jedes Mal, wenn er dich sieht, an dein ‚lustiges Alter Ego‘ erinnerst, ist es nicht wie mit irgendeinem anderen Fan, der ihm sympathisch ist und den er nach zehn weiteren Unterschriften wieder vergessen hat. Außerdem macht Tatsuha ständig auf sich aufmerksam, ob nun mit Absicht oder nicht“, Tohma lachte trotz bedrückter Miene, „Er ist halt ein Uesugi durch und durch.“ Eiri runzelte misstrauisch die Stirn: „Du redest, als sei erst kürzlich was passiert.“ „Ach, das Übliche“, winkte er unwillig ab, erbost über sich selbst, dass ihm in seiner Sorge etwas herausgerutscht war, worüber sich niemand sonst Gedanken zu machen brauchte, „Beim letzten Konzert hat er sich mit ein paar Störenfrieden angelegt, die eine Gruppe Fans belästigt haben. Anscheinend hat sich eine Freundin von ihm darunter befunden. Es kam beinahe zu einer Schlägerei. Die Sicherheit hat alle Beteiligten aus dem Saal entfernt, Tatsuha inbegriffen. Später hat mich Ryu gebeten, ihm eine persönlich an ihn gerichtete Autogrammkarte zu überbringen. Und auf der Rückseite ...“

 

„Stand seine persönlich an meinen minderjährigen Bruder gerichtete Handynummer?“

 

„Korrekt.“

 

„Euer Bandleader ist ein pädophiles Schwein.“

 

„... Sieht fast so aus.“

 

Eiri starrte zu Boden, während er die Zigarette zwischen den Fingern hin und her drehte: „Und?“ Tohma zuckte die Achseln: „Ich habe sie entsorgt und Ryu glauben lassen, Tatsuha sei nicht interessiert. Dass er nur ein Fan sei.“ Beide Männer kicherten und Eiri schüttelte fassungslos den Kopf: „Ich verwette meine rechte Hand darauf, dass er für heute einen Sturm auf Sakumas Wohnung geplant hatte. Soviel zu ‚nur ein Fan‘.“ Dann wurde seine Miene wieder ernst: „Es ist besser so. Nicht auszudenken, was passierte, wenn wir sie unbeaufsichtigt miteinander verkehren ließen.“ Tohma nickte nur, den Blick zum Grasper-Sänger wandern lassend, der sich weit entfernt vor der Bühne aufgeregt mit Noriko unterhielt. Doch ein beunruhigender Gedanken ließ ihn nicht mehr los.

 

‚Allerdings ist Ryu jetzt erst richtig heiß auf ihn.‘

 

Wenn die beiden intriganten Männer gewusst hätten, dass sie ihren Bruder direkt in die Arme eines traurigen Schicksals trieben, hätten sie sich mit Kusshand mit einer Anzeige wegen Verführung Minderjähriger auseinandergesetzt.

 

Dieses Schicksal hauste in einem schäbigen Appartement am Rande Tokios. Es hatte braune, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare, braune Augen, trug einen abgewetzten Ledermantel und hörte auf den Namen Yuma Kitazawa.

 

---

 

Tatsuha war jenseits aller Sorgen.

 

Tausende von treuen Grasper-Fans standen in bebender Spannung um ihn herum, unterhielten sich und lachten, tanzten und sangen. Bald würde alles perfekt sein – in dem Augenblick, in dem Ryuichi Sakuma die Bühne betrat.

 

Seinen Stammplatz in den vorderen Reihen hatte sich Tatsuha diesmal nicht erkämpft, schließlich war es sicherer für ihn am schattigen Rand der Halle, denn das Letzte, was er jetzt brauchte, war ein aufgeregt johlender und winkender Shuichi oder ein anderes bekanntes Gesicht, das das Jüngste Gericht für ihn einläutete.

 

Er strahlte selig. Hier fühlte er sich wohl. Und das hatte ihm seine gemeine Sippe verleiden wollen!

 

Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass ein gutes Stück entfernt von ihm ein Mann im Schatten einer der mannshohen Lautsprecherboxen stand, der sein Leben auf den Kopf stellen sollte.

 

Yuma starrte mit leeren Augen auf das auf der Bühne aufgestellte Keyboard.

 

Tohma Seguchi. Der Mann, der Eiri Uesugi nach Amerika gebracht hatte. Der Mann, der Yuki Kitazawa als dessen Lehrer engagiert hatte.

 

Der Mann, der Mitschuld am Tod Yuki Kitazawas trug.

 

Der Mann, der an diesem Tage dafür bezahlen würde.

 

Seine Hand ballte sich um den kalten Schaft der Pistole in seiner Manteltasche.

 

Alles war perfekt geplant. Seit rund einem Jahr lebte er nun schon in Tokio und beobachtete sein Ziel. Tohma war ein Arbeitstier, die meiste Zeit über befand er sich im NG-Gebäude oder war unterwegs. Nur selten verbrachte er Zeit zu Hause bei seiner Frau. In allen drei Fällen befanden sich stets Bodyguards in seiner Nähe und diese machten ihre Arbeit gut. Schon sehr bald war ihm klargeworden, dass er nur während eines Konzerts eine vage Chance hatte, den Keyboarder zu ermorden und mit viel Glück unerkannt zu entkommen.

 

Und an diesem Tag war es endlich so weit.

 

Niemand konnte sich vorstellen, wie sehr er Tohma hasste! Dieser verfluchte Mistkerl reiste ungebeten in sein Land, brachte einen verhaltensgestörten Jugendlichen mit und drückte ihn seinem kleinen Bruder aufs Auge. Wie oft hatte Yuki ihm vorgejammert, wie sehr ihn die Anhänglichkeit dieses Balgs belastete. Er erinnerte sich noch gut an den unterdrückten Zorn, den Yuki stets zu verbergen versucht hatte.

 

Tief in dunkle Gedanken versunken runzelte er die Stirn, während er eines ihrer frustrierenden Gespräche Revue passieren ließ.

 

‚Ich werde noch wahnsinnig!‘

 

‚Ist es wirklich so schlimm? Er sieht so freundlich aus.‘

 

‚Ist er ja auch! Aber er hängt mir die ganze Zeit am Rockzipfel! Die ganze Zeit Yuki hier, Yuki da! Und weil das Herzchen ein kleines Sensibelchen ist, darf man ihm auf keinen Fall widersprechen. Entweder ich schlucke alles oder hab Seguchi am Arsch!‘

 

‚Dann steig aus, bevor es dich fertigmacht. Ich habe dich schon lange nicht mehr so angespannt erlebt. Du bist doch kein Psychiater!‘

 

‚Aber ich brauche die Kohle, Yuma. Das Studium berappt sich nicht von allein. Und weil Seguchi mir so viel versprochen hat, habe ich den Job bei Walter’s aufgegeben.‘

 

‚...‘

 

‚Ich bin total genervt. Er ist so eine verdammte Klette.‘

 

‚Yuki, hör mal, ich könnte ihn doch von Zeit zu Zeit übernehmen. Stell mich ihm vor, ich bin sicher, dass wir uns gut verstehen werden. Das würde dich bestimmt entlasten.‘

 

‚Nein.‘

 

‚Aber-‘

 

‚Nein! Ich will dich da nicht mit reinziehen. Du weißt nicht, worauf du dich einlässt!‘

 

‚Es macht mir nichts-‘

 

‚Es wird dir etwas ausmachen. Du würdest spätestens beim dritten Treffen ausrasten. Er bringt sogar mich auf die Palme und du kennst meine Engelsgeduld! ... Oh Mann, ich will endlich mal wieder Zeit für Jess haben. Ist das zu fassen? Ich sehe Eiri öfter als meine eigene Freundin!‘

 

‚...‘

 

‚Weißt du, was ich ihm versprechen sollte? Dass ich ihn niemals verlassen würde. Erzähl mir einer was von Psychose.‘

 

‚...‘

 

‚Er ist ein netter Kerl, deshalb sollte ich nicht so reden. Aber es ist einfach so ... entsetzlich belastend. Es ist, als sollte ich seine Familie ersetzen – und mehr. Ich muss ihm ständig sagen, was er tun soll. Er ist vollkommen unselbständig!‘

 

‚Steig aus, Yuki. Du hast ein eigenes Leben. Niemand kann von dir verlangen, die Verantwortung für seins zu übernehmen!‘

 

‚Keine große Wahl im Moment. Nur ... Ich bin so müde, Yuma.‘

 

Nur einen Monat nach diesem Gespräch war Yuki getötet worden. Erschossen von diesem verdammten kleinen Psychopathen! Und der ehrwürdige Tohma Seguchi hatte dafür gesorgt, dass alles „still und vernünftig“ geregelt wurde! Keine Untersuchung, kein Verfahren, keine Strafe. Offiziell hieß es sogar, dass Yuki während eines Auslandspraktikums verschwunden war und nur vermisst wurde.

 

Es hatte Yuma über ein Jahr hartnäckigste Nachforschungen gekostet, die Wahrheit hinter dem Verschwinden herauszufinden.

 

Notwehr?! Eiri hatte sich vor Yuki schützen müssen?! Wer zum Teufel hatte Yuki vor ihm beschützt?!

 

Alles an Einfluss, den er aufwarten konnte, hatte es gebraucht, um ihn rechtmäßig für tot erklären zu lassen. Zuerst hatte er über eine Exhumierung nachgedacht, doch was hätte die schon gebracht? Yuki war eines Verbrechens bezichtigt worden, wegen dem die Öffentlichkeit zweifellos mit Eiri sympathisiert hätte.

 

Nein, alles, was er noch für seinen kleinen Bruder hatte tun können, war, ihn in Frieden ruhen zu lassen.

 

Er war vollkommen hilflos gewesen.

 

Yuma kniff die Augen zusammen und biss angestrengt die Zähne aufeinander, um nicht auf der Stelle loszuschreien und Amok zu laufen. Nein, er würde die Chance nicht verspielen. Nicht so kurz vor dem Ziel.

 

---

 

Endlich war es soweit. Alle Anwesenden wurden kurzzeitig von den Deckenstrahlern geblendet und im nächsten Augenblick ertönte die Stimme: „Hallo, Leute! Ich bin überglücklich, euch heute so zahlreich begrüßen zu dürfen! Wie ihr ja wahrscheinlich schon mitbekommen habt, bin ich Ryuichi Sakuma und heute ist mein Geburtstag, den ich mit euch, treue Grasper-Fans, gebürtig feiern will! Wollt ihr mit mir feiern, Freunde?!“ Die Menge brüllte geschlossene Zustimmung.

 

„Perfekt! Na dann, Tohma, Noriko! Legt los!“

 

Tatsuha stimmte mit den anderen Fans in ein kollektives Begeisterungsgeschrei ein, als in ohrenbetäubender Lautstärke die ersten Akkorde von „Shining Collection“ aus den Boxen dröhnten.

 

Ein Song nach dem anderen wurde gespielt und er sang mit, wo er konnte, tanzte bei den rockigeren Titeln und heulte bei den melancholischen Liedern und fühlte sich ganz allgemein wie auf Wolke sieben. Da vorne stand er: Sein Hobby, sein Idol, sein bester Freund, der ihn in guten wie in schlechten Tagen begleitet hatte, der ihn niemals alleine ließ. Sein Held! Und er war ihm so nah wie nie zuvor!

 

... Warum war er ihm so nah wie nie zuvor?

 

Ohne es zu merken, hatte sich Tatsuha von seinem Enthusiasmus leiten lassen und sich immer weiter zur Bühne vorgedrängt. Mit ein bisschen Anstrengung hätte er den Boden, auf dem sein Gott wandelte, mit den Fingerspitzen berühren können. An jedem anderen Tag hätte er Glückstränen geweint, doch heute lief es ihm kalt den Rücken herunter.

 

Nah bei Ryuichi hieß nah bei Tohma. Und nah bei Tohma hieß unglücklicherweise ...

 

Oh, Scheiße.

 

Da stand er, mit einer Kippe im Mundwinkel, vor der Brust verschränkten Armen und einem jubelnden Shuichi an der Seite.

 

Eiri beobachtete genervt die Band, senkte dann den Blick und erstarrte, als er einen seltsam vertrauten schwarzen Haarschopf keine Sekunde zu spät in der Menge abtauchen sah. Er runzelte die Stirn.

 

Unmöglich.

 

... Oder?

 

Tatsuha wurde blass, als er beobachtete, wie sich sein Bruder von der Wand abstieß und zögernd in seine Richtung wanderte. Die goldenen Pupillen sprangen von einem Punkt zum anderen. Eiri schien ihn nicht wirklich erkannt zu haben, war aber misstrauisch genug geworden, um nachzusehen.

 

Ein Fluchen entrann Tatsuhas Kehle, während er sich geduckt durch die Masse schob. Den Wasserfall hinunter zu schwimmen, war kein Problem – es wurde nur nie erklärt, wie man wieder hinauf gelangte. Und der blonde Dämon hatte diese verteufelte Ausstrahlung, die die Menschen um ihn herum instinktiv auf Abstand gehen ließ, ganz im Gegensatz zu ihm selbst.

 

Als er die dritte unachtsame Faust vor die Nase bekam, fuhr sein Kopf einmal zu hoch auf und sofort spürte er den eiskalten Blick im Nacken, der ihn ironischerweise in heftigen Schweißfluss ausbrechen ließ. Blitzschnell zog er den Kopf wieder ein und sprintete los.

 

Was sich lediglich in einem etwas schnelleren Trippeln äußerte.

 

Eiris Augenbrauen zogen sich noch enger zusammen. War er paranoid, oder was? Er hatte doch jetzt ganz deutlich die stupide Fresse seines kleinen Bruders gesehen!

 

Oder?!

 

Bei diesem Chaos war es schwer zu sagen. Die Menschenmasse teilte sich vor ihm wie das Meer vor Moses, aber sie vermochte sich leider nicht durchsichtig zu machen.

 

Unbewusst hoben sich seine Mundwinkel in einem finsteren Schmunzeln. Wenn dieser kleine Scheißer tatsächlich die Anordnungen ihres Vaters missachtet und heimlich hergekommen war, würde der Tag vielleicht noch interessant werden.

 

„Oh, Buddha, hilf mir“, dachte Tatsuha verzweifelt, „ab jetzt nehme ich auch meine Pflichten als Mönch immer ernst, versprochen! Nur hilf mir hilf mir hilf mir-“

 

Plötzlich schob sich ihm ein Vorhang in den Weg und er überlegte nicht zweimal, ehe er sich mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen unter den dicken Stoff duckte und sich an die dahinterstehende Säule presste.

 

Keine Sekunde später trat sein Verfolger ins Blickfeld.

 

Eiri blieb unschlüssig stehen, drehte den Kopf zu allen möglichen Seiten, ließ den Blick ziellos umher wandern. Nach gut einer Minute misstrauischer Observation musste er zu dem enttäuschenden Schluss kommen, dass seine Imagination ihm einen Streich gespielt hatte. Außerdem fiel ihm Shuichi keine Sekunde später von hinten um die Taille und moserte: „Was ist los mit dir?! Du kannst mich doch nicht einfach stehenlassen! Komm schon, gleich kommt die Showeinlage, wo Ryuichi sich mit Wasser übergießt, genau wie in dem Film, wie hieß er noch gleich ...“

 

Ihre Stimmen entfernten sich und Tatsuha gönnte sich den Luxus, erleichtert aufzuatmen. Und dann ertönte es dunkel, einen winzigen Hauch höhnisch, aber hauptsächlich abgrundtief erbost über ihm: „Und? Bist du bald mal fertig?“

 

Er konnte schwören, dass sein Herz aussetzte.

 

Yuma hatte den Trubel der Fans dazu genutzt, sich langsam an sein Ziel heranzupirschen. Seine Welt war geschrumpft, je mehr er sich der Bühne genähert hatte. In seinem Sichtfeld hatte es nur noch Tohma Seguchi gegeben. Noch ein paar Schritte für einen sicheren Treffer. Vielleicht noch drei?

 

Zwei.

 

Einer ...

 

Gerade, als er die Pistole schon halb aus der Tasche gezogen hatte, prallte etwas heftig gegen ihn und verschwand blitzschnell unter seinem Mantel. In der Aufregung stockte ihm der Atem.

 

‚Was zum-‘

 

Er sah auf, als gleich darauf ein blonder Mann an ihm vorbeitrat und mit grantigem Blick die Menge beobachtete. Seine eigenen Augen weiteten sich vor Schreck und selbst die Waffe entglitt ihm lautlos zurück in ihr dunkles Versteck.

 

Eiri Uesugi.

 

Hatte er ihn erkannt? Yuma sah Yuki relativ ähnlich, wenn man sie nicht direkt nebeneinanderstellte und verglich. Andererseits wäre Eiri in dem Fall kaum kommentarlos an ihm vorbeimarschiert.

 

Das Wesen unter seinem Mantel vibrierte. Unschlüssig sah er an sich hinunter, konnte aber nur eine Hand erkennen, die sich in seinem Shirt verkrampft hatte.

 

Hatte Eiri jemanden verfolgt? Aber wenn, wen?

 

Yuma wurde von dem lautstark protestierenden Shuichi von seiner ungewissen Spannung abgelenkt. Der Sänger stürmte an ihm vorbei, sprang Eiri an und redete wie ein Wasserfall auf ihn ein. Und als wenn seine Nervosität nicht schon perfekt angeheizt gewesen wäre, traf, als sie an ihm vorbei zurück zur Bühne schlurften, kurz sein Blick auf jenen Eiris.

 

Dessen Augenbrauen hoben sich fast unmerklich und er schien für den Bruchteil einer Sekunde stehenbleiben zu wollen, doch dann sagte er nichts weiter und wanderte davon.

 

Yuma jedoch fluchte in seinen Bart. Eiri hatte ihn registriert. Nicht erkannt, so viel war aus dem Mangel an Aufmerksamkeit ersichtlich, aber später würde er sich seinen Teil denken, wenn Tohma nun plötzlich von einem unbekannten Heckenschützen getroffen werden sollte. Nein, das Risiko war zu groß.

 

Er kam nicht zum Zug. Und das nur wegen ...

 

Mit wachsender Wut schaute er hinunter auf einen schwarzhaarigen Hinterkopf, der den Bewegungen des Schriftstellers gefolgt war und nun leise aufatmete. Yuma konnte nicht anders, er stemmte eine Hand in die Hüfte und ließ seiner Frustration freien Lauf.

 

„Und? Bist du bald mal fertig?“

 

Das dunkle Ebenbild seiner Nemesis starrte ihn mit schockierten braunen Augen an und erneut stockte ihm der Atem. Der andere schien die plötzlich durch seinen Körper jagende Rigidität nicht zu bemerken, brach vielmehr nach einigen peinlichen Sekunden in ein erleichtertes Grinsen aus: „Yo, Alter, hast du mich erschreckt! Du hörst dich fast genauso an wie mein großer Bruder!“

 

Tatsuha richtete sich im Schutz der Lautsprecher zu seiner vollen Größe auf und blinzelte irritiert, als er den Kopf noch ein Stückchen in den Nacken legen musste. Sein Retter legte den eigenen fragend schief: „Was glotzt du so, Kleiner?“ Irritiert zog er einen Schmollmund, zuckte dann aber mit den Schultern: „Binʼs nicht gewohnt, dass jemand größer ist als ich. Gibt nicht viele davon in meinem Bekanntenkreis, nur meinen Bruder, einen durchgeknallten Manager, meinen Klassenlehrer ... Bist du ein Mischling?“

 

Yuma starrte ihn verblüfft an, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass ihn die Frage noch zusätzlich hätte entrüsten sollen – aber dieser Kerl konnte offenbar Beschimpfungen so harmlos aussprechen, wie andere nach der Uhrzeit fragten. Also steckte er nur die Hände in die Manteltaschen und erwiderte ausdruckslos: „Geht dich zwar ʼnen Feuchten an, aber ja, ich bin Halbjapaner. Und du scheinst ja gewaltig Hosenflattern vor Eiri zu haben, wenn du dich ohne zu zögern wildfremden Typen unter die Wäsche wirfst.“

 

Tatsuha stutzte und rieb sich verlegen die Nase: „Ja, das tut mir wirklich leid. Hab dich für ʼnen der Pfeiler gehalten. Bei der Statur kannst du mir aber echt keinen Vorwurf machen, du hast Sixpacks wie ein Ochs... Moment. Woher kennst du meinen Bruder?“ Ein leicht paranoider Ausdruck huschte ihm übers Gesicht, doch Yuma rollte nur mit den Augen und winkte lässig ab: „Eiri Uesugi kennt in diesen Kreisen wohl wirklich jeder. Und dir sagt man sicher nicht zum ersten Mal, dass du ihm gleichst wie ein Ei dem anderen. Und jetzt mach, dass du verschwindest, du hast mir den Tag meines Lebens versaut!“ Abrupt wandte er sich ab und manövrierte sich durch die Masse in Richtung Ausgang. „Irgendwie unheimlich, der Typ“, dachte Tatsuha, der ihm erstaunt hinterher schaute, „Unheimlich, aber cool!“

 

Dann kümmerte er sich nicht weiter darum und konzentrierte sich wieder völlig auf den Supermann auf der Bühne.

 

---

 

Er war so nah dran gewesen!

 

Grenzenlos frustriert rieb sich Yuma die Stirn, während er ziellos durch die nächtlichen Straßen wankte. Er musste verflucht sein, anders konnte er es sich nicht erklären, dass das Schicksal ihm ausgerechnet einen weiteren dieser vermaledeiten Uesugis vor die Füße gejagt hatte. Sein perfide ausgeklügelter Plan war mit einem Schlag den Bach runtergegangen – oder sollte er sagen, mit einem Zusammenstoß?

 

Er kicherte humorlos in sich hinein. Vielleicht hätte er nicht so viel trinken sollen, dachte er, als er die bereits vierte Mülltonne mit auf Wanderschaft nahm. Aber er war so zornig gewesen, dass er seinen Ärger einfach im Alkohol ertränken musste, ehe sein Kopf geplatzt wäre. Nun bereute er es, denn ihm wurde schwindelig und er musste sich an einer Straßenlaterne abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

 

„Hey, Leute, seht mal. Schon wieder so ein Scheißpenner.“

 

„Zu faul zum Arbeiten, was, du Verlierer?“

 

„Geh uns aus der Sonne oder willst du Ärger?“

 

Mit einem genervten Augenrollen seufzte er schwer. Und wieder einmal drei beliebige Individuen, im Grunde intelligente Wesen, die trotzdem nicht gescheit genug waren, ihre übermäßige Freizeit sinnvoll zu nutzen.

 

Die jugendlichen Nachtschwärmer bauten sich hinter ihm auf und grinsten hämisch, und so wandte er sich ihnen ohne besondere Begeisterung zu und musterte sie mit einer Mischung aus Langeweile und Gereiztheit. Einer von ihnen trat eine leere Cola-Dose nach ihm, die an seinem Schienbein abprallte und klappernd auf der Straße zum Liegen kam. Er zuckte nicht mal mit der Wimper.

 

„Ha! Mir scheint, der legt’s wirklich drauf an, Freunde.“

 

„Nein“, dachte Yuma unwillkürlich, „ihr legt es drauf an. Ich für meinen Teil versuche nur, in Frieden diese Serpentinstrecke zurückzulegen, die ich eigentlich als schnurgerade Straße in Erinnerung habe.“ Doch er sagte nichts, machte lediglich einen Schritt zur Seite, um an ihnen vorbei zu schlendern. Als er jedoch mit ihnen auf einer Höhe war, fuhr ihm plötzlich ein Fuß zwischen die Beine.

 

Er seufzte erneut und zog sein folgendes Bein so kraftvoll nach, dass der Angreifer mit einem peinlich hohen Schrei zu Boden ging.

 

Die beiden anderen benötigten einen Moment, um zu begreifen, was passiert war, während er nur seelenruhig weiter schwankte, doch sie erholten sich überraschend schnell von dem Schock. „He, du Mistkerl“, schrie der, den er im Hinterkopf als Rädelsführer eingestuft hatte, „Glaub ja nicht, dass du so davonkommst! Dafür bezahlst du!“ Sie packten ihn an den Armen, während sich das erste Opfer mühsam wieder aufrappelte: „Gut so, haltet ihn schön fest, wir wollen doch nicht, dass er nach dem ersten Schlag schon umkippt!“ Gekicher erklang um ihn herum und der Delinquent baute sich drohend vor ihm auf, grinsend eine Hand in die andere boxend. Yuma bedachte die Geste der Überlegenheit nur mit einem gelangweilten Stirnrunzeln.

 

Doch plötzlich spürte er ein leichtes Prickeln in sich aufsteigen. Ahnungsvoll hielt er die Luft an und kniff die Augen dabei fest zu. Heiliges Kanonenrohr, einen schlechteren Zeitpunkt hatte sich sein Körper nicht aussuchen können.

 

„Ha, seht ihr, jetzt hat er die Hosen voll!“

 

Yuma fing an zu zittern und legte leicht den Kopf in den Nacken.

 

„Ja, Mann, bete schon mal. Aber glaub nicht, dass sich Gott um so einen Abschaum wie dich kümmern wird!“

 

Yuma atmete so tief ein, wie er konnte und ...

 

Nieste seinem Gegenüber geradewegs ins Gesicht.

 

Nach getanem Werk blinzelte er und schnupfte ein wenig, ehe er sich wieder auf den Angreifer konzentrierte: „Entschuldige, Kleiner, was sagtest du? Ich war kurz abgelenkt ... Oh! Ach du lieber Scholli, das tut mir leid. Wenn es trocknet, lässt es sich sicher abkratzen.“

 

Der Junge schrie zornentbrannt auf und schlug zu.

 

Er traf nur leere Luft. Yuma war abgetaucht und schickte alle drei Raufbolde auf einmal mit einem schnellen Rundumkick zu Boden. Dem Pechvogel, der zufällig neben ihm landete, jagte er zusätzlich einen Ellenbogen in den Magen und vernahm zufrieden ein schmerzerfülltes Grunzen. Während sich sein Opfer stöhnend zusammenkauerte, stand er schwindelnd auf: „Also gut, Kinder. Wenn ihr nicht wollt, dass euer Sextett nach Hause rollen muss, solltet ihr es gut sein lassen und euch verziehen. Ich bin wirklich nicht gut drauf.“

 

Das Sextett, das grundsätzlich noch immer ein Trio war, hörte selbstverständlich nicht auf ihn.

 

Sich nicht darauf verlassend, in seinem Zustand zielgenau zuschlagen zu können, setzte er bei ihrem nächsten Angriff lieber auf einen weiteren Rundumkick aus einem flinken Handstand. Zwei von ihnen erwischte er, der dritte taumelte rechtzeitig zurück. Yuma hob anerkennend die Augenbrauen: „Oh, Glückwunsch. Dein IQ übersteigt den der meisten Pilze!“

 

Sein Aggressor zückte ein Messer.

 

„Oh, komm schon. Das willst du nicht wirklich.“

 

Der Junge brüllte etwas Unverständliches, was sich in seinen beschwipsten Ohren anhörte wie „Schkidichbrädiumduuse“ und stürmte geradewegs auf ihn zu. Yuma holte mit der Faust aus ...

 

Und sein Gegner wurde im nächsten Augenblick seitwärts in eine Mauer geschleudert, in der er mit dem Kopf steckenblieb und daraufhin nur noch kläglich mit den Beinen zuckte.

 

Yuma stutzte und folgte den rollenden Bewegungen einer vollen Cola-Dose, die an seinem Schuh zu einem jähen Stopp kam.

 

„Hey, Alter“, rief ihm Tatsuha, noch immer in Pitcherpose, von der anderen Straßenseite zu, „alles klar bei dir?“ Yuma nickte nur: „Eine Frage: Was hat der Kerl gerade gesagt?“ „Ich kill dich, ich bring dich um, du Sau“, übersetzte man ihm bereitwillig.

 

„Ah.“

 

Yuma öffnete die Coke, steckte sie dem zuckenden Bündel umgedreht zwischen Steiß und Hosenbund, steckte die Hände in die Manteltaschen und zog von dannen.

 

Er hörte eilige Schritte hinter sich und weinte Tränen der Verzweiflung. Wusste dieser Typ nicht, wann es genug war? „He, warte doch! Du siehst aus, als könntest du Hilfe brauchen“, beharrte Tatsuha, „Wenn du mir sagst, wo du wohnst, nehme ich dich auf meinem Bike mit!“ „Nein, danke“, knurrte er missmutig zurück, „ich komme bestens alleine klar.“

 

„Aber du taumelst, als wenn du zehn Liter Whiskey gekippt hättest! Und da vorne ist eine-“

 

Yumas Schienbein kollidierte mit einem schweren Gegenstand, noch ehe die Warnung ausgesprochen war.

 

„AUTSCH! Ja, herzlichen Dank, SCHEISSVERFICKTEMÜLLTONNENSCHEISSE! Geh heim, siehst du nicht, dass du mir auf den Geist gehst?!“

 

„Du könntest ruhig ein bisschen höflicher sein, immerhin habe ich dir gerade das Leben gerettet.“

 

„Ja, sicher. Und ich dir deins vorhin im Konzert. Ich denke nicht, dass ich dir irgendwas schulde.“

 

„Gar nicht wahr, das war doch nichts Ernstes!“

 

„Deinem Gesicht nach zu urteilen hätte dich die Apokalypse erwartet. Wir sind also quitt.“

 

„Oh, komm schon! Nimm Hilfe an, wenn sie dir angeboten wird!“

 

„Irgendwie habe ich das unangenehme Gefühl, dass du was von mir willst.“

 

„Ach was, wie kommst du darauf?“

 

„Du folgst mir wie ein verdammter Streuner! Also sprich dich aus und verzieh dich!“

 

„Warum soll ich mir die Mühe machen, es dir zu sagen, wenn ich mich danach sowieso verdrücken muss?“

 

„Weil ich ein menschliches Wesen mit Bedürfnissen bin. Eines davon ist, meine angeborene Neugierde zu stillen. Also, lass ausser Lippe fallen.“

 

Tatsuha stupste verlegen die Zeigefingerspitzen zusammen: „Naja, das Konzert ist zu Ende und ich bin ziemlich pleite und hab keine Bleibe. Und da bin ich zufällig dir über den Weg gelaufen und dachte, wenn Fremde in Tokio zweimal aufeinandertreffen, muss es ein Wink des Schicksals sein! Also habe ich meine letzte Dose Reiseproviant geopfert, um dir zu helfen, ehe dich der Kerl wie Schweinebraten aufschlitzt und bin der Meinung, dass dir das durchaus eine Gegenleistung wert sein sollte ...“

 

„Was ... willst ... du.“

 

„Kannst du mich das Wochenende über in deiner Bude übernachten lassen?“

 

„Klar, hol deine Sachen.“

 

„EHRLICH?!“

 

„Nein.“

 

„Wie kann dir dein eigenes Leben so wenig wert sein?!“

 

Yuma blieb abrupt stehen und massierte sich die Schläfen. Tatsuha stoppte ebenfalls und grinste ihn gewinnend an. Er schüttelte resigniert den Kopf: „Bin ich hier der Einzige, der ein Problem erkennt? Du fragst einen wildfremden Kerl, ob du drei Tage in seiner Wohnung verbringen kannst und erwartest, dass er dich mit Freuden aufnimmt? Ist das nicht vielleicht ein bisschen zu optimistisch?“ Doch Tatsuha wirkte völlig arglos: „Das passt schon! Ich bin ein Mönch, weißt du? Ich habe diese göttlichen Instinkte und so. Von dir geht keine düstere Aura aus, höchstens ein bisschen Depression. Du bist in Ordnung!“ Yumas Braue zuckte.

 

‚Verarscht ihr mich alle?‘

 

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als irritiert den Kopf zu schütteln und energisch davon zu marschieren: „Schon mal dran gedacht, dass du in meinen Augen nicht in Ordnung sein könntest?“ Erneut verfolgte man ihn und er musste sich sehr zwingen, seine Pistole in dieser Nacht nicht doch noch zu gebrauchen.

 

„Also, lässt du mich?“

 

„Nein!“

 

Verfluchter Alkohol.

 

Eine halbe Stunde später hielt Tatsuha am Straßenrand. Er schaute am Gebäude hoch und rümpfte die Nase: „Autsch. Was für ʼne heruntergekommene Gegend!“ „Wenn’s dir nicht passt, ich halte dich nicht zurück“, ertönte es in seinem Rücken. „Home sweet home“, trällerte er daraufhin vergnügt und half Yuma vom Motorrad.

 

Mit etwas Mühe schafften sie es in den dritten Stock, wo Yuma seine Schlüssel zückte und eine mit Graffiti beschmierte Tür öffnete: „Fühl dich wie zu Hause, aber handele nicht danach, was bedeutet, in dieser Wohnung wird nur addiert, nicht subtrahiert, capisce?“ „Si, capisce“, strahlte Tatsuha und setzte sich auf den nächstbesten Stuhl, „Wow, von persönlicher Note hast du aber auch noch nie was gehört, oder? Das ein oder andere Poster? Ein paar Magnete am Kühlschrank? Topfpflanzen?“ Yuma streifte sich motivationslos den Mantel ab und fiel vornüber aufs Bett: „Ist eh nur temporär gewesen, morgen fliege ich zurück nach Amerika. Gute Nacht.“ Tatsuhas Kopf fuhr auf: „Was?! Hey, du hast mir gesagt, ich könnte hier drei Tage verbringen!“ Yuma murmelte gleichgültig: „Kannst du auch, Kleiner, die Miete ist für den ganzen Monat bezahlt. Gute Nacht.“

 

„Hey, nur fürs Protokoll: Ich heiße Tatsuha, nicht Kleiner. Tatsuha Uesugi.“

 

„Hochinteressant. Gute Nacht.“

 

„... Verrätst du mir auch deinen Namen?“

 

„Nein. Gute Nacht.“

 

„Komm schon! Sei nicht so unkooperativ!“

 

„Ich lasse dich in meiner Wohnung übernachten. Für mich ist das Kooperation genug. Gute. Nacht.“

 

Tatsuha schmollte. Eine ganze Weile saß er still da und lauschte der gleichmäßigen Atmung seines unfreiwilligen Zimmergenossen. Als Yuma endlich ein paar leise Schnarchlaute von sich gab, grinste er dämonisch, schlich zu dem am Boden liegenden Mantel und begann eifrig, die Taschen zu durchwühlen.

 

Das erste, was er fand, war ein Bild von zwei brünetten Jungs. Der ältere der beiden schlief soeben seinen Rausch neben ihm aus. Der Jüngere erschien ihm seltsam vertraut.

 

Doch als er sich auch nach mehreren Minuten schärfster Konzentration weder an das „Wann“, noch das „Wo“ erinnern konnte, legte er es als Zufall zu den geistigen Akten und wühlte erneut im Mantel herum.

 

Als nächstes fiel ihm eine Brieftasche in die Hände und er fischte neugierig den Personalausweis heraus.

 

‚Yuma Kitazawa. Kitazawa ... Noch nie gehört. Yuma ... ‚Traum‘, wie?‘

 

Er sah zu dem schlafenden Mann hinüber, steckte die Brieftasche zurück an ihren Platz und machte sich auf, eine Decke zu suchen. Dabei blieb er jedoch an einem Mantelzipfel hängen, stolperte und fiel mit lautem Krachen zu Boden, wo er leise stöhnte und sich wimmernd die Nase rieb. Schnell schaute er Richtung Bett, in der Befürchtung, seinen grantigen neuen Freund aufgescheucht zu haben, doch Yuma hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Ein Hoch auf den Alkohol!

 

Als er aufstand, stieß sein Fuß an ein kleines, schweres Objekt.

 

Eine Pistole.

 

Tatsuha starrte erst perplex darauf hinab, hob sie dann jedoch hastig auf, wischte sie mit einem Ärmel ab und schob sie flink zurück in Yumas Tasche. „Meine Güte“, dachte er, während er anschließend einen verdächtig aussehenden Schrank durchstöberte und triumphierend eine dort entdeckte Wolldecke heraus kramte, „Amis und ihre Paranoia!“

 

Yuma ließ die Schlösser des Koffers zuschnappen und begann dann damit, seine Reisetasche zu packen.

 

Tatsuha hockte rittlings quer neben ihm auf einem Küchenstuhl und plapperte pausenlos auf ihn ein. Wie dankbar er ihm wäre, dass er ihm eine Bleibe gab, wie cool sein Auftritt als „Drunken Master“ in der vergangenen Nacht gewesen war und wie aufregend er Amerika fände.

 

Er hingegen machte gute Miene zum bösen Spiel und leistete herausragende Arbeit bei der Verschleierung des mörderischen Katers, der hartnäckig an seinen Eingeweiden kratzte. Auch verschwendete er keinen Gedanken daran, dass Tatsuha ihn auf einmal ständig mit Namen ansprach – er hatte ihn ihm wohl irgendwann im Suff genannt. Obschon Eiris Bruder, schien Tatsuha absolut nichts damit zu verbinden, und so tat auch er es nicht.

 

Das letzte Hemd verschwand in der Tasche und Yuma griff sich endlich den Mantel. Während er ihn überstreifte, sagte er: „Also gut, mach mal Pause! Ich bin weg. Sobald du den Schlüssel nicht mehr brauchst, wirf ihn einfach in den untersten Briefkasten. Um alles andere kümmere ich mich. Verstanden? Okay. Mach’s gut.“ „Hey, warte“, rief Tatsuha jedoch, ehe er auch nur einen Fuß vor den anderen setzen konnte, „ich revanchier mich für die Freundlichkeit und bring dich zum Flughafen! Ich spendier dir sogar einen Kaffee!“ Yuma winkte gereizt ab: „Strapazier meine Gastfreundschaft nicht über! Wir sind keine Freunde, noch nicht mal Bekannte. Ich kann dich noch nicht mal leiden! Außerdem bin ich durchaus in der Lage, mir ein Taxi zu rufen!“ Tatsuhas Augen wässerten sich: „Aber ich muss mich doch irgendwie für deine Freundlichkeit erkenntlich zeigen! ... Ich weiß! Gegenüber ist ein Café! Lass uns dorthin gehen!“

 

Yuma ließ verzweifelt die Stirn in eine Hand sinken.

 

Wenig später gesellte sich zur Verzweiflung Verlegenheit, während er Tatsuha dabei zusah, wie dieser einen Pfannkuchen nach dem anderen inhalierte: „Du den Kaffee, ich den ganzen Rest, wie? Du gehst mit einer Unverschämtheit durchs Leben, die Ihresgleichen sucht. Bist du sicher, dass du Eiri Uesugis Bruder bist?“ Tatsuha nickte strahlend: „Selbstverständlich! Ich kann dir ein Autogramm von ihm besorgen! Isst du das noch?“ Yuma schob ihm seufzend seinen Obstsalat zu: „Ich bin nicht sonderlich interessiert an ihm, herzlichen Dank. Seit wann hast du eigentlich nichts mehr gegessen?“ Tatsuha hielt kurz kauend inne: „Gestern Mittag hab ich noch eine Portion Reis verdrückt. Danach gabʼs nur noch Snacks. Nicht sehr sättigend, wenn du verstehst! Weißt du, was ich mich schon die ganze Zeit frage? Du hast ihn schon gestern bei seinem richtigen Namen genannt, das macht kaum einer, noch nicht mal ich oder meine Schwester. Ich glaube sogar, nur mein Vater besteht noch auf das ‚Uesugi‘. Warum nennst du ihn nicht wie alle anderen Eiri Yuki?“ Yuma zuckte kurz. Dann schloss er verärgert die Augen und knurrte schlicht: „Weil der Name nicht zu ihm passt.“

 

Wie konnte er es wagen, den Namen des Mannes zu entweihen, den er auf dem Gewissen hatte?

 

Tatsuha legte den Kopf schief. Dann schmunzelte er: „Eigentlich hast du recht! Aber wenn ich darüber nachdenke, wie es sich anhören würde, wenn sein Partner die ganze Zeit ‚Uesugiiiiiiii‘ durch die Wohnung brüllen würde ... Nein, dann lieber ‚Yukiiiiiiii‘!“

 

Unter dem Tisch ballte sich Yumas Hand zur Faust. Wenn er daran dachte, wie respektlos sie mit dem Andenken seines Bruders umgingen, wurde ihm schlecht vor Wut. Andererseits wusste es sein ahnungsloser Gegenüber offenbar nicht besser. Immerhin war es bereits sieben Jahre her.

 

„Er hat sich nach seinem Amerikaaufenthalt umbenannt. Schon bevor er als Schriftsteller berühmt geworden ist. Ich habe nie verstanden, warum er plötzlich nicht mehr zu uns gehören wollte. Er war immer so nett, aber dann ...“

 

Überrascht hob Yuma den Kopf. In Tatsuhas Stimme hatte sich etwas eingeschlichen, was er nur als „Schwere“ bezeichnen konnte. Doch so plötzlich wie es kam, so schnell war die eigenartige Emotion auch schon wieder verschwunden und der Junge schwatzte unbekümmert weiter. „Seitdem trägt er unsichtbare Gewichte am Mundwinkel“, er zog mit den Zeigefingern die eigenen nach unten, „und wechselt, wenn du Glück hast, maximal fünf Wörter mit dir! Und vier davon sind meist ‚Scheiße‘, ‚Verschwinde‘, ‚Vollidiot‘ und ‚Schnauze‘.“

 

„Und er hat dir nie erzählt, was ihn zu dieser drastischen Persönlichkeitsveränderung veranlasst hat?“

 

„Nein. Das Einzige, was ich mir immer wieder anhören musste, war, dass mich das nichts angehen würde und ich meine Nase nicht in Sachen stecken sollte, die zu hoch für den Intellekt eines Brötchens sind.“

 

Tatsuha lachte lauthals. Dann schob er sich ein Frühstücksei in den Mund und fuhr fort: „Irgendwann habe ich mir dann gedacht, wenn er bereit ist und ich kein dummes Balg mehr, wird er es mir schon erklären. Dann werde ich ihn verstehen und ihm helfen können! Und dann wird wieder alles wie früher!“ Den dicken Kloß im Hals verschluckte er mitsamt dem Ei: „Außerdem glaube ich, dass er mich mit seinem Schweigen nur vor irgendetwas richtig Üblem beschützen will. Ich war damals erst zehn Jahre alt. Er hält mich wahrscheinlich nur auf Abstand, weil er nicht möchte, dass ich auch einen psychischen Knacks bekomme!“

 

Er hielt inne, blickte zu Boden und löffelte eilig den Obstsalat, um sich zum Schweigen zu bringen. Er wollte Yuma nicht mit seiner trübsinnigen Geschichte vergraulen. Kein Mensch mochte schließlich düstere Schwarzseher, richtig? Er wusste nicht einmal, weshalb er ihm das alles erzählte.

 

Yuma ließ indessen eine wichtige Information sacken.

 

Siebzehn Jahre.

 

Der Bengel war erst siebzehn verdammte Jahre alt. Er wusste absolut nichts über die Geschehnisse in Amerika, nicht das kleinste unwichtige Detail. Er ließ sich seit sieben Jahren von seinem Bruder wie Dreck behandeln, ohne sich zu beschweren, ja, er rechtfertigte die abweisende Haltung sogar noch und verteidigte Eiri vehement. Wie unglaublich edelmütig und liebenswert.

 

Wie hoffnungslos naiv.

 

Tatsuha begriff anscheinend selbst nicht, dass ihn Sorgen, Angst und Trauer um seinen Bruder um unglaubliche sieben Jahre hatten altern lassen! Und seine Verwandtschaft! Hielten diese emotional völlig verkeilten Wahnsinnigen es für normal, dass ein Teenager mit dem gleichen Gesicht seines dreiundzwanzigjährigen Bruders umherlief? Er war noch ein Kind, in Dreiteufelsnamen!

 

Und plötzlich schlich sich ihm ein Gedanke auf, den er auch nach mehreren Versuchen nicht beiseite zu schieben vermochte.

 

Was würde wohl geschehen, wenn sie ihren reizenden kleinen Bruder verlieren würden?

 

---

 

Yuma schob sich energisch durch die Menschenmassen des Flughafens. Er war so zornig wie schon lange nicht mehr – nur dieses Mal war er selbst das Ziel seiner Wut.

 

Was um alles in der Welt war los mit ihm?!

 

Wie hatte er auch nur einen Moment darüber nachdenken können, einem unschuldigen, nichtsahnenden Menschen das Hirn wegzublasen?! Mit den mörderischen Gedanken Tohma gegenüber hatte er sich im Laufe der Zeit ja arrangieren können. Der Keyboarder trug Schuld an dem Vorfall, daran gab es überhaupt nichts zu rütteln.

 

Aber Tatsuha?! Tatsuha war gottverdammte zehn Jahre alt gewesen und hatte nicht das Geringste mit der ganzen Sache zu tun gehabt!

 

Er konnte es immer noch nicht glauben. Normalerweise hatte er eine exquisite Auffassungsgabe, aber er hatte tatsächlich geglaubt, dass es sich bei den Uesugibrüdern um Zwillinge handelte und der jüngere sich im verzweifelten Versuch, sich aus dem Schatten des berühmten älteren herauszulösen, die Haare gefärbt hatte. Dass er wirklich um so viel jünger war, hätte er noch vor zwei Stunden für unmöglich gehalten.

 

Nun fuhr er unbeherrscht herum: „Was zur Hölle willst du noch von mir?! Schon allein die Tatsache, dass ich dir meine Wohnung zur Verfügung stelle, kann mich in Teufels Küche bringen! Ich habe dich für volljährig gehalten! Hast du schon mal den Begriff ‚Jugendschutzgesetz‘ gehört? Hör auf, mir Ärger zu machen und hefte dich nicht wie eine Klette an mich!“

 

Tatsuha, der ihm mit treuherzigen Augen auf dem Fuße folgte, grinste ihn glücklich an: „Ich weiß auch nicht, ich kann dich einfach gut leiden! Hey, Yuma, wenn du wieder zurückkommst, besuchst du mich dann?“

 

„Ich komme nicht zurück. Habe ich auch nie behauptet. Und jetzt geh!“

 

„Woher willst du das jetzt schon wissen? Heimat ruft immer, schließlich hast du japanische Wurzeln. Und wenn du zurückkommst, kannst du mir was über Amerika erzählen. Weißt du, Herr Sakuma lebt auch in Amerika und kommt nur ab und zu nach Japan zurück. Es muss dort absolut klasse sein, wenn ein Gott wie er sich ausgerechnet dieses Land als neue Wahlheimat aussucht, stimmt’s?“

 

„Junge, hat dir eigentlich nie jemand beigebracht, zu erkennen, wann Schluss ist? Wie deutlich muss ich meine Antipathie noch zum Ausdruck bringen, bis du endlich kapierst, dass deine Anwesenheit unerwünscht ist?“

 

Beide blieben ruckartig stehen, er drehte sich um ...

 

Und fand sich dazu versucht, sich in schierer Verzweiflung die Haare zu raufen.

 

Tatsuha schien grundsätzlich nur das zu hören, was er hören wollte, denn er strahlte ihn noch immer ungebrochen wie ein Heizstab an und sah beinahe so aus, als wenn er ihn jeden Augenblick fragen würde, ob er ihn nicht mitnehmen könnte, gerade so, wie er es letzte Nacht getan hatte.

 

Warum nicht? Dann werden wir sehen, wie Seguchi reagiert, wenn man ihm einen seiner Lieben nimmt. Mal sehen, ob er dann auch „still und vernünftig“ handelt.

 

Yuma schüttelte energisch den Kopf, um sein verräterisches inneres Stimmchen zum Schweigen zu bringen und eilte weiter Richtung Flugkontrolle. Ja, er war bereit gewesen, den NG-Direktor umzubringen. Er war kein Kind von Unschuld, schon allein, weil er dazu bereit gewesen war. Der Gedanke, Tatsuha atmend und an einem Stück mit in die Staaten zu nehmen, stellte schon eine wesentliche Verbesserung vorangegangener Mordgelüste dar. Nichtsdestotrotz war es ein Verbrechen.

 

Und wie es sie getroffen hätte. Nicht mal geistesgestörte Bastarde wie Eiri und Tohma hätten den Verlust eines Familienmitglieds einfach so weggesteckt. Es versprach sogar eine noch süßere Rache, ihnen dieselbe Trauer und Hilflosigkeit aufzuzwingen, wie er sie nach Yukis Tod erleiden musste, als sie einfach nur ins Nirwana zu befördern.

 

Immer noch spürte er Tatsuhas vehemente Präsenz im Rücken. Er war sich inzwischen fast sicher, dass dieser Junge mindestens so verrückt wie der Rest seiner Familie sein musste. Einem wildfremden Mann in die Wohnung zu folgen war schon eigenartig genug. Aber ihn auch noch am Flughafen verabschieden zu wollen, als würden sie sich ewig kennen ...

 

Lass sie das Leid fühlen, das du durchgemacht hast! Nimm den Bengel mit! Du hast die Möglichkeit! Carpe diem!

 

Endlich kam die Kontrolle in Sichtweite. Je schneller er dieses unsägliche Land verließ, desto schneller würden sich seine Nerven wieder beruhigen. Er durfte nur seinen gefährlichen Gedankengang nicht zu Ende stricken.

 

Das bist du Yuki schuldig!

 

Er blieb so abrupt stehen, dass Tatsuha in seinen Rücken prallte, drehte sich aber nicht nochmal um. „Hör auf, mir hinterherzurennen, Kleiner“, knurrte er drohend und mit kühler Beherrschung, „Es sei denn, du willst mich auf dem ganzen Weg begleiten.“

 

‚WAS?!‘

 

Er hörte, wie Tatsuha den Atem anhielt.

 

Eine Minute lang sagte keiner von ihnen ein Wort.

 

‚Was soll das?! Bin ich noch ganz richtig im Kopf, es tatsächlich in Erwägung zu ziehen? Und er! Warum scheint es mir so, als ob er diesen Wahnsinn wirklich überdenken würde?!‘

 

„Was wäre denn, wenn ich dich den ganzen Weg begleiten wollte?“

 

‚Stopp! Bis hierhin und nicht-‘

 

„Dann kaufst du dir besser so schnell es geht ein Ticket. Ich warte noch genau zehn Minuten.“

 

Heilige Mutter Gottes.

 

---

 

Er hatte es getan.

 

Er hatte einen Flugangestellten bestochen, um einem Minderjährigen ohne Ausweis und Reisepass ein Flugticket zu kaufen. Er hatte besagten Minderjährigen sowie eine Browning durch die Erpressung eines ihm gut bekannten Kontrolleurs bis auf den Flugsteig geschleust. Und nun saß er im Sitz der Maschine und starrte völlig lethargisch auf die Kopfstütze des Vordermanns, während Tatsuha mit infantiler Begeisterung am Fenster klebte und die immer kleiner werdende Landschaft bestaunte, bis sie unter einem Wolkenschleier verdeckt wurde.

 

„Das ist ja so cool“, hauchte der Junge, „ich wollte schon immer mal fliegen, aber Tohma und Aneki haben mich nie mitnehmen wollen. Als ich Aniki mal gebeten habe, mich nach Amerika zu begleiten, hat er mich rausgeschmissen und zwei Wochen lang nicht mit mir geredet. Dabei wollte ich es auch sehen, das Land, von dem Tohma immer so geschwärmt hat! Und dann treffe ich dich und auf einmal fliege ich nach Amerika! Das ist so ... so cool! Ich meine, so viel Glück haben normalerweise nur Helden in Filmen, stimmt’s?!“

 

Yuma warf ihm einen ermatteten Seitenblick zu: „Ist das der Grund, warum du so mir nichts, dir nichts auf mein Angebot eingegangen bist? Einmal Held sein? Dann hoffe ich, dass duʼs nicht allzu schnell bereust, ich hab dir ja nicht mal Zeit gelassen, Klamotten zusammenzupacken!“Tatsuha winkte lässig ab: „So eine Gelegenheit bekomme ich in meinem Leben nicht mehr! Und da verlangst du, dass ich mir Gedanken über irgendeine schnöde Reisegarderobe mache? Pah, ich habe nur wenige Dinge, an denen mein Herzblut hängt, und solange ich mein Motorrad und meine Nittle-Grasper-Sammlung habe, ertrage ich jede noch so schwere Bürde mit stolz erhobenem Haupt!“ „Nun“, erwiderte Yuma hinterhältig, „dann bin ich ja froh, dass wir wenigstens dein Bike noch rüberschicken konnten. Dann hast du zumindest eins deiner beiden wichtigsten Dinge dabei, stimmt’s?“

 

Es dauerte exakt drei Sekunden, ehe Tatsuha der ganzen Härte der Situation gewahr wurde.

 

„MEINE GRASPER-SAMMLUNG!!!“

 

Alle Mitreisenden starrten schockiert in die Richtung, aus der plötzlich heftiges Wehgeschrei ertönte. Yuma tätschelte Tatsuha den Kopf und wandte sich entschuldigend an die heranstürmende Stewardess: „Flugangst. Würden Sie uns bitte was Hochprozentiges bringen? Nur ein Schnapsgläschen voll, zur Beruhigung.“ Sie nickte und eilte davon. Er kümmerte sich wieder um das nervliche Wrack neben sich und flüsterte: „Meine Güte, da dachte ich, du machst dir vielleicht Sorgen darum, dass du das Land verlässt, ohne deiner Familie Bescheid zu sagen, stattdessen brichst du in Tränen aus, weil du einen Haufen nichtbrennbaren Müll liegenlassen musstest? Du bist schon ein Spinner.“ Tatsuha nagte an seinem Jackenkragen: „Das ist kein Müll! Herr Sakumas Stimme ist wie ein Licht im Dunkeln, seine Erscheinung wie die Niederkunft eines Gottes! Er tröstet, beruhigt, beschwingt oder ermuntert mich, ist bei mir, wann immer ich ihn brauche! Herr Sakumaaaaa-“ Yuma musterte ihn höchst unbeeindruckt: „Er ist ein Mensch. Und wenn ich seine Auftritte richtig deute, ein ziemlich durchgeknallter obendrein.“

 

Die Stewardess kam zurück, wurde Zeugin, wie Tatsuha seinem Kompagnon die Seele aus dem Leib würgte und drehte sich um, um ein größeres Glas Cognac zu besorgen.

 

Yuma wurde plötzlich ernst: „Jetzt verrate mir doch bitte mal eins. Warum hängst du dich so an einen eigentlich völlig Fremden, von dem du sowieso niemals wirklich beachtet werden wirst? Überleg doch mal. Sakuma ist weltberühmt, du glaubst doch nicht im Ernst, dass er sich jemals für ein namenloses Gesicht in der Masse seiner Anhänger interessieren wird? Such dir lieber ein nettes Mädchen, heirate und stirb irgendwann als glücklicher Großvater mit einem Riesenhaufen Enkel auf dem Schoß und einem schmucken Häuschen in der Vorstadt.“ Tatsuha ließ ihn los und hockte mit bockig vor der Brust verschränkten Armen da: „Herr Sakuma ist und bleibt mein Gott! Er ist einfach perfekt! Außerdem ist er für mich nicht so unerreichbar wie für den ordinären Durchschnittsfan, ha! Mein Schwager ist nämlich sein bester Freund. Irgendwann wird er mich bemerken, Hals über Kopf meinem unwiderstehlichen Charme verfallen und sich mir jede Nacht mit Wonne hingeben!“

 

Yuma musterte den irre lachenden Teenager unbeeindruckt und wandte sich entschuldigend an die anderen Fluggäste: „Tut mir leid, tut mir leid, er ist heute erst entlassen worden. Aber er ist absolut harmlos, das versichere ich Ihnen.“ Energisch zog er ihn näher an sich: „Du bist ein Idiot. Nur weil du ein einflussreiches Familienmitglied hast, muss das nicht heißen, dass es eine Beziehung zwischen dir und seinem Freund unterstützen wird. Wie alt ist Sakuma eigentlich? Achtunddreißig?“ „Dreiunddreißig“, schnappte Tatsuha entrüstet, um danach verträumt hinzuzufügen, „Im besten Alter!“

 

„Stimmt, vorausgesetzt, du wärest es auch. Aber du bist erst Siebzehn, okay? Die Hälfte seiner Jahre! Mach endlich die Augen auf, Junge, der Kerl ist völlig außerhalb deiner Reichweite. Verdammt, er ist älter als ich!“

 

„Das Alter spielt in der Liebe überhaupt keine Rolle. Und ich liebe ihn aufrichtig! Selbst wenn er Hundert wäre, würde das nichts daran ändern. Und außerdem sieht er viel jünger und ich viel älter aus, somit gibt es nicht das geringste Problem. Aha, jetzt sind dir also die Argumente ausgegangen, was?“

 

„Nicht wirklich, aber ich beuge das Haupt vor deiner grenzenlosen Fantasie. Und tu bitte was gegen dein Nasenbluten!“

 

„Recht so, recht so. Die Macht ist mit mir.“

 

„Du bist einfach nur eine Riesenpfeife! Ich bin mir ziemlich sicher, dass dir das Wort ‚Kindesmissbrauch‘ geläufig ist. Wenn es auch nur einen vernünftigen Menschen in seiner näheren Umgebung gibt, wird er ihn daran hindern, sich mit dir einzulassen. Und wenn du den armen Teufel tatsächlich lieben würdest, ließest du ihn in Frieden, ehe er Dinge mit dir anstellt, die er später bereut. Und ich kann dir versichern: Das wird er.“

 

„Warum mischen sich alle Leute in mein Verhältnis mit Herrn Sakuma ein? Könnt ihr euch nicht um eure eigenen Angelegenheiten kümmern?!“

 

„Selbstverständlich. Sogar nichts lieber als das, Kleiner. Tu und lass, was immer du willst. Allerdings ...“

 

Yuma packte Tatsuha am Kragen und zog ihn an sich. „Nur solange ich nicht in der Nähe bin. Jetzt, wo ich für dich verantwortlich bin, tanzt du nach meinen Regeln, hast du das verstanden? Soll heißen: Keine öffentlichen Liebesbekundungen an einen männlichen Sänger, kein Alkoholkonsum, kein Rauchen, egal in welcher Form. Und vor allem“, er zog ihn noch etwas näher heran, „kein Ausreißen mehr, kapiert?“

 

Tatsuhas Augen weiteten sich: „Woher-“ Verächtlich schubste ihn Yuma zurück in den Sitz: „Oh, bitte! Hältst du mich für geistig umnachtet? Dein Bruder durfte dich nicht erwischen, du hattest nichts zu beißen und noch nicht mal eine Bleibe! Sag mir, bist du im Allgemeinen ausgebüxt oder nur heimlich zum Konzert gegangen?“ Der Junge zwinkerte ihn gespielt unschuldig an: „Letzteres. Ich wollte einfach unbedingt das Wochenende mit Herrn Sakuma verbringen. Wäre alles glattgelaufen, hätte ich übermorgen schon wieder die Schulbank gedrückt.“ Doch anschließend faltete er mit einem breiten Grinsen die Hände und funkelte gen Himmel: „Aber das Schicksal hat mir dich geschickt und jetzt bin ich auf dem Weg nach Ame~rika, A~me~ri~ka, Ameri~ka-“

 

Yuma kniff sich in den Nasenrücken, während Tatsuha weiterhin leise und vergnügt vor sich hin summte.

 

Schicksal, was?

 

Für den Rest der Reise sagte er kein Wort mehr, wohingegen sein Begleiter ihm in unbändigem Enthusiasmus die Ohren abkaute.

 

---

 

„Wow.“

 

„Mach den Mund zu, Kleiner. Das hier unterscheidet sich nicht so sehr von Tokio, dass es zu unbedachter Fliegenfängerei berechtigen würde.“

 

Yuma schulterte Koffer und Tasche und marschierte an Tatsuha vorbei, der in andächtiger Überwältigung am Ausgang des Flughafens stand und die ersten Eindrücke der Stadt in sich aufsog. Der Junge schluckte und lief ihm hinterher: „Machst du Witze?! Es ist anders! Total anders! Es ist der Wahnsinn! Ich kann kaum glauben, dass ich hier bin! Yuma, das ist einfach der Hammer!“

 

Er sprang von einem Schaufenster zum nächsten: „Amerikanische Waren!“

 

Er starrte an den Fassaden der Hochhäuser hinauf: „Amerikanische Gebäude!“

 

Er umklammerte einen kümmerlich schlecht entwickelten Baum, der als Auflockerung des Gesamtbilds am Straßenrand gepflanzt worden war und seine Aufgabe mehr schlecht als recht erfüllte: „Amerikanische Natur!“

 

Dann erregte etwas seine volle Aufmerksamkeit und große, leuchtende Augen füllten sich mit Tränen: „Yuma! Yuma, sieh nur! Ein echter, originaler, amerikanischer McMoralds!“

 

Sein Begleiter begutachtete besagtes Phänomen desinteressiert und winkte amüsiert dreinschauende Passanten vorbei: »Er ist etwas zurückgeblieben. Kümmern Sie sich bitte nicht weiter um ihn.« An Tatsuha gewandt meinte er: „Du hast also Hunger? Lass es uns ausprobieren. Mal ehrlich, ich verstehe beim besten Willen nicht, worüber du dich so dermaßen freust. New York ist eine Großstadt wie jede andere auch. Und gerade als Japaner solltest du Menschenmassen und Wolkenkratzer gewohnt sein.“

 

Damit steuerten sie das Fastfood-Restaurant an und Tatsuha hüpfte beschwingt neben ihm her: „Du übersiehst das Wesentliche! Das hier ist nicht Japan! Für jemanden wie dich, der tun und lassen kann, was er will und frei in der Welt herumreisen darf, mag das eine Bagatelle sein, aber für mich ist das alles hier was Besonderes!“ Yuma rieb sich das Kinn: „Das liegt ganz einfach daran, dass ich älter bin als du. Sobald du volljährig bist, brauchst du auch auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen. Warum bist du so entsetzlich ungeduldig? Genieß doch lieber deine Jugend, in der du noch die ganze Verantwortung auf die Erwachsenen abschieben kannst!“ Er grüßte den Kassierer und bestellte zwei Kids-Menüs. Wie er erwartet hatte, zog Tatsuha augenblicklich eine Schnute: „He, was soll das denn? Ich bin kein kleines Kind mehr. Und ich hab Hunger! Richtig Hunger, ehrlich!“ Doch er winkte seelenruhig ab: „Es wird dir reichen. Vertrau mir.“

 

Sie beobachteten den Angestellten dabei, wie er zwei Tabletts flink mit Schachteln und Tüten unbekannten Inhalts belegte und schon sehr bald fing Tatsuhas Augenbraue an zu zucken: „Das ist ‚Kids‘?“ Yuma seufzte: „Das ist etwas, woran du dich besser bald gewöhnst. Die Esskultur der Amis unterscheidet sich ganz erheblich von der eurigen. Bei uns heißt es so viel wie möglich so schnell wie möglich so billig wie möglich. Aber glaub nicht, dass wir freiwillig so denken. Mit drei Jobs Minimum kann man sich bei den Preisen für gesunde Lebensmittel eben nicht jeden Tag eine ausgewogene Kost leisten. Was möchtest du trinken?“ „Cola“, murmelte Tatsuha, noch immer überwältigt von der Menge, die die Kinder des Landes herunter zu schlingen vermochten.

 

Yumas Blick wanderte zum Werbeplakat: „Hey, welche Überraschung möchtest du? Diesen Monat gibt’s Imitate von international bekannten Rockstars. Wie einfallsreich. Mal sehen ... Plink, Bobby William, Gary Gate ... Oh, Shana Train ist dabei, hoffentlich steckt er mir die in die Tüte. Und der hier kommt mir auch so bekannt vor.“

 

„RYUICHI SAKUMA!!!“

 

Es war schlagartig mucksmäuschenstill im Raum. Langsam drehte sich Yuma um, das einzige Zeichen seines Schrecks ein heftig zuckender Mundwinkel.

 

Tatsuha stand vornübergebeugt und mit beiden Handflächen auf den Tresen gestützt stocksteif da und visierte raubtierartig den Kassierer an, dessen Hand auf halbem Wege zu einer beliebigen Miniatur erstarrt war. Der bemitleidenswerte Mann hatte sich wegen des Aufschreis ebenfalls so erschrocken, dass ihm das fast fertiggestellte Tablett entglitten war und der Inhalt nun langsam über den Boden kullerte. Völlig verstört stand er nun vor dem Regal und lenkte zitternde Finger extrem vorsichtig in Richtung einer anderen Figur. Tatsuhas Augen folgten seinen Bewegungen. Mit jedem Zentimeter, den die Hand näher an das Objekt seiner Begierde heranrückte, schrumpften seine Pupillen weiter und ein feiner Streifen Spucke lief ihm aus dem Mund.

 

„Ryu...ichi ... Sa...ku...maaaaa-“

 

Yumas verärgerte Faust beförderte seine triefende Nase mit Nachdruck auf die Tischplatte und brach damit den dunklen Bann. »Geben Sie ihm seinen Herrn Sakuma, wenn Ihnen Leib und Leben teuer ist«, warnte er den Kassierer nachdrücklich und fügte dann wie als Nebengedanken noch hinzu, »Und für mich bitte Shana Train, wenn es nicht zu viele Umstände macht.« Der Mann nickte wimmernd und beeilte sich damit, ein neues Menü zusammenzustellen, um sich, so schnell es irgend ging, des psychopathischen Ausländers entledigen zu können.

 

Nachdem Yuma bezahlt hatte und sich die beiden an eine Fensterfront gesetzt hatten, wünschte ihnen ein seliger Tatsuha „Guten Appetit“, packte voller Vorfreude seinen Burger aus und biss herzhaft hinein.

 

Er erstarrte umgehend zur Salzsäule.

 

Yuma sah ihn interessiert und genüsslich kauend an. Der Junge benötigte einige Sekunden angestrengten Nachdenkens, ehe er seinen Unterkiefer wieder in Bewegung setzte und schweigend aß.

 

Wortlos verzehrten sie ihr Mahl und erst, als sie ihre Tabletts in dem Servierwagen verstaut und den McMoralds verlassen hatten, fragte Yuma beiläufig: „Wie war deine erste amerikanische kulinarische Erfahrung?“ Tatsuha runzelte die Stirn: „In Ordnung ... schätze ich.“ Yuma schmunzelte hinterhältig: „Willkommen in den USA. Verabschiede dich von der guten japanischen Hausmannskost, Junge.“ Als sein Begleiter beharrlich schwieg, sah er zu ihm hinunter, seufzte schließlich und gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter: „Sei nicht zu enttäuscht. Erstens bin ich kein annähernd schlechter Koch, deshalb werden wir nicht jeden Tag Fastfood essen müssen. Zweitens gewöhnst du dich leider schneller an den Fraß, als dir lieb ist. Und drittens ist das Essen nicht alles, was ein Land ausmacht. Gehen wir. Ich bin echt todmüde.“

 

Tatsuha sah ihm überrascht nach. Hatte er ihn gerade getröstet? Zwangsweise fragte er sich, ob er sich in ihm getäuscht hatte, denn er hatte ihn ziemlich früh in dieselbe Grummelbart-Sparte eingeordnet wie seinen großen Bruder. Doch offenbar konnte sein neuer Freund ganz andere Farben durchscheinen lassen, wenn er denn wollte, nicht so wie Eiri, der in seinem Typ so dermaßen festgefahren war, dass er gar nicht mehr wusste, wie ein freundlicher Akt bewerkstelligt wurde.

 

Yuma pfiff ein Taxi heran und verstaute sein Gepäck: „Jetzt beweg dich schon, Junge! Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!“

 

Tatsuha stutzte, ehe sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

 

Nein, wohl doch nicht.

 

Als sie eine knappe halbe Stunde später in Yumas Wohnung standen, staunte er nicht schlecht: „Also, weißt du, als ich deine Bude in Japan gesehen habe, hab ich dich ja eher für den leichtlebigen Typen gehalten, der mit wenig zufrieden ist. Aber wenn ich das hier so sehe ...“

 

Yuma streifte seinen Mantel ab und hängte ihn an die Garderobe. Dann schob er seinen Gast vor sich her durch den kurzen Flur in den offen angrenzenden, großen Wohnraum: „Und was bin ich jetzt, bitteschön? Yuppie? Spießer? Alter Mann? Ich habe Bedürfnisse und ich habe Ansprüche. Wenn ich auch für ein paar mickrige Monate in einer Bruchbude hause, heißt das noch lange nicht, dass ich es mein ganzes Leben lang tun will. Das hier ist das Wohnzimmer. Und das ist der einzige Fernseher, den ich besitze. Regel: Abends zwanzig Uhr, mittwochs und samstags achtzehn Uhr gehört er mir. Ansonsten kannst du gucken, was du willst, sofern es deinem Alter entspricht.“ Tatsuha rümpfte die Nase: „Das Ding ist riesig! Und du verlangst echt, dass ich auf die Gelegenheit verzichte, mir ein paar Por-“ Eine Hand packte ihn am Kragen und schraubte seine Luftzufuhr ab.

 

„Nur Sendungen bis Siebzehn! Verstanden! Ich schwör’s“, röchelte er und hustete ein wenig, bis man ihn wieder losließ. Yuma wies auf zwei angrenzende Türen: „Dort ist die Küche, dahin geht’s zur Abstellkammer. Oder, in deinem Fall, zum Gästezimmer. Regel: Mindestens zweimal die Woche, montags und donnerstags, kochst du. Es ist mir egal, ob du in der Lage dazu bist oder nicht, ich bin ein genügsamer Esser. Der Inhalt der Abstellkammer bleibt, wie er ist, denn ich habe keine Lust, wegen einer Flasche Cola jedes Mal in den Keller zu rennen. Ansonsten kannst du sie dir einrichten, wie du magst.“ Tatsuha schürzte die Lippen und stiefelte zur Tür: „Du bist zu gut zu mir. Ich meine, nicht jeder würde seinem Mitbewohner eine ganze Abstellkammer zur Verfügung stellen! So viel Gastfreundschaft ist wirklich rüh-“ Er blickte in das Zimmer, klappte die Kinnlade herunter und brauchte eine Zeitlang, um sich wieder zu fassen. „Das ist doch keine Abstellkammer“, fuhr er endlich entrüstet auf, „Das ist ... das ist ... Das Ding hat sogar einen Balkon!“

 

„Sicher. Ich sagte ja, in deinem Fall Gästezimmer. Oben habe ich einen richtigen Stauraum, aber ich habe meine Utensilien eben gerne in der Nähe der Küche. Und das ist nun einmal das einzige Zimmer in der Nähe der Küche. Mitkommen.“

 

Sie stiegen eine Treppe hinauf in den zweiten Stock. Ein breiter Flur teilte weitere vier Räume voneinander ab. Yuma wies nach links: „Vorne ist das Bad, hinten ist die Rumpelkammer, von der ich eben gesprochen habe. Auf der anderen Seite liegen mein Arbeitszimmer und mein Schlafzimmer. Regel: Nach der Nutzung werden die sanitären Anlagen gereinigt. Ich will keine Haare im Abfluss oder offene Zahnpastatuben neben einem verkalkten Wasserhahn sehen, kapiert?“

 

„Du bist im Grunde deines Wesens weiblich, nicht wahr?“

 

Yuma griff erneut Tatsuhas Kragen und starrte ihm scharf in die Augen: „Regel: Die Räume auf der rechten Seite sind tabu. Du wirst auf keinen Fall reingehen. Du wirst sie noch nicht einmal ansehen. Du wirst sie niemals, egal aus welchem Grund – nicht wenn ich abwesend bin, nicht wenn es sich um einen Notfall handelt, nicht einmal, wenn ich um mein Leben schreie – betreten. Hast du das verstanden?“

 

Tatsuha blinzelte ihn verblüfft an. Es war todernst gemeint.

 

Er nickte: „Okay. Du brauchst nicht so zu tun, als hätte ich den impertinenten Ruf, meine Gastgeber bei der erstbesten Gelegenheit auszuspionieren! Ich mach keinen Schritt rein, versprochen.“ Yuma musterte ihn noch ein paar Sekunden, ehe er ihn losließ: „Dann werden wir sicher gut miteinander auskommen. Kaffee?“ „Gern“, nickte Tatsuha und wanderte mit in den Rücken gelegten Händen hinter ihm her wieder zurück ins untere Geschoss, „He, Yuma. Ich würde gerne wissen ... Wie lange darf ich denn hierbleiben?“

 

Yuma runzelte die Stirn, während sie die geräumige Küche betraten. Daran hatte er, wenn er ehrlich war, noch gar nicht gedacht. Schließlich hatte er diese ganze verdammte Sache nicht geplant. Er konnte schlecht sagen: „Für immer, weil du der Hauptzeuge der Anklage sein würdest.“ Das hätte möglicherweise ein gewisses Panikgefühl bei seinem Gast ausgelöst, was er sogar gut hätte verstehen können. Und so seufzte er nur und rieb sich erschöpft die Augen.

 

In einem einzigen Augenblick der Schwäche hatte er sich in eine ausweglose Lage gebracht. Anscheinend war er doch nicht so clever, wie er sein ganzes Leben lang gedacht hatte. Wenn er nicht in den Knast wandern wollte, blieben ihm nur zwei Möglichkeiten. Entweder musste er Tatsuha bis zu seinem Lebensende festhalten oder er musste ihn ...

 

Stirnrunzelnd kniff er sich in den Nasenrücken, um den Gedankengang zu unterbrechen, der ihn in gefährliche Gefilde führte: „So lange, wie du brauchst, um dir dein eigenes Rückfahrticket zu besorgen. Ich bin nicht bereit, für die Launen eines Teenagers noch weiter Geld auszugeben. Du wirst dir dein eigenes verdienen müssen. Also liegst du mir mindestens noch zwei Monate auf der Tasche. Tja, dann fang schon mal an, dir einen Job zu suchen.“

 

Tatsuha ließ die Information sacken. Zwei Monate. Zwei Monate in einem fremden Land, bei einem fremden Typen, den er besoffen auf der Straße aufgegabelt hatte. Zwei Monate, ohne Chance auf Umkehr. Zwei Monate in einem Job, ohne ausreichende Kenntnisse der einheimischen Sprache. Zwei Monate ohne seine Familie. Ohne seinen Vater, Eiri, Mika, Tohma, Shuichi ...

 

Yuma hob verwirrt und etwas beunruhigt eine Augenbraue, als sein Gegenüber in ein strahlendes Grinsen ausbrach, dass selbst der Mittagssonne Konkurrenz machte. Und nicht zum ersten Mal fragte er sich, was zum Teufel er sich da für einen außergewöhnlich komischen Vogel ins Nest geholt hatte.

 

Der Junge salutierte so zackig und professionell, wie es ihm möglich war: „Jawohl, Sir!“

 

Das Wochenende verlief ereignislos, da Tatsuha voller Elan die Gegend auskundschaftete und sich Yuma wegen beruflicher Neuorganisation in seinem Arbeitszimmer einschloss und nur dann den Kopf herausstreckte, wenn Tatsuha auf seinen Rundgängen kleinere Erledigungen für ihn tätigen sollte. Er musste tatsächlich einiges an Papierkram hinter sich bringen, da er nicht gerade einen kurzen, spritzigen Urlaub im Ausland verbracht hatte. Aber die größte Schwierigkeit bereitete ihm die Vertuschung der Anwesenheit eines minderjährigen Japaners in seiner Wohnung.

 

Am Montagmorgen schließlich hörte Tatsuha endlich das Schlagen einer Tür im Obergeschoss. »Guten Morgen«, trällerte er seinem Mitbewohner in gebrochenem Englisch entgegen, „ich hab schon befürchtet, du wärst vor deinem Bildschirm eingegangen und würdest friedlich vor dich hin rotten! Ich hab Frühstück gemacht! Möchtest du ein oder zwei Spiegeleier?“ Yuma hob nur sporadisch zwei Finger und setzte sich an den Küchentisch. Während er eine Schulter rotieren ließ, fragte er neugierig: „Und, kennst du dich schon besser im Viertel aus?“ „Ja“, lächelte Tatsuha zufrieden, „ich weiß jetzt, wo die nächsten drei Supermärkte stehen, habe vier Plätze kennengelernt, die man besser nicht nachts aufsuchen sollte, war in zwei Fastfood-Läden und kann dir genau sagen, wer vom ersten bis zum fünften Stock im Haus gegenüber wohnt. Mann, ich weiß sogar, wo der nächste Passbildautomat steht! Was hast du mit den Fotos eigentlich vor?“ Yuma zwickte sich in den Nasenrücken: „Wenn du dir das wirklich nicht selbst denken kannst ... Hör zu, ich muss heute zur Arbeit und werde frühestens um neunzehn Uhr wieder da sein. Ich will, dass du daheim bleibst. Es gibt zu viele Schwierigkeiten, in die sich ein Ausländer hier bringen kann.“ „Und mich gleich mit“, fügte er in Gedanken hinzu. Tatsuha, auf einem Erdnussbutterbrot kauend, nörgelte zwar erheblich über diese ungenehme Ausgangssperre, aber er ließ sich nicht erweichen.

 

„Was arbeitest du eigentlich?“

 

„Geht dich nichts an.“

 

„Manno ...“

 

„Fang gar nicht erst an. Wenn ich es dir sagen wollte, hätte ich es schon längst getan. Überleg du dir lieber, womit du demnächst dein Geld verdienen willst.“

 

„Da muss ich nicht überlegen! Ich werde Tellerwäscher und steige ganz im Sinne des American Dreams zum Millionär auf!“

 

„Stell dich in dem Fall schon einmal auf jede Menge Teller und kaum erwähnenswerte Millionen ein.“

 

„Du hast es wirklich drauf, Leute zu motivieren, was? Hey, du brauchst mir deinen Job gar nicht zu verraten. Ich bin nämlich ein Mönch, weißt du? Ich habe diese Fähigkeiten ...“

 

Tatsuha wackelte anrüchig mit den Augenbrauen und Yuma entfuhr ein nasales Lachen: „Aha? Bestehen die Fähigkeiten der modernen Mönche zufällig darin, Ungläubigen so lange auf den Sack zu gehen, bis sie ihre Tätigkeit preisgeben?“

 

„Nö. Aber ich wette um zehn Dollar, dass ich deine erraten kann!“

 

„Sag bloß.“

 

Tatsuha studierte eine Weile mit scharfem Blick Yumas Erscheinungsbild und legte schließlich in höchster Konzentration die Fingerspitzen aneinander: „Hm ... Pferdeschwanz, aber Haare zurückgelegt. Dunkelgrüne Krawatte, weißes Hemd, brauner Anzug. Übrigens ganz schon streberhaft, hätte ich dir nicht zugetraut! Braune Schnürstiefeletten. Gesamteindruck: Nicht zu elegant, aber auch nicht wirklich leger. Hm.“ Yuma seufzte und fischte in seiner Brusttasche herum: „In meiner unendlichen Güte werde ich dir einen weiteren Hinweis geben. Pass genau auf.“ Er faltete das gefundene Accessoire auseinander und schob es sich auf die Nase. Tatsuha starrte ihn beinahe himmelschreiend enttäuscht an: „Ein ganz ordinärer Büroangestellter?! Och, und ich hatte gehofft, du wärst so was richtig Cooles, wie aus dem Fernsehen. Ein verdeckter Ermittler oder ein überbezahlter Manager oder ein Supermodel oder-“ „Okay, ich hab’s begriffen“, knurrte Yuma verärgert, während er die Lesebrille zurück in die Tasche steckte, „Aber ich gebe zu, du erstaunst mich, Kleiner.“ „Ha“, explodierte Tatsuha, „ich wusste es! Mein Geld, wenn’s recht ist!“ Doch Yuma stand nur gelassen auf und verschwand im Flur: „Kann mich nicht daran erinnern, deine Wette angenommen zu haben.“ Tatsuha sah ihm ausdruckslos nach: „Du bist eine harte Nuss, ist dir das klar?“

 

„Jepp. Vergiss nicht: Kein Ausgang für dich, bis ich wieder da bin. Einen schönen Tag, Kleiner.“

 

---

 

Yuma klopfte an die Tür und brauchte nicht lange zu warten, ehe sie aufgerissen wurde und sich die Inhaberin der dazugehörigen Wohnung in seine Arme stürzte: „YU! Oh Gott, Yu, du bist zurück! Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Warum zum Teufel hast du dich so lange nicht gemeldet?!“ Er lächelte melancholisch: „Hi, Süße. Tut mir leid, aber die letzten Wochen waren ziemlich hektisch für mich. Wie geht’s dir?“

 

Die schlanke Blondine löste sich aus seiner Umarmung und zerrte ihn hastig ins Appartement, ehe sie die Tür mit einem lauten Knall zuschlug: „Wie es mir geht? Verdammt, Yu, du gehst für fast ein Jahr nach Japan, und nicht aus so einem banalen Grund wie zum Beispiel der Erweiterung deines Horizonts, nein, sondern um einen der berühmtesten Männer des Showbusiness abzuknallen! Drei Wochen, nachdem du mir erzählst, dass du endlich die Chance dafür bekommst, habe ich immer noch kein Lebenszeichen von dir erhalten! Ich dachte, du wärst draufgegangen! Und dann stehst du einfach so vor meiner Tür, als wär nichts gewesen! Wie es mir geht?! Scheiße geht’s mir!“

 

Damit versetzte sie ihm eine schallende Ohrfeige und er schloss stumm die Augen.

 

Für eine Weile sagte keiner von beiden ein Wort. Endlich flüsterte sie: „Du hast es also getan. Du hast Seguchi erschossen, nicht wahr? Ist es wirklich ... vorbei?“ Yuma mied ihren Blick, antwortete dann aber sichtlich beschämt: „Es hat nicht geklappt. Mir ist ... mir ist was dazwischengekommen. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“ Die Augen der jungen Frau weiteten sich. Yuma beobachtete verstört, wie Tränen ihre Pupillen überschatteten und ihre Wangen hinunterflossen.

 

Der einzige Mensch, der ihn verstehen konnte. Und er hatte ihn enttäuscht.

 

Plötzlich fiel sie ihm jedoch ein zweites Mal in die Arme: „Danke! Danke! Oh, Gott sei Dank, du hast es nicht getan! Du hast ihn nicht ermordet! Yu, bitte! Tu so etwas nie, nie wieder! Als du mir damals von deinem Plan berichtet hast, dachte ich, mein Herz bliebe stehen!“ Er sah sie verständnislos an: „Was? Aber ... Ich hab gedacht, du hättest es dir genauso gewünscht wie ich?“ „Red keinen Unsinn“, schrie sie ihn an, „du bist kein Mörder! Wenn du es durchgezogen hättest ... Wahrscheinlich hätten dich die Leibwächter an Ort und Stelle erschossen! Oder man hätte dich festgenommen und dich lebenslang weggesperrt. Oder vielleicht hätten sie dich zum Tode verurteilt! Das will ich nicht! Ich will nicht, dass du mich auch noch verlässt!“

 

Sie krallte ihre Fingernägel in seine Jacke und schluchzte hemmungslos. Zögerlich legte er ihr die Hände auf die Schultern: „Es tut mir leid. Ich bin so ein Idiot. Ich kann ihm einfach nicht verzeihen ... aber du bist die letzte, der ich Kummer bereiten wollte. Vergib mir. Es tut mir so schrecklich leid, Jess.“

 

Sie hob langsam den Kopf: „Schwör mir, dass du nie wieder so eine Dummheit begehst, Yu! Schwör mir, dass du bei mir bleibst! Lass es sein. Lass die Vergangenheit ruhen.“ Er schluckte nervös und wandte sich ab. Sie sah ihm irritiert hinterher: „... Yu?“

 

Unruhig kratzte er sich am Hinterkopf und grinste sie verlegen an: „Also, weißt du, da wäre diese klitzekleine Sache ...“

 

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Klicken.

 

„Du störst.“

 

„Auch dir einen wunderschönen guten Morgen, geliebter Schwager.“

 

„Was willst du?“

 

„Vater hat bei uns angerufen und gefragt, ob wir vielleicht eine Ahnung hätten, wo sich Tatsuha aufhalten könnte. Er sagte auch, dass er mehrmals versucht hätte, dich zu erreichen, schließlich hat er das Wochenende bei dir verbracht, aber du seist leider nicht erreichbar gewesen.“

 

„Was redest du da, Seguchi? Ich hab den Scheißer seit Wochen nicht mehr gesehen.“

 

„Ich habe darüber nachgedacht, Vater eben dies zu antworten, bin dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es nicht gut für sein Herz wäre, zu erfahren, dass sein einziger verbliebener Erbe spurlos verschwunden ist. Kannst du mir folgen, Eiri?“

 

„Was heißt hier ‚spurlos verschwunden‘, Mann, mach dich nicht lächerlich. Er ist eben früher zur Schule gegangen, ungewöhnlich, aber sowas soll sogar bei geistig Armen ab und zu vorkommen. Der Alte hat zu viel Freizeit, wenn er einen Siebzehnjährigen schon nach drei Stunden als vermisst meldet. Und bei einem von unserer Sippe sollte man mindestens drei Wochen warten! Und was soll der Mist, dass er bei mir gewesen sein soll?“

 

„Offenbar hat ihn Tatsuha am Freitagmittag mit den Worten verlassen, dass er sich übers Wochenende bei dir einquartiert, um Ryuichis Konzert beizuwohnen. Weiterhin hat er ihm versprochen, am Sonntagabend wieder zu Hause zu sein. Was anscheinend nicht geschehen ist.“

 

„... Das hat er nicht getan.“

 

„So wie es aussieht, hat er tatsächlich genau das getan.“

 

„Er hat gelogen und ist allein nach Tokio gekommen. Ohne Bleibe. Drei Tage lang.“

 

„So sieht es aus. Ich habe Vater vorerst in dem Glauben gelassen, Tatsuha wäre bei uns und sei nicht transportfähig. Besser, er ist wütend auf einen völlig verkaterten Jüngsten, als wenn er sich Sorgen um einen vermissten Jüngsten machen muss.“

 

„Dieser miese, kleine, völlig verblödete-“

 

„Ich hatte gehofft, dass du dich an der Suche beteiligst. Ich fürchte nämlich, dass Tatsuhas Leben verwirkt ist, sollte Mika ihn vor uns finden.“

 

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„Na schön“, warnte Yuma und hielt Tatsuha eine kleine Karte vors Gesicht, „stell dich auf fatale Konsequenzen ein, solltest du ihn verlieren!“ Tatsuhas Augen leuchteten, als er seinen nagelneuen Ausweis unter die Lupe nahm: „Danke, Alter! Ich schwöre, ich werde ihn hüten wie meinen Augapfel! Das ging ja echt superschnell!“ „Natürlich legt man sich etwas ins Zeug, wenn man eine Entführung verschleiern will“, dachte Yuma missbilligend und lehnte sich seufzend im Stuhl zurück, griff nach seiner Tasse und nahm einen großen Schluck Kaffee, während er seinen Mitbewohner dabei beobachtete, wie dieser gutgelaunt durch Zimmer pirouettierte.

 

„Volljährig, volljährig, endlich bin ich volljährig!“

 

Als er an ihm vorbeiwirbelte, hob Yuma gemächlich ein Bein und ließ es ihm im glatten Bogen auf den Kopf fallen: „Ich hoffe, dir ist klar, dass das keinem Freifahrtschein in den Rotlichtbezirk des Lebens gleichkommt. Solange ich weiß, wie alt du wirklich bist, greifen meine Regeln. Die da wären?“ „Okay, okay“, presste der unter dem Gewicht zusammengeknautschte Junge hervor, „Zigaretten, Alkohol, Drogen, Sex und ungenehmigte Geldgeschäfte werden mit dem Tod bestraft.“ Zufrieden brummend ließ Yuma das Bein sinken.

 

Dann runzelte er die Stirn. Das letzte, um was er sich kümmern musste, war, Tatsuha davon abzuhalten, mit seiner Familie Kontakt aufzunehmen, denn das bedeutete zweifellos schwerwiegende Folgen – vor allem für ihn. Doch wie brachte man einen Teenager schonend dazu, das eigene Handy zu entsorgen, ohne sich hochgradig verdächtig zu machen? Er kniff sich in den Nasenrücken. Jessicas wertvoller Tipp war gewesen, es ihm einfach zu klauen, den Briefverkehr zu überwachen und ausgehende E-Mails zu filtern, aber wie um alles in der Welt hätte er das in die Praxis umsetzen sollen? Tatsuha rund um die Uhr observieren? Wie sollte das gehen? Nein, seine einzige Chance bestand darin, den Jungen davon zu überzeugen, dass er niemandem etwas über seinen neuen Aufenthaltsort berichten wollte. Und so begann er zögerlich: „Hör mal, ich muss da was mit dir besprechen. Wegen deiner Familie-“

 

Im nächsten Augenblick hing ihm ein völlig aufgelöster Tatsuha an der Hüfte, der ihm die Luft abschnürte und ihn dazu nötigte, seinen Kaffee so schnell wie möglich auf dem Tisch abzusetzen, ehe sich der heiße Inhalt in seinem Schoß ergoss.

 

„Yuma, bitte, sag niemandem Bescheid! Ich weiß, ich bin minderjährig und es tut mir leid, dass du dich in Schwierigkeiten bringst, weil du mich hier wohnen lässt! Aber ich flehe dich an, sag niemandem ein Sterbenswörtchen davon! Ich schwöre, ich tue alles, was du von mir verlangst! Und wenn irgendjemand doch was rausfindet, nehme ich alles auf meine Kappe, versprochen! Aber wenn du meinem Bruder, meinem Schwager oder sonst wem jetzt berichtest, dass ich mit dir nach Amerika geflogen bin, stehen sie im Nullkommanichts hier auf der Matte! Für die ist das nur ein Katzensprung! Und wenn sie gar meine Schwester schicken, dann bin ich tot! TOT! Willst du mein Leben auf dem Gewissen haben, Yuma?! Willst du das?!“

 

Yumas Augenbraue zuckte. Welcher Teufel zog hier eigentlich die Fäden? Warum war das alles so verdammt leicht? „Soll das heißen, dass du niemandem drüben Bescheid geben willst?“, fragte er skeptisch, einerseits dem Himmel dankbar, andererseits abgrundtief misstrauisch.

 

„JA! Es darf niemand wissen, dass ich hier bin! Wenn sie mich finden, dann ... Oh, ich glaube, ich muss mich übergeben ...“

 

Von ihm erfuhr niemand was, darauf konnte sich dieser verrückte Ausreißer verlassen. Nur eins interessierte ihn brennend: Was hatten diese Irren angestellt, um ihr jüngstes Familienmitglied derart abzuschrecken, nicht mal im Extremfall auf ihre Hilfe zurückgreifen zu wollen? Er schüttelte geschlagen den Kopf und winkte beruhigend ab: „Bleib locker, Kleiner. Ich schätze, solange wir uns im Punkt einig sind, dass du meine Anordnungen befolgst, kann nichts passieren.“

 

„Heißt das also...“

 

„Ich respektiere deine Wünsche, wenn du dich an die Regeln hältst. Deal?“

 

„Deal! Danke! Du bist der netteste Mensch, dem ich je begegnet bin!“

 

Yuma prustete los und spuckte in hohem Bogen seinen Kaffee wieder aus, von dem er eine Sekunde vorher einen Schluck genommen hatte, während Tatsuha sich wieder fröhlich seinem Ausweis widmete. Er rieb sich stöhnend die Stirn: „He, aber du musst ja ganz schön beliebt sein, wenn sich deine Verwandten so große Sorgen um dich machen, dass sie dich zu lynchen bereit sind, sobald du dich für ein paar Wo... Mon... sobald sie dich für eine gewisse Zeit aus den Augen verlieren.“ Tatsuha stand mit dem Rücken zu ihm, sodass er seinen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. Aber er sprach so leise, dass er ihn kaum verstand.

 

„Ich bin nur solange beliebt, wie ich der Bestimmung folge, die meine Geschwister auf mich abgewälzt haben.“

 

Yuma hob eine Augenbraue: „Wie meinen?“ Doch Tatsuha wirbelte herum und strahlte über beide Ohren: „Ich sagte, dass ich die Hoffnung von ganz Japan bin, wusstest du das nicht? Ich werde ein berühmter Mönch, ach, was sage ich, der Mönch überhaupt! Alle Welt wird zu mir kommen, um den göttlichen Segen zu erhalten und unser Tempel wird nie zur Ruhe kommen! Und ich werde Unmengen von Talismanen verkaufen, steinreich werden und ins Fernsehen kommen. Und wenn ich erst die Welt gerettet habe, wird Herr Sakuma mich in die Arme nehmen und sagen ‚Mein Held‘! Und dann werden wir bis ans Ende unseres Lebens heißen, feuchten, atemberaubenden Sex habAUTSCH!“

 

Yuma stützte das Kinn auf einer Hand ab und sah ihn resigniert an, als hätte er sich mit der Tatsache abgefunden, dass sein Mitbewohner nicht mehr alle Kühe im Stall hatte: „Mein Fehler. Warum frage ich überhaupt?“ Die Tasse, die er Tatsuha mitten ins Gesicht geschleudert hatte, pellte sich von der Nase des Jungen und fiel zu Boden, um dessen breites, obszönes Grinsen freizulegen.

 

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Eiri und Tohma saßen vor ihren Cocktails an der Bar und starrten schweigend in den glänzenden Alkohol.

 

Nachdem der Produzent seine vor Wut rasende Ehefrau notdürftig davon hatte abhalten können, die Stadt auf der Suche nach ihrem kleinen Bruder zu verwüsten, hatten sie sich getroffen und alle Orte, an denen er sich hatte aufhalten können, abgelaufen. Doch Tatsuha blieb unauffindbar. Telefonate mit seinen Freunden hatten nichts ergeben. Alle Versuche, ihn auf seinem Handy zu erreichen, hatten nicht gefruchtet. Und nun waren die beiden müde, hungrig ...

 

Und extrem sauer.

 

Während die Erde um Eiris Körper offen bebte, verriet dem aufmerksamen Beobachter nur das Zucken um Tohmas lächelnden Mund den inneren Aufruhr. Schließlich fuhr die Hand des Autors auf den Tresen und ließ die anwesenden Gäste – ganz zu schweigen vom Bartender, der berufsbedingt nicht genügend Abstand halten konnte – furchtsam zusammenschrecken: „Verdammt, Seguchi! Wo ist diese kleine Kanaille?! Ich weigere mich einfach zu glauben, dass jemand, der die Eltern mit mir teilt, so unaussprechlich dumm sein kann und sich bei Wildfremden einquartiert! Er muss irgendwo in der Nähe sein!“ Tohma stützte sich auf gefaltete Hände und antwortete scheinbar ruhig: „Wie du dir sicher vorstellen kannst, habe auch ich nicht die geringste Ahnung, Eiri. Sonst würde ich sicher nicht einen ganzen Tag und meine Nerven opfern, ihn zu suchen. Und langsam bin ich sogar bereit, diese Sache einfach Mika zu überlassen. Wenn sie ihn nicht findet, schafft es niemand. Für Mitleid ist kein Platz mehr in meinem Körper. Das hat der Schmerz meiner Füße schon seit Stunden verdrängt.“ Eiri knurrte böse: „Wahrscheinlich hat er ʼne Braut vom Konzert abgeschleppt, das ganze Wochenende Spaß mit ihr gehabt und ganz vergessen, dass die Woche irgendwann auch mal wieder anfängt! Und wir sitzen hier rum und machen uns ʼnen Kopp, nur weil der Alte seinen Putzmeister vermisst.“ „Ich denke“, fuhr Tohma fort, „dass wir uns in dem Punkt einig sind, dieses Mal nicht so großzügig über seine Fisimatenten hinwegzusehen. Für vier Tage einfach spurlos zu verschwinden, geht eindeutig zu weit. Wenn ich ihn erstmal in die Finger bekomme, wird er sich wünschen, Ryuichi nie kennengelernt zu haben.“

 

Während er daraufhin seinen Drink in einem Zug leerte, kniff Eiri die Augen zusammen und visierte einen der Eiswürfel im eigenen Glas an. Stimmt. Das Konzert. Hatte er dort nicht jemanden gesehen, der seinem Bruder verdammt ähnlich gesehen hatte? Er war es also tatsächlich gewesen! Warum hatte er ihn sich nicht geschnappt, dann wären ihm die Rennerei und Tohma erspart geblieben.

 

Aber er hatte doch nichts gefunden? Es sei denn, Tatsuha hatte gemerkt, dass er entdeckt worden war und schnell genug die Flucht ergriffen. In der Halle, zwischen den ganzen verrückten Idioten, die Nittle Grasper nicht nur für eine Band, sondern für eine gute Band hielten, hätte er sich problemlos verstecken können.

 

Eiris Miene verfinsterte sich zusehends. Er hatte seinen kleinen Bruder auf frischer Tat ertappt und eine einzigartige Chance vertan, ihm jeden in seinem Stumpfhirn vorhandenen Unsinn ein für allemal auszutreiben. Aber nun konnte er nur hoffen, dass Tatsuha möglichst bald entweder mutig, dumm oder ahnungslos genug war, um nach Hause zurückzukehren und sich den Einlauf seines Lebens abzuholen.

 

Eiri würde seinen Teil dazu beitragen.

 

Einen großen Teil.

 

Und gab es da nicht noch etwas an dem Konzert, was ihm seltsam vorgekommen war?

 

Nach langem Grübeln zuckte er schließlich mit den Schultern. Wenn es ihm nicht wieder einfallen wollte, konnte es nicht allzu wichtig gewesen sein. Er setzte das Glas an die Lippen und trank das brennende Nass auf Ex.

 

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Schwer entmutigt hockte Tatsuha auf einer Bank am Rande des Bürgersteigs und kratzte sich am Kopf, während er die winzigen Jobanzeigen der Tageszeitung durchging. Nicht nur, dass es ihm aufgrund seines mangelnden Sprachtalents schwerfiel, die Konditionen zu entziffern, er hatte zudem bereits mehrere Vorstellungsgespräche hinter sich gebracht und ausnahmslos direkte Absagen erhalten.

 

Es war nicht so, dass er es nicht verstehen konnte. Yuma hatte ihm schließlich nicht einfach eine Berufsbezeichnung geben können, von deren Anforderungen er keinen blassen Schimmer hatte. Allerdings hatte er auch nicht mit Yumas Spaßvogelinstinkten gerechnet, doch sein Gastgeber hatte es sich tatsächlich nicht nehmen lassen, ihn als „buddhistischen Mönch“ einzutragen. Und damit würde er in diesem Land wohl bei niemandem einen Blumentopf gewinnen.

 

Er seufzte schwer und kreiste eine weitere Annonce ein. Komme was wolle, er brauchte einen Job. Nicht etwa, um so schnell wie möglich zurück nach Japan fliegen zu können, nein, er wollte seinem neuen Freund nur nicht länger als nötig auf dem Geldbeutel liegen. Und er wusste, dass Yuma schon jetzt eine ganze Menge in ihn investiert hatte. Er würde das Geld auf Heller und Pfennig zurückzahlen, das schwor er sich.

 

Neu motiviert runzelte er die Stirn und studierte seinen Stadtplan. Dieser Arbeitsplatz lag gar nicht weit entfernt. „Okay“, sagte er zu sich, „der nächste und definitiv letzte Versuch! Diesmal kriege ich den Job!“ Er sprang auf und boxte mit entschlossener Miene die Luft, ignorierte die Passanten, die ihn mit einem erstaunten Blick bedachten und lief los.

 

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In einer Bar in einer kleinen Seitenstraße stöhnte eine junge Blondine zum gefühlten hundertsten Mal und stützte sich schmollend auf einen Besenstiel: »Oh Mann, ich will nicht mehr! Fegen, fegen, den ganzen Tag fegen!«

 

»Du fegst doch gar nicht«, ertönte es von der anderen Seite des Raums, »du stehst nur die ganze Zeit rum und beschwerst dich. Mach weiter, ich kann nicht schrubben, solange hier überall Dreck liegt!« »Wir sind Bartender, Ryan«, kam die hitzige Antwort, »wir sollten überhaupt nicht schrubben müssen!« »Grace, reg dich doch einfach ab und mach deine Arbeit«, tadelte eine dritte Stimme, »sonst wird es Abend und am Boden kleben immer noch die Reste von gestern.« Die junge Frau fuhr herum: »Mil, seit Monaten schieben wir täglich Überstunden, nur weil unsere Chefin jeden Bewerber für den Job abweist! Es ist nur eine verdammte Putzstelle, Herrgott! Man muss keine Uni besucht haben, um diese Arbeit zu verrichten! Manchmal habe ich diese verrückte Kuh sowas von satt!« »Nicht ‚verrückt‘, Grace«, konterte ihre Kollegin, nachdem sie ein auf Hochglanz poliertes Glas ins Regal zurückgestellt hatte, »extravagant.«

 

Grace ließ den Besen klappernd zu Boden fallen und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust: »Ich sage euch, und ich wiederhole es so oft wie nötig, Shannon Langley ist die Personifikation von Geistesstörung!«

 

Eine Tür fiel ins Schloss und die Umgebungstemperatur sank erheblich.

 

»Ho? Würdest du das auch für mich noch einmal wiederholen?«

 

»Hallo, Shannon«, grüßte Ryan mit völlig ausdrucksloser Miene, »Wir sind fast fertig. Wie läuft es auf der anderen Seite?« »Das Restaurant ist hervorragend besucht, wie immer, mein Hübscher«, lächelte die Chefin und warf ihm eine Kusshand zu, »Allerdings wäre es mal wieder an der Zeit, den Müll rauszubringen. Grace, würdest du das bitte übernehmen?«

 

Die Angesprochene flog regelrecht zur Tür hinaus.

 

»Und Ryan«, sagte Shannon gelassen, während sie elegant an ihrer Zigarettenspitze zog und auf Graces verlassenen Platz wies, »wisch hier besonders gründlich. Angstschweiß ist so entsetzlich hartnäckig.«

 

Später im Hof warf Grace im hohen Bogen die zahlreichen Abfallsäcke in die dafür vorgesehenen Container. Sie ballte die Fäuste. Von allen möglichen Augenblicken musste die alte Hexe ausgerechnet dann hereinkommen, wenn sie ihrem aufgestauten Frust Luft machte! Das war wirklich typisch ihr Glück! Egal wo, wann oder wie sie als ansonsten tolerantes und fröhliches Mädchen mal einem ihrer seltenen Wutausbrüche nachhing, immer erwies es sich als großer Fehler! Andere Menschen tadelten und beschwerten sich jede Sekunde, nur sie hatte immer das Pech, dabei von den falschen Leuten gehört zu werden.

 

Sie schmiss einen weiteren Müllsack.

 

Sie musste verflucht sein. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Seit sie in das aktive Arbeitsleben eingetreten war, hatte sie mehr Jobs verloren als ein sechzigjähriger Vollidiot! Und das nicht, weil sie faul, unfähig oder ungeeignet war. Nein, weil sie ständig zur falschen Zeit am falschen Ort explodierte!

 

Noch ein Sack.

 

Sie arbeitete schon fast ein Jahr in Shannons Bar und war der Frau herzlich dankbar. Sie war die einzige Arbeitgeberin, die ihr jemals mehr als eine Chance eingeräumt hatte. Und sie machte ihre Arbeit gut, einzig weil sie wusste, dass ihr die Chefin nicht jedes Wort übelnahm. Aber wie oft hatte sie sich inzwischen schon wieder in der Wortwahl vergriffen? Irgendwann in naher Zukunft würde Shannon wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass sie den Ärger nicht wert war und sie endgültig vor die Tür setzen. Und dann ging alles von vorne los.

 

Sie packte wutschnaubend den letzten Sack und pfefferte ihn mit einem gellenden Schrei Richtung Container ...

 

Den er elegant überflog und an einem ganz anderen Hindernis mit einem Knall zerplatzte.

 

Grace starrte mit Schrecken in die überraschten Augen eines jungen Mannes, an dessen Körper nun Essensreste und Verpackungsfolien hinab glitten und dunkle, fettige und farbige Spuren hinterließen.

 

Einige Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, sagte keiner der beiden ein Wort.

 

Aber dann stiegen Tränen in Graces Augen auf und sie fiel lauthals heulend auf die Knie: »NEEEEEEEIIIIIIIN! Warum stehst du da?! Du hast kein Recht, da zu stehen! Oh Gott, womit habe ich so viel Unglück verdient?! Warum hast du mir so viel Ungeschicklichkeit in die Wiege gelegt?! Ich werde meinen Job verlieren – schon wieder – und außerdem wird mein ganzes Monatsgehalt für die Reinigung draufgehen – schon wieder!«

 

Der Junge war erschrocken vor ihr zurückgewichen, offensichtlich verzweifelt nach Hilfe Ausschau haltend. Als er niemanden fand, der zu wissen schien, was vor sich ging, stürzte er selbst auf sie zu und fasste sie an den Schultern, während er in einer fremden Sprache beinahe panisch auf sie einredete.

 

Nach einiger Zeit, in der seine Bemühungen nicht mehr gebracht hatten, als sie lauter schreien zu lassen, schien er sich auf etwas zu besinnen und rief laut, um ihr Wehklagen zu übertönen: »Ist Sie in Ordnung?! Haben Sie verletzt? Bitte sagen Geschehenes! Ich helfe!«

 

Die Worte sackten und Grace sah ihn ein wenig irritiert an. Ihre Verwirrung ließ sie ihr seelisches Leid für den Augenblick vergessen und das ohrenbetäubende Gezeter wich einem leisen Schnüffeln. Der Fremde atmete sichtlich auf und lächelte etwas unsicher: »Hallo, Glück, dass Sie zur Vernunft kommen. Ich dachte, Sie hätten Schlimmeres erlebt.« Sie wischte sich die Tränen ab und fragte dümmlich blinzend: »Wer sind Sie?« Er antwortete sofort: »Mein Name ist Tatsuha U... Kitazawa. Ich kam hier für den Job. Äh, tut mir leid für Sprache. Ich aus Japan.«

 

Sie wäre am liebsten direkt in Ohnmacht gefallen. Dieser Mann kam wegen der Arbeit, die ihr so dermaßen gegen den Strich ging und sie hatte ihm mit ihrer Idiotie alle Chancen für eine Annahme verbaut! Sie hasste sich selbst in diesem Moment mehr als all ihre ehemaligen Vorgesetzten. Schweigend sah sie ihn an, bis er stutzte und schließlich verlegen lächelte, während er sich peinlich berührt am Hinterkopf kratzte. Als er die Hand zurückzog, klebte Joghurt und mehr an ihr. Wie in Trance blickten beide auf die bunte Masse.

 

„Bäh.“

 

Obwohl er sich nicht die Mühe gemacht hatte, es in Englisch auszudrücken, wusste sie genau, was er meinte. Sie schlug sich vor die Stirn und flüsterte resigniert: »Es tut mir leid, Herr Kitazawa, das müssen Sie mir glauben! Es ist mir so, so unangenehm! Wenn ich es irgendwie wieder gutmachen kann ...« Er überlegte, und als er den Sinn ihrer Worte begriffen hatte, grinste er breit: »Naja, Sie können mich der Boss von dem Geschäft zeigen. Sie arbeiten hier, nein?« Sie fuhr auf: »Sie meinen, Sie wollen sich in diesem Aufzug vorstellen?! Das ist doch lächerlich! Sie wird Sie niemals einstellen, wenn Sie nach kompletter Müllhalde stinken!« Er lachte leise: »Gute ... Referenz? Ich kann Müll auswerfen. Keine Sorge, ich treffe viel mehr gut als Sie.«

 

»Das klappt doch nie!«

 

»Ich nicht weiß, wenn nicht versuche, nein?«

 

»Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich um! Wo ist denn daran das Problem?!«

 

»Ich haben Angst, der Job dann an ... anderweitig? Vergeben ist.«

 

»Es kommen nicht nonstop Bewerber in die Bar, keine Sorge!«

 

»Nein. Ich glauben, jetzt muss gehen.«

 

Er richtete sich auf und zog sie mit auf die Füße. Sie starrte ihn erst noch einmal ungläubig an, ließ dann jedoch den Atem entweichen und hob den Zeigefinger: »Na schön. Warten Sie hier, Herr Kitazawa. Ich lass mir was einfallen.« Damit rannte sie in das Gebäude und kam kurze Zeit später mit einem Bündel Kleider wieder heraus: »Hier, ziehen Sie das an. Es ist die Arbeitskleidung meines Kollegen. Vielleicht macht das nicht den besten Eindruck, aber es ist immer noch besser als der Oogie-Boogie-Look.« Er nahm die Sachen verwundert entgegen und sah sie dann ratlos an. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und hob eine Augenbraue: »Nun? Ich dachte, Sie möchten mit der Chefin reden?« Er legte den Kopf schief und sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, irgendetwas zu übersehen.

 

Schließlich spaltete ein riesiges, zotiges Grinsen sein Gesicht: »Oh, ich verstehe! Sie wollen sehen, nicht wahr? Meinen Körper? Sie sind ein ... Hm, wie heißt? Schmutziges Mädchen? Eine Minute nur ...« Und sofort begann er, mit ein wenig zu viel Begeisterung für ihren Geschmack, sich sein verdrecktes Oberteil über den Kopf zu ziehen. Entsetzt schrie sie auf und lief hochrot an: »AH, NEIN! Verzeihung! Kommen Sie mit! Da drüben geht es zum Klo!« Er ließ sich lachend von ihr ins Haus ziehen und in die Herrentoilette stoßen. Während er darin kicherte und rumorte, raufte sie sich zornig die Haare. Sie war so dumm! Der arme Kerl musste ja sonst was von ihr denken! Doch dann ließ sie die Hände sinken und schielte nachdenklich zur Tür.

 

Endlich schmunzelte sie und dachte: »Tja, schüchtern scheint er auf jeden Fall nicht zu sein.«

 

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Shannon stieß Rauch aus der Nase aus und musterte den jungen Mann von oben bis unten. Grace fummelte nervös an ihrem Revers herum. Sie fühlte sich beinahe in ihr eigenes Vorstellungsgespräch zurückversetzt. Endlich räusperte sich die Chefin und klopfte ihre Zigarettenspitze im Aschenbecher aus: »Sie möchten sich also für die Stelle in meiner Bar bewerben, habe ich das richtig verstanden?«

 

»Ja! Ich bin absolut ehrlich, unglaublich fleißig und völlig unverdächtig, immer gutgelaunt und außerdem ein echter Hingucker! Mit mir können Sie gar nichts falsch machen!«

 

Die Stirne der Anwesenden glänzten von verlegenem Schweiß, während Tatsuha gewinnend in die Runde lächelte. Shannon massierte sich die Schläfen. Grace kniff die Augen zusammen. Seine Antwort war einstudiert. Anders konnte sie sich die wenigen Fehler nicht erklären. Aber hatte der Teil mit „völlig unverdächtig“ wirklich sein müssen?

 

»Und Ihr Name ist Tatsuha U. Kitazawa?«

 

»Nein, nur Tatsuha Kitazawa, Maʼam. Das ‚U‘ war ein ... Fehler ... Äh ... Missverständnis?«

 

»Ach.«

 

»Ja.«

 

»Was haben Sie gelernt, Herr Kitazawa?«

 

»Ich bin ausgebildeter buddhistischer Mönch, Maʼam. Brauchen Sie Seelenfrieden, Glücksbringer oder einfach nur eine Touristenattraktion? Da sind Sie bei mir an der richtigen Adresse! Außerdem habe ich einen Tempel in Japan sauber gehalten. Ich bin der perfekte Hausmann und eine zuverlässige Putzkraft!«

 

Grace sackte noch ein wenig mehr in sich zusammen. Es war nicht überraschend und doch hatte sie gehofft, dass es dieses Mal mit ihrem neuen Kollegen klappen würde. Sie wollte wirklich, wirklich keine Überstunden mehr schieben.

 

»Wie alt sind Sie?«

 

»Einundzwanzig.«

 

»Illegal eingewandert?«

 

»Nein, Maʼam! Und ich habe sogar eine Green Cart! Nun ja, nicht dabei, aber ...«

 

»Warum möchten Sie ausgerechnet bei uns arbeiten?«

 

»Um Geld zu verdienen, Maʼam! Ich arbeite mich gerade durch alle möglichen Anzeigen dieser Zeitung hier, sehen Sie, vom Gärtner bis zum Börsenmakler, aber aus irgendeinem Grund haben mich bis jetzt alle abgelehnt.«

 

Grace lächelte melancholisch und bemühte sich gar nicht, die Tränen der Verzweiflung zurückzuhalten.

 

„Übersetzen Sie mir bitte den Satz ‚Als Peter nach Hause kam, war es bereits spät in der Nacht‘.“

 

»Wenn Peter geht zu dem Haus, es spät in Nacht schon.«

 

Tatsuha war offensichtlich so in seinem Element, dass er nicht einmal gemerkt hatte, dass Shannon die Frage auf Japanisch gestellt hatte. Aber er sah sich erstaunt um, als alle anderen überrascht die Luft anhielten. In seinen Augen spiegelte sich für den Bruchteil einer Sekunde Unsicherheit wider und er hob schnell die Hand: »Oh, warten ihr bitte! Darf ich ein Mal probieren wieder?« Grace ließ sich auf einen Stuhl sinken. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Aber nun musste es jedem klar geworden sein, dass er ihre Sprache nicht besonders gut beherrschte. Und Shannon war ein ungeduldiger Mensch.

 

»Sie sind eingestellt.«

 

Adieu, regelmäßiger Feierabend. Lebt wohl, zusätzliche Stunden Schlaf. Es war schön mit euch, ihr ...Wie bitte?

