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Unsere Ewigkeit : Eisprinzessin

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04.10.17 07:12
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Asexualität
In Arbeit

Es war diese kälteste Stunde der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, als Delilah mit ihrer Cousine Selen vor dem Eingang des Anwesens stand und sich den Schal über die Nase zog. Die Kälte kroch durch ihre Stiefel hindurch an ihren Beinen hinauf. Prinzipiell machte die Kälte ihr nichts aus, aber es wäre ihr lieber gewesen, sie hätte sich bewegen können. Während sie von einem Fuß auf den anderen trat, meinte sie, Teile ihrer Fußsohlen nicht mehr zu spüren. In diesem Zustand zu laufen würde unerträglich sein. Darum hoffte sie, dass Selen sich bald wieder fing. Jeden Montagmorgen beschwerte sie sich darüber, zur Schule gefahren zu werden. Das war absolut albern, und doch fing sie immer wieder davon an.
 „Du kannst auch ne halbe Stunde zum Bus laufen, Kleines“, erwiderte ihr Vater wie jede Woche und schob sie vor sich her zum Wagen. „Dass es dir immer noch so peinlich ist, dich mit mir vor der Schule zu zeigen.“
 „Darum geht es gar nicht!“, gab sie zurück und riss die Tür auf. „Es ist das Auto!“
 Delilah stieg ein und kauerte sich auf der kalten Rückbank zusammen. „Mach doch nicht gleich morgens so ne Szene.“ Sie nahm die Füße von der Sitzbank, als sie Gabriels Blick bemerkte. „Es interessiert niemanden, mit welchem Auto du morgens zur Schule gefahren wirst. Olivias Mutter bringt sie mit dem Porsche.“ Was war dagegen schon ein alter Mercedes? Delilah war gern damit unterwegs, auch wenn es nur zur Schule war.
 „Solltest du nicht auf meiner Seite sein?“ Selen setzte sich neben sie und nahm Mütze und Schal ab.
 „Wenn du mal nicht albern bist, gern.“ Sie zog das Mädchen an sich. Selen war immer warm und das kam Delilah ganz recht. „So ungewöhnlich ist das Auto doch nicht.“ Wahrscheinlich war ihr Problem, dass das Auto älter war als ihr Vater aber fast wie neu aussah.
 „Ach, ihr habt gewonnen.“ Selen legte den Kopf auf Delilahs Schulter und gähnte. Bis spät in die Nacht hatte sie sich mit ihren Freundinnen geschrieben. Was das für einen Sinn hatte, da sie sich nachher in der Schule sehen würden, wusste Delilah nicht.

Vor der Schule wartete schon Ray und Selen konnte nicht schnell genug aus dem Auto steigen. „Danke, Boss“, sagte Delilah und folgte ihr nach draußen. Sofort spürte sie die beißende Kälte im Gesicht.
 „Ich geh schon mal rein.“ Sie musste sich nicht ansehen, wie die beiden sich gegenseitig beinah auffraßen, dabei kam sie sich fehl am Platz vor.
 Als sie sich am Treppengeländer festhielt, um nicht auszurutschen, hakte sich jemand bei ihr unter und allein durch den Schreck wäre sie beinah gefallen. Dabei war es nur Angus aus ihrer Klasse. Seine Haare, die sonst in krausen Locken sein Gesicht einrahmten, waren heute dunkler als sonst und fielen ihm schwer auf die Schultern. Gerade so, als hätte er eine Schneeballschlacht hinter sich.
 „Hey, Delilah“, sagte er mit einem breiten Lächeln. Ihm fehlte ein Eckzahn und er gab damit an. Dabei war das eigentlich nichts, womit man angeben konnte, irgendwie sah es komisch aus. Immer wieder erzählte er davon, wie er sich mit einem Riesenkerl geschlagen hätte und ihm dabei dieser Zahn ausgeschlagen worden sei. Dabei hatte sie von Terry Wallace erfahren, dass er einfach im Schwimmbad am Beckenrand ausgerutscht war. Nicht, dass es sie interessiert hätte.
 „Hi, Angus“, erwiderte sie und lächelte ebenfalls. „Du brauchst mir nicht helfen, ich bin noch nicht so alt.“
 „Pass auf, was du sagst. Ein Mädchen aus der siebten ist heute Morgen schon gefallen und hat sich den Knöchel gebrochen. Die Hausmeister haben gestreut, aber siehst ja, es hilft nicht viel.“ Er zog die Tür auf und deutete mit einer leichten Verbeugung nach drinnen.
 „Aber du hilfst bestimmt nicht jedem die Treppe hoch. Was willst du? Die Biohausaufgaben?“ Sie öffnete ihren Mantel und steckte Mütze und Handschuhe in die großen Taschen.
 „Nein!“ Er lief weiter neben ihr her, nachdem er die Tür noch für zwei andere Mädchen aufgehalten hatte. „Ich wollte nur … Du weißt ja, in einer Woche ist schon der Julball. Ob du Lust hast, mit mir hinzugehen. Falls dich noch keiner gefragt hat.“
 „Bitte?“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ach ja, der Ball. Es tut mir leid, aber da muss ich dich enttäuschen. Warum fragst du nicht Melissa? Sie spricht seit Tagen von nichts anderem mehr, als dass sie hofft, dass du sie fragst.“
 Er lächelte nicht mehr. „Ach, was hab ich mir auch gedacht.“ Mit beiden Händen fuhr er sich übers Gesicht. „Ja, ich frag sie nachher. Aber wir hatten Bio auf?“
 „Nein.“ An ihrem Spind blieb sie stehen und räumte ihren Rucksack aus. „Das war ein Witz. Ich wollte nur dein Gesicht sehen, wenn du Angst hast.“

Im Klassenzimmer drehte er seinen Stuhl zu ihr um. „Wir wollen nach der Schule zum Bowling gehen. Kommst du mit?“
 „Nein.“ Sie setzte sich und nahm eine Zeitschrift aus dem Rucksack. „Ich hab heute was vor.“
 „Aber du wirst mir nicht sagen, was.“ Angus seufzte und sah aus dem Fenster. Delilah folgte seinem Blick. Es hatte zu schneien begonnen. Die Kinder beeilten sich, ins Gebäude zu kommen.
 „Mir vielleicht?“ Ray saß neben ihr auf seinem Platz. Er tauchte gern einfach auf, ohne sich bemerkbar zu machen. Wie auch immer er es schaffte, in diesen Stiefeln leise zu gehen, die bei Delilah durch den nassen Boden quietschten.
 „Meine Tante braucht meine Hilfe“, antwortete sie einfach. Ray brauchte nicht weiter nachfragen und Angus würde sie keine weitere Antwort geben.
 Er lachte. „Das kann ich mir vorstellen. Aber ich wollte dich ja was fragen. Gehst du mit mir zum Julball? Selen darf ja noch nicht und mit wem soll ich sonst gehen?“
 „Klar.“ Bei ihm musste sie sich keine Gedanken darüber machen, dass er nach diesem Abend noch etwas von ihr erwarten würde. Er würde nicht einmal erwarten, dass sie mit ihm tanzte. Aber sie würde es trotzdem tun. Schließlich mochte sie solche Tanzabende, bloß wusste sie niemanden, mit dem sie hingehen wollen würde.
 Angus machte einen geknickten Eindruck. Das bemerkte auch Ray und sah Delilah fragend an. Sie schüttelte nur den Kopf.
 Die Klasse füllte sich langsam. Melissa ließ ihre Bücher lieblos auf ihren Tisch hinter Delilah fallen. Sie lächelte zur Begrüßung und wärmte sich die Hände am Heizkörper.
 „Angus hier will dich was fragen.“ Delilah stand auf und nahm Ray bei der Hand, führte ihn auf die andere Seite des Raums. „Wollt ihr nicht wieder einziehen, Ray? Ich brauche dir den Grund nicht erklären, warum Lindsay jetzt diese Strafarbeit aufgebrummt bekommen hat.“
 Ray hielt sich die Stirn. „Das ist nicht so einfach. Meinst du nicht, dass es noch viel schlimmer wird, wenn mein Vater die ganze Zeit dabei ist?“
 Delilah biss sich auf die Unterlippe. Da hatte er auch wieder recht. Rays Vater war der Grund, warum sie ausgezogen waren. Natürlich verstand sie das, aber so, wie es jetzt war, konnte es auch nicht bleiben. „Irgendwie müssen die beiden sich doch arrangieren können.“
 „Glaubst du das wirklich?“ Seine Lippen verzogen sich zu einem angestrengten Lächeln. „Ich werd mal mit meinen Eltern reden. Aber mal was anderes. Danke, dass du zugesagt hast. Hätte ich ehrlich nicht erwartet.“
 „Wieso?“ Sie trat einen Schritt zurück, um einem Mädchen Platz zu machen, das sich zwischen ihnen hindurch zu seinem Tisch zwängte.
 „Na, dich wird doch bestimmt noch jemand fragen. Vielleicht jemand, mit dem du lieber hingegangen wärst.“
 Sie lachte. „Ray, du kennst mich. Mit wem hier sollte ich gehen wollen? Angus hat mich gefragt und ich hab abgesagt. Ich hätte auch in Zukunft allen abgesagt. Auch mit dir geh ich nur, weil du Selens Freund bist. Und Saras Sohn.“
 Er seufzte. „Ach, du. Natürlich kenn ich dich. Darum sag ich dir jetzt, dass du zu sehr auf die Familie fixiert bist. Du solltest mal was mit den Leuten unternehmen.“
 „Wieso sollte ich? So viel Zeit hab ich nicht. Schließlich liegt Grandma sehr viel daran, dass ihre älteste Enkeltochter eines Tages die Firma übernimmt. Bin froh, wenn ich mal mit Marie ins Kino gehen kann oder ins Schwimmbad.“
 „Das wird doch frühestens in hundert Jahren was.“ Sein Blick veränderte sich und er schien sich was verkneifen zu müssen. „Ich mach mir ja nur Sorgen um dich.“
 „Brauchst du nicht, Ray.“ Sie schob ihn vor sich her zurück zu ihren Plätzen. Melissa saß mit roten Wangen und entrücktem Lächeln auf Delilahs Tisch. Offenbar sah sie es auch nicht ein, aufzustehen, als diese sich gesetzt hatte.
 „Besäßest du vielleicht die Güte, nicht auf meinen Büchern zu sitzen?“ Hoffentlich nicht unsanft schob Delilah ihre Klassenkameradin vom Tisch. „Die Stunde beginnt übrigens gleich.“
 „Entschuldige.“ Melissa setzte sich auf ihren eigenen Platz und lehnte sich über den Tisch. „Willst du morgen mit uns einkaufen gehen? Jetzt, wo wir alle jemanden zum Tanzen haben, wollen wir uns um Kleider und Schuhe kümmern.“
 „Nein, danke. Ich geh mit Marie.“
 „Ach, was frag ich dich eigentlich?“ Das Lächeln verschwand nicht von Melissas Gesicht. „Auch gut. Dann ist dein Kleid eine Überraschung für mich.“

Im Kamin brannte ein Feuer, auf dem Teppich lag der Wolfshund und schlief. Manchmal zuckten seine Beine wie im Traum. Sein schwarzes Fell schimmerte im Schein der Flammen.
 „Warum ich? Was soll ich denen beibringen können?“
 Ingrid lächelte und ließ sich von Katherine Feuer geben, die wie immer auf der Ecke des Schreibtisches saß. „Gar nichts, mein Kind. Aber dazu bist du auch nicht da.“ Mit dem Ringfinger der linken Hand schob sie die Brille auf der Nase hoch. „Ich gebe zu, es war keine besonders gute Idee, Lindsay diese Aufgabe übernehmen zu lassen. Aber selbst sie muss sich merken, dass sie sich nicht einfach zu widersetzen hat. Einfach abhauen nur wegen eines einzelnen Anrufs, das geht nicht.“
 „Nein“, pflichtete Katherine ihr bei. „Das geht nicht.“ Das Lächeln in ihrem Gesicht verriet Delilah, dass dahinter eine Geschichte steckte, die sie  nicht kannte.
 Ingrid ignorierte die Bemerkung vollkommen. „Du, mein Kind, wirst dafür sorgen, dass die Sache nicht eskaliert. Es sollte reichen, wenn du dabei bist. Bei Bedarf kannst du ihr zur Hand gehen, du weißt ja, wie das läuft.“
 Delilah nickte. Niemand tat irgendwas allein. „Aber denkst du nicht, dass Sara besser geeignet wäre?“ Sie wusste nicht, ob sie sich durchsetzen konnte, auch wenn sie ihr Bestes tun würde.
 „Meine Tochter“, antwortete Katherine. „Meine Tochter hat die unangenehme Vorliebe, eher Öl ins Feuer zu geben. Du allerdings hast eine wichtige Sache mit deiner Mutter gemein, nach wie vor.“
 „Da hast du recht.“ Delilah lächelte. „Na schön, ich kann eh nicht nein sagen. Wie lang soll die Sache gehen?“
 „Zwei Monate. Drei Tage die Woche. Die Schießübungen werden von Carter übernommen. Am nächsten Freitag bist du selbstredend freigestellt.“ Ingrid stand auf, ging um den Tisch und lehnte sich dagegen. Der Hund streckte sich ausgiebig und setzte sich neben seine Herrin. „Sei doch so gut und geh ne Runde mit dem Hund.“

In der Eingangshalle machte sie die Leine an Hunters Halsband fest. Als sie gerade zur Tür hinaus wollte, hörte sie jemanden schnell die Treppe hinunter rennen. Es war Marie, die hastig Stiefel anzog und sich ihren Mantel schnappte. „Nimm mich mit!“
 „Drückst du dich auch nicht nur vor den Hausaufgaben?“ Delilah knöpfte ihren Mantel zu und zog ihre Stulpen an den Beinen hoch. Wenn sie Glück hatte, bekam sie zu Weihnachten einen knöchellangen Mantel.
 „Hausaufgaben kann ich machen, wenn wir zurück sind. Hab nur Astronomie auf, das geht schon.“
 Delilah steckte die freie Hand in Maries Manteltasche und stellte fest, dass sie nicht nennenswert wärmer war als die Luft. Die Sonne schien und ließ den Schnee auf den Wiesen glitzern, brachte aber keine Wärme. „Es gab Zeiten, da wolltest du das studieren.“
 Marie rempelte sie sanft mit der Schulter an. „Da war ich vierzehn, Mädel. Damals bestand das Fach noch daraus, in welcher Reihenfolge die Planeten kommen. Heute sind es Diagramme für Sterntemperaturen, allein wenn ich dran denke … Lass uns bitte das Thema wechseln. Hast du schon ein Date für den Ball?“ Ihre Stimme hatte einen frechen Ton angenommen. Wahrscheinlich rechnete sie nicht damit. Normalerweise hätte sie damit auch recht.
 „Ich geh mit Ray. Und du?“
 Für einen Moment sah Marie enttäuscht aus, Delilah konnte sich nicht vorstellen, weshalb. „Elliot Steward hat mich heute Morgen gefragt. Ich hab zugesagt, unter der Bedingung, dass er nicht die Gürtelschnalle nimmt, die aussieht wie ein NES-Controller.“
 „Aber die hat er doch am liebsten, oder?“ Er war noch immer ein Spielenarr und vor allem total verrückt nach allem in acht oder sechzehn Bit. Früher waren sie alle so gewesen, aber nun hatte Delilah nicht mehr viel Zeit für solche Dinge. Ihre Großmutter nahm sie mit zu Empfängen und Konferenzen. Dabei hatte Ray recht gehabt, als er gemeint hatte, dass noch gut und gern hundert Jahre vergehen würden, bis es so weit war. Ingrid nahm bloß lieber sie mit, weil sie gesellschaftsfähiger war als Lindsay. Nicht, dass die Wert darauf legen würde, mitzugehen.
 „Aber er hat es versprochen. Und auch, dass er normale Manschettenknöpfe nimmt.“
 „Eigentlich ist es aber ganz cool“, gab Delilah zu bedenken.
 Marie nickte und verdrehte die Augen. „Schon möglich, aber nicht auf dem Ball.  Bleibt es dabei, dass wir morgen einkaufen?“
 „Natürlich.“ Delilah machte die Leine kürzer, als sie in den Park kamen. „Wollen wir uns gegenseitig die Haare machen?“
 „Klasse Idee!“ Marie sprang über eine zugefrorene Pfütze. „Dann können wir uns auch schminken, ich hab neuen Lippenstift gekauft, der würde wunderbar zu deinen Augen passen. Ach, ist das herrlich, dass unsere Schulen zusammen feiern.“
 „Find ich auch. Aber es wäre ja wirklich Quatsch gewesen, wenn ihr einen Weihnachtsball veranstaltet hättet, wo da doch alle aus dem Internat nach Hause gefahren sind.“ Sie nahm Hunter auf die andere Seite, als ein Mann mit einem Spitz an ihnen vorbeilief und das Hundchen die ganze Zeit kläffte. Sicher, den Wolfshund interessierte das nicht, aber zur Sicherheit.
 Sie blieben stehen, als Hunter sich besonders für ein Gebüsch interessierte. Die Kinder, die auf der Wiese Schneemänner bauten, schauten immer mal zu ihnen hinüber.
 „Marie?“
 „Hm?“
 „Ray hat gemeint, ich sei zu sehr auf die Familie fixiert. Meinst du, er hat recht?“ Es hatte ihr doch irgendwie zu denken gegeben. Bisher war sie nie auf die Idee gekommen, irgendwas mit den Leuten aus ihrer Klasse zu unternehmen. Wirkliches Interesse hatte sie noch immer nicht daran. Daheim gab es zudem auch wirklich viel zu tun. Nicht zuletzt lag es an dieser Sache, wegen der sie die Leute auch nicht mit nach Hause bringen durfte.
 Marie sah sie an und runzelte die Stirn. „Keine Ahnung. Aber wenn du nichts vermisst, ist es doch okay, oder? Echt mal, was du dir hier für Gedanken machst … Ich meine, er kann doch nicht ernsthaft dafür sein, dass du mit diesen …“
 Delilah hob die Schultern. „Auch wieder wahr. Hey, ich hab Selen und dich. Wollen wir einen Tee trinken, bevor wir nach Hause gehen?“

Sofort, als Delilah die Neuen sah, wusste sie, dass das keinen guten Verlauf nehmen würde. Manche von denen waren nicht viel älter als sie, für einige war dies hier die Alternative zum Gefängnis. Wie ihre Großmutter auf die Idee gekommen war, Straftäter zu ‚Sicherheitskräften’ zu machen, war ihr unbegreiflich. Bloß konnte es nun keiner mehr ändern, also sollten sie das Beste daraus machen. Hier waren es auch nur drei, von denen einer aussah, als würde er hinter Gittern nicht lang überleben. Er hatte ein jungenhaftes Gesicht und machte keinen sonderlich selbstbewussten Eindruck.
 „Wieso?“, fragte Delilah zu ihrer Tante gebeugt.
 „Nordirland“, raunte Lindsay und nahm die Füße vom Tisch. „Bin echt froh, dass du da bist, Kleines. Das kann nur die Hölle werden.“
 „Hmm …“ Es war sieben Uhr und Delilah las die Anwesenheitsliste vor. Zwölf Leute, darunter drei Mädchen. Es gab Zeiten, da waren es insgesamt nur drei, aber in diesem Jahr, wo sie hier sitzen musste, war es natürlich anders.
 Mit hinter dem Kopf verschränkten Händen lehnte Lindsay sich zurück. „Ihr kotzt mich jetzt schon an“, begann sie und Delilah ließ ihren Bleistift fallen. Unter die Tisch zwang sie sich dazu, nicht zu lachen. Das würde eine Katastrophe geben und Ingrid würde schon sehen, was sie da angerichtet hatte.
 „Leider interessiert das keinen und ich hab euch jetzt die nächsten acht Wochen am Hals. Darf euch zeigen, wie es hier läuft. Ich darf mir eure beschissenen Probleme anhören und – was?“
 Einer war aufgestanden und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er hieß James Barnes und gehörte zu den Straftätern. Die kurzen Haare hatte er sich zurückgekämmt. Wenn es hochkam, war er 25.
 „Kommt auch irgendwann ein echter Kerl oder muss ich mich die ganze Zeit von dir zuquatschen lassen?“ Das hämische Grinsen, mit dem er das fragte, gefiel Delilah gar nicht. Sie warf ihrer Tante einen langen Blick zu.
 „Sieh dir das an, Delilah“, sagte sie und deutete auf Mr Barnes. „Jimmy hier hat noch Probleme mit seiner Entscheidung. Denkst du, Mum und du könnt ihm helfen?“
 Delilah verstand und ging zur Tür. „Mitkommen.“ Bevor sie hinter Barnes den Raum verließ, faltete sie noch einmal in einer bittenden Geste die Hände. Hoffentlich geschah nichts, während sie weg war.
 Auf dem Weg zum Büro sprachen sie kein Wort, sie öffnete nach einem kurzen Klopfen und schob ihn nach drinnen.
 Ingrid sah von einem Dokument auf und Katherine, die halb auf dem Schreibtisch gelegen hatte, setzte sich wieder auf die Ecke. „Was?“
 Am Handgelenk zog Delilah Mr Barnes zum Besucherstuhl und er ließ sich darauf fallen. „Offenbar hat er ein Problem mit Lindsay.“
 Ingrid zog eine Schublade des Schreibtisches auf, schob sie aber sogleich wieder zu, nachdem sie das, was darin lag, einen Moment kritisch beäugt hatte. „Was interessiert mich das? Ihre Probleme mit meiner Tochter regeln Sie bitte selbst, aber wenn Sie lieber ins Gefängnis wollen, lässt sich das einrichten.“ Sie nahm den Hörer des alten Wählscheibentelefons in die Hand.
 „Bloß nicht.“ Mr Barnes fuhr aus dem Stuhl hoch und stand unschlüssig im Raum. Einige Male ballte er seine Hände zu Fäusten.
 „Dann verschwinden Sie.“ Ingrid legte den Hörer wieder auf die Gabel und lehnte sich zurück. „Und Delilah. Sag Lindsay, sie hat freie Hand. Ich kann es nicht brauchen, dass alle paar Minuten einer herkommt und sich beschwert. Sie soll es nur nicht übertreiben.“
 „Natürlich.“ Delilah beugte sich ein Stück vor. „Kommen Sie, Mr Barnes. Sie wollen doch nicht die gesamte Einführung verpassen.“
 Er folgte ihr auf den Gang. „Soll ich mich wirklich von der rumkommandieren lassen?“
 „Wenn Sie nicht in den Knast wollen. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, einfach mitzuspielen. Weil wir gerade Regel eins verpassen: Anweisungen werden befolgt, wie sie gegeben werden. Natürlich können Sie vorher noch ein bisschen diskutieren, aber meistens ist es sinnvoll, keine Zeit zu verschwenden.“
 Er nuschelte ein paar unverständliche Wörter.


