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Die dritte Front

120
18.01.20 19:50
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

5 Charaktere

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

Sirius Black

Sirius Black ist der Pate von Harry Potter und bester Freund dessen verstorbenen Vaters James Potter. Seit Harrys Eltern starben war Sirius zu Unrecht in Askaban, bis er schließlich ausbrach um den wahren Mörder zu stellen.

Remus Lupin

Remus Lupin war in Harrys drittem Schuljahr sein Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Außerdem gehörte er zu den engsten Freunden Harrys Vaters. Sein größtes Geheimnis ist, dass er ein Werwolf ist.

Albus Dumbledore

Albus Dumbledore ist der Schulleiter von Hogwarts, Harrys Mentor und der Kopf des Phönixordens, der Geheimorganisation, die sich dem Kampf gegen Voldemort verschworen hat. In seiner Jugend war Albus Dumbledore mit dem späteren schwarzen Magier Gellert Grindelwald befreundet. In einer Auseinandersetzung wurde seine Schwester Ariana getötet, was sich Dumbledore nie verzieh.

Müde blickte Harry auf den Weg vor seinen Füßen. Schon längst waren die Lichter im Ligusterweg ausgegangen, aber er war noch immer unterwegs. Den ganzen Tag hatte er geschuftet, damit alles tiptop war, wenn morgen – oder eher heute, es war bereits nach Mitternacht – Tante Magda kam. Sie war Onkel Vernons Schwester und hatte aus ihrem Fehler im vorletzten Jahr nichts gelernt. Erneut hatte sie beschlossen, einen Besuch in den Sommerferien zu wagen. Diesmal hatte Onkel Vernon Harry bereits ‚vorbereitet‘ auf den Besuch seiner Schwester. Außerdem würde er wohl so viel Arbeit haben, dass er kaum Gelegenheit hatte, auf Tante Magda zu treffen. Dennoch schüttelte es ihn, wenn er nur an sie dachte, die dicken Finger mit den klobigen Ringen, die stämmigen Beine, die ihn traten, wann immer sie ihn erwischte, die schrille Stimme, die  den Hund auf ihn hetzte. Hatte er anfangs noch geglaubt, dass er seinen Verwandten Angst machen konnte mit der Tatsache, dass Sirius Black, ein gesuchter mehrfacher Mörder, sein Pate war, so hatten sie ihn schnell eines Besseren belehrt. Immerhin waren sowohl die Polizei ihrer Welt als auch die Freak-Polizei – so nannte Onkel Vernon die Auroren – auf der Suche nach ihm. Einige Auroren hatten sich bei Harrys Verwandten vorgestellt und sie über die Suche nach Black aufgeklärt, unter anderem über die Tatsache, dass sie regelmäßig in der Gegend waren, sollte dieser auf die Idee kommen, nach Harry sehen zu wollen. Also blieb Harry nichts anderes übrig, als weiterhin die Aufgaben zu erledigen, so gut es ging. Und mit den Konsequenzen zu leben, so schlimm sie auch waren. Immer wieder blieb Harry stehen, stellte die schweren Taschen ab. Seine Tante hatte ihn spätabends noch geschickt, um Tante Magdas Lieblingskuchen zu besorgen, dazu Cognac, Whiskey und jede Menge Fleisch. Harry war nicht sicher, ob er das Fleisch am Ende wirklich noch essen wollte, er schleppte es seit gefühlten Stunden durch die Gegend. Er war gegen neun Uhr losgegangen und hatte wohl alle Geschäfte in der nahen Umgebung besucht. Kingsley Shacklebolt, einer der Chefauroren, hatte seinen Verwandten zu verstehen gegeben, dass er nicht über einen bestimmten Radius hinausgehen durfte, damit der Schutz erhalten blieb. Seltsamerweise hielten sie sich daran, auch wenn er trotzdem lange und weit unterwegs war, wenn sie ihn einkaufen schickten. Aber er musste nie weiter weg. Vermutlich hatten sie genug Angst vor den Auroren. Ihm konnte es egal sein, es änderte nichts an seiner eigentlichen Situation. Seine geprellten oder vielleicht sogar gebrochenen Rippen schmerzten bei jedem Atemzug, genau wie die blauen Flecken an den Beinen. Die Muskeln in den Armen protestierten schmerzhaft, sie bekamen kaum eine Ruhepause, um sich zu erholen. Den ganzen gestrigen Tag hatte er im und um das Haus gearbeitet, dann hatte Tante Petunia ihm die Einkaufsliste in die Hand gedrückt. Derzeit hatten viele Geschäfte aufgrund der Hitze mittags geschlossen, dafür abends bis Mitternacht auf. Deshalb war er nun so spät unterwegs.

Seine Tante hatte ihn vor die Tür geschoben. „Es ist bestellt und bezahlt, du musst es nur noch abholen.“, fauchte sie ihn an. „Beeil dich, der Schnaps-Laden erwartet dich um 9 Uhr! Danach besorgst du die anderen Dinge, und komm' ja nicht ohne alles nach Hause!“ Da war es weit nach acht Uhr gewesen und er hatte die Beine in die Hand genommen. Bis zum Laden waren es fünfzehn Minuten, normalerweise lief er deutlich langsamer dorthin als diesmal. Trotzdem waren Seitenstechen und Kurzatmigkeit noch die angenehmere Alternative. Den Heimweg ging er langsamer an, aber noch vielleicht 800 Meter, dann hatte er es geschafft. Und darüber war er mehr als froh, die Taschen waren schwer.

Plötzlich zuckte er zusammen, als seine Narbe schmerzhaft brannte. Das konnte nur eines bedeuten: Voldemort. Er war hier! Entsetzt blickte Harry um sich, verfluchte in Gedanken seinen Onkel Vernon, der die Zaubersachen weggesperrt hatte. An seinen Zauberstab kam er nicht heran, nicht dass es ihm etwas nutzen würde, immerhin durfte er außerhalb der Schule nicht zaubern. Dobby hatte ihm eindrucksvoll bewiesen, dass das Ministerium dahinterkam, wenn in seiner Nähe gezaubert wurde. Aber jetzt würde er sich sicherer fühlen, wenn er wenigstens einen Zauberstab in der Hand hätte. Angespannt blickte er sich um, bis er erkannte, dass die Gefahr von hinter dem Magnolienring her auf ihn zukam. Er kniff die Augen zusammen, bis er in der Dunkelheit mehrere Gestalten sah, die in seine Richtung gewandt schienen. Fünf Männer, erkannte Harry. Sie standen weitab von jeder Beleuchtung, obwohl die jetzt, nach Mitternacht, so weit gedimmt war, dass man ohnehin nicht viel erkennen konnte. Sie trugen dunkle Umhänge und die Masken, die Harry vom Friedhof wiedererkannte. Harry schauderte, diese Erinnerung zählte sicher nicht zu den angenehmsten in seinem Leben. Im Gegenteil, er wünschte, er könnte das alles einfach vergessen.

„Geh, Severus, hole mir Potter!“, zischte mit einem Mal die kalte, eisige Stimme Voldemorts durch die Nacht. „Wir können nicht zu ihm, aber du bist sein Lehrer und Mitglied in Dumbledores Orden, sicher kannst du die Barrieren durchdringen.“

„Herr, der Blutschutz verhindert, ...“, wagte Severus Snape zu widersprechen, doch er kam nicht weiter, ein Cruciatus riss ihn von den Beinen. Harry schrie auf, als er das Brennen in seiner Stirn fühlte. Aufsehend blickte er in grellrote Augen, die genau zu ihm blickten. Voldemort wusste, dass er hier war, er konnte ihn sehen! Panik ließ Harry zittern, er konnte sich nicht mehr von der Stelle rühren.

Erneut forderte Voldemort Snape auf, zu Harry zu gehen. Mit einem Blick, den der Jugendliche nicht deuten konnte, kam sein Tränkelehrer auf ihn zu. Noch immer schaffte es Harry nicht, sich zu bewegen. Nicht einmal schreien konnte er, so schockiert war er. Schritt für Schritt kam Severus Snape Harry näher, wobei er keine Miene verzog, doch seine Augen brannten. Harry konnte seinen Blick nicht abwenden, aber er erkannte nicht, was er in den Augen sah. ‚Lauf, du dummer Bengel!‘, hörte er eine Stimme in seinem Kopf, doch er konnte es nicht. Er schaffte es einfach nicht, seine Beine dazu zu bringen, sich zu bewegen. Er fühlte sich vollkommen gelähmt vor Angst. So schlimm war es nicht einmal auf dem Friedhof gewesen, dort hatte er einfach auf die Situation reagiert. Aber jetzt … Was sollte er tun? Ohne Zauberstab hatte er keine Möglichkeit, sich zu verteidigen, doch trotzdem konnte er einfach nicht fliehen. Er fühlte sich, als wäre er festgewachsen auf dem Boden. Snape kam immer näher, er war vielleicht noch dreißig Meter entfernt. Noch 25, 20, 15 Meter. Noch immer hatte sich Harry nicht von der Stelle gerührt, die einzige Bewegung von ihm war das ständige Zittern.

Mit einem Mal stockte Snape, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. „Herr, der Blutschutz wirkt.“, meldete er. Diesmal konnte Harry die Angst in seinen Augen für einen kurzen Moment erkennen. Nur einen Sekundenbruchteil war sie zu sehen, dann hatte sich Snape wieder im Griff.

„Vernichte die Barrieren, bring Potter zu mir!“, zischte Voldemort. Es wirkte ungeduldig. Ergeben zog Severus Snape seinen Zauberstab, doch es war vergeblich, die Zauber prallten ab, als wären Harry und der gesamte Ligusterweg unter einer Kuppel aus Glas. Mit weiten Augen verfolgte Harry das Ganze, nie hätte er geglaubt, dass der Schutz hier bei seinen Verwandten so groß war. Er konnte nicht umhin, ein wenig dankbar zu sein. Seine Tante hatte ihn aufgenommen und sicherte damit sein Leben. Selbst jetzt, wo Voldemort Harrys Blut in sich hatte, konnte er nicht an ihn heran. Egal, was Tante Petunia in all den Jahren bei ihm falsch gemacht hatte – sie schützte ihn unwissentlich, weil sie ihm ein Zuhause gab. Es war kein schönes, kein angenehmes Zuhause, aber er war vor den Todessern sicher. In der Beziehung hatte Dumbledore offenbar nicht gelogen.

Nun konnte Harry spüren, wie Voldemort immer ungeduldiger wurde, und schließlich trat er zu Snape. „Du wagst es, meinen Befehl zu missachten?“, fragte er sehr leise.

„Herr, ich komme nicht an Potter heran.“, erwiderte der Tränkemeister fest.

So schnell, dass Harry nicht reagieren konnte, zog Voldemort seinen Zauberstab und Snape lag auf dem Boden, zu Füßen seines Meisters. Er schrie nicht, biss sich auf die Lippen, um das zu vermeiden, doch er krampfte sich vor Schmerzen zusammen. Es knackte mehrmals laut, jedes Mal zuckte Harry zusammen. Snapes Knochen brachen, doch noch immer gab er nicht einen Laut von sich, was die Folter noch unheimlicher machte. Schließlich endete der Fluch, Harry wusste nicht, wie lange er angedauert hatte. Zuckend und keuchend lag Snape noch immer auf der Straße, als Voldemort seine Todesser heran winkte. Sie schienen sich über irgendetwas zu freuen, beeilten sich, zu ihrem Meister zu kommen. Voldemort selbst trat einen Schritt zurück, seine Augen leuchteten erregt auf. Mit einer Handbewegung überließ er Snape seinen Anhängern.

Die folgende Stunde war das Schlimmste, was Harry jemals erlebte. Er schrie um Hilfe, doch niemand reagierte. Die ganze Siedlung schien wie ausgestorben, nirgendwo regte sich etwas oder jemand. Die Todesser brachten schließlich auch Severus Snape zum Schreien, als er seine Lippen bereits blutig gebissen hatte. Der dunkle Lord wirkte mehr als erregt, während er dem Schauspiel zusah. Eine der schwarzen Gestalten näherte sich ihm schließlich auf ein Zeichen von ihm und ließ den Umhang fallen. Da erst erkannte Harry, dass es wohl eine Frau war. Dunkle, lange und verfilzte Haare rahmten ein schmales Gesicht ein, das Harry kaum richtig erkennen konnte in der Dunkelheit. Sie hob ihren Rock, als Voldemort seine Hose öffnete, und stöhnte auf, als er in sie eindrang. Ohne Vorbereitung, einfach so vor aller Augen. Gefiel es ihr? Harry konnte das nicht sagen, aber er selbst würde am liebsten wegsehen. Das hier brauchte er nicht. Und doch konnte er es aus einem ihm unerfindlichen Grund einfach nicht. Voldemort hingegen schien es zu genießen. Die roten Augen blickten weiterhin auf Snape, der nur noch leise wimmerte, als ein anderer Todesser ihn folterte. Ein heiserer Schrei von Voldemort, ein Aufbäumen der schwarzhaarigen Frau, dann war es vorbei. Ohne sich um Snape zu kümmern, der ein Stück weiter von Harry weg war, disapparierten sie.

Stöhnend rollte sich Severus Snape auf den Bauch und öffnete die Augen, in denen deutlich der Schmerz stand. „Flieh, Potter!“, krächzte er leise. „Sie sind nicht weg, sie warten darauf, dass du aus der Deckung kommst! Niemand wird dich hören, dafür hat er gesorgt.“

„Kommen sie, Professor.“, hörte sich Harry mit einem Mal sagen. Mal wieder dachte er nicht nach, reagierte einfach. Sein Professor brauchte Hilfe, und Harry war der Einzige, der helfen konnte, wie es schien. Also tat er einfach, was er konnte.

„Verschwinde, Potter, verdammt nochmal!“, hustete der Tränkemeister. „Das hier ist eine Falle!“

„Sie kommen nicht an mich heran, wenn ich hier innerhalb des Schutzes bleibe.“, widersprach Harry. „Kommen sie, Professor, sie müssen zu mir kommen, dann sind sie sicher!“

„Verschwinde endlich, du dummer Bengel!“, schnarrte Snape, doch Harry schüttelte vehement den Kopf. Genervt stöhnte der Tränkemeister auf, als er erkannte, Harry würde nicht ohne ihn gehen.

„Ich kann vielleicht nicht zu ihnen, aber sie zu mir.“, erklärte Harry leise. Er stand am Rande der Barriere, gerade noch so geschützt. Drängend sprach er auf Snape ein, bis der schließlich begann, zu ihm zu kriechen. Fluchend und schimpfend, aber er kam näher. Als er schließlich vor Harry lag, war seine Kleidung nass. Vom Blut und von Schweiß. „Geben sie mir ihre Hand.“, bat Harry ruhig und streckte seine Finger aus, peinlich genau darauf achtend, dass er die Barriere nicht durchbrach.

Es kostete Severus Snape sein letztes bisschen Kraft, seinen Arm zu heben, um Potters Hand zu ergreifen. Als der Jugendliche ihn in Sicherheit zog, wurde es schwarz um den Tränkemeister. Harry kam erst jetzt in den Sinn, was er gerade getan hatte. Was sollte er jetzt mit seinem Professor machen? Er war sicher, dass es keine Falle von Snape war. Aber der Mann war schwer verletzt und brauchte Hilfe. Konnte er ihm helfen? Er konnte nicht einmal Kontakt mit der Zauberwelt aufnehmen, da er Hedwig in die Obhut von Ron gegeben hatte. Er wollte sichergehen, dass sie nicht wieder eingesperrt wurde, das hatte seine Schöne nicht verdient. Nur, wie sollte er jetzt dafür sorgen, dass Snape Hilfe bekam? Jetzt, wo er hier in Harrys Blutschutz war, wussten die Todesser sicher, dass er nicht auf ihrer Seite war. Das konnte Harry über die Narbe spüren, Voldemort war wütend und tobte. ‚Verräter!‘ war das Wort, das Harry immer wieder durch den Kopf ging, ein Gedanke, der nicht von ihm selbst kam. Und jetzt? Sie mussten dringend weg von der Straße, bevor einem der Nachbarn etwas auffiel. Harry hörte die Turmuhr schlagen und zählte mit. Es war drei Uhr morgens. War er tatsächlich so lange hier gestanden? Das hieß, Snape war etwa zwei Stunden gefoltert worden, hatte dann noch fast eine Stunde gebraucht, bis er die letzten Meter zu Harry gekrochen war. In drei Stunden musste er Frühstück für seine Verwandten herrichten, danach wartete erneut ein Berg an Arbeit auf ihn. Konnte er es wagen, Snape in seine kleine Kammer zu bringen? Da Tante Magda sich im letzten Jahr so über das Gästezimmer beklagt hatte, bekam sie nun Dudleys zweites Zimmer, und Harry war zurück in den Verschlag unter der Treppe gebracht worden. Es störte ihn nur wenig, aber es würde verdammt eng mit dem Professor zusammen. Aber eine andere Möglichkeit sah Harry nicht, also entschied er, den Tränkemeister mitzunehmen. Es war schwer, den Mann hochzunehmen, doch Harry schaffte es schließlich. Schon immer hatte er auch Dinge tragen müssen, die eigentlich zu schwer für ihn waren, nach und nach hatte er dabei gelernt, wie er es dennoch schaffte.

Stolpernd erreichte Harry eine halbe Stunde später das Haus seiner Verwandten und schaffte es, den Professor in seine Kammer zu bringen, ohne jemanden zu wecken. Er rannte zurück zu seinen Taschen, die er liegen gelassen hatte, ignorierte Snapes Zauberstab, der noch außerhalb der Schutzzauber lag, brachte die Einkäufe ins Haus und in die Küche. Erst jetzt suchte er sich eine alte Schüssel, die einen Sprung hatte (deshalb nutzte Tante Petunia sie nicht mehr), einen weichen Lappen und warmes Wasser. Desinfektionsmittel und Verbandszeug hatte er in seinem Schrank, das brauchte er selbst immer wieder. Vorsichtig schälte er Snape aus seiner Kleidung, wusch und desinfizierte die Verletzungen, bevor er sie verband. Anschließend suchte er sich einige feste Leisten, damit er den gebrochenen Arm schienen konnte. Als er ihn berührte, wimmerte Snape leise.

„Pst!“, raunte Harry erschrocken. Snape durfte unter keinen Umständen einen Laut von sich geben, nicht auszudenken, wenn Onkel Vernon ihn entdeckte! Mit einem Rest Klebeband schiente er am Ende noch die gebrochenen Rippen, wie er es bei sich selbst immer machte, dann erkannte er erleichtert, dass Snape ruhiger atmete. Doch die Stirn war heiß, offensichtlich hatte Snape Fieber. Hektisch lief Harry ins Bad seiner Verwandten und kramte nach Medikamenten. Ganz hinten entdeckte er eine Packung Tabletten, die gegen Fieber wirkten. Er nahm einige davon heraus und holte noch Wasser. Vorsichtig ging er daran, Snape zu wecken und ihm eine der Tabletten einzugeben, dazu etwas Wasser. „Leise!“, warnte er den Tränkemeister, der mit glasigen Augen durch ihn hindurch sah. Erschöpft schlossen sich die schwarzen Augen und Harry legte die alte, zerschlissene Decke über den immer noch zitternden Körper, dann ging er zurück ins Bad, um sich ein wenig frisch zu machen.

Gerade noch rechtzeitig hatte er das Frühstück an diesem Morgen fertig. Ohne selbst einen Bissen zu essen nahm er die Liste mit seinen Aufgaben für diesen Tag entgegen. „Wenn du fertig bist, kannst du das Brot haben.“, knurrte Vernon und legte zwei Scheiben Brot und etwas trockene Wurst beiseite. „Aber erst, wenn alles erledigt ist!“

Gehorsam nickte Harry und machte sich daran, das Geschirr zu spülen. Anschließend putzte er das Wohnzimmer, in dem Vernon und Dudley gestern Boxen angesehen hatten, dabei tranken sie immer Bier und aßen Unmengen Chips und andere Knabbereien. Die fettigen Fingerabdrücke und die Krümel sprachen eine deutliche Sprache. Die letzte Flasche Bier war scheinbar umgekippt, nun kämpfte Harry mit den Flecken im Sofa und im Teppich. Als das Wohnzimmer endlich sauber war, ging es mit dem Bad weiter, dann kam Dudleys Kinderzimmer an die Reihe. Nebenbei wusch er die Wäsche in der Waschmaschine, hängte sie im Garten auf. Außerdem überprüfte er das Zimmer für Tante Magda noch einmal, und richtete das Abendessen her, da Onkel Vernon heute eher in der Arbeit aufhörte und dann seine Schwester abholen wollte. Tante Petunia war bei einer Freundin, sie würde erst kurz vor Onkel Vernon nach Hause kommen, und Dudley terrorisierte wohl die Nachbarskinder mit seinen Freunden. So wagte es Harry gegen Mittag, in seinen Schrank zu huschen, Snape ins Bad zu bringen, damit er sich erleichtern konnte, und flößte ihm ein wenig Wasser ein. Er war froh, als endlich Abend wurde und er mit den meisten Arbeiten fertig war. Nur den Tisch musste er noch decken, damit das Abendessen serviert werden konnte, sobald Tante Magda hier war. Dudley saß inzwischen im Wohnzimmer und sah fern, hatte sich bereits umgezogen. Harry wusste, er ertrug seine Tante nur, weil er am Ende immer Geld von ihr bekam. Und weil er es genoss, dass sie ständig an Harry herumkrittelte. Doch Harry hatte aus den Vorfällen im letzten Sommer gelernt, er würde sich nicht noch einmal provozieren lassen. Diesmal würde ihm wohl auch der Minister nicht helfen.

Als Onkel Vernons Wagen in die Auffahrt fuhr, ahnte Harry bereits, das etwas nicht stimmte. Das bewahrheitete sich in dem Moment, als nur die Schritte von einem Menschen zu hören waren und die Tür aufgestoßen wurde, noch bevor Dudley, wie er es immer machte, sie öffnen konnte.

„Bursche!“, schrie Vernon mit hochrotem Gesicht und Harry zuckte zusammen. Dennoch trat er vor seinen Onkel. Mit gesenktem Kopf, aber ohne seine Angst zu zeigen. „Du widerlicher Freak, du hast etwas gemacht!“, tobte Vernon weiter und eine heftige Ohrfeige traf Harry. „Magdas Hund, Ripper, er ist heute plötzlich gestorben, er lag einfach stocksteif im Wohnzimmer. Magda hat mich angerufen, kurz bevor ich zu ihr fahren wollte. In der Firma. Sie kann nicht kommen, sie trauert um ihren Hund. Er war noch nicht alt, der arme Ripper. Ich wette, dieser Freak hat etwas gemacht!“

Instinktiv hob Harry die Arme, um den nächsten Schlag abzufangen, doch es half nicht. Onkel Vernons Wut wurde dadurch eher noch angestachelt und die Schläge prasselten in kurzen Abständen auf Harry ein, trafen den Kopf, den Rücken, die Arme, die ohnehin schon angeschlagenen Rippen. Wimmernd kauerte sich Harry zusammen, betend, dass es endlich vorbei sein würde. Am Ende war er froh, dass er einfach nur ohne Essen in seinen Schrank geschickt wurde. Keuchend huschte er hinein, erinnerte sich erst in dem Moment, als er das leise Zischen hörte, an seinen ‚Gast‘. Einige Minuten verharrte er regungslos, dann stemmte er sich ächzend in die Höhe, um nach Snape zu sehen. Das Fieber war immer noch da, aber Harry hoffte, dass er Recht hatte, wenn er glaubte, es war ein wenig zurück gegangen. Erneut weckte er den Professor, um ihm etwas Wasser einzuflößen, dann ließ er ihn schlafen. Ins Bad konnte er ihn jetzt nicht bringen, das musste warten bis mitten in der Nacht. Bis dahin wollte er selbst nichts als zu schlafen. Er fühlte sich vollkommen erschlagen, jetzt, da er zur Ruhe kam. Kaum, dass er auf dem kahlen Boden lag – Snape war auf der Matratze und hatte Harrys einzige Decke – schlief er bereits.

Die nächsten beiden Tage schaffte es Harry, seine Arbeit einigermaßen zur Zufriedenheit seines Onkels zu erledigen, auch wenn er nicht wusste, wie. Er war froh, dass sein Onkel in der Arbeit war, da bekam er nichts mit. Tante Petunia hielt sich selten im Haus auf, meist war sie bei irgendwelchen Nachbarinnen. Und Dudley war, wenn er daheim war, nicht alleine, seine Freunde besuchten ihn immer wieder, und da wurde es laut. So bekam keiner seiner Verwandten mit, dass Harry nicht alleine im Schrank unter der Treppe lebte. Nachts stand er mit Snape auf, brachte ihn ins Bad, damit er sich erleichtern konnte. Langsam sank das Fieber, aber wirklich klar war der Tränkemeister nicht. Harry teilte seine wenige Nahrung mit ihm, auch wenn er dadurch selbst nicht genug hatte, um richtig arbeiten zu können. Manchmal schaffte er es, nach dem Essen ein paar klägliche Reste zu erwischen, ohne dass es jemand merkte. Es half wenigstens ein bisschen. Die Liste der Arbeiten wurde eher noch länger, denn Vernon war immer noch sicher, dass Rippers Tod mit Harry zusammenhing. Egal wie oft Harry schwor, dass er nichts damit zu tun hatte. Harry selbst war ziemlich sicher, dass er wohl einen Herzinfarkt erlitten hatte, so wie er von Tante Magda gefüttert worden war. Der kleine Hund war rund wie eine Tonne gewesen im vorletzten Sommer, und das hatte sich bestimmt nicht geändert. Tagsüber war Harry zwar meist alleine im Haus, sodass er Snape zumindest immer mal ins Bad bringen konnte, aber dank seiner vielen Arbeiten hatte er keine Zeit, sich viele Gedanken zu machen. Er hoffte nur, dass die vier Wochen bald um waren, denn dann wollten die Weasleys ihn abholen. Einen Tag vor seinem Geburtstag, so war es zumindest ausgemacht. Er rechnete nach, es mussten noch zehn Tage bis dahin sein. So lange würde er durchhalten, schwor sich Harry. Er hoffte, dass es auch Snape bis dahin schaffte.

Nachts fror der Jugendliche ziemlich, da er keine Decke hatte und auch keine von seinen Verwandten entwenden konnte, ohne dass sie es merkten. Obwohl es draußen relativ warm war, kühlte der Schrank unter der Treppe schnell aus. Wahrscheinlich war das auch ein Grund dafür, dass Snape noch immer Fieber hatte. Eine gesunde Umgebung war das hier sicher nicht, aber was sollte Harry machen? Er hatte noch immer keine Möglichkeit gefunden, sich mit Dumbledore in Verbindung zu setzen. Außerdem war er nicht sicher, ob er dem Direktor noch trauen konnte. Also musste Snape durchhalten, bis die Weasleys kamen. Zitternd lag Harry auf dem Boden und versuchte zu schlafen, doch heute klappte es nicht. Die Schmerzen in seinen Rippen und die Kälte verhinderten es. Leise klapperten seine Zähne.

„Was …? Wo …?“, krächzte auf einmal Snape.

„Pst!“, machte Harry erschrocken. Hoffentlich hörte ihn niemand! „Nicht so laut!“

„Potter?“ Der Tränkemeister klang heiser und vollkommen verwirrt.

„Ja, Professor. Wie geht es ihnen?“

„Wo sind wir? Warum liegen wir hier im Dunklen?“, forderte Snape zu wissen, doch diesmal deutlich leiser, wenn auch drängend.

„Erinnern sie sich, dass Voldemort sie zwingen wollte, mich zu holen?“, wisperte Harry.

Severus stemmte sich hoch, oder wenigstens versuchte er es, bis er den linken Arm belasten wollte. Ein schmerzhaftes Zischen entwich ihm. „Nicht, Professor.“, warnte Harry, reichlich spät, aber er konnte es nicht sehen. „Ich habe leider keine Möglichkeit, Professor Dumbledore zu erreichen. Oder sonst jemanden aus der Zauberwelt. Sie sind bei meinen Verwandten. Die wissen nichts davon, ich denke nicht, dass es gut wäre, wenn sie es rausfinden. Deshalb sollten sie leise sein. Ich habe ihnen Tabletten gegen Fieber und Schmerzen gegeben, die Wunden gesäubert, desinfiziert und verbunden, ihren gebrochenen Arm geschient und die gebrochenen Rippen mit Klebeband fixiert, damit sie leichter atmen können. Mehr kann ich leider nicht tun.“

Eine Weile schwiegen beide, dann kam eine leises „Danke“ von Snape. Er realisierte, dass hier etwas anders war, als er es immer geglaubt hatte. Was allerdings genau hier passierte, war ihm nicht ganz klar. Er spürte die Benommenheit, die sicherlich von den erwähnten Tabletten kam. Muggelmedikamente hatten eine Menge Nebenwirkungen, das wusste er. Sein Kopf weigerte sich, richtig zu arbeiten, das Denken ging nur sehr zäh. Der Bengel verwirrte ihn. Wieso hatte er ihn gerettet? Und zu seinen Verwandten geschleppt, diesen aber nichts davon gesagt? Offenbar hatte sich Potter um ihn gekümmert, auch etwas, das Severus nicht nachvollziehen konnte. Was wollte er damit erreichen? Severus hatte das Gefühl, wie betrunken zu sein, obwohl er nichts sehen konnte, drehte sich alles um ihn und er schloss die Augen, ein Stöhnen unterdrückend. Noch immer klapperten Harrys Zähne, auch wenn er versuchte, es zu unterdrücken. Irgendwann realisierte Severus, dass der Jugendliche offenbar fror. „Potter, sie sollten sich besser zudecken.“, spottete er leise. Bei dieser Bemerkung stellte er fest, dass er selbst mit einer uralten, löchrigen Decke vorlieb nehmen musste. Natürlich, Potter behielt die guten Sachen für sich, was anderes hätte er nicht erwartet.

„Geht nicht.“, knurrte Harry leise. Es war ihm peinlich, aber er wusste, dass Snape nicht locker ließ, bis er wusste, was er wissen wollte. „Ich … ich hab nur die eine, die sie jetzt haben.“

Das verschlug dem Älteren die Sprache. Zumindest für einige Minuten. Er versuchte, sich einen Reim auf die Worte des Jüngeren zu machen, kam aber auf keinen blanken Kessel. Irgendwie schienen ihm einige Informationen zu fehlen. „Wo genau sind wir?“, wollte er daher wissen. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Bisher hatte er geglaubt, der Junge würde verwöhnt und auf Händen getragen, aber das hier sprach eine andere Sprache. Potter besaß nur eine Decke, die diesen Namen nicht wirklich verdiente? Was war da sonst noch? Eine schlimme Ahnung stieg in ihm empor und er tastete um sich, spürte nicht sehr weit über sich bereits einen festen Widerstand. Weiter tastend entdeckte er, dass er unter einer Treppe lag, die Matratze schien einfach auf dem Boden zu liegen. „Potter? Das hier ist kein Zimmer.“

„Nein.“, musste Harry zugeben. Plötzlich packte ihn die Wut. „Hier habe ich die ersten Jahre verbracht, und seit diesem Sommer lebe ich erneut hier.“, fauchte er leise. „Meine Verwandten haben mich nie auf Händen getragen, sie sehen einen Hauselfen in mir. Ein Zimmer, das brauche ich nicht. Ich habe es mir nicht verdient, bin ja nur ein Freak, eine verdammte Missgeburt. Sind sie jetzt zufrieden, Professor? Das ist es doch, was sie mir all die Jahre gezeigt haben, ich bin es nicht wert!“ Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange, um das Schluchzen zu unterdrücken, das in ihm aufstieg.

„Potter ...“, setzte Snape an, doch er verstummte, denn ihm wurde bewusst, dass alles, was er nun sagen würde, höhnisch klingen würde. All die Jahre hatte er sich eingeredet, dass Potter sicher auf Händen getragen wurde, sich zu fein war für bestimmte Dinge. Erst jetzt erkannte er, dass er sich selbst etwas vorgemacht hatte. Die Zeichen waren da gewesen, er hatte sie nicht sehen wollen. Nicht sehen dürfen. Jetzt war es an ihm, etwas zu ändern. Keine Worte, jetzt musste er Taten sprechen lassen. Zu gut wusste er, wie der Junge sich fühlen musste. Mit Mühe rutschte er beiseite, um Platz zu schaffen. Er biss die Zähne zusammen, als er sich versehentlich auf seinen linken Arm stützte.

„Bleiben sie liegen, Professor.“, empfahl Harry mit Bitterkeit in der Stimme. „Ihre Verletzungen brauchen auf Muggelart deutlich länger zum Heilen. Ich habe nicht mehr viel Verbandszeug und auch keine Tabletten gegen Fieber mehr. Ein bisschen Schmerzmittel ist noch da, aber nicht mehr viel.“

„Geht schon.“, winkte Severus ab, auch wenn der Jüngere das nicht sehen konnte. „Leg dich mit auf die Matratze. Du brauchst eine Decke und der Boden ist sicher nicht gut zum Schlafen.“

„Geht schon.“, gab Harry die Worte seines Professors zurück. „Bin es gewohnt.“

„Verdammt, Potter, leg dich auf die Matratze und deck dich zu, es nutzt keinem von uns, wenn du jetzt auch noch krank wirst. Ich werde dich nicht anfassen, keine Sorge!“ Etwas in Severus' Brust schmerzte mit einem Mal, doch er ignorierte es. Sein scheinbarer Hass auf den Gryffindor war verschwunden, als hätte er nie existiert. Er konnte sich manche Dinge nun nicht länger einreden, wie er es all die Jahre getan hatte. Potter hatte sein Leben gerettet und dabei erstaunlich umsichtig für einen Gryffindor gehandelt. Etwas, das sein Vater sicher nie getan hätte. Severus stoppte seine Gedanken genau hier und wartete auf die Reaktion des Jugendlichen.

Harry haderte mit sich. Ihm war kalt, ihm tat alles weh. Wenn er sich zu Snape legte, dann konnten sie die Wärme teilen, hatten eine Decke. Verflucht, er musste verrückt sein, dass er auch nur darüber nachdachte, sich mit Snape unter eine Decke zu legen. Und doch, ihm war einfach nur kalt. Aber, was wenn der Tränkemeister auch noch bemerkte, dass er verletzt war? Harry wollte nicht, dass sich herum sprach, wie schwach er war, dass er sich nicht einmal gegen seine Muggelverwandten wehren konnte. Andererseits hatte Snape Recht, es wäre nicht gut, wenn er jetzt krank wurde. Hin und her gerissen in seinen Überlegungen blieb er an Ort und Stelle. Im Haus wurde es still, als endlich alle im Bett waren. Doch noch immer hatte sich Harry nicht vom Fleck gerührt.

„Los jetzt, Potter.“, befahl Snape mit der gleichen Stimme, die er im Unterricht benutzte.

„Ich will ihnen nicht wehtun.“, entgegnete Harry ruhig, als ihm endlich eine Begründung einfiel.

„Das werde ich überleben.“, wischte Snape den Einwand beiseite. „Und jetzt leg dich hierher.“ Unter Mühen drehte sich Severus auf die rechte Seite, sodass er mit dem Rücken zu Harry lag und seinen linken Arm nicht belasten musste. Er spürte, wie Harry sich – wenn auch widerwillig – zu ihm legte.

Es dauerte nicht lange, bis das Klappern der Zähne nachließ, als Harry sich zugedeckt hatte und die Hitze des Tränkemeisters, der noch immer fieberte, sich auf ihn ausbreitete. „Danke.“, nuschelte Harry undeutlich.

„Schlaf.“ Severus wollte nicht laut sagen, dass er es kaum noch schaffte, die Augen offen zu halten. Diese kurze Diskussion hatte ihm eine Menge Kraft gekostet. Nach nur wenigen Minuten schliefen beide, immer darauf bedacht, dass sie einander nicht berührten. Allerdings dauerte es nicht lange, bis Severus hochschreckte, weil sein dunkles Mal brannte. Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte er jeden Laut, auch als das Brennen und der Schmerz intensiver wurden. Unwillkürlich krampfte er seinen linken Arm zusammen, was in intensiveren Schmerz ausartete, da der gebrochen war. Zischend atmete er ein und schaffte es mühsam, ein Stöhnen zu unterdrücken. Ein kühler, feuchter Lappen auf seinem Arm bewies ihm, dass auch Potter wach war und wusste, was los war. Wobei, das war nicht schwer, das Mal leuchtete hell auf. Zum ersten Mal konnte Severus ein wenig seiner Umgebung erkennen, so hell leuchtete es. Es war eine gewisse Ablenkung, also sah Severus sich um. Der Raum war gerade mal zwei mal zwei Meter, an der höchsten Stelle konnte vielleicht ein zehnjähriges Kind aufrecht stehen. Die Wand war kahl mit ein paar Rissen in der alten, vergilbten Tapete, aber zwei Kinderzeichnungen verdeutlichten, dass Potter tatsächlich schon länger hier lebte. Ansonsten gab es eine Halterung für eine Glühbirne unter den Stufen, doch er sah, dass keine Birne darin war, also herrschte hier ewige Dunkelheit. An der Wand links neben der Tür war ein Regal mit Putzmitteln, ansonsten gab es nur einige Kleidungsstücke, die in einem Haufen auf dem untersten Regalbrett lagen und die Matratze, auf der sie gerade lagen.

Plötzlich zuckte er zusammen, als Potter unterdrückt stöhnte und mit der Hand auf seine Stirn drückte. Er spürte, wie sich Potter verkrampfte, wusste aber erst einmal nicht, woran das lag. Keuchend klammerte sich der Jugendliche an die Decke, die über ihm lag, biss sich auf die Lippe. Severus verdrängte seinen eigenen Schmerz und kämpfte darum, sich auf die andere Seite zu drehen, damit er seine rechte Hand frei bekam. Damit strich er über Harrys Stirn. Keiner wusste, dass er auf diese Weise in die Gedanken seiner Mitmenschen eindringen konnte. Normalerweise machte er das nicht, aber irgendetwas stimmte nicht mit Potter, er musste ihm helfen. Jetzt konnte er zeigen, dass er sich ändern konnte. Entsetzen durchfuhr ihn, als er erkannte, dass Potter gerade in den Gedanken des Lords war.

„Wo ist Snape?“, tobte dieser eben.

„Er ist nicht wieder aufgetaucht.“, berichtete ein Todesser. Severus erkannte ihn als Avery. „Wir haben sein Haus durchsucht und unter Alarmzauber gestellt; sobald er sich nähert, erfahren wir es. Das Haus seiner Großeltern ist ebenfalls überwacht, aber dort war er wohl seit Jahren nicht. Dennoch gingen wir auf Nummer sicher. Sollte er in Hogwarts auftauchen, werden wir es ebenfalls erfahren, denn das Ministerium hat inzwischen seine Finger dort im Spiel. Und das Ministerium untersteht uns mehr oder weniger.“

„Warum taucht er nicht auf? Ich habe ihn gerufen!“, fauchte Voldemort. „Er müsste bereits halb wahnsinnig sein. Findet ihn, findet den Verräter!“ Damit schickte er seine Anhänger weg.

Harry stöhnte erneut, schlug die Hand des Tränkemeisters weg, und griff nach einem kleinen Eimer, in den er sich ziemlich geräuschvoll erbrach. Dem Geruch nach musste es Galle sein, erkannte Severus. Warum keine Nahrung? Bekam der Jugendliche nichts zu essen? Dem musste er nachgehen. Aber nicht jetzt. Der Junge würgte und wimmerte immer weiter. „Atmen, ganz ruhig.“, murmelte Severus. „Lass den Kopf unten, aber den Eimer auf die Seite, damit du es nicht weiter einatmest. Hast du Wasser hier? Dann spüle deinen Mund aus.“

Harry gehorchte und merkte erleichtert, dass es tatsächlich besser wurde. Wasser hatte er keines mehr, also griff er nach dem Eimer und wollte ins Bad. Am besten nahm er Snape gleich mit, gerade schliefen alle und sie konnten unerkannt ins Bad gehen. Dort konnte er auch die Flasche mit Wasser auffüllen, die der Ältere am späten Abend leer getrunken hatte. Er half Snape, sich vorsichtig aufzurichten. Auch, wenn es dem Tränkemeister nicht gefiel, er musste sich auf Harry stützen, um die wenigen Schritte in die Gästetoilette zu schaffen. Dort ließ Harry ihn kurz alleine, damit er sich erleichtern und etwas waschen konnte. Anschließend setzte er den Tränkemeister auf einen Stuhl, der eigentlich dafür gedacht war, dass sich Dudley zum Anziehen der Schuhe hinsetzen konnte, während er selbst ins Bad ging und seinen Mund ausspülte, die Flasche wieder auffüllte. In stiller Übereinstimmung legten sie sich wieder auf die Matratze und deckten sich gemeinsam zu, bevor sie in einen etwas erholsameren Schlaf glitten.

Severus erwachte erst, als Harry bereits aus dem Raum verschwunden war. Er fühlte sich erschlagen, wenn auch nicht mehr so schlecht wie noch in der Nacht. Seine Gedanken wurden klarer und er schaffte es, die schlimmsten Schmerzen auszublenden. Er lenkte sich damit ab, die Geräusche im Haus zu interpretieren. Das Poltern über ihm erschreckte ihn einen Moment, bis er realisierte, dass jemand die Treppe herunter ging und somit direkt über seinen Körper hinweg lief. Er schauderte unwillkürlich. Dieser Jemand musste ganz schön schwer sein, den Schritten nach zu urteilen.

„Hey, Freak!“, schrie eine unangenehme Stimme. Männlich, aber noch relativ jung, ordnete Severus automatisch zu. „Mein Bett ist dreckig, überziehe es neu! Meine Freunde kommen heute Nachmittag, so kann es nicht bleiben. Ach, und räum den Müll weg, der dort rumliegt! Und richte uns ein paar Snacks her, wir haben Hunger, wenn wir das Spiel ansehen!“ Potter erwiderte nichts, aber da eine Tür zuschlug, war offenbar keine Antwort erforderlich gewesen.

„Bursche!“ Eine weitere Stimme, männlich, aber älter. „Ich will, dass die Garage ordentlich aufgeräumt ist, wenn ich nach Hause komme. Und nicht wieder so eine widerliche Portion Gemüse heute Abend. Das kann man ja nicht essen. Deine Tante ist bis Mittag beim Kosmetiker, dann beim Friseur. Wenn sie nach Hause kommt, wirst du von ihr noch weitere Anweisungen bekommen, bis dahin hast du deine Liste in der Küche! Und dass du mir ja nichts von unserem Essen klaust, ich will nicht angesteckt werden!“ Erneut krachte die Tür ins Schloss, dann hörte Severus, wie ein Auto gestartet wurde und weg fuhr. Nun war es still, nur ab und zu konnte er hören, dass Harry offensichtlich etwas im Haus machte. Irgendwann ging die Tür auf und das Licht blendete Severus beinahe. „Hier, ich habe ein bisschen was zu Essen für sie, Professor. Aber vorher wollen sie vielleicht mal ins Bad.“ Harry sprach hastig und wirkte gehetzt. Er wusste nicht, wann Dudley zurückkam, aber Snape musste sicher mal auf die Toilette. Der Tränkemeister ließ sich diesmal helfen, brauchte nicht lange im Bad, dann legte er sich zurück auf die Matratze. Allein dieser Weg kostete ihm fast all seine Kraft.

Dankbar nahm er die beiden Brote von Harry, bis ihm einfiel, was er vorher gehört hatte. „Ist das alles, was du hast?“, wollte er scharf wissen.

„Essen sie, Professor, sie brauchen Nahrung. Seit knapp einer Woche sind sie hier, sie haben in der Zeit fast nichts gegessen und nur wenig getrunken.“, drängte Harry. „Ich komm schon klar.“

„Harry.“ Bewusst nutzte er den Vornamen des Jugendlichen. Tatsächlich sah der ihn mit großen Augen an. „Sie lassen dich hungern und du gibst das Wenige, das du hast, an mich ab?“ Severus verstand es einfach nicht.

„Ist nicht das erste Mal, dass ich einen Tag ohne auskomme.“, zuckte Harry die Schultern. „Ich habe die Reste vom gestrigen Gemüse gegessen.“ Dass es nur wenige Löffel waren und er sie aus dem Müll geholt hatte, verschwieg er.

„Hier, es sind zwei Brote. Eines für dich, eines für mich.“, hielt Severus ihm einen Teil hin.

„Keine Zeit, ich muss weiter arbeiten.“, schüttelte Harry ängstlich den Kopf. „Bitte, Professor, machen sie es nicht noch schlimmer.“

Severus ließ zu, dass Harry die Tür schloss und ihn mit den beiden Broten alleine ließ. Eines davon legte er beiseite, Harry konnte es später noch essen. Im Moment war er selbst nicht in der Lage, den Jungen zu schützen, daher musste Severus zähneknirschend abwarten und auf Harrys Urteil vertrauen. Das hier gefiel ihm nicht, überhaupt nicht. Seinen Hass gegen den Jungen hatte er bereits in der Nacht beiseite gelegt, konnte ihn nicht mehr aufrechterhalten. Harry verwirrte ihn. Das war nicht Potter, sein Vater hätte nie so gehandelt, das wurde Severus nun mehr als deutlich bewusst. So hätte eher Lily gehandelt. Severus begann, die letzten Jahre zu überdenken. Wieso hatte er es früher nicht gesehen? Er hatte es nicht sehen wollen. Oder besser, nicht sehen dürfen. Immerhin war er ein Spion. Er hatte das Leben des Jungen geschützt, wann immer es ihm möglich war, um sein Versprechen Lily gegenüber zu erfüllen und die Schuld gegenüber Potter endlich abzutragen, doch es schien nie genug zu sein. Mit dem Hass, den er von Potter auf dessen Sohn übertragen hatte, konnte er ihn auf Abstand halten, um von dem Lord weiterhin überzeugend zu sein. Das musste er, um seine Position und sein Leben zu erhalten. Aber was sollte er nun tun? Er durfte nicht zulassen, dass der Junge weiterhin misshandelt wurde, doch er hatte gerade kaum eine Möglichkeit, konnte sich nicht einmal alleine aufrecht halten. Er fluchte leise. Schließlich entschied er, dass er am besten schlief, um wieder zu Kräften zu kommen.

Harry kümmerte sich unterdessen um die verschiedenen Aufgaben. Schon früh hatte er gelernt, dass es nichts brachte, wenn er sagte, es war unmöglich, alles zu schaffen. Dudleys Bett war schnell frisch bezogen und das Zimmer aufgeräumt. Als Snacks machte er Fleischbällchen, das aßen Dudley und seine Freunde gerne, und sie wurden im Ofen auch alleine fertig, derweil konnte er sich um das Wohnzimmer kümmern. Pommes machte er am besten frisch, wenn Dudley und seine Freunde kamen. Vorher räumte er lieber die Garage auf. Inzwischen hatte er eine gewisse Routine bei diesen Arbeiten, musste er sie doch mindestens einmal in der Woche machen. Die Wäsche in der Waschmaschine war auch fertig, aber da heute das Wetter nicht trocken genug war, steckte er sie in den Trockner. Die musste er nachher noch bügeln. Und wer wusste schon, welche Arbeiten Tante Petunia noch für ihn hatte. Doch sie kam sicher nicht vor vier Uhr, bis dahin hatte er noch ein wenig Zeit, vielleicht konnte er vorarbeiten. Falls Dudley und seine Freunde ihm die Chance ließen. Meistens kommandierten sie ihn herum, ließen sich von ihm bedienen oder sabotierten seine Arbeit. In jedem Fall sorgten sie dafür, dass er am Ende bestraft wurde. Das war sicher.

„Hey, Freak!“, schallte es in diesem Moment vom Eingang her. Seufzend ging Harry nach oben und holte die Fleischbällchen – achtzig Stück – aus der Küche, stellte sie auf den Wohnzimmertisch. Schnell waren die Pommes in der Fritteuse, sie brauchten nur wenige Minuten. Piers, Dudleys bester Freund, hatte Bier mitgebracht, woher auch immer er das hatte. Sie waren alle erst fünfzehn, aber Dudley und seine Freunde taten so, als wären sie erwachsen, tranken Bier und rauchten auch heimlich. Nicht hier im Haus, aber auf dem Spielplatz, dort hatte Harry sie bereits gesehen. Zu fünft saßen sie im Wohnzimmer, jeder mit einer Dose Bier in der Hand, und starrten auf den Bildschirm, als Harry die fertigen Pommes in einer Schüssel brachte.

„Ich habe hier einen Film gefunden, den mein Dad unter seinem Bett versteckt hatte.“, johlte eben Piers. Gemeinsam mit Dudley war er der Anführer dieser Gang. Er zeigte die Hülle der Videokassette herum. Darauf waren mehrere nackte Männer, die ganz offensichtlich Sex miteinander hatten. „Ist mal was anderes. Ich hatte letzthin die Tochter der Nachbarn, ihr wisst schon, diese Sally, in meinem Bett. So besonders war das nicht, alles so weich und eklig. Ich stehe eher auf fest und eng und nicht so feucht. Sehen wir es uns an, vielleicht kriegen wir ein paar Ideen für unsere nächsten Spielchen!“

Harry flüchtete aus dem Zimmer und ging in die Garage, wo er nicht ganz fertig war. Danach wollte er die Wäsche bügeln und vielleicht gleich mit dem Bad anfangen. Sicher würde Tante Petunia von ihm verlangen, die Dusche zu putzen, sie legte sehr viel Wert darauf, dass man der Duschtür nicht ansah, wie viel Wasser darüber floss. Sie musste immer wie neu aussehen. Doch so weit kam er nicht, denn als er nach oben gehen wollte, wo das Familienbad war, hielten Dudley und seine Freunde ihn auf. „Hey, Missgeburt!“, rief Dudley, und Piers ließ seinen Blick anzüglich über Harrys Körper gleiten.

Dieser Blick versetzte Harry in Panik und er wollte weg, doch hinter ihm waren zwei der Freunde Dudleys. Sie griffen nach ihm und drückten ihn ins Wohnzimmer. „Loslassen!“, fauchte Harry und versuchte, seine Panik nicht zu deutlich werden zu lassen.

„Sonst was?“, höhnte Piers. „Hast du noch nicht kapiert, dass du gegen uns keine Chance hast? Aber keine Angst, wir wollen nur dafür sorgen, dass du nicht als Jungfrau weiterleben musst. So wie du aussiehst, kriegst du eh niemanden ab, also tun wir dir einen Gefallen.“ Er grinste dreckig und wandte sich an die beiden, die Harry festhielten. „Legt ihn auf den Bauch und haltet ihn fest.“

„Nein!“ Harry schrie panisch auf und wehrte sich mit allem, was ihm zur Verfügung stand, doch aufgrund des Nahrungsmangels hatte er kaum noch Kraft, und gegen die beiden Freunde Dudleys hatte er sowieso keine Chance, das waren zwei Schränke, die ihn immer wieder an Crabbe und Goyle erinnerten. Einer von ihnen knallte Harry nun die Faust in den Nacken, was den Widerstand erlahmen ließ, denn Harry wurde schwarz vor Augen. Er merkte nicht, wie die Freunde ihn auszogen und mit den Beinen auf das Sofa legten. Sie drückten ihn nach unten, bis der Brustkorb auf den Beinen lag und sein Hintern in die Höhe gestreckt wurde. Dudley schien ein wenig zu zögern, er ließ seinem Freund den Vortritt. Piers leckte sich die Lippen und zog langsam seine Hose nach unten, angefeuert von seinen Freunden. Harry kam zu sich und spürte die Kälte an seiner Rückseite. Er versuchte, sich loszureißen, doch Dudley setzte sich einfach auf ihn. Harry schrie gellend um Hilfe, als plötzlich ein brennender Schmerz sein Innerstes zu zerreißen schien.

Mit einem Mal war es vorbei, auch wenn die Schmerzen noch da waren. Harry spürte, wie etwas Warmes an seinen Oberschenkeln nach unten lief, doch er fühlte auch wieder die kalte Luft an seinem Rücken. Das Gewicht Dudleys verschwand plötzlich von seinem Rücken, genau wie die Hände der Schränke. Wimmernd rollte sich Harry zusammen und versuchte, seine Blöße zu bedecken. Er schrie auf, als er eine Berührung spürte, doch es war Snape, der ihm eine Decke auflegte. Die schwarzen Augen glühten vor Zorn, doch er sprach mit sanfter Stimme zu Harry. Auch wenn er nichts verstand, die Stimme versprach ihm Hilfe. Harry klammerte sich an dem Mann fest und ließ die Schwärze gewinnen.

Severus hatte Mühe, die Jugendlichen nicht gleich zu töten. Er hatte kaum Kraft, aber die Panik, die er in Harrys Schreien gehört hatte, alarmierte ihn und er sprang aus dem Verschlag unter der Treppe, ignorierte seine eigenen Schmerzen. Dennoch kam er zu spät, um die Vergewaltigung gänzlich zu verhindern. Einer der Jugendlichen hatte gerade angefangen. Er verfluchte seine Schwäche, die ihn hatte taumeln lassen und griff nach Harry, legte eine Decke um ihn. Seine Gedanken rasten, er musste den Jungen von hier weg in Sicherheit bringen, aber wohin? In der Vision Harrys hatte er gesehen und gehört, dass er sich seinem Grund nicht nähern konnte, ohne die Todesser zu alarmieren. Selbst in Hogwarts hatten sie offenbar jemanden, der sie informierte. Der Lord residierte im Manor der Malfoys. Was blieb ihm da noch? Der Fuchsbau war nicht gut genug geschützt, vor allem würde Harry sicher nicht dorthin wollen, nicht in diesem Zustand. Blieb nur … „Mir bleibt auch gar nichts erspart.“, fluchte Severus, dann konzentrierte er sich und disapparierte.

Severus spürte, wie seine Kraft verbraucht wurde beim Apparieren. Er musste ohne seinen Stab auskommen, was normalerweise kein Problem war, aber in seinem jetzigen Gesundheitszustand überforderte es ihn beinahe. Auch wenn der Junge in seinen Armen still hielt, sah man vom Zittern des ganzen Körpers ab, ging es beinahe über seine Kräfte, sie beide in Sicherheit zu bringen. Als er in der dunklen, etwas schmuddeligen Küche landete, wusste er, dass er es geschafft hatte. Er zwang seinen Körper dazu, aufrecht zu bleiben.

„Du? Was machst du in meinem Haus, Schniefelus?“, fauchte eine nur allzu bekannte Stimme hinter ihm.

Severus atmete kurz durch, so tief es seine gebrochenen Rippen zuließen. „Aktiviere den alten Schutz der Familie, Black!“, schnappte er. Jetzt ging es nur um Harry, also ignorierte er die Provokation vorerst einmal. Dafür hatte er ohnehin nicht mehr genug Energie.

„Und wieso sollte ich das tun?“, provozierte Black weiter, und ging langsam um den Tränkemeister herum.

„Seinetwegen.“, hauchte Severus, und deutete auf Harry, der bisher vor den Blicken des Animagus verborgen gewesen war. Noch bevor er mehr sagen konnte, gewann die Schwärze. Seine Beine gaben nach und er fiel. Severus merkte nicht mehr, dass er mit dem Kopf hart auf dem Boden aufkam, zu dem Zeitpunkt war er bereits bewusstlos.

„Harry!“ Entsetzt sah Sirius auf sein Patenkind. Mit weißem Gesicht, schockweiten Augen und tränenüberströmten Wangen blickte Harry zu ihm auf. Dann erst bemerkte Sirius, dass die Decke voller Blut war. „Was …?“, fragte er, doch er merkte, dass er von dem Jugendlichen wohl keine Antwort bekommen würde. Harry wirkte vollkommen abwesend. Was auch immer passiert war, in diesem Moment glaubte er Snapes Einschätzung und hob den Zauberstab. Mit einem Schwenk und einem ungesagten Zauber war das Haus geschützt. Nun würde niemand mehr hereinkommen, der nicht bereits im Haus war. Sirius selbst musste nun jeden in den Schutz einweben, den er für vertrauenswürdig hielt. Der Zauber an sich war uralt und beinahe vergessen, die wenigsten Familien nutzten ihn noch, denn er verbrauchte eine Menge Energie. Doch für Harry würde Sirius noch viel mehr auf sich nehmen. Woher wusste Snape überhaupt davon, dass es in seiner Familie einen derartigen Schutz gab? Er stammte doch gar nicht aus einer alten Familie, war ein Halbblut. Und was hatte er mit Harry zu tun? Um den Jungen musste er sich nun kümmern, entschied Sirius, und näherte sich seinem Patenkind. Über Snape konnte er später nachdenken.

Harry zuckte zurück, als Sirius auf ihn zukam und die Hände nach ihm ausstreckte. „Nein, bitte nicht!“, wimmerte er leise und kroch rückwärts, bis er nach einem Meter gegen die Wand stieß. In dem Moment wurde er noch blasser, etwas, das Sirius nicht für möglich gehalten hätte.

„Ruhig, Harry, ich bin es. Sirius, dein Pate. Ich will dir helfen. Du bist verletzt. Komm her, mein Kleiner.“, sprach der Animagus auf den Jüngeren ein. Doch Harry schien ihn nicht zu erkennen. Sirius blickte verächtlich auf seinen ehemaligen Schulkamerad. „Verdammt, Schniefelus, was hast du mit ihm gemacht?“, fluchte er. Er richtete seinen Zauberstab auf den Tränkemeister. „Enervate!“

Stöhnend öffnete Severus die Augen und blickte einen Moment orientierungslos um sich. Sobald sein Blick auf Harry fiel, erinnerte er sich und kämpfte sich auf die Beine, ignorierte die Schmerzen in seinem Arm und seinem Kopf, genau wie das Gezeter von Black. Nur Harry war gerade wichtig. Erschöpft ging er vor dem Jugendlichen in die Hocke. „Harry?“, sprach er ihn ruhig an. Ganz langsam fokussierten sich die grünen Augen auf ihn. „Wir wollen dich versorgen. Du bist verletzt und verlierst eine Menge Blut. Darf ich dich anfassen? Ich will dir aufhelfen, damit du dich in ein Bett legen kannst.“

Es dauerte eine ganze Weile, dann nickte Harry kurz. Noch immer realisierte er offenbar nicht, wo er war und was um ihn passierte. Er zuckte zusammen, als Severus ihm seinen rechten Arm um die Taille legte, klammerte sich aber nach einem Moment an dem Tränkemeister fest. Doch Severus erkannte, dass er es nicht mehr schaffte, vom Boden aufzustehen. „Harry, darf dein Pate mit anpacken? Er hilft dir nur, dich ins Bett zu bringen, in Ordnung?“ Wieder dauerte es mehrere Minuten, bis Harry mit einem knappen Nicken zustimmte. Gemeinsam kamen sie tatsächlich in die Höhe. Dabei rutschte die Decke weg und offenbarte Harrys Blöße. Sirius wurde rot vor Wut und wollte auffahren, doch Severus schnappte nur: „Später!“ Tatsächlich klappte der Hausherr den Mund wieder zu und legte wortlos die Decke um Harrys Schultern, damit er nicht halb nackt vor ihnen stand. Langsam gingen sie nach oben, wo Sirius Harry in sein altes Kinderzimmer brachte. Er selbst hatte dort die letzten Wochen verbracht, doch er wollte Harry nicht zumuten, in einem der anderen Zimmer zu liegen, die noch lange nicht bewohnbar waren. Harry ließ sich in das Bett legen und zudecken.

Die Blutung hatte inzwischen von selbst gestoppt. Dennoch musste er versorgt werden. Severus ließ sich auf einen Stuhl neben das Bett fallen und legte seine rechte Hand auf Harrys Seite. Erneut zuckte Harry zurück und wimmerte leise, doch er wurde ruhiger, als Severus beruhigend auf ihn einsprach. Er murmelte verschiedene Formeln in einer Sprache, die Sirius nicht kannte und sie konnten zusehen, wie Harry sich immer weiter entspannte. Irgendwann schlossen sich die Augen und er schlief ein. Sirius zauberte ihm eine Pyjamahose an, die er im Zimmer seines Bruders gefunden hatte. Regulus war etwas kleiner und schmaler als er selbst gewesen, die Sachen passten Harry einigermaßen.

Severus zog seine Hand zurück, als Harry tief und fest schlief. Sie zitterte vor Anstrengung und er war nicht sicher, ob er noch einen Funken Magie in sich hatte. Er brauchte dringend … „Was hast du mit meinem Patensohn gemacht, Schniefelus?“, knurrte Sirius in dem Moment und unterbrach Severus' Gedanken.

„Ich ...“, setzte Severus an, doch er kam nicht weiter.

„Ich bring dich um, wenn du ihn angerührt hast!“, drohte der Animagus.

„Wirst du mich anhören oder kann ich mir meine Worte sparen, weil du mir ohnehin kein Wort glauben wirst?“, antwortete Severus müde.

„Ich wüsste nicht, warum ich dir glauben soll.“, konterte Sirius. „Du hast Harry immer gehasst, hast ihn wie Abschaum behandelt. Er hat es mir erzählt, wie es ihm in deinem Unterricht ging. Also warum soll ich glauben, dass du ihm geholfen hast? Du hättest ruhig ein wenig eher kommen können, so wie er aussieht! Du hättest das verhindern können!“

„Sei still, Black!“, zischte Severus und deutete auf Harry, der sich unruhig wand und leise wimmerte im Schlaf. Obwohl er dem Animagus leider Recht geben musste, er hätte früher eingreifen müssen, aber es war nicht möglich gewesen.

„Gehen wir nach unten.“, entschied Sirius und ging ohne ein Wort aus dem Zimmer. Severus verdrehte die Augen, stand aber auf. Nach einem Moment, in dem er sich an der Wand festhielt, folgte er dem ehemaligen Gryffindor nach unten in den Salon.

Der Tränkemeister berichtete kurz und bündig, was passiert war. „Als ich heute wach wurde, bekam ich nur mit, dass er arbeiten musste. Mir wurde klar, dass er kein normales Pensum hatte und plötzlich hörte ich seine Schreie. Ich bin so schnell wie möglich zu ihm, aber ich kam zu spät, der eine Jugendliche hatte bereits ...“, endete Severus. „Mir blieb nur noch, sie von Harry weg zu reißen. Ich nahm keine Rücksicht darauf, wo sie landeten, mir war nur wichtig, dass sie nicht noch einmal aufstehen würden, bis ich mit Harry weg war. Sein Stab aber auch die Magie in seiner Umgebung werden überwacht, ich durfte keine Zauber wirken, ansonsten wäre das Ministerium sofort da. Die einzige Magie, die ich nutzte, war das Apparieren hierher.“

„Ich werde sehen, was Harry spricht.“, grollte Sirius unversöhnlich. „Such dir ein Zimmer.“ Er selbst ging nach oben und rief nach seinem Hauselfen, um sich das Masterschlafzimmer richten zu lassen. Es war neben Harrys neuem Zimmer, so konnte er seinen Kleinen hören, wenn etwas war. Severus folgte ihm nach einiger Zeit und entschied, das Zimmer Harry gegenüber zu nehmen. Es hatte früher Regulus gehört, wie auf dem Schild neben der Tür zu lesen war. Dazu gehörte – wie in den alten Familien üblich – ein eigenes Badezimmer. Genau das steuerte Severus nun an. Nach ein paar Minuten hatte er die Wanne mit der Hand und einem Lappen gesäubert, und ließ sich anschließend heißes Wasser ein. In seinem Umhang fand er noch ein Fläschchen, das er nun brauchen konnte, das kippte er in das Wasser. Wohlig seufzend ließ er sich hinein gleiten und schloss die Augen, genoss die Verwandlung seines Körpers, als er komplett unter Wasser lag. Er konnte spüren, wie sich seine Verletzungen schlossen, sogar die Knochen wuchsen schneller als zuvor zusammen. Auf diese Art würde er vielleicht noch ein paar Tage brauchen, aber seine Magie war zu erschöpft, um sich selbst zu heilen. Auf einen Heiler brauchte er vermutlich nicht zu hoffen, aber das war auch nicht nötig. Sein inneres Wesen war durchaus in der Lage, eine derartige Situation zu meistern. Nur, wenn er Harry ebenfalls helfen wollte, musste er sich bei sich selbst ein wenig zurückhalten, aber was machte das schon.

Moment, seit wann war der Bengel denn Harry? Severus konnte es nicht sagen, aber etwas war anders zwischen ihnen. Seit sie gemeinsam auf der Matratze geschlafen hatten. Zusammen in einem Bett, wenn man so wollte. Aber das war nicht der Beginn. Nein, der war bereits deutlich früher. Er hatte einen Schwur geleistet, Harry zu beschützen. Und das war verdammt notwendig gewesen in den letzten Jahren. Doch nicht nur in der Schule, wie Severus nun klar war. Der Junge hatte viel von seiner Mutter, das war Severus in den letzten Tagen aufgefallen. Genau wie Lily fragte er nicht, wer jemand war. Wenn man verletzt war, half er. Harry hätte ihn auch auf der Straße liegen lassen können. Niemand hätte ihn dafür verurteilt, nach dem, wie Severus ihn seit dem ersten Tag behandelt hatte. Und doch hatte er nicht einen Moment gezögert. Ja, auch Lily hätte so gehandelt. Wie oft hatte Severus sie damals mit ihrem Helferkomplex und ihrem Beschützerinstinkt aufgezogen? Sie waren beste Freunde gewesen, seit sie sich zum ersten Mal auf dem Spielplatz nahe der Siedlung Spinners End getroffen hatten. Daran hatte auch die unterschiedliche Hauszugehörigkeit lange nichts ändern können. Erst, als sie anfing, mit James Potter auszugehen, hatten sie sich auseinander gelebt. Vorher hatte Lily nichts gegen Severus' Vorliebe für dunkle Magie gehabt. Sie hatte sich verändert. Nein, James Potter hatte sie verändert. Einen Beweis dafür hatte Severus bis heute nicht, aber er war sicher, der Gryffindor hatte etwas damit zu tun. Vor ihrer Beziehung mit ihm hatte sie viel mehr gelacht, war entspannter gewesen. Die Veränderung war langsam gekommen, nur ihm war es aufgefallen, wenn auch erst später, als er darüber nachdachte. Am Anfang hatte er es noch auf den zunehmenden Stress geschoben, weil die Abschlussprüfungen immer näher kamen. Doch das allein war es nicht gewesen, sonst hätte es danach aufgehört. Warum Lily letztendlich den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte, wusste Severus bis heute nicht. Genausowenig kannte er den Grund, warum sie ein paar Jahre später plötzlich bei ihm aufgetaucht war und ihn darum bat, Harry zu beschützen, sollte ihr etwas passieren. Severus hatte den Schwur geleistet, ohne weiter darüber nachzudenken, und nur wenige Wochen später waren sie ermordet worden.

Seine Schuld. Noch immer nahm ihm diese Tatsache den Atem. Er war als Spion in Voldemorts Reihen eingetreten. Damals war er bestrebt, schnell aufzusteigen, nutzte nicht nur sein Talent zum Brauen. Er schmunzelte kurz vor sich hin. Niemand ahnte, was wirklich dahinter steckte. Es war nicht nur ein Talent, es war seine Magie, ein Teil seines Wesens. Heilen und Tränke brauen lagen ihm sozusagen im Blut. Es war ein Teil dessen, was ihn ausmachte. Doch das allein hatte bei Voldemort nicht ausgereicht, also hatte er unter Beweis stellen wollen, wie gut er an Dumbledore heran kam. Als Spion, das war ihm klar, wäre er wichtig genug, um schnell aufzusteigen. Es hatte geklappt, aber der Preis war viel zu hoch gewesen. Das Leben seiner besten Freundin und ihres Mannes. Wobei, James' Tod hatte ihn nicht sonderlich berührt, wenn er ehrlich war. Lilys dafür umso mehr. Noch heute fühlte er sich schuldig, als hätte er selbst den Todesfluch gesprochen. Eines aber verstand er einfach nicht: wie hatte Harry damals überlebt? Ja, er war kein schlechter Zauberer, schon in jungen Jahren hatte er starke Zauber geschafft, vor allem wenn er an den Patronus des Jugendlichen dachte. Doch einen Todesfluch so abwehren, dass er seinen Erschaffer tötete? Als Einjähriger? Nein, das war sicher nicht Harrys eigene Leistung. Severus war sicher, Lily hatte etwas gemacht, um ihren Sohn zu retten. Sie hatte Harry wahrhaft geliebt. Viel mehr als Potter. Der hatte in Harry eine Art Klon von sich sehen wollen. So hatte er ihn wohl auch behandelt, wobei Severus davon nie viel mitbekommen hatte. Etwas war auf jeden Fall dran an der Theorie von Dumbledore. Immerhin hatte er selbst erlebt, dass der Blutschutz funktionierte. Obwohl Harry nicht gerade ein liebevolles Zuhause hatte. Aber es schien gereicht zu haben, um die Todesser fernzuhalten. Leider hatte es ihn nicht vor seinen Verwandten und den Freunden seines Cousins beschützt. Er fluchte ungehört, warum war er nicht schneller gewesen? Sein Körper hatte einfach nicht mitgemacht, als er die Gefahr gespürt hatte, er brauchte zu lange, um aus dieser verfluchten Kammer zu kommen. Nun konnte er nur hoffen, dass sie den Jungen damit nicht komplett zerbrochen hatten.

Severus bekam nicht mit, dass Sirius nur Minuten später erneut zu Harry lief, da eine offiziell aussehende Eule an sein Fenster pickte. Sie hatte einen an Harry adressierten Brief ans Bein gebunden. Mit einiger Überredungskunst konnte Sirius ihr das Pergament abnehmen. Er merkte, dass er den Schutz weiter anpassen musste, damit niemand hierher kam. Andererseits konnte es auch wichtig sein, Post bekommen zu können. Für den Moment schob er diese Gedanken beiseite und entrollte das Pergament. In seinem jetzigen Zustand würde Harry nicht begreifen, wer ihm was schrieb, Sirius wollte sichergehen, dass alles in Ordnung war.

Sehr geehrter Mister Potter,

heute Nachmittag, um 3:37 Uhr Ortszeit, wurde in Little Whinging, Surrey, genauer im Ligusterweg 4, magische Aktivität festgestellt. Trotz der Warnung von vor beinahe genau drei Jahren und der großzügigen Entscheidung, Sie im vorletzten Jahr nicht zu bestrafen, haben Sie offenbar erneut Magie benutzt. Diesmal hilft Ihnen daher auch Ihr berühmter Name nicht. Hiermit werden Sie auf Lebenszeit von Hogwarts, der Schule für Magie, ausgeschlossen. Ihr Zauberstab, den unsere Mitarbeiter im Ligusterweg vorfanden, wurde bereits zerbrochen. Sie sind verpflichtet, sich bis zum 31. Juli im Ministerium vorzustellen, dort wird das Wissen um die magische Welt in ihnen versiegelt, genau wie Ihre Magie, da Sie nicht mehr das Recht haben, Zauber zu wirken.

Mit freundlichen Grüßen,

Dolores J. Umbridge

1. Untersekretärin des Ministers für Zauberei

Entsetzt las Sirius diese Zeilen wieder und wieder. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Er kniff sich in den Arm, in der Hoffnung, aus einem Alptraum aufzuwachen, doch er war offenbar wach. „Verdammte Scheiße!“, fluchte er. „Ach, Harry, was machen wir nur mit dir, mein Kleiner?“

Severus verbrachte die ganze Nacht in der Wanne. Zunächst brauchte er eine Weile, um sich zu entspannen, aber das lag eher daran, dass sein Gehirn einfach nicht abschalten wollte. In einem Fort dachte er darüber nach, was er anders hätte machen können, um die Ereignisse zu verhindern, aber letztendlich war ihm klar, dass er kaum eine andere Möglichkeit gehabt hatte, da er aufgrund seines geschwächten Zustandes nicht schnell genug reagieren konnte. Zusätzlich quälten ihn anfangs noch die Schmerzen, auch das hielt ihn vom Entspannen ab. Erst, als die Schmerzen nachließen, schaffte er es auch, sein Gehirn zu leeren, um den stetigen Gedankenfluss zu stoppen. Nun schloss er die Augen und tauchte vollkommen unter im Wasser, dankbar für die Verwandlung. Nach und nach entspannten seine Muskeln, was die Heilung erleichterte. Er spürte, wie sich die Wunden schlossen, die noch offen gewesen waren. Diejenigen, die sich entzündet hatten, brauchten deutlich länger, aber sie heilten ebenfalls. Irgendwann schlief Severus tatsächlich ein, nachdem er mit einem Zauber, auch seine Magie erholte sich im Wasser schneller, dafür gesorgt hatte, dass das Wasser die richtige Temperatur behielt. So ruhig wie hier in der Badewanne hatte er schon lange nicht mehr geschlafen. Natürlich trug auch der Schlaf zu einer erfolgreichen Heilung bei. Und diese Heilung brauchte er. Dringend, damit er Harry weiterhin helfen konnte. Durfte er sich offenbaren? Zum Teil hatte er das bereits, aber gerade Black gegenüber wollte er nicht mehr sagen. Das war schon zu viel, vor allem, weil Black aus einer alten, reinblütigen Familie stammte. Wer wusste schon, wie viel er sich zusammen reimen konnte aus den bekannten Informationen. Und mehr wollte er ihm nicht geben, seine Identität sollte weiterhin geheim bleiben. Das war seine Lebensversicherung. Am liebsten würde er das, was er bereits verraten hatte müssen, aus Blacks Gedächtnis löschen, aber das schaffte er nicht ohne Zauberstab. Darum musste er sich so schnell wie möglich kümmern, entschied er. Weiter kam er mit seinen Überlegungen nicht, denn er schlief immer tiefer. Nur die sanften, gleichmäßigen Wellen zeigten, dass er noch lebte.

Als er am Morgen herauskam, war seinem Körper nichts mehr anzusehen. Die Verletzungen waren beinahe vollständig verheilt, die Knochen wieder zusammengewachsen. Noch ein oder zwei Tage, dann merkte man auch den Knochen nichts mehr an. Einzig das dunkle Mal an seinem Arm war noch vorhanden. Leider, wie Severus fand, konnte selbst die Magie des Wassers ihm hier nicht helfen. Er reinigte und reparierte seine Kleidung mit einem Schwenk seiner Hand – den Zauberstab hatte er bereits während der Foltern verloren – dann zog er sich an und ging in die Küche, wo er auf einen Kaffee hoffte. Doch offenbar musste er zunächst an Black vorbei, der ihn wütend anstarrte. Gleichzeitig nahm Severus eine gewisse Aura der Hilflosigkeit und Verzweiflung wahr. Vermutlich wegen Harry. Lautlos seufzend trat er in die Küche, wissend, dass ihm eine Konfrontation bevorstand. „Wie geht es Harry?“, wollte er wissen.

„Er schläft noch, aber ziemlich unruhig.“, schnappte Sirius. Er war unausgeschlafen und machte sich Sorgen um seinen Patensohn. „Die Nacht war nicht besonders entspannend für ihn, deshalb habe ich ihn schlafen lassen. Ich glaube noch immer nicht so ganz, dass du ihn nicht angerührt hast. Er hat heute Nacht immer wieder gewimmert, aber zumindest konnte ich deinen Namen nicht raushören. Geschlafen hat er nur, wenn ich leise mit ihm gesprochen habe. Allerdings gibt es noch etwas, das ihn betrifft.“ Er reichte Severus den Brief aus dem Ministerium, wenn auch widerwillig.

„Verdammt!“, fluchte Severus, als er zu Ende gelesen hatte. Das machte die ganze Sache nicht einfacher, sondern im Gegenteil immer komplizierter. „Sie statuieren ein Exempel an ihm. Normalerweise bekommen Schüler nur eine Verwarnung und werden angehört. Aber Harry Potter ist kein gewöhnlicher Schüler, vor allem, weil Fudge bereits einmal seine Hand über ihn gehalten hat. Noch einmal kann er sich das nicht leisten, also muss er nun hart durchgreifen. Wobei, das hier kommt sicher aus der Hand seiner Untersekretärin und Fudge weiß wahrscheinlich nicht einmal etwas davon. Ich hätte aussagen können, aber gegen Umbridge haben wir keine Chance.“

„Du kennst sie?“, staunte Sirius, für den Moment die Feindschaft vergessend. Für Harry.

„Kennen ist zu viel gesagt.“, schüttelte Severus den Kopf und schnaubte abfällig. „Ich habe von ihr gehört. Sie ist Fudge treu ergeben, oder besser, Fudge ist ihr treu ergeben.“

„Die haben ein Verhältnis?“ Sirius' Augen weiteten sich.

„Ich würde es nicht ausschließen, aber das meinte ich nicht.“ Einen Moment schauderte Severus, das wollte er sich definitiv nicht vorstellen. „Ich glaube eher, sie bestimmt, welche Politik Fudge verfolgt. Jedenfalls ist sie Moody ebenbürtig was die Abneigung gegen Todesser anbelangt. Sie hasst magische Wesen und Halbwesen, und sie ist diejenige, die sicher ist, dass der Lord nicht wiederkommen wird.“

„Du meinst, sie steckt hinter der Hetzkampagne gegen Harry?“, erkundigte sich Sirius. Auch er hatte in den letzten Tagen den Tagespropheten gelesen und hoffte, Harry hatte ihn nicht in die Hand bekommen. Die Presse ging nicht besonders … nett mit Harry um. Sie behaupteten, Harry und Dumbledore hätten gelogen, als sie behaupteten, Voldemort sei zurückgekehrt. Der Minister war der Meinung, Voldemort sei vor Jahren von Harry als Kleinkind vernichtet worden und würde nie wiederkommen.

„Ich gehe davon aus.“, nickte Severus. „Beweisen kann ich es natürlich nicht, das wird niemand schaffen, dafür ist sie zu schlau. Sie hinterlässt keine Spuren. Und Fudge hält seine Hand über sie. Sie würden mich nicht anhören, ich wäre sofort in Askaban. Und vermutlich würde sie Harry nutzen, um dich zu bekommen.

„Und was machen wir jetzt?“ Man konnte Sirius die Verzweiflung ansehen.

„Erst einmal kümmern wir uns um Harry.“, entschied Severus.

„Seit wann nennst du ihn Harry?“ Misstrauisch zogen sich Sirius' Brauen zusammen.

„Ich habe erkannt, dass er nicht wie Potter ist. Er ist Lily ähnlicher, als ich dachte.“, gestand Severus. Ihm blieb kaum etwas anderes übrig.

„Und wann hast du das gemerkt? Du hast ihm nie auch nur eine Chance gegeben!“, klagte Sirius an. „Er hat es mir erzählt, du hast ihm von Anfang an einen Stempel aufgedrückt, der nicht passte.“

„Da bin ich nicht der Einzige.“, gab Severus scharf zurück. „Das macht so gut wie jeder da draußen. Niemand sieht nur den Jungen, alle denken, sie wissen, wer er ist. Aber ja, ich habe lange seinen Vater in ihm gesehen und wollte die Wahrheit nicht erkennen. Ich musste ihn abfällig behandeln, um weiterhin meine Rolle als Spion zu spielen. Doch als ich dort lag, gefoltert von den Anhängern des Lords, hat er so lange auf mich eingesprochen, bis ich zu ihm gekrochen bin. Er hat mich mitgenommen, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, was das für ihn bedeutet. Ich war eine Woche lang bewusstlos, er hat sich um mich gekümmert, meine Verletzungen versorgt, mir die wenige Nahrung gegeben, die seine Verwandten ihm zugestanden haben. Er hat mir sein Bett überlassen, oder das, was sein Bett sein sollte. Egal, wie ich ihn behandelt habe, er hat mich versorgt, so, wie Lily es getan hätte. Meinetwegen hat er auf dem Boden geschlafen, ohne Decke. Ich habe ihn mit ins Bett genommen, als ich das gemerkt habe.“ Severus konnte das Staunen in seiner Stimme hören und hoffte, dass Black es nicht mitbekam.

„Du … du hast mit ihm in einem Bett geschlafen?“ Anklagend blickte Sirius den Slytherin an.

„Es gab keine andere Möglichkeit, außer ich hätte ihn weiter auf dem Boden schlafen lassen. Er hätte nicht zugelassen, dass ich auf dem Boden schlafe.“, verteidigte sich Severus. Seufzend begann er, einen genaueren Bericht über die Zeit bei Harry zu geben, soweit er sich erinnerte zumindest. Am Ende zuckte er die Schultern. „Jedenfalls habe ich in den folgenden Tagen gemerkt, wie sehr ich mich in ihm getäuscht habe. Das, was gestern passiert ist, hätte ich gerne verhindert.“

„Aber du hast es nicht!“, knurrte Sirius unversöhnlich.

Severus konnte nicht mehr antworten, da sie einen panischen Schrei von oben hörten. Gleichzeitig sprangen sie auf und rannten zu Harry. Der Jugendliche wich zurück, als sie zu ihm kamen, wimmerte und wand sich. Als Sirius auf ihn zuging, schien die Panik erst einmal noch zu steigen. „Harry, ruhig!“, sprach Sirius beruhigend auf ihn ein. Doch diesmal brachte es nichts, Harry schien seinen Paten nicht einmal zu erkennen, war gefangen in seinen Erinnerungen.

Severus seufzte auf, er wollte das eigentlich noch nicht offenbaren. Noch mehr Hinweise für Black. Doch ihm blieb keine Wahl. „Geh zurück.“, wies er den Animagus an. „Ich kann ihm vielleicht helfen.“

„Ich bin sein Pate, er hat mir immer vertraut!“, zischte Sirius, bemüht darum, nicht zu laut zu werden, um Harry nicht noch zusätzlich aufzuregen. „Du machst ihn seit Jahren fertig, und jetzt denkst du, er vertraut dir? Einfach so?“

„Ich hatte keine Wahl, wenn ich ihn nicht in Gefahr bringen wollte.“, erwiderte Severus erzwungen ruhig. „Und er hat mir schon immer vertraut. Er hat es nicht verstanden, und das durfte er auch nicht. Ich habe ihn geschützt, so gut es mir möglich war, aber er durfte es nicht ahnen. Niemand durfte etwas wissen. Wenn jemand auch nur geahnt hätte, was der Junge mir bedeutet, hätten sie den Befehl des Lords ignoriert. Der Lord hat bereits damals deutlich gemacht, dass er alleine Harry töten will. Doch um mich zu zerstören, hätten Todesser wie die Lestranges diesen Befehl mit Sicherheit missachtet.“

„Das sind schöne Worte, Schniefelus, aber es erklärt nicht, warum du denkst, ihn beruhigen zu können.“, ätzte Sirius.

Severus blickte den Jugendlichen an, der hektisch zwischen ihnen hin und her blickte, aber scheinbar kein Wort so richtig wahrnahm. „Er ist mein Gefährte.“, wisperte er. „Und jetzt lass mich mit ihm reden, bevor seine Panik noch zu Verletzungen führt.“ Er ignorierte das entsetzte Keuchen hinter sich, ging langsam auf Harry zu. Auch wenn sie nicht gebunden waren und Harry nichts davon wusste, würde er ihm intuitiv vertrauen, würde spüren, dass Severus ihm nichts tun konnte. Ruhig sprach er auf ihn ein, wechselte instinktiv in die Sprache seines Volkes, weil er wusste, es würde Harry beruhigen, auch wenn sie nicht gebunden waren. Severus hatte nicht vorgehabt, dieses Wissen zu enthüllen, er wollte Harry nicht zu etwas zwingen. Doch in der jetzigen Situation hatte er offenbar keine Wahl, wenn er ihn beruhigen wollte.

Erst nach einer ganzen Weile ließ Harry zu, dass Severus ihm näher kam. Irgendwann griff Harry von sich aus nach Severus' Hand und schmiegte sich in die Arme des Tränkemeisters. Seine Augen wurden klar und er schien zu erkennen, wer bei ihm war. „Ist es vorbei?“, fragte er mit zitternder Stimme.

„Ja, ist es.“, versprach Severus leise. „Du bist im Haus deines Paten. Wir werden nicht zulassen, dass du noch einmal verletzt wirst.“

„Nein, Harry, das werden wir nicht zulassen.“, schloss sich Sirius an und kniete neben den beiden nieder. Er breitete die Arme einladend aus. „Ich bin da, mein Kleiner. Hab keine Angst.“

Harry schmiegte sich an seinen Paten, hielt sich aber weiterhin an Severus' Hand fest, nicht bereit, diese Sicherheit aufzugeben, auch wenn er sich nicht erklären konnte, woher das Gefühl kam. „Sirius!“, kam es ein wenig kläglich von ihm und er klammerte sich eine ganze Weile fest. Seine Atmung wurde nach und nach ruhiger und tiefer, als die Erwachsenen ihm die Zeit gaben, die er brauchte. Ein wenig lebendiger sah er sich schließlich um. „Wo sind wir hier?“, erkundigte er sich.

„Im Haus meiner Familie.“, spuckte Sirius aus. „Ich habe den alten Schutz aktiviert, keiner kommt hier einfach so rein, wenn ich es nicht will. Dadurch sind wir erst einmal sicher. Es ist nicht besonders einladend, aber zumindest sicher.“

„Möchtest du etwas essen, Harry?“, fragte Severus. Er wusste, Harry musste über seine Erlebnisse reden, aber gerade war nicht der richtige Moment dafür. Der Junge hatte seit dem Ende des Schuljahres viel zu wenig zu essen bekommen, auch das musste er nun langsam nachholen. Harry folgte ihnen und stocherte eine Weile in seinem Essen herum, nahm aber nichts davon wahr. Nur wenige Bissen fanden tatsächlich den Weg in seinen Mund, aber das war kein Wunder, nach dem, was er hinter sich hatte. Im Anschluss brachte Severus den Jugendlichen zurück nach oben, misstrauisch verfolgt von Sirius. Harry ließ zu, dass Severus ihn ins Bett bugsierte, klammerte sich aber an seiner Hand fest.

„Ich bin da, Harry.“, beruhigte Severus. „Schlaf. Wir bleiben bei dir.“ Sirius nickte und setzte sich auf Harrys andere Seite. Beide Erwachsene hielten je eine Hand von Harry. Endlich schloss der Jugendliche seine Augen und schlief relativ ruhig ein.

Erst, als Harry tief und fest schlief, sahen sich die Erwachsenen an. „Wir stecken hier fest.“, erkannte Sirius. Dieses Mal sogar ruhig und friedlich. „Was machen wir nun?“

„Wir sitzen in einem Boot.“, nickte Severus. „Für den Moment kümmern wir uns um Harry. Wir sollten ihn erst einmal zur Ruhe kommen lassen. Er sollte auch erstmal nicht wissen, was uns verbindet. Ich möchte nicht, dass er sich zu etwas gedrängt fühlt, er soll frei entscheiden können.“

Sein Gegenüber nickte nach einem Moment zustimmend. Das war sicher das Beste für Harry, jedenfalls im Moment. Für seinen Patensohn versuchte er, die alte Feindschaft beiseite zu schieben. Zumindest für den Augenblick. „Vielleicht sollten wir Dumbledore informieren.“, überlegte er.

„Für den Moment wohl besser nicht, ich gehe davon aus, dass Umbridge genau auf so etwas wartet, um uns zu erwischen.“, widersprach Severus. Außerdem, aber das sagte er nicht, hatte er ein ungutes Gefühl bei der Sache. Irgendetwas stimmte da nicht. Er würde Erkundigungen einziehen, bei seinen eigenen Leuten. Unbemerkt von Dumbledore und Voldemort. Die zwei Männer, die beide glaubten, seine absolute Loyalität zu haben, würden nun wohl erkennen, dass keiner von ihnen sein Meister war. Außerdem wollte er herausfinden, was an der Prophezeiung dran war, und wie Harry in die Geschichte passte. Und er würde herausfinden, was hinter dem Jugendlichen noch steckte, denn er war sicher, Harry würde noch für einige Überraschungen sorgen. Das tat er schließlich immer.

„Was?“, fragte Sirius schließlich.

Severus überlegte eine Weile. Sollte er Black über seinen Verdacht informieren? Aber der Animagus war ein treuer Anhänger Dumbledores, möglicherweise würde er gleich zum Schulleiter gehen, und dann wäre Dumbledore gewarnt, dass Severus ihm nicht traute. Das würde nur Stress bedeuten, für sie alle. Andererseits saßen sie hier fest und waren aufeinander angewiesen. Sie mussten einander vertrauen, wenn sie Harry helfen wollten. Und dann mussten sie sehen, wie es weiterging. Severus traf seine Entscheidung. Ein Seufzen unterdrückend sah er auf, und begegnete grauen, fragenden Augen. „Black, was denkst du von Dumbledore?“

Sirius' Augen zogen sich zusammen. Er merkte genau, dass es Einiges gab, das der Andere ihm verheimlichte. „Was meinst du damit? Er ist ...“

„Harrys Vormund.“, unterbrach ihn Severus und starrte Black herausfordernd an.

„Ja, aber … Was meinst du?“ Sirius wirkte verwirrt. Aber durchaus offen genug, damit Severus seinen Verdacht teilen konnte.

„Ich meine, wenn Harry sein Mündel ist, warum hat Albus dann nie nach ihm gesehen? Oder wusste er sogar, wie er bei seinen Verwandten behandelt wurde? Warum hat er dann nie etwas getan? Er hätte ihn nie dort lassen dürfen, wenn er sich gekümmert hätte.“, gab Severus zu bedenken. Es gab noch viel mehr, aber der Animagus sollte Zeit haben, seine Überlegungen zu verstehen.

„Du meinst, er hätte absichtlich …? Das kann ich mir nicht vorstellen.“, schüttelte Sirius den Kopf. „Albus hat immer gegen Voldemort gekämpft, er hat sich immer dafür eingesetzt, seine Leute sicher zu wissen.“

„Meinst du wirklich?“, provozierte Severus mit erhobener Augenbraue. Er musste offenbar deutlicher werden. „Denk mal genauer nach, Black. Wann wusste Dumbledore mal nicht, was in Hogwarts vor sich ging? Na, wird es klarer?“

„Ernsthaft? Du denkst wirklich, dass Dumbledore …?“ Sirius brach ab, weil er nicht recht wusste, was er denken sollte.

„Überleg' mal, was Harry bisher erlebt hat. Und jetzt rede ich erstmal nur von Hogwarts. Dort, wo der Alte immer weiß, was los ist. Laut seiner eigenen Aussage im Übrigen.“, begann Severus, als würde er es einem Fünfjährigen erklären. „Sein erstes Jahr: Quirrell ist hinter ihm her, er hat den Lord in seinem Hinterkopf. Der Stein der Weisen ist in der Schule versteckt, und Harry schafft es eben so, ihn zu retten. Zweites Jahr: Ein Tagebuch mit einem Eigenleben taucht in der Schule auf, zwingt Miss Weasley dazu, die Kammes des Schreckens zu öffnen, Harry wird beschuldigt, der Erbe Slytherins zu sein und ein Monster losgelassen zu haben. Mit Mühe und Not rettet er die kleine Schwester seines besten Freundes und wird dabei beinahe getötet. Drittes Jahr: Ein angeblicher Mörder und der scheinbare Verräter des Geheimnisses seiner Eltern ist hinter ihm her, und er legt sich mit hunderten Dementoren an. Viertes Jahr: Er wird gezwungen, in einem Turnier zu kämpfen, in dem er nie sein wollte, wird am Ende entführt und muss miterleben, wie der Lord in einem verbotenem und grausamen Ritual zu neuem Leben entsteht. Und jetzt sag du mir, warum Dumbledore das alles übersehen konnte. Und wenn er es nicht übersehen hat, warum er dann zuließ, dass Harry all das mitmachen musste.“

„Harry ist ein Abenteurer, wie James.“, erwiderte Sirius, aber es war ein wenig unsicher.

„Ach ja?“, konterte Severus. „Denkst du wirklich, er ist glücklich darüber, all das erlebt zu haben? Mehrmals hat er dem Tod dabei ins Auge geblickt, und vor einigen Wochen musste er miterleben, wie ein Mitschüler getötet wurde. Ich glaube nicht, dass das unter ‚Abenteuer‘ fällt. Jedenfalls nicht in diesem Sinn. Und selbst wenn es ihm – wovon ich nicht ausgehe – gefallen haben sollte, du kannst nicht leugnen, dass Dumbledore mit Sicherheit davon wusste, was los war.“

„Vielleicht.“, gab Sirius nun zu. Wenn auch zögernd. „Aber das erklärt immer noch nicht, was du meinst, denn in seinem ‚Zuhause‘“, das kam mehr als spöttisch, „war nicht Hogwarts.“

„Du hast immer noch eine seltsame Art, dich auszudrücken.“, spottete Severus, wurde aber gleich wieder ernst. Immerhin wollte er, dass Black aufmerksam wurde auf Dinge, die ihm selbst schon eine Weile auffielen. „Ich wollte damit sagen, dass Dumbledore so gut wie nichts verborgen blieb. Ich habe zufällig im ersten Jahr Harrys mitbekommen, wie der Junge mit Albus redete. Er bat darum, in den Sommerferien in Hogwarts bleiben zu dürfen. Spätestens da hätte Dumbledore aufmerksam werden müssen. Er hätte nachforschen müssen.“ Severus schwieg einen Moment und sah Sirius in die Augen. „Denkst du immer noch, Dumbledore hatte keine Ahnung, wie es Harry in seinem angeblichen Zuhause ging?“ Erneut gab er dem Animagus einen Moment zum Nachdenken. „Und wenn er es wusste, warum hat er dann nichts unternommen?“

Sirius wurde blasser als ohnehin schon. Sein Mund war weit aufgerissen, doch er bekam keinen Ton heraus. Mehrere Minuten starrte er Severus nur vollkommen entsetzt an, sein ganzes Weltbild schien auf den Kopf gestellt worden zu sein. Gegenargumente fielen ihm keine mehr ein, der Tränkemeister war sehr überzeugend gewesen. „Scheiße!“, hauchte er am Ende. „Was machen wir jetzt?“

„Ich weiß es nicht genau.“, erwiderte Severus. „Erst einmal müssen wir sehen, dass es Harry besser geht. Danach können wir immer noch entscheiden. Harry hat keinen Zauberstab, genau wie ich. Offiziell darf Harry nicht mehr auftauchen, das Ministerium hat ihn verurteilt, und ich denke nicht, dass wir irgendetwas daran ändern können. Wenn sie ihn in die Hand bekommen, versiegeln sie die Magie in ihm und verändern sein Gedächtnis. Das müssen wir verhindern, denn ich weiß nicht, ob es rückgängig gemacht werden könnte. Niemand hat das bisher versucht und die Wahrscheinlichkeit, sein Gehirn dadurch zu beschädigen, ist hoch. Diesem Risiko würde ich nicht mal dich aussetzen.“

„Na vielen Dank!“, grunzte Sirius. Ihm kam ein Gedanke. „Was genau bist du eigentlich? Nur magische Wesen haben einen Gefährten. Und überhaupt – warum hast du ihn so behandelt, wenn er dein Gefährte ist?“

„Du musst es ja wissen.“, konterte Severus mit einem Unterton, den Sirius nicht zuordnen konnte. Auf die Frage nach seinem Wesen gab er bewusst keine Antwort. „Warum habe ich ihn so behandelt? Einerseits, weil ich als Spion eine gewisse Rolle erfüllen musste. Das sollte selbst in deinem Hirn einen Sinn ergeben, immerhin sollte der Lord an mich glauben.“

„Scheint überzeugend gewesen zu sein.“, kommentierte Sirius spöttisch. „Er hat dich ja immerhin sehr liebevoll behandelt vor einigen Tagen.“ Er lachte hämisch. „Und was noch? Nach einerseits kommt meistens andererseits. Jedenfalls bei Normalsterblichen, vielleicht ist das bei dir ja anders.“

„Wenn du mich nicht unterbrechen würdest, könnte ich schon weiter sein.“, schnarrte Severus eisig. „Ich weiß noch nicht besonders lange, dass er mein Gefährte ist. Es ist sogar ungewöhnlich früh zu spüren. Das passiert normalerweise erst, wenn die Magie ausreichend gefestigt ist. Vorher ahnte ich es nicht einmal. Ich habe ihn beschützt, weil ich es Lily versprochen habe. Aber er hat mich so sehr an seinen Vater erinnert, da fiel es mir nicht schwer, meine Rolle zu spielen. Ich denke, er war gezwungen, früh erwachsen zu werden, und seine Magie hat ihm geholfen.“

Doch bevor sie noch mehr reden konnten, wurde Harry unruhig und schlug um sich. Severus winkte ab, als Sirius nach ihm greifen wollte, und legte erneut seine Hand auf die Stirn des Jugendlichen. Mit einem Mal war er inmitten von Harrys Traum.

„Nein, aufhören!“, schrie der Junge. „Geht weg!“

Severus stellte sich neben Harry und sah sich um. Gruslige Erscheinungen umkreisten Harry, drangen immer weiter auf ihn ein. Harry sank immer mehr in sich zusammen. „Harry!“, sprach Severus ihn an. „Du bist nicht alleine. Lass dich nicht unterkriegen, ich bin bei dir. Auch dein Pate ist hier, aber er kann nicht in deinen Traum kommen.“

„Warum bist du hier?“ Der Traum-Harry realisierte nicht einmal, dass er Severus persönlich ansprach.

„Ich will dir helfen.“, beruhigte Severus. Er hatte es wahrgenommen, ignorierte die persönliche Ansprache aber im Moment. Ein kleiner Stolperer seines Herzschlages machte deutlich, wie viel ihm das bedeutete, aber im Moment durfte das noch nicht sein, er musste seinem Gefährten Zeit geben.

„Kannst du machen, dass sie weggehen?“, flüsterte Harry mit zitternder Stimme.

„Nein, das kannst nur du.“, schüttelte Severus den Kopf. „Du musst dich ihnen stellen. Ich bin bei dir, hab keine Angst. Sie können dir nichts tun, absolut nicht. Du darfst dich von deiner Angst nicht lähmen lassen. Ich weiß, dir sind schlimme Dinge passiert, das Schlimmste überhaupt. Aber du bist nicht alleine.“

„Bleibst du bei mir?“

„Immer.“, versprach Severus und nahm den Jüngeren kurz in den Arm.

Harry schmiegte sich in die Arme. Er fühlte sich wohl und sicher. Schon immer hatte er dem Tränkemeister vertraut, auch wenn er nie verstanden hatte, was los war. Nur die Art, wie er mit ihm umgegangen war, hatte er gehasst. Einerseits hatte der Professor ihm geholfen, andererseits fertig gemacht, wann immer sie sich begegnet waren. Dieses widersprüchliche Verhalten verunsicherte Harry, aber gerade reichte ihm die Versicherung aus. Er vertraute darauf, dass Severus die Wahrheit sagte. Mit dem Slytherin im Rücken stellte er sich den Geistern entgegen.

 

Sirius beobachtete, wie Harry weiterhin zusammenzuckte, doch Severus behielt seine Hand auf der Stirn des Jugendlichen. Mit geschlossenen Augen saß der Tränkemeister auf dem Bettrand, rührte sich nicht vom Fleck, die Stirn in konzentrierte Falten gelegt. Während er über sein Patenkind und dessen Beschützer – so unwirklich es auch für Sirius klang – wachte, dachte er über das nach, was Snape ihm gesagt hatte. War er wirklich all die Jahre blind gewesen? Aber er kam nicht gegen die Wahrheit in seinen Worten an. „Verdammt!“, fluchte er. Wenn Dumbledore das alles zugelassen hatte, was waren dann seine Gründe? Was brachte es ihm, wenn Harry von seinen Verwandten misshandelt wurde? Glaubte er, Harry damit zu stärken? Wollte er Harry zu seiner Waffe machen? Vermutlich. Ganz nach dem Motto: Wer einmal den Todesfluch überlebt, schafft das auch ein zweites Mal. Oder steckte noch mehr dahinter? In der letzten Ordensversammlung hatte Dumbledore angedeutet, dass er wusste, hinter was Voldemort her war. Also wusste er mehr, als er verriet. Vielleicht sogar, wie man Voldemort töten konnte. Was aber hatte das mit Harry zu tun? Dumbledore bestand darauf, dass Harry wichtig war. Inwiefern? Warum ausgerechnet Harry? Wusste Snape mehr? Oder Harry selbst? Sirius schauderte. Er würde nicht mehr zulassen, dass Harry zum Kampf gezwungen wurde. Der Junge war ein Kind, das schon seit mehreren Jahren zum Erwachsen sein gezwungen wurde. Da musste er Snape tatsächlich Recht geben, so ungern er das auch zugab.

Welche Wahl hatte Harry noch? Im Moment musste er erst einmal wieder auf die Beine kommen. Nach draußen sollte er wohl besser nicht, das Ministerium würde Ernst machen. Dennoch brauchte er einen neuen Zauberstab. Snape wohl auch. Der war Sirius ebenfalls ein Rätsel. Immer wieder diese seltsamen Andeutungen. Scheinbar war er nicht auf der Seite der Todesser, aber auch nicht auf der von Dumbledore. Zudem war er hier ziemlich schwer verletzt angekommen, aber nach einer Nacht wirkte er, als wäre nie etwas gewesen. Nicht einmal die besten Heiltränke, die Sirius kannte, schafften das in dieser kurzen Zeit. Was also steckte hinter dem Tränkemeister? Hatte er bessere Tränke geschaffen? Aber wenn er sie bei sich hatte, warum hatte er sie dann nicht vorher genutzt? Das konnte es also nicht sein, es musste mit seinem Wesen zusammen hängen, was auch immer das war. Wobei, während der Schulzeit schien er ein ganz normaler Schüler zu sein. Schmierig, heruntergekommen, ärmlich, das waren die ersten Worte, die Sirius einfielen, wenn er an den jüngeren Snape dachte. Dennoch … er war im Unterricht ein verdammt genialer Schüler gewesen. Obwohl er sich kaum anzustrengen schien, schaffte er einen Ohnegleichen-Schnitt. Ein Einzelgänger, der mit schwarzer Magie experimentierte, so hatten sie ihn in der ersten Klasse gesehen. Aber, wenn er damals schon schwarze Magie schaffte, musste er magisch mehr als stark sein. Damals hatte Sirius das nicht erkannt, aber aus heutiger Sicht und mit seinem Wissen als ehemaliger Auror … Schwarze Magie erforderte deutlich mehr Konzentration und Fokussieren der eigenen Magie, als ein normaler Jugendlicher schaffte. Nicht umsonst wurde es an anderen Schulen nicht vor dem fünften Jahr unterrichtet, und da auch erst einmal theoretisch.

Das beantwortete ihm allerdings nicht die Frage, was in dem Slytherin steckte. Er musste ein magisches Wesen sein, denn nur diese hatten Gefährten. Und wenn Harry wirklich sein Gefährte war … Nun, zumindest hatte Harry offensichtlich keine Angst vor Snape. Was Sirius komisch genug fand. Der Junge hatte sich von ihm anfassen lassen, während Sirius im ersten Moment Panik ausgelöst hatte. Welches Wesen könnte er sein? Definitiv kein Werwolf, das hätte er schon längst gemerkt. Genau wie Remus. Die konnten auch kaum Geistmagie wirken, und Snape war schon immer ein starker Okklumentiker und Legilimentiker. Der Beste. Egal wie wenig Sirius ihn ausstehen konnte, das wusste er, auch wenn er es nicht laut sagte. Ein Vampir konnte er auch nicht sein, das würde Remus merken. Werwölfe und Vampire erkannten einander immer, egal welche magischen Rüstungen auf ihnen lagen. Veela schied auch aus, obwohl es einige wenige männliche Veelas geben sollte, aber wenn er nicht gebunden war, könnte er seinen Charme nicht kontrollieren. Blieben noch mehr als genug Wesen übrig. Sirius überlegte, welche Wesen er möglicherweise noch ausschließen konnte. Elfen waren feingliedriger, hatten helle Augen und spitze Ohren. Das kam also auch nicht hin, außer Snape trug eine magische Rüstung, die genau diese Wesensmerkmale unterdrückte. Ein Engel war er sicher auch nicht, dafür war er zu grob und direkt. Engel waren sanfte Wesen. Wobei er Harry immer beschützt hatte, auch wenn er ihn nicht ausstehen konnte, was zumindest eine Eigenschaft von Schutzengeln war. Sie mussten, wie es der Name schon sagte, allen Menschen helfen. Aber Snape hatte eigentlich immer nur Harry geholfen, also auch kein Schutzengel. Da war schon eher Harry einer, der Kleine hatte einen Helferkomplex und einen Beschützerinstinkt, der an Lily heranreichte. Sirius grinste und schüttelte den Kopf. Harry konnte kein Schutzengel sein, James war definitiv kein magisches Wesen, und auch Lily wohl nicht, immerhin war sie muggelgeboren. Woher sollten da die Gene kommen? Sirius musste beinahe hysterisch lachen, als er seine eigenen Gedanken realisierte. Wie bescheuert war das denn? Er musste langsam aber sicher durchdrehen hier in diesem Haus. Nie hätte er sich von Dumbledore überreden lassen sollen, hier zu bleiben. Er hatte es für Harry getan. Und für den Orden, weil er sonst nichts beisteuern konnte. Er wollte dort anknüpfen, wo er damals aufhören musste. Er wollte etwas gegen Voldemort tun. So wie damals mit James, Lily und Remus. An den Verräter Peter wollte er lieber nicht denken. Remus war irgendwo da draußen und tat sein Bestes, um Dumbledore zu helfen.

„Nein!“, wisperte Sirius, als er realisierte, dass Remus in Gefahr war, wenn das, was er sich über Dumbledore zusammen reimte, tatsächlich stimmte. Er musste Moony zu ihnen holen. Er würde nie zulassen, dass er in Gefahr war. Und dann sollten sie das Haus bewohnbar machen. Kreacher, sein dämlicher Hauself, war nicht zu gebrauchen. Der war komplett irre, kein Wunder, wenn er so lange alleine hier im Haus gelebt hatte. Vielleicht sollte er an die Tradition seiner Familie anknüpfen und ihn köpfen. Aber das würde weder Harry noch Remus gefallen, außerdem wäre das nicht sein eigener Stil, er machte nichts, was seine Mutter gut gefunden hätte. Also besser nicht. Vielleicht musste er auch gar nichts machen, denn wenn Kreacher mit Snape genauso umsprang, wie mit ihm, dann würde der ihn vermutlich innerhalb der nächsten Tage erwürgen. Dieser Gedanke brachte Sirius mit einem kurzen Grinsen wieder zu seiner ursprünglichen Überlegung zurück. Welches magische Wesen könnte in Snape stecken? Er spielte mit dem Gedanken, sich die Bücher aus der Bibliothek seiner Familie zu holen und nachzulesen, was in Frage kam, aber er wollte nicht von Harrys Seite weichen. Auch wenn er dem Tränkemeister komischerweise sogar ein Stück weit vertraute. Dadurch, dass er sich ein klein wenig geöffnet hatte, hatte er sich auch in die Hände von Sirius begeben. Das Wissen, das dieser nun besaß, war brisant. Sirius spielte einen Moment mit dem Gedanken, wie er das für sich nutzen konnte, schüttelte dann aber den Kopf. Er hatte gerade viel bedeutendere Probleme. Dumbledore wusste, wo er sich befand. Wie lange würde es dauern, bis er wusste, dass auch Harry und Snape hier waren? Und dann? Der alte Schutz der Familie war gut, aber würde er auf Dauer gegen Dumbledore halten?

Sirius sprang auf und rannte nach unten in den Salon. Er musste dringend mit Remus sprechen. Er und die Weasleys mussten gewarnt werden. Das waren die Menschen, die Harry so viel bedeuteten, er wäre erpressbar. Harry litt schon genug an dem, was passiert war. Der Tod von Diggory, die Auferstehung des dunklen Lords und das, was bei seinen Verwandten passiert war. Wobei, so genau wusste Sirius noch nicht einmal, was passiert war. Er glaubte, dass Snape nicht derjenige war, der sich an Harry vergangen hatte. Egal, wie wenig er den Anderen leiden konnte, aber das passte überhaupt nicht zu Snape. Er war fies, gemein, schmierig, aber grundehrlich. Auch das würde Sirius wohl nie laut sagen. Er kramte nach Pergament und Feder, bis ihm einfiel, dass er nicht einmal eine Eule zum versenden hatte. Also rief er kurzentschlossen seinen Patronus auf. „Sag Remus, er soll sich so schnell wie möglich bei mir melden, aber mit niemandem darüber reden. Geh nur zu ihm, wenn er alleine ist.“, beauftragte er den silbrigen, großen Hund. Er schickte ihn los, dann machte er sich daran, Remus in den Schutz des Hauses einzubinden. So konnte er über den Kamin kommen, oder einfach herein apparieren, oder durch die Tür gehen. Egal wie, er würde hereinkommen. Aber nur Remus, sonst niemand. Einen weiteren Patronus schickte er an Bill, damit er seine Familie vor den möglicherweise gefährlichen Machenschaften Dumbledores warnen konnte. Mit dem Ältesten der Weasleys hatte er erst einmal gesprochen, aber er war sicher, dass er auf Harrys Wohl achten würde.

Wenige Minuten später war er erneut in Harrys neuem Zimmer. Noch immer saß Snape auf der Bettkante, seine rechte Hand auf Harrys Stirn. Sein Kleiner wirkte deutlich entspannter, also zwang sich Sirius, alles so zu lassen, wie es war. Da er hier nichts tun konnte aber auch nicht stillsitzen wollte, ging er zunächst nach oben, um Seidenschnabel zu füttern, dann machte er sich in der Küche daran, etwas zu Essen zu kochen.

Als er die Tür zur Küche öffnete, flog der Vorhang hinter ihm auf. „Du Nichtsnutz von einem Sohn!“, keifte das Portrait seiner Mutter los. „Welchen Abschaum holst du noch in das ehrenwerte Haus der Blacks? Du solltest dich schämen! Du ...“

„Sei still, du alte Sabberhexe!“, schrie Sirius zurück. Kreacher tauchte hinter ihm auf und grinste hämisch, grüßte seine ehemalige Herrin jedoch unterwürfig.

„Ich werde nicht zulassen, dass du dieses Haus entehrst! Kreacher, wirf meinen nichtsnutzigen Sohn endlich raus aus dem Haus! Er ist kein Black mehr, er hat die Ehre der Blacks besudelt!“, tobte Walburga Black.

Sirius' Gesicht verdunkelte sich immer weiter. Zwar wusste er, dass es nicht in Kreachers Macht stand, ihn aus dem Haus zu werfen, aber der Hauself konnte ihm trotzdem schaden, vor allem, wenn seine Mutter ihm auf die Sprünge half. Das musste endlich ein Ende haben! So viel hatte er bereits versucht, um das Bild von der Wand zu bekommen, doch kein Zauber wollte es lösen. Kein Stillezauber wirkte länger als ein paar Sekunden, und den Vorhang bekam man nur mit Mühe vor das Bild, damit es wenigstens eine Weile Ruhe gab. Die Wut in Sirius nahm immer mehr zu, und mit einem Mal richtete er seinen Zauberstab auf das Bild. „Bombarda!“, rief er, ohne darüber nachzudenken, und ließ seine Gefühle in den Zauber einfließen.

Ein lauter Knall und eine Druckwelle rissen Sirius von den Füßen und er knallte rückwärts gegen die Wand. Es wurde schwarz um ihn und er sank zu Boden, während Trümmer auf ihn regneten.

Die Druckwelle erfasste Severus, der noch immer in Harrys Träumen war, und riss ihn von der Bettkante. Im Fallen verlor er den Kontakt zu Harry und stöhnte unwillkürlich auf, als er plötzlich in die Realität gerissen wurde. Dieser Wechsel verursachte ihm Kopfschmerzen. Er rappelte sich vom Boden auf, sich instinktiv nach Verletzungen absuchend. Glücklicherweise fand er nichts. Auch Harry hatte seine Augen offen, als Severus hoch kam. „Was war das?“, wollte er wissen.

„Ich habe keine Ahnung.“, gestand Severus ein wenig verwirrt. Auch wenn ihm einige Möglichkeiten durch den Kopf schossen, keine davon besonders angenehm. Er war mehr als besorgt. „Bleib bei mir, sehen wir nach. Keine Alleingänge, Potter! Das Ministerium will dich in die Hände bekommen und dir die Magie entziehen. Sollten wir angegriffen werden, halte dich an mir fest, ich appariere uns raus.“ Auch wenn er keinen Zauberstab hatte, würde er es schaffen.

Schnell krabbelte Harry aus dem Bett. Er fühlte sich deutlich besser als noch vor wenigen Stunden, hatte aber gerade Angst um seinen Paten. Auch wenn er es nicht gleich realisiert hatte, er wusste, wo er war, und hatte alles um sich herum mitbekommen, wenn auch nicht sehr deutlich. Hinter Professor Snape schlich er aus seinem Zimmer. Das Haus seines Paten wirkte dunkel, düster und unheimlich. Harry schauderte, und drückte sich unwillkürlich näher an den Tränkemeister, während sie über die Treppe nach unten schlichen. Severus war sich nur zu deutlich bewusst, dass er keinen Zauberstab hatte. Er beherrschte stablose Magie, aber in einem echten Kampf würde es nicht reichen. Dann würde er Harry aus dem Haus apparieren, ohne Rücksicht auf Black. Auch wenn er es nicht einmal dem Animagus wünschte, zurück nach Askaban zu kommen. Dennoch war seine erste Priorität Harry. Jetzt mehr denn je. Obwohl, schon immer war es ihm wichtig gewesen, sein Versprechen zu halten und Harry zu beschützen, doch in den letzten Monaten war ihm klar geworden, dass da mehr war. Nach und nach hatte sich die Wahrheit in seine Gedanken geschlichen. Harry wurde langsam erwachsen, seine Magie setzte sich. Und damit hatte das Wesen in Severus seinen Gefährten erkannt. Trotzdem hatte er nicht vor, sich ihm zu offenbaren. Es war ein Fehler gewesen, es Black zu sagen. Aber die einzige Möglichkeit, damit dieser ihm wenigstens ein Stück weit vertraute.

Je weiter sie kamen, ohne jemandem zu begegnen, umso nervöser wurde Severus. Plötzlich schrak er zusammen, als er von oben einen kreischenden Schrei hörte, erkannte dann aber, dass es wohl der Hippogreif war, den Black hier gehalten hatte. Der machte sich gerade durch ein Fenster, das zersprungen war, aus dem Staub. Severus atmete durch und blickte wieder nach unten, in die Richtung, in die sie schlichen. Der Grad der Verwüstung wurde größer, als sie nach unten kamen, doch mit einem Mal erkannte er, dass es nicht die Außenwände waren. Der Kern der Zerstörung war am unteren Ende der Treppe, dort, wo …

„Sirius!“, rief Harry angstvoll aus. Severus folgte seinem Blick und erkannte, dass Black unter einigen Trümmern vergraben lag. Was hatte dieser Idiot getan? Der Tränkemeister konnte den Jugendlichen nicht aufhalten, als er an ihm vorüber stürmte und zu seinem Paten rannte. Hastig räumte er die Trümmer beiseite und atmete auf, als Sirius stöhnend die Augen öffnete. „Was ist passiert, Sirius?“, wollte Harry besorgt wissen.

„Ich habe meine Mutter rausgeschmissen!“, krächzte Sirius und grinste breit.

„Der Hut hatte Recht, du bist ein echter Gryffindor.“, blaffte Severus wütend, aber dennoch erleichtert. „Hast du auch nur einen Moment darüber nachgedacht, dass das Haus über uns einstürzen könnte? Oder dass du die Auroren damit auf uns aufmerksam machst?“

„Sie … sie hat mich provoziert.“, antwortete Sirius lahm. Er sah sich um. „Ich glaube, wir müssen ein wenig … umbauen.“

„Offensichtlich.“ Severus folgte den Blicken des Animagus mit erhobener Augenbraue. Alles war mit Staub überzogen, der untere Teil der Treppe war ein Trümmerfeld. Die Mauer, an der das Bild vorher hing, war pulverisiert. Wenigstens die Küchentür war zu, somit war sichergestellt, dass die Lebensmittel nicht in Mitleidenschaft gezogen worden waren. „Aber vorher sehen wir, ob wir Aufmerksamkeit von draußen bekommen haben. Ich hoffe, dieses Haus hat auch einige Fenster?“

„Natürlich.“ Sirius war eingeschnappt. Er stand auf und ging voraus in den Salon. Von dort aus konnten sie die gesamte Vorderseite überblicken. Doch niemand schien etwas mitbekommen zu haben. Jedenfalls wirkten die Menschen nicht verblüfft, und blickten auch nicht zum Haus. Es schien, als wäre alles so, wie es sein sollte. Das erleichterte Severus ein wenig. Jedoch wurde ihm bewusst, dass er dringend einen neuen Zauberstab brauchte. Genau wie Harry. Einen nicht registrierten, ansonsten könnten sie keine Magie wirken, ohne vom Ministerium entdeckt zu werden.

Sie gingen zurück nach unten, mussten allerdings erst einmal die Trümmer des unteren Teils der Treppe wegräumen, um in die Küche zu kommen. Sirius nutzte seinen Zauberstab, Severus stablose Magie, und Harry seine Hände. Plötzlich atmete Harry zischend ein, seine Augen weiteten sich. „Nein!“, hauchte er, als er eine kleine, leblose Hand entdeckte. Severus war sofort an seiner Seite und sie hoben einen größeren Steinbrocken beiseite. Der Tränkemeister kniete neben dem Hauselfen nieder, fühlte an seinem Hals. „Er ist tot.“, bestätigte er leise den Verdacht.

„Verdammt.“, brummte Sirius. „Ich mochte ihn nicht, aber das hätte ich ihm nicht gewünscht.“ Betreten sah er zu seinem Hauselfen hinunter. „Vielleicht sollten wir ihn im Garten begraben. Ich werde auf keinen Fall seinen Kopf auf das Geländer stecken, nachdem ich die anderen Köpfe bereits entsorgt habe.“

Harry schüttelte sich, das wollte er ganz sicher auch nicht. Wie so oft in den letzten Minuten spürte er den Blick von Professor Snape auf sich, doch er sah nicht auf. Daher konnte er auch nicht sehen, wie besorgt der Slytherin wirkte. Harry schien ihm zu normal zu sein, für das, was mit ihm passiert war. Auch wenn sie einen Teil seiner Dämonen bereits besiegt hatten, sie waren noch nicht am Ende. Harry ließ es sich nicht nehmen, Kreacher auf seine Arme zu heben und in den Garten zu tragen. Er musste dabei an Hermine denken. Was würde sie sagen? Sicher hätte sie Sirius und auch ihn, Harry, ermahnt, Kreacher gut zu behandeln, ihm freie Tage, Kleidung und Lohn zu geben. Ein leises Lächeln legte sich auf Harrys Gesicht, als er an seine beste Freundin dachte. Auch wenn sie vielleicht ein wenig übertrieben hatte, aber im Prinzip gab Harry ihr Recht. Würden die Zauberer andere Wesen als ebenbürtig behandeln, würden diese vielleicht nicht zu Voldemort gehen und sich ihm anschließen. Die Werwölfe, das hatte Sirius ihm geschrieben, standen beinahe geschlossen hinter Voldemort, weil er ihnen bessere Rechte und  die Freiheit versprach. Von der weißen Seite wurden sie unterdrückt, ausgeschlossen, da war es doch kein Wunder, dass sie sich der anderen Seite zuwandten. Sirius schuf mit einem Zauber ein Loch im Boden, in das Harry vorsichtig den kleinen Körper bettete. Sie bedeckten ihn mit Erde, nachdem sie einige Minuten schweigend verharrten.

„Mach's gut, Kreacher.“, verabschiedete sich Harry rau, als sie die Erde über ihn schweben ließen.

„Grüß Regulus von mir.“, wisperte Sirius so leise, dass sich die beiden anderen nicht sicher waren, ob er es wirklich gesagt hatte. Harry sah ihn mit schief gelegtem Kopf fragend an, sagte aber nichts, als er das Gesicht seines Paten sah, in dem so viel Schmerz geschrieben stand, dass er seinen Mund wortlos wieder schloss und die Arme um Sirius' Oberkörper legte. Dankbar drückte Sirius ihn an sich. „Geht's dir ein bisschen besser, mein Kleiner?“, fragte Sirius schließlich.

Harry nickte nur. Mit einem kleinen Lächeln strich Sirius ihm über den Kopf. „Na dann komm, gehen wir nach drinnen, wir haben Arbeit vor uns. Du sollst dein eigenes Zimmer bekommen, darin kannst du dich austoben. Vielleicht legen wir das Zimmer, in dem du geschlafen hast, mit dem daneben zusammen, dann hast du wirklich Platz. Und du hast dein eigenes Bad, wie klingt das?“ Mit seinem Patensohn noch immer im Arm ging er nach drinnen. Severus folgte wortlos. Mit einigen Zaubern erneuerte Sirius das untere Drittel der Treppe, das er mit seinem Zauber gesprengt hatte. Die Trümmer, die sie vorher beiseite geräumt hatten, fügten sich zusammen und wurden neu verbunden. Es dauerte nicht lange, bis die Treppe in neuem Glanz erstrahlte. Severus fügte einen Zauber hinzu, der sie bohnerte, wodurch das Holz gleich viel heller wurde. Harry lieh sich den Zauberstab seines Paten und zauberte eine hellgelbe Wandfläche rundherum.

„Das nenne ich mal eine Veränderung!“ Anerkennend nickte Sirius dem Jugendlichen zu. „Wir sollten dir unbedingt einen Zauberstab besorgen. Nur leider kann ich nicht nach draußen.“

„Harry auch nicht.“, gab Severus zu bedenken. Harry sah ihn verwirrt an. „Als du geschlafen hast, kam eine Eule vom Ministerium.“ Der Tränkemeister deutete Sirius an, Harry den Brief zu geben. Erschrocken las der Jugendliche das Schreiben und blickte mit weiten Augen auf. „Was … was bedeutet das jetzt?“

„Du wirst hier bleiben, in Deckung.“, entschied Severus hart. Sirius nickte, auch wenn erkennbar war, dass er nicht gerne einer Meinung mit Severus war. „So wie es aussieht, sitzen wir hier fest, zumindest im Moment. Also werden wir mit dir lernen, was du wissen musst.“

„Aber du wirst ihn nicht mehr so abfällig behandeln!“, forderte Sirius hart. „Hier musst du niemandem was vorspielen.“

„Das weiß ich auch.“, schnappte Severus. Im ersten Moment schien es, als wolle er noch etwas sagen, doch dann klappte er seinen Mund wieder zu, presste die Lippen zusammen und rieb mit Daumen und Zeigefinger über seine Nasenwurzel. Wie um alles in der Welt sollte das hier gut gehen, fragte er sich. Wie lange würden Black und er selbst es schaffen, einander nicht umzubringen? Black war ohnehin im Vorteil, er hatte einen Zauberstab, im Gegensatz zu Severus. Das war etwas, das sie dringend ändern mussten. Fragte sich nur, wann, wie und wo sie einen bekämen.

Harrys gequältes Wimmern riss ihn aus seinen Gedanken. Der Jugendliche presste die Hand gegen seine Stirn, sank eben in sich zusammen. „Was ..?“, fragte Sirius, doch Severus gab ihm keine Antwort, er hatte ja selbst keine. Vage erinnerte er sich an den Moment im Ligusterweg, als Harry genauso reagiert hatte. Obwohl es noch nicht lange her war, vielleicht zwei Tage, kam es Severus wie eine Ewigkeit vor. Erneut legte er Harry die Hand auf die Stirn und erlebte so die Vision mit.

„Was hast du herausgefunden, mein treuer Diener?“,wollte Voldemort beinahe zärtlich wissen.

Eine schwarz gekleidete Gestalt verbeugte sich noch tiefer vor ihm. „Mein Lord, Dumbledore sucht nach Potter. Er ist überzeugt, dass Potter euch vernichten kann und will seine Waffe zurück.“, berichtete der Mann. Jedenfalls war es eine männliche Stimme. „Das Ministerium sucht nach Potter, er hat wohl in seinem Zuhause gezaubert und sein Zauberstab wurde bereits zerbrochen. Ihm soll nun die Magie entzogen werden. Doch er ist wie vom Erdboden verschluckt. Dumbledore sucht ihn ebenfalls, er will ihm helfen, das Ministerium loszuwerden. Natürlich nur, damit Potter weiter an ihn glaubt und für ihn kämpft. Kämpfen kann, dafür braucht er schließlich seine Magie. Dem Alten ist jedes Mittel Recht, um euch zu vernichten, mein Lord.“

„Also hat Dumbledore keine Ahnung, wo Potter steckt?“, hoffte Voldemort.

„Überhaupt nicht. Allerdings hat er einen Verdacht, denn er kommt nicht mehr in das Hauptquartier seines Ordens.“, machte der schwarz Gekleidete weiter. „Ich kann den Namen nicht aussprechen, da es unter magischem Schutz steht, aber wir kommen nicht mehr hinein. Black hat ihm wahrscheinlich ein Quartier angeboten.“

„Black? Ich dachte, der wäre weit weg?“

„War er auch, aber er kam zurück, wegen Potter.“, beeilte sich der Todesser, weiter zu sprechen. „Er wollte etwas tun, aber da er gesucht wird, kann er das nicht aktiv. Also hat er sein Haus angeboten. Wir haben uns einmal darin getroffen seither, aber vorhin wollte Dumbledore hinein und eine Ordensversammlung einberufen, es ging nicht. Welchen Schutz Black nun hat, wissen wir nicht, aber keiner von uns kam hinein. Also hat er seine Versammlung erst einmal im Haus der Weasleys abgehalten, die treu hinter ihm stehen. Oder wohl eher treudoof, sie haben keine Ahnung, was los ist!“ Jetzt lachte der Mann leise und selbst Voldemort wirkte triumphierend, eine Art Glücksgefühl durchströmte die Verbindung zu Harry und der Jugendliche schauderte.

Severus wusste, er sollte die Verbindung unterbrechen, aber es schien ihm wichtig, das zu hören, was noch kam. Außerdem wollte er diesen Spion entlarven.

„Was ist mit Snape?“, erkundigte sich der Lord nun.

„Dumbledore weiß es nicht. Auch er hat keinen Kontakt zu ihm. Allerdings weiß er, dass Snape bei Potter war. Woher er das weiß, kann ich nicht genau sagen, aber es gibt Hinweise darauf, dass er Kontakt zu Potters Verwandten hat. Vielleicht hat Potter Snape mit nach Hause genommen?“, wagte der Todesser eine Vermutung.

Er ahnte nicht, wie nahe er der Wahrheit kam. Severus schirmte die Verbindung so gut es ging ab, sodass der Lord keinen Zugriff auf ihre Gedanken bekam. Er spürte das Zittern des Jüngeren neben sich, gleichzeitig aber auch die Gewissheit, dass Harry ebenfalls wissen wollte, woran sie waren.

„Snape hasst Potter.“, wischte der Lord die Vermutung beiseite. „Wahrscheinlich weiß er, dass er sich verraten hat und ist in Deckung gegangen. Ich habe einige meiner ausländischen Anhänger darauf angesetzt. Wenn er irgendwo in Europa auftaucht, werden wir es erfahren. Mein Arm reicht weiter, als Snape es sich vorstellen kann. Nun gut, was kannst du noch von der Ordensversammlung berichten?“

„Dumbledore ist dabei, ein neues Hauptquartier zu finden. Bei den Weasleys ist es zu eng, außerdem haben sie zu viele Kinder, die nicht alt genug für den Orden sind.“, fuhr der Todesser mit seinem Bericht fort. „Und sie stehen Potter zu nahe, ich denke, er hat Angst, dass sie sich gegen ihn stellen, wenn er Potter zwingt, gegen euch zu kämpfen.“

Severus spürte Harrys Erleichterung deutlich. Die Weasleys waren auf seiner Seite! Was er hingegen vom Schulleiter erfuhr, verängstigte Harry eher. Bisher hatte er immer geglaubt, Dumbledore wäre die richtige Seite, aber das schien nicht zu stimmen. Er konzentrierte sich wieder auf die Vision.

„Diese Blutsverräter sind schwach.“, kam es verächtlich von Voldemort. „Sie können ruhig auf der Seite des Alten bleiben, sie sind uns nicht gefährlich. Was hast du noch?“

„Er plant, Schüler zu rekrutieren, Sechst- und Siebtklässler, für den Kampf. Es ist ihm egal, dass sie keine Erfahrung haben. Er plant, den Minister zu überzeugen, dass ihr zurück seid, mein Lord. Außerdem will er, dass wir nach Zauberern und Hexen suchen, die sich ihm anschließen. Das Verschwinden Snapes und Potters scheint ihn ein wenig aus der Fassung gebracht zu haben, aber er wird sicher nicht lange brauchen, um sie zu ersetzen.“

„Wir werden ihm keine Zeit lassen, aber noch greifen wir nicht an.“, entschied der Lord. „Die Menschen wollen nicht glauben, dass ich zurück bin, also bleiben wir ruhig und sammeln Informationen. Ich werde einen Schlag gegen Dumbledore planen, den er nicht vergessen wird. Bring mir alles, was du herausfindest. Ich will wissen, wer im Orden ist und was Dumbledore plant. Und ich will alles über Potter wissen, wer sind seine Freunde, was sind seine Stärken und Schwächen. Jedes Detail. Wir lassen sie in Ruhe, aber wir müssen wissen, wer die Freunde sind, für die er alles tun würde.“

„Natürlich, mein Lord. Ich habe euch eine Liste gemacht, wer im Orden ist.“ Der bislang unbekannte Mann reichte dem Lord ein großes Stück Pergament, auf dem fein säuberlich Namen gelistet waren. Noch immer hob er den Kopf nicht, daher konnten sie nicht erkennen, wer es war. „Potters beste Freunde sind Ronald Weasley und dieses Schlammblut, Hermine Granger. Für sie würde er sicherlich alles tun.“

„Gut, sehr gut, mein treuer Diener.“ Voldemort wirkte mehr als erfreut. „Beobachte die Freunde Potters, aber lass sie nichts davon merken. Sie sollen sich sicher fühlen. Jetzt geh, damit Dumbledore keinen Verdacht schöpft.“

„Natürlich, mein Lord.“, verbeugte sich der schwarz Gekleidete. „Ich werde weiter berichten, sobald ich etwas erfahre.“

In gebeugtem Zustand ging der Spion rückwärts in Richtung Tür. Noch immer sah er nicht auf, hatte die Kapuze auf dem Kopf. Als würde er sich verbergen wollen vor den anderen Todessern, die möglicherweise anwesend waren. Doch als er die Türe öffnete, warf er einen letzten Blick zu Voldemort.

In dem Moment sahen Harry und Severus sein Gesicht. Harry erkannte es nicht. Mühsam schloss Severus die Verbindung und hielt Harry, der sich erneut übergab. Beruhigend sprach Sirius auf Harry ein, während Severus ihn festhielt.

Erschöpft lehnte sich Harry schließlich zurück, scheinbar ohne zu merken, auf wen er sich gerade stützte. „Warum?“, hauchte Harry.

Sirius sah ihn verwirrt an, doch Severus wusste genau, was der Jugendliche meinte. „Ich weiß es nicht.“, antwortete er leise. Er unterdrückte ein Seufzen und berichtete Sirius, was sie gesehen hatten.

„Dieser miese, elende Verräter!“, schimpfte Sirius.

„Wen genau meinst du nun damit, Black?“, fragte Severus trocken. Inzwischen hatte sich Harry von ihm gelöst. Auch er sah ein wenig verwirrt aus.

„Beide.“, kam es prompt von Sirius zurück. „Zuerst mal der Alte. Ich habe ihm vertraut, verdammt nochmal! Ich dachte, er will wirklich diesen ganzen Krieg beenden!“

„Will er auch.“, unterbrach ihn Severus. „Aber zu seinen Bedingungen. Und am Ende will er wie ein Gott verehrt werden.“

„Und dafür will er meinen Kleinen hier verwenden!“, knurrte der Animagus. „Das werde ich nicht zulassen.“

„Nein, das werden wir verhindern.“, nickte Severus ruhiger, als er sich fühlte. Er hatte zwar bereits einen Verdacht gehabt, aber es hier so offen zu hören, hatte auch ihn schockiert. Wie gut, dass er eigentlich auf keiner Seite war. Jetzt allerdings war er wohl auf beiden Seiten aufgeflogen. Das machte es schwieriger. Vor allem, weil er nun hier mit Harry und Black fest saß. Zumindest erst einmal. Sie konnten nicht einfach verschwinden, wohin auch. In seine eigentliche Heimat konnte er sie nicht mitnehmen, dafür musste man sich verwandeln, und das konnten die beiden Gryffindors nicht. Auch wenn ihm Black egal war, Harry war ihm wichtig. Und Harry war es wichtig, dass es Black gut ging. Also würde auch er nach Black sehen.

„Okay, und was machen wir nun?“, überlegte dieser gerade laut.

„Zuerst einmal kümmern wir uns um das Haus hier, immerhin sitzen wir hier fest und sollten es uns gemütlicher machen.“, zuckte Severus die Schultern. „Wir brauchen einen Zauberstab für Harry, und einen für mich. Allerdings bin ich gerade überfragt, wo wir das erledigen können, wenn der Lord seinen Einfluss so weit ausgedehnt hat.“

„Vielleicht kann Remus helfen.“, bot Sirius an. „Ich habe ihm eine Nachricht geschickt, will ihn hier in Sicherheit wissen. Er wird kommen, wenn er unbeobachtet ist.“

„Das wäre eine Möglichkeit.“, nickte Severus nach einigen Minuten, in denen er schweigend nachgedacht hatte. „Wenn er in die Nokturngasse geht, braucht er nur je einen Tropfen Blut von Harry und mir, dann bekommt er einen perfekten Stab. Außerdem haben wir den Vorteil, dass diese Stäbe nicht registriert werden. Und du bist sicher, Lupin trauen zu können?“

„Absolut.“ Sirius klang überzeugt.

„Ich vertraue ihm auch.“, fügte Harry leise an. „Er wird uns nicht schaden. Ich denke eher, er hat bereits Verdacht geschöpft, zumindest hat er mich gewarnt, vorsichtig zu sein und niemandem zu vertrauen.“

„Dann ist er klüger, als ich dachte.“, brummte Severus. „Machen wir uns an die Arbeit, dieses Haus hier ist kein Haus, sondern eine Katastrophe.“

„Da muss ich dir ausnahmsweise sogar Recht geben, Schniefelus.“, schnappte Sirius. „Ich wette, hier sind mehr schwarz-magische Objekte als Lebensmittel. Da müssen wir uns dringend auch etwas überlegen, wo wir Essen herbekommen. Ich schicke Remus noch eine Nachricht, er soll gleich noch einkaufen gehen, bevor er herkommt.“

„Lass es.“, schüttelte Severus den Kopf. „Ich denke, einige Illusionszauber, und dann in eines der Nachbarhäuser, so gehen wir als Muggel durch. Wir kaufen ein, abwechselnd. Nie gemeinsam und immer dann, wenn die meisten Leute unterwegs sind. Natürlich nur bei den Muggeln, dort suchen die Todesser nicht. Noch nicht. Ich schlage vor, Harry, du beobachtest die Nachbarschaft und findest heraus, wann die meisten Menschen aus den Häusern kommen. Wir“, er sah Sirius verächtlich an, „kümmern uns um diese Bruchbude.“

Harry nickte und schob sich im Salon einen Sessel ans Fenster, denn der Fenstersims war einfach zu schmal, um darauf sitzen zu können. Hinter sich hörte er, wie die beiden Erwachsenen debattierten, wie sie am besten weitermachten. Der Professor war scheinbar dafür, dass sie zunächst die schwarz-magischen Objekte suchten und entsorgten, danach erst umgestalteten, Sirius hingegen war der Meinung, man könne Stück für Stück umgestalten, und wenn man etwas Schwarz-magisches fand, konnte man es auch gleich mit entsorgen. Wie auch immer sie entschieden, Harry bekam es nicht mit, denn draußen konnte er beobachten, dass viele Leute in die Häuser kamen. Er sah auf die Uhr, die an einem Kirchturm nicht weit entfernt hing. Es war gegen kurz nach fünf Uhr nachmittags. Jetzt erst überlegte er, welcher Tag es eigentlich war. Nach einiger Zeit des Nachdenkens entschied er, es müsste ein Dienstag sein. Ganz sicher war er allerdings nicht, daher nahm er sich vor, später nachzuhaken.