 

»Ehrlich?! Vielen herzlichen Dank! Ich versprechen arbeiten sehr gut! Sie haben keine Sorgen!«

 

Sprachlos starrte Grace auf Tatsuha, der sich wiederholt enthusiastisch vor der milde lächelnden Chefin verbeugte. Sie hob ungläubig die Hand: »Mo... Moment mal! Sind Sie sich wirklich sicher?! Ich meine ... Er spricht nicht sonderlich gut Englisch, nicht wahr?« Shannon sah sie erschüttert an: »Aber Grace, ich wusste ja gar nicht, dass du so rassistisch veranlagt bist!« »Was hat das mit Rassismus zu tun?!«, fauchte das Mädchen empört, fasste sich jedoch sofort wieder und hustete in eine Hand, »Außerdem, sehen Sie sich sein Outfit an! Das ist wohl sehr anmaßend bei einem ersten, unverbindlichen Treffen!« »Was ist an einem Bartender-Anzug für eine Stelle in einer Bar denn anmaßend?«, fragte Shannon und legte unschuldig einen Finger an die Lippen. »Das Ding gehört Ryan«, schrie Grace, »Und Herr Kitazawa hier verstößt gegen alle bestehenden Regeln eines korrekt abgehaltenen Vorstellungsgesprächs! Und Sie stellen ihn einfach so ein?!« »Es hört sich ja beinahe so an«, hauchte die Chefin da, »als ob du gar keinen neuen Mitarbeiter haben möchtest! Liebst du deine derzeitigen Aufgaben denn wirklich so sehr? Das konnte ich nicht ahnen! Also, Herr Kitazawa, unter diesen Umständen-«

 

Grace sprang vor und hielt ihr die flache Hand dicht vors Gesicht. Shannon stoppte mitten im Satz und sah sie erwartungsvoll durch die gespreizten Finger hindurch an. Grace packte Tatsuha am Arm und zog ihn energisch hinter sich her: »Willkommen im ‚Heaven’s Den‘! Mein Name ist Grace Bennett, schön, Sie kennenzulernen. Das hier sind Millicent Coleman und Ryan Walker. Sie fangen sofort an! Ich zeige Ihnen, wo Ihre Arbeitsutensilien stehen und was Sie zu tun haben.« Sie drückte ihm ihren Besen in die Hand, der an der Wand angelehnt war: »Zuerst müssen Sie fegen und wischen. Dann werden Sie das Klo putzen. Der Abwasch kann noch warten, aber der Flur muss dringend von Spinnen befreit werden. Danach-«

 

Shannon lächelte amüsiert, als die beiden jungen Leute von dannen zogen. Die Bartenderin, die noch immer die Gläser polierte, fragte schließlich wie nebenbei: »Sie hat nicht unrecht. Warum haben Sie ihn eingestellt?« Shannon wandte sich ihr entgeistert zu, als wenn die Antwort klar auf der Hand liegen würde und entzündete vergnügt eine neue Zigarette: »Oh, du Dummerchen! Warum denn wohl?« Sie machte einen tiefen Zug und blinzelte Tatsuha schäkernd hinterher, während sie den Rauch entspannt ausstieß: »Natürlich, weil er in Ryans Klamotten fast so gut aussieht wie Ryan!«

 

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»Hey, Yuma, würdest du diese Formulare noch ausfüllen?«

 

Ja, ja.

 

»Yuma, wo bist du die ganze Zeit gewesen?! Deinetwegen hatten Greg und ich doppelte und dreifache Arbeit! Wir haben was gut bei dir!«

 

Ja, ja.

 

»Ich bin außerordentlich glücklich, Sie wieder bei uns zu haben, Kitazawa. Und jetzt WÜRDEN SIE MIR BITTE ERKLÄREN, WO DIE AKTEN ‚BARCLAY‘ HINGEKOMMEN SIND, FÜR DIE SIE DAMALS ZUSTÄNDIG WAREN?!«

 

Ja, ja.

 

Gott, wie er seinen Job hasste. Seit er am Tag zuvor den ersten Schritt in sein Büro getan hatte, stand weder Tür noch Telefon still und es schien ihm, als erwartete man von ihm, die Arbeit des letzten Jahres in einer Woche aufzuholen. Er hatte gekündigt, verdammt! Andere hätten seine Aufgaben erledigen müssen! Stattdessen kam es ihm so vor, als wenn die reizenden Wiederkollegen nur untätig auf seine Rückkehr gewartet hätten!

 

Als Yuma das letzte Formular endlich fertig ausgefüllt hatte und seinen Kopf schlaff auf die Tischplatte fallen ließ, klingelte einmal mehr sein Telefon und er trommelte genervt mit den Fingern auf die Stuhllehne. Ohne auf das Display zu sehen nahm er ab und brummte in den Hörer: »Hier Kitazawa. Und ich schwöre, wenn es nicht wichtig ist, dreh ich deine Eier durch den Fleischwolf und verfüttere deine zuckenden Überreste an die Krähen!«

 

„Und ich suche dich als geschändeter Geist heim und gehe dir so lange auf den Sack, bis du dich im Hudson River ersäufst. Und dann kannst du mir erklären, wo du bitteschön bei mir Eier gefunden hast.“

 

„Oh, ʼtschuldige, Jess. War ein anstrengender Tag.“

 

„Was du nicht sagst. Nun, ich kann auch ein andermal anrufen. Aber warte nicht darau-“

 

„Entschuldige, Prinzessin! Es war nicht für dich bestimmt, okay? Sag dem guten, alten Yu, was dir auf der Seele brennt.“

 

„Es ist lange her, seit wir das letzte Mal zusammen gegessen haben, nicht wahr? Ich habe mich gefragt, ob du mich heute nicht einladen willst. Ich vermisse deine Hausmannskost.“

 

„... Jess, hältst du das tatsächlich für eine gute Idee? Du weißt, dass er da sein wird.“

 

„Ein Grund mehr. Ich möchte ihn kennenlernen.“

 

„Jess ...“

 

„Yu, bitte! Ich bin drüber hinweg. Du bist derjenige, dem das Loslassen schwerfällt. Allerdings bin ich neugierig. Du sagtest, sie seien sich unglaublich ähnlich. Ich will mich mit eigenen Augen davon überzeugen.“

 

„Na schön. Dann komm so um zwanzig Uhr zu mir. Was hältst du von Shabu-Shabu?“

 

„Klingt perfekt. Außerdem esse ich alles, was du zubereitest, das weißt du. Bis heute Abend.“

 

„Bis dann.“

 

Er legte auf und sah betrübt aus dem Fenster. Sie war mitnichten so drüber hinweg, wie sie ihm gerne weismachen wollte, doch er wusste genauso, dass er ihr keine einzige ihrer Entscheidungen ausreden konnte, hatte sie sie erstmal getroffen.

 

In der nächsten Sekunde wurde die Tür aufgerissen und sein Kollege scheuchte ihn zu seiner nächsten Aufgabe, sodass es ihm nicht weiter vergönnt war, über Jessicas Voreiligkeit nachzugrübeln.

 

---

 

»Und dann«, lachte Tatsuha, »habe ich die letzte CD vor Nase genommen! Du hast ihn sehen sollen! Ich habe Furcht, er wird mir auf einmal die Augen auskratzen!« Grace geierte lauthals und hielt sich den Bauch: »Meine Güte, bist du ein Arsch! Der arme Kerl hat sich so abgemüht dafür!« Tatsuha hob abwehrend die Hände: »Hey, ich haben gesagt, dass er musste sich beeilen! Ich war eben schneller! Nein, in Ernst. Ich habe sie ihn später nehmen lassen. Ich hatte so schon ein Stück davon.« Grace wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln: »Ich wette, er hat geweint vor Glück. He, Tatsuha, gute Arbeit heute. Du kannst fürwahr ordentlich zupacken. Shannon sah auch zufrieden aus. Und jetzt hast du auch noch Feierabend! Ich werde grün vor Neid!«

 

Zwar waren sie erst für wenige Stunden Kollegen, verstanden sich aber bereits blendend, was wahrscheinlich ihren offenherzigen, gesprächigen Persönlichkeiten geschuldet war. Und nachdem man jemandem einen prall gefüllten Müllsack an den Kopf geworfen hatte, hatte man sowieso schon praktisch Blutsbrüderschaft geschlossen.

 

Tatsuha streckte leger die Beine aus und stützte sich stöhnend nach hinten auf der Stufe ab, auf der sie hockten: »Aber ich habe wirklich mir alles leichter gedacht. Für Arbeiter hat man es echt nicht leicht. Wie lange musst du noch stehen?« Sie sah in den schwarzen Abendhimmel hinauf: »Noch fünf Stunden. Aber heute wird mein letzter Tag als Leibeigene sein! Ab morgen brauche ich die ganzen Handlangerarbeiten nicht mehr zu machen! Dafür haben wir ja jetzt di... Oh, verzeih.« Tatsuha winkte grinsend ab: »Alles gut. Ich weiß, ich kann nur putzen. Aber das mein erster richtiger, bezahlter Vollzeitjob! Ich bin glücklich sehr!« Sie stutzte: »Du bist Einundzwanzig und hast noch nie gearbeitet?« Ertappt zuckte er zusammen und begann zu stottern: »Oh nein, so meinen das nicht. Ich ... Vater haben ... Art von ...«

 

Ehe ihm jedoch das Wort „Familienbetrieb“ einfallen konnte, war sie aufgesprungen und verharrte drohend über ihm: »Ach so, diese Art kenne ich! Hast reiche Eltern und lässt dir alles von ihnen in den Hintern schieben, was, du Parasit?« Er ruderte entsetzt mit den Armen und rief: »Was?! Nein, nein! Nicht falsch! Ich meine falsch! Vater hat-« Doch sofort lächelte sie beschwichtigend und stupste seine Nasenspitze an: »Schon kapiert, keine Sorge. War nur ein Witz. Genieß deinen letzten Abend in Freiheit, denn morgen wirst du Shannon richtig kennenlernen! Komm auf keinen Fall zu spät!« Damit beendete sie ihre Pause und öffnete die Tür zum Flur, der sie zurück in die Bar führen würde. Tatsuha sprang auf und faltete die Hände hinterm Kopf: »Übrigens, Dankeschön.« Sie wandte sich erstaunt um und runzelte die Stirn: »Wofür?«

 

»Dass du mir Job gegeben hast.«

 

»Was redest du da? Es war Shannon, die dich eingestellt hat.«

 

»Schon, aber ich wäre nach den Dreckattentat gar nicht dort gegangen, wenn du nicht gewesen wärst. Du hast mir getan leid, wenn du so geweint hast, also habe ich gedacht, ich mache mich über dich lustig-«

 

Er hielt kurz inne, als ihre Augenbraue zuckte und sich ihre Faust zitternd hob. Schnell kramte er ein kleines Wörterbuch, das Ryan ihm zugesteckt hatte, aus seiner Hosentasche und blätterte unruhig darin.

 

»AUFMUNTERN! Ich dachte, ich könnte aufmuntern! Darum habe ich so getan, als ob ich gehe hinein in schmutzigen Sachen. Ich hoffte, du wirst es lustig denken. Naja, aber du hast mir dann Dinge zum Umziehen gebracht und ... Siehst du?«

 

Grace sah ihn an wie ein kaputtes Auto: »Du hast dich lächerlich gemacht, um mich zum Lachen zu bringen?!« Stolz stellte Tatsuha die Daumen auf: »Habe funktioniert, nein?«

 

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Yuma hörte die Tür schlagen und lehnte sich aus der Küche heraus: „Ach was, kommst du doch noch zurück? Ich hatte gehofft, du hättest dich aus dem Staub gemacht.“ In Wirklichkeit war er die letzten zwei Stunden auf dem Zahnfleisch gelaufen, als er von der Arbeit zurückgekommen war und sich sein neuer Mitbewohner noch immer in der großen weiten Welt herumgetrieben hatte. Jede Sekunde, die der Junge sich unter seinen Mitmenschen aufhielt, bedeutete das Risiko, dass jemand das Verbrechen aufdeckte, welches er begangen hatte. Nun aber konnte er den lange angehaltenen Atem endlich entspannt entweichen lassen.

 

Er hatte sich immer gefragt, wie sich ein Krimineller fühlen musste. Jetzt wünschte er sich, es nie herausgefunden zu haben.

 

Tatsuha kam königsgleich in den mit wohltuenden Gerüchen erfüllten Raum getänzelt: „Ich konnte leider nicht eher wiederkommen, weil ich nämlich eine An~stell~ung gefunden habe!“ Yuma hustete fast in den Kochtopf, aus dem er gerade eine Kostprobe entnommen hatte: „WAS?! Gleich am ersten Tag?! Wie zum Teufel hast du das hinbekommen?! Die meisten Leute ziehen wochen... Nein, monatelang durch die Stadt, ohne Erfolg zu haben! Und du reist einfach ein, wedelst mit ʼnem gefälschten Ausweis, faselst einige einstudierte Phrasen und wirst prompt eingestellt?!“ „Nah, von ‚prompt‘ kann keine Rede sein, mein unterbezahlter Landsmann“, verteidigte sich Tatsuha großzügig, doch seine Nase wurde so lang, dass er damit den Lichtschalter auf der anderen Seite der Wand hätte betätigen können, „Ich bin den ganzen Morgen rumgerannt und hab mich vorgestellt! Es waren unzählige Gespräche! Ich war total entmutigt!“

 

„Wie viele?“

 

„Vier.“

 

„Du verschissener Rotzlöffel! Ich hab’s mir anders überlegt! Gib meinen Landsleuten die Arbeit zurück!“

 

Tatsuha lachte lauthals, während Yuma ihn mit dem Trockentuch zu strangulieren versuchte, stutzte jedoch plötzlich und schnüffelte. Yuma hielt inne und sah ihn fragend an. Der Junge sah sich um und meinte schließlich: „Haben wir Besuch? Hier riecht es nach Parfüm. Und ich hoffe stark, dass es nicht von dir stammt.“ Er erntete ein Augenrollen und ein abfälliges Schnauben für den haltlosen Verdacht: „Blödmann. Natürlich nicht. Eine Freundin ist zum Essen gekommen. Sie möchte dich kennenlernen. Es gibt übrigens Shabu-Shabu, vielleicht wird das die Katastrophe beim McMoralds wieder wettmachen.“ „Juhu“, jauchzte der Junge, „Mutters Küche!“

 

In diesem Augenblick betrat jemand den Raum und er drehte neugierig den Kopf. Yuma stellte den Neuankömmling vor: „Kleiner, Jessica Logan. Jess, Kleiner Schmarotzer.“ Tatsuha zuckte nicht mal mit der Wimper, als er sich höflich verbeugte und ihr dabei ungeniert auf die Beine starrte: „Eigentlich heiße ich Tatsuha U... Kitazawa. Ich bin Yumas Cousin aus Japan. Sehr erfreut.“ „Sehr gut gemacht, Kleiner“, lobte ihn sein Mitbewohner, „aber sie weiß, wer du bist und wie du hergekommen bist. Sie ist aber auch die einzige Mitwisserin. Und das bleibt so, verstanden? Sie ist übrigens meine langjährige beste Freundin.“ „Und all die Jahre hoffe ich schon auf mehr“, seufzte Jessica, „Sehr erfreut. Meine Güte, du siehst wahrlich nicht wie Siebzehn aus. Kein Wunder, dass Yu darauf bestanden hat, ein anderes Alter in den Ausweis einzutragen.“ „Oh“, brummte Tatsuha überrascht, „haben Sie etwa den Ausweis gefälscht?“ „Jawohl, und es ist eine verdammt gute Arbeit, wenn ich das so sagen darf“, brüstete sie sich, „Aber von Yu brauche ich kein Lob zu erwarten. Und dabei hab ich es nur für ihn getan! Alter Spießer.“ Von der Kochstelle hörte man nur schweres Seufzen und das Klappern einer Suppenkelle.

 

Sie verließen die Küche in stiller Übereinkunft, ihren gemeinsamen Freund nicht weiter beim Kochen zu stören und setzten sich an den bereits gedeckten Esstisch. Die Frau faltete die Hände und stützte ihr Kinn darauf ab, während sie ihren Gegenüber aufmerksam studierte: „Du siehst eigentlich ganz normal aus. Was hat dich geritten, meinem Kumpel einfach hierher zu folgen?“ Er grinste arglos: „So eine Gelegenheit muss man doch beim Schopfe packen, oder etwa nicht? Wie hätten Sie denn gehandelt?“ Jessica lächelte sympathisch: „Du kannst mich duzen, so alt bin ich nicht, auch wenn ich so aussehe – Nein, schon gut, ich bin nicht blind – und ich duze dich schließlich auch ungefragt, stimmt’s?“

 

Und mit einem Mal verdunkelte sich ihre Miene: „Und mal sehen, wie hätte ich gehandelt? Ich hätte mir wahrscheinlich erstmal die schwerwiegenden Folgen ins Gewissen gerufen, die meinen viel zu gutmütigen Helfer erwarten könnten, auf meine Vernunft und weniger auf mein Ego gehört und wäre letztendlich mit dem Arsch dort geblieben, wo ich hingehöre.“ Ihr freundlicher Umgangston war verschwunden und sie blickte ihn strafend und mitleidlos an, als sie Dinge ansprach, über die er nicht richtig nachgedacht hatte. Jetzt, wo die Worte brutal ehrlich in sein Bewusstsein sackten, zerplatzte die fröhlich-bunte Luftblase, in der er die letzten Tage verbracht hatte und Tatsuha zuckte betroffen zusammen. Unterstellte sie ihm, Yumas Freundlichkeit ausgenutzt zu haben? Und wie konnte sie behaupten, zu wissen, wo er hingehörte?

 

Trotz nicht geringer Schuldgefühle empfand er ihre Worte als anmaßend, und so wollte er soeben erbost protestieren, als Yuma mit dem Topf hereinkam und ihn in die Mitte des Tisches stellte: „Jess, wir haben über die Sache gesprochen, oder? Selbst, wenn er mich schamlos für seine Zwecke benutzt hat, habe ich auch mein Scheffelchen dazu beigetragen. Ich bin erwachsen und er noch ein unbedarftes Kind. Ich hätte ihn abweisen können, was ich nicht getan habe, und jetzt habe ich die Sache eben am Hals. Hör auf, dich damit zu belasten. Wenn es rauskommt, hast du von absolut nichts gewusst, hörst du? Fühl dich ja nicht verpflichtet, mir beizustehen!“ Sie schnaubte nur erzürnt und wandte wütend den Blick ab, nicht bereit, die Begebenheiten auf sich beruhen zu lassen. Aber wieso sollte sie auch? Tatsuha war ihr herzlich gleichgültig, Yuma war es, um den sie sich Sorgen machte und das offensichtlich mehr als berechtigt.

 

Tatsuha ließ den Kopf hängen. Bis vor wenigen Sekunden war ihm alles noch so klar und vielversprechend vorgekommen, doch mit einem Satz hatte sie seine rosarote Brille zerstört.

 

Jessica schmollte uneinsichtig: „Tse. Naja, was soll man auch von einem Balg erwarten, das sich einem Star wie Ryuichi Sakuma an den Hals wirft, ohne an die Konsequenzen zu denken? Da kümmert es sich natürlich erst recht nicht um ein kleines Licht wie Yu Kitazawa.“ „Jess, es reicht“, knurrte Yuma verärgert, „Du wolltest ihn kennenlernen, nicht zusammenstauchen. Es ist meine Schuld, also halt dich mit deiner Kritik bitte an mich, okay?“

 

Tatsuha merkte, wie sich die Atmosphäre spannte. Er wollte nicht, dass sich sein Freund seinetwegen streiten musste. So unangenehm ihm Jessicas Vorwürfe auch waren und so sehr sie ihn auch verletzten, sie war Yumas beste Freundin, mit der er in aller Wahrscheinlichkeit recht häufig würde auskommen müssen, schließlich hatte sie wesentlich ältere Rechte. Und wenn sich Yuma zwischen ihm und ihr würde entscheiden müssen, bestand kein Zweifel, wie die Wahl ausfallen würde.

 

Tatsuha mochte ihn. Und er hatte nicht vor, in naher Zukunft von seiner Seite zu weichen. Und so bemühte er sich, Konversation zu halten: „Du sprichst fließend Japanisch, nicht wahr? Das ist wirklich beeindruckend! Wo hast du es gelernt?“

 

Die beiden sahen überrascht auf. Tatsuhas Gesichtsausdruck blieb freundlich neutral, aber Jessicas Pupillen verengten sich voller Misstrauen: „Willst dich mit Komplimenten einschmeicheln, was? Dumm bist du nicht.“ Es brauchte all seine Selbstbeherrschung, um nicht ertappt zusammenzuzucken und sie musterte ihn lange und eindringlich in der offensichtlichen Hoffnung, dass er seine bösen, feindlichen Übernahmepläne verriet.

 

Doch dann schnaufte sie endlich nur verächtlich und grinste herausfordernd, während sie sich auf eine Faust stützte und sich Fleisch, Nudeln und Gemüse auf den Teller lud: „Ich habe es von meinem Verlobten gelernt.“

 

Yumas Aufmerksamkeit entging nicht, dass Tatsuhas Mimik zitterte, als wenn es ihn ungeheure Kraft kostete, das Lächeln aufrecht zu erhalten: „Du bist verlobt? Wie schön! Vorhin hatte ich irgendwie den Eindruck, du würdest Yuma anbaggern.“

 

„Er ist tot.“

 

Dieses Mal zuckte Tatsuha wirklich zusammen und sie beobachtete ihn kurze Zeit, bevor sie sich seufzend entspannte und sich mit einer Hand frustriert durchs Haar fuhr: „Schon seit sieben Jahren, also zieh nicht so ein Gesicht. Hör zu, es tut mir leid, dass ich gesagt habe, was ich gesagt habe. Du scheinst in Ordnung zu sein. Wirst sicher deine Gründe haben, warum du von daheim weg wolltest. Lass es uns noch einmal versuchen, okay? Hi, ich bin Jessica Logan. Nenn mich Jess.“

 

„... Tatsuha Uesugi. Freut mich.“

 

Und der Rest des Abends verlief tatsächlich harmonisch und mit immer enthusiastischerer Berichterstattung von Seiten Tatsuhas, in der er aufführte, wie er an seinen Job gekommen war, wie durchgeknallt seine neue Chefin war, dass er den ganzen Tag Toiletten gesäubert hatte und dass seine jüngste Kollegin zweiundzwanzig Lenze zählte, total sein Typ war, ein unglaublich dreckiges Lachen aufwies und ihm beim ersten Aufeinandertreffen einen Müllsack ins Gesicht geschleudert hatte.

Am nächsten Morgen sah Yuma mit leichtem Kopfschütteln dabei zu, wie Tatsuha jeden Zentimeter des Motorrads, welches ihm Jessica nach einem Jahr der fürsorglichen Pflege zurückgegeben hatte, inspizierte und die ganze Zeit kaum verständliches Zeug vor sich hin brabbelte.

 

„Kawakami, meine Fresse ... cool ... das hier ... nicht schlecht ... in der Stadt ... Ooooh ... schick ...“

 

Ungeduldig tippte er mit dem Fuß auf den Asphalt und schnauzte endlich, nach fast zehn Minuten eingehendster Untersuchung, mit in die Hüften gestemmten Händen: „Bist du fertig? Ich finde es ja wirklich sehr schmeichelhaft, dass du meiner Maschine derartig huldigst, aber wir müssen-“ „Pst“, unterbrach ihn der Junge barsch und wandte sich wieder einer unglaublich interessanten Schraube zu.

 

Yumas Mundwinkel zuckte pikiert. Während er sich anschließend seufzend die Nasenwurzel massierte, erinnerte er sich zurück an Jessicas Abschiedsworte.

 

‚Bist du blind? Außer dem Aussehen hat der Typ nichts mit seinem Bruder gemein! Hast du nicht gesehen, wie offen er mit mir geredet hat? Eiri war mir gegenüber bis zuletzt reserviert, du hättest sehen sollen, wie er immer dafür gesorgt hat, dass Yuki zwischen uns steht – es grenzte schon an Lächerlichkeit!‘

 

Auf sein trotziges Schweigen hatte sie mit einem Seufzer reagiert, als trüge sie die Last der Welt auf den Schultern.

 

‚Was ich meine, ist: Lass dich nicht von der Vergangenheit hinreißen, okay? Der Junge hat absolut nichts mit der Sache zu tun. Stell bitte nichts Irrationales an.‘

 

Jetzt, wo sie ihm die eigene Voreingenommenheit vor Augen geführt hatte, verglich er seine Eindrücke tatsächlich kritischer. Er kannte Eiri nicht persönlich und hatte als Referenz für seine Abneigung lediglich die Äußerlichkeiten der Brüder verwendet – doch nun erkannte auch er deutlich, dass sich Tatsuha kaum in Eiris Charakterbild einordnen ließ.

 

Und trotzdem – er war der Bruder des Mörders seines Bruders! Wie konnte Jessica so abgebrüht sein und Sympathien für ihn entwickeln? Stimmte es wirklich, dass alle Beteiligten über Yukis Tod hinweggekommen waren und er allein sich weiterhin stur von Rachegelüsten leiten ließ? Entsprach es tatsächlich der Wahrheit, dass er sich an völlig unsinnigem Hass festklammerte, den er noch dazu an der falschen Person ausließ?

 

Yumas schlechtes Gewissen und die Sorgen um die Zukunft wurden immer größer. Wenn Tatsuha ihm doch wenigstens einen Grund gegeben hätte, ihn zu hassen! Aber der Teenager streifte, um zu vermeiden, ihm auf die Nerven zu gehen, lieber durch das Viertel, fand sofort, wie gefordert, eine Arbeit, bemühte sich um Yumas Freundin und liebte sein Motorrad.

 

Er stöhnte und fuhr sich entnervt durchs Haar, wütend auf die Welt. Im nächsten Augenblick ertönte Tatsuhas Stimme: „Okay, okay! Geduld ist eine Tugend! Bin ja schon fertig! Aber dass du auch Motorrad fährst, hättest du mir ruhig verraten können. Immerhin teilen wir ein Hobby!“ „Man kann es nicht wirklich ein Hobby nennen“, Yuma zuckte mit den Schultern, „mir gefällt nur das Fahrgefühl. Es ist aufregender als Autofahren. Außerdem streikt mein Wagen ständig.“ „Also gut“, donnerte Tatsuha, ohne ihm zugehört zu haben, „ich habe entschieden! Wir holen mein Bike mit deinem ab und dann machen wir den Highway unsicher! ... Oh Mann, das wollte ich schon immer mal sagen!“

 

Damit schwang er sich auf den Sozius und blickte Yuma erwartungsfroh an. Dieser stöhnte erneut und fummelte am Schlüsselbund herum: „Na fein. Am Flughafen werden wir mit dem Ding eh besser einen Parkplatz finden. Ich hole dir einen Ersatzhelm.“ Auf den Stufen zu seiner Haustür hinauf zögerte er und sah sich zu Tatsuha um: „Ich kann dich echt nicht ab.“ Das Lächeln des Jungen blieb ungebrochen: „Verstanden. Aber keine Angst. Das vergeht.“

 

Nein. Nicht die geringste Ähnlichkeit.

 

Bald darauf drückte sich Tatsuha fester an Yumas Rücken, als er wiederholt drohte, durch den Fahrtwind aus dem Sitz geschleudert zu werden. Natürlich hatte er einen Heidenspaß, immerhin war er kein Mädchen, aber er musste oft genug nachjustieren, um nicht den Halt zu verlieren und so einem kläglichen Ende auf der Straße vorzubeugen. Eine weitere Kurve kam vor ihnen in Sichtweite und sie legten sich gekonnt hinein. Der Vorteil eines erfahrenen Beifahrers war die ersparte Rücksicht, da beide wussten, wie sie sich auf einem Bike zu verhalten hatten. So konnte man entspannt und vor allem schnell fahren – was Yuma in vollem Maße ausnutzte. Sie hatten ein Wahnsinnstempo drauf und Tatsuha fragte sich insgeheim, ob diese Geschwindigkeit überhaupt zugelassen war. Doch Yuma war deswegen nicht im Geringsten besorgt und so sparte auch er sich unnötige Gedanken und genoss den Wind im Gesicht und das Vibrieren des Motors unterm Gesäß. In solchen Augenblicken fühlte er sich frei.

 

Frei von Sorgen. Frei von Verantwortung. Frei von Pflichten.

 

Und vor allem frei vom Schicksal.

 

Er hasste es nicht. Er hasste weder seine Berufung zum Mönch noch die damit verbundenen Aufgaben. Er hasste weder seinen Vater, der all seine Hoffnungen und Erwartungen in ihn steckte und ihn damit fast erdrückte, noch seine Lehrer, die jedes kleine Vergehen in der Schule sofort rügten und mit Nachsitzen bestraften. Er hasste seinen Schwager nicht, der seine Schwester nur geheiratet hatte, um unauffällig in der Nähe seines Bruders bleiben zu können, und auch nicht seine Schwester, die sich wissend dazu bereiterklärt hatte. Er hasste auch seinen anderen Schwager nicht, der seinem Bruder in kürzester Zeit Geheimnisse entlockt hatte, um die er sich jahrelang vergeblich bemüht hatte. Und er hasste auch seinen Bruder nicht, der ihn seit seinem zehnten Lebensjahr wie ein lästiges Übel behandelte, welches man entweder ignorieren oder beschimpfen musste.

 

Schule und Tempelarbeiten unter einen Hut zu bringen war ein Kinderspiel. Er war nicht der schlechteste Schüler, in Mathematik war er sogar ein regelrechtes Genie. Die Besucher des Tempels mochten ihn. Seine fröhliche Art war in den meisten Fällen genau der Schuss Optimismus, den die Hinterbliebenen eines Verstorbenen, die ins Wanken gekommenen Bräute oder die vom Schicksal gebeutelten Arbeitslosen dringend brauchten. Und er genoss es, ihnen helfen zu können.

 

Nein. Tatsuha liebte sein Leben und alles und jeden darin.

 

Doch manchmal überkam ihn das ungute Gefühl, irgendwie nicht zur Familie zu gehören. Fast alles drehte sich entweder um Eiris Seelenheil oder um das öffentliche Ansehen. Hatte er damals mit seinem Bruder spielen wollen, um ihn aufzumuntern, hatte ihm Mika jedes Mal nicht zu schonend befohlen, ihm nicht auf die Nerven zu gehen. Vergaß er aus Freude über einen neuen Wurf Kois im Gartenteich, die Haupthalle zu fegen, brüllte ihn sein Vater an, dass er mit seinem Kopf voller Flausen den Ruf des Tempels ruinieren würde. Bat er Eiri um einen Platz zum Schlafen, konnte er sich anhören, wie sehr es dieser hasste, wenn er grundlos und unangemeldet auf der Matte stand.

 

Passierten Dinge wie diese, verbrachte er die Nacht manchmal mit dem Kopf unter der Bettdecke, um niemanden mit dem Schluchzen aufzuwecken.

 

Seit sieben langen Jahren quälte er sich mit psychischem Druck herum, dessen Ursache ihm seine Umwelt vorenthielt, und mehr als einmal hatte sein Leben gedroht, ihm über den Kopf zu wachsen.

 

Wäre er nicht gekommen, Tatsuha konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob er durchgehalten hätte.

 

Es war auf Tohmas und Mikas Hochzeit geschehen. Beim ausgelassenen Spielen hatte er einen Kerzenständer umgeworfen und dabei auch gleich einen Teil des Buffets zum Einsturz gebracht. Mika war außer sich gewesen und hatte ihn fünf Minuten lang übers Knie gelegt, ehe Tohma sie beschwichtigen konnte und ihn in den Garten gescheucht hatte. Niemanden hatten die Tränen des schlechten Gewissens interessiert, die ihm über die Wangen geflossen waren, oder das verzweifelte Bitten um Vergebung.

 

Niemanden, außer einen.

 

‚Schwesterherz, es ... es tut mir leid! Ich ... hab es nicht mit Absicht ... gemacht, ich schwöre es! Wenn ... wenn man sie zusammenkratzt, kann man sie dann ... nicht in Schälchen füllen? Als ... Nachtisch? Mika! Tohma! Es tut ... mir doch leid ...‘

 

‚Hey, was machst du da? Warum weinst du? Kann ich dir helfen, Na No Da?‘

 

‚WA... Wer sind Sie?! Wa... Warum schleichen Sie sich so ... an mich ran?! Ich hab nichts getan ... ehrlich!‘

 

‚Hey, keine Angst, davon bin ich nicht ausgegangen. Und warum weinst du?‘

 

‚... Ich ... ich habe was Schlimmes angestellt ...‘

 

‚Aber hast du nicht gerade gesagt, du hättest nichts getan? ... Oh, meine Güte! Bitte nicht wieder anfangen, ich habe es nicht so gemeint! Hier, möchtest du einen Lutscher? Noriko hat mir zum Glück zwei gegeben, damit ich ihr nicht den ganzen Abend auf den Geist gehe und den Schnabel halte! Den mit Erdbeere kannst du haben, aber den mit Cola esse ich selber, das ist nämlich meine Lieblingssorte, No Da!‘

 

Und so war seine erste Begegnung mit einem Gott verlaufen. Er war Ryuichi Sakuma für den Rest der Feier nicht mehr von der Seite gewichen, was den Sänger offenbar nicht im Geringsten gestört hatte. Im Gegenteil, er hatte Torte mit ihm geteilt, mit ihm auf dem Arm getanzt und sogar beim Kirschkernweitspucken mitgemacht. Um anschließend gemeinsam vor Mika zu flüchten, nachdem ein Kern im Glas eines Gastes versunken war. Er hatte sich nicht erinnern können, wann er das letzte Mal so viel Spaß gehabt hatte.

 

Leider war es nur von kurzer Dauer gewesen.

 

Ryuichi war nie wieder zu Besuch in den Tempel gekommen. Tatsuha hatte Tohma nach dem Grund gefragt und dieser hatte geantwortet, dass es einfach Ryuichis Art war, sich an nichts fest zu binden und dass die Redensart „Aus den Augen, aus dem Sinn“ bei ihm eine völlig neue Bedeutung bekam. Sein Gesicht musste Bände gesprochen haben, denn Tohma hatte ihm im Anschluss des Gesprächs seine erste Nittle-Grasper-CD geschenkt.

 

Und damit eine Manie ausgelöst, die er sicher nicht für möglich gehalten hatte. Wann immer Tatsuha sich fortan einsam oder ungerecht behandelt gefühlt hatte, hatte er der Stimme des Sängers gelauscht und sie hatte stets zuverlässig Hoffnung in ihm aufkeimen lassen, dass der innere Frieden seiner Familie eines Tages zurückkehren würde.

 

Solange dies nicht geschah, hatte er sich geschworen, wollte er exzessiv für alle leben. Er hatte begonnen zu rauchen, zu trinken, sich mit Mädchen und Jungen gleichermaßen zu vergnügen und immer, grundsätzlich immer zu lachen, wenn er unter Beobachtung stand. Dieser Vorsatz war unglaublich schwer einzuhalten gewesen, aber mit Ryuichis Hilfe hatte er es sieben lange Jahre geschafft. Und mit der Zeit war die Dankbarkeit für ein wenig Wärme über Bewunderung zu einem Star bis zur größtmöglichen menschlichen Empfindung angewachsen.

 

Liebe.

 

Fixe Idee? Besessenheit? Nein, er war sich absolut sicher, ihn von ganzem Herzen zu lieben, lange bevor Tohma die Sache über Ryuichis Bisexualität herausgerutscht war. Und seitdem er wusste, dass er als Mann tatsächlich Chancen hatte, hatte es für ihn kein Halten mehr gegeben. Alle hatten von Anfang an versucht, ihm einzureden, dass Ryuichi nicht interessiert war.

 

Lüge!

 

Ryuichi war der Einzige, der sich für ihn interessierte. Und an diesem Gedanken hatte sich Tatsuha jahrelang so festgehalten wie in diesem Moment an Yumas Hüfte.

 

Dieser hustete ein wenig und wandte ihm halb den Kopf zu, ehe er rief, um den Verkehr zu übertönen: „Du musst mir noch Luft zum Atmen lassen, Kleiner! Bist du in Ordnung? Wenn du Schiss hast, fahr ich langsamer!“ Tatsuha öffnete überrascht die Augen und sah zu ihm auf.

 

Wirklich der Einzige?

 

Er überlegte kurz, dann brüllte er grinsend zurück: „Hat dein lahmer Bock nicht mehr drauf?“

 

---

 

Gewissenhaft zog er seine Mütze tiefer ins Gesicht und rückte die Sonnenbrille zurecht, ehe er durch die Automatiktür schritt, sich begeistert umsah und endlich zu seinem Begleiter herumwirbelte: „Ist das nicht phänomenal?! Die Kollektion, die Mr. Harty für mich entworfen hat, wird in der ganzen Stadt angeboten! Ich bin so aufgeregt, Na No Da!“ „Ja, great“, kam es prompt als Antwort, „und wenn du noch diskreter bist, wird sich auch schon sehr bald deine Tarnung auszahlen.“

 

„Ups“, Ryuichi kicherte verlegen und richtete einen entschuldigenden Blick auf den finster dreinschauenden Manager, „tut mir leid, aber die Modebranche ist so spannendes Neuland, ich bin total aufgekratzt!“ Claude starrte einige Verkäuferinnen an, die sich neugierig zu ihnen umgewandt hatten. Sein Blick allein entfachte in ihnen ein nie erfahrenes Interesse an ihrer Arbeit. „Nun“, seufzte er, „wenigstens scheinst du Spaß dran zu haben. Ich habe schon befürchtet, dass du dich lieber voll und ganz auf deinen nächsten Film konzentrieren willst. Aber ab und zu eine Pause ist in Ordnung, you know? Schließlich war das Konzert ziemlich anstrengend.“ Ryuichi stellte die Daumen auf: „Ach was, gar nicht! Es hat gut getan, mal wieder mit Tohma und Noriko zu spielen. Und zu sehen, dass wir immer noch so viele Fans haben!“ Dann verdunkelte sich seine Miene: „Aber warum hat mich Tohma so schnell wieder weggeschickt? Ich wäre gern noch einige Zeit in Japan geblieben. Außerdem schien es mir, als wenn ihn was bedrücken würde ... War es wirklich okay, einfach abzureisen?“ Claude zuckte mit den Schultern: „Wenn der Boss sagt, du sollst gehen und dir keine Sorgen machen, wird es wohl nichts Wichtiges gewesen sein. Es gibt nichts, was der nicht regeln könnte, also no worries, Ryuichi.“ Der Sänger strahlte: „Sie haben recht wie immer, K! Also gut, ich nehme das, das und das! Und wohin gehen wir als nächstes?“ Claude sammelte ein grünes Sweatshirt und zwei Bluejeans zusammen und übergab alles der Kassiererin. Dann rieb er sich das Kinn, wie in tiefer Überlegung: „Hm, im Fashionstore gegenüber vom Schnellimbiss waren wir noch nicht. Ah, ich wünschte, wenigstens ein Geschäft würde sich weigern, die Kollektion zu verkaufen. Meine Magnum wird noch ganz rostig, wenn es weiterhin so wenig Widerstand gibt!“ Sie verließen den Laden und überquerten die Straße ...

 

Um beinahe von einem Motorrad erfasst zu werden.

 

Ryuichi quiekte entsetzt, während Claude ihn am Kragen packte, zurückriss, im selben Augenblick seine Waffe zückte und zornentbrannt brüllte: »FREAK!!! Pass gefälligst auf, wo du hinfährst, du selten dämlicher VOLLIDIOT!« Das Bike drosselte noch nicht mal die Geschwindigkeit, aber die Stimme des Sozius drang, ein wenig atemlos, an ihre Ohren: „Selber Freak!!! Wohl nicht mehr ganz bei Trost?! Ihr habt Rot, Schwachköpfe!“

 

»Das tut überhaupt nichts zur Sache! Kommt zurück, damit ich euch euer bisschen Verstand aus dem Schädel ... Wie bitte?!«

 

Während Claude fassungslos zur Ampel aufschaute, flitzte das Bike um eine Ecke und verschwand und mit ihm seine Besitzer, die ihnen frech die Mittelfinger zeigten. „Hey, K“, jubelte Ryuichi, „das war ein Landsmann von mir. Oder? Hm, ich habe mich so an Englisch gewöhnt, dass ich gar nicht mehr merke, wie ich rede.“ „No“, erwiderte Claude, während er Ryuichi aufmerksam nach Verletzungen untersuchte, „du hast recht. Irgendwie ist mir die Stimme von dem Beifahrer auch vertraut ... Ach, sicher irre ich mich. Damn, ich habe eine gute Gelegenheit verpasst, ein paar Dummköpfe abzuknallen.“

 

Der Sänger ließ diskret zitternde Hände in Hosentaschen verschwinden und kaute wie in ernster Überlegung auf den Lippen: „Er klang wie der jüngere Bruder von Herrn Yuki! Ja, genau, der lustige Schwarzhaarige! Och, er hat mich nicht erkannt, dabei hätte ich mich gern ein wenig mit ihm unterhalten.“

 

„Ich bitte dich. Der Junge befindet sich in Japan. Schließlich geht er noch zur Schule und es ist absolut unmöglich, dass ihn der Boss, geschweige denn sein chronisch zorniger big brother, mit nach Amerika nimmt, nicht einmal während der Ferien. Keine Chance, dass er auf einem Motorrad durch New York rast.“

 

„... Ja. Sie haben sicher recht. Mensch, das waren noch Zeiten, damals, als ich ihn in meinen Armen in den Schlaf gesungen habe.“

 

Claude linste zu seinem Schützling hinüber. Im Gegensatz zum Rest der Familie wusste er, dass es sich bei Ryuichis Begeisterung für das Kind nicht um sexuelles Interesse handelte. Doch in der heutigen Zeit, mit der tragischen Vergangenheit der Uesugis, konnte man durchaus verstehen, dass sie sehr, sehr vorsichtig geworden waren und hinter jeder freundlichen Geste einen Übergriff befürchteten. Es ärgerte ihn trotzdem ein wenig, dass sie dem unschuldigen Sänger tatsächlich derartige Hintergedanken unterstellten.

 

Andererseits war Tatsuha gefährlich. Selbst ohne jede Absicht, den Teenager ungebührlich anzufassen, konnte seine Anziehungskraft nahezu jedes einigermaßen bisexuell veranlagte Wesen verführen. Und es war kaum zu übersehen, wie außerordentlich interessiert Tatsuha an Ryuichi war, und zwar alles andere als platonisch.

 

Ryuichi wünschte sich einen Freund. Tatsuha wünschte sich einen Geliebten – mit in jedem anderen Fall beneidenswerter Entschlossenheit. Und so war das Problem gegenwärtig.

 

„Ein Glück, dass sich dieser Troublemaker weit, weit weg befindet“, dachte er schwer seufzend, „ich brauche wirklich nicht noch die andere Hand voll Ärger.“ Damit schnappte er Ryuichi am Arm, ehe der viel zu jung gebliebene Mann einen offenliegenden – und mit lediglich einem Gitter und grell blinkenden Warnlichtern entschieden unzureichend abgesicherten – Kanalschacht hinunter purzeln konnte.

 

---

 

Yuma lehnte an seinem Motorrad und wartete. Nachdem er einem Bekannten am Zoll sein Anliegen erklärt und ihn davon überzeugt hatte, Tatsuhas Bike gegen eine geringe Gebühr ohne die benötigten Papiere auszuhändigen, musste er dem Jungen einmal mehr die Zeit zur sorgfältigen Kontrolle zugestehen. Tatsuha untersuchte seinen Schatz eingehend und strahlte schließlich wie ein Honigkuchenpferd: „Alles okay, Baby! Also, wohin brausen wir jetzt, Yuma? Zeig mir die Stadt! Zeig mir die Stadt!“

 

„Du scheinst zu vergessen, dass wir erst Mittwoch haben. Anständige Leute müssen arbeiten.“

 

Ja, anständige-

 

‚Ach, halt’s Maul, Gewissen!‘

 

„Meine Chefin ist da sehr liberal. Heute habe ich extra Spätschicht bekommen, damit ich eine Stadtrundfahrt machen kann. Und ich muss morgen dafür nur einmalig eine Nachtschicht dranhängen! Ist das nicht nett?!“

 

„Ich kann kaum glauben, dass es hier derart großzügige Naturen gibt.“

 

„Nicht wahr? Nicht wahr?! Also, wohin geht’s?!“

 

„Für mich zur Arbeit.“

 

„Och, Yuma, komm schon! Meld dich krank oder so! Dein olles Büro kommt auch einen Tag ohne dich aus!“

 

„Es geht nicht ums Büro. Ich will nur möglichst wenig Zeit mit dir verbringen.“

 

„Lügner. Du fängst schon an, mich zu mögen. Wehr dich nicht gegen den Lauf der Dinge und erlieg einfach meinem natürlichen Charme!“

 

„Wohl eher naturidentisch. Ich fange vielleicht an, dich zu mögen, sobald du anfängst, wie ein Siebzehnjähriger auszusehen. Bis dahin: So long, honey!“

 

Yuma ließ den Motor seiner Maschine aufheulen und stob mit einem letzten provokanten Winken davon. Tatsuha streckte ihm die Zunge heraus und ließ sich seufzend auf den Sitz seines eigenen Motorrads gleiten. Er hatte gehofft, seinem starrköpfigen Obermieter heimlich bis zu dessen Arbeitsplatz folgen zu können, doch mit dem Tempo konnte er einfach nicht mithalten, zumal Yuma nicht wollte, dass er mithielt. Offensichtlich meinte er es mit der Geheimhaltung seiner Tätigkeit tatsächlich ernst. „Egal“, dachte er und gab Gas, „jetzt wird erst mal erkundet, was das Zeug hält. Mit dem Vorschuss, den mir Frau Langley gewährt hat, besorge ich mir auch gleich mal Herrn Sakumas US-exklusives Soloalbum! Die Gegend, in der wir diese beiden Volltrottel fast plattgemacht hätten, sah gut sortiert aus. Jetzt muss ich nur dorthin zurückfinden ...“

 

---

 

Claude schlürfte seinen Kaffee, stark und schwarz, und beobachtete Ryuichi dabei, wie dieser eine Erdbeersahnetorte verschlang, als hätte er einen Monat in der Bastille verbracht. Er hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, den Sänger den Weg bestimmen zu lassen und sich deswegen knappe zwei Stunden im Kreis bewegt.

 

„K! Diese Torte schmeckt himmlisch! Wollen Sie wirklich nicht mal probieren?“

 

„Danke, aber ich habe keinen besonders ausgeprägten süßen Zahn. Iss ruhig auf.“

 

Der Sänger zog einen Schmollmund und gleich darauf veränderte sich die Atmosphäre: „Es ist kein Wunder, dass Sie wegen jeder Irritation der Normalität aus der Haut fahren, wissen Sie? Ihnen fehlen die Kohlenhydrate. Die würden Sie im Nullkommanichts in heitere Stimmung versetzen.“ Oh, der wahre Ryuichi erwies ihm die Ehre! Claude hob herausfordernd eine Augenbraue: „Ich hab auch Low Carb gute Laune.“

 

„Aber Sie werden sofort zum Amokläufer, wenn Ihnen andere Leute in die Quere kommen! Wenn ich Sie darauf hinweisen darf: Ihre Mitmenschen sind mehr als bloße bewegliche Ziele!“

 

„Darum geht es nicht. Ich bin gerade nur ein bisschen beunruhigt, weil wir uns durch deine mangelnde Orientierung zur Zeit weitab unseres Appartements befinden und ich einen Anruf vom Direktor eines sehr erfolgreichen Filmstudios, das eventuell an einer Zusammenarbeit interessiert sein könnte, in genau ... zehn Minuten erwarte, mein Handy ausgerechnet heute den Geist aufgibt und mein Schützling in seiner künstlerischen Exzentrik beinahe in jedes noch so unbelebte Hindernis rennt, welches sich ihm in den Weg stellt und so eine baldige Heimkehr so gut wie unmöglich macht. Kannst du dir auch nur im Geringsten vorstellen, was ich alles angestellt habe, um überhaupt mit Mitchell sprechen zu dürfen?“

 

„Hört sich für mich nach einer Entschuldigung für mieses Management an, K.“

 

Claudes Tasse verharrte auf ihrem Weg zum Mund und stahlblaue Augen bohrten sich in Ryuichis. Nach einigen Sekunden senkten sich Claudes Lider, er stellte den Kaffee ab und erhob sich: „Ich muss ein Telefon finden – ich bin sicher, hier in der Gegend befindet sich irgendwo ein öffentliches. Bleib hier. Got it? Bleib ... hier. Wenn du noch Hunger hast, bestell dir, was dein Herz begehrt, aber bitte treib dich nicht unbeaufsichtigt herum. Got it?!“ Damit drehte er sich um und verließ das Café.

 

Ryuichis Pupillen wanderten ihm nach, während er wenig enthusiastisch am Strohhalm seines Milchshakes saugte. Schließlich fuhr er sich frustriert durchs Haar. „Mist, das wäre echt nicht nötig gewesen“, dachte er, „ich weiß doch, wie K auf Kritik an seiner Arbeit reagiert! ... Und unfair war’s auch.“ Seufzend wanderte sein Blick zum Fenster.

 

Nach dem Beinaheunfall hatten seine Nerven relativ blank gelegen. Natürlich wusste Claude das – wenn er ihn nicht durchschaute, konnte es niemand – und war vermutlich deswegen recht gelassen geblieben, aber der Sänger gefiel sich gar nicht, wenn er seine Anspannung an anderen ausließ. Die Sache mit den Bikern war schließlich nicht Claudes Schuld gewesen. Außerdem war nichts passiert, wenn man mal von dem Schrecken absehen mochte, der ihnen in dem Augenblick durch die Glieder gefahren war. Dass er danach ein wenig wie in Trance durch die Straßen geirrt war, war selbstverständlich eine Folge davon gewesen. Normalerweise hatte er einen hervorragenden Orientierungssinn! Und jetzt, wo er sich etwas beruhigt hatte, wusste er ganz genau, wo er sich befand!

 

Wie zum Beweis kramte Ryuichi einen Stadtplan aus seiner Jackentasche. Den er natürlich auch nur bei sich hatte, weil der überbesorgte Claude ihn auf Knien darum gebeten hatte. Er faltete ihn auseinander und ließ den Blick weise nickend über die bunten Linien gleiten.

 

Fünf Minuten später steckte er ihn mit gerunzelter Stirn wieder weg und dachte: „Da ich ja genau weiß, wo ich bin, ist es nun wirklich nicht nötig, es mir zu beweisen. Ich bin ... in einem Café in ... einer Straße ... in New York. Richtig. Na also, er hat überhaupt keinen Grund, an meiner Orientierung zu zweifeln!“ Auf beide Hände gestützt saugte er den letzten Rest Shake aus dem Becher und grinste einem kleinen Mädchen zu, die ob der durchdringenden Gurgelgeräusche leise kicherte.

 

Anschließend starrte er eine Ewigkeit, nämlich fast fünf Minuten, aus dem Fenster.

 

Mit jeder verstreichenden Sekunde schürzte er die Lippen ein wenig mehr, bis er mit einem voll ausgeprägten Schmollmund dasaß und schließlich genervt schnaubte.

 

‚Laaang-wei-liiiig!‘

 

Vor dem Laden auf der anderen Straßenseite schob sich ein Motorrad in eine Parklücke. Es war ein anderes Modell, aber Ryuichis Hände senkten sich langsam, als er das Outfit des Fahrers erkannte.

 

‚Der Sozius!‘

 

Er sprang so hastig auf, dass einige Gäste erschrocken ihr Besteck fallen ließen und rannte aus dem Café. Beinahe wäre er zum zweiten Mal an diesem Tag über den Haufen gefahren worden, wenn er nicht im letzten Moment die rote Ampel registriert hätte. Von einem Bein trat er hastig aufs andere, während sein Ziel, welches mit dem Rücken zu ihm stand, sich den Helm vom Kopf streifte und nachdenklich zwischen drei Musikgeschäften abzuwägen schien. Dann entschied es sich für den kleinsten Laden und verschwand durch die Tür. Ryuichi grinste triumphierend und dachte: „Jetzt hab ich dich! Du wirst dir erstmal eine kleine Belehrung in Sachen Straßenverkehrsordnung anhören! Und du kannst dich bei deinem traurigen Schicksal beklagen, dass K nicht da ist, um mich zurückzuhalten!“

 

Die Ampel schaltete auf Grün.

 

---

 

Tatsuha durchforstete die Auslagen. Wenn ihn seine Intuition nicht täuschte, konnte er hier ein paar Nittle-Grasper-CDs oder sogar Filme mit seinem Idol in der Hauptrolle finden. Kleine Läden hatten manchmal echte Liebhaberstücke im Repertoire.

 

Tränen des Glücks rannen ihm über die Wangen, als er eine limitierte Edition von „Sleepless Beauty“ in die Höhe streckte und ein Himmelschor jenen Fund besang. Eifrig vertiefte er sich in die übrige Ware.

 

„‚Angel Dust‘ – Version Noriko ... ‚Angel Dust‘ – Version Tohma ... ‚Angel Dust‘ – Version Ryuichi! Gott schütze Amerika! Was haben wir hier? ‚Shining Collection‘ – Extended Edition ... Da ... da ist ja ein Song drauf, den ich gar nicht kenne! Buddha, sei mir gnädig! Und hier! Herr Sakumas erstes Soloalbum! Das muss das Paradies sein!“

 

Plötzlich wurde die Eingangstür des Ladens mit solcher Wucht aufgestoßen, dass ihn der laute Knall zurückweichen und ausrutschen ließ. Der Länge nach ging er zu Boden und stöhnte leise auf – und durch sein etwas benommenes Hirn drang eine Stimme, die ihn wahrscheinlich selbst noch im Koma in Euphorie hätte ausbrechen lassen können.

 

„Wo ist der Besitzer des blauen Motorrads da draußen?!“, brüllte Ryuichi aufgebracht, „Ich verlange, dass er sich mir augenblicklich stellt!“ Tatsuha sprang wie magisch angetrieben mit ausgebreiteten Armen und sternfunkelnden Augen auf und rief enthusiastisch: „Hier, Herr Sakuma!“ Der Sänger fuhr umgehend herum ...

 

Und starrte nur in die fragenden Augen einiger verwirrter Kunden, die mit dem jungen Biker aus seiner Erinnerung nicht das Geringste gemein hatten.

 

Tatsuha hingegen duckte sich währenddessen hinter das Regal, hinter dem er blitzschnell abgetaucht war und raufte sich entsetzt die Haare. Denn in dem Augenblick, indem sich ihm der Sänger zugewendet hatte, hatte ihn ein furchterregender Gedanke durchfahren.

 

In dem Fall, dass er ihn erkannte, wäre er geliefert!

 

So infantil Ryuichi auch sein mochte, er würde naiv anmutende Fragen stellen und sie ebenso naiv an Tohma Seguchi weitergeben, sobald er die Gelegenheit dazu bekam. Und wenn er ihn darum bitten würde, über ihre Begegnung Stillschweigen zu bewahren, würde sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der wahre Ryuichi rühren und noch direktere Fragen stellen!

 

Um nicht laut aufzuheulen, biss sich Tatsuha fest auf die Unterlippe.

 

Und sollte Ryuichi ihn tatsächlich nicht verraten, würde er sich strafbar machen – so viel Realität hatte er von Jessicas Standpauke mitgenommen. Nein, es war ihm schlichtweg unmöglich, seinen Star zum Lügen zu verleiten!

 

Ächzend ließ er den Kopf hängen. Sein Gott stand nur wenige Meter von ihm entfernt und hatte nach ihm verlangt und ihm blieb nichts anderes übrig, als die sofortige Kontaktaufnahme zu vermeiden! Was hätte er zuvor für eine Gelegenheit wie diese gegeben und musste sie nun ungenutzt verstreichen lassen! Doch im Augenblick hatte er Prioritäten abzuwägen: Ryuichi Sakuma oder die amerikanische Freiheit.

 

Er hatte immer geglaubt, sollte ihn der Sänger einmal bei seinem Namen nennen und ihn mit seinem ganzen Selbst anlächeln, konnte er selig sterben. Jetzt, da dieser Moment in greifbare Nähe gerückt schien, erquickte ihn der Gedanke an den Tod auf einmal nicht mehr so sehr. Vor allem, weil dieser Tod höchstwahrscheinlich mit einem baldigen Eintreffen der vier Reiter der Apokalypse zusammenhing: Vater, Eiri, Tohma ... und allen voran Mika.

 

Tatsuha stellten sich sämtliche Haare auf. Sein Sterben würde langsam und qualvoll sein.

 

Plötzlich hörte er Schritte, die in seine Richtung hallten: „Komm raus, du Delinquent! Es hat keinen Sinn, dich zu verstecken, hier kommst du nicht an mir vorbei!“ Er kaute voller Seelenleid all seine Fingernägel ab, während ihm Tränen in Bächen die Wangen herunterliefen. Dies war vielleicht die einzige Chance, sich jemals seiner großen Liebe offenbaren zu können und er musste sich hinter einem verstaubten Regal verstecken!

 

... Hatte ihn Ryuichi gerade als Delinquent bezeichnet?

 

Die Schritte wurden lauter und er begann unweigerlich zu schwitzen.

 

„Ich hoffe, du und dein Kumpel, ihr hattet euren Spaß, als ihr uns fast plattgemacht habt! Denn jetzt ist Zahltag, mein Lieber! Ich sorge dafür, dass ihr das nächste Mal die Höchstgeschwindigkeit einhaltet!“

 

Wovon redete der Mann? Kumpel? Plattgemacht? Höchstgeschwind... Oh.

 

Oh.

 

Tatsuha verlor die Farbe, die ihm jegliche frohe Hoffnung beschert hatte und ließ seine Kiefer fassungslos auseinanderklappen. Die beiden „Idioten“, denen Yuma gerade noch hatte ausweichen können ... Ryuichi?! Um Himmels Willen, dann musste der andere ...

 

„Du wirst dir wünschen, nie den Führerschein gemacht zu haben! Und Mr. K wird sicher auch bald wieder hier sein. Diese Abreibung kannst du dann an deinen Kumpel weitergeben!“

 

‚... Es tut mir leid, Herr Sakuma.‘

 

Es gab so etwas wie Selbsterhaltungstrieb. Tatsuha hätte nie gedacht, dass er sein eigenes Leben einmal über das seines Idols stellen würde. Aber er sah nur noch einen einzigen Ausweg für sich. Natürlich wusste er nicht, wie potent die Waffe außerhalb Japans sein würde, doch ihm blieb nichts anderes übrig, als es zumindest zu versuchen. Also holte er tief Luft, wartete, bis zwei schlanke, jeansbekleidete Beine in seinem Blickfeld erschienen und brüllte in der Sekunde, in der sich Ryuichi vorzubeugen und hinter das Regal zu linsen drohte: »OH MEIN GOTT!!! RYUICHI SAKUMA IST HIER!!!«

 

Der Sänger verharrte in seiner Position. Einige Augenblicke war es mucksmäuschenstill.

 

Dann explodierte die Ladentür und geschätzte zwei Millionen Passanten stürmten das kleine Geschäft.

 

»RYUICHI SAKUMA?! WO?!«

 

»HERR SAKUMA! EIN AUTOGRAMM! BITTE EIN AUTOGRAMM!«

 

»ICH HABE SIE IN ‚TRÄNEN DES VOLLMONDS‘ GESEHEN! SIE WAREN UNGLAUBLICH!«

 

»RYUICHI! ICH WILL EIN KIND VON DIR!!!«

 

„Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir-“, wiederholte Tatsuha leise wie ein Mantra, während er Ryuichis verzweifelte Hilfeschreie ignorierte und sich stattdessen mit vollem Körpereinsatz durch die Masse nach draußen kämpfte, auf sein Bike sprang und sich blindlings in den Verkehr rettete.

 

Erst nachdem er mehrere Häuserblöcke hinter sich gebracht hatte und nichts mehr von dem Aufruhr zu vernehmen war, verlangsamte er die Geschwindigkeit und schluckte. Für seinen Gott hatte er soeben bereitwillig ihre einzigartige schicksalshafte Begegnung geopfert, um ihn nicht in die Sache mit Yuma und sich hineinzuziehen. Und Yuma hingegen hatte er die ganze Zeit bereitwillig in Gefahr gebracht, ohne sich auch nur ansatzweise die Folgen vor Augen zu führen, die seinen neuen Freund ereilen konnten. Erst jetzt wurde ihm wirklich bewusst, dass Jessica recht gehabt hatte – er war entsetzlich egoistisch, blauäugig und naiv. Kein Wunder, dass sie am Vorabend so unfreundlich mit ihm umgegangen war. Sie wollte Yuma beschützen, so wie er Ryuichi beschützen wollte.

 

Mit einer Entschuldigung war es nicht getan. Aber es war wohl ein halbwegs guter Anfang.

 

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Yuma wankte, erschöpft von der Arbeit, das Treppenhaus empor, als ihm ein befreundeter Nachbar in heller Aufregung entgegeneilte: „Kitazawa! Meine Güte, es wird Zeit, dass du kommst! Was ist denn nur mit deiner Wohnung los?! Seit einiger Zeit tropft es von meiner Decke! Du hast doch keinen Rohrbruch, oder?!“ Yuma erbleichte, rannte die letzten Stufen hoch und durch den Flur zu seiner Tür.

 

Nachdem er sie in aller Hektik aufgerissen und sich angestrengt lauschend der Situation vergegenwärtigt hatte, entspannte er sich mit einem Seufzen wieder und zog sie dem Nachbarn vor der Nase zu. Sich die Stirn reibend watete er mühsam auf Tatsuha zu, der als Häuflein Elend in einer Wohnzimmerecke hockte und auf dessen Heulfällen einige winzige Männchen Wellenreiten veranstalteten. „Was ist denn jetzt wieder mit dir los?“, fragte er resigniert, „Hat dir ein unverschämter Hooligan deine geliebte Maschine zerkratzt?“ Tatsuha hob langsam den Kopf und brachte zwischen Schluchzen und Schniefen und Schluckauf kaum verständlich hervor: „Habe ... Ryuichi ... verpasste ... Schicksal ... verpasste ... Entschuldig...dige ... bitte ... i... ich ...“ Dann heulte er erneut auf wie ein Schlosshund.

 

Yuma nickte gefällig und klopfte ihm auf die Schulter, um ihn zu beruhigen: „Ja, natürlich, schon gut. Ich weiß zwar nicht, was los ist, aber ich muss dich wirklich bitten, alles weitere im Bad zu besprechen. Es wird schon jetzt lang genug dauern, das ganze Wasser abzuschöpfen. Wenn du dich über die Wanne beugst, kannst du dich deinem Leid von mir aus noch bis morgen früh hingeben. Abmarsch!“

 

Es dauerte noch zwei Stunden, ehe der Tränenfluss endlich versiegte und Yuma den Grund für die Überflutung seines Wohnzimmers erfuhr. Es brauchte eine weitere und einige zornige Klopfer mit nachbarschaftlichen Besenstielen, bevor sein lautes Lachen nicht mehr im ganzen Haus zu hören war.

 

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Tatsuha schrubbte sorgfältig den Boden der Bar, während ihm Shannon aufmerksam dabei zusah. Schließlich stieß sie Rauch aus der Nase aus, klopfte den Rest ihrer Zigarette aus der Spitze und kicherte: „Du hast dich in den letzten Tagen wirklich sehr angestrengt, Tatsuha. Du putzt so gründlich, dass der fragwürdige Eindruck, den du beim ersten Mal hinterlassen hast, völlig verblasst! Und ich habe gedacht, es könnte nicht besser werden. Gibt es einen Grund für deine Energie?“ Er schüttelte den Kopf, gleichzeitig wusste sie, dass er log: „Nein, natürlich nicht! Ich bin immer sehr gründlich in allem, was ich tue! Außerdem bezahlen Sie mich schließlich dafür, Chefin. Ich will Ihnen keinen Grund zur Beanstandung geben.“ Sie zog die Augenbrauen hoch und grinste verschmitzt: „Oh? Du willst also mich beeindrucken? Ich bin geehrt, Süßer. Und da dachte ich, du würdest dich für jemand ganz anderen ins Zeug legen.“

 

Sie lachte, als er etwas trotzig hüstelte und sich schnell umdrehte, um eine Ecke zu säubern, die längst keinen Dreck mehr enthielt. Sie seufzte: „Ach, noch einmal jung sein. Ich wünschte, ich könnte mit ihr tauschen. Von so einem knackigen Recken umworben zu werden, muss wunderbar sein!“ Er lachte: „Sie sind erst Achtunddreißig, Frau Langley! Und Ryan würde mir die Nase ins Gehirn treiben, wenn ich Ihnen zu nahe käme!“ „Hm, fürwahr“, hauchte sie, „Wenn er nicht wäre, würdest du es also versuchen?“ Er schreckte zurück und trat dabei beinahe den Eimer um: „Um Himmels Willen, machen Sie sich nicht unglücklich! Ryan ist in allen Belangen der bessere Angestellte!“

 

Sie wandelte an ihm vorbei und kniff ihm dabei ins Gesäß: „Aber nicht doch, ich flirte doch nur ein bisschen mit dir, Kleiner. Als ob du Milchgesicht mit einem Hengst wie Ryan mithalten könntest! Oh, übrigens, könntest du Grace nachher sagen, dass sie die Gläser besser polieren muss? Ich habe wieder einiges an Wasserflecken daran gefunden. Sie ist eine hervorragende Bartenderin, aber ihre Reinlichkeit lässt noch etwas zu wünschen übrig. Zeig ihr, wie man es richtig macht, bevor du Feierabend machst, ja?“ „Muss ich?“, schmollte Tatsuha sichtlich verlegen, „Es wäre sicher besser, wenn Millicent das übernehmen würde. Ich fürchte nämlich, sie nimmt mir meine Einmischung übel.“ Shannon versank kurz in Gedanken, schüttelte dann aber entschlossen den Kopf: „Nein. Nein, ich denke, du bist der Richtige für diesen Job.“ Ein Zwinkern sollte ihm unzweifelhaft Mut machen: „Lass dir keine Gelegenheit zur trauten Zweisamkeit entgehen, Romeo!“

 

Ihre wenig diskrete Offenherzigkeit versetze ihn in verlegenen Schweißfluss, während sie im Restaurant verschwand.

 

Weil er sich von Anfang an gut mit Grace verstanden hatte, hatten sich Gerüchte wie Lauffeuer unter der Belegschaft verbreitet. Und weil alle ihre Kollegen großzügige Naturen waren, gaben sie den beiden jüngsten Angestellten so oft es ging Arbeiten, die sie zusammen erledigen konnten. Leider hatte sich dabei eine Tatsache herausgestellt, die sich als nicht ganz förderlich für ein harmonisches Arbeitsverhältnis erwies.

 

Tatsuha war ein Alleskönner.

 

Ob es sich um Schrubben, Wischen, Fegen, Bohnern handelte, selbst im besagten Gläserpolieren besaß er die besseren Fähigkeiten. Er hatte sogar schon ein paarmal in der Küche auf der anderen Seite des Gebäudes aushelfen dürfen, weil seine Kochkünste recht schnell entdeckt worden waren. Am Anfang war es noch lustig gewesen, Graces Murren und Kriegserklärungen zuzuhören.

 

Irgendwann hatten sie aber beide gemerkt, dass es ihr einfach an Geschick mangelte, welches sie auch mit Entschlossenheit nicht auszugleichen schaffte. Und so emotional, wie er sie kennengelernt hatte, ließ sie ihn ihr Missfallen seitdem spüren.

 

Kurzum, Grace war neidisch auf ihn.

 

Ihm entfuhr ein leidendes Seufzen. Die anderen schienen es noch nicht bemerkt zu haben, wie schnippisch sie ihm in letzter Zeit entgegentrat. Sie dachten wohl immer noch, dass sie sich neckten, weil sich etwas zwischen ihnen anzubahnen begann.

 

Tatsuha wusste es besser.

 

Er zuckte ein klein wenig zusammen, als er die Hintertür klappern hörte und durch Graces gedämpftes Brummen sofort wusste, dass sie auch heute wieder schlechte Laune hatte. Er seufzte erneut und setzte dann ein strahlendes Lächeln auf. Als Grace hereinkam, begrüßte er sie so fröhlich wie möglich und gab auch gleich Shannons Anweisung an sie weiter. Ihr düsterer Blick musterte ihn einen Augenblick lang, dann grunzte sie kurz, um ihm zu verstehen zu geben, dass die Nachricht angekommen war, und band sich ihre Schürze um. Er beobachtete sie, während sie bereitwillig die Gläser aus dem Regal holte und sie im Licht kritisch hin und her drehte.

 

Während er sich wieder seiner Arbeit zuwandte, fragte er beiläufig: »Du sehen müde aus. Geht es dich nicht gut?« Er fühlte ihren stechenden Blick, erhielt aber so lange keine Antwort, dass er gerade die Frage erneut stellen wollte, als ihre Stimme ertönte: »Nein, mir geht es tatsächlich nicht gut. Aber es ist nichts, was ein perfekter Mensch wie du verstehen könnte.« „Deswegen musst du noch lange nicht jeden grammatikalischen Fehler betonen, nur um mir eins auszuwischen“, dachte er und wandte sich ihr beim Auswringen des Mopps leise brummend zu. Laut sagte er: »Ich bin gleich fertig, du kannst aber bereits anfangen, wenn möchtest du. Ich sein mir sicher, dass du es auch alleine schaffen kannst.« Sie legte ein Glas schief und schnippte es mit dem Finger an: »Wirklich? Nun, wenn du da sicher sein tust. Da kann ich mir ja richtig was drauf einbilden, nicht wahr?« Erneut seufzend stützte er sich auf seinem Mopp ab, durch ihre scharfen Antworten verunsichert ob des weiteren Vorgehens.

 

Einige Zeit schwiegen sie, das einzige Geräusch das helle Quietschen des Glases, wenn Grace mit dem Poliertuch darüberfuhr.

 

»Wie lange willst du noch sauer sein?«

 

Sie schnalzte mit der Zunge: »Aber ich bin doch nicht sauer!« Er lachte kurz bitter auf: »Ach nein?! Was ist das dann, diese Show, die du ... die du ...« Frustriert stützte er den Mopp an der Schulter ab und zog das Wörterbuch aus der Tasche, um hastig darin herumzublättern.

 

In der Sekunde, in der er das passende Wort gefunden hatte, erwähnte sie beiläufig: »Abziehst.«

 

Sein Mundwinkel zuckte. Er war nicht der Typ, der leicht wütend auf ein Mädchen wurde, doch Grace brachte ihn mit ihrer Attitüde an den Rand des Wahnsinns. Mit seinen löchrigen Sprachkenntnissen konnte er noch nicht einmal richtig kontern, selbst wenn er etwas Passendes zu erwidern wusste! Wann hatte er sich das letzte Mal so entsetzlich hilflos gefühlt?

 

»Es ist nicht mein Schuld, als du bist schlechter als ich in allen Sachen.«

 

»Natürlich nicht, Herr Perfekt! Ich bin die Letzte, die etwas an dir kritisieren könnte. Wenn man mal von deiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit absieht.«

 

»Kannst du vielleicht sprechen Japanisch?! Ich finde, mein Englisch ist gut unter gegeben Umständen!«

 

»Sicher, für jemanden, der sich selbst nicht versteht ...«

 

»Es sein schon ziemlich traurig, wenn deine Muttersprache Einziges ist, mit dem du mich triumphieren kannst!«

 

»Ach, lass mir doch diese eine Sache, damit ich überhaupt einen Grund habe, am Leben zu bleiben.«

 

»Verdammt, Grace! Ich kann nichts für deine ... deine ...«

 

»Sprich dich ruhig aus, Herr Perfekt. Ich als personifiziertes Versagen kann schließlich nichts dagegenhalten.«

 

Warum nur hatte sich ihre Beziehung so zum Schlechten entwickelt? Wäre sie glücklich gewesen, wenn er zurückgesteckt hätte und sie ab und zu hätte „gewinnen“ lassen? Noch vor wenigen Tagen hatte er das ob ihrer wachsenden Antipathie sogar in Erwägung gezogen. Doch wie schon mehrmals schossen ihm die Bilder des schicksalsträchtigen Abends durch den Kopf. Die, und Yumas unverhohlenes Spottgelächter am nächsten Morgen.

 

„Ist ja gut, ich hab’s kapiert, Yuma! Ich werde dir nie wieder davon berichten, sollte nochmal einer meiner Lebensträume wie eine Seifenblase zerplatzen!“

 

„‘tschuldige, Mann, aber das ist so surreal, ich kann einfach nihihihi-“

 

„Wie kannst du dich über meine Seelenpein so schamlos amüsieren?!“

 

„Verzeih, aber es ist einfach zu gut! Erzähl mir nochmal den Teil, in dem du vor Sakuma geflüchtet bist! Wenn ich es mir bildlich vorstellehehehehe-“

 

„Sehr witzig.“

 

„Nun, genau genommen ist es das nicht. Mein Parkett ist ruiniert! Hast du eine Vorstellung, wie teuer sowas ist? Eigentlich müsste Sakuma mir meinen Bodenbelag ersetzen!“

 

„Mann, gestern war der schwärzeste Tag meines Lebens, aber wenigstens du hast Spaß.“

 

„Definitiv.“

 

„...“

 

„Hey, reich mir mal die Butter rüber.“

 

„... Yuma?“

 

„Was ist?“

 

„Es tut mir leid. Ich meine, dass ich dir diese Schwierigkeiten eingebrockt habe.“

 

„Ein bisschen spät für Einsicht, meinst du nicht? Aber keine Sorge, ich habe einen Bekannten, der verlegt das Zeug billiger.“

 

„Ich meine doch nicht das Parkett!“

 

„... Ich weiß. Mach dir nicht so viele Gedanken. Wenn ich es nicht gewollt hätte, hätte ich es nicht getan. Und jetzt die Butter, bitte.“

 

„Warum hast du mich verteidigt, als Jess mich so fertiggemacht hat? Schließlich ... Sie hatte recht, nicht wahr?“

 

„Hm, weiß nicht genau. Vielleicht ist es mir egal, ob du mir dankst oder dich entschuldigst. Ich schätze, ich habe einfach nichts von dir erwartet. Butter!“

 

„Warum klingt das in meinen Ohren irgendwie nach Beleidigung?“

 

„Keine Ahnung. Sollte keine sein.“

 

„Also gut! Ich habe mich entscheiden!“

 

„Entschieden für was?“

 

„Ich werde dir beweisen, dass ich es wert bin, Erwartungen in mich zu setzen!“

 

„... Butter?“

 

Das Gespräch hatte es ihm unmöglich gemacht, Rücksicht auf irgendwen zu nehmen. Mit dem festen Vorhaben, alles zu geben, strengte er sich nicht mehr nur an, um Grace zu beeindrucken, sondern vor allem, um Yuma nicht zu enttäuschen. Also packte er seine Putzutensilien zusammen und stolzierte erhobenen Hauptes an ihr vorbei: »Dann sei halt eingeschnappt, wenn du glücklich bist! Glaub nicht, dass mir deine ... deine ...«

 

»Berechtigte Kritik.«

 

»Sticheleien irgendwas ausmachen! Ich gebe weiter Bestes mich-«

 

»Mein Bestes.«

 

»- weil ich ihm nämlich beweisen werde, dass ich bin ... bin ...«

 

»Ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.«

 

»Verlässlich! Dass ich kein kleiner Parasit bin!«

 

Grace zog nachdenklich die Augenbraue hoch: »‚Ihm‘? ‚Parasit‘? Wer ist er und warum nennt er dich so?« Tatsuha blieb kurz vor der Tür stehen und nuschelte schmollend: »Mein Cousin. Er bezeichnet mir immer als Schmarotzer und Nervensäge und Plagegeist. Aber ich werde es ihn noch beweisen.« Voller Optimismus wirbelte er herum und strahlte sie an: »Dass er mich vertrauen kann!« Damit verließ er ohne weiteres Wort den Raum.

 

Sie hörte ihn noch eine Weile im Flur klappern, ehe es still wurde und er sich zweifellos auf dem Nachhauseweg befand. Sie starrte auf das Glas in ihrer Hand: »Mir. Dass er mir vertrauen kann, du Sprachgenie. Und außerdem hast du was vergessen.«

 

Als Shannon zehn Minuten später den Kopf zur Tür hereinstreckte und sich erkundigte, ob er ihr das Polieren beigebracht hatte, nickte Grace, ohne zu zögern.

 

---

 

Es war bereits spät am Abend und der Flur, durch den er lautlos schlich, war dunkel, lediglich vorbeifahrende Autos erhellten Wände und Mobiliar für einige Augenblicke.

 

Dieses Mal würde er es schaffen, seinem Gefängnis zu entkommen. Und dann würde er den Mann finden, dem er die entsetzlichste Viertelstunde seines Lebens zu verdanken hatte. Er würde ihn finden und sich fürchterlich an ihm rächen, für alles, was er hatte durchmachen müssen! Auf Zehenspitzen umrundete er eine Ecke ...

 

„Bang. Gotcha, fella.“

 

Das Licht wurde angeknipst und ein schmerzerfüllter Schrei entfuhr ihm, als es ihn mitten in die auf absolute Finsternis optimierte Augen traf.

 

Ein sehr gereizt aussehender Manager im himmelblauen Pyjama lehnte an der Wand und stöhnte völlig übermüdet: „Damn, wie lange soll das eigentlich noch so weitergehen?! Ist es denn wirklich zu viel verlangt, dich ruhig zu verhalten und die letzten paar freien Tage bis zum Aufnahmebeginn hier im Hotel zu verbringen?! Was erhoffst du dir da draußen?! Außer einem schnellen, schmerzhaften Tod erwartet dich gar nichts! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du einem wildfremden Typen in einer Metropole wie New York zufällig ein zweites Mal über den Weg laufen wirst?! Get real!“

 

Ryuichi zog sich das Nachtsichtgerät vom Gesicht und rückte den Gürtel seines schwarzen Ninjakostüms zurecht: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich finde schon Mittel und Wege, ihn ausfindig zu machen! Und was den Mob vor dem Haus betrifft, habe ich bereits eine geniale Idee, unbemerkt zu passieren!“ Seine Hände verschwanden hinterm Rücken und als sie wieder zum Vorschein kamen, hielten sie zwei ...

 

Während sich Claude die Schläfen massierte, strahlte Ryuichi siegesgewiss: „Mit diesen anatomisch auf mich zugeschnittenen Haftsaugern werde ich mich an der Außenwand des Gebäudes entlang bewegen können, ohne unnötige Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Die Fans werden gar nicht wissen, dass ich mich nicht mehr im Zimmer befinde, somit besteht überhaupt keine Gefahr für mich und ich kann mich ganz auf meine Rache konzentrieren! Muha... MUHAHAHAHAHA!!!“

 

Claude schloss missmutig die Augen, die Arme vor der Brust verschränkend: „Ryuichi. Das sind keine Haftsauger, das sind Pömpel, die du zweifelsfrei von der Hoteltoilette entwendet hast. Sie sind nicht auf dich, sondern auf die Hoteltoiletten zugeschnitten. Und ganz zu schweigen davon, dass gewisse physikalische Gesetze ein solches Manöver niemals zulassen würden, musst du dich im Delirium befinden, wenn du denkst, dass ich dich an der Gebäudefassade herumkriechen lasse, um irgendeinen Freak zu suchen, dessen Gesicht du nicht kennst! ... No, streich das. Ich werde dich nicht an der Gebäudefassade herumkriechen lassen, völlig egal aus welchem Grund!“

 

„Spiderman, Spiderman, does whatever a spider can!“

 

Entsetzte Verzweiflung gab ihm die Energie, nach minutenlangem Kampf den enthusiastischen Sänger vom Fensterbrett zu ziehen. Ryuichi schmollte beleidigt: „Kommen Sie schon, K! Es geht hier nicht um irgendein kleines Vergehen! Er hat zweimal versucht, mich umzubringen! Zuerst hat er versucht, mich kaltblütig zu überfahren, und als das nicht funktioniert hat, hat er Fans auf mich gehetzt! FANS, K!!! Wie abgrundtief verdorben muss ein Charakter sein, um einen wehrlosen Mitmenschen einer Meute von Fans auszuliefern?!“

 

„Du vergisst den Fahrer des Motorrads. Dafür kannst du den Sozius nicht verantwortlich machen.“

 

„Ich meine, jeder weiß schließlich, was Fans mit dir anstellen können!“

 

„Und ich habe dich gebeten, im Café zu warten. Es ist deine Schuld, wenn du gute Ratschläge einfach in den Wind schießt.“

 

„Ich will mir gar nicht vorstellen, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich nicht gerettet hätten! Sie ... sie waren schon an meiner Unterhose angelangt, K!“

 

„Ryuichi ...“

 

„An meiner Unterhose!“

 

Claude kratzte sich unsicher am Kopf, während sein traumatisierter Schützling etwas von „unvorstellbarem Grauen“ und „Impotenz“ vor sich hin brabbelte.

 

‚Er ist fixiert. Not good, definitely not good.‘

 

Schließlich packte er seinen schluchzenden Freund am Kragen und lenkte die Schritte mit einem aufmunternden Lächeln Richtung Zimmer: „Was hältst du von dem Vorschlag, uns ein paar Drinks zu genehmigen? Das wird dich sicher auf andere Gedanken bringen.“ Ryuichi zog eine lange Spur Rotz zurück in den Kopf und sah misstrauisch auf: „Aber nicht an der Hotelbar.“ Claudes Augenbraue zuckte kurz, aber heftig: „Strapazier meine Geduld nicht über, lad.“

 

---

 

Es war nicht viel los für einen Samstag, doch Grace wunderte sich nicht sonderlich darüber. Vor nicht langer Zeit hatte keine vier Straßen weiter ein neuer Laden eröffnet und gab seine Getränke noch immer für einen Spottpreis ab. Nur ihre Stammkunden waren ihnen treu geblieben und sie wusste, dass auch der Rest bald wieder eintrudeln würde, sobald er sich bewusst wurde, dass das Heaven’s Den eben doch die besten Drinks im Umkreis ausschenkte. Bis dahin hatte sie sich vorgenommen, die ruhige Zeit vollends auszukosten.

 

Derzeit arrangierte sie stressfrei einige Flaschen in einem unteren Regal um. Als die Türglocke einen ihrer melodischen Zufallstöne spielte, brauchte sie deswegen erst ein paar Sekunden, um sich aufzurichten und die Neuankömmlinge begrüßen zu können.

 

Was sie erblickte, missfiel ihr ebenso sehr wie ihrer Kollegin.

 

Millicent warf ihr einen diskreten Seitenblick zu und unbemerkt von den Gästen ballten beide Frauen die Hände zu Fäusten und zählten still bis drei. Grace knurrte frustriert, als ihre „Schere“ fair verlor und setzte ihr strahlendes Arbeitslächeln auf, als sie sich zu den beiden sehr seltsamen Gestalten gesellte, die sich an den Tresen setzten: »Guten Abend, meine Herren. Was darf ich Ihnen bringen?« Der Große mit blondem Pferdeschwanz lächelte charmant: »Was können Sie denn empfehlen, reizende Bardame?«

 

Während sie an seinem Verhalten nichts aussetzen konnte, bereitete ihr sein Aufzug geringfügige Sorgen. Denn abgesehen von seiner verspiegelten Sonnenbrille, die er, trotz der Dunkelheit, abzunehmen keine Anstalten machte, war ihr sofort die Beule in seinem beigefarbenen Jackett aufgefallen. Und sie konnte schwören, für den Bruchteil einer Sekunde Metall aufblitzen gesehen zu haben.

 

Sie lächelte: »Sie sehen aus wie jemand, der gerne pur trinkt. Ich würde auf Whiskey tippen. Wir haben hervorragenden Bourbon da.« »Klingt vielversprechend«, grinste er und etwas flüsterte ihr, dass er nicht nur den Bourbon meinte. Ihr Blick fiel auf den Begleiter, der völlig in sich gekehrt mit einem Finger im Mund die Karte studierte. Er trug eine ausgefranste Jeanslatzhose über einem gelbgestreiften T-Shirt, und als wenn ein solches Modedesaster nicht schon genug gewesen wäre, aufzufallen wie der buchstäbliche bunte Hund, komplettierte der tief ins Gesicht gezogene, wenig stilechte rote Schutzhelm mit Safety-First-Schriftzug die Katastrophe. Ihr Mundwinkel zitterte ein wenig, doch sie rief sich Shannons Motto ins Gedächtnis.

 

‚Der zahlende Gast ist König.‘

 

Solange sie zahlten, konnten sich also alle Menschen ein bisschen Exzentrik erlauben.

 

Schließlich streckte ihr Kunde einen Finger in die Höhe und piepste: »Ich nehme einen Grasshopper, Na No Da! Mit Vanilleeis, bitte!« Sie stutzte. Seine glockenklare Stimme erinnerte sie nicht unbedingt an die eines Erwachsenen. Und war er nicht verdächtig klein und ... Nun, pausbäckig? Sie starrte ihn kurz an, danach seinen Begleiter, richtete sich schließlich zu ihrer vollen Größe auf, ohne auch nur im Entferntesten an die eigentlich angepeilte Bedrohlichkeit heranzureichen, und teilte den beiden unmissverständlich mit: »Entschuldigen Sie, aber als anständiges Lokal dürfen und werden wir auch in Begleitung und mit Einverständnis eines Erwachsenen keine alkoholhaltigen Getränke an Minderjährige ausschenken. Sollten Sie kein Verständnis für unsere Einstellung zeigen, muss ich Sie auf höflichste Art bitten, zu gehen. Außerdem muss ich Ihnen wohl nicht erklären, dass ich eine solche Verantwortungslosigkeit gegenüber Ihres Nachwuchses nicht gutheißen kann.«

 

Sie sahen sie schweigend an, dann sich gegenseitig. Der Blonde nickte dem Kleinen kurz zu, als waren sie derlei Reaktionen gewohnt, und dieser begann fieberhaft, in seinem Rucksack zu wühlen.

 

Millicent machte sich die kurze Ablenkung zunutze und trat mit ausdruckslosem Blick raunend an ihre Kollegin heran: »Dieser Typ sieht nicht danach aus, als wäre sein Geduldsfaden sonderlich ausgeprägt. Was machst du, wenn er Amok läuft? Du weißt, dass er eine Waffe trägt, nicht wahr?« »Gut zu wissen, dass du es wusstest und mich trotzdem zu ihnen geschickt hast«, zischte Grace erregt zurück, »Aber abgesehen von deiner kollegialen Freundlichkeit kann ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, Kinder zu bedienen! Und außerdem ist das illegal! Nachher haben wir eine Anzeige am Hals, weil sich das Balg nicht beherrschen konnte und an einer Alkoholvergiftung gestorben ist! Willst du das der Chefin erklären?!«

 

»Äh ... Entschuldigung?«

 

Grace fuhr herum und schielte direkt auf einen ihr dicht vor die Nase gehaltenen Ausweis. Der Blonde stützte sich müde auf einer Hand ab: »Ich hoffe, das klärt alle bestehenden Missverständnisse. Ich schätze, das hätten wir sofort machen sollen. Sorry für die Umstände.« Sie starrte auf das Geburtsdatum, dann auf den freundlich lächelnden Besitzer, dann wieder auf das Geburtsdatum ... und wieder auf den Besitzer.

 

»DREI...UND...DREISSIG?!?!«

 

»Die meisten Leute sagen mir, dass ich jünger aussehe. Lustig, nicht wahr?«

 

Millicent trat ihrer Kollegin nach ein paar Minuten heimlich vors Schienbein, woraufhin deren als kleine Blase entfleuchte Seele zurück in den Körper fuhr. Grace stützte sich mit beiden Händen auf die Theke und senkte den hochroten Kopf: »Verzeihen Sie mir meine Voreiligkeit. Die Drinks kommen sofort. Natürlich gehen sie aufs Haus, die Herren.« »Es ist wirklich kein Problem«, lächelte der Kleine, Ryuichi, wie sein Ausweis verraten hatte, »ich bin’s gewohnt, No Da! Ähm ... Gibt’s dafür mehr Vanilleeis?« »So viel Sie wollen«, schluchzte sie und dachte, immer noch beschämt: »Warum passiert sowas immer nur mir?!«

 

Als sie den beiden ihre Getränke zuschob, musterte sie den Blonden eindringlich und nahm schließlich nochmal ihren ganzen Mut zusammen: »Darf ich fragen, warum Sie die Brille nicht abnehmen, obwohl es draußen schon lange dunkel ist? Da ist es ja kein Wunder, dass man misstrauisch wird und voreilige Schlüsse zieht.« Er hob eine Augenbraue: »Stimmt schon, Fräulein. Aber können Sie mir sagen, warum ein Kunde ohne Brille weniger verdächtig wirkt?«

 

»Das ist doch wohl klar! Wenn jemand seine Augen versteckt, kann man ihn nicht mehr identifizieren!«

 

»Und warum ausgerechnet die Augen? Der Großteil eines Körpers ist im Normalfall bedeckt. Wieso stören sich die Menschen ausgerechnet an den Augen?«

 

»Man sagt doch, dass die Augen das Fenster zur Seele sind. Kein Wunder, dass man sich sicherer fühlt, wenn man erkennen kann, was der andere denkt.«

 

»Das ist alles Einbildung. Der berühmte Strohhalm, an dem sich die Leute festhalten, wenn ihnen der Boden unter den Füßen wegbricht. Meine Augen sagen Ihnen genauso viel wie meine Zehennägel. Nichts für ungut.«

 

»Passt schon. Wollen Sie mir Ihre These beweisen und mich gleichzeitig richtig glücklich machen?«

 

»Gern. Was kann ich für Sie tun?«

 

»Sie nehmen die Brille und Ihr Freund den kom... den Helm ab.«

 

»Tut mir leid, wir kommen nicht ins Geschäft. Sonst noch was?«

 

»Och, kommen Sie schon, K! Sie ist nett und lustig und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns in Schwierigkeiten bringen will! Außerdem ist mir warm!«

 

»Du hältst dich raus. Ich erinnere dich nur ungern an dein Intermezzo im Musikladen.«

 

Grace schluckte besorgt, als sie sah, wie sich Ryuichi auf seinem Hocker zusammenkrümmte und erbärmlich winselte. Sie wusste nicht, wie sie die beiden einordnen sollte, einerseits wirkten sie nicht wie Terroristen oder ähnlich besorgniserregende Gestalten, andererseits war ihr die Maskerade alles andere als geheuer.

 

Als sich der Blonde – K, hatte Ryuichi ihn genannt – nach mehreren Drinks schließlich Richtung Toiletten verzog, packte sie deswegen die Gelegenheit am Schopf und beugte sich nach einigen Augenblicken näher an seinen Freund heran: »Nun, mein Herr? Wie wäre es mit einem Zauberkunststück?« Sofort sendete er eine Aura der Neugierde aus und nickte eifrig. Sie grinste innerlich, stellte zwei kleine Gläser auf den Tresen direkt vor seine Nase und füllte eine braune Flüssigkeit bis zur knappen Mitte hinein. Über einen Löffel goss sie anschließend vorsichtig cremefarbenen Likör darüber und kicherte, als er das Kinn gespannt auf die Unterarme sinken ließ, um sie besser beobachten zu können. Offenbar hatte er diesen Shot noch nie gesehen, schien höchst fasziniert von der Tatsache zu sein, dass sich die Schichten nicht vermischten, und sie gab voller Eigenlob zu, dass ihr Lieblingscocktail mal wieder perfekt gelingen würde. Zum Abschluss füllte sie den schmalen Rand des Glases mit Rum auf und winkte ihn mit dem Zeigefinger noch ein Stück näher heran.

 

Blitzschnell ließ sie das firmeneigene Feuerzeug aufblitzen und zog die Flamme vor seiner Nase durch den Alkohol. Mit einem erschrockenen Quieken fuhr sein Kopf vor den kleinen Stichflammen zurück und vom Schwung fiel der Helm zu Boden.

 

Einige Sekunden war alles still und Grace starrte in den weit aufgesperrten Mund von ...

 

Als Claude zurückkam, eröffnete sich ihm eine sehr seltsame Szene.

 

Sein Schützling strampelte panisch auf seinem Hocker herum, während ihm die Bartenderin in die Backen kniff und begeistert die Mundwinkel auseinanderzog. Dabei schmiegte sie ihre Wange an seine und kreischte ausgelassen: »Wie süüüüüüüüß! Mil, sieh ihn dir an! Er ist so SÜÜÜÜÜÜSS!!!« »Hm«, kam die trockene Antwort, »ich denke, du solltest ihn jetzt loslassen. Er ist zehn Jahre älter als du.« Die Angesprochene jubelte weiter: »Diese Knopfaugen! Und diese Pausbäckchen!«

 

Die wenigen anderen Gäste sahen ein wenig verdattert dem Treiben zu, bis sich Claude aus der Schreckstarre befreite und sich bemühte, die fremde Frau von dem heillos überrumpelten Sänger zu lösen: »Fräulein, bitte sehen Sie davon ab, meinem Freund den Kopf abzuschrauben! Er braucht ihn noch! Er verdient sein Geld damit!«

 

Sie ließ schließlich von ihm ab, himmelte ihn aber weiterhin mit Sternen in den Augen an: »Sie müssen mir unbedingt sagen, wie Sie es schaffen, mit Dreiunddreißig noch so frisch und straff auszusehen! Was nehmen Sie zu sich, um sich so gut zu halten?« Ryuichi blinzelte und rieb sich etwas angefressen die Wangen: »Täglich zehn Lollis und fünf Eisbecher. No Da.«

 

Während sich Grace voller Motivation Notizen machte, beugte sich Claude verärgert zu ihm herunter und zischte: „Warum zum Teufel hast du dein Gesicht gezeigt? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich hier wieder ein Fanpulk bildet! Du bist so unverantwortlich!“ Zwischen ihnen wurde von hinten der Helm nach vorne gereicht. Millicent sah K nichtssagend an: »Ich bitte, meine Kollegin zu entschuldigen. Sie ist noch recht kindisch. Die Bifis gehen auch aufs Haus.« Und etwas leiser flüsterte sie Ryuichi zu: »Unsere Kundschaft heute gehört nicht unbedingt zu Ihrer Zielgruppe. Sie sind hier absolut sicher, Herr Sakuma. Gönnen Sie sich etwas Ruhe und Entspannung. Und Sie, Herr Leibwächter, sollten wirklich Ihre Brille abnehmen. Sie verängstigen unsere übrigen Gäste und machen sich auffälliger, als Sie eigentlich sind. Bitte vergessen Sie nicht, dass Sie sich in Amerika befinden. Große Blonde stechen hier nicht so sehr ins Auge wie in Japan. Machen Sie sich keine Sorgen.« Damit begab sie sich zurück hinter die Bar und begann seelenruhig, Gläser zu spülen.

 

Zuerst stutzten die Männer, dann sahen sie sich an und Claude zog zögerlich seine Brille von der Nase. Grace hatte sich inzwischen wieder gefasst und lächelte sie freundlich und ahnungslos an. Trotz ihres Gefühlsausbruchs bei Ryuichis Anblick schien sie tatsächlich nicht zu wissen, wer er war. Claude liebte sie dafür.

 

Und Ryuichi nutzte die Gelegenheit, ihre Wissenslücke ausführlich zu füllen.

 

»Wenn das so ist: Ich bin Ryuichi Sakuma, komme aus Japan, wo ich in der landesweit berühmten Band Nittle Grasper gesungen habe und bin jetzt hier Schauspieler, um meine Karriere auszuweiten. Haben Sie vielleicht ‚Ich und meine erste Liebe‘ gesehen? Ich habe den Keith gespielt. Junge, die Arbeit hat Spaß gemacht.«

 

Claude sah seinen Schützling entgeistert an.

 

Millicent sah ihn ausdruckslos an.

 

Grace sah ihn mit unschuldiger Verwirrung an.

 

Doch dann schlug sie mit einer Faust in die Hand und lachte: »Jetzt weiß ich, warum mir Ihr Name so bekannt vorkommt! Natürlich! Meine Güte, wie konnte ich ihn nur vergessen? Unser neuer Mitarbeiter kaut mir seit seinem Antritt regelmäßig die Ohren mit Ihnen ab!« »Tatsächlich«, murmelte Claude geistesabwesend, dessen Pupillen noch immer starr auf Ryuichi hafteten. »Ja«, jauchzte sie, »er ist auch Japaner und total vernarrt in Little Graper! So ein Pech, dass er schon Feierabend hat, er würde bestimmt sonstwas tun, um Sie live erleben zu können!« »Ja, wirklich schade«, säuselte Ryuichi, »Und es heißt ‚Nittle Grasper‘.« »Nun, ich denke, wir können uns glücklich schätzen, dass er nicht anwesend ist«, Claudes Fixierung hatte sich noch immer nicht gelöst, »ansonsten wäre es hier jetzt nicht mehr so lauschig, nicht wahr, Ryuichi?« »Ja, da haben Sie natürlich recht, K«, lachte der Sänger laut und quälend überzogen, »aber er hätte unserer unwissenden Bardame hier sicher erzählen können, wie unglaublich großartig Nittle Grasper ist und dass man wirklich was verpasst, wenn man uns nicht kennt. Harhar!«

 

Endlich sah Claude zu Grace auf und sagte entschieden: »Wir möchten zahlen. Ich denke, wir haben Ihre Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen.« Erschrockene Blässe lief ihr übers Gesicht: »Oh, ich hoffe, ich habe Sie nicht irgendwie beleidigt? Ich schwöre Ihnen, ich hatte nie die Absicht-« Doch er lächelte mit beschwichtigender Geste: »Nein nein! Sie waren sehr ... unterhaltsam, wirklich! Ich glaube nur einfach, dass sich mein Freund hier inzwischen mehr als genug hinter die Binde gegossen hat.«

 

Nachdem er die Rechnung beglichen und zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit ein mehr als großzügiges Trinkgeld spendiert hatte, zog er Ryuichi am Arm aus der Bar und beugte sich, kaum dass sie das Gebäude verlassen hatten, zornig zu ihm hinunter: »Sag mal, spinnst du?! Jetzt finden wir schon mal einen Laden, in dem wir uns ungestört für ein paar Stunden entspannen können, ohne dass du von lüsternen Weibern umlagert wirst, und du gibst willentlich deine Anonymität auf? Was ist bloß in dich gefahren?!«

 

Ryuichi schwieg eine Weile, sah ihn dann aber sichtlich verwirrt an. »Ganz ehrlich«, stammelte er mit selbst für ihn ausgesprochen seltenem Ernst, woraufhin Claude erstaunt eine Augenbraue hochzog und seine Hand sinken ließ, »ich habe nicht den blassesten Schimmer, warum mich ihre Ignoranz so aufgeregt hat. Ich sollte froh sein, dass sie mich nicht zu öffentlichen Sex gezwungen hat, stimmt’s? Ich sollte froh sein, dass man mir nicht die Kleider vom Leib gerissen und die Haut abgezogen hat, stimmt’s?!« Claude fand für den Ausdruck, den er auf dem Gesicht seines Schützlings sah, keine Worte, tendierend etwa zwischen völlig entgeistert und offen verängstigt. Ryuichi wandte den Blick ab und starrte zu Boden: »Ich meine, wann habe ich das letzte Mal so sorgenfrei in einer öffentlichen Einrichtung verkehren können, K? Das muss Jahrzehnte her sein! Und ich habe einfach-«

 

»Wenn ich dazu was sagen dürfte?«

 

Beide fuhren erschrocken herum, um in das milde lächelnde Gesicht von Grace zu blicken.

 

»Ich vermute, Sie fühlten sich schlichtweg beleidigt. Wenn man so lange von Groupies verfolgt wurde wie Sie, entwickelt man wahrscheinlich automatisch den Wunsch, einfach in Frieden gelassen zu werden. Aber wenn dieser Zeitpunkt dann tatsächlich kommt, fühlt man sich unsicher und mit einem Schlag vergessen. Obwohl man bekommt, was man wollte, fühlt man sich nicht wohl, weil es nicht das ist, woran man gewöhnt ist. Bitte verzeihen Sie mir, es war wirklich nicht meine Absicht, Sie irgendwie vor den Kopf zu stoßen. Aber Sie sollten sich wirklich nicht so abhängig von öffentlicher Anerkennung machen. Auch ohne Berühmtheit kann man ein sehr glückliches Leben führen, Herr Sakuma.«

 

Der Sänger blinzelte überrascht und schien angestrengt zu überlegen. Doch plötzlich schwand die Schärfe aus seinem Ausdruck, die Atmosphäre entspannte sich und er strahlte sie endlich wieder verspielt an: »Wow! Ich hätte nicht gedacht, dass die Lösung so einfach ist! Ich glaube, Sie haben tatsächlich recht! Mir geht’s schon wieder viel besser! Danke, Doktor Bardame!«

 

Claude schaltete sich ein: »Ja, herzlichen Dank. Hätte nie gedacht, dass sich Ryuichi mal zu niederer Geltungssucht herablassen würde.« Von dem darauf folgenden finsteren Schmollmund lenkte er geschickt mit der Frage ab, warum sie ihnen gefolgt war und ob er sich bei der Abrechnung geirrt hätte. »Nein, keine Sorge«, winkte Grace hektisch ab, »ich ... Ähm ... habe da nur eine kleine Bitte.« »Alles für die clevere Dame«, lächelte er zurück. Sie wandte sich an Ryuichi und streckte ihm zögernd eine Autogrammkarte mit seinem Konterfei entgegen: »Ja, also ... Die hat er mir gegeben, weil ich meinte, noch nie von seiner Lieblingsband gehört zu haben, und jetzt ... Hm ... Könnten Sie mir vielleicht ein Autogramm geben? Für ihn, meine ich.«

 

Von einer auf die andere Sekunde glühte der Sänger wie ein Heizstab und zückte strahlend einen Buntstift aus seinem Rucksack: »Na klar, Na No Da! Das mach ich gern!« Er schnappte sich die Karte und lehnte sie an Claudes Rücken. Nachdem er eine Weile gekritzelt hatte, fragte er gedankenverloren: »Wie heißt er denn, wie heißt er denn?!« »Ta-«, begann sie, hielt jedoch abrupt inne und grinste durchtrieben, »Ach, schreiben Sie doch bitte einfach ‚Herr Perfekt‘.« Der Sänger kicherte und beendete sein Werk. Dann gab er die Karte zurück und sie las stumm die Botschaft.

 

‚Für den besten Freund, den eine Doktor Bardame haben kann! Halt dir Frau Perfekt warm, Herr Perfekt! Ich feuere dich feste an!

Ryuichi Sakuma.‘

 

Nun war sie es, die hochrot anlief und entsetzt mit den Armen fuchtelte: »Oh, um Himmels Willen, Sie haben das völlig missverstanden!« Doch die beiden standen schon auf der anderen Straßenseite und hatten sie gar nicht mehr gehört. Ryuichi drehte sich noch einmal zu ihr um und schrie begeistert: »Vielen Dank für heute! Sie machen echt die besten Drinks, die ich je getrunken habe!« Lachend winkte er, bis ihn Claude um die nächste Ecke gezogen hatte. Sie blieb fassungslos und mit offenem Mund zurück, während einige Passanten, die den Ausruf gehört hatten, kurz stehenblieben und dann neugierig die Bar begutachteten, ehe ein Großteil von ihnen darin verschwand.

 

Sie schaute noch einmal auf die Karte. In einer der oberen Ecken leuchtete ihr ein Mini-Ryuichi entgegen und zeigte ihr das Victory-Zeichen.

 

Endlich, nach diversen Minuten, zogen sich ihre Mundwinkel hoch und sie steckte das Autogramm lächelnd in eine Gesäßtasche.

 

---

 

Tatsuha machte gerade eine kleine Pause im Hinterhof, als er ihr altes, klappriges Fahrrad um die Ecke quietschen hörte. Voller böser Vorahnungen stöhnte er gereizt und biss schnell von seinem Apfel ab, um sich nicht zu einschlägigen Kommentaren hinreißen zu lassen. Irgendwann, so hoffte er, würde sich seine Kollegin schon wieder einkriegen und ihn nicht mehr wie ein Kameradenschwein behandeln. Er sah ihr aus den Augenwinkeln dabei zu, wie sie den Drahtesel an den Mülltonnen abstützte und ihn mit einem Hochsicherheitsschloss absperrte, welches seinen Wert um ein Vielfaches überschritt. Dann fischte sie ihre Handtasche aus dem zerbrechlich wirkenden Körbchen und stapfte geradewegs auf ihn zu. Nun wünschte er sich, sich nicht auf die Treppenstufen, sondern auf die kleine Bank unter dem Seitenfenster gesetzt zu haben, doch hatte er mit ihr nicht unterhalb einer Stunde gerechnet.

 

Als sie ihn erreicht hatte, baute sie sich bedrohlich vor ihm auf und sah ihn todernst an. Tatsuha seufzte innerlich und wich ein paar Zentimeter zur Seite aus, um ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Doch nachdem sie sich auch nach mehreren Augenblicken nicht bewegt hatte, sah er perplex hoch und schluckte automatisch.

 

Ihre Augen verrieten Gewitterstimmung.

 

Aus Mangel an Möglichkeiten zog er eine Augenbraue hoch und stotterte unsicher: »Äh ... Dir auch einen wunderschönen guten Tag?« Sie kniff die Lider ein wenig zusammen, um anschließend zu seinem großen Erstaunen einen Schmollmund zu ziehen und den Kopf zur Seite zu wenden.

 

Mit leiser, fast unwilliger Stimme brummelte sie schließlich: »Also ... ich wollte nur sagen ... Es tut mir leid, dass ich mich so unmöglich benommen habe. Mein Verhalten war total kindisch und ich möchte dich um Verzeihung bitten. Und ... Äh ... Ja ... Also hiermit.« Und damit glitt ihre Hand in ihre Jackeninnentasche und holte ein Stück Papier heraus, welches sie ihm ein bisschen betroffen entgegenhielt: »Freunde?«

 

Er hatte gar nicht auf das Geschenk gewartet, sondern war gleich nach ihrer Entschuldigung in ein glückliches Grinsen ausgebrochen: »Angenommen! Ich bin so froh, dass wir uns verstehen wieder! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gemein ich mich gefühlt habe, als du mich hast so ... angefeindet?« Sie schnaubte grinsend: »Ich glaube, du meinst, dass du dich mies gefühlt hast. Naja, ich versteh dich ja trotzdem.« Beide lachten erleichtert.

 

Dann sah sich Tatsuha die Karte an: »Und was haben wir hier? Ist das Versöhnungs-Einladung in ein besonders exklusives Imbissbu- HEILIGE SCHEISSE!!!« Die letzten Worte stieß er in Japanisch aus und seine Augäpfel trennten sich beinahe von den Nerven, als sie ihm aus dem Kopf traten. Sie hingegen fiel bei dem Anblick fast zu Boden vor Lachen: »Und, gefällt dir meine bescheidene Reuegabe?«

 

»Schei... Wann hast du das denn bekommen?! Oh nein ... Sag bloß nicht, er war gestern hier und hat was getrunken?!«

 

»Oh doch, mein Lieber. Und es geschah lediglich magere drei Stunden nach deinem Feierabend.«

 

»NEEEEEIN!!!«

 

Er raufte sich aufgebracht die Haare, doch dann fiel ihm plötzlich wieder ein, dass er Ryuichi sowieso aus dem Weg gehen musste.

 

Warum?! Warum ergaben sich auf einmal haufenweise Gelegenheiten, seinen Gott zu treffen, jetzt, wo es ihm nicht möglich war, sie in aller Feierlichkeit zu nutzen?!

 

Melancholisch lächelte er auf die Karte hinab. Die Worte ergaben erst auf den zweiten Blick einen Sinn und brachten ihn amüsiert zum Kichern: »Herr Sakuma also auch, nein? Na, wenn mich alle so stark unterstützen, dann muss wohl irgendwas dran sein.« Ahnungslos runzelte sie die Stirn, aber auf ebenfalls leicht belustigte Weise: »Hm? An was muss was dran sein?«

 

»Nah, schon gut, ich schätze, Ryan hat recht, wenn er dich ‚verträumt‘ nennt. Wie auch immer. Danke, echt. Du bist wirklich erstaunlich, Grace.«

 

Tatsuha trat nahe an sie heran und küsste sie ohne Vorwarnung auf den Mund. Dann rannte er lachend mit hocherhobenem Autogramm zurück in die Bar.

 

Und ließ seine erschütterte Kollegin zurück, die sich für einen sehr, sehr langen Augenblick nicht rührte und dann langsam und hauchzart mit den Fingerspitzen über bebende Lippen strich.

Tohma und Mika stiegen gedankenverloren die Stufen des Polizeipräsidiums hinunter. Keiner der beiden sprach ein Wort und sie sahen sich auch nicht an. Keinem von beiden ging das Gespräch mit dem Beamten, der ihre Anzeige aufgenommen hatte, aus dem Kopf.

 

„Sie hätten viel eher kommen müssen. Fast vier Wochen lang zu warten, um einen Jugendlichen als vermisst zu melden, ist grob fahrlässig, Herr Seguchi.“

 

Tohma lächelte gereizt: „Sie kennen ihn nicht, Herr Wachtmeister. Mein Schwager gehört nicht zu dem Typen Mensch, um den man schnell besorgt ist. Eigentlich wollten wir ihn selbst finden, aber meinem Schwiegervater geht es wegen der Sache inzwischen so schlecht, dass ich es für besser gehalten habe, doch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

 

„Ihr Schwiegervater scheint damit der einzige in Ihrer Familie zu sein, der ein bisschen gesunden Menschenverstand im Kopf hat.“

 

„Was erlauben Sie sich eigentlich?! Wir als nächste Verwandte sollten die Situation nun wirklich am besten einschätzen können!“

 

„Frau Seguchi. Bei allem gebührenden Respekt, aber Ihr minderjähriger Bruder verschwindet spurlos und ohne erkennbaren Grund und Sie reden von der Möglichkeit einer korrekten Einschätzung? Können Sie sich vorstellen, wie oft wir Sätze wie ‚Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist‘ oder ‚Sie hat sich nie was anmerken lassen‘ zu hören bekommen? Auch und gerade von engsten Verwandten? Sie stecken nicht in seinem Kopf, selbst Sie als nahestehende Person können die Situation nicht einschätzen. Ist Ihnen bekannt, dass die Chance, das Opfer einer Straftat lebendig aufzufinden, nach maximal einer Woche erfahrungsgemäß gen Null tendiert?“

 

Das Ehepaar zuckte unwillkürlich zusammen. Mikas Augen füllten sich mit blankem Entsetzen und auch Tohmas Gesicht verlor trotz seiner eisern gehaltenen Fassung erheblich an Farbe.

 

Der Polizist nahm seufzend die Brille ab und putzte sie: „Verzeihen Sie bitte. Das war unnötig. Ich wollte Ihnen nur bewusst machen, welche Risiken Sie mit Ihrem falschen Stolz eingegangen sind. Sie dürfen nicht vergessen, dass Ihr Bruder trotz seines erwachsenen Auftretens noch ein sehr junger, unerfahrener Mensch ist. Auch wenn er, wie Sie sagen, frühreif ist, steckt sicherlich noch eine Menge Naivität in ihm. Nun, jetzt, da Sie uns unterrichtet haben, sollte es kein Problem sein, ihn zu finden. Vor allem, wenn er tatsächlich aussieht wie Eiri Yuki. Den kennt schließlich fast jeder hier in Japan.“

 

Es hatte sich um ein aufrüttelndes Gespräch gehandelt, ohne Zweifel.

 

Mikas Hand schob sich langsam zu ihren Lippen empor. Tohma griff ohne hinzusehen ihr Handgelenk, um sie am Nägelkauen zu hindern. Stattdessen verhakten sie ihre Finger ineinander. Er spürte die kaum sichtbaren Beben, die durch ihren Körper fuhren, und zog sie näher an sich. Mika bewahrte bemerkenswerte Haltung, doch er konnte sich lebhaft vorstellen, welche Schreckensvisionen ihr gerade durch den Kopf gingen. Zumal er sie ebenfalls zu deutlich sah. Doch ohne sich davon einschüchtern zu lassen, straffte er gefasst die Schultern: „Wir werden ihn finden. Mach dir keine Sorgen.“

 

„Finden, ja. Aber in welchem Zustand?!“

 

„Mika. Vergiss nicht, wir reden hier von Tatsuha. Er ist selbständiger als viele Erwachsene, egal was der Wachtmeister gesagt hat. Bevor ich mich davon überzeugen lasse, dass er sich hat umbringen lassen, glaube ich eher, dass er abgehauen ist.“

 

„Warum sollte er?! Er wird sich wohl kaum eingeengt gefühlt haben! Wir haben ihn schließlich immer alles machen lassen, wozu er Lust hatte!“

 

„Hör auf, Mika. Es wird uns nicht weiterbringen, wenn wir uns streiten.“

 

„Wie kannst du so kaltschnäuzig damit umgehen?! Unser kleiner Bruder ist verschwunden und ... und ... was ist, wenn mit ihm dasselbe wie mit ...“

 

Und endlich fing sie an, gepresst zu schluchzen. Tohma drückte ihre Hand fester und starrte unbeirrt geradeaus: „Tatsuha ist nicht Eiri, Mika. Dafür haben wir gesorgt.“

 

„... Wir ... hätten eher kommen müssen, Tohma.“

 

Er erwiderte nichts mehr. Doch Zweifel fraß sich wie Säure in seinen Geist und nur seine über Jahre gestählte Disziplin ermöglichte es ihm, seiner Frau die Unterstützung zu bieten, die sie benötigte. Eine stumme Frage hing wie Blei zwischen den Eheleuten.

 

Konnte es sein, dass sie Tatsuha doch nicht so gut kannten, wie sie die ganze Zeit angenommen hatten?

 

---

 

Tatsuha ballerte mit den Fäusten gegen Yumas Schlafzimmertür und brüllte aus Leibeskräften: „Guten Morgen, guten Morgen! Der Herr wollte um Punkt acht geweckt werden, um sich an seinem freien Tag mit seinem Lieblingscousin und den Herzdamen auf einen längst überfälligen Stadtbummel zu begeben! Aufwachen! Du musst mir alles zeigen, was mir bis jetzt entgangen ist! Chinatown! Empire State! Chrysler! FREI-HEITS-STATUE!!!“

 

Yumas Lider hoben sich wie in Zeitlupe und blutunterlaufene Augen starrten geradeaus auf den fahlen Lichtschein, der zwischen den zugezogenen Vorhängen ins Zimmer fiel.

 

War das wirklich das, was man für einen einmaligen Ausrutscher in einem sonst rechtschaffenen Leben verdiente?

 

Folter?!

 

„Und dann fahren wir zur Brooklyn Bridge und dann-“

 

Psychische Folter in Reinkultur?! Jeden zweiten Tag vom mutmaßlichen Opfer auf brutalste Weise aus dem hart erarbeiteten Schlaf gerissen zu werden, ohne sich wehren zu können?!

