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Mr. Svensson

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13.6.2019 20:25
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Hallöchen lieber Leser :)
Beim lesen dieser Geschichte sind einige Dinge wichtig: 1. die Sprache & der Content sind teilweise sehr explizit. 2. Es kommt im Verlauf der Geschichte zu Diskussionen & Darstellungen von Krieg und Gewalt.
Soweit zur Vorwarnung :) Viel Spaß beim Lesen!

4 Charaktere

Arnor Svensson

Alter: 26Augenfarbe: dunkelblauHaarfarbe: blond, hell an den Spitzen, dunkler am Ansatz, etwas länger und verstrubbeltGröße: 1,90 mStatur: muskulösNationalität: schwedischBeruf: Ingenieur für Antriebs- und Raketentechnik

Nathan Starrick

Alter: 30Augenfarbe: blauHaarfarbe: schwarzGröße: 1.87 mStatur: sportlich - schlanke SchwimmerfigurNationalität: kanadischBeruf: Staatsanwalt/Jurist

Alexej Marosov

Alter: 29Augenfarbe: braunHaarfarbe: kastanienbraunGröße: 1.81 mStatur: sehr trainiertNationalität: russischBeruf: ???

Alexander Dreyfuß

Alter: 30Augenfarbe: grün-grauHaarfarbe: schwarzGröße: 1.93 mStatur: trainiertNationalität: deutschBeruf: Ingenieur für Antriebs- und Raketentechnik
Kann ich doch lächeln, und im Lächeln morden?
Und rufen: schön! zu dem, was tief mich kränkt.
Die Wangen netzen mit erzwungnen Tränen
Und mein Gesicht zu jedem Anlass passen.

- Shakespeare, König Heinrich VI. – III. Teil



„Meine Damen und Herren, hiermit erkläre ich den fünften Verhandlungstag in der Sache Mr. Arnor Svensson und Mr. Alexander Dreyfuß gegen den Staat Kanada wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge für eröffnet.“

Der fünfte verdammte Tag.

„Die Anklage ruft erneut Mr. Arnor Svensson in den Zeugenstand. Es sind noch einige Fragen offen geblieben.“

Natürlich. Wie die letzten drei Verhandlungstage auch.

Ich erhebe mich mechanisch von dem bequemen Stuhl, auf dem ich bis eben noch gesessen habe. Mit stoisch ruhiger Miene setze ich mich auf den mir zugedachten Platz neben dem Richter und falte die Hände in meinem Schoß. Vor mir taucht kurze Zeit später der Staatsanwalt auf, der schon die letzten Tage versucht hat, neue Informationen aus mir heraus zu quetschen. „Nun Mr. Svensson. Mir ist noch immer nicht ganz klar, wie ihre Spuren auf das Boot gekommen sind, von dem Mr. Rawlinson, gefangen in seinem verknoteten Anzug, in den Lake Ontario gestoßen wurde.“

Ganz einfach: Weil ich da war. Weil ich diesem besoffenen Idioten die Ärmel hinter dem Rücken verknotet habe, während Alexander ihn festgehalten hat. Dann habe ich ihn festgehalten und Alexander hat die Sache mit den Schnürsenkeln erledigt. Danach ist er versunken wie ein Stein und als er 10 Minuten später wieder nach oben trieb, war er tot.
„Herr Staatsanwalt, ich habe es ihnen doch bereits erklärt. Wir waren in einem gehobenen Club in der Innenstadt - bis zur Sperrstunde. Ein Kollege wusste von einer Strandparty und wir fuhren hin, mit einem Taxi. Alle zusammen, wie unser lieber Taxifahrer ebenfalls schon mehrfach zu Protokoll gegeben hat. Am Strand sind wir alle gemeinsam auf der Party eingefallen, die noch in vollem Gange war und wir alle hatten die hervorragende Idee, mit unseren Anzügen ins Wasser zu springen. Es gab viele der kleinen Motorboote, die im seichten Wasser vor Anker lagen und wir alle sind auf mindestens drei Booten gewesen. Ich war dort, ich war auf dem Boot - aber ich habe Rawlinson nicht angerührt. Ich habe mich bis zur Besinnungslosigkeit besoffen, mich in den Sand gelegt und bin eingeschlafen. Mehr weiß ich nicht mehr."

„Sie wählen die gleichen Worte, wie schon bei ihrer letzten Aussage Mr. Svensson. Können sie ihre Lügen bereits auswendig?“ Ja du Bastard.
„Sie waren also auf dieser Party und sind mit ihrem teuren Designeranzug im Wasser herumgeschwommen?“

„Ja, genau das sagte ich.“

„Wie viel hat der Anzug sie gekostet?“

„Ich habe keine Ahnung, die Quittung habe ich nicht mehr. Den Anzug auch nicht, der war nach dem unfreiwilligen Bad vollkommen ruiniert. Aber ich wüsste nicht, was er zur Sache beitragen sollte.“

„Deswegen haben sie ihn also entsorgt?“

„Ich habe den Anzug entsorgt, weil er nass und“, ich halte kurz inne, sammle mich und verziehe etwas das Gesicht „… mit Erbrochenem gesprenkelt war. In meinem Zustand wollte ich nur raus aus diesem Ding und habe ihn im nächsten Mülleimer entsorgt. Hätte ich ihn noch mal mit nach Hause nehmen und waschen sollen?“

Ich hätte ihn zumindest in meinem Kamin verbrennen können, dann hätte ich dieses verdammte Problem jetzt nicht.

„Eine Reinigung hätte diesen Anzug sicher wieder herstellen können.“

„Das kann sein, aber ich war verkatert, mir war übel und ich habe es so entschieden. Ich habe mehr Anzüge im Schrank hängen als Sie zählen können, wieso also den einen behalten wenn er ohnehin erst wieder hätte aufgearbeitet werden müssen? Ich wiederhole es gerne noch einmal: er war voller Sand und ich habe ihn vollgekotzt. Der Mülleimer war quasi ein Wink des Schicksals.“

Mir gefällt nicht, wie er grinst. Ich habe ihn gerade beleidigt. Nicht das erste Mal in diesem Prozess. Heute scheint ihn das ganz und gar nicht mehr zu ärgern. Zu schade..„Ein Wink des Schicksals sagen sie, pure Absicht und die Hoffnung Beweismittel zu vernichten sage ich.“

„Hören Sie Herr Staatsanwalt ...“ Ich mahne mich zur Ruhe und versuche die gleichgültige Miene beizubehalten, obwohl ich dem eingebildeten Paragraphenreiter in diesem Moment gern meine Faust ins Gesicht gezimmert hätte. „Wenn ich hätte verheimlichen wollen, dass ich diesen Anzug getragen habe, dann hätte ich Ihnen ein Lügenmärchen nach dem anderen erzählt. Aber als man mich verhört hat und mich fragte, ob ich wirklich in Shorts und Unterhemd bei einem Geschäftsessen gewesen sei, da habe ich Ihnen postwendend und ohne jeden Druck gesagt, wo sich meine Kleidung befindet.“

Weil ich wusste, dass sie früher oder später auf den Container am Strand kommen. Nicht meine glorreichste Idee. Außerdem hat es mir mein Anwalt geraten.

„Welchen Sinn würde es bitte machen, wenn ich Spuren verwischen will? Also noch mal für sie zum Mitschreiben:
Ich war mit Rawlinson zuerst Essen, dann im Club, dann am Strand. Wir haben alle gebechert ohne Ende. Zum Strand sind Rawlinson, Mr. Dreyfuß hier, ich und ein mir bis zu diesem Abend unbekannter Kollege Rawlinsons im gleichen Taxi gefahren. Am Strand haben wir die hirnrissige Idee gehabt, mit unseren teuren Anzügen ins Wasser zu springen. Nach dem wir aus dem Wasser wieder draußen waren und etwas getrunken hatten - da war Rawlinson noch mit an der Bar – haben wir uns in den Sand gelegt. Dort bin ich eingeschlafen und dort bin ich aufgewacht. Mehr ist nicht passiert.“

Ich bleibe tatsächlich ruhig, auch wenn meine Worte an Schärfe dazu gewonnen haben. Angst, irgendwie von dieser Aussage abzuweichen, habe ich keine. In unzähligen Vorgesprächen und den letzten drei Verhandlungstagen habe ich sie so oft wiederholen müssen, dass sie sich wie ein Mantra in mein Hirn gebrannt hat. Das scheint inzwischen auch der Staatsanwalt zu begreifen, doch er weigert sich aufzugeben. Eigentlich eine Eigenschaft, die ich an Männern wirklich schätze.

Er könnte mir sogar gefallen. Er ist wohl knapp über 30, hat ein attraktives Gesicht und unnatürlich blaue Augen, trotz seiner schwarzen Haare. Aber er ist leider auch der Feind und außerdem, wie der Ring an seinem schlanken Finger zeigt, verheiratet.
Auch wenn sein inzwischen vierter Versuch, mich im Zeugenstand auflaufen zu lassen, von Risikobereitschaft zeugt: Dafür, mit einem potentiellen Mörder in die Kiste zu springen, fehlt ihm der Schneid.
Ganz sicher ist er auch nicht schwul. Für einige Augenblicke starrt er mich direkt und durchdringend an, als wolle er die Wahrheit aus meinem Hirn saugen. Ich erwidere seinen Blick so unbeteiligt, wie es in der Situation möglich ist, zucke nicht einmal zusammen, als der Mann die Faust vor mir auf den Tisch donnert. „Ich weiß, dass sie ihn getötet haben Svensson, ich weiß es und ich werde-“

„Einspruch euer Ehren! Wir haben in den letzten vier Tagen für dieses Wissen nicht einen einzigen Beweis gesehen, außerdem bedroht er meinen Mandanten“, höre ich bereits die Stimme meines Anwalts von der Seite und kurz darauf die Stimme des Richters, der seinen „Bluthund“ wieder zurückpfeift. Ich sehe ihm reglos nach, als er sich umdreht, um zu seinem Tisch zurück zu kehren, auch wenn ich Mühe habe, das dünne Lächeln zu unterdrücken.

Nun Herr Staatsanwalt. Mit diesem Wissen sind wir schon zu dritt.

Ich will mehr Schiffer als die Nix' ersäufen,
Mehr Gaffer töten als der Basilisk;
Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,
Verschmitzter täuschen, als Ulyß gekonnt,
Und, Sinon gleich, ein zweites Troja nehmen

- Shakespeare, König Heinrich VI. – III. Teil



Der kleine Ausbruch meines lieben Herrn Staatsanwalts hat kurz für Unruhe im Saal gesorgt, doch die legt sich recht zügig wieder. Nathan Starrick, der Bastard im anthrazitfarbenen Anzug, greift nach einem dünnen Ordner, den er ganz oben auf seinen Akten platziert hat. Ich kann aus dem Augenwinkel bereits sehen, wie sich Owen Mellard, unser Anwalt, bereit macht einzugreifen. Was auch immer Starrick in den Händen hält, es ist Beweismaterial, das bisher noch nicht in den Prozess eingebracht wurde.

Der Drang, einen Blick zu Owen und Alexander zu werfen, die Starrick ebenfalls beobachten, ist beinahe übermächtig. Doch neben mir sind die Augen der Jury genauso auf mich gerichtet und ich werde den Teufel tun, ihnen eine Regung zu präsentieren, die einem Schuldeingeständnis gleich kommt. Noch immer grinst Starrick breit und glücklich, als würde man ihm genau hier, inmitten des Gerichtssaales einen Blowjob verpassen. Wie er wohl klingt wenn er stöhnt? Allerdings bezweifle ich, dass dieser narzisstische, cholerische und sicher überaus verklemmte Idiot überhaupt zu irgendeiner Gefühlsregung in der Lage ist – von diesem triumphalen Grinsen einmal abgesehen.

Ich erwidere sein Grinsen mit einem schmalen Lächeln. Nicht weil ich so freundlich bin, sondern weil Starrick vor meinem geistigen Auge gerade breitbeinig auf seinem Tisch lehnt und ich ihm ordentlich – „..gewesen, ist das korrekt?“

Ich blinzle. Der Tagtraum verschwindet, stattdessen starren mich eisblaue Augen nieder und halten mir meinen Entlassungsbescheid vor die Nase. Kein neues Beweismittel. Meine militärische Laufbahn ist dem Gericht bekannt. Ich räuspere mich, vor allem um kurz in meinem Gedächtnis zu kramen, was genau mich Mr. Staatsanwalt gefragt hat. Schlussendlich muss ich mir die Mühe gar nicht machen, er antwortet bereits für mich.

„Fünf Jahre lang haben Sie unserem Land als Soldat gedient.“ Ich nicke zur Bestätigung. Wieso wartet er jetzt damit auf? Starrick dreht sich wieder zur Jury, die meine kurze Entgleisung offenbar auch bemerkt hat. Gar nicht gut.
„Sie waren Pilot der Royal Canadian Air Force, ist das korrekt?“

Die Antwort kostet mich länger, als sie sollte. Starricks Seitenblick ist deutlich. Er weiß, dass ich kein Pilot bei der RCAF gewesen bin, aber er weiß genau wieso er das Wort „Pilot“ ins Spiel gebracht hat. Ich schüttele den Kopf, räuspere mich erneut leise. „Nein, ich bin kein Pilot gewesen. Ich habe beim Militär studiert, Antriebs- und Raketentechnik.“ Starrick schafft es beinahe, seine Betroffenheit ob dieses Fehlers glaubhaft rüber zu bringen. „Mein Fehler Mr. Svensson, natürlich. Aber sie waren doch bei der RCAF, richtig? Weil sie sich während ihres Studiums auf Flugzeuge spezialisiert haben?“

„Ja, das ist korrekt.“
Worauf willst du hinaus? Soll ich dir eine Rakete bauen und dich zum Mond schießen? Gern!

„Aber als sie nach der Grundausbildung einer Einheit zugewiesen wurden, da waren sie nicht bei der RCAF, korrekt? Nach ihrer Grundausbildung wurden sie einer anderen Einheit zugewiesen.“ Er tippt auf die Stelle in dem Dokument, das an meinen Entlassungsbescheid geheftet ist. Eine Auflistung aller Kasernen und Einrichtungen, in denen ich während meiner militärischen Laufbahn Dienst geleistet habe.

Oh shit.

Owen steht auf, doch seine Worte versinken im Rauschen, das plötzlich durch meine Ohren dröhnt. Daran habe ich nicht mehr gedacht. Ich habe es auch vollkommen verdrängt, weil es in meiner militärischen Karriere überhaupt keine Rolle gespielt hat. Ich habe es nie erwähnt. Es steht natürlich in den Akten, doch wir, Owen und ich, haben darüber nie gesprochen. Der Richter lehnt den Einspruch ab, wäre ja auch zu schön gewesen.

„Antworten sie auf die Frage Mr. Svensson.“

„Ja, das ist korrekt.“

„Dann sagen sie doch dem Gericht und der Jury, bei welcher Einheit sie zuerst gedient haben.“ Owen macht schon wieder Anstalten einzuschreiten, doch das wird mir nicht helfen. Die Jury versteht seinen Einspruch am Ende nur falsch und das können weder Alexander noch ich gebrauchen, also raus damit.

„Bei der Navy.“

Gott mit meinem Schwanz zwischen deinen Lippen würdest du nicht so dreckig grinsen!

Aber leider hilft der Gedanke nicht weiter. Starrick nickt langsam und verzieht das Gesicht zu einem beinahe unschuldig neugierigen Ausdruck.

