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Beinahe

9
08.01.23 08:25
18 Ab 18 Jahren
Fertiggestellt

Serpents in my mind / Looking for your crimes / Everything changes

 (Sharon Van Etten. Serpents)

 

Es ist dieser Ort.

Mit brennenden Augen starre ich an die Decke, die in der Dunkelheit kaum auszumachen ist. Ein leises Poltern wie aus weiter Ferne durchbricht die Stille, zerrt an meinem Verstand, pult Schorf von alten Wunden. Gedanken und Erinnerungen wirbeln durch meinen Geist wie Ascheflocken.

„Ich glaube nicht, dass wir noch Menschen retten können“, habe ich zu Daryl gesagt und an Beth gedacht. Jetzt denke ich an Lizzie und Mika, an die unbekannte Frau und ihr Kind ein Stück den Gang hinunter, an dieses Haus und an mich. Und dann lodert Sophia in meinem Kopf auf wie eine Stichflamme. Ich lasse den Haargummi an meinem Handgelenk gegen meine Haut schnipsen, schließe die Augen

und reiße sie wieder auf, als ich aufgeregte Stimmen vernehme. Gleißendes Licht verzerrt die Umgebung zu schemenhaften, zerfließenden Formen. Geräusche steigern sich zu Lärm: Piepsen, Sirenengeheul, Schreie, Wimmern.

Krankenhaus, begreife ich. Notaufnahme, dem Krach nach. Meine Zunge ist geschwollen und meine Kehle brennt vor Durst. Wie lange bin ich schon hier? Wie bin ich hierher gekommen? Was ist passiert? Vorsichtig bewege ich Finger und Zehen und bin erleichtert, dass sie funktionieren. Langsam richte ich mich auf die Ellenbogen auf, falle aber mit einem erstickten Stöhnen zurück und umklammere meinen linken Arm. Mit dem Schmerz setzt die Erinnerung ein. Sophia und ich in der Küche, das Radio auf voller Lautstärke, unser verrückter Tanz. Ed, der sich plötzlich wie ein Gebirgsmassiv vor uns erhebt. Sophia, die zu Tode erschrocken die Hände vor den Mund reißt und die ich hastig aus dem Raum schiebe, bemüht, die Panik aus meiner Stimme herauszuhalten. Eds zusammengepresste Lippen und sein wütender Blick, der über die pastellgelbe Bluse wandert, die ich wegen der Hitze über dem Bauch verknotet habe und deren obere Knöpfe offenstehen. Ich, die ich stolpernd zurückweiche, bis ich an die Kante der Arbeitsplatte stoße. Seine Faust.

Er muss mich mit dem ersten Schlag ausgeknockt haben. Glück für mich. Mit der Zunge taste ich über meine Zähne. Alle noch da, auch die beiden Kronen auf der rechten Seite. Doch ich schmecke Blut, mein Kiefer fühlt sich geschwollen an und mein Kopf seltsam taub.

Ich blicke an mir hinunter und stöhne erneut, als ich den Nacken dehne. Meine Füße stecken noch in meinen Sandalen und ich trage die dunkelgrüne Kniehose und die Bluse vom Nachmittag. Ich entdecke Blutstropfen auf der Bluse und meine Hand fährt wie von selbst an meine Nase.

Im selben Augenblick wird der halb geschlossene Vorhang zurückgeschoben und eine Frau mit rotgefärbten Haaren blinzelt mich durch eine Brille an. „Carol“, sagt sie lächelnd, „schön, dass Sie wieder bei uns sind. Ich bin Melanie.“

„Was ist passiert?“, nuschele ich.

Sie beugt sich zu mir, entfernt zwei Tamponagen aus meiner Nase und drückt behutsam in meinem Gesicht herum.

„Sie sind gestürzt“, erwidert sie und stößt dabei Spearmintatem aus. Sie zeigt auf meine Sandalen. „Ihr Mann sagt, Sie seien beim Tanzen ausgerutscht.“

„Richtig. Sophia und ich haben getanzt. Wir haben Kuchen für ihren Geburtstag gebacken und dabei Musik gehört.“

„Ist Sophia Ihre Tochter?“

„Ja. Sie wird morgen zwölf.“

„Erinnern Sie sich an den Sturz, Carol?“ Melanies Blick bleibt warm, doch ihre freundliche Stimme hat einen winzigen Missklang bekommen. Ab jetzt muss ich aufpassen.