 

„Nicht zu vergessen das Picknick! Jess hat mir eine Lunchbox versprochen, so eine richtig amerikanische! Ich hatte noch nie eine amerikanische Lunchbox! ... Yuma! Steh auf! Du musst auch noch unsere vorbereiten! Ich habe schon Omelette gemacht, aber du bekommst doch das Fleisch viel besser hin! ... YUMA! AUF-STEHN! AUF-STEHN! AUF-STEH-“

 

„JETZT HALT ENDLICH DIE FRESSE! ICH HAB’S JA BEGRIFFEN!!!“

 

Tränen der Verzweiflung rannen ihm übers Gesicht, als er mühevoll ein Bein über die Bettkante hievte und ob der Eiseskälte erzitterte. „Nur noch fünf Minuten“, dachte er bitter, „wäre das denn echt zu viel verlangt gewesen?“ Er hörte den Teenager pfeifend die Stufen hinab hüpfen und stöhnte geschlagen. Oh ja, er bereute, dass er am Vorabend mit einigen Kollegen die Bars unsicher gemacht hatte und nun an Jahrhundertmigräne litt, die den Boden schwanken und einen Kopfschuss wie ein sanftes Streicheln erscheinen ließ.

 

Plötzlich schlug er die Hand vor den Mund und würgte reflexartig. Nur mit Glück schaffte er es noch rechtzeitig ins gegenüberliegende Bad.

 

Unten in der Küche vernahm Tatsuha die eindeutigen Geräusche eines Katers, der einen solchen Zorn nur entwickelte, wenn man ihn mit einem liebestollen Terrier über Nacht in eine Orangenkiste sperrte.

 

In eine sehr kleine Orangenkiste.

 

Er sah an die Decke und kalkulierte die Zeit, die sein Gastgeber unter diesen widrigen Umständen im Bad verbringen würde und grinste schließlich breit. Flink öffnete er einen der untersten Schränke, zog einen angebrochenen Sechserpack Bier hinter einigen anderen Lebensmittelpackungen hervor und entnahm die bereits vierte Dose. Mit einem Zischen legte die metallene Lasche das wertvolle Nass frei und er nahm einen beherzten Zug.

 

Ah, Glückseligkeit.

 

Mit der freien Hand griff er nach der Fernbedienung für Yumas Hightech-Stereoanlage und flippte durch die verschiedenen Lieder der aktuell spielenden Nittle-Grasper-CD. Bei einem der US-exklusiven Titel legte er sie wieder beiseite und wiegte sich zur Musik.

 

Eine ganze Woche lang hatte er sich auf diesen Tag gefreut. Als Yuma eines Abends wie nebenbei verkündet hatte, dass er frei haben würde und Jessica, die zu dem Zeitpunkt bei ihnen gewesen war, ihn dazu breitgeschlagen hatte, einen Ausflug zu unternehmen, hatte es für ihn kein Halten mehr gegeben. Yuma hatte sich natürlich über seinen Enthusiasmus lustig gemacht, doch Tatsuha war es egal gewesen. Keiner der beiden konnte sich vorstellen, wie viel ihm das Zusammensein bedeutete.

 

So unglücklich das erste Treffen mit Jessica auch verlaufen war, inzwischen verstanden sie sich so gut, dass man sie bei einem kürzlich getätigten Spaziergang sogar für ein Paar gehalten hatte. Vor allem sie hatte sich in seiner Gegenwart mittlerweile deutlich entspannt, was vermutlich daran lag, dass sie erkannte, wie sehr er sich bemühte, ihrem Freund keine weiteren Schwierigkeiten zu bereiten. Als eine der wenigen angenehmen Ausnahmen, mit denen er sich problemlos in seiner Muttersprache unterhalten konnte, hatte er in den letzten Wochen oft ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen und es schien sie wenig gestört zu haben. Sogar übernachtet hatte er schon bei ihr, als Yuma einmal Nachtschicht hatte schieben müssen und ihm allein Zuhause langweilig geworden war.

 

Er begann, sich langsam zur Musik zu drehen.

 

Zuhause?

 

Er wusste nicht, wann er damit angefangen hatte, Yumas Wohnung als das eigene Heim anzusehen. Seinen Freund hatte es nicht gestört oder zumindest hatte er keine Miene verzogen, als er das erste Mal von „Zuhause“ gesprochen hatte. Wahrscheinlich war es für sie beide einfach weniger umständlich gewesen, als jedes Mal von „deiner Wohnung“ oder „meiner Wohnung“ zu reden. Doch im Gegensatz zu Yuma, der sich wahrscheinlich nichts weiter dabei dachte, bedeutete der Begriff für Tatsuha etwas Tieferes, Innigeres. Vor allem, weil dieses „Zuhause“ selbst in aller verlassener Kälte wärmer erschien, als sein richtiges in Japan.

 

Er drehte sich schneller.

 

Weil er das Gefühl hatte, da zu sein.

 

Yuma verhielt sich stets abweisend, fast schon betont abweisend ihm gegenüber. Aber gleichzeitig vermittelte er ihm ein Gefühl der Geborgenheit, der Standhaftigkeit, der Vertrauenswürdigkeit. Tatsuha konnte sich selbst nicht erklären, warum er sich in Yumas Gegenwart so behütet fühlte. Manchmal glich dessen Verhalten dem Eiris aufs Haar, trotzdem verletzte es ihn nicht einmal halb so sehr wie das seines großen Bruders. Vielleicht lag es an der Blutsverwandtschaft, dass Eiris Animosität einen heftigeren Eindruck als das eines Fremden auf ihn hinterließ. Oder es waren die kleinen Zeichen, die Yuma ihm ständig hinterließ, die ihn an der Abneigung zweifeln und ihn immer die innere Ruhe wiederfinden ließen.

 

Er kochte Pilze, die Tatsuha liebte, obwohl sie bei ihm selbst Brechreiz auslösten.

 

Er behauptete steif und fest, nicht bis nach Mitternacht auf Tatsuhas Rückkehr vom Job zu warten, obwohl er nur fünf Minuten später mit bleierner Müdigkeit ins Bett fiel.

 

Er machte sich auf brutalste Weise über die mangelnde Qualität Nittle Graspers lustig, während er ihm eine streng limitierte Single unter die Nase hielt, die er ihm besorgt hatte, obwohl Tatsuha ihn nie darum gebeten hatte.

 

Und er mutierte zu einem schäumenden Berserker, der im gestreiften Pyjama, rot glühenden Augen und zerzaustem Haar im Küchentürrahmen stand und zwei vor Angst zitternde Bierdosen in der Hand zerquetschte, obwohl Tatsuha hätte schwören können, sie in ihr Versteck zurückgestellt zu haben.

 

Der Junge tänzelte zu Yumas geliebter Zimmerpflanze hinüber und hob zärtlich ihre Blätter an, um den Rest seines Biers in ihrer Erde zu versenken. Schweiß lief ihm übers Gesicht, während er schmeichelnd säuselte: „Geschätzte Katinka! Erst letzte Woche haben sie im Fernsehen gezeigt, wie gut Blumen gedeihen, wenn man ihnen ab und zu einen Schluck Alkohol zugute führt. Deswegen, und selbstverständlich nur deswegen, habe ich ein ganz klein wenig Bier besorgt, um dir beim Wachsen ein wenig zur Hand gehen zu können. Spürst du schon was, geschätzte Katinka? Oh, ich kann den strahlenden Glanz deiner Blüten schon erkennen! Yuma wird sicher sehr glücklich sein, dich in so guter Verfassung anzutreffen, sodass er sicher nichts Unüberlegtes tut, wenn er durch Zufall das gar nicht verdächtig gut versteckte Sechserpack finden sollte, nicht wahr, geschätzte Katinka?“

 

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Yumas Nachbar, der im Stockwerk unter ihnen wohnte, gähnte herzhaft und steckte sich eine Zigarette an, während er die Vorhänge beiseiteschob und sich auf den Balkon begab, um die erste Morgenluft zu schnuppern. Dort lehnte er sich mit dem Rücken ans Geländer, legte mit geschlossenen Augen den Kopf in den Nacken und stieß mit einem zufriedenen Seufzer den Rauch aus der Nase aus.

 

„Guten Morgen, Herr Walsh! Sie sehen gut aus! Ein herrlicher Tag heute, habe ich recht?“

 

Er öffnete langsam die Augen und starrte lange und ausgiebig in Tatsuhas, die ihm aus etwas über einem Meter Entfernung entgegen strahlten – der Junge hing, mit hochrotem Kopf nach unten an das Geländer der oberen Wohnung gefesselt, über dem Abgrund, der als siebter Stock bekannt war. Der Nachbar erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen: „Lass mich raten: Du hast schon wieder Kitazawas Gesetz gebrochen.“ Tatsuha nickte grinsend und winselte, als ihm der gesteigerte Blutdruck in seinem Schädel die Bewegung übelnahm.

 

„Wann werde ich wohl mal wieder aufwachen und den Himmel über New York genießen können, ohne an einer deiner Schultern vorbeisehen zu müssen?“

 

„Nun, das Problem ist ja weniger das Brechen als das Erwischtwerden. Das nächste Mal werde ich-“

 

Verdächtige Schnippelgeräusche erfüllten die Luft und Tatsuhas Augen sprangen aus ihren Höhlen, als er den Kopf senkte und Yuma sah, der sich mit einer Schere an den Schnüren zu schaffen machte, die ihn zwar an Ort und Stelle banden, aber gleichzeitig auch vor einem jämmerlichen Ableben bewahrten: „Ich meine natürlich, es gibt kein nächstes Mal! Ich habe aus meinen Fehlern gelernt! Es tut mir leid! Ich schwör’s!“ Schritte entfernten sich und er atmete erleichtert auf. Otis rief wenig beeindruckt hinauf: „Jesses, Kitazawa, versuch doch wenigstens ein bisschen, normal zu sein! Deine Erziehungsmethoden könnten bei dem einen oder anderen Beobachter auf Widerspruch stoßen, weißt du? Außerdem behandelt man so doch keinen Verwandten!“ Tatsuha nickte eifrig: „Da hörst du’s, Yuma! Herr Walsh versteht mich! Nimm dir ein Beispiel an ihm! Er ist immer so nett, er spendiert mir sogar manchmal die eine oder andere Zigarett-“ Er saugte blitzschnell die Lippen zwischen die Zähne, als er die bestürzten Augen des Nachbarn bemerkte.

 

Dieser hielt sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf und verschwand mit Lichtgeschwindigkeit in seinem Zimmer. Keinen Moment später öffnete er auswanderungsbereit die Tür ...

 

Für einen schwarze Aura versprühenden Halbjapaner.

 

Kurze Zeit darauf fragten sich einige vorübergehende Passanten angesichts der beiden kopfüber am Geländer baumelnden Personen, ob derlei Aktivitäten zu einem neuen Trendsport gehörten.

 

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Yuma trank einen Schluck Kaffee und tippte wiederholt mit seiner Fußspitze auf den Boden. Tatsuha und sein Leidensgenosse, die mit gesenkten Häuptern vor ihm knieten, drucksten nervös herum. Doch schließlich fasste sich Tatsuha ein Herz und wies mit einem anklagenden Zeigefinger auf ihn: „Was du tust, ist unmenschlich! Ich rauche und trinke seit meinem elften Lebensjahr! Eine völlige Abstinenz ist unter diesen Umständen unverantwortlich! Um nicht zu sagen gefährlich! Ich habe Entzugserscheinungen! Du kannst nicht einfach-“

 

Die Atmosphäre um Yuma schien an Schwerkraft zu gewinnen und ließ einige Möbel unter dem Druck aufächzen.

 

Tatsuha senkte blitzschnell den Kopf noch weiter als zuvor.

 

„JA, DU KANNST!!!“

 

Otis schien sich genötigt, mannhaft einzugreifen: „Komm schon, Kitazawa, meinst du nicht, dass du überreagierst? Dein Cousin ist Einundzwanzig, wie lange willst du ihn denn bevormunden? Du kannst ihn doch nicht die ganze Zeit rumkommandi-“

 

Ein Stuhl zerbarst im Feld der erhöhten Gravitation.

 

Otis warf sich zu Boden.

 

„JA, DU KANNST!!!“

 

Yuma fasste sich nach weiteren fünf bedrückenden Minuten an die Stirn und stöhnte gequält: „Also gut. Ich werde nicht sagen, dass ich dich, wenn ich dich das nächste Mal erwische, nach Japan zurückschicke.“ Tatsuha zuckte unwillkürlich zusammen. Yuma winkte ab: „Es wird dich ja sowieso nicht davon abhalten, es wieder zu versuchen, solange du meinst, mich überlisten zu können. Das läuft jetzt schon seit zwei Wochen so. Am Anfang habe ich wirklich gedacht, dass du die Sache ernstnimmst, aber inzwischen bin ich klüger. Mach, was du willst, mit wem du es willst. Mir ist es egal.“ Er stand auf und begab sich zur Spüle, um sein Gedeck abzustellen. Dann drehte er sich in Richtung Treppe. Sein Gesicht machte keinen Hehl daraus, wie tief enttäuscht er war.

 

Tatsuha biss sich verstört auf die Unterlippe. Es war derselbe Blick wie der, mit dem ihn seine Verwandten bedachten, wenn er sich nicht so verhielt, wie sie es von ihm erwarteten. Seine Finger krampften sich zusammen und er senkte den Kopf noch ein Stück weiter.

 

Nach drei Stufen drehte sich Yuma jedoch halb um und richtete zornig aufgeflammte Augen auf den Teenager: „Würde ich gerne sagen, aber das würde dir so passen, du Bazille! Wenn ich dich nochmal erwische, leg ich dich so übers Knie, dass du wegen der Schwellung in keine deiner Hosen mehr passt! Wenn du also nicht unten ohne durch die Stadt rennen müssen willst, schlage ich vor, dass du deine Restbestände so schnell und diskret wie möglich aus der Wohnung schaffst! Und wenn du gar auf die Idee kommen solltest, deinen Schlagerstar in unseren vier Wänden zu bezirzen, pack ich deine CD-Sammlung zusammen und schicke sie nach Timbuktu, aber nicht, ohne vorher deine Lieblingsscheibe mit meiner Flex zu polieren! Ist das jetzt endlich angekommen, du unverschämter Nestbeschmutzer?!“

 

Tatsuha starrte überrascht auf den Boden, hob dann aber grinsend den Kopf und nickte entschlossen: „Jawohl, Sir!“ Yuma sah ihn argwöhnisch an: „Warum habe ich so meine Zweifel ...? Ach, egal. Mach endlich, dass du fertig wirst. Jess kann jede Sekunde auf der Matte stehen und ich versichere dir, wenn wir nicht bereit zum Abmarsch sind, wird dieser Ausflug die Hölle.“ Damit wandte er sich um und stieg die Treppe empor.

 

Otis ließ den Atem erleichtert entweichen: „Puh, das lief besser, als ich befürchtet hatte. Sag mal, seid ihr immer so liebevoll zueinander?“ Tatsuha nickte unbeschwert strahlend: „Er sieht gemeiner aus, als er ist. Ich weiß, dass er mich mag, deshalb ist es nicht schlimm!“

 

„Ach ja? Woran machst du das fest?“

 

Tatsuha setzte ein Schafsgesicht auf: „Er macht mich jedes Mal zur Sau, wenn ich was anstelle, was ihm gegen den Strich geht. Zuhause würde ich nicht einmal Stubenarrest bekommen. Sie würden es ignorieren. Sie ignorieren alles, weil sie sich nicht mit mir auseinandersetzen wollen. Sie lassen mir alles durchgehen, damit ich still bleibe.“ Otis runzelte die Stirn: „Bist du dir sicher? Kann mir nicht vorstellen, dass man ‘nen netten Kerl wie dich so mies behandelt.“ Tatsuha sah ihn groß an: „Oh nein, das haben Sie missverstanden! Sie machen es nicht, weil sie mich nicht mögen oder so! Sehen Sie, meine Familie hat mit viel Mist zu kämpfen. Vor allem mein Bruder scheint was Furchtbares durchgemacht zu haben, von dem ich nicht mal ansatzweise was weiß, weil mich jeder in Watte packt und raushalten will. Aber ... das ist nicht das, was ich will, verstehen Sie? Ich möchte ihnen helfen können. Stattdessen ignorieren sie mich. Nur, weil sie denken, dass das das Beste für mich wäre. Das verstehe ich ja alles! Ich verstehe, dass sie mich lieben, auf ihre Weise. Aber ich fühle mich ausgestoßen. Als wenn ich nicht Teil der Familie wäre. Und manchmal ... ist es schwer, überhaupt so etwas wie Zuneigung in ihrem Verhalten herauszulesen. Yuma ist da ganz anders. Er tut zwar missmutig, aber handelt nicht so.“ Tatsuha lachte vergnügt: „Er ist total leicht zu durchschauen!“

 

Er ging zum HiFi-Schrank und öffnete eine schmale Seitentür: „Sehen Sie mal, das ist meine neue Nittle-Grasper-Sammlung. Wissen Sie, was für einen Aufstand er gemacht hat, als er den Platz dafür räumen musste? Aber er hat’s getan. Mein Bruder hätte eher den Schrank verbrannt. Und das hier ist meine Lieblings-CD. Ich kann Ihnen versichern, dass keiner meiner Verwandten in Japan weiß, welches meiner Stücke ich am liebsten habe ...“ Melancholisch lächelnd sah er auf die CD hinab, „Aber er hat‘s nach drei Tagen rausgekriegt“, nur um den Mund gleich darauf zu einer verlegenen Grimasse zu verziehen, als ihm mit einem Mal Bäche von Schweiß von den Schläfen rannen, „Deshalb sind seine Drohungen auch viel angsteinflößender!“

 

Während Otis sich kleinlaut am Hinterkopf kratzte und Tatsuha mit einer Frage zum erwähnten Ausflug von dem sichtlich unangenehmen Thema ablenken konnte, schloss Yuma, der am oberen Ende der Treppe mit verschränkten Armen an der Wand lehnte und der Konversation heimlich gefolgt war, reserviert die Augen.

 

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„Yu, ich liebe dich, aber manchmal bist du echt ‘ne Tranfunzel.“

 

Jessica ließ gereizt den Atem zwischen zusammengebissenen Zähnen entweichen, während Yuma gleichgültig mit den Achseln zuckte, sich an die Brüstung lehnte und hinaus auf die Skyline Manhattans blickte: „Beschwer dich bei dem Saufkopp da. Müsste ich ihm nicht ständig auf die Finger klopfen, hätte ich unser Essen früher fertig bekommen.“ „Schieb nicht immer die Schuld auf Tatsuha“, kritisierte sie missbilligend, „du hättest früher aufstehen können, Schlafmütze.“ „Oh“, er wandte sich ihr überzogen erstaunt zu, „seit wann vertrittst du denn so vehement seine Interessen? Er hat dich ja ziemlich schnell um den Finger gewickelt. Standest du am Anfang nicht noch auf meiner Seite?“ Sie zog einen Schmollmund: „Ah, nun ... Das war dann und dies ist jetzt. Jeder, wie er es verdient!“ Er schüttelte künstlich entsetzt den Kopf: „Ich fass es nicht! Meine beste Freundin, pädophil!“ Es brachte ihm einen Schlag in den Magen ein.

 

Sie sahen zu Tatsuha hinüber, der von Grace irritiert dabei beobachtet wurde, wie er die Nase an der Fensterscheibe plattdrückte. Sie lächelte etwas angespannt und fragte: »Warum bist du denn so aufgeregt? Wenn du aus Tokio kommst, solltest du so einen Ausblick wirklich gewöhnt sein, oder? Immerhin stehen dort auch einige der höchsten Gebäude der Welt.« Er wandte sich ihr zu und sein Blick verriet ihr, dass er sie in diesem Moment für die stumpfsinnigste Person der Erde hielt: »Das ist doch nicht Gleiches! Das hier ist die Freiheitsstatue! Die Freiheitsstatue! Und das sein Amerika! Ich bin noch nie glücklich gewesen! Meine, nicht glücklicher!« »Das ist nur New York, nicht Amerika«, erwiderte sie mit zuckender Augenbraue, »und bitte lehn dich nicht so ans Fenster, du machst mich ganz nervös!« Er sprang von der untersten Sprosse des Geländers und näherte sich ihr lauernd: »Oh, ich dich mache nervös? Machst du dir Sorgen, dass was passieren wird mir? Das ist so süß von dir!« Sie bekam einen hochroten Kopf und boxte ihm gegen den Oberarm: »Mach dich nicht lustig! Natürlich mache ich mir Sorgen, wenn jemand vor meinen Augen abzustürzen droht! Das kann auch ein Wildfremder sein, es würde mich trotzdem betreffen!« Doch er zwirbelte nur anzüglich grinsend eine der unter ihrer Ballonmütze hervortretenden Haarsträhnen auf und beugte sich nah an ihr Gesicht: »Na, wenn du mich so freundlich bittest, kann ich Nein nicht sagen, nicht wahr? Ich mich stelle hierhin, damit du hast sicheren Griff auf mich.« Er nahm ihre Hand, führte sie unter seinem Arm hindurch und klemmte sie fest, als Grace beschämt versuchte, sie wegzuziehen. Grinsend sah er aus dem Fenster: »So, ich kann nun nicht weg. Du hast mich ganz fest im Griff, scheint mir. Gefällt es dir auch so gut wie mir?«

 

Während Grace Tatsuha unsanft vors Schienbein trat und dieser daraufhin einen Sturz vortäuschte, nur um eine Entschuldigung zu haben, hastig seine Arme um ihre Hüfte winden zu können, tippte Jessica Yuma auf die Schulter und flüsterte ihm zu: „Apropos ‚um den Finger wickeln‘ ... Denkst du, das da ist in Ordnung? Als er sagte, dass er eine Freundin mitnehmen wollte, war ich ja erst nicht besorgt, aber ... Das scheint mir nicht so harmlos zu sein, wie er es uns weismachen möchte. Und hinzu kommt, dass das Mädchen nicht ganz abgeneigt zu sein scheint. Nicht, dass sie mit ihm ... Ich meine, sollten wir nicht vorsichtig sein? Er ist immerhin minderjährig.“ Yuma seufzte: „Ich weiß. Er ist immer so. Denkt nicht nach und springt, bevor er sicherstellt, dass das Wasser tief genug ist. Ich werde mal mit ihr reden. Mach dir keine Sorgen.“

 

Im Anschluss an den Besuch des Wahrzeichens zogen sie kreuz und quer durch die Stadt, immer bemüht, mit Tatsuha mitzuhalten, der sich in unbändigem Enthusiasmus auf alles stürzte, was ihm in irgendeiner Weise fremdländisch vorkam. Sie besuchten die von ihm am Morgen geforderten Sehenswürdigkeiten, hängten aus gutem Willen das Rockefeller Center dran und machten einen ausgedehnten Einkaufsbummel, den vor allem die Frauen genossen, während ihre beiden Anhängsel im Anschluss dafür verantwortlich waren, das Erworbene nach Hause zu schleppen.

 

Nach einem heftigen Kampf und Sieg des Feilschens mit einer Verkäuferin einer sehr teuren Boutique, zu dem sie sich spontan zusammengeschlossen hatten, verstanden sich Jessica und Grace prächtig und waren kaum noch zu trennen. Erst, als sie alle die Energie endgültig verließ und sie sich zu einem verspäteten Mittagessen im Central Park niederließen, bekam Yuma die Gelegenheit, Grace auf sein Belangen hin anzusprechen.

 

Tatsuha wurde von Jessica mit Chicken Nuggets gefüttert und Grace fühlte sich fehl am Platz, somit stand sie von der Decke, die sie zum Essen ausgebreitet hatten, auf und gesellte sich zu Yuma, der etwas abseits am Ufer des Sees stand und gedankenverloren aufs Wasser starrte. Er schreckte auf, als sie sich neben ihn stellte, und schmunzelte verstohlen, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. Wenn er vorher Zweifel gehabt hatte, dass sie sich für seinen Mitbewohner interessierte, waren sie jetzt spurlos weggewischt. Trotzige Eifersucht sprach aus all ihren Zügen, und mit einem Schmollmund warf sie immer wieder heimliche Blicke zu den anderen beiden hinüber, die sich unbeschwert amüsierten.

 

Yuma räusperte sich dezent und sie fuhr erschrocken auf, um sich ihm herzlich lächelnd zuzuwenden und er musste zugeben, dass sie wirklich sehr hübsch war. Es wunderte ihn gar nicht, dass Tatsuha seinerseits eindeutiges Interesse an ihr zeigte. Doch sie war Zweiundzwanzig, fünf Jahre älter als er. Eine Beziehung zwischen den beiden würde ihnen allen große Schwierigkeiten einbringen. Für ihn konnte es zwar nicht schlimmer kommen, aber für diese Frau würde es ein großer Schock sein zu erfahren, dass ihr Freund die gesetzliche Reife noch lange nicht erreicht hatte, ganz zu schweigen davon, dass es sie gegebenenfalls zu einer Kriminellen machte. Nein, er musste sie irgendwie davon abhalten, Tatsuha zu nah an sich heran zu lassen.

 

So fragte er sie freundlich: »Wie sieht es aus, hast du Spaß mit uns, Grace? Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so prickelnd ist, mit einer Gruppe loszuziehen, in der man nur eine Person kennt.« Sie schüttelte den Kopf: »Ach nein, gar nicht! Mir macht sowas eigentlich nichts aus, ich komme mit den meisten Menschen gut aus. Naja, zumindest wenn sie über meine Tollpatschigkeit hinwegsehen. Aber du und Jess, ihr seid echt nett. Hoffentlich mache ich euch nicht zu viele Umstände?« Er lachte: »Nö, überhaupt nicht. Ob wir drei oder vier Mäuler stopfen, ist relativ egal. Hat dir das Sushi geschmeckt?« »Ja, sehr! Eine wundervolle japanische Erfindung«, strahlte sie, »und die frittierten Scampis waren auch vorzüglich!« Er verbeugte sich tief: »Oh, ich nehme Komplimente immer dankbar an! Freut mich, dass es dir gemundet hat.« Sie sah ihn groß an: »Du hast die gemacht ...?! Ah, entschuldige. Ich habe bisher noch nie einen Mann getroffen, der wirklich gut kochen kann, außer professionell, versteht sich! Die meisten fühlen sich besser, wenn sie Frauen in ein Restaurant schleppen können.« »Dafür habe ich keinen Nerv«, gab er zu, »und Jess hat mich frühzeitig wissen lassen, dass sie meine Küche vorzieht.«

 

»Wo hast du Kochen gelernt?«

 

»Ganz traditionell in Japan bei meiner Mutter. Nach der Scheidung meiner Eltern sind wir, mein Bruder und ich, mit unserem Vater nach Amerika gezogen. Und später, als mein Bruder studierte, ist er immer zu mir zum Parasitieren gekommen, deshalb bin ich in Übung geblieben.«

 

Sie kicherte mit ihm und sah zu Jessica hinüber: »Sie hat Glück, so einen Freund gefunden zu haben. Und dein Bruder hat wohl noch mehr Glück, mit so einem Privatkoch zuhause. Kompensiert er dich wenigstens für deine Arbeit mit regelmäßigem Abwasch?« Yumas Lachen verstummte und ein Seufzen entfuhr seiner Kehle: »Nein, dazu hat er leider keine Gelegenheit mehr. Er ist vor sieben Jahren gestorben.«

 

»... Das tut mir sehr leid.«

 

»Das kann ich mir vorstellen. Aber lass dir nicht die Laune verderben. Ich bin nicht der einzige Mensch mit einer solchen Geschichte, und nicht jeder braucht stetiges Mitgefühl. Es ist lange her. Nichts zu bedauern.«

 

Schweigen erfüllte die Luft und Yuma nutzte die Stille, um seine Annäherung zu planen. Er verschränkte die Arme und räusperte sich erneut: »Und, was hältst du von Tatsuha? Wenn man euch so sieht, könnte man denken, ihr seid liiert oder dergleichen.« Sofort lief sie puterrot an und spielte nervös an ihren welligen Strähnen: »Ah, nein ... Wir sind nicht zusammen oder so, ich meine, wir sind Arbeitskollegen und haben uns gleich gut verstanden, aber wir sind noch nicht ... Ich meine, nicht so weit. Wie soll ich sagen ... Er ist natürlich sehr nett und so ... und attraktiv ... Äh, aber ich steh nicht so auf Jüngere, weißt du? Nun, was ich sagen will ...« Sie sah zu den beiden auf der Decke hinüber und dunkelte noch etwas nach: »Ja, das war es. Nicht auf Jüngere.«

 

Sie vermied peinlich berührt jeden Sichtkontakt und Yuma seufzte innerlich. Was hatte dieses Balg angestellt, um sich eine erwachsene Frau innerhalb eines knappen Monats so verfallen zu machen? Wenn ihn sein Stolz nicht davon abgehalten hätte, hätte er Tatsuha darum gebeten, ihm Nachhilfeunterricht zu verpassen. Fast bereute er es, eingreifen zu müssen. Sie schien ein nettes Mädchen zu sein und sollte selbst entscheiden dürfen, mit wem sie sich einlassen wollte. Doch gerade deswegen musste er es verhindern. Sie kannte nicht alle Einzelheiten. Er wollte nicht, dass sie seinetwegen in Schwierigkeiten geriet.

 

Er nickte erleichtert: »Oh, dann ist es ja gut. Weißt du, es wäre mir unangenehm gewesen, mit dir darüber zu sprechen, wenn du an ihm interessiert gewesen wärst.« Sie horchte auf: »Über was?« Er zuckte mit den Schultern: »Ich sage das allen Mädchen, die sich mit Tatsuha einlassen. Du hast es ja schon gemerkt. Er ist gutaussehend und umgänglich. Nicht zu vergessen beherrscht er es meisterhaft, Leute zu manipulieren. Besonders Frauen fühlen sich durch seine ständige Schäkerei oft zu ihm hingezogen, deshalb sag ich es dir jetzt vorsorglich, nur für den Fall, dass er versuchen sollte, dich rumzukriegen: Er hat eine Freundin in Japan ... Nein, nicht nur Freundin, sie sind mehr oder weniger ... Ach, was soll’s. Sie sind verlobt. Er ist fest gebunden, also zeig ihm ruhig seine Grenzen, wenn er aufdringlich werden sollte, ja?«

 

Sie wurde sehr still und er fühlte sich schlecht. Aber so war es immer noch besser, als wenn er ihre weiße Weste auf dem Gewissen hatte. Schließlich sah sie lächelnd auf: »Vielen Dank für die Warnung, Yuma. Aber ich denke nicht, dass zwischen uns irgendwas laufen wird. Wie gesagt, ich stehe nicht auf Jüngere. Wir sind nur Freunde.« Ihre Augen hatten etwas von ihrem Glanz eingebüßt.

 

Im nächsten Moment warf sich Jessica um Yumas Hüfte und grollte missmutig zu ihm herauf: »Yu, steh hier nicht den ganzen Tag rum! Wir haben noch eine weiten Weg vor uns! Als nächstes müssen wir zum Times Square! Pack zusammen, Schatz!« Sie schob ihn Richtung Picknickplatz und warf Grace dabei einen kurzen, aber eindeutigen Blick zu.

 

‚Das ist meiner.‘

 

Sie kicherte leise und selbst in ihren Ohren klang es ein wenig hysterisch. Erst sagte man ihr, dass ein potenzieller Heiratskandidat vergeben sei und sie ihre Finger gefälligst bei sich behalten sollte, und direkt im Anschluss sagte man ihr ...

 

Nun, das Gleiche mit etwas mehr optischem Nachdruck.

 

Als Tatsuha seinen Arm um ihre Schulter legte und ihr belanglose Dinge ins Ohr flüsterte, sah sie deswegen nur traurig lächelnd zu Boden.

 

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»Barmann! Noch ‘ne Runde für uns!«

 

Jessica ließ sich etwas schwankend zurück auf ihren Stuhl fallen und verschränkte die Arme vor der Brust: »Also wirklich, Freun...de, wir sind ers drei Stunden hier und ihr redet vom Ausklang?! Ihr seid so jung, und trotzdem seid ihr so verweichlicht?! Um zwei Uhr nachs fängt das Leben in Manhattan doch ers rich...tig an!« »Äh, Jess, schon vergessen? Ich bin älter als du«, erinnerte sie Yuma zögerlich und gab dem Mann an der Bar ein Zeichen, nur noch Halbe auszuschütten. Dann trank er sein Bier aus und ließ den Blick über die Tischnachbarn wandern.

 

Zu seiner Rechten gab sich seine Freundin die Kante, während Grace ihm gegenüber soeben versuchte, ihren Gin Tonic zusammen mit einem Tequila Sunrise zu inhalieren. Als es nicht ganz so zu munden schien, wie sie es sich vorgestellt hatte, ließ sie ihren Kopf auf die Tischplatte fallen und heulte deprimiert: »Mist! Wa...rum läuft eigentlich nie was so, wie ich es möchte?! Immer, immer kommt irgendwas da...zwischen, was mir den Wind aus ‘n Segeln nimmt! Ich bin so dumm! Habe mir tatsächlich Hoff...nungen gemacht ...«

 

Es bildeten sich Schweißtropfen auf seiner Stirn, konnte er sich doch lebhaft vorstellen, wovon sie sprach.

 

Jessica schlug ihr energisch auf die Schulter: »Schwester, sei nich traurig, wir finden einen anderen für dich. Aber ... aber du verstets ... verstehst doch sicher, dass ich dir meinen Ma... Mann nicht einfach überlassen kann, auch wenn ich dich echt gut leiden kann, nich wah? ‘S gibt ‘ne Menge Fisch im Wald, Schwester, ‘ne Menge! Wir finden schon einen!«

 

Yuma strich sich leidend durch die Haare, als sie weiter auf Grace einredete, die ihr offensichtlich nicht mehr ganz folgen konnte und plötzlich verdächtig schläfrig wirkte. Bei seinem Glück fielen die beiden gleich an Ort und Stelle in Ohnmacht und ließen ihn auf der Rechnung und der Organisation der Heimkehr sitzen. Er sah zu seiner Linken.

 

Tatsuha schielte neidisch auf Graces Cocktails, sagte aber nichts und lutschte an den Eiswürfeln seiner Cola. Als er Yumas Blick spürte, sah er ihn direkt an und zog die Augenbrauen hoch. Yuma fragte mehr höflich als interessiert: „Und, ist für dich alles so abgelaufen, wie du es dir vorgestellt hast?“ Mit Überraschung registrierte er, dass der Junge nicht in sein obligatorisches Grinsen ausbrach, sondern nur schwach lächelte: „Ja, alles gut. Bin total ... total ...“ Yuma hob ebenfalls ein Braue: „Zufrieden? Glücklich? Dankbar?“ Tatsuha dachte kurz nach.

 

„Ausgebrannt.“

 

Sein Kopf fiel neben Graces auf die Tischplatte.

 

Sofort hielt Yuma die Hände zu einem „T“ erhoben: »Schlusspfiff! Alle Spieler erledigt! Rechnung, bitte!« Ein Tippen weckte Jessicas Aufmerksamkeit, die offenbar nicht bemerken wollte, dass ihre Gesprächspartnerin sie nicht mehr hören konnte: „Lass uns die beiden nach Hause schaffen. Du bist noch fit genug, um dich um Grace zu kümmern, stimmt’s? Schafft ihr’s allein?“ Jede andere volltrunkene Frau hätte er nicht gefragt und sie einfach begleitet, doch er hatte Jessica einmal bevormunden wollen und die Zeche mit einem Zahn bezahlen müssen. Seitdem achtete er peinlich genau darauf, sie ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen.

 

Jessica zwinkerte mühsam und sprang dann auf: „Pah, allein! Natürlich schaffen wir’s allein! Sind doch keine Säuglinge mehr, was, Schwester?!“ Sie schlug Grace nochmal auf die Schulter und hievte sich den Arm der jüngeren Frau dann über die Schulter, um sie auf die Beine zu ziehen und aus dem Gebäude zu bugsieren. Er sah ihr bewundernd nach. Sie konnte eine Menge Alkohol verkraften, bevor sie beschwipst wurde und sie bewegungsunfähig zu machen, war beinahe unmöglich. Grace war bei ihr in sicheren Händen.

 

Die Rechnung blieb nun doch ganz seine Sache, ehe er sich Tatsuha unter den Arm klemmen und ebenfalls den Raum verlassen konnte.

 

Draußen hatte es Jessica zwischendurch geschafft, ein Taxi anzuhalten, das tatsächlich bereit war, zwei stocktrunkene Frauen nach Hause zu befördern. Sie drehte sich ihm noch einmal zu und raunte in sein Ohr: „War schön heute, Schatz. Müssen wir wieder...holen, nicht wahr? Hat dir doch auch gefallen?“ Er schnaufte lächelnd und antwortete: „Ja, es war schön. Und jetzt ab mit euch, bevor es sich der Fahrer anders überlegt.“ Sie zögerte kurz und versuchte dann, ihn auf den Mund zu küssen. Geschickt wich er aus und landete stattdessen einen Treffer auf ihrer Wange: „Gute Nacht, Jess.“ Sie funkelte ihn finster an: „Ah. Nacht. Spielverderber.“

 

Er sah den Rückblenden des Autos nach, ehe er seine Hand ausstreckte und sich selbst ein Taxi heranwinkte. Tatsuha nuschelte etwas Unverständliches in sein Revers, als er ihn auf den Rücksitz gleiten ließ und dem Fahrer seine Adresse nannte: „Hm? Wie war das?“ Der Junge schlug die Augen halb auf und schien kurz mit den Worten zu ringen. Dann sah er ihn an und sagte: „Das wird dir jetzt wahrscheinlich nicht gefallen, aber ich sag’s trotzdem. Das heute ... Es hat sich nicht angefühlt wie ein Ausflug mit Freunden. Ich habe viele Ausflüge mit Freunden gemacht, damals in Japan. Es hat sich nie so angefühlt wie heute.“

 

Yuma starrte etwas perplex zurück. Diesen Kommentar hatte er nun wirklich nicht erwartet, vor allem, nachdem sich Tatsuha den ganzen Tag lang anscheinend prächtig amüsiert hatte. Eigentlich hätte es ihn nicht interessieren sollen, was der Junge dachte, und doch fragte er etwas verdrossen: „‚Damals‘? Meine Güte, es ist erst etwas über einen Monat her! Aber erleuchte mich. Was, bitteschön, war es denn deiner geschätzten Meinung nach?“ Tatsuha schüttelte den Kopf und schien wenig bereit, ihm zu antworten, was ihn missbilligend schnauben ließ.

 

‚Na toll. Soll das heißen, ich habe meinen freien Tag umsonst geopfert? Unverschämtes Balg.‘

 

Doch dann zuckte er etwas zusammen, als Tatsuha sich plötzlich an seine Schulter lehnte und sein Gesicht hinein grub: „Willst du wirklich wissen, an was es mich erinnert hat?“ Yuma rollte mit den Augen. Er hatte sowas von keine Lust mehr auf Ratespielchen.

 

Sein Blick traf den misstrauischen des Fahrers und er wies forsch erst mit dem Daumen auf sich selbst, dann auf Tatsuha und schließlich mit dem Zeigefinger nach vorn: »Hetero. Cousin. Blick auf die Straße.« Glücklicherweise machte der Mann nur eine beschwichtigende Geste und tat wie geheißen.

 

Tatsuha regte sich eine Weile nicht und Yuma dachte bereits, dass er wieder eingeschlafen war. Doch dann spürte er etwas Feuchtes durch seinen Mantel dringen und sah verwundert hinunter.

 

Tatsuha weinte still in seine Schulter hinein.

 

Eine Weile sah er ihm dabei zu, ehe er die Augen schloss und ihm seufzend eine Hand in den Nacken legte. Wortlos strich er ihm mit den Fingern über die Haut und lauschte dem leisen Schniefen. Endlich murmelte der Teenager mit einem kaum vernehmbaren, hysterischen Glucksen: „Bevor Eiri angefangen hat, sich einzuigeln, haben wir oft solche Ausflüge unternommen. Du bist fast genauso herrisch und ... und zynisch wie meine Geschwister, aber ... Warum fühl ich mich bei dir so viel besser?“

 

Yuma seufzte erneut, während er den Blick aus dem Fenster schweifen ließ, und antwortete ruhig: „Wenn du Heimweh hast, dann geh zurück.“

 

---

 

Minako sah unsicher von der Tischplatte auf in Mikas müde lächelndes Gesicht. Sie hatte die Schwester ihres Freundes bei einer seiner Geburtstagsfeiern kennengelernt und danach nur selten gesehen, aber die Frau in ihrer Erinnerung hatte deutlich besser ausgesehen als die aschfahle, zu dünn erscheinende, die jetzt vor ihr saß. Zum wiederholten Male senkte sie den Blick und konzentrierte sich auf ihren sanft vor sich hin dampfenden Tee. Mikas Anwesenheit war ihr unangenehm, zumal der Grund ihres Besuchs sie aufwühlte.

 

Mika räusperte sich und stellte die eigene Tasse ab. Sofort schoss Minako in die Höhe: „Möchten Sie noch etwas davon, Frau Seguchi? Oder kann ich Ihnen sonst was bringen? Snacks oder so? Ich habe einiges-“ „Nein, danke“, winkte Mika humorlos schmunzelnd ab, „ich möchte deine Gastfreundschaft nicht überbeanspruchen. Es würde mir wirklich reichen, wenn du mir noch einmal ganz genau erzählen würdest, über was Tatsuha an dem Freitag mit euch geredet hat. Bist du dir wirklich ganz sicher, dass er nichts erwähnt hat, was uns bei der Suche weiterhilft?“ Das Mädchen wrang nervös die Hände: „Ganz sicher. Ich habe den Polizisten schon dreimal gesagt, wie es abgelaufen ist! Warum glaubt mir denn niemand?!“ Mika rieb sich die Stirn: „Das tun wir doch, vertrau mir. Aber es könnte doch sein, dass du etwas vergisst? Etwas, was er nur so nebenher gemurmelt hat? Etwas, was uns einen Hinweis darauf gibt, warum er verschwunden ist oder wo er sich aufhält?“

 

Minako riss wütend den Kopf hoch und rief aufgebracht: „Meinen Sie, darüber hätte ich mir nicht schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen?! Ob ich nicht irgendwas übersehe, weil’s schon so lange her ist? Oder weil’s einfach total normal für Tats gewesen ist?! Ich denke und denke und träume sogar jede Nacht von ihm, wie er mir Zeichen gibt, die mich ihn finden lassen, nur um dann aufzuwachen und zu merken, dass er mich in Wahrheit völlig im Dunkeln gelassen hat! Ich habe gedacht, wir wären Freunde! Und dann tut er so, als wenn er drei Tage zum Konzert seinen Lebens gehen würde und haut stattdessen einfach ab, ohne sich zu verabschieden! Meinen Sie, dass alles sei mir egal?! Dass es mich nichts angehen würde?!“

 

Schluchzend rieb sie sich die Augen und bemerkte deshalb Mikas bestürztes Gesicht nicht. Diese überlegte kurz und sackte dann ein Stück in sich zusammen: „Verzeih mir. Ich habe verdrängt, dass du dir genauso viele Sorgen machen musst wie wir.“ Das Mädchen schreckte entsetzt auf, schämte es sich doch bereits jetzt schon für den Ausbruch. Es war normal, dass es Tatsuhas Familie im Moment noch viel schlimmer gehen musste, als Minako es sich vorstellen konnte – und sie war trotzdem so aus der Haut gefahren und hatte seine Schwester angebrüllt!

 

Sie wischte sich die Tränen weg und unterdrückte hartnäckig die weiterhin aufsteigenden, während sie murmelte: „Nein, entschuldigen Sie bitte, Frau Seguchi. Ich werde es noch einmal erzählen, es ist ja nicht so, dass mir davon die Zunge abfault.“ Sie sah verstört lächelnd auf: „Vielleicht erinnere ich mich ja tatsächlich nicht an alles und mir fällt es wirklich wieder ein, wenn ich es immer wieder durchkaue! Ich werde mich anstrengen, also keine Angst! Und ich bin sicher, dass es Tatsuha gutgeht! Den wirft so schnell nichts um!“

 

Sie bemühte sich redlich, aufmunternd zu lachen, klang dabei jedoch mehr hysterisch als alles andere.

 

Mika lächelte bewegt. Dann griff sie nach ihrer Tasse und hob sie auffordernd an: „Darf ich auf dein vorheriges Angebot zurückkommen? Ich hätte doch noch gern einen Schluck dieses vorzüglichen Tees.“

 

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Ihr Vater wählte eine Nummer und hielt sich wartend den Telefonhörer ans Ohr. Nach kurzer Zeit klickte es auf der anderen Seite und eine freundliche weibliche Stimme fragte: „Polizeistation Kyoto, was kann ich für Sie tun?“ Er erwiderte: „Guten Tag, Uesugi hier. Ich rufe wegen meines vermissten Sohns an. Ich würde gern erfahren, wie weit Sie mit Ihren Ermittlungen sind.“

 

„Einen Augenblick, Herr Uesugi, ich verbinde.“

 

Es dauerte fast fünf Minuten, bis sich der zuständige Beamte meldete und jeder weniger Verzweifelte hätte wahrscheinlich zwischendurch aufgegeben.

 

„Herr Uesugi, guten Tag. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?“

 

„Den Umständen entsprechend. Kommissar, haben Sie schon ein Lebenszeichen von ihm gefunden?“

 

„Tut mir leid, aber nein. Es ist erst eine Woche her, seit Sie uns verständigt haben, bitte geben Sie uns etwas mehr Zeit. Wir tun unser Möglichstes.“

 

„Noch keine Hinweise?“

 

„Wir haben alle Konzertbesucher befragt, die sich online oder per Bankkarte ein Ticket gekauft haben, aber keiner von ihnen hat ihren Sohn erkannt. Leider übersteigt die Anzahl der Tageskassenverkäufe solche Sonderfälle um ein Vielfaches, und wir können nicht mehr tun, als sie öffentlich aufzurufen, sich bei uns zu melden und eine Aussage zu machen. Wenn die Leute nicht von sich aus zu uns kommen, haben wir keine Möglichkeit, sie ausfindig zu machen. Außerdem steht nicht fest, dass es Ihr Sohn überhaupt bis zum Konzert geschafft hat. Nichts gegen das Urteilsvermögen Ihres Ältesten, aber ihn ‚eventuell‘ gesehen zu haben, bringt uns nicht viel weiter.“

 

„Verstehe. Könnten Sie uns eine Liste der Besucher zukommen lassen?“

 

„... Herr Uesugi, ich verstehe, dass Sie sich an der Suche beteiligen möchten, aber die Bestimmungen zum Datenschutz verbieten es mir, eine solche Liste zu erstellen.“

 

„Ah.“

 

„Bitte überlassen Sie die Bestandsaufnahme uns. Wir tun, was in unserer Macht steht. Wenn Ihnen jemand einfällt, der uns weiterhelfen kann, kontaktieren Sie uns. Wenn wir eine Spur finden, sind Sie der erste, der es erfährt.“

 

Er dankte dem Polizisten und verabschiedete sich desillusioniert. Als er den Hörer auf die Gabel zurücklegte, dachte er daran, dass sie schon alle Möglichkeiten durchgegangen waren und nicht mehr potenzielle Zeugen hatten aufbringen können als die Beamten.

 

Mit auf dem Rücken verschränkten Armen drehte der alte Mann sich um und wanderte Richtung Tempel, um zu beten. Das war das Einzige, was er tun konnte.

 

Er sah zum Himmel hinauf.

 

Nun, vielleicht hatten sie doch eine Aussicht auf Erfolg mehr als die Polizei. Seine Kinder hatten an einem Abend verdächtig miteinander getuschelt und waren sofort verstummt, als sie ihn bemerkt hatten. Sie hatten ihm versichert, dass die Sache nichts mit Tatsuhas Verschwinden zu tun hatte, doch sie konnten ihm nichts vormachen. Sie hatten einen weiteren Verdacht, und spärlich, wie die Hoffnungen verteilt waren, hielt er sich gerne an dieser fest.

 

Es blieb ihm nichts anderes mehr, als ihnen zu vertrauen.

 

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Taki Aizawa fühlte sich wie erschlagen, als er die Treppen zu seinem Apartment hinaufstieg und sich dabei das Geschwafel seines Bandkollegen anhörte: „Ist ja gut, Ma, ich hab’s begriffen. Ich weiß, dass du am Boden zerstört bist wegen der Sache – aber der Produzent weiß das nicht. Es war ein vollkommen faires Angebot, das er uns unterbreitet hat. Eine solche Drohung hättest du dir echt schenken können ... Nein, du hattest kein Recht dazu! Selbst wenn es meine Schuld ist, dass uns Seguchi seit Monaten im Nacken sitzt und alle Vorstellungen versaut, musst du die Sache mit deinen Starallüren nicht noch komplizierter machen! Haben wir uns nicht versprochen, es zusammen zu packen? Und jetzt gebiert sich unser Gitarrist wie ein verzogenes Balg ... Ma, es war doch wohl klar, dass wir wieder von ganz unten anfangen müssen. Meintest du etwa, Seguchi würde uns eine Chance geben, auf einem Level weiterzumachen, welches wir ihm verdanken?“

 

Er schloss seine Haustür auf, warf seine Jacke im Flur über die Garderobe und schlüpfte aus seinen Stiefeletten: „Jetzt hör mir mal zu! Ich habe mich der Sache heute allein angenommen und dem Mann die Schuhe geleck... Ja, verdammt! Wenn es der Sache dienlich ist, bin ich sogar noch zu was ganz anderem bereit! Er ist jetzt wenigstens wieder damit einverstanden, sich unsere Neuen mal anzuhören. Bitte, nimm dich zusammen und versuch nicht nochmal, ihm die Nase ins Gehirn zu drehen! Ich will so eine Demütigung nicht zweimal beim selben Kerl durchmachen müssen ... Danke. Wir treffen uns nächste Woche dann also vor ‚Soulhunter‘. Und bete dafür, dass wir gut genug sind, ihn davon zu überzeugen, Seguchi dem Großen die Stirn zu bieten ... Ja, du auch. Bis dann.“

 

Stöhnend warf er sein Handy auf den kleinen Tisch im Flur und schlich, sich die Augen reibend, ins Wohnzimmer.

 

„Es ist wirklich erbauend, mit anzusehen, wie sehr du dich bemühst. Du hast also tatsächlich Herrn Natsume überzeugen können. Anscheinend hast du nichts von deinem herben Charme verloren, Aizawa.“

 

Taki hob den Kopf und starrte wortlos auf Tohma, der es sich auf seiner Couch gemütlich gemacht hatte und ihn freundlich lächelnd begutachtete. Durch die Müdigkeit unterdrückt, gelangte die überlebenswichtige Information, dass der Mann, der einen Mordanschlag auf ihn verübt hatte, erst quälende drei Sekunden später in sein Gehirn, und der Eindringling lachte leise, als sein Gegenüber die Augen aufriss und entsetzt zurückwich.

 

Taki stieß an ein massives Hindernis und als er sich umdrehte, blickte er direkt auf die Brust eines Mannes im schwarzen Anzug, der mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Türrahmen stand und den Fluchtweg blockierte. Er wirbelte herum und machte zwei weitere Personen aus, die in den Ecken des Zimmers puppenstill lauerten, schluckte mühsam und lenkte den Blick zögerlich wieder auf Tohma.

 

Dieser hatte sein Lächeln nicht unterbrochen und sagte nun im Plauderton: „Ich hätte nicht gedacht, dass Herr Natsume zustimmen würde. Ich denke, ich werde demnächst mal mit ihm reden müssen, was meinst du?“ Taki starrte nur. Tohma seufzte: „Du bist ein denkbar schlechter Gastgeber, Aizawa. Dein Besucher sitzt hier, mit ganz ausgetrocknetem Hals, und du bietest ihm noch nicht einmal etwas zu trinken an? Was hast du nur für eine Erziehung genossen?“

 

Takis Ausdruck verriet pures Misstrauen und schließlich fragte er mit sichtlicher Anstrengung: „Was wollen Sie von mir?“ Der Produzent strahlte: „Einen Kaffee, wenn’s recht ist. Ich habe auf deinem Bord eine ganz ausgezeichnete Marke entdeckt, darf ich sie ausprobieren?“

 

Der Sänger setzte sich vorsichtig in Bewegung und ging durch den offenen Durchgang in die Küche, nahm die besagte Packung an sich und füllte die Kaffeemaschine. Er war sich ziemlich sicher, dass Tohma wusste, dass er mit der Frage nicht die gastronomischen Wünsche seines Gastes in Erfahrung hatte bringen wollen, doch im Moment schien es ihm sicherer, darauf einzugehen, ehe er die Geduld verlor und ihn massakrieren ließ.

 

Während das Gerät duftend vor sich hin gurgelte, stützte er sich auf der Arbeitsplatte ab, um seine zitternden Knie zu entlasten. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als die scheinheilig sanfte Stimme erneut ertönte: „Du siehst gut aus. Was macht das Geschäft?“ Ohne sich umzudrehen erwiderte er: „Das wissen Sie sicher besser als ich. Schließlich halten Sie Kontakt zu all unseren Gesprächspartnern und raten zwingend von uns ab.“ Im nächsten Augenblick fürchtete er, dass diese Antwort vielleicht etwas zu temperamentvoll geklungen hatte und sich Tohma nun möglicherweise provoziert fühlte. Doch es war die Wahrheit, und er war zu müde für ein Psychoduell mit dem NG-Direktor. Er wollte einfach nur wissen, was der Mann in seiner Wohnung zu suchen hatte – und vielleicht noch, wie er hineingekommen war, für spätere Verwendung.

 

... Oder vielleicht war es besser für ihn, nichts davon zu erfahren.

 

All seine Instinkte schlugen inzwischen Alarm, und so sehr er sie auch zu ignorieren versuchte, es lag Gefahr in der Luft. Er hoffte, dass es sich nicht um Gefahr für sein Leben handelte, war er sich doch noch nicht mal irgendeiner Schuld bewusst.

 

Tohmas Lachen erklang: „Du klingst verbittert. Behaupte nicht, du hättest es nicht kommen sehen. Gib nicht mir die Schuld an deinem mangelnden Erfolg. Es hätte anders laufen können, mein Lieber.“

 

Dem hatte er nichts entgegenzusetzen. Jede Entscheidung ließ eine andere zurück, die sich bei gebürtigem Abstand als die bessere herausstellen konnte. Doch man musste das Beste aus der Situation machen, in die man sich hinein bugsiert hatte – er musste das Beste aus seiner Situation machen. Und er machte den Job gut.

 

Er goss den Kaffee in eine Tasse und brachte sie dem Hausfriedensbrecher: „Was dazu?“ Tohma winkte ab: „Nein. Eine solch edle Sorte muss man pur genießen. Trinkst du nichts, Aizawa?“ Taki sah unsicher zur Seite: „Keinen Durst.“ „Du bist auffallend mundfaul“, warf Tohma ihm vor und studierte ihn über den Tassenrand, während er einen Schluck nahm und selig lächelte, „Meine Güte, ausgezeichnet. Keine schlechte Wahl. Aber kannst du dir so etwas Ausgefallenes überhaupt leisten?“ Taki sah zur anderen Seite: „Ja. Ich bin nicht ganz so dumm, wie Sie glauben. Ich habe mich während der Zeit bei NG finanziell ausreichend abgesichert. Halten Sie mich für so blauäugig, dass ich einen Rückschlag nicht einkalkuliert hätte? Da muss ich Sie enttäuschen!“ Er schlich zum gegenüberliegenden Sessel und ließ sich zurückhaltend darauf sinken. Eingeschüchtert genug, musste er sich auf die Zunge beißen, um nicht vorher um Erlaubnis zu bitten. Es war seine Wohnung, in Dreiteufelsnamen!

 

Tohma hob eine Augenbraue: „Ah. Ich habe dich wohl tatsächlich unterschätzt. Vor allem deine Bereitschaft zur ... Revanche, sollte ich sagen. Habe ich recht, Aizawa?“ Taki sah ihm endlich direkt in die Augen. Argwohn spiegelte sich in seinen Pupillen: „Wie meinen Sie das?“ Tohma schlug die Beine übereinander.

 

„Lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen. Es gab da einst einen Sänger, jung und erfolgsverwöhnt, in Anstellung eines der besten Labels des Landes. Er hatte mit seiner Band einige Hits gelandet, doch noch bevor ihm der große Durchbruch gelang, bekam er Konkurrenz. Große Konkurrenz. Konkurrenz, die er sich irgendwann sicher war, nicht mit fairen Mitteln besiegen zu können.“

 

„Herr Seguchi, was soll-“

 

„Also versuchte er, seinen Feind mithilfe der Presse zu verunglimpfen, denn er hatte herausgefunden, dass er mit einem bekannten Schriftsteller in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebte. Er hoffte, die Öffentlichkeit damit gegen ihn aufbringen zu können. Doch der Schuss ging nach hinten los, es brachte der anderen Seite nur noch mehr Beachtung ein. Unser eifersüchtiger Sänger lockte den Konkurrenten daraufhin in eine Falle, ließ ihn auf brutale Weise zusammenschlagen und drohte ihm mit Erpressung, wenn er nicht mit dem Singen aufhören würde. Doch auch dieser Versuch schlug fehl, denn der Konkurrent hatte in seinem Geliebten einen feurigen Beschützer, der, von hitzigem Zorn beseelt, seinerseits unserem Sänger eine Aufwartung machte und im Gegenzug dessen besten Freund krankenhausreif prügelte. Das Erpressungsmaterial nahm er ebenfalls an sich und unser Sänger stand erneut mit leeren Händen da.“

 

„Warum erzählen Sie mir-“

 

„Als letzten Ausweg überlegte sich unser Sänger nun, den Konkurrenten mitsamt seines Beschützers beiseite zu schaffen. Er entdeckte ein dunkles Kapitel im Leben des Geliebten und versuchte, ihn damit zu erpressen. Doch – man glaubt es kaum – selbst diese Schandtat verlief im Nirgendwo, denn, unterstützt von der Liebe des Konkurrenten, fürchtete der Beschützer keine noch so grausame Denunzierung und jagte den Sänger mit Schimpf und Schande davon.“

 

„Jetzt hören Sie endlich-“

 

„Aber unser Neidischer wollte sich nicht geschlagen geben. In seiner Dummheit plante er neue Intrigen, um den Geliebten das Leben zur Hölle zu machen. Was er nicht ahnen konnte, war, dass der Beschützer einen Schutzengel hatte. Einen allmächtigen Schutzengel. Und dieser Schutzengel war sehr erbost über die Eskapaden unseres Sängers. So erbost, dass er ihm die Mätzchen endgültig austreiben wollte.“

 

„Herr Seguchi, bitte ...“

 

„Er ließ ihn mit einer kleinen Handbewegung eine fatale Schreckensvision erleben. Doch, weißt du, ein Schutzengel ist kein Todesengel. Unser Sänger kam mit einem blauen Auge davon. Alle dachten, dass er seine Lektion gelernt hatte und die Geliebten nun in Frieden ziehen lassen würde. Jedoch ...“

 

Taki ließ die Hände von den Ohren sinken und sah zögernd auf. Was sollte dieses offene Ende bedeuten? Tohma glaubte doch nicht, dass er noch etwas angestellt hatte, oder ...?

 

Ihm wurde plötzlich entsetzlich heiß. Schweiß lief ihm von den Wangen, als er bemerkte, wie aufmerksam man ihn studierte. Seine Hände begannen zu zittern und er schluckte zum gefühlten tausendsten Mal. Tohma fuhr seelenruhig mit der Geschichte fort.

 

„Es reichte unserem sturen Sänger nicht, dreimal verloren zu haben. Nein. Er wollte die Sache zu einem ihm gebührenden Abschluss bringen. Also ...“

 

„A... also?“

 

„Er erfuhr, dass der Beschützer einen kleinen Bruder hatte. Einen kleinen Bruder, dem weder der Beschützer noch der Schutzengel besondere Beachtung schenkten, weil sie ihn in seiner Unschuld für absolut ungefährdet hielten. Diese erhebliche Missdeutung machte sich unser Sänger zunutze. Der kleine Bruder hatte ein Idol, das er sehr verehrte. Dieses Idol gab eines Abends ein großes Konzert, an dem der Bruder unbedingt teilhaben wollte. Er lief von Zuhause weg, machte sich auf den Weg zum Festplatz ... und verschwand auf mysteriöse Weise. Niemand hatte seitdem je wieder von ihm gehört. Aber nach einiger Zeit erinnerten sich alle an die vergangenen Taten unseres Sängers. Und plötzlich wurde ihnen klar, dass auch für diese Tat nur ein Mann in Frage kommen konnte.“

 

Taki erhob sich langsam. In seinem Blick wechselte sich Fassungslosigkeit mit angsterfüllter Erkenntnis ab. Tohma ließ ihn keine Sekunde aus den Augen.

 

„Der neidische Sänger, der ihnen allen schon so viel Unglück bereitet hatte.“

 

Auf Tohmas Zeichen kreisten seine Leute Taki ein und packten ihn an den Armen, als er zur Seite auszubrechen versuchte. Zwei hielten ihn fest, der dritte ließ drohend seine Fingerknöchel knacken.

 

„Doch dieses Mal wollte es der Schutzengel ihm nicht mehr durchgehen lassen. Er war am Ende seiner Geduld angelangt.“

 

„Warten Sie, Herr Seguchi! Ich weiß überhaupt nicht, wovon-“

 

Eine Faust traf Taki im Magen, gerade als er lautstark seine Unschuld beteuern wollte. Die Luft wurde dabei aus seinen Lungen herausgequetscht und ihm entfuhr nicht mehr als ein keuchender Hauch.

 

„Auf der verzweifelten Suche nach dem kleinen Bruder kreuzten sich endlich ihre Wege und der Engel nahm die Gelegenheit wahr, ihm eine Lektion zu erteilen, die er nie im Leben vergessen sollte.“

 

Zwei Schläge in Takis Gesicht ließen ihn Sterne sehen.

 

„Er war erzürnt genug, um zu töten.“

 

Nach weiteren Fausthieben und einem direkten Treffer an der Schläfe registrierte Taki den Rest der Abreibung kaum noch. Er war nicht undankbar für diese Tatsache, denn Tohmas Leibwächter hatten schon immer sehr durchschlagskräftige Rechte bewiesen. Aber er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass ihm die Welt unfair gegenüberstand. Er hatte keine Ahnung von dem, wovon Tohma gefaselt hatte und musste doch eine Tracht Prügel einstecken, die ihn innerhalb von Sekunden an die Schwelle der Bewusstlosigkeit beförderte. Vor allem ... Was sollte er gegen die Blutergüsse unternehmen, die ihm nun zweifellos für die nächsten zwei bis drei Wochen das Gesicht „verschönerten“? ASKs Auftritt war in wenigen Tagen anberaumt, und so dermaßen entstellt würde ihm der Produzent noch nicht einmal die Tür öffnen! Teufelnocheins, wahrscheinlich würden es noch nicht einmal seine Freunde tun!

 

Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen.

 

Ein nie erfahrener Blitz durchfuhr sein Nervensystem, als sein Kiefer nach einem besonders heftigen Treffer besorgniserregend knackte. Ein aus tiefster Seele stammender Schrei entfuhr seinen Lippen ...

 

Und die Schläge verklangen. Er fiel ein Stück nach vorn und nur die Hände der Schläger hielten ihn noch auf den Beinen. Tohma stand seufzend auf und umrundete den Tisch, scheuchte den Prügelknecht beiseite und packte Taki am Kinn, um seinen Kopf anzuheben: „Aber weißt du, was den Schutzengel hätte besänftigen können? Wenn unser Sänger ihm den Ort genannt hätte, an dem er den kleinen Bruder festhielt. Mir ist der Verlauf der Geschichte nur bis zu diesem Punkt bekannt, Aizawa. Ich überlasse es dir, sie zu Ende zu stricken. Du hast genug Fantasie dafür, habe ich recht? Wie hättest du es denn gerne? Möchtest du, dass der Engel seinen Bruder zurückbekommt?“ Er strich sanft die blutverschmierten Haarsträhnen aus Takis Gesicht und fuhr fast bedauernd fort: „Oder möchtest du, dass unser Sänger seine wohlverdiente Strafe bekommt?“

 

Taki öffnete ermattet die Augen, von denen er nicht wusste, wann er sie geschlossen hatte, hustete ein wenig Blut in Tohmas Hand, was diesen kaum zu berühren schien, und keuchte mühevoll: „Ich ... habe keine Ahnung ... wovon Sie reden ...“

 

Tohma wartete noch einige Sekunden, ehe er merkte, dass Taki nichts weiter dazu zu sagen hatte, ließ ihn los und ging an den Männern vorbei in die Küche. Taki wurde herumgerissen und stand nun mit Blick auf Tohmas Rücken. Er versuchte, sich nicht vorzustellen, was als nächster Schritt geplant war, wusste nur, dass ein nächster Schritt noch kommen würde – Thoma war heimtückisch genug. Aber was sollte er sagen? Er konnte ihm keine Informationen geben, die er nicht hatte!

 

Der Produzent stemmte die Hände am Rand des Ceranherds ab und schüttelte den Kopf: „Oh, Aizawa, du enttäuschst mich. Schon wieder. Wie oft, meinst du, lasse ich es zu, dass mich Menschen enttäuschen?“ Er drehte einen der Regler bis zur maximalen Stärke auf und ging zur Seite, während er seine Leute heranwinkte.

 

Taki beschlich ein ungutes Gefühl. Ein sehr, sehr ungutes Gefühl.

 

Ein ungutes Gefühl, das sich in blinde Panik verwandelte, als die Männer ihn energisch zur Kochstelle zerrten und der dritte seinen Schädel packte, zur Seite drehte und seine Wange dicht über die sich aufheizende Herdplatte zwang. Ein lauter Schreckensschrei entfuhr dem Sänger und entsetzte Augen hefteten sich auf den glühenden Kreis. Er brachte die Energie auf, seine Arme freizuziehen und damit gegenzudrücken, doch weitere Freiheiten ließ man ihm nicht. Tränen der Angst kullerten ihm aus den Augenwinkeln und verdampften zischend auf der heißen Herdoberfläche.

 

Einige Zeit lang lauschte Tohma dem verzweifelten Schluchzen und seufzte dann erneut: „Aizawa, denk bitte an deine Karriere. Meinst du wirklich, ein Sänger mit einem Gesicht voller Brandnarben hätte besonders große Aussicht auf Erfolg? Ich habe nicht die Lust und nicht die Zeit, mich ewig mit dir zu beschäftigen. Früher oder später wird mich der Spaß an unserem kleinen Katz-und-Mausspiel verlassen und ASK hätte wieder eine reelle Chance auf ein Comeback. Willst du dir die jetzt wirklich verbauen, nur um deinen Rachedurst zu stillen?“

 

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden!“

 

„Und was ist mit Ma und Ken? Sie verlassen sich auf dich, nicht wahr? Könnten sie weitermachen ohne dich? Ich bezweifle es stark.“

 

„ICH WEISS NICHT, WOVON SIE REDEN!!!“

 

Takis trotziger Ausruf brachte ihm nicht mehr ein, als dass seine Arme auf den Rücken gedreht wurden und ihn ein Tritt von den Beinen holte. Nur die Hände des Leibwächters, der seinen Kopf wie in einem Schraubstock über das Ceranfeld gebeugt hielt, bewahrte ihn jetzt noch vor dem schmerzhaften Kontakt. Er zitterte wie Espenlaub und Schweiß, Blut und Tränen tropften immer wieder von seinem Gesicht in den heißen Tod, während er verzweifelt schluchzte.

 

Dieser verdammte Mistkerl wusste genau, was ihn am härtesten treffen würde und zögerte nicht, es als Druckmittel einzusetzen. Aber was wollte er von ihm? Er war an der völlig falschen Adresse!

 

„Ich weiß ... es wirklich nicht ...“

 

Zum Glück war Tohma ein hervorragender Beobachter, sodass er seinen Leuten ein Zeichen gab, ehe Taki die Kraft verließ und er, vom Schmerz und Stress erschöpft, zusammensackte. Sie hievten ihn von der Gefahrenquelle weg und Tohma legte ihm eine Hand an die heiße Wange: „Ich schätze, das ist alles, was du mir heute zu sagen hast, was, Aizawa? Also gut. Spielen wir eine Zeitlang nach deinen Regeln. Wann können wir wiederkommen, hm? Morgen früh, mittags oder abends? Die Dauer des Gesprächs verlängert sich natürlich proportional zur Tageszeit. Die Wahl liegt bei dir.“

 

Taki schüttelte hoffnungslos den Kopf. Seine glanzlosen braunen Augen fanden Tohmas und mit einem letzten verzweifelten Aufbegehren versuchte er, dem sturen Mann seinen Standpunkt klarzumachen: „Ich ... habe nicht den leisesten Schimmer ... was Sie von ... mir wollen ...“

 

Er fiel in Ohnmacht, ehe Tohma etwas erwidern konnte.

 

Dieser blickte lange auf den schwarzen Haarschopf hinab, ehe er mit den Fingern schnippte und die Männer Taki fallen ließen, denen er umgehend die volle Aufmerksamkeit widmete: „Beschattet ihn rund um die Uhr. Lasst ihn keine Sekunde mehr aus den Augen, bis ich euch neue Anweisungen gebe, verstanden?“ Der Schläger meldete sich zu Wort: „Herr Direktor, glauben Sie wirklich, dass er was mit der Sache zu tun hat? Ich hab so meine Zweifel. Es so vehement abzustreiten ...“ Tohma winkte verärgert ab: „Nein. Wir können es noch nicht mit Gewissheit sagen. Wenn er etwas weiß, haben wir ihm jetzt einen gehörigen Schrecken eingejagt. Wie ich ihn kenne, wird er in dem Fall irgendwann in naher Zukunft die Nerven verlieren und einen Fehler begehen. Lasst ihn ruhig wissen, dass er beobachtet wird. Mit psychischem Druck konnte er noch nie gut umgehen. Mit etwas Glück führt er uns zu Tatsuha. Oder zu jemandem, der weiß, wo er ist.“

 

Er stellte den Herd ab und sie verließen wortlos die Wohnung. Sein Handy klingelte, kaum dass er draußen mit gerunzelter Stirn in seine Limousine gestiegen war und eingehend über das Geschehene nachdenken konnte. Geistesabwesend nahm er das Gespräch entgegen: „Seguchi hier ... Ah, Eiri. Wie lief es mit Tatsuhas Lehrer? Hat er etwas ... Nichts. Verstehe ... Er bereut es, dass er ihn hat gehen lassen? Sicher nicht mehr als wir ... Aha. Haben Ayaka und Nakano ihm gesagt, dass er sich keine Vorwürfe machen soll und er es nicht wissen konnte? Besser, wir stellen uns gut mit dem Mann. Wenn das Ganze vorbei ist, will ich nicht, dass es sich wiederholt ... Ja ... Nein. Bei mir hat sich auch nichts ergeben ... Nein. Ich lasse ihn beschatten, aber ... Eiri, ich denke, Aizawa ist eine Sackgasse. Ich habe Einiges riskiert, um was aus ihm herauszubekommen, aber er hat steif und fest behauptet, nichts damit zu tun zu haben. Und ehrlich gesagt, glaube ich ihm. Er sah nicht aus, als würde er lügen ... Ja, ich weiß ... Ja, er ist eine falsche Schlange, deswegen gebe ich ja noch nicht auf. Ich will nur nicht, dass du dich auf diesen Verdacht versteifst. Irgendwie habe ich nämlich das unangenehme Gefühl, etwas ganz Entscheidendes zu übersehen.“

 

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„Kenichiro! Mach endlich die Tür auf und komm raus! Deine Unhöflichkeit wirft ein schlechtes Licht auf uns! Du hast einen Gast, also geh hinunter und unterhalte dich mit ihm!“

 

Sein Vater hämmerte an die geschlossene Zimmertür und rief ununterbrochen Belehrungen dazu. „Lass mich in Ruhe“, schrie Kenichiro erbost zurück, „ich habe alles gesagt, was ich weiß! Wenn sie mich nicht endlich in Frieden lassen, denke ich mir halt Lügen aus! Wenn sie damit zufrieden sind, kann ich stundenlang quatschen wie ein Wasserfall! Frag sie doch mal, wie ihnen das gefallen würde!“ Damit drückte er sich weiter in das an die Wand gelehnte Kissen und konzentrierte sich wieder auf seinen Handheld.

 

Von draußen ertönte ein gereiztes Seufzen und sich entfernende Schritte.

 

Unbewusst atmete er erleichtert auf.

 

Shuichi saß angespannt auf der Wohnzimmercouch und knabberte nervös auf einem Keks, als der Hausherr die Treppe hinabstieg und sich geschlagen am Kopf kratzte: „Es tut mir leid, Herr Shindo, aber es hat heute wohl keinen Sinn. Ich weiß, dass es Ihnen sicher Umstände macht, aber ich werde noch einmal in aller Ruhe mit ihm reden und ihn dazu bringen, Sie anzurufen. Ist das in Ordnung?“

 

„Ah! Ja, natürlich, das geht klar! Hier ist meine Handynummer, er kann sich jederzeit melden, wenn ihm etwas einfällt“, rief der Sänger. Kenichiros Vater nickte dankbar: „Sie müssen wissen, für ihn war Tat... Ich meine, ist Tatsuha der beste Freund. Am Anfang konnte er überhaupt nicht glauben, dass er weggelaufen ist. Normalerweise reden die beiden nämlich über alles, verstehen Sie? Bitte, Sie dürfen nicht denken, dass es ihm egal ist, was aus dem Jungen wird, er ist nur so zornig, weil er die Möglichkeiten fürchtet.“ „Keine Sorge“, erwiderte Shuichi ernst, „ich kann mir vorstellen, was in ihm vorgeht. Ich möchte ihn auch gar nicht quälen, aber je länger wir warten, desto größer wird das Risiko, dass Tatsuha ... dass Tatsuha ...“ „Ich verstehe“, nickte der Vater verständnisvoll, „ich werde alles daran setzen, ihn zur Kooperation zu bringen.“ Shuichi nickte, „Danke. Das wäre sehr hilfreich“, und wandte sich zum Gehen.

 

Als er draußen auf der Straße stand, dachte er an das Gespräch, welches er mit dem Rest der Uesugi-Familie geführt hatte, nachdem Tohma und Mika die Anzeige aufgegeben hatten. Die beiden hatten wiedergegeben, was der Polizist zu ihnen gesagt hatte, und alle waren danach völlig von Sinnen gewesen.

 

Ihr Vater hatte sich einsilbig entschuldigt und sich in sein Zimmer zurückgezogen, um sich eine Weile hinzulegen. Sie hatten sich kurzzeitig große Sorgen um seinen Gesundheitszustand gemacht, doch Eiri hatte zynisch gewitzelt, dass der Alte nicht eher den Löffel abgeben würde, als wenn er Tatsuha die Hosen strammgezogen hätte. Nicht einmal er selbst hatte gelacht. Was Eiri betraf ...

 

Er hatte getobt. Hätte er selbst sich nicht wie eine Klette um die Hüfte seines Lebensgefährten geschlungen, wäre dieser schnurstracks zum Polizeipräsidium marschiert und hätte sich eine Strafe wegen Beamtenbeleidigung eingehandelt. Oder gar Schlimmeres.

 

Mika hatte geweint. Nicht hysterisch oder zornig, wie sie es sonst tat, wenn sie lediglich ihre Wünsche durchsetzen wollte. Nein, es war ein stilles, kaum hörbares Wimmern von einer Ecke des Tisches gewesen und es hatte ihn mehr aufgewühlt, als alle verrückten Begebenheiten, in die sie ihn, seit sie sich kennengelernt hatten, verwickelt hatte.

 

Ihm selbst war zum Heulen gewesen. So sehr ihn der seltsame Humor, die Konkurrenz um die Gunst Ryuichis und die spontanen Annäherungsversuche des jüngsten Uesugis auch geplagt hatten – er mochte ihn. Sehr sogar. Ihn plötzlich nicht mehr im ungünstigsten Zeitpunkt auftauchen zu sehen, keine unverschämten Grabschereien mehr erleiden oder Betteleien um eine bestimmte Nittle-Grasper-CD ertragen zu müssen, missfiel Shuichi. So sehr, dass er Eiri mit einem eigenen Wutausbruch überrascht hatte, als dieser sich vom Stürmen der Polizeistation nicht gleich hatte abbringen lassen wollen.

 

Ayaka hatte zwar nicht geweint, aber sich auffällig dicht an Hiroshis Arm geklammert, der ihr mit besorgtem Gesicht die Hand gedrückt hatte. Wahrscheinlich hatte sich der Gitarrist mehr als fremd im Kreis der Familie gefühlt, zumal er noch nicht über ausreichend Bindung zu den einzelnen Mitgliedern verfügte. Schon gar nicht zu Tatsuha, dem er nur drei- oder viermal begegnet war und mit dem er lediglich einige höfliche Floskeln gewechselt hatte. Doch in seinem Gesicht hatte man deutliche Besorgnis erkennen können. Immerhin war ein zukünftiges Familienmitglied verschwunden und seine Verlobte hatte Angst darum.

 

Und dann war da noch Tohma gewesen. Er hatte mit seinen klaren Anweisungen dafür gesorgt, dass ihre Runde nicht völlig auseinandergefallen war. Doch selbst Shuichi als vollzeitlicher Schwachkopf hatte erkennen können, dass der Produzent all seine Kräfte hatte zusammennehmen müssen, um nicht aus der Haut zu fahren. Wenn eine Situation sogar Tohma erschüttern konnte, war sie es definitiv wert, gefürchtet zu werden.

 

Und das tat Shuichi aus vollem Herzen. Sie mussten Tatsuha finden. So schnell wie möglich.

 

Mit einem sehnsüchtigen Blick sah er noch einmal zurück zum Haus und stutzte, als er eine Gestalt an einem der oberen Fenster blitzschnell abtauchen sah. Er runzelte die Stirn – und traf eine Entscheidung.

 

Geschwind lief er den Weg zurück und durch den schmalen Garten auf die Seite des Hauses. Dort rief er bestimmt hinauf: „Kenichiro! Ich weiß, dass du mich hören kannst! Bitte, ich will dich nicht bedrängen, aber wir brauchen deine Hilfe! Wenn du irgendwas weißt, dann sag’s mir! Hat dir Tatsuha vielleicht ein Versprechen abgerungen? Sollst du uns nicht sagen, wohin er gegangen ist?“

 

Einige erfolglose Sekunden später fuhr er fort: „Wenn das der Fall ist, dann verstehe ich dich ja! Aber Tatsuha könnte in Schwierigkeiten stecken! Ich schwöre dir, wenn du mir sagst, wo ich ihn finden kann, wird er kein Sterbenswörtchen davon erfahren, von wem ich die Information habe! Aber wenn ihm irgendwas passiert-“

 

Blitzschnell klappte er den Mund zu. Eine solche Drohung konnte und wollte er nicht aussprechen. Dieser Junge trug nicht die geringste Schuld an den Vorkommnissen und selbst wenn Tatsuha nicht heil aus der Sache herauskam, lag die Verantwortung allein bei Tatsuha selbst. Bei ihm und seiner gesamten Familie, weil sie zu spät und unvorsichtig gehandelt hatte.

 

Ihm entfuhr ein resigniertes Seufzen: „Nein, vergiss, was ich gesagt habe. Ich warte. Denk bitte nochmal über alles nach, in Ordnung? Du kannst dich stets bei uns melden, wenn dir was einfallen sollte. Jederzeit, hörst du?“ Er erhielt keine Antwort und hatte auch keine mehr erwartet, und so drehte er sich um und ging.

 

Auf einmal vernahm er das Geräusch eines sich öffnenden Fensters, hoffnungsvoll riss er den Kopf hoch und tatsächlich, Kenichiro sah mit hochrotem Gesicht und vor Zorn blitzenden Augen auf ihn herab.

 

Der anschließende Protest sollte Shuichi noch lange in den Ohren widerhallen und ihn um den Schlaf bringen.

 

„So, ich werde Ihnen jetzt zum allerletzten Mal sagen, wie es gelaufen ist, klar? Danach will ich nie wieder was von diesem Scheißkerl hören, haben Sie das kapiert?! Ich bin am Freitag in die Schule gegangen, ich habe mich mit Minako und Tatsuha getroffen, Tatsuha hat gesagt, dass er zum Geburtstagskonzert von Ryuichi Sakuma gehen kann, weil sein Alter es ihm erlaubt und sein Bruder eingewilligt hätte, ihn bei sich aufzunehmen, wir konnten nicht mit, weil sie beim Verkauf nur Einzelkarten abgegeben haben, was wir vorher nicht gewusst haben, sonst wären wir auch zum Ticketkauf und zum Konzert gegangen, dumm gelaufen, er hat uns versichert, dass er Fotos macht und sie uns am Montag zeigt und ist glücklich pfeifend von dannen gezogen. Ist das jetzt in Ihren Schädel reingegangen?! Nichts hat er uns gesagt! Gar nichts! Nicht, dass ihn sein Bruder zum Teufel geschickt hat, nicht, dass er eigentlich gar nicht zum Konzert hätte gehen dürfen, nicht, dass er mit Lügen um sich geschmissen hat, ums doch zu tun! Und ganz bestimmt nichts davon, dass er auf unbestimmte Zeit an einem unbestimmten Ort untertauchen will! Und wenn er’s doch getan hat, dann hat er’s so geschickt verpackt, dass es ein Hornochse wie ich nicht kapieren konnte! Versprechen?! Meinen Sie, ich sei so stumpf, dass ich Gefahr nicht erkennen würde, wenn sie mir ins Gesicht springt?! Als wenn ich in dem Fall immer noch den Mund halten würde! Ich hab gedacht, ich wär sein bester Freund, aber da hab ich mich wohl getäuscht, denn seinem besten Freund wird man wohl sagen, wenn man sowas Hirnverbranntes abziehen will! Oder sich zumindest vorher verabschieden! Und genauso bescheuert ist es, wenn man sein Versprechen gegenüber dem besten Freund bricht, nur weil man von irgendeinem Penner gekidnappt wird! Tatsuha ist so was von unten durch bei mir! Wenn Sie ihn finden, können Sie ihm bestellen, dass ich seine verdammte Hackfresse nie wiedersehen will! Und jetzt verschwinden Sie und lassen Sie mich endlich mit diesem Dreckskerl in RUHE!!!“

 

Damit knallte das Fenster mit einer solchen Wucht zu, dass es Shuichi wunderte, es nicht aus dem Rahmen springen zu sehen. Bekümmert rieb er sich den Nacken.

 

Nach einer Minute peinlichen Schweigens rief er schließlich etwas weniger verzweifelt nach oben: „Danke, Kenichiro. Ich verspreche dir, dass wir ihn finden werden. Dann werde ich ihm sagen, wie viele Sorgen du dir um ihn gemacht hast. Und dann kannst du ihm Eine verpassen, die sich richtig gewaschen hat, okay?“

 

In seinem Zimmer vergrub Kenichiro das Gesicht noch tiefer in den Knien.

Yuma hockte mit überschlagenen Beinen auf dem Sofa, Tatsuha im Schneidersitz daneben, voller Enthusiasmus in ein Videospiel vertieft, doch während der Teenager beim Spielen hin und her zuckte und zeitweise lautstark zeterte, bewegte sich sein Mitbewohner so gut wie gar nicht.

 

Nach fünf Minuten warf Tatsuha mit einem Schrei den Controller auf die Polster und lehnte sich frustriert zurück: „Das gibt’s doch echt nicht! Wie kannst du mich in einem Game, das ich seit Monaten fast täglich spiele, so verdammt fertigmachen?! Das ist doch voll unfair!“ Yuma griff nach dem Bier, das vor ihm auf dem Tisch stand, und nahm einen großen Schluck: „Hör auf zu jammern. Du hast eine Herausforderung verlangt, ich habe sie dir gegeben. Und ein so verantwortungsvoller Mensch wie ich kann einen Schmarotzer wie dich jederzeit in die Schranken weisen. Nichts lehrt Überleben so gut wie der tägliche Überlebenskampf.“

 

„Mann, ich hab’s so satt! Wann redest du mich endlich mit meinem Namen an, Alter?! Ich heiße Tatsuha! Tatsuha!“

 

Tatsuha packte Yumas Gesicht und drückte dessen Wangen zusammen: „Sprich mir nach! TA-TSU-HA!“ Yuma nuschelte gehorsam: „SCHNGA-RO-SCHA.“

 

Man sah ihm deutlich das Bedürfnis an, die Klugscheißerei mit eigenem Witz zu erwidern, doch ehe Tatsuha auch nur Luft fürs Kontra holen konnte, schrillte die Türglocke und er sprang aufgeregt auf: „Ups, keine Zeit mehr! Glaub ja nicht, dass diese Diskussion abgeschlossen ist, aber jetzt geht’s erstmal auf ins Sakuma-Traumland!“ Yuma nickte stoisch und hob sein Glas in stillem Toast: „Beste Grüße.“ „Werd ich ausrichten“, grinste der Junge und verschwand im Flur.

 

Während er sich seine Jacke überwarf und sich eine Baseballkappe aufsetzte, drückte er den Knopf am Intercom: »Bin unterwegs!« Eine fröhliche Melodie summend schlüpfte er in seine Turnschuhe und rief noch einmal Richtung Wohnzimmer: „Ich bin weg! Komme so um Mitternacht wieder, wenn’s recht ist!“ Ein Brummen verriet ihm Yumas Einverständnis und grinsend verließ er die Wohnung.

 

Grace erwartete ihn bereits etwas errötet vor dem Haus: »Hallo. Tut mir echt leid wegen der Verspätung. Ich hab den Bus verpasst.« »Macht nichts«, lachte er nur, »Ich kenn euch Frauen ja, ihr braucht immer länger etwas, deswegen habe ich dich eine Stunde früher bestellt, als ist eigentlich notwendig.« Sie dunkelte nach und er platzte los, sich schützend die Hände über den Kopf haltend, als sie bedrohlich eine Faust hob: »Oh, sei nicht sauer! War es doch richtige Entscheidung, nicht? Ich soll dir übrigens ein Hallo von Yuma ausrichten.«

 

»Hm.«

 

Lächelnd drückte er ihr einen Helm in die Hand und stahl bei der Gelegenheit einen Kuss auf die Wange: »Schön, dass du kommen konntest. Danke, dass du mit mir zur Premiere gehst. Es wird bestimmt ein schöner Abend, versprochen.« Sie setzte sich schnell den Helm auf, um ihm nicht zu zeigen, wie sehr seine Berührung sie beeinflusste: »Ja, nun, wenn man auf Knien vor mir rutscht, noch dazu vor Gästen, kann ich schlecht ablehnen. Ich wäre mir wie ein kaltherziger Oberschurke vorgekommen, hätte ich dich abgewiesen.« »Da bin ich ja beruhigt«, er grinste triumphierend, »Strategie ‚Armes Opfer‘ erfolgreich!« »Ich hätte wissen müssen, dass es Absicht war«, seufzte sie.

 

Sie bestiegen Tatsuhas Motorrad, welches am Straßenrand wartete, und als Tatsuha den Motor startete, presste sich Grace so fest es ging an seinen Rücken. Sie war schon einmal von ihm nach Hause gefahren und mit seinem Fahrstil sehr vertraut gemacht worden – ein zweites Mal würde sie sich nicht der Demütigung hingeben, wie eine Banshee um ihr Leben zu kreischen. Sie hörte ihn kichern und rollte mit den Augen. Natürlich war auch diese Reaktion beabsichtigt gewesen und sie hatte ihm vollends in die Hände gespielt.

 

---

 

Dank Tatsuhas Sonderkarten konnten sie die meterlange Schlange vor dem Kinoeingang bald hinter sich lassen und unter den neidischen Blicken der Wartenden als eine der ersten Besucher die breite Treppe zu dem Vorführraum betreten, in dem die Erstaufführung von Ryuichi Sakumas neuestem Film stattfinden würde. Grace sah sich beindruckt um: »Wow, ich wusste nicht, dass Herr Sakuma schon so berühmt bei uns ist! Hast du nicht gesagt, dies ist erst seine dritte Hauptrolle?« Tatsuha grinste breit unter dem Schirm seiner Mütze hervor, stolz darauf, dass es sein Idol mal wieder geschafft hatte, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: »Tja, das ist eben Ryuichi Sakuma. Es ist egal, was tut er, er ist immer ein Göttin!« »Ein Gott«, berichtigte ihn Grace verlegen lächelnd, doch dann verzog sich ihr Mund zu einem perfiden Grinsen, »Naja, aber dafür, dass der Film so schlechte Kritiken bekommen hat, scheinen ihn ja wirklich viele Leute sehen zu wollen.«

 

Abwehrend hob sie die Hände vors Gesicht, als ihr ein schlagartig schäumender Tatsuha empfindlich nahe kam: »Filme, die von Kritikern werden zerrissen, kommen beim Publikum meist am besten an! Außerdem haben gesagt alle, und ich zitiere wörtlich, ‚selbst die hervorragende Leistung des Hauptdarstellers kann die einfallslose Farce von fast drei Stunden schlecht recherchierter Historie nicht retten‘! Es allein Ryuichis Verdienst ist, dass er überhaupt wert ist, gesehen zu sein!« »Worauf habe ich mich nur eingelassen?«, seufzte sie überzogen und wich ein Stück zurück, als Tatsuha sich ihr daraufhin noch entrüsteter entgegen lehnte, »Schon gut, Yoda, schon gut! Ich will deinen Herrn Sakuma ja auch gar nicht bemängeln. Jesses, du bist echt ein fanatischer Jünger.« Sie lachte amüsiert und zupfte seine hoffnungslos verrutschte Mütze zurecht, während er nur pikiert schmollte.

 

Als sie den Saal betraten, entglitt ihr aber doch ein anerkennender Pfiff. »Hui, machen die sich immer so viel Mühe bei einer Premiere? Ich meine mit der ganzen Dekoration und«, sie nickte einem jungen Mann, der ihr ein Glas Sekt zur Begrüßung überreichte, dankbar zu, »damit?«, sie hob als Andeutung das Glas und nippte daran, während sie die Umgebung aufnahm, »Und wow, sie haben sogar Mannequins, die einen Samuraikampf imitieren, aufgestellt! Ob die Schwerter echt sind?«

 

Tatsuha breitete begeistert die Arme aus: »Ich weiß nicht, ob das immer so ist, aber das ist alles so cool! Das Geld bis jetzt absolut wert!« Ein wenig sehnsüchtig starrte er auf den Sekt hinab, den ihm eine Kellnerin reichte, und bat dann um Saft. Grace kicherte: »Weißt du, wenn du über Herrn Sakuma redest, benimmst du dich wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum.« Sie bemerkte sein kurzes Zucken nicht und sah stattdessen auf den Saft hinab: »Sieh an, der große Kunstkenner weiß ein Schlückchen Alkohol nicht zu schätzen?« Er sah sie giftig an: »Ich hätte ja gern. Aber ich darf nicht.« Verblüfft hob sie eine Braue: »... Yuma?« »Yuma«, nickte er schwer seufzend, »Er trinkt zwar selbst oft und gern, aber mir hat er jeglichen Konsum verboten, solange ich bei ihm wohne.«

 

»Hm, nun ja, ich schätze, seine Wohnung, seine Regeln. Aber hier ... Meinst du nicht, dass du an solch besonderen Abenden wie heute eine Ausnahme machen kannst?«

 

»Ich kann nicht!«

 

Er sah sich paranoid um und beugte sich zu ihr hinunter: »Er riecht es, ich schwör’s! Selbst, wenn ich nur ein winziges Glas trinke und danach für mehrere Stunden unterwegs bin, riecht er es!« Fröstelnd rieb er sich die Oberarme: »Vielleicht ... vielleicht nimmt er nachts Blutproben oder so!« Doch dann schüttelte er sich entschlossen und ballte rigoros eine Faust: »Ich darf ihn nicht enttäuschen! Keinen Tropfen will ich konsumieren, solange ich unter seinem Dach lebe!« Trotz der starken Worte kullerte ihm ein pathetisches Tränchen aus dem Augenwinkel und Grace fühlte sich verpflichtet, ihn moralisch zu stärken: »Ähm ... Das ist sehr lobenswert! Ich bewundere Menschen, die sich so diszipliniert für eine Sache einsetzen! Lass dich nicht unterkriegen!«

 

Sie zuckte unbewusst zurück, als er ihr glänzende Augen zuwandte und mit Feuereifer ihre Hände packte, woraufhin die Gläser klirrend zu Boden fielen: »Danke, Grace! Wenn es ist für dich, ich kämpfe mich durch Himmel und Hölle!« Schwitzend linste sie auf die sich rasant auf dem Teppich ausbreitenden Flüssigkeiten hinab: »Ja ... Äh ... Jederzeit.«

 

Mit nicht geringem schlechten Gewissen beobachtete sie, wie ein Angestellter die Sauerei mit finsterem Blick aufwischte, während Tatsuha sie bereits voller Elan die Treppe hinaufzog.

 

In Momenten wie diesem konnte sie nicht genau sagen, ob Tatsuha bewusst mit ihr flirtete und ob er sich wirklich darüber klar war, was Kommentare wie dieses mit ihrem Magen anstellten, doch in einem Punkt war sie sich sicher. Sie mochte ihn. Gern. Sehr gern. Sie hatte sich entgegen besseren Wissens schwer in den direkten, forschen, immer zu Späßen aufgelegten jungen Mann verliebt. Die Gefühle für ihn überstiegen inzwischen entschieden die erste kleine Schwärmerei, mit der es begonnen hatte. Und jedes Mal, wenn er ihr schöne Augen machte, spürte sie diese hoffnungslose Resignation in ihrem Innern. Immerhin machte er keinen Hehl daraus, wie sehr er sich auch zum anderen Ufer hingezogen fühlte. Wäre Tatsuha jünger gewesen, vielleicht so sechszehn, siebzehn Jahre alt, hätte sie seine Obsession gegenüber Ryuichi Sakuma als jugendliche Spinnerei abgetan, aber ein Einundzwanzigjähriger war erwachsen genug, um zu wissen, welchen Typ er bevorzugte.

 

Nein. Tatsuha war unvermeidlich schwul. Oder zumindest bisexuell, wenn sein Umgang mit Frauen nicht nur ein reines Ablenkungsmanöver darstellte. Ganz zu schweigen von verlobt. Vielleicht handelte es sich bei der Verlobten sogar um einen Mann? Yuma hatte sie zwar freundlicherweise davor gewarnt, Gefühle für seinen Cousin zu entwickeln, aber sie konnte ihm nicht verdenken, einer Wildfremden ungewöhnliche sexuelle Neigungen seines Verwandten vorzuenthalten. Wenigstens hatte er sie diskret darauf hingewiesen, dass eine engere Beziehung mit Tatsuha außer Frage stand.

 

Nun ... Hätte es nicht so absolut geklungen, hätte sie eventuell in Erwägung gezogen, den Kampf gegen die andere Frau aufzunehmen. Aber gegen einen anderen Mann? Wie sollte sie sich in diesem Fall behaupten?

 

»Unmöglich«, seufzte sie deprimiert und Tatsuha drehte ihr verwirrt den Kopf zu. »Ach, nichts«, winkte sie schnell ab und setzte sich auf den Platz, den er ihr anbot, »Ist die letzte Reihe wirklich okay? Ich meine, mir macht es nichts aus, aber eigentlich streiten sich immer alle um die mittleren Plätze ...?« Er ließ sich neben sie in den Doppelsitz fallen und gestikulierte vage mit einer Hand: »Oh, weißt du, ich ... Äh ... Ich hab nicht so gerne Chaoten im Kreuz, die mir stopfen Popcorn und Eiscreme in Kragen, deshalb ...«

 

»Bist du ganz sicher? Die drei Hauptrollen haben sich angekündigt, dir ist klar, was das bedeutet, richtig? Ich wette, sie sitzen da vorn in dem abgetrennten Bereich. Wenn wir uns in die Nähe setzen, kannst du vielleicht sogar mit Herrn Sakuma sprechen!«

 

»NEIN! ... Äh, nein, das ist schon gut so! Ich bin nicht so wild darauf! Ich ... himmle ihn lieber aus der Entfernung an.«

 

»Okay. Musst du wissen. Ähm ... Ist dir bewusst, dass du weinst?«

 

Tatsuha sprang energisch auf: »Ich besorge mir einen Snack! Willst du auch was knabbern? Oder hast du Durst?« Sie ließ sich tatsächlich von seiner emotionalen Not ablenken und legte nachdenklich einen Finger ans Kinn: »Hm, kannst du mir eine Tüte M&Ms und ein Wasser mitbringen? Aber die M&Ms mit Nüssen. Und ein großes Wasser, bitte. Ich geb dir das Geld nachher wieder.« Mit einem abgrundtief empörten Gesichtsausdruck beugte er sich zu ihr herunter und sah ihr tief in die großen Augen: »Willst du beleidigen mich? Ich hab dich eingeladen, ich bezahl Rechnung. Ist ganz einfach, oder?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, zog er von dannen.

 

»Da treffe ich schon mal einen brauchbaren Mann und dann ist er selbstverständlich vergeben«, dachte Grace verbittert, während sie ihm hilflos nachschmachtete.

 

Um sie herum füllte sich der Kinosaal nach und nach und sie musste ab und zu Tatsuhas Platz gegen freche Neuankömmlinge verteidigen, die offenbar die Meinung vertraten, dass ein Doppelsitz an ein einsames Mädchen vollkommen verschwendet war, doch plötzlich wurde es stockdunkel um sie herum. Das allgemeine Geschnatter der Menge verstummte allmählich in Verwunderung. In die Stille hinein erklang fernöstliche Musik, die von einem konzentrierten Lichtstrahl auf eine der Treppen begleitet wurde.

 

Grace hatte keinen blassen Schimmer, wann er an der Stelle, an der er stand, erschienen war, doch ein Samurai in voller Kampfrüstung wurde von dem Scheinwerfer erhellt und nach einigen Sekunden der allgemeinen Überraschung begann er, mit tiefer, eindrucksvoller Stimme zu sprechen.

 

»Seid willkommen, verehrte Gäste. Mein Name ist Soji Okita. Ihr habt richtig gehört, Soji Okita von der Shinsengumi.«

 

Er begann, langsam die Stufen Richtung Leinwand hinabzusteigen.

 

»Ihr werdet euch vielleicht fragen, was dieser tote Mann von Euch will. Und ich antworte: Leiht diesem bemitleidenswerten Krieger Euer Ohr, denn er möchte Euch eine Geschichte erzählen, voller Leid, Last und Versuchung, aber auch von Freundschaft, Ehre ... und innigster Liebe. Lauscht meinen Worten gut, denn-«

 

Seine Rede wurde rüde unterbrochen. Von einem jungen Mann, der auf der unteren Seite der Treppe erschien, schwer bepackt mit Bechern, Snacktüten sowie einer Packung Keksen zwischen den Zähnen, und der ihn unglücklicherweise erfolgreich an jedem Vorankommen hinderte. Beide verharrten verblüfft und die Anwesenden erkannten schnell, dass dies in der Showeinlage nicht eingeplant war.

 

Grace sank tiefer in ihren Sitz und legte stöhnend eine Hand über die Augen, als sie erkannte, um wen es sich bei dem Störenfried handelte.

 

Wie es in solchen Situationen üblich war, versuchten beide gleichzeitig, zur selben Seite auszuweichen.

 

Zweimal.

 

Dreimal.

 

Schließlich schien der Samurai angestrengt nachzudenken, zog dann schweigend ein langes Katana, vermutlich eine harmlose Replik, so hoffte Grace zumindest, aus der Scheide an seinem Gürtel, holte aus und schwang es in einem weiten Bogen dicht an Tatsuhas Bauch vorbei. Der Junge stieß ein erschrockenes Grunzen aus, weil er mit seinem Ballast nicht sprechen konnte, und duckte sich flink weg. Ein zweiter Hieb auf Höhe der Knöchel entlockte den Zuschauern ein Raunen, während Tatsuha ihm mit einem kleinen Hüpfer auswich.

 

Die Angriffe waren schnell genug, um bei Amateuren Eindruck zu schinden, doch Tatsuha, traditionell erzogen und mit einigen Jahren Kendo und Selbstverteidigung gesegnet, hatte sofort erkannt, dass es seinem Gegenüber nur um die Aufrechterhaltung der Atmosphäre ging. Ein abschließender Stoß knapp an seinem Ohr vorbei ließ ihn dennoch ein wenig zusammenzucken, denn er erfolgte erstaunlich rasant. Egal, aus welchem Grund es beabsichtigt war, dieser Kerl hatte Erfahrung im Umgang mit einem Schwert!

 

Atemlose Spannung herrschte, als der Samurai kurz in Angriffsstellung verharrte und dann, ehe er die Waffe mit einem eleganten Schwung wegsteckte, verschmitzt tadelte: »Setzt Euch, hungriger Reisender, sonst verpasst Ihr ein spannendes Abenteuer!« Tatsuha nickte hastig und verhaltenes Gelächter folgte ihm, als er sich an ihm vorbeiquetschte, eiligst die Stufen emporstieg und sich zu seinem Platz durchschob. Dort angekommen ließ er die Kekse fallen und flüsterte begeistert: »Das war ja so cool!« Grace brummte desinteressiert und lehnte sich noch ein Stück weiter von ihm weg, um vergessen zu können, dass sie ihn kannte.

 

Der Samurai hatte inzwischen die Reihe für die Ehrengäste erreicht und drehte sich energisch mit ausgebreiteten Armen zu seinem Publikum um.

 

»Wie gesagt, lauscht meinen Worten gut, denn vielleicht hängt es von Eurem ...«

 

Er wies auf eine direkt vor ihm sitzende Frau.

 

»Oder Eurem ...«

 

Er hob den Zeigefinger Richtung seitlicher Plätze.

 

»Oder Eurem ...«

 

Und nun schien er direkt auf Tatsuhas Nasenspitze zu zeigen, obwohl sich Grace ziemlich sicher war, dass er ihrem Begleiter nach der Unterbrechung keine weitere Beachtung geschenkt hatte.

 

»Zuspruch und Mitgefühl ab, ob dieser verirrte Geist, diese arme Seele, die heute demütig vor Euch erschienen ist, ihre letzte Ruhe neben ihrer unendlich Geliebten einnehmen darf!«

 

Er löste den Riemen seines altertümlichen Helms und streifte ihn ab, woraufhin stellenweises Jubelgeschrei ertönte. »Aber vergesst nicht, dass eine Geschichte in erster Linie eines sein soll: Unterhaltsam! Also, viel Spaß mit den nächsten Stunden Kinoerlebnis, das euch hoffentlich von den Socken reißen wird«, rief Ryuichi strahlend und verbeugte sich unter rasendem Applaus.

 

»Mal ehrlich«, jammerte Grace verlegen, während sie mit den Füßen auf den Boden stampfte, anstatt wie Tatsuha stehenden Beifall zu geben, weil sie Süßigkeiten und ihr Wasser in Händen halten musste, »normalerweise passen die Platzanweiser draußen bei solchen Begebenheiten doch auf, damit so was Peinliches wie eben nicht vorkommen kann! Pennen die alle?!« »Nah«, lachte Tatsuha, »hab mich vorbeigeschlichen! Als sie uns sagten, dass wir eine Weile warten müssten, hab ich gewusst gleich, dass hier was Tolles abgeht! Das konnte ich doch nicht einfach verpassen, oder?« Grace schüttelte resigniert den Kopf: »Oh Mann, du bist so egoistisch. Aber naja, ich muss zugeben, das war wirklich kein schlechtes Intro. Die Leute lieben ihn, was?« »Na klar«, grinste er, »Herr Sakuma hat ein ganz eigenes Charisma, dem man nicht so einfach widerstehen kann! Und er hat mich angesehen! Oh, ich bin so-« Und von einer auf die andere Sekunde schwitzte er metaphorische Sturzbäche. Knapp, nur haarscharf war er an seinem Verderben vorbeigeschlittert! Wenn Ryuichi ihn erkannt hätte ...

 

Er hatte ihn nicht erkannt, oder?

 

... Nein, der Saal war abgedunkelt, außerdem hatte der Schauspieler einen Helm getragen, der das Sichtfeld stark einschränken musste und seine eigene Mütze war tief genug ins Gesicht gezogen, um es gut genug zu verbergen.

 

Trotzdem zog er sie sicherheitshalber noch tiefer und senkte das Kinn in seinen Kragen. „... Aufgeregt“, beendete er den Satz und saugte anschließend herzhaft an dem Strohhalm seiner Cola, um die Schreckensvisionen, die in ihm aufgestiegen waren, zu unterdrücken.

 

Nachdem alle geladenen Stars unter Beifall und Jubel eingezogen waren, begann endlich der Film. Es war eine Liebesgeschichte, gebettet auf angeblich historischem Hintergrund der letzten Samuraitruppe des neunzehnten Jahrhunderts und Grace musste zugeben, dass es ihr tatsächlich sehr gut gefiel. Möglicherweise war es der Mangel an Kenntnis der japanischen Geschichte, der sie die elementaren Fauxpas der Verantwortlichen schlichtweg übersehen ließ. Sie wusste nicht, wie die Kämpfer der „Shinsengumi“ wirklich gekleidet gewesen waren, sie kannte keine Namen, die falsch artikuliert wurden, und sie hatte keine Ahnung, ob eine Schlacht tatsächlich so ausgegangen war, wie es im Film dargestellt wurde.

 

Doch sie wusste, was ihr ans Herz ging und darunter fielen die vielen herben Schicksalsschläge, die die Protagonisten beutelten, die Verletzungen, die ohne modernste Anästhesie gebrannt haben mussten wie die Hölle und die tragische Beziehung zwischen Soji Okita und seiner Herzdame. Und als er am Ende nach einem besonders stürmischen Kampf ausgerechnet gegen seinen verräterischen Lehrmeister unter ihrem verzweifelten Wehgeschrei verstarb, konnte Grace nichts anderes tun, als sich mit zitternden Fäusten die eigenen Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen und die Zähne zusammenzubeißen, um ein leises Wimmern unter Verschluss zu halten.

 

»Ich wette, Tatsuha lacht sich ins Fäustchen«, dachte sie bitter, ohne ihn anzusehen, »Männer sind immer so rational. Und gerade ihm als Japaner werden die ganzen Ungereimtheiten sicher nicht entgangen sein. Ich schwöre, wenn er gleich auf dem Nachhauseweg die ganze Zeit nur über die fehlende Logik herzieht, trete ich ihm in die ... Mist!« Trotzig presste sie die Lippen aufeinander und warf einen winzigen verstohlenen Blick zur Seite.

 

Sie blinzelte verblüfft.

 

Tatsuha hockte stocksteif neben ihr und heulte sich die Augen aus.

 

Für eine Weile war ihr Freund interessanter als das Ende des Films, doch als er sich lautstark die Nase schnäuzte und voller Anteilnahme die Namen der Liebenden bejammerte, brachen auch bei ihr die letzten Dämme. Zum Glück waren sie nicht die Einzigen, die von dem Schauspiel so gerührt waren, dass ihre Emotionen Amok liefen, und so fiel es nicht weiter auf, als sie ihre Finger ineinander verhakten und plärrend den Abspann über sich ergehen ließen.

 

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»Das war ja so traurig«, betonte Grace und trocknete sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab, »ich wage gar nicht, zu fragen, wie mein Makeup jetzt aussieht, weil es irgendwie so ... taktlos wäre!« Tatsuha kicherte gurgelnd und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen: »Ja, es war sehr ... mitreißend, richtig? Das ... das ist eben Herr Sakuma! Aber ... aber muss zugeben ich, dass er hatte auch gute Partnerin.«

 

»Jepp. Sie hat die Rolle der Geliebten echt wunderbar ausgefüllt. An manchen Stellen habe ich wirklich gedacht, dass sie was füreinander empfinden. Ich meine, in der Realität.«

 

»A... also ... ich nicht gehen würde soooo weit ...«

 

Grace lachte, als sich auf seinem Gesicht deutlich gedämpfte Laune abzeichnete – in seiner Anwesenheit die Möglichkeit zu erwähnen, Ryuichi Sakuma könnte vergeben sein, kam einem Verlust der eigenen Ohren gleich. Er holte bereits Luft, um ihr einen langen und nachdrücklichen Vortrag darüber zu halten, dass es häretisch war, zu glauben, dass irgendeine andere Person auf der Welt außer ihm selbst dazu bestimmt war, an seiner Seite zu wandeln, und so warf sie geistesgegenwärtig ein: »Uns stehen jetzt noch einige Stunden des Anhimmelns und der Autogrammvergabe bevor, nicht wahr? Spar dir lieber deinen Atem, du Ultra!« Das ließ ihn glücklicherweise den Mund zuklappen.

 

Sie traten in die kühle Nacht hinaus, zusammen mit vielen anderen Kinogängern, die ein wenig Frischluft schnappen wollten, ehe sie sich in den Kampf um berühmte Unterschriften stürzten. »Interessierst du dich nur für Herrn Sakuma?«, fragte Grace neugierig, »Oder hast du noch jemand anderen im Auge?« Er legte nachdenklich eine Hand ans Kinn und schnaufte: »Natürlich nichts wichtiger ist als Herr Sakumas formvollendete Handschrift, aber ich denke, ich werde mich auch noch bei zwei, drei anderen anstellen, wenn ich es hinbekomme zeitlich.« »Oh, meine Landsleute konnten dich also tatsächlich von ihrem Können überzeugen?«, meinte sie ehrlich erstaunt, »Ich hab dich eigentlich für einen Mann mit totalem Tunnelblick gehalten.« »Hätte ich nur den Tunnelblick, wäre mir kaum strahlende Schönheit von meine Begleiterin aufgefallen«, entgegnete er und feixte breit, als ihre Wangen erröteten, »Und selbst?« Sie war überrascht, als hätte sie gar nicht daran gedacht, auch ein Andenken für sich selbst zu erhaschen, doch jetzt runzelte sie die Stirn und dachte kurz nach. »Hm, ich glaube, ich versuche mein Glück bei Toshizo Hijikata. Ich mag diesen Schauspieler schon lange, er ist wirklich gut. Und natürlich extrem heiß, findest du nicht?«

 

Tatsuha hatte keine Ahnung, warum in dem Moment, in dem sich ihre grünen Augen auf ihn richteten, ohne an ihn zu denken, ein unbequemer Stich durch sein Herz fuhr. Sicher, Grace war attraktiv und nett, aber er war nicht so egozentrisch, einem Mädchen, mit dem er ausging, keine eigene Fantasie zu gönnen. Wieso missfiel es ihm also bei ihr so sehr, dass er nicht ungeteilter Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit war? Immerhin hatte er sie danach gefragt! Verwirrt wandte er sich ab und bemühte sich, seinen plötzlichen Unmut zu überspielen: »Was du fragst mich nach dem Sexappeal eines Mannes? Du seltsam bist.«

 

Das wiederum überraschte Grace und sie dachte verwirrt: »Wie bitte? Ist er wirklich so auf Sakuma eingeschossen, dass er sich für keine anderen Männer interessiert?« Ihre Mundwinkel zogen sich hauchzart nach oben.

 

‚Das ist wirklich sehr ehrenhaft. Ryuichi Sakuma, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich um deinen Platz in seinem Herzen beneide!‘

 

Während sie niedergeschlagen seufzte und schweren Gedanken nachhing, entging ihr der Blick, mit dem Tatsuha sie bedachte. „Scheibenkleister“, fuhr es ihm durch den Kopf, „was war das denn für ein superniedliches Lächeln?! Hab ich irgendwas besonders Cooles gesagt? Hm, aber jetzt sieht sie irgendwie bedrückt aus, ich wünschte, ich könnte sie trösten.“ Seine Finger zuckten zurück, als er sie unbewusst ausstreckte, um Grace über die Wange zu streicheln.

 

Sie hatte die Bewegung nicht bemerkt, und so klatschte sie munter in die Hände und lief ahnungslos an ihm vorbei: »Also gut, ich bin erfrischt genug! Wollen wir jetzt gehen, um für unser Glück zu kämpfen?« Mit einem trockenen Schlucken nahm er die Mütze ab, um sich nervös durchs Haar zu streichen: »Ah ... Klar, sicher. Bereit, wenn du es bist!«

 

Er musste wohl an seiner Einstellung arbeiten, schien er doch ein bisschen zu überfürsorglich in ihrem Beisein zu werden. Und das gefährdete Yumas Kein-Sex-bis-Einundzwanzig-Regel in ausgesprochenem Maße. Außerdem hatte er auch eigene Regeln, die er seit Jahren eisern befolgte und eine sehr wichtige davon lautete: „Flirte mit Freunden, aber leg sie nicht flach!“

 

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Ein paar Stunden später standen sie und viele andere Leute erledigt auf der Straße und schnauften um die Wette. »Jesses«, brachte Grace nur atemlos hervor, »ich dachte, die trampeln mich tot! Hast du das Gerät hinter mir gesehen? Die Frau war völlig blind in ihrer Bewunderung! Ich bin froh, dass so viele Sicherheitsleute da waren, die hätte mich glatt plattgemacht!« Tatsuha stützte sich auf seine Oberschenkel und ächzte ermattet: »Pah, du hattest ja noch leicht es! Ich musste dreimal durchmachen das! Und ich noch nicht einmal habe das einzige Autogramm bekommen, was ich wirklich haben wollte, obwohl ich bin ein Veteran!«

 

»Du bist selbst schuld! Warum hast du dich nicht zuerst bei Sakuma angestellt?! Du hättest dir doch denken können, dass du’s in der Zeit nicht schaffst, zu allen durchzukommen!«

 

»Aber es so voll war bei ihm! Wenn ich mich gestellt zuerst zu ihm, hätte ich gar keine anderen sammeln können!«

 

Tatsuha ballte die Fäuste und blickte gen Himmel: »Und jetzt habe ich eine einzigartige Chance verpasst! Ich hätte mich mit ihm in Samurairüstung fotografieren lassen können!« Er brach zum zweiten Mal an diesem Abend in Tränen aus und Grace schüttelte mitleidig den Kopf, doch gerade, als sie ihn trösten wollte, rempelte ihn ein vorbeilaufender Mann an und keifte aggressiv: »Kannst du auch woanders rumgammeln?! Immer diese Blödiane, die sich mitten in den Eingang pflanzen!« Mit einem wütenden Murmeln zog er von dannen. »Liebe Güte, er hat ja nicht unrecht«, murmelte Grace, während sie ihm ein wenig verstimmt hinterher sahen, »aber kann man das nicht auch freundlicher ausdrücken?« Um zu vermeiden, noch anderen Nachzüglern im Weg zu stehen, schoben sie sich aber doch ein Stück weiter.