„Bei der Navy also. Dann dürfen wir annehmen, dass sie nach …“ er sucht die entsprechende Stelle auf dem Papier in seiner Hand, „… nach einem halben Jahr auf See mit Booten recht gut vertraut sind, ja? Und mit der Zeit, die ein Mensch im Wasser überleben kann vermutlich auch?“ Owen hat sich schon halb aufgerichtet, um seinen Einspruch vorzubringen, als Starrick bereits abwinkt und zu seinem Tisch zurückkehrt. „Das nehme ich zurück. Keine weiteren Fragen euer Ehren.“

Mir brennt eine gepfefferte Antwort auf den Lippen, doch ich bleibe stumm. Owen hat mir eingebläut, dem Gericht keine Informationen zu geben, nach denen der Staatsanwalt nicht explizit gefragt hat. Es ist auch besser, mich an dieser Stelle nicht weiter zu rechtfertigen, sondern den Mund zu halten, denn Rechtfertigungen machen die Sache meistens schlimmer. Trotzdem bin ich wütend, weil ich an dieses Detail nicht gedacht habe.

Zu Orientierungszwecken konnten wir nach dem ersten Semester unterschiedliche Einheiten besuchen. Da ich den Stützpunkt Borden bereits kannte und mit Flugzeugen und deren Technik vertraut war, habe ich mich für die Navy entschieden. Neben Flugzeugen interessiere ich mich für Boote, habe in Schweden einen Bootsführerschein gemacht und während meiner Ferien oft genug bei Hochseefangflotten ausgeholfen. Aus diesem Grund und nur aus diesem Grund habe ich mich ein halbes Jahr einem Navystützpunkt zuweisen lassen.

Am Ende hatte die Fliegerstaffel in Borden aber die… sagen wir: überzeugenderen Argumente.

So oder so: Ich war bei der Navy. Ich habe mehrere Einsätze an Bord eines Schiffes begleitet. Ich habe den Bootsführerschein und natürlich habe ich auch einen Lehrgang zum Thema Seenotrettung absolviert. Aber das zu erklären, ohne mich tiefer in die Scheiße zu reiten, erscheint mir gerade unmöglich und ich bin davon überzeugt, dass Nathan Starrick nur darauf wartet, mir jedes Wort im Mund umzudrehen.

„Haben sie noch Fragen an ihren Mandanten?“ Der Richter wendet sich an Owen und endlich rutscht mein Blick wieder zu unserem Verteidiger und Alexander, der neben ihm sitzt. Der Deutsche sieht wirklich nicht gut aus. Ich will mir nicht ausmalen, welche Erinnerungen die Worte des Staatsanwalts eben bei ihm ausgelöst haben.

Das scheint auch Owen bemerkt zu haben, denn er verneint die Frage, erhebt sich aber trotzdem.
„Die Verteidigung bittet um eine Unterbrechung von zwei Tagen.“ Starrick kann sein Auflachen nicht unterdrücken. „Die helfen Ihnen auch nicht weiter..“ ätzt er in Richtung seines Kollegen. Der Richter sieht auch wenig begeistert aus, doch Owen ist zu professionell, als dass er sich davon hätte einschüchtern lassen. „Die Staatsanwaltschaft hat entschieden, meinem Mandanten seinen militärischen Werdegang zur Last zu legen. Es ist unser gutes Recht, auf diese Anschuldigungen angemessen zu reagieren, doch um Mr. Svenssons ehemalige Vorgesetzte zu laden, braucht es mehr als eine Unterbrechung von 5 Minuten.“
Starrick verdreht die Augen. „Und was sollen uns die Vorgesetzten von Mr. Svennsson ihrer Meinung nach sagen?“ Owen zuckt nicht mit der Wimper. Er hat keine Ahnung, was ich sechs Monate lang bei der Navy gemacht habe, doch anscheinend ist ihm das vorerst auch egal. Er will Zeit schinden, das wissen hier alle. Aber es ist eben auch sein gutes Recht genau das zu tun. „Das ist nicht an Ihnen zu entscheiden, sondern am Vorsitzenden und der Jury.“

Ich leihe Farben dem Chamäleon,
Verwandle mehr als Proteus mich und nehme
Den mörd'rischen Machiavell in Lehr'.
Und kann ich das, und keine Kron' erschwingen?

- Shakespeare, König Heinrich VI. – III. Teil



Kaum dass sich die Türe hinter uns schließt, stoße ich die Luft in einem lauten Seufzen aus meinen Lungen. Der Richter hat Owens Antrag stattgegeben, die Verhandlung wurde für zwei Tage - genauer gesagt: 48 Stunden - unterbrochen. Für mich und Alexander bedeutet das zunächst: zurück ins Gefängnis. Wir sitzen nicht zusammen ein, das hat die Justiz gleich verhindert. Wir sollen keine Möglichkeit haben, uns ohne Überwachung untereinander abzusprechen; sehen uns also nur dann, wenn wir vor Gericht stehen. Lediglich durch Owen haben wir Kontakt und weil wir  hier gerade gemeinsam an einem Ort sind, will Owen die Chance nutzen, das weitere Vorgehen mit uns zu besprechen. Wir bekommen eine halbe Stunde in einem kleinen Besprechungsraum. Die beiden Polizisten, die dafür verantwortlich sind, Alexander und mich zurück in die jeweilige Vollzugsanstalt zu bringen, warten vor der Tür. Um das einengende Gefühl in meiner Brust zu lösen, lockere ich meine Krawatte und öffne die obersten Knöpfe meines Hemdes, auch wenn das nicht viel hilft. Alexander sinkt auf einen der Stühle, streicht sich abwesend durchs Haar. Verdammt sieht er schlecht aus…

„Das mit der Navy ist scheiße..“ brummt Owen, während er nachdenklich auf dem Handy herum tippt.

„Ich war nicht mal ein ganzes halbes Jahr da. Kein Kriegs- oder Hilfseinsatz, nur Übungen. Den Bootsführerschein hab ich in Schweden gemacht, da war ich 16. Wenn dieses blauäugige Arschloch mir da einen Strick draus drehen will, dann..“ „Er hat es der Jury zumindest passabel verkauft. Wird ein Stück Arbeit, das wieder gerade zu biegen. Aber was sollte dieser Piloten-Mist? Er weiß doch ganz genau, dass du nie geflogen bist.“

Ich komme nicht dazu, auf Owens Frage zu antworten, denn am Tisch verkrampft sich Alexander und wird wieder kreidebleich. Zum Glück hat er so eben nicht im Saal ausgesehen. Vorsichtig lege ich ihm eine Hand auf die Schulter und er zuckt zusammen.

„Scheiße Arn, ich kann das nicht.“ Seine Augen sehen mich so verzweifelt an, dass es mir auch den Magen umdreht. Owen steckt das Handy weg und mustert den Deutschen, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist. „Wenn der mich auch noch mal befragen will… scheiße, ich… Ich hab eben schon kaum noch Luft gekriegt.“ Kaum zu glauben, wenn man ihn sich so ansieht. Alexander ist beinahe noch ein Stück größer als ich, knackt sicher die 1.90m und ist, oder eher war vor diesem Gefängnisintermezzo ziemlich gut in Form. Kein Kerl, den man leicht in die Knie zwingt, doch in den letzten Monaten ist definitiv zu viel passiert. „Manchmal denke ich, dass es die gerechte Strafe ist, Arn. So ist es doch. Das ist die Strafe dafür, dass wir sie…“ meine Hand gräbt sich fester in Alexanders Schulter und er verstummt. Hier ist definitiv nicht der richtige Ort für dieses Gespräch.

„Dicks Angebot steht noch“, reißt uns Owen aus unserem kurzen, stummen Zwiegespräch. Ich spüre unter meinen Fingern, wie Alexanders Schultern beben und fahre mir durchs Haar. Ich muss es dringend wieder schneiden lassen, aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich das im Knast machen will. Andererseits sieht es so aus, als würde die Freiheit noch eine Weile auf sich warten lassen. „Ich weiß, ihr habt eure Gründe es nicht hören zu wollen, aber in Anbetracht der Verhandlung heute solltet ihr vielleicht wirklich noch einmal darüber nachdenken.“ Mühsam schüttele ich den Kopf, während Alexander das Gesicht in den Händen vergräbt.

Dick, besser gesagt Richard Kovacs, ist unser Boss. Seit wir die Armee verlassen haben, arbeiten wir für ihn. Für ihn und sein florierendes Rüstungsunternehmen. Es war ein naheliegender Schritt. Richard unterhält gute Kontakte zur Armee und für Alexander und mich war es einfach ein richtig gutes Angebot. Bereits unsere ersten Entwürfe haben sich für Dick ausgezahlt. Für ihn waren wir ein Glücksfall, denn es ist nicht gerade einfach, Ingenieure zu bekommen, die bei der Armee studiert haben und damit auch praktisches Wissen an Maschinen und Waffen mitbringen. Die meisten behält das Militär nämlich selbst und lässt sie ungern gehen. Zugegebenermaßen sind weder Alexander noch ich ganz freiwillig aus dem Militärdienst ausgeschieden. Meine Gedanken schweifen schon wieder ab, ich sollte mich wirklich zusammen reißen.

Owen lässt meinen stummen Wiederspruch nicht zu. „Ich glaube, es wird mal Zeit euch klar zu machen, was da auf euch zurauscht. Starrick hat ziemlich viel zu verlieren, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Er will euch um jeden Preis verurteilt sehen, weil er sich langsam einen Namen machen muss. Der Junge arbeitet schon eine Weile für die Staatsanwaltschaft, aber er hat sich noch nie wirklich gut positionieren und profilieren können. Die letzten Fälle hat er alle verloren, das hier darf ihm einfach nicht durch die Finger rutschen. Er ist versessen darauf, euch nicht wegen unterlassener Hilfeleistung oder Totschlags, sondern wegen Mordes dran zu kriegen, daran hat er seit dem ersten Verhandlungstag keinen Zweifel gelassen. Wenn er auch nur den kleinsten Hinweis in Händen hält, der eure Schuld beweist, dann seid ihr weg vom Fenster. Und damit meine ich GANZ weg vom Fenster. Ihr sitzt eure Strafe ab und werdet abgeschoben.“ Unter meinen Fingern lässt Alexander jetzt Schultern und Kopf ganz hängen. Ich habe das Gefühl, dass ihm jedes weitere Wort unseres Anwalts noch mehr Kraft raubt. „Aber Owen, Dicks Angebot ändert doch daran nichts. Wenn wir es annehmen und Starrick dann noch irgendetwas findet, das uns mit Rawlinsons tragischem Dahinscheiden verbindet, klopft er wieder an unsere Tür.“

„Vielleicht sollten wir es doch in Betracht ziehen.“ Alexanders Stimme klingt schrecklich dünn. Allein der Gedanke daran wieder in dem Büro zu arbeiten, in dem wir an diesem beschissenen verkaterten Morgen die „Strafe“ für unsere nächtliche Strandparty präsentiert bekommen haben, dreht sich mir den Magen um. Für Alexander muss das alles noch viel schlimmer sein und trotzdem sagt er jetzt fast „ja“ zu diesem Angebot? Er schaut zu mir auf und ich weiß, was mir dieser Blick sagen will. Lieber hier bleiben und sich Dicks Willen ergeben, als einzusitzen und dann in ein Land verbannt zu werden, mit dem man nichts mehr verbindet.

Hier in Kanada, in Toronto, ist unser zu Hause. Der Gedanke nach Schweden zurück zu müssen ist befremdlich, auch wenn meine Eltern dorthin zurückgekehrt sind und ich inzwischen allein in meinem Elternhaus lebe. Nein, der Gedanke abgeschoben zu werden behagt mir auch nicht. Da sind noch zu viele Dinge, die einer Klärung bedürfen, zu viel, das ich verarbeiten muss. Ich bin hier noch nicht fertig und Alexander genauso wenig. Aber dafür die eigene Seele verkaufen?

Du nimmst, was du kriegen kannst. Und manchmal muss das einfach reichen.

Danke Logan. Nicht jetzt.

Ich verbanne die Stimme in meinem Kopf und mustere Alexander erneut, der da sitzt und mich anschaut wie ein geprügelter Hund. Den Schmerz den er empfindet wird Dicks Angebot ihm nicht nehmen können. Wenn es denn wirklich noch steht. Ich straffe mich, schlucke meinerseits die schmerzhaften Erinnerungen hinunter und fange Owens Blick wieder auf. „Dann rede mit ihm. Er soll sagen, was er will. Aber nur unter einer Bedingung: Ich will schriftlich, dass ich nach Vertragsende einfach gehen kann. Zu wem und wohin ich will. Keine Hintertüren, keine versteckten Klauseln – und erst recht kein Starrick, der nur darauf wartet uns wieder vor Gericht zu zerren.“

Alexander scheint noch etwas hinzuzufügen wollen, doch er bringt die Worte nicht hinaus, weil es jetzt wieder an der Tür klopft. Das Zeichen, dass wir zum Ende kommen sollen. Owen brummt etwas, nickt dann aber und greift jetzt Alexanders Hand, die der Deutsche auf den Tisch gelegt hat. „Jungs, ich würde euch nicht dazu zwingen. Wir kennen uns jetzt schon eine Weile und ich sage euch: Dieser Deal ist eure beste Chance. Die Sache ist zu groß und zu verstrickt, um den Kopf heil aus der Schlinge zu ziehen. Ich spreche mit Dick und ihr beiden haltet die nächsten zwei Tage die Ohren steif.“

Owens Blick hängt vor allem an Alexander. Ich glaube er denkt wirklich, dass Alexanders Zustand allein an den Mordvorwürfen und dem Aufenthalt im Knast liegt, doch dem ist nicht so. In der Nacht, in der Rawlinson auf tragische Weise im Lake Ontario ertrunken ist, starben Logan und Calvin Cartwright auf einem Auslandseinsatz der RCAF durch Luft-Boden Raketen, die unsere Firma entworfen, produziert und verkauft hat.

Logan, mit dem ich während meiner Zeit bei der Armee eine Art On/Off-Beziehung unterhalten habe, die für ihn wohl nie mehr als eine Affaire gewesen ist und Calvin, Alexanders Partner.

Wieder durchbohrt mich Alexanders Blick, ein stummer Schrei nach Hilfe. Ich habe keine Ahnung, wieso er den Deal wirklich machen will. Wenn wir dem zustimmen, werden wir die nächsten 10 Jahre damit verbringen, wieder Waffen und Flugzeuge zu entwickeln. Aber dann sind wir wenigstens „draußen“ und ich glaube das Eingesperrtsein ist es, was Alexander so fertig macht. Zu viel Zeit sich den Kopf über seinen Anteil an Calvins Tod zu zerbrechen.

Du nimmst, was du kriegen kannst. Und manchmal muss das einfach reichen.

Nicht jetzt Logan.

 
So sorgt, dass  man ihn schaffe nach dem Turm;
Und sehn wir, Brüder, den, der ihn ergriff,
Ihn über die Verhaftung zu befragen.
Ihr, Witwe, geht mit uns. – Lords, haltet sie in Ehren!

- Shakespeare, König Heinrich VI. – III. Teil


Meine „Eskorte“, bestehend aus zwei Justizbeamten, hatte es ziemlich eilig, mich zurück in meine heimelige Zelle zu bringen. Da noch kein Urteil gesprochen wurde, sitze ich nach wie vor in Untersuchungshaft. Weil mein liebster Staatsanwalt Starrick nach wie vor darauf hofft, eine Anklage, beziehungsweise Verurteilung wegen Mordes durchzukriegen, wird das auch so bleiben. Ein Antrag, uns gegen Auflagen wieder auf freien Fuß zu setzen, wurde vom Gericht abgelehnt. Begründung: Fluchtgefahr. Da wir beide zwar einen kanadischen Pass haben, aber eben Ausländer sind, müssen wir bis zum Ende des Prozesses hinter Gittern bleiben.