 Lindsay hatte sich auf den Tisch gesetzt und hatte gerade über Hierarchien gesprochen. „Noch mal gesondert für dich“, sagte sie jetzt und ihr Blick folgte Mr Barnes, der zu seinem Platz ging. „Wir können es uns leicht machen und versuchen, diese zwei Monate ohne große Schäden hinter uns zu bringen. Oder ich mach dir deine Zeit hier so zur Hölle, dass du freiwillig für immer in eine Einzelzelle wanderst und die Wärter darum anflehst, den Schlüssel wegzuwerfen.“
 Delilah hatte keinen Zweifel daran, dass ihre Tante die zweite Option bevorzugen würde. Aber sie war hier, um genau das zu verhindern. „Die Chefin sagt, du darfst machen, was du willst, so lang es sich im Rahmen hält.“ Sie setzte sich ebenfalls auf den Tisch und ließ die Beine baumeln.
 „Das gefällt mir.“ Ihre Laune schien sich etwas zu verbessern, aber der Grund, den Delilah dafür vermutete, war nicht positiv. „Kommen wir also zu Regel zwei. Keiner agiert allein, wir bilden immer Zweierteams. Kann sich jemand denken, warum das so ist?“
 „Vier Augen sehen mehr als zwei“, warf eines der Mädchen ein.
 „Genau, Clarice. Aber ist auch jemand hier, der nicht nur mit Phrasen um sich wirft?“
 „Einfach zur Sicherheit?“, meldete sich die Sitznachbarin von Clarice zu Wort. „Du könntest übrigens ruhig etwas netter sein.“
 Lindsay hob die Brauen. „Aber was hätte ich davon? Natürlich hast du recht mit deiner Antwort. Bekommt ihr es allein hin, euch aufzuteilen oder sollen wir das erledigen? Bis übermorgen ist Zeit.“ Sie machte eine Pause. „Was fehlt? Regel drei … Ich vergesse immer wieder, was Regel drei ist.“
 „Wer einmal hier arbeitet, kommt nicht wieder raus.“
 „Ach, ja. Genau. Danke, Kleines. Na ja, zumindest nicht lebend.“
 Ein paar lächelten schief, wurden aber bald wieder ernst. Das war ja auch kein Witz gewesen. Delilah wüsste nicht, dass jemand jemals einfach gekündigt hatte und gegangen war.
 „Wer sollte aber auch raus wollen? Ihr kriegt Massen an Kohle, ein Haus, Urlaub, teilweise könnt ihr euch eure Jobs selbst aussuchen. Aber eine Regel war da noch. Nummer vier … Oh, stimmt. Es gilt natürlich nur, solang ihr hier seid, aber es ist wichtig. Bringt niemanden in dieses Haus.“
 „Wieso?“, fragte einer der Männer.
 „Erstens wohnen vorrangig wir hier und wir wollen natürlich keinen ‚Besuch’, den wir nicht kennen. Zweitens ist es sozusagen Firmengelände und da haben Unbefugte nichts zu suchen.“ Damit wimmelte Delilah auch Klassenkameraden ab, wenn die sie besuchen wollten.
 „Wunderbar erklärt, Kleines. Das wären dann also die wichtigsten Regeln. Fragen?“
 „Wo darf ich rauchen?“, fragte einer. Ein paar andere nickten, sie wollten dasselbe wissen. Es war immer die erste Frage, die kam.
 „Überall, wo ein Aschenbecher steht. Weitere?“
 „Kriegen wir eine Art Zeitplan?“, fragte ein Mann mit rasiertem Kopf. Er war auch einer der Straftäter.
 Lindsay sah Delilah an, die nur die Schultern hob. „Ich werd mal Wolfe fragen, der das hier eigentlich macht. Vielleicht hat er einen angelegt, den könnten wir dann übernehmen. Noch eine letzte Frage von mir. Hat einer von euch ein Problem, von dem ich wissen sollte? Eine Krankheit? Eine Sucht? Schulden?“ Sie wartete, aber keine antwortete. „Dann verzieht euch. Morgen taucht ihr halb vier im Keller auf, zur Schießübung.“
 Sie blieben sitzen, bis die Neuen den Raum verlassen hatten. Sofort knöpfte Lindsay ihr Hemd auf und legte sich auf dem Tisch zurück. Mit beiden Händen hielt sie sich das Gesicht zu. „Ich hasse es.“
 Delilah beugte sich über sie. „Ich fand es halb so schlimm.“
 Lindsay sah sie an. „Ja, weil es ne halbe Stunde Einführung war. Normalerweise sind es zwei Stunden. Zwei. Stunden.“ Eine Weile starrte sie einfach an die Decke, dann stand sie auf und ging zur Tür. „Komm, lass uns was essen.“

In der Küche fanden sie Delilahs Vater, der gerade mit einem Teller Sandwichs am Tisch saß. Delilah setzte sich neben ihn und nahm sich eins.
 „Wie war’s?“, fragte er und sah dabei zu, wie Lindsay den Teller zu sich zog. „Nein.“
 Sie schob ihn wieder zurück, nachdem sie sich eins genommen hatte. „Och, Mike, das nervt. Willst du nicht an meiner Stelle …“
 „Nein.“ Er grinste sie an. „Ich hab in den nächsten Monaten in ner Konzerthalle zu tun. Hach ja, ich werd fürs Musikhören bezahlt.“ Er streckte sich und legte einen Arm um Delilah. „Wie war dein Tag?“
 „Schön, bis eben zumindest. Aber wir schreiben am Donnerstag einen Test. Bio.“ Es würde um Genetik gehen. Stammbäume und Erbkrankheiten.
 Lindsay stand auf und nahm die Dose mit Kaffee aus dem Schrank. „Hey, Rachel, willst du …“ Einen Moment stand sie da wie zur Salzsäule erstarrt, schlug ihren Kopf gegen den Schrank und drehte sich um. Ihre Augen waren weit aufgerissen. „Verdammt! Das tut mir leid.“
 Mit einem Lächeln schüttelte Delilah den Kopf. Das war schon oft passiert. Regelmäßig, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Mittlerweile hatte es sich gegeben, aber irgendwer versprach sich immer mal. „Aber nen Kaffee hätte ich gern.“

Zusammen mit Selen und Ray saß Delilah auf dem Boden vor ihrem Bett. Selen sprach die ganze Zeit über das Buch, das sie gerade im Englischunterricht lasen. Darüber, dass sie nicht ganz wusste, was sie davon halten sollte. Delilah erinnerte sich, sie hatten Der Fänger im Roggen auch gelesen. In den Wochen danach war sie von einem seltsamen Gefühl erfüllt gewesen, das sie kaum beschreiben konnte. Dieses Buch hatte sie auf eigenartige Weise gefangen genommen wie seitdem nur Moby Dick, das Sara ihr zu lesen gegeben hatte.
 Im Moment versuchte sie, romantische Gemälde den richtigen Künstlern zuzuordnen. Theoretisch sollte das kein Problem sein, sie hingen überall im Haus, viele von denen, die ihr Kunstlehrer ihnen gezeigt hatte, kannte sie also schon. Bloß sahen sich viele so ähnlich. Natürlich hätte sie einfach im Internet nachsehen können, aber das wäre zu einfach. Ein bisschen konnte sie sich noch anstrengen.
 „Das ist Turner.“ Ray deutete, ohne hinzusehen, auf das Bild eines Segelschiffes. „Die Fighting Téméraire. Erinnerst du dich an Geschichte letzten Donnerstag? Ms Blair hat sich ellenlang über die Industrialisierung ausgelassen und das hier als Beispiel genommen. Du siehst ja. Das Dampfschiff, das Segelschiff wird nicht mehr gebraucht, die untergehende Sonne.“
 Selen sah ihn schief an. „Warum merkst du dir so was?“
 Er hob die Schultern. „Keine Ahnung. Die Zeit interessiert mich halt. Deswegen hab ich mir auch gemerkt, dass die Birkenspanner in Liverpool schwarz geworden sind. Sie werden allerdings auch wieder weiß.“
 „Danke.“ Delilah schrieb den Namen unter das Bild. „Das Stonehenge hier, John Constable, oder?“ Auch darunter schrieb sie den Namen, als Ray nickte.
 „Oooh“, machte Selen, als Delilah die Seiten umblätterte. „Sieh dir das an, wie schön!“
 „Das ist Girtin“, erinnerte sich Delilah und schrieb den Namen drunter. In der Stunde hatte ein Druck an der Tafel gehangen. „The Thames from Queenhithe to London Bridge. Und das hier. The Thames from Westminster to Somerset House. Den Stil würde ich aus Hunderten wiedererkennen.“
 „Kann ich mir das dann übernehmen?“, fragte Ray und lächelte, als könnte er kein Wässerchen trüben.
 Delilah nickte langsam. „Aber natürlich, Ray. Schließlich hättest du nicht einfach von Anfang an deine Sachen auspacken und mitmachen können.“ Sie legte ihm ihren Hefter hin.
 „Wie du sehen kannst, war ich bis eben damit beschäftigt, auf dem SNES deiner Tante Mega Man X2 zu spielen. Wie sollte ich gleichzeitig Hausaufgaben machen?“
 Selen lachte. „Natürlich sind Spiele, die älter sind als wir beide zusammen, wichtiger als die Hausaufgaben für morgen. Keine Sorge, ich mach für dich weiter.“ Sie nahm ihm den Controller aus der Hand und ignorierte seine Proteste, dass er das selbst machen wollte. „Ist ja nicht so, dass wir das schon Hunderte Male durchgespielt hätten. Ach, nein.“ Sie lehnte sich an Delilah und klimperte mit den Wimpern. „Gehen wir mal zusammen Eislaufen? Am Somerset House?“
 Nachdenklich sah Delilah zu ihrem Schrank, in dem ihre Schlittschuhe lagen. Diese Woche war ungünstig. Sie hatte viel vor und außerdem waren da die Klavierstunden. „Wenn du meine Sachen mitbringst, können wir morgen gehen. Dann treffen wir uns meinetwegen um sechs.“
 „Wär’ ne Idee.“ Ray gab ihr den Hefter zurück und steckte seine Sachen wieder weg. „Beleuchtet sieht schöner aus. Hey, wollen wir lieber zusammen was zocken?“
 „Haben wir da was?“ Selen zog den Spielestapel zu sich, der neben der Konsole lag.
 „Vielleicht kommt die Frage nach zwei Monaten etwas spät, aber wie seit ihr auf die Idee gekommen, das Ding vom Dachboden zu holen?“ Delilah griff hinter sich und nahm eines der zahlreichen Kissen von Selens Bett. Trotz des Teppichs war der Fußboden mit der Zeit unbequem.
 Die beiden warfen sich einen Blick zu und schließlich antwortete Selen: „Wir haben was anderes gesucht und ihn gefunden. Hier, also Secret of Mana oder Rock n Roll Racing.“
 „Nee, kein Rennspiel.“ Ray steckte Secret of Mana ein. „Das geht zu dritt, hab ich mir sagen lassen. Willst du dann mitspielen, wenn es soweit ist?“
 „Oh, bestimmt. Was könnte schöner sein als ein altes Spiel? Aber denkst du, du schaffst heut besonders viel?“ Sie sah auf die Uhr. Es war nach neun, bald würde er nach Hause müssen. Seine Mutter war schon gekommen, um ihn abzuholen, daraufhin hatte Selen sie und Lindsay ins Kaminzimmer gesetzt. Auch wenn sie sich freuen würde, rechnete Delilah nicht damit, dass es was brachte. Da war immer noch Rays Vater, der die Sache auf keinen Fall mitmachen würde.
 „Im Schrank sind doch Sachen von ihm. Und wahrscheinlich würde es Sara auch nicht stören, hier zu schlafen. Richard können wir immer noch sagen, dass sie bei dem Wetter nicht fahren wollte.“ Selen sah ihn an, als würde sie sich genau das wünschen.
 Ray nickte übertrieben. „Ich werde ganz bestimmt meinen Vater belügen. Klar kann ich hier schlafen, aber darauf wäre ich lieber vorbereitet.“
 Selen seufzte. „Stimmt auch wieder. Aber was wäre denn die Alternative? Sie müssten sich aussprechen.“
 „Ehe das passiert, hab ich geheiratet und die Firma übernommen“, fügte Delilah an.
 Selen fing an zu lachen. „Ja, vor allem heiraten.“ Sie streckte sich und stand auf. „Ich glaub aber, wir sollten wirklich mal nachsehen, wie die Sache liegt.“
 Ray zog sie wieder auf den Boden. „Lass mich wenigstens noch spielen, bis ich einmal speichern kann, sonst hab ich umsonst angemacht.“

„Natürlich hat es nichts gebracht.“ Delilah zupfte das Kleid zurecht, das Marie angezogen hatte. Es war grün und an der linken Seite war der Stoff zu einer Blüte gerafft. „Na ja, an sich ist es ganz hübsch, aber schau mal, hier um die Brust, viel zu weit.“ Mit zwei Fingern zog sie den Stoff unter Maries Arm straff.
 Marie sah an sich runter. „Aber bei einer kleineren Größe krieg ich den Reißverschluss nicht zu.“ Sie zog den Vorhang der Kabine wieder zu und reichte Delilah das Kleid.
 Die hängte es zu ein paar anderen auf die Stange und ging in eine andere Kabine. Das Kleid, das Marie für sie ausgesucht hatte, war hellblau, trägerlos, reichte bis zu den Knien und war mit wenigen silbernen Pailletten besetzt. Sie wollte nicht endlos Kleider anprobieren, so wie Marie. Darum war sie ganz froh, dass das hier passte. Auf Zehenspitzen trat sie aus der Kabine und zeigte sich ihrer Cousine.
 „Mädel, das ist klasse. Dreh dich mal.“ Sie beugte sich leicht vor, als Delilah tat, wie geheißen. „Das solltest du nehmen.“
 Delilah war erleichtert. Auf Maries Meinung konnte sie vertrauen. Also zog sie sich schnell um und ging los, um Marie ein neues Kleid auszusuchen. Bald fand sie ein rotes, ebenfalls ohne Träger, sehr schlicht gehalten. Marie zog Delilah mit in die Kabine. Erschrocken schrie sie auf.
 „Ein kürzeres hast du nicht gefunden?“, fragte Marie und piekste ihr in den Bauch. „Ich hab Boxershorts an, wie sieht das aus?“ Sie zog es sich über den Kopf und zog es so weit hinunter, wie sie konnte. Gerade so wurden die Beine der Shorts verdeckt.
 Delilah konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. „Seit wann trägst du so was? Und warum, wenn du Kleider anprobieren willst?“
 „Dad hat mir mal welche gekauft, er fand das witzig. Und wenn sie dann im Schrank ganz oben liegen, zieh ich sie halt an. Woher sollte ich wissen, dass du das hier anschleppst?“ Sie wandte sich dem Spiegel zu. „Um ehrlich zu sein, war die Wahl gut. Gefällt mir. Was sagst du?“
 Delilah sah in den Spiegel und dann auf die echte Marie. „Elliot wird es nicht bereuen, für einen Abend von seiner Gürtelschnalle getrennt zu sein. Das ist es wert, ernsthaft.“
 „Danke. Dann warte doch bitte, bis ich mich umgezogen hab.“ Sie schob den Vorhang ein Stück zur Seite und Delilah ging nach draußen. „Was ist denn nun dabei rausgekommen, gestern Abend?“
 Delilah setzte sich auf einen Hocker und stützte das Kinn auf die Hände. „Natürlich nichts. Es liegt ja nicht an Sara, aber sie sieht auch, dass es keinen Sinn hat. Es würde dadurch nur schlimmer, hat sie gesagt.“
 „Damit hat sie auch recht“, ließ sich Marie vernehmen ihre Hände erschienen über dem Rand der Kabine, als sie den Pullover überzog. „Wie immer eigentlich. Vielleicht solltet ihr mal Lindsay und Richard in einen Raum sperren.“
 Delilah lachte freudlos. „Zwei gehen rein, eine kommt raus, oder was? Die beiden werden sich niemals einig. Wobei ich es zugeben muss, dass sie sich echt Mühe gibt, sich nicht provozieren zu lassen.“
 „Der Grund ist offensichtlich.“ Marie kam aus der Kabine und sie gingen zur Kasse. „Sara würde das gar nicht gefallen. Das ist doch alles Mist.“
 Delilah bezahlte für beide Kleider zusammen zweihundert Pfund, das war die Hälfte von dem, was ihre Großmutter ihnen mitgegeben hatte. Vor dem Laden wartete ihr Vater, der auf einer Bank saß und zu Boden starrte.
 „Wollt ihr noch Schuhe?“, fragte er und stand auf. Bereitwillig nahm er ihnen die Tüten ab. Tatsächlich war er nur mitgekommen, weil er die Sachen dann nach Hause bringen wollte. Anscheinend machte es ihm nichts aus, zu warten.
 „Oh, ich brauch unbedingt welche.“ Marie ging voraus. „Am besten schwarze.“
 Delilah schüttelte den Kopf. „Ich nehm die von Mum. Die passen mit Sicherheit zu dem Kleid.“
 Ihre Cousine drehte sich um und lief ein paar Schritte rückwärts, musterte sie aufmerksam. „Ja, da könntest du recht haben. Und solche findet man heute kaum noch. Trotzdem kommst du bitte mit rein und berätst mich.“

 Ins Schuhgeschäft kam Delilahs Vater mit. Er meinte, er bräuchte noch ein Paar Winterstiefel. Also verzog er sich in Männerabteilung und ließ die beiden Mädchen vor zwei Regalen voller Tanzschuhe stehen.
 „Ballerinas?“ Rachel nahm ein Paar in die Hand.
 Marie sah sie schief an. „Hast du Elliot Steward jemals gesehen? Der ist eins neunzig. Wenn ich da Schuhe ohne Absatz anziehe, tanze sich mit seiner Krawatte. Wie findest du die?“ Sie nahm ein paar schwarze Schuhe und Delilah gab ihr Seidenstrümpfe, die zum Anprobieren auslagen. Die Schuhe hatten mäßig hohe Absätze und die Riemen waren mit Strasssteinchen besetzt. Im Gegensatz zu Delilah, die höchstens Stiefel mit kleinen Absätzen trug, wenn sie mit ihrer Großmutter wegging, war Marie solche Schuhe gewohnt. Sie brauchte nur ein bisschen Hilfe beim Aufstehen.
 „Geh mal nen paar Schritte und sag mir, ob sie bequem sind.“
 Marie machte eine Runde um eines der Regale und machte dabei keine schlechte Figur. „Wie viel Zeit haben wir?“
 Delilah sah auf die Uhr. „Ne halbe Stunde bis Somerset House. Also nicht mehr so viel.“
 Marie lächelte. „Dann nehm ich die. Willst du noch was?“ Sie zog Schuhe und Strümpfe wieder aus und ihre eigenen an.
 Unentschlossen hob Delilah die Schultern. „Wir müssen eh noch auf Dad warten. Ist bei ihm mit der Größe immer so ne Sache, das kann dauern. Umschauen schadet ja nichts.“
 Sie liefen durch die Regale und Delilah entdeckte ein paar Schuhe, die ihr wirklich gefielen. Allerdings waren darunter keine, die sie im Winter anziehen konnte. Diese Saison war schon vorbei. Wintersachen kaufte man im Herbst. Als sie ein paar Jahre zuvor dringend eine warme Jacke gebraucht hatte, hatte sie keine gefunden und eine im Internet bestellen müssen. Allerdings hatten sie die zweimal zurückschicken müssen, weil beide Größen nicht wirklich gepasst hatten.
 Nach ein paar Minuten kam ihr Vater mit einem Karton Winterschuhe zur Kasse. „Aus dem Lager“, meinte er und bezahlte auch Maries Schuhe. „Macht es euch was aus, wenn ich in nen Plattenladen geh?“
 Delilah schüttelte den Kopf. „Wir können allein zum Treffpunkt gehen. Bis heut Abend. Und danke.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, die nach Rasierwasser schmeckte.
 „Danke“, sagte auch Marie.

Selen und Ray standen auf der Waterloo Bridge und sahen auf die Themse. Früher, als sie manchmal im Winter zugefroren war, hatte auf dem Eis ein Weihnachtsmarkt stattgefunden. Irgendwie war es schade, dass es seit langer Zeit nicht mehr geschehen war.
 Selen schien ausgesprochen gute Laune zu haben, sie rannte auf Delilah zu und fiel ihr um den Hals. „Du wirst mir nicht glauben, was ich für ein schönes Brautkleid gefunden hab! Mit schwarzer Spitze und Tüll und gestickten Blumen!“
 „Aber wozu brauchst du ein Brautkleid?“, fragte Delilah und klopfte Selen auf den Rücken. „So schnell werdet ihr nicht heiraten.“
 Ray trat neben sie und drückte ihr den Beutel mit zwei Paar Schlittschuhen in die Hand. „Das hab ich auch gesagt. Aber sobald sie einen Brautladen sieht, rastet sie förmlich aus.“
 „Und du willst das Kind deiner Eltern sein?“, fragte Delilah mit einem Lächeln.
 Selen stemmte die Hände in die Hüften und streckte ihr die Zunge raus. „Und du willst das Kind deiner Mutter sein?“
 „Na, das sieht man ja wohl.“ Marie legte einen Arm um Delilahs Schultern.
 „Stimmt auch wieder.“ Selen nahm Rays Hand und sie gingen zur Eisbahn.
 Delilah bezahlte von Ingrids Geld und hatte noch immer was übrig. Wahrscheinlich würden sie sich noch ein Taxi nach Hause nehmen müssen. Es machte ja auch keinen echten Unterschied, wer bezahlte. Die einzige, die nicht für die Firma arbeitete, war Maries Mutter.
 Zu viert drehten sie Runde um Runde. Es hatte begonnen, in großen Flocken zu schneien. Je dunkler es wurde, desto schöner wirkten die Laternen und beleuchteten Fenster im Haus. Delilah liebte den Winter.
 „Wenn wir daheim sind, müsst ihr mir unbedingt eure Kleider zeigen.“ Selen sprang unvermittelt, wollte sich auf die beiden stützen. Während das Ray überhaupt nichts auszumachen schien, fiel Delilah beinahe. Marie konnte sie im letzten Moment halten.
 „Bist du verrückt?“, entfuhr es ihr. „Du bist doch keine fünf mehr. Und ich bin nicht deine Mutter.“ Sie blieb stehen und rieb sich das schmerzende Handgelenk.
 Selen nahm sie in den Arm. „Entschuldige, ich vergess’ das manchmal. Habt ihr auch Schuhe gekauft?“
 „Ich nicht, ich zieh die von Mum an. Aber Marie hat sich ein unheimlich schönes Paar gekauft. Was habt ihr so gemacht?“ Sie hakte sich bei Selen ein und sie schlossen wieder zu den beiden anderen auf.
 „Ach, nicht viel. Nachdem ich vom Schwimmen gekommen bin, waren wir mit dem Hund draußen. Die einzige, die heute schneller war als ich, war Jessica. Aber diese Woche muss ich noch mal extra trainieren. Kommst du mit?“
 „Das wird leider nicht gehen. Morgen hab ich gar keine Zeit, da hab ich die Neuen und danach auch noch Klavierstunden. Höchstens Freitag nach den Neuen.“
 „Wenn wir jemanden finden, der uns abends noch ins Schwimmbad fährt. Meinst du, Grandma lässt ein Fünfundzwanzigmeterbecken in den Keller bauen, wenn ich sie lieb darum bitte?“ Selen versuchte, ein unschuldiges Gesicht aufzusetzen. Mit den von der Kälte geröteten Wangen gelang ihr das sogar fast.
 „Nein.“ Marie drehte sich um und lief rückwärts. „Heutzutage kann man keine Bauarbeiter mehr in diesen Keller lassen. Zumal da auch noch ein Keller drunter ist.“
 „Aber heutzutage braucht auch keiner mehr die alten Kerker. Wann hatten wir zum letzten Mal einen Gefangenen?“
 Delilah überlegte einen Moment. „Als deine Mutter zehn war. William Peters“, sagte sie und sah in den Himmel. Er war voller Wolken. „Hat Megan mir mal erzählt. Die erste Woche hat er da unten gesessen. Den kennt ihr gar nicht mehr, oder?“
 Selen hob nur die Schultern. Sie war etwas älter als ein Jahr gewesen, als er gestorben war. Marie und Ray sahen sich lange an.
 „Ist das lang her …“, meinte Ray und blieb ein wenig zurück. „Da war ich zu klein, kann mich gar nicht erinnern. Und die beiden waren nicht oft hier.“
 „Megan hat mal woanders gewohnt?“ Selen sah nachdenklich in den Himmel.
 Marie nickte. „Dein Vater war nicht begeistert davon, dass Megan ihn geheiratet hat. Ich weiß nicht, wie viel du weißt, über die Sache spricht eigentlich keiner mehr. Daher kann ich dir auch nicht viel erzählen.“ Sie hatte sich ein Häuschen in der Stadt gekauft. Das, wo nun Sara und Richard wohnten. Megan selbst war momentan Patientin einer Nervenklinik. Nach dem Tod ihres Mannes war sie nach Wales gegangen und hatte sich lange Zeit nicht gemeldet.
 „Ich weiß gar nichts, hab nur den Namen ein paar Mal gehört.“
 „Das ist klar.“ Delilah zog sich die Mütze tiefer ins Gesicht. „Grandma hat mir so gut wie alles von damals erzählt. Dass Megan sich schrecklich mit deinem Vater gestritten hat, nur wegen William. Er hat so einige Fehler begangen, schwere Fehler.“ Die wollte sie nicht weiter ausführen, also legte sie eine kleine Pause ein. Ohnehin wusste Delilah davon und fand es nicht schlimm, sie sich nicht noch einmal anhören zu müssen. „Es hat lang gedauert, bis sie sich beruhigt hat und aus Wales wiedergekommen ist. Ach verdammt, was red ich hier? Das ist alles längst vergangen. Pass auf, Selen. Spätestens, wenn ich den Laden leite, kriegst du deinen Pool im Keller.“

Marie und Delilah standen in neuen Kleidern und Schuhen vor dem Spiegel in Maries Zimmer. Ray war direkt nach Hause gegangen. Selen saß auf dem Bett und Delilah meinte zu wissen, was sie gerade dachte. Seit der Ball offiziell angekündigt worden war, hatte sie immer wieder erwähnt, wie gern sie doch auch hingehen würde. Leider ließ sich das nicht einrichten, darum hoffte Delilah für sie, dass ihr Jahrgang im nächsten Jahr auch eine Veranstaltung auf die Beine stellen konnte.
 „Ich hab noch was für dich.“ Selen holte etwas aus einem kleinen Beutel, den sie seit einer Weile bei sich trug. Es war eine Kette mit einem blütenförmigen Anhänger, in den Sodalithen eingelassen waren. „Mum hat gesagt, ich soll dir das geben. Dann ist sie schnell zum Training abgehauen.“ Mit einem Lächeln legte sie Delilah die Kette um.
 Während sie sich im Spiegel ansah, in diesem Kleid und mit der Kette um den Hals, stiegen ihr Tränen in die Augen, aber sie wusste nicht, wieso. Irgendwo hatte sie diese Kette schon einmal gesehen. Wenn sie sich nur …
 Als es ihr dämmerte, rannte sie aus dem Raum, ohne den beiden zu sagen, was los war. In ihrem Zimmer angekommen, schloss sie die Tür ab. Als sie die Schublade ihres Nachttisches öffnete, wusste sie schon, was sie zu erwarten hatte. Vorsichtig nahm sie das Hochzeitsfoto ihrer Eltern heraus. Darauf erkannte sie sich selbst als Zweijährige, wie sie auf dem Schoß ihrer Mutter saß. Die hatte die blonden Locken hochgesteckt, einen Strauß gelber Rosen in der Hand und ein absolut glückliches Lächeln im Gesicht. Ihr Vater hatte einen Anzug an und hatte sich die Haare zurückgekämmt. Sie selbst trug ein lavendelfarbenes Kleidchen mit einer Stoffblume und Rüschen. Am wichtigsten war jedoch die Kette, die um den Hals ihrer Mutter hing.
 Delilah spürte ihre Ohren heiß werden, als sie sich selbst an den Hals griff und einen der blauen Steine berührte. Tränen fielen auf das Glas des Bilderrahmens und sie rutschte vom Bett. Den Kopf auf die Knie gestützt saß sie da und weinte.
 Es würde niemals aufhören, da konnte sie tun, was sie wollte. Bloß war die Frage, ob sie wollte, dass es aufhörte. Sie war drei gewesen, als ihre Mutter gestorben war und konnte sich nicht sicher sein, dass irgendeine der Erinnerungen an sie wahr war. Hauptsächlich kannte sie ihre Mutter aus dem, was die anderen erzählt hatten. Lindsay sprach eigentlich nie über ihre Schwester – auch wenn sie anscheinend oft an sie dachte, aber ihr Vater hatte ihr einiges erzählt. Auch ihm schien das nicht leicht zu fallen. Irgendwann würde sie ihre Großmutter um die ganze Geschichte bitten müssen. Vielleicht auch Maries Vater. Dennoch war sie immer wieder erschrocken, wenn sie Bilder ihrer Mutter sah und sich selbst darauf erkannte.