 

»Sieh es doch mal so«, begann Grace erneut, wurde jedoch von einem spitzen Schrei unterbrochen, der aus der Menge kam. »Diebe! Man hat mir mein Portemonnaie gestohlen«, kreischte eine Frau aufgebracht. Bewegung ging durch die Reihen. Jeder prüfte augenblicklich voller Sorge nach, ob sich sein Eigentum noch am vorgesehenen Platz befand. Wütender Protest hier und da zeugte vom Gegenteil. Grace und Tatsuha konnten zwar aufatmen, da sie wohlweislich alle Wertgegenstände in den Innentaschen ihrer Jacken verstaut hatten, doch plötzlich durchfuhr sie ein Gedanke wie der Blitz und sie starrten sich entgeistert an.

 

»Der Typ von vorhin!«

 

Tatsuha rannte los, ehe sie überhaupt eine Meinung äußern konnte, doch ehe sie sich darüber brüskieren konnte, stellte sie fest, dass sie nicht die Einzigen waren, die Lunte gerochen hatten, denn auch einige andere Männer und ziemlich sportliche junge Frauen erinnerten sich an den unhöflichen Rempler und nahmen unverzüglich die Verfolgung auf. Die Tatsache, dass er es nicht alleine mit einem oder vielleicht sogar mehreren Kriminellen aufnehmen musste, beruhigte sie einigermaßen, und so entschied sie sich, geduldig auf seine Rückkehr zu warten.

 

Sie und ihre Leidensgenossen standen untätig und zunehmend frustriert herum, als plötzlich ein erneuter Aufruhr entstand. Erst befürchtete sie, dass noch andere Taschendiebe auf die Idee gekommen waren, die Gunst der Stunde zu nutzen, doch dann erkannte sie, was der wirkliche Auslöser war und entspannte sich unwillkürlich.

 

Ryuichi Sakuma, noch in voller Samuraimontur, und sein Manager waren in den Hinterhof getreten und sofort von begeisterten Fans umringt worden. Grace hörte Sätze wie »So ein Glück, vielleicht kann ich doch noch mit ihm reden!« und »Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass viele Stars durch die Hintertüren verschwinden!« und sie lächelte einsichtig. Deshalb hatte sich Tatsuha der Veteran also dagegen gewehrt, einfach den Haupteingang des Kinos zu benutzen – offensichtlich kannte er sich ebenfalls bestens mit den Gewohnheiten der Prominenz aus.

 

Ihr Lächeln erlosch. Und jetzt befand er sich sonstwo, eifrig den Spuren eines gemeinen Räubers folgend, ohne Gelegenheit, diese letzte Chance wahrzunehmen! Verdammt!

 

Sie konnte sich gut vorstellen, dass Ryuichi die Nase inzwischen gestrichen voll haben musste von aufdringlichen Fans, aber ... Tatsuha hatte es sich doch so gewünscht! Vielleicht, wenn sie wirklich, wirklich freundlich fragte, würde der schwerbewaffnete Leibwächter nicht gleich zornig um sich schießen.

 

Doch als sie zögerlich nähertrat, hörte sie Claudes entschlossene Stimme nachdrücklich rufen: »Es tut mir leid, Herrschaften, aber Herr Sakuma hat einen langen Tag hinter sich und ist erschöpft. Bitte verstehen Sie, dass er keine weiteren Autogramme mehr verteilen oder Ihnen andere Gefälligkeiten erweisen kann!« Enttäuschte Buhrufe erklangen, aber Grace war sich sicher, nicht die Einzige zu sein, die die Absage durchaus erwartet hatte. Trotzdem arg geknickt wich sie vor der drängenden Masse zurück, als plötzlich ein freudiger Ruf alle anderen Stimmen übertönte.

 

»FRAU PERFEKT!!!«

 

Verdutzt hob sie den Kopf. Ryuichi lief ihr freudestrahlend entgegen und griff begeistert ihre Hände: »Wow, Sie sind auch hier, Frau Perfekt! Was für ein Wahnsinnszufall! Haben Sie sich etwa meinen Film angesehen?! Hat er Ihnen gefallen?! Sind Sie alleine hier?! Haben Sie Hunger?! Ich könnte Ihnen einen Hamburger spendieren, wir wollten uns gerade einen Imbiss genehmigen, nicht wahr, K?!« Sie starrte ihm ins Gesicht, dann auf ihre Hände, dann in sein Gesicht, dann zu Claude: »Was? ... Äh, nein ... Ja ... Nein ... Ich meine ... Was?« Claude schüttelte seufzend den Kopf und befreite sie aus dem Griff des überenthusiastischen Sängers: »Schön, Sie wiederzusehen, Fräulein. Wie geht es Ihnen?«

 

»Oh, danke, Herr K, mir geht es sehr gut! Es überrascht mich ein wenig, dass Sie beide sich an mich erinnern ...«

 

Mit einem verlegenen Lächeln fügte sie eiligst hinzu, als sie Ryuichis verdächtig wässrige Augen bemerkte: »Angenehm überrascht! Ich meine, ich freue mich natürlich sehr darüber! Und ... Äh ... Ja, ich habe den Film gesehen, er war sehr ergreifend!« Wieder fand sie ihre Hände in einem Schraubstock wieder und Ryuichi hüpfte aufgeregt auf und ab: »Nicht wahr? Nicht wahr? Bin ich in Ihren Augen jetzt ein bisschen berühmter geworden, Frau Perfekt?!«

 

»Äh ... Ja, sicher.«

 

Und dann spürte sie es.

 

Eine dunkle Aura umwaberte die zurückgelassene Gruppe treuer Anhänger und unzählige Paare rotglühender Augen visierten sie voller Hass an.

 

... Hatte sich so wohl Aschenputtel gefühlt unter den missgünstigen Blicken ihrer Stiefschwestern?

 

Unweigerlich begann sie zu schwitzen und zog vorsichtig die Hände zurück, um ein wenig Abstand zu gewinnen: »Sie waren wirklich gut, Herr Sakuma, auch wenn ich mehr ein Fan von Hijikatas Darsteller bin.« Es mochte wahrscheinlich eine gute Idee sein, dem blutgierigen Mob klarzumachen, dass es sich bei ihr um keine ernstzunehmende Konkurrenz handelte, dafür wirkte Ryuichi nun aber reichlich angefressen: »Aber Frau Perfekt! Ich hatte eine viel größere Rolle als er! Und Sie haben sich nicht einmal ein Autogramm von mir geholt!«

 

»Ja, nun ... Also, ich wollte damit nicht sagen, dass Sie nicht gut waren! Ich meine nur ...«, begann sie, bemerkte dann jedoch, dass sie keine Ahnung hatte, wie man mit in ihrer Ehre verletzten internationalen Superstars umzugehen hatte. »Wo ist Tatsuha, wenn ich ihn brauche?!«, fuhr es ihr durch den Kopf, während ihr verzweifelte Tränen über die Wangen rannen.

 

Wie aufs Stichwort schaute sich Claude aufmerksam um: »Da fällt mir ein, sagten Sie nicht, Ihr Kollege sei ein begeisterter Fan? Sind Sie mit ihm hier?« Sie nickte, erleichtert über den Themenwechsel: »Oh ja, der ist auch hier. Im Moment ist er allerdings anderweitig beschäftigt.« Ryuichi leuchtete regelrecht auf: »AHA! Hat er sich mein Autogramm geholt?!«

 

Sie blinzelte wortlos auf ihn hinab.

 

Er blinzelte wortlos zu ihr empor.

 

Seine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Schmollen.

 

»AH! Nein! Verstehen Sie das bitte nicht falsch, er hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als mit Ihnen zu reden, es hat sich nur einfach nicht ergeben, Sie waren immerhin der begehrteste Star, es war überhaupt kein Durchkommen und weil mein Freund noch einige andere Autogramme haben wollte, hat er sich erst dort ... Öh ... angestellt.«

 

Grace erkannte zu spät, dass sie sich in die Nesseln gesetzt hatte, als Ryuichis Augen in unverhohlenem Zorn aufflammten und sich seine Hand zu einer entschlossen Faust ballte: »UN-ENT-SCHULD-BAR! K! Ich habe es Ihnen schon so oft gesagt! Ich bin zu schwer erreichbar! Selbst meine treuesten Fans ziehen meine Kollegen vor!« Er zog sein Schwert und reckte es empor wie die Freiheitsstatue ihre Fackel: »Auf keinen Fall kann ich zulassen, dass sich meine treuesten Fans ohne Andenken an mich aus dem Staub machen!« Voller Energie schwang er herum Richtung Menge und brüllte: »ICH GEBE JEDEM HIER EIN HANDSIGNIERTES AUTOGRAMM MIT PERSÖNLICHEM GRUSS!«

 

Und während alle Anwesenden in tosendes Jauchzen ausbrachen, richtete er finster die Spitze der Klinge auf die hoffnungslos eingeschüchterte Grace: »Und mit Ihnen fange ich an!«

 

---

 

Tatsuha und seine Komparsen kehrten siegestrunken von der erfolgreichen Jagd zurück, als ihnen lauter Freudentaumel entgegenschlug.

 

Die Darbietung, welche sich ihm eröffnete, verschlug ihm die Sprache.

 

Die Zurückgebliebenen hatten einen Kreis gebildet und warfen Grace unter lauten Hurrarufen immer wieder hoch in die Luft, während sie sich in Panik die Lungen aus dem Leib brüllte.

 

Es dauerte eine beschämende Weile, ehe er aus seiner Schreckstarre erwachte und sich zu ihrer Rettung bequemte, indem er sich mitten in den Pulk stürzte und sie zielsicher in seinen Armen auffing. Situationsbedingte Fragen fuhren ihm durch den Kopf, doch sie schlang ihm augenblicklich Arme und Beine fest um Hals und Taille und schnitt ihm damit die Luftzufuhr ab. Gurgelnd taumelte er zurück, während sich um ihn herum Teile des imaginären Puzzles zusammensetzten, als seine Begleiter ebenfalls wieder zu ihren Bekannten aufschlossen und nach dem Grund des Tumults fragten. Die bunt zusammengewürfelten Antworten sagten ihm alles, was er wissen musste.

 

»Du hattest recht, Ryuichi Sakuma war wirklich da!«

 

»Eigentlich wollte er uns abwimmeln, aber sie hat ihn umstimmen können!«

 

»Wie sie’s geschafft hat? Ist mir doch schnurz, sieh mal, er hat sich mit mir in Kampfpose ablichten lassen!«

 

Tatsuha klopfte seiner heftig zitternden Freundin beruhigend auf den Rücken: »Oh Mann, da hab ich ja wieder das Beste verpasst, was?« Er zögerte ein bisschen, räusperte sich dann aber vorsichtig und bemerkte wie nebenbei, aber hörbar hoffnungsvoll: »Öhm ... Also ... Hast du für mich eventuell auch-«

 

Weiter kam er nicht, denn sie sprang energisch ab und schmiss ihm aufgebracht zwei Polaroid-Fotos ins Gesicht. Auf dem einen strahlte ihm Ryuichi entgegen, der leidenschaftlich eine völlig überrumpelte Grace umarmte und grinsend das Victory-Zeichen in die Linse streckte, auf der Rückseite spöttisch in neonroter Schrift geschrieben: „Ha~Ha, ich hab mir dein Mädel geschnappt! Pass das nächste Mal besser auf, Herr Perfekt!“ Das andere Bild zeigte ihn in Angriffsstellung und eine einzelne Zeile.

 

Macht es dir Spaß?

 

Tatsuha stutzte, doch ehe er genauer über die Frage nachdenken konnte, lenkte ihn Graces aufgelöstes Heulen von jedweden Überlegungen ab: »Nie wieder! Ich will nie wieder was mit Stars und Fans und ihren komischen Anwandlungen zu tun haben! Die sind ja alle nicht mehr ganz dicht!« Damit wankte sie orientierungslos davon und er eilte ihr prustend hinterher, um zu verhindern, dass sie in ihrem Schwindel einen Laternenpfahl rammte.

 

---

 

„Baby, Baby“, flötete Tatsuha mit erregter Vorfreude, „shake your hips for me! Baby, Baby, believe it, I’ll do it for free!“ Eine großzügige Auswahl einschlägiger DVDs wurde aus seinem Rucksack zutage gefördert und in seinen Händen aufgefächert, ein Titel so vielversprechend anmutend wie der nächste: „Was sehen wir uns denn zuerst an? ‚Drained Dry‘? ‚Midsummernights Cream‘? Oder doch besser ‚Moon Spoon‘? Ach je, immer diese Entscheidungen!“ Yumas überdimensionalem Fernseher wurde ein prüfender Seitenblick zugeworfen, bevor er die DVDs geradewegs über die Schulter aufs Sofa warf und erneut im Rucksack kramte, um eine herauszufischen, die ihm der junge Mann in der Videothek als „echtes Juwel“ angepriesen hatte: „Ach, was soll die Zurückhaltung?! Die Nacht ist noch jung und die Spritze voll, also fangen wir doch gleich mit dem harten Stoff an!“

 

Fröhlich vor sich hin summend legte er sie in den DVD-Player ein, rückte sich bequem auf seinem Platz am Boden zurecht, zog Chipstüte, Cola und die Schachtel mit Taschentüchern näher zu sich und schmiegte die Schultern zufrieden seufzend in die Polster der weichen Couch.

 

Tagelang hatte er sich auf diesen Abend gefreut, um genau zu sein seit ihm Yuma eröffnet hatte, die ganze Woche lang Überstunden schieben zu müssen. Normalerweise warnte er ihn niemals so freundlich vor und Tatsuha vermutete reine Gehässigkeit dahinter, um ihm die Gelegenheit vorzuenthalten, ungestraft verbotenen Aktivitäten nachzugehen. Doch dieses Mal war Yuma wahrscheinlich nichts anderes übrig geblieben, denn er hatte zuvor fest versprochen, zusammen Bowlen zu gehen.

 

Nun, da der gemeinsame Männerabend geplatzt war, war Tatsuha natürlich etwas enttäuscht, hatte jedoch die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich mit vielen, vielen, vielen Pornos eingedeckt, um den längst, längst, längst überfälligen, nicht ganz harmlosen Videoabend in absolut nachvollziehbar beabsichtigter Einsamkeit nachzuholen. Nur ein winziges Fünkchen schlechten Gewissens bohrte in seinem Herzen, das er erfolgreich mit dem Argument bekämpfte, Yuma selbst trüge an dem Ungehorsam Schuld.

 

Ihm Sex zu verbieten. Ihm! Ein unentschuldbares Vergehen!

 

Und wenn er schon nicht auf die ihn umgebenden Schönheiten zurückgreifen durfte und sich noch dazu von seinem plötzlich ach so greifbaren Idol fernhalten musste, musste man ihm doch wenigstens diese Form der körperlichen Erleichterung zugestehen! Es wäre Verschwendung wertvoller Ressourcen gewesen, nicht wenigstens einmal die Regel des Nullkonsums pornografischer Medien zu brechen!

 

... Und was Yuma nicht wusste, konnte ihn auch nicht erzürnen.

 

So der idiotensichere Plan eines pubertierenden Rotzlöffels – leider nicht der des unfairen Schicksals, denn gerade, als der blumig visualisierte Titel über den Bildschirm flimmerte und sich Tatsuha den ersten Schluck gefärbtem Zuckerwassers gegönnt hatte, rasselte ein Schlüssel im Flur und jemand, zweifelsohne Tatsuhas frühzeitiges Verderben, betrat mit einem leidenden Stöhnen die Wohnung.

 

In Sekundenbruchteilen hatte Tatsuha alle verräterischen Beweismittel zurück in den Rucksack gewischt, schmiss ihn mit aller Kraft gen Gästezimmer und fahndete frenetisch nach der Fernbedienung.

 

Der Bildschirm verdunkelte sich in dem Moment, in dem Yuma um die Ecke bog und Tatsuha atmete unwillkürlich auf.

 

Bis er bemerkte, dass die Tür seines Zimmers während des beherzten Wurfs geschlossen gewesen war.

 

Zum Glück für den entsetzt nach Luft schnappenden Teenager schien Yuma nicht er selbst zu sein, denn er bemerkte das klaffende Loch im Holz gar nicht, als er daran vorbeischlenderte, ebenso wenig wie seinen stocksteifen Mitbewohner, der ihm mit wachsender Besorgnis hinterher schaute, als er wortlos in der Küche verschwand.

 

Tatsuha schluckte nervös und schlich zur Küchentür, um vorsichtig seitlich am Rahmen vorbei zu linsen: „Ähm ... Yuma? Ist irgendwas passiert? Du bist so ... still.“ Seine im Verlauf ihres Zusammenlebens stetig gestiegene Paranoia machte sich bemerkbar und erschüttert verdächtigte er gewisse Videotheksmitarbeiter des Hochverrats. Seine vernünftige Seite schob derartige Vermutungen rigoros beiseite.

 

Yuma pflegte gute Beziehungen, aber er kannte nicht jede Videothek in NY persönlich. Nein, er war schlichtweg aus anderem Grund mies gelaunt. Wahrscheinlich war etwas im Büro schiefgelaufen, was auch erklärte, warum er in diesem Augenblick, viel zu früh, daheim auf der Matte stand.

 

Der Junge schob sich beschwichtigend lächelnd ins Zimmer: „Hast du dein Projekt abgeschlossen? Du siehst ziemlich kaputt aus. Habt euch ganz schön ins Zeug gelegt, was?“ Yuma stand mit dem Rücken zu ihm, gekrümmt und kraftlos, und antwortete nicht. Langsam wurde es Tatsuha wirklich mulmig zumute. Vorsichtig und so harmlos wie möglich schlich er sich an ihn heran: „Hör mal, was immer auch geschehen ist, ich bin mir sicher, dass sich alles einrenken wird! Also Kopf hoch!“ Aufmunternd klopfte er ihm auf die Schulter.

 

Endlich kam Bewegung in den schlaffen Körper. Yuma drehte sich schwerfällig um. Mit gemischten Gefühlen folgte Tatsuha einem durchdringenden Blick auf seinen freiliegenden Unterarm und irritiert hob er ihn ans Gesicht: „Was?“

 

Schneller, als er reagieren konnte, stürzte sich Yuma auf die nackte Extremität und biss dreimal herzhaft hinein.

 

Seine enthusiastischen Kiefer machten dabei ein Geräusch wie ein in schneller Abfolge ausgelöster Tacker und Tatsuha schrie laut auf, während er ihn energisch von sich stieß: „AAAAARGH! HAST DU ‘N KNALL?! DAS TUT DOCH WEH!!!“ Mit Tränen in den Augen rieb er sich die schmerzende Gliedmaße, in der sich nun einige Zahnabdrücke abzeichneten. „... Fleisch ...“, raunte Yuma und wankte wie in Trance auf ihn zu, „... Fleisch ...“ Tatsuha stieß ein wenig intelligentes Geräusch aus, dann ein von blankem Grauen erfülltes Quieken, als sich Yuma anschickte, erneut anzugreifen.

 

Geistesgegenwärtig riss er den Kühlschrank auf, griff blindlings nach einem nur halb verpackten Wiener und schleuderte es schreiend dem stöhnenden Ungetüm entgegen.

 

Eine Stunde später hockte er am Küchentisch und konnte sich vor Lachen nur mit viel Mühe auf dem Stuhl halten, wobei es unterdessen von mehreren Seiten mit Besenstielen an die Wände pochte. Yuma saß ihm mit dickem Bauch und befriedigtem Gesichtsausdruck gegenüber und puhlte sich mit einem Holzstäbchen die letzten Fasern Steak aus den Zahnzwischenräumen. Er hatte drei davon verzehrt, in Rekordgeschwindigkeit, ohne was dabei, herzlichen Dank. Jetzt knurrte er gereizt: „Ja ja, du findest das natürlich unglaublich witzig, nicht wahr?! Aber das war es ganz und gar nicht! Fünf verschissene Tage! Und kein einziges erbärmliches Stück totes Tier im Umkreis von drei Meilen! Hast du überhaupt eine Ahnung, durch was für eine Hölle ich gestiefelt bin?! Totales Chaos bei der Arbeit und wenn ich denn mal Zeit habe, was zu essen, gibt’s überall nur Grünzeug! Haben wir vegetarischen Monat oder was?! Als ich gestern dann endlich ‘nen Imbiss gefunden habe, der nicht auf spontanen Jahresurlaub gegangen war, hab ich mir natürlich gleich einen doppelten Hot Dog bestellt. Weißt du, was passiert ist?! Vegane Würstchen, das ist passiert!“

 

Tatsuha ergab sich seinem Schicksal und fiel japsend zu Boden. Yuma schnaubte und ließ bei der zweifellos traumatischen Erinnerung wütend die Faust auf den Tisch knallen: „Ich war kurz davor, dem Burschen, der mir die Dinger eintüten wollte, die Hand abzuhacken! Mit diesen winzigen Plastikgäbelchen, die sie in die Pommes stecken, du weißt schon. Ich schwöre dir, die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen!“ Er atmete tief durch: „Hattest echt Glück, dass wir noch Fauna im Kühlschrank hatten. Mensch, ich hab doch nicht die Spitze der Nahrungskette erklommen, um mich von Wurzeln zu ernähren!“

 

Tatsuha rang verzweifelt nach Luft und kletterte an seinem Stuhl empor. „Weißt du, Tofu und Pilzgerichte und so können wirklich klasse schmecken, wenn man sie richtig zubereitet! Aber naja, ich versteh dich ja. Bin ja selbst kein Vegetarier“, kicherte er mitfühlend, „Hast wohl wirklich ‘ne anstrengende Woche hinter dir. Aber darf ich fragen, warum du schon zurück bist? Ohne jedweden Hintergedanken, versteht sich“, fügte er ein wenig zu rasch hinzu, „ich meine nur, du warst in den letzten Tagen kaum hier und wolltest du nicht bis Sonntag beschäftigt sein?“

 

Yuma nickte nur: „Eigentlich schon, aber wir konnten unseren Auftrag überraschenderweise früher abschließen. Und darüber werde ich mich sicher nicht beklagen. Mein Rücken bringt mich um.“ Um seine Aussage zu unterstützen, rollte er ächzend den Kopf hin und her, woraufhin die angespannten Muskeln in seinem Nacken unangenehm knackten: „Ich glaube, ich gönne mir eine frühe Nachtruhe. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal richtig durchgeschlafen hab.“ Mit leisem Ächzen stemmte er sich auf die Beine und wandte sich dem Wohnzimmer zu: „Aber erstmal ein bisschen verdauen. Mal sehen ... Ein, zwei Folgen CSI werden mich sicher genügend auflockern, um friedlich zu schlummern.“

 

Ehe er auch nur einen Schritt Richtung DVD-Schrank machen konnte, hatte ihm Tatsuha schon breitbeinig den Weg versperrt und strahlte ihn sonnig an: „Ach was, Yuma! Entspannung erreicht man einzig und allein mit einem schönen heißen, herrlich aphrodisierend duftenden Lavendelbad! Lass doch den blöden Fernseher, das ganze Elend der Welt wird dich nur noch mehr aufregen!“

 

Beherzt packte er ihn an den Schultern, drehte ihn Richtung Treppe zum zweiten Stock und schob ihn mit Nachdruck hinauf. „Komm schon, komm schon“, säuselte er betörend, „du ziehst dich jetzt aus und ich lass dir schon mal Wasser ein. Du wirst sehen, es wird dir danach viel besser gehen!“ „Aber ich hab doch gerade erst gegessen“, protestierte Yuma schwach, „und ein voller Magen schwimmt nicht gern! Für Sodbrennen habe ich jetzt echt keinen Nerv.“ Tatsuha klopfte ihm auf den Rücken: „Keine Sorge, derartige Gerüchte sind völlig überbewertet! Da kann gar nichts passieren!“

 

Nachdem er seinen Mitbewohner mit sanfter Gewalt in dessen Schlafzimmer bugsiert und im Bad warmes Wasser für die Wanne aufgedreht hatte, stürzte er betont leise die Treppe wieder hinunter, entriss dem DVD-Player den verräterischen Film und machte auf dem Absatz kehrt, um ihn so schnell wie möglich in seinem Zimmer zu verstecken.

 

Ein spitzer Schrei entfuhr seiner Kehle, als Yuma keine zwei Schritte hinter ihm stand und sich geistesabwesend am Kopf kratzte, während er sich suchend umsah: „Hab ich hier irgendwo meine Hausschuhe stehen lassen? Verdammt, ich sollte mir einen Hund anschaffen, der mir abends Schlappen und Zeitung bei Fuß bringt.“

 

Tatsuha strich sich mit einem flinken Handstreich diskret die abstehenden Nackenhaare glatt und erwiderte etwas heiser: „Was brauchst du einen Hund, wenn du mich hast?! Kann dir ein Köter Steaks braten, hm?“

 

Nach kurzer, aber enthusiastischer Suche klaubte er die Schuhe hinter dem Sofa zusammen, stets darauf bedacht, Yuma nicht den Rücken zuzuwenden, und krächzte atemlos, während er ihm die Gegenstände entgegenstreckte: „Da, nimm. Und jetzt geh bitte baden, die Wanne ist bestimmt schon voll!“ Yuma griff nickend nach den Pantoffeln und tätschelte ihm den Kopf: „Danke, Wauzi.“ Damit schwankte er von dannen.

 

Das Herz bis zum Hals klopfend, massierte Tatsuha sich die Brust und atmete erleichtert auf, als endlich das Klackern der Badezimmertür durch die Luft hallte.

 

Aus irgendeinem Grund, höchstwahrscheinlich schiere göttliche Gnade, hatte Yuma das lasterhafte Projekt nicht durchschaut.

 

Er rieb sich erwartungsfroh die Hände. Vielleicht, nur vielleicht würde er an diesem Tage doch noch auf seine Kosten kommen! Mit zunehmendem Speichelfluss lenkte er den Blick zurück auf den Fernseher, riss sich jedoch gleich darauf energisch davon los und schüttelte resolut den Kopf. Er durfte sich jetzt nicht hinreißen lassen. Sollte sich Yuma doch noch einmal spontan dazu entschließen, der unteren Etage einen Überraschungsbesuch abzustatten, würde er ihn in seinem Zimmer einmauern. Und das wollte doch niemand.

 

Also setzte er sich lieber keusch aufs Sofa und begann, in jugendlicher Verzweiflung weniger keuschen Gedanken nachzuhängen. In seiner eigenen kleinen Welt himmelten ihn attraktive Frauen in allen möglichen Posen an und er erwies ihnen mal als Postbote, mal als Klempner und mal als ganz ordinärer Hausfreund den einen oder anderen „Dienst“, um sie vom harten Alltag abzulenken.

 

Unglücklicherweise bemerkte er nicht, während der frivolen Fantastereien einzunicken, und so schreckte er heftig auf, als das Haustelefon nur einen Meter von seinem Kopf entfernt schrillte. Noch vollends im Casanovamodus griff er ohne nachzudenken den Hörer und schnurrte anzüglich: »Hier Bademeister Touch-Uha am Apparat! Ich hoffe, du hast genug geschluckt, Schätzchen, denn ich gebe dir die HLW deines Lebens!«

 

Man konnte das Stutzen am anderen Ende des Apparats förmlich hören.

 

Nach einigen peinlichen Sekunden ertönte es nicht sonderlich angetan: »Falls ich nicht richtig bei Kitazawa sein sollte, tut mir die Störung außerordentlich leid. Bitte machen Sie mit dem weiter, was ... Sie auch immer getrieben haben.« Die dunkle, unbeeindruckte Stimme brachte Tatsuha aus dem Konzept. Ein derart sexuell uninteressiert klingender Darsteller war beispiellos im Pornogenre ...

 

Ein Klicken weckte ihn endlich vollständig aus der Trance und entsetzt rief er in den Hörer: »AH! Nicht doch! Warten Sie, Sie sind ... Mist.« Er legte auf und kratzte sich am Hinterkopf. Es würde Yuma gar nicht gefallen, zu erfahren, dass sein Heim für einen seiner Bekannten soeben zu einer Telefonsexzentrale mutiert war.

 

Aber halt. Wenn der Kerl tatsächlich dachte und auch in dem Glauben gelassen würde, sich verwählt zu haben ...?

 

Es schrillte erneut und Tatsuha griff schnell wie der Blitz zu: »Bei Kitazawa!« »... Sie sind nicht Yuma«, sagte der Unbekannte schlicht und es klang beinahe vorwurfsvoll. Tatsuha lachte verlegen: »Da haben Sie recht, ich bin Tatsuha Kitazawa, sein Cousin. Bin zur Untermiete. Sehr erfreut!«

 

»... Bademeister Touch-Uha?«

 

Natürlich. Natürlich konnte Yuma keine etwas weniger gewitzten Bekannten haben, die sich zum Schutze der gesamten Menschheit leicht ins Bockshorn jagen ließen. Natürlich musste er sich mit solchen Leuten umgeben, die locker an seine Scharfsinnigkeit heranreichten und Tatsuha damit das Leben vorsätzlich erschwerten.

 

Er räusperte sich etwas lauter als nötig: »Nein! ... Oder ... Naja, schon, aber ... Es war ein Missverständnis! Ähm ... Tut mir leid deswegen. War ein Malheur. Ich war ...« »In Gedanken«, schlug man ihm hilfsbereit vor. »Ganz recht«, rutschte es ihm sofort heraus und im nächsten Moment zuckte seine Augenbraue, »Nein! Ich meine, ich war ... in meine Rolle versunken! Ja! Ich übe. Für ein Theaterstück.«

 

»Theaterstück.«

 

»Ganz recht.«

 

»Wie heißt es denn, wenn man fragen darf?«

 

Bäche von Schweiß rannen Tatsuha das Gesicht hinunter, ehe er stotterte: »Baywatch. Ein ... Äh ... Musical! Und ... Äh ... es ist noch ... in der Probephase.« »Wie schade«, erklang es gespielt enttäuscht, »es klingt wirklich interessant. Nicht so ... trocken.«

 

Es war beileibe nicht Tatsuhas Art, schnell beschämt zu werden, doch nun lief er hochrot an, wie damals, als ihn die Mutter einer Bekannten an die Bettpfosten gekettet vorgefunden hatte. Nackt. Mit einem umgeschnallten Penisring. Unter dem eine Cocktail-Hi-No-Maru klemmte. Das Wortspiel war vollkommen beabsichtigt gewesen. Die Stimme eines wildfremden Mannes hätte nicht so eine heftige Reaktion in ihm auslösen dürfen, aber der verstörend gelassene Bariton wirkte so derartig entlarvend, dass er das Gefühl hatte, von innen nach außen gekehrt zu werden.

 

Er schüttelte sich widerwillig und fragte ein wenig gereizt: »Das ... das mal verstellt ... hinten ... ignorieren ... Ich meine, ungeachtet dessen! Wer Sie sind und was wollen Sie von Yuma? Er ist gerade in der ... Äh ... Er ist im Bad und ich nicht wollen ihn nerv... stören.« Frustriert schlug er sich vor die Stirn. Er beherrschte Englisch inzwischen sehr gut, wenn man Graces und Jessicas Anerkennung – Yuma ließ sich ja niemals zu so etwas hinreißen – Glauben schenkten mochte, doch wenn er nervös war, verabschiedeten sich alle grammatikalischen Fortschritte und ließen ihn erbarmungslos mit einigen wenig ausgeprägten Schulkenntnissen zurück.

 

Zum Glück schien sein Gesprächspartner ihn trotzdem zu verstehen, denn er antwortete: »Ah, gut, dass Sie mich dran erinnern. Das ganze Gerede um HLW hat mich etwas abgelenkt. Ich bin Kitazawas Kollege. Ich muss was Berufliches mit ihm besprechen. Wenn Sie Ihr Handwerkszeug also für ein paar Minuten entbehren könnten ...?« Tatsuha schluckte kleinlaut. Dieser Typ wusste anscheinend wirklich, wie man in einer Wunde bohrte.

 

Und er hatte Yuma für schlimm gehalten!

 

»Ich bring’s ihm. Einen Moment.«

 

»Vielen Dank, Herr Touch-«

 

Schnell senkte er den Hörer und sprintete die Treppe hinauf, riss die Tür zum Badezimmer auf und streckte seinem Mitbewohner das Gerät entgegen, als handelte es sich dabei um ein giftiges Insekt, die erstaunt erhobene Augenbraue geflissentlich ignorierend: „Ein Kollege!“ Yuma konnte gerade noch zupacken, ehe die helfende Hand weggezogen und die Tür mit einem lauten Knall wieder zugeschlagen wurde. Er zog eine misstrauische Grimasse und hob den Hörer ans Ohr: »... Corey.« »Richtig geraten«, kicherte es am anderen Ende, »Was hat mich verraten?«

 

Scheiße. Ausgerechnet.

 

»Seine puterrote Rübe. Ich kenne nur eine Person, die diesem abgebrühten Bastard derart zusetzen könnte.«

 

»Zu meiner Verteidigung: Er hat’s herausgefordert.«

 

»Ich glaube dir aufs Wort. Was hat er gesagt?«

 

»Etwas so selten Dämliches, dass es nur direkt einem Porno entsprungen sein kann.«

 

»Hm ... Corey, habe ich dich nicht darum gebeten, meine Handynummer zu benutzten, wenn du mich schon Zuhause stören musst?«

 

»Tja, entschuldige mal, aber dein Handy ist so tot wie meine selige Großmutter und es ist leider sehr dringend. Umsonst trete ich deine Wünsche nicht mit Füßen, verlass dich drauf.«

 

Scheiße hoch zwei.

 

»Also, wer ist der Typ?«

 

»Warum rufst du an?«

 

»Antwort durch Gegenfrage? Du machst dich sehr verdächtig, mein Freund.«

 

»Corey!«

 

»Schon gut! Nicht zu Scherzen aufgelegt, wie ich sehe.«

 

»Hast du nicht die Dringlichkeit deines Anrufs betont? Also, was kann so wichtig sein, dass du-«

 

»Unser Schuldner ist wieder aufgetaucht.«

 

»... Das glaube ich einfach nicht! Tagelang suchen wir diesen verdammten Arsch und kaum geben wir auf und legen ihn zu den Akten, kommt er zurück! Dem Kerl mach ich die Hölle heiß, wenn wir ihn schnappen. Könnte schon längst jenseits der Grenze sein, der Idiot!«

 

»Du vergisst, dass es besser für uns ist, dass er uns nicht entwischt ist.«

 

»Dann soll er sich gefälligst zur Geschäftsstunde erwischen lassen! ... Verdammt. Na schön, hör zu. Ich bin nackt, todmüde und klatschnass. Ich bin in einer Stunde da.«

 

»Ich geb dir ‘ne Halbe.«

 

»Sklaventreiber!«

 

»Das ist dafür, dass du mir genau eine Information zu viel hast zukommen lassen.«

 

»Homophob.«

 

»Fünfzehn Minuten.«

 

»Woah! Mach mal halblang!«

 

---

 

Corey lachte vergnügt, doch kaum dass er den Hörer aufgelegt hatte, verdunkelte sich seine Miene unmittelbar und er sah nachdenklich aus dem Fenster seines Büros auf die belebten Straßen New Yorks hinab.

 

Nach einigen Minuten angestrengten Grübelns stand er auf, verließ das Zimmer und klopfte an die im angrenzenden Flur gegenüberliegende Tür. Einem tonlosen Grunzen folgend, welches nur ein langjähriger Mitarbeiter als freundliche Aufforderung des Eintretens deuten konnte, steckte er den Kopf in das dahinterliegende Büro: »Sag mal, Greg ... Hat Kitazawa eigentlich einen Cousin?« Der braungebrannte Kollege sah ihn stirnrunzelnd an, »Wie kommst du denn darauf? Er hat doch selbst mal damit angegeben, dass er der Hahn im Korb seiner Verwandtschaft sei. Der hat nur haufenweise Cousinen«, er lachte laut, »Und außerdem, was fragst du mich?! Du bist sein bester Freund! Was könnte ich wissen, was dir nicht längst bekannt ist?«

 

»Hm ...«

 

»... Fitts? Ist irgendwas passiert? Wenn das hier zur Abwechslung mal ‘ne ernste Unterhaltung sein soll ...«

 

Corey winkte lässig ab: »Nah. Nichts Ernstes. Tut mir leid wegen der Störung.« »Kein Problem«, nickte der andere und vertiefte sich wieder in seinen Papierkram, ohne weiteres Interesse zu zeigen. Corey verließ das Zimmer und stand anschließend gedankenverloren im Gang. Nur sein starrer Blick und die zusammengezogenen Augenbrauen deuteten darauf hin, dass ihn ein Rätsel beschäftigte, welches nach baldiger Aufklärung lechzte.

 

---

 

Yuma trabte hastig die Treppe hinunter in die Küche und packte sich vorsorglich eine Konserve Partywürstchen in die Umhängetasche, „nur für den Fall, dass es wieder länger dauern würde“. Er wandte sich an einen breit grinsenden Tatsuha: „Bleib nicht wieder bis in die Puppen wach, kapiert? Deine Chefin wird sich vielleicht ein- oder zweimal von deinem Dackelblick um den Finger wickeln lassen, aber ich glaube kaum, dass sie sich auf tägliche halbstündige Verspätungen einzustellen bereit ist!“ „Ja ja“, erwiderte der Junge unbeeindruckt, „auch, wenn ich nicht so aussehe, ich lerne aus meinen Fehlern! Hast ja recht, hast ja recht.“ Yuma zog misstrauisch eine Augenbraue hoch: „Du bist aber verdächtig einsichtig. Lust zu beichten?“ Ehe Tatsuha etwas erwidern konnte, schaute er auf seine Armbanduhr und zischte ungehalten: „Ach du Scheiße! Schon so spät?! Ich muss los, sonst kann ich mir wieder stundenlange Nörgelei anhören!“ Er sah sich geschäftig um und murmelte: „Mist. Jacke ... Jacke ... Wo hab ich meine verflixte Jacke denn wieder hingelegt?!“

 

Mit einem Fingerzeig ins obere Stockwerk drehte er sich halb zu Tatsuha um: „Muss wohl noch im Bad liegen. Holst du sie mir schnell? Ich zieh mir schon mal die Schuhe an.“ Tatsuha zuckte mit den Schultern und lief die Treppe hinauf ins Bad.

 

Als er nach der Jacke griff, die tatsächlich an einem Haken an der Wand hing, klingelte erneut das Telefon, das Yuma vergessen hatte, mit nach unten zu bringen, und er nahm gehetzt ab: »Bei Kitazawa!« „Gut gemacht“, ertönte Yumas zufriedene Stimme, „nach Coreys Kommentaren habe ich schon befürchtet, dass du dir eine ganz neue Begrüßung für unsere künftigen Anrufer hast einfallen lassen.“ Tatsuha heulte auf: „Ich kenn den Kerl nicht und kann ihn schon nicht leiden! Sag ihm gefälligst, dass das ein bedauernswertes Versehen gewesen ist und nicht wieder vorkommen wird!“ Er hörte die Wohnungstür klappern und sah irritiert auf die Jacke hinab: „Hey, warte! Was ist mit-“ Yuma unterbrach ihn: „Hab ‘ne andere angezogen. Wir sehen uns ... bald. Denke ich. Wenn nicht, ruf Jess an, die wird sich um die Wohnung kümmern.“

 

„Hör auf, so zu tun, als könntest du jederzeit ins Gras beißen! Das ist nicht witzig, Mann!“

 

„Ist echt rührend, wie sehr du dich um mich sorgst.“

 

Ohne ein weiteres Wort legte Yuma auf und Tatsuha schmollte auf den Hörer hinab, als wäre er Schuld an der Herzlosigkeit seines Besitzers. Dann seufzte er kurz leidend, doch plötzlich erhellte sich seine Miene.

 

Yuma war weg. Und damit der Weg zum Paradies frei!

 

Er hastete die Treppe hinunter in sein Zimmer und kam bald darauf mit der munter um den Zeigefinger rotierenden DVD zurück. Einmal mehr klingelte das Telefon und er zuckte schuldbewusst zusammen, als ihm der Gedanke kam, dass er vielleicht noch ein wenig hätte warten sollen, bis die Luft sicher rein war. Zögerlich meldete er sich: »Bei Kitazawa?« Eine weibliche Stimme ließ ihn aufatmen: »Hallo, Tats. Hier ist Grace.«

 

»Ach, du bist es nur.«

 

»Wow, wie soll ich diese Denunzierung denn nun wieder verstehen?«

 

»Was? Nein! Grace, Engel, du weißt doch, dass ich mich immer maßlos freue, dein entzückendes Flöten zu hören!«

 

»... Bis morgen.«

 

»WARTE! Schon gut, tut mir leid, ich werde aufhören, zu klingen wie ein ... ein ... Wie hat sich Millicent ausgedrückt?«

 

»Liebeskrankes Brahmahähnchen.«

 

»Eben das. Warum rufst du an?«

 

»Ich wollte dir nur empfehlen, früh zu Bett zu gehen. Shannon ist wegen der letzten Tage ziemlich mies gelaunt. Ich glaube nicht, dass sie dir freiwillig kündigen würde, aber sie kennt haufenweise beängstigende Methoden, um sich ihre Mitarbeiter gefügig zu machen. Tu mir den Gefallen und komm nicht nochmal zu spät, ich fürchte Kollateralschäden.«

 

»Wie süß, machst du dir Sorgen um mich?«

 

»Sicher.«

 

»... Hättest du nicht anfangen müssen, zu stottern und zu bekräftigen, dass du überhaupt keinen Grund hast, dich um mich zu sorgen?«

 

»Wieso denn das? Tats, du liest eindeutig zu viel von diesem Harem-Mist. Ich bin alt genug, um nicht bei jedem potenziell anzüglichen Satz nach Luft zu ringen.«

 

»Du würdest mir also keine Scheuerbürste in die Rückseite schieben, wenn ich dich unbeabsichtigt unter der Dusche überraschen würde?«

 

»Du bist witzig. Als ob ich duschen würde, während du in meinem Wohnzimmer hockst.«

 

»Ein Mann kann träumen.«

 

»Eine Frau auch.«

 

»Wie war das? ‘tschuldige, hab dich akustisch nicht verstanden.«

 

»War nicht wichtig. Komm nicht zu spät. Tschüss!«

 

»Werde ich nicht. Bis morgen.«

 

Tatsuha legte auf und lächelte sanft. Seine blonde Kollegin war ihm über die Monate hinweg ganz schön ans Herz gewachsen. Er genoss die langen Gespräche mit ihr, sei es nun während der Arbeit oder bei ihren immer häufiger stattfindenden Freizeitaktivitäten ... Zum Kuckuck, er fühlte sich grundsätzlich wohl in ihrer Nähe, selbst wenn sie kein Wort miteinander wechselten, sei es nun während der Arbeit oder bei ihren immer häufiger stattfindenden Freizeitaktivitäten!

 

Mit Grace ließ es sich lachen.

 

Mit Grace ließ es sich streiten.

 

Und von Grace ließ es sich träumen. Vorzugsweise nackt. Ja, sie war ihm wirklich sehr ans Herz gewachsen.

 

Seit jeher genoss er es zu flirten, vor allem, wenn die andere Partei sichtliches Interesse an ihm zeigte, denn nichts war besser für die Selbstbestätigung als das anerkennende In-Augenschein-nehmen durch eine gutaussehende Person. Allerdings achtete er penibel darauf, niemals den Anschein zu erwecken, es auf irgendeine Weise ernst zu meinen. Echte Anziehung verspürte er nämlich nur bei sehr wenigen Spielgefährten, und mochten sie noch so liebenswert und hübsch anzusehen sein – aber mit Grace hatte das Herumalbern ganz neue Höhen erfahren.

 

Andere, vorschnellere Gemüter hätten die Attraktion möglicherweise als Liebe bezeichnet. Doch Tatsuha war sich sicher, dass es nicht mehr als ein ziemlich starkes Mögen sein konnte. Schließlich konnte man nicht mehr als eine Person lieben und er liebte Ryuichi Sakuma.

 

Richtig?

 

Aber das bedeutete nicht, dass seine Gedanken allzeit zölibatär zu bleiben hatten. Er war ein Mönch, kein Engel.

 

Und deshalb küsste er die DVD und murmelte: „Nun, bekommt man nicht das Echte, muss man sich zu helfen wissen!“ Vergnügt hüpfte er also zum DVD-Player und drückte auf den Auswurfknopf.

 

Einige stille Sekunden wartete er, doch dann runzelte er die Stirn und drückte ihn noch einmal. Als nichts passierte, betätigte er vorsorglich den Powerknopf, doch als sich auch da nichts rührte, bemerkte er, dass die kleinen Lämpchen, die den Bereitschaftsmodus der Geräte anzeigten, erloschen waren. Keines von ihnen ließ sich in den Standby-Modus schalten.

 

Der Junge stand eine Weile verdutzt da, ehe ihn eine dunkle Ahnung beschlich. Vorsichtig rückte er das TV-Gerät ein wenig zur Seite ...

 

Ihr Nachbar zuckte heftig zusammen, als ein animalischer Schrei durch die Decke seiner Wohnung drang, seufzte, nahm seine Bierflasche in die Hand und trat auf den Balkon hinaus, um scharf zu pfeifen und hinaufzurufen: „Hey, Tatsuha! Was geht bei euch da oben denn wieder ab?! Kann man echt nicht einen ruhigen Abend lang ungestört schreiben? Ich hab ‘nen Abgabetermin einzuhalten, Menschenskind!“ Alles, was er daraufhin vernahm, war kraftloses Schlurfen und wenig später erschien Tatsuha in seinem Sichtfeld. Otis legte verwirrt den Kopf schief: „Warum das lange Gesicht?“

 

Tatsuha ließ sich ermattet wie ein alter Teppich über das Geländer fallen, sodass die Arme schlaff über dem Abgrund baumelten und Sturzbäche von verzweifelten Tränen hinunter auf den Asphalt strömten. Er schien wahrhaft jedweder Energie beraubt, wimmerte nur herzzerreißend: „Er hat die Kabel mitgenommen.“

 

„... Was für Kabel?“

 

„Na, alle! Für den Fernseher, für den DVD-Player, für den Videorekorder, sogar für die Stereoanlage! ... Das mit der Stereoanlage war bestimmt seine Art, mir eins auszuwischen. Ganz sicher.“

 

Otis schüttelte resigniert den Kopf: „Junge, du musst endlich begreifen, dass du Kitazawa nicht austricksen kannst. Der hat ‘nen sechsten Sinn für Verarsche, glaub‘s mir doch!“

 

Es dauerte einige Minuten, doch dann schniefte Tatsuha noch einmal auf und richtete sich mühsam auf: „Sie haben wahrscheinlich recht. Ich habe ihn unterschätzt.“ Er richtete den Blick Richtung untergehende Sonne und seine Augen gewannen einen Teil ihres trotzigen Glanzes zurück, als er entschlossen eine Faust gen Himmel reckte und stolz verkündete: „Er ist ein formidabler Gegner. Aber ich werde ihn irgendwann besiegen!“

 

„... Nun, ein Mann kann träumen.“

 

Als er Tatsuhas beleidigte Schnute sah, kicherte Otis mitleidig und ehe er einen kräftigen Schluck aus der Flasche nahm, fragte er interessiert: „Aber was um Himmels Willen wolltest du dir denn ansehen, was so dermaßen gegen seine Prinzipien verstößt?“

 

„‚Brainsuckers From Outer Space‘.“

 

Bier, Rotz und Speichel klatschten im breiten Schwall an die Balkontür und trieften zäh am Glas hinab.

 

---

 

Tatsuha wanderte durch das Viertel. Mit nichts außer schwarzen Bildschirmen und stummen Lautsprecherboxen als Beschäftigung gab es allein zu Haus recht schnell recht wenig zu tun. Und so hatte er sich dazu entschlossen, ein wenig um die Häuser zu schleichen und sich den einen oder anderen Comic zu kaufen.

 

Er hätte nicht gedacht, dass ihn Ryuichi, zornig oder nicht, jemals in einer derart riesigen Stadt aufspüren würde, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er ihn fand. Es brauchte nur einen dummen Zufall, den zu Tode gelangweilten Teenager und die einzige Buchhandlung der Gegend. Zum Glück trug Tatsuha seine Schirmmütze, die sein Gesicht in Schatten legte, als er um ein Regal bog und unerwartet gegen einen kleineren Mann in absolut unauffälligem Anpanman-Kostüm stieß.

 

Er brauchte nicht einmal genauer hinzusehen, um zu wissen, um wen es sich bei seinem Opfer handelte, sprang nur hastig zurück, nuschelte eine erschrockene Entschuldigung und eilte davon, ehe der Sänger überhaupt angemessen reagieren konnte.

 

Tatsuha hechtete aus dem Laden, in eine Seitenstraße, drehte sich dann aber nochmal um und lugte, geduckt und bereit, jederzeit zu flüchten, vorsichtig um die Ecke.

 

Ryuichi schüttelte irritiert den Kopf, um die winzigen Manager, die um seinen Kopf schwirrten, zu verjagen: „Na ... Na No Da ... Was war denn das?“ Claude trat an ihn heran und packte ihn unter den Armen, um ihn aufzurichten: „Ich habe dir schon zigmal gesagt, dass du in Gebäuden nicht rennen sollst, no?! Kein Wunder, dass du wahllos Leute über den Haufen rennst!“ „Aber K“, beschwerte sich Ryuichi, „den hab ich nicht umgerannt, er hat mich umgerannt!“ „Weil du ihm direkt vor die Füße gesprungen bist“, gab Claude gereizt zurück, „Ich hab doch Augen im Kopf, lad, also verkauf mich nicht für blöd, okay?! Warum hast du das überhaupt gemacht?!“ Der Sänger schmollte kurz, sparte sich eine Antwort und hüpfte von dannen.

 

Claude seufzte gequält. So sehr er eine gepflegte Menschenjagd auch genoss, sie verlor jeglichen Reiz, wenn man nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wo sich das Ziel befand. Und sein Mündel hatte über die Zeit eine fast schon obsessive Entschlossenheit entwickelt, den frechen Sozius zu finden, dessen Erscheinung Claude selbst inzwischen beinahe schon wieder vergessen hatte.

 

Er wusste, dass sich Ryuichi einen Spaß aus der ganzen Sache machte. Es war wie eine Schnitzeljagd, wie eine Abenteuerreise für das zu groß geratene Kind in ihm, und so hetzte er seinen unglücklichen Leibwächter Abend für Abend für Abend durch die Gegend, um einen Mann zu finden, den keiner von ihnen überhaupt noch würde identifizieren können.

 

Allerdings war Ryuichi erstaunlich ausdauernd dabei. Normalerweise konnte keine Sache seine Aufmerksamkeit sonderlich lange fesseln. Doch diese beschäftigte ihn auffällig intensiv. Vielleicht erwartete er seinen Traummann hinter dem Visier des Motoradhelms. Aber wahrscheinlicher war es, dass der traumatische Zwischenfall mit den F... den vielen treuen Verehrern im CD-Laden damals mit der plötzlichen Hartnäckigkeit des Sängers zu tun hatte. Claude hatte seinen Schützling nie für rachsüchtig gehalten – inzwischen dachte er anders darüber.

 

Ryuichi winkte ihm enthusiastisch vom Eingang des Geschäfts aus zu. Claude seufzte noch einmal und setzte sich unwillig in Bewegung. Es würde wohl wieder eine lange Nacht werden.

 

Tatsuha beobachtete nervös, wie sich die beiden vertrauten Gestalten von ihm entfernten und schließlich unter den anderen abendlichen Spaziergängern verschwanden. Langsam richtete er sich wieder zur vollen Größe auf, zog seine Mütze tiefer ins Gesicht und wankte davon. Er war sich nicht sicher, aber es kam ihm so vor, als wäre das erwartungsvolle Zittern in seinen Beinen dieses Mal nicht ganz so stark gewesen wie sonst, wenn er in die unmittelbare Nähe seines Idols geriet.

 

Und war es das Licht oder war ihm Ryuichi an diesem Abend seltsam ... alt vorgekommen?

»Hey, Grace, schwing mal ein bisschen die Hufe, wir müssen die Palette noch heute Abend aussortiert haben«, rief Ryan seiner Kollegin, die hastig dabei war, die Theke von Utensilien und Resten von Staub und Alkohol zu befreien, um Platz für eine große Kiste zu schaffen, über die Schulter hinweg zu. »Ist ja gut, ich hab‘s kapiert«, entgegnete sie gehetzt und wischte flink mit einem Lappen über das Holz, »Fertig! Stellt das Zeug hier hin!« Ryan und Millicent ließen ihren Ballast auf der angebotenen Stelle nieder und verschwanden wieder durch die Hintertür, um zurück in den Keller hinabzusteigen und weiteren zu holen.

 

Grace knurrte verstimmt: »Mal ehrlich, Chefin, hätten Sie die neuen Gläser nicht nach und nach einführen können? Das wäre wesentlich weniger stressig gewesen!« Shannon, zur Abwechslung nicht in eleganter Robe, sondern im legeren Arbeitsoverall gekleidet, sah unschuldig lächelnd vom Spülbecken auf: »Oh, du kennst mich ja, so spontan wie Gebirgswetter! Ich habe sie in der Auslage gesehen und als ich auch noch erfuhr, dass sie heruntergesetzt sind, konnte ich einfach nicht widerstehen! Und jetzt, im direkten Vergleich ... Ich ertrage unsere geschmacklosen alten Blumenvasen einfach keine Sekunde länger!« Sie schluchzte und tupfte sich mit dem Zipfel ihrer Schürze Krokodilstränen aus den Augenwinkeln.

 

Tatsuha, der neben ihr stand und die Spülwaren abtrocknete, um sie anschließend sorgsam in Papier einzuwickeln und in einem Karton zu verstauen, grinste breit: »Und es war eine weise Entscheidung, Chefin! Die Neuen sehen echt edel aus!« »Oho, sie sehen nicht nur edel aus, mein Lieber, sie sind es«, bekräftigte Shannon ihre Wahl mit einem stolzen Lachen und einer überheblich in die Hüfte gestemmten Faust. Dann bekamen ihre Augen einen gefährlichen Glanz und sie blickte bedrohlich auf ihre beiden jüngsten Mitarbeiter: »Vergesst das nicht und überlegt es euch besser dreimal, bevor ihr in ihrer Nähe einen von euren kleinen Liebhaberzwisten vom Zaun brecht! Jedweder Schaden wird euch schonungslos vom Gehalt abgezogen, ihr heißen Hüpfer!«

 

»Warum sagen Sie das nur uns?! Was ist mit Ryan und Mil?!«

 

»Frau Langley kennt uns halt zu gut, Grace.«

 

»Ach, halt die Klappe und trockne weiter!«

 

»Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun mache ich jetzt Pause, Schatz. Lass uns nachher die Plätze tauschen, ja?«

 

»Oh nein, du bleibst schön hier! Heute wird nicht gefaulenzt, sonst werden wir ja nie vor Einlass mit der Spülerei fertig! Wir müssen noch sechs Kisten auspacken, Tatsuha. Sechs. Und nicht nur das, auch überprüfen und auf Hochglanz bringen! Und du ergibst dich egoistischen primitiven Bedürfnissen?!«

 

»Ich habe ja kein Problem mit Überstunden, ich hab gerade nur ein bisschen Hunger!«

 

»Siehst du?! Genau das meine ich!«

 

»HABT IHR MICH VIELLEICHT NICHT VERSTANDEN?!«

 

Shannon spritzte den beiden simultan Wasser ins Gesicht, um ihre erhitzten Gemüter abzukühlen und donnerte gebieterisch: »Grace, glaub ja nicht, dass du Macken, die du in deiner jugendlichen Sorglosigkeit in die neuen Gläser schlägst, als Lieferschäden vertuschen kannst! Ich höre auch das leiseste Klirren, also behandle sie gefälligst wie rohe Eier! Und du bist gefälligst auch vorsichtiger, Tatsuha! Ich habe unsere Alten nämlich einer Kollegin versprochen, die so gut zahlt, dass ich einen schönen Teil der Investition schon wieder rausbekomme! Warum, meint ihr, mache ich mir die Mühe, sie so sorgsam zu verstauen?!«

 

»Ent...schuldigung.«

 

»Ah. ‘tschuldigung.«

 

»Ehrlich«, stöhnte sie gereizt, »dafür, dass ihr beiden immer wieder betont, nichts miteinander zu haben, streitet ihr wie ein altes Ehepaar!« Dann breitete sich ein perfides Grinsen auf ihrem Gesicht aus und sie fügte verschmitzt hinzu: »Und versöhnt euch wie ein Junges.« Ob Graces entsetzten Blick lachte sie schadenfroh, Tatsuha hingegen schien die Sache ernsthaft zu überdenken.

 

Schließlich ächzte Grace nur geschlagen und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe.

 

---

 

Letztendlich gönnte sich keiner von ihnen eine Pause, und so schafften sie es tatsächlich, die Ausstattung der Bar vor abendlichem Einlass auszutauschen. Shannon hatte nicht nur verschiedene neue Gläser, sondern auch einige seltene Spirituosen erstehen können, die nun einen Teil des ursprünglichen Dekors ersetzten.

 

Während Grace, Millicent und Ryan geschickt umeinander herumtänzelten, um ihren zahlreichen Kunden die schönsten Shakes und Cocktails zu kredenzen und Shannon, nun wieder ganz feine Dame, mit einigen Stammgästen scherzte und schäkerte, bewältigte Tatsuha in der Spülküche die letzte Fuhre Abwasch, ehe ihm der wohlverdiente Feierabend winkte.

 

Seine Gedanken kreisten zur Abwechslung nicht um die Frage, was er seinem brummigen Mitbewohner zum Dinner kochen sollte, um ihn in eine bessere Laune versetzen zu können als dem obligatorischen „Leben und leben lassen“. Nein, es war tatsächlich wieder sein heißgeliebter Popsänger, der ihm durch den Kopf ging und er fühlte sich beinahe von Nostalgie erfüllt, hatte er ihn doch seit einigen Wochen sträflich vernachlässigt.

 

Es war wirklich ausgesprochen unfair. Jahrelang hatte er sich ganz der Jagd auf Ryuichi Sakuma verschrieben, ohne auch nur ein Mal, ein einziges Mal, überhaupt wirklich darauf hoffen zu dürfen, für einige Minuten mit ihm allein sein und ihm all seine Gefühle offenbaren zu können. Jetzt, wo es nahezu an Selbstmord grenzte, auch nur einen Verdacht von Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, traf er ihn öfter, als ihm lieb war. Die Häufigkeit der Begegnungen hatte seit dem Kinobesuch, an den Grace aus gewissen Gründen nicht gerne erinnert wurde, sogar noch ein wenig zugenommen, denn seit er ein zweites Mal mit ihr konfrontiert worden war, hielt es Ryuichi anscheinend für eine gute Idee, das Heaven’s Den ab und zu für einen ruhigen Abend aufzusuchen und sich mit der lustigen „Doctor Barmaid“ zu unterhalten. Bei einem ihrer Besuche wäre Tatsuha ihm und Claude beinahe vor die buchstäbliche Flinte gelaufen, doch hatte er sich noch rechtzeitig hinter eine große Topfpflanze retten können, die er im Anschluss aus „Bewässerungsgründen“ dicht vorm Gesicht haltend am Tresen vorbeigetragen hatte und so unerkannt hatte entkommen können. Die Bartendercrew hatte zum Glück begriffen und sich nichts anmerken lassen.

 

Tatsuha seufzte leise. Natürlich war es nicht nur die Angst vor seiner rachsüchtigen Familie und der Wunsch, Yuma aus Schwierigkeiten herauszuhalten, was ihn auf Abstand hielt. Auch die Sorge, wie die beiden reagieren würden, sollten sie in ihm durch einen dummen Zufall auch noch ihren Beinaheunfallflüchtigen erkennen, ließ ihn erschauern.

 

Allerdings, wenn man es genau nahm, war das ja nun wirklich nicht seine Schuld gewesen, oder? Eigentlich hatte Yuma ja das Motorrad gesteuert und war vielleicht ein winzigkleines bisschen zu schnell unterwegs gewesen. Und ... Naja ... eigentlich war es Ryuichis eigene Schuld gewesen, weil er bei Rot über eine Kreuzung hatte trotten wollen.

 

Der Junge schüttelte den Kopf. Selbst, wenn das stimmte – und es stimmte auf jeden Fall – schien Ryuichi das nicht im Geringsten zu kümmern. Wenn das, was Grace ihm nach ihren Gesprächen erzählte, tatsächlich zutraf, war der Sänger noch immer fuchsteufelswild und völlig versessen darauf, dem „Sozius der Hölle“ eine Lektion zu erteilen. Nicht dass er abgeneigt gewesen wäre, von eine „Lektion“ zu erhalten, auf Claudes locker sitzenden Abzug konnte er dabei aber beileibe verzichten.

 

So hatte er zumindest lange gedacht.

 

In letzter Zeit jedoch war der Fan in ihm wieder lauter geworden. Lauter, mutiger und vor allem gieriger. Er wollte sich nicht mehr mit Graces wenig detaillierten Berichten zufriedengeben, wollte nicht mehr mit Nachrichten auf Servietten abgespeist werden, wollte sich nicht mehr wie ein vom Ehemann überraschter Liebhaber aus dem Raum schleichen müssen, um verzweifelt auf die nächste reine Luft zu warten, wollte sich nicht mehr zurückhalten, wenn Initiative gefragt war! In letzter Zeit hatte er sich immer häufiger gefragt: „Was kann den groß passieren?“

 

Und Tatsuha war bewusst geworden, dass es ihn nicht mehr interessierte, was Ryuichi mit ihm anstellen würde.

 

Was wiederum nur bedeuten konnte, dass ihm seine Liebe inzwischen mehr als alles andere auf der Welt bedeutete.

 

Und das wiederum musste bedeuten, dass er, sollte er weiterhin Chance um Chance verspielen, den Sinn seines Lebens verlöre! Und das konnte doch niemand aus seiner Sippschaft ernsthaft begrüßen, oder? Natürlich hatten sie alle das eine oder andere Wörtchen zu seiner Leidenschaft beizutragen, aber das war doch nur deswegen, weil sie alle dachten, dass es sich um ein paar ungerechtfertigte, oberflächliche, körperliche Bedürfnisse eines frühreifen Teenagers handelte. Aber was wäre nun, wenn er sie davon überzeugen konnte, dass es die einzig wahre Liebe war, die ihm Ryuichi so wichtig machte?

 

Was, wenn er Ryuichi davon überzeugen konnte, dass er seine einzig wahre Liebe war?

 

Tatsuha hatte lange, sehr lange darüber nachgedacht. Und endlich war er zu dem Schluss gekommen, dass es die Sache wert war, ein Risiko einzugehen. Ryuichi Sakuma würde ihn verstehen. Ryuichi Sakuma verstand jeden seiner Mitmenschen. Und er würde ihn oder Yuma sicher nicht ans Messer liefern, wenn man ihm die Umstände ausführlich erklärte. Und so hatte Tatsuha sich entschieden. Bei nächstbester Gelegenheit würde er sich Ryuichi Sakuma offenbaren.

 

Kaum dass er den Gedanken zu Ende gesponnen hatte, vernahm er ein lautes Raunen aus dem sonst eher gemäßigten Schankraum und neugierig spitzte er die Ohren. Beinahe ließ er vor Schreck einen Stapel brandneuer Kristallgläser fallen, als wenige Augenblicke später Grace durch die Tür gestürmt kam und ihn begeistert am Ärmel packte, um ihn mit sich zu ziehen: »Er ist da, Tats! Schnell, beeil dich, bevor sich Shannon einmischt und ihm die Leute vom Hals schafft!« Tatsuha übermannte ein plötzlicher Anfall von Nervosität, und stellte sich spontan dumm: »Was? Wer ist da, Grace? Sprich nicht so, als könnte deine Umwelt Gedanken lesen!«

 

»Ryuichi, Mann! Ryuichi Sakuma ist gerade rein marschiert! Hast du nicht gestern noch groß getönt, dich ihm endlich stellen zu wollen?«

 

»Naja, schon, aber-«

 

»Nun, dies ist endlich! Jetzt mach doch schon ein bisschen hinne, du weißt doch noch, was Ryan mit dem letzten Typen machen musste, der ihn in Shannons Gegenwart bedrängt hat! Noch ist sie abgelenkt!«

 

»Wa... warte! Ich ... Ähm ... Öh ... bin mit dem Abwasch noch nicht fertig!«

 

Grace ließ ihn los und starrte ihn mit großen Augen an. Ihr Kopf neigte sich misstrauisch zur Seite, als sie leise zischte: »... Du ziehst den Schwanz ein, richtig? Ich glaub es nicht, du willst echt wieder kneifen! HA! Nicht mit mir, mein Freund!« Blitzschnell wirbelte sie um ihn herum und begann, ihn kräftig Richtung Tür zu schieben: »Ich denk nicht dran, deinen Angebeteten wieder stundenlang auszuquetschen, nur um dir die einsamen Stunden zu versüßen! Du ... gehst ... zu ... ihm!«

 

Ebenso hartnäckig wie sie sich in seinen Rücken presste, hielt Tatsuha dagegen, wobei ihm seine Statur glücklicherweise jeden Vorteil bot: »Grace, warte doch! Ich will ja zu ihm, aber ich bin noch in Arbeitsklamotten! Ich kann ihm doch so nicht unter die Augen treten!« Nachdenklich hielt sie inne und ließ dann tatsächlich nach, woraufhin er beinahe rücklings auf den Allerwertesten plumpste. Schnaubend kratzte sie sich am Hinterkopf und bohrte ihm dann einen drohenden Zeigefinger in die Brust: »Na schön, du Weichei, der geht an dich. Aber glaub ja nicht, dass du heute davonkommst! Zieh dich um und puder dir von mir aus die Nase, aber danach kommst du raus und stellst dich ihm vor, klar?!«

 

»Glasklar.«

 

Erst als sie die Küche verließ und sich zurück an die Arbeit machte, atmete er auf und stützte sich schwer an der Spüle ab. Was tun? Ryuichi Sakuma war da, der leibhaftige Ryuichi Sakuma, und dieses Mal konnte – und wollte – er ihm nicht aus dem Weg gehen. Er hatte stets von einer solchen Situation geträumt und genau gewusst, was er ihm wie sagen würde und jetzt sollte es also endlich ernst werden.

 

Er legte seine Schürze und das weiße Kopftuch ab, strich sich schnell durchs Haar und über seine Jeans.

 

Nein. Oh nein, das ging gar nicht. Ob er sich womöglich noch einmal heimlich Ryans Anzug ausleihen durfte? Sicher, das Ding saß überall etwas locker, aber er sah trotzdem immer noch blendender darin aus als in diesem abgewetzten, legeren Zeug. Andererseits ... Sollte ihn jemand für einen Angestellten halten und bei ihm zu bestellen versuchen, würde er in Teufels Küche kommen. Außerdem fiel er nicht so stark auf.

 

Mit einem entschlossenen Schnauben schüttelte Tatsuha den Kopf, ging energisch zur Tür, blieb mit der Hand auf der Klinke stehen, um tief durchzuatmen und stürmte endlich zuversichtlich in den angrenzenden Flur.

 

Grace lachte soeben ehrlich erheitert über einen von Claudes Witzen, während sie gekonnt ihren Bostonshaker führte und den Inhalt danach in zwei gekühlte Gläser fließen ließ: »Der war wirklich gut, Herr K. Und es ist diesmal nicht mal jemand zu Tode gekommen? Ich bin beeindruckt!« Ryuichi kicherte vergnügt, während er einer jungen Frau neben sich einen Bierdeckel mit seiner Unterschrift zuschob, die ihn dankbar entgegennahm und selig strahlend zu ihrem Tisch zurückeilte, an dem ihre Freundinnen sie voller Spannung erwarteten: »Wissen Sie, Doktor Barmaid, er scheint mir tatsächlich zunehmend kriegsmüde zu werden. Ich fange sogar langsam an, mir Sorgen zu machen!« »Sei du mal ganz still«, knurrte Claude und nippte verbittert am Glas, »was meinst du wohl, warum ich in letzter Zeit so sehr an nervlicher Überlastung leide, hm?!«

 

»Haben Sie Ihren Unglücksfahrer etwa immer noch nicht gefunden, Herr Sakuma? Ich will mich ja nicht einmischen, aber meinen Sie wirklich, dass es den Aufwand wert ist? Es ist doch niemand zu Schaden gekommen, nicht wahr?«

 

»Wie können Sie das so einfach sagen?! Ich habe mich doch fast zu Tode erschreckt! Sie sind herzlos!«

 

»Oh nein, ich ... Verzeihen Sie, ich-«

 

»Nein, Ryuichi, Doktor Barmaid hat völlig recht! Komm endlich drüber hinweg! Ich bin es so leid, jede verdammte Nacht jeden verdammten Winkel dieser verdammten Stadt zu durchforsten! Ich habe nicht mal Lust, mein nagelneues Scharfschützengewehr auszuprobieren und ich habe mich wochenlang darauf gefreut! Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mir der Anblick einer funkelnden Waffe einmal böse Vorahnungen bescheren könnte, aber du hast es tatsächlich geschafft, mir dieses Schätzchen zu vermiesen!«

 

»Aber K, er lauert irgendwo da draußen und wartet nur darauf, mir wieder F... wieder Fa... ... Wieder laut zu schreien, wenn er mich sieht! Ich weiß es! Sie haben ein Herz aus Stein!«

 

»Oh, glaub mir, ich bin schon reichlich mitfühlend! Aber selbst ich brauche ab und zu Schlaf! Sieh doch mal, Erwachsene können nicht jede Nacht durchmachen! Im Alter muss man ab und zu seine Energiereserven auftanken!«

 

»Aber K, Sie sind jünger als ich!«

 

Grace lachte erneut, diesmal teils über Ryuichis verzweifelt verzerrtes Gesicht, welches voller Gram an einer Serviette kaute, teils über Claude, der sich eingestehen musste, dass sein Argument unter gegebenen Umständen nicht sonderlich legitim war. Während sie teilnahmsvoll kicherte, wanderte ihr Blick auf der Suche nach einem gewissen Jemand zum Seitengang.

 

Ein Auge starrte sie durch den Türspalt hindurch düster an und der Eigentümer wollte sich offenbar nicht bequemen, ihnen seine Aufwartung zu machen.

 

Sachte runzelte sie die Stirn und nickte zu den beiden abgelenkten Gästen hin. Der Spalt zog sich einige Zentimeter weiter zu.

 

Einige angespannte Sekunden später gab sie machtlos auf und wandte sich wieder lächelnd Ryuichi zu, der sie etwas gefragt hatte, was sie zu ihrer Schande überhört hatte. Sie wollte Tatsuha nicht zu etwas drängen, was ihm so offensichtliche Magenschmerzen bereitete – er musste selbst wissen, wann er seinem Star näherzukommen gedachte.

 

Tatsuha lehnte still an der Wand hinter der Tür, durch die er das Trio aufmerksam beobachtet hatte und es im Anschluss an Graces stille Aufforderung auch noch eine ganze Weile beäugte. Er wusste natürlich schon länger, wie gut sich seine Freundin mit den meisten Menschen verstand, selbst wenn sie ihr praktisch fremd waren. Natürlich wusste er es. Grace redete viel und gerne und ihre Offenheit stieß selten auf Ablehnung. Nicht umsonst hatte sie wohl gerade diesen Job erlernt.

 

Also warum erfasste ihn jetzt, in diesem Moment, bei dieser Begebenheit, eine heftige innere Unruhe, wenn er sie so frei und ungezwungen mit Ryuichi umher ulken sah? Warum fühlte er sich seltsam hintergangen, obwohl er genau wusste, dass sie wahrscheinlich nur aus beruflichen Gründen derart freundlich war?

 

Moment.

 

Wahrscheinlich?

 

Seit wann hielt er es für möglich, dass Grace aus irgendeinem anderen Grund als beruflicher Professionalität mit Ryuichi schäkerte? Halt, falsch, das klang ja noch verrückter! Grace schäkerte nicht, schon gar nicht mit dem Angebeteten eines Freundes.

 

Von dem sie wusste, dass es der Angebetete eines Freundes war.

 

Mit einem kräftigen Ruck zog er die Tür zu, als er Zeuge wurde, wie Grace einen Lutscher, der im Eifer des Gefechts aus Claudes Brusttasche gekullert und zu Ryuichis großem Entsetzen knirschend hinter der Theke gelandet war, aufhob, auspackte und dem strahlenden Sänger grinsend in den weit aufgesperrten Mund schob.

 

Wusste sie denn nicht, dass man fremde Leute nicht einfach mit der Hand fütterte? Noch dazu mit Süßigkeiten, dem Symbol der Leidenschaft?

 

Unwillig runzelte er die Stirn. Sie musste es wissen, richtig? Obschon sie manchmal ziemlich naiv sein konnte. Um nicht zu sagen einfältig. Ja, gerade jetzt war sie ziemlich einfältig. Und er hatte keine Lust mehr, ihr dabei zuzusehen. Im stillen Ärger vergessen war der Grund, warum er überhaupt zum Schankraum unterwegs gewesen war ... Ach ja, er hatte Ryuichi konfrontieren wollen. Aber irgendwie fühlte er sich nach dem Sichten der Lage fehl am Platze, sodass er weder Willen noch Herz aufbrachte, sie bei dem trauten Beisammensein zu stören. Wozu auch? Sie unterhielten sich doch prächtig ohne ihn!

 

Er schlenderte zur Spülküche zurück und starrte lustlos auf den restlichen Abwasch, zuckte dann mit den Schultern und wanderte weiter zum Umkleideraum. Sein Anteil an Arbeit war eindeutig abgeleistet, außerdem hatte es vor über drei Stunden Feierabend für ihn eingeläutet. Und er hatte auf einmal wirklich, wirklich keine Lust mehr auf diesen Ort.

 

Schleppend und bedrückt zog er sich um, ohne den Grund für seine Beklemmung zu kennen, was ihn ausgesprochen wütend machte.

 

Als er schon auf der obersten Stufe der kleinen Treppe zum Hof hockte, hörte er plötzlich Schritte auf sich zu kommen und keine fünf Sekunden später erschien Grace hinter ihm, ihn verwundert und nicht wenig misstrauisch musternd: »Was machst du hier? Haben wir nicht fest genug abgemacht, dass du Herrn Sakuma Gesellschaft leistest?« Er warf ihr einen prüfenden Blick zu und wandte sich dann schnaufend ab: »Oh? Ist das denn wirklich das, was du dir wünschst?«

 

»Wie meinst du das?«

 

»Naja, ihr habt so nett miteinander geplaudert, da dachte ich, ich störe euch besser nicht.«

 

»Was ...? Natürlich haben wir geplaudert, meinst du, er würde hier regelmäßig auftauchen, würden ihm die Barleute die kalte Schulter zeigen? Du hättest dich jederzeit daran beteiligen können! Sag mir jetzt nicht, das schüchtert Herrn Mir-gehört-die-Welt ein? Komm schon, wir gehen zusammen, dann fällt es gar nicht auf. Aber warte einen Moment, ich muss den teuren neuen Wein raufholen. Er gibt ‘ne Runde von dem Edelgesöff aus, kannst du dir das vorstellen? ... Aber natürlich kannst du das, immerhin ist er dein Goooott, nicht wahr?«

 

Lachend verschwand sie im Weinkeller, sich nichts weiter dabei denkend, doch als sie wenige Minuten später zurückkehrte, saß er noch immer reglos auf den Stufen. Sie deutete seine Begeisterungslosigkeit allerdings als Schüchternheit und lächelte mitleidig, ehe sie an ihn herantrat und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Vergnügt flüsterte sie ihm ins Ohr: »Was ist los, Schatz? Hast du Angst davor, in seiner Gegenwart nur noch unverständliches Geschwafel herauszubringen? Hey, mach dir keine Sorgen, ich bin ja bei dir!« Doch dann verbreiterte sich das Lächeln in ein süffisantes Grinsen: »Obwohl ... Wahrscheinlich ist es genau das, was dich stört, hm? Willst mit deinem Herzallerliebsten allein sein, was? Tut mir leid, aber Herr Sakuma ist so eine enorm unterhaltsame Gesellschaft, ich bekomme gar nicht genug von ihm!«

 

Es hatte ein harmloser Spaß sein sollen. Einer von der Art, wie ihn sich Tatsuha fast täglich mit ihr erlaubte und weshalb sie es für legitim hielt, ihm einen Teil der Verlegenheit zurückzugeben, in die er sie so oft brachte. Der Tonfall, in dem sie die Worte formuliert hatte, erschien ihr auch als ein geeignetes Hilfsmittel, es als Scherz zu erkennen. Doch nichts hätte sie auf die heftige Reaktion vorbereiten können, die trotz dieser Vorsichtsmaßnahme aus ihm herausbrach.

 

Mit einem Ruck riss er sich von ihr los und fuhr mit ausgestrecktem Arm herum. Dabei traf er ihre Schulter so hart, dass sie eine der Flaschen, die sie heraufgeholt hatte, mit einem erschrockenen Quieken fallen ließ: »Ach, wirklich? Du weißt, dass ich hätte das ohne diesen freundlichen Hinweis nicht gemerkt überhaupt! Ist ja nicht zu übersehen, dass er dir gefällt sehr gut!« Fassungslos starrte sie auf die Scherben und den auseinandergespritzten Inhalt hinab: »Scheiße ... Oh, Scheiße ... Shannon wird toben! Was ... was ist denn in dich gefahren?!«

 

Unbeeindruckt von ihrer Panik funkelte Tatsuha sie wütend an: »Du mir zuhörst?! Dein blöder Wein ist echt nicht gerade das hier Problem!« Mit einer schnellen Handbewegung wischte er drohend nach den restlichen Flaschen, doch Grace wich ihm blitzschnell aus und hielt schützend die freie Hand davor. Erregt rief sie: »Sag mal, geht’s dir noch gut?! Das ist nicht irgendein Wein! Eine davon kostet fünfhundert Dollar, du Schwachsinniger! FÜNFHUNDERT, verdammt nochmal! Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du redest!«

 

»HA«, fauchte er und verschränkte die Arme vor der Brust, »du es gar nicht merkst, wie du ihm schöne Augen machst, wie? Das soll ich glauben?!« Er posierte überzogen wie ein frischverliebtes Schulmädchen und blinzelte anzüglich, während er einem imaginären Angebeteten den Hof machte: »Seht mich an, ich bin eine unschuldige Jungfrau und weiß überhaupt nicht, was Flirten überhaupt ist!« Ihr Blick verriet nichts als Verständnislosigkeit: »Ich ... ich habe nicht mit Sakuma geflirtet! Ich habe mich mit ihm unterhalten, ja, und auch angeregt, das gebe ich zu, aber das heißt doch nicht gleich, dass ich was von ihm will! Ich kenne ihn doch kaum!«

 

»Oh, ihr schon über das ‚Gar nicht‘ hinweg seid, hm? Tja, herzlichen Glückwunsch! Flirten sein hervorragende Art, jemanden näher kennenzulernen, nicht wahr? Du auf richtigem Weg sein! Und ich ... ich dir dabei nur Hindernis wäre ...«

 

Langsam schlug Verwirrung in Ärger um: »Jetzt hör aber mal auf! Du weißt ganz genau, dass ich mich nicht im Geringsten für ihn interessiere! Die Gespräche sind rein beruflicher Natur!« Er sah sie übertrieben verständnisvoll an: »Ach so, du werden für Quatschen bezahlt! Und ich dachte, du müsstest nur Getränke austeilen.«

 

»Ich bin keine Kellnerin, Tatsuha, ich bin Bardame! In eine Bar kommen Menschen, häufig gezielt einsame Menschen, die Abstand vom Alltag nehmen und sich mit jemandem gepflegt unterhalten wollen. Wir haben dasselbe Ansehen wie Friseure und Psychiater, verdammt! Es ist mein Job, meinen Gästen zuzuhören und sie mit eigenen Beiträgen zu zerstreuen. Es ist mein Job, freundlich zu Kunden zu sein!«

 

»Ah, du bist also nur freundlich, weil es dein Job verlangt, was? Und zu allen Kunden gleich.«

 

»Ja, natürlich!«

 

»Da kenn ich noch anderes Gewerbe mit gleichem Prinzip.«

 

Sie sah ihn entgeistert an, ehe sie stotterte: »Das hast du gerade nicht gesagt.« Doch er blieb trotzig stumm und endlich färbte gerechter Zorn Graces Wangen dunkelrot: »Du Drecksack hast mich gerade nicht als ...« Den Rest des Satzes verschluckte sie, bis Tatsuha keck nachbohrte: »Und wenn? Für einen Wildfremden tust du dich Herrn Sakuma ganz schön an Hals werfen. Du das bestreiten willst etwa?!«

 

Grace sah schweigend zu Boden. Ihr ganzer Körper bebte und sie packte die Flaschen fester, um sie in einem Anfall von Wut nicht in die Mitte der unglücklichen Schwester zu schleudern. Langsam richtete sie einen stechenden Blick auf Tatsuha, der ihn schonungslos erwiderte und fauchte: »Bin ich es etwa, die sich jedes Mal verkriecht, wenn auch nur der Hauch der Möglichkeit besteht, Herrn Sakuma näher zu kommen? Bin ich es, die immer, wenn er damit rechnet, mich endlich mal kennenzulernen, im letzten Moment einen Rückzieher macht, sodass andere sich jedes Mal eine neue blöde, fadenscheinige Entschuldigung ausdenken müssen? Bin ich es, die andere dauernd drängt, Informationen aus ihm herauszupressen? Ich soll seine Vertraute werden, ohne seine Vertraute zu werden? Wie soll das gehen?! Häh?! SAG ES MIR!«

 

»Du könntest zum Beispiel ein bisschen beiläufiger-«

 

»Beiläufiger?! Wie fragt man ‚Bevorzugen Sie Fotzen oder Schwänze‘ BEILÄUFIGER, Tatsuha?! Das sind Dinge, die man normalerweise keinem Wildfremden erzählt! Ich bräuchte mindestens ein Jahr enge Vertrautheit, bevor ich einem Bekannten auch nur ansatzweise zu erkennen geben würde, dass ich auf seine Freundin stehe! Und Sakuma hat dich noch nicht einmal SEHEN dürfen!«

 

»Ich habe meine Gründe! Versuch du nicht, die Tische zu wen... Meine, den Spieß umzudrehen! Es ist deine Schuld, dass-«

 

»FICK DICH!«

 

Er verstummte abrupt. Etwas in ihrer Stimme warnte ihn erheblich davor, auch nur noch einen Schritt weiterzugehen. Und das tat er auch nicht, hörte nur in stillem Zorn die Worte, die sie für eine lange Zeit klaglos mit sich herumgeschleppt hatte.

 

»Weißt du was? Es ist sowieso völlig egal. Winchester glaubt mir schon lange kein Wort mehr. Für ihn bin ich nur der Feigling, der sich nicht traut, seine Manie zu offenbaren. Du weißt schon. ‚Es geht nicht um mich, sondern um die Freundin einer Freundin‘! Sakuma scheint mir ja noch glauben zu wollen, aber du hast es ja sicher schon selbst gemerkt – die letzten Nachrichten waren mehr an mich als an den ominööösen ‚Herrn Perfekt‘ gerichtet. Wahrscheinlich denkt er noch, mir einen ersehnten Gefallen damit zu tun, ha! Gut zu wissen, wie du es mir dankst, mich für dich zum Affen zu machen. Aber ich will, dass du dir eins klarmachst, und wenn auch die ganze Welt meint, es besser zu wissen: Nicht ich bin der Feigling. Du bist es!«

 

Tatsuha sah sie noch einige Augenblicke lang durchdringend an, ehe er fragte: »Bist du fertig?« Sie nickte nur und er wandte sich von ihr ab: »Ich verschwinde.« Eine Sekunde lang hielt er inne, als wollte er dem noch etwas hinzufügen, besann sich jedoch eines Besseren und wanderte grimmig davon.

 

Grace sah ihm finster hinterher und regte sich erst wieder, als sich das Geräusch seines Motorrads im allgemeinen Straßenverkehr verlor.

 

Ihre Wut ebbte ab und machte einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz.

 

Sie hatte nie über ihren Umgang mit Ryuichi Sakuma nachgedacht. Er war ein Star. Und ein Kunde, ein inzwischen sehr guter Kunde. Und eine zugegebenermaßen ziemlich interessante Persönlichkeit, mit der es sich ungezwungen herum witzeln ließ.

 

Hatte sie sich in diesem lockeren Umgang vergessen? Wirkte es auf Dritte tatsächlich so eindeutig?

 

Die Gesichter der eifersüchtigen Kinogänger fielen ihr wieder ein und sie erschauerte. Hatten diese Leute etwa auch gedacht, dass sie und er näher miteinander bekannt waren und deswegen so feindlich reagiert?

 

Hinter ihr fiel eine Tür ins Schloss. »Grace, wo bleibst du denn?«, rief Shannon in den Flur und bog um die Ecke, »Die Leute werden ungeduldig! Und es ist sehr unhöflich, Herrn Sakuma so lange warten zu las-«

 

Ein stechender Blick fiel zielgenau auf die riesige Rotweinpfütze zu Graces Füßen.

 

‚Oh, Scheiße.‘

 

---

 

Tatsuha lag schlaflos im Bett.

 

Nachdem er nach Hause gekommen war, hatte er sich geduscht, ein Sandwich verzehrt, sich einen Millizentimeter von Yumas Whiskey – mehr hätte der misstrauische Pedant bemerkt – gegönnt, ein wenig ferngesehen und sich dann früh hingelegt. Seitdem wälzte er sich ruhelos auf der Matratze hin und her.

 

Denn das ungute Gefühl, einen gewaltigen Fehler begangen zu haben, ließ ihn einfach nicht los.

 

Der Grund dafür entzog sich seinem Verständnis. Sein Ausraster war vollkommen gerechtfertigt gewesen! Grace meinte es eindeutig zu gut mit Ryuichi, jeder aufmerksame Beobachter konnte erkennen, dass die beiden einen entschieden auffällig positiven Draht zueinander hatten. Wer konnte ihm also die Eifersucht verübeln – gerade, weil ihm in dieser Beziehung die Hände gebunden waren?

 

Und trotzdem. Was genau in ihrem Tonfall ihm als Warnung gedient hatte, wusste er nicht, doch aus irgendeinem Grund war er nun froh, in jenem Moment nicht weitergesprochen zu haben.

 

Sicher, er fühlte sich im Recht. Aber sie hatte auch nicht unrecht. Er hatte viel zu verlieren, doch war der Preis nicht lachhaft gering, wenn er Ryuichi dafür gewinnen konnte? Es stimmte, er war feige. Nannte den Sänger sein Ein und Alles, war aber nicht bereit dazu, seinen amerikanischen Traum für ihn zu opfern. Hatte sich damit zufriedengegeben, von Grace über seine Chancen auf dem Laufenden gehalten zu werden.

 

Was bedeutete das?

 

Er drehte sich auf die andere Seite.

 

Jetzt, wo er in Ruhe darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass er grundsätzlich abwesend gewesen war, wenn Grace Ryuichi bedient hatte. Er hatte ihn und Claude zwar ein paarmal gesehen, war aber sofort geflüchtet und hatte sich versteckt, um geduldig auf Grace zu warten, die stets fröhlich und gern an ihn weitergab, was ihr der Sänger anvertraute. Doch es war kein direktes Tratschen. Einige wenige Informationen, solche, die sie als „exklusiv“ bezeichnete, behielt sie für sich. Berufsehre einer Bardame, wie sie es nannte, und Tatsuha hatte sie immer dafür respektiert, selbst wenn ihm die Neugier die Eingeweide zerfraß. Respektierte sie noch immer.

 

Natürlich respektierte und mochte er sie immer noch. Die Frage war, traf das jetzt, nach seinem unschönen Vorwurf, auch noch auf sie zu? Unerwarteterweise schnürte ihm der Gedanke, sie könnte ihm nicht verzeihen, die Luftröhre zu.

 

... Verzeihen? Warum würde er sie um Verzeihung bitten wollen? Schließlich war sein Ausraster gerechtfertigt gewesen! Es gab Dinge, die tat man Freunden nicht an! Darunter fiel auch, den Traummann des Freundes anzumachen!

 

Er drehte sich auf den Rücken und starrte an die Zimmerdecke.

 

Aber war alles tatsächlich so schlimm, wie es ihm vorkam? Er kannte Grace nun seit ein paar Monaten, sogar so gut, dass er entschieden hatte, dass sie als „Zeitvertreib für einsame Nächte“ nicht mehr in Frage kam. Sie war Vieles – viel Gutes und auch viel Schlechtes – doch Verschlagenheit gehörte garantiert nicht zu ihren Attributen. Und um dem Freund hinterrücks das Herz zu brechen, dazu gehörte eine Menge davon. Aufrichtigkeit prägte ihr Wesen, selbst die eigene Phase des Neids – den auf sein handwerkliches Geschick – hatte sie offen ausgetragen. Sie war ein Mensch, der seine Gefühle nicht verbergen konnte. Er wusste, wann sie traurig war, er wusste, wann sie glücklich war.

 

Und ihm war sehr bewusst, dass sie ihn mochte. Auf die eindeutige Art und Weise, wie er ihr unterstellt hatte, Ryuichi zu mögen.

 

Aber wie sollte das bei einer grundehrlichen Person wie Grace möglich sein? Selbst, wenn sie es schaffen würde, ihn mit dem Sänger zu hintergehen, hätte sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren können? Sänger und Barmaid als höhnisch lachendes Pärchen?

 

Irritiert runzelte er die Stirn.

 

Hatte er gerade einen Hauch Eifersucht auf den Sänger verspürt ...?

 

Vielleicht hatte er einen Fehler begangen. Nein, Moment, so weit war er schon vor dem ganzen anstrengenden Gedankenprozess gewesen.

 

Stöhnend wühlte er sich beidhändig durchs Haar und schwang die Beine über die Bettkante. Es würde ihm niemals möglich sein, unter diesen Umständen einzuschlafen, außerdem hatte er vom vielen Grübeln entsetzlichen Durst bekommen.

 

Also stand er auf und schlenderte zur Küche, wo er sich ein Glas Wasser füllte und sich am Tisch niederließ. Zwischen kleinen Schlucken und kurzsichtigen Blicken aus dem Fenster hörte er Schlüsselrasseln und einen dumpfen Knall.

 

Yuma war heimgekehrt.

 

Dieser kam Minuten später gähnend ins Zimmer gewankt und hob eine Hand zum Gruß: „Yo, Kleiner. Es ist spät, warum bist du noch wach?“ Tatsuha seufzte deprimiert und zuckte mit den Achseln: „Ärger bei der Arbeit gehabt. Nichts besonderes.“ Yuma hob eine Augenbraue: „Das kommt selten genug vor. Und noch seltener ist es, dass du Schlaf darüber verlierst. Willst du reden?“

 

Tatsuha öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut und winkte dann verloren ab: „Schon gut. Du kannst eh nichts dran ändern.“

 

„Oh, ich will nichts dran ändern, mein Freund, ich will es erfahren und mich amüsieren!“

 

Man sah ihn entnervt an, was Yuma ein Kichern entlockte, und so ließ er auch ein Glas Wasser für sich einlaufen und fragte vergnügt: „So schlimm? Was hat man dir denn Schrrrröckliches angetan, um Himmels Willen? Ryuichi Sakuma ausgespannt?“ Tatsuha bedachte ihn mit einem langen, prüfenden Blick und er starrte lange erwartungsvoll zurück, ehe er das Glas perplex absetzte: „Echt jetzt?“ Der Junge schniefte pikiert: „Naja, nicht ganz so dramatisch, aber ...“

 

„Wurde er in irgendeiner Boulevardzeitung mit einem superschicken Model gepaart? Ich hoffe ja immer noch auf die Bekanntgabe seiner Vermählung. Würde mir einen guten Teil Seelenfriedens zurückgeben.“

 

„Nein nein, nichts so Oberflächliches! Ich habe ... Nun, ich habe Herrn Sakuma getroffen und-“

 

Im Nu stand Yuma neben ihm und zog ihn drohend am Ohr in die Höhe.

 

„Kein Hautkontakt! Ich schwöre es, kein Hautkontakt!“

 

Man ließ zufrieden von ihm ab und als er den Schmerz zu einem unangenehmen Kribbeln herunter massiert hatte, murmelte er weiter: „Als Kunde an der Bar wäre ich ihm als Hausmeister kaum von großem Nutzen gewesen. Ich hab ihn mir nur aus der Ferne angeschaut.“ Wieder erleuchtete ehrliches Erstaunen Yumas Gesicht: „Nanu? Und dann bist du mit deiner Heiligenverehrung schon durch?! Gerade unter solchen Umständen hätte ich dich selig masturbierend auf der Couch vermutet, mit Kopfhörern auf und ‘nem Aktfoto von ihm zwischen den Zähnen!“

 

„... Ich schätze, so einen Ruf habe ich wohl verdient.“

 

Tatsuha brach betreten den Kopf senkend ab und sie saßen einige Zeit still beisammen, bis er seine Gedanken geordnet glaubte, noch einen Schluck Wasser nahm, um seine trockene Kehle zu befeuchten, und mühsam hervorbrachte: „Es ist ... es ist irgendwie nicht mehr dasselbe. Ich kann’s nicht erklären. Vorher bin ich Feuer und Flamme gewesen, wenn ich nur geahnt habe, Herrn Sakumas Anwesenheit zu spüren. Und jetzt ... Ich ...“ Frustriert stöhnend verkrampften sich seine Finger im Haar.

 

Yuma studierte ihn einige Sekunden lang intensiv und fragte ungerührt: „Es prickelt, aber es brennt nicht mehr?“

 

„Ja! Genau das! ... Was bedeutet das?“

 

Yuma warf dankbar die Arme in die Höhe: „Das bedeutet, dass sich deine kindische Schwärmerei endlich in Luft auflöst! Halleluja!“ „Kindische Schwärmerei“, wiederholte Tatsuha ausdruckslos. Yuma verdrehte die Augen: „Du musst endlich einsehen, dass die Sache mit Sakuma keine Liebe ist! Ich glaube dir ja, dass du fest davon überzeugt bist. Aber du bist befangen, Kleiner. Und du bist zu jung, um es besser zu wissen.“ Verärgert schnaubend ließ Tatsuha den Blick abschweifen: „Du bist wie alle anderen. Du denkst, mich besser zu kennen als ich selbst!“ „Vertrau mir. Komm in mein Alter und du wirst erkennen, dass alle Kritiker goldrichtig gelegen haben“, Yuma entfuhr ein zynisches Lachen, „Und ab dem Punkt wird es richtig unangenehm – denn wenn du dann zurückblickst, möchtest du im Boden versinken vor Scham.“ Sein lautes Lachen lenkte ihn von Tatsuhas bösem Blick ab, der einmal mehr scharf nachdachte und schließlich finster brummte: „Und ich liebe ihn doch.“

 

„Dann erklär mir, oh hochweiser Guru, warum er dich offenbar nicht mehr ganz so heiß macht.“

 

„Das ... Vielleicht liegt es an mir.“

 

„Oh, es liegt auf jeden Fall an dir, gar keine Frage! Aber inwiefern?“

 

„Mein Gott! Vielleicht werde ich impotent!“

 

„... Denk lieber nochmal nach.“

 

„Ich weiß es nicht! Vielleicht ... vielleicht ... strenge ich mich nicht genug an.“

 

Yuma bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick und einem noch mitleidigeren Kopfschütteln: „Er ist sechszehn Jahre älter als du, lebt in einer völlig anderen Welt – aber er ist der Einzige, der eventuell bereit ist, dir nach anstrengendem Bemühen einen kleinen Teil von etwas zu geben, das dir deine gesamte restliche Umgebung vorenthält.“ Breit gähnend stand er auf: „Meine Güte, diese Unterhaltung ist so öde, ich kann kaum noch die Augen offenhalten! Zeit für die Heia.“ Eine erhobene Hand erstickte Tatsuhas Protest im Keim und bevor er das Zimmer verließ, sah er seinen Mitbewohner noch einmal sehr eindringlich an und murmelte vorsichtig, als ob der Einwand taktisch unklug war: „Normalerweise vergöttern Jugendliche Prominente, weil sie insgeheim wissen, einem unerreichbaren Ideal nachzustreben. Weniger Stress, verstehst du? Greift das Selbstwertgefühl nicht so an. ‚Es liegt nicht an mir, er war sowieso von Anfang an viel zu weit weg‘ oder so ähnlich. Ich hab echt keine Ahnung, wieso du dir für deine Zwecke ausgerechnet einen Star ausgesucht hast, aber du solltest endlich mal ernsthaft darüber nachdenken, was du dir wirklich von Sakuma erhoffst. Und wo du schon dabei bist, nicht nur von ihm.“

 

---

 

Die Atmosphäre am Arbeitsplatz war wie erwartet gedrückt. Da es noch früh war, war Shannon im Restaurant beschäftigt und konnte die Stimmung nicht durch gekonnt platzierte ironische Einwürfe entschärfen. Ryan und Millicent wagten es nicht, Öl ins Feuer zu gießen und begnügten sich damit, neue Cocktails zu kreieren und ihre Kollegen schweigend zu beobachten. Grace blickte mit eherner Entschlossenheit immer in die Richtung, in der sich niemand befand – sie hatte seit ihrer Ankunft keine drei Worte hervorgebracht.

 

Tatsuha schlafwandelte mit seinem Wischmopp durch den Raum, weil ihn das Gespräch mit Yuma so aufgewühlt hatte, dass er danach erst recht nicht mehr zur Ruhe gekommen war. Die ganze Nacht hatte er über dessen Worte nachgegrübelt.

 

Und irgendwann hatte er endlich erkannt, was mit „Etwas“ gemeint gewesen war.

 

Aufmerksamkeit.

 

Es hatte ihn so dermaßen viel Zeit gekostet, weil die Antwort schlicht zu einfach gewesen war, denn natürlich wusste er das. Dieses Zugeständnis kostete ihn keinerlei Überwindung – wer wünschte sich schließlich nicht, die Aufmerksamkeit der großen Liebe zu wecken? Das war nicht das Problem.

 

Das Problem bestand darin, dass Yuma ihm eiskalt unterstellte, zwar nach Aufmerksamkeit zu haschen ...

 

Aber Aufmerksamkeit bedeutete nicht Erwiderung der Liebe.

 

Verständlicherweise fühlte er sich beleidigt. So lange kannten sie sich beim besten Willen nicht, dass er sich erlauben konnte, ihm Oberflächlichkeit vorzuwerfen. Tatsuha wusste, er fühlte es in allen Poren seines Körpers, dass seine Zuneigung nicht mit Aufmerksamkeit endete. Wäre Ryuichi zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens bereit gewesen, ihm mehr als das zu geben, wäre er auf keinen Fall vor einer Beziehung zurückgeschreckt.

 

Was ihm aber Rätsel aufgab, war die Erkenntnis, dass es ihm in letzter Zeit absonderlich leicht gefallen war, nicht an einen Plan zur gewaltsamen Übernahme zu denken, obwohl er ihm jetzt näher war als irgendwann sonst.

 

Früher hatte er den Großteil eines Tages damit verbracht, Strategien zu entwerfen, wie er an Tohmas wachsamen Augen vorbeigelangen und sich nachhaltig in Ryuichis Gedächtnis einbrennen konnte.

 

Inzwischen war es ihm wichtiger, Yumas Lieblingsbeschäftigungen herauszufinden und daran teilzuhaben.

 

Früher hatte ihn jedes Lied des Sängers in Euphorie versetzt.

 

Inzwischen konnte er seine CDs tagelang unbenutzt liegen lassen, ohne es zu merken, wenn nicht unbedingt Shannon neben ihm saß und einen seiner Ohrstöpsel klaute, um mitzuhören und ihm zwischendurch von ihrer japanischen Stiefmutter zu erzählen.

 

Früher gab es kaum einen Traum, in dem Ryuichi nicht auf die eine oder andere Weise aufgetaucht wäre.

 

Inzwischen war er selbst in dieser Monopolstellung abgelöst worden. Von niemand Geringerem als ...

 

Tatsuha warf Grace einen heimlichen Blick zu. Natürlich war es ihm schon länger aufgefallen, dass er es sich durchaus vorstellen konnte, mit ihr ins Bett zu gehen. Warum auch nicht? Sie war hübsch! Wie oft war ihm dieser Gedanke in den letzten Wochen durch den Kopf gegangen?

 

Hübsch.

 

Hübsch.

 

Hübsch, hübsch, hübsch.

 

Aber anbetungswürdig wie Ryuichi? Sicher nicht, und doch nahm die Bardame inzwischen einen stetig wachsenden Teil seiner Gedanken in Anspruch. Obwohl ...

 

War das verwunderlich? Sie sahen sich fast jeden Tag, wohingegen ein Treffen mit Ryuichi einem Glücksgriff gleichkam. Grace war jederzeit präsent. Parat.

 

Greifbar.

 

Und da war es wieder. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Ein Bedürfnis, welches Ryuichi im Moment einfach nicht erfüllen konnte, ohne zu einer Gefahr für Tatsuhas gerade liebgewonnene Freiheit zu werden. Natürlich erhielt er auch von Yuma Aufmerksamkeit. Und von Jessica. Und von Shannon, Millicent, Ryan, sogar von Otis und anderen Nachbarn. Er erhielt von all diesen bis vor Kurzem noch wildfremden Menschen mehr Aufmerksamkeit als von seinen Verwandten und Bekannten daheim, die ihn natürlich nicht völlig ignoriert, aber auch nicht wirklich als gleichberechtigten Gesprächspartner angesehen hatten.

 

Vielleicht war es sein vorgetäuschtes Alter, welches seine Mitmenschen in Amerika auf einer höheren Ebene mit ihm kommunizieren ließ, doch der Grund kümmerte ihn herzlich wenig. Es tat einfach gut, nicht wie ein Kind behandelt zu werden, das vor der eigenen Dummheit beschützt werden musste. Und ganz besonders viel von dieser ganz exotischen und wunderbar angenehmen Aufmerksamkeit ließ ihm Grace angedeihen.

 

Aber sie beachtete ihn nicht nur. Grace verließ sich auf ihn.

 

Es war ein großartiges Gefühl, mit ihr zusammen zu sein, weil sie ihm selbstverantwortliches Handeln zutraute, ja, es sogar erwartete, und das nicht nur bei der Arbeit. Alles, was er sich jahrelang von seinem Vater, von Eiri, Mika und allen anderen ersehnt hatte, erhielt er nun von einer Person.

 

Bei Ryuichi konnte er dasselbe Verlangen aus vollster Überzeugung Liebe nennen. War er nun tatsächlich so bedürftig, dass sich seine Gefühle einfach auf den Nächstbesten übertrugen, der ihm ein bisschen Beachtung schenkte? Er wusste es nicht. Und er wusste auch nicht, ob er mit Grace darüber reden sollte.

 

Kurzum, Tatsuha fühlte sich patt gesetzt. Und es sah nicht danach aus, als ob ihm Grace in naher Zukunft die Entscheidung abzunehmen bereit war, wenn er die finsteren Gewitterwolken, die sie umgaben, korrekt deutete.

 

Nach einer weiteren halben Stunde unterkühlten Schweigens hielten ihre Kollegen die giftige Umwelt nicht mehr aus. »Würde es euch was ausmachen, endlich das Kriegsbeil zu begraben? Euer Starrsinn ist unerträglich«, bemerkte Millicent in ihrem ruhigen, ebenmäßigen Tonfall, in dem nichtsdestotrotz ein gehöriger Anteil Unmut mitschwang, »Wieso schreit ihr euch nicht wie immer gepflegt an und bringt es hinter euch? Dann könnten wir alle wieder zur Tagesordnung übergehen!«

 

Grace rieb etwas kräftiger als nötig mit ihrem Lappen über die Tischplatte und tat so, als hätte sie nichts gehört. Tatsuha tat es ihr mit dem Boden gleich.

 

Ryan seufzte resigniert: »Ihr könnt froh sein, dass Shannon nicht hier ist, sonst würde sie euch die Leviten lesen. Wollt ihr eure schlechte Laune an jedem auslassen, den ihr trefft? Meint ihr, dadurch löst sich das Problem von selbst?«

 

Er erhielt dieselbe Reaktion mit noch betonterer Nichtbeachtung und warf Millicent achselzuckend einen genervten Blick zu.

 

»Ihr seid so gute Freunde«, fuhr er trotzdem tapfer fort und wunderte sich über das kurze Zucken, welches durch zwei angespannte Rücken fuhr, »und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Grund für eure Funkstille so unverzeihlich ist, dass ihr das aufs Spiel setzen wollt. Redet miteinander, in Dreiteufelsnamen! Oder wollt ihr uns bis in alle Ewigkeit die Laune vermiesen?!«

 

Endlich erwiderte Grace schnippisch: »Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Mit euch hat das absolut nichts zu tun.«

 

»Vielleicht hat es mit uns nichts zu tun«, erwiderte er mit leisem Knurren in der Stimme und sie wusste, dass dies ein deutliches Zeichen dafür war, dass seine Geduld zur Neige ging, »aber es geht uns durchaus etwas an! Meinst du, uns gefällt es, den ganzen Tag mit euren Flappen konfrontiert zu werden?! Und traust du es dir wirklich zu, den Gästen heute Abend gute Miene vorzugaukeln? Du weißt selbst, dass du so gut nicht bist!«

 

Schuldbewusst biss sie die Zähne aufeinander, denn sie wusste, dass er recht hatte. Trotzdem vermied sie es noch immer, Tatsuha anzusehen, und er tat es ihr gleich. Beide hatten sich am Tag zuvor einfach zu ungerecht behandelt und hintergangen gefühlt, als dass sie einfach einzurenken bereit waren.

 

Wieder sah Ryan Millicent leidend an, die nach einigen stillen Sekunden auffordernd nickte.

 

»Hey, Grace!«

 

»Tatsuha!«

 

Ohne Umschweife warfen die beiden Bartender ihren Kollegen jeweils eines von Shannons nagelneuen Schätzen zu.

 

Die beiden Streithähne schrien simultan voller Entsetzen auf, als sie sich umwandten und rund einhundert Dollar durch die Luft segeln sahen, ehe sie lossprinteten und sich der Länge nach zu Boden warfen, um die kostbaren Gläser gerade noch rechtzeitig aufzufangen. Ebenso zeitgleich fuhren ihre puterroten Köpfe in die Höhe: »HABT IHR ‘NEN KNALL?!«

 

Ryan nahm unbeeindruckt ein weiteres Glas in die Hand und begann unter nun sehr besorgten Augen, es zu putzen: »... Problem?«

 

»Natürlich haben wir ein Problem! Was zum Teufel sollte das?! Was, wenn wir die Dinger nicht erwischt hätten?!«

 

»Wolltet ihr nicht Dampf ablassen? Dinge zu zerschlagen hat therapeutische Wirkung.«

 

»Bist du noch ganz bei Trost, Ryan?! Die kosten ein Vermögen!«

 

»Außerdem will ich nicht wissen, was Frau Langley mit uns machen würde ...«

 

Ryan sah Millicent höchst erstaunt an: »Hörst du das? Sie fürchten Shannon, fürchten die Kosten, aber sie sind gleichzeitig bereit, etwas viel Wertvolleres zu opfern! Das nenne ich Courage!« Seine Kollegin hielt ein Glas ins Licht, um es auf Flecken zu überprüfen, während sie nur trocken bemerkte: »Vollidioten.«

 

Tatsuha und Grace zuckten zusammen und sahen sich kurz betroffen an, wichen dann aber wieder peinlich berührt aus. Doch Ryan überbrückte für sie die letzte Zurückhaltung: »Für dich sollte es sowieso keinen Unterschied machen, Grace. Du musst eh schon den Wein ersetzen, den du gestern zerdeppert hast.« Tatsuhas Kopf fuhr in die Höhe und große Augen hefteten sich auf Grace, die trotzig zu Boden starrte.

 

Und nachdem die Bedeutung der Worte in sein Unterbewusstsein vorgedrungen war, kratzte er sich verlegen am Hinterkopf und stöhnte schließlich geschlagen. Er packte sie nicht gerade sanft am Arm und zog sie mit sich, doch ließ sie es sich erstaunlicherweise kommentarlos gefallen: »Wir müssen reden. Wenn ihr uns eine Weile entschuldigen würdet ...?« »Nichts lieber als das«, brummte Ryan ausdruckslos, während Millicent augenrollend eine stummes „Endlich!“ formulierte, »Oh, und sollte euer Gespräch keine Früchte tragen ... Fühlt euch nicht genötigt, zurückzukommen.«

 

Die beiden schauderten eingeschüchtert und schlichen von dannen.

 

Zwei Minuten später standen sie auf dem Hinterhof und drucksten verlegen herum, ehe Tatsuha sich ein Herz fasste und sich verlegen in eine Hand räusperte: »Du hast den Wein auf deine Kappe genommen?« Grace zuckte mit den Schultern: »Ja, nun, Shannon war ziemlich aufgebracht deswegen und ich war auch aufgebracht und hatte keine Lust, ihr die ganze Geschichte zu erklären. Es war einfacher so.«

 

»... Verstehe. Danke. Ich zahl’s dir zurück.«

 

»Hn.«

 

Wieder schwiegen sie eine Weile, in der sie ihre Gedanken zu ordnen versuchten. Grace war allerdings etwas schneller in ihren Bemühungen, und so murmelte sie, als Tatsuha eben den Mund aufmachte: »Es tut mir leid, okay? Ich ... Vielleicht lagst du nicht ganz falsch.« Verärgert fuhr sie auf und richtete einen anklagenden Zeigefinger auf ihn: »Aber bilde dir ja nichts ein! Du warst ein totales Arschloch und hattest nicht das geringste Recht, mich so anzuschreien! Aber ... aber ... Naja, vielleicht habe ich es mit Sakuma wirklich ein wenig übertrieben.« Er wollte etwas einwerfen, was sie jedoch energisch unterband: »Bevor du auch nur noch ein Wort über so was Lächerliches verlierst: Ich habe weder was mit ihm noch will ich irgendwas von ihm, kapiert?! Ich gebe zu, dass es superleicht ist, mit ihm auszukommen, aber der Mann übt auf mich nicht die geringste sexuelle Anziehungskraft aus! Und wenn du das jetzt auch wieder auf irgendeine Weise gegen mich auslegst, kratz ich dir die Augen aus!«

 

Tatsuha starrte sie überrumpelt an, erwiderte aber nach schweren, bedrückenden Schweigeminuten ernst: »Nah. Mir tut es leid. Du hattest recht, ich habe völlig überreagiert. Ich bin ein Feigling. Und ein Idiot.« Geistesabwesend blickte er auf die Straße am Ende der Gasse, die Hände verlegen in seine Hosentaschen gleiten lassend: »Ich hatte in letzter Zeit ziemlich viel Stress. Hab‘s gar nicht so wahrgenommen, aber ich schätze, gefesselt und geknebelt vor einen Sack Süßigkeiten gesetzt zu werden, den man nicht anrühren kann, schlägt ganz schön aufs Gemüt. Weißt du, aus Gründen, die ich nicht nennen will, ist es mir derzeit einfach unmöglich, Herrn Sakuma persönlich kennenzulernen. Dich das ultimative Ziel erreichen zu sehen, welches mir versagt bleibt ... Ich bin einfach ausgetickt.«

 

»Ha! Das ist der passende Ausdruck dafür.«

 

Sie schwiegen wieder eine Weile kleinlaut vor sich hin, bis sich Tatsuha erneut ein Herz fasste und, sich beinahe schüchtern am Hinterkopf kratzend, gestand: »Aber inzwischen fürchte ich, das war gar nicht das Ausschlaggebende. Ich habe über uns nachgedacht und frage mich, ob ...« Verdrossen stöhnend brach er ab. Warum war das so verdammt schwer?! Am Vortag war er drauf und dran gewesen, Ryuichi Sakuma in aller Öffentlichkeit seine Liebe zu gestehen und auch sonst nahm er nie ein Blatt vor den Mund! Aber hier schaffte er es nicht, einem Mädchen zu sagen, dass er sie vielleicht ganz gut leiden konnte?!

 

Grace drängte misstrauisch: »Ob ...?« Ihr gefiel irgendwie nicht, in welche Richtung das Gespräch ging. Oder vielleicht gefiel es ihr auch ein bisschen zu sehr, und das gefiel ihr nicht. Dies hatte eine ganz gewöhnliche Aussprache werden sollen, sie hatten sich anschreien, entschuldigen und vertragen sollen. Also warum kam es ihr so vor, als ob ihr Gegenüber eine Bombe platzen lassen wollte, die ihre ganze bisherige Beziehung auf den Kopf stellen würde?

 

Richtig. Es war sein Verhalten. Gestik und Mimik schrien geradezu „Reformation“, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, alles beim Alten zu belassen oder etwas Grundlegendes zu verändern. Und so unsicher wie er, ob er es aussprechen sollte, war sie, ob sie es hören wollte.

 

Es konnte nur in zwei Richtungen gehen. Entweder würde er nichts mehr von ihr wissen wollen ... Oder das Gegenteil war der Fall und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte, dem einen wie dem anderen.

 

Tatsuhas Augen wanderten unruhig zwischen ihr und verschiedenen Steinen auf der Erde hin und her. Doch plötzlich stieß er einen frustrierten Schrei aus, packte sie an den Oberarmen, beugte sich kurzerhand zu ihr herunter und küsste sie.

 

Überrumpelt riss sie die Augen auf, doch die Überraschung hinderte sie vorerst an jeglicher Gegenwehr. Es war nicht einer von seinen gewöhnlichen flüchtigen Küsschen, die er ihr öfters mal auf Wange oder Lippen gab, wenn sie gerade mal ein wenig unachtsam war, sondern ein echter, ausgewachsener, absolut nicht zu verleugnender Zungenkuss. Und wann hatte sie seine Zunge überhaupt eingelassen?!

 

Zumindest ließ sie das aus der Erstarrung erwachen und energisch versuchen, Tatsuha von sich wegzudrücken, doch er packte sie fester, vertiefte den Kuss noch. Sterne tanzten ihr vor den Augen, doch im verzweifelten Bemühen, einen klaren Kopf zu behalten, biss sie zu und boxte eindringlich gegen seine Schultern, was ihn jedoch nur veranlasste, sie nach hinten zu lehnen und ihren Schreckensschrei zu nutzen, ihr die Zunge noch ein Stück tiefer in den Rachen zu schieben.

 

Erst als sie merkte, dass jeder Widerstand zwecklos war, ließ sie die Augen zufallen und es geschehen. Ihr Verstand brüllte zwar Zeter und Mordio, aber das Herz schmolz dahin wie Eis in der Sonne – wer würde sich schon dagegen wehren wollen, vom Schwarm geküsst zu werden? Und dieser Schwarm war ein hervorragender Küsser, auch wenn er dabei entschieden zu aufdringlich vorging.