Dafür ist das Gefängnis, in dem ich derzeit untergebracht bin, recht bequem. Ich habe mich nie damit befasst, ob es so etwas wie ein white collar prison* gibt, aber ich stelle es mir ziemlich genau so vor wie hier. Es ist kein Hochsicherheitstrakt. Die anderen Häftlinge, die hier einsitzen, haben in der Regel keinen Mord oder ähnlich schwere Verbrechen begangen, sondern sind Wirtschaftskriminelle, Diebe und Betrüger. Es ist nicht so, dass es nicht hier und da auch ordentliche Reibereien gibt, aber im Gegensatz zu den Horrorstorys aus anderen Vollzugsanstalten ist es kaum der Rede wert.

Ich trage noch immer den Anzug, den ich während der Verhandlung getragen habe. Umziehen werde ich mich erst in meiner Zelle, auch etwas, das man mir hier erlaubt hat. Es war seltsam, wieder „normale“ Kleidung zu tragen. Man gewöhnt sich schnell an den orangefarbenen Overall, den wir hier zu tragen haben. Ich dachte immer, das sei ein Klischee, doch die Dinger gibt’s wirklich und so ungern ich das zugebe: Sie sind verdammt bequem. „Bis zum nächsten Mal Svensson“, verabschiedet sich die junge Frau, die zusammen mit mir auf der Rückbank des Wagens gesessen hat. Sie hat mich schon die letzten Male zu meinem Termin abgeholt. „Bis zum nächsten Mal“, brummte ich genervter als gewollt. Ich habe keine Lust auf ein ‚nächstes Mal‘ und vielleicht kann ich es mir dank Dicks Angebot auch wirklich sparen. Wenn es denn noch steht – und wenn ich es irgendwie mit mir vereinbaren kann, am Ende auch wirklich zu unterschreiben.

Das laute Surren über mir deutet an, dass die Schleusentür hinter mir geschlossen wird und die nächste vor mir aufgeht. Einer der Gefängnisaufseher nimmt mich in Empfang. Meine Hände sind gefesselt, etwas, das hier obligatorisch ist. Genauso wie die Leibesvisitation, der man sich beugen muss, ganz gleich ob man kommt oder geht. Ich lasse es stumm über mich ergehen und bekomme dann meine Dokumentenmappe in die Hand gedrückt, die ich mit zum Gericht genommen habe. Das Surren ertönt erneut, die Schleuse ist wieder ganz verschlossen. Adieu schöne Freiheit, war angenehm, dich mal wieder eine Weile genossen zu haben.

„Hast du dich extra für mich so schick gemacht..?“

Ich betrete gerade meine Zelle, noch immer gefesselt. Die Tür wird geschlossen, dann öffnet sich die Klappe der Durchreiche und ich kann meine Hände hindurch strecken, so dass die Handfesseln gelöst werden können. Auch das ist nicht in jedem Gefängnis so, aber hier gehört es zum Prozedere. Vermutlich, weil die Wachen ein bisschen unterbesetzt sind und man einen gefesselten Häftling auch allein händeln kann. Der Beamte nickt mir durch das Sichtfenster in der Türe zu und schließt die Durchreiche, kaum dass ich die Hände zurückgezogen habe.

So.. wo waren wir doch gleich?

Ich drehe mich um und kann nicht umhin breit zu grinsen. Alexej Marosov, mein Zellengenosse, hockt auf seinem Bett und lauscht – mal wieder – den Klängen seines heiß geliebten Red Army Choir. Inzwischen kann ich die Lieder beinahe auswendig, obwohl ich kein Wort russisch spreche. Der Blick des Russen auf dem Bett wandert über meinen Körper, der noch immer im feinen Zwirn steckt. Tja.. wäre ich nicht so eitel und hätte mich in meiner Freizeit in etwas Bequemeres gezwängt, als in einen teuren Designeranzug, wäre ich jetzt vielleicht nicht hier. Aber das ist ein anderes Thema. „Nur für dich. Für wen denn sonst? Sicher nicht für dieses Arschloch von Staatsanwalt.“

Er grunzt amüsiert und hangelt nach dem kleinen Radio, um die Lautstärke zu drosseln. „Wie war es?“

Ich streiche mir durchs Haar und lasse meinen Blick durch die Zelle schweifen. Viel zu sehen gibt es nicht. Ein Stockbett, ich schlafe oben, Alexej unten. Daneben eine Waschnische mit Klo – etwas an das man sich wirklich erst gewöhnen muss – und schließlich ein Schrank, in dem wir sowohl unsere Kleidung, als auch die wenigen erlaubten persönlichen Gegenstände und Dokumente aufbewahren. Mein „Mitbewohner“ ist von der Wand weggerutscht und hockt jetzt auf der Bettkante, schaut fragend zu mir auf. Er ist etwas älter als ich, dafür aber einen halben Kopf kleiner – und ein wahrer Schrank. Unterstrichen wird das von einer Frisur, die diesen Namen nicht verdient. Alexej hat dunkles Haar, allerdings trägt er es in einem militärisch kurzen 5mm Schnitt. Beinahe jede Woche lässt er sich den Schädel rasieren und ich kann auch verstehen wieso. Sein hartes Gesicht sieht sofort weich aus, wenn die Haare mal länger werden und das ist offenbar nicht das Bild, das er vermitteln will.

Wegen welchen Verbrechen genau er hier einsitzt, hat er mir nicht verraten, aber ich weiß, dass der russische Geheimdienst darin verwickelt ist. Deswegen ist Alexej auch so entspannt: Auf ihn warten keine Anhörungen oder Verhandlungstage, er hockt einfach hier und wartet, bis sich andere über sein Schicksal geeinigt haben. Nicht das erste Mal, wie er mir beteuert hat. Er war schon da, als ich dazu kam. Sein Zimmergenosse wurde zwei Tage vorher verurteilt und verlegt, bewaffneter Raubüberfall. Alexej grinste fröhlich, als er mir davon erzählte, dass er dem Kerl erstmal die Nase gebrochen hat, um klare Verhältnisse zu schaffen. Anscheinend hatte der Typ es eilig gehabt, sich mit dem Russen anzulegen. Hatte ich nicht und jeder der ihm gegenüber steht, sieht das wohl genauso.

„Ich hätte ihm gern sein vermaledeites Mundwerk gestopft..“ antworte ich, bei dem Gedanken an Starrick noch immer schlecht gelaunt.

Alexej schmunzelt nur. „Hätte ich gern gesehen.“

Ich stehe noch immer an der Tür, fahre mir jetzt durchs Haar. Ich muss es wirklich schneiden lassen. Alexej bemerkt die Bewegung und sein Blick wird etwas weicher. „Was hat er ausgegraben?“ Ich weiß, dass ich nicht darüber sprechen muss, wenn ich nicht will. Mit Mithäftlingen über den eigenen Fall plaudern kann ganz schnell nach hinten losgehen. Besonders bei einem Kerl wie Starrick, der Alexej sicher reich belohnen würde, wenn er gegen mich aussagt. Wäre nicht das erste Mal, dass ein Mithäftling einen anderen überführt. Ich habe dennoch Gründe, Alexej zu vertrauen. Nicht zuletzt weil er mir gegenüber ein paar Interna aus seinem Fall erzählt hat, auch anhand von Dokumenten. Das mag Kalkül gewesen sein, um mehr über mich herauszufinden, doch ich habe nichts erzählt, das ich nicht vor Gericht auch zu Protokoll gegeben habe. Nach einigen Tagen vorsichtigen gegenseitigen Abtastens und… anderer Dinge, hatten wir angefangen, über unsere Fälle zu sprechen. Zu reden hat mir geholfen und ich weiß, dass es mir auch jetzt helfen wird. Ich lasse den Arm sinken, mit dem ich mir den Nacken massiert habe und zucke die Schultern. „Er hat gar nichts ausgegraben. Er hat die Akten nur sehr genau studiert. Die ganzen letzten Verhandlungstage ging es ihm immer darum, Alexanders und meine „Beziehung“ zu Rawlinson in den Fokus zu rücken. Er hat die Mails und Treffen angeführt, in denen der Ton immer rauer wurde. Er hatte die große Hoffnung, einen Streit beweisen zu können, an dem Abend, an dem wir mit Rawlinson zum Essen verabredet waren. Den gab es aber weder im Restaurant, noch im Club, noch im Taxi und das musste er beim letzten Verhandlungstag auch endlich einsehen. Auch wenn das Motiv, das er uns unterstellt, seine Berechtigung hat, er konnte dem Gericht nicht nachweisen, dass dieses Motiv Alexander und mich zu einer so drastischen Handlung getrieben hat.“

Ich schlendere langsam von der Tür weg zum Bett, stütze mich mit einem Arm auf meiner Matratze ab und schaue auf Alexej hinunter, der noch immer auf der Bettkante sitzt und zu mir aufsieht. „Naja, auf diesen Rückschlag hin hat er sich in den Akten vergraben und dabei festgestellt, dass ich während meiner Zeit bei der Armee nicht ausschließlich bei der Luftwaffe gewesen bin. Die ersten Monate nach der Grundausbildung habe ich im Zuge eines Orientierungs- und Spezialisierungsprogramms bei einer Einheit der Navy verbracht… und das hat er der Jury heute so verkauft, als hätte ich das absichtlich die letzten Verhandlungstage verheimlicht. Als sei allein die Tatsache, dass ich bei der Navy war, Beweis genug dafür, dass ich in der Lage bin, einen Menschen absichtlich zu ertränken.“ Alexej verzieht das Gesicht in einem Hauch von Anerkennung. „Scheint ja wirklich ein gewieftes Kerlchen zu sein, dein lieber Staatsanwalt. Er ist sich sicher bewusst, dass die Navy rein gar nichts mit diesem Fall zu tun hat, aber jetzt hat er der Jury ein Bild in den Kopf gesetzt, das die sicher nur schwer vergessen kann.“ Ich nicke bestätigend.

Ja, genau das ist das Problem. Es geht nicht darum, ob Starrick recht hat oder nicht: Es geht darum, wer die Jury besser von der eigenen Story überzeugen kann und da hat er heute definitiv einen Vorsprung erarbeitet. Selbst wenn Owen jetzt meine ehemaligen Vorgesetzten vorlädt und zu meiner Laufbahn befragt, wird all das wie eine Rechtfertigung aussehen. „Tja.. wir werden sehen, wie es sich weiter entwickelt. Wir haben zwei Tage Unterbrechung bekommen, so dass wir auf diesen neuen Vorstoß angemessen reagieren können. Mal sehen, was sich ergibt. Wie war dein Tag bisher?“ Alexej zuckt die Schultern, beginnt aber zu erzählen.
Wir können das ganz gut: Reden. Über alles Mögliche, ohne dass uns dabei langweilig wird, oder sich die Geschichten wiederholen. Eine wirklich angenehme Atmosphäre, die mich ablenkt von der Scheiße am Morgen. Wie spät es dabei schon geworden ist, realisiere ich erst, als die charakteristischen Geräusche des Cateringwagens durch den Gang schallen und es draußen etwas lauter wird. Nicht lange darauf wird die Durchreiche aufgeklappt und wir bekommen zwei Tabletts mit unserem Abendessen gereicht. Der Wachmann, der die beiden Häftlinge betreut, die für die Essensausgabe verantwortlich sind, bleibt vor unserer Tür stehen und mustert mich, der ich immer noch im Anzug da stehe.

„Hey, Svensson – umziehen. Wenn die Nachtschicht kommt und Sie immer noch den Anzug an haben, helfen die ihnen sonst gern wieder in ihren Overall.“

Ja genau. „Helfen“ ist dafür auch genau das richtige Wort.

Ich nicke pflichtbewusst. „Natürlich, ich erledige das gleich nach dem Essen.“ Sein Blick hängt noch kurz an mir. Er scheint etwas sagen zu wollen, das in Richtung nicht dann, sofort geht, doch er schüttelt schließlich nur den Kopf und geht weiter. Scheint ein guter Tag zu sein. Ich habe schon gesehen, wie sie andere aus der Zelle gezerrt haben. Danach waren deren Klamotten zu nichts mehr zu gebrauchen.

Nach dem Essen strecke mich etwas und streife schließlich pflichtschuldig das Jackett und damit den letzten Rest gefühlter Freiheit ab. Zeit sich wieder bequemere Kleidung anzuziehen. Die Absätze meiner Schuhe klingen unnatürlich laut, als ich den Raum durchquere, um zum Schrank zu kommen. Das Jackett landet wieder auf dem fest integrierten Bügel, ehe ich mich daran mache, das Hemd aufzuknöpfen. „Hey..“ ertönt es vom Bett, auf das Alexej sich wieder hat sinken lassen, nach dem er unsere Tabletts zurückgegeben hat. Mit seinem schweren Dialekt klingt das mehr nach einem kehligen ‚Chey‘. Ich werfe einen Blick zurück und mustere den Russen, der sich jetzt etwas nach hinten abgestützt hat. „Mach das hier.“ Er nickt mit dem Kopf auf den Platz vor dem Bett, an dem ich vorhin noch gestanden habe. Meine Augenbraue wandert nach oben, während meine Hände beim dritten Hemdknopf inne halten. Seine Stimme hat diesen Klang angenommen, der mir jetzt schon sagt, worauf das hinauslaufen soll.

Nach dem meine Gedanken schon im Gerichtssaal nicht gerade jugendfrei gewesen sind, wird es jetzt nicht besser. Die Anspannung des Tages gibt ihr Übriges dazu. Dass ich auf Männer stehe, war eines der ersten Dinge, die ich Alexej über mich erzählt habe. Nicht um ihn auf dumme Gedanken zu bringen, sondern um klare Verhältnisse zu schaffen. Ob er wie ich „draußen“ auch auf Männer steht, weiß ich nicht. Fakt ist: Hier drin gelten andere Regeln und wer viel Zeit und wenig Ablenkung hat, dem ist es am Ende ganz egal, wer sich dazu bereit erklärt, den Druck abzubauen.

Ich drehe mich also wieder zu Alexej um und komme zurück zum Bett, nur noch in Hemd und Hose, die Schuhe habe ich vor dem Schrank auch schon ausgezogen. Er mustert mich, einen Mundwinkel hochgezogen. Seinen Overall hat er beim Essen halb ausgezogen, so dass er nur noch ein Muskelshirt am Oberkörper trägt. Die Ärmel des Overalls hat er locker um seine Hüfte geschlungen und der Knoten hat sich jetzt beinahe vollständig gelöst. Sein Blick gleitet gierig über meine Brust aufwärts, hängt kurz an meinem Gesicht und folgt dann meinen Händen, die die restlichen Knöpfe meines Hemdes öffnen. Ich spanne meine Bauchmuskeln absichtlich an, um ihm etwas zu „bieten“ und er leckt sich über die Lippen, rührt sich aber sonst nicht. Langsam öffne ich den Gürtel, dann den Verschluss der Hose. Das heiße Kribbeln, das mich bei seiner Stimme und seinem Blick jedes Mal überkommt, bündelt sich bereits in meinem Schoß und hat für eine sichtbare Beule in meiner eng anliegenden Shorts gesorgt. Ich will gerade den Daumen in den Bund schieben, um die Hose nach unten zu drücken, da hebt Alexej die Hände, legt sie an meine Hüfte und zieht mich mit einem Ruck näher heran.