 Es klopfte. Delilah ignorierte es. Die Klinke wurde runtergedrückt und jemand fluchte. Es war klar, dass Selen sofort ihre Mutter geholt hatte. Aber auch nur, weil ihr Vater gerade unterwegs war.
„Willst du aufmachen?“, fragte Lindsay und klopfte noch mal.
 Sie ging also zur Tür und schloss auf, das Bild noch in der Hand. Zuerst sah sie nur Lindsay auf dem Flur stehen, aber hinter ihr an der Wand lehnten Marie und Selen und sahen sie mit besorgtem Ausdruck an. Delilah versuchte zu lächeln, um die beiden zu beruhigen, wusste aber nicht, inwieweit ihr das mit verheulten Augen gelang.
 Lindsay trat ein und schloss die Tür hinter sich. „Gefällt sie dir nicht?“, fragte sie und wandte sich ab, als sie Delilahs Blick bemerkte. Das war eindeutig Blut an ihrem Pullover! Auf jeden Fall zog sie ihn jetzt aus und warf ihn in die Wäschekiste neben der Tür.
 „Das ist es nicht, ich find sie wirklich wunderschön.“ Delilah setzte sich auf ihr Bett und stellte das Foto auf den Nachttisch. In der Schublade lagen noch ein paar andere, eines von kurz nach ihrer Geburt, das Gesicht ihres Vaters war so voller Stolz. Auf dem Abschlussballfoto trug Rachel die Kette ebenfalls. „Ich war nur so überrascht … Immer, wenn ich in den Spiegel sehe …“
 Lindsay hockte sich auf den Boden und nahm Delilahs Hände. Sie lächelte nur und sagte lange nichts. Wenn es etwas gab, das sie nicht konnte, dann war es, jemanden zu trösten. Meistens half es einfach, wenn sie da war.
 Delilah wusste von ihrer Großmutter, dass Lindsay sich die Schuld an allem gab, auch wenn sie nichts dafür konnte.
 „Wenn ich dich ansehe“, sagte Lindsay irgendwann, „dann seh ich ein wunderhübsches Mädchen. Ich geb es zu, manchmal denk ich wirklich, sie würde vor mir stehen. Aber du, Delilah. Du siehst vielleicht aus wie deine Mutter, aber du bist ganz anders als sie. Alle wissen das und alle sind froh, dass du so bist.“ Ihr Lächeln veränderte sich, aber sie sagte nicht, was sie dachte. Delilah konnte es sich ohnehin denken.
 „Danke …“ Delilah lächelte und beugte sich nach vorn. „Für die Kette und die lieben Worte.“ Von ihr hörte man so was selten.

Delilah saß am Klavier und spielte eine Nocturne von Chopin. Hinter ihr auf dem Hocker saß ihre Großmutter, Delilah spürte den warmen Rücken an ihrem eigenen. Sie liebte diese Donnerstagabende, an denen sie einfach nur für Ingrid spielte. Immer dieselbe Nocturne und danach das Regentropfen-Prélude. Ansonsten war es vollkommen still im Raum. Es roch nach dem Rauch von Ingrids Zigarre. Die Schreibtischlampe auf dem Flügel war die einzige Lichtquelle. Mit Sicherheit saßen Marie und Selen draußen vor der Tür und hörten auch zu. Es war abgeschlossen, wenn jemand etwas wollte, musste er zu Gabriel gehen, der die Chefin vertrat, wenn sie außer Haus war. Seltsamerweise kamen verglichen mit anderen Abenden donnerstags auffällig wenig Leute in das große Büro.
 Die Klavierstunde am Nachmittag hatte ausfallen müssen, Delilah war mit zu einer Konferenz gekommen, bei der lauter ältere Herren und Damen über Sicherheitsvorkehrungen bei diversen öffentlichen Veranstaltungen gesprochen hatten. Es war öde wie immer gewesen. Die ganze Zeit hatte sie nur schweigend neben Ingrid gesessen. So ganz verstand sie nicht, warum sie so oft mitkommen sollte, es war stets dasselbe. Dafür war es bloß einmal im Monat, sofern nichts Besonderes anstand.

 Ingrid beugte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel. Delilah spürte, wie die Wärme von ihrem Rücken verschwand. Sie machte eine Pause, rieb sich die Hände.
 „Du gehst mit Ray zum Ball?“
 Einen Moment wunderte Delilah sich über diese Frage. Normalerweise interessierte Ingrid sich nicht für solche Angelegenheiten. Nach der Schule fragte sie nie, lehnte alle von Selens Bitten ab, Jessica oder Ember mit nach Hause zu bringen. „Ja“, antwortete sie und drehte sich halb auf dem Hocker um. „Wieso?“
 „Hat dich noch jemand anders gefragt?“
 „Ein paar.“ Nachdem sie Ray zugesagt hatte, hatten noch drei andere Jungs gefragt. Sie waren nett und manchmal unterhielt sie sich in den Pausen mit ihnen, aber das war kein Grund, eine Einladung anzunehmen.
 „Wärst du nicht lieber mit einem von denen gegangen?“
 „Nein.“ Jetzt setzte sie sich vollkommen auf die andere Seite des Hockers und beugte sich vor, um Ingrid ins Gesicht zu sehen. „Warum fragst du mich das?“
 Ingrid klopfte Asche von ihrer Zigarre in den Aschenbecher auf dem Boden. „Versteh mich bitte nicht falsch, mein Kind. Aber du bist siebzehn, wirst bald achtzehn. Ich denke, dass es langsam Zeit wird …“
 „Eigentlich nicht“, unterbrach Delilah sie und brach damit gleich zwei wichtige Regeln. Aber es ging tatsächlich um das, was sie sich gedacht hatte. Bloß hatte sie nie erwartet, dass ausgerechnet ihre Großmutter mit diesem Thema anfangen würde. „Ich wüsste nicht, wieso ich mit irgendwem von denen ausgehen sollte, und wenn es nur der Ball ist. Ich glaub übrigens nicht, dass du das wirklich willst.“
 Ingrid sah sie aus dem Augenwinkel an. „Du hast ja recht. Aber ich sehe, ich habe Fehler gemacht.“ Sie stand auf. „Gerade in der letzten Zeit hab ich dich viel zu sehr beansprucht.“
 Allmählich fragte Delilah sich, ob Ray mit ihr gesprochen hatte. Da war allerdings die Frage, warum sie auf das hören sollte, was er sagte. War es vielleicht Katherine gewesen? „Das find ich auch nicht. Es gefällt mir, Klavierunterricht zu haben und manchmal komm ich sogar gern mit auf diese Versammlungen. Wie viele Mädchen in meinem Alter können von sich behaupten, die Königin persönlich getroffen zu haben? Ehrlich, ich mach das alles gern. Außer vielleicht diese Sache in den nächsten Monaten.“ Delilah reichte ihr den Aschenbecher.
 Ingrid lächelte für einen Augenblick und wurde wieder ernst. „Dafür brauche ich dich leider. Und ja, ihr zieht das durch. Vielleicht lernt sie es dann. Ich weiß auch, dass das nicht passieren wird.“ Ihr Blick hing an dem blütenförmigen Anhänger, den Delilah noch nicht abgenommen hatte. „Aber vielleicht liegt das Problem ja genau darin, dass es dir gefällt. Lindsay hätte mich ausgelacht, wäre ich ihr mit Klavierstunden gekommen. Nick war fast nie zu Hause und das hat sich erst gegeben, als er einundzwanzig war. Sicher, du bist ein braves Mädchen und ich bin unheimlich stolz auf dich. Aber …“
 „Hör doch auf.“ Delilah stand auf und ging zum Fenster. Es war Neumond, der Garten und der Wald waren vollkommen dunkel. Am Himmel standen kalte Sterne, die ab und an von dünnen Wolken verdeckt wurden. Sie selbst spiegelte sich nur ganz undeutlich im Glas, so viel Licht spendete die Lampe nicht. Es war ungewohnt, Ingrid solche Dinge reden zu hören. Normalerweise machte sie den Eindruck, man habe keine ihrer Entscheidungen in Frage zu stellen. Nun tat sie das selbst, was sollte das? „Ich hab doch noch so viel Zeit, einen Mann zu finden. Im Moment interessiert mich das gar nicht.“

 Ingrid trat hinter sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Natürlich hast du das. Aber eigentlich wollte ich, dass nach diesen Vorfällen zumindest für euch alles normal ist.“
 Delilah lachte. „Wie viele normale Kinder hat diese Familie hervorgebracht?“
 Diese Frage blieb ohne Antwort, Ingrid schien nicht weiter darauf eingehen zu wollen. „In meiner Kindheit war dieses Haus furchtbar leer. Nur Vater, Katherine und ich. Walther war noch ein junger Mann.“
 Langsam nickte Delilah und versuchte, sich ein Kichern zu verkneifen. Es wollte ihr einfach nicht gelingen, sich den Butler als ‚jungen Mann’ vorzustellen.
 „Dieses Haus wird niemals wieder so leer“, meinte Delilah.
 Die Hand verließ Delilahs Schulter. Unter Ingrids Schritten knarrte der Dielenboden, bis sie auf den Teppich trat. „Ich muss gestehen, dass ich mehr mit dir vorhabe, Delilah. Wie du weißt, setze ich mich in drei Jahren zur Ruhe. Nun wirst du mit mir übereinstimmen, wenn ich sage, dass ich meiner Tochter gewisse Aufgaben nicht übertragen kann.“ Sie ließ sich wieder auf den Hocker sinken.
 Delilah lehnte sich ans Fensterbrett und nickte. Da hatte sie recht, Lindsay konnte man solche Angelegenheiten nicht zumuten. „Darum nimmst du mich mit. Du willst, dass ich das in Zukunft erledige.“
 „In der Tat, mein Kind.“ Ingrid drückte die Zigarre aus und schlug die Beine übereinander. „Weißt du, ich würde das gern Sara anvertrauen und sie würde das mit Freuden übernehmen, aber jemand würde sich beschweren, weil sie nicht zur Familie gehört. Allerdings kann ich das nicht einfach von dir verlangen. Theoretisch kann ich nicht einmal erwarten, dass du dich in den nächsten Jahren an der Firma beteiligst.“
 „Doch, natürlich kannst du das“, erwiderte Delilah. „Sobald ich mit der Schule fertig bin. Es gibt nichts, was ich lieber täte.“ Sie konnte sich ernsthaft nichts vorstellen, was sie nach der Schule tun wollte. Darüber hatte sie sich niemals Gedanken gemacht, für sie hatte immer festgestanden, dass sie hier bleiben wollte. Die ganze Erziehung ihrer Großmutter und auch ihres Vaters hatte darauf abgezielt, dass sie eines Tages die Firma leiten würde – auch wenn das noch hundert Jahre dauern würde.
 Ingrids Gesichtszüge wurden weich. Das hatte Delilah zuletzt gesehen, als sie noch klein gewesen war. „Wie kann ich dir danken?“, fragte sie und nahm eine neue Zigarre aus einem kleinen Etui, das sie immer in der Brusttasche ihrer Weste bei sich trug. Genau wie das metallne Feuerzeug, von dem Delilah wusste, dass es Ingrids Vater Arthur gehört hatte. Darauf war das Familienwappen eingraviert.

 Delilah setzte sich wieder ans Klavier und schüttelte ihre Hände. „Wie wäre es, wenn du manchmal etwas weniger Chefin wärst und dafür etwas mehr Oma?“, fragte sie und wusste gleichzeitig, dass sich das schwer umsetzen ließ. Das war kein Achtstundenjob mit geregelten Arbeitszeiten. „Und damit meine ich nicht nur mir gegenüber.“
 Ingrid lehnte sich wieder an sie. „Erwartest du, dass ich euch Pullover und Schals stricke, während ich im Schaukelstuhl hinter meinem Schreibtisch sitze?“
 Delilah lachte, hatte keine Chance, es zu unterdrücken. Die bildliche Vorstellung war zu komisch. „Nein, natürlich nicht“, brachte sie mit Mühe hervor. „Aber zu Maries Geburtstag warst du mit uns in der Oper. Vor zwei Jahren haben wir alle zusammen ein Wochenende in Berwick-upon-Tweed verbracht. Das sollten wir öfter machen.“
 Die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten. Ingrid zog an ihrer Zigarre. „Wenn das mal so einfach wäre, mein Kind. Wenn ihr wollt, können wir gern mal wieder in die Oper gehen. Oder ins Theater. Allerdings denke ich nicht, dass in den nächsten Monaten Zeit für einen Urlaub sein wird. Jemand würde bleiben müssen, um mich zu vertreten.“
 „Richard“, antwortete Delilah sofort.
 Nun fing Ingrid an, zu lachen. Auch das war etwas, das sehr selten vorkam. „Du bist doch das Kind deiner Mutter“, murmelte sie. „Ich weiß nicht, ob ich ihm diese Aufgabe anvertrauen möchte. Natürlich vertraue ich ihm, aber was das für ein Theater gäbe …“ Sie schüttelte den Kopf.
 Delilah nickte bedächtig. „Du könntest damit anfangen, zu fragen, wie die Schule war oder der Tag im Allgemeinen. Am Wochenende wollen wir auf den deutschen Weihnachtsmarkt an der Themse gehen. Meinst du, du kannst dir mal einen Nachmittag frei nehmen?“
 Ingrid straffte die Schultern. „Aber natürlich. Nun sei so gut und spiel weiter, mein Kind. Unsere Zuhörer fragen sich sicher, warum es so lange still ist.“

„Du bist ein Schatz“, sagte Lindsay, als sie am Freitag in einem Trainingsraum im Keller saßen und auf die Neuen warteten. Es war kalt und Delilah bereute es, dass sie nur T-Shirt und Shorts trug. Mit angezogenen Beinen saß sie auf einer Bank und zitterte. Später würde sich das geben, aber in dem Moment hatte sie nicht das Gefühl, sich jemals wieder kontrolliert bewegen zu können.
 „Ich helf doch, wo ich kann.“ Sie versuchte, das Klappern ihrer Zähne zu unterdrücken, was nicht einfach war. Leider gab es im Keller keinen Strom, der Raum wurde durch Kerzen und Öllampen erhellt, die an den Wänden hingen. Wenigstens die Räume, die noch immer genutzt wurden, konnte man doch eigentlich an Elektrizität und Wasser anschließen.
 „Danke.“ Lindsay legte ihr die Jacke um, die neben ihr gelegen hatte. „Hast du dein Messer dabei?“
 Delilah nickte. Seit sie vierzehn war, trug sie es immer bei sich. Zwar fand sie das sehr übertrieben, aber ihre Großmutter bestand darauf. Gabriel hatte dafür gesorgt, dass sie auch wusste, wie man damit umging. Dennoch kam sie sich immer komisch vor, wenn sie daran dachte, dass es da in ihrer Tasche war.
 „Wunderbar. Hattest du schon mal mit Schusswaffen zu tun?“
 Delilah sah sie erschrocken an. Was war das für eine Frage? Wie sollte sie dazu kommen? „Nein? Das geht dann doch zu weit.“
 Lindsay lachte. „Ich seh schon, die Zeiten haben sich geändert. Macht aber nichts. Wie sieht es sonst aus, bist du fit?“
 Sie legte den Kopf schief. „Warum gefallen mir deine Fragen nicht?“ Mit übertrieben nachdenklicher Miene legte sie sich den Finger an den Mund. „Ach jaah. Weil du mich das fragst, während wir an einem Freitag hier unten hocken und ich den Zeitplan gelesen habe.“ Auf sie wartete der praktische Teil, bei dem auch Delilah nicht einfach nur dasitzen können würde.
 Lindsay legte einen Arm um sie und klopfte ihr auf die Schulter. „Warum dieser scharfe Ton, meine Kleine? Das wird lustig, glaub mir.“
 „Es gefällt mir noch weniger, dass du in dieser Situation gute Laune hast.“ Aber nun wurde ihr wenigstens warm. Sie legte die Füße neben sich auf die Bank und lehnte den Kopf an Lindsays Seite. „Aber um deine Frage zu beantworten. Ja, bin ich. Auch darauf legt deine Mutter großen Wert.“ Und zwar persönlich.

 Auf dem Gang waren Schritte und Stimmen zu hören. Nach und nach kamen die Neuen herein und sahen noch weniger begeistert aus als Delilah. Sie stellten sich in einer Reihe auf und sahen sich leicht nervös im Raum um. Zum Glück war der Vorhang zum hinteren Teil zugezogen. Dort waren noch Überreste aus der Zeit zu sehen, als das hier eine Folterkammer gewesen war. Einige bezeichneten es noch immer als solche.
 „Wärmt euch erst mal auf, Leute. Ihr habt fünf Minuten. – Hast du den Test schon zurück?“, fragte sie Delilah, während sie den Neuen dabei zusahen, wie sie Dehnungsübungen machten.
 Sie schüttelte den Kopf. „Das wird wohl erst Montag was, wenn überhaupt. Mr Hunt ist sehr gründlich, was das angeht und liest sich alles dreimal durch, bevor er an die Bewertung geht. Dafür hat es bei ihm niemals Beanstandungen über Noten gegeben.“
 „Ja, den kenn ich noch. Und was hast du für ein Gefühl?“
 „Ein gutes. Zumindest hab ich keine Symptome durcheinander gebracht, Devon Bryce hat es sich nicht nehmen lassen, während der Pause noch mal alle Antworten mit mir durchzugehen. Er hat natürlich alles richtig, Auswendiglernen scheint sein Hobby zu sein.“ Mit Erstaunen stellte sie manchmal fest, dass er manches, was sie in der Unterstufe gelernt hatten, noch immer beinah wortwörtlich memorieren konnte.
 „Wenn du ne gute Note hast, hast du nen Wunsch frei.“ Lindsay zwinkerte ihr zu und stand auf. Delilah machte die Jacke zu, die ihr viel zu groß war, und stellte sich neben ihre Tante.
 „Meldet sich jemand freiwillig?“, fragte Lindsay und ließ den Blick über die Reihe der Neuen schweifen. „Natürlich nicht. Also schön.“ Sie wandte sich langsam an Delilah. „Dann fang ich am besten mit dir an.“
 Sie versuchte es mit einem traurigen Blick. „Och, nein. Bitte nicht. Ich wollte heute noch schwimmen gehen.“
 Ihre Tante beugte sich zu ihr runter. „Keine Sorge, meine Kleine“, flüsterte sie. „Ich werd dir schon nicht wehtun.“
 „Dann machst du aber deinen Job nicht richtig.“ Sie traute sich ein freches Lächeln.
 „Bestens!“ Lindsay richtete sich wieder auf und klatschte in die Hände. „Dann geh doch bitte mit dem Messer auf mich los. Aber lass es in der Scheide, zur Sicherheit.“
 Während sie das tat, fühlte sie sich schrecklich und hoffte, es niemals wirklich benutzen zu müssen. Als sie das damals Gabriel gesagt hatte, hatte er gelacht. Nun dauerte es nicht lang, bis Lindsay es ihr aus der Hand genommen und ihren Arm auf den Rücken gedreht hatte. Beides, ohne ihr wirklich wehzutun. Bald ließ sie auch wieder los. Delilah ließ die Schultern kreisen.
 Als Lindsay sie dann auch noch aufforderte, die Rollen zu tauschen, kam sie sich noch viel komischer vor. Die Tatsache, dass sie es zur Erklärung schrittweise durchgingen, machte das noch schlimmer. Sie konnte nicht mal Lindsays Handgelenk ganz umfassen, während das bei ihr selbst problemlos funktionierte. Die ganze Szene wirkte so absurd auf sie.
 „Aber natürlich müsst ihr im Ernstfall davon ausgehen, dass sich euer Gegenüber wehrt, also müsst ihr schnell sein. Auf keinen Fall solltet ihr zögern.“ Sie gab Delilah das Messer zurück. „Dann nehmt ihr euch jetzt alle euren Partner und übt ein bisschen.“
 Delilah ging von Paar zu Paar und zeigte, was sie besser machen sollten. Wieder kam sie sich vor wie in der Schule, irgendwie war es auch so. In dieser Rolle gefiel sie sich allerdings gar nicht.
 
„So weit, so gut“, sagte Lindsay, als sie zufrieden war. „Dann gehen wir zum nächsten Schritt.“ Wieder wandte sie sich an Delilah. „Wie du weißt, gibt es für alles ein erstes Mal.“ Mit diesen Worten drückte sie Delilah eine Pistole in die Hand, die sie normalerweise hinten an ihrem Gürtel trug.
 „Nein!“ Beinahe hätte sie die Waffe fallen lassen. Der Gedanke daran gefiel ihr noch weniger als der an das Messer. „Das mach ich nicht.“
Ihre Tante seufzte und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Komm, schon, Kleine. Die ist gesichert, es kann nichts passieren.“
 Delilah nahm sie richtig in die Hand. Es war eine Sonderanfertigung, die Ingrid ihrer Tochter zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte und die diese seitdem immer bei sich trug. Sie war schwerer, als sie aussah. Es fühlte sich schrecklich an, eine Waffe in der Hand zu halten.
 „Hier ist es sehr wichtig, dass ihr euren Kopf aus der potenziellen Schussbahn haltet. Außerdem ist es sicherer, wenn ihr die Waffe aus der Reichweite kriegt. Sollte es zu Handgreiflichkeiten kommen, könnte sich ansonsten jederzeit ein Schuss lösen und das will niemand.“
 Wieder dauerte es nur einen Sekundenbruchteil, bis die Waffe zu Boden gefallen war und Lindsay hinter ihr stand. Dann beeilte sie sich, ihre Pistole wieder aufzuheben, und – sicherte sie!
 „Was soll das?“, fragte Delilah und ihre Stimme zitterte. „Hab ich dir da eben eine entsicherte Waffe ins Gesicht gehalten?“
 Lindsay hob die Schultern. „Sieht danach aus, oder? Aber ist doch nichts passiert.“
 „Es hätte aber was passieren können!“, fauchte Delilah und trat einen Schritt zurück. „Was, wenn ich aus Versehen abgedrückt hätte?“
 Ihre Tante betrachtete sie einen Moment mit gerunzelter Stirn. „Ihr entschuldigt uns einen Moment.“ Sie legte einen Arm um Delilahs Schultern und ging mit ihr hinter den Vorhang. Hier stand eine offene Eiserne Jungfrau. Viele Nägel fehlten, aber das ließ sie nur noch ungemütlicher erscheinen.
 „Hör mir zu, Delilah.“ Lindsay sah ihr in die Augen. „Du kannst mir vertrauen, das weißt du. Diese Aktion eben war dazu da, zu zeigen, dass du mir eben nicht ins Gesicht schießen kannst. Selbst wenn. Wir hätten halt mehr zu erklären gehabt, und? Es gibt absolut keinen Grund, sich so aufzuregen. Also atme tief durch und komm wieder runter.“
 „Trotz allem würde ich dir nur sehr ungern ins Gesicht schießen!“ Sie bemühte, sich, leise zu sprechen, aber es war nicht einfach. „Komm niemals wieder auch nur auf die Idee, so was mit mir zu machen!“
 „Ist ja gut, ist ja schon gut. Ich verspreche es dir. Du musst niemals wieder eine Waffe auf mich richten. Oder auf jemand anderen hier im Haus. Aber kann ich wenigstens verlangen, dass wir das noch zuende bringen?“