„Hat Ed mich hergebracht?“, lenke ich ab.

„Nein, der Notarzt. Sie waren ziemlich weggetreten.“

„Ist Ed hier?“

Ihr Blick wird durchdringend. „Kann sein. Leider haben wir momentan außergewöhnlich viele Notfälle, sodass Besucher bei der Anmeldung warten müssen. Man wird ihn herbringen, sobald Luft ist.“

„In welchem Krankenhaus sind wir?“

„Grady Memorial.“

Das wird Ed nicht gefallen. Ins Grady hatte man mich auch beim letzten Mal gebracht. Normalerweise fuhr er mich mit dem Auto, wenn es zu schlimm war, wobei er darauf achtete, die Kliniken zu wechseln.

„Kann ich gehen?“, frage ich. „Wir haben noch viel zu tun. Für den Geburtstag.“

Melanie stößt ein Schnauben aus. „Sie ruhen sich mal lieber aus. Ihr Mann hat angegeben, Sie wären beim Fallen mit dem Kopf gegen den Kühlschrank geprallt.“

„Autsch“, sage ich und versuche ein Lächeln.

„Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Nasenbluten, geprellter Kiefer und eine Schramme an der Lippe. Der Ellenbogen scheint nur verstaucht. Trotzdem sollten Sie die Nacht über hierbleiben. Eine Gehirnerschütterung ist mehr als wahrscheinlich.“

„Es geht schon. Danke, Melanie.“

„Seltsam, die Schramme. Sieht eher aus wie von einem scharfen Gegenstand.“ Jetzt sind wir offiziell beim Verhör und ich versteife innerlich.

„Typisch ich.“ Verlegen lächle ich sie an. „Bestimmt irgendwo hängengeblieben. Ich bin so ungeschickt.“

Sie nickt und zaubert von irgendwoher ein Krankenblatt hervor. Mir wird ein wenig schummerig. „Das ist Ihr dritter Besuch bei uns“, sagt sie und mustert mich. „Beim letzten Mal war es eine ausgekugelte Schulter, das Mal davor eine gebrochene Rippe. Alles von Stürzen. Einmal sogar die Treppe hinunter.“

Ich versuche, zerknirscht auszusehen. „Wie gesagt: Ich war schon immer ein Tollpatsch. Zwei linke Hände und zwei linke Füße.“

„Und die Blutergüsse?“

„Welche ...“

„Carol.“ Sie beugt sich vor und greift nach meiner Hand. „Wir können Ihnen helfen.“

Die Augen hinter den Brillengläsern funkeln mich an und fast bin ich so weit. Melanie strahlt genau die richtige Mischung aus: Mitgefühl, aber nicht zu viel Mitleid, Wärme, aber auch entschlossene Härte; eine Frau, die jedes Problem dieser Welt aus dem Weg schafft.

Doch ich schüttele den Kopf. „Ich weiß nicht, was ...“

Melanies Stimme wird zu einem Flüstern. „Sie wissen, wo das endet, oder? Carol?“

In diesem Moment höre ich Eds Stimme und ziehe meine Hand aus ihrer, während sie sich aufrichtet und die Krankenakte verschwinden lässt. Dann schiebt mein Mann unsere Tochter vor sich und legt beide Hände auf ihre Schultern. Sophia wirkt wie erdrückt, lächelt aber tapfer. „Hallo, Mama. Wie geht es dir? Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“

„Mir geht es gut, Schätzchen“, sage ich und strecke die Hand nach ihr aus. „Deine Mama ist eben ein Tölpelchen, das weißt du doch.“

„Aber wirklich“, bestätigt Ed und lächelt Melanie und die Schwester an, die ihn hereingebracht hat. „Schade um deine Bluse, Baby“, sagt er bedauernd zu mir. „Die wirst du wohl wegwerfen können.“ Dann lässt er Sophia los, beugt sich zu mir herunter und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Der Stoff seiner Uniform raschelt.

Ich beiße die Zähne gegen seinen Mundwasseratem und den Moschusgeruch seines Deos zusammen, schließe die Augen

und reiße sie wieder auf, als ich das Schnarchen vernehme und ein Arm sich schwer über meinen Bauch legt.