 

Nichtsdestotrotz gebot es ihr der Stolz, ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen, kaum dass er es ihr gestattete, sich von ihm zu lösen.

 

Schmerz und Überraschung schickten ihn zu Boden und er blinzelte irritiert, ehe langsam eine Hand zum Gesicht glitt. »Autsch«, ächzte er entgeistert und rieb sich mit großen Augen die glühende Wange, »Na, das ist mir aber schon lange nicht mehr passiert!« Steckengeblieben irgendwo zwischen Berserker und Wolke sieben funkelte Grace ihn hitzig an: »Was?! Dass eine Frau mit deiner Vorgehensweise nicht einverstanden ist?!« Ein selbstgefälliges Grinsen spaltete sein Gesicht: »Nein, dass sie mir nach getaner Arbeit trotzdem eine scheuert!«

 

Sie entschied sich dazu, noch ein paarmal kräftig nachzutreten.

 

Nachdem sie sich endlich abgeregt hatte, wandte sie sich von ihm ab und fuhr sich zitternd durchs Haar, während er, die Blutlecks in seinem Körper großzügig ignorierend, sich ächzend wieder aufrappelte und vor sich hin murmelte: »Nun, das klärt zumindest eine Sache.« Sie visierte ihn geierartig an und fluchte: »Und was, zum Teufel?! Ich hoffe sehr für dich, dass du eine verdammt gute Erklärung dafür hast, deine Kollegin aus heiterem Himmel heraus sexuell zu belästigen!«

 

»Grace. Ich glaube ich liebe dich.«

 

Sie musterte ihn sehr perplex, sehr lange und sehr intensiv.

 

»Du glaubst?!«

 

»Hm ... Ja. Sieh mal, das ist nicht so einfach. Ich meine, ich bin seit meiner frühesten Jugend Herrn Sakuma verfallen, mit Haut und Haaren, aber wenn ich mit dir zusammen bin ... Das ist ein ganz anderes Gefühl, und doch ... Wenn ich genau definieren müsste, auf wen ich gestern so eifersüchtig gewesen bin ...«

 

»Woah«, rief Grace und kreuzte die Arme, »Moment mal! Auszeit! Was soll das werden?! Sag mir nicht, dass du hier gerade eine Liebesbeichte loswerden willst?!« Tatsuha sah sie kurz stumm an und griff plötzlich erneut nach ihr: »Lass es mich noch einmal überprüfen, ja?«

 

»AUF GAR KEINEN FALL!«

 

Etwas enttäuscht beobachtete er sie dabei, wie sie aufgebracht nervöse Kreise zog: »Hey, warum zierst du dich so? Magst du mich etwa nicht?« Sie lachte beinahe hysterisch auf: »Mach dich nicht lächerlich, natürlich mag ich dich! Aber du hast mir gerade gesagt, dass du ...«

 

Nicken.

 

»Ich meine, du hast praktisch darum gebeten ...«

 

Nicken.

 

»Also, wenn ich dich nicht völlig falsch verstehe, möchtest du ... Wir ... Dass wir beide ...«

 

Eifriges Nicken.

 

»Aber ... aber ... aber ... DAS IST UNMORALISCH UND DAS WEISST DU GENAU!«

 

Ihr unerwarteter Ausruf ließ Tatsuha erschrocken zusammenzucken. Im ersten Augenblick begriff er nicht, was sie sagen wollte, doch dann meinte er zu verstehen und wurde blass. Konnte es sein, dass sie alles herausgefunden hatte?

 

Den Ausriss? Die illegale Einwanderung? Seine Minderjährigkeit?!

 

»Wo... woher weißt du ...«

 

»Ha! Oh, bitte! Yuma hat es mir verklickert, gleich bei unserem ersten Treffen. Und Menschenskind, ich bin verdammt froh darüber! Eigentlich hätte ich auch selbst drauf kommen können, bei deinem Aussehen.«

 

»Yuma?! Das nicht sein kann! Er war doch dagegen am meisten, es herum zu posaunen!«

 

Nun sah Grace ihn irritiert an: »Was? Warum sollte er-« Tatsuha ließ sie nicht ausreden, sondern fasste sie fest an den Schultern und beschwor sie eindringlich: »Grace, das muss nichts heißen doch! Diese Sache muss uns nicht vorbeugen ... Moment ... Hindern, oder?! Wir ... wir müssen doch nicht wegen ein paar sinnloser Gesetze aufeinander verzichten!« Mit entgeistertem Ausdruck versuchte sie, sich aus seinem Griff zu winden: »Für dich mag das ja kein Hindernis sein, Casanova, aber für mich schon!«

 

»Aber es muss doch keiner wissen! Ich werde schweigen wie ein Grab, verlass dich auf mich!«

 

»Tatsuha, bring mich nicht dazu, dich zu verabscheuen. Du meinst, wenn alles still und heimlich geregelt wird, ist es okay?! Verbrecher denken so!«

 

Verzweifelt verstärkte er seinen Griff und bemühte sich, sich so weit zu beruhigen, ihr seinen Standpunkt unmissverständlich klarmachen zu können: »Warte! Bitte hör mir zu, Grace! Der Kuss eben hat mich über etwas klarwerden lassen! Ich hab es ja selbst nicht wahrhaben wollen, aber Herr Sakuma ... Herr Sakuma ... Er ist nicht mehr die einzige wichtige Person in meinem Leben! Ja, ich gebe zu, er verzaubert mich immer noch! Wenn er in der Nähe ist, kann ich meinen Blick nicht von ihm abwenden! Ich habe ihn nun einmal so lange geliebt, ich weiß gar nicht mehr, wie es anders sein könnte! Aber wenn du bei mir bist, Grace, dann ... verblasst er irgendwie! Es ist ... es ist, als wenn ihr von dem gleichen Stern angestrahlt werdet und euch das Licht teilt! Ich weiß dann kaum noch, wen ich zuerst bewundern soll! Das Gefühl, mit dir zusammen zu sein, ist zwar anders, aber es gefällt mir! Besser oder nicht, es ist da, und ich will es spüren, so oft wie möglich. Ich weiß, dass das egoistisch klingt, aber ich will es ausprobieren. Ich will ausprobieren, ob ich dich mehr liebe als ihn!«

 

Die Antwort kam prompt in Form eines Faustschlags mitten ins Gesicht.

 

Während er stöhnend einige Schritte zurück taumelte, zwang Grace sich energisch zur Ruhe, aber die intensive Farbe in ihrem Gesicht verriet ihren inneren Aufruhr: »Du bist doch krank! Wie kannst du so kaltschnäuzig damit umgehen?!« Bei ihrem unerbittlichen Anblick biss er verdrossen die Zähne aufeinander: »Verdammt, das ist ungerecht! Warum kann ich nicht einmal bekommen, was ich will?! Und das nur wegen ... wegen ...«

 

»Ja«, brüllte sie verzweifelt dazwischen, »wegen deiner Verlobten! Und sie tut mir aufrichtig leid! Mit jemandem liiert zu sein, der es fertigbringt, sie bei erstbester Gelegenheit eiskalt zu hintergehen!« Tatsuha hielt fassungslos inne: »Wie bitte?« Energisch wischte sich Grace einige Tränen aus den Augenwinkeln: »Aber nur, weil sie dir offenbar nicht viel bedeutet und ich sie nicht kenne, heißt das noch lange nicht, dass ich mich einfach in eine Beziehung dränge! Wofür hältst du mich?!«

 

»Wovon redest du überhaupt?!«

 

»Hör endlich auf, mich für dumm zu verkaufen! Ich weiß von deiner Verlobten in Japan! Und ich gehöre nicht zu dem Typ Frau, die ihr eigenes Glück auf Kosten einer anderen durchsetzt! Wenn ich bedenke, wie hemmungslos du mit jedem jungen Mädchen flirtest, das du hier antriffst ... Wie viele Leute willst du eigentlich ‚lieben‘, bis du zufrieden bist, Tatsuha?!«

 

»Ich bin nicht verlobt!«

 

Sie sah ihn lang und streng an, drehte sich dann ruckartig um und versuchte, in die Bar zurückzugehen: »So unverschämt. Du machst mich krank. Zu lügen, ohne rot zu werden!« Doch er sprang auf, packte sie am Arm und hinderte sie so an der Flucht: »Grace! Ich bin nicht verlobt!«

 

Dieses Mal starrten sie sich gute fünf Minuten lang in die Augen, Grace misstrauisch, Tatsuha fest, doch als ihr bewusst wurde, dass er sich selbst von ihrem mörderischsten Drohblick nicht aus der Fassung bringen ließ, huschte endlich so etwas wie Zweifel über ihr verspanntes Gesicht: »Du ... du ... bist nicht ...?«

 

»Ich bin nicht verlobt, nein.«

 

»Aber ... aber Yuma hat ...«

 

Er ließ sie los und rieb sich peinlich berührt den Nacken: »Hör zu, ich kann mir leidlich vorstellen, warum er dich von mir fernhalten will. Aber glaub mir bitte, wenn ich sage, dass ich garantiert nicht vergeben bin, okay?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, noch immer nicht ganz überzeugt: »Du lässt dich jetzt nicht zu Wortklaubereien herab, oder? Von wegen ‚nicht verlobt‘, weil du in Wirklichkeit verheiratet bist oder so?« »Nein, Grace, davon wüsste ich zumindest beim besten Willen nichts«, entfuhr es ihm lachend, was in erleichtertes Kichern darüber mündete, dass es nur eine Fehlinformation gewesen war, welche seine Freundin von ihm ferngehalten hatte, »Aber wenn du so lange gedacht hast, ich sei verlobt, wie hast du dir dann bloß meine Vernarrtheit in Herrn Sakuma erklärt?«

 

Ertappt zuckte sie zusammen und wedelte abwehrend mit der Hand: »Ach, weißt du ... Das ... das ist doch Schnee von gestern.« Sein Lächeln verharrte – und dann legte sich ein sehr süffisantes Grinsen auf ihr sich rasch erwärmendes Gesicht: »Oho, da tun sich ja ganz neue Abgründe auf, Frau Perfekt! Du hältst mich also für einen richtig schlimmen Finger, hm?« Wie eine Raubkatze schlich er um sie herum und drängte sie immer weiter an die Wand, bis sie dagegen gepresst stehenbleiben musste und er eine Hand neben ihren puterroten Kopf stemmen konnte: »Wie sieht’s aus, Fräulein? Stehst du etwa auf böse Jungs?«

 

Damit tauchte er ab und verpasste ihr zum zweiten Mal einen innigen Kuss, der Feuerwerke hinter ihren Lidern entzündete.

 

Sie konnte der Versuchung nicht mehr widerstehen. Er hatte sie praktisch um eine engere Beziehung angefleht. Yuma mochte seine Gründe haben, sie anzulügen und vielleicht war es auch Tatsuha selbst, der sie belog. Doch sie hatte seinem Frontalangriff nichts mehr entgegenzusetzen, und irgendwie auch nicht mehr die Kraft dazu, es zu wollen.

 

Was immer die Zukunft auch bringen mochte – im Moment war sie sehr weit entfernt.

 

---

 

»Bleibst du über Nacht?«

 

Yuma richtete sich vor dem großen Spiegel im Flur den Kragen, Grace lässig neben ihm an der Wand lehnend und unterschwellig schmeichelnd: »Jepp, wenn’s geht? Ich muss morgen früh raus und so, wie ich uns kenne, wird das heute wieder ziemlich spät. Wäre also super, wenn ich mir den Nachhauseweg sparen könnte. Ganz großes Bitte?« »Okay, okay! Sieh mich nicht an wie der Welpe, dem man bei Unwetter das Haus verweigert«, schnaubte er belustigt, beugte sich dann jedoch näher an sie heran, »Aber sollte unser Don Juan dir vorschlagen, das Bett zu teilen ...«

 

»Bekommt er meine Absätze zu spüren. Verlass dich auf mich.«

 

Zufrieden brummend öffnete er die Wohnungstür und rief warnend über die Schulter: „Schmaro! Ich verschwinde! Vergiss nicht, dass ich es erfahren werde, wenn du irgendwas Komisches versuchst!“ Aus der Küche erklang ein grantiges Stöhnen: „Weißt du, wann ich allen meinen kriminellen Ambitionen sofort entsagen würde? Wenn du mich endlich mal mit meinem Namen ansprechen würdest!“

 

„Tats...“

 

Tatsuhas Oberkörper lehnte sich in den Flur, die geballte Hoffnung in seinem Gesicht beinahe tragikomisch: „JA?!“

 

„...ächlich? Dann kommen wir wohl nie auf einen Nenner.“

 

„Manno!“

 

Der Junge warf frustriert die Hände in die Luft und verschwand murrend wieder in der Küche, Yuma aber nickte Grace zum Abschied grinsend zu und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

 

Sie wartete einige Zeit, bis die Geräusche draußen verstummt waren und ließ dann erleichtert den angehaltenen Atem entweichen.

 

Fast einen Monat waren sie und Tatsuha nun schon ein Paar. Fast einen Monat, nachdem er sie beschworen hatte, seinen strengen Verwandten auf keinen Fall davon wissen zu lassen, da dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in sofortiger Zwangstrennung resultierte. Ein Monat voller Lügen und Scheinheiligkeiten.

 

Grace mochte es nicht, jemanden anzulügen, schon gar keine Freunde. Aber es faszinierte sie so sehr wie es sie erschreckte, dass es ihr nicht die geringste Not bereitete, für Tatsuha zu lügen. Vielleicht lag es daran, dass sie Yumas Veto gegen jedwede Beziehung, die sein Cousin eingehen wollte, einfach nicht verstand. Wenn er eine persönliche Abneigung gegen sie gehabt hätte, wäre das noch etwas anderes gewesen, doch sein Umgang mit ihr war stets von Freundlich- und Höflichkeit geprägt – ein deutliches Zeichen für Sympathie, richtig? Warum duldete er also keine Liaison zwischen ihr und Tatsuha? Zugegebenermaßen, sie war etwas naiv, aber nicht dumm! Was auch immer es war – die Vettern verheimlichten ihr etwas Wichtiges.

 

Doch kurzum, es interessierte sie nicht.

 

Mit Tatsuhas Liebesgeständnis, obwohl unter gewissem Vorbehalt geäußert, war ein Traum für sie in Erfüllung gegangen und sie hatte jede Sekunde genossen, die sie seitdem mit ihm verbracht hatte. Was waren schon ein, zwei oder auch drei Flunkereien, wenn sie dafür mit dem Mann, den sie liebte, zusammen sein durfte?

 

In diesem Moment trat Tatsuha mit einem Tablett auf dem Arm aus der Küche. »Okay«, freute er sich, »die Katze ist weg, die Mäuse können auf den Tischen tanzen!« Sie folgte ihm ins Wohnzimmer: »Wohin geht er eigentlich? Wieder sein Job?«

 

»Ja. Nicht dass ich mich unter diesen Umständen beschweren will, aber er schiebt in letzter Zeit immer mehr Überstunden. Kann doch nicht gesund sein!«

 

»Ist er nicht erst vor kurzem heimgekehrt?«

 

Tatsuha tupfte sich theatralische Tränen aus den Augenwinkeln: »Tja, alles ist eben wichtiger für ihn als sein geliebter kleiner Cousin! Kaum ruft ein Kollege an, schon sitzt er bereits mit einem Bein im Wagen und ich kann sehen, wo ich bleibe. Ich schwöre es, als ich ihn kennengelernt habe, hätte ich ihn nie für eine solche Arbeitssau gehalten!« Er schnüffelte resigniert und Grace stutzte irritiert: »Als du ihn kennengelernt hast?« Ihr Tonfall ließ ihn seinen Fauxpas erkennen und er zuckte zerknirscht zusammen: »Ah ... Ja, das war ... vor ein paar Jahren. Er hatte gerade erst angefangen, zu arbeiten, weißt du? Noch viel jugendliche Begeisterung für Freizeitaktivitäten! Jetzt ist er wie ein alter Mann, gönnt sich kaum noch Spaß.«

 

»Hast du mir nicht erzählt, dass ihr zusammen aufgewachsen seid?«

 

Ihm stockte der Atem. Sein Gehirn arbeitete mit einem Schlag auf Hochtouren und er hatte keinen Zweifel daran, dass er aus den Ohren qualmen würde, wenn es anatomisch möglich gewesen wäre: »Äh ... Ähm ... Das ... das stimmt! Wir sind schon zusammen aufgewachsen ... Am Anfang! Die ersten Jahre haben wir zusammen verbracht, aber ... aber nach der Scheidung seiner Eltern ist er ja hierher gezogen und es war erstmal Funkstille! Und dann habe ich ihn erst mit ... Fünfzehn wiedergesehen.« Grace sah ihn ein wenig verloren an, zuckte dann aber schließlich bereitwillig die Achseln: »Ach so. Da hab ich wohl was falsch verstanden. Ich hätte schwören können, dass du mal erwähnt hast, die ganze Zeit Kontakt mit ihm gehalten zu haben.« »Naja, kann schon mal passieren«, hauchte er erleichtert, froh darüber, das Steuer noch herumgerissen zu haben.

 

Grace setzte sich mit frischer Begeisterung aufs Sofa und bestaunte die exotisch anmutenden Speisen, die sich auf dem Tablett tummelten: »Und das sind also echte japanische Süßigkeiten?! Sehen lecker aus! Wenn auch ein bisschen ... gewöhnungsbedürftig.« Tatsuha platzte los: »Es sind die Bohnen, richtig?! Die kommen bei den meisten Ausländern erstmal nicht besonders gut an und am Ende können sie nicht genug davon kriegen! Probier‘s einfach, ich versprech dir, dass es dir schmecken wird, wenn du dich erstmal an das Konzept gewöhnt hast.« Kichernd schlenderte er zum Fernsehschrank und startete eine bereitliegende DVD, während sie mit spitzen Fingern skeptisch ein kleines Brötchen hochhob und vorsichtig hineinbiss.

 

Gleich darauf ließ er sich neben sie fallen und schob sich ein Wagashi in den Mund: »Und?« Sie kaute nachdenklich, ehe sie murmelte: »Das ist gar nicht mal so schlecht! Wie kommt man auf so eine Idee? Ich meine, es schmeckt ein kleines bisschen erdig, aber irgendwie hat es was!« »Dan~ke«, flötete er, »Pass mit dem Dango auf, die Konsistenz ist sehr zäh. Nicht dass es dir im Hals stecken bleibt und ich es dir heraus lutschen muss.« Süffisant wackelnde Augenbrauen ließen keinen Zweifel an der Bedeutung der Worte.

 

Eine Weile schafften sie es tatsächlich, sich auf den Film zu konzentrieren, ehe sich Grace seufzend an seine Schulter sinken ließ. Beinahe automatisch legte sich sein Arm um ihre Hüfte und er raunte ihr leise ins Ohr: »Du siehst traurig aus. Bedrückt dich was?« Sie seufzte erneut und vergrub ihr Gesicht in seinem Kragen: »Ach, es ist nichts. Shannon hat gestern nur wieder versucht, mich zu verhören.«

 

»Unseretwegen?«

 

»Weswegen sonst? Manchmal führt sie sich total kindisch auf und an anderen Tagen benimmt sie sich wie ein altes Waschweib! Das Dumme ist nur, dass sie nicht blöd ist! Ich schwöre dir, sie riecht Lunte!«

 

»Was kann sie schon tun, wenn wir es beide dementieren?«

 

»Aber es nervt mich! Ich versteh ja, dass du deinem Kontrollfreak von einem Cousin keinen reinen Wein einschenken willst, aber können wir nicht wenigstens ihr von uns erzählen? Es ist anstrengend, ihr dauernd aus dem Weg zu gehen oder sich Ausreden einfallen lassen zu müssen!«

 

Tatsuha rieb sich die Augen: »Ich weiß. Mich versucht sie ja auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit auszupressen. Aber bitte behalt es für dich. Ich will einfach nicht, dass es rauskommt. Zumindest ... jetzt noch nicht.« Grace wandte ihm ihr leicht beleidigtes Gesicht zu: »Weißt du wirklich immer noch nicht, ob du Herrn Sakuma vergessen kannst?« »Tut mir leid. Ich weiß, dass es dir gegenüber nicht fair ist«, er lächelte sie erweichend an und küsste sie zärtlich, um dann mit den Lippen an ihrem Hals herunter zu wandern, »aber gib mir bitte noch Zeit. Im Moment ist es das Beste, wenn wir unsere Beziehung geheim halten«, er strich mit einer Hand unter ihr Shirt und sah sie mit seinen dunklen Augen eindringlich an, »Vertrau mir in diesem Fall, okay?« Dann küsste er sie ein weiteres Mal auf den Mund und streichelte sanft ihren Rücken.

 

Grace seufzte noch einmal halb enttäuscht, halb selig und vergaß jeden lauen Protest.

 

Dies hier war die Aufopferung der eigenen Integrität auf jeden Fall wert.

 

---

 

Yuma versuchte nachdrücklich, sich auf seinen Monitor zu konzentrieren, immerhin mussten einige Berichte bis zum nächsten Mittag fertiggestellt sein und sein Freund und Kollege machte keine besonders großen Anstalten, ihn bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Im Gegenteil, Corey hatte den ganzen Abend noch nicht einen hilfreichen Mucks von sich gegeben, hockte ihm stattdessen bewegungslos gegenüber, mit im Schoß gefalteten Händen und auf der Tischplatte gekreuzten Beinen. Nur stechende grüne Augen verrieten die Unmenge nicht gestellter Fragen, die ihm durch den Kopf jagten.

 

Schließlich gab Yuma nach, die intensive Musterung nicht länger ertragend: »Rück raus, wenn du mir was zu sagen hast, damit du heute noch zum Arbeiten kommst, Fitts. Ansonsten brüte um Gottes Willen in deinem eigenen Büro weiter, du gehst mir auf den Sack!«

 

Corey starrte noch einige Sekunden, beugte sich dann aber über den Tisch und fasste inbrünstig Yumas Hände: »Du weißt, dass du jederzeit über alles mit mir reden kannst, nicht wahr?«

 

»Und jetzt bist du mir unheimlich.«

 

»Warum hast du mir nie was von einem Cousin erzählt?«

 

»Oh Gott, das schon wieder?! Werd erwachsen!«

 

»Ich werde nicht damit aufhören, ehe ich nicht eine vernünftige Erklärung bekommen habe! Du warst bis jetzt der ein- und einzige ‚Kita~zawa‘ und plötzlich kann ich dich nicht mehr so anreden, weil es zu Missverständnissen führen könnte! Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie tief du mich verletzt mit deinem schnöden Misstrauen?!«

 

Ob Coreys weinerlichem Blick murrte Yuma genervt: »Das hat doch nichts mit Misstrauen zu tun, ich habe einfach nicht daran gedacht! Ich werde ab jetzt peinlich genau darauf achten, dir keinen einzigen Aspekt meines Privatlebens vorzuenthalten.« »Das solltest du besser! Freunde dürfen doch keine Geheimnisse voreinander haben«, protestierte sein Gegenüber erzürnt und hob theatralisch einen Handrücken an die Stirn, »Und im Gegenzug werde ich dich ab jetzt über jede meiner Liebschaften auf dem Laufenden halten. Bis ins kleinste delikate Detail, versprochen!« »Bitte, fühl dich nicht dazu verpflichtet«, Yumas etwas angewidertes Stirnrunzeln verriet seine Einstellung zu dem Vorhaben besser als jedes Wort, bevor er betont desinteressiert weitertippte.

 

Corey sah ihn noch eine Weile erwartungsvoll an, doch als er merkte, dass für ihn die Sache damit erledigt war, zuckte er seufzend mit den Schultern und verließ das Büro, um sich an die eigene Arbeit zu machen.

 

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, erlaubte sich Yuma, angespannt durchzuatmen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, nahm die Lesebrille ab und knabberte nervös an einem der Bügel.

 

Wie hatte er es so weit kommen lassen können? Nach dem unglücklichen Anruf hatte Corey ihn mit Fragen zu seinem neuen Verwandten geradezu bombardiert und selbst jetzt versuchte er noch immer, Yumas kleine Momente der Unachtsamkeit auszunutzen, um an Informationen zu gelangen. Zwar war ihm bewusst, dass es sich dabei um harmlose Neugierde handelte und keine problematischeren Intentionen dahintersteckten – Corey war einfach nur beleidigt, dass ihm sein bester Freund eine gar nicht so unscheinbare Verwandtschaft verschwiegen hatte.

 

Doch sollte er auch nur einen kleinen Teil des Hintergrunds erfahren, konnte es für Yuma brandgefährlich werden. Denn Corey war hartnäckig und wusste, wie er Leute zum Reden brachte. Wäre er im Mittelalter als Inquisitor geboren worden, hätten die Gerichte auf jedwede Folter verzichten können – er hätte alles aus den Verdächtigen herausgeholt und im Anschluss noch das Dorf zur Teilnahme an Gruppentherapie überredet.

 

Und das absolut pazifistisch.

 

Obwohl es ihn ziemlich wahrscheinlich eher auf die andere Seite des Gerichts verschlagen hätte. Menschen mit so viel Pech, mit rotblondem Haarschopf geboren zu werden, waren gern als Diener des Bösen angesehen worden und Coreys hochentwickelte Verhörmethoden hätten ihm angesichts des apodiktischen Aberglaubens jener Zeit ...

 

Streich das – Corey hätte sich erfolgreich vom Scheiterhaufen diskutiert.

 

Zum Glück kannte er ihn lange genug, um all die Stolpersteine und Fallstricke in den unschuldig anmutenden Fragen zu erkennen, aber Tatsuha würde einem Verhör keine zehn Minuten standhalten. Deswegen hatte er ihm nachdrücklich eingebläut, Corey in eventuellen zukünftigen Gesprächen in jedem Fall wie einen lästigen Reporter zu behandeln und zu keinem Punkt Kommentare abzugeben. Tatsuha hatte sich erstaunlich gern dazu bereiterklärt. Wahrscheinlich saß ihm noch die Verlegenheit vom letzten Mal in den Knochen. Umso besser.

 

Angespannt genug, um auf seinen Fingernägeln zu kauen, starrte er gedankenverloren aus dem Fenster auf die grauen Fassaden der Nachbarhochhäuser. Ein winziger Kloß, der seit ihrer Rückkehr aus Japan wie ein Galgenstrick auf seine Gurgel drückte, weitete sich aus und nahm ihm vermehrt die Luft zum Atmen.

 

Er hatte sich immer gefragt, was einem Mörder durch den Kopf ging, der durch die Medien darauf hingewiesen wurde, dass die Tatwaffe gefunden worden war. Und mit ihr ein noch nicht identifizierter Fingerabdruck.

 

Wie es dem Vergewaltiger ging, der zur Gegenüberstellung geladen wurde und in den Augen des Opfers erkannte, dass er das Gebäude nicht wieder so frei verlassen würde, wie er es betreten hatte. Und erfahren musste, dass sein kräftig gebauter, homosexueller Zellengenosse wegen desselben Vergehens einsaß. Seit mehreren zölibatären Jahren.

 

Wozu ein einfacher Einbrecher bereit war, der nach erfolgreichem Beutezug zur Vordertür verschwinden wollte und draußen die Stimmen der vom Nachbarn verständigten Wachtmeister vernahm. Und am Hinterausgang erkannte, dass sich dort ihre Kollegen postiert hatten.

 

Er hatte seine Antworten gefunden. Es war ein Gefühl wie siedend heiße Lava, die dir zähfließend den Rücken runter tropfte. Wie ein Eimer flüssiger Stickstoff, der in deinen Nacken hauchte. Wie ein Magen mit Eigenleben, der gegen sein enges Gefängnis aufbegehrte, indem er sich so lange um sich selbst drehte, bis er sich vor Schwindel übergab.

 

Yuma fühlte sich wie die in die Enge gedrängte Ratte, die er war.

 

Nachts machte er kaum noch ein Auge zu, aß tagsüber nur noch das Nötigste, trank viel zu viel, obwohl gerade jetzt ein klarer Kopf das Wichtigste war und flüchtete sich in seine Arbeit, um dem Grund seiner Misere aus dem Weg zu gehen, weil er ihm einfach nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen konnte. Er hatte Tatsuha in den letzten Wochen kaum noch getroffen, was ihm nur recht und billig war.

 

So unaufmerksam der Junge seiner Umgebung auch erscheinen mochte, das Gegenteil war der Fall. Hinter der jovialen Fassade versteckte sich ein scharfer Beobachter, der sich auch nicht zu fein war, einer Sache persönlich auf den ungemütlichen Grund zu gehen. Nicht ganz so ehrgeizig darin wie Corey, aber nahe dran.

 

Yuma legte die schweißgebadete Stirn auf gefalteten Händen ab und versuchte energisch, das penetrante Zittern seiner Finger auf ein Minimum zu beschränken.

 

Selbst die Empfangsdame hatte sich vor kurzem nach seinem Befinden erkundigt, was ihm unangenehm verdeutlicht hatte, wie verdächtig er bereits auf seine Umwelt wirkte. Es war nicht mehr nur seine vom schlechten Gewissen zugespitzte Einbildung, nein, er schlitterte langsam aber sicher in ernstzunehmende Schwierigkeiten!

 

Streich das – er befand sich mittendrin, seit er Tatsuha zum ersten Mal begegnet war. Hatte es davor irgendwelche Probleme in seinem Leben gegeben? Seine Erinnerung ließ ihn diesbezüglich im Stich und er konnte sich auch nicht richtig darauf konzentrieren. Er konnte sich auf keinen Aspekt seines normalen Tagesablaufs mehr konzentrieren. Nur ein Gedanke dominierte seinen geräderten Verstand.

 

Knast: Unausweichlich.

 

---

 

»Nnnnnein, hör auf! Was ... was, wenn er wiederkommt und-«

 

»Vertrau mir, der schuftet immer wie ein Ackergaul, aber in letzter Zeit ist es besonders schlimm. Er wird ganz sicher nicht vor vier Uhr zurückkommen. Wir haben also jede ... Menge ... Zeit.«

 

»KYA! Nicht da, du-«

 

»Gefällt’s dir etwa nicht?«

 

»Uuuums Gefallen geht‘s doch gar nicht, aber-«

 

»Dann ... hier vielleicht?«

 

»HYA!«

 

»Erwischt.«

 

„Kitazawa! PST! Hey, Kitazawa!“

 

Zwei hochrote Köpfe schossen in die Höhe und blickten panisch über die Sofalehne Richtung offener Balkontür. Grace bemühte sich eiligst, ihre zerzauste Frisur wieder ein wenig zu richten und schielte verstohlen nach rechts und links: »Gott, für eine Sekunde dachte ich, Yuma stände neben uns und sähe sich unbemerkt das Schauspiel an, bis seine Sicherungen durchknallen und er mich lyncht.« »Wenn einer gelyncht werden würde, wär ich das«, versuchte Tatsuha, der stöhnend die Stirn ins braune Polster sinken ließ, sie zu beruhigen, »Ich dachte, mir bleibt das Herz stehen!«

 

Er sprang empfindlich gestört auf, stampfte, sich in aller Hektik das Hemd wieder zuknöpfend, ins Freie und rief über die Brüstung: »Er ist nicht da, Herr Walsh! Nur ich und meine absolut unverkennbar hundertprozentig rein platonische Freundin! Kann ich was für Sie tun?«

 

Der Nachbar staunte verwirrt zu ihm empor, brach aber in schallendes Gelächter aus, als Grace schüchtern winkend neben Tatsuhas griesgrämigem Gesicht erschien: »Oh, meine Güte, hab euch bei ‚etwas‘ gestört, hm? Das tut mir wirklich exorbitant leid, das müsst ihr mir glauben!« »So hören Sie sich auch an«, grummelte Tatsuha in die Handfläche, auf die er sich stützte und Grace bohrte ihm für seinen merklichen Missmut einen Ellenbogen in die Rippen: »Guten Abend, Herr Walsh! Ein ... ein schöner Sternenhimmel heute! Gute Inspiration, nicht wahr?«

 

»Sie müssen es ja wissen, Fräulein Bennett, aber sind Sie sicher, dass hier nicht nur zwei Leute Sterne sehen?«

 

Das ließ sie aufs Äußerste verlegen verstummen und sich von Tatsuha ein Stück wegschieben, wodurch sie dankenswerterweise die anzüglich wackelnden Augenbrauen des Nachbarn aus dem Blickwinkel verlor. »Also, wenn Sie die Situation erfasst haben, könnten wir dann bitte alle zu unseren Beschäftigungen zurückkehren?«, ranzte Tatsuha, nicht auch nur vage darum bemüht, den innerwütenden Frust zu verdecken, »Vorausgesetzt natürlich, es gäbe nichts, was wir für Sie tun können?!« Otis winkte über sein mühsam unterdrücktes Kichern ab und stemmte dann die Hände in die Hüften: »Hey, tut mir wirklich leid, okay? Aber es ist ziemlich wichtig. Ich fahre morgen für zwei Tage auf Lesereise und ausgerechnet heute ist mir mein Rechner abgeschmiert! Ich hab zwar Sicherungen gemacht, aber leider nicht von den ersten Kapiteln einer neuen Geschichte, die ich aus Testzwecken vortragen möchte. Jetzt ist mir eingefallen, dass ich Kitazawa vorgestern einen Ausdruck zum Probelesen gegeben hab! Wäre super, wenn er den noch irgendwo rumliegen hätte! Ich brauch den wirklich dringend! Könntet ihr mir den suchen?«

 

Tatsuha knurrte genervt von oben herab, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen und Otis schlug die Handflächen in stillem Flehen aneinander: »Oh, bitte, bitte! Ihr hättet so was von was gut bei mir!« Auch Grace sah ihren Freund mitleiderregend an, konnte sie doch grundsätzlich mit den Opfern vertaner Arbeit sympathisieren, und so warf er die Hände in die Höhe und rief: »Oh Menschenskinder, von mir aus! Mal sehen, ob ich was finde!« »Sie sind ein Schatz, Fräulein«, rief Otis, der den stummen Austausch mit angesehen hatte, entzückt aus, und handelte sich damit ein drohendes Grollen Tatsuhas ein, der sich danach tatsächlich daran machte, den Ausdruck zu suchen.

 

Er kam nur langsam voran, da er Graces Hilfsbereitschaft mit dem Hinweis abblockte, Yuma würde an die Decke gehen, durchwühlte ein Fremder seine Schubladen. Sie begnügte sich also damit, diverse offene Flächen nach verdächtigen Papieren abzusuchen, was jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

 

Nach einer halben Stunde gaben sie entnervt auf und traten erneut auf den Balkon heraus, wo Otis geduldig rauchend wartete. Tatsuha zuckte mit den Schultern: »Nichts gefunden. Vielleicht war es so schlecht, dass er es sofort verbrannt hat?« Wieder stieß ihm Grace in die Seite und der Nachbar seufzte schwer: »Du nimmst mir die Störung wirklich sehr übel, was? Ich hab mich doch entschuldigt! Habt ihr wirklich überall nachgesehen?«

 

»Jepp! ... Das heißt ... Naja, fast überall.«

 

Otis legte fragend den Kopf schief, als er sich trotz dieser Aussage nicht dazu bequemte, das Versäumnis nachzuholen: »Und? Soll ich auf Knien rutschen?« Diesmal entfuhr Tatsuha ein kurzes Lachen, doch dann verschränkte er die Arme vor der Brust und bockte: »Wird absolut nichts bringen. Alles, was bleibt, sind Tabuzonen.«

 

»Als da wären?«

 

»Yumas Büro und sein Schlafzimmer.«

 

Otis schrie verzweifelt auf und raufte sich die Haare. Grace verstand die Frustration nur zu gut: »Also genau die Orte, wo der Verbleib am wahrscheinlichsten wäre.« Nun fiel der Nachbar tatsächlich auf die Knie: »Tatsuha, wenn du auch nur einen Hauch Zuneigung für mich empfindest ...«

 

»Hmmm ... Nö, reicht nicht.«

 

»Ich flehe dich an! Ich brauche dieses Manuskript!«

 

»Und ich alle meine Organe. Yuma hat gedroht, wenn er mich beim Schnüffeln erwischt, verkauft er sie an den Meistbietenden und er wird mit den Teilen beginnen, die nicht zum unmittelbaren Tod führen!«

 

»Hab doch Erbarmen! Meine Existenz hängt von meinen Verkaufszahlen ab!«

 

»Und meine von meinen Organen.«

 

Der Mann brach in Tränen aus und Grace biss sich mitfühlend auf die Unterlippe. Sanft legte sie Tatsuha eine Hand auf den Oberarm und warf ein: »Hör mal, ich weiß ja, dass mich das nichts angeht, aber ... Ich kannte auch mal jemanden, der in der Branche tätig war und es ist echt hart, wenn du in Verzug gerätst. Ich meine, natürlich, Yuma hat alles Recht auf seine Privatsphäre, aber du bist sein Cousin ... Und du brauchst ja nicht so nachhaltig hinzusehen, nur mal schnell Tür auf, reingucken, raus.« Sie sah fest zu Otis herunter, der hoffnungsvoll empor blinzelte: »Aber wenn es nicht zufällig offen herumliegt, geben wir auf. Wäre das akzeptabel?« Er breitete die Arme aus: »Mehr verlange ich nicht! Und ich werde schweigen wie ein Grab, das schwöre ich bei allem, was ich je geschrieben habe!«

 

Doch das letzte Wort würde der sprechen müssen, der das Risiko trug, bei lebendigem Leibe ausgeschlachtet zu werden.

 

Beide sahen Tatsuha unschlüssig an.

 

Er war mehr als unwillig. Die einzige Regel, die er nicht gebrochen hatte und es auch niemals vorgehabt hatte. Graces flehende Augen zerschmetterten jeden Widerstand in seinem Geist, das musste aber nicht heißen, dass es ihm egal war, Yumas letzte und absolute Grenze zu übertreten.

 

Unruhig wischte er sich über die Stirn und drehte sich murmelnd um: »Na schön. Ich werfe einen einzigen Blick rein. Was dann nicht zur Mitnahme bereitliegt, hat eben nicht sollen sein. Klar?!«

 

»Glasklar! Ich schulde dir was!«

 

»Sie wissen gar nicht, wie viel.«

 

Als er die Treppen hinaufstieg, fühlte er sich, als würden sie sich unter seinen Füßen verformen, größer und steiler werden mit jedem Schritt, den er Richtung verbotene Zone machte und es wurde ihm tatsächlich ein wenig übel dabei. Konnte man es ihm verdenken? Das hier war nicht einfach kindlicher Trotz gegen übertrieben wirkende Sicherheitsmaßnahmen, dies war Missachtung eines völlig nachvollziehbaren, auf Gegenseitigkeit beruhenden Wunschs nach Respekt und im Gegensatz zu ihm hatte Yuma nie auch nur den Anschein gemacht, sein Zimmer durchsuchen zu wollen. Er wusste nicht, wie er ihm immer wieder auf die Schliche kam, aber er schnüffelte nie herum, soviel wusste er definitiv.

 

Er gönnte sich eine kurze Pause. Was, wenn er ihn auch diesmal überführte? Was, wenn es diesmal nicht glimpflich ausging?

 

... Was, wenn ihn Yuma auf die Straße setzte?

 

Hastig schüttelte er den Kopf. Selbst wenn, wäre das längst nicht so desaströs wie noch zum Anfang ihrer Beziehung. Tatsuha hatte jetzt Freunde, nicht nur Yuma und die Kollegen von der Bar, sondern auch einige andere Leute im Viertel, die ihn notfalls einige Tage aufzunehmen bereit sein würden. Und außerdem hatte er Grace.

 

Die Frage war vielmehr, wollte er es darauf ankommen lassen? Und ihm war klar: Er wollte nicht. Er lebte gern bei Yuma. Sie waren inzwischen praktisch eine Familie und sollte es dazu kommen, würde er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, seinen anderen Verwandten das zu verdeutlichen, sollten sie sich weigern, ihn als seinen zweiten großen Bruder zu akzeptieren. Er wollte Yuma nicht verlieren. Und schon gar nicht so, wegen eines Dritten, wegen eines zu Recht unverzeihlichen Vertrauensbruchs.

 

Aus diesem Grund drehte sich gerade die Welt um ihn und nicht auf die schöne Art.

 

Er ging weiter und blieb vor dem Arbeitszimmer stehen. Vorsichtig legte er die Hand auf den Türknauf und atmete einige Male tief durch – leise kichernd gestand er sich ein, dass er sich fühlte, als stünde er kurz vorm Begehen einer Straftat. War es eine Straftat? Würde ihn Yuma anzeigen können? Wahrscheinlich. Immerhin waren sie nicht verwandt, wie gern es sich Tatsuha auch einredete.

 

... Würde er es tun?

 

Nach fieberhaftem Überlegen kam er zu dem Schluss, dass er, sollte er Glück haben, die Barrikade gar nicht würde überqueren können, denn Yuma schloss stets mit akribischer Vorsicht ab, eben um genau solche Situationen zu vermeiden.

 

Unendlich beruhigt von diesem Gedanken drückte Tatsuha endlich das sich unerhört heiß anfühlende Messing herunter.

 

... Nein.

 

Ausgerechnet. Ausgerechnet an diesem Tag hatte Yuma offensichtlich vergessen, seinem Mitbewohner nicht weiter zu trauen, als er ihn werfen konnte!

 

Zitternd lugte Tatsuha durch den Spalt, der durch seine Handlung entstanden war und der selbst eine Maus noch vor ernstzunehmende Schwierigkeiten gestellt hätte, bevor er sich dazu durchringen konnte, die Tür weiter aufzuschieben.

 

Ein erleichtertes Seufzen entfuhr ihm, als er das Ambiente zügig aufnahm. Es war recht ordentlich, bis auf einige verstreute Zeitungen, einer Karte auf dem Tisch mit aufgemalten Linien und einer kleinen Horde herumliegender Highlighter. Die Möbel beschränkten sich auf einen großen Büro- und einen angeschraubten PC-Tisch, drei Aktencontainer und ein offenes Wandregal mit diversen Büchern, Mappen und Heften. Tatsuha verzichtete auf das genaue Durchlesen der ihm ins Auge springenden Titel und überflog alle Bestandteile nur hektisch, ehe er pfeilschnell zurücktrat und die Tür vor der eigenen Nase fest zuzog.

 

Er japste wie nach einem Dauerlauf.

 

Nach guten fünf Minuten, in denen er sich darüber wunderte, wie erstaunlich geduldig die beiden Wartenden unten – allerdings hätte er sie aber auch sicher aus dem Fenster geworfen, wenn sie ihn zur Eile angetrieben hätten – mit ihm waren, hatte er sich genügend beruhigt, um ins Allerheiligste der Wohnung einzudringen.

 

Yumas Schlafzimmer.

 

Nicht einmal im Traum hatte Tatsuha es jemals freiwillig betreten. Nun gut, einmal, in einem Alptraum – der glücklicherweise nicht allzu lange angedauert hatte, da ein dämonischer Yuma ihn beim Spionieren überrascht hatte, was ihn nicht wirklich überrascht hatte. Aber besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Und oh, das Ende war ein blutiges gewesen.

 

Gespannt hielt er die Luft an und trat ein.

 

Grace saß unten mit angezogenen Beinen auf der Couch und wippte nervös hin und her. Tatsuha ließ sich außergewöhnlich viel Zeit mit dem Durchstöbern der Gefahrenzonen und immerhin hatte sie ihn mehr oder weniger dazu genötigt, was ihr nun in Gestalt eines leichten Bauchschmerzes drückende Gewissensbisse bescherte. Sie selbst hätte jeden Eindringling anstandslos gevierteilt, der unerlaubt in ihren Sachen gewühlt hätte. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, sich von den verzweifelten Augen des Nachbarn beeinflussen zu lassen.

 

Ruckartig hob sie den Kopf, als sie dumpfe Schritte die Treppe hinab schreiten hörte und sprang erwartungsvoll auf. Doch Tatsuhas Augen waren von seinen Ponys überschattet, er schüttelte nur abweisend den Kopf. Sie folgte ihm niedergeschlagen, als er an ihr vorbei zum Balkon ging und tonlos hinunterrief: »Nichts.«

 

Otis stand da wie ein begossener Pudel und ließ enttäuscht die Schultern hängen: »Oh. Mist. Ich hatte so gehofft, dass es sich noch auffände ...« »Das tut uns leid, Herr Walsh«, bedauerte Grace, »Was werden Sie nun tun?« Er seufzte und kratzte sich leidend am Kinn: »Tja, ich werde die Nacht durchmachen und es neu schreiben müssen. Sehr ärgerlich, ich befürchte, ich werde es nicht nochmal so hinbekommen – aber ich schätze, Feintuning kann ich immer noch vornehmen, wenn der Rohentwurf einigermaßen gut ankommt. Es tut mir echt leid, euch damit die Zeit gestohlen zu haben. Aber danke für die Hilfe!«

 

»Kein Problem. Gern geschehen.«

 

Unten wurde die Balkontür zugeschoben und auch Grace und Tatsuha begaben sich wieder ins Haus. Natürlich war die sinnliche, komfortable Stimmung verflogen. Sie machte zwar einen beherzten Versuch, die gedrückte Atmosphäre aufzulockern und das kleine Vergehen vergessen zu machen, indem sie ihre Arme um Tatsuhas Hals schlang und ihn munter anstrahlte: »Also, wollen wir dann weitermachen, wo wir unterbrochen worden sind?« Sie küsste ihn, ohne eine Antwort abzuwarten und er hielt sie nicht auf.

 

Aber nach einigen Minuten drückte sie ihn seufzend wieder von sich und ließ sich aufs Sofa fallen: »Vermasselt, was?« Tatsuha setzte sich neben sie: »‘tschuldige.«

 

»Nah. Ich versteh dich. Es ist kein besonders schönes Gefühl.«

 

»... Hm.«

 

»Er wird es nicht rausfinden, mach dir keine Sorgen. Und es ist keine so große Sache, wie wir jetzt denken, glaub mir. Okay, du hast euer Versprechen gebrochen, aber du hast es weder böse gemeint, noch irgendwelchen Schaden angerichtet! Mit Phrasen wie ‚Ich bring dich um‘ will man nur vermeiden, dass jemand die eigenen Glücksbärchi-Unterhosen entdeckt oder peinliche Tagebucheinträge liest. Ein kurzer Blick ist halb so schlimm!«

 

Er antwortete nicht und sie studierte mit wachsender Besorgnis sein sehr blasses Gesicht, legte ihm eine Hand auf die Schulter und flüsterte: »Hey. Bist du in Ordnung? Du siehst nicht gut aus.«

 

Eine Weile schwieg er noch, ehe er aufstand und sie fast geistesabwesend musterte. »Grace«, murmelte er schließlich, »geh nach Hause.« Sie sah ihn irritiert an: »... Was?«

 

»Geh heim.«

 

Sichtlich ermattet schlenderte er Richtung Wohnungstür und sie stolperte ihm perplex nach: »Warum?! ... Tatsuha! Hör mal, ich weiß, ich hätte dich nicht dazu drängen dürfen, aber Herr Walsh sah so deprimiert aus, er hat mir einfach leid getan! Es tut mir leid!« »Es ist nicht deinetwegen«, versuchte er sie zu beruhigen, »ich hab jetzt nur einfach das Bedürfnis, allein zu sein.« Er nahm ihre Jacke vom Haken an der Garderobe und hielt sie auf.

 

Grace blickte kurz stumm darauf hinab und schlüpfte dann abfällig schnaubend in die Ärmel: »Ich hab meine Nase wieder zu tief in fremde Angelegenheiten gesteckt. Typisch.«

 

»Es ist nicht deinetwegen.«

 

»Ja, klar, deswegen schmeißt du mich auch raus.«

 

»Es ist nicht deinetwegen, verdammt nochmal!«

 

Ungehalten packte er sie bei der Schulter und wirbelte sie herum, doch angesichts ihrer erschrockenen Miene wischte er sich kopfschüttelnd mit einer Hand übers Gesicht und setzte danach ein gezwungenes, aber sanftes Lächeln auf: »Bitte glaub mir, es ist nicht deinetwegen. Ich bin nur ... Ich bin jetzt irgendwie schlecht drauf und will es nicht an dir auslassen. Hat wohl nicht ganz geklappt. Verzeih.« Schmollend trat sie durch die demonstrativ geöffnete Tür in den Flur hinaus: »Na schön. Ich denke trotzdem, dass du der ganzen Sache zu viel Relevanz angedeihen lässt. Es war nur ein einziger Blick! Jesses.«

 

»Es tut mir leid. Wir sehen uns morgen.«

 

Sie überlegte, drehte sich um und gab ihm ein Küsschen auf den Mund: »Sicher. Tatsuha ... Mach dir nicht zu viele Gedanken, okay? Es ist halb so schlimm.«

 

Mit einem so überzeugenden Lächeln wie möglich winkte er ihr nach, bis sie im Aufzug verschwunden war. Dann schloss er die Tür, lehnte sich an deren Innenseite und glitt langsam daran zu Boden.

 

War es das wirklich?

 

---

 

Es war fünf Uhr morgens und Yumas vernebeltes Gehirn fragte ihn eindringlich, ob es nicht vernünftiger war, das Bett zu vergessen und die verbleibende Stunde Schlaf auf dem Sitz der Straßenbahn Richtung Arbeit zu verbringen. Autofahren war in seinem Zustand sowieso vollkommen unverantwortlich. Mit einer Hand an die pochende Stirn gepresst taumelte er die Treppen zu seinem Apartmenthaus hoch, denn er hatte versucht, seinen Kummer in Alkohol zu ertränken, was im ersten Moment auch wunderbar geklappt hatte. Doch irgendwann war die selige Vergessenheit wieder der bitteren Realität gewichen und selbst der erneute Konsum einer ganzen Flasche Whiskey hatte ihn nicht mehr so betäuben können, dass er nicht mehr wusste, wie tief er im Schlamassel steckte.

 

Seine glänzenderen Stunden hatte er damit verbracht, Corey zu verfluchen, ihn und seine elende Wissbegierde, seine Insensibilität, seine Sturheit. Erst seit seines Einmischens schien die Lage zunehmend aussichtsloser zu werden, in den Tiefen seiner Seele war es Yuma jedoch schmerzhaft klar, dass niemanden die Schuld an der vertrackten Situation traf – niemanden, außer ihn selbst.

 

Nicht erst Coreys zufallsbedingte Intervention hatte die Gefahr mit sich gebracht. Sie war immer da gewesen und er hatte geglaubt, sich ihrer bewusst zu sein. Doch es war Selbstbetrug gewesen. Erst jetzt hatte er begriffen, was er vor einigen Monaten angerichtet hatte. Und dass es keinen Ausweg gab. Nicht jetzt, nicht vorher.

 

Mit Tatsuhas Entführung – und es war eine, egal wie gut es dem Jungen in Amerika auch gefiel – hatte Yuma sein Leben verspielt. Er wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die Bombe platzte und jetzt, ausgerechnet jetzt, bekam er Angst. Sein Verstand suchte nach einer Fluchtmöglichkeit, die nicht existierte und die dunkle Seite seines Menschseins manifestierte sich, wie damals am Flughafen.

 

Wieso lange darüber nachgrübeln? Mach dem Ganzen ein Ende! Hier und jetzt!

 

„Verschwinde“, dachte Yuma mürrisch, „Jedes Mal, wenn ich auf dich höre, gerate ich in Schwierigkeiten!“ Er schaffte es ohne schmerzhaften Bauchklatscher in den Aufzug und drückte den Knopf für das siebte Stockwerk.

 

Knall ihn ab und verscharr seine Leiche irgendwo im Central Park!

 

‚Oh ja, das ist wirklich hochoriginell. Was brächte das schon? Man würde ihn finden und mich auch noch wegen Mordes einbuchten!‘

 

Wie sollten sie ihn zu dir zurückverfolgen?

 

‚Viele Leute wissen von ihm. Und wenn herauskommt, dass er Eiri Uesugis Bruder ist, werden mit Sicherheit alte Bekannte ihr Maul aufmachen.‘

 

Die selbst großes Interesse daran haben sollten, unerkannt Gras über die Sache wachsen zu lassen.

 

Yuma schüttelte den Kopf, verließ den inzwischen angekommenen Aufzug und machte sich auf den Weg über den unverschämt schwingenden Fußboden zu seiner weit, viel zu weit entfernten Wohnungstür.

 

Es braucht nicht viel. Ein Schuss, eine Autofahrt keine halbe Stunde, eine Schaufel ...

 

‚Die Tat braucht nicht viel. Aber das Leben danach.‘

 

Feigling. Yuki hatte mehr Rückgrat.

 

‚Yuki ist tot.‘

 

Und er ist bis heute nicht gerächt. Feigling.

 

‚Seguchi und Eiri müssen inzwischen auf dem Zahnfleisch laufen. Wenn sie nicht gar am Verlust zerbrochen sind. Yuki ist gerächt.‘

 

Auge um Auge, Zahn um-

 

‚Wie oft wird dieses Zitat wohl noch als lächerliche Entschuldigung für ungerechtfertigtes Gemetzel missbraucht?‘

 

Ich bin deine Gedanken, also tu nicht so scheinheilig!

 

Es dauerte einige Minuten, um den Schlüssel zu finden, sowie weitere zehn, um das Schlüsselloch zu treffen und in seine Wohnung zu gelangen und er konnte sich währenddessen nicht weiter auf seine innere Stimme konzentrieren. Er beschwerte sich nicht.

 

Tatsuha indessen lag wach in seinem Bett und grübelte. Die Entdeckung, die er in Yumas Schlafzimmer gemacht hatte, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

 

Er erinnerte sich flüchtig, eine braune Mappe mit Otis‘ Namen und einigen Notizen auf dem Nachtschränkchen gesehen zu haben, doch was seine Aufmerksamkeit weitaus mehr auf sich gezogen hatte, war etwas völlig anderes gewesen. Er wusste selbst jetzt nach stundenlangem Kopfzerbrechen noch immer nicht, was er davon halten sollte.

 

Was hatte Yuma ausgerechnet mit ihnen zu schaffen?

 

Schwerfällig wälzte er sich auf die Seite und starrte durchs Fenster in den schwarzen Nachthimmel hinaus. Es war besorgniserregend. Möglicherweise wäre sein Fund sogar ein Grund für mehr gewesen, doch im Moment sah sich Tatsuha einem unlösbaren Paradox gegenüber, was ihn daran hinderte, einseitige Schlüsse zu ziehen. Oder überhaupt irgendwelche Schlüsse. Er war zu verwirrt dafür. Das Bild, das er sich über all die Zeit von Yuma gemacht hatte ...

 

War es echt?

 

Er runzelte die Stirn, wütend auf sich selbst. Natürlich war es echt, Yuma war immer ehrlich mit ihm gewesen, hatte ihm nie Honig ums Maul geschmiert oder anderweitig versucht, sich sein Vertrauen zu erschleichen. Im Gegenteil, jeder andere hätte sich von seinen denunzierenden Kommentaren schon längst in die Flucht schlagen lassen! Yuma war auf den ersten Blick unsozial, aber im Nachhinein der beste Freund, den er sich hatte wünschen können. Aber ... wenn er unterschwellige Motive für seine Gastfreundschaft hatte?

 

Ja, klar. Weil es auch gänzlich seine Schuld gewesen war, dass sich Tastuha damals praktisch als Handgepäck an sein Gelenk gekettet hatte und sich trotz der erheblichen Bemühungen, ihn loszuwerden, nicht hatte abschütteln lassen. Nein, er war ihm aus freien Stücken gefolgt, seine Anwesenheit hier hatte absolut nichts mit Yumas Geheimnis oder gar irgendwelchen dunklen Plänen zu tun. Sein Yuma war echt – und das war alles, was im Moment zählte.

 

Es musste für alles eine vernünftige Erklärung geben und Yuma würde sie ihm zugestehen, wenn die rechte Zeit gekommen war. Davon war er überzeugt.

 

Er versuchte, nicht daran zu denken, dass er dieselbe Entschuldigung stets auch für Eiris abweisendes Verhalten benutzt hatte.

 

Draußen klapperte die Eingangstür und Tatsuha zuckte heftig zusammen. Jetzt würde sich herausstellen, ob die Schnüffelei aufflog oder ob der Frieden gewahrt blieb.

 

Gespannt lauschte er somit Yumas unregelmäßigen Schritten, die an seinem Zimmer vorbeischlurften und am Treppenabsatz stehenblieben. War er betrunken? Welch ein Glück, in besoffenem Zustand würde er sicher nicht erkennen, ob sich etwas am Inventar geändert hatte und wenn er am nächsten Morgen mit einem Kater aufwachte, würde es sich ihm nicht mehr erschließen, ob er jene kleinen Veränderungen im Suff nicht selbst zu verantworten gehabt hatte! Tatsuha war plötzlich heilfroh, dass er Otis‘ Manuskript in der verblüfften Trance nicht mitgenommen hatte, denn eine solch grundlegende Veränderung hätte er nicht vertuschen können. Und Yuma machte keine Gefangenen, soviel stand fest.

 

Tatsuha hatte schon erleichtert aufgeatmet, verspannte sich jedoch unmittelbar, als die Schritte, die eben noch die ersten Stufen emporgestiegen waren, auf einmal wieder herunterkamen. Glühendheiße Panik entflammte seinen Rücken, als die Geräusche auf ihn zukamen und Yuma offensichtlich an seiner Zimmertür eine Pause einlegte.

 

Erwischt?

 

Nicht erwischt?

 

Erwischt?!

 

Hatte er etwas übersehen? Eine Laserfalle? Eine Überwachungskamera? Einen Spitzel hinter dem Bild im zweiten Stock?!

 

Schweiß brach auf seiner Stirn aus, als die Klinke heruntergedrückt wurde und die Tür mit einem leisen Quietschen aufschwang. Er war heilfroh, mit dem Gesicht abgewandt zu liegen, sodass Yuma denken musste, er würde bereits selig schlummern und vielleicht Gnade vor Recht walten ließ. Jedes Knistern unter Yumas Füßen brannte sich in seine Ohren, als er sich dem Bett näherte und eine Weile still daneben stehenblieb.

 

... Erwischt ...?

 

Nur eiserner Disziplin hatte er es zu verdanken, dass er bei dem anschließenden unangenehm vertrauten Geräusch nicht heulend aufsprang und sich vorzeitig verriet, indem er auf Knien um Verzeihung bettelte.

 

Dank Ryuichis Manager und Leibwächter hatte er schon gelegentlich das metallische Klicken beim Entsichern einer Pistole gehört und auch die wenig freudvolle Erfahrung als Ziel war ihm nicht ganz fremd. Aber als sich diesmal die Mündung einer Waffe an seinen Hinterkopf legte, spürte er eine seltsame, nie gekannte Beklemmung in seinem Magen aufsteigen.

 

Natürlich hatte er von Anfang an gewusst, dass sein Gastgeber, aus welchem Grund auch immer, eine Pistole besaß – inklusive des dazugehörigen Waffenscheins, vielen Dank – und es hatte ihn nie gestört. Wäre es Claude gewesen, der nun hinter ihm stand, er hätte nur provokant gelacht und trotzdem weiter von Ryuichi fantasiert. Claude schoss zwar scharf, aber er traf niemals ein Ziel, dass er nicht treffen wollte. Vielleicht war es deswegen die Tatsache, dass es Yuma war, der sie auf ihn richtete. Yuma war nicht Claude. Er alberte nie mit seiner Waffe herum.

 

Etwas an der Situation verstörte ihn zutiefst und mit jeder verstreichenden, totenstillen Sekunde wurde sein Angstschweiß realer. Und als er schon meinte, an dem eigenen angehaltenen Atem zu ersticken-

 

Verriet ihm ein weiteres Klicken und ein Rascheln, dass Yuma die Waffe gesichert und den Arm gesenkt hatte. Seine Stimme ertönte, leise, alkoholgeschwängert und trist, wie Tatsuha sie noch nie gehört hatte und ihm wurde schlecht.

 

„Ich wünschte, ich wäre nie in dieses verfluchte Land gereist. Dann hätte ich dich niemals kennengelernt und säße jetzt nicht in dieser gottverdammten Scheiße!“

 

Danach hörte Tatsuha nur noch, wie er wieder hinausschlich, die Treppe empor stolperte, sich im Bad erst eine Weile übergab und dann zu seinem Schlafzimmer kroch. Erst als die Tür ins Schloss fiel, erlaubte sich der Junge, unkontrolliert zu zittern und seine Finger in die Bettdecke zu krampfen.

 

Yuma hatte ihn mit einer Waffe bedroht. Es war kein Spaß gewesen oder sein typischer Sarkasmus, wenn er ihm mit dem Tode drohte. Yuma hatte ernsthaft in Erwägung gezogen, ihn im Schlaf zu erschießen.

 

Wie in Trance stand er auf und zog sich quälend langsam an.

 

Was hatte er getan, um Yuma zu einer solchen Aktion zu treiben?

 

Er wusste es nicht. Er wusste nicht mehr, was er von diesem Mann halten sollte. Aber er wusste, dass er plötzlich Angst hatte. Und dass er Yuma auf keinen Fall eine Gelegenheit geben wollte, es sich anders zu überlegen. Er musste weg.

 

Also packte er im Schneckentempo, weil sich seine Glieder anfühlten wie angenähter toter Hering, einige Sachen in seinen Rucksack, verließ sein Zimmer, durchquerte Wohnzimmer und Flur Richtung Ausgang, sah noch einmal unschlüssig zurück ...

 

Und verließ die Wohnung, die wie ein zweites Zuhause für ihn geworden war.

 

Oben im Schlafzimmer kniete Yuma ahnungslos an seinem Bett, halb darauf ausgestreckt, das Gesicht in verschränkten Armen vergraben.

 

Schließlich presste er hervor: „Es tut mir leid. Es tut mir leid, Yuki. Sein dreimal verfluchter Drecksack von einem Bruder hat dich umgebracht und hier hocke ich, unfähig, dasselbe zu tun!“ Sein ganzer Körper verkrampfte sich, als ein gebrochenes Schluchzen seiner Kehle entfuhr.

 

‚Aber ich kann’s einfach nicht.‘

Yuma schlürfte aufmerksam Kaffee und beobachtete den Eingang zum Heaven’s Den. Er brauchte nicht allzu lange zu warten, bis das Objekt seiner Begierde nach dem Erlöschen der letzten Lichter aus der kleinen Seitengasse trat und Anstalten machte, sich auf einen abgehalfterten Drahtesel zu schwingen. Mit einem kurzen Hupen erregte er genug Aufmerksamkeit, um es zum Stillstand zu bringen, stieg dann aus seinem Auto, lief über die Straße und grüßte freundlich: »Hallo, Grace! Wie geht’s?«

 

Grace lächelte ihn sonnig an: »Alles in Ordnung, danke. Aber was führt dich denn so spät noch hierher? Die Bar hat schon geschlossen, wenn du also auf einen Drink aus bist ...?« »Nah«, winkte er lässig ab, »ein Besäufnis macht es auch nicht besser.«

 

»Worum geht es denn?«

 

»Sag mal ... Mein Cousin kommt doch noch zur Arbeit, oder?«

 

Sein zögerlicher Tonfall verwunderte sie und sie legte irritiert den Kopf schief: »Was? Ja, natürlich! Wie kommst du darauf, dass er gekündigt haben könnte?« »Nicht direkt gekündigt«, seufzte er ratlos, »mehr so, dass er ... einfach nicht mehr kommt.«

 

»Ich habe erst heute mit ihm gesprochen. Ihm scheint’s völlig okay zu gehen, er ist auch nicht unmotiviert oder so. Du musst dir keine Sorgen machen. Aber ... warum machst du dir überhaupt Sorgen? Hat er was über das Den gesagt?«

 

»Nein. Schon gut. Danke für die Auskunft.«

 

Damit winkte er ihr zu und ging zurück zum Wagen. Sie zuckte mit den Schultern und schickte sich an aufzusteigen, er drehte sich aber noch einmal um und rief: »Ach, noch etwas! Weißt du zufällig, ob er Freunde hat, bei denen er übernachten könnte?« Sie schüttelte den Kopf, und so brummte er nur leise, wünschte ihr eine gute Nacht und trabte davon.

 

Auch sie setzte sich auf ihr Fahrrad und begann, in Richtung ihrer Wohnung davon zu radeln, als seine Stimme plötzlich dicht hinter ihr ertönte und sie beinahe vor Schreck das Gleichgewicht verlor. Sein Auto fuhr im Schritttempo neben ihr her und er fragte höflich: »Soll ich dich nach Hause bringen? Es ist schon spät. Oder besser gesagt, ziemlich früh. Nicht ganz ungefährlich für ein junges Mädchen.« Sie atmete tief durch und konzentrierte sich verbissen auf den Weg: »Nein, ich schaff es schon allein. Ich fahre hier fast jeden Tag und es ist nie was passiert. Trotzdem danke.«

 

»Wie du willst. Bis irgendwann.«

 

»Ja. Bis irgendwann.«

 

Also gab er Gas und bog um eine Ecke, um selbst nach Hause zu fahren. Es wäre besser, sich abzugewöhnen, nach der Arbeit noch durch die Gegend zu eiern, dachte er bei sich – es tat ihm nicht gut, noch mehr Schlaf einzubüßen, als ihm sein Job sowieso schon versagte. Andererseits kam es inzwischen wohl kaum mehr darauf an. Bald würde er wohl mehr Ruhe haben, als ihm lieb war.

 

Einige Tage waren nun schon vergangen, seit ihm bewusst geworden war, dass Tatsuha das sinkende Schiff verlassen hatte und er konnte sich diese recht kopflos anmutende Flucht nicht anders erklären, als dass er mitbekommen hatte, was er in seinem betrunkenen Zustand gesagt ... und getan hatte. Wenn der Junge ihn vorher als Heilsbringer verehrt hatte, musste er nun also herbe enttäuscht von ihm sein. Harmlos ausgedrückt. Und früher oder später würde er sich von dem Schrecken erholt haben und schnurstracks zur nächsten Polizeistation laufen, um die Beamten auf einen potenziellen Amokläufer aufmerksam zu machen.

 

Zum Glück warf Yuma der Gedanke nicht mehr aus der Bahn. Seit Tatsuhas Verschwinden war ihm täglich genug Zeit geblieben, sich für einen Weg zu entschieden und er war sich darüber klar geworden, dass er nicht kaltblütig genug war für einen Kampf. Das monatelange schlechte Gewissen hatte ihm beinahe den letzten Nerv geraubt und wenn er sich vorstellte, ein noch viel schlimmeres Verbrechen auszuüben und danach damit leben zu müssen, wurde ihm schon davon so übel, dass er sehr aktiv schlucken musste, um sein Armaturenbrett sauber zu halten.

 

Yuma hatte sich mit der Aufdeckung seiner Vergehen abgefunden.

 

Und seitdem ging es ihm entschieden besser! Er hatte einige organisatorische Dinge erledigt, wie dem Bestellen eines Gärtners für Yukis Grab, einem Anstandsbesuch bei Freunden, die er lange nicht gesehen hatte und vielleicht nie mehr sehen würde und der profanen Suche nach einem Nachmieter. Er hätte sich vorher auch gerne bei seinem Opfer entschuldigt, doch obgleich er nun wusste, wo sich Tatsuha versteckt hielt – der hauchdünne Schweißfilm auf Graces Stirn während des vorangegangenen Gesprächs war aufschlussreicher als ihr flunkerndes Lächeln gewesen – hielt er es für keine gute Idee, diesem Wunsch nachzugeben. Wenn er plötzlich bei Grace auf der Matte stand und Einlass verlangte, hätte sich Tatsuhas Vorstellung eines schießwütigen Psychopathen wahrscheinlich unangenehm verhärtet. Er wollte ihm nicht noch mehr Stress bereiten, als es seine idiotische nächtliche Kurzschlussreaktion sowieso schon getan hatte.

 

Yuma seufzte. Blieben noch Corey und ... Nun, sein Kollege würde es eh schon bald von anderer Seite erfahren, und so entschied er sich dagegen, ihm die Sache vorzeitig zu offenbaren. Ob er sich jetzt oder hinter einer Panzerglasscheibe die Beschimpfungen und Vorwürfe anhören würde, machte keinen Unterschied. Allerdings gab es jemand anderen, den er besser auf die trostlose Zukunft vorbereiten sollte – sie hatte es verdient, fair gewarnt zu werden.

 

Er zückte sein Handy und wählte Jessicas Nummer. Angesichts der Zeit wunderte es ihn nicht, dass es einer ganzen Weile und eines zweiten Anrufs bedarf, ehe sie sich bequemte, abzunehmen.

 

„Yu, du weißt, ich bin immer für dich da, wenn Not am Mann ist“, ertönte es krächzend aus dem Hörer, „aber glaub nicht, dass du mich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett scheuchen kannst und ungestraft davonkommst.“ Mit einem schuldbewussten Kichern entgegnete er: „Tut mir so leid, Prinzessin. Und das, obwohl du deinen Schönheitsschlaf doch so dringend nötig hast!“

 

„Ich bin grad echt nicht zum Scherzen aufgelegt. Was willst du?“

 

„Ich hab mir nur gedacht, dass wir uns schon lang nicht mehr gesehen haben.“

 

„Nun, woran das wohl liegen mag? Sicher nicht an einem gewissen Arbeitstier, das sich lieber mit Kollegen als mit Freunden umgibt!“

 

„Ich weiß, ich hatte einfach viel zu tun. Deswegen rufe ich ja an. Ich würde dich gerne mal wieder sehen.“

 

„... Und das konnte echt nicht bis morgen warten?“

 

„Nö.“

 

Ein frustriertes Stöhnen drang in sein Ohr und er lachte leise. „Na schön“, murmelte sie verschnupft, „übermorgen hab ich frei. Du wirst mich um Punkt neun Uhr abholen. Dann werden wir zusammen frühstücken, dann gehen wir einkaufen, dann gehen wir spazieren, dann gehen wir Mittag essen, dann gehen wir wieder spazieren, dann gehen wir in den Vergnügungspark und zum Abschluss lädst du mich zu Kino und Dinner ein.“ „Woah“, platzte es aus ihm heraus, „einen ganzen Tag?! Ich dachte eher an einen beschaulichen Abend bei dir.“ „Schlag ein oder lass sein“, ertönte es kalt. Erneut lachte er, obwohl verlegener Schweiß auf seiner Stirn ausbrach: „Oh Mann, du setzt mir hier echt die Pistole auf die Brust, ist dir das klar?“ Umgehend weckte das Bild unschöne Erinnerungen an seinen immens überflüssigen Fauxpas und er biss sich kleinlaut auf die Zunge, ehe er betroffen den Kopf senkte und leise fortfuhr: „Okay, abgemacht. Ist wahrscheinlich auch besser, wenn wir viel Zeit haben. Ich habe dir nämlich etwas mitzuteilen.“ Auf einmal klang sie sehr aufmerksam: „So förmlich? Was gibt es denn so Weltbewegendes?“

 

„Nicht jetzt, ich versprech dir, übermorgen erzähle ich dir alles.“

 

„Yu.“

 

„Gute Nacht, Jess.“

 

„Yu, du-“

 

Er legte auf, ehe sie den Satz beenden konnte und seufzte nochmal. Es würde nicht leicht werden, aber wenn er dieses Treffen unterhaltsam genug gestaltete, würde es ihm später vielleicht leichter fallen, loszulassen. Denn wenn es ihm um etwas besonders leid tat, dann war es seine Freundschaft zu Jessica.

 

---

 

Grace fiel stöhnend mit der Tür ins Haus, erleichtert, endlich die eigenen vier Wände erreicht zu haben, streifte sich die Jacke ab und verfehlte unachtsam den Garderobenhaken, was sie jedoch nicht bemerkte. Stattdessen schlenderte sie gramgebeugt ins Wohnzimmer.

 

»Yo«, grüßte sie ihr neuer Untermieter, der sich leger auf der Couch fläzte, sofort strahlend, wurde bei ihrem Anblick dann aber schlagartig ernst, »Meine Güte, wie siehst du denn aus? Hast du ‘nen Geist gesehen?« »Schlimmer«, erwiderte sie und ließ sich zu seinen Füßen aufs Sofa sinken, »Yuma hat mich erwischt und ausgefragt. Ich hab mein Bestes gegeben, aber ich glaube, er weiß es – er wollte mich nach Hause fahren. Vielleicht hat er gehofft, einen Blick in meine Wohnung werfen zu können. Ich könnte schwören, dass ich noch immer seine Präsenz im Nacken fühle. Hoffentlich ist er mir nicht gefolgt und bespitzelt uns jetzt von irgendwo.« Tatsuha lachte laut auf: »Nein, keine Sorge, Yuma ist ganz einfach ein Kavalier. Einer Frau nicht wenigstens eine Mitfahrgelegenheit anzubieten verstößt gegen seinen Ehrenkodex!«

 

Richtig. Yuma war zuvorkommend. Rücksichtsvoll. Höflich.

 

Sein Lachen verstummte und er sah bedrückt zu Boden, ehe er den Kopf schüttelte, aufsprang und in die Küche ging, um seiner Freundin einen Kaffee zuzubereiten.

 

Grace sah ihm erschöpft nach. Ihr gefiel die Geheimniskrämerei nicht, doch wollte sie ihm auch nicht vorschreiben, wie er die Beziehung mit seinem Vetter zu führen hatte. Sicher war nur, dass sie sich richtig gestritten haben mussten, wenn selbst der ausgekochte Tatsuha erstmal einen gewissen Abstand benötigte.

 

Es war Tage her, seit er in den frühen Morgenstunden völlig aufgelöst vor ihrer Tür gestanden und um Einlass gebeten hatte und es war fast unheimlich gewesen, wie er sich für den Rest der Nacht und den gesamten langen Vormittag selbst in einem unruhigen Schlaf noch an sie geklammert hatte. Es war so untypisch für den sonst so forschen jungen Mann gewesen, dass sie ihn kurzerhand bei Shannon entschuldigt und seine Arbeit mit übernommen hatte. Sie fragte sich wirklich, was zwischen den beiden vorgefallen sein mochte, um ihn so neben sich stehen zu lassen.

 

Doch ihr Freund hatte an dem Morgen kein Wort zu ihr gesagt und auch, als sie ihn nach ihrer Heimkehr danach gefragt hatte, war er kurz angebunden gewesen und hatte zur Ablenkung mehr als üblich herum gewitzelt. Allerdings war sie froh darüber gewesen, dass er sich anscheinend wieder beruhigt hatte, sodass sie nicht zu eindringlich um Aufklärung gebeten hatte. Tatsuha ging es besser, das war im Moment alles, was zählte.

 

Als sie eine Stunde später frisch geduscht und zufrieden schlummernd in seinen Armen lag und er sich vom Fernsehprogramm berieseln ließ, schweiften seine Gedanken notgedrungen zurück zu der schicksalsträchtigen Nacht. Dank Graces Unterstützung hatte er Zeit gehabt, über die ganze groteske Situation nachzudenken.

 

War dieser Vorfall wirklich geschehen?

 

Yuma hatte ihn mit einer Pistole bedroht – allein der Gedanke klang abstrus in seinen Ohren. Sie kannten sich inzwischen so lange. Natürlich, Yuma drückte ständig in den verschiedensten Begebenheiten sein Missfallen aus, aber das war es eben.

 

Yuma sagte, wenn ihm etwas nicht gefiel.

 

Er schlug ihm auf den Kopf, boxte ihm in die Rippen, stellte ihm ein Bein oder nahm ihn in den Schwitzkasten, wenn er sich mal wieder eine übertriebene Unverschämtheit erlaubt hatte.

 

Aber er tat nichts, was ihm wirklich, wirklich Schmerzen zugefügt hätte. Das war einfach nicht sein Stil. Yuma war direkt. Höflich, aber direkt. Schonungslos direkt. Die fast feige anmutende Vorgehensweise in dieser bestimmten Nacht passte überhaupt nicht zu ihm. Und je intensiver Tatsuha darüber nachdachte, desto uneiniger wurde er sich darüber, ob alles tatsächlich so abgelaufen war, wie er es in Erinnerung hatte.

 

Schließlich hatte er nichts gesehen. Seine Einschätzungen basierten auf Geräuschen und Yumas Satz, den er ihm zugeraunt hatte. Vielleicht hatte er überreagiert. Möglicherweise war alles nur halb so schlimm gewesen. Yuma hatte sich im sturzbesoffenen Zustand über irgendetwas geärgert und es an ihm ausgelassen, womöglich noch nicht einmal bewusst. Und er hatte viel zu viel hineininterpretiert.

 

Weil er das Schlafzimmer gesehen hatte.

 

Richtig. Die unheilvolle Entdeckung musste es gewesen sein, die seine Nerven in einen so angespannten Zustand versetzt hatte, dass sie bei der kleinsten Belastung geborsten waren.

 

Nun, es war nicht wirklich die kleinste gewesen. Jemandem eine Knarre an den Kopf zu halten, war nicht unbedingt die feinste englische Art. Aber negierte ein einziges Fehlverhalten wirklich monatelange Liebenswürdigkeit?

 

Wenn man im Falle von Yuma von Liebenswürdigkeit sprechen konnte.

 

Doch. Doch, Yuma war liebenswürdig. Etwas barsch, grob und aufbrausend, aber nichtsdestotrotz liebenswürdig. Er hatte ihn durchgefüttert, ein Dach über dem Kopf gegeben, seelische Unterstützung geboten, wo er sie nicht vermutet hatte. Und allem voran hatte er ihm die Möglichkeit gegeben, nach Amerika zu fliegen.

 

... Warum hatte er ihn mitgenommen? Jetzt, nach so langer Zeit, hatte Tatsuha erstmals eingehend darüber nachgedacht. Bisher war er davon ausgegangen, dass es seine eigene aufdringliche Art gewesen war, die ihm Zugang zum Land seiner Träume verschafft hatte. Aber Yuma war nicht der Typ, der sich von einem quengelnden Balg zu irgendetwas drängen ließ.

 

Jetzt glaubte Tatsuha, zu wissen, warum.

 

Yuma kannte Eiri und Tohma. Soviel war sicher. Die Dämonischen Drei hatten irgendeine Verbindung zueinander – und nicht unbedingt eine freundschaftliche. Tatsuha war sich sicher, dass es sich dabei um die Vorkommnisse mit seinem Bruder vor sieben Jahren handeln musste, was bedeutete, dass Yuma wusste, was passiert war. Und offensichtlich noch immer ziemlich erzürnt darüber war. Und darin lag das Problem.

 

Tatsuha fürchtete sich vor Yuma.

 

Sein Gastgeber war ein Mann, der seine beiden Brüder nicht sonderlich mochte, vielleicht sogar ... hasste. Und doch ließ er es zu, dass Tatsuha ihm in ein anderes Land folgte.

 

Der Junge fuhr sich zähneknirschend durchs Haar. Musste das wirklich etwas heißen? Er selbst hatte schon oft beim Bogenschießen in der Schule auf Tohmas imaginären Kopf geschossen oder gegen Eiris Autoreifen getreten. Sie waren nicht sonderlich liebenswert. Das hieß aber noch lange nicht, dass er sie nicht liebte.

 

Yumas Kooperationsbereitschaft schlug die Eventualität nicht aus, dass es sich bei Tatsuhas Leben in den USA um eine Verschwörung handelte.

 

Er hatte Yuma auf dem Konzert kennengelernt. Noch dazu auf der Flucht vor Eiri.

 

Yuma kannte die beiden, wie gut, konnte er nicht mit Gewissheit sagen. Was, wenn Yuma sich einen Spaß daraus gemacht hatte, ihn zu verpetzen?

 

Und Eiri und Tohma dann so wütend gewesen waren, dass sie einstimmig beschlossen hatten, ihn für eine Weile in seine Obhut zu zwängen, um selbst etwas Abstand von seiner Erziehung nehmen zu können? Urlaub, sozusagen.

 

Tatsuha erschauerte so stark, dass Grace unzufrieden grunzte.

 

Aber war ein Exil in Amerika nicht eine etwas zu übertriebene Erziehungsmaßnahme?

 

Er ließ es sich durch den Kopf gehen – und kam zu dem Schluss, dass es bei diesen Dreisten Drei durchaus möglich war. Es erklärte Yumas Freundlichkeit trotz der angespannten Beziehung zu seiner Familie. Das würde auch bedeuten, dass er ihn gegen seinen Willen am Hals hatte, aber möglicherweise dazu gezwungen wurde, ihn einigermaßen zuvorkommend zu behandeln.

 

Tatsuha runzelte angesäuert die Stirn. Er hätte es vorgezogen, ehrlich von Yuma gemocht zu werden. Warum war ihm Yumas Zuneigung so wichtig?

 

Ach ja. Er hatte ihn ja zu einem seiner Anikis auserkoren. Typisch für ihn, sich die Komplizierten herauszupicken.

 

Er zog Grace fester an sich und rutschte tiefer in die Polster der Couch hinein. Sein Schädel pochte vom vielen Denken und so entschloss er sich, noch eine weitere ruhige Nacht darüber zu schlafen. Auch wenn die Umstände rätselhaft waren, war zumindest eins ganz klar.

 

Yuma konnte ihm einen Teil, wenn nicht alles, über Eiris traumatisches Erlebnis damals in New York berichten.

 

Es blieb abzuwarten, ob sich Tatsuha dazu würde durchringen können, seinen Mann zu stehen und ihn danach zu fragen.

 

---

 

Yuma lachte sich amüsiert ins Fäustchen, als er dabei zusah, wie Jessica sich beinahe dabei überschlug, die Straße schneller zu überqueren, als es Ampeln und Verkehr zuließen. Sie warf sich, nachdem sie fast einem Opa den Krückstock aus der Hand getreten und nahezu über einen Kinderwagen gefallen war, überglücklich in seine Arme und versuchte, ihm einen Kuss zu stehlen, was er jedoch mit einer leichten Kopfbewegung verhinderte. „Mach mal halblang“, lachte er und klopfte ihr beruhigend auf den Rücken, „du tust ja gerade so, als wäre ich von einer mehrjährigen Expedition zurückgekehrt! Und am Telefon hast du dich noch so angehört, als wenn du mich unter die Schienen eines Schaufelradbaggers wünschen würdest!“ Sie ließ ihn los und boxte ihm schmollend in die Rippen: „Oh, verzeih, dass ich vor Freude keine Luftsprünge mache, wenn man mich um vier Uhr morgens aus der Tiefschlafphase klingelt, du Mimose! Ich war todmüde, Mann!“ Flink ordnete sie ihre durcheinandergewirbelten Haare: „Und wenn ich dich daran erinnern muss, es ist fast zwei Monate her, seit wir was zusammen gemacht haben, geschweige denn, etwas alleine zusammen gemacht haben. Alles, an was du denkst, ist Arbeit, Arbeit und mehr Arbeit!“

 

„‘tschuldige.“

 

Ihre Stimme enthielt pure Barmherzigkeit: „Ach, schon gut. Ich kenn euch Jungs ja. Ganz der öffentlichen Ordnung verschrieben. Aber sag, was hat dich geritten, einen Gedanken an deine arme, vergessene Freundin zu verschwenden?“ Mit einem verlegenen Schmunzeln reichte er ihr den Arm, den sie widerspruchslos ergriff: „Ich gebe zu, ich bin manchmal wohl ... zu vertieft in meine Aufgaben. Ich gelobe Besserung.“ Er konnte ihr schlecht sagen, dass ihm seine Schuldgefühle jedes Mal das Leben zur Hölle machten, wenn er nach Hause kam und in Tatsuhas bewundernde und völlig ahnungslose Augen blickte. Wie der Junge einen suspekt handelnden Fremden so dermaßen hoch achten konnte, war ihm ein Rätsel. Obwohl sich dieser Umstand inzwischen wohl ein für allemal erledigt hatte.

 

Warum schmerzte der Gedanke, seinen unfreiwilligen Untermieter enttäuscht zu haben, so sehr? Es hätte ihm gleichgültig sein müssen, schließlich war Tatsuha nichts weiter als ein Mittel zum Zweck. Doch wie so Vieles in dem schlecht durchdachten Plan war auch das Bemühen um Abstand gründlich schiefgegangen.

 

„Hey, Yu. Geht es dir nicht gut? Du siehst blass aus.“

 

Er schreckte auf und starrte auf Jessica hinunter, die ihn besorgt musterte.

 

Es würde bald vorbei sein. All die Selbstvorwürfe, Zukunftsängste und insbesondere die inneren Stimmchen würden schon bald verstummen.

 

Yuma lächelte erlöst: „Es ist nichts. Lass uns diesen Tag genießen. Wo, sagtest du, möchtest du frühstücken?“

 

Und sie genossen wahrhaftig. Jessica fragte zwar immer und immer wieder misstrauisch, wo ihr Begleiter ihren alten, muffigen Yuma gefangen hielt, doch sie kam nicht umhin, die seltene gute Laune ihres Freundes in vollen Zügen auszukosten.

 

Nach einem besonders üppigen Frühstück wandelten sie Hand in Hand, worauf sie bestand und er zur Abwechslung nichts einzuwenden hatte, durch den Central Park. Selbst das Wetter meinte es gut mit ihnen, denn nach einer trüben, ungemütlichen Regenwoche zeigte sich der Herbst an diesem Tage von seiner schönsten Seite. Goldene Sonnenstrahlen fielen durch das bunte Laubwerk der Bäume und strahlten auf die leichte Wellen schlagende Oberfläche des Sees, an dessen Ufer sie entlang schlenderten.

 

Plötzlich hielt Jessica an und seufzte. Yuma wusste automatisch, an was sie dachte, denn sie standen in der Nähe einer prächtigen Trauerweide, deren Äste weit über das Wasser reichten und sich darin spiegelten und sein Herz wurde schwer. Andächtig ging sie näher heran und legte eine Hand an den rauen Stamm: „Einer seiner Lieblingsplätze. Wir haben oft ganze Abende hier verbracht. Gelacht. Getrunken. Picknicke gehalten. Und mehr gelacht.“ „Hm“, machte Yuma und sah verträumt an dem Baum hoch, „ich kann nicht glauben, dass es tatsächlich schon sieben Jahre her ist. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich erst gestern mit ihm gesprochen.“ Sie lachte leise in eine Hand: „Geht mir genauso.“

 

Dann wurde sie ernst: „Doch dann wache ich auf und ... alles ist beim Alten. Aber weißt du, wenn ich mit dir zusammen bin, dann verliert die Realität an Bedeutung. Mit dir fühle ich mich nicht allein.“ Er senkte betroffen den Blick, was sie zum Glück nicht bemerkte, weil sie einige Ponysträhnen zwischen ihren Fingern nach vorne strich und mit einem kritischen Stirnrunzeln begutachtete: „Während deiner Japanreise habe ich noch einige graue Haare mehr bekommen! Als wenn mich der Gram über seinen Tod nicht schon genug hätte altern lassen! Wehe, du tust mir das nochmal an, Yu! Das nächste Mal, wenn du zurückkehrst, erwartet dich vielleicht nicht mehr als eine schrumpelige Mumie!“

 

Mühsam schluckend massierte er sich unruhig den Nacken. Sie machte es ihm nicht leicht. Wie sollte er ihr die Situation nur schonend beibringen?

 

Melancholisch lächelnd legte er ihr einen Arm um die Schultern und zog sie auf den Weg zurück: „Jess, du übertreibst. Du bist vollends imstande, dein Leben ohne meine Hilfe zu meistern.“ Doch sie grinste überheblich zu ihm empor: „Dass ich es kann heißt nicht, dass ich will!“ Ob seiner großen Augen streckte sie ihm kess die Zunge heraus, ehe sie ohne Vorwarnung lossprintete: „Der Letzte zahlt das Mittagessen!“ „Hey“, rief er überrumpelt hinterher, ließ langsam den Arm sinken und sah traurig aufs Wasser.

 

Nein, sie machte es ihm wirklich nicht leicht.

 

Natürlich verlor er das Rennen, teils aus voller Absicht, teils auch, weil sie keine annähernd unsportliche Frau war und durchaus einen routinierten Sprint einlegen konnte. Beim anschließenden Einkaufsbummel zeigte er sich ebenfalls nicht nur sehr spendabel, sondern bewies zur Abwechslung eine Engelsgeduld, als sie immer neue Kleider, Blusen und Hosen anprobierte, die er selbstverständlich alle zu begutachten und bewerten hatte. Seltsam, wie eine sonst eher lästige, öde Aufgabe auf einmal Spaß machen konnte.

 

Trotzdem war er mehr als dankbar, als sie nach einer Ewigkeit anmutenden Stunden endlich ihre erbeuteten Schachteln und Tüten zur vorläufigen Aufbewahrung in einem öffentlichen Schließfach verstaute, bevor sie sich auf den Weg zum Vergnügungspark machten. Er hatte schon lange keinen mehr besucht und ohne Jessicas ausdrücklichen Wunsch wäre er sicher nicht auf die Idee gekommen, es mal wieder zu tun. Doch nun benahmen sie sich beide beinahe wieder wie Kinder, als sie freihändig Achterbahn fuhren, verzweifelt versuchten, ihr schmelzendes Softeis mithilfe ihrer Zungen am Kleckern zu hindern oder sich strahlend mit den verschiedenen Maskottchen des Parks ablichten ließen.

 

Und wie Kindern, denen selbst stundenlanger Aufenthalt auf dem Spielplatz noch zu kurz erschien, kam auch für Yumas Geschmack der Abend viel zu früh.

 

Er lud Jessica in ein recht teures Restaurant ein, welches sie schon seit längerer Zeit hatte besuchen wollen. Es wäre ihm lieber gewesen, ihr die wenig berauschenden Zukunftsaussichten daheim unter vier Augen zu eröffnen, nur für den Fall, dass sie es nicht so gefasst aufnehmen würde, wie er hoffte, doch ein perfekter Tag wie dieser musste eben auch zu einem perfekten Ende gebracht werden. Oder zumindest so perfekt wie möglich. Und dazu war ein feines Lokal besser geeignet als die eigenen, gewöhnlichen vier Wände.

 

Er wählte ein abgeschiedenes, ruhiges, gemütliches Eckchen, um wenigstens eine notdürftige Privatsphäre zu haben und ließ sich dankend auf dem Stuhl nieder, den ihm einer der Ober zurechtrückte. Jessica tat es ihm gegenüber gleich und nachdem sie sich Getränke bestellt hatten und unter sich waren, seufzten sie simultan.

 

Verblüfft sahen sie sich an und kicherten. Jessica fragte belustigt: „Bist du etwa schon kaputt? Kommst langsam in die Jahre, was?“ „Musst du gerade sagen“, grinste er zurück, „Ich bin wohl kaum der Einzige, dem die Füße abfaulen! Oder glaubst du, ich bekäme nicht mit, wie du sie unterm Tisch massierst?“ Leicht errötend zog sie die Hände unter der Tischdecke hervor, um die Arme trotzig vor der Brust zu verschränken: „Ich bin nur ... vorhin vor einen Stein getreten! Ich könnte noch meilenweit laufen, wenn’s sein muss!“

 

„Wie du meinst, Großmutter.“

 

„Sei nicht so vorlaut, sonst bestell ich mir dreimal Dessert auf deine Rechnung!“

 

„Oje, nicht nur lahm, sondern auch fett!“

 

Sie stemmte schmollend einen Handballen unters Kinn und starrte übertölpelt zur Seite, um nicht dabei zusehen zu müssen, wie er sich ins Fäustchen lachte.

 

Als wenig später Wein und Karten aufgetischt worden waren, hob er ihr entschuldigend sein Glas entgegen: „Auf einen wundervollen Tag zu zweit.“ Und nach kurzem Überlegen fügte er noch hinzu: „Auf dass er uns für immer im Gedächtnis bleiben wird.“ Sie stieß verschmitzt grinsend an: „Keine Sorge, ich werde deine Großzügigkeit nicht so schnell vergessen. Möglicherweise komme ich sogar eines Tages darauf zurück.“

 

---

 

Tatsuha schaltete sein Motorrad aus und lehnte sich seufzend ein Stück zurück, um am Gebäude hoch zum Balkon von Yumas Wohnung emporzublicken. Herzukommen hatte ihn einiges an Überwindung gekostet und noch immer war das mulmige Gefühl in seiner Magengrube nicht ganz abgeklungen. War er wohl sehr sauer auf ihn? Grace behauptete zwar, dass er ziemlich gefasst gewirkt hatte, als er sie vor der Bar aufgesucht hatte, aber er war sich darüber im Klaren, dass er ein Mädchen niemals bedrängen oder gar bestürmen würde, selbst wenn in ihm ein Jahrtausendgewitter wütete.

 

Den Kloß im Hals herunterschluckend stieg er ab, um langsam wie eine halb bewusstlose Schildkröte durch den Haupteingang zu schleichen und sich dem Aufzug zuzuwenden.

 

Nach kurzer Überlegung entschied er sich aber für die Treppen, ganz einfach weil sie ihn beim Aufstieg mehr Zeit kosten würden. Einen Feigling schimpfte er sich, während er die zahlreichen Stufen erklomm.

 

War er nicht auf der Suche nach Antworten? Sollte er nicht regelrecht darauf brennen, Yuma nach all den seltsamen Geschehnissen auszufragen? Die ganzen letzten Tage hatte er davon geträumt, ihn auf dem heißen Stuhl schmoren zu sehen und endlich auf denselben Wissensstand gehoben zu werden wie alle anderen.

 

Die einzige Schwierigkeit war es, Yuma zum Reden zu bringen. Und das war ein große Schwierigkeit. Gewaltig, um nicht zu sagen.

 

Mit entschlossenem Zähneknirschen beschleunigte Tatsuha seinen Schritt – er war sich sicher, dass es die Sache wert war.

 

‚Also reiß dich zusammen, Mann, und lass es drauf ankommen! Er wird dir sicher nicht gleich das Herz rausreißen. Wenn du ihm alles in Ruhe erklärst, wird er dich vielleicht sogar nur ein wenig verdreschen. Wegen dem Schlafzimmer und so.‘

 

Er schrumpfte wieder ein wenig in sich zusammen. Um an Antworten zu kommen, musste er Yuma gestehen, dass er das Innere seines Schlafzimmer gesehen hatte. Aber wenn sie sich wie Erwachsene darüber unterhielten, konnte es so schlimm nicht werden, richtig ...?

 

Das Problem dabei war, dass Yuma in ihm nun wahrscheinlich keinen Erwachsenen mehr sah, womöglich nicht mal einen Gleichberechtigten, sondern einen Teenager, der die simpelsten Regeln missachtete.

 

Tatsuha drehte sich um und lief einige Stufen hinab, überlegte, drehte sich erneut um und schlurfte sie wieder hinauf. Dann blieb er stehen und ballte eine Faust.

 

‚Hey, warum bin ich eigentlich der Einzige, der hier Gewissensbisse hat?! Was ist mit ihm? Sollte es ihm nicht leid tun, mir so einen Schrecken eingejagt zu haben?!‘

 

Derart ermutigt, beschleunigte er das Tempo. Genau, sie standen sich völlig gleichwertig gegenüber! Auch Yuma hatte Grenzen übertreten und war unerlaubt in sein Zimmer gekommen! Ha!

 

Mit dem Unterschied, dass er es ihm niemals verboten hatte.

 

Den erreichten Absatz nutzte er, um deprimiert auf alle Viere zu sinken. Er war und blieb also nach wie vor der Übeltäter ...

 

Es dauerte einige Minuten, ehe er sich wieder tapfer am Geländer hochzog und sich redlich bemühte, eine positive Einstellung zu bewahren. Was konnte Yuma schon mit ihm anstellen? Er war auch nur ein Mensch! Zur Not würde er sich schon angemessen verteidigen können, immerhin war er selbst kein Schwächling! Und als letzten Ausweg gab es ja noch die Fenster!

 

Die nur einige Dutzend Meter in die Tiefe führten.

 

Tatsuha kletterte weiter, nachdem er sich mit einem beherzten Schlag auf beide Wangen Mut gemacht hatte. Er weigerte sich, sich weiter Gedanken zum bevorstehenden Urknall zu machen und schaltete das Gehirn vorübergehend aus.

 

Bald darauf öffnete er vorsichtig die Tür zum siebten Stockwerk und glitt lautlos in den leeren Flur. Wie ein nicht ganz erwarteter nächtlicher Besucher presste er sich an den Wänden entlang zu Yumas Wohnungstür. Dummerweise hatte er bei seinem überhasteten Auszug vergessen, einen Schlüssel mitzunehmen, sodass er nun vor verschlossenen Toren stand und ihm nichts anderes übrigblieb, als ordnungsgemäß um Einlass zu bitten. Was bei einem bewaffneten Bewohner wahrscheinlich auch erheblich klüger war.

 

Er schluckte ein letztes Mal und klopfte zaghaft.

 

Nichts rührte sich. Unbewusst atmete er auf und klopfte etwas nachdrücklicher. Vielleicht hatte er Glück und Yuma war außer Haus. Andererseits bedeutete das, dass er sich ganz umsonst herbemüht hatte – und bemüht im wahrsten Sinne des Wortes!

 

Noch immer erhielt er keine Antwort. Zum dritten Mal hob er die Hand, schließlich waren es aller guten Dinge. Wenn auch diesmal niemand reagierte, hatte es wohl nicht sein sollen und er konnte zu Grace zurückkehren im guten Gewissen, seiner Pflicht von Bemühen um Waffenstillstand nachgegangen zu sein.

 

»Kann ich helfen?«

 

Tatsuha entfuhr ein wenig maskuliner Schrei, was wiederum Otis dazu veranlasste, entsetzt zusammenzufahren und dabei eine von zwei gut bestückten Einkaufstüten fallen zu lassen. Wortlos starrte er den entsetzt an die Wand gepressten Jungen an und blinzelte schließlich perplex: »Ähm ... Ich muss wohl nicht fragen, ob ich dich erschreckt habe. ‘tschuldige.« Tatsuha ließ die hastig eingeschnappte Luft beim Ausatmen entweichen und krächzte etwas schrill: »Kein Problem! Ich dachte nur ... Ich dachte, Sie wären ...«

 

»Kitazawa?«

 

»... Ja.«

 

Otis kratzte sich verlegen am Kopf: »Hattet ihr Streit? Es tut mir wirklich furchtbar leid, ich hab dich seit ... Naja, seitdem nicht mehr gesehen. Ich meine, ich habe kein Geschrei oder so gehört und dachte, alles wäre gutgegangen, aber anscheinend ist doch was passiert, oder? Kitazawa ist total gereizt und du warst einfach verschwunden. Hab schon befürchtet, er hätte dich gelyncht und deine Leiche irgendwo verscharrt!« Sein anschließendes Lachen klang gezwungen und Tatsuha merkte, dass er sich wirklich Vorwürfe wegen des Vorfalls machte, deshalb richtete er sich auf und lächelte beschwichtigend: »Machen Sie sich keine Sorgen. Das ist nicht wegen Ihnen, ich hatte nur was zu erledigen, hatte echt nichts damit zu tun.« Erleichterung strahlte in Otis‘ Augen auf: »Oh? Das beruhigt mich sehr. Aber warum stehst du jetzt hier wie bestellt und nicht abgeholt?«

 

»Ich hab blöderweise meine Schlüssel vergessen. Ist Yuma nicht da?«

 

»Nee. Der ist heute Morgen ganz früh weggefahren. Ich glaube, er trifft sich mit seiner Freundin, dieser Logan. Wollten sich ‘nen schönen Tag machen oder so.«

 

Tatsuhas Augenbraue zuckte. Was erlaubte sich Yuma eigentlich?! Hier stand er, fast wahnsinnig vor Selbstvorwürfen und Todesangst und dieser egoistische Mistkerl vergnügte sich mit Jessica?!

 

»Das ist ... sehr aufschlussreich. Danke, Herr Walsh.«

 

Der Nachbar wies auf den Aufzug: »Also, wenn du eh nicht reinkommst, kannst du gern bei mir warten, da bekommst du auf jeden Fall mit, wenn er wiederkommt.« Doch Tatsuha wehrte ab: »Nein, schon okay. Ich warte lieber direkt hier. Es kommt eigentlich ganz gelegen, ich würde gern eine Weile allein sein. Trotzdem danke.« »Kein Problem«, Otis zuckte mit den Schultern und kramte in einer Tüte, um ihr ein buntes Päckchen zu entnehmen und es Tatsuha in die Hand zu drücken, »Hier, beim Bäcker um die Ecke gab es Kostproben umsonst. Ich wollte sie Kitazawa vor die Tür stellen, aber wenn du tatsächlich auf ihn warten willst, wirst du Wegzehrung brauchen. So wie der sich vorbereitet hat, kann‘s ziemlich lange dauern, bis sie miteinander fertig sind. Probier die Erdbeertörtchen, sind sehr delikat.«

 

---

 

„Und dann“, Jessica schluckte den Bissen herunter, ehe sie entrüstet neu ansetzte, „Und dann hat mir dieses Rotzgör doch glatt weismachen wollen, es sei im Auftrag seines Vaters gekommen! Als ob ihm jemand so einen Schwachsinn abnehmen würde! Sehe ich dumm aus, Yu? Tu ich das?! Ich meine, ich habe jahrelang daran gearbeitet, mir einen guten Ruf aufzubauen und immer wieder verirren sich solche scheele Gestalten in meinen Laden! Als würde ich jedem dahergelaufenen Vollidioten Waffen verhökern!“ Mit einem verständnislosen Kopfschütteln säbelte sie aufgebracht an ihrem Fisch herum: „Spinner laufen draußen rum, das gibt’s gar nicht! Erst letzte Woche ...“ Sie brach ab und hob misstrauisch die Augenbrauen: „Hörst du mir überhaupt zu?“

 

Yuma schreckte vom Steak auf, in dem er geistesabwesend herum gebohrt hatte und bemühte sich, seinen schuldbewussten Gesichtsausdruck mit der Hand, auf die er sich stützte, zu verdecken: „Hm? Oh ja, sicher! Was hat sie ihm denn geantwortet?“ Jessica verzog das Gesicht zu einer irritierten Grimasse und schüttelte dann seufzend den Kopf: „Das Thema hatten wir vor zehn Minuten, Yu. Und ich hielt es für abgeschlossen. Du hast kein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe, oder?“

 

„Verzeih.“

 

„Ach, schon gut. Ich hätte mir denken können, dass zwölf Stunden traute Zweisamkeit zu viel für dich sind. Woran denkst du? An die Arbeit morgen oder die Arbeit übermorgen?“

 

Yuma holte Luft, ließ sie wieder entweichen, zögerte und entschied sich schließlich für die Wahrheit. Er tupfte sich die Mundwinkel mit seiner Serviette sauber, obwohl er nur einen kleinen Teil seiner Mahlzeit verzehrt hatte, warf sie kraftlos zur Seite und strich sich durchs Haar: „Erinnerst du dich daran, dass ich dir etwas Wichtiges mitteilen wollte? Ich denke nicht, dass jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen wäre, aber ich war noch nie sonderlich gut darin, den richtigen Takt zu finden.“ Interessiert horchte sie auf und aus irgendeinem Grund begannen ihre Augen zu leuchten: „Hm, wenn du willst, können wir noch etwas damit warten. Zum Beispiel so lange, bis wir alleine sind?“ Die Stirn auf einer Hand abgestützt, starrte er auf den Teller, während er nach Worten rang: „Nein. Es kommt nicht darauf an. Jetzt ist so gut wie später. Jess, ich ... ich ...“ Jessica faltete nur die Hände, legte das Kinn darauf ab und lächelte ihn erwartungsvoll an.

 

„Ich ... Du ... Wir ... Ähm ... Du weißt, dass du mir sehr wichtig bist, nicht wahr?“

 

„Ich habe eine grobe Vorstellung.“

 

„Deswegen ... deswegen halte ich es für richtig, dich angemessen an meinem Leben teilhaben zu lassen, und ... und ...“

 

„... Und?“

 

„An meiner Zukunft. Deshalb ...“

 

„... Deshalb?“

 

„Jess, ich muss dir sagen ... dass ... dass ...“

 

„... Dass?“

 

„Ich ... Ich fürchte, dass wir uns schon sehr bald werden trennen müssen, Jess.“

 

Ihre Miene versteinerte sich und so saß sie ihm stumm gegenüber und starrte ihn für eine Weile nur an. Dann brachte sie ein scharfes „Was?“ hervor und er lehnte sich seufzend zurück, glücklich darüber, die Katze endlich aus dem Sack gelassen zu haben. Etwas lauter und weniger abgehackt berichtete er: „Tatsuha ist abgehauen.“ Noch immer lastete ihr leerer Blick auf ihm und er schwitzte darunter, bis sie sich endlich entspannte und merkwürdig ernüchtert ebenfalls zurücksinken ließ: „Ich bin tatsächlich ziemlich dumm, nicht wahr?“ Zusammen mit einem verwirrten Blinzeln entfuhr ihm ein verständnisloser Laut, doch sie winkte schnaubend ab.

 

„Da sitz ich hier und denke doch glatt, dass du mir einen Heiratsantrag machen willst und was kommt dabei heraus? Es ist nur dein verehrter Vetter, der wieder Ärger macht.“

 

„Jess. Ich würde dich niemals heiraten und das weißt du genau.“

 

„Ein Mädchen kann träumen, oder? Jesses, Yu, warst du schon mal so enttäuscht, dass du dich gefühlt hast, als würdest du ziemlich schnell in Treibsand versinken? Und damit vermutlich glücklicher sein?!“

 

„Naja, ich habe mich vielleicht ungeschickt ausgedrückt. Ich wollte dich schonen.“

 

„Mich in Angst und Schrecken zu versetzen ist mir immer noch lieber, als mich lächerlich zu machen, Yu! Außerdem, worüber machst du dir denn Sorgen?“

 

Er sah sie entgeistert an: „Hast du mich nicht gehört? Ich habe gesagt-“ „Dass Tatsuha abgehauen ist, ja, ich habe dich gehört“, versicherte sie ungeduldig, „Aber wo ist das Problem? Er kennt sich inzwischen gut genug aus, um sich allein durchzuschlagen.“ „Darum geht es doch gar nicht“, fuhr er auf, „Was ist, wenn er mich anzeigt?“ Sie schnaubte nochmal abfällig: „Der Junge ist doch viel zu blauäugig, um dich wegen irgendetwas anzuzeigen. Der denkt doch immer noch, dass du sein strahlender Ritter in goldener Rüstung bist. Keine Angst, er hält schon dicht. Sei doch froh, dass du ihn los bist!“

 

Er kam nicht umhin, sie mit unverhohlener Faszination anzustarren. Es kam nicht oft vor, dass sich ihre zwielichtigen Lebensumstände im Verhalten ihm gegenüber niederschlugen, doch wenn es passierte, wurden ihm schmerzlich ihre wenn auch losen, aber nichtsdestotrotz bestehenden Verbindungen zu allerhand fragwürdigen Gestalten bewusst. Der Umgang mit derlei Gesindel hatte sie abgehärtet, teilweise sogar skrupellos werden lassen. Skrupellosigkeit, wie sie sie in diesem Moment zum Ausdruck brachte.

 

„Corey weiß von ihm.“

 

„Tse, dass du dieses alte Waschweib überhaupt so lange raushalten konntest, wundert mich stark. Ein Grund mehr, weshalb der Bengel überall besser aufgehoben ist als bei dir. Eine gute Sache, wenn sie ihn nicht in deiner Wohnung auffinden, habe ich recht?“

 

„Jess“, betonte er, „ich kann ihn nicht allein herumstromern lassen. Er ist erst Siebzehn.“ „Nein“, konterte sie scharf, „er ist Einundzwanzig. Alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen.“ Als sie seinen fassungslosen Blick bemerkte, seufzte sie leidend, als hätte sie es mit einem uneinsichtigen Kind zu tun und fügte lächelnd hinzu: „Und wenn du ihm keinen sehr guten Grund dafür gibst, dir zu misstrauen, wird er niemals auf die Idee kommen, dir irgendetwas anhängen zu wollen. Vertrau mir.“

 

Allerdings verdunkelte sich ihr trostreicher Blick, als er ihr stumm auswich und sachte mit dem Mittelfinger auf die Tischdecke klopfte und plötzlich außerordentlich misstrauisch geworden, hob sie eine wertende Augenbraue: „Was ist los, Yu?“ „Weißt du“, er lachte kurz kleinlaut auf, „du hast diese frustrierende Unart, mich immer einen Atemzug zu spät vor Dummheiten zu warnen.“

 

„... Was hast du getan?“

 

„Ich stand kurz davor, ihm die Birne weg zu pusten und ... ich fürchte, das hat er sehr genau mitbekommen. Weswegen er vermutlich das Weite gesucht hat.“

 

Ihre Hände fuhren in ihr Haar und verweilten dann über den Augen, sodass er sich kein klärendes Bild von ihrer Mimik machen konnte.

 

Nach mehreren höchst unangenehmen Minuten ohne jegliche Reaktion nahm er nervös einen Schluck Wein, wartete aber geduldig ab, bis sie ihre Gedanken geordnet hatte.

 

„Okay“, hauchte sie endlich, „Okay, es ist vielleicht ein kleines bisschen komplizierter, als ich gedacht habe, aber noch kein Grund zur Panik. Wir müssen ihm nur eine gute Erklärung auftischen. Eine verdammt gute Erklärung zwar, aber er ist naiv. Und unser Vorteil ist, dass er dir glauben will. Also, lass dir was einfallen, während ich ihn suche.“ „Oh, keine Sorge, das wird nicht nötig sein, ich weiß sehr genau, wo ich ihn finde“, platzte Yuma belustigt hervor, behielt die entscheidende Information aber wohlweislich für sich. „Wirklich?!“, fuhr sie zornig auf, „Dann geh und hol ihn verdammt nochmal zurück, bevor er was anstellen kann!“

 

„Vorhin schienst du noch überglücklich, ihn los zu sein.“

 

„Vorhin hat er auch noch keine Gefahr für dich dargestellt!“

 

Unruhig zerpflückte sie stückchenweise ihre Serviette: „Wir müssen ihn überzeugen, dass es nur ein Witz war oder so. Er wird dir sicher wieder vertrauen. Wir müssen nur ... Mist ... Zur Not ... Zur Not müssen wir ihn so lange festhalten, bis er ...“ Yuma legte beinahe mitleidig den Kopf schief. Offenbar befand sie sich jetzt genau an dem Punkt verzweifelter Ratlosigkeit, den er glücklicherweise hinter sich gelassen hatte und sie tat ihm aufrichtig leid.

 

„Bis er was, Jess?“

 

„Ich weiß nicht“, brüllte sie unbeherrscht und sah sich im Anschluss verstohlen um, weil die anderen Gäste ihr wütende Blicke zusandten, „Bis er dir glaubt! Bis er sich bereiterklärt, den Mund zu halten! Bis er still ist!“ Yuma seufzte schwer und beugte sich mit festem Gesichtsausdruck vor: „Jess. Ich habe mich dazu entschlossen, mich zu stellen.“ Langsam und herzzerreißend ungläubig hob sie den Kopf: „... Wie bitte?“

 

„Nun, nicht freiwillig. Oder zumindest nicht solange, wie er bei mir bleiben will. Aber wenn er denn partout ein eigenes Leben beginnen will oder nach Japan zurück ... Ich habe nicht mehr vor, ihn aufzuhalten. Es tut mir leid, Jess, aber ich will ihn nicht bis zu seinem Lebensende festhalten. Oder sagen wir besser, ich kann es nicht. Nenn mich feige, aber ... Ich kann’s einfach nicht.“

 

„Und deswegen willst du aufgeben? Einfach so?!“

 

„‚Einfach so‘? Ich glaube nicht, dass ich es ihm so einfach gemacht habe.“

 

„Yu, du musst das nicht tun! Ich helfe dir! Wenn wir mit ihm reden-“

 

„Nein, Jess. Ich habe mich entschieden. Und weißt du, was? Ich habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen wie in den letzten Nächten. Ich habe einen gewaltigen Fehler begangen – und jetzt habe ich die Chance, dafür zu büßen. Es erleichtert irgendwie, es aus dieser Perspektive zu betrachten.“

 

Sie schlug mit beiden Händen auf den Tisch und er linste aus den Augenwinkeln zu den Kellnern hinüber, die miteinander tuschelten. Er hatte ja gleich gewusst, dass es keine gute Idee gewesen war, mit ihr in der Öffentlichkeit darüber zu reden. Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis man sie vor die Tür setzte.

 

Gerade mal so laut, dass er es mit viel Anstrengung hören konnte, zischte sie aufgebracht: „Ich sagte doch, dass ich dir helfe! Vertraust du den Behörden jetzt etwa mehr als mir?! Hast du vergessen, wie sorglos sie mit seinem Fall umgegangen sind?! Sie werden dich bis zum Jüngsten Tag einlochen, ohne sich die leisesten Gedanken um deine Motive zu machen!“ Er nickte erneut und stand auf: „Ich weiß. Deswegen habe ich es dir gesagt. Ich möchte, dass du dich auf das Schlimmste einstellst. Früher oder später werden sie kommen und mich verhaften. Entschuldige mich bitte. Ich gehe kurz austreten und bezahle auch gleich. Es sieht nicht so aus, als wären wir hier länger willkommen.“

 

Während er sich von ihr abwandte, krampften sich unter der Tischdecke ihre Hände zusammen: „Das kann ich nicht. Das will ich nicht! Was wird aus mir, Yu? Du bist alles, was mir noch bleibt! Ich werde nicht zulassen, dass er dich mir wegnimmt! Und wenn ich ihn ... wenn ich ihn eigenhändig ...“ Er schwang auf dem Absatz herum, hockte sich mit einem durchdringenden Blick neben ihr hin und packte sie fest am Arm: „Ich kann nicht glauben, dass du auch nur daran denkst! Ich war an diesem Punkt und glaub mir, es war nicht lustig! Also hör auf damit!“

 

Tränen liefen ihr über die Wangen, doch sie weigerte sich, auch nur noch einen Laut von sich zu geben. In ihrem aufgelösten Verstand wütete es. Reichte es nicht, dass sie „ihn“ an diesen vermaledeiten Ausländer verloren hatte?! Wollte das Schicksal ihr jetzt auch noch ihn wegnehmen?! Vor ihrem inneren Auge tanzten Bilder, Bilder von einem brünetten, liebevoll lächelnden jungen Mann, von einem blonden Kind, das mit einem strahlenden Gesicht neben ihm herlief, bis sich die Umgebung plötzlich verdunkelte und nur eine Leiche mit weit aufgerissenen Augen im eigenen Blut liegend zurückblieb, das Kind mit einem zufriedenen Grinsen daneben.