„Wie bitte?“ Sara war aufgestanden und hatte sich über den Tisch gebeugt. Der herzförmige Anhänger ihres Halsbandes schwang hin und her. Vor Schreck sprang der kleine rote Spitz auf, der neben Saras Füßen gelegen hatte, und sprang neben Delilah auf die Couch. Die Hundemarke klirrte. „Sie hat was? Das kann doch nicht ihr Ernst sein!“
 „Bitte, sag ihr nicht, dass ich dir davon erzählt hab. Es ist ja wirklich nichts passiert und eigentlich will ich nicht hinter ihrem Rücken über sie reden, aber ich mach mir Sorgen.“ Delilah saß mit einer Tasse Tee im Schneidersitz, kraulte Stacy und studierte das Muster der hölzernen Tischplatte. Sie hatte es nur Sara gesagt und hatte nicht vor, noch jemand anderen davon wissen zu lassen.
 „Natürlich nicht, Delilah, keine Sorge.“ Sie setzte sich wieder und strich ihren Rock glatt. „Verzeih meine Reaktion, ich war etwas geschockt. Glaub mir, ich mach mir ebenfalls Sorgen.“ Sie lehnte sich zurück und sah an die Decke. „Immer noch genau wie früher“, flüsterte sie.
 „Am Ende hätte sie sich noch über die Gesichter der Kerle und die Schreie der Mädels gefreut, wetten?“ Sie sah zu, wie Stacy es sich auf ihren Beinen gemütlich machte.
 Sara nickte missmutig. „Als ob daran irgendwas lustig wäre. Man könnte meinen, sie wäre ein bisschen normaler geworden jetzt, da sie ein Kind hat.“ Auch wenn Sara das vielleicht nicht beabsichtigte, aber Delilah hörte nicht nur Sorge heraus. Katherine hatte recht, Sara schienen Lindsays ‚Ausfälle’ zeitweise Spaß zu machen. Offen zugeben wollte sie das aber wohl nicht. „Wie gern ich wieder ins Anwesen ziehen würde, auch wenn ich das Häuschen mag. Aber daraus wird nichts, solang mein Mann derart eifersüchtig ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht ganz unschuldig an all dem bin.“
 Delilah nickte. Sie konnte Richard wirklich verstehen. Ihr Vater hatte ihr alles über diesen Streit erzählt, der seit zwanzig Jahren tobte. Es war kompliziert, aber sie war der Meinung, dass er überreagierte. Selen fragte immer wieder, warum Sara überhaupt noch mit ihm zusammen war. In solchen Momenten hatte Delilah Sorge, dass der Streit sich auf Selen und Ray ausweiten würde, was bisher jedoch glücklicherweise nicht geschehen war. „Irgendwas muss sich doch machen lassen.“
 „Ich wüsste da was. Vielleicht kann man die beiden nicht zusammen hinsetzen, aber wenn ich dabei bin, sollte es zumindest eine Weile gut gehen. Vorher werd ich noch mal mit Richard reden, aber in dieser Angelegenheit hört er mir nie zu.“ Sie lächelte traurig. „Man sollte meinen, es wäre irgendwie cool, wenn sich zwei um dich streiten, aber das ist es nicht.“
 „Kann ich mir vorstellen.“ Delilah trank einen Schluck Tee. Er war noch heiß und ihre Zunge fühlte sich seltsam an. Das gefiel ihr auf eigenartige Art und Weise. „Meinst du nicht, es sollte Gabriel sein, der sich mit Richard unterhält?“ Immerhin waren beide in derselben Position. Mit dem Unterschied, dass Gabriel keine Probleme hatte. Man könnte meinen, er hätte niemals irgendwelche Probleme. Dabei wusste Delilah, dass es einmal anders gewesen war.
 Sara sah sie an, als hätte sie ihr eröffnet, nun katholisch zu sein. „Weißt du, was du da grad gesagt hast? Wir wollen ihn zur Vernunft bringen und nicht unter die Erde! Wir hatten das schon mal, damals durfte ich feststellen, dass es eine einzige Sache gibt, die dein Onkel nicht kann: vernünftige Gespräche über heikle Themen führen. Vielleicht hört Lindsay auf mich, aber er ganz bestimmt nicht.“
 Missmutig nestelte Delilah an den Ärmeln der Jacke, die Lindsay ihr nach dieser Sache geschenkt hatte. „Das hätte ich mir fast denken können.“
 „Sei ganz beruhigt, ich mach das schon. In drei Jahren werd ich ohnehin wieder einziehen müssen. Dann verbring ich eh die meiste Zeit dort.“ So wie Katherine heute, würde Sara dann den Platz auf der Ecke des Schreibtisches einnehmen. Sie würden die Positionen tauschen, denn bislang hatte Sara sich um die zahlreichen Verletzungen zu kümmern, die bei allen möglichen Einsätzen immer wieder anfielen. „Aber so lang will ich nicht warten. Du siehst es. Ich bin ein Jahr weg und es geht drunter und drüber.“

 Eine Weile saßen sie schweigend da, dann schüttelte Sara den Kopf. „Wie schade, dass es so einen beschissenen Grund hat. Ich freu mich trotzdem, dass du mich besuchst.“
 „Immer gern. Ich muss doch ausnutzen, dass ich mal nen Nachmittag frei hab. Hey, Stacy. Willst du dein Spielzeug holen?“
 Als hätte das Hundchen sie verstanden, sprang es vom Sofa und rannte aus dem Raum, nur um kurz darauf mit einem kurzen Stück Tau mit jeweils einem Knoten an den Enden wiederzukommen. Während Stacy sich darin festbiss, konnte Delilah sie hochheben. Es musste schmerzhaft sein, wenn diese kleinen, spitzen Zähnchen in den Arm bohrten.
 „Wie geht’s Megan?“, fragte sie, während sie sich mit dem Hund um das Spielzeug stritt. Stacy war in so ziemlich jeder Hinsicht aktiver als Hunter, der schon fast zehn war. Als sie ihn bekommen hatten, war er so groß gewesen wie Stacy jetzt. Seit Jahrzehnten holte die Familie sich immer einen Wolfshund von denselben Züchtern aus derselben Linie. Und er hieß immer Hunter, war immer gutmütig. Nur die Farbe wechselte. Ein Bild von ihrer Mutter mochte Delilah am liebsten und zwar das, wo sie als kleines Mädchen in einem gelben Kleid auf einem großen, weißen Hund saß. Hinter ihr standen Ingrid und Charles, er in Ausgehuniform und sie in Rock und Bluse. Selbst hatte Delilah ihre Großmutter nie im Rock gesehen. Dieses Bild existierte auch mit Lindsay – ebenfalls ungewohnter Weise im Kleid – und Nick in Pullunder und Shorts.
 „Viel besser. Von ihrem Rückfall hat sie sich erholt. Dr. White meinte, nächste Woche könne man sie probeweise aus der Klinik entlassen. Ist mir auch lieber. Die Atmosphäre da hat ihr gar nicht gut getan. Bis ins neue Jahr will ich sie auf jeden Fall daheim haben.“ Sara machte eine Pause und beobachtete Stacy, die Delilah das Tau entrissen hatte und nun damit quer durch den Raum rannte. „In dieser Hinsicht war es eine unglückliche Wendung, dass Will gestorben ist. Er hat ihr echt geholfen.“
 Delilah trank einen Schluck Tee und stellte die Füße auf den Boden. Sie hatte nicht den Eindruck, als wären diese Worte für ihre Ohren bestimmt gewesen. Wann immer jemand etwas in der Richtung erwähnte, wunderte sie sich, was alles in dieser Zeit passiert war.

Am Sonntag nach der Kirche waren sie gleich auf den deutschen Weihnachtsmarkt gegangen. Einige der Standbesitzer waren tatsächlich Deutsche. Ingrid verstand sie und auch Selen hatte nur anfängliche Schwierigkeiten. Delilah wusste nicht, wie es dazu kam, aber Ingrid hatte ein großes Interesse daran, dass Selen Deutsch lernte. Die hatte ihren Spaß daran und mochte auch die Privatlehrerin, die jede Woche vorbeikam. Sie war nach der Schule nach England gekommen, um Erfahrungen zu sammeln.
 Nachdem also alle eine Bratwurst einen Glühwein getrunken hatten (außer Selen, die den Geruch ohnehin nicht ausstehen konnte), waren sie wieder nach Hause gegangen. Delilah hatte sich einen Schal mit Tannenbaummuster gekauft und auf Selens Nachttisch stand jetzt eine hölzerne Katze mit Weihnachtsmütze.
 Nun saßen sie zusammen mit Ray und Marie auf dem Boden vor dem Esszimmer. Sie hatten gehört, wie der Schlüssel herumgedreht und aus dem Schloss genommen worden war. Seitdem war es still gewesen.
 „Ich hatte Geschrei vermutet“, sagte Marie nachdenklich. „Heftiges Geschrei und durchs Zimmer fliegende Gegenstände.“
 Selen schüttelte den Kopf und gab sich empört. „Du hast wohl keine Ahnung, was allein einer unserer Esszimmerstühle kostet. Die stammen noch aus Urgroßvaters Zeiten. Nicht zu vergessen der Schrank aus Italien mit dem teuren Porzellan, das seiner Frau gehört hat. Ich weiß noch, als ich mal mit dem Hund Ball spielen wollte, oh, ich musste das alles zusammenrechnen. Glaub mir, Sara hat absichtlich das Esszimmer ausgesucht.“
 „Mir wäre es aber auch lieber, wir hätten irgendeine Rückmeldung“, warf Ray ein. „Wer von uns hat die besten Ohren?“
 Marie hob die Hand und setzte sich auf die andere Seite des Flurs, direkt neben die Tür. Eine Weile saß sie nur da, mit weit geöffneten Augen lauschend. Früher hatten sie nur so dagesessen, wenn ihre Eltern das Kaminzimmer für die Bescherung vorbereitet hatten. Daran musste Delilah jetzt denken, als sie sah, wie Selen sich ebenfalls nach vorn gebeugt hatte.
 „Ich hör sie reden“, raunte Marie ihnen zu. „Aber ich versteh nicht, was sie sagen. Wir sollten in die Küche gehen und uns unter die Durchreiche hocken.“
 Selen schüttelte den Kopf. „Das merken sie doch.“
 „Die wissen doch eh, dass wir hier sind“, stellte Delilah fest.
 „Mmh“, machte Selen. „Glaub ich auch, aber es scheint sie nicht zu stören.“
 Ein Knall, kurz darauf ein zweiter. Vor Schreck kippte Marie zur Seite und rutschte schnell wieder neben Delilah. „Wie ihre Mutter“, sagte sie und rieb sich die Arme.
 „Hoffentlich ist der Stuhl noch ganz“, flüsterte Selen in Delilahs Ohr und bestätigte ihr damit, dass sie dasselbe dachte. Delilah konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Tante beinah über den Tisch stieg. Allerdings war das wenig vielversprechend, klang nicht sehr nach einer Einigung.

 „Ist ja wie vor dem OP hier.“
 Delilah erschrak und offenbar ging es Marie und Ray nicht anders. Nur Selen lächelte schuldbewusst ihren Vater an, der plötzlich neben ihnen stand. Wie konnte dieser Mann sich derart lautlos fortbewegen?
 „Fühlt sich auch so an, Boss“, bestätigte Delilah. „Aber was machst du hier?“
 Gabriel ließ sich neben seine Tochter auf den Boden sinken. „Eigentlich hab ich dich gesucht, Delilah. Und dich auch, Marie. Ingrid hat was mit euch vor. Aber hier sieht es auch ganz spannend aus. Mal sehen, ob was draus wird.“
 „Sara wird sie nicht rauslassen, bevor was draus geworden ist, schätze ich.“ Marie hatte sich wieder an die Tür gesetzt und lauschte.
 „Dann macht ihr euch besser darauf gefasst, die Nacht auf dem Flur zu verbringen.“
 „Okay.“ Ray rutschte an der Wand runter und lag jetzt halb auf dem Boden. „Dann erzähl uns zum Zeitvertreib mal was von früher.“
 „Früher.“ Gabriel schnaubte. „Da gibt es nun wirklich keine Geschichten, die in dieser Form für eure Ohren bestimmt wären. Oder wisst ihr was, was ihr hören wollt?“ Er griff in seine Hosentasche und wollte etwas herausziehen, ließ es dann aber, nachdem er sich umgesehen hatte.
 Selen nickte heftig. „Erzähl uns von …“
 „Nein!“ Delilah beugte sich schmerzhaft über Ray und hielt ihr den Mund zu. „Auf gar keinen Fall!“ Keine Gespräche über heikle Themen, hatte Sara gesagt. Und wenn das mal kein heikles Thema war, wusste Delilah auch nicht weiter. „Ach, irgendwas fällt dir doch bestimmt ein, Boss.“ Sie grinste und ließ Selen los, als die zubeißen wollte. Der schien zu dämmern, dass es wirklich keine gute Idee gewesen war und sie hob die Schultern.
 „Hm.“ Er starrte das Bild an, das über Marie an der Wand hing. Es war eines von den romantischen Gemälden, die im Kunstunterricht an der Tafel gehangen hatten. Weder Titel noch Künstler fielen Delilah in diesem Moment ein, aber es zeigte einen Strand mit einer Klippe im Vordergrund, einen grünen Hügel im Mittelgrund und große, aufgerissene Wolken im Hintergrund.
 „Als wir ungefähr in eurem Alter waren, sind wir nach Heybrook Bay an den Strand gefahren. Zu acht. Wir durften Rachel nur mitnehmen, weil Nick schon achtzehn war. Dabei haben wir das nur wegen ihr gemacht.“ Er sah Delilah an, wartete auf ein Anzeichen dafür, dass er besser aufhören sollte. Sie schüttelte nur lächelnd den Kopf.
 „Sie war in ner schwierigen Phase“, fuhr er fort. „Nach einer Reihe von weniger wünschenswerten Vorfällen hat Lindsay entschieden, dass sie doch mal raus müsse. Eine Woche haben wir in Ingrids Strandhaus gewohnt. Rückblickend muss ich sagen, dass alles ziemlich chaotisch war. Ingrid hatte das Haus gekauft, bevor sie Charles kennen gelernt hatte und nicht mehr besucht, seit die Kinder auf der Welt waren, darum gab es nur ein Schlafzimmer. Das haben natürlich Nick und Charlotte für sich beansprucht, weil sie die Ältesten waren. Wir andern durften auf dem Boden schlafen. Nicht, dass wir wirklich viel geschlafen hätten. Zwischen unseren beiden Experten da drin sind natürlich ständig die Fetzen geflogen.“ Er machte eine Pause und schien selbst zu lauschen. Tatsächlich konnte nun auch Delilah das Gemurmel aus dem Esszimmer hören. Leider war es nicht laut genug, als dass sie etwas verstanden hätte.
 „War natürlich noch nicht so ernst wie heute. Wir waren davon ausgegangen, dass es eine Phase ist, aber nein, sie benehmen sich noch immer wie Kleinkinder. Dementsprechend hat Rachel sich köstlich amüsiert. Weniger über die Tatsache, dass Lindsay sie und Mike an einem Abend allein im Haus gelassen hat, während wir anderen saufen gegangen sind. Sie hielt es für ne gute Idee, die zwei zu verkuppeln. Heute kann ich sagen, dass das ne gute Idee war, aber damals sah es weniger danach aus. Sonst hätte es wohl kaum noch anderthalb Jahre gedauert, bis die beiden sich näher gekommen sind.“
 „Wo es doch sonst immer so schnell ging bei ihr.“ Delilah verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Als sie mit vierzehn von einem Anflug von Nostalgie erfasst worden war, hatte sie auf dem Dachboden die Tagebücher ihrer Mutter gefunden. Die Einträge waren nur sporadisch, also hatte sie nicht viel erfahren. Eigentlich hatte sie da nur reingeschrieben, wenn sie sich in jemanden verliebt hatte – und das war oft gewesen.
 „Deine Mutter hat sich schnell verliebt, da hast du recht. Und die Liebe ist in den meisten Fällen leider viel zu schnell vorbei gegangen. Deshalb auch diese unschönen Vorfälle.“ Wieder griff er sich in die Hosentasche, wieder zog er die Hand unverrichteter Dinge wieder raus. „Verdammt, was rede ich hier eigentlich? Wie gesagt, ich hatte eigentlich was vor.“

 In dem Moment, als aufstand und gehen wollte, wurde die Tür aufgeschlossen. „Wenn du erwachsen geworden bist“, sagte Sara und sah Richard nach, der mit geballten Fäusten den Gang entlang stapfte.
 Ray sprang auf, zog Selen ebenfalls auf die Beine und nahm sie bei der Hand. Bald waren sie ebenfalls verschwunden.
 Ertappt rappelte Marie sich auf und klopfte sich den Rock ab. „Was ist los?“, fragte sie voller Neugier.
 „Ich hab noch Sachen hier“, sagte Sara mit einem bitteren Lächeln. „Morgen hol ich den Rest. Richard kommt nach, wenn er sich beruhigt hat.“
 Marie und Delilah umarmten sie glücklich von beiden Seiten. Die Lage würde sich wieder ein gutes Stück entspannen. Über Saras Schulter hinweg warf Delilah einen Blick ins Esszimmer. Bis auf drei Stühle, die nicht ordentlich am Tisch standen, sah es normal aus.
 Auch Gabriel nahm Sara kurz in den Arm und fuhr mit den Fingern durch ihre Haare. „Wunderbar. Dann können wir ja jetzt gehen.“
 „Ich mach das schon, Boss.“ Lindsay küsste ihn auf die Wange und legte einen Arm um Delilah und Marie. „Muss mich jetzt unbedingt ablenken, wenn du nichts dagegen hast.“
 Er hob die Schultern. „Mach, was du willst. Ich bin dann in der Küche, wenn du mich suchst.“
 „Ich komm mit, jetzt brauch ich nen Kaffee.“ Sara klopfte Lindsay auf die Schulter und folgte Gabriel ins Nebenzimmer.
 „Alter.“ Lindsay atmete durch und drückte die Mädchen an sich. „Bin ich erleichtert, dass das vorbei ist.“
 Marie sah zu ihr hoch. „Aber sie lassen sich doch nicht scheiden, oder?“
 „Auf keinen Fall. Sie machen nur eine kleine Pause, bis Richard feststellt, dass er es nicht ohne sie aushält und mit eingezogenem Schwanz hier einzieht. Ich geb ihm eine Woche. Aber wie auch immer, wir haben was vor.“ Sie ging in Richtung der Eingangshalle und die Mädchen folgten ihr.
 „Dürfen wir auch erfahren, was genau?“ Delilah blieb an der Tür zum Keller stehen. So gut wie nichts, was sich dort unten fand, gefiel ihr in irgendeiner Weise.
 Ebenso verhielt es sich mit dem Lächeln, das Lindsay im Gesicht hatte, als sie ein Päckchen Streichhölzer aus der Tasche zog und die erste Kerze an der Treppe anzündete. „Mum ist aufgefallen, dass es noch etwas gibt, was ihr zwei unbedingt lernen solltet, bevor ihr mit der Schule fertig seid.“
 „Schwarze Magie?“, vermutete Marie. Sie nahm Delilahs Hand und folgte Lindsay nach unten. Der Keller war eisig kalt, Delilah war froh, die Jacke anzuhaben. An der Wand hingen Portraits von den Familienoberhäuptern seit Gründung der Organisation. Ingrid war als kleines Mädchen abgebildet. Ihr Vater war gestorben, als sie zwölf gewesen war. Walther hatte ihr viel abgenommen, aber sie musste schon damals sehr dickköpfig gewesen sein, wie der Butler ihr mal erzählt hatte. Gleich daneben hing das Bild von einem jungen Arthur, mit rötlichem Backenbart und dem Hund zu seinen Füßen. Irgendwann würde da auch ein Bild von ihr hängen.
 Ihre Tante lachte, dass es an den Wänden des langen Ganges am Fuß der Treppe widerhallte. Irgendwie klang es wahnsinnig. Ein bisschen. „Denkst du nicht, dass ich die Falsche dafür wäre, Liebes? Damit solltet ihr auch nicht an einem Sonntagabend anfangen.“ Sie blieb stehen und kramte ihren Schlüsselbund aus der Hosentasche.
 „Soll das dein Ernst sein?“ Skeptisch sah Delilah auf das Schild am Schießübungsraum. Ohrenschützer und Schutzbrillen. Ein paar mal war sie drin gewesen, hatte aber niemals was angefasst.
 Lindsay schob sie rein. „Mum besteht darauf.“ Hinter sich schloss sie ab. „Bist du noch sauer auf mich?“
 „Ach, Quatsch.“ Sie blieb neben der Tür stehen. Maries fragende Blicke ignorierte sie. „Aber ich bin trotzdem nicht scharf darauf, hier mit Schusswaffen zu hantieren.“
 „Hach.“ Lindsay hielt sich die Stirn, wandte sich an Marie. „Wie sieht’s bei dir aus?“
 Marie lächelte. „Ich bin dabei.“
 „Wenigstens das. Verdammt, wir hätten einfach früher anfangen sollen.“
 „Was?“ Delilah sah ihr ins Gesicht. „Ihr könnt keinem Kind eine Waffe in die Hand drücken!“
 „Was bin ich alt“, murmelte ihre Tante und nahm kurz ihre Kette in die Hand. Daran hingen zwei Anhänger, die man zusammenstecken konnte, worauf sie das Familienwappen bildeten. Delilah wusste, dass der eine Teil, auf dem hinten ein R eingraviert war, ihrer Mutter gehört hatte. „Hast schon recht, die Zeiten haben sich geändert. Wenn auch zum Besseren. Trotzdem gehört es dazu.“
 Delilah sagte nichts. Sie verschränkte nur die Arme vor der Brust und sah zu Boden. Sie wusste, dass sie es tun musste, Ingrid erwartete das von ihr. Aber sie wollte nicht schon wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Schon gar nicht wollte sie eine abfeuern.
 „Ist doch nur Unterricht“, sagte Marie und lächelte. „Nur Papierziele.“
 „Eben.“ Lindsay nahm ihr Gesicht in die Hände und hob es an, sodass sie sich in die Augen sahen. „Ich werd mein Bestes tun, um dafür zu sorgen, dass du … dass ihr beide niemals in eine Situation kommt, die Waffengewalt erfordert.“
 Sie hätte am liebsten gesagt, dass sie es dann auch nicht brauchte, aber es war unnötig. „Das kannst du nie wissen“, sagte sie leise.
 „Genau deswegen sind wir hier.“ Lindsay nahm sie mit zu dem großen Tresor, in dem die Waffen aufbewahrt wurden. Sie wehrte sich nicht. Wahrscheinlich sollte sie einfach mitmachen und dann hoffen, dass sie es wirklich nie brauchen würde.
 Das Schloss hatte eine sechsstellige Kombination aus Zahlen und Buchstaben. Lindsay machte kein Geheimnis daraus, aber Delilah hatte wenig Lust, es sich zu merken. Hier wurden nur die Handfeuerwaffen aufbewahrt. Das schwere Geschütz fand sich im Arsenal ein Stockwerk tiefer, das ebenfalls mit Zahlenschloss gesichert war. Die altmodische Methode, eben weil es keinen Strom gab. Aber den Schlüssel für dort unten hatte nur Walther.

 „Keine Angst, ist kein Magazin drin“, ließ Lindsay die Mädchen wissen, als sie ihnen jeweils eine Pistole in die Hand drückte. „Die habt ihr hier. Wer will anfangen?“
 Delilah hob die Hand und ging zur Bahn. Sie wollte es hinter sich haben. Auf den Tischen lagen Ohrenschützer und Schutzbrillen. Nachdem sie alle beides aufgesetzt hatten, hielt Delilah die Waffe in der Hand und sah sie unglücklich an. Ihre Finger zitterten, als sie das Magazin einschob.
 „Ganz ruhig.“ Lindsays Stimme drang gedämpft an ihre Ohren. „Atme tief durch und nimm sie am besten in beide Hände. Ja, genau so. Jetzt streck die Arme aus. Ruhig.“ Sie legte ihre warmen Hände an Delilahs, bis die nicht mehr so zitterten. „Pass auf, der Wiederstand ist ein bisschen höher. Und achte auf den Rückstoß.“
 Dass der so groß ausfallen würde, hatte sie nicht erwartet, als sie abdrückte. Vor Schreck kniff sie die Augen zusammen und trat einen Schritt zurück, wobei sie gegen ihre Tante stieß. Sofort nahm sie das Magazin raus und legte die Pistole auf den Tisch.
 „Oh“, machte Marie. Delilah schob die Schützer von ihren Ohren und blickte auf das Papier. Links neben dem Kopf war ein Loch. Verfehlt, dachte sie und war erleichtert. Mit diesem Schuss hätte sie nicht getötet.
 „Du hast das Papier getroffen“, bemerkte Lindsay und klopfte ihr auf die Schulter. „Ein paar Inches weiter rechts und es wäre ein Kopfschuss geworden.“
 „Dabei hab ich doch auf die Mitte gezielt.“ Sie drehte sich um und lehnte sich an Lindsay. „Okay, du hast gewonnen. Ich mach mit, aber das reicht mir für heute. Bitte.“
 „Schon gut. Ich hab dich mal wieder überfallen, das war ne schlechte Idee.“
 „Denk ich auch“, meinte Marie. Sie stand schon mit der Waffe in der Hand am Tisch nebenan. „Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns mental darauf vorbereiten können.“
 Delilah schob die Waffe zur Seite, bevor sie sich auf den Tisch setzte. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Rippen. An ihrem Zeigefinger spürte sie noch immer den Abzug. Es war schrecklich.
 Marie schoss, riss ihre Arme hoch und trat ebenfalls einen Schritt zurück, wobei sie mit dem Absatz ihres Stiefels Lindsays Schuh erwischte. Die hob sie nur mit zusammengebissenen Zähnen von sich runter.
 „Oh, entschuldige!“ Marie hielt sich die Hände vor den Mund. Über die Schulter sah sie das Ziel an. „Ach, na toll. Ich hatte auch in die Mitte gezielt.“ Stattdessen war das Loch neben dem rechten Oberschenkel.
 „Na, ihr erwartet doch nicht, beim ersten Mal zu treffen, Mädchen.“ Lindsay nahm ebenfalls die Ohrenschützer ab. „Willst du das Magazin noch leer machen?“
 Mit großen Augen schüttelte Marie den Kopf. „Ich hab ja von der einen schon ne Heidengänsehaut.“ Zur Demonstration zog sie den Ärmel ihres Pullovers hoch.
 Mit einem Nicken nahm Lindsay das Magazin aus der Waffe und legte alles wieder in den Tresor. Mit einem Hüftstoß schloss sie die schwere Tür. „Wie ich gedacht hatte, keine großen Überraschungen. Wenigstens stellt ihr euch nicht blöd an. Carter hat mir Sachen erzählt, das ist echt nicht mehr schön. Keine Sorge, ihr gewöhnt euch dran. Im Sommer können wir auch in den Garten gehen, da find ich es schöner als hier.“
 Weder der Gedanke, dass sie sich irgendwann an diese Waffe gewöhnen würde, noch der, dass es bis zum Sommer weitergehen würde, gefiel Delilah sonderlich. Aber gegen beides würde sie wohl nichts ausrichten können.
 „Ihr habt übrigens jetzt noch Gelegenheit, mir zu sagen, falls ihr das hier lieber mit jemand anderem machen wollt.“ Sie lächelte zufrieden, als die Mädchen mit den Köpfen schüttelten. „Sehr schön, ihr zwei. Dann sucht euch ne Zeit aus, ich hab keine Lust, das immer am Sonntag zu machen.“