Ich blinzele Tränen weg und wage es kaum zu atmen, damit Ed nicht erwacht. Melanies Flüstern gellt in meinen Ohren. „Sie wissen, wo das endet, oder?“

Ja, das weiß ich. Ich kenne die Statistik, den vorgezeichneten Weg. Meine Mutter ist ihn gegangen, bis zum bitteren Schluss. Es hat lange gedauert, bis weit über unsere Kindheit hinaus. Bis heute zolle ich ihr dafür Respekt. Als sie ging, ging sie - diese seit Jahren verstummte, gehorsame Frau - mit einem Knall und nahm meinen Stiefvater mit. Ich weiß nicht, was sie am Ende umbrachte: die gesammelten Pillen, das aufgedrehte Gas oder die Explosion, die den Wohnwagen und meine Eltern in Stücke riss. Letztlich spielt es keine Rolle.

Ed kennt die Geschichte und geht auf Nummer Sicher. Er verwahrt alle Medikamente, gibt mir Taschengeld, überprüft das Haushaltsbuch, in das ich sämtliche Rechnungen kleben muss. Fehlt ein Dollar, sperrt er mich im Gästeklo ein, bei höheren Fehlbeträgen in die Waschküche, die zwar ein Waschbecken, aber keine Toilette hat.

Unser Herd ist elektrisch, unser Grill ebenso.

Ed kontrolliert mein Leben. Er manipuliert, droht, schubst und schlägt, missbraucht und erniedrigt mich. Und dennoch bleibe ich. Wenn ich wirklich, wirklich, gewollt hätte, hätte ich einen Weg gefunden. Einen Ausweg. Aber die simple, brutale Wahrheit lautet, dass einige Menschen nicht aufgeben können, egal, wie sehr sie sich danach sehnen. Wie ich. Ich bringe den Mut nicht auf. Lieber warte ich. Auf irgendetwas. Etwas, das mich erlöst, mich und Sophia.

Auch meine Mutter hat gewartet. Bis zu jenem Abend vor vierzehn Jahren. Vielleicht, weil mein jüngster Bruder ausgezogen war und sich in seinem Leben eingerichtet hatte, vielleicht auch, weil an jenem Abend der letzte Knochen ihres Körpers zu Bruch gegangen war. Oder ihre Seele. Oder ihre Selbstachtung.

Ich bin wie eine Kopie von ihr. Abgerichtet und zerbrochen. Besiegt. So grob Ed auch sein mag, so fein ist sein Sinn für meine Psyche. Ein abartiger, psychopathischer, sadistischer Sinn, der es ihm erlaubt, mich zu lenken. Alles hat Methode: sein Wechselspiel aus Gewalt und Liebe, die geflehten Entschuldigungen und übertriebenen Wiedergutmachungen nach den ersten Malen, das Geflecht aus Abhängigkeit und Isolation. Zu spät realisierte ich, dass ich Freunde und die Unterstützung meiner Geschwister verloren hatte. Nach Sophias Geburt, in einem Taumel aus seltenem Glück und enormer Erschöpfung, war er mit uns nach Atlanta gezogen, nur ein kurzes Stück von Savannah entfernt und doch so fremd. Ed fand Freunde, besuchte Nachbarn und ging mit Arbeitskollegen aus; ich kümmerte mich um Sophia und unser neues Heim und vereinsamte. Als Sophia alt genug war, bewarb ich mich bei Arbeitsstellen, doch es hagelte Absagen oder Antworten blieben aus. Heute bin ich mir sicher, dass Ed die Telefonrechnungen nach unbekannten Nummern absuchte und diese anrief. Dass er Antwortbriefe verschwinden ließ.

Irgendwann gab ich auf. Es war so erschöpfend. Sophia ist seither mein einziger Halt, das Licht in meinem Leben. Und sie ist das Pfand in Eds Hand, der Joker in diesem abscheulichen Spiel. Mit ihr presst er das letzte Aufbegehren aus mir heraus, das letzte Fünkchen Selbstachtung, mit ihr erpresst er mich.

Ich weiß das alles. Jetzt. Heute. Ich begreife es, durchschaue es, aber ich kann es nicht durchbrechen. Ich weiß, wie es ausgeht. Irgendwann werde ich nicht mehr in einem Krankenhaus aufwachen. Irgendwann schlägt er zu hart zu oder zu oft oder auf die falsche Stelle.