 

Als die hellbraunen Haare des Toten plötzlich dunkler und länger wurden, die starren Züge einige ältere Konturen gewannen und sich goldene Strähnen tiefschwarz färbten, schloss Jessica ihre Augen so fest, dass ihre Lidmuskeln zu schmerzen begannen.

 

---

 

Yuma stöhnte und entstieg dem Aufzug, während er sich die pochenden Schläfen rieb. Seine Freundin hatte auf dem Heimweg kein einziges Wort mehr mit ihm gewechselt, was ihn nicht überraschte. Sie war wütend auf ihn, auf seine Schwäche, auf die fehlende Bereitschaft, um die eigene Freiheit zu kämpfen. Er verstand sie gut, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie sehr er litt, hatte sich im Gegensatz zu ihm nichts zuschulden kommen lassen, konnte nicht ahnen, wie seine Nerven in den vergangenen Monaten unter dem Druck der Verantwortung strapaziert worden waren. Doch er hatte nicht den geringsten Zweifel, dass sie darüber hinwegkommen würde. Sie musste nur erst akzeptieren, dass sie sich wohl bald nicht mehr allzeit gegenseitig zur Verfügung standen. Aber sie war stark – sie würde es schaffen.

 

Er reckte und streckte ächzend steife Muskeln, kramte in seiner Hosentasche, um den Wohnungsschlüssel zutage zu fördern ...

 

Und verharrte an Ort und Stelle, als seine Augen auf einem dunklen Schatten landeten, der reglos neben der Tür hockte.

 

Tatsuha saß stumm an die Wand gelehnt, mit vorgeschobener Unterlippe und angezogenen Knien, mit den Armen fest um seinen Rucksack geklammert und einem finsteren, schnurgeradeaus gewandten Blick.

 

Yumas Geist entschied spontan, sich selbst aufzugeben und jedweder Gedanke kollabierte auf dem viel zu langen Weg zum Nervenzentrum.

 

Viele spannungsgeladene Minuten vergingen, in denen er einfach nur auf seinen verschwunden geglaubten Mitbewohner hinunter starrte und dieser sich weigerte, noch weiter auf sich aufmerksam zu machen und damit selbstverschuldet ein Donnerwetter auszulösen.

 

Doch dann machte Yuma kurzerhand einen Bogen um das unerwartete Hindernis, entsperrte die Tür und trat in die Wohnung.

 

Tatsuhas Blick wanderte vorsichtig zur Seite, als er sich sicher sein konnte, nicht mehr beobachtet zu werden und kalter Schweiß bildete sich auf seinen Schläfen, während er darauf wartete, beschimpft, getreten oder noch schlimmer, ignoriert zu werden, bis er auf Knien um Vergebung bat. Er fror, er war hungrig – die Kuchenhäppchen hatten ihn während der fünf Stunden, die er nun bereits auf dem Flur verbracht hatte, nur notdürftig am Leben gehalten – und er hatte Scheiße gebaut. Riesenscheiße. Und Yuma zu sehen, half seinem Seelenfrieden nicht unbedingt auf die Sprünge.

 

Würde man ihn bis zum Morgengrauen in der Kälte schmoren lassen wie Eiri? Würde man ihn anbrüllen und foltern wie Mika? Oder würde man die ganze Angelegenheit mit einem gleichgültigen Lächeln abtun und ungeachtet aller Probleme zur Tagesordnung übergehen?

 

Neben ihm erschien ein offensichtlich gut benutzter Lederschuh.

 

„Willst du da Wurzeln schlagen?“

 

Tatsuhas Mundwinkel zuckten kaum merklich. Erst als er seine steifen Glieder in Bewegung setzte und sich ächzend aufrappelte, verschwand der Schuh wieder in der Wohnung, deren Tür für den Nachzügler weit offen stand.

 

Als er hindurchtrat, beschlich ihn der Gedanke, dass ihn die Antworten auf einmal doch nicht mehr ganz so brennend interessierten.

 

---

 

»Und dann hat er dich rein gelassen. Einfach so.«

 

Grace rümpfte ungläubig die Nase, aber Tatsuha grinste von einem Ohr zum anderen: »Jepp, einfach so. Hat die Sache nicht einmal angerissen!« »Wir können also mit einer gewissen Sicherheit behaupten, dass er nichts von der Spioniererei spitzgekriegt hat«, mutmaßte sie mit nicht unerheblicher Erleichterung.

 

»Schätze schon.«

 

Sie klopfte sich mit ihrem Kugelschreiber gegens Kinn und schnalzte beeindruckt mit der Zunge: »Hm. Also, wenn sich mein Cousin ohne ein Wort der Warnung tagelang nach Werweißwo absetzen würde und plötzlich mitten in der Nacht wieder angeschissen käme, würde ich ihm sicher was ganz anderes auftischen als ‘ne warme Mahlzeit. Und ihm hat es gar nichts ausgemacht?«

 

»Naja, ich will nicht sagen, dass es ihm gar nichts ausgemacht hat. Er war recht still und wenn der schweigt, hat es die gleiche Wirkung wie ‘n ausgerissenes Alraunenbeet.«

 

»Und er hat dich nur bekocht und dir beim Essen zugesehen? Nichts weiter?«

 

Tatsuha kratzte sich betreten am Hinterkopf und murmelte kleinlaut: »Doch. Er hat sich entschuldigt.« Graces Augen wurden in ihrer Überraschung größer, was ihn noch verlegener herumdrucksen ließ.

 

»Ich war überglücklich, dass er mich überhaupt wieder willkommen geheißen hat und ich wollte ihn nicht sofort verärgern, da habe ich es erstmal für mich behalten. Ich wollte die Stimmung einfach nicht kaputtmachen, verstehst du? Und dann hat er sich aus heiterem Himmel entschuldigt. Die Sache wegen der ich ausgezogen bin – er hat sie mir erklärt. Er war wegen was Blödem auf der Arbeit auf Hundertachtzig gewesen und hat es an mir ausgelassen, weil er zu betrunken war, um klar zu denken. Ich meine, ich habe es mir ja schon gedacht, aber es war beruhigend, es aus seinem Mund zu hören.«

 

»Die vielen Stunden Grübelei und geistige Vorbereitung, mit denen du dir bei mir das Leben schwergemacht hast, waren also komplett umsonst, weil du im entscheidenden Augenblick gekniffen hast. Ach, sieh mich nicht so leidend an, ich versteh dich ja. Ihr habt euch also nicht wirklich ausgesprochen, oder?«

 

Er schüttelte den Kopf und sie schnaubte verächtlich: »Und über uns beide habt ihr auch nicht gesprochen, korrekt?«

 

»Ähm ... Nein.«

 

»Ich hätte es mir denken können. Warum habe ich mir Hoffnungen gemacht?«

 

Er wand sich unter ihrem strengen Blick: »Grace, das ist nicht so einfach! Bitte glaub mir, ich will ihm ja von uns erzählen, aber ich muss bei dieser Sache wirklich den haargenau richtigen Zeitpunkt treffen!«

 

‚Nämlich den Tag, an dem ich endlich meinen einundzwanzigsten Geburtstag feiere.‘

 

Stöhnend ließ er die Stirn in eine Hand sinken, denn noch während der Gedanke durch sein Hirn zirkulierte, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass es völlig unmöglich war, die Beziehung vier Jahre lang geheim zu halten. Er bemerkte ihre misstrauisch erhobene Augenbraue und fuchtelte hastig mit den Armen: »Oh, es ist nichts, ich dachte nur, ich hätte ‘ne Fliege im Gesicht. Hat so komisch gekribbelt.« »Das ist ein gutes Zeichen. Solange es kribbelt, lässt sich noch auf Gehirntätigkeit schließen, selbst wenn sie sich in keinen Taten widerspiegeln«, entgegnete sie spitz und konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit, mit großer Sorgfalt in Schönschrift Preise auf die neuen Getränkekarten zu schreiben. Ein Schweißtropfen rann ihm die Schläfe hinunter: »Es tut mir wirklich leid, aber ich arbeite dran, das musst du mir glauben!« Sie seufzte schwer: »Schon gut. Ich kann warten. Zumindest so lange, bis ihr eure Kontroversen bewältigt habt.« Hoch erfreut boxte er mit der Faust in die Luft: »Danke! Ich wusste, ich kann auf dich zählen! Und da fragen sich alle, warum ich ältere Frauen bevorzuge! Ihr seid nicht so entsetzlich anhänglich wie diese verzweifelten Schulmädchen und viel weniger anstrengend!« Er bemerkte zu spät, dass er einen Fehler begangen hatte, als ihre grünen Augen gefährlich aufblitzten: »‚Älter‘?«

 

»Öh ... So meinte ich das nicht, Grace!«

 

»Meine untertänigste Entschuldigung, dass ich ein Jahr früher geboren wurde als du, Jungbrunnen!«

 

»Nein nein, Grace, du bist überhaupt nicht alt! Es war doch nur so eine Bemerkung! Ich mache andauernd dumme Bemerkungen, du weißt doch, dass man da nicht drauf hören darf!«

 

»Verzeih mir bitte, dass ich schon so alt und verschrumpelt bin, während sich mein ein Jahr jüngerer Freund in der Blüte seiner Jugend befindet!«

 

»Ich hab mich falsch ausgedrückt! Es liegt an der Sprache!«

 

»Das Argument zieht schon lange nicht mehr, Tatsuha, ich bin mir ziemlich sicher, mich auf deine verbesserten Englischkenntnisse verlassen zu können – und auf meine altersschwachen Ohren.«

 

»Verzeih mir! Du bist nicht alt! Du bist sehr hübsch!«

 

»... Hübsch?«

 

»SCHÖN!!! Wunderschön! Du bist die wunderschönste Frau der Welt, Grace!«

 

Er hatte sich vor der Theke auf die Knie geworfen und flehte wie ein geprügelter Hund zu ihr hinauf, als ihn plötzlich etwas an den Haaren griff und seinen Kopf sanft nach hinten zog.

 

»Oh? Sieh mal einer an. Wenn unsere Grace die schönste Frau der Welt ist, wo bleibt denn dann bitteschön meine Wenigkeit?«

 

Tatsuha starrte entsetzt in Shannons lächelndes Gesicht. Und er hatte genug Übung darin zu erkennen, dass es ihrem Blick entschieden an Humor mangelte. Seine Augenwinkel füllten sich mit verzweifelten Tränen, als er seine hoffnungslose Lage erkannte.

 

Er nahm alles zurück – ältere Frauen waren unglaublich anstrengend!

 

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„Yo, Jess! Rate mal, wer wieder aufgetaucht ist! Da versetzt mich der kleine Bastard tagelang in Angst und Schrecken und dann platzt er gestern bei mir rein, als wenn nichts geschehen wäre! Naja, ich bin seine Extravaganz ja inzwischen gewöhnt. Hör zu, ich wollte dir nur sagen, dass ich mich entschuldigt hab und er mir die Sache abgenommen hat. Es wird also anscheinend doch noch etwas dauern, bevor die Bullen bei mir anklopfen! Du hattest mal wieder recht, er ist herzallerliebst naiv. Tut mir wirklich leid, dass ich dir so einen Schrecken eingejagt habe. Mach dir keine Gedanken mehr, okay? Wir sehen uns!“

 

Das Knacken in der Leitung und ein durchdringendes Piepen implizierte, dass Yuma aufgelegt hatte. Jessica saß neben ihrem Telefon auf der Couch und starrte blind durch den Anrufbeantworter hindurch.

 

Tatsuha war zurückgekommen. Yuma hatte erleichtert und sogar glücklich geklungen, etwas, was sie im Bezug auf den nervigen Jugendlichen nicht für möglich gehalten hatte. Es war jetzt also alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Tatsuha glaubte weiterhin an seinen amerikanischen Traum und vertraute seinem brüderlichen Freund einmal mehr.

 

Als ob!

 

Jessica packte den Zipfel des Kissens, welches sie an die Brust gepresst hielt und schleuderte es mit aller Kraft in eine Ecke des Zimmers, sprang auf und begann damit, unruhig umherzuwandern. Dabei strich sie sich immer wieder übers Gesicht, um all die rasenden Gedanken in Ordnung zu bringen.

 

Yuma musste es doch ahnen, oder? Er konnte nicht so einfältig sein, Tatsuhas Auftauchen mit einem Vertrauensbeweis gleichzusetzen, richtig? Er konnte nicht wirklich denken, den Missgriff einfach vergessen zu können, richtig?!

 

Es ist eine verdammte Falle!

 

Nicht einmal Tatsuha konnte so dumm sein, darüber hinwegzusehen, mit einer Pistole bedroht worden zu sein! Jessica richtete weit aufgerissene Augen auf ihre eigene, die, noch zum Reinigen auseinandergebaut, auf dem Wohnzimmertisch lag und mit einem urplötzlichen, kräftigen Tritt beförderte sie die Einzelteile in alle vier Himmelsrichtungen.

 

Zitternd fuhr sie sich durchs Haar.

 

Sie hasste Waffen mit Inbrunst, obwohl sie mit ihnen ihren Lebensunterhalt bestritt. Vor allem Ballistische waren kein Spielzeug. Sie waren nicht nötig. Sie waren nicht „cool“. Und vor allem bedeuteten sie keine Sicherheit.

 

Sicher, Tatsuha hatte ihr mal erklärt, warum ihm der Umstand, dass viele Amerikaner bewaffnet durch die Gegend liefen, keine Sorgen bereitete – aber konnte man sich wirklich an den Anblick gewöhnen? An den Umgang? An die aktive Nutzung?! Sie kannte Claude K Winchester nicht und wollte ihn auch nicht kennenlernen. Einen Mann, der so unverantwortlich mit allen möglichen Schusswaffen umging, hätte sie niemals akzeptieren können, noch konnte sie begreifen, dass jemand in den Lauf einer geladenen Pistole blicken und es als harmlosen Witz abtun konnte!

 

Was immer gerade passierte, Yuma wurde getäuscht!

 

Irgendetwas lief gründlich schief und sie wusste, dass ihr Freund gerade ungebremst in sein Verderben rannte. Warum konnte er es nicht sehen?! Sonst war er so gerissen, aber in Tatsuhas falschem Lächeln erkannte er überhaupt keine Gefahr?! Bemerkte er gar nicht, dass ihn der Junge vollständig um den Finger gewickelt hatte?!

 

Was hat der kleine Mistkerl vor?

 

War er vielleicht sogar schon bei der Polizei gewesen? Hatten sie ihn darauf angesetzt, Yuma auszuspionieren? Beweise zu sammeln? Ihn zu provozieren, damit sie ihm mehr anhängen konnten als bloße Entführung?

 

Das musste es – Tatsuha war ihr Lockvogel. Deswegen war er zurückgekommen, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Sie wollten Yuma dazu bringen, die Kontrolle zu verlieren. Und ihn dann loswerden, indem sie ihn wegen versuchten Mordes einbuchteten. Und später, wenn die Haftstrafe verbüßt war, konnten sie ihn als gefährlich einstufen lassen und ihn bis zu seinem Lebensende in eine Anstalt einweisen lassen.

 

Es sollte ihnen leicht fallen. All die ... Missstände in seiner Vergangenheit würden ausreichen, um in ihm eine potenzielle Gefahr zu sehen. Sie würden ihn verschwinden lassen und es würde niemanden interessieren. Sie konnten es, es war schon einmal passiert. Und sie wollten es wiederholen.

 

Jessica warf sich zurück auf die Couch und versenkte das Gesicht in Händen.

 

Erst nach unbestimmter Zeit hob sie langsam den Kopf und blickte starr die gegenüberliegende Wand an.

 

Sie musste etwas tun. Sie musste ihrem Freund helfen. Sie würde nicht zulassen, dass sie ihr ihren ... Yu ... ein weiteres Mal weg nahmen.

 

---

 

Yuma schlenderte mit einer Tasse brühend heißen Kaffees in der einen und einem Dokument, welches er mehr schlecht als recht studierte, in der anderen Hand durch den Korridor seines Bürokomplexes, als hinter ihm eine vertraute Stimme ertönte.

 

Ein Augenrollen später hing Corey breit grinsend mit einem Arm über seiner Schulter: »Hey, Kumpel! Hast du schon gehört? Wir haben zwei neue Kolleginnen bekommen! Die eine ist ein echt scharfer Feger! Wie wär’s, wenn wir mal wieder zu viert ausgingen?« Yuma sah ihn wenig erwartungsvoll von der Seite an: »Und ich nehme an, du kümmerst dich um den scharfen Feger, ja? Und was erwartet mich, bitteschön?« Corey lachte laut. »Ihre Freundin soll mächtig was in der Birne haben«, lockte er, sich absolut keiner Schuld bewusst, »du stehst doch auf die intellektuelle Sorte, oder?« Yuma schüttelte verstimmt den Kopf: »Sicher. Solange nicht alle ihre Werte versteckt sind. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich muss arbeiten!« Corey ließ sich unbeeindruckt mitschleifen: »Also ja?«

 

»Keine Lust.«

 

»Komm schon, Kitazawa, hilf mir ein bisschen aus, ich verlang doch nicht viel von dir!«

 

»Apropos verlangen. Hast du mir die Akten von der Versicherung besorgt, um die ich dich gebeten habe?«

 

Corey fasste in seine Jackettasche und zog eine aufgerollte Mappe hervor, die er Yuma reichte: »Also?«

 

»Du nervst mich, Mann! Warum gehst du nicht allein mit ihr aus?!«

 

»Weil sie das nicht will!«

 

»... Sag mir nicht, du hast sie mit dem Vorwand eingeladen, euch als Kollegen besser kennenzulernen.«

 

»Naja ...«

 

»Der älteste Trick im Buch und hinterfotzig obendrein. Kein Wunder, dass sie nicht mit dir allein sein will! Wird mir sympathisch, das Mädel, scheint nicht nur hübsch zu sein.«

 

»Hilfst du mir?«

 

»... Ach, na schön. Aber nur dieses eine Mal. Und wehe, wenn du’s nicht ernst meinst!«

 

Corey fiel ihm um den Hals: »Oh, danke! Ich versichere dir, ich werde es nicht vermasseln!« »Oh, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel«, murmelte Yuma genervt und stieß ihn nachdrücklich von sich, um sich die Brille zu richten.

 

Corey wanderte eine Zeitlang aufmerksam neben ihm her, bevor er zufrieden lächelnd bemerkte: »Ich bin beruhigt. Du siehst wieder ein wenig besser aus.« Yuma hob eine Augenbraue: »War es so schlimm?«

 

»Genug, um sich Sorgen zu machen. Willst du drüber reden?«

 

»Nein.«

 

»Komm schon, du weißt, dass es hilft!«

 

»Ich will trotzdem nicht!«

 

»Aber ich bin dein-«

 

»Bester Freund, ich weiß, ich weiß«, seufzte Yuma und öffnete die Tür zu seinem Büro, warf die Papiere auf den Tisch und ließ sich in seinen Lehnstuhl sinken. Corey setzte sich ihm gegenüber und stützte sich auf gefaltete Hände: »Wir haben doch sonst keine Geheimnisse voreinander.« »Weil du nicht locker lässt, ehe du sie mir alle aus der Nase gezogen hast«, kam es widerwillig zurück und Yuma vertiefte sich in den Text auf seinem Monitor. Corey mutmaßte frei heraus: »Ist es ‘ne Sache zwischen dir und Touch-Uha?« Yuma prustete kurz auf: »Wie lange willst du dir das noch merken? Aber ich gebe zu, er ist ein Meister darin, nachträgliche erste Eindrücke zu hinterlassen.« Dann riss er sich sichtlich zusammen, um ihn ernst anzusehen: »Ja. Und vertrau mir, von mir erfährst du nichts.«

 

---

 

Tatsuha wischte mit dem Lappen die letzten Schlieren von der Fensterscheibe und sprang vom Sims, auf dem er gekniet hatte, um sein Werk zu betrachten. Zufrieden nickend ließ er ihn in den Eimer mit Wasser, der neben seinen Füßen stand, plumpsen und trug diesen zum Ausgießen zur Küchenspüle. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer und griff nach dem am Boden liegenden Staubsauger, um die Teppiche einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Danach würde er fertig sein mit dem Saubermachen der Wohnung und sich ein Sandwich genehmigen, ein bisschen Fernsehen und sich schlafen legen.

 

Freizeit war nicht mehr so lustig, seit Yuma sich in seinem Job vergraben hatte, vor allem jetzt, nachdem ihm nach dem ersten Schrecken auf der Flucht klargeworden war, dass er ihn ganz schön vermisste.

 

Da er im Laufe der Zeit mehr und mehr Bezugspersonen gesammelt hatte und dadurch nicht mehr so abhängig war, war es ihm kaum aufgefallen, aber konnte es sein, dass Yuma ihm eine ganze Weile lang aus dem Weg gegangen war?

 

Und es noch immer ging?

 

Hatte er außer der Schnüffelei sonst irgendetwas Unentschuldbares verbrochen? Etwas, was Yuma dazu veranlasste, sich von ihm fernzuhalten?

 

Tatsuha gefiel es nicht, allein zu sein. Es war öde und deprimierend und man hatte zu viel Zeit, sich Unsinn einfallen zu lassen. Zum Beispiel einen Frühjahrsputz zu starten, obwohl draußen Spätherbst herrschte. Oder trotz Wochenende vor drei Uhr ins Bett zu gehen.

 

Kurzum, ihm war mal wieder furchtbar langweilig, und deshalb machte sein Herz einen Hüpfer, als unerwarteterweise die Wohnungstür klapperte und sein Mitbewohner ins Zimmer schlurfte. Sie sahen sich eine Weile stumm an, als wären beide überrascht, den anderen zu sehen.

 

Yuma ließ als erstes den Blick abschweifen, nickte zur Begrüßung und sah sich irritiert um: „Was wird das hier, wenn’s fertig ist?“ Es war noch immer ein komisches Gefühl, wieder miteinander zu reden. Jedes Wort, das sie wechselten, war ein hauchdünner Faden, mit dem sie ein zerbrechliches, zartes Gewebe in die Atmosphäre sponnen. Und eine falsche Bemerkung konnte es unbarmherzig zerfetzen. „Ich habe ein wenig Ordnung geschafft“, lächelte Tatsuha, verschluckte den Vorwurf, dass es dringend nötig gewesen war und fügte stattdessen hinzu, „ich hab immerhin in der letzten Woche meine Pflichten ein wenig vernachlässigt.“ Yuma musterte ihn eindringlich und brummte dann nur: „Schon gegessen?“

 

„Nee, bin ich noch nicht zu gekommen.“

 

„Okay, ich mach uns gleich was.“

 

Dunkle Augen bekamen einen feuchten Glanz: „Wirklich?!“ Es war schon etwas länger her gewesen, seit Tatsuha Yumas Kochkünste hatte genießen dürfen und deswegen lief ihm nun beim bloßen Gedanken das Wasser im Mund zusammen.

 

Er beeilte sich mit dem Staubsaugen und stellte das Gerät gerade ab, als Yuma frisch umgezogen wiederkehrte, sich die Ärmel seines Pullovers hochkrempelte und zur Küche wanderte: „Tatsu...“

 

„JA?“

 

„...taage steht heute auf dem Speiseplan“, betonte er mit einem hinterhältigen Seitenblick. Tatsuha schmollte ihm düster hinterher: „Irgendwann wirst du dich verplappern. Irgendwann!“ Aus der Küche ertönte ein leises Kichern und er grinste verstohlen.

 

Es hatte sich nicht viel geändert. Und aus irgendeinem Grund heiterte ihn diese Tatsache signifikant auf.

 

Konnte ihn ein freundlicher Mensch wie Yuma wirklich hintergehen?

 

Tatsuha ballte eine Faust und starrte grübelnd darauf hinab.

 

Nein. Unmöglich. Selbst wenn er etwas vor ihm verheimlichte, er war jetzt fest dazu entschlossen, ihm zu vertrauen. Eine ehrliche Aussprache war möglicherweise unvermeidbar, aber die konnte warten, bis sich Yuma von sich aus dazu bereiterklärte.

 

Zur Not sogar so lange, bis die Hölle zufror.

 

Als sie knapp eine Stunde später an kross frittierten Hühnerteilchen knabberten, fragte Yuma wie nebenbei: „Und, wie war dein Urlaub bei Grace?“ „Super“, platzte es automatisch aus ihm heraus, „Sie hat ‘ne sehr schöne Wohnung Ende Knickerbocker Street! Nicht ganz so geräumig wie deine, aber hell und sauber und außerdem hat sie eine alte Frau als Nachbarin, die ihr ständig Mahlzeiten rüberbringt, weil sie zu viel zubereitet und sie hat ein Wasserbett! Grace meine ich, nicht die Nachbarin. Es schwappt dann immer so leise, wenn man sich umdreht und es fühlt sich an, als läge man auf einer Luftmatratze am Meer! Sehr ent...span...nend ...“

 

Tatsuha verstummte und schluckte mit sichtlicher Mühe den gerade gekauten Bissen herunter, ehe er seine Essstäbchen niederlegte, beide Hände hob und mit äußerster Eindringlichkeit betonte: „Es ist absolut nichts passiert.“

 

Yuma, der während seiner Ausführungen damit begonnen hatte, ihn aus auffallend kleinen Augen zu fixieren, schob sich wortlos ein weiteres Stück Fleisch in den Mund.

 

„Ich schwör’s dir! Nichts!“

 

Das stimmte sogar – oder zumindest traf es auf die ersten drei Nächte zu, in denen Tatsuha vom Schock so gelähmt war, dass selbst sein Körper völlig neue Prioritäten gesetzt hatte. Hinterher, als die Rationalität langsam in seine Gedanken und Knochen zurückkehrte, waren die Nächte zwar nicht mehr ganz so harmlos abgelaufen, aber sie hatten Kondome benutzt. Es konnte also rein gar nichts passiert sein.

 

„Hm“, brummte Yuma misstrauisch und studierte Tatsuhas schwitzendes Gesicht, bevor er mit den Schultern zuckte und sich wieder auf seinen Teller konzentrierte, „Nun, ich schätze, Grace ist vertrauenswürdig genug.“ „Grace?!“, protestierte Tatsuha umgehend, „Und was ist mit mir?!“ Yuma schnaufte kurz: „Ich würde dir zutrauen, mit einer Klasse Schulmädchen in meinem Bett Orgien zu feiern, würde ich meine Bude nicht ständig luftdicht versiegeln.“

 

Tatsuha zuckte heftig zusammen. Sollte das eine Anspielung sein? Wusste Yuma es und wartete nur darauf, dass er mit der Wahrheit herausrückte? War es etwa ein Test, in dem er gerade im Begriff war, zu versagen?!

 

Yuma hatte die Reaktion mitbekommen und runzelte nun argwöhnisch die Stirn. Tatsuha spürte die plötzliche Elektrizität in der Luft und fuchtelte verzweifelt mit den Händen: „Woah, hey! Ich hab dir schon mal gesagt, dass ich niemals so weit gehen würde! So eine Respektlosigkeit würde ich mir nie erlauben!“

 

Sogar in seinen Ohren hörte es sich akzeptabel glaubhaft an.

 

Und tatsächlich, einige gefährliche Sekunden vergingen, in denen ihn Yuma außerordentlich kritisch musterte – dann jedoch nickte und sich wieder ganz seinem Abendbrot widmete.

 

Sehr, sehr leise, kaum hörbar und extrem vorsichtig atmete Tatsuha auf. Yuma war selbst schuld, versuchte er sich seiner zu versichern, warum auch hatte er nicht abgeschlossen?!

 

---

 

Am nächsten Tag holte Tatsuha Grace mit dem Motorrad von der Arbeit ab, um sie nach Hause zu fahren und einige Kleidungsstücke abzuholen, die er bei ihr vergessen hatte. Er stand an der Wohnungstür, während sie sie – frisch gewaschen, wie er freudig bemerkte – in eine Einkaufstüte packte und ihm reichte. »Hier, bitte. Das müsste alles sein«, sagte sie und wischte sich mit dem Handgelenk über die Stirn, ehe sie beide Fäuste in die Hüften stemmte und scherzhaft drohte, »Eigentlich bin ich ganz froh, dass du nicht dauerhaft eingezogen bist. Es ist eh schon eng hier drin, auch ohne ‘ne Latte wie dich! Komm ja nicht so schnell wieder!«

 

»Keine Sorge, Schätzchen, ich werde es mir sicher nicht noch einmal mit ihm vermasseln! Du kennst mich doch, ich trete nicht zweimal ins selbe Fettnäpfchen.«

 

»Reden wir hier vom selben Mann?«, ihre Stirn war in Falten gelegt, doch dann lächelte sie und klopfte ihm auf die Schulter, »Ich freu mich für dich. Ich weiß ja, wie wichtig dir Yuma ist. So wichtig, dass man schon fast eifersüchtig werden könnte.« »Och, du Ärmste«, raunte er tröstend und zog sie an sich, »Keine Angst, dich hab ich auch ganz doll lieb.« Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, drückte er ihr einen Kuss auf den Mund, den sie nur zu gern erwiderte.

 

Beidseitiger Enthusiasmus führte schnell dazu, dass sich die Liebkosungen intensivierten. Erst als er sie rückwärts in Richtung seines Zimmers drängen wollte, schreckte sie aus der Trance auf und zog bestürzt die Hand aus seiner Hose: »Wow, Moment mal! Haben wir uns nicht darauf geeinigt, es die nächsten Tage ruhig angehen lassen?! Du hast gesagt, er sei gestern überraschend früh heimgekehrt! Vielleicht ist das heute wieder so! Du verbringst doch gern Zeit mit ihm, willst du dir so eine Chance entgehen lassen?!« Er stöhnte unwillig und presste sich gegen den Handballen, mit dem sie sein Gesicht wegschob: »Dann halt ‘n Quickie.« »Ich denke nicht«, drohte sie finster. Er wusste genau, dass sie schnellen Sex verabscheute und sie würde auch für ihn nicht damit anfangen. Stattdessen schubste sie ihn energisch zum Ausgang: »Komm schon, willst du ihn wirklich sofort wieder verärgern? Sieh zu, dass du Land gewinnst!«

 

Flink drehte er sich nochmal zu ihr um und küsste sie auf die Wange: »Ist ja schon gut! Wir sehen uns also morgen?« Sie nickte zustimmend: »Vergiss nicht, Punkt drei. Und jetzt raus hier.« Mit einem kräftigen Schwung beförderte sie ihn auf den Flur und schlug ihm mit ausgestreckter Zunge die Tür vor der Nase zu.

 

Er seufzte enttäuscht, trabte aber bereitwillig zum Aufzug, um sich auf den Heimweg zu machen.

 

Yuma war nicht zurück, wie er eine halbe Stunde später betrübt feststellen musste, als er die gemeinsame Wohnung betrat. Nun ja, er hatte es nicht wirklich erwartet. Yuma hatte, auch ohne freiwillig Überstunden zu schieben, eine längere Arbeitszeit als er selbst und kam somit sowieso immer später nach Hause. Manchmal wartete er auf ihn, um seine Hausmannskost genießen zu können, meistens aber machte er sich selbst daran, etwas zuzubereiten. So wie jetzt auch.

 

Im Bad wusch er sich die Hände, streifte sich die Küchenschürze mit der Aufschrift „I kiss better than I cook“ über und wollte sich eben an die Arbeit machen, als ein Klopfen durch den Flur hallte. Irritiert runzelte er die Stirn und lief zur Tür.

 

„Hallo“, grüßte ihn die junge Frau, für die er sie öffnete, gutgelaunt, „lang nicht mehr gesehen!“ „Jess“, grinste er erfreut und machte ihr Platz zum Eintreten, „Stimmt, ist schon etwas her, nicht wahr? Du siehst ein bisschen blass aus – isst du genug?“

 

„Du bist lustig. Mann fragt eine Dame doch nicht nach ihrer Figur, Idiot! Musst wohl doch noch Einiges lernen, Casanova?“

 

Amüsiert schnaubend bot er ihr einen Platz an der Küchentheke an, auf den sie sich auch dankbar sinken ließ, und begann emsig, Kartoffeln zu schälen: „Willst du zum Essen bleiben? Ich mache Kroketten.“ Sie schüttelte den Kopf und schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich jedoch anders und klappte den Mund zu.

 

Ob dieser ungewöhnlichen Zurückhaltung hob er eine Augenbraue, ohne die Aufmerksamkeit von seiner Arbeit abzulenken: „Also, wenn du Yuma sprechen willst, der ist noch nicht zurück. Ich hab auch keine Ahnung, wann er wiederkommt, tut mir echt leid.“ Als er sie daraufhin nur resigniert seufzen hörte, drehte er sich ihr besorgt zu: „Bedrückt dich was? Sieht dir gar nicht ähnlich, so herumzudrucksen.“

 

Eine Weile musterte sie ihn nur stumm auf eine Hand gestützt und wenn er ehrlich sein sollte, machte ihn der durchdringende Blick nervös. Was hatte er wohl dieses Mal angestellt, um ihren Zorn auf sich zu ziehen?

 

Dann seufzte sie erneut und fuhr sich mit der Hand durchs, wie er jetzt erst feststellte, ungewohnt fettige Haar. Im Allgemeinen erkannte er im helleren Schein der Küchenlampe nun auch ihre trüben Augen und die dunklen Ringe darunter. Sie sah furchtbar müde aus und er begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen: „Ähm ... Ich kann ihn anrufen! Wenn es um dich geht, wird er sicher gerne früher Feierabend machen.“

 

Sie winkte kopfschüttelnd ab, als wäre es gar nicht wichtig, wo sich ihr Freund gerade aufhielt: „Nein. Nein, eigentlich wusste ich schon, dass Yu nicht hier sein würde. Ich bin auch nicht seinetwegen gekommen, sondern wollte mit dir reden.“ „Oh?“, er spitzte interessiert die Ohren, „Okay, wenn ich erst kochen darf, können wir beim Essen miteinander-“ Wieder hob sie die Hand und unterbrach ihn erfolgreich: „Ich möchte dir etwas zeigen. Das Kochen kannst du dir sparen, es könnte länger dauern. Würdest du mit mir kommen?“

 

„Was, jetzt?! Aber es ist schon so spät und-“

 

„Es bereitet mir Sorgen, Tatsuha. Ich weiß, es kommt plötzlich und möglicherweise auch ungelegen, aber ... es ist wirklich sehr wichtig.“

 

Er sah ihr verblüfft in die erschöpften Augen und atmete schließlich gedehnt aus. „Okay“, murmelte er, „Aber wo soll es denn hingehen? Ich wüsste nicht, was so wichtig ist, dass du es mir so dringend zeigen musst.“ Sich sichtlich nervös den Oberarm reibend schloss sie die Augen: „Es geht um meine Vergangenheit. Und Yus, um genau zu sein. Ich will, dass du eine wichtige Sache erfährst.“

 

Entgeistert starrte er auf die Arbeitsplatte, seine Gedanken auf einmal in eine unangenehme Richtung rasend. „Hör mal“, erwiderte er zögernd, „wenn es Yuma betrifft, zöge ich es vor, es von Yuma zu erfahren. Nichts für ungut.“

 

„Das ist eine Sache, die du niemals von ihm erfahren wirst. Willst du es wissen, ist jetzt deine einzige Chance.“

 

Ihr überzeugter Gesichtsausdruck ließ ihn gespannt die Luft anhalten, trotzdem stotterte er unsicher. „Dann ... dann soll es halt nicht sein. Ich will nicht, dass er sich deswegen hintergangen fühlt. Außerdem kann es wohl kaum etwas sein, was mich etwas angeht, nicht wahr?“ Er kicherte unsicher, doch sie stand schnaufend auf und wanderte Richtung Treppe zum Obergeschoss: „Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass es dich sehr wohl etwas angeht? Und dass es dich wirklich, wirklich sehr interessieren dürfte?“

 

Was?

 

Tatsuha blinzelte perplex und versuchte, seine durcheinandergeratenen Gedanken zu ordnen: „Was meinst du dami... He, wo willst du hin?“

 

„Yus Schlafzimmer. Ich habe da was zu erledigen.“

 

„Aber er will nicht, dass da jemand reingeht!“

 

Sie drehte den Kopf und lächelte ihn mitleidig an: „Falsch, Junge. Er will, dass du da nicht reingehst.“ Damit stieg sie ohne ein weiteres Wort die Stufen empor und verschwand aus seinem Sichtfeld.

 

Tatsuha biss sich ein wenig verärgert auf die Zunge.

 

‚Nur nicht aufregen. Sie ist seine beste Freundin, ist doch wohl klar, dass sie ganz andere Privilegien genießt als ein Rotzlöffel, den er gerade ein paar Monate kennt!‘

 

Doch plötzlich weiteten sich seine Augen und er starrte fassungslos ins Leere.

 

Wenn sie jedes von Yumas Zimmern betreten durfte ... Dann war es sicher nicht das erste Mal, dass sie in seinem Schlafzimmer war. Und wenn es nicht das erste Mal war, dass sie in seinem Schlafzimmer war ...

 

Bedeutete das, sie wusste „davon“?

 

Mit zittriger Hand fasste er sich an die Stirn. Jessica kannte Tohma und Eiri? Jessica war genauso involviert wie Yuma? Und jetzt wollte sie ihm etwas zeigen, was mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte und ihn betraf, obwohl er sie vorher noch nie im Leben gesehen hatte? Hieß das, sie konnte – und wollte – ihm sagen, was mit seinem Bruder geschehen war? Warum er sich zurückgezogen hatte? Warum er so dermaßen kalt geworden war?

 

Tatsuha schluckte mühsam.

 

Er hatte es von Yuma erfahren wollen. Er wollte es noch immer lieber von Yuma hören als von irgendwem sonst. Er schuldete ihm die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen!

 

Aber was, wenn sie recht behielt und es Yuma niemals über sich bringen würde, ihn einzuweihen? Wenn er es einfach nicht schaffte, das dazu benötigte Vertrauen zu gewinnen und auf ewig vergeblich wartete?

 

Wenn er ehrlich sein sollte, hatte er es aufgegeben, von Eiri selbst oder Tohma oder Mika oder wenigstens ihrem Vater eingeweiht zu werden. Er war wirklich erwachsen genug, um die eine oder andere Horrorgeschichte zu hören, ohne dauerhaften Schaden zu nehmen, oder etwa nicht? Wahrscheinlich wollte seine Familie gar nicht darüber reden, sondern es einfach nur vergessen. Ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass er sich ausgestoßen fühlte, so als Einziger, der keine Ahnung hatte. Zur Hölle, selbst Shuichi wusste Bescheid, das stand absolut außer Zweifel, wenn er die mitleidigen und betroffenen Blicke hier und da richtig deutete, und er hatte ältere Rechte als Shuichi!

 

Und hier war Jessica und bot ihm endlich – freiwillig – Aufklärung an. Was sollte es sonst sein, außer diesem Geheimnis?

 

Tatsuha biss die Zähne zusammen und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.

 

Er sollte es nicht tun. Er sollte es von Eiri hören. Oder von Tohma. Oder eben verdammt nochmal von Yuma!

 

Aber er war so neugierig! Sie hatten ein Recht, es für sich zu behalten. Aber er hatte das Recht zu erfahren, warum er sieben lange Jahre lang gelitten hatte, ohne etwas verbrochen zu haben!

 

Und so zog er sich die Schürze über den Kopf, ging in den Flur, streifte sich seine Jacke über und wartete auf Jessica. Wenn ihm jeder die Wahrheit vorenthielt ...

 

Blieb ihm nichts anderes übrig, als nach jedem Strohhalm zu greifen.

 

Oben stand Jessica neben Yumas Bett vor einem kleinen Schrein, auf dessen Ablage zwei Räucherstäbchen ein schlicht eingerahmtes Foto säumten und still vor sich hin glühten. Sie betete.

 

Als sie fertig war, öffnete sie die Augen und hob das Bild hoch, um einen festen Kuss aufs Glas zu drücken.

 

‚Hab keine Angst, mein Geliebter. Ich werde dafür sorgen, dass sich deine Tragödie nicht wiederholt.‘

 

Damit stellte sie es vorsichtig zurück, zog einen sorgsam zusammengefalteten Zettel aus der Jackentasche und steckte ihn in den Rahmen.

 

Sie drehte sich um und verließ den Raum, ohne zurückzublicken.

 

Als sie ins Untergeschoss zurückkehrte, überraschte es sie nicht, Tatsuha startbereit bei der Wohnungstür vorzufinden. Stattdessen lächelte sie kaum merklich und fragte, obwohl die Antwort offensichtlich war: „Ist dir inzwischen klargeworden, was du willst?“

 

Er nickte nach kurzem Zögern: „Ich will es wissen.“ Und ganz leise, sodass sie es kaum verstand, fügte er hinzu: „Selbst wenn es nicht das ist, was ich denke ... Ich muss jede Gelegenheit nutzen.“ Zufrieden mit dieser Entscheidung nickte sie und öffnete mit energischem Schwung die Tür: „Du fährst.“

 

„Aber ich hab nur mein Motorrad.“

 

Sie zuckte mit den Schultern und griff demonstrativ nach Yumas Zweithelm, der auf der kleinen Kommode im Korridor lag: „Perfekt.“ Damit trat sie hinaus auf den Hausflur und überließ ihm einmal mehr jeden weiteren Schritt.

 

Unschlüssig schaute er ihr nach, dann zu Boden, warf noch einen unsicheren Blick zurück ins Wohnzimmer ...

 

Und dann nahm auch er seinen Helm, zog seine Schlüssel vom Halter, löschte das Licht und folgte ihr.

Sie lotste ihn quer durch die nächtliche Stadt. Die Straßen waren sowieso schon vergleichsweise leer und durch ihr platzsparendes Verkehrsmittel konnten sie die wenigen dichter befahrenen Strecken umgehen – oder sich bei Bedarf durchschlängeln – und kamen somit gut voran.

 

Trotzdem kam es Tatsuha vor, als wären sie ewig unterwegs gewesen, als sie ihn endlich in eine dunkle Seitenstraße biegen und vor einem alten, sichtlich verlassenen Gebäude anhalten ließ. War es Vorfreude oder das eigenartige Gefühl des Unbehagens, was den Weg so derart lang hatte erscheinen lassen? Er wusste es nicht und jetzt, wo sie ihr Ziel offenbar erreicht hatten, nutzte ihm die Grübelei sowieso nichts mehr.

 

Also stellte er kommentarlos Motor und Bike ab, hängte den Helm an die Lenkstange und wanderte Jessica hinterher, die auf eine schief in den Angeln hängende Eingangstür zuging. Neben dem Treppenaufgang hockte ein abgerissen aussehender junger Mann mit einer angebrochenen Bierflasche in der Hand. Tatsuha sah, wie Jessica ihm leicht zunickte und wortlos weiterschlenderte. Sein skeptischer Blick traf jenen des Fremden, der ihn daraufhin schief angrinste und auf das Bike wies: »Schöne Maschine.«

 

Tatsuha zögerte eine Sekunde lang, ehe er ein zustimmendes Grunzen hervor presste und seiner Freundin hinterher eilte. Ein wenig unruhig flüsterte er ihr zu: „Äh ... Hör mal, aber ... Kann ich mein Motorrad einfach da draußen stehen lassen? Ich möchte nicht unbedingt, dass es sich ... Nun ... in seine Einzelteile auflöst, während wir weg sind, wenn du verstehst, was ich meine.“ Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, sagte sie fest: „Mach dir keine Sorgen.“ Entgeistert sah er ihr nach, verdattert ob ihrer völligen Apathie, warf noch einen vorsichtigen Blick zurück, folgte ihr dann jedoch bereitwillig weiter.

 

In der halb verfallenen Lobby des Hauses trafen sie noch auf einen weiteren Mann, der stumm auf einem kleinen, recht mürbe wirkenden Tisch saß und eine Zigarette paffte. Auch ihn schien Jessica zu kennen, aber nichts weiter mit ihm zu bereden zu haben. Sie bogen in einen Seitengang ab, der zu einer schmalen Treppe führte und stiegen hinauf.

 

„Gibt es hier kein Licht?“, beschwerte sich Tatsuha leise, als er blindlings in etwas Weiches, Glitschiges trat und sich nicht einmal vorstellen wollte, was es gewesen sein konnte. Ihre Kontur schüttelte den Kopf: „Das Gebäude ist viel zu alt. Es steht schon seit Jahren leer, Wasser und Strom dürften hier nicht einmal mehr funktionieren, wenn die Gesellschaften es wieder anstellen würden.“ Sie blieb stehen und sah seufzend aus einem der zerschellten Fenster in die Nacht hinaus, deren Reklametafeln und Straßenlaternen genug Licht einfallen ließen, um die Flure und Zimmer in dunkles Grau zu tauchen, in welchem ein erfahrener Besucher halbwegs sicher manövrieren konnte, ohne Knochenbrüche zu riskieren.

 

Tatsuha gefiel das Ambiente nicht. Und die eigenartige, melancholische Stimmung noch weniger. Sanft tippte er ihre Schulter an, doch sie machte nur „Hm“ und ging kommentarlos weiter.

 

Ein dicker Mann im Flur des dritten Stockwerks löste beinahe einen Herzinfarkt aus, weil er sich erst bewegte, als er nichtsahnend an ihm vorbeimarschierte. Er war stolz auf sich, nicht laut geschrien zu haben, aber er meinte, in der Düsternis ein strahlend weißes Grinsen erkannt zu haben, als er nach dem Atem rang, der ihm so urplötzlich gestockt war. Inständig hoffte er, dass Jessica sehr genau wusste, was sie tat – er diskriminierte niemanden, aber diese Leute wirkten wenig vertrauenserweckend.

 

Noch zwei Absätze mussten sie hinter sich bringen, bis Jessica endlich nach einem Türknauf griff und in den dahinterliegenden Raum trat.

 

Es handelte sich um ein großes Zimmer mit breiter Fensterfront, die so viel Kunstlicht hindurch ließ, dass Tatsuha endlich wieder Details erkennen konnte. Außerdem war es fast völlig leer, wodurch es Schatten schwerfiel, sich auszubreiten. Nur eine Kommode, ein kleiner Tisch und eine mottenzerfressene Couch standen an der Wand. Auf dem Sofa saß ein vierter Mann mit Zigarette im Mundwinkel und auf der Tischplatte gekreuzten Beinen, der kess zwei Finger an den Schirm seiner Mütze hob.

 

Tatsuha schluckte, sparte sich eine Erwiderung des Grußes und wandte sich wieder Jessica zu.

 

Diese lehnte am Fenstersims und das einfallende Licht verdunkelte ihre Erscheinung, sodass er nur eine schmale Silhouette wahrnahm. Zögerlich schaute er sich um, den Beobachter im Rücken geflissentlich ignorierend: „Ähm ... Ich verstehe nicht. Was willst du mir zeigen? Es ist nur ein leeres Zimmer.“ „Hm“, machte sie erneut, „Ja. Jetzt ist es nur ein leeres Zimmer.“

 

Nach kurzem Überlegen senkte sie aber den Kopf und fügte hinzu: „Obwohl ... Es war schon damals ziemlich verwahrlost. Weißt du, diese Gegend ist nicht unbedingt ein Nobelviertel. Rau, aber billig. Es war alles, was wir uns damals leisten konnten.“ Tatsuha runzelte die Stirn: „‚Ihr‘?“ Sie sah auf: „Ich hab‘s dir mal erzählt, nicht wahr? Dass ich verlobt war?“ Er nickte langsam und sie breitete die Arme aus: „Hier haben wir gewohnt. Natürlich noch nicht gemeinsam, dies war seine Bude. Mir gehörte eine im ersten Stock. Es war ... praktisch, wenn auch nichts anderes Positives hervorgehoben werden kann.“ Lachend machte sie einige weite Schritte zurück zum Eingang, wo sie mit der Fußspitze gegen die Tür trat, sodass diese mit einem Knacken aufschwang: „Nicht mal die Türen schlossen richtig. Du hattest in diesem Haus sofort viele Freunde, die dich regelmäßig besuchen kamen, ob du wolltest oder nicht. Eigentlich war’s eher ‘ne große Wohngemeinschaft.“ Sie schlenderte zurück zum Fenster und sah hinaus: „Es war keine glorreiche Zeit, aber eigentlich hat sie mir gefallen.“

 

Während sie abbrach und in Erinnerungen versank, musste Tatsuha sich eingestehen, dass er diese Aussage nicht wirklich nachvollziehen konnte. Ihm missfiel dieser Ort schwer. So gern er hören wollte, was sie ihm offenbaren konnte, wollte er das Haus – mitsamt seltsamer Bewohner – so schnell es ging wieder hinter sich lassen. „Ich verstehe“, murmelte er deswegen tapfer, „aber verzeih, wenn ich wiederum nicht verstehe, was das mit mir zu tun hat?“ Wieder lehnte sie sich gegen den Sims und verschränkte die Arme vor der Brust.

 

„Wie du siehst, hatten wir nicht viel Geld. Selbst ein Rattenloch wie dieses verlangt Miete und als Studenten hatten wir nicht den ganzen Tag Zeit, uns nur um die Beschaffung von Barschaft zu kümmern. Wir befanden uns in einer ziemlichen Misere, bis eines Tages ein Professor meinem Verlobten einen Bekannten vorstellte, einen vermögenden Geschäftsmann aus Japan. Stinkreich, kann ich nur sagen und natürlich hatte so jemand auf uns arme Tropfe mächtig Eindruck geschunden. Dieser Geschäftsmann hatte einen Jungen dabei – nicht sein Sohn, aber anscheinend sehr wichtig für ihn – und suchte nach, wie sie sich so schön ausgedrückt hatten, einem Hauslehrer dafür. Mein Verlobter war sehr nett, weißt du? Gelassen, intelligent, witzig ... Ein Mensch, mit dem die meisten gut auskamen.“

 

Tatsuha horchte gespannter zu. Wenn er es richtig vermutete, war es nicht schwer zu wissen, wovon und von wem sie sprach.

 

„Er gefiel dem Japaner auf Anhieb, aber das hatte auch niemanden verwundert. Der Junge schien erzogen und liebenswürdig genug zu sein und außerdem bot man ihm einen Batzen Geld für den Job, also überlegte er nicht lange und schlug ein. Woher hätte er es auch besser wissen sollen? Ich war am Anfang auch begeistert gewesen. Das Geld hat uns echt ausgeholfen, verstehst du? Nicht mehr jeden Cent umdrehen, endlich mal ein bisschen Luxus ... Es war wunderbar!“

 

Verächtliches Schnauben.

 

„Vorerst. Irgendwann aber wurde mir bewusst, dass ich nun zwar einkaufen gehen konnte – aber immer öfter alleine einkaufen gehen musste. Erst habe ich mir nichts dabei gedacht, ich meine, ein neuer Job braucht immer ein wenig Eingewöhnungszeit, stimmt’s? Also habe ich gewartet. Auf Besuche, auf Anrufe, Zettel, die er mir unter der Tür durchschiebt ... Es wurde immer seltener und wenn wir uns trafen, schien er zunehmend abgespannt und müde, sodass wir gar nichts unternehmen konnten.

 

Zuerst wollte er es nicht sagen, aber nach einem Monat rückte er doch mit der Sprache heraus. Das Kind war offensichtlich ein wenig ... gestört. Es hatte große Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zurechtzukommen. Anscheinend war es in Japan seit frühester Kindheit wegen seines ungewöhnlich westlichen Aussehens heftiger Tratscherei ausgeliefert gewesen. Traurige Sache, wirklich, aber kein Grund, sich beinahe aggressiv dagegen zu wehren, mit irgendjemandem außer meinem Verlobten Kontakt aufzunehmen. Es war mir während unserer wenigen gemeinsamen Ausflüge nicht so aufgefallen, ich habe einfach gedacht, es wäre Schüchternheit. Aber er gestand mir später, dass der Junge ihn geradezu bekniete, mich nicht an ihrer gemeinsamen Zeit teilhaben zu lassen, weil er Angst vor mir hätte.

 

Weißt du, es wäre eigentlich gar kein so großes Problem für mich gewesen, ein bisschen zurückzustecken. Immerhin sitzt man seinen Freunden bei normalen Jobs auch nicht ständig im Nacken. Aber die Forderungen dieser Ausländer ... Sie wurden immer zahlreicher, immer unverschämter. Der Junge wurde sonniger, lebhafter und der Geschäftsmann war natürlich sehr glücklich darüber. Also überließ er ihn immer öfter der Obhut meines Verlobten, kümmerte sich bald kaum noch um ihn. Schon bald wurde uns beiden klar, dass er keinen Hauslehrer gesucht hatte, sondern einen Babysitter, einen Spielgefährten für sein Balg. Oder vielleicht besser ... ein Spielzeug.“

 

Sie sah Tatsuha durchdringend an.

 

„Mein Verlobter hatte versucht, mit ihm darüber zu reden, doch er hat die Probleme nur weggelacht, ihn überhaupt nicht ernstgenommen! Dafür hat er ihm mehr Geld gegeben. Ha, glaubt man das? Als ob Geld zwischenmenschliche Beziehungen kompensierte! Nun, auf jeden Fall hatte ich immer weniger Verständnis für die langen, einsamen Abende, die ich erdulden musste und immer mehr Streit mit ihm. Aber kann man es mir verdenken? Er gehörte zu mir, nicht zu irgendeinem dahergelaufenen Japsen, der ihm dazu noch den letzten Nerv raubte! Andererseits brauchten wir das Geld mehr als je zuvor, weil er seinen anderen Job geschmissen hatte. Wir steckten in einem Teufelskreis und niemanden kümmerte es, dass es uns zu viel wurde.

 

Vor allem ihm wuchs die Sache über den Kopf. Es hätten nur ein paar Wochen sein sollen, die er sich um den Jungen kümmern sollte, aber dem kleinen Bastard gefiel es bei ihm so gut, dass er gar nicht mehr weg wollte! Und sein lieber, reicher Onkel hat ihm selbstverständlich den Wunsch erfüllt!“

 

Laut auflachend rieb sie sich mit einer Hand die Stirn, riss plötzlich die Augen auf und traf Tatsuha mit ihrem stechenden, eiskalten Blau bis ins Mark.

 

„Er sollte ihn niemals verlassen! Dieses Miststück hatte kein Recht, so etwas zu verlangen! Ich war die zukünftige Ehefrau, es hätte ein Eid für mich sein sollen! Irgendwann, ich glaube, es war nach knapp zwei Monaten, hatten wir einen fürchterlichen Streit. Es war so schlimm, dass ich ihm beinahe geraten hätte, seinen kleinen Freund zu heiraten. Ich habe es natürlich nicht getan. Ich habe es nicht gewagt, aus Angst, dass er mich wirklich verlässt. Aber ich glaube, er hat geahnt, was es war, das ich gerade noch zurückhalten konnte. Auf jeden Fall habe ich nie den Blick vergessen, mit dem er mich gemustert hat. Er war am Ende, Tatsuha. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, in einer Sackgasse festzustecken, weder vor zu wollen noch zurück zu können? Er sprach dann endlich aus, worum ich ihn mehr als einmal gebeten hatte. Er wollte Schluss machen. Mit dem Stress, dem Ärger ... Ich hatte lange gehofft, dass er endlich kündigt.

 

Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon gesagt habe, dass alles anders gekommen wäre, hätte ich ihn an diesem Tag nicht gehen lassen. Selbst ohne die finanzielle Stütze hätten wir es irgendwie geschafft. Es gab ärmere Leute in New York. Leider hatte er andere Pläne. Oh, zugegeben, er wollte dem Ganzen ein Ende setzen. Nur leider hatte er wohl erst mit dem lästigen Anhängsel sprechen wollen, ehe er dem Mentor die Entscheidung überbrachte. An demselben Abend ... starb er.“

 

Entgeistert wich Tatsuha zurück: „... Was?“

 

Sie lächelte ihn emotionslos an, wiederholte betont: „Er starb.“ Sie ging einige Schritte zu einer der leer stehenden Ecken des Raums und dort in die Hocke, um mit ihren Fingern fast zärtlich über den staubbedeckten Boden zu streichen: „Hier, um genau zu sein. Hier hat seine Leiche gelegen.“

 

Der Kloß in seinem Hals machte es Tatsuha fast unmöglich, genug Luft zum Atmen zu holen, trotzdem presste er mühevoll hervor: „... Wie?“

 

„Erschossen“, antwortete sie leise und traurig, „erschossen von demselben Balg, um das er sich monatelang liebevoll gekümmert hatte.“ Sie schenkte ihm ein winziges Lächeln, was ihm plötzlich jedoch sehr, sehr unheimlich vorkam: „Undank ist der Welt Lohn, nicht wahr?“

 

Er trat noch einen Schritt zurück und schüttelte fassungslos den Kopf: „Nein ... Moment mal ... Das kann nicht stimmen ... Die... dieser Junge ...“ Sie erhob sich und ging langsam auf ihn zu: „Du hast es ganz richtig erfasst.“ Noch weiter rückte er von ihr ab, aber sein Kopf ruckte zur Seite, als rostige Federn knarrten und der fremde Mann sich lässig vor dem einzigen Ausgang platzierte.

 

Jessica kam näher und näher.

 

„Der Geistesgestörte ...“

 

Nein.

 

„Dieser verdammte Freak, der mit beispiellosem Egoismus eine vollkommen harmonische Beziehung unterwandert hat ...“

 

Das kann einfach nicht sein.

 

„Der meinen Verlobten eiskalt umgebracht hat ...“

 

SAG ES NICHT!

 

„... ist Eiri Uesugi. Dein großer Bruder.“

 

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Yuma stöhnte gequält, als er mit schweren Tüten beladen die Wohnungstür mit dem Rücken zuschob und aus seinen Schuhen schlüpfte. Ah, trautes Heim, Glück ... Nun, nicht ganz allein, aber er vermutete, dass es darauf nicht wirklich ankam.

 

Es war schon reichlich spät, und so ging er davon aus, dass sich Tatsuha bereits etwas zum Essen zubereitet hatte, anstatt auf ihn zu warten, doch er hatte trotzdem zur Sicherheit einige Lebensmittel eingekauft. Im Wohnzimmer sah er sich flink um, ging hindurch zur Küche und stellte die Tüten nebenbei auf der Theke ab. Während er den Mantel von den Schultern gleiten ließ, bemerkte er einige Kartoffeln, die teilweise geschält und schon angebräunt auf der Arbeitsplatte lagen, Messer und Brettchen einsatzbereit daneben. Die Szenerie wirkte spontan verlassen, was ihn die Stirn runzeln ließ. Irritiert warf er den Mantel über eine Stuhllehne.

 

„Schmaro?“

 

Er ging zur Gästezimmertür und klopfte leicht an: „Yo, Kleiner? Du hast deine Reste in der Küche vergessen.“ Als keine Antwort kam, warf er einen kurzen Blick ins Zimmer und wunderte sich, dass niemand anwesend war. Eigentlich hatte er seinen Mitbewohner bereits so gut erzogen, dass er stets hinter sich saubermachte und der Zustand der Küche ließ darauf schließen, dass er sich irgendwo in der Wohnung befand.

 

Doch auch eine Überprüfung des Bads brachte keine zufriedenstellenden Ergebnisse, und so schnaufte er nur ratlos, zuckte aber gleich darauf mit den Schultern. Vielleicht hatte er etwas vergessen und war noch einmal auf einen Sprung in den naheliegenden Supermarkt gegangen. Noch kein Grund zur Panik.

 

„Puh“, hauchte Yuma, als er sich eine Hand in den verspannten Nacken legte und die steinharten Muskeln massierte, „Keinen Sinn, darüber nachzugrübeln. Wer nicht will, der hat schon. Bleiben mehr von den Instantnudeln für mich.“ Gesagt, getan, stellte er sich an den Herd und Wasser auf, um in der Zwischenzeit den Einkauf in die Schränke zu räumen.

 

Kurze Zeit später saß er vor einer Schale dampfend heißer Nudelsuppe und schlürfte mit zufriedenem Seufzen. Er war sehr hungrig gewesen und was immer Tatsuha auch vorbereitet hatte, er hätte sowieso nicht auf die Fertigstellung warten können.

 

Eine Viertelstunde später saugte er den Rest Brühe aus der Tasse und stellte sie gähnend in die Spüle. Zur Hölle damit, er war zu müde für den Abwasch. Den würde er am nächsten Morgen erledigen, vorausgesetzt, Tatsuha würde sich seiner nicht erbarmen, wenn er zurückkam.

 

Vollmundig gähnend wankte er die Treppe hinauf und ins Schlafzimmer. Hatte er etwa schon wieder vergessen abzuschließen? Er wurde wohl unvorsichtig auf seine alten Tage. Irgendwann würde der aufdringliche Bastard doch noch herein gestolpert kommen und sich zu Recht fragen, warum Yumas Wände mit Bildern von Eiri Uesugi und Tohma Seguchi vollgekleistert waren – noch dazu teilweise zerrissen und wie ein Mosaik wieder zusammengesetzt. Und auf den zweiten Blick würden ihn wahrscheinlich auch die Handvoll quer darüber gekritzelten Drohungen und die ganzen Dartpfeil-Perforationen verwundern.

 

Yuma kicherte humorlos und wischte sich über die Stirn, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete seine Werke. Eigenartig, wie er vor seinem Umzug nach Japan vor den Bildern gestanden und ihre Motive zum Teufel gewünscht hatte. Wenn er sie nun anschaute, spürte er nur noch Antipathie – starke natürlich, er fühlte deutlich das Bedürfnis, diverse Nasen in Gehirne zu treiben – aber nichts wirklich Gefährliches mehr. Tatsuhas Anwesenheit hatte ohne Zweifel therapeutische Wirkung auf ihn gehabt, ohne dass er es bewusst bemerkt hatte. Und es fühlte sich gut an.

 

Er wusste nicht recht, wie er es seinem Bruder im Jenseits erklären konnte, aber dieser Junge, der eigentlich sein Feind sein sollte, hatte ihm jeden Wind aus den Segeln genommen.

 

Es wurde Zeit für einen Tapetenwechsel.

 

Er streckte und kratzte sich, noch einmal gähnend, am Hinterkopf, nur um zu spüren, wie die Haarsträhnen einige Millisekunden zu lang an seinen Fingern klebenblieben. Angeekelt grunzte er und machte sich unwillig auf ins Badezimmer. Eine Dusche würde er gerade noch hinbekommen, ehe er in Ohnmacht sinken würde.

 

---

 

„Nein“, presste Tatsuha mühsam hervor, „das ... das ist unmöglich. Es muss ein Irrtum sein!“ „Es ist kein Irrtum“, zischte Jessica gereizt zurück, „Meinst du, ich würde das Gesicht dieses Mörders je vergessen?! Nein, mein Freund, dein geschätzter Bruder hat meinen Geliebten auf dem Gewissen!“

 

„Eiri hätte so etwas niemals getan! Er war immer freundlich und liebenswürdig, selbst zu all den Scheißkerlen, die ihn schlechtgeredet haben! Er hätte niemals einem anderen Menschen das Leben zur Hölle gemacht und es ihm vor allem niemals genommen!“

 

„Aber er hat! Dieser ... Fall ... ist der lebende Beweis, die Polizei hat Fotos. Fotos und übrigens auch ein aufschlussreiches Geständnis und rate mal, von wem!“

 

„Ich glaube dir nicht. Ich würde nicht einmal Eiri selbst glauben, wenn er es mir ins Gesicht sagen würde! Ich kenne ihn! Er ist kein Mörder!“

 

„ABER ER HAT GEMORDET!!!“

 

„DANN MUSS ES EINEN VERDAMMT GUTEN GRUND GEGEBEN HABEN!!!“

 

Jessica war von seinem Ausbruch nicht so beeindruckt, wie er gehofft hatte und schnaufte nur abfällig: „Oh ja. Natürlich hat er nicht einfach zu Protokoll gegeben, dass er einfach nur ein besitzergreifender Psychopath war und seinen einzigen Freund mit niemandem hatte teilen wollen. Stattdessen hat er den Namen meines Verlobten in den Dreck gezogen, indem er behauptet hat, von ihm sexuell bedrängt und dann noch an zwei ihm unbekannte Tagelöhner verkauft worden zu sein, die er gleich mit abgeknallt hat. Lächerlich! ... Sie lagen übrigens irgendwo dort, wo du gerade stehst.“ Tatsuha horchte erleichtert auf und machte angeekelt einige Schritte zur Seite: „Siehst du! Ich wusste, dass er keine andere Wahl hatte! Es war Notwehr! So ergibt alles einen Sinn! Hätte er sich vielleicht vergewaltigen lassen sol-“

 

Jessica trat so fest gegen den Tisch, dass er durch die Luft flog und an der Wand zersplitterte.

 

„NICHTS ERGIBT EINEN SINN! ER BRAUCHTE KEIN VERDAMMTES ARSCHLOCH ZU VERGEWALTIGEN! ER HATTE MICH!!!“

 

Rastlos wanderte sie auf und ab, während Tatsuha trotz langsam aufsteigenden Zorns weise die Lippen aufeinander presste: „Als ob er jemals sexuell frustriert gewesen wäre! Lass es mich dir sagen, wir hatten ein ausgefülltes Sexleben, er hatte es zu keinem Zeitpunkt nötig gehabt, auf deinen durchgeknallten Bruder zurückzugreifen! Ganz zu schweigen davon, dass er nicht schwul war! Pft, ja, sie haben Alkohol in seinem Blut gefunden und anscheinend nicht zu knapp.“ Sie funkelte Tatsuha giftig an und erkannte das Blitzen in seinen Augen: „Oh, du brauchst nichts zu sagen. Es war für alle anderen genauso klar, dass der Rausch ihn zu diesem Schritt getrieben haben musste. Dass er der miesen Klette nicht mehr nüchtern ins Gesicht sehen konnte, hat niemanden interessiert. Sie alle wollten nur das sehen, was ihnen mit dem Geld deines Schwagers golden eingerahmt wurde!“

 

„Was meinst du damit?“

 

„Seguchi war es, der die Polizei ... ‚gebeten‘ hat, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Dieser dreimal verfluchte Drecksack hat dafür gesorgt, dass die Ermittlungen so oberflächlich wie möglich durchgeführt wurden, um seinem armen, kleinen Eiri zu ersparen, zu sehr in die Mangel genommen zu werden. Ich wurde nicht einmal verständigt. Offiziell war ein Student bei einem Auslandspraktikum verschwunden! Ich habe über ein ganzes verdammtes Jahr lang nicht gewusst, wo mein Verlobter abgeblieben war! Kannst du dir überhaupt vorstellen, was ich durchgemacht habe?!“

 

Tatsuha sah betreten zu Boden, konnte er ihr in diesem Fall doch nicht sicher widersprechen. Tohma hatte zweifellos Geld und Macht genug, verschiedenste Sachen zu vertuschen – seine Intervention war also durchaus möglich, vorausgesetzt, es hatte sich tatsächlich um einen deutlichen Fall von Notwehr gehandelt. Worüber absolut kein Zweifel bestehen konnte. Und er hatte eine grobe Vorstellung davon, warum er sich die Mühe gemacht hatte.

 

Ein echter, vorsätzlicher Mord, noch dazu an drei Männern, hätte aber auch ihn an die Grenzen seines Einflusses gebracht.

 

Darüber war er sich im Klaren, doch er sah auch ein, dass es keinen Sinn hatte, ihr diese Gedanken mitzuteilen. Jessica brauchte offensichtlich fachmännische Hilfe und er war sicher einer der Letzten, von dem sie sich diesen Hinweis hätte gefallen lassen.

 

---

 

Yuma streckte sich stöhnend in der Wanne aus. Nachdem sie ihn höchst einladend angefunkelt hatte, hatte er einem warmen Vollbad in Kräuteröl letztendlich einfach nicht widerstehen können und lag nun inmitten mintgrüner Blubberbläschen, die angenehm duftend ab und zu an der feuchten Luft zerplatzten. Es war wirklich ein hervorragendes Mittel zur Entspannung und er fühlte den Schmerz in seinen Gliedern bereits abklingen.

 

Jetzt, wo er wusste, dass Tatsuha sich nicht mehr sonst wo herumtrieb und ihm Schwierigkeiten bereiten konnte, konnte er die Stille auch endlich wieder genießen.

 

Das Leben war gut zu ihm.

 

---

 

„Hör mal“, begann Tatsuha vorsichtig, „ich möchte dir danken, dass du mir diese Geschichte erzählt hast. Ich kann mir denken, dass da eine Menge schiefgelaufen ist und so, aber ...“ Er brach bedrückt ab und strich sich durchs Haar, nicht ganz schlüssig darüber , was er sagen sollte.

 

Sie sah ihm einen Moment lang nachdenklich zu und bekundete schließlich: „Du glaubst mir nicht.“

 

„Das ist es nicht“, wehrte Tatsuha energisch ab, „es ist sicher alles so abgelaufen, wie du gesagt hast, aber ... aber ich kann mir unter diesen Umständen einfach nicht vorstellen, dass mein Bruder der Täter ist. Er würde niemals töten! Nicht mit Absicht.“

 

„Könntest du mir mal sagen, woher ich Eiri Uesugi sonst kennen sollte?“, forderte sie ihn beinahe gelangweilt heraus, was ihm ein echtes, herzerfrischendes Lachen entlockte. „Ich bitte dich“, erwiderte er stolz, „Eiri ist ‘ne Berühmtheit! Okay, in Amerika vielleicht nicht so, aber es kann ja sein, dass du dich über mich schlau gemacht hast, nachdem ich Yuma so viele Probleme bereitet habe. Ohne es zu merken, wie ich betonen möchte.“ Sie setzte wieder diesen mitleidigen Gesichtsausdruck auf, den sie früher am Abend schon einmal angewendet hatte und trat ihm erneut langsam entgegen: „Was für einen Grund hätte ich bitteschön dafür, den Namen deines mir fremden Bruders für meine Geschichte zu missbrauchen?“ Er fühlte ein Prickeln über seinen Rücken wandern: „Vielleicht bist du verzweifelt?“

 

„Weswegen?“

 

„Dein Freund-“

 

„Verlobter.“

 

„Okay, dein Verlobter ist tot und niemand will dir sagen, wie es dazu kam und wer es getan hat. Ich versteh dich ja, mit der Zeit kann so eine Ahnungslosigkeit ganz schön aufs Gemüt schlagen! Irgendwann sucht man dann nur noch einen Sündenbock, egal wen es trifft, man will dem eigenen Herzen einfach nur noch Erleichterung verschaffen. Als du mich zugunsten von Yumas Sicherheit überprüft hast, ist dir eine gewisse Ähnlichkeit zwischen meinem Bruder und diesem gemeinen Kind aufgefallen und nun meinst du, du hättest den Mörder gefunden.“

 

„... Machst du dich über mich lustig?“

 

„Nein!“

 

Und es war die Wahrheit. Vielmehr angelte Tatsuha nach Strohhalmen. Er wünschte sich sehnlich, dass diese etwas löchrige Theorie stimmen möge und weder Eiri noch Tohma etwas mit dieser grausigen Geschichte zu tun hatten. Tief in seinem Innern spürte er aber, dass sie zumindest irgendwie involviert waren. Wie sonst hätte er sich Yumas Schlafzimmer erklären sollen?

 

Was ihn auf eine Frage brachte, die sich lange in seinem Unterbewusstsein versteckt hatte und nun an die Oberfläche grub.

 

„Was ... was spielt Yuma in all dem für eine Rolle?“

 

Sie stand nun direkt vor ihm und hielt eine Hand auf: „Zuerst gib mir mal deine Motorradschlüssel.“ Empört runzelte er die Stirn: „Wozu?!“ Mit einem durchdringenden Blick schob sie ihm ihre Finger in den Solarplexus: „Jetzt!“ Erst dachte er daran, sich ein zweites Mal zu beschweren, doch dann sah er unsicher zu dem Mann an der Tür hinüber, der das Paar aufmerksam beobachtete, ballte eine Faust und zog mit der anderen die Schlüssel aus der Hosentasche, um sie in ihre Hand fallen zu lassen. „Dan~ke“, flötete sie ...

 

Und warf sie in hohem Bogen durch eine der kaputten Fensterscheiben.

 

„Hey“, schrie Tatsuha entrüstet auf, „bist du irre?!“ Sein ganzer Körper zuckte nach vorn, verharrte jedoch augenblicklich, als ein metallenes Klicken, ähnlich dem, das er vor wenigen Tagen in seinem Bett hatte vernehmen müssen, durch die Luft hallte. Er blickte zur Seite und wurde blass, als er erkannte, dass der fremde Mann eine Pistole auf ihn richtete. Zudem grinste er ihn unverhohlen an und schwenkte die Waffe ein wenig Richtung Wand. Tatsuha ließ sich vorsichtig zurücksinken und wandte sich mit großen Augen an Jessica, die sich nicht einmal umgedreht hatte. »Was für ‘nen Aufwand«, brummte der Mann seltsam gutgelaunt, »hättest du sie nicht gleich Jake geben können? Da unten ist ‘ne Riesenmüllhalde, das dauert doch ewig, bis wir die Mühle anschmeißen können!« »Halt die Klappe«, knurrte Jessica, »so ist zumindest sichergestellt, dass ihr mich nicht in dem Augenblick stehen lasst, in dem ihr eure Bezahlung in der Tasche habt.« Der Mann schnaufte und zuckte mit den Schultern.

 

Tatsuhas Ausdruck verfinsterte sich: „Du hast ihnen meine Maschine versprochen?!“ „Jepp“, bestätigte sie gleichgültig, „ich bin zwar nicht mehr knapp bei Kasse, aber für solche Idioten geb ich trotzdem nicht gerne mein Geld aus.“ Ein paarmal atmete er tief durch und schloss die Augen, um sich nicht in einem Wutanfall zu vergessen.

 

Die Situation verlangte eindeutig eine Menge Vernunft und Raffinesse und er begann damit, sich einzureden, dass sich gerade kein gewaltiger Kloß in seiner Kehle entwickelte. Nein, er musste ruhig bleiben. Dies war Jessica, Yumas beste Freundin! Stundenlang hatten sie sich in den vergangenen Monaten angeregt miteinander unterhalten! Es war undenkbar, dass diese gute Seele urplötzlich sein – oder irgendein – Leben bedrohte!

 

War dies ihre Version von Humor?

 

Mit unglaublicher Anstrengung zwang er die Augen wieder auf und stellte die Frage noch einmal: „Was für eine Rolle spielt Yuma?“ Sie sah ihn ungläubig an und schüttelte dann schmunzelnd den Kopf: „Du hast es wirklich noch nicht begriffen?“

 

„Ich würde trotzdem fragen.“

 

„Verstehe.“

 

„Jetzt sag es endlich! ... Bitte.“

 

„Mein Verlobter hieß Yuki Kitazawa. Er war Yumas echter kleiner Bruder.“

 

---

 

Yuma rubbelte sich angenehm aufgewärmt und selig mit einem flauschigen Handtuch die Haare trocken, während er über den nun etwas kühl erscheinenden Flur tapste. Er konnte die Kieferknochen bedrohlich knacken hören, als ihm das größte Gähnen des Abends entfuhr und ließ sich vollkommen ermattet aufs Bett sinken. In diesem Moment wünschte er sich kurze Haare, denn dann wären sie allein durch die Reibungswärme getrocknet und er hätte nicht noch einmal aufstehen müssen.

 

Sich die ärgerlich brennenden Augen reibend schlüpfte er in seine Pyjamahosen. „Meine Güte“, dachte er, „Mitternacht durch und er ist immer noch nicht zurück. Sollte ich vielleicht doch mal bei Grace anrufen?“ Ein Blick auf sein Handy und er entschied sich dagegen. Tatsuha war schon oft wesentlich später heimgekommen. Er war nur etwas traumatisiert durch den Ausriss und vermutete nun hinter jedem Spaziergang einen nächsten Versuch, das war alles. Sicherlich gab es rein gar nichts zu befürchten.

 

Er reckte sich quer übers Bett, löschte die Räucherstäbchen vor Yukis Bild und betrachtete es eine Weile stumm.

 

‚Gute Nacht, Brüderchen. Hoffentlich bist du nicht zu sauer auf mich. Du kannst nicht sagen, dass ich’s nicht versucht hätte, nicht wahr?‘

 

Seufzend stellte er das Bild zurück, stand mit einem mühsamen Schwung auf und ging zur Tür, um seine noch viel zu feuchte Mähne zu föhnen.

 

Als seine Hand schon auf dem Türgriff lag, stutzte er plötzlich. Mit gerunzelter Stirn wandte er sich wieder dem Totenschrein zu und umrundete das Bett. Dort am Boden entdeckte er einen zusammengefalteten Zettel, den er sich nicht erinnern konnte, verloren zu haben. Verwirrt hob er ihn auf und öffnete ihn, um die wenigen Zeilen zu überfliegen, die gleichmäßig darauf geschrieben standen.

 

Das Atmen fiel ihm auf einmal wesentlich schwerer als noch vor einigen Sekunden.

 

Eine Hand krallte sich herzseitig an die Brust und der entsetzte Mann machte gekrümmt einige Schritte rückwärts, bis er an die Wand neben der Tür stieß.

 

Dann ließ er das Papier achtlos fallen, sprintete zum Schrank, riss sich die Hose vom Leib, kleidete sich in Rekordgeschwindigkeit mit den erstbesten Sachen an, die ihm entgegenfielen und rannte beim Verlassen des Zimmers beinahe die Tür ein.

 

Als keine Minute später die Wohnungstür ins Schloss fiel, wehte ein leichter Durchzug durch das offenstehende Zimmer und drehte das Blatt, sodass die beschriftete Seite nach oben wies.

 

‚Yu, ich weiß, was für ein guter Mensch du bist, deswegen weiß ich auch, dass du dich nicht von dem Verräter trennen wirst. Aber glaub mir, es wird dich umbringen. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich mir wegnehmen – ich liebe dich zu sehr. Sie konnten uns damals nicht trennen und jetzt sind sie zurück. Ich habe Angst, Yu, und bevor wir noch einmal eine so schreckliche Zeit durchmachen müssen, werde ich es beenden. Ein für allemal. Keine Sorge, ich werde dich zusehen lassen, mein Geliebter. Sie werden ihren kleinen Spion niemals wiederfinden. Das wird sie lehren, uns in Frieden zu lassen. In Liebe, Jess.‘

 

---

 

„Was ... was meinst du mit ‚echt‘?“

 

„Oh bitte! Für wie blöd hältst du mich?!“

 

Jessica winkte ungeduldig ab, als würde sie darauf warten, dass sich Tatsuhas Haut wie eine Maske abschälen und die darunterliegenden, pechschwarzen Partien freilegen würde: „Du willst seinen Platz einnehmen! Aber meinst du im Ernst, dass dich Yu damals aus lauter Herzensgüte aufgelesen und nach Amerika mitgenommen hat?! HA! Du musst uns Amis für gehirnverkalkt halten! Kein Mensch nimmt dir ab, dass ausgerechnet du an Wunder glaubst!“ Tatsuhas Pupillen wanderten betreten von einem Punkt zum anderen: „Aber ... du meinst, er hat mich nur ... wegen Yuki ...?“ Sie schüttelte resigniert den Kopf: „Schluss mit der Scharade. Denk doch mal nach. Yu hat dich illegal einwandern lassen. Er hat dir einen gefälschten Pass besorgt. Er hat dich unerlaubt bei sich wohnen lassen. Er hat dein Bike durch den Zoll geschleust. Er deckt deinen Job. Und er hat keinerlei Interesse daran, deiner Familie etwas über deinen Verbleib zu berichten. Man müsste ein völlig weltfremder Eremit auf irgendeinem Berg mitten im Ozean sein, um bei so viel Einsatz keinen Betrug zu wittern!“

 

Er dachte darüber nach. Natürlich waren ihm zwischendurch Zweifel gekommen. Aber Yuma hatte ihm nie – oder zumindest nur einmal – einen Grund gegeben, absolut reine Motive anzuzweifeln. Sicher, er hatte die Wahrheit im Grunde auch nicht wissen wollen, alles, was er wollte, war ein Leben in Freiheit. Und das hatte ihm sein Freund ermöglicht. Welches Recht hätte er gehabt, die Mittel zu verurteilen?

 

Aber dass es darauf hinauslief, dass er die ganze Zeit selbst eines dieser „Mittel“ gewesen war ...

 

Er erinnerte sich. Jetzt, wo er in dieser prekären Situation steckte, erinnerte er sich an das Bild, dass er in Yumas Tokioter Wohnung in dessen längst entsorgtem Mantel gefunden hatte. Er erinnerte sich, warum ihm Yuki – es war ihm nun ziemlich bewusst, dass es sich bei dem jüngeren der beiden Kinder um Yuki gehandelt haben musste – so seltsam vertraut vorgekommen war. Er hatte ihn bereits zuvor auf einem anderen Bild gesehen – als ältere Version, auf einem Foto, welches er einmal durch Zufall unter Eiris Wohnzimmertisch gefunden hatte. Und dessen kaum erwähnenswerte Betrachtung mit einem dreiwöchigen Hausverbot honoriert worden war.

 

„Heißt das ... er will Rache? Rache für seinen Bruder? Und will er mich ... will er mich etwa ...“

 

Eine weitere intensive Musterung später lachte sie wie über einen gelungenen Witz: „Du bist wirklich gut, das muss ich dir lassen. Kein Wunder, dass er dir immer noch vertraut.“ Sie ging zum Fenster und schaute in die Nacht hinaus: „Yu war damals in Japan, um Seguchi zu töten.“ Zufrieden hörte sie, wie ihr Begleiter ein gurgelndes Ächzen ausstieß und fuhr fort: „Beim Konzert sollte es geschehen. Er war nahe dran gewesen, aber dann ist ihm etwas dazwischengekommen. Dieses Etwas warst du. Und er ist dich nicht mehr losgeworden, wie dieses Zeug, dass sich bei Husten ganz hinten im Hals bildet und die ganze Zeit die Schleimhäute reizt. Es gab nur einen Grund, dich herzubringen, alles woran er gedacht hat, war, deiner lieben Familie doch noch eins auszuwischen!“

 

Tatsuha kniff die Augen zusammen und biss sich auf die Unterlippe. Jessica kicherte vergnügt, als sie ihn schmollen sah und wurde dann wieder ernst: „Aber Yu ist naiv. Hat nicht die geringste kriminelle Ader. Er begreift nicht, dass sie stattdessen ihn drangekriegt haben. Sie haben dich geschickt, nicht wahr? Wann habt ihr ihn aufgespürt? Wie seid ihr überhaupt auf ihn aufmerksam geworden?“ Er brachte nur ein verständnisloses Krächzen heraus.

 

„Du bist hier, um ihn zu reizen. Wie das Zeug im Hals. Du sollst ihn so lange reizen, bis er wieder einen Fehler begeht, damit ihr ihm ein noch schlimmeres Vergehen anhängen, ihn ein für allemal loswerden könnt, richtig? Mach mir nichts vor, ich durchschaue euer dreckiges Spiel.“

 

Tatsuha war völlig verwirrt und in jeder anderen Situation hätte er wahrscheinlich laut gelacht. Erst hatte er sich vom glückseligen Nutznießer in ein bedauernswertes Opfer verwandelt und jetzt war er plötzlich der kaltblütige Bösewicht? Was zum Teufel meinte sie?! „Ich glaube, du tickst nicht mehr ganz richtig“, platzte es besorgniserregend direkt aus ihm heraus, „Denkst du vielleicht, ich wäre freiwillig mit ihm mitgegangen, wenn ich gewusst hätte, dass er mich hasst?!“

 

Im nächsten Moment blieb ihm die eigene Spucke im Hals stecken, denn sie zog mit atemberaubender Geschwindigkeit ebenfalls eine Pistole aus ihrer Jacke und zielte damit direkt auf sein Gesicht: „Kein vernünftiger Mensch wäre mit einem wildfremden Mann in ein weit entferntes Land gereist – gleichgültig, ob er nun gewusst hätte, dass er ihn hasst oder geglaubt hätte, dass er ihn liebt – ohne ein ganz bestimmtes Ziel zu verfolgen!“

 

Nun, sie hatte in diesem Punkt nicht ganz unrecht. Doch sie kannte Tatsuha Uesugi eben nicht besonders gut.

 

---

 

Yuma raste weit über Tempolimit über den Highway und verfluchte seine Gutgläubigkeit in jeder verstreichenden Sekunde. Wie hatte er mit einer solchen Zuversicht daran glauben können, dass Jessica sich wieder beruhigen würde? Er hätte sich denken können, dass so etwas geschehen würde! Er hätte es sich denken müssen! Er kannte sie besser als jeder andere, nichts, was sie tat, kam für ihn jemals überraschend. Also warum war er einfach blind davon ausgegangen, dass die Nachricht von Tatsuhas Rückkehr sie von ihrem Adrenalintrip herunterholen würde?!

 

Und jetzt, jetzt war es vielleicht ...

 

Mit einem heftigen Schauer schüttelte er den Kopf. Nein. Es war sicher nicht zu spät. Er würde es schaffen.

 

Es kostete ihn zehn Minuten, eine empörte Streife abzuhängen, die für kurze Zeit die Verfolgung auf den Raser aufnahm, ehe sie deprimiert aufgab, doch diese Spanne ermöglichte es ihm gleichzeitig, noch sehr viel schneller zu fahren, da er nichts mehr zu verlieren hatte.

 

Bald darauf folgte er einer Abfahrt, die er schon öfter in seinem Leben genommen hatte, als er sich hätte merken können. Es dauerte nicht mehr lange, bis die Häuser eines ihm nur zu gut bekannten Viertels vor ihm aufragten. Häuser, die eines frischen Anstrichs nur zu dringend bedurften – und noch einigem anderem. Früher hatte er die Gegend als nicht so entsetzlich hässlich empfunden. Aber wenn du ein Familienmitglied verlierst, verliert selbst die unmittelbare Umgebung ihren Reiz und du willst sie einfach nur noch ohne Rücksicht auf Verluste niederbrennen.

 

Jessica musste sich in diesem Moment so fühlen. Und er hatte sie schon wieder im Stich gelassen, obwohl er ihr immer wieder bedingungslose Loyalität und Zuneigung versichert hatte. Und für wen?

 

Tatsuha. Den Feind!

 

Yuma wich geschickt einem betrunkenen Stadtstreicher aus, der wie aus dem Nichts über die Straße taumelte. In Gegenden wie dieser musste man ständig mit so etwas rechnen. Und mit mehr. Hatte sie einige ihrer Kumpel aktiviert? Und wenn ja, wie viele? Ihm war sehr bewusst, dass die Bewohner dieses Stadtteils keinen Freundschaftsdienst umsonst leisteten und hoffte inständig, dass Jessicas Barschaft für mehr als einen oder zwei Handlanger nicht ausgereicht hatte. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie sich zumindest einen zur Seite genommen hatte, denn sie hatte offensichtlich vor, Tatsuha aus dem Weg zu räumen und um eine Leiche fortzuschaffen, dafür reichte selbst ihre Erfahrung nicht aus.

 

Und endlich erblickte er von weitem sein Ziel. Das steinalte, graue Gebäude ragte ein Stück weiter empor als seine Nachbarn, und so erkannte Yuma schon aus einiger Entfernung einen Schatten, der sich andauernd von links nach rechts bewegte.

 

War das der dritte Stock?

 

Yuma knirschte mit den Zähnen. Problem.

 

Kurz vor der Kurve, die zu Jessicas ehemaligem Wohnhaus führte, stieg er vom Motorrad und stellte es am Straßenrand ab, um lautlos zur Häuserecke zu schleichen und in die Gasse zu spähen.

 

Ein weiteres Problem saß mit einer Bierflasche jonglierend neben dem Eingang und würde kaum zu umgehen sein.

 

Jetzt wusste er zumindest, dass er mit dem Verdacht an der richtigen Adresse gewesen war und sich hier tatsächlich etwas abspielte, was nicht ganz koscher war. Yuma überlegte, ließ sich aber nicht allzu lange Zeit dafür, ehe er sein Handy aus der Tasche fischte.

 

Wollte er Tatsuha und Jessica sicher herausbringen, benötigte er dringend Hilfe.

 

»Ja?«

 

»Hey, Corey. Ich brauche Unterstützung und zwar verdammt schnell.«

 

»Wo bist du? Welche Art Unterstützung?«

 

»Die diskrete Sorte.«

 

»Immer, wenn du dir Diskretion wünschst, geraten wir in Teufels Küche! Ich bin für die Musketiernummer. Alle für einen!«

 

»Corey, ich habe keine Zeit für lange Erklärungen, aber es geht um Leben und Tod!«

 

»Dann ist die diskrete Sorte erst recht unangebracht! Quatsch nicht rum und sag mir, wo du bist!«

 

»Versprich mir, dass du alleine kommst.«

 

»Kitazawa, du weißt, dass ich mit sowas keine Witze mache, also-«

 

»Corey«, zischte Yuma eindringlich in den Hörer und schnitt seinem Freund erfolgreich das Wort ab, »versprich mir, dass du alleine kommst!« Ein Massenauflauf half Jessica nicht aus dieser verzwickten Situation, würde ihr eher noch die Last von zu vielen Zeugen aufbürden. Solange es nur Tatsuha war, mit dem es sich am Ende gutzustellen galt, hatte er vielleicht eine Chance.

 

Er konnte seinen Kollegen förmlich mit sich ringen sehen, doch schließlich schnaufte es geschlagen in die Leitung: »Okay, ich hab verstanden. Jetzt verrat mir schon, wo ich dich finde.« Yuma atmete erleichtert auf: »Danke, Corey. Ich bin in der vierund-«

 

Ein Klicken ertönte, ein kurzes Piepen und dann war alles still.

 

Verdutzt starrte er auf sein Handy hinab, schüttelte es ein paarmal, setzte es wieder ans Ohr und wählte nochmal Coreys Nummer. Nichts geschah.

 

Als er es mit zunehmend nervösem Zittern in den Fingern aus- und wiederanstellte, blitzte einige Male ein durchgestrichener Quader auf und erlosch dann.

 

Beinahe hätte er das Gerät an der nächstbesten Häuserwand zerschmettert, stattdessen begnügte er sich mit einem lautlosen Schrei gen Himmel.

 

Sein Akku hatte den Geist aufgegeben.

 

---

 

„Du hast etwas vor und ich werde verhindern, dass du damit durchkommst.“

 

Panik breitete sich wie ein Lauffeuer in Tatsuhas Körper aus.

 

Nicht schon wieder!

 

Warum schien er in letzter Zeit für viele Leute ein höchst attraktives lebendiges Ziel abzugeben?!

 

Behutsam hob er die Hände und brachte tatsächlich einige Worte aus seinem staubtrockenen Mund hervor: „Hey! Wa... warte einen Moment! Was hast du denn vor?! Du hast mir doch sicher nicht diese ganze Geschichte erzählt, um mich jetzt umzunieten, oder?!“ „Ich habe sie dir erzählt, um deine Reaktion auszutesten“, erwiderte Jessica, als wäre er ein hirntoter Idiot, „Ich wollte eine hochnäsige Bestätigung hören, dass du es auf Yu abgesehen hast. Ich dachte mir, dass es mir dann vielleicht leichter fallen würde.“ „Aber ich will ihm nicht schaden“, piepste Tatsuha verzweifelt und räusperte sich schnell, „Er ist mein Freund – und mein Gönner! Ich beiße doch nicht die Hand ab, die mich auf Wolken trägt, Jess! Ich bin vielleicht ein bisschen dumm, aber doch kein Volltrottel! Ich verdanke ihm mehr, als ich ihm jemals zurückgeben kann, da denkst du doch nicht wirklich, dass ich ihn verpfeife!“

 

Jessica runzelte tatsächlich die Stirn und mit Erleichterung erkannte er einen Hauch von Zweifel in ihren Augen. Wenn er es schaffte, ihr Vertrauen zu wecken, kam er vielleicht noch einmal mit heiler Haut davon! Dann würde er flüchten können. Zu Yuma vielleicht. Oder zu Grace. Oder in die japanische Botschaft, um dort Tohma anzurufen und auf Knien um Verzeihung zu bitten, bis er ihn abholen kam.

 

Aber Yuma würde er nicht verpfeifen.

 

„Warum ist er eigentlich nicht hier?“, fragte er mit zitternder Stimme, „Wenn er mich ebenso tot sehen will wie du, enthältst du ihm dann nicht den besten Teil vor?“

 

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft zuckte sie vor ihm zurück und er begriff sofort, dass es aus Schuldbewusstsein geschah. Hoffnung regte sich in ihm. Konnte es sein, dass Yuma doch nicht mehr ganz so sehr auf Rache aus war, wie sie ihm weismachen wollte? Immerhin lag ihre Rückkehr nun fast ein halbes Jahr zurück, in dem er eine ganze Menge sympathiefördernder Dinge mit ihm veranstaltet hatte. Tatsuha kannte sein eigenes Charisma sehr gut, hatte sich Yuma tatsächlich all die Zeit dagegen wehren können?

 

Angestrengt atmete er durch und entschied, dass es eine Spur war, die es zu verfolgen lohnte: „Jess ... Tust du das alles hier gegen seinen Willen?“

 

Ihre Augen verhärteten sich, Sekundenbruchteile bevor sie ohne jede Warnung abdrückte.

 

---

 

Der Späher an der Eingangstür sah misstrauisch auf, als sich etwas Verdächtiges in seinem Gesichtsfeld regte. Ein hochgewachsener Mann kam leise singend und weit weniger unauffällig torkelnd um die Ecke geschlendert und blieb, als er den Treppenaufgang und das Motorrad von Jessicas Begleiter erreicht hatte, leicht schwankend davor stehen. Anscheinend musterte er das Gefährt, was dem Aufpasser einen leichten Schauer über den Rücken jagte. Was, wenn sich der Typ das Ding merkte? Nicht wie ein Penner gekleidet, eher wie ein mittelständiger Büroangestellter, war es nicht zu weit hergeholt, dass ihm Bike und Besitzer vertraut vorkommen konnten – zum Beispiel bei polizeilicher Nachfrage.

 

Also rappelte der junge Mann sich eilig auf und spazierte zu dem hoffentlich reichlich angetrunkenen Neuankömmling hinüber. Besser, er wurde den Kerl schnell los, ehe sich die Müllsäcke hinterm Haus vermehrten. »Na, Kumpel«, grüßte er grinsend, »kann ich dir vielleicht weiterhelfen?« Der Fremde schreckte auf und nun erkannte er erstaunt, dass er einen Helm trug, dessen Sichtschutz bei dem Ruck zuklappte. Ehe er die seltsame Erscheinung kommentieren konnte, erklang es dumpf und mit gelegentlichen Pausen, wenn offenbar der Alkohol im Magen Freudenhüpfer machte, weil er sich in der Blutbahn so wohl fühlte: »Oh! Oh nein, isch ... Äh ... schuche nur mein Modorrad! Habesch ... habesch hier irgendwo abgeschtellt ... und ... Hm ... Isch könne schwören, dasch isch esch hier abgeschtellt habe ... Nee?«

 

Die Augenbraue des Spähers zuckte. Na toll, ausgerechnet jetzt verirrte sich so ein Säufer in diese gottverlassene Gegend. Wollte in dem Zustand noch Motorrad fahren! Die Bullen würden ihn schneller einlochen, als er das Zündschloss finden konnte und ganz nebenbei würde er sie auf ihre kleine Party im Haus aufmerksam machen.

 

»Schö... schönes Schtück hascht du hier, Freund«, ertönte es weiter, »Isch ... isch doch deinsch, oder?« »Klar, Mann«, seufzte er mit einem leidenden Augenrollen, »Hey, weißt du was? Ich glaub, ich hab dein Bike gesehen!«

 

»E... ellisch?!«

 

»Ja, Mann! Geh einfach die Straße zurück und immer der Nase nach, Hauptsache, weit weg von hier. Erstens wirst du dann sicher irgendwann drauf stoßen und zweitens wird dir heute Nacht nichts Schlimmes passieren, kapiert?«

 

»Kapirscht, Freund! Dange! ... Oh ... Kann isch disch noch um einen klischekleinen Gefallen bitten?«

 

Der Späher stöhnte genervt und folgte dem Wink der fuchtelnden Hand, ein Stück näherzukommen.

 

Im nächsten Augenblick war die Welt um ihn herum abgestellt.

 

Yuma ließ den Bewusstlosen leise zu Boden gleiten und nahm den Helm ab, mit dessen Hilfe er ihm eine so harte Kopfnuss verpasst hatte, dass er ihm wahrscheinlich nicht nur einige Synapsen, sondern auch gleich die Nase mit gebrochen hatte. Nun, Kollateralschaden.

 

Problem Nummer eins war kaum der Rede wert gewesen. Möglicherweise hatte er Glück und der Weg zu seinen Freunden war ein Spaziergang im Park.

 

In diesem Augenblick hallte ein Schuss durch die Nacht.

 

Jedwede Rationalität verließ das sinkende Schiff, als Yumas Verstand zu einem Eisberg gefror und er blindlings lossprintete.

 

---

 

Tatsuha entließ den gestockten Atem in einem langen, zittrigen Zug. Zögernd warf er einen steifen Schulterblick zur hinter ihm liegenden Wand und sah noch ein bisschen Putz dort abbröckeln, wo sich das Einschussloch befand.

 

„Halt dein Maul“, drohte es von vorne, „Halt dein verdammtes Maul oder ich stopfe es dir mit Blei!“ Vorsichtig wandte er sich wieder zu Jessica um, die ihn noch immer zielsicher im Visier hatte und der nun ein mit hörbar unterdrücktem Zorn angereichertes Knurren entfuhr.

 

„Tu nicht so, als würdest du ihn kennen, du hast überhaupt keine Ahnung, wie er tickt! Ich tue nichts – NICHTS – gegen seinen Willen! Ich tue alles – ALLES – für ihn! Und du Scheißbalg maßt dir an, zu denken, ihn nach ein paar kläglichen Monaten durchschaut zu haben?! FICK DICH! Du weißt nichts ! GAR NICHTS! Du weißt nicht, wie es ist, nur einen einzigen Menschen zu haben, der dich versteht! Der wirklich weiß, wie es in dir aussieht! Der als Einziger in der Lage ist, deine Welt ein bisschen strahlen zu lassen, eine Welt, die von dieser verfluchten Trauer so tiefschwarz geworden ist, dass die Finsternis selbst deine Hilfeschreie verschluckt! Du hast keine Ahnung!“

 

Ein ungutes Gefühl breitete sich langsam, aber weiter und immer weiter in ihm aus, ließ sogar die Angst vor der unmittelbaren Gefahr in den Hintergrund rücken und weil ihm zusehends abging, wovon zum Teufel sie redete, formulierte er einen schleichenden, aber hartnäckigen Verdacht – auch wenn sie ihn dafür wahrscheinlich zu lynchen imstande war.

 

„Jess ... Redest du von Yuma ... oder von dir?“

 

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Der Wächter in der Lobby konnte sich gerade mal auf die Beine retten und zu einem Seitensprung bereit machen, als die Eingangstür aufgetreten wurde und eine dunkle Gestalt nach minimaler Orientierungspause ohne abzubremsen auf ihn losstürmte.

 

Zuerst dachte er schadenfroh, dass der Angreifer den Überraschungsmoment und damit natürlich einen Großteil an Bedrohlichkeit eingebüßt hatte, allerdings sollte er keine Sekunde später eines Besseren belehrt werden. Der Fremde war überwältigend schnell und riss ihn mit einem gut gezielten Tritt von den Beinen, sodass er ungebremst mit der Schulterpartie auf das niedrige Tischchen stürzte, das er zuvor als Stuhl missbraucht hatte. Etwas barst knackend und der stechende Schmerz, der in ihm aufflammte, verriet ihm, dass es sich dabei nicht nur um knorriges Holz handelte. Den Schrei, der ihm über die Lippen gleiten wollte, schob eine geballte Faust sehr erfolgreich zurück in seine Bronchien und somit gelangte nur ein tonloses Ächzen über seine Lippen, ehe alle Lichter ausgingen.

 

Yuma wartete nicht, bis der bewusstlose Körper den Boden erreicht hatte, sondern stürmte durch den Saal die Treppe bis zum dritten Stock hinauf.

 

Der Schatten auf dem Hinweg war ihm in der Hektik entfallen, und so erstaunte ihn das Bein, über welches er spontan stolperte.

 

Es streckte ihn der Länge nach hin, sofort stürzte sich ein schweres Gewicht auf ihn und versuchte, einen dicken Arm um seinen Hals zu schlingen. Yuma boxte geistesgegenwärtig mit einem Ellenbogen rückwärts, anstatt sich damit aufzuhalten, den Würgegriff zu lockern. Er traf ein fleischiges Gesicht, welches schmerzerfüllt quiekte und ihn tatsächlich losließ, woraufhin er sich flink abrollte, mit dem Bein an etwas Hartes stieß und ohne Zögern zutrat. Ein Blecheimer schepperte durch die Luft und genau gegen die Nase eines untersetzten Mannes, den Yuma in der Finsternis nicht richtig erkennen konnte.

 

Ein Stöhnen ertönte, doch war das Geschoss viel zu leicht, um effektiven Schaden anzurichten, und so erfolgte der Gegenangriff zu schnell.

 

Yuma ächzte laut auf, als sich ein Fuß in seinen Magen grub.

 

Und ein zweites Mal.

 

Und ein drittes.

 

Den vierten Tritt fing er mit den Armen ab und drehte geradewegs ein Gelenk aus der Schale. Ein nur gedämpfter Schrei ertönte, weil Yuma seinen Gegner dabei gekonnt auf den Bauch gezwungen, sich auf ihn geworfen und ihm das speckige Gesicht in den abgewetzten Teppich gedrückt hatte. Nun packte er eine völlig wertlose Vase von einer niedrigen Kommode und hob sie für mehr Schwung hoch über den Kopf.

 

»Warte«, ertönte es verzweifelt aus der Wolle, »ich kann dich zu ihnen bringen!« Er schlug zu, stand etwas unsicher auf, als sich der Mann nicht mehr rührte und wischte sich ein bisschen Speichel vom Mund: »Brauche keinen Fremdenführer, herzlichen Dank.« Damit wandte er sich zum Gehen.

 

Leider war dieser Gegner ein härterer Brocken als die beiden anderen.

 

Und ein gefährlicherer.

 

Das wurde Yuma schmerzhaft bewusst, als er ein weiteres Mal auf dem Gesicht landete und zwischen dem Pfeifen in seinen Ohren plötzlich auch das Entsichern einer Waffe vernahm.

 

Blitzschnell rollte er sich zur Seite und entkam so nur knapp dem Schuss. Er hatte nicht die Absicht, dem Mann eine weitere Gelegenheit zum Abdrücken zu geben, deshalb fuhr seine Hand wie von selbst zum Schulterhalfter, zog die Browning und feuerte.

 

---

 

Ein Schuss schreckte sowohl Jessica als auch ihren Komparsen an der Tür auf.

 

Ein weiterer ließ sie sich nervöse Blicke zuwerfen. Der Mann zappelte nervös und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er lieber durch die Tür oder durchs Fenster fliehen wollte: »Scheiße! Hat uns etwa jemand erwischt?!«

 

Jessica fasste sich recht schnell wieder und schnalzte nur wütend mit der Zunge: »Unmöglich. Hier lebt weit und breit doch keine Sau, die sich um das Wohlergehen ihrer Mitmenschen kümmern würde! Das ist sicher nur Frankie. Schwachkopf, kaum spendiere ich ihm ‘ne Knarre, schon fühlt er sich wie Freischütz und ballert auf harmlose Ratten. Geh und sag ihm, dass er sich gefälligst eine andere Zeit für sein Jagdfieber aussuchen soll!«

 

Sein Blick verriet Zweifel an ihrer Zuversicht, dann zuckte er aber die Achseln und verschwand im Flur.

 

Sie starrte Tatsuha zornig an: „Hast du auch nur ein Wort von dem verstanden, was ich gesagt habe?! Du sollst gefälligst nicht so tun, als wüsstest du Bescheid! Natürlich rede ich von Yu, du verdammter kleiner Bauernfänger! Er ist mein Freund und ich werde ihn beschützen. Egal, was ich dafür tun muss!“ Ihre Augen füllten sich mit gestressten Tränen, als sie erneut drohend die Pistole anhob: „Ich hab genug von dieser Angst! Du Dreckskerl wirst uns nicht mehr wehtun können! Keiner von euch verschissenen Arschlöchern!“

 

Tatsuha kniff reflexartig die Augen zu.

 

Keinen Wimpernschlag später erklang ein weiterer Schuss.

 

Nachdem jedoch einige Sekunden vergangen waren, ohne dass eine scharlachrote Welle nie gekannten Schmerzes über ihn hinweg rollte, wagte er es wieder, sie zu öffnen – und tat es gerade rechtzeitig, um Yuma durch die Tür stürmen, sich wie eine Wand vor ihm aufbauen und mit felsenfestem Griff die eigene Waffe auf Jessica richten zu sehen.

 

Er hatte keine Zeit dazu, nachzuvollziehen, was geschehen war, denn Yumas Hand fuhr in seinen Rücken, packte ihn am Handgelenk und drückte ihn fest in die hinter ihnen liegende Mauer. Zitternd sah er also nur über eine breite Schulter hinweg auf Jessica.

 

Die junge Frau schien fassungslos, als ob sie nicht einmal nach einer ausdrücklichen Einladung damit gerechnet hätte, ihren Freund an diesem Ort anzutreffen. „Yu“, flüsterte sie entgeistert, „Was machst du denn hier? Ich dachte, du ... du hättest Nachtschicht?“ Yuma ging gar nicht auf die Beschwerde ein: „Ich bin hier, Jess. Alles wird gut. Nimm die Waffe runter.“ Sie aber schüttelte heftig den Kopf: „Yu, du weißt nicht, was du tust! Ich muss es tun!“ „Du musst gar nichts“, widersprach er ihr ebenso heftig, „Du bist durcheinander, das verstehe ich. Und er auch, richtig?!“ Er neigte den Kopf ein ganz klein wenig zur Seite und Tatsuha begriff, dass die Frage an ihn gerichtet war – und ihm die einzig akzeptable Antwort gleich mitgeliefert wurde.

 

Er spürte, wie ihm die letzte Unze Kontrolle entglitt. Wo die erwartete Schmerzwelle ausgeblieben war, breitete sich jetzt eine Woge der Erleichterung in ihm aus, die ihm weiche Knie bescherte und ihn für ein paar Sekunden schwindeln ließ.

 

Yuma war bei ihm. Und er stand auf seiner Seite!

 

„Klar! Versteh ich absolut!“

 

Man musste ihn nicht zweimal bitten, in diesem Moment hätte er Affen zum Fliegen gebracht, hätte Yuma ihn dazu aufgefordert, und so nickte er eifrig, obwohl Jessica es von ihrer Position aus kaum sehen konnte.

 

Seine beiden Hände entwickelten indes ein Eigenleben und krampften sich in den festen Stoff von Yumas Mantel, während seine Stirn auf ein Schulterblatt sank.

 

„Siehst du“, hörte er die angenehme, dunkle Stimme versichern, „du bist nicht allein. Wir sind bei dir! Lass uns darüber reden, Jess!“

 

Eine Pause trat ein, so als würde sie tatsächlich ernsthaft darüber nachdenken. Doch an Yumas verspannten Schultern erkannte er, dass die Überzeugungsversuche nicht von Erfolg gekrönt waren.

 

„Nein ... Nein, er macht uns was vor! Siehst du es nicht, Yu?! Siehst du nicht sein falsches Gesicht?!“

 

„Nein, Jess, ich sehe es nicht. Er hat mich oft angeflunkert, aber nie faustdick belogen!“

 

„Du bist blind, Yu! Du bist voreingenommen! Deine Schuldgefühle versperren dir die Sicht darauf, was für eine falsche Schlange er ist! Er will dich ausliefern!“

 

„Er hätte jedes Recht dazu.“

 

„Bitte, geh zur Seite. Es wird ganz schnell gehen, ich verspreche es! Wenn du ihn laufen lässt, wird er unser Leben zerstören!“

 

„Ich hab versucht, ihm seins zu nehmen!“

 

„GEH ZUR SEITE!!!“

 

„NEIN!!!“

 

Tatsuha wurde von Yumas Arm ein Stück nach links geschoben, als Jessica versuchte, ihn von rechts zu umrunden.

 

„Mädchen, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Schnüffler bei uns auf der Matte steht, schnallst du das nicht?! Ist das das Leben, das du dir wünschst? In meinen Ohren klingt das eher nach ständiger Angst und Isoliertheit! Ich will so etwas nicht. Weder für mich, noch für dich, Jess! Bitte! Nimm die Waffe runter!“

 

Zum ersten Mal seit seines Auftauchens schien sie zu registrieren, dass auch er eine Waffe in Händen hielt – und damit rigoros auf ihre Brust zielte. „Du“, stammelte sie ungläubig, „du richtest eine Waffe auf mich? Obwohl du weißt, wie sehr ich sie hasse?!“ Yuma atmete tief durch und antwortete so sanft wie möglich: „Du zwingst mich dazu. Nimm deine runter und ich steck meine sofort weg. Was meinst du, ist das ein Vorschlag?“

 

„Aber ... dann läuft er weg! Er ist ein flinkes Wiesel, er wird weglaufen!“

 

„Nein, das wird er nicht. Er wird bei uns bleiben und sich anhören, was wir ihm zu sagen haben. Richtig, Junge?“

 

„Ja! Ja, klar! Ich hör’s mir an! Ich wette, ihr habt einen guten Grund für ... das alles.“

 

„Siehst du? Er ist in Ordnung! Bitte, Jess! Bitte!“

 

Die sonst so selbstbewusste Stimme brach beim letzten Teil etwas und Tatsuha konnte sich lebhaft die Verzweiflung vorstellen, die gerade in Yuma herrschte. Ein Jahr, schoss es ihm durch den Kopf, ein ganzes Jahr lang Hoffnung, die letztendlich brutal zerschlagen worden war.

 

Mitgefühl vibrierte in seinem Herzen. Eine Freundin war eine Freundin, ob sie nun psychische Divergenzen aufwies oder nicht. Und im Moment zwang er ihn dazu, sich gegen jene Freundin und für eine flunkernde Rotznase zu entscheiden, die er kaum kannte.

 

Sein Griff verfestigte sich.

 

Jessica schien endlich von Yumas Bekundungen erreicht zu werden, denn als er es wagte, erneut über die stramme Schulter zu linsen, hatten sich ihre Hände bereits zusehends gesenkt. War sie endlich zur Vernunft gekommen? „Yu, ich ... ich ... Ich weiß nicht, wie ...“, begann sie verzagt, die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten, überquellend und ihr in Bächen die Wangen hinunter laufend. Yuma ließ den angehaltenen Atem entweichen und entspannte sich etwas: „Ich weiß, Jess. Ich weiß. Es kommt alles in Ordnung. Versprochen.“

 

Und in diesem Augenblick stürzte der Mann, der Tatsuha zuvor den Weg versperrt hatte, durch die Tür und zielte direkt auf Yumas Kopf.

 

»NEIN«, schrie Jessica panisch und hielt ihm sinnlos eine Hand entgegen, die ihn verständlicherweise herzlich wenig kümmerte. Yuma hingegen reagierte wesentlich destruktiver, fast gleichzeitig mit dem Krachen der Tür, die gegen die Wand knallte.

 

Ehe Tatsuha überhaupt begriff, was geschah, hatte er schon umgeschwenkt und feuerte in schneller Abfolge dreimal auf den Eindringling, der gegen den Türrahmen taumelte und stöhnend daran zu Boden sank.

 

Yumas instinktive Selbstverteidigung brachte aber den Nachteil, dass er damit ein Stück Schussbahn auf den Jungen in seinem Rücken freilegte, der, aufgeschreckt von der Aufregung zu seiner Rechten, zusätzlich zur Seite sprang.

 

Und dessen Augen sich entsetzt weiteten, als Jessica ihre Waffe erneut erhob und abdrückte.

 

Einmal mehr schloss Tatsuha im stillen Gebet die Augen. Und wieder kam nicht der erwartete Schmerz – oder zumindest nicht in dem Ausmaß, in dem er es sich vorgestellt hatte. Stattdessen traf ihn frontal ein schweres Gewicht und stieß ihn hart gegen die Wand, sodass sein Hinterkopf gegen die Mauer prallte und ihm einen dumpfen Stich durch die Schläfen jagte. Ein abgehacktes Ächzen später hob er beide Hände zur pochenden Stirn, sah verdattert auf und auf den etwas gekrümmten Rücken seines Freundes.

 

Er erbleichte in schrecklicher Vorahnung.

 

Yuma hatte sich im letzten Moment vor ihn geschoben, bevor die Kugel den Lauf der Pistole verlassen hatte – und sie für ihn abgefangen.

 

Yumas linke Hand, die er nicht zum Zielen benötigte, hob sich und presste sich auf eine Stelle an seiner linken Hüfte und Tatsuha flehte instinktiv zu allen ihm bekannten Gottheiten, dass keine lebenswichtigen Organe zerschmettert worden waren. Das Blut, das begann, tröpfchenweise auf den schmutzigen Boden zu kleckern, ließ bereits mehr als genug Übelkeit in ihm aufsteigen, als dass er auch noch derlei Gedanken nachhängen wollte. Erschüttert hielt er sich mit kaum hörbarem Stöhnen den Mund zu. Jessicas bestürztes Krächzen drang in seine Ohren, ohne dass er es tatsächlich vernahm. In diesem Moment konnte er nur einen klaren Gedanken fassen.

 

Sie hatte Yuma angeschossen.

 

Dessen Atem ging nun schwerer und er richtete sich, nachdem er von der Wucht des Treffers zusammengezuckt war, wieder ein wenig auf. „Jess“, presste er schmerzerfüllt hervor und schluckte trocken, „es ist okay. Es ist ... nichts passiert.“ „Was soll das heißen, es ist nichts passiert?!“, brüllte sie ihn schockiert an, „Du ... du bist ...“ Ihre Stimme schwächelte: „Du bst ... verletzt ... Ich ... ich habe dich ...“

 

„DU HAST GAR NICHTS!“

 

Seine laute Zurechtweisung ließ sie heftig zusammenfahren und leiser fügte er hinzu: „Es ist nicht deine Schuld. Komm ...“ Er streckte ihr seine nun blutverschmierte Hand entgegen, auf die sie voller Schrecken hinabblickte: „Gib mir ... deine Waffe und lass uns dem endlich ein ... ein Ende setzen.“ Doch auch weiterhin rang sie sichtlich nach Luft: „Ich ... Ah ... Das kann nicht wahr sein! Ich habe ... ich habe ... Ich wollte doch nur ...“

 

Quälend langsam hob sie den Kopf und starrte mit kalter Verbitterung direkt in Tatsuhas Gesicht.