„Wie bitte?“ Sara war aufgestanden und hatte sich über den Tisch gebeugt. Der herzförmige Anhänger ihres Halsbandes schwang hin und her. Vor Schreck sprang der kleine rote Spitz auf, der neben Saras Füßen gelegen hatte, und sprang neben Delilah auf die Couch. Die Hundemarke klirrte. „Sie hat was? Das kann doch nicht ihr Ernst sein!“
 „Bitte, sag ihr nicht, dass ich dir davon erzählt hab. Es ist ja wirklich nichts passiert und eigentlich will ich nicht hinter ihrem Rücken über sie reden, aber ich mach mir Sorgen.“ Delilah saß mit einer Tasse Tee im Schneidersitz, kraulte Stacy und studierte das Muster der hölzernen Tischplatte. Sie hatte es nur Sara gesagt und hatte nicht vor, noch jemand anderen davon wissen zu lassen.
 „Natürlich nicht, Delilah, keine Sorge.“ Sie setzte sich wieder und strich ihren Rock glatt. „Verzeih meine Reaktion, ich war etwas geschockt. Glaub mir, ich mach mir ebenfalls Sorgen.“ Sie lehnte sich zurück und sah an die Decke. „Immer noch genau wie früher“, flüsterte sie.
 „Am Ende hätte sie sich noch über die Gesichter der Kerle und die Schreie der Mädels gefreut, wetten?“ Sie sah zu, wie Stacy es sich auf ihren Beinen gemütlich machte.
 Sara nickte missmutig. „Als ob daran irgendwas lustig wäre. Man könnte meinen, sie wäre ein bisschen normaler geworden jetzt, da sie ein Kind hat.“ Auch wenn Sara das vielleicht nicht beabsichtigte, aber Delilah hörte nicht nur Sorge heraus. Katherine hatte recht, Sara schienen Lindsays ‚Ausfälle’ zeitweise Spaß zu machen. Offen zugeben wollte sie das aber wohl nicht. „Wie gern ich wieder ins Anwesen ziehen würde, auch wenn ich das Häuschen mag. Aber daraus wird nichts, solang mein Mann derart eifersüchtig ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht ganz unschuldig an all dem bin.“
 Delilah nickte. Sie konnte Richard wirklich verstehen. Ihr Vater hatte ihr alles über diesen Streit erzählt, der seit zwanzig Jahren tobte. Es war kompliziert, aber sie war der Meinung, dass er überreagierte. Selen fragte immer wieder, warum Sara überhaupt noch mit ihm zusammen war. In solchen Momenten hatte Delilah Sorge, dass der Streit sich auf Selen und Ray ausweiten würde, was bisher jedoch glücklicherweise nicht geschehen war. „Irgendwas muss sich doch machen lassen.“
 „Ich wüsste da was. Vielleicht kann man die beiden nicht zusammen hinsetzen, aber wenn ich dabei bin, sollte es zumindest eine Weile gut gehen. Vorher werd ich noch mal mit Richard reden, aber in dieser Angelegenheit hört er mir nie zu.“ Sie lächelte traurig. „Man sollte meinen, es wäre irgendwie cool, wenn sich zwei um dich streiten, aber das ist es nicht.“
 „Kann ich mir vorstellen.“ Delilah trank einen Schluck Tee. Er war noch heiß und ihre Zunge fühlte sich seltsam an. Das gefiel ihr auf eigenartige Art und Weise. „Meinst du nicht, es sollte Gabriel sein, der sich mit Richard unterhält?“ Immerhin waren beide in derselben Position. Mit dem Unterschied, dass Gabriel keine Probleme hatte. Man könnte meinen, er hätte niemals irgendwelche Probleme. Dabei wusste Delilah, dass es einmal anders gewesen war.
 Sara sah sie an, als hätte sie ihr eröffnet, nun katholisch zu sein. „Weißt du, was du da grad gesagt hast? Wir wollen ihn zur Vernunft bringen und nicht unter die Erde! Wir hatten das schon mal, damals durfte ich feststellen, dass es eine einzige Sache gibt, die dein Onkel nicht kann: vernünftige Gespräche über heikle Themen führen. Vielleicht hört Lindsay auf mich, aber er ganz bestimmt nicht.“
 Missmutig nestelte Delilah an den Ärmeln der Jacke, die Lindsay ihr nach dieser Sache geschenkt hatte. „Das hätte ich mir fast denken können.“
 „Sei ganz beruhigt, ich mach das schon. In drei Jahren werd ich ohnehin wieder einziehen müssen. Dann verbring ich eh die meiste Zeit dort.“ So wie Katherine heute, würde Sara dann den Platz auf der Ecke des Schreibtisches einnehmen. Sie würden die Positionen tauschen, denn bislang hatte Sara sich um die zahlreichen Verletzungen zu kümmern, die bei allen möglichen Einsätzen immer wieder anfielen. „Aber so lang will ich nicht warten. Du siehst es. Ich bin ein Jahr weg und es geht drunter und drüber.“

 Eine Weile saßen sie schweigend da, dann schüttelte Sara den Kopf. „Wie schade, dass es so einen beschissenen Grund hat. Ich freu mich trotzdem, dass du mich besuchst.“
 „Immer gern. Ich muss doch ausnutzen, dass ich mal nen Nachmittag frei hab. Hey, Stacy. Willst du dein Spielzeug holen?“
 Als hätte das Hundchen sie verstanden, sprang es vom Sofa und rannte aus dem Raum, nur um kurz darauf mit einem kurzen Stück Tau mit jeweils einem Knoten an den Enden wiederzukommen. Während Stacy sich darin festbiss, konnte Delilah sie hochheben. Es musste schmerzhaft sein, wenn diese kleinen, spitzen Zähnchen in den Arm bohrten.
 „Wie geht’s Megan?“, fragte sie, während sie sich mit dem Hund um das Spielzeug stritt. Stacy war in so ziemlich jeder Hinsicht aktiver als Hunter, der schon fast zehn war. Als sie ihn bekommen hatten, war er so groß gewesen wie Stacy jetzt. Seit Jahrzehnten holte die Familie sich immer einen Wolfshund von denselben Züchtern aus derselben Linie. Und er hieß immer Hunter, war immer gutmütig. Nur die Farbe wechselte. Ein Bild von ihrer Mutter mochte Delilah am liebsten und zwar das, wo sie als kleines Mädchen in einem gelben Kleid auf einem großen, weißen Hund saß. Hinter ihr standen Ingrid und Charles, er in Ausgehuniform und sie in Rock und Bluse. Selbst hatte Delilah ihre Großmutter nie im Rock gesehen. Dieses Bild existierte auch mit Lindsay – ebenfalls ungewohnter Weise im Kleid – und Nick in Pullunder und Shorts.
 „Viel besser. Von ihrem Rückfall hat sie sich erholt. Dr. White meinte, nächste Woche könne man sie probeweise aus der Klinik entlassen. Ist mir auch lieber. Die Atmosphäre da hat ihr gar nicht gut getan. Bis ins neue Jahr will ich sie auf jeden Fall daheim haben.“ Sara machte eine Pause und beobachtete Stacy, die Delilah das Tau entrissen hatte und nun damit quer durch den Raum rannte. „In dieser Hinsicht war es eine unglückliche Wendung, dass Will gestorben ist. Er hat ihr echt geholfen.“
 Delilah trank einen Schluck Tee und stellte die Füße auf den Boden. Sie hatte nicht den Eindruck, als wären diese Worte für ihre Ohren bestimmt gewesen. Wann immer jemand etwas in der Richtung erwähnte, wunderte sie sich, was alles in dieser Zeit passiert war.

Am Sonntag nach der Kirche waren sie gleich auf den deutschen Weihnachtsmarkt gegangen. Einige der Standbesitzer waren tatsächlich Deutsche. Ingrid verstand sie und auch Selen hatte nur anfängliche Schwierigkeiten. Delilah wusste nicht, wie es dazu kam, aber Ingrid hatte ein großes Interesse daran, dass Selen Deutsch lernte. Die hatte ihren Spaß daran und mochte auch die Privatlehrerin, die jede Woche vorbeikam. Sie war nach der Schule nach England gekommen, um Erfahrungen zu sammeln.
 Nachdem also alle eine Bratwurst einen Glühwein getrunken hatten (außer Selen, die den Geruch ohnehin nicht ausstehen konnte), waren sie wieder nach Hause gegangen. Delilah hatte sich einen Schal mit Tannenbaummuster gekauft und auf Selens Nachttisch stand jetzt eine hölzerne Katze mit Weihnachtsmütze.
 Nun saßen sie zusammen mit Ray und Marie auf dem Boden vor dem Esszimmer. Sie hatten gehört, wie der Schlüssel herumgedreht und aus dem Schloss genommen worden war. Seitdem war es still gewesen.
 „Ich hatte Geschrei vermutet“, sagte Marie nachdenklich. „Heftiges Geschrei und durchs Zimmer fliegende Gegenstände.“
 Selen schüttelte den Kopf und gab sich empört. „Du hast wohl keine Ahnung, was allein einer unserer Esszimmerstühle kostet. Die stammen noch aus Urgroßvaters Zeiten. Nicht zu vergessen der Schrank aus Italien mit dem teuren Porzellan, das seiner Frau gehört hat. Ich weiß noch, als ich mal mit dem Hund Ball spielen wollte, oh, ich musste das alles zusammenrechnen. Glaub mir, Sara hat absichtlich das Esszimmer ausgesucht.“
 „Mir wäre es aber auch lieber, wir hätten irgendeine Rückmeldung“, warf Ray ein. „Wer von uns hat die besten Ohren?“
 Marie hob die Hand und setzte sich auf die andere Seite des Flurs, direkt neben die Tür. Eine Weile saß sie nur da, mit weit geöffneten Augen lauschend. Früher hatten sie nur so dagesessen, wenn ihre Eltern das Kaminzimmer für die Bescherung vorbereitet hatten. Daran musste Delilah jetzt denken, als sie sah, wie Selen sich ebenfalls nach vorn gebeugt hatte.
 „Ich hör sie reden“, raunte Marie ihnen zu. „Aber ich versteh nicht, was sie sagen. Wir sollten in die Küche gehen und uns unter die Durchreiche hocken.“
 Selen schüttelte den Kopf. „Das merken sie doch.“
 „Die wissen doch eh, dass wir hier sind“, stellte Delilah fest.
 „Mmh“, machte Selen. „Glaub ich auch, aber es scheint sie nicht zu stören.“
 Ein Knall, kurz darauf ein zweiter. Vor Schreck kippte Marie zur Seite und rutschte schnell wieder neben Delilah. „Wie ihre Mutter“, sagte sie und rieb sich die Arme.
 „Hoffentlich ist der Stuhl noch ganz“, flüsterte Selen in Delilahs Ohr und bestätigte ihr damit, dass sie dasselbe dachte. Delilah konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Tante beinah über den Tisch stieg. Allerdings war das wenig vielversprechend, klang nicht sehr nach einer Einigung.

 „Ist ja wie vor dem OP hier.“
 Delilah erschrak und offenbar ging es Marie und Ray nicht anders. Nur Selen lächelte schuldbewusst ihren Vater an, der plötzlich neben ihnen stand. Wie konnte dieser Mann sich derart lautlos fortbewegen?
 „Fühlt sich auch so an, Boss“, bestätigte Delilah. „Aber was machst du hier?“
 Gabriel ließ sich neben seine Tochter auf den Boden sinken. „Eigentlich hab ich dich gesucht, Delilah. Und dich auch, Marie. Ingrid hat was mit euch vor. Aber hier sieht es auch ganz spannend aus. Mal sehen, ob was draus wird.“
 „Sara wird sie nicht rauslassen, bevor was draus geworden ist, schätze ich.“ Marie hatte sich wieder an die Tür gesetzt und lauschte.
 „Dann macht ihr euch besser darauf gefasst, die Nacht auf dem Flur zu verbringen.“
 „Okay.“ Ray rutschte an der Wand runter und lag jetzt halb auf dem Boden. „Dann erzähl uns zum Zeitvertreib mal was von früher.“
 „Früher.“ Gabriel schnaubte. „Da gibt es nun wirklich keine Geschichten, die in dieser Form für eure Ohren bestimmt wären. Oder wisst ihr was, was ihr hören wollt?“ Er griff in seine Hosentasche und wollte etwas herausziehen, ließ es dann aber, nachdem er sich umgesehen hatte.
 Selen nickte heftig. „Erzähl uns von …“
 „Nein!“ Delilah beugte sich schmerzhaft über Ray und hielt ihr den Mund zu. „Auf gar keinen Fall!“ Keine Gespräche über heikle Themen, hatte Sara gesagt. Und wenn das mal kein heikles Thema war, wusste Delilah auch nicht weiter. „Ach, irgendwas fällt dir doch bestimmt ein, Boss.“ Sie grinste und ließ Selen los, als die zubeißen wollte. Der schien zu dämmern, dass es wirklich keine gute Idee gewesen war und sie hob die Schultern.
 „Hm.“ Er starrte das Bild an, das über Marie an der Wand hing. Es war eines von den romantischen Gemälden, die im Kunstunterricht an der Tafel gehangen hatten. Weder Titel noch Künstler fielen Delilah in diesem Moment ein, aber es zeigte einen Strand mit einer Klippe im Vordergrund, einen grünen Hügel im Mittelgrund und große, aufgerissene Wolken im Hintergrund.
 „Als wir ungefähr in eurem Alter waren, sind wir nach Heybrook Bay an den Strand gefahren. Zu acht. Wir durften Rachel nur mitnehmen, weil Nick schon achtzehn war. Dabei haben wir das nur wegen ihr gemacht.“ Er sah Delilah an, wartete auf ein Anzeichen dafür, dass er besser aufhören sollte. Sie schüttelte nur lächelnd den Kopf.
 „Sie war in ner schwierigen Phase“, fuhr er fort. „Nach einer Reihe von weniger wünschenswerten Vorfällen hat Lindsay entschieden, dass sie doch mal raus müsse. Eine Woche haben wir in Ingrids Strandhaus gewohnt. Rückblickend muss ich sagen, dass alles ziemlich chaotisch war. Ingrid hatte das Haus gekauft, bevor sie Charles kennen gelernt hatte und nicht mehr besucht, seit die Kinder auf der Welt waren, darum gab es nur ein Schlafzimmer. Das haben natürlich Nick und Charlotte für sich beansprucht, weil sie die Ältesten waren. Wir andern durften auf dem Boden schlafen. Nicht, dass wir wirklich viel geschlafen hätten. Zwischen unseren beiden Experten da drin sind natürlich ständig die Fetzen geflogen.“ Er machte eine Pause und schien selbst zu lauschen. Tatsächlich konnte nun auch Delilah das Gemurmel aus dem Esszimmer hören. Leider war es nicht laut genug, als dass sie etwas verstanden hätte.
 „War natürlich noch nicht so ernst wie heute. Wir waren davon ausgegangen, dass es eine Phase ist, aber nein, sie benehmen sich noch immer wie Kleinkinder. Dementsprechend hat Rachel sich köstlich amüsiert. Weniger über die Tatsache, dass Lindsay sie und Mike an einem Abend allein im Haus gelassen hat, während wir anderen saufen gegangen sind. Sie hielt es für ne gute Idee, die zwei zu verkuppeln. Heute kann ich sagen, dass das ne gute Idee war, aber damals sah es weniger danach aus. Sonst hätte es wohl kaum noch anderthalb Jahre gedauert, bis die beiden sich näher gekommen sind.“
 „Wo es doch sonst immer so schnell ging bei ihr.“ Delilah verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Als sie mit vierzehn von einem Anflug von Nostalgie erfasst worden war, hatte sie auf dem Dachboden die Tagebücher ihrer Mutter gefunden. Die Einträge waren nur sporadisch, also hatte sie nicht viel erfahren. Eigentlich hatte sie da nur reingeschrieben, wenn sie sich in jemanden verliebt hatte – und das war oft gewesen.
 „Deine Mutter hat sich schnell verliebt, da hast du recht. Und die Liebe ist in den meisten Fällen leider viel zu schnell vorbei gegangen. Deshalb auch diese unschönen Vorfälle.“ Wieder griff er sich in die Hosentasche, wieder zog er die Hand unverrichteter Dinge wieder raus. „Verdammt, was rede ich hier eigentlich? Wie gesagt, ich hatte eigentlich was vor.“

 In dem Moment, als aufstand und gehen wollte, wurde die Tür aufgeschlossen. „Wenn du erwachsen geworden bist“, sagte Sara und sah Richard nach, der mit geballten Fäusten den Gang entlang stapfte.
 Ray sprang auf, zog Selen ebenfalls auf die Beine und nahm sie bei der Hand. Bald waren sie ebenfalls verschwunden.
 Ertappt rappelte Marie sich auf und klopfte sich den Rock ab. „Was ist los?“, fragte sie voller Neugier.
 „Ich hab noch Sachen hier“, sagte Sara mit einem bitteren Lächeln. „Morgen hol ich den Rest. Richard kommt nach, wenn er sich beruhigt hat.“
 Marie und Delilah umarmten sie glücklich von beiden Seiten. Die Lage würde sich wieder ein gutes Stück entspannen. Über Saras Schulter hinweg warf Delilah einen Blick ins Esszimmer. Bis auf drei Stühle, die nicht ordentlich am Tisch standen, sah es normal aus.
 Auch Gabriel nahm Sara kurz in den Arm und fuhr mit den Fingern durch ihre Haare. „Wunderbar. Dann können wir ja jetzt gehen.“
 „Ich mach das schon, Boss.“ Lindsay küsste ihn auf die Wange und legte einen Arm um Delilah und Marie. „Muss mich jetzt unbedingt ablenken, wenn du nichts dagegen hast.“
 Er hob die Schultern. „Mach, was du willst. Ich bin dann in der Küche, wenn du mich suchst.“
 „Ich komm mit, jetzt brauch ich nen Kaffee.“ Sara klopfte Lindsay auf die Schulter und folgte Gabriel ins Nebenzimmer.
 „Alter.“ Lindsay atmete durch und drückte die Mädchen an sich. „Bin ich erleichtert, dass das vorbei ist.“
 Marie sah zu ihr hoch. „Aber sie lassen sich doch nicht scheiden, oder?“
 „Auf keinen Fall. Sie machen nur eine kleine Pause, bis Richard feststellt, dass er es nicht ohne sie aushält und mit eingezogenem Schwanz hier einzieht. Ich geb ihm eine Woche. Aber wie auch immer, wir haben was vor.“ Sie ging in Richtung der Eingangshalle und die Mädchen folgten ihr.
 „Dürfen wir auch erfahren, was genau?“ Delilah blieb an der Tür zum Keller stehen. So gut wie nichts, was sich dort unten fand, gefiel ihr in irgendeiner Weise.
 Ebenso verhielt es sich mit dem Lächeln, das Lindsay im Gesicht hatte, als sie ein Päckchen Streichhölzer aus der Tasche zog und die erste Kerze an der Treppe anzündete. „Mum ist aufgefallen, dass es noch etwas gibt, was ihr zwei unbedingt lernen solltet, bevor ihr mit der Schule fertig seid.“
 „Schwarze Magie?“, vermutete Marie. Sie nahm Delilahs Hand und folgte Lindsay nach unten. Der Keller war eisig kalt, Delilah war froh, die Jacke anzuhaben. An der Wand hingen Portraits von den Familienoberhäuptern seit Gründung der Organisation. Ingrid war als kleines Mädchen abgebildet. Ihr Vater war gestorben, als sie zwölf gewesen war. Walther hatte ihr viel abgenommen, aber sie musste schon damals sehr dickköpfig gewesen sein, wie der Butler ihr mal erzählt hatte. Gleich daneben hing das Bild von einem jungen Arthur, mit rötlichem Backenbart und dem Hund zu seinen Füßen. Irgendwann würde da auch ein Bild von ihr hängen.
 Ihre Tante lachte, dass es an den Wänden des langen Ganges am Fuß der Treppe widerhallte. Irgendwie klang es wahnsinnig. Ein bisschen. „Denkst du nicht, dass ich die Falsche dafür wäre, Liebes? Damit solltet ihr auch nicht an einem Sonntagabend anfangen.“ Sie blieb stehen und kramte ihren Schlüsselbund aus der Hosentasche.
 „Soll das dein Ernst sein?“ Skeptisch sah Delilah auf das Schild am Schießübungsraum. Ohrenschützer und Schutzbrillen. Ein paar mal war sie drin gewesen, hatte aber niemals was angefasst.
 Lindsay schob sie rein. „Mum besteht darauf.“ Hinter sich schloss sie ab. „Bist du noch sauer auf mich?“
 „Ach, Quatsch.“ Sie blieb neben der Tür stehen. Maries fragende Blicke ignorierte sie. „Aber ich bin trotzdem nicht scharf darauf, hier mit Schusswaffen zu hantieren.“
 „Hach.“ Lindsay hielt sich die Stirn, wandte sich an Marie. „Wie sieht’s bei dir aus?“
 Marie lächelte. „Ich bin dabei.“
 „Wenigstens das. Verdammt, wir hätten einfach früher anfangen sollen.“
 „Was?“ Delilah sah ihr ins Gesicht. „Ihr könnt keinem Kind eine Waffe in die Hand drücken!“
 „Was bin ich alt“, murmelte ihre Tante und nahm kurz ihre Kette in die Hand. Daran hingen zwei Anhänger, die man zusammenstecken konnte, worauf sie das Familienwappen bildeten. Delilah wusste, dass der eine Teil, auf dem hinten ein R eingraviert war, ihrer Mutter gehört hatte. „Hast schon recht, die Zeiten haben sich geändert. Wenn auch zum Besseren. Trotzdem gehört es dazu.“
 Delilah sagte nichts. Sie verschränkte nur die Arme vor der Brust und sah zu Boden. Sie wusste, dass sie es tun musste, Ingrid erwartete das von ihr. Aber sie wollte nicht schon wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Schon gar nicht wollte sie eine abfeuern.
 „Ist doch nur Unterricht“, sagte Marie und lächelte. „Nur Papierziele.“
 „Eben.“ Lindsay nahm ihr Gesicht in die Hände und hob es an, sodass sie sich in die Augen sahen. „Ich werd mein Bestes tun, um dafür zu sorgen, dass du … dass ihr beide niemals in eine Situation kommt, die Waffengewalt erfordert.“
 Sie hätte am liebsten gesagt, dass sie es dann auch nicht brauchte, aber es war unnötig. „Das kannst du nie wissen“, sagte sie leise.
 „Genau deswegen sind wir hier.“ Lindsay nahm sie mit zu dem großen Tresor, in dem die Waffen aufbewahrt wurden. Sie wehrte sich nicht. Wahrscheinlich sollte sie einfach mitmachen und dann hoffen, dass sie es wirklich nie brauchen würde.
 Das Schloss hatte eine sechsstellige Kombination aus Zahlen und Buchstaben. Lindsay machte kein Geheimnis daraus, aber Delilah hatte wenig Lust, es sich zu merken. Hier wurden nur die Handfeuerwaffen aufbewahrt. Das schwere Geschütz fand sich im Arsenal ein Stockwerk tiefer, das ebenfalls mit Zahlenschloss gesichert war. Die altmodische Methode, eben weil es keinen Strom gab. Aber den Schlüssel für dort unten hatte nur Walther.