Ich fange mich mit einer Hand am oberen Bett ab, die andere schiebt das Hemd weiter nach hinten. Es sind Alexejs Hände die meine Hose samt Shorts nach unten drücken, meinen bereits leicht pochenden Schwanz befreien und beginnen, ihn fordernd zu pumpen. Weder will noch kann ich das Stöhnen zurückhalten, das von den nackten Wänden zurückhallt. Verdammt, er weiß wie er zupacken muss.

Ich komme ihm mit der Hüfte entgegen, als Alexejs warme Lippen sich feucht um meine Eichel schließen. Mit der Hand massiert er zunächst meinen Schaft weiter, ehe sie tiefer gleitet und sich um meine Hoden schließt. Sein Griff ist beinahe schmerzhaft fest, doch seine fordernden Lippen sorgen dafür, dass mein Schwanz in seinem Mund immer härter wird und sich zu voller Größe aufrichtet.

Das hier ist nichts, was lange dauern oder besonders zärtlich sein soll. Das ist bedeutungslose Triebbefriedigung und Alexej ist ein Meister darin. Seine Finger massieren meine Eier, seine Zunge tanzt auf meiner harten Erektion auf und ab und immer wieder nimmt er mich tief auf. Still halten kann ich nur, weil Alexejs zweite Hand meine Hüfte umklammert und jede Bewegung unterbindet. Es ist beinahe beängstigend, wie schnell dieser Kerl verstanden hat, was und wie ich es brauche. Er war auf eine beinahe verstörende Weise aufmerksam und hat jede meiner Reaktionen so aufmerksam studiert, dass er mich jetzt binnen kürzester Zeit zum abspritzen bringen kann, wenn er will. Er weiß, dass der harte Griff an meiner Hüfte nicht nur verhindert, dass ich gegen seinen Mund stoße, sondern dass er mich auch erregt. Ich mag es, wenn ein Mann weiß, was er will und ich mag es, wenn er mich auch genauso anfasst. Alexej spürt, dass ich kurz davor bin, er lockert den Griff, erlaubt meiner Hüfte gierig nach vorn zu zucken und schließt die frei gewordene Hand jetzt um meinen Schwanz, pumpt fordernd, während er mit Lippen und Zunge noch meine Eichel verwöhnt. Nur Minuten später komme ich heftig stöhnend in Alexejs gierigen Mund.

Der Russe zieht den Kopf zurück und hustet.  

Tja.. ups. War wohl etwas viel, hm?

Ich kann mein Grinsen nicht ganz zurückhalten, was Alexej zu einem Klaps auf meinen Oberschenkel verleitet. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Lippen und sieht tadelnd zu mir auf. Als ob ich etwas dafür könnte! Ich zuckte nur mit den Schultern, während sich mein Puls langsam beruhigt. Geholfen hat es definitiv, die Anspannung und die Wut machen angenehm prickelnder Befriedigung Platz. Ich genieße den Moment noch ein wenig länger, während Alexejs Hände über meine Schenkel fahren.

Schließlich lässt er mich los und lässt sich wieder nach hinten kippen. Ich weiß, was das zu bedeuten hat, doch ich lasse mir Zeit. Schäle mich endlich aus dem Hemd, das ich noch immer halb am Körper trage und strample mir die Hose ganz von den Beinen, die eben bis in die Kniekehlen gerutscht ist. Alexej beobachtet mich wie ein Wolf, der in seiner Höhle sitzt und darauf wartet, dass seine Beute hereinsparziert. Obwohl er sich nicht angefasst hat, sieht man seine Erektion unter dem orangenen Overall bereits deutlich. Tja, die wird noch einen Moment warten müssen.

Ich schenke ihm ein Grinsen und entferne mich wieder zum Schrank. Es war seltsam, nackt hier herum zu laufen, aber man findet sich damit ab. Scham ist hier definitiv nicht angebracht. Ich verfrachte die Anzughose ordentlich auf einen Hosenbügel, hänge das Hemd wieder auf und werfe die Shorts zu den anderen Sachen, die ich waschen lassen muss. In der Waschnische säubere ich meinen Schwanz von letzten Spuren, schlüpfe in eine frische Shorts, ein Muskelshirt und meinen Overall, dessen langen Reißverschluss ich nur bis zur Hälfte schließe. Erst jetzt drehe ich mich wieder zu Alexej, der zwar jede meiner Bewegungen beobachtet, aber sich sonst nicht weiter bewegt hat.

So „ordentlich“ angezogen, kehre ich zum Bett zurück und mustere den Russen, dessen Grinsen ich inzwischen sehr genau zu deuten weiß. Langsam gehe ich erst in die Hocke, dann knie ich mich vor ihn. Er sieht dabei zu, wie ich die verknoteten Ärmel löse, den Reißverschluss seines Overalls ganz aufziehe und meine Finger schließlich über den Bund der Shorts gleiten lasse. Zufrieden lässt er den Kopf nach hinten gegen die Wand sinken und hebt das Becken an, so dass ich ihm die Shorts ein Stück von der Hüfte ziehen kann. Weiter komme ich nicht, da seine Beine noch immer in dem Overall stecken und der Reißverschluss nur einen gewissen Spielraum gibt, aber weiter muss ich auch nicht kommen. Alexejs Schwanz wippt mir bereits entgegen und fordert Aufmerksamkeit. Bevor ich wieder gekommen bin, hat er ganz offensichtlich geduscht.

Hast du wohl geplant Alexej, hmn?

Aber ich habe nicht wirklich etwas dagegen. Noch einmal fixiere ich Alexejs Gesicht, ehe ich mit der Zunge über die gesamte Länge seines erigierten Gliedes lecke. Er seufzt leise, lässt mich nicht aus den Augen, während meine Finger nun ebenfalls diesen herrlichen Schwanz umfassen. Ich ziehe die Vorhaut ganz zurück, ertaste mit der Zunge die Spitze, ehe ich meine Lippen sanft um die rosa Eichel schließe. Alexej hält die Luft an.

Komm schon.. da geht mehr..

Ich bewege den Kopf weiter in Alexejs Schoß, lasse seinen Schwanz tiefer in meine feuchte Mundhöhle gleiten. Ich spüre, wie Alexej ungeduldig wird und grinse. Als ich ihn nicht mehr tiefer aufnehmen kann, schlucke ich und verenge meine Lippen um dieses herrliche Ding. Genüsslich beginne ich, Alexej mit meinen Zungenkünsten zu verwöhnen, während eine Hand dessen Schwanz noch immer an der Wurzel umfasst hält und die andere sich seinen Hoden widmet. Alexejs Brustkorb vibriert, dann löst sich ein tiefes Stöhnen von seinen Lippen, das postwendend für neuerliches Kribbeln in meinen Eingeweiden sorgt. Er hat eine unglaublich erotische Stimme, aber vielleicht ist das auch nur ein Fetisch von mir. Ich spüre, wie seine Finger in meine Haare gleiten. Da bin wohl nicht nur ich ungeduldig heute. Sein Griff bleibt zunächst locker, doch ich weiß, dass das nicht lange so bleiben wird und ich liebe es, ihn zu reizen, bis er sich holt was er will. Ich lasse seinen feucht glänzenden Schwanz beinahe ganz aus meinem Mund gleiten, tanze nur wieder hauchzart mit meiner Zunge darüber, ehe ich die Lippen zusammen presse und Alexej mir die Hüfte entgegen drückt. Ich leiste seiner Eichel leichten Widerstand, als er sich wieder zwischen meine Lippen drückt und seinem erneuten Stöhnen kann ich entnehmen, wie sehr es ihm gefällt. Das Spiel wiederhole ich noch ein paar Mal, bis Alexejs Griff in meinen Haaren fester wird. Inzwischen weiß ich, wie es sich anfühlt, kurz bevor er zupackt. Ich lasse locker, hohle tief Luft – und kriege im nächsten Moment keine mehr, weil Alexejs Griff mich mit einem festen Ruck nach unten zieht, während seine Hüfte nach oben stößt und er sich damit tief in meinen Rachen versenkt. Nicht zu würgen ist eine Kunst, zumal der liebe Russe nicht ganz klein geraten ist. Alexej ist dennoch kein Grobian. Nach zwei, drei Stößen lässt er wieder locker, sorgt dafür, dass ich Luft holen kann. Erst dann wiederholt sich das Spiel.

Bemerkenswert, wie gut er sich im Griff hat. Normalerweise braucht er auf diese Weise nicht lange, um zu kommen, doch heute will er genießen und sich Zeit lassen. Soll mir recht sein, ich bin schließlich auch auf meine Kosten gekommen.

„Hier entlang bitte. Die Jungs sollten eigentlich schon mit dem Essen fertig sein…“ dringt plötzlich die Stimme des Wachmannes an mein Ohr. Alexejs nächstes Stöhnen endet etwas abrupt, als auch er die Stimme hört. Was wir tun ist zwar nicht wirklich verboten, aber auch nicht wirklich erlaubt. Dann spricht ein anderer Mann und mir rutscht das Herz eine Etage tiefer in den Overall. „Hat Svensson bei seiner Ankunft irgendetwas erzählt? Ist er immer noch mit diesem Russen in einer Zelle?“ Starrick!

Ich versuche den Kopf zu heben, um etwas zu sagen. Mein Blick trifft auf Alexejs, der erst zu mir, dann zur Tür schaut. „Wir haben ihn direkt zurück in seine Zelle gebracht Mr. Starrick. Er hatte keinen Besuch und ja, er sitzt noch immer mit Mr. Marosov in der Zelle.“ Die Schritte nähern sich, gleich stehen die beiden vor unserer Tür. In meiner Hand spüre ich, wie Alexejs Hoden sich zusammenziehen. Offenbar gibt ihm die Gewissheit, gleich unfreiwillige Zuschauer zu haben, einen Kick. Wir beide sind kurzzeitig erstarrt, Alexejs Schwanz rutscht zwischen meinen leicht geschwollenen Lippen heraus. Beide sehen wir zur Tür, vor deren Fenster jetzt zwei Gesichter auftauchen. Kurz passiert gar nichts, dann begreifen beide Männer, was sich da vor ihnen abspielt. Der Wachmann sieht es nicht zum ersten Mal, da bin ich sicher. Er verdreht mehr genervt die Augen, aber Starrick… er reißt die blauen Augen auf, schlägt sich die Hand vor den Mund und wendet den Blick doch nicht ab. Dann übernimmt Alexej die Entscheidung, die ich noch nicht getroffen habe und vergräbt die Hand wieder fest in meinem Haar. „Das bringen wir zu Ende. Mir scheiß egal, was der von dir will.“ Seine Stimme und seine Worte ersticken meinen Protest im Keim. Es gelingt mir gerade noch Luft zu holen, ehe Alexej seinen Schwanz wieder zwischen meine Lippen drängt und tief in meinen Rachen stößt.

„FUCK WAS ZUR HÖLLE?! AUSEINANDER!“ brüllt der Wachmann vor Tür und hämmert dagegen. Als ob das irgendetwas nutzen würde. Ein Blick nach oben verrät mir, dass Alexej breit grinsend zur Tür schaut, sich provokant über die Lippen leckt und ein sinnliches Stöhnen erklingen lässt. „AUSEINANDER!“ brüllt der Wachmann nochmal, hat sich aber noch nicht dazu durchgerungen, die Tür zu öffnen. Er ist offensichtlich mit Starrick allein gekommen. „Schließen sie die Tür auf! Gott verdammt! Die können doch nicht einfach..“

Starricks Fassungslosigkeit ist mit Händen zu greifen. Draußen klappern Schlüssel. Das Schloss klickt und der Türmechanismus schnappt in dem Moment auf, in dem der Russe meinen Kopf loslässt und sich schubweise in meinen Rachen ergießt. Leider „darf“ ich nicht alles schlucken. Ich habe seinen Schwanz bereits vorsorglich losgelassen und werde nur einen Herzschlag später bereits von Starrick an der Schulter zurück gerissen. Letzte Spritzer klebrigen Spermas landen in meinem Gesicht. „Gott verdammt!“ Er starrt in mein Gesicht, während ich zu ihm aufsehe. Sein Blick ist äußerst schwer zu deuten.

Du wiederholst dich Starrick. Schon lang keinen Kerl mehr abspritzen sehen, was? Neidisch? So heftig besorgts dir deine Frau sicher nicht...

Mein Arm landet schmerzhaft verdreht auf meinem Rücken, dann zerren sie mich rückwärts und halb sitzend aus der Zelle, kugeln mir fast die Schulter aus. Wieder lande ich in Handschellen, kann mein Grinsen jedoch wirklich nicht zurückhalten.

„Meine Güte, sie sind ja ein richtiger Spielverderber Starrick…“ würge ich hervor. Habe noch immer ein bisschen mit dem Luftholen zu kämpfen. Er will zu einer gepfefferten Antwort ansetzen, dann sieht er Spuren von Alexejs Sperma auf meiner Wange und meinen Lippen. Er hat den Mund schon geöffnet, bringt jedoch keinen Piep heraus, während ihm Schamesröte auf die Wangen schießt. So sieht er ja beinahe niedlich aus. Hervorragend – so soll er mich in Erinnerung behalten, wenn wir uns in zwei Tagen wieder vor Gericht sehen.
Fünf gegen zwanzig! Große Übermacht;
Doch zweifl' ich, Oheim, nicht an unserm Sieg.
Ich hab' in Frankreich manche Schlacht gewonnen,
Wo zehn die Feinde waren gegen eins:
Weswegen sollt' es minder jetzt gelingen?

- Shakespeare, König Heinrich VI. – III. Teil



Ich habe kurz Zeit, mich zu sammeln. Ich stehe mit auf dem Rücken gefesselten Händen neben der Zellentür, während der Wachmann fahrig die Tür wieder schließt. Starrick hat sich noch immer nicht wieder unter Kontrolle und überhaupt scheint diese Situation die beiden Männer gerade etwas zu überfordern. Alexejs Lachen, das noch immer von drinnen zu uns heraus dröhnt, scheint da auch nicht besonders zu helfen. Ich bemerke den Blick, den der Wachmann Starrick jetzt zuwirft, ehe er mich an der Schulter packt und vorwärts schubst.Mein Overall ist noch immer ziemlich weit geöffnet und die leichte „neue“ Beule in meiner Shorts gut zu sehen. Ist schwer bei dem Russen kalt zu bleiben, auch wenn ich schon Druck ablassen konnte. Starricks Blick ist kurz daran hängen geblieben, als wir uns in Bewegung gesetzt haben. Wenn möglich ist er dabei noch röter angelaufen, als das ohnehin schon der Fall ist. Ich habe das Gefühl, dass da irgendetwas in der Luft ist, auch wenn ich es noch nicht richtig fassen kann. Die Atmosphäre ist so... angespannt. Langsam stelle ich mir ohnehin die Frage, was der Staatsanwalt schon wieder hier will. Ohne Owen plaudere ich nicht mit ihm, zumindest nicht über den Fall. Er hat das schon mal versucht und ist kläglich gescheitert, wieso also jetzt? Und wieso um diese unchristliche Uhrzeit?

Wir passieren eine weitere Gittertür, die den Zellentrakt von den Besprechungsräumen trennt. Normalerweise steht hier ein Wachmann, doch die Tür ist zwar verschlossen, aber unbewacht. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, werfe einen Blick auf den Vollzugsbeamten. Der öffnet jetzt die Tür. Zittern seine Finger? In meiner Magengrube ballt sich ein ungutes Gefühl zusammen. Was soll denn das jetzt bitte werden?