 

„Das ist alles deine Schuld!“

 

Er schrumpfte in sich zusammen und krallte sich einmal mehr in Yumas Mantel fest. So sehr ihn der Zustand seines Freundes auch besorgte, so viel Angst hatte er davor, das nächste Opfer zu sein – Yuma schien erhebliche Schmerzen zu haben. Und Jessica schien das letzte bisschen Verstand verloren zu haben.

 

Wieder schob Yuma sich schützend weiter vor ihn in der Hoffnung, ein unüberwindbares Hindernis darzustellen. Sein Handicap bereitete ihm bereits größte Schwierigkeiten und er schaffte es nicht mehr so ganz, einen beherrschten Tonfall beizubehalten: „Ist ... ist es nicht! Es ist ... weder seine, noch deine, noch ... meine Schuld. Ich bin dir ... bin dir nicht böse, Jess, leg einfach ... leg einfach die Waffe weg und lass es gut ... sein!“ Doch sie war zu aufgebracht, um auch nur ein Wort zu verstehen. „Selbstverständlich ist alles seine Schuld! Mach endlich die Augen auf“, kreischte sie erbost, fast verzweifelt über seine Blindheit gegenüber der immanenten Gefahr, die er so leichtgläubig mit dem eigenen Leben beschützte. „Ist es nicht“, brüllte Yuma zurück, am Ende seiner Geduld angelangt.

 

„ALLES! ALLES IST SEINE SCHULD!“

 

„NEIN, VERDAMMT ... NOCHMAL!“

 

Und nun brachen alle Dämme. Jessica heulte offen und ohne den geringsten Versuch, sich zusammenzureißen. „Doch, verdammt nochmal“, äffte sie ihren Freund nach, „Er, sein verfluchter Bruder, seine ganze vermaledeite Sippschaft – wenn sie nicht wären, wäre damals nie etwas passiert!“

 

„Er kann nichts ... für seine Geburt!“

 

„Aber er konnte etwas für DEINEN TOD!!!“

 

Yuma hielt die Luft an und sah ihr durchdringend ins Gesicht: „Jess. Konzentrier dich. Sieh mich an.“

 

Tatsuha runzelte die Stirn. Was lief hier ab? Yumas Tod? War es nur ein Versprecher – oder verlor Jessica zusehends den Bezug zur Realität?

 

„Sein beschissener Egoismus hat uns das Genick gebrochen! Womit haben wir das verdient?!“

 

„Jess, sieh mich an! Erkennst ... du mich?“

 

„Ich lass dich nicht noch einmal sterben! Jetzt geh zur Seite!“

 

„Das werde ... ich nicht! Jess, komm schon, sieh mich ... an! Ich bin nicht Yuki!“

 

„ZUR SEITE!!!“

 

„NEIN!!!“

 

„Warum stehst du auf seiner Seite?!“, kreischte sie aufgelöst, „Wie kannst du ihn verteidigen, nach allem, was er uns angetan hat?! Wie kannst du ...“ Sie brach ab und starrte ihn aus tränenverschwommenen Augen an. Ihr Blick fiel auf die blutdurchtränkte Stelle seines Shirts. Und plötzlich sank sie wie in Zeitlupe auf die Knie.

 

„Du ... du bist immer noch sauer auf mich, nicht wahr?“

 

Yumas Hände zitterten. Tatsuha hoffte inständig, dass er dem Geschehen besser folgen konnte als er selbst, denn Jessica sah nun beinahe so aus, als wäre ihre gesamte Welt in sich zusammengebrochen. Obwohl sie noch immer die Pistole auf sie gerichtet hielt, schien sie auf einmal wie ein verunsichertes Kind, dass nicht mehr wusste, in welche Richtung die Mutter gelaufen war. Und Yuma war nervös. Und angeschossen.

 

Jessicas Stimme klang weinerlich.

 

„Du wirfst mit noch immer vor, dass ich dich nicht aufgehalten habe, nicht wahr?“

 

„Nein, Jess. Yuki hätte ... das niemals getan, das weißt ... du! Und jetzt sieh ... mich um Gottes Willen an!“

 

Sie tat es und ihr Blick war leer.

 

„Es ist seine Schuld. Aber letztendlich ... habe ich dir die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich habe dich vor die Wahl gestellt. Ich habe gedroht, dich in einer dermaßen schwierigen Zeit allein zu lassen. Habe meinen Platz freiwillig geräumt.“

 

„Du hast ... nichts Falsches getan! Nimm die Waffe ... runter!“

 

„Ich habe dich dazu getrieben, einen Schlussstrich zu ziehen.“

 

„Hör auf! Nimm ... die Waffe runter!“

 

„Ich habe es ihm ermöglicht, dir wehzutun.“

 

„NIMM DIE WAFFE RUNTER!“

 

Jessica lächelte ihn an. Es war ein strahlendes Lächeln, wie er es von ihr gewohnt war. Nur verrieten die Tränen, die in stillen Bächen vom Kinn tropften, dass es nicht von Herzen kam. Sie unterbrach den Blickkontakt nicht, als sie leise flüsterte: „Ich wollte dich so sehr, dass es wehtat. In guten wie in schlechten Zeiten. Dabei habe ich es überhaupt nicht verdient, deine Frau zu werden.“

 

Ihre Hände hoben sich.

 

Yuma schubste seinen Schützling unsanft dichter an die Wand: „Scheiße! Jess, hör auf!“ Durch den Stoß verlor Tatsuha kurz das Gleichgewicht und stolperte. Jessica verschwand aus seinem Blickfeld, und so bekam er nicht mit, dass die Pistole nicht auf seiner Höhe stoppte.

 

„Jess!“

 

Tatsuha fing sich und stützte sich an der Mauer ab, um sich wieder aufzurichten.

 

„JESS!!!“

 

Ein letzter Knall fuhr Tatsuha durch Mark und Bein.

 

Langsam und mit Mühe zu atmen, drehte er den Kopf und lauschte angestrengt.

 

Hatte sie Yuma etwa nochmal erwischt? Sein Freund zeigte keine Reaktion, die ihm die Bestandsaufnahme erleichterte – der Rücken, den er anstarrte, war stocksteif, nur ein leichtes Zittern verriet, dass der Besitzer noch am Leben war. Vorsichtig und von bösen Vorahnungen geplagt tastete er nach einem steinharten Schulterblatt. Doch ehe er ihn berühren konnte, ertönte Yumas Stimme, leise und beherrscht.

 

„Mach die Augen zu.“

 

„Wa...?“

 

Mit einem Ruck schwang Yuma herum und schlug beide Hände rechts und links von Tatsuhas Kopf gegen die Wand: „MACH DIE AUGEN ZU!“ Tatsuha schreckte zusammen und tat automatisch wie geheißen. Er quiekte erschrocken, als er anschließend eisern am Oberarm gepackt und unter stetigem Stolpern zur Tür gezerrt wurde. Dort wurde er hochkant auf den dunklen, stickigen Flur befördert.

 

Erst als er ausrutschte und schmerzhaft auf dem Hosenboden landete, wagte er es, aufzusehen und blickte direkt in stechende, braune Augen.

 

Yuma starrte mit undurchdringlicher Miene auf ihn herab und knurrte dann drohend: „Rühr dich ... rühr dich nicht vom Fleck. Komm mir ja nicht ... nach! Wenn du auch nur ... die Klinke schief ansiehst, breche ... ich dir alle Finger.“ Tatsuha konnte nur verständnislos nicken, ehe Yuma ihm die Tür mit einem lauten Knall vor der Nase zuschlug.

 

Was war geschehen? Warum hatte er so dermaßen erschüttert ausgesehen?

 

Im Zimmer trat Yuma über die Leiche des unbekannten Komplizen hinweg auf den stillen Körper zu, der vor dem Fenster im matten Lichtschein am Boden lag.

 

Eine stetig wachsende Lache dunkle Flüssigkeit hatte sich bereits dort gebildet, wo Jessicas Kopf auf den Dielen gelandet war. Es war ihm schon jetzt schmerzlich bewusst, dass er niemals ihren Gesichtsausdruck vergessen würde, wie selig sie gelächelt hatte, als die Mündung ihre Schläfe erreicht hatte.

 

Sein Gehirn war wie leergefegt und es bereitete ihm Übelkeit, sich an die Sekunde zurück zu erinnern, in der es ihres in die staubige Luft gespritzt hatte.

 

Er ging in die Hocke und legte zwei Finger an ihren Puls – es war eine beinahe schon automatisch erfolgende Geste und er ließ es geschehen, obwohl er wusste, dass sie tot war. „Du hast es geschafft“, dachte er kalt, nicht umhinkommend, ob ihrer Tat hilflose Wut zu verspüren, „Ich hätte es wissen sollen. Du hast immer gelästert, Vergebung sei eine Entschuldigung für Schwächlinge, die zu feige sind, sich ihrem Wunsch zur Rache zu stellen. Sieh dich an, Jess – nicht einmal dir selbst konntest du vergeben.“ Mit größter Sorgfalt, ihre Position nicht zu verändern, griff er in ihre Jacke und wühlte in den Innentaschen herum, bis er ihr Handy ertastete. Im Gegenzug streifte er sich den Mantel ab und legte ihn behutsam über den Leichnam.

 

Beim Aufstehen fuhr ihm eine übermächtige Pein in die Glieder und er fiel beinahe gegen die Fensterbank, an der er sich daraufhin japsend abstützte. Das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzogen, gönnte er sich ein kurze Pause, ehe er das Handy aufklappte und Coreys Nummer heraussuchte.

 

Irgendwie wirkte es beruhigend, die flapsige und sehr gereizte Begrüßung seines Kollegen zu hören, die nach einer kurzen Wartezeit und einem leisen Klicken ertönte.

 

»Yo. Hör mal zu, Giftspritze, ich hab im Moment echt Wichtigeres zu tun, als mich mit dir rumzuärgern, okay? Ich will nur eins wissen: Hast du ‘ne Ahnung, wo sich Yuma rumtreibt?«

 

»Vierundzwanzigste ... Hill Street. Du brauchst nicht mehr ... allein zu kommen.«

 

»Yuma?! Du ARSCHLOCH!!! Weißt du eigentlich, was für Sorgen ich mir gemacht habe, seit du mich abgewürgt hast?!«

 

»Ich habe nicht aufgelegt. Mein ... mein Akku war leer.«

 

»Dann tu gefälligst endlich mal was gegen diese Antiquität! Nicht mal das GPS hat funktioniert! Ich renn hier auf ‘m ZAHNFLEISCH! Was zum Teufel ist los bei dir?! Ich hab mir schon-«

 

»Jess ist tot.«

 

»- alle möglichen Horrorvisionen ausgem... Was?«

 

»Ich brauch dich hier. Schnellstens. Spiel von mir aus die Musketiernummer, ist nicht mehr wichtig. Und bestell einen Krankenwagen, wo du schon dabei bist. Ich hab hier zwei Leichen und, wenn sie sich inzwischen nicht erholt haben und getürmt sind, drei Verletzte rumliegen, also treib die Jungs ein bisschen an.«

 

»Hey, warte mal, ich fürchte, ich hab den vorigen Teil nicht ganz verstanden, könntest du den bitte wieder-«

 

Yuma legte auf und stülpte stöhnend eine Hand über die Wunde: „Ah ... Vier Verletzte. Scheiße, das brennt.“

 

Und mit einem letzten Seitenblick auf seine Freundin verließ er das Zimmer.

 

Draußen hob Tatsuha aufgescheucht das Gesicht von den Knien, als er die Tür klappern hörte. Mit einem besorgten Laut wollte er sich auf Yuma stürzten, doch dieser streckte ihm drohend eine Hand entgegen: „Bleib, wo du bist!“ Mit gemischten Gefühlen beobachtete der Junge, wie er sich gegen das Holz lehnte und langsam daran zu Boden rutschte.

 

Okay. Er war nicht tot. Eine gute Sache!

 

Allerdings beunruhigte Tatsuha zutiefst die Blutspur, die sich von Yumas Taille aus das blaue Jeansbein entlang hinunterzog. Außerdem rann ihm Schweiß in Bächen die Wangen hinab, und selbst um Dunkeln konnte man noch erkennen, dass er kalkweiß im Gesicht war.

 

Noch einmal versuchte er, einen Schritt in Yumas Richtung zu tun, doch dieser wiederholte die abweisende Geste mit mehr Nachdruck: „Verdammt, ich ... sagte, bleib mir vom Leib! Willst du unbedingt Alpträume von ... von freiliegenden Gedärmen bekommen, oder was?!“

 

Und so stand Tatsuha erst ein wenig dumm herum, ehe er sich ebenfalls wieder hinsetzte.

 

Aus irgendeinem Grund wagte er es nicht, Yuma auf seinen Zustand anzusprechen. Der Mann war angespannt genug, vielleicht war er nur deshalb noch am Leben, weil er die Verletzung, den Blutverlust, die ganze schreckliche Situation ignorierte?

 

Die Stille, die nur von Yumas schweren Atemzügen durchbrochen wurde, wurde mit den Minuten, die tatenlos verstrichen, immer unerträglicher für Tatsuha. Er wusste nicht, was nebenan abgelaufen war, doch er hatte Yuma durch die dünnen Wände dumpf mit jemandem sprechen hören.

 

Was war mit Jessica passiert?

 

Er räusperte sich: „Wie ... Ähm ... Wie geht’s ihr?“

 

Yuma reagierte nicht, sodass er nach einer Weile dachte, er hätte ihn nicht gehört und seine Frage nochmal stellen wollte, als er auf einmal doch noch Antwort erhielt, ohne angesehen zu werden.

 

„... Besser. Es geht ihr besser.“

 

Ihm blieb nichts anderes übrig, als die seltsam endgültig erscheinende Bekundung zu akzeptieren.

 

Yuma ließ den Kopf ein Stückchen zur Seite sinken, gleichsam Geste der Erschöpfung und Neugier, und fragte: „Was hat sie ... dir erzählt? Oh, und kurz ... und knapp bitte, meine Aufnahmekapazität ist ... derzeit ein wenig begrenzt.“ Tatsuha nickte eifrig. Es hatte keinen Sinn, etwas zu verschweigen und außerdem brannte in ihm das Verlangen, aus dem Mund seines Freundes ein Dementi zu hören. Er berichtete in wenigen Sätzen, was er erfahren hatte und es verwunderte ihn selbst, in welch kompakte Form sich eine ganze Tragödie zwängen ließ, von der man zudem noch persönlich betroffen war. Als er endete, klebte er fast verzweifelt an Yumas Lippen. Eiri ... Sein Aniki konnte kein Mörder sein, oder?

 

Oder?!

 

Yuma brummte besonnen und nickte leicht: „Dann weißt du ... jetzt wohl alles.“

 

Tatsuha erbleichte. Das konnte nicht sein! Offenbar hatte er diesen Gedanken in seinem Elend laut ausgesprochen, denn Yuma bestätigte noch einmal leise: „Es ist die Wahrheit.“ Dann richtete er den Blick wieder nach vorn und ließ den Hinterkopf ermattet gegen die Tür in seinem Rücken sacken: „Aber ... es ist unsere Wahrheit. Eine Medaille hat ... immer zwei Seiten. Für Jess und mich ... ist sie inzwischen relativ nutzlos ... geworden, aber vergiss nicht, dass dein Bruder eine andere ... Wahrheit hat.“ Als Tatsuha ihn mit einem hoffnungsvollen Blick bedachte, schloss er mühsam schluckend die Augen und flüsterte: „Lass dich nicht ... abwimmeln. Eiri und Seguchi wollen ... wahrscheinlich nicht darüber reden ... es möglicherweise sogar vergessen ... Aber lass du dir ihre Wahrheit nicht ... vorenthalten, okay? Du siehst, wohin ... es mich und Jess geführt hat.“

 

Wieder schwiegen sie eine Weile.

 

Diesmal war es Yuma, der die Stille unterbrach: „Darf ich dich ... um einen Gefallen bitten?“ Überrascht, so förmlich gebeten zu werden, erwiderte Tatsuha umgehend: „Ja, natürlich.“

 

„Trag ... es ihr nicht nach. Jess ... Sie hat Yuki mehr geliebt als irgendwer sonst. Nach seinem Tod ... hat sie gewisse ... psychosomatische Schwächen entwickelt. Ich bin sicher, dass du es gemerkt hast, als sie ... vorhin mit dir gesprochen hat. Wenn man es auf den Punkt bringen will ... Sie ist durchgedreht. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich anrichte, als ich ... meine Ermittlungsergebnisse mit ihr geteilt habe ... ... ... Nein. Ich hätte es trotzdem getan. Nicht zu wissen, was mit einem geliebten ... Menschen geschehen ist ... Ich konnte es ihr nicht vorenthalten. Es wäre früher ... früher oder später aufs Gleiche hinausgelaufen.

 

Natürlich war sie ... in psychiatrischer Behandlung gewesen. Fast zwei Jahre lang ... sogar. Es war deswegen, weil sie plötzlich angefangen hat ... mich wie ... wie Yuki zu behandeln. Es kam mir so vor, als würde sie ... ihn in mir sehen. Als wäre ich eine Art ... Reinkarnation. Wir sahen uns ziemlich ähnlich, weißt du? Naja, wie Brüder halt. Aber für sie ... Ich hätte gern gewusst, wie ... sie mich gesehen hat. Nach der Therapie erschien sie mir erst ... wieder normal. Sie galt als vollständig gesundet ... aber ... Jetzt ... wo ich darüber nachdenke ... Möglicherweise war in ihren Augen ich der Wahnsinnige, der schlichtweg vergessen hatte, wer er wirklich war. Vielleicht ... waren die letzten Jahre nur eine scheinbare Akzeptanz gewesen ... Sie hat das Spiel mitgespielt, weil sie ... mich, den armen Irren, nicht verstören wollte. Ich frage mich, ob ihr Sinn für die Realität nur inkonsequent war ... oder ob ich seitdem ... nie wieder ‚Yuma‘ für sie gewesen bin. Es war mir immer bewusst, dass ich nur ein Ersatz ... war, jedes Mal, wenn sie mir ihre Liebe versicherte. Aber wer hätte gedacht, dass ... es so schlimm werden würde?“

 

Tatsuha lauschte bedrückt den Worten, in denen er tiefe Enttäuschung und Resignation wahrnahm und konnte es sich nicht verkneifen, die Frage zu stellen: „Liebst du sie?“ Yuma schnaufte und legte sich eine Hand über die Augen, sein Mund zu einem melancholischen Lächeln verzogen: „Was spielt das jetzt noch für ... eine Rolle?“ Tatsuha sah betroffen zu Boden.

 

Hieß das, dass Jessica ...?

 

Ein gurgelndes Lachen erfüllte die Luft: „Vielleicht ... wenn sie nur einmal meinen Namen ausgesprochen hätte ...“ „Es tut mir leid, Yuma“, nuschelte Tatsuha in seine Unterarme, „es tut mir so wahnsinnig leid.“ „Nichts davon ist deine Schuld“, war die emotionslose Antwort.

 

Im Anschluss daran ließ Yuma schwach den Kopf hängen und sah auf seine Armbanduhr: „Okay, pass jetzt mal genau auf. Die ... Polizei wird bald hier sein. Es könnte sein, dass es ... ein bisschen rau zugeht. Keine Ahnung, wie das bei euch ... in Japan ist, aber ... aber bei uns sind die Cops manchmal etwas angriffslustig. Spiel also nicht den ... Helden und tu einfach, was sie sagen. Deine Familie wird ... sich bestimmt bald um den Rest kümmern können.“

 

„... Yuma?“

 

„‘tschuldige, aber ... ich brauch ‘ne Pause. Nur ‘n kleines Nickerchen. Bin ... bin echt am Ende, Kleiner.“

 

„... Yuma.“

 

Tatsuha erhielt keine Antwort mehr, auch nicht nach einigen Minuten, die er seinem Freund gönnte, um eventuell ein oder zwei Worte zu formulieren. Ein mulmiges Gefühl im Bauch scheuchte ihn von seinem Platz auf und Böses ahnend krabbelte er hastig auf ihn zu: „Yuma?!“ Er packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn erst sanft, dann jedoch zunehmend stärker, als er sah, dass die braunen Augen fest verschlossen waren. Die schier endlos erscheinende Menge Blut, die sich am Boden angesammelt hatte, ignorierte er tapfer und konzentrierte sich stattdessen auf Yumas beinahe friedlich aussehendes Gesicht.

 

Ein frischer Kloß ganz neuer Ausmaße bildete sich in seinem Hals.

 

„Yuma, komm schon, das ist nicht mehr witzig! Du weißt doch, was die im Fernsehen immer über Verletzungen sagen, oder? Wenn du verletzt bist und ... und einschläfst ... dann wachst du vielleicht nie wieder auf! Mach die Augen auf, Yuma! Komm schon! Du kannst dich nicht einfach aus dem Staub machen! Komm schon! ... Komm schon! ... Aniki!“

 

In der Ferne ertönten endlich sehr schnell lauter werdende Sirenen.

 

Tatsuha hörte sie gar nicht.

Corey entstieg besorgt und sehr schlechtgelaunt seinem Auto.

 

Dabei hatte der Tag so angenehm begonnen – es war ruhig gewesen im Büro, selbst sein ach so launischer Partner war relativ guter Stimmung gewesen und hatte lieber mit ihm herum gewitzelt als Dokumente auszufüllen, was eine echte Seltenheit war. Später hatte er sich einen Besuch bei McMoralds gegönnt, worauf er aus Rücksicht auf die schlanke Linie so heldenhaft oft verzichtete. Nachmittags hatte die neue Kollegin ihn von sich aus angesprochen und durchschimmern lassen, dass sie einer persönlichen Bekanntschaft nicht vollends abgeneigt war. Und abends hatte er einen Fünf-Dollar-Schein entdeckt, der unter seiner Schuhsohle klebte und tatsächlich von niemandem vermisst worden war – ein bisschen unappetitliches Kaugummi daran hatte die Freude über den unverhofften Geldsegen nicht sonderlich gedämpft.

 

Er hatte sich für einen Glückspilz gehalten!

 

Also warum stapfte er nun, mitten in der Nacht, in einer der besonders abgehalfterten Gegenden New Yorks durch die Reihen einiger viel zu lauter Streifenwagen auf der Suche nach seinem Freund, der ihm am Telefon praktisch versichert hatte, knietief in Scheiße zu stecken?!

 

Die Polizei war offensichtlich auch erst vor kurzer Zeit eingetroffen. Etwas entfernt von ihm legten zwei Beamte gerade einem bewusstlosen Mann mit blutiger Nase, der neben einem dunkelblauen Motorrad in der Traufe lag, Handschellen an.

 

Eins.

 

Er ging auf die Eingangstür des erstürmten Hauses zu, legte den wachstehenden Beamten seinen Ausweis vor – und musste flink zur Seite springen, als ihm ein sehr schneller, sehr zornig wirkender Schatten brüllend entgegenrannte, ungebremst an ihm vorbeizog und draußen mit weiteren Wachtmeistern kollidierte. Corey zog gemächlich an seiner Zigarette und beobachtete, wie sie den wütenden Angreifer, dessen Kiefer unangenehm angeschwollen war und dem außerdem einige Zähne fehlten, mit verdrehten Gliedmaßen am Boden hielten, ein paar verlegen wirkende Kollegen, denen er offensichtlich zuvor entwischt war, an ihm vorbeistürmend, um nachdrücklich Hilfestellung zu leisten.

 

Zwei.

 

Er sah sich um. Wo konnte sich Yuma aufhalten? Offenbar nicht im Erdgeschoss. Zwei Sanitäter und eine Bahre hetzten an ihm vorbei und traten den Weg nach oben an. Er folgte ihnen still. Im zweiten Stock begegnete er einem recht beleibten, stöhnenden Mann, der auf einem flachen Tisch hockte, massiv aus einer Wunde in der Schulter blutete und kaum auf die Fragen der ihn umgebenden Beamten reagierte. Die Sanitäter bereiteten die Bahre vor.

 

Drei.

 

Okay. Alles, was blieb, waren ungefährliche Leichen. Und eine davon ...

 

Corey schüttelte den Kopf und behandelte den Fall wie jeden anderen, in dem ein Bekannter involviert war – er tat so, als hätte er keine. Ein Schrei schreckte ihn aus den trüben Gedanken auf und er sprintete, hastig der Blutspur folgend, die der dicke Mann beim offenkundigen Fluchtversuch hinunter nach sich gezogen hatte, weiter die Treppen hinauf.

 

Am Ende des Flurs des vierten Stockwerks schließlich mühten sich mehrere Polizisten damit ab, eine Zeter und Mordio kreischende Person von einem am Boden kauernden Schatten fernzuhalten. Dank seiner Nähe zu Yuma erkannte Corey die japanische Sprache auf Anhieb, auch wenn er kaum ein Wort davon beherrschte. Mit erzwungener Ruhe ging er auf den Pulk zu, doch als er erkannte, wer dort am Boden lag und ihm auch die dickliche Flüssigkeit auffiel, die die Männer in der allgemeinen Hektik durch die Gegend traten, rannte er los und stürzte sich auf einen der beiden Polizisten, die versuchten, das tote Gewicht von der Tür wegzuzerren: »HEY! HEYHEYHEYHEY! Was wird das, wenn’s fertig ist?!« Er packte ihn am Kragen und zog ihn zur Seite, um danach den anderen unsanft wegzuschubsen: »Er ist Polizist! Er ist ein Polizist, Mann!«

 

Hinter ihm wurde es ruhiger, als dem aufgeregten Schreihals gewahr wurde, dass seine Gegner in die Schranken gewiesen wurden.

 

Corey griff nach Yumas schlaffer Hand und drückte zwei Finger an den schwachen Puls. Dann wandte er sich vorwurfsvoll an die irritierten Kollegen: »Den Mann hat es doch ganz klar schwerer erwischt als alle anderen, also warum ist noch kein Sani hier?« »Und wer fragt danach?«, wollte der Ranghöchste der Gruppe wissen und er zeigte auch ihm seinen Ausweis, woraufhin man ihm bereitwillig Auskunft gab, »Der Kerl hier hat wie am Spieß geschrien, kaum dass wir auf einen Meter rangekommen sind. Wir sind wegen des Handgemenges noch nicht dazu gekommen, den Verletzten zu untersuchen. Außerdem versperrt er den Weg auf den hinteren Raum, wir wollten ihn erstmal von der Tür wegschaffen, um das Gebiet vollständig zu sichern. Aber dieser Typ hat uns unseren Job so schwer wie möglich gemacht.«

 

Mit vorwurfsvoller Miene wies er hinter sich und Corey musterte die schlecht ausgeleuchtete Gruppe Männer, die sich inzwischen sichtlich entspannt hatte, da ihr Gegner nicht mehr den Eindruck erweckte, ihr die Augen auskratzen zu wollen. Er richtete sich auf und wies mit dem Daumen Richtung Treppe: »Ich will eine von den Krankenwagenbesatzungen hier stehen sehen, am besten gestern. Es ist mir wurscht, was mit den Kanaillen weiter unten passiert, der hier braucht medizinische Versorgung und zwar ASAP!« Mit allgemeinem Nicken bückten sich die Beamten erneut, um den reglosen Körper von der Tür wegzuziehen. Corey legte ihnen zur Sicherheit warnend die Hände auf die Schultern: »Und ganz vorsichtig, ja? Das ist immerhin ein Kollege, Herrschaften!«

 

»Ja, Sir.«

 

Während das Prozedere seinen geregelten Gang nahm, verscheuchte Corey die Wachtmeister von dem aufgeregten jungen Mann: »Sprechen Sie Englisch? Wer sind Sie?«

 

Tatsuha zupfte sich die beim Gerangel verschobene Jacke zurecht. Nachdem er Rot gesehen hatte, als die mit gezückten Waffen anrückende Meute ihn mit Taschenlampen geblendet hatte und bedrohlich auf Yuma losgegangen war, fühlte er sich nun glücklicherweise wieder halbwegs besonnen.

 

Er wollte nie wieder auch nur den Lauf einer Wasserpistole auf sich gerichtet sehen!

 

Jetzt, da sich wenigstens eine friedliebende Person unter ihnen befand, verebbte der Überschuss an Adrenalin langsam und er konnte sich wieder einigermaßen verständlich ausdrücken: »Ich ... ich bin Tatsuha. Tatsuha ... Kitazawa?« Corey hob amüsiert ein Braue: »Warum fragen Sie mich? Sind Sie sich nicht sicher?« Schnaubend schüttelte er den Kopf, während Tatsuha düster zur Seite blickte.

 

Natürlich war er sich nicht sicher! Woher sollte er wissen, ob es überhaupt noch einen Sinn hatte zu lügen?

 

Irgendwie mochte er diesen Mann nicht, der seelenruhig seine Zigarette zertrat und sich gleich eine neue anzündete – im nächsten Moment wurde ihm bewusst, warum.

 

Corey linste ihn hinterhältig an: »Sie sind es also! Ich wollte Sie schon seit unseres ersten Gesprächs kennenlernen, aber Yuma hat Sie ja immer sehr erfolgreich versteckt.« Tatsuha lief hochrot an, als ihm ein unangenehmes Licht aufging: »Sie sind Corey Fitts?!« »Wie er leibt und lebt«, grinste es zurück und man reichte ihm eine Hand, die er zögerlich schüttelte.

 

Hinter ihnen rasselte eine Bahre mit den dazugehörigen Helfern die Treppe empor und Tatsuha atmete dankbar auf, als sie bald darauf ebenso schnell, wie sie aufgetaucht waren, inklusive Yuma dem Ausgang zusteuerten.

 

Als er ihnen folgen wollte, packte ihn ein Polizist am Arm: »Sie müssen hier bleiben. Wir brauchen noch Ihre Aussage.« »Sind Sie irre?!«, stammelte er entsetzt, »Das ist ... das ist mein Cousin! Ich will mit ihm mitfahren! Ich weiß doch gar nicht, wo sie ihn hinschaffen!«

 

»Tut mir leid, aber Sie müssen in Untersuchungshaft. Sie können ihn nach der Vernehmung jederzeit im Gefängniskrankenhaus-«

 

»GEFÄNGNIS?! HABEN SIE ‘NE MACKE?! YUMA IST DOCH KEIN VERBRECHER!!!«

 

»Sir, wenn ich Sie bitten dürfte, sich zu mäßigen? Ich mach hier auch nur meinen Job.«

 

Corey griff Tatsuhas anderen Arm und zog ihn ohne großen polizeilichen Widerstand näher an sich heran: »Gefängniskrankenhaus, Lieutenant? Ist das Ihr Ernst? Ich sagte doch bereits, der Mann ist ‘n Agent! Und da damit einer meiner Kollegen in diese Sache verwickelt ist, werden sowieso wir den Fall zugesprochen bekommen. Strengen Sie sich also nicht zu sehr an, okay? Und den Herrn hier übernehm ich.« Der Polizist runzelte die Stirn, ließ Tatsuha aber los und salutierte ein wenig zu schludrig, um respektvoll zu wirken: »Ja, Sir.« Corey grinste nachsichtig und wies den Jungen an, ihm zu folgen. Beim Vorübergehen schaute er in das nun offenstehende Zimmer und abgestoßenes Bedauern huschte über sein Gesicht – dann ging er ohne jeglichen Kommentar weiter.

 

Tatsuha machte einige Schritte, blieb stehen, rang einige Sekunden mit sich und lief eilig hinterher, ohne einen Seitenblick zu riskieren.

 

Auf der Straße marschierte Corey zu dem Krankenwagen, in den sie Yuma einluden, zückte einmal mehr seinen Ausweis und raunte dem Fahrer zu: »Langone.« Der Mann nickte und startete den Motor. Corey lief um den Wagen herum und fing Tatsuha ab, der hinter den Sanitätern hineinzuspringen versuchte: »Nein, Sie kommen mit mir.«

 

Und Tatsuha platzte der Kragen.

 

»Jetzt reicht’s mir aber, verdammt nochmal! Ich wurde verschleppt, bedroht, mit Schwachsinn zugequatscht, beinahe abgeknallt, im Stich gelassen und missverstanden, obwohl ich keinen blassen Schimmer habe, was ich verbrochen habe! Ich habe Todesangst ausgestanden und Ihre Kollegen haben meine Situation nur noch verschlimmert! Mein Cousin wurde angeschossen, meine Meinung mit Füßen getreten und was das Schlimmste ist, ich hab seit gestern Mittag nichts gegessen! Und jetzt stehen Sie hier im feinen Zwirn und wollen mir vorschreiben, ob ich meinem angeschossenen Cousin ins Krankenhaus begleiten darf oder nicht?! Gehen Sie zum Teufel, ich lasse Yuma nicht allein!«

 

Corey sah ihn groß an.

 

Plötzlich ertönte von allen Seiten geballter Applaus und Tatsuha bemerkte verwirrt, dass ihm die umstehenden Polizisten begeistert Beifall spendeten. Corey hingegen verzog das Gesicht, als hätte er in eine unreife Zitrone gebissen, schlug ungeduldig ans Heckfenster des Krankenwagens und rief: »Abfahrt!« Dann zerrte er Tatsuha unter dessen lautem Protestgeschrei mit sich zu seinem Auto, warf ihn mit übertrieben viel Schwung auf den Beifahrersitz und hechtete zur Fahrerseite, ehe der Junge es schaffte, die Kindersicherung zu überbrücken.

 

Nachdem er die Tür mit lautem Knall hinter sich zugezogen hatte, schnauzte er den immer noch am Türgriff rüttelnden Jungen unwirsch an: »Himmelarschundzwirn, kommen Sie mal runter von Ihrem Trip! Denken Sie tatsächlich, ich lasse meinen Partner in dieser Situation allein?! Natürlich fahren wir ins verdammte Krankenhaus, aber die Sanis werden es da drin so schon schwer genug haben, ihn zusammenzuhalten, glauben Sie, da wären Sie mit Ihren Panikattacken eine wertvolle Unterstützung?!« Tatsuha erstarrte und sah ihn ungläubig an: »Also kann ich zu Yuma?« »Ja«, stöhnte Corey und startete den Motor, »ich will schließlich genauso sichergehen, dass er nicht den Löffel abgibt!«

 

Vorsichtig steuerte er den Wagen durch eine Gruppe von Schaulustigen in die Fahrspur und brummte unwillig: »Scheißreporter sind auch schon wieder da. Kein Misthaufen ohne die Schmeißfliegen.« Er schloss kurz die Augen, als ihn ein Blitz blendete und knurrte genervt. Tatsuha zuckte ebenfalls zurück, als ihn das gleiche Schicksal ereilte und wandte sich, eine Hand schützend vors Gesicht haltend, zu Corey um: »Warum haben die Polizisten eben geklatscht?« »Pah«, spuckte es zurück, »die sind immer glücklich, wenn uns jemand Kontra gibt.«

 

»Warum? Mögen sie Sie nicht?«

 

»Natürlich nicht! Sie fürchten uns! Denken, wir nähmen ihnen die Arbeit weg! Lächerlich. Als ob in New York nicht genug Kriminelle rumrennen würden.«

 

---

 

Taki starrte gelangweilt auf den Fernseher, auf dem der Abspann eines besonders schnulzigen Liebesfilms lief und seufzte müde. Es war nicht unbedingt erstrebenswert, den Soundtrack für die Fortsetzung einer derartigen Schlaftablette zu komponieren, aber immer noch besser, als hungrig ins Bett zu gehen. Die Hauptsache war, dass niemand behaupten konnte, ASKs Karriere würde stagnieren.

 

Weiter, weiter, alles musste weitergehen. Auch wenn man einen Haufen Probleme am Hals hatte und sie einfach nicht loswurde.

 

Glücklich, die Schmonzette ohne Herzstillstand überlebt zu haben, schaltete Taki durch die übrigen Kanäle, doch jetzt, um halb sieben Uhr abends, war es noch viel zu früh für das wirklich interessante Programm. Durch puren Zufall blieb er auf NBC hängen, als er sich aufrichtete, um sich einen Schluck Kaffee aus der vor ihm auf dem Tisch stehenden Tasse zu genehmigen. Nur oberflächlich verfolgte er die Nachrichten aus den Staaten und wollte eben umschalten, als das Video eines wenig aufregenden Polizeieinsatzes eingeblendet wurde. Es zeigte ein verfallenes Haus, viele Streifenwagen und einige Helfer, die einen Verletzten ambitioniert Richtung Krankenwagen schoben.

 

Allein das hätte Taki sicher nicht dazu verleitet, weiterzuschauen, doch hinter der Bahre lief ein junger Mann japanischer Herkunft her, der alsbald von einem anderen Mann in elegantem Aufzug, der wahrscheinlich zu den Einsatzkräften gehörte, ergriffen und zu einem Auto geschleppt wurde. Der Japaner wehrte sich wie vom Teufel besessen, was der verantwortliche Reporter wahrscheinlich zum Anlass genommen hatte, spektakuläre Nahaufnahmen von ihm zu machen.

 

Beinahe fremdgesteuert hielt Taki das Bild an, legte den Kopf schief und dachte angestrengt nach.

 

Nach langen Minuten gelangte er zu der Überzeugung, dass der Mann Eiri Yuki wirklich auffallend ähnelte. Um nicht zu sagen glichen sie sich wie ein Ei dem anderen, soweit er das anhand einer recht verwackelten, ziemlich dunklen Anhäufung diverser Pixel beurteilen konnte.

 

Nach weiteren fünf Minuten stand er auf, nahm seine Tasse und schlenderte zum Fenster. Dort lehnte er sich an den Rahmen und blickte auf die ruhige Straße hinab. Eine dunkle Gestalt, die sich an einer Laterne gegenüber in ihrem Mantel verkriechen zu wollen schien und hastig auf der Stelle trampelte, bemerkte ihn und grüßte freundlich herauf.

 

Er hatte sich inzwischen an Tohmas Spitzel gewöhnt, empfand fast Mitleid für sie, seit der Regenzeit sogar mehr als mit sich selbst. Es war gleichgültig, welches Klima herrschte, seine traurige Eskorte hatte sich an seine Fersen zu heften und zur Not auch stundenlang in Gluthitze oder Eiseskälte auszuharren, während er es sich in seiner Wohnung bequem machen konnte. Schon einige Male hatte er sie deswegen auf ein Getränk eingeladen und sie hatten sich als recht sympathisch erwiesen. Manchmal waren sie sogar richtig praktisch, zum Beispiel, als ihm ein Stalker mit einem höchst eigenartigen Mascara-Fetisch aufgelauert hatte – denn sie konnten gleichwohl Beschatter wie Leibwächter sein und er hatte ihr Eingreifen in jenem Moment sehr geschätzt.

 

Unten kamen Mamoru und Kenji um die Ecke und winkten dem Aufpasser schon von weitem zu, ehe sie sich zu ihm gesellten und einige Worte mit ihm wechselten.

 

Taki sah zurück zum Bildschirm. Sollte er Tohma über seine Entdeckung in Kenntnis setzen?

 

Würde es ihm überhaupt etwas nützen? Diese verblüffende Übereinstimmung musste nichts heißen und wenn er den Produzenten auf dem falschen Fuß erwischte, konnte es üble Konsequenzen für ihn haben. Immerhin hatte er am eigenen Leib erfahren, was passierte, wenn man sich an Tohmas Familie vergriff. Mehrmals.

 

Außerdem hatte er ihn zwischendurch ein paar Mal gesehen und feststellen dürfen, dass ihm die Abwesenheit des jüngeren Bruders gar nicht guttat. Was Taki wiederum außerordentlich guttat. Rache war süß und heiß genossen schmeckte sie noch besser.

 

Doch diese Sache mit der Dauerüberwachung ...

 

Er seufzte und ging zurück zum Wohnzimmertisch, auf dem sein Handy lag, nahm es an sich und stellte einen möglichst guten Screenshot her. Dann zögerte er noch einmal nachdenklich ...

 

Und wählte endlich die Nummer von NG-Records.

 

Eine von Tohmas zahlreichen Sekretärinnen meldete sich und auf die Anfrage, ob ihr Arbeitgeber zu sprechen sei, antwortete sie wie erwartet negativ. Er musste sie fast anbetteln, Tohma auszurichten, möglicherweise außerordentlich faszinierende Neuigkeiten bezüglich seines Bruders zu haben – der Produzent hatte seine niederen Angestellten offenbar nicht wissen lassen, ein Familienmitglied zu vermissen. Durch dieses Versäumnis konnte die Frau die Wichtigkeit der Information nicht korrekt einschätzen, und so kam sie erst nach drei weiteren Anläufen endlich zum Schluss, dass sich Tohma gefälligst selbst mit dem lästigen Anrufer auseinandersetzen sollte.

 

„Was willst du?“

 

Tohmas Stimme war kalt. Er war immer kalt gewesen, zumindest für die Welt außerhalb seiner Verwandtschaft, aber man hatte es ihm nie angemerkt. Nun schauderte es Taki allein vom emotionslosen Tonfall, mit dem ihn der Produzent wissen ließ, dass er sprechen durfte, aber nicht erwarten sollte, dass man ihm zuhörte. Er entschied sich, nicht lang um den heißen Brei herumzureden: „Kann sein, dass ich weiß, wo Ihr Bruder steckt.“ Ein resigniertes Schnauben erklang: „Hast dich also endlich zum Reden entschieden, hm?“ Taki hob seine Tasse und trank einen Schluck, seltsam ruhig, obgleich ihn die haltlosen Beschuldigungen eigentlich schon lange in den Wahnsinn hätten treiben müssen. „Klar“, entgegnete er wie selbstverständlich, „ich habe nie behauptet, ich würde schweigen, wenn ich etwas wüsste, oder?“

 

„... Also? Nicht dass ich besonders große Erwartungen in dich setzen würde.“

 

„Haben Sie zufällig vor ein paar Minuten NBC gesehen? Dann kann ich mir nämlich den Atem sparen. Und das Geld für ‘ne MMS.“

 

„Nein. Ich arbeite, wenn du nichts dagegen hast. Manche Leute kennen so etwas wie Fleiß, Aizawa.“

 

„... Ich versuche hier, Ihnen zu helfen. Ich verlange keinen Dank, aber könnten Sie sich wenigstens den Sarkasmus schenken?“

 

„...“

 

„Es war ein Bericht über ‘ne Schießerei in New York. Ich schicke Ihnen ein Bild. Wenn Sie dann tatsächlich Details brauchen, können Sie sich ja beim Sender erkundigen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

 

Damit legte er ohne eine Antwort abzuwarten auf und drückte flink ein paar Tasten. Das Foto von seiner Entdeckung ging auf die Reise und würde ihm mit ein wenig göttlichem Beistand bald wieder ein gewisses Maß an Privatsphäre verschaffen. Er hatte es satt, beobachtet zu werden.

 

---

 

Sie saßen auf einem langen, steril riechenden Gang auf unbequemen Plastikstühlen und warteten. Corey streckte stöhnend seine langen Beine aus und griff in die Jackettasche, um einen Karton Zigaretten hervorzuholen. Eine vorbeilaufende Krankenschwester erinnerte ihn pikiert daran, dass Rauchen im Hospital untersagt war und er nickte kurz, nahm trotzdem einen der Stängel und schob ihn sich unangezündet zwischen die Lippen. Eine unangenehme Hitze traf ihn von der Seite und als er den Kopf drehte, sah er Tatsuhas sehnsüchtigen Blick auf die Packung gerichtet. Seufzend hielt er sie ihm entgegen.

 

Nachdem beide eine Weile still und gedankenverloren auf den Glimmstängeln herum gekaut hatten, fluchte Tatsuha in seinen Bart: »Warum dauert das so lange?! Die sind schon Stunden da drin!« Corey erwiderte beruhigend: »Er wird’s schon packen. Ist ‘n Schlachtschiff, so schnell bringt den keiner zum Sinken.« Eine leise Melodie erklang aus seinem Jackett und er entschuldigte sich, um aufzustehen und sich einige Schritte zu entfernen. Als er meinte, ungestört reden zu können, hob er das Handy ans Ohr: »Was gibt’s denn, Captain?«

 

»Fitts, wo sind Sie gerade?«

 

»Warum? Worum geht’s?«

 

»Sie sind an der Sache mit der Vierundzwanzigsten dran, richtig?«

 

»Ja, und?«

 

»Gerade habe ich einen Anruf vom Polizeipräsidenten erhalten, der mich ausdrücklich angewiesen hat, den jungen Mann, den sie am Tatort aufgelesen haben, mit allen Mitteln festzusetzen. Ist er noch bei Ihnen?«

 

»Kitazawa? Sicher, der ist bei mir.«

 

»Nein nein, nicht Kitazawa. Der Dunkelhaarige, der echte Japaner.«

 

Corey kicherte: »Captain, Kitazawa ist ein echter Japaner, nur eben halbe Sache. Und der Dunkelhaarige ist sein Cousin. Er heißt auch Kitazawa, deshalb ...« »Sie könnten sich in dem Fall irren, Fitts«, unterbrach ihn sein Vorgesetzter, »Laut Präsident hat sich eine einflussreiche japanische Persönlichkeit gemeldet und behauptet, dass er ihrem seit fast einem halben Jahr als vermisst gemeldeten siebzehnjährigen Bruder zum Verwechseln ähnlich sieht. Die besagte Familie ist bereits auf dem Weg hierher, um sich die Sache mal anzusehen. Ich schicke Ihnen die Daten, die man uns gesendet hat.« Corey platzte lauthals los, sodass Tatsuha ihm einen irritierten Seitenblick zuwarf: »Was?! Captain, jetzt hören Sie aber auf! Der Kerl ist nie und nimmer ... sieb...zehn ...«

 

Langsam, sehr langsam führte er das Handy vom Ohr weg vors Gesicht, als ein Passfoto und einige weitere Informationen auf dem Bildschirm erschienen.

 

Nach kurzer Überlegung meinte er nur knapp »Ich häng mich dran« und legte auf. Gedankenverloren spielte seine Zunge mit der Zigarette herum, während er sich schweigend umdrehte und Tatsuha aufmerksam musterte.

 

Dieser bemerkte den Blick – und auch, dass er sich möglicherwiese in Schwierigkeiten befand. Um sicherzugehen, sich nicht zu verraten, starrte er betont stumm geradeaus, doch Schweiß rann ihm die Schläfen hinunter, als Corey langsam näherkam und sich lässig schräg neben ihm hinhockte, um ihn lange und eindringlich zu betrachten. Tatsuhas Geist wand sich wie ein Aal, verzweifelt Ausschau nach einem Fluchtweg haltend, doch sein Körper blieb erstaunlich diszipliniert so unverdächtig wie möglich sitzen aus Angst, Corey zu einer Konversation zu veranlassen.

 

Leider benötigte dieser keine spezielle Aufforderung, und so murmelte er schließlich: »Wie heißt du wirklich?« Tatsuha erlag dem Trotz und stellte sich dumm: »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.« Ihm wurde das Handy dicht vors Gesicht gehalten.

 

»Tatsuha Uesugi, wohnhaft in Kyoto, Japan, siebzehn Jahre?«

 

»Kenn ich nicht.«

 

»Erstaunlich.«

 

Corey überlegte übertrieben angestrengt, bevor er salopp nickte: »Aber natürlich. Wie konnte ich denken, dass das tatsächlich Sie sind? Ich meine, Sie sind immerhin Yumas Cousin und der würde mich kaum anlügen. Nicht in einem solchen Ausmaß.« Er stand auf und pfiff vergnügt vor sich hin, während sich Tatsuha entspannte, erleichtert darüber, das Unheil noch einmal abgewendet zu haben.

 

»Sie müssten dann nur einmal mit aufs Polizeirevier. Der Bengel hier wird nämlich seit Monaten gesucht und die Familie reist gerade für eine Gegenüberstellung an. Reine Routine, wenn Sie verstehen.«

 

Leichenblass fuhr Tatsuha vom Stuhl auf: »WAS?! Sie sind auf dem Weg hierher?! Wie haben sie mich gefunden?!« »Reporter«, lautete die kryptische Antwort und Corey setzte sich säuerlich murrend auf einen Stuhl, »Sie haben Ihre Visage in den News ausgestrahlt. Außerdem haben Ihre Leute wohl das Bike erkannt.« Bei diesem Satz begann Tatsuha schockiert damit, sich die Haare zu raufen: »Oh, Scheiße! Mein Bike! Das hab ich total vergessen! Die werden es klauen! Oder noch schlimmer, auseinandernehmen! Ich muss sofort-«

 

»Die blaue Dukati?«

 

»Ja!«

 

»Keine Panik«, beschwichtigte ihn Corey, »die haben sie mit aufs Revier genommen. Beweisstück ... Ähm ... Sowieso, hab’s noch nicht überprüft.« Tatsuha sank mit weit aufgerissenen Augen auf die Knie, hielt sich zudem den Kopf, als musste er die Einzelteile zusammenhalten: »Scheiße. Oh, Scheiße. Die werden alles untersuchen ... Ich hab die Zulassung nicht dabei ... Meinetwegen ... meinetwegen bekommt Yuma jetzt ...«

 

Doch dann stutzte er und blickte hoffnungsvoll zu Corey auf: »He, Sie scheinen doch ein ziemlich hohes Tier bei den Bullen zu sein, oder?«

 

»Wir genießen es nicht unbedingt, so bezeichnet zu werden.«

 

»Sie können ihm helfen, oder?! Sie sind doch sein Freund!«

 

Corey seufzte und wies plötzlich erhebliches Interesse an den eigenen Fingernägeln auf: »Nun ja, ich als sein absolut bester Freund habe natürlich den ausgeprägten Wunsch, ihm zu helfen, aber ... Ich kann nicht. Ich habe einfach viel zu wenig Informationen über die Umstände, verstehen Sie? Wenn mich natürlich jemand auf den neuesten Stand bringen würde, könnte ich in Erwägung ziehen, die eine oder andere Strategie auszutüfteln.«

 

Und Tatsuha schrumpfte in sich zusammen, als er sich siegessicher grinsend wie ein gewaltiger Eisberg vor ihm erhob und ihm mit einem ultimativen Handgriff die Zigarette aus dem Mund pflückte: »Lust zu gestehen, Tatsuha Uesugi, wohnhaft in Kyoto, Japan, siebzehn Jahre?«

 

Yuma hatte recht behalten. Tatsuha hatte Coreys Vernehmungskünsten keine zehn Minuten standgehalten.

 

---

 

»So war das also.«

 

»Ja. So war das.«

 

Sie saßen still nebeneinander, Tatsuha, weil ihn die ausführliche Aufklärung eine ganze Menge Energie gekostet hatte, Corey, weil er mit Vielem gerechnet hatte, aber nicht mit einer solchen Wagenladung schiefgelaufener Konzepte.

 

»Das hätte ich ihm nie zugetraut«, gestand er schließlich betreten, »Ihr, ja. Aber ihm ...« Tatsuha horchte auf: »Jess? Warum überrascht es Sie nicht? Mochten Sie sie nicht? Also, mich hat es ziemlich kalt erwischt, muss ich sagen. Sie war immer so nett und ehrlich ... Äh ... Oder zumindest ehrlich.« »Wirklich?«, überlegte Corey laut, »Ich empfand sie immer als etwas falsch und scheinheilig. Vor allem bei Yuma hat sie es mit der Zuverlässigkeit nie so ganz genau genommen.«

 

»Sie hat Yuma belogen?! Er war ihr doch immer besonders wichtig!«

 

»So mein ich das nicht. Sie hat ihm nur dauernd Moralpredigten gehalten, obwohl ich irgendwie das Gefühl hatte, dass sie ihn gerne ein wenig ... ruchloser gehabt hätte. Wie wenn jemand versichert, nur Wasser zu trinken, aber kommt man dann mit Wein an, die Flasche nichtsdestotrotz mit Begeisterung leersäuft. Aber vielleicht war es auch nur persönliche Abneigung, die mir die Sicht vernebelt hat.«

 

Während Tatsuha betrübt überlegte, streckte er ächzend die Beine aus und fuhr fort: »Aber bei Yuma bin ich mir sicher. Er fügt normalerweise niemandem Schaden zu, wenn es sich vermeiden lässt, ist zu gerechtigkeitsliebend dafür. Ich schätze, diese Erfahrung mit den Behörden wegen seines Bruders hat da wohl ein gehöriges Scheffelchen zu beigetragen, aber glaub mir, er war schon immer ein herzensguter Mensch. Wegen der Nacht, in der er dich bedroht hat ... Ich möchte, dass du eins weißt: Yuma hätte dir niemals etwas angetan. Und deinem Schwager auch nicht. Vielleicht hätte er es soweit gebracht, die Waffe auszurichten, aber vertrau mir, er hätte nicht abgedrückt. Dazu wäre er gar nicht fähig gewesen. Er hat dir ja nicht einmal zugemutet, seine Wunde anzusehen. Oder gar Logan. Sei dankbar, denn für sowas bist du echt noch viel zu jung! ... Obwohl ich mich frage, ob man jemals alt genug dafür wird.« Hoffnungsvolles Strahlen breitete sich auf dem Gesicht seines Gesprächspartners aus.

 

Doch dann überlegte Tatsuha erneut und konterte: »Aber gestern ... Diese komischen Leute, die er auf dem Weg zu uns fertig gemacht hat ...« Corey warf ihm einen entgeisterten Seitenblick zu: »Echt jetzt? Das ist doch was vollkommen anderes. Zu dem Zeitpunkt hat er sich im Job-Modus befunden! Sieh mal, wir können nicht einfach Händchen haltend voller Zuversicht durch die Unterwelt marschieren und hoffen, dass sich die Konflikte allein durch Pazifismus lösen lassen. Wir können nur versuchen, die Gewalt auf ein Minimum zu beschränken. Und das hat er gestern auch getan. Immerhin sind drei von den vier Typen mit einigermaßen heiler Haut davongekommen. Und der Letzte hat es seiner eigenen Dummheit zuzuschreiben, dass er die Radieschen von unten bestaunen kann. Notwehr ist legitim. Keine Ahnung, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte, in der man sich gegen einen Akt der Gewalt nicht zur Wehr setzen darf. Und Yuma ist nun mal kein Superheld – er ist nicht in der Lage, sein Umfeld zu schützen, ohne den Angreifer im Notfall zu verletzen.« Tatsuha runzelte die Stirn: »Wollen Sie damit sagen, der Kerl hätte einfach Pech gehabt?« Corey schwenkte ihm locker Zeige- und Mittelfinger zu, schnitt dann aber eine fast mitleidige Grimasse: »Nun, um ganz genau zu sein, hat er sogar doppelt Pech gehabt. Erstens, indem er Yuma unterschätzt und zweitens, indem er Logan ignoriert hat.«

 

»Jess? Warum?«

 

»Sie war besessen von Waffen. Sie verabscheute sie zutiefst, aber gleichzeitig war sie fasziniert von ihnen. Hat damals sogar ihren Job geschmissen, um einen Waffenhandel zu eröffnen. Jetzt kann ich mir auch halbwegs vorstellen, warum. Wahrscheinlich wollte sie selbst einen Teil zum verantwortungsbewussten Umgang beitragen, um Fällen wie Yukis entgegenzuwirken. Sie hat niemals illegal gehandelt, wie es die meisten anderen tun, war bekannt dafür, die Papiere eines Kunden akribisch zu prüfen, galt selbst in Fachkreisen als kaum zu betrügen. Zumindest dafür habe ich sie immer respektiert. Und du glaubst, so jemand hätte einen dahergelaufenen Landstreicher auf den Liebsten schießen lassen? Nein, wenn Yuma ihn nicht erledigt hätte, hätte sie’s getan. Der Mann hätte jenes Zimmer auf keinen Fall lebend verlassen. Doppelt Pech eben.«

 

Corey grinste verschmitzt, klatschte dann in die Hände und stemmte sich mühsam in die Höhe: »Hör mal, ich fürchte, heute werden wir nichts mehr über Yumas Zustand in Erfahrung bringen. Du siehst echt erschlagen aus. Vergiss nicht, dass morgen deine Verwandtschaft hier aufläuft – die zu meiden, ist dir leider nicht gestattet. Noch ist Zeit für ein ausgedehntes Bad und einige Stunden Schlaf, besser die Gelegenheit wahrnehmen, solange sie sich präsentiert. Kann ich dich wo absetzen?« Tatsuha ließ sich von ihm aus dem Sitz ziehen, brummte aber unwillig: »Wenn die blöde Übertragung nicht gewesen wäre, hätte sich das Problem gar nicht ergeben! Warum erschien es dem Fernsehen nur so wichtig?!« Corey kratzte sich am Hinterkopf und streckte peinlich berührt die Zunge raus: »Das geht eventuell auf meine Kappe. Ich bin Pressereferent bei unserem Verein und da draußen nicht ganz unbekannt. Wahrscheinlich haben die Geier ‘ne Story gewittert und in weiser Voraussicht gedreht. ‘tschuldige.«

 

Tatsuha seufzte nur. Er war tatsächlich viel zu müde, um noch irgendetwas zu tun und Corey Vorwürfe zu machen, gehörte schon gar nicht dazu.

 

All seine heißgeliebten Spielverderber würden also schon bald auf der Matte stehen, wie? ... Obwohl er sie im Moment vielleicht nicht ganz so sehr liebte, wie es sich eigentlich gehörte.

 

Irgendwie empfand er eine gewisse Genugtuung darin, nun eine einschneidende Erfahrung mit Eiri gemeinzuhaben – in nur einer Nacht war sein schönes, neues, vielversprechendes Leben in New York den Bach runtergegangen und jetzt stand er vor einem Scherbenhaufen, über den in nicht allzu vielen Stunden achtlos die Hufe der Reiter der Apokalypse hinweg stampfen würden. Wenn er Glück hatte, ließ sein trauriges Schicksal ihr Urteil ein klein wenig barmherziger ausfallen.

 

Und so ließ er sich von Corey mitziehen, doch nicht, ohne noch einen letzten sehnsuchtsvollen Blick auf die weiße Flügeltür zur Notaufnahme zu werfen.

 

---

 

Grace taumelte völlig verschlafen aus dem Bett, nachdem man sie unsanft aus einem friedlichen Schlummer geklopft hatte. Es war in der frühesten Morgenstunde und dementsprechend deutlich wollte sie dem Besucher entgegentreten. Doch als sie mit einem wütenden Grunzen die Tür aufriss, starb jeder Protest auf ihrer Zunge.

 

Tatsuha, erschöpft, unordentlich und sichtlich todtraurig, flehte sie schweigend um kommentarlosen Einlass an.

 

Sie zog ihn, ohne neugierige Fragen zu stellen, an sich und schloss die Tür hinter ihnen, woraufhin er sich umgehend dankbar an sie schmiegte. Möglicherweise war dies die letzte Chance, allein mit seiner Freundin zu sein und Tatsuha wäre nicht Tatsuha gewesen, wenn er die ungenutzt hätte verstreichen lassen.

 

---

 

Er war wach, soviel war inzwischen eindeutig. Nicht nur die schwere Dunkelheit und völlige Ahnungslosigkeit hatte er schon seit einiger Zeit hinter sich gelassen, sondern auch das Gefühl, in Watte gepackt zu sein und angenehm zu schweben, dafür aber kaum willentlich agieren zu können. Hinter seiner Stirn breitete sich nicht mehr nur undurchdringliche Finsternis aus, sondern inzwischen auch flackernde Lichtschimmer, die ihm verrieten, sich in unmittelbarer Nähe eines Fensters zu befinden. Einem offenen Fenster, denn sanfte Brisen streichelten ab und zu seine Wangen und ließen ihn das prickelnde Stechen, welches ihm manchmal durch den Unterleib fuhr, leichter ertragen. Monotones, einlullendes Prasseln gab derweil kund, dass der Herbst mit seinen regelmäßigen Schauern zurückgekehrt war.

 

Er war wach, also warum zur Hölle fiel es ihm so dermaßen schwer, die Augen zu öffnen?!

 

»Willst du noch lange so tun als ob?«

 

Die vertraute Stimme klang simultan verständnisvoll und ironisch und es erstaunte ihn, dass ihm ihr ungeduldiger Besitzer nicht schon längst den einen oder anderen Finger in die Seite gebohrt hatte, um volle Aufmerksamkeit zu erhalten.

 

Endlich klappten seine Lider auf und er blickte empor an eine weiße Decke. Aus den Augenwinkeln nahm er einen rötlichen Schopf wahr, der sich auffallend vom hellen Ambiente der Umgebung absetzte. Er schloss die Augen wieder: »... Morgen.«

 

»Wohl eher Mahlzeit. Es ist gleich zwei Uhr nachmittags. Wie fühlst du dich?«

 

»Wie dreimal gefressen und ausgekotzt. Was machst du hier? Hab eigentlich ‘nen echten Bullen erwartet.«

 

»Du kannst mich nicht provozieren, denn mit so einer Beleidigung hackst du dir ins eigene Fleisch. Für den Augenblick kannst du aufatmen, ich hab die Abteilung abgeschüttelt. Du liegst hier als Zeuge und nicht, wie sie’s gern gesehen hätten, als Tatverdächtiger. Die Hälfte dieses Erfolgs hast du übrigens dem Bengel zu verdanken, der deinen erbärmlichen Arsch mit Klauen und Zähnen verteidigt hat.«

 

Yuma legte erstaunt die Stirn in Falten und wandte sich Corey zu, der mit überschlagenen Beinen, die Hände im Schoß sanft über ein Sitzkissen streichend, vor dem besagten Fenster saß und ihn aufmerksam musterte.

 

»Er hat mich verteidigt?«

 

Sein Kollege bohrte unbeeindruckt: »Was ist? Irgendwas nicht nach deinen erlesenen Vorstellungen abgelaufen?« »Nicht ganz«, gab er irritiert zu, »Nach all dem Mist hätte ich erwartet ...« Aber dann schüttelte er schwach den Kopf: »Ach, egal. Schätze, du bist nicht nur auf Krankenbesuch aus, richtig?«

 

Coreys Gesicht glich einer Wachsmaske: »Da hast du verdammt recht. Die Ärzte haben mir zwar verboten, dich so früh nach der Operation aufzuregen, aber zur Hölle, ich kenne dich. Du bist nicht so schnell totzukriegen und ich will verdammt nochmal wissen, warum eine gute Bekannte von mir mit offenem Schädel im Leichenschauhaus liegt, mein bester Freund mit einem Bauchschuss im Krankenhaus und ein mir völlig unbekannter Bademeister draußen heulend einen Graben ins Laminat pflügt, weil er vor Sorge um dich die Füße nicht stillhalten kann!« Yuma lächelte so provokant wie möglich: »Ich hätte nicht gedacht, dass Jess dir Kopfzerbrechen bereiten würde. Immerhin habt ihr euch gestritten wie-«

 

»Wir hatten sicher nicht das innigste Verhältnis zueinander und auch, wenn ich ihr oft genug das vorlaute Mundwerk habe stopfen wollen, habe ich das so ganz sicher nicht gemeint und das weißt du GENAU!!!«

 

Corey pfefferte das Kissen voller Zorn quer übers Bett an die gegenüberliegende Wand und Yuma zuckte mit einem beschämten Zähneknirschen zusammen. Verhalten beobachtete er ihn dabei, sich gestresst durchs Haar zu streichen und seufzte schließlich: »Tut mir leid. Der war wohl über.« »Ja, ziemlich«, bestätigte Corey leise, »und jetzt rede endlich!«

 

»Ist ‘ne lange Geschichte. Und außerdem ... Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass du den ‚Bademeister‘ bereits erfolgreich ausgepresst hast.«

 

»Oh, vertrau mir, ich habe Zeit. Und du auch, nämlich genau so lange, wie mein Ausweis diese Tür verschlossen hält. Und ja, Tatsuha hat mir die Geschichte bereits verraten – aber ich will deine Version hören.«

 

---

 

Tatsuha walzte auf dem Gang vor Yumas Zimmer wutentbrannt hin und her und sah bei jedem Knarren, jedem Fußschritt erwartungsvoll auf, in der Hoffnung, dass Corey mit Neuigkeiten herauskommen und ihn endlich zu seinem Freund durchlassen würde.

 

Es war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Warum hatten die Ärzte dem Amerikaner in aller Penibilität erklärt, wie es um Yuma stand, aber seinen „Cousin“ weitestgehend ignoriert?! Er war Familie, Herrgottnochmal! ... Oder zumindest hätten sie davon ausgehen müssen, dass er zur Familie gehörte und ihn deshalb bevorzugt behandeln müssen!

 

Und Corey! Kaum dass man einem von ihnen gestattet hatte, am Bett auf Yumas Erwachen zu warten, hatte er ihn am Kragen gepackt und ihn am Losrennen gehindert, sich stattdessen ohne jede Erklärung vorbeigeschoben und ihn ausgesperrt! Es war unverschämt! Hatte er nicht Anrecht darauf zu erfahren, wie es seinem „Vetter“ ging? Hatte sich das gesamte Personal der Klinik gegen ihn verschworen, nur weil sein Begleiter ein kleines bisschen mehr Einfluss hatte?!

 

Frustriert warf sich Tatsuha in einen der Plastikstühle, stützte sich auf die Ellenbogen und schmollte. Er war überglücklich, dass Yuma auf dem Weg der Besserung war und hätte ihm das liebend gerne ins Gesicht gesagt, bevor er als genesen entlassen wurde! Verstand Corey denn nicht, dass ihm die Zeit ausging? Sein ganz persönlicher Jüngster Tag rückte näher und niemanden schien es zu interessieren, dass er vielleicht keine Gelegenheit mehr haben würde, sich eingehend mit ihm zu unterhalten! Und im Gegensatz zu seiner unkomplizierten, befreienden Beziehung mit Grace bedarf es ihnen an entschieden mehr Zeit! Unruhig begann er damit, auf den Fußsohlen hin und her zu wippen und mit den Zeigefingern gegen seine Schläfen zu tippen.

 

Plötzlich sprang er auf und erschreckte damit beinahe die Krankenschwester zu Tode, die emsig an ihm vorbeischwirrte und ihn mit warnendem Blick aufspießte. Den kleinen Rüffel ignorierend versenkte er trotzig die Hände in den Hosentaschen und wandte sich dem Zugang zum Treppenhaus zu, in dem ihn ein stets gut gefüllter Getränkeautomat erwartete – er brauchte dringend einen Kaffee.

 

Dachte es, machte einen Schritt ...

 

Und verharrte, als sein Blick auf eine kleine Gruppe fiel, die durch die Flügeltür trat. Ihre Blicke trafen sich fast umgehend und er wünschte sich plötzlich nichts sehnlicher, als von einem plötzlichen Erdrutsch verschluckt zu werden.

 

Dieser vermaledeite Corey! Hatte er nicht erwähnt, dass sie aufs Polizeirevier geschickt werden würden und er sie dort, beschützt von vielen verständnisvollen Beamten, hätte konfrontieren sollen?! Warum hielten sich diese gemeinen Spielverderber nicht einmal ans Drehbuch?!

 

Weder er noch seine Gegenüber waren für eine sehr lange Zeit in der Lage, sich zu rühren. Schließlich trat doch einer von ihnen vor, schob sich langsam an den übrigen Patienten und dem Personal vorbei und kam Schritt für Schritt näher.

 

Tatsuha fühlte sich weiter wie gelähmt. Einerseits natürlich aus Angst vor der nahen Zukunft, andererseits beherrschte aber auch ein erhabenes Gefühl, wie Schmetterlinge im Bauch, seinen Körper. Der Drang zur sofortigen Flucht und der unbändige Wunsch, seinem Bruder in die Arme zu fallen, negierten sich gegenseitig und nagelten ihn an Ort und Stelle fest.

 

Als Eiri ihn erreichte und dicht vor ihm stehenblieb, spürte Tatsuha bereits einen leichten Druck hinter den Augäpfeln und ein Mundwinkel schob sich hauchzart nach oben: „Ha... Hallo, Aniki ... Lange nicht-“

 

Der Schlag kam so schnell, dass es ihn beinahe die Zungenspitze gekostet hätte.

 

---

 

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

 

»Kann ich mir vorstellen.«

 

Corey stiefelte fieberhaft auf und ab und schüttelte immer wieder fassungslos den Kopf, während ihm eine Problemlösung nach der anderen kam und entglitt.

 

Endlich blieb er stehen und sah Yuma ernst an: »Das ist ein Mist, aus dem du dich nicht raus winden kannst.« »Ja«, Yuma massierte sich seufzend die Stirn, »und es ist besser so. Ich denke, dadurch kann ich endlich einen Schlussstrich ziehen.« »HA«, platzte es aus dem Kollegen heraus, »ein extremer Schlussstrich, wenn du mich fragst!« »Es tut mir leid«, murmelte Yuma, »Gestern früh noch habe ich gedacht, dass uns dieses Gespräch noch eine Weile erspart bliebe, aber ich schätze, eigentlich kommt es nicht drauf an.«

 

Corey stemmte die Hände in die Hüften und rümpfte die Nase: »Ich glaube nicht, dass ich es bin, bei dem du dich entschuldigen solltest.« Nach reiflicher Überlegung fügte er stöhnend hinzu: »Aber was soll’s? Ich bleibe dein Kumpel ... Ach, sieh mich nicht so weinerlich an, du Memme! Hast du vielleicht gedacht, ich marschier hier raus und setze dich völlig unbedacht auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher? Nein. Ich bleib dein Freund, aber ich fürchte, hier kann ich dir nicht raushelfen.« Yuma schmunzelte gerührt: »Danke, Corey. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutet.«

 

»Hast du mich nicht verstanden? Ich sagte, ich kann dir nicht-«

 

»Und hast du mich nicht verstanden? Ich sagte, es ist besser so. Hab‘s ja nicht anders gewollt! Ich habe mir diese Suppe eingebrockt, ich werde sie auslöffeln müssen. Mach dir keine Gedanken.«

 

Kaum dass er ausgesprochen hatte, ertönte von draußen ein lauter Schrei. Beide schreckten auf, doch Corey brüllte ihm auf dem Weg zur Tür autoritär zu: »Oh nein, Mann! Du bleibst gefälligst liegen! Ich kümmere mich darum, konzentrier du dich darauf, gesund zu werden, klar?!« Er stürzte hinaus und zog die Tür hinter sich zu, um seinem Freund eine gewisse Ruhe zu ermöglichen.

 

Eiri hatte Tatsuha nach ein paar harten Fausthieben am Kragen gepackt und schüttelte ihn so heftig, dass dem Jungen Sterne vor den Augen flackerten. Nebenbei schrie er ihn mit einer Lautstärke an, die Trommelfelle zum Klingeln brachte: „Du verschissenes Balg! ‚Hallo, Aniki‘?! ‚HALLO, ANIKI‘?! Ist das alles, was du nach der ganzen Scheiße, durch die du uns gezerrt hast, zu sagen hast?!“

 

Die umstehenden Leute sahen schockiert dabei zu, wie er ihm einen weiteren Kinnhaken verpasste, der ihn zu Boden schickte, ohne zu verstehen, was er ihm eigentlich vorwarf. Niemand wagte es, sich dem Rasenden in den Weg zu stellen und Tohma und Mika, die das Geschehen aus müden, glasigen, eingefallenen Augen anschauten, die sich im Laufe von beinahe sechs nervenaufreibenden Monaten gebildet hatten, wollten nicht eingreifen.

 

„Hast du auch nur ‘ne bloße Vorstellung, was wir durchgestanden haben?!“, brüllte Eiri weiter, „Was für Sorgen wir uns gemacht haben?! Und jetzt erfahren wir, dass du kleines Arschloch dir hier die ganze Zeit ein schönes Leben gemacht hast?! ‚Hallo, Aniki‘?! Hallo mein Arsch! Schön, dass du uns ein Lebenszeichen gesendet hast, damit wir uns nicht jede Nacht schlaflos im Bett wälzen müssen!“ Er machte den Anschein, sich erneut auf sein kauerndes Opfer zu stürzen, doch Corey schob sich energisch dazwischen und hob beschwichtigend die Hände: »Momentchen mal, Kumpel! Ich versteh kein Wort von dem, was Sie hier von sich geben, aber erstens ist das hier ein Krankenhaus und Sie stören nicht nur, Sie verstören die Patienten, und zweitens denke ich, dass er genug hat. Ganz zu schweigen davon, dass Gewalt selten eine Lösung darstellt, vor allem nicht gegen Verwandte gerichtet, meinen Sie nicht?« Er wies mit dem Daumen auf Tatsuha, der sich, mit dem Rücken zu ihnen gekehrt, mit zittriger Hand über den Unterkiefer fuhr.

 

Eiri funkelte den Störenfried zornig an: »Und wer sind Sie, dass Sie meinen, mir eine Moralpredigt halten zu müssen? Sie haben keine Ahnung, was geschehen ist! Halten Sie sich gefälligst aus unseren Angelegenheiten raus! Wenn’s sein muss, prügle ich diesen Vollidioten windelweich! Ich sorge schon dafür, dass er so einen Zirkus nicht noch einmal veranstaltet!« Corey wollte pikiert etwas entgegensetzen, wurde jedoch von einem leisen Schniefen unterbrochen.

 

Tatsuhas Gedanken waren zu einem fast völligen Stillstand gekommen. Vorsichtig berührte er die blutende Unterlippe und zuckte zusammen. Kaum dass er seine Geschwister gesehen hatte, hatte er natürlich damit gerechnet, nicht unbeschadet davonzukommen – die Prügel hatte er allerdings von seiner Schwester erwartet, die um Längen weniger fest zuschlug als sein großer Bruder. Normalerweise war es Eiri, der mit einem missbilligenden Blick hinter der tobenden Furie stand und ihn irgendwann gelangweilt von den Tritten mit den mörderisch spitzen Stiefeln errettete. Dass er diesmal den aktiven Part bekleidete, während sie und Tohma in respektvoller Entfernung standen und nur stumme Erlaubnis erteilten, hatte Tatsuha ziemlich erschreckt. Erschreckt, aber nicht wirklich verletzt.

 

Was ihn verletzte, war ihre völlige Ignoranz dem eigentlichen Problem gegenüber – sie begnügten sich tatsächlich damit, die gesamte Schuld ihm zuzuschreiben.

 

In seinen Augen stiegen Tränen auf und es war nicht mehr aus Freude. Mit einem ersten erstickten Schluchzen traten sie über die Schwelle und rannen ihm in immer breiter verlaufenden Rinnsalen die Wangen hinunter, um ungehindert im Kragen zu verschwinden.

 

Corey sprach ihn an, besorgt und etwas verwirrt ob der ganzen Situation. Wahrscheinlich wohnte er einem derartigen Gesucht und Gefunden nicht oft bei, dachte sich Tatsuha und lachte ohne großen Humor in sich hinein.

 

Er stand auf und wandte sich ihnen ungeachtet seines kläglichen Erscheinungsbilds zu. War das das Wiedersehen, das sie sich gewünscht hatten? Vorwürfe, Schuldzuweisungen und keine Spur von Selbstreflektion?

 

Kein „Geht es dir gut“?

 

Kein „Warum bist du weggelaufen“?

 

Kein „Schön, dich wiederzusehen“?

 

Kein „Was hast du erlebt“?

 

Nun, zwei konnten dieses Spiel spielen!

 

Entschlossen wischte er sich mit dem Ärmel über den Nasenrücken und presste mit brüchiger Stimme hervor: „Ist das alles, was du zu sagen hast, Aniki?“ Eiri war ein bisschen überrascht und seine Faust entspannte sich, während er perplex den Kopf schieflegte: „Was?“ Tatsuha wartete nicht auf eine Antwort: „Dachtet ihr tatsächlich die ganze Zeit, ich hätte euch aus Jux und Dollerei verlassen?!“ Er schob Corey an der Schulter zur Seite und dieser ließ es widerstandslos geschehen, blieb allerdings dicht in seinem Rücken stehen, um bei Bedarf einzuschreiten. Er spürte einen Hauch von Erleichterung ob dieses stummen Beistands. Und auch darüber, in den Gesichtern seiner Familie so etwas wie Verunsicherung auszumachen.

 

Was seinen aufsteigenden Zorn aber nicht bändigte.

 

„Haltet ihr mich echt für so ... so ... verantwortungslos?!“

 

Tatsuha hatte Eiri noch nie geschlagen. Sicher, er hatte ihn oft höchst liebevoll in seinen regelmäßigen okkulten Ritualen bedacht, doch er hatte ihn niemals tätig angegriffen. Doch jetzt begegnete er ihm nach einem blitzschnellen Sprint mit einer so eisernen Faust, dass Eiri sich einmal um die eigene Achse drehte und rücklings aufs Gesäß fiel. »WOAH«, rief Corey und hastete zu Tatsuha, um ihn unter den Armen zu packen und daran zu hindern, zusätzlich auf den Bruder einzutreten, »Hört mir hier eigentlich irgendjemand zu?! Was geht ab mit dieser Familie?!«

 

Eiri hielt sich stöhnend das Kinn und fauchte zu dem ringenden Paar hinauf: „Pah! Du und Verantwortung! An welchem Punkt in deinem Leben hast du denn schon mal irgendwas ernstgenommen?!“

 

Und Tatsuha – sanftmütiger, vernünftiger, hilfsbereiter Tatsuha – rastete aus.

 

„Ich habe seit meinem zehnten Lebensjahr nichts mehr nicht ernstgenommen! Ich habe deine plötzliche chronisch miese Laune ernstgenommen! Ich habe deinen Wunsch nach Privatsphäre ernstgenommen! Ich habe deinen ständigen Spott ernstgenommen! Ich habe deine Weigerung, den Tempel zu übernehmen, ernstgenommen! Ich habe deinen Wunsch, auszuziehen, ernstgenommen! Ich habe deine jahrelange Isolation ernstgenommen! Ich habe deine Bücher ernstgenommen! Ich habe deine angespannte Beziehung zu Papa ernstgenommen! Ich habe deine Beziehung mit Shuichi ernstgenommen! Ich habe deinen Wunsch, zu schweigen, ernstgenommen! SOLL ICH WEITERMACHEN?!“

 

Sein Kopf ruckte Richtung Schwester und Schwager, die sich den Ausbruch ungewohnt sprachlos angehört hatten. Tatsuha konnte sie durch den Tränenschleier kaum noch erkennen, doch er wollte ihre typischen abwertenden Blicke, mit denen sie die Tirade eines trotzigen Kindes bedachten, auch gar nicht sehen.

 

„Ich habe eure Scheinheirat ernstgenommen! Ich habe eure ewige Bevormundung ernstgenommen! Ich habe euer mangelndes Vertrauen in mich ernstgenommen! Ich habe Mikas einseitige Bemutterung ernstgenommen! Ich habe Tohmas egoistischen Humor ernstgenommen! Ich habe seine Abneigung zu mir ernstgenommen! Ich habe meinen Tempeldienst ernstgenommen! Ich habe Papas andauernde Nörgelei ernstgenommen! Ich habe seine Gesundheit ernstgenommen! Ich habe die Schule ernstgenommen! Ich habe meine Freunde ernstgenommen!“

 

Er schniefte laut und lang und stemmte sich nicht mehr ganz so sehr gegen Coreys Griff. Erschöpft mäßigte er seine Stimme und die anschließenden Worte wurden von leisen Schluchzern unterbrochen.

 

„Ich habe eure Gleichgültigkeit ernstgenommen. Und ich habe meine eigene Hilflosigkeit ernstgenommen. Ich habe die Tatsache ernstgenommen, dass ich der Einzige in unserer Familie war, der nicht wusste, was schiefgelaufen ist. Ich ... ich ... kann einfach nicht mehr!“

 

Er riss sich los, schwankte ein wenig ...

 

Und rannte dann ohne Vorwarnung los. Mika streckte eine Hand nach ihm aus, doch er schrie nur aufgebracht „FASS MICH NICHT AN!“ und stürmte an ihr vorbei zur Tür.

 

Dort prallte er so fest mit jemandem zusammen, dass sie beide einen großen Schritt rückwärts machen mussten, um den drohenden Sturz abzufangen.

 

„NO DA!!!“

 

Er sah erschüttert auf.

 

Richtig. Es gab noch etwas, was er ernstgenommen hatte.

 

---

 

Ryuichi hockte summend auf dem weichen Sofa des Hotelzimmers, kaute Bonbons und schaute fern, während Claude den längst überfälligen Schlaf nachholte. Vielleicht sollte er ihm einige Tage Ruhe gönnen, dachte er und schnitt eine mitfühlende Grimasse, seine Jagdtrophäe verließ in dieser Zeit sicher nicht gleich das Land. Ungeduldig flippte er mit Rekordgeschwindigkeit durch die Kanäle auf der Suche nach einer Zeichentricksendung, als er plötzlich von einem Déjà Vu befallen wurde.

 

Einige Sekunden hockte er nur still da und ließ die Neuigkeiten auf sich wirken.

 

Doch dann sprang er auf, verlor dabei die Handvoll Klümpchen, die er sich gerade erst in den Mund geschoben hatte, rannte quer durch die beiden – ungeöffneten – Zimmertüren, die ihn von seinem Manager trennten und sprang ihm mit einem Ninja-Tritt direkt in den Magen. Dabei brüllte er aus Leibeskräften: „K!!! Wachen Sie auf! Wachen Sie auf, K! Wir müssen ins Krankenhaus, K! KKKKKKKKKKKKKKKKKK!!!“

 

Claudes Hand fuhr blitzschnell unters Kopfkissen und förderte eine gewaltige Machete zum Vorschein, die er in hohem Bogen von unten nach oben schwang.

 

Ryuichi war bereits mit einem Rückwärtssalto entkommen.

 

Halb im Tiefschlaf richtete sich der Manager auf und murmelte: „My! Was für ‘n Traum!“ Ryuichi hockte auf der Schlafzimmerkommode und fragte eifrig, durch Neugier vom eigentlichen Ziel abgelenkt: „Was haben Sie denn geträumt, K?“

 

„Dass ich von ‘nem Kerl mit ‘ner riesigen Gatling Gun verfolgt wurde!“

 

„Also ein Alptraum, Na No Da!“

 

„No way! Ich hab den Saftarsch überwältigt und dann gab es nur sie und mich! Es war wonderful!“

 

Ryuichi lachte und sprang von der Ablage: „Kommen Sie, K, wir müssen sofort los!“ Der Manager schwang sich gehorsam aus dem Bett, fragte aber perplex: „Warum? Hab ich einen Termin übersehen?“ „Nein nein“, beruhigte ihn der Sänger, „aber ich muss unbedingt ins Krankenhaus!“ Das wirkte wie ein Eimer eiskaltes Wasser.

 

„What?! Hast du dich verletzt?!“

 

„Nein! Aber ich will jemanden besuchen! ... Leider habe ich keinen blassen Schimmer, um welches Krankenhaus es sich handelt.“

 

Aus diesem Grund dauerte es eine recht lange Weile, bis sie im medizinischen Zentrum Langone endlich fündig wurden.

 

»Oh ja, der Patient befindet sich in unserer Obhut! Zimmer sechshundertdreißig«, bestätigte die Schwester am Empfang auf Claudes charmant erfolgte Erkundigung hin, »In welcher Beziehung stehen Sie zu ihm?« »In absolut keiner«, strahlte Ryuichi glücklich und ließ den Tresen los, an dem er sich neben seinem Manager hochgezogen hatte, um über die Tischplatte lugen zu können. Dann trippelte er mit erstaunlicher Geschwindigkeit Richtung Aufzüge davon. Sie beugte sich erschrocken über die Theke: »Oh meine Güte. Kleiner, wenn du keine Verwandtschaft bist, darf ich dich nicht zu ihm lassen! Ihm wurde strikte Bettruhe verordnet und die Besucherzahl ist begrenzt!« Ryuichi drehte sich um und lachte: »Das trifft sich doch super! Ich bin Verwandtschaft!«

 

»Aber du hast doch-«

 

»Nur nicht von ihm!«

 

Ob dieser Logik setzte er seinen Weg unbeirrt fort.

 

Claude seufzte und legte der Schwester entschuldigend eine Hand auf den Arm: »Sie können ihn nicht aufhalten. Aber ich kann ihn eventuell überreden, sich mit einem Platz auf dem Gang zufriedenzugeben. Wäre das akzeptabel?« Erst fehlten ihr noch einen Atemzug lang die Worte, aber dann seufzte sie mit zwei Fingern an der Schläfe: »Also schön, aber bitte verhalten Sie sich ruhig, dies ist kein Kinderspielplatz.« Er nickte wohlwollend: »Gut, dass wir keine Kinder dabei haben.«

 

Und so folgte er Ryuichi, der erfolglos versuchte, die Tafel mit den Schaltknöpfen zu erreichen, rasch in die Kabine und drückte den für den sechsten Stock: „Du weigerst dich sonst vehement, Kliniken aufzusuchen, also sag mir doch bitte endlich, was genau du von diesem bestimmten Patienten eigentlich willst. Woher kennst du ihn überhaupt?“

 

Auf einmal fühlte er ein vertrautes Prickeln im Rücken.

 

Schräg hinter ihm lehnte Ryuichi mit ernstem Gesichtsausdruck an der Wand und schob sich die Sonnenbrille weiter auf die Nase: „Ich will mich mit ihm unterhalten. Über Tatsuha Uesugi, um genau zu sein.“ Claude runzelte die Stirn: „Den Schwager vom Boss? Wie kommst du denn auf den? Er ist doch-“ „Sicher nicht in Japan“, kicherte Ryuichi humorlos, „und genau deswegen will ich mich mit ihm unterhalten.“

 

Claude öffnete den Mund, um etwas zu erwidern und schickte sich an, sich umzudrehen, doch im selben Moment sprang ihm Ryuichi auf den Rücken und sah ihm grinsend über die Schulter: „Es wird bestimmt lustig! Wenn Tatsuha ihn gerne hat, dann ist er bestimmt eine unheimlich nette Person! Richtig, K?!“ Die Türen öffneten sich und Claude trat seufzend mitsamt seiner Last auf den Flur hinaus, wo Ryuichi auf eine weiße Flügeltür zur Rechten wies und ihm wie einem Rennpferd die Hacken in die Rippen boxte. Also marschierte er in die angegebene Richtung, stieß mit einer Hand die Tür auf ...

 

Und machte grunzend einen Schritt zurück, als ihn etwas Schweres frontal rammte. Ryuichi verlor durch den Aufprall fast den Halt und quiekte schockiert: „NO DA!!!“ Sie sahen verdattert auf und direkt in Tatsuhas große, verheulte, blutunterlaufene Augen.

 

Claudes Lidmuskel zuckte. Das konnte doch nicht wahr sein! Wie hatte es dieser Querulant geschafft, die nicht zu unterschätzende Entfernung quer über den Nordpazifik zu überbrücken?!

 

Der Ballast auf seinem Rücken spannte sich wie ein Flitzebogen und wie erwartet ertönte Ryuichis fröhliche Stimme: „HA! Sehen Sie, K? Ich hatte recht, ich hatte recht! Hallo, Tatsuha! Es ist so schön, dich mal wiederzusehen! Wie geht‘s dir denn so? Willst du einen Lutscher?“ Claude konnte sich ein Augenrollen nicht verkneifen – der Junge sah im Moment nicht unbedingt aus, als könnte ihn ein Lutscher von seinen Problemen ablenken.

 

Tatsuha öffnete und schloss mehrmals den Mund, als wüsste er nicht, ob er lachen oder sich weiterhin jegliche Salze aus dem Körper weinen sollte. Zu Ryuichis Leidwesen entschied er sich für Letzteres – sein Gesicht verzog sich zu einer verzweifelten Fratze und er versuchte hastig, mit einem Arm die frisch aufsteigenden Tränen zu verdecken.

 

Ryuichi lehnte sich rasch vornüber und streckte die Hand aus, um die derzeitige luftige Höhe auszunutzen und ihm tröstend den Kopf zu tätscheln: „Aber, aber! Sei nicht traurig! Amerika ist doch ein lustiges Land! Und ich bin dir auch gar nicht mehr böse wegen der Fans!“

 

Tatsuha sackte noch etwas tiefer in sich zusammen, schnellte dann aber vor und rannte an ihnen vorbei. Sie verstanden noch ein verschnupftes „Tut mir leid“, ehe er im Aufzug verschwand und sich die Türen hinter ihm schlossen. „Wow, heftig“, murmelte Ryuichi zaghaft, „Hab ich was Falsches gesagt?“ Claude schüttelte nur den Kopf und runzelte die Stirn, als ihm die anderen Anwesenden auffielen, die ihn mit großen Augen anstarrten.

 

„... Boss?“

 

Auch Ryuichi bemerkte sie nun und breitete die Arme aus: „Hey, Tohma!“ Begeistert zauberte er seinen Stoffhasen von irgendwo her und hielt ihn in die Höhe: „Kuma, Tohma ist da! Und Mika! Und Eiri! Und ... und ... der Mann aus dem Fernsehen, der Tatsuha entführt hat!“ Das rosafarbene Plüschtier senkte sich auf Claudes freie Schulter und sah missbilligend in die Runde: „Alter, hier ist ja die Hölle los! Was geht ab, Tohma?!“

 

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte der Produzent die gesamte Aufmerksamkeit auf sich gerichtet und hätte die Frage auch gerne beantwortet, hätte er die Antwort gewusst – leider verstand er selbst die Welt nicht mehr. Stattdessen konzentrierte er sich auf ein ähnlich komplexes Rätsel.

 

„Ryuichi. Wie kommst du hierher?“

 

---

 

Grace aalte sich auf ihrer Wohnzimmercouch.

 

Wochenenden waren großartig. Und freie Wochenenden waren das Beste, was einem passieren konnte! Vor allem, wenn man den Tag begonnen hatte wie sie und Tatsuha. Wenn sie jetzt daran zurückdachte, war ihr seine melancholische Stimmung zwar nicht ganz geheuer gewesen, doch an seiner Einsatzbereitschaft hatte das nicht das Geringste geändert.

 

Sie grinste und rollte sich herum, sodass ihr Gesicht zum Fernseher zeigte. Das Leben war herrlich, an freien Wochenenden, die so begonnen hatten, wie sie heute begonnen hatten, und so endeten, wie sie heute enden würden.

 

Sie rollte zurück. Schon bald würde er sie abholen kommen und dann würden sie sich auf den Weg in den Park machen. Dort würden sie sich ein Eis gönnen, auch wenn es eigentlich schon viel zu kalt dafür war und eine Weile flanieren gehen und dann ...

 

Dann stutzte sie und rollte zurück.

 

Ein Foto von Tatsuha war eingeblendet worden, direkt im Anschluss eines Berichts zur Hill-Street-Schießerei. Ein großes Foto, neben dem Name, Wohnort und Alter aufgeführt waren. Grace hörte die Nachrichtensprecherin reden, konnte aber kaum die Bedeutung der Worte einordnen.

 

Irgendwas von Japan und Vermisstenanzeige.

 

Ihre Zunge wurde trocken und pelzig, ihre Glieder verloren zunehmend an Gefühl.

 

Es klingelte. Sie erhob sich wie im Autopilot.

 

An der Tür sah sie sich mit dem gleichen Gesicht wie aus dem Fernseher konfrontiert, ohne das herzliche Lachen, welches es dort getragen hatte. »Hey, Grace«, murmelte es, »Ich weiß, wir wollten heute ausgehen, aber könnten wir nicht einfach nur zuhause bleiben und chillen?« Damit schob es sich, ohne eine Antwort abzuwarten, an ihr vorbei in die Wohnung: »Du kannst dir nicht vorstellen, was mir in den letzten Stunden alles passiert ist, aber ich hab wirklich überhaupt keine Lust, heute noch einen Fuß vor die Tür zu setzen.«

 

Ihr Körper war taub, sodass nicht einmal die blauen Flecken in dem flehenden Gesicht eine Emotion auslösten, und so fragte sie nur tonlos: »Tatsuha ... Wer bist du wirklich?« Nervosität huschte wie ein Schatten über seine Züge.

 

»Was ... was meinst du?«

 

Sie wies mit einem zitternden Finger auf den Fernseher: »Sie haben gerade einen Beitrag gesendet, in dem du ... Also, jemand, der aussah wie du ... Sie haben behauptet ... du gältest als vermisst.«

 

Erst stand er stocksteif da, doch dann wankte er zurück und ließ sich auf die Couch sinken. Dabei lachte er hysterisch in seine Hände und hätten ihr seine Worte nicht die traurige Wahrheit verraten, hätte es seine Körpersprache getan.

 

»Du also auch schon. Ich muss schon sagen, wenn man selbst im Fokus steht, können die Medien ganz schön gruselig sein. Es ist, als hätte man einen unsichtbaren Stalker auf den Fersen, der einen überall im Voraus verpfeift!«

 

Ihre Knie drohten ihr den Dienst zu versagen und mit einem ermatteten Stöhnen sank sie ein Stück gen Boden. Sofort sprang er auf, um ihr zu helfen, doch sie schlug mit einem Arm nach ihm und presste die andere Hand auf den Mund, ehe sie loslief und ins Badezimmer stürzte.

 

Dort übergab sie sich eine Weile, während er anfangs versuchte, ihr beizustehen, aber nach ein paar erfolglosen Annäherungsversuchen unschlüssig im Türrahmen stehenblieb. Sie begann zu weinen und erneut brannte es auch in seinen Augen, doch diesmal hielt er der Versuchung stand.

 

Schließlich rappelte sie sich mühsam auf, wankte zum Waschbecken und spülte sich penibel den Mund aus und er hielt es für einen günstigen Zeitpunkt, einen erneuten Versuch zu starten: »Grace, ich-«

 

»Verschwinde.«

 

»... Wie bitte?«

 

»Ich sagte: Verschwinde! Raus aus meiner Wohnung! Lass mich allein!«

 

Voller Schrecken packte er sie an den Oberarmen: »Warte, Grace, lass es mich erklären!« Sie stieß ihn von sich und schrie: »Was gibt’s da zu erklären?! Du hast mich angelogen! Du hast mich die ganze Zeit zum Narren gehalten! Ich war mit einem Kind im Bett!« »Ich bin kein Kind mehr«, brüllte er aufgebracht zurück, »ich kann sehr wohl selbst entscheiden, mit wem ich ins Bett gehe!« »Rechtlich gesehen bist du eins! Und mir hast du die Entscheidung vorenthalten«, kreischte sie, »Wenn ich gewusst hätte, dass du minderjährig bist, hätte ich nie was mit dir angefangen!«

 

Entsetzt schreckte sie zusammen und sah sich verstohlen um, als fürchtete sie, dass die Nachbarn mit den Ohren an den Wänden klebten. Leiser zischte sie ihm verzweifelt zu: »Gott, weißt du eigentlich, in was für eine Lage du mich gebracht hast? Ich bin eine Kinderschänderin!« Frustriert schloss er die Augen und ballte die Fäuste: »Du brauchst das Wort nicht dauernd zu wiederholen! Ich bin kein Kind! Und du hast mich sicher nicht geschändet!« Doch sie kicherte nur ein wenig unter stetig fließenden Tränen: »Das magst du so sehen und ich fühle mich vielleicht auch nicht schuldig, aber jeder Richter diesseits und jenseits des Kontinents wird mich mit Freuden verurteilen. Ich bin illegalen Aktivitäten nachgegangen, ohne es zu wissen. Aber Unwissen schützt vor Strafe nicht, Tatsuha. Bitte, geh!«

 

Sie drehte sich um und wollte die Tür für ihn aufmachen, doch er packte sie am Ellenbogen und riss sie an sich, um ihr einen verzweifelten Kuss aufzuzwingen.

 

Einige Sekunden rangen sie miteinander, bis sie sich losriss und ihm eine Ohrfeige versetze, die seine Lippe erneut zum Bluten brachte.

 

»DU IDIOT! Was habe ich dir gerade gesagt?! Willst du, dass ich im Kittchen ende?!«

 

»Aber Grace«, jammerte er, »ich liebe dich!« »Ich liebe dich auch«, platzte es aus ihr heraus, »Aber es gibt das Gesetz, Tatsuha! Ich habe es unwissentlich gebrochen, aber ich werde es nicht wissentlich fortführen!« Sie krallte die Finger in seine Jacke und heulte hinein: »Und ich bin froh, dass es dieses Gesetz gibt! Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie viele perverse Abarten sich an Kindern vergreifen würden, wenn sie es ungestraft dürften?!«

 

»Aber du hast dich nicht-«

 

»Woher willst du das wissen? Du bist noch zu jung, deine Persönlichkeit hat sich noch gar nicht vollständig entwickelt! Woher willst du wissen, dass du in fünf, sechs Jahren nicht auf die Idee kommst, von mir missbraucht worden zu sein?!«

 

»Sowas traust du mir zu?!«

 

»Ich weiß nicht, wem ich trauen soll, Tatsuha. Aber im Moment ... im Moment stehst du nicht besonders weit oben auf der Liste. Und jetzt raus.«

 

»Grace, bitte, ich-«

 

»RAUS! RAUS!!! VERSCHWINDE! MACH ENDLICH, DASS DU WEGKOMMST! ICH WILL DICH NICHT MEHR SEHEN!«

 

Sie prügelte auf ihn ein, trat nach ihm, schubste ihn mit so viel Kraft wie möglich Richtung Tür und auf den Flur hinaus, wartete vor allem nicht darauf, dass er sich umdrehte und widersprach, sondern schlug sie mit einem lauten Knall direkt hinter ihm zu. Schwindel überkam sie, als sie sich umdrehte, sie sank kraftlos zu Boden und zog die Beine an, um das Gesicht in den Knien zu versenken.

 

Das also war der Grund gewesen, warum Yuma sie vor Tatsuha gewarnt hatte. Auf einen Schlag hatte sie keine Ahnung mehr, worin sie Wahrheit und worin Lüge finden sollte, aber eins war gewiss – Yuma hatte versucht, sie zu beschützen. Und sie hatte sich egoistisch über seine eindringliche Mahnung hinweggesetzt.

 

Kein Zweifel, sie hatte diese erbarmungslose Lektion verdient.

 

Doch selbst in ihrer Verzweiflung konnte sie sich eines winzigen, kaum hörbar flüsternden Stimmchens nicht erwehren.

 

Tatsuha hatte das Verhältnis wegen seines Alters so vehement zu verheimlichen versucht und nicht, weil er nur mit ihr hatte spielen wollen.

 

Und du bist absolut erbärmlich, so verdammt glücklich darüber zu sein, Grace.

 

Tatsuha legte ein Ohr an die Tür und hörte sie drinnen bitterlich weinen. Traurig ließ er die Hand sinken, mit der er doch nochmal starrköpfig ans Holz hatte klopfen wollen und lehnte stattdessen die Stirn dagegen.

 

Nach fünf Minuten stillem Kampf flüsterte er – und er wusste, dass sie ihn hören konnte – resigniert: »Grace ... Grace, ich ... Ich verstehe. Ich verstehe, okay? Verzeih mir.«

 

Er stieß sich ab und zog von dannen.

 

Später schaffte er es gerade noch in Yumas Wohnung, fiel ausgelaugt ins Bett und schlief ein, bevor er auch nur noch einen vernünftigen Gedanken fassen konnte.

Yumas Augenlider hoben sich langsam. Leises Klappern und Rascheln hatte ihm verraten, dass sein Zimmer betreten worden war und tatsächlich lehnte sich Corey soeben an der Wand am Fuße des Betts an, während Eiri und Tohma gleich nach ihm eintraten.

 

Der Autor stampfte herein, als plante er, ihn auf besonders schmerzvolle und unehrenhafte Weise hinzurichten, doch kaum dass sich ihre Blicke trafen, verlor sich das Temperament und jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Yuma lächelte, wobei der Humor seine Augen nicht erreichte: „Meine Güte, so hoher Besuch? Herrschaften, Sie sehen schlecht aus ... Und Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich das freut.“ Eiri hatte den Anstand, dem Blick auszuweichen, und so fragte Yuma nur gezwungen höflich weiter: „Kann ich Ihnen helfen?“ Während Tohma sich von der Feindseligkeit nicht beeindrucken ließ, öffnete Eiri den Mund, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Yuma grinste bitter: „Sie haben sich kaum verändert, wie ich sehe. Alle beide.“ Mit einem dumpfen Pochen klopfte Tohma mit seinem Regenschirm kräftig auf den Boden und die Frist für seine Tirade war verstrichen. Also legte er nur den Kopf schief und wartete.

 

„Sie sind Yuma Kitazawa“, stellte der Produzent sachlich fest und erntete ein stummes Nicken, „Sie können sich denken, warum wir hier sind?“

 

„Nein. Was ich mir denken konnte, sind Behörden und Verurteilungen.“

 

„Wir wollten Ihnen die Chance geben, sich zu erklären.“

 

„Wie großzügig. So wie Sie Yuki eine Chance gegeben haben?“

 

Wieder sah man Eiri das Unbehagen deutlich an, wohingegen Tohma Yumas stechenden Blick erwiderte. Yuma schnaufte verächtlich: „Ich kann Ihnen eine erfreuliche Mitteilung machen – Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben. Es war tatsächlich nichts anderes als verdorbene Rachegelüste, die zur Tat geführt haben.“ Gemein grinsend wandte er sich erneut an Eiri: „Ich war auf dem Konzert, erinnern Sie sich?“ Eiri überlegte und nickte dann zögerlich: „Jetzt, wo Sie’s sagen ... Wir haben uns getroffen, als ich nach Tatsuha gesucht hatte.“

 

„Korrekt. Er steckte unter meinem Mantel.“

 

„Das glaub ich einfach nicht ...“

 

„Tja, seltsame Zufälle gibt’s. Dort haben wir uns kennengelernt.“

 

Er richtete sich etwas mühsam auf, als konnte man ihn dadurch besser verstehen: „Sagen Sie mir, haben Sie mein Gesicht wirklich direkt wieder verworfen? Ist Ihnen Yukis Existenz so gleichgültig, dass Ihnen nichts aufgefallen ist? Sind Sie wirklich nie darauf gekommen, dass Tatsuhas Verschwinden was mit dem Mann zu tun gehabt haben könnte, der dem Jungen, den Sie ermordet haben, so ähnlich sieht?“ Der gehässige Spott in der Stimme ließ Eiri erneut beschämt wegsehen, wodurch sich Tohma einzugreifen genötigt fühlte: „Es war kein Mord, Kitazawa! Es war berechtigte Notwehr! Versuchen Sie nicht, von Ihrem Vergehen abzulenken!“

 

„Das versuche ich gar nicht, Herr Seguchi“, widersprach Yuma ruhig, „Wissen Sie, meine Freundin hätte Ihrem Schwager hier anstandslos die Birne weggeblasen, hätte sie je die Möglichkeit dazu bekommen. Aber ich gebe gar nicht so sehr ihm die Schuld. Natürlich war er es, der geschossen hat – aber es waren Sie, der ihn bei Yuki abgeladen hat, damit er sich pausenlos um ihn kümmert. Mein Bruder war nur zwei Jahre älter als er, Herr Seguchi. Zwei Jahre.“ Er musterte Tohma aufmerksam und schüttelte resigniert den Kopf, als er nicht den Hauch von Verständnis zeigte. Leise fuhr er fort: „Und dann haben Sie alles unter den Teppich gekehrt, ohne den Hinterbliebenen die Chance zu geben, es zu verstehen. Sie haben sich einen Dreck darum geschert, ob es jemanden gibt, der Yuki vermisst! Der vor Sorge um ihn den Verstand verliert! ... Also dachte ich mir, es sei eine gute Lehre für Sie, wenn Ihr eigener Bruder für einige Zeit vom Radar verschwindet – und schon war’s passiert. Wie ist das Gefühl, nicht zu wissen, was aus einem Ihrer Lieben geworden ist?“

 

Nun hob Tohma doch das Kinn und kniff die Augen ein Stück zusammen: „Wenn Sie denn meinen, das Recht zu haben, mich zu belehren: Es ist ... unangenehm.“

 

„HA“, platzte es aus Yuma heraus und im selben Moment bereute er es, da seine Nähte heftig protestierten, „Entweder sind Sie abgewichst wie ‘ne Hure beim fünfzigsten Jubiläum oder ein Meister der Untertreibung! Aber schon gut, machen Sie sich keine Mühe. Wenn Sie auch nur einen Bruchteil von dem empfinden mussten, was wir durchgemacht haben, bin ich zufrieden. Und beachten Sie bitte, dass Sie es nicht mal sechs Monate haben aushalten müssen. Wir haben uns über ein Jahr der vagen Hoffnung hingegeben, Yuki lebend wiederzusehen. Und wofür?“ Er funkelte Eiri an: „Damit Ihr armer Liebling hier seine Tat so bald wie möglich vergessen konnte.“

 

„Erfüllt es Sie mit Genugtuung, Ihr Ziel erreicht zu haben?“

 

Yuma legte den Kopf aufs Kissen zurück, während er über Tohmas Frage nachdachte. Sollte er die Wahrheit sagen oder sich noch eine Weile an ihrer Ahnungslosigkeit ergötzen?

 

Doch nach kurzer Kontemplation kam er zum Schluss, dass sein Hass so gut wie ausgebrannt war. Weder Kraft noch Lust für einen weiteren Kampf waren in ihm verblieben.

 

Es konnte nicht schaden. Nichts konnte ihm jetzt noch schaden.

 

„Es war den Stress nicht wert. Es bringt mir Yuki nicht zurück. Und es hat mich einen hohen Preis gekostet“, antwortete er und verschloss die Augen vor der Realität – auf ihre Gleichgültigkeit konnte er beileibe verzichten. Tohma runzelte zwar die Stirn und fragte irritiert: „Was meinen Sie damit?“ Doch er schüttelte nur den Kopf, um zu zeigen, dass er nicht darüber sprechen wollte: „Ich bin müde. Wenn Sie jetzt bitte gehen würden? Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen.“

 

Tohma merkte, dass dies tatsächlich das Ende der Konversation darstellte: „Verstehe. Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.“ Während er sich der Tür zuwandte, stellte er wie nebenbei fest: „Sie verstehen sicher, dass Ihre Taten rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen werden.“ Yuma nickte stumm und ohne die Augen zu öffnen. Der Produzent schnaubte leise: „Leben Sie wohl, Herr Kitazawa.“ Er gab Eiri ein Zeichen und sie taten einige Schritte, ehe ein dringendes „Hey!“ sie noch einmal aufhorchen ließ.

 

Yuma starrte geistesabwesend an die Decke. „Es tut mir leid wegen Tatsuha“, gestand er. Dann wandte er ihnen langsam sein gewissenhaft ausdrucksloses Gesicht zu.

 

„Und es tut mir leid, dass es mir nicht leid tut Ihretwegen.“

 

Nachdem Corey die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte ihn Tohma umgehend: »Herr Fitts, richtig? Was meinte er mit hohem Preis?«

 

»Hoher Preis?«

 

»Den er für die Entführung bezahlen musste.«

 

Mika, Claude und Ryuichi hatten draußen auf dem Gang gewartet, gesellten sich zu ihnen und nun wurde Yumas Partner von fünf Augenpaaren eingehend studiert. Also erzählte er ihnen die Geschichte um Hill Street und Yumas und Jessicas Konfrontation.

 

Als er geendet hatte, sah er in schockierte und etwas ungläubige Gesichter und hob belustigt eine Augenbraue: »Was ist?«

 

Tohma räusperte sich verlegen: »Nun ... Als ich fragte, rechnete ich nicht damit, dass Sie mir so ausführlich Auskunft geben würden, da er sich ja geweigert hat, darüber zu sprechen und Sie ... Sie sind ein Kollege, nicht wahr?« Corey kratzte sich erstaunt am Kinn: »Hat er das?«

 

»Wie bitte?«

 

»Sich geweigert?«

 

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern: »Ich spreche kein Japanisch, Herr Seguchi, und hab keinen blassen Schimmer, worüber Sie sich mit Yuma unterhalten haben. Allerdings erkenne ich auch ohne Worte, wenn er jemanden anfeindet und Sie müssen echt ein ziemlich mieser Drecksack sein, wenn Sie auf einen halbtoten Kerl einprügeln. Aber ich sehe keinerlei Nachteile darin, Sie in diese Sache einzuweihen. Machen Sie das Beste draus, hm?« Damit hob er zwei Finger an die Schläfe und ließ sie mit offenen Mündern stehen.

 

Mika fasste sich zuerst: „Eine sehr direkte Persönlichkeit, wenn ich das so sagen darf.“ „Und hochgradig suggestiv“, fügte Tohma säuerlich hinzu, „Indem er Kitazawa als Helden ausmalt, will er uns wohl davon abbringen, ihn anzuzeigen.“ „Willst du das etwa tun?!“, entrüstete sich Kumagoro, der noch immer auf Claudes bereits gefühlloser Schulter saß, „Er hat Tatsuha gerettet!“ „Er hat ihn erst in diese Lage gebracht“, knurrte Tohma, „und ich denke nicht daran, über ein vorsätzliches Verbrechen hinwegzusehen!“

 

Die Gruppe setzte sich in Bewegung Richtung Ausgang, nur Ryuichi blickte kurz zurück und kratzte sich nachdenklich am Nasenflügel: „Hm, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass Tatsuha total viel Spaß hatte, Na No Da! Wenn so eine Entführung aussieht, lass ich mich demnächst auch mal mitnehmen!“ Tohma runzelte irritiert die Stirn, entschied sich jedoch gegen eine ausführliche Analyse der kryptischen Worte – und der Frage, warum sie ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließen. Dafür war später noch mehr als genug Zeit.

 

Jetzt mussten sie zuerst mal ihren Jüngsten wiederfinden.

 

---

 

Tatsuha starrte geradewegs an die Decke seines Zimmers. Er hatte sich ausschlafen und die ganze prekäre Lage eingehend überdenken können und inzwischen hatte er sich ziemlich damit abgefunden, dass er bald zurück in Japan sein würde.

 

Das Klopfen an der Wohnungstür wurde lauter. Ob sie sie wie im Film eintreten würden? Bei Eiri und Claude konnte er es sich vorstellen, wobei der Amerikaner es wohl nicht aus reiner Wut, sondern eher aus Experimentierfreude versuchen würde.

 

Wie hatten sie ihn überhaupt gefunden?

 

Wenn er daran dachte, wie unglaublich viel er verlieren würde, hatten sie ihn erstmal erreicht, wurde ihm übel. Warum kam es ihm so vor, als ob er in der kurzen Zeit in den Staaten einen riesigen Goldberg angehäuft hatte, während ihn daheim nur ein paar klägliche Ersparnisse erwarteten? Hatte er nicht wunderbare Erinnerungen an seine Heimat? Hatte er nicht selbst beste Freunde, die auf ihn warteten? Erfolg bei Frauen? Eine harmo... liebevo... ... Zumindest keine langweilige Familie?

 

Kein Klopfen mehr – eher ein Donnern.

 

„Verschwindet“, brüllte er in den leeren Raum, „Ich will euch nicht sehen!“

 

Alles hatten sie kaputtgemacht. Schon lange, bevor er Yuma kennengelernt und sich mit ihm abgesetzt hatte, hatten sie alles zerstört. Yuma hatte ihn nur ihretwegen mitgenommen, ihm ein Dach über dem Kopf gegeben, sich um ihn gekümmert. Weil er sich an Eiri und Tohma rächen wollte. Schon wieder Eiri. Er hatte es so satt!

 

Die Deckenlampe vibrierte, als sie mit Werweißwas gegen die Tür schlugen. „Tatsuha, wir wissen, dass du da drin bist“, hörte er, „Mach die Tür auf oder wir brechen sie auf!“ „Das ist Sachbeschädigung“, rief er zurück, „aber ich bin mir sicher, dass Tohma eh ein paar Scheine locker hat, um die Handwerker zu bestechen! Gutes Gelingen!“

 

Er war so weit gekommen! Er hatte einen Job, eine Freundin, liebe Bekannte, einen Freund, der wie ein Bruder zu ihm war. Und alles ohne Eiri. Er hasste Eiri nicht. Und er hasste Eiri auch nicht, als dieser tatsächlich gegen Yumas Tür trat, bis ein scharfes Knacken darauf hindeutete, dass das Holz dem brennenden Zorn nicht standgehalten hatte. Aber musste sich wirklich alles immer nur um ihn drehen?

 

Seine Familie stürmte die Wohnung. Ziemlich sicher hatten sie eine offizielle Erlaubnis dazu, immerhin galt er als Entführungsopfer – das hatte ihm eine weiterentwickelte Stufe des NBC-Videos mitgeteilt. Was für ein Unsinn. „Er hat mich nicht entführt“, rief er laut in der Hoffnung, dass sie auf ihn aufmerksam wurden und die anderen Zimmer in Ruhe ließen, „ich hab mich ihm aufgedrängt!“

 

Die Türklinke wurde heruntergedrückt. Natürlich hatte er abgeschlossen. Wie der Protagonist eines Videospiels, der sich angsterfüllt in seinem Zimmer verbarrikadierte und darauf hoffte, die Tür würde die Zombies aufhalten. Und dann eines grausigen Todes starb, weil sie das Fenster benutzten.

 

„Du weißt nicht, wovon du redest“, ertönte es fast flehentlich von außen, „Er hat dich getäuscht! Es ging ihm nur um Rache!“ „Nein, Mika, du weißt nicht, wovon du redest“, konterte er aggressiv, „Wie denn auch?! Du warst es nicht, die ein halbes Jahr mit ihm unter einem Dach gelebt hat! Er ist mein Freund und ich lasse nicht zu, dass ihr ihm schadet!“ „Pah“, erklang es abfällig, „hört euch den Helden an! Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber wir haben es aus seinem eigenen Mund erfahren!“

 

„Natürlich, Aniki. Und ich bin mir sicher, dass er ausgerechnet dir sein ganzes Herz ausgeschüttet hat!“

 

„Verdammt nochmal, selbst wenn es stimmt, was du sagst, hat er trotzdem eine Straftat begangen! Es ist nun mal verboten, anderer Leute Kinder über Grenzen zu schaffen! Tut mir ja so leid!“

 

„Ja, mir auch! Dafür, dass ich vorher keine Erlaubnis eingeholt habe, die ihr mir sowieso nie gegeben hättet!“

 

„Aus gutem Grund!“

 

„Aus was für einem Grund, Eiri?!“

 

„Wir wollten dich schützen! Auch Eiri war in dem Alter, als-“

 

„Klappe, Seguchi!“

 

Tatsuha lachte harsch auf: „Seht ihr? Yuma soll mich getäuscht haben, aber ihr schafft es nicht mal, mir die Wahrheit zu sagen, wenn ich eh schon alles weiß! Geht weg! Ich bleibe lieber bei einem Fremden, der mir überhaupt was erzählt, als einer Familie, die mich umkreist, als hätte ich einen seltenen Fall von Ausschlag!“

 

„Du kommst da jetzt gefälligst raus! Ich könnte mir ja nichts Schöneres vorstellen, als dich hierzulassen, aber wir sind nun mal für dich verantwortlich, bis du die gesetzliche Reife erreicht hast!“

 

Genau das, was er hören wollte. Sie wollten ihn gar nicht zurück, aber sie waren bedauerlicherweise vom Gesetz her dazu verpflichtet, ihn nach Hause zu schaffen – offenbar gegen ihrer aller Willen.