 „Keine Angst, ist kein Magazin drin“, ließ Lindsay die Mädchen wissen, als sie ihnen jeweils eine Pistole in die Hand drückte. „Die habt ihr hier. Wer will anfangen?“
 Delilah hob die Hand und ging zur Bahn. Sie wollte es hinter sich haben. Auf den Tischen lagen Ohrenschützer und Schutzbrillen. Nachdem sie alle beides aufgesetzt hatten, hielt Delilah die Waffe in der Hand und sah sie unglücklich an. Ihre Finger zitterten, als sie das Magazin einschob.
 „Ganz ruhig.“ Lindsays Stimme drang gedämpft an ihre Ohren. „Atme tief durch und nimm sie am besten in beide Hände. Ja, genau so. Jetzt streck die Arme aus. Ruhig.“ Sie legte ihre warmen Hände an Delilahs, bis die nicht mehr so zitterten. „Pass auf, der Wiederstand ist ein bisschen höher. Und achte auf den Rückstoß.“
 Dass der so groß ausfallen würde, hatte sie nicht erwartet, als sie abdrückte. Vor Schreck kniff sie die Augen zusammen und trat einen Schritt zurück, wobei sie gegen ihre Tante stieß. Sofort nahm sie das Magazin raus und legte die Pistole auf den Tisch.
 „Oh“, machte Marie. Delilah schob die Schützer von ihren Ohren und blickte auf das Papier. Links neben dem Kopf war ein Loch. Verfehlt, dachte sie und war erleichtert. Mit diesem Schuss hätte sie nicht getötet.
 „Du hast das Papier getroffen“, bemerkte Lindsay und klopfte ihr auf die Schulter. „Ein paar Inches weiter rechts und es wäre ein Kopfschuss geworden.“
 „Dabei hab ich doch auf die Mitte gezielt.“ Sie drehte sich um und lehnte sich an Lindsay. „Okay, du hast gewonnen. Ich mach mit, aber das reicht mir für heute. Bitte.“
 „Schon gut. Ich hab dich mal wieder überfallen, das war ne schlechte Idee.“
 „Denk ich auch“, meinte Marie. Sie stand schon mit der Waffe in der Hand am Tisch nebenan. „Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns mental darauf vorbereiten können.“
 Delilah schob die Waffe zur Seite, bevor sie sich auf den Tisch setzte. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Rippen. An ihrem Zeigefinger spürte sie noch immer den Abzug. Es war schrecklich.
 Marie schoss, riss ihre Arme hoch und trat ebenfalls einen Schritt zurück, wobei sie mit dem Absatz ihres Stiefels Lindsays Schuh erwischte. Die hob sie nur mit zusammengebissenen Zähnen von sich runter.
 „Oh, entschuldige!“ Marie hielt sich die Hände vor den Mund. Über die Schulter sah sie das Ziel an. „Ach, na toll. Ich hatte auch in die Mitte gezielt.“ Stattdessen war das Loch neben dem rechten Oberschenkel.
 „Na, ihr erwartet doch nicht, beim ersten Mal zu treffen, Mädchen.“ Lindsay nahm ebenfalls die Ohrenschützer ab. „Willst du das Magazin noch leer machen?“
 Mit großen Augen schüttelte Marie den Kopf. „Ich hab ja von der einen schon ne Heidengänsehaut.“ Zur Demonstration zog sie den Ärmel ihres Pullovers hoch.
 Mit einem Nicken nahm Lindsay das Magazin aus der Waffe und legte alles wieder in den Tresor. Mit einem Hüftstoß schloss sie die schwere Tür. „Wie ich gedacht hatte, keine großen Überraschungen. Wenigstens stellt ihr euch nicht blöd an. Carter hat mir Sachen erzählt, das ist echt nicht mehr schön. Keine Sorge, ihr gewöhnt euch dran. Im Sommer können wir auch in den Garten gehen, da find ich es schöner als hier.“
 Weder der Gedanke, dass sie sich irgendwann an diese Waffe gewöhnen würde, noch der, dass es bis zum Sommer weitergehen würde, gefiel Delilah sonderlich. Aber gegen beides würde sie wohl nichts ausrichten können.
 „Ihr habt übrigens jetzt noch Gelegenheit, mir zu sagen, falls ihr das hier lieber mit jemand anderem machen wollt.“ Sie lächelte zufrieden, als die Mädchen mit den Köpfen schüttelten. „Sehr schön, ihr zwei. Dann sucht euch ne Zeit aus, ich hab keine Lust, das immer am Sonntag zu machen.“

Am Abend lief Delilah Arm in Arm mit ihrem Großvater durch den festlich geschmückten Saal in der Stadthalle, wo die Weihnachtsfeier der Polizei stattfand – Lindsay hatte sich fast sofort an einen Tisch abgesetzt, an dem ein paar junge Beamte saßen, die sie wohl gut kannte. Charles stellte sie seinen Kollegen vor, von denen sie manche noch kannte, weil sie ihn von Zeit zu Zeit an der Arbeit besucht hatte. Unzählige Male bekam sie zu hören, wie groß sie geworden war und was sie für ein hübsches Mädchen war. Der Stolz in Charles’ Gesicht war beinahe greifbar, was Delilah wiederum ein gutes Gefühl gab. Außerdem erkannte sie ein paar Leute aus ihrer Schule, die mit ihren Eltern da waren. Dann war sie wenigstens nicht die Jüngste hier.
 „Wo ist deine Frau, Charlie?“, fragte ehemaliger Kollege, der seit ein paar Jahren in Pension war und immer noch zu jeder Feierlichkeit kam.
„Sie hat zu tun“, antwortete Charles mit Bedauern in der Stimme. „Aber sie hofft, dass sie mich im nächsten Jahr wieder begleiten kann.“

 Es dauerte eine Weile, bis die Vorstellungsrunde vorbei war. Delilah hatte sich vielleicht die Hälfte der Namen merken können, die sie gehört hatte. Mit so was hatte sie zugegebenermaßen Probleme, aber wenn sie sich dann eine Weile mit den Leuten unterhielt, fiel es ihr leichter.
 Nachdem sie sich kurz mit einem Mädchen unterhalten hatte, das in die Parallelklasse ging und sie fragte, ob sie am Freitag mithelfen wollte, die Turnhalle zu dekorieren, setzte sie sich zu ihrer Tante. Die erzählte gerade die Pointe eines Witzes, dessen Rest Delilah gar nicht kennen wollte.
 „Da bist du ja!“ Lindsay legte einen Arm auf die Lehne von Delilahs Stuhl. „Also, hier haben wir Joanna, sie ist mit mir zur Schule gegangen.“
 Joanna beugte sich über den Tisch und reichte Delilah die Hand. Ihr rundes Gesicht wurde von kurzen weißblonden Haaren eingerahmt, die in alle Richtungen abstanden. „Mensch, ich hab dich das letzte Mal gesehen, da warst du noch ein kleines Mädchen.“
 Delilah lächelte. Sie konnte sich überhaupt nicht erinnern, auch wenn ihr Vater manchmal von dieser Frau gesprochen hatte.
 „Die Zeit verfliegt“, sagte Lindsay und wollte sich eine Zigarette anzünden, doch Joanna nahm sie ihr aus dem Mund. „Ist ja gut, ich hab verstanden. Wie läuft’s bei dir? Was macht die Familie?“
 Joanna lehnte sich zurück. „Alles prima. Jackie kommt im Sommer in die Gesamtschule. Er ist ganz aufgeregt.“
 „Dann sehen wir uns vielleicht wieder öfter.“
 Delilah bemerkte den Blick, den Joanna ihr kurz zuwarf, dann stellte jemand ein Glas Fanta vor sie auf den Tisch. Als sie aufsah, stand ihr Großvater hinter Lindsay. „Ein Tanz mit deinem alten Vater?“, fragte er und beugte sich über sie.
 Lindsay sah auf und hob die Brauen. „Nicht dein Ernst, oder? Mach das mal lieber mit Delilah, die kann das besser.“
 „Später“, antwortete er mit einem Lächeln. „Erst bist du dran, Lily.“ Er zog sie auf die Beine, nur widerwillig gab sie nach. Kaum dass sie außer Sichtweite waren, ließ sich jemand anderes auf den nun freien Platz fallen.

 „Hi, D Jane.“ Es war Harvey Griffin, der einzige Mensch auf dieser Welt, der nicht begriffen hatte, dass Delilah es hasste, bei ihrem zweiten Vornamen genannt zu werden.
 „Hör doch auf damit, Harvey.“ Sie legte den Kopf auf den Arm und sah ihm ins Gesicht. Immer sah er ein bisschen lädiert aus, weil er Kickboxer war. Seine Nase war mehrfach gebrochen und etwas krumm. Die Haare hatte er sich im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden.
 „Ich will nur mit dir reden.“ Beinah klang er beleidigt, sie wusste nicht, ob er nur schauspielerte. „War überrascht, dich hier zu sehen.“
 „Grandpa wollte mich dabei haben.“ Sie deutete in Richtung Tanzfläche. Er hatte gemeint, dass sie nicht immer nur ernsthafte Dinge tun sollte.
 „Geht mir genauso. Aber du hast recht, ich wollte dich etwas Bestimmtes fragen. Du gehst doch nicht ernsthaft mit Ray auf den Ball, oder? Sicher wird er spielen müssen, so als Bassist der Schulband. Da hat er bestimmt kaum Zeit für dich.“
 Sie seufzte. „Ach, Harvey. Hat denn keiner mehr andere Sorgen? Natürlich geh ich mit ihm. Nein, sie spielen nicht, das wüsste ich. Es ist interessiert mich nicht, ob er Zeit für mich hat oder nicht. Und natürlich werde ich nicht mit irgendjemand anderem hingehen, sonst hätte ich seine Einladung nicht angenommen.“ Mittlerweile ging es ihr auf die Nerven. Alle aus der Klasse hatten sie gefragt, dabei hätten sie das auch gleich herumerzählen können. Nun, da sie eine Verabredung, ein Kleid und sogar Schmuck hatte, hatte sie eigentlich gedacht, dass sie sich bis Freitag keine weiteren Gedanken darüber machen musste. Aber da hatte sie sich wohl getäuscht. „Sonst noch was?“
 Wieder wirkte er beleidigt, allerdings gab sich das bald wieder. „Ja, allerdings. Hast du gestern Abend auch Zwischenwelt gesehen?“
 „In der Tat.“ Sie richtete sich wieder auf und nahm einen Schluck Fanta. „Ich denke, jeder hat gestern Abend Zwischenwelt gesehen.“ Sie sah zu Joanna.
 Diese nickte. „Zum … zehnten Mal? Ich war damals im Kino, bei der britischen Originalfassung. Besser als der Hollywoodfilm, find ich.“ Sie wandte sich zwei Kollegen zu, die gerade in ein Gespräch über idiotische Einbrecher vertieft waren und offenbar Spaß dran hatten.
 „An dieser einen Stelle im Labor bin ich zur Toilette gegangen, obwohl ich gar nicht musste“, gestand er. „An manchen Stellen musste ich aber einfach nur lachen.“
 Delilah nickte. „Hab ihn mit Selen und Marie geschaut. Meine Rolle war, ihnen zu sagen, wann sie wieder hinschauen konnten. Ich hab ja nun das Buch gelesen und mir zum Beispiel am Anfang gedacht, das hätten sie besser machen können. Aber dann waren da wieder Stellen, da hätte man mitlesen können.“
 „Hast du die Version mit dem alternativen Ende?“ Er drehte sein Colaglas in der Hand.
 „Mein Vater hat die alte Originalversion mit Kommentaren der Autorin, die sollte ich mir vielleicht wirklich ansehen. Die wurde ja wirklich in Deutschland gedreht. Mit britischen Schauspielern.“
 „Oh, glaub mir, du willst keinen Film mit deutschen Schauspielern sehen“, kommentierte Joanna und zwinkerte ihr zu.
 „Du musst deinen Dad dann unbedingt fragen, ob du ihn mir ausleihen darfst.“ Mit diesen Worten stand er auf und verabschiedete sich für den Moment.
 Delilah begnügte sich damit, Joanna und den anderen Polizisten zuzuhören, manchmal über eine Geschichte zu lächeln und zu hoffen, dass nicht noch jemand aus ihrer Schule auf die Idee kommen würde, mit ihr reden zu wollen. Eigentlich hatte sie nichts gegen die Leute, aber nach Schulschluss musste sie nicht unbedingt mit ihnen zu tun haben.

 Es dauerte nicht lang, bis ihre Tante zurückkam und sich neben sie fallen ließ. „Tu mir einen Gefallen und brich mir ein Bein, wenn wir das nächste Mal auf so eine Veranstaltung gehen.“
 „Bestimmt nicht.“ Delilah trank aus. „Wir können unmöglich riskieren, dass du mehrer Wochen lang ausfällst.“
 „Aber das letzte Mal, dass ich getanzt habe, war auf meiner Hochzeit!“ Sie verbarg das Gesicht hinter den Händen.
 Delilah stand auf und streichelte ihrer Tante über den Kopf. „Manchmal muss man durch“, sagte sie und ging zu Charles, der ein Stück entfernt stand und beinah schadenfroh lächelte.
 „Kannst du Rock’n’Roll?“, fragte er und nahm ihre Hand.
 „Bitte?“ Sie wusste in dem Moment nicht mehr, ob sie wirklich tanzen wollte. Für so was trug sie eindeutig die falsche Kleidung. „Also, im Grunde ja, aber was?“ Sie hatte das bei der Tanzschule gehabt, die sie mit fünfzehn absolviert hatte und vor der Selen sich mit Zustimmung ihrer Eltern drückte. Weil es mehr Mädchen als Jungen gewesen waren, hatte sie mit Marie getanzt. Nun hatte sie Bedenken dabei, von ihrem Großvater durch die Gegend geschleudert zu werden.
 Er lachte, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. „Ach, Liebling, ich hab nur Spaß gemacht.“
 Tatsächlich hatte Delilah Glück, denn gerade wurde Happy Xmas angespielt. Von allem, was sie während der Tanzstunden gelernt hatte, hatte sie den Wiener Walzer noch am besten drauf. So konnte sie sich voll und ganz auf das Lied konzentrieren. Auf Charles’ Rasierwasser, das er schon immer benutzt hatte. Es brachte ihr ein Gefühl der Geborgenheit. Wenn jemand streng zu ihnen gewesen war, als sie noch klein gewesen waren, waren sie immer zu ihm gerannt.
 „Ich hoffe, es macht dir nichts aus“, sagte er und sie sah ihm fragend ins Gesicht. „Die Waffen meine ich. Ich hab versucht, deine Großmutter davon zu überzeugen, dass es zu früh ist, aber sie lässt sich ja nichts sagen.“
 Sie lächelte. „Natürlich macht es mir was aus. Aber das ist doch egal, es gehört dazu. Ich werd mich schon damit arrangieren.“ Sie machten sich ja nur Sorgen. Nur mit einem Messer konnte man sich schlecht gegen einen Schützen wehren.
 „Du bist ein gutes Kind. Bei der Gelegenheit, gibt es etwas Besonderes, das du zu Weihnachten haben möchtest?“
 „Eine Sache wäre da schon, ja.“

Am Mittwochnachmittag saß Delilah wieder in dem Allzweckraum neben ihrer Tante am Schreibtisch. Sie wollte, dass es schnell vorbei ging und sie in die Stadt fahren konnten. Schlimm genug, dass es dort furchtbar voll sein würde, weil sie nicht die einzigen waren, die ihre Weihnachtsgeschenke schrecklich spät kauften.
 Aber wenigstens war Lindsay nicht mehr ganz so mies gelaunt, seit Sara wieder im Haus wohnte. Auch Richard war tatsächlich eingezogen und ging ihr aus dem Weg, so weit das möglich war.
 „Okay, Leute.“ Sie legte die Füße auf den Tisch, nachdem Delilah wie immer die Anwesenheitsliste verlesen hatte. „Nachdem wir den ganzen grundsätzlichen Kram geklärt haben, wüsste ich gern, warum ihr eigentlich hier seid. Außer ihr drei natürlich.“ Sie sah auf die drei Verbrecher, die an der Wand saßen und sich ruhig verhielten. Von keinem der zwölf konnte man sagen, dass sie besonders viel sprachen.
 „Ich mache das übrigens, damit ihr wenigstens denkt, ihr würdet mich interessieren. Na ja, und für die Statistik.“ Sie klang dabei so herrlich ernst, dass Delilah langsam zu verstehen glaubte, warum Sara keine Lust hatte, Derartiges zu unterbinden. Lindsay deutete auf einen Mann namens Jason Philips, der die Hand erhoben hatte.
 „Hier krieg ich mehr Geld als bei meiner alten Firma“, sagte er mit einem schiefen Grinsen und der Rest nickte, bis auf Clarice. Delilah hatte sich gedacht, dass das der wichtigste Grund war. Wer konnte auch heute noch erwarten, dass jemand einen solchen Job annahm, weil er der Krone dienen wollte? Es war nicht einmal sicher, dass sie wussten, worum es hier eigentlich ging, was hinter der Fassade lag. Dazu bestand auch gar nicht die Notwendigkeit.
 „Dacht ich mir.“ Aus dem Augenwinkel sah sie Delilah an, die das notierte. Diese Statistik gab es wirklich, auch wenn sich ihr der Sinn nicht erschloss. Wahrscheinlich wollte irgendeine hohe Stelle solche Dinge einfach wissen.
 „Ich wollte nach Belfast ziehen und hier krieg ich nen Job dafür“, sagte Clarice leise.
 „Wenn wir schon bei Nordirland sind, was machen wir da eigentlich?“, wollte Mr Barnes wissen.
 Lindsay und Delilah sahen sich lange an. „Dasselbe wie hier. Irgendwelche Firmen werden euch anheuern und ihr arbeitet ne Weile für die. Ich hab grad keine Ahnung, wer das in Nordirland ist, also fragt gar nicht erst.“
 Damit gaben sie sich zufrieden, auch wenn Delilah einigen ansah, dass sie gern mehr gewusst hätten. Aber das hatte Zeit, bis sie eventuell in den engeren Kreis kamen, der auch wirklich Aufträge von größerer Tragweite übernahm. Im Winter gab es davon weniger, aber im Sommer, wenn die Weltregierung sich traf, waren fast alle vor Ort. Das hatte dazu geführt, dass Delilah mit dreizehn ein halbes Jahr in Canberra verbracht hatte. Sie hatte den Regen vermisst.
 Was folgte, war der halbstündige Vortrag, den Delilah über die Geschichte der Firma halten durfte (natürlich ohne prekäre Details). Sie war nicht klar, warum das wichtig war, aber auch hierauf bestand Ingrid. Nicht ganz ohne Grund war sie stolz auf die Familiengeschichte und das ließ sie jeden wissen. Dennoch wunderte es Delilah nicht, dass sie von allen gelangweilt beobachtet wurde, während sie einen Stammbaum an die Tafel malte. Als sie den Namen ihrer Mutter aufschrieb, brach die Kreide ab. Der Knall, als es auf die blecherne Schiene unter der Tafel fiel, weckte zumindest alle auf.

Als sie fertig war, schickte sie die Neuen weg und setzte sich auf den Tisch. In einem Raum im unteren Keller hing eine große Leinwand mit dem Stammbaum der Familie, natürlich viel schmuckvoller als dieses Kreidegeschmiere. Sie war mehrfach restauriert worden, weil sie einst in der Eingangshalle gehangen hatte und das Anwesen in mehreren Kriegen nicht gut weggekommen war. Außerdem wurde sie nach einer gewissen Zeit verlängert, was man deutlich an der unterschiedlichen Qualität des Materials erkennen konnte.
 „Du hast sogar Vierecke und Kreise gemacht“, bemerkte Lindsay mit einem anerkennenden Nicken.
 „Ja, manche Sachen aus dem Unterricht bleiben hängen.“ Sie wischte die Tafel sauber und wusch sich die Hände. „Also, morgen hab ich Klavierstunden bis vier, dann haben wir noch Zeit, in die Stadt zu fahren. Außer, du hast was vor.“
 Lindsay schüttelte den Kopf. „Selbst wenn, das hätte ich einfach sausen lassen. Für dieses Jahr hab ich noch gar nichts besorgt.“
 „Aber du weißt, dass du durch genau so eine Aktion hier gelandet bist.“ Delilah folgte ihr zur Küche. Dort fanden sie Sara, die mit einem Kaffee und einem Buch am Tisch saß und sich Notizen machte.
 „Ist mir vollkommen egal.“ Lindsay setzte sich neben sie und küsste sie auf die Wange. „Was Schlimmeres kann sie mir nicht mehr antun.“
 „Delilah, bring doch bitte die Pasties mit, ich hab Hunger.“ Sara lächelte mild und lehnte sich an sie. „Doch, Lily, das könnte sie. Und du weißt genau, was ich meine.“
 Lindsay nickte und stützte den Kopf auf den Arm.
 Delilah nahm den Teller mit Teigtaschen, der noch vom Abendessen übrig war, und setzte sich auf die andere Seite. Es waren noch vier Stück und sie nahm sich auch eine. „Aber heute war sie ganz umgänglich.“
 „Da bin ich aber stolz auf dich.“ Sara hielt Lindsay eine Teigtasche hin und ließ sie davon abbeißen. Delilah dachte einen Moment darüber nach, sie allein zu lassen, stattdessen lehnte sie sich im Stuhl nach hinten und stellte den Wasserkocher an.
 „Was machst du da eigentlich?“ Lindsay warf einen kurzen Blick in das Buch, dann hielt sie sich mit beiden Händen die Augen zu beugte sich weit weg. „Verflucht, warn mich doch vor!“
 Sara seufzte, klappte das Buch zu und schob es zusammen mit ihrem Block zur Seite. „Es geht mir um die synthetische Herstellung von Spinnenseide. Und ich müsste dich nicht warnen, wenn du aufhören würdest, albern zu sein.“ Sie nahm Lindsays Hände und sah ihr ins Gesicht.
 Anstatt zu lachen, biss Delilah in eine Teigtasche. Zugegeben, sie mochte Insekten und Spinnen ebenfalls nicht, aber deswegen hatte sich nicht gleich solche Panikanfälle wie Lindsay. Wie konnte diese Frau nur Angst vor etwas so Kleinem haben? „Was willst du mit künstlicher Spinnenseide?“
 „Eine Weste aus Spinnenseide gewebt könnte ein Flugzeug aufhalten, aber bisher sieht es schlecht aus.“ Mit einem gequälten Lächeln zog sie Lindsay an sich und fuhr ihr mit der Hand durch die Haare. „Ist ja schon gut, komm wieder runter, ich mach das nicht mehr, wenn du im Haus bist.“

Am Freitagnachmittag war es Aufgabe der Mädchen, die Wäsche zu machen. Delilah warf die Jacke, die sie in der letzten Woche beinah pausenlos getragen hatte, in den Wäschekorb. Zusammen mit Marie, die ihr fortwährend Vorschläge machte, wie sie bitte die Haare haben wollte, ging sie in Richtung Waschküche.
 Auf Höhe der Küche hörten sie ein Poltern, das Delilah so sehr erschreckte, dass sie fast den Korb fallen ließ. Marie öffnete die Tür und sie ließ die Wäsche wirklich fallen. Auf dem Tisch fanden sie Richard und Lindsay, die ihm mit dem Unterarm beinah die Luft abdrückte. Irgendwas presste sie zwischen den Zähnen hervor, was die Mädchen allerdings nicht verstanden. Während Marie sich aus dem Staub machte, gelang es Delilah, die beiden zu trennen und an die gegenüberliegenden Seiten des Tisches zu setzten. Es war nicht leicht und sie hatte Glück, dass Lindsay ihr nicht wehtun wollte.
 „Bist du okay?“, fragte sie Richard und setzte sich auf die Tischplatte.
 Er nickte und rieb sich den Hals.
 Delilah wandte sich an ihre Tante. „Und denkst du, du kannst dich wieder beruhigen?“ Als Lindsay nickte, schlug Delilah die Beine übereinander. „Möchtest du dich vielleicht entschuldigen?“ Sie hatte das hässliche Gefühl, sich mit Kindern zu unterhalten und kam sich furchtbar falsch vor. Aber offenbar ging es nicht anders.
 „Nein.“ Lindsay verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, wirklich nicht.“
 „Als ob ich da was drauf geben würde“, knurrte Richard.
 Delilah seufzte. Was hatte sie auch erwartet? Lindsay entschuldigte sich äußerst selten. Sie hielt das für unnötig, weil es nichts änderte. „Auch gut. Aber wir wissen doch alle, dass das eben keine besonders gute Idee war. Egal, wie es dazu gekommen ist.“ Sie rutschte vom Tisch, als sie Schritte im Gang hörte.
 Es war Marie, die in die Knie ging, um die auf dem Boden verteilte Wäsche aufzuheben. An ihr vorbei kam Gabriel in die Küche, der mit verschränkten Armen den Blick zwischen den beiden hin und her schweifen ließ.
 Delilah huschte an ihm vorbei, zischte ein leises „Danke, Boss“ und half ihrer Cousine. Zum Glück war es die Dreckwäsche, alles andere wäre ärgerlich gewesen. Sie ließen sich Zeit, schließlich wollten sie nicht alles verpassen.
 „Wir hatten uns doch auf etwas geeinigt.“ Mit einem scharrenden Geräusch zog Gabriel sich einen Stuhl zurück. „Du, Freundchen, wolltest damit aufhören, ständig nur Streit anzufangen. Klappe zu, du brauchst dich gar nicht rausreden. In den letzten zwanzig Jahren war es niemals anders. Und du, meine Liebe! Du solltest dich nicht so leicht von einem wie ihm provozieren lassen!“
 Lindsay lächelte und sah ihn aus halb geschlossenen Augen an. „Gerade du solltest verstehen, dass das nicht gerade leicht ist, Boss.“
 Er beugte sich weit zu ihr und als er sprach, klang es, als hätte er die Zähne fest zusammengebissen. „Leider geht es hier um mehr als einen Kerl, der dich umbringen wollte. Es geht um Sara und dich und das wird nun mal nicht funktionieren, wenn ihr zwei Vorschüler euch nicht bald einkriegt.“
 Richard wollte etwas sagen, aber Gabriel schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Da geht es doch schon wieder los. Ich weiß, was du sagen wolltest, aber es interessiert mich überhaupt nicht. Wenn du vielleicht mal ein bisschen die Augen und Ohren aufmachen und deinen Verstand einschalten würdest, hätten wir uns viel Ärger ersparen können. Vielleicht solltest du mal an deine Frau denken, weil sie es ist, die du mit solchen Aktionen verletzt. Aber vielleicht sollten wir das Problem einfach aus dem Weg räumen!“
 Lindsay legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn in den Stuhl, als er aufstehen wollte. „Das schafft mehr Probleme, als dass es löst, Boss.“