Ich halte vorsorglich den Mund, doch die nonverbale Kommunikation zwischen Starrick und dem Wachmann ist mehr als deutlich. Wieso wundert es mich nicht, dass wir ein leeres Besprechungszimmer betreten? Der Wachmann führt mich zu dem Stuhl, auf den ich mich langsam sinken lasse, die Hände nach wie vor auf dem Rücken gefesselt, so dass ich sie gezwungenermaßen hinter der Lehne halten muss. Kurz scheint der Wachmann zu überlegen, ob er mir die Handschellen abnehmen soll, entscheidet sich aber dagegen. Nach einem letzten stummen Blickwechsel mit Starrick verschwindet er eiligst aus der Tür und schließt sie sorgsam hinter sich.

Da wären wir also. Ich und Mr. Staatsanwalt himself.

„Ich hab ja nicht gedacht, dass sie so große Sehnsucht nach mir haben Starrick..“ breche ich die Stille, die sich über den Raum gesenkt hat. Starrick hat dem Wachmann nachgesehen, eine Hand um die Dokumente verkrampft, die er noch in den Fingern hält und die andere Hand an der Stirn, die er leicht mit den Fingerspitzen massiert. Offenbar lief dieses Treffen nicht ganz nach Plan. Die Dokumente knallen auf den Tisch vor mir, als Starrick sich endlich in Bewegung gesetzt hat und sich neben mir aufbaut. Er holt Luft, hebt die Stimme – und kriegt nicht mehr als ein ersticktes Gurgeln heraus, als er mir ins Gesicht blickt und ich so langsam und deutlich wie es nur irgend geht Alexejs Spermaspuren von meinen Lippen und meiner Wange lecke. Zumindest da, wo ich mit der Zunge noch hinkomme. Der Rest bleibt wo er ist, immerhin sind meine Hände gerade anderweitig fixiert.

Starricks Blick fixiert meine Zunge, ehe er zurückzuckt und hustet. Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Es ist doch immer wieder herrlich, wie leicht man Männer wie Starrick in die Knie zwingen kann. Er räuspert sich und scheint sich dieses Mal schneller wieder im Griff zu haben. „Mr. Svensson, glauben sie mir, es gibt viele Orte an denen ich gerade wesentlich lieber wäre als hier.“ Seine Stimme klingt ziemlich gepresst.

Na ich bin mir da ja nicht so sicher. Dein Blick ist ganz schön eindeutig Nathan.

„Achja? Und ich dachte schon, sie wollen auch mal. Wieso sollten sie sonst nach Sperrstunde hier aufkreuzen?“ Ich lege meinen süffisantesten Blick auf, mustere die Gestalt im Anzug so offensichtlich, dass Starricks Gesicht erneut rot anläuft. Weil mein Blick absichtlich auf Gürtelhöhe verweilt, sieht Starrick sich zum Handeln gezwungen. Er umrundet den Tisch und setzt sich mir gegenüber, so dass ich vorerst nicht mehr auf den Reißverschluss seiner Hose starren kann. Bin mir nicht sicher, ob sich da was abgezeichnet hat, könnte auch am Anzug liegen. „Sparen sie sich ihre bissigen Kommentare Svensson. Es ist niemand hier, der sich darum schert.“ Wieder zuckt mein Mundwinkel hinauf.

Ach nein? Wieso hast du dich dann hingesetzt, Nathan?

Trotzdem seufze ich nur theatralisch und rücke auf dem Stuhl zurecht, was gar nicht so einfach ist. Könnte eine unbequeme Nacht werden, je nachdem wie lange Starrick vorhat, mich hier sitzen zu lassen. Es wird Zeit, das herauszufinden. „Dann sagen sie mir, was sie wollen Starrick. Ich werde den Fall mit ihnen ohne Anwesenheit meines Anwaltes nicht besprechen. Allein ihre Anwesenheit und der Versuch, ohne meinen juristischen Beistand mit mir zu sprechen, ist strafbar.“ Der scharfe Ton, den ich jetzt anschlage, ist wohl eher nach seinem Geschmack. Etwas, auf das er besser reagieren kann. Mir gegenüber schürzt Starrick die Lippen und zieht seine Dokumente heran. Er klappt die Mappe auf und scheint ein Schreiben zu überfliegen, ehe er den Kopf hebt und mich ansieht ohne meinem Blick gleich wieder auszuweichen.

Was ich sehe, überrascht mich jetzt doch. Starrick sieht müde und abgekämpft aus. Trotzdem lodert in seinem Blick unverhohlene Wut. „Sie widern mich an Svensson und damit meine ich nicht, dass sie dem Russen die Eier schaukeln. Sie widern mich an, mit ihrem Gehabe und ihrer Arroganz. Während all dieser Verhandlungstage habe ich sie nicht einmal betroffen erlebt. Da ist ein Mensch gestorben Svensson, ertrunken in ihrem Beisein. Ob nun durch ihre aktive Mithilfe, wie ich glaube, oder nur während sie am gleichen Ort waren, wie sie behaupten: Rawlinson ist tot.“ Er lehnt sich auf dem Stuhl zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und mustert mich abfällig.

Autsch. Meine Zunge befeuchtet meine Lippen, dieses Mal nicht, um ihn zu reizen. Ich habe mir schon andere Sachen von ihm anhören müssen, doch dieses Mal ist es anders. Dieses Mal sitze ich ihm allein gegenüber und irgendwie war diese verbale Anklage gerade sehr viel emotionaler und direkter als sonst.

So gut es eben noch getan hat, ihn aufzuziehen, so schäbig komme ich mir jetzt damit vor. Im Angesicht von Rawlinsons Tod ist es das auch. Gleichermaßen ist es wohl ein Kompliment an meine schauspielerischen Fähigkeiten. Im Gerichtssaal spiele ich eine Rolle, eine, die Owen mit mir gemeinsam für meine Verteidigung erdacht hat. Wenn sie auch Starrick überzeugt, dann muss ich sie wirklich ganz hervorragend spielen. In mir sieht es ganz anders aus und der Gedanke daran, dass Rawlinson eine Familie hinterlässt, macht die Sache nicht unbedingt einfacher.

Noch immer sagt Starrick kein Wort, studiert stattdessen aufmerksam mein Gesicht, das sich wieder mehr verschlossen hat. Seinen Blick weiterhin zu erwidern fällt schwer, aber ich habe keine andere Wahl. Oder eher: Ich habe schon eine andere Wahl: Eine lange Haftstrafe und Abschiebung. Es geht hier um mein Leben und noch so viel mehr. Mein Brustkorb hebt und senkt sich mit einem tiefen Atemzug, der mich zur Ruhe bringen soll. „Was wollen sie Mr. Starrick?“ Ich habe zu unserem Konversationston zurück gefunden. Gefasst, kühl und sachlich. Er bemerkt die Veränderung, die mit mir vorgegangen ist und schnaubt leise. „Was ich von ihnen will? Das wissen sie genau. Ein Geständnis. Ich will die Wahrheit über das wissen, was am Strand passiert ist. Die Wahrheit über Rawlinsons Tod.“ Er hat sich wieder nach vorn gelehnt und starrt mich mit diesen so eindringlichen blauen Augen nieder. „Aber wir beide wissen, dass das nicht passieren wird. Schon gar nicht ohne Mr. Mellard.“

Mein Nicken bestätigt ihm diese Worte und sorgt dafür, dass er das Schreiben aus seinem Ordner zieht, das er eben noch einmal durchgelesen hat. Er schiebt es mir hin, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Der Widerwillen in seinem Blick ist deutlich. Langsam richte ich mich auf dem Stuhl mehr auf, was wegen der Handfesseln gar nicht so einfach ist. Ich sitze trotzdem nah genug an der Tischplatte, um den Text ohne Probleme lesen zu können. Mein Blick huscht über die ersten Zeilen, ehe mir bewusst wird, was da vor mir auf dem Tisch liegt. „Sie bieten mir einen Deal an?“

Du musst wirklich verzweifelt sein..

An seiner Schläfe zuckt ein Muskel, doch er hat sein Gesicht ziemlich gut im Griff. Seine Hände hat er wieder vor der Brust verschränkt, doch ich kann sehen, wie sich seine Muskeln unter dem Jackett spannen. Er ist nur einen Hauch davon entfernt zu explodieren und zwar nicht, weil ich ihn beleidigt habe. Langsam rutsche ich zurück in den Stuhl, lehne mich wieder nach hinten und versuche, die unbeteiligte Miene beizubehalten. Leicht ist es nicht, denn in meinem Kopf verselbstständigen sich die Gedanken und plötzlich wird mir klar, wieso Starrick hier mit mir in diesem Zimmer sitzt. Wir sind hier nicht allein, weil er Informationen aus mir herauspressen will, sondern weil er hofft, sich auf diese Weise etwas anderes zu ersparen: Seine Niederlage!

Aber wieso gerade heute? Wieso gerade jetzt? Hat er herausbekommen, dass Owen mit Dick wegen eines Angebots sprechen wollte? Vermutlich. Oder er hat am Ende wirklich einsehen müssen, dass er einfach nicht genügend Beweise zusammenkratzen kann, um mich und Alexander einzusperren. Ich verwerfe den Gedanken wieder, denn selbst unausgesprochen klingt es bereits falsch. Nein, nicht Starrick bietet mir hier einen Deal an.

Ich muss ihn nur ansehen um zu wissen, dass er sich eigentlich lieber die Hand abhacken würde, als mir dieses Dokument vorzulegen. Warum tut er es also doch? Die einzige Antwort ist jene, die mir eben schon durch den Kopf geschossen ist. Er weiß, dass er nicht gewinnen kann – oder nicht gewinnen darf. Weil es tatsächlich Männer gibt, die mehr Einfluss haben, als Nathan Starrick.

Auch wenn mich das eigentlich beruhigen soll und meine Eingeweide aufgehört haben, sich zusammen zu krampfen, kann ich nicht umhin mich zu fragen, was das für mich und Alexander zu bedeuten hat.

Ich bin mir sicher, dass meinem Gegenüber klar ist, dass ich ihn durchschaue. Er macht es mir nicht besonders schwer, so angespannt wie er da auf dem Stuhl sitzt. Müde und abgekämpft, aber wütend genug um sich beim kleinsten Fehlverhalten meinerseits auf mich zu stürzen. Normalerweise würde die prickelnde Erotik einer solchen Situation ihre Wirkung nicht verfehlen, doch gerade dringt der Reiz nicht zu mir durch.

Wenn Starrick nur Stunden nach unserem Gerichtstermin am Morgen jetzt mit einer „Du kommst aus dem Gefängnis frei“ – Karte vor mir sitzt - Naja, mehr oder weniger. Einsitzen würden wir wohl für ein paar Jahre, wenn wir dieses ‚Angebot‘ annehmen ... – dann muss ein ziemlich hohes Tier ein Machtwort gesprochen haben. Als ich vorhin diesen Raum mit gemischten Gefühlen betreten habe, dachte ich noch, es ginge um meine und Alexanders Zukunft. Jetzt stelle ich fest: Es geht auch um Starricks Zukunft und die hängt hier gerade am seidenen Faden. Wenn ich diesem Schreiben nicht zustimme, dann sehen wir uns vor Gericht wieder und allem Anschein nach wird Owen dort etwas aus dem Ärmel zaubern, das die sichere Niederlage für diesen blauäugigen Staatsanwalt bedeutet.

Hervorragend. Ich schüttele nur schwach den Kopf. Starrick hat bisher nichts von sich gegeben. Allem Anschein nach hadert er damit, mir den Vorschlag einerseits schmackhaft zu machen und ihn andererseits zu kleinen Papierschnipseln zu zerpflücken. Mein Kopfschütteln wird deutlicher und nimmt ihm damit die Entscheidung hab. „Wir kommen so nicht zusammen Mr. Starrick. Schon gar nicht ohne Mr. Mellard. Aber wenn ich den Zeitpunkt ihres Auftauchens hier richtig deute, dann muss ich mir das Dokument ohnehin nicht durchlesen. Es ist nicht mehr als ihr kläglicher Versuch, das Ruder zu ihren Gunsten herum zu reißen. Oder zumindest: Nicht ganz allein mit diesem Kahn unterzugehen.“ Erstaunlich, wie gut ich meine Stimme im Griff habe. Ich fühle mich bei weitem nicht so sicher, wie meine Worte das vermuten lassen. Vielleicht interpretiere ich auch viel zu viel hinein und dieses Angebot ist von Owen abgesegnet.

Auch eine Möglichkeit, die mir so gar nicht gefällt und die ich daher schnell verdränge. Es ist dennoch denkbar, dass Owen diesen Deal abgesegnet hat, und aus welchen Gründen auch immer nicht hier auftauchen kann. In diesem Fall wäre es fatal das Angebot auszuschlagen, denn dann sind am Ende wir die Verurteilten. Doch irgendwie kann ich mir das einfach nicht vorstellen. Owen hätte niemals zugestimmt, dass uns dieses Schreiben in seiner Abwesenheit vorgelegt wird. Er hätte uns informiert, daran besteht kein Zweifel. Es muss also wirklich an Starrick und der Staatsanwaltschaft liegen, daran halte ich fest.

Der Reaktion meines Gegenübers nach zu urteilen liege ich damit auch genau richtig. Starricks Maske bemühter Zurückhaltung fällt in sich zusammen und ich kann den Zorn erneut in seinen Augen auflodern sehen. „Es geht hier nicht um mich, Svensson“, spuckt er mir über den Tisch entgegen, erntet dafür aber nur ein höhnisches Lachen. „Natürlich nicht..“ Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen.

„Nein, es geht um Rawlinson“, greift er den Faden wieder auf. „Es geht darum, dass in ihrem Beisein ein Mensch zu Tode gekommen ist, und es sie offensichtlich einen Scheiß interessiert. Ich gebe ihnen hier eine Chance, ein wenig Menschlichkeit zu zeigen, denn wir beide wissen, dass sie nicht am Strand geschlafen haben.“

Meine Kiefer mahlen aufeinander. Ich frage mich wirklich, wieso er auf der Karriereleiter noch nicht weiter nach oben geklettert ist. An seinem Instinkt kann es nicht liegen, denn der trügt ihn hier in diesem Fall nicht. Ich kann spüren und sehen, dass er sich seiner Sache absolut sicher ist. Er weiß, dass Alexander und ich vor Gericht lügen, aber er kann es nicht beweisen. Also taktischer Rückzug? Sieht ihm nicht ähnlich, aber wer weiß, wie seine Lebensumstände außerhalb des Jobs aussehen? Ich presse die Lippen zusammen und sage nichts. Muss mich sogar dazu zwingen den Mund zu halten, denn ich möchte nichts Falsches sagen. Andererseits kann man in einer Situation wie dieser wohl kaum die richtigen Worte finden.

Starrick sieht das und klappt den Ordner noch einmal auf, zieht etwas heraus, das ich nicht genau erkennen kann. Mit einer lässigen Bewegung schnippt er das Papier über den Tisch. „Sie denken, sie kennen mich, aber da irren sie sich. Ich hänge lieber den Job an den Nagel, als dass ich jemanden wie Sie als freien Mann aus dem Gerichtsaal gehen sehe. Wenn sie auch nur einen Funken Anstand im Leib haben, dann denken sie über dieses Angebot nach. Wenn schon nicht für Rawlinsons Hinterbliebene, dann vielleicht ja für..“

Der Rest seines Satzes geht zum zweiten Mal an diesem Tag in fernem Rauschen unter. Das dünne Papier ist vor mir zum Liegen gekommen. Automatisch ziehen sich meine Eingeweide wieder zusammen und ich kann nicht verhindern, dass mir mein Gesicht vollkommen entgleist. Fassungslos starre ich auf das Foto, das mich und Alexander im Anzug vor zwei modifizierten CF-18 Fliegern zeigt. Neben uns stehen zwei breit grinsende Piloten, deren Ähnlichkeit trotz der Helme ins Auge sticht.