 

„LASST MICH IN RUHE!!!“

 

„Mir reicht’s. Eine oder zwei Türen, das macht’s jetzt auch nicht mehr aus.“

 

Unter Zähneknirschen drehte sich Tatsuha mit auf die Ohrmuscheln gepressten Handballen weg und wartete darauf, jeden Moment Holz splittern und seinen schäumenden Bruder ins Zimmer stürmen zu hören.

 

Es war hoffnungslos, keiner von ihnen hatte irgendetwas gelernt. Und bevor sie ihm das so deutlich gezeigt hatten, war ihm nicht einmal bewusst gewesen, dass er ihnen etwas hatte beibringen wollen.

 

Draußen hob Eiri eben ein Bein, um die erfolgversprechende Prozedur der Eingangstür zu wiederholen, als Ryuichi frohgemut in die Schussbahn spazierte.

 

Der Sänger breitete schützend die Arme aus und fragte unschuldig: „Eins versteh ich nicht. Warum sagt ihr ihm nicht, dass ihr euch freut, ihn wiederzuhaben?“

 

„Im Moment freut mich nur der Gedanke, ihn am eigenen Leib erfahren zu lassen, was ich von der ganzen Scheiße halte! Geh aus dem Weg!“

 

„Du willst also nicht reden“, stellte Ryuichi sachlich fest, „Und wie soll er dich dann verstehen?“

 

„Keine Sorge, ‘ne ordentliche Kopfnuss hat er bis jetzt noch immer kapiert!“

 

„Und weil er so gut kapiert, ist er weggelaufen?“

 

Eiri verharrte, während Ryuichi ihn neugierig anblinzelte und sein eisiger Blick bohrte sich in den verdächtig unschuldigen. „Er ist nicht weggelaufen, er ...“, begann Eiri, doch selbst er konnte den Satz nicht guten Gewissens zu Ende führen. Mit einem verstohlenen Seitenblick forderte er die anderen stumm um Unterstützung auf, doch Mika war betroffen zurückgewichen, Claude lehnte nur wachsam an der Wand und Tohma starrte Ryuichi an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.

 

Was hatte der Sänger so Weltbewegendes gesagt, dass plötzlich allen die Argumente ausgegangen waren?

 

Schließlich schnaubte Eiri und brummte verärgert: „Er behauptet doch nur, freiwillig mitgegangen zu sein! Ihr kennt ihn doch, findet an jedem Tiefpunkt noch was Positives! Glaubt ihr echt, Kitazawa hätte ihm eine Wahl gelassen, hätte er sich gewehrt?! Er war es, der ihm den Floh ins Ohr gesetzt hat!“ „Das muss ein schöner Floh gewesen sein“, schwärmte Ryuichi, „Ich meine, ihr seid ja schon super – und Herrn Kitazawa mag er noch viel lieber als euch!“ Strahlend schnippte er mit den Fingern: „He, das heißt, Herr Kitazawa kann euch beibringen, wie euch Tatsuha wieder mögen wird!“

 

Dies war Tohmas Stichwort, vorzutreten und ihm sanft den Kopf zu tätscheln: „Ryu, ich denke nicht, dass wir von diesem Mann etwas lernen können. Er ist böse! Er hat uns Tatsuha weggenommen und ihn gegen uns aufgehetzt, begreifst du das nicht?“ Alles, was er für den Erklärungsversuch erntete, war missbilligendes Schmollen: „Wenn ihr weiter so auf seinem Freund herumhackt, wird er euch niemals zuhören!“ „Selbst wenn wir es ihm in den stumpfen Schädel hämmern würden, würde sein Vogelgehirn sowieso nichts begreifen“, grollte Eiri, halsstarrig die Arme vor der Brust verschränkend. Seine Worte klangen nicht mehr ganz so überzeugt, wie bei einem zornigen Kind, das sich langsam beruhigte und erkannte, vielleicht etwas überzogen reagiert zu haben, aber nicht die nötige Reife aufwies, den Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen. Auch die anderen begannen, sich an der handgreiflichen Methode zu stören und wollten ihm nicht länger freie Hand lassen in seinem Tobsuchtsanfall – ihr bedrücktes Schweigen sprach Bände.

 

Ryuichi wartete in der Hoffnung, von jemandem hilfreichere Argumente zu vernehmen, zog dann jedoch die Stirn kraus: „Ich kann Tatsuha verstehen! Wenn ihr so gemein zu ihm seid, ist doch ganz klar, dass er hierbleiben will!“ Mit hocherhobener Nase wandte er sich ab und stolzierte auf Claude zu, als wollte er nicht weiter mit derart gefühllosen Kretins verkehren: „Ich habe ja schon damals gewusst, dass er hier in Amerika viel glücklicher ist!“

 

Alle verharrten in ihren Gedanken und rekapitulierten vorsichtig die Worte.

 

Tohma fragte schließlich entgeistert: „Du ... du hast es gewusst ...? Du wusstest, dass Tatsuha hier ist?!“ Ryuichi nickte vergnügt: „Jepp! Schon ziemlich lange sogar! Hat mich im Sommer beinahe überrollt, aber das ist zweitrangig. Äh ... Auch wenn es für mich alles andere als zweitrangig ist und auf keinen Fall bagger... baggertell... heruntergespielt werden darf! Ich habe mich nämlich ziemlich erschreckt! Und ich habe ihn sooofort an der Stimme erkannt! Klasse, nicht wahr?! Ich hab ihn an dem Tag sogar noch einmal getroffen, aber er hat ... er hat mir Fa... Er ist davongelaufen. Und dann habe ich ihn zwischendurch noch einmal im Kino und in einer Buchhandlung wiedergesehen. Im Kino haben wir uns einen Schaukampf geliefert, er konnte toll mithalten, die Zuschauer waren begeistert! Und in der Buchhandlung hab ich ihn fast geschnappt, aber er ist mir doch wieder entwischt.“

 

Claude baute sich langsam zu seiner vollen Größe auf. Der Grund, warum Ryuichi den Sozius durch die ganze Stadt gejagt hatte, war nicht Rachsucht gewesen? Ryuichi sah es, beugte sich verschwörerisch in seine Richtung und legte einen Finger an die Lippen: „Es war unheimlich lustig, mit ihm Fangen zu spielen, nicht wahr, K? Ich glaube ja, dass er Herr Perfekt ist, meinen Sie nicht auch?“ Hastig fuhr er zu den anderen herum und tuschelte verstohlen: „Aber das ist ein Ge~heim~nis! Herr Perfekt will nämlich nicht gefunden werden!“

 

Tohma fiel es zunehmend schwerer, das Geschnatter seines infantilen Freundes zu verstehen, doch er konnte sich sowieso nur notdürftig auf die Grundaussage konzentrieren, weil seine Gedanken in der Verwirrung komplett durcheinandergeraten waren. Er packte ihn aufgelöst, nahezu entrüstet bei der Schulter: „Warum hast du uns nicht Bescheid gegeben?! Hast du dir nicht vorstellen können, wie viel Sorgen wir uns gemacht haben?!“

 

Die Atmosphäre verdichtete sich und ihm lief ein Schauer über den Rücken, als der Körper unter seiner Handfläche zu wachsen schien.

 

„Nein“, antwortete Ryuichi bestimmt, als wollte er die Umstehenden davor warnen, sich zu erdreisten, das Gegenteil zu behaupten. Langsam wandte er sich ihm wieder zu: „Nein, um ehrlich zu sein, konnte ich das nicht, weil mich nämlich niemand darauf hingewiesen hat, dass das ein Problem darstellt, herzlichen Dank. Mit Verlaub, Tohma, wir sind seit über zwanzig Jahren befreundet und ich weiß, dass du deine Probleme gerne auf eigene Faust löst, aber bei einem Konflikt dieses Ausmaßes hätte ich doch angenommen, umgehend zu Rate gezogen zu werden. Deswegen bin ich leider nicht darauf gekommen, dass Tatsuha ohne euer Wissen in Amerika sein, geschweige denn, dass ihn jemand entführt haben könnte. Außerdem habe ich mir nicht vorstellen können, dass ein Opfer dermaßen vergnügt mit seinem Entführer herumalbert. Ich habe vielmehr angenommen, dass er mit eurer Zustimmung an einem Schüleraustauschprogramm teilnimmt oder was auch immer sich das heutige Schulwesen zur Erziehung so einfallen lässt. Und wenn ich dich daran erinnern darf, es ist nicht das erste Mal, dass ihr ein Familienmitglied in die Staaten schickt.“

 

„Aber ...“, Tohma schluckte mühsam, „Aber warum hast du während unserer Telefonate nichts erwähnt? Gerade wenn du gedacht hast, dass alles mit rechten Dingen zugeht, warum hast du nie über ihn gesprochen? Ein Wort von dir und all die Monate Angst wären-“

 

Ryuichi fiel ihm barsch ins Wort: „Wann hast du damit angefangen, meine Intelligenz anzuzweifeln, Tohma? Ihr wisst ganz genau, dass es mir Spaß macht, mich mit Leuten wie Tatsuha zu befassen – und ich merke ebenso gut, wie ihr euch abmüht, ihn von mir fernzuhalten. Oder besser gesagt mich von ihm. Wenn ich zugegeben hätte, ihn in meiner Nähe gesehen zu haben, hättet ihr ihn sofort von hier abgezogen. Seine Zurückhaltung habe ich mir auf dieselbe Weise erklärt, nämlich dass ihr ihm gedroht haben müsst, die Reise abzubrechen, sollte er mit mir in Kontakt treten – eure Abwehrmaßnahmen waren ja schon immer maßlos übertrieben. Sag mir doch bitte endlich, was ich eurer Meinung nach mit ihm anzustellen gedenke, hm?“

 

„Ryu, es ist nicht-“

 

„Nein. Bemüh dich nicht. Ich halte es euch nicht vor. Ihr habt damals ein Trauma davongetragen. Und ich bin zu dankbar dafür, dass es zumindest davor eine Zeit gab, in der du mich an deinen Leiden hast teilnehmen lassen – denn ansonsten, glaub mir, hätte ich dir schon längst die Freundschaft gekündigt. Ich weiß gar nicht, was ich getan habe, um so viel Vertrauen eingebüßt zu haben!“

 

„Du verstehst das falsch, ich vertraue dir, aber-“

 

„Beim Vertrauen gibt es kein Aber, Tohma. Entweder du weißt, dass ich meine Grenzen kenne oder du tust es nicht. Und es ist offensichtlich, dass du mir nicht zutraust, mich gegen die Avancen eines Teenagers zu wehren. Ja, ich lebe mein Leben, wie es mir passt, dazu gehört mein kindisches Gehabe, weil es mir Spaß macht. Aber ich bin kindisch, nicht naiv, Tohma. Ich habe immer gedacht, du und Noriko wüssten das von allen Menschen am besten. Aber dann hast du schlichtweg aufgehört, mit mir zu reden.“

 

„Aber ich rede mit dir!“

 

„Nein. Du ‚unterhältst‘ dich nur. Du hast nicht wieder mit mir ‚geredet‘ seit der notgedrungenen Erklärung, warum deine Performance nach eurer New-York-Reise so dermaßen abgesackt ist! Ich musste tatenlos mit ansehen, wie es meinen Freunden zunehmend schlechter ging. Ich wollte dir helfen. Euch helfen. Aber meine Hilfe wurde verschmäht, als wäre sie etwas Unnötiges, wenn nicht gar Lästiges. Als du schließlich die Band aufgelöst hast, habe ich geschwiegen. Ich wollte Nittle Grasper nicht verlieren, aber ich wusste, dass dir etwas auf der Seele lag, das dir eine Weiterführung unmöglich machte. Ich habe euch auf die einzige mir mögliche Art zu helfen versucht – indem ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht habe. Mein Kummer schien so unbedeutend im Vergleich zu eurer Schwermut, dass ich nicht gewagt habe, ihn jemandem mitzuteilen. Stattdessen habe ich versucht, euch aufzuheitern, wann immer ihr es zugelassen habt.“

 

„...“

 

„Als ich Tatsuha kennenlernte, habe ich ein gewisses Verständnis gespürt, als lägen wir auf einer Wellenlänge. Ich habe ihn euren ganzen Hochzeitstag lang beobachtet und war gleichzeitig überglücklich und tief erschüttert, jemanden getroffen zu haben, der meine Methode begriff und imitierte. Glücklich, weil ich sie bestätigt fühlte, erschüttert, weil ein so kleines Kind eine stetig wachsende Last mit sich herumschleppen musste. Wisst ihr denn wirklich nicht, wie sehr ihr ihn verletzt, wenn ihr ihm alles verschweigt?“

 

„Er war erst elf Jahre alt! Was hätten wir ihm sagen sollen?!“

 

„Die Wahrheit, Mika. Dass seinem Bruder etwas Schlimmes zugestoßen ist und er noch zu jung ist, um Einzelheiten zu erfahren, ihn aber kein Schuld an Eiris Launen trifft. Dass schwere Zeiten anbrechen, aber dass er immer auf euch zählen kann, wenn ihn etwas bedrückt. Etwas, was ihm festen Boden unter den Füßen gibt und ihm ermöglicht, sein Leben zu leben, ohne jede Sekunde von dem seines Bruders beeinflusst zu werden! Oder war er ein lästiges Übel, ein Störfaktor bei dem Ziel, Eiris Glück wiederherzustellen?“

 

„Unsinn! Das war es nicht! Es war nur ... Eiri brauchte unser aller Unterstützung ... Es war ... so anstrengend ...“

 

„Niemand hat behauptet, Familie sei einfach“, Ryuichi legte eine Hand in die Hüfte und sah streng in die betreten wirkende Runde, „aber das gibt euch kein Recht, ein Kind auf Kosten des anderen aufblühen zu lassen.“

 

Seine Erklärung trug erste Früchte, das erkannte er an ihren Blicken. Und sie erkannten endlich, dass ihre Strategie, Tatsuha über alles im Dunkeln zu lassen, nicht den gewünschten Erfolg erzielt hatte. Er legte seine freie Hand aufmunternd auf Tohmas Schulter: „Ich verstehe euch – und er tut das auch. Ihr wolltet ihn zu einem selbstständigen Menschen erziehen, um einem Fall wie Yuki entgegenzuwirken. Aber der Weg, den ihr zu diesem Zweck eingeschlagen habt, war ausgesprochen gefährlich. Er durfte nicht seine eigenen Entscheidungen fällen – er musste seine eigenen Entscheidungen fällen! Ihr habt ihn vernachlässigt, ihn sich selbst überlassen und euch nur dann seiner angenommen, wenn er sich eurer Meinung nach falsch entschieden hat. Aber der Mensch ist ein Herdentier. Er ist der Einsamkeit einfach müde geworden und Kitazawa hat ihm eine Möglichkeit gegeben, ihr zu entkommen. Die Motive für die Hilfe erstmal hintangestellt, hat er Tatsuha geholfen. Und im Gegensatz zu euch habe ich einige Einblicke in sein Dasein hier erhaschen können. Ich glaube, er hatte mordsmäßig Spaß, Tohma, ein Leben geführt, das zur Abwechslung nicht von Eiris Launen bestimmt wurde. Und ihr seid drauf und dran, ihm das wegzunehmen. Erwartet ihr da im Ernst, dass er euch freudig in die Arme springt? Das erste, was er nach fast einem halben Jahr von euch bekommt, ist eine Faust ins Gesicht! Ist das wirklich und ehrlich der aufrichtigste Eindruck, den ihr ihm vermitteln wollt?“

 

Eiris Augen waren von Ponysträhnen überschattet, als er, dem sie es am wenigsten zugetraut hatten, diplomatisch fragte: „Und was schlägst du vor?“ Ryuichi lächelte kryptisch: „Wie wär’s, wenn ihr endlich alle Karten auf den Tisch legt – und Tatsuha gestattet, euch seine zu zeigen? Ihr kennt doch den Spruch mit der Medaille, oder?“

 

„Sie hat immer zwei Seiten.“

 

Fünf Köpfe ruckten in Richtung von Tatsuhas Zimmertür, die halb offen stand, mit Tatsuha am Rahmen angelehnt.

 

Ryuichis Lächeln wuchs und er hielt ihm einen Daumen entgegen: „Goldrichtig!“ Doch dann schnitt er eine leidende Grimasse und taumelte stöhnend zurück: „Oh-oh. Ich fürchte, ich habe mich ... ein wenig ... übernommen ... Adios, Freunde!“ Damit kippte er mit auf der Brust gekreuzten Armen ohnmächtig hinten über. Claude sprang rechtzeitig zur Rettung bei und warf ihn sich kurzerhand über die Schulter.

 

Der Sänger würde ihm nachher sehr genau erklären müssen, warum er ihn in sein Wissen um den Sozius nicht eingeweiht hatte.

 

Tatsuha musterte Ryuichis schlaffe Form skeptisch: „Er ... er ist nicht krank, oder?“ Tohma winkte verlegen lächelnd ab: „Nein nein, mach dir keine Sorgen. Es ist nur ... Vernunft strengt ihn unglaublich an.“

 

Alle warfen sich gegenseitig beklommene Seitenblicke zu, ohne dass einer von ihnen wusste, was jetzt zu sagen oder zu tun war.

 

Und es war tatsächlich Tatsuha, der ihnen den Waffenstillstand anbot: „Ich möchte euch einen Handel vorschlagen. Ich weiß, dass ich minderjährig bin und deshalb gar keine andere Wahl habe, als mit euch nach Japan zurückzukehren. Aber ich bin durchaus in der Lage, euch das Leben dort zur Hölle zu machen.“ Eiri konnte sich nicht verkneifen, ein sarkastisches „Noch mehr als sonst?“ einzuwerfen, was jedoch großzügig überhört wurde. Tohma schien die Möglichkeiten, die diese Drohung beinhaltete, allerdings deutlicher zu erkennen und fragte entschlossen: „Wie sieht die Alternative aus?“

 

Tatsuha atmete insgeheim auf.

 

„Ihr sorgt dafür, dass keiner meiner hiesigen Freunde wegen dieser Sache Probleme mit der Justiz bekommt. Keiner von ihnen. Vor allem nicht Yuma.“

 

Tohma runzelte die Stirn: „Ich fürchte, du überschätzt uns. Die Presse hat Wind davon bekommen und Kitazawa ... Ich denke nicht, dass ihm noch jemand helfen kann.“ „Du kannst nicht“, knurrte Tatsuha mit drohendem Blick, „oder du willst nicht?“

 

Tohmas Schweigen verriet mehr als tausend Worte.

 

---

 

Yuma knabberte höchst lustlos an einem Babyrübchen: „Irgendwie ist das enttäuschend. In jedem vernünftigen Blockbuster werden Patienten von feschen, aufdringlichen Schwestern umsorgt, aber ich hab noch keine einzige zu Gesicht bekommen! Stattdessen bist jedes Mal, wenn ich aufwache, du das erste, was ich sehe! Wie soll ich unter diesen Umständen jemals gesund werden?!“ Corey verschränkte die Arme hinterm Kopf und grinste ihn höhnisch an: „Oh, die Schwestern sind da, glaub mir, sie kommen nur immer, wenn du schläfst! Liegt vielleicht daran, dass du viel und gerne schläfst. Und an den ganzen Schmerzmitteln, die sie dir verabreichen.“ „Es muss noch nicht mal ‘ne Schwester sein“, maulte Yuma entnervt weiter, „ich wäre für absolut jede Abwechslung dankbar!“

 

„Jede? Oder denkst du an einen ganz bestimmten Typen, der zufällig Tatsuha heißt?“

 

Yuma seufzte schwer: „Naja, ich kann verstehen, dass er mich nicht sehen will. Trotzdem wär es irgendwie ... Ach, keine Ahnung. Er ist wahrscheinlich eh schon auf dem Weg nach Hause. Kein Wunder, immerhin-“

 

„Sie haben gestern drei Stunden gebraucht, um ihn aus deiner Wohnung raus zu hebeln.“

 

„- bin ich Schuld daran, dass er fast ... Wie bitte?“

 

„Jepp. Hab gehört, dass sie aufs Hartnäckigste verhandeln mussten. Wollte nicht klein beigeben, der Bengel. Oh, übrigens, du musst auf eine neue Wohnungstür sparen. Und auf die Anrichte im Flur. Und auch auf einen Wohnzimmerschrank. Obwohl ... Man kann es eventuell eine Zeitlang mit Klebeband zusammenhalten.“

 

Yuma starrte fassungslos auf seinen Kartoffelpüree: „Was haben die bloß angestellt, dass er einen Entführer ihnen vorzieht?“ „Keinen blassen Schimmer“, gab Corey offen zu. Yuma schüttelte die wirren Gedanken in eine hintere Kammer seines Verstands und räusperte sich: „Und? Hängt mir unser übereifriger Herr Staatsanwalt wegen der Sache schon am Arsch?“

 

„Oh, ich denke, er hat sich schon alle zehn Finger danach geleckt, kaum dass er davon Wind bekommen hat. Allerdings kann er dich schlecht eines Verbrechens anklagen, dessen du nicht bezichtigt worden bist.“

 

„Was soll das heißen?“

 

„Das heißt, dass sich die Familie des Opfers dazu entschlossen hat, keine Anzeige zu erstatten.“

 

„Was?! Warum, zum Teufel-“

 

Corey streckte ächzend die Beine aus und sah nachdenklich an die Decke: „Bei diesen ‚Verhandlungen‘ ging es um dich, mein Freund! Und so wie es aussieht weigert sich Tatsuha, eine Aussage zu machen. Und er ist sogar so weit gegangen, seine Verwandten mit dem Tod zu bedrohen.“ Yuma starrte ihn mit Augen an, die einer Eule glichen, die sich in der Dunkelheit eine Maus gewünscht und ein Krokodil bekommen hatte: „Wie bitte?“

 

„Ja. Mit seinem.“

 

Genau diesen Moment nahm der Besprochene zum Anlass, gutgelaunt ins Zimmer zu hüpfen und bedauerlicherweise dabei die Stimmung zu übersehen, da er über das lang ersehnte Wiedersehen viel zu glücklich war. Als er dann auch noch bemerkte, dass sich sein Freund in ansprechbarem Zustand befand, war es um das Minimum an Zurückhaltung geschehen.

 

Tatsuha fiel Yuma jubelnd um den Hals, wobei er rücksichtslos das Tablett mit Mittagessen dicht an Corey vorbei aus dem offenen Fenster schleuderte und sie konnten nur hoffen, dass sich unterhalb kein lebendiges Ziel in der Schussbahn befand.

 

„Yuma! Dem Himmel sei Dank, ich bin so froh, dass du wach bist! Ich hab mir solche Sorgen gemacht!“

 

Er brach unvermittelt in einen Heulkrampf aus, gab sich ihm jedoch nicht lange hin, denn von seinem Freund ging eine eigenartige Hitze aus, die ihn misstrauisch auf Armeslänge Abstand halten ließ: „Woah, du bist ja knallrot! Hast du etwa Fieber? Schmerzen?! Soll ich einen Arzt holen?!“

 

Im nächsten Augenblick landete eine geballte Faust mitten in seinem Scheitel und schmetterte ihn auf die Bettkante.

 

Sich schmerzerfüllt den Schädel reibend lehnte er sich klagend zurück: „Spinnst du?! Was soll denn das?!“ Yumas Hand langte ein weiteres Mal nach ihm, doch er strauchelte entsetzt aus dem Zugriffsbereich und flüchtete sich wimmernd an Coreys Seite: „Was ist los mit dir?! Ich mach mir doch nur Sorgen!“

 

Kochend vor Zorn vollführte Yuma eine obszöne Geste und fauchte: „Was zum Teufel hat dich geritten, deinen Leuten mit Selbstmord zu drohend?! Bist du noch ganz dicht?! Ich dachte, gerade dir müsste man nicht erklären, wie wertvoll das Leben ist! Kein Mensch – schon gar nicht so einer wie ich – ist so unersetzlich, dass du deins dafür wegwerfen darfst!“

 

„Ich glaube, du unterschätzt dich. Du bist kein schlechter Mensch!“

 

„Guten Morgen, Schlafmütze! Meines Erachtens komme ich für Erpressung, versuchten Mord und Entführung in Betracht. Wenn das kein Höllenfreifahrtschein erster Klasse ist!“

 

„Was meinst du, wie oft ich mir schon vorgestellt habe, Tohma umzubringen?! Er ist es gewöhnt, verachtet zu werden, legt es sogar drauf an! Gedanken sind frei, die Hauptsache ist, dass du nicht danach handelst!“

 

Tatsuhas braune Augen funkelten intensiver als sonst, was immer dann geschah, wenn er sich etwas steif und fest in den Kopf gesetzt hatte und es ohne Rücksicht auf Verluste zu verfolgen bereit war. Und Yuma begriff, dass er sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn zu „retten“, wie er sich zweifelsfrei ausgedrückt hätte.

 

Augenrollend ließ er die Stirn in eine Hand sinken: „Dann bleibt mir nur Selbstanzeige. Ich will mit reinem Gewissen sterben, kannst du das nicht verstehen?“ Der Junge bewies einmal mehr einzigartige Sturheit: „Nein. Meines Erachtens hast du ein reines Gewissen. Gut und Böse existiert in allen Menschen. Es ist eine Frage der Entscheidung!“

 

„Und ich entscheide mich dafür, mich meinen Verbrechen zu stellen.“

 

„Und ich entscheide mich dafür, dich daran zu hindern. Zur Not mit allen Mitteln.“

 

„... Was meinst du damit?“

 

„Ganz einfach“, grinste Tatsuha sonnig, als wäre es eine völlig logische Konsequenz, „wenn du dich anzeigst, bring ich mich um!“

 

Yuma explodierte.

 

„SCHLUSS DAMIT, VERDAMMT NOCHMAL!“

 

Mit aller Kraft stieß er eine Faust in die Matratze und bereute es umgehend. Stechender Schmerz vom Unterleib bis zum Brustbein ließ ihn zusammenzucken und sich mit gepeinigtem Ächzen den Bauch halten.

 

Erst nach einigen tiefen, koordinierten Atemzügen fuhr er gereizt fort: „Ich habe genug davon, dich so abfällig über dein Leben reden zu hören!“ „Ich rede nicht abfällig“, widersprach ihm Tatsuha, Fäuste entschlossen in die Hüften gestemmt, „Ganz im Gegenteil. Ich habe den Wert meines Lebens gerade erst erkannt – weil du mir beigebracht hast, es zu schätzen! Vor meiner Zeit hier habe ich nur für andere gelebt, gleichzeitig habe ich gedacht, dass ich so ziemlich allen egal bin. Jetzt weiß ich es besser. Du hast mich mit deinem Leben beschützt, Yuma. Jetzt bin ich dran. Ich weiß, dass es unverschämt ist, nach allem, was du für mich getan hast, noch um etwas zu bitten, aber ... Ich flehe dich an, geh nicht für mich in den Knast!“

 

Sie waren noch immer im feurigen Duell vertieft, als die Tür aufging und Tohma ins Zimmer trat. Sein Blick glitt ausdruckslos in die Runde und blieb schließlich auf Yuma haften. „Darf ich mich kurz mit Ihnen unter vier Augen unterhalten?“, fragte er, ohne auch nur ein Wort an die anderen Anwesenden zu richten.

 

Nach kurzem Zögern linste Yuma zu Corey hinüber und wies mit dem Kinn zur Tür, woraufhin sich seine beiden Freunde erhoben und hinaus schlenderten – Tatsuha nicht ohne Tohma noch mit einem finsteren, warnenden Seitenblick zu bedenken.

 

Dieser schmunzelte kaum merklich und wartete, bis sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, ehe er Yuma räuspernd seine volle Aufmerksamkeit schenkte: „Herr Kitazawa, ich denke, wir haben uns auf dem falschen Fuß erwischt. Ich möchte mich für den etwas barschen ersten Eindruck bei Ihnen entschuldigen. Wir waren aufgewühlt.“ Yuma musterte seinen Gegenüber und renkte dann kulant ein: „Ich schätze, wir waren alle sehr gereizt. Was möchten Sie mit mir besprechen?“

 

„Gleich auf den Punkt, hm? Na gut. Wie Sie sich sicher vorstellen können, wollen ich und der Rest seiner Familie Tatsuha sobald wie möglich nach Hause bringen. Nach anfänglichen ... Meinungsverschiedenheiten hat er uns seine Kooperation zugesagt, unter bestimmten Bedingungen, die zu erfüllen ich vollends bereit bin. Allerdings konnten wir uns über einen Punkt nicht zu aller Zufriedenheit einigen – er hängt auf eine aggressive Weise an Ihnen, mit der keiner von uns gerechnet hat und er ist nicht gewillt, den Kontakt mit Ihnen abzubrechen. Diese Tatsache bereitet mir große Sorgen. Eine solch ausgeprägte Zuneigung könnte ihm die Wiedereingewöhnung in seinen normalen Tagesablauf erheblich erschweren.“

 

Yuma ahnte, worauf das Gespräch hinauslief, hatte er doch ein ähnliches Szenario vorausgesehen, nur ohne Tatsuhas vehementes Sträuben gegen den Bruch. Nach allem, was passiert war, hatte er damit gerechnet, ihn mit fliegenden Fahnen das Land verlassen zu sehen. Die Tatsache, dass er sich stattdessen so hart im Nehmen erwies, erfüllte ihn wundersamerweise mit Stolz.

 

Tohma sprach weiter.

 

„Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Bis gestern war ich ziemlich aufgebracht – in meinen Augen waren Sie ein Krimineller, der Bestrafung verdient. Inzwischen habe ich mich etwas beruhigt, denn es ist mir bewusst geworden ... Oder besser, bewusst gemacht worden, dass ich die Angelegenheit zu einseitig betrachtet habe. Und natürlich hat auch meine Familie Interesse daran, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Die Presse hat Sie im Visier und wenn sie die Spur weit genug zurückverfolgen, könnten auch wir in unliebsame Schlagzeilen geraten. Ich habe mich bei meinen Bekannten bei der Polizei über Sie erkundigt, Herr Kitazawa. Sie haben Kollegen und selbst Vorgesetzte erpresst, um an Informationen über Yukis Fall zu gelangen – kein Wunder, dass sie Sie gerne aus dem Weg geräumt sähen. Aber ich könnte mich bereiterklären, alle Gemüter ein wenig abzukühlen. Wenn Sie mir dafür entgegenkämen.“

 

„Warum sollten Sie das tun?“

 

„Wir mussten Tatsuha hoch und heilig versprechen, Ihnen keinen Schaden entstehen zu lassen. Eine Zusammenarbeit wäre ein erstrebenswerter erster Schritt dahin.“

 

Yuma rieb sich seufzend die Augen: „Ihre Familie ist unerschütterlich im Bestreben, mir meine Absolution vorzuenthalten, was?“ Er gestikulierte vage in stiller Selbstaufgabe: „Naja, nach seinem ganzen Gejammere ist es nicht so, dass ich mich noch drum reiße, in den Knast zu kommen. Was muss ich also tun?“ „Ich will, dass Sie jede Verbindung zu Tatsuha kappen“, antwortete Tohma, „Erklären Sie sich bereit, ihn nicht wiederzusehen, bleibt Ihnen das Gefängnis erspart.“ Die Forderung überraschte ihn kaum, und so nickte er nur verhalten: „Ich wusste, dass Sie das sagen würden. Darf ich eine Weile darüber nachdenken?“

 

„Herr Kitazawa, seien Sie nicht dumm. Ich biete Ihnen an, eine Sache ruhen zu lassen, die Sie in hochnotpeinliche Schwierigkeiten bringen kann.“

 

„Und ich sage, dass die Entscheidung nicht so leicht ist, wie Sie offensichtlich denken.“

 

Angestrengt fuhr er sich durchs Haar: „Haben Sie keine Angst, dass er erfahren wird, dass Sie sich hinterrücks gegen seinen Willen durchsetzen?“ Tohma verschränkte die Arme, den Blick ließ er seufzend zum Fenster hinaus wandern: „Er ist intelligent – ich bin sicher, er ahnte von vornherein, ich würde etwas Derartiges versuchen.“

 

„Hm. Verstehe.“

 

Deswegen also der ganze theatralische Aufriss mit „Geh nicht für mich in den Knast“.

 

„Na schön“, lächelte er schließlich humorlos, war ihm doch bewusst, dass er keine Wahl hatte, wollte er Tatsuhas letzter Bitte nachkommen, „Aber eins wollen wir klarstellen. Ich tu’s für ihn.“ „Damit kann ich leben“, entgegnete Tohma – eine bloße Feststellung ohne sarkastischen Unterton, vielmehr eher Besänftigung – und nickte kurz, bevor er sich umdrehte und zur Tür ging, „Ich bin froh, dass wir ein Einverständnis erzielen konnten.“

 

Als er den Knauf berührte, erklang eine Frage wie aus dem Nichts.

 

„Hat er es getan?“

 

„Wie meinen?“, Tohma schüttelte verwirrt den Kopf und wandte sich Yuma wieder zu. Dieser wirkte plötzlich mitgenommener als zuvor und sehr, sehr weit entfernt. Von einer auf die andere Sekunde schien jeglicher Kampf aus ihm gewichen zu sein und trübe braune Pupillen trafen auf eisig blaue.

 

„Yuki war stets ein freundlicher, geduldiger Mensch. Sie wollen es wahrscheinlich nicht hören, aber er hat ihren Schwager gemocht. Und plötzlich ... Herr Seguchi, alles, was ich hatte, waren ein Haufen toter Leute und die Aussage eines gestörten Balgs, das ihm in den Wochen vorher das Leben zur Hölle gemacht hat. Sie haben mein Schicksal sowieso völlig in der Hand, also sagen Sie mir die Wahrheit. Hat ... hat Yuki tatsächlich versucht, Eiri zu vergewaltigen?“

 

Kein einziges Mal im Laufe all dieser Jahre hatten sie sich Gedanken darüber gemacht, dass der Tod des verabscheuten Hauslehrers auch andere Menschen betraf – sie waren viel zu traumatisiert gewesen für weniger Egoismus, später erleichtert, dass die Erinnerungen verblassten, als dass sie sich noch einmal eingehender damit zu befassen gewagt hätten. Und auf einmal trat dieser Mann in ihr Leben, zornig, bereit ans Äußerste zu gehen und vor allem nicht allein. Yuki hatte eine Familie gehabt, die anfangs vor Sorge um ihm, später vor Wut fast vergangen war, ahnungslos und boykottiert, um jeden Schritt Richtung Wahrheit kämpfend.

 

Und Tohma wurde bewusst, dass Yuma die Ereignisse aus keiner anderen Perspektive betrachten konnte als sie selbst.

 

Sie erkannten in dem brutalen Sexualstraftäter, der Eiri angegriffen und so nachhaltig verletzt hatte, den liebevollen Freund nicht wieder – Yuma jedoch den eigenen Bruder nicht!

 

Keiner von ihnen konnte bezeugen, was geschehen war, sie allerdings genossen die Gunst, blind Eiris Ausführungen vertrauen zu können – Yuma hingegen kannte Eiri nicht, hatte nicht den geringsten Grund, ihm Glauben zu schenken.

 

Und so war ihm nichts anderes übriggeblieben, als an der Aussage zu zweifeln und in der „Notwehr“ einen „Mord“ zu wittern.

 

Sieben Jahre lang.

 

Tohma blickte zu Boden und seufzte: „Sie kannten Ihren Bruder besser als jeder andere. Und ich kenne Eiri besser als jeder andere. Ich glaube jedes Wort, was er damals zu Protokoll gegeben hat. Er hätte Yuki niemals getötet, nicht einmal leicht verletzt, wenn er ihn nicht auf irgendeine Art und Weise in Todesangst versetzt hätte. Yuki war – obwohl sie sich nicht lange gekannt hatten – einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben, auch deswegen hat Eiri die Vorkommnisse selbst nie verstanden. Er ist noch immer der festen Überzeugung, abgrundtief gehasst worden zu sein.“

 

Wieder vergingen Minuten, in denen keiner der beiden etwas sagte. Yuma starrte gedankenverloren auf seine Hände und nickte endlich niedergeschlagen. Seine Stimme klang schwach und brüchig, als er Tohma den Blick zuwandte und dieser erkannte aufrichtige Reue darin.

 

„Ich danke Ihnen für die Ehrlichkeit. Und ich wünschte, ich könnte ihm ebenso glauben wie Sie. Aber ich kann es nicht. Wenn es stimmen sollte, hat Yuki furchtbare, ja unverzeihliche Dinge getan. Aber wenn ich nicht zu meinem Bruder halte ... Wer soll es dann tun?“

 

---

 

 

Ein paar Tage später stopfte Corey das letzte Hemd aus dem abgenutzten grauen Schrank des Hospitals in eine große Reisetasche und schaute sich forschend um: »Na schön, ich glaube nicht, dass wir was vergessen haben. Bereit, das süße Leben des Nichtstuns hinter dir zu lassen und endlich zurück in die eigenen vier Wände zu ziehen?« Yuma saß brütend in einem Rollstuhl am Fenster und nuschelte in Selbstmitleid versunken in eine Handfläche: »Das ist deprimierend. So deprimierend.« Sein Partner stöhnte und rollte mit den Augen: »Könntest du bitte damit aufhören? Es ist nicht meine Schuld, dass du keine Sexbombe als Freundin hast und ich der Einzige bin, der sich aufopferungsvoll um dich Invaliden kümmern kann!« Mit unheilvollem Grinsen streichelte er ihm sanft über die Wange: »Es gibt jetzt nur noch dich und mich, Baby.«

 

Eine entschlossene Faust streckte ihn augenblicklich zu Boden.

 

Die Tür schwang auf und Tatsuha, Tohma, Mika und Eiri standen im Türrahmen, sie ausdruckslos begutachtend, ehe Tohma argwöhnisch fragte: „Kommen wir ungelegen?“ „Mitnichten“, erwiderte Yuma, trat jedoch zur Sicherheit noch einmal nach Coreys Knie, „Ich dachte, Sie wären längst weg?“

 

„Wir sind gekommen, um uns zu verabschieden.“

 

„Sie wissen zu überraschen.“

 

„Tatsuha.“

 

„Ah.“

 

Yumas Blick glitt zum Besagten, der ihm mit leichtem Schmunzeln zuzwinkerte. Tohma räusperte sich, seine rigide, betont aufrechte Haltung die joviale Stimmlage Lüge strafend: „Da ich nicht davon ausgehe, Sie jemals wiederzusehen, halte aber auch ich einige letzte Worte für durchaus angebracht. Trotz Ihres anfänglichen Fehlverhaltens muss ich Ihnen zugestehen, dass Sie sich nach allen Regeln der Gastfreundschaft um meinen Schwager gekümmert haben. Wenn auch wegen nichts anderem, sollen Sie sich deswegen meines Danks sicher sein.“ Yuma musterte ihn mit nur marginal unterdrücktem Misstrauen, da er aber keinen weiteren Streit vom Zaun brechen wollte, der all seine gerade erst zurückgekehrten Lebensgeister aufgezehrt hätte, antwortete er im gleichen Tonfall: „Ich denke, Straffreiheit ist in diesem Fall mehr Dankbarkeit , als ich verdiene.“ Tohma nickte.

 

„Leben Sie wohl, Herr Kitazawa.“

 

„Gleichwohl, Herr Seguchi. Und versuchen Sie doch wenigstens, Kriminalfälle zu vermeiden. Sind den Stress meist nicht wert.“

 

Während Tohma amüsiert schnaubend den Raum verließ, bedachte Mika Yuma mit durchdringendem Blick, sichtlich ebenso angespannt wie ihr Mann, und folgte ihm dann ohne ein Wort zu verlieren. Er konnte ihr die Reserviertheit nicht verübeln.

 

Eiri tat es ihr nach kurzem Zögern gleich, blieb aber an der Tür stehen und murmelte, ohne ihn anzusehen: „Es tut mir leid, was passiert ist.“ Yuma senkte den Blick und erwiderte nach kurzer Kontemplation: „Mir auch.“

 

Niemand konnte sagen, ob er diesen oder jenen Fall meinte.

 

Als sie allein waren, atmete Tatsuha befreit auf: „Puh, bin ich froh, dass sie mir endlich mal ein bisschen vom Pelz rücken! Man könnte meinen, die hätten Schiss, dass ich mich direkt nochmal aus dem Staub mache!“ „Ist der Gedanke echt so abwegig?“, warf Yuma belustigt ein. Tatsuha legte entrüstet eine Hand ans Herz: „Aber wie kannst du denn sowas von mir denken?! Ich würde dich doch nie im Stich lassen!“

 

Corey lehnte sich stöhnend an den Heizkörper unter der Fensterbank, überdrüssig des ihn umgebenden Kauderwelschs und entschlossen, darauf hinzuweisen, auch noch anwesend zu sein: »Es ist also soweit, hm? Du fliegst zurück nach Japan.« Die nüchterne Feststellung verbreitete eine bedrückt-zurückhaltende Stimmung.

 

»Ja«, murmelte Tatsuha schließlich, »Tja, von mir aus hätten wir gern warten können, aber sie haben Jobs zu erledigen. Ich muss mich wieder in der Schule einarbeiten ... Und ich schätze, je länger ich weg bleibe, desto schwerer wird es, mich mit meinen Freunden wiedergutzustellen.« Ihm brach der kalte Schweiß aus, als er sich Kenichiros und Minatos Botschaften ins Gedächtnis zurückrief, die ihm Mika und Eiri nur zu gerne überbracht hatten. Sie waren herzergreifend gewesen – in jener Art, die Herzversagen auslöste.

 

Er fühlte die Farbe aus dem Gesicht weichen, als er an alle furchteinflößenden Möglichkeiten dachte, mit dem sie ihm ihre Enttäuschung beweisen konnten, also räusperte er sich lieber schnell: »Ähm ... Wisst ihr zufällig, wann euer Verein mein Bike rausrücken wird? Ich brauche es dringend, wenn ich eine faire Chance haben will, ihrem Zorn zu entkommen.« »Ach, das wird sicher nicht mehr lange dauern«, stieß Yuma sich gähnend streckend hervor, »Zwei, schätze ich.« »Nah, sie tun sich ein bisschen schwerer mit Ausländern«, mutmaßte Corey dazwischen, »Ich würde eher sagen vier.«

 

»Tage?«

 

»Monate«, kam es wie aus einem Mund.

 

»WAS?!«

 

Yuma winkte ab und Tatsuha schluckte herunter, was auch immer er noch zu dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit sagen wollte. »Wir können so viel rumalbern, wie wir wollen – letzten Endes kommt es doch aufs Gleiche raus«, er lächelte sanft und reichte ihm die Hand, »Wir haben es erstaunlich lange miteinander ausgehalten, meinst du nicht?« Tatsuha schüttelte sie schmunzelnd: »Ich find’s gar nicht erstaunlich, aber von mir aus. Tut mir leid, so in dein Leben geplatzt zu sein.«

 

»Echt? Mir nicht.«

 

Auch Corey streckte Tatsuha die Hand hin, die er weniger enthusiastisch ergriff, aber höflich bemerkte: »Es ... war nett, Sie kennenzulernen, Herr Fitts. Kümmern Sie sich gut um Yuma, ja?« Corey grinste breit: »Jesses, ich komm mir steinalt vor, wenn du mich mit ‚Herr‘ anredest, Junior. Tu‘s also besser nicht bei ‘ner Dame, Herr Touch~U~Autsch!«

 

Tatsuha hatte ihm das Handgelenk verdreht, bevor er den Satz beenden konnte und streckte sich nun fröhlich: »Irgendwie erscheint es mir unwirklich. Mir ist noch gar nicht richtig bewusst, dass ich schon morgen das alles hier nicht mehr haben werde.« Er wurde ernst und sah beinahe schüchtern zu Boden: »Ich hab dir wirklich unheimlich viel zu verdanken, Yuma. Und ich wollte dir doch alles zurückgeben, was du mir gegeben hast. Es tut mir leid, dass so Vieles so schiefgelaufen ist. Aber es war trotzdem eine wunderschöne Zeit für mich. Es war wie ein Traum ... Du bist mein amerikanischer Traum, Yuma!«

 

Zwei kalkweiße Gesichter starrten ihn an, als wäre er von einem anderen Stern entflohen und grünlichbraune Galle ergoss sich ungehemmt über kraftlos herunterhängende Unterkiefer.

 

»... Hab ich was Falsches gesagt?«

 

»‘tschuldige, aber das war so schmalzig, uns zersetzt es die Bauchspeicheldrüse.«

 

Tatsuha lief hochrot an, schwang herum und stolzierte breitbeinig zur Tür: »Wie auch immer! Ich wollte damit ja nur sagen, dass ich viel gelernt habe und mir ab jetzt nichts mehr von meinen Leuten gefallen lassen werde!«

 

»Tat...«

 

»JA?!«

 

»...endrang ist gut und schön, aber übertreib es nicht. Wer weiß schon, wie viel sie sich von dir gefallen lassen werden?«

 

Er bedachte Yuma, der ihn betont unschuldig ansah, mit einem langen, strengen Blick, bevor beide simultan kicherten. Yuma schmunzelte ihn verschmitzt an und hob die Hand zum Zweifinger-Gruß: » Viel Glück, Kleiner.«

 

Tatsuha stand für einige Sekunden unschlüssig im Raum.

 

Dann fing seine Unterlippe an zu beben – fast unmittelbar fiel er Yuma um den Hals, schniefte lang und kräftig und floh dann endlich zur Tür hinaus. Corey sah ihm mit Bedauern nach.

 

»Schade drum.«

 

»... Jepp.«

 

---

 

Die Belegschaft des Heaven’s Den widmete sich den täglichen Aufgaben, um die Bar für die allabendlichen Geschäfte herzurichten, als die Tür aufging und kein Geringerer als Tatsuha U. Kitazawa in den Schankraum trat.

 

Oder Tatsuha Uesugi, wie sie alle inzwischen hatten erfahren dürfen.

 

Seine Verwandten folgten ihm. Eiri und Mika sahen sich neugierig um, während die Angestellten sie ihrerseits eher misstrauisch beäugten, denn sie hatten bereits die zweifelhafte Freude genossen, Tohma kennenzulernen und wäre Shannon nicht Shannon gewesen, hätten sie sich längst resigniert auf der Suche nach neuen Jobs befunden. Ryuichi beugte sich am Rücken des Produzenten vorbei und winkte enthusiastisch – und irgendwie aufmunternd, wodurch sie entgegen besseren Wissens Hoffnung für die Zukunft schöpften.

 

Shannon vollführte eine elegante Geste Richtung Tresen: »Drinks, die Herrschaften?« Tohma lächelte höflich: »Danke, aber wir haben heute noch einen sehr weiten Weg vor uns. Wir sind nur gekommen, damit sich Tatsuha verabschieden kann.«

 

»Aha.«

 

Für ihre Verhältnisse war seine ehemalige Arbeitgeberin extrem kurz angebunden und Tatsuha lief es jedes Mal heiß und kalt den Rücken herunter, wenn er den Mut aufbrachte, in ihre betont ausdruckslosen Augen zu blicken.

 

Sie wusste inzwischen alles. Aus dem Fernsehen, von Tohma und von ihm selbst und sie hatte es nicht gut aufgenommen, was er natürlich nur zu gut verstand. Seinetwegen hätte sie ihre Existenzgrundlage verlieren können und wenn sein Schwager nicht so viel Einfluss und Willen, ihn einzusetzen gehabt hätte, wäre es auch geschehen.

 

Im Moment dankte er dem Himmel für Tohma – nicht dass er es ihm jemals gestanden hätte.

 

Und so trat er vor und fiel vor seiner betrogenen Gönnerin auf die Knie, um die Stirn auf den Boden zu pressen und dumpf zu versichern: »Es tut mir aus tiefstem Herzen leid, Frau Langley. All die Lügen, die ich Ihnen im Laufe der Zeit aufgetischt habe, sind unentschuldbar. Es ist mir nie richtig bewusst gewesen, dass ich Sie durch meine Anstellung in Schwierigkeiten bringen konnte, ich habe mir nur nichts sehnlicher gewünscht, als ein guter Arbeiter zu sein.« Er rutschte ein Stück herum und vollführte die gleiche Geste bei seinen ehemaligen Kollegen: »Ich war verantwortungslos! Es tut mir furchtbar leid! Bitte verzeiht mir!«

 

Millicent und Ryan, der mit Tatsuhas vertrautem Mopp an der Theke lehnte, sahen erst sich skeptisch an, dann Shannon, die mit unterkühltem Blick wortlos an der Zigarettenspitze zog.

 

Doch irgendwann, nach quälend langen stillen Sekunden, hoben sich ihre Mundwinkel ein wenig und sie tippte Tatsuha schroff mit der Fußspitze an: »Nun erheb dich schon, tapferer Ritter. Dein Sorgenschweiß macht mir Wasserflecken auf die Dielen.« Hoffnungsvoll hob er den Kopf, dem Frieden noch nicht so ganz trauend: »Sie verzeihen mir?« Sie seufzte schuldbewusst, sah gedankenverloren aus dem Fenster, als wanderten die Antworten des Universums draußen auf der Straße umher, ohne jemals ihren kleinen Laden im Innern Aufmerksamkeit zu schenken: »Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen. Ich habe genügend eigene Fehler begangen. Zuallererst hätte ich mir eine Green Card zeigen lassen müssen. Das habe ich aus egoistischen Gründen verpasst – ich wollte dich Augenschmaus als Putzmeister, ohne Rücksicht auf Verluste. C’est la vie. «

 

Tatsuha starrte sie ungläubig an und dann zu Ryan hinauf, der ihm verschmitzt zuzwinkerte und als halbherzige Strafe mit schnellem Griff die Haare zerzauste. Millicent zuckte nur mit den Schultern. Tatsuha sprang auf, ergriff Shannons Hand – die andere konnte sie ihm gerade noch entziehen, ehe ihre Spitze Schaden davontrug – und schüttelte sie voller Erleichterung.

 

»Oh, danke! Ich bin Ihnen so dankbar, hier gearbeitet haben zu dürfen!«

 

»Meine Güte. Wenn du so dankbar bist, dann empfiehl uns an deine berühmten Freunde weiter, Süßer!«

 

Auf einmal klapperte die Hintertür und die drei Barleute sahen sich stumm an. Shannon ließ mitfühlend den Atem entweichen: »Perfektes Timing. Was hältst du davon, dich mit ihr im Privaten zu unterhalten? Sie hat es verdient, meinst du nicht?« »... Ja. Sie haben recht, aber ...«, Tatsuha warf einen verstohlenen Seitenblick auf seine Familie, doch Shannon schnippte nur ungeduldig seine Nase an und beugte sich ihm dicht ans Ohr. »Lass die Schwanzblocker nur meine Sorge sein, Casanova. Jetzt mach dich schon vom Acker oder willst du die Szene in aller Öffentlichkeit?«

 

»Auf keinen Fall. Langley, ich verlass mich auf Sie!«

 

Damit vergeudete er keine weitere Zeit und verschwand eilig durch die Tür hinter dem Tresen.

 

Tohma runzelte die Stirn und machte Anstalten, ihm zu folgen, doch Shannon versperrte ihm blitzschnell den Weg, indem sie die Überkreuzung ihrer Beine wechselte und ihm die Schuhspitze in den Unterleib zu bohren drohte: »Vergebung, werter Gast, nur für Mitarbeiter.« Sein Schmunzeln trieb seine Begleiter einen Schritt von ihnen weg: »Legen Sie es nicht drauf an, Frau Langley.« Ihr Schmunzeln trieb ihre Barkeeper ans andere Ende des Raums: »Nicht so kalt, Herr Seguchi! Schließlich möchte ich mich bei dieser Gelegenheit in aller Form für Ihre Hilfe bedanken!« Sie schnippte mit den Fingern, ein Zeichen an ihre Mitarbeiter, die schützende Ecke neben dem Ausgang zu verlassen und ihren Job zu verrichten: »Ich spendiere eine Runde freie Auswahl! Oh, und keine Sorge – wir führen auch Limonade, damit Ihr ‚sehr weiter Weg‘ nicht zu weit wird.«

 

Mittlerweile stieß Tatsuha zu Grace, als sie eben seufzend aus ihren Schuhen schlüpfte. Sie sah auf und wurde blass, ließ sich aber sonst nicht anmerken, dass die Anwesenheit ihres Gegenübers sie in irgendeiner Weise verstörte.

 

»Hey«, sagte er.

 

»... Hey«, erwiderte sie tonlos.

 

»Wie geht’s dir?«

 

»Ich würde gern sagen ‚Hervorragend‘, aber das würde mir sowieso niemand glauben.«

 

»... Nein, wahrscheinlich nicht. Du siehst echt fertig aus.«

 

»Kein Scheiß. Ich schlafe auch nicht besonders gut in letzter Zeit.«

 

»Grace, niemand weiß das mit uns. Dir wird nichts zustoßen.«

 

»Dein Wort in Justitias Ohr. Was willst du?«

 

»Ich fliege heute zurück nach Japan.«

 

Sie hielt kurz in der Beschäftigung inne, ihren Mantel aufzuknöpfen, ehe sie fortfuhr: »Verstehe. Na dann, leb wohl.«

 

Lange musterte er sie mit betrübter Miene und fuhr sich alsbald frustriert durchs Haar: »Ich will nicht, dass es so endet.« »Guten Morgen«, foppte sie humorlos, »es hat bereits geendet.« Ungläubig schüttelte er den Kopf: »Hast du wirklich nur mit mir Schluss gemacht, weil ich minderjährig bin?« Sie hängte ihre Sachen in den Spind an der Wand und zu seiner Erleichterung musste sie einen Moment überlegen: »Ich könnte dir sagen, dass ich Schluss gemacht habe, weil du mich angelogen hast. Aber wenn du nicht gelogen hättest, wären wir nie zusammengekommen. Außerdem hätte ich dann die Option, dir zu verzeihen. Aber so? Es gibt nichts zu verzeihen. Es gibt nur ... Nichts. ‚Wir‘ hätten gar nicht existieren dürfen. Ich darf keine Beziehung mit einem Mann eingehen, der minderjährig ist, deswegen ...« Sie zuckte die Achseln wie eine weit Entfernte, die die ganze Angelegenheit nichts anging. Und er verstand. Sie konnte nicht wütend sein wegen einer misslungenen Beziehung, wenn diese Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen war. Was aber wäre gewesen, wenn der Grund des Scheiterns wegfiel?

 

»Wenn ich«, er schluckte mühsam, fiel es doch selbst ihm nicht leicht, nach allem, was geschehen war, ein derart freches Anliegen vorzubringen, »Wenn ich also volljährig wäre, würdest du mich nehmen?« Sie sah ihn perplex an: »Ich denke, dessen bedarf es keiner weiteren Antwort, Tatsuha, wenn man bedenkt, was wir vorletzte Woche, als ich noch dachte, mit einem Erwachsenen auszugehen, um diese Zeit getrieben haben. Aber du bist es nun einmal nicht.«

 

»Grace, ich liebe dich.«

 

»Das hast du schon das letzte Mal gesagt und ich habe erwähnt, dass es auf Gegenseitigkeit beruht. Aber ich werde kein vernünftiges Gesetz aus den Angeln heben, nur, weil es meiner Libido im Weg steht. Außerdem«, sie ließ achtlos ihre Jeans herunter – wozu sich schämen, er hatte alles und mehr gesehen – und schlüpfte flink in die Arbeitshosen, »wie willst du dir sicher sein? Du bist erst Siebzehn, hast noch so viel Entwicklung vor dir! Du hast auch geglaubt, Herrn Sakuma zu lieben und mich trotzdem um diese Beziehung gebeten. Ich bin fast Dreiundzwanzig, Tatsuha, also in einem Alter, in dem frau sich einen monogamen Mann wünscht.«

 

Tatsuha überlegte fieberhaft. Dann sah er sie entschlossen an und murmelte: »Ich verstehe. Du hast vermutlich recht. Vermutlich! Aber ich ... ich möchte ... Darf ich dich um eine einzige Sache bitten?«

 

Sie seufzte schwer, doch er sah sie mit einem so derart mitleidheischenden Dackelblick an, dass sie ihm einen letzten Wunsch nicht verwehren konnte: »Na gut, was ist es?«

 

»Wenn ich dich in vier Jahren noch immer liebe, komme ich zurück. Warte auf mich.«

 

Ihre Kinnlade sackte langsam ab und sie starrte ihn an, als trüge er seine Socken an den Ohren. Ein paarmal blinzelte sie fassungslos, dann brachte sie krächzend hervor: »Deine Selbstsucht kennt keine Grenzen, oder?!«

 

»Versprich es mir.«

 

»Du hast ‘n Knall!«

 

»Komm schon, so lang ist das doch gar nicht!«

 

»Ich stehe in der Blüte meiner Jugend!«

 

»Das wirst du auch noch mit Dreißig!«

 

»Warum wartest bitteschön du nicht so lange und heiratest Herrn Sakuma?!«

 

»Nun, ich ... Sie haben mich eine Weile mit ihm sprechen lassen und er hat mir unmissverständlich klargemacht, dass er mich niemals lieben wird. Nicht auf diese Weise. Aber er schien sehr begeistert von dem Großer-Bruder-Kleiner-Bruder-Konzept. Wir haben deswegen Blutsbrüderschaft geschlossen.«

 

»... Das ist einfach unglaublich.«

 

»Siehst du? Herr Sakuma ist aus dem Weg, somit hast du die einmalige Gelegenheit, diesen unglaublich attraktiven Körper für dich allein zu gewinnen! Und du willst mir noch nicht einmal die besten Jahre deines Lebens opfern? Heißt es bei dir eigentlich immer nur Ich, Ich, Ich?!«

 

»Ich glaub, ich spinne! Sieh zu, dass du Land gewinnst!«

 

Sie trat mit aller Kraft nach ihm, woraufhin er lachend einen Schritt zurücksprang, sich umdrehte und Richtung Schankraum lief. Am Ende des Gangs lugte er aber nochmal um die Ecke und feixte unverschämt: »Versprich es mir?« Sie packte einen Schuh und schleuderte ihn mit aller Kraft nach ihm, ohne aber einen Treffer zu landen, während sie hysterisch kreischte: »Oh, aber ja doch! Ich versprech es dir, natürlich! Ich verbringe die nächsten vier Jahre im Zölibat, damit ich frisch und rein wie eine Frühlingsknospe für dich bereitstehe, wenn du in Achtundvierzig Monaten vielleicht, eventuell, unter gegebenen Umständen zufällig bei mir auf der Matte stehen solltest! Nur dass die Blütenblätter nicht mehr ganz so prall und standhaft sein werden, weil ich tausendvierhundertsechzig Tage in Sorge darüber verbracht habe, ob du in der Zwischenzeit nicht was Besseres gefunden hast!« Nachdenklich runzelte er die Stirn: »Ist das ein ‚Ja‘?«

 

»NEIN, DU VERDAMMTER IDIOT! Ich werde mir einen verdammten Millionär angeln, ins warme Kalifornien ziehen, viele Kinder kriegen und den Rest meines Lebens im gottverdammten, abgesicherten Wohlstand verbringen!«

 

»Danke, Grace! Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann!«

 

Pfeifend zog er von dannen und sie rutschte frustriert aufheulend am Spind zu Boden.

 

Später sollte sie selbst nicht mehr sagen können, wie viele ihrer Tränen sie aus Wut vergossen hatte – und wie viele in froher Hoffnung.

 

---

 

Yuma winkte Corey zum Abschied von seinem malträtierten Balkon aus zu.

 

Die Wohnung glich einem Erdbebendesaster und er fragte sich, ob die Familie Uesugi-Seguchi jemals von dem Konzept „Zurückhaltung“ gehört hatte.

 

Wenigstens seine Wohnungstür hatten sie rechtzeitig reparieren lassen, sodass er sich keine Sorgen wegen unerwünschten Besuchern machen musste.

 

Apropos. Kaum hatte er sein beklagenswertes Heim gründlich in Augenschein genommen, klingelte es Sturm und als er öffnete, lächelte ihm ein strahlender Nachbar entgegen. Yuma allerdings stöhnte nur verdrießlich und ließ den Kopf hängen, während er ihn mit einer resignierten Geste Zutritt gestattete.

 

Das blendende Lächeln verschwand und Otis schnalzte mit der Zunge: »Jesses, Kitazawa, bitte versuch doch wenigstens, deine Freude zu unterdrücken! Ich könnte mich bedrängt fühlen!« Er trat ein und schloss die Tür hinter sich. Yumas Augenbraue hob sich betont langsam, während er sich auf das Wohnzimmersofa fallen ließ, es bereute und nach einem schmerzerfüllten Zischen seinen ziehenden Bauch massierte. »Oh, es ist nicht so, dass ich Krankenbesuche grundsätzlich ablehne, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, warum ausgerechnet du als erster auf der Matte stehst.«

 

»Nun ...«

 

Yuma seufzte: »Walsh. Hör zu. Ich bin angeschossen worden, die letzten Wochen waren extrem chaotisch und ich bin noch nicht wieder ganz zur Ruhe gekommen. Ich würde gern wenigstens ein paar Tage-« Otis unterbrach ihn, wieder ganz der gutgelaunte Eindringling: »Sprich nicht weiter, Freund, denn ich verstehe vollends! Kein Verhör, keine Zurechtweisung, kein dummer Kommentar!« Er verzichtete darauf, sich ebenfalls zu setzen, wanderte lieber vor Yumas Platz auf und ab, sich wiederholt angespannt durchs Haar streichend.

 

»Ich war wohl mal wieder etwas übereifrig. Aber kannst du‘s mir verdenken? Vor einigen Tagen schienen du und Tatsuha die neuen Renner im TV zu werden und dann plötzlich ... Nichts! Kein Sterbenswörtchen mehr von irgendwelchen entführten Kindern oder dergleichen. Wenn einem das nicht verdächtig vorkommt, muss man ignorant oder tot sein!« »Und du möchtest gerne erfahren, was der übrigen Welt an Glammer und Skandalen verwehrt bleibt«, mutmaßte Yuma halb genervt, halb belustigt. Otis hatte den Anstand, tatsächlich zerknirscht zu wirken: »Entschuldige, aber ich lebe halt von Inspiration!«

 

»... Okay. Ich werde dir meine Geschichte erzählen. Aber nicht jetzt. Ich bin immer noch ziemlich angeschlagen, wie du dir sicherlich denken kannst.«

 

»Wirklich?! Oh Mann, danke, Kitazawa! Ich schulde dir was!«

 

»Du weißt doch gar nicht, ob es tatsächlich so interessant ist, wie du denkst!«

 

»Einerlei! Jede Erfahrung macht uns reicher!«

 

Yuma sah seinen Nachbarn nachdenklich an. All die Monate über, die Tatsuha bei ihm verbracht hatte, hatte dieser Mann zunehmend Anteil an ihrem Zusammenleben genommen, war von seinem Freund zu ihrem Freund geworden, hatte Tatsuha mehr als einmal vor vollkommen gerechtfertigten Erziehungsmaßnahmen beschützt und ihn häufig vor weniger gerechtfertigten Streichen seines impertinenten „Cousins“. Außerdem war Otis alles andere als dumm, gleichgültig oder ignorant.

 

»Stört es dich überhaupt nicht?«

 

Otis legte die Stirn in Falten: »Was soll mich stören?« Yuma breitete demonstrativ die Arme aus: »Sieh dir meine Wohnung an. Das haben Tatsuha und seine Familie angerichtet. Interessiert es dich gar nicht, warum? Interessiert es dich nicht, dass er nicht der war, der er zu sein vorgab?«

 

Otis zog eine mitfühlende Grimasse und stemmte eine Hand in die Hüfte: »Kitazawa ... Du kennst mich. Ich bin kein Mensch, der voreilige Schlüsse auf Basis eines einzigen Fakts zieht. Zudem sehe ich die Dinge aus einem eher neutralen Blickwinkel, solange es mir möglich ist. Und ich bin kein halbwegs mieser Schriftsteller, ich kenne unsere News-Reporter nur allzu gut – blenden den Skandal ein und alles aus, was ihn entschärft. Außerdem scheinst du zu vergessen, dass ich euch gesehen habe, zusammen und über einen gediegenen Zeitraum hinweg. Wäre Tatsuha mir an irgendeinem Punkt verängstigt oder unglücklich vorgekommen, würde ich dir jetzt vermutlich nicht so lässig gegenüberstehen, aber ...«

 

Den Rest des Satzes blieb in der Luft hängen, doch Yuma verstand die Auslegung. Mit einem leisen Schnaufen ließ er das Thema ruhen und wanderte stattdessen zur Küche. Vage bot er über die Schulter hinweg an: »Wenn du dich für diesmal mit der Kurzversion zufriedengibst, könnte ich mich zu einer kleinen Erklärung durchringen.«

 

»... Stell den Kaffee auf, Kumpel.«

 

Knapp eine Stunde später saß Otis ihm mit offenem Mund gegenüber: »Du ... Ich ... Du ... Ich weiß nicht, was ich sagen soll! Kitazawa! Ich bin hergekommen, um einen winzigen Funken Inspiration zu erheischen und du tischst mir den Rohentwurf eines potenziellen Bestsellers auf!«

 

»Okay?«

 

»Ist das alles, was du zu sagen hast?!«

 

Er sprang auf und umkreiste händefuchtelnd den Tisch: »Das ist eine Wahnsinnsstory! Wenn ich ... wenn ich nur ...« Der Blick, mit dem Yuma anvisiert wurde, verriet zukünftige Turbulenzen, und so zuckte seine Augenbraue bereits in entnervter Vorahnung, als sich der Nachbar theatralisch heulend vor ihm zu Boden warf.

 

»Kitazawa! Überlass mir die Story!«

 

»Bitte was?!«

 

»Ich werde ein Buch daraus machen, Kitazawa! Ein gutes Buch! Ein großartiges Buch! Es ist ... Ich weiß, es ist was sehr Persönliches, aber gerade sowas rührt die Leser zutiefst! Es könnte ein unglaublicher Roman werden, glaub mir! Sei meine Muse!«

 

»Okay, ich denke, wir sind fertig für heute.«

 

»Nein! Kitazawa, wir können uns gegenseitig helfen! Unterschätz die therapeutische Wirkung einer solchen Methode nicht! Viele Schriftsteller fangen damit an, Lebenserfahrungen niederzuschreiben, um sie zu verarbeiten! Auch und gerade Traumen! Und wenn du mir die Sache überlässt, könnten wir berühmt damit werden! Vertrau mir, ich bin ein Profi!«

 

»Ganz schön arg von dir selbst überzeugt, was?! Und nein, ich will damit nicht hausieren gehen, Walsh. Dir als einem Freund konnte ich die Geschichte enthüllen, aber damit an die Öffentlichkeit? Nein, danke.«

 

Der Nachbar klammerte sich verzweifelt an einem Bein fest und jammerte herzzerreißend: »Ich flehe dich an! Dies könnte die Arbeit meines Lebens werden! Nein, ich bin mir sogar sicher! Mein Opus Magnum! Ich flehe dich an, versprich mir, dass du wenigstens nochmal ernsthaft darüber nachdenken wirst!«

 

Yuma rollte mit den Augen und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Er hatte sich nie wirklich Gedanken über so einen Schritt gemacht, zu nah gingen ihm die Umstände um Yukis Tod, als dass er je daran gedacht hätte, sie zu Geld zu machen. Aber Otis ging es wahrscheinlich erst in zweiter Linie ums Finanzielle. Sie kannten sich schon recht lange und er wusste, dass nur die Aussicht auf eine große literarische Herausforderung diesen Mann dazu bringen konnte, auf Knien zu rutschen.

 

Das oder eine gepflegte Standpauke.

 

Die beklagenswürdige Vorstellung brachte ihn dazu, es wenigstens auf einen Versuch ankommen zu lassen und er rieb sich seufzend die Stirn: »Na schön, sagen wir, in Theorie, ich sei dem Vorhaben nicht ganz abgeneigt. Aber diese Angelegenheit geht nicht nur mich was an. Die gegnerische Partei sollte ebenso die Chance bekommen, eine Entscheidung zu fällen.« Otis blickte hoffnungsvoll auf, während Yuma sich grübelnd auf eine Hand stützte: »Du musst dich um die Einverständniserklärung der anderen kümmern, damit will ich nichts zu tun haben. Sollten sie interessiert sein, werde auch ich drüber nachdenken. Aber ich muss dich warnen – es könnte durchaus sein, dass du eine herbe Enttäuschung einstecken wirst, wenn du Eiri ... Eiri Yuki kontaktierst. Der Mann ist selbst ein gefeierter Autor in Japan, möglicherweise liebäugelt auch er damit, die Story irgendwann aufzuschreiben.« »Dieses Projekt ist das Risiko wert«, sagte Otis und ballte grinsend eine Faust, »Gib mir nur irgendeine seiner Kontaktdaten und überlass alles andere mir!«

 

»Wenn du es tatsächlich schaffst, den für deine Sache zu gewinnen, erzähle ich dir jedes schmutzige Detail meiner Vergangenheit, Walsh.«

 

»Abgemacht, ich nehme die Herausforderung an! Sorg du nur dafür, dein Wort bei der Einlösung nicht praktischerweise zu vergessen!«

 

Nachdem sich Otis eiligst entfernt hatte, um sofort mit den notwendigen Maßnahmen zu beginnen, wie auch immer sie aussehen mochten, entspannte sich Yuma endlich und lehnte sich erst ermattet in seinem Stuhl zurück, stand dann aber ächzend auf und ging zur Treppe. Auf dem Weg fielen ihm ein paar braune Stellen an seiner Zimmerpflanze auf und er schnaubte besorgt, während er sie eingehender untersuchte.

 

Was für eine Hektik ihn die letzte Zeit auf Trab gehalten hatte! Er hatte gar keine Zeit gehabt, durchzuatmen und nachzudenken! Und er war wohl nicht der Einzige gewesen, dem es so ergangen war, denn anscheinend hatte niemand daran gedacht, während seiner Unpässlichkeit die Blumen zu gießen!

 

‚Jetzt sind es nur noch du und ich, was, Katinka?‘

 

Damit er nicht auch noch sie verlor, brachte er ihr umgehend ein Glas Wasser, es sorgsam direkt über die steinharte Erde verteilend, um nichts überflüssigerweise auf den Blättern zu verschwenden.

 

Danach wollte er die Treppe hinaufgehen, um sich eine Weile hinzulegen, doch sein Blick fiel auf die Gästezimmertür und nach kurzem Verweilen stieß er sie sanft auf.

 

Tatsuhas Sachen waren verschwunden – das Zimmer wirkte auf einmal kümmerlich leer und verlassen. Bald musste er die Regale aus dem Keller wieder nach oben holen, um ihm das Aussehen seiner alten Abstellkammer zurückzugeben. Nachdem er alle übrigen Möbel an ihren damals ursprünglichen Platz zurückgeschoben hatte.

 

Er setzte sich aufs Bett und strich sich durchs Haar. Jetzt, da er nüchtern darüber nachdenken konnte, musste er sich eingestehen, dass es nicht so schlecht gewesen war, nicht mehr allein in der großen Wohnung zu hausen. Vielleicht sollte er sich einen Mitbewohner suchen? Es würde ihn davon ablenken, ständig an Yuki zu denken, ganz so wie es mit Tatsuha der Fall gewesen war.

 

Plötzlich traf es ihn wie ein Keulenschlag.

 

Yuki war fort.

 

Jessica war fort.

 

Und Tatsuha würde er nie wiedersehen.

 

Steif wie ein Brett rutschte er von der Bettkante zu Boden, beide Hände kraftlos zu beiden Seiten herabsinkend. Die Linke stieß dabei gegen die spitze Ecke eines Fotos, welches unter dem Bett hervorschaute und offenbar von seinem Besitzer vergessen worden war. Yuma zog es hervor.

 

Abgebildet war ihr erster gemeinsamer Ausflug, das Picknick im Park, bei dem Jessica Tatsuha mit Hühnerschenkeln gefüttert hatte, Grace entsetzlich eifersüchtig gewesen war und Tatsuha ihn auf dem Nachhauseweg mit Eiri verglichen hatte.

 

Dem großen Bruder.

 

Die ersten Tränen fielen still und kaum merklich. Doch sie mehrten sich recht flott, paarten sich, ergaben sich der Schwerkraft und bildeten unaufhaltsam einen großen feuchten Fleck auf der Frontseite seines Shirts, welches ihm seine Freundin zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte.

 

Er schluchzte heftig auf und die Wucht des Krampfs ließ seine Wunde zu neuem Protest erwachen. In dem sinnlosen Versuch, sich von der Realität abzuschirmen und unerwünschten Bildern und Gedanken keinen Weg in die wachsenden Ritzen seiner langsam auseinanderbrechenden Contenance zu bahnen, schlug er eine Hand über die Augen, was die salzige Flüssigkeit zum Anlass nahm, nur noch energischer nach außen zu drängen.

 

Yuma ergab sich dem Druck und weinte hemmungslos.

 

Er weinte, wie er seit dem Tag, an dem sie ihm Yukis Tod bestätigt hatten, nicht mehr geweint hatte. Er verfluchte, bedauerte und stellte in Frage, zu was auch immer er sich seit Ryuichis Geburtstagskonzert entschieden hatte.

 

Nur eins konnte er einfach nicht bereuen.

 

Tatsuha Uesugi.

 

---

 

Taki, seine beiden Freunde sowie die drei freundlichsten von Tohmas nie abzureißen wollenden Schergennachschub hockten um den Wohnzimmertisch herum und spielten ausgelassen Karten, als es an der Wohnungstür klingelte.

 

„Wenn einer von euch schmult, reiß ich ihm den Sack scheibchenweise ab“, knurrte Taki drohend und legte seinen Royal Straight Flush sorgsam so hin, dass ihn niemand entlarven konnte. Dann sprang er auf und lief brummelnd aus dem Zimmer. Sofort stieß Kenji Mamoru an und wies verstohlen mit dem Kinn auf die lockenden Karten. Auch die Beschatter waren keineswegs abgeneigt, einen Blick zu riskieren, und so beugte er sich vorsichtig zur Seite, in der Hoffnung, unter die ausgeprägten Wölbungen spähen zu können, die durch die rege Nutzung der Spielinstrumente zustande gekommen waren.

 

Plötzlich und fiel zu früh schlug Kenji wie ein Besessener auf seinen Oberschenkel ein und er schoss wie die Sehne eines Bogens in die Ausgangsposition zurück, fieberhaft darauf bedacht, ein schmerzerfülltes Wimmern in die Luftröhre zurückzuschieben.

 

Er hätte es sich sparen können, denn Taki nahm den Betrugsversuch überhaupt nicht wahr.

 

Stattdessen bewegte er sich behutsam, außerordentlich behutsam rückwärts zurück ins Wohnzimmer, achtete überhaupt nicht mehr auf seine Gäste, sondern war auffallend daran interessiert, sich so weit wie möglich vom Eingang zu distanzieren. Leider war dabei die Couch im Weg, und so stieß er blind mit den Unterschenkeln gegen die Polster und fiel mit einem tonlosen Ächzen auf die Sitzfläche zurück.

 

Im Durchgang zum Flur erschien ein milde lächelnder Tohma.

 

Er trug eine peppige Robe, was sie schon lange nicht mehr an ihm gesehen hatten und hielt eine Aktentasche im Arm, von der sie hofften, keine allzu gefährlichen Waffen zu enthalten. Sehr viel gesünder wirkte er nun, viel besser noch als nicht lange Zeit zuvor, strotzte sichtlich vor Tatendrang – was jedem der Anwesenden ein flaues Gefühl im Magen bereitete.

 

Die Kinnladen seiner Bandkollegen sackten bereits komikhaft ab, die drei NG-Mitarbeiter hingegen hielten sich nicht mit Überraschung auf, sondern sprangen entsetzt aus den Sesseln, salutierten wie vor einem Paradegeneral und eilten dann zur gegenüberliegenden Wand, an der sie stocksteif stehen blieben.

 

Nicht einmal gestandene Sicherheitsleute wollten diesen Mann im Rücken wissen. Tohmas Amüsement über die Situation blieb ungebrochen.

 

„Guten Abend, die Herrschaften!“

 

Er sah sich im Zimmer um, doch der Blick blieb schließlich auf Taki haften: „Aizawa, gute Neuigkeiten! Ich bin hergekommen, um dir die erfreuliche Mitteilung zu machen, dass ich meine Leute von deinem ... Schutz abziehen werde – und ich sehe mit Freude, dass ich mir offensichtlich die Mühe sparen kann, es ihnen einzeln mitzuteilen. Deine außergewöhnlich einnehmende Anziehungskraft scheint mir noch immer sehr intakt zu sein, vielleicht sollte ich mich demnächst nach weniger leicht beeinflussbaren Mitarbeitern umsehen, die sich nicht gleich befreunden lassen, wenn man sie eine Weile nicht im Auge behält, hm?“

 

Zwei der Männer zuckten voller Entsetzen zurück, während der dritte, der sich in unmittelbarer Nähe des Balkons befand, umgehend über die Vorteile eines Sprungs nachzudenken begann.

 

Taki bekam ihre Not kaum mit. Er schien in seiner eigenen Schreckensvision gefangen zu sein, und so strich sich Tohma nachdenklich übers Kinn und fuhr fort: „Außerdem würde ich gerne etwas anderes mit dir besprechen. Erfreulich, dass auch Ma und Ken anwesend sind, dann muss ich mich nachher nicht wiederholen. Aber zuerst – würde es dir etwas ausmachen, mir eine Tasse deines köstlichen Kaffees aufzubrühen?“

 

Kurze Zeit später hockte Taki in der Mitte der Couch, von seinen Freunden flankiert. Er wusste nicht genau, ob sie ihn beschützen oder an der Flucht hindern wollten, doch das war ihm auch reichlich egal, denn ihm gegenüber saß Tohma Seguchi, trank seine Edelbohnen und erweckte den überheblichen Eindruck, alles an diesem Ort gehörte ihm! Alles!

 

... Und er hatte mit Sicherheit nicht vor zu widersprechen.

 

Tohma sah nach einer Weile stillen Genusses von der Tasse auf und lächelte angenehm, wie er es immer tat, wenn er den Untergang eines ungeliebten Gegenspielers in Aussicht hatte. Taki schluckte mühsam und rutschte tiefer ins Polster.

 

Als der Produzent endlich sprach, fuhr seine Stimme wie ein Donnerhall durch das mucksmäuschenstille Zimmer und erschreckte den Spitzel, der auf dem Balkongeländer balancierte und mit Unbehagen die Entfernung zum Boden abschätzte, so sehr, dass er beinahe in die Tiefe gestürzt wäre.

 

„Aizawa, ich möchte mich aufrichtig für die Umstände entschuldigen, die dir meine Stümper von Angestellten zugemutet haben. Sie hätten dich eigentlich heimlich – und mit heimlich meine ich diskret und ohne direkten Kontakt – überwachen sollen, natürlich nur, um dich gegen eventuelle tätliche Angriffe zu beschützen. Verzeih, dass sie meine Anweisungen anscheinend nicht begriffen und völlig falsch umgesetzt haben. Ich verspreche dir, Maßnahmen zu ergreifen, um sie eingehend zurechtzuweisen.“

 

Der zweite Scherge gesellte sich stillschweigend zum Kollegen auf den Balkon.

 

„Aber nun zum eigentlichen Anliegen. Ich habe dir offenbar großes Unrecht getan. Der Grund für meinen Vorbehalt, dich unbeobachtet agieren zu lassen, hat sich kürzlich in Luft aufgelöst und ich musste feststellen, dass du nie etwas mit der unbefriedigenden Situation zu tun hattest.“

 

Taki schwitzte, während eine Welle gerechten Zorns in ihm aufwallte, die er in wilder Verzweiflung, aber erfolglos in die Tiefen seines Unterbewusstseins zurückzubefördern versuchte.

 

Das hab ich ihm doch gleich gesagt!

 

„Da es nicht zu bezweifeln ist, dass ich an dieser Sache nicht ganz unschuldig bin-“

 

Dieser Arsch! Er trägt die ganze Schuld!

 

„- und ich zu dem Schluss gekommen bin, dass ich dir gegenüber möglicherweise zu einer gewissen Entlohnung deiner langanhaltenden Kooperation verpflichtet bin-“

 

Der kann sich seine Entlohnung an den Hut stecken!

 

„- habe ich mich dazu entschlossen, dir, oder besser gesagt, ASK, eine Chance zu gewähren, euch mit meiner Firma wiedergutzustellen.“

 

Ich will mich verdammt nochmal nicht mit ihm gutstell...

 

Taki blinzelte.

 

„... Was?“

 

Neben ihm klappten erneut Kinnladen zu Boden. Tohma lächelte – besonders liebenswürdig, wie ihm schien und was ihm nervöses Lidmuskelzucken bescherte – und verschränkte die Finger ineinander: „Eine Chance, Aizawa. Eine echte Chance. Seien wir ehrlich: Einmal NG, immer NG. Die Alternative lautet Absturz. Eine von mir fallengelassene Band hat so gut wie keine Erfolgsaussichten mehr. Mein Urteil ist in Fachkreisen zu hoch angesehen. Aber mir imponiert deine Hartnäckigkeit. Du hast nie aufgegeben, nach neuen Produzenten zu suchen. Doch glaub mir, ohne NGs Unterstützung wirst du für immer ein kleines Licht bleiben. Ich biete dir hier die Möglichkeit, aus den Tiefen der Peripherie aufzusteigen und dir einen wirklichen Namen in der Musikbranche zu erarbeiten. Alles, was es dazu braucht, ist deine Zustimmung.“

 

Taki blinzelte nicht mehr, starrte ihn nur sichtlich entgeistert an. Seine Gedanken rasten und Tohma stellte sich belustigt vor, wie er jede Sekunde aus den Ohren zu qualmen beginnen würde.

 

Schließlich öffnete der Sänger den Mund, schloss ihn wieder, hustete und versuchte es erneut.

 

„Wo ist der Haken?“

 

„Welcher Haken denn?“

 

Taki schüttelte den Kopf, zögerte erneut und entgegnete: „Alles, was Sie mir anbieten, hat einen Haken. Sie machen mir den Mund wässrig, ich schnappe zu und dann werde ich in ein Gitter gesteckt und auf langsamer Flamme knusprig gebraten. Das wird auch diesmal wieder so sein.“ Tohma lachte und diesmal war es tatsächlich aufrichtig: „Du hast eine herzallerliebste Fantasie, Aizawa. Aber ich muss dich enttäuschen.“ Er zog einen Stapel Papiere aus der Aktentasche und legte sie behutsam auf den Tisch direkt vor Takis Nase: „Ich habe den Vertrag dabei, du darfst ihn gerne genauestens überprüfen, ehe du unterschreibst.“

 

Braune Augen fielen entgegen besseren Wissens hoffnungsvoll darauf hinab. Mamoru und Kenji schielten ihm über die Schultern und Taki registrierte, dass sie eine Aura wachsender Begeisterung ausstrahlten, was ihm ein trostloses Seufzen entlockte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Tohma sich wieder dem Kaffee widmete und dem Angestellten in ihren Rücken fröhlich zuzwinkerte, was dieser zum Anlass nahm, sich zu den anderen auf den Balkon zu begeben.

 

„... Warum?“

 

Tohma legte den Kopf schief, während er sich Takis argwöhnische Frage durch denselben gehen ließ: „Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt. Es ist eine Entschädigung. Außerdem ... Sieh es als Dank dafür an, dass du mir etwas sehr Wichtiges zurückgebracht hast.“

 

„Es ist wegen NBC? Bullshit. Irgendeiner von Ihnen hätte früher oder später die Sendung gesehen und sowieso Bescheid gewusst.“

 

„Aber niemand kann sagen, wann das geschehen wäre. Zwischendurch hätte viel passieren können – vor allem viel Negatives. Und den entscheidenden Hinweis hast vor allen anderen du mir gegeben.“

 

„Aber das war kein Geheimnis! Jeder, der sich zufällig gerade die News angeschaut hat, hätte-“

 

„Das mag schon sein, aber den Finderlohn erhält nun mal der, der die Brieftasche zurückbringt.“

 

Sie sahen sich lange ausdruckslos an, bis Taki erneut schluckte, um sich die staubtrockene Kehle zu befeuchten und den Blick zurück auf den Vertrag lenkte.

 

Er konnte bei aller Vorsicht nichts Besorgniserregendes an den Konditionen feststellen. Und Tohma schien zum ersten Mal, seit er ihn kennengelernt hatte, so aufrichtig wie an dem Tag, als er ASK für NG angeworben hatte.

 

Und trotzdem, er durfte das Risiko nicht eingehen, auch im Namen seiner Freunde, die im Ernstfall mit ihm im Strudel von Tohmas grausamen Humor untergehen würden. Also sah er entschlossen auf und seine Stimme klang bedauernd, aber endgültig: „Nein. Nein, ich denke nicht, dass wir-“

 

Was immer er auch sagen wollte, er sollte nie dazu kommen, es auszusprechen.

 

Seine Arme wurden seitlich aufgedreht. Von beiden Seiten packten ihn unerbittliche Hände am Hinterkopf, pfefferten sein Gesicht auf die Tischplatte und hielten ihn mit roher Gewalt darauf gefangen.

 

Mamoru und Kenji fixierten den blonden Erfolgsgaranten mit resoluten Blicken: „Hören Sie nicht auf diesen Defätisten, Herr Seguchi, wir nehmen zutiefst dankbar an! Sie können sich vollends auf uns verlassen, wir werden Sie nicht noch einmal enttäuschen!“

 

Tohma musterte den festgekeilten Sänger beinahe mitleidig – es sah recht schmerzhaft aus, sogar eine Blutlache breitete sich zunehmend über dem Vertrag aus.

 

Er schmunzelte und trank noch einen Schluck von Takis vorzüglichem Kaffee. Es fühlte sich gut an, wieder echtes Vergnügen in sich zu spüren.

 

Und niemand sollte behaupten, Tohma Seguchi sei undankbar.

Das Heaven’s Den war gut gefüllt, wie jedes Jahr an Silvester.

 

Shannon saß mit überkreuzten Beinen an der Theke und beobachtete zufrieden den regen Betrieb – nur noch ein Bestandteil fehlte zum angestrebten Gesamtbild und es war Ryan, der ihre Gedanken in Worte fasste: »Ob sie wohl kommen werden?« Seine Arbeitgeberin – und seit einiger Zeit Gemahlin – schmunzelte, obwohl keine Pointe in der Frage zu entdecken war.

 

Zumindest noch nicht.

 

»Tja, wenn nicht heute, dann nie. Es ist seine letzte Chance«, erwiderte sie und zog an der Zigarettenspitze, »in ein paar Stunden ist das Jahr zu Ende, in dem er zurückkommen wollte. Länger wird sie nicht auf ihn warten. Und ich würde sie für verrückt erklären, wenn sie es täte.« Ryan füllte ein Glas mit einem strahlend orangefarbenen Getränk, brachte es einem Gast am Ende der Theke und als er zurückkehrte, lehnte er sich auf die Tischplatte und stützte das Kinn mit einer Hand ab: »Ich hätte nicht gedacht, dass sie es überhaupt tut. Dass sie tatsächlich das Risiko auf sich nimmt, auf einen Kerl zu warten, der ihr noch nicht einmal eine marginale Zusicherung erteilt hat.«

 

»Aber Ryan! Eine liebende Frau handelt doch nicht rational! Wenn immer nur vernunftgemäße Entscheidungen gefällt werden, ist es doch nur halb so romantisch«, Shannons Augen funkelten in verträumter Begeisterung, »Und stell dir vor, wie unglaublich wertsteigernd das Ausharren nach dem Liebsten für die Zuneigung ist! Oh, ich wette, sobald sie sich sehen, werden sie sich ungebremst in die Arme fallen und XXX tun und dann XXX machen und wenn sie dann von XXX ausgelaugt sind, geht es mit XXX-«

 

»Nun, wir sollten hoffen, dass sie nicht die ganze Nacht nur rumixen, denn dann werden sie wohl kaum Zeit finden, ihr Wiedersehen mit uns zu feiern – und wir haben uns die ganze Mühe mit der Dekoration umsonst gemacht.«

 

»Sie hat uns fest versprochen, auf jeden Fall zu kommen, selbst wenn sie ihn mit Gewalt her schleifen muss. Es passiert heute ... Oder nie.«

 

Im selben Moment ging die Tür auf und Millicent betrat mit sich reibenden Händen den Schankraum, gesellte sich zu ihnen und legte ihre schwere Winterjacke ab, um sich neben Shannon auf einen Barhocker zu setzen: »Frohes Neues. Waren sie schon da?« »Nein, du hast die Show nicht verpasst, keine Sorge«, gab Shannon ihr bereitwillig Auskunft, »Aber bist du sicher, deinen Laden an so einem lukrativen Tag allein lassen zu können? Wir können dich anrufen, sobald sich was tut.«

 

»Lass mal stecken. Will auf keinen Fall das große Entree versäumen. Mein Mitarbeiter kommt heute auch mal ohne mich aus, die Bar ist klein – gut zu schaffen – und ich habe ihn bestens vorbereitet.«

 

»Wie läuft es denn?«

 

»Naja, Kinderkrankheiten und Anfangsschwierigkeiten, die noch nicht ganz bereinigt sind, aber ich bin zuversichtlich.«

 

Ryan schob seiner ehemaligen Kollegin einen heißen Cocktail zu und sie nickte dankbar.

 

Während sie sich aufwärmte, schwiegen sie, jeder in eigene Gedanken versunken, doch schließlich fragte sie besonnen: »Wie er wohl jetzt aussieht?« Ryan hob eine Braue: »Naja, damals sah er aus wie über Zwanzig, also dürfte er jetzt ein wenig verbrauchter sein, so wie Grace.«

 

Shannon kam seinem Nasenloch mit der glühenden Zigarette gefährlich nahe: »Grace sieht doch nicht verbraucht aus! Sie hat sich immerhin immens angestrengt, um jung und knackig für ihn zu bleiben! Hat Sport getrieben, Schönheitskuren gemacht und sich an strikte Diät gehalten! Und nicht zuletzt hat sie auch noch seine Sprache gelernt und all die Zeit in ihrer alten, kleinen Wohnung ausgeharrt aus Sorge, er könnte eine neue Adresse nicht verfolgen! So viel Einsatz und trotzdem babyglatte Haut, mach du ihr das erst mal nach, du Faultier!« Sie legte eine Hand an die Wange und strahlte erneut in die Ferne: »Ich denke ja, er hat sich kein Stück verändert! ... Zumindest nicht im Gesicht. Sein Körper sollte inzwischen ziemlich ausgewachsen sein. Oh, ich wette, er hat eine Armee von wunderbaren Muskeln angesetzt!«

 

»Oder Fett.«

 

»Halt den Mund oder ich lass mich scheiden!«

 

Sie reichte ihm nachdrücklich eine Flasche Wein, damit er ihn entkorken konnte: »Schenk uns lieber ein Glas ein, damit wir schon mal anfangen können, gepflegt anzustoßen!«

 

Er tat wie geheißen und bald darauf hoben sie ihre Gläser zu einem Trinkspruch. Shannon boxte ihm leicht in den Oberarm: »Du bist der Mann, also bringst du jetzt gefälligst einen Toast. Und ich warne dich! Unterdrück deinen Sarkasmus oder ich unterdrücke für das kommende Jahr noch was ganz anderes!« Ryan zuckte die Achseln und präsentierte seinen Wein, der im Schein der Lampen appetitlich glitzerte: »Auf das neue Jahr! Und darauf, dass Tatsuha den Mut aufbringt, Grace bei dieser letzten Gelegenheit seine unsterbliche Liebe zu gestehen.«

 

Millicent runzelte die Stirn: »Mut? Wir reden hier von Tatsuha, oder?« Shannon stimmte ihr leidenschaftlich zu: »Der Bengel weiß doch im Bezug auf Frauen gar nicht, was Angst ist! Streng dich gefälligst ein bisschen mehr an, du Banause!«

 

Ryan seufzte und begann von vorn: »Na schön, dann eben auf das neue Jahr und darauf, dass Tatsuha Grace immer noch mag und ihr heute ein Geständnis-«

 

»Also, das gefällt mir irgendwie noch weniger«, überlegte Millicent laut. Auch Shannon hatte wieder etwas auszusetzen: »Was könnte ihm an unserer Grace bitteschön nicht mehr gefallen?! Du bist ein kaltherziger Mann, Ryan!«

 

Der Angesprochene stöhnte nur gramgebeugt: »Ihr könnt mich mal! Macht es gefälligst selbst!«

 

---

 

Grace nieste, schniefte, rieb sich die Nase und hoffte sofort, dass sie sich keine Erkältung eingefangen hatte. Nicht an diesem Tag, an dem vielleicht noch etwas geschehen würde, wofür sie in jedem Fall all ihre psychischen und physischen Kräfte benötigte. Nur noch ein paar Stunden musste sie durchhalten.

 

Ab dem nächsten Morgen würde sie ihr Zustand sowieso nicht mehr interessieren.

 

Der letzte Tag des Jahres. Vier Jahre, nachdem Tatsuha sie gebeten hatte, auf seine Rückkehr zu warten.

 

Potenzielle Rückkehr. Und um genau zu sein, war der Tag seiner Abreise schon vier Jahre und eineinhalb Monate her. Doch sie hatte sich nicht entmutigen lassen.

 

Es war das vierte Jahr und es würde noch für fünf Stunden das vierte Jahr bleiben, wodurch ihr noch fünf Stunden Hoffnung blieben. Hoffnung, die sie nie verloren hatte.

 

Am Anfang war es schlimm gewesen. Sie war hin und her gerissen gewesen von dem Wunsch, mit Tatsuha zusammen zu sein und ihrem ausgesprochenen Sinn für Realität.

 

Eigentlich hatte sie sich bereits früh entschlossen, den unverschämten Ausländer in den Wind zu schießen. Leider hatte sich herausgestellt, dass sie in der Zwischenzeit keinen Mann getroffen hatte, der sie in irgendeiner Weise faszinierte. Irgendwann hatte sie deshalb begriffen, dass sie, so klein die Wahrscheinlichkeit auch sein mochte, es nichtsdestotrotz drauf ankommen lassen würde.

 

Es war nie ganz leicht geworden. Aber nach einigen Monaten hatte sie sich nicht mehr Nacht für Nacht in den Schlaf geheult, was eine erhebliche Verbesserung dargestellt hatte! Irgendwann hatte sich ihr Geist einfach geweigert, Tatsuha nachzutrauern, solange die Möglichkeit bestand, ihn zurückbekommen zu können.

 

Sie hatte deswegen extra ein Seminar besucht, sogar mit gewissem Erfolg, doch im Nachhinein hegte sie den Verdacht, dass die zweihundert Dollar in einer weiteren Schönheitskur besser angelegt gewesen wären. Alles, was ihr Guru ihr beigebracht hatte, war, von schöner Rhetorik befreit und auf die Grundaussage entpackt: „Das Leben ist hart, also kneif gefälligst den Arsch zusammen!“

 

Sie betrachtete sich im Spiegel.

 

Ihr Körper hatte sich kaum verändert, was sie mit großem Stolz erfüllte. All die Anstrengungen – Joggen, Schwimmen, Stress mit den eingebildeten Kosmetikern – waren es wert gewesen.

 

Ob er auch noch genauso aussah wie damals? Hatte ihm die Aussprache mit seiner Familie eine so große Last von den Schultern genommen, dass Alter mit Aussehen endlich gleichziehen konnte?

 

In ihr brannte es vor Neugier, doch wusste sie insgeheim auch, dass sie ihn zurücknehmen würde, völlig egal wie er aussah.

 

Zumindest, solange er sich nicht völlig hatte gehen lassen.

 

Und dann klingelte es. Wie aus einem Reflex heraus sprang sie mit aufgerissenen Augen auf und ging noch einmal alle Möglichkeiten durch. Nein, sie hatte sich mit keinem ihrer Freunde verabredet, ihnen gar regelrecht befohlen, sich von ihr fernzuhalten! Kein Besuch, kein Anruf, kein gar nichts, um auf keinen Fall in Euphorie auszubrechen, wo überhaupt kein Grund bestand.

 

Konnte es tatsächlich ...

 

Konnte er es sein?

 

Entsetzt lief sie ein paarmal hin und her, als hätte sie vergessen, wo sich ihre Wohnungstür befand. Es läutete erneut und sie quiekte laut, besann sich, stürzte zurück zu ihrem Spiegel und zupfte hier und da etwas an ihrem Erscheinungsbild zurecht, um auch ja so perfekt wie möglich auszusehen.

 

Dann rannte sie zur Tür, atmete noch einmal tief durch ...

 

Und riss sie in froher Erwartung viel zu stürmisch auf.

 

»Oh, Sie sind ja doch daheim, Fräulein Bennett«, lächelte ihre alte Nachbarin freundlich, »Ich habe schon befürchtet, Sie hätten vergessen, das Licht zu löschen.« Graces breites Grinsen flaute zu einem betroffenen Lächeln ab: »Oh. Sie sind’s nur.« »Störe ich vielleicht? Das tut mir außerordentlich leid«, versicherte die Frau hastig. Ebenso bestürzt schreckte Grace auf: »Nein nein, das ist es nicht, ich habe nur jemand anderen erwartet und war so in Gedanken versunken, dass Sie mich überrascht haben!«

 

»Oh, dann ist es ja gut. Ich wollte Ihnen eigentlich nur etwas von meinem Abendbrot vorbeibringen. Sie sind so dünn, da muss man sich ja Sorgen machen!«

 

Ihr wurde eine gut gefüllte Plastikdose in die Hand gedrückt und Grace lachte auf: »Danke, ich habe tatsächlich noch nichts gegessen. Nudelauflauf, lecker!« »Guten Appetit«, wünschte ihr die Nachbarin und zog von dannen. »Vielen Dank, Frau Shepherd«, rief Grace ihr vergnügter hinterher, als sie sich fühlte und schloss die Tür.

 

Drinnen lehnte sie sich mit der Stirn gegen die Wand.

 

Was zum Teufel hatte sie erwartet?

 

Da hatte sie all die Jahre damit verbracht, sich seelisch auf eine herbe Enttäuschung einzustellen und trotzdem war sie nun so weit, in verklärter Hast vorbehaltlos wehrlose Menschen anzuspringen, sobald sie nur die Nase zur Tür hereinsteckten. Für wie bedürftig musste Tatsuha sie halten, wenn er sie so sah?

 

Sie wandte sich Richtung Küche, um die Dose in den Kühlschrank zu stellen. Den Inhalt wollte sie sich erst am nächsten Tag genehmigen, solange sie denn tatsächlich Hunger entwickelte.

 

Ehe sie ihr Ziel erreichte, klingelte es ein drittes Mal.

 

Sie stellte die Dose auf die Anrichte im Flur, bevor sie noch einmal lächelnd öffnete: »Was gibt es denn noch, Frau Shepherd? Haben Sie etwas ... vergessen ...«

 

Eine riesige Wand weißer Nelken tat sich vor ihr auf.

 

Erst war sie verwirrt, doch dann merkte sie, dass es sich nur deswegen um eine Wand handelte, weil sie ihr direkt ins Gesicht geschoben worden war. Zögerlich machte sie einen Schritt zurück und bestätigte den Verdacht, dass es sich lediglich um einen Strauß handelte.

 

Allerdings um einen riesigen Strauß.

 

Ihr Blick senkte sich und sie entdeckte zwei schlanke, in dunkelblaue Baumwollhosen gekleidete Beine und glänzend geputzte Schnürschuhe.

 

Wortlos sah sie wieder auf, hob die Hand, legte sie sanft auf das Meer samtig weicher Blütenblätter und drückte das Bouquet vorsichtig herunter.

 

In ihrem Blick spiegelte sich Verwunderung wider, welche sich aber nach einigen langen, stillen Sekunden in Glückseligkeit verwandelte.

 

Arsch zusammenkneifen!

 

Weil der Kloß im Hals und die Wassermassen, die sich den Weg über ihre Wangen bahnten, die Luft für vernünftige Konversation abschnürten, klang ihre Stimme brüchig, als sie die Worte hauchte, die sie so lange hatte aussprechen wollen.

 

„Willkommen zurück.“

 

---

 

Yuma hockte vor Yukis und Jessicas Gräbern und betete. Wie jedes Mal, wenn er den Friedhof besuchte, dachte er an vergangene Zeiten zurück, an begangene Fehler und verpasste Gelegenheiten. Doch inzwischen verletzten ihn die Gedanken nicht mehr.

 

Er hatte sich mit der Vergangenheit abgefunden und nun stellte sie lediglich eine Warnung für ihn dar. Ein melancholisches Lächeln huschte ihm übers Gesicht.

 

‚Wenn der Zuspruch eines nicht mehr ganz so lupenreinen Diamanten da oben irgendwas zählt – mögen diese beiden Trottel zusammen sein, wo immer sie sich auch befinden.‘

 

Er rückte die beiden Gebinde Vergissmeinnicht zurecht und stand seufzend auf: „Wie lange wollen Sie sich noch hinter den Bäumen verstecken und auf den richtigen Moment hoffen? Ich dachte, über diese Stufe des Umgangs miteinander wären wir schon lange hinweg?“ Er wandte sich einigen großen Lärchen zu und legte erwartungsvoll den Kopf schief.

 

Wenige angespannte Sekunden später traten vier Personen hervor, von denen sich zwei zu ihm gesellten.

 

„Wir haben uns nicht versteckt, Herr Kitazawa“, berichtigte Tohma ihn pikiert, „wir wollten Sie nur nicht in Ihrem Gedenken stören.“

 

„Stechende Blicke in den Rücken gebohrt zu bekommen, trägt nicht unbedingt zu meiner Konzentration bei, Herr Seguchi. Eiri.“

 

Amüsiert schnaubend schüttelte er den beiden Männern zum Gruß die Hand, sah dann zu ihren Begleitern hinüber, die sich in respektvollem Abstand aufhielten und nickte ihnen zu.

 

Mika und Shuichi waren nicht unbedingt die unfreundlichsten Zeitgenossen, hatten sich im Laufe der Zeit sogar zusehends für ihn erwärmt, jedoch noch immer kein gutes Verhältnis zu den beiden Gräbern, neben denen er stand. Er verzieh es ihnen, wie sie ihm verziehen hatten. Es gab eben Dinge, über die man nicht hinwegkam.

 

Er wandte sich ab, trat hinter Jessicas Grabstein und stützte sich mit den Ellenbogen darauf ab: „Was tun Sie hier, wenn ich fragen darf? Es ist Silvester, nicht unbedingt ein typischer Tag, um Verstorbenen die Ehre zu erweisen.“

 

Eiri betete stumm, und so antwortete ihm Tohma: „Wir haben hier etwas zu erledigen und dachten, es wäre eine gute Gelegenheit. Tut uns leid, wenn wir ungelegen kommen. Eiri wollte nur-“

 

„Ich weiß, was Sie meinen und mache Ihnen auch keinen Vorwurf. Hab mich nur gewundert.“

 

Eine peinliche Stille folgte den ruhigen Worten, bis Tohma sich räusperte: „Wie geht es Ihnen inzwischen? Haben Sie noch immer Probleme im Büro?“ Yuma lachte spöttisch auf: „Pah, bei uns gibt es immer irgendwelche Probleme. Aber wenn Sie die Diffamierungen und das Misstrauen meinen, das mir zu Beginn entgegengebracht wurde, dann kann ich Sie beruhigen. Manche Kollegen schielen mich zwar immer noch ab und zu schräg an, aber im Großen und Ganzen ist alles wieder wie früher. Kaum verwunderlich. In meinem Metier ist Korruption leider keine Seltenheit und wenn man selber Dreck am Stecken hat, ist es ungesund, mit dem Finger auf andere zu zeigen – zumal ich nie vollkommen wehrlos war.“

 

„Das freut mich, schätze ich. Wie geht es Herrn Fitts?“

 

„Oh, dem geht‘s immer viel zu gut. Im Augenblick bisschen im Stress. Fall an der Westküste.“

 

„Und Herr Walsh?“

 

„Befindet sich in einem kreativen Tief. Kaut mir die Ohren ab in seinen Depressionen ... He, wäre ein kurzer Besuch wohl zu viel verlangt? Ich wette, ein Austausch mit Eiri würde seinem trägen Geist auf die Sprünge helfen. Sie haben immerhin gut zusammengearbeitet für ...“

 

Eiri hob den Kopf und steckte die Hände in die Manteltaschen zurück: „Um ehrlich zu sein, käme mir das nicht ungelegen. Ich muss gestehen, dass es bei mir selbst nicht ganz so gut läuft.“ Yuma starrte ihn verdutzt an: „Das ist aber ein Zufall.“

 

„Vielleicht auch nicht. Seit unseres Buchs hab ich das Gefühl, als wäre mein Hirn wie leergefegt. Möglicherweise braucht ein Schriftsteller einfach ein gewisses Maß an traumatischer Belastung, um fesselnd zu schreiben. Und nachdem alles heraus war ...“

 

„Ich versteh Sie. Mir hat‘s auch sehr gut getan, drüber zu reden. Es wirkte so befreiend. Hat mir geholfen, so viele Dinge zu verarbeiten. Und dann war ... etwas weg. Mir fehlt es nicht, aber ich schätze, für Leute wie Sie könnte es als Inspiration gedient haben. Tut mir leid, wenn Ihnen dadurch die Ideen ausgeflogen sind, aber mein Okay für die Veröffentlichung war einfach das Mindeste, was ich Walsh schuldete.“

 

„Nein nein“, Eiri winkte kühl ab, „ich hatte ihm ja selbst grünes Licht gegeben. Es wäre eine Schande gewesen, ihn die Arbeit umsonst verrichtet haben zu lassen.“

 

„Verstehe.“

 

„Es überrascht mich noch immer jedes Mal, wenn ich das Buch lese – er ist sehr sensibel mit dem Thema umgegangen. Ich weiß noch, was für Bedenken ich hatte, als ich ihn kennenlernte. Seine Werke klangen alle recht mittelmäßig. Außerdem habe ich befürchtet, dass er unsere ... Oder zumindest meinen Namen erwähnt, rein um Publicity zu machen. Aber ich muss zugeben, dass er sich mächtig ins Zeug gelegt hat.“

 

„Ist man nicht unbedingt Frau und Romantikerin, lesen sich auch Ihre Werke eher schleppend, Eiri. Und wenn er auch nur einen Hinweis darauf gegeben hätte, dass die Geschichte wirklich ‚nach wahren Begebenheiten‘ abgelaufen ist, wäre eine zerbrochene Freundschaft das kleinste Übel gewesen, mit dem er sich hätte herumplagen müssen.“

 

„Sie sind der Profi.“

 

Eiri trat verlegen nach einem Kiesel und kickte ihn so aus dem Weg: „Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt – es war sehr erleuchtend, die Geschehnisse aus Ihrer Perspektive zu sehen, Yuma. Und aus Yukis. Ich kann es nur wiederholen, es tut mir wirklich alles unglaublich leid.“ Yuma lächelte teilnahmsvoll: „Und es beruht auf Gegenseitigkeit. Ich dachte, das wäre klar wie Kloßbrühe, so in der Hinsicht, dass wir uns zivilisiert unterhalten.“

 

Und wieder legte sich bedrückende Stille über sie.

 

Sie konnten darüber hinwegtäuschen, aber seit sie sich nicht mehr gegenseitige Vorwürfe machten, war das Bedürfnis, miteinander zu reden, stetig gewachsen. Trotzdem hatten sie sich nach der Sache mit dem Buch nur einige wenige Male eher zufällig getroffen, weil noch immer diese eine Sache zwischen ihnen stand.

 

Es war eine stille Übereinkunft – er würde nicht nach ihm fragen und sie würden ihn nicht erwähnen.

 

Es war einfach zu bitter.

 

Yuma wollte nicht darüber nachdenken und doch ertappte er sich immer wieder dabei, sich selbst neugierige Fragen zu stellen.

 

Wie es ihm ging. Ob ihn seine Freunde nur ein bisschen oder ganz massakriert hatten. Wie er in der Schule zurechtkam. Wo er seine Freizeit verbrachte. Ob er eine Freundin hatte. Ob er mehrere Freundinnen hatte. Ob er vielleicht sogar Ryuichi nähergekommen war. Was er für die Zukunft plante oder ob er bei seiner Berufung geblieben war. Ob er noch immer Motorrad fuhr oder ob er schon auf einen feschen Sportwagen umgestiegen war. Ob er noch immer besessen von Nittle Grasper war.

 

Ob er noch manchmal an ihn dachte.

 

Niemals gestattete er sich, sie laut zu stellen. Es war eine Abmachung zwischen ihm und Tohma und obwohl sich ihr Verhältnis ganz anders und viel positiver entwickelt hatte, als sie sich hätten träumen lassen, ging es ihn nicht mehr das Geringste an.

 

War es ihn niemals etwas angegangen.

 

Doch dieses Jahr war etwas Besonderes. Und so schaffte er es nicht, sein Bedürfnis weiter zu unterdrücken. Aus einer der Innentaschen seiner Jacke förderte er einen dicken Briefumschlag zutage, den er eigentlich vorgehabt hatte, an diesem Abend abzuschicken und den er Tohma nun unschlüssig entgegenhielt: „Herr Seguchi, ich weiß, dass es gegen unser Arrangement verstößt, aber ich würde gern ... Ich meine, es ist soweit, dass ...“ Er seufzte schwer und wich den fragenden Blicken kurz aus, um sich zu sammeln. Dann sah er entschlossen in stahlblaue Augen.

 

„Bitte sagen Sie ihm ‚Herzlichen Glückwunsch nachträglich‘. Und dass er es mit der Volljährigkeit nicht übertreiben soll.“

 

Tohma wirkte gar nicht überrascht. Mit mehr Würde, als Yumas nervöses Selbst ihm zugestehen mochte, nahm er den Briefumschlag entgegen und musterte ihn nachdenklich: „Was ist das? Ein Geschenk?“ Yuma nickte verlegen: „Ja. Nichts sonderlich Raffiniertes oder so. Ein ... Bild, das er damals bei mir vergessen hat. Ich wollte es eigentlich behalten, aber vielleicht ist es für ihn ja eine nette Erinnerung. Nicht dass ich mich aufzwingen will, ich dachte nur ... Ähm ... Ach, schon gut.“ Verzagt rieb er sich die Stirn, bekam deswegen den Blick, den Tohma und Eiri wechselten, nicht mit.

 

Nach einer stummen Übereinkunft reichte Tohma Yuma den Umschlag zurück: „Es wird ihn erreichen, Herr Kitazawa. Allerdings hatten wir vor, im Anschluss noch ein wenig flanieren zu gehen und es wäre unpraktisch, Ihr Geschenk mit mir herumzutragen. Würde es Ihnen deshalb etwas ausmachen, es unserem Chauffeur zu übergeben? Er müsste inzwischen vor der Eingangspforte des Friedhofs stehen. Blauer Bentley.“ Yuma nahm den Brief verdattert an sich und stotterte: „Ja ... Sicher! Vielen Dank, Herr Seguchi!“

 

„Gern geschehen. Also dann bis zum nächsten Mal!“

 

Sie schüttelten sich die Hände, mit Eiri tauschte er lediglich ein obligatorisches Nicken und den beiden „Ehefrauen“ winkte Yuma zum Abschied zu, als er sich schon umgedreht hatte und sich auf den Rückweg zum Ausgang machte.

 

Was für ein Glück, Tohma war an diesem Tag offensichtlich sehr gut gelaunt.

 

Kaum hatte er einige Schritte getan, als ihn die Stimme des Produzenten noch einmal aufhorchen ließ: „Oh, das habe ich fast vergessen, Herr Kitazawa! Lassen Sie sich von unserem Chauffeur zu einem Drink einladen. Er hat lange auf diese Gelegenheit gewartet.“

 

Yuma hielt inne.

 

Mit gerunzelter Stirn wandte er sich ihnen halb zu, sie hatten jedoch bereits ihren geplanten Spaziergang aufgenommen und beachteten ihn nicht weiter.

 

Von plötzlichem Misstrauen besät führte er deswegen den Marsch fort, zuerst zögerlich, doch eine innere Kraft trieb ihn mehr und mehr dazu an, sich zu beeilen.

 

Es dauerte nicht lange, bis er trotz mangelnder Pietät und des Risikos, auf den schlecht beleuchteten Wegen unbequeme Hindernisse zu rammen, in vollem Tempo über den Schotter hastete.

 

Bereits außer Atem erblickte er am Fuße eines Hügels endlich das Tor zur Straße.

 

An einen der Pfosten gelehnt, nur schlecht erleuchtet durch sporadische Straßenlaternen, stand eine lange, in einem dunkelblauen, eleganten Anzug gekleidete Gestalt, die sich mit einer begeistert gestikulierenden jungen Frau unterhielt.

 

Als er näher kam, blickten beide auf.

 

Der Unbekannte erstarrte, stieß sich nach einigen quälenden Sekunden der Ungewissheit ab, um einige langsame Schritte auf ihn zuzumachen ...

 

Und blieb dann stehen, leger mit einer Hand in der Hosentasche versenkt und der anderen demonstrativ zur Schulter erhoben.

 

Nicht einmal das Dunkel der Nacht konnte das überdimensionale Grinsen verdecken.

 

‚Ich bin wieder da.‘

 

Yuma musterte die Gestalt fassungslos.

 

Einige peinlich berührte Minuten benötigte er, aber dann entspannten sich mit einem Mal knackend alle möglichen Muskeln, die er sich nicht einmal verkrampfen gespürt hatte, ein stockendes Lachen, welches sich mehr anhörte wie ein Schluchzen, glitt ihm über trockene Lippen und die Paralyse löste sich.

 

Zielstrebig ging er auf den Wartenden zu und als er ihn endlich erreicht hatte, schlugen ihre Hände lautstark ein.

 

„Du siehst gut aus ... Tatsuha.“

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Kapitel:11
Sätze:10.263
Wörter:131.920
Zeichen:788.292

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Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre), Humor, Abenteuer, Schmerz und Trost und Familie getaggt.

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