 Marie schnappte sich den Wäschekorb und umfasste Delilahs Handgelenk. So leise wie möglich entfernten die beiden Mädchen sich. Delilah hatte gedacht, dass das Gespräch mit Sara geholfen hatte, was ein Irrtum gewesen war. Wahrscheinlich würde es nicht mal helfen, wenn Ingrid was sagte.
 „Was bin ich froh, dass er den Laden nicht übernimmt“, flüsterte Marie und sah über die Schulter. „Will die beiden zur Vernunft bringen und dann geht er ihm fast selbst an die Kehle.“
 Delilah nickte langsam. Sie verstand, was Sara gesagt hatte.
 „Aber was soll das heißen, ein Kerl, der sie umbringen wollte?“
 „William“, flüsterte Delilah zurück. „Die Sache mit ihm war ziemlich kompliziert, er hat ein paar mal die Seiten gewechselt und ich wenn Grandma mir die Wahrheit gesagt hat, hat er Lindsay nen glatten Durchschuss durch den rechten Lungenflügel verpasst. Falls du dich fragst, wo sie diese Narbe herhat. Wie du dir vorstellen kannst, hat er sich damit kaum Freunde gemacht. Sie selbst hat das später nicht mehr gekümmert, sie ist da wenig nachtragend. Er ist wieder in den Kerker gewandert, Megan hat es irgendwie geschafft, ihn wieder raus zu kriegen. Dann sind sie weggezogen. Wie er dann aber gestorben ist, weiß ich nicht.“
 Marie sah sie mit aufgerissenen Augen an. „Dagegen ist ja heutzutage alles völlig normal! Aber wo du einmal davon sprichst, morgen kommt Megan nach Hause, ja?“
 „Ja, bis ins neue Jahr. Wenn es gut läuft, muss sie nicht mehr dort bleiben. Ich glaub aber auch nicht, dass sie in ihr Haus kann.“ Überhaupt musste es komisch sein, ganz allein in einem Haus zu leben. Natürlich war es ein kleines Haus, aber seltsam stellte Delilah es sich dennoch vor. Dazu kam noch, dass sie dort früher mit ihrem Mann gewohnt hatte.
 „Besser, wir haben sie hier.“ Marie wartete, bis Delilah die Tür zur Waschküche geöffnet hatte. „Aber schon mal gut, dass es ihr besser geht. Es war mir zugegebenermaßen etwas unangenehm, sie in der Klinik zu besuchen, manche Leute da sind wirklich gruselig.“
 „Ging mir genauso.“ Delilah sortierte die Wäsche in die drei Waschmaschinen und ließ sich von Marie die Waschmittel reichen. „Vor allem zu irgendwelchen Feiertagen, mit Deko ist es da noch viel schlimmer.“

Selen hatte darauf bestanden, dass Marie sie ebenfalls schminkte. Sie wolle ihre eigene kleine Julfeier mit Jessica und Ember feiern, zum Southbank Centre gehen und vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen.
 „Wie lang dürft ihr bleiben?“, fragte sie und sah nach oben, als sie einen Lidstrich gezogen bekam. Mit mehreren Klemmen wurden ihre Haare auf der linken Seite hinter dem Ohr gehalten. Marie wollte es so ähnlich haben, nur auf der anderen Seite und mit einer gedrehten Strähne. Delilah hatte schon ihre einfache Hochsteckfrisur, nur zwei Strähnen kringelten vor ihren Ohren.
 „Der Ball wird nicht länger als bis elf gehen. Kannst uns ja mit abholen, wenn du willst.“ Delilah spielte mit dem Anhänger.
 „Aber sicher. Schließlich will ich als Erste wissen, was ihr alles so gemacht habt.“ Sie war aufgeregter als Delilah. Nach der Mittagspause, als sie die Turnhalle geschmückt hatten, war Selen vorbeigekommen und hatte geholfen, nur um dann zu fragen, ob sie vielleicht am Abend kommen könne. Natürlich hatte man sie abgewiesen. Delilah hätte sie gern dabei gehabt, aber sie hatte nicht zu entscheiden.
 „Ich werd alles auf Video aufnehmen“, versicherte Marie ihr. „Besonders, wie Delilah mit Lorraine tanzt, das hat sie ihr heute nämlich versprochen.“
Selen sah sie an, was irgendwie unheimlich wirkte, weil sie dabei den Kopf halbwegs in den Nacken gelegt hatte, während Marie ihr Rouge auftrug. Diese grauen Augen, von denen sie ihren Namen hatte, wirkten dabei noch bestärkend.
 „Ja, meine Liebe, das werde ich.“ Marie hielt kurz inne und lächelte Delilah frech an. „Und du wirst mit jedem tanzen müssen, der dich fragt, denn es ist unhöflich, zum Julfest einen Tanz auszuschlagen.“
 „Warum sollte mich jemand fragen? Ich wundere mich drüber, dass die sich solche Mühe mit mir geben.“ Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie durch ihre Zurückhaltung, was gemeinsame Unternehmungen anging, das Interesse weitgehend ausgelöscht hatte. Dem war wohl nicht so. „Aber das heißt, dass du auch mit jedem tanzen musst, Marie. Ja, die Leute von meiner Schule halten dich nicht für ein arrogantes Gör, weil viele dich nicht kennen. Also mach dich auf was gefasst.“

Delilah war schon etwas komisch zumute, als sie Arm in Arm mit Ray die Turnhalle betrat. Sofort bekamen sie ein Glas Traubensaft in die Hand gedrückt – Alkohol war natürlich verboten. Viele waren mit dem Auto da und konnten ohnehin nichts trinken. Auf einem langen Tisch lagen kleine Päckchen mit Namensschildern. Irgendwann im Oktober hatten die Leute vom Ballkomitee Karten verkauft, wahrscheinlich war das restliche Geld hierfür verwendet worden.
 Marie winkte Elliot, den sie an einem Tisch entdeckt hatte, und schaltete die Kamera an. „Und hier beginnt unser Julball, wir haben sogar schon was geschenkt bekommen. Sag hallo, Delilah.“
 „Hi.“ Sie hob die Hand und lächelte schief. Kameras stand sie geteilter Meinung gegenüber. Fotos machte sie gern und erschien auch gern auf welchen, aber wenn sie gefilmt wurde, wusste sie nie, was sie sagen sollte.
 „Dann gehen wir mal zu unserem Platz.“ Sie zog Delilah hinter sich her. Im Vorbeigehen begrüßten sie ein paar Leute, die sie kannten. Aus den Boxen drangen leise Weihnachtsmelodien.
 „Ich dachte, ich halt uns mal nen Tisch frei.“ Unsicher umarmte Elliot erst Marie und dann Delilah. Die Haare hatte er sich zurückgekämmt und offenbar trug er Kontaktlinsen. „Jodie und Brad kommen auch noch. Seht mal.“ Als sie sich setzten, zeigte er ihnen sein Begrüßungsgeschenk: einen Schlüsselanhänger mit einem kleinen Megaman. Es war nicht schwer, die Interessen der Leute rauszufinden, nicht mehr in Zeiten des Internets.
 Marie schien es auch kaum erwarten zu können, und sie freute sich unheimlich, als sie eine kleine Mandarinente aus Holz in Händen hielt. Aufwändig platzierte sie das Tierchen vor der Kamera, die sie auf den Tisch gestellt hatte. Auch an den Geschenken für Delilah und Ray schien sie großes Interesse zu haben, denn ihr Blick wanderte von den Päckchen zu ihren Gesichtern hin und her.
 Delilah gab sich also geschlagen. In ihrer kleinen Schachtel war ein Teelichthalter mit Schneeflockenmuster in verschiedenen Blautönen.
 „Gefällt es dir?“, fragte Marie und wirkte erleichtert, als Delilah nickte. Sie stellte es ebenfalls vor die Kamera. „Die haben mich gefragt, was du so magst, da hab ich Kerzen gesagt.“
 „Das stimmt auch.“ Sie packte ihn wieder ein und steckte ihn in die Handtasche, um ihn ja nicht zu vergessen. „Na dann, Ray. Lass mal sehen.“
 Er öffnete die kleine silberne Schleife und ließ sich besonders viel Zeit, um Marie zu ärgern. Schließlich kam eine Kette mit einem Bassanhänger zum Vorschein. Er legte sie sofort an, sah ein bisschen eng aus. „Geil“, blieb sein ganzer Kommentar und er nahm hin, dass Marie eine ganze Weile damit spielte und sie aus allen möglichen Perspektiven filmte.
 „Spielt ihr heute?“, wollte Elliot wissen. „Ich hab vorhin Deborah Jones und Warren Elwood gesehen, wie sie auf der Bühne standen.“
 „Genau der richtige Moment!“ Ebendieser Warren Elwood lehnte sich neben Ray an den Tisch. „Ich hab dich gesucht, Bruder. Wir haben uns heute Nachmittag überlegt, ob wir vielleicht ein Lied spielen. Merry Christmas. Einfach mal improvisieren. Okay? Nur ein Lied.“
 Ray verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Das ist eine klasse Idee, so ganz ohne jegliche Vorbereitung und Übung. Bestimmt wird es super klappen.“
 Warren stieß ihn mit dem Ellbogen an die Schulter. „Punkrock, Mann! Es muss nicht gut klingen, wenn wir laut genug sind.“ Er lachte. Punkrock, genauso sah er aus. Ein Schloss an einer Kette um den Hals, Chucks zum Anzug. Sicher hing über seinem Stuhl eine Lederjacke mit Nieten.
 „Bitte, Ray“, meinte Marie und legte den Kopf auf die Arme. „Das war immer mein liebstes Weihnachtslied.“
 Ray sah Delilah und Elliot ein, die nur die Schultern hoben. „Aber natürlich, Bruder. Ich mach mit. Aber erst nach dem ersten Tanz.“
 „Auf dich kann man sich verlassen.“ Warren klopfte ihm auf die Schulter. „Ladies. Elliot.“ Mit einer kleinen Verbeugung ging er wieder.
 „Punkrock, Mann“, äffte Ray nach und verzog das Gesicht. „Wenn die Leute uns auslachen, werd ich ihm so was von den Kopf waschen.“ Es folgte weiteres unverständliches Gemurmel, aus dem Delilah so einige Flüche heraushörte.
 Sie legte einen Arm um ihn und lächelte. „Aber er hat recht, Ray. Es muss nicht sauber klingen. Das wird lustig, verstanden?“
 Er lachte trocken. „Verdammt, du klingst schon wie Ingrid. Aber ja, er hat recht. Ist ja nicht so, als hätten wir jemals vor einem Auftritt geprobt. Macht also keinen Unterschied.“
 „Das ist die richtige Einstellung.“ Elliot lag fast auf seinem Stuhl und schien sich nicht zu trauen, einen Arm um Marie zu legen. Die ergriff schließlich die Initiative und lehnte sich halbwegs an ihn.

 Gegen sieben waren alle anwesend und ein Mädchen aus Delilahs Parallelklasse, das Cordelia hieß, hielt eine kleine Ansprache. Sie bedankte sich bei allen, die geholfen hatten, bei den Direktoren beider Schulen, die vorbeigekommen waren, und bei den ehemaligen Schülern, die sich als Aufpasser bereiterklärt hatten. Schließlich kündigte sie den kurzen Auftritt der Schulband Devolution an. Abschließend hob sie ihr Glas mit rotem Saft, den man beinah für echten Rotwein halten konnte, und prostete allen zu. Es gab Applaus und sie ging mit einem zuckersüßen Lächeln von der Bühne. Cordelia Campbell war die Art Mensch, die jeden sofort für eine Aktion begeistern konnte. Zusammen mit ihrem Freund Brian bildete sie das Schulsprecherpärchen, engagierte sich unheimlich für alle möglichen Clubs und hatte bei jeder Veranstaltung ihre Finger im Spiel. Manchmal hatte man Angst, dass sie sich übernahm.
 Jemand hatte Delilah im Vertrauen erzählt, dass sie private Probleme hatte, etwas von einer Essstörung, wegen der sie sich in Behandlung befand. Warum verstanden die Leute nicht, dass Delilah all das nicht interessierte? Mit dem Mädchen hatte sie nicht viel zu tun, außer wenn sie im Sportunterricht irgendwelche Ballspiele spielten und Cordelia sie ins Team nahm, weil sie es einigermaßen gut konnte; manchmal unterhielten sie sich in der großen Pause oder saßen beim Essen zusammen. Sie waren bloß Schulkameraden, das Privatleben der anderen kümmerte sie wenig, sie hatte genug mit dem eigenen zu tun.

 Der eigentliche Ball begann mit einem kleinen Programm des Ballkomitees. Sie tanzten zur Nussknackersuite, wofür sie sicher lang geübt hatten mussten, die kleine Schwester eines Mitglieds trug ein Gedicht an den Weihnachtsmann vor, das Marie fast die Tränen in die Augen trieb, und am Ende tanzten sie um einen ‚Julbaum’, also eine Stange vom Volleyballfeld. Dann wurde ein kleines Büfett eröffnet, das unter Anderem Nüsse, Lebkuchen, Gebäck und Mandarinen bot.
 Während im Hintergrund Weihnachtsmusik dudelte, liefen die Schüler durch die Halle und unterhielten sich über ihre Pläne in den Ferien, überboten sich gegenseitig mit den Urlaubszielen und ließen sich darüber aus, wie sehr ihre Familien sich eigentlich hassten. Delilah war ganz froh, dass die gesamte Familie Harrington in Hollowood House lebte und sich nicht immerzu stritt – wenn man von gewissen Differenzen absah, die Vergangenheit betreffend.
 Während Marie und Elliot durch die Reihen liefen, um ja jedem zu zeigen, dass sie zusammen hier waren, nahmen Melissa und Angus die Gelegenheit wahr, um sich zu setzen und Delilah auf eine Art anzusehen, die ihr gar nicht gefiel.
 „Wie gesagt“, fing Melissa an und lächelte breit. „Ich habe zwischen den Feiertagen Zeit, denkst du, ich könnte dich besuchen?“
 Energisch schüttelte Delilah den Kopf. Der fragende Blick, den Ray ihr zuwarf, entging ihr nicht. „Ich hab doch gesagt, das wird nichts. Selbst wenn ich …“ Sie sprach nicht weiter, um die beiden nicht zu verletzen.
 „Es darf wohl keiner die Leichen in eurem Keller sehen?“, fragte Angus mit einem frechen Grinsen und wackelte mit den Brauen. „Aber mir wäre es lieb, du würdest zum Boxing Day mit mir shoppen gehen.“
 „Ich … werd sehen, was sich machen lässt“, antwortete sie, unsicher lächelnd und Ray nicht beachtend, dessen zuckende Mundwinkel verrieten, dass er sich nur schwer ein Grinsen verkneifen konnte.

Ständig hatte Ray sich darüber beschwert, wie langweilig die Tanzschule gewesen war und dass er am liebsten nicht hingegangen wäre. Aber jetzt, als sie Foxtrott tanzten, sah es fast aus, als hätte er doch was mitgenommen. Die ganze Zeit grinste er sie an.
 „Los, rück raus. Was willst du mir sagen?“
 „Wie viele Klemmen hast du im Haar?“, fragte er und sie geriet beinah aus dem Takt.
 „Vierzehn“, antwortete sie. „Was soll die doofe Frage?“
 Er lachte leise. „Angus und ich hatten ne Wette am Laufen. Melissa hat nur acht.“
 „Ihr seid Idioten, alle beide.“ Sie lehnte die Stirn gegen seine Schulter. „Ne Wette. Wegen Haarklemmen. Aber das ist nicht das, was du eigentlich sagen wolltest.“
 „Scharfsinnig wie immer“, stellte er fest und in seiner Stimme lag Triumph. „Sieht aus, als hätten meine Worte doch Einfluss auf dich gehabt.“ Sein Griff um sie wurde etwas fester.
 „Ein wenig vielleicht“, gab sie zu. „Es ist nur … Mit der Zeit geht es mir auf die Nerven, wenn sie ständig was von mir wollen und vielleicht sehen sie jetzt ein, dass es sich absolut nicht lohnt, was mit mir zu unternehmen.“
 Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er sie an. „Hörst du dich manchmal selbst reden? Hast du eine Ahnung, wie arrogant das klingt? Ich weiß ja, dass du es anders meinst, aber sag das bloß nicht, wenn jemand in der Nähe ist, der das falsch verstehen könnte.“
 Sie seufzte. „Ich weiß, Ray. Immerhin sind die Leute ja ganz nett, aber ich hab doch euch.“
 „Ach, Mädchen, mit dir macht man was mit. Natürlich hast du recht. Kann ich also davon ausgehen, dass es wirklich nur daran liegt?“
 „Du weißt auch, dass es nicht gut enden würde. Aber nein, es ist nicht nur das. Worüber sollte ich mit ihnen sprechen? Wie geht man mit denen um? In der Schule mag es gehen, aber sonst …“
 Er legte das Kinn auf ihren Scheitel. „Du bist denkst viel zu kompliziert. Ich kann das, Selen kann das, Marie könnte das auch. Sie bemüht sich und alle bemühen sich um dich. Komisch. Aber was red ich eigentlich die ganze Zeit, hat keinen Sinn. Du musst allein wissen, was du machst. Hoffentlich weißt du, dass wir dich immer unterstützen.“
 „Sicherlich.“ Sie lächelte so breit wie möglich. Manchmal fragte sie sich selbst, was sie sich für Gedanken machte.

 Für den Rest des Liedes schwiegen sie und Delilah war sehr froh darüber. Als sie wieder an den Tisch ging, fand sie dort Marie, die sich beschwerte, dass Elliot während des Tanzes kein Wort mit ihr gesprochen hatte. Sie selbst hatte allerdings auch nicht angefangen, weil sie nicht wusste, worüber sie hätten sprechen können. Von der Schule wollte sie bis ins neue Jahr nichts mehr hören.
 Daher beschlossen die beiden kurzerhand, das nächste Stück zusammen zu tanzen. Durch ihre hohen Absätze überragte Marie sie noch weiter als sonst. Wieder brauchten sie nicht darauf zu achten, was ihre Füße taten, die bekamen das ganz gut allein hin und Delilah führte. Sie hatte Maries Zimtgeruch in der Nase, der am stärksten aus ihrem Parfum hervortrat. Bald ist Weihnachten, dachte sie, und an den Engel oben auf dem Baum. Derselbe Engel, der auch schon dort oben gewesen war, als ihre Eltern noch Kinder gewesen waren. Sie dachte an die gefüllte Gans, die sie essen würden, an den Pudding, an den leeren Platz am Tisch. Für den Gast, der vielleicht kommt, sagte Walther stets, wenn sie zusammen den Tisch deckten, aber Delilah wusste, dass er leer blieb für die, die nicht mehr da waren.
 Daran dachte sie, während Marie davon sprach, wie gern sie mal wieder in den Urlaub fahren wollte, nach Inverness, wo sie ein Ferienhaus hatten. Sie sprach von dem Hotel in Aberdeen, in dem sie mal übernachtet hatten, als sie die Eltern ihrer Mutter besucht hatten.
 „Ich hab Grandma schon gesagt, dass wir gern mal wieder alle in den Urlaub fahren würden.“ Delilah lächelte zuversichtlich. „Im Frühjahr ist wenig los, vielleicht schafft sie es da, sich ein paar freie Tage zu gönnen.“
 „Und wer bleibt zur Vertretung?“, fragte Marie und lachte leise, als sie die Möglichkeiten durchging. Daraus schloss Delilah, dass sie sich dieselben Gedanken machten.
 „Meinst du, Grandma fährt ohne Walther weg?“, gab sie zu bedenken.
 „Das hab ich mich auch grad gefragt“, meinte Marie und lachte. „Na ja, warum sollte Walther nach Inverness wollen? Ich glaube, er war bei der Gründung dabei.“
 Delilah konnte nicht anders, als laut loszulachen. Dabei störte es sie nicht, dass die anderen sie jetzt wahrscheinlich komisch ansahen. Sie schlug ihrer Cousine leicht auf die Hüfte. „Marie, bitte. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Walther erst ungefähr achtzig ist.“
 „Aus sicherer Quelle.“ Marie nickte langsam, als würde sie ihr nicht glauben. „Und wer soll das sein? Die Königin?“
 „Nein“, erwiderte Delilah trotzig und kam sich zur Abwechslung selbst vor wie ein kleines Kind. „Katherine hat es mir verraten, als mir mal rausgerutscht ist, dass ich glaube, dass er schon beim Bau des Hauses hier war.“ Sie reckte das Kinn und nickte wichtigtuerisch.
 Nun lachte Marie und hatte Mühe, dabei nicht aus dem Takt zu geraten. Beinah wäre sie Delilah auf den Fuß getreten. Das konnte mit diesen Schuhen nur wehtun. „Und da regst du dich über mich auf!“, brachte sie hervor und drückte ihr Gesicht sanft an die Seite von Delilahs Kopf. Der Zimtgeruch wurde stärker.
 „Hallo? Ich war zehn“, verteidigte sie sich. „Dann hab ich sie gefragt, warum sie hier ist, aber sie wollte nicht antworten.“ Sie war zumindest nicht in dem Stammbaum aufgetaucht, aber Ingrid und sie schienen sich schrecklich nah zu stehen.
 Marie sah sie streng an. „Etwas, das du nicht weißt, dass ich das noch erleben darf! Sag nicht, dass ich das verraten habe, aber Katherines Eltern haben sie vor dem Haus ausgesetzt, als sie noch klein war. Arthur hat sie aus gewissen Gründen aufgezogen und sie gehört jetzt halbwegs aber doch nicht wirklich zur Familie.“ Sie sprach ganz leise, auch wenn hier niemand war, den das interessieren könnte.
 „Wir brauchen wirklich mal eine große Erzählstunde oder jemand sollte eine Chronik schreiben. Würde sich auf jeden Fall lohnen.“
 „Brillant!“, rief Marie aus. „Das müssen wir Grandma vorschlagen, sie wird sich sicher schrecklich langweilen, wenn sie im Ruhestand ist.“

Nach diesem Lied fiel Marie praktisch auf den Stuhl und meinte, sie müsse jetzt eine Pause machen. Delilah ging es ähnlich. Die Schuhe ihrer Mutter waren zwar wunderschön, aber eine Maßanfertigung gewesen. So aufs Haar glichen sie sich dann doch nicht. Pausenlos tanzen konnte Delilah damit nicht. Hoffentlich würde Lorraine erst später ankommen, um das Versprechen einzufordern. Oder sie hatte es vergessen, was natürlich wünschenswert war.
 „Machen wir heut Nacht durch?“, wollte Marie wissen und nahm dankend ein Glas weißen Traubensaft an, das Elliot vor sie hinstellte, als er ebenfalls zurückkam.
 „Natürlich. Es ist die längste Nacht des Jahres, meine Gute. Wir haben ja genug, was wir machen können.“ Es war gut, dass die Wintersonnenwende auf einen Freitag fiel, so konnten sie wirklich wach bleiben. Die Schießübungen ließen sich sicher auf den Nachmittag verschieben.
 „Ihr könntet die komplette Fable-Reihe durchspielen“, schlug Elliot vor. „Mehrmals.“
 Marie legte den Kopf schief. „Der erste ist ein bisschen lang, oder? Vor allem, weil wir auch die Erweiterung haben.“
 „Vielleicht“, erwiderte er. „Aber denk daran, was du im zweiten alles nicht machen musst.“ Mit einem Grinsen schüttelte er den Kopf. „Ach, ich hab doch nur übertrieben, du weißt doch, wie immer.“
 „Ich hatte eh was anderes vor“, meldete Delilah sich zu Wort. „Wenn Selen und Ray mitmachen, können wir ein kleines Pokemon-Turnier aufziehen. Wahlweise in Battle Revolution oder XD.“ Als sie sah, wie Elliot an ihren Lippen hing, tat er ihr fast leid. Sicher hatte er auch Lust darauf. Sie erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie nicht mal was dagegen hätte. Schließlich wäre er vorrangig Maries Gast und sie würde sich mit ihm befassen müssen. „Und was kommt besser als die Mondscheinsonate um Mitternacht zur Wintersonnenwende?“
 „Kannst du die? Ich erinnere mich an das letzte Mal, als du das gespielt hast, es ging vollkommen daneben. Als würde der Hund auf den Saiten schlafen.“ Marie lächelte fast spöttisch, aber sie hatte recht. Bloß vergaß sie, eine Kleinigkeit zu erwähnen.
 „Ich war zwölf und hatte keine Lust mehr. Miss Downing meinte, ich müsse keinen Unterricht mehr nehmen, wenn ich das hinkriegte. Aber ich hab meine Meinung geändert, ich mag sie und den Unterricht.“
 „Gute Entscheidung“, versicherte Elliot ihr. „Ich hab den Violinenunterricht abgebrochen, weil ich dachte, das wäre was für Mädchen. Aber heute bereue ich das, weil es den Mädchen gefällt, wenn man ein Instrument spielt.“
 „Aber Geige spielen ist wirklich was für Mädchen“, meinte Marie trocken. „Am Ende läufst du jeden Tag rum wie jetzt und hast Taschenschoner im Hemd, damit die Kugelschreiber nicht abfärben.“ Mit jedem Satz beugte sie sich näher zu ihm. „Und ich sage dir eins, wenn du nicht willst, dass ich dich nach der Schule jeden Tag anrufe, nur um dich auszulachen, dann studiere alles, aber nicht Wirtschaft.“
 „Ähm … Okay.“ Er packte ihre Schultern und setzte sie wieder aufrecht hin. „Ich hatte vor, Programmierer zu werden, also mach dir keine Sorgen. War da Alkohol in deinem Saft?“
 „Mach dir keinen Kopf, das hat sie manchmal.“ Delilah prostete ihm zu und trank ihr Glas aus.
 „Entschuldige.“ Marie richtete ihr Kleid und schlug die Beine übereinander. „Nein, ich finde einfach, dass Geigen klingen wie rollige Katzen, ob man nun gut spielt oder nicht.“

