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Wataris Erbe

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14.7.2019 12:02
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Ich hielt das Scharfschützengewehr im Anschlag. Bereit, jederzeit den Abzug zu betätigen. Mein Atmen wurde flacher, während ich regungslos auf dem unbequemen Holzboden lag. Die Zielperson bewegte sich von ihrem Wagen weg. Kimme und Korn meiner Waffe schlichen ruhig und besonnen, gerichtet auf das rechte Knie, hinterher. Er wusste nicht, dass ich ihm auflauerte.

Wie auch? Er wusste noch nicht einmal, dass ich existierte, obwohl ich ihm bereits seit einiger Zeit auf den Fersen war.

Ich war wie ein Schatten, der im Dunkeln auf seine Widersacher lauerte.

Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt. Es machte sogar Spaß. Trotzdem spürte ich die immense Anspannung. Man sollte in diesem Job nie die Konzentration verlieren. Was übrigens für die meisten Berufe galt. Jedoch hing mein Leben dabei zumeist am seidenen Faden. Der kleinste Fehler könnte unermessliche Ausmaße hervorrufen.

Ich lauschte dem SIS in meinem Ohr und nahm das leise Tippen im Hintergrund wahr. Für mich kein nerviges, sondern vielmehr ein beruhigendes Geräusch. Dann vernahm ich ein Knacken.

»Zugriff in 5, 4, 3, 2, 1«

Ls Worten folgte ein wahres Aufgebot der angeforderten Spezialeinheit, die den Drogenboss dingfest machen sollte.

Wenn es misslang, dürfte ich dessen Flucht mit einem gezielten Schuss beenden.

So lautete Ls Befehl.

Die Zielperson blieb stehen und sah sich um.

»Manos tras la cabeza!« wurde mehrfach von den vermummten Beamten geschrien und bedeutete ‚Hände hinter den Kopf‘. Die achtköpfige Spezialeinheit kam sichelförmig auf die Zielperson zu. Alle mit der Waffe im Anschlag und auf sein Gesicht gerichtet.

Hinter mir fiepten Mäuse, die neugierig meinen Schutzkoffer beschnupperten, keine 250 Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Eine Maus krabbelte soeben über mein linkes Bein. Ich spürte und hörte sie. Im Obergeschoss eines heruntergekommenen Schuppens.

Mein Fokus war immer noch auf die Szene gerichtet, die sich vor mir abspielte. Dort stand er. Einer der größten Drogenbosse seiner Zeit. In Jeans und dreckigem Shirt in der Nähe seiner Bodega; einen Teil seines Weinkellers voll mit Waffen, welche gerade beschlagnahmt wurden. Die Spezialeinheit hatte ihn gestellt, bevor er Wind davon bekommen konnte. Ein Beamter näherte sich unvorsichtig von hinten. Er riss dem Umstellten die Arme nach unten und brüllte:

»Al suelo. Ahora!«

Sei froh, dass deine Kollegen um dich herum stehen, sonst wärest DU längst am Boden!, dachte ich über die leichtsinnige Vorgehensweise des Beamten. Der Drogenbaron machte keinerlei Anstalten, weil er wusste, dass er schneller ein Loch im Kopf haben würde, als den Hauch einer Chance. Er leistete den Anweisungen Folge und legte sich auf den Boden. Nun kamen drei weitere vermummte Beamte und legten ihm endlich Handschellen an. Drückten ihn dabei auf den Boden und sein Gesicht in den Dreck. Meine Anspannung lockerte sich ein wenig. Jedoch würde ich nicht von der Stelle weichen, bis ihn ein Fahrzeug abtransportieren würde. Immer noch hielten die Beamten die Waffen auf ihn gerichtet. Kurz darauf kamen zwei weitere Fahrzeuge angefahren. Dessen Insassen hatten die ganze Zeit die Umgebung abgesichert.

Juan Esteban Acosta wurde in die Höhe gezerrt und abgeführt. Direkt in den schwer gepanzerten Gefangenentransportwagen, der mittlerweile eingetroffen war und vom Militär bewacht wurde.

»Zielperson wird abgeführt«, ließ ich meinen berühmten Partner wissen.

Ich atmete erleichtert aus und sicherte meine Waffe. Den feinen Staub von meinem Mantel klopfend, erhob ich mich und ging zu meinem Schutzkoffer hinter mir. Die Mäuse waren längst weg. Mit einem leisten Klacken rasteten die Verschlüsse des Koffers ein und beherbergte wieder meine Distanzwaffe. Schier lautlos ging ich die morsche Treppe wieder nach unten. Es war ein befriedigendes Gefühl, wieder eine weitere Person dingfest gemacht zu haben, die unzählige Menschen in einen Alptraum gestürzt hatte. Dem Alptraum des Drogensumpfs.

Ich trat hinaus in die schwüle Nachmittagshitze Kolumbiens. Der wegfahrende Gefangenentransporter mitsamt seinen drei Escort-Fahrzeugen hinterließ bis auf ein paar Reifenspuren und Fußabdrücken nichts von dem gefährlichen Zugriff Acostas bei Tag.

Er war der erste von vielen. Strategisch gesehen war es ein höchst wichtiger Eingriff in die Gefilde des hier ansässigen Drogenkartells. L benötigte dringend Informationen. Informationen des Drogenbosses, die ich ihm, wenn es sein musste mit Anwendung von Gewalt, ‚entlocken‘ würde. Sobald er vom hiesigen Hinterland ins Staatsgefängnis der Hauptstadt Bogota gebracht wurde. Das wird in etwa 14 Stunden der Fall sein. Ich werde dort auf ihn warten.

Und so spähte ich hinter dem Schuppen hervor und nahm zur Kenntnis, dass das Sondereinsatzkommando immer weiter in die idyllische Bodega vordrang. Zur Beweissicherstellung.

Meine Arbeit war getan. Wir hatten ihn. Mehr wollten wir auch nicht.

Als im Begriff war, mich zurückzuziehen, dachte ich wieder einmal an den Mann, der mir sein Erbe hinterlassen hatte. Bei jedem Schritt in Richtung meines Geländewagens, unweit von hier, rieselten mir Erinnerungsfetzen ins Gedächtnis. Erinnerungen wie ich in Quillsh Wammys Fußstapfen getreten war und an meinen ersten Fall. Bekannt unter dem Namen ‚Anonimasu‘.

»Ed?«

»Ed!«

Edward Thompson schreckte auf. Die Müdigkeit steckte ihm tief in den Knochen. Die letzten Tage hatten es in sich gehabt; selbst für ihn.

»Sorry, Roger. Ich habe heute Nacht kein Auge zugetan«, erklärte er den beschämenden Umstand. Roger Ruvie sah ihn missmutig an. Er mochte es überhaupt nicht, wenn man ihm nicht die volle Aufmerksamkeit schenkte. Peinlich berührt starrte Ed auf den riesigen Mahagoni-Schreibtisch vor sich, an dem die derzeitige Abstimmung mit dem Bestattungsunternehmen erfolgte.

»Um 15 Uhr findet die Trauerfeier vor der Gruft statt. Pater Nales hält die Grabrede. Anschließend erfolgt die Beisetzung auf dem Gelände von Wammy’s House. So lautete der letzte Wunsch des Verstorbenen.«

Ruvie nickte. Ed saß angespannt und mit verschränkten Armen auf dem Stuhl inmitten des großen Büros des ehemaligen stellvertretenden Direktors des Waisenhauses. Roger Ruvie hatte, nach Quillsh Wammys Tod, den Direktorposten ‚geerbt‘. Und er sollte nun die stellvertretende Direktion übernehmen. Eine große Aufgabe.

Jedoch bedeutete dies auch immense Verantwortung. Edward Thompson fühlte seit dem Tod seines einstigen Freundes und Mentors tiefe Trauer; das Verhältnis zu Quillsh Wammy war ein Besonderes gewesen. Ed hatte bereits einige Beerdigungen in seinem fünfzigjährigen Leben arrangiert. Die seines ehemaligen Freunds erwies sich jedoch als schwierigeres Unterfangen. Vor allem unter den wachsamen Augen Roger Ruvies. Roger war Perfektionist, was Edward seit Quillshs Tod noch deutlicher zu spüren bekam. Aber er wusste auch, dass Roger seit jenem finsteren Tag noch angespannter war. Es war ihm bereits aufgefallen, als Quillsh etwa eine Woche davor ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Diagnose war ein Schock: akuter Herzinfarkt.

Wammy hatte davor über Brustschmerzen und Übelkeit geklagt. Man brauchte kein Mediziner zu sein, um zu begreifen, was das in seinem Alter zu bedeuten hatte. Er erholte sich kaum, da sich sein Herzbeutel entzündete und von welchem er sich nicht mehr erholen konnte. Quillsh Wammy verstarb am 20. Februar im Krankenhaus St. Marys.

Als Edward an Quillshs Todestag morgens seinen Dienst antrat, brannte in Ruvies Büro schon Licht. Das war ungewöhnlich, da Roger prinzipiell nie vor neun Uhr in Wammy’s anzutreffen war; im Gegensatz zum Frühaufsteher Ed Thompson. Weshalb er an jenem Tag eine Ausnahme gemacht hatte und seitdem augenscheinlich unter enormen Druck stand, lag vermutlich am Tod Quillshs selbst, mutmaßte Ed.

Und Ruvie selbst war auch nicht mehr der Jüngste. Vielleicht wurde ihm dadurch seine eigene Endlichkeit vor Augen geführt.

Ed ging in Ruvies Büro, um nachzuschauen, was da vor sich ging. Ohne viel Emotion teilte dieser ihm dann den Tod von Quillsh mit, wobei Ed auffiel, dass er beachtlich oft auf den Monitor vor sich starrte und etwas zu lesen schien. Auch das war auffällig. Denn Ruvie hasste es, verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun. Wenn er sich etwas widmete, dann mit voller Konzentration. Aber an diesem Morgen schien er abgelenkt.

Jedenfalls hatte Ed das Bestattungsinstitut informiert und alles in die Wege geleitet; jede Einzelheit mit dem Bestattungsunternehmen besprochen, Pressemitteilungen vorfertigen lassen, eine Versammlung einberufen lassen, um den Kindern und das Lehrpersonal die traurige Nachricht mitzuteilen, hatte die Trauerrede für Ruvie geschrieben. Er hatte die Todesanzeigen vorbereitet und sogar an der Besichtigung der verdammten Gruft auf dem Gelände von Wammy’s House teilgenommen. Das war Edward alles andere als leichtgefallen. Aber was bedeutete dieses Ereignis für Ruvie? Der schon seit Urzeiten mit Quillsh befreundet war und dessen gemeinsames Projekt Wammy’s House bahnbrechende Erfolge erzielt hatte?

»Dann ist für die Beerdigung alles vorbereitet?« fragte Ruvie in seiner strengen Art und Weise. »Ja. Mr. Thompson und ich haben alles besprochen.«

Der Chef des Bestattungsunternehmens, ein dunkelhaariger Mann um die Vierzig, stand von seinem Stuhl auf und streckte Ruvie die Hand entgegen. Ruvie hingegen blieb sitzen und schüttelte die Hand. Edward erhob sich ebenfalls und begleitete den Bestatter aus dem rustikalen, ja fast schon antiken Raum.

Sie gingen den dunklen Gang entlang in Richtung Licht und erreichten die riesige Doppeltreppe, die die Eingangshalle zierte. Jedem, der Wammy’s House durch den Haupteingang betrat, fiel sofort die edlen Holzvertäfelungen an den Wänden auf, die sich vom schönen, hellen Steinboden abhoben. »Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mr. Davies« verabschiedete Ed den Bestatter.

»Oh. Nicht doch, Mr. Thompson. Das ist unser Job. Sie können sicher sein, dass alles reibungslos verlaufen wird!« Davies hob seinen Hut und verschwand durch die schweren Türen des Haupteingangs. Ed sah ihm nach. Aber schon nach kurzer Zeit wurde es kühl und es fröstelte ihn.

Dabei wurde ihm bewusst, wie sehr er sich nach dem Frühling sehnte. Er überlegte kurz und stellte fest, dass nun die passende Gelegenheit für einen schönen, wärmenden Earl-Grey wäre.

»Ed! Kommen Sie bitte in mein Büro«, schallte Ruvies Stimme durch die Halle.

Leise seufzend machte Thompson sich auf den Weg. Er lief den Weg auf dem dunkelroten Perserteppich entlang, damit seine Schuhe nicht unangenehm auf dem Steinboden quietschten. Dabei fixierte Ed die große Standuhr. Sie stand an dem Punkt, an dem die beiden Treppen aufeinandertrafen. Sie zeigte 11:25 Uhr. Im Vorbeigehen fiel ihm ein einsames Blümchen auf dem Tisch bei der hinteren Sitzecke auf. Ein Kind schien sie liegen gelassen zu haben. Erst um die Mittagszeit werden hier wieder Menschen anzutreffen sein. Vielleicht sogar Heather Bennet, eine Küchenhilfe bei Wammy’s, die Edward mit ihrem gleichartigen Sinn für Humor, mit Sicherheit sofort aufzuheitern wusste.

Er ging den Weg zurück, von dem er herkommen war und war überrascht, Rogers Tür einen Spaltbreit offen anzutreffen. Normalerweise war sie immer geschlossen. Es war wohl alles durcheinander, stellte er zum x-ten Mal an diesem Tag fest.

»Roger?« rief er und blieb abwartend vor dessen Tür stehen.

»Kommen Sie Ed! Ich beiße nicht. Schließen Sie die Tür und setzen Sie sich.«

Da wäre ich mir momentan nicht mehr so sicher, dachte Ed und betrat den Raum mit einer Portion schwarzem, englischen Humor. Dort saß Roger Ruvie hinter seinem Schreibtisch und beobachtete den Verwalter. Ed ging an den vielen Zertifikaten vorbei, mit denen das ganze Büro verziert waren. Alles Zertifikate von begabten Schülern.

Ed setzte sich und bemerkte seinen schmerzenden Rücken. Ruvie schaute ihn mit versteinerter Miene an. Ed versuchte, die Stimmung ein wenig zu lockern: »Ihre letzten Tage waren wohl genauso nervenaufreibend wie meine?« Vielleicht konnte er dabei in Erfahrung bringen, weshalb Ruvie so gestresst war. Ruvie nickte kaum sichtbar. »In der Tat! Und genau deshalb sind Sie hier. Um mir, beziehungsweise uns, ein wenig unter die Arme zu greifen.«

»Sicher. Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte Ed, der verstand, dass Ruvie dem hohen Pensum an Aufgaben aufgrund seines Alters wohl nicht lange gewachsen war.

»Ich möchte Sie mit einer Aufgabe betrauen, die absolute Diskretion und Verschwiegenheit voraussetzt.« Edward Thompsons Aufmerksamkeit war geweckt. Die künstlerische Pause, die Roger verstreichen ließ, stachelte den Puls von Ed nur noch mehr an.

»Quillsh Wammy und ich waren ein eingeschworenes Team. Jeder konnte sich auf den jeweils anderen verlassen.« Bis jetzt wusste Ed nicht so recht, was er mit diesen Informationen anfangen sollte. Es war nichts Neues. Sicherlich hatten die Direktoren des Waisenhauses auch sehr diskrete Aufgabenbereiche, von denen er nichts wusste. Aber da er jetzt nun einmal Stellvertreter war, war es nur selbstverständlich, dass auch er auch solche Aufgaben erledigte.

»Wahrscheinlich denken Sie jetzt, dass es sich um Aufgaben um das Direktorat handelt. Damit liegen Sie jedoch vollkommen falsch«, machte Ruvie Edward Thompsons Gedanken zunichte.

Ed runzelte die Stirn. Er erinnerte sich an ein Gespräch mit Quillsh Wammy, welches Jahre her sein musste. Beide gingen sie damals im angrenzenden Park spazieren, durch den Ed gerne joggte. Dieses Gespräch ging Ed eine ganze Zeit lang nicht mehr aus dem Kopf. Quillsh deutete an, dass ihm ‚vielleicht eines Tages eine interessante Aufgabe für eine hochrangige Persönlichkeit bevorstünde‘. So ungefähr jedenfalls, rief sich Ed ins Gedächtnis. Weitere Einzelheiten verriet Quillsh Wammy leider keine, auch auf Eds Nachfrage hin nicht. Quillsh tat danach so, als habe er dieses Thema niemals angesprochen.

Eds Neugierde wurde immer größer und er beugte sich leicht zu Ruvie vor:

»Und um was handelt es sich dann?«

Ruvie grinste schief, rückte mit seinem Stuhl nach vorne und faltete geheimnisvoll die Finger vor sich.

»Wussten Sie, dass L mit unserem Haus in Verbindung steht?«

Als Ed diesen Namen hörte, zuckte er kurz zusammen. War das einer von Rogers dürftigen Scherzen? Ed verzog den Mund und betrachtete das alternde Gesicht seines Gegenübers. Tiefe Furchen verliefen um dessen Mund und die abstehenden, weißen Haare ließen ihn wie einen verrückten Professor aussehen. Was er vielleicht sogar war? Ruvies enormes Wissen über die Naturwissenschaften war bis über die Grenzen Großbritanniens bekannt. Vor allem kannte er sich wie kein anderer mit Insekten aus. Edward schüttelte es bei dem Gedanken an das Getier. Ruvie sah ihn mit wachsamen Augen an.

»Roger, wenn das ein Scherz sein soll, dann ist das …!«

Ruvies Handbewegung brachte Ed zum Schweigen.

»… nicht lustig? Richtig! Sehe ich etwa aus, als würde ich scherzen?«

Nein, Ruvie machte einen todernsten Eindruck. Ed atmete tief ein und rieb seine Hände aneinander. „Ich möchte Sie jedoch bitten, diesen Namen nie wieder in den Mund zu nehmen. Nennen wir ihn ab jetzt einfach Mr. Brent.« Das anschließende Zwinkern Ruvies brachte Ed fast komplett aus der Fassung. Ihm wurde mulmig. Diesen Namen hatte er schon so oft gehört! Dabei war er stets davon ausgegangen, dass es sich hierbei um einen großen Gönner und Freund von Quillsh Wammy selbst handelte.

Weshalb sollte L, der bei Wammy’s House wohl unter dem Pseudonym Mr. Brent bekannt und zudem der größte Detektiv aller Zeiten war, mit Wammy’s House in Verbindung stehen?

Ed kaute auf der Unterlippe; abwartend und jederzeit bereit, dass Ruvie es doch mit einem Scherz abtun würde.

»Das Schweigen steht Ihnen ausgezeichnet, Ed. Das sollten Sie öfter tun.«

Ed schwirrte der Kopf. Seine Geduld näherte sich dem Ende. Roger grinste erneut und fuhr fort.

»Sie haben großes Glück. Wammy und ich haben uns persönlich dafür eingesetzt, dass Sie diese Aufgabe übernehmen dürfen, Mr. Brent ein paar… anfallende Arbeiten abzunehmen. Konkret bedeutet das, dass Sie ihm assistieren. Hotels buchen, Geldtransfers abwickeln, ein paar Telefonate führen und so weiter.« Ed staunte nicht schlecht. Er wusste nicht recht, ob er über dieses Angebot wirklich erfreut sein sollte. Immerhin war er jetzt nicht mehr ‚nur‘ Verwalter, sondern auch noch stellvertretender Direktor von Wammy’s House, was alleine schon einen Berg Arbeit bedeutete.

»Verzeihen Sie mir die Frage, Roger, aber von was für einem Arbeitsaufwand reden wir hier?« Roger lehnte sich nickend zurück und wartete eine Weile, ehe er die Frage beantwortete.

»Ich schätze zwischen 3 und 5 Stunden pro Woche. Vorerst.«

»Vorerst?«, hakte Ed nach und betrachtete Ruvie immer skeptischer.

»Ach, verzeihen Sie mein Geplapper. Auch ich bin nicht mehr der Frischeste. Also, sehen Sie sich dieser Aufgabe gewachsen?«, erkundigte sich der amtierende Waisenhausdirektor und bewegte abwechselnd die Finger voneinander weg und wieder zurück.

»Ich denke, 3 bis 5 Stunden kann ich aufbringen. Es ist nur so, dass ich momentan viel zu ausgelaugt bin, um diese ehrenvolle Aufgabe wirklich zu honorieren.«

»Jaja«, grätschte Ruvie dazwischen. »Das weiß ich doch! Für wahr, Sie müssen ihm jedoch Tag und Nacht zu Diensten stehen müssen. Er hält sich selten in unserer Zeitzone auf. Auch werden Sie für diese Aufgabe einen eigenen Account in Mr. Brents System benötigen, mit dem er arbeitet. Er hält sich außerdem nie lange an ein- und demselben Ort auf und wird Sie in regelmäßigen Abständen informieren, was er braucht oder wohin es ihn verschlägt. Tun Sie einfach, was er von Ihnen verlangt. Dann werden Sie gut miteinander auskommen.«

~ ~ ~

Völlig neben sich zog Edward Thompson die Tür hinter sich zu. Er hatte keinen blassen Schimmer, wieso in Dreiteufelsnamen L in Verbindung zu Wammy’s stand. Zudem fragte er sich, weshalb er in all den Jahren nie ein Sterbenswörtchen davon gehört hatte? Gerüchte gab es doch immer! Und Heather, als personifizierte Tratschtante, hätte ihm sicherlich davon berichtet. Kopfschüttelnd bewegte er sich einige Schritte fort.

Ruvie hatte ihm erklärt, er würde die Zugangsdaten für ‚Mr. Brents System‘ per E-Mail erhalten. Zugangsdaten zum einzig sicheren System, mit dem L arbeiten konnte. Sicher gegen Hacker und unmöglich zu entschlüsseln, wie Roger ihm versicherte. Ed war viel zu müde, um sich darüber allzu viele Gedanken zu machen. Wenn es nicht mehr als ein paar Geschäftsbuchungen sein würden, sollte es ihm recht sein. Trotzdem war sein Puls noch immer nicht auf Normalbetrieb und so ging er, mit pochendem Herzen, den Gang entlang zu seinem eigenen Büro, was er heute früh nur ganz kurz betreten hatte.

Er begab sich an der üppig wuchernden Grünpflanze vorbei an seinen Schreibtisch und wählte die Durchwahl zur Küche.

»Miss Baxter. Wären Sie bitte so nett und bringen mir einen Earl-Grey auf mein Büro?«

»Ja, sicher. Kommt sofort Mr. Thompson«, flötete das zarte Stimmchen am anderen Ende der Leitung in den Hörer. Ed legte auf, holte seinen Rechner aus dem Tiefschlaf und ließ sich rückwärts in seinen Bürostuhl fallen. Dem einzigen Möbelstück hier drinnen, welches jünger als ein halbes Jahrhundert war. Im Gegensatz zu Ruvies Büro, war es kleiner und es hingen keine Zertifikate von Kindern an den Wänden. Er spielte und unterhielt sich lieber mit ihnen. Ruvie beließ es bei den Zertifikaten an der Wand und trat nur im äußersten Notfall vor den Kindern in Erscheinung.

Auch Edwards Büro war vertäfelt. Edel und teuer. So wie die meisten Herrenhäuser im Süden Englands. Heutzutage konnte man es sich nicht mehr leisten, so zu bauen. Wammy’s House hatte eine stattliche Größe. Mitsamt dem dahinterliegenden Park war das Anwesen ungefähr 5000 Quadratmeter groß und Ed verwaltete es seit 15 Jahren. Er kannte alle Ecken und Enden.

Zumindest dachte er das.

Edward sank immer weiter in den Stuhl und versuchte sich ein wenig zu entspannen. Es funktionierte nicht. Dauernd spukte ihm L alias Mr. Brent im Kopf herum. Soweit er sich erinnern konnte, war Mr. Brent schon oft zu Gast in Wammy’s. Und zwar häufig dann, wenn Quillsh Wammy auch anwesend war. Deshalb hielt man ihn stets für einen alten Freund Quillshs. Die Gesprächsthemen der Angestellten rankten sich immer wieder um Mr. Brent. Einige hielten ihn für einen reichen Privatier, andere wiederum für einen hochrangigen Politiker. Dass sich tatsächlich der Meisterdetektiv persönlich dahinter verbarg, konnte Ed kaum glauben. Auf der anderen Seite grenzte es an Genialität, weil man so seine Identität bestens verschleiern konnte. Und niemand hatte je daran gezweifelt, dass Mr. Brent eben nicht einer dieser wohlwollenden Geschäftsmänner war, die Wammy’s House finanziell unterstützten. Und trotzdem hatte sich Mr. Brent nie als solcher zu erkennen gegeben. Niemand hatte ihn je gesehen, beziehungsweise ihm mit dem ‚älteren Herren‘ in Verbindung gebracht. Was Eds Vermutung schürte, dass es sich bei L eben nicht um einen älteren Herrn handeln konnte. Ob er ihn je zu Gesicht bekommen würde? Ed schwirrte der Kopf von den vielen Fragezeichen, die in seinem Kopf herumwuselten.

Er erhob sich und ging nachdenklich zum Fenster. Er schaute in den Park hinaus, als es klopfte.

»Ich bin es, Mr. Thompson. Sophie.«

Ed drehte sich zur Tür. »Kommen Sie herein, Miss Baxter. Stellen Sie mir den Tee bitte auf den Schreibtisch. Danke.« Er nickte ihr kurz zu, drehte sich wieder um und versuchte, die vielen Gedanken in seinem Kopf zu sortieren. Er konnte sich nicht helfen, aber war es denn so abwegig, dass L eines der Wammy-Kinder gewesen war? Und falls ja, welches?

Als Miss Baxter die Tür hinter sich schloss, riss ein kurzes Aufpiepen Ed aus seinen Spekulationen. Schnell eilte er zu seinem Rechner und sah eine eingegangene E-Mail. Seltsamerweise war kein Absender zu erkennen. Und nicht nur das. Sie war auch, bis auf einen Link, leer. Aber Ed wusste genau, um was es sich hierbei handelte. Schon kam die nächste E-Mail hereingeflattert. Dieses Mal von Roger. Er schrieb:

 

Er rief die vorangegangene E-Mail wieder auf. Langsam fuhr der Mauszeiger auf den Link und öffnete ihn mit einem Klick. Eine Software installierte sich blitzschnell auf Eds Rechner. Eine weitere E-Mail blinkte am unteren rechten Rand des Bildschirms auf. Dieses Mal wieder ohne Absender. Ed öffnete sie und las:

 

Ed verstand und tippte ein großes T in die Zeile User; sah wieder zum Bildschirmrand, um auf die nächste Anweisung zu warten. Prompt war sie da:

 

Thompson war sich fast sicher, dass L die Mails ohne Absender verschickte und wurde nervös. Aber er befolgte die Anweisung und vergab das Passwort. Anschließend drückte er auf ‚Enter‘. Vor seinen Augen öffnete sich ein Programm, welches ihm gänzlich unbekannt war. Das war dann wohl ‚Mr. Brents System‘. Kaum hatte er angefangen, sich durch die Reiter zu wühlen, um sich einen kleinen Überblick zu verschaffen, wurde die Bürotür aufgerissen.

Dass es Roger Ruvie war, hatte Ed erst bemerkt, nachdem er das Programm vor lauter Schock geschlossen hatte.

»So schreckhaft kenne ich Sie ja gar nicht, Ed. Ich möchte Ihnen nur eine kleine Einführung geben!«, beantwortete Ruvie Eds verstörten Gesichtsausdruck.

»Von wegen. Sie möchten, dass ich tot umfalle!«

Roger winkte ab und zwinkerte. »Aber nicht doch. Wir brauchen Sie noch!«

Edward Thompson saß wieder alleine an seinem Schreibtisch. Beide Augen auf den Bildschirm gerichtet, um Ls Antwort abzuwarten. Er rieb sich die Nasenwurzel und wünschte sich gedanklich in eine gemütliche Hängematte. Am liebsten in der Südsee. Stattdessen ließ er die Einweisung mit Roger sacken und atmete tief ein und wieder aus. Natürlich steckte hinter der E-Mail ohne Absender der Meisterdetektiv himself, wie Roger mit einem entsprechenden, kurzen Nicken bestätigte. Er gab sich jedoch nicht als solcher zu erkennen oder schickte ‚Mit freundlichen Grüßen, L‘.

Ed schüttelte den Kopf. Natürlich tat er so etwas nicht.

Seine Gedanken drehten sich weiterhin um das Phantom namens L. Roger war ihm keine große Hilfe, als er ihn darum gebeten hatte, ihm bei der elektronischen Nachricht zu helfen.

Sollte man nicht auf eine bestimmte Wortwahl achten?

‚Hi L, ich hoffe, es geht Ihnen gut? Kann ich etwas für Sie tun?‘ oder ‚Sehr geehrter Herr Privatdetektiv, hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass es mir eine Freude ist, Ihnen zu assistieren. Bitte teilen Sie mir Ihre Wünsche jederzeit mit!‘?

Ist als Anrede Name oder Berufsbezeichnung besser? Er selbst verwendete beides nicht.

Doch Roger Ruvie schwieg eisern und meinte trocken ‚Das machen Sie schon, Ed!‘

Und so hoffte Ed, die richtigen Worte in der E-Mail gefunden zu haben. Aufrichtig und freundlich. Wenn er nicht so fertig gewesen wäre, hätte er die Situation sicher lockerer genommen. Doch die Aufregung der letzten Tage und vor allem Stunden hatte ihm den Rest gegeben. Anfangs hielt er es ja alles noch für einen schlechten Scherz. Allerdings kannte er Roger lange genug, um zu wissen, dass Scherze nicht gerade dessen Stärke waren.

Späßchen waren in der Führungsetage zumeist nicht gern gesehen. Zu oft hatte er es am eigenen Leib erfahren. Bei den Angestellten ging es freundschaftlicher zu. Heather und er sorgten oftmals für heitere Stimmung. Über zu wenig Humor konnte man sich in Wammy’s House nicht beklagen; ganz im Gegensatz zur allgemeingültigen Meinung, dass es in Waisenhäusern generell sehr diszipliniert und streng zuging.

Ed nahm noch einen Schluck Tee und schwelgte weiter in Erinnerungen: Vor allem die Kinder sorgten für so manchen Spaß. Naja, manche eher weniger, sinnierte Ed, als so manche Gesichter vor seinem geistigen Auge erschienen.

Aber eine Frage ließ ihn nicht los und drang immer wieder in sein Bewusstsein: Wer hat L zuvor assistiert? Roger hielt sich bei dieser Frage auch sehr bedeckt. Besser gesagt, er schwieg mal wieder. Durch diese Reaktion schlussfolgerte er, dass er mit seiner Vermutung richtig liegen musste, dass es Quillsh gewesen war. Schweigen war bei den Führenden meist eine stille Zustimmung. Aber hieße das nicht, dass …

Erneut störte ein Klopfen seine wilden Theorien. Sogleich rief eine weibliche Stimme:

»Edward. Ich bin es. Bist du da drin?«

Wenn man vom Teufel sprach!, dachte Ed.

»Ja, komm rein. Ich bin hier!«

Kurz darauf schob sich eine schlanke, dunkelhaarige Gestalt durch den schmalen Spalt der Tür. Sie trug noch ihre Arbeitskleidung. Ed sah sie etwas verloren an.

Ihre besorgte Miene traf Ed. »Lieber Himmel. Hast du einen Geist gesehen?«

»Kann man wohl so sagen. Was gibts, Heather?«, überspielte Ed seine Erschöpfung.

Heather hielt sich die Hand vor den Mund, kicherte und näherte sich dem Schreibtisch.

»Stell dir vor. Emma hat Charlys Teddy verzaubert. Und nun ist er verschwunden!«

Heather hörte nicht auf zu lachen und Ed hob eine Augenbraue.

»Wer? Der Teddy oder Charles?«

»Och Ed. Na der Teddy!«, lallte sie und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Offenbar amüsierte sie sich köstlich darüber. Aber auch Ed schmunzelte ein wenig und dachte dabei an den übellaunigen Jungen. Charles war einer der Sorte, die nicht unbedingt viel Spaß verstanden.

»Emma sollte sich mit ihren vier Lenzen nicht unbedingt schon auf ältere Schüler stürzen«, meldete sich Eds väterliche Fürsorge.

»Die kleine Teufelin hat vor nichts und niemandem Angst. Sie ist einfach unglaublich! Und weißt du, was sie getan hat, als man sie gescholten hat? Mit den Schultern gezuckt und ist weiter spielen gegangen!«

Nun konnte sich auch Ed einen Lacher nicht mehr verkneifen. Selbstverständlich war dieses Verhalten unangebracht. Jedoch war sie erst Vier und mit ihrem süßen, unschuldigen Aussehen wickelte sie sämtliche Lehrerschaft um den Finger. Sie ließ sogar Edwards bisher verwehrten Wunsch entflammen, selbst Kinder zu haben. Dabei fiel ihm ein, dass er Charlotte heute wieder einmal versetzen musste. Er konnte einfach nicht mit ins Theater. Er würde dort auf der Stelle einschlafen und ihr somit den Fauxpas des Jahrtausends aufbürden. Und das würde sie ihm sicherlich nie verzeihen. Ed überlegte. Zu lange für Heather.

»Was ist heute nur mit dir los?«, fragte sie, die plötzlich neben ihm stand und mit der Hand vor seinem Gesicht herumwedelte. Als Ed wieder bei sich war, starrten ihm ihre kritischen Augen entgegen.

»Sorry. Wie geht es Charles?«, erkundigte sich Ed, während Heather sich zurücklehnte und die Hand auf Eds Schreibtisch abstützte.

»Er ist außer Rand und Band und schmiedet sicher schon Rachepläne. Genau weiß ich es aber nicht. Das hat mir Mr. Lewis nicht verraten.«

Eds Mundwinkel wanderten nach unten: »Sehr vertrauensvoll!«

Es gefiel ihm nicht, dass der Vertrauenslehrer solche Dinge bis in die Küche tratschte. Die Kinder sollten ihm nicht umsonst ihr Vertrauen schenken. Er sollte demnächst mit Roger darüber sprechen. Er musste bloß aufpassen, Heather nicht anzuschwärzen und reflektierte dabei, dass die Erwachsenen manchmal auch nicht besser waren, als ihre Zöglinge.

Heather verschränkte die Arme und legte den Kopf schief:

»Ach Eddie, solange Ruvie nichts davon erfährt, ist doch alles in Butter!«

Ed seufzte. Natürlich!, dachte er und kam sich vor wie ein Jongleur. Auf der einen Seite die Interessen der Mitarbeiter und Kinder balancierend und auf der anderen die Unternehmensinteressen. Und Wammy’s House war ganz klar ein Unternehmen.

»Tust du mir einen Gefallen? Schau bitte mal nach, ob der Teddy nicht in der Eingangshalle versteckt ist«, wies er Heather an. Zuletzt hatte Edward Emma häufig dort gesehen und er erinnerte sich an das Blümchen auf einem der Tische. Heather nickte und beugte sich wieder zu Ed nach vorne. Das spielerische Flirten hatte sie echt drauf, das musste er ihr lassen. Ed verglich sie oft mit einer Raubkatze. Jedoch kam eine Affäre am Arbeitsplatz für ihn niemals mehr in Frage. Das brachte nur Ärger.

Sie flüsterte Ed ins Ohr: »Weißt du eigentlich, ob Mr. Brent zur Beerdigung auftauchen wird?«

Ed verkrampfte sich automatisch. Erschrocken erwiderte er »Nein!«

Zu allem Überfluss erschien in Eds rechtem Augenwinkel ein Briefumschlag. Ein unpassender Zeitpunkt. Heather achtete glücklicherweise nicht darauf. Ihre Augen waren neugierig auf ihn gerichtet. Er versuchte, sich zu erklären und lächelte aufgesetzt:

»Ähm, ich meine… Nein, davon gehe ich nicht aus.«

Sie wich ein Stück zurück. Beobachtete ihn skeptisch. Dann stemmte sie ihre Hände in die Hüften und baute sich vor ihm auf. «Edward Thompson. Ich möchte nicht hoffen, dass dein neuer Posten dich in irgendeiner Art und Weise negativ beeinflusst!«

Ed nahm abwehrend die Hände nach oben und antwortete: »Mach dir darüber mal keine Sorgen. Kein Job wird mich je verändern!«

Edward Thompson wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass diese Aussage ein sehr großer Irrtum seinerseits war. Er dachte viel eher über die Spekulationen nach, die beim Personal schon wieder Gesprächsthema Nummer Eins zu sein schienen.

Aber er musste zugeben, dass nicht nur er sich fragte, ob Mr. Brent tatsächlich erscheinen und sich erstmals zeigen würde? Konnte dies überhaupt möglich sein?

»Ich bin einfach nur sehr angespannt in letzter Zeit!«, fügte Ed seiner vorigen Aussage noch hinzu.

»Habe ich bemerkt. Wird Zeit, dass es wieder ruhiger wird. Auch ohne Mr. Wammy«, meinte Heather mitfühlend und schlug die Augen nieder. Ed stimmte ihr traurig zu.

Quillsh war bei den Angestellten stets beliebt gewesen, obwohl er selten anwesend war. Als Schirmherr diverser sozialer Einrichtungen verrichtete er die meisten Verpflichtungen außerhalb der heiligen Hallen von Wammy’s. Ed vermutete auch noch einen anderen Grund.

Er wusste, dass Quillsh in aller Herrenländer gewesen sein musste, denn er brachte den Kindern immer etwas von seinen Reisen mit. Woraufhin plötzlich Ruvies Aussage ‚Er hält sich außerdem nie lange an ein- und demselben Ort auf und wird Sie in regelmäßigen Abständen informieren, was er braucht oder wohin es ihn verschlägt‘ und Quillshs ständige Abwesenheit miteinander zu verschmelzen schienen. Aber wie genau wusste Ed noch nicht.

»Wer wird eigentlich in Zukunft Mr. Wammy’s Job übernehmen? Ruvie?«, fragte Heather neugierig. Ed sah sie an. »Du beziehst dich auf den Außendienst, nehme ich an?«

Heather nickte eifrig.

Das war eine gute Frage, dachte Ed. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Ruvie die Arbeit freiwillig übernehmen würde, denn er mied stets Auftritte in der Öffentlichkeit.

»Ich habe keinen blassen Schimmer«, gab Ed irritiert zu. »Vielleicht stampft Ruvie dieses Geschäft auch ganz ein?« antwortete er und widersprach sich innerlich gleich selbst. Der größte Teil der Gelder stammte aus der Öffentlichkeitsarbeit Quillshs und damit einhergehenden Spendenaktionen der ‚Upper Class‘. Zumindest nach Eds Kenntnisstand. Vielleicht sollte er auch darüber mit Roger sprechen? Aber erst nach der Beerdigung, nahm er sich fest vor, während er immer unruhiger auf den wartenden Briefumschlag schielte.

Heather starrte unterdessen auf einen Stapel Fotos der letzten Weihnachtsfeier. Ganz oben lag ein Bild von Ed und dem Neuzugang namens Oktavio. Der Junge war erst fünf Jahre alt und wurde bereits mit Unterrichtsstoff der sechsten Klasse versorgt. Es war ein gelungener Schnappschuss von ihm und sich selbst, freute sich Ed. Auch wenn Oktavio alles andere als fotogen war.

»Du magst Kinder sehr, stimmts?«, fragte Heather ungeniert.

»Ja. Sicher. Aber ohne passende Frau keine Kinder!», antwortete Ed und zuckte mit den Schultern. Ein seitlicher Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass es bereits 15:00 Uhr war.

»Ach, komm schon. Mit der Damenwelt hattest du doch noch nie Schwierigkeiten… hab ich gehört«, neckte sie ihn und grinste vielsagend. Ed schaute ertappt zur Seite. Der Unterton ihrer Stimme gefiel ihm nicht.

»Höre ich da etwa einen leisen Vorwurf in deiner Stimme?«

Die Brünette entrüstete sich gespielt und scherzte: »Wo denkst du hin? Ich finde es nur sehr schade, dass du nie sesshaft geworden bist. Du verpasst die ganzen langweiligen Grillpartys, wo Erziehungstipps und makrobiotische Rezepte ausgetauscht werden.«

Schadenfroh lachte Ed auf und fixierte den goldenen Ehering an Heathers rechter Hand.

»Jepp, genau das ist der Grund, weshalb ich nie geheiratet habe! Ich mag keine Grillpartys und keine Makrobiotik.«

Heather prustete los und auch Ed lachte sich für einige Augenblicke die Anspannung weg.

Nun, zumindest arbeitete Ed in einem Waisenhaus und konnte den Kleinen auf diesem Weg etwas für ihr späteres Leben mitgeben. Die Kinder hatten es ohnehin schon schwer genug. Immer wieder nahm es ihn mit, wenn die Kinder ihre eigenen Wege gingen und Wammy’s verließen. Allerdings sollte man fairerweise erwähnen, dass Wammy’s hervorragend schulisch ausbildete. Ja sogar fast schon elitär. Es waren hervorragende Lehrer vor Ort und die Kinder wurden alle, neben der allgemeinen Schulbildung, besonders in ihren Talenten gefördert. Da gab es beispielsweise Riville Devenroe. Sie war schon als junges Mädchen ein unglaubliches Musiktalent und nun beim weltberühmten London Symphony Orchestra. Ed hatte sie letztes Jahr mit Charlotte zusammen auf einem ihrer Konzerte besucht. Sie war fantastisch gewesen.

»So. Dann werde ich Sie wieder in Ruhe lassen, Mr. Thompson«, zwinkerte Heather und ging in Richtung Ausgang. Ed nickte und bat sie erneut:

»Okay. Und bitte denke daran, die Eingangshalle nach dem Teddy abzusuchen.«

Nickend verschwand sie durch die Tür und rief kichernd:

»Wir sehen uns morgen, stellvertretender Direktor Thompson.«

Ed rollte mit den Augen.

Einige Sekunden vergingen, ehe er die Antwortmail öffnete und mit klopfendem Herzen las:

 

Ed stieß einen lauten Pfiff aus. Mal eben kurzfristig nach Tokio? Nicht schlecht!

Was L dort tat, würde wohl für immer ein Geheimnis bleiben, dachte Ed enttäuscht, vergaß es wegen des netten Grußes gleich wieder und machte sich sofort an die Arbeit. Mit der neuen Software empfing und schrieb man nicht nur E-Mails, sondern konnte auch Buchungen tätigen. Designtechnisch hatte er zwar schon Besseres gesehen, jedoch diente es seinem Zweck.

Während Ed als Abflugdatum den morgigen Tag eingab, schloss sich der Vorgang von allein. Ed war irritiert. Eine automatisch generierte Antwortmail flatterte in sein Postfach. Darin wurde der Name des Fluggasts Jack Michelson angegeben. Mit skeptisch zusammengezogenen Augenbrauen dachte Ed an einen amerikanischen Schauspieler.

Reiste L wirklich mit einem solchen Namen?

Erneut ging eine E-Mail ein und Ed öffnete sie.

 

Ed erschrak. Konnte L Gedanken lesen oder beobachtete er ihn sogar?

Nervös sah er sich um und inspizierte sämtliche Ecken seines Büros.

Nichts Auffälliges, stellte er erleichtert fest und zog seinen Kopf wieder unter der Tischplatte hervor. Sein angespanntes, schweres Schlucken war im ganzen Raum zu hören. Lächerlich, dachte Ed und kratzte sich vor Verlegenheit am Kopf. Aber das Unwohlsein blieb beharrlich. Wachsam kehrte er auf seinen Bürostuhl zurück und nahm die Anfrage an das Hotel vor. Auch hier brauchte er nur den Zimmerwunsch und das Datum der Ankunft eingeben. Anschließend fügte er noch die vertraglichen Vereinbarungen als Anhang dazu. In der dann wiederum eingehenden Empfangsbestätigung tauchte allerdings nicht mehr der Name Jack Michelson auf. Dieses Mal hatte der Hotelgast den französisch klingenden Namen Pierre Richet.

L schien wohl seinen Spaß mit Namen zu haben, vermutete Ed und beobachtete den rechten, unteren Bildschirmrand wie eine Katze das Mauseloch.

Es tat sich jedoch nichts.

Frustriert nahm Ed einen Schluck Tee, der gefühlt schon eine halbe Ewigkeit herumstand. Das kleine Tässchen umklammernd, beäugte Ed die Wanduhr. 15:45 Uhr.

Für 18:00 Uhr hatte er sich bei Charlotte angekündigt, um sie abzuholen. Er musste also seinem inneren Schweinehund einen Tritt versetzen: Das leise Tuten nahm er kaum war. Er war viel mehr damit beschäftigt, sich eine verdammt gute Ausrede einfallen zu lassen.

Sie ging nicht ran. Das verschaffte Ed noch ein wenig Zeit, zu überlegen, ob die Top-Five seiner Ausreden gut genug sein würden, um den hohen Ansprüchen von Charlotte gerecht zu werden. Sie war eine überaus anstrengende Frau aus akademischem Elternhaus und er überlegte bereits seit einiger Zeit, ob er an dieser Verbindung überhaupt noch festhalten sollte? Ihre Oberflächlichkeit und die Gier nach Geld stanken ihm gewaltig. Aber sie war überaus gutaussehend und brachte ihn regelmäßig um den Verstand. Was so gesehen auch oberflächlich war, gestand er sich selbst ein und seufzte unschlüssig. Doch dann fasste er einen Entschluss.

Erneut wählte er ihre Nummer.

»Edward, wo bist du?«, rief sie panisch.

»In Wammy’s House. Was ist los?«, antwortete Ed aufgeschreckt.

»Mein Vater ist im Krankenhaus. Verdacht auf Hirnschlag. Oh Edward, was soll ich nur tun?« Sie klang fast flehend. So etwas hatte er aus ihrem Mund noch nie gehört.

Ed sah ein, dass fürs ‚Schlussmachen‘ momentan kein guter Zeitpunkt war.  

Stattdessen fragte er: »Das bedeutet wohl, wir gehen… nicht ins Theater?«

»Wo denkst du hin? Ich werde hier bei meinem Vater bleiben und dafür sorgen, dass er die medizinischen Hilfen bekommt, die eine solche Diagnose erfordert!«

Oder einfach, um das Personal durch die Gegend zu scheuchen und abzuwarten, ob du demnächst das lang erwartete hübsche, kleine Vermögen erbst?, schoss es Edward ungebremst durch den Kopf. Im gleichen Moment hätte er sich selbst ohrfeigen können. Vielleicht war ihre Sorge ja gar nicht gespielt. Eine klitzekleine Möglichkeit bestand immerhin.

»Mach das, Charlotte. Ich hoffe, er erholt sich bald. Melde dich, falls du mich brauchst!«, kam ganz automatisch über Eds Lippen. So herzlos war er ja nicht. Auch, wenn ihr Vater einen Anwalt als Schwiegersohn vorziehen würde. Bei dem Wort Schwiegersohn zuckte Ed kurz zusammen.

»Das werde ich. Bis dann, Edward«

Sie legte auf und Ed starrte noch eine ganze Weile auf das Display seines Mobiltelefons.

Dann flatterte die Bestätigung für Ls unbefristeten Hotelaufenthalt in Eds Postfach.

~~~~~

Vier Tage später:

Die gelbe Rose fest in der Hand, ließ er seinen Blick über die Menge schweifen. Die allesamt dunkel gekleidete Trauergemeinde wurde ständig fotografiert. Jedoch musste die Presse fünfzehn Meter Abstand einhalten. Leider musste die Polizei die Journalisten in regelmäßigen Abständen mäßig laut daran erinnern. Einer dieser Pressefritzen trug sogar eine dunkle Sonnenbrille, ein ins Gesicht gezogenes Cappy und ein viel zu großes, blaues Regencape. Ed beobachtete den Fotografen eine ganze Weile, wie er sich den besten Platz erkämpfte.

Wammys Sarg stand umringt von Blumenkränzen und Gestecken. Fast alle in seiner Lieblingsfarbe Gelb. Es war ein rabenschwarzer Tag in Wammy’s House und leises Schluchzen erfüllte den wolkenbehangenen Himmel über London. Ed ignorierte die Fotografen wieder und schaute durch die Reihen. Alle waren sie da. Die Kinder, das gesamte Personal und natürlich Ruvie.

Auch der Bürgermeister sowie sämtliche Freunde, Bekannte und Geschäftspartner Quillsh Wammys waren gekommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Es war bitterkalt und Ed trug seinen langen, dunkelgrauen Mantel. Er zog seinen Schal an Ort und Stelle und fixierte die kleinen Atemwölkchen, die emporstiegen und sich kurz darauf verflüchtigten. Die Kinder waren in den vordersten Reihen, während Ed und Roger nahe des Sargs auf der gegenüberliegenden Seite standen. Seitlich vor ihnen hielt der Pfarrer die Grabrede.

Ed sah sich die Gesichter der Kinder an. Traurig bis ausdruckslos. Emma stand neben Oktavio und mit genügend Abstand zu Charles. Eds Blick wanderte über die Bankreihen hinweg und blieb an drei überdurchschnittlich begabten, jungen Männern hängen: Mihael, Mail und Nate.

Sie hatten Wammy’s vor gar nicht allzu langer Zeit verlassen. Ed freute sich, sie wiederzusehen und rechnete jeden Augenblick damit, dass sich Mail eine Zigarette anzünden würde. Jedoch blieb Eds Gesicht, trotz lebhafter Fantasie, ausdruckslos. Ed fiel auf, dass Roger ihn zu beobachten schien.

Er erkannte noch weitere ehemalige Waisenkinder. Riville, die Musikerin, war ebenso gekommen und auch Linda, Naiva, Grid, Seek, Pepe und wie sie alle hießen. Ed konnte sich Namen schon immer gut merken und vergaß niemals ein Gesicht. Quillsh erkannte bereits zu Eds Anfangszeiten bei Wammy’s, dass er ein fotografisches Gedächtnis besaß. Wohingegen er sich Geburtsdaten überhaupt nicht merken konnte. Selbst den Geburtstag seiner einzig noch lebenden Verwandten, seiner Großtante Helen, vergaß er immer wieder. Es hatte sich eingependelt, dass Heather ihn daran erinnerte.

Dabei fiel ihm ein, dass er später noch Roger dazu bringen musste, die Danksagungen abzusegnen. Außerdem war er gespannt, wann die Einarbeitung in das Direktorat starten würde. Jedoch ging Ed davon aus, dass selbst Roger bemerkt haben musste, dass ein paar Tage Ruhe Ed auch gut taten; spätestens seit der immer auf sein Äußeres bedachte Ed mit abstehendem Haar auf der Arbeit erschien. L hatte ihn die halbe Nacht auf Trab gehalten, weil er mit der Verpflegung nicht zufrieden war. Daraufhin schrieb Ed E-Mails mit dem Hotel in Fernost hin und her. Als er feststellte, dass er so auf keinen grünen Zweig kommen würde, rief er dort an. Er versuchte mit Engelszungen dem wirklich schlecht englischsprechenden Hotelangestellten davon zu überzeugen, dass Mr. Richet in Zukunft bitte keine gerösteten Sesamkörner mehr auf der Vanillesauce sehen möchte. Ed telefonierte sich bis zum Küchenchef durch, der gar kein Englisch verstand und sich den Hotelangestellten als Übersetzer heranzog. Also sprach er doch wieder mit dem Angestellten. Nach dem Gespräch betete Ed, dass wenigstens einer der beiden verstanden hatte, was er wollte.

Edward Thompson konzentrierte sich wieder auf die Beisetzung. Die Sargträger würden gleich Quillsh Wammys sterbliche Überreste in das Mausoleum tragen. Es war mucksmäuschenstill. Niemand sprach oder gab auch nur einen Laut von sich. Nur die Koniferen rund um das Mausoleum bogen sich ein wenig im wieder abflauenden Wind. Ed sah hinüber zu Roger, der seinen Blick wieder starr geradeaus richtete, nachdem er ihn erneut gemustert hatte. Auch er vermisste Quillsh, das sah man ihm an.

Erneut fegte ein eisiger Wind über die Trauergemeinde hinweg und Ed schützte seine Augen, indem er sie fast komplett zusammenkniff. Er kam sich einsam vor. Weit weg und doch da. Charlotte hatte sich seit ihrem Anruf nicht mehr gemeldet und dabei war sie normalerweise diejenige, die mehrmals pro Tag Kontrollanrufe tätigte.

Die ganze Welt schien auf einmal nicht mehr wie vorher zu sein.

Wieder einmal spürte er die Blicke Rogers auf sich. Dieses Mal erwiderte Ed den Blick und Ruvie wich ihm gekonnt aus.

Als Andenken durfte jeder Anwesende seine Rose um den Zugang zum Mausoleum legen. Roger und Ed taten es zuerst. Anschließend reihten sich die Kinder in Reih und Glied auf, um sich zu ‚verabschieden‘. Es flossen viele Tränen. Auch Ed spürte die Feuchtigkeit in seinen Augen. Jeder ging eben anders mit seiner Trauer um. Der eine blieb ausdruckslos, dem anderen liefen die Tränen über die Wangen. Ed schaute sich die Gesichter aus einem ganz bestimmten Grund genau an. Keins davon war ihm unbekannt. Und niemand davon konnte er mit Mr. Brent in Verbindung bringen. Potentiell konnte es also jeder sein, der nicht ständig in Wammy’s House anwesend war. Sogar dieser seltsame Fotograf mit dem blauen Cape, dessen Blitzlichtgewitter Roger gerade den letzten Nerv zu rauben schien. Er würde alle Interviewanfragen ablehnen lassen. Da war sich Ed ganz sicher. Damit wurde wieder ganz deutlich, wie sehr Ruvie Journalisten, Fotografen und deren Arbeitgeber verabscheute.

Roger Ruvie und Edward Thompson verließen als letzte Trauergäste das Gebiet um das Mausoleum. Etwa einen Kilometer entfernt hinter Wammy’s House. Und wieder einmal kam sich Ed beobachtet vor.

»Roger. Ich muss mit Ihnen reden«, offenbarte Ed ohne Vorwarnung.

Roger hielt an, drehte sich langsam zu ihm um und sah neugierig drein. »Weshalb?«

Ed stellte sich Roger gegenüber. Und das Mausoleum erschien wieder in Eds Sichtfeld.

»Wegen meiner Zukunft in Wammy’s House.«

Roger nickte kurz, lief an Ed vorbei und antwortete: »Wir sprechen später darüber. Ich habe noch eine wichtige Besprechung und unsere Gäste sind auch noch da. Bitte bleiben Sie in der Nähe Ihres Büros. Ich werde Sie anrufen, wenn es an der Zeit ist.« Die Worte Rogers hallten noch eine ganze Weile nach. Ed stand regungslos da. Er wusste nichts von einer Besprechung und es war außergewöhnlich, dass Roger sagte, er würde ‚anrufen‘. Ruvies Büro lag zwanzig Meter entfernt und er kam normalerweise immer persönlich vorbei. Jedoch blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an die Anweisung zu halten.

»Ist gut. Ich warte«, antwortete Ed und hätte schwören können, soeben eine Person in Blau am Mausoleum stehen zu sehen. Leider blies ihm ein eisiger Windhauch ins Gesicht, woraufhin er blinzeln musste. »Wo bleiben Sie denn? Beeilen Sie sich!«, rief ihm Roger zu. Ed blickte erneut in Richtung Mausoleum. Es war jedoch niemand dort.

~~~~~

Auf Eds Schreibtisch stand ein frisch zubereiteter und dampfender Earl-Grey, den Roger ihm wohl hatte bringen lassen. Irgendetwas war hier im Gange, sinnierte Ed. Konnte aber nicht sagen, was.

Sein Gefühl täuschte ihn selten.

Nervös trommelte er mit seinen Fingern auf den Schreibtisch und fragte sich, ob es sich noch lohnen würde, joggen zu gehen. Seine Stresskurve würde es sicherlich freuen, denn die hatte es bitter nötig. Ed nahm das Foto von sich und Oktavio in die Hand und betrachtete es genauer. Im Hintergrund war noch unscharf Quillsh Wammy zu erkennen. Er seufzte und fragte sich, wann wieder alles so normal wie vor Quillshs Tod werden würde?

Eds Telefon schrillte laut los und versetzte ihm solch einen Schock, dass das Foto in die Nähe der Tischkante fiel. Himmelherrgott, fluchte Ed im Geheimen und nahm ab.

»Thompson«, sagte Ed barsch und vernahm ganz deutlich ein Knacken in der Leitung.

»Guten Tag, Mr. Thompson. Hier spricht L.«

Nur mit viel Körperbeherrschung konnte Ed den Telefonhörer vor einem Absturz bewahren, während seine Knöchel weißlich unter seiner Haut hervortraten. Er sprach kein einziges Wort, sondern setzte sich langsam und steif wie ein Brett auf seinem Stuhl, dessen entsprechendes Geräusch Ed für eine Nanosekunde daran erinnerte, Sprühöl zu besorgen. Der Schrecken saß Ed nämlich in sämtlichen Gliedern und die verzerrte Stimme seines Gesprächspartners machte die Sache nicht angenehmer.

»Mr. Thompson?« dröhnte mit gruseligem Nachhall durch die Leitung.

Verstört antwortete Ed »… Ich bin dran!«

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«

»Ja… natürlich«, antwortete Ed hastig und versuchte krampfhaft das Ausmaß dessen zu begreifen, was ihm gerade widerfuhr. Ed blieb stumm wie ein Fisch.

Dunkle Wolken machten sich währenddessen über Wammy’s House breit.

»Störe ich Sie etwa, Mr. Thompson?« Eds Puls schnellte nach oben. Es war ihm ein Rätsel, wie sich eine technisch verzerrte Stimme so provokant anhören konnte. Er schluckte schwer und schüttelte den Kopf.

»Nein! Um Himmels Willen, Nein! Ich bin nur… etwas… überrascht. Ist etwas passiert? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, haspelte Ed aufgeregt vor sich hin und erhob sich vorsichtig wieder aus seinem quietschenden Bürostuhl. Jederzeit bereit, in die Tasten seines Computers zu hauen und Ls Wunsch nachzukommen, den er ihm hoffentlich gleich mitteilen und schnell wieder auflegen möge. So lautete zumindest Eds Wunschdenken. Seine Pupillen rasten von einem Blickpunkt zum anderen und bildeten den bemerkenswerten Gegenpart zu seinem offenstehenden, regungslosen Mund. Wieder hörte Edward ein Knacken in der Leitung:

»Danke der Nachfrage. Bei mir ist alles in bester Ordnung. Sagen Sie, verreisen Sie gerne?«

Edward Thompson fixierte mit einem Mal das hängende Betriebswirtschaftsdiplom an der gegenüberliegenden Wand. Äußerlich schien er ruhiger zu werden, erweckte jedoch den Eindruck, als hätte er die Frage nicht richtig verstanden.

»Ich… schätze schon«, antwortete er vorsichtig und versuchte dabei, so lässig wie möglich zu klingen, schließlich wollte er einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

»Sie schätzen? Wissen Sie das denn nicht?«, flog es Ed nun spitz um die Ohren. Innerer Widerstand keimte in ihm auf. Etwas an der Art und Weise wie ‚L‘ mit ihm sprach, störte ihn. Die Mischung aus Provokation und Überheblichkeit widerstrebten ihm. Jedoch würde er den Teufel tun und L zurechtweisen, schließlich wollte er es sich nicht schon zu Anfang mit ihm verscherzen. Immerhin handelte es sich hierbei um den berühmten L.

Oder?

Ed hielt für einen kurzen Moment inne und dachte über Mittel und Wege nach, um herauszufinden, ob es sich bei seinem Gesprächspartner tatsächlich um L handelte. Nur fehlte ihm die passende Idee, wie er das bewerkstelligen sollte. Also hüstelte er verlegen:

»Doch, natürlich. Und ja, ich verreise gerne«, entgegnete er eindrucksvoller.

Wieder entstand eine kleine Pause, bis erneut dieses Knacken ertönte.

„Das trifft sich ausgezeichnet.«

Kurz bevor aus Ed ‚Wieso, Weshalb und Warum‘ heraussprudeln wollte, drängte ihm die verzerrte Stimme bereits die nächste Frage auf:

»Wie gefällt Ihnen Ihre Tätigkeit als Provisor bei Wammy’s House?«

Wieder einmal brachte ihn der vermeintliche L aus seinen Überlegungen heraus, sodass Ed seine Gedanken nicht zu Ende denken konnte, was seinen Stresspegel nur noch erhöhte. Hinzu kam, dass er die altenglische Bezeichnung für Verwalter schon seit gefühlter Ewigkeit nicht mehr gehört hatte. Also schlussfolgerte er, dass sich Ls Alter im oberen Bereich bewegte. Zudem fragte er sich allmählich, was er von dem ganzen Verhör halten sollte. Denn, wenn es sich hierbei wirklich um den berühmten L handelte, sollten ihm die Antworten auf diese Fragen bestens bekannt sein.

»Ja, sehr gut sogar«, antwortete Ed mit tiefer Stimme und fügte sodann stolz hinzu: »Ich bin seit fast dreißig Jahren bei Wammy’s angestellt. Knapp die Hälfte davon als ‚Provisor‘ und ich hoffe, sehr bald…«

Eds Laudatio wurde durch erneutes Knacken ein vorzeitiges Ende beschert.

»Ist das nicht unfassbar langweilig?«

Das völlig überbetonte ‚unfassbar‘ schlängelte sich wie ein Parasit durch Eds Magengegend. Mit vor Zorn errötetem Kopf biss er sich auf die Unterlippe und fasste sich an die Schläfen. Er musste seinen Ärger so schnell wie möglich herunterschlucken. Zumal er sich immer mehr daran störte, dass ihm L noch keine Begründung für die Fragerei genannt hatte. Eds Widerstand wuchs. Er musste seine Zunge bändigen, die äußerst scharfzüngig reagieren konnte. Stattdessen schnaufte er hörbar aus und nach kurzem, innerem Disput einigte er sich mit sich selbst darauf, die angriffslustige Frage brav und ohne schnippisches Kommentar zu beantworten.

»Das mag sogar für manch einen der Fall sein. Aber es ist nun mal mein Job, den ich sehr gerne mache«, versuchte Ed ruhig zu argumentieren. Doch trotz aller Anstrengung hörte man den wutunterdrückten Unterton heraus.

»Verstehe«, antwortete L.

Zu kurz für Eds Geschmack und noch während er mit Daumen und Zeigefinger seine Schläfen massierte, durchfuhr ihn wieder ganz plötzlich eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen. Nämlich einem Zwiegespräch zwischen ihm und Quillsh Wammy. Wammy sprach damals, laut Eds Erinnerung, von einer ‚in nicht allzu ferner Zukunft liegenden Beförderung‘ und einer ‚interessanten Aufgabe unter der Führung einer hochrangigen Persönlichkeit‘, die jedoch ‚höchster Diskretion unterliegen wird‘. Ed versuchte verzweifelt, sich zu erinnern:

Das damalige Gespräch fand während eines Spaziergangs im Park hinter Wammy’s House statt. Und nun fiel ihm auch wieder ein, dass er etwas zu viel von der köstlichen Weihnachtsgans gegessen hatte. Nun fiel ihm auch das genaue Datum dieser Begebenheit wieder einfiel. Demnach waren nun also etwas über fünf Jahre vergangen.

Eds Augen weiteten sich und sein Herz pumpte kräftig Blut durch seinen angespannten Körper.

Wieder ein Knacken. »Wie ich hörte, sind Sie sehr sportlich.«

Mehr eine Feststellung, als eine Frage. L kannte die Antworten, dessen war sich Ed nun ganz sicher. Und L hatte etwas mit ihm vor. Eds gesamter Körper war in Alarmbereitschaft. Adrenalin schoss kontinuierlich durch seine Blutbahnen.

Konnte das wirklich möglich sein?, philosophierte Ed.

»Ja, ich bewege mich gerne«, antwortete Ed, fast so monoton wie L.

»Sie kennen sich auch mit Waffen aus«, vernahm Ed die ebenso treffende Aussage. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Da fackelte er nicht lange und sah die Chance zu kontern:  »Das stimmt. Ich bin seit 31 Jahren Sportschütze. Aber warum all diese Fragen, wenn Sie die Antworten doch schon längst kennen?«

Er hoffte damit, L etwas aus der Reserve zu locken. Prompt lieferte ihm dieser eine Antwort:

»Um Ihre Tauglichkeit zu prüfen, indem ich zwischen den Zeilen lese.«

Eds Stirnfalten und der dümmliche Gesichtsausdruck sprachen für sich. Er war wirklich überrascht, dass L seine Frage ohne Umschweife und offensichtlich wahrheitsgemäß beantwortete. Natürlich prüfte L seine Tauglichkeit. Die Frage, die ihn wie eine auf ihn zurasende Mauer zu erdrücken drohte, war nur: Für was?

Doch er hatte keine Zeit, lange zu grübeln.

»Sicherlich haben Sie sich auch schon gefragt, weshalb ein Laptop und ein Mobiltelefon auf Ihrem Sideboard liegen, nicht wahr Mr. Thompson?«, fuhr L unbeeindruckt fort.

Ganz langsam drehte Ed den Kopf in Richtung des besagten Sideboards, während das Quietschen des Stuhls schon gar nicht mehr bis zu ihm durchdrang.  

Tatsächlich erspähte er darauf zwei Geräte; feinsäuberlich drapiert. Eds Blick glich in jenem Moment dem eines kleinen Jungen, dem gerade eine Kugel Eis auf den Boden geplumpst war.

»Die sind mir… ehrlich gesagt… überhaupt nicht aufgefallen«, stotterte Ed peinlich berührt und setzte sich ungläubig. Er konnte sich selbst nicht erklären, wie ihm diese Offensichtlichkeit in seinem eigenen Büro entgangen sein konnte.

»Dann rate ich Ihnen ganz dringend, an Ihrer Aufmerksamkeit zu arbeiten«, meinte die verzerrte Stimme trocken. Vor Eds geistigem Auge erschien sein unbekannter Gesprächspartner in Siegerpose. Dann senkte er seinen Kopf und stimmte zu: »Das… sollte ich wohl.«

Entgegen Ls Meinung hielt sich Edward Thompson sehr wohl für aufmerksam. Darum wurmte ihn der Tadel auch so sehr.

»Sehr gut. Der Grund meines Anrufs soll ebenfalls nicht länger zwischen uns stehen. Ich möchte Sie bitten, sich der Vorstellung zu widmen, eine weitaus gefährlichere Tätigkeit zu übernehmen.«

Wieder einmal umklammerte Ed den Hörer fester.

»Und von was für einem Job reden wir hier?«, hakte Ed mit fester Stimme nach.

Bereit, zu verhandeln.

Das altbekannte Knacken verriet ihm, dass L sogleich antworten würde.

„Eine Tätigkeit, die bis vor kurzem Quillsh Wammy für mich ausgeführt hat. Kurzum Mr. Thompson, Sie würden in Zukunft die Rolle von Watari übernehmen.«

Ein dumpfes Geräusch erfüllte den Raum und Ed polterte schmerzerfüllt durch das Telefon: »Au! Scheiße!«

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«, wiederholte sich L.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sich Ed das Knie, welches er sich vor lauter Schreck am massiven Tischbein angeschlagen hatte. Überflüssigerweise bestätigte dieser Schmerz seine Vermutung.

Ed stöhnte »Nein, aber ich werde es überleben.«

Mit reibenden Bewegungen wartete er sehnsüchtig auf das Nachlassen des Schmerzes.

Als Ed die Augen wieder öffnete, bemerkte er, wie dunkel es zwischenzeitlich geworden war. Tausende von Gedanken rasten ihm durch den Kopf und sie machten ihn immer nervöser. Jeder auf diesem gottverdammten Planeten kannte L. Und nicht nur ihn, sondern auch dessen Kontaktmann Watari, sinnierte Edward Thompson. Ed schaute nachdenklich auf sein Knie.

Quillsh Wammy war also Watari gewesen!

Leichte Übelkeit stieg in Edward Thompson auf. Vor seinem geistigen Auge erschien der schwarz gekleidete Agent, den man Watari nannte. Langer Mantel, Lederhandschuhe, Hut. Keiner kannte seinen Namen und seine Identität. Sein Gesicht hielt er immer verborgen. Watari war der breiten Öffentlichkeit als Spion bekannt, der sich unscheinbar, aber stets galant durch die Mengen bewegen konnte. So wie Wammy. Genauso wie Wammy!

Niemand wusste genau, wie L und Watari zueinander standen. Manche Verschwörungstheoretiker behaupteten sogar, Watari sei L. Nur eins war sicher: Er machte einen brandgefährlichen Job. Watari war sogar befugt, Schwerstkriminelle zu richten, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gab. Viele Medien berichteten schon auf allen Kanälen davon. Ed schauderte die Vorstellung, konnte es jedoch verstehen. Es machte Sinn; wenn auch einen morbiden. Watari war gleichzeitig Retter und Assassine. Und damit waren auch jegliche Zweifel zur Identität von Eds Gesprächspartner ausgeräumt.

»Ich?«, sprudelte es aus Ed. »Ich soll zu… Watari werden?«

Gekonnt ignorierte er den mittlerweile nachlassenden Schmerz seines pochenden Knies.

»Korrekt.«

Nach dieser Bestätigung war Edwards ohnehin gespielte Gelassenheit völlig dahin. Sein Gesicht bedeckte er mit der freien Hand, während draußen der Wind immer stärker um Wammy’s House tobte und es in Strömen zu regnen anfing.

»Überlegen Sie sich mein Angebot bitte ganz genau, denn es gilt auf Lebenszeit. In vierundzwanzig Stunden erwarte ich eine endgültige Entscheidung«, erklärte L monoton. ‚Wie großzügig‘, meldete sich Eds angeborene sarkastische Ader. Die Augen wieder auf den hellen Monitor gerichtet, antwortete Ed:

»Danke für Ihr Angebot. Ich überlege mir meine Entscheidungen immer ganz genau.«

»Teilen Sie mir Ihren Entschluss also morgen mit. Ich rufe wieder an. Einen schönen Tag wünsche ich, Mr. Thompson«, verabschiedete sich L und legte auf.

~~~

Lange noch hing Ed regungslos in seinem Bürostuhl. In der rechten Hand das tutende Telefon. Draußen goss es in Strömen. Ed jedoch genoss die kontinuierlichen Klänge, die das prasselnde Geräusch des Regens gegen die Fensterscheiben verursachte. Wie viel Zeit genau vergangen war, vermochte Edward Thompson nicht zu sagen, als er das Telefon mit zittriger Hand in die Ladestation zurückstellte. Abermals ließ er sich nach hinten sinken und starrte auf einen leeren Punkt vor sich. Weder wissend was er denken, noch was er tun sollte. Ja, er wusste noch nicht einmal, ob er wirklich wach war?

Erneut bohrte sie sich in seinen Kopf: Ls verzerrte Stimme. Einem Laut, den er so gut aus Action-Thrillern kannte. Die Erkenntnis, dass der beste Detektiv der Welt einen Voice-Changer benutzte, wie in besagten Filmen, brachte Ed zum Schmunzeln. Die Wirklichkeit dieses Telefongesprächs war weit weg und so fernab jeglicher Realität, dass Ed den Lacher nicht unterdrücken konnte. Nicht, weil er es lustig fand, sondern viel mehr, um sich von seinen Gefühlen abzulenken, die ihn zu übermannen drohten.

Weshalb er? Es gab doch sicher zig Menschen, die für einen Watari besser geeignet wären. Was sollte er davon halten? Mit einer beinahe bedächtigen Handbewegung wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn. Er rief Ls Worte ab, die sich allesamt in sein Gedächtnis gebrannt hatten.

‚Einen weitaus gefährlicheren Job erledigen?‘ hallte dabei immer wieder durch seinen Kopf. Dass Watari ein gefährlicher Mann war, der einen noch gefährlicheren Job machte, war natürlich auch schon bis zu Ed vorgedrungen. Auch wenn sich sein Interesse diesbezüglich eher in Grenzen gehalten hatte. Ed war kein Mann, der sich über Verbrechen aufregte, die er eh nicht aufhalten konnte. Drogenbarone, Terroristen, Sekten, Menschenhändler, Auftragskiller, Mörder, Spione, mafiöse Machenschaften oder das Rotlichtmilieu waren zu weit von Ed und seiner heilen Welt. Ebenso wie Politik. Und jetzt holte es ihn ein. Wie aus dem Nichts; aus dem Hinterhalt. Er hatte vierundzwanzig Stunden Zeit zu einer Entscheidung, die er eigentlich gar nicht fähig war, zu treffen. Was wusste er schon über den ‚Job‘ von Watari? Er wusste das, was er aus den Medien kannte und dass ‚gefährlich‘ eine durchaus treffende Beschreibung dafür war. Vor allem, wenn man Ls Worten Glauben schenkte. Und das tat er.

Prompt klopfte es an der Tür.

Ed wollte aufstehen, war jedoch nicht fähig. Und auch sein Mund wollte nicht sprechen. Roger Ruvie wartete keine Antwort ab. Er öffnete mit einem Ruck die Tür und steckte seinen Kopf in Eds Büro, der im Dunkeln, nur vom Licht seines Monitors umgeben, hinter seinem Schreibtisch saß. Er starrte ihn wie ein verängstigtes Reh an. Mit einem wissenden Lächeln im Gesicht, trat er vor Ed, dessen Kopf stur geradeaus gerichtet war. Seine Pupillen jedoch ruhten wachsam auf Roger Ruvie. Unbewusst imitierte Ed Ls Monotonie in der Stimme: »Sie wussten es die ganze Zeit, nicht wahr?«

Roger griente unschuldig.

»Möglicherweise. Geht es Ihnen gut, Ed? Sie sehen so… blass aus?«

»Ich sterbe gleich. Zumindest fühlt es sich so an!«

Roger betätigte den Lichtschalter und wurde Zeuge, wie der normalerweise vor Stolz nur so strotzende, kreidebleiche Hüne zusammenzuckte. Dieser Umstand amüsierte Roger so sehr, dass er überlegte, die eigenen Regeln zu brechen. »Bin sofort wieder da!«, sagte er, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand. Ed sah ihm wie paralysiert nach und im Hintergrund peitschte der Wind immer wieder nasse Äste gegen die Fenster.

Kurze Zeit später erschien Roger mit einem Tablett in der Hand. Er trat an Eds Schreibtisch heran und befüllte zwei tulpenförmige Gläser mit einem sehr alten und edlen Single Malt.

Ed beobachtete das Szenario.

»Cheerio Ed«, prostete ihm Roger zu.

Dann stürzte Ed das Glas auf ex hinunter. Anschließend stellte er das Glas zurück. Nicht nur das laute Geräusch dabei ließ Roger vermuten, dass Ed kurz vor einem Zusammenbruch stand. Er sah hinüber zum Sideboard. Sodann setzte er sich und nippte genüsslich an seinem Whisky.

»Ist Ihr Bewerbungsgespräch denn wenigstens gut gelaufen?«, erkundigte er sich. Ed glaubte, ein wenig Schadenfreude in Rogers Gesicht erkennen zu können.

»Roger, mir ist absolut nicht nach Scherzen zumute!«

»Ach, sonst sind Sie doch immer der Scherzkeks!«, konterte der alte Herr belustigt.

Ed rollte mit den Augen. »Haha. Sehr witzig.«

Rogers Miene veränderte sich. Sie wurde mitfühlender. Und nach einem erneuten Schluck Whisky fragte er: »Nun gut, Spaß beiseite. Wie war das Gespräch?«

»Ich habe mich ganz wacker geschlagen. Für einen Achtjährigen!«, antwortete Ed entmutigt.

»Na na. So schlimm wird es schon nicht gewesen sein.«

Rogers Aufheiterungsversuch scheiterte kläglich und Ed widersprach »Oh doch! Er hält mich bestimmt für den letzten Vollidioten!« und schlug sich mit der Hand gegen den Kopf.

»Ganz bestimmt sogar«, meinte Roger so trocken, dass Eds Gesichtsmuskulatur entgleiste.

»Nehmen Sie es mir nicht übel, Ed. Aber so kann ich Ihnen endlich Ihre blöden Witze heimzahlen, die Sie auf meine Kosten gemacht haben. Das tut gut!«, lachte Roger laut.

Eds Augen hafteten skeptisch auf dem bestens gelaunten Roger. So kannte er Roger Ruvie überhaupt nicht. Wo war seine fast unmenschliche Autorität, die er sonst immer ausstrahlte? Stattdessen lachte er noch immer in sich hinein und fand Eds Situation wohl zum Schreien komisch.

»Sie hätten mich wenigstens vorwarnen können«, entgegnete Ed und verschränkte seine Arme.

»Es tut mir leid für Sie. Aber machen Sie sich bitte keine allzu großen Sorgen.« Roger Ruvie pausierte kurz, ehe er weitersprach, da er sich offenbar selbst an diverse Begebenheiten mit dem Detektiv erinnerte:

»‘Mr. Brent‘ kann ganz schön dominant sein.«

»Oh, das ist mir nicht entgangen!« meinte Ed mit einer gesunden Portion Galgenhumor und fügte hinzu: »Das hat er bereits mit wenigen Worten geschafft!«

Roger Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Roger kannte L nur allzu gut und wusste nun wie kein Zweiter, wie fordernd und anstrengend L sein konnte.

„Nun, Ed. Ich möchte Sie nicht aushorchen. Das soll allein Ihre Entscheidung bleiben. Aber ich wollte Sie jetzt in diesem Moment ungern alleine lassen.«

Eds Lippen formten sich zu einem versöhnlichen Lächeln.

»Das bedeutet mir viel, Danke Roger!«

Eds Körperhaltung entspannte sich ein wenig, während sich sein Gegenüber das Bild von Ed und Oktavio ansah. Er sah das Foto mit einem Blick an, den Ed nicht zu deuten vermochte und sagte dann: »Wenn Sie mich etwas fragen möchten… nur zu!«

Glücklicherweise entfaltete der Alkohol seine volle Wirkung und Ed wurde etwas wärmer. Er wusste gar nicht, mit welcher der tausend Fragen er beginnen sollte.

 

»Inwiefern steht Wammy’s House mit L in Verbindung?«, lautete die erste Frage. Rogers Miene blieb starr. Er seufzte und sah Ed eindringlich in die Augen: »Sie sollten solche Fragen nicht stellen, ehe Sie sich nicht dazu entschlossen haben, in Mr. Brents Dienste zu treten. Solche Informationen sind streng vertraulich. Ich muss hoffentlich nicht erwähnen, dass Sie, in Ihrem eigenen Interesse, mit keiner Menschenseele darüber sprechen sollten.« Roger hob dazu ermahnend den Zeigefinger.

Natürlich war das Edward Thompson klar und darum ging es ihm auch überhaupt nicht. Jedoch hatte er vor Fragestellung nicht genug über deren Inhalt nachgedacht. Er war zu durcheinander und seine Neugier zu groß.

»Tut mir leid, Roger. Ich bin nicht ganz auf der ...« Doch Roger unterbrach ihn.

»Ed. Sie haben einen großen Brocken zu schlucken. Ich verstehe das. Also sollten wir uns besser auf die angebotene ‚Position‘ konzentrieren.«

Ed sah durch Roger hindurch und verstand. An Details zu L würde erst kommen, wenn er Watari werden würde.

»Verstehen Sie uns nicht falsch. Das dient Ihrem eigenen Schutz. Zuviel Information bedeutet in diesem Gewerbe den sicheren Tod.«

Ed sah auf sein Knie, schluckte und nickte. Dann konzentrierte er sich wieder auf Roger, der vor ihm saß und ihn verständnisvoll ansah, während der Regen über Wammy’s House etwas nachließ.

»Verstehe. Was genau sind dann meine Aufgaben?«

Roger setzte zur Antwort an, doch dann sprudelte es förmlich aus Ed heraus.

»Was wird dann aus meinem Leben? Meinem Haus? Meinem Job als Verwalter? Mit Charlotte? Sagen Sie mir, auf was ich mich da einlassen werde, Roger?« Selbst Ed war von seinem Gefühlsausbruch überrumpelt. Roger sah ihn wie elektrisiert an. Dann sah er zum Sideboard.

»Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein, Ed. Nichts davon wird Ihnen mehr bleiben!«

Verblüfft beäugte Ed Roger. »Dann sagen Sie mir bitte in Dreiteufelsnamen, weshalb ich einen solchen Job überhaupt annehmen sollte?«

Wieder griente Roger Ruvie wissend.

»Faszinierend. Er ist sogar fähig, Ihre Reaktionen bis ins kleinste Detail vorherzusehen.«

Roger sprach mehr mit sich selbst. Das wusste auch Ed und kam sich vor, wie ein Versuchskaninchen. Und es verunsicherte ihn die Vorstellung, dass er für jemand anderen ‚vorhersehbar‘ sein sollte.

»Wissen Sie was, Ed? Ich werde Ihnen nun die ungeschönte Wahrheit über Watari verraten und Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, über die ich, ob Sie mir glauben oder nicht, noch nie gesprochen habe. Noch nicht einmal mit Quillsh.« Er machte eine kurze Schaffenspause und holte tief Luft. »Wissen Sie, was ich darum gegeben hätte, Watari sein zu dürfen? Dieses Privileg zu haben? Mit einem Genie an der Seite, der Sie leitet. Als Watari tritt man in große Fußstapfen, mein Lieber. Sie werden Dinge erfahren, sehen, hören und fühlen, wie niemand anderes. Sie werden die Welt verändern. Nur in einer solchen Position kann man die Welt ein Stück besser machen. Ed, ich bitte Sie. Das ist die größte Chance Ihres Lebens!«

Roger war mittlerweile von seinem Stuhl aufgespritzt und beugte sich weit über Eds Schreibtisch. Der wiederum, überrascht von Rogers temperamentvollen Rede, ein Stückchen zurückgewichen war und ihn entgeistert musterte. Niemals hätte Edward Thompson eine solch energische Rede dem sonst mürrischen und schweigsamen Naturliebhaber Roger Ruvie zugetraut. Nach einer kurzen Pause und eindringlichem Starren in Eds Augen, fuhr dieser fort:

»Sicher wird auf Ihren Schultern eine Verantwortung lasten, die sich kaum einer vorstellen kann. Verschwiegenheit und Diskretion müssen Ihre weiteren Vornamen werden. Ein Privatleben, wie Sie es kennen, kann es aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr geben. Sie werden sich von all dem trennen müssen, was Ihnen etwas bedeutet. Jeder, der etwas über Sie weiß und mit dem Sie zu tun haben, ist dem Tode so nah, dass Sie lernen müssen, auf solche Annehmlichkeiten zu verzichten!«

Ed schluckte laut hörbar. Rogers Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt.

Und Roger war noch nicht fertig. Er deutete mit dem Zeigefinger auf die beiden Gerätschaften, die Ed an die für ihn peinliche Begebenheit mit L erinnerten. »Dort drüben liegen Quillshs Laptop und Mobiltelefon. Seien Sie kein Narr und lassen sich diese Chance nicht entgehen! Er hat sich persönlich dafür eingesetzt, dass …«, abrupt stoppte Roger und hielt inne. Ganz so, als hätten ihn jemand mit einem massiven ‚Es reicht‘ zurückgepfiffen. Eds Gesichtsausdruck schwankte zwischen Entsetzen und Faszination. Ganz deutlich sah er das Leuchten in Rogers Augen.

»Verzeihen Sie meine resolute Rede«, ließ Roger Ruvie leise verlauten und ließ von Ed und seinem Schreibtisch ab. »Nehmen Sie sich den Rest des Tages frei und treffen Sie Ihre Entscheidung mit Bedacht. Ich stehe Ihnen natürlich zur Verfügung, falls Sie weitere Fragen haben.«

Roger setzte sich, unter den regen Augen Edward Thompsons. Nun wirkte auch Roger kraftlos und man sah ihm sein hohes Alter mehr denn je an. Dass er selbst gerne einmal Watari gewesen wäre, blieb auch Ed nicht verborgen.

»Was ist dann mit meinem Verwalter-Job?« durchbrach Ed die Stille. Roger wirkte wie weggetreten, während er unaufhörlich auf Wataris Laptop und Mobiltelefon auf dem Sideboard starrte. »Machen Sie sich darum keine Gedanken. Ich übernehme fortan die wichtigsten Aufgaben. Falls Sie sich für das Angebot entscheiden, werde ich einen neuen Verwalter suchen.«

Es war ein Stich in Eds Herz.

Windböen durchfuhren das gesamte alte Gemäuer und ein kalter Luftzug fröstelte Ed. Beide Parteien saßen nun da und schwiegen sich an. Ed hatte soeben einen reichlich negativen, authentischen Ausblick in Ls Angebot erhalten, gleichzeitig jedoch auch das wichtigste Fürsprache-Argument vernommen. Dennoch überwog der schlimme Teil, der sogar mit dem Tod frühzeitig enden konnte.

Diese Tatsache schwebte wie ein Damoklesschwert über Watari.

Und zwar immer und jederzeit.

Ed sah Roger nicht an, als er folgende wichtige Worte formulierte:

»Wenn ich das Angebot annehme…, werde ich dann eines Tages auf einer Folterbank liegen und L… Mr. Brent die Pest an den Hals wünschen? Oder habe ich das ‚große Glück‘ und mein Leben endet mit einem gezielten Schuss in den Kopf?« Ed philosophierte absichtlich mit Pokerface, sodass Roger Ruvie nicht deuten konnte, ob diese Fragen ernst gemeint waren oder nicht. Roger sah ihm ebenfalls mit Pokerface in die Augen und antwortete sanft.

»Glauben Sie wirklich, dass Sie sterben werden, Ed?«, fragte Roger. »Wammy ist auch eines natürlichen Todes gestorben, oder? Jedoch gebe ich zu, dass Sie Ihren Tod bei einer Zusammenarbeit mit Mr. Brent in Erwägung ziehen sollten. Dafür müssten Sie bereit sein. Genauso…«, erklärte Roger mit festem Blick »… wie Mr. Brent dazu bereit sein wird, für Sie zu sterben!« Eds gesamter Körper begann unaufhörlich zu kribbeln.

»Das bedeutet, Watari spielt nicht nur Ls Lockvogel?«

Rogers Augenbrauen hoben sich. »Aber wo denken Sie hin? Nein. Sie beide werden Partner sein!«  Jetzt wollte es Ed genau wissen und beugte sich nach vorne. Leise fragte er:

»Wie will er das bewerkstelligen? Mit verzerrter Stimme an irgendeinem geheimen Ort?«

Roger lachte laut auf und beugte sich ebenfalls zu Ed:

»So geheim wird dieser Ort für Sie dann nicht mehr sein, mein Lieber.«

Eds Vorstellung von Watari nahm langsam Form an und Roger erklärte weiter:

»Natürlich wird Mr. Brent Sie nicht im Außendienst begleiten. Trotzdem wird er da sein. Immer. Glauben Sie etwa, Quillsh stand alleine da? Nein, er war nie alleine. Er hatte den klügsten Kopf an seiner Seite, den die Welt je hervorgebracht hat und der ihn immer beschützt hat!«

Eine Gänsehaut überflutete Ed. Und ganz allmählich verwandelte sich Roger Ruvie wieder in die Person, die Ed kannte.

Fernab von jeglicher Realität und Straßenverkehr, quillte Eds Gedanken-Wirrwar förmlich über.
Als er in die Straße einbog, nahm er noch nicht einmal wahr, dass er direkt vor seinem Haus parken konnte. Wozu sich sonst nur sehr selten die Möglichkeit bot. 
Die Aktentasche fest umklammert, stieg er aus seinem Wagen. Völlig abwesend blickte auf die Haustür seines kleinen Reihenhäuschens. Die Häuserfassaden seiner Straße mit den vielen aneinandergereihten, weißen Fenstern, waren typisch für den Stadtteil Londons, indem er bereits als Kind lebte. Es war ein bunt gemischtes Viertel aller Alters- und Gehaltsklassen. Ed hatte das Haus vor elf Jahren von seiner Mutter geerbt. Zwischendurch lebte er fünfzehn Jahre in einer Mietswohnung drei Straßen weiter.
Es war ein seltsames Gefühl für Ed, als er vor seiner Haustür stand. Es hatte sich zwar nichts verändert und doch war alles anders.
Als er seinen kleinen Flur betrat, stellte er die Aktentasche ab, schlüpfte aus dem Mantel und den schnörkellosen Lederschuhen. Er hing den Mantel feinsäuberlich an die Garderobe, verstaute die Schuhe im Schuhschrank und kramte seine Hausschuhe hervor. Mit Aktentasche und tiefem Seufzer betrat er den Flur und lief an einer alten Holztruhe vorbei. Er durchquerte den Flur, kerzengerade, wie ein Salzmännchen. Im Wohnzimmer roch es immer noch nach dem Tee, den er heute Morgen getrunken hatte. Er schnappte sich seine Tasse, die er wohl versehentlich auf dem Wohnzimmertisch hatte stehen lassen und begab sich in die Küche, um frisches Wasser aufzusetzen. Bewaffnet mit der bereits benutzten, erneut frisch dampfenden Tasse Earl Grey setzte er sich in den gemütlichen Sessel nebenan. Nur ließ er den Fernseher heute aus.
Vorsichtig stellte er die Tasse ab, holte erst einmal tief Luft und ließ sich nach hinten sinken. Dann schloss er die Augen und genoss die Ruhe. Atmete immer wieder ein und aus. 
Langsam und bewusst. 
Zum ersten Mal in seinem Leben wandte er die Übung auch an, welche er, vor gefühlt tausend Jahren, in einem Stressbewältigungs-Kurs für Führungskräfte erlernt hatte. ‚Beruhigen Sie Ihren Geist‘ schallte es aus seinen Erinnerungen. 
Gott sei Dank beobachtete ihn niemand, dachte Ed. Er führte die Übungen fort. Und zu seiner großen Verwunderung schien es tatsächlich zu helfen.
Kurz darauf vereinnahmten ihn jedoch schon wieder die lustigen Dunstschwaden, die der heiße Tee extra für Ed zu formen schien. Insgeheim fragte er sich noch immer, ob das alles wirklich passiert war? Blöderweise machte ihm genau in diesem Moment die Unruhe in seinen Beinen zu schaffen. Also stand er auf, um nervös zwischen Wohnzimmerschrank und Wohnzimmertisch auf und ab zu gehen. Er grübelte. Über sich, seine Situation und die weitere Zukunft.
Bis eine, für ihn schon fast herannahende, Katastrophe in den Fokus seiner Aufmerksamkeit rückte. Sein Blick blieb an der Vitrine neben dem Wohnzimmerschrank kleben. Er ging näher ran und
spähte auf einen kleinen Spalt, der sich zwischen Zwei der zweiunddreißig Bänden Enzyklopädie Britannica, auftat. Das Ungewöhnliche daran war, dass er diesen Spalt so niemals hinterlassen hätte. Ästhetik und Stil waren für Ed sehr wichtig. Die Enzyklopädie war eines der wertvollsten Gegenstände in seinem Haus und ein solcher Spalt würde das hübsche Gesamtbild total zerstören.
Ed beschlich ein eigenartiges Gefühl.
Schnell holte er eine Taschenlampe aus der Schublade und beleuchtete den Spalt. Es war nichts weiter zu erkennen. Er überprüfte auch den Rest der Vitrine auf eventuelle Unstimmigkeiten. Einen Einbruch konnte er jedenfalls ausschließen.
Die Türklingel riss Ed aus seiner Untersuchung, woraufhin er zur Haustür eilte.
»Post! Ein Päckchen für Sie, Mr. Thompson!«
Ed öffnete die Haustür und nahm das Päckchen nur widerstrebend entgegen. Er hatte schließlich nichts bestellt. Ungläubig starrte er auf das lieblos verpackte Bündel vor sich mit seinem dahingekritzelten Namen. Man sah sofort, dass es schon mehrfach benutzt worden war. Er bedankte sich beim Postzusteller und schloss die Tür hinter sich. Paranoid legte Edward ein Ohr auf den mit Abnutzungsspuren übersäten Pappkarton. Nicht, dass das Ding noch explodiert, fantasierte Ed und beäugte es ausgiebig von allen Seiten. Kein Absender. Nichts.
Eds gesunder Argwohn wuchs. Zurück im Wohnzimmer, holte er ein Taschenmesser aus der Schublade und öffnete das Päckchen vorsichtig. Anschließend faltete er umsichtig die halb zerrissenen Laschen des Kartons auseinander und warf einen Blick hinein. 
Ein Schlüssel und ein Brief befanden sich darin.
Ed stoppte in seiner Bewegung. Der Schlüssel war ihm bestens bekannt.
Es war sein eigner. Umgehend erfolgte ein schmerzvoller Stich in seine Brust.
Wütend pfefferte er das Päckchen neben den Sessel auf den Boden.
Was zum Teufel habe ich dir eigentlich getan?, hätte Ed am liebsten laut gen Himmel geschrien.
 
Wie die Sachlage aussah, prüfte ihn das Schicksal wohl gerade auf die ganz harte Tour…
Aufgebracht rieb er sich die schmerzenden Schläfen und nahm einen ganz großen Schluck Tee.
Ganz allmählich beruhigte er sich wieder. Seine blühende Fantasie meldete sich auch wieder zu Wort: So nervenaufreibend derzeit alles für ihn sein mochte… einem dürfte Edwards dahinbröckelndes Leben ganz besonders ‚gelegen‘ kommen!
Eds Gedanken drehten sich schon wieder um L und den augenscheinlich mit ihm in Verbindung stehenden ‚Zufällen‘.
Was die Sache für ihn noch schwerer machte, war die Tatsache, dass er mit niemandem darüber sprechen durfte. Die einzige Ausnahme war Roger Ruvie. Und mittlerweile musste sich Ed auch die Frage stellen, wieviel Ruvie selbst daran gelegen war, dass Ed den Posten übernahm?
Ein für Ed untypisches Misstrauen machte sich breit. Immer neuere und wildere Theorien vereinnahmten Eds Nervenzentrum. Und für einen kurzen Moment zog er in Betracht, L zu kontaktieren. Er verwarf den Gedanken jedoch gleich wieder.
Falls er wieder klarer denken wollte, musste Ed an die frische Luft und eine Runde joggen. 
Das war sein persönliches Stressbewältigungskonzept Nummer Eins.
Als er gerade dabei war, sich seinen feinen Anzug vom Leib zu reißen, klingelte es wieder an der Tür. Kurz überlegte er, ob er überhaupt öffnen sollte. Stöhnend knöpfte er sich das Hemd wieder zu, latschte gefrustet zur Tür und öffnete.
Vor ihm stand Heather, mit besorgtem Gesichtsausdruck.
»Was machst du denn hier?«, fragte Ed und öffnete die Tür ein Stück mehr.
Heather musterte ihn und konterte: »Was machst du eigentlich hier?«
Ed winkte ab. »Komplizierte Geschichte. Komm rein!«
Er drückte Heather neue Hausschuhe in die Hand und grinste gekünstelt. Wortlos ging er voran, während sich Heather beeindruckt in seinem Flur umschaute. Obwohl sie nur ein paar Häuser weiter wohnte, war sie bisher noch nie bei ihm zu Gast gewesen. Der Grund hierfür war sicherlich Heathers Ehemann. Ed kannte ihn noch von früher. Damals hatte er diesem einmal die Freundin ausgespannt, was er ihm bis heute wohl noch nachtrug.
»Wow, Ed. Hier ist ja alles blitzblank und aufgeräumt!«
Doch Ed reagierte gar nicht. Auch Charlotte hatte dies einmal zu ihm gesagt.
»Bitte. Setz dich doch«, wies er seine Kollegin an.
Ed selbst setzte sich ihr gegenüber in den Sessel und fragte sich, wie er das kommende Gespräch überstehen sollte, ohne zu lügen oder sich zu verstellen.
»Ed, was ist los?«, kam Heather ohne Umschweife zum Punkt. 
Das war, unter anderem, eine Eigenschaft an ihr, die er sehr mochte. 
»Als ich vorhin nach dir schauen wollte, warst du längst weg!« 
Ed starrte auf seine Teetasse, während Heather ihn immer besorgter ansah.
Er setzte an, etwas zu sagen. Tat es aber nicht.
»Ed?«
»Ich will nicht lange drum herumreden«, eröffnete er ihr und faltete die Hände zusammen.
»Mir wurde ein Job im Ausland angeboten.«
Heather sah ihn überrascht an.
»Oh. Okay. Und… du denkst darüber nach, anzunehmen?«
Ed nickte.
»Aber, was ist mit Charlotte? Und mit uns? Wammy’s House? Gefällt es dir nicht mehr?«
Ed sah betrübt zur Seite. »Das mit Charlotte ist vorbei. Sie war so freundlich und hat unsere Beziehung beendet. Mithilfe eines Postboten.«
Heather sah ihn entgeistert an, schwieg aber. Es wunderte ihn, dass sie nicht näher darauf einging. Heather war von Natur aus sehr neugierig.
»Der Job, um den es geht, ist die Nachfolge von Quillsh Wammy«, stellte Ed klar.
Er konnte nicht anders. Was hätte er ihr auch anderes sagen sollen?
»Ach, so ist das also«, murmelte Heather vor sich hin und senkte den Kopf.
Sie war untröstlich. Das sah Ed sofort. Jedoch wollte er sie nicht traurig sehen.
Also lehnte er sich ganz leger zurück, überschlug die Beine, tat die Hände hinter den Kopf und meinte flapsig: »Und stell dir vor. Ich habe bis morgen Zeit, mich zu entscheiden.«
Doch Heathers Blick blieb gesenkt und wanderte zu seiner Teetasse, womit sie ihn unfreiwillig aus seiner gespielten Pose aufscheuchte.
»Du lieber Himmel. Möchtest du was trinken? Darf ich dir einen Tee anbieten?«
Heather verzog die Lippen zu einem gequälten Lächeln; lehnte jedoch höflich ab.
»Mach dir keine Umstände. Setz‘ dich bitte wieder.«
Ed tat wie geheißen und lauschte Heathers nachfolgenden Worten.
»Ich kann das gut verstehen. Ich meine, du hast keine eigene Familie. Da geht es dir nicht anders als Mr. Wammy. Auch ich würde damit liebäugeln, wenn ich du wäre.«
»Hey, vergiss meine Tante Helen nicht«, zwinkerte Ed auf altbekannte und charmante Art, was Heather endlich ein Lächeln entlockte.
»Oh ja. Stimmt. Wie alt ist die Dame zwischenzeitlich?«
Ed konnte die Schwester seines Vaters perfekt imitieren.
»Sechsundneunzig Jahre und zweieinhalb Monate. Und keinen Tag älter!«
Nun prustete Heather los. Und auch Ed konnte sich einen Lacher nicht verkneifen. Es rief Erinnerungen an eine Zeit wach, in der die alte Dame noch rüstig war und oft unangekündigt bei Wammy’s aufgetauchte. Dabei tratschte sie nicht nur ungefragt Geschichten aus Eds Kindheit, sondern versorgte jeden mit dem neusten Tratsch und Klatsch des englischen Königshauses. Außerdem flirtete die unverheiratet gebliebene Dame immer wieder einseitig mit Roger Ruvie. Was, zu dessen Leidwesen, nicht nur bei Ed und Heather, sondern auch bei der übrigen Wammy-Belegschaft Lachkrämpfe hervorrief.
Nach einer Weile hakte Heather wieder ein: »Aber was ist dann dein Problem? Du bleibst Wammy’s doch erhalten.«
Ed musste also auf Umwegen einen Erklärungsversuch starten, wozu er eigentlich gar nicht in der Lage war. »Weißt du… die Aufgabe ist… eben komplettes Neuland für mich.«
Heather beugte sich langsam zu ihm vor und verschränkte dabei entrüstet die Arme.
»Edward Thompson. Ich kenne niemanden, der Herausforderungen besser meistern kann, als du!«
Ein rötlicher Farbton zierte seine Wangen. Hoffentlich bemerkt Heather davon nichts, sorgte sich Ed.
»Und außerdem möchte ich gerne mal dein Gesicht in der Boulevardpresse sehen«, quiekte sie plötzlich, während sie mit ihren Händen die neusten Schlagzeilen in die Luft zeichnete.
»Spenden-Gala erfolgreich. Wammy’s House wieder an der Spitze! Oder: Neuer Direktor! Edward Thompson meistert erfolgreich die ersten Hürden der berühmt-berüchtigten Londoner High-Society!« Sie übertrieb dabei so schonungslos, dass Ed herzhaft lachen musste.

Und so saßen sie beide in Edwards Wohnzimmer und versuchten sich gegenseitig aufzuheitern. Doch Ed hatte wahrlich andere Sorgen. Er hatte eine neue, wilde Theorie und grübelte darüber, ob es auch nur ‚Zufall‘ war, dass Heather bei ihm saß. Wie bereits erwähnt, mied sie ihn privat, aufgrund des eifersüchtigen Ehemannes.
Wieviel Zufall war hier eigentlich noch Zufall?
Ed zwang sich, seine aktuelle Theorie unausgesprochen zu verbannen. Doch eine Frage konnte er sich trotzdem nicht verkneifen: »Du wurdest doch nicht etwa von Roger geschickt, oder?«
Heather schien überrascht. 
»Ich? Nein. Ruvie ist mit seinem Besuch beschäftigt. Wenn man den Gerüchten Glaubens schenken darf, ist Mr. Brent vor Ort.«
Eds Kinnlade sackte nach unten. »Was? Seit wann?«
»Keine Ahnung. Du weißt doch, uns informiert doch niemand!«
Anschließend formten ihre Lippen ein großes O.
»Oh mein Gott. Dann wirst du ihn ja sicherlich bald kennenlernen!«
Doch Ed wusste ganz genau, was Heather ausheckte und stellte gleich klar:
»Heather. Ich kann und möchte dir nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Außerdem war Mr. Brent noch gar kein Thema. Und nun kommen wir bitte wieder zurück zu der Frage, ob ich den Job annehmen soll oder nicht.«
»Na gut.« Heather schob gespielt beleidigt ihre Unterlippe hervor.
»Also, wenn ich es richtig interpretiert habe, würdest du den Job gerne annehmen?«
Heather schürzte die Lippen und beäugte Ed, wie ein Kind ein Überraschungsei.
Ed musste mehrmals blinzeln, da Heathers Umrisse plötzlich verschwammen. 
Jedoch ließ er sich nichts anmerken.
»Ich befürchte wirklich, dass ich dabei ganz schnell an meine Grenzen stoßen werde.«
»Och Ed. Ein bisschen Gelaber hier; ein bisschen ‚Blabla‘ da. Die große Werbetrommel für Wammy’s House rühren; etlichen Gönnern die Hände schütteln. Das wird ja wohl kein Problem für dich sein. Du hast Charme, Stil, siehst blendend aus und hast einen außerordentlich guten Möbelgeschmack. Zudem nehme ich an, dass dein Händeschütteln verdammt gut bezahlt wird!«
Ed wäre fast ein übernervöses Auflachen entwichen. Über die Bezahlung hatte bisher noch niemand ein Sterbenswörtchen verloren. Und er konnte sich durchaus vorstellen, dass alleine schon das ‚am Leben bleiben‘ genug Bezahlung war. 
Doch er setzte sein Pokerface auf, während Heather kurz pausierte, wieder traurig den Blick senkte und damit unbewusst Eds Gewissen terrorisierte.
»Es fällt mir wirklich unglaublich schwer. Aber, wir werden dich alle ganz schrecklich vermissen. Lass dich von nichts und niemandem ins Bockshorn jagen, Edward Thompson. Mr. Wammys Job passt hervorragend zu dir. Was er konnte, kannst du ganz sicher auch. Und außerdem ist kein Mensch perfekt!«
Heathers Geständnis ging Ed gefährlich nahe, auch wenn die Arme wohl keinen blassen Schimmer hatte, worum es wirklich ging.
»Und was macht dich so sicher, dass ich der Richtige für den Job bin?«, wollte Ed genauer wissen.
»Dieses Angebot kam doch todsicher von Ruvie, nehme ich an. Du weißt doch ganz genau, dass der alte Herr rein gar nichts tut, ohne vorher alles genauestens abzuwägen. Ebenso wenig wie Mr. Wammy. Würde mich nicht wundern, wenn die Beiden dich schon als Nachfolger auserkoren hatten, bevor Mr. Wammy im Krankenhaus lag. Wenn sie dich also für den Richtigen halten, sollten sich all deine Zweifel in Luft auflösen.«
Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, sinnierte Ed. Das war mitunter auch ein solcher Punkt, der ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Ed wusste natürlich nach all den Jahren um Heathers Intelligenz. Aber nun war er wirklich beeindruckt.
Und ehe er seine Gedanken weiterspinnen konnte, wandelte sich Heathers Mimik, welche für ihn jedoch unergründlich zu sein schien.
»Charlotte hat also Schluss gemacht?«
Also doch!, dachte Ed und stürzte erst einmal seinen Tee komplett hinunter.
Natürlich wusste er von vorneherein, dass sie den Punkt niemals unkommentiert gelassen hätte.
Heathers neugierige Augen musterten Ed.
»Hat überhaupt schon je eine Frau mit dir Schluss gemacht?«
Ed schaute missgelaunt nach unten. Ein knurrender Laut entwischte ihm.
»Ja und Nein. Und hier ist das verdammte Päckchen.«
Edward fischte nach dem Karton und verfrachtete es unsanft auf den Tisch. Heather beugte sich nach vorn, um es genauer in Augenschein zu nehmen. 
»Diese Frau hat wirklich keinen Stil. Das sagtest du bereits mehrfach. Aber weshalb ärgert es dich dann? Du sagtest doch, zwischen euch läuft es nicht mehr.«
Doch Ed reagierte nicht. Er schaute an seinem Gast vorbei. Direkt auf die Truhe im Flur. Die Wohnzimmertür stand weit offen. Das winzige Detail schien ihm direkt ins Auge zu springen.
Ed stand auf.
»Heather. Herzlichen Dank für deinen Besuch. Aber du solltest jetzt gehen.«
Heather sah ihn verwirrt an und blieb sitzen.
»Ach Ed. Ist dir das Thema wirklich so peinlich?«
Ed fackelte nicht lange und zog sie hoch. Er sah ihr ernst in die Augen, blinzelte ungewöhnlich häufig. »Das hat damit nichts zu tun. Vertrau mir und geh! Bitte! Ich melde mich bei dir.«
Vielleicht war seine Reaktion überzogen. Doch Ed war sich nun ganz sicher, dass irgendjemand in seinem Haus gewesen war; vielleicht sogar noch ist. Und er wollte unter keinen Umständen, dass Heather in etwas hineingeriet, was er selbst noch nicht einschätzen konnte. Erst der Spalt an der Enzyklopädie Britannia und jetzt das!
Heather war verstört. »Ed. Was zum Teufel ist los mit dir?«
»Pssst!«, flüsterte Ed und zog sie mit sich in Richtung Haustür.
Als Heather unter freiem Himmel stand, sicherte ihr Ed zu:
»Mach dir bitte keine Sorgen. Ich… bin nur sehr müde und möchte mich einfach ausruhen!«
Heathers besorgte Miene änderte sich nicht.
»Ed, selbst mir ist klar, dass mit dir etwas nicht stimmt. Bitte mach bloß keine Dummheiten. Rufe lieber die Polizei oder geh zu einem Arzt. Vielleicht bist du überarbeitet? Ich mache mir wirklich Sorgen!«
Ed berührte sie sanft an beiden Oberarmen. »Mir geht es gut, Heather. Wirklich. Vertraue mir. Wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich sofort, okay?«
Heathers skeptische Augen musterten ihn. Sie zögerte. Doch dann schlug sie die Augen nieder und ging. Mehrmals noch drehte sie sich nach Edward Thompson um. Der blieb so lange stehen, bis sie vor ihrer eigenen Haustür stand und darin verschwand.
Sofort eilte Ed wieder zurück ins Haus und versuchte sich auf die Entdeckung an der Truhe zu konzentrieren. Sie war, wie fast alle Möbelstücke in Eds Haushalt, ein Erbstück seiner Mutter. Diese hatte die Einrichtung damals, als Ed noch zur Schule ging, neu gekauft und sie seither wie einen Schatz behandelt. Auch Ed hegte und pflegte das schön polierte Mobiliar.
Edward Thompson war ein fast so großer Ordnungsfanatiker, wie seine Mum. Er kam ganz nach ihr und damit auch ein Gegenpol zu seinem Vater, der über den Ordnungsfimmel seiner Frau nur den Kopf schütteln konnte. ‚Nur das Genie beherrscht das Chaos‘ zitierte er immer wieder gerne, worüber Eds Mutter wiederum nur den Kopf schütteln konnte. Allerdings verstarb Edwards Vater schon lange vor seiner Mutter. Ed konnte auf eine glückliche Kindheit und Jugend zurückblicken und war darüber sehr dankbar. Insgesamt führte er schon immer ein ruhiges und beschauliches Leben. Er las viel und hatte ein Faible für Kriminalromane oder Krimiserien, egal ob ‚Mord im Orient-Express‘, Miss Marple oder Sherlock Holmes. Seine ganzen Regale und ein Teil des Wohnzimmerschranks waren voller Bücher und Filme. Jedoch bevorzugte er hier reine Fantasie, die mit der Realität nicht allzu viel gemein hatte. Auch, wenn Quillsh Wammy ihm immer wieder interessante Bücher zum Thema Kriminalistik mitbrachte.
Ed hielt inne. Auch das betrachtete er nun mit ganz anderen Augen.
Auf dem Boden kniend, sah sich den roten Faden genauer an. Er war auf dem dunklen Holz kaum sichtbar. Ihn zu berühren, traute er sich nicht. Kein Zweifel, den hatte jemand hier angebracht. Doch weshalb? Was hatte er für einen Sinn?
Soweit Ed erkennen konnte, handelte es sich um einen ganz gewöhnlichen Faden. Dünn und geradlinig. Er schien mit irgendetwas angebracht zu sein. Sah dabei aber aus, als würde er schweben. Ed erhob sich wieder und inspizierte die Truhe und deren Umfeld genauer.
Wieder kamen ihm Heathers Worte in den Sinn.
Wenn sich ‚Mr. Brent‘, alias L, wirklich hier in London aufhielt, lag es da nicht im Bereich des Möglichen, dass er sich Zugang zu seinem Haus verschafft hatte? Genau zu dem Zeitpunkt, als er und Ruvie ihr Gespräch führten?
Und war es nicht Ruvie, der ihn früher nach Hause geschickt hatte?
Ed durchdachte sämtliche für ihn greifbaren Möglichkeiten und suchte den gesamten Flur nach weiteren Anzeichen auf Fremdeinwirkung ab. Anschließend marschierte er, mit angestacheltem Entdeckersinn, zielstrebig ins Obergeschoss. Auch, wenn er die komplette Bude auf den Kopf stellen musste, er würde alle Anzeichen finden, sofern es welche gab.
Zuerst widmete er sich dem Badezimmer. Er hatte nämlich keine Lust, dass ihn irgendjemand auf dem stillen Örtchen hörte, beobachtete oder sonst irgendetwas tat. Er durchforstete sämtliches Mobiliar, fand jedoch nichts. Er schaute sogar hinter der Heizung und in der Toilette nach.
Dass er dort nichts fand, ließ ihn zwar erleichtert aufatmen, doch wurde ihm gleichzeitig ziemlich heiß. Er schwitzte ungewöhnlich stark.
Dann nahm er sich sein Schlafzimmer vor. Darin befand sich schon einiges mehr zum Durchstöbern. Doch auch hier war nirgends etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fragte sich, ob er nicht doch total überreagierte und der Faden schon immer an der Truhe angebracht war? Er hatte ihn auf dem dunklen Holz nur nie bemerkt.
Das erklärt jedoch nicht den Spalt an der Enzyklopädie, kombinierte Ed. Den hatte er ganz sicher nicht hinterlassen. Er durchsuchte noch halbherzig den kleinen Abstellraum neben dem Bad. Er fand, wie erwartet, nichts.
Beinahe gekränkt stapfte er die Treppe wieder nach unten. Als er die letzte Treppenstufe nahm, musste er sich jedoch am Geländer festhalten, weil ihm plötzlich schwindelig wurde. Kurz darauf raffte er sich wieder auf und scannte kurz das Esszimmer. Auf den ersten Blick auch nichts Unnormales. Anschließend ging er in die Küche. Dort öffnete er sämtliche Küchenschränke und warf einen Blick ins Innere. Fehlanzeige. Auch hier schien alles wie immer.
Dummerweise hatte er immer mehr mit seinen Augen zu kämpfen. Er sah nur noch sehr verschwommen. Jetzt bitte keine Kreislaufschwäche, dachte Ed und rieb sich die Augen.
Seufzend drehte er sich um, um sich das Büro vorzunehmen, als ihn ein seltsames Gefühl beschlich. Hatte er nicht etwas übersehen?
Er bemerkte zudem eine Eiseskälte in sich aufsteigen; rasend schnell.
Erneut öffnete er alle Küchenschränke. Und tatsächlich! Etwas fehlte.
Im oberen Teil der Schränke verwahrte er ein paar seltene und schöne Weingläser mit grünen ‚Füßen‘ auf. Neun an der Zahl. Er zählte jedoch nur acht. Er stellte sich seitlich davor und sah genauer hin. Immer wieder musste er blinzeln, da die Gläser immer wieder vor seinen Augen verschwammen. Doch dann sah er es ganz deutlich: Ganz hinten fehlte ein Glas.
Die Gläser davor waren alle in Reih und Glied sortiert.
Gänsehaut zog sich über seinen gesamten Körper; ihm war heiß und kalt zugleich.
Weshalb sollte man von ganz hinten ein Glas entwenden, fragte sich Ed? Es ergab für ihn keinen Sinn.
Nach ein paar Schritten rückwärts, stand Ed wieder in seinem Wohnzimmer und beförderte mit einem Ruck die Aktentasche auf seine Couch. Er setzte sich und holte sein Laptop hervor; mit welchem er Zugriff auf ‚Mr. Brents System‘ hatte.
Erleichtert stellte er fest, dass das Sitzen seinem Kreislauf guttat. Er schaltete das Laptop ein und trommelte so lange mit seinen Fingern auf die Tischplatte, bis er seine E-Mails abrufen konnte.
Keine Nachricht von L.
Da ergriff Ed die Initiative und fing an zu tippen. Der Text verschwamm jedoch komplett vor seinen Augen. Daraufhin riss er die Augen auf und blinzelte erneut mehrere Male.
Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Zweifel kamen auf, L zu kontaktieren.
Als Konsequenz klappte er das Gerät wieder zu und sah sich nochmals um.
Dabei richtete er seinen Blick immer wieder auf die in seiner Nähe stehenden Teetasse.
Wieder überlief ihn ein kalter Schauer.
Hatte er sie heute Morgen wirklich stehen lassen? Normalerweise räumte er doch gleich ab. Spielte ihm seine Erinnerung einen Streich? Aber wo war das Weinglas?
Die Realität verschwamm immer mehr vor seinen Augen. Ihm fiel es zunehmend schwerer, sich zu konzentrieren. Spielte sich vielleicht doch alles in seiner Fantasie ab? Befand er sich in einem Delirium? Kapitulierend ließ er sich nach hinten sinken und hielt sich schützend die Hände vor sein Gesicht.
 
Als Ed die Augen wieder aufschlug, war es um ihn herum stockfinster. Nur das blaue Licht auf der Seite seines Laptops warf eine kleine Lichtquelle auf den Wohnzimmertisch. Er musste eingeschlafen sein. Und ein stechender Geruch in seiner Nase störte ihn. Doch im Dunkeln konnte er nichts sehen. Als er aufstehen wollte, bemerkte er, dass es mit seinem Kreislauf immer noch nicht weit her war. Deshalb stand er langsam auf und ging mit wackligen Beinen zum Lichtschalter.
Das Päckchen von Charlotte lag immer noch konturlos auf dem Tisch. Seine Augen wollten also auch noch nicht wieder klar sehen. Doch woher kam dieser seltsame Geruch?
Er schwankte zurück zum Sessel und setzte sich. Müde rieb er sich die Augen und öffnete das Laptop. Die Rechneruhr zeigte 01:36 Uhr. Keine Nachricht von L. 
War das gut, schlecht oder überhaupt von Bedeutung?
Ed wusste es nicht. Und ihm war auch nicht mehr danach, sich darüber Gedanken zu machen. Er wollte nur ins Bett. Also fuhr er das Laptop herunter, schnappte sich mit zitternder Hand sein Mobiltelefon und erhob sich vorsichtig. Mit schwachen Beinen verließ er das Wohnzimmer und stieg die Treppen hinauf, was ihn enorme Anstrengung kostete.
Weder sah er sich um, noch konnte er einen klaren Gedanken fassen.
Er wollte nur schlafen.
 
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 Unnachgiebig klingelte Eds Mobiltelefon, welches er als Wecker benutzte. Mit lautem Stöhnen versuchte Ed, das Ding auszuschalten. Als es ihm endlich gelungen war, setzte er sich völlig zerknautscht auf. Ihm fiel jedoch sofort auf, dass der seltsame Geruch verschwunden war. Erfreulicherweise fühlte er sich wie neu geboren. Jedoch erhöhte sich sein Pulsschlag sofort wieder, als er sich an die wichtige Entscheidung erinnerte, die heute anstehen würde.
Ruckartig schob er die warme Bettdecke zurück und war glücklich, dass sein Kreislauf wieder zu funktionieren schien. Entspannt schlenderte er ins Bad, um seine Morgentoilette zu verrichten. Eine heiße Dusche war genau das Richtige für ihn.
Zähneputzend sammelte er die wild verstreut liegenden Klamotten vom gestrigen Tag zusammen. Er warf sie in den Wäschekorb und suchte aus dem Kleiderschrank etwas Passendes für heute. Anschließend flitzte er nach unten, um sich Wasser aufzusetzen. Dabei eilte er an der Truhe vorbei. Ein prüfender Blick ins Wohnzimmer bestätigte ihm, dass alles noch genau so war, wie er es heute Nacht zurückgelassen hatte. Soweit er sich erinnern konnte. Er schnappte sich den Wasserkocher und ließ Wasser aus dem Hahn einlaufen. Nur drei Armlängen entfernt befand sich der Küchenschrank mit den Weingläsern.
Selbstverständlich sah Ed nach. Und zählte noch immer nur acht Füße.
Während sich Ed grübelnd die Zahnbürste auf die andere Seite des Mundes schob und eine frische Tasse aus dem Schrank fischte, sah er seinen Nachbarn im Garten stehen. Wie jeden Morgen goss er seinen kleinen Schrebergarten. Alles so wie immer, dachte Ed und ging wieder zurück nach oben ins Bad. Wieder lief er an der Truhe vorbei.
 
Kurze Zeit später kam er, die Krawatte farblich perfekt zum Anzug abgestimmt, wieder herunter. Und dieses Mal nahm er die Truhe in Augenschein. Er beugte sich tief hinunter, schaute nach und kratzte sich am Kopf. Keine Spur von einem Faden. Ed hob eine Augenbraue. Ratlosigkeit machte sich breit. Hatte er sich doch alles nur eingebildet?
Wieder auf dem Weg zur Küche, fasste er einen Entschluss. Er würde erst einmal nichts von den Vorkommnissen erwähnen und abwarten. Ein Fass wegen eines Spalts, eines Fadens und eines fehlenden Glases aufzumachen, passte nicht zu Ed und ließ ihn wahrscheinlich hysterisch erscheinen. Vielleicht würde Ruvie oder sogar L etwas in diese Richtung verlauten lassen. Dann konnte er immer noch etwas dazu sagen.
Was ihm nun immer mehr Kopfzerbrechen bereitete, war seine bevorstehende Entscheidung.
Sollte er annehmen oder nicht?
Als er, mitsamt himmlisch duftendem Earl Grey, an der Vitrine vorbei schlenderte, stoppte er und sah sich die Stelle nochmals an, die ihn gestern ein wenig in Panik versetzt hatte. Auch hier war nichts mehr zu sehen. Kein Spalt. Alles wie immer. Ed verbrannte sich sogar die Lippe, als er sich dessen unausweichlicher Bedeutung bewusst wurde. Daraufhin befeuchtete er seine Oberlippe, was jedoch nur für kurze Zeit einen kühlenden Effekt hatte.
Aber was war mit dem fehlenden Weinglas?
Er setzte sich und fuhr sein Laptop hoch. Immer noch keine Nachricht. Normalerweise war sein Ordner voll mit Werbe-Mails. Und auch sein Blick auf das Mobiltelefon zeigte ihm, dass niemand etwas von ihm zu wollen schien. Weder Ruvie, weil ihm das Wasser bei Wammy’s nun doch bis zum Hals stand; noch hatte sich Heather nochmals gemeldet. 
In jenem Moment kam es ihm so vor, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen. Ja, er verspürte noch nicht einmal Hunger. Stattdessen stellte er die Tasse ab und rieb sich das frisch rasierte Kinn.
Es war schon kurz vor neun Uhr und er hatte weder eine Antwort auf die Frage, ob er plötzlich an Halluzinationen leide, noch, ob er Wammys Erbe antreten wolle?
Außerdem spukte ihm die Frage im Kopf herum, ob sich L wirklich in London aufhielt. Vielleicht wartete er sogar in Wammy’s House auf ihn? Die Frage war nur, wer L überhaupt war? Praktisch jeder konnte L sein. Selbst der Postbote, der ihm das verdammte Päckchen gestern geliefert und dessen Inhalt er noch nicht einmal angerührt hatte. Sein Blick fiel auf besagtes Päckchen und versetzte ihm wieder einen Stich ins Herz. Sie hatte noch nicht einmal angerufen, was Ed traurig und wütend machte. Nicht um seinetwillen, sondern weil sich seine negativen Befürchtungen in ihre Person bewahrheitet hatten. Ed senkte den Kopf. Und kurze Zeit später fragte er sich selbst, was ihn hier überhaupt noch hielt?
 
Mit Bleifuß raste Ed durch Londons Straßen. Die Antwort, die er suchte, würde er nur an einem Ort erhalten: Wammy’s House.
Nachdem er seinen Wagen geparkt hatte, schnappte er sich seine Aktentasche vom Beifahrersitz und stieg aus. Sein erster Blick glitt sofort hinauf zu Ruvies Büro. Er konnte jedoch niemanden erkennen. Es war auch kein Licht zu sehen. Ruvies Schreibtischlampe leuchtete immer, wenn er anwesend war.
Sein zweiter Blick galt dem wolkenverhangenen Himmel. Er schickte ein Stoßgebet in jene Richtung, man möge ihm doch bitte ein unverkennbares Zeichen senden. 
Obwohl Edward Thompson in die Richtung tendierte, anzunehmen. 
Schnellen Schrittes begab er sich zum Eingang. Er öffnete die große, reich verzierte Pforte zu Wammy’s House und trat ein.
Kurz bevor er einen Fuß auf die erste Treppenstufe setzte, drang eine flüsternde Stimme an seine Ohren. »Mr. Thompson?«
Ed hielt inne und sah sich um. Er kannte die unverwechselbare Stimme.
»Emma?« Ed sah sich um; konnte sie jedoch nirgendwo entdecken.
»Emma. Wo bist du?«
Da kroch das kleine Mädchen unter einem der üppig ausgestatteten Sessel in der Ecke der Eingangshalle hervor und hielt sich demonstrativ den Zeigefinger vor ihre Lippen.
»Pssst!«
Ed ging ihr entgegen und hielt Ausschau, dass sie niemand beobachtete.
Ein Blick in ihre unschuldigen Augen und dem gespielt tadelnden Gesichtsausdruck entlockten ihm ein Lächeln. Sie hatte sich also unerlaubterweise vom Unterricht entfernt. Ed kniete sich vor sie und sah auf sie hinab. Viele kleine Locken fielen nach hinten, als sie zu ihm aufschaute.
»Was tust du hier? Du hast doch Unterricht!«, flüsterte Ed und sah sie streng an.
Emma grinste frech und schüttelte ihren kleinen Lockenkopf.
Ed erwiderte: »Doch. Hast du!«
»Ich spiele Verstecken mit Mrs. Miller.«
Um keine Ausrede verlegen, dachte Ed und unterdrückte ein Grinsen. Emma musterte ihn, lächelte wissend und ließ all ihren mädchenhaften Charme spielen. Ihre tiefgründigen Augen schienen ihn dabei hypnotisieren zu können.
»Sie verraten mich doch nicht, oder Mr. Thompson?«
Ed runzelte die Stirn und Emma setzte mit ihrer Unschuldsmiene noch einen drauf.
»Du weißt doch, dass der Unterricht wichtig ist und Mrs. Miller… «
Emma unterbrach Ed, indem sie sanft an seinem Jackett zupfte.
»Ach bitte, Mr. Thompson. Da ist es…«, flüsterte die Vierjährige, stoppte abrupt und sah sich schnell um. Dann wurde ihr Griff um sein Jackett fester und ihr Gesichtsausdruck änderte sich. 
Und damit hatte sie Eds ungeteilte Aufmerksamkeit. Monoton und Wort für Wort flüsterte sie:
»… so unfassbar langweilig!«
Ed wich zurück und sah Emma erschrocken an. Die Art wie sie das ‚Unfassbar‘ betonte;
genau wie L. Dann lächelte sie wieder, sah ihn aber durchdringend an.
Heilige Scheiße, dachte Ed. Wie konnte das sein?
Emma schwieg. Und Ed hielt den Atem an.
War sie etwa das erbetene Zeichen? Emma, ‚sein geheimes‘ Lieblingskind?
Emma beobachtete ihn weiterhin mit Argusaugen.
»Ist alles in Ordnung, Mr. Thompson?«
Auch dieser Satz erinnerte ihn an L. Seine weit geöffneten Augen schauten jedoch durch die Vierjährige hindurch. Ed dachte angestrengt nach. Dann riss er sich zusammen; sie war immerhin noch ein Kind.
»Entschuldige, Emma. Natürlich werde ich dich nicht verraten.«
Emmas Augen begannen zu strahlen. Sie hatte ihr Ziel offenbar erreicht.
Nun war Ed an der Reihe. Er beugte sich tiefer zu Emma. Dicht an ihr Ohr.
Geheimnisvoll flüsterte Ed ihren Namen in ihr Ohr, woraufhin ihr ein unheimliches Kichern entwich.
Ein solches, als wüsste sie ganz genau, worum es nun gehen würde.
»Ja, Mr. Thompson?« flüsterte sie mysteriös zurück.
»Was denkst du? Soll ich mich in ein mächtig großes Abenteuer stürzen?«
Daraufhin entfernte sich Ed wieder von Emmas Ohr und beobachtete sie ganz genau.
Diese wiederum zog ihre Beine unter dem Sessel hervor und strahlte Ed mit leuchtenden Augen an. »Darf ich mitkommen?«
Ed schmunzelte. »Das geht leider nicht, Emma.«
Sie setzte sich im Schneidersitz vor ihn und schien über etwas nachzudenken.
»Ich weiß, dass du zu Peter Pan werden kannst!«
Wie Emma ausgerechnet auf die Hauptfigur von J. M. Barrie kam, wusste Ed nicht. Jedoch fackelte er nicht lange und setzte sich ihr, ebenfalls im Schneidersitz, gegenüber. Ihre Worte waren sorgsam sehr gewählt.
»Ich befürchte, nicht ganz. Aber ein bisschen vielleicht«, meine Ed nachdenklich.
Da sprang Emma auf und klatschte in die Hände.
»Dann weißt du auch, dass es ganz viele böse Menschen da draußen gibt. So wie Captain Hook und seine Männer. Du musst sie aufhalten. Und vielleicht sogar… töten, um uns alle zu beschützen.«
Und nach jenem, für Edward Thompsons Leben geschichtsträchtigen Satz, hatte er die Antwort auf eine Frage, die ihm schon lange unter den Nägeln brannte. Dass eine Vierjährige solche Sätze zustande brachte, die perfekt auf ihn gemünzt und anscheinend auch nur für ihn bestimmt waren, konnte doch nur eins bedeuten!, verknüpfte Ed und traf damit den Nagel auf den Kopf.
»Und vergiss Glöckchen nicht, wenn du wiederkommst!«, haspelte Emma und grinste wissend. Ed überkam wieder jenes seltsame Gefühl. Er spürte, dass sie beobachtet wurden. Wusste es auch Emma? Ed schaute sich ganz ruhig um und strich Emma dabei liebevoll durch ihre Lockenpracht.
»Emma, du bist einfach großartig!« sagte Ed und stand wieder auf.
Ihr »Ich weiß, Mr. Thompson!« ließ Ed laut auflachen.
Und ehe er sich versah, rannte sie davon. Nach oben.
Edward Thompson griff nach seiner Aktentasche.
Da kreuzte auch schon Mrs. Miller auf und wandte sich genervt an Ed.
»Mr. Thompson, haben Sie Fräulein Emma gesehen? Die kleine Teufelin hat sich mal wieder verdrückt!« Ed ging ein paar Schritte auf sie zu und sah sie kopfschüttelnd an.
Soeben hatte sich in Edward Thompson ein Schalter umgelegt. 
Er war nun ein Teil von ‚ihnen‘. 
Ohne auch nur einen Hauch schlechten Gewissens, sagte er: 
»Nein, tut mir leid. Ich habe Emma nicht gesehen.«
Seufzend und ohne ein Wort drehte sie sich wieder um und verschwand fluchend zwischen den Holzvertäfelungen. Ed zog sich während Mrs. Millers Abgang eine Fluse von seinem Jackett.
Nun gab es für ihn kein Zurück mehr.

Die länglichen, an den Außenseiten rötlich schimmernden Blätter des Drachenbaums wogen sich in Eds Windschatten, als er hinter seinen Schreibtisch eilte. Er verstaute seinen Aktenkoffer auf dem Schreibtisch und streifte sich seinen langen Mantel ab. Gebückt drückte er den Startknopf seines Rechners und drehte sich zur Seite.
Seit er wusste, wessen Gerätschaften sich auf dem Sideboard befanden, schien es für ihn eine magische Anziehungskraft zu besitzen. Beinahe andächtig schritt er darauf zu; kurz davor blieb er jedoch stehen. Sanft glitten seine Finger über das glänzende Display des Mobiltelefons. Er betrachtete es und bemerkte, dass eine Tastatur fehlte. Es schien sich also um ein Smartphone zu handeln.
Wie so oft schlichen sich Erinnerungen an den Vorbesitzer in sein Gedächtnis, weshalb auf seinem sonst so entschlossenen Gesichtsausdruck ein kleines Lächeln erschien. Quillsh Wammy war es gewesen, der aus Ed das gemacht hatte, was er heute war. Zumindest aus beruflicher Sicht.
Und nun sah es ganz so aus, als hätte Wammy über einen Zeitraum von fast dreißig Jahren, ein unsichtbares Band zwischen ihm und Ed gesponnen. Heather erwähnte es bereits am gestrigen Tag: Wammy war kein Mann, der etwas dem Zufall überließ.
Doch trotz aller Strategie und Berechnung blieb er immer ein Mensch mit Herz. So zumindest war Eds Eindruck. Obwohl er sich indirekt übergangen fühlte. Jedoch war er weiß Gott nicht der Einzige, dem gegenüber er nichts von sich preisgegeben hatte! Für Ed war es letzten Endes nachvollziehbar, weshalb nur sehr wenige Personen etwas von seinem Doppelleben wissen durften. Wobei Ed sich fragte, wie viele Personen insgesamt Kenntnis davon hatten? 
Davon abgesehen, sollte er es sich künftig auch hinter die Ohren schreiben, dass potentiell jeder Mensch in großer Gefahr schwebte, der je von seinem Geheimnis erfahren würde.
Sanft schloss Ed die Augen und wünschte sich für seinen ehemaligen Freund und Mentor ewigen Frieden. Auch, wenn er kein gläubiger Mensch war.
Andächtig und mit gesenktem Kopf blieb er stehen.
So lange, bis sein Mobiltelefon diesem friedvollen Moment ein jähes Ende bereitete.
Eds erster Gedanke galt Charlotte. Dies würde sich jedoch als Irrtum herausstellen.
Noch bevor er die eingegangene Nachricht aufrufen konnte, klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. 
Ed stockte der Atem und richtete seinen Blick auf die Armbanduhr. Vierundzwanzig Stunden waren doch noch gar nicht um, überschlug Ed! 
Natürlich nahm er den Hörer ab.
»Thompson«, sagte er mit fester Stimme.
Unverzüglich erfolgte ein Knacken in der Leitung.
»Mir ist zu Ohren gekommen, Ihre Entscheidung sei bereits gefallen?«
Wieder ertönte dieser gruselige Nachhall. Dieses Mal jedoch bewahrte Ed seine Fassung und setzte sich mit einer Gesäßhälfte auf seinen Schreibtisch.
»Das ist richtig«, stimmte er zu.
»Und wie genau lautet Ihre Entscheidung, Mr. Thompson?«
Eds Mundwinkel wanderten nach oben.
Nun war er da! Der Moment, der Eds Leben mit einem Schlag umkrempeln würde. Eds Nervosität war zwar immer noch da, jedoch konnte er sie gut überspielen. Er fühlte sich sicherer denn je und war gerne bereit, sein bisher beschauliches und ‚langweiliges‘ Leben einzutauschen. Bevor er antwortete, streifte sein Blick das Foto von Oktavio, Wammy und sich selbst.
Alleine schon Quillsh Wammy und den Kindern zuliebe, würde er Ls Angebot annehmen.
Ed atmete noch einmal tief durch, bevor er seine Entscheidung ganz formal verkündete.
»Es wäre mir eine Ehre, die Nachfolge Wammys antreten zu dürfen.«
Die Stille, die mit einem Mal entstand, machte Ed sehr deutlich, dass diese Entscheidung auch an seinem Gesprächspartner nicht spurlos vorbeizugehen schien. Und zum ersten Mal überhaupt machte sich Ed Gedanken über L. Wie war es ihm wohl nach Wammys Tod ergangen? Seinem einstigen Partner und vielleicht sogar Freund, mit dem er jahrein, jahraus zusammen gewesen war?
»Dann schlage ich vor, dass Sie zu mir kommen. Buchen Sie sich bitte zeitnah einen Flug. Weitere Einzelheiten erhalten Sie von Roger Ruvie.«
Aus Angst, dass L gleich wieder auflegen würde, spritzte Ed auf.
»Warten Sie!«, rief er. »Ich habe noch eine Frage!«
»Ist diese Frage persönlicher Natur?«, stellte L verlangsamt die Gegenfrage.
»Ja«, antwortete Ed und entspannte sich zusehends.
»Bitte verzeihen Sie, wenn ich keine persönlichen Fragen am Telefon beantworte. Uns werden in Zukunft genug Gelegenheiten für soziale Interaktion zur Verfügung stehen.«
Eds Mundwinkel wanderten wieder nach unten. 
Er wollte doch nur ganz kurz seine These bestätigt wissen, die ihm seit seinem Gespräch mit Emma im Kopf herumspukte.
Unerwartet fügte L noch hinzu:
»Roger Ruvie wird Ihnen diese Frage sicherlich auch beantworten können.«
Ein bisschen gewann Ed den Eindruck, dass L damit auf eine sonderbare Art Schadenbegrenzung betreiben wollte. Obwohl sich das Zugeständnis der verzerrten Stimme nicht gerade herzlich anhörte.
Ed antwortete niedergeschlagen. »Ich verstehe.«
»Bitte nehmen Sie Wataris Habseligkeiten an sich und suchen Roger Ruvie auf, um weitere Instruktionen entgegenzunehmen.«
Flüchtig fiel Ed auf, dass L Roger stets mit vollem Namen betitelte.
Mit Blick auf das Sideboard antwortete Ed: »Das werde ich.«
Den kurzen Moment der Stille nutzte Ed, um darüber zu philosophieren, ob L nun zum Abschied den Voice-Changer ausschalten würde?
Leider drang wieder nur ein Knacken an sein Ohr.
»Ich wünsche einen angenehmen Flug und freue mich darauf, Sie wiederzusehen.«
Und noch ehe sich Ed die Bedeutung von Ls letztem Wort bewusst wurde, drang ein tutendes Geräusch aus der Leitung.
Mit offenem Mund starrte Edward Thompson aus dem Fenster. Direkt in ein paar Baumkronen von Wammy’s House. Er hatte sich doch nicht verhört, oder? 
Kurz darauf drückte auch er den Knopf mit dem roten Telefonhörer.
Was Ed am meisten verblüffte, war die Tatsache, dass L ihm gerade unmissverständlich zum Ausdruck gebracht hatte, dass sie sich bereits begegnet waren. Und ihm damit seine Frage, die er ursprünglich stellen wollte, wenn auch indirekt, beantwortet hatte. 
Das Zitat Ruvies ‚Er ist sogar fähig, Ihre Reaktionen bis ins kleinste Detail vorherzusehen‘ rauschte durch Eds Kopf. Konnte so etwas wirklich sein?
Wie dem auch sei, dachte Ed, dessen Schicksal nun besiegelt war und für immer mit dem von Quillsh Wammy verbunden sein würde, er sollte später Roger aufsuchen und ihn fragen.
Und während Ed noch versuchte, seine Gefühle einzuordnen, ging er auf und ab und kaute nervös auf seiner Unterlippe. 
Ja, er war froh, diesen Schritt gewagt zu haben. Doch gleichzeitig konnte er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise erahnen, was noch alles auf ihn zukommen würde.
Ed blieb stehen und sah zum Sideboard. Ehe er sich versah, stand er wieder davor. Behutsam legte er das Smartphone auf das Laptop und trug sie zu seinem Schreibtisch. Mit einem lauten Klack schaltete er die Schreibtischbeleuchtung ein und begutachtete die beiden Stücke aus nächster Nähe. Keine Kratzer, keine Schrammen. Sie sahen nagelneu aus. Das Smartphone lag ungewöhnlich gut in der Hand und weder ein angebissener Apfel, noch ein sonstiges Logo zierte das leichte Gerät. Dann fiel sein Blick auf das Laptop, auf dessen glänzender Oberfläche sich die Schreibtischleuchte spiegelte.
Der Versuch, es zu öffnen, scheiterte kläglich.
Eds angestrengte Miene wandelte sich, als Schritte näher kamen.
Mit einem Ruck flog die Tür auf und Roger trat ein.
»Ich darf Sie wohl beglückwünschen.«
Das furchterregende Grinsen jagte Ed kalte Schauer über den Rücken. Langsam begann er sich zu fragen, wegen was Roger so grinste? Über die Tatsache, dass die Nachfolge endlich geklärt war oder vielleicht sogar, weil er ihn und seine Scherze bald los sein würde?
Ed ging einen Schritt auf ihn zu und verzog ebenfalls den Mund zu einem schiefen Grinsen.
»Sie… haben da was im Gesicht!«
Doch Rogers Miene versteinerte sich.
»Nehmen Sie Ihre Sachen und folgen Sie mir, Sie Komiker!«
Dann ließ er Ed stehen und verschwand im Flur. Ed packte zusammen und hechtete hinterher.
Bepackt wie ein Esel folgte er dem davonstürmenden Roger Ruvie, der trotz seines Alters eine beachtliche Geschwindigkeit auf das alte Parkett von Wammy’s House legte. Sie kamen zur großen Doppeltreppe der Eingangshalle. Doch Roger stürmte nicht, wie von Ed vermutet, die Treppe nach unten, sondern eilte weiter zu einer kleinen Nische. Wenn Ed nicht alles täuschte, lag hinter dieser Nische der Turm von Wammy’s House. Soweit Ed bekannt war, war dieser Teil des alten Herrenhauses unbenutzt und leerstehend. 
Diese Meinung teilte Roger jedoch offensichtlich nicht mit ihm.
Die Eingangstür lag gut versteckt inmitten einer Holzvertäfelung. Alle Kinder erzählten sich unheimliche Geschichten über diese Tür, die fast eins mit deren Umgebung war. Hätten die Kinder Ed damals nicht auf die geheimnisvolle Tür aufmerksam gemacht, hätte er sie wahrscheinlich erst Jahre später bemerkt.
Ed schielte zurück. Weder vom Flur aus, noch von unten, war diese Nische einsehbar. Man musste also direkt dabei sein. Ed traute seinen Augen kaum, als Roger seine flache Hand auf die Wand neben der Tür legte. Daraufhin ertönte ein leises Klicken und keine Sekunde später öffnete sich die Tür wie von Geisterhand. Völlig lautlos. Roger drehte sich um und flüsterte:
»Willkommen in Mr. Brents Büro. Bitte nach Ihnen.«

Ed war der Schock deutlich anzusehen und sein Herz begann aufgeregt gegen seine Brust zu hämmern. Beim Durchqueren des Türrahmens fiel Ed nicht nur die immense Dicke desselbigen auf, sondern auch der weiche Bodenbelag, als er den Raum betrat. Unter ihm lag Teppich. Zuerst sah Ed nur einen kleinen Teil des Raumes, von wo aus eine Wendeltreppe weiter nach oben führte. Schritt für Schritt bahnte sich Edward Thompson den Weg in einen großen, hell eingerichteten Raum. Auch hier stand edles und aus feinstem Holz geschnitztes Mobiliar. Eds Blick haftete sofort an einer Wand mit eingebauten Monitoren. Die komplette Wand war voll davon.
L schien keine Angst vor hohen Stromrechnungen zu haben, blödelte Ed gedanklich.
Beim genaueren Hinsehen erkannte Ed, dass der Monitor in der Mitte der Wand größer war, als alle anderen drum herum. Insgesamt zählte Ed siebzehn Monitore. Direkt davor befand sich eine riesige Sofalandschaft und ein Sessel. Ed ging immer weiter und vergaß dabei Rogers Anwesenheit. Der wiederum verschloss seelenruhig die Tür, während Ed versuchte, den Geruch in dem Raum einzuordnen. Es roch angenehm. Wie nach Zuckerwatte.
Ed stellte außerdem fest, dass der Raum keinerlei Dekorationen an den Wänden hatte. Viel zu kahl für Eds Geschmack. Alles wirkte so steril. Wenn man die Monitore außer Acht ließ, kam sich Ed vor, wie in einem Ausstellungsraum eines teuren Möbelhauses.  Und selbst dort hingen zumindest Bilder an den Wänden. Trotzdem strahlte der Raum etwas Beruhigendes auf Ed aus.
»Nehmen Sie Platz, Ed. Möchten Sie einen Tee?«
Diese Worte beförderten Ed sofort wieder in die Realität und ließen ihn abermals glauben, sich verhört zu haben. Er ging ein paar Schritte auf Roger zu, verschränkte dabei beide Arme und musterte ihn skeptisch. 
»Haben Sie jemals Tee gekocht? Ich wüsste nicht.«
Als selbsternannter Tee-Gourmet war Ed äußerst penibel, was die Zubereitung dessen anbelangte. Dabei konnte man nämlich mehr falsch machen, als es für Laien zunächst den Anschein hatte.
Roger hüstelte empört und bemerkte spitz:
»Es gibt wohl Vieles, von dem Sie nichts wissen!«
Allerdings, dachte Ed und sah sich sichtlich überwältigt in dem Raum um, von dessen Existenz er noch nie etwas geahnt hatte. Damit wäre nun auch das Geheimnis gelüftet, wohin sich Wammy, Roger und Mr. Brent stets, ohne Aufsehen zu erregen, verkrochen hatten.
Direkt neben der Monitorwand befand sich eine weitere Tür, die aussah wie die eines Aufzugs.
Eds Fantasie erreichte neue Höhen.
»In der Tiefgarage steht nicht zufällig ein Batmobil, oder Roger?«
Ups. Gerade eben, vor nicht einmal einer Sekunde, wollte er sich solche Sprüche noch verkneifen. Obwohl ihn ein Ja als Antwort nicht einmal verwundern würde. 
Okay, Wammy’s House besaß gar keine Tiefgarage. 
Aber das hieße ja nichts, wie Ed eben selbst feststellen musste.
Roger hingegen war auf dem Weg zu einem kleinen Tresen, hinter welchem sich eine Küchenzeile verbarg. Abrupt stoppte er und schaute entnervt zurück.
»Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis Sie ihre Unsicherheiten nicht mehr mit Ihrem schrägen Sinn für Humor kompensieren müssen, liebster Edward Thompson.«
Er zischte dabei geradezu Eds vollständigen Namen.
Ed verkniff sich ein Lachen, als Roger anfing, in der Küche zu hantieren. Roger war wohl über Nacht doch nicht zum neuesten Mitglied von Monty Python mutiert, dachte Ed ein wenig enttäuscht. Und er hatte schon vermutet, ihn komplett falsch eingeschätzt zu haben!
Mit dem Wasserkocher in der Hand, sah Roger auf und sagte:
»Sie können hier übrigens frei sprechen. Dieser Raum hier ist völlig abhörsicher.«
Dann füllte er Wasser in den Kocher, was Ed amüsiert beobachtete. 
Kurze Zeit darauf lenkte Ed seine Aufmerksamkeit aber wieder auf den ‚abhörsicheren‘ Raum. L schien wirklich sehr um die Wahrung seiner Identität besorgt zu sein. Ed bekam dabei einen kleinen Vorgeschmack auf die Dringlichkeit jener Besorgnis.
»L ist also gar nicht hier?«, startete Ed die Probe aufs Exempel.
Roger beäugte gerade ausführlich die Teetasse in seiner Hand.
»Er hält sich in Tokio auf. Das sollten Sie eigentlich wissen.«
Eds Stirn legte sich in Falten.
»Hätte ja sein können, dass er mich persönlich in Augenschein nimmt?«
»Das hat er. Dessen können Sie sich sicher sein.« Roger überlegte einen Moment.
«Wenn es Sie beruhigt, verrate ich Ihnen etwas. Unter anderen Umständen wäre er mit Sicherheit persönlich erschienen. Allerdings lassen das seine aktuellen Fälle nicht zu.«
Das gespielt beleidigte Schnütchen Eds ignorierte Roger. 
Mit todernster Miene drangsalierte er die kleine Teetasse mit einem weißen Taschentuch. Ed hingegen wurde wieder ernster und beobachtete weiterhin den alten Mann mit der Teetasse. Schwungvoll verfrachtete Roger das frisch polierte Porzellan auf ein Tablett und schaltete den piependen Wasserkocher aus.
»Herrje. Lesen Sie denn gar keine Nachrichten?«, krächzte Roger und nahm sich die zweite Teetasse vor. Mit ‚Lesen‘ meinte Roger das Druckerzeugnis aus Papier, das er selbst jeden Morgen zu seinem Frühstück las. Übrigens war es für Leib und Leben besser, ihn vorher gar nicht erst anzusprechen.
Ed hingegen bevorzugte moderne Technik.
»Aktuell ist viel los in meinem Leben, Roger. Tut mir leid, dass ich dafür keinen Kopf hatte.«
Das unaufhörliche Geräusch des Reibens an der armen Tasse, hörte sich für Ed mittlerweile wie ein Hilfeschrei an.
»Nun. Bei mir müssen Sie sich dafür nicht entschuldigen. Ich gebe Ihnen jedoch den Rat, sich zukünftig besser mit dem zu beschäftigen, was da draußen vor sich geht.«
Der kleine Rüffel kam an. Ed wusste wirklich wenig über das, was in der Welt vor sich ging. Hatte es sogar bewusst vermieden.
»Lesen Sie sich wenigstens in den Mori-Fall und in die aktuellen Nachrichten ein«, legte ihm Roger nahe. Beim Namen Mori-Fall klingelte es sogar bei Ed. Der Name kam ihm bekannt vor. Und er wusste auch, dass dieser Fall um die Welt ging. Bis L ihn löste. Jedoch musste das schon etliche Jahre her sein.
»L ist ein Wammy-Kind gewesen, nicht wahr?«, brabbelte Ed seine These vor sich hin, während er den Sessel wie ein Löwe umkreiste. Roger stellte endlich auch die zweite Tasse auf das Tablett und holte eine Teekanne aus der Anrichte. Er füllte den Sieb der Teekanne mit getrockneten Teeblättern und goss Wasser darüber.
»Und was glauben Sie, führt Sie zu dieser Annahme?«
Ed überlegte sich die Wahl seiner Worte genau und starrte unwillkürlich auf den gemütlich wirkenden Sessel vor sich. Er konnte sich vorstellen, dass L hier für gewöhnlich saß, da dieser Platz den perfekten Blick auf die Wand mit den Monitoren bot. Direkt neben dem Sessel stand ein großer Tisch; verziert mit einer kleinen Tischdecke. Sonst befand sich nichts darauf.
Geschickt antwortete Ed: »Ich hatte… ein interessantes Gespräch, dessen Inhalt mich darauf schließen lässt.«
Dieses Mal sah Roger auf, hob das Tablett an und balancierte es über den hellen Teppich. Zu Eds großer Überraschung, schien Roger tatsächlich etwas von Tee zu verstehen. 
Doch was viel wichtiger war: Bei genauerer Betrachtung des Teppichs, fiel Ed auf, dass kein einziger Fleck darauf zu erkennen war. Auch hier herrschte absolute Sterilität. Zumal dieser Teppich der wohl einzige verlegte Teppich in ganz Wammy’s House war.
Während Roger und der Tee sich dem Sofa näherten, entwich ihm ein sehr gelangweilt klingendes ‚Aha‘.
Eds Augen suchten den Raum gierig nach irgendetwas Auffälligem ab, während Roger eine kleine Teezeremonie zelebrierte. Erst jetzt bemerkte Ed, dass der Raum kein einziges Fenster besaß. Jedoch war Wammy’s House an allen Außenwänden, inklusive dem Turm, mit Fenstern bestückt.
Sie schienen hier drin nur nicht sichtbar zu sein. Außerdem fand er es seltsam, dass der Raum viel zu unscheinbar war, als dass sich in ihm nicht irgendein Geheimnis verbergen würde.
Es war also auffällig, dass es nichts Auffälliges gab. Keine rot gestreifte, gemütliche Kuscheldecke; keine bunten Pantoffeln, die irgendwo herumstanden; ja noch nicht einmal eine Grünpflanze war hier zu finden. Selbst das riesige Blumenarrangement in der asiatisch aussehenden Vase auf einem der dunklen und auf Hochglanz polierten Beistelltische, so wettete Ed, war nicht echt. Sogleich stieg Ed der Duft von frischem Tee in die Nase.
»Ed. Bitte setzen Sie sich«, bat Roger in versöhnlichem Ton.
Lautlos setzte sich Ed auf das Sofa.
»Nun. Ich kann Ihre These klar bestätigen«, antwortete Roger.
Wusste ich es doch!, triumphierte Ed innerlich.
»Zucker?«
Ed lehnte ab. Zucker im Tee?, dachte Ed. Das wäre ja fast noch schlimmer, als im Kaffee!
Dass Ed kein Zuckerfanatiker war, so ging er davon aus, dürfte sogar Roger bekannt gewesen sein. Und aus schier unerfindlichen Gründen grinste Roger auf einmal.
Was war nur los mit diesem alten Herrn?, dachte Ed.
»Also«, erklärte Roger wieder in seiner altbekannten, stocksteifen Art. »Die beiden Geräte lassen sich ausschließlich mittels Touch-ID bedienen. Und zwar ausnahmslos von Ihnen. Legen Sie genau hier ihren Daumen oder Zeigefinger auf.«
Roger zeigte ihm die beiden kaum sichtbaren Stellen.
Ed legte den Zeigefinger auf die besagte Stelle des Telefons und ein verschnörkeltes ‚W‘ auf weißem Hintergrund erschien. 
Heiliger Kuhmist! Wie?, dachte Ed mit rasendem Puls.
»Sagen Sie, Roger. Woher haben Sie eigentlich meine Fingerabdrücke?«
Nun legte sich Rogers Stirn in Falten.
»Überrascht Sie das wirklich noch? Fragen Sie sich besser, was wir noch nicht von Ihnen haben.« Wieder folgte ein leicht gruseliges Grinsen von Roger.
Was war denn bitteschön an dieser Frage so abwegig?, grübelte Ed. Rogers Reaktion nach zu urteilen, war es das nämlich. Und unweigerlich musste er an die seltsamen Ereignisse in seinem Haus denken.
»Ich kenne ihn, nicht wahr?«, fragte Ed ohne Vorwarnung. Er wusste es ja bereits.
Roger verzog keine Miene, als er Eds Frage beantwortete. 
»Natürlich kennen Sie ihn. Er war schließlich einer von uns. Und ist es immer noch.«
Trotzdem fehlten Ed jegliche Anhaltspunkte zu Ls Person. Er wusste nicht, welches der vielen Kinder, die er schon kommen und gehen gesehen hatte, L hätte sein können? Es musste sich jedoch um einen Jungen aus der Elite handeln, nahm Ed an.
»Gibt es Fotos von ihm? Ist er auf Bildern zu sehen?«
Da auf allen Festen und Geburtstagsfeiern immer reichlich Fotos geschossen wurden, musste auch L darauf zu finden sein. Ed sah ihn das stumme Gesicht Rogers. Für seinen Geschmack überlegte er etwas zu lange. Aber er musste sich gedulden.
»Sicherlich existieren Fotos. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass die Fotografien unter Verschluss gehalten werden. Höchstwahrscheinlich von ihm selbst.«
»Wenn ich ihm bereits begegnet bin, dann…«, setzte Ed an und hielt kurz inne, um selbst zu verinnerlichen, was das eigentlich bedeutete. »… dann dürfte L noch relativ jung sein.«
Roger lehnte sich entspannt zurück und fixierte Eds fragendes Gesicht.
»Auch damit liegen Sie goldrichtig. Wie alt schätzen Sie ihn denn?«
Na klasse, jetzt fängt er auch noch mit Ratespielchen an…
Ed ließ sich jedoch nichts anmerken.
»Ich hatte ihn ursprünglich eher auf mein Alter geschätzt.«
Das laute Lachen Rogers bestätigte Eds das vermutete Gegenteil.
Roger fuhr sich durch sein ergrautes, abstehendes Haar. Hatte jedoch immer ein Auge auf den Tee, der erst in ein paar Minuten genießbar sein würde.
»Irrtum, Ed. L kam sogar erst hierher, als Sie schon bei uns angestellt waren.«
Nun brachte Ed keinen Ton mehr heraus. Roger ergänzte grinsend:
»Der Junge ist gerade einmal neunundzwanzig Jahre alt!«
Junge?, dachte Ed; dieser Mann war der beste Privatdetektiv der Welt!
Doch für Roger würde L wohl immer der Junge, der er einmal war, bleiben.
Eds Oberstübchen kreiste immer noch unermüdlich um die Frage, wer von den Jungs, die er sich wieder ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, das Genie eines Detektivs besaß?
»Können Sie mir etwas auf die Sprünge helfen? Wie sah er aus?«, hakte Ed nach, weil ihm nichts anderes übrig blieb. Er wollte seine stetig steigende Neugier endlich befriedigen.
Gleichzeitig grübelte er darüber, mit wem er alles Fußball gespielt hatte? Oder Verstecken? Oder mit welchem der Kinder die Unterhaltungen immer spannend gewesen waren? Viele der Genies waren nicht gerade Sportskanonen, sondern spielten lieber Strategie- oder Konzentrationsspiele.
Ed pflegte immer sehr viel Kontakt mit den Kindern und spielte fast täglich mit ihnen. Leider hatte er sie in letzter Zeit immens vernachlässigt.
Gleichzeitig schwelgte er in Erinnerungen. Vor so langer Zeit hatte Ed noch die Hoffnung besessen, selbst einmal Kinder zu haben. Dies änderte sich jedoch grundlegend, als er das von Quillsh Wammy vorgeschlagene Betriebswirtschaftsstudium verspätet begonnen und daraufhin keine Zeit mehr für seine damalige, langjährige große Liebe hatte. Er trennte sich von ihr und sie ging fort.
»Oh, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sie werden ihn ganz bestimmt erkennen, wenn Sie ihn sehen«, lautete Rogers unbefriedigende Antwort. »Und jetzt entsperren Sie bitte Ihr Laptop.«

Ed legte das Smartphone zur Seite, dessen Display sich mittlerweile abgeschaltet hatte. Er legte den Daumen auf den Sensor des Laptops. Sofort fluppte das Laptop ein wenig auf. Ed grub seinen Daumen in den Spalt und öffnete das Gerät. Dann betätigte er den Startknopf. Und auch hier erschien das bekannte ‚W‘ von Watari, welches er schon so oft in den Nachrichten gesehen hatte. Leicht ungläubig schüttelte er den Kopf.
Eds Gefühle fuhren wieder Achterbahn. Er konnte sich kaum vorstellen, dass dies hier die Realität war.
»Und so öffnet man die beiden Gerätschaften. Das Mobiltelefon schließt sich bei Nichtbenutzung automatisch. Das Laptop nicht. Achten Sie deshalb darauf, es bei Nichtbenutzung immer zu verschließen. Beide Geräte sind abhör- und kopiersicher.«
Die Fähigkeiten von Roger Ruvie beschränkten sich wohl nicht nur auf Käfer, Insekten und mittlerweile auch auf das Teekochen.
Erneut reckte Roger seine buschigen Augenbrauen in Eds Richtung.
»Bevor Sie Ihren Flug nach Tokio buchen, hat L mich gebeten, Ihre persönlichen Dinge wie Mobiltelefon, Laptop und vor allem ihren Pass, an mich zu nehmen. Nichts davon werden Sie noch benötigen.«
Ed blieben sämtliche Widerworte im Hals stecken, während auf dem Laptop ein schwarzer Desktop–Hintergrund erschien.
»Aber… ich brauche doch…«, stammelte er, woraufhin Roger Eds protestierenden Arm senkte. »Lassen Sie mich bitte ausreden, Edward Thompson!«
Wieder betonte Roger seinen Vor- und Zunamen zu sehr. Ed nahm seinen Arm wieder zu sich.
»Sie werden Ihren Namen nur noch benötigen, weil Sie offiziell immer noch als stellvertretender Direktor von Wammy’s House gelten werden.«
Rogers Steifheit lockerte sich. Er ließ Ed sogar eine kleine Verschnaufpause.
Dann fuhr er lächelnd fort: »Möchten Sie Ihren neuen Namen gleich erfahren, Ed?«
Ed sah Roger ernst an. 
Die konnten doch nicht ernsthaft von ihm verlangen, dass er seinen Namen ablegte?
»L hat den Namen persönlich für Sie ausgesucht. Und ich habe die Ehre, Ihnen auch gleich Ihren neuen Pass auszuhändigen. Einen sogenannten Diplomaten-Pass. Damit können Sie überall einreisen. Ohne Visum oder Aufenthaltsgenehmigung. Das Wichtigste daran ist jedoch, dass Sie damit unverletzlich sind. Das bedeutet, Sie dürfen ohne Ihre ausdrückliche Erlaubnis weder festgenommen, festgehalten, verhört oder abgehört werden. Auch Ihre persönlichen Gegenstände dürfen weder beschlagnahmt, durchsucht, vernichtet oder durchleuchtet werden. Dies gilt für nahezu alle Länder dieser Welt. Strafprozessuale Maßnahmen brauchen Sie ebenfalls nicht mehr zu fürchten. Dieser Pass dient gleichzeitig als Fahrerlaubnis aller Fahrzeuge. Sie genießen damit absolute Immunität. Es wird also niemand mehr auf die Idee kommen, Ihnen auch nur einen Strafzettel auszustellen«, grinste Roger und genoss seine eigenen Worte.
Es Gesichtsfarbe wurde immer blasser.
»Eine Liste mit grundlegenden Erklärungen und Anweisungen zu Ihrer neuen Aufgabe hat kein Geringerer als Quillsh höchstpersönlich für Sie zusammengetragen und befindet sich in genau diesem Ordner dort.« Ruvie berührte das Touch-Pad des Laptops und deutete mit dem Mauszeiger auf einen Ordner namens ‚BGNG‘. 
Damit stand für Ed eindeutig fest, dass er schon lange als Nachfolger von Quillsh Wammy feststand.
»Hier erfahren Sie alles Wissenswerte über wichtige Personen, Organisationen und Untergrund-Gruppen, die Sie besser kennen müssen, als sich selbst. Es gibt haufenweise extrem gefährliche Menschen, denen Sie mit genügend Abstand begegnen sollten. Ich nehme an, Quillsh hat Ihnen noch einiges mehr dazu hinterlassen. Diese Informationen sind jedoch nur für Sie bestimmt und mir nicht bekannt. Niemand außer Ihnen ist befugt, dieses Laptop zu öffnen. Selbst L nicht. Er kann sich jedoch jederzeit Zugriff darauf verschaffen.«
Roger machte eine kurze Pause, damit Ed die Chance hatte, die Informationsflut zu verarbeiten und wieder etwas Farbe zu bekommen.
»Weiterhin sollten Sie sich noch ein Pseudonym überlegen, mit welchem Sie bei Ihrem ersten Fall vorstellig werden.« Ed atmete tief ein und fixierte Roger.
»Schauen Sie mich nicht so an, Ed. Ich habe damit nichts zu tun. Und der Name des Pseudonyms steht Ihnen völlig frei. Wenn Ihnen Ihr neuer Name nicht gefällt, dürfen Sie Ihr Problem gerne mit ihrem neuen Schützling ausdiskutieren. Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei. Bitteschön!«
Die alten Finger Rogers drückten Ed den neuen Pass in die Hand. Zögerlich nahm Ed das amtliche Dokument entgegen. Dann klappte er ihn langsam auf. Sein erster Blick galt seinem Passbild. Dasselbe, welches auch seinen jetzigen Pass zierte. Buchstabe um Buchstabe las er seinen ‚neuen Namen‘. In Großbuchstaben stand dort John Denker.
Ed fand seinen neuen Namen noch nicht einmal schlecht. Trotzdem könnte er sich wohl nicht sofort mit ihm anfreunden. Und nun sollte er auch noch ein weiteres Pseudonym auswählen.
»Welchen Namen benutzte Quillsh Wammy?«
Roger schenkte derweil Tee ein.
»Quillsh benutzte viele Namen, Ed. Fragen Sie L. Er wird sie Ihnen allesamt aufzählen.«
Verständnisvoll hielt er Ed den Tee vor die Nase und redete weiter.
»Verraten Sie außerdem niemals Ihren Geburtsnamen. Das erfordert etwas Übung. Deshalb sollten Sie sich schnell an Ihre neuen Namen gewöhnen. Außerdem werden Sie unter John Denker auch gleich Ihren Flug ordern. Oh. Und eine weitere Anweisung Ls lautet, ein neues Hotel in Tokio zu suchen. Er hält sich nämlich nie lange an ein- und demselben Ort auf. Dieses Mal zwei Suiten und ein Doppelzimmer.«
Natürlich aus Sicherheitsgründen, dachte Ed und nickte abwesend.
»Nun. Worauf warten Sie noch?«, fragte Roger und klopfte Ed mit voller Wucht auf die Schulter, sodass er zusammenzuckte. Sofort rückte Roger zu Ed auf und schaute ihm beim Betätigen der Buchungen über die schmerzende Schulter. Zum Abschluss lachte Roger.
»Na herzlichen Glückwunsch, John!«
Ed strafte Roger mit einem argwöhnischen Seitenblick. Noch immer konnte er nicht glauben, dass er seinen Namen nach einem halben Jahrhundert ablegen würde müssen.
Dann ging Roger wieder auf Abstand und lehnte sich zurück.
»Möchten Sie sonst noch etwas wissen?«
Ed konnte sich ein wenig Galgenhumor nicht verkneifen. 
»Ja«, begann er. »Kann ich alles rückgängig machen und wieder in mein Büro gehen?«
Doch Roger schüttelte den Kopf. »Dafür ist es bereits zu spät, Mr. Denker.«
Wieder setzte er dieses unheimliche Grinsen auf, welches Ed einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte. Dieser Mann wurde ihm, je enger er mit ihm zusammenarbeitete, immer suspekter.
»Was ist L für ein Mensch? Gibt es etwas, was ich unbedingt beherzigen sollte?«, versuchte Ed das Thema wieder in andere Bahnen zu lenken. Roger trank derweil einen Schluck Tee.
»Nun ja. Er hat gewisse… Eigenarten, die für Außenstehende recht… kurios erscheinen mögen.« Daraufhin musste Ed an einen der ehemaligen Jungen denken, der ständig mit Clowns spielte.
Roger fuhr fort. 
»Er ist ein außergewöhnlich rational denkender Mensch. Erwarten Sie also nicht, dass er Ihnen bei ihrer ersten Begegnung um den Hals fällt. Und vermeiden Sie Diskussionen mit ihm. Halten Sie sich lieber zurück, bis Sie ihn etwas besser kennen und einschätzen können. Auch sein Sinn für Humor ist dem Ihrigen in keiner Weise ähnlich. Und sorgen Sie dafür, dass er immer Zu… zu essen hat! Er wird sonst sehr miesepetrig.«
Sofort erinnerte sich Ed an die nächtliche Aktion mit dem Hotel, dem Koch und den Sesamkörnern.
»Folgen Sie einfach seinen Anweisungen. Dann kommen Sie bestens miteinander aus. Ansonsten ist er ein recht umgänglicher Zeitgenosse.«
Wenn alles nach seiner Pfeife tanzt, ist selbst Lord Voldemort ein recht ‚umgänglicher Zeitgenosse‘, flachste Ed gedanklich und trank ebenfalls einen Schluck Tee. 
»Wer weiß noch von L?«
»Nur wir beide. L hat zwar starke Verbindungen zu diversen Organisationen und auch zu einigen Privatpersonen, die eigeninitiativ arbeiten. Jedoch wissen diese Leute nicht einmal annährend das, was Sie bald wissen werden.«
Roger würde Ed also weiterhin über Ls Identität im Dunkeln tappen lassen. Und während Ed weiter nachdachte, kam ihm der Gedanke, dass es ihm vielleicht sogar diktiert worden war. Ed konnte sich also auf eine Überraschung gefasst machen, dessen war er sich sicher.  
 
~~~
 
Einen Tag danach:
 
Das Geräusch seines herunterfahrenden Computers begleitete ihn, als er sich noch einmal in seinem Büro umsah. Ein letztes Mal.
Wenn man es ganz genau nahm, war es noch nicht einmal mehr sein Büro. Obwohl er weiterhin stellvertretender Direktor bleiben würde. Natürlich nur auf dem Papier, um es als perfekte Gelegenheit für die Verschleierung seiner Person zu nutzen. Wie bereits bei Quillsh Wammy zuvor.
Seine Sachen hatte er Roger bereits ausgehändigt. Selbst seine Geburtsurkunde, die natürlich sicher verwahrt werden würde. Nun würde er sich nicht mehr als Edward Thompson ausweisen können.
Ed fühlte sich wie eine leere Hülle.
Er hoffte, dass sich dieser Zustand schon bald bessern würde.
Auch seine Haustürschlüssel blieben in der Obhut von Wammy’s House. Einer der Hausmeister werde sich professionell um sein Häuschen kümmern, versprach Roger.

Der Schock um seine plötzlichen ‚Neuorientierung‘, wie Ed es in seiner Ansprache vor rund zehn Minuten nannte, stand selbst der wissenden Heather ins Gesicht geschrieben. Das gesamte Personal und die Kinder wurden zu dieser ‚Besprechung‘ zusammengetrommelt.
Die Einzige, die sich wie eine Schneekönigin freute, war Emma, die natürlich sofort einen Tadel von Mrs. Miller kassierte. Selbstverständlich ging es der Kleinen sonstwo vorbei, wie man unschwer erkennen konnte. Emmas Reaktion heiterte die Stimmung ein wenig auf.
Emma war eine geborene Rebellin und würde sicher noch für reichlich Ärger in den Hallen von Wammy’s House sorgen. Ed entwich fast eine Träne, als er sich mit dem unausweichlichen Fakt beschäftigte, dass er kaum mehr etwas davon mitbekommen würde.

Dann schloss Ed seine Aktentasche, in welcher er Wataris Laptop aufbewahrte. An der Tür stand sein Reisekoffer, der so gut wie nichts aus seinem bisherigen Leben beinhaltete.
Unten in der Halle warteten Roger und sicherlich auch ein paar Kollegen auf ihn. 
Die Kinder hatten Unterricht. 
In einer halben Stunde würde ihn ein Chauffeur zum Flughafen London-Heathrow bringen.

Während sich Ed die Hände wusch, begutachtete er sein Gesicht im Spiegel. Waren das etwa Augenringe, wunderte er sich schockiert und klopfte sich mit den Fingern auf die entsprechenden Hautstellen. Wenn er so weitermachen würde, sähe er Roger Ruvie bald ähnlicher, als er es sich je vorzustellen gewagt hatte. Die letzten zehn Tage hatten ihn nicht nur um ein paar graue Haare reicher gemacht. Auch, wenn Ed stets versuchte, seine Eitelkeit zu verstecken. Das Haselnussbraune wich dem Silberfarbenen. Damit sollte er sich besser gleich abfinden, dachte Ed resigniert.

Er schnappte sich seinen Aktenkoffer und verließ die Herrentoilette der First Lounge des Flughafen London-Heathrow. An Ambiente und Stil übertraf die Lounge die normalen Sitzgelegenheiten für Holzklassepassagiere um Welten. Sogar Ed fühlte sich wichtig. Zumindest beim Fliegen war es ein wahrer Segen, John Denker zu sein! Dachte sich der Silberhaarige und legte eine gesunde Portion Galgenhumor an den Tag. So sehr, dass er fast schon seine trübe Laune wegen seines Alters vergaß. Dafür begutachtete er nun die luxuriösen Möbel, die Kronleuchter und die dunklen Gemälde an den Wänden. Es roch frisch und eine angenehm beleuchtete Bar lud zur Verköstigung diverser Drinks vor dem Abflug ein.
Man konnte sich sogar in ein Separee zurückziehen und sich rund um die Uhr von einem Servicemitarbeiter bedienen lassen. Das dunkle Design wirkte ganz und gar edel. Silberne Embleme zierten in einheitlichen Abständen die Wände. Doch Ed war nicht danach, sich zurückzuziehen. Er wollte sich diese Exklusivität ganz genau anschauen. Er stellte fest, dass er bei seinen bisherigen Economy-Reisen auf Ibiza ganz schön was verpasst hatte.
Also schlenderte er zur Bar und bestellte einen Wein. Dabei richtete er immer ein Auge auf den Text, der auf diversen Flachbildschirmen unten hindurchlief. Dies war schlichtweg der einfachste Weg, sich über die neusten Nachrichten zu informieren. Die dazugehörigen Bilder im Hintergrund sprachen meist dieselbe Sprache, wie die aufgeputschten Schlagzeilen. Ed wusste um das Elend, das in der Welt geschah. Dies war einer der Gründe, weshalb er bewusst dessen Veranschaulichung vermieden hatte. 
»Hier bitte. Ihr Saint Laurent, Mr. Denker«, flötete die Barfrau und schob ihm das Weinglas zu, auf welchem sich die neonfarbene Lounge-Beleuchtung widerspiegelte. 
»Vielen Dank«, antwortete er etwas verspätet und entfernte sich von der Bar. 
Die Lounge war voller Geschäftsmänner, die entweder unaufhörlich an ihren Mobiltelefonen hingen, auf ihre Laptops einhackten oder in Grüppchen gegenseitig wetteiferten. Die Jüngsten waren dabei immer die Lautesten. Er selbst war in seinem jugendlichen Leichtsinn tatsächlich auch einmal so gewesen. Heute schmunzelte er darüber.
Umso mehr fiel auf, dass kaum Frauen anwesend waren, was Ed als frischgebackener Single richtig deprimierend fand.  Also betrachtete er weiterhin den Bildschirm mit den Nachrichten und nippte einige Male an seinem Weinglas. Der schmeckte zwar hervorragend, erinnerte ihn aber augenblicklich an sein fehlendes Weinglas zu Hause in Schrank. 
Ab einem gewissen Zeitpunkt wiederholten sich die Nachrichten.
Kein Mori-Fall?, dachte Ed. Roger erwähnte doch genau diesen Fall, mit dem er sich vertraut machen sollte. Ed kratzte sich gedankenverloren am Kopf. Er würde sich wohl im Flugzeug die Zeit damit vertreiben müssen, selbst nachzuforschen. 
Er fasste in seine Manteltasche und zog das Mobiltelefon hervor. Viel war nicht darauf abgespeichert. Außer im Telefonbuch. Er scrollte die Namen durch. Ein paar davon kannte er, da er sich gestern Abend bereits mit einigen Details aus Wammys Ordner ‚BGNG‘ vertraut gemacht hatte. Die Namen stammten aus aller Herrenländer. Auch Rogers Nummer befand sich unter den Telefonkontakten. 
Eine Nummer, eigentlich die Wichtigste, war jedoch nirgends zu finden.
Es wunderte Ed keinesfalls, dass ‚BGNG‘ kein Zweistundenhobby war. Darin würde er sich noch tagelang verweilen müssen. Quillsh hatte wirklich an alles gedacht. Jedoch konnte er nirgends einen Hinweis darauf finden, wie zum Kuckuck er sich das alles merken sollte. Trotzdem wollte er sich zumindest einen groben Überblick verschaffen, um L nicht zu enttäuschen. Er war sehr gespannt, wieviel er sich davon in knapp zwölf Stunden Flugzeit einprägen konnte. Und er sah es jetzt schon kommen, die ersten Tage nach Amtseintritt damit zu verbringen, Gesichter, die dazugehörigen Namen und die Lebensläufe dieser Personen auswendig zu lernen. Und er war nie gut gewesen in Auswendiglernen.
Dabei fiel ihm wieder ein, dass er sich ja etwas völlig anderes noch aufgehoben hatte. Es befand sich eine persönliche Nachricht von Wammy in einem weiteren Ordner namens ‚EdTo‘, seinem Wammy-Kürzel. Früher, als Verwalter.
Er hatte es am gestrigen Tag nicht fertiggebracht, sie zu lesen. 
Als Ed im Telefonbuch wieder nach oben scrollte, fiel ihm ein schier unaussprechlicher Name auf, dessen Telefonnummer immer ganz oben erschien. Obwohl der Name nicht mit einem ‚A‘ anfing. Um sicherzugehen, dass er sich das nicht eingebildet hatte, schloss er das Telefonbuch und startete es erneut. Wieder tauchte dieser eine Name mitsamt Telefonnummer ganz oben auf: Ryuzaki.
Über diese Person hatte ihm Wammy gar nichts hinterlassen. 
Ihm kam der Verdacht, dass es sich hierbei vielleicht um Ls Nummer handeln könnte. Es wäre sogar sehr praktisch, wenn seine Nummer immer ganz oben erscheinen würde. Und es passte zu einem Detektiv und seiner schier grenzenlosen Namensvielfalt. 
Es kribbelte Ed in den Fingern, diese Nummer anzurufen und seinem Verdacht auf den Grund zu gehen. Eds Herz fing an, schneller zu schlagen. 
Doch vorher schlug ihm sein Verstand ein Schnippchen.
Das Problem an der Sache würde nämlich sein, dass er Ls Stimme nur verzerrt kannte. Selbst wenn L rangehen würde. Ohne Voice-Changer würde er ihn nicht erkennen. Es hatte also gar keinen Sinn anzurufen. 
Ed schnaubte verächtlich. Wenn er doch nur endlich wüsste, wer L sei…
Zu allem Überfluss erinnerte er sich daran, dass er sich ja noch ein Pseudonym ausdenken sollte. Ed hatte es nicht wirklich mit Namen. Und auf John Denker zu hören, fiel ihm schon schwer genug.
Weshalb gerade dieser Name? Er hörte sich an wie eine verdammte Actionfigur, urteilte Ed und nahm noch einen großen Schluck Wein.
Sonst war er Alkohol ja weniger zugetan. Doch heute war schließlich eine Ausnahme und er hatte ihn sich redlich verdient. Als er das Weinglas hin- und herschwang, dachte er über mögliche Namen nach. 
Doch der schwere Wein machte ihn schläfrig. 
Die letzte Nacht war schon Horror genug gewesen. Sogar noch schlimmer, als die Nächte nach Wammys Tod. Nun waren anscheinend auch noch Aufregung und Unsicherheit hinzugekommen, und Ed war zurecht der Meinung, er stünde kurz vor einem Nervenzusammenbruch. 
Ehrlich gestand er sich ein, dass er einen solchen Dauerstress einfach nicht gewohnt war. Das Leben hatte es immer gut mit ihm gemeint. Wofür er immer noch sehr dankbar war.
Ed schloss abermals das Telefonbuch und bekam noch im letzten Moment mit, wie zwei hübsch anzusehende Beine mit hochhackigen Pumps an ihm vorbeihuschten. Sofort sah er auf. 
Die Beine gehörten zu einem knallroten Mantel. Lange, blonde Haare frohlockten am oberen Ende. Sie ging stolz wie ein Pfau und Eds Kopf folgte ihr unwillkürlich. Bisher gab es nur wenige solcher Momente, in welchem er am liebsten einen lauten Pfiff hätte ausgestoßen hätte. Dies war einer davon. 

Die ganze Lounge wurde still. Ed war wohl nicht der Einzige, dessen Aufmerksamkeit die Dame in Rot auf sich zog. Sie stolzierte ganz nach hinten und setzte sich schwungvoll auf den Ledersessel. Sie überschlug dabei die von zartem Nylon umhüllten Beine in Eds Richtung. Von dort aus hatte sie den perfekten Blick über den ganzen Raum. Er schätzte sie auf Mitte Dreißig. Sie wiederum beobachtete ihre Umgebung durch eine viel zu große Sonnenbrille. Was Ed an einige Hollywoodschönheiten der sechziger Jahre erinnerte. Ihm wurde ganz warm. 
Erst jetzt fingen einige seiner männlichen Zeitgenossen wieder an, ihr Tun fortzusetzen. Jedoch konnte Ed seine Augen nicht von ihr lassen. Dies tat er natürlich möglichst unauffällig. 
Sie spielte währenddessen an ihrem Mobiltelefon. Doch ab und an ‚verirrte‘ sich auch ihr Blick in Eds Richtung. Bingo Ed, du bist im Rennen!, kombinierte er erfreut.
Doch er würde den Teufel tun und auf sie zugehen. Zuerst würde einer seiner jüngeren Zeitgenossen aufstehen, zu ihr gehen, versuchen mit ihr zu flirten und eine deftige Abfuhr kassieren. 
Sie war keine Frau, die sich anquatschen ließ. Diese Frau quatschte selbst an, das sah Ed ihr an. Stattdessen nahm er gemütlich einen Schluck Wein und ließ sich nichts anmerken. 
Auch er beschäftigte sich alibimäßig mit seinem Mobiltelefon. 
Wenn man den jeweils anderen imitierte, zog