Der Gedanke martert mich, aber ich halte ihn aus. Er ist fast schon tröstend. Viel ungeheuerlicher, undenkbarer ist der Gedanke, dass Sophia mich irgendwann nicht mehr anschauen wird wie heute Nachmittag im Hospital. Sorgenvoll, furchterfüllt und voller verzweifelter Hoffnung. Wie die beiden Male, in denen ich all meinen Mut zusammengenommen habe und mit ihr geflüchtet bin. Im ersten Frauenhaus stöberte Ed uns nach vier Tagen auf. Erschien mit Kollegen vom Wachschutz, in voller Montur und verspiegelter Sonnenbrille, lächelte die Frauen vom Personal an und bat höflich darum, mich sprechen zu dürfen. Irgendein Kumpel von einem Polizeirevier hatte ihm gesteckt, wo wir waren. Und dann nahm er uns einfach mit. Ein völlig verkorkster Teil in mir war sogar erleichtert, als wir wieder zu Hause waren. Wenigstens erwartete mich hier Gewissheit, auch wenn es nur die der nächsten Tracht Prügel war. Das zweite Haus, in das wir ein Jahr später flohen, verließ ich nach anderthalb Tagen freiwillig.

Sophias Blick wird sich ändern. Er wird düsterer werden, vorwurfsvoll, auffordernd und schließlich verächtlich. Vielleicht sogar hasserfüllt. Anders als ich kann sie Ed aus dem Weg gehen, abhauen, sobald sie den Mut dazu hat, denn sie lässt nur mich zurück. Ich weiß das, denn mit demselben Blick habe ich meine Mutter angeschaut, bevor ich mit dem ersten Typen, der sich etwas aus mir machte, verschwand. Dann mit dem nächsten und dem übernächsten, bis ich auf Ed traf. Sie waren alle Monster, aber Ed entpuppte sich als das abscheulichste, weil er mich stückchenweise zerbrach, zwischendurch kittete und letztlich zu Asche zerbröselte.

Tränen laufen heiß meine Wangen hinunter und verstopfen meine geschwollene Nase. Ich habe längst gelernt, unhörbar zu weinen. Früher habe ich geschluchzt, geheult, gebetet, gefleht, heute weine ich still. Außer Ed hört es sowieso niemand. Ihn bringt mein Geflenne auf die Palme. Manchmal erregt es ihn auch, doch meist äfft er mich nur genervt nach.

Ich weiß, wo es endet. Vier oder fünf Gehirnerschütterungen, eine so schwer, dass ich tagelang nicht aus dem Bett kam. Das war ein paar Wochen nach dem Einzug. Sophia zahnte und greinte nächtelang und irgendwann war ich so müde, dass ich weiter schlief, während sie in meinen Armen zappelte. Ed brüllte, nahm Sophia aus meinem Arm, legte sie zurück in ihr Bettchen und drosch auf mich ein.

Später wurden die Anlässe geringer und die Verletzungen stärker. Blaue Flecken, Würgemale, ausgeschlagene Zähne, ausgerissene Haare, Veilchen, aufgerissene Lippen, ein blutendes Ohr, ausgekugelte Schultergelenke, ein Ellenbogenbruch, zwei Rippenbrüche, eine geprellte Niere. Für ein angebranntes Essen, eine falsche Bluse, ein Lächeln in Richtung eines Verkäufers, einen Autofahrer, der unsere Spur kreuzte, einen Widerspruch, eine richtige Antwort in einem Ratespiel, vorzeitig ergraute Haare, das falsche Deo.

So wie ich jetzt liege, begraben unter Ed, der selbst im Schlaf sein Besitzrecht auf mich geltend macht, habe ich zahllose Nächte gelegen in den vergangenen Jahren. Still weinend, nach Luft japsend, verzweifelt. Wartend.

Sicher, einige Male war ich so verrückt, mich zu wehren. Als Ed mich die ersten Male schlug, haute ich zurück, verwirrt und verärgert. Schrie ihn an, dass er sich aus dem Staub machen sollte. Haute selbst ab und zog in ein Motel. Rief die Polizei wegen häuslicher Gewalt, rief laut nach Hilfe, bis die Nachbarn kamen. Verlangte die Trennung, später die Scheidung. Darüber muss ich heute beinahe lachen. Schon damals hatte ich keine finanziellen Reserven mehr. Das wenige Geld, das ich gespart hatte, war längst auf unser Gemeinschaftskonto gewandert, das Ed verwaltete. Ich haute mit Sophia ab, schnitt mir die Haare ab und die Pulsadern auf, allerdings nur halbherzig und ohne die richtige Technik.

Ich weiß, wo es endet. Weil ich den Mut verloren habe. Weil ich feige bin, verkorkst und verbrannt und ausgehöhlt und verschlungen. Weil ich mich aufgegeben habe. Weil ich jämmerlich bin.

Aber ich darf Sophia nicht aufgeben, sonst ist sie das nächste Opfer, die nächste Tochter, die ihre Mutter verachtet. Die nächste, die mit dem falschen Typen durchbrennt.

Ich kann mich nicht töten. Doch ich kann Ed töten. Ich muss Ed töten. Die Tränen trocknen auf meinen Wangen und in meinen Ohren. Salz brennt auf meiner wunden Lippe. Ich schließe die Augen

und erwache erneut. Mein Rücken schmerzt und das nicht nur, weil ich auf den Badfliesen liege, umgeben von meinem eigenen Blut und Spiegelglas. Sofort weiß ich, was geschehen ist. Ich schaue auf meine Uhr. Dreiundzwanzig Stunden. Ich schulde ihm sechs Dollar und vierundzwanzig Cent. Nach zwanzig Stunden zerrte er mich aus der Waschküche hierher, fluchend wegen meiner nassen Hosen, warf mir eine Leggins aus der Schmutzwäsche an den Kopf. Im Bad fragte er mich erneut, aber ich hatte keine andere Antwort. Jetzt ist mein Hinterkopf zerschnitten und der Spiegel kaputt. Außerdem stecken Splitter in meiner Hand. Ich bleibe liegen, lausche auf meinen zitternden Herzschlag und Geräusche, aber das Haus ist still. Wahrscheinlich ist er mit Sophia irgendwo etwas essen.

Ächzend komme ich auf die Beine. In der Schublade finde ich eine Pinzette, mit der ich Splitter aus meiner Hand ziehe. Mit einer Scherbe und einem Handspiegel begutachte ich meinen Hinterkopf. Nicht so schlimm wie erwartet. Durch die blutigen Haarstoppel sehe ich einen einzigen kleinen Schnitt, den ich umständlich betaste. Zum Glück finde ich Verbandszeug und Desinfektionsmittel. Ich bin eine passable Krankenschwester. Ein Jahr Ausbildung in einer Klinik und eine Menge Recherche im Internet. Wunden zu verpflastern gehört zu meinen einfacheren Übungen.

Ich lausche erneut, bevor ich das Putzschränkchen unter dem Waschbecken aufziehe. Ich krame herum, bis ich das Fläschchen mit Bleiche ertaste.

Es ist gar nicht so leicht, ein passendes Gift zu finden. Sicher, in jedem Haushalt gibt es dutzende, aber ich kann Ed ja wohl schlecht Aceton in den Kaffee schütten oder Weichspüler in sein Bier. Ich brauche etwas Unauffälliges und etwas, das keine Spuren hinterlässt. Ed kontrolliert meinen Browserverlauf. Löschen kann ich ihn nicht, ohne noch mehr Misstrauen zu wecken. Also bin ich an mehreren Tagen in verschiedene Stadtbüchereien gefahren, nachdem ich Sophia in die Schule gebracht hatte. Ich erwog auch Internetcafés, aber die kosten Geld. Da die Büchereien außerhalb meines Einkaufsradius liegen, musste ich genau rechnen, wie viel Benzin ich verfuhr, und weite Strecken zu Fuß zurücklegen. Das wiederum raubte mir die Zeit für meine Haushaltspflichten, vor allem für das Kochen. Glücklicherweise war der Tiefkühler gut gefüllt mit Resten, die ich auftaute und verfeinerte. Ed, der sein Essen hinunterschlingt wie ein Wolf, merkte nichts. Außerdem wirkte er gestresst in letzter Zeit, macht sogar Überstunden, was ein weiterer unerwarteter Glücksfall war, und das in mehrfacher Hinsicht. Erstens konnte ich Zeit aufholen und zweitens war er zu müde für Sex und andere Spiele.

Ich recherchierte und las nach, hauptsächlich über Gifte, die ich aus Krimis kannte. Strychnin. Arsen. Blausäure. Digitalis. Ich stellte mir vor, wie ich an sie gelangen und sie Ed verabreichen konnte, schmiedete Pläne und verwarf sie wieder. Schlussendlich entschied ich mich für Rattengift. Das bekam man leicht, sogar in größeren Behältern, auch als weißes Pulver, das gut zum Beispiel als Bleiche durchging. Tagelang suchte ich nach Coupons, um Geld beim Haushaltseinkauf abzuzwacken, gab mein sauer Erspartes, das ich in einer von Sophias Puppen aufbewahrte, dazu. Dennoch fehlten sechs Dollar. Ich log Ed vor, ich hätte den Bon verloren.

Die Haustür klappt auf und wieder zu. Hastig verstaue ich das Fläschchen im Putzschrank und ziehe eine andere Flasche heraus. Als Ed die Tür aufschließt, eine verängstigte Sophia mit riesigen Rehaugen hinter sich, kauere ich mit einem Lappen auf dem Boden und schrubbe mein eigenes Blut von den Fliesen.

Ed kneift die Augen zusammen und beäugt die Pflaster auf Kopf und Hand. Danach dreht er sich um und geht, eine Beleidigung brummend und seinen Boss verfluchend, zur Arbeit.

Sophia hilft mir, wenngleich sie sich vor dem Blut ekelt, berührt mich scheu, murmelt von einem Burger in der Küche und von den vielen Kranken und Straßensperren, weshalb sie so lange gebraucht hatten. Zu allem Überfluss hätte Mr. Bishop Dad angerufen und zu einer außerplanmäßigen Nachtschicht verdonnert, weil so viele Kollegen krank seien. Ich esse meinen Burger und lege mich mit hämmerndem Kopf zu Sophia ins Bett. Sie liest mir eine Geschichte vor, während ich an Rattengift denke und an Eds Geldkarte. Ich muss alles Bargeld abheben, was wir besitzen, bevor ich ihn umbringe. Ed merkt sich keine Zahlen, also hat er die Geheimnummer sicher irgendwo aufgeschrieben. Er wird sie bei sich tragen, vielleicht sogar in seiner Brieftasche ... Mir fallen die Augen zu

und als ich sie wieder öffne, steht die Welt in Flammen. Ich starre an die Decke unseres Autos und möchte schreien. Vier hastig zusammengepackte Reisetaschen sind alles, was uns geblieben ist. Sie enthalten Kleidung, Eds Notrationen, Papiere, Medikamente, Hygieneartikel, Bargeld, Eds Revolver und ein großes Küchenmesser, Taschenlampe, Batterien und Hustenbonbons, Sophias Teddy und ihre Puppe, ihr Lieblingsbuch und ihre Haargummis. Was wir greifen konnten auf unserer überstürzten Flucht. An das Rattengift verschwendete ich keinen Gedanken. Doch jetzt, inmitten eines gigantischen Autokonvois, der außerhalb des napalmisierten Atlanta feststeckt, inmitten eingekeilter, schreiender Menschen, inmitten von Auflösung und Anarchie, denke ich daran. Das Gift beschäftigt mich mehr als das Ende der Welt, mehr als die lebenden Toten, denn Ed hat die Autotür vor meiner Nase zugeschlagen, als ich dem Jungen etwas zu essen geben wollte, und mich am Arm gepackt. Verzweifelt schließe ich die Augen, während meine Gedanken in Endlosschleifen rotieren. Ed. Das Gift. Ed. Die Toten fressen die Lebenden, aber nicht Ed. Ed ist noch da und ich kann ihn nicht töten. Beinahe. Beinahe hätte ich es geschafft. Doch nun wird es so enden, wie es enden muss. Ich kneife die Augen fester zusammen

und als ich sie wieder öffne, erkenne ich eine staubige Decke im fahlen Morgenlicht. Ich bin noch hier, zerschlagen und unausgeschlafen, aber ich bin noch da. Ich bin durch die Hölle gegangen, wieder und wieder, aber ich lebe. Der Ort ist derselbe wie damals, als ich mit Sophia hierher floh, aber es ist eine andere Zeit und ich bin nicht mehr dieselbe Frau. Die Toten streifen durch die Welt, aber Ed ist nicht unter ihnen. Ed ist weg, endgültig und für alle Zeiten. Zumindest dafür habe ich gesorgt. Sophia konnte ich nicht retten, aber mich. Mich. Und beinahe glaube ich, Sophia lächeln zu sehen.

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Autor

Aidans Profilbild Aidan

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Kapitel:6
Sätze:291
Wörter:3.535
Zeichen:20.964

Kurzbeschreibung

Carol P. / Staffel 5. Düstere Erinnerungen und ein Hoffnungsschimmer. Meine erste Fan Fiction ever. Let's give it a try.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Schmerz ohne Trost, Trauer, Trauma, Emotionaler Missbrauch und Körperlicher Missbrauch getaggt.

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