Hinter ihm hatten sich Sirius und Severus noch immer nicht geeinigt. Sirius hatte begonnen, die Möbel und die Wände zu verändern, sodass es ihm gefiel. Als stolzer Gryffindor herrschten Rot- und Goldtöne vor, sodass Severus mehrmals schauderte, als er es sah. „Die Hölle in rot und gold.“, murrte er leise. Er selbst war dabei, nach schwarz-magischen Objekten zu suchen, hatte in einigen Schränken bereits mehrere gefunden, die Harry besser nicht in die Hand bekam. Plötzlich wich er zurück, als er eine Kette in die Hand bekam. Die Aura verriet ihm, das hier war mehr als gefährlich. Als hätte er sich verbrannt, ließ er es fallen.

„Du schwächelst.“, stichelte Sirius kichernd. „Hätte nicht gedacht, dass dir eine Kette schon zu schwer ist, Schniefelus.“

Severus ließ es unkommentiert, untersuchte das Medaillon mit stabloser Magie. Angespannt versuchte er, herauszufinden, was genau er da gefunden hatte. Irgendetwas stimmte hiermit nicht, das war nicht, was es zu sein schien. Er war froh, dass Harry nun das Wort an seinen Paten richtete und ihn damit ablenkte. Das Medaillon wirkte ziemlich alt, sah aber beinahe wie neu aus. Dennoch scheute Severus davor zurück, es zu berühren, es strahlte eine unheimliche Kälte aus. Mit einem Mal atmete er zischend ein, was ihm die Aufmerksamkeit der beiden Gryffindors sicherte.

„Was ist los?“, wollten sie wissen.

„Ich glaube, das hier schließt etwas Lebendes ein.“, beschrieb Severus seinen Fund.

„Jemand ist darin eingesperrt?“, keuchte Harry entsetzt auf.

„Ja. Nein.“, antwortete Severus. Er war selbst nicht ganz sicher, was er denken sollte. Etwas in diesem Medaillon pulsierte, es strahlte Leben aus. Allerdings nicht in dem Sinn, dass jemand darin eingeschlossen war. Er atmete einmal tief durch, dann blickte er auf. „Ich glaube, etwas hierin lebt. Kein Mensch, aber … ich kann es nicht beschreiben, es pulsiert, es versucht, mich zu beeinflussen.“

„Was ist es?“, wisperte Sirius. Man konnte ihm ansehen, dass es ihm Angst machte. Zu was waren seine Eltern fähig gewesen?

Beinahe bekam Severus Mitleid, der Grauäugige hatte sicher Einiges in seiner Jugend mitgemacht, als er nach Gryffindor kam. Aber es dauerte nur einen Moment, dann schüttelte Severus dieses Gefühl ab. Black hatte ihm wenigstens das Gleiche zugefügt, er verdiente kein Mitleid. Er räusperte sich. „Genau kann ich es nicht sagen, aber wir sollten es sicher aufbewahren. Ich denke nicht, dass es einfach vernichtet werden kann. Aber es sollte nicht berührt werden, ich gehe davon aus, dass es jemanden beeinflussen kann, wenn man sich damit beschäftigt, wenn man es berührt.“

„Okay.“ Sirius' Stimme klang fest. Er reichte Severus eine hölzerne Schachtel. „Leg es hier rein, dann können wir es in den Schrank stellen. Vielleicht finden wir in den Büchern meiner Familie einen Hinweis, was das hier ist und wie wir es vernichten können.“

Ruckartig nickte Severus. „Machen wir weiter, wir haben noch eine Menge Arbeit.“

Einige Tage später waren sie soweit, dass sie alle schwarzmagischen Objekte in einen kleinen Abstellraum im Keller verbannt hatten. Die Fenster waren vergrößert und geputzt, die Fensterbretter breiter und gepolstert, da sie gemerkt hatten, wie gerne Harry dort saß. Die Möbel waren luftiger, heller und nicht mehr so dominant, insgesamt wirkte das Haus heller, freundlicher und wärmer. Sirius und Severus gifteten sich immer noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit an, doch sie arbeiteten zusammen, um das Haus wohnlich zu gestalten. Außerdem versuchten sie in den Büchern einen Hinweis zu finden, was das Medaillon war. Sie beschäftigten sich auch viel mit Harry, gaben ihm die Möglichkeit, über seine Vergangenheit zu sprechen. Keiner drängte ihn, aber Harry spürte, sie waren für ihn da. Zwar verwirrte Snape ihn, doch Harry vertraute ihm und es fiel ihm nicht schwer, über Dinge zu sprechen, die ihn belasteten. Vielleicht, weil Snape bereits einen kleinen Einblick bekommen hatte. Der Tränkemeister war da, gab ihm einen gewissen Halt, drängte ihn jedoch nicht. Mit ihm konnte er auch einfach mal schweigen, wenn ihm nicht nach Reden war. Das war bei Sirius nicht möglich. Harry liebte seinen Paten, war dankbar für die Nähe, aber oft war Sirius ihm zu launisch, zu kindisch, zu laut. Manchmal schien er auch James in ihm zu sehen. Harry wusste, Askaban und die anschließende Flucht hatten Sirius nicht gut getan, aber diese Situationen belasteten Harry sehr, daher konnte er sich seinem Paten nicht so anvertrauen, wie dieser es vielleicht verdiente.

„Wir können essen.“, holte Severus die beiden Gryffindors nun in die Küche. Sie wechselten sich mit dem Kochen ab, jeder war mal an der Reihe. Unter der Woche konnten sie am Morgen ziemlich gut in der Menge verschwinden, wenn die Muggel, die rundum wohnten, in die Arbeit oder die Schule gingen. Das nutzten sie nun alle paar Tage, um unter einem leichten Illusionszauber einkaufen zu gehen, entweder Severus oder Sirius, Harry blieb im Haus. Dazwischen sprachen oder lernten sie mit Harry. Der Jugendliche wirkte entspannter, auch wenn ihn nachts immer noch Alpträume verfolgten. Aber seit zwei Tagen lernte Severus mit ihm Okklumentik, das würde ihm auf Dauer sicher helfen, nicht nur gegen die Visionen – von denen er immer noch nicht wusste, warum Harry sie hatte – sondern auch gegen die Alpträume. Wobei diese deutlich besser wurden, je mehr er redete.

Gerade, als sie nach unten gehen wollten, färbte sich das Feuer im Kamin grün. Mit erhobenem Zauberstab wandte sich Sirius um. Er und Severus stellten sich vor Harry, der keine Möglichkeit hatte, sich zu verteidigen. Sie ließen ihn nur selten alleine, da er im Ernstfall nicht apparieren konnte. Ein Schemen tauchte im Feuer auf und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Gestalt von Remus ausmachen. Doch sie ließen die Abwehrhaltung noch nicht fallen.

Remus Lupin hob die Arme, als wollte er zeigen, dass er unbewaffnet war. „Ich bin Remus Lupin, Werwolf. Sirius, du bist mein bester Freund, gemeinsam mit Peter und James warst du mein Rudel, verwandelst dich in einen großen, schwarzen Hund namens Tatze an Vollmond. Severus, du hast panische Angst vor Werwölfen, seit du meiner anderen Gestalt begegnet bist, was mir wirklich leid tut.“

„Moony!“, grinste Sirius nun und fiel seinem besten Freund um den Hals.

„Lupin.“, nickte Severus kühl. „Die Entschuldigungen kannst du dir sparen, es war nie deine Schuld.“ Sein durchdringender, eiskalter Blick traf Sirius, der so tat, als wüsste er nicht, wovon gerade die Rede war.

„Hallo, Professor Lupin!“, lächelte Harry scheu. Doch er blieb neben Sirius stehen.

„Remus.“, schüttelte der Dunkelblonde den Kopf. „Harry, ich bin nicht dein Professor. Nicht mehr. Nenn' mich Remus, immerhin bist du der Sohn meiner besten Freunde.“

„Hallo, Remus!“ Harry ließ zu, dass Remus ihm durch die Haare strich und ihn kurz an sich zog. Auch wenn er dabei leise zitterte.

Sie nahmen ihn mit zum Essen, erzählten, was sie erfahren hatten, was passiert war und warum sie nun hier fest saßen. Remus versprach sofort, die Zauberstäbe zu besorgen, und auch alles, was sie sonst brauchten. Harry seufzte erleichtert auf, er würde sich deutlich wohler fühlen, wenn er einen neuen Zauberstab hatte. Selbst dem Tränkemeister konnte man die Erleichterung ansehen, wenn es auch nicht so deutlich war. Aber seine Schultern entspannten sich ein wenig, auch die steile Falte über seiner Nase glättete sich etwas. Ja, Harry lernte langsam, die kleinen Zeichen seines Professors zu lesen. Sie entschieden, dass Remus am Morgen in die Nokturngasse apparieren würde.

„Ich war bei den Werwölfen.“, verriet Remus auf die Frage, wo er die letzten Wochen war. „Eigentlich auf Anweisung Dumbledores, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich damit nicht weit komme. Greyback ist der Alpha, er hat einen regelrechten Hass auf Dumbledore und das Ministerium. Kein Wunder, immerhin werden er und sein Rudel geächtet und teilweise sogar gejagt. Kein Wunder, dass sie sich Du-weißt-schon-wem anschließen, der verspricht immerhin Besserung. Nun, ich glaube nicht daran, aber mich wundert nicht, dass es die Wölfe tun.“ Severus horchte auf, das klang, als sollte er sich mit Greyback treffen, wenn sich eine Gelegenheit ergab. Er nahm sich vor, noch am Abend eine Nachricht zu schicken, vielleicht konnten sie die Werwölfe auf ihre Seite holen. Doch er sagte nichts, ließ Lupin weitersprechen. „Auch die Geschichten, die über Greyback kursieren, sind nicht richtig. Ja, er greift an, er beißt zu. Aber eigentlich wundert es mich nicht. Es geht immer gegen Menschen, die sich an ihm, seinem Rudel oder seinem Gefährten vergriffen haben.“ Sirius und Severus atmeten hörbar ein. „Ja, er hat seinen Gefährten schon vor vielen Jahren gefunden. Mein Dad hatte ihn damals angegriffen, deshalb ist Greyback bei uns auf die Lauer gegangen. Er hat sich entschuldigt bei mir; dass er mich damals verwandelt hat, das war keine Absicht gewesen. Er wollte meinen Vater treffen, konnte es aber zu der Zeit noch nicht steuern. Ich weiß nicht, ob ich es je vergessen kann, aber ich habe ihm verziehen. Dad hat seinen Gefährten schlimm erwischt, er leidet bis heute darunter. Sein rechter Arm ist abgetrennt, er reicht nur bis knapp unter die Schulter. Er kann als Wolf kaum laufen, und hat noch immer ständig Schmerzen, aber kein Heiler will ihn behandeln. Einzig ein Heiler aus den Reihen der Todesser gibt ihm etwas gegen die Schmerzen.“

„Wer ist sein Gefährte?“, wollte Sirius, neugierig wie immer, wissen.

„Ein Werwolf namens Andy. Er ist nicht-magisch, sieht man davon ab, dass er sich auch außerhalb des Vollmondes verwandeln kann. Macht er allerdings eher selten, da ihm dann die rechte Vorderpfote fehlt.“, antwortete Remus.

„Dann ist es sicher Heiler Zabini.“, mischte sich Severus ein. „Er ist der einzige Heiler in den Reihen der Todesser, wenn auch wohl nicht freiwillig.“ Er sah die wissbegierigen Blicke der drei Gryffindors und unterdrückte ein Seufzen. Sie waren aufeinander angewiesen, wahrscheinlich sollte er es ihnen sagen. „Der Lord hat seine Tochter in der Gewalt, Devon Zabini hat keine Wahl. Blaise, sein Sohn, wird sich wohl auch bald zeichnen lassen müssen.“

„Ich kenne Blaise.“, warf Harry ein. „Er ist eigentlich ein ruhiger Junge, sagt nicht viel. Er hat sich immer raus gehalten, wenn die Slytherins gegen uns Gryffindors vorgegangen sind. Ich glaube, er wollte immer neutral sein. Ich wusste nicht einmal, dass er eine Schwester hat!“

„Richtig. Das weiß kaum jemand außerhalb seiner engeren Freunde.“, nickte Severus. „Aber er hat keine Chance. Er will nicht dafür verantwortlich sein, was mit Chiara, seiner dreijährigen Schwester, passiert. Ihre Mutter wurde vor dem Ende des letzten Schuljahres, direkt nach den Ereignissen auf dem Friedhof, in eine Falle gelockt, sie war gerade mit Chiara einkaufen, als Blaise in der Schule und Devon im Mungos war. Der Lord hat Lucia, die Mutter, gefoltert und vor Devons Augen getötet, Chiara ist bei ihm.“

„Oh nein!“, hauchte Harry. Er wirkte ziemlich blass und leicht grünlich. „Wir müssen sie befreien!“

„Noch haben wir keine Möglichkeit dazu.“, schüttelte Severus bedauernd den Kopf. Er schätzte Devon als Mensch sehr, doch es würde alles aufs Spiel setzen, das er bisher aufgebaut hatte. Er traf eine Entscheidung. „Ich kann euch jetzt nichts sagen, noch nicht. Harry, erst wenn du die Okklumentik beherrscht, kann ich dir einige Geheimnisse anvertrauen. So lange der Lord Zugriff auf deine Gedanken hat, ist es zu gefährlich. Alleine schon die Tatsache, dass du und ich gemeinsam hier sind, ist brisant. Dagegen können wir jedoch im Moment nichts tun.“

„Können … können sie das irgendwie … ich weiß nicht, verstecken?“, unterbrach Harry leise.

„Theoretisch schon.“, nickte Severus nach einem Moment. „Allerdings wird es nicht ganz angenehm sein, die Folgen davon sind meistens Kopfschmerzen und möglicherweise Konzentrationsstörungen, deshalb habe ich es bisher vermieden.“

„Was würde passieren, wenn Voldemort herausfindet, dass sie … mit mir gemeinsam versteckt sind? Dass sie mir helfen?“, erkundigte sich Harry.

„Ich bin nicht sicher.“, gab Severus nach einigem Nachdenken zurück. „Er ist ohnehin bereits auf der Suche nach uns. Gefährlich wird es vor allem, wenn er genauer herausfindet, wo wir uns verstecken. Genug Hinweise darauf hat er schon, daher wird es keinen Sinn machen, das in deinem Kopf zu verstecken. Ich denke eher, wir konzentrieren uns darauf, dass du Okklumentik lernst, um die Informationen selbst zu verbergen, das ist deutlich effektiver. Bis dahin werde ich sehen, dass ich dich bei Visionen weiter so unterstütze, wie ich es bisher schon getan habe. Notfalls kann ich dich sogar herausholen, auch wenn das anstrengend wird.“

„Okay.“, nickte Harry.

„Gut. Außerdem sollten wir dir vor allem Verteidigungszauber beibringen.“, überlegte Severus weiter. „Dazu Apparieren, Angriffszauber, und Tränke. Du musst in der Lage sein, alles zu erkennen, was dir jemand möglicherweise unterschiebt.“

Harry schluckte, doch da auch Remus und Sirius zustimmend nickten, versprach er, sich Mühe zu geben. Ihm war klar, dass er in Gefahr war, mehr noch als früher. Würde das jemals aufhören? Er wollte doch einfach nur seine Ruhe haben, vielleicht eine kleine Familie. Keine Aufmerksamkeit mehr, keine Jagd, niemanden, der von ihm verlangte, die Welt zu retten. Keine Schmerzen mehr, keine Schläge und … Er schauderte und krümmte sich instinktiv, als er sich an den Schmerz erinnerte, als Dudleys bester Freund …

„Ruhig atmen, Harry. Ganz ruhig.“, drang plötzlich eine dunkle, beruhigend sanfte Stimme zu ihm durch. Er spürte lange, schmale Finger auf seinem Rücken, wie sie beinahe zärtlich auf und ab strichen, hörte die leisen Kommandos, versuchte, seine Atmung anzugleichen. Instinktiv vertraute er dieser Stimme, lehnte sich näher zu ihr. Nach und nach spürte er, wie er ruhiger wurde, die Panik nachließ. Erst jetzt merkte er, dass seine Wangen feucht waren, er zusammengekrümmt auf dem Boden kauerte, fest an die Wand gepresst. Wie war er dahin gekommen, eben hatte er doch noch am Tisch gesessen?

Remus und Sirius atmeten auf, als sie merkten, wie Harry ruhiger wurde. Entsetzt hatten sie beobachtet, wie Harry hektisch atmete, hyperventilierte, immer weiter zurückwich und sich an die Wand drückte, klein machte. Gerade Sirius hatte gehofft, dass es besser wurde, er wünschte seinem Kleinen, dass er das alles einfach vergessen konnte. Doch so leicht war es wohl leider nicht. Auch Remus war entsetzt, realisierte wohl erst jetzt, was genau seinem Welpen passiert war. Allerdings zog er misstrauisch die Augen zusammen und die Stirn in Falten, als er merkte, wie schnell sich Harry ausgerechnet von Severus Snape beruhigen ließ. Da steckte doch mehr dahinter! Das würde er herausfinden, nahm er sich vor. So, wie Sirius wirkte, wusste der mehr, aber auch nicht alles. Für heute ließ er es gut sein, aber er würde nachhaken. Doch vorerst brauchte Harry Ruhe.

Auch die Nacht wurde unruhig, so sehr, dass Severus schließlich bei Harry blieb und ihm, wie in der ersten Nacht hier im Grimmauldplatz, die Hand auf die Stirn legte, damit er ihm im Traum beistehen konnte. Ihn wunderte es, dass Harry es bislang einfach hinnahm, nicht hinterfragte. Er konnte ja nicht wissen, dass Harry Angst hatte, es anzusprechen, weil er befürchtete, dass Snape dann aufhören würde. Der Jugendliche fühlte sich seltsam sicher und wohl, wenn Snape bei ihm war. Also beschloss er, die Tatsache zu ignorieren, dass er nicht wusste, was das bedeutete, sondern einfach nur die Geborgenheit zu genießen, die ihm geboten wurde. Vielleicht lag es daran, dass Snape Piers von ihm weggezogen hatte, dass er ihn dort weggebracht hatte. Der Tränkemeister versprach ihm eine gewisse Sicherheit, Schutz. So lange er bei ihm war, konnte Harry sogar schlafen, ohne vor Angst ständig aufzuwachen und sich erschrocken umzusehen. Severus hingegen schlief nicht, döste nur in einem Sessel vor sich hin.

Am Morgen schickte er Harry ins Bad, dann ging er selbst in die Wanne. Er ließ die Verwandlung geschehen, tauchte komplett ein. Eine halbe Stunde später fühlte er sich vollkommen regeneriert und verwandelte sich zurück, stieg aus der Wanne. Einen Moment legte sich ein Schmunzeln auf sein Gesicht, es hatte Vorteile, ein magisches Wesen zu sein. Aber schnell wurde er wieder ernst. Seine Mission war noch lange nicht zu Ende, aber nun deutlich schwieriger als zuvor. Er musste nicht nur Harry beschützen, sich mit ihm gemeinsam verbergen, sondern auch herausfinden, was es mit dem Medaillon auf sich hatte, warum Harry eine Verbindung zum Lord hatte, und wie sie vermeiden konnten, dass die Bevölkerung unter den beiden Anführern und ihren Anhängern litt. Es würde sicher bald anfangen, so wie im ersten Krieg vor einigen Jahren. Er traute Dumbledore durchaus zu, einige seiner Anhänger los zu schicken, um als Todesser für Panik zu sorgen, wenn der Lord seine Leute länger zurückhielt. Dumbledore wollte das Ministerium unbedingt davon überzeugen, dass der Lord zurück war. Harrys Geschichte schenkte der Minister keinen Glauben, er ließ ihn als Lügner diffamieren. Wahrscheinlich war es Fudge gerade Recht, dass er einen Vorwand bekommen hatte, Harry zu bestrafen, schon immer war ihm der Junge ein Dorn im Auge gewesen. Nun musste er Harry also nicht nur vor dem Lord schützen, sondern auch vor Dumbledore und dem Ministerium. Wobei, vor dem Alten hatte er ihn bereits ein wenig geschützt, so gut es eben ging, ohne auffällig zu werden. Dumbledore hatte immer geglaubt, dass er, Severus, voll und ganz hinter ihm stand. Pah. Darauf konnte der Alte lange warten. Schon früh hatte Severus das Spiel durchschaut, wenn auch nur durch Zufall. Sein Erbe half ihm sehr, er musste einen Menschen nur berühren, um seine Gedanken zu kennen. Deshalb mied er Hautkontakt normalerweise. Das war auch der Grund für seine Kleidung. Wenn ihn jemand zufällig berührte, war die Wahrscheinlichkeit, Haut auf Haut zu treffen, sehr gering. Doch damals, er war gerade in der sechsten Klasse, hatte Dumbledore ihn berührt. Direkt nach den Ereignissen in der heulenden Hütte. Er hatte noch immer Panik gehabt, da war es passiert. Schnell hatte er sich von dem Schreck erholt und in die Wirklichkeit zurück gefunden, aber seither wusste er, dass Dumbledore nicht der gutmütige und weise Schulleiter war, der er vorgab zu sein. Er wollte Macht. Immer mehr. Und Reichtum. Seither arbeitete er als Spion gegen Dumbledore und Voldemort. Für die dritte Front, die sein Onkel, gemeinsam mit einem guten Freund, gegründet hatte. Noch hatte keiner der beiden, weder Dumbledore noch Voldemort, eine Ahnung von ihnen, doch das würde sich nicht mehr lange vermeiden lassen. Bald mussten sie eingreifen.

„Guten Morgen.“, grüßte ihn Lupin, als er in die Küche kam. Harry und Black saßen bereits am Tisch und frühstückten, wobei gerade Harry eher in seinem Müsli herumpickte. Severus griff nach der Kaffeekanne und schenkte sich eine große Tasse ein. Vorher war er zu nichts in der Lage, vor allem, wenn er sich mit den drei Gryffindors arrangieren sollte. Auch wenn es die letzten Tage einigermaßen geklappt hatte. Doch Black wollte eindeutig mehr wissen. Wenigstens hatte er aufgehört, wenn Harry dabei war, der Junge sollte es nicht erfahren. Er war noch lange nicht so weit, dass er eine Beziehung auch nur in Betracht ziehen würde. Außerdem wollte Severus, dass er sich frei entscheiden konnte. Harry würde sich an ihn binden, wenn er ihm sagte, dass sie Gefährten waren, aber ob er damit glücklich wurde, das bezweifelte Severus sehr. Und das war das Einzige, was zählte. Sein Gefährte sollte glücklich sein. Wenn er dann noch in seiner Nähe sein durfte, reichte ihm das. Es war nicht so, dass er auf seinen Gefährten angewiesen war, er war kein Vampir, der einen Blutrausch bekommen konnte, auch kein Veela, dessen Charme gebunden werden musste. Ein Gefährte war nicht notwendig, aber um wirklich frei und glücklich sein zu können, würde er einen glücklichen Gefährten an seiner Seite haben müssen.

„Also soll ich heute in die Nokturngasse gehen?“, fragte Remus gerade und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Das wäre von Vorteil.“, nickte Severus. „Weder Black noch ich können gehen, wir werden von zu vielen Seiten gesucht. Du wirst zumindest bisher noch ignoriert. Wobei ich ahne, dass es nicht mehr lange so sein wird, daher sollten wir es schnell erledigen.“

„Gut. Dann brauche ich je einen Tropfen Blut von dir und von Harry.“, stimmte Remus zu.

Severus zog eine kleine Phiole heraus, schnitt sich in den Finger und ließ einen Tropfen Blut hineinfallen. Eine zweite Phiole reichte er Harry. Ein wenig unsicher sah er auf, dann aber folgte er dem Beispiel des Schwarzäugigen, stach sich in den Zeigefinger und ließ einen Tropfen Blut ins Glas fallen. Sirius griff nach der Hand und heilte die kleine Wunde mit einem Schwenk seines Zauberstabes. „Danke!“, murmelte Harry und schmiegte sich in eine halbe Umarmung, da Sirius den Arm um seine Schultern gelegt hatte. Wenn er nicht gerade panisch war, fühlte er sich bei seinem Paten auch sicher und wohl.

„Das sollten wir dir auch beibringen.“, bemerkte Sirius. Fragend sah Harry zu ihm auf. „Heilzauber.“ Harry strahlte, ja, das wollte er lernen. Viel mehr als das Kämpfen. Heilen war doch schöner als Verletzen.

„Gute Idee.“, brummte sogar Severus.

„Okay, dann machen wir das.“, grinste Sirius. „Iss fertig, danach fangen wir an.“ Nun aß Harry deutlich enthusiastischer, bis seine Schale leer war. Anschließend folgte er seinem Paten in den Salon. Bis sie feststellten, dass Harry ohne Zauberstab nicht wirklich etwas zustande brachte.

„Kein Wunder.“, warf Severus ein, der sie im Türrahmen stehend eine Weile beobachtet hatte. „Harry, du musst erst lernen, deine Magie zu kanalisieren. In deinem Alter schaffen das die Wenigsten ohne Zauberstab. Viele Erwachsene können es nicht, weil sie es nie gelernt haben, konzentriert zu bleiben.“

„Wie kann ich das lernen?“, hakte Harry sofort nach.

„Fangen wir mit Okklumentik an.“, ging Severus nicht weiter darauf ein. „Es ist die Kunst, den Geist zu verschließen. Dabei lernst du beides: Konzentration und deine Magie kennen. Erst, wenn du beides beherrschst, kannst du auch stabloses Zaubern lernen. Ich denke nicht, dass du damit dann große Schwierigkeiten hast.“

Und während Severus Harry in die Kunst der Geistmagie einführte, tauchte Remus im tropfenden Kessel auf. Er hatte einige Illusionszauber über sich gelegt, damit er nicht sofort erkannt wurde. Zügig ging er durch den Pub und öffnete den Durchgang in die Winkelgasse. Hier herrschte reges Treiben, auch wenn es noch eine Weile dauern würde, bis die Schüler ihre Schulsachen kauften. Immerhin war es erst Ende Juli, die Schulbriefe wurden im August verschickt. Da fiel Remus ein, dass er noch ein Geschenk für den Welpen brauchte. Also schlenderte er erst einmal durch die Winkelgasse, um etwas zu finden. Er war nicht so arm, wie es immer den Anschein hatte, aber reich war er sicher auch nicht. Lange Jahre hatte er in der Muggelwelt gearbeitet, da die magische Welt es ihm verwehrte. Nicht einmal Dumbledore hatte es geahnt, und seit gestern wusste Remus, dass es gut gewesen war, dem Alten nichts davon zu sagen.

Von weitem sah er einige bekannte Gesichter, sie alle schienen sich aufmerksam umzusehen. Gut, dass er sich verborgen hatte unter einigen Zaubern. Nun sah er älter aus, vielleicht so an die achtzig, graue Haare, etwas untersetzt. Seine Augen hatte er zu einem dunklen braun werden lassen, das goldene Leuchten war einfach zu auffällig. Er nutzte einen Stock, den er notfalls auch zur Verteidigung verwenden konnte, denn er hatte in der Muggelwelt Kampfsport lieben gelernt. Vielleicht könnte er das auch mit Harry, Sirius und Severus trainieren, es schadete ihnen sicher nicht. Zum ersten Mal fiel ihm in Ollivanders Laden ein Plakat auf, das im Schaufenster hing. Sie suchten nach Harry! Ganz offiziell, mit Unterschrift des Ministers. Merlin, der Junge hatte aber auch ein Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Remus tat so, als würde er verschnaufen – innerlich grinste er, die Tarnung war perfekt – und las das Plakat in Ruhe durch. Sie wollten Harry den Mord an Cedric unterschieben. Beinahe hätte er sich verraten und aufgekeucht, gerade noch konnte er es verhindern. Der Zauber im Ligusterweg war nur der Aufhänger gewesen. Gut, dass Harry noch keine Zeitung in die Hand bekommen hatte, seit er aus Hogwarts weg war. Daneben hing ein Plakat, das von einem Ausbruch aus Askaban handelte. Er schauderte, als er erkannte, wer da geflohen war – die Lestranges. Das Ministerium schob das Sirius in die Schuhe, weil er es bereits geschafft hatte, aus dem Hochsicherheitsgefängnis auszubrechen und der Cousin von Bellatrix Lestrange war. Remus ging weiter, nur mühsam beherrscht. Er wusste, er musste langsam gehen, sonst würde es auffallen, dass er nicht so alt war, wie er aussah.

In der Apotheke kaufte er einen Haufen Zutaten, die Severus in Auftrag gegeben hatte, dann ging er weiter zu einem Kleiderladen. Dort suchte er für seinen Enkel einige Kleidungsstücke heraus. Zu viel konnte er nicht mitnehmen, sonst wäre es auffällig, aber Harry hatte so gut wie nichts. Sirius hatte ihm nur einige Sachen von Regulus rausgesucht, die hatten sie passend gezaubert, aber er brauchte noch warme Dinge. Hier erstand er nur zwei Roben, eine blaue, eine schwarze, dazu ein Paar Drachenlederstiefel, die im Sommer angenehm kühl, im Winter hingegen warm waren. Wer wusste schon, was auf sie wartete? Schließlich wandte er sich der Nokturngasse zu. Langsamen Schrittes ging er zu dem Laden, wo es laut Severus gute Stäbe gab. Von außen wirkte er genauso schäbig wie alle Geschäfte, an denen Remus vorbeigegangen war, doch innen riss er überrascht die Augen auf. Hell, offen, sauber und freundlich. Und erstaunlich leer. Nur eine Theke, auf der eine alte Kasse stand, einige Sitzgelegenheiten. In der Theke lagen verschiedene Materialien, Remus erkannte Phönixfedern, Einhornhaare, Vampirzähne und vieles mehr. Verschiedene Holzarten waren ebenfalls ausgestellt.

„Sie suchen einen Stab?“, riss ihn der Verkäufer nun aus seinen Betrachtungen.

„Sogar zwei, wenn ich ehrlich bin.“, gestand Remus. „Einen für meinen Enkel, einen für einen guten Freund.“

„Und sie haben ein wenig Blut mitgebracht?“, wollte der Mann wissen. Remus nickte und holte die Phiolen hervor, während er versuchte, den Verkäufer einzuschätzen. Seine Augen wirkten milchig-trüb, man konnte nur einen leichten Schimmer von rosé erkennen, der möglicherweise die Iris war. Das ließ den Mann älter wirken, als die restliche Erscheinung. Sein Körper sah gestählt aus, muskulös und schlank, nicht älter als vielleicht 25 Jahre, seine Haare waren hell und extrem kurz geschoren, sodass Remus im ersten Moment glaubte, er sei kahl. Ob sie aber hellblond oder weiß waren, konnte er nicht erkennen.

Irgendwann erkannte er, dass er den Mann bereits viel zu lange anstarrte, der auf das Blut wartete, also trat er die letzten beiden Schritte auf ihn zu und legte die Phiolen auf die ausgestreckten Hände.

„Wollen sie darauf warten?“, erkundigte sich der Verkäufer. „Es dauert etwa zwei bis drei Stunden, dann habe ich die Stäbe fertig. Sie können hier sitzen, oder sie kommen später wieder.“

Remus überlegte einen Moment, doch dann entschied er, noch etwas zu erledigen in der Zwischenzeit. „Ich komme in drei Stunden zurück.“ Fast ein wenig zu hastig verließ er den Laden und die Nokturngasse, ging durch den Pub nach draußen in die Welt von Muggellondon. Schnell fand er eine Buslinie, die ihn dahin bringen würde, wo sein Ziel war.

„An nichts denken, Harry, leere deinen Geist!“, forderte Snape nun zum gefühlt hundertsten Mal.

Harry stöhnte. So anstrengend hätte er es sich nie vorgestellt. Seit Stunden versuchte er, seinen Kopf zu leeren, doch es wollte einfach nicht klappen. Immerzu dachte er an irgendwas und schaffte es nicht, Snape aus seinem Kopf zu halten. Dennoch versuchten sie es wieder und wieder, jedes Mal sah Snape andere Erinnerungen. Eigentlich kannte er nun so gut wie alles aus seinem Leben, dachte Harry murrend.

„Gib ihm eine Pause, er sollte etwas essen und trinken.“, unterbrach Sirius die Anweisungen.

Der Professor wollte im ersten Moment etwas sagen, doch dann nickte er nur. Auch wenn ihm klar war, dass der Lord dem Jungen keine Pause lassen würde, sobald er dahinter kam, so war ihm doch bewusst, dass Harry eine Pause brauchte, um Energie zu tanken. Seine Hand zitterte bereits, und sie waren in der letzten Stunde keinen Schritt weiter gekommen. Obwohl sich Harry anfangs gut geschlagen hatte. Das war ein deutliches Zeichen dafür, dass sie unterbrechen mussten.

„Gut gemacht, Harry.“, lobte Sirius, als klar wurde, dass Snape nichts sagen würde. Sie gingen in die Küche, wo sie sich einige Sandwiches richteten. Beinahe genießerisch biss Harry in eines mit Schinken und Käse. Severus beobachtete ihn, ahnte, wie gut es dem Jungen schmecken musste, da er in den letzten Wochen kaum etwas bekommen hatte. Vor allem aber genoss er jedes Strahlen seines Gefährten. Endlich schien er den Schrecken bei seinen Verwandten hinter sich lassen zu können.

Nach dem Essen machten sie weiter, es würde sicher den ganzen Tag dauern, bis Remus zurückkam. Die Zeit bis dahin konnten sie nutzen. Diesmal setzte sich Harry in den Stuhl am Schreibtisch, den sie in die Bibliothek des Hauses gezaubert hatten. Severus drehte den Stuhl so, dass Harry auf ein kahles Stück Wand blickte. Hinter ihm stehend sprach er leise und mit einem sehr ruhigen Ton: „Konzentriere dich nur auf die Wand, Harry. Sieh dir die Wand an. Denke an nichts als die Wand. So lange, bis sie dein ganzes Denken einnimmt.“

Harry versuchte es, er versuchte es wirklich, doch die dunkle Stimme lenkte ihn mehr ab, als sie es sollte. So warm und ruhig, ja beinahe zärtlich, hatte er Snapes Stimme nie gehört. Es machte Harry unruhig, sie zu hören. Einerseits wünschte er sich, dass Snape nie mit dem Reden aufhören würde, andererseits war ihm klar, dass er dann seinen Kopf nicht leer bekam. Nicht, wenn Snape mit diesem Ton sprach. Der löste ein warmes, kribbeliges Gefühl in ihm aus. Dennoch wurde er langsam ruhiger, gab sich der Stimme hin. Sie wirkte hypnotisch auf ihn, nahm immer mehr Platz in seinem Kopf ein, verdrängte alles andere, auch die Wand. Natürlich kam es, wie es kommen musste, als Snape in seinen Kopf eindrang, konnte er ihn nicht aufhalten, von der Wand war keine Spur, Harry erinnerte sich nicht einmal daran, dass er an die Wand hatte denken sollen.

„Verdammt!“, fluchte Severus. „Willst du es nicht verstehen? Ich versuche hier, dir etwas Essentielles beizubringen, aber mir scheint, du hast kein Interesse daran. Macht es Spaß, den Lord in deinen Kopf zu lassen?“

„Nein, aber …“, schrie Harry auf, doch er konnte seine Gefühle nicht in Worte fassen, verstand sich selbst gerade nicht mehr. Verunsichert, wütend und gleichzeitig verängstigt sprang er auf, sodass er den Stuhl umwarf, und rannte aus dem Raum, flüchtete in sein Zimmer. Er warf die Tür hinter sich zu, ein deutliches Zeichen, dass er alleine sein wollte. Eine Weile lief er erregt durch den Raum, vom Bett zum Schreibtisch und zurück, bis er sich schließlich auf die Fensterbank setzte. Sein Lieblingsplatz. Hier kam er zur Ruhe, konnte nachdenken. Er wusste, er tat Snape Unrecht, der Slytherin gab sich wirklich Mühe. Seit er ihn aus dem Ligusterweg weggebracht hatte, schien er ein anderer Mensch zu sein. Und gerade das verunsicherte Harry. Er fühlte sich sicher und geborgen, wenn Snape in der Nähe war, aber er konnte den Mann nun nicht mehr einschätzen. Warum war er mit einem Mal so anders? Fürsorglich, ruhig, geduldig, besorgt? Harry spürte ständig die Blicke des Älteren auf sich, aber er verstand es nicht. Der Tränkemeister ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, am liebsten wäre er ständig in seiner Nähe. Was bedeutete das? Selbst in seinen Alpträumen war Snape da, gab ihm Ruhe und Sicherheit. Dank ihm konnte Harry nach und nach die Geister bekämpfen, die ihn überfielen. Er merkte, wie er ruhiger wurde, sobald er nur an Snape dachte.

„Argh!“ Frustriert stöhnte Harry auf. Darüber wollte er nicht mehr länger nachdenken. Sein Kopf war ohnehin so voll mit den verschiedensten Gedanken. Seit er wusste, dass Dumbledore ihm jahrelang etwas vorgespielt hatte, versuchte er herauszufinden, was mit seinen Freunden war. Waren Ron und Hermine jemals seine Freunde gewesen? Hätte er damals das Angebot von Malfoy annehmen sollen oder war der auch bald Todesser? Er hatte Malfoy, den Vater, bei einer der Visionen erkannt. Also war er ein Todesser. Obwohl, das war bereits seit dem Friedhof eindeutig. Harry hatte ihn dort erkannt. Die Eltern von Ron standen wahrscheinlich fest hinter Dumbledore, aber was war mit Ron? Oder mit seinen Brüdern? Was war mit Hermine und Ginny? Würde Dumbledore sie auf seine Seite bringen, um ihn zu erpressen? Wobei, was wollte Dumbledore jetzt noch von ihm? Er könnte Voldemort nicht bekämpfen, wenn sie ihm die Magie entzogen. Auch wenn Sirius und Snape es vor ihm verbergen wollten, er wusste durchaus, wie die Presse über ihn schrieb. Dass er wegen Mordes an Cedric gesucht wurde. Es tat weh, aber es passte zu Fudge. Der wollte einfach nicht glauben, dass Voldemort zurück war, da konnte er schlecht öffentlich zugeben, dass Cedric auf Voldemorts Befehl hin getötet wurde. Es war wohl einfacher, Harry als Lügner hinzustellen, dadurch diffamierte er gleichzeitig Dumbledore, der ihm geglaubt hatte. Dumbledore und Fudge standen nicht wirklich auf der gleichen Seite, Harry ahnte, dass der Direktor mehr wollte, mehr Einfluss, mehr Macht. Und da stand der Minister ihm im Weg. Warum er dann abgelehnt hatte, als ihm vor einigen Jahren der Ministerposten angeboten wurde, verstand Harry allerdings nicht.

Um sich abzulenken, griff Harry schließlich nach einem der Bücher auf seinem Schreibtisch. Er erwischte eines über schwarze Magie und begann zu lesen. Zunächst etwas skeptisch, doch schnell interessiert. Vollkommen vertieft verbrachte er die nächsten Stunden damit, die theoretischen Grundlagen schwarzer Magie zu erlernen. Nie hätte er geglaubt, dass es so viele verschiedene Heil- und Verteidigungszauber in diesem Bereich gab, die auch noch deutlich stärker als das waren, was er bisher kannte. Warum brachte niemand einem derartige Dinge bei? Erschrocken zuckte er zurück, als er plötzlich eine Berührung an seiner Schulter spürte.

„Ruhig, Harry.“, mahnte Sirius. „Du hast nicht reagiert, als ich dich angesprochen habe. Das Essen ist fertig, und Remus hat einen neuen Zauberstab für dich.“

Aufgeregt sprang Harry vom Fensterbrett und folgte seinem Paten in die Küche. Remus grinste, hatte aber beschlossen, ihm den Stab erst nach dem Essen zu geben. Schmollend machte sich Harry über sein Steak und die Kartoffeln her, aß das Gemüse in Rekordtempo. Währenddessen erzählte Remus von dem Ausbruch aus dem Gefängnis.

„Äh, Moment mal, ich dachte, diese Bellatrix Lestrange wäre dabei gewesen, als die Todesser in Little Whinging waren?“, wunderte sich Harry.

„Nein, das war nicht Bellatrix.“, schüttelte Severus den Kopf. „Das war die Frau eines Todessers, aber sie sieht Bellatrix sehr ähnlich. Deshalb nimmt sie der Lord immer wieder mit, denn er steht auf Bellatrix. Sie ist ihm hörig, bei ihr kann er seine Macht ausüben. Meghan, so heißt die Frau, die in Little Whinging dabei war, macht aus Angst diese Spiele mit, nicht, weil sie es gut findet. Sie will ihren Sohn schützen, er ist ein Jahr jünger als Draco und du. Aber dem Lord ist das egal, er sieht nur seine eigenen Bedürfnisse.“

Verständnislos starrte Harry ihn an, aber Severus zuckte nur ein wenig hilflos die Schulter. Das waren Dinge, die er nie hatte sehen und erleben wollen, aber es ließ sich nicht vermeiden, wenn man Todesser war. Er musste es so akzeptieren, ihm blieb keine Wahl. Also lenkte er das Gespräch zurück zu leichteren Themen. Harry ließ sich ablenken, als die Rede auf die Zauberstäbe kam. Erneut bettelte er, um ihn zu bekommen, aber erst sollte er fertig essen. Lachend reichte ihm Remus schließlich doch die Schachtel mit seinem neuen Zauberstab. Auch Severus bekam seinen. Andächtig strich Harry über die Schachtel, machte sie langsam auf. Schon jetzt fühlte sich der Stab gut an, dabei hatte er ihn noch nicht einmal in der Hand. Doch mit einem Mal fiel ihm etwas ein. „Ich … ich kann dich nicht bezahlen! Ich kann nicht nach Gringotts.“ Sehnsüchtig blickte er auf den Stab, griff aber nicht danach, sondern wollte, sichtlich widerwillig, die Schachtel wieder schließen.

„Musst du nicht, Harry.“, schaltete sich Sirius ein. „Ich habe Remus das Gold gegeben. Du bist mein Patenkind, ich hatte kaum Gelegenheit, dir etwas Gutes zu tun.“

„Aber … du kannst doch auch nicht nach Gringotts gehen.“, protestierte Harry. „Dann erwischen dich die Auroren doch!“

Sirius lachte. „Keine Sorge, das ist nicht nötig. Ich habe einen Endlos-Beutel. So lange die Kobolde mein Verlies nicht sperren, ist immer genug Gold darin. Mir macht eher Sorgen, dass Dumbledore sich als dein Vormund eintragen hat lassen. Ich fürchte, er bedient sich in deinem Verlies. Leider kann ich das momentan nicht unterbinden.“

„Das bezweifle ich.“, schüttelte Severus den Kopf. Sofort wandten sich die Blicke ihm zu. „Lily hat Verdacht geschöpft, da bin ich sicher. Sie hatte am Ende Kontakt zu mir, und sie fürchtete, dass Dumbledore etwas mit ihnen im Schilde führte. Sie meinte, dass sie froh war, Dumbledore nicht in den Fidelius eingeweiht zu haben. Ich bin fast absolut sicher, dass das Verlies mindestens mit Blutschutz geschützt ist.“ Er sah Harry an. „Wie bist du damals in dein Verlies gekommen, als du zum ersten Mal in der Winkelgasse warst?“

„Ähm, Hagrid hatte einen Schlüssel, ich glaube, den hat Dumbledore ihm gegeben. Dann sind wir mit einem dieser Wagen nach unten gefahren, der Kobold hat den Schlüssel ins Schloss gesteckt, und die Tür ging auf. Ich bin rein und habe mir eine Handvoll Gold genommen.“, erklärte Harry.

„Hast du etwas gespürt, als du hinein gegangen bist?“, wurde der Tränkemeister konkreter.

Im ersten Moment wollte Harry den Kopf schütteln, doch dann hielt er inne. „Da war vielleicht etwas. Es war, als würde ich durch etwas gehen, das ein wenig zäh ist. Man konnte nichts sehen, aber ich hatte das Gefühl, nicht von der Stelle zu kommen. Es war nur ganz kurz, danach habe ich es nie wieder gespürt.“

„Magieschutz?“, wunderte sich Remus.

Severus nickte. „Ich habe Lily dazu geraten. Den Blutschutz kann man relativ einfach mit einer Blutkonserve umgehen, aber wenn das Verlies die Magie desjenigen prüft, der hinein will, dann ist es absolut sicher, dass niemand anders hinein gelangen kann. Es hat einen hohen Preis bei Gringotts, die Kobolde lassen es sich teuer bezahlen, diesen Schutz zu wirken, daher nutzt es kaum jemand, aber Harry war es für Lily und wohl auch für Potter wert. Das bedeutet, der Alte hat keinen Zugriff auf das Gold, genausowenig das Ministerium. Nur jemand, dessen Magie mit Harry verwandt ist, also Kinder, könnte hinein. Auch Geschwister, aber die gibt es bei dir nicht, Harry.“ Severus verriet nicht, dass auch sein eigenes Verlies so geschützt war. Seit er Verdacht geschöpft hatte, ging er auf Nummer sicher. Er musste seinen Besitz vor zwei machthungrigen Männern beschützen.

„Gut, das bedeutet, dass Harry zwar momentan nicht an sein Gold herankommt, aber auch sonst niemand.“, freute sich Sirius. „Und jetzt nimm endlich den Stab und schau, ob er dir passt! Keine Angst, er ist nicht registriert, du kannst damit unerkannt zaubern!“

Gehorsam griff Harry in die Box. Sobald er das Holz berührte, spürte er ein angenehmes Kribbeln im Arm, das ihn ein wenig an das vom Vormittag erinnerte, als er mit Snape … nein, darüber wollte er gerade nicht nachdenken. Lieber schloss er seine Finger um das angenehm warme Holz und zog den Zauberstab aus der Box. Sofort regneten goldene und rot-gelbe Funken daraus hervor. Harry riss die Augen auf, als er die Macht des Stabes fühlte.

„Wow!“, wisperte Sirius. „Was ist da drin?“

„Ein Weidenholzstab mit einem Kern aus Einhornhaar, Meermenschenblut und Drachenherzfaser.“, erklärte Remus.

„Äh, aber ich hatte doch einen Stab aus Stechpalme und Phönixfeder?“, wunderte sich Harry.

„Das war ein Angriffsstab.“, erklärte Severus, der schlucken musste, als er hörte, aus welchem Holz Harrys neuer Stab war. Lily. Auch ihr Stab war aus Weidenholz gewesen, als Kern hatte er ebenfalls ein Einhornhaar gehabt. „Schülerstäbe sind meist fertig gekaufte Stäbe mit einem einzelnen Bestandteil im Kern. Sie sind meist auf eine bestimmte Magierichtung geprägt, meist auch das, was das Kind am Ende am besten kann, wobei nicht klar ist, ob der Stab sich das Kind aufgrund der Begabung aussucht, oder ob die Begabung am Stab liegt. Das sind Fertigstäbe, aber es gibt auch noch individuell angefertigte Stäbe. Ein Stabmacher, der mit Blut arbeitet, wird immer den perfekten Stab für den Träger liefern, selbst wenn er mehrere Bestandteile in den Kern einbauen muss. Es ist keine leichte Arbeit, die einzelnen Komponenten miteinander so zu verschmelzen, dass sich ihre Wirkung verstärkt und nicht aufhebt. Das macht die Stäbe perfekt für ihren Träger, aber auch teuer. Dein neuer Stab, Harry, ist ein Stab für Heilen und zum Verteidigen. Ich denke, das passt viel besser zu dir, du bist wirklich nicht wie dein Vater.“ So, nun hatte er es ausgesprochen. Die Wirkung, die dieser letzte, nur leise gesprochene Satz, auf Harry hatte, war enorm. Erst riss er die Augen auf und starrte Severus an, als wäre er Merlin persönlich, dann liefen große Tränen aus seinen Augen, während sein Mund lächelte.

„Danke, Professor!“, wisperte er, und umarmte den Mann spontan. Nur sehr kurz, dann ließ er los und lief ohne einen Blick zurück in sein Zimmer, ließ einen sprachlosen, verwirrten und gleichzeitig zufriedenen Slytherin zurück, dessen Herz mit einem Mal ins Stolpern geriet und dann viel zu schnell weiter schlug. Viel zu aufgedreht, um schlafen zu können, versuchte Harry einige Zauber mit seinem neuen Stab. Er war erstaunt, wie leicht es ihm fiel. Vor allem Schildzauber schienen besonders einfach zu sein. Vielleicht auch stärker? Das wollte er morgen testen, wenn sie in den neuen Trainingsraum im Keller gingen, um praktisch zu trainieren. Zumindest hatte ihm Sirius das heute versprochen. Mit einem breiten Grinsen zauberte Harry immer weiter, färbte Wände, Decke und Boden in immer neue Farben, ließ sein Bett ans andere Ende des Zimmers schweben, die Wanne voll Wasser laufen und warm werden, damit er sich hineinlegen konnte. Selbst da legte er den Stab nicht mehr aus der Hand, formte Figuren aus Wasser und Schaum, die er gegeneinander antreten ließ wie Schachfiguren. Kichernd sah er zu, wie sie einander unter Wasser zu drücken versuchten, und mit einem Mal an anderer Stelle neu erstanden. Er merkte nicht, dass seine Zimmertür geöffnet wurde und die drei Erwachsenen nach ihm sahen, sich aber lächelnd zurückzogen, als sie merkten, wie vergnügt er war. So gelöst wollten sie ihn viel öfter sehen. Nach dem Bad probierte er die ersten schwarz-magischen Verwandlungen aus und war erstaunt, wie leicht es trotz allem war. Erst gegen ein Uhr morgens legte er sich in sein Bett und schlief mit einem breiten Grinsen ruhig ein.

Einige Stunden später grinste er nicht mehr so entspannt, da er mit Professor Snape über Zaubertränke gegangen war. Der Slytherin war der Meinung, bestimmte Grundlagen sollten besser sitzen, vor allem das Erkennen und Bestimmen von Tränken. Wie leicht konnte er in eine Situation kommen, wo er es brauchte. Das Brauen selbst war eher eine Frage von Talent und zumindest im Moment Nebensache, aber er sollte erkennen, ob jemand ihn vergiften wollte. Das sah auch Harry ein und bemühte sich, konzentriert zuzuhören und mitzuschreiben. Es fiel ihm schwer, still zu sitzen, er wollte doch endlich seinen Zauberstab im Duell ausprobieren, aber das kam nach Zaubertränke. Je konzentrierter er blieb, desto schneller ginge es an die Praxis, das wusste er. Also bemühte er sich redlich und schon bald merkte er, dass es eigentlich nicht so schwer war. Am Ende der Unterrichtseinheit schaffte er es, drei von fünf Tränken sicher zu identifizieren.

„Schluss für heute. Aufräumen, dann kannst du mit dem Flohfänger und dem Wolf trainieren.“, erlaubte Severus, wobei seine Augen warm funkelten, als er Harry beobachtete. Es fühlte sich gut an, in der Nähe des Jungen zu sein. Jetzt, da er sich nicht mehr so sehr verstecken musste. Gut, Harry sollte nichts wissen von seiner Bedeutung in Severus' Leben, aber er musste ihn nicht mehr anfeinden. Mit seiner Bemerkung über den neuen Zauberstab hatte er es deutlich gemacht: er gab zu, nicht mehr James Potter in Harry zu sehen, sondern zu erkennen, dass der Junge viel mehr von seiner Mutter hatte. Es war ein neuer Anfang für sie, und auch Harry schien das erkannt zu haben. Er bemühte sich wirklich, nicht nur heute, schon die ganze Zeit, seit sie hier waren.

Schnell war Harry fertig, dann lief er nach unten. Da der Tränkemeister Theorie mit ihm machte, waren sie in der Bibliothek geblieben, dort war es einfach wärmer und heller. Sirius und Remus warteten bereits auf ihn. Zuerst zeigte Harry, welche Verteidigungs- und Angriffszauber er beherrschte, danach testeten sie, wie stark sie waren.

„Gut gemacht, Welpe!“, lobte Remus nach etwa einer Stunde. „Ich denke, der Stab tut dir wirklich gut, du hast einen riesigen Sprung gemacht im Vergleich zu deiner dritten Klasse!“

„Dann können wir dazu übergehen, dir wortlose Zauber beizubringen.“, ergänzte Sirius und drückte Harry kurz an sich. Inzwischen genoss Harry diese halben Umarmungen von seinem Paten, der meist nur einen Arm um ihn legte. Es erinnerte ihn ein wenig an den falschen Moody vom letzten Jahr: Allzeit bereit. Sirius legte seinen Stab selten aus der Hand. Harry wusste nicht, dass der Animagus mehr als unruhig schlief, weil er stets Angst hatte, erwischt zu werden. Seit zwei Jahren war er ständig auf der Flucht, musste immer und überall mit Auroren rechnen. Auch wenn er eine Weile im Ausland gewesen war, erst wollte er hier alles beenden, bevor er über die Zukunft nachdachte. Er wollte, dass Wurmschwanz bestraft wurde, und das Gleiche galt für alle, die Harry oder Remus weh getan hatten. Bis dahin würde er auf jeden Fall hier in England bleiben. Wenn er es schaffte, wollte er auch seine Unschuld beweisen, indem er Pettigrew lebend ans Ministerium auslieferte, wobei das seit einigen Tagen eher Nebensache war, seit er wusste, wie schnell sie dort die Wahrheit verdrehten. Nein, darauf legte er keinen gesteigerten Wert. So wenig er Snape auch mochte, er musste ihm in einem Recht geben: Harry würde gejagt werden, egal wohin sie ihn brachten. Also stand sein Entschluss fest: Er blieb hier, bis Harry und Remus sicher waren, bis Voldemort, Dumbledore und der Minister aus dem Weg waren. Danach konnte er immer noch verschwinden. Vielleicht kam Harry dann mit ihm. Remus sicher, den hielt hier auch nichts mehr außer ihm selbst und Harry.

Bis zum Abendessen versuchte nun Remus, mit Harry ungesagte Zauber zu wirken. Auch hier zeigte sich das Potential des beinahe Fünfzehnjährigen. Morgen war sein Geburtstag, aber sie würden wohl keine große Feier veranstalten. Wie auch, wenn sie hier versteckt waren. Harry brauchte eine Weile, um seine Magie auch ohne Worte zu kanalisieren, aber als er den Dreh einmal heraus hatte, klappte es gut. Remus war sicher, er könnte auch stablose Zauber sehr leicht lernen, weil seine Magie ungewöhnlich stark war. Außerdem schien er sie inzwischen gut zu spüren. Entsprechend müde wirkte Harry beim Essen, das diesmal Severus gekocht hatte. Da er beinahe schon im Sitzen einschlief, schickten sie Harry schmunzelnd ins Bett. Wenn er wollte, konnte er dort noch eine Weile lesen, aber dann lag er zumindest schon im Bett, wenn er einschlief. Severus ging ins Labor, er wollte noch einen Trank fertigstellen, den er angefangen hatte, Sirius und Remus gingen gemeinsam nach oben. Sie wollten noch ein wenig zusammensitzen und reden. Remus hatte die Hoffnung, dass Sirius ein wenig seiner Erlebnisse in Askaban verarbeiten konnte, wenn sie zu zweit waren.

Am Morgen hob Severus nur eine Augenbraue, als sie gemeinsam aus Sirius' Schlafzimmer kamen. Remus eilte nach unten, wo er einen Kuchen vorbereitet hatte, steckte einige Kerzen darauf und brachte ihn mit nach oben, damit sie gemeinsam Harry wecken konnten. Zu zweit – Severus hatte sich schlicht geweigert – sangen sie „Happy birthday“, als sie Harrys Zimmer betraten. Der Jugendliche fuhr aus dem Schlaf und griff automatisch nach seiner Brille, dann erst richtete er seinen Blick auf die Erwachsenen. „Alles Gute zum Geburtstag, mein Kleiner!“, umarmte ihn Sirius und drückte ihm ein Päckchen in die Hand.

„Auch von mir herzlichen Glückwunsch!“, schloss sich Remus an. Auch er hatte ein Geschenk für Harry.

„Alles Gute, Harry.“ Severus schüttelte ihm die Hand, bevor er ihm einen Trank in einer Phiole reichte. Fragend blickte Harry auf, diesen Trank kannte er nicht, da war er sicher. „Er wird deine Augen richten.“, erklärte der Tränkemeister. „Aber du solltest ihn besser vor dem Schlafen nehmen, die ersten Stunden ist das Sehen ziemlich unscharf, bis sich alles eingespielt hat. Über Nacht ist das sicher weniger dramatisch.“

„Danke!“, brachte Harry gerade so heraus. Es machte ihn sprachlos, nie hätte er mit einem Geschenk von Snape gerechnet, und dann noch so einen komplizierten Trank. Das zumindest wusste er, weil Hermine im letzten Jahr davon gelesen hatte. Er hatte geschimpft, weil er unter Wasser nicht gut gesehen hatte mit seiner Brille, da hatte sie recherchiert. Nach ihrer Auskunft hatte Harry entschieden, nicht nach so einem Trank zu fragen.

„Eine Brille kann in einem Kampf sehr hinderlich sein.“, brummte Severus nur als Erklärung.

„Danke, das bedeutet mir wirklich viel.“, lächelte Harry seinem Professor zu. Erst danach öffnete er die Geschenke von Sirius und Remus. Kleidung, ein Rucksack, Bücher und ein neuer Besen. Strahlend fiel er Beiden um den Hals und bedankte sich. Gemeinsam setzten sie sich auf das Bett und in den Sessel, dann schnitt Harry, noch immer im Schlafanzug, den Kuchen an. Das erste Stück aßen sie hier, dann sollte Harry sich anziehen und zum richtigen Frühstück in die Küche kommen.

„Wann habt ihr die Sachen gekauft?“, wollte Harry wissen, als sie am Tisch saßen. Er trug eine neue, eng sitzende Jeans, dazu ein blau-grünes T-Shirt und die Drachenleder-Stiefel. „Die sind echt toll!“

„Als ich die Zauberstäbe gekauft habe, musste ich drei Stunden warten, da habe ich in Muggellondon einige Geschäfte abgesucht. Die Roben und die Stiefel sind aus der Winkelgasse, genau wie die meisten Bücher.“, erklärte Remus. „Sirius hat mir gesagt, was er will und ich habe für ihn eingekauft.“

Er umarmte die Beiden erneut und lachte fröhlich. Endlich fühlte er sich wirklich frei. Dabei merkte er nicht, welche Blicke Severus ihm zuwarf. Dem Tränkemeister fiel auf, wie gut die Kleidung an ihm aussah, vor allem die schmale Jeans und dazu die Stiefel. Dieser Anblick sollte verboten werden! Sirius allerdings sah den Blick durchaus, wie seine Augen zeigten. Die warnten Severus, nichts zu tun, was Harry schaden könnte. Das würde Severus nie, aber man würde ja wohl noch schauen und träumen dürfen! Dennoch war er froh, dass er heute erst am Nachmittag mit Harry arbeitete, den Vormittag hatten sie ihm frei gegeben. Nach dem Mittagessen wollte Severus dann mit Okklumentik weitermachen, damit Harry endlich die Visionen los hatte. Das war auch Harry wichtig, daher genoss er zwar seinen freien Vormittag, indem er im kleinen Garten in der Sonne lag und ein Buch las, aber nach dem Mittagessen ging er mit Professor Snape nach oben in die Bibliothek.

Diesmal lief es ein wenig besser, denn der Ältere blieb still, wartete ruhig darauf, dass Harry seinen Geist leerte. So konnte ihn die Stimme nicht erneut ablenken. Mit geschlossenen Augen versuchte Harry, die Wand zu visualisieren, wie Snape es ihm beim letzten Mal gesagt hatte. Irgendwann hatte er tatsächlich das Gefühl, an nichts mehr zu denken. Er öffnete die Augen und sah sich Snape gegenüber, der im gleichen Moment in seinen Kopf eindrang. Harry konzentrierte sich weiter auf die Wand, er spürte die Anwesenheit des Professors, aber noch kam der nicht in seine Gedanken. Jetzt steckte Harry allerdings in einem Dilemma. Wenn er den Älteren aus seinem Kopf haben wollte, musste er aktiv werden, aber dann würde er sicher die Mauer aus dem Blick verlieren. Wenn er sich aber weiterhin auf die Mauer konzentrierte, dann bekäme er Snape nicht aus seinem Kopf. Könnte er beides gleichzeitig? Harry sah keine andere Möglichkeit, als es zu versuchen. Genau das wurde es dann auch. Ein Versuch. Der zum Scheitern verurteilt war. In dem Moment, als er gegen die Präsenz drückte, die Snapes Geist war, wich sie seitlich aus und brach durch die jetzt löchrige Mauer. Harrys Gedanken kamen zurück, wie es schien, alle gleichzeitig. Severus erfasste nur kurze Schnipsel, konzentrierte sich auch nicht darauf, sondern zog sich zurück. Angenehm waren die Erinnerungen Harrys sicher nicht, er sah Dudley, wie er auf Harry einschlug, Quirrell mit dem Lord im Hinterkopf, den toten Cedric mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen. Dazu sich selbst, wie er vor dem Lord kniete, zitternd nach einer Bestrafung.

Severus zog sich zurück. „Okay, Harry. Du hast versucht, mich hinauszuwerfen und gleichzeitig die Mauer weiter zu halten, nicht wahr?“, fragte er, als Harrys Augen wieder fokussierten. Offenbar hatte er einige Minuten gebraucht, um in die Wirklichkeit zu finden.

„Ja.“, nickte Harry. „Aber mir war fast schon klar, dass es nicht klappen würde. Ich wusste aber nicht, was ich sonst machen soll.“

„Es ist beinahe unmöglich, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren.“, gab Severus zu. „Die Kunst in diesem Fall ist es eigentlich, dem Eindringling ausgewählte Szenen zu zeigen, sodass er nicht merkt, dass du ihn ausschließt. Aber bis dahin musst du erst einmal lernen, deinen Geist sicher zu schützen. Wenn du weiter trainierst, wird irgendwann der Punkt kommen, an dem du nicht mehr nachdenken musst, um die Mauer zu halten, dann kannst du einen Eindringling auch hinauswerfen. Deshalb ist es wichtig, dass du ständig übst, deinen Geist zu leeren und mit einer Mauer zu schützen.“ Er sah Harry eindringlich an. „Ich verlange von dir, dass du bei jeder Gelegenheit übst. Beim Essen, unter der Dusche, im Bett, beim Kochen. Ich werde in Zukunft immer wieder unvorhergesehen in deinen Geist eindringen. Der Lord warnt dich nicht vor und wartet auch nicht, bis du bereit bist.“ Harry nickte, auch wenn ihm klar war, wie schwierig es werden würde. Aber auch er wollte diese Visionen endlich in den Griff bekommen. „Gut. Und solltest du merken, dass du eine Vision hast, ruf mich, ich werde dann bei dir sein.“

„Danke, Sir.“ Harry war wirklich erleichtert. Die geistige Anwesenheit des Tränkemeisters hatte ihm bei den bisherigen Visionen gut getan. Außerdem half es sicher auch, wenn sie Informationen bekamen.

„Schon gut.“, nickte Severus seinem Schüler zu. „Versuche aber, dich zu schützen, so gut es geht. Ich möchte nicht, dass du versuchst, als Spion anzufangen, hast du das verstanden?“

Harry zögerte einen Moment, doch auf einen der typischen Snape-Blicke hin nickte er. „Ja, Sir.“ Severus sah ihm dabei in die Augen und spürte, der Junge sprach die Wahrheit. Also ließ er es gut sein und schickte ihn zu den beiden Gryffindors, die noch eine Stunde stablose Verteidigung mit ihm üben wollten. Zumindest Lupin, Black war heute in der Küche dran. Gerade diese Stunden taten Harry unheimlich gut, die körperliche Anstrengung half ihm, auch geistig immer mal wieder abzuschalten.

Eine Woche nach seinem Geburtstag fühlte sich Harry deutlich besser. Die neue, verbesserte Sehfähigkeit ließ ihn sich richtig gut fühlen. Noch nie hatte er so scharf gesehen. In den ersten Stunden war es ein wenig unangenehm gewesen, aber danach konnte er sich kaum satt sehen. Alles war so scharf, klar und deutlich wie nie, die Farben leuchteten regelrecht. Immer wieder entdeckte Harry neue Kleinigkeiten, die ihm vorher entgangen waren. Beim Lesen bekam er nun keine Kopfschmerzen mehr, auch die Buchstaben waren klar und deutlich. Seither tat er sich auch mit dem Lernen leichter. Er bekam keine Panik-Attacken mehr, wenn ihn jemand unvermittelt ansprach, seine Alpträume gehörten größtenteils der Vergangenheit an. Das Training tat ihm gut, es gab ihm eine Aufgabe und er konnte nicht ständig grübeln. Allerdings schaffte er es noch nicht, die Visionen zu unterbinden. Snape war immer an seiner Seite, wenn es dazu kam. Auf diese Art erfuhren sie, dass Dumbledore tatsächlich anfing, Überfälle nach Todesser-Muster zu begehen, um die Leute davon zu überzeugen, dass Voldemort zurück war. Leider konnten sie kaum etwas dagegen unternehmen, da Voldemorts Spion es immer erst hinterher erzählte. Harry kannte den Mann vom Sehen, Snape hatte ihm erzählt, dass er Caradoc Dearborn hieß und bereits früher ein Mitglied des Ordens gewesen war. Warum er Dumbledore in den Rücken fiel, konnte der Tränkemeister allerdings auch nicht erklären. Sie vermuteten ein Streben nach Macht, aber sicher waren sie nicht. Nach der Vision mit diesen Informationen schien sich Snape zu verändern. Er zog sich immer wieder zurück, und Harry spürte, wie die Magie des Mannes über sie hinweg wusch. Als schickte er immer wieder Patroni mit Nachrichten. Harry begann, ihn intensiver zu beobachten, er war nicht mehr ganz sicher, ob das Vertrauen, das er in den Tränkemeister hatte, gerechtfertigt war, schaffte es aber gleichzeitig nicht, sich wirklich von ihm zu distanzieren. Er fühlte sich zu wohl in seiner Nähe.

Mitte August wand sich Harry unruhig im Bett, als er kämpfte, damit Voldemort nicht erneut in seinen Geist kam. Noch stand seine Mauer, schützte seinen Geist, aber er spürte, wie ihm die Kraft ausging. Lautlos öffnete sich die Tür, Snape hatte seinen leisen Ruf offensichtlich gehört. Schon öfter war Harry aufgefallen, wie gut der Slytherin hören konnte, aber er zwang sich, nicht weiter darüber nachzudenken, wollte Voldemort nicht versehentlich irgendwelche Informationen zuspielen. Noch immer suchte der dunkle Lord nach ihnen, genau wie Dumbledore.

„Ruhig, Harry, ich bin hier.“, raunte Snape und setzte sich auf seinen Sessel. Irgendwie hatten sie ihn einfach am Kopfende von Harrys Bett stehen lassen, denn der Tränkemeister setzte sich immer dort hinein, wenn er Harry zu Hilfe eilte. Es war für ihn nicht schwer zu erraten, wann er kommen musste, das Brennen in seinem Arm lieferte ihm ein deutliches Zeichen. Außerdem konnte er hören, wenn sein Gefährte nach ihm rief, meist sogar schon vorher, wenn er unruhig wurde. Harry seufzte erleichtert, als er die Hand Snapes auf seiner Stirn spürte. Er war nicht mehr allein. In dem Moment brach auch die Mauer zusammen, er hatte sich zu sehr entspannt.

„… kann nicht sein!“, tobte Voldemort in diesem Augenblick. „Er kann nicht einfach verschwinden!“

„Mein Lord, es gibt in ganz Europa keinen Hinweis darauf, dass Snape gesehen wurde.“, berichtete Rabastan Lestrange demütig. „Sein Stab wurde in der Nähe des Ligusterweges gefunden, er hat ihn also nicht mehr. Aber von einem weiteren oder einem neuen Stab wissen wir nicht, er war nicht in der Winkelgasse oder der Nokturngasse, um sich einen anfertigen zu lassen. Dort war immer jemand von uns, um zu beobachten. Seine Magiestruktur ist uns bekannt, aber wir konnten sie nie feststellen. Wir haben daher auch keine Möglichkeit, seinen Stab überwachen zu lassen.“

Der dunkle Lord ließ seine Wut an ihm aus, bis er nicht mehr alleine aufstehen konnte, dann wandte er sich dem Nächsten zu. „Lucius, was weißt du?“

Der Blonde neigte sein Haupt. „Mein Lord, Potter hat sich nicht gemeldet. Er war nicht in der Öffentlichkeit, seit er verschwand. Allerdings wurde auch Lupin schon länger nicht mehr gesehen. Er ist ein Freund von Potters Vater und Paten, Greyback geht davon aus, dass er dorthin verschwand. Er konnte nur sagen, dass Lupin einige Zeit vorher einen Patronus erhalten hat, allerdings war die Nachricht abhörsicher. Ich vermute, dass Potter bei Lupin und Black steckt. Seine Freunde sind verschwunden, diese Granger ist wohl mit ihren Eltern ausgewandert. Muggel scheinen so etwas häufiger zu tun. Ronald Weasley ist nicht mehr bei seiner Familie.“

„Das ist auch im Orden bekannt.“, nickte der Lord. „Mein treuer Diener in deren Reihen hat mich bereits darüber informiert. Dumbledore tobt, er wollte mit den Beiden Potter erpressen, um mich zu vernichten!“ Das zischende Lachen hallte schauderlich wider in dem hohen Salon. Mit einem Mal verstummte es. „Ihr werdet herausfinden, wie wir das Haus von Black erreichen, damit Snape seine Strafe als Verräter bekommt!“, befahl er seinen Leuten, dann schickte er sie weg.

Harry kämpfte mit der Übelkeit. Wortlos hielt Snape ihm eine Phiole hin, ein Trank gegen Übelkeit, wie Harry erkannte. Er hatte seine Lektion gelernt, war nun immer bereit. Snape hatte seine Drohung tatsächlich wahr gemacht. Im Tränkeunterricht hatte er angedeutet, er würde Harry einen falschen Trank unterschieben, wenn er nicht aufmerksam genug war. Gut, die Wirkung war nicht dramatisch gewesen – statt einem Trank gegen Übelkeit hatte er ihm nach einer Vision einen gegeben, der dafür sorgte, dass Harry zwei Tage mit grünen Haaren herumlief – aber er hatte gelernt, immer und überall zu kontrollieren, was er bekam. Seither war nichts mehr passiert, aber Harry wusste, er durfte nicht nachlassen, musste immer damit rechnen, dass Snape es wiederholte. „Sie kommen uns näher.“, krächzte er, heiser vom Schreien.

Snape nickte. „Ich denke nicht, dass wir noch lange hier bleiben können, aber ich will dich so lange wie möglich in Sicherheit wissen. Hier haben wir ein Dach über dem Kopf, Betten, eine Küche, ein Labor und Bücher, die uns vielleicht helfen, eine Lösung zu finden. Allerdings sollten wir alles bereithalten für eine schnelle … Abreise aus diesem Haus.“

„Werde ich es irgendwann schaffen, die Verbindung zu blockieren?“, fragte Harry leise.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Snape nach einer Weile ebenso leise. „Ich bin noch immer nicht sicher, wie diese Verbindung überhaupt zustande kommt. In den Büchern habe ich keine Hinweise darauf gefunden. Allerdings habe ich etwas anderes dabei entdeckt. Ich denke, ich weiß jetzt, was das Medaillon und auch das Tagebuch, das du vor zwei Jahren zerstört hast, sind. Ich will noch einmal genauer nachlesen, dein Ruf hat mich beim Lesen unterbrochen, aber ich denke, wir werden die beiden Flohfänger wecken.“

„Aber … Remus hat sich gestern Nacht erst verwandelt, er ist bestimmt ziemlich fertig.“, widersprach Harry.

„Ich weiß, aber das hier ist wichtig. Er ist mindestens genauso erfahren wie ich und kann vielleicht helfen. Wir müssen die Informationen so schnell wie möglich suchen, denn dieses Wissen ist sicherlich der Schlüssel zur Vernichtung Voldemorts.“, entgegnete Snape. „Ich werde noch einige Stunden brauchen, bis ich fertig gelesen habe, aber dann müssen wir uns zusammensetzen. Bis dahin genieße deinen Schlaf.“

„Okay.“, stimmte Harry zu. „Dann mache ich nach dem Aufwachen schon mal etwas zum Frühstück. Und packe ein paar Sachen, für alle Fälle.“

Severus nickte nur zustimmend (und ein wenig anerkennend, wie Harry fand), dann ging er zurück in sein Zimmer, wo das Buch noch aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch lag. Es war schwer zu lesen, handschriftlich in Runen geschrieben, aber es schien genau das zu enthalten, was sie suchten. Er hoffte auch auf Nachrichten aus Hogwarts. Dumbledore wusste glücklicherweise nicht sehr viel über ihn, so konnte er mit den Wassermenschen Kontakt aufnehmen. Die wussten viel von dem, was in Hogwarts passierte, bekamen Informationen auch aus dem Schloss, wenn die maulende Myrte mal wieder im See auftauchte. Leider tat sich dort bislang nicht viel, da Dumbledore es vorzog, seine Versammlungen andernorts abzuhalten. Deshalb war Severus innerlich zerrissen: einerseits wollte er, dass Harry sich endlich richtig verschließen konnte, um die Visionen in den Griff zu bekommen, andererseits war das derzeit die einzige Möglichkeit, an Informationen zu kommen. Obwohl sie mit den Informationen kaum etwas anfangen konnten. Erneut beugte er sich über den Text und zog nun tatsächlich in Erwägung, Lupin mit einzubeziehen, da dieser ebenfalls alte Runen gelernt hatte. Dieses Buch schien vielversprechend, es enthielt auf jeden Fall eine Beschreibung von Horkruxen, die genau das beschrieb, was Harry von dem Tagebuch erzählt hatte.

Eineinhalb Stunden später beugte er sich noch weiter über das Buch. Mit zusammengekniffenen Augen entzifferte er eine schwer lesbare Textpassage. Aber die Mühe lohnte sich, es war genau das, wonach er seit über einer Woche suchte. Er wusste, dass er Glück hatte, das hier gefunden zu haben. Die Bibliothek der Blacks war riesig, er hätte Jahre zubringen können mit der Suche nach dieser Information. Das würde er gleich beim Essen mit seinen Mitkämpfern – so sah er die drei Gryffindors – besprechen.

Doch als er gerade duschen gehen wollte – nach einer durchwachten Nacht half ihm das normalerweise, richtig wach zu werden – hörte er einen unterdrückten Schrei aus dem Salon. Harry war offenbar schon wach. Hastig griff er nach seiner Hose, zog sie mit einem Zauber an und rannte nach unten. „Was ist los?“, wollte er wissen.

„Ich bin nicht sicher, aber … ich glaube, da draußen stimmt was nicht.“, stammelte Harry. Er deutete auf das Fenster.

Alarmiert sah Severus hinaus. Sein Blick fiel sofort auf Voldemort, der inmitten seiner Todesser erschien. Dank seines guten Gehörs erkannte Severus, wie der dunkle Lord seinen Leuten befahl, das Haus anzugreifen, um an Potter zu gelangen. Sofort flogen die ersten Zauber, doch im Moment hielten die Zauber stand.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte er laut. Er hatte geahnt, dass sie kommen würden, aber so schnell hatte er nicht damit gerechnet! „Harry, schnapp deinen Rucksack, deinen Besen und einen Satz Kleidung, vor allem warme. Zwei Decken. Und zieh deine Stiefel an.“ Er wartete nicht ab, ob Harry gehorchte, sondern griff nach der Box mit dem Medaillon und rannte selbst nach oben. „Lupin, Black!“, schrie er. „Wir werden angegriffen, wir müssen hier raus!“ Er selbst griff nach seinem eigenen Rucksack, in den er bereits das Wichtigste gepackt hatte. Das Medaillon warf er einfach mit dazu, außerdem rief er die Tränke aus dem Labor auf. Hastig zog er sich fertig an, griff nach seinem Rucksack und dem Buch, in dem er zuletzt gelesen hatte, dann ging er auf den Flur. Lupin und Black kamen gerade aus Blacks Zimmer, sie wirkten ziemlich verschlafen, aber dennoch alarmiert und hellwach. Jeder hatte einen Rucksack in der Hand, auch sie hatten bereits das Wichtigste gepackt gehabt. Sie wickelten sich eben in ihre Umhänge, auch Harry stand vor seinem Zimmer.

Inzwischen erzitterte das Haus unter den Angriffen, erste Löcher in den Schilden tauchten auf. „Festhalten!“, befahl Severus und streckte seinen Arm aus. Als alle Kontakt zu ihm hatten, apparierte er sie nach draußen. Nicht sehr weit, nur knapp außerhalb Londons. Vier Menschen gleichzeitig zu apparieren war unheimlich schwer. Sobald sie ankamen, stellten sie sich Rücken an Rücken, doch scheinbar war niemand in unmittelbarer Nähe. Harrys Stöhnen lenkte ihre Aufmerksamkeit ab, der Jüngste ging eben in die Knie. Seine Hand presste er auf die Narbe und er kämpfte ganz offensichtlich gegen eine Vision.

„Gebt uns Deckung.“, ordnete Severus an, dann legte er seinem Gefährten die Hand auf die Stirn.

Der Grimmauldplatz war das reinste Schlachtfeld. Todesser und Ordensleute standen einander gegenüber. Der Lord stand hinter seinen Leuten und beobachtete, wie sie gegen Dumbledore und den Orden kämpften. Es war erkennbar, dass so schnell keine der beiden Seiten die Oberhand gewinnen würde.

„Mein Lord, das Haus ist leer.“, berichtete soeben ein Todesser, den Severus als Rodolphus Lestrange identifizierte. „Es sieht aus, als wären sie überstürzt geflohen, aber mehr konnten wir nicht herausfinden, da Dumbledores Leute das Haus stürmten.“

„Wie konnte dieser alte Narr so schnell reagieren?“, zischte Voldemort wütend und ließ den Berichterstatter einen Cruciatus spüren. „Verschwinden wir. Dumbledore hat dieses Mal gewonnen, aber wir werden zurückschlagen! Findet heraus, wohin Potter und Snape verschwunden sind und wer bei ihnen ist.“ Er disapparierte, sobald er zu Ende gesprochen hatte, gefolgt von seinen Todessern.

Harry würgte, als er zurück in die Realität fand. Erschöpft lehnte er an Severus Snapes Brustkorb, atmete tief durch, wie es die Stimme über ihm forderte. Gut, dass er noch nicht gegessen hatte, sonst wäre alles wieder gekommen. Endlich beruhigte sich sein Magen und er blickte auf. „Und jetzt?“, krächzte er.

„Kommt, ich bringe uns erstmal ein Stück weg.“, bot Sirius ruhig an. Sie hielten sich an ihm fest und er apparierte sie in einen dichten, ruhigen Wald. „Hier können wir erst einmal bleiben.“

„Gute Idee, Tatze.“, nickte Remus und ging zielstrebig los.

„Wohin …?“, wollte Severus verwirrt wissen.

„Dort hinten ist eine Höhle, ziemlich gut versteckt, in der habe ich schon manche Nacht als Wolf verbracht, gemeinsam mit Tatze.“, erklärte Remus und zeigte auf ein ziemlich dichtes Gestrüpp. „Als Wolf habe ich nichts gerochen, was darauf hindeutet, dass jemand dorthin kommt. Fürs Erste dürften wir dort einigermaßen sicher sein. Außerdem ist in der Nähe eine Quelle, sodass wir frisches Wasser haben.“

Ein Nicken von Severus zeigte ihm, dass dieser einverstanden war, also bahnte er sich vorsichtig einen Weg durch das Gestrüpp. Sie wollten vermeiden, dass jemand die Spuren bemerkte, also gingen sie langsam und vorsichtig, um möglichst keine Äste abzureißen. Nach etwas über einer Stunde war es geschafft und sie standen vor einer kleinen Höhle. Sie reichte gerade als Unterschlupf, aber es würde eng werden. Zitternd setzte sich Harry und lächelte dankbar, als Sirius ihm eine Decke über die Schultern legte. Langsam ließ der Schock nach und er erkannte, dass sie nun endgültig auf der Flucht waren. Er bekam Angst, vor allem, weil er überhaupt nicht mehr wusste, was nun auf sie zukam. „Wie haben sie uns nur gefunden?“, fragte er leise.

„Ich befürchte, der Schutz alleine hat nicht gereicht, um das Wissen zu vertilgen, wo das Haus in etwa steht.“, antwortete Severus nach einem Moment. Er erzählte Sirius und Remus kurz von Harrys Vision, damit sie wussten, was genau passiert war. „Ich habe schon seit einer Weile etwas Derartiges befürchtet, denn früher war das Haus oft besucht von verschiedenen Reinblütern, die nun zu den Todessern gehören. Auch Dumbledore wusste, wo es sich befand. Zwar haben die Schutzzauber verhindert, dass sie es sehen, aber da sie wussten, wo in etwa, konnten sie sich dahingehend vorarbeiten. In den letzten Wochen war es das Ziel beider Seiten, uns zu finden. Dennoch wollte ich nicht weg, wir hatten dort alles, was wir brauchen. Natürlich könnten wir nun ins Ausland gehen und uns dort verstecken, aber ich für meinen Teil werde hier bleiben. Ich will, dass dieser sinnlose Krieg endlich endet und einem friedlichen Leben Platz macht. Einem Leben, in das auch magische Wesen passen.“

„Wir sind an deiner Seite.“, versprach Remus nach einem mit Sirius getauschten Blick. Auch Harry nickte. Er wollte nicht aus England weg, es war seine Heimat und er fühlte sich bis zu einem gewissen Punkt auch verantwortlich. Außerdem wollte er nicht, dass seine Eltern ihren Kampf umsonst geführt hatten, und das wäre der Fall, wenn sie England nun sich selbst überließen. Zumindest fühlte es sich für Harry so an. Tief in seinem Inneren wollte er auch bei Snape bleiben. Das allerdings würde er wohl nicht laut aussprechen.

Einige Stunden später lehnte Harry an Sirius. Sie saßen um ein kleines, gut abgeschirmtes Feuer, an dem ein wenig Fleisch grillte. Sirius hatte sich verwandelt und als Hund einen Hasen erwischt, den sie nun gehäutet und ausgenommen hatten. Viel war es nicht, aber besser als nichts. Dazu einige Pilze und Wurzeln, die Severus gebracht hatte.

„Ich denke, ich habe das Rätsel um das Medaillon gelöst.“, verriet Severus schließlich, als die Stille bereits eine Weile anhielt. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit der drei Gryffindors. Er musste ein Schmunzeln bei dem Anblick unterdrücken, denn sie alle sahen gleich aus: Augen weit aufgerissen, Mund leicht geöffnet und vollkommen erstarrt. Er entschied, sie zu erlösen. „Horkruxe.“

Sirius wurde blass. „Bei Merlin!“, hauchte er. Ganz offensichtlich kannte er den Begriff.

Remus wirkte, als würde er in seinem Gedächtnis suchen, wo und in welchem Zusammenhang er den Begriff schon einmal gehört hatte, während Harry völlig ahnungslos aussah. Severus erbarmte sich und erklärte: „Ein Horkrux ist der dunkelste Zauber, den ich kenne. Dieser Zauber benötigt einen Mord, um zu funktionieren. Wenn er richtig durchgeführt wird, dann spaltet er einen Teil der Seele desjenigen ab, der den Zauber ausführt. Dieses Seelenbruchstück kann dann in einem Behälter eingeschlossen werden. Somit kann derjenige, dessen Seele auf diese Art … konserviert wird, nicht einfach so sterben. Der Lord hat damals, bei dem Angriff auf deine Eltern, Harry, seinen Körper verloren, aber auf dem Friedhof vor einigen Wochen, bekam eines seiner Seelenbruchstücke einen neuen Körper. Das Medaillon, das wir gefunden haben, enthält einen Horkrux. Wie dieser allerdings gerade im Grimmauldplatz gelandet ist, kann ich nicht erklären.“ Er verstummte und ließ seine Zuhörer erst einmal über das Gehörte nachdenken.

„Professor?“, beendete Harry nach einer Weile die Stille.

„Severus.“, unterbrach ihn der Tränkemeister. Verwirrt starrte Harry ihn an. Der Mundwinkel des Älteren zuckte kurz. „Ich bin nicht mehr dein Lehrer, Harry, auch wenn ich dich sicherlich weiter unterweisen werde. Aber wenn wir hier in der Höhle leben, dann kommen wir uns unweigerlich sehr viel näher als bisher, außerdem denke ich, dass du dir das Recht bereits im Ligusterweg erworben hast. Nenn' mich Severus, Harry.“

„Danke, Professor, äh … Severus.“ Vorsichtig probierte Harry diesen Namen. Es fühlte sich gut an, und das Kribbeln in seinem Bauch verstärkte sich. Er senkte den Kopf, als er spürte, wie er rot wurde. Doch er merkte auch, dass der Ältere noch darauf wartete, was er eigentlich hatte fragen wollen. Was war das gewesen? Sein Kopf war wie leer gefegt. Worüber hatten sie eben gesprochen? Ach ja, Horkruxe. Man, das war peinlich! Harry räusperte sich unbehaglich, bemerkte nicht das Schmunzeln seines Paten und die Verwirrung von Remus. „Also, äh, was ich fragen wollte: Wissen wir, wie viele Horkruxe es sind? Ich meine, es müssen ja mindestens zwei gewesen sein, wenn einer für die … Rückkehr verwendet wurde und das Medaillon in unserer Hand ist. Und können wir diese Horkruxe dann zerstören? Und spürt … Voldemort, wenn wir das Medaillon vernichten? Kann er einfach neue machen, wenn wir einen zerstören? Kann ein Horkrux einfach wieder in einen Menschen verwandelt werden? Ist es gefährlich, wenn wir sie bei uns behalten? Wird ...“

„Langsam, Harry.“, bremste ihn Severus. „Das sind alles berechtigte Fragen, aber ich kann sie nicht gleichzeitig beantworten. Manche kann ich gar nicht beantworten. Gerade ähnelst du deiner besten Freundin, und ich muss sagen, bisher hat mir die Fragerei nicht gefehlt.“ Harry wurde erneut rot und zog den Kopf ein, gleichzeitig wanderten seine Gedanken zu Hermine und er fragte sich, ob es ihr gut ging. Doch Severus ließ ihm keine Zeit, darüber nachzudenken, da er sofort weiter sprach. „Es müssen mindestens zwei gewesen sein, aber ich weiß nicht, wie viele es wirklich waren. Er kann jedenfalls nicht unendlich weitermachen, denn eine zerstückelte Seele wird immer schwächer, je öfter sie geteilt wird. Allerdings habe ich keine Vorstellung davon, was möglich ist und was nicht. Im Buch, in dem ich diese Informationen gefunden habe, wurde eindringlich davor gewarnt, sein Leben auf diese Art zu verlängern, da es die Persönlichkeit verändert. Man wird grausam, rücksichtslos, verliert jede Menschlichkeit. Nun, das ist beim Lord definitiv der Fall.  Also ich denke, deine Frage, ob er immer neue machen kann, kann ich verneinen, denn wirklich menschlich ist der Lord schon lange nicht mehr, selbst vor seiner Vernichtung vor knapp vierzehn Jahren. Auch wird das Medaillon sich ganz sicher nicht einfach so in einen neuen dunklen Lord verwandeln, dazu gehört ein Zauber wie der, den du vor einigen Wochen erlebt hast. Und das wird keiner von uns durchführen, keine Sorge. Aber es könnte sein, dass es uns dennoch beeinflusst, deshalb ist es in dem Holzkistchen, um die Gefahr zu verringern. Ob er es spürt, da bin ich nicht sicher. Theoretisch kann es sein, dass er eine Verbindung zu ihnen hat.“

„So, wie meine Verbindung zu ihm?“, wisperte Harry heiser. Er war mit einem Mal leichenblass und starrte aus schockweiten Augen zu Severus. Unwillkürlich festigte Sirius seinen Griff, da er das Zittern des Jugendlichen spürte.

Entsetzt zuckte Severus zurück. Darüber hatte er nicht nachgedacht, aber so, wie Harry es sagte, klang es beinahe logisch. Bisher hatte er geglaubt, es läge an dem abgewehrten Todesfluch, aber was, wenn der Lord damals auch einen Horkrux herstellte, ob beabsichtigt oder nicht? Wenn man das Seelenbruchstück nicht in einen Behälter gab, würde es etwas Ähnliches suchen, und Harrys Seele war insofern ähnlich, dass auch sie menschlich war. Seine Gedanken rasten, war es möglich? Konnte Harry einen Teil von Voldemorts Seele in sich haben? Welche Konsequenzen hatte das dann? Konnten sie diesen Zauber umkehren, damit Harry es loswurde? Gab es eine Möglichkeit, ihre Theorie zu prüfen?

„Nein!“, hauchte Sirius. Seine Augen schwammen, doch noch weinte er nicht. „Nicht Harry, bitte nicht!“

„Können wir es testen?“ Remus' Frage war tonlos, er schien ebenso zu denken wie Severus, hektisch nach einer Lösung suchend.

„Ich weiß es nicht.“, gab Severus zu. Er kramte in seinem Rucksack und zog das Buch heraus, mehr als froh, es mitgenommen zu haben. „Ich habe es noch nicht komplett gelesen, die Runen sind nicht leicht zu entziffern. Aber alle Informationen, die ich habe, sind hieraus. Für heute ist es zu dunkel, morgen können wir nachlesen.“

„Ich helfe dir.“, bot Remus an, was Severus zu einem dankbaren Nicken verleitete. Er sah zu Harry. „Mach dir erstmal keine Gedanken, Welpe, wir finden eine Lösung.“

Der Jugendliche nickte, wenn auch ziemlich kläglich, und schmiegte sich Schutz suchend an seinen Paten. Der hielt ihn fest im Arm, sah aus, als würde er ihn nie wieder loslassen. Obwohl sie so wenig Essen hatten, blieb Einiges übrig, keiner hatte mehr Appetit an diesem Abend. Sie löschten das Feuer sorgfältig, dann zogen sie sich in die Höhle zurück, da es anfing zu regnen. Eng aneinander geschmiegt lagen sie schließlich in ihre Decken eingewickelt und wollten eigentlich schlafen. Doch jeder lag wach, zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Harry zitterte wie verrückt, er hatte eine solche Angst, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Vor allem, weil er die Angst von Sirius und Remus ebenfalls spürte. Professor Snape, oder besser Severus, ließ nicht durchblicken, wie er sich fühlte, doch er war seltsam wortkarg. Normalerweise hatte er mit einem Kommentar gerechnet, als sie sich hinlegten. Wie Sardinen in einer Dose, fand Harry. Ein leicht hysterisches Lachen baute sich in seinem Inneren auf, doch er drückte es zurück. Stattdessen hatte Severus seine Decke auch noch über Harry gelegt, als er das Zittern spürte. „Ruhig, Harry.“, murmelte Severus schließlich, als die Stille drückend wurde. Mit der rechten Hand strich er sanft über Harrys Wange, wischte die Feuchtigkeit der Tränen ab. „Gib nicht auf, wir werden an deiner Seite kämpfen und eine Lösung finden. Das verspreche ich dir bei meiner Ehre.“

Harry biss sich auf die Lippen, doch er konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Plötzlich spürte er, wie Severus seinen Arm um ihn legte. Dicht zwischen Severus und Sirius eingezwängt lag Harry nun und weinte. Irgendwo tief in seinem Inneren war es ihm peinlich, doch er brauchte nun die Nähe der Beiden. Oder eher der Drei, denn auch Remus war da. Die Tränen halfen ihm, etwas von der Anspannung loszuwerden. Nach einer Weile schlief er erschöpft ein, geborgen in den Armen der schwarzhaarigen Männer.

 

Drei Tage später hatten Severus und Remus das Buch durchgearbeitet. Leider bot es keine wirkliche Lösung für sie an. Es hatte ihnen keinen Zauber geliefert, mit dem sie Harry prüfen könnten. Sie gingen nun davon aus, dass ein Stück einer fremden Seele in ihm steckte, einfach um sicher zu gehen. Daraufhin lernte Severus mit ihm noch intensiver Okklumentik, allerdings ein wenig abgewandelt, da es nun möglicherweise darum ging, die Seele Harrys von dem Bruchstück zu isolieren. Die meiste Zeit aber hatte er mit Remus über das Buch gebeugt verbracht. Harry war fasziniert von den Runen und ließ sich immer wieder etwas von Remus erklären, wenn der Zeit hatte. Ansonsten sammelte er Pilze, Beeren und Wurzeln in der Nähe, während Sirius auf die Jagd ging. Noch gab es reichlich Auswahl, die meisten Früchte waren reif oder kurz davor, aber sie wollten nicht darüber nachdenken, wie es in ein oder zwei Monaten aussehen würde. Sie hofften, bis dahin eine Lösung zu finden, wo sie bleiben konnten. Von dort aus wollten sie sich dann auf die Suche nach Antworten machen. Welche Horkruxe gab es noch? Wo waren sie versteckt? Dass es nur zwei waren, davon ging keiner aus.

„Was haben wir?“, fragte Sirius, als er von seiner Jagd zurückkam und das Buch zugeschlagen auf dem Rucksack lag.

Geistesabwesend machten sich Harry und Remus darüber, die beiden Hasen auszunehmen und zu häuten, die Sirius ihnen gab. Ihre Aufmerksamkeit galt Severus.

„Also, wir befürchten nun, dass Harry tatsächlich ein Horkrux ist, auch wenn in dem Buch davon abgeraten wird, lebende Behältnisse zu verwenden.“, begann Severus. „Das Problem dabei ist, es kann sein, dass die stärkere Seele, also die ganze, das Bruchstück als eine schwächere ansieht und bekämpft. Bisher ist das bei dir, Harry, wohl nicht der Fall, weil du noch so jung bist. Es heißt nicht umsonst, dass Kinderseelen zart und leicht verletzlich sind. In einem Erwachsenen, der seelisch gesund ist, hätte so ein Bruchstück vermutlich kaum eine Möglichkeit zu überleben. Ob Harrys Seele dieses Bruchstück aber noch als fremd erkennt, ist fraglich, denn wenn es da ist, ist es in dir, seit du etwas über ein Jahr alt bist. Wie deine Seele nun darauf reagieren wird, oder ob es keine Reaktion mehr geben wird, weil sie das Stück als Teil von dir ansieht, das wissen wir nicht.“ Er strich Harry kurz über die Wange, was ein Flattern im Magen des Jugendlichen auslöste. „Außerdem wissen wir, dass wir entweder Dämonsfeuer oder Basiliskengift brauchen, um einen Horkrux zu zerstören. Das Gift haben wir nicht, und wenn uns nicht sehr viele Zufälle helfen, kommen wir auch nicht daran, denn nach Hogwarts zu gehen, um den Basilisken in der Kammer auseinander zu nehmen, kommt nicht in Frage. Dämonsfeuer kann aufgespürt werden, weil es einen hohen Magieausstoß bedeutet, das können wir höchstens irgendwo machen, wo wir schnell und spurlos verschwinden können. Zusätzlich ist es sehr schwer zu beherrschen, ich glaube nicht, dass einer von uns dazu in der Lage ist. Also müssen wir das Medaillon noch eine Weile sicher verwahren und hoffen, dass der Lord es nicht aufspüren kann. Ich vermute, auch wenn ich das nicht bestätigen kann, dass es noch weitere Horkruxe gibt. Der Grad der Veränderung beim Lord spricht dafür.“

„Wie finden wir mehr darüber heraus?“, wollte Harry wissen.

„Ich schlage vor, wir versuchen, die Spuren des Lords zu verfolgen.“, antwortete Severus. „Der einzige Anhaltspunkt, den ich habe, ist der Friedhof und das Anwesen seines Muggelvaters. Er verachtet es und vermeidet es, dorthin zu gehen, aber dort hat zumindest ein Teil stattgefunden. Der Friedhof, auf dem du vor einigen Wochen warst, Harry, gehört zu Little Hangleton, einem Ort, in dem Riddle Manor steht. Früher waren die Riddles Landlords, das Dorf war von ihren Leibeigenen und Tagelöhnern bewohnt. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber die Verbundenheit kann man heute noch erkennen. Ich habe keine Ahnung, ob das Manor überwacht wird oder nicht, aber ich weiß auch nicht, wo wir sonst anfangen sollen. Daher werde ich alleine hingehen.“

„Kommt nicht in Frage.“, widersprach Sirius sofort. „Ich bin Auror und weiß, wie ich vorgehen muss. Ich komme mit.“

„Wenn wir noch einige Tage warten, dann ist es nahe genug an Vollmond, dass meine Instinkte gute Dienste leisten, damit können wir schneller suchen.“, argumentierte Remus.

„Ich werde nicht allein hierbleiben.“, beschloss Harry. „Ich stand Voldemort schon mehrmals gegenüber und ich kann die Horkruxe spüren. Ich komme mit.“ Das stimmte, wie sie festgestellt hatten. Anfangs war es nicht aufgefallen, aber seit Harry Okklumentik lernte, hatte er mehr und mehr ein Gefühl dafür entwickelt, wie er fremde Magie entdeckte. Er spürte den Horkrux in Severus' Rucksack nur zu deutlich.

„Nein, es ist zu gefährlich, wenn wir alle gehen.“, schüttelte Severus den Kopf. „Wir wissen nicht, ob wir in eine Falle gehen.“

„Es ist zu gefährlich, wenn wir uns trennen.“, entgegnete Harry ruhig. „Sie wissen, dass wir miteinander unterwegs sind und könnten uns gegeneinander ausspielen. Niemand von uns wird freiwillig etwas sagen oder tun, aber was, wenn sie einen haben? Dann können sie die Anderen erpressen. Wir sollten zusammen bleiben, dann haben wir bessere Chancen. Gemeinsam sind wir stärker.“

„Harry hat Recht, auch wenn mir das nicht gefällt.“, meinte Sirius. „Sollten wir fliehen müssen, müssen wir nicht erst hierher zurückkehren, um wieder zusammen zu sein.“

„In Ordnung, gehen wir gemeinsam.“, gab Severus nach. „Aber vorher versuchen wir, einige Informationen zu bekommen. Zeitungen, Gerüchte, alles, was irgendwie hilfreich sein kann. Black, du apparierst in die Nähe von Zauber-Gemeinden, dort verwandelst du dich und streunst umher. Vielleicht schnappst du etwas auf. Dein Zauberstab ist hoffentlich nicht registriert?“

„Natürlich nicht.“ Sirius schien empört. „Ich habe ihn auf meiner Flucht besorgt, selbst wenn er registriert wäre, dann in Marokko, und die kümmern sich nicht um die Zustände hier in England.“

Severus schien zufrieden. „Ich werde ein paar alte … Kontakte aufwärmen. Lupin, du kümmerst dich um Harry, trainierst mit ihm. Überlege dir, wohin wir können, wenn wir fliehen müssen, schaffe uns Portschlüssel. Sammelt noch mehr Beeren, Pilze und Wurzeln, dass wir wenigstens einige Vorräte haben.“

Remus nickte zustimmend. „Wir kümmern uns darum.“ Auch Harry nickte.

„Gut, dann essen wir jetzt und schlafen danach. Morgen früh gehen wir los.“, bestimmte Severus. Er strahlte in diesen Momenten etwas aus, das die Anderen automatisch akzeptieren ließ, dass er das Kommando übernahm. So ruhig und zurückhaltend er sonst sein konnte, in diesen Augenblicken war er der geborene Anführer. Wie so oft blickte Sirius ihn nachdenklich an, er versuchte noch immer, herauszufinden, was in Snape steckte. Bisher hatte er die Möglichkeiten nicht wirklich einschränken können, auch wenn er intensiv beobachtete. Aber er war sicher, irgendwann würde er es herausfinden. Alleine schon seine angeborene Neugier würde ihn nicht eher ruhen lassen. Der Tränkemeister sah die Blicke und die Überlegungen, war aber sicher, dass Black nichts fand, was ihm weiterhalf. Er würde ihm nicht helfen, besser war es, wenn niemand etwas wusste. Schon sehr früh hatte Severus gelernt, niemandem zu vertrauen. Auch wenn er inzwischen ziemlich sicher war, dass die beiden ehemaligen Gryffindors ihn nicht absichtlich verraten würden, er wusste um die Methoden der Todesser. Und Dumbledore wäre ähnlich erfindungsreich, wenn er etwas wissen wollte. Außerdem ging es ums Prinzip, es waren zwei Rumtreiber, seine schlimmsten Gegner in der Schulzeit, sie hatten ihm das Leben bereits einmal zur Hölle gemacht. Ein zweites Mal würde er verhindern, wenn er konnte. Überraschend allerdings war, dass Black noch nichts über seine Verbindung zu Harry ausgeplaudert hatte. Möglicherweise dem Werwolf gegenüber, aber der hielt dicht, sollte er etwas wissen.

„Wie wird das eigentlich, wenn Remus sich verwandelt?“, fragte Harry in die Stille, als sie bereits zum Schlafen in der Höhle lagen.

„Ich werde mit ihm irgendwo hin gehen, wo er niemanden gefährden kann.“, beruhigte Sirius.

„Gibt es denn keine Möglichkeit, dass Remus und Moony eins werden?“, wisperte Harry. „Ich meine, … das würde doch alles leichter machen, oder?“

„Gebundene Werwölfe schaffen das.“, wusste Sirius. „Allerdings ist es gegen das Gesetz, dass ein Werwolf sich bindet.“

„Und ich bin meinem Gefährten bislang noch nicht begegnet.“, warf Remus ein. „Ich habe gehört, dass gebundene Werwölfe sich leichter verwandeln, der Schmerz ist weg, außerdem sind sie eins mit dem Wolf, dadurch können sie die Kontrolle behalten.“

„Das hat nicht alleine damit zu tun, dass sie gebunden sind.“, widersprach Severus ruhig. „Es hat auch mit der Akzeptanz ihres Wesens zu tun. Je mehr ein Mensch den Wolf in sich ablehnt, umso stärker sind die Schmerzen bei der Verwandlung. Und umso mehr drängt sich der Wolf in den Vordergrund, umso aggressiver ist er.“

„Dich will ich sehen, Severus, wenn du so ein Monster in dir hättest!“, zischte Remus wütend.

„Moony ist kein Monster, das kann ich mir nicht vorstellen.“, murmelte Harry. „Aber wenn er immer unterdrückt wird, dann kann ich mir schon vorstellen, dass er irgendwann nach draußen drängt und die Kontrolle will.“

„Ich werde nicht zulassen, dass er jemanden verletzt.“, schnaubte Remus.

„Das sollst du auch nicht.“, beruhigte Sirius. „Aber Harry hat Recht, Moony ist kein Monster. Er ist ein Teil von dir und ich weigere mich, dich als Monster zu bezeichnen. Ja, du hast es von klein auf nicht anders gelernt, aber das heißt nicht, dass es richtig ist.“

Severus hörte nicht mehr zu. Sein linker Arm brannte wie Feuer, der Lord rief nach seinen Untertanen. Wahrscheinlich würde es nicht mehr lange dauern, dann konnten sie sehen, ob Harrys neues Training Früchte trug, aber bis dahin musste Severus zusehen, dass niemand die Schmerzen mitbekam. Doch eine schmale, kühle Hand zeigte ihm bald, dass Harry es wusste.

Der Jugendliche hatte das Leuchten gesehen und konnte es zuordnen, obwohl es unter dem Ärmel der Robe, die der Ältere sogar in der Nacht trug, kaum zu erkennen war. Schon einmal hatte er es mitbekommen, damals in seinem Schrank. Das schien Ewigkeiten her zu sein, obwohl es noch nicht einmal eineinhalb Monate waren. In wenigen Tagen würde die Schule wieder beginnen. Harry wusste, er würde Hogwarts vermissen. Doch jetzt wollte er erst einmal Severus helfen. Noch immer war es seltsam, den Tränkemeister mit Vornamen anzusprechen, auch wenn es sich gut anfühlte. Es löste jedes Mal ein Kribbeln in Harry aus. „Kann man es entfernen?“, erkundigte sich Harry leise bei ihm.

„Wahrscheinlich nicht.“, zischte Severus durch die zusammengebissenen Zähne. „Der Lord hat den Zauber in Parsel gesprochen.“

„Und wenn ich den Gegenzauber auch in Parsel spreche?“

„Das könnte funktionieren, aber nur, wenn wir den Gegenzauber kennen.“, überlegte Remus, der nun auch darauf aufmerksam geworden war. „Aber wir können es probieren. Ich kann versuchen, den Zauber zu analysieren, vielleicht finde ich einen Gegenzauber.“

„Kannst du es gleich machen?“, hoffte Harry, der Severus' Schmerzen nicht mit ansehen konnte. Nicht einmal zu der Zeit, als sie sich noch hassten, hätte er ihm das gewünscht.

Remus zuckte ungesehen die Schultern und richtete sich auf. Den Zauberstab zog er aus dem Ärmel, sie alle legten sie niemals ab. Harry setzte sich ebenfalls, nahm den Kopf des Tränkemeisters in den Schoß. Inzwischen wimmerte Severus leise, konnte es nicht ganz unterbinden. Der Lord legte es offenbar darauf an, ihm Schmerzen zuzufügen. Das war schon lange kein normaler Ruf mehr. Der Arm glühte, und das war nicht im übertragenen Sinn gemeint. Er leuchtete wie ein Glühwürmchen und brannte wie Feuer, während er immer mehr Hitze abstrahlte. Severus hatte das Gefühl, die Haut schlug bereits Blasen vor Hitze. Harrys Berührung war tröstend, kühlte ein wenig, konnte das Feuer aber nicht löschen. Angst kam in Severus auf, was würde passieren, wenn es immer schlimmer wurde? Würde er irgendwann wahnsinnig vor Schmerzen? Er bekam nicht mit, was um ihn herum passierte. Inzwischen unterstützte Sirius seinen besten Freund, auch ihn ließ das Leid des Schwarzäugigen nicht kalt. Er hatte ein kleines Licht über sie gezaubert, das alles in einen unheimlichen Schein tauchte. Die Schatten machten es noch unheimlicher, lang und schwarz hüllten sie sie ein. Harry wünschte sich, er müsste das Leid des Tränkemeisters nicht mit ansehen, es tat ihm weh, weil er nichts tun konnte.

„Ich hab's!“, keuchte Remus schließlich, als sich Severus auf dem Boden der Höhle krümmte. „Harry, der Zauber ist ein einfaches ‚Deletrium‘, dazu machst du folgende Bewegung.“ Er griff nach Harrys Arm und bewegte ihn, damit Harry es nachvollziehen konnte.

Zweimal zeigte er es, dann nickte Harry ungeduldig. „Okay.“ Er zog seinen eigenen Zauberstab, schloss einen Moment die Augen. Jetzt richtete er den Stab auf Severus' Arm, den Sirius festhalten musste. Harry machte die Bewegung, die Remus ihm eben beigebracht hatte, dann zischelte er in Parsel: „Deletrium!“ Sofort ließen die Bewegung und das Wimmern nach. Zwei weitere Male wiederholte Harry den Zauber, dann hörte er, wie Severus erleichtert aufatmete.

„Es ist weg!“, hauchte der Tränkemeister und gab der Schwärze nach.

Vorsichtig strich Harry ihm den Schweiß von der Stirn und wirkte einen Reinigungszauber, denn Severus war sicher komplett durchgeschwitzt. Anschließend deckte er ihn gut zu und schloss ihn in die Arme. Es hatte ihm in den letzten Nächten gut getan, da konnte es für den Älteren doch auch hilfreich sein, fand er. Remus bestrich den Arm im Licht von Sirius' Zauberstab mit einer dünnen Schicht Heilsalbe, dann transformierte er einen Verband aus einigen Blättern, umwickelte den Unterarm damit. Mehr konnten sie im Moment nicht tun, also legte er sich auf die andere Seite von Severus, schützte ihn gegen die Kälte und mögliche Angriffe. Bald war es still in der Höhle und sie schliefen tief und fest, wenn auch teilweise unruhig.

Severus stöhnte leise, als er erwachte und seinen Arm bewegte. Brennender Schmerz schoss bis hinauf in die Schulter und den Kopf. Er fühlte sich vollkommen erschlagen. „Bleib ruhig liegen, du hast Fieber und dein Arm ist wund und schlimm entzündet.“, hörte er eine ruhige Stimme irgendwo über sich. Lupin.

Er brauchte keine Ruhe, er brauchte … Aber das sollten seine Mitstreiter nicht wissen. Noch nicht, so sehr vertraute Severus ihnen nicht. Außerdem sollte der Lord nichts erfahren, das konnten sie nicht verhindern, sollte er sie in die Hände bekommen. Oder Dumbledore. Auch der sollte nichts erfahren von seinem Erbe. Trotz der Aufforderung in der Stimme stemmte er sich hoch. „Keine Zeit.“, krächzte er. Er sah sich um. In der Höhle herrschte das diffuse Dunkel, das ihm zeigte, es war helllichter Tag. Erschrocken wollte er aufstehen, doch Lupin drückte ihn zurück.

„Du ruhst dich aus.“, bestimmte der Werwolf. „Sirius ist unterwegs, um Zeitungen zu finden, Harry sucht nach Wurzeln, Pilzen und Beeren, er kennt sich gut aus damit. Er ist in Rufweite, also keine Sorge. Deine alten Kontakte müssen warten, bis du wieder auf dem Damm bist, wir haben nichts gegen Fieber hier.“

„Der Fiebertrank war noch nicht fertig, als wir aufbrechen mussten.“, erklärte Severus, und ließ sich zurück auf den Boden sinken. Sein Kopf dröhnte und er hatte das Gefühl, alles käme auf ihn zu, wenn er sich umsah. Ergeben schloss er die Augen und dämmerte schnell wieder weg. Remus brummte zufrieden und machte sich erneut darüber, die Früchte und Pilze, die Harry bereits gebracht hatte, zu zerkleinern und zu trocknen. Nebenbei kochte er Wasser über dem Feuer, damit Severus später Tee trinken konnte, denn Harry hatte Fenchel und Minze gefunden. Am Morgen hatten sie zu dritt eine Stunde trainiert, Sirius und er waren wirklich stolz auf ihren Kleinen. Harry machte sich gut, auch wenn sie merkten, irgendetwas beschäftigte ihn. Vermutlich die Tatsache, dass er nun selbst eine der meist-gesuchten Personen Großbritanniens war. Wenn in einigen Tagen die Schule wieder startete, dann durfte Harry sich nicht in der Nähe aufhalten. Dann war es für ihn wohl endgültig. Das hatten sie ihm nicht so gewünscht, dass er nun gesucht wurde wie ein Verbrecher. Doch er schlug sich wacker, ließ sich bislang nichts anmerken. Er hatte ein Ziel, für das kämpfte er. Wie Lily und auch wie James. Die Beiden wären sicher stolz auf ihren Jungen.

Nun gut, James würde sicher die Tatsache verfluchen, dass Harry ausgerechnet Severus geholfen und sogar in sein Bett gelassen hatte, aber da war Harry seiner Mutter erstaunlich ähnlich, auch sie hatte immer jedem geholfen, egal wer es war. Das hatte immer wieder zu Streit zwischen James und Lily geführt, denn James hatte es nie verstanden, dass Lily keinen Unterschied zwischen den Häusern und Gesinnungen gemacht hatte. Sie hätte selbst Voldemort geholfen, wenn er zu ihr gekommen wäre. Genau wie Harry. Sirius kam damit auch nicht so ganz klar, aber das war nicht unerwartet, jedenfalls nicht für Remus.

„Ich hab noch mehr gefunden.“, riss Harrys Stimme ihn nun aus den Gedanken.

„Sehr gut, Welpe!“, lächelte Remus. Harry schien diesen Kosenamen wirklich zu genießen, denn er strahlte, wann immer Remus ihn so nannte. Also machte der Dunkelblonde weiter. „Sieh mal nach dem Tee, wenn er schon abgekühlt ist, dann können wir Severus etwas davon einflößen, er braucht Flüssigkeit.“

„Alles klar.“, nickte Harry und griff nach dem Becher, den Remus aus einem Stück Ast gezaubert hatte. Vorsichtig weckte er den Tränkemeister, half ihm, sich aufzusetzen. Remus erkannte, wie geübt er das machte, und schüttelte den Kopf. Was gäbe er darum, wenn Harry unbelastet hätte aufwachsen können! Aber er kam nicht umhin, das Talent des Jugendlichen zu bewundern. Severus trank langsam, doch Harry blieb ruhig und geduldig. Nicht ein einziges Mal verschluckte sich Severus, bis der Becher leer war. Anschließend schaffte es Harry sogar, ihm ein paar Beeren zum Essen zu geben. Der Tränkemeister lehnte sich an Harry an. Ein Bild, das Remus misstrauisch sah. Etwas war zwischen den Beiden, das er nicht zuordnen konnte. Normalerweise würde Severus nicht zulassen, dass jemand seine Schwäche sah oder durch seine Haare strich. Harrys Hand streichelte stetig über die schwarzen, inzwischen etwas wirren Haare von Severus. Es wirkte beinahe, als würde der Slytherin sich der Berührung entgegen lehnen. Remus schüttelte den Kopf, das konnte doch eigentlich nicht sein. Severus hatte immer wieder deutlich gemacht, dass er James Potters Sohn nicht ausstehen konnte. Und das war noch nett ausgedrückt. Wobei, das Angebot an den Jugendlichen, ihn Severus zu nennen, war genauso verwirrend. Außerdem fielen ihm die Blicke von Sirius auf, der immer wieder beobachtete, als wollte er etwas finden. So hatte Sirius ihn selbst auch schon angesehen, vor vielen Jahren, als sie in Hogwarts waren und er versuchte, auf das Geheimnis zu stoßen, das Remus umgab. Damals hatte er es geschafft. Würde Sirius auch herausbekommen, was Severus verbarg? Irgendetwas war da, aber Remus konnte es nicht genauer zuordnen. Seine Gedanken begannen, sich im Kreis zu drehen und er stand auf.

„Ich gehe jagen.“, verkündete Remus und sah Harry an. „Du passt hier auf.“ Harry nickte und legte Severus vorsichtig wieder hin. Er setzte sich ans Feuer, sodass er Severus im Blick behalten konnte, aber auch den Zugang zu ihrer Lichtung. Wie selbstverständlich richtete er einige der Wurzeln her, die sie für das Abendessen nutzen konnten. Remus nickte ihm noch einmal zu, dann verschwand er durch den schmalen Spalt im Gebüsch. Als es nur wenige Minuten später wieder raschelte, hob Harry seinen neuen Zauberstab und fixierte die Öffnung mit den Augen. Auch als er Sirius sah, ließ er ihn nicht sinken.

„Ich bin's wirklich.“, versicherte Sirius und verwandelte sich in Tatze. Nur einen Moment später stand er wieder als Mensch vor Harry. „Wie geht's Schn… Snape?“

„Du sollst ihn nicht so nennen!“, schimpfte Harry wütend. „Du und Dad, ihr seid vor allem Schuld daran, dass seine Schulzeit mindestens so schlimm wie meine war. Du solltest dich bei ihm entschuldigen und endlich erwachsen werden.“

„Ich werde es versuchen.“, versprach Sirius kleinlaut. Für Harry war er bereit, es zu versuchen. Selbst Sirius konnte sehen, dass Harry sich zu Snape hingezogen fühlte. Er hatte sich bisher an den Wunsch des Slytherin gehalten und nichts von der Verbindung zu Harry erzählt, oder davon, dass er ein magisches Wesen war. Selbst Remus gegenüber hatte er geschwiegen, so schwer es ihm auch fiel, denn eigentlich hatte er keine Geheimnisse vor Remus. Er liebte den Dunkelblonden, auch wenn er wusste, dass er nicht der Gefährte des Werwolfes war. Schon gegen Ende ihrer Schulzeit waren sie in einer Beziehung gewesen, die sie seit einem Jahr wieder vertieften. Sirius war sicher, dass Snape es ahnte, bei Harry hingegen glaubte er, dass er keine Ahnung hatte. Remus bestand darauf, denn er wollte Sirius nicht in Gefahr bringen. Die Gesetze besagten eindeutig, dass er keinen Gefährten haben durfte, auch keinen Partner. Wobei das Ministerium ohnehin nicht zwischen beiden unterscheiden konnte. Er riss sich aus seinen Gedanken. „Also, wie geht es Snape?“, fragte er erneut, diesmal aber betont neutral.

„Severus“, Harry betonte den Namen deutlich, „hat immer noch Fieber, aber ich denke, es sinkt. Er hat vorhin Tee getrunken, seither schläft er deutlich ruhiger. Ich denke, er ist nicht mehr so heiß, aber da ich keine Diagnosezauber kenne, kann ich es nicht sagen.“

Schmunzelnd zog Sirius seinen Zauberstab, misstrauisch beobachtet von seinem Patenkind. Doch er wirkte nur einen Diagnosezauber und zeigte Harry gleichzeitig, worauf es dabei ankam. „Das Fieber ist deutlich gesunken und die Entzündung heilt auch langsam. Es wird sicher noch einige Tage dauern, aber es wird verheilen.“, erklärte er das Ergebnis. Was er nicht erwähnte war die Tatsache, dass er auch versucht hatte, mehr über das magische Wesen in dem Slytherin herauszufinden, aber es war ihm nicht gelungen. Noch immer hatte er es nicht aufgegeben, etwas herausfinden zu wollen. Er erkannte deutlich, dass wohl ein Zauber auf dem Schwarzäugigen lag, der verhindern sollte, das man etwas herausbekam, aber er konnte ihn weder umgehen noch lösen. Die Beobachtungen hatten bislang auch nichts ergeben, aber Sirius erhoffte sich von dem Aufenthalt hier in der Höhle neue Erkenntnisse. So eng, wie sie hier miteinander lebten, konnte man nicht lange Geheimnisse bewahren. Er grinste Harry an, der ihn immer noch anblickte. Gemeinsam setzten sie sich nun ans Feuer und warteten, bis Remus zurückkam.

„Ist es immer so?“, wollte Harry irgendwann leise wissen. „Wenn man auf der Flucht ist, meine ich.“

Sirius zog den Jugendlichen an sich. „Es ist ganz unterschiedlich. Manche Zeiten habe ich in ganz normalen Häusern verbracht, wenn Muggel gerade nicht da waren. Ich weiß, das macht man nicht, aber … naja, in Höhlen ist es im Winter nicht sonderlich angenehm, wenn ich ehrlich sein soll. Eine Zeit lang war ich in Marokko, zusammen mit Seidenschnabel. Dort haben einige Nomaden mich aufgenommen. Ich habe mit ihnen gelebt, sie sind wirklich gastfreundlich. Als Gegenleistung habe ich Seidenschnabel gebeten, einige Federn nehmen zu dürfen. Er hat ihnen auch noch Schweifhaare, Abrieb von seinen Klauen und sogar ein wenig Blut überlassen, das brauchen sie für ihre Zaubertränke. Snape hätte dort sicher auch noch Einiges dazulernen können, die haben Zutaten, die bei uns keiner kennt. Aber dann habe ich erfahren, dass du im Turnier steckst und bin zurück, wollte dich nicht alleine lassen. Die Zeit bereue ich nicht, also mach dir keine Vorwürfe, aber es war nicht gerade angenehm in der Höhle nahe Hogsmeade. Aber wie gesagt, ich bereue es nicht, würde es jederzeit wieder tun. Die Höhle war eigentlich ganz bequem, nur leider weiß Dumbledore davon, deshalb können wir dort nicht hin.“

„Hast du Zeitungen bekommen?“, fiel es Harry auf einmal ein, er wollte nicht weiter über dieses Thema reden.

Sirius grinste. „Ja, hab ich. Wollen wir einen Blick hinein werfen?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das sehen will.“, zögerte Harry. Dennoch blickte er über Sirius' Schulter, als der die drei Zeitungen, die er ergattert hatte, öffnete. Das Titelbild der ersten teilten sie sich, sie waren nun alle gesucht. Scheinbar hatten sie herausgefunden, dass auch Remus bei ihnen war. Es waren hohe Belohnungen ausgesetzt. Mit einer gewissen morbiden Faszination las Harry den Artikel, der ein wirklich schauderhaftes Bild von ihnen lieferte. Ihm selbst wurde der Mord an Cedric und auch die Tötung seiner Muggelverwandten zur Last gelegt, da er sich ja der Befragung entzog. Die Strafe, die ihn erwartete, war nicht mehr so harmlos, wie es anfangs erschien. Noch immer sollte ihm die Magie entzogen werden, aber zusätzlich wollten sie, dass er mit dem Kuss der Dementoren bestraft und anschließend hingerichtet wurde. Ein klein wenig übertrieben, wie es schien. Irgendjemand lechzte nach seinem Blut, wie es aussah. Harry schauderte und nahm sich vor, auf keinen Fall in die Hände des Ministeriums zu fallen, egal was passierte. Sirius wurde noch immer der Verrat an Harrys Eltern, der Mord an den dreizehn Muggeln zur Last gelegt, dazu die Flucht aus Askaban und die Tatsache, dass er ein Todesser sein musste, immerhin hatte er die Potters an den Lord verraten und das würde wohl nur ein Anhänger des Dunklen machen. Ihm drohte ebenfalls der Kuss der Dementoren. Severus war als Todesser und Entführer von Harry Potter gesucht, ihn erwarteten mindestens zwanzig Jahre Askaban und der Entzug seiner Magie. Remus suchten sie nur wegen der Beihilfe zur Flucht und der Tatsache, dass er als Werwolf gefährlich für die Allgemeinheit war. Ihm drohte die Verbannung, damit er niemanden gefährden konnte. Außerdem berichtete der Tagesprophet von einem Überfall, der erneut durch einen geheimnisvollen Patronus vereitelt werden konnte. Ein silbriger Orca war in den letzten Wochen immer wieder aufgetaucht, wenn ein Überfall bevorstand.

Harry grübelte, irgendetwas daran kam ihm komisch vor. Erneut las er den Bericht, in dem auch einige der Überfälle noch einmal erwähnt wurden, wenn auch nur kurz. „Moment mal!“, fiel es ihm schließlich auf. „Das sind Überfälle, die dieser Spion an Voldemort verraten hat! Genau die, von denen ich in den Visionen erfahren habe, bevor sie stattfanden! Was bedeutet das?“

„Ich weiß es nicht.“, zuckte Sirius die Schultern. „Aber wer auch immer die Informationen weitergibt, er steht offensichtlich auf der Seite der Bevölkerung.“

„Stimmt.“, murmelte Harry. „Aber es muss jemand sein, der entweder nahe an Dumbledore ist, oder der von dem Spion Informationen bekommt.“

„Ja, aber das hilft uns nicht, wenn wir herausfinden wollen, wer es ist.“, gab Sirius zu bedenken.

In dem Moment kam Remus erfolgreich von der Jagd zurück, und sie kümmerten sich gemeinsam um das Essen. Dazu weckten sie dann auch Severus, damit dieser Kraft schöpfen konnte. Da sie keine Möglichkeit hatten, Heiltränke zu bekommen, musste er so heilen, wie sein Körper es schaffte. Und dazu brauchte er viel Flüssigkeit und immer wieder auch Nahrung. Mit Mühe aß Severus eine kleine Portion, bevor er die Schale von sich schob und sich erneut hinlegte. Remus legte einige größere Steine ins Feuer, sodass sie die Wärme speicherten. Damit wärmte er die Höhle etwas auf. Sie wollten so weit wie möglich auf Zauber verzichten, denn auch, wenn ihre Stäbe nicht registriert waren, so konnte das Ministerium doch eine Erhöhung der Magie in dieser Gegend auffällig finden, und das wollten sie nicht riskieren. Im Moment konnten sie Severus nicht wegbringen, ohne damit eine Verschlechterung seines Zustandes zu verursachen. Abwechselnd wachten sie in dieser Nacht, vor allem wegen Severus. Immer wieder tauschten sie die Steine aus, damit der Verletzte es warm hatte.

In seiner Wache überlegte Sirius, wie er es schaffen könnte, hinter das Geheimnis des Tränkemeisters zu kommen. Ihm war bewusst, dass ihm der Zufall wohl nicht half, er musste es schaffen, den Anderen entweder zu überzeugen, ihm etwas zu sagen, oder aber ihn zu überraschen, sodass er versehentlich etwas verriet. Wobei, Letzteres konnte er wohl vergessen, er hatte noch nie einen so beherrschten Menschen wie den Tränkemeister erlebt. Also blieb ihm nichts Anderes übrig, als tatsächlich mit Snape zu reden. Was würde der Andere verlangen? Würde er überhaupt mit ihm reden? Erst jetzt wurde Sirius bewusst, was in all den Jahren eigentlich zwischen ihnen passiert war. Vielleicht war das der Schlüssel. Er musste erst einmal das Vertrauen Snapes gewinnen. Das würde nicht leicht. Immerhin war er gemeinsam mit James der Schlimmste gewesen. Remus hatte nichts getan. Nun gut, er hätte sie bremsen müssen, wirklich effektiv. Das hatte er damals nicht getan, weil er Angst gehabt hatte, ihre Freundschaft zu verlieren. Dabei hatte Dumbledore damals wohl gehofft, dass Remus sie bremsen könnte. Sirius wusste, Remus hatte sich inzwischen bei dem Slytherin entschuldigt. Eine Entschuldigung reichte für ihn wohl nicht aus. Dafür war zu viel passiert und es war auch zu lange her. Aber gerade für Harry wäre es auch wichtig, wenn er endlich Frieden mit Snape schloss. Der Kleine schien auf dem besten Weg, sich in den Kerkermeister zu verlieben. Also musste er etwas tun. Und er musste es ernst meinen, denn Snape wusste genau, wenn jemand ihn anlog. Jahrelange Erfahrung als Lehrer in Hogwarts, oder war da mehr? Hatte es mit seinem Wesen zu tun? Sirius wusste bereits, dass Snape ein außergewöhnlich gutes Gehör hatte, dazu eine schnelle Heilfähigkeit. Aber hatte er die wirklich? Im Grimmauldplatz schien es so, aber jetzt? Damals war er deutlich schwerer verletzt gewesen als jetzt, und hatte am nächsten Tag ausgesehen, als wäre nie etwas gewesen. Hatte er es doch mit Tränken versorgt? Sirius kannte keine Heiltränke, die das schafften, aber er war auch kein Tränkemeister. Snape war genial in seinem Fach, der Beste. Hatte er etwas geschaffen, das stark genug für solche Verletzungen war? Aber warum nutzte er es dann jetzt nicht? Irgendetwas passte hier nicht zusammen.

„Nein!“, riss ihn auf einmal Snapes Stimme aus seinen Gedanken. Unruhig warf sich der Slytherin herum, er schien zu träumen. Es musste wohl am Fieber liegen, ansonsten hätte er sich nicht so sehr entspannt. In der letzten Nacht hatte es nicht den Anschein gehabt, dass er überhaupt träumte. Wie ein Stein hatte er dort gelegen, zumindest bis all das passiert war. Nun, jetzt konnte Sirius beweisen, dass es ihm ernst war mit der Veränderung.

Vorsichtig rüttelte er den Tränkemeister an der Schulter. „Es ist nur ein Traum.“, versuchte er ihn zu besänftigen.

Tatsächlich ging ein Ruck durch den immer noch fiebrigen Körper. „Was … wo?“, krächzte Severus.

„Ruhig.“, murmelte Sirius. „Wir sind in einer Höhle, weißt du noch?“ Er wartete ein bestätigendes Knurren ab, dann erst sprach er weiter. „Du hast immer noch Fieber und solltest liegen bleiben. Wir kümmern uns um dich, und richten gleichzeitig alles für unser Vorhaben her.“

„Wie lange habe ich geschlafen?“, wollte Severus leise wissen.

„Nicht allzu lange.“, grinste Sirius. „Du liegst hier erst seit letzter Nacht im Fieberschlaf, wir haben noch etwas Zeit. Ich habe heute einige Zeitungen ergattert, aber gehört habe ich nichts, was uns helfen könnte. Morgen gehe ich nochmal, Harry und Remus kümmern sich um die Vorräte. Einer geht sammeln, der Andere trocknet die Beeren und was sie sonst noch finden. Derjenige kümmert sich auch darum, dass du genug trinkst und isst. Hast du noch irgendwelche Heiltränke, die wir dir geben können?“

„Nichts mehr da.“, wisperte Severus. „Es ist kalt.“ Er zitterte inzwischen so sehr, dass seine Zähne klapperten.

Sirius tauschte die Steine aus und merkte, wie das Zittern nachließ. „Danke.“, kam es sehr leise von Snape.

„Ruh dich aus und schlaf', dann wirst du am schnellsten gesund.“ Sirius tätschelte ihm ein wenig unbeholfen die Wange und zog die Decke wieder fester über ihn. Er bekam keine Antwort mehr, denn Severus war bereits wieder eingeschlafen. Ein weiteres Mal wechselte er etwa eine Stunde später die Steine, dann weckte er Remus, da dieser die letzte Wache hatte.

Einige Stunden später verabschiedete er sich von Remus und Harry, die nach einem kargen Frühstück erneut nach Früchten zum Trocknen suchten, während Severus noch immer schlief. Zum Glück war es gerade der Beginn der Erntezeit. Lange allerdings konnten sie wohl nicht mehr hier bleiben, für den Winter brauchten sie eine andere Unterkunft. Aber so weit konnte er nicht vorausdenken. Sirius schüttelte den Kopf und apparierte, als er etwa zwanzig Minuten weg vom Lager gelaufen war. Heute wollte er ein etwas größeres Risiko eingehen und sich in der Winkelgasse umhören. Daher apparierte er in eine ruhige Seitengasse in Muggellondon und verwandelte sich in Tatze, bevor er sich auf den Weg zum tropfenden Kessel machte. Dort wartete er, bis eine Gruppe aus vier Zauberern und einer Hexe eintrat und schloss sich ihnen an, sodass die Gäste im Pub glaubten, der Hund gehöre zu den Menschen. Erst hinter dem Durchgang stromerte er davon und versuchte, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erlangen. In der Nähe von Fortescues, wo heute viel los war, legte er sich unter eine Bank zu einem anderen Streuner, der ihn nur kurz beschnupperte und dann ignorierte, in der Hoffnung, die Menschen ließen etwas Leckeres fallen. Viel Tarnung hatte er nicht, aber derzeit ignorierten die Menschen den vermeintlichen Streuner. Tatze spitzte die Ohren und versuchte, an neue Informationen zu gelangen.

„Ich kann einfach nicht glauben, dass ausgerechnet Harry Potter ein Mörder sein soll!“, meinte eine Frau.

„Aber auf der anderen Seite soll er mit seinem Paten Kontakt haben. Black hat immerhin dreizehn Muggel umgebracht und Harrys Eltern verraten, also ihren Tod verschuldet. Vielleicht hat dieser Mörder einen schlechten Einfluss auf seinen Patensohn. Wer weiß, vielleicht hat er ihn verhext oder unter Imperius gestellt und will nun Dumbledore und den Minister mit dem Jungen beseitigen, damit der Weg für seinen Meister frei ist.“, überlegte der Mann, der mit ihr am Tisch saß. Tatze legte sich flach auf den Boden und versteckte seine Schnauze unter seiner Pfote. So etwas Dämliches hatte er lange nicht mehr zu hören bekommen.

„Glaubst du wirklich, Du-weißt-schon-wer ist zurück?“, wisperte die Frau.

„Was denkst du denn? Diese ganzen Überfälle, die Morde, bei denen das dunkle Mal über dem Haus schwebte, sind doch eindeutig!“, schnaubte der Mann. Tatze sah sie nicht, aber er lauschte ihrem Gespräch weiterhin.

„Und wer schickt dann immer wieder diesen Patronus, der die Menschen warnt?“, wunderte sich die weibliche Stimme.

„Keine Ahnung, aber er sollte einen Orden bekommen.“ Aus der Stimme des Mannes war Bewunderung zu hören. „Er hat sicher schon hunderte Leben gerettet. Mich würde eher interessieren, woher er seine Informationen bekommt. Du-weißt-schon-wer ist sicher ziemlich sauer, wenn seine ganzen Aktionen so verraten werden.“

„Pst, bist du verrückt? Das solltest du in der Öffentlichkeit nicht so raus schreien!“, fuhr ihn die Frau an. „Aber mal was Anderes, gehen wir dann heute noch in die Tierhandlung? Wir brauchen endlich eine neue Eule, die Eulenpost wird immer teurer, das ist ja langsam nicht mehr zu bezahlen!“

Tatze ließ seine Aufmerksamkeit weiter umher schweifen, hörte aber nichts Interessantes mehr, also entschied er, ein Stück in die Nokturngasse zu gehen. Unterwegs schnupperte er, so wie andere Streuner, an den Mülleimern, nur dass er nicht nach Futter, sondern nach Zeitungen suchte. Viel fand er dabei nicht, nur das, was er bereits gestern ergattert hatte. Doch so schnell gab er nicht auf. Vor allem, als er mit einem Mal seine Cousine entdeckte. Der große, schwarze Hund knurrte leise, als er Bellatrix in sicherer Entfernung folgte. Das wollte er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Die Dunkelhaarige ging mit ausladenden Schritten direkt auf eine Kneipe zu. Wobei, Spelunke würde das Äußere besser beschreiben. Tatze versuchte, sich hinter der Frau durch die Tür zu drängen, doch er hatte offenbar die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

„Nix da, Hunde müssen draußen bleiben!“, rief der Wirt.

Bellatrix drehte sich um. „Das ist nicht meiner.“ Mit dem Fuß trat sie in Tatzes Seite. „Raus mit dir, du Streuner.“

Jaulend trat Tatze den Rückzug an. Er hatte einen Blick auf die Gäste des Pubs erhascht und mehrere Todesser erkannt. Die hielten da drin offenbar eine Versammlung ab. Er musste irgendwie dort reinkommen. Oder zumindest hören, was gesprochen wurde, vielleicht half es. Ein schmaler Durchgang zwischen dem Pub und dem Nachbarhaus war gerade breit genug, dass Tatze sich hindurchzwängen konnte. Nach hinten raus gab es einige Fenster, auch das hatte er gesehen bei seinem kurzen Blick ins Innere. Tatsächlich lag er nur zwei Minuten später unter einem der Fenster und konnte zumindest einen Teil der Unterhaltung verstehen.

„… und ich weiß immer noch nicht, was er in diesem Muggelhaus will.“, hörte er einen der Männer.