In der Pause zwischen zwei Liedern zog jemand Delilahs Stuhl weg und sie dachte für einen Moment, sie würde fallen. Als sie nach oben sah, erblickte sie Harvey, der ein ekelhaft breites Grinsen im Gesicht hatte.
 „Hi, D Jane“, sagte er und stellte ihren Stuhl wieder grade hin. „Ich dachte, ich bitte dich einfach mal um einen Tanz.“
 Gerade wollte Delilah sich beschweren, weil das eine jämmerliche Anmache war, aber Marie stupste sie an, wieder und wieder. „Na schön, aber nur einen.“ Sie stand auf. „Aber nenn mich nicht mehr so! Und erschrick mich vor allem niemals wieder so! Verstanden?“
 „Natürlich, Delilah“, murmelte er und sah sie dabei nicht an. „Komm schon.“ Er nahm ihre Hand und sie gingen auf die Tanzfläche. „Wo ist eigentlich dein Ray?“
 Suchend schweifte ihr Blick durch die Halle, aber sie entdeckte ihn unter all den Leuten nicht. „Ach, der wird sich mit den beiden anderen wenigstens ein bisschen vorbereiten.“
 Das Lied fing an und bald durfte Delilah, die sich anfangs unsicher war, feststellen, dass auch er sich an die Tanzstunden erinnerte. Er roch nach Tannennadeln. Durch den Anzug und die zurückgekämmten Haare sah er ein bisschen aus wie ein Mafioso, es fehlte nur noch der Hut.
 „Warum willst du mit mir tanzen, Harvey?“, fragte sie. „Warum wolltest du überhaupt mit mir hierher kommen?“
 Einen Moment sah er sie irritiert an, als würde die Frage ihn wundern. „Du bist ein nettes Mädchen, Delilah“, antwortete er schließlich und es klang ehrlich. „Zwar machst du nie was mit irgendwem, aber du bist trotzdem nett. Denk nur mal dran, als Cordelia auf dem Schulhof ohnmächtig geworden ist. Du hast gewusst, wie man sie hinlegen muss und bist mit ihr zur Krankenschwester gegangen, als sie aufgewacht ist. Alle anderen haben nur geglotzt – ich ja auch. Irgendwie ist sie selbst schuld, wenn sie den ganzen Tag nichts isst und …“
 Sie hielt ihm den Mund zu. „Mann, das nennt sich Zivilcourage und hat mit Nettigkeit nichts zu tun.“ Sie hatte den Ersthilfekurs mit Katherine und Sara nicht umsonst gemacht.
 Etwas unsanft legte er ihre Hand wieder auf seine Schulter. „Das hast du gesagt. Jedenfalls hab ich mir vorgenommen, heute mit jedem Mädchen zu tanzen.“
 „Interessant.“ Delilah nickte betont langsam. „Ich glaub aber nicht, dass jedes Mädchen mit dir tanzen will.“
 „Ich auch nicht. Aber ich kann es versuchen. Und wenn sogar du zusagst …“
 „Es ist unhöflich, eine Einladung zum Tanz abzulehnen, außer man hat einen guten Grund.“
 Er lächelte unangenehm breit. „Es ist auch unhöflich, ständig nein zu sagen, wenn deine Freunde was mit dir unternehmen wollen.“
 „Aber ich habe meine Gründe, Harvey. Gründe, die ich jetzt nicht näher ausführen möchte. Aber es liegt nicht an euch persönlich, glaub mir.“ Sie wich seinem Blick aus.
 „Irgendwas das Ray hat, aber wir nicht?“
 Sie nickte. „Denk nicht weiter drüber nach. Ihr müsst euch gar nicht so große Mühe mit mir geben, ehrlich.“
 „Aber was glaubst du denn, wie unhöflich es ist, jemanden auszuschließen?“ Er beugte sich vor und im nächsten Augenblick spürte sie seine Lippen auf ihren und schmeckte den Traubensaft. Vor Schreck kniff sie die Augen zusammen, wusste selbst nicht, warum sie sich nicht wehrte, und ließ es erst mal über sich ergehen. Es ging auch schnell vorbei, bald richtete er sich wieder auf und sie sah ihn an.
 „Machst du das auch mit allen Mädchen heut Abend?“, fragte sie. Dabei klang ihre Stimme in ihren Ohren verändert, irgendwie hohl. Es war wohl einfach die Überraschung.
 Er lachte nervös. „Äh … Nein. Aber du bist wirklich ein sehr nettes Mädchen.“
 Sie legte ihm die Arme auf die Schultern. „Wenn du das meinst, okay, aber wie kommst du auf die Idee, mich zu küssen? Hab ich irgendwas in der Richtung angedeutet, ohne es selbst zu wissen?“
 Harvey seufzte. „Wenigstens knallst du mir keine“, nuschelte er und sie fragte sich, wie oft ihm das schon passiert war. „Tut mir leid, ich hätte dich wirklich nicht einfach küssen sollen …“
 „Ja, das war keine so gute Idee, Harvey. Aber ist nur halb so wild, tut ja nicht weh oder so.“ Sie blieb stehen, als das Lied zuende war, stellte bedauerlicherweise fest, dass dieses Kleid keine Taschen hatte, und verschränkte schließlich die Hände hinter dem Rücken. „Aber wenn du das noch mal vorhast, lass es.“
 Er blieb stehen, als sie zum Tisch zurückging, wo sie Marie und Elliot vorfand, die anscheinend auch gerade getanzt hatten. Die beiden hatten ihr ein Glas Fanta mitgebracht, wofür sie sich mit einem Lächeln bedankte.
 „Dein Blick wirkt seltsam leer“, bemerkte Marie und beugte sich vor, um ihr genauer in die Augen sehen zu können. „Stimmt was nicht?“
 Sie hob die Schultern. „Ich hab mit Harvey getanzt und er hat mich geküsst.“
 „Bitte?!“, entfuhr es Marie und sie hielt sich beide Hände vor den Mund. Kurz befürchtete Delilah, ihrer Cousine würden die Augen aus den Höhlen fallen. Zum Glück blieben sie drin. „Der hat was? Und was jetzt?“
 „Wie, was jetzt? Nichts jetzt. Wir haben einhellig festgestellt, dass es eine schlechte Idee ist, jemanden einfach so zu küssen und ich meinte, er soll das nicht noch mal versuchen.“
 Marie schnalzte mit der Zunge. „Und du willst das Kind deiner Mutter sein. Du kannst nicht einfach … Ein Junge küsst ein Mädchen nicht einfach so, du musst mit ihm reden.“

Während der nächsten Stücke saß Delilah mit Marie allein am Tisch und sie starrten sich an. Zum Glück hatte Marie es aufgegeben, sie dazu bewegen zu wollen, mit Harvey zu reden. Sie fand nicht, dass es da was zu reden gab. Hätte er ihr was zu sagen gehabt, hätte er das gemacht. Bloß wüsste sie wirklich gern den Grund für alles. Wahrscheinlich würde er auf sie zukommen, wenn er wirklich mit ihr sprechen wollte.
 „Was hast du mir zu Weihnachten gekauft?“, fragte Marie ganz unvermittelt. Es war ein Rätsel, was sie so dachte, während sie schwieg, manchmal machten ihre Gedanken in kurzer Zeit riesige Sprünge. Wenn sie versuchte, die zu erklären, machte sie alles nur noch verwirrender.
 Delilah zog eine Schnute. „Du wirst doch noch bis Montag warten können, oder? Ich frag dich ja auch nicht ständig, was du mir gekauft hast.“
 „Und wenn ich es dir verrate?“ Sie klimperte mit den Wimpern und schürzte die Lippen, was sie aussehen ließ wie eine Ente.
 Delilah faltete die Hände auf dem Tisch. „Ich frage dich nicht ständig, weil es mich nicht interessiert. Die paar Tage, also wirklich. Wir sind doch keine Kinder mehr.“
 „Ach, Delilah, du bist immer so …“ Sie wurde von einem Gitarrenriff unterbrochen. Alle Blicke richteten sich auf die Bühne, wo Debbie, Warren und Ray standen, die ihre Sachen in Unordnung gebracht hatten.
 Zwei kalte Hände legten sich auf Delilahs Schulter, dass sie zusammenfuhr. „Hey, Delilah! Da wir ja beide wissen, was jetzt kommt. Lust auf ein Tänzchen?“
 „Oh, aber sicher, Lor“, antwortete sie, was heuchlerischer klang als sie beabsichtigt hatte. Als sie Lorraines Hand nahm, erkannte sie deutlich das freche Grinsen in Maries Gesicht.
 „Was bin ich froh, dass Debbie die Idee hatte, hier aufzutreten. Normalerweise tanze ich überhaupt nicht gern. Aber das hier ist ja was anderes.“
 „Na ja, was man so alles tanzen nennt. Ich bin froh, dass ich nicht so hohe Schuhe anhab.“
 Dazu sagte Lorraine nichts, sie grinste nur und deutete auf ihre Füße. Schuhe trug sie gar nicht, nur eine schwarze Seidenstrumpfhose. Ihr Kleid war weinrot und an der Taille gerafft, es reichte nur bis zur Mitte der Oberschenkel. In einige Strähnen hatte sie ebenfalls weinrote Bänder geflochten, die sich wenig von dem Schwarz abhoben. Um den Hals trug sie ein schwarzes Collier und wie immer waren ihre Arme voller Reifen und Bänder.
 Die Band fing an zu spielen, zu laut um irgendwelche Gespräche zu führen. Lorraine und Delilah waren auch viel zu sehr damit beschäftigt, mitzusingen und zu tanzen, auch wenn es eher Rumgehüpfe war. Am Ende lag Lorraine auf jeden Fall erschöpft in Delilahs Armen und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich zwischen ihren Lippen verfangen hatte.

 Als sie alle jubelten und grölten, verbeugten die drei auf der Bühne sich tief. Es war gut gewesen dafür, dass sie kaum geprobt hatten.
 „Ich muss mal wohin“, flüsterte Lorraine direkt in Delilahs Ohr und der Geruch von Mandarinenschalen auf der Heizung stieg ihr in die Nase. „Kommst du bitte mit?“
 Normalerweise machte sie solche Dinge nicht, sie sah keinen Sinn darin, jemanden zur Toilette zu begleiten. Unter den Mädchen schien das üblich zu sein, Marie fragte sie selbst daheim manchmal danach. Selbst ihr sagte sie normalerweise ab, aber jetzt nickte sie. Zwischen den Grüppchen und Tischen entlang gingen sie zu den Kabinen, die auch heute als Garderobe dienten.
 Delilah nutzte die Wartezeit, um sich die Haare zu richten. Sollte sie vielleicht doch mit Harvey reden? Sollte sie Ingrid fragen, ob sie Melissa mit nach Hause bringen durfte? Wie um alles in der Welt kam sie auf diese Gedanken? Warum hatten alle solch ein Interesse an ihr?
 Lorraine wusch sich die Hände und beugte sich nach vorn, zog sich den Lidstrich nach. „Kannst Ray sagen, das war geil. Ich sag’s dir, wenn die später weiter machen, ich bin auf jedem Konzert.“
 „Ich mach mit.“ Delilah lehnte sich gegen das Waschbecken.
 „Wunderbar.“ Lorraine packte ihre Schminksachen in die Handtasche und machte keine Anstalten, zu gehen. „Weißt du, mir war klar, dass Marie ein Date hat. Aber wie wäre das gekommen, wenn ich dich gleich gefragt hätte?“
 „Mich? Gleich?“ Delilah sah sie fragend an. Dieser Abend wurde immer verrückter.
 Lorraine hatte ein seltsames Lächeln im Gesicht, als sie Delilahs Hände nahm. „Ja, weißt du, ich dachte, du sagst keinem Jungen zu, weil du sie nicht enttäuschen willst. Weil sie sich hinterher vielleicht was von dir erwarten. Aber … ich nicht. Nicht viel.“
 „Ich versteh es nicht. Immer wieder sage ich euch, dass ich kein Interesse habe, aber ihr hört nicht auf. Ihr gebt euch so viel Mühe mit mir, aber warum?“
 „Wie sag ich das? Ich mag einfach deine … kühle Höflichkeit.“ Lorraine beugte sich zu ihr vor. „Weißt du, wir fahren doch nicht nach Wales. Grandma geht es überhaupt nicht gut. Dabei wäre ich lieber gefahren, ehrlich.“ Sie hielt Delilah mit einem Finger den Mund zu, als sie sagen wollte, dass Lorraine sie trotzdem nicht besuchen konnte.
 „Nein, ich weiß schon“, fuhr sie fort, noch immer mit diesem Lächeln, das beinah beängstigend war. „Du darfst niemanden mit nach Hause nehmen, ja, ja. Und du hast überhaupt keinen Bock darauf, außerhalb der Schule irgendwas mit irgendjemandem zu unternehmen, schon klar. Ich weiß nicht, was dein Problem ist, es geht mich ja auch nichts an. Aber das ist wirklich schade, weißt du?“
 „Komm zum Punkt, Lor.“ Delilah war diese Vorträge leid. Sie bereute allerdings auch, dass sie vielleicht etwas hart geklungen hatte, weil Lorraine ein beleidigtes Gesicht machte. Verletzen wollte sie eigentlich niemanden.
 „Ich hätte nur gern einen Gefallen, Delilah. Wahrscheinlich ist es eh zu viel verlangt, aber was hab ich zu verlieren?“
 „Aaach“, machte Delilah und legte den Kopf schief. „Du willst mich auch küssen?“ Mit Selen und Marie zusammen hatte sie sich genug Romanzen ansehen müssen, um nun zu verstehen, worauf das hinauslaufen würde. „Na, wenigstens fragst du mich.“
 Damit hatte sie Lorraine wahrscheinlich total aus dem Konzept gebracht, denn sie ließ Delilahs Hände los und trat einen Schritt zurück. „Was heißt hier auch? Sag bloß, dich hat heut schon jemand geküsst.“
 „Ja, Harvey. Nur ganz kurz, aber er hat nicht gefragt. Keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt. Habt ihr euch abgesprochen oder so?“
 Abwehrend hob Lorraine die Hände. „Wie kannst du so was denken? Ich frag mich ja selbst, was mit dem los ist, eigentlich kam es mir immer vor, als wollte er was von nem Mädchen aus der Stufe über uns. Aber jetzt, da du mir auf die Schliche gekommen bist, es tut mir leid. Wie komm ich darauf, dass ich dich …“ Sie wurde immer leiser, bis Delilah gar nichts mehr verstehen konnte.
 „Ich hab nicht nein gesagt. Also wenn es dir so viel  bedeutet … Außer natürlich du machst das nur, weil du ne Strichliste hast, auf der ein paar Leute stehen, die du küssen willst. Das fände ich irgendwie albern.“
 Lorraine fing an zu lachen. „Delilah, bitte, was hältst du von mir? So eine bin ich nicht. Ich hab noch niemals irgendwen geküsst, also, du weißt schon.“ Sie stützte die Hände links und rechts von Delilah auf die Waschbecken.
 „Vor einer Stunde hätte ich das auch noch behaupten können.“ Delilah lächelte und sah in Lorraines Augen. Sie waren so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten. Sie wusste, was Marie später dazu sagen würde: ‚Damit will sie allen unter die Nase reiben, dass sie dich geküsst hat und niemand sonst. Das mit Harvey zählt nicht, glaub mir.’ Ja, so in der Art würde sie es sagen.
 „Ich weiß, was du jetzt denkst. Und ja, ich tu fast alles, was ich tu, nur, um irgendwem irgendwas zu beweisen. Das hier ist ein bisschen anders, ich will mir selbst was beweisen. Wenn du erlaubst.“
 „Sicher.“ Delilah stieß sich von den Waschbecken ab und rieb sich die Hände. „Ist kein Problem, bloß kann ich mir bessere Orte vorstellen als die Waschräume. Ich esse ja auch nicht auf der Toilette.“

 „Das ist ein Argument.“ Lorraine nahm Delilahs Hand und zog sie in die Umkleide, wo zum Glück im Moment niemand war. Delilah konnte sich vorstellen, dass später mehr Leute wie sie hier waren, sich nach etwas Zeit zu zweit sehnend. Sie setzten sich nebeneinander auf eine Bank, die nicht voller Taschen und Mäntel war, und sahen sich eine Weile nur an.
 „Wo fangen wir an?“, fragte Lorraine und Delilah meinte, sie wäre rot geworden.
 „Wie soll ich das wissen?“, fragte Delilah etwas ungehalten. Bis zu diesem Moment hätte sie niemals gedacht, dass sie derartige Dinge freiwillig tun würde. Sie ging auch nicht davon aus, dass es jemals wieder dazu kommen würde. „Ich mach die Augen zu und du tust einfach, was du für richtig hältst.“
 Das grummelnde Geräusch, das Lorraine von sich gab, machte deutlich, dass sie nicht überzeugt war. Aber sie hatten eben beide keine wirkliche Erfahrung.
 Delilah schloss also die Augen. In der Dunkelheit nahm sie nur noch die Musik aus der Halle wahr, die verschiedenen Gerüche von all den Mänteln, am stärksten den Mandarinengeruch von Lorraine. Als sie Lorraines Lippen auf ihren spürte, fuhr sie fast zusammen, obwohl sie dachte, sie sei vorbereitet. Es währte nur kurz, bevor sie die Augen öffnete.
 Lorraine war ein Stück weggerückt und blickte sie unsicher an. Komisch, sie so zu sehen, wo sie sonst immer laut war und kein Blatt vor den Mund nahm. „War das okay?“ Das klang beinah kleinlaut.
 Delilah zuckte die Achseln. „Das war eigentlich fast nichts. Aber ich kann nicht sagen, dass es schlecht war.“
 „Also, wenn ich jetzt noch mal …“
 „Klar“, unterbrach Delilah sie. 
 Der zweite Kuss dauerte etwas länger, Lorraine schien sich ihrer Sache jetzt sicherer. Ohne weiter darüber nachzudenken, beugte sie sich vor und legte einen Arm um Lorraines Hals. Beide Mädchen lächelten, als sie sich voneinander lösten.
 Delilah stand als Erste auf und strich sich das Kleid glatt. „Dann lass uns mal wieder zurückgehen, okay? Marie fragt sich bestimmt, wo ich bleibe.“
 Im nächsten Moment fand sie sich in einer Umarmung wieder. „Danke!“, rief Lorraine, das Gesicht in Delilahs Halsbeuge gedrückt. „Hätte nie gedacht, dass du ja sagst.“
 „Schön.“ Delilah löste sich von ihr und legte ihr die Hände auf die Schulter. „Dann kann jetzt ja wieder alles normal werden.“

 Sie gingen wieder zum Tisch, wo Marie an Elliot gelehnt dasaß und sich mit Cordelia unterhielt, die auf der Platte saß.
 „Hi, Coco.“ Lorraine schwang sich neben ihr auf den Tisch und schlug die Beine übereinander. Delilah setzte sich neben Marie, deren gekräuselte Lippen ignorierend. Das hatte Zeit.
 „War ne schöne Rede“, sagte sie und hob einen Daumen. „Überhaupt der ganze Abend ist schön, Gratulation.“
 Cordelia lächelte und berührte mit den Fingerspitzen ihr Schlüsselbein. In diesem schulterfreien Kleid sah man, wie dürr sie wirklich war. „Das freut mich zu hören. Grad von dir, wo du doch schon einige Male auf richtigen Bällen warst.“
 „Öfter als ich“, bestätigte Marie mit einem demonstrativen Nicken. Delilah wusste, dass ihre Cousine wenig wert auf öffentliche Veranstaltungen legte. Ingrid stellte ihr frei, sie auf die jährlichen Bälle zu begleiten, die unter der höher gestellten Kundschaft so anfielen, aber stets lehnte sie ab.
 „Aber es ist netter, wenn nicht nur alte Leute da sind. Und nichts geht über die Flair einer Turnhalle.“
 Fast sah es aus, als hätte Cordelia Tränen in den Augen. Sie war furchtbar emotional, über einfachste Komplimente konnte sie sich tagelang freuen, Kritik setzte ihr furchtbar zu. Wahrscheinlich wäre es besser für sie, wenn sie ein etwas dickeres Fell hätte. „Danke, Leute. Wisst ihr, Olivia hat sich aufgeregt, sie fände das alles albern und sie ist raus gegangen, als die Band gespielt hat.“
 „Manche Leute haben immer was zu meckern.“ Lorraine legte ihr einen Arm um die Schultern. „Ich fand’s klasse, die anderen hier auch, alles in Butter. Und ich hab ja wohl das beste Geschenk von allen bekommen.“ Aus ihrer Tasche nahm sie einen Taschenwärmer in Herzform. „Oh, jetzt fang nicht an, zu weinen.“
 Cordelias Kinn zitterte, aber sie konnte die Tränen zurückhalten. Wäre auch schade um das Make-up gewesen, wäre es jetzt verlaufen. „Delilah, ich muss dich um was bitten.“
 „Natürlich.“ Delilah beugte sich über den Tisch. „Worum geht’s?“
 Cordelia legte sich halb auf den Tisch und zog das Kleid über ihre Knie. „Im Sommer beginnt unser letztes Schuljahr, wie du weißt. Das heißt, dass im Mai übernächsten Jahres der Abschlussball ist. Und weil ich ja weiß, dass du Klavier spielen kannst, möchte ich dich darum bitten, uns ein oder zwei Stücke zu spielen. Tabitha Douglas hat sich auf jeden Fall bereit erklärt, zu singen. Das würde schön zusammenpassen, denke ich. Wie wäre es, wenn ihr euch zusammensetzt und euch was Hübsches aussucht?“
 „Gern doch, Coco.“ Delilah stützte das Kinn auf die Hände. Man konnte diesem Mädchen einfach nichts abschlagen. „Aber das sind noch anderthalb Jahre Zeit, es eilt nicht. Ich werd sie im Januar mal drauf ansprechen, wann wir Zeit haben und wie wir das machen.“
 „Du bist ein Schatz!“ Cordelia nahm Delilahs Hände in ihre und drückte sie. Dann glitt sie vom Tisch und ging mit federnden Schritten hinüber zu ihrem Tisch, wo Brian wartete.
 „Sie braucht dich nur lieb anzuschauen und du springst von einer Klippe ins Meer, oder?“ Marie lächelte müde.
 „Das würde jeder machen.“ Delilah lehnte sich zurück und zog die Schuhe aus. „Man müsste aus Stein sein, um gegen sie immun zu sein.“
 „Ich hielt dich immer für ne Art Stein“, bemerkte Lorraine und rutschte vom Tisch auf einen Stuhl. „Wo ist eigentlich der Rest?“
 Marie lachte. „Jodie und Brad kleben schon seit einer halben Stunde auf der Tanzfläche zusammen. Und Ray tanzt gerade mit Mrs Ambrose, sie ist ja so ein Fan von der Band. Er wollte ihr den Gefallen tun, weil sie ja ganz nett ist.“
 Automatisch wandte Delilah den Kopf zur Tanzfläche. Zwischendurch meinte sie, den grauen Dutt der Lehrerin erkennen zu können.
 „Ich hab auch schon mit dem Direktor getanzt, er meinte, dass er heute mit jedem Mädchen tanzen wolle. Das heißt, dass ihr zwei auch noch dran seid.“ Mit dem Glas deutete sie erst auf Lorraine, dann auf Delilah, dann trank sie aus.

Es kam tatsächlich so. Mr Marlow bat sie um einen Tanz, da konnte man nicht nein sagen. Er hatte Delilah immer an ihren Großvater erinnert. Die Schüler waren nicht immer zufrieden mit seinen Entscheidungen, aber sogar er hatte Regeln, an die er sich halten musste. Sie unterhielten sich ein bisschen über den Unterricht, Weihnachten und Delilahs Eltern, die er auch schon unterrichtet hatte. Als das Lied vorbei war, brachte er sie zurück zum Tisch und fragte Lorraine mit einer Verbeugung.
 „Ich glaube, er kann das ganze Wochenende nicht mehr laufen.“ Elliot saß mit einem Gameboy am Tisch, was Marie nicht wirklich zu gefallen schien. Sie sagte aber auch nichts, schaute ihm manchmal sogar zu.
 Ray kam zurück und endlich hatte Delilah Zeit, ihm zu dem gelungenen Auftritt zu gratulieren. Das letzte Lied, White Christmas, tanzten sie noch einmal zusammen, dann beendete Brian die Veranstaltung und bedankte sich noch einmal bei allen, wünschte ihnen schöne Feiertage. Auf dem Weg nach draußen verabschiedeten sie sich von allen, die sie halbwegs kannten.
 Vor der Schule stand der alte Mercedes, Selen stand an die Seite gelehnt, rannte auf Ray zu, als sie ihn entdeckte. Wieder fraßen sie sich beinahe auf.
 Jemand zupfte an Delilahs Ärmel. Als sie sich umdrehte, war es Lorraine, die jetzt mit Schuhen ein bisschen größer wirkte. „Danke nochmals.“ Sie sah ihre Füße an. „Ich kann dir doch schreiben, oder?“
 „Sicher, wenn du mir was zu erzählen hast. Sonntag werd ich auf jeden Fall mal ins Mailfach schauen.“ Sie vergrub die Hände in den Taschen ihres Mantels und sah an Lorraine vorbei. Marie verabschiedete sich gerade sehr ausführlich von Elliot, als mussten sie ohnehin warten.
 „Vergiss Mittwoch nicht!“, rief Angus im Vorbeilaufen und klopfte ihr grinsend auf die Schulter. Sie nickte nur zur Antwort.
 „Hey, wenn du mit ihm in die Stadt gehst, komm ich mit!“ Lorraines Gesicht hellte sich etwas auf.

Autorennotiz

zum NaNo 2012 entstandene, um die unglücklichsten Formulierungen gekürzte Rohassung; gehört zu einer Reihe, weswegen durchaus Verwirrungen entstehen können, die ich aber gern erkläre

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Autor

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Statistik

Kapitel:10
Sätze:2.854
Wörter:29.814
Zeichen:170.571

Kurzbeschreibung

Delilah ist zufrieden mit der Vorbereitung Rolle, die ihre Großmutter für sie im Sinn hat. Doch der Familie ergeben zu sein, ist nicht alles.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Alltag und Familie gelistet.

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