Ich glaube, ich habe vergessen zu atmen, während ich auf dieses Foto starre. Meine Kehle und mein Brustkorb brennen mit jeder Sekunde mehr und mein Blick verschwimmt, doch ich schaffe es nicht zu blinzeln. Starricks Worte pulsieren durch meinen Schädel. Ein Funken Anstand.. wenn nicht für Rawlinson, dann vielleicht ja für…  die Gebrüder Cartwright.

Das war ein Wahnsinns Ritt über den Wolken Arn. Zieh nicht so ein Gesicht. Ich verspreche dir, heute Nacht bring ich dich auch da hin.

Oh bitte Logan… nicht jetzt!

Doch ihr, befleckt von euren eignen Lüsten,
Besudelt mit der Unschuld reinem Blut,
Verderbt und angesteckt von tausend Lastern:
Weil euch die Gnade fehlt, die andre haben,
So achtet ihr's für ein unmöglich Ding,
Ein Wunder wirken, ohne Macht der Teufel.

- Shakespeare, König Heinrich VI. – I. Teil




Selbst hier im Tower ist der Lärm der startenden Maschine deutlich zu hören. Das Aufjaulen der Triebwerke, das Donnern des Fahrwerks auf der Startbahn, gepaart mit dem leisen Murmeln der Lotsen. Im frühen Licht des Morgens zieht feuchte Luft über die Flügel der CF-18, auch als Hornet bezeichnet, als sie durchstartet und sich in den bleichen Himmel erhebt. Die Sonne wird sich in einigen Minuten mühsam über den Horizont kämpfen und dann hoffentlich die perfekten Voraussetzungen für die Testreihe des heutigen Tages geben.

Auf dem Rollfeld geht eine zweite Maschine in Position und erwartet die Startfreigabe. Ich lehne mich ein wenig weiter vor, um aus den riesigen Fenstern einen Blick in das Cockpit zu erhaschen. Ich erkenne nicht viel, doch das Wissen, dass er da unten in der Maschine sitzt, reicht vollkommen.

Ich komme nicht umhin zu grinsen. Über Funk gibt die Flugsicherheit dem Piloten zu verstehen, dass er noch eine Minute warten muss. Das Flugzeug, das bereits in der Luft ist, bekommt noch einmal genaue Instruktionen vom Fliegerleitoffizier. Er wird sich, sobald sie in der Luft sind, um beide Piloten kümmern, doch nach dem Start der ersten Maschine arbeitet er kurz einige Routinefragen mit dem bereits gestarteten Piloten ab. Erst wenn der Offizier dieses Gespräch beendet hat, darf die zweite Maschine abheben.

«Hey, Tower!» Die Stimme des zweiten Piloten dringt aufdringlich aus dem Kopfhörer, der um meinen Nacken baumelt. Ich greife hinunter und ziehe eine der Ohrmuscheln hinauf, um ihn besser zu hören. «Hat das Blondchen nichts zu tun? Wenn mir der Flieger gleich unterm Arsch explodiert, weil seine Berechnungen falsch sind, hätt ichs gern vorher gewusst.»

Dir explodiert später was ganz anderes unterm Arsch mein Lieber.

Die junge Fluglotsin, die nach wie vor auf die Startfreigabe wartet, sieht entschuldigend zu mir hinüber. Ich löse meinen Blick von der Scheibe, vergewissere mich kurz, dass der Leitoffizier noch mit der ersten Maschine zu Gange ist und beuge mich dann über ihre Schulter. Auf mein Zeichen hin öffnet sie den Funkkanal. „Machen sie sich keine Sorgen um ihren Hintern Pilot. Sorgen sie sich lieber um ihre Eier, denn die wird ihnen ihr Vorgesetzter abschneiden, wenn sie die Maschine nicht heil rauf und wieder runter bringen.“ Es knackt in der Leitung, dann setzt der Pilot zu einer Antwort an, bricht jedoch jäh ab, als die Fluglotsin auf einen Wink des Leitoffiziers die Startfreigabe erteilt. Mein Grinsen wird noch eine Spur breiter. Dass ich in dieser Sache das letzte Wort hatte, wird ihm gar nicht gefallen. Die Triebwerke der zweiten Hornet jaulen auf, dann schießt auch diese Maschine die Rollbahn entlang und hebt ab. Gerade als sie an Höhe gewinnt, rauscht die erste Maschine über uns heran und dreht dann in einem weiten Bogen ab. Die Druckwelle des Flugzeuges sorgt bei der startenden Maschine für einige Turbulenzen. Flüche und Verwünschungen dröhnen aus dem Kopfhörer, gepaart mit einem hellen und frechen Lachen. Neben mir verschränkt Alexander die Arme vor der Brust und schüttelt den Kopf. „Wieso genau haben wir zugestimmt, diese beiden fliegen zu lassen?“, raunt er mir fragend zu und ich kann nicht mehr, als die Schultern zu zucken.

Der Deutsche sieht angespannt aus. Ich habe nicht genau mitbekommen, was eben mit der ersten Maschine nach dem Start los war und spüre das schlechte Gewissen in mir aufsteigen. Es ist mein verdammter Job, hier aufmerksam zu sein, also sortiere ich meine Gedanken und ziehe die Ohrmuscheln des Kopfhörers wieder nach oben. Noch immer dringen Verwünschungen über Funk an mein Ohr. «Wenn ich wieder unten ankomme, ich schwöre dir Cal, ich schwöre dir, wenn ich dich in die Finger kriege dann…. WAS SOLL DAS?!» Wieder überholt die erste Maschine in mörderischem Tempo und sorgt bei an Höhe gewinnenden Hornet für Luftlöcher. Calvin versucht nicht einmal, sein Gelächter irgendwie einzudämmen. Der Leitoffizier wirft uns beiden einen kurzen Blick zu, dann entscheidet er sich dazu durchzugreifen. „Reißen sie sich zusammen Captain Cartwright. Und sie auch Lieutenant.“ Falls sich jemals jemand wundern sollte, wieso beim Einsatz immer das Fahrzeug, Flugzeug oder die Einheit angesprochen wird, statt einer Person: Das hier ist der Grund dafür. Beide Männer heißen Cartwright, beide sind Piloten. Logan, der ältere, bereits im Rang eines Captains, da er schon wesentlich länger Einsätze fliegt, als sein fünf Jahre jüngerer Bruder. Lieutenant Calvin Cartwright hat allerdings das bessere Händchen, wenn es um die Maschinen geht. Er ist ein Naturtalent in der Luft, das bereits im ersten Jahr seiner Ausbildung den eigenen Bruder im Simulator alt aussehen ließ.

Sowohl das Lachen als auch das Gezeter über Funk verstummt und der Flugleitoffizier räuspert sich ein letztes Mal deutlich. „Hornet Two, drehen sie bei, Formation bilden.“ Die aufgehende Sonne blitzt auf den Tragflächen der Maschine auf, als Logan das umgerüstete Kampfflugzeug elegant in einem schönen Schwung auf Kurs bringt. Es hat etwas Erhabenes dabei zuzusehen, wie er zu Calvin aufschließt, der gerade die Warteschleife wieder beendet, auf der er zurzeit über dem Militärgelände fliegt. Die Formation ist relativ eng, vor allem wenn man die Geschwindigkeit bedenkt, mit der die beiden Jets durch die Luft jagen, doch aus Erfahrung heraus weiß ich: Es geht noch wesentlich schneller. Der Leitoffizier geht nun auch mit Logan einige Standartfragen durch und ich bemühe mich, dieses Mal aufmerksamer zuzuhören. Die Maschine reagiert normal, alle Parameter liegen im Normbereich. Sanft schwenken beide Maschinen erneut in die Schleife, während die Sonnenscheibe sich endgültig über den Horizont schiebt.

«Woha!“ Der überraschte Ausruf kommt von beiden Piloten zugleich. Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass Alexanders Mundwinkel nach oben zuckt.

Tja Jungs, euch will ich noch einmal lachen hören..

«FAC* hier Hornet One. Wir fliegen jetzt mit direktem Gegenlicht, der Filter ist der Wahnsinn.» In Cals Stimme hört man die Begeisterung heraus. Auf dem Monitor neben mir sehe ich, dass die zweite Maschine an Höhe verliert. Logan testet augenscheinlich, wie sich der Filter je nach Lichteinstrahlungswinkel verändert. Der Leitoffizier vermerkt etwas in seinem Protokoll. „Hornet Two, hier FAC. Wie sieht es bei Ihnen aus?“

«FAC, hier Hornet Two. Der Filter funktioniert wie vorgesehen. Der Kontrast ist wirklich beeindruckend.» Logan klingt weit weniger aus dem Häuschen als Cal, aber das wundert mich nicht. Der ältere der beiden Brüder hat bereits mehrere Testflüge mit modifizierten Maschinen absolviert und er weiß, dass Neuerungen auf Herz und Nieren geprüft werden müssen. Die Gegenlichtproblematik liegt heute außerdem nicht im Fokus. Sicher, wir haben den Testflug extra in die frühen Morgenstunden gelegt, um einen ersten Eindruck von dem neuen Glas zu bekommen, aber eigentlich geht es heute um Anflug und Ausweichmanöver. Die beiden Maschinen, die gerade in der Luft sind, sind extra für solche Testflüge umgerüstet worden. Sie sind nicht mit scharfer Munition ausgerüstet, verfügen sonst aber über die gleichen Flugeigenschaften wie die anderen CF-18 Flugzeuge. An beiden Maschinen wurden kleinere Veränderungen am Triebwerk vorgenommen, außerdem haben wir die Steuerflächen modifiziert, was die Wendigkeit der Maschine weiter beeinflussen soll.

„Hornet Two, sie starten. Kurs und Ziel wie vorgegeben, Tower erteilt Freigabe, zielen und feuern nach eigenem Ermessen.“

Natürlich wird bei diesem Testlauf nicht wirklich geschossen. Dennoch verfügt die Maschine über eine Zielerfassung und die Elektronik, die dazu da ist eine AAM** oder eine ASM** zu starten. Wenn der Pilot den Abzug betätigt, registriert das Simulationsprogramm im Tower diesen Abschuss und berechnet anhand der aktuellen Flug- und Zieldaten die Treffergenauigkeit, Flugbahn und den angerichteten Schaden. Auch da erwarten uns heute sicher keine großen Überraschungen. Der Anflug, das Zielen und „abfeuern“ der Munition sollte genauso funktionieren wie bisher. Das Abdrehen und Ausweichen danach ist es, was für mich und Alexander heute eine besondere Rolle spielt. Logan ist also als erster dran. Er hat den Befehl des Towers bestätigt und löst sich jetzt aus der Schleifenformation, die Calvin weiterhin brav fliegt. Die Triebwerke der Maschine werden lauter, als sie über der Startbahn einschert. Das Ziel liegt irgendwo an deren Ende, so dass wir einen guten Blick auf die Flugbahn haben. Kameras entlang der Strecke und am Ziel bieten weitere Bildeinstellungen, die wir auf einer großen Anzahl von Monitoren einsehen können.

Die CF-18 nähert sich dem Ziel, über Funk kommt kurze Zeit später die Bestätigung, dass Logan das Ziel erfasst hat. Sekunden später startet die Simulation der ASM, dann kippt die Maschine zur Seite und dreht ab. Oder eher: Logan versucht es. Er hatte schon während der Warteschleife die Gelegenheit, sich mit der wesentlich empfindlicheren Steuerung vertraut zu machen, doch offenbar war diese Eingewöhnungsphase zu kurz. Er kippt die Maschine zu weit, beinahe um 90°. An und für sich ist das bei den Maschinen kein Problem, doch sie brauchen dafür auch die entsprechende Geschwindigkeit. «SCHEISSE!», kommt es erschrocken aus meinen Kopfhörern und mir rutscht für ein paar Sekunden das Herz in die Hose. Die Maschine bockt, als Logan durchstartet und sie wieder in die Waagrechte bringt. «FAC hier Hornet Two. Erbitte neue Anflugfreigabe.» Logans Stimme klingt gepresst über Funk. Aus dem Knacken des Funkverkehrs glaube ich Cals leises Lachen heraus zu hören. Selbst der Leitoffizier kann sich ein Schmunzeln nicht ganz verkneifen. Trotzdem pumpt mein Herz schmerzhaft schnell in meiner Brust. Das hätte auch schief gehen können.

„Hornet Two, hier FAC. Reihen sie sich wieder in die Warteschleife ein. Sie bekommen eine zweite Freigabe, aber zunächst: Hornet One, sie sind dran. Tower erteilt Freigabe für Anflug, Feuern und Zielen nach eigenem Ermessen.“

Kurz glaube ich zu hören, dass Logan zu einer Antwort ansetzt, doch die Leitung bleibt still. Die Maschine kehrt zurück in die Warteschleife, während jetzt Calvin an der Reihe ist. Dessen Maschine legt deutlich an Tempo zu. Da kann es wohl einer gar nicht erwarten. Typisch. Vor allem hat Cal jetzt schon gesehen, welchen Fehler er besser nicht machen sollte und er hat ein wenig Vorsprung, weil er länger in der Warteschleife kreisen konnte, als sein älterer Bruder. Die Maschine rauscht über den Tower, nähert sich dem Ziel. Calvin löst die Startsequenz der ASM aus, startet durch und jagt die Maschine in eine mörderisch enge Kurve. Neben mir stöhnt Alexander genervt auf. Aus dem Kopfhörer dringt ein wahnsinniges Gackern abgehackt zu uns herüber. Die G-Kräfte müssen bei diesem Stunt ziemlich unangenehm gewesen sein, doch die Zahlen sprechen für sich. Der Radius, den die Maschine für die Wendung braucht, ist mit diesen Steuerflächen signifikant kleiner, die Reaktionsgeschwindigkeit der Steuerung erhöht. Calvin lenkt die Maschine zurück in den Schleifenkurs, wackelt mit den Flügeln und startet dann noch einmal durch, um auf der langen Geraden eine 360° Drehung zu fliegen.

„Er muss es auch jedes Mal übertreiben..“, murmelt der Deutsche neben mir resignierend und doch mit einem gewissen Hauch Stolz in der Stimme. Ich kann es ihm nicht verübeln. Calvin ist ein überragender Pilot, der sich unheimlich schnell auf die neue Steuerung der Maschine einstellen kann. Allerdings ist auch Logan beim zweiten Anlauf vorbereitet und lenkt die Maschine ebenso elegant aus der Gefahrenzone. Ich wende meinen Blick von den Kamerabildern ab und konzentriere mich stattdessen auf mein Tablet, auf dem ich die Messergebnisse präsentiert bekomme. Bisher sieht das alles wirklich vielversprechend aus, auch wenn hier und da sicher noch leichte Anpassungen notwendig sein werden. Nach zehn Wiederholungen beordert der Leitoffizier die beiden Flieger zurück auf den Boden. Die Erhebung sollte für einen vorläufigen Bericht reichen und allem Anschein nach haben wir genügend Daten gesammelt. Interessant wird jetzt noch, wie viel mehr oder weniger die Maschine an Treibstoff verbraucht hat und wie das Material nach dem Flugeinsatz aussieht. Haben sich die beweglicheren und leicht anders gewinkelten Steuerflächen zum Beispiel eher gelockert? Nehmen die Tragflächen durch die stärkere Kräfteeinwirkung eher Schaden? Das sind Fragen, auf die uns die Flugzeugmechaniker Antworten geben werden, sobald die Maschinen wieder am Boden sind. Dennoch sieht das alles sehr gut aus und ich sehe dem Leitoffizier an, dass er sehr zufrieden ist. Ich ziehe das Headset vom Kopf, wende mich von der Szenerie im Tower ab und steuere auf den Ausgang zu. Hier werden weder Alexander noch ich gebraucht und ich hätte gern aus erster Hand gewusst, wie sich die Maschine während des Fluges angefühlt hat. Außerdem habe ich da noch ein Hühnchen mit meinem Piloten zu rupfen.