„Du musst nicht verstehen, was unser Lord will. Du musst nur tun, was er dir sagt.“, antwortete Bellatrix schnippisch. „Zum Verstehen bist du nicht intelligent genug. Aber ich will dir was erklären. Es ist ein Muggelhaus. Niemand wird auch nur den Hauch eines Verdachtes schöpfen, dass unser Lord gerade dort etwas versteckt, was ihm wichtig ist. Dieser Narr Dumbledore ist hinter ihm her, er hat wohl etwas über unseren Lord herausbekommen, was er nicht wissen soll.“

„Aber er weiß doch von dem Friedhof, wird der Alte nicht doch Verdacht schöpfen?“, wollte ein anderer Mann wissen.

In dem Moment schlug das Fenster mit einem lauten Knall zu. Tatze erschrak und zuckte zusammen, stieß dabei mit dem Kopf gegen einen Eimer. Winselnd legte er die Pfote über die schmerzende Schläfe. „Nicht schon wieder! Du dämlicher Köter, verschwinde, hier gibt es nichts für dich zu holen! Los, ab mit dir!“, kommandierte der Wirt und trat nach dem Hund. Hastig trat Tatze den Rückzug an und verschwand durch die schmale Spalte. Gerne hätte er noch mehr gehört, aber noch länger durfte er nicht bleiben, damit machte er sich nur verdächtig. Ein streunender Hund, der nicht floh, wenn er getreten wurde, würde sehr genau angesehen werden, und sollten sie den verkehrten Zauber nutzen, war er aufgeflogen, dieses Risiko durfte er unter keinen Umständen eingehen. Also verschwand er jetzt besser. Als er unterwegs an einem kleinen Zeitungsstand vorbeikam, schnappte er nach dem neuesten Tagespropheten, dann rannte er, was seine Beine hergaben. Das Geschrei hinter sich ignorierte er. Erst, als er in einem dichten Gestrüpp Deckung hatte, verwandelte er sich zurück und apparierte nur Sekunden später zurück in den Wald.

„Sirius!“, fiel ihm ein erleichterter Harry um den Hals, als er zur Höhle kam.

„Hey, Kleiner, alles gut!“, lächelte er beruhigend und nahm seinen Patensohn in den Arm. „Ich habe ein paar Todesser belauschen können.“

„Was haben sie gesagt?“, krächzte Severus schwach.

„Du bist wach!“, erkannte Sirius erstaunt.

„Deine Auffassungsgabe war schon immer erstaunlich, Black!“, spottete der Tränkemeister leise. Sirius setzte bereits zu einer spöttischen Antwort an, aber er erkannte, dass Severus nicht lange wach bleiben würde. Also gab er wieder, was er gehört hatte. „Das hilft uns nur wenig.“, überlegte Severus heiser. „Aber es könnte auch unsere Vermutung bestätigen, dass wir in Riddle-Manor etwas finden könnten.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“, schüttelte Sirius den Kopf. „Ich halte es immer noch für extrem waghalsig.“ Er sah Severus an, grinste und hob die Hand, als der Schwarzäugige etwas sagen wollte. „Gehen wir es an, sobald du wieder fit bist!“

„Noch so ein typischer Gryffindor.“, stöhnte Severus gespielt entsetzt auf. Irgendwie gefiel ihm dieses Geplänkel sogar. Ohne das würde ihm etwas fehlen. Letzte Nacht hatte etwas zwischen ihnen verändert. Er konnte noch nicht genau sagen, was das war, aber es war nicht schlecht, wie es schien.

Harry half Severus, sich ein wenig aufrechter zu setzen, damit er trinken und sogar ein wenig essen konnte. Anschließend checkte er mit seinem Zauberstab, wie es dem Älteren gesundheitlich ging. „Das Fieber sinkt weiterhin und die Entzündung wird besser.“, verkündete er beruhigt.

„Sehr gut, dann schaffen wir es noch vor Vollmond nach Riddle-Manor.“, grinste Sirius. „Ich bin schon ganz heiß darauf, Mister Nasenlos in den Hintern zu treten!“

„Sei bitte vorsichtig.“, bat Harry.

„Darum würde ich auch bitten.“, ergänzte Remus, der eben auf die Lichtung trat. Er sah dem Animagus in die Augen. „Du agierst oftmals viel zu riskant. Denk daran, dass Harry mit dabei ist und sei diesmal etwas besonnener. Wir wollen dich nicht aufgrund deiner Leichtsinnigkeit verlieren.“

„Ich verspreche es.“, schwor Sirius, diesmal wirklich ernst.

Zwei weitere Tage verbrachten sie damit, ihre Vorräte zu vergrößern, die wenigen Informationen, die sie hatten, zu analysieren, und Pläne zu schmieden, wie sie vorgehen konnten. Severus erholte sich zusehends und plante mit ihnen, auch wenn er gerade mit Sirius immer wieder aneinander geriet. Und doch waren die Wortgefechte nicht mehr von der tiefen Feindseligkeit geprägt. Es wirkte beinahe, als hätten Beide Spaß daran. Deshalb hielten sich Remus und Harry auch zurück, ansonsten hätten sie vor allem Sirius sicherlich zurecht gewiesen, wenn er es übertrieben hätte. Der Tränkemeister schlief noch immer mehr als sonst, aber er hatte immer längere Wachphasen, was deutlich für seine Gesundung sprach. Mehrmals sprachen Sirius und Severus in der Nacht miteinander, wenn die anderen Beiden schliefen. Nicht alles wollten sie vor Publikum besprechen. Manchmal saß auch Remus bei ihnen, sie alle Drei hatten einige Dinge aus ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber es war ihnen wirklich ernst, und so gaben sie sich Mühe, einander näher zu kommen. Severus erkannte die Veränderung der beiden Gryffindors an, die sie seit der Schulzeit durchgemacht hatten. Er entschied, einen Neuanfang zu wagen.

Vier Tage später war er wieder ganz der Alte. Sie hatten nicht viel mehr herausgefunden und wollten nun in die Offensive gehen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, sie mussten hoffen, Informationen zu finden, und der einzige Anhaltspunkt, den sie hatten, war Riddle-Manor. Zwar konnten sie nicht sicher sein, dass Bellatrix und die Todesser auch tatsächlich von diesem Haus gesprochen hatten, aber irgendwo mussten sie anfangen. Also hatten sie gemeinsam entschieden, es in Riddle-Manor zu versuchen. Um möglichst wenig aufzufallen, wollten sie in der Nacht dorthin. Sie packten alles zusammen und verkleinerten die Taschen mit den Vorräten, steckten sie ein. Jeder versicherte sich, den von Remus gefertigten Portschlüssel am Arm zu haben. Der Werwolf hatte aus Leder Armbänder geflochten und zu Portschlüsseln gemacht, die sie an die schottische Küste bringen würden. Dort war er als Wolf schon öfter gelaufen, es war einsam und übersichtlich. In zwei Nächten war Vollmond, Remus spürte es bereits in den Knochen, aber Severus konnte ihm keinen Banntrank brauen, da er die Zutaten nicht hatte und auch nicht besorgen konnte, immerhin wurden sie gesucht. Außerdem wäre es viel zu auffällig, wenn er hier braute, denn für diesen Trank brauchte er Magie. Noch hatten sie keine Lösung, was sie in der Vollmondnacht mit Harry und Severus machen sollten, denn wirklich wohl war keinem von ihnen, wenn sie sich trennen mussten. Gerade Sirius wollte nicht, dass Snape mit Harry alleine war. Warum verriet er auch seinem Partner nicht, doch der ging davon aus, dass es an der gegenseitigen Abneigung liegen musste. Wobei davon nicht viel zu sehen und zu spüren war, eher im Gegenteil, daher verwirrte es Remus ziemlich. Doch auf seine Fragen gab ihm Sirius keine Antworten.

Als sie alles in die Rucksäcke gepackt und auf ihren Rücken hatten, stellten sie sich zu Severus, der als Einziger wusste, wohin sie apparieren mussten. Eine Weile hatten sie diskutiert, ob er sie nacheinander apparieren sollte oder gleichzeitig, da keiner sicher war, ob er wieder so fit war. Doch da sie nicht wussten, was sie erwartete, entschieden sie letztlich, gemeinsam zu apparieren. Sie griffen nach seinen Armen, und Harry hielt die Luft an, als Severus sich drehte und mit ihnen verschwand. Sirius und Remus unterstützten Severus, so gut es ging, mit ihrer Magie, damit er seine Kräfte ein wenig schonen konnte. Harry hingegen klammerte sich einfach nur fest. Dieses Gefühl, durch einen engen Schlauch gepresst zu werden, gefiel ihm überhaupt nicht, doch es war die einzige Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Sie landeten auf dem Friedhof, was Harry heftig schaudern ließ. Er spürte eine beruhigende Hand auf der Schulter. Sirius. Der wusste von den Alpträumen, die dieser Ort noch immer in Harry auslöste, auch wenn es schon viel besser geworden war.

Um sie herum war es still. Leise und mit gezogenen Zauberstäben schlichen sie auf das alte und inzwischen langsam verfallende Herrenhaus zu. Der alte Hausmeister wohnte auf der anderen Seite, er würde sie wohl nicht sehen. Unerkannt kamen sie in das Gebäude, leicht verwirrt, weil sie keinerlei Schutzzauber finden konnten. Sie hatten erwartet, sich den Weg erkämpfen zu müssen, daher wurden sie angespannter, je weiter sie ungehindert kamen. Mit ihrer Suche begannen sie im oberen Stock, Remus' Instinkte sagten ihnen, dass sie oben möglicherweise mehr Erfolg hatten. So schnell und so gründlich wie möglich durchsuchten sie die ersten Zimmer, als Harry sichtlich unruhig wurde. „Was ist los, Harry?“, fragte Severus schließlich leise.

„Ich spüre etwas.“, gestand der Jugendliche. „Nicht hier, es ist ziemlich schwach und in der Richtung.“ Er deutete mit der Hand nach der Seite. „Weiter weg, aber es fühlt sich an wie das Medaillon.“

„Aber es ist nicht im Haus?“, versicherte sich Sirius. Harry schüttelte den Kopf. „Dann suchen wir erst hier und gehen anschließend deinem Gefühl nach.“

„Vielleicht sollten wir uns doch trennen.“, überlegte Remus. „Ich habe ein mieses Gefühl, irgendwas stimmt hier nicht.“

„Ich gehe mit Harry.“, schlug Severus vor. Sirius wollte etwas einwenden, doch Severus sprach sofort weiter. „Ich kenne mich am besten mit dunkler Magie aus, und ich wette, der Lord hat seine Horkruxe damit geschützt. Auch wenn du, Remus, gut darin bist, deine Instinkte sind hier deutlich mehr wert. Harry kann den Horkrux lokalisieren, ich kann ihn von Bannen und Zaubern befreien. Wir müssen uns beeilen, auch ich habe ein Gefühl von Dringlichkeit.“

Remus wechselte einen Blick mit Sirius, dann nickten sie. „Wir treffen uns spätestens bei Sonnenaufgang am Strand.“, entschieden sie. „Sollte etwas unvorhergesehenes passieren, dann gehen wir erst einmal in Deckung und versuchen dann, unerkannt zur Höhle zurück zu kehren.“

Severus nickte zustimmend und sah Harry an. „Gehen wir. Bleib in meiner Nähe, sodass ich jederzeit nach dir greifen kann. Sollte irgendetwas passieren, werde ich uns apparieren oder wir nutzen die Portschlüssel.“

Harry stimmte zu und gemeinsam gingen sie nach unten. Sie verließen das Manor über einen Seiteneingang, dann übernahm Harry die Führung. Er folgte seinem Gefühl und brachte Severus in Richtung eines kleinen Waldes, der das Manor vom Ort trennte. Nach wenigen Minuten verließen sie den Weg und Harry schlug sich durch das Gebüsch, bis sie kurze Zeit später vor einem wirklich winzigen Haus standen. An die Tür war etwas genagelt, das sie nach einem genaueren Blick als Schlange identifizierten, die allerdings fast komplett verwest war. Severus war absolut sicher, dass sie hier richtig waren. Vorsichtig tastete er nach Schutzzaubern und musste schnell erkennen, dass er alleine keine Chance hatte.

„Harry, du musst die Zauber in Parsel lösen.“, erklärte er. Der Jugendliche nickte, irgendwie hatte er sich das bereits gedacht. Genau das hatten sie in den letzten Wochen trainiert. Das hier fiel ihm nicht so leicht wie manch andere Zauber, es machte deutlich, dass sein Stab ein Verteidigungsstab war. Dennoch hatte er nach etwa einer Viertelstunde den Weg für Severus und sich freigemacht. Der Tränkemeister wirkte, als stünde er auf glühenden Kohlen, dennoch blieb er äußerlich gelassen und beobachtete aufmerksam die Umgebung. Er trat nun als Erster in das Haus hinein, das aus einem Hauptraum bestand, der Wohn- und Esszimmer sowie Küche enthielt. Daneben gab es zwei winzige Schlafzimmer und ein kleines Bad mit Dusche, Toilette und Waschbecken. Alles in allem etwa so groß wie Harrys Schlafzimmer im Grimmauldplatz nach der Renovierung.

„Dort.“, deutete Harry auf die kleine Küchenzeile. Severus nickte und sie näherten sich vorsichtig. Je näher sie kamen, desto deutlicher spürte Harry den Horkrux. Auch hier musste er noch einige Banne in Parsel lösen, und langsam wurde Severus unruhig, seine Instinkte schlugen Alarm. Er hielt Harry davon ab, mit der Hand in die schmale Spalte zu greifen, als er den letzten Bann gelöst hatte. Aus seinem Rucksack holte er ein Paar Drachenleder-Handschuhe, die er anzog. Damit griff er hinein und tastete herum, bis seine Finger etwas spürten. Als er es herauszog, erkannten sie einen Ring mit einem Stein. Auf dem Stein waren einige Kratzer, die früher sicher etwas deutlicher gewesen waren, aber sie konnten nicht erkennen, um was es sich dabei handelte. Severus nahm eine Holzkiste aus seinem Rucksack, öffnete sie, und legte den Ring hinein. Es war nicht die gleiche Box, in der das Medaillon steckte und Harry erahnte, dass es gefährlich werden könnte, wenn sie Kontakt zueinander hatten, denn schon die Bruchteile hatten unwahrscheinliche Kraft. Je mehr es wurden, desto gefährlicher, vermutete Harry.

„Okay, verschwinden wir.“, murmelte Severus und Harry sah auf. Der Tränkemeister klang angespannt, beinahe ängstlich.

„Was …?“, wollte Harry fragen, doch dann sah er aus dem Fenster, duckte sich instinktiv und zog Severus mit sich. „Auroren!“, hauchte er.

„Verdammt!“, fluchte Severus. Er hielt Harry fest und drehte sich – nichts passierte. Erneut kam etwas, das nach einem Fluch klang, aus seinem Mund, doch Harry kannte diese Sprache nicht. „Rumtreiber.“, nannte er das Passwort für den Portschlüssel, doch auch hier tat sich nichts. „Sie haben einen Schutz gewirkt, wir kommen hier nicht weg!“

„Und wenn wir fliegen?“, schlug Harry vor, griff  in seinen Rucksack und holte seinen Besen heraus. Schnell war er vergrößert.

„In Ordnung.“, nickte Severus und stieg hinter Harry auf den Feuerblitz. Er hoffte nur, der Besen würde sie beide auch tragen. „Ich mache uns den Weg frei, du kümmerst dich nur um das Fliegen. Erst einmal in die Höhe, dann Richtung Osten, dort ist nichts für eine ganze Weile. Halt dich in Bereitschaft, wenn wir außerhalb der Zauber sind, appariere ich uns aus der Luft.“

Wortlos stimmte Harry zu und ließ den Besen steigen. Severus sprengte ein Loch in das Dach, durch das sie Sekunden später rauschten. Harry flog im Zickzack, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Er spürte einige Zauber an sich vorbeirauschen, außerdem bemerkte er die Zauber von Severus. Dennoch konzentrierte er sich voll und ganz auf das Fliegen, es war nicht leicht, da sie zu Zweit auf dem Besen saßen. Aber Harry war nicht umsonst ein so gerühmter Sucher, er war ein fantastischer Flieger und holte alles aus seinem Besen heraus. Schnell gewannen sie an Höhe und Severus klammerte sich mit links an Harry fest. Sein Arm war zwar noch nicht vollständig verheilt, doch diese Höhe war nichts für ihn. Auf dem Boden fühlte er sich deutlich wohler. Doch das stand hier nicht zur Debatte. Harry hielt sich gut, sogar sehr gut, er blieb vollkommen fokussiert. Gerade als sie die Schutzzauber durchbrachen, traf ein Zauber den Besen. Für einen Moment verlor Harry die Kontrolle und sie trudelten einige Sekunden zurück in die Tiefe. Danach versuchte es Harry, doch mit Entsetzen erkannte Severus, dass der Schweif des Besens lichterloh in Flammen stand. So war der Besen kaum noch zu steuern, selbst für einen so guten Flieger wie Harry. Er schaffte es nicht, das Feuer zu löschen.

„Wir haben sie!“, triumphierte eine Stimme vom Boden, als klar wurde, dass sie abstürzten.

 

Währenddessen durchsuchten Sirius und Remus das Manor. Der Werwolf deutete auf das Zimmer gegenüber dem, das sie zuerst durchsucht hatten. Es war vergleichsweise klein, das irritierte nun auch Sirius. Eigentlich müsste es größer sein. Leider sprach keiner von ihnen Parsel, wie ihnen nach einer Weile klar wurde, denn sie schafften es nicht, den Zauber, der auf dem Raum lag, zu brechen. Irgendwann wurde es Sirius zu bunt und er richtete seinen Zauberstab auf eine Wand, die dort nicht hingehörte. Mit einem Sprengzauber schuf er ein Loch. Jetzt musste es schnell gehen, das war sicher weit zu hören gewesen. Remus fluchte, aber er hatte Sirius nicht mehr aufhalten können. Hastig kletterten sie durch das Loch und entdeckten einen Arbeitsraum. Ein Schreibtisch, voll mit verschiedenen Papieren.

„Na toll, das ist nur Gekritzel.“, stöhnte Sirius.

„Nimm es mit.“, entschied Remus blitzschnell. Sein Instinkt sagte ihm, dass es wichtig sein könnte. Dabei fiel sein Blick aus dem Fenster. „Los, verschwinden wir. Da draußen ist jemand, ich glaube, sie versuchen gerade eine Appariersperre einzurichten. Gib mir die Hand, wir nutzen den Portschlüssel.“

Sirius stopfte die Pergamente in seine durch einen Zauber versteckte Tasche, als Remus den Arm um ihn legte und den Portschlüssel aktivierte. Im ersten Moment wollten sie aufatmen, doch dann wurde es immer enger um sie und sie mussten den Zauber lösen. Noch immer standen sie im Riddle-Manor. „Verdammt, wir müssen uns den Weg freikämpfen.“, erkannte Sirius.

„Versuchen wir es nach vorne raus, damit rechnen sie vielleicht nicht.“, erwiderte Remus leise. „Das Haus zu umstellen dürfte schwierig sein, es braucht eine Menge Zauberer dafür. Entweder blufft er, oder aber wir haben eine Übermacht gegen uns.“

„So leicht kriegt er uns nicht!“, schwor Sirius. Sie eilten nach unten, versuchten dabei aber so leise wie möglich zu sein. Remus nutzte seine intensiveren Sinne und führte seinen Partner nach draußen. Die ersten beiden Gegner waren schnell bewusstlos, ohne dass sie Alarm schlagen konnten. Die beiden Freunde rannten auf die Bäume zu, wo sie in Deckung sein würden, doch erst viel zu spät erkannten sie, dass sie genau in die Falle liefen. Da der Wind von der Seite kam, hatte Remus es nicht früher erkannt. Nun waren sie umzingelt. Sie standen Rücken an Rücken, entschlossen, ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Wie auf ein geheimes Signal hin flogen Zauber aus allen Richtungen auf sie zu. Remus wirkte einen der starken, schwarz-magischen Schutzzauber. Da er sich in der nächsten Nacht verwandeln würde, kam ihm die Magie des Werwolfes zugute und er nutzte sie. Die Zauber prallten am Schild ab, und nun griff Sirius an. Mehrere Ordensmitglieder, darunter einige, die er kannte und eigentlich als Verbündete eingeschätzt hatte, gingen zu Boden. Doch auch die anderen Anhänger Dumbledores griffen nun wieder an.

Auch der Weißhaarige gesellte sich zu ihnen. „Lasst sie am Leben!“, befahl er. Er selbst hob seinen Stab und Remus spürte, dass er gegen den Schutzzauber arbeitete. Lange würde der Schild nicht mehr halten, gegen Dumbledore hatte er nur wenig Chancen, das war Remus bewusst. Sirius merkte das ebenfalls und versuchte, Dumbledore auszuschalten, doch vergeblich. Er war zu gut geschützt von einigen Ordensmitgliedern. Tonks und Moody schienen nur zu schützen, und Sirius wusste, wie stark sie waren.

Mit einem Mal brach Remus' Schild zusammen. Sirius schaffte es noch, zwei Ordensmitglieder zu schocken, dann trafen mehrere Schockzauber ihn und Remus, und sie brachen lautlos zusammen. Sie merkten nicht mehr, wie sie gefesselt und dann mit Hilfe eines von Dumbledore gefertigten Portschlüssels in die Kerker von Hogwarts transportiert wurden. Ihre Rucksäcke und alles, was sie bei sich trugen, wurde ihnen abgenommen, sie ließen ihnen nur die Kleidung. Gemeinsam sperrten sie sie in eine kleine Zelle und ließen sie liegen. Dumbledore wollte sich später um sie kümmern.

Severus hielt Harry fest im Arm, als der Besen unter ihnen unkontrolliert abstürzte. Hektisch sah er sich um, sie mussten aus der unmittelbaren Reichweite der Auroren. Ein Stück weit könnte er sie schweben lassen, aber sicher nicht weiter als einige hundert Meter. Apparieren funktionierte noch immer nicht und er vermutete, das galt auch für den Portschlüssel. Also versuchte er etwas zu finden, wo sie einigermaßen gefahrlos landen konnten. „Halt still, Harry!“, mahnte er den Jugendlichen. „Ich versuche, uns ein Stück weg zu bringen.“ Er spürte Harrys Nicken, dann klammerte sich Harry an ihm fest. Die Nähe zu seinem Gefährten, auch wenn der noch immer nichts davon wusste, gab Severus Auftrieb. Er musste es schaffen, und das würde er auch. Für seinen Gefährten.

Die Auroren jagten ihnen hinterher, Zauber und Flüche flogen ihnen um die Ohren, doch Severus schaffte es, sich und Harry in einen nahen Fluss zu landen. Mit einem lauten Klatschen prallten sie auf der harten Oberfläche auf und tauchten sofort mehrere Meter in die Tiefe. Severus spürte Harrys Angst, hielt ihn weiterhin fest. Harry bekam keine Luft, Panik drohte ihn zu übermannen. Sein Sichtfeld wurde immer enger, Schwärze breitete sich aus. Er strampelte wie wild, wollte nach oben, doch der Tränkemeister ließ ihn einfach nicht los. Er merkte nicht einmal, wie sich Severus verwandelte, denn Harry hatte Mühe, nicht einfach nach Luft zu schnappen. Plötzlich drehte ihn Severus zu sich, und ehe Harry sich versah, spürte er die Lippen des Slytherin auf seinen. Überrascht wollte er aufkeuchen, obwohl ihm eigentlich die Luft dazu fehlte. Severus nutzte den Moment, als sich Harrys Lippen teilten und blies ihm seine eigene Atemluft ein. Harrys Augen weiteten sich, als er realisierte, dass Severus sich verwandelt hatte, und unter Wasser atmen konnte. Ein wenig erleichtert hielt sich Harry nicht mehr so krampfhaft an Severus fest und ließ die Augen schweifen, um die Veränderungen durch die Verwandlung zu erkennen.

Die Haare des Tränkemeisters waren länger. Immer noch tiefschwarz, aber mit einem seidigen Schimmer. Sie sahen nicht nass aus, was Harry verwirrte. Da sie von den Wellen bewegt wurden, fielen Harry zwei Spalten an beiden Seiten von Severus' Hals auf. Sie flatterten in einem stetigen Rhythmus. Kiemen? Das musste es sein, wie sonst könnte der Tränkemeister ihn hier unter Wasser beatmen. Harrys Blick wanderte tiefer. Die Hände, die ihn festhielten, hatten Schwimmhäute. Bis dahin sah Severus ähnlich aus wie Harry im letzten Schuljahr, als er das Dianthuskraut genommen hatte. Doch ab dem Bauchnabel wurde klar, Severus war ein magisches Wesen. Seine Beine waren verschwunden und hatten einem Fischschwanz Platz gemacht. Schwarze und dunkelgrüne, schimmernde Schuppen bedeckten den Unterleib, der kräftig und geschmeidig schlug, um sie an Ort und Stelle zu halten. Erst jetzt bemerkte Harry, wie stark die Strömung hier war. Er hob seinen Blick und versuchte, Dankbarkeit und Erleichterung hineinzulegen, als er in die schwarzen Augen des Tränkemeisters sah. Plötzlich spürte er Severus' Anwesenheit in seinem Kopf und versuchte, ihn einzulassen, ohne gleich alle Schilde fallen zu lassen.

»Sehr gut, Harry!«, hörte er die leicht amüsiert klingende Stimme von Severus in seinem Kopf. »Wir werden eine Weile im Wasser bleiben. Das hier ist ein ziemlich reißender Fluss, wenn wir hier ertrinken würden, sind sie Wochen beschäftigt, nach unseren Leichen zu suchen. Das verschafft uns Zeit, aber wir dürfen uns auf keinen Fall sehen lassen. Ich bringe dich in mein Reich, dort werden wir dann erst einmal bleiben.«

»Dein Reich?«, wunderte sich Harry. »Was genau bist du?«

»Ein Meermensch.«, erklärte Severus. »Ich erzähle dir alles, was du wissen musst, wenn wir in der Stadt der Meermenschen sind. Es gibt nicht mehr sehr viele von uns, nur noch eine große Stadt und einige kleinere Siedlungen. Eine davon ist im großen See von Hogwarts, bewohnt von Wassermenschen, die eng mit uns Meermenschen verwandt sind. Von dort habe ich immer mal Informationen bekommen in den letzten Wochen. Aber ich bringe dich in die Stadt, die frühere Hauptstadt. Jetzt einfach nur noch Stadt, weil es wie gesagt die Einzige ist. Ich kann dich notfalls tagelang beatmen, aber das wollen wir wohl eher nicht austesten. Halte dich an mir fest, ich werde schwimmen. Keine Angst, wenn es dunkel wird, aber wir müssen ein Stück in die Tiefe, um dahin zu gelangen, wo die Stadt ist. Es wird sicher einige Stunden dauern. In der Stadt kannst du dann wieder atmen, denn in unseren Häusern herrscht die gleiche Atmosphäre wie über Wasser.«

Harry gab seine Zustimmung und legte die Arme um den Älteren. Auch wenn es ihn überrascht hatte, er genoss die Nähe zu Severus sehr. Sein Magen kribbelte und fühlte sich an, als hätte er Schnatze verschluckt. Auch wenn es kein richtiger Kuss war, Harry stellte sich unweigerlich vor, wie es wäre, den Schwarzäugigen wirklich zu küssen. Ihm war klar, es würde wohl bei der Vorstellung bleiben, und deshalb wollte er von dem, was er hier bekam, zehren. Er würde es so lange wie möglich genießen. Doch ihm wurde bewusst, er war unrettbar in den düsteren Tränkemeister verliebt. Vielleicht sogar noch mehr, aber da war sich Harry nicht ganz sicher. Er wusste nicht, was Liebe genau bedeutete. Er liebte Sirius wie einen Vater, Remus war wie ein Onkel für ihn. Severus ganz anders, nicht schlechter, einfach anders. Die Gefühle für Severus waren wesentlich intensiver. Trotz des kalten Wassers um ihn herum merkte Harry, wie ihm heiß wurde und wie sich die Erregung in seiner Mitte abzeichnete. Erst als ihm klar wurde, dass Severus es mit Sicherheit auch spürte, errötete er. Doch der Tränkemeister ignorierte es einfach, schwamm immer weiter stromabwärts. Sie waren inzwischen so tief, dass Harry die Oberfläche des Wassers nicht mehr erkennen konnte. Er schloss die Augen und schmiegte sich an Severus, darauf vertrauend, dass der Ältere sie in Sicherheit brachte. Kurz glitten seine Gedanken zu Remus und Sirius und er hoffte, dass sie wenigstens entkommen waren.

Irgendwann wurde er von Severus aus seinen Gedanken gerissen, denn dieser stieß ihn mit der Hand an und deutete nach vorne. Harry bewegte seine Augen in diese Richtung und staunte. Severus hatte nicht übertrieben. Vor ihnen wuchs eine riesig anmutende Stadt aus dem Boden, über und über von Wasser bedeckt, dabei aber lichtdurchflutet. Harry konnte nicht zählen, wie viele Häuser dort waren. Sie waren rund oder oval, die meisten hatten kleine Türmchen und perlmuttfarbene Dächer. Erst als sie näher kamen sah Harry, dass dort viele solcher Wesen wie Severus schwammen. Es gab sie in verschiedenen Farben und Schattierungen, einige erinnerten eher an unscheinbare Fische, wie es sie in jedem Fluss gab, andere sahen aus wie tropische Wasserbewohner. Sie alle blickten auf, als sie an ihnen vorüber glitten, beugten aber nach einem Moment die Köpfe, als sie erkannten, wer da an ihnen vorbei schwamm. Als sie über die ersten Häuser schwammen, konnte Harry die Dächer näher ansehen. Sie waren von kleinen Muscheln gedeckt, deshalb schimmerten sie perlmutt. Die Fenster sahen seltsam aus, wie riesige Blasen. Die Eingänge ebenfalls, sie waren nur größer wie die Fenster und nicht rund, sondern oval. Jetzt bemerkte Harry, dass die Häuser ringförmig um einen … Palast angeordnet waren. Zumindest fiel ihm kein besserer Begriff für das Haus in der Mitte auf. Groß, pompös, dabei aber dennoch irgendwie leicht wirkend. Luftig. Und das unter Wasser. Genau darauf schwamm Severus zu. Wachen hoben drohend ihre Speere und richteten sie auf die Neuankömmlinge, doch als sie sie erkannten, neigten auch sie ihre Köpfe und bildeten eine Art Spalier, durch das Severus mit Harry schwamm. Vor der Eingangstür hielt Severus an und stellte Harry auf den Boden, deutete ihm an, durch die Barriere zu gehen. Zögernd gehorchte Harry und war überrascht, dass er auf der anderen Seite ganz normal atmen konnte. Einen Moment später folgte ihm Severus, der sich zurück in den Menschen verwandelt hatte, den Harry kannte.

„Wow!“, entfuhr es Harry. „Das … das ist unglaublich! Du … die Verwandlung! Du brauchst kein Kraut, und kannst doch unter Wasser atmen! Und diese Stadt … so anders und so … wunderschön! Unglaublich!“ Harry schien völlig aus dem Häuschen, überwältigt von den ganzen Eindrücken. Seine Augen glänzten vor Begeisterung und er wirkte deutlich jünger, als er war, mit dieser Begeisterung.

„Freut mich, dass es dir gefällt!“, schmunzelte Severus. „Willkommen in der Stadt Atlantica, im Haus meines Vaters!“

„Deines … Vaters?“, japste Harry.

„Allerdings.“, nickte Severus, der sich heimlich amüsierte über die zur Schau gestellte Überraschung des Jugendlichen. „Mein Vater war der König der Meermenschen. Er starb, als ich noch sehr jung war. Meine Schwester Eileen hat ihren Gefährten in einem Menschen gefunden und ging bereits vor meiner Geburt mit ihm. Sie hat mich nach dem Tod unseres Vaters aufgenommen. Leider hat sich ihr Gefährte verändert und angefangen, zu trinken. Du hast gesehen, wie er mit uns umging. Es hat Eileen letztlich umgebracht, sie hat ihren Gefährten nicht verlassen können, war bei ihm aber auch nur noch unglücklich. Bis zum Schluss war sie für mich da, auch wenn sie nicht verhindern konnte, wie Tobias mit mir umsprang. Ich war zwischendurch immer mal hier, aber nur sehr selten, um nicht aufzufallen. Mein Onkel hat den Thron übernommen, und ich ging als Spion zu Voldemort und Dumbledore. Die wenigsten magischen Wesen haben diese Möglichkeit, da nur sehr wenige von uns in der Zauberwelt leben.“

„Das heißt, die Meermenschen kämpfen schon länger gegen beide Seiten?“, wunderte sich Harry. „Aber ich habe noch nie von einer dritten Front gehört.“

„Das liegt daran, dass wir eigentlich keine dritte Front sein wollten.“, erklärte Severus, während er Harry durch den Palast führte. „Die magischen Wesen erhoffen sich mehr Rechte, vor allem aber das Verbot, sie zu jagen und einzupferchen. Die Vampirclans, Veelas, Draconier und Drachen, Elfen, Feen und viele mehr sind auf unserer Seite, mehr oder weniger aktiv. Seit kurzem auch die Werwölfe, zumindest Fenrirs Rudel. Nach Remus' Bericht habe ich Kontakt mit dem Rat aufgenommen, sie haben mit Fenrir gesprochen und ihn hierher geholt. Einige Wesen oder zumindest Individuen von ihnen sind auch auf der Seite Voldemorts, das macht es teilweise schwer, denn wir wollen nicht, dass unsere Seite bekannt wird. Wir agieren mehr aus dem Hintergrund, die wenigsten Wesen sind geübte Krieger. Aber inzwischen schaffen wir es, einen gemeinsamen Rat aufrecht zu erhalten. Wir sind dabei, eine kleine Armee zu erstellen und wollen kämpfen, um unsere Rechte durchzusetzen. Das, was weder Dumbledore noch der Lord tun, vom Ministerium ganz zu schweigen. Ursprünglich hatten wir nicht vor, uns in den Konflikt einzumischen, wollten abwarten und dann vor dem Sieger unsere Forderungen präsentieren, aber nach und nach haben wir erkannt, dass es hier keinen Sieger geben wird sondern nur Verlierer. Die Zauberer und Hexen, die auf keiner Seite stehen. Und wir, die magischen Wesen, die eigentlich nur frei leben wollen.“

„Das tut mir leid.“, wisperte Harry mit Tränen des Mitgefühls in den Augen.

„Muss es nicht, Harry.“ Severus legte seine Hand auf Harrys Schulter. „Komm, ich stelle dir den Rat vor.“ Er schob den Jüngeren noch ein Stück den Flur hinunter, bis zu einer großen, bewachten Doppeltür. Die Wachen verbeugten sich, als Severus näher kam, und öffneten das Portal für sie. Ohne sie eines Blickes zu würdigen betrat Severus den Saal, gemeinsam mit Harry, der seinen Blick kaum von seiner Umgebung reißen konnte. Der Flur, durch den sie gekommen waren, hatte nur auf einer Seite Wände und Türen, auf der anderen Seite bestand er aus Säulen und diesen seltsamen Barrieren, die Harry davor für Fenster und Türen gehalten hatte. Man konnte nach draußen sehen, wo Fische und Meermenschen vorbei schwammen, sogar einige Schildkröten hatte er entdeckt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie wohl nicht mehr in dem Fluss oder einem See waren. Sie waren in einer Stadt auf dem Meeresgrund. Außen wuchsen Korallen und verschiedene Pflanzen, die Harry nicht zuordnen konnte. Doch Severus lenkte seine Aufmerksamkeit nach vorne, in den Saal. An einem ovalen, großen Tisch saßen verschiedene Personen. Sie waren so offensichtlich magische Wesen, dass es Harry den Atem verschlug.

„Mandana, die Älteste der Draconier.“, stellte Severus eine Frau am oberen Ende des Tisches vor. Sie hatte hüftlange, türkisfarbene Haare. An ihren Schläfen und dem Hals hatte sie Schuppen wie Eidechsen in der gleichen Farbe wie ihre Haare. Auch ihre Augen, die am deutlichsten zeigten, wie alt sie sein musste, waren in der gleichen Farbe. Ansonsten sah sie sehr jung aus, wie Mitte zwanzig. Neben ihr saß ein Mann mit langen, sehr hellblonden Haaren, der Harry seltsam bekannt vorkam. „Xenophilius Lovegood, Sprecher der Elfen.“ Severus schmunzelte, als er Harrys Gesicht sah. „Ja, Lunas Vater. Ich bin ziemlich sicher, dass sie auch hier irgendwo herumläuft. Neben ihm ist Alemie, die Königin der Elfen.“ Harrys Augen wanderten zu einer großgewachsenen, aber sehr schmalen jungen Frau mit rotblonden, knöchellangen Haaren, blasser, beinahe durchscheinender Haut, spitzen Ohren und nach oben gerichteten Augenbrauen. Ihre mandelförmigen, hellblauen Augen hatten einen goldenen Schimmer, als sie ihm zulächelte. „Mein Onkel Jamin Prince, er hat den Platz meines Vaters übernommen.“ Das war der Mann gegenüber der Draconierin. Er sah Severus sehr ähnlich, auch wenn seine schwarzen Haare einen silbrigen Schimmer hatten. „Der Rest des Rates kommt sicher erst, wenn die Versammlung beginnt, bis dahin ist noch eine Weile Zeit. Komm, ich stelle dich meinem Onkel vor.“

Harry schwirrte der Kopf, er lief einfach hinter Severus her. Im Moment war er leicht überfordert, aber auch neugierig, mehr über seinen heimlichen Schwarm zu erfahren. Severus war ihm noch nie wie ein Familienmensch erschienen, aber er schien sich hier durchaus wohl zu fühlen und wenn er über seine Schwester oder von seinem Onkel sprach, war eine gewisse Wärme in seiner Stimme.

„Severus!“, freute sich der Jamin genannte Mann und umarmte den Tränkemeister einfach. Severus versteifte sich ein wenig, Körperkontakt mied er so gut es ging. Zu lange war es zu gefährlich gewesen, jetzt konnte er damit nicht viel anfangen. Dennoch wehrte er sich nicht dagegen, auch er freute sich, seinen Onkel gesund zu sehen. „Wie geht es dir, mein Junge? Und wer ist der gut aussehende junge Mann an deiner Seite?“

„Wir hatten einige Aufregung in den letzten Wochen.“, erwiderte Severus unbewegt. „Das hier ist Harry, Harry Potter.“ Severus berichtete kurz von den letzten Wochen. Aufmerksam lauschte nicht nur Jamin, sondern auch die anderen Ratsmitglieder.

„Das werden wir später mit dem ganzen Rat besprechen.“, entschied Mandana am Ende des Berichts. „Ich fürchte, wir werden einschreiten müssen, um ein Ende zu erreichen, das auch für uns magische Wesen Freiheit bedeutet.“ Sie schwieg eine Weile und musterte Harry. „Schlaft ein paar Stunden, ruht euch aus, ihr braucht Erholung. Der Rat trifft sich morgen früh, bis dahin habt ihr Zeit. Ihr habt viel geleistet, wie mir scheint.“

Severus neigte den Kopf, eine Geste, die er weder Voldemort noch Dumbledore zugestanden hatte. Hier konnte er nicht anders. Auch Harry spürte die Kraft und die Macht, die Mandana innewohnte, und verneigte sich vor ihr. Er kam sich ungelenk und tollpatschig vor, doch sie lächelte freundlich und ihre Augen bildeten kleine Fältchen, die die Strenge in ihrem Gesicht verschwinden ließen. „Schlaf gut, junger Harry. Du hast einige Erlebnisse zu verarbeiten. Wir sehen uns morgen früh.“

„Gute Nacht. Und danke.“, kam es ein wenig schüchtern von Harry. Erneut folgte er Severus, der ihn zielsicher zu einer Tür führte. Harry erkannte, dass sie in einem der vielen Türmchen sein mussten. Das Zimmer war relativ leer, ein großes Himmelbett, ein Kleiderschrank, ein Regal mit einigen Büchern. Eine zweite Tür führte in ein kleines Badezimmer.

„Das ist dein Zimmer, Harry. Ich schlafe nebenan.“, erklärte Severus und deutete auf eine Tür, die Harrys gegenüber lag. „Hier sind wir sicher, schlaf' ruhig und hab keine Angst. Ich werde dafür sorgen, dass du etwas zu Essen bekommst und auch frische Kleidung.“

Harry zögerte, als Severus gehen wollte. „Was … was ist mit Sirius und Remus?“, fasste er seine derzeit größte Angst in Worte.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Severus ehrlich, aber ruhig. „Ich hoffe, bei der Ratsversammlung etwas zu erfahren. Sie werden in Deckung gegangen sein, als wir nicht zum Treffpunkt kamen. So haben wir es ausgemacht, sollte etwas sein und wir getrennt werden. Keiner wartet dort, wo wir uns treffen wollen, für den Fall, dass ein Portschlüssel abgefangen wird. Sobald wir mehr wissen, können wir versuchen, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, aber im Moment ist es zu riskant.“

„Und … und wenn sie … gefangen sind?“, hauchte Harry, der nun zitterte.

„Dann werden wir es morgen erfahren.“, versuchte Severus, ihn zu beruhigen. „Im Moment können wir nichts tun, Harry. Erst brauchen wir mehr Informationen und dann einen Plan. Du hast bisher immer spontan und unüberlegt gehandelt, aber das werde ich nicht mehr zulassen. Du bist nicht mehr alleine, ich denke, das haben wir bereits deutlich gemacht. Mir ist klar, dass du mitten drin steckst, ob du willst oder nicht, aber du bist nicht verantwortlich, das muss dir bewusst sein. Geh dich duschen, iss ein wenig, und dann schlaf'. Ruf mich, wenn etwas ist, ich werde da sein.“ Kurz legte er dem Jüngeren die Hand auf die Schulter, drückte zu. Er konnte nicht anders, hatte er doch gespürt, wie der Jüngere im Wasser auf ihn reagiert hatte. Gab es eine Chance für ihn, dass auch Harry ihn irgendwann lieben konnte? Nach wie vor war Severus entschlossen, seinem Gefährten alle Zeit der Welt zu geben, sich ihm nur dann zu offenbaren, wenn  auch er Gefühle für ihn hatte. Harry schmiegte sich an ihn und genoss die Ruhe und die Kraft, die Severus ausstrahlte. Severus legte den Arm um ihn, zog Harry an sich, als er merkte, dass der Jüngere noch immer zitterte. „Ich bin da.“, versicherte er leise. „Schlaf, du Bengel.“ Diesmal klang es beinahe liebevoll, als er das sagte.

Harry löste sich von dem Tränkemeister und ging ins Bad. Obwohl er mehrere Stunden mit Severus im Wasser verbracht hatte, fühlte er sich verschwitzt und dreckig. Zu lange hatte er nicht mehr duschen oder baden können, sie hatten sich nur immer mal an dem kleinen Bach gewaschen, der ihnen auch Trinkwasser geliefert hatte, während sie in der Höhle gelebt hatten. Und doch würde er das gerne noch weiter machen, wenn er dafür die Sicherheit hätte, dass Sirius und Remus entkommen waren. Die Angst, was ihnen passiert sein könnte, lähmte ihn regelrecht.

Als er eine halbe Stunde später aus der Dusche kam und nur ein Handtuch umgebunden hatte – er hatte keine saubere Kleidung mehr und Severus hatte versprochen, etwas zu besorgen – blieb er mitten im Schritt stehen.

„Hallo Harry!“, lächelte Luna. „Ich habe ein paar Sachen zum Anziehen und auch etwas zu essen für dich.“ Sie deutete erst auf das Bett, wo ein Schlafanzug und einige andere Kleidungsstücke lagen, dann auf den Tisch, der vorher sicher noch nicht dagewesen war, auf dem nun ein Tablett mit einer dampfenden Schüssel stand. Dankbar lächelte Harry und griff nach dem Schlafanzug, zog sich im Bad an und setzte sich dann an den Tisch. Luna leistete ihm still Gesellschaft, schenkte ihm die Ruhe, die er jetzt brauchte. Als er aufgegessen hatte, klopfte Luna auf den Tisch, woraufhin das Tablett verschwand. Jetzt griff Luna nach dem Tisch und klappte ihn an die Wand. Mit wenigen Handgriffen hatte sie ihn verstaut und jetzt wusste auch Harry, warum er ihn vorher nicht gesehen hatte. Auf der Unterseite war ein Bild mit Fischen und Delphinen, er hatte es für ein reines Gemälde gehalten.

Nach dem Essen drückte die Müdigkeit Harry nieder und er kroch gähnend ins Bett. Luna wünschte ihm eine gute Nacht, deckte ihn zu und verließ das Zimmer. Schnell war Harry eingeschlafen und schlief, dank der Erschöpfung, auch gut durch. Erst gegen fünf Uhr morgens wurde er wach, aber da er nun mehr als zwölf Stunden geschlafen hatte, stand er auf und blickte aus dem Fenster, beobachtete die Fische, die an ihm vorbei schwammen. Es beruhigte ihn und reduzierte seine  Angst um Sirius und Remus. Luna kam etwa drei Stunden später und brachte ihm Frühstück. Diesmal aß auch sie mit ihm und plauderte entspannt.

„Daddy nimmt mich manchmal mit, wenn er hier im Rat ist.“, erzählte sie. „Der Rat wechselt den Standort öfter mal, manchmal sind sie auch bei den Drachen oder den Draconiern, selbst bei den Vampiren war ich bereits. Das ist wirklich spannend!“

„Das glaube ich dir!“, grinste Harry. „Ich hatte bisher keine Ahnung, wie viele verschiedene Wesen es gibt. Ich meine, ich wusste von Vampiren, Werwölfen und Veelas, aber das war es dann auch schon. Naja, die Zentauren wusste ich auch, immerhin leben welche im verbotenen Wald.“

„Das ist nur eine kleine Herde.“, verriet Luna. „Die meisten der Wesen leben versteckt. In magischen Wäldern oder in den Bergen. Manche nicht mehr in England, aber auch sie haben Interesse daran, die Gesetze und vor allem das Denken hier in England zu verändern. Daddy versucht, die Menschen aufzuklären, aber sie nehmen den Klitterer nicht ernst. Trotzdem gibt er nicht auf, auch wenn alle ihn für verrückt halten.“

„Ich bin froh, dass du hier bist.“, gestand Harry. „Ich meine, Severus sorgt sich wirklich um mich, aber er ist halt immer noch Severus.“

„Du nennst ihn Severus?“, staunte Luna.

„Ja, seit einigen Tagen.“, nickte Harry und erzählte Luna, was seit Beginn der Sommerferien passiert war. Vor Luna brauchte er nicht stark sein, sie nahm ihn, wie er war. Es tat ihm gut, ein paar Tränen zu weinen, aber mit Lunas Armen um sich wurde er schnell wieder ruhiger. „Danke!“, lächelte er am Ende.

„Gerne!“ Auch Luna lächelte.

Es klopfte und einen Moment später sah Severus herein. Auch er wirkte deutlich fitter, fiel Harry auf. „Guten Morgen. Gut geschlafen?“, begrüßte er seinen Gefährten, der davon noch immer nichts wusste.

Dennoch kribbelte es in Harrys Bauch, als er die dunklen Augen auf sich spürte. „Ja, danke!“, lächelte er immer noch. Oder schon wieder? Harry konnte es nicht sagen, und er wurde rot.

„Dann zieh dich an, in dreißig Minuten beginnt der Rat. Für heute bist du eingeladen, daran teilzunehmen.“, informierte Severus. Er blickte zu Luna: „Sind die anderen Mitglieder bereits angekommen?“

„Die meisten.“, nickte die Blonde. „Die Vampire fehlten noch, als ich hier nach oben kam, genau wie die Veelas. Aber ich bin schon eine Weile hier, vielleicht sind sie inzwischen angekommen.“

Harry trat an seinen Schrank, in den Luna am gestrigen Nachmittag noch die Kleidung gehext hatte, und holte sich eine weiche Hose, ein Hemd und eine Robe heraus. Severus nickte zu seiner Wahl, als er den Blick zu ihm hob, daher ging Harry damit ins Bad und zog sich schnell an. Anschließend folgte er dem Slytherin zurück in den Ratssaal. Dort wurden sie bereits erwartet.

Harry staunte. Der Saal war voll mit den unterschiedlichsten Menschen. Wobei Menschen vielleicht nicht so ganz zutreffend war, denn das hier waren alles magische Wesen, er selbst bildete die Ausnahme, wie es schien. Der Tisch war komplett besetzt. Im Moment plauderten viele Ratsmitglieder noch entspannt, der Raum war erfüllt von den verschiedensten Stimmen und Sprachen. Harry verstand nicht viel, aber es klang irgendwie beruhigend. Diese Menschen, Harry blieb bei dieser Bezeichnung aus Mangel eines passenderen Wortes, kümmerten sich, das tat ihm gut, denn er musste sich diesmal offenbar nicht selbst kümmern. Mit einem Mal fiel sein Blick auf Lunas Vater, der ihm zublinzelte, dann auf einen ebenso blonden Mann, der neben ihm stand und mit ihm redete. Mitten im Schritt stockte Harry, diesen Mann kannte er und konnte es dennoch nicht glauben. „Malfoy?“, formten seine Lippen den Namen.

Der Blonde bemerkte den Blick und trat einen Schritt auf ihn zu. „Guten Morgen, Mister Potter.“, grüßte er Harry ein wenig kühl, aber neutral. Dann wandte er sich dem Tränkemeister zu und reichte ihm die Hand mit einem warmen, wenn auch kleinen Lächeln, das sogar die Augen erreichte. „Severus! Es tut gut, dich lebend und unversehrt zu sehen!“

„Lucius!“, nickte Severus ihm zu. Zu Harry hin gewandt meinte er: „Lucius ist einer der Mitbegründer dieses Rates, er stand ebenfalls noch nie auf der Seite des Lords, auch wenn er sehr überzeugend schauspielert!“

Da Mandana nun auf eine kleine Schale schlug und damit einen klingenden Ton produzierte, kehrte Ruhe ein. Die Ratsmitglieder setzten sich auf ihre Plätze. Severus schob Harry zu Jamin Prince, seinem Onkel, neben dem zwei Stühle frei geblieben waren. Dort nahmen sie Platz, dann mussten sie erneut berichten. Harry schauderte mehrmals, als er sich zurückerinnerte. Es beruhigte ihn, dass Severus neben ihm saß und in seiner emotionslosen Art berichtete. „Wir wissen aber leider nicht, was mit Lupin und Black ist, nachdem wir sie in Riddle-Manor alleine gelassen haben.“, endete Severus.

„Hier kann ich ein paar Informationen beisteuern.“, ergriff Lucius Malfoy das Wort. „Dank seines Spions ist der Lord immer noch gut informiert. Dumbledore hat sie erwischt. Sie sind in Hogwarts in den Kerkern gefangen. Obwohl im Moment keine Schüler dort sind, ist das Schloss besser denn je geschützt. Jetzt plant der Lord, sie dort rauszuholen, denn er weiß genau, dass man Harry mit ihnen erpressen kann. Wer Harry auf seiner Seite hat, dem gehört der Sieg, das glauben die Beiden.“

„Das bedeutet, wir müssen sehen, dass wir die Beiden heraus bekommen.“, folgerte Alemie. Zum ersten Mal hörte Harry sie sprechen und dachte an silberne Glöckchen. „Dann kann Harry hier in Sicherheit bleiben, jedenfalls eine Weile.“

„Das ist richtig.“, stimmte Lucius Malfoy zu. „Harry wird sicher in den Kampf hineingezogen, das wurde er bisher immer. Aber er muss trainiert werden, so wie ich das sehe. Wir können ihn nicht ohne Vorbereitung lassen, wenn er tatsächlich hinein gezogen werden sollte.“

„Richtig.“, nickte auch Severus. „Harry hatte bislang Glück, aber darauf werden wir uns nicht verlassen. Ich habe bereits begonnen, mit ihm zu trainieren, aber hier haben wir mehr Möglichkeiten. Ich werde weiterhin mit ihm lernen, aber ich hoffe, er bekommt auch Unterweisungen von Anderen.“ Sein Blick fasste einige der Ratsmitglieder ins Auge, aber es ging zu schnell für Harry.

„Die Draconier werden helfen.“, versprach Mandana.

„Die Vampire ebenfalls.“, kam es von Lucius Malfoy.

„Genau wie die Werwölfe.“, brummte ein Mann, den Harry erst jetzt erkannte. Er hatte sein Bild auf einem Fahndungsplakat gesehen. Fenrir Greyback.

„Die Kentauren sind auch dabei.“, versprach ein dunkelblonder Mann mit einem sandfarbenem Pferdekörper, der weiße Flecken hatte. Sein Schweif war dunkelblond, genau wie das schulterlange Haar. Er sah kriegerisch aus mit seinem Bogen, den er über den Oberkörper trug und dem großen Messer, das in einem Gurt um seinen Bauch steckte.

„Das ist Yolonis, der Oberste der Kentauren, wie sie sich selbst nennen!“, wisperte Severus in Harrys Ohr.

„Gut, sehr gut!“, lächelte Mandana, als niemand mehr etwas sagte. „Dann ist es beschlossen. Junger Harry, du wirst einen Trainingsplan bekommen, und wir werden nun einen Plan erstellen, wie wir Sirius Black und Remus Lupin befreien können. Du kannst draußen mit deinen Klassenkameraden etwas machen, Luna Lovegood kennt sich hier bereits aus, sie und Draco Malfoy werden dir sicher alles zeigen.“

Severus nickte Harry zu, als er fragend zu ihm sah. „Geh nur, ich finde dich wieder, Bengel!“, versicherte er leise. Erst jetzt stand Harry auf und ging nach draußen. Severus fing den irritierten Blick seines Freundes Lucius auf und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Nicht jetzt, sollte das bedeuten. Lucius nickte knapp und sah wieder zu Mandana. Immerhin wollten sie jetzt eine Befreiung planen.

Erst, als Harry draußen war und sie hörten, dass Draco Malfoy und Luna Lovegood sich mit ihm entfernten, ergriff Mandana erneut das Wort. „Wir wissen, dank deiner Informationen, Severus, dass der selbsternannte dunkle Lord Horkruxe geschaffen hat. Ich kenne diesen Zauber, er ist gefährlich, nicht nur, weil er nur mit einem Mord gewirkt werden kann. Er zerstört auch den Menschen. Es erklärt alle Veränderungen Tom Riddles. Aber ich habe gespürt, dass auch in dem Jungen ein Horkrux steckt.“

Severus nickte nur, er traute seiner Stimme gerade nicht. Sein Gefährte war ein Horkrux. Er hatte es befürchtet, aber so lange er noch keine endgültige Bestätigung darüber hatte, konnte er es beiseite schieben. Aber Mandana hatte es ebenfalls gespürt. Severus wusste, die Draconierin hatte die Dracheninstinkte in sich und würde es nicht sagen, wenn es nicht so wäre. Dieses Wissen würde er vor dem Jüngeren verbergen, und das verlangte er auch vom Rat.

„Es tut mir leid, junger Severus.“, sprach Mandana sanft. „Wir werden nach einer Lösung suchen, aber ich kann es dir nicht versprechen, dass wir den Jungen retten können. Er hat sein Leben noch vor sich, aber wir müssen Voldemort stoppen, auch wenn es um diesen Preis ist. Aber wir werden deinem Wunsch entsprechen und ihm nichts davon sagen.“

„Ich werde sehen, ob ich ihm helfen kann.“, versprach Alemie. „Meine Tochter ist stark, vielleicht kann sie etwas tun. Sie ist jünger als Harry, aber ihre Kräfte sind selbst bei uns Elfen legendär.“

„Ich danke euch.“, neigte Severus seinen Kopf in Richtung der Elfenkönigin. Eine Geste, die ihm hier nicht schwer fiel.

„Ich werde sehen, ob ich mehr herausfinden kann.“, meldete sich nun auch Lucius zu Wort. „Meine Bibliothek wird sicher hilfreich sein. Außerdem frage ich die Ältesten meines Volkes, der Vampirrat hat unschätzbares Wissen gehortet. Normalerweise lassen sie es Menschen nicht zukommen, aber ich hoffe, in diesem Fall machen sie eine Ausnahme. Ich bin nur als Vertreter des Rates hier, weil ich mich damals bereit erklärt habe, als Spion zu fungieren und so die Informationen schnell weitergeben kann.“

„Welche Informationen hast du noch für uns, Lucius?“, wollte nun Jamin Prince wissen.

„Das Wissen um die Horkruxe erklärt nun so Einiges.“, überlegte Lucius. Severus nickte, auch er hatte sich bereits Gedanken darüber gemacht. „Seit ich als Todesser rekrutiert wurde, hat sich der Lord verändert. Nicht nur optisch, aber das ist das, was auch allen anderen Menschen auffiel, die mit ihm zu tun haben. Derzeit ist er dabei, etwas zu finden, womit er Potter erpressen kann. Ihm ist, genau wie Dumbledore, bewusst, dass der Junge das Gleichgewicht zerstören kann. Gerade wenn er jetzt langsam erwachsen wird, was seine Magie festigt. Bisher stand er fest hinter Dumbledore, was auch verständlich ist, wenn wir bedenken, wie er aufgewachsen ist. Dumbledore hat sich ihm gegenüber immer als liebender Großvater gezeigt.“

„Harry hat bereits erkannt, dass er nicht der ist, der er vorgibt zu sein.“, unterbrach Severus seinen besten Freund.

„Er ist nicht dumm.“, nickte Lucius schmunzelnd. „Aber der Lord will ihn auf seine Seite ziehen. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis Harry eine Nachricht von Dumbledore bekommt, er wird ihn mit Lupin und Black erpressen wollen. Das plant auch der Lord, allerdings etwas anders. Er will ihn dazu bringen, freiwillig zu ihm zu kommen. Und zwar, indem er Black und Lupin befreit, um sich die Dankbarkeit des Jungen zu sichern.“

„Utopisch.“, kommentierte Severus trocken.

„Das sieht der Lord nicht so. Er denkt, Harry ist schlicht gestrickt. Weil er schnell vergibt, wenn etwas passiert. Er nimmt die Situationen, von denen er weiß. Ronald Weasley im letzten Jahr. Die Begegnung mit Black und Lupin im dritten Jahr. Und zuletzt die Rettungsaktion im Ligusterweg.“, erklärte Lucius. „Wie gesagt, er will die beiden ehemaligen Gryffindors aus dem Kerker in Hogwarts befreien, aber es wird nicht leicht. Das Schloss ist mehr als gut geschützt. Dumbledore ist der Einzige, der Zugang zu den Kerkern hat, wie Dearborn berichtet. Er lässt nicht einmal Moody dorthin, auch keine Hauselfen. Dobby berichtet, dass er keine Möglichkeit hat, in die Zelle zu gelangen, nicht einmal in die Nähe. Er kann nicht sagen, wie es ihnen geht. Aber er versucht zu tun, was er kann, so wenig das auch ist. Dumbledore selbst bringt ihnen Essen und Trinken, auch wenn er es von den Hauselfen zubereiten lässt. Dobby hat allgemeine Heiltränke eingemischt, aber ob das hilft, kann er natürlich nicht sagen. Das Problem ist sicher auch der Vollmond. Wenn sich Lupin verwandelt und mit Black in einer Zelle ist, dann ...“

„… ist das kein Problem, so lange Black nicht bewusstlos ist.“, unterbrach Severus. Alle Blicke wandten sich ihm zu, die Meisten davon mehr als erstaunt und verwirrt. „Black ist ein Animagus.“, verriet Severus. Auch wenn er versprochen hatte, es geheim zu halten, aber gerade war es wichtig. Vielleicht half es ihnen, die Beiden zu befreien. „Er und seine Freunde wollten Lupin beistehen in der Schulzeit. Black wird zu einem großen, schwarzen Hund, der an einen Grimm erinnert. In dieser Form hat er den Wolf im Griff.“

„Lupin hätte das schon lange erreichen können.“, brummte Greyback. „Das Problem ist nur, dass ihm immer eingeredet wurde, der Wolf in seinem Inneren wäre ein Monster. Seine Eltern haben ihm das eingeredet. Leider konnte ich ihn nie mit ins Rudel nehmen, dass er hätte lernen können, mit seinem Wesen umzugehen. Er hatte nie die Möglichkeit und auch, wenn er jetzt in den letzten Wochen bei uns aufgetaucht ist, natürlich auf Befehl Dumbledores, war er zu sehr von der Indoktrination des Alten geprägt. Ich weiß nicht, ob er es noch lernen kann. Sollte er seinen Gefährten finden, würde es sicher leichter, aber so, wie er beeinflusst wurde, bin ich nicht sicher, ob er ihn oder sie erkennen würde.“

„Ich denke, Black und er sind zusammen.“, äußerte Severus seine Vermutung. „Aber wohl keine Gefährten, ansonsten hätte er schon seit einem Jahr keine derartigen Schmerzen mehr bei der Verwandlung. Immerhin waren sie seit der Begegnung in der heulenden Hütte beinahe jeden Vollmond zusammen, außer den einen, den Lupin beim Rudel verbracht hat.“

„Und der hat gezeigt, dass er sein Wesen ablehnt. Kein Wunder, dass er Schmerzen hat und keine Kontrolle bekommt.“, knurrte Fenrir. „Wenigstens hat er verstanden, warum ich so wütend auf seinen Vater bin, noch immer. Sein Tod war viel zu leicht!“ Severus wusste, dass Lupin Senior vor einigen Jahren einen tödlichen Fluch abbekommen hatte. Seither war der Sohn auf sich alleine gestellt. Und Dumbledore hatte das für sich genutzt und sich den Mann geholt. Oder es zumindest versucht, inzwischen war Remus Lupin eindeutig auf Harrys Seite.

„Also gut.“ Mandana durchbrach schließlich die Stille. Sie alle kannten die Geschichte von Fenrirs Gefährten. „Wir werden Informationen brauchen.“ Lucius und Fenrir nickten, genau wie Yolonis und Jamin. Die ersten Beiden spionierten Voldemort aus, während die Wassermenschen im See im Auftrag von Jamin und die Zentauren im Wald im Auftrag von Yolonis sich auf Dumbledore konzentrierten. Da dieser allerdings kaum etwas mit magischen Wesen zu tun haben wollte – er war dafür, sie wegzusperren oder wie die Hauselfen zu versklaven – kam kaum jemand nahe an ihn heran. „Außerdem werden wir den Jungen ausbilden und wir sollten auch auf ihn achten, dass er nicht einfach verschwindet. So wie ich ihn einschätze, würde er uns nicht sagen, wenn Dumbledore, oder auch Voldemort, ihm eine Erpressung schickt. Und diese Beiden wissen, dass sie ihn mit Lupin und Black erpressen können. Er würde alles für sie tun. Und er neigt dazu, unüberlegt zu handeln.“ Sie sah Severus an, der zustimmend nickte. Die Draconierin hatte den Jungen sehr richtig eingeschätzt. Das war ihr innerer Drache, sie konnte den Charakter sehr gut einschätzen. Nun fuhr sie fort: „Außerdem denke ich, der Junge ist kein reiner Mensch. Ich spüre etwas, das noch unterdrückt ist, aber an die Oberfläche drängt. Beobachte ihn, Severus, er wird deine Hilfe brauchen, wenn es soweit ist.“

„Ihr denkt, er ist ein magisches Wesen?“, vergewisserte sich Severus. Sie nickte. „Aber … ich hätte nicht gedacht, dass seine Eltern entsprechende Gene hatten. Lily war muggelgeboren, da ist es eigentlich kaum möglich. Von Potter ist es mir auch nicht bekannt, vor allem, wäre er dann auf Dumbledores Seite gewesen? Und das war er, noch mehr als Lily. Sie hat am Ende nachgedacht und wollte mehr wissen, hat nachgefragt. Das hat Dumbledore sicherlich nicht gefallen, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. Allerdings habe ich Zweifel an der Version, wie die Potters starben und Harry gezeichnet wurde. Es macht mich skeptisch, dass Dumbledore so schnell wusste, wo er hin musste, als der Lord sie angegriffen hat. Ich kann nichts beweisen, aber etwas stimmt an der Geschichte nicht. Harrys Erinnerung ist zu vage, er war erst etwas über ein Jahr alt. Möglicherweise wurde seine Erinnerung manipuliert, ich würde es dem Alten zutrauen. Vielleicht wollte er das auch für sich nutzen. Er war schon immer vorausschauend und manipulativ.“

„Das war und ist er.“, stimmte Jamin zu. „Er hat herausgefunden, dass mein Bruder ein Meermann ist und ihn gejagt. Solomon, Severus' Vater, wurde von einem wütenden Mob getötet, da war mein Neffe erst knapp acht Jahre alt. Meine Nichte Eileen hat sich um ihn gekümmert, ihn zu sich genommen, ohne dass ich davon wusste. Sie steckte mit ihrem Gefährten in der Menschenwelt. Tobias Snape war ein Squib, daher lebten sie in der Muggelwelt. In Severus allerdings hat sich die Magie sehr stark manifestiert, daher sandte Eileen ihn nach Hogwarts, damit er lernt, damit umgehen kann. Sie hatte Angst, wenn sie ihn zurück zu uns bringt, dass die Zauberwelt auf ihn aufmerksam werden könnte. Wenigstens weiß Dumbledore bis heute nicht, dass Severus der Sohn von Solomon ist. Es ist Vieles schief gelaufen damals, aber das können wir nicht mehr ändern. Ich habe erst herausgefunden, dass Dumbledore hinter dem Tod meines Bruders steckt, als Severus zu mir kam und erzählte, was er in den Gedanken des Alten mitbekam. Seither ist Severus als Spion tätig, sogar als Doppelspion, weil es sich nicht vermeiden ließ.“ Er sah seinen Neffen an. „Ich bin froh, dass du jetzt in Sicherheit bist.“

„Das sind wir alle.“, lächelte Alemie. „Du wirst deinem Gefährten sicher beistehen, aber erst einmal ist es wichtig, dass er nicht alleine ist. Er wird mit dir und uns trainieren, um sich verteidigen zu können und wir werden sehen, was sich entwickelt. Ich glaube auch, dass er sich bald verwandeln wird. Ich werde meine Tochter hierher bitten, wenn ich ihn mir genauer angesehen habe. Aber zunächst soll er ankommen, er hat viel zu verarbeiten. Bring ihn zu mir, wenn er sich ein wenig beruhigt hat, ich werde noch einige Zeit hier bleiben.“

„Vielleicht sollten wir herausfinden, wo seine Freunde sind.“, schlug Xenophilius vor, der bislang ruhig zugehört hatte. „Meine Tochter ist mit Harry befreundet und sie meint, er würde sicher voller Sorgen sein. Er sollte wissen, dass es seinen Freunden gut geht. Was ich hoffe. Ich werde meine Kontakte als Reporter dahingehend nutzen. Kann ich Luna hier lassen?“ Die Frage richtete er an Jamin Prince, in dessen Palast sie sich befanden.

„Natürlich.“, nickte der. „So wie es aussieht, wird sich Harry freuen, ein bekanntes Gesicht zu haben.“

„Ich werde auch Draco hier lassen, wenn ihr nichts dagegen habt.“ Jamin und Severus stimmten zu. „Auch wenn er und Harry nicht gerade eine positive Vergangenheit haben, aber auch sie können dazulernen.“

„Sie könnten Freunde werden.“, meinte Severus ruhig. „Sie sind sich unglaublich ähnlich, nur haben sie das bisher nicht erkannt. Gerade weil sie sich so ähnlich sind, wurden die Streitigkeiten so schlimm. Aber ich denke, sie sollten endlich Frieden schließen, das ist wichtig für Harry, damit er sich auf das Training konzentrieren kann.“

„Vielleicht sind sie bereits dabei.“, lächelte Xenophilius. „Immerhin sind Luna und Draco gut befreundet, auch wenn es in Hogwarts nicht so scheint. Dumbledore hat meine Kleine immer im Auge, wie Luna sagte. Er hat sicher einen Verdacht, was uns betrifft. Wir mussten sogar Pandoras Tod vortäuschen, weil er hinter ihr her war. Sie lebt seither ausschließlich in der Elfenwelt, sieht Luna nur sehr selten, da wir beinahe ständig beobachtet werden. Um sie abzulenken, haben Luna und ich angefangen, wirre Ideen zu liefern, was seltsame Wesen betrifft. Es ist ein Code für uns, um Informationen auszutauschen, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Außerdem gibt uns das einen Grund für Reisen. Manchmal konnten wir dabei die Verfolger abschütteln und Pandora besuchen, aber seit neun Jahren haben sich Luna und ihre Mutter nur dreimal gesehen. Selbst hier in den Rat zu kommen ist nicht immer einfach, auch wenn der Zugang gut in unserem Haus versteckt ist. Am liebsten würde ich Luna ganz hier lassen, aber auch sie hat Freunde in Hogwarts, die sie gerne wiedersehen will. Außerdem würde es Verdacht erregen, wenn sie plötzlich nicht mehr auftaucht.“

„Vielleicht solltest du einen Heiler in dein Haus kommen lassen!“, schlug ein weiteres Ratsmitglied mit einem Zwinkern vor.

„Das ist eine gute Idee!“, schmunzelte Xenophilius, als er erkannte, was gemeint war. „Würdest du mir diesen Gefallen tun, Hippocrates?“ Severus erkannte den Mann als Heiler Smethwyk von der Station für Verletzungen durch Tierwesen. Als Schutzengel war er geradezu prädestiniert dafür. Seine Gefährtin, eine Hexe, war ebenfalls Heilerin auf seiner Station, sie konnte ihn notfalls bremsen, wenn er übertrieb, was bei Schutzengeln nicht selten vorkam. Der Mann war bereits weit über hundert Jahre alt, wechselte aber regelmäßig die Identität, um nicht als magisches Wesen erkannt zu werden. Allerdings wusste Severus nur wenig über seine Vergangenheit, darüber sprach er nicht. Es war immer deutlich gewesen, dass etwas Schlimmeres passiert sein musste.

„Melde dich morgen beim Krankenhaus. Als Grund gibst du an, dass deine Tochter von einer magischen Schlange gebissen wurde. Sie werden mich anfordern.“, nickte der Schutzengel. „Ich mache einen Hausbesuch und melde, dass Luna eine Woche Bettruhe hat. Länger wäre erstmal verdächtig. Später lassen wir uns etwas einfallen, sollte sie länger hierbleiben. Ich weiß, dass einer unser Lernheiler ein enges Verhältnis zu Dumbledore hat, also wird er es erfahren und dann keinen Verdacht schöpfen, wenn Luna nicht gesehen wird.“

„Vielen Dank, Hippocrates.“, neigte Xenophilius anerkennend seinen Kopf. „Dann mache ich mich jetzt auf den Weg zu Harrys Freunden, damit ich wieder da bin, wenn es meiner Kleinen angeblich nicht gut geht.“ Er nickte den Ratsmitgliedern zu und verneigte sich vor seiner Königin, bevor er aufstand und den Raum verließ.

„Und wir kümmern uns um einen Trainingsplan für den jungen Harry.“, entschied Yolonis. „Ich denke, Jamin, Lucius, Severus, ihr seid die geeigneten Männer, um ihn in Verteidigung zu unterrichten. Auch Angriffszauber sollten dabei sein, wer weiß schon, was auf ihn zukommt. Hippocrates, wie sieht dein Dienstplan aus? Vielleicht kannst du ihm einige Heilzauber beibringen. Auch das kann notwendig sein und ich denke, das wird er sicher lieber lernen als Angriffe. Ich werde mit ihm laufen, ihn dazu mit in meinen Wald nehmen. Durch das Portal können wir schnell hin und her reisen. Und in meinem Wald ist er sicher, Dumbledore kommt dorthin nicht. Genausowenig Voldemort.“

„In Ordnung.“, stimmte Severus zu. Nicht nur, weil er in Harry seinen Gefährten erkannt hatte, sondern vor allem wegen der letzten Wochen fühlte er sich für den Jungen verantwortlich. Noch hatte er scheinbar nicht realisiert, was die Gefangenschaft seines Paten und dessen besten Freund wirklich bedeutete. Wenn das einschlug, musste er für Harry da sein. Er stand auf, wollte nach Harry suchen. Der Junge sollte mit entscheiden dürfen, was mit ihm passierte.

Harry verließ den Saal des Rates nur zögernd. Er wusste nicht, was ihn erwartete, fühlte sich unsicher. Luna jedoch griff einfach nach seiner Hand und zog ihn mit sich. Er merkte, dass Draco Malfoy ihnen folgte, war aber für den Moment zu überrascht, um etwas zu sagen. Vor allem, Severus hatte sich als ganz anders herausgestellt, als er gedacht hatte, vielleicht wäre es bei seinem Patensohn ähnlich. Die blonde Ravenclaw brachte sie in eines der Türmchen. Dort öffnete sie eine Tür und schob sie in ein Schlaf- und Arbeitszimmer. „Das hier ist für Daddy und mich.“, erklärte sie. „Wenn Daddy im Rat ist, kann er sich hierher zurückziehen oder auch schlafen, wenn er länger bleibt.“

Die beiden jungen Männer folgten ihr und sahen sich um, wobei der Slytherin mehr Harry musterte. „Wo ist deine Brille?“, fragte Draco nun betont neutral.

„Brauche ich nicht mehr.“, grinste Harry und freute sich erneut darüber. „Severus hat mir einen Trank gegeben, seither sehe ich richtig gut!“

„Severus?“, echote der Blonde. Seine Augen waren weit vor Staunen.

„Du bist nicht der Einzige, dem er die persönliche Anrede erlaubt!“, kicherte Luna und verwuschelte Dracos blonde Haarpracht. „Und nun lass es gut sein, dein Patenonkel wird schon wissen, wem er es erlaubt.“

Draco klappte den Mund wortlos wieder zu, was Harry beinahe kichern ließ. Schnell wandte er sich ab. Die jungen Männer sahen sich um. Hier war es hell und freundlich, Gelbtöne beherrschten den Raum. Fast ein wenig viel Gelb, fanden sie, aber Luna schien sich wohl zu fühlen. Gerade wirkte sie überhaupt nicht träumerisch oder entrückt, wie es in der Schule oft der Fall war. Nun fiel Harry auch auf, dass Draco Malfoy neben ihr saß und sich umsah. Sie wirkten ziemlich vertraut, wie sie nebeneinander auf dem Bett saßen.

„Keine Sorge, Harry.“, meinte Luna lächelnd, als hätte sie Harrys Gedanken erraten. „Draco ist eigentlich ganz nett. In Hogwarts muss er gewisse Vorstellungen erfüllen, um nicht aufzufallen, aber er ist nicht so. Zumindest nicht so schlimm. Manchmal kann er ganz schön arrogant sein, aber meistens ist er einfach nur höflich und nett. Wir sind schon befreundet, seit unsere Väter hier im Rat sind und wir uns regelmäßig über den Weg liefen.“

„Harry.“, ergriff nun Draco selbst das Wort. „Ich schätze, ich bin dir eine Erklärung schuldig. Wahrscheinlich auch eine Entschuldigung. Damals war ich fasziniert von dir. Schon bei Madam Malkins, als wir unsere Schuluniformen bekamen. Meine Eltern haben mir schon früh beigebracht, wie ich mich verhalten muss. Sie wussten, dass der Lord zurückkommen würde, auch wenn sie keine Ahnung hatten, wann oder warum. Sie wollten mich in Sicherheit wissen, darum musste ich bestimmte Verhaltensmuster erfüllen. Mit elf Jahren habe ich das einfach gemacht. Gut, wenn ich ehrlich sein soll, kann ich deine beiden Freunde nicht gerade gut leiden, aber das hat andere Gründe. Granger ist so besserwisserisch, dass es mich einfach nervt, sie redet zu viel und stellt zu viele Fragen. Das Wiesel denkt nicht nach, handelt ohne jegliche Überlegung, hat dich gerade letztes Jahr ziemlich hängen lassen, was man mit seinem besten Freund einfach nicht macht. Es hat nichts mit seiner Familie zu tun, auch wenn ich das immer wieder deutlich gemacht habe. Ich musste es so aussehen lassen, in der Schule wird jedes Wort, jede Geste, jeder Blick von mir überwacht. Der Lord will mich an seiner Seite, so wie meinen Vater. Meine Eltern wollen das nicht, aber ich will nicht untertauchen. Lieber gehe ich an Dads Seite. Ich weiß, was er tut und ich gehe davon aus, inzwischen weißt du es auch. Ich hoffe, du gibst mir eine zweite Chance und lernst mich neu kennen. Mein Angebot aus dem ersten Jahr steht noch. Ich wäre gerne dein Freund.“

Eine so lange Rede hatte Harry nicht erwartet. Sie ließ ihn ein wenig sprachlos zurück, und er blieb still. Seine Augen nahmen jede Regung des Blonden wahr und er versuchte zu entscheiden, ob er gerade die Wahrheit gehört hatte. Offen blickte Draco zu ihm, die grauen Augen erwiderten seinen Blick ohne Zögern. So einfach konnte er nicht alles vergessen, aber nach dieser Rede gab er sich einen Ruck. Sie sollten es zumindest versuchen. Wer war er, diese Chance zu verweigern? Er wünschte sich eine gewisse Harmonie in seiner Umgebung, und hier wäre Malfoy, oder eher Draco, einer der wenigen Menschen, die er kannte. „Okay.“ Zögernd nickte Harry. „Ich gebe dir noch eine Chance. Wie es aussieht, sitze ich ohnehin hier fest. Auch wenn ich lieber gehen würde, um Sirius und Remus zu befreien.“ Als sie entsetzt fragten, was denn passiert sei, berichtete Harry. Zwischendurch musste er schlucken, um die Tränen zu unterdrücken, die in ihm aufstiegen, als er an das dachte, was die Gefangenen nun möglicherweise durchmachten.

„Dad und die Anderen werden sicher eine Lösung finden.“, versicherte Draco am Schluss. Seine Tröst-Versuche wirkten etwas unsicher und hilflos. Luna saß inzwischen neben Harry auf dem Arm des Sessels und umarmte ihn, um ihm Trost zu spenden.

„Dein Dad ist ein Vampir. Bist du auch …?“, fragte Harry schließlich.

„Ja.“, grinste Draco und zeigte seine Zähne. „Allerdings bin ich ein Halbvampir, denn Mom ist einfach nur ein Mensch. Ich kann sowohl normale Nahrung als auch Blut zu mir nehmen, brauche beides, um wirklich gesund zu sein.“

„Aber … ich dachte immer, Vampire können nicht in die Sonne?“, wunderte sich Harry. Er stand auf, musste sich bewegen.

„Ha, das glauben sie alle!“, brach es aus dem Blonden heraus. „Aber das ist nur ein Mythos. Gut, es fühlt sich nicht besonders angenehm an, wenn man länger in der Sonne steht, aber das muss ich normalerweise ja nicht. Allerdings tötet uns die Sonne nicht. Das Problem ist eher, dass wir irgendwann einen gewissen Bluthunger bekommen können, wenn wir ständig unter Menschen sind. So lange unsereins noch keinen Gefährten oder keine Gefährtin hat, nutzen wir einen Blutstein.“ Er holte einen rot leuchtenden Stein unter seinem Hemd hervor, der an einer Kette um seinen Hals hing. „Es heißt aber, dass es viel besser ist, das Blut eines Gefährten zu trinken. Dad hofft auch, dass er bald seinen Gefährten findet. Ich glaube, er befürchtet, dass ich schneller sein könnte.“

Draco kicherte leise, was Harry vollkommen verwirrte. Nie hätte er geglaubt, dass der Blonde so … normal sein könnte. Dann fiel ihm etwas auf. „Du meinst, dein Vater hat keinen Gefährten? Was ist dann mit deiner Mutter?“

„Sie wurden verheiratet, damit Dad nicht auffällt.“, erklärte Draco. „Mom und Dad sind Freunde, mehr nicht. Mom ist eigentlich mit Kingsley Shacklebolt zusammen. Der versucht auch, Dumbledore auszuspionieren, aber er erfährt kaum etwas, da der Alte ihm misstraut, weil er schon lange deutlich gemacht hat, dass er der Meinung ist, magische Wesen sollten mehr Rechte bekommen. Er hat mit Dad darüber diskutiert, weil Dad im Gamot sitzt und ihn darauf angesprochen hat. Sie haben sich im Manor zu einem Gespräch getroffen. So haben Mom und er sich kennengelernt. Kingsley wollte erst nichts mit ihr anfangen, bis er verstanden hat, wie meine Eltern zueinander stehen. Allerdings treffen sie sich nur heimlich, damit kein Verdacht gegen Dad aufkommt. Dad ist ständig auf der Suche nach seinem Gefährten. Jedenfalls hofft er auf einen männlichen Gefährten, er steht nämlich auf Männer. Mehr als auf Frauen.“

„Und du?“, wollte Luna unverblümt wissen.

Draco wurde rot. „Äh, ich … ich bin da noch unentschlossen.“, murmelte er dann doch.

„Ich ziehe definitiv Männer vor.“, gestand Harry auf Lunas fragenden Blick hin. Wobei er eigentlich sagen müsste, dass er einen bestimmten Mann meinte. Das Gesicht von Severus Snape tauchte vor seinem inneren Auge auf.

Er blickte auf und sah in Lunas wissende Augen. Sie grinste ihn an. „Ich auch.“, lächelte sie. „Ich hoffe schon immer, dass ich einen männlichen Gefährten habe.“

„Du bist eine Elfe?“

„Eine geborene Elfe, ja.“, nickte Luna. Harry sah sie verwirrt an. „Du weißt nicht viel über magische Wesen, oder?“ Harry schüttelte den Kopf. „Es gibt geborene magische Wesen, meist wenn ihre beiden Eltern magische Wesen sind. Meine Eltern sind beide Elfen, also wurde ich als Elfe geboren. Das heißt, ich habe meine Fähigkeiten bereits seit der Geburt. Halbwesen verwandeln sich oft erst mit sechzehn oder siebzehn Jahren. Bis dahin sind sie genau wie ein Mensch, man kann nur mit speziellen Tränken herausfinden, ob ein magisches Wesen in ihnen steckt. Einige Wesen haben allerdings die Instinkte dazu, das zu erkennen.“

„Genau.“, stimmte Draco zu. „Ich habe mich erst vor einigen Wochen verwandelt. An meinem fünfzehnten Geburtstag. Typisch für Halbvampire, wenn auch relativ früh für magische Wesen. Dad hat mich dafür nach Hause geholt, wenigstens für ein paar Tage. Seither habe ich auch meinen Blutstein. Mein Geruchssinn und mein Gehör haben sich deutlich verbessert, ist manchmal echt schwer. Vor allem riecht es so verführerisch in den Klassenzimmern oder der großen Halle. Aber Dad hat mir von klein auf beigebracht, mich zu beherrschen. Früher war ich sauer, weil ich durch seine strenge Schule musste, aber jetzt bin ich froh darüber.“

Kopfschüttelnd ließ sich Harry rückwärts auf das Bett fallen. Er legte die Hand über die Augen. „Irgendwie habe ich das Gefühl, schon wieder in einer vollkommen neuen Welt gelandet zu sein.“, murrte er leise. „Ich wünschte, das hier wäre irgend so ein verrückter Traum und ich würde aufwachen, sodass Sirius mich auslachen kann.“ Er konnte nicht verhindern, dass erneut Tränen in seine Augen schossen.

Luna lehnte sich einfach zu ihm, schloss ihn in die Arme. „Lass es raus, Harry.“, murmelte sie. „Und wir werden dir beibringen, was du wissen musst. Nicht auf einmal, aber das verlangt auch keiner von dir.“

„Dad meint schon lange, es müsste sich etwas ändern.“, verriet Draco. „Kinder aus Muggelfamilien, und dazu zählst in dem Fall auch du, müssten besser auf unsere Welt vorbereitet werden. Wobei dein Freund Weasley wahrscheinlich über dieses Thema auch nicht viel mehr weiß, denn das ist verbotenes Wissen. Das Ministerium und auch Dumbledore wollen nicht, dass es sich verbreitet, denn dann hätten sie keine Grundlage mehr, magische Wesen zu verfolgen, zu jagen, zu töten oder einzusperren.“

„Aber … warum?“ Harry setzte sich auf und blickte Draco verwirrt an.

„Du meinst, warum sie das verbieten?“, hakte Draco nach. Harry nickte. „Naja, zum Einen haben sich Vorurteile über die Jahre hinweg eingeprägt. Vampire saugen Menschen aus, Werwölfe zerfleischen ihre unschuldigen Opfer, Veelas verführen unschuldige Kinder und so weiter. Ich schätze, du hast den Kern begriffen. Außerdem haben Viele Angst, weil magische Wesen durch die Naturmagie oft stärker sind als Hexen und Zauberer. Zudem haben sich immer mehr magische Wesen dem Lord angeschlossen, was sich schnell herumgesprochen hat. Der Lord hat sie geködert mit Versprechungen, die er niemals halten wird, aber er kann sehr überzeugend sein, wenn er das will. All das zusammen hat sich hochgeschaukelt und die Gesetze wurden immer strenger. Gab es irgendwann mal einen Vorfall, dann wird es gleich auf alle diese Wesen umgerechnet. Und so wurde es über die Jahre immer schlimmer.“

„Und warum merkt das keiner?“

„Harry, du weißt doch, wie leicht die Menschen vor allem durch die Presse und durch Aussagen des Ministeriums beeinflussbar sind.“, mischte sich Luna ein. „Der Tagesprophet hat es im letzten Jahr ziemlich deutlich gemacht. Mit einem Mal glaubte jeder, dass du dich absichtlich in das Turnier geschmuggelt hast, weil du noch mehr Ruhm haben wolltest. Absoluter Quatsch, das wissen wir, aber frag mal die Leute da draußen. Genauso, wie sie sich jetzt ganz leicht davon überzeugen lassen, dass du gelogen hast, als du erzähltest, wie Voldemort zurückgekehrt ist.“

„Das behaupten sie?“, staunte Harry.

„Oh ja, schon eine ganze Weile.“, grinste Draco. „Der Minister hat die Hosen voll, er will es nicht wahrhaben. Also lässt er Kimmkorn freie Hand, und sie schreibt nur zu gerne solche Geschichten. Seit kurz nach dem Ende des Turniers verbreitet sie diese Lügengeschichten, ziemlich geschickt, wenn ich das mal anmerken darf. Sie lügt wie gedruckt, aber das mit System, so leicht kann man das nicht durchschauen, also glauben es die Leute. Es klingt in sich stimmig. Und die Menschen haben Angst vor der Alternative. Angst, was passiert, solltest du Recht haben. Also glauben sie lieber, du lügst.“

„Aber das würde dann ja bedeuten, dass auch Dumbledore lügt. Und ist Dumbledore nicht derjenige, zu dem sie alle aufsehen?“ Irritiert schüttelte Harry den Kopf.

„Nun, Menschen sind nicht immer logisch.“, zuckte Draco die Schultern. „Dumbledore hat sie vor Grindelwald gerettet. Vielleicht denken sie, er wird langsam ein wenig senil, aber er ist immer noch ziemlich genial. Erzähl den Menschen, was sie hören wollen und sie glauben dir, egal wie unlogisch es ist.“

Harry schwieg und dachte nach. Luna und Draco hatten Recht. Die Menschen glaubten das, was sie glauben wollten, und wenn sie dann entsprechende Berichte in der Zeitung lasen … Und es stimmte schon, negative Berichte verbreiteten sich wahnsinnig schnell. Wie damals, als Remus ihnen als Werwolf gegenüber stand. Auch wenn sie darüber geschwiegen hatten, es gab Gerüchte, die sehr schnell in der Zeitung gelandet waren, vor allem, als sich Remus' Wesen dann bei den Slytherins herumgesprochen hatte. Dieser Gedanke brachte ihn zurück zu Remus und Sirius, die nun in der Gefangenschaft von Dumbledore waren. Wie es ihnen wohl erging? Wahrscheinlich nicht besonders gut, da Dumbledore sicher wusste, dass sie ihn durchschaut hatten.

„Was ist los, Harry?“, wollte Luna sanft wissen.

„Ich muss dauernd an Sirius und Remus denken.“, wisperte Harry. „Was Dumbledore mit ihnen macht. Und wie ich sie da rauskriegen kann.“

„Das ist nicht deine Sache, der Rat wird sicher eine Lösung finden.“, tröstete Luna. „Auch wenn Professor Lupin nicht hoch in der Rangordnung ist, er gehört zu Fenrirs Rudel. Und Fenrir kümmert sich um seine Wölfe. Genau wie Mister Prince, der Onkel von Professor Snape, der eigentlich Prince heißt. Daddy wird sicher auch nicht zulassen, dass sie dort bleiben müssen.“

„Mein Dad sicher auch nicht.“, fügte Draco hinzu. „Aber das geht nicht über Nacht. Hogwarts ist mehr als gut geschützt, das braucht einen verdammt guten Plan. Lupin und Black müssen eine Weile durchhalten, aber ich denke, das können sie. Dad und Onkel Sev haben Kontakte nach Hogwarts, vielleicht finden sie was raus.“

„Ich hoffe nur, dass es bald passiert.“, seufzte Harry. „Ich kenne meinen Paten erst ein Jahr, ich will ihn nicht schon wieder verlieren. Und Remus … Wäre er kein Werwolf, wäre er auch mein Pate. Sie bedeuten mir wirklich viel.“

„Das wissen wir, Harry.“, versicherte Luna. „Gib sie nicht auf, das würden sie sicher nicht wollen.“

Es klopfte an der Tür, und ein junger Mann brachte ein Tablett mit drei Essen herein, stellte es auf den Tisch und verbeugte sich kurz, bevor er wieder verschwand. Eine Weile widmeten sie sich nun den Dingen auf dem Tablett, die Harry teilweise nicht einmal kannte, aber es schmeckte ihm. Generell war er nicht wählerisch, das durfte er auch bisher nie sein, aber das hier empfand er als sehr lecker. „Das sind Früchte, die unter Wasser wachsen.“, erklärte Luna. „Die Meermenschen leben hauptsächlich davon, aber es gibt auch Fische und andere Meerestiere. Die züchten sie, damit es keinen Mangel gibt. Außerdem ernten sie Seegras und betreiben Handel mit den Elfen, die ihnen Früchte und Gemüse liefern und im Gegenzug Salz und Meeresfrüchte bekommen.“

„Leben eigentlich alle magischen Wesen friedlich miteinander?“, erkundigte sich Harry.

„Im Großen und Ganzen leben sie weit genug auseinander, um nicht in Konflikte zu geraten, aber gerade zwischen Vampiren und Werwölfen gibt es häufiger Probleme. Genau wie zwischen anderen Wesen, die sehr unterschiedliche Auffassungen vom Leben haben. In den letzten Jahren allerdings nicht, denn derzeit haben sie ein gemeinsames Ziel. Dad und Jamin Prince haben das hier organisiert, vorher haben die magischen Wesen nicht so groß zusammen gearbeitet. Nun fanden sie, es wäre an der Zeit, denn zumindest zum Teil teilen wir uns diese Welt.“, erklärte Draco.

Nachdenklich schwieg Harry, es überstieg noch immer seinen Verstand, wie das alles zusammen passte. Dann fiel ihm etwas ein. „Draco? Du meintest, dein Vater und deine Mutter sind Freunde, sie wurden miteinander verheiratet. Sie ist mit Kingsley Shacklebolt zusammen und dein Vater sucht noch nach seinem Gefährten oder seiner Gefährtin. Wie … ich meine, … äh, ich will dir nicht zu nahe treten, aber ...“ Harry brach ab, ziemlich rot im Gesicht.

„Du meinst, ob ich ein Kind meiner Eltern bin und wie ich entstand?“, fragte Draco unbekümmert. Harry nickte zögerlich. „Naja, ich bin ein Kind der Beiden, sie haben mich gemeinsam aufgezogen. Wobei ich nicht auf eine Art entstanden bin, wie es natürlich ist. Es war eine künstliche Befruchtung. Meine Eltern sind zwar befreundet, aber das wäre, wie wenn du mit Granger ein Kind zeugen müsstest.“ Harry schauderte, was Draco mit einem Schmunzeln kommentierte. „Inzwischen habe ich einen kleinen Bruder und eine Schwester. Naja, Halbgeschwister. Elani, meine Schwester, ist drei, mein Bruder Matayo erst etwas über ein Jahr. Sie leben alle mit im Manor. Wenn auch versteckt und heimlich, aber das Manor ist groß genug, sodass es auch verheimlicht werden kann. Nicht einmal Tante Bella ahnt etwas. Ich meine, Dad ist sicher kein Unschuldslamm was sexuelle Erfahrungen betrifft, aber er wird kein Kind riskieren, so lange er ungebunden ist.“

„Viele magische Wesen warten auf den oder die Richtige.“, mischte sich Luna ein. „Vampire und Werwölfe jedoch nicht, genauso wenig Draconier. Elfen hingegen sind sehr treu, sie würden sich nie mit jemand einlassen, wenn sie nicht an ihn gebunden sind. Reine Meermenschen ebenfalls nicht.“

Harry wurde rot, als ihm klar wurde, Luna ahnte oder wusste von seinen Gefühlen Severus gegenüber. Aber noch etwas wurde ihm klar: er rannte Hirngespinsten nach, denn wenn er nicht der Gefährte des Tränkemeisters war, hatte er keine Chance. Niedergeschlagen ließ er den Kopf hängen. Da half es auch nicht, dass Draco von seinem Patenonkel Severus erzählte. Erst, als er Bilder von seinen Geschwistern aus der Tasche holte, blühte Harry wieder ein wenig auf. Dennoch blieben seine Gedanken bei Severus, Sirius und Remus, wenn auch mit unterschiedlichen Gefühlen.

Severus kam erst spät, die Ratssitzung hatte ziemlich lange gedauert. Er erläuterte Harry beim gemeinsamen Abendessen den ausgearbeiteten Trainingsplan. Dem Jugendlichen blieben täglich einige Stunden Freizeit, aber er würde in den nächsten Tagen mit Schwertkampf, stablosen Zaubern, Verteidigung ohne Magie und Geistmagie beginnen. All diese Dinge sollten ihm helfen, wenn er doch wieder in den Konflikt hinein gezogen wurde. Und davon gingen sie alle aus, es war schon immer so gewesen. Außerdem versprach Severus, dass sie eine Lösung für Sirius und Remus suchen wollten, um sie aus dem Kerker zu holen. Doch Harry hörte durchaus, dass Severus keine oder nur wenig Hoffnung hatte. Dennoch machte er sich am Morgen gemeinsam mit Draco auf zum ersten Training. Auch er selbst wollte bereits sein.

„Ihr kommt erst einmal mit mir.“, bestimmte der blonde Kentaur namens Yolonis, der sie heute zuerst unterrichtete. Harry hatte Draco gerne mitgenommen, als dieser darum bat, wollte nicht alleine sein. Der Kentaur brachte sie zu einer seltsamen Erscheinung in der Luft, die beinahe wie ein Fenster aussah. Harry lief darum herum und staunte. Weder von der Seite noch von hinten war es zu erkennen, nur, wenn er von vorne darauf blickte. Und es war eindeutig, dass es woanders hin führte, denn er erblickte einen dichten, hell von der Sonne beschienen Wald. „Das ist meine Heimat.“, verriet Yolonis. „Kommt, gehen wir hindurch. Dort können wir laufen, das wird euch gut tun. Danach kommen wir wieder her, damit ihr weiter lernen könnt.“ Er ging voran, Harry und Draco folgten halb vorsichtig, halb neugierig. Im Wald atmeten sie einige Male tief durch, es fühlte sich gut an, wieder über Wasser zu sein. Yolonis trabte langsam voraus, Harry und Draco folgten ihm, versuchten, gleichmäßig zu atmen und dabei mit dem Zentauren Schritt zu halten, was gar nicht so einfach war. Entsprechend kaputt und außer Atem waren sie daher auch, als Yolonis sie nach etwas über einer halben Stunde zurück in die Stadt am Meeresgrund brachte. Der Kentaur hingegen wirkte vollkommen frisch, war nicht einmal ins Schwitzen oder außer Atem gekommen. Gemeinsam mit Severus und Luna frühstückten sie, als sie geduscht hatten.

„Onkel Jamin wird nun stablose Magie mit dir trainieren, Harry.“, erklärte Severus nach dem Essen. „Luna, Draco, ihr könnt gerne mitmachen. Verwandlung, Verteidigung, aber auch Angriffszauber. Bis zum Mittagessen trainiert ihr mit meinem Onkel, danach habt ihr Pause und könnt euch umsehen oder beschäftigen. Nach dem Abendessen werden Mandana und ich noch Geistmagie mit Harry trainieren. Der komplette Plan liegt in deinem Zimmer, Harry, darauf stehen auch deine Trainer oder Lehrer. Manche kennst du sicher noch nicht, ein junger Meermann hier aus dem Palast hat sich unter anderem gemeldet, um dich in der Kunst des Stab- und Schwertkampfes zu unterweisen. Doron ist noch recht jung, ich denke, ihr werdet euch gut verstehen.“

Natürlich schlossen sich Luna und Draco ihm an. Harry war froh darüber, denn irgendwie fühlte er sich wohl in Gesellschaft der Beiden. Seit der Aussprache am gestrigen Tag sah Harry gerade Draco ein wenig anders an als zuvor. Ein wenig bedauerte er seine damalige Ablehnung der Freundschaft. Noch war er nicht soweit, dass er tatsächlich mit Draco befreundet war, aber das würde sicher nicht mehr lange dauern. Er wünschte nur, er wüsste, was mit Hermine und Ron war, ob es ihnen gut ging. Trotzdem konzentrierte er sich auf das Training, und arbeitete verbissen an den stablosen Zaubern. Auch wenn er im Grimmauldplatz bereits erste Erfolge gehabt hatte, ungesagte Zauber zu wirken, so war es ohne Stab doch deutlich schwerer. Andererseits würde ihm das Vorteile bringen, was er durchaus erkannte, sollte er seinen Stab in einem Kampf verlieren. Jamin Prince war ein geduldiger Lehrer, der sie allerdings dennoch forderte und an ihre Grenzen brachte.

„Sag mal, Harry, du hast einen neuen Zauberstab, oder?“, erkannte Draco am zweiten Tag ihres Trainings.

„Ja.“, nickte Harry. „Mein erster ist bei meinen Verwandten geblieben, als Severus mich rausgeholt hat.“ Harry schluckte trocken, als er daran dachte, was dort passiert war. Noch immer hatte er ab und zu Alpträume von dort, aber seit Severus mit ihm darüber sprach, wurde es deutlich besser. Er wusste nicht wieso, aber er vertraute dem Tränkemeister voll und ganz. Und er fühlte sich absolut geborgen, wenn dieser in seiner Nähe war. Komischerweise störte es ihn nicht, mit ihm darüber zu reden, was passiert war. Draco und Luna gegenüber wollte er aber nichts davon erzählen.

„Alles in Ordnung, Harry?“, murmelte Luna nun sanft.

„Geht schon.“, brachte Harry heraus. „Meine Zeit bei meinen Verwandten ist nichts, woran ich mich gerne erinnere. Wer weiß, ob mein Stab überhaupt noch existiert. Remus hat mir und auch Severus einen neuen besorgt, als ich bei Sirius in seinem Haus war.“

„Im Haupthaus der Blacks?“, staunte Draco. „Mom erzählt immer, dass es echt schrecklich dort sein soll, dunkel, unfreundlich und ziemlich modrig. Sie hasste es, wenn sie als Kind dorthin musste.“

„Jetzt nicht mehr.“, schüttelte Harry den Kopf. „Wobei, ich bezweifle, dass das Haus noch steht. Dumbledore hat uns aufgespürt, und am Ende sind sogar die Todesser und Voldemort dort aufgetaucht.“ Harry schauderte bei der Erinnerung. „Aber vorher haben wir renoviert, alles heller und offener gestaltet. Es war wirklich schön am Ende. Ich hätte gerne dort gelebt.“ Er seufzte.

„Sie haben euch angegriffen?“

Harry fiel ein, dass er zuerst nur gesagt hatte, dass sie fliehen mussten. „Ja. Aber wir haben sie gesehen und konnten rechtzeitig fliehen. Deshalb haben wir nur so wenige Sachen mitgenommen. Ich bin wirklich froh, dass ich genug Zeit hatte, meinen neuen Zauberstab mitzunehmen!“

„Was ist es für ein Stab?“ Draco war neugierig. Ihm war bereits klar, dass es kein einfacher Schülerstab sein konnte, denn das wäre kein unregistrierter, damit könnte Harry nirgendwo unerkannt zaubern.

„Weidenholz. Im Kern ist Meermenschenblut, Einhornhaar und Drachenherzfaser.“, erinnerte sich Harry.

„Wow, das ist aber kein Schülerstab und auch keiner von Ollivander!“, staunte Draco, zufrieden damit, dass er Recht hatte. „Der ist speziell für dich angefertigt worden, oder? In der Nokturngasse?“

„Ja, ja und ja.“, grinste Harry. „Laut Severus ein Verteidigungs- und Heilstab. Fühlt sich auch deutlich besser an als mein vorheriger. Remus hat ihn besorgt, er wollte einen Tropfen Blut von mir, den er mitgenommen hat.“

„Und Onkel Sev? Hat er auch einen von dort?“, wollte Draco wissen.

Harry nickte. „Ja. Wobei er sich nur minimal von seinem vorherigen Stab unterscheidet, meinte er. Er ist immer noch aus Ebenholz, auch der eine Bestandteil des Kernes blieb gleich: Phönixschwanzfeder. Eigentlich witzig, die hatte ich vorher auch. Aber bei Severus ist nun auch noch eine weitere Feder darin, die eines Engels. Es ist, laut Remus, ein sehr außergewöhnlicher Stab, die Phönixfeder macht ihn zwar zu einem Angriffsstab, aber die Engelsfeder verstärkt seine heilenden Fähigkeiten. Laut dem Stabmacher eine Kombination, die er noch nie hatte.“

„Wow.“, machten die beiden Blonden nur. „Voll cool.“ Von dem Moment an konzentrierte sich Draco kaum noch auf das Training, sondern wartete gespannt darauf, dass sein Vater wiederkam. Der wollte schließlich auch mit Harry trainieren, also musste er früher oder später wieder in den Palast kommen. Doch vorher wollte er gemeinsam mit Xenophilius herausfinden, was mit Harrys Freunden war und einige Informationen aus Voldemorts Reihen sammeln. Das war mindestens genauso wichtig, wie Harry beizubringen, sich zu verteidigen.

Sobald er zurück war, wurde Lucius von Draco bestürmt. „Ich will auch einen neuen Stab, Dad!“, war das Erste, was Draco zu seinem Vater sagte, als er nach vier Tagen zurück in der Meeresstadt war. „Harry hat einen, der drei Kerne hat! Ich will keinen Schülerstab mehr, ich will auch einen speziell angefertigten. Bitte, Dad!“

„Auch dir einen schönen Tag, mein Sohn.“, kam es kühl von dem älteren Blonden. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dich zum Quengeln erzogen zu haben.“ Für Malfoys gehörte es sich nicht, sich derartig zu benehmen, und das wusste Draco sehr gut.

Draco schluckte und atmete mehrmals tief durch, um sich zu beruhigen. „Vater, ich habe in den letzten Tagen meine magischen Fertigkeiten deutlich verbessert und gemerkt, dass dadurch, und durch die Umwandlung vor einigen Wochen mein Stab nicht mehr passend für mich ist. Ein für mich speziell angefertigter Stab würde mir deutlich bessere Dienste tun und meine neuen Fähigkeiten nicht bremsen und einengen.“, formulierte er seine Bitte neu.

„In Ordnung, Draco, ich werde sehen, was wir machen.“ Lucius versprach es nicht, aber Draco gab sich damit zufrieden. Jedenfalls fürs Erste. Er wusste, wann er schweigen musste, um seine Chancen nicht zu minimieren. Sie sprachen noch leise miteinander weiter.

„Ich habe Informationen für dich, Harry.“, holte sich Xenophilius nun die Aufmerksamkeit des Schwarzhaarigen. Große, grüne Augen richteten sich auf den Elfen. „Deine Freundin Hermine ist mit ihren Eltern nach Kanada ausgewandert. Eigentlich wollte sie das nicht, weil sie dich unterstützen wollte, aber ihre Eltern haben es entschieden. Ihnen wurde es hier in England zu gefährlich. Auch wenn Hermine ihnen nicht viel erzählt hat. Sie haben bereits Verdacht geschöpft, dass Dumbledore wohl nicht so ein tolles Vorbild ist, wie er sich gerne gibt. Deiner Freundin machte die Tatsache zu schaffen, dass Dumbledore dein Vormund ist und meist alles weiß, was um ihn herum passiert. Warum also sollte er nicht wissen, wie es dir in deinem Zuhause geht? Das war die Frage, die Hermine sich immer wieder stellte. Sie entschied, dass er es wissen musste. Wenn er es aber wusste, warum hat er nichts dagegen getan?“

„Hermine ist schlau genug, um die richtigen Antworten alleine zu finden.“, nickte Harry. „Sie hatte wohl nur in den vergangenen Jahren keine Zeit, weil sie dafür sorgen musste, dass wir überlebten.“

„So ähnlich hat sie sich auch ausgedrückt!“, schmunzelte Xenophilius. „Sie meinte, ich solle dir ganz liebe Grüße ausrichten, du sollst den Kopf nicht hängen lassen und es genießen, wenn mal nicht alles von dir abhängt. Allerdings sollst du dabei das Lernen nicht vernachlässigen. Sie will kommen, sobald sie in unserer Welt volljährig ist, um dich zu unterstützen. Ich befürchte, das kann niemand ihr ausreden.“

„Nein, wohl eher nicht.“, seufzte Harry. Einerseits freute er sich, das zu hören, weil es ihm zeigte, wie viel er Hermine bedeutete, andererseits hatte er Angst, dass ihr etwas passieren würde.

„Ich habe ihr gesagt, sie kann zu mir kommen, ich bringe sie dann her.“, ergänzte der Blonde. „Soweit ich weiß, wird sie in einem Jahr und einigen Wochen siebzehn.“

„Verdammt, das stimmt!“, fiel Harry auf. Sie war beinahe ein Jahr älter als er, das war ihm nie so bewusst gewesen. „Ich hoffe nur, ihr passiert nichts.“

„Wir werden schon auf sie achten.“, versprach Severus, der die letzten Sätze gehört hatte. Auch wenn ihm die Aussicht nicht gerade behagte. Er wollte Harry nicht teilen. Schon bei Draco und Luna fiel es ihm schwer, aber Hermine Granger war noch viel enger mit seinem Gefährten befreundet. Dabei hatte er in den letzten Tagen das Gefühl bekommen, Harry würde sich zu ihm hingezogen fühlen. Er wollte sich nicht offenbaren, bis er sich sicher war, was Harry fühlte. Ansonsten würde Harry sicher etwas tun, was er nicht wollte, nur damit er sich gut fühlte. Aber das war es nicht, was für Severus eine Partnerschaft ausmachte. Also wartete er, obgleich es ihm immer schwerer fiel. Und er beobachtete Harry intensiv. Langsam glaubte er, Mandana verstehen zu können. Da war etwas, das er nicht fassen konnte, aber es war eindeutig da. Sie mussten abwarten, aber inzwischen war er sicher, Harry würde sich eines Tages verwandeln. Nur in was, darauf konnte sich Severus noch keinen Reim machen.

„Ich habe auch von deinem Freund Ronald eine Nachricht.“, sprach Xenophilius nun weiter. „Seine Familie ist in Deckung gegangen, sie leben bei seinem älteren Bruder Charlie in Rumänien. Zuerst haben sie nur die beiden jüngsten Kinder dorthin geschickt, aber inzwischen sind sie alle dort. Sie haben sich von Dumbledore abgewandt, weil sie mit seiner Meinung dir gegenüber nicht einverstanden sind. Die Eltern unterrichten ihre Kinder nun wenigstens vorerst selbst, sie haben zu viel Angst. Ronald hat ebenfalls schon vor einer Weile Verdacht gegen Dumbledore geschöpft. Molly und Arthur ebenso, aber sie waren zu nahe an ihm dran, konnten sich nicht gleich unauffällig lösen. Sie stehen hinter dir, Harry, werden dir beistehen, wenn es in den Kampf geht. Zumindest Charlie, sein älterer Bruder Bill, die Zwillinge und Ron. Ginny ist zu jung, aber auch sie steht hinter dir. Ich habe mit Bill und Ronald gesprochen, sie sind froh, dass du in Sicherheit bist. Ronald meinte, er kümmert sich weiter um Hedwig, deine Eule. Er wollte sie dir eigentlich schicken, aber ich habe ihm abgeraten, da sie sehr auffällig ist, und sowohl Dumbledore als auch Voldemort wissen, dass sie deine Vertraute ist. Selbst im Ministerium ist das bekannt. Also kümmert er sich weiter um sie, gemeinsam mit seiner Familie. Natürlich habe ich weder ihnen noch Hermine verraten, wo und mit wem du dich versteckst. Sie wissen nur, dass du vor Dumbledore und Voldemort vorerst geschützt bist. Ich habe ihnen auch von Sirius Black und Remus Lupin erzählt, und sie meinten, du sollst keine Dummheiten machen oder Alleingänge starten.“

„Und was ist mit Percy?“

„Der steht schon lange treu auf der Seite des Ministeriums und damit Dumbledores.“, wusste Severus. „Du solltest eigentlich seit einer halben Stunde beim Schwertkampf-Training sein. Doron schickt mich, dich zu suchen.“

„Oh!“, entfuhr es Harry. Er mochte Doron sehr. Er war ein Meermensch aus der Palastwache, der nur wenig älter als er selbst war. Nun ja, zumindest zum Teil Meermensch, seine Mutter war wohl ein Dämon gewesen. Er war schon länger ein Waise, vielleicht verstanden sie sich deshalb so gut. Doron hatte einen feinen Humor und brachte Harry immer wieder zum Lachen, aber er konnte auch mit dem Schwert und dem Stab mehr als gut umgehen, was er Harry nun beibrachte. Meist setzten sie sich nach dem Training gemeinsam irgendwo zusammen, tranken Tee, Kaffee oder auch Korallenwasser, was wirklich gut schmeckte, wenn es auch gewöhnungsbedürftig war. Doron wollte alles über die Welt außerhalb des Meeres wissen, was Harry ihm gerne erzählte, und umgekehrt fragte Harry ihn aus, wie man hier lebte, welche Bräuche und Traditionen es gab, wie die Gesellschaft der Meermenschen aufgebaut war. Er fand es schade, dass er Severus fast nur beim Training sah. Zwar kam der Tränkemeister, wenn er nachts Alpträume hatte, aber er verschwand danach sofort wieder. Harry konnte nicht ahnen, dass Severus ihre Begegnungen bewusst kurz und knapp hielt, da er den Jüngeren nicht überfallen wollte und nicht wusste, wie lange seine Selbstbeherrschung noch andauern würde.

Zehn Tage nach seiner Ankunft trainierte er alleine mit Doron. Draco war mit Luna zusammen unterwegs, sie wollten in die Bibliothek von Jamin Prince. Die Blonde war nun offiziell in Hogwarts abgemeldet,  Xeno wollte sie bei sich haben. Wie sie es dem Schulleiter gegenüber begründet hatten, wusste niemand außer den beiden Lovegoods und einigen Ratsmitgliedern. Luna war nur froh, dass sie hier bei Draco bleiben konnte. Harry hatte ihnen vor zwei Tagen – nach Absprache mit Severus – davon erzählt, dass er einen Teil der Seele des dunklen Lords in sich hatte, und nun suchten sie, gemeinsam mit Severus und Alemie nach einer Lösung. Keuchend stützte sich Harry nach einer anstrengenden Kampffolge auf den Stab, mit dem sie gerade trainiert hatten.

„Du machst das wirklich gut, dafür, dass du erst damit angefangen hast.“, lobte Doron lächelnd.

„Danke. Du bist auch ein wirklich guter Lehrer, Doron!“, lächelte Harry zurück. Er merkte nicht, dass Severus sie von einer Art Balkon aus beobachtete.

„Was denkst du, treffen wir uns mal außerhalb des Trainings? Dann zeige ich dir noch ein paar Seiten des Palastes, die du noch nicht kennst.“, lockte Doron.

„Vielleicht.“, zuckte Harry die Schultern. „Aber momentan bin ich voll mit dem Training beschäftigt, und mit den Hausaufgaben, die ich von der Schule noch habe. Ich denke zwar nicht, dass ich zurück nach Hogwarts kann, aber ich mache sie trotzdem. Wenn ich damit fertig bin, dann können wir vielleicht mal was ausmachen.“

„Ich werde dich daran erinnern, Harry!“, versprach Doron und strich über Harrys Arm. Der Schwarzhaarige zuckte zurück, bemühte sich dann aber, ruhig zu bleiben. Das hier war nicht Piers, und auch nicht Dudley. Doron bedrängte ihn nicht, er war einfach nur nett. Daher ließ er sich bereitwillig von Doron zu seinem Zimmer bringen – noch immer hatte er Schwierigkeiten, sich in dem weitläufigen Palast nicht zu verlaufen – und setzte sich beim Abendessen auch zu ihm, da er weder Draco noch Luna entdeckte. Erst nach dem Essen kam Draco zu ihm, seine Augen strahlten, auch wenn er sich sonst nichts anmerken ließ. Er zog Harry in eine Nische, wo sie unbeobachtet waren. „Rate mal!“, flüsterte er dann.

„Was denn?“, fragte Harry neugierig. So enthusiastisch hatte er Draco noch nie gesehen. Seine Augen strahlten und glänzten beinahe fiebrig, und ein breites Lächeln zierte sein Gesicht. Gerade hatte er nichts mit dem Eisprinzen zu tun, der er sonst in der Schule war.

„Ich habe einen neuen Stab bekommen!“, lächelte er. „Eigentlich ähnlich meinem alten Stab, aber er hat einen zweiten Kern, nämlich Vampirzahn.“

„Was sonst!“, spottete Harry, der sich ein Kichern nicht verkneifen konnte.

„Lach nur, es ist ein Angriffsstab!“, konterte Draco ziemlich angriffslustig.

„Dann freue ich mich auf unser Duell morgen!“, entschied Harry. „Du wirst trotzdem verlieren!“ Lachend rannte er davon, als Draco anfing zu schimpfen. Doch der Blonde hatte zu lange gebraucht, um sich von seiner Sprachlosigkeit zu erholen. Harry war schon um die nächste Ecke verschwunden. Er lief ihm hinterher und wollte eigentlich ein Schachspiel vorschlagen, als er in Harry rannte, der unerwarteter Weise direkt hinter der Ecke stehen geblieben war.

„Was ist los?“, fragte er, dann warf er einen Blick über Harrys Schulter, der vollkommen erstarrt und entsetzt das Geschehen vor ihnen beobachtete.

Sirius erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit, weil er ein ziemlich unangenehmes Geräusch hörte. Und es roch verdammt eklig. Noch schlimmer als zuvor, was er überhaupt nicht für möglich gehalten hätte. Er wusste nicht, wie lange sie bereits hier im Kerker steckten, aber es waren sicher schon ein paar Tage. Der Vollmond war anstrengend geworden, da Moony und Tatze kaum Platz gehabt hatten. Das gefiel dem Werwolf nicht, und er hatte angefangen, sich selbst und auch den großen Hund zu verletzen. Irgendwann hatte Tatze ihn erfolgreich in die Ecke gedrängt, sodass er sich hinlegen musste. Die restliche Nacht verbrachte Tatze damit, Moony über das Fell zu lecken. Dadurch war es einigermaßen gegangen, aber Remus hatte ziemlich geschrien bei der Verwandlung. Nach Vollmond war es schlimmer geworden, Remus ging es immer schlechter, und nichts, was Sirius tat, konnte das ändern. Dumbledore hatte sie immer wieder besucht und gefoltert. Remus zunächst nicht, der hatte ohnehin halbtot auf dem kahlen Boden gelegen. Sirius wusste nicht mehr, ob die Schmerzen seither nachgelassen hatten. Dumbledore hatte keinen einzigen schwarz-magischen Fluch genutzt, aber die Zauber, die er kannte, waren allesamt schmerzhaft und sehr effektiv. Man brauchte keine schwarze Magie, um Menschen zu foltern.

Sirius schreckte aus seinen Gedanken, als der Körper neben ihm krampfte. Remus stöhnte und wimmerte, dann erbrach er sich erneut. Jetzt riss Sirius die Augen auf und erschrak. Das, was Remus erbrach, schimmerte silbrig. Der Dunkelblonde wirkte fiebrig, seine Haut war rot und vor allem um die Augen herum stark entzündet. Immer wieder jaulte er leise und ziemlich jämmerlich. Zwar hatte er sich die letzten Tage schon schrecklich gefühlt, aber das hier war eine starke Verschlechterung.

„Remus? Moony?“ Sirius' Stimme klang alarmiert. Als er seinen Freund am Arm berührte, schrie der vor Schmerzen auf.

„Sirius!“, keuchte Remus. Kraftlos sackte er zusammen, krümmte sich vor Schmerzen.

„Was ist passiert, Remus?“

„Das … das Wasser.“, hauchte Remus, der sich in den letzten Stunden immer wieder genau diese Frage gestellt hatte. Die Überlegungen hatten ihn von den Schmerzen abgelenkt und er hatte eine Lösung gefunden, auch wenn sie ihm nicht gefiel. Es war die einzig logische Erklärung. „Er … er hat … es mit … mit Silber ... versetzt!“

„Nein!“, schrie Sirius auf. „Remus!“ In seiner Stimme schwang Schmerz mit. Und Angst. Panische Angst. Remus hörte sie und war sicher, wenn das Silber nicht seine Nase und den Rachen verätzt hätte, dann könnte er diese Angst deutlich riechen.

„Ich … habe es … nicht geschmeckt.“, brachte er heraus. „Es muss … zeitverzögert … wirken.“

„Bitte nicht, Remus!“ Sirius begann zu zittern. Er ahnte, was sein Partner, sein Geliebter, ihm sagen wollte.

„Sirius, es … ist überall.“, bestätigte Remus schwach. Er hatte Sirius nicht wecken wollen, weil er wusste, der Animagus litt mit ihm. „Mein ... ganzer Körper … brennt. Es … tut … so weh.“ Erneut wimmerte er, als eine Welle des Schmerzes ihn überfiel. Krämpfe quälten den Werwolf. Silbrige Tränen liefen aus seinem Auge, kein Wunder, dass er rundum offene Stellen hatte.

„Gib nicht auf, Remus, bleib bei mir!“, flehte Sirius. Er konnte sich nicht vorstellen, ohne Remus zu sein, wollte auch nicht alleine hier bleiben. Oder noch schlimmer, alleine fliehen, so er denn eine Möglichkeit bekam. Worauf er nicht hoffte, denn Dumbledore war leider mehr als gründlich.

„Halt mich.“, bat Remus tonlos. Aufschreiend krümmte er sich erneut zusammen. „Tut … so … weh.“ Schluchzend schmiegte er sich in die Arme von Sirius. Seit drei Tagen hatte er zunehmend Schmerzen verspürt, aber erst in den letzten Stunden, als das Erbrechen begann, hatte er verstanden, was es bedeutete. Das Silber zerstörte den Werwolf in ihm, und es würde auch seinen eigenen Körper vernichten. Obwohl er höllische Schmerzen bei jeder Berührung verspürte, wollte er die starken Arme um sich haben. Er konnte fühlen, dass er keine Zeit mehr hatte, sein Körper verbrannte regelrecht. Aber die Arme um ihn zeigten ihm, dass er nicht alleine war, nahmen ihm die Angst vor dem Sterben ein wenig.

„Ich bin da, Remus. Ich lass dich nicht allein. Ich liebe dich!“, flüsterte Sirius sanft und zärtlich in sein Ohr.

„Lieb dich, Siri!“, antwortete Remus schwach, aber bestimmt. Er versuchte, Sirius einen Kuss zu geben, aber es schmerzte zu schlimm, es ging einfach nicht. Erneut schossen Tränen in seine Augen, was weitere Schmerzen auslöste. Seine Sicht war trüb, er konnte nur direkt vor sich einen etwas helleren Fleck ausmachen. An den klammerte er sich. Sirius war da. „Siri, du … musst … gehen. Musst … fliehen. Unser Welpe … braucht … dich.“

„Nein, Remy, ich lass dich nicht allein.“, widersprach Sirius, dem ebenfalls die Tränen über die Wangen liefen.

„Nicht … weinen.“, forderte Remus mit brüchiger Stimme. Unter Mühe hob er einen Arm und strich die Tränen weg. „Liebe … dich doch. So … sehr. Bitte … flieh wenn … wenn du … kannst.“ Er hustete angestrengt, auch in der Lunge brannte es, sobald er Luft holen wollte. Das Silber war in seinem gesamten Körper. „Ver … sprich mir, … dass du … gehst, … wenn … du … kannst.“ Remus keuchte, er fühlte, als würde er ersticken. „Versprich … es.“

„Ich verspreche dir, dass ich uns hier raushole, sobald ich eine Gelegenheit habe.“, versprach Sirius und schlang die Arme um Remus, der leise winselte.

„Ich … sterbe.“, war Remus sicher. „Rette … dich. Bitte.“ Remus hustete erneut. Er wollte nicht sterben in dem Gedanken, dass Sirius dann verzweifelte und nicht mehr nach einem Ausweg suchte. Er musste wissen, dass Sirius weiter kämpfte. Für den Welpen, der brauchte ihn doch. „Ich … muss … wissen, … dass … du … gehst. Harry ...“ Er konnte nicht weiter reden, weil er erneut würgte und einen Schwall silbrigen Schleims erbrach.

„Remus!“, schluchzte Sirius auf. Er konnte nicht mehr klar denken, spürte nur noch Verzweiflung und Schmerz.

„Bin … da.“ Remus hielt seinen Partner fest. „Werde … immer … bei … dir … sein. Liebe … dich.“

„Nicht sterben, Remus. Bitte nicht!“ Sirius zog ihn an sich. Der Körper war glühend heiß, aber dennoch zitterte er. Das Wimmern wurde leiser, die Atmung immer langsamer. „Ich liebe dich, Remus. Ich werde dich immer lieben. Verlass mich nicht! Lass mich nicht allein! Remus!“

Der Werwolf versuchte, seine Augen noch einmal zu öffnen, aber es tat zu weh. Als hätte er Sandpapier auf den Augenlidern. Mit letzter Kraft drückte er Sirius' Finger, dann wurde es schwarz um ihn.

„Nein! Remus!“, schrie Sirius auf, als der Körper in seinen Armen still war. Zu still. „Bitte nicht! Bitte nicht!“ Sirius schluchzte haltlos, wiegte Remus' toten Körper in seinen Armen. Er war nicht gewillt, ihn loszulassen. Er würde ihn nicht zurücklassen, egal, was es ihn kostete, aber er konnte nicht zulassen, dass Dumbledore seine schmutzigen Hände an ihn legte.

„Wie ich sehe, war die Dosis des Silbers ein wenig hoch.“, spottete irgendwann Dumbledores Stimme. Sirius funkelte ihn wütend an, was sicher effektiver gewesen wäre, wenn er nicht gerade tränenüberströmt und voller Schmutz hinter diesen Gittern läge.

„Du hast ihn umgebracht!“, schrie er wütend. Im Moment dachter er nicht an die möglichen Konsequenzen, das war ihm alles egal. „Du mieses Schwein, das wirst du büßen!“

„Schrei du nur, Sirius Black.“, höhnte Dumbledore. „Außer mir kommt niemand in diese Kerker. Aber dich brauche ich noch, sonst hätte ich dich ebenso sterben lassen wie diesen dreckigen Werwolf. Den habe ich nur geduldet in den letzten Jahren, weil ich damit Harry auf meiner Seite halten wollte. Der Junge MUSS Voldemort töten. Und wenn ich ihm dein Leben dafür verspreche, wird er es sicher tun. Vielleicht ist es nun an der Zeit, einen netten Brief an ihn zu schreiben. Ich weiß zwar nicht genau, wo er ist, aber ich weiß, dass er bei dem Verräter Snape ist. Und von dem weiß ich, dass er bei Voldemort ebenfalls in Ungnade gefallen ist, also muss er sich gut verstecken. Ewig wird das nicht klappen, denn ich suche ihn bereits überall. Selbst die Muggel sehen sich nach ihm um. Was so ein paar Pfund Belohnung ausmachen…“

„Was willst du, alter Mann?“, fragte Sirius. Plötzlich war er absolut ruhig und beherrscht. Vor seinem inneren Auge konnte er Remus sehen, der ihm sagte, was er tun sollte. Hier könnte er Informationen aufschnappen, die ihnen helfen konnten, das alles zu beenden.

„Was ich will? Das sage ich doch schon die ganze Zeit.“, schüttelte Dumbledore verständnislos den Kopf. Seine Stimme klang, als würde er mit einem Fünfjährigen reden, der partout nicht zuhörte. „Ich will, dass Harry Voldemort tötet. Danach kann er verschwinden. Und ich, als sein Mentor und Ausbilder, werde die Zauberwelt in eine großartige Zukunft führen! Die Zauberer und Hexen werden die Krone der Gesellschaft, wie es ihnen zusteht. Diese minderwertigen Kreaturen wie dieser verlauste Werwolf werden auf ihre Plätze verwiesen. Vampire und Werwölfe werden getötet, nur ein paar können bleiben, natürlich in Gefangenschaft, damit wir genug Zutaten für Zaubertränke haben. Veelas geben nette Prostituierte ab, damit können sich diejenigen befriedigen, die niemanden haben. Das erhöht doch die Zufriedenheit in der Gesellschaft enorm. Schwarzmagier werden verstoßen, da dunkle Magie böse ist. Sie können nicht in der Gesellschaft bleiben, sonst wird sich die schwarze Magie immer weiter verbreiten. Das kann ich natürlich nicht zulassen.“

„Das kannst du vergessen, Dumbledore. Das wird Harry niemals zulassen!“, spuckte Sirius aus. „Er wird dich hassen, weil du seinen Paten Remus getötet hast. Er hasst dich schon, weil du ihm seine Kindheit zur Hölle gemacht hast.“

„Das war notwendig, damit er die Kraft hat, Voldemort zu töten!“, schnappte Dumbledore. Wieso verstand das keiner? „Wie soll er denn gegen ihn bestehen, wenn er nicht einmal mit ein paar Muggeln und ein paar Schmerzen klar kommt?“

„Ein paar Schmerzen?“ Sirius' Stimme überschlug sich regelrecht vor Wut. „Er wurde vergewaltigt, verdammte Scheiße! Das wird er sein Leben lang nicht vergessen! Ich hoffe, du verreckst an deinen verdammten Zitronenbonbons, alter Mann!“

Wütend ließ Dumbledore seinen Zauberstab herab zischen. Sirius schrie auf, als sein Rücken wie mit einem Messer aufgeschlitzt wurde. Während Dumbledore nach draußen ging, leckte er sich hungrig die Lippen. Foltern war anregend für ihn und nun brauchte er jemanden, wo er das loswerden konnte. Es wurde Zeit für eine Besprechung mit dem jungen Weasley, der war knackig und willig. Für seine Stellung tat Percy Weasley alles. Wirklich alles.

 

Sirius blieb zurück. Noch immer hielt er Remus' toten Körper in den Armen, und seine Tränen strömten ungehindert aus den Augen. Er konnte es nicht fassen, dass er nun nicht mehr war. All die Jahre in Askaban hatte er nur in Gedanken an Harry und Remus überstanden. Wie sollte er jetzt weitermachen? Was war mit Harry und Snape? Waren sie auch gefangen und Dumbledore tat nur so als ob? Oder waren sie entkommen und hatten vergeblich gewartet? Snape … Severus würde sich bestimmt um Harry kümmern. Der Kleine würde sich Sorgen machen, ganz sicher. Sirius seufzte und wischte sich die Tränen ab. Das hier half nicht, er musste sehen, dass er raus kam aus diesem Kerker, um Harry zu helfen. Wie auch immer. Remus würde ihm nie verzeihen, wenn er jetzt aufgab. Ihr Welpe brauchte ihn. Und doch würde er alles tun, um auch Remus zu befreien. Dumbledore sollte den Leichnam nicht auch noch in die Finger bekommen. Erschöpft glitt er irgendwann in einen unruhigen Schlaf.

„Pst!“, wurde er mit einem Mal geweckt. „Master Sirius Black, Sir?“

„Was …? Wer …?“, schreckte Sirius hoch. Noch immer umklammerte er Remus' toten Körper. Er weigerte sich, darüber nachzudenken, weil es ihn verzweifeln lassen würde. Um sich blickend erkannte er einen Hauselfen außerhalb der Gitter.

„Dobby ist hier um Master Sirius Black und Master Remus Lupin zu helfen.“, wisperte das kleine Wesen. „Dobby ist ein guter Hauself. Meister hat Dobby befohlen, nach gefangenen Männern zu sehen, wenn es geht. Dobby hat den Schlüssel vom Schulleiter gestohlen, einen Abdruck gemacht und zu Meister gebracht. Meister hat Dobby einen neuen Schlüssel gegeben und befohlen, dass Dobby Master Sirius Black und Master Remus Lupin befreien soll, wenn er eine Möglichkeit hat. Dobby musste lange warten, weil der Schulleiter hat eine Sperre eingerichtet, dass die Hauselfen nicht in die Kerker kommen. Aber jetzt ist Schulleiter weg und hat die Sperre nicht so gut gemacht. Dobby hat die Zauberbanne gelöst und ist mit dem Schlüssel gekommen, um Freunde von Meister zu befreien.“

Der Kleine hatte in einer atemberaubenden Geschwindigkeit gesprochen, sodass Sirius wenn überhaupt nur die Hälfte verstanden hatte. Jetzt machte er sich am Schloss zu schaffen. Wer wollte ihn frei haben? Wer war der Meister dieses Hauselfen? Ganz sicher war Sirius nicht, dass es nicht doch eine Falle war, aber er war bereit, das Risiko einzugehen. Der Name Dobby löste etwas in ihm aus, aber er konnte es nicht fassen. Irgendwie musste er dabei an Harry denken. Schneller, als Sirius in seinem angeschlagenen Zustand denken konnte, hatte Dobby das Schloss offen. Sirius entschied, dass es egal war, wer Dobbys Meister war. Wenn er hier raus kam, dann würde er entkommen können. Er beschloss, es darauf ankommen zu lassen. Seine Arme schob er unter Remus' Knie und Schultern, aber mit dem Dunkelblonden konnte er nicht aufstehen. Sie hatten kaum Wasser und noch weniger Nahrung bekommen in der Gefangenschaft, er war vollkommen geschwächt. Dazu kamen noch die Verletzungen, er hatte eine Menge Blut verloren. Ihm wurde klar, dass er es nicht schaffte, Remus hinaus zu tragen. Verzweifelt versuchte er, eine Lösung zu finden, um Remus nicht zurücklassen zu müssen. „Kannst du uns hinaus bringen, Dobby?“, bat er den Hauselfen.

„Dobby tut es leid, das kann er nicht.“, schüttelte der Kleine bedauernd den Kopf und zog seine Ohren in die Länge. „Dobby hat Anweisung von Meister befolgt und ist zum Schein ein Hauself von Hogwarts-Schule geworden. Aber weil er nicht richtig gebunden ist, kann Dobby nicht mit Meister durch Schule reisen. Dobby kann nur mitgehen.“

„Kannst du Remus schweben lassen?“

„Dobby kann es versuchen.“ Ganz überzeugt klang der Hauself nicht.

Sirius schauderte. Auch wenn Remus tot war, das wollte er nicht riskieren. Wenn der Hauself schon nicht sicher war. Es gab nur eine Lösung. „Dobby, ich werde mich verwandeln in einen Hund. Dann musst du Remus' Körper auf mich legen, sodass ich laufen kann, ohne dass er runterfällt.“

„Das kann Dobby!“, strahlte Dobby.

Sirius nickte ihm dankbar zu und konzentrierte sich. Um ihn herum drehte sich alles, es fiel ihm schwer, fokussiert zu bleiben. Doch schließlich schaffte er die Verwandlung und stand auf allen Vieren vor Dobby. Der Hauself ließ Remus schweben, bis er direkt über dem breiten Rücken des Hundes war, dann langsam auf ihn drauf. Die Arme und der Kopf hingen über Tatzes rechte Seite, die Beine links. Dobby band ihn mit einem herbei gezauberten Seil so fest, dass er auch nicht hinunterfallen konnte, wenn Tatze schneller lief. So folgte er dem kleinen Wesen durch dunkle, kalte und feuchte Gänge, bis sie endlich im Bereich der Slytherins in der Schule angelangt waren. Zu seiner Überraschung wurde Sirius durch einen Geheimgang geführt, den auch die Rumtreiber nie entdeckt hatten. Bald war er in der Nähe des verbotenen Waldes. Der Geheimgang spuckte sie beinahe aus, so fühlte es sich zumindest an. Unwillkürlich verfiel Tatze in einen etwas schnelleren Schritt.

„Nein!“, brüllte auf einmal eine Stimme hinter ihm. „Du wirst nicht entkommen!“

Sirius spürte, wie sich Magie hinter ihm zusammenballte. Im Zickzack rannte er los, immer mit Blick auf den verbotenen Wald. Er spürte, wie etwas ihn am Hinterlauf traf, aber er ignorierte den Schmerz. Dobby war verschwunden, aber darauf konnte er nicht achten. Ein weiterer Zauber traf seine Seite, und Tatze wäre beinahe zusammengebrochen, doch er dachte an Harry und zwang seinen Körper, weiter zu laufen. Endlich war er unter den Bäumen angekommen und bog ab, als er dichtes Gestrüpp erkannte. Nur schnell weg von Dumbledore, war seine Intention. Sirius lief und lief, ohne weiter auf den Weg zu achten. Nicht einmal die Richtung war wichtig, Hauptsache es ging tiefer in den Wald hinein. Weg von Dumbledore, das war alles, was zählte. Erst als die Sonne bereits am Untergehen war, musste er anhalten. Er konnte einfach nicht mehr, um ihn herum drehte sich alles und er stolperte bei jedem Schritt. Kraftlos sank er ins Gras und keuchte hektisch. Seine Augen schlossen sich beinahe automatisch.

Minuten später trat ein Zentaur zu ihm. Der blonde Krieger mit dem muskulösen Palomino-Körper beugte sich über den schwarzen Hund, der hechelnd auf den Waldboden lag. Er untersuchte den menschlichen Körper, den er als Remus Lupin identifizierte. Vorsichtig löste er die Schlingen, die den toten Körper am Rücken des Hundes hielten, und warf ihn auf seinen Rücken. Dann griff er nach dem Hund, der nur ein leises Winseln hören ließ, aber bewusstlos blieb. Auch wenn er nicht ganz sicher war, er glaubte, dass dieser Hund Sirius Black sein musste. Den Hund kannte seine Herde bereits, vor zwei Jahren hatte er sich immer wieder im Wald versteckt. Zwar hatte niemand ihnen jemals gesagt, dass Sirius Black und der Hund eins waren, aber sie hatten eine Sicht auf die Welt, die solche Dinge einfach mit akzeptierte. Solche Kleinigkeiten musste man nicht hinterfragen. Und ihr Herdenführer hatte sie angewiesen, die Augen nach diesen beiden Menschen offen zu halten. Schnell trabte Firenze noch tiefer in den Wald, achtete dabei darauf, dass er seine Last nicht verlor. Dort, versteckt an einem Ort, den man kaum erreichen konnte, war das Portal, das zu Yolonis und dem Rat führte. Er selbst durfte nicht hindurch, aber die beiden Menschen sicherlich. Sanft legte er den Hund auf den Boden, weckte ihn vorsichtig auf.

Desorientiert fuhr Sirius in die Höhe. Noch immer stand er auf vier Pfoten, die bedenklich zitterten. Ihm gegenüber stand ein riesiger Zentaur, der ihn aus blauen Augen offen ansah. „Du musst durch dieses Portal gehen, Mensch.“, erklärte er gerade. „Dahinter wirst du Hilfe bekommen. Ich darf nicht mit hindurch, du musst es alleine schaffen. Ich lege dir deinen Freund wieder auf den Rücken. Nur wenige Momente, die du durchhalten musst. Geh hindurch, sie werden dir helfen.“

Damit verschwand Firenze und ließ Sirius alleine. Vorsichtig tappte Tatze auf den komischen Fleck vor sich zu. Noch immer drehte sich alles um ihn herum, aber seine Nase fing seltsame Gerüche ein. Salz und Wasser? Etwas stimmte hier nicht. Dennoch vertraute er dem Zentauren. Er hatte ihn nicht zurück zu Dumbledore gebracht und er glaubte auch nicht, dass die Zentauren gemeinsame Sache mit Voldemort machten. Je näher er dem Fenster, anders konnte er es nicht beschreiben, kam, desto stärker roch es nach Meer. Vorsichtig tappte er hindurch. Mit einem Mal stand er auf einem Boden, der glatt war, sich aber ungewohnt anfühlte. Er war weiß, schimmerte aber in den verschiedensten Farben. Spontan fiel Sirius die Perlmutt-Kette von Lily ein. Es war hell und trotzdem irgendwie schummrig. Das Licht malte lustige Flecken auf den Boden, als wäre er unter Wasser. Immer schneller drehte sich alles um ihn und er gab nach, als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten. Sirius brach mit Remus auf dem Rücken das zweite Mal an diesem Tag zusammen.

„Sirius! Remus!“, schrie mit einem Mal Harry auf. Er hatte das Erscheinen der Beiden beobachtet und war erstarrt. Erst, als der Hund, den er als die Animagus-Form seines Paten kannte, auf dem Boden aufschlug, konnte er sich wieder rühren. Sein Schrei alarmierte die Wache des Palastes, die sofort in seine Richtung stürmten. Noch vor ihnen war Harry neben Tatze in die Knie gegangen und tastete vorsichtig nach den beiden Gryffindors. Als er realisierte, dass Remus eiskalt war und keinen Herzschlag mehr hatte, schrie er erneut auf, voller Qual diesmal. Draco griff nach ihm und zog ihn ein Stück zur Seite, damit die beiden Körper zu einem Heiler gebracht werden konnten. „Nein! Nein!“, wimmerte Harry immer wieder. „Bitte nicht! Remus! Bitte nicht!“

„Harry, Harry!“, murmelte Draco in das Ohr des Grünäugigen. „Beruhige dich, Heiler Smethwyk schaut nach ihnen. Es wird schon wieder.“

„Remus, er ist tot!“, weinte Harry. „Er … er war ganz kalt, und … ich … ich habe keinen Puls gespürt!“ Harry riss sich los, er wollte jetzt alleine sein. Draco verstand ihn nicht. Konnte es nicht. Auch, wenn er es wirklich wollte und versuchte, aber das war nicht möglich. Draco hatte seine Eltern, er hatte seinen Paten. Und seinen Freunden ging es auch gut, die wurden nicht gesucht oder verfolgt. Außerdem war er offensichtlich glücklich mit Luna. Zwar hatten sie versucht, es vor ihm zu verheimlichen, aber er hatte die Blicke und die scheinbar zufälligen Berührungen ihrer Hände gesehen. Er war ja nicht blind. Ja, für Draco war alles gut. Und so jemand konnte ihn nicht trösten, weil er es nicht verstand. Er wünschte sich, bei Sirius sein zu können, aber das ging nicht, so lange der Heiler sich um ihn kümmerte. Außerdem wusste er nicht, wo Sirius hingebracht worden war. Also zog er sich so weit wie möglich zurück, auf einen der hohen Wachtürme. Der war gerade nicht besetzt, daher setzte sich Harry in den Schatten der Mauer. Erst hier ließ er die Tränen frei, die in ihm aufstiegen. Er wollte nicht weinen, aber er konnte einfach nicht anders. Remus war tot, und Sirius schien nahe dran zu sein. Er hatte nicht auf ihn reagiert! Sie waren die letzte Verbindung, die er zu seinem Vater hatte. Die beiden Erwachsenen, denen er am meisten vertraute, auf die er sich schon immer verlassen konnte. Seine Familie. Jedenfalls für Harry waren Remus und Sirius das, was er sich unter Familie vorstellte. Gerade jetzt, wo sie ein wenig Hoffnung geschöpft hatten, dass sie tatsächlich eine Familie sein konnten.

Der Schmerz schnitt tief in Harrys Brust ein. Angst breitete sich in ihm aus, dass auch Sirius sterben könnte. Er hatte so schlimm ausgesehen wie noch nie. Nicht einmal nach Askaban. Würde er auch sterben? Und dann? War er wieder alleine. Es dauerte noch mehr als ein Jahr, bis er volljährig wurde. Was würde dann aus ihm? Offiziell war Dumbledore noch immer sein Vormund. Bislang konnten sie auch nicht nachweisen, was sie vermuteten, das bedeutete, er würde weiterhin verantwortlich sein. Harry keuchte und würgte, als ihn die Erkenntnis traf. Würde Dumbledore ihn in die Finger bekommen, konnte er ihn zurück zu den Dursleys bringen und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. So lange er hier war, in Jamin Princes Palast, konnte Dumbledore nicht an ihn heran, aber eigentlich wollte er lieber wieder nach draußen. Hier fühlte er sich gefangen. Auch wenn es wunderschön aussah, sobald er aus den seltsamen Fenstern sah, aber das konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass rund um das Haus Wasser war. So viel Wasser, dass er nicht ohne Hilfe hier weg kam. Außer vielleicht durch dieses komische Fenster in Yolonis' Welt, aber da wollte er eigentlich auch nicht hin. Nein, er war hier gefangen.

Natürlich lenkten ihn die Trainingseinheiten ab und er machte große Fortschritte – schließlich konnte er außer trainieren und lernen nicht viel tun – aber er vermisste seine Freunde, er vermisste die Freiheit und den Wind. Das alles gab es hier einfach nicht für ihn. Meistens war er umgeben von fremden Menschen, Meermenschen, um es genau zu sagen. Draco und Luna waren die einzigen Personen außer ihm, die eigentlich immer da waren. Severus sah er nur noch selten, und meistens waren ihre Begegnungen eher kurz. Aus dem Training hatte sich der Tränkemeister mehr und mehr zurückgezogen, sodass sich Harry noch mehr alleine fühlte. Für Luna und Draco war er ein Störfaktor, sie konnten ihre Zweisamkeit nicht so genießen, wenn er dabei war. Also zog er sich erneut zurück und versuchte, Pläne zu machen. Völlig utopisch, das wusste er, denn eigentlich hatte er keine Ahnung, was draußen passierte. Er wusste nicht einmal, was Severus mit dem Ring gemacht hatte, den sie in dem kleinen Haus gefunden hatten. Das Medaillon war ebenfalls bei Severus. Unerreichbar für Harry. Genau wie Severus. Harry vermisste die Nähe, die sich im Grimmauldplatz aufgebaut hatte. Er vergrub seinen Kopf in den Armen, die Beine angezogen. Erst, als sich ein Arm um ihn legte, sah er auf. Inzwischen war es vollkommen dunkel um ihn herum, es musste tief in der Nacht sein.

„Die Beiden bedeuten dir wirklich viel, nicht wahr?“, fragte eine ruhige, sanfte Stimme. Zögernd nickte Harry und lehnte sich an den starken Körper neben sich. Dieser junge Mann konnte ihn verstehen, auch er war Waise, erinnerte sich Harry. Leise sprach Doron weiter: „Ich war zehn, da starb mein Vater bei einem Einsatz. Auch er war bei der Palastwache. Einige Haie kamen unserer Stadt zu nahe und sie mussten angreifen. Mein Vater wurde dabei von einem Hai tödlich verletzt. Mom hat es nicht überlebt, sie war seine Gefährtin und der Schmerz hat sie getötet. Seither bin ich hier im Palast. Herr Jamin hat sich um mich gekümmert, zumindest dafür gesorgt, dass ich ein Bett habe und genug zu Essen, Kleidung und so weiter. Aber es war nie mehr das Gleiche wie bei meinen Eltern zu sein.“ Leise sprach er immer weiter, während seine Hand beruhigend über Harrys Rücken strich. Tatsächlich entspannte sich Harry immer weiter, auch wenn die Tränen noch immer liefen.

 

Severus war gerade in seinem Labor, als er die Nachricht bekam, dass Remus und Sirius aufgetaucht waren. Hier braute er seit Tagen alles, was sie brauchen konnten, sollte ein Rettungsversuch erfolgreich sein. Dobby war vor zwei Tagen bei Lucius aufgetaucht und hatte ihm einen Abdruck vom Kerkerschlüssel gebracht. Der Hauself hatte verdammt gut mitgedacht, als er die Chance bekommen hatte. Lucius war selbst für seine Verhältnisse schnell gewesen und hatte Dobby mit dem Schlüssel zurück nach Hogwarts geschickt. Dumbledore hatte glücklicherweise keine Ahnung, dass Dobby ein Spion war, er versorgte sie mit nützlichen Informationen. So wussten sie nun, dass auch Dumbledore hinter den Horkruxen her war, er hatte scheinbar bereits einen oder zwei in seine Hände gebracht. Leider konnte Dobby ihnen bisher nicht helfen, was die Lage von Remus und Sirius anging. Erst gestern hatte er erschreckende Neuigkeiten gebracht: Dumbledore hatte Remus Silber ins Trinkwasser gegeben, und zwar so, dass es erst später seine Wirkung entfaltete. Wahrscheinlich merkte Remus es nicht einmal, wenn er es trank! Deshalb arbeitete Severus nun gemeinsam mit einem der Draconier und Lucius an einem Trank, der das Silber aus dem Körper ausschwemmen sollte. Leider gab es bisher nur einen Trank, der half, wenn Silber auf die Haut eines Werwolfes kam. Um innerlich wirken zu können, mussten sie den Trank so verändern, dass er auch in die Blutbahn gelangte. Denn das, was auf der Haut genutzt wurde, könnte nicht einmal ein Werwolf trinken. Also mussten sie etwas vollkommen Neues erschaffen, was gerade unter Zeitdruck nie leicht war. Aber für Remus, und vor allem für seinen Gefährten, nahm er das hier gerne auf sich.

Severus schauderte, ein Werwolf musste unsägliche Schmerzen haben, wenn er Silber schluckte. Nicht einmal in ihrer Schulzeit hätte er das dem Anderen gewünscht, und nun kämpften sie auf der gleichen Seite. Deshalb stand er seit dem gestrigen frühen Morgen hier im Labor und machte nur Pause, um zur Toilette zu gehen oder um zu Trinken. Gegessen hatte er nur ein Sandwich, für mehr hatte er einfach keine Zeit. Er wollte es vor allem für Harry schaffen, er wusste, was diese beiden Männer für den Jugendlichen bedeuteten. Er hoffte nur, dass Dumbledore einen Fehler machen würde. Dobby hatte berichtet, dass keiner der Hauselfen auch nur in die Nähe der Kerker kam, auch keine Menschen. Die Magie wurde in dem Bereich blockiert. Nur der Alte selbst konnte dorthin und Magie wirken. Nur, wenn die Schutzbanne schwächer würden, könnte Dobby dorthin. Lucius und Mandana hatten ein Team zusammengestellt, die versuchen wollten, Dumbledore herauszulocken und abzulenken, damit Dobby eine Chance bekam, in den Kerker vorzudringen. Sie hatten die Hoffnung, dass sie Dumbledore damit überraschen könnten, damit er die Schutzzauber vernachlässigte. Fenrir half ihnen, einige seiner Werwölfe hatten sich freiwillig für diesen Einsatz gemeldet. Sie durften nicht zu offensichtlich magische Wesen einbringen, nur die Werwölfe würden tatsächlich unauffällig sein, da Greyback zumindest so tat, als wäre er auf der Seite des Lords. Lucius hatte sogar den Lord darauf aufmerksam gemacht, dass Dumbledore ziemlich alleine in der Schule war. Es wäre die Gelegenheit, Black und Lupin in die Hände zu bekommen, um Potter zu erpressen. Doch der Lord war nicht darauf angesprungen, sein Spion im Orden hatte ihm Informationen gebracht, dass eben nur der Alte zu den Gefangenen konnte und die Schutzbanne um die Schule stärker denn je waren. Somit mussten erst einmal diese Banne gelöst werden, bevor der Lord dorthin ging. Allerdings hatte er einen engen Ring um Hogwarts gezogen, um zu verhindern, dass Potter in die Schule kam. Nur über das Flohnetzwerk konnte er es nicht überwachen, doch das war sein nächstes Ziel. Das Ministerium in seine Hand zu bekommen. Bisher ging es ihm dort zu sehr nach Dumbledores Meinung. Anders als früher ging der Lord jedoch nicht mehr schnell und hart vor, sondern plante und überlegte mehr. Der offensichtliche Verrat von Severus hatte viel verändert. Selbst Lucius hatte nun Schwierigkeiten, seine Reaktionen einzuschätzen.

„Severus?“, schallte die Stimme seines Onkels schon von weitem in das Labor und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Im Labor!“, antwortete Severus rufend. Sein Onkel erschien in der Tür, er wirkte mehr als besorgt. „Was ist passiert?“

„Gerade eben sind die beiden Gefangenen aufgetaucht. Offensichtlich konnte Dobby sie befreien, sie kamen durch das Tor, das in den verbotenen Wald zu den Kentauren führt. Lupin ist tot, Black liegt im Koma. Hippocrates kämpft um sein Leben.“, informierte Jamin. „Sie brauchen mehr Tränke.“

Severus stand bereits an den Vorräten, griff mit fliegenden Händen nach verschiedenen Phiolen. Jamin hielt ihm einen Korb hin, den er aus dem Nichts erschaffen hatte. Ruhig arbeitete Severus, dabei aber so schnell wie möglich. Er half Sirius nicht, wenn er nun in der Hektik die falschen Tränke einpackte oder etwas Entscheidendes vergaß. Für Harry, für seinen Gefährten, versuchte er, die Vergangenheit zu vergessen. So schwer es ihm auch fiel, aber Harry war es wert. Auch wenn der Kleine noch keine Ahnung hatte, was er ihm bedeutete. Und das sollte er vorerst auch nicht. Niemals würde Severus ihn zu etwas drängen, da hielt er sich lieber zurück. Noch war Harry ohnehin in seinen Augen zu jung. Konnte man mit fünfzehn Jahren schon wissen, was man wollte?

Jamin brachte ihn in die Krankenstation des Palastes. Die Abendsonne malte goldene Flecken auf die Bettdecke des Schwerverletzten, um den mehrere Heiler schwirrten, die sich um die verschiedenen Verletzungen kümmerten. Hippocrates erkannte Severus und fragte kurz und knapp nach mehreren Tränken zur Behandlung innerer Verletzungen, von Knochenbrüchen und zur Blutbildung. Außerdem Kreislaufmittel. Offenbar waren die Vorräte der Krankenstation leer, oder aber er wollte stärkere Tränke, von denen er wusste, dass Severus sie bei sich haben könnte. Severus reichte ihm, was er hatte, und die Heiler flößten es Sirius ein. Zum Teil zauberten sie es direkt in seinen Magen, damit sie schneller wirken konnten, denn es war schwer, den Bewusstlosen zum Schlucken zu animieren.

Bis Mitternacht kämpften sie, dann stellte Smethwyk fest: „Nun ist es an ihm. Wir haben getan, was wir konnten.“

Erst jetzt sah Severus sich um. Außer den Heilern – Smethwyk und zwei Elfen – waren nur Jamin und er selbst vor Ort. Die Heiler wirkten erschöpft und zogen sich in einen Nebenraum zurück. Zweifellos aßen und tranken sie nun, dann würde einer die Wache übernehmen, während die Anderen schliefen. Er trat näher an seinen ehemaligen Schulfeind heran. Obwohl er im Koma lag, zitterte Sirius noch immer. Seine Kleidung hing in Fetzen; was die Gefangenschaft übrig gelassen hatte, wurde bei der Heilung entfernt. Überall waren getrocknetes Blut, Schweiß und andere Körperflüssigkeiten. Die Haare verfilzt und fettig, vollkommen verdreckt. Severus dachte nicht weiter nach, er rief sich eine Schüssel mit Wasser auf und wusch Sirius vorsichtig. Nach und nach kam der Mensch unter dem Dreck zum Vorschein. Auch die Haare wusch er, doch mit einer Bürste kam er nicht durch. Mit Hilfe von Magie entwirrte er sie nach und nach, immer mit dem Gedanken an Harry im Hinterkopf. Für seinen Gefährten war er bereit, den Anderen zu akzeptieren. Beide hatten jemanden verloren, der ihnen viel bedeutete. „Weiß Harry schon …?“, fragte er schließlich seinen Onkel.

„Er war dort, als sie ankamen.“, gab Jamin zu. „Draco wollte sich um ihn kümmern, meinte die Wache, aber ich weiß nicht, was dann passierte. Mir war wichtiger, dich zu holen, um ihm zu helfen. Draco und Luna kümmern sich sicherlich um Harry.“

„Ich gehe ihn suchen.“, entschied Severus. Der Jugendliche war sicherlich total am Ende, wenn er es miterlebt hatte, wie Sirius und Remus hier angekommen waren. Harry war sehr emotional, gerade in Momenten wie diesem. Vermutlich war er irgendwohin geflohen, um alleine zu sein. Ob Draco es wirklich geschafft hatte, ihn zu beruhigen? Dann schon eher Luna, aber die war wohl nicht dort gewesen.

„Gut, dann bleibe ich hier.“, nickte Jamin.

Severus wirkte einen Reinigungszauber auf sich, dann griff er nach einem Aufputschtrank. Lange könnte er sich sonst nicht mehr auf den Beinen halten. In Harrys, aber auch in seinem eigenen Zimmer war es ruhig, doch die Betten waren unberührt. Er klopfte einige Türen weiter bei seinem Patenkind. Draco schlief bereits, doch als Severus ihn weckte, erfuhr er nur, dass Harry weggelaufen war und Draco ihn nicht mehr gefunden hatte. Nach längerer Suche hatte er sich dann doch ins Bett gelegt, weil er nicht wusste, wo er noch suchen sollte. Auch Luna hatte ihn nicht gefunden. Nun war Severus alarmiert und lief durch den Palast, fragte jeden nach Harry, den er unterwegs traf. Nichts, bis er endlich, nach über einer Stunde jemanden traf, der ihm sagte, dass Harry in Richtung des alten Wachturms gelaufen war. Hastig rannte Severus nach oben. Dort hörte er Stimmen, eine davon gehörte Harry, die andere … Doron. Dem jungen Mann, der mit Harry trainierte. Vorsichtig lugte Severus um die Ecke. Doron hielt Harry im Arm, der sich an ihn schmiegte.

„Danke, Doron.“, murmelte Harry eben.

„Gern geschehen, mein Kleiner!“, lächelte der etwas Ältere. Doron beugte sich ein wenig tiefer und wartete nicht lange, legte seine Lippen auf Harrys, während er ihn enger an sich zog, mit der anderen Hand nach unten auf Harrys Po rutschte.

In Severus zerbrach etwas. Er spürte kaum, wie er vom Turm sprang, ins Wasser glitt und sich verwandelte. Er wollte schreien, doch er konnte es einfach nicht. In ihm war alles erstarrt, als wäre er in Eiswasser getaucht. Nur noch weg. Kräftige Schläge mit seiner Flosse brachten ihn schnell ins offene Meer hinaus. Ein Gedanke beherrschte sein ganzes Denken: Ich habe verloren, Harry hat einen Anderen gewählt. Dieser Gedanke schmerzte mehr, als er es sollte. Sie waren nicht gebunden, aber durch sein Eingreifen hatte er bereits eine gewisse Verbindung geschaffen. Und diese ließ nun sein Herz auseinander brechen. Das Herz, von dem er immer abstritt, es zu haben. Unruhig schwamm Severus immer weiter, nicht mehr in der Lage, zur Ruhe zu kommen. Mit Mühe hielt er die Tränen zurück, die sich in ihm bildeten. Das Bild, wie Doron Harry küsste und an sich zog, konnte er nicht vergessen, es dominierte sein Denken.

Harry war einen Moment wie erstarrt, als er Dorons Kuss auf seinen Lippen spürte. Einige Momente konnte er nicht reagieren, doch mit einem Mal fühlte er, dass sie nicht alleine waren. Das riss ihn aus seiner Erstarrung. Sein Kopf schoss herum, um zu sehen, wer da hinter ihnen stand. Er konnte nur noch zusehen, wie Severus ins Wasser sprang und schnell davon schwamm. Mit aller Kraft stieß er Doron von sich. „Was soll das?“, schimpfte er. Nur mit Mühe bekam er etwas Abstand.

„Du willst es doch auch.“, konterte Doron. Er griff erneut nach Harry, wollte ihn zu sich ziehen.

„Ganz sicher nicht!“, gab Harry heftig zurück, schubste Doron erneut von sich. „Ich dachte, du verstehst mich, aber du bist auch nicht anders als alle, die mich nur ausnutzen wollen. Verschwinde und lass mich in Ruhe!“ Seine Stimme überschlug sich vor Wut und Enttäuschung, dazu kam die Trauer, und die Angst. Um Sirius, aber nun auch um Severus. Genauso wie Verwirrung, was bedeutete Severus' Flucht?

„Hey, ich hab alles getan, was ich konnte. Du hast die ganze Zeit mit mir geflirtet und jetzt machst du einen Rückzieher? Das kannst du vergessen.“, zischte Doron. „Du verarscht mich doch. Oder willst du spielen?“ Jetzt grinste Doron, und es sah irgendwie irre aus. Harry bekam es mit der Angst zu tun und schubste Doron ein weiteres Mal von sich weg, rannte, sobald er zur Treppe konnte. Seine Gedanken rasten. Er würde nie den verletzten, schmerzverzerrten Ausdruck in Severus' Gesicht vergessen, mit dem er eben gesprungen war. Hatte er sich getäuscht? Empfand Severus doch etwas für ihn, genau wie umgekehrt? Aber warum hatte er dann nie auch nur eine Andeutung gemacht? Warum hielt er sich von ihm fern? Und was war dran an dem, was Draco und Luna gesagt hatten? Meermenschen waren ihrem Gefährten treu, auch wenn sie ihn noch nicht gefunden hatten? Warum hatte Doron ihn dann geküsst? Und was war mit Severus? Waren sie Gefährten? Aber warum hatte der Tränkemeister dann nie etwas angedeutet? Dann fiel es Harry wie Schuppen von den Augen. Severus wusste, was ihm passiert war, hatte die Panik miterlebt. Wollte er ihn schützen auf diese Art? Hielt er sich deshalb fern, um ihn nicht zu bedrängen? Hatte Harry alles falsch interpretiert? Und was war jetzt mit Sirius? Remus war tot, da war Harry absolut sicher. Erneut schossen Tränen in seine Augen. Der dunkelblonde Werwolf war sogar mehr eine Vaterfigur gewesen wie Sirius, der war bislang immer zu kindisch dafür gewesen. Sirius war der engste Vertraute für ihn, aber eher wie ein älterer Bruder. Beide zusammen waren seine Familie. Hatte er nun erneut seine Familie verloren? Und Severus dazu?

Harry hatte keine Ahnung, wo die Krankenstation in diesem Palast war. Im Moment konnte er auch niemanden fragen, denn in der Nacht war kaum jemand auf den Fluren. Unbewusst war er in sein Zimmer gelaufen und ließ sich nun auf sein Bett sinken. Wütend wischte er die Tränen aus dem Gesicht. Er wollte nicht mehr weinen. Er musste nun stark sein, damit er seine Vertrauten rächen konnte. Sirius, Remus, seine Eltern. Und so viele Andere, die bereits unter den beiden Tyrannen gelitten hatten.

„Harry! Da bist du ja!“, kam es von der Tür.

„Luna.“, erkannte Harry. „Ich wollte dich nicht wecken, tut mir leid.“

„Muss es nicht.“, schüttelte Luna den Kopf. Sie konnte sehen und spüren, wie fertig ihr Freund war und wollte für ihn da sein, ihn trösten, auch wenn es schwer war. „Ich kann mir nicht einmal annähernd vorstellen, wie es dir geht. Magst du darüber reden?“

Harry zuckte ein wenig hilflos die Schultern. Inzwischen wusste er selbst nicht mehr, was ihn alles bewegte. Da war so viel. „Sirius. Remus.“, begann er. Und dann brach einfach alles aus ihm heraus. Er dachte nicht über seine Worte nach, konnte hinterher nicht einmal mehr sagen, was er erzählt hatte, aber es tat ihm gut. Luna hörte einfach nur zu und legte ihm die Hand auf den Arm. Nicht mehr, aber es war so tröstend wie eine Umarmung. „Was soll ich jetzt tun?“, endete Harry irgendwann.

„Ich bringe dich gerne zu Sirius Black.“, bot die Blonde an. „Zumindest weiß ich, wo die Krankenstation ist. Ich denke, sie werden dich schon zu ihm lassen. Und dann sagen wir Mister Prince, dass der Professor weg geschwommen ist. Vielleicht weiß er, wo er suchen muss. Ihr solltet euch aussprechen, anstatt umeinander herum zu tanzen. Du liebst ihn, nicht wahr?“

„Ja.“, antwortete Harry schlicht und spürte die Wahrheit darin mehr als deutlich.

„Dann musst du mit ihm sprechen.“, bekräftigte Luna. „Er wird nicht von selbst auf dich zukommen. Ich denke, er will dir die Wahl lassen. Vielleicht hat er auch Bedenken wegen dem, was mit dir passiert ist. Oder aber, er glaubt nicht, dass du etwas für ihn empfinden könntest. Ich glaube, er ist eigentlich unsicher, was das betrifft. Als magisches Wesen wartet er meist darauf, dass sein Gefährte den ersten Schritt macht.“

„Dann habe ich sowieso keine Chance.“ Harry ließ den Kopf enttäuscht hängen.

„Denk das nicht. Du bist dem Professor sicher nicht egal.“, schüttelte Luna den Kopf. „Komm, gehen wir zu Mister Prince. Vielleicht ist er schon wach, wenn nicht, ist es wichtig genug, ihn zu wecken. Ich weiß, wo seine Räume sind. Und danach sehen wir nach deinem Paten.“ Luna wartete nicht auf eine Antwort, sondern zog Harry einfach mit sich. Sie war diejenige, die Jamin Prince berichtete, was Harry ihr erzählt hatte, nachdem sie ihn tatsächlich wecken mussten.

„Danke, dass ihr mir Bescheid gesagt habt.“, lächelte Jamin Prince, aber Harry fiel auf, dass es die Augen nicht erreichte. Severus' Onkel wirkte sehr besorgt. „Ich werde sehen, dass ich Severus finde. Geh du zu deinem Paten, junger Harry. Auch der braucht dich. Und mach dir keine Sorgen mehr wegen Doron, ich werde mit ihm reden. Er sollte lernen, auf ein Nein zu hören. Er ist kein reiner Meermensch und hatte offenbar in der Vergangenheit zu viel Freiheit. Wir werden dafür sorgen, dass er dir nicht mehr zu nahe kommt und auch sonst niemandem schaden kann.“

Harry nickte und ließ sich von Luna in die Krankenstation bringen. Der Anblick von Sirius entsetzte ihn. Er hatte mindestens fünf Kilo abgenommen in dieser kurzen Zeit. Noch immer leuchteten einige Wunden hell und rot, auch wenn sie bereits heilten. Es schien, als hätte er einige neue Narben. Er war so blass und wirkte verkrampft, fand Harry. Zögerlich griff er nach Sirius' Hand und hielt sie fest. Er war nicht sicher, ob er damit Sirius oder sich selbst Halt geben wollte. „Halte durch, Sirius.“, bat er leise. „Ich brauche dich doch!“ Er legte den Kopf neben Sirius und schlief ein.

 

Jamin hingegen machte sich nach einem kurzen Wortwechsel mit seiner Wache, der Doron in Gewahrsam nehmen sollte, auf die Suche nach seinem Neffen. Er konnte verstehen, warum Severus gegangen war. Von seinem Gefährten abgewiesen zu werden, war schmerzhaft. Doch Severus war offenbar zu früh geflohen, er hatte nicht gesehen, dass Harry diesen Kuss gar nicht wollte. Jamin ahnte, wohin Severus geschwommen war. Schon in seiner frühesten Kindheit hatte er eine kleine Höhle gehabt, in die er sich zurückzog, wenn er alleine sein wollte. Sie war mehr als zwei Stunden von Atlantica entfernt und gut versteckt. Genau dorthin schwamm Jamin jetzt. Und tatsächlich fand er Severus dort. Sein Neffe sah schrecklich aus, hatte sich in seiner Wut und Frustration offenbar selbst verletzt, indem er gegen die Höhlenwände geschlagen hatte. Jamin zog den widerstrebenden Tränkemeister in eine Umarmung. Severus wirkte, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.

„Er … er hat Doron geküsst.“, hauchte Severus nach einiger Zeit, in der er sich gegen die Umarmung wehrte, wenn auch nur halbherzig. Doch irgendwann lehnte er sich an seinen Onkel. Der Schmerz in seinem Inneren vervielfachte sich, als würde das Aussprechen dieser Tatsache sein Herz noch weiter auseinander brechen lassen. Er ließ zu, dass sein Onkel ihn noch näher an sich zog.

„Weißt du, Severus, auch wenn ich meinen Gefährten noch nicht gefunden habe, kann ich mir vorstellen, dass es sehr schmerzhaft ist.“, murmelte Jamin. „Aber Harry ist jung. Vielleicht probiert er sich aus. Wobei ich das nicht glaube, denn laut seiner Aussage wollte er diesen Kuss nicht, das ging von Doron aus.“

„Ich werde ihn nicht zwingen.“, kam es schwach von Severus.

„Das sollst du auch nicht. Aber ich denke, du solltest mit Harry reden.“, empfahl er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Fest griff er nach Severus' Hand und nahm ihn einfach mit, ignorierte den Protest des Jüngeren. „Ich bin mir sicher, du bedeutest ihm mehr. Man sieht es daran, wie er dich anschaut. Seine Augen folgen dir überall hin. Du bist ihm wichtig, sehr sogar, das ist deutlich. Wenn du das nicht erkennst, dann bist du ein Idiot. Also, rede mit ihm. Dann hast du die Sicherheit, wie er empfindet.“

„Seit er elf ist, habe ich ständig meine Augen auf ihm.“, gestand Severus. Noch nie hatte er darüber reden können, jetzt musste er einfach. Sein Onkel war einer der wenigen Menschen, denen er zu 100 Prozent vertraute. „Ich habe nichts gemerkt, bis er deutlich älter war. Seit etwa einem Jahr ist es mir bewusst, aber um meine Tarnung zu erhalten, musste ich weitermachen wie zuvor. Es tat so weh, obwohl ich ihn vorher nicht leiden konnte, weil er mich so an James erinnert hat. Sein Vater hat mich von der ersten Klasse an wieder und wieder verletzt, bloßgestellt, war ständig hinter mir her. Anfangs dachte ich immer, er sei wie sein Vater, bis ich merkte, er hat viel mehr von Lily. Sein ganzes Wesen erinnert mich an sie. Lily war meine beste Freundin. Und dann merke ich, dass ihr Sohn mein Gefährte ist und verliebe mich in ihn. Es ist so unwirklich. Vor ein paar Wochen haben wir auf einer Matratze gemeinsam geschlafen, danach in der Höhle mit Remus und Sirius. Ich wünschte, er wäre immer bei mir, es fühlte sich so gut, so richtig an.“ Severus schwieg und starrte in die Ferne. Seine Flosse arbeitete ohne sein Zutun, trieb ihn immer weiter hinter Jamin her.

„Du hast die Bindung möglicherweise schon initiiert.“, überlegte Jamin. „Zumindest auf deiner Seite.“ Sein Neffe war so emotional und aufgelöst, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Hoffentlich schätzte er Harry richtig ein. Das sagte er seinem Neffen schließlich auch, wie er selbst den Jugendlichen bisher gesehen hatte. Er erzählte auch mehr von Doron, der nur zur Hälfte Meermensch war, wie Severus nun erst erfuhr. Je länger sie sich unterhielten, desto mehr entspannte sich Severus.

Während sie sprachen, waren sie zurück in die Stadt geschwommen. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Sie zogen Kreise über dem Palast, um Harry zu entdecken. Eigentlich zog Jamin Kreise und Severus einfach mit sich, da er noch immer dessen Arm in der Hand hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn entdeckten, da er nicht mehr in der Krankenstation war. Er saß in seinem Zimmer auf dem Bett und schien ins Leere zu starren. Jamin schob seinen Neffen einfach durch das Fenster hinein. Normalerweise machte man das nicht, aber in diesem Fall war es offenbar notwendig.

„Was …?“, sprang Harry von seinem Bett.

„Entschuldige, mein Junge, aber ich denke, du und Severus, ihr müsst dringend reden.“ Kaum hatte Jamin ausgesprochen, war er schon wieder verschwunden.

Severus stand noch immer vor dem Fenster. Er schwieg, denn er fand einfach nicht die richtigen Worte. Harry schwieg ebenfalls, er wollte sich keine große Hoffnung machen. „Du … du hast Doron geküsst.“, begann Severus schließlich leise, anklagend. Er konnte nicht anders, musste es aussprechen.

„Nein.“, schüttelte Harry den Kopf. Als er sah, dass Severus etwas sagen wollte, hob er die Hand. „Er hat mich geküsst, das ist ein großer Unterschied. Vielleicht habe ich mit ihm geflirtet, ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie man flirtet. Für mich hat es nie etwas bedeutet.“ Er schwieg einen Moment, sah Severus fest in die Augen und beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. „Ich weiß, wen ich will. Aber ich würde gerne wissen, was du willst, Severus. Was bedeute ich dir?“

„Alles.“, platzte Severus heraus, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Erschrocken hielt er inne und presste die Lippen aufeinander. Nein, er durfte den Jungen nicht zwingen! Harry sollte sich frei entscheiden können.

„Warum? Ich meine, warum sagst du das nicht? Und was genau?“, forderte Harry zu wissen.

„Ich will dich nicht zu etwas zwingen, das du nicht willst.“, versuchte Severus eine Erklärung. So sehr wie gerade war er noch nie um Worte verlegen gewesen, wollte Harry nicht verletzen. Aber ihn auch nicht bevormunden, das mochte Harry nicht, hatte er schon oft deutlich gemacht. „Du bist so jung, könntest mein Kind sein, sollst dich nicht verpflichtet fühlen.“

„Bin ich dein Gefährte?“

Entsetzt starrte Severus ihn eine Weile an, bevor er seine Stimme wieder fand. „Woher …?“

„Das ist keine Antwort, aber ich verstehe zumindest die Frage.“, schmunzelte Harry kurz. „Draco und Luna haben mir in den letzten Tagen einige Dinge erzählt, von denen ich keine Ahnung hatte. Viel über magische Wesen und ihr Leben. Also, bin ich dein Gefährte?“

Severus nickte knapp. „Ja.“, wisperte er rau, beinahe heiser.

„Dann ist es gut.“, lächelte Harry. „Ich dachte, ich hätte keine Chance bei dir, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass wir Gefährten sind. Aber ich habe mich in dich verliebt.“ Harry wurde dunkelrot, aber er blickte Severus weiterhin in die Augen. „Ich weiß nicht, wann es anfing, aber ich weiß, dass es tiefer geht als eine einfache Verliebtheit. Es hat weh getan, als du mich nicht angesehen hast. Warum bist du mir aus dem Weg gegangen?“

„Ich konnte nicht anders.“, musste Severus zugeben. „Dir nahe zu sein, ohne dir wirklich nahe sein zu können, hat unglaublich geschmerzt.“ Er schluckte.

„Du hättest einfach mit mir reden sollen.“, schimpfte Harry leise. „Oder vielleicht ich mit dir, immerhin bin ich ein Gryffindor.“

Severus' Mundwinkel zuckte. „Du hast auch viel von einem Slytherin, finde ich. Aber du passt nach Gryffindor. Du vereinst die positiven Eigenschaften beider Häuser.“

„Ein Kompliment?“, wunderte sich Harry.

„Scheint so.“ Jetzt musste Severus ein wenig schmunzeln. Er fühlte sich sehr viel leichter, der Schmerz hatte sich zu einem kleinen Stechen reduziert. Er wollte Harry berühren, ihm noch näher sein, aber Harry war noch lange nicht über den Vorfall im Ligusterweg hinweg. Wenn er jetzt zu schnell vorging, konnte er alles zunichte machen. Außerdem war der Junge mehr als zwanzig Jahre jünger. Unsicher machte Harry nun einen Schritt auf ihn zu. Noch immer stand er vor dem Bett, während Severus am Fenster innegehalten hatte. Der Tränkemeister breitete die Arme aus. Eine Einladung. Harry sah die Geste, blickte in Severus' Augen, machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Immer näher kam er Severus, versicherte sich ein ums andere Mal, ob die Arme noch immer offen für ihn waren. Severus hielt still, wartete ab. Er hatte das Angebot gemacht, jetzt war es an Harry. Ein letzter Schritt, dann stand Harry direkt vor Severus. Vorsichtig lehnte er sich an den etwas größeren Körper, der so angenehm nach Kräutern roch. Jetzt auch noch nach Salz und Meerwasser, was für Harry einfach perfekt war. Er schmiegte sich an ihn, als Severus die Arme um ihn legte. Auch Harrys Arme wanden sich um Severus. Tief atmete Severus den Geruch ein, der Harry eigen war. Scheinbar hatte er kurz vor ihrem Treffen geduscht, er roch nach Shampoo, und die Haare waren noch leicht feucht. Wie gern würde er ihn einfach küssen, aber er wollte seinen Gefährten nicht abschrecken.

„Küss mich einfach!“, murrte Harry nach einer Weile, als könnte er die Gedanken des Älteren lesen.

Severus legte die Hand unter Harrys Kinn und hob seinen Kopf sanft an. Mit einem tiefen Blick in die wunderschönen grünen Augen versicherte er sich, dass Harry es wirklich wollte, erst dann näherte er sich dem Jüngeren langsam an. Ein leises Seufzen kam von Harry, dann schlossen sich seine Augen und er kam Severus vertrauens- und erwartungsvoll entgegen. Wie in Zeitlupe näherten sie sich weiter an, bis sich endlich ihre Lippen aufeinander legten. Ganz zart und vorsichtig bewegten sie sich miteinander. Unwillkürlich verflochten sich Harrys Finger in den langen Haaren von Severus, zogen ihn näher an sich. Keiner wollte den Kuss unterbrechen oder lösen, aber sie vertieften ihn auch nicht. Beide genossen das Kribbeln, das diese zarte Berührung bei ihnen auslöste. Harry fühlte sich zum ersten Mal seit er sich erinnern konnte, einfach rundum wohl. Nichts hatte mehr Bedeutung, nur dieser Kuss zählte. Keiner war gewillt, ihn zu lösen. Severus hielt Harry fester, als er spürte, wie seine Beine anfingen zu zittern. Sein Innerstes war ruhig und entspannt, die Schmerzen verschwunden. Harry, sein Gefährte, liebte ihn! Das Glück perlte durch Severus, es war viel intensiver als Felix felicis, das als flüssiges Glück bezeichnet wurde. Dieses Glück perlte durch seinen gesamten Körper, ließ ihn sich leicht fühlen. Er spürte, dass ein Lächeln sein Gesicht erhellte.

„Ich liebe dich, Severus.“, murmelte Harry gegen Severus' Lippen, als sie sich dann doch trennten.

„Du bist mein Leben, Harry.“, erwiderte Severus. Er blickte Harry an, schob ihn ein Stück von sich, um ihm in die Augen sehen zu können. „Bitte versprich mir, dass du nichts tust, was du nicht willst. Du hast alle Zeit der Welt, und wir werden es langsam angehen. Ich will, dass du dich wohlfühlst. Du sollst nicht etwas tun, was du eigentlich nicht willst, nur um mich zufrieden zu stellen. Das würde uns Beide auf Dauer unglücklich machen. Versprichst du mir das?“

„Ich verspreche es.“ Harry überlegte nicht lange. Er war ernst, sah Severus fest in die Augen. „Aber versprich mir auch, dass du mich nicht unnötig in Watte packst. Ich bin vielleicht noch nicht erwachsen, was mein Alter betrifft, aber ich musste schon immer wie ein Erwachsener handeln. Vielleicht bin ich erst fünfzehn, aber ich fühle mich nicht so. Ich meine, wenn ich mich mit meinen Freunden vergleiche, fühle ich mich … einfach anders. Nicht mehr wie ein Kind. Das habe ich noch nie. Konnte ich nie. Und jetzt ... Ich möchte ernst genommen werden.“

„Das werde ich versuchen.“, versprach Severus nun seinerseits. Noch immer hielt er Harry im Arm und es fühlte sich an, als würden sie genau dafür gemacht sein. So perfekt. „Ich kann nicht versprechen, dass alles perfekt wird, denn ich hatte viele Jahre eine Rolle, die ich spielen musste. Das habe ich verinnerlicht, es musste sein. Es könnte sein, dass ich in dieses Muster zurückfalle.“

„Ich weiß.“, nickte Harry und wirkte unheimlich erwachsen in diesem Moment. Er schmiegte sich erneut an Severus und genoss die Wärme, die er ausstrahlte. „Du bist verletzt?“, merkte er auf einmal. Sein Blick war auf eine lange Risswunde auf Severus' rechtem Unterarm gefallen.

„Halb so wild, wenn ich noch eine Stunde schwimme, ist alles weg.“, zuckte Severus die Schultern. Der Großteil der Verletzungen war bereits geheilt. Harry hob fragend und ein wenig verwirrt die Augenbraue. „Ich bin ein Meermann, Harry. Meerwasser heilt mich schneller, als Tränke es könnten. In der ersten Nacht bei deinem Paten habe ich mir eine Badewanne eingelassen und das Wasser mit Meersalz versetzt. Ansonsten wäre ich nicht so schnell geheilt gewesen.“ Einen Moment zögerte Severus, doch dann stellte er die Frage, die ihm auf der Zunge lag: „Wie geht es deinem Paten?“

Sofort veränderten sich Harrys Züge, er wirkte verletzlich und traurig. „Er liegt immer noch in einem Heilschlaf.“, flüsterte er rau. „Die Heiler sagen, wenn er aufwacht, hat er gute Chancen, aber sie wissen nicht, ob und wann er aufwacht. Und Remus … er ist tot!“ Harry schmiegte sich an Severus, vergrub sein Gesicht in dessen Schulter.

„Es tut mir leid, Harry.“, murmelte Severus. „Er war ein tapferer Mann, das hat er nicht verdient.“

Der Jugendliche genoss die warmen Arme um sich. „Es wird Sirius zu schaffen machen.“, ahnte Harry.

„Du weißt, dass sie ein Paar waren, nicht wahr?“ Severus formulierte es als Frage, aber er war fast sicher.

„Ja. Keine Gefährten, aber sie haben sich seit ihrer Schulzeit geliebt.“, erklärte der Jüngere. Er schmiegte sich eng an Severus, dessen Ausstrahlung ihn beruhigte. Die Kraft und Entschlossenheit, die in Severus steckten, wirkten wie ein Beruhigungsmittel auf Harry. Aber ohne die Müdigkeit, die sonst damit einherging. Hier, an der Seite dieses Mannes, konnte er wirklich loslassen und entspannen. Es war ein seltsames Gefühl für Harry, denn noch nie war er so vollkommen entspannt gewesen. Verwirrend, aber schön. Er genoss, wie Severus mit seinen langen, schlanken Fingern über seinen Rücken strich. Harry ließ sich vollkommen fallen und von Severus auffangen, der dieses Vertrauen mehr als genoss. Er drückte den Jüngeren an sich und atmete tief den angenehmen Duft seines Gefährten ein. Wie hatte er nur jemals zweifeln können? Das hier war so richtig, so perfekt, warum hatte er selbst es nicht gesehen?

„Du solltest schlafen gehen.“, riet Severus irgendwann, als Harry mehrmals gegähnt hatte. Er wusste nicht, wie lange sie hier so gestanden hatten, aber sicher waren es mehr als zwei Stunden gewesen. Auch er selbst war vollkommen erschöpft, nur Adrenalin hielt ihn gerade noch auf den Beinen. Und das gute Gefühl, seinen Gefährten in seinen Armen zu halten.

„Bleibst du bei mir?“, hoffte Harry. Er wusste, dass diese Arme jeden Alptraum fernhalten würden.

„Ich weiß nicht, ob das jetzt schon eine gute Idee ist.“, schreckte Severus zurück. Als er Harrys enttäuschtes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Ich will dich nicht überfordern.“

„Wirst du nicht.“, war Harry sicher. „Halt mich einfach fest und lass mich in deinen Armen schlafen.“ Er wollte nicht laut aussprechen, wie gut ihm die Nähe tat, aber Severus ahnte es. „In der letzten Zeit warst du kaum da. Ich habe dich vermisst.“

„Tut mir leid, Harry, ich war fast die ganze Zeit im Labor oder mit Recherchen beschäftigt.“, entschuldigte sich Severus. Auch, wenn das nur ein Teil war. Er hatte sich von Harry fern gehalten, weil es ihn selbst überforderte, ihm so nah zu sein und doch Abstand halten zu müssen.

„Recherchen?“, griff Harry einen Punkt auf.

„Über Horkruxe.“, antwortete Severus ziemlich widerstrebend. „Aber jetzt nicht mehr, du solltest wirklich schlafen.“

„Bleibst du?“, hakte Harry erneut nach und sah ihn aus großen, grünen Augen an.

Severus seufzte. „In Ordnung, ich bleibe.“, gab er schließlich nach. Der Blick des Jüngeren gehörte verboten! Wenn er ihn so ansah, konnte Severus ihm nichts abschlagen. Hoffentlich merkte der Bengel das nicht. „Lass mich nur in mein Zimmer gehen, schnell duschen und mich umziehen.“

Harry nickte und ließ zu, dass sich Severus von ihm löste. Als der Tränkemeister verschwunden war, riss sich Harry aus seiner Starre und ging in sein Bad, wusch sein Gesicht in Windeseile, putzte seine Zähne und zog sich um. Jetzt war er mehr als dankbar, dass Remus – beim Gedanken an den Werwolf schossen erneut Tränen in Harrys Augen – ihm sämtliche Kleidung besorgt und er zumindest einen Teil in seinem Rucksack gerettet hatte. Wie peinlich wäre es, wenn er nun in den alten, viel zu großen Schlafanzügen seines Cousins bei Severus schlafen würde? Nicht auszudenken. Obwohl Severus wusste, wie er gelebt hatte; er wollte weder ihn noch sich selbst daran erinnern.

Ein wenig unsicher fühlte er sich dann doch, als er sich in sein Bett kuschelte und auf Severus wartete. Bedrängte er Severus? Wollte der ihn überhaupt, oder war es nur, weil sie Gefährten waren? Was erwartete Severus nun von ihm? Was bedeutete es überhaupt, Gefährte eines magischen Wesens zu sein? Eines Meermenschen? Draco hatte ihm zwar viel über magische Wesen erzählt, aber mehr allgemein gehalten.

„Worüber grübelst du?“, schreckte ihn Severus' Stimme mit einem Mal auf.

„Äh … hab nur ein bisschen nachgedacht.“, stammelte Harry. Mit roten Wangen rutschte er zur Seite und hob die Bettdecke einladend an.

Severus hob seine Augenbraue fragend, beschloss dann aber, es für heute gut sein zu lassen. Nicht nur Harry war vollkommen übermüdet, auch er selbst hatte viel zu lange nicht mehr richtig geschlafen. Mit einem Zauber dunkelte er das Zimmer ab und legte er sich ins Bett. Er ließ zu, dass sich Harry an ihn schmiegte, den Kopf auf seinen Brustkorb legte. Erneut staunte Severus darüber, wie perfekt der junge Mann in seine Arme passte. Ohne eine bewusste Entscheidung vergruben sich seine Finger in den wirren, schwarzen Haaren. Er hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Gute Nacht, Harry.“

Der Jüngere schmiegte sich noch ein wenig enger an ihn, schlang einen Arm um Severus' Bauch. „Nacht, Severus!“, murmelte er, bereits halb eingeschlafen. Severus schmunzelte. Wahrscheinlich war dieser halb-schlafende Zustand Harrys daran Schuld, dass der Jugendliche nicht weiter nachdachte, sondern so aktiv auf ihn zuging. In wachem Zustand hätte er wohl mehr darüber nachgedacht. Eine Weile beobachtete er Harry noch beim Schlafen, dann schlossen sich auch seine Augen und bald war er eingeschlafen.

Gegen Mittag wurden sie durch das helle Licht geweckt. Erneut lief Harry rot an, als er merkte, wie eng umschlungen sie geschlafen hatten. Und doch genoss er es. Sehr sogar. Severus ließ ihm nicht viel Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. „Guten Morgen!“, lächelte er kurz, dann drückte er ihm einen weiteren Kuss auf die Stirn. Harry streckte sich ein wenig, was Severus als die Aufforderung nahm, die es augenscheinlich war, und ihre Lippen berührten sich erneut. Beide fühlten die Stromschläge, die diese einfache Berührung auslöste. Genüsslich seufzte Harry in den Kuss, was ihm neue Streicheleinheiten über den Rücken und die Seiten einbrachte. Nach einigen Minuten lösten sie sich ein wenig widerstrebend voneinander.

„Hast du gut geschlafen?“, wollte Severus wissen, während seine Finger die weichen, vom Schlaf geröteten Wangen streichelten.

„Mehr als gut!“, strahlte Harry, lehnte sich in die Berührung. „Und du?“

„Auch gut.“, versicherte der Tränkemeister. Er küsste Harry erneut, genoss dieses Kribbeln, das es auslöste. „Dann komm, wir sollten Mittagessen gehen.“

Wie um zu antworten knurrte nun Harrys Magen vernehmlich, was ihn zum Kichern brachte. Severus schmunzelte kurz, dann löste er sich von Harry. So viel wie in den letzten Stunden hatte er seit Jahren nicht mehr gelächelt oder geschmunzelt. Severus stand auf und ging in seine Räume, um sich umzuziehen, dann holte er Harry ab und ging mit ihm gemeinsam nach unten. Er vergrößerte den Abstand zwischen ihnen ein wenig, denn er war ein sehr privater Mensch, der nicht wollte, dass alle Bescheid wussten. Zumindest jetzt noch nicht. Harry sah ihn verwundert an. „Harry, ich stehe zu dir, aber du kennst mich ein wenig.“, erklärte Severus leise. „Ich bin nicht der Typ für Gefühlsausbrüche, vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Du stehst sowieso im Fokus und ich weiß, du magst es nicht besonders. Ich will damit auch verhindern, dass es schlimmer wird. Lernen wir uns in Ruhe kennen, und bis dahin bleibt es privat. Ich gehe davon aus, dass es dir auch lieber so ist. Es bleibt zwischen uns, jedenfalls wäre es mir so lieber. Zumindest so lange, bis wir uns besser kennen und wir sicher sind, was das zwischen uns wird.“

„Oh, okay!“, grinste Harry verstehend. Im ersten Moment hatte er wirklich geglaubt, dass es Severus nicht ernst sein könnte, aber diese Aussage belehrte ihn eines besseren. Er war froh, dass Severus es erklärt hatte, er selbst hätte nur wieder zu viel hinein interpretiert. Wie immer. Ihm war es eigentlich auch lieber, wenn erst einmal keiner etwas wusste. Das sagte er Severus dann auch.

Im kleinen Speisesaal des Palastes trafen sie auf Jamin, Lucius Malfoy, Draco und Luna. Xeno war bereits wieder in seinem Haus, kam nur zu den Treffen des Rates. Sie wünschten allen einen guten Morgen, dann setzten sie sich auf die beiden freien Stühle, Severus rechts neben seinem Onkel, Harry daneben. Jamin beobachtete sie einen Moment, sah in die Augen seines Neffen, dann nickte er zufrieden. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Severus, wie weit bist du?“, erkundigte sich Lucius.

„Setzen wir uns nach dem Essen zusammen.“, erwiderte der Tränkemeister mit Blick auf die beiden Jugendlichen neben Lucius.

„Schon verstanden, Onkel Sev, du willst uns nicht dabei haben.“, brummte Draco und wirkte ein wenig beleidigt. „Wir gehen dann trainieren. Was ist mit Harry?“

„Ihm haben wir einen Teil des Wissens zu verdanken.“ Severus blickte seinen Patensohn ernst an. „Draco, es hat nichts damit zu tun, dass wir euch nicht vertrauen. Harry hat einen Teil dieses Wissens bereits, da er schon seit Anfang seiner Schulzeit in Hogwarts damit zu tun hatte. Er muss verstehen. Wir wollen aber nicht, dass sich das Wissen herum spricht, es ist einfach zu gefährlich. Nicht einmal der gesamte Rat ist dabei, nur Lucius, Onkel Jamin, Harry, Mandana und ich. Mandana ist die Einzige, die eingeweiht wird. Als Draconierin kann sie uns helfen. Dein Vater und mein Onkel haben das Wissen bereits vorher erlangt, daher können sie Harry und mir helfen. Das hoffe ich zumindest.“

„Draco, du weißt mehr als die meisten Menschen, Wesen, Hexen und Zauberer.“, mischte sich Lucius ruhig ein. „Doch dieses Wissen sollte am besten verloren gehen.“

„So schlimm?“, hauchte Draco und wurde blass. So ernst und besorgt kannte er seinen Vater nicht.

Lucius nickte nur. „Wir werden euch, so ihr das wollt, am Planen beteiligen, wenn es soweit ist. Aber das, was wir heute besprechen, das machen wir alleine.“

„Okay, Dad.“, stimmte der Blonde zu. Er drehte sich zu Luna. „Wollen wir?“ Sie griff nach dem Arm, den er ihr galant anbot, und ging mit ihm nach draußen. In der Tür wandten sie sich noch einmal zurück. „Harry, wenn du Lust hast, können wir nachher noch ein Duell austragen. Wir sind im Trainingsareal.“

„Ich schau bei euch vorbei und sag Bescheid!“, versprach Harry. „Aber vorher will ich nach Sirius sehen.“ Draco nickte verstehend. In dem Moment kam Mandana, grüßte Draco und Luna, bevor sie in den Speisesaal trat und die Tür hinter sich schloss. Jamin wirkte mehrere Zauber, die Harry nicht kannte. Er ahnte allerdings, dass sie Lauschen verhindern sollten. Bevor jemand etwas sagen konnte, sah Harry Lucius an. „Wie entkam Sirius?“, wollte er wissen.

„Dobby hat berichtet, dass Dumbledore offensichtlich abgelenkt war und die Schutzzauber nicht so effektiv gewirkt hat, da konnte er sie entfernen.“, erklärte der Blonde. „Ich wünsche deinem Paten wirklich, dass er es schafft. Narzissa hängt sehr an ihrem Cousin und würde sich freuen, ihn endlich wieder treffen zu können. All die Jahre war es einfach zu unsicher. Sie hat immer gezweifelt an seiner Schuld, aber wir wissen es auch erst seit etwas über einem Jahr, dass er tatsächlich unschuldig ist. Ich hoffe, die beiden können sich wieder annähern. Es tut ihr, und auch mir, sehr leid, dass du Mister Lupin verloren hast.“

Alle im Raum sahen Harry die Trauer um Remus, aber auch die Hoffnung auf ein Überleben seines Paten deutlich an. Keiner sagte mehr etwas, sie alle warteten darauf, dass jemand mit dem begann, was das eigentliche Thema ihres heutigen Treffens war.

Severus blickte noch einen Moment vor sich hin, als würde er sich die Worte im Geist zurechtlegen, dann sah er auf. „Ich habe mich in den letzten Tagen hauptsächlich mit den Horkruxen beschäftigt.“, begann er. „Wir wussten bereits, dass Harry einen vernichtet hat, das Tagebuch des Lords. Außerdem haben wir ein Medaillon im Grimmauldplatz gefunden, das wir auch als Horkrux identifizieren konnten. Harry und mir ist es gelungen, einen weiteren Horkrux, nämlich einen Ring, in einem Haus nahe Little Hangleton zu finden. Sowohl das Medaillon als auch der Ring sind aus dem Erbe Slytherins. In Little Hangleton haben wir uns weitere Erkenntnis erhofft, doch ich weiß nicht, ob Remus und Sirius etwas gefunden haben und wenn ja, ob es noch existiert. Das wird warten müssen, bis Sirius aufwacht.“ Er schwieg einen Moment und drückte unter dem Tisch Harrys Hand, die er in seine genommen hatte. „In dem Buch, das ich aus dem Grimmauldplatz mitgenommen habe, fand ich nicht nur die Erklärung zu dem Phänomen, das wir bis dahin nicht kannten, sondern in den letzten Tagen auch Hinweise darauf, wie man Horkruxe herstellt. Es ist ein dunkler Zauber in Kombination mit einem bewussten Mord, so viel wussten wir bereits. Aber ich konnte eine Theorie finden, nach der man die Horkruxe zerstören kann. Das ist eigentlich nur mit Basiliskengift oder Dämonsfeuer möglich, was aber für uns beinahe unmöglich sein dürfte. Nicht einmal du, Lucius, hast genug schwarze Magie in dir, um Dämonsfeuer wirkungsvoll beherrschen zu können. Erschaffen kann es beinahe jeder, aber beherrschen ist kaum möglich, daher würde ich es lieber vermeiden. An Basiliskengift kommen wir auch nicht einfach so heran, außer wir dringen nach Hogwarts ein. Da Dumbledore dort ist, halte ich das für keine gute Idee. Das würde das momentan sehr instabile Gleichgewicht der Macht zwischen Dumbledore, dem Ministerium und Voldemort zerstören und die Zauberwelt möglicherweise vernichten, was wir ja vermeiden wollen. Daher habe ich das Buch noch einmal genauer übersetzt und einen Trank aus der darin enthaltenen Theorie entwickelt, der das mit etwas Glück auch schafft. Er basiert auf dem Zauber, der Dämonsfeuer heraufbeschwört. Ich habe einen Kessel davon auf dem Feuer, jedoch dauert es noch einige Zeit, bis er fertig ist. Dann können wir ihn testen. Bis dahin würde ich gerne mit euch besprechen, wie wir weitermachen. Wie finden wir heraus, wie viele Horkruxe es sind und was der Lord genutzt hat? In Little Hangleton waren wir auf der Suche nach der Vergangenheit des Lords, in der Hoffnung, Hinweise zu finden, wo er sich aufhielt, was ihm wichtig war.“

„Hogwarts war ihm wichtig.“, warf Harry ein. Auf die fragenden Blicke schilderte er sein Erlebnis, als er von dem Tagebuch in die Erinnerung an die Vergangenheit gezogen wurde und auch die Begegnung mit dem Riddle aus dem Tagebuch.

„Das klingt schlüssig in dem Zusammenhang.“, nickte Lucius anerkennend. „Also, er hat zwei Erbstücke Slytherins genutzt, dazu sein eigenes Tagebuch aus der Zeit in Hogwarts.“ Er unterbrach sich und sah Harry an. „Dafür muss ich mich wohl noch entschuldigen. Ich hatte keine Ahnung, was es mit dem Tagebuch auf sich hat. Das ist eine lausige Erklärung, ich weiß, aber ich wollte meinen Sohn sicher wissen. Ich hatte gehofft, dass Dumbledore reagiert, wenn er einen – natürlich anonymen – Hinweis dahingehend bekommt. Vergeblich. Nur Dobby hat getan, was er konnte. Ich weiß, manchmal ist er ein wenig übereifrig, aber er liebt dich, Harry. Immer, wenn er zu mir kam, um Bericht zu erstatten, habe ich mir die Lobeshymnen meines Hauselfen auf dich anhören dürfen.“

Harry kicherte und hatte Mühe, nicht in lautes Lachen auszubrechen. „Entschuldigung, ich hätte ihn nicht befreien sollen!“

„Nein, das ist in Ordnung.“, schüttelte Lucius den Kopf. „Er ist mir immer noch treu, auch wenn er jetzt frei ist. Er hat deinem Paten geholfen, frei zu kommen. Leider kam er zu spät, um auch Mister Lupin zu retten.“

„Was genau ist da eigentlich passiert?“, wollte Severus wissen und kam mit seiner Frage Harry zuvor.

„Dumbledore hatte sie so eingesperrt, dass nicht einmal die Hauselfen an sie heran konnten.“, berichtete Lucius. „Dobby hat einen Teigabdruck vom Schlüssel gemacht. Ziemlich umsichtig, wie ich finde. Den hat er zu mir gebracht und ich habe mit Hilfe meiner Kontakte einen Schlüssel kopiert. Den hat Dobby bekommen. Mandana, Fenrir und ich sind mit einigen Kämpfern los und haben Dumbledore abgelenkt, indem wir ein Haus seines Ordens angegriffen haben. In der Zeit ist Dobby nach unten in die Kerker, die nicht so gut geschützt waren, und hat sie aufgesperrt, sodass Sirius nach draußen konnte. Er hat darauf bestanden, Remus Lupin mitzunehmen, erzählte Dobby. Nun, den Rest kennst du.“ Er schwieg einen Moment, erkennend, wie sehr es Harry mitnahm. Dann ergriff er erneut das Wort, denn noch immer gab es Informationen, die Harry fehlten. „Außerdem hat Dobby berichtet, dass auch Dumbledore eine Theorie in Bezug auf das unnatürlich lange Leben des Lords hat. Er weiß von den Horkruxen, so viel ist sicher. Möglicherweise hat er bereits einen an sich gebracht, aber das konnte Dobby bislang nicht bestätigen. Das ist ein weiterer Punkt, warum er dich, Harry, unbedingt in seine Finger bekommen will. Du kannst in die Kammer des Schreckens, wo ein Basilisk liegt. Mit dem Gift könnte er Horkruxe zerstören.“

„Aber er hat doch einen Zahn!“, protestierte Harry. „Ich habe den, mit dem ich das Tagebuch zerstört habe, bei ihm gelassen.“

„Hm, das würde sicher ausreichen für einen oder zwei weitere Horkruxe.“, überlegte Severus. „Möglicherweise vermutet er sogar einen Horkrux in der Kammer. Sei vorsichtig, er will dich unter allen Umständen in die Hände bekommen.“

Harry spürte, wie er zu zittern begann. Alleine die Vorstellung, was der Alte mit ihm machen würde, damit er tat, was er wollte, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Am liebsten würde er nun in Severus' Arme flüchten, aber soweit waren sie beide noch nicht, dass sie sich öffentlich zueinander bekennen wollten. Jetzt erst erkannte Harry, wie richtig Severus' Entscheidung gewesen war. Für Harry war es irgendwie wichtig, dass Sirius der Erste war, der davon erfuhr. Bisher hatte er über alles mit seinem Paten reden können, das wollte er auch weiterhin. Es war ihm wichtig.

„Wir werden verhindern, dass er dich in die Finger bekommt.“, versprach Jamin ruhig. Er und Mandana hatten bislang aufmerksam zugehört, aber nun erkannte er die Angst des Jüngsten. „Aber wir müssen einen Plan machen, wie wir erstens an die Informationen gelangen, um die restlichen Horkruxe zu identifizieren und zweitens, wie wir Dumbledore und Voldemort gleichzeitig entmachten. Alles Andere würde das Gleichgewicht zerstören und einen gewaltigen Rückschritt für unseren Kampf bedeuten, wenn nicht sogar eine Niederlage.“

„Ich hoffe immer noch ein wenig, dass Sirius Informationen hat, wenn er aufwacht.“, gestand Severus. „Vielleicht hätten wir uns nicht trennen sollen, aber dann hätten wir jetzt auch den Ring nicht. Da war einfach jede Entscheidung falsch. Mehr oder weniger.“

„In diesem Moment habt ihr die richtige Entscheidung getroffen.“, versicherte Lucius. „Mach dir keine Vorwürfe, Severus, es ist nicht deine Schuld. Wir befinden uns im Krieg, und auch wenn wir um die Opfer trauern, es wird sich nicht vermeiden lassen, dass es Opfer gibt.“

Severus sagte nichts dazu, er fühlte sich schuldig, und daran würde nichts etwas ändern, egal was Harry oder Lucius sagten. Er spürte Harrys Blick auf sich und erwiderte ihn kurz. Es hatte sich mehr als gut angefühlt, seinen Gefährten in der Nacht im Arm zu halten. Harry schien einfach perfekt in seine Arme zu passen. Dennoch hatten sie nach dem Aufstehen gemeinsam beschlossen, diese Weiterentwicklung noch eine Weile für sich zu behalten. Erstens, weil alles noch neu war und sie selbst erst einmal sehen mussten, wohin es führte, und zweitens hatte Harry ihm kurz vor dem Speisesaal gestanden, dass es ihm wichtig war, seinem Paten zuerst davon zu erzählen. So lange dieser bewusstlos war, würden sie es also verheimlichen. Er hatte Harry schließlich auch deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht der Typ dafür war, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten oder gar sich zu küssen. Das war privat und er würde es bevorzugen, wenn es privat bliebe. Wie es schien nahm Harry es auch so auf, nicht negativ, wie er selbst es befürchtet hatte.

„Gut. Dann halten wir fest, dass wir weitere Informationen über die Horkruxe beschaffen müssen.“, schloss Jamin. „Was hat er benutzt? Wie viele hat er geschaffen? Wo sind sie versteckt? Severus, wann kannst du die ersten beiden vernichten?“

Severus rechnete kurz. „Der Trank muss nun vier Tage ruhen, dann kann ich daran weiterarbeiten. Danach rechne ich mit weiteren sechs Tagen. Wenn alles gut geht, ist er in zehn Tagen fertig. Allerdings habe ich noch etwas Bedenken, denn es sind Seelenteile des Lords. Ich habe mich mit dem Buch beschäftigt und mir kam mehrmals der Gedanke, ob er noch eine Verbindung dazu haben könnte und dadurch spürt, dass wir sie vernichten. Es ist nur ein Gedanke, darüber steht nichts in dem Buch, aber sollte er eine Verbindung dahingehend haben, könnte er uns aufspüren, wenn wir sie vernichten.“

„Dann vernichten wir sie eben nicht hier sondern suchen uns einen geeigneten Platz, von wo aus wir schnell fliehen können und wo er nicht gleich auf uns kommt.“, zuckte Harry die Schultern.

„Das wird nicht funktionieren, ich kann den Trank nicht transportieren, dann würde er die Wirkung verlieren.“, schüttelte Severus den Kopf. „Wir werden Naturmagie nutzen müssen, um Atlantica vor der Entdeckung zu schützen. Ich hätte vorher daran denken sollen. Es tut mir leid.“ Severus senkte seinen Kopf reumütig. Zum ersten Mal sah Harry ihn so. Er erkannte, dass Severus hier einen anderen Platz innehatte als oberhalb des Wassers. Jamin und Lucius beruhigten Severus, während Harrys Gedanken rasten. Plötzlich kam ihn ein Gedanke und er wurde leichenblass.

Severus stabilisierte ihn, als er beinahe vom Stuhl kippte, redete ruhig auf ihn ein. Dennoch konnte man seine Angst und Sorge deutlich hören. Harry atmete hektisch und oberflächlich, wurde immer blasser. Selbst Severus hatte Mühe, sich zu beruhigen, als er ihm die Hand auf die Stirn legte. Harry war nicht in der Lage, seine Gedanken zu äußern, aber Severus musste es wissen, um etwas tun zu können. Und wenn er nichts tat, würde er bald verrückt. Was auch immer Harry durch den Kopf gegangen war, es machte ihn absolut panisch. Er spürte eine warme, fremdartige Präsenz neben sich. Mandana, die Sprecherin der Draconier und sein Onkel Jamin. Sie legten ebenfalls je eine Hand auf Harrys Stirn. Gemeinsam drangen sie in den Geist des Jugendlichen ein.

Harry war blass, aber wieder gefasst, als sie gegen Mittag in die Krankenstation kamen. Sie war größer als der Krankenflügel in Hogwarts, aber derzeit leer bis auf das eine Bett, in dem Sirius lag. Harry erfuhr, dass diese Krankenstation alle Verletzten und Kranken aus der Welt der Meermenschen versorgte. Da diese aber über gute, eigene Heilfähigkeiten verfügten, brauchten sie wenig Hilfe von professionellen Heilern. Die Heiler, die hier waren, versorgten auch alle Besucher, sollte diesen etwas passieren. Über zwei Stunden hatte es nach Harrys Zusammenbruch gedauert, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, aber ganz überzeugt waren weder Severus noch Mandana, Lucius und Jamin. Durch die Informationen wirkte er abgelenkt, aber nicht vollkommen beruhigt. Die Draconierin, Jamin und Severus hatten schnell herausgefunden, was Harry so panisch reagieren ließ. Leider konnten sie den Verdacht des Jugendlichen nicht entschärfen, sie wussten immerhin, dass er Recht hatte. Severus selbst hatte ihn auf die Idee gebracht. Dafür würde er sich wohl noch länger selbst verfluchen. Harrys Theorie war plausibel: diese Verbindung zwischen dem dunklen Lord und Harry war einmalig, sie hatten das bisher nicht erklären können, sondern nur den Verdacht, dass ein Horkrux in ihm steckte. Aber bisher wussten sie auch nicht, ob er einen lebenden Horkrux in sich hatte oder nicht. Zumindest Harry selbst kannte nur den Verdacht, er wusste nicht, dass sie im Rat darüber gesprochen hatten. Der Verdacht hatte sich aber, in Harrys Überzeugung, nun bestätigt. Die Erwachsenen vermuteten auch, dass es stimmte, aber ganz sicher waren sie nicht. Vielleicht half das Buch ihnen weiter, das Severus aus dem Grimmauldplatz mitgenommen hatte. Wenn er allerdings ein lebendes Seelenbruchstück in sich hatte, dann könnte es erklären, warum der Lord so viel Zugriff auf Harrys Gedanken hatte. Sollte das der Fall sein, konnten sie von Glück sagen, dass der Lord noch keine Ahnung davon hatte. Da war sich Severus absolut sicher, ansonsten hätte er die Verbindung zu Harry längst ausgenutzt. Mandana und Jamin stimmten ihm zu, während Lucius skeptisch blieb.

„Was, wenn er ihn in Sicherheit wiegen will?“, gab er zu bedenken. „Wenn er nur auf den richtigen Moment wartet, um diesen Trumpf auszuspielen?“

„Das denke ich nicht.“, konterte Severus. „Das hätte er bereits genutzt, als klar wurde, dass ich ihn verraten habe und mit Harry gemeinsam auf der Flucht bin.“

„Egal wie es ist, Harry sollte nun mehr denn je auf seine Okklumentik-Schilde achten.“, unterband Mandana den Streit, bevor er sich manifestierte. „Und wir sollten darauf achten, dass Harry nicht alleine ist. Es gibt genug Geistmagier in unseren Reihen, die ihn notfalls unterstützen können.“ Sie sah Harry an. „Vorausgesetzt, du bist einverstanden.“ Harry nickte, er wirkte erleichtert. „Gut, dann bleibst du erst einmal bei Severus, wenn er keine Zeit hat, werde ich in deiner Nähe sein, auch ich kann diese Art Magie wirken und dich vom Lord abblocken. Das Problem ist nur, dass er möglicherweise erkennt, wer dich unterstützt. Bei Severus ist das nicht mehr schlimm, da er ohnehin schon weiß, dass du mit ihm gemeinsam auf der Flucht bist. Bislang ahnt er nicht einmal von unserer Beteiligung, und wenn es irgendwie geht, wollen wir das weiterhin geheim halten.“

„Ich bleibe in Harrys Nähe.“, versprach Severus. Es war ihm gar nicht unrecht, im Gegenteil. Er könnte Harry nicht mehr alleine lassen, ohne sich ständig Sorgen um ihn zu machen. Daher bat er Lucius, Draco Bescheid zu geben, dass Harry erst einmal nicht zu ihm und Luna kommen würde. Harry seinerseits versprach, zu Severus zu kommen, sollte etwas sein.

Jetzt standen sie hier am Bett von Sirius. Der Animagus lag noch immer in einem Heilschlaf, aber Heiler Smethwyk konnte noch keine Entwarnung geben. Die Verletzungen ließen sich nicht so leicht behandeln, Dumbledore hatte einige Kombinationen genutzt, die sich schwer neutralisieren ließen. Außerdem war Sirius durch die schlechte körperliche Verfassung stark geschwächt, und seine Magie konnte der Heilung kaum helfen. Harry trat zu ihm, griff nach Sirius' Hand und hielt sie fest, während er leise und beschwörend auf ihn einsprach. Severus zerriss es das Herz, als er die Gefühle Harrys hörte. Der Gryffindor trug sein Herz auf der Zunge, man hörte, wie er sich fühlte. Auch ihn selbst drückte die Schuld, wenn sie sich nicht getrennt hätten, wäre Remus möglicherweise noch am Leben.

„Nicht!“, bat Harry leise. Er hatte die Stimmung von Severus instinktiv gespürt. Jetzt sah Severus auf und Harry konnte verschiedene Gefühle in den schwarzen Augen ablesen. Schuld, Schmerz, Trauer, Wut, sogar Angst. Noch nie hatte er den Tränkemeister so offen erlebt. Er wusste, das bedeutete, der Ältere vertraute ihm vollkommen, ansonsten würde er niemals seine Gefühle zeigen. „Sev, wir haben es gemeinsam entschieden. Remus würde nicht wollen, dass du dir die Schuld gibst. Oder ich mir, schließlich habe ich dieses Gefühl gehabt, weswegen wir uns getrennt haben. Du weißt, ich habe lange mit dem Tod von Cedric gehadert, mir die Schuld dafür gegeben. Erst durch die Gespräche mit dir, Sirius und auch Remus habe ich erkannt, dass es nicht meine Schuld ist. Das mindert die Alpträume nicht, aber zumindest die Schuldgefühle. Du hast mir damals gesagt, Voldemort war Schuld, er hat den Befehl gegeben. Dann sage ich dir jetzt das Gleiche: Dumbledore ist Schuld an Remus' Tod, er hat ihn gefoltert und ihm das Silber gegeben.“

Severus ließ zu, dass Harry ihn umarmte. Tröstend, beschützend. „Danke.“ Er küsste Harry kurz auf die Stirn. „Du hast Recht, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass Remus tot ist.“ Und dass vor allem Harry deswegen sehr traurig war.

„Auch du darfst trauern, selbst wenn ihr euch früher gehasst habt.“ Harry verstärkte seine Umarmung einen Moment, dann ließ er los. Er wusste schließlich, dass jederzeit jemand herein kommen konnte. Und die Fenster zeigten mehr, als sie sollten, zumindest in Fällen wie diesem. Die Meermenschen konnten sie undurchsichtig machen, er nicht. Das war Naturmagie, hatte Luna ihm erklärt. „Ich bin froh, dass ihr euch vorher ausgesprochen und Frieden geschlossen habt.“

„Du hast es mitbekommen?“ Severus staunte, er war der Meinung, sie wären leise gewesen und Harry hätte in dem Moment tief und fest geschlafen.

„Nur einen Teil, als ihr euch die Hände gegeben habt. Zumindest denke ich, dass ihr euch die Hände gegeben habt, sehen konnte ich es aus der Höhle nicht. Aber eure Worte klangen nach einem Friedensschluss. Euer Verhalten danach war anders, freundlicher. Nun gut, du und Sirius habt euch weiterhin gestritten, aber es wurde irgendwie ... ich weiß nicht, netter. Ein Wettstreit.“

„Das waren sie auch, ein Friedensschluss. Ich habe ihnen verziehen.“, nickte Severus. Die Flucht hatte viele Dinge zwischen ihnen verändert und er hatte seine früheren Feinde von einer anderen Seite kennengelernt. Umgekehrt war es wohl ebenso. „Umso mehr trifft mich nun sein Tod und Sirius' Verletzungen. Es ist alles so … anders, so verwirrend.“

„Du hattest nie Freunde, wenn man Mom nicht rechnet, oder?“, erkannte Harry. „Für dich ist das alles neu.“

Severus nickte zögernd. Zwar verstand er sich gut mit Lucius und vertraute ihm auch bis zu einem bestimmten Punkt, aber als Freund hätte er ihn nicht bezeichnet. Dafür war der Blonde zu kühl und berechnend. Erst seit kurzer Zeit begann er, das Konzept Freundschaft zu verstehen. „Es ist neu, aber irgendwie auch … angenehm. Ich meine, sie sind da, ohne eine Gegenleistung zu fordern. Das kannte ich bisher nur von Lily. Ich vertraue ihnen, genau wie dir.“

Harry lächelte und errötete. Der Tränkemeister war kein Mensch, der leichtfertig solche Dinge sagte. Also meinte er das alles mehr als ernst, und das nahm er als Kompliment. Etwas, das untypisch für Severus war, dafür aber umso bedeutender für Harry. Da fiel ihm etwas ein. „Wie hat Dumbledore das mit dem Silber eigentlich gemacht? Ich meine, müsste Remus das nicht mitbekommen? Dann hätte er das doch nie getrunken?“

„Eine gute Frage.“, lobte Severus in seinem Professoren-Ton, froh über die Ablenkung von dem emotionalen Ausbruch. Der war ihm fast peinlich, aber zumindest konnte er mit solchen Situationen nicht wirklich umgehen. „Wir haben bereits nachgeforscht. Dobby meinte, er hätte das Silber in winzige Portionen geteilt und mit etwas umhüllt, das sich erst nach und nach im Körper auflöst. Eine Muggelmethode, soweit wir wissen. Das Wasser, das sie bekommen haben, war kein sauberes Leitungswasser, sondern hatte wohl auch kleine Kalkstückchen und verschiedene Partikel in sich, sodass diese Kapseln nicht auffielen. Auch Sirius hat Silber im Körper. Es vergiftet ihn nicht wie Remus, aber der Anteil ist auch nicht gerade gesund, da er andere Mineralstoffe verdrängt. Das ist mit ein Grund, warum Heiler Smethwyk ihn nur sehr bedingt mit Tränken behandeln kann, denn erst muss das Silber aus dem Körper ausgeschieden werden. So hat Remus es erst viel zu spät gemerkt, vermuten wir, und da war es nicht mehr aufzuhalten. Heiler Smethwyk geht davon aus, dass Remus eine ähnliche Konzentration im Körper hatte wie Sirius, als er hier ankam. Das ist für einen Werwolf absolut tödlich. Er ist sicher keinen leichten Tod gestorben.“

„Ich hoffe, Sirius übersteht es.“, wisperte Harry. Er schauderte, als er daran dachte, wie schlimm das Sterben für Remus gewesen sein musste.

„Ich auch.“, stimmte Severus zu.

Sie wurden unterbrochen, als die Tür aufging und Heiler Smethwyk eintrat. „Ah, Besucher.“, lächelte er, aber Harry fiel auf, dass es die Augen nicht erreichte. Eine steile Sorgenfalte dominierte die Stirn des Schutzengels.

„Wie geht es Sirius?“, erkundigte sich Harry.

„Unverändert.“, antwortete der Heiler. „Aber das wird sicher noch eine ganze Zeit so sein, immerhin ist er in einem Zustand hierher gekommen, der dem Tod deutlich näher stand als dem Leben. Alleine die Tatsache, dass er bis jetzt überlebt hat, lässt mich allerdings ein wenig hoffen. Er ist stark, ein Kämpfer.“

„Das ist er. Sonst hätte er nicht zwölf Jahre Askaban so gut überstanden.“, nickte Severus.

„Wollen sie seine Sachen mitnehmen, in denen er hierher kam?“, fragte Smethwyk nun. „Wir haben sie in die Truhe dort gegeben.“ Er deutete auf eine schmale Holzkiste, die einzeln an der Wand stand. „Es sind die persönlichen Sachen, ich habe sie nicht angerührt, außer, um ihn auszuziehen, und auch sonst niemand.“

„Danke.“, murmelte Harry und trat zu der Kiste. Er griff hinein und erkannte die Kleidung, die Sirius und Remus an diesem verhängnisvollen Tag getragen hatten. Sie war in keinem guten Zustand gewesen, als sie ins Riddle-Manor gegangen waren, aber jetzt war kaum etwas davon übrig. Die Sachen stanken bestialisch. Dennoch griff Harry in die Taschen, Sirius und Remus hatten möglicherweise etwas dabei gehabt. Sirius liebte sein Messer, das trug er immer bei sich, und es hatte ihnen auf der Flucht gute Dienste geleistet. Das war allerdings nicht da, vermutlich hatte Dumbledore es ihm abgenommen. Ansonsten fand er nur zwei Knuts und einen zerfledderten Tannenzapfen. Er warf die Hose weg, die musste entsorgt werden. Auch das Hemd durchsuchte Harry, es hatte eine verborgene Tasche, wie Sirius ihm in der Höhle einmal gezeigt hatte. Darin fand er ein Foto von sich selbst als Kleinkind, dem man ansah, dass Sirius es wohl schon sehr oft in die Hand genommen hatte. Harry steckte es ein, das wollte er bestimmt wieder haben. Außerdem entdeckte er eine Handvoll Pergament, das beschrieben zu sein schien. Er steckte es ein, ohne einen Blick darauf zu werfen, sah nun auch Remus' Kleidung durch. Dort fand er noch weniger als bei Sirius, aber auch das steckte er ein. Die Kleidung warf er in den Kamin, nachdem er einen Blick mit Severus gewechselt hatte.

„Was war auf dem Pergament?“, erkundigte sich Severus.

„Weiß ich noch nicht, das sehen wir uns nachher an.“, entschied Harry. Vorher setzte er sich noch einmal zu Sirius, erzählte ihm von der Stadt am Meeresboden, von ihrer Flucht hierher, von Draco und Luna. Severus blieb stumm, aber er ging nicht. Erst, als es Zeit zum Abendessen war, ergriff er das Wort, denn Harry sollte nicht auf die Mahlzeiten verzichten. Es war noch nicht sehr lange her, da hatte er viel zu wenig bekommen.

„Hey, Harry!“, grüßte ihn Luna, als er sich zu Draco und ihr setzte. „Wie geht es deinem Paten?“

„Unverändert.“, antwortete Harry.

„Was passiert eigentlich mit Professor Lupin?“, erkundigte sich Draco bei seinem Paten.

„Fenrir kümmert sich um seine Bestattung, immerhin ist, oder besser war er ein Mitglied seines Rudels.“, wusste der Tränkemeister. „Heiler Smethwyk hat ihn untersucht und herausgefunden, dass er an einer Silbervergiftung starb. Die Spuren und Hinweise sprechen dafür, dass Dumbledore es ihm in einer Form verabreicht hat, die Remus nicht bemerken konnte. Das Silber hat seine Wirkung erst verzögert getan, dadurch hatte Remus schon viel zu viel aufgenommen. Wir hatten gehofft, dass Sirius aufwacht, er hätte uns vielleicht sagen können, was Remus gewollt hätte. Aber derzeit sieht es nicht danach aus, dass Sirius bald wach wird. Da Remus keine Familie hat, entschied Fenrir, sich dessen anzunehmen. Das Rudel ist alles, was er außer Sirius und Harry hatte.“

„Wann wird die Beerdigung sein?“, fragte Harry.

„Fenrir gibt uns Bescheid.“, versprach Severus. „Ich weiß, du willst dabei sein, das ist auch vollkommen verständlich. Wir werden es sehr klein halten, außer Fenrir und uns wird niemand dort sein. Auch wenn Einige ein Angebot gemacht haben. Aber Remus wäre es nicht Recht, wenn Leute dabei sind, die er kaum kannte.“ Harry nickte zustimmend und schenkte Severus ein kleines Lächeln.

Das restliche Essen genossen sie beinahe schweigend, nur wenige Worte wurden noch gewechselt. Danach zogen sich Severus und Harry in das Zimmer des Älteren zurück, denn Beide waren neugierig, was sich in den Pergamenten versteckte. Vermutlich nur ein Brief oder Notizen von Sirius, aber dennoch wollten sie sicher gehen. Draco und Luna schienen nicht böse zu sein, als sich Harry entschuldigte. Morgen, das versprach er, würde er wieder am Training teilnehmen. „Solltest du auch.“, fand Draco. „Immerhin ist seit zehn Tagen wieder Schule. Auch wenn wir nicht gehen können, dort sind wir zu gefährdet, aber das heißt ja nicht, dass wir nichts lernen sollen.“

„Richtig. Ich werde einen Teil des Unterrichts übernehmen, ebenso Fenrir, Lucius und Onkel Jamin. Selbst Xenophilius will helfen, auch wenn er nicht so häufig weg kann, da er seine Zeitung hat.“, nickte Severus. „Das Ziel ist, dass ihr am Ende die UTZ-Prüfung ablegen könnt. Vermutlich wird das Ministerium darauf bestehen, dass ihr die ZAGs vorher macht, aber das sollte dann kein Problem mehr für euch darstellen.“

„Aber ist das nicht auffällig, wenn Dad regelmäßig im Ministerium verschwindet?“, wunderte sich Draco. „Der Lord merkt doch sicher, wenn er nicht zuhause ist.“ Er sah Harrys verwunderten Blick. „Der Lord hat es sich in unserem Manor bequem gemacht.“ Draco sah angewidert drein. „Mom ist deswegen ziemlich genervt, immerhin kann sie nicht mit ihrem Mann leben, ohne Verdacht zu erregen. Meistens waren King und die Kinder im Manor, dort waren sie gut geschützt. Bis der Lord zurück ins Leben kam und bei seinem treuen Anhänger eingezogen ist.“

„Dort ist er schon nicht mehr.“, korrigierte Lucius, der den letzten Satz gehört hatte. Draco fuhr herum und starrte seinen Vater an. Der ließ ein berechnendes Grinsen sehen, bei dem die Vampirzähne blitzten. Harry schauderte. „Nun, mein Sohn, was denkst du? Was macht ein Slytherin, wenn er in einer Situation steckt, die ihm nicht gefällt?“

„Du hast dafür gesorgt, dass er sich im Manor nicht mehr sicher fühlt und von selbst auszieht?“, erkannte Draco nach einem Moment.

„Allerdings. Und es war nicht weiter schwer.“, nickte Lucius anerkennend. „Kingsley hat mir geholfen. Seine Auroren haben mein Manor mehrmals durchsucht, um angeblich vorhandene verbotene, schwarz-magische Objekte zu finden. Dem Lord wurde das inzwischen zu heiß, und er hat schnell nach einer Alternative gesucht. Glücklicherweise war auch deine Mutter schnell genug. Narzissa hat Bella gegenüber erwähnt, dass Draco in einem Sommercamp ist, wo er in die schwarze Magie eingewiesen wird. Ihre Schwester war begeistert und hat das dem Lord weitergegeben, daher wurdest du bisher auch nicht vermisst.“

„Bella?“, hauchte Draco.

„Ah, davon wisst ihr noch nichts. Der Lord hat schon vor einiger Zeit dafür gesorgt, dass seine Anhänger aus Askaban fliehen konnten. Mitten in den Ferien, zwei Tage, nachdem ich dich hierher gebracht habe. Der Lord hätte sich nicht einmal für dich interessiert, aber Bellatrix natürlich schon.“ Draco schauderte, als sein Vater das erklärte. „Sie waren zunächst ebenfalls im Manor, in der Zeit war es tatsächlich schwer, weg zu kommen. Doch jetzt sind sie im Manor von Rodolphus und Bellatrix, und ich bin nicht mehr überwacht. Und wenn ich meine Unterlagen mitnehme, um von zuhause aus zu arbeiten, ist das nicht weiter auffällig im Ministerium, das habe ich schon häufiger gemacht. Kingsley, Narzissa und die Kinder sind auch wieder im Manor, ich habe einen Alarmzauber, sollte jemand sich nähern. Die Kamine und das Apparieren habe ich mit Erlaubnis des Lords gesperrt, damit das Ministerium nicht plötzlich auftaucht. So kann auch Bella nicht einfach hereinplatzen. Nur ein Kamin ist noch ans Netzwerk angeschlossen, allerdings nur an die Büros von Kingsley und mir.“

Draco erwiderte das maliziöse Lächeln seines Vaters. „Und wie erklärst du nun, dass ich nicht in Hogwarts bin?“

„Dumbledore.“, war die einzige Antwort seines Vaters. „Der Lord weiß, dass du zuhause unterrichtet wirst. Derzeit bist du uninteressant für ihn, weil du viel zu jung bist. Außerdem bist du dann vor schlechtem Einfluss geschützt.“ Sie lachten, als sie die Doppeldeutigkeit erkannten. „Erst, wenn du die Schule abgeschlossen hast und volljährig bist, wird er wieder daran denken, dass es dich gibt. Es kann allerdings sein, dass ich dich holen muss, wenn deine Tante erscheint.“

„Kein Problem. Wenn es hilft, dass du nicht auffliegst.“, zuckte Draco mit den Schultern.

„Gut. Wir arbeiten übrigens daran, eine Lösung für deinen Freund Blaise und seine Schwester zu finden. Blaise ist in Hogwarts, er soll nicht auffallen und alles weitergeben, was er erfährt. Fenrir und seine Leute versuchen eine Möglichkeit zu finden, Chiara rauszuholen. Wenn das klappt, dann müssen auch Blaise und sein Vater schnell verschwinden. Blaise wird von den Wassermenschen in Sicherheit gebracht, das hat Severus organisiert. Devon werde ich holen.“

„Danke, Dad!“, lächelte Draco, nun deutlich entspannt. Lucius setzte sich jetzt doch noch, griff aber nur nach einem Glas mit einem blutroten Saft. Harry wusste, dass es Granatapfel war, aber da er wusste, dass dort ein Vampir saß, war es schon ein wenig seltsam. Der Blonde spürte seinen Blick offenbar und sah ihn an. „Wie geht es dem Cousin meiner angeblichen Frau?“, wollte er wissen.

„Unverändert.“, erzählte Harry. „Heiler Smethwyk kann noch nicht sagen, ob er es schafft.“

„Ich hoffe es, für Narzissa und dich.“, gab Lucius zurück. „Narzissa würde sich freuen, wenn sie wieder Kontakt zu ihm haben könnte. Ich werde morgen mal nach ihm sehen, mit ihm sprechen, vielleicht hört er mich. Ich gebe auch Narzissa Bescheid. Vielleicht hilft es, aber es wird sicher nicht schaden.“

Harry nickte zustimmend und schluckte den letzten Bissen seines Muschelsalates. Severus und er verabschiedeten sich, wollten nun das Pergament untersuchen. Lucius versprach, am Morgen nach dem Besuch bei Sirius zu ihnen zu kommen, um einen vernünftigen Stundenplan für die drei Jugendlichen zu erstellen. Sie verabredeten sich für elf Uhr, dann konnte der Unterricht nach dem Mittagessen hoffentlich richtig losgehen.

„Okay, dann sehen wir mal!“, zog Harry die Pergamente aus seiner Tasche, kaum dass Severus die Tür geschlossen und einige Zauber zur Absicherung gewirkt hatte. Severus schmunzelte ob des Eifers, aber auch er beugte sich neugierig über die dicht beschriebenen Pergamente. Doch nach einem Moment lehnte er sich enttäuscht zurück, es waren keine lesbaren Worte, scheinbar hatte Sirius nur vor sich hin gekritzelt. Es sah ein bisschen aus wie Stenografie, etwas, das Lily ansatzweise gelernt hatte von ihrer Mutter. Aber nur ein wenig, im Großen und Ganzen sah es aus, als hätte jemand gedankenlos gekritzelt.

Harrys Augen jedoch klebten förmlich daran, wurden immer weiter. „Was ist los?“, unterbrach Severus ihn schließlich. Ihn irritierte das Verhalten des Jugendlichen. Es sah aus, als könne er dem Ganzen einen Sinn entnehmen, doch das konnte nicht sein. Oder doch?

„Das … das ist Parsel!“, wisperte Harry. „Geschrieben von Voldemort. Persönliche Notizen. Vielleicht einige Antworten auf unsere Fragen.“

„Merlin!“, hauchte Severus entsetzt, und trat zu seinem Gefährten, nahm ihn in den Arm, als er das Zittern spürte. Ein wenig Angst und eine Menge Aufregung, wie es schien. „Kannst du es mir übersetzen?“

„Ich denke schon.“, nickte Harry, wenn auch ein wenig zögerlich. „Es ist nicht leicht, ich habe noch nie Parsel in Schriftform gesehen. Und da ich meistens nicht merke, wenn ich Parsel spreche, ist es schwer, umzuschalten. Weißt du, damals, als ich die Kammer geöffnet habe, wollte es erst nicht klappen. Nach einer Weile habe ich mir dann vorgestellt, die Schlangen sind echt. Da hat es funktioniert. Sobald ich eine lebende Schlange sehe, spreche ich automatisch Parsel, ohne dass ich es merke. Zumindest war es bisher immer so.“

„Wir müssen es versuchen.“, drängte Severus. „Vielleicht ist es leichter, wenn du es nicht Wort für Wort übersetzt, sondern immer ein Stück liest und mir dann erzählst, was in dem Abschnitt stand.“

„Okay.“, stimmte Harry zu. Das könnte besser funktionieren. Seine Augen flogen erneut über die Zeilen, diesmal konzentrierter. Seine Stirn legte sich in Falten und er nagte an seiner Unterlippe. Severus beobachtete ihn ein wenig fasziniert. Diese Kleinigkeiten, Angewohnheiten seines Gefährten, wollte er kennen lernen. Sie zeigten den wahren Harry, den Mensch hinter der Maske. Severus war sich nur zu bewusst, dass Harry – genau wie er selbst – eine Maske trug, um der Welt das zu zeigen, was sie sehen wollte. Vielleicht sogar noch mehr als er selbst.

„Er schreibt, dass er einen Professor Slughorn nach den Horkruxen gefragt hat.“, berichtete Harry nach einigen Minuten. „Eine wirkliche Antwort hat er scheinbar nicht bekommen auf die Frage, was passieren würde, wenn man seine Seele mehr als einmal spaltet, aber er hat wohl daraus geschlossen, dass es möglich ist.“

„Gut, das bestätigt unsere Theorie.“ Severus nickte zufrieden und ein wenig selbstgefällig.

„Ich dachte, das wäre mehr als eine Theorie?“, wunderte sich Harry.

„Da hast du wohl Recht. Diese Bestätigung ist dennoch hilfreich.“, lächelte Severus einen Moment. „Weiter.“ Er machte sich kurze Notizen, damit sie später noch nachlesen konnten, ohne Harry übersetzen lassen zu müssen. Wobei das sicher nicht ganz ausblieb, wenn es um relevante Stellen ging. Aber erst einmal war ein grober Überblick wichtig.

„Er schreibt von dem Tagebuch. Und dem Ring. Beide hat er in der Schulzeit geschaffen.“ Harry wirkte noch blasser als zuvor.

Severus zog ihn an sich. „Durchatmen, mein Kleiner!“, murmelte er in die wirren schwarzen Haare.

Harry gehorchte und atmete tief den beruhigenden Duft des Tränkemeisters ein. Ihm war durchaus  aufgefallen, dass Severus ihn ‚mein Kleiner‘ genannt hatte. Eine wohlige Wärme durchströmte ihn und er lächelte einen Moment, bis ihn die Realität wieder einholte. „Das ist eine schreckliche Vorstellung. Ich meine, er war vielleicht so alt wie ich oder ein wenig älter, da hat er bereits zwei Morde verübt. Mindestens.“ Er schauderte und drückte sich an Severus. Der vertrieb die Kälte aus ihm.

„Ich glaube, es hat eigentlich schon viel früher angefangen.“, begann Severus. „Im Rat haben wir versucht, seinen Weg zu rekonstruieren. Weit kamen wir nicht, aber er ist wohl schon vor seiner Schulzeit eiskalt und berechnend gewesen. Er muss gestoppt werden, bevor es noch schlimmer wird.“

„Denkst du, es könnte hunderte Horkruxe geben? Ich meine, er hat sicher nicht nur ein paar Menschen umgebracht seither.“, krächzte Harry entsetzt.

„Nein.“, war Severus sicher. „Nicht hunderte. Die Seele wird immer stärker verletzt, immer instabiler, je mehr sie geteilt wird. Erinnerst du dich, wir haben in der Nacht davon gesprochen, als wir das erste Mal von dem Horkrux in dir redeten.“ Schaudernd erinnerte sich Harry an diese Nacht, die ihn ziemlich mitgenommen hatte. Einzig die Nähe, die er damals von Sirius, Remus und auch Severus gespürt hatte, war eine gute Erinnerung an jene Nacht. Inzwischen vertraute er darauf, dass sie eine Lösung fanden, auch wenn noch immer nichts in Sicht war. Doch da er die Okklumentik jetzt recht gut beherrschte, konnte er sich verschließen und hatte keine so schrecklichen Visionen mehr. „Wir haben im Rat darüber diskutiert und sind relativ sicher, dass es nicht mehr als sieben oder acht Teile einer Seele sein können. Zwei davon haben wir in der Hand, einer steckt in dir, einer ist sicher vernichtet. Das sind vier. Einer wurde vermutlich für die Rückkehr genutzt, so wie du es beschrieben hast. Fünf. Bleiben uns also, wenn unser Verdacht richtig ist, zwei oder drei, von denen wir nichts wissen. Da sollten uns die Aufzeichnungen helfen. Hoffe ich jedenfalls.“

„Okay, dann sehen wir weiter.“, straffte sich Harry. „Denkst du, Voldemort ahnt, dass ich einen in mir habe?“

„Ich denke nicht, sonst würde er seine Strategie ändern.“, schüttelte Severus sofort den Kopf. „Er würde dich nicht töten wollen, denn dann würde er sich selbst damit schwächen. Nein, er weiß nichts davon, ahnt es nicht einmal.“ Er war absolut sicher.

Harry nickte zustimmend, und beugte sich wieder über die dicht beschriebenen Pergamentseiten. Es schien, als wären es Seiten aus einem Tagebuch. „Er schwärmt von Hogwarts und den Gründern, aber zumindest auf diesen beiden Seiten schreibt er nichts über Horkruxe oder mögliche Behälter.“, erklärte Harry nach einer ganzen Weile. Harry stockte einen Moment. Er dachte an die Ereignisse in der Kammer. Schon damals hatte Riddle deutlich gemacht, wie wichtig ihm Hogwarts war. Aber erst einmal wollte er nichts sagen. Er las deshalb weiter. „Hier lässt er sich über seine Mutter aus, die – zumindest laut seinen Worten – aus der Blutlinie von Slytherin stammen muss.“ Harry keuchte auf, als er noch einige Sätze gelesen hatte. „Das Medaillon, es ist wohl von ihr. Es stammt von Salazar Slytherin persönlich!“

Auch Severus holte nun zischend Luft. Das war mehr als überraschend. Er hätte nicht geahnt, dass es außer dem Schwert Gryffindors noch Erbstücke der Gründer gab. Innerlich zitternd vor Spannung wartete er auf Harrys nächste Worte.

„Auch der Ring ist aus Slytherins Erbe.“, kam es bald von dem Jugendlichen. „Voldemorts Großvater hieß Vorlost Gaunt, er muss wohl tatsächlich aus der Blutlinie des Gründers kommen. Der Ring, den wir dort gefunden haben, kommt ebenfalls von Salazar Slytherin. Das Haus gehörte den Gaunts, die trotz der edlen Abstammung total verarmt waren.“ Er las noch ein wenig weiter. „Wie es scheint, hatte Merope Gaunt, Voldemorts Mutter, nur sehr wenig Magie. Sie war eine Squib und ihr Vater hat sie wohl ziemlich mies behandelt, weil sie trotz der edlen Abstammung so eine Schande war. Sie ist mit Tom Riddle durchgebrannt, der sie aber noch in der Schwangerschaft verlassen hat. Aber so wie Voldemort hier schreibt, starb sie bei der Geburt ihres Kindes. Tom Vorlost Riddle wuchs in einem Waisenhaus auf und hat sich dort wohl keine Freunde gemacht. Die Kinder, die ihn schikanierten, hat er bestraft. Er hat damals schon Magie bewusst eingesetzt, um andere zu verletzen. Zum Beispiel hat er ein Kaninchen am Dachbalken aufgehängt, ein anderes Kind wurde von einer Schlange gebissen.“

Severus nickte. „Das ist so ziemlich das, was wir mit Xenophilius' Hilfe im Rat herausfanden. Zumindest im Großen und Ganzen.“

Harry sah auf. „Das ist gruslig.“, gestand er schaudernd, und beugte sich wieder über die Pergamente. „Er springt ziemlich in der Zeit umher, oder aber die Seiten sind ungeordnet. Schon in der Schulzeit hat er wohl die ersten Todesser um sich versammelt. In dem Jahr, als die maulende Myrte starb, hat er das Tagebuch als Horkrux-Behälter genutzt.“

„Ich denke, das reicht für heute, Harry.“, bremste ihn Severus. Er merkte, dass es zu viel für seinen Kleinen wurde. Und doch konnte ihm das niemand abnehmen, da Harry außer dem Lord der Einzige war, der Parsel verstand. Sirius und Remus hatten einen echten Volltreffer gelandet, und sie konnten von Glück sagen, dass Dumbledore es ihnen nicht abgenommen hatte. „Du solltest schlafen. Wir können morgen Abend hier weitermachen.“ Er stoppte Harrys Protest, noch bevor er etwas sagen konnte. „Wir müssen nicht alles auf einmal erledigen. Das hier war ein großer und wichtiger Schritt, aber es ist spät. Geh ins Bad und mach dich bettfertig. Ich bin noch ein wenig im Wasser, komme aber später zu dir. Wenn du das möchtest.“

„Natürlich will ich das!“, ereiferte sich Harry. Wie konnte Severus nur denken, dass er sich anders entscheiden würde?

„Dann werde ich kommen.“, neigte Severus den Kopf. „Aber ich brauche ein bisschen Bewegung im Wasser. Bald bringe ich euch den Kopfblasenzauber bei, dann könnt ihr auch schwimmen gehen.“

Mit einem Mal fiel Harry wieder ein, dass Severus verletzt war und ihm gesagt hatte, dass das Meerwasser ihm beim Heilen helfen würde. Und da hielt er ihn davon ab, ins Wasser zu gehen! „Entschuldige, ich habe vergessen ...“

Severus unterbrach ihn, indem er ihm die Lippen mit einem sanften Kuss verschloss. „Du musst dich nicht entschuldigen, Kleiner!“, murmelte er sanft gegen die weichen Lippen. „Geh jetzt duschen. Ich komme dann nach. Mein Bett hier ist groß genug für uns beide.“

„Danke!“, strahlte Harry und huschte nach nebenan, vermutlich wollte er seine Zähne putzen und seinen Schlafanzug holen. Severus sah ihm schmunzelnd nach, und sprang dann direkt ins Wasser, um die Heilkräfte für sich zu nutzen. Eine Stunde später lagen sie gemeinsam im Bett. Erneut schliefen sie in einer engen Umarmung, die alles und nichts bedeutete. Alles, weil keiner von ihnen – auch wenn sie es wohl nicht laut sagen würden – mehr anders schlafen wollte, nichts, weil es keine erotische Komponente hatte. Und das wollte Severus auch nicht, immerhin war Harry erst fünfzehn. Wahrscheinlich sollte er sogar die Küsse bleiben lassen, aber das konnte er nicht. Es schien auch Harry gut zu tun, er wirkte mit einem Mal aufrechter, gerader und sicherer. Seine Blicke huschten nicht mehr so ängstlich hin und her, blieben verunsichert auf dem Boden hängen, sondern er blickte seinem Gegenüber in die Augen. Das musste etwas bedeuten, anders konnte es sich Severus nicht erklären. Er lauschte den gleichmäßigen Atemzügen des Jüngeren. Noch nie, seit er die Nächte mit Harry verbrachte, hatte der so ruhig geschlafen. Letzte Nacht konnte Zufall sein, aber heute erneut? Nach dem, was er herausgefunden hatte? Nein, das war sicher kein Zufall, sondern ein deutliches Zeichen.

 

Am Morgen klopfte es wie verrückt an der Tür von Severus. Aus dem Schlaf gerissen stand er auf und öffnete nur einen Spalt. „Lucius.“, grüßte er seinen Gast knurrend. „Ich hoffe für dich, es ist wichtig, wenn du mich zu dieser Uhrzeit aus dem Bett wirfst.“ Es war noch weit vor dem Sonnenaufgang.

„Tut mir leid, das hatte ich nicht vor. Aber Draco hat mich informiert, dass Harry verschwunden ist. Er wollte gestern Abend noch eine Runde Schach mit ihm spielen, da war Harry nicht in seinem Zimmer. Draco hat immer wieder nachgesehen, aber der Junge ist nicht da. Als ich gerade kam, war er völlig aufgelöst, weil er sich Sorgen macht.“, berichtete Lucius.

„Und was denkt mein Patensohn? Was glaubt er, das mit Harry passiert ist?“, wollte Severus wissen und schmunzelte innerlich.

„Du kennst ihn.“, seufzte Lucius. Severus nickte nur, verzog aber keine Miene. „Von Entführung durch den dunklen Lord über Erpressung durch Dumbledore bis hin zu Selbstmord ist beinahe alles dabei.“

„Wieso sollte ich mich umbringen?“, entfuhr es Harry, der inzwischen wach war, aber von der Tür aus nicht gesehen werden konnte.

Severus kam nun in den ungewöhnlichen Genuss eines absolut sprachlosen und aus der Fassung gebrachten Lucius Malfoy. Die Augen weit aufgerissen, der Mund stand offen, kein Ton kam mehr heraus. Mehrere Momente genoss er den Anblick, dann rollte er mit den Augen und öffnete er die Tür ein wenig weiter. „Komm rein, Lucius. Ich würde es vorziehen, wenn es sich nicht weiter herum spricht. Noch nicht.“

Lucius Malfoy kämpfte um seine Fassung, seine kühle Fassade. Er trat in das Zimmer, nicht überrascht, dass Severus die Türe schloss.

„Wir sind Gefährten, was hast du erwartet?“, fragte Severus.

„Verdammt, Harry ist fünfzehn, er ist sogar noch jünger als Draco!“, fluchte Lucius.

„Was denkst du, was ich mit ihm mache?“, konterte Severus mit erhobener Augenbraue.

„Hey, ich bin hier!“, mischte sich Harry nun ein, der dem Ganzen ein wenig sprachlos gefolgt war. Aber jetzt wollte er nicht länger ignoriert werden. „Severus tut nichts, was ich nicht will. Keine Sorge, Mister Malfoy, wir schlafen nicht miteinander. Beieinander, das schon. Mehr ist da nicht.“

„Ich … Severus, es tut mir leid, ich hätte wissen müssen, dass du das nicht machst.“, entschuldigte sich Lucius. „Und Harry, ich bin Lucius.“ Der Jugendliche riss die Augen auf und starrte den Blonden an.

„Schon gut, ich hätte sicher nicht anders reagiert.“, winkte der Tränkemeister ab, als Harry nichts sagte. „Aber wenn du nun schon hier bist, dann kannst du die Notizen von gestern lesen. Scheinbar waren Lupin und Black erfolgreich im Riddle-Manor, sie konnte Aufzeichnungen vom Lord bergen. Harry hat gestern einen Teil übersetzt.“

„Übersetzt?“ Die Augenbraue des Blonden wanderte in die Höhe.

„Es ist in Parsel geschrieben.“, erklärte Severus. Er reichte ihm ein Pergament, auf dem er am Abend das Wichtigste notiert hatte. „Wir gehen uns anziehen. Nachher können wir es besprechen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, verschwand Severus in seinem Bad, während Harry nach nebenan huschte, um sich selbst fertig zu machen. Eine halbe Stunde später saßen sie gemeinsam in Severus' Zimmer.

„Soll ich jetzt den Rest übersetzen?“, wollte Harry wissen.

„Besser ist es.“, nickte der Blonde. „Wir müssen wissen, was uns erwartet.“

„Schaffst du es?“, sorgte sich Severus.

„Ja.“, lächelte Harry ihn warm an. Er nahm dankbar den Tee, den Severus ihm anbot, dann beugte er sich über die Pergamente und konzentrierte sich. „Hier fehlt eine Menge.“, stellte er nach einer Weile enttäuscht fest. „Er erwähnt nur, dass er eine Reise erfolgreich abgeschlossen hat. Ich denke, es fehlen einige Seiten dazwischen. Außerdem hat er erneut seine Verwandtschaft zu Slytherin untermauert. Borgin hat das Medaillon offenbar als echt bezeichnet. Er war wohl ziemlich wütend über die Art, wie Borgin mit seiner Mutter umging, die immerhin ein Reinblut edelster Abstammung war, aber dennoch hat er dem Ladenbesitzer nichts getan, weil er sicher war, dass dieser ihm eines Tages noch hilfreich sein könnte, immerhin ist er hinter den Erbstücken der Gründer her.“

„Also stimmt deine Vermutung.“ Severus war verblüfft. Harry sah fragend auf. „Denkst du, das hätte ich nicht bemerkt? Deine Gedanken standen dir gestern ins Gesicht geschrieben. Du bist sicher, dass Hogwarts und die Gründer eine Rolle bei den Horkruxen spielen.“

„Stimmt, ich war ziemlich sicher, aber ich wollte nichts sagen, weil es nur ein Gefühl war und ich es nicht belegen kann.“, gab Harry zu. Er beugte sich wieder über die Notizen. Eine Weile schwiegen sie, nur das Kratzen von Severus' Feder war zu hören, der aufschrieb, was Harry gesagt hatte. Schließlich legte Harry die Pergamente zur Seite. „Er schreibt tatsächlich davon, dass er seine Horkruxe gut verstecken muss. Das Tagebuch ist bekannt, das steht hier auch, allerdings nur, dass er es einem treuen Todesser gegeben hat, damit es zu einer bestimmten Zeit nach Hogwarts kommt, um zu vollenden, was er selbst als Schüler begonnen hat. Dann schreibt er von einer Höhle, die er als Kind bereits besuchte, dort wollte er auch etwas verstecken, aber er schreibt nicht, was und wo genau die Höhle ist. Auch das Haus seines Großvaters, Vorlost Gaunt, ist hier als Versteck erwähnt. Danach ist Ende der Aufzeichnungen, ich denke, hier fehlt der Rest.“ Er sah auf. „Und wie kriegen wir das jetzt raus?“

„Ich lasse mir etwas einfallen.“, versprach Lucius. „Es muss doch zu etwas gut sein, wenn man Todesser ist und gleichzeitig im Ministerium arbeitet. Kingsley kann mir sicher auch helfen. Du kümmerst dich jetzt erst einmal um deinen Paten, um Severus und den Unterricht. Ich denke, wir werden dich mit in den Rat nehmen, denn so wie Draco erzählt hat, schlitterst du sonst irgendwie in die ganze Sache hinein, das ist definitiv nicht das Ziel unserer Anstrengungen. Du wirst beteiligt werden, aber nur so weit, wie wir es zulassen können. Unser oberstes Ziel ist es, dich am Leben zu erhalten. Der Krieg sollte nicht auf deinen Schultern ausgetragen werden, auch wenn du immer mittendrin steckst.“

„In Ordnung. Danke.“, nickte Harry.

„Gut, dann ist das geklärt.“, beendete Severus sein Schreiben. Dennoch hatte er zugehört, wie es schien. „Gehen wir zum Frühstück und dann zu Sirius. Ab Mittag habt ihr Unterricht, sonst kann man euch Rabauken nicht mehr bändigen. Luna, und vor allem Draco haben nur noch Unsinn im Kopf, wie Onkel Jamin mir berichtete.“

Sie trafen die beiden blonden Jugendlichen beim Frühstück, die sehr erleichtert reagierten, als Harry zu ihnen kam. Er weigerte sich allerdings, ihnen zu sagen, wo er die Nacht verbracht hatte. Lieber beeilte er sich mit dem Frühstück, um bald zu seinem Paten zu kommen. Zu dritt gingen sie anschließend zur Krankenstation, nur Luna und Draco blieben zurück, sie wollten noch ein wenig in die Bibliothek, bevor der offizielle Unterricht begann. Narzissa würde später kommen, wenn Kingsley Feierabend hatte und sich um die Kinder kümmern konnte. Kaum, dass sie im Zimmer waren, erstarrte Lucius.

Zum zweiten Mal an diesem Morgen war Lucius schockstarr. Langsam machte sich Severus Sorgen um den Blonden, das konnte nicht gut sein, auch wenn er als Vampir nicht so anfällig für menschliche Tragödien wie einen Herzinfarkt war.

„Black war die richtige Familie, ich hätte nur einen Schritt weiter gehen müssen!“, hauchte Lucius. „Die richtige Familie, die falsche Person!“ Immer wieder stammelte er diesen Satz vor sich hin.

Langsam klickten die Puzzleteile ineinander. Severus verstand es als Erster. „Er ist dein Gefährte?“ Lucius nickte nur, er wirkte völlig abwesend. Wie in Trance trat er zu Sirius, der noch immer in einem Heilschlaf lag. Übervorsichtig strich er eine schwarze Strähne aus dem blassen Gesicht, wobei seine Finger sanft über die Haut tasteten und einen Moment verweilten. Er strich über die Stirn, die Wangen, den Mundwinkel.

„Das wird ihm nicht gefallen.“, prophezeite Severus grinsend. Er freute sich scheinbar schon über die Zeit, wenn Sirius das realisierte. Er hoffte nur, dass Lucius es überstand, wenn sein Gefährte ihm zumindest vorerst ablehnend gegenüber trat. Immerhin hatte er Remus sehr geliebt und brauchte wohl erst einmal Zeit zum Trauern. Außerdem kannte Sirius die Malfoys nur als treue Todesser.

Nun verstand auch Harry, was es wohl bedeutete. Er war nicht sicher, was er von dieser Entwicklung halten sollte. Einerseits wusste er bereits, dass Lucius nicht der Mann war, der er zu sein schien, andererseits hatte er gesehen, wie innig Sirius und Remus miteinander umgegangen waren. Eines war sicher, Lucius würde sehr vorsichtig vorgehen müssen. Leise knurrte Harry, er würde nicht zulassen, dass Lucius seinem Paten weh tat. Niemals. Egal wie kindisch Sirius manchmal war, er sollte nicht noch mehr verletzt werden. Der Tod von Remus war schon schlimm genug, erst einmal sollte er das verarbeiten dürfen. Da brauchte er keinen blonden Vampir, der etwas von ihm wollte.

Als hätte er Harrys Gedanken gelesen, sah der Blonde auf. „Er soll mich in Ruhe kennen lernen. Ich werde ihm Zeit lassen, aber auch um ihn kämpfen.“, schwor Lucius und sah dabei beiden Schwarzhaarigen in die Augen. Seine Augen leuchteten, aber er wirkte dennoch zurückhaltend. Wenn auch mühsam. Und doch war er ehrlich, das konnten sie ihm ansehen.

„Dein Wort in Merlins Ohr.“, seufzte Severus. Lucius würde schwer zu kämpfen haben, so viel stand fest. Doch im Moment war nicht einmal sicher, ob Sirius es überstand. Er blickte zu Harry, der mit sich zu kämpfen schien. Noch war er sich offenbar nicht sicher, was er davon halten sollte, aber er hielt sich zurück. Noch.

„Außerdem …“, überlegte Lucius, „… du hast Potter, ich meine Harry, schließlich auch von dir überzeugt. Dann sollte ich das bei seinem Paten auch schaffen, unser Verhältnis zueinander ist ähnlich dem zwischen euch beiden früher. Wann hast du eigentlich angefangen, uns allen etwas vorzumachen? Seit wann weißt du, dass er dein Gefährte ist?“

Severus zögerte eine Weile, bis sein Blick auf Harry fiel, der ihn mit einer Mischung aus Neugierde und Bitte ansah. Da setzte er sich und zog den Jüngeren auf seinen Schoß. „Wirklich gemerkt habe ich es im letzten Jahr, während des Turniers. Aber es hat sich schon viel früher abgezeichnet, wenn ich ehrlich bin. Bereits als du, Harry, zum ersten Mal in der großen Halle warst, fühlte ich eine … Faszination von dir ausgehen. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, immerhin siehst du, bis auf die Augen, aus wie dein Vater. Du weißt, wie er mit mir umging. Das machte es mir fast ein wenig zu leicht, dich zu hassen. Andererseits gab ich Lily damals das Versprechen, auf dich zu achten. Dazu kommt, dass dein Vater mir das Leben gerettet hat, damals in der heulenden Hütte. Ich war es ihnen schuldig. Jedenfalls hoffte ich, meine Schuld bei James Potter damit zu begleichen. Dann konnte ich ihn wieder ohne schlechtes Gewissen hassen. Allerdings fiel es mir zunehmend schwerer, je länger du in Hogwarts warst, denn ich merkte, dass du mehr wie Lily bist. Lange habe ich versucht, das zu ignorieren. Ich durfte dich nicht offensichtlich schützen, alle mussten glauben, dass ich dich hasse. Anfangs fiel es mir nicht schwer, doch schon im zweiten Jahr suchte ich Ausreden, warum ich dich beschütze, wollte nicht einmal mir selbst eingestehen, dass ich es gerne machte.“ Er seufzte leise und setzte einen Kuss auf Harrys Stirn. Seine Gedanken gingen zurück zu dem Moment, als es ihm bewusst geworden war, welcher Art die Anziehung war. Mit geschlossenen Augen erinnerte er sich. „Es war bei der zweiten Aufgabe.“, begann er.

„Die Champions sind nun seit genau dreißig Minuten im Wasser, das bedeutet, die Hälfte ihrer Zeit ist um.“, erklärte der Stadionsprecher gerade.

Severus hörte nur mit einem Ohr hin. Seit dreißig Minuten waren seine Augen nicht eine Sekunde von der Wasseroberfläche weggezuckt. Er hatte Ha… Potter beobachtet, wie er langsam und vorsichtig, beinahe unsicher ins Wasser ging. Irgendetwas hatte er in der Hand gehalten und dann in den Mund gesteckt. Dianthuskraut. Severus hatte die Wirkung auf Anhieb erkannt, der Stadionsprecher hatte eine Weile gemutmaßt, bis sich Dumbledore erbarmt hatte und es ihm sagte. Wie hatte der Jun… Bengel das nur aus seinen Vorräten bekommen? Severus war sicher, dass das Kraut aus seinen Vorräten war, es war schwer zu bekommen. Außer man hatte selbst die Möglichkeit, mit Kiemen zu tauchen.

Mit jeder vergehenden Minute wurde Severus unruhiger. Seine Instinkte schrien Gefahr, doch er konnte nicht ausmachen, was sie meinten. Schon seit Monaten war er unruhig, genauer seit dem Moment, als Potters Name aus dem Feuerkelch gespuckt wurde. Bis heute hatte er nicht herausgefunden, wer es geschafft hatte, oder wie. Sobald er an Ha… Potter dachte, drehte sich ihm der Magen um. Er brauchte eine Weile, bis er das Gefühl deuten konnte. Es war Sorge. Und das ging nun schon seit Halloween. Sobald Severus einen Blick aus diesen grünen Augen auffing, musste er sich beherrschen, um seine Maske beizubehalten. Dieses Schuljahr war eine stetige Herausforderung für ihn, vor allem, da auch Karkaroff und Moody ihn nicht aus dem Auge ließen. Ständig schien er Ha… Potter zu begegnen. Jedes Mal geriet sein Herz einen Moment aus dem Takt, wenn der Gryffindor in seine Richtung sah. Seit wann war es in den Kerkern so warm? Inzwischen schwitzte Severus sogar im Winter in seinem Klassenzimmer. Allerdings nicht in allen Stunden. Nur dann, wenn die vierte Klasse Gryffindor und Slytherin bei ihm Unterricht hatte. Lag das an der potentiell explosiven Mischung, die hier aufeinander prallte? Draco und Ha… Potter schenkten sich nichts, ebenso wenig ihre Freunde. Man musste hier immer mit allem rechnen. Stetige Aufmerksamkeit hatte schon mehrmals sein Klassenzimmer vor einer Renovierung bewahrt. Warum verdammt hatte er aber das Gefühl, dass das nicht alles war? Im fünften Jahrgang gab es mit den Weasleys und Flint ähnliche Probleme, doch da schwitzte er nicht so sehr.

Immer wieder glitten Severus' Gedanken zu den wirren schwarzen Haaren und den leuchtenden, smaragdgrünen Augen. Wobei sie in letzter Zeit nicht mehr geleuchtet hatten, sie waren immer stumpfer geworden. Zusätzlich hatten sich dunkle Ringe unter ihnen gebildet. Severus fragte sich, warum ihm das aufgefallen war. Warum achtete er so sehr auf Ha… Potter? Das war nicht das, was er Lily versprochen hatte. Es war viel mehr. Zu viel. Verdammt, der Bengel nahm immer mehr Raum in seinem Kopf ein, seit Wochen oder gar Monaten schon. Selbst in seine Träume schlichen sich diese Augen. Er wollte sie zum Leuchten bringen. Warum fiel es ihm immer schwerer, gemein zu dem Jungen zu sein? In letzter Zeit musste er sogar gegen den Impuls kämpfen, ihm aufmunternd über den Kopf zu streichen oder seine Schulter zu drücken.

Dumbledores Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er erklärte, dass die Französin aufgeben musste. Aber was war mit den anderen Champions? Was war mit Harry, nein, Potter. Warum verdammt schaffte er es nicht einmal mehr, ihn als ‚Potter‘ zu sehen? Diggory und Chang tauchten aus den Fluten auf, genau wie Krum und Granger. Ein seltsames Paar, aber Severus war es egal. Es war schon weit über der Zeit, wo war Ha… Potter? Verdammt, was, wenn ihm etwas passiert war? Ein Stich durchfuhr Severus, und er musste sich eingestehen, dass er besorgt war. Mehr als besorgt. Er hatte Angst. Um Harry. Wie lange würde ihm das Dianthuskraut noch reichen? Severus versteckte die zitternden Hände in seinen Roben und versuchte, teilnahmslos zu wirken, während er nachrechnete, wie viel von dem Kraut ihm fehlte, wie viel er überhaupt gehabt hatte. Er kannte Harrys Gewicht nicht genau, aber lange würde es nicht mehr helfen. Dann würden die Kiemen und die Schwimmhäute verschwinden. Was sollte er jetzt tun?

Nur mit Mühe hielt sich Severus davon ab, unruhig auf und ab zu gehen. Niemand durfte etwas merken, sagte er sich immer wieder. Und doch schlug sein Herz immer schneller. Der Gedanke daran, dass Harry in dem Moment mit dem Ertrinken kämpfen könnte, ließ ihn beinahe verrückt werden. ‚Was bedeutet der Junge mir?‘ Diese Frage stellte er sich, wieder und wieder. Und es gab nur eine Antwort, die er schließlich zulassen musste. Alles. Sein inneres Wesen wollte ihm nahe sein, und Severus spürte die Anziehung immer stärker, als er es sich schließlich eingestand. Die besorgten Stimmen wurden immer lauter und Severus war drauf und dran, in den See zu springen, um Harry zu retten. Seinen Gefährten. Das war die Wahrheit, die er seit Monaten versuchte zu verdrängen. Jetzt ging es nicht mehr. Der Drang, in das Wasser zu tauchen, wurde immer größer, nur die bloße Vernunft hielt ihn davon ab. Er DURFTE sich nicht verraten. Die Wassermenschen im See würden niemanden ertrinken lassen. Würden sie? Severus zweifelte mit einem Mal daran. Gerade, als er dann doch springen wollte, tauchten erst ein roter, dann ein silbriger und ein schwarzer Haarschopf auf. Potters Helferkomplex hatte mal wieder zugeschlagen, wie es schien.

„Du hast mir damals wirklich Angst gemacht, Kleiner.“, gestand Severus nun.

„Tut mir leid.“, nuschelte Harry. „Ich war ein Idiot, ich habe damals wirklich geglaubt, das Gedicht sagt die Wahrheit, nämlich dass die kleine Schwester von Fleur stirbt, wenn sie nicht innerhalb einer Stunde gerettet wird. Deshalb habe ich so lange gebraucht, ich … ich konnte doch niemanden ertrinken lassen.“

„Oh, Harry!“ Halb lachend, halb ernst sah Severus zu seinem Gefährten. „Du hast aber auch ein Talent, dich in Schwierigkeiten zu bringen mit deinem Helferkomplex! Ich bin ehrlich froh, dass du im Ligusterweg besonnener reagiert hast. Ich hatte schon befürchtet, dass du einfach den Schutz verlässt und zu mir rennst. Dann wären wir beide verloren gewesen.“

„Ich konnte dich doch nicht da liegen lassen, wenn du vorher schon ...“, wisperte Harry. Er schauderte. „Das war schrecklich!“

„Ja, das war es.“, stimmte Severus zu. „Aber ich bin dankbar, dass uns das Schicksal zusammengeführt hat. Auch wenn die Zeit bei deinen Verwandten sicher nichts ist, was wir noch einmal erleben wollen.“

„Was ist eigentlich mit den Dursleys passiert?“, fiel es Harry ein. Noch hatte er nichts gehört, aber auch nicht mehr daran gedacht, dass sie nun möglicherweise schutzlos waren.

„Ich fürchte, sie sind tot.“, antwortete Lucius. „Der Lord hat sie letztlich doch erwischt, scheinbar ist der Schutz mit deiner, mit eurer Flucht gefallen. Er hat in ihren Erinnerungen gesehen, wie sie dich behandelt haben, Harry, und er war stinksauer, weil er der Meinung ist, er alleine hätte das Privileg, dich zu foltern und zu töten. Das Haus ist niedergebrannt, und deine Verwandten wurden getötet, genau wie die Freunde von dem Jungen, die gerade zu Besuch waren. Ihr Tod war nicht leicht.“

„Dann sind sie noch gnädig davon gekommen.“, knurrte Severus unversöhnlich. Lucius' Augenbraue hob sich fragend, doch als er den Blick des Tränkemeisters sah, schloss er den Mund ohne Worte.

„Aber ...“, begann Harry. Er dachte an den Schutz, den sie ihm geboten hatten vor den Todessern.

„Nein, Harry.“, unterbrach ihn Severus sofort. „Sie haben unendliche Qualen in der Hölle verdient dafür, wie sie mit dir umgingen. Das hätte ich nicht einmal deinem Vater gewünscht.“

Bei dieser Aussage wanderte auch Lucius' zweite Augenbraue nach oben, doch er wusste es besser, als eine Frage zu stellen. Vielleicht, wenn er mit Severus alleine war. Wobei, so wie der den Jugendlichen festhielt, würde das wohl erst einmal nicht der Fall sein. Er selbst war nicht besser, fiel ihm gerade auf. Noch immer hielt er Sirius' Hand und streichelte geistesabwesend über die eingefallene Wange.

„Das heißt, alles, was ich hatte, ist jetzt zerstört?“, hauchte Harry. „Auch mein … mein Tarnumhang und mein Fotoalbum?“

„Fotoalbum?“, hakte Severus nach.

Harry nickte mit feucht glänzenden Augen. „Hagrid hat es mir geschenkt. Er hat Fotos von meinen Eltern gesammelt und eingeklebt, damit ich etwas von ihnen habe.“ Eine Träne rann über seine Wange.

„Oh Harry!“, wisperte Severus und zog den Jugendlichen in die Arme. „Es tut mir leid, Kleiner.“

„Ist nicht deine Schuld.“, schniefte Harry. Er hatte so sehr gehofft, dass er eines Tages zurück gehen und seine Heiligtümer holen könnte. Um all die anderen Dinge war es zwar schade, aber nicht so schlimm, das konnte man ersetzen. Die Schulbücher, die Uniform und die Quidditch-Sachen. Der Tarnumhang, die Karte des Rumtreibers (die er Severus gegenüber lieber nicht erwähnte) und das Fotoalbum waren jedoch unbezahlbare, kostbare Erinnerungen an seine Eltern. Dieser Verlust tat wirklich weh und Harry war dankbar, dass Severus ihn einige Momente fest im Arm hielt.

Es klopfte leise an der Tür, dann trat der Heiler ein und warf sie hinaus. Sirius brauchte Ruhe und sollte nun gewaschen werden. Lucius wollte beinahe zurück bleiben und das Waschen selbst übernehmen, doch der Heiler wartete nicht lange, sondern schob ihn hinaus und schloss die Tür hinter ihnen.

 

Severus brachte sie nun zur Bibliothek, wo sie hofften, auf Luna und Draco zu treffen. Er und Harry gingen nun wieder ein wenig auseinander, sie hatten sich mit einem kurzen Blick und einem Nicken verständigt. Lucius sah es sich einen Moment an, dann fing er den Blick des Tränkemeisters auf. „Ich werde es für mich behalten.“, versprach er.

„Wir auch.“, antwortete Harry. Einen auffordernden Blick zu Severus hinwerfend, blieb er stehen. Severus nickte nach einem Moment bestätigend.

Nach wenigen Minuten, die sie schweigend zurücklegten, erreichten sie die Bibliothek. Lucius hob die Hand und hielt sie zurück, öffnete lautlos die Tür. Ein leises Schmunzeln huschte kurz über sein Gesicht, dann winkte er ihnen, ihm leise zu folgen. Severus und Harry sahen sich verwirrt an, hoben je eine Augenbraue, was Harry beinahe zum Kichern brachte, dann folgten sie schulterzuckend dem Blonden. Der führte sie nach hinten, bis in die dunkle Ecke, in der kein Fenster war. Harry wunderte sich, was Lucius dort wollte, warum brachte er sie in die Dunkelheit? Er mochte keine dunklen Ecken oder Räume. Unwillkürlich trat er einen Schritt näher an Severus heran, wollte nach der Hand greifen, die ihm Sicherheit versprach. Severus schenkte ihm einen beruhigenden Blick, die Augen wirkten amüsiert. Hatte er bereits etwas gesehen, das Harry noch verborgen blieb? Nun, Severus als Meermann und Lucius als Vampir sahen und hörten deutlich besser als er selbst. Also kniff er die Augen zusammen und konzentrierte sich auf die dunkelste Stelle der Bibliothek, die direkt vor ihnen lag, nur durch ein Regal von ihnen getrennt. Und plötzlich hörte er es. Ein leises Rascheln von Stoff, hastige Atmung und etwas das … nach was eigentlich klang? Harry brauchte einige Momente, bis er realisierte, dort küsste sich jemand. Sehr innig und intensiv. Ihm ging ein Licht auf. Draco und Luna. Die Beiden waren in den letzten Tagen eigentlich dauernd zusammen unterwegs. Hatte er nicht schon die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass da mehr war? Sie hatten sich immer wieder angesehen, wenn sie glaubten, Harry passe nicht auf.

„Chrm, chrm.“, räusperte sich Lucius nun und trat vor. Severus hob seinen Zauberstab und sorgte für Licht, da ihm klar war, sein Gefährte konnte sonst nichts erkennen.

Jetzt kicherte Harry wirklich, es sah auch zu lustig aus. Ganz offenbar waren Luna und Draco vollkommen überrascht worden von ihnen. Dracos rote Wangen verdunkelten sich noch weiter, er hatte den Mund offen, als würde er Luna noch immer küssen, brachte ihn nicht mehr zu, schaffte es aber auch nicht, ein Wort zu sagen. Luna hingegen lächelte selig und zwinkerte Harry zu. Ihr schien es überhaupt nichts auszumachen.

„Draco Lucius Malfoy, was habe ich dir über die Treue zu Gefährten beigebracht?“, donnerte Lucius gespielt böse. In dem Moment ignorierte er, dass er selbst sich ebenfalls ein wenig … ausgelebt hatte.

„Ich … Dad, es ist … ich … wir …?“, stammelte der Jugendliche. Die dunkelrote Farbe im Gesicht ließ sein Haar noch heller wirken als sonst.

„Wir sind Gefährten.“, verkündete Luna schlicht. „Wir wissen es, seit wir hier sind.“

„Ein Vampir und eine Elfe? Das gab es bisher noch nicht. Vor allem, weil unsere Völker noch nie miteinander auskamen, zu viel ist in der Vergangenheit passiert. Und ihr seid sicher?“, schaffte Lucius irgendwann heraus zu bringen.

„Das passt doch wunderbar.“, fand Severus trocken. Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. „Ihr Malfoys legt doch immer Wert auf Einmaligkeit. Dein Sohn scheint dir in der Beziehung nachzueifern.“

„Aber so früh?“, zweifelte der ältere Blonde. „Draco ist fünfzehn, Luna sogar noch ein Jahr jünger!“

„Sie hatten vielleicht einfach nur Glück, sich so früh begegnet zu sein.“, gab Harry zu bedenken. Er war ziemlich neugierig: „Was genau ist denn in der Vergangenheit zwischen den Elfen und den Vampiren passiert?“

„Vielleicht sollten wir uns nun dem Unterricht widmen. Da können wir Harrys Frage gleich mit beantworten.“, schlug Severus vor, bevor Lucius etwas erwidern konnte. „Immerhin haben wir uns deswegen hier getroffen.“

„Du hast Recht, Severus.“, nickte Lucius, nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte. Dracos Augenbraue hob sich – Harry fragte sich, ob alle Slytherins das konnten – und er blickte seinen Vater irritiert an. Scheinbar wunderte er sich, warum sein Vater sich so schnell ablenken ließ. Allerdings sagte er nichts dazu, er wusste genau, dass er Glück hatte, wenn sein Vater nicht ausrastete. Immerhin hatte er bisher noch keinen Gefährten. Jedenfalls soweit Draco wusste.

„Gut. Also, es ist geplant, dass Xeno Zauberkunst übernimmt. Fenrir wird euch in Verteidigung und dunkle Magie unterrichten, Onkel Jamin übernimmt Verwandlungen und magische Geschichte, Lucius wird  Fenrir mit dunkler Magie unterstützen. Die Beiden werden auch Duellunterricht mit euch machen. Ich selbst bin für Tränke und Kräuterkunde zuständig.“, erklärte Severus. „Da Xeno wenig Zeit hat, werden wir einen Teil seines Unterrichts mit übernehmen, wenn auch Lucius Zeit im Ministerium und beim Lord verbringen muss, um kein Misstrauen zu erregen. Mandana und Alemie wollen euch die Geschichte der magischen Wesen näher bringen. Da Xenophilius und Lucius beide arbeiten müssen, haben wir beschlossen, dass ihr von Mittwoch bis Sonntag unterrichtet werdet. Da können die Beiden kommen, ohne aufzufallen. Wenn er Zeit hat, kommt auch Heiler Smethwyk und bringt euch ein paar einfache Heilzauber bei, aber das wird spontan passieren, sein Dienstplan ändert sich zu häufig und er kann nicht einfach so weg.“

„Welchen Tag haben wir heute eigentlich?“, wunderte sich Harry, der die Zeit in den letzten Wochen völlig aus den Augen verloren hatte.

„Es ist Dienstag, der 16. September.“, antwortete Severus. „Da in wenigen Tagen Vollmond ist, wird Fenrir diese Woche Theorie mit euch machen. Auch wenn er und sein Wesen eins sind, rund um den Vollmond ist sein innerer Wolf sehr aktiv und die Magie kommt ein wenig durcheinander. Er will nicht, dass etwas beim Unterricht passiert.“

„Remus war immer vollkommen fertig.“, fiel es Harry ein. Er zitterte, als er sich an den Dunkelblonden erinnerte. Dessen Schicksal warf ihn ziemlich aus der Bahn, vor allem, weil es auch bei Sirius noch nicht sicher war, dass er überleben würde. Severus warf ihm hinter dem Rücken von Luna und Draco einen liebevollen Blick zu, der ihn ein wenig beruhigte. Da würden sie wohl noch reden müssen, fiel es dem Tränkemeister auf. Harry schaffte es noch immer, ihn glauben zu lassen, dass alles in Ordnung war. Insofern waren sie sich erstaunlich ähnlich, sie schafften es, unangenehme Ereignisse zu verdrängen, wenn es vermeintlich Wichtigeres gab. Bis der Kampf vorbei war, würde Harry alles verdrängen, wenn keiner ihn zwang, darüber zu reden, und so tun, als wäre alles in Ordnung. Aber offensichtlich war es das nicht. Severus nahm sich vor, mit Harry zu reden oder jemanden zu finden, mit dem er sprechen konnte. Mit einem Mal schien dem schwarzhaarigen Jugendlichen etwas einzufallen. „Hermine hat in drei Tagen Geburtstag! Ob ich ihr ein Geschenk schicken kann?“

„Ich kann gerne etwas verschicken. Oder besser an Xeno geben, von mir wird sie es wohl nicht annehmen.“, bot Lucius eifrig an, was Draco dazu veranlasste, erneut seine Augenbraue zu heben. „Aber Dad, ...“, begann er, doch Lucius sah ihn scharf an und sprach selbst weiter: „Ich kann auch in deinem Namen etwas besorgen, wenn du das möchtest.“

Severus musste ein Schmunzeln unterdrücken. Offenbar kämpfte Lucius bei Harry um Sirius, und das mit allen Mitteln.

„Nein, das wird nicht nötig sein, aber danke. Ich habe etwas für sie geschaffen, mit Magie. Eine Kette aus Perlen, die in den Muscheln waren, die wir zum Üben bekamen.“, erklärte Harry mit leicht roten Wangen.

„Darüber wird sie sich sehr freuen.“, meinte Luna. „Das zeigt ihr, dass sie dir wichtig ist, wenn du Zeit und Energie aufwendest.“

„Danke, Luna!“, lächelte Harry. Es erleichterte ihn, das zu hören. Vor allem, weil es von Luna kam, die immer ehrlich war.

„Ich muss jetzt los, ich habe eine Besprechung im Ministerium.“, stand Lucius nun auf. „Ich komme am Samstag wieder.“ Er wandte sich ab, dann noch einmal zurück. „Harry, kannst du dein Geschenk für deine Freundin holen? Ich schaffe es vor Samstag vermutlich nicht mehr hierher, und Xeno ist ebenfalls nicht hier.“

Harry nickte und rannte in sein Zimmer, kam nur wenige Minuten später zurück. Er reichte Lucius ein kleines Päckchen. „Danke, dass du das verschickst!“, lächelte er.

„Gerne, Harry.“, nickte Lucius. „Dann bis Samstag. Und Severus, sag mir Bescheid, wenn sich etwas ändert.“

Severus wusste genau, was Lucius meinte und nickte. Der Blonde verabschiedete sich und verließ nun die Bibliothek. Severus scheuchte die Jugendlichen nun zum Mittagessen in den kleinen Speisesaal, danach sollte der Unterricht endlich beginnen. Er würde sie mit in sein Labor nehmen, das sein Onkel für ihn einrichten hatte lassen. Dort ließ er sie einen einfachen Stärkungstrank brauen. Erstens, damit sie wieder ein wenig in die Materie kamen, zweitens, damit er auf Fehlersuche gehen konnte. Ihm war bewusst, dass sein Gefährte nicht nur wegen seiner Art in Hogwarts schlecht im Brauen gewesen war, da musste noch mehr sein. Luna war ihnen ein Jahr hinterher, sie arbeitete akkurat, aber nicht überragend. Dort wollte er ansetzen. Schnell erkannte er eines von Harrys Problemen. „Achtet darauf, Schneidbretter und Messer nach jedem Arbeitsschritt gründlich zu reinigen.“, wies er die Jugendlichen an. Allgemein gehalten, um Harry nicht  direkt unter Druck zu setzen. Danach ging es deutlich besser, und auch Harrys Trank hatte die richtige Farbe. Ihm fehlte das Gefühl dafür, wie es schien, aber vielleicht kam das mit der Zeit noch. Bislang hatte Harry immer unter Druck und in Angst gearbeitet, das wollte Severus nun ändern. Vielleicht hatte er doch ein wenig von Lilys Talent geerbt.

Nach einer Stunde waren die Tränke fertig und Severus ließ sie abfüllen. Danach machte er Theorie mit seinen Schülern. Schließlich sollten sie am Ende in der Lage sein, die ZAG- oder gar UTZ-Prüfungen zu absolvieren. Es erstaunte ihn, wie viel Harry eigentlich wusste, jetzt, wo er ihm neutraler begegnete. Zumindest versuchte er, neutral zu sein. So richtig gelang ihm das nicht, denn er wollte seinen Gefährten glücklich sehen. Aber er wollte auch nicht, dass Draco oder Luna misstrauisch wurden. Harry stand ohnehin im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit, selbst hier in der Stadt der Meermenschen. Es kam häufiger vor, dass Bewohner der Stadt in den Palast kamen, nur um Harry anzustarren. Das störte Harry gewaltig. Wenigstens behandelten Luna und Draco ihn bisher normal, aber das würde sich wohl ändern, wenn sie herausfanden, dass Severus und Harry Gefährten waren. Obwohl laut Plan eigentlich nur zwei Stunden Unterricht vorgesehen waren, machte Severus bis kurz vor dem Abendessen weiter, denn es lief wirklich gut. Selbst Harry schien mit sich zufrieden, seine Antworten waren wohlüberlegt und meist richtig. Und da sich ein Teil des Rates gerade traf, konnte auch der restliche Unterricht nicht nach Plan stattfinden.

Nach dem Essen entschuldigte sich Severus, um die Tränke zu analysieren. Wenn er den Schülern sagte, was sie falsch gemacht hatten und wie sie es besser machten, konnten sie Fortschritte machen. Harry hingegen ging mit Draco und Luna zurück in die Bibliothek. Sie unterhielten sich leise, um die anderen Besucher nicht zu stören. „Wie lange wisst ihr es schon? Ich meine, dass ihr Gefährten seid?“, wollte Harry wissen.

„Das haben wir erst hier herausgefunden. In den letzten Monaten, seit vor meiner Verwandlung, hatten wir keinen Kontakt zueinander.“, erklärte Draco. „Ich war ein Idiot, das ist mir klar, aber ich musste bestimmte Vorgaben erfüllen. Dazu gehörte nun mal, dass ich dich, Harry, angriff, und die verrückte Luna“, er küsste seine Gefährtin, „entschuldige Engel, ignorierte und mich von ihr fernhielt. Auch wenn wir eigentlich befreundet waren, wir kennen uns vom Rat.“

„Mir war schon seit einer Weile klar, dass Draco anders ist, als er sich gibt.“, erzählte Luna weiter. „Schon im letzten Jahr fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Sein Verhalten in der Schule hat mich aber von ihm ferngehalten. Hier allerdings ist er anders, viel natürlicher. Und als er mir die Hand zur Begrüßung gegeben hat, haben wir beide es gemerkt. Unsere Magie hat uns gezeigt, dass wir Gefährten sind.“

„Und wieso gibt es keine Verbindungen zwischen Elfen und Vampiren bisher?“, erkundigte sich Harry.

„Vampire sind als blutrünstig verschrien.“, übernahm Draco. „Elfen hingegen sind Naturwesen, die das Leben immer und überall bewahren. Das sind Gegensätze, die es schwer machen, die beiden Völker zu verbinden. Allerdings ist es nicht so, dass Vampire immer und überall auf Töten aus sind. Ja, wir brauchen Blut, aber wir saugen normalerweise niemanden aus. Wenn wir Gefährten haben, trinken wir bei ihnen. Dabei schenken wir ihnen beim ersten Mal, wenn wir uns an den Gefährten binden, die Fähigkeit, immer genug Blut zu bilden. Sehr schnell. Ich könnte meine Gefährtin nach der Bindung nicht leer saugen. So viel brauchen wir auch nicht, es reichen wenige Schlucke einmal in der Woche, bei starker Anstrengung oder auch Verletzungen etwas mehr.“

„Elfen“, übernahm nun Luna die Erklärung, „schützen das Leben. Du hast sicher schon einmal bemerkt, dass ich vegetarisch esse. Schon immer. Als Elfe kann ich gar nicht anders. Tiere sind denkende, fühlende Wesen. Sie zu töten ist verpönt unter den Elfen. Nur, wenn wir ihnen damit unnötiges Leid ersparen können, töten wir ein Tier. Aber wir würden es niemals essen. Das ist etwas, was Elfen bei anderen Lebewesen schwer nachvollziehen können, wie sie Fleisch in solchen Massen essen können. Uns ist es ein Graus, wenn wir jemanden dabei beobachten, wie er oder sie Fleisch isst. In Hogwarts habe ich gelernt, es zu ignorieren, aber es war nicht immer leicht. Das ist auch der Punkt, an dem ich gelernt habe, Kompromisse einzugehen, deshalb klappt es zwischen Draco und mir. Nicht nur deshalb, aber das ist ein Punkt, der bisher eine Verbindung zwischen Elfen und Vampiren verhindert hat. Es wird sicher auch in Zukunft nicht immer leicht sein, aber das schreckt uns nicht ab.“ Wie um ihre Aussage zu untermauern küsste sie Draco.

Harry lächelte, er freute sich für die Beiden. Sein neues Wissen beinhaltete, dass die Magie nur dann zwei Wesen aneinander band, wenn sie sich nicht grundsätzlich ablehnten. Er sehnte sich nach der Nähe zu Severus, was ihn selbst ziemlich verwirrte. Die beiden Nächte, die er nun in Severus' Armen verbringen konnte, hatten ihm gut getan. Auch wenn es eigentlich eine Nacht und ein Vormittag gewesen waren. Er wusste, es gab noch viele Dinge, die er verarbeiten musste, aber er fühlte sich sicher und geborgen, wenn Severus in der Nähe war. Sie redeten noch eine Weile weiter, doch es wurde Harry bald bewusst, dass Luna und Draco lieber alleine wären, also wünschte er ihnen eine gute Nacht und zog sich in sein Zimmer zurück. Dort duschte er, dann las er noch eine Weile in seinem Bett liegend. Er hoffte, dass Severus bald kommen würde.

„Herein.“, rief er, als es klopfte.

„Du bist noch wach.“, stellte Severus fest und trat ein. „Wie geht es dir?“ Er setzte sich zu Harry auf das Bett und strich über den Arm des Jugendlichen.

Harry legte das Buch beiseite und schmiegte sich in die starken Arme. „Ich … ich weiß es nicht.“, gestand er. „Remus … er fehlt mir, und daran zu denken, dass er nie wieder … Es tut weh … Und Sirius …“ Harry schniefte kurz, weinte aber nicht.

„Harry, du solltest darüber reden.“, murmelte Severus in die wirren Haare, als sich sein Gefährte mit dem Gesicht an seine Brust schmiegte.

„Ich weiß.“, nuschelte der Jüngere gegen den Hals des Tränkemeisters, schwieg danach aber. Er genoss die Wärme und die Stärke, die er in dieser Umarmung spürte. Noch war er nicht so weit, dass er reden konnte. Aber irgendwann musste er. Das wusste Harry. Dennoch war derzeit etwas anderes wichtiger für ihn. „Wann ist denn nun eigentlich die Beerdigung von Remus?“, erkundigte er sich und löste sich aus der Umarmung, um Severus ansehen zu können.

„Am Montag.“, erwiderte Severus. „Fenrir wollte noch ein wenig warten, ob Sirius wach wird, damit er bei der Beisetzung dabei ist, aber im Moment sieht es nicht danach aus, dass er in nächster Zeit aufwacht. Allerdings hoffe ich für dich, dass er es gesund übersteht.“

„Ich auch.“, wisperte Harry.

„Komm her, halt dich an mir fest. Und dann erzähl mir, was dich belastet.“, bot Severus an. Dankbar schmiegte sich Harry erneut an den Tränkemeister und begann leise zu sprechen. Erst stockend, dann immer schneller. Er spürte, wie gut es ihm tat und wollte einfach nur noch alles loswerden. Severus strich ihm immer wieder über den Rücken, während er ruhig zuhörte. Er spürte, wie gut es Harry tat. Wahrscheinlich sollten sie das viel öfter machen. Irgendwann wurde Harry still und Severus hörte an der gleichmäßigen, tiefen Atmung, dass er eingeschlafen war. Auch Severus schloss nun seine Augen, um zu schlafen. Er ließ seine Arme um Harry, es fühlte sich wirklich gut an und offensichtlich tat es auch seinem Gefährten gut. Also beließ er es dabei.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Die Lehrer versuchten, ihre drei Schüler alle auf den gleichen Stand zu bringen. Sie lernten intensiv, aber dennoch machte es Spaß. Da sie nur zu dritt waren, konnten sie sich jedem Thema so widmen, dass sie es auch alle verstanden. Schnell hatte Luna aufgeholt in den meisten Fächern. In Verwandlungen und Zauberkunst machte ihr bald keiner mehr etwas vor. Harry war einsame Spitze in Verteidigung und Draco in Zaubertränke. Allerdings halfen sie sich nun gegenseitig, was dazu führte, dass sie deutlich schneller lernten. In dunkler Magie hatten sie in dieser Woche nur Theorie gemacht. Fenrir wirkte ziemlich unruhig, bewegte sich ständig. Und doch war es interessant, was er ihnen über die schwarze Magie erzählte. Harry lauschte fasziniert.

„Ursprünglich war dunkle Magie nicht von der weißen getrennt. Jeder hat genutzt, was ihm leichter fiel.“, dozierte Fenrir. „Irgendwann hat das Ministerium festgestellt, dass viele magische Wesen mehr dunkle Magie in sich tragen. Da wurde sie bereits aus Hogwarts verbannt, nicht mehr unterrichtet. Als die Todesser anfingen, dunkle Magie zu nutzen, um Menschen zu foltern und zu töten, wurde sie komplett verboten. Dabei ist diese Form der Magie nicht anders als die weiße, es gibt Angriffs- und Verteidigungszauber, Verwandlungen, Heilzauber und vieles mehr. Wir werden damit anfangen, dass ihr euch in den Büchern die Zauber anseht und euch die Formeln und die zugehörigen Bewegungen herausarbeitet. Nächste Woche werden wir mit der Praxis beginnen. Wenn ihr alle drei genug dunkle Magie in euch habt, dürfte es schnell gehen, sobald ihr den Dreh raus habt, ansonsten bleibt ihr einfach bei der Theorie, was nicht schlimm ist. Ihr könnt nicht ändern, wer ihr seid. Seht euch die ersten beiden Kapitel an. Wenn ihr Fragen habt, ich bin hier.“

Die drei Schüler konzentrierten sich nun auf ihre Bücher, versuchten nach einer Weile die beschriebenen Zauberstabbewegungen praktisch durchzuführen. Fenrir korrigierte sie nur wenig, im Allgemeinen wussten die Jugendlichen ganz gut, wie sie es umsetzen mussten. Mit einem Mal sprang der Werwolf auf, hielt sich den linken Arm. „Ich muss los!“, zischte er. „Ihr macht weiter. Harry, geh ins Labor, dort müsste Severus sein, solltest du eine Vision haben.“ Wie alle aus dem Rat wusste er von Harrys Visionen und auch, dass Severus ihm helfen konnte, aber nicht mehr.

Fenrir ging mehr als hastig aus dem Raum, rannte draußen sofort zum Portal, um vom Wald aus zu apparieren, damit er nicht auffiel. Harry hingegen ging ins Labor zu seinem Gefährten. Mit erhobener Augenbraue sah Severus auf, als der Jugendliche hereinkam. „Fenrir musste gehen, das Mal hat gebrannt.“, erklärte Harry knapp. Severus legte das Messer beiseite, mit dem er gerade eine Alraunenwurzel geschnitten hatte, und wirkte einen Stasis-Zauber auf den Kessel. Er brachte Harry nach oben in sein Zimmer.

„Setz' dich, Harry, und entspann' dich.“, ordnete er an und deutete auf einen Sessel. Harry gehorchte. „Und jetzt konzentriere dich auf die Mauer. Du hast es geübt, du kannst es. Denke nicht daran, was gerade passieren könnte, sondern nur an die Mauer.“

Mit geschlossenen Augen saß Harry im Sessel und visualisierte die Mauer. Er spürte die Verbindung, doch er blieb stur bei seiner Mauer, ließ nichts anderes zu. Diesmal half ihm Severus' Stimme, konzentriert zu bleiben. Seine Gedanken waren geschützt, beinahe wie in einem Gefängnis. Sie konnten nicht hinaus, aber nichts konnte herein, und darauf kam es an. Harry spürte, wie die Verbindung aktiv wurde, aber er stellte sich vor, wie die Mauer zwischen seinen Gedanken und der Verbindung immer fester und höher wurde. Tatsächlich hatte er diesmal keine Vision, auch wenn es mehr als anstrengend war, so lange immer nur an eine Mauer zu denken. Als der Druck schließlich nachließ, brach Harry erschöpft zusammen. Er zitterte vor Kälte und Müdigkeit, fühlte sich unangenehm verschwitzt.

„Gut gemacht!“, nickte Severus anerkennend. „Mir scheint, du hast es geschafft! Ich lasse dir eine Wanne ein, dann kannst du dich waschen und aufwärmen. Und danach solltest du schlafen, du hast dich vollkommen verausgabt.“

„Aber es hat funktioniert!“, strahlte Harry. „Ich habe es geschafft!“ Er umarmte Severus enthusiastisch, freute sich sichtlich.

„Geh baden.“, scheuchte ihn Severus und rümpfte seine empfindliche Nase. „Ich muss ins Labor, zumindest für zwei Stunden. Warte nicht auf mich.“

„Kommst du wieder her?“, bettelte Harry. Er wollte nicht mehr alleine schlafen, es fühlte sich viel zu gut an, diese starken Arme um sich zu haben in der Nacht.

„Sobald ich fertig bin.“, versprach Severus und küsste Harry kurz. Ein Versprechen, zusätzlich zu dem, was er in Worten ausgedrückt hatte. Er würde es nicht sagen, aber Harry schien es ohnehin zu ahnen: Auch er konnte deutlich besser schlafen, wenn der Jüngere in seinen Armen lag.

 

„Blaise!“, freute sich Draco zwei Tage später, als Lucius einen neuen Schüler mitbrachte.

„Fenrir hat Chiara gefunden und in Sicherheit gebracht.“, berichtete der ältere Blonde hastig. „Der Lord weiß nicht, wer es war, er ist ziemlich wütend. Auch Devon ist in Sicherheit, und wir haben Blaise aus Hogwarts geholt, dort wäre er nicht mehr sicher. Ich denke, sie sind hier gut aufgehoben, zumindest fürs Erste. Ich muss zurück, damit der Lord keinen Verdacht schöpft.“

„Danke, Dad!“, lächelte Draco.

„Pass auf dich auf, mein Sohn.“, mahnte Lucius, dann wandte er sich um und ging mit wehendem Umhang zurück zum Portal. Harry fragte sich, ob man das in Slytherin lernte, es sah genau wie bei Severus aus. Der Fledermausauftritt, wie sie es immer genannt hatten. Bei dem Gedanken vermisste er seine Freunde, Hermine und Ron, er konnte in Gedanken Rons Bemerkung darüber hören, genau wie Hermines Zurechtweisung.

„Blaise, am besten setzt du dich zu Harry, dann können wir starten.“, mahnte Jamin Prince nun und riss Harry damit aus seinen Gedanken. „Also, in der letzten Stunde haben wir uns mit der Theorie zu Verwandlungen beschäftigt. Wer kann mir sagen, worauf es allgemein ankommt?“

Die Finger von Harry, Luna und Draco schnellten in die Höhe, Blaise sah eher verwirrt aus. Nach einem auffordernden Nicken von Jamin erklärte Luna: „Verwandlungen sind nicht nur von einer Formel und Zauberstab-Bewegung abhängig, sondern vor allem von der Vorstellungskraft und der Konzentration auf die Magie. Wirkt man sie ohne nachzudenken, wird nicht das erwünschte Ergebnis auftreten, außerdem braucht man zu viel Energie.“

Draco ergänzte: „Je komplexer die Veränderungen sind, die man herbeiführen will, desto intensiver muss man sich darauf konzentrieren. Eigentlich ist es davon abhängig, wie genau man das Ergebnis visualisiert und mit seiner Magie formt. Im Prinzip ist es egal, wie groß der Ausgangsstoff ist. Und wenn ich ein Staubkorn verwende. Ich kann beinahe alles daraus schaffen, wenn ich meine Magie richtig kanalisiere.“

„Sehr gut.“, nickte Jamin. „Harry, welche Einschränkungen haben wir dabei?“

„Wir können zum Beispiel kein Essen auf diese Weise schaffen.“, wusste der Grünäugige. „Außerdem können wir auch keine Menschen zum Leben erwecken auf diese Art. Oder erschaffen.“ Er schauderte. Eigentlich war er ziemlich froh, dass dies nicht funktionierte.

„Ebenfalls richtig. Dann wollen wir mal sehen, wie gut das in der Praxis klappt.“, entschied Jamin. „Ich habe hier ein wenig Sand, daraus erschafft ihr bitte jeweils eine Decke, einen Becher, einen Raben und eine Tasche. Ihr habt Zeit bis zum Ende der Stunde.“

Die vier Jugendlichen nahmen sich jeweils ein kleines Häufchen Sand, dann begannen sie. Die Decken und die Becher waren schnell geschaffen, die Raben und die Taschen forderten sie deutlich mehr heraus. Schnell erkannte Harry, wie wichtig es war, die Anatomie des Tieres zu kennen, in das er den Sand verwandeln wollte. Blaise neben ihm hatte eine Tasche geschaffen, die zwar wundervoll aussah, aber nicht zu gebrauchen war, da sie keine Öffnung hatte. Am Ende der Stunde beauftragte Jamin Prince sie, das Visualisieren zu üben und die Anatomie der Vögel und den Aufbau einer Tasche genau zu studieren. Die Becher und Decken waren gut gelungen, damit war er mehr als zufrieden.

Nach dem Unterricht an diesem Tag nahm Blaise sie mit. „Darf ich euch meinen Dad und meine Schwester Chiara vorstellen?“, begann er, als sie die kleine Wohnung im Palast betraten, die den Zabinis zur Verfügung stand. Der Vater von Blaise sah seinem Sohn ziemlich ähnlich, die dunkle Hautfarbe und die schwarzen Haare stammten eindeutig von ihm. Allerdings hatte der Ältere braune Augen, im Gegensatz zu Blaise' sehr hellen blauen. Chiara hingegen hatte die braunen Augen ihres Vaters geerbt, dafür waren ihre Haare deutlich heller. Ihr rundes, kindliches Gesicht hatte eine große Ähnlichkeit zu Blaise, von dem sie sich nun auf den Arm nehmen ließ. Dann erst ließ sie sich von Draco, Luna und Harry begrüßen. Danach reichten sie auch Mister Zabini die Hand.

„Nennt mich Devon.“, bot dieser an. „Ich bleibe nun mit den beiden Kindern erst einmal hier, Mister Prince hat uns aufgenommen. Jedenfalls so lange, bis wir eine sichere Bleibe haben. Ich schätze, der Lord wird nicht begeistert sein, wenn ich dem nächsten Ruf nicht folge.“ Unwillkürlich fiel sein Blick auf den linken Unterarm, und er schauderte.

„Geben sie mir ihren Arm.“, bat Harry. „Ich kann das Mal entfernen.“

„Du … du kannst das dunkle Mal entfernen?“, keuchte Devon. „Ist das dein Ernst?“

Harry nickte und zog seinen Zauberstab. Ein wenig zögernd überließ ihm Devon schließlich den linken Arm. „Deletrium!“, zischte Harry mehrmals auf Parsel, dazu machte er die Bewegung, die Remus ihm gezeigt hatte. Es versetzte ihm einen kurzen Stich, doch er blieb konzentriert, bis das Mal verschwunden war.

„Wow!“, staunten Draco und Blaise gleichzeitig. „Das ist ja Wahnsinn!“

„Das sollte sich besser nicht herumsprechen.“, mahnte Severus, der in der Tür stand. „Aber es ist gut, dass du es getan hast, Harry. Ansonsten hätte Devon sehr leiden müssen, wenn der Lord ihm auf die Schliche kommt.“

„Du … du hast auch kein Mal mehr!“, stellte Draco fest, der seinen Patenonkel zum ersten Mal mit kurzen Ärmeln erlebte.

„Dank Harry.“, nickte Severus. „Und dank Remus, er hat es analysiert und Harry den Zauber beigebracht, sodass er ihn nur noch in Parsel übersetzen musste.“ Er hielt einen Moment inne, dann kam er auf das Thema zu sprechen, weshalb er eigentlich nach Harry gesucht hatte. „Morgen nach dem Unterricht ist die Beerdigung. Fenrir will es nicht länger vor sich her schieben, er hat das Gefühl, sie müssten bald aus dem Wald fliehen und er will es vorher machen. Bis Montag ist es einfach noch zu lange.“

„Danke, Severus.“ Harry wirkte nun nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Aber da außer den Zabinis alle wussten, worum es ging, verstanden sie es.

„Ich habe noch etwas, Harry.“, fügte Severus an. „Der Trank ist fertig. Da Sirius und Remus nicht dabei sein können, ist es nun an uns.“ Harrys Augen weiteten sich. Severus nickte kurz, dann fügte er an: „Gehen wir gleich? Onkel Jamin hat die Schutzzauber um die Stadt entsprechend verstärkt.“ Nun nickte der Jugendliche und beeilte sich, dem Tränkemeister zu folgen. Verwirrt sahen die Anderen ihnen nach, nur Luna wirkte nachdenklich.

Im Labor angekommen holte Severus die beiden Holzkistchen heraus, in denen sie die Horkruxe verstaut hatten. Er reichte die eine Harry. „Am besten gleichzeitig.“, entschied er. „Wir öffnen die Behälter direkt über dem Kessel, sodass die Magie uns nicht so intensiv beeinflussen kann. So fallen die Horkrux-Behälter direkt in den Trank. Wenn alles stimmt, dann werden sie eine starke Reaktion verursachen, deshalb habe ich so einen großen Kessel gewählt. Es wird eine Weile sprudelnd kochen, dann beruhigt es sich und die Horkruxe sind vernichtet. So viel zur Theorie. Testen wir es.“

Harry nickte, stellte sich neben den Kessel und hielt das Etui darüber, den Verschluss nach unten. Severus spiegelte seine Haltung, dann griffen sie nach den Verschlüssen. „Jetzt!“, befahl Severus, und gleichzeitig ließen sie die Verschlüsse aufschnappen. Harry spürte einen starken Drang, das Medaillon aufzufangen, aber er klammerte sich an das Holz, um diesen Gedanken nicht auszuführen. Seine Erinnerungen an Sirius und Remus hielten ihn fest, sodass er nicht komplett wegdriftete, aber er bekam nicht einmal mit, wie die beiden Horkruxe in dem Trank landeten und dieser mit einem Mal den gesamten Kessel ausfüllte. War er vorher leicht weißlich schimmernd und durchsichtig gewesen, verfärbte er sich nun zu einem dunklen, bedrohlich leuchtenden rot und brodelte bis knapp unter den Rand des Kessels. Zufrieden beobachtete Severus dies, zeigte es doch genau die Reaktion, die er berechnet hatte. Nun hieß es warten. Er hob seinen Blick zu Harry, der zitternd und mit schockweiten Augen neben dem Kessel stand.

„Ruhig!“, umarmte er ihn. „Es klappt.“

„Remus. Sirius.“, hauchte Harry, seine Gedanken zusammenfassend.

„Ich weiß.“, murmelte Severus in die dunklen Haare. „Sie wären stolz auf dich, wenn sie das hier sehen könnten. Auch wenn sie nie wollten, dass du in diesem Krieg kämpfst, aber sie wären wirklich stolz, wenn sie wüssten, was du hier geschafft hast. Ich bin stolz auf dich, nur Wenige haben die Kraft, so etwas zu vernichten. Alleine hätte ich es nicht geschafft.“ Er küsste Harry vorsichtig und kurz, doch das genügte, um den Jüngeren aus seiner Starre zu reißen. Harry legte die Arme um seinen Gefährten und seine Lippen auf die von Severus. So warteten sie, sich liebkosend und ein wenig neckend, bis der Trank sich beruhigte. Still, schwarz und dick war er schließlich vor ihnen im Kessel. Es war geschafft, zwei Horkruxe waren vernichtet. Und doch wollte sich kein wirklicher Triumph breitmachen, zu viel hatte es ihnen gekostet.

Devon begleitete Blaise am nächsten Tag in den Unterricht. Auch er wollte etwas tun, um sich für die Hilfe erkenntlich zu zeigen. Immerhin hatten sie ihn und seine Kinder befreit. Mandana, die sie gerade unterrichtete, zeigte sich begeistert. „Das trifft sich gut, denn Jamin kann die nächste Stunde ohnehin nicht halten, da wir eine dringende Ratssitzung einberufen haben. Eure Flucht wird sicher Wellen schlagen und wir wollen beraten, wie wir reagieren. Ihr seid ein Heiler, bringt den Jugendlichen einige Zauber bei, damit sie kleinere Verletzungen selbst behandeln können. Wir alle hoffen, dass sie es nicht brauchen, aber besser wir gehen auf Nummer sicher.“

„Das mache ich gerne.“ Devon schien erleichtert.

„Gut!“, lächelte die Draconierin. „Wo habt ihr eure Tochter?“

„Mister Lovegood hat mir angeboten, sich erstmal um sie zu kümmern. Er kann gut mit ihr umgehen, und sie ist bei ihm geblieben, wenn auch ein wenig widerwillig.“, antwortete der Heiler. Er wirkte immer noch ziemlich durcheinander.

„Holt sie mit hierher, ihr wird nichts passieren und ihr habt die Sicherheit, dass es ihr gut geht.“, entschied Mandana. „Wir lernen gerade Einiges über magische Wesen, da stört die Kleine nicht.“

„Danke, Mylady.“, verneigte sich Devon kurz, bevor er den Raum verließ und in die kleine Wohnung lief, um Chiara zu holen.

„Draco, warum fängst du nicht an, deinem Freund Blaise zu erklären, worüber wir in der letzten Stunde gesprochen haben?“, begann Mandana nun mit dem Unterricht.

Draco, Luna und Harry berichteten abwechselnd, was sie bereits über magische Wesen, ihre Lebensumstände und die Arten der Wandlung wussten. Nicht alle Wesen wurden geboren, manche verwandelten sich auch erst in einem gewissen Alter oder nur unter bestimmten Umständen. Blaise schrieb fleißig mit, auch seine Mitschüler notierten noch einige Dinge, die sie nicht mehr wussten. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie sehr viel neues Wissen bekommen, das war nicht alles fest im Gedächtnis geblieben. Doch gemeinsam schafften sie es, ihre Lehrerin zufrieden zu stellen.

„Sehr gut!“, lächelte Mandana am Ende der Stunde. „Ihr habt gut aufgepasst und viel gelernt. Ich bin stolz auf euch, macht weiter so!“

Nun übernahm Devon. Chiara saß am Pult und malte in Gedanken versunken auf einem Stück Pergament. Blaise saß neben Harry und wirkte sehr aufmerksam. Auch Harry spitzte die Ohren, das hier war genau das, was er sich vorstellte für die Zukunft. „Heilzauber unterscheiden sich kaum von allen anderen Zaubern. Offiziell sind nur weiß-magische Zauber erlaubt, aber ich werde euch auch einige schwarz-magische Zauber zeigen. Der Unterschied zu Verwandlungen ist eigentlich nicht besonders groß, auch hier muss man genau wissen, wie der Körper im gesunden Zustand aufgebaut ist. Das heißt, zunächst müsst ihr euch mit der Anatomie des menschlichen Körpers beschäftigen. Wir fangen mit äußeren Wunden an, das heißt, Schnitte in Armen, Beinen oder dem Oberkörper. Dazu müsst ihr wissen wo die Muskeln, Blutgefäße, Nerven und Sehnen sitzen, genau wie die Rippen.“

Bis zum Mittagessen paukte Devon daher Anatomie mit ihnen. Sie mussten keine Namen lernen, sollten aber wissen, wo die einzelnen Strukturen lagen, denn sonst würden sie beim Heilen möglicherweise mehr kaputt machen, als sie heilten. Am Ende war er durchaus zufrieden mit seinen Schülern. „Ich muss sagen, ihr habt eine schnelle Auffassung. Unsere Schüler im St. Mungos brauchen dafür oft sehr viel länger. Gut gemacht! Ab mit euch zum Mittagessen!“

„Dein Dad ist echt klasse!“, fand Harry, als sie zu Viert beim Essen saßen. „Ich habe das Gefühl, bei ihm wirklich viel lernen zu können. Vielleicht werde ich mal Heiler, denn das gefällt mir so richtig!“

„Und ich dachte immer, du willst Auror werden.“, schüttelte Draco verwirrt den Kopf.

„Das denken alle, ich weiß nur nicht, warum.“, murrte Harry. „Weil mein Dad einer war? Oder weil ich Verteidigung so gut kann? Das habe ich nur Remus zu verdanken, und der war nie Auror. Ich will nicht kämpfen.“

„Das passt auch viel besser zu dir.“, mischte sich Luna mit ihrer sanften Stimme ein.

„Mein neuer Stab ist zwar auch ein Verteidigungsstab, aber noch besser ist er für Heilung geeignet, hat Severus jedenfalls gesagt.“, erklärte Harry.

„Du nennst Professor Snape beim Vornamen?“, wunderte sich Blaise.

„Äh, ja, lange Geschichte.“ Harry wurde rot. „Aber er heißt nicht Snape, sondern Prince. Solltest du hier in Atlantica besser beachten, er mag den Namen Snape nicht besonders. Ist auch nicht seiner, sondern der seines Schwagers. Auch eine lange Geschichte. Vielleicht setzen wir uns abends mal zusammen, damit du auf den aktuellen Stand kommst.“

„Und ich dachte immer, du kannst uns Slytherins nicht ausstehen.“ Blaise blickte immer weniger durch.

„Du warst schon immer okay, fand ich.“, zuckte Harry die Schultern. „Draco war arrogant und hat uns ständig beleidigt, genau wie Parkinson, Crabbe, Goyle und Nott. Du hast dich eigentlich immer raus gehalten, manchmal sogar Draco davon abgehalten, irgendeinen Blödsinn anzustellen. Ich weiß, dass du mehrmals verhindert hast, dass er unsere Zaubertränke ruiniert. Lass gut sein, Draco, ich weiß, dass du dich entschuldigt hast, und warum du es getan hast. Ich bin dir nicht böse, will nur erklären, warum Blaise kein böses Wort von mir hört.“

„Er musste auch nicht beweisen, dass er auf der Seite des Lords steht.“, seufzte der Blonde. „Ich habe das alles nicht genossen, glaub mir.“

„Ich weiß.“, lächelte Harry. „Vergeben und vergessen.“ Er war einfach nur froh, dass sie hier nun friedlich zusammen sitzen konnten.

„Du bist echt so gutmütig, wie es immer heißt!“, staunte Blaise. Dann wurde er ernst. „In den letzten Wochen musste ich so tun. Es war nicht schön. Ich bin froh, dass Chiara frei ist und wir hier sein können.“

Schweigend widmeten sie sich nun ihrem Essen. Vor allem Harry und Luna waren entsetzt, was der Schwarzhaarige mit den hellen blauen Augen offensichtlich durchgemacht hatte. Zwar hatte er nicht viel gesagt, aber seine Augen sprachen Bände, und den Rest konnten sie sich vorstellen. Und dennoch hatte er sein Lachen nicht verloren. Schon am Nachmittag in der Bibliothek scherzte er wieder mit ihnen und versüßte ihnen das Lernen mit seinem Lachen.

 

Zwei Tage später standen Harry und Severus mitten in einem magischen Wald. Fenrirs Rudel lebte dort, aber es herrschte Aufbruchstimmung. Dem Alpha wurde es langsam zu heiß hier, denn es schien, als kämen ihnen Dumbledore und das Ministerium immer näher. Zu viele Menschen außerhalb des Rudels wussten, dass sie hier lebten, auch wenn der Wald sehr gut geschützt war. Dennoch war das ihre Heimat, und so wollten sie einen der ihren hier begraben. Das hieß, Fenrir wollte es. Sonst wusste kaum jemand davon, nur Andy, Fenrirs Gefährte. Daher standen sie nun auch zu Viert neben dem Baum, unter dem der Alpha magisch ein Loch gegraben hatte. Remus war verbrannt worden und seine Asche ruhte nun in einer Holzkiste. Harry hatte mit einem Zauber einen Hund und einen Wolf darauf eingraviert, die umeinander liefen, dazu einen Hirsch, der sie beobachtete. Tränen liefen über seine Wangen, aber er lächelte leise. „Das hier hätte Remus gefallen.“, wisperte er.

„Das denke ich auch.“, nickte Severus. „Er liebte die Natur, in Hogwarts saß er meist unter einer Eiche, die ähnlich wie diese hier aussah.“

„Das hier war sein Lieblingsplatz, als er beim Rudel war.“, fügte Andy an. Mit seinen dunkelblonden, halblangen Haaren und dem Dreitagebart erinnerte er Harry an Remus. Auch die bernsteinfarbenen Augen, die allen Werwölfen eigen waren, betonten die Ähnlichkeit. Andy hielt seinen Armstumpf eng am Körper, sodass er meist unter dem Umhang verborgen war. Ob er deshalb einen Umhang trug? Harry wusste es nicht, aber er fand den Gefährten des Alpha recht nett. Ruhig, nachdenklich, aber sympathisch. Der sonst so unruhige Fenrir, der sich ständig bewegte im Unterricht, stand nun regungslos neben seinem Gefährten, hielt ihn im Arm. Auch Severus legte einen Arm um Harry. Der Jugendliche lehnte sich an, genoss die Nähe und schöpfte neue Kraft daraus.

Fenrir räusperte sich und legte die Holzkiste in die ausgehobene Grube. „Wir sind hier um Abschied zu nehmen. Remus John Lupin war ein Mensch und ein Wolf, dessen Gehen ein großes Loch in jenen hinterlässt, die ihm noch nicht folgen können. Wir werden dich nie vergessen, du warst und bist ein Teil dieses Rudels, auch wenn du selbst lange gebraucht hast, um diesen Teil von dir zu akzeptieren. Dennoch hast du hier mit uns gelebt und versucht, dich selbst als das zu sehen, was du bist, ein magisches Wesen, kein Monster. Viel zu lange wurde dir das von Menschen eingeredet, die Angst vor deinen Fähigkeiten hatten. Die dich ausnutzen und klein halten wollten. Die dir einredeten, dass du gefährlich bist und dein Wesen unterdrücken müsstest. Erst am Ende hast du begonnen, dich selbst zu akzeptieren. Jetzt, wo du ein natürliches Leben vor dir hattest, haben dich die, die dich damals angeblich unterstützten, ermordet auf die grausamste Weise, die einem Werwolf widerfahren kann. Du weißt nun, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Achte auf deinen Welpen, er wird deine Hilfe bald brauchen, befürchte ich. Lebe wohl, Remus Lupin.“

„Remus.“, ergriff nun Harry das Wort. Seine Hand umklammerte die von Severus. „Als ich dich kennen lernte, wusste ich nicht, dass du mir so ein enger Vertrauter und Freund werden würdest. Du warst in den letzten Wochen und Monaten wie ein Vater für mich, ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander gehabt, ich wünschte, du und Sirius hättet mehr Zeit gehabt.“ Er musste unterbrechen, weil sich ein Schluchzen Bahn brach. Noch immer stand nicht fest, ob Sirius sich erholen würde. „Du warst ein treuer Mensch, hast immer zu uns gestanden. Mach's gut, Remy!“ Er verbarg sein Gesicht an Severus' Schulter, getröstet vom Arm des Tränkemeisters, der ihn festhielt.

„Remus, du warst mir früher ein Dorn im Auge, ich hatte Angst, seit ich damals deiner anderen Gestalt begegnete.“, sprach Severus nun. „Doch wir haben uns neu kennengelernt und du bist mir als Freund wichtig geworden. Du hast an unserer Seite gekämpft, ohne darüber nachzudenken, hast meiner Meinung vertraut. Du hast mir gezeigt, was Freundschaft bedeutet. Es tut mir leid, dass es so schnell zu Ende war, ich hätte dir ein langes Leben und ein friedlicheres Ende gewünscht. Leb' wohl, Remus, mein Freund.“

Gemeinsam beugten sie sich nun über das Grab und schenkten dem Sarg ihre Aufmerksamkeit. Harry strich noch einmal darüber. „Ich vermisse dich.“, murmelte er. „Grüß Mom und Dad von mir.“ Jetzt ließ Fenrir die Erde zurück in das Loch gleiten, bis ein kleiner Haufen zwischen zwei großen Wurzeln entstand. Darauf pflanzte Severus mehrere Lilien, von denen er wusste, dass Remus sie mochte. Fenrir legte viele kleine, helle Steine um den Hügel, sodass ein Stern entstand. Schweigend verharrten sie noch einige Momente unter dem Baum, beobachteten die Lichtflecken, die durch die Blätter der Eiche gefiltert über das Grab tanzten. Ein friedlicher Ort, der Remus sicher gefallen hätte.

Doch mit einem Mal ruckten Andy, Fenrir und Severus hoch. Ihre Blicke huschten in eine bestimmte Richtung. Verwirrt sah Harry auf, bis er es hörte. Schreie. Sie kamen näher. Fenrir hatte plötzlich seinen Zauberstab in der Hand und rannte los, Severus brauchte nur einen Moment länger, dann war auch er bereit zur Verteidigung. Er schob Harry hinter sich, der nun auch seinen Stab zog. „Was ist los?“, wollte er wissen.

„Es klingt nach einem Angriff.“, erklärte Andy, der mit konzentriertem Blick in Richtung der Schreie lauschte. Er deutete in die gleiche Richtung. „Dort ist unser Dorf. Die Frauen und Kinder laufen hierher.“

Harry wusste, Andy hatte Recht, inzwischen konnte auch er einzelne Stimmen unterscheiden. Fenrir war nicht mehr zu sehen, er war sicherlich seinen Männern zu Hilfe geeilt. Severus drehte sich um, seine Augen glühten. „Harry, ich kann dich hier nicht wegbringen, eine Appariersperre verhindert es. Bitte versprich mir, dass du auf dich achtest. Lauf, wenn sich eine Gelegenheit bietet.“

„Aber ...“, wollte Harry widersprechen.

„Nein, Harry.“, schüttelte Severus energisch den Kopf. „Du bist immer noch mehr ein Kind, auch wenn Viele das zu vergessen scheinen. Versprich mir, dass du auf dich achtest. Ich will dich nicht verlieren. Ich liebe dich, Harry.“

Diese Worte machten Harry mit einem Mal deutlich, wie viel er Severus tatsächlich bedeutete. Ihm wurde warm und er lächelte strahlend, trotz der Situation, in der sie sich befanden. „Ich liebe dich auch, Sev. Und ich verspreche dir, auf mich zu achten und mich in Sicherheit zu bringen. Aber ich will, dass du mir auch versprichst, zu überleben.“

„Ich verspreche, vorsichtig zu sein und alles zu tun, damit wir uns wiedersehen.“ Severus küsste Harry kurz, aber intensiv. „Wir werden uns wiedersehen. Jetzt geh!“ Es klang drängend, und als Harry aufsah, konnte er sehen, wie Frauen und Kinder auf sie zu rannten. Sie wirkten verängstigt, panisch. Alles ging durcheinander. Dahinter hörte Harry etwas, das wie Kampflärm klang. Unwillkürlich umfasste er seinen Zauberstab fester. Von Severus' Worten bis zu dem Moment, als die ersten Fliehenden sie erreichten, waren nicht mehr als dreißig Sekunden vergangen. „Lauf!“, forderte Severus erneut und stellte sich so, dass er Harry Deckung gab.

Harry rannte los, inzwischen inmitten der Frauen und Kinder. Doch er kam nicht weit, als plötzlich eine Frau vor ihm schreiend zusammenbrach, nachdem sie von einem Zauber getroffen wurde. Harry keuchte auf und umfasste seinen Zauberstab fester. Er sprach einen Protego, den er auf zwei kleine Kinder ausdehnte, die in seiner Nähe waren. Sie wirkten suchend, scheinbar hatten sie in der Hektik ihre Mutter aus den Augen verloren. Schnell musste er aus dem Weg eines Avadas springen. Entsetzt erkannte er die Angreifer, zumindest einige davon. Es waren Dumbledores Leute! Wieso nutzten sie verbotene Zauber? Sein Weltbild geriet erneut völlig durcheinander, jetzt wusste er wirklich, wie falsch er den Direktor eingeschätzt hatte. Es tat ihm weh. Um ihn herum schrien Frauen und Kinder panisch und teilweise schmerzerfüllt auf, wenn sie von Zaubern getroffen wurden.

„Schlachtet sie ab, es sind doch nur Werwölfe!“, befahl eine Stimme, die Harry nur zu gut kannte. Moody. „Denen sollte keine Existenz erlaubt werden. Und dann setzen sie noch ihre verdammte Brut ins Leben, vernichtet sie alle!“ Ein weiterer Todeszauber folgte. Er traf eine offensichtlich schwangere Frau.

„Nein!“, keuchte Harry auf. Er kanalisierte seine Wut und griff an, um die Kinder um ihn herum zu beschützen. Ihm fiel auf, dass kaum eine der Frauen einen Zauberstab zu besitzen schien. Sie konnten nur aus den Zaubern springen, sich nicht wehren. Gemeinsam versuchten sie, die Kinder hinter sich zu bringen, hinter Bäumen in Deckung zu gehen, aber es half nicht viel gegen Zauberer. Harry stand auf verlorenem Posten, da Moody mehrere Männer an seiner Seite hatte. Gegen sie alle kam Harry einfach nicht an. In schneller Folge wechselten Angriffs- und Abwehrzauber, er nutzte alles, was Fenrir, Sirius, Remus und Severus ihm beigebracht hatten. Zwei der Ordensleute waren von ihm geschockt zu Boden gegangen, zwei weitere hatte er entwaffnet, die wurden anschließend von mehreren Frauen k.o. geschlagen. Dennoch hatte Harry noch mehr als genug Gegner. Aber an ihm würden sie sich die Zähne ausbeißen, das schwor er sich im Stillen.

„Potter, da steckst du also.“, schnarrte Moody, als er den Jugendlichen erkannte. „Komm freiwillig mit, dann werde ich dich nicht verletzen.“

„Was wollt ihr von mir?“, zischte Harry, ließ aber in seiner Deckung nicht nach. So lange Moody mit ihm sprach, konnte er nicht so stark und schnell zaubern.

„Du bist der Auserwählte, du musst Du-weißt-schon-wen töten.“, erklärte Moody, als würde er mit einem Fünfjährigen reden, dem er das Gleiche bereits mehrmals erklärt hatte. „Danach werden wir dich bedauerlicherweise dem Ministerium überlassen müssen, immerhin steht das Urteil bereits. Albus konnte es abwenden, dass es gleich vollstreckt wird, immerhin musst du vorher noch gegen Du-weißt-schon-wen kämpfen und brauchst dafür deinen Zauberstab und deine Magie, aber danach, da sind wir uns einig, muss deine Magie entzogen werden, damit du niemandem mehr schaden kannst. Du hältst dich nicht an Gesetze, ignorierst sämtliche Regeln, das darf nicht zugelassen werden. Stupor!“

Harry hatte mit wachsendem Horror zugehört, wie Moody erklärte, was von ihm erwartet wurde. Am Ende sprang er blitzschnell aus der Flugbahn des Zaubers, so schnell konnte er keinen Schild wirken. Schnell wirkte er einen weiteren Protego, der den nächsten Zauber von Moody blockte. Der alte Auror sprach seine Zauber nur selten aus, was es Harry schwer machte, noch immer stand er erst am Anfang dieser Kunst. Ein weiterer Zauber traf, sorgte für einen schmerzhaften Schnitt an Harrys rechtem Oberarm. Eisern hielt er den Stab fest, wollte auf keinen Fall aufgeben. Ein kleiner Wolf sprang nun Moody an und schnappte nach ihm. Offensichtlich hatte sich eines der Kinder verwandelt. Mit einem Zauber wehrte der Auror den Kleinen ab, der blutend auf dem Boden ankam. Mit einem Avada tötete Moody das Kind, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein entsetzter Aufschrei einer Frau lenkte Harry einen Moment ab, auch er selbst stand unter Schock nach dieser Tat. Ein Kind! Moody hatte ein unschuldiges Kind umgebracht!

Moody hingegen erkannte seine Chance, da Harry gerade überhaupt nicht reagierte, und hob seinen Stab. Mit einem Mal schob sich etwas in Harrys Blickfeld. „Lauf!“, schrie Severus ihn an, und sprang direkt in den Zauber. Sein Schutzschild hielt, doch nun duellierten sich Moody und zwei weitere Männer mit Severus. Alles in Harry schrie danach, seinem Gefährten zu helfen, aber er hatte Severus versprochen, sich in Sicherheit zu bringen. Was sollte er jetzt tun? Ihm wurde bewusst, dass Severus sich nicht auf seinen Kampf konzentrieren konnte, wenn er blieb, da er sich Sorgen machen würde. Schweren Herzens stemmte sich Harry hoch, und mit einem letzten, verzweifelten Blick auf einen angespannten, hochkonzentrierten Severus lief er in den Wald, nutzte die Lücke, die sich dank dem Tränkemeister auftat. Mit schnellen, hastigen Schritten verschwand er in der Tiefe des Waldes. Die meisten Frauen und Kinder hatten sich inzwischen zerstreut und waren nicht mehr zu sehen oder zu hören.

Harry lief und lief immer weiter, ohne auf seinen Weg zu achten. Unbewusst verschleierte er seinen Weg mit seiner Magie, damit niemand ihm folgen konnte. Nur sein Gefährte würde ihn finden. Er hatte schon lange keine Ahnung mehr, wo er war, rannte im Zickzack. Seine Atmung ging schwer und die Seiten brannten, aber er blieb nicht stehen. Bis er etwas hörte. Rasch ging er in Deckung, doch dann erkannte er, dass es wohl kein Angreifer war. Es klang nach einem Kind. Vorsichtig – vielleicht war es doch eine Falle – schlich er näher. Was er dann erkannte, entsetzte ihn noch weiter. Auf einer Lichtung lag eine Frau, offenbar tot. Ihre Augen starrten blicklos in den Himmel. Quer über ihren Oberkörper erstreckte sich ein langer Schnitt, überall war Blut. Neben ihr waren zwei kleine Kinder, das Ältere vielleicht drei Jahre, das andere noch ein Baby. Vermutlich war die Frau bei dem Angriff verletzt worden und mit den Kindern geflohen. Harry ging zu den beiden Kindern. Mit einem kurzen Zauber stellte er fest, dass die Frau wirklich tot war, dann wandte er sich den Kindern zu, die sich ängstlich an die Frau klammerten. Sie waren augenscheinlich unverletzt, aber ganz sicher war Harry nicht. Doch da sie mit panischer Angst auf seinen Zauberstab blickten, steckte er ihn erst einmal in sein Armholster.

„Hallo, ich bin Harry.“, stellte er sich den Kindern vor. Er hockte sich auf den Boden. „Habt keine Angst, ich passe auf euch auf. Wie heißt ihr denn?“

„Mama!“, wimmerte der Ältere.

„Komm her, mein Kleiner.“, streckte Harry die Arme nach ihm aus. Der Stimme nach zu urteilen war es ein Junge, zumindest hoffte Harry, dass er das nun nicht falsch interpretierte.

Kritisch musterte ihn das Kind, schnupperte ein wenig in der Luft. „Böse Männer weg?“, wollte der Kleine wissen.

„Ich weiß es nicht.“, seufzte Harry. „Aber ich passe auf euch auf. Sagst du mir deinen Namen?“

„Das Robyn.“, deutete der Kleine auf das Baby. „Ich David.“

„Hallo David, hallo Robyn.“, lächelte Harry die Kinder an. Das Baby hatte den Daumen im Mund und streckte Harry nun ein wenig zögerlich das andere Ärmchen entgegen. Der Grünäugige nahm ihn hoch und hielt ihn fest. David schmiegte sich nun auch an ihn und schluchzte leise, wischte die laufende Nase an Harrys Umhang ab. Mit leisen Worten redete Harry auf die Kinder ein, bis sie sich etwas beruhigten. Leider hatte er nichts zu Essen in seinen Taschen, aber er ahnte, dass die Kleinen bald Hunger bekommen würden. Außerdem brauchten sie einen Unterschlupf für die Nacht, sodass sie nicht gefunden wurden, sollten Dumbledore und sein Orden nach ihnen suchen. Aber wie bekam er die Kinder von hier weg? Zumindest der Kleinere, Robyn, konnte noch nicht laufen, David wahrscheinlich nicht besonders schnell oder weit. Aber wohin mit ihnen und wie? Harry zerbrach sich den Kopf, als er plötzlich eine Veränderung bemerkte. Robyn verwandelte sich. Da kam ihm eine Idee. „Gut gemacht, Robyn. Bleib so!“, lächelte er das Baby an. Er sah David an. „Kannst du das auch?“ Einen Moment später hatte er zwei Werwölfe auf dem Schoß. „Super!“, freute er sich. „Nicht erschrecken, ihr zwei, ich muss meinen Zauberstab rausholen, damit ich einen Rucksack schaffen kann. Darin kann ich euch tragen, wenn ihr so bleibt, in Ordnung?“

Der hellere und etwas größere Wolf, der David war, leckte ihm über die Hand und wiffte leise. Harry nahm das als Bestätigung und griff langsam in seinen Ärmel. Er verwandelte einen Ast in einen Rucksack, erinnerte sich dabei an die Lektionen. Es schien so weit weg zu sein, obwohl es erst ein paar Tage waren. Mit seinem Ergebnis zufrieden öffnete Harry den Rucksack, legte noch einige Blätter auf den Boden, die er in eine weiche Decke verwandelte, dann setzte er den schwarzen Wolf mit dem weißen Fleck auf der Brust hinein. Das war Robyn. David war heller, ein braun wie von der Sonne geküsst. Außerdem etwas größer als Robyn. Sie kuschelten sich aneinander und ließen zu, dass Harry den Rucksack schloss. Zumindest ein Stück weit, damit sie nicht versehentlich herausfallen konnten. Er schnallte ihn sich auf den Rücken und lief los. Nicht mehr so schnell wie zuvor, aber immer noch zügig. Jetzt huschten seine Augen umher, er musste einen Unterschlupf finden, das war erstmal das Wichtigste. Außerdem brauchten sie etwas zu essen. Und Wasser.

Einige Stunden und viele Kilometer später verzweifelte Harry langsam. Er hatte zweimal angehalten, damit die kleinen Wölfe sich erleichtern konnten – das ersparte ihm schon einmal das Wickeln, was ihn erleichterte, da er keine Windeln hatte – und sie tranken an einem Bach. Einige Pilze, die er gefunden hatte, steckten nun in Harrys Umhang. Den Zauberstab hatte er wieder in der Hand, vielleicht schaffte er es, Wild zu erlegen, dann konnten sie ein kleines Feuer schüren und zu Abend essen. Langsam wurde es dämmrig, erkannte er, er musste dringend einen Schlafplatz finden. Die beiden Welpen hinten in seinem Rucksack winselten leise, wahrscheinlich hatten sie ebenfalls Hunger. Ein Rascheln im Unterholz ließ ihn aufschrecken. Ein Hase rannte davon. Harry schickte einen Zauber hinterher, doch er traf nicht, und der Hase war weg. Einerseits war Harry ein Stück weit wütend auf sich selbst, weil er die Gelegenheit verpasst hatte, Abendessen für sich und die Kinder zu beschaffen, auf der anderen Seite war er mehr als erleichtert. Er wollte nicht töten, war nicht sicher, ob er es geschafft hätte, einen Avada zu wirken, um den Hasen schmerzlos zu töten. Doch hier im Wald gab es nicht viel, was er zum essen nutzen konnte, das war ihm auch bewusst. Wenn sie nicht hungern wollten, musste er töten.

Ein leises Rauschen ließ ihn kurz innehalten. Wasser! Mit neuem Elan lief Harry in die Richtung, aus der er das Geräusch hörte und erreichte nach wenigen Minuten einen kleinen, sehr klaren Bach. Was ihm noch besser gefiel, war die Tatsache, dass das Wasser hier aus einem Loch im Felsen sprudelte. Vorsichtig und mit gezücktem Stab ging er durch den schmalen Spalt, durch den er mit Rucksack gerade so passte. Einige Schritte war es so eng, dass er kaum atmen konnte, dann erweiterte sich der Spalt und wurde zu einer kleinen, geräumigen Höhle mit dem Bach in der Mitte. Das hier war genau, was er suchte. Er setzte den Rucksack ab, ließ die Kleinen heraus. Mit tapsenden Schritten erkundeten der kleine schwarze und der etwas größere, hellbraune Wolf die Höhle. Harry fand die beiden Kleinen wirklich niedlich, mit ihren übergroßen Pfoten, den runden, hellgoldenen Augen und der kurzen Rute. Robyn war vielleicht so groß wie ein Jack Russell Terrier, David ein paar Zentimeter größer. Sie stolperten teilweise noch über ihre Pfoten und doch wirkte es koordinierter als auf zwei Beinen. Harry schuf mehrere Decken, die er in eine Nische legte, dann wirkte er einen Zauber, sodass die Kleinen nicht aus der Höhle kamen.

„Ich muss nochmal nach draußen, damit wir etwas zu essen bekommen. Ihr bleibt hier, ich bin bald wieder da.“, versprach er. Sie brauchten außerdem Feuerholz. Er warf einen besorgten Blick nach oben und stellte mehr als erleichtert fest, dass es oben eine Öffnung im Felsen gab. Dort konnte der Rauch abziehen, also würde er sie nicht behindern.

David verwandelte sich zurück. „Nis weg, Ri!“, verlangte er.

Harry bückte sich und umarmte ihn. „Ich komme bald wieder, versprochen, David. Ich passe auf euch auf. Hab keine Angst. Pass auf Robyn auf, bis ich wieder da bin.“

David schluchzte leise und wollte Harry nachlaufen, aber der Zauber des Jugendlichen hielt ihn auf. Sein Weinen wurde lauter und verzweifelter, sodass Harry noch einen Stillezauber wirkte, damit sie sich nicht jetzt noch verrieten. Schnell holte er sich einige Äste zusammen und stapelte sie in der Nähe des Eingangs zur Höhle, dann machte er sich auf, etwas Essbares zu finden. Mit zusammengebissenen Zähnen lauerte er am Ende an einem Loch, das vielversprechend aussah. Es könnte ein Kaninchenbau sein. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ein Kaninchen herauskam. Harry fluchte innerlich, aber er hob den Stab. ‚Du musst es wollen‘, dachte er, dann wisperte er: „Avada kedavra.“ Der grüne Strahl traf, und das Kaninchen fiel tot um. Übelkeit stieg in Harry auf und gerade war er froh, dass er nichts im Magen hatte. Er schluckte mehrmals trocken, um das unangenehme Gefühl zu verbannen, dann griff er nach dem Tier und lief zurück zur Höhle. Er ließ das Holz nach innen schweben und ging hinterher.

„Ri da!“ Erleichterung schwang in Davids Stimme mit, als er den Älteren entdeckte. Er streckte ihm die Ärmchen entgegen. Lächelnd nahm Harry ihn hoch und vergaß für einen Moment seine Gefühle, weil er töten musste. Die beiden Kleinen waren es wert. Er knuddelte David eine Weile, nahm dann auch Robyn hoch, der sich in der Zwischenzeit auch wieder in einen kleinen Jungen verwandelt hatte und nun ziemlich streng roch. Harry entschied, zuerst Feuer zu machen, damit den Kindern warm war, danach würde er sich daran machen, eine Windel zu erschaffen. Hoffentlich konnte er es sich gut genug vorstellen. Er legte die Äste zusammen, ließ noch einige Steine zu sich schweben, die er um das Holz legte, dann entzündete er es mit einem „Incendio.“ Jetzt versuchte er sich an einer Windel. Dummerweise hatte er noch nie damit zu tun gehabt und so wurden die ersten Versuche gleich wieder weggelegt. Doch mit der Zeit näherte sich das Ergebnis dem an, wonach Harry strebte. Nach dem zwölften Versuch war Harry soweit zufrieden, dass er Robyn zu sich zog. Die alte Windel ließ er mit einem „Evanesco“ verschwinden, dann wärmte er etwas Wasser aus dem Bach an und wusch den Kleinen damit ab. Jetzt erkannte er sehr eindeutig, dass er einen Jungen vor sich hatte. Vor allem, als der Kleine mit hohem Strahl pinkelte. Glücklicherweise traf es nicht Harry. Der Rucksack hatte nicht so viel Glück. Harry schüttelte grinsend den Kopf und wirkte einen stablosen Reinigungszauber, dann wandte er sich wieder dem Baby zu und wusch ihn noch einmal ab. Die frische Windel legte er ihm um und fixierte sie mit einem Klebezauber. Es war nicht perfekt, fand er, aber es sollte reichen. Er schuf ein etwas wärmeres Shirt aus einigen kleinen Steinen und zog es dem Jungen an, danach folgte eine Hose mit warmen Füßen. Ebenso schuf er ein wenig wärmere Kleidung für David und zog sie ihm an. Hier in der Höhle war es trotz des Feuers relativ kühl, und selbst wenn Harry einen Wärmezauber wirkte, so konnte er nicht sagen, ob der die ganze Nacht hielt.

Als die beiden Jungen jeder einen Becher mit Wasser hatten, kümmerte sich Harry um das Kaninchen. Schon öfter hatte er für seine Verwandten Tiere ausgenommen, daher wusste er einigermaßen, was er nun tun musste. Mit dem Messer von Sirius, das er noch immer in der Tasche hatte, schlitzte er den Bauch auf, entnahm die Organe, legte den ungenießbaren Teil beiseite, um ihn verschwinden zu lassen, den Rest aber legte er auf einige Steine, wo sie garen konnten. Er zog dem Kaninchen das Fell ab und steckte es auf einen längeren, geraden Ast, den er über dem Feuer befestigte. Die Pilze legte er zu den Organen wie Herz und Leber, damit sie sie später essen konnten. Nun trank er selbst auch etwas, dann nahm er Robyn auf den Arm. David erkundete die Höhle gerade auf Händen und Knien, doch weit kam er nicht, da sie nicht besonders groß war. Den Ausgang hatte Harry erneut mit dem Zauber gesichert, von dem er hoffte, dass er lange genug hielt. Robyn kuschelte sich an ihn, steckte den Daumen in den Mund. Er wirkte ziemlich erschöpft, konnte die Augen kaum noch offen halten. Während er das Fleisch immer wieder drehte, erzählte Harry leise eine Geschichte. Als Kind hatte er manchmal gehört, wie seine Tante Dudley vorgelesen hatte. Alles hatte er damals nicht verstanden, aber den Rest reimte er sich zusammen, und so schaffte er es, eine eigene Version vom Märchen der sieben Zwerge zu erzählen. Mitten in der Geschichte war Robyn eingeschlafen, aber David hörte aufmerksam zu, also erzählte Harry immer weiter. Zum Essen weckte er den Kleinsten schließlich doch noch. Viel schaffte er nicht, dafür fehlten ihm in menschlicher Form auch die Zähne, aber als Harry es für ihn ganz klein schnitt und mit einem Zauber zu einer Art Brei machte, konnte er es auch essen. Kurz danach wurde es ruhig in der Höhle, als Robyn und David schliefen.

Auch Harry legte sich nun hin, doch jetzt, wo er nicht mehr gefordert wurde, holten ihn die Ereignisse ein. Wie viele Tote wie den kleinen Welpen und die Mutter von David und Robyn hatte es gegeben? Was war mit Severus passiert? Hatte er es geschafft? Und die anderen Frauen und Kinder? Hatte Fenrir sein Rudel verteidigen können? Die Werwölfe waren sicher aus dem Wald verschwunden, wenn sie denn überlebt hatten, aber wie würde er sie nun wiederfinden? Schaffte er es, die zwei Kinder in Sicherheit zu bringen? Musste er weiterhin töten, um die Kinder zu ernähren? Suchte Dumbledore nun auch nach ihm? Er musste mit den Kleinen hier weg. Gleich am Morgen sollten sie weitergehen. Zitternd vor Angst rollte sich Harry um Robyn und David, wollte sie beschützen. Sobald er seine Augen schloss, sah er Severus vor sich. Er malte sich die schlimmsten Szenarien aus, was passiert sein könnte, nachdem er weggelaufen war. Er hätte bleiben sollen, um seinem Gefährten zu helfen. Stattdessen war er wie ein Feigling weg gerannt. Immer mehr Tränen strömten aus Harrys Augen, stumme Schluchzer schüttelten ihn. Er hatte Angst. Nicht um sich selbst, aber um seinen Gefährten und um die Kinder, die er bei sich hatte. Langsam spürte er auch Schmerzen am Arm und erinnerte sich daran, dass er verletzt worden war. Den ganzen Tag hatte er den Schmerz nicht mehr wahrgenommen, doch nun pochte sein Arm ziemlich unangenehm. Vorsichtig schälte sich Harry nach einer Weile aus der Decke und stand auf. Im Licht des Feuers inspizierte er seinen Arm, nachdem er sich umständlich ausgezogen hatte. Mit ein wenig Wasser wusch er die Wunde aus, dann nutzte er einen Zauber zur Desinfektion. Es war ein glatter Schnitt von der Schulter bis fast zum Ellbogen. Harry hatte scheinbar Glück gehabt, er war nicht besonders tief und hatte bereits aufgehört zu bluten. Ansonsten hätte er sicher eher etwas gemerkt.

Eine halbe Stunde später legte sich Harry erneut unter die Decken, diesmal mit einem verbundenen Arm. Der Heilzauber hatte die Wunde geschlossen, aber dennoch hatte Harry einen Verband darum gewickelt, um sicher zu stellen, dass nichts in die Wunde gelangen konnte.

Nach einer sehr unruhigen Nacht fütterte Harry am Morgen die Kinder, wickelte Robyn erneut und half David, sich zu erleichtern, dann löste er die Zauber auf der Höhle, packte die Welpen – sie hatten sich auf seine Bitte hin erneut verwandelt – in den Rucksack und brach auf. Mit nur drei Pausen zum Essen und Trinken und einer weiteren, bei der sich die Welpen erleichterten, lief Harry den ganzen Tag immer weiter. Noch immer war er in einem Wald, aber es erschien ihm dunkler als beim Rudel. Vielleicht lag es daran, dass sie dort, wo sie lebten, auch immer wieder Holz machten und so den Wald ein wenig ausgedünnt hatten. Hier in diesem Teil lag überall Holz herum, umgestürzte Bäume, die schon längst moosbewachsen und halb verfallen waren, sowie Gestrüpp erschwerten Harrys Weg ungemein. Und doch lief Harry immer weiter. Die Nächte verbrachten sie in Höhlen oder unter Bäumen, wenn er keine Höhle fand. Die Kinder blieben nahe bei ihm, klammerten sich an ihm fest. Auf ihre Weise betrauerten sie den Tod ihrer Mutter, wie es schien, auch wenn sie es nicht wirklich verstanden. Selbst David, der Ältere, schien es nicht zu erfassen. Harry war ihre einzige Konstante in diesen Tagen, daher blieben sie bei dem Jugendlichen. Harry wusste schon lange nicht mehr, wohin er lief, aber er drehte sich nicht um. Die Angst vor dem, was er gesehen hatte, saß ihm im Nacken. Gleichzeitig hatte er Angst um Severus, genau wie um Sirius. Nur nachts ließ er seine Gefühle zu, tagsüber lenkten die Kinder ihn ab. Einmal kamen sie tatsächlich an den Waldrand, in der Ferne sah Harry einige Häuser. Er ließ die Kinder in einem Bannkreis zurück, sodass sie nicht weg konnten, und schlich näher, stahl einige Eier und etwas Obst aus dem Garten des Bauern. Damit versüßten sie sich den nächsten Abend, doch weit reichte es nicht. Jedes Mal, wenn Harry ein Tier tötete, wurde ihm schlecht, und doch musste er es tun, um die Kleinen zu versorgen.

Mehr als zehn Tage waren so vergangen, als Harry mehr ahnte als merkte, dass jemand in der Nähe war. Die Welpen im Rucksack schliefen gerade, dennoch legte er einen Stillezauber auf sie und duckte sich unter eine große Tanne. Leise kletterte er ein Stück weit nach oben, um nicht so leicht entdeckt zu werden. Dennoch fühlte er, wie sich jemand näherte. Angespannt hielt er die Luft an und richtete seinen Zauberstab dorthin, wo er die fremde Person erahnte. Er würde nicht zulassen, dass den Kindern etwas passierte. Niemals.

Die Geräusche kamen näher, inzwischen konnte Harry einzelne Schritte auf dem Boden erkennen. Es war nicht laut, so als ob jemand sich bemühte, möglichst leise zu gehen, aber doch immer wieder auf einen Ast oder trockene Blätter trat. Oder jemand, der es gewohnt war, leise zu gehen, jedoch nicht im Wald. Jedenfalls knackte es immer wieder leise, wenn ein Ast brach, oder es raschelte das Laub. Aber in der angespannten Stille hörte Harry es klar und deutlich. Er war bereit, jederzeit einen Zauber abzufeuern, und doch zögerte er, wollte wissen, wer ihn da gefunden hatte. Angreifen würde er erst, wenn er erkennen konnte, wer da war und sicher sein konnte, dass derjenige eine Gefahr darstellte.

„Harry?“, rief eine leise Stimme. „Ich kann dich riechen, bitte komm raus.“

Harry hielt die Luft an. Diese Stimme kannte er, aber konnte er ihr trauen? War er es wirklich oder spielte ihm jemand etwas vor und wollte ihn rauslocken? Andererseits – niemand wusste, dass sie sich näher kannten. Die Gedanken Harrys rasten, er versuchte, herauszufinden, ob das nun eine Falle war oder nicht.

„Harry, ich bin es wirklich.“, erklärte die Stimme weiter, als ahnte derjenige seine Gedanken. „Du hast mich im Rat der magischen Wesen getroffen, wo du erfahren hast, was die dritte Front ist, wer sie aufgebaut hat, und was sie macht. Ich habe dich gemeinsam mit Severus, deinem Gefährten, mit Fenrir, Jamin und Xeno unterrichtet. Auch Mandana, die Draconierin, und Alemie, die Elfenkönigin, haben euch unterrichtet, dich, Draco und Luna. Am Ende auch noch Blaise, den ich aus Hogwarts geholt habe.“ Mit den letzten Worten trat Lucius Malfoy an den Baum, auf dem Harry saß.

„Lucius.“, hauchte Harry und wirkte erleichtert und besorgt gleichzeitig.

„Ja, Kleiner, ich bin es wirklich.“, bestätigte der Blonde. „Komm runter, sei so gut. Wo hast du die beiden jungen Wölfe?“

„In meinem Rucksack.“, antwortete Harry und kletterte nach unten, wo Lucius ihn kurzerhand in den Arm nahm, als er sah, wie fertig der Jüngere aussah. Der Jugendliche wirkte gerade unglaublich jung, zumindest für einen Moment. Harry schmiegte sich kurz an ihn, dann sah er alarmiert auf. „Wie hast du mich gefunden? Hätte Dumbledore …?“, wollte er erschrocken wissen.

Lucius schüttelte den Kopf. „Dumbledore nicht, und auch sonst kein Zauberer.“, beruhigte er. „Du hast es geschafft, einen Zauber zu wirken, der eure Spuren verwischt hat. Vollkommen. Mit dem Zauberstab warst und bist du nicht zu finden. Dazu brauchte es meine Vampirsinne. Fenrir hat bei der Leiche ihrer Mutter“, dabei deutete er mit einem Nicken auf die Welpen in Harrys Rucksack, „gerochen, dass du sie wohl mitgenommen hast. Er wollte der Spur folgen, aber er musste sich erst einmal um sein Rudel kümmern. Zuerst waren die Verletzten wichtiger, vor allem, da wir sicher waren, dass der Alte dir, euch, nicht folgen kann. Nach einigen Tagen konnte ich mich loseisen und deinen Spuren folgen. Es war nicht leicht, du hast wirklich klug gehandelt.“

„Ich wollte einfach die Beiden beschützen und in Sicherheit bringen.“, wisperte Harry zitternd. Jetzt, mit Lucius hier, fühlte er sich komplett erschöpft.

„Was ist passiert?“, wollte Lucius wissen. Harry berichtete kurz, was er nach der Beerdigung erlebt und wie er die beiden kleinen Werwölfe aufgesammelt hatte.

„Das wird Fenrir sicher freuen, dass die Kleinen am Leben sind.“, atmete Lucius auf. Er sah Harrys Fragen in seinen Augen. Also erklärte er, was er wusste: „Fenrir hat um Hilfe gebeten, als er erkannte, dass er mit dem Orden nicht fertig wird. Doch wir kamen zu spät, das Dorf war bereits vernichtet, viele gestorben, ermordet von Leuten, die angeblich für das Gute kämpfen. Fenrir war verletzt, ist aber bereits wieder auf den Beinen. Die Männer haben an seiner Seite gekämpft, entweder mit dem Stab oder in ihrer Wolfsform. Die Frauen und Kinder sind in den Wald gerannt, sie wollten die Kinder in Sicherheit bringen. Leider haben wir dort, wo du warst, viele Tote gefunden, vor allem Kinder. Es war einfach nur grauenvoll. Severus war verschwunden, genau wie du und viele andere. Manche, wie die Mutter der Beiden,“, er deutete auf Harrys Rucksack, „haben wir später gefunden, tot oder schwer verletzt. Severus ist erst einmal nicht aufgetaucht. Wir brachten alle Werwölfe, die wir fanden, weg, in Alemies Welt. Dort werden sie nun erst einmal versorgt. Ich bin zurück zu Jamin, wollte ihm berichten. Wir haben einen Trupp zusammengestellt, der sich auf die Suche nach den Vermissten gemacht hat. Nicht alle konnten wir finden, daher nahmen wir an, dass Dumbledore und sein Orden einige gefangen nahmen. Severus ist vor zwei Tagen gefunden worden, er trieb schwer verletzt im Meer. Einige Meermänner aus der Palastwache haben ihn in die Stadt gebracht. Die Untersuchungen haben ergeben, dass Dumbledore ihn gefoltert hat. Vermutlich wollten sie ihn noch weiter leiden lassen und haben ihn ins Meer geworfen, in der Annahme, dass er es nicht überleben würde. Das hat sein Leben gerettet. Sie haben ihn in der Krankenstation behandelt, und er wird es überstehen. Doch nur einige Stunden später wurde die Stadt angegriffen, von der Meeresoberfläche aus. Die Meermenschen mussten fliehen. Sie haben Severus mitgenommen. Xeno hat die Zabinis, Sirius, Draco und Luna in die Elfenwelt gebracht, dort sind sie erst einmal in Sicherheit. Obwohl wir das von Atlantica auch dachten. Jamin ist mit Severus in Deckung gegangen, damit er gesund werden kann. Sirius wird weiterhin behandelt, der Umzug ist gut verlaufen. Dein Pate erholt sich nur sehr langsam, aber die Heiler, Devon und Hippocrates, sind vorsichtig optimistisch.“ Das Gesicht des Blonden versteinerte sich bei den letzten Worten.

„War er wach?“ Harry wirkte ein wenig hoffnungsvoll, aber auch besorgt.

„Ja, kurz.“, nickte Lucius. „Ich konnte mit ihm sprechen.“ Sein Gesicht hellte sich etwas auf.

„Weiß er bereits …?“ Harrys Geste deutete an, dass er von der Verbindung zwischen Lucius und Sirius sprach.

„Ja.“ Jetzt wurde das Gesicht des Blonden erneut dunkel. „Er wollte nicht einmal zuhören. Er weigert sich, es auch nur in Betracht zu ziehen.“ Harry konnte ihm ansehen, wie schwer es ihm fiel, ruhig zu bleiben.

„Gib ihm Zeit, Lucius.“, riet Harry. „Remus hat ihm alles bedeutet. Tut es wahrscheinlich immer noch. Er muss erst einmal trauern und Abschied nehmen dürfen.“

„Ich weiß.“ Lucius' Stimme war nur ein Hauch. Doch dann straffte er sich und seine Augen wurden dunkel. „Ich werde Dumbledore dafür zur Rechenschaft ziehen! Er wird büßen, dass er die Beiden so sehr gequält hat!“, schwor er.

„Warum? Warum hat Dumbledore das getan?“, wisperte Harry.

„Er will seine perfekte Welt realisieren.“, antwortete Lucius, nun wieder vollkommen ruhig. „Alles, was schwarz-magisch ist, soll verboten werden, oder am besten vernichtet. Darin unterstützt das Ministerium ihn sogar noch. Werwölfe sind, sofern sie magisch sind, immer mit einem hohen Anteil an schwarzer Magie ausgestattet. Genau wie viele andere magische Wesen im Übrigen. Das war Dumbledore schon immer ein Dorn im Auge. Dazu kommt, dass sich vor allem die Werwölfe dem Lord angeschlossen haben, wenn auch nicht unbedingt aus Überzeugung. Das reicht, um sie alle zum Tode zu verurteilen, denn so können sie Dumbledores perfekte Welt nicht mehr stören.“ Lucius schnaubte abfällig. „Dieser Schwachsinn hat mich davon überzeugt, gemeinsam mit meinem alten Bekannten, und ja, ich meine Jamin, die dritte Front zu gründen. Wir haben den Rat der magischen Wesen ins Leben gerufen und ich habe mich bereit erklärt, für sie zu arbeiten. Für sie zu spionieren. Noch kann ich zum Lord gehen, er hat mich bisher nicht enttarnt. Fenrir darf sich dort nicht mehr blicken lassen, der Lord hat eindeutige Spuren entdeckt, die ihm zeigten, dass Fenrir Chiara aus seiner Obhut geholt hat. Das weiß Fenrir bereits, er wird in Deckung bleiben, sich aber weiterhin um sein Rudel kümmern. Sie sind derzeit wie gesagt bei den Elfen untergekommen, von dort aus werden sie uns unterstützen, wenn es zum entscheidenden Kampf kommt.“ Lucius schwieg einen Moment und fasste Harry ins Auge. „Was hast du nun vor?“

„Ich weiß es nicht.“, schüttelte Harry den Kopf. „Ich wollte erst einmal Robyn und David in Sicherheit bringen. Dabei habe ich vollkommen die Orientierung verloren. Mittlerweile habe ich das Gefühl, als wäre ich im verbotenen Wald angekommen.“

„Damit liegst du sogar richtig.“, nickte Lucius mit vor Erstaunen erhobener Augenbraue. „Der verbotene Wald bei Hogwarts ist magisch mit den meisten Wäldern Großbritanniens verbunden, sodass magische Wesen leichter nach Hogwarts gehen können. Zumindest war das früher so gewesen. Deshalb sollten wir relativ schnell wieder verschwinden, auch wenn wir hier am Rande sind, auf der anderen Seite von Hogwarts. Ich bringe euch in der Nacht in mein Manor, wir müssen nur darauf achten, dass uns Dumbledores Spione nicht entdecken.“

„Nein!“, entfuhr es Harry. „Vielleicht können wir das für uns nutzen.“ Ein verwirrter Blick traf ihn. Harrys Gedanken rasten und er versuchte, seine Gefühle und die Intuition in Worte zu fassen. „Niemand würde auch nur annehmen, dass wir hier sind. Wir könnten in die Kammer des Schreckens gehen, dort kann außer mir nur Voldemort hinein. Und der kommt sicher nicht mal eben nach Hogwarts. Niemand kommt auf die Idee, hier zu suchen. Wir hätten ein Dach über dem Kopf, Dobby kann uns mit Essen versorgen, und wir können in Ruhe Kontakt mit dem Rat aufnehmen und einen Plan erarbeiten. Außerdem haben wir dann Basiliskengift. Und … ich weiß nicht warum, aber ich bin fast sicher, dass es dort auch einen Horkrux gibt.“

„Die Idee ist gar nicht mal so schlecht.“, verkündete der Blonde nach mehreren Minuten, in denen er konzentriert und angestrengt nachgedacht hatte. „Machen wir es so. Ich komme erst einmal mit dir, muss allerdings gehen, wenn der Lord mich ruft.“

„In Ordnung.“, nickte Harry. Er wirkte aufrechter, seit er das Lob des Vampirs gehört hatte. „Danke.“

„Keine Ursache.“, schüttelte Lucius den Kopf. „Komm, gehen wir.“ Harry folgte dem Blonden beinahe drei Stunden weiter durch den Wald bis zu einer massiv aussehenden Felswand. Er deutete nach vorne, auf ein Gebüsch. „Gerüchten zufolge ist hier ein geheimer Eingang in das Schloss.“, erklärte er. „Warten wir, bis es dunkel ist, dann sehen wir, ob wir hinein kommen.“

Harry schüttelte den Kopf. „Der Geheimgang ist seit einigen Jahren unpassierbar, ein Teil ist eingestürzt.“, wusste er, da er sich an die Informationen von Fred und George erinnerte, als sie ihm die Karte gaben und von den verschüttetem Geheimgang gesprochen hatten. Das war dieser hier. „Ich fürchte, wir müssen auf normalem Weg hinein. Der einzige Geheimgang, von dem ich weiß, dass er direkt ins Schloss führt und passierbar ist, hat seinen anderen Ausgang im Honigtopf.“

„Dorthin können wir definitiv nicht.“, stimmte Lucius zu. „Aber hier können wir auch nicht bleiben, wenn wir den Gang nicht nutzen können. Gehen wir ein Stück in den Wald hinein und warten dort, bis es dunkel ist.“ Er ging voran, immer darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen. Harry folgte ihm wortlos. Er wünschte sich, seine Karte zu haben. Jetzt wäre sie wirklich praktisch. Schließlich blieb der Blonde stehen. „Ich fürchte, ich kann nicht lange bei dir bleiben.“

„Warum?“ Harry verstand es nicht. Er war müde, erschöpft, verängstigt und auch ein wenig überfordert. Konnte Lucius ihn nicht einfach zu Severus bringen?

„Der Lord und auch das Ministerium dürfen nichts von meiner Tätigkeit für die dritte Front wissen.“, begann Lucius. „Ich kann dich mit ins Manor nehmen, aber du musst dort in Deckung bleiben, zu viele Todesser tauchen dort inzwischen immer wieder auf, und Dumbledores Spione lassen es kaum aus den Augen. Selbst Kingsley mit den Kindern ist nicht sicher, daher wieder in seine Wohnung gezogen. Ich würde dich gerne in die Elfenwelt bringen, aber da ich selbst kein Elf bin, kann ich sie nicht einfach so betreten, schon gar nicht in Begleitung. Xeno wird beobachtet, das wissen wir, daher kann ich dich auch nicht zu ihm bringen. Deshalb bin ich im Moment froh, wenn wir es schaffen, dich unerkannt in die Kammer zu bringen. Dort bist du erst einmal in Sicherheit, dann können wir in Ruhe überlegen, wie es weitergeht. Vielleicht kann dich Alemie abholen. Da Dobby hier in Hogwarts ist, wirst du Essen, Trinken und alles Notwendige bekommen, wir werden auch Nachrichten austauschen können. Sobald mir eine Lösung einfällt, bringe ich dich hier weg.“

Harry ließ die beiden Welpen aus seinem Rucksack, da sie nun scheinbar einen Halt machten und die Dunkelheit abwarteten. Sie blieben in seiner Nähe, tollten aber ein wenig herum. Von Lucius hielten sie sich fern, achteten scheinbar unbewusst immer darauf, Harry zwischen sich und dem Blonden zu haben. „Aber, wie wird es an Vollmond?“, fiel ihm ein. „Oder wenn sie mich jetzt beißen?“ Ihm wurde heiß und kalt, einige Male hatte er bereits die feinen Zähnchen der Beiden gespürt. Bisher hatte er nicht weiter darüber nachgedacht, auf der Flucht hatten andere Dinge Priorität gehabt, aber jetzt bemerkte er die Gefahr. Oder war es schon zu spät?

„Beruhige dich, Harry.“, unterbrach Lucius seine Gedanken. „Die Zwei sind geborene Werwölfe, daher können sie sich jederzeit verwandeln, ohne es lernen zu müssen. Aber sie können dich nur dann in einen Werwolf verwandeln, wenn Vollmond ist. Im Moment bist du also höchstens in Gefahr, eine Blutvergiftung zu bekommen, wenn sie dich beißen und Dreck in die Wunde kommt.“ Ein wenig beruhigt atmete Harry auf. So gerne er die Kleinen mochte, ein Werwolf wollte er nicht werden. „Und für Vollmond werden wir eine Lösung suchen müssen. Am sinnvollsten ist es, wenn du sie dann in ein Gehege sperrst. Es ist nicht schön für die Jungs, aber notwendig für deinen Schutz.“

„Okay.“, murmelte Harry. Nachdenklich starrte er auf einen Felsen, an den er den Rucksack gelehnt hatte. Er war unglaublich glatt und wirkte beinahe wie abgeschliffen. So unnatürlich. Wasser rieselte daran herunter, und Harry ließ seine Hände davon benetzen, fuhr sich damit durch sein Gesicht, um sich etwas zu erfrischen. Als er die Hände zu einer Schale formte, um davon zu trinken, fielen ihm die feinen Kratzer am Fels auf. Er fokussierte seinen Blick und konzentrierte sich darauf. Das waren keine zufälligen Muster! Das waren Schlangen, die in den Felsen eingeritzt waren! Sie umrahmten einen bestimmten Bereich, es sah fast aus wie … eine Tür? Harrys Gedanken rasten. Es war definitiv kein Zufall, diese Schlangen bedeuteten etwas. Man musste genau hinsehen, um sie überhaupt zu entdecken, aber wenn man sie einmal gesehen hatte, erkannte man das Muster. Wenn das eine Tür war, dann verbarg sie etwas. Und man konnte sie sicherlich auch öffnen. Und wenn Schlangen sie formten, würde Parsel sie dann öffnen?

Harry sah konzentriert auf die Schlangen, war sich nicht bewusst, dass Lucius ihn verwirrt musterte. Leise zischelte der Jugendliche vor sich hin, doch zunächst passierte nichts. Bis Beide mit einem Mal die Augen erstaunt aufrissen: Der massive Felsen bekam Risse, die eine Tür bildeten, die sich nach außen hin öffnete. „Das … wow!“, machte Harry. Damit hatte er nicht gerechnet. Es war so leicht gewesen! „David, Robyn, kommt her!“

Die Welpen liefen zu Harry und schnupperten neugierig. Harry wechselte einen Blick mit Lucius. Seine Neugierde und sein Tatendrang waren erwacht, er wollte nun sehen, was sich hinter der Tür verbarg. Weit konnten sie nicht sehen, ein schmaler Spalt schien in den Felsen hinein zu gehen. Dunkel, bedrohlich sah er aus. Und doch wollte Harry dort hinein. Die Tür konnte man von innen sicher auch mit Parsel öffnen, da machte er sich keine Sorgen. Lucius hingegen runzelte die Stirn, er schien nicht besonders angetan von der Idee, diese Spalte näher zu untersuchen. Andererseits barg dieser Gang eine nicht unerhebliche Gefahr, sie mussten extrem vorsichtig sein. Möglicherweise konnte jemand dadurch zu ihnen heraus kommen. Harry ließ ihm nicht viel Zeit zum Überlegen, da er bereits die ersten Schritte hinein machte.

„Bist du sicher?“, wollte Lucius leise wissen. „Wir müssen sehr vorsichtig vorgehen.“

„Wir müssen wissen, was sich hier verbirgt.“, wisperte Harry. „Ich sehe auf jeden Fall nach.“

„Ich komme mit dir.“, versprach Lucius, der dieses Verhalten für typisch Harry hielt. Genau das hatte der Tränkemeister wohl damit gemeint, dass Harry ihm Magengeschwüre verpasste. Severus würde ihn ohnehin töten, wenn er zuließ, dass Harry etwas passierte, also musste er auf jeden Fall mitgehen. Und seine Chancen bei Sirius stiegen sicher auch nicht, wenn er es sich mit dessen Patenkind verdarb. Also biss Lucius in den sprichwörtlichen sauren Apfel und folgte Harry und den Welpen mit gezücktem Zauberstab. Kaum, dass sie im Inneren des Spalts waren, schloss sich der Felsen hinter ihnen. Lucius fuhr herum, von innen konnte man die Umrisse der Tür ganz leicht erkennen. Probeweise schob er daran – sie ging ohne Probleme auf. Das erleichterte ihn sichtlich.

„Okay, dann lass uns sehen, wohin dieser Gang führt!“, entschied Harry. Typisch Gryffindor, fand Lucius, als er dem Jugendlichen folgte. Sie ließen ihre Zauberstäbe leuchten. Über ihnen wurde der Spalt sehr schmal, aber sie hatten genug Platz, um aufrecht hintereinander zu gehen. Es ging eine ganze Weile immer geradeaus, aber stetig leicht bergab, wie es schien. Bald waren sie sicher, dass sie weit unter der Erde waren. Sie müssten inzwischen sogar unter Hogwarts sein, die Richtung jedenfalls hatte sich nicht geändert, wie Lucius mit einem Zauber feststellte. Mit einem Mal verbreiterte sich der Spalt zu einer Art kleiner Höhle. Eine Menge Knochen lagen hier herum, sowie … Lucius zuckte zusammen und schob Harry mit den Welpen, die er inzwischen wieder im Rucksack trug, hinter sich. Verteidigungsbereit trat er einige Schritte vor, bis seine Vampiraugen erkannten, was vor ihnen lag: Zunächst hatte er es für eine große Schlange gehalten, aber nun erkannte er, dass es nur die Haut war. Er griff nach einem Ende und legte sie der Länge nach hin, während er die Luft anhielt, weil es so unangenehm roch. Vierzehn Meter?! Lucius wurde blass.

„Ich schätze, wir nähern uns der Kammer des Schreckens.“, kommentierte Harry ihren Fund. „Eine ähnliche Haut habe ich gefunden, als ich in meinem zweiten Jahr in die Kammer ging. Die Musterung stimmt ziemlich überein, das hier ist von dem Basilisken.“

„Ich hoffe nur, da lebt nicht noch einer.“, entfuhr es Lucius.

„Glaube ich nicht, den hätte ich damals sicher gesehen.“, schüttelte Harry den Kopf. Er war sicher, der Riddle aus dem Tagebuch hätte das Monster auch noch auf ihn gehetzt, wenn es ein weiteres gegeben hätte. Wenn er so darüber nachdachte, war es eigentlich logisch, dass es eine Verbindung in den verbotenen Wald gab. Hier in der Kammer gab es sicher nicht genug zu Fressen für so eine große Schlange. Und da der Eingang mit Parsel gesichert war, konnte ein Basilisk kommen und gehen, ohne dass jemand etwas mitbekam. Er schauderte merklich.

Gemeinsam sahen sie sich um. Auf den ersten Blick gab es nur den einen Ausgang aus dieser Kammer, durch den sie gekommen waren. Aber das war sicher nicht alles. Harry zischelte erneut - und richtig. Ein weiterer Spalt im Felsen öffnete sich. Sie traten hindurch und Harry erkannte, dass sie fast genau auf halbem Weg zwischen der Statue, aus der der Basilisk damals gekommen war, und dem Eingang zur Kammer, den er kannte, standen. Der Spalt war im Bauch von einer der Schlangenstatuen. Eigentlich logisch, fand der Jugendliche. Er deutete auf die Statue des Zauberers. „Dort, aus dem Mund, kam damals der Basilisk. Dort drüben liegt der Kadaver.“, erklärte Harry.

Lucius schauderte. „Es tut mir leid, dass das passiert ist.“, entschuldigte er sich krächzend. Das hier schockierte ihn so richtig. Er schaffte es nicht, seine Maske zu halten.

„Es ist vorbei.“, zuckte Harry die Schultern. Er sah den Älteren aufmerksam und besorgt an. „Alles in Ordnung?“

„Wenn ich daran denke, dass du gegen dieses Monster“, er deutete auf den Kadaver, „kämpfen musstest, dann wird mir jetzt noch anders. Und ich habe das verursacht, ich denke nicht, dass ich mir das vergeben kann.“

„Schon gut, Lucius. Es ist vorbei. Sehen wir nach vorne. Wir haben ein Ziel, gehen wir es an.“ Harry sprühte geradezu vor Tatendrang. „Wir sollten die Zähne holen, in denen Gift ist. Alles, was brauchbar ist, packen wir weg, den Rest lassen wir verschwinden, dann können David und Robyn herumlaufen, ohne dass etwas passieren kann.“ Jetzt wirkte er wieder so erwachsen und so vorausschauend.

„Wir sollten Handschuhe benutzen.“, gab Lucius zu bedenken. „Rufen wir uns welche aus dem Labor auf, ich hoffe, dort ist gerade niemand.“ Ohne auf eine Antwort von Harry zu warten, tat der Blonde genau das, was er angekündigt hatte. Momente später hatte er ein Paar Handschuhe aus Drachenleder, die er anzog. Damit trat er zum Basilisken. Vorsichtig griff er nach einem Zahn und ruckelte daran herum. „Einer fehlt.“, erkannte er, als er ihn heraus gebrochen hatte.

„Den hat Dumbledore.“, wusste Harry. „Ich habe ihn damals mitgenommen.“ Dass der vorher in seinem Arm gesteckt hatte, verschwieg er dem Blonden lieber.

„Nun gut, dann liegt er wenigstens nicht irgendwo herum.“, winkte Lucius es beiseite. Er schuf einige Phiolen aus Steinen, die herumlagen. „Zapfen wir das Gift ab, vielleicht braucht Severus es. Und sammle die Schuppen in einer Kiste, aber mit einem Zauber, die kann er sicher auch brauchen. Den Rest lassen wir anschließend verschwinden.“

Harry nickte und machte sich an die Arbeit. Zehn Minuten später hatten sie Trankzutaten im Wert von mehreren tausend Galleonen beisammen und ließen den Kadaver mit einem „Evanesco“ einfach verschwinden. Einige Reinigungszauber sorgten dafür, dass die Kammer nicht mehr so staubig war. Nun konnten die Welpen laufen, wenn sie es wollten. Doch die zogen es erst einmal vor, eine Runde zu schlafen.

„Das sollten wir auch tun.“, kommentierte Lucius. Er schuf noch weitere Decken, dazu sogar Betten mit grün-silbernen Vorhängen, in die sie sich legten. Harry nahm die Welpen zu sich, legte den Arm um sie und war kurz danach eingeschlafen.

Lange konnte Lucius nicht schlafen, denn Harry wimmerte leise im Schlaf. David und Robyn, beide inzwischen in menschlicher Form, begannen sich zu bewegen. Lucius stand auf und ging zu dem Jugendlichen, versuchte vorsichtig, ihn zu wecken. Inzwischen kannte er die gesamte Geschichte, Severus hatte ihm einige Tage vor der Beerdigung von der Vergewaltigung erzählt. Harry schien die Erlebnisse noch nicht komplett verarbeitet zu haben. Oder aber er vermisste seinen Gefährten. Auch wenn sie nicht gebunden waren, hatten sie bereits jetzt ein sehr enges Verhältnis zueinander, fand Lucius.

„Sev!“, fuhr Harry hoch. Orientierungslos sah er sich um und zuckte zurück, als er Lucius sah.

„Ruhig, Harry.“, murmelte der Blonde. „Du bist in Sicherheit. Du hast geträumt, möchtest du darüber reden?“

„Ich … Severus, er war verletzt, er hat geschrien, und plötzlich war es still.“, hauchte Harry.

„Er war am Leben und auf dem Weg der Besserung, als ich ging.“, versicherte Lucius, Harrys Ängste verstehend. „Es wird sicherlich Monate dauern, bis er wieder vollkommen geheilt ist, aber ich bin sicher, er wird es schaffen. Jamin hat ihn mitgenommen, sie bleiben erst einmal im Wasser, das hilft Severus und sorgt außerdem dafür, dass sie einigermaßen sicher sind. Wie die Stadt entdeckt werden konnte ist noch nicht ganz klar, aber Jamin geht davon aus, dass Dumbledore schon länger ahnt, dass sein Volk gegen ihn arbeitet und daher spioniert hat. Die Meermenschen haben sich jetzt zerstreut und leben in verschiedenen Höhlen unter Wasser.“

„Und die Werwölfe? Wie konnte der Alte sie finden? Und warum genau während der Beerdigung?“

„So wie es aussieht, gab es einen Verräter. Dumbledore hat wohl herausbekommen, wo sie den Wald betreten.“, grollte Lucius. „Dorthin ging er und hat gemeinsam mit Moody und einigen anderen guten Zauberern die Schutzzauber gelöst. Es hat einige Stunden gedauert, aber da das Rudel mit Packen und Fenrir mit der Beerdigung beschäftigt waren, fiel es niemandem auf. Da hatte Dumbledore offenbar Glück, denn von der Beerdigung wusste niemand außer Fenrir und Andy. Für Beide lege ich meine Hände ins Feuer. Der Zeitpunkt scheint zufällig zu sein. Fenrir hat alle seine Wölfe befragt und tatsächlich einen gefunden, der wohl eher hinter Dumbledore stand. Gut, das lag wohl daran, dass er im Rudel ganz unten in der Rangordnung war und der Alte ihm große Versprechungen gemacht hat, nachdem er mitbekam, dass er ein Werwolf ist.“

„Wie sieht es sonst aus?“, erkundigte sich Harry, nun deutlich gefasster. Er war wütend und wollte, dass es endlich zu einem Ende kam. So viele Menschen mussten leiden, weil zwei Männer an die Macht wollten.

„Der Krieg zwischen Dumbledore und dem Lord hat begonnen. Also ich meine, sie bekriegen sich jetzt offen, nicht mehr nur durch Spionage und kleine Angriffe, die niemand mitbekam.“, gestand Lucius. „Niemand ist mehr sicher. Die Winkelgasse, Hogwarts und das Ministerium sind ständige Ziele. Hart umkämpft, wenn auch derzeit noch eher subtil. Beide unterwandern die Strukturen, um mehr Macht zu haben, aber es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis die ersten wirklichen Kämpfe stattfinden.“ Er seufzte, denn noch konnte er kaum etwas tun.

„Warum greift die dritte Front dann nicht ein?“, wunderte sich Harry. Sie wollten doch schon seit vielen Jahren diesen Krieg beenden.

„Weil sie im Moment noch nicht stark genug sind.“, antwortete Lucius ungewohnt offen. „Ja, wir sind viele, aber du darfst nicht vergessen, dass die meisten Wesen, die sich zur dritten Front zusammengeschlossen haben, nicht magisch sind. Die Kentauren und Draconier sind Kämpfer, aber auf ihre eigene Art. Einem magischen Angriff haben sie kaum etwas entgegen zu setzen, nur ganz Wenige nutzen Magie wie wir. Bei den Werwölfen gibt es einige Magier, aber nur die wenigsten von ihnen haben auch eine vernünftige Ausbildung. Die elfische Naturmagie ist wunderbar, um Dinge zu erschaffen, eignet sich aber nicht für den Kampf. Du siehst, es bleiben nicht mehr so viele Kämpfer übrig, die in diesen Krieg eingreifen können. Mit zwei Armeen können wir es nicht aufnehmen. Unser Ziel war bislang eher, das Gleichgewicht zwischen den Parteien einigermaßen stabil zu halten und die Bevölkerung so gut wie möglich zu schützen, um am Ende für unsere Ziele einstehen zu können. Gleichberechtigung für alle magischen Wesen, Zauberer, Hexen und eigentlich auch Muggel, selbst wenn die nichts von uns wissen.“

„Hm, das klingt logisch, auch wenn ich es so noch nicht gesehen habe.“ Der Jugendliche legte nachdenklich den Kopf schief und blickte in die Ferne. Eine Weile war es still, und Lucius wunderte sich, wie erwachsen der Junge inzwischen wirkte. Ganz im Gegenteil zu dem, wie er ihn in Atlantica erlebt hatte. „Und was passiert dann jetzt?“, fragte sich Harry. „Was mache ich jetzt? Und was wird mit den zwei Jungs?“ Er strich liebevoll über den schwarzen Schopf von Robyn und über Davids hellbraune Haare.

Lucius beobachtete das sehr genau und schien sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. „Erst einmal bleibst du hier.“, entschied er. „Du hast selbst festgestellt, und da stimme ich dir zu, hier sucht niemand nach dir. Soweit ich weiß, ist die Kammer besonders geschützt, da kommen auch keine Geister herein.“ Er schmunzelte, als er Harrys fragend emporgezogene Augenbraue sah. „Natürlich habe ich mich nach dem Desaster informiert. Severus meinte einmal, Dumbledore wäre ziemlich sauer, weil er nicht hinein kann, und nicht einmal die Geister kann er zum Spionieren schicken. Ansonsten hätte ich nie zugelassen, dass wir hierher kommen. Und wie es weiter geht? Nun, ich werde sehen, dass ich mit dem Rat Kontakt aufnehmen kann, und dann entscheiden wir, wie es weitergeht. Ich ...“ Er unterbrach sich und griff an seinen linken Unterarm. Seine Augen zogen sich vor Schmerz zusammen, mehr ließ er sich nicht anmerken. „Ich muss gehen. Bleib in Deckung, ich schicke dir einen Patronus, wenn du mir den Zugang öffnen sollst. Verschließe dich, Harry!“

„Okay.“, nickte Harry. Ein wenig verunsichert blickte er Lucius nach, der hastig durch den Bauch der Schlange verschwand, die Harry ihm geöffnet hatte. Unruhig stand er auf, ging in der Kammer auf und ab. Schlafen konnte er nun nicht, aber er wollte die Kleinen nicht wecken. Also bewegte er sich, überlegte gleichzeitig, was er ändern musste, wenn sie weiterhin hier lebten. Die Kinder waren es nicht gewohnt, drinnen zu sein, sie liebten ihre Freiheit und die Natur. Aber in den Wald konnte er mit ihnen wohl eher nicht. Dann musste er also sehen, wie gut seine Verwandlungskünste waren. Die ganze Kammer konnte er sicher nicht verändern, aber er entschied sich, eine Ecke in einen Wald zu verwandeln. Diese Aufgabe lenkte ihn ab. Am besten nahm er die Ecke neben der Statue, dort war Wasser. Das würde den Welpen sicher gefallen.

Harry brauchte einige Versuche, dann aber schaffte er es, den Boden weich zu machen und mit Moos zu polstern. Es roch selbst für ihn sehr angenehm. Mit neuem Elan machte er sich nun daran, einige Bäume wachsen zu lassen, musste aber schnell erkennen, dass dies nicht funktionierte. Also brauchte er einige Bäume aus dem Wald. Vielleicht konnte ihm Lucius helfen, wenn er zurückkam. Noch immer schliefen die Kinder, daher sah sich Harry die Statue genauer an. Vor drei Jahren hatte er kaum eine Chance gehabt. Wen sie wohl darstellte? Slytherin? Oder Merlin? Der Bart erinnerte ihn ein wenig an Dumbledore, lang und leicht gewellt. Harry schauderte, als er daran dachte, wie sich der Mund geöffnet hatte und der Basilisk herauskam. Wo der wohl hergekommen war? Sicherlich hatte er sich nicht die ganze Zeit in der Statue versteckt. Seine Neugierde gewann schnell die Überhand und Harry zischelte leise, um den Mund der Statue zu öffnen.

„Ri? Ri!“, schrie David auf einmal.

Harry wandte sich von der Statue ab und lief zum Bett. „Alles gut, David. Ich bin schon da.“, nahm er den Jungen in den Arm. Auch Robyn streckte ihm die Arme entgegen. Sie hatten Angst, weil sie eine derartige Umgebung nicht kannten, realisierte Harry. Wahrscheinlich hatten sie auch Hunger, fiel ihm ein. „Wollt ihr etwas essen?“ Zweifaches Nicken antwortete ihm. „Okay, dann ...“ Er überlegte einen Moment, dann grinste er plötzlich. Ihm fiel etwas ein. „Ich rufe jetzt einen Hauselfen. Kennt ihr sie?“ David schüttelte den Kopf, wirkte aber neugierig. „Es sind kleine Wesen, die hier in Hogwarts die ganzen Arbeiten erledigen. Einer davon ist uns treu ergeben, ich werde ihn jetzt rufen. Nicht erschrecken.“ Er wartete, bis David zögernd nickte. „Dobby!“

Es ploppte nur Sekunden später und der Hauself strahlte Harry an, sobald er ihn erkannte. Robyn schrie kurz auf, dann musterte er das kleine Wesen neugierig, das wie ein Wasserfall zu reden begann, kaum, dass es erschienen war. „Master Harry Potter Sir geht es gut! Dobby freut sich, dass Master Harry Potter Sir wieder da ist! Was kann Dobby für Master Harry Potter Sir tun?“, sprudelte er heraus.

„Wir brauchen etwas zu essen und zu trinken.“, erklärte Harry. „Später dann hätte ich gerne ein paar aktuelle Zeitungen.“

Dobby nickte, verschwand, und tauchte nicht einmal eine Minute später mit einer Auswahl an Essen und Getränken wieder auf. Für Robyn hatte er aus Fleisch und Gemüse einen Brei gerichtet, David hingegen griff bereits nach einem Steak und Kartoffeln. Harry begann, das Baby zu füttern. Diesmal war es deutlich einfacher, da Dobby es schon in Brei verwandelt hatte. Er selbst biss ab und zu von einem Sandwich ab. Erst, als die Kinder satt und zufrieden begannen, ihre Umgebung zu erkunden, wandte er sich an den Hauselfen. „Danke, Dobby. Du hast Sirius gerettet. Und jetzt hilfst du uns.“

„Das hat Dobby gern gemacht, Master Harry Potter Sir.“, erwiderte der Elf. „Geht es Master Sirius gut? Dobby tut es leid, dass er Master Remus nicht retten konnte.“ Er wollte seinen Kopf gegen eine der Statuen schlagen, doch Harry hielt ihn rechtzeitig fest. Noch immer rechnete er bei den Hauselfen mit solchen Reaktionen und wollte sie verhindern. „Verzeihung, Master Harry Potter Sir, Dobby hat es vergessen.“

„Schon gut, Dobby. Ich bin nicht böse, aber es war nicht deine Schuld.“, schüttelte Harry den Kopf. „Ich weiß nicht genau, wie es Sirius geht, da ich selbst auch fliehen musste. Dumbledore und seine Leute haben die Werwölfe überfallen, als wir gerade Remus beerdigt haben. Vorher war Sirius in einem nicht mehr ganz so kritischen Zustand, aber noch nicht wach. Lucius meinte, er würde es überstehen.“

„Master Lucius ist hier?“, staunte Dobby.

„Nicht mehr. Er musste zu Voldemort. Aber er will sich melden, wenn er kann.“, entgegnete Harry. „Ich werde mit den beiden Kindern hierbleiben, bis es eine sichere Lösung gibt. Dabei brauche ich deine Hilfe, Dobby.“

„Dobby wird tun, was er kann!“, versprach der Hauself. „Aber Dobby muss auch bei Dumbledore sein, um Informationen für Master Lucius zu sammeln.“

„Natürlich, das ist sehr wichtig.“, stimmte Harry zu. „Wir brauchen Essen, Trinken, Kleidung und Windeln. Außerdem wollte ich dort“, er deutete auf die Ecke neben der Statue, „einen kleinen Wald schaffen, damit die Welpen etwas zum Laufen haben, vor allem bei Vollmond.“

„Dobby wird einige Bäume aus dem verbotenen Wald hierher bringen.“ Dobby nickte so heftig, dass seine Ohren flatterten. David kicherte leise, als er das sah, Robyn war zu sehr damit beschäftigt, sich am Bett in den Stand zu ziehen. Der Hauself reichte Harry noch drei Ausgaben des Tagespropheten, dann verschwand er. Der Jugendliche blätterte durch die Zeitungen. Die Meldungen erschreckten ihn, es hatte tatsächlich begonnen. Noch waren es kleinere Meldungen, die zeigten, dass nicht alles in Ordnung war, aber eine erschreckende Kälte schwang in den Berichten mit. Dazwischen immer wieder Suchmeldungen. Menschen wurden vermisst. Auch nach ihm wurde gesucht, da er sich der Bestrafung durch das Ministerium entzogen hatte. Sie wollten ihm seine Magie nehmen. Harry schauderte erneut, das wollte er sich nicht einmal vorstellen. Vielleicht hätte er mit Sirius und Severus einfach verschwinden sollen aus England, aber das kam ihm feige vor. Er wusste zumindest, dass die Menschen von ihm erwarteten, diesen Krieg zu beenden. Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das machen sollte, wollte er doch helfen. Um an die Horkruxe zu gelangen, musste man Parsel sprechen, dazu war er in der Lage. Also sah er es als seine Aufgabe, hier zu helfen. Sie hatten bereits zwei Horkruxe zerstört, einen hatte er vor zweieinhalb Jahren vernichtet. Das Problem war nun, dass sie nicht genau wussten, wie sie weitermachen konnten. Dafür bräuchte er Severus. Der Meermann, Sirius und Remus hatten bisher entschieden, wie sie weiter machten. Jetzt war er auf sich alleine gestellt, selbst wenn Lucius ihm half.

Er unterbrach seine Gedanken und sah nach den Kindern. Robyn hielt sich am Bett fest und tappte vorsichtig auf Harry zu. Immer wieder fiel er zurück auf den Po, aber er gab nicht auf, zog sich wieder hoch. David hingegen lief immer weiter von ihm weg, schien sich alles genau anzusehen, ließ ihn dabei aber nicht aus den Augen. Als wollte er sichergehen, dass Harry nicht einfach verschwand. Der Jugendliche nahm Robyn auf den Arm und schloss sich David an, untersuchte die Kammer genauer. Er wandte sich der Statue ein weiteres Mal zu, öffnete den Mund. Das hier zog ihn richtiggehend an, er wollte nun unbedingt wissen, was sich dahinter verbarg. Er war überzeugt, dass dahinter mehr als nur ein Spalt war, vielleicht die Höhle des Basilisken. Ein wenig Angst hatte er, dort erneut auf einen Basilisken zu treffen, aber an und für sich war er sicher, dass es dort keinen Basilisken gab, denn den hätte Riddle damals gerufen. Dennoch hielt er den Zauberstab bereit, um sicher zu gehen. David schob er hinter sich.

Schritt für Schritt ging er in die Dunkelheit im Mund der Statue. Ein Gang ähnlich dem, durch den sie hereingekommen waren, breitete sich vor ihm aus. Es war dunkel und staubig, hier hatte sich schon länger nichts mehr bewegt. Harry ging vorsichtig, aber mit festem Schritt voran. Nach fünfundzwanzig Schritten – er hatte mitgezählt – stand Harry in einer größeren Kammer. Mit seinem Zauberstab schuf er ein wenig mehr Licht – und staunte. Das hier war ein Arbeitszimmer. In der Mitte standen vier antik wirkende Schreibtische aneinander, sodass man sich ansehen konnte, wenn man daran saß. Tintenfässer mit vertrockneten Resten von Tinte, alte, verstaubte Federn und zerbröseltes Pergament lagen darauf verstreut. An den Wänden ringsum waren Bücher. Die Regale reichten weit hinauf bis an die Decke, die sicher acht Meter über Harry war. Zwei Leitern erleichterten es, sich Bücher von oben zu holen. Etwa auf halber Höhe führte eine Balustrade rund um den Raum. Nur der Spalt, durch den er gekommen war, und eine Tür beinahe genau gegenüber unterbrachen die Bücherregale. Harry warf im Vorbeigehen einen Blick auf die Bücher. Nicht alle Titel konnte er lesen, manche waren in Runen geschrieben, andere in Parsel oder in einem seltsam klingenden Englisch. Doch lange beschäftigte sich Harry nicht damit, er wollte wissen, was hinter der Tür war. David blieb hinter ihm, er wirkte verängstigt. Kein Wunder, solche Räume kannte der kleine Werwolf sicherlich nicht.

Die nächste Tür konnte er mit der Hand öffnen, was dafür sprach, dass der Basilisk nur bis hierher, in das Arbeitszimmer, gekommen war. Der nächste Raum sah wie ein Wohnzimmer aus, wenn auch ziemlich alt. Die Sessel ähnelten nicht annähernd dem, was Harry kannte. Holz und Leder waren die verwendeten Materialien, es gab keinerlei Polsterung. Fünf Sessel standen um einen hölzernen Tisch. Auch hier gab es eine Menge Bücher, wenn auch deutlich weniger als nebenan. Vier Gemälde dominierten die Wände. Zwei Frauen und zwei Männer waren darauf abgebildet. Unwillkürlich dachte Harry an die Gründer. Neugierig öffnete er die beiden Türen im Raum. Dahinter verbargen sich ein Schlafzimmer und ein Raum, in dem mehrere Schalen und Wannen standen. Ein antikes Badezimmer? Harry entschied, hier zu bleiben. Er konnte die Kammer für die verwandelten Werwölfe nutzen, wenn die Vollmond-Nacht anstand. Bis dahin waren die Bisse offenbar nicht gefährlich. Hier vertraute er Lucius voll und ganz. Ein Zauber zeigte ihm, dass es inzwischen mitten in der Nacht war. Also wollte er die Kinder nun ins Bett bringen und selbst auch schlafen. Mit einigen Zaubern war das Schlafzimmer sauber, genau wie das Bad, das nicht nur ins Wohnzimmer sondern auch ins Schlafzimmer eine Verbindung hatte. Daran würde er sich morgen machen, er wollte ein modernes Bad mit Toilette, Dusche und Badewanne. Sicher würde Dobby ihm helfen. Schnell wickelte er Robyn – hoffentlich war das die letzte Windel, die er verwandeln musste – gab ihm noch etwas zu trinken, dann legte er sich mit ihnen hin. Zahnbürsten sollte er bei Dobby ebenfalls bestellen, fiel ihm auf. Aber für heute ignorierte er es. Die Müdigkeit hatte ihn nun im Griff. Nur mit Mühe konnte er sich noch dazu aufraffen, den Kindern eine Geschichte zu erzählen. Bald schliefen sie tief und fest.

 

Zwei Tage später war mit Hilfe von Dobby eine Wohnung entstanden, in der sich Harry, David und Robyn sichtlich wohlfühlten. Lucius hatte einen Patronus geschickt, dass es ihm gut ging, er aber nicht kommen konnte, weil er so viel zu tun hatte und nicht auffallen durfte. Dobby hatte Windeln und Spielzeug für die Kinder, und Tinte, Pergament und Federn für Harry besorgt, die Wald-Ecke war fertig, es gab Kinderbetten und ein richtiges Badezimmer. Außerdem hatte Lucius dem Hauselfen abgelegte Kleidung von Draco mitgegeben, einiges für Harry, sogar an Kinderkleidung hatte er gedacht. Nun beschäftigte sich Harry mit den Büchern, lernte neue Zauber und übersetzte Tränkerezepte, während die Kinder schliefen oder spielten. Er musste sich beschäftigen, damit er nicht ständig darüber nachdachte, dass auch er ein Horkrux war. Oder wie es Sirius und Severus ging. In wenigen Tagen war Vollmond, er hoffte, David und Robyn kamen alleine damit klar. Zwar hatte er ein Buch über Animagus-Verwandlungen gefunden, aber bisher hatte er es nicht geschafft, sich zu verwandeln. Er war auch nicht sicher, ob es eine gute Idee war, das alleine zu probieren, immerhin konnte eine Menge schiefgehen dabei. Also entschied er, auf Lucius zu warten, bevor er es testete.

Am Abend, als die Kinder bereits schliefen, setzte sich Harry erneut an den Schreibtisch. Ein Buch über schwarze Magie hatte ihn in seinen Bann gezogen. Darin wurden unter anderem Heilzauber beschrieben, die wollte er unbedingt lernen. Vielleicht war das etwas, was er in Zukunft machen wollte. Zumindest konnte es nicht schaden, solche Dinge zu können. Doch heute konnte er sich nicht darauf konzentrieren, er fühlte sich beobachtet. Immer wieder sah er um sich, niemand war da. Bis er gegen Mitternacht erneut aufsah und erschrocken aufschrie, als er eine silbrige Gestalt entdeckte, die in einem der Bücherregale schwebte.

„Es ist unnötig, sich zu erschrecken, junger Mann.“, schüttelte der Geist den Kopf. „Meine Neugierde ward geweckt, als ihr meine Bücher nahmt und darin last.“

Harry musste einen Moment nachdenken, bevor er verstand, was der Geist damit sagen wollte. „Ja, ich kann Parsel.“

„Seid ihr ein Nachkomme meiner Linie?“ Der Geist legte den Kopf schief.

„Ich weiß es nicht.“, zuckte Harry ein wenig hilflos die Schultern. „Meine Eltern starben, als ich ein Jahr alt war. Niemand hat mir je etwas davon gesagt, woher meine Familie stammt. Aber sie haben mir auch nicht gesagt, wer sie sind, daher kann ich ihre Frage nicht beantworten.“

„Oh, verzeiht. Gestattet, dass ich mich vorstelle. Ich bin die wandelnde Seele von Salazar Slytherin. Mein Geist wurde dazu verbannt, hier zu warten, bis sich die alte Prophezeiung erfüllt hat. Seither warte ich, bis der junge Mann kommt, von dem die Prophezeiung sprach.“

„Welche Prophezeiung?“, wollte Harry wissen. Ohne es zu wollen, schauderte er, da er schlechte Erfahrungen mit einer Prophezeiung gemacht hatte.

„Die Prophezeiung der weisen Cassandra, die vom Ende der schwarz-weißen Welt sprach.“, antwortete Slytherin geheimnisvoll. „Mein Geist ist ein wenig verwirrt, wie mir scheint, denn ich kann mich nicht an den genauen Inhalt erinnern. Fragt Madam Rowena, sie kann euch sicher helfen, Jüngling.“

„Rowena? Sie meinen, Rowena Ravenclaw, die Mitgründerin von Hogwarts?“, staunte Harry. „Aber – sie ist doch sicher schon gestorben. Oh. Verzeihung.“ Ihm fiel erst jetzt auf, dass das ja auf Salazar Slytherin ebenfalls zutraf.

„Wieso sollte sie?“, meinte Slytherin verwirrt.

„Naja.“ Harry zögerte einen Moment. „Weil die Gründung von Hogwarts bereits über tausend Jahre zurückliegt.“

„Ihr wollt mich auf den Arm nehmen, Jüngling.“

„Nein, nicht wirklich, Mister Slytherin. Wir sind im Jahr 1995.“

„Bei Merlin!“ Der Geist wurde blass, wenn ein Geist das konnte. „Nun, dann werde ich sehen müssen, dass meine Gedanken sich erinnern.“

„Das wäre … angenehm.“, erwiderte Harry. Er war so verwirrt, dass er kaum etwas sagen konnte. Viele Fragen schwirrten durch seinen Kopf, aber er war nicht in der Lage, sie zu formulieren. Vielleicht sollte er sich einmal zwicken, nicht dass er träumte. Aber so einen verrückten Traum hatte er noch nicht gehabt. Nie.

„Ich habe es!“, rief Slytherin drei Tage später plötzlich aus. Seit er das erste Mal auf Harry getroffen war, hatte er kaum ein Wort gesprochen, stattdessen über die Prophezeiung gegrübelt. Harry hatte die Zeit genutzt, mit den Kindern zu spielen und neue Zauber zu lernen. Sogar ein Buch über Zaubertränke hatte er genau studiert, es enthielt Rezepte und Anleitungen von Heiltränken. Jetzt aber blickte er den Geist neugierig und auffordernd an. Der räusperte sich und begann: „Also, Cassandra sagte damals: ‚Wenn schwarz und weiß um die Vorherrschaft kämpfen, wird der Blitz über sie kommen. Der Blitz braucht die Hilfe der grauen Wesen, denn schwarz und weiß ergibt grau. Ohne einander können sie nicht existieren; nur wenn die beiden Seiten im Gleichgewicht sind, ist das Leben möglich. Wird der Blitz von einer Seite angenommen, werden sich schwarz und weiß gegenseitig vernichten und die Magie zerstören.‘ Ich habe gesehen, dass ihr das Zeichen des Blitzes tragt, Jüngling, und euer Erscheinen hat meinen Geist aus dem langen Schlaf geweckt, daher weiß ich, dass ihr dieser Blitz sein müsst.“

„Und was bedeutet das nun?“, wunderte sich Harry. So ganz klar war der Text nicht, aber das waren Prophezeiungen offenbar nie. So schnell hatte er es sich auch nicht merken können, daher musste er es auf jeden Fall noch einmal hören. „Können sie es nochmal sagen, damit ich es aufschreiben kann?“ Natürlich tat der Geist ihm den Gefallen und wiederholte die Worte so oft, bis Harry alles aufgeschrieben hatte. Leider konnte auch er ihm nicht helfen, die Prophezeiung zu entwirren. Nun wünschte Harry sich Severus an seine Seite. Der Tränkemeister dachte immer logisch und schaffte es, alle Aspekte zu bedenken. Vielleicht auch Hermine, die genau wusste, in welchen Büchern sie nachschlagen konnte. Aber er war auf sich alleine gestellt und musste nun selbst damit klar kommen. David und Robyn waren derzeit in der Kammer, da der Vollmond vor etwas über einer Stunde aufgegangen war. Harry machte sich Sorgen um die beiden Kinder, die da draußen ganz alleine waren. Die Verwandlung an sich waren sie gewohnt, aber sicherlich waren sie noch nie alleine gewesen. Werwölfe waren Rudeltiere, hatte Fenrir ihm erklärt. Sie hatten ausgesprochen enge Bande zu ihrer Familie. Einer der Gründe, warum Remus solche Schwierigkeiten mit der Verwandlung gehabt hatte, seit sein damaliges Rudel nicht mehr war.

Nun riss ihn der Geist aus seinen Gedanken. „Jüngling, ich kann euch nicht genau sagen, was dies alles bedeutet für euch, aber eines ist sicher: Ihr seid derjenige, der das Gleichgewicht bringen kann. Ich entnehme den Worten der Prophezeiung, dass ein Krieg herrscht oder herrschen wird. Allerdings weiß ich nichts von diesem Krieg. Ihr müsst mir mehr Informationen geben, Jüngling.“, erklärte Salazar.

Harry atmete tief durch und sortierte seine Gedanken. Vertraute er Slytherin, konnte er ihm vertrauen? Sein Gefühl riet ihm dazu, er ahnte, dass der Geist ihm helfen würde. Ansonsten wüsste Dumbledore sicher schon von der alten Prophezeiung und hätte ihn dementsprechend vorbereitet. Harry schüttelte sich und traf seine Entscheidung. Dann berichtete er von Voldemort und Dumbledore, von ihrem Wahn, die schwarze oder weiße Magie komplett zu verbieten und zu verbannen. Er erzählte, dass es eine neuere Prophezeiung geben sollte, die besagte, dass er Voldemort töten konnte, und wie Dumbledore ihn zu seiner Schachfigur machen wollte. Sogar von seinen Verwandten sprach er, und dass Dumbledore immer wieder zugelassen hatte, dass er dorthin ging, es sogar von ihm verlangte, obwohl er wusste, wie es ihm dort erging. Als er von der Schulzeit und damit von Severus sprach, brach seine Stimme, weil er Angst um seinen Gefährten hatte. Er wusste, er hatte sich nicht nur in ihn verliebt, es war viel mehr als das. Er liebte Severus so sehr, wie er ihn früher verabscheut hatte. Inzwischen verstand er, dass es damals sein musste und auch, wieso es so schlimm geworden war. Sie hatten einander nichts geschenkt, sich gegenseitig immer weiter hochgeschaukelt. Das war nun vorbei, und Harry war sehr froh darüber.

„Ihr habt euch tapfer geschlagen, Jüngling.“, merkte Slytherin leise an. „Nicht viele Männer können derartige Heldentaten vorweisen.“

„Ich bin übrigens Harry.“, unterbrach Harry irgendwann die anschließende Stille. Diese deutlich hörbare Hochachtung war ihm genauso unangenehm wie die Bewunderung, die ihm die Zauberwelt früher zuteil werden ließ. Wieder war er anders. Vielleicht kein Freak, aber doch nicht so normal wie alle seine Freunde. Hörte das denn nie auf? Schnell richtete er seine Gedanken auf etwas anderes. „Ich habe mit einem Hauselfen diese Wohnung hier ein wenig … äh … modernisiert. Ich hoffe, es stört sie nicht, dass ich erst einmal hier bleibe.“ Harry wurde rot, denn immerhin war es eigentlich der Raum des Geistes, den er da ohne nachzudenken verändert hatte.

„Nun, Sir Harry, es ist mir eine Ehre, euch Unterschlupf zu gewähren.“, neigte der Geist seinen Kopf. „Die Umbauten sind für mich vielleicht unverständlich, aber in den letzten knapp tausend Jahren hat sich die Menschheit sicher mehr verändert, als ich mir vorstellen kann. Ich brauche nicht viel, daher tut, was ihr für notwendig haltet, Sir Harry. Was habt ihr nun vor? Ich meine, nicht diese Räume hier, sondern den Krieg da draußen.“

„Naja, ich habe euch von Voldemorts und Dumbledores Seiten erzählt. Aber es gibt noch eine dritte Front in dieser Geschichte.“, führte Harry seine Erklärung noch ein Stück weiter. „Die magischen Wesen, die gerade von Dumbledore und dem Ministerium stark unterdrückt werden, haben sich zusammen geschlossen. Veelas, Werwölfe, Vampire, Kentauren, Elfen, Meermenschen, Draconier und viele mehr bilden einen Rat. Für diesen Rat spionieren Fenrir und Lucius. Fenrir ist der Alpha der Werwölfe hier in Großbritannien, Lucius der Sprecher der Vampire. Auch Severus hat spioniert, aber er kann es nicht mehr, weil er sich enttarnt hat, indem er mich nicht auslieferte. Severus täuschte sogar beide Seiten, Fenrir und Lucius sind in den Reihen der Todesser. Ich glaube, jemand von den Veelas ist dabei, sich bei Dumbledore einzuschleichen, aber genau weiß ich es nicht. Xeno, einer der Elfen, hat es versucht, aber Dumbledore hat damals seine Frau enttarnt und beinahe getötet, deshalb musste er sich zurückziehen. Dennoch blieb er mit Luna, seiner Tochter, hier und versucht alles zu tun, um die dritte Front zu unterstützen. Severus hat mich dorthin gebracht, als wir im Haus meines Paten überfallen wurden. Dort habe ich angefangen, alles zu lernen, um mich verteidigen zu können.“ Er erzählte weiter, was in Atlantica und im Wald bei den Werwölfen passierte, und wie er hierher gekommen war. Außerdem erzählte er vom Unterricht und seinen Versuchen, hier selbständig weiter zu lernen.

„Dann erlaubt mir, junger Harry, euch beim Lernen zu unterstützen.“, bat Salazar.

„Das wäre hilfreich.“, erlaubte Harry, der deutlich erleichtert war. Jede Hilfe war willkommen. „Ich danke ihnen, Mister Slytherin.“ Da er ohnehin aus Sorge um die kleinen Welpen nicht schlafen konnte, begann er mit dem Geist bereits die ersten Lektionen. Schnell erkannte Salazar, welche Zauber er Harry beibringen musste. Einige der Zauber, die Harry ihm zeigte, kannte der Hogwarts-Gründer nicht, dafür lernte er in den nächsten Stunden viele Zauber, die seines Wissens nach unbekannt waren. Erleichtert dankte Harry dem Geist erneut, als es draußen langsam hell wurde. Mit Hilfe von Salazar hatte Harry eine der Wände und die Decke in der Kammer so verzaubert, dass sie ähnlich wie die Decke in der großen Halle anzeigte, wie es draußen aussah. Er öffnete den Durchgang in die Kammer, wo er zwei völlig erschöpfte, quengelnde Kinder vorfand, die mehr als froh waren, als sie Harry sahen. Der Jugendliche griff nach ihnen, hob sie hoch, trug sie ins Bett, wo er sie mit einem Zauber reinigte und umzog, dann kuschelten sie sich aneinander und schliefen die nächsten Stunden tief und fest.

Gegen Mittag erwachte Harry, weil sein Magen knurrte. Immer noch etwas müde ging er ins Bad und duschte sich, um wach zu werden. Anschließend rief er nach Dobby, der ihnen etwas zu Essen brachte. Auch die Kinder wurden langsam wach und wirkten hungrig, daher setzte Harry David nur kurz auf die Toilette, wechselte Robyns Windel, bevor sie am Tisch Platz nahmen. Mit Salazars Hilfe wirkte er danach einen Diagnosezauber, der ihm zeigte, dass es beiden Kindern bis auf etwas Müdigkeit gut ging. Er legte sie wieder in ihre Betten – auch wenn sie meistens bei ihm schliefen, hatte doch jeder ein eigenes Bett – dann ging er zurück ins Arbeitszimmer, da er selbst nicht mehr schlafen konnte. Lieber nutzte er die Zeit zum Lernen.

„Junger Harry, ich schlage vor, ihr braut einen kindgerechten Stärkungstrank für die Kleinen.“, meldete sich Salazar zu Wort, als Harry nach einem Buch griff. „Derartige Tränke kann auch euer Hauself nicht aus den Vorräten des Schlosses holen, da sie zu stark für Kleinkinder sind. Außerdem braucht ihr sicher gewisse eigene Vorräte an Heiltränken. Ihr solltet die Zeit nutzen.“

„Sie haben Recht.“, nickte Harry nach einem Moment. „Können sie mir helfen? Ich bin nicht gerade ein Genie im Brauen.“

„Ich werde euch überwachen, junger Harry.“, versprach der Geist. „Sucht zunächst das Rezept aus dem Buch mit dem grün-silbernen Einband dort hinten.“ Harry tat wie verlangt. Salazar warf nur einen kurzen Blick darauf, dann nickte er. „Und nun sucht euch die Zutaten im Labor zusammen.“

„Labor?“, wunderte sich Harry. Daran würde er sich erinnern, wenn er hier eines gesehen hätte. Ganz sicher.

„Hier im Arbeitszimmer gibt es eine geheime Tür, dahinter ist mein privates Labor.“, verriet Salazar. „Wir werden die Zutaten noch verwenden können, denn es liegt ein Stasis-Zauber darauf, so lange niemand sich darin aufhält. Geht zu dem Regal neben der Tür ins Wohnzimmer, dort nehmt das blaue Buch mit der silbernen Beschriftung und stellt es neben den Buchständer, dann ganz nach hinten schieben. So könnt ihr die Tür öffnen.“

„Ich lege noch schnell einen Überwachungszauber auf David und Robyn.“, entschied Harry, lief kurz ins Schlafzimmer, dann öffnete er das Labor. Staunend sah er sich um. Das hier würde Severus sicher gefallen, das Labor war groß, hell und wirklich gut sortiert. Viele der Dinge hatte Harry noch nie gesehen. Kessel in den verschiedensten Größen und Materialien, Schneidbretter, Messer in unterschiedlichen Qualitäten. Es dauerte eine ganze Weile, bis Harry sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren konnte. Salazar ließ ihm die nötige Zeit, ansonsten konnten sie den Trank wohl vergessen. Doch irgendwann begann Harry dann, nach den Zutaten zu suchen. Streng beobachtet vom Hogwartsgründer, der ihn immer wieder auf bestimmte Dinge hinwies. „Eisenhut solltet ihr nicht mit der Hand anfassen, junger Harry. Nehmt die Drachenleder-Handschuhe, die dort auf dem Schreibtisch liegen.“ Ein paar Minuten schwieg er, dann fiel ihm erneut etwas auf. „Legt die getrockneten Kräuter nicht direkt in das Licht, es entzieht ihnen die Wirkstoffe.“

Schließlich hatte Harry alle Zutaten beisammen. Jetzt forderte Salazar ihn auf, sie in der Reihenfolge hinzulegen, in der er sie brauchte. Dazu musste er das Rezept ein weiteres Mal lesen, sodass er begann, die ersten Einzelheiten zu verinnerlichen. Nun markierte er sich die wichtigen Stellen – etwas, das Severus ihm beigebracht hatte. Erst jetzt begann er damit, die Zutaten vorzubereiten: Schneiden, reiben, zerdrücken, schälen und einlegen. Immer wieder unterbrach Salazar und wies Harry auf Fehler hin, die zu Verunreinigungen führen könnten. So lernte Harry, wie er welches Messer nutzte. Bisher hatte er nur zwei verschiedene Messer – ein normales und ein silbernes – genutzt, aber Salazar wusste genau, wie er aus den Zutaten alles herausholen konnte. Auch Severus hatte ein ganzes Sammelsurium an verschiedenen Messern und Schneidbrettern, fiel Harry ein. Im Labor in Atlantica hatte er es mehrmals gesehen. Dort hatte es ihn eher verwirrt, aber mit Salazars Erklärungen wurde es nach und nach deutlicher, was der Unterschied war.

Nach über zwei Stunden Vorbereitung war es dann soweit, dass Harry Wasser in einen Kessel gab – es musste ein goldener Kessel mit dem Inhalt von 5 Litern sein – und das Feuer anschürte. Auch hier achtete er, nach einer Ermahnung von Salazar, darauf, dass die Temperatur exakt auf 98°C anstieg, Dazu nutzte er Weidenholz. Auch das war wichtig, erklärte Salazar, der ebenfalls ein Tränkemeister war, wie Harry erfuhr. Noch einmal las Harry das Rezept, um sicher zu gehen, dass er alles vorbereitet hatte. Konzentriert rührte er Mondgras in das beinahe kochende Wasser, immer dreimal im Uhrzeigersinn, viermal dagegen. Schritt für Schritt arbeitete er sich durch das Rezept, bis der Trank am Ende genau die blass-orangene Farbe hatte, die er laut Anleitung haben sollte.

„Sehr gut, junger Harry!“, lobte Salazar. „Jetzt lasst ihr ihn langsam abkühlen, dafür einfach den Kessel vom Feuer nehmen. In einer Stunde ist er trinkfertig. Die Kinder sollten zunächst noch etwas essen, dann nehmen sie den Trank. Sie werden die Nacht gut schlafen und morgen geht es ihnen wieder gut.“

„Vielen Dank für ihre Hilfe, Sir.“, lächelte Harry. Das Lob tat ihm gut, und er war stolz auf sich, diesen eigentlich schweren Trank geschafft zu haben. Er weckte die Kinder, die wirklich erschöpft waren, fütterte diesmal nicht nur Robyn, sondern auch David, da er viel zu müde zum Essen war, gab ihnen den Trank und ließ sie weiter schlafen. Eine Weile las er noch in einem Buch über Grundlagen des Tränkebrauens, dann legte auch er sich ins Bett. Die letzte Nacht, die er in Sorge verbracht hatte, und die vielen Informationen hatten ihn ebenfalls müde gemacht.

Doch diese Nacht war nicht so ruhig, wie er sich erhoffte, denn immer wieder ging ihm die Prophezeiung durch den Kopf, dazu das Wissen um den Horkrux in ihm. Gegen Morgen entschied er, mit Salazar darüber zu reden. „Mister Slytherin?“, fragte er leise ins Arbeitszimmer, nachdem er aufgestanden war. Das wollte er ohne die Kinder und vor dem Frühstück erledigen. Der Geist tauchte aus der Wand zwischen den beiden Türen in Wohnzimmer und Labor auf und blickte ihn neugierig und auffordernd an. „Wissen sie, was Horkruxe sind?“

„Merlin!“, keuchte Salazar. „Bringt man euch dieses Wissen in Hogwarts bei? Das ist ja fürchterlich!“

„Nein, Sir.“, unterbrach Harry. „Das ist ein Begriff, auf den ich nicht in der Schule gestoßen bin. Jedenfalls nicht im Unterricht, das würden sie uns niemals beibringen.“ Er erklärte, was er bisher darüber wusste und in Erfahrung hatte bringen können. „Und dann haben wir herausgefunden, dass einer in mir steckt.“, wisperte er am Ende. Er räusperte sich unbehaglich. „Wissen sie, wie dieser Horkrux in mir zerstört werden kann? Oder aus mir entfernt?“

„Und das ist ausgerechnet einer meiner Nachfahren.“, seufzte Salazar betroffen. „Es tut mir leid. Lasst mich nachdenken, junger Harry. Ich bin sicher, es gibt eine Lösung für euch, auch wenn ich gerade keine weiß.“

„Ich … ich hab Angst.“, gestand Harry. Zum ersten Mal, seit sie damals den ersten Verdacht hatten, gab er hier seinen Gefühlen ein Stück weit nach. Zitternd schlang er die Arme um seinen eigenen Oberkörper, die Augen weit und hoffnungsvoll auf Salazar Slytherin gerichtet.

„Das ist nur natürlich, junger Mann.“, tröstete der Geist. Er wirkte ein wenig hilflos, weil er Harry nicht berühren und damit beruhigen konnte. Unruhig schwebte er hin und her. „Aber ihr solltet nicht aufgeben. Es gibt immer Hoffnung. Wir werden eine Lösung finden.“

„Danke, Sir.“ Harry atmete tief durch. Der Gründer von Hogwarts wirkte überzeugend, Harry glaubte ihm. Ein wenig erleichtert ging er ins Schlafzimmer, als die Kinder langsam munter wurden. Gemeinsam setzten sie sich zum Frühstücken an den Tisch. Danach entschied Harry, mit den Jungs baden zu gehen. Auch wenn er sich dabei ziemlich komisch vorkam, zog er sich nackt aus und stieg mit den Kindern in die Wanne. David spielte hingerissen mit einer Quietsche-Ente, die Harry ihm gezaubert hatte. Auch Robyn erkundete das gelbe Gummitier, aber der Kleine blieb auf Harrys Bein sitzen und kuschelte sich an den Jugendlichen.

„Master Harry Potter Sir?“, piepste Dobby nun von der Tür her.

„Dobby!“ Harry war erschrocken, er hatte nicht damit gerechnet, dass der Hauself erscheinen könnte. Normalerweise kam er nur, wenn Harry ihn rief. „Was ist los? Ist etwas passiert?“

„Dobby hat Master Harry Potter Sirs Freund beobachtet.“, berichtete Dobby enthusiastisch. „Master Neville Longbottom ist fast immer alleine. Er spricht mit niemanden, außer er wird gefragt im Unterricht. Im  Schlaf murmelt er immer wieder Master Harry Potter Sirs Namen. Professor Dumbledore Sir beobachtet Master Neville Longbottom immer.“

„Weiß Neville das?“

„Dobby glaubt schon, Sir.“, nickte Dobby. „Aber Dobby hat nur beobachtet. Soll Dobby weiter beobachten?“

„Das war sehr gut, Dobby.“, lobte Harry. „Pass bitte auf Neville auf, er ist mir sehr wichtig. Und wenn es möglich ist, finde heraus, wer von den Lehrern nicht auf Dumbledores Seite ist. Wenn es eng wird, können wir jede helfende Hand brauchen.“

„Das wird Dobby tun!“ Der Hauself war voller Stolz und Elan. „Darf Dobby einen Wunsch äußern?“

„Natürlich, Dobby. Du darfst mir immer sagen, was du willst.“, erlaubte Harry, sich darüber ärgernd, dass er das immer wieder erklären musste. Noch immer verhielt sich Dobby, als wäre er ein Sklave, dabei war er frei, und auch Lucius hatte ihn seit einiger Zeit deutlich besser behandelt. Beinahe gleichwertig. Auch wenn Harry durchaus verstand, warum er vorher so ein schäbiges Verhalten dem Hauself gegenüber zeigen musste, um sich nicht zu verraten. Dobby schien seinem Meister das auch nicht übel zu nehmen, im Gegenteil, er war ihm treu ergeben, auch wenn er nun tatsächlich frei war.

„Dobby … würde sich gerne … an Master Harry Potter Sir … binden.“, stammelte der Hauself unsicher und leise. „Dobby möchte Dumbledore nicht mehr dienen.“

Harry biss sich auf die Lippen. Er verstand Dobby einerseits, aber auf der anderen Seite brauchte vor allem Lucius die Informationen des Hauselfen. Er half ihnen sehr, indem er den Direktor ausspionierte, hatte Sirius und Remus befreit und sorgte nun für Harry. Doch was sagte er nun zu ihm? Harry legte sich die Worte zurecht, und sprach vorsichtig zu Dobby: „Es ehrt mich, dass du diesen Wunsch hast, Dobby. Aber im Moment bin ich nicht sicher, ob das gut ist. Dobby, deine Informationen sind sehr, sehr wichtig für uns. Vor allem für die Wesen, die mit deinem früheren Meister zusammen arbeiten. Deshalb würde ich diese Bitte im Moment nur ungern beantworten, da ich nicht alle Faktoren einschätzen kann.“

„Dobby wird warten.“, entschied das kleine Wesen.

„Bi, bi!“, kicherte Robyn und platschte mit der flachen Hand auf das Wasser.

„Ja, Dobby!“, grinste Harry. „Er wird uns nachher wieder etwas zu essen bringen. Magst du dann ein Leberwurst-Brot?“

„Bot!“, wiederholte Robyn. Viel sprach der Kleinste nicht, und das, was er von sich gab, war ziemlich undeutlich. Langsam aber bekam Harry eine gewisse Ahnung, was das Baby wollte. Wobei Robyn eigentlich bisher nur einige wenige Silben wiederholte. David sprach viel deutlicher, allerdings reihte er nicht mehr als drei Worte aneinander. Doch auch damit konnte er sich verständlich machen. Harry wusste jedenfalls fast immer, was er von ihm wollte. Er genoss es, diese Normalität. Für die Kinder zu sorgen erfüllte ihn mit einer großen Zufriedenheit. Er erwischte sich immer wieder bei dem Gedanken, wie es wäre, mit Severus und den Kindern eine Familie zu bilden. Ein Leben ohne die ganze Aufmerksamkeit, ohne die ständige Bewunderung, die er für unangebracht hielt. Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als ein silbriger Adler vor ihm auftauchte und mit Lucius' Stimme sprach: „Harry, bitte lass mich in die Kammer, ich stehe vor dem geheimen Eingang. Beeile dich!“

Harry bat Dobby hastig, die Kinder aus der Wanne zu holen und auf sie zu achten. Er selbst sprang aus dem Wasser, trocknete sich mit einem Zauber und warf sich seine Kleidung über. „David, Robyn, seid brav. Ich komme bald wieder. Dobby passt auf euch auf.“, versprach er, während er nach draußen lief. Trotz der Eile achtete er darauf, den Eingang zur Kammer ordentlich zu verschließen, damit die Kinder nicht hinterher kamen. Durch den Gang nach draußen rannte er regelrecht. Als er die Tür öffnete, stand Lucius vor ihm, der Umhang zerrissen und blutbefleckt, die Haare wirr, und mit zitternden Armen, in denen er etwas hielt. Harry musste mehrmals hinsehen, um zu erkennen, dass es ein Mensch war. Er trat beiseite, um den Älteren einzulassen, auch wenn er unsicher war, weil er nicht wusste, wen der Blonde da mitbrachte. Als Lucius an ihm vorbei ging, erhaschte Harry einen Blick auf die Person, die in einen dunklen Umhang gewickelt war. Darüber war ein Tarnumhang, sein Tarnumhang, mehr schlecht als recht. Wie kam Lucius daran? Aber als er noch einen Blick auf den Mensch in Lucius' Armen bekam, vergaß er es. „Hermine!“, keuchte er, als er sie erkannte.

Lucius nickte grimmig. „Ich hatte Glück, sie da rauszuholen. Dummes Mädchen!“, schimpfte er. Mit weit ausholenden Schritten lief er in Richtung der Kammer. Harry hatte Mühe, hinter ihm herzukommen. „Deinen Umhang hatte der Alte, du kannst ihn wieder haben. Im Übrigen solltest du vorsichtiger sein, auch wenn ich persönlich froh bin, dass du mich schnell herein gelassen hast.“

„Remus hat mir beigebracht, dass ein Patronus nicht lügen kann. Man kann damit nur ehrliche Absichten übermitteln, deshalb habe ich nicht gezweifelt. Aber das ist gerade nicht wichtig. Ich habe etwas entdeckt in der Kammer.“, gestand Harry. Lucius blickte ihn mit erhobener Augenbraue an und erinnerte ihn damit schmerzhaft an Severus. Harry schluckte kurz. „Naja, ich habe mich ein wenig umgesehen und Salazar Slytherins persönliche Räume gefunden.“ Lucius' Augenbraue wanderte noch höher. „Ich bin mit den Kindern dorthin gezogen, es ist eine richtige Wohnung. Na gut, Dobby hat mir geholfen, das Schlafzimmer und das Bad ein wenig moderner zu gestalten, aber jetzt kann man gut darin wohnen. Die Kinder fühlen sich wohl, sie haben ihre eigenen Betten. In der Vollmondnacht sind sie in der Kammer gelaufen, da hatten sie Platz und konnten sich austoben. Mit der Hilfe von Salazar Slytherins Geist habe ich dann auch einen Trank gebraut, damit es ihnen nach der Verwandlung besser geht.“

„Salazar Slytherins Geist?“, echote Lucius. Gerade schaffte es der Junge, ihm ständig neue Schocker mal eben so mitzuteilen. Lucius konnte seine sonst kühle, überlegene und auch ein wenig arrogante Maske nicht mehr halten.

„Äh, ja, genau.“ Harry fiel auf, dass er das vorher nicht erwähnt hatte. „Als ich in seinen Räumen war, tauchte er irgendwann auf und erzählte etwas von einer alten Prophezeiung, die scheinbar auf mich zutrifft.“

Jetzt kam Lucius sogar aus seinem Schritt und stolperte beinahe. „Welche Prophezeiung?“, hakte er nach. Er überlegte, wie lange er weg gewesen war. Es waren doch nicht einmal zehn Tage gewesen. Langsam verstand er, warum Severus immer davon sprach, dass der Junge ein Garant für Magengeschwüre war.

„Ähm, ‚Wenn schwarz und weiß um die Vorherrschaft kämpfen, wird der Blitz über sie kommen. Der Blitz braucht die Hilfe der grauen Wesen, denn schwarz und weiß ergibt grau. Ohne einander können sie nicht existieren, nur wenn die beiden Seiten im Gleichgewicht sind, ist das Leben möglich. Wird der Blitz von einer Seite angenommen, werden sich schwarz und weiß gegenseitig vernichten und die Magie zerstören.‘ Das hat, laut Mister Slytherin, Cassandra damals vorhergesagt.“, erklärte Harry. Da sie inzwischen vor dem Eingang zur Wohnung standen, öffnete Harry den Mund der Statue. Ihm fiel auf, wie blass Lucius war. Was war da nur passiert?

Lucius trug Hermine bis in das Schlafzimmer, das Harry ihm zeigte. Er hatte keinen Blick für die Wohnung, er fühlte sich vollkommen erschöpft und ausgelaugt. Die letzten Tage hatten ihm viel abverlangt,vor allem der Kampf im verbotenen Wald und die Verletzungen, die er dort einstecken musste, und doch wollte er nicht aufgeben. Er hatte ein Ziel vor Augen und wollte helfen, das zu erreichen. Aber über eine derartige Dummheit, wie sie von Hermine Granger abgeliefert wurde, ärgerte er sich. Solche Dinge konnten alles verändern, alles zerstören. Nicht gerade sanft legte er die Braunhaarige ins Bett. Wahrscheinlich Harrys, fiel ihm auf, denn außer diesem großen Himmelbett gab es nur zwei kleine Kinderbetten im Raum. Harry wirkte mühsam beherrscht, als er seinen Zauberstab aus dem Ärmel gleiten ließ und auf seine beste Freundin richtete. Einen Moment schloss er seine Augen, dann ratterte er verschiedene Zauber herunter, die Lucius von Heilern kannte. Erstaunt beobachtete er, wie souverän Harry diese Situation meisterte. Er selbst merkte, wie sich sein Sichtfeld einengte, und die Beine immer stärker zitterten. Er schaffte es nicht mehr, seine Hand zu heben, um an seinen Blutstein zu kommen. So konnte er Harry nicht helfen. Mit einem Ächzen sank er zu Boden, als es schwarz vor seinen Augen wurde.

„Scheiße!“, fluchte Harry. „Dobby!“ Der Hauself tauchte Sekunden später auf. „Dobby, ich brauche deine Hilfe. Was ist mit den Jungs?“

„Sie essen gerade, Master Harry Potter Sir.“, erklärte Dobby.

„Sehr gut.“, nickte Harry. „Kannst du ein Bett für Lucius schaffen und ihn hineinlegen? Und dann brauche ich allgemeine Heil- und Stärkungstränke für die Beiden hier. Hermine hat innere Verletzungen, dazu Schnittwunden am ganzen Körper. Was mit Lucius ist, weiß ich noch nicht, bis eben stand er aufrecht.“

Dobby schuf ein weiteres Bett und ließ seinen früheren Herrn hinein schweben. Er brachte die Tränke, die Harry haben wollte, hexte dann die Kleidung von Lucius weg, ließ ihm nur die Boxershorts. Harry war froh, dass Dobby bereits begann, die ersten Wunden zu heilen. Er selbst war mit Hermine mehr als beschäftigt, ihre Verletzungen überstiegen sein Wissen komplett, aber er war der Einzige, der ihr helfen konnte. Sie konnten nicht einfach ins Krankenhaus gehen, er selbst wurde gesucht, und Hermine wäre sicher eine wertvolle Geisel, wenn jemand ihn erpressen wollte. Also musste er es schaffen, ihr zu helfen. Genau wie Lucius.

„Nutzt Diptam, junger Harry.“, riet Salazars Geist. „Es ist im Labor, ihr könnt es aufrufen. Auf jede Verletzung einen Tropfen. Sie werden anschließend Blutbildungstränke brauchen, aber die müssen noch gebraut werden. Ich werde euch helfen, junger Harry.“

„Danke.“, nickte Harry knapp, und holte mit einem ‚Accio‘ das Fläschchen Diptam aus dem Labor. Den Erfolg konnte er sofort sehen, die Wunden schlossen sich und verheilten. Sowohl Hermine als auch Lucius würden wohl einige feine Narben zurückbehalten. Aber das war besser, als das Leben zu verlieren. Salazar blieb in Harrys Nähe und wies ihn auf Zauber hin, die er nutzen konnte. Innerhalb kürzester Zeit hatte Harry so viele Zauber gelernt, dass er in dieser Situation Schwierigkeiten hatte, sie richtig zuzuordnen. Doch Salazar blieb ruhig und half Harry, seine Freundin und den Vampir zu retten.

„Mister Slytherin, Lucius ist ein Vampir. Macht das einen Unterschied?“, wollte Harry wissen, als er sich Lucius zuwandte.

„Allerdings.“, erwiderte der Geist. „Er braucht Blut. Hat er einen Blutstein? Der ist normalerweise vor Blicken verborgen, zumindest war das zu meiner Zeit so. Und das, was ihr mir erzählt habt, Harry, deutet darauf hin, dass es sich nicht geändert haben dürfte. Tastet nach dem Blutstein, möglicherweise trägt er ihn an einer Kette um den Hals. Ihr müsst ihm den Stein in den Mund stecken, ein Vampir wird instinktiv reagieren.“

Harry folgte der Anweisung und fand tatsächlich den Anhänger einer Kette. Er konnte ihn nicht sehen, aber er drückte ihn in Lucius' Mund, als er ihn spürte. Einen Moment bangte er, dann reagierte der Vampir und biss zu. Der Jugendliche konnte zusehen, wie sich die wächserne Blässe langsam normalisierte.

„Ri, Ri!“ Davids Stimme riss Harry aus seiner Konzentration. Er hatte die Zeit vollkommen vergessen, nicht mehr daran gedacht, dass die beiden Kinder nebenan am Tisch saßen. Natürlich suchten sie nach ihm, er war ihre Bezugsperson. Zwar erst seit etwas über drei Wochen, aber es schien, als wäre ihre Bindung an ihn bereits jetzt sehr eng. Erschrocken blickte der Braunhaarige auf die beiden Personen in den Betten. Er klammerte sich an Harrys Bein. Robyn verwandelte sich direkt, was zeigte, dass er Angst hatte. So viel hatte Harry bereits gelernt in der kurzen Zeit. Sobald sie Angst hatten, flüchteten sich die beiden Kinder in ihre Wolfsform.

Harry kniete sich zu ihnen und nahm sie in die Arme. „Habt keine Angst. Das sind Hermine und Lucius, sie werden euch nichts tun. Hermine ist meine beste Freundin seit der ersten Klasse. Sie ist sehr lieb, aber manchmal ein bisschen nervig, wenn sie immer alles genau wissen will. Lucius ist ein Vampir, das riecht ihr sicher. Aber er ist mit Fenrir befreundet, er wird uns weiter helfen. So, wie er uns schon vor ein paar Tagen geholfen hat. Erinnert euch, er hat uns hierher gebracht.“ Zögerlich nickte David. Robyn presste sich nur verängstigt an Harry. „Okay, Jungs, wir gehen jetzt ins Arbeitszimmer, und ich gebe euch etwas zum Malen. Dobby wird auf euch aufpassen, denn ich muss noch einige Dinge erledigen, damit wir Lucius und Hermine gesund machen können. Ich bin bei euch, ich passe auf.“ Er küsste sie nacheinander auf die Köpfe. Robyn war noch immer ein Welpe, David blieb in seiner menschlichen Form, aber es schien ihm schwer zu fallen. Gemeinsam mit Dobby brachte Harry die Kinder nun ins Arbeitszimmer. Dann huschte er ins Labor, als die Kleinen mit ihren Stiften beschäftigt waren.

Es dauerte nur eine Stunde, in der er mit Salazars Hilfe drei spezielle Tränke braute. Einen Blutbildungstrank, einen Knochenheiltrank und einen Trank, der kleine innere Verletzungen heilen konnte. Er flößte den beiden Verletzten die Tränke so ein, wie Salazar es ihm erklärte. Danach bemerkte er erleichtert, dass sie leichter und gleichmäßiger atmeten, ihr Schlaf wurde ruhiger. Nun kam die Hoffnung zurück, die Harry unmerklich verloren hatte. Er atmete mehrmals tief durch, checkte die Verletzten erneut, deren Werte deutlich besser zu sein schienen. Erst jetzt ging Harry zurück zu den Kindern, die sofort auf ihn zustürmten. „Alles gut. Ich bin da.“, tröstete er die Kleinen.

Die nächsten beiden Tage waren sehr ruhig, Harry verbrachte fast die komplette Zeit mit den Kindern. Lucius und Hermine schliefen sich gesund, ihr Zustand besserte sich immer weiter. Noch immer zögerte Harry, Dobby an sich zu binden, auch wenn er merkte, dass der Hauself eine sehr große Hilfe war. Ohne Dobby hätte er es nicht geschafft. Nicht nur, dass er Essen und Trinken brachte, er kümmerte sich auch um solche Dinge wie Kinderspielzeug, Malstifte und Auslauf für die Welpen, außerdem passte er auf die Kinder auf, während Harry sich um die Verletzten kümmerte. Er hatte das Schlafzimmer in zwei Räume aufgeteilt – ebenfalls mit Dobbys Hilfe – und Hermine und Lucius abgetrennt, da Robyn und David kaum schliefen, wenn sie in einem Raum mit Lucius waren. Ihr innerer Wolf erkannte den Vampir als Feind. Sie fürchteten sich. Ein natürlicher Instinkt, den sie in ihrem Alter noch nicht unterdrücken konnten.

Am Morgen des dritten Tages bemerkte Harry, dass Lucius langsam wach wurde. „Was ist passiert?“, wollte Harry wissen, noch ehe er richtig bei sich war.

„Harry?“, fragte Lucius verwirrt, als er es endlich schaffte, die Augen zu öffnen. Er blickte sich um, erkannte allerdings nicht, wo er sich befand. Es sah nach einem Schlafzimmer aus, aber er wusste nicht, welches. Entsetzt versuchte er, aufzustehen. Was hatte Harry getan? Er sollte doch in der Kammer bleiben!

„Bleib liegen, Lucius.“, empfahl Harry und drückte ihn zurück ins Bett. „Du warst ziemlich schwer verletzt, als du mit Hermine hierher kamst. Ohne Mister Slytherin hätte ich es nicht geschafft, euch beide zu retten. Was ist passiert?“

Lucius schloss die Augen, als die Erinnerungen auf ihn einströmten. Er war dem Ruf des Lords gefolgt zu einer großen Versammlung. Einige Neulinge waren aufgenommen worden, wobei ihm schlecht geworden war, als er sah, wie begeistert sie wirkten. Fanatisch. Es war abartig, wie sehr sie Gefallen daran fanden, andere Menschen zu demütigen, zu erniedrigen, zu foltern, und letztlich zu töten. Wenn jemand, der nicht aus einer der alten Familien stammte, sich aufnehmen lassen wollte, gehörte das dazu. Das konnte man nur umgehen, wenn man entweder den entsprechenden Stammbaum hatte, oder von jemandem aus dem inneren Kreis empfohlen wurde. So hatte er damals Severus direkt in den inneren Kreis geholt, ihn vor derartigen Anforderungen geschützt.

Schließlich hatte Dearborn, der Spion des Lords in Dumbledores Orden, eine Information geliefert, die Lucius aufhorchen ließ. „Mein Lord, es ist Dumbledore gelungen, Potters engste Freundin gefangen zu nehmen.“, berichtete er. „Das Schlammblut ist zurück gekommen, von woher auch immer. Ihre Familie war mit ihr verschwunden, sie haben keine Spuren hinterlassen, nicht einmal Dumbledore fand sie. Sie tauchte in der Nähe vom Fuchsbau auf. Dumbledore hat scheinbar damit gerechnet, dass jemand dorthin kommt, er hatte Überwachungszauber aktiv. Er will Potter mit ihr erpressen und dazu zwingen, gegen euch zu kämpfen.“

„Wo ist das Mädchen?“ Die Augen des Lords leuchteten.

„Er hat sie selbst versteckt, noch weiß ich es nicht.“, musste Dearborn zugeben. Lucius zollte ihm einen gewissen Respekt, er zuckte nicht zurück, als der Lord den Stab auf ihn richtete. Fast eine Minute ließ er ihn schreien, dann löste er den Fluch wieder.

„Finde heraus, wo Dumbledore sie versteckt. Wir müssen sie haben.“, forderte er. Dearborn durfte an seinen Platz zurück. Er war mehr als gut maskiert, damit niemand ihn an den Alten verraten konnte, aber Lucius wusste genau, wer unter dieser Maske steckte. Da konnte er die Stimme mit einem Zauber verstellen, wie er wollte. Die restlichen Berichte waren nicht so wichtig. Inzwischen fiel offenbar auf, dass viele der magischen Wesen verschwunden waren. Zwar wusste kaum jemand, wo sie sich verbargen, aber es gab Gerüchte. Und die waren in letzter Zeit mehr als eindeutig. Zuerst war aufgefallen, dass die Werwölfe nicht mehr auftauchten. Da Dearborn allerdings vom Überfall auf sie berichtet hatte, war der Lord derzeit noch gnädig gestimmt. Fenrir war ohnehin in Ungnade gefallen, der Lord wusste, dass er es war, der Chiara befreit hatte, aber seine Männer waren zumindest zum Teil noch aufgetaucht, in der Hoffnung, weiterhin spionieren zu können. Es war nicht leicht für sie gewesen, aber sie hatten es geschafft, den Lord davon zu überzeugen, dass sie nicht wussten, was Fenrir trieb oder wo er steckte. Lucius entschied, dafür zu sorgen, dass sie nun nicht mehr hin gingen.

Die folgenden Tage hatte Lucius zumeist im Ministerium verbracht, vor allem auf Anordnung des Lords. Dieser wollte seine Stellung dort festigen, und mehr Angestellte auf seine Seite bringen als bisher. Lucius konnte es kaum verhindern, allerdings war er um jeden Mann froh, den er selbst unter Imperius stellte. So war sicher, dass er sie am Ende auch kontrollieren konnte. Würden beispielsweise die Lestranges den Imperius wirken, müsste er die entsprechenden Männer am Ende möglicherweise töten. Das wollte er vermeiden.

Direkt in der Vollmondnacht hatte der Lord erneut gerufen. Diesmal trafen sie sich am Rande von Hogwarts. „Dumbledore hat das Schlammblut, Potters Freundin, hier im Schloss.“, erklärte er seinen Anhängern. „Er will sie heute weg bringen, um Potter heraus zu locken. Er ist offenbar sicher, dass der Junge noch Informationen aus der Zauberwelt bekommt, wo auch immer er sich versteckt. Wir werden ihm einen gebührenden Empfang bereiten, denn da er weiß, dass wir das Flohnetzwerk kontrollieren, wird er diesen Weg nicht gehen. Einen Portschlüssel kann er ebenso wenig nutzen, auch darüber haben wir die Kontrolle. Ihm bleibt nur Apparieren, und dazu muss er das Gelände verlassen. Lucius, du gehst mit zwanzig Männern in den Wald, du kennst den einzig möglichen Weg, wenn er von dort apparieren will. Rodolphus wird hier das Kommando übernehmen. Wer Dumbledore sieht, holt mich dazu, ich will das Mädchen haben!“

Lucius verneigte sich und ging an der Spitze der ihm zugeteilten Männer in den Wald. Dieser Auftrag könnte ihm einen Vorteil einbringen, fiel ihm auf, sofern Dumbledore den Weg durch den Wald nahm. Denn er müsste beinahe am geheimen Eingang zur Kammer vorbei. Dann konnte er Hermine Granger in Sicherheit bringen. Wenn er Glück hatte, ohne sich zu verraten. Er verteilte seine Männer und ließ sie sich verstecken, dann warteten sie. Angespannt nutzte der Vampir seine übermenschlichen Sinne. Um sie herum herrschte eine beinahe unnatürliche Stille, als würde der Wald den Atem anhalten. Mit einem Mal hörte er es. Jemand kam auf sie zu. Er gab seinen Männern ein Zeichen. Sie ließen die etwa dreißig Männer, die kamen, nahe herankommen, dann griffen sie aus der Deckung heraus an. Sofort wurden die Zauber erwidert. Lucius blieb in Deckung, er hatte ein seltsames Gefühl. Das hier wirkte so … unkoordiniert, da stellten sich ihm sämtliche Haare auf. War das Absicht? Ein Ablenkungsmanöver? Durchaus möglich, Dumbledore war ziemlich schlau. Das Mädchen war nirgendwo zu sehen. Doch dann schlug der Wind um, und Lucius roch es. Jemand versuchte, hinter ihm vorbei zu kommen. Seine Männer waren zu weit weg, die Ordensleute hatten sie in Kämpfe verwickelt und trieben sie in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Also tatsächlich so geplant.

Vorsichtig schlich Lucius durch das Gebüsch, genau dorthin, von wo er die Schritte wahrnahm. Sehen konnte er nichts, aber inzwischen roch und hörte er, dass jemand heimlich dort herumschlich. Als er nahe genug war, wirkte er einen wortlosen Zauber, der den Desillusionierungszauber aufheben sollte, den er vermutete. Nichts geschah, außer, dass ein Zauber auf ihn zuschoss. Erstaunlich präzise, sodass Lucius gezwungen war, zu reagieren. Er schuf einen Schutzschild, der den Zauber abwehrte. Verbissen kämpfte er gegen seinen unsichtbaren Gegner. Wahrscheinlich Dumbledore, denn erstens waren die Zauber wirklich nicht ohne, zweitens tauchte mit einem Mal der Körper eines braunhaarigen Mädchens auf, die blass und mit blutbefleckter Kleidung bewusstlos auf dem Boden lag. Ein Tarnumhang? Lucius änderte seine Taktik und versuchte, den Umhang aufzurufen oder mit einem Windstoß weg zu wehen, aber vergeblich. Dabei wurde sein Schild zu schwach und ein Zauber brach durch, traf ihn frontal in die Brust. Keuchend ging Lucius in die Knie, er spürte, dass mehrere Rippen gebrochen waren. Da er kaum Luft bekam, ging er davon aus, dass die Lunge ebenfalls verletzt war. Dennoch kämpfte er unerbittlich weiter, schaffte es schließlich sogar, nahe genug an seinen Gegner zu kommen, um den Umhang zu greifen. Seine vampirische Schnelligkeit kam ihm dabei zugute. Seine Vermutung bestätigte sich sofort, denn kein anderer als Dumbledore tauchte darunter auf. Das hier musste Harrys Umhang sein, realisierte Lucius. Wie kam Dumbledore dazu? Egal, das war gerade nicht so wichtig. Er musste den Alten überwinden, um Harrys Freundin in Sicherheit zu bringen. Dieses dumme Mädchen, die einfach so auftauchte. Was hatte sie sich dabei gedacht?

Lucius nutzte nun seine Vorteile als Vampir, sprang höher und weiter, als ein Mensch es könnte, und hielt seinen Schild mit Naturmagie oben. Jetzt hatte er sich ohnehin verraten, da spielte es keine Rolle mehr. Doch er bemerkte nicht, wie sie dem Rand der Schutzzone gefährlich nahe kamen, bis Dumbledore plötzlich verschwand. Er war disappariert. Einen Moment verharrte Lucius auf dem Boden, versuchte die Schmerzen zu ignorieren. Von seinen Männern sah und hörte er nichts, daher entschied er, erst einmal das Mädchen zu Harry zu bringen. Er warf den Tarnumhang sicherheitshalber über die Braunhaarige in seinen Armen und schickte Harry seinen Patronus.

„Wie geht es deiner Freundin?“, beendete Lucius seine Erzählung.

„Sie ist noch bewusstlos, aber ich glaube, auf dem Weg der Besserung.“, wisperte Harry. Der Junge wirkte blass, aber entschlossen.

„Und wo sind wir hier?“, wunderte sich Lucius.

„In Salazar Slytherins geheimen, privaten Räumen.“ Harry wiederholte seine Erklärung, denn wie es schien, erinnerte sich Lucius nicht mehr daran.

„Du hast offensichtlich auch Einiges erlebt in den letzten Tagen.“, atmete Lucius tief durch. Er war sich bewusst, wie viel Glück der Junge gehabt hatte. Andererseits war es erleichternd zu sehen, dass er nicht mehr in der Kammer hausen musste, sondern eine richtige Wohnung hatte. Vor allem für die Welpen. „Ich habe mit Fenrir Kontakt aufgenommen. Die Kleinen sind Waisen. Es wird schwierig und gefährlich, sie zum Rudel zu bringen.“

„Sie können hier bleiben.“, bot Harry sofort an. Er hatte sich an sie gewöhnt, mochte sie gerne. Außerdem wollte er sie unter keinen Umständen in Gefahr wissen. Und wenn sie jetzt nach draußen kamen, dann waren sie in Gefahr. Nein, sie sollten bei ihm bleiben. „Sie sollen nicht in den Krieg. Hier sind sie sicher.“

Lucius nickte langsam. „Vielleicht hast du Recht. Ich gebe Fenrir Bescheid, dass sie vorerst hier bei dir bleiben.“

„Was machen wir jetzt?“, wunderte sich Harry.

„Wir werden so weitermachen wie bisher.“, antwortete Lucius bedächtig. „Der Rat trifft sich, so oft es möglich ist. Dort werde ich die Prophezeiung mit einbringen und wir sehen, wie wir darauf reagieren. Du hältst dich erst einmal bedeckt. Wir versuchen, einen Weg zu finden, das alles zu beenden. Bis das aber möglich ist, sind wir gezwungen, auf das zu reagieren, was passiert. Du wirst hier bleiben und weiter trainieren. Vielleicht kann deine Freundin dir dabei helfen, wenn es ihr besser geht. Keiner von euch sollte nach draußen, sowohl der Lord als auch Dumbledore sind hinter euch her.“

„Und die Horkruxe?“, erkundigte sich Harry. „Ich meine, Severus und ich wollten sie suchen und vernichten, damit Voldemort endlich sterblich ist.“

„Severus hat mir zumindest auf meinen Patronus geantwortet.“, beruhigte Lucius. „Ich habe ihm eine Nachricht geschickt, dass es dir gut geht.“ Er winkte ab, als er Harrys entsetztes Gesicht sah, dem erst jetzt auffiel, dass auch er das hätte tun können. „Besser, wenn du keine Nachrichten schickst. Die Zauber, die hier im Inneren von Hogwarts bleiben, werden nicht registriert, aber immer mehr, was draußen geschieht, wird überwacht. Mein Manor ist entsprechend gesichert, daher kann ich es riskieren. Außerdem sucht das Ministerium nicht nach mir. Jedenfalls, Severus lässt dir ausrichten, es geht ihm besser, aber er muss noch eine Weile im Wasser bleiben, bis er wieder eingreifen kann. Seine Magie muss sich noch erholen, er hat sich ziemlich verausgabt. Du sollst in Deckung bleiben.“

„Okay.“, nickte Harry mit gesenktem Blick. Nichts würde er lieber tun, als zu Severus, oder wenigstens eine Botschaft schicken.

„Du musst wirklich extrem vorsichtig sein, das Ministerium will dir nun sogar den Mord an deinen Verwandten anhängen.“, warnte Lucius eindringlich. Harrys Blick zuckte hoch. „Es ist nur eine weitere Schikane. Die Spuren zeigen ganz eindeutig, dass der Lord und seine Todesser dort gewütet haben. Das kann dir keiner anhängen. Aber derzeit können wir noch nichts dagegen tun. Umbridge ist darauf aus, dich in die Hände zu bekommen. Sie hat einen Hass auf dich, wobei keiner genau weiß, warum. Aber da steckt mehr dahinter. Ich habe bereits versucht, etwas herauszufinden, bisher vergeblich. Aber ich denke, das werden wir noch. Das werden sicher einige interessante Antworten.“

„Wie?“, wunderte sich Harry.

Lucius lachte leise. „Der Rat plant, wie es nach dem Ende des Krieges weitergeht.“, erklärte er. „Den Krieg zu beenden, das ist nur ein Zwischenziel. Ein sehr wichtiges, das schon, aber was denkst du, was passieren würde, wenn man die magische Welt nach dem Ende des Krieges sich selbst überlässt? Anarchie, Chaos, möglicherweise ein neuer Krieg. Nein, das ist definitiv nicht das, was wir wollen. Also arbeiten wir daran, unter anderem, dass neue Strukturen und Gesetze schnell für Ordnung sorgen.“

„Oh.“, murmelte Harry betreten. Er hatte immer nur bis zum Ende von Voldemort gedacht. In letzter Zeit auch an das Ende von Dumbledores Schreckensherrschaft, aber an das Danach hatte er nie gedacht.

„Mach dir keine Vorwürfe, Harry.“, mahnte der Blonde. „Du bist so jung, natürlich denkst du nicht so weit voraus. Dazu fehlt dir die Lebenserfahrung. Deswegen gibt es Leute wie mich und den Rat.“

Harry kicherte, als Lucius ein arrogant-selbstbewusstes Lächeln zeigte und sich in Pose setzte. Aufstehen konnte er nicht, aber selbst im Sitzen wirkte er so wie früher. Das war das Gesicht, das Lucius der Welt zeigte, aber er kannte ihn nun deutlich besser. Zu dem privaten Lucius hatte er eine Freundschaft entwickelt, den öffentlichen Mister Malfoy konnte er nicht so recht einordnen. Doch der Blonde schmunzelte nun, froh darüber, dass er Harry trotz allem noch zum Lachen bringen konnte. Lange jedoch schaffte er es an diesem Tag nicht mehr, dann musste er sich ausruhen. Er hoffte nur, bald wieder gesund zu sein, damit er zurück zum Rat gehen konnte. Wohl auch zum Lord, allerdings sollte er sich noch eine gute Geschichte einfallen lassen, warum er so lange weg war. Darüber würde er aber später nachdenken, für den Moment war er zu müde.

Die nächsten Tage schlief er hauptsächlich, dazwischen diskutierte er flüsternd mit Dobby, seinem Hauselfen. Als er etwa drei Tage nach seinem ersten Erwachen wach wurde, saß Harry am Nachbarbett. Leise Stimmen verrieten ihm, dass wohl auch die braunhaarige Gryffindor wach war. „Ich war so dumm, Harry, es tut mir leid.“, schluchzte sie leise. Sie schnäuzte sich ziemlich undamenhaft, dann sprach sie deutlich ruhiger weiter: „Dein Brief hat die ganze Zeit in meinen Gedanken herumgespukt. Meine Eltern sind mit mir nach Kanada ausgewandert, weil sie der Meinung waren, England ist zu gefährlich. Schon vor einiger Zeit hatten sie Verdacht wegen Dumbledore geschöpft, aber ich wollte es nicht sehen. Als dann die ersten Suchmeldungen nach dir kamen im Sommer, haben sie über Nacht alles verkauft und die Koffer gepackt. Sie haben mich am Morgen geweckt, und sind mit mir zum Flughafen gefahren. Ehe ich wusste, was los ist, waren wir unterwegs nach Kanada. Wir leben dort in einer kleinen Stadt namens Prince George, mein Dad unterrichtet an der Universität, bildet angehende Zahnärzte aus, Mom ist als Zahnärztin in einer Praxis. Sie haben mir privaten Unterricht bezahlt, damit ich meine Prüfungen machen kann. Aber ich habe Kontakt mit Ron gehalten, er hat mir geschrieben, was er erfahren hat. Wir wollten dir helfen, deshalb bin ich abgehauen. Mit meinem gesparten Taschengeld habe ich einen Flug nach London genommen und bin dann mit dem Taxi gefahren, wollte zum Fuchsbau, weil ich wusste, dass die Lovegoods in der Nähe wohnen. Ich dachte, sie wüssten vielleicht, wo du bist, nachdem der Brief von dir über Lunas Vater an mich geschickt wurde. Ich … ich dachte, ich könnte dir helfen, dabei habe ich mich erwischen lassen. Es tut mir leid, Harry.“ Sie schniefte erneut.

„Schon gut, Hermine.“, murmelte Harry so leise, dass Lucius selbst mit Vampirohren genau hinhören musste. „Ich bin der Letzte, der dir Vorwürfe macht, immerhin habe ich sonst immer solche Dummheiten gemacht.“

Hermine lachte leise und zittrig. „Und jetzt?“

„Bleibst du hier bei mir.“, zuckte Harry die Schultern. „Lucius ...“

Hermine atmete zischend ein. „Ich glaube, ich habe Einiges verpasst.“, erkannte sie.

„Das wohl!“, gluckste Harry. „Aber da wir hier festsitzen, habe ich eine Menge Zeit, dir alles zu erzählen. Allerdings muss ich jetzt wohl nach den Welpen sehen.“ Er stoppte Hermine mit einem Kopfschütteln, als sie etwas sagen wollte. „Die Jungs brauchen ihr Frühstück und sind sicher in ein paar Minuten wach. Du ruhst dich aus, ich bringe später etwas zu essen. Wir reden, wenn die Kleinen heute Abend schlafen. Versprochen.“

„Na gut. Aber ich will alles wissen.“, forderte Hermine und legte sich widerstrebend zurück ins Bett.

Harry drehte sich um. „Guten Morgen, Lucius.“, grüßte er.

Der Blonde richtete sich auf. „Guten Morgen, Harry, Miss Granger.“ Mit einem Zauber zog er seine Roben wieder an, die er am Tag des Überfalls angehabt hatte. „Ich muss gehen, der Lord wartet sicher auf meinen Bericht.“

„Aber … er wird dich bestrafen, weil du so lange weg warst.“, widersprach Harry entsetzt.

Lucius schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt. Mit Dobbys Hilfe habe ich in den letzten Tagen alles so erscheinen lassen, als hätte mich Dumbledore erwischt. Mir gelang erst jetzt die Flucht, natürlich mit Hilfe von Dobby. Der Lord wird nicht weiter nachhaken, wenn ich ihm neue Informationen über dich bringe. Es gibt Gerüchte, dass du ins Ausland geflohen bist, gemeinsam mit Severus. Die Hauselfen haben Gerede einiger Gryffindors gehört, dass du angeblich in Australien gesehen wurdest.“

„Sei vorsichtig.“, bat Harry, als er erkannte, dass Lucius sich nicht aufhalten ließ.

„Ich schicke dir einen Patronus, wie es gelaufen ist, wenn ich sicher bin. Aber antworte bitte nicht. Wenn du mich kontaktieren willst, dann schick Dobby. Es dauert zwar länger, ist aber deutlich sicherer.“, wies Lucius an. Er sah zu Hermine und sein Blick wurde streng und vorwurfsvoll: „Und sie, Miss Granger, halten sich bitte in nächster Zeit zurück. Sie helfen Harry nicht, wenn sie in die Hände Dumbledores oder des Lords fallen.“

„Ja, Sir. Tut mir leid, Sir.“, wisperte Hermine, die scharlachrot angelaufen war.

„Ich bringe dich raus, noch sind David und Robyn nicht ganz wach.“, stand Harry auf.

Harry nahm sich viel Zeit, Hermine zu erzählen, was alles in der Zwischenzeit passiert war. Nur die Tatsache, dass er ein Horkrux war, ließ er aus, genau wie sein Wissen über die dritte Front und seine Verbindung zu Severus. Das waren einerseits nicht seine Geheimnisse, andererseits wollte er seine beste Freundin nicht beunruhigen oder gar verängstigen. Allerdings merkte Hermine schnell, dass er wohl verliebt war, ließ es jedoch unkommentiert. Er stellte ihr die beiden Kinder vor, die ihr gegenüber ziemlich scheu waren, was Hermine jedoch nicht bremste, sie mit allen möglichen kleinen Zaubern zu unterhalten. Harry bemerkte, Hermine hatte sich verändert in der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten. Früher waren nur Bücher für sie interessant gewesen, inzwischen gab es da viel mehr, wie es schien. Ihre Art und vor allem ihre Zauber faszinierten die beiden Welpen. Bald waren sie auch der jungen Frau gegenüber offener, auch wenn Harry weiterhin ihre Hauptbezugsperson war.

Nach einigen Tagen, als er sicher war, dass sie wieder fit war, führte Harry Hermine in der Wohnung und der Kammer herum. Die Kinder hatten sich verwandelt und tobten durch ihr Stück Wald, jagten sich gegenseitig und liefen zwischendurch um Harrys Beine. „Hast du keine Angst, dass sie dich verwandeln?“, wunderte sich Hermine nach einer Weile, als sie beobachtete, wie Robyn spielerisch nach Harrys Knöchel schnappte.

„Nein.“, schüttelte Harry lächelnd den Kopf. „Lucius hat mir erklärt, dass sie als geborene Werwölfe nicht gefährlich sind, außer es ist Vollmond. Wenn sie sich außerhalb der Vollmondnacht verwandeln, können sie mich höchstens verletzen, aber nicht zum Werwolf machen. Wobei sie allgemein sehr vorsichtig sind, sie haben mich noch nie verletzt, nicht einmal gekratzt.“

„Es tut mir leid, dass Remus dir das nicht mehr beibringen kann.“, legte Hermine tröstend eine Hand auf Harrys Arm. Es schien, als könne sie seine Gedanken lesen, denn er hatte gerade an den Dunkelblonden gedacht.

„Er wollte mir noch so viele andere Dinge beibringen.“, murmelte Harry und wischte sich über die Augen, die feucht glänzten. „Aber er würde wollen, dass ich weitermache. Er würde auch wollen, dass Sirius nicht aufgibt. Ich hoffe, er wird wieder ganz gesund.“

„Das hoffe ich auch.“, stimmte Hermine zu, die entsetzt gewesen war, als sie von diesem Drama gehört hatte. „Konnte Mister Malfoy dir nichts dazu sagen?“

„Ich habe vergessen, ihn zu fragen. Irgendwie ist in der letzten Zeit so viel passiert, dass ich gar nicht hinterher komme. Ich weiß nur, dass er wohl aufgewacht ist. Mehr nicht.“, gestand Harry mit ziemlich schlechtem Gewissen. Irgendwie hatte er in den vergangenen Tagen immer nur an Hermine und Lucius gedacht, da er sie mit Hilfe von Salazars Geist heilen musste. Es war seine Aufgabe gewesen, und er hatte sich vollkommen darauf konzentriert. Immerhin war er kein Heiler. Obwohl das inzwischen sein neues Berufsziel war. Er hatte keine Lust mehr auf Kämpfe. Heilen war so viel schöner als verletzen.

„Wie kommt man hier eigentlich rein und raus?“, lenkte Hermine ihn ab. „Ich meine, Mister Malfoy hat mich gerettet, so viel habe ich verstanden, aber er ist doch sicher nicht mit mir auf dem Arm durch die Schule gelaufen. Außerdem muss man Parsel können, um die Kammer zu öffnen.“

„Wir haben durch Zufall einen Zugang im verbotenen Wald gefunden.“, lächelte Harry. „Man muss Parsel können, um ihn zu öffnen, jedenfalls von außen. Von innen kann man ihn einfach aufschieben, aber die Statue, die den Zugang bildet, muss man ebenfalls mit Parsel öffnen. Also ist der Zugang wohl dafür gedacht gewesen, dass der Basilisk auf die Jagd gehen konnte.“ Harry schauderte. Ein Basilisk im verbotenen Wald. Wie oft waren Schüler nur knapp entkommen? Oder wie viele Schüler hatte er tatsächlich erwischt in all den Jahren?

Auch Hermine schüttelte sich. „Darüber will ich nicht nachdenken. Zeigst du es mir?“ Ihre Neugier war die gleiche wie früher.

Harry nickte, und sie warteten einen Moment, bis die zwei Welpen im Wald waren. Sicherheit ging vor, Harry waren die Kinder sehr wichtig und er wollte vermeiden, dass sie verletzt wurden oder sich erschraken. Hermine warf nur einen Blick auf den dunklen Spalt, dann zog sie sich zurück. „Gibt es noch mehr solche Verstecke hier? Oder Gänge, die woandershin führen?“ Der Forscherdrang war deutlich hörbar.

„Das habe ich noch nicht ausgekundschaftet.“, zuckte Harry die Schultern. Auch er war neugierig, aber vorher waren einfach die Kinder wichtiger. „Ich habe die Statue von Salazar Slytherin geöffnet, weil ich hoffte, einen geschützten Raum zum Schlafen zu finden. Dass ich die Wohnung gefunden habe, war so ein Glückstreffer, da habe ich nicht weiter gesucht.“

„Wir sollten das nachholen, wenn die Kinder schlafen.“, fand Hermine. „Legen wir einen Überwachungszauber auf sie und sehen dann, ob wir etwas finden. Wer weiß, was sich hier alles verbirgt.“

„Du hast Recht, Hermine.“, grinste Harry. Seine Abenteuerlust kam wieder mal durch. Dann fiel ihm etwas anderes ein. „Wissen deine Eltern, dass es dir gut geht? Wissen sie überhaupt, wo du bist?“

„Bisher nicht. Ich habe ihnen eine Nachricht hinterlassen, als ich zurück nach England ging, aber seither nichts mehr.“, schüttelte Hermine schuldbewusst den Kopf. „Aber wie? Wenn Mister Malfoy sagt, dass unser Patronus nicht sicher ist.“

„Schreib einen Brief, den geben wir Dobby, damit Lucius ihn abschicken kann.“, riet Harry. „Er hat bestimmt einen Vogel, der so weit fliegen kann. Ich hoffe nur, Hedwig geht es gut.“

„Du hast sie Ron gegeben, nicht wahr?“, fragte Hermine. Harry nickte. „Dann geht es ihr sicher gut. Die Weasleys sind weggegangen, damit sie sicher sind. Die Zwillinge, Ron und Ginny gehen inzwischen nach Durmstrang. Viktor unterrichtet dort, er hat es mir geschrieben.“

„Er unterrichtet?“, staunte Harry. Seit dem Turnier hatte er nichts mehr von Viktor Krum gehört. Dennoch interessierte es ihn sehr. Er hatte eigentlich geglaubt, er würde weiterhin als Sucher spielen, schließlich war er sehr gut.

„Naja, er will Lehrer werden und hat schon jetzt einige praktische Stunden.“, schränkte Hermine ein. „Aber er hat sie wiedererkannt und mir geschrieben. Ab und zu haben wir Briefe ausgetauscht.“ Sie wurde leicht rot.

Harry fiel die Röte auf ihren Wangen auf. „Du magst ihn?“

„Wir sind Freunde. Mehr wird da nie sein, denke ich.“ Diesmal war es an Hermine, die Schultern zu zucken. „Gehen wir zurück, ich will meinen Eltern endlich schreiben, sie sind wahrscheinlich schon halb verrückt vor Sorge.“ Man sah ihr das schlechte Gewissen deutlich an. Harry nickte, rief die Kinder zu sich und öffnete den Zugang zur Wohnung.

„Ah, junger Harry!“, grüßte Salazars Geist. „Ich habe tatsächlich etwas gefunden für das Problem, das wir am Anfang ansprachen.“

Harry sah ihn einen Moment verständnislos an, dann klickte es in seinem Gehirn. „Der Horkrux?“, wisperte er, plötzlich heiser.

„Richtig, junger Krieger.“, Salazar wirkte ein wenig undurchsichtiger als sonst, fast schon weiß. „Es gibt einen Zauber, der auf Naturmagie basiert, und das Stück entfernen kann. Allerdings müssen es magische Wesen wirken, die nur mit Naturmagie arbeiten können. Ein Zauberer oder eine Hexe wird das nicht schaffen, selbst wenn er auch Naturmagie wirken kann.“

„Das … das …“ Harry keuchte. „Das ist wundervoll, Mister Slytherin! Vielen Dank, Sir!“

„Gerne, junger Harry.“, lächelte der Geist.

„Was meinen sie?“, wunderte sich Hermine. Sie kniff ihre Augen zusammen und schien sehr konzentriert nachzudenken.

„Ich habe eine Möglichkeit gefunden, den Horkrux aus lebenden … Behältern zu entfernen.“, erklärte Salazar nicht gerade gut verständlich.

„Was meint er damit?“, verlangte Hermine von Harry zu wissen. Ihre Augenbrauen zogen sich sogar noch weiter zusammen. „Doch nicht etwa …? Harry James Potter, du bist ein Horkrux? Und du sagst kein Wort davon? Wie kannst du nur?“

Interessiert beobachtete Salazar, wie Harry dunkelrot anlief und irgendetwas Unverständliches nuschelte. Ein strenger Blick seiner Freundin sorgte dafür, dass er es etwas lauter wiederholte: „Wollte dich nicht beunruhigen.“

„Du … das ist doch wirklich unglaublich! Harry, ich dachte, wir sind Freunde, können uns alles sagen? Was ist da noch?“ Nun tappte sie tatsächlich mit ihrem Fuß auf den Boden, ihre Arme waren vor der Brust verschränkt.

„Ich … ich will nicht daran denken.“, gestand Harry leise. „Es hängt seit Wochen über mir und macht mich richtig verrückt. Wir hatten den Verdacht, als ich mit Severus, Remus und Sirius unterwegs war. Im Rat haben es dann Mandana und Alemie bestätigt. Seither habe ich Angst, was das bedeutet. Ich habe mit Mister Slytherin gesprochen, und er wollte nach einer Lösung suchen. Danach habe ich wieder versucht, es zu verdrängen. Ich meine, selbst Severus hat keine Lösung gefunden, das hat mir Angst gemacht.“

„Du liebst ihn, oder? Professor Snape.“

„Ja.“, wisperte Harry. Vor Hermine konnte man einfach nichts verbergen. Zumindest er nicht, sie kannte ihn einfach zu gut.

„Und er?“

„Ich … ich sollte das nicht sagen, glaube ich. So wirklich viel Zeit hatten wir eigentlich nicht, uns richtig kennen zu lernen.“, wich Harry aus.

„Also bedeutest du ihm auch etwas.“, stellte Hermine nüchtern fest. „Und jetzt hast du Angst, weil er verletzt ist, und du ihn nicht sehen kannst. Verständlich, aber so, wie ich ihn einschätze, würde er dir jetzt in den Hintern treten, dass du dich dadurch nicht lähmen sollst. Also, gehen wir es an.“

Harry lächelte. „Danke, Hermine! Du bist eine echte Freundin!“ Er umarmte sie und ließ sich etwas Kraft von ihr geben.

„Ri Anst?“, zupfte David an Harrys Hose. Der Schwarzhaarige beugte sich hinunter und hob den Jungen auf.

„Ein bisschen, David. Aber das wird schon. Ihr seid bei mir, Hermine ist hier, da passiert hoffentlich nichts.“, erklärte er dem Jungen. „Soll ich euch noch etwas vorlesen, bevor das Abendessen kommt?“

Beide Kinder nickten mit strahlenden Augen. Wie lange würden sie das hier noch mitmachen? Sie waren die freie Natur gewöhnt, hatten im Wald alle Freiheiten gehabt, ständig draußen herum zu laufen. Aber das konnten sie hier nicht. Das kleine Stück Wald, das er mit Dobby geschaffen hatte, war kein vollständiger Ersatz. Hermine hatte es dennoch bewundert. Jetzt aber setzte sie sich mit ihnen hin und alle hörten zu, als Harry die Geschichte vom hüpfenden Kessel vorlas. Selbst Hermine hörte andächtig zu, sie kannte keine Zaubermärchen. Erst, als Dobby das Essen brachte, hörten sie auf. Harry war fast ein wenig irritiert, als kein Kommentar von Hermine kam, die das normalerweise als Sklavenarbeit beschimpft hatte. Aber derzeit war es die einzige Möglichkeit, an Essen und Trinken zu gelangen, außer, sie gingen nach draußen.

Nach dem Essen setzte sich Harry erneut mit den Kindern in die Badewanne, bevor er sie ins Bett brachte. Eine Weile kuschelte er noch mit ihnen, dann stand er auf, als sie tief und fest schliefen. Der Einfachheit halber legte er sie inzwischen meist in sein Bett, kamen sie doch ohnehin fast jede Nacht zu ihm. Besser gesagt, er holte sie fast jede Nacht in sein Bett, da sie sehr unruhig schliefen. Er konnte es also einfacher machen, indem er sie gleich dort schlafen legte. Mit einem Zauber war sichergestellt, dass sie nicht aus dem Bett fallen konnten, ein weiterer Zauber würde ihm sagen, wenn sie wach wurden oder sonst etwas war.

Jetzt ging er zu Hermine, die es sich im Arbeitszimmer bequem gemacht hatte und in einem Buch über Verteidigung las. Natürlich, was sonst? Lehrbücher las Hermine am liebsten. „Hier sind ein paar interessante Zauber drin, von denen habe ich noch nie gehört.“, stellte sie fest, als Harry zu ihr trat. „Ich denke, wir sollten sie lernen.“

„Das machen wir.“, gab Harry zurück. „Aber nur, wenn die Kleinen schlafen und wir in die Kammer gehen.“

„Du liebst diese Kinder sehr.“, lächelte Hermine. „Mir war immer klar, dass du eines Tages Kinder haben wirst. Egal ob eigene oder adoptiert, aber du bist ein absoluter Familienmensch.“

„Ich habe noch nie darüber nachgedacht.“ Harry ging voran in die Kammer. „Aber es fühlt sich einfach richtig an. Ich weiß nicht, ob ich es richtig mache, weil ich es nie hatte. Ich versuche, mir zu überlegen, wie ich es gerne gehabt hätte, und das mache ich dann.“

„Du machst das großartig.“, komplimentierte Hermine. „Die Zwei hängen an dir, als wären sie deine eigenen Kinder.“

„Sie mussten zusehen, wie ihre Mutter verletzt wurde und starb.“ Harrys Wut war deutlich hörbar. „Sie hatten panische Angst, genau wie ich, als wir alleine im Wald waren. Ich kannte mich nicht mehr aus, wusste nicht, was mit Severus ist, ob ich ihn oder Sirius jemals wiedersehen werde. Meine Angst ist ein wenig reduziert, aber sie verstehen nicht, was hier passiert und haben daher immer noch Angst. Natürlich klammern sie sich an mich, ich bin die einzige Konstante, die ihnen bleibt.“

„Harry, entschuldige, so habe ich es nicht gemeint.“, wisperte Hermine.

Harry atmete tief durch. „Ich weiß, aber irgendwie ist gerade eine Sicherung durchgebrannt. Es tut mir leid. Das war nicht fair dir gegenüber. Du kannst nichts dafür, du hättest nie so etwas gemacht.“

„Schon gut.“, winkte Hermine ab. „Wir wollten doch sehen, was wir finden!“

„Dann lass uns nachsehen!“, grinste Harry nun wieder. Gemeinsam gingen sie die einzelnen Schlangenstatuen ab. Die meisten von ihnen waren wirklich aus massivem Stein – oder aber anders gesichert. Erst gegen Ende, spannender Weise direkt gegenüber der Statue, die den Ausgang verbarg, öffnete eine der Schlangen ihren Bauch. Der Raum dahinter war winzig, weder Harry noch Hermine konnten darin stehen, wobei Harry ohnehin etwas kleiner als seine Freundin war. Enttäuscht wollte sie sich abwenden, als Harry plötzlich zischend einatmete. „Hier ist etwas, ein Versteck!“

„Was …?“ Hermine fuhr herum.

Mit seiner Magie tastete Harry nach dem, was er fühlte. Er erinnerte sich an die Zauber im Gaunt-Haus, die wandte er nun auch an. Erneut in Parsel, das war sicher erfolgreicher. Tatsächlich dauerte es nur wenige Minuten, dann hatte er die Banne entfernt, und konnte vorsichtig hinein greifen in das schmale Fach, das sich gebildet hatte. Aus seinem Rucksack rief er sich die Drachenleder-Handschuhe auf, damit holte er den Horkrux heraus.

„Wow, das ist wunderschön!“, staunte Hermine.

„Nicht anfassen!“, warnte Harry. „Es ist gefährlich. Darin steckt ein Horkrux. Ich kann ihn fühlen.“ Er holte ein Holzgefäß aus seinem Rucksack, als sie zurück im Arbeitszimmer waren. Dort legte er das Diadem hinein.

„Das ist von Rowena!“, erkannte Salazars Geist.

„Voldemort ist sehr eingebildet, was seine Herkunft betrifft.“, erklärte Harry. „Er ist ein Nachfahre von ihrer Familie, Mister Slytherin. Einen Ring und ein Medaillon aus ihrer Linie hat er als Horkrux-Behälter genutzt. Außerdem ein Tagebuch, das er in seiner Schulzeit geführt hat und ...“

„Ein Tagebuch?“, unterbrach Hermine. „Du meinst, DAS Tagebuch war ...“

„… ebenfalls ein Horkrux, richtig.“, nickte Harry. „Ich habe es damals nur durch Glück vernichtet, weil ich einen Basiliskenzahn hinein gestoßen habe. Basiliskengift und Dämonsfeuer sind eigentlich die einzigen Mittel, einen Horkrux zu vernichten. Severus hat noch einen Trank erfunden, der es auch geschafft hat. Irgendwie basiert er auf Dämonsfeuer, aber genauer kann ich es nicht erklären. Ich bin zwar inzwischen ein bisschen besser in Tränke, seit Severus mich unterrichtet, aber ein Genie werde ich sicher nicht. Severus hat nur darauf bestanden, dass ich lerne, Tränke zu erkennen, nicht dass mich jemand vergiftet.“ Er atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf das Wichtigste. „Wir sollten es gleich zerstören, dann ist die Gefahr gebannt. Ich will nicht, dass David oder Robyn etwas passiert. Oder dass Voldemort es irgendwie wieder in die Hände bekommt.“ Ihm fiel etwas ein und er stockte einen Moment. „Ich hoffe nur, die Schutzzauber über Hogwarts sind stark genug, dass er es nicht mitbekommt, aber das Risiko, ihn hier liegen zu lassen, will ich definitiv nicht eingehen.“ Harry holte den Zahn aus seinem Versteck – den hatte er vorsichtshalber vor den Kindern verborgen – und reichte ihn Hermine. „Du hattest die entscheidende Idee, zerstöre du ihn.“

„Du … bist du sicher?“, hakte Hermine skeptisch nach. „Ich meine, was passiert, wenn die Schutzzauber nicht ausreichen?“

„Hermine, du bist diejenige, die sich mit den Schutzzaubern auskennt. Sag du es mir.“, forderte Harry auf.

„Ich denke doch, dass das wohl eher mein Spezialgebiet ist.“, mischte sich Salazars Geist ein. „Junger Harry, ich versichere euch, niemand wird mitbekommen, was ihr hier tut. Die Schutzzauber von Hogwarts werden verbergen, selbst wenn hier jemand einen Todesfluch wirkt. Das allerdings werden die Banne um Hogwarts verhindern, es soll schließlich kein Schüler einen anderen töten.“

„Okay, dann zerstören wir ihn. Jetzt.“, entschied Harry. Er vertraute dem Geist, der sollte es wirklich am besten wissen, immerhin war er einer derjenigen, die für die Zauber verantwortlich waren.

„Und du denkst wirklich, ICH soll ihn vernichten?“, versicherte sich Hermine.

„Absolut!“, antwortete Harry. „Denk nicht lange darüber nach, hau den Zahn einfach rein!“

Hermine starrte ihn noch einen Moment an, dann nahm sie – noch immer etwas zögerlich – den Zahn in die Hand. Sie achtete genau darauf, wo sie ihn anfasste, obwohl sie Harrys Handschuhe bekommen hatte. Harry nickte ihr auffordernd zu. Mit geschlossenen Augen holte Hermine schließlich aus, dann öffnete sie die Augen und schlug fest zu. Ihr Gesicht war verzerrt vor Anstrengung, aber sie zögerte nur unmerklich. Ein gedämpfter Schrei zeigte ihnen, dass es funktionierte. Einen Moment später floss eine zähe, teerartige Masse aus der Bruchstelle.

„Du hast es geschafft!“, freute sich Harry und umarmte seine beste Freundin.

„Ich habe es geschafft!“, realisierte Hermine nach einigen Minuten. Sie atmete hektisch, als wäre sie eine weite Strecke gerannt. Plötzlich löste sie sich aus der Umarmung und sah Harry kritisch an. „Wie viele sind es jetzt noch?“

„Ich weiß es nicht genau.“, musste Harry zugeben. „Ich bin auf jeden Fall einer, aber angeblich hat auch Dumbledore einen oder zwei in die Hand bekommen. Zwei haben wir zerstört, den Ring und das Medaillon, mit dem Trank von Severus. Dann das Tagebuch. Einer wurde möglicherweise genutzt, um ihn zurück kommen zu lassen. Wir müssen sehen, was Lucius und der Rat herausbekommen. Einen Teil haben wir durch Aufzeichnungen von Voldemort herausgefunden, die Sirius und Remus gefunden haben. Sie sind in Parsel, aber ich konnte es lesen. Severus und ich haben es übersetzt.“

Nachdenklich starrte Hermine ins Leere. Harry kannte diesen Ausdruck von ihr. „Ein Medaillon und ein Ring von Slytherin. Ein Diadem von Ravenclaw.“, murmelte sie vor sich hin. Ihre Augen wurden klar und sie sah Slytherins Geist an. „Gibt es Erbstücke von Gryffindor und Hufflepuff?“

„Helga hat einen Becher hinterlassen.“, antwortete der frühere Hogwartsgründer sofort. „Von Godric weiß ich nur, dass er sein Schwert der Schule überlassen wollte. Es war koboldgefertigt, und die Kobolde sind da sehr eigen, was die Weitergabe von Stücken anbelangt, die sie gefertigt haben. Ein Kauf ist für sie nur eine Art Besitz auf Lebenszeit des Käufers, weiter vererben kennen sie in diesem Zusammenhang nicht. Daher weiß ich nicht, ob es noch existiert.“

„Das tut es.“, wusste Harry. „Es ist oben im Büro des Schulleiters.“ Er überlegte eine Weile. „Könnte er das Schwert genutzt haben? Es ist offen zugänglich, und das wohl schon seit Jahren.“

„Nein.“, schüttelte der Geist den Kopf. „Es ist koboldgefertigt und als Waffe ausgelegt. Es würde ein Seelenteil vernichten anstatt es zu beschützen. Der Becher von Helga hingegen wäre durchaus geeignet. Falls er ihn gefunden hat.“

„Stimmt es eigentlich, dass sie Muggelgeborene hassen?“, wagte Hermine eine Frage.

„Wer sagt so was?“, wollte Slytherin entsetzt wissen.

„Inzwischen so ziemlich jeder. In dem Buch ‚Eine Geschichte von Hogwarts‘ steht geschrieben, dass sie sich mit Gryffindor überworfen haben, weil er Muggelgeborene aufnahm und sie nur reinblütige Zauberer unterrichten wollten.“, erklärte Hermine.

„Um es mit den Worten des jungen Harry auszudrücken: So ein Quatsch.“, echauffierte sich Salazar. „Wir haben alle unterrichtet, die Magie in sich trugen. Ich habe sogar darauf bestanden, dass die Muggelgeborenen hier eine neue Heimat finden sollten. An sich war es nur als Schule gedacht, aber das mussten wir bald ändern, denn die Muggel haben angefangen mit ihrer Hexenjagd. Das lehrt man euch aber hoffentlich schon noch.“ Die beiden Jugendlichen nickten. „Wenigstens etwas. Godric und ich hatten einen Streit, das stimmt, und es ging auch um Muggel. Allerdings keine Muggel mit Magie.“ Er seufzte leise. „Ihr müsst wissen, dass ich damals eine Gefährtin hatte. Rana war eine wunderschöne, kluge und außergewöhnlich begabte Dämonin. Sie hat sich damals um die Kinder gekümmert, die wir aus Muggelfamilien holten. Leider haben einige Muggel ihr dabei nachgestellt, und sie wurde als Hexe verbrannt. Sie war eine Erddämonin, aber ihre Kräfte halfen ihr nicht genug. Sie war verletzt, konnte sich kaum wehren. Ich erfuhr es erst, als ich den Schmerz des Feuers von ihr spürte. Es ging viel zu schnell, als dass ich hätte eingreifen können. Seither hasse ich Muggel, und wollte sie alle töten. Das hat zum Bruch zwischen Godric und mir geführt. Ich habe mich wochenlang hier unten eingeschlossen, nur mit einem Basiliskenei. Ich habe es nur noch als Geist erlebt, dass der Basilisk schlüpfte, da ich vorher bereits starb. Ich glaube, ich habe einfach nicht mehr gegessen und getrunken, bis mein Körper keine Lebenskraft mehr hatte. Dabei vergaß ich nur leider die Prophezeiung, ich war gezwungen, hier zu warten.“

„Mein Gott, das ist ja schrecklich!“, hauchte Hermine. „Das tut mir so leid!“

„Es ist nicht eure Schuld, junge Dame.“, belehrte Salazar sie. „Wenn die Prophezeiung erfüllt ist, oder aber nicht mehr zutrifft, dann sollte es mir möglich sein, weiter zu gehen. Das ist meine Hoffnung.“

„Wir werden tun, was wir können.“, versprach Harry.

„Ihr solltet nun schlafen.“, riet der Geist. „Es war ein langer Tag.“

„Okay, Harry, Pause!“, keuchte Hermine einige Tage später. Sie trainierten in der Kammer die verschiedenen Zauber, die sie gefunden hatten. So wie beinahe jeden Tag. Immerhin herrschte draußen Krieg, und sie gingen davon aus, früher oder später hinein gezogen zu werden. Da waren sie lieber vorbereitet, so gut es ging. David und Robyn hielten gerade ihren Mittagsschlaf. Die beiden Jugendlichen griffen nach den Trinkflaschen, setzten sich zusammen auf den weichen Waldboden. Harry schloss einen Moment die Augen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Hermine hielt ihn wirklich auf Trab. Aber da er das Gefühl hatte, viel zu lernen, beschwerte sich Harry nicht. Im Gegenteil, er war seiner besten Freundin mehr als dankbar für die Hilfe. Und die Ablenkung, er vermisste Severus, Sirius und sogar Lucius, Draco und Luna.

„Was …?“, sprang Hermine mit einem Mal auf.

Harry öffnete seine Augen und sah sofort, was Hermine meinte. Ein silberner Schimmer kam auf sie zu, wurde immer deutlicher. Eindeutig ein Patronus, aber von wem? Je näher er kam, desto deutlicher wurde die Form. „Das …“ Harry verstummte und nahm die Form in sich auf. Eine Hirschkuh. Wie der Patronus seiner Mutter, das wusste er von Sirius. „Sev!“

Noch bevor Hermine etwas sagen konnte, sprach der Patronus mit der Stimme des Tränkemeisters: „Harry, Lucius hat mir gesagt, wo du bist und wie ich zu dir komme. Ich stehe vor dem geheimen Eingang im verbotenen Wald. Lässt du mich zu dir?“

„Bist du sicher?“, fragte Hermine, als Harry bereits auf dem Weg zum Eingang war. Er nickte nur, sein Gesicht strahlte. „Harry, sei vorsichtig, prüfe es. Nicht, dass jemand dir eine Falle stellt.“

„Hermine, du kennst dich doch sonst so gut aus.“, erwiderte Harry verwirrt. „Remus hat mir erklärt, dass ein Patronus nicht lügen kann. Es ist positive Energie, sie würde eine Lüge nicht übertragen. Ich bin sicher, es ist Severus.“

„Na gut. Aber sei bitte trotzdem vorsichtig, Harry.“

„Mach ich.“, versprach Harry. „Warte hier auf mich, auf uns. Es dauert nicht lange.“

„Ich gehe zu den Kindern.“, widersprach Hermine. „Vor allem David wacht sicher bald auf.“

Harry nickte nur und lief bereits auf die Schlange zu, in der sich der Gang nach draußen verbarg. Er rannte beinahe nach oben, konnte es kaum erwarten. „Severus!“, fiel er dem Meermann um den Hals.

Mit einem leisen und sehr erleichterten Schmunzeln legte Severus die Arme um den Jüngeren, schob ihn gleichzeitig in den Spalt, sodass sich der Felsen wieder schließen konnte. Beide seufzten erleichtert auf, als ihre Lippen sich berührten. Harrys Hände strichen über den Körper des Mannes vor sich. Er musste sich einfach versichern, dass es dem Mann vor ihm gut ging. „Ich bin hier, Harry.“, murmelte Severus schließlich gegen die Lippen des Jüngeren. „Es geht mir gut. Onkel Jamin und die Heiler haben mich gerettet. Es ist gut. Ich bin geheilt.“

„Ich hatte solche Angst, als ich dich verlassen musste.“, wisperte Harry zitternd. „Ich wusste nicht, was mit dir ist. Ich habe zwei Kinder bei ihrer toten Mutter gefunden und mitgenommen. Lucius hat uns schließlich entdeckt und hierher gebracht. Er hat auch erzählt, dass Atlantica angegriffen wurde.“ Erneut schauderte Harry heftig.

„Ja, das war wohl Dumbledore mit seinen Leuten.“, nickte Severus. „Noch ist nicht ganz klar, ob er gezielt Atlantica angegriffen hat, oder ob es Zufall war. Wir vermuten, dass er es geschafft hat, die dort genutzte Magie zu lokalisieren. Es gab einige Verletzte, aber keine Toten. Die Stadt allerdings ist unbewohnbar. Aber die Meermenschen werden nun mit Sicherheit kämpfen, wenn Onkel Jamin sie ruft.“ Er drückte Harry erneut an sich. „Ich bin froh, dass es dir gut geht. Mach dir keine Vorwürfe, das hat nichts mit dir zu tun. Erzähl mir lieber, was du hier getan hast.“

Während Harry den Tränkemeister ins Innere der Kammer, und von dort aus in die Wohnung führte, erzählte er, was in den letzten Tagen los gewesen war. Severus hatte ihm den Arm um die Taille gelegt, auch er musste spüren, dass es seinem Gefährten gut ging. Erst, als sie Hermine und die Kinder hören konnten, ging Severus ein wenig auf Abstand. Er war kein Mensch für Gefühlsbezeugungen in der Öffentlichkeit. Harry wusste das und akzeptierte es. „Lucius wird gegen heute Abend kommen, wenn alles klappt.“, wusste Severus.

„Was ist mit Sirius?“

„Laut Xenophilius geht es ihm deutlich besser, er ist aufgewacht.“, beruhigte Severus seinen Gefährten. „Es wird sicher noch eine ganze Weile dauern, bis er als geheilt gilt, aber die Heiler sind sicher, dass er sich erholt. So lange bleibt er in der Elfenwelt, dort ist er sicher. Lucius nimmt es ziemlich mit, er hat mit ihm gesprochen, aber Sirius lehnt ihn ab, weigert sich, mit ihm in einem Raum zu sein.“

„Er braucht Zeit.“, versuchte Harry, seinen Paten zu verteidigen.

„Ich bin nicht sicher, ob das reicht.“, zweifelte Severus, doch er sagte nichts weiter, da sie gerade im Arbeitszimmer waren und bereits die Kinder hören konnten. Er warf nur einen kurzen Blick herum, es erstaunte ihn, was hier versteckt war.

Sie traten durch die Tür ins Wohnzimmer. „Ri!“, sprang David auf ihn zu. Robyn war nicht zu sehen, aber Hermine war nicht da, er hörte ihre Stimme aus dem Schlafzimmer. Also war der Kleine gerade wach geworden. Lächelnd nahm Harry den Dunkelblonden auf den Arm. „Hallo, David! Das hier ist Severus, er bleibt jetzt erstmal hier bei uns. Er ist ein Freund.“

„'lo.“ David blickte ihn ein wenig skeptisch an, lächelte aber aus der sicheren Deckung von Harrys Armen heraus zu dem Meermenschen hin. Dieser Mann wirkte zwar dunkel, machte ihm aber deutlich weniger Angst als der Blonde, den er bereits gesehen hatte.

„Severus, das ist David, der Ältere der beiden Kinder.“, stellte Harry vor.

Severus blickte von dem Kind zu Harry und zurück. Er sah deutlich, was der Kleine seinem Gefährten bedeutete, und seufzte innerlich. Harry band sich an die Kinder, aber sie gehörten zum Rudel. Egal wie nahe sie einander waren, sie würden sich trennen müssen, sobald es sicher war. Die Welpen brauchten andere Werwölfe um sich, damit sie mit ihrem Wesen umgehen lernten. Das würde sicher nicht leicht für Harry werden. Harry war ein Familienmensch, er suchte sich seine Familie, wie es schien. Konnte er selbst ihm das geben? Er war immer darauf bedacht gewesen, nicht angreifbar zu sein, um seine Rolle als Spion in den beiden Lagern perfekt spielen zu können. Niemand sollte etwas gegen ihn in der Hand haben, das war immer sein Bestreben gewesen. An eine Familie, einen Partner oder gar Kinder, hatte er nie einen Gedanken verschwendet. Aber nun hatte er seinen Gefährten gefunden. Einen jungen Mann, der bereits eine Menge mitgemacht hatte, aber nie aufgab. Und der sich, wie es aussah, sehnlichst eine Familie wünschte. Aber diese Kinder waren nicht das, was Harry sich wünschte, auch wenn er es im Moment wohl so sah. Doch die Kinder brauchten ihr Rudel. Für den Moment allerdings waren sie bei Harry in guten Händen, wie es schien.

„Professor Snape!“, riss eine weibliche Stimme ihn aus seinen Gedanken. „Ist alles in Ordnung mit ihnen?“

„Ich wurde als geheilt entlassen, Miss Granger.“, gab er kühl zurück. „Was machen sie hier?“ Zwar hatte er bereits von Lucius erfahren, was passiert war, aber sie sollte sich durchaus bewusst sein, was sie falsch gemacht hatte.

„Ich … ich wollte Harry helfen und habe alles falsch gemacht.“, gab sie mit gesenktem Kopf zu. „Mister Malfoy hat mir das Leben gerettet und mich hierher gebracht. Ich habe versprochen, hier zu bleiben. Jetzt trainiere ich mit Harry. Mister Slytherin sagt uns, was wir tun sollen.“

„Wenigstens haben sie den Mut, einen Fehler zuzugeben.“, schnarrte Severus. Er war wütend, er hatte gerade diese junge Frau für intelligenter gehalten. Dieser Fehler hätte viele Leben kosten können. Aber sie zeigte, dass der Hut sie zu Recht nach Gryffindor geschickt hatte, indem sie eingestand, dass sie einen Fehler gemacht hatte. „Nichtsdestotrotz, sie hätten niemals hierher kommen sollen. Da sie nun allerdings hier sind, werden sie weiterhin mit Harry trainieren, ansonsten aber nur lernen und sich hier und in der Kammer aufhalten. So lange Lucius Malfoy oder ich selbst ihnen nichts anderes sagen, werden sie genau das tun.“ Er ließ sie spüren und hören, wie sauer er war.

„Ja, Sir.“, antwortete sie ungewohnt gehorsam und leise. Noch immer war ihr Kopf gesenkt und ihre ganze Haltung zeigte, wie sehr sie ihren Fehler bereute.

„Gut. Dann werden wir nun sehen, wie es weitergeht.“, entschied Severus.

„Wir haben einen weiteren Horkrux gefunden und zerstört!“, platzte Harry heraus. Das hatte er vorher noch nicht erzählt, so weit war er nicht gekommen. Außerdem sah er, wie sehr seine Freundin in die Enge getrieben wurde, wollte daher ablenken. Die Augen des Tränkemeisters weiteten sich einen Moment, bis er sich wieder im Griff hatte. Harry berichtete sofort weiter, was sie entdeckt und anschließend getan hatten. Er zeigte das zerstörte Diadem.

„Der Horkrux ist zerstört.“, bestätigte Severus nach einer kurzen Untersuchung. „Gut, dann sind wir einen Schritt weiter. Hast du sonst etwas erfahren?“

„Nichts in Bezug auf die Horkruxe, außer dass es wohl eine Möglichkeit gibt, den aus mir zu entfernen.“, schüttelte Harry den Kopf. „Allerdings brauchen wir dazu jemanden, der nur Naturmagie nutzt. Genauer weiß ich es noch nicht, aber das finden wir sicher noch raus. Aber Dobby hat herausgefunden, dass es noch immer einige Schüler gibt, die auf meiner Seite sind.“

„Das hilft uns im Moment nicht weiter, aber wir werden es im Auge behalten.“, überlegte Severus. Bei Harrys Bestätigung, dass es eine Lösung für ihn gab, hatten seine Augen kurz aufgeleuchtet, aber mehr ließ er sich nicht anmerken. „Für jetzt will ich sehen, wie weit euer Training ist. Auch wenn ich noch immer dagegen bin, dass du an vorderster Front kämpfst, oder überhaupt kämpfst, so weiß ich doch, dass du am Ende wohl wieder mittendrin stecken wirst, ob du willst oder nicht.“

„Robyn, David, bitte spielt eine Weile hier im Wohnzimmer.“, bat Harry die Kinder, und ließ mit seinem Stab eine Kiste in die Mitte des Raumes schweben. Als er den Deckel öffnete, erkannte Severus, dass darin Spielzeug steckte. Die beiden Jungen stürzten sich darauf und waren schnell mit sich selbst beschäftigt, sodass Harry, Hermine und Severus in die Kammer gehen konnten. Severus stellte sich gegenüber der beiden Jugendlichen auf und forderte sie zu einem Übungsduell heraus. Auch wenn er selbst nicht ganz fit war – die Heiler hatten ihm gesagt, er sollte sich noch einige Tage schonen, aber das ignorierte er geflissentlich – wollte er so sehen, wie weit sie es gebracht hatten. Ganz offensichtlich wusste Miss Granger nur theoretisch über Duelle Bescheid, sie wirkte recht steif in ihrem Verhalten, doch nach den ersten Zaubern kam ihr Selbstbewusstsein zurück und sie zeigte, was sie konnte. Wider Erwarten kam Severus beinahe in Bedrängnis, als die beiden Jugendlichen sich gegen ihn vereinigten. Doch am Ende schaffte er es, beide auszuschalten, wenn auch mit Mühe. Er keuchte leise, strengte sich aber an, gleichmäßig zu atmen, um es nicht auch noch zu zeigen. „Gut gemacht.“, lobte er vor allem Harry, aber es schloss die junge Frau dennoch mit ein.

„Danke, Professor.“, lächelte Hermine. „Sie sind ein starker Kämpfer.“ Sie wirkte ein wenig erschöpft, genau wie Harry, daher gingen sie nun zurück in die kleine Wohnung. Plötzlich stockte die Braunhaarige. „Wenn sie nun auch hierbleiben, Professor, dann … dann brauchen wir ein neues Schlafzimmer.“

„Das sollte kein Problem sein.“, mischte sich der Geist ein, der bislang ein Auge auf die Kinder gehabt hatte. „Ich werde das Schloss darum bitten, entsprechende Räume zur Verfügung zu stellen.“

„Das geht?“, staunte Harry.

„Wenn man einer der Gründer ist, dann ist das möglich.“, nickte Salazar. Er fasste Severus ins Auge. „Ihr seid Hauslehrer in meinem Haus, nicht wahr?“

„Das ist richtig, oder zumindest war ich es bis zum Sommer, aber woher wisst ihr das?“, staunte Severus.

„Ich bin mit dem Schloss verbunden und erfahre Einiges auf diese Art.“, antwortete Salazar geheimnisvoll. „Auch als Geist habe ich diese Verbindung. Ist ganz nützlich.“

„Das glaube ich gerne!“, grinste Harry.

„Nun denn, geht in eure Schlafzimmer und seht, wer wo schlafen wird.“, gab Slytherin zurück, ohne auf Harrys Bemerkung einzugehen. Neugierig folgten sie dem Fingerzeig des Geistes, der auf zwei neu erschienene Türen deutete, die rechts und links vom ursprünglichen Schlafzimmer waren. „Sagt den Räumen, was ihr benötigt, das Schloss wird euch helfen.“

Severus nahm sich vor, mit dem Geist zu sprechen, vielleicht konnte das Schloss auch Hinweise auf mögliche Verbündete oder aber auch Angriffspunkte gegen Dumbledore liefern. Der Schulleiter misstraute inzwischen jedem, die Zentauren und die Wassermenschen bekamen keine Informationen mehr. Somit hatte auch der Rat keine Hinweise auf Hogwarts und was hier vorging. Sie entschieden, dass Harry das ursprüngliche Schlafzimmer behalten sollte, immerhin schliefen die Kinder hier bei ihm, Hermine bekam das auf der rechten Seite davon, Severus ging in das dunkler gestaltete linke Schlafzimmer, das neu entstanden war. Sie alle hatten ein kleines Bad mit Toilette und Dusche, das große Bad gehörte nun zu Harrys Schlafzimmer, war aber weiterhin vom Wohnzimmer aus erreichbar.

Lucius kam wenig später, Harry ließ ihn ein. Leider hatte er keine besonders guten Nachrichten, sie hatten derzeit keine Möglichkeit, in die Elfenwelt zu gelangen, denn Alemie, die Elfenkönigin, hatte den Durchgang geschlossen, um ihr Volk in Sicherheit zu wissen. Die Elfen waren kein Volk aus Kriegern, hatten weder Dumbledore noch Voldemort viel entgegen zu setzen. Fenrir und seine Werwölfe mussten sich erholen, dann würden einige der Kämpfer zu den Draconiern gehen, von dort aus eingreifen. Die Wesen, die eine Drachenform hatten, wollten die Meermenschen, Vampire und Werwölfe unterstützen, die sich zum Kampf rüsteten.

„Was gibt es hier Neues?“, erkundigte sich Lucius am Ende. Harry berichtete von ihrem Erfolg mit dem Diadem.

Plötzlich schoss Lucius in die Höhe. „Jetzt weiß ich es wieder!“, keuchte er auf. Fragend sahen die Anderen ihn an. „Ich grüble schon, seit wir von den Horkruxen gesprochen haben, warum ich da ein komisches Gefühl habe. Vor vielen Jahren, noch bevor der Lord das erste Mal verschwand, hat er Zissas Schwester etwas gegeben, das sie verwahren sollte. Ich habe es als Neuling mitbekommen, aber nur am Rande. Bellatrix war damals ganz begeistert, unserem Lord dienlich sein zu können. Danach habe ich jahrelang nicht mehr daran gedacht, es schien zwar wichtig für den Lord zu sein, aber ich konnte mit dieser Information nichts anfangen und vergaß es wieder. Aber ich war einmal mit ihr gemeinsam in ihrem Verlies, als sie ein Collier für Narzissa herausholte. Sie wollte damals, dass Narzissa auf der Hochzeit einer Cousine zweiten Grades damit angeben konnte. Dabei habe ich einen Becher gesehen, den sie mir als Erbstück von Hufflepuff deutete. Ich dachte immer, sie würde nur angeben und sich etwas zusammenreimen, aber im heutigen Zusammenhang...“

„Weißt du, was daraus wurde?“, wollte Severus wissen.

„Leider nein. Aber ich werde sehen, was ich herausfinden kann.“, versprach Lucius.

„Sei vorsichtig.“, mahnte Harry besorgt.

„Keine Sorge, Harry, ich weiß, wie weit ich gehen kann.“, lächelte der Blonde, aber es erreichte die Augen nicht. „Ich melde mich, sobald ich mehr weiß.“ Der Blonde wirkte müde und angespannt. Die Ablehnung von Sirius machte ihm offensichtlich sehr zu schaffen.

Er brach auf und ließ sich von Harry den Zugang zum verbotenen Wald öffnen. Das zerstörte Diadem nahm er an sich, er würde es im Manor einschließen in seinen Safe. Dort lagen auch schon das Medaillon und der Ring, wie Harry erst jetzt erfuhr. Jamin hatte dafür gesorgt, als Severus in Dumbledores Händen war. Niemand sollte ihnen vorzeitig auf die Schliche kommen. Die beiden Jugendlichen und Severus mussten die aufkommende Diskussion verschieben, da Robyn und David nun keine Lust mehr hatten, alleine mit ihren Spielsachen zu sein. Nachdem sie noch eine Kleinigkeit gegessen hatten, gingen sie an diesem Abend früh zu Bett.

„Herein!“, rief Severus, als es an seiner Tür klopfte. Er lag bereits im Bett, war aber sicher, dass er wusste, wer zu ihm wollte. Und richtig, Harrys wirrer, schwarzer Schopf sah nach einem Moment zu ihm herein. „Komm rein.“, bot Severus an, und hob gleichzeitig seine Decke. Auch er selbst hatte die Nähe vermisst. Seit sie in Atlantica gemeinsam im Bett geschlafen hatten, brauchte er diese Nähe einfach, vor allem jetzt. Harry ließ sich nicht lange bitten, kroch zu ihm und schmiegte sich in die starken Arme. „Hast du einen Überwachungszauber auf die Kinder gelegt?“, erkundigte sich Severus leise.

Harry nickte. „Ja. Aber ich … ich muss dich einfach spüren.“ Erneut schauderte er und drängte sich noch dichter an Severus. Klammerte sich regelrecht fest an dem Tränkemeister, musste spüren, dass sein Gefährte hier war.

„Schlaf, wir reden morgen.“, murmelte Severus. Auch er schlang den Arme um den Jugendlichen. Seine Lippen legten sich auf Harrys Stirn, liebkosten ihn. Irgendwie schien Harry in den letzten Wochen erwachsener geworden zu sein, seine Ausstrahlung war deutlich weniger kindlich als noch in Atlantica, fiel Severus auf. Viel ruhiger und überlegter. Reifer. Doch für den Moment wollte er nur schlafen. Seit er aus der Gefangenschaft von Dumbledore frei gekommen war, schlief er schlecht. Daher hatte er fest darauf gehofft, dass Harry zu ihm kommen würde. Mit seinem Gefährten im Arm war er sicher, gut schlafen zu können. Schnell war er eingeschlafen, doch seine Hoffnung erfüllte sich nicht. Im Traum erlebte er den Angriff auf die Werwölfe erneut.

„Lauf!“, schrie er Harry voller Angst zu. Nicht um sich selbst hatte er Angst, sondern um Harry. Sein Gefährte sollte sicher sein. Schon in seinen gerade mal etwas über fünfzehn Jahren hatte er viel zu viel mitgemacht, hier wäre er gezwungen, gegen Menschen zu kämpfen, die er bis vor kurzem Verbündete genannt hatte. Auch wenn er sie nicht kannte, oder jedenfalls nicht alle, er sollte nicht gegen sie kämpfen müssen. Harry sollte überhaupt nicht kämpfen müssen, er war ein Kind, oder besser ein Jugendlicher. Er sprang in den Schneidezauber, den Moody auf seinen Kleinen geworfen hatte. Die Schutzzauber hielten, aber nun griffen Moody und zwei weitere Ordensmitglieder ihn gemeinsam an. Das ermöglichte Harry die Flucht, daher zog Severus ihre Aufmerksamkeit weiter auf sich, um sie von Harry abzulenken. Es klappte, als er das nächste Mal in die Richtung sah, war von dem Jugendlichen nichts mehr zu sehen. Severus schaffte es, die beiden Ordensleute auszuschalten, wurde aber seinerseits von Moody getroffen. Der Zauber durchschlug seinen Schutzzauber, als wäre er nicht vorhanden, traf ihn an der Schulter und riss ihn zu Boden. Knurrend schlug er zurück, kam aber nicht schnell genug wieder auf die Beine. Weitere Zauber trafen ihn, als Moody Unterstützung bekam. Severus gab nicht auf, aber gegen die vereinte Kraft dreier unverletzter Zauberer hatte er keine Chance. Als es schwarz um ihn wurde, galt sein letzter Gedanke Harry. Der Junge war hoffentlich entkommen.

Er wusste nicht, wie lange er bewusstlos gelegen hatte, aber er erkannte die Umgebung sofort, als er zu sich kam. Das waren die Kerkerzellen in Hogwarts. Was hatte Dumbledore mit ihm vor? Severus wurde bewusst, dass er dem Alten nichts bieten konnte, er war wertlos für den Orden. Was bedeutete das für ihn selbst? Dumbledore würde ihn am Ende töten, er war ein Risiko, aber bis dahin … Darüber wollte Severus nicht nachdenken. Lieber konzentrierte er sich auf seine Umgebung. Er spürte die Magie, die um ihn herum wirksam war. Auch wenn Dobby bisher wohl nicht aufgeflogen war, der Alte traute niemandem mehr über den Weg. Mächtige Banne lagen auf der ganzen Ebene, die nur Einem den Zutritt gewähren würden. Dumbledore selbst.

Wie auf ein geheimes Stichwort hin erschien nur Minuten später der Weißhaarige. Er stand vor Severus' Zelle und blickt scheinbar bekümmert auf ihn. „Severus, Severus.“, seufzte er. Es klang wirklich betrübt, aber Severus spürte die aufkommende Erregung des Älteren, konnte sie sogar riechen. Er schauderte. „Ich dachte wirklich, du wärst auf meiner Seite. Aber als du Potter nicht zu mir brachtest, sondern zu Black, und ich auch noch ausgesperrt wurde, da war mir klar, dass du ein doppeltes Spiel spieltest. Nur anfangs wurde mir nicht bewusst, weshalb Voldemort dich nicht mit offenen Armen aufnahm. Als meine Spione mir berichteten, dass du ihm bereits davor den Willen versagtest, fragte ich mich, für wen du arbeitest.“ Sein Blick, der in die Ferne gegangen war, fokussierte erneut auf den Tränkemeister. „Wer bist du und für wen arbeitest du?“, wollte er energisch wissen.

Severus schwieg. Dumbledore würde ihn nicht zum Reden bekommen. Egal was er tat. Seit seiner eigenen Zeit in Hogwarts war Severus durch eine harte Schule gegangen. Schmerzen bedeuteten ihm kaum etwas, er konnte viel ertragen. Harry war sicher, das war alles, was zählte. Rasch schob er den Gedanken ganz tief in sein Unterbewusstsein, damit er nicht angreifbar wurde. Die folgenden Stunden waren wie ein Déjà-vu für ihn. Auch wenn Dumbledore andere Zauber als der Lord nutzte, er verstand sein Handwerk. Er brachte Severus immer wieder an den Rande dessen, was er ertragen konnte, verhinderte aber sehr effektiv eine erlösende Ohnmacht. Immer wieder schrie der Schwarzhaarige, wenn es gar nicht mehr anders ging. Auch wenn er sich lieber auf die Lippen biss, um diese Demütigung zu verhindern. Zitternd, blutend und verschwitzt lag er schließlich zusammen gekrümmt auf dem Boden.

„Wo ist Potter?“, zischte Dumbledore am Ende.

Severus konnte nicht verhindern, dass sich ein triumphierendes Grinsen auf sein Gesicht legte. Wenigstens für einen kurzen Moment, dann hatte er seine Muskeln wieder unter Kontrolle. „In Sicherheit.“, zischte er heiser. „Ich werde verhindern, dass er in die Hände des Ordens, des Ministeriums oder der Todesser gerät.“

„Und wie willst du das schaffen? Du entkommst nicht!“, höhnte Albus Dumbledore.

„Er ist sicher und wird nicht in ihre Hände geraten.“, bestand Severus.

„Für wen arbeitest du, Severus?“ Lauernd lagen die hellen blauen Augen auf Severus. Der kontrollierte seine Barrieren, damit Dumbledore keinen Zugang zu seinem Geist bekam, und schwieg. Ein weiterer, schmerzhafter Zauber traf ihn. „Auf welcher Seite stehst du?“, schrie Dumbledore wütend.

„Auf Harrys Seite!“, antwortete Severus gegen seinen Willen. Irgendetwas war in dem letzten Zauber, das ihn zu Antworten zwang, die er nicht geben wollte.

„Was planst du?“

„Ich werde mit Harry die restlichen Horkruxe suchen und vernichten. Und dann beenden wir diesen Krieg.“, konnte Severus nicht verhindern zu sagen. Er konzentrierte sich auf die Naturmagie, die hier nur sehr schwach war. Dennoch reichte es aus, um diesen Bann, der auf ihm lag, zu beenden. Die weiteren Fragen beantwortete er nur noch mit eisigem Schweigen. Irgendwann verschwand der Alte und ließ Severus blutend und frierend zurück. Er kam mehrmals zurück, teilweise mit Moody gemeinsam. Diese Stunden würde Severus nicht vergessen, zum körperlichen Schmerz kam immer wieder die Demütigung, die ihm deutlich mehr zu schaffen machte. Er wehrte sich gegen den Imperius, den Moody immer wieder auf ihn legte, doch mehrmals war er unter Einfluss dieses Zaubers gezwungen worden, einen der Beiden oral zu befriedigen. Sobald seine Gedanken dorthin gingen, würgte er. Im Kerker hatte er keine Nahrung und kein Wasser zu sich genommen, er wusste immerhin, was mit Remus passiert war, daher gab es nichts, was er erbrechen konnte.

Unruhig fuhr Severus aus seinem Schlaf hoch. Er schaffte es, einen Schrei zu unterdrücken, aber die Übelkeit zwang ihn ins Bad. Erst, als sein Magen nichts mehr hergab, beruhigte sich der Würgreiz langsam. Ein Glas Wasser schob sich in sein Blickfeld und er sah auf.

„Ruhig, Severus. Trink einen Schluck und atme tief durch.“ Harrys Stimme wirkte beruhigend, beinahe hypnotisch auf Severus. Erschöpft lehnte er sich an seinen Gefährten, ließ für den Moment zu, dass Harry ihm die Stärke gab, die er brauchte. Mit geschlossenen Augen erspürte er, wie Harry ihm den kalten Schweiß von der Stirn strich. Es tat gut. Diese liebevolle Geste beruhigte Severus mehr, als Worte es könnten. Scheinbar intuitiv wusste Harry, dass er nur da sein musste. Momentan konnte Severus nicht darüber reden, vor allem nicht mit Harry. Auch wenn alles in ihm darauf drängte, er wollte es Harry nicht aufbürden, dieser litt ohnehin schon mit ihm mit, das musste er nicht noch schlimmer machen. Der Jugendliche verlor kein weiteres Wort, hielt Severus nur fest, bis das Zittern langsam nachließ und die Erschöpfung beinahe gewann. „Komm, gehen wir zurück ins Bett.“, half er Severus hoch, bevor dieser einschlafen konnte. Harry bugsierte sie ins Bett, legte sich diesmal so, dass Severus seinen Kopf auf dem Brustkorb des Jugendlichen ablegen konnte. „Schlaf, ich bin hier.“, murmelte er beruhigend. Severus schloss die Augen und ließ sich vom Herzschlag Harrys einlullen. Die Hand, die ihn hielt, bedeutete Sicherheit, also ergab er sich erneut dem Schlaf.

Er wusste nicht, wie lange er schon in diesem Kerker war, als er spürte, wie seine Kräfte nachließen. Lange würde er nicht mehr durchhalten. Eigentlich wollte er nicht aufgeben, aber um nicht vergiftet zu werden weigerte er sich weiterhin, das Wasser zu trinken, das er bekam. Nahrung hatte er nicht gesehen in all der Zeit. Es konnten nur wenige Tage gewesen sein, die er hier verbracht hatte, ansonsten wäre er bereits an Flüssigkeitsmangel gestorben, aber es erschien ihm so lange. Er kam kaum dazu, sich zu erholen, da waren Dumbledore und meistens auch Moody schon wieder da. Sie bekamen nichts aus ihm heraus, aber die Foltern verbrauchten seinen letzten Rest Energie.

„Rede endlich!“, donnerte Dumbledore, als er nach einer weiteren Runde Foltern erneut schwieg.

„Ich werde nichts sagen, und wenn ihr mich umbringt.“, krächzte Severus. Seine Stimme war von den Schreien komplett heiser.

Wütend peitschte der Weißhaarige mit dem Stab durch die Luft. Severus bäumte sich auf und schrie, bis sich eine gnädige Ohnmacht um ihn legte. Als er wieder erwachte, hätte er lachen können, wenn ihm nicht der ganze Körper geschmerzt hätte. Er trieb im Meer. Offenbar hatten sich Moody und Dumbledore seiner entledigt und wollten ihn ertrinken lassen. Das hier war sein Glück, wenn die Beiden ahnen würden, was in ihm steckte! Aber so rettete dieses Nicht-Wissen gerade sein Leben. Er ließ sich treiben, konnte nicht genug Energie aufwenden, um aktiv zu schwimmen. Die Verwandlung hatte ohne sein bewusstes Zutun stattgefunden, er atmete so tief durch, wie die gebrochenen Rippen es zuließen. Noch nie war ihm das Meerwasser hier so angenehm gewesen. Eigentlich mochte er die Nordsee nicht, aber im Moment… Er driftete erneut in die Bewusstlosigkeit ab, merkte nicht einmal, dass irgendwann Hände nach ihm griffen und ihn mit sich in die Tiefe zogen.

Erneut schreckte Severus aus dem Schlaf. „Sch, es ist vorbei. Du bist bei mir, in Sicherheit.“, murmelte Harry ein weiteres Mal. Wann war sein Gefährte so erwachsen geworden? „Möchtest du darüber reden?“ Ein ruhiger Vorschlag, ohne Wertung. Ein Angebot.

Aber Severus zögerte. Durfte er das, was er erlebt hatte, seinem Gefährten zumuten? Er selbst hatte dem Jugendlichen nahegelegt, über seine Erlebnisse zu sprechen, um sie zu verarbeiten. Und so, wie er jetzt wirkte, hatte es ihm geholfen. Aber konnte er selbst mit Harry darüber reden? „Jetzt nicht.“, schüttelte er schließlich den Kopf. „Was ist mit den Kindern?“

Harry schmunzelte kurz. „Du lenkst ab!“, stellte er fest. Gleich wurde er wieder ernst. „Ich verstehe dich. Mir ging es nicht anders nach dem Ligusterweg, aber du hast mir geholfen, warst da, hast mit mir geredet und mit mir gemeinsam die Dämonen aus meinen Träumen verscheucht. Das hat mir wirklich geholfen, Jetzt ist es anders herum, du hast schlimme Dinge erlebt, auch wenn ich keine Ahnung davon habe, was genau. Ich bin da, wenn du reden willst. Und wenn du nicht mit mir reden willst, dann sprich mit Lucius oder sogar mit Salazars Geist. Aber verdränge es nicht. Ich weiß, dass es auf Dauer nicht funktioniert.“ Sein Lächeln kam zurück. „Hermine ist bei den Kindern, glaube ich. Auch wenn die Jungs anfangs sehr zurückhaltend ihr gegenüber waren, inzwischen mögen sie die Geschichten, die Hermine erzählen kann. Sie kennt eine Menge Märchen, die ihre Eltern ihr früher vorgelesen haben!“

Severus hatte Harrys Mienenspiel fasziniert verfolgt. „Du liebst die Kinder.“, stellte er fest. Harry nickte nach einem Moment. „Du weißt, dass sie zurück ins Rudel müssen.“

„Ich weiß, Sev.“, seufzte der Jugendliche. „Aber ich … ich habe mich an sie gewöhnt. Es … sie sind so ehrlich, sehen in mir einfach nur Harry. Nicht den Helden, der die Welt rettet, nicht den Auserwählten, nicht den Mörder, der ich sein soll. Sie lassen mich vergessen, was auf mich wartet. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Sie geben mir die Chance, einfach mal … abzuschalten. Mich nicht um die Rettung der magischen Welt zu sorgen, weil ich keine Ahnung habe, was auf mich zukommt. Versteh mich nicht falsch, Severus, ich kann und ich werde tun, was mir möglich ist, aber diese Zeiten, in denen ich einfach nur derjenige bin, der sich um die Windeln kümmert oder das Spielzeug mit den Kindern ausprobiert, die geben mir die Kraft, nicht ständig an den Horkrux in mir zu denken oder daran, dass jeder von mir einen Mord erwartet.“

„Harry, ich würde mit dir ans andere Ende der Welt gehen, wenn es hilft.“, begann Severus.

„Ist gerade wohl keine gute Idee.“, grinste Harry schief. „Lucius streut Gerüchte beim Lord, dass wir dorthin gegangen sind. Ich schätze, das würde alle Pläne des Rates über den Haufen werfen, wenn uns die Todesser dort erwischen!“

Severus schmunzelte. „Du bist unverbesserlich.“, knurrte er gespielt. „Bengel.“, fügte er liebevoll an.

Da sie nun die Stimmen von Hermine und den Kindern im Wohnzimmer hörten, entschieden sie, aufzustehen. Sie gingen unabhängig voneinander ins Bad und dann zum Frühstück. Hermine lächelte, als sie Harry ansah. Sie merkte sofort, wie gut es ihrem besten Freund nun ging. Der Tränkemeister schien ihm wirklich gut zu tun. Nach dem Frühstück ließen sie die Kinder in die Kammer, wo sie toben und spielen konnten. Die Kleinen hielten sich am liebsten im Wald auf, aber das war bei ihrem Erbe wahrlich kein Wunder. Harry bat Severus, ihm die Animagus-Verwandlung beizubringen.

„Harry, ich bin nicht sicher, ob ich der richtige Lehrer für so etwas bin.“, schüttelte der Tränkemeister den Kopf. „Mein Erbe beinhaltet, dass ich mich verwandle, aber das ist nichts, was man lernen könnte. Ich habe nicht viel Wissen, was diese Art Magie angeht. Verwandlungen waren nie meine größte Stärke, das lag deiner Mutter deutlich mehr. Es wäre sicherer, wenn du es mit jemand lernst, der es wirklich beherrscht. Dein Pate wird es sicher mit dir lernen, wenn es ihm gut genug geht.“

Harry sah ihm in die Augen, und sie fochten ein stummes Duell aus. Der Jugendliche wollte es lernen, das konnte Severus durchaus nachvollziehen, aber er sollte eben auch verstehen, dass der Meermann der falsche Lehrer dafür war. Schließlich senkte Harry den Blick. „Okay, Severus. Wahrscheinlich hast du Recht, wie immer.“, seufzte er. „Was machen wir dann?“

„Master Harry Potter Sir!“, tauchte in dem Moment Dobby auf, und ersparte Severus somit eine sofortige Antwort. „Dobby hat eine Nachricht von Harry Potters Freund. Neville Longbottom hat Dobby gerufen und ihm aufgetragen, eine Nachricht an Harry Potter Sir zu geben.“ Der Hauself reichte ihm ein hastig beschriebenes Pergament.

Bevor Harry zugreifen konnte, mischte sich Severus ein. „Ist das sicher? Keine Falle?“ Er zog seinen Zauberstab und untersuchte das Pergament.

„Es ist sicher, Master Professor Snape, Sir.“, nickte Dobby. „Dobby hat es selbst geprüft. Dobby beschützt Master Harry Potter Sir!“

Trotz – oder gerade wegen – dieser Versicherung testete Severus das Pergament gründlich, konnte aber nichts feststellen. Sie beugten sich zu dritt darüber:

Harry,

Luna hat mir geschrieben und von ihr weiß ich, dass Du hier in Hogwarts bist. Keine Sorge, wir nutzen einen Code, den so schnell niemand knacken kann. Von ihr weiß ich auch, dass Du auf der Suche nach Objekten der Hogwarts-Gründer bist. Dass das Schwert von Gryffindor in Dumbledores Büro ist, weißt Du sicherlich. Aber wusstest Du, dass er auch einen Becher besitzt, der möglicherweise von Hufflepuff stammt? Jedenfalls ist ihr Wappen darauf zu sehen. Dumbledore hat mich heute in sein Büro gerufen, da habe ich ihn gesehen. Hätte ich wohl nicht sehen sollen, aber Du kennst mich, ich stolpere über jedes Staubkorn! Jedenfalls, als ich ins Büro kam, hantierte Dumbledore in einem Schrank und machte hektisch die Türe zu, als ich eintrat. Das machte mich neugierig, denn Luna hat mich bereits vor ihm gewarnt. Also stellte ich mich ahnungslos und hörte ihm zu. Er will mich zu seinem neuen Auserwählten machen, weil die Prophezeiung ja auch auf mich zutreffen würde. So ein Quatsch, wenn Du mich fragst. Dieser ganze Mist von der Prophezeiung ist Müll, aber mich fragt ja niemand. Ich glaube nicht, dass Trelawney was anderes kann als jemandem den Tod vorherzusagen. Und ich glaube auch nicht, dass das eintrifft, was diese … sagt.

Egal, zurück zum Thema. Ich war also bei Dumbledore und habe mir den ganzen Mist angehört. Luna hatte mich ja gewarnt, daher war ich vorsichtig und habe genau zugehört. Nun, oberflächlich betrachtet klingt das alles ganz logisch und man kann darauf hereinfallen. Werde ich aber nicht, auch wenn ich zumindest bis zum Sommer so tun will, damit er mich in Ruhe lässt. Jeder hier in der Schule, der offen zu Dir steht, hat gewaltige Schwierigkeiten. Aber es gibt genug Schüler, die heimlich auf Deiner Seite sind. Auch ein paar Lehrer, denke ich, aber das ist schwer zu sagen. Also, ich war im Büro und habe zugehört, und als ich dann zu ihm kommen sollte, bin ich mal eben gestolpert. Dummerweise bin ich genau vor dem Schrank gefallen, an dem er vorher war und habe mich an der Tür abgefangen. Im Schrank stehen der Becher und ein Denkarium, aber so, wie Dumbledore vorher stand, hat er mit dem Becher hantiert. Das Denkarium stand zu weit unten und er hatte die Hände nach oben gestreckt. Neben dem Becher, der übrigens nicht mehr schön glänzte sondern stumpf und teilweise schwarz angelaufen war, lag so ein komischer, riesiger Zahn. Keine Ahnung, was das für einer war, aber so einem Tier will ich nicht begegnen, der war fast so lang wie ein Unterarm. Mehr konnte ich leider nicht sehen, aber Luna meinte, auch Kleinigkeiten können wichtig sein, ich soll Dich über alles auf dem Laufenden halten. Sie hat mir auch gesagt, dass Dobby der Hauself mir helfen wird. Ich hoffe, das ist in Deinem Sinne, Harry.

Halt die Ohren steif und lass Dich nicht erwischen, okay? Meine Oma ist übrigens auch auf Deiner Seite, sie ist abgehauen, als Dumbledore sie auf seine Seite ziehen wollte. Jetzt lebt sie in einem kleinen Häuschen, das unter Fidelius steht, da kommt Dumbledore nicht an sie ran! Okay, ich muss aufhören, bevor die Anderen rauf kommen. Dean und Seamus sind voll und ganz Dumbledores Anhänger, die dürfen mich nicht erwischen. Mach's gut, Harry, und pass auf Dich auf. Ich melde mich wieder!

Neville

„Ich glaube ihm.“, erklärte Harry nachdrücklich. „Er war schon immer jemand, der die Wahrheit liebte. Mein Instinkt sagt mir, er ist treu.“

„Das denke ich auch.“, stimmte Hermine zu. „Aber dennoch kann eine gewisse Vorsicht nicht schaden.“

„Da gebe ich deiner Freundin Recht, Harry.“, nickte Severus. „Auch wenn ich nicht glaube, dass es eine Falle ist. Luna ist in der Lage, Lügen zu durchschauen, sie wüsste, wenn Longbottom es nicht ehrlich meint. Ansonsten hätte sie ihm nie verraten, wo du steckst.“

„Gut, also glauben wir ihm.“, fasste Harry abschließend zusammen. „Aber was machen wir nun mit der Information?“

„So, wie Longbottom es beschrieben hat, ist der Becher vernichtet, kein Horkrux mehr.“, überlegte Severus. „Ganz sicher kann ich nicht sein, dazu müsste ich ihn sehen. Leider wissen wir immer noch nicht genau, wie viele Horkruxe wir suchen. Wir gehen zwar davon aus, dass er sieben schaffen wollte, aber hat er das auch? Oder ging er gar noch einen Schritt weiter? Möglicherweise warst du kein geplanter Horkrux, zumindest ist das die Meinung im Rat. Immerhin ist in dem Buch eindringlich davor gewarnt worden, lebende Behälter zu nutzen.“

„Was genau haben sie?“, erkundigte sich Hermine scheu, aber mit einem Blick, der mehr aussagte. Sie hatte offensichtlich eine Theorie, würde sie aber erst teilen, wenn sie mehr wusste.

„Wir wissen, dass Harry den ersten Horkrux bereits vor über zwei Jahren vernichtet hat.“, begann Severus, der das scheinbar auch erkannte. Auch wenn er die Schülerin eigentlich nicht mit hinein ziehen wollte, aber sie steckte ohnehin schon mitten drin, wie es aussah. Lieber gab er ihr nun die Informationen, bevor sie heimlich danach suchte. So konnte er wenigstens sicherstellen, dass sie die richtigen Informationen bekam. „Das Tagebuch von Riddle. Zwei haben wir vor einiger Zeit vernichtet, einen Ring und ein Medaillon aus dem Erbe Slytherins. Einen haben sie vernichtet, Miss Granger, das Diadem von Ravenclaw. Das sind vier, die definitiv vernichtet sind. Einer steckt in Harry, um den kümmern wir uns, wenn wir wissen, wie wir ihn entfernen können.“

„Naturmagie, laut Mister Slytherin.“, warf Harry ein. Severus' Kopf ruckte hoch, darüber hatte sein Gefährte bereits gesprochen, aber bisher waren sie nicht näher darauf eingegangen. Harry lächelte. „Ich habe mit ihm darüber gesprochen, er hat mir ein Buch gezeigt, in dem es beschrieben ist. Elfen sollten es schaffen, glaubt er. Also, er meinte, dass es Wesen schaffen, die nur mit Naturmagie arbeiten.“

„Das würde auf die Elfen zutreffen, richtig. Zumindest auf die meisten, Xeno und Luna können das nicht, weil sie auch unsere Form der Magie nutzen können.“, nickte Severus. „Gut, dann müssen wir noch ein wenig Geduld in der Beziehung haben, aber Alemie sagte bereits ihre Hilfe zu. Sobald es sicher möglich ist, bringen wir dich zu ihr in die Elfenwelt.“ Er schloss einen Moment die Augen, um zurück zum ursprünglichen Thema zu finden. „Gut. Wir haben nun die Fakten. Aber es gibt noch Theorien. Wir vermuten, dass ein Horkrux genutzt wurde, um dem Lord einen Körper zu verschaffen und wieder zu beleben. Letzten Sommer auf dem Friedhof. Das wären dann, mit Harry zusammen, sechs. Sieben, wenn wir den Becher dazu nehmen. Sollte die Theorie des Rates zutreffen und Harry ein Versehen sein, so bleibt noch ein Behälter offen, von dem wir nichts wissen.“

„Und wenn es die Schlange ist?“, ließ Hermine die Bombe platzen. Überraschte Blicke trafen sie.

„Wie kommst du darauf?“, wollte Harry wissen.

„Deine Visionen, Harry.“, erläuterte Hermine. Harry erinnerte sich, dass er das an einem Abend hier in dieser Wohnung mit Hermine besprochen hatte, wie er im Sommer, noch bevor er Okklumentik konnte, immer wieder diese seltsamen Visionen hatte. Er nickte und Hermine fuhr fort. „Also, damals meintest du, dass du zwei oder drei Mal das Gefühl hattest, eine Schlange zu sein. Was, wenn es kein einfacher Traum war, wie du mir weismachen wolltest, sondern eine Vision? Dann wärst du in den Gedanken der Schlange gewesen und das würde erklären, warum du auf dem Boden gekrochen bist und alles mit der Nase wahrgenommen hast. Außerdem ist es doch seltsam, selbst für jemanden, der Parsel kann, so eine starke Kontrolle über eine Schlange zu haben. Ich meine, Schlangen sind sicher keine Schmusetiere und eigentlich keine Menschenfresser, und doch gibt Voldemort Gerüchten zufolge die Toten seiner Schlange zum Fressen. Und warum sonst sollte er sie so derart beschützen, dass niemand an sie herankommt? Wenn sie nur eine Schlange wäre, könnte er sie leicht ersetzen. Ist sie aber ein Horkrux, dann wäre sie für ihn viel mehr wert. Und das würde seine Obsession mit diesem Tier erklären.“

„Das könnte sogar stimmen.“, erkannte Severus nach einer nachdenklichen Stille an.

Lucius, der drei Tage später wieder einmal vorbei kam, stimmte Hermines Theorie zu. „Fragt sich nur, wie wir Nagini so töten, dass auch der Horkrux zerstört wird.“, überlegte er sofort. Seine Stirn legte sich in Falten, konzentriert blickte er ins Leere.

„Glaubst du, dann haben wir alle? Was ist mit dem Becher? Denkst du, dieser Horkrux ist wirklich vernichtet?“, fragte Harry.

Der Blonde schreckte aus seinen Gedanken auf und sah Harry an. „Ich bin nicht ganz sicher.“, sinnierte er. „Longbottoms Beschreibung klingt, als wäre der Becher tatsächlich zerstört, aber das würde ich gerne selbst prüfen. Es wäre ein vermeidbarer Fehler, sollte doch etwas schief gegangen sein. Auf Annahmen möchte ich mich nicht verlassen, zu viele Pläne wurden dadurch schon durchkreuzt. Also lassen wir uns etwas einfallen, wie wir den Becher überprüfen können. Notfalls kann Dobby ihn hierher bringen, auch wenn ich das gerne vermeiden würde, nicht dass der Alte einen Zauber darauf liegen hat. Außerdem müssen wir einen Weg finden, dich in die Elfenwelt zu bekommen, damit wir den Horkrux aus dir entfernen lassen. Was die Anzahl betrifft: Ja, ich gehe davon aus, dass es nicht mehr sind, aber auch das würde ich gerne überprüfen. Über das Wie habe ich allerdings bisher ohne Ergebnis nachgedacht.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit.“, murmelte Harry. „Ich muss in Voldemorts Geist eindringen und nachsehen.“ Es gefiel ihm nicht, aber eine andere Möglichkeit sah er nicht.

„Kommt nicht in Frage!“, knurrte Severus. Er fühlte sich fürchterlich, seine Alpträume ließen einfach nicht nach, und er schaffte es auch nicht, mit Harry darüber zu sprechen. Seit dem Abend, als er hergekommen war, hatte er Harry nicht mehr geküsst, da er immer wieder diese Bilder vor Augen hatte, wie er gezwungen war … Er unterdrückte ein Schaudern, wollte sich diese Blöße nicht geben. Kein Wunder, dass sein Gefährte nun wieder einmal dachte, alles beenden zu müssen. „Es ist zu gefährlich, der Lord könnte so viel Wissen aus deinem Geist erlangen. Es muss eine andere Lösung geben und die werden wir finden.“

„Ich stimme Severus zu.“, nickte Lucius.

„Harry, Professor Snape … Entschuldigung, Mister Prince hat Recht.“ Hermine wusste seit gestern über Severus' Identität Bescheid, wenigstens über den eigentlichen Namen. Severus hatte nicht vor, noch einmal den Namen seines verhassten Schwagers zu nutzen. Sie standen kurz vor dem Ende dieses vermaledeiten Krieges, und er würde danach offen mit seiner Identität umgehen oder auswandern. Gemeinsam mit Harry. Die junge Frau bemühte sich sehr, Severus seither richtig anzusprechen. „Sieh mal, Harry, was, wenn Vol… Voldemort“, sie atmete tief durch, noch immer fiel es ihr schwer, den Namen auszusprechen, „von dir und Mister Prince erfährt? Was, wenn er etwas über die dritte Front herausfindet? Das würde alles gefährden. Ich denke auch, wir finden eine andere Lösung, auch wenn es dann ein wenig länger dauert. Du kannst die Horkruxe doch spüren. Vielleicht schaffst du das auch auf die Entfernung?“

„Das ist auch schlecht.“, schüttelte Lucius den Kopf. „Immerhin steckt auch ein Teil im Lord. Das könnte die Verbindung aktivieren.“

Diesmal war es an Harry, den Kopf zu schütteln. „Ich kann die Horkruxe spüren und dabei die Verbindung geschlossen halten.“, war er sicher. „Die Idee ist nicht so schlecht, Hermine. Auf die Art könnte ich prüfen, ob der Becher tatsächlich vernichtet ist.“

„Natürlich!“, weiteten sich Severus' Augen. Warum war er nicht auf die Idee gekommen? So hatte Harry den Ring gefunden, und dabei war die Verbindung zum Lord niemals aktiviert worden! „Den Becher kannst du nachher überprüfen, ich stimme dir zu, du bist in der Lage, die Verbindung dabei geschlossen zu halten. Wir werden prüfen, wie es sich verhält, wenn die Horkruxe weiter weg sind. Ich will kein Risiko eingehen.“

Zustimmend nickte Harry. Nach einem Moment schloss sich Lucius ebenfalls an. Ja, so könnten sie es testen. Ohne gleich ein hohes Risiko einzugehen. Einen direkten Kampf wollten sie nach Möglichkeit vermeiden, vielleicht konnten sie auf diese Weise wenigstens einen Teil herausfinden. Am Ende würde ein Kampf stehen, das ließ sich nicht vermeiden, aber sie wollten die Gefahren und Risiken soweit wie möglich minimieren. Die wenigen Kämpfer aus den Gruppen, die den Rat bildeten, trainierten im Reich der Draconier. Fünfzig Meermänner, dreißig Werwölfe, vierzig Vampire, fünfzehn Veelas, zehn Draconier. Mehr waren sie nicht. Nur wenige magische Wesen hatten die Art von Magie, mit der in diesem Krieg gekämpft wurde. Und selbst die, die sie hatten, waren oft nicht trainiert, kaum jemand aus diesen Gruppen schickte Kinder nach Hogwarts, sollten sie magisch sein. Im Vergleich zu den Todessern oder den Anhängern Dumbledores, die auch noch von den Auroren des Ministeriums unterstützt wurden (zumindest von denen, die nicht heimlich auf der Seite Voldemorts standen), waren sie nur eine winzige Gruppe. Knapp 150 Kämpfer gegen zwei mehr als doppelt so starke Armeen. Am liebsten würden sie es einfach beenden, aber das war nicht so leicht. Unter keinen Umständen wollten sie das Risiko eingehen, am Ende zu verlieren. Das würde die englische Zauberwelt – dazu gehörten auch Wales, Schottland und Irland – komplett vernichten. Und das war es nicht wert. Auch wenn bis dahin immer wieder unschuldige Menschen sterben mussten oder gequält wurden. Es tat Lucius weh, diese Menschen ihrem Schicksal überlassen zu müssen, aber er durfte ihre Pläne nicht gefährden, um es nicht schlimmer zu machen. Nur Severus ahnte, was es Lucius kostete, weiter in den Reihen des dunklen Lords zu dienen. Viel konnten sie verhindern, da er Kontakt mit dem Rat hielt. Wann immer es möglich war, warnte der Patronus von Jamin, ein riesiger Orca, die Bevölkerung. Wie viele Menschenleben sie damit gerettet hatten, war nicht mehr zählbar. Aber weder Lucius noch Severus konnten es tun, ihre Patroni waren zu bekannt. Den Orca konnte sicher niemand zuordnen, und auch nicht die Stimme, mit der er sprach.

Sobald Lucius ihre kleine Versammlung beendet hatte und gegangen war, um Kontakt mit dem Rat aufzunehmen, zog sich Severus zurück. In der Nacht hatte er die Qualen durch Moody und Dumbledore erneut erlebt, ihm war noch immer übel davon. Bis auf die eine Nacht hatte er es geschafft, Harry schlafen zu lassen. Er wollte nicht, dass der Jugendliche sich Sorgen um ihn machte. Früher hatte er auch Alpträume gehabt, aber mit der Zeit waren sie verschwunden. Die Zeit beim Lord – noch bevor Harry ihn als Kleinkind vernichtet hatte – war keine angenehme Erinnerung, aber auch das hatte er alleine geschafft. Harry hatte selbst so viel mitgemacht, er durfte ihm das nicht auch noch aufhalsen. Vor allem, weil sein Kleiner sich deshalb nur Vorwürfe machen würde. Immerhin war er in Gefangenschaft geraten, weil er seinen Gefährten verteidigt hatte. Und jetzt konnte er ihm kaum noch in die Augen sehen. Auch wenn es unter Imperius gewesen war, er hatte sexuelle Handlungen durchgeführt. Er war fremd gegangen. Für einen Meermann undenkbar. Severus zitterte und würgte, als ihn die Abscheu überkam. Wie sollte er jemals mit Harry einen Bund eingehen, wenn er …

Harry hatte sich geschworen, Severus Zeit zu geben. Er wusste nicht, was in den Kerkern vorgefallen war, aber es nagte an dem Tränkemeister. Er ahnte, wie Severus sich fühlte, so ähnlich wie er selbst im letzten Sommer. Damals hatte Severus mit ihm gegen die Dämonen gekämpft. Ohne den Schwarzäugigen hätte er es nicht so leicht geschafft. Die Erinnerung blieb ihm, aber sie war ein wenig verblasst, ängstigte ihn nicht mehr. Er hatte es sogar geschafft, Hermine davon zu erzählen. Ein kleiner Rest war ihm geblieben: er ließ sich ungern anfassen, vor allem, wenn er nicht darauf gefasst war. Komischerweise störte es ihn bei den Kindern nicht, aber Hermine hatte die Angewohnheit, ihn einfach so auch mal von hinten zu umarmen, das unterließ sie nun. Er befürchtete, dass es in der Gefangenschaft für Severus ein ähnliches Trauma gegeben hatte, wollte ihm aber die Zeit geben, selbst darüber zu reden. Allerdings behielt er Severus im Auge, um zu verhindern, dass er … Dummheiten machte. Harry wusste, wie schnell das ab einem bestimmten Punkt gehen konnte. Im Moment allerdings hatte er kein gutes Gefühl, er spürte regelrecht die Panik, die Severus zu verstecken suchte. Ein Instinkt führte ihn in das kleine Bad, das an Severus' Schlafzimmer angrenzte. Zitternd kauerte Severus über der Toilette, der Geruch von Erbrochenem lag in der Luft. Harry seufzte lautlos. Wieder einmal hatten seine Instinkte Recht behalten.

„Sev?“, fragte er leise, wollte den Älteren nicht erschrecken. Die schwarzen Augen blickten ihm verzweifelt entgegen. Langsam und vorsichtig ging Harry auf ihn zu, setzte sich mit etwas Abstand neben ihn. Er war dankbar, dass Hermine die Kinder beschäftigte. Mit einem stablosen Zauber, das klappte immer besser, reinigte er die Luft. „Atme durch, ganz ruhig.“, murmelte er beruhigend. „Was ist passiert?“

Severus zögerte. Er wusste, er schaffte es diesmal wohl nicht allein. Der Jugendliche hatte sich schon viel zu sehr in sein Herz geschlichen. Die Bindung war bereits initiiert, das hatte Onkel Jamin schon festgestellt, auch wenn sie außer einigen Küssen und Umarmungen noch nichts gemacht hatten. Emotional waren sie deutlich weiter. Und das war das Problem, Severus konnte seine Gefühle nicht mehr vollständig begraben. Mit Lucius wollte und konnte er nicht reden, der Vampir würde das nicht verstehen. Meermänner, Engel und Elfen gehörten zu den wenigen Wesen, die ihren Gefährten absolut treu waren. Vampire wie Lucius hatten kein Problem damit, auch mit anderen Partnern zusammen zu sein, so lange sie ihren Gefährten nicht gefunden hatten. Erst dann waren sie absolut treu. Der Blonde würde nicht verstehen, wie er sich fühlte. Jedenfalls nicht vollständig. Harry würde es verstehen, da war Severus sicher, aber durfte er ihm das zumuten? Und genau das wollte und konnte er nicht. Der Tränkemeister zog die Beine an sich, legte die Arme darum. Seinen Kopf vergrub er darin. Das Zittern wurde nicht weniger, aber er konnte sich selbst wenigstens ein bisschen Halt geben. Er erkannte sich selbst nicht wieder, aber er schaffte es nicht, die kalte Maske von früher aufzusetzen. Egal wie sehr der Lord ihn gequält und gedemütigt hatte, über einen bestimmten Punkt war er nie hinausgegangen. Dieser Punkt war nun von Dumbledore überschritten worden, und Severus schaffte es nicht, das in sich zu vergraben. Er würgte erneut.

„Severus? Du bist nicht alleine, weißt du?“, hörte er Harrys leise Stimme. Beruhigend, gleichmäßig, ohne Vorwurf. „Ich bin hier. Ich weiß, du willst es mir nicht aufhalsen, aber etwas ist passiert, das du alleine nicht verarbeiten kannst. Und wenn du mich deshalb nicht einmal mehr küssen kannst, dann betrifft es mich ohnehin. Severus, lass dich fallen. Du musst nicht immer derjenige sein, der stark ist. Man kann nicht alles alleine schaffen. Komm her, ich halte dich fest. Ich bin bei dir, bin für dich da. Lass mich für dich, für uns, stark sein. Und dann sprich mit mir.“

Severus änderte seine Position nicht, er konnte es nicht. Was würde Harry von ihm denken, wenn er die Wahrheit kannte? Und doch wusste er, er musste nun darüber sprechen. Er konnte nicht mehr, wusste nicht mehr weiter. Harry hatte Recht, er musste es wissen. Erst dann konnte er entscheiden, wie er weitermachen wollte. Langsam, stockend, begann er, sich alles von der Seele zu sprechen. Immer schneller. Es erleichterte ihn, alles los zu werden, aber auch die Angst, dass Harry am Ende aufstehen und gehen würde, begleitete ihn. Deshalb sprach er zwischen seine Beine, sah nicht auf. So entgingen ihm auch das Entsetzen und das Mitgefühl in Harrys Gesicht. Mehrmals ruckte der junge Körper hoch, aber Harry hielt sich zurück. Severus wollte keine Nähe, jedenfalls nicht berührt werden. So ließ er ihn einfach immer weiter sprechen. Es half, das wusste er selbst. Seine Wut auf Dumbledore stieg immer weiter, aber außer geballten Fäusten und blitzenden Augen gab es keine äußeren Anzeichen. Er gab sich Mühe, seine Gefühle soweit wie möglich abzuschirmen, wollte seinen Gefährten nicht noch weiter belasten und aus dem Gleichgewicht bringen.

Als Severus nach einiger Zeit schwieg, blieb auch Harry still. Zögernd rutschte er ein wenig näher an Severus heran, strich sanft mit den Fingern über die schulterlangen, schwarzen Haare. Der Tränkemeister zuckte zurück, als er die Berührung spürte, doch als die Hand nicht verschwand, lehnte er sich dagegen. Seine Augen mussten sich versichern, dass Harry noch da war, also hob er langsam seinen Kopf. „Harry.“, hauchte er.

Entsetzt sah Harry die Tränen, die Severus zu halten versuchte. Der Blick des Tränkemeisters strahlte Angst, Einsamkeit, Demütigung und furchtbare Qualen aus. Sanft strich Harry über die Wange, legte all seine Liebe in diese kleine Berührung. „Ich bin hier. Und das bleibe ich auch.“, lächelte er. „Du bist nicht alleine, hab keine Angst.“ Harry gab ihm Zeit, das Gehörte zu verinnerlichen. Er sah und hörte, wie Severus mehrmals tief durchatmete. „Ich bin froh, dass du mir die Wahrheit gesagt hast. So etwas habe ich bereits vermutet, als du mich nicht mehr küssen wolltest.“ Er strich eine verirrte Strähne aus Severus' Gesicht. „Es war nicht deine Schuld. Ich verstehe, dass du dich schrecklich fühlst, aber du kannst genauso wenig dafür wie ich für Piers' Vergewaltigung. Ich liebe dich, Sev.“

„Ich habe … dich … betrogen.“, wisperte Severus und wandte den Kopf ab.

Harry griff nach seinem Kinn und zwang ihn sanft, ihn wieder anzusehen. „Nein, das hast du nicht.“, schüttelte er den Kopf. Er legte den Zeigefinger auf Severus' Lippen, um den aufkommenden Protest zu stoppen. „Du hättest es freiwillig nie getan, sie haben dich gezwungen. Dich vergewaltigt. Das werden sie büßen, auch wenn es dir nicht so einfach helfen wird. Aber es war nie dein Fehler. Und das werde ich dir auch nicht vorwerfen. Genausowenig, wie du mir vorwirfst, dass ich dich mit Piers betrogen hätte. Wir wurden vergewaltigt, wurden gezwungen. Es ist weder deine noch meine Schuld. Lass dir das ja nicht einreden, Sev.“ Harry überwand den letzten Abstand, der zwischen ihnen war, und schloss Severus in die Arme. Noch immer zitterte der Ältere, aber er ließ die Berührung zu, lehnte sich Harry sogar entgegen. „Ich bin da, Sev, wir schaffen das. Gemeinsam. Und wenn das alles hier vorbei ist, dann nehmen wir uns Zeit, nur wir Beide. Dann entscheiden wir, was wir in Zukunft machen werden. Gemeinsam.“

Severus griff nach dem Rettungsanker, den Harry ihm hier zuwarf. „Gemeinsam.“, nuschelte er in Harrys Schulter und klammerte sich fest.

 

Am Abend, als die Kinder schliefen, setzte sich Harry in seinen Lieblingssessel. Inzwischen hatten sie die Möbel per Zauber gepolstert, die harten Flächen hatten sicher nicht zum Entspannen eingeladen. Severus stand hinter ihm, deutlich gefasster als im Bad, aber noch immer aufgewühlt, was man in seinen Augen sehen konnte. Hermine hingegen nahm in einem anderen Sessel Platz, Harry gegenüber. Mit geschlossenen Augen versicherte sich Harry, dass sein Geist geschützt war, dann suchte er nach der Verbindung. Die Horkruxe fühlten sich etwas anders an als Voldemort selbst. Weniger lebendig, anders konnte es Harry nicht beschreiben. Er weitete seine Kreise immer mehr aus, suchte seine Umgebung ab. Das Schloss schien zu leben, es war durchdrungen von Magie. Auch das konnte Harry spüren. Aber auch, als er über die Grenzen dieser Magie hinausgegangen war, konnte er nichts entdecken, was einem Horkrux auch nur im Entferntesten ähnelte. Nur zwei schale Abbilder, wohl das Tagebuch und der Becher. Er öffnete die Augen und fokussierte langsam wieder. „Der Becher ist vernichtet.“, berichtete er mit sicherer Stimme.

„Und du bist ...“, begann Severus, dem nichts mehr anzumerken war.

„… absolut sicher. Ja.“, unterbrach Harry ihn grinsend. „Es ist gar nicht so schwer wie ich dachte. Und kein Problem, die Verbindung dabei geschlossen zu halten. Ich … ich würde gerne noch den nächsten Schritt gehen und herausfinden, ob es noch mehr Horkruxe gibt.“

„Ich bin noch immer nicht überzeugt, dass das sicher ist.“, lehnte Severus ab.

„Und wenn du mit mir …?“, versuchte Harry, ihn umzustimmen. Hermine folgte dem Ganzen verwirrt, aber auch gespannt, ihr Blick flog hin und her.

„Hm.“, brummte Severus nachdenklich. An der steilen Falte zwischen den Augenbrauen und den Fingern, die die Nasenwurzel rieben, erkannte Harry, dass er es ernsthaft in Erwägung zog, also wartete er ab und winkte Hermine, als sie den Mund aufmachte. Sie schloss ihn wortlos wieder, schmunzelnd beobachtet von Severus. „Wie machst du das nur, Harry? Bei mir hört sie nie auf.“, wunderte er sich, ließ Harry aber nicht zu Wort kommen, da er gleich weiter sprach. „Versuchen wir es. Ich bin in deinen Gedanken, Harry, und überwache die Suche. Sollte ich es als gefährlich einstufen, wirst du meinen Anweisungen Folge leisten.“

„Das werde ich.“, versprach Harry ernst. Dabei sah er tief in Severus' Augen, der die Wahrheit hinter dieser Aussage sehen konnte. Mit einem Nicken stimmte der Ältere nun zu. Harry schloss die Augen erneut und zuckte nicht einmal zusammen, als Severus seine Handfläche ohne Vorwarnung auf seine Stirn legte. Sofort fühlte er die geistige Präsenz des Tränkemeisters und genoss einen Moment dieses Gefühl.

Instinktiv zeigte er seinem Gefährten den zerstörten Becher und das Tagebuch, ahnend, dass Severus trotz seiner Versicherung noch immer Zweifel hegte. Ein gewisses amüsiertes Lachen perlte durch ihn hindurch, das eindeutig von Severus kam. »Danke Kleiner!«, schmunzelte Severus. »Machen wir weiter.«

Wortlos stimmte Harry zu und wandte sich seiner Aufgabe zu. Irgendwie schien Trelawneys Prophezeiung doch ein wenig Wahrheit zu enthalten. Er war der Einzige, der das hier leisten konnte. Doch er ließ sich durch den Gedanken nur kurz ablenken, suchte weiter. Lange Zeit fand er nichts, was den Horkruxen auch nur im Entferntesten ähnelte. Irgendwann erkannte er etwas, das sich wie der Becher in Dumbledores Büro anfühlte, allerdings ein wenig verschwommen und sehr weit weg.

»Das müssen der Ring, das Medaillon und das Diadem im Manor sein.«, erkannte Severus. Harry konnte sein Erstaunen, die Ungläubigkeit, richtiggehend fühlen. »Du schaffst es durch die Schutzbanne von Malfoy-Manor! Das ist mehr als erstaunlich!«

»Wow!«, dachte Harry nur, und wurde mit einem erneuten Lachen belohnt. Er schüttelte sich kurz, um sich wieder zu konzentrieren. Er wollte diese Suche nun ein für alle Mal beenden. Also streckte er seine Fühler immer weiter aus. Etwas schien ihn beinahe magisch anzuziehen und er ließ es geschehen. Sein Gefühl riet ihm dazu, also machte er es einfach. Severus wurde zunehmend nervöser, ihm erschien es gefährlich, aber da er es nicht festmachen konnte, wartete er ab, alle Nerven zum Zerreißen gespannt. Er kam nicht umhin, seinen Gefährten zu bewundern. Was er hier leistete, schaffte kaum jemand. Ohne jegliche Vorbereitung, ja sogar ohne Training, analysierte er mit seiner Magie seine Umgebung. Und dabei schien er keinerlei Grenzen zu kennen. Der Rat musste Recht haben, in Harry steckte mehr als ein Mensch. Nur magische Wesen waren in der Lage, die Magie um sich herum auf diese Art zu erfassen. Er musste stark sein, dass er diese Leistung bereits jetzt, weit vor seiner Umwandlung, erbringen konnte.

Das brachte Severus wieder zu seinen Gedanken über die Geschehnisse in jener verfluchten Halloweennacht zurück. Er war sicher, Lily hatte etwas gemacht, damit Harry überlebte. Wenn sie diese Stärke an Harry weitergegeben hatte? War sie ein magisches Wesen? Hatte sie ihm nicht genug vertraut, um es ihm zu sagen? Hatte Potter es gewusst? War das möglicherweise gar der Hintergrund der ganzen Geschichte? Was steckte noch alles darin? Er musste nachforschen. Diese Gedanken hielt er sorgfältig vor Harry verborgen, um ihn nicht abzulenken. Das könnte gefährlich werden.

Immer näher kam Harry diesem Etwas, das ihn anzog. Es schien eine Art konzentriertes Leuchten zu sein. Wobei die Magie immer leuchtende Flecken entstehen ließ, wo immer sie auftauchte, aber dieses Leuchten war anders. Intensiver, pulsierend, voller Leben. Und doch den vernichteten Horkruxen nicht unähnlich. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde, dass es um zwei Elemente ging. Nahe beieinander, aber dennoch nicht identisch. »Ich glaube, das hier bestätigt unsere Theorie.«, schickte Harry einen bewussten Gedanken an Severus.

Dieser stimmte zu. »Richtig. Lass uns verschwinden. Ich denke nicht, dass du noch etwas übersehen hast.« Er spürte, wie Harry langsam den Weg zurück fand. Es fiel ihm schwer, die Trance zu beenden. Severus konnte es verstehen, das hier war faszinierend, überwältigend. Wieso konnte Harry das? Es schien auf jeden Fall Mandanas Theorie zu bestätigen. Das hier war Naturmagie durch und durch. Auf diese Art brauchte er keine Angst zu haben, dass der Lord es mitbekam. Zumindest, wenn er die Verbindung geschlossen hielt, und das machte er.

„Gut gemacht.“, lobte Severus, als Harry wieder zurück war und die Augen öffnete.

„Und?“, fragte Hermine neugierig. Sie vibrierte regelrecht, schien es Severus.

Harry erbarmte sich, bevor sein Gefährte etwas Abwertendes sagen konnte. „Es hat geklappt und deine Theorie scheint zu stimmen.“

Severus nickte zustimmend, auch wenn sein Blick deutlich zeigte, wie genervt er war. Harry schmunzelte nur und warf ihm einen auffordernden Blick zu. Ein wenig widerwillig fügte der Tränkemeister an: „Ganz sicher können wir anhand der Überprüfung von Harry nicht sein, aber das, was Harry gefunden hat, scheinen zwei Seelenbruchstücke in je einem lebenden Objekt zu sein. Das spricht für die Schlange, ein anderes Lebewesen habe ich nie in seiner Nähe gesehen. Das zweite Seelenteil ist natürlich das, welches im Lord steckt. Daher auch die Ähnlichkeit in der Darstellung.“ Den Rest behielt er für sich, wenn überhaupt, würde nur Harry von seiner Beobachtung erfahren. Ein Blick auf seine Uhr enthüllte, dass sie deutlich länger gebraucht hatten, als er gemerkt hatte. Es war bereits fast zwei Uhr morgens. „Wir sollten schlafen gehen.“

„Wie geht es jetzt weiter?“, wunderte sich Hermine.

„Das entscheiden wir nicht jetzt.“, lehnte Severus ab. „Ich werde Kontakt mit Lucius und dem Rat aufnehmen. Erst dann sehen wir, wie es weitergehen soll.“ Er schob Harry, der ständig hinter vorgehaltener Hand gähnte, vor sich her in Richtung der Schlafzimmer. Der Jugendliche warf einen Blick in die Kinderbetten, bevor er ins Bad ging. Severus verschwand kurz in seinem eigenen Bad, dann trat er ins Schlafzimmer. Er war nicht überrascht, dass Harry in der Tür stand und fragend zu ihm sah. „Ich bin froh, wenn du da bist.“, beantwortete er leise die stumme Frage des Grünäugigen.

Am Morgen schickte Severus Dobby mit einer Nachricht zu Lucius, in der er über den gestrigen Abend berichtete. Dieser konnte nun das weitere Vorgehen mit dem Rat abstimmen. Keiner von ihnen machte das hier alleine, sie hatten sich zusammen geschlossen, um etwas zu unternehmen, und sie waren sich einig, dass sie nur gemeinsam etwas erreichen konnten. Selbst die sonst so eigenständigen beiden Männer, Lucius und Severus, sprachen beinahe jedes Detail mit dem Rat ab, profitierten so von der Erfahrung der Älteren. Vor allem Mandana war bereits mehrere hundert Jahre alt, auch wenn ihr das niemand ansah, sie hatte Dinge erlebt und gesehen, die sich keiner vorstellen konnte. Deshalb schickte Severus auch die Informationen des gestrigen Abends ohne Nachzudenken an Lucius. Anschließend bestand er darauf, abzuwarten.

In der langen Zeit des Abwartens trainierte er mit Harry und Hermine. Jede Minute war kostbar, sie mussten sie nutzen. Severus hatte Angst um seinen Gefährten, auch wenn er das nicht laut sagen würde. Gerade darum trainierte er so hart mit ihm. Und Hermine war schon immer lernwillig. Sie war klug genug, zu erkennen, wie gefährlich die derzeitige Situation wirklich war, daher gab sie alles. Widerwillig erkannte Severus die Fähigkeiten der jungen Frau an. Ihre schnelle Auffassungsgabe erleichterte es ihr, neue Zauber zu erlernen, auch wenn sie nicht in der gleichen Stärke zaubern konnte wie Harry, da ihr magisches Potential weitaus geringer war. Dennoch hielt sie gut mit. Severus entschied, ihnen den Kopfblasenzauber beizubringen. Gerade Harry als sein Gefährte sollte sich im Wasser wohlfühlen. Das war bisher nicht der Fall, was kein Wunder war, aber Severus hoffte, dass es sich ändern würde. Er liebte das Wasser, vor allem natürlich Meerwasser. Auch wenn er sich in Süßwasser ebenfalls verwandeln konnte, so war das Meer doch seine Heimat. Nur selten hatte er es in den letzten dreißig Jahren geschafft, Zeit in Atlantica zu verbringen. Er hatte nicht auffallen dürfen. Umso mehr erhoffte er sich nun ein Ende des Krieges und die Möglichkeit, wenigstens ans Meer zu ziehen. Gemeinsam mit Harry.

Sein Gefährte bestand auch darauf, dass er über seine Erlebnisse in Dumbledores Gefangenschaft sprach. Und auch wenn er es nicht laut aussprach, es tat Severus gut. Immer beobachtete er Harry dabei intensiv, er wollte ihm nichts auferlegen, was der Jüngere nicht schaffte, aber scheinbar war er stärker, als Severus ahnte. Harry richtete ihn wieder auf, half ihm, zu seiner alten Stärke zurückzufinden. Unbewusst ließ Harry seine Magie in Severus fließen, die heilend wirkte. Noch immer schaffte Severus es nicht, Harry zu küssen, ohne dabei an die erzwungene Befriedigung der beiden Männer zu denken, aber seine Alpträume ließen nach. Harrys Gegenwart, seine Ruhe und die sicheren, sanften Hände taten ihm gut. Harry hatte Recht gehabt, er gab seinem Gefährten die Stärke, die er derzeit brauchte. Und das tat auch Harry gut. Da Severus ruhiger wurde, entspannte sich Harry langsam. Sie brauchten einander, das war mehr als deutlich zu sehen in diesen Nächten.

Lucius war bisher nicht wieder gekommen, er hatte nur eine kurze Nachricht geschickt, dass er es nicht schaffte. Der Lord forderte ihn vermutlich, außerdem durfte er niemanden merken lassen, dass er seine Arbeit nur zum Teil erledigte. Dobby berichtete, dass sein Meister – noch immer betitelte er Lucius so – müde und erschöpft aussah. Aber auch er wusste nicht, was genau vorging. Die Zeitungen verrieten zu wenig, danach konnten sie nicht gehen. Auch wenn in den Berichten und vor allem zwischen den Zeilen deutlich wurde, dass immer mehr Vorkommnisse gemeldet wurden. Todesser oder Anhänger Dumbledores, das war kaum zu unterscheiden. Immer wieder schrieben die Zeitungen auch über den Orca-Patronus, der die Zauberer warnte, wenn ein Überfall bevorstand. Die Zauberwelt rätselte, wer dieser heimliche Helfer war, und woher er seine guten Informationen hatte. Harry und Severus wussten es. Jamin bekam die Informationen von Lucius oder von Dobby und tat, was er konnte. Lucius selbst konnte niemanden warnen, da er seine Stellung nicht gefährden durfte, immerhin war er der letzte Spion, den der Rat in Voldemorts Reihen hatte. An ihm war es nun, Nagini zu vernichten. Eine andere Möglichkeit hatten sie nicht, wie es aussah. Außer sie ließen sich darauf ein, Harry vor zu schicken.

Das hatte der Jugendliche tatsächlich vorgeschlagen. „Severus, sie sind alle hinter mir her.“, meinte Harry am Abend. „Dumbledore und Voldemort wollen mich. Sogar das Ministerium will mich. Also können wir sie in die Falle locken, wenn sie von vermeintlichen Spionen erfahren, wo ich bin. Wenn ich dann noch einen Basiliskenzahn bei mir habe, dann kann ich Nagini vernichten.“ Er wollte es endlich beenden, damit niemand mehr seinetwegen in Gefahr war. Immerhin waren die beiden Seiten tatsächlich hinter ihm her.

„Kommt nicht in Frage!“, widersprach Severus hart. „Harry, versprich mir, dass du nicht da raus gehst und versuchst, sie in die Falle zu locken. Das ist viel zu gefährlich, und wir haben nicht die Möglichkeit, gegen zwei Armeen zu bestehen. Sie müssen erst einmal gegeneinander antreten. Daran arbeiten Leute wie Lucius gerade. Aber es wird noch ein wenig dauern. Vermutlich wird die endgültige Begegnung hier in Hogwarts sein. Zumindest scheint es derzeit darauf hinaus zu laufen. Wir versuchen, es bis zum Sommer hinaus zu zögern, aber so leicht ist das nicht. Der Lord will die Kinder als Geiseln haben, um damit entweder dich oder die Zauberwelt zu erpressen. Oder beides. Und Dumbledore verlässt sich auf die Magie des Schlosses, die ihm möglicherweise sogar hilft, da er der Direktor ist. Ihm sind die Kinder egal, er nutzt sie wahrscheinlich sogar als Kanonenfutter für die Schlacht. Das wird dann eventuell deine Aufgabe. Halte Kontakt zu Mister Longbottom, damit er die Kinder im Angriffsfall in Sicherheit bringen kann. Hier in der Kammer sind die Kinder so sicher, wie sie sein können.“

„Okay, dann schreibe ich an Neville und lasse Dobby die Nachricht überbringen.“, entschied Harry. Dieses Abwarten machte ihn immer unruhiger, er wollte etwas tun, sich nicht länger verstecken. In den letzten Jahren hatte er viele Abenteuer erlebt, aber nie einfach nur abwarten müssen. Das machte ihn fertig. Wenigstens trainierten und lernten sie von Severus, doch das ersetzte nicht den normalen Schulalltag. Inzwischen waren die Weihnachtsferien um und die Schule wieder voll, aber Harry musste weiterhin versteckt bleiben.

Severus spürte die Ungeduld seines Gefährten, während er den Brief schrieb. Außerdem die fragenden Blicke von Hermine Granger. Noch wusste die junge Frau nicht genau, was Harry und ihn verband, aber sie schien sich ihre Gedanken zu machen. Er wusste auch, dass sie Harry regelmäßig ausfragte, wenn sie alleine mit ihm war. Lautlos seufzte er, offensichtlich musste er früher oder später noch jemanden einweihen. Vorher allerdings würde er sehen, wie Harry dazu stand. Außerdem mussten sie noch eine Entscheidung wegen Dobby treffen, der noch immer darum bat, sich an Harry binden zu dürfen. Da er derzeit noch als Spion für sie agierte, wollten sie eigentlich warten. Letztendlich hatte Harry bereits zugestimmt, den Hauselfen später an sich zu binden. Selbst Hermine Granger hatte eingesehen, dass er auf Dauer nicht glücklich war, so lange er ungebunden bleiben musste. Obwohl auch Lucius ihn wieder aufnehmen würde, immerhin war er ein treuer Diener. Das Wesen der Hauselfen war so, dass sie auf sich allein gestellt nicht dauerhaft leben konnten. Die Bindung an einen Menschen oder an menschenähnliche Wesen war für sie lebensnotwendig.

Die Antwort auf Harrys Brief erfolgte noch am gleichen Tag.

Hallo Harry,

ich bin froh, dass es Dir gut geht. Hermine ist bei Dir, wieso wundert mich das nicht? Ich meine, sie will Dir sicher helfen, aber manchmal ist sie ein wenig … übermotiviert. Aber ich stimme Dir zu, sie ist sicher auf Deiner Seite, das war sie schon immer. Da hätte ich mehr Zweifel an Ron, der hat Dich schon mal hängen lassen. Aber ich glaube auch, dass er Dir treu ist. Es ist sicher gut, dass er und Ginny nicht mehr hier in Hogwarts sind, man würde sie gegen Dich nutzen. Aber ich habe Kontakt zu Fred und George, sie sind auf Deiner Seite und kommen, wenn Du sie rufst. So wie auch Oliver Wood und viele Andere. Oma hat mir geraten, sehr vorsichtig zu sein. Sie war schon seit Jahren sicher, dass Dumbledore mich seltsam ansieht. Seit einiger Zeit wird es klar, sie hat Recht. Er gibt mir Einzelstunden und will mir deutlich machen, dass auch ich ein Auserwählter bin. So ein Quatsch, wenn Du mich fragst, aber das sage ich ihm besser nicht. Meine Oma hat mir geraten, erst einmal mitzuspielen, das Training alleine schadet mir nicht. Da ich auch nicht einfach so verschwinden kann, bleibt mir keine andere Möglichkeit. Aber ich habe gemerkt, dass Dumbledore eigentlich keine Ahnung hat, wie er Du-weißt-schon-wen besiegen soll. Er hatte wirklich vor, Dich alleine vor zu schicken, oder? Ich habe ein bisschen Angst, dass er das mit mir auch macht. Aber er hat das Ministerium auf seiner Seite, und es wird schwer, sich gegen Beide zu stellen.

Eine neue Lehrerin hier in Hogwarts ist wirklich grauenvoll. Sei froh, dass Du nicht hier bist. Professor Umbridge ist vom Ministerium, sie hat etwas gegen Dich und Deinen Paten. Dieser Sirius Black, der wegen Mordes gesucht wird, ist doch Dein Pate, oder? Oma sagt, da stinkt was gewaltig. Sie war damals nicht dabei, als er verhaftet wurde, weil sie Urlaub hatte, um sich um mich zu kümmern, aber sie ist sicher, dass da was gedreht wurde. Es gibt keine Verhörprotokolle, keine Verhandlung, nichts. Wie es scheint, hat er sich mächtige Feinde gemacht, meint Oma. Sie ist nicht sicher, ob er wirklich ein Mörder ist, sie kennt ihn wohl von früher. Ich glaube, er war mit meinen Eltern befreundet, sie waren gemeinsam in Dumbledores Orden. Oma ist da jetzt ausgetreten, seither holt mich Dumbledore noch öfter zu sich. Ich glaube, er will sicher gehen, dass ich nicht auch noch misstrauisch werde und verschwinde. Aber dann wären die Kleinen auf sich allein gestellt, das will ich auch nicht. Sollte es zu einem Angriff kommen, werde ich sie in Sicherheit bringen. Das hatte ich sowieso vor, wusste aber bisher nicht, wohin mit ihnen. Danke für den Tipp! Ich schicke in dem Fall diesen Dobby zu Dir, damit Du Bescheid weißt. Allerdings hoffe ich, dass es nicht soweit kommt. Diese Vorstellung ist schrecklich!

Aber zurück zu dieser Umbridge: ihre Bestrafungen sind grausam. Sie lässt jeden, der ihr gegen den Strich geht, Sätze mit einer Blutfeder schreiben. Selbst vor den Erstklässlern macht sie nicht Halt. Anfang des Jahres war es noch normales Nachsitzen, auch wenn selbst Snape harmlos gegen sie erscheint. Aber seit wir aus den Ferien zurück sind, wird es richtig böse. Wenn sie auch nur den Verdacht hat, dass jemand auf Deiner Seite steht und an Deine Unschuld glaubt, wird er mit der Blutfeder bestraft. Ich weiß gar nicht, wie ich den Kleinen helfen soll. Madam Pomfrey wurde Anfang des Jahres von Dumbledore gefeuert, angeblich weil sie alt genug ist, um in Rente zu gehen. Seither ist ein Heiler hier, der alles macht, was Dumbledore will. Also brauchen wir dahin gar nicht zu gehen. Ich bin mir absolut sicher, dass Dumbledore weiß, was passiert. McGonagall kümmert sich nicht, entweder ist sie auf seiner Seite oder aber unter einem Zauber. Professor Flitwick will helfen, aber er wird ständig von Umbridge gehindert, und wenn er nicht von der Schule fliegen will (und Platz für jemand Schlimmeren machen), dann muss er sich zurücknehmen. Leider weiß auch er nicht, was wir gegen die Wunden der Blutfeder machen können. Fred und George befragen ihre Bücher in Durmstrang, sie sind dabei, etwas zu suchen, aber bisher wenig erfolgreich. Drück uns die Daumen, dass wir etwas finden, bevor eines der Kinder einen dauerhaften Schaden hat. Aber bitte sei vorsichtig und fange jetzt ja nicht an, uns retten zu wollen, das schaffst Du nie alleine! Lunas Vater weiß auch Bescheid, er versucht, uns zu helfen.

Liebe Grüße,

Neville

„Dobby!“, rief Severus den Hauselfen zurück, als er über Harrys Schulter den Brief mitgelesen hatte. Harry war weiß wie eine Wand, er zitterte. Severus reichte dem Hauselfen einige Phiolen. „Dobby, gib das Mister Longbottom, sag ihm, es ist Murtlapp-Essenz, sie hilft bei den Wunden der Kinder. Er muss fünf Tropfen in einer Schale mit warmen Wasser auflösen, dann die Hand der Kinder darin einlegen. Die Wunden werden heilen, auch wenn Narben zurückbleiben werden, aber dagegen hilft leider nichts. Allerdings kein Wort davon, dass es von mir kommt. Es ist von Harry, verstanden?“ Dobby nickte diensteifrig und nahm die Fläschchen an sich.

„Danke!“, hauchte Harry. Severus legte ihm wortlos die Hand auf die Schulter, um ihm Trost zu spenden, misstrauisch von Hermine beobachtet. David und Robyn hingegen verfolgten den Austausch mit ängstlichen Blicken, vergaßen ihr Spielzeug darüber. „Hey, ihr zwei! Kommt her!“, lockte Harry sie zu sich. Sie warfen sich regelrecht in seine Arme, vor allem David. Robyn konnte nur an der Hand gehen, daher krabbelte er zu ihm hin, schmiegte sich in die angebotene Umarmung. Sobald er die Kinder im Arm hatte, wurde Harry zusehends ruhiger. Severus schüttelte den Kopf bei diesem Anblick. Sein Gefährte hatte sich wirklich verändert, seit er die Kleinen aufgenommen hatte. Offensichtlich sollten sie bald miteinander reden, was ihre Zukunft betraf. Zuerst einmal musste er allerdings ins Labor, er hatte Dobby fast alles an Murtlapp-Essenz mitgegeben, was er hatte. Nachschub war sicher bald erforderlich, also kümmerte er sich besser sofort darum. Dafür brauchte er auch nicht besonders lange.

„Komm schon, Harry, ich seh' doch, dass da etwas ist zwischen dir und Prof… Mister Prince.“, drängelte Hermine seinen Gefährten, als er eine Stunde später zurückkam. Harry saß noch immer auf dem Sofa, die beiden Kinder schliefen in seinen Armen, so konnte er nicht weg.

Severus beschloss, den Jüngeren zu erlösen. „Wenn du einverstanden bist, Harry, dann sagen wir deiner Freundin die Wahrheit.“, bot er an. Harry fuhr herum, er hatte offenbar nicht mitbekommen, dass Severus zurück war. Genau wie Hermine, die dunkelrot anlief. Nach einem kurzen Zögern nickte Harry zustimmend. „Gut. Miss Granger, ich verlange, dass alles, was sie nun erfahren oder auch bereits erfahren haben, unter uns bleibt. Sie werden mir schwören, dass sie nichts davon offenbaren, an niemanden.“

„Ich schwöre, über all das, was ich hier erfahre oder bereits erfahren habe, zu schweigen, so lange ich nicht von diesem Schwur entbunden werde.“, kam es sofort von Hermine. Sie spürten, wie die Magie den Schwur besiegelte.

„Harry ist mein Gefährte.“, verriet Severus und genoss den Anblick einer sprachlosen Gryffindor. Ein leises Schmunzeln ließ sein Gesicht kurz aufleuchten, bevor es wieder verschwand. „Ja, ich bin ein magisches Wesen, wie sie richtig erraten haben. Ein Meermann, um genau zu sein. Seit etwa einem Jahr weiß ich, was uns verbindet, vorher habe ich mich von Harry angezogen gefühlt, wollte es aber nicht wahrhaben. Aber da ich als Spion sowohl bei Dumbledore als auch beim Lord war, musste ich meine Rolle spielen. Es fiel mir ein wenig zu leicht, gebe ich zu, aber Harry durfte nichts wissen. Ich hätte es gerne noch länger verheimlicht, wollte ihn nie zu etwas zwingen.“

„Das tust du nicht.“, mischte sich Harry ein. „Sev, ich habe mich in dich verliebt, lange bevor ich wusste, was da ist. Du hättest es mir nicht gesagt, wenn ich dich nicht in die Enge getrieben hätte. Also mach dir keine Gedanken. Ich bin froh, dass es so ist, und werde mich freuen, wenn du mich an dich bindest.“

„Das werde ich erst tun, wenn du erwachsen bist.“, schüttelte Severus den Kopf. „Du bist noch so jung, Harry, du kannst dich nicht festlegen, was du später willst. Wenn du es mit über siebzehn immer noch willst, dann werden wir über eine Bindung sprechen.“ Er küsste Harry auf die Stirn, um ihm zu zeigen, dass er es nicht böse meinte. Diese Berührung war nicht unangenehm, im Gegenteil. Er behielt den Kontakt noch einen Moment bei und schloss die Augen, atmete tief diesen unvergleichlichen Geruch ein, den er nun immer mit Harry verknüpfen würde.

„Entschuldigen sie, Mister Prince, aber warum waren sie als Professor Snape in der Schule?“, unterbrach Hermine seine Ruhe.

Severus löste sich von Harry. „Mein Vater wurde getötet als ich noch sehr jung war.“, begann er seine Erklärung. „Das Ministerium hat eine Stadt der Wassermenschen angegriffen. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt dort. Damals war ich gerade mal sechs Jahre alt. Meine Schwester Eileen hat mich zu sich genommen, sie ist deutlich älter als ich und lebte mit ihrem menschlichen Gefährten, einem Squib, in der Muggelwelt. Ich wuchs als ihr Sohn auf, daher habe ich den Namen meines Schwagers bekommen. Snape. Allerdings hat Tobias sich sehr verändert, er hat getrunken und wurde ausfällig. Eileen konnte ihn nicht verlassen, er war ihr Gefährte. Sie ging daran zu Grunde. Aber zu dieser Zeit war ich bereits in Hogwarts, denn sie hatte keine Möglichkeit, meine Magie auszubilden, dafür war sie selbst nicht magisch genug. Nicht alle magischen Wesen können auch zaubern, so wie sie es kennen, Miss Granger. Viele können Naturmagie nutzen, aber auch das ist nicht bei allen gleich. So, wie nicht alle Menschen zaubern können.“ Hermine nickte und wollte etwas sagen, doch sie schloss den Mund wieder, als sie den Blick von Severus auffing. „Mein Onkel Jamin, der Bruder meines Vaters, hat, gemeinsam mit anderen Anführern magischer Wesen, einen Rat gegründet. Seit vielen Jahren versuchen sie einen Weg zu finden, die beiden Seiten in diesem Krieg auszuschalten. Für diesen Rat habe ich all die Jahre spioniert. Nicht nur ich. Der Rat ist froh, dass Harry nun nicht mehr im Mittelpunkt steht. Sobald wir eine Möglichkeit haben, werde ich dafür sorgen, dass Harry zu den Elfen kommt, sie können wohl den Horkrux entfernen.“

„Wir müssen sehen, dass wir es bald beenden.“, murmelte Harry. „Ich will nicht, dass die Schüler noch länger unter dieser Umbridge leiden müssen.“ Er stockte und sah Severus an. „Ist das die gleiche Umbridge, die mir im Sommer den Brief geschickt hat, von wegen ich wurde von Hogwarts suspendiert und mein Zauberstab soll zerbrochen werden?“

„Und deine Magie versiegelt. Richtig.“, nickte Severus. Seine Augen glühten vor Hass. „Auch ich will sie aus dem Verkehr ziehen. Aber wir müssen Geduld haben, etwas zu übereilen hilft sicher nicht. Wenn Xeno davon weiß, dann ist auch der Rat informiert.“ Er sah Hermines verwirrten Blick und seine Mundwinkel zuckten amüsiert. „Ja, auch die Lovegoods sind magische Wesen. Ich werde nicht sagen, was sie sind, das ist nicht mein Recht, aber ich schätze, dass sie zum Rat Kontakte haben, spricht für sich, jedenfalls für eine intelligente junge Frau, wie sie es sind. Warten wir, was der Rat sagt. Lange werden wir nicht mehr zusehen. Die Pläne für die Erneuerung der Gesellschaft stehen. Lucius wird wohl der neue Minister werden, er ist politisch engagiert und kennt sich aus. Mandana wird sicherlich an seiner Seite stehen. Ebenso Arthur Weasley, der bei den Menschen in der englischen Zauberwelt einen sehr guten Ruf hat. Neue Gesetze werden das Miteinander von Muggeln, Zauberern und magischen Wesen regeln. Hier kommst du ins Spiel, Harry. Deinen Namen kannst du in diesem Fall nutzen. Wenn du es für gut befindest, dann werden einige Menschen ihre Bedenken fallen lassen. Natürlich nicht alle, aber es wird helfen.“

„Dann hoffe ich nur, dass es bald zu Ende ist.“, seufzen Hermine und Harry gleichzeitig.

„Nicht nur ihr beide.“, erwiderte Severus. „Aber wie gesagt, es zu übereilen ist kontraproduktiv. Wenn der Schlag misslingt, haben wir das Problem eher vergrößert. Und was das bedeutet, könnt ihr euch vorstellen. Also bitte, haltet euch daran, nicht einzugreifen. Es ist auch für uns schrecklich, zusehen zu müssen, was da alles passiert. Onkel Jamin tut, was er kann.“ Er blickte Hermine an. „Er ist derjenige, dessen Orca-Patronus die Menschen warnt, so oft es möglich ist. Der Rat und alle Verbündeten arbeiten mit Hochdruck daran, diese Zustände zu beenden. Glaubt mir, es ist wirklich schwer, nichts zu tun, wenn man sehen muss, wie gerade die Kinder gequält werden.“ Er vergrub sein Gesicht in den Händen. Harrys Hand legte sich auf seine Schulter, aber da er die Kinder auf dem Schoß hatte, konnte er ihn nicht in den Arm nehmen. Er war erleichtert, dass er sich nicht mehr verstecken musste vor Hermine. Severus hingegen hatte sich schnell wieder im Griff. Auch er war froh, sich nicht mehr verstecken zu müssen, auch wenn er die Gefangenschaft und die Foltern außen vor gelassen hatte bei seiner Erklärung. „Vielleicht sollten wir sehen, dass wir einen Weg finden, euch alle in die Elfenwelt zu bringen.“, überlegte er. Sein Blick beinhaltete Harry, Hermine, David und Robyn. „Alemie wird ihre Tochter sicher nicht hierher kommen lassen, nicht bei diesen unsicheren Verhältnissen. Lange genug hat sie nicht gewusst, ob ihre Tochter lebt. Lange Geschichte, kurz gefasst war auch sie auf der Flucht und musste ihre Tochter in Sicherheit bringen. Sie kann den Horkrux entfernen, glaubt Alemie. Also musst du dahin, Harry. So bald wie möglich.“

Ein schriller, lauter Ton, der aus den Mauern zu kommen schien, unterbrach ihn. Severus wurde schneeweiß. „Merlin!“, hauchte er. Im gleichen Moment tauchte ein silbriger Adler auf.

Der silbrige Adler kam direkt vor Severus zum Halten. „Es geht los, der Lord hat die Geduld verloren und greift Hogwarts an. Ihr habt vielleicht noch dreißig Minuten, dann wird die Schule zu einem Schlachtfeld. Bringt die Kinder in Sicherheit!“, donnerte der Patronus mit Lucius' Stimme. Sie klang hektisch, aber gleichzeitig auch ein wenig heiser und furchtbar gestresst, fand Harry, doch er hatte keine Zeit, näher darüber nachzudenken.

„Der Angriff muss bereits begonnen haben.“, schnappte Severus. „Der Alarm kommt von den Schutzschilden des Schlosses! Harry, du musst den Zugang in der Toilette öffnen. Nimm einen Besen, ich schicke Dobby zu Longbottom!“ Jetzt war er nicht mehr der Professor, sondern eindeutig ein General kurz vor einer Schlacht. Seine Aura war befehlsgewohnt, konzentriert und mächtig. Königlich. Niemandem wäre es auch nur im Traum eingefallen, ihm nicht zu gehorchen.

Harry nickte und nahm sich gerade genug Zeit, die Kinder in Hermines Arme zu schieben, dann rannte er los. Stablos rief er sich einen Besen aus dem Quidditch-Lager auf, legte die Dringlichkeit in seinen Zauber. Noch während er durch die Kammer rannte, flog dieser auf ihn zu. Wie auch immer er durch die Mauern kam, das musste Magie sein. Harry griff zu und schwang den Stiel herum, sodass der Besen in die richtige Richtung zeigte. Er sprang darauf und ließ ihn aufsteigen, sobald er an der Rinne angekommen war. Obwohl es einer der langsameren Schulbesen war, holte Harry alles aus ihm heraus.

Severus hingegen schickte Dobby zunächst zu Neville Longbottom, damit die Kinder zu Harry kamen. Der Hauself sollte helfen, sofern er keine anderen Befehle von Lucius bekam oder hatte. Er ermahnte Hermine, mit den Welpen in der Wohnung zu bleiben, dann rannte er selbst nach draußen. Unterwegs griff er nach seinen Drachenleder-Handschuhen und rief den Basiliskenzahn auf. Hermine konnte hören, wie er seinen Patronus zu seinem Onkel schickte: „Onkel Jamin, ich werde im verbotenen Wald zu unseren Kämpfern stoßen. Harry bringt die Kinder in Sicherheit. Ruf nach Dobby, wenn du Kontakt mit ihm aufnehmen musst.“ Er stoppte vor dem Bauch der Schlange, die den Zugang nach draußen versperrte und versuchte, sich an das Zischeln zu erinnern, mit dem Harry den Ausgang jedes Mal öffnete. Nach mehreren Versuchen, die ihn ungeduldig auf der Stelle treten ließen, öffnete sich die Statue tatsächlich, und Severus beschleunigte. So schnell wie irgend möglich wollte er nach draußen. Erst am Ende des Tunnels hielt er inne und spähte vorsichtig nach draußen, um nicht versehentlich in eine Gruppe Todesser zu laufen. Die Gefahr bestand immerhin. Das wäre genau das Verhalten, das er Harry immer vorgehalten hatte. Nein, er war viel zu lange schon Spion, als dass er diese Vorsicht außer Acht ließ. Darüber musste er nicht einmal nachdenken. Fest umklammerte er den Zahn, jetzt war es wohl an ihm, die Schlange des Lords zu töten. Er konnte nur hoffen, dass sie den Lord töten konnten, auch wenn noch ein Horkrux – Harry – existierte. Obwohl, das hatte bereits einmal funktioniert, also würde es wieder klappen. An diese Tatsache klammerte sich Severus, es musste einfach so sein.

„Severus!“ Erleichtert erkannte Jamin seinen Neffen, als dieser an seiner Seite auftauchte. Sie tauschten nur einen kurzen Blick. Fragend hob sich Severus' Augenbraue nach einem Moment. Sein Onkel verstand. „Die Lage ist derzeit ziemlich unübersichtlich. Voldemort ist völlig planlos auf die Schule los gegangen, ich weiß nicht genau, warum. Lucius hat keinerlei Vorwarnung geschickt. Möglicherweise hat der Dunkle Verdacht geschöpft, dass ein Spion in seinen Reihen ist. Wir haben bereits seit zwei oder drei Tagen nichts mehr von Lucius gehört, also kann alles Mögliche passiert sein. Oder er hatte nur keine Gelegenheit, das weiß man nie so genau, das ist der Preis dafür, dass Lucius so nahe an Voldemort ist. Aber das klären wir später. Derzeit ist die Schlacht in vollem Gange. Dumbledore hat Unterstützung von Auroren, Lehrern und Ordensleuten, sie kämpfen erbittert. Bereits in den ersten Minuten dieser Schlacht gab es zahlreiche Tote und Verletzte. Der Rat hat entschieden, dass wir nun eingreifen. Wir müssen, wenn wir die Menschen nicht der völligen Vernichtung preisgeben wollen, die beiden Anführer haben jede Zurückhaltung verloren. Es gibt keinen ausgeklügelten Plan, dafür war die Zeit zu kurz, wir haben es selbst erst vor etwa zwanzig Minuten erfahren. Es gibt nur einige kleine Absprachen: Die Drachen greifen in wenigen Minuten von den Bergen her an, wir gehen durch das Wasser in den See. Fenrir und seine Leute sind bereits in Stellung am Waldrand. Lucius' Vampire unter dem Befehl seines Stellvertreters kommen von Hogsmeade her, nutzen ihre Schnelligkeit, um vorzudringen. Die Veelas versuchen, sich unter die Massen zu mischen und von dort aus zu kämpfen. Alles Andere müssen wir spontan selbst entscheiden, aber dafür brauchen wir nur unser Urteilsvermögen. Wir Anführer kennen einander gut genug, um es einschätzen zu können. Also los, gehen wir ins Wasser!“ Der letzte Satz war an die Männer und Frauen gerichtet, die auf ihre Befehle warteten. Sie sprangen in den Fluss, der nahebei durch den verbotenen Wald floss. Auf dem Weg dahin erkannten sie einige Zentauren, die mit ihren Bogen in Richtung der Schule galoppierten. Offensichtlich hatten sie spontan entschieden, einzugreifen. Sicherlich hatte Yolonis mit dieser Entscheidung zu tun, denn er war vorne dran, ihm folgten einige der Zentauren, die Severus aus dem verbotenen Wald kannte, weil er sie bereits getroffen hatte, wenn er dort umher gestreift war.

Als sie Minuten später aus dem Wasser stiegen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Überall auf dem Gras vor dem Schloss lagen Menschen. Manche von ihnen eindeutig tot, andere wanden sich schreiend, waren offenbar verletzt. Unter ihnen auch Kinder, die Severus aus Hogwarts kannte. Sechste und siebte Klasse, ordnete sein Hirn automatisch zu. Anhänger vom Lord oder Kanonenfutter von Dumbledore, das war nicht zu erkennen. Severus schluckte schwer, als er das sah. Erneut war er froh, dass Harry in Sicherheit war, genau wie Draco, Blaise und Harrys Freunde. Auch wenn er viele Schüler nicht gerade gerne mochte, aber das hier wünschte er niemandem. Das hätte er nicht einmal James Potter gewünscht. Nur mit Mühe konnte er seinen Blick abwenden, um zu erkennen, was vor ihm passierte. Todesser und Ordensleute waren nur durch die Farben ihrer Umhänge zu unterscheiden, zumindest teilweise, denn auch die Schüler trugen schwarz und konnten daher leicht mit Todessern verwechselt werden. Er griff ein, als ein Todesser – Rabastan Lestrange, sagte ihm sein Hirn automatisch – auf einen Schüler losging. Ernie Macmillan, aus dem Jahrgang Harrys. Der Sectumsempra, der den Jugendlichen mitten in den Oberkörper getroffen hätte, wurde von seinem Schild neutralisiert, danach traf ein Schockzauber den Todesser und schickte ihn zu Boden. So schnell hatte Rabastan nicht reagieren können, obwohl er sonst ein gefährlicher Gegner war. Aber diesmal hatte er nicht mit Severus' Schnelligkeit gerechnet, sondern hatte nur auf den Schüler vor sich geachtet. Sein Pech. Ein dankbarer und ein wenig verzweifelter Blick traf Severus, bevor der Schüler sich wieder dem Kampf widmete.

Mit seiner Aktion hatte allerdings auch Severus auf sich aufmerksam gemacht, und so hatte er nun zu tun, sich zu verteidigen. Rabastan Lestrange war zwar ausgeschaltet, aber er hatte mehrere Todesser an seiner Seite gehabt, die sich nun auf Severus stürzten. „Der Lord will ihn lebend!“, zischte einer von ihnen. Avery, erkannte Severus. „Er ist ein Verräter, der Lord will ihn selbst bestrafen.“

Erbittert wehrte sich Severus gegen die Flüche, die ihn außer Gefecht setzen sollten. Wahrscheinlich musste er froh sein, dass der Lord ihn selbst töten wollte, ansonsten wäre er bereits tot. Gegen den Todesfluch gab es weiterhin kein Mittel, man konnte nur ausweichen. Und das auch nicht unbegrenzt lange, wenn einem fünf Todesser gegenüber standen. Zwar war Severus schneller als die meisten Todesser, aber auch nicht übermenschlich. Er war einfach nur gut trainiert. Allerdings hatte er mit Zaubern alleine nicht viel Chancen. Jetzt war es aber ohnehin egal, wenn es sich herum sprach, dass er mehr als ein Mensch. Also konnte er seine volle Kraft einsetzen. Während er weiterhin mit dem Stab auf die Todesser losging, hob er seine linke Hand und konzentrierte sich. Es war nicht einfach, aber es musste klappen. Er durfte seine Deckung noch nicht fallen lassen, also hielt er seinen Schild oben. Mit Hilfe der Naturmagie ließ er gleichzeitig im Rücken der Todesser Wasser aus dem See über die Angreifer schwappen, um sie dadurch kampfunfähig zu machen. Allzu oft ging das nicht, aber es verschaffte ihm eine Pause.

Doch das hielt nicht lange an, er spürte einen Angriff von hinten. Herumwirbelnd erkannte er Dumbledore, der irgendwie irre wirkte. Fanatisch glitzerten seine Augen, während der Mund zu einem seltsam verzerrten Grinsen verzogen war. Severus wehrte die Zauber ab, die sein ehemaliger Vorgesetzter ihm entgegen schleuderte. Weiß-magisch, aber deshalb nicht weniger gefährlich. Trotz seines Alters war Dumbledore verdammt schnell und stark, Severus hatte zu tun, ihn auf Abstand zu halten. Ausschalten wäre ihm lieber gewesen, aber Dumbledores Schild war einfach zu stark, Severus war nicht einmal sicher, ob er nicht sogar gegen Naturmagie helfen würde. Nicht, dass er die Möglichkeit hatte, es auszuprobieren. Er durfte sich gerade keine Ablenkung erlauben, Dumbledore war als Gegner stärker als die fünf Todesser von vorhin zusammen. Außerdem war er nach einigen Minuten nicht mehr alleine, denn Moody stellte sich nun an Dumbledores Seite. „Ich wusste es doch, dir darf man nicht trauen!“, schimpfte der Auror. „Einmal Todesser, immer Todesser!“ Auch er griff nun an.

„Ich bin kein Todesser!“, hielt sich Severus nicht zurück. Das stoppte den Angriff für einen Moment, da die Beiden offenbar überrascht von der Aussage waren. Mit einem ungesagten Zauber ließ er seinen linken Ärmel nach oben rollen, offenbarte den – dank Harry – makellosen Unterarm. Dabei ließ er die beiden Anführer der sogenannten weißen Seite nicht aus den Augen. Die Worte der alten Prophezeiung, die Slytherin ihnen gesagt hatte, gingen ihm dabei nicht aus dem Kopf. Das hier schien genau das zu sein, worauf die Prophezeiung deutete. Und doch wünschte er sich, dass es nicht das war. Er hoffte, dass Harry tatsächlich in der Kammer blieb und auf die Kinder achtete, die Longbottom gefolgt waren. Dann wäre Harry, sein Gefährte, in Sicherheit. Aber wenn die Prophezeiung Recht hatte, dann musste Harry eingreifen, und genau das wünschte er seinem Gefährten nicht. Es würde Harry zerbrechen. Außerdem war er noch viel zu jung dafür, so wie alle Schüler, die hier kämpften.

„Vielleicht kein Todesser, aber er kann verdammt gut schlucken!“, lachte Moody zu Dumbledore hin. Severus wurde blass, dann nahmen die Erinnerungen überhand, und blinde Wut brach sich Bahn. Dank Harry war er nun nicht mehr vollkommen erstarrt, sondern konnte die Gefühle anders kanalisieren. Gut, dass Harry darauf bestanden hatte, mit ihm darüber zu sprechen! Als hätte er das geahnt. Severus holte aus und steckte seine Gefühle in die Zauber. Keiner konnte ihn noch stoppen, Naturmagie und die Magie mit dem Zauberstab mischten sich. Weder Moody noch Dumbledore konnten ihnen viel entgegen setzen. Nur Momente später lagen Moody und Dumbledore auf dem Boden, bekamen kaum noch Luft. Gebrochene Rippen verhinderten, dass sie tief atmen konnten, eingedrückte Kehlköpfe ließen sie nicht einmal mehr schreien, ihre Arme und Beine gebrochen, genau wie die Zauberstäbe.

Einzig der Gedanke an Harry und ein weiterer Angriff auf seine Person hielt Severus davon ab, seine beiden Folterknechte langsam und qualvoll zu töten. Er musste sich verteidigen und ließ Moody und Dumbledore liegen. Die würden niemanden mehr zu etwas zwingen. Der nächste Zauber raste auf ihn zu und wurde im letzten Moment abgelenkt. Um sich blickend erkannte Severus, dass Filius Flitwick ihm zu Hilfe geeilt war. „Endlich kann ich etwas für die Kinder tun!“, erkannte der kleine Zauberer mit grimmiger Genugtuung. Mit einem weiteren Zauber hob er eine pink gekleidete Hexe in die Luft und ließ sie – ihr Schreien ignorierte er geflissentlich – in Richtung des Waldes schweben, wo die Zentauren sie in Empfang nahmen. „Sie hat die Kinder gequält und wir konnten nichts tun. Nie wieder wird sie einem Kind zu nahe kommen!“

„Danke, Filius!“, lächelte Severus einen Moment.

„Deine Geschichte will ich später hören! Ein Todesser bist du ja offensichtlich nicht.“, verlangte der Zauberkunst-Professor noch, dann wandte er sich wieder dem Kampf zu. Severus sah, wie er sowohl Ordensmitglieder als auch Todesser ausschaltete. Er tötete nicht, aber betäubte und fesselte alle, die den Kindern zu nahe kamen. Man sah, warum er gefürchtet war trotz seiner Größe. Seine Duelle früher waren legendär, das wusste Severus aus Erzählungen, aber scheinbar hatte er nichts von seinem Biss und seiner Schnelligkeit verloren. Longbottom hatte offenbar Recht gehabt, Filius war auf ihrer Seite, auch wenn er nichts von dieser Seite wusste. Severus deutete einigen Meermännern und Werwölfen, die in seiner Nähe waren, an, auf den Zauberer zu achten. Nur ungern würde er den Mann verlieren in diesem Kampf. Nein, Filius war ein Mensch, der immer zu ihm gestanden hatte.

Mit einem Mal hörte er ein Rauschen von oben und sprang nach hinten weg. Filius rief er zu, in Deckung zu gehen. Die Drachen waren gekommen. Er erkannte Mandana in ihrer Drachenform. Die alte Matriarchin verschlang mit ihrem Feuer gleich mehrere Todesser und einige Ordensleute. Sie brannte eine Schneise in die Kämpfer. Allerdings musste sie schnell wieder an Höhe gewinnen, denn auch wenn ihre Schuppen Magie einiges entgegen setzten, so war sie doch nicht magieresistent. Auch die anderen Drachen unter ihrer Führung verschafften ihnen ein wenig Platz, sodass Severus und Jamin, der inzwischen an seiner Seite stand, weiter kämpfen konnten, ohne sich selbst zu gefährden. Doch die beiden Parteien, die einander bekämpften, gaben nicht auf. Im Gegenteil, sie wurden immer verbissener und schafften es mit einer gewaltigen Anstrengung, einen der Drachen vom Himmel zu holen.

Severus wusste nicht, wie lange er schon auf dem Schlachtfeld stand, gegen wie viele Menschen er bereits gekämpft hatte. Er spürte seine Erschöpfung, die Muskeln begannen zu protestieren, wenn er den schnell aufeinander folgenden Zaubern auswich. Dennoch gab er nicht auf, schaltete immer mehr Gegner aus, egal ob sie auf Dumbledores oder Voldemorts Seite standen. Er vermied es, Menschen zu töten, solange sein eigenes Leben nicht gefährdet war. Jedes Leben war es wert, erhalten zu werden, das hatte vor allem Harry ihm klar gemacht, deshalb hatte er auch Moody und Dumbledore nicht getötet, auch wenn es ihm schwer gefallen war. Jamin war inzwischen nicht mehr an seiner Seite, dafür konnte er Fenrir sehen, hinter dem Sirius kämpfte. Überrascht hielt Severus einen Moment inne, mit dem Animagus hätte er hier nicht gerechnet. Sirius wirkte verbissen, er blutete aus einer kleineren Schnittwunde an der Stirn, ignorierte das aber. Severus tauschte einen Blick mit ihm, der Beiden Hoffnung und neuen Mut gab. Severus spürte, wie etwas in seinem Inneren entspannte. Die Sorge um Sirius, die er niemals zugegeben hätte, löste sich. Und doch kam sofort ein neuer Knoten hinzu, immerhin begab sich ausgerechnet Harrys Pate hier erneut in Lebensgefahr. Hoffentlich wusste wenigstens ihre Seite, dass Sirius zu ihnen gehörte. Der ehemalige Auror schlug effektiv zu, brachte mit gezielten Zaubern Menschen zu Fall, fesselte sie und nahm ihre Zauberstäbe an sich. Er kämpfte hier mit einer Ernsthaftigkeit, die Severus ihm niemals zugetraut hätte.

Mit einem Blick stellte Severus sicher, dass der Zugang zur Schule noch immer verriegelt war. Dafür hatten die Hauselfen sorgen sollen. Es schien funktioniert zu haben, was Severus erleichterte. Die Kinder waren vorerst sicher, zumindest diejenigen, die Neville Longbottom gefolgt waren. Sein Blick huschte über das Gelände. Der Anblick war grauenhaft, es gab viel zu viele Tote und Verletzte, Blut und Schreie waren überall. Die Kämpfe wurden immer verbissener und gefährlicher, jeder wollte so großen Schaden wie möglich verursachen, so schien es.

Voldemort stand in der Nähe der Mauer, die das gesamte Areal umschloss. Von dort aus befehligte er seine Armee aus Todessern. Severus schauderte, wenn er daran dachte, dass Dumbledore Harry genau dorthin hatte schicken wollen. Jetzt war es an ihm und seinen Verbündeten, diesen Krieg endlich zu beenden. Dann konnte Harry – und mit ihm die englische Zauberwelt – in Frieden leben. In Freiheit. Dieser Gedanke belebte Severus, und er schüttelte die Erschöpfung von sich ab. Er hatte ein neues Ziel: Voldemort zu vernichten, und mit ihm die Schlange, die er zu seinen Füßen entdeckte. Er tastete nach der gesicherten Tasche in seinem Umhang. Der Zahn steckte darin und alles schien in Ordnung. Sirius trat zu ihm. „Wir haben einen Arsch zu versohlen.“, knurrte der Animagus. Severus nickte zustimmend. „Gehen wir. Für Harry!“

„Für Harry!“, antwortete Severus grimmig. Gemeinsam mit seinem früheren Feind stellte er sich den neuen Feinden entgegen. Schnell rückten sie vor, als sich mehrere Vampire ihrem Kampf anschlossen. Lucius nickte ihnen zu, offenbar hatte er seine Tarnung nun endgültig aufgegeben. Nun, sie war sicher nicht mehr nötig. Doch er bewegte sich nicht so geschmeidig wie sonst, fiel Severus auf. Er erkannte die Anzeichen des Cruciatus bei dem Blonden und rief nach Dobby, der ihm einen Trank bringen sollte.

Die Vampire um sie herum ermöglichten ihnen eine kurze Pause, sodass Dobby das kleine Fläschchen bringen konnte. Der Blonde stürzte den Inhalt hastig hinunter. „Danke.“, seufzte Lucius deutlich erleichtert. Auf den fragenden Blick von Sirius und Severus fügte er hinzu: „Der Lord hat entdeckt, dass ich nicht auf seiner Seite bin. Deshalb der spontane Angriff, er ist wütend. Er dachte, ich wäre erledigt, und hat mich mit Crabbe und Goyle zurückgelassen, die mich bewachen sollten. Nun, ihr Blut schmeckte nicht besonders, aber es reichte mir, um mich zu stärken und zu entkommen.“

„Das erklärt Einiges.“, nickte Severus. „Aber Zeit für Erklärungen ist später, beenden wir diesen Spuk ein für alle Mal!“ Sie gaben den Vampiren um sich herum ein Zeichen, sodass sie aus dem Kreis heraus konnten. Zu dritt griffen sie an. Wie ein Pflug schlugen sie eine Schneise in die dichte Masse der Todesser und Ordensleute. Einige Auroren schienen nur noch darauf aus zu sein, das alles zu überleben, sie ließen die drei Angreifer einfach passieren, hoben ihre Zauberstäbe in einer Geste, die zeigte, dass sie sich nur noch verteidigten. Severus spürte die Wahrheit in der Geste und nickte ihnen zu. Sie ignorierten die Auroren und drangen weiter vor, hinterließen eine Spur aus betäubten, gefesselten Personen. Severus verließ sich darauf, dass die Vampire und Werwölfe, die sich ihnen anschlossen, ihren Rücken deckten. So konnten sie sich ganz auf den Angriff konzentrieren. Voldemort lachte, als er sie sah, er schien sicher, dass diese drei Angreifer ihm nicht gefährlich werden konnten. Dennoch befahl er seine Todesser vor sich, um ihn weiterhin zu verteidigen. Selbst wartete er nur ab, den Zauberstab zwar in der Hand, aber er wirkte keine Zauber. Severus, Sirius und Lucius wirbelten umher, als wären sie schon immer ein Kampfteam. Es war ihr Glück, dass Voldemort es ihnen nicht leicht machen wollte, denn er befahl, sie lebend zu fangen, damit sie ihre Strafe erhalten konnten.

Nach und nach wurden sie auseinander getrieben. Sirius und Lucius schafften es, Rücken an Rücken zu bleiben, während Severus mit einem Mal alleine stand. Wie eine Welle kamen die Todesser über ihn und er hatte zu tun, die Zauber abzuwehren, konnte nicht mehr angreifen. Immer wieder traf einer der Zauber, zumeist Schneidezauber, und er blutete aus mehreren, teilweise tiefen Wunden. Die Vampire und Werwölfe schlossen auf und gaben Severus eine kurze Verschnaufpause. Plötzlich hatte Severus die Lücke, die er brauchte. Er riss den Zahn aus seinem Umhang und stieß ihn tief in den Kopf von Nagini. Ein stechender Schmerz durchzog seinen Arm, doch Severus ignorierte es, als er erkannte, wer außer Voldemort noch hier war. Das konnte nicht sein, der Alte war doch so schwer verletzt gewesen, als er ihn zurück ließ!

„Nun rechnen wir ab!“, lächelte Dumbledore hämisch. „Es war offenbar ein Wink des Schicksals, als ich diesen Phönix in eine Bindung mit mir zwang, so konnte er meine Verletzungen heilen. Und jetzt bist du dran, du mieser Verräter!“

„Er gehört mir!“, widersprach Voldemort.

Die beiden Männer umkreisten Severus, dessen Beine zitterten. Der Blutverlust schwächte ihn, aber er zwang seinen Körper, stehen zu bleiben. Mit erhobenem Zauberstab versuchte er, die beiden Männer nicht aus den Augen zu lassen. Er errichtete einen Schutzschild um sich herum, wissend, dass ihm das hier nicht viel helfen würde. Dafür waren die beiden Zauberer zu stark. Sirius und Lucius waren zu sehr in einen eigenen Kampf verwickelt, sie konnten ihm nicht helfen. Genausowenig die Vampire und Werwölfe, die sich nun auch noch gegen Dumbledores Leute zur Wehr setzen mussten. Auf einmal tauchte Fawkes auf. Severus konnte den Widerwillen erkennen, doch scheinbar musste der Phönix Dumbledores Anweisungen ausführen. Er errichtete eine Flammenwand um sie herum, die einzig von einem Drachen durchbrochen werden könnte. Für ein Mal schienen sich die beiden erbitterten Gegner einig: sie wollten Severus in die Knie zwingen und letztlich töten. Der Schweiß lief Severus in Strömen über den Körper, als er die schnell aufeinander folgenden Zauber parierte oder ihnen auswich. Er wusste, wenn nicht bald etwas passierte, dann war es vorbei. Seine letzten bewussten Gedanken galten Harry. Er sah den grünen Zauber aus Voldemorts Stab und konnte nicht mehr ausweichen. Etwas Weiches umhüllte seinen Körper und er spürte einen schnellen Luftzug, dann wurde es schwarz um ihn.

Hektisch flog Harry nach oben, um in Myrtes Toilette die Kinder abzuholen. Die Strecke kam ihm unendlich lang vor, auch wenn es nicht einmal eine Minute dauerte, bis er den Zugang zur Toilette erreichte. Er öffnete den Zugang und sah, dass bereits Schüler im Waschraum waren. Erleichtert atmete er aus, es würde offensichtlich schnell gehen. Er wusste nicht, wie viel Zeit sie noch hatten, bis die Angreifer in die Schule vordrangen. Oder bis Dumbledore merkte, dass seine Schüler verschwanden. Würde er die Kinder auf das Schlachtfeld zwingen? Ja, er würde, da war Harry sicher. Aber jetzt musste er sich auf die Schüler konzentrieren. Erschrockene Schreie zeigten ihm, dass nun auch die Schüler merkten, er war hier.

„Seid mal alle still!“, rief Harry, und holte sich damit die Aufmerksamkeit. Vereinzelte, erstaunte Rufe mit seinem Namen kamen auf unter den Jugendlichen. Er ignorierte sie und sprach einfach weiter. „Voldemort hat die Schule angegriffen. Ich will euch in Sicherheit bringen. Wir haben nicht viel Zeit, also macht bitte genau, was ich euch sage. Für Fragen haben wir später Zeit!“ Er wartete einen Moment, bis alle aufmerksam zuhörten. Neville brachte eben noch einige Kinder herein. Harry grüßte ihn nur mit einem knappen Nicken. „Okay. Ich habe hier einen Zugang geöffnet. Ihr könnt einfach rein springen und landet auf einer steinernen Rutsche. Unten lauft ihr durch das Portal, das ich offen gelassen habe, und kommt in eine große Kammer. Dort könnt ihr bleiben, bis der Kampf vorbei ist. Lasst jedem ein paar Sekunden Vorsprung, bevor ihr hinterher springt, damit ihr unten auch aufstehen könnt, ohne dass euch jemand erwischt. Die Hauselfen werden den Eingang ins Schloss sichern, also keine Angst, wir haben genug Zeit, euch in Sicherheit zu bringen. Und jetzt los, die Jüngsten zuerst!“

Die Schüler gehorchten, bildeten schnell eine Reihe und begannen, in das Loch zu springen. Neville trat zu Harry und umarmte ihn. „Bin ich froh, dass es dir gut geht!“

„Ich auch! Du hast dich gut gehalten, Neville!“, lächelte Harry, während er die Tür zum Schloss im Auge behielt. Auch wenn er wusste, dass die Hauselfen es sichern sollten, wollte er doch nicht in seiner Aufmerksamkeit nachlassen.

„Auch wenn Luna es geschrieben hat, hätte ich es nie geglaubt, dass du dich quasi unter den Augen von Dumbledore hier in der Schule versteckst. Seit wann bist du eigentlich hier in der Schule?“, wunderte sich Neville.

„Schon eine Weile, auch wenn es eher Zufall war.“, verriet Harry grinsend. Es tat gut, mit seinem früheren Klassenkameraden so entspannt zu reden. Auch wenn die Umstände nicht gerade die angenehmsten waren. Für den Moment hielten sie die Themen bewusst leicht, um den jüngeren Schülern nicht noch mehr Angst zu machen. Harry erzählte von seinem Unterricht mit Luna und Draco, was Neville zu ungläubigem Staunen verleitete. Immerhin kannte er den Blonden nur als überzeugten, angehenden Todesser. Harry verriet nur kurz, dass das alles Tarnung war, und dass auch der Vater Dracos kein Todesser, sondern ein Spion war. Diese Information dürfte nun nicht mehr gefährlich sein, sagte sich Harry.

Sie beobachteten, wie die Kinder nach und nach in das dunkle Loch sprangen, bis am Ende auch Neville darin verschwand. Harry flog mit dem Besen, den er aus dem Bestand der Schule hatte. Nichts gegen seinen Feuerblitz, aber das war egal. Mit einem gezischten Befehl schloss er den Zugang und sprach einen Zauber, um eine erneute Öffnung zu erschweren. Sollte Voldemort in die Schule gelangen, musste er den Weg erst freibekommen, und das würde Harry mit diesem Zauber alarmieren. In der Zeit konnte er die Kinder in den verbotenen Wald bringen, denn diesen Weg kannte Voldemort mit Sicherheit nicht. Zwar wollte er das nur ungern, aber im Notfall würde er es tun. Mit dem Besen war er schneller als Neville unten und wartete, bis der Braunhaarige als Letzter durch das Portal gegangen war. Dieses schloss er ebenfalls mit einem Zauber, sodass sie weiter gesichert waren.

„Wo genau warst du, Harry? Und wo ist Luna nun? Sie ist mit Malfoy zusammen dort, oder?“, erkundigte sich Neville, als sie nebeneinander in die Kammer gingen.

„Es ist viel passiert.“, wich Harry aus. Er wollte nicht lügen, aber war auch nicht sicher, wie viel von der Wahrheit bekannt werden durfte. Sobald das alles vorbei war, würde er Neville erzählen, was er sagen konnte, nahm er sich vor. Sein Klassenkamerad hatte sich die Wahrheit verdient, er hatte immer treu zu ihm gestanden und alles getan, um die jüngeren Schüler zu schützen.

„Deine Verwandten?“ Neville wusste nicht viel, aber er konnte die Anzeichen zu einem Bild zusammenfassen. Jedes Jahr nach den Sommerferien kam Harry dünn und schreckhaft zurück, brauchte Wochen, bis er wieder normal essen und schlafen konnte.

„Ja. Auch.“, entschied sich Harry für einen Teil der Wahrheit. Gerade waren sie weit genug weg von den anderen Schülern. „Voldemort ist aufgetaucht und hat deutlich gezeigt, dass der Blutschutz funktioniert, er konnte nicht zu mir. Er hat S… Professor Snape gefoltert. Ich … ich habe ihn mitgenommen, und er hat mich schließlich zu Sirius gebracht. Dumbledore hat uns dort gefunden und wir mussten fliehen. Eine Weile waren wir in einer Höhle im Wald, dann brachte mich S… Professor Snape erneut in Sicherheit, zu seinem Onkel. Sein Onkel hatte Kontakt zu Luna und ihrem Vater. Gemeinsam mit einigen Anderen haben sie Pläne gemacht, gegen Dumbledore und Voldemort vorzugehen. Sie waren sicher, das ist die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden. Eigentlich sollte es noch dauern, sie wussten, dass der Angriff hier in Hogwarts stattfinden sollte, wollten es aber bis zum Sommer hinauszögern. Warum Voldemort heute schon angegriffen hat, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass sie es trotzdem schaffen.“

„Das hoffe ich auch.“, murmelte Neville inbrünstig.

„Ri, Ri!“, unterbrach eine helle Kinderstimme ihr Gespräch. Automatisch fing Harry David auf. Robyn folgte ihm in seiner Wolfsform. Auch diesen nahm Harry auf den Arm. Er ignorierte die erstaunten und fragenden Blicke der Schüler. Immer wieder konnte er seinen Namen geflüstert hören, als die Schüler über ihn sprachen.

„Hey, David, was ist denn los?“, fragte Harry den Kleinen. Er ignorierte Nevilles verwirrten Blick. „Du solltest doch bei Tante Hermine bleiben. Wie kommst du denn hierher?“

„Tut mir leid, Harry, ich habe nicht bemerkt, dass der Zugang nicht komplett geschlossen war, sie sind beim Spielen raus gelaufen.“, entschuldigte sich Hermine, die hinter den Kindern her gerannt war.

„Jetzt ist es ohnehin zu spät.“, zuckte Harry die Schultern. Im Prinzip war es egal, die anderen Schüler würden den Kleinen hoffentlich nichts tun. „Wahrscheinlich waren sie neugierig, ich wette, sie konnten mit ihrem Gehör den Trubel hier wahrnehmen. Wir sollten sehen, dass wir Schlafgelegenheiten schaffen, und dann Dobby rufen, damit wir etwas zu Essen und Trinken für alle bekommen.“

„Du hast Recht, Harry.“, nickte Hermine. Sie lächelte den Braunhaarigen an. „Hi Neville!“

„Hermine, ich dachte, du bist ausgewandert! Das hat zumindest Ginny geschrieben.“ Neville hatte sich von seiner Sprachlosigkeit erholt. Den kurzen Wortwechsel zwischen Harry und Hermine hatte er mit offenem Mund verfolgt.

Hermine lief rot an. „Eigentlich schon, aber ich wollte Harry helfen.“, gestand sie leise. „Ist bloß alles schief gegangen. Ich bin nur froh, wenn alles vorbei ist und Mister Prince und Mister Malfoy alles gut überstehen.“

„Mister Malfoy?“, kiekste Neville. Mit dem Namen Prince konnte er nichts anfangen, daher ignorierte er es. Wenigstens vorerst. Es gab auch so noch genug Überraschungen. Auch, wenn Harry das bereits angedeutet hatte, als sie in die Kammer gingen. Wie war das gewesen? Malfoy war ein Spion.

„Ja.“, erwiderte Hermine schlicht. „Er hat mich gerettet. Dumbledore hat mich gefangen genommen und wollte Harry mit mir erpressen. Mister Malfoy hat alles riskiert und mich hierher gebracht.“

„Und ich dachte immer, Malfoy wäre nicht mehr in der Schule, weil er Todesser ist. Haben Crabbe und Goyle jedenfalls behauptet.“, schüttelte Neville den Kopf. „Scheinbar ist da Einiges falsch.“

„Das ist es.“, brummte Harry. Er überlegte rasch, wie viel er gefahrlos sagen konnte. „Lucius Malfoy ist einer der Männer, die mit dem Onkel von … Professor Snape zusammen gegen den Krieg arbeiten. Es ist nicht meine Geschichte, daher nur so viel: Er war als Spion bei den Todessern, Draco ist in Sicherheit, er ist mit Luna zusammen in Deckung gegangen. Eigentlich ist er ganz nett, aber er stand hier in Hogwarts ständig unter Beobachtung. Blaise ist auch dort, er musste in Deckung gehen, weil Voldemort ihn sonst für den scheinbaren Verrat seines Vaters bestraft hätte. Mister Zabini war gezwungen, Voldemort zu dienen, er ist als Heiler sehr viel wert für ihn. Inzwischen ist er frei und mit Blaise in Sicherheit.“

„Mir scheint, du hattest mal wieder erlebnisreiche Wochen.“, spottete Neville. „Und du hattest sicher mal auf ein ruhiges Jahr gehofft.“

„Die Hoffnung habe ich schon fast aufgegeben.“, seufzte Harry theatralisch. „Kommt, machen wir uns daran, es hier ein wenig gemütlicher einzurichten.“

„Dein Wald ist schon recht annehmbar!“, grinste Dean, der eben zu ihnen trat. Er senkte den Blick. „Du, Harry, also, ich … ich wollte mich entschuldigen. Ich hätte nicht gedacht, dass Dumbledore wirklich so ein … Arsch ist. Viel zu lange stand ich auf seiner Seite, und damit eigentlich gegen dich. Aber ich weiß, dass du nicht übertreibst. Tut mir leid, dass ich es so lange nicht gesehen habe. Und Neville, es tut mir auch leid, dass ich in den letzten Wochen nicht zu dir gehalten habe. Ich war ein mieser Freund.“

„Schon gut.“, winkte Harry ab. „Der Wald gehört übrigens den beiden Welpen hier. Sie sind Werwölfe von Fenrirs Rudel, die ihre Mutter verloren haben. Ich habe sie mitgenommen, damit sie sicher sind vor Dumbledore und seinen Leuten. Und keine Sorge, sie können euch nicht verwandeln, wenn sie jetzt mal zubeißen sollten. Nur in der Vollmondnacht besteht diese Gefahr, also lassen wir sie einfach laufen. Aber lasst sie in Ruhe, sie sind keine Kuscheltiere!“ Das hatte Harry laut genug gesagt, dass alle es gehört hatten. Er hatte gehofft, dass sie mit Hermine in Deckung blieben, da er nicht wusste, wie die Schüler in Bezug auf magische Wesen eingestellt waren.

Gemeinsam schufen sie nun Matratzen und Decken auf dem Boden, sodass jeder einen Platz zum Schlafen hatte. Danach rief Harry nach Dobby und Winky, damit sie Essen und Getränke bringen konnten. Er konnte die Magie pulsieren spüren, die in dem Kampf freigesetzt wurde. Das machte ihn zunehmend unruhig, aber er musste auf die Kinder achten. Wer wusste schon, wie die Einstellung der anderen Schüler war. David und Robyn konnten sich nicht wehren, er fühlte sich verantwortlich. Hier traute er nur Hermine und Neville, auch wenn er fast sicher war, dass Deans Reue ernst war. Aber seine Instinkte schrien Alarm, und er konnte nicht stillsitzen. Etwas zog ihn nach draußen. Je länger es dauerte, umso schlimmer wurde es. Um sich abzulenken ging Harry in der Kammer herum, versicherte sich, dass die Schüler alles hatten, was sie brauchten. Er öffnete den Durchgang zu Slytherins Wohnung, damit alle Zugang zu den Bädern hatten. Da noch immer Kinder mit Wunden der Blutfeder herumliefen, sah er im Labor nach, ob es noch Murtlapp-Essenz gab. Severus hatte neue herstellen wollen. War er fertig geworden? Harry lächelte erleichtert, als er die beschrifteten Phiolen erkannte. Severus hatte vier gerichtet, er nahm eine mit. Sich an das erinnernd, was Severus gesagt hatte, holte er alle Kinder zusammen, die Wunden an den Händen hatten, schuf Schalen, die er mit Wasser und Murtlapp-Essenz herrichtete, dann durften die Kinder ihre Hände hineinlegen. Man konnte ihnen die Erleichterung ansehen, als die Schmerzen nachließen.

Zufrieden klopfte Harry Neville auf die Schulter. „Gute Arbeit, du hast die Kinder zusammengeholt, und vorher bestmöglich für sie gesorgt.“

„Umbridge hat sie so sehr gequält, ich konnte einfach nicht zusehen.“, zuckte Neville unbehaglich die Schultern. „Ich bin froh, dass du mir was geschickt hast, aber ich kam nicht dazu, alle Kinder zu behandeln. Warum hat diese Umbridge so einen Hass auf dich?“

„Ich weiß es nicht.“, murmelte Harry. Er war froh, dass Neville nicht nach der Herkunft der Tränke fragte. „Sie hat mir im Sommer einen Brief aus dem Ministerium geschrieben, nachdem S … Professor Snape mich in Sicherheit gebracht hat. Er ist mit mir appariert, und sie haben mir den Zauber zur Last gelegt. Ich bekam einen Brief, in dem stand, dass ich von Hogwarts ausgeschlossen werde, mein Zauberstab wurde zerbrochen, und meine Magie sollte versiegelt werden, genau wie das Wissen um die Zauberwelt. Sirius hat getobt, weil ich überhaupt nicht gehört wurde. Ich weiß inzwischen, dass Dumbledore die Strafe zumindest vorerst ausgesetzt hat, damit ich Voldemort töten kann. Anschließend sollte die Versiegelung aber ausgeführt werden, damit ich nicht zu mächtig werde. Ich denke, sie haben einfach Angst, dass ich ein neuer dunkler Lord werden könnte.“

„So ein Quatsch.“, platzte es aus Neville heraus. „Du willst doch gar nicht die ganze Aufmerksamkeit, das ist dir zuwider. Nie würdest du zu einem dunklen Lord aufsteigen. Im Gegenteil, du wartest doch nur darauf, dass die Menschen dich vergessen.“

„Stimmt, ich könnte wirklich darauf verzichten, dass jeder mich anstarrt oder meinen Namen kennt.“, kommentierte Harry und grinste kurz. „Ich will eigentlich nur in Ruhe leben. Vielleicht etwas mit Kindern machen.“ Sein Blick lag liebevoll auf den Welpen, die in ihrer Wolfsform herumtollten. Dieser Anblick lenkte ihn wenigstens eine Weile von seinen Empfindungen ab. Noch immer spürte er ein großes Verlangen, nach oben zu gehen und in den Kampf einzugreifen. Es steigerte sich von Minute zu Minute. Erneut lief er auf und ab, konnte seine Unruhe nicht länger verbergen. „Dobby?“, rief er ihren verbündeten Hauselfen, doch der reagierte nicht. Wahrscheinlich war er mit den anderen Hauselfen in den Kampf involviert. Hoffentlich war ihm nichts passiert! Harrys schlechtes Gefühl wurde immer schlimmer, und er kämpfte gegen den Drang an, nach draußen zu gehen. Immerhin hatte er es Severus versprochen. Eigentlich war er froh darüber, dass er diesmal nicht derjenige war, der alles retten sollte, aber es fühlte sich seltsam an. Alles in ihm drängte inzwischen danach, seinem Gefährten zu Hilfe zu eilen. Er wusste einfach, Severus steckte in großen Schwierigkeiten, und die nahmen nicht ab, sondern wurden immer schlimmer. Irgendwann hielt Harry es nicht mehr aus. Seine Instinkte kontrollierten seine Handlungen. Er rannte zu dem Gang, der in den verbotenen Wald führte. Sofort, als er durch den Spalt geschlüpft war, schloss er den Zugang wieder. Niemand sollte ihm folgen können.

Ein plötzlicher Schmerz ließ ihn in die Knie gehen. Sein Rücken brannte wie Feuer und mit einem Mal zog ein Gewicht daran. Harry blickte hinter sich und erstarrte. Zwei riesige, weiß gefederte Flügel hingen an seinem Rücken. Sie waren fest mit ihm verwachsen! „Was zum Teufel …?“, fragte sich Harry. Er zuckte mit den Muskeln auf seinem Rücken und sah, wie die Flügel reagierten. In dem Moment spürte er die Panik von Severus, und sein bewusstes Denken schaltete sich aus. Instinktiv schlug er mit den Flügeln und hob ab, flog in Richtung Wald. Als er den Felsen hinter sich hatte, gewann er rasch an Höhe. Seine Augen erblickten ein absolutes Schlachtfeld. Überall kämpften Menschen miteinander, aber noch viel mehr lagen am Boden. Harry konnte nicht erkennen, ob sie lebten oder nicht. Ein Flammenring lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen Punkt nahe der Mauer. In der Nähe sah er die tote Schlange, in der noch der Basiliskenzahn steckte. Also war auch dieser Horkrux vernichtet. Fawkes flog über dem Feuer, fachte es immer wieder neu an. Harry wurde klar, dass seine Gefühle ihn genau dorthin lotsten. Severus steckte hinter der Flammenwand! Jetzt hielt Harry nichts mehr, er ergab sich seinen Instinkten. Mandana eilte ihm zu Hilfe, sie drängte den Phönix ab. Gemeinsam mit einem weiteren Drachen hielt sie den rot-goldenen Feuervogel in Schach, sodass Harry die Flammen durchbrechen konnte.

Harry legte die Flügel an und fiel wie ein Stein nach unten. Pfeilschnell sauste er auf Severus zu, der in dem Moment zu Boden ging. In der letzten Sekunde breitete Harry seine Flügel aus, um seinen Flug abzufangen, griff nach Severus und rollte mit ihm aus der Flugbahn des Todesfluches. Er spürte etwas Heißes an seinem Flügel, ignorierte es allerdings. Dumbledores Augen weiteten sich, als er Harry erkannte. Dadurch abgelenkt bemerkte er nicht, dass der grüne Strahl Harrys Flügel streifte, dabei die Flugbahn änderte und direkt auf ihn zukam. In die Brust getroffen sank er tot zu Boden. Harry spürte, dass Severus' Herz schlug, fühlte die Atmung an seiner Wange. Erleichtert atmete er auf, sein Gefährte war nur bewusstlos. Wenn auch verletzt, er brauchte dringend Hilfe.

Er spürte mehr als er hörte, dass Voldemort einen weiteren Todesfluch aussprach. Instinktiv rollte er mit Severus aus dem Weg, der Zauber schlug direkt neben ihm in den Boden ein und hinterließ einen Krater. Harry zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel und wirkte den stärksten Schutzzauber, den er kannte. Salazar Slytherin hatte ihm diesen beigebracht, er war seit Jahren oder vielleicht Jahrhunderten vergessen. Der nächste Avada schlug nur Sekunden später in seinen Schild ein, Harry spürte, wie es die Energie absorbierte. Was er nicht sehen konnte, da es in seinem Rücken war, der Zauber ließ den Schild aufleuchten und flackerte einen Moment, bevor er reflektiert wurde. Voldemort versuchte noch, aus der Bahn zu springen, doch es war zu spät. Der grüne Zauber traf ihn seitlich an der Hüfte. Obwohl er abgeschwächt war, streckte er den dunklen Lord zu Boden. Sein schriller Schrei verhallte in dem Moment, da der Zauber ihn traf. Voldemort war vernichtet.

Einen Moment war absolute Stille in Harrys Ohren, es dröhnte geradezu. Hastig versorgte er die tiefe Schnittwunde an Severus' Arm, aus der beständig Blut quoll. Dann erst kam ihm, dass er hier mitten in einer Schlacht steckte. Vorsichtig rappelte er sich auf und sah sich um. Die Kämpfe hatten für einige Sekunden gestoppt, wurden aber nun wieder aufgenommen. Harry fluchte, wie sollte das nur enden? Plötzlich kam ihm eine Idee. Er sah sich um und erkannte Lucius in seiner Nähe. Er winkte den Blonden zu sich. „Lucius, ich habe eine Idee, wir brauchen aber die Elfen dazu!“, keuchte er. „Wenn sie einen Zauber weben, der die Menschen einschlafen lässt, dann kann es genau hier enden!“

Lucius' Augen weiteten sich, als Harrys Idee in ihm sackte. „Das ist genial, Harry!“, wisperte er. Die Anwesenheit des Jüngeren ignorierte er für den Moment, das musste warten, egal welche Gründe er dafür hatte. Er und auch Severus würden Harry noch die Ohren lang ziehen dafür. Aber wieder einmal traf Harry genau auf den Punkt. Warum war sonst niemand auf die Idee gekommen? Naturmagie war genau das, was sie nun brauchten. Er winkte einige seiner Vampire herbei, damit sie ihm den Rücken frei hielten. Hastig schickte er seinen Patronus sowohl an Xeno als auch an Königin Alemie. Nun konnten sie nur warten, und bis dahin weiter kämpfen. Harry beugte sich zu Severus hinab und begann, seine Wunden zu schließen, um die Blutungen zu stoppen. Diesmal hatte er keine Hilfe von Salazars Geist, aber er schaffte es auch alleine. Die Vampire schirmten sie ab, damit Harry sich komplett auf die Heilung konzentrieren konnte. Überall auf dem Gelände der Schule standen sich Menschen gegenüber und versuchten, sich gegenseitig auszuschalten. Traurig schüttelte Harry den Kopf, warum nur verstanden die Menschen nicht, dass sie eigentlich alle gleich waren? Wie konnten zwei Männer, die um die Vormachtstellung kämpften, so viele andere Menschen in einen völlig sinnlosen Krieg hineinziehen?

„Sirius!“, hauchte Lucius mit einem Mal und sprang auf den Animagus zu, riss ihn beiseite. Der Zauber, der Sirius in den Rücken getroffen hätte, streifte Lucius an der Schulter. Ein schmerzerfüllter Schrei löste sich von seinen Lippen, doch er rollte sich gemeinsam mit Sirius noch ein Stück weiter, bis er die Chance bekam, die beiden Männer auszuschalten, die Sirius hatten töten wollen. Zwar hatten sie keinen Avada genutzt, aber ein Schneidezauber direkt in den Rücken hätte ihn innerhalb von Minuten verbluten lassen. Lucius spürte, wie seine Seite feucht wurde, er blutete stark. Hastig versuchte er, die Blutung zu stoppen.

„Danke.“, keuchte Sirius. Sein Blick streifte Lucius' Körper und er erschrak. „Du bist verletzt!“

Lucius spürte, wie er schwächer wurde, als das Blut ungehindert aus ihm floss, die Zauber zum Stoppen der Blutung funktionierten nicht. Mit einem Mal realisierte er, dass der Lord ihm einen Trank einflößen hatte lassen, als er von der Folter halb bewusstlos gewesen war. Offensichtlich arbeitete etwas gegen den Heilzauber. Nur ganz entfernt hörte er Sirius' Stimme, die seinen Namen rief. Plötzlich hatte er ein Handgelenk vor dem Mund und reagierte nur noch. Er schlug die Zähne in die weiche Haut und kostete dieses herrlich süße, warme Blut. In dem Moment wusste er, er konnte die Bindung nicht mehr verhindern. Sein Gefährte bot ihm sein Blut an, Lucius würde nun nicht mehr verzichten können. Sobald er einen Tropfen gekostet hatte, war er süchtig. Nie wieder würde sein Blutstein ihm genügen. Sollte Sirius sich ihm verweigern, würde er es nicht überstehen. Im Moment genoss er es, von Sirius gehalten zu werden, sein Blut zu trinken. Er fühlte sich deutlich besser, aber er brauchte einen Heiler. Und zwar keinen menschlichen. Aber dazu musste erst einmal dieser vermaledeite Kampf zu Ende sein. Auch wenn die beiden Anführer tot waren, reduzierten sich die Kampfhandlungen nicht.

Doch endlich spürte Lucius, wie sich etwas änderte. Er fühlte den Anstieg der Naturmagie um sich herum, die Konzentration auf die Gegend um Hogwarts. Es dauerte nicht lange, bis alle Menschen schliefen. Einschließlich Sirius. Mühsam rappelte sich Lucius hoch und ließ seinen Gefährten für den Moment liegen. Hier passierte ihm nichts, die Vampire und seine Verbündeten achteten auf ihn. Xeno nickte ihm zu und begann mit Hilfe der anderen Elfen, die am Kampf beteiligten Menschen zu berühren. Lucius wusste nicht genau, was sie da taten, aber es war sicherlich eine wichtige Sache. Die Elfen taten selten etwas Unüberlegtes. Alemie trat zu ihm. „Ihr habt viel erreicht, obwohl ihr überrascht wurdet. Wir werden nun die Menschen beruhigen, sodass sie auch zuhören, wenn ihr ihnen die Neuerungen erklärt. Außerdem kommen unsere Heiler, um die Menschen zu unterstützen.“

„Vielen Dank, Königin.“, neigte Lucius ehrerbietig das Haupt. Er fühlte sich absolut erschöpft, obwohl er bereits Blut getrunken hatte. Heiler Smethwyck beugte sich zu ihm und gab ihm eine Phiole. „Trinken, dann wird es besser. Es ist das Gegenmittel für den Trank, den du vermutlich intus hast. Danach können deine Kräfte wieder wirken.“, kommandierte er. Lucius gehorchte, leerte das Fläschchen und sah zu, wie der Heiler ihm die Hand auf die Seite legte. Er spürte, wie sich die Verletzung schloss. „Einige Stunden Ruhe und du bist so gut wie neu!“, lächelte Smethwyck nun. „Gehe mit Harry und Severus in die Kammer, auch sie brauchen Ruhe. Die Kinder darin schlafen, auch auf sie wirkt der Zauber der Elfen. Ich komme, sobald ich hier weg kann, damit ich nach euren Verletzungen sehen kann.“

Lucius war sich bewusst, dass er nicht viel Zeit hatte, immerhin war er als neuer Minister vorgesehen. „Hab keine Sorge, Lucius Malfoy.“, lächelte Alemie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Mandana, Xeno und Jamin werden alles vorbereiten im Ministerium. Du kommst, wenn du ausgeschlafen hast und sicher sein kannst, dass es deinem Gefährten gut geht. Vorher könnten sie mit dir nicht viel anfangen!“ Geschlagen nickte Lucius, er musste der Elfenkönigin Recht geben. Im Moment konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er hob seinen Blick und erkannte Jamin, der neben Harry ging und seinen Neffen trug.

Fenrir trat zu Sirius und kam damit in Lucius' Blickfeld. „Ich schätze, wir suchen ein Bett für ihn.“, brummte er rau und hob den Animagus einfach in seine Arme. „Außerdem will ich nach den Welpen sehen, sie haben genug mitgemacht.“ Lucius konnte nur mechanisch nicken und ging voraus. Kurz vor dem Felsen, in dem der Zugang versteckt war, holten sie Harry ein. Der Jugendliche öffnete den Zugang und stolperte voran. Irritiert blickte Lucius ihn an und realisierte, was ihm bereits seit einer Weile komisch vorkam. Erstens schlief Harry nicht, was klar machte, dass er nicht rein menschlich sein konnte. Und zweitens hatte er riesige Schwingen auf dem Rücken, weiß und fedrig. Es musste an Lucius' absoluter Erschöpfung liegen, dass ihm das vorher nicht aufgefallen war, anders konnte er es sich nicht erklären. Fenrir mit Sirius auf dem Arm folgte ganz am Schluss, vor ihm ging Jamin mit Severus, der sich eben zu regen begann.

„Lucius?“, fragte Severus heiser und rau.

„Ruhig, Severus.“, bestimmte Jamin. „Es ist vorbei, Dumbledore und Voldemort sind tot. Harry ist völlig erschöpft, aber es geht ihm gut. Wir bringen euch in die Kammer, schlaft einige Stunden und dann sieht Hippocrates nach euch.“

„Kommt … nicht … rein.“, wisperte Severus angestrengt.

„Du vergisst, dass einige Elfen vor Ort sind.“, schalt Jamin leise. „Sie sprechen die Sprachen aller Tiere, sie werden den Zugang öffnen können.“

Severus runzelte die Stirn, versuchte offenbar, die letzten Minuten und Stunden zu rekapitulieren, doch er kam nicht weit, bis ihm die Augen erneut zufielen. Jamin beobachtete es besorgt, da musste Hippocrates noch einmal genauer hinsehen. Wahrscheinlich brauchte Severus nur ein Bad im Meerwasser, aber ganz sicher war sich Jamin nicht. Er war noch immer nicht richtig geheilt nach den Foltern, die Heiler waren sicher, dass er mindestens noch ein halbes Jahr die Folgen spüren würde.

Ein lautes Winseln erklang, sobald Harry den Bauch der Schlange öffnete und die Kammer betrat. So müde er auch war, er fing die Welpen auf. Sofort schmiegten sie sich in seine Arme und Harry spürte die kleinen Zähnchen. Überall in der Kammer lagen Kinder und schliefen tief und fest. Harry erkannte Hermine und Neville, die so dicht beieinander lagen, dass sie wohl bis zu dem Moment miteinander gesprochen hatten. Darüber würde er sich später Gedanken machen, jetzt waren nur Severus und die Welpen wichtig. Er spürte den Blick des Alpha auf sich, aber im Moment interessierte es ihn nicht. „Schon gut, ihr zwei, es ist in Ordnung, mir geht es gut. Tut mir leid, dass ich euch alleine gelassen habe, das wollte ich nicht. Jetzt bin ich da und schaut mal, wen ich mitgebracht habe.“ Harry hielt die zwei Mini-Wölfe so, dass sie Fenrir sehen konnten. Die kleinen, bernsteinfarbenen Augen begannen zu strahlen.

„Ich werde sie mitnehmen.“, entschied Fenrir. „Sie gehören ins Rudel, dort sind sie sicher.“ Harry nickte, aber er wirkte enttäuscht und traurig. Fenrir schmunzelte. „Du hast dich gut um sie gekümmert, wie es aussieht, aber du bist selbst nur ein Welpe, wenn auch ein wenig älter. Ich denke, du hast selbst genug zu tun mit deinem neuen Wesen.“ Sein Blick streifte die Flügel und es schien, als hätte Harry diese Tatsache bis zu diesem Moment bereits wieder vergessen.

„Wie krieg' ich die wieder weg?“, nuschelte Harry.

„Wahrscheinlich im Moment gar nicht, wenn du so erschöpft bist. Deine magischen Reserven sind sicher ziemlich leer, der Schild, den du gewirkt hast, muss sie vollkommen verbraucht haben.“, meinte Jamin. Ihm fiel auf, dass sich Harry insgesamt ein wenig verändert hatte. Man konnte noch immer Harry in dem Wesen erkennen, aber er wirkte fremdartiger als vorher. „Bring uns zu deinem Bett und sag uns, wo sich Lucius, Severus und Sirius ausruhen können. In ein paar Stunden sieht es anders aus. Vielleicht kann Heiler Smethwyck dir helfen. Ich schicke ihn zu dir, sobald sich die Lage ein wenig beruhigt hat.“

Harry nickte und ging voran in die Wohnung, in der er die letzten Monate verbracht hatte. Noch war ihm nicht klar, was da in den letzten Stunden passiert war. Er bestand darauf, dass Severus bei ihm blieb, daher legte Jamin ihn in das große Bett. Lucius und Sirius bekamen die anderen beiden Schlafzimmer und bald kehrte Ruhe ein. Nur das leise, sich entfernende Wiffen der Welpen war noch einige Minuten zu hören, doch Fenrir, der seine Form gewechselt hatte, lockte sie nach draußen und dort weiter in den Wald, damit sie das Schlachtfeld nicht zu Gesicht bekamen. Als er außerhalb der Schirme von Hogwarts war apparierte er mit ihnen, brachte sie zu Xenos Haus, von wo aus sie in die Elfenwelt gelangen konnten. Er war nicht sicher, ob es nicht immer noch unter Beobachtung stand, aber das war hoffentlich nun nicht mehr gefährlich. In der Elfenwelt übergab er die Kleinen seinem Gefährten, sie waren wirklich ganz alleine, da ihre Eltern beide gestorben waren. Die kleine Familie war erst vor kurzem zum Rudel gestoßen. Also fielen sie in seine Verantwortung als Alpha, und er hatte nicht vor, diese Verantwortung abzugeben. Das würde Andy wohl auch nicht zulassen, schon immer hatte sich sein Gefährte Kinder gewünscht. Wahrscheinlich würden sie Harry fragen, ob er Pate sein wollte, immerhin hatte er sich nun monatelang um die zwei gekümmert , und die Kleinen hingen an ihm.

Harry hingegen schlief mehr als unruhig, wälzte sich hin und her. Oder eher, er versuchte es, denn seine Flügel waren jedes Mal im Weg, wenn er sich auf den Rücken drehen wollte. Immer wieder schreckte er aus Alpträumen hoch und musste sich versichern, dass Severus neben ihm immer noch atmete. Den Anblick des reglos auf den Boden liegenden Tränkemeisters konnte er nicht vergessen. Der Meermann wurde langsam wach, als er die Bewegungen neben sich spürte. Er schlug die Augen auf und lächelte unwillkürlich, als er Harry erkannte. Erstaunt hoben sich seine Brauen, als sein Blick von Harrys Gesicht über seinen Körper huschte und er die Flügel entdeckte. Er blinzelte mehrmals, aber die Flügel blieben. Vorsichtig hob er eine Hand, und seine Finger glitten ganz sachte über die Federn. Keine Illusion, keine Halluzination. Harry hatte eindeutig Flügel. Der Jugendliche zuckte hoch, als er die Berührung fühlte, und blinzelte. Mit einem „Severus!“ warf er sich regelrecht in die Arme seines Gefährten. Der Tränkemeister hielt ihn fest, noch immer nicht sicher, ob das hier wirklich war und kein Traum.

„Es ist vorbei.“, erlöste ihn eine warme, beruhigende Stimme, die von der Tür kam. Beide sahen auf und erkannten Hippocrates Smethwyck, der lächelnd im Türrahmen stand. Harry war tief in den Armen von Severus vergraben, und seine Augen blinzelten über dessen Oberarm. Das Schmunzeln des Heilers wurde deutlicher, und er löste sich vom Türrahmen. „Inzwischen lassen die Elfen ihre Zauber wirken, sodass es dann, wenn die Menschen erwachen, kein erneutes Chaos gibt. Wobei die Auroren, die wir als zuverlässig einstufen, bereits geweckt wurden und darauf warten, erst einmal die bekannten loyalen Anhänger der beiden Kriegstreiber zu verhaften. Sie werden eine faire Verhandlung bekommen, aber diesmal wird darauf geachtet, dass auch wirklich alle Anhänger, die so wie ihre Anführer denken und auch gehandelt haben, bestraft werden. Lucius ist bereits wieder wach und im Ministerium, um den Übergang zu realisieren. Und da wir oben inzwischen alle Toten geborgen und alle Verletzten ins St. Mungos abtransportiert haben, kommen wir nun zu euch. Selbst die Schüler aus der Kammer sind bereits wieder oben im Schloss, die Hauselfen haben sie noch schlafend in ihre Betten gebracht, und die Elfen lassen nun ihre Zauber wirken, um die Schäden bei den Kindern möglichst gering zu halten. Dennoch werden die Kinder zum Teil traumatisiert sein, sie werden Erwachsene brauchen, die sich um sie kümmern.“

Beide atmeten auf, als sie das hörten. „Gab es viele Tote und Verletzte?“, nuschelte Harry unter Severus' Arm. Noch immer war er nicht aus der Umarmung heraus gekommen, wollte Severus weiter spüren.

„Jeder ist einer zu viel.“, erwiderte Hippocrates. „Aber gemessen an der Größe dieses Kampfes hält es sich wohl tatsächlich in Grenzen. Wir haben etwas über 100 Verletzte, die tatsächlich ins Krankenhaus mussten, noch etwa genauso viele, die wir vor Ort behandeln und gleich wieder entlassen konnten. Dazu insgesamt fast siebzig Tote, aber niemand auf unserer Seite. Ein Drache ist schwer-verletzt, aber es scheint, als würde er überleben. Mandana hat ihn in den Drachenhort gebracht und kümmert sich darum, dass Heiler da sind. Dumbledore und Voldemort sind beide tot, auch Moody hat seine Verletzungen nicht überlebt. Fawkes, der Phönix, den Dumbledore unterdrückte, ist in keinem besonders guten Zustand, die Elfen haben sich seiner angenommen und ihn in ihre Welt gebracht, wo er sich hoffentlich erholen kann. Insgesamt sind es etwa gleich viele Tote auf beiden Seiten. Keine Schüler, das erleichtert euch sicherlich. Wobei die dort ohnehin nichts verloren gehabt hätten, aber das ist Dumbledores Schuld. Aber jetzt will ich sehen, wie es euch geht. Und ich schätze, du hast einige Fragen, Harry, denn deine Verwandlung hat dich offenbar ziemlich überrascht.“

Harry nickte und schälte sich unwillig aus der Umarmung seines Gefährten. Lieber hätte er das alles verdrängt, er wollte nicht darüber nachdenken. Und doch wollte er diese dämlichen Flügel loswerden, die nervten ihn ziemlich. Sie waren immer im Weg und hingen richtig schwer an seinem Rücken. Außerdem spürte er ziemlichen Muskelkater und war sicher, dass das genau davon kam. „Wie kriege ich die weg?“, fragte Harry, während er sich mit den Händen über das Gesicht wischte, um den Schlaf zu vertreiben. „Und wieso sind die auf einmal da?“

„Nun, wir werden noch herausfinden müssen, welches Wesen genau in dir steckt, denn nur aufgrund der Flügel kann ich es nicht identi...“ Hippocrates Smethwyck stockte mitten im Satz und wurde leichenblass, als er Harry zum ersten Mal, seit er das Zimmer betreten hatte, komplett erblickte. „Lysander!“, hauchte er völlig überwältigt.

Severus' Blick huschte vom Heiler zu Harry, und er staunte. Der Jugendliche hatte sich verändert, wenn auch nicht so sehr. Die Ähnlichkeit mit Lily wurde deutlicher, die Kinnpartie, die Nase und die Augen waren identisch mit Lily. Die Haare waren etwas länger und geschmeidiger, aber immer noch tiefschwarz. Sie glänzten seidig und fielen in weichen Wellen auf die Schulter, beinahe wie die seiner Mutter, wenn auch in einer anderen Farbe. Im Zuge der Verwandlung schien sich sein Körper ein wenig gestreckt zu haben, wirkte sehnig und zierlich gleichzeitig.

„Lysander. Du siehst aus wie Lysander.“, hauchte Smethwyck.

„Wer ist Lysander?“, erkundigte sich Harry.

„Ein … ein Freund aus meiner Jugend.“ Der Heiler versuchte mühsam, seine Fassung zurück zu erlangen. „Er ist … war auch ein Schutzengel. Ich ...“ Er atmete tief durch. „Lysander war der Sohn des damaligen Herrschers Esol, aber er stammte nicht aus seiner Ehe mit seiner Frau Asana, sondern aus einer Beziehung zu Ramin, seinem Geliebten. Ramin war der Gefährte Esols, aber er war gezwungen, Asana zu ehelichen, um den Frieden zu wahren. Das ist eine lange Geschichte, aber es hat damals funktioniert, der Friede hält bis heute. Esol hatte nie mit Asana geschlafen, das konnte er gar nicht, da auch Schutzengel ihren Gefährten treu sind. Also bekamen Ramin und Esol ein Kind, das sie Lysander nannten. Du musst wissen, dass Schutzengel zu den Wesen gehören, die auch als Männer Kinder empfangen können. Nach dem Tod Asanas heiratete Esol Ramin, wodurch Lysander zum Thronfolger wurde. Das wiederum passte Samon, Lysanders Cousin, nicht, denn er hatte sich bereits Hoffnung auf den Thron gemacht. Lysander fand mit zwanzig Jahren seine Gefährtin Eladan, die ebenfalls ein Schutzengel war. Samon versuchte daraufhin, Lysander und Eladan zu töten, um den Anspruch auf den Thron zurück zu erhalten. Lysander und Eladan flohen, als Eladan schwanger war, doch Samon fand sie. Er wurde allerdings als Täter verurteilt, und seither ist der Thron leer, denn es gab nie einen legitimen Nachfolger. Du siehst Lysander so ähnlich, als wärst du sein Bruder.“

„Wäre es möglich, dass Lily das Kind der Beiden war?“, erkundigte sich Severus vorsichtig.

Harrys und Hippocrates' Blick schnellten zu ihm. „Was weißt du?“, erkundigte sich der Heiler atemlos.

„Ich weiß nicht viel, aber Lily hat einmal erzählt, dass sie Zweifel daran hat, ein leibliches Kind ihrer Eltern zu sein.“, begann Severus. „In der Grundschule hatte sie sich einmal schwer verletzt, sie musste ins Krankenhaus und brauchte eine Bluttransfusion. Ihre Eltern kamen nicht in Frage, weil die Blutgruppe nicht überein stimmte. Aber ihre Eltern haben immer wieder beharrt, dass sie ihre Tochter ist. Ich weiß nicht, ob sie es später weiter verfolgt hat, das, was ich gerade erzählt habe, hat sie mir anvertraut, als wir in der vierten Klasse gemeinsam in Hogsmeade waren und ein wenig zu viel Butterbier getrunken hatten. Sie hat nie wieder darüber gesprochen.“ Er zog Harry an sich, als er dessen Zittern spürte. „Wenn du es möchtest, kann ich einen Ahnentrank brauen und damit herausfinden, ob Lily die Tochter dieses Lysanders ist.“

„Das geht?“, staunte Harry.

Severus lachte dunkel. „Ja, das geht!“, erwiderte er. „Allerdings ist es nicht einfach, selbst für einen Meister. Der Trank ist aufwändig, braucht Zeit. Aber ich werde ihn dir brauen, wenn du es willst.“

Harry blickte ein wenig unsicher zu Heiler Smethwyck, dann zu Severus. Dem Heiler war anzusehen, dass er sich eine Aufklärung wünschte, Severus wirkte neutral, aber offen. „Ich würde es gerne wissen.“, antwortete Harry schließlich.

„Dir ist aber schon bewusst, dass du dann den Anspruch auf den Thron hast, solltest du Lysanders Enkel sein.“ Severus' Stimme klang ziemlich ironisch. „So wie ich den Anspruch auf den Thron des Meeresvolkes habe.“

„Oh.“, machte Harry. Das brachte den Heiler zum Lachen. Harry blickte ihn finster an, aber er konnte nicht leugnen, dass er es nun wissen wollte. Jetzt erst Recht, aber nicht, weil er herrschen wollte, nein, weil er wissen wollte, wo er herkam. Ihm fiel etwas ein. „Warum hat der Blutschutz dann funktioniert, falls Mom nicht die Tochter ihrer Eltern war? Dann war Tante Petunia auch nicht ihre Schwester.“

„Das ist eine gute Frage.“, überlegte Severus und nickte Hippocrates zu, damit dieser endlich an die Untersuchung gehen konnte. „Möglicherweise liegt es gar nicht an der Blutsverwandtschaft. Sondern an der Familienzusammengehörigkeit. Lily fühlte sich als Teil dieser Familie, auch wenn sie nicht viel mit ihrer Schwester verband. Und doch liebte sie Petunia. Es tat Lily sehr weh, dass ihre Schwester neidisch war und letztlich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Möglicherweise hat sich deine Tante auch, tief in ihrem Herzen, schuldig gefühlt und wollte, dass du beschützt bist. Es klingt irritierend, das ist mir bewusst, denn auch sie hat dich nicht sonderlich nett behandelt, aber wie sie nach außen hin handelt und wie sie innerlich denkt, kann sehr unterschiedlich sein. Das werden wir vielleicht nie herausfinden, aber wir können herausfinden, ob Lily dir diese Gene mitgegeben hat, weil sie die Tochter von Lysander und Eladan war.“

Hippocrates Smethwyck hatte seine Diagnosezauber über Harry gewirkt, während er Severus' Theorien lauschte. „Halb so schlimm.“, bekundete er jetzt. „Ein verstauchtes Handgelenk, einige Prellungen und eine angebrochene Rippe. Die Rippe und das Handgelenk habe ich bereits geheilt, für die Prellungen gebe ich dir eine Salbe. Aber mit deinen Genen dürften sie bald verschwunden sein, die anderen Verletzungen haben auch bereits angefangen zu heilen, es brauchte nicht mehr viel Unterstützung meinerseits. Aber hier an deinem Flügel ist eine Stelle, die mir Kopfzerbrechen bereitet. Die Federn an der Stelle sind weg gebrannt und das Gewebe sieht entzündet aus. Was ist da passiert? Die Heilzauber wirken überhaupt nicht.“

Harry zuckte zusammen, als der Heiler den Flügel nahe der Stelle berührte. „Au!“, konnte er sich nicht verkneifen. Seine Brauen zogen sich zusammen. „Ich glaube, irgend ein Zauber hat mich gestreift, als ich Severus auf die Seite geworfen habe, damit er nicht getötet wird.“

„Harry, hat dich der Todesfluch gestreift?“ Severus' Stimme war scharf. Er drehte seinen Gefährten ein Stück weit, um sich die Wunde anzusehen. „Sie ist blitzförmig, wie eine Kopie deiner Stirnwunde!“ Die schwarzen Augen waren weit.

„Das würde erklären, warum die Heilzauber nicht wirken.“, nickte Hippocrates nachdenklich. „Dann muss es so heilen. Ich schicke euch eine Salbe, die entzündungshemmend und wundheilend wirkt, aber selbst damit wird es wenigstens zwei Wochen brauchen, sollte das wirklich der Avada gewesen sein. In der Zeit solltest du die Flügel nach Möglichkeit nicht einziehen und auch nicht fliegen, sonst kann die Wunde immer wieder aufreißen, und wer weiß, was im Inneren des Körpers damit passiert. Ein Todesfluch und ein Kind springt einfach dazwischen, bei Merlin! Und dann überlebt er auch noch! Wobei es eigentlich nur ein Wesen gibt, das diesen überlebt. Ein Phönix. Wenn das stimmt, dann hat Lily Potter einen Schutz gewirkt, der unnachahmlich ist.“

„Harry hat auch einen Schutzschild gewirkt, der einen zweiten Todesfluch reflektiert hat.“ Unbemerkt war Lucius eingetreten. Severus' Augenbraue hob sich erstaunt, der Blonde wollte sich doch eigentlich politisch um alles kümmern. „Ich habe im Ministerium alles in die Wege geleitet, jetzt will ich nach Sirius sehen.“

„Ist er schon wieder wach?“, fragte Harry, während der Heiler sich Severus zuwandte und diesen untersuchte.

„Ja, aber bisher war er … sagen wir es so, nicht besonders kooperativ, was eine Aussprache anging.“ Lucius wirkte gequält. „Er trauert um seinen Partner, will nicht hören, was uns verbindet. Aber … als ich verwundet auf dem Schlachtfeld lag, hat er mir sein Blut angeboten. Er weiß sicher, was das bedeutet. Jedenfalls hoffe ich es. Ich kann nun nicht mehr zurück.“ Lucius wirkte nun ziemlich erschöpft und alt, die Sorgen waren ihm deutlich anzusehen.

Harry wirkte verwirrt, daher erbarmte sich Severus. „Trinkt ein Vampir einmal das Blut seines Gefährten, wird die Bindung initiiert und er wird immer wieder trinken müssen. Anderes Blut wird nie wieder reichen. Zieht Sirius nun sein Angebot zurück, ist das das Todesurteil für Lucius, er wird immer schwächer werden und letztlich sterben.“

„Aber denkt ihr, Sirius weiß ...“, wunderte sich Harry.

„Auch, wenn er kaum jemals ein Buch freiwillig in die Hand nahm, diese Informationen hat er sicherlich gesucht, als er erfuhr, was Lucius und ihn verbindet.“, war Severus sicher. „Remus wird sicher viel von seinem Wissen mit ihm geteilt haben, immerhin bestand die Möglichkeit, dass er seinen Gefährten fand und Sirius dann plötzlich uninteressant für ihn wird. Außerdem entstammt er einer der alten Familien, die dieses Wissen gepflegt haben, auch wenn das Ministerium es verboten hatte. Also ja, ich denke, er wusste, was dieses Angebot an Lucius bedeutete.“ Er zog Harry an sich und unterband dessen aufkommenden Protest mit einem flüchtigen Kuss. Er wollte es einfach versuchen, ob die Gespräche ihm geholfen hatten. Harry hielt ihn fest, sodass er sich kaum noch zurückziehen konnte, aber Severus stellte fest, dass das auch nicht nötig war. Er fühlte sich geborgen und sicher, absolut gut. Dennoch löste er sich von Harry, da sie nicht alleine waren. Damit fühlte er sich nicht wohl, das würde er wohl nie. Seine Augen strahlten jedoch und versicherten seinem Gefährten, dass alles in Ordnung war.

„Wenn ich dann endlich mal meine Diagnose beenden könnte?“, murrte Hippocrates Smethwyck ziemlich genervt. Harry brachte etwas Abstand zwischen sie und wartete ab, was der Heiler sagen würde. „Nichts, was ein wenig Meerwasser und ein paar Stunden Schlaf nicht heilen könnten.“, winkte der schließlich ab. „Bleibt noch eine Weile liegen und schlaft euch aus, dann könnt ihr wieder aufstehen, aber zumindest Harry sollte noch ein paar Tage darauf verzichten, Magie zu wirken, damit sich die Reserven wieder auffüllen können.“ Er nickte ihnen zu, dann ging er aus dem Schlafzimmer.

Severus fasste nun Lucius ins Auge. „Was war das nun mit dem Schutzschild, mit dem Harry den Todesfluch reflektiert hat?“, wollte er wissen. „So einen Schild gibt es nicht.“ Er sah Harry fragend an.

„Ich habe von Mister Slytherin einige Schutzzauber gelernt, die heute nicht mehr bekannt sind. Also jedenfalls habe ich noch nie davon gehört. Und ich habe viel darüber gelesen.“, gab Harry zu. Er wirkte, als hätte er ein schlechtes Gewissen. „Er hat mir gesagt, dass sie viel Magie brauchen, aber auch, dass sie sehr mächtig sind. Als ich merkte, dass wir nicht mehr ausweichen können, habe ich einen davon genutzt. Ich war sicher, es könnte nicht mehr schaden. Er … er sollte dich nicht verletzen oder gar töten.“ Den letzten Satz wisperte er nur noch.

„Ich habe bereits von diesem Zauber gehört.“, gestand Lucius, als Harry ihm sagte, welchen Zauber er genutzt hatte. „Aber er wirkt normalerweise nicht gegen den Todesfluch. Vielleicht hat dein Wesen damit zu tun.“

„Du glaubst, Harry ist ein Schutzengel?“, folgerte Severus.

„Würde zu seinem Charakter passen.“, spottete Lucius. „Und dazu, dass er dir bereits seit Jahren ein Magengeschwür nach dem anderen verpasst.“

Harry zog den Kopf ein und wurde rot. Severus zog ihn trotzdem liebevoll an sich. „Dann sollte ich bald daran gehen, den Ahnentrank zu brauen.“, entschied er. „Dann wissen wir, ob Lucius Recht hat.“ Er sah zu dem Blonden. „Und jetzt raus hier, wir sollen schlafen.“

„Ausruhen und schlafen!“, warnte Lucius mit einem belustigten Lächeln.

„Ich weiß ja nicht, wie es um deine Libido steht, aber ich habe mich durchaus unter Kontrolle, immerhin ist Harry noch minderjährig.“, zischte Severus, nun sichtlich verärgert.

Mit erhobenen Händen verließ Lucius das Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Severus zog Harry an sich und küsste ihn erneut, diesmal deutlich intensiver. Schließlich schmiegten sie sich aneinander. „Schlaf, Kleiner.“, murmelte Severus.

„Wie denn? Immer wenn ich mich umdrehe, sind diese dummen Dinger im Weg!“, schimpfte Harry und deutete nach hinten.

Severus' Mundwinkel zuckten kurz, dann zog er Harry so, dass er halb seitlich und mit dem Kopf auf seinem eigenen Brustkorb lag. Mit den Armen umfasste er ihn und drückte ihn an sich. „So, ich halte dich fest, und jetzt schlaf', du kleiner Bengel!“

Mit geschlossenen Augen lauschte Harry dem Herzschlag seines Gefährten und driftete in einen tiefen und ruhigen, erholsamen Schlaf, schnell gefolgt von Severus.

 

Eine Woche später hatte sich viel verändert. Die Kinder waren zurück in ihre Gemeinschaftsräume gegangen, Hermine, Harry und Severus hatten Gästequartiere bekommen, wobei Harry bei Severus lebte. Etwas Anderes konnte er sich gar nicht mehr vorstellen, alles in ihm verlangte danach, bei Severus zu sein. Es störte ihn überhaupt nicht, auch wenn es viel mehr als vor der Verwandlung war. Jamin hatte zugesagt, vorübergehend die Stelle als Hogwarts-Direktor zu besetzen, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Minerva McGonagall war im St. Mungos, sie war unter Imperius von Dumbledore gezwungen worden, alles mit anzusehen und teilweise sogar zu ignorieren. Viele der Lehrer waren entweder verletzt oder verhaftet, daher kamen nun Menschen wie Augusta Longbottom, Kingsley und Narzissa Shacklebolt ins Schloss, um die Kinder wenigstens zu beaufsichtigen.

An geregelten Unterricht war derzeit nicht zu denken, aber die Ersatz-Lehrer standen jederzeit für Gespräche zur Verfügung. Kingsley und Narzissa hatten ihre beiden Kinder mitgebracht, die von fast allen Schülern vergöttert wurden. Sie waren aber auch zu süß, fand Harry. Er vermisste Robyn und David, daher kümmerte er sich mehr als gerne um Dracos Halbgeschwister. Der inzwischen zweijährige Matayo hatte sich von Anfang an bei Harry wohlgefühlt und spielte stundenlang mit den weichen Federn von seinen Flügeln. Mit seiner cappuccino-farbenen Haut und den grauen Augen der Blacks, dazu die dunkelblonden Haare, sah er einfach nur bezaubernd aus. Elani, seine bald vierjährige Schwester, war etwas zurückhaltender. Aber auch sie hatte dunkelblonde Haare, wenn auch viel mehr Locken, die ihr afrikanisches Erbe deutlich zeigten. Ihre Augen waren rehbraun und die Haut etwas heller als die von Matayo. Aber auch sie taute bald auf, und nach zwei Tagen hallte das Lachen der beiden Kleinsten durch das Schloss. Harry genoss es sehr, und es tat auch den anderen Schülern gut, die teilweise immer noch unter Schock standen, obwohl sie kaum etwas mitbekommen hatten.

Die neuen Gesetze waren veröffentlicht worden und wurden von den Auroren, die nun Unterstützung von Werwölfen, Vampiren und Draconiern bekamen, auch durchgesetzt. Die englische Zauberwelt jubelte eher verhalten, was sicherlich daran lag, dass sie nicht genau wussten, ob die Veränderungen wirklich so positiv waren, wie es schien. Zu oft in den vergangenen Jahren waren sie in die Irre geführt worden, das musste sich erst nach und nach setzen. Lucius war zum Minister auf Zeit ernannt worden, aber es würden sicher noch Wahlen kommen, sobald die Lage komplett unter Kontrolle war und die Menschen darauf vertrauten, dass es wirklich vorbei war. Wobei es mal wieder Harry zu verdanken war, dass es besser aufgenommen wurde, als der Rat befürchtet hatte. Da er seine Flügel weder einziehen konnte noch durfte, sahen die Menschen, dass mehr in ihm steckte. Außerdem hatte er sie mal wieder gerettet. Also konnten nicht alle magischen Wesen schlecht sein.

Sie sahen jedoch nicht, welche Panik Harry hatte, weil noch ein letzter Horkrux in ihm steckte. Alemie wollte ihn mit in die Elfenwelt nehmen, sobald sich die Lage beruhigt und er seine Magie wieder aufgefüllt hatte. Bis dahin ließ Severus ihn nicht aus den Augen, genau wie Sirius, der eine ziemlich eigenartige Beziehung mit Lucius zu führen schien. Sie stritten beinahe dauernd, jedenfalls so lange sie nicht in der Öffentlichkeit waren, aber genauso häufig landeten sie offenbar miteinander im Bett. Oft genug vergaßen sie den Stillezauber, was viele der Schüler zum Anlass nahmen, bei Sirius' Gästewohnung zu lauschen, sobald auch nur Gerüchte auftauchten, dass der Minister in der Schule war. Da Sirius' Haus zerstört war und er nicht im Malfoy-Manor einziehen wollte – aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer – lebte er ebenfalls in einer Gästewohnung im Schloss. Dank der Aussagen verschiedener Todesser war er inzwischen freigesprochen worden, denn es war eindeutig geklärt, dass er eben nicht der Geheimniswahrer seines besten Freundes gewesen war. Auch die Tatsache, dass Pettigrew den Angriff damals nach dem Tod der Potters überlebt hatte, trug dazu bei, dass nun niemand mehr glaubte, Sirius hätte ihn und die dreizehn Muggel getötet. Daher war das Urteil nachträglich aufgehoben worden, und Sirius war endlich frei. Allerdings brauchte er offenbar noch Zeit, all das zu verarbeiten.

Genau wie die meisten der Schüler. In der letzten Woche hatte es keinen Unterricht gegeben, und die Kinder hatten die Möglichkeit gehabt, ihre Familien zu besuchen, wenn sie es wollten. Fast alle hatten die Gelegenheit genutzt und es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Einen Tag nach der Schlacht hatte Xeno die drei Schüler gebracht, die in der Elfenwelt gewartet hatten, bis es wieder sicher war. Offensichtlich hatten sie es nicht länger dort ausgehalten. Luna begrüßte Harry mit einer innigen Umarmung. „Die sind ja schön. Darf ich?“, fragte sie, auf die Flügel deutend. Auf Harrys Nicken fuhr sie sehr vorsichtig mit ihrer Hand darüber. „Wirklich wunderschön!“

„Darf ich auch mal?“, erkundigte sich Blaise ein wenig schüchtern. Harry streckte seine Flügel zustimmend aus. Viel Zeit hatten sie in Atlantica nicht miteinander verbracht, aber er zählte Blaise auch zu seinen Freunden.

„Seit wann bist du ein magisches Wesen?“, entfuhr es Draco. „Ich dachte, du bist ein … einfacher Zauberer. Und was genau bist du eigentlich?“

„Darüber rätseln alle noch.“, zuckte Harry die Schultern. „Ich glaube, sie haben Wetten laufen. Sev braut einen erweiterten Ahnentrank, damit wir es herausfinden. Verwandelt habe ich mich in der Schlacht, einfach so, ohne Vorwarnung.“ Er erzählte, was Heiler Smethwyck berichtet hatte und von dem Verdacht, dass er möglicherweise der Urenkel des letzten Herrschers der Schutzengel war.

„Wow!“, machte Blaise, während Draco sich zwingen musste, den Mund zu schließen. Luna hingegen wirkte nicht im Geringsten überrascht, was wiederum Harry nur zu einem Kopfschütteln veranlasste. Die Blonde hatte schon immer mehr gesehen, als offensichtlich war.

Hermine reagierte zwar ein wenig vorsichtig auf die beiden Slytherins, allerdings hatte sie dank Harrys Erzählungen die Größe, ihnen eine zweite Chance einzuräumen. Neville hingegen zog sich zurück, sobald Draco und Blaise auftauchten.

„Weißt du, Malfoy, wenn man dich ein wenig kennt, bist du nicht ganz so schlimm, wie es bisher erschien.“, entschied Hermine nach dem ersten gemeinsamen Nachmittag, direkt nach der Rückkehr der Drei. Luna lächelte nur und wirkte, als würde sie triumphieren.

„Du bist auch nicht so schlimm, wie ich immer glaubte, zumindest, so lange du keine Fragen stellst.“, gab Draco zurück. Er zögerte einen Moment, dann straffte er seine Schultern. „Es tut mir leid, wie ich dich damals nannte. Es gibt keine Entschuldigung dafür, aber ich bereue es wirklich. Dieses Wort wird mir nie wieder entkommen, das hätte auch nie passieren dürfen. Als mein Vater davon erfuhr, habe ich die erste und einzige Tracht Prügel von ihm kassiert.“

Ungläubig sah Hermine ihn an, aber sie konnte keine Anzeichen einer Lüge erkennen. Zögernd reichte sie dem Blonden die Hand. „Ich weiß noch nicht, ob ich es vergessen kann, aber ich gebe dir noch eine Chance. Vermassle sie nicht, noch eine bekommst du nicht!“ Damit war ein vorsichtiger Waffenstillstand begonnen, der sich vielleicht irgendwann in eine Freundschaft verwandeln konnte.

Draco, Blaise und Luna zogen sofort wieder in die Schlafsäle ein, auch wenn Draco und Luna beinahe jeden wachen Moment miteinander verbrachten. Und wahrscheinlich auch die Nächte, selbst wenn das nicht offiziell war. Noch wusste keiner von ihrer Bindung, aber das würde sicher bald an die Öffentlichkeit gehen, gerade Draco war als zukünftiger Schwiegersohn hoch im Kurs, obwohl nun alle wussten, dass er Vampirgene in sich trug.

Harry hatte an Ron geschrieben, und die Antwort war sofort erfolgt. Der Rothaarige war erleichtert, dass Harry nichts passiert war. Die Nachricht, dass er Flügel hatte, kümmerte Ron nicht weiter, der einzige Kommentar war gewesen: „Cool, dann kannst du jetzt auch ohne Besen fliegen!“ Die Weasleys planten, in den nächsten Wochen zurück in den Fuchsbau zu ziehen, aber Ron und Ginny sollten wenigstens das Schuljahr beenden, bevor sie zurück nach Hogwarts wechseln konnten. Percy Weasley war unter denen gewesen, die festgenommen wurden, er wartete nun auf seinen Prozess. Genau wie Nymphadora Tonks, die Tochter von Sirius' Cousine Andromeda, der Schwester von Narzissa. Sirius hatte Andromeda besucht, die schwor, dass Nymphadora verhext worden sein musste, denn als Metamorphmagus war sie eigentlich auch unter die Kategorie 'unerwünschtes magisches Wesen' gefallen. Sie hatte nach der Schule eigentlich eine Lehre als Kräuterkunde-Meisterin machen wollen, aber plötzlich hatte sie sich ins Aurorenprogramm eingeschrieben, ohne vorher ein Wort davon zu ihren Eltern gesagt zu haben. Seither hatte sie jeden Kontakt vermieden. Sirius und seine Cousine Andromeda jedoch waren froh, wieder Kontakt zueinander zu haben und näherten sich einander an.

Hagrid kam zwei Tage nach dem Kampf zu Harry. „'s tut mir leid!“, schluchzte er und umarmte Harry fest.

„Luft!“, krächzte Harry. Hagrid wurde rot und ließ den Jugendlichen wieder frei. „Okay, und jetzt von vorne, Hagrid. Was tut dir leid?“

„Ich … ich hab' immer geglaubt, Dumbledore's'n netter Mann!“, schniefte der Halbriese. „Ich hab'm geglaubt, dass's dir gut geht. Ich wollt's nich' sehen, nie nich', dass du ...“

„Das weiß ich doch, Hagrid.“, tröstete Harry etwas unbeholfen. „Er hat dich ausgenutzt.“ Das war bereits bewiesen. „Ich weiß doch, wie schlau und berechnend er vorging. Sieh' mal, ich habe selbst erst vor etwa einem Jahr angefangen zu zweifeln, aber erst seit dem letzten Sommer weiß ich, was er vorhatte. Ohne Severus und Sirius hätte ich heute noch gezweifelt.“

„Aber ich bin doch'n Lehrer. Hätt's früher merken müss'n.“, brummte Hagrid. Er atmete einmal tief durch und blickte Harry dann mit leuchtenden Augen an. „Ich bin je'nfalls froh, dass dir nich' viel passiert is'. Du'n Professor Snape, hm.“

„Er heißt Prince, aber ja.“, grinste Harry. „Wir sind Gefährten.“

„Hm, bist ja nu' auch'n magisches Wes'n.“, erwiderte Hagrid das Lächeln, wie man an seiner Stimme erkennen konnte, denn durch seinen Bart hindurch konnte man es nicht sehen. „Geht's dir gut?“

„Ja.“, antwortete Harry ehrlich und schlang seine Arme soweit es ging um Hagrids Taille. Der Halbriese klopfte ihm auf die Schulter, sodass Harry in die Knie ging. Grinsend ließ er sich wieder aufhelfen und entschied, mit Hagrid eine Tasse Tee zu trinken.

Severus hingegen verbrachte die meiste Zeit im Labor von Slytherin. Das war deutlich größer, und besser ausgestattet als das offizielle der Schule. Dort stellte er den Ahnentrank für Harry her. Inzwischen war er genauso gespannt auf das Ergebnis wie Harry, auch wenn es ihm egal war. Er liebte Harry, seinen Gefährten, egal, ob Lily nun eine wahre Evans war oder nicht. Und die Flügel – die er noch immer bei jeder Gelegenheit verfluchte, vor allem beim Duschen – machten ihn in Severus' Augen nur noch liebenswerter und besonders. Genau das allerdings sollte er dem Gryffindor nicht sagen, das wollte er absolut nicht hören. Wenigstens hatte Lucius gleich als erste Amtshandlung sämtliche Anklagen gegen Harry fallen gelassen, der Junge durfte sich nun ohne Angst wieder frei bewegen. Er tat es selten, wollte diesen ganzen Trubel nicht, wollte nicht angestarrt werden wie eine Jahrmarktattraktion. Nur zu Hagrid ging er gerne, verbrachte dort viele Stunden. Aber zumindest konnte er mit Hermine, Draco, Blaise und Luna nach draußen gehen, ohne sich ständig umzusehen. Die Nächte verbrachten sie gemeinsam, Harry würde nicht mehr in den Gryffindorturm zurückkehren. In Zukunft durften gebundene Gefährten gemeinsam in Hogwarts leben, für sie würden Wohnungen eingerichtet werden. Natürlich wurden auch sie einem Haus zugeordnet und würden Punkte für dieses sammeln, aber sie bekamen Wohnräume, die ihren Bedürfnissen angepasst waren. Draco und Luna hatten bereits eine solche beantragt, das wusste Severus. Er selbst würde wohl nur noch so lange in Hogwarts bleiben, wie Harry hier war. Das Unterrichten hatte er nur angefangen, weil er als Spion auf die Nähe zu Dumbledore angewiesen war. Und weil der Lord ihn dorthin befohlen hatte. Spaß hatte es ihm nie gemacht. Aber er verstand auch, was sein Onkel sagte. Die Kinder brauchten ein wenig Kontinuität. Auch, wenn er dieses Jahr nicht unterrichtet hatte, die meisten Kinder kannten ihn und es würde ihnen helfen, wieder ein wenig Normalität in ihr Leben zu bringen.

„Hey!“, riss Harrys Stimme ihn bereits nach kurzer Zeit an diesem Morgen aus seinen Gedanken. „Kann ich dir helfen?“

„Ist dir so langweilig?“, spottete Severus leise. Zwar war Harrys Leistung in Zaubertränken nun deutlich besser, aber meist hielt er sich dennoch von Kesseln fern. Es würde sicher nie sein Lieblingsfach werden.

„Draco und Luna sind im Raum der Wünsche, weil Lucius bei Sirius ist. Das scheint anzustecken.“, schmollte Harry. „Hermine ist in der Bibliothek, sie will irgendwas nachlesen, also auch nicht ansprechbar. Blaise ist mit Chiara und seinem Vater in der Winkelgasse, Devon muss heute seine Aussage machen, und sie wollen anschließend neue Kleidung kaufen. Außerdem suchen sie nach einer Kinderbetreuung, damit Devon wieder arbeiten kann. Narzissa ist mit ihren Kindern auch mit, sie genießen ihre neue Freiheit. Hagrid ist im verbotenen Wald, er versorgt Seidenschnabel, der im letzten Sommer zu ihm geflohen ist. Die Weasleys kommen erst im Sommer, immerhin gehen die Zwillinge, Ron und Ginny noch in Durmstrang in die Schule, aber sie sind die Wochenenden fast immer bei Charlie. Ich habe Hedwig erst gestern mit einem Brief zu ihnen geschickt.“

„Also ist dir langweilig.“, konstatierte Severus. Seine Mundwinkel zuckten kurz, als Harry schmollte. „Aber du kannst mir tatsächlich helfen. Der erweiterte Ahnentrank braucht heute eine Menge Aufmerksamkeit und Arbeit. Dort habe ich einige Einhornhaare vorbereitet, die müssen in gleich große, genau 8mm lange Stücke geschnitten werden. Nimm dazu das Messer mit der Diamantklinge, das daneben liegt. Pass aber auf, dass nichts hinunter fällt oder weg geweht wird.“

Konzentriert machte sich Harry an die Arbeit. Eine Weile arbeiteten sie schweigend nebeneinander. Severus kontrollierte die Einhornhaare nur mit einem kurzen Blick, dann nickte er Harry anerkennend zu, und ließ sie einzeln in den Kessel fallen. Jedes Stückchen Haar musste sich erst auflösen, bevor das nächste kam. Der Kessel war vergleichsweise klein, er wirkte fast wie ein Kinderspielzeug. Harry machte eine entsprechende Bemerkung.

„Ja, er ist klein. Das dürfte so ziemlich die kleinste Kesselgröße sein, die es gibt.“, nickte Severus. „Aber gerade bei Tränken, die nur wenig und in kleinen Mengen gebraucht werden, ist das optimal. Allerdings muss man hier noch exakter arbeiten als bei großen Mengen, hier ist jeder Fehler einer zu viel. Deshalb arbeiten Schüler auch nicht mit diesen geringen Mengen. Wobei es meist auch nur dann genutzt wird, wenn man teure oder seltene Zutaten verarbeitet. Der Trank, den wir hier brauen, enthält beides. Teure und seltene Zutaten. Salazar Slytherin hat ein gut ausgestattetes Labor, in dem alle Zutaten vorhanden sind, ansonsten wäre ich noch lange nicht so weit. Ich denke, morgen wird er fertig, dann muss er noch abkühlen. Bis dahin muss ich allerdings fast durchgehend rühren, deshalb werde ich heute Nacht nicht ins Bett kommen.“

„Kann ich dir noch was helfen?“, bat Harry.

„Ich muss hier rühren.“, überlegte Severus. „Du könntest mir drei Gramm Graphorn-Pulver abmessen und in einem Schälchen dorthin“, er deutete auf eine Arbeitsfläche, „stellen. Dann noch die Tentakelsamen, die ich bereits vorbereitet habe, mörsern. Ich brauche auch hier ganz feines Pulver.“

„Okay.“ Harry machte sich sofort daran, das Graphorn-Pulver abzuwiegen. Severus beobachtete ihn und sah zufrieden, wie exakt der Jugendliche nun arbeitete. Vor allem im Vergleich zum Unterricht früher. Harry hatte ihm gestanden, dass er es früher selbst mit seiner Brille nicht richtig hatte lesen können. Schon gar nicht genau abwiegen. Das war einer der Gründe, warum es nicht klappte. Außerdem war er durch die Aufmerksamkeit des Tränkemeisters nervös geworden und hatte dann nicht mehr konzentriert arbeiten können. Durch die Augenkorrektur im letzten Jahr konnte er es leichter lesen, er nutzte nun auch Zauber, um sich wichtige Stellen zu markieren, und zu guter Letzt ließ er sich von Severus nicht mehr so leicht verunsichern. Jamin hatte entschieden, die Jugendlichen, also Draco, Hermine, Luna und Harry, in ihrem ursprünglichen Jahrgang zu belassen und zu sehen, ob sie mit den Anforderungen zurecht kamen.

„Was macht die Wunde an deinem Flügel?“, erkundigte sich Severus schließlich. Seit einigen Tagen cremte Harry sich selbst ein, da sie aufgrund des Trankes nicht so viel Zeit miteinander verbringen konnten.

„Sie ist geschlossen und tut nicht mehr weh.“, informierte Harry. „Selbst wenn Matayo mal wieder seine Hände genau da reinsteckt, merke ich nicht mehr, als wenn er sich an eine andere Stelle macht. Sie geht auch nicht mehr auf, und es brennt nicht mehr beim Duschen. Heiler Smethwyck hat sie sich heute nochmal angesehen, er meint, noch heute alles wie gehabt, und spätestens morgen kann ich versuchen, sie einzuziehen. Oder zu fliegen, wenn ich will. Er wird es mit mir versuchen, hat er versprochen. Aber ich werde es irgendwo machen, wo keiner zusehen kann. Ich will mich schließlich nicht blamieren.“

Severus schmunzelte. „Wenn du magst, bin ich dabei. Das können wir in der Abkühlzeit des Trankes machen.“, bot er an. „Und jetzt solltest du nach oben gehen, immerhin wolltest du mit deinem Paten zusammen auf Mittag essen.“

„Stimmt.“ Harry wirkte verwirrt, er hatte nicht gemerkt, wie lange er schon hier war. „Dann sehen wir uns erst morgen früh?“

„Wahrscheinlich.“ Severus gab ihm einen kurzen Kuss. „Geh schon, mein kleiner Bengel. Und schlaf' gut heute Nacht.“

„Vergiss das Essen nicht, Sev.“, erinnerte Harry. „Ich schicke dir Dobby runter.“

„Ich rufe ihn, wenn ich soweit bin, dass der Trank einige Zeit keine Aufmerksamkeit braucht.“, schüttelte Severus den Kopf. Er wusste, dass Harry ein gespaltenes Verhältnis zum Essen hatte, seit er bei seinen Verwandten – oder auch nicht – hungern hatte müssen. Vielleicht gerade deshalb achtete er umso mehr auf seinen Gefährten, der ebenfalls dazu neigte, das Essen zu vergessen, wenn er mit einem Trank beschäftigt war. So kümmerten sie sich umeinander.

Nach einem letzten Kuss verließ Harry das Labor und ging den Weg durch den Wald. Der war nun nicht mehr allgemein verboten, aber es sollte kein Aufenthaltsort werden, damit die Wesen, die ihn brauchten, einen Ort zum Zurückziehen hatten. Noch waren die Zugänge zur Kammer mit Parsel gesichert, doch Harry wusste, dass es Überlegungen gab, sie zu öffnen und für Trainingsduelle oder praktische Verteidigungsstunden zu nutzen. Das war sicher praktischer, als es in der Schule oben zu machen, die Klassenräume waren einfach zu klein dafür. Außerdem konnte man hier sichergehen, dass keine jüngeren Schüler da waren. Und hier war es wetterunabhängig, schließlich gab es eine Decke. Sehr weit oben, sodass sogar Bäume wuchsen. Aber den Zugang mussten sie noch vereinfachen, schließlich konnte man nicht jedes Mal durch den verbotenen Wald gehen, das dauerte einfach zu lange. Vielleicht einen Aufzug wie im St. Mungos? Harry lief fast zwanzig Minuten, dann erst war er am Portal und konnte in die Schule gehen. Eilig rannte er nach oben zur Wohnung seines Paten. Da er das Passwort kannte, öffnete er einfach und trat ein. Nanu, wo war Sirius? Der Wohn- und Essraum war leer.

Harry sah sich um, es gab keine Nachricht. War Sirius im Bad? Der Jugendliche wartete einige Minuten, dann klopfte er an die Tür, doch keine Reaktion. Vorsichtig sah Harry hinein, leer. Also entschied er, einen Blick ins Schlafzimmer zu werfen, denn inzwischen machte er sich große Sorgen. Sein Pate hatte viel mitgemacht, erst Askaban und die Flucht, dann die Gefangenschaft bei Dumbledore und Remus' Tod, seine Verletzungen und die Tatsache, dass er der Gefährte von Lucius war. Die seltsame Beziehung der Beiden half ihm sicher nicht, endlich anzukommen. Ständig stritten sie, aber dennoch hatten sie etwas wie eine Beziehung. Immerhin hatte Lucius dafür gesorgt, dass Sirius nun frei war. Jetzt konnte Lucius aussagen, dass Pettigrew damals das Geheimnis an den dunklen Lord verraten hatte, ohne sich selbst als Spion zu enttarnen. Dennoch hatte sich Sirius in den letzten Tagen ziemlich stark zurückgezogen, deshalb entschied Harry, nach ihm zu sehen, und öffnete die Schlafzimmertür. In dem Moment wusste er nicht nur, dass Sirius da war, sondern auch, dass es ihm verhältnismäßig gut ging.

Harry wusste, er sollte die Tür schließen, aber er konnte es einfach nicht. Zu sehr faszinierte ihn, was er sah. Sirius war nackt und wurde von Lucius an die Wand gedrückt, während sie sich vereinigten. „Verdammter Mistkerl, tiefer!“, verlangte Sirius. Er vergrub seine Finger in den langen, blonden Haaren und zog Lucius dichter zu sich. Schweißgebadet und keuchend umschlangen sie einander und stöhnten auf. Harry riss sich los und schloss leise die Tür. Mit einem Lächeln auf den Lippen bestellte er ein Essen für drei Personen bei Dobby. Er gönnte es seinem Paten, und gerade hatte er gesehen, wie zufrieden er aussah. Vielleicht war das seine Art, mit dem Verlust von Remus und der neuen Zuneigung zu Lucius umzugehen.

Um die Wartezeit zu verkürzen, schnappte er sich die heutige Tageszeitung. Er las über die aktuellen Verfahren. Die meisten Todesser waren bereits verurteilt und saßen nun ohne ihre Magie in Askaban. Mit den Anhängern des selbsternannten Lords hatten die Prozesse begonnen. Harry hatte versprochen, allen das Mal zu entfernen, die ungewollt dazu gezwungen worden waren. Lucius' Mal hatte er bereits vor einigen Tagen entfernt, als sich seine Magie erholt hatte. In den nächsten Tagen würde Lucius ihm sicher sagen, wen er noch ‚behandeln‘ sollte. Diese Menschen, die es nicht gewollt hatten und nur unter Zwang gefolgt waren, sollten in Zukunft ein freies Leben haben, und wenn sie das Mal nicht mehr hatten, dann erst konnte niemand mehr etwas sehen und sie verurteilen. Deshalb wollte Harry helfen. Aus diesem Grund standen auch die entsprechenden Namen nicht in der Zeitung, die Prozesse wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt. Für die Presse gab es dennoch genug, denn die verurteilten Todesser wurden nicht so gut geschützt, ihre Geschichten landeten in der Zeitung. Genau wie auf der anderen Seite, denn seit gestern wurden die Anhänger Dumbledores befragt. Einer der ersten Verurteilten, von denen Harry nun in der Zeitung las, war Percy Weasley. Innerhalb eines Jahres hatte er sich in den engsten Kreis um Dumbledore hochgearbeitet. Harry schauderte und blätterte weiter. Über die Prozesse wollte er nichts mehr lesen. Aber in der Zeitung stand auch noch Einiges über magische Wesen, damit die Zauberwelt nun endlich aufgeklärt wurde. Das fesselte Harry deutlich mehr.

Eine halbe Stunde später öffnete sich schließlich das Schlafzimmer, Sirius und Lucius traten heraus und stoppten, als sie Harry entdeckten. „Oh, verdammt, ich habe vergessen, dass du zum Essen kommen wolltest. Tut mir leid, Kleiner!“, entschuldigte sich Sirius mit roten Wangen.

„Schon gut, ich habe Essen für uns alle bestellt. Setzt euch.“, grinste Harry.

„Woher wusstest du, dass ich … oh.“, machte Lucius. Auch er lief rot an, als er realisierte, wie Harry vermutlich herausgefunden hatte, dass er hier war. Er hoffte, dass Sirius nun endlich anfangen würde, ihre Beziehung als das zu sehen, was sie war. Bisher schien es, als würde Sirius zwar die körperliche Befriedigung schätzen, aber mehr nicht. Für Lucius bedeutete es aber viel mehr. Er wollte für seinen Gefährten da sein, aber das war schwer, wenn dieser es nicht zuließ. Ihm war bewusst, dass Sirius noch viel zu verarbeiten hatte, aber bisher blockte der Animagus stets ab, ging ihm aus dem Weg. Lucius suchte nach einem Weg, ihn endlich zu fassen zu bekommen, damit er mit ihm reden konnte. Natürlich gefiel ihm der Sex, aber das war nicht alles, was er wollte. Es frustrierte ihn, dass er nicht weiter kam. Schweigend setzten sie sich an den kleinen Tisch und begannen mit dem Essen.

Irgendwie war dieses Schweigen nicht besonders angenehm, fand Harry, aber ihm fiel auch nichts ein, womit er es durchbrechen konnte. „Wie geht's dir?“, fragte er schließlich seinen Paten.

„Gut.“, war Sirius' einsilbige Antwort. Er lächelte, doch es wirkte wie eine Grimasse.

„Und jetzt wirklich.“, schüttelte Harry den Kopf. Es war viel zu offensichtlich, dass dies nicht die Wahrheit war.

„Harry, es geht mir gut.“, insistierte Sirius verärgert. „Was wollt ihr alle von mir? Warum wollt ihr immerzu wissen, wie es mir geht? Man sieht doch, dass es mir gut geht!“

„Sirius, du hast viel mitgemacht. Askaban, die Gefangenschaft bei Dumbledore, der Tod von Remus und jetzt auch noch die Gefährten-Sache. Es wäre doch nur natürlich, wenn ...“, begann Harry.

„Nun lass es endlich gut sein!“, schimpfte Sirius. „Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst, Kleiner!“ Er merkte nicht einmal, wie sehr er Harry damit verletzte.

„Verdammt, es reicht!“, donnerte Lucius mit einem Mal. Harry zuckte zusammen, doch Lucius ignorierte es. Er war an dem Punkt angelangt, wo er keine Rücksicht mehr nehmen wollte, nicht mehr konnte. „Es reicht, wenn du mit mir so umspringst, das könnte ich vielleicht noch verstehen. Aber Harry ist dein Patensohn, der Junge, der dir angeblich alles bedeutet. Und jetzt fährst du sogar ihn so an! Sieh ihn dir an, Sirius, Harry macht sich Sorgen um dich. Er liebt dich und ist fix und fertig, weil es dir nicht gut geht.“ Lucius stand auf und ging einen Schritt auf seinen Gefährten zu, atmete tief durch und sah tief in die grauen Augen. „Sirius, ich weiß, dass du Remus geliebt hast, und ich verlange nicht von dir, diese Zeit zu vergessen. Remus wird immer in deinem Herzen sein, und das ist auch vollkommen in Ordnung. Aber du weißt, was ich für dich empfinde, ich … ich liebe dich und ich brauche dich. Du hast mir, im vollen Wissen, was das bedeutet, dein Blut angeboten. Du gibst mir dein Blut und schläfst mit mir, aber du bist nicht bei mir in Gedanken. Das ist nicht, was ich will, das kann ich nicht. Mein Vampir – und ich auch – brauchen mehr. Ich will keine rein körperliche Beziehung. Also bitte, entscheide dich endlich, was du willst. Du machst uns beide kaputt.“ Heftig atmend stand er am Tisch und war bereit, nach draußen zu gehen. Selbst Harry konnte sehen, dass er kurz vor einem Zusammenbruch stand.

„Ich … ich ...“ Sirius gestikulierte ein wenig hilflos und brach ab, vergrub sein Gesicht in den Händen. Er atmete mehrmals tief durch. „Harry, es tut mir leid, mein Kleiner. Es ist nicht leicht. Lucius, ich habe lange gelernt, dich zu hassen. Ich liebe Remus, immer noch. Seit wir noch in Hogwarts waren, hatten wir eine Beziehung. Genau hier in diesem Schloss! Jeder Stein, jeder Raum, alles hier erinnert mich an Remus. Hier wurden wir gefangen gehalten, hier starb Remus.“ Er schluchzte auf. Lucius überlegte nicht lange und nahm ihn in den Arm. „Es … es ist alles so viel. Ich weiß nicht mehr, was ich fühlen soll, was ich tun soll.“

Der Blonde setzte sich auf das Sofa und zog Sirius mit sich. Beruhigend strich er über den Rücken des Schwarzhaarigen. „Sirius, ich bin hier. Statt dich in den Sex mit mir zu flüchten und ständig zu streiten, solltest du mit mir reden.“, murmelte er. „Niemand wird dich verurteilen, wenn du Zeit brauchst, aber ich will das wissen. Rede mit mir. Ich bringe dich hier weg, wenn es dir hilft, egal wohin.“

„Aber Harry, er … er braucht mich doch.“, schniefte Sirius.

„Sirius, er ist in guten Händen.“, beruhigte Lucius.

„Ja, Siri, mir geht's gut hier.“, stimmte Harry zu. Er setzte sich zu den Beiden und strich über den Rücken seines Paten. „Severus ist da, genau wie Jamin. Hermine, Draco, Blaise und Luna lassen mich auch kaum aus den Augen, Narzissa passt ebenfalls auf. Also mach' dir keine Sorgen und kümmere dich nur um dich.“

„Sirius?“, fragte Lucius nach einer ganzen Weile, in der Sirius nur leise schniefte und sich an ihn schmiegte.

„Bring mich weg!“, wisperte der Grauäugige schließlich. „Ich … ich krieg' hier keine Luft mehr.“

„Komm her.“, zog Lucius ihn erneut an sich und diesmal ließ Sirius sich komplett fallen. „Willst du gleich verschwinden oder noch diese Nacht hier bleiben?“

„Gleich.“, gestand Sirius. Entschuldigend blickte er zu Harry, der ihn nur traurig anlächelte und aufmunternd zunickte.

„Dann komm, packen wir deine Sachen, wenigstens für ein paar Tage. Dann haben wir Zeit zum Einkaufen.“, entschied Lucius. Er sah Harry an. „Tut mir leid, Harry, aber ich denke, das braucht dein Pate jetzt.“

Der Jugendliche nickte. „Schon gut. Sirius, erhol' dich und lerne Lucius kennen.“, meinte er. „Wir bleiben in Kontakt, ich schicke Hedwig zu dir, wenn sie wieder da ist.“

„Danke, mein Kleiner!“ Sirius umarmte Harry. Man sah ihm an, dass er sich zerrissen fühlte. Doch Harry war ihm nicht böse, im Gegenteil, er spürte, dass Lucius seinem Paten wirklich helfen wollte. Es würde sicher nicht leicht, da Lucius als Minister viel Zeit im Ministerium verbringen musste, aber Sirius würde es gut tun, hier raus zu kommen. Gemeinsam packten sie, was Sirius brauchte. Er hatte ohnehin nicht viel, aber das würde sich bald ändern, da kannte Harry Lucius gut genug. Nicht wenig seiner eigenen Garderobe hatte er dem Blonden zu verdanken. Er umarmte beide Erwachsene noch einmal zum Abschied – was Lucius sichtlich irritierte – dann stand er mit einem Mal alleine da. Seufzend ging er aus der Wohnung, wollte Jamin Bescheid geben, dass Sirius nicht mehr hier war. Mit dem Schulleiter und Onkel seines Gefährten verstand er sich gut, der Ältere hatte ihm die persönliche Anrede angeboten, da er nun wohl zur Familie gehörte.

„Harry!“, grüßte ihn der ältere Meermann. „Ist etwas passiert?“

„Nein. Ja. Ach, nicht direkt.“, stammelte Harry.

„Jetzt langsam und von vorne.“, bat Jamin und bot Harry einen Platz auf dem Sofa vor dem Kamin an.

„Sirius und Lucius hatten einen Streit.“, berichtete Harry. „Siri ist zusammen gebrochen und mit Lucius gegangen. Er musste hier raus, zu viele verschiedene Erinnerungen.“

„Und wie geht es dir?“, erkundigte sich Jamin besorgt.

„Eigentlich war es absehbar.“, seufzte Harry. „Ich bin froh, dass Lucius sich kümmert, mir hätte er das nie anvertraut. Er braucht jemand Starken an seiner Seite.“ Er atmete durch und lächelte ein wenig kläglich. „Ich wünschte nur, er wäre noch da, wenn der Trank morgen fertig ist. Er sollte es gleich erfahren.“

„Severus ist fertig?“, staunte Jamin.

„Fast.“, nickte Harry. „Heute Nacht muss er noch brauen, morgen kann der Trank dann abkühlen.“

„Du bist aufgeregt, nicht wahr?“ Harry nickte nur. Jamin lächelte und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Willst du wissen, was dich erwartet? Ich kann dir nicht sagen, was du sein wirst, es gibt genug Möglichkeiten, aber vielleicht kann ich dir ein wenig mehr über Meermenschen erzählen, damit du über Severus noch ein bisschen besser Bescheid weißt.“ Lächelnd nickte Harry erneut. „Okay, dann komm. Hast du schon gegessen?“ Harry nickte. „Gut, dann nur Tee. Also, wo fange ich an? Dass er sich bei Kontakt mit Wasser verwandelt, hast du sicher schon mitbekommen. Vor allem Salzwasser drängt ihn dazu, sich zu verwandeln. Er kann es unterdrücken, um sich nicht zu verraten, aber das ist ziemlich anstrengend. Meerwasser hat auch heilende Eigenschaften für uns. Ohne Kontakt zu Meerwasser könnte er sich irgendwann nicht mehr regenerieren, daher sollte unsereins regelmäßig ins Wasser, auch wenn es kein Problem ist, wenn wir komplett in der Menschenwelt leben. Seine Leidenschaft zum Tränke brauen kommt nicht von irgendwo, sondern ist eine der Fähigkeiten, die Meermenschen intuitiv haben, genau wie heilende Hände. Das bedeutet, wir brauchen keinen Zauberstab und keine Magie, wie du sie kennst, um zumindest kleinere Verletzungen zu heilen. Das allerdings nicht an uns selbst, warum auch immer. Und wir können über Hautkontakt eine telepathische Verbindung herstellen, gerade deswegen wirst du Severus nie in knapper Bekleidung sehen, er will das so oft wie möglich vermeiden. Die meisten Meermenschen halten das so. Natürlich kann man sich dagegen wappnen, mit Okklumentik zum Beispiel, aber es ist anstrengend, daher vermeiden wir Hautkontakt nach Möglichkeit. Ansonsten unterscheiden wir uns kaum von Zauberern, auch wenn wir deutlich langlebiger sind. Nicht alle von uns haben Magie im Sinne dessen, was die Zauberwelt als magisch definiert, Severus ist auch in dieser Beziehung außergewöhnlich, weil er so ein starker Magier ist.“

Harry schwieg und dachte darüber nach. Das waren eine Menge Informationen auf einmal, selbst wenn er einen Teil bereits kannte. Er war Jamin dankbar, dass der ihm alles erzählte. „Und was ist mit mir?“, wisperte er.

„Ich weiß es nicht, Harry.“, schüttelte Jamin den Kopf. „Es gibt viele Möglichkeiten, da wir bisher nur wissen, dass du Flügel hast. Veelas, Engel, sogar einige Elfen haben derartige Flügel.“ Er unterbrach sich, als Heiler Smethwyck im Kaminfeuer auftauchte. „Guten Abend, Hippocrates. Du bist wegen Harry hier, nicht wahr?“

„Ja, ich würde gerne nach deinem Flügel sehen.“, nickte der Heiler. „Du machst es mir heute leicht, ich dachte schon, ich müsste dich erneut im ganzen Schloss suchen!“ Harry wandte sich grinsend um und streckte den Flügel aus. Die Kontrolle fiel ihm nicht mehr so schwer, aber es war immer noch ungewohnt. Die Hände des Heilers in den Federn behagten ihm nicht so sehr, aber er akzeptierte es. Bei den Kindern störte es ihn seltsamerweise nicht, aber Erwachsene durften das normalerweise nicht. Es dauerte nicht lange, aber es war unangenehm für Harry. Nicht schmerzhaft, dennoch wollte er am liebsten seine Flügel an sich ziehen. Der Heiler bewegte die Gelenke der Flügel hin und her und strich über die frische Narbe. „Sehr gut.“, zog er seine Hände schließlich zurück. „Die Wunde ist verheilt, du kannst nun deine Flügel verwenden. Anfangs lieber noch ein wenig vorsichtig, und nicht zu hoch fliegen, damit du kein Risiko eingehst.“

„Was denken sie, was ich bin, Heiler Smethwyck?“, erkundigte sich Harry. „Können sie mir beibringen, die Flügel richtig zu benutzen? Ich meine, ich kann sie bewegen, aber ...“

„Ich bin fast sicher, dass du Lysanders Enkel bist, somit wärst du ein Schutzengel.“, antwortete Smethwyck. „Aber ganz sicher kann ich nicht sein.“ Er ließ seine eigenen Flügel erscheinen, die nicht hell- sondern creme-weiß waren. Außerdem deutlich größer als Harrys Schwingen, aber dennoch sehr ähnlich in der gesamten Form. „Ich werde dir helfen, die Flügel zu kontrollieren. Wir sollten nach draußen gehen, dort haben wir mehr Platz.“

Dankbar nickte Harry und folgte dem Älteren nach draußen. Schnell waren sie vor dem Schloss angekommen. Smethwyck zeigte Harry, wie er seine Flügel besser kontrollieren konnte. Gemeinsam machten sie verschiedene Bewegungen, zogen sie an, breiteten sie wieder aus, probierten verschiedene Manöver. Harry stöhnte bald, weil er Muskelkater bekam, aber da er merkte, wie es ihm immer leichter fiel, seine neuen Anhängsel zu kontrollieren, machte er weiter. Am Ende flogen sie eine Runde, gerade als die Sonne unterging. Der Ältere hielt Harrys Hände, um seinen Flug zu stabilisieren, ansonsten wäre Harry wahrscheinlich bereits abgestürzt. Noch wusste er nicht genau, wie das Fliegen richtig ging. In der Schlacht hatten seine Instinkte es kontrolliert, aber darauf konnte er gerade nicht zurückgreifen.

„Ich denke, das reicht für heute.“, fand Smethwyck nach dieser Runde. „Jetzt kannst du sie einziehen. Das ist gar nicht so schwer. Schließ' die Augen und atme tief durch, dann konzentrierst du dich auf die Flügel. Stell' dir vor, wie sie sich zusammenfalten und in deinen Rücken zurückziehen. Genau so kannst du sie übrigens auch herausholen. Aber tu' dir selbst einen Gefallen und denk' dabei an deine Kleidung, dass sie nicht zerreißt. Sicher wird das die ersten Male noch immer mal wieder passieren, das ist normal. Es ist eine Übungssache, hat aber auch mit Konzentration zu tun.“

Mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirn stand Harry nun auf dem Rasen, der noch vor wenigen Tagen ein Schlachtfeld gewesen war. Dank der Naturmagie der Elfen sah man davon nichts mehr. Einige Minuten passierte nichts, dann verschwanden die Flügel. Erleichtert atmete Harry auf. Der Heiler grinste nur. „Du solltest dich umziehen!“, riet er. Erschrocken fuhr Harry herum, was Smethwyck zum Lachen brachte, denn natürlich konnte Harry deswegen auch nicht seinen Rücken ansehen. Mit den Händen tastete der Jugendliche und entdeckte zwei lange Risse in seinem Hemd und dem Umhang. Er fluchte leise.

„Wie ich sagte, reine Übungssache.“, lachte Smethwyck immer noch. „Vielleicht versuchst du es anfangs mit dieser Kleidung, dann geht nicht zu viel kaputt! Und nein, diese Risse kann man leider nicht magisch verschwinden lassen. Aus irgendeinem Grund versagt die magische Reparatur bei solchen Dingen. Aber ich bin sicher, du schaffst es bald. Also, gute Nacht!“

„Vielen Dank! Auch ihnen eine gute Nacht!“, lächelte Harry, als er sich von Heiler Smethwyck verabschiedete.

„Meine Gefährtin wartet, sie wird sich schon Sorgen machen.“, murmelte der Heiler. „Aber mich würde das Ergebnis des Trankes interessieren, wenn du es mir denn sagen willst. Meine Gefährtin würde dich auch gerne kennen lernen, nachdem ich so viel von dir gesprochen habe in den letzten Tagen.“ Er schenkte Harry ein beruhigendes Lächeln. „Aber erstmal solltest du dir Zeit für deinen Gefährten nehmen. Wahrscheinlich suchst du automatisch seine Nähe. Das ist völlig normal. Nimm dir Zeit, lernt euch noch besser kennen.“

„Danke für die Hilfe mit den Dingern!“, grinste Harry und deutete nach hinten. Gut, die Flügel hatte er inzwischen eingezogen, aber es war deutlich, was gemeint war. „Irgendwie ist das immer noch ziemlich unglaublich.“

„Verstehe ich. Aber wie gesagt, du hast Zeit. Nimm sie dir auch. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“ Der Heiler nickte ihm noch einmal zu, dann ging er zum Portal, von wo aus er apparieren wollte.

Harry ging zurück ins Schloss, wo in der großen Halle gerade das Abendessen bereit stand. Rasch rannte er zu der Wohnung von ihm und Severus, um sich umzuziehen, dann zurück in die Halle. Er setzte sich zu Neville, Hermine und Luna, die mit Draco an einem der Gemeinschaftstische saßen. Das war eine Neuerung, die Jamin zu verdanken war, er hatte die Haustische ersetzt, um mehr Verbundenheit zu schaffen.

„Hey, die Flügel sind weg!“, erkannte Hermine. „Also ist die Wunde verheilt?“

„Jap, wie neu!“, lachte Harry. „Ich habe mit Heiler Smethwyck geübt, langsam kriege ich den Dreh raus. Severus muss heute Nacht noch brauen, morgen ist dann der Trank fertig.“

„Sirius ist mit Lucius gegangen, nicht wahr? Es wird ihm helfen, hier weg zu kommen.“, sprach Luna abwesend. „Dein Pate braucht Ruhe, um alles zu verarbeiten. Lucius wird sie ihm geben, er wird ihm neue Struktur geben und einen Weg zeigen. Bald wird alles gut, für euch beide.“

Das erleichterte Harry tatsächlich. „Danke, Luna!“, umarmte er die Blonde. Jetzt schmeckte ihm das Essen auch deutlich besser. Sie blieben relativ lange sitzen, plauderten entspannt. Nur Blaise war nicht da, er kümmerte sich um seine Schwester, da Devon arbeiten musste.

„Wenn du magst, leiste ich dir Gesellschaft.“, bot Hermine an, als sie schließlich alleine waren.

„Das wäre schön.“, gestand Harry, der in dieser Nacht wirklich nicht alleine sein wollte. Er brachte Hermine in die Wohnung, die er mit Severus bewohnte.

Ein wenig neugierig sah sich die Braunhaarige um, noch nie war sie hier gewesen. Obwohl sie schon seit ihrem Wiedersehen in der Kammer ahnte und bald auch wusste, dass Harry in Severus verliebt war, und schließlich sogar erfuhr, dass sie Gefährten waren, hatte sie immer ein wenig Abstand vor allem zu Severus gehalten. Sie akzeptierte für Harry, dass die beiden Männer sich liebten, sie respektierte auch den Tränkemeister, aber dennoch hielt sie sich fern, sie würden so schnell wohl keine Freunde werden. „Harry?“, fragte sie leise. Sie zog ihn zu sich auf das Sofa. „Was ist los? Es ist nicht nur der Trank, irgendwas Anderes betrübt dich noch.“ Sie hielt inne und runzelte die Stirn, während sie ihn musterte. „Es ist der Horkrux in dir, nicht wahr?“

Harry nickte zögernd. Hermine war einer der wenigen Menschen, die davon wussten, daher konnte er ihr gegenüber ehrlich sein. „Zum Teil. Aber auch die Frage, was damals wirklich passiert ist. Mit meinen Eltern. Ich meine, wir wissen, dass Pettigrew der Geheimniswahrer war, und dass er sie verraten hat an Voldemort. Aber wie konnte Dumbledore Hagrid dorthin schicken, um mich zu holen, wenn er nicht eingeweiht war? Severus meinte, dass Mom misstrauisch gewesen sein muss, weil mein Verlies in Gringotts mit Magieschutz gesichert war und ist. Ich habe das Gefühl, dahinter steckt mehr, und ich will sehen, ob ich etwas herausfinde.“

„Vielleicht sollten wir nach Gringotts gehen und in deinem Verlies nachsehen.“, schlug Hermine vor. „Wer weiß, möglicherweise findest du dort einen Hinweis. Zumindest habe ich gelesen, dass die reinblütigen Zauberfamilien häufig Briefe in den Verliesen für ihre Erben hinterlassen. Auf jeden Fall schadet es nicht, dort nachzusehen. Du meintest einmal, dass du nur ungern dort reingehst, und nie genauer nachgesehen hast, was dort alles ist.“

„Stimmt, ich habe immer nur ein wenig Gold genommen.“, stimmte Harry zu. „Es erschien mir immer falsch, in den Sachen meiner Eltern herumzustochern.“

„Ich verstehe dich, aber es ist auch eine Möglichkeit für dich, deine Eltern kennen zu lernen.“, überlegte Hermine. „Aber jetzt genug davon, für heute ist es zu spät, die Bank ist schon zu. Und morgen wartet der Trank auf dich, dann findest du mehr über deine Familie heraus.“

Harrys Blick begann zu leuchten. „Ich bin wirklich gespannt, ob die Theorie von Heiler Smethwyck zutrifft. Ich … ich wünsche mir wirklich, dass die Dursleys nicht meine Verwandten sind. Waren. Ist das schlecht?“

„Nein, Harry, im Gegenteil, das ist verständlich, wenn man deine Vergangenheit kennt.“, schüttelte Hermine den Kopf. „Dumbledore hat in all den Jahren viel vertuscht, aber Ron und ich haben uns Gedanken über dich gemacht. Ich meine, da waren die offensichtlichen Dinge, du bekamst zu wenig zu essen, musstest die ganzen Arbeiten erledigen, durftest deine Zaubersachen nicht haben. Außerdem wurdest du von Jahr zu Jahr schreckhafter, Ron hat die blauen Flecke gesehen, die du nach den Ferien immer hattest. Wir haben uns gefragt, ob Dumbledore das nicht sah, oder nicht sehen wollte. Und wenn er es nicht sehen wollte, was hatte er dann vor? Rons Eltern haben erst gezweifelt, aber wir haben Jahr für Jahr mehr erzählt, und sie glaubten uns schließlich. Das war auch der Punkt, warum meine Eltern mit mir gegangen sind, sie wollten mich dem Risiko nicht länger aussetzen. Mister und Mrs. Weasley haben angefangen, im Orden auf Kleinigkeiten zu achten. Sie haben versucht herauszufinden, was Dumbledore mit dir vorhatte. Sie sind und waren immer auf deiner Seite, auch wenn es nicht immer deutlich war. Nur Percy nicht, aber das weißt du sicher. Es tut ihnen weh, dass ausgerechnet eines ihrer Kinder dich verraten hat. Vor allem wegen Dumbledore sind sie zu Charlie gegangen. Dort waren sie außerhalb seiner Reichweite. Sie wollten dir helfen, als alle nach dir suchten, aber sie haben dich nicht gefunden. Ihre Hoffnung war, wenn sie dich nicht finden, dann würde auch Dumbledore dich nicht finden. An Du-weißt-schon-wen hatten sie nicht gedacht, da sie keine Ahnung hatten, wie sehr er es auf dich abgesehen hatte. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass der sogenannte dunkle Lord sich aktiv auf die Suche nach einem Jugendlichen machen würde. Auch wenn dieser Jugendliche angeblich dazu in der Lage sein sollte, ihn zu töten.“ Sie lächelte und drückte mit der Hand auf den Arm ihres besten Freundes. „Sie waren wirklich froh, als sie von Mister Lovegood hörten, dass es dir gut geht und du in Sicherheit bist.“

Harry fühlte unglaubliche Dankbarkeit gegenüber Hermine und den Weasleys. Er lehnte sich an die Braunhaarige und schloss die Augen, genoss die streichelnde Hand auf seinem Rücken. So musste es sich anfühlen, eine Schwester zu haben. Für ihn war Hermine immer eine gute Freundin, aber erst hier und jetzt wurde ihm bewusst, dass sie seine Schwester war. Eigentlich schon immer, aber jetzt im Besonderen. Langsam schlief er ein, immer noch an Hermine geschmiegt, die letztlich auch ihre Augen schloss.

So fand Severus sie am frühen Morgen. Mit einem leisen Schmunzeln ging er ins Bad und erst einmal unter die Dusche, um die Spuren der letzten Tage von sich abzuwaschen. Anschließend bestellte er sich bei den Hauselfen einen Kaffee, dann setzte er sich in einen Sessel und wartete. Er hatte Zeit, der Trank brauchte noch etwa zwei Stunden, um abzukühlen, dann erst war er bereit zur Benutzung. Mit einem Buch verging die Zeit wie im Flug, und schließlich war es soweit. Da Harry inzwischen wach war – Hermine hatte sich nach dem Aufwachen mit roten Wangen entschuldigt und war hastig verschwunden – gingen sie gemeinsam ins Labor Salazars, wo sie den Ahnentrank mit einigen Tropfen von Harrys Blut versetzten und dann auf ein großes Pergament gossen. Nun mussten sie warten, bis das Ergebnis angezeigt wurde.

„Alles in Ordnung, Harry?“, erkundigte sich Severus nach einer Weile, während der sich Harry an ihn klammerte. Seine Anhänglichkeit zeigte deutlich, dass auch sein inneres Wesen Severus als Gefährten ausgewählt hatte. Gerade weil er noch so jung war, brauchte er die Nähe seines Gefährten. Oder steckte mehr dahinter? War er tatsächlich ein Schutzengel? Diese brauchten einen Gefährten, konnten nicht ohne existieren. Severus befürchtete es fast, dabei wollte er dem Jungen viel mehr Zeit lassen, sich zu entscheiden. Wobei der immer wieder beteuerte, dass er absolut sicher war. Konnte er wirklich jetzt schon sicher sein? Harry war schon immer mehr wie ein Erwachsener, aber trotzdem war Severus unsicher, ob er auf Harrys Sicherheit gehen konnte. Er hoffte, dass dem so war,denn er selbst wollte den Jugendlichen nicht mehr missen. Dennoch würde er nichts überstürzen. Er hatte ein wirklich langes Leben vor sich, genau wie Harry vermutlich, da konnte er in Ruhe erwachsen werden. Severus wusste, auch er selbst brauchte noch Zeit, die Jahre als Spion zu verarbeiten. Verdrängung funktionierte, wenigstens eine gewisse Zeit. Aber irgendwann kamen die Erlebnisse zurück.

„Siri.“, murmelte Harry letztlich doch noch als Antwort. Severus' Augenbraue hob sich fragend. „Naja, ich ...“ Harry brach ab und lief dunkelrot an. „Ich habe ihn und Lucius erwischt. Im Schlafzimmer.“ Wie auch immer er es schaffte, Harry wurde noch dunkler. Die Mundwinkel des Tränkemeisters zuckten amüsiert, aber er beherrschte sich. „Danach haben wir gegessen, aber Lucius war klar, dass ich sie gesehen habe. Er hat Sirius zur Rede gestellt, denn er war der Meinung, dass irgendetwas nicht stimmte. Sirius ist zusammen gebrochen, und Lucius hat ihn ins Manor gebracht.“

„Dort ist er in guten Händen.“, tröstete Severus. Kein Wunder, dass Harry so durch den Wind war. „Lucius wirkt zwar nicht so, aber er ist ein sehr geduldiger, liebevoller und einfühlsamer Mann. Frag Draco, er wird es dir bestätigen. Und er wird sicherlich jemanden hinzuziehen, der Sirius wirklich helfen kann. Natürlich wird dein Pate eine Weile brauchen, bis er sich erholt, aber das wird er mit Sicherheit. Vielleicht war der Zusammenbruch notwendig, nun kann er endlich anfangen, alles zu verarbeiten.“

„Er hat so viel mitgemacht.“

„Ja, das hat er.“, küsste ihn Severus kurz auf den Scheitel. „Aber das hast du auch und dir geht es inzwischen wieder relativ gut. Ich denke, wir sollten uns bald Zeit nehmen, über die letzten Tage zu reden, dann schläfst du sicher auch wieder besser.“ Und er selbst wohl auch, aber das sagte Severus nicht.

Harry schmiegte sich in die beschützenden Arme. Er wusste, der Ältere hatte Recht, immerhin hatten sie es vor einigen Monaten schon einmal geschafft. Das konnte er nochmal. Vor allem, wenn Severus bei ihm war. Sirius und Lucius waren ebenfalls Gefährten, und sie waren wohl schon gebunden, so wie Harry es verstanden hatte. Also konnten die Beiden das auch schaffen. „Danke.“, murmelte er.

„Dafür nicht.“ Severus berührte mit den Lippen Harrys Stirn. Wie war es zu dieser Weichheit von ihm gekommen? Früher hätte er sich derartige Berührungen nicht vorstellen können! Lag es daran, dass er hier mit seinem Gefährten saß? Oder war es eher, weil er nun nicht mehr so darauf bedacht sein musste, zwei Seiten etwas vorzuspielen? Keinen Drahtseilakt mehr vollziehen musste? Egal was es war, ihm wurde bewusst, dass es ihm gefiel. Sogar sehr. Er zog Harry noch etwas dichter an sich und genoss es, die Ruhe zu spüren. Auch Harry schien es zu genießen, er schmiegte sich in die Arme und atmete tief ein. Severus schloss die Augen und genoss die Nähe.

„Wann gehen wir zu den Elfen?“, erkundigte sich Harry irgendwann.

„Ich denke, wir klären erst noch die Geschichte deiner Vergangenheit und Lilys Herkunft.“, entschied Severus. „Wenn es dir Recht ist. Aber zu viel auf einmal ist auch nicht das Wahre.“

„Du hast Recht.“, grinste Harry mit einem Mal. „Irgendwie scheint mir, du kennst mich besser als ich mich selbst.“ Er sah zu Severus auf und erkannte ein gewisses Funkeln in den Augen. „Aber ich bin froh, dass du derjenige bist, der mich so gut kennt. Ohne dich hätte ich den letzten Sommer nicht überstanden. Ich habe mich in dich verliebt, als ich dein wahres Ich sehen konnte. Severus, du hast keine Ahnung, wie glücklich du mich machst.“ Er streckte sich ein wenig, um mit den Lippen Severus' Mund zu erreichen.

Severus ließ sich gerne auf diese Zärtlichkeiten ein, schloss die Augen und genoss einfach nur. Endlich konnte auch er einmal seine Anspannung sein lassen und sich dem Moment hingeben. „Du bist mein Leben, Harry.“, murmelte er gegen die Lippen seines Gefährten. „Ich denke, wir könnten jetzt einmal nachsehen.“

Sofort sprang Harry auf und war mit einem Satz am Tisch, auf dem sie das Pergament ausgebreitet hatten. Mit großen Augen registrierte er den riesigen Stammbaum, der entstanden war. Ganz unten war er selbst, immerhin war es ein Ahnentrank. Darüber James und Lily Potter. Als Harry genauer hinsah, erkannte er, dass nicht nur der Name dort stand, sondern darunter auch noch mehr Informationen waren. Er beugte sich darüber und begann zu lesen: „Harry James Potter, Mensch 50%, Schutzengel 50%. Also hatte Heiler Smethwyck Recht! James Potter, Mensch 100%, Lily Potter, Schutzengel 100%. Dann weiter bei Dad, da sind genau die Vorfahren, die auch Sirius mir bereits geschildert hat, also keine Überraschung hier. Bei Mom stehen als Eltern tatsächlich Lysander und Eladan, beide Schutzengel.“ Er überflog diese Seite ein wenig weiter. „Und hier steht sogar dieser Samon! Schau! Und guck, Lysanders Eltern waren wirklich Esol und Ramin. Und hier ist Asana, die Frau von Esol. Severus, hier, sieh mal, die Mutter von Samon ist ein Schutzengel, sie ist die Schwester von Lysander, aber sein Vater war ein Dämon. Hat er deshalb so reagiert?“

„Das ist durchaus möglich, viele Dämonen gelten als streitlustig, machtbesessen und skrupellos.“, antwortete Severus, als er endlich eine Gelegenheit bekam. Er schmunzelte – zum wievielten Mal an diesem Tag konnte er nicht einmal mehr sagen – über diese offene und begeisterte Zurschaustellung von Harrys Gefühlen. Auch wenn er ihn früher genau dafür verteufelt hätte, aber irgendwie hatten die letzten Monate alles verändert. „Also wissen wir nun, dass Lily dir dieses Erbe mitgegeben hat. Hast du jemals Briefe oder ähnliches in deinem Verlies gesehen? So, wie ich Lily kenne, hat sie dir bestimmt einige Hinweise hinterlassen, und zwar da, wo sie sicher sind.“

Harry zuckte zusammen und erzählte Severus das Gleiche wie Hermine am Abend. „Hermine meinte auch schon, wir sollten mal sehen, was dort noch alles ist.“, schloss er.

„Wie fühlst du dich?“, fragte Severus. „Willst du nachsehen?“

Harry nickte. „Ja. Aber ich … ich würde Hermine gerne mitnehmen.“, gestand er.

„Es ist dein Verlies.“, zuckte Severus die Schultern. Er würde es nicht aussprechen, aber eine gewisse Eifersucht nagte tatsächlich an ihm. Hermine Granger hatte ein derart vertrautes Umgehen mit Harry, dass er sich manchmal außen vor fühlte. Severus wusste, das war völlig unnötig, aber dennoch beschäftigte es ihn. Die Beiden waren wie Geschwister, vor allem war auch Hermine seit zwei Tagen vergeben, was aber nicht einmal Harry zu wissen schien. Er würde nichts sagen, es war nicht seine Geschichte. Allerdings würde er wohl nicht darum herum kommen, ihr die persönliche Anrede anzubieten, immerhin gehörte sie zur Familie. Genau wie die Weasleys, zumindest für Harry. Das war der Teil, vor dem es Severus graute. Ja, sie waren offenbar immer treu zu Harry gestanden, aber deswegen musste er sie doch nicht mögen! Er wollte weiterhin die Angst in den Augen der Rothaarigen sehen, wenn er um sie herum schlich. Ja, das wollte er! Wobei, er wollte eigentlich nicht viel länger als Lehrer arbeiten. Vielleicht noch so lange, wie Harry hier in Hogwarts war. Denn das erhoffte er sich schon von dem Jüngeren, dass er seine Ausbildung beendete. Aber zumindest hatte sich Harry dahingehend positiv geäußert, er wollte, genau wie Draco und Hermine, gleich in der fünften Klasse einsteigen. Sicherlich würde es einige Lücken geben, aber da konnten sie aufholen, in anderen Fächern waren sie schon weit voraus. Er machte sich keine Sorgen, Harry lernte schnell und gut, wenn er motiviert wurde. Und er würde ihm helfen, sollte das notwendig sein.

Gemeinsam gingen sie nun nach unten in Richtung der großen Halle, denn es war Essenszeit. Wahrscheinlich fanden sie Hermine dort. Jedenfalls hofften sie es. Außerdem konnten sie dann auch noch etwas essen, bevor sie in die Winkelgasse flohten. Dort würde Harry sicher keinen Appetit haben, wenn alle ihn anstarrten. Das hatte sich hier in der Schule inzwischen einigermaßen gelegt.

 

Zwei Stunden später standen sie vor Harrys Verlies in den Tiefen von Gringotts. Hier bewies es sich, dass Severus' Theorie stimmte, denn Harry musste sie an der Hand nehmen, damit sie mit ins Verlies gehen konnten. Bislang kannte Harry nur den Raum direkt hinter der Tür, aber heute sah er sich genauer um. Vorne lag das Gold, das er gebraucht hatte, sonst wäre er nie hergekommen. Inzwischen hatte er eine etwas andere Vorstellung vom Wert dessen, was hier lag und ahnte, dass er das alles nie ausgeben konnte. Außer er übertrieb heillos, aber das würde er wohl nicht. Er hatte früh gelernt, sparsam mit materiellen Dingen umzugehen. An den Wänden dieses Teils der Kammer waren Regale, auf denen verschiedene Truhen standen. Sie öffneten sie nacheinander. Schmuck verschiedenster Generationen Frauen, Manschettenknöpfe, Uhren, Krawattennadeln, Schließen für Umhänge und vieles mehr für den Mann, meist mit dem Wappen der Potters. Staunend sah sich Harry alles an. Severus drängte ihn, eine Uhr und einige andere Dinge mitzunehmen, da er immerhin der bislang letzte Nachkomme dieser Familie war. Das brachte gewisse Verpflichtungen mit sich, vor allem, da Harry nun langsam erwachsen wurde. Da würde Severus ihm noch das Eine oder Andere erklären müssen. Harry hatte einen Sitz im Gamot, war Mitglied im Schulrat, und konnte sogar bei der Ministerwahl mitreden, da sollte er sich auch standesgemäß kleiden. Für Hermine fand Harry ein Schmuckset aus Kette, Ohrringen, Armband und Ring, das mit blauen Saphiren und kleinen Diamanten besetzt war. Er verlangte von ihr, es anzunehmen, immerhin hatte sie ihm die letzten Monate und Jahre immer treu zur Seite gestanden. In einer anderen Truhe lagen verschiedenste Zauberstäbe. Jeder hatte ein kleines Schild, wem er zuletzt gefolgt war. Selbst James Potters Stab hatte es irgendwie hierhin geschafft, genau wie Lilys. Mit verdächtig glitzernden Augen musterte Severus ihn.

„Nimm ihn, Sev.“, bat Harry. „Mom war für dich genauso eine Schwester wie Hermine für mich. Er bedeutet dir so viel, nimm ihn.“

Vorsichtig und ehrfurchtsvoll griff Severus schließlich danach. Er fühlte sich angenehm warm an und regnete grüne Funken, als er die Finger darum schloss. „Er … er ist perfekt.“, krächzte Severus rau. „Danke, Harry!“

„Wie kommen die überhaupt hier rein?“, lenkte Harry ab.

„Sicher die Magie der Potter-Familie.“, nahm Severus die Ablenkung an. „Viele der alten Familien haben derartige Zauber.“

„Harry, sieh mal, hier sind Briefe!“, riss Hermine sie aus den Gedanken.

Sie entschieden, die Briefe nicht hier zu lesen, sondern sie mitzunehmen. Dann warfen sie einen Blick in den hinteren Teil des Verlieses. Dort waren verschiedene Zaubertränke gelagert, Zutaten dafür, und auch Bücher. Viele uralte, trotzdem gut erhaltene Werke zum Teil aus der Zeit der Gründer warteten hier darauf, erforscht zu werden. Ein Paradies für Severus! Harry sah das Leuchten in den Augen seines Gefährten und nahm sich vor, öfter mit ihm herzukommen, sobald sich alles beruhigt hatte. Jetzt allerdings war er neugierig, was in den Briefen und sonstigen Pergamenten stand. Also packten sie diese zusammen und verließen die Bank.

Zurück in Hogwarts entschuldigte sich Hermine und verabschiedete sich von Harry mit einem Kuss auf die Wange. „Lern' deine Eltern kennen, Harry. Lass dir Zeit. Wir sehen uns morgen beim Essen.“ Und weg war sie. Irritiert sah Harry ihr nach und wunderte sich, warum sie nicht wie immer neugierig war. Severus hingegen schmunzelte, er ahnte, wohin sie ging. Früher hätte er gespottet, aber inzwischen wusste er, was es bedeutete, verliebt zu sein. Zusammen mit Harry setzte er sich auf das bequeme Sofa und bestellte bei Dobby eine Kanne Tee und etwas Obst.

„Darf Dobby noch etwas sagen, Sirs?“, bat der Hauself demütig.

„Natürlich, Dobby, du musst dich nicht beugen!“, rief Harry aus. „Du bist ein freier Elf und ein Freund, kein Diener!“

„Aber genau das möchte Dobby gerne.“, piepste das kleine Wesen. Er hielt seine Ohren fest und blickte zu Boden. „Dobby möchte sich an Harry Potter Sir binden. Auch Winky möchte das. Harry Potter Sir hatte gesagt, er würde darüber nachdenken. Dobby und Winky haben gehofft, dass Master Harry Potter Sir jetzt nach dem Ende des Krieges zustimmen würde.“ Dobby machte sich noch kleiner als ohnehin schon und zwirbelte seine Ohren.

Harry sah Severus hilfesuchend an. „Das musst du entscheiden, Harry.“, brummte der. „Meine Unterstützung hast du in jedem Fall. Du weißt, dass Hauselfen Wesen sind, die kaum eigenständig existieren können. Sie brauchen die Bindung an Menschen oder andere menschenähnliche Wesen. Aber wenn du es nicht willst, dann können wir sicherlich auch Lucius bitten, er würde die Beiden nicht hängen lassen.“

Harry senkte den Kopf und dachte nach. Seit der ersten Bitte hatte er sich nicht damit befasst, obwohl er es Dobby eigentlich versprochen hatte, aber es war so viel passiert, dass er es schlicht vergessen hatte. Als er die beiden Welpen an seiner Seite gehabt hatte, hätte er sofort ja gesagt, damit er die Schule weitermachen könnte. Im Moment brauchte er sie eigentlich nicht, aber vielleicht später? Und dann wäre er wohl froh, wenn er gerade diese beiden Hauselfen in seinen Diensten hatte. Vor allem Dobby hatte schon so viel für ihn getan und so konnte er sich vielleicht revanchieren. Und sicher stellen, dass es den beiden Hauselfen gut ging. Aber schaffte er es, diesen beiden Wesen gerecht zu werden? Nun, Severus würde ihm sicher helfen, wenn er darum bar. Kurzum, Harry machte sich die Entscheidung nicht leicht. Schließlich sah er auf. „Okay, Dobby, ich bin einverstanden. Du und Winky dürft euch an mich binden, aber ihr solltet vorerst in Hogwarts bleiben, so lange ich noch zur Schule gehe.“, entschied er.

„Danke, Master Harry Potter Sir!“, strahlte Dobby. „Winky wird sich freuen! Dobby wird es ihr gleich sagen!“

„Mach das! Aber noch etwas: Nennt mich Harry, okay?“, bat der Jugendliche. Dobby nickte und verschwand.

Jetzt endlich konnte sich Harry setzen. Sein Blick streifte Severus, der ihm anerkennend zunickte. „Dann willst du also die Schule weitermachen?“

„Natürlich.“ Harry schien irritiert. „Was sollte ich sonst machen?“ Erst jetzt fiel ihm auf, dass er mit Severus niemals darüber gesprochen hatte.

„Ich bin froh, dass du so entschieden hast.“, lächelte Severus beruhigend. „Weißt du schon, was du später machen willst?“ Er reichte Harry eine Schale mit Obstsalat, über die sich der Jüngere hungrig hermachte.

„Keine Ahnung.“, zuckte Harry nach ein paar Bissen die Schultern. „Eine Zeitlang fand ich es cool, ein Auror zu werden, aber ich will nicht mehr kämpfen. Seit dem letzten Sommer interessiert mich das Heilen viel mehr.“

„Das passt auch besser zu dir.“, nickte Severus. „Wobei wir dann aufpassen müssen, dass du dich nicht übernimmst, das ist wichtig bei Schutzengeln, man muss sie immer mal wieder bremsen, weil sie sich sonst verausgaben. Heiler Smethwycks Gefährtin übernimmt das bei ihm, habe ich gehört.“

„Sehen wir uns jetzt die Briefe an?“, lenkte Harry ab. Er war neugierig, was er darin finden würde und wollte nicht weiter darüber nachdenken, was später sein könnte. Er rutschte ein wenig dichter an Severus heran, sodass sie gemeinsam lesen konnten. Sie fingen oben an und fanden eine Art Tagebuch von Lily über ihre Schwangerschaft. Es zeigte deutlich, wie sehr Lily ihr ungeborenes Kind liebte. Aber schnell wurde es ernster und sie begannen, genauer zu lesen.

Jetzt sind wir gerade ein Jahr verheiratet… Wieso nur musste sich ausgerechnet James als mein Gefährte herausstellen? Und ich hatte wirklich geglaubt, er hat sich geändert. Leider hat er das nicht, zumindest nicht ganz. Eigentlich ist er lieb und trägt mich auf Händen, aber da gibt es noch diese andere Seite an ihm. Er hat herausgefunden, dass ich ein Schutzengel bin. Nun will er es ausnutzen. Obwohl seine Familie schon so reich ist, dass es für mehrere Leben reicht, will er Kapital aus meinem Wesen schlagen. Momentan ist er nicht ganz so aufdringlich, da ich schwanger bin und seinen Erben trage. Ich bin nicht sicher, ob ich ihm wünschen soll, das Erbe von mir zu bekommen. Nicht, wenn James ihn dann genauso wie mich benutzt. Und ich weiß immer noch nicht, woher mein Erbe kommt. Ich kann nicht nachforschen, weil James dafür sorgt, dass ich sicher bin, das bedeutet aber auch, dass ich kaum noch aus dem Haus komme. Nur so viel habe ich herausgefunden: Ich bin wohl nicht das Kind der Menschen, die mich aufzogen. Nun, den Verdacht hatte ich schon früher, da unsere Blutgruppen nicht kompatibel sind, aber jetzt bin ich sicher. Mein Erbe war bis zu meiner Volljährigkeit verschleiert, dann brach es durch. Ich hatte keine Ahnung, was da mit mir passierte, aber plötzlich fühlte ich mich anders. Ich fühlte mich zu James hingezogen. Erst mit Hilfe einiger Bücher erkannte ich, welches Wesen in mir steckt. Ich bin ein Schutzengel, habe Flügel wie ein Vogel. Sie sind weiß mit einem leichten Grünschimmer, und ich kann damit sogar fliegen! Meine Augen haben seither silberne Ringe um die Iris, wenn ich sie nicht durch eine Illusion verstecke. Meine Magie hat damals einen Schub gemacht, gerade alles was mit Heilen und Schöpfung zu tun hat, fällt mir so leicht, dass ich es instinktiv kann. Seit ich am Morgen nach meinem Geburtstag aufwachte – und ich war wirklich froh, dass es ein Wochenende war und ich früh aufstand – verstecke ich die Anzeichen unter einer Illusion, aber James hat mich vor ein paar Wochen gesehen und die Zeichen erkannt.

Warum ist es eigentlich niemandem aufgefallen, dass ich plötzlich so anders auf James reagiert habe? Naja, Sev fiel es auf, denke ich, aber das war nach unserem Streit. Erst wollte ich nichts mehr mit ihm zu tun haben, und dann, als ich mit James anfing auszugehen, hielt er sich von mir fern. Ich vermisse meinen besten Freund und ich werde zusehen, dass ich mein Kind seinem Schutz anvertraue. Auch wenn alle behaupten, er sei ein Todesser, ich glaube es nicht. Ich kann spüren, dass er nicht böse ist. Es ist kaum zu erklären, ich verstehe es selbst nicht richtig, aber ich WEISS, er ist auf der richtigen Seite. Wobei ich nicht glaube, dass Dumbledore die richtige Seite ist, auch er strebt nach Macht. Statt dass er den Unnennbaren endlich vernichtet, schart er gutgläubige Menschen um sich. Aber ich muss mich stillhalten, damit ich den kleinen Harry, so soll unser Baby heißen, nicht gefährde.

Lily beschrieb weiter, wie James sich veränderte, dass er sie immer wieder zwang, Menschen zu heilen, die sich bei dubiosen Angelegenheiten verletzten. Sie waren bereit, eine Menge Gold zu zahlen, wenn das Ministerium nichts erfuhr. Obwohl James Auror war, verhinderte er, dass diese Männer ihre Strafe bekamen. Lily musste ihnen helfen. Oder er nahm ihr Blut ab, das er teuer verkaufte, da es heilende Wirkung hatte. Dieser Vertrauensbruch verletzte Lily sehr, und ihre Worte zeugten von ihrer Verzweiflung. Und doch brauchte sie ihn, wie es schien, ihr Wesen verzehrte sich nach James. Sie liebte ihn wirklich. Außerdem erzählte sie von der Überlegung, wen James und sie als Geheimniswahrer nehmen wollten, nachdem Harry geboren war. Da schrieb sie auch darüber, wie der dunkle Lord einen Teil der Prophezeiung erfahren hatte:

Ich traue Dumbledore nicht mehr, er hat so einen komischen Blick drauf, wenn er Harry ansieht. Außerdem hat er eine neue Bekannte, die scheinbar im Ministerium arbeitet und ebenfalls Interesse an unserem Sohn hat. Ich weiß nicht, wie sie heißt, aber das bekomme ich noch heraus, keiner von ihnen darf meinen Kleinen in die Hand bekommen, sie wollen sicher sein Erbe ausnutzen, da zumindest Dumbledore weiß, was ich bin, denn James hat mit ihm darüber gesprochen. Ich soll dem Orden helfen, wenn sie gegen Voldemort kämpfen. Ich will das nicht! Aber ich werde nicht anders können, ich muss einfach helfen, wenn jemand verletzt ist.

Ich fühle mich so unsicher, spüre Gefahr um uns herum. Schon seit einiger Zeit überlegen wir, uns in Sicherheit zu bringen, damit Voldemort unserem Kleinen nichts antun kann. Er lässt Jagd auf alle Ordensmitglieder machen, und wir sind sehr bekannt. James ist allerdings bisher der Meinung, wir könnten ihnen schon widerstehen, immerhin hätten wir ihm schon dreimal widerstanden. Aber heute haben wir Dumbledore gehört, er hat mit Moody gesprochen. Dieser Typ ist richtig gruslig, aber James meint, er wäre ein guter Auror und Ausbilder. Naja, das ist nicht meine Welt, ich will lieber Heilerin werden, das liegt mir viel mehr. Aber erst einmal kümmere ich mich um Harry, der Kleine braucht mich.

Aber zurück zu Dumbledore und Moody. Sie haben über eine Prophezeiung gesprochen. Ich wurde neugierig und winkte James zu mir. Glücklicherweise hat Alice in dem Moment auf Harry mit aufgepasst, der Kleine hätte uns sonst verraten. So aber haben Moody und Dumbledore nichts mitbekommen. Offensichtlich hat der Ordensführer eine Prophezeiung mitgehört. Sie lautete: „Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran ... jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt ... und der Dunkle Lord wird ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt ... und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt ...“ [Original-Zitat aus dem Buch: Harry Potter und der Orden des Phönix Kap.37 S.987] Er hat wohl Severus irgendwie dazu gebracht, dem Unnennbaren den ersten Teil zu sagen. Jetzt ist Voldemort hinter uns her, und Dumbledore überzeugt, dass Harry irgendwann diesen Irren töten kann. Dumbledore will unseren kleinen Harry als Werkzeug für seinen Krieg! Das werde ich nicht zulassen! Wir werden uns jetzt endgültig verstecken, damit unser Kleiner in Sicherheit aufwachsen kann.

James hat eine Idee gehabt. Er will nicht Sirius als Geheimniswahrer nehmen, denn er ist zu offensichtlich. Also haben sie den Zauber so gewirkt, dass Pettigrew unser Geheimnis versiegelt. Ich traue ihm nicht, aber James will davon nichts hören. Nur Sirius, Peter und wir Beide wissen Bescheid. Ich würde gerne Remus noch einweihen, aber James ist nicht ganz sicher, ob wir ihm trauen können. Aber der Zauber ist gewirkt, und mir bleibt nicht mehr als zu hoffen, dass alles gut geht. Ich suche eine Lösung in den Büchern, in der Hoffnung, meinen Kleinen schützen zu können, sollte der Unnennbare uns doch finden. Auch wenn ich bete, dass das nicht passiert.

„Ich … damit hätte ich schon viel eher für Sirius' Freilassung sorgen können!“, keuchte Harry.

„Es ist nicht deine Schuld, Harry.“, schüttelte Severus den Kopf. „Dumbledore als dein Vormund hätte sich darum kümmern müssen, wobei ich froh bin, dass er diese Sachen nicht in die Hand bekommen hat. Vermutlich wusste er sogar, dass Sirius unschuldig war, er hätte verhindern können, dass er überhaupt nach Askaban kam. Beweisen können wir das wahrscheinlich nicht, aber du solltest dir nicht die Schuld dafür geben. Komm, sehen wir, was da noch ist.“ Harry nickte, und sie blätterten immer weiter, denn die Pergamente waren chronologisch geordnet. Scheinbar wurde der Verdacht Lilys gegen Dumbledore immer stärker, sie zweifelte an seiner Gesinnung.

Ich weiß nicht mehr, wem ich noch trauen darf. Dumbledore kämpft zwar gegen Voldemort, aber auch er ist kein guter Mensch. Heute hat der Orden ein kleines Dorf überfallen, wo die Anhänger des Dunklen lebten. Zumindest einige von ihnen. Sie haben alle getötet, die dort waren, nicht einmal vor Kindern machten sie Halt, denn laut Dumbledore könnten sie auch Todesser sein, die sich mit Vielsafttrank verwandelt haben. Er hätte auch einfach warten können, ob die Wirkung nach einer Stunde nachlässt. Etwas, das James nach diesem Einsatz sagte, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, es waren magische Wesen, Dunkelveelas, die auf der Seite Voldemorts standen. Immer mehr magische Wesen schließen sich ihm an, weil unser Ministerium sie einengt, jagt oder gar tötet. Wie kann nur jeder behaupten, dass wir die gute Seite sind? Sind wir wirklich besser als die Todesser? Ich glaube es nicht. Wer so mit friedlichen Lebewesen umgeht, ist nicht ‚gut‘. Remus zum Beispiel. Er ist nicht böse. Er ist ein Werwolf, aber er hat noch nie jemanden getötet oder auch nur verletzt. An 27 von 28 Tagen ist er ein völlig normaler Mensch. Nur, weil ihm einmal im Monat ein Fell wächst, haben alle Angst. Aber ich glaube, es ist eigentlich ganz anders. Die Menschen haben Angst vor dem, was magische Wesen besser als sie können. Remus hat viel bessere Sinne, vor allem rund um Vollmond, er könnte damit einen Vorteil erlangen. DAS macht den Menschen Angst, darum verurteilen sie alle magischen Wesen, egal ob friedlich oder nicht. Ich hoffe wirklich für Harry, dass er mein Erbe nicht bekommt, nicht in dieser Welt, in der wir gerade leben.

Dumbledore ahnt, dass ich ihm nicht mehr traue. Ich glaube, er hat einen Verdacht mir gegenüber. Er will Harry haben, aber zumindest in diesem Fall bleibt James hart. Er wird unseren Sohn nicht an den Ordensführer abtreten, auch wenn der und diese Umbridge, so heißt seine Bekannte aus dem Ministerium, das immer wieder fordern. Dumbledore ist sicher, dass unser Junge eine Chance gegen Voldemort hat, weil er überzeugt ist, Harry ist das Kind, von dem die Prophezeiung spricht. Aber ich werde nicht zulassen, dass Voldemort ihn als sich ebenbürtig zeichnen kann, wie auch immer das aussehen soll. Dieser Irre wird meinem Sohn nicht zu nahe kommen, dafür werde ich sorgen, auch wenn ich dabei sterbe. Ich spüre, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt, aber ich werde es Harry so schön wie möglich machen bis dahin.

Mit Severus habe ich geredet. Leider konnte ich ihm mein Wesen nicht anvertrauen, es ist einfach zu gefährlich. Ich hoffe, er verzeiht es mir irgendwann, sollte er es jemals herausfinden. Mein Schutzzauber für Harry wird ihn beschützen, aber er wird dafür einen Teil meines Erbes bekommen. Auch wenn er kein Schutzengel sein sollte bis jetzt, er wird sicher einer, wenn ich den Zauber wirke. Aber nur so kann ich verhindern, dass Voldemort ihn tötet. Und ich weiß, dass er genau das vorhat. Meine Schutzengel-Magie wird ihn retten! Mein kleiner Engel wird leben! Ich hoffe nur, dass Sirius ihn aufziehen kann. Harry, mein kleiner Engel, wenn Du dieses Tagebuch jemals in die Hände bekommst: Ich liebe Dich so sehr, dass es mir nichts ausmacht, für Dich zu sterben. Das Einzige, was mir unendlich leid tut: dass Du nicht bei uns aufwachsen kannst. Nimm Dich vor Dumbledore in Acht. Ich habe einen Schutz gewirkt, der verhindert, dass jemand in unser Verlies kommt. Ich traue Dumbledore nicht so weit über den Weg, er würde nicht nur Dich ausnutzen, sondern sicher auch an das Verlies gehen, um seinen Kampf zu finanzieren. Aber das ist nur für Dich, mein kleiner Harry. Auch wenn Dein Daddy mein Wesen für seine Zwecke nutzt, er beschützt uns, vor allem Dich, mit allem, was er hat. Er ist auch ein guter Mensch. Nicht immer, aber wer ist das schon? Vergiss das nie, Harry. Wir lieben Dich über alles.

Diese furchtbare Frau, Umbridge, war hier. Wieso hat Pettigrew sie in das Geheimnis eingeweiht? Sie forderte, dass ich ihrem Vater helfen soll. Dabei weiß jeder, dass er als Todesser unterwegs war und sich dabei einen Fluch einfing, den keiner kennt. Seither liegt er im St. Mungos, und sie muss bezahlen für seine Betreuung. Dieser Mann hat immer die Ansichten der alten Reinblutfamilien mitgetragen, diesen ganzen Rassismus, ich bin froh, dass er aus dem Weg ist. Er hat viele magische Wesen verfolgt, verletzt und getötet, im Namen des Ministeriums, und jetzt soll ich ihm helfen? Nicht, wenn ich es verhindern kann. So sehr mein Wesen danach strebt, jedem Menschen zu helfen, hier meldet sich mein Überlebensinstinkt. Die magischen Wesen, die Halbblüter und Muggelgeborenen können froh sein, wenn er nicht wieder zu Verstand kommt. Aber diese Umbridge ist stinksauer, weil ich nein gesagt habe, ich fürchte, sie wird zurückkommen, auch wenn sie für den Moment gegangen ist. Wer wird eher kommen? Sie oder Voldemort?

„Das bedeutet, Umbridge wusste schon die ganze Zeit von meinem Wesen!“, erkannte Harry.

Severus nickte. „Das erklärt zumindest, warum sie so einen Hass auf dich hatte. Aber keine Sorge, sie wird dich nie in die Finger bekommen. Dafür haben die Zentauren gesorgt.“ Jetzt grinste Severus einen Moment ziemlich hämisch. „Du musst wissen, Umbridges größte Angst waren die Zentauren, das hat mir Filius verraten. Er wusste es von einem Irrwicht. Nun, er hat sie im Kampf den Zentauren vor die Hufe geworfen, und die haben nicht einmal viel gemacht. Sie ist vor Angst beinahe gestorben. Nun, ihr Körper hat überlebt, ihr Geist ist vollkommen zerrüttet, das bekommen selbst die besten Geistheiler nicht mehr hin!“

Jetzt lächelte auch Harry ein wenig zaghaft. Noch immer konnte er es kaum fassen, dass es wirklich vorbei war. Doch darüber wollte er nicht jetzt sprechen. „Lesen wir weiter?“, lenkte er daher ab. Severus stimmte zu und sie beugten sich wieder über Lilys Tagebuch.

Heute ist Halloween. Ich weiß, etwas passiert, ich kann es spüren. Pettigrew war da, er war so anders. James will mir nicht glauben, aber ich würde am liebsten mit Harry weggehen. Aber mein Schutzengel lässt nicht zu, dass ich James zurücklasse, also werde ich bleiben. Dabei bin ich gerade auf eine Spur gestoßen. Ich habe die Unterlagen meiner Eltern durchgesehen, die vor einigen Tagen kurz hintereinander eines natürlichen Todes starben. Na gut, Dad war krank, so krank, dass nicht einmal die Heiler oder meine Zauber mehr etwas ausrichten konnten. Er ist friedlich eingeschlafen. Mom hat – glaube ich – diesen Tod nicht verkraftet. Sie ist in der Nacht vor der Beerdigung eingeschlafen und friedlich hinübergegangen. Ich denke, sie wollte nicht von Dad getrennt sein, sie haben sich sehr geliebt. Aber in ihren Unterlagen fand ich Adoptionspapiere. Sie haben mich im Alter von vier Monaten zu sich genommen. Einige Notizen, die dabei lagen, verrieten, dass ich in einem Krankenhaus in der Nähe geboren wurde und meine leibliche Mutter bei der Geburt verstarb. Von ihr erfuhren sie nur, dass ich Lily heißen sollte. Ihr Name war wohl Ella Dahn oder so ähnlich. Genau hat es niemand herausgefunden. Vielleicht war es auch nur ein Vorname, denn inzwischen weiß ich, dass Schutzengel normalerweise keine Nachnamen haben, außer sie entstammen aus der Verbindung eines Schutzengels mit einem Menschen, was dann aber ein Halbwesen wäre. Oder sie sind an Menschen gebunden, dann nehmen sie meist deren Nachnamen an. Ich jedenfalls kam nach der Geburt in ein Waisenhaus. Niemand fand etwas über meine Eltern heraus, daher wurde ich schließlich zur Adoption freigegeben und bekam eine neue Familie. Ich habe Petunia bei der Beerdigung gesehen. Sie ist ziemlich fertig. Auch sie hat einen Sohn, Dudley ist nur wenig älter als Harry. Ich hoffe, wir können uns wieder annähern, aber ich befürchte, mein Schwager hat etwas dagegen. Und doch wünschte ich, Petunia und ich würden nicht im Streit auseinander gehen.

Ich war, als ich mich mit Sev getroffen habe, auch noch bei dem Haus von Tunia und habe Schutzzauber darüber gesprochen. Solange meine Familie dort ein Zuhause hat, wird sie sicher sein. Sollte Harry jemals dorthin kommen, wird er vor den Todessern sicher sein, obwohl ich hoffe, dass er nie dort leben muss, so sehr, wie sie Magie ablehnen. Auch wenn ich inzwischen weiß, dass ich nicht ihre leibliche Schwester bin (das habe ich ihr allerdings verheimlicht), für mich ist sie meine Schwester, meine Familie. Da kann auch unterschiedliches Erbe nichts daran ändern. Ich wünschte nur, ich könnte mehr über meine Herkunft herausfinden, aber ich fürchte, die Zeit habe ich nicht. Mein Instinkt sagt mir, etwas Schlimmes kommt auf mich zu, und ich werde wohl heute noch den Zauber nutzen, um meinen kleinen Harry zu retten. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit gehabt, mein Engel. Harry, ich liebe Dich und ich wünsche Dir, dass Du eine Zukunft hast. Ich hoffe, mein Plan geht auf, dann wird es ab heute Nacht keinen Voldemort mehr geben. Die Menschen werden Dich wohl als Held feiern, denn Du wirst seinen Angriff überleben. Verzeih mir, dass ich nicht mehr tun kann. Ich spüre, er kommt immer näher. Ich werde Dich jetzt ein letztes Mal ins Bett bringen, aber heute bleibe ich bei Dir, mein lieber Junge. Vorher sorge ich noch dafür, dass mein Tagebuch nach meinem Tod auch im Verlies landen wird, damit Du es finden kannst, aber niemand sonst. Auf Wiedersehen, Harry. Alles Gute, mein Junge!

Unter den letzten Worten konnte Harry dunkle Flecken erkennen, die noch immer leicht salzig rochen. Er merkte nicht einmal, wie viel intensiver sein Geruchssinn inzwischen war. Seine eigenen Tränen vermischten sich damit, als sie von seinen Wangen tropften. Lilys getrocknete Tränen wurden so neu belebt, fand Harry. Irgendwie passend. Er ließ zu, dass Severus ihn in die Arme zog und ihm tröstende Worte zumurmelte. Selbst in den Augen des Tränkemeisters glitzerte es verdächtig. Auch er hatte Lily geliebt, wenn auch nie so, wie die Menschen es glaubten. Sie war seine kleine Schwester, auch wenn sie nur wenige Tage voneinander trennten. Beide strichen mit den Fingerkuppen über die Schrift der Rothaarigen, Harry andächtig, er wollte alles aufnehmen, Severus eher nachdenklich. Lily hatte es geahnt, und doch war sie geblieben. Sie hatte sich im vollen Bewusstsein geopfert, dass ihr Tod Voldemort vernichten würde. Nur hatte sie leider nichts von den Horkruxen gewusst. Was für eine wundervolle Hexe! Eng aneinander geschmiegt schliefen die beiden Männer schließlich ein und träumten von einer rothaarigen Schönheit, die lachend und mit strahlenden Augen um sie herum wirbelte.

„Alles in Ordnung?“, wollten Harrys Freunde am nächsten Morgen beim Frühstück wissen. Er saß mit abwesendem Blick am Tisch und bekam nichts von der Unterhaltung mit. Nach dem Aufstehen hatte er mit Severus gemeinsam überlegt, ob und wie viel er seinen Freunden erzählen wollte.

Er sah auf. „Es geht mir gut. Aber ich würde gerne Sirius zuerst erzählen, was herauskam.“ Verstehend nickten Neville und Draco, während Hermine und Blaise eher enttäuscht reagierten. Ihre Neugierde war ähnlich groß. Dafür, dass sie früher verfeindet waren, waren sie einander in mancher Beziehung erstaunlich ähnlich.

Luna kicherte. „Gerade du, Hermine, solltest wissen, wie es ist, wenn man ein Geheimnis nicht gleich allen Freunden mitteilen will!“

Hermines Blick schoss zu der blonden Ravenclaw. „Was meinst du?“ Luna lächelte nur und schwieg. Selbst Harry wunderte sich nun, irgendetwas ging da vor und er hatte nichts mitbekommen. Gerade jetzt wirkte die Braunhaarige sehr ertappt, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Da fiel ihm wieder Hermines Verhalten in den letzten Tagen ein. Was bedeutete das? Und was wusste Luna?

„Guten Morgen! Darf ich um ihre Aufmerksamkeit bitten?“, machte sich in dem Moment Jamin Prince bemerkbar und unterbrach damit Harrys Grübeleien. Die Halle wurde still, und alle Blicke wandten sich dem neuen Direktor zu. „Vielen Dank. Nun, in Abstimmung mit meinen Kollegen und den Heilern, die mit ihnen allen gesprochen haben, wurde entschieden, dass ab Montag wieder ein normaler Alltag einkehren soll. Das bedeutet, sie werden Unterricht nach Stundenplan haben. Professor Flitwick wird weiterhin Zauberkunst unterrichten, er hat sich wirklich gut um sie gekümmert, auch wenn er gerade in den letzten Monaten nicht viel tun konnte. Der Mann, den sie alle als Professor Snape kennen, der aber eigentlich Prince mit Nachnamen heißt, wird Zaubertränke unterrichten. Mehr als bei ihm könnt ihr wohl nirgendwo lernen. Und ich erwarte von euch, dass ihr euch Mühe gebt, sonst wird sich mein Neffe wohl nicht überzeugen lassen, noch lange an der Schule zu bleiben. Kingsley Shacklebolt hat sich dazu bereiterklärt, Verteidigung zu unterrichten, während seine Frau Verwandlung übernimmt, da Professor McGonagall noch lange Zeit im St. Mungos bleiben muss. Und ja, sie ist wirklich seine Frau, das haben mich die letzten Tage viele von euch gefragt. Narzissa war nur zur Tarnung mit Lucius Malfoy verheiratet, aber die Ehe existierte nur auf dem Papier. So etwas soll es in Zukunft übrigens nicht mehr geben. Die Professoren Hagrid, Sinistra und Sprout machen ebenfalls dort weiter, wo sie geendet haben. Wahrsagen wird wohl erst einmal wegfallen, aber ich denke ohnehin nicht, dass man das lernen kann, wenn man nicht die Voraussetzungen dafür hat. Da ich in den letzten Tagen auch viel über euren Geschichtsunterricht gehört habe, bekommt ihr hier auch einen neuen Lehrer, dafür konnte ich, zumindest vorerst, Xenophilius Lovegood gewinnen. Er wird mit seiner Gefährtin noch heute hier im Schloss einziehen. Allerdings will er seine Zeitung, den Klitterer, weiterhin herausbringen, daher haben wir den Unterricht zusammengefasst, das bedeutet, für jeden Jahrgang gibt es nur noch einen Kurs, in dem alle Häuser sitzen werden. Außerdem werden wir ein neues Fach einführen, in dem ihr mehr über magische Wesen erfahrt. Die Professorin dafür wird Mandana sein. Sie hat mich daran erinnert, dass Draconier keine Nachnamen haben, daher könnt ihr sie auch nicht beleidigen, wenn ihr sie mit ihrem Vornamen ansprecht. Aber natürlich ist sie dennoch eine Professorin und ich erwarte den gleichen Respekt ihr gegenüber wie bei jedem anderen Lehrer. Unterstützt wird sie dabei von Pandora Lovegood, die den Teil übernimmt, bei dem Mandana passen muss. Ja, auch als magisches Wesen weiß sie nicht alles!“ Er gab den Schülern einige Momente, in denen sie herzhaft lachen konnten. Das hatten sie in letzter Zeit viel zu wenig, und es tat allen gut. „Natürlich ist uns bewusst, dass ihr noch nicht alles überwunden habt, aber dennoch werden wir sehen, dass wir euch wieder eine gewisse Routine bieten. Die Türen der Lehrer stehen euch offen, solltet ihr mit jemandem reden wollen. In Ordnung, ich denke, das war alles für den Moment. Bei Fragen könnt ihr euch gerne an mich wenden, auch meine Tür steht offen, so lange ich keine Besprechung habe. Der Wasserspeier wird euch dann Bescheid geben. Und jetzt wünsche ich euch einen guten Appetit!“

Jamin setzte sich und die Halle summte. Jeder schien sich mit seinen Freunden und Sitznachbarn auszutauschen über das, was sie eben gehört hatten.

„Wusstet ihr das?“, wollte Harry von Draco und Luna wissen. Wobei deren Gesichtsausdruck Bände sprach, denn sie wirkten vollkommen überrascht. Gerade so schaffte es Draco, den Mund geschlossen zu halten, aber er bekam kein Wort heraus.

Nach einem Moment schüttelte Luna grinsend den Kopf. „Ich hätte es ahnen müssen, als Daddy fragte, ob ich etwas dagegen hätte, mehr Zeit mit ihm und Mama zu verbringen!“, murmelte sie. Obwohl sie sonst viele Dinge sah, die anderen verborgen blieben, war sie diesmal überrascht worden.

„Mutter will mich quälen.“, winselte Draco schließlich. Seine Freunde lachten, doch er schüttelte den Kopf. „Habt ihr eine Ahnung! Sie ist richtig streng und lässt mir nichts durchgehen! Ungefähr so wie Onkel Sev!“

„Aber sie ist richtig gut mit den Zaubern.“, gab Blaise zu bedenken, der als Kind viel Zeit im Manor verbracht hatte und Dracos Mutter daher kannte.

„Ja, das schon.“, stimmte Draco zu. „Aber ihr werdet schon sehen, es wird kein Spaß.“

„Ach, komm schon.“, beruhigte Harry. „McGonagall war auch immer streng. Das schaffen wir schon. Aber was wird dann mit Matayo und Elani? Sie können ja nicht mit in den Unterricht?“

„Das wird kein Problem.“, verriet Narzissa, die unbemerkt zu ihnen getreten war. „Meine Schwester Andromeda hat sich bereit erklärt, auf die Beiden aufzupassen. Sie konnte schon immer gut mit Kindern umgehen und freut sich schon auf die Aufgabe.“

„Mrs. Shacklebolt, was ist eigentlich mit ihrer Nichte Nymphadora?“, erkundigte sich Harry. Über diesen Prozess hatte nichts in der Zeitung gestanden, soweit er wusste.

„Dora, wie sie lieber genannt wird, stand unter einem Zauber, so wie meine Schwester es bereits vermutet hatte.“, seufzte die Blonde. Sie setzte sich zu den Freunden. „Dumbledore hat früh ihre Begabungen erkannt und wollte sie für sich nutzen. Als Dora dann entschied, Kräuterkunde zu studieren, um später Zutaten für Tränke anzubauen, griff er ein. Unter den Zauber gestellt wollte sie dann mit einem Mal unbedingt Aurorin werden. Moody hat sie ins Programm gebracht, obwohl die Noten dafür nicht passten. Sie haben nicht viel von ihrer Persönlichkeit verändert, daher fiel es ihren Freunden nicht so intensiv auf, aber der plötzliche Wunsch, Aurorin zu werden, irritierte viele ihrer Freunde. Dennoch hat keiner etwas herausgefunden. Sie wird nun wohl einige Zeit von Heilern behandelt werden müssen und eine intensive Therapie durchlaufen, um wieder eine Chance auf ein normales Leben zu bekommen, denn sie wollte nie Mitglied in Dumbledores Orden werden. Sie wurde direkt vom Prozesssaal in das Krankenhaus gebracht. Ich denke, sie ist erleichtert, dass es endlich vorbei ist. Noch durfte außer ihren Eltern niemand zu ihr, aber Andromeda ist wirklich froh, dass ihre Tochter nicht freiwillig bei Dumbledore mitgemacht hat, das hätte auch nicht zu meiner Nichte gepasst. Sie ist so ein friedlicher, treuer Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Als Aurorin wird sie sicher nicht mehr arbeiten, wenn sie entlassen wird.“

„Bin ich froh!“, entfuhr es Harry. Auf die verwirrten Blicke hin meinte er nur: „Sirius bekommt doch noch seine Familie!“

„Das stimmt!“, lächelte Narzissa. „Ihn habe ich gestern übrigens auch gesehen, ich soll dir ausrichten, dass du dir keine Sorgen machen sollst. Es geht ihm schon viel besser, er ist froh, aus dem Schloss raus zu sein. Zu viele schlechte Erinnerungen hängen darin.“

„Kann ich ihn besuchen?“

„Gib ihm noch ein paar Tage Zeit. Vielleicht nächstes Wochenende, aber ich denke, im Moment braucht er Ruhe. Lucius schirmt ihn ab, und das ist sicher besser so.“, schüttelte Narzissa den Kopf.

„Oh. Ich wollte, dass er als Erster das Ergebnis erfährt.“, ließ Harry den Kopf hängen.

„Dann sprich mit ihm.“, lächelte die Blonde geheimnisvoll. Sie reichte ihm ein Päckchen. „Das soll ich dir von deinem Paten geben. Damit kannst du Kontakt zu ihm halten. Pack es aus und nenne seinen Namen, dann kannst du mit ihm sprechen.“

„Danke!“, strahlte Harry. Er drückte das Päckchen an sich. Auspacken würde er es erst, wenn er wieder zurück in der Wohnung war. Bis dahin würde er Zeit mit seinen Freunden verbringen. Dean entschuldigte sich, denn er wollte den Rest des Wochenendes bei seinen Eltern verbringen. Blaise ging es ähnlich, er musste sich um Chiara kümmern, wollte mit ihr zu den Einhörnern gehen, die bei Hagrids Hütte waren. Um wirklich Ruhe zu haben, stiegen sie auf den Nordturm, wo sie sich in einen kleinen Raum direkt unter der Plattform setzten. Mit ein paar Zaubern hatten sie gemütliche Sitzplätze und es wurde warm und hell. Luna lehnte sich an Draco, sie zeigten offen, dass sie zusammen gehörten. Noch immer fanden Neville und Hermine dieses Bild gewöhnungsbedürftig.

„Seit wann seid ihr eigentlich ein Paar?“, wollte die Braunhaarige wissen.

„Wir sind schon länger heimlich befreundet.“, begann Draco nach einem kurzen Blickwechsel mit seiner Gefährtin. „Im letzten Schuljahr haben unsere Väter uns bereits immer mal wieder mit in den Rat genommen. Ihr wisst inzwischen ja, dass der Rat aus magischen Wesen besteht, die versuchten, die Zauberwelt zu verändern. Mein Vater war einer der Gründer. Jamin Prince der andere. Dad hat Xeno hinzugezogen, sie kannten einander und wussten, was sie sind. Jedenfalls haben wir uns zu diesen Gelegenheiten öfter getroffen.“

„Ja, und dabei konnte ich, genau wie ihr jetzt, feststellen, dass unser Eisprinz hier gar nicht so ein arroganter Eisklotz ist.“, kicherte Luna. „Mir wurde klar, dass seine angeblichen Freunde nicht alle so harmlos waren, sondern für den Lord spionierten. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass Voldemort zurückkommen würde, allerdings nicht genau, wie oder wann. Deshalb musste Draco darauf achten, wie er sich in der Schule gibt. Da durfte kein Verdacht entstehen. Aber wenn wir mit unseren Väter im Rat waren, musste er sich nicht verstellen.“

„Nein, da konnte ich einfach nur ich sein.“, nickte Draco. Er sah die Gryffindors an. „Luna hat Recht, ich war ein arroganter Eisklotz euch gegenüber. Ich musste es sein, vor allem, damit niemand wegen Dad Verdacht schöpft. Seine Rolle als Spion war schon ohne das gefährlich genug. Aber bei Luna konnte ich einfach nur ich selbst sein, das hat mir geholfen, die restliche Zeit meine Rolle zu spielen. Ihr durftet auf keinen Fall etwas bemerken, weder von mir noch von Onkel Sev. Ja, er ist mein Patenonkel und ja, er hat mich bevorzugt. Aus dem gleichen Grund, er war Spion und durfte keinen Verdacht erwecken. Das Glück werde ich wohl nicht mehr haben.“ Er seufzte theatralisch. „Aber im Ernst. Es tut mir leid, wie ich euch behandelt habe. Ich gebe zu, nicht alles davon war gespielt, ich kannte euch nicht und wollte es auch nicht, ihr wart Gryffindors, das hat mir schon gereicht, damit ich euch hassen kann. Luna hat mir klar gemacht, dass ich das nun nicht mehr muss. Ich kann nicht versprechen, dass ich nie wieder in alte Muster zurückfalle, aber ich hoffe, ihr glaubt mir, ich meine ernst, was ich hier sage.“

„Du hast aber immer noch nicht Hermines Frage beantwortet!“ Luna prustete vor Lachen, als sie ihn darauf aufmerksam machte.

„Oh, das war aber doch klar, immerhin wird er sicher mal in die Politik gehen, wie sein Vater. Dafür übt er schon!“, glaubte Harry. Neville starrte ihn einen Moment ungläubig an, dann lachte er hell auf.

„Woher weißt du das?“, wunderte sich Draco.

„Das … das war … geraten!“, lachte Neville nun noch heftiger. Er kannte Harry und seine Eingebungen, die er gerne mal einfach so in den Raum warf.

„Oh.“, kam es von Draco, was nun auch Harry und Hermine schaffte, sie konnten sich nicht mehr beherrschen und stimmten in Nevilles und Lunas Gelächter ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigten.

„Ich hätte aber schon gerne noch eine Antwort.“, entschied Hermine schließlich.

„Naja, also, Luna und ich waren bereits befreundet.“, nahm Draco den Faden wieder auf. „Im Turnier wurde gekämpft – übrigens, Respekt vor deiner Leistung, Harry, das hätte ich dir nicht zugetraut, und auch die Anstecker tun mir leid – und ich spürte, wie meine Verwandlung immer näher rückte. Halbvampire verwandeln sich bereits an ihrem fünfzehnten Geburtstag. Dad hat mich einige Tage nach Hause geholt. Danach konnte ich Luna nicht mehr treffen, weil es einfach zu rund ging. Die dritte Runde stand an und ihr wisst, was da passierte. Erst im Sommer haben wir uns in Atlantica wieder getroffen, als der Rat dort tagte. Da haben wir es beide gespürt. Luna ahnte es bereits vorher, aber sie hat nichts gesagt, wollte erst sichergehen. Wir haben uns dann vor Harry noch eine Weile versteckt, gerade weil es eine so ungewöhnliche Verbindung ist. Dad war geschockt, und das ist noch milde ausgedrückt.“

„Oh ja, das war lustig!“, prustete Harry. „An dem Tag hatte Severus wohl die Befürchtung, dein Dad würde an einem Herzinfarkt sterben! Es hat schon in der Früh begonnen, Lucius platzte in Severus' Zimmer, weil Draco die schlimmsten Befürchtungen hatte, ich könnte entführt worden sein oder versucht haben, mich umzubringen.“ Er sah Draco an. „Ernsthaft?“

„Hey, ich habe mir Sorgen gemacht, kurz davor waren dein Pate und der Werwolf in Atlantica aufgetaucht. Und ich habe erlebt, wie du reagiert hast!“, rechtfertigte sich der Blonde.

„Schon, aber ich wollte Sirius doch helfen, da bringe ich mich doch nicht um!“, schüttelte Harry den Kopf. „Wie auch immer, also Lucius kam rein, weil er wollte, dass Sev ihm beim Suchen hilft. Ihr müsst wissen, am Abend davor haben Sev und ich geredet, uns ausgesprochen. Ich habe diese Nacht bei ihm verbracht, in seinen Armen geschlafen. Bei ihm, nicht mit ihm.“, fügte er an, als er die leuchtenden Augen der Mädchen sah. „Also, Lucius kam zu Severus. Als er die Theorie von wegen, ich könnte mich umbringen, erwähnte, ist mir die Frage raus gerutscht, warum ich das tun sollte. Da habe ich Lucius Malfoy zum ersten Mal sprachlos erlebt, er bekam seinen Mund nicht mehr zu!“

„Das hätte ich zu gerne gesehen!“, lachte Draco.

„Es kommt noch besser!“, versprach Harry grinsend. „Nur wenig später waren wir in der Krankenstation, um Sirius zu besuchen. Lucius war wieder schock-starr, er murmelte die ganze Zeit etwas von wegen, er hätte die richtige Familie gehabt, aber die falsche Person. In dem Moment hat er herausgefunden, dass Sirius sein Gefährte ist. Ausgerechnet der Cousin der Frau, mit der er eine Scheinehe führte!“ Harry kicherte kurz mit seinen Freunden bei der Vorstellung, dann sprach er weiter. „Als er sich endlich beruhigt hatte, gingen wir in die Bibliothek, wo wir euch beim Knutschen entdeckt haben. Und da wusste er zum dritten Mal an diesem Tag nicht mehr, was er sagen sollte!“

„Ja, er war ziemlich blass.“, gab Draco leicht unbehaglich zu. „Aber inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Wir Malfoys sind halt außergewöhnlich, da ist auch eine Verbindung zwischen Vampir und Elfe möglich. Nicht wahr, mein Engel?“

Luna gab ihm einen kurzen Kuss. „Die Magie würde nie zwei Personen aneinander binden, die sich nicht verstehen oder leiden können. Nur wenn gegenseitige Sympathie vorhanden ist und die beiden Personen von der Magie her zusammenpassen, werden sie Gefährten. Auch wenn trotzdem nicht immer alles gut geht in solchen Verbindungen. Manchmal verändert man sich. Wir haben es erst einmal verschwiegen, weil Daddy nicht bei Mama sein konnte und auch Lucius noch keinen Gefährten hatte, aber eigentlich war es gut, dass sie uns gesehen haben, dann mussten wir uns nicht mehr verstecken.“

„Beantragt ihr dann eine gemeinsame Wohnung für nach den Ferien?“, wollte Neville wissen.

„Hatten wir eigentlich schon, aber wir haben den Antrag zurückgezogen. Unsere Väter sind dagegen, wir sollen uns um die Schule kümmern, auch ohne gemeinsame Wohnung können wir viel Zeit miteinander verbringen.“, schüttelte Draco den Kopf. „Wenn ich ehrlich bin, haben sie Recht, auch wenn es mir nicht gefällt. Ich habe dieses Jahr die ZAGs, Luna nächstes Jahr, hätten wir eine gemeinsame Wohnung, würden wir wohl nicht so viel lernen, wie notwendig ist.“

„Sev wird bei mir darauf bestehen, dass ich erst lerne, bevor ich etwas anderes mache.“, schmollte Harry.

„Das ist irgendwie immer noch schräg, du und der Professor.“, schüttelte Neville den Kopf. „Wobei mich nicht wundert, dass du schwul bist, das hat sich ja bei diesem komischen Ball in der vierten Klasse schon gezeigt. Und ich denke auch, dass dir ein älterer Partner gut tut, bei dem du einfach sicher bist, dass er nicht gegen dich verwendet werden kann, zumindest war das im Krieg wichtig. Aber ausgerechnet der Professor?“

„Er ist ganz anders, wenn man ihn näher kennt.“, grinste Harry. „Ja, ich weiß, wie sehr sich das nach einem Klischee anhört. Und trotzdem ist es wirklich so.“ Er erzählte zumindest einen Teil von dem, was im Ligusterweg und im Grimmauldplatz passiert war. Einige Details, die er für zu persönlich hielt, ließ er allerdings aus. Erschrocken, entsetzt, gespannt und teilweise auch belustigt hörten seine Freunde ihm zu. Mit Hermine hatte er zwar in der Zeit in der Kammer viel gesprochen, aber auch sie wusste nicht alles.

„Und ihr wollt es wirklich öffentlich machen?“, wunderte sie sich.

„Von Wollen kann kaum noch die Rede sein.“, seufzte Harry. „Inzwischen wissen schon zu viele Leute Bescheid, es hat sich wohl bis zur Presse, also nicht zum Klitterer, durchgesprochen. Gestern war ein Artikel im Tagespropheten. Klar, wir könnten es dementieren, aber das glaubt uns doch keiner. Wir werden es einfach ignorieren, die Leute glauben doch sowieso, was sie wollen. Aber ich bleibe bei Sev in der Wohnung.“

„Ich gönne dir dein Glück wirklich, Harry, aber das geht nicht.“, widersprach Hermine ernst. Erschrocken blickten sie zwei grüne Augen an. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie wie mit Silber durchwirkt waren. „Harry, Professor Prince ist dein Lehrer, eine Beziehung mit ihm, egal ob offiziell oder nicht, ist illegal.“

„Häh?“, machte Draco. „Was ist das denn für eine komische Regel? Wovon redest du?“

„Hermine, du kennst nur die Regeln, wie sie bei Muggeln gelten.“, schüttelte Luna den Kopf. „Hier ist das anders, aber das solltest du dringend wissen, ich denke, es betrifft nicht nur Harry.“ Sie schwieg einen Moment und starrte träumerisch in die Ferne. „In der magischen Welt gilt ein Gefährtenbund viel mehr. Egal ob sie bereits gebunden sind oder sich nur gefunden haben, niemand würde Gefährten trennen. Okay, lassen wir die letzten Jahre und Jahrzehnte mal außen vor.“ Sie schüttelte sich und ließ sich von Draco in die Arme ziehen. „Also, zum einen liegt auf Hogwarts ein Zauber, der verhindern soll, dass Lehrer ihre Kinder oder eben auch Partner bevorzugen können. Diesen Zauber hat Dumbledore in seiner Amtszeit abgeschwächt, weil er die Slytherins benachteiligen wollte, aber es funktionierte natürlich auch anders.“ Da sie bei diesen Worten Harry und Draco nacheinander ansah, war klar, was sie meinte. „Dieser Zauber ist nun wieder aktiv. Zum anderen ist es so, dass auch gewisse Schutzzauber aktiv sind, die verhindern, dass ein Älterer, also in diesem Fall ein Lehrer, einen Schüler gegen seinen Willen zu sich nimmt. Von sexuellen Handlungen ganz zu schweigen. Viele magische Wesen, die früher und auch heute wieder willkommen in Hogwarts sind, brauchen die Anwesenheit ihres Gefährten, um ausgeglichen zu sein, damit sie nicht gefährlich werden. Sobald man seinen Gefährten gefunden hat, wird es schmerzhaft, sich längere Zeit zu trennen. Das wirkt sich nicht nur auf das körperliche Wohlbefinden aus sondern auch auf die schulische Leistungsfähigkeit. Deshalb ist es sogar wichtig, dass Gefährten zusammen hier sein können. Und ich denke, es wird auch von Vorteil für die Schüler sein, wenn Professor Prince Harry bei sich hat!“

„Du meinst …?“, erkannte Neville, dann wurde er erst blass und schließlich rot. „So genau will ich das gar nicht wissen!“

„Da gibt es nicht viel zu wissen!“, lachte Harry. „Severus wollte es mir nicht einmal sagen, dass wir Gefährten sind. Er war der Meinung, ich sollte erst einmal erwachsen werden, und dann wollte er noch abwarten, weil er sich mir nicht aufzwingen wollte. Er hat sich bewusst von mir fern gehalten, damit ich die freie Wahl habe. Dabei habe ich mich schon im Grimmauldplatz in ihn verliebt. So gesehen kann ich froh sein, dass er den Kuss gesehen hat, den Doron mir aufzwang. Ansonsten hätte er wohl nie mit mir geredet.“ Er erzählte kurz, was an dem Abend vorgefallen war, als Sirius mit dem toten Remus in Atlantica angekommen war. „Jamin hat ihn dann gesucht, er wusste wohl, wo er ihn finden würde. Dann hat er ihn einfach in mein Zimmer geschoben und gemeint, wir müssten reden. Er hat uns alleine gelassen und wir haben geredet, seither sind wir zusammen. Das war die erste Nacht, die wir gemeinsam verbrachten. Nur die Zeit, als ich hier in der Kammer war, habe ich fast komplett ohne ihn verbracht. Und das will ich nie wieder. Auch wenn wir noch nicht weitergehen, als uns zu küssen, ich brauche seine Nähe.“

„Ich schätze, ich werde Zeit brauchen, um mich daran zu gewöhnen.“, brummte Neville. „Aber ich bleibe dein Freund, Harry. So lange ich nicht zusehen muss, wie ihr ...“

Harry kicherte und lief rot an. „Keine Sorge, Nev, das wird Severus sicher nicht vorhaben! Und ich auch nicht.“ Er schüttelte sich, das war etwas, worüber er nicht mehr weiter diskutieren wollte. „Was ist eigentlich mit euch? Hermine, Neville, gibt es da jemanden?“

Hermine wurde rot, schwieg aber beharrlich. Neville hingegen zog die Beine an seinen Oberkörper und schlang die Arme darum. Harry merkte, dass er abgenommen hatte und machte ihm ein Kompliment dahingehend. „Danke, Harry.“, nuschelte der Braunhaarige. „Aber das ist kein Wunder. Ich war mit Ginny zusammen, als sie weg gingen. Ich mache mir Sorgen um sie, da wir auch keinen Kontakt halten konnten, damit niemand sie findet. Nur einmal habe ich ihren Brüdern geschrieben, weil ich hoffte, dass sie mir helfen können wegen der Blutfeder. Ich habe ihr gestern geschrieben, vorher fand ich keine freie Eule.“

„Mensch, hättest du doch etwas gesagt!“, entfuhr es Harry. „Ich hätte den Brief Hedwig mitgegeben, die meine Post zu Ron gebracht hat! Ginny ist jetzt, genau wie Ron, Fred und George, in Durmstrang. Es geht ihnen soweit gut, aber sie werden wohl bis zum Ende des Schuljahres dort bleiben. Was danach ist, wissen sie noch nicht.“

„Hab nicht daran gedacht.“, flüsterte Neville.

„Was ist eigentlich mit euch?“, fragte Hermine im gleichen Moment. „Es ist mitten im Schuljahr, ihr habt mehrere Monate verpasst, und nun stehen die ZAGs an!“

Draco verdrehte die Augen, da war sie wieder, die nervige Gryffindor mit den vielen Fragen. „Denkst du wirklich, wir haben die letzten Monate nur herum gehangen? Dann muss ich dich enttäuschen, wir haben intensiv gelernt. Zuerst waren Onkel Sev, Mister Prince, Fenrir, Dad, Mandana und teilweise auch Heiler Smethwyck unsere Lehrer. Dann mussten wir aus Atlantica weg, aber wir haben von den Elfen und Fenrir immer noch eine Menge gelernt. Da solltest du mehr Angst um deine Leistungen haben, du warst auch nicht hier in der Schule!“

„Und ich habe von Salazars Geist gelernt, auch schon, bevor du kamst.“, fügte Harry an. „Vielleicht nicht genau das, was wir in den ZAGs brauchen, aber da Sirius, Remus und Severus bereits im Grimmauldplatz mit mir gelernt haben, denke ich, dass ich aufholen kann, was mir fehlt. Das hat Jamin uns jedenfalls angeboten, wir sollen sehen, wieweit wir kommen. Notfalls bekommen wir Nachhilfe.“

„Ich bezweifle, dass wir sie brauchen.“, zuckte Draco die Schultern. „Wir haben zum Teil Dinge gelernt, die auf UTZ-Niveau sind. Warum sollte uns der Stoff für die ZAGs Schwierigkeiten machen?“

„Vor allem, da wohl auch der Unterricht umgestellt werden soll.“, ergänzte Neville. „Wir werden auch die sogenannte schwarze Magie lernen, oder zumindest steht es uns offen, beide Arten zu nutzen. Das kommt vor allem euch Slytherins zugute, oder?“

„Ja, wahrscheinlich schon.“, nickte Draco. „Viele von uns haben einen hohen Anteil an schwarzer Magie. Aber das Gerücht, dass wir alle magische Wesen sind, ist nicht mehr als das: ein Gerücht. Bei uns gibt es genauso viele oder wenige magische Wesen wie in anderen Häusern. Mal sehen, wann sie ihre Illusionen ablegen, ich denke, es sind wesentlich mehr hier in Hogwarts als wir bisher auch nur ahnten. Ich jedenfalls werde mich nicht mehr verbergen.“

„Klar, bei dir sieht man auch kaum was!“, lachte Harry. „Meine Flügel kennt inzwischen auch jeder, genau wie mein neues Aussehen. Wobei, ich finde es gut, ich sehe Mama damit viel ähnlicher. Die Ähnlichkeit mit James Potter hätte ich nicht mehr gewollt.“ Er schauderte.

„Wieso? Was ist los?“, wollten alle wissen.

Harry überlegte nicht lange, das hier waren seine Freunde und er vertraute ihnen. „Versprecht mir nur, dass es unter uns bleibt.“, bat er. Das versprachen sie natürlich. „Ich habe Mamas Tagebuch gefunden. Kurz gesagt, sie war ein Schutzengel, von ihr habe ich das Erbe.“

„Ha, ich hatte Recht!“, entfuhr es Draco, bevor er sich die Hand auf den Mund schlug. Durch die Finger murmelte er: „Entschuldige, sprich weiter!“

„Ja, ihr hattet alle Recht, jeder glaubte, ich sei ein Schutzengel.“, moserte Harry. „Mein Wesen hat mich wohl schon immer beeinflusst. Irgendwie musste ich immer allen helfen. Egal, darum ging es gerade nicht. Also, Mama hat in ihrem Tagebuch geschrieben, dass sich ihre Illusion, die ihre wahren Eltern über sie legten, löste, als sie siebzehn wurde. Da hat sie gemerkt, dass James ihr Gefährte ist. Deshalb hat sie sich plötzlich in ihn verliebt. Anfangs war er wohl auch ganz lieb zu ihr, aber er hat irgendwann herausbekommen, was sie ist, und sie ausgenutzt. Sie war todunglücklich und wünschte sich, dass ich ihr Erbe nicht bekommen würde, damit mein Vater nicht auch noch aus mir Profit schlagen kann. Er war nicht der Mensch, von dem ich immer hörte und den ich bewunderte.“

Luna löste sich von Draco, als sie Harrys Traurigkeit spürte, und umarmte ihn. „Wir sind da.“, versprach sie ihm leise. „Keiner von uns wird dich ausnutzen oder verraten.“

„Ich weiß.“, wisperte Harry und drückte Luna an sich. Dann fiel ihm etwas ein. „Verdammt, ich wollte es doch Sirius zuerst sagen!“

„Dann geh jetzt in eure Wohnung, sprich mit deinem Paten.“, empfahl Draco. „Du willst doch sowieso wissen, wie es ihm geht.“

„Stimmt.“, gab Harry zu und stand auf. Auch seine Freunde erhoben sich. Neville wollte einen weiteren Brief an Ginny schreiben, Hermine murmelte etwas von ein paar Fragen, die sie noch hatte, Luna und Draco wollten nach Blaise und Chiara sehen und dann ein wenig Zeit zu zweit verbringen. Gemeinsam gingen sie die Treppe nach unten, dann trennten sie sich. Erst, als er die Tür zu Severus' Lehrerwohnung öffnete, fiel Harry auf, dass Hermine die Frage nicht beantwortet hatte, ob es jemanden in ihrem Leben gab. ‚Hm, da gibt es offenbar wirklich jemanden, aber du willst es uns verheimlichen.‘, dachte Harry grinsend. ‚Aber du vergisst, dass wir in einem Internat leben, wo Geheimnisse nicht lange geheim bleiben!‘

Harry machte einen kurzen Rundgang in der Wohnung und stellte enttäuscht fest, dass Severus nicht da war. Auch nicht im Labor, daher nahm er an, dass er wohl im Büro war. Vielleicht war ein Schüler bei ihm, also würde er nicht stören. Seine Tür stand immer offen, wenn jemand reden wollte. Und das wollten viele Schüler in den letzten Tagen, was Severus noch immer verwirrte, da er einfach nicht glauben konnte, dass die Schüler zu ihm kamen. Also widmete sich Harry dem Päckchen, das Narzissa Shacklebolt ihm in die Hand gedrückt hatte. Vorsichtig wickelte er das Papier ab und fand einen Spiegel darin. Eine Notiz lag dabei:

Harry,

das hier ist ein Zwei-Wege-Spiegel. James und ich haben sie in der Schule immer genutzt, wenn wir in verschiedenen Klassenzimmern nachsitzen mussten. Sie sind wie die Telefone der Muggel, nur mit Bild. Nimm den Spiegel in die Hand und sag meinen Namen, wenn Du mir mir reden willst.

Alles Liebe,

Dein Sirius

Grinsend strich Harry über den Spiegel. Zwar hatte er keine große Lust, über seinen Vater nachzudenken, aber er konnte sich lebhaft seinen Paten vorstellen, wie er beim Nachsitzen heimlich über den Spiegel mit seinem damals besten Freund neue Streiche plante. „Sirius Black!“, sagte er laut in den Spiegel. Ein wenig komisch kam er sich dabei schon vor.

Bis das Gesicht seines Paten erschien und ihn angrinste. „Harry!“

„Hey, Siri!“, lächelte er. Sein Blick wanderte über das Gesicht des Animagus. „Du siehst gut aus. Viel entspannter. Wie geht's dir?“

„Besser.“, gab Sirius ungewohnt ernst zu. „Luc hatte Recht, mich da raus zu holen. Ich bin froh, dass er es gemacht hat, auch wenn die Art schon gewöhnungsbedürftig war. Tut mir leid, dass du es so mitbekommen musstest. Es tut gut, mit ihm zu reden. Er hat auch einen Heiler engagiert, der mit mir spricht. Und Luc ist immer da, er gibt mir Halt, auch wenn ich immer noch ständig an Remy denken muss.“

„Ich bin froh, dass er dein Gefährte ist und sich um dich kümmert.“, gestand Harry. „Er tut dir gut. Er wird sicher nie verlangen, dass du Remus vergisst.“

„Nein, das wird er nicht.“, schüttelte Sirius den Kopf. „Wir waren bereits an Remus' Grab. Es hat mir gut getan, Abschied zu nehmen. Ich werde Remus immer lieben, aber auch Luc hat bereits einen Platz in meinem Herzen.“ Er lachte kurz auf. „Oh man, ich klinge echt ziemlich schnulzig! Aber nun zu dir, mein Kleiner. Wie geht's dir?“

„Gut!“, war Harrys spontane Antwort. Das Lächeln, das er seinem Paten schenkte, brachte die Augen zum Strahlen.

„So genau will ich es gar nicht wissen!“, winkte Sirius lachend ab. „Ich bin zwar inzwischen mit Severus befreundet und froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und mich entschuldigt habe, aber alles muss ich dennoch nicht wissen.“

„Da gibt es nicht viel zu wissen, habe ich meinen Freunden vorhin auch gesagt!“, lachte Harry. Er wurde ernst und erzählte Sirius nun von den Tagebuch-Einträgen seiner Mutter, außerdem verriet er von dem Ergebnis des Ahnentranks.

„Merlin, ich hatte keine Ahnung!“, hauchte Sirius, als Harry zu Ende gesprochen hatte. „Aber wage es nicht, dir Vorwürfe zu machen, weil du es nicht eher gesehen hast. Ich werde dir sicher nie einen Vorwurf machen, es war nicht deine Aufgabe, mich aus Askaban zu holen. Das ist etwas, das Dumbledore und die damalige Strafverfolgung verschuldet haben, die haben mich ohne Verhandlung dorthin geschickt und einfach ignoriert. Remus hat es damals versucht, dass sie mich befragen, aber sie haben ihn einfach weggeschickt. Ich habe dir nie einen Vorwurf gemacht, nicht einmal in Gedanken, also tu' das bitte auch nicht, Kleiner.“

„Ich werde mich immer fragen, was gewesen wäre, wenn ich es eher gelesen hätte.“, gab Harry zu. „Vor allem, weil ich mir gewünscht hätte, eher bei dir leben zu können.“

„Das hätte ich dir auch gewünscht, Harry.“, murmelte Sirius. „Aber wir können die Vergangenheit nicht ändern.“ Ihm lief eine einzelne Träne über die Wange. Harry sah mit einem Mal Lucius im Spiegel, der Sirius zärtlich in den Arm nahm. Er war froh, dass der Blonde sich um seinen Paten kümmerte. Am liebsten würde Harry seinen Paten nun auch in den Arm nehmen, um ihm zu helfen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Sirius sich wieder ein wenig gefasst hatte. „Entschuldige, Kleiner. Kommst du mich mal besuchen?“

„Auf jeden Fall, Siri!“, versprach Harry. „Morgen will Severus mit mir zu den Elfen, damit ich endlich diesen dämlichen Seelenteil Riddles loswerde. Ab Montag ist dann wieder Unterricht. Vielleicht nächstes Wochenende?“

„Gerne. Du bist herzlich willkommen.“, lud Lucius ein. „Komm durch Severus' Kamin. Sagen wir, Samstag um 10 Uhr?“

„Das klingt gut. Ich werde kommen. Auch wenn ich wahrscheinlich auf allen Vieren ankomme, wie bei jeder Flohreise.“, schimpfte Harry. „Also solltet ihr vielleicht nicht direkt vor dem Kamin stehen. Nur als kleine Warnung!“

Sirius prustete, was Harry zu einem Lächeln verleitete. Er hatte die gedrückte Stimmung ein wenig auflockern wollen, was ihm offensichtlich gelungen war. Sie verabschiedeten sich und Harry versprach, sich über den Spiegel zu melden, wenn er von den Elfen zurück war, denn Sirius wollte das Ergebnis erfahren. Noch immer hatte er Angst um seinen Patensohn, und so lange das Seelenbruchstück nicht weg war, würde die wohl nicht verschwinden. Nach einem letzten Gruß wurde der Spiegel kurz schwarz, dann war er wieder ein ganz normaler Spiegel. Als Harry hineinsah, konnte er Severus sehen, der eben durch die Bürotür hereinkam.

„Alles in Ordnung?“, wollte er wissen.

„Mhm.“, machte Harry. „Hab gerade mit Siri gesprochen. Es geht ihm besser.“

„Das ist gut.“ Severus trat zu Harry und nahm ihn in den Arm. Der Grünäugige schmiegte sich an ihn. „Harry, ich denke, wir sollten uns demnächst mal Zeit nehmen und miteinander über unsere Pläne für die Zukunft sprechen.“, schlug Severus schließlich vor. „Ich meine, ich finde es sehr gut, dass du die Schule zu Ende machst, aber was willst du dann machen? Nicht jetzt, aber wenn wir von den Elfen zurückkommen, dann sollten wir uns dafür Zeit nehmen. Wir kennen uns noch nicht besonders gut, aber wir leben schon zusammen, das könnte Probleme geben. Deshalb würde ich gerne mit dir reden, um uns näher kennen zu lernen.“

„Das klingt nach einem guten Plan.“, stimmte Harry zu. „Obwohl ich gestehen muss, ich habe nie weiter als bis zum Kampf gegen Voldemort gedacht. Eigentlich bin ich froh, dass ich noch zweieinhalb Schuljahre habe, bis ich mich entscheiden muss. Ich meine, Heilen liegt mir, aber will ich das machen? Ich habe keine Ahnung, wenn ich ehrlich sein soll.“

„Du sollst auch jetzt keine übereilte Entscheidung treffen.“, ruderte Severus ein wenig zurück. „Ich wollte nur mehr über dich wissen. Vielleicht ein paar Ideen, wie es weitergehen könnte.“ Er küsste Harry auf die Stirn. „Du hast Zeit, nimm sie dir.“

„Okay.“, nickte Harry. „Was hältst du davon, wenn wir uns immer abends noch eine Stunde oder so zusammensetzen und einfach reden? Dabei lernen wir uns sicher am besten kennen.“

„Das klingt nach einem guten Plan.“

„Super!“, grinste Harry, streckte sich und legte seine Lippen auf Severus'. Eine Weile genoss er den Kuss, dann löste er sich wieder. „Nächsten Samstag hat mich Lucius eingeladen, Sirius zu besuchen. Es geht ihm deutlich besser. Ich vermisse ihn ein bisschen.“

„Nimm dir Zeit mit ihm.“, riet Severus. „Auch ihr konntet euch nie richtig kennen lernen. Es wird Sirius genauso gut tun wie dir.“

„Das werde ich. Aber jetzt will ich ein bisschen Zeit mit meinem Gefährten verbringen. Lassen wir uns von Dobby das Essen hierher bringen? Und morgen gehen wir zu den Elfen.“

Severus war einverstanden, und so verbrachten sie einen entspannten Abend mit einem guten Essen und ersten Gesprächen, um sich richtig kennen zu lernen. Wobei sie heute nur über die letzten Tage sprachen und darüber, wie sehr sie einander vermisst hatten, als sie getrennt worden waren. An diesem Abend gingen sie bald ins Bett und Harry legte seinen Kopf erneut auf Severus' Brustkorb, da dessen Herzschlag ihn beruhigte und gut schlafen ließ.

„Hallo, Harry!“, lächelte die Elfenkönigin, als der Jugendliche gemeinsam mit Severus auftauchte. Harry blickte staunend um sich. Sie standen in einem dicht bewachsenen Wald, der aber sehr ordentlich wirkte. Irgendwie aufgeräumt, fand Harry. Viele Bäume, die sehr gerade wuchsen, hatten Stufen am Stamm, auf denen man nach oben klettern konnte. Auf etwa fünf bis zehn Metern Höhe wuchsen Plattformen direkt aus den Stämmen. Um sie herum waren Wände, und die Zweige und Äste mit den Blättern bildeten die Dächer der Häuser. Alles wirkte so natürlich, es schien, als ob die Häuser tatsächlich mit den Bäumen verwachsen waren. Alemie beobachtete den Jugendlichen lächelnd, als er ihre Heimat bestaunte. „Wir singen zu den Bäumen, damit sie so wachsen, wie wir sie brauchen. Wir mögen es nicht, auf dem Boden zu schlafen, wir lieben die Höhe und die Luft um uns herum. Komm, gehen wir in den Palast!“, erklärte sie, und deutete auf ein großes Baumhaus in der Mitte der Lichtung. „Die meiste Zeit des Jahres lebe ich bei meinem Gefährten und seinem Volk, aber da ich die Königin meines Volkes bin, muss ich immer mal wieder hier im Palast sein. Manchmal kommt meine Tochter mit, sie ist gerade oben. Ihre Fähigkeiten sind noch weitaus größer als meine, bereits im Alter von neun Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Vater den Zauberer Carimo besiegt, der die Welt hier unter seine Macht bringen wollte. Sie kann nicht zaubern, so wie du es kennst, aber … Ach, bevor ich es versuche zu erklären, komm einfach rein und spüre es selbst!“

Grazil ging die Elfe ihnen voran die Treppe nach oben in den Palast und zeigte ihnen das Untergeschoss. Staunend erkannte Harry, dass dieses Baumhaus sogar eine zweite Etage hatte. Es war sehr luftig und offen, überall blühten exotische Blumen und verbreiteten einen wundervollen Duft. Alles war aus Holz oder anderen Pflanzenteilen, selbst die Möbel schienen am Leben zu sein. So harmonisch und voller Energie, dass man sich automatisch wohl fühlte.

„Hallo. Du musst Harry sein.“, schreckte ihn eine Stimme aus seinen Betrachtungen. Er sah auf und blickte ein junges Mädchen an. Sie hatte dunkelblaue Augen mit goldenen Sprenkeln, die fielen als Erstes auf. Sie waren unglaublich tief, man versank ganz und gar in ihnen. „Ich bin Yas.“, sprach das Mädchen weiter. Die goldenen Sprenkel funkelten, als sie lächelte. Ihre Haare waren schwarz und reichten ihr bis zu den Knien. Zwischen den gelockten Strähnen erkannte Harry ihre spitzen Ohren, die typisch für Elfen waren. Auch Luna hatte sie, wenn sie nicht gerade in einer Illusion versteckt waren. Die Lovegoods gehörten zu den wenigen Elfen, die auch zaubern konnten, das hatte Luna ihm erzählt. Noch immer sah sie ihn an, aber inzwischen grinste Yas breit.

„Oh, entschuldige.“ Harry wurde rot, als er merkte, wie lange er das Mädchen schon angestarrt hatte. „Ja, ich bin Harry. Das ist mein Gefährte, Severus Prince.“

„Ein Meermann.“, erkannte Yas. „Ich wollte schon immer Wesen kennen lernen, die in meiner alten Heimat leben.“ Erneut grinste sie, als sie merkte, dass sie die Männer verwirrte. „Ich bin in eurer Welt aufgewachsen, bis ich mit neun Jahren den Weg hierher gefunden habe. Allerdings nicht in England, sondern in Supai, Arizona. Zu einer ganz anderen Zeit, aber die vergeht hier anders als in eurer Welt. Und jetzt komm, Harry, ich habe gehört, du möchtest einen Teil von dir loswerden, der nicht zu dir gehört, aber schon lange in dir ist.“

Harry nickte nur und ließ sich von dem Mädchen mitziehen. Sie konnte nicht viel älter als elf oder zwölf Jahre sein, und doch wirkte sie so erwachsen. Vage erinnerte Harry sich, dass die meisten magischen Wesen ein Jahr nach ihrer Umwandlung als erwachsen galten und ausgereift waren. Vielleicht war das hier ja auch der Fall? Yas führte ihn zurück in den Wald und unter einen riesigen Baum, eine Tanne. Die Äste lagen rund um sie herum wie ein Zelt und die einzelnen Sonnenstrahlen, die durch die Nadeln blinzelten, malten helle Flecken auf den Boden, die sich veränderten, sobald sich ein Ast oder Zweig bewegte. Yas saß im Schneidersitz auf dem Boden, ihr Gesicht wandte sie Harry zu, der sich an den Stamm lehnte. Die Zweige umflossen sie wie ein schwerer Umhang, was einen starken Kontrast zu ihrer leichten Lederkleidung bildete, die ärmellos war.

„Und jetzt?“, fragte sich Harry, als Yas die Augen schloss.

„Entspann dich, Harry.“, bat das Mädchen. „Lehn' dich an den Stamm, mach' die Augen zu und versuche einfach, an nichts zu denken. Ich kann nicht genau erklären, was ich mache, aber ich kann Energien und Auren spüren. Mama sagt, du hast ein Stück einer fremden Seele in dir. Das will ich finden und dann sehen, wie es mit dir verbunden ist und wie wir es entfernen können.“

„Und wenn das nicht klappt?“, wollte Harry wissen.

„Ich denke schon, dass es klappt.“, zuckte Yas die Schultern. „Ich weiß nur nicht, wie lange es dauert. Du musst entspannt bleiben, das ist wichtig.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich habe einige Stunden gebraucht, um meinen Onkel zurück in seine menschliche Form zu führen. Ihr würdet sagen, er ist ein Animagus, mein Vater und sein Volk nennen sie Formwandler. Sein Geist war in seiner anderen Form gefangen, und ich habe ihm geholfen, zurück in seine menschliche Form zu finden. Dein Fall ist nicht gleich, aber doch ähnlich genug, dass ich sicher bin, dir helfen zu können. Zumindest hat mir das, was dieser Geist gesagt hat, geholfen, herauszufinden, wie es geht. Ich weiß nur nicht, wie lange es dauern wird, denn Naturmagie funktioniert anders als das, was du kennst. Also sag mir, wenn du bereit bist.“

„Und ich muss nichts machen, außer mich entspannen und meinen Kopf so leer wie möglich halten?“ Das klang im ersten Moment nicht schwer, aber Harry wusste, wie schwer es war, diesen Zustand über einen längeren Zeitraum zu halten.

„Genau.“, nickte das Mädchen. „Ich werde dich dann anfassen, damit geht es leichter. Die Naturmagie braucht Kontakt, oder besser gesagt Nähe. Also nicht erschrecken. Oder ich lasse meine Hand am besten gleich auf deinem Arm, bis du mir sagst, dass du bereit bist.“

Harry sah sie noch einen Moment an und atmete tief durch. Das hier war nicht viel anders als sein Stolpern in die magische Welt, seine plötzliche Verwandlung, oder die veränderte Beziehung zu Severus. Etwas, das er früher nicht einmal in Betracht gezogen hätte, war mit einem Mal völlig normal. Mit einem Nicken gab er Yas das Zeichen, dass er beginnen wollte, und schloss die Augen. Die Berührung der jungen Elfe half ihm, zur Ruhe zu kommen, und er schob alle Gedanken beiseite. Nur ganz weit hinten in seinem Kopf spürte er die Verbindung zu Severus, die seit der Verwandlung immer deutlicher wurde. Von dort kam nur Ruhe, also entspannte sich Harry langsam aber sicher. Um sie herum zwitscherten verschiedene Vögel, Bienen summten, kleinere Tiere raschelten im Unterholz. Ab und zu knarrte ein Baum im Wind, wenn er sich ein wenig bewegte, die Blätter rauschten, in der Nähe plätscherte ein Bach. Von der Berührung an seinem Arm ging eine sonderbare Wärme aus, die aus dem Inneren des Mädchens kam. Harry spürte etwas Vertrautes an ihr, sie erinnerte ihn ein bisschen an Luna. Ein wenig wunderte er sich, dass es überhaupt keine Angst oder auch nur Unsicherheit in ihm gab, aber auch diesen Gedanken schob er nach einem Moment beiseite. Er musste entspannt bleiben. Irgendwie konnte er Yas' geistiges Eindringen in ihn spüren. Es gab keinen Hinweis darauf, überhaupt nicht vergleichbar mit dem Okklumentik-Unterricht bei Severus. Ganz sanft tastete die Elfe ihn ab.

Mit einem Mal zog es in Harry, es schmerzte ein wenig. Nicht schlimm, aber unangenehm. Die schmale Hand auf Harrys Arm verstärkte ihren Griff, was beruhigend auf Harry wirkte. Bewusst entspannte er sich erneut, versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Sein Vertrauen in das Mädchen musste mit ihrem Wesen zusammenhängen, Elfen lösten so etwas in Menschen und menschenähnlichen Wesen aus, das wusste er aus dem Unterricht in Atlantica. Die Gefühle, die er Yas zuordnete, wurden intensiver, je mehr sie sich auf den schmerzhaften Punkt konzentrierte. Plötzlich spürte Harry, dass dieser eine Punkt, wo er den Horkrux wusste, immer wärmer wurde. Irgendwann war es so heiß, dass Harry beinahe glaubte, verbrennen zu müssen, auch wenn der restliche Körper sich ganz normal anfühlte. Mit aller Macht zwang er sich selbst, auf dem Boden sitzen zu bleiben, obwohl er am liebsten aufspringen würde. Die Hitze in ihm begann, sich zu bewegen. Jetzt sprang Harry doch noch auf, das machte ihm ein wenig Angst. Was passierte gerade mit ihm?

„Ruhig.“, murmelte Yas. „Es ist alles in Ordnung. Ich habe das Seelenteil gefunden und kann es aus dir heraus leiten. Wir schließen es in einem Ast ein, dann bist du frei. Hab' nur noch ein wenig Geduld.“

Harry setzte sich wieder und ließ zu, dass die Elfe weiter machte. Die Hitze stockte eine Weile auf einer Stelle, dann bewegte sie sich wieder, sobald Harry sich beruhigte und seinen Geist geleert hatte. Sie verließ seinen Oberkörper, wanderte den Arm hinunter, bis sie genau dort war, wo Yas' Hand lag. Das Mädchen strich mit der Hand mehrmals über diese Stelle. Plötzlich war die Hitze weg und Harry fühlte sich … erleichtert. Frei. „Du hast es geschafft!“, freute er sich. „Danke, Yas! Ich danke dir!“ Er umarmte das jüngere Mädchen enthusiastisch und wirbelte sie herum. Lachend erwiderte Yas die Umarmung, bis Harry sie wieder auf den Boden stellte. „Ich kann es spüren, der Horkrux ist weg! Danke, Yas, vielen Dank!“

Harry strahlte beinahe wie die Sonne, sprang unter dem Baum hervor und wusste gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen. So frei und gelöst war er noch nie gewesen. Ihm kam es vor, als wären nun die Farben noch leuchtender, die Gerüche noch intensiver, und die Geräusche fröhlicher. Aufgeregt rannte er zurück dorthin, wo er Severus zuletzt gesehen hatte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er mit Yas wohl fast den ganzen Tag unter der Tanne verbracht hatte. Erneut bedankte er sich, als er das bemerkte, denn es war sicher anstrengend für sie gewesen.

„Schon gut, Harry, ich habe es wirklich gern gemacht!“, lachte Yas, die leicht mit ihm mithalten konnte. „Mama hat viel von dir erzählt, und ich finde, du bist ein toller Mensch. Jetzt wohl eher ein Engel, aber das macht nichts. Du darfst gerne wiederkommen, dann zeige ich dir auch, wo wir eigentlich wohnen. Aber dann musst du ein bisschen Zeit mitbringen, damit wir dorthin kommen, denn dafür brauchen wir etwa drei Tage.“

„Das mache ich sicher gerne mal, aber für diesmal fehlt wohl die Zeit.“, ließ Harry den Kopf ein wenig hängen. „Denkst du, wir finden Severus im Palast?“

„Sehen wir einfach nach.“, zuckte Yas die Schultern. „Komm mit, ich bringe dich hin. Nicht dass du dich verläufst!“ Sie grinste ihn frech an.

„Ach so? Ich hätte jetzt einfach den direkten Weg genommen!“, erwiderte Harry mit einem Schmunzeln und ließ seine Flügel erscheinen. Übermütig hob er ab und flatterte über Yas herum. Lachend hüpfte sie relativ schnell in Richtung des Zentrums, wo der Palast-Baum stand und kletterte agil die Treppe hinauf, während Harry auf den oberen Stufen landete. Mit einem fröhlichen „Sev!“ stürzte er sich seinem Gefährten in die Arme. Überrascht fing der Tränkemeister den Jugendlichen auf. Er hatte den Tag im Wald verbracht, dort hatte er Trankzutaten gesammelt, um sich abzulenken. Auch wenn er ein gewisses Vertrauen zur Elfenkönigin hatte, er machte sich Sorgen um seinen Gefährten. Wenn er ihn jetzt so sah, schien es ein Erfolg gewesen zu sein. Harry wirkte wie ein vollkommen anderer Mensch, so überdreht war er im Moment. Er schien wie das blühende Leben, vollkommen im Reinen mit sich und seiner Umwelt. Gerade diese unverfälschte, echte Lebensfreude machte ihn für Severus unendlich verführerisch. Vor allem, als Harry ihn in einen erotischen Kuss verwickelte.

„Es hat offenbar funktioniert, wenn ich dich so ansehe!“, murmelte Severus schließlich gegen Harrys Lippen.

„Mhm.“, machte Harry nur und verschloss die Lippen seines Gefährten erneut. Jetzt konnte er es wirklich richtig genießen. Davor war immer dieser Gedanke an Voldemorts Horkrux im Hinterkopf gewesen, der ihn davon abgehalten hatte, sich vollkommen auf Severus einzulassen. Ihm wurde heiß, aber er wollte es nicht enden lassen. Er wollte Severus spüren.

Doch irgendwann drückte Severus ihn ein wenig von sich weg. „Harry.“, mahnte er. Der Jugendliche schmiegte sich erneut an ihn, verlängerte den Körperkontakt. „Harry!“, versuchte Severus es erneut. „Wir sind hier nicht alleine!“

Jetzt zuckte Harry zurück und lief dunkelrot an. „Oh!“ Er vergrub seinen Kopf an Severus' Schulter, sah dadurch nicht, dass Alemie und ihre Tochter Yas strahlend lächelten. Sie spürten die Erleichterung des Jüngeren. Yas reichte Severus einen Ast. „Darin habe ich den Seelenteil eingeschlossen.“, erklärte sie.

„Vielen Dank!“, neigte Severus seinen Kopf ehrerbietig. Er verstand die Mythen, die sich um die Tochter der Elfenkönigin drehten. Das Mädchen war geheimnisvoll, mächtig und dennoch ein ganz normales Mädchen. Zumindest meistens.

„Gern geschehen!“, lachte Yas erneut. Man sah ihr an, dass sie gerne lachte und insgesamt ein fröhlicher Mensch, oder besser Elfe war. „Vielleicht solltet ihr nach Hause gehen. Harry will seine Freunde sicher wissen lassen, dass alles in Ordnung ist. Und dieses Seelenteil soll wahrscheinlich auch in Sicherheit gebracht werden. Aber ihr seid herzlich willkommen, uns ein andermal zu besuchen. Nicht wahr?“ Sie sah ihre Mama an, die lächelnd nickte.

„Natürlich, ihr seid immer willkommen.“, stimmte Alemie zu. „Aber eure Freunde machen sich inzwischen Sorgen, ihr solltet sie beruhigen.“

„Ihr habt Recht, Königin Alemie.“, nickte Severus. „Harry muss zur Ruhe kommen, um all das“, sein Arm deutete auf den Ast, „wirklich erfassen zu können. In wenigen Tagen will er wieder in die Schule gehen, um seinen Abschluss zu machen. Und ich werde wohl weiter unterrichten, zumindest so lange Harry in Hogwarts ist.“

„Ihr solltet beide in Ruhe darüber nachdenken, was ihr von der Zukunft erwartet.“, gab die ältere Elfe zu bedenken. „All euer Tun war bisher auf den Krieg ausgerichtet, aber das muss nun nicht mehr sein. Findet heraus, was euch wichtig ist, redet miteinander, um eure Wünsche aufeinander abzustimmen. Ihr liebt euch, das ist deutlich, aber das alleine reicht nicht für ein gemeinsames, gleichberechtigtes Leben.“

Erstaunt lauschte Harry diesen Worten, und ihm wurde bewusst, wie wenig er doch nach all dieser Zeit über Severus wusste. Was wollte der Ältere nun, da ihm alles offen stand? Er wusste noch nicht einmal, was er selbst nach der Schule machen wollte. Genau das, was sie gestern Abend beschlossen hatten. Aber jetzt hatten sie Zeit und Ruhe dafür. Severus dachte scheinbar ähnlich, denn er stand auf und verabschiedete sich von den Elfen. Harry tat es ihm gleich, allerdings ließ er sich von Yas umarmen, und auch Alemie schenkte ihm eine kurze Umarmung. Noch einmal dankten sie den Elfen für ihre Hilfe, nicht nur heute, sondern auch in den letzten Tagen, dann durchschritten sie das Portal zurück in ihre Welt. Tief im Ozean, im Reich der Meermenschen, kamen sie an. Harry nutzte den Kopfblasenzauber, den Severus ihm beigebracht hatte, auch wenn ihm die ersten Stunden im Wasser, als er von Severus' Wesen erfuhr, während sie vor den Auroren flüchteten, besser gefallen hatten. Damals hatte Severus für ihn geatmet, das allerdings schränkte die Bewegungsfähigkeit gewaltig ein. Durch den Zauber konnte Harry atmen und dadurch auch selbständig schwimmen. So lange sein Gefährte ihn an der Hand hielt, kam er einigermaßen klar damit. Severus führte ihn durch verschiedene Strömungen, bis Harry vollkommen die Orientierung verloren hatte, doch der Tränkemeister zögerte nie. Erst, als es bereits dunkel war, stiegen sie aus dem See auf dem Gelände von Hogwarts. Das brachte Harry immer wieder zum Staunen, wie diese Wasserwelten alle zusammenhingen.

„Gehen wir zum Essen, dann können sich deine Freunde versichern, dass es dir gut geht.“, entschied Severus, als er sich zurückverwandelt und Harry getrocknet hatte.

Harry nickte nach einem Moment. Zwar würde er sich lieber mit Severus zurückziehen, aber wahrscheinlich würde zumindest Hermine dann nach ihm suchen. Außerdem würde Severus nicht zulassen, dass er nichts aß. Auch wenn sein Gewicht inzwischen nicht mehr beängstigend niedrig war, sollte es doch nicht weiter absinken, damit sein Zustand stabil blieb. So drückte es jedenfalls Heiler Smethwyck aus, der sich intensiv um Harry kümmerte, vor allem seit der Verwandlung. Und da er heute nur gefrühstückt hatte, stand es außer Frage, dass er zum Abendessen gehen musste. Also stimmte er zu, auch wenn er sich eigentlich viel zu kribbelig fühlte, um ruhig zu sitzen.

„Harry!“ Der Ruf Hermines war die einzige Vorwarnung, die Harry bekam, bevor seine beste Freundin ihn fest umarmte. „Geht es dir gut? Hat es geklappt? Ist alles in Ordnung? Wie ist es in der Elfenwelt?“

„Wenn du ihm nur Fragen stellst, kann er nicht antworten!“, kicherte Luna. „Du musst ihm Zeit geben, deine Fragen zu beantworten. Aber wenn ich Harry so ansehe, dann scheint alles gut gegangen zu sein, so wie jetzt hat er noch nie gestrahlt.“

„Du hast Recht.“, stimmte Draco seiner Gefährtin zu. Sein Blick huschte einmal komplett über Harry. „Du siehst so entspannt und gelöst aus. Ich habe zwar keine Ahnung, worum es heute genau ging, aber es hat etwas in dir verändert, und zwar etwas Gutes. Deine Angst ist weg, du strahlst absolute Freiheit aus. So sehr, wie ich es noch nie gesehen habe. Aber wenn ich mir Onkel Sev so ansehe, solltest du jetzt etwas essen, er wirkt ziemlich übellaunig, und er sieht ständig von dir zum Essen. Außerdem wirkt er, als wolle er uns die Köpfe abreißen.“

„Also gut. Ja, alles hat geklappt, wie wir es uns erhofften. Und jetzt habe ich tatsächlich Hunger, denn ich hatte den ganzen Tag nichts.“, antwortete Harry und wandte sich mit diesen Worten zum Tisch, auf dem bereits eine Menge Köstlichkeiten standen. In der nächsten halben Stunde war es still, da alle mit dem Essen beschäftigt waren. Harry selbst konnte noch immer kaum glauben, dass es nun endlich vorbei war. Er war frei! Nur sehr langsam wurde ihm bewusst, was das bedeutete. Jetzt konnte er seine eigenen Entscheidungen treffen, ohne an irgendwen zu denken. Nun gut, an Severus dachte er schon, immerhin waren sie irgendwie zusammen. Auch, wenn sie das bisher noch nicht vertieft hatten, aber jetzt konnten sie das ändern. Ein Lächeln schlich sich in seine Züge, genau das wollte er nun auch. Er war frei für Severus, konnte sich ihm hingeben. Ohne dass er Angst haben musste, ihn alleine zu lassen. Nur Severus zählte jetzt für ihn. Nun gut, ein wenig auch die Schule, aber das machte ihm gerade die wenigsten Sorgen. Es war ihm egal, ob er die Prüfungen in einigen Monaten schaffte oder nicht. Wenn nicht, würde er eben ein Jahr wiederholen, so schlimm wäre das nicht. Immerhin war er dann in Severus' Nähe. Obwohl, stimmte das? Was wollte Severus nun? Blieb er an der Schule? Sein Traumberuf war es sicher nicht, Schüler zu unterrichten, die kein großes Interesse hatten. Und dann waren sie Schüler und Lehrer, ging das überhaupt? Oder würde er sich nun von ihm fernhalten müssen? Harry wurde blass, als ihm das einfiel. Nein, das wollte er nicht. Dann lieber die Schule abbrechen und privat lernen. Aber dann konnte er seine Freunde nicht sehen! Auch das wollte er nicht. Er war nicht ganz sicher, ob das, was Luna auf dem Turm gesagt hatte, auch wirklich alles stimmte. Egal wie sehr er Luna sonst vertraute, das hier machte ihm Angst, so lange er es nicht ‚offiziell‘ wusste. Sprich, erst, wenn Jamin es ihm bestätigte, würde er es glauben. Er stöhnte leise und frustriert auf. Musste es denn immer so kompliziert sein?

„Keine Sorge, Harry, es wird sich alles klären.“, wisperte Luna in sein Ohr. Komischerweise entspannte Harry diese Aussage. Er lächelte der Blonden zu, und konzentrierte sich wieder auf sein Essen. Ja, er würde noch mit Severus sprechen müssen, aber dazu hatten sie den ganzen Abend. Und den nächsten. Jeden Abend. Immerhin lebten sie zusammen in einer Wohnung, das hätte bestimmt niemand erlaubt, wenn es gegen die Regeln wäre. Harry sah zum Lehrertisch hinauf und fing den Blick des Tränkemeisters ein. Ein strahlendes Lächeln ließ die Sorgenfalten auf der Stirn von Severus ein wenig milder werden. Nur Harry erkannte das Zucken der Mundwinkel als das, was es war: ein liebevolles Lächeln und eine Versicherung: wir gehören zusammen.

„Komm her, du Bengel!“, schmunzelte Severus, als Harry in ihrer gemeinsamen Wohnung ankam und wie ein Wirbelwind hin und her schoss. Er setzte sich auf das Sofa und breitete die Arme aus. Die Wirkung war genau, wie er sie erhofft hatte: Harry flitzte zu ihm und schmiegte sich in die Umarmung. „Entspann dich, Harry.“ Er strich ihm über den Rücken, legte die Lippen sanft auf die Stirn.

„Ich … es ist einfach so … ich weiß nicht. Es ist wirklich vorbei? Endgültig? Ich habe es geschafft? Bin ich jetzt ... frei?“, stammelte Harry unzusammenhängend vor sich hin.

„Es ist vorbei. Ein für alle Mal.“, versprach Severus. „Ich habe den letzten Horkrux bereits vernichtet, während du gerade noch mit deinen Freunden gesprochen hast. Vielleicht hätte ich auf dich warten sollen, aber ich war sicher, dass du froh bist, wenn es endlich vorbei ist.“ Er wirkte ein wenig unsicher, wie er Harry jetzt entschuldigend ansah.

„Ich bin froh, dass ich nichts mehr damit zu tun hatte!“, atmete Harry auf. „Ehrlich, ich bin froh, dass du es alleine gemacht hast. Vernichtung liegt mir einfach nicht.“

„Mir ist es erst hinterher bewusst geworden, dass ich über deinen Kopf hinweg entschieden habe.“, gab Severus zu. „Noch nie habe ich jemanden an meiner Seite gehabt, auf den ich Rücksicht nehmen wollte. Ich bin ehrlich, das fällt mir schwer und ich werde sicher nicht gleich alles verändern.“

„Das sollst du auch nicht, Sev.“, schüttelte Harry entschieden den Kopf. „Weißt du, ich habe mich in den Severus verliebt, den ich vor allem im Grimmauldplatz kennengelernt habe. Ich will gar nicht, dass du vollkommen anders wirst. Du bist ein Mensch, okay, Meermann, der seine eigenen Entscheidungen trifft, das sollst du auch bleiben. Natürlich freue ich mich, wenn du mit mir darüber sprichst, aber ich will nicht, dass du nur auf mich Rücksicht nimmst, das passt nicht zu dir.“

„In Ordnung, ich denke, das kann ich dir guten Gewissens versprechen.“ Severus hauchte Harry einen Kuss auf die Stirn. „Und jetzt solltest du deinem Paten Bescheid geben. Wenn ich mich richtig erinnere, wolltest du ihm sagen, wie es ausging.“ Auch wenn Severus es nicht laut zugeben wollte, Sirius war ihm wichtig, ein enger Freund geworden.

„Du hast Recht.“ Harry stand auf und holte den Spiegel. Er setzte sich wieder zu Severus, lehnte sich bei ihm an, dann rief er nach Sirius.

„Harry, endlich!“ Man konnte die Erleichterung des Animagus sehen und hören. „Und, ist alles in Ordnung? Haben die Elfen es geschafft? Bist du den Horkrux endlich los? Wie fühlst du dich?“

„Hey, lass mich auch mal zu Wort kommen!“, lachte Harry. „Also, dann mal sehen. Ja, es ist alles in Ordnung, Yas hat es geschafft. Du würdest sie mögen, denke ich. Sie hat uns eingeladen, sie mal zu besuchen. Vielleicht magst du dann ja auch mit. Severus hat den Horkrux bereits zerstört, also ja, ich bin ihn los. Und mir geht es wirklich sehr gut! Und was ist bei dir?“

„Mir geht es jetzt besser.“, gestand Sirius. „Ich hatte Angst um dich. Ich meine, wenn es schief gegangen wäre, dann hätte ich dir nicht helfen können.“

„Es ist alles gut.“, unterbrach Harry die Selbstvorwürfe seines Paten. „Ich bin nicht alleine, auch wenn ich Zeit mit dir verbringen will. Aber erst einmal kümmerst du dich um dich, damit es dir wieder gut geht. Dann haben wir mehr voneinander. Nächstes Wochenende komme ich zu dir. Überleg' dir schon mal, was wir dann machen! Ich will auf keinen Fall drinnen sitzen, klar?“

„Wird erledigt!“, salutierte Sirius scherzhaft. Doch schnell wurde er wieder ernst. „Mach deine Hausaufgaben vorher ordentlich, damit wir Zeit haben!“

„Klar, Dad!“, entfuhr es Harry. Im ersten Moment war ihm nicht klar, was er gerade gesagt hatte, doch als er das Strahlen in den Augen seines Paten sah, wusste er, wie richtig es war. Es fühlte sich gut an, und Sirius war ihm in all der Zeit der Einzige gewesen, der wie ein Vater war. Remus auch, aber Sirius schaffte es nun bestimmt, die kindische Ader ein wenig abzulegen, sodass er auch eine Vaterfigur sein konnte.

„Danke, mein Junge.“, wisperte Sirius schließlich mit Tränen in den Augen. Tränen der Rührung. „Ich hab dich lieb. Schlaf gut, Kleiner.“