„Gute Arbeit Leute und bis zum nächsten Mal“, hallt mein Ruf durch die Runde und der Leitoffizier hebt die Hand zum Abschied. Bis die Maschinen auf dem Boden sind, kann er sich noch nicht entspannen. Alexander schiebt auf dem Weg nach draußen sein Tablet in die Tasche und hängt sie sich locker über die Schulter. „Das sah wirklich gar nicht so schlecht aus. Allerdings sollten wir beim Radius aufpassen.“ Wir treten ins Freie, wo bereits ein Wagen auf uns wartet. Es ist einer dieser offenen Geländewagen, die man beim Militär gern benutzt. So früh am Morgen ist es allerdings noch ziemlich frisch und ich brumme etwas missmutig, als ich mich neben Alexander auf die Rückbank fallen lasse. Laufen ist allerdings bei den Distanzen auf dem Testgelände auch keine Option. Also zurück zum Thema.

„Ja, der Radiu-“, beginne ich, komme aber nicht weiter, da über uns kreischend eine der beiden Maschinen zur Landung ansetzt. Ich halte mir die Ohren zu und ziehe den Kopf ein, um nicht direkt von der Druckwelle getroffen zu werden, die kurze Zeit später über das Auto rauscht. Genervt streiche ich mir kurze Zeit später wieder das Haar nach hinten. „Ja, der Radius“, beginne ich erneut. „Der Radius darf nicht zu eng werden. Ist schön wenn die Maschine das kann, aber der Pilot muss es ja auch aushalten“, spreche ich aus, was Alexander sicher gedacht hat. Schön ist es immer, wenn die Maschine enge Wendungen fliegen kann. Das Problem sind die G-Kräfte, die dabei auf die Maschine wirken. Sind sie zu groß, drücken sie dem Piloten das Blut aus dem Kopf und er wird ohnmächtig. Nichts, was man in einem Kampfeinsatz haben möchte. Schon jetzt sind gewagte Manöver eine körperliche Belastung für die Piloten, wir müssen es ja nicht auf die Spitze treiben. Der Hangar kommt vor uns in Sicht, während die Sonne immer höher steigt. Wenigstens wärmt sie bereits ordentlich, so dass ich im Fahrtwind nicht ganz so sehr friere, wie noch auf der Herfahrt. Zu dumm, dass ich meine Jacke im Büro habe liegen lassen.

Als wir den Hangar mit dem Auto erreichen, sind beide Maschinen bereits angekommen. Sie stehen unweit voneinander entfernt, die Spitzen leicht gegeneinander gerichtet. Calvin ist schon ausgestiegen, Logan ist gerade noch dabei, als unser Wagen vor den Maschinen hält. Die Luft über den Triebwerken flirrt noch leicht und der Geruch von Kerosin und verbranntem Gummi liegt in der Luft. Es weckt Erinnerungen an die letzten Monate und Jahre. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Geruch mal vermissen würde. Neben mir steigt auch Alexander aus dem Wagen und verabschiedet unseren Fahrer. Ich klopfe Cal auf die Schulter, der noch immer ganz euphorisch und voller Adrenalin zu sein scheint. Logan ist etwas entspannter, als er zu uns herüber kommt. „Ihr habt die Teile ganz schön scharf gemacht. Hat mich wirklich überrascht, wie fein sie auf einmal reagiert, die Gute.“

„Ja, beinahe abgekackt wärst du, ich habs genau gesehen“, zieht Calvin seinen älteren Bruder auf und kassiert dafür einen sicher schmerzhaften Knuff in die Seite. „Nimm den Mund nicht zu voll Lieutenant. Du hättest da oben auch um ein Haar ein Unglück fabriziert.“

Cal verzieht kurz den Mund, zuckt dann die Schultern und grinst wieder. Unverbesserlich – alle beide. Der eine sieht zu schwarz, der andere sieht überhaupt kein Risiko. „Hey, schaut mal hier rüber!“ Einer der Flugzeugmechaniker hat sein Handy gezückt und winkt. Wir drehen uns zu ihm, alle vier. Ich und Alexander, daneben Logan und Calvin und die beiden Maschinen im Hintergrund. Der Mechaniker drückt den Auslöser und grinst. „Muss doch festgehalten werden, der glorreiche Moment“, erklärt er dann und winkt die kleinen Tieflader näher, die die Maschinen jetzt in den Hangar schleppen.

Eine halbe Stunde später stehe ich nachdenklich in der Mannschaftsdusche der Firma. Dick hat alles gern an einem Fleck, daher befindet sich Alexanders und mein Büro auf einer Empore über der Fertigungshalle. Unten bei den Umkleiden der Schlosser und Mechaniker gibt es auch Duschen und Logan hatte das dringende Bedürfnis sich zu waschen. Bei ihm gehört es zum Ritual. Sobald er aus der Uniform steigt, braucht er seine Dusche, vorher kann man mit ihm quasi nichts anfangen. Calvin will sich oben in unserem Büro umziehen, dort hat er seine Klamotten gebunkert. Logan hat wohlweißlich Wechselkleidung mitgenommen und steht jetzt unter dem dampfenden Wasserstrahl. Ich selbst schlendere in der Umkleidekabine umher und warte darauf, dass Logan endlich mit seiner Dusche fertig ist. Als das Wasser ausgeht und er kurze Zeit später mit einem Handtuch um die Hüfte aus dem Duschraum kommt, bleibe ich vor dem mannshohen Spiegel stehen und mustere ihn in der Reflektion. Wieso muss dieser Kerl nur so gut aussehen? Das kurze dunkle Haar steht leicht verstrubbelt von seinem Kopf ab, seine grünen Augen funkeln mich frech im Spiegel an. Wassertropfen perlen über seine nackte muskulöse Brust und auch an seinen Beinen rinnt Wasser hinab, sammelt sich in einer Pfütze zu seinen Füßen. „Und, hast du die Daten schon angesehen?“ fragt er seinerseits, den Blick auf mein Gesicht im Spiegel gerichtet. Ich könnte mich umdrehen, um ihn direkt anzusehen, tue es aber nicht. Ich will den Blick nicht wirklich von ihm abwenden, denn gerade sieht er einfach zu verführerisch aus. „Ich hab mal drüber geschaut, ja. Sieht ganz gut aus soweit. Allerdings sind die Daten nur eine Seite der Medaille. Das Fluggefühl sollte ja auch stimmen, nur kann ich das leider nicht beurteilen.“ Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme bei diesen Worten etwas zynischer wird. Logan schnaubt leise und kommt näher heran, so nah, dass er den Kopf auf meiner Schulter ablegen und mich direkt im Spiegelbild ansehen kann. Seine nassen Arme legen sich sanft um meine Taille.

„Das war ein Wahnsinns Ritt über den Wolken Arn. Zieh nicht so ein Gesicht. Ich verspreche dir, heute Nacht bring ich dich auch da hin.“

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* FAC - Forward Air Controller » Fliegerleitoffizier, leitet in unmittelbarer Nähe des Ziel(orte)s den Einsatz von Kampfflugzeugen

**AAM/ASM » Air-to-Air/Air-to-surface missile » Luft-zu-Luft/Luft-Boden Raketen

Es ist unmöglich, dass ich sterben sollte
Durch solchen niedern Unterthan als du.
Dein Reden weckt nur Wut, nicht Reu in mir.

- Shakespeare, König Heinrich VI – II. Teil



Mit einem Mal ist alles wieder da, als wäre es nie weg gewesen. Der Geruch von Duschgel und Shampoo auf seiner Haut und in seinen Haaren, das Gefühl von Feuchtigkeit, die langsam durch meinen Anzug zieht, weil seine Unterarme noch nass sind. Das Gewicht seines Kinns auf meiner Schulter, der Lufthauch an meiner Wange, als er spricht. Die prickelnde Erregung, als seine Lippen nach meinem Ohrläppchen haschen und er mich beißt.

Als wäre es gestern gewesen.

Als würde ich noch immer vor diesem Spiegel stehen und ihn ansehen, ihn dabei beobachten, wie seine Hände die Hose meines Anzugs öffnen und hinein gleiten. Das Gefühl seiner warmen Finger auf meiner Erektion, sein heißer Atem an meinem Ohr.

Ich verspreche dir, heute Nacht bring ich dich auch da hin.

Du Bastard!

„Wie können sie es wagen..“

Ich gebe mir nicht einmal Mühe, meine Wut und meine Trauer zu verschleiern, als ich den Blick endlich von dem Foto und den Erinnerungen losreißen kann, die damit verbunden sind. „Sieh mal einer an. Der eiskalte Schwede kann ja doch Emotionen zeigen.“ Starricks Stimme trieft vor Zynismus. An dieser Stelle muss ich dem Justizbeamten ein Lob aussprechen: Seine Weitsicht, mich hier gefesselt zurück zu lassen, rettet Starrick gerade das hübsche Gesicht. Ich schnelle zwar im ersten Moment vor, bleibe aber an der Rückenlehne des Stuhls hängen, dessen Rahmen sich schmerzhaft in meine Arme gräbt. Mein Kiefer zittert, so fest beiße ich die Zähne zusammen, um nicht zuzulassen, dass die Emotionen einfach aus mir heraus brechen.

Wenn wir uns jemals in einer dunklen Gasse begegnen du widerliches Arschloch, dann wisch ich dir dein selbstgefälliges Million-Dollar-Lächeln mit der Faust aus dem Gesicht.

Es ihm wenigstens in Gedanken entgegen zu schreien, hilft. In meiner Brust schlägt mein Herz so heftig, dass ich das Gefühl habe, man kann es durch den dünnen Stoff des Shirts sehen, das ich trage. Gleichzeitig bekomme ich noch immer unheimlich schlecht Luft, weil mir die Wut und die Trauer gleichermaßen die Kehle zuschnüren. Starricks blaue Augen mustern mich mit einer so perfiden Befriedigung, dass mir dabei zusätzlich schlecht wird. Ich habe meine Stimme nach meinem ersten Ausruf noch nicht wieder gefunden, doch ich kann zumindest eines tun: Ich spucke auf das Blatt Papier, das noch immer neben dem Foto liegt. Einen weiteren Blick auf das Bild vermeide ich, doch ich treffe wenigstens den Deal, den Starrick mir „angeboten“ hat. „Ficken Sie sich ins Knie Starrick“, fauche ich ihm über den Tisch entgegen, nach wie vor unbeherrscht. Nur langsam sinke ich auf den Stuhl zurück und versuche, meinen jagenden Puls zur Ruhe zu zwingen. Starrick erlaubt sich ein leises Lachen. „Wenn ich gewusst hätte, wie sie auf ein Foto ihrer Piloten reagieren, hätte ich diesen Trumpf schon früher ausgespielt.“

Moment Mal.. meiner Piloten?

Starrick hat das Bild wieder zu sich gezogen und ich habe den Blick davon abgewandt, will es mir nicht noch einmal unvorbereitet ansehen. Doch diese Aussage verwundert mich.

Logan und Calvin waren nicht „meine“ Piloten. Es waren Kameraden und mehr als das, doch anscheinend weiß Starrick das nicht. Ich muss mich dazu zwingen den Blick wieder zu heben und als ich ihn ansehe weiß ich, dass seine Gedanken zumindest in die richtige Richtung gehen. So oder so: Meine Reaktion war eindeutig und heftig genug. Und wenn Alexander erst ... Mir weicht alle Farbe aus dem Gesicht. Oh nein, bitte nicht …

Alexander darf dieses Bild unter keinen Umständen sehen. Wenn Starrick dem Deutschen dieses Foto vor die Nase knallt, dann wird Alexander zusammenbrechen. Was Logan und ich hatten, war kaum mehr als eine Affaire. Nicht weil ich mir nicht mehr gewünscht hätte, sondern weil Logan mir nicht mehr hatte geben wollen. Weil er nicht der „Typ“ für monogame Beziehungen war, wie er selbst immer sagte. Wenn er hier war, dann hatten wir zwar ein recht exklusives Bettverhältnis, aber nichts desto trotz: Ich wusste, dass er mir nicht auf Dauer treu sein würde. Anfangs hatte das wehgetan, aber ich war auch verdammt jung und naiv gewesen. Mit den Jahren hatte sich eine gewisse Normalität eingeschlichen und ich war ganz sicher kein Kind von Traurigkeit. Das soll seinen Verlust auf keinen Fall schmälern, doch es bedeutet einfach etwas anderes als Cals Tod für Alexander bedeutet.

Man muss dazu wissen: Der Deutsche ist nicht geoutet. Zumindest hat er nie diese „Hört alle her, ich bin schwul“- Rede gehalten. Trotzdem wusste in unserer Einheit jeder, dass ihn und Cal mehr als Freundschaft oder Kameradschaft verbindet. Die beiden haben sogar zusammen gewohnt. Nicht in der Kaserne sondern außerhalb, als Heimschläfer. Ich weiß, dass Alexander Calvin über alles geliebt hat, auch wenn die beiden Männer sehr seltsame Arten hatten, das zu zeigen. Als wir an diesem Morgen den Anruf bekamen, habe ich ihn das erste Mal vollkommen hilflos gesehen. Für ihn ist eine Welt zusammen gebrochen und er konnte sich nicht einmal verabschieden, wir konnten uns nicht einmal verabschieden. Wir konnten nicht trauern. Nicht hier im Knast.

Wenn Starrick Alexander dieses Foto zeigt, dann will ich mir die Folgen nicht ausmalen. Oder vielleicht – daran will ich gar nicht denken: Er hat es bereits getan. In den kalten, arroganten blauen Augen kann ich dafür aber keinen Hinweis finden. Wenn Alexander den Deal angenommen hätte, dann wäre es das erste gewesen, was Starrick mir unter die Nase reibt.

Doch entweder hat er sich einfach nur bemerkenswert gut unter Kontrolle, oder er hat Alexander schlicht und ergreifend noch nicht besucht. Ich hoffe auf letzteres und versuche, meine Fassung wieder zu erlangen und den Schweißausbruch eben mit meiner Wut zu erklären. „Sie wollen mir allen Ernstes etwas von Menschlichkeit erzählen Starrick?“ Ich kann nicht verhindern, dass ich ihm die Worte förmlich entgegen Spucke. „Logan und Calvin Cartwright sind gestorben, weil sie diesem Land gedient haben und damit auch ihnen. Sie beschweren sich darüber, dass ich kein Bedauern über Rawlinsons Tod an den Tag lege, aber sie haben die Nerven, zwei im Dienst gefallene Soldaten für ihre perfiden Zwecke einzuspannen? Lassen sie sich eines gesagt sein: Wenn es die beiden wieder lebendig machen würde, dann würde ich Männer wie Rawlinson mit Freude im Lake Ontario ertränken!“

Starricks Augen verengen sich und er beugt sich nach vorn. Seine Nasenflügel beben. Er weiß nicht genau, was er mit dieser Aussage anfangen soll – und kann. Hier wird nichts aufgezeichnet und außer uns beiden ist niemand hier. Selbst wenn ich ihm jetzt laut und deutlich sagen würde, dass ich Rawlinsons Tod zu verantworten habe: Er könnte es mir nicht nachweisen. „Und wie würden sie das anstellen Svensson? Würden sie ihnen auch ..“

„Ach kommen sie Starrick, so plump sind nicht Mal sie“, würge ich seine Ausführungen ab. „Ersparen sie uns die Peinlichkeiten. Ich unterschreibe ihr beschissenes Angebot nicht, nicht für Rawlinson, nicht für seine Familie, nicht für Calvin und Logan – und auch nicht um ihren gottverdammten Arsch zu retten. Entweder das Gericht erkennt, dass Mr. Dreyfuß und ich mit dieser Sache nichts zu tun haben, oder wir werden verurteilt. Eines ist aber sicher: Von ihrer Gnade wird sich keiner von uns beiden abhängig machen.“
Ich habe mein Gesicht endlich wieder unter Kontrolle und auch meine Stimme gehorcht mir wieder. Die Lehne des Stuhls ist unbequem, dennoch lehne ich mich nach hinten, um mehr Abstand zwischen mich und Starrick zu bringen. Er begreift, dass er hier zu nichts mehr kommt, ich sehe es in seinen Augen und seiner Haltung. Seine Schultern sind ein wenig tiefer gesunken. Hat er wirklich gehofft, mich soweit provozieren zu können, dass ich etwas Unbedachtes sage?

Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mich so rumgekriegt hättest? Da hättest du mehr Erfolg gehabt, wenn du die Hosen runtergelassen hättest, lieber Nathan.

Er nickt abwesend, packt seine Dokumente wieder ein und erhebt sich schließlich, geht zur Tür hinüber und klopft dagegen. Es dauert eine Weile, bis der Beamte kommt, um sie zu öffnen, doch wir haben uns nichts mehr zu sagen.

Zumindest dachte ich das.

Als der Beamte die Tür schließlich aufzieht, schaut Starrick noch einmal zurück. „Sie haben wirklich kein Gewissen Svensson. Fünf Jahre Knast mit Aussicht auf vorzeitige Entlassung erscheinen wie ein Klacks gegen einen 7 Jahresvertrag mit General Dynamics. 7 Jahre Waffenentwicklung. Ich bin sicher, sie schaffen noch ein paar Cartwrights.“ Damit ist er hinaus und lässt mich mit dem dringenden Wunsch zurück, nicht Rawlinson, sondern ihm beim Schwimmen „geholfen“ zu haben.

Hier auf den Knie'n schwör' ich zu Gott im Himmel:
Nie will ich wieder ruhn, nie stille stehn,
Bis Tod die Augen mir geschlossen, oder
Das Glück mein Maß von Rache mir geschafft.

-     Shakespeare, König Heinrich VI. – III. Teil



„Los aufstehen Svensson!“

Die Stimme kommt von weit, weit weg. Ich drehe den Kopf und sehe den Vollzugsbeamten neben mir stehen, sehe, wie seine Hand nach meinem Oberarm greift und mich vom Stuhl nach oben zieht. Ich stehe vollkommen neben mir. Meine Beine sind taub, knicken bei den ersten Schritten beinahe unter mir weg. „Hey!“ Der Wachmann rüttelt mich. Ich schüttele den Kopf und versuche endlich wieder klarer zu werden, doch Starricks letzte Worte hallen so laut in meinem Schädel, dass ich kaum zu einem anderen Gedanken fähig bin. Wobei, eine Sache ist da doch:

„Alles dreht sich ..“, murmele ich, während ich versuche meine steifen Beine wieder unter Kontrolle zu kriegen. Ich spüre wie der Kerl mich von der Seite mustert, dann aber einen Schritt schneller geht.

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie lang ich allein in dem Verhörzimmer gesessen habe. Gefühlt ist eine Ewigkeit vergangen, doch das Zeitempfinden kann sich dahingehend täuschen. Als wir jedoch den Gang zu den Zellen hinunterlaufen, ist es draußen bereits tiefste Nacht. Wieder passieren wir die Trenntür und ich lehne schwer dagegen. Meine Beine sind immer noch weich wie Pudding. Die Tür quietscht als sie endlich aufschwenkt und ich taumele durch zur nächsten Wand, gegen die ich mich lehnen kann, während der Beamte die Tür wieder verschließt.

Ich muss ein miserables Bild abgeben, denn ihm bricht bei meinem Anblick langsam der Schweiß aus. Als ich selbst in seinem festen Griff vor meiner Zellentür wieder über die eigenen Füße stolpere, drückt er mich mit stützend gegen die Wand und mustert mich genauer. Er hat Schwierigkeiten mich aufrecht zu halten, denn ich bin weder klein noch besonders leicht, habe aber gerade eher die Stabilität eines übergroßen Sacks Reis.

„Scheiße!“ Seine Stimme klingt gepresst und gehetzt. Er wirft einen Blick in die Zelle, in der es inzwischen dunkel ist. Das Licht und der Strom in den Zellen gehen zu einer bestimmten Uhrzeit aus – die Insassen haben darauf keinen Einfluss.

Sein Blick fliegt wieder zu meinem Gesicht zurück, doch ich kann den Ausdruck darauf nicht deuten. Immer wieder verschwimmt alles vor mir und die Welt dreht sich stärker. Er ringt mit sich. Die richtige Vorgehensweise wäre wohl, Hilfe zu holen. Warum er das vermeiden will, ist klar: Starricks Besuch hier war unangekündigt und damit eigentlich unzulässig. Was auch immer er dem Wachmann gegeben hat, der Kerl will keine weiteren Probleme mit mir und diesem Vorfall haben. Dass ich jetzt so aussehe, als würde ich in den nächsten fünf Minuten das Zeitliche segnen, ist für ihn ein riesiges Problem. Er schiebt mich weiter, auf die Seite der Tür, zu der sie sich öffnet. Er muss mich mehr tragen als stützen und als er mich mit dem Gesicht gegen die Wand dreht, schiebt er sein Knie zwischen meine Oberschenkel, weil ich schon wieder nach unten sacke.

Dann geht – zumindest in meiner Wahrnehmung – alles ganz schnell. Mit einer Hand öffnet er die Tür, löst dann meine Handfesseln, zieht die Tür mit einem Ruck auf und stößt mich hindurch.Der Positionswechsel kommt viel zu schnell. Ich falle mehr durch die Tür, als dass ich gehe, stolpere noch zwei Schritte und falle dann der Länge nach auf den harten Zellenboden. Um nicht auf dem Gesicht zu landen, gelingt es mir irgendwie, mich im Fallen halb zur Seite zu drehen. Der Aufprall treibt mir die verbliebene Luft aus den Lungen und jagt einen stechenden Schmerz durch meine Schulter und meine Hüfte. Mehr als ein heiseres Stöhnen gebe ich trotzdem nicht von mir, denn ich habe selbst dafür kaum noch genügend Luft in der Lunge. „Arnor?“ Ich blinzele angestrengt gegen den Nebel und den Schwindel an, doch in der Zelle ist es zu dunkel und vor meinen Augen tanzen schwarze Punkte. Etwas landet neben mir auf dem Boden, dann spüre ich, wie warme Hände nach mir fassen und mich auf den Rücken drehen. „Scheiße, Arnor!“

Systematisch tasten mich forsche Hände ab, streichen über meine Brust, drücken seitlich gegen meinen Hals und sind schließlich für einen Moment ganz verschwunden. Ich schließe die Augen, weil ich das Flimmern nicht mehr aushalte und das Schwindelgefühl einfach nicht nachlassen will. Wie eine Spirale, die mich immer weiter nach unten zieht. Das Abendessen will sich mit aller Gewalt einen Weg hinaus bahnen und es braucht mehr als nur Willensanstrengung, es daran zu hindern.

Am Rande nehme ich wahr, dass jemand – es kann nur Alexej sein – meine Hüfte greift und mich dreht, so dass er meine Füße auf dem Bett ablegen kann, um meinen Kreislauf zu stabilisieren. Vorsichtig hebt er danach meinen Kopf an und bettet ihn auf etwas Weiches. Vielleicht sein Kissen? Es riecht nach ihm.

„Hey.. schau mich an“, fordert er mich auf, seine Stimme noch immer besorgt. Meine Lider öffnen sich flackernd, doch dieses Mal nehme ich wirklich etwas wahr. Alexejs Gesicht schwebt unweit über meinem. Er sieht müde aus, sein Blick ist aber wachsam. Dann flackert plötzlich ein grelles Licht über mir auf und ich versuche mich aus dem Griff zu winden, der sich jetzt unbarmherzig um mein Kinn geschlossen hat. „Halt still, Gott verdammt“, brummt er angestrengt, blendet meine ohnehin überreizten Augen. „Gut ...“ murmelt er schließlich zufrieden mehr zu sich selbst und das Licht verschwindet wieder, lässt mich erneut in schwankender Dunkelheit zurück.

„Haben die dir was gegeben?“ Seine Stimme klingt etwas weiter entfernt, offenbar hat er sich aufgesetzt oder ist zu seinem Bett zurückgegangen. Ich schaffe es nicht wirklich etwas zu antworten, weil sich meine Zunge bleischwer anfühlt und sich der Schwindel und der Nebel nur sehr langsam zurückziehen.

„Hey, wachbleiben Prinzessin“, seine Hand tätschelt meine Wange nicht gerade liebevoll, doch immerhin bringt er mich so dazu, die Augen wieder zu öffnen. „Was ist da draußen passiert?“ spezifiziert er seine Frage und öffnet die Wasserflasche, die er vom Bett geholt hat. „Du warst Stunden weg. Habe gar nicht mehr damit gerechnet, dass du zurückkommst. Ich dachte nach der Aktion holt die Wache deine Sachen. Einzelhaft oder zumindest eine andere Zelle.“ Wie immer sehr knapp mit Worten und Erklärungen. Ich mühe mich mit einem Räuspern ab, mein Mund fühlt sich trocken an. „Starrick..“ krächze ich nur und muss dann husten. Alexej beugt sich nach unten, zieht mich am Nacken vorsichtig etwas nach oben, ohne die Schulter dabei zu sehr zu belasten und flößt mir etwas Wasser ein. Es hilft und ich merke erst bei den ersten Schlucken, wie schrecklich durstig ich bin. Eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, was ich zuletzt geschluckt habe.

Haha. Immer noch zum Scherzen aufgelegt. Wirklich Arn? Aber hey, von ganz unten gesehen…

Aus dem Nichts schleicht sich ein böses Grinsen auf mein Gesicht, als ich den Blowjob zurückdenke und an Starricks geschocktes Gesicht. „Er war ganz schön angepisst von der Situation, die er vorgefunden hat“, flüstere ich leise, weil ich das Gefühl habe, dass meine Stimme noch nicht mehr hergibt. Alexej gibt ein leises Geräusch von sich, das ich als Lachen identifizieren kann und legt mich vorsichtig wieder auf dem Boden ab, ehe er die Flasche verschließt. „Hat er etwas dazu gesagt? Oder hats ihm derart die Sprache verschlagen?“ Ich schüttelte nur schwach den Kopf. „Er hat es nicht kommentiert, aber sein Blick war eindeutig. Keine Ahnung, vielleicht hat er sowas schon ne Weile nicht mehr gehabt oder gesehen. Er kam zumindest danach ziemlich schnell zum Punkt.“

Alexej hockt neben mir auf dem Boden, ein Bein angezogen, das andere angewinkelt. Er sagt nichts, nickt nur. Er weiß genau, dass ich von selbst anfange zu erzählen oder eben nicht.„Er hat mir einen Deal angeboten“, flüstere ich nach einer Weile in die Stille, die sich um uns herum ausgebreitet hat. „Ein paar Jahre Haft, wenn ich zugebe, dass ich zumindest mitbekommen habe, wie Rawlinson ertrunken ist, ohne zu helfen oder so in der Art. Hat versucht seinen Arsch zu retten, aber ich habe nicht alle Details gelesen.“ Im Nachhinein war das vielleicht eine schlechte Idee, aber verdammt! Wie könnte ich mich dem geschlagen geben? Lieber verrotte ich hier, als Starrick diesen Triumph zuzugestehen.

Wieder Stille. Alexej beobachtet mich sehr aufmerksam, ich spüre es. Langsam drehe ich den Kopf etwas weiter zu ihm, um ihn besser ansehen zu können. Meine Augen haben sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt und sorgen dafür, dass ich den Russen im diffusen Licht der Hofbeleuchtung, die von draußen durch das Fenster herein scheint, besser erkennen kann. Er muss nichts sagen, ich weiß was er wissen will und die Frage ist naheliegend. Immerhin liege ich hier auf dem Boden und mache sicher noch immer dem weißen Kopfkissen Konkurrenz. „Er wusste…“ fange ich an, doch ich breche wieder ab. Bei dem Gedanken an das Foto und die Erinnerungen, die es heraufbeschworen hat, meldet sich mein Abendessen erneut. Dazu die letzten Worte:

Ich bin sicher, sie schaffen noch ein paar Cartwrights..

Mein ganzer Körper spannt sich an, als erneut Zorn, ohnmächtige Wut und Übelkeit in mir aufwallen. Der Schrei hallt so laut durch die Zelle, dass ihn der Wachmann vorn in seinem bequemen Büro sicher auch noch hören kann. Ich fahre nach oben, ziehe in der gleichen Bewegung die Beine vom Bett. Ich kriege keine Luft, spüre, wie die Woge der Emotionen über mir zusammenbricht.

Dass ich meine Wut nicht an der Zelle oder den wenigen Dingen, die hier drinnen zerstörbar sind, auslasse, liegt an Alexej. Der Russe hat die Arme um meinen Oberkörper geschlungen und presst mich an sich, so fest, dass ich mich nicht entwinden kann, auch wenn ich es versuche. Meine Fäuste schlagen auf Alexejs Seite und seinen Oberschenkel ein und ich bin ziemlich sicher, dass es WEH tut, doch er lässt nicht los. Lässt mich wüten, bis meine Stimme bricht und mein Körper in seinem festen Griff ruhiger wird.

Sein warmer Atem streicht an meinem Ohr entlang und meinen Nacken hinunter. Der Overall ist mir bis in die Armbeugen hinunter gerutscht, doch das spielt keine Rolle. An meiner Wange, die an seinem Hals zum Liegen gekommen ist, spüre ich seinen kräftigen Puls. Er hört und fühlt sich anders an als Logans.
Logan.. Der Knoten in meiner Brust, der sich gerade ein wenig beruhigt hatte, schwillt wieder an. Ich spüre, wie meine Augen feucht werden, wie sich mein Körper erneut verkrampft. Ich will um mich schlagen und treten, doch der feste Griff lässt es nicht zu. Meine Finger kratzen über Alexejs Seiten, vergraben sich in dem Overall den er trägt.

„Lass ihn nicht in deinen Kopf.“

Alexejs Stimme klingt beruhigend in meinem Nacken. Seine Finger kraulen sachte über meine Wirbelsäule, was wirklich hilft. „Er will gewinnen und wenn ihm das nicht gelingt, dann will er dich wenigstens brechen. Gib ihm diese Macht nicht.“

Zu spät Alexej.. diese Schlacht hat er gewonnen.
Aber nicht diesen Krieg.

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Autor

Suladhels Profilbild Suladhel

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Statistik

Kapitel:8
Sätze:1.175
Wörter:17.902
Zeichen:104.664

Kurzbeschreibung

Arnor Svensson, ein junger Ingenieur für Antriebs- und Raketentechnik, sieht eigentlich einer rosigen Zukunft entgegen. Eigentlich - wäre da nicht eine Anklage wegen Mordes, der ungeklärte Tod seines On/Offpartners Logan während eines Militäreinsatzes, sein überaus offenherziger Zellengenosse und ein verabscheuungswürdiger Staatsanwalt mit unnatürlich blauen Augen. ~ So ist das leider mit der Rache. Es kommt nichts gutes dabei heraus - und es endet nie so, wie man will. ~ (Iron Sky)

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Thriller und Erotik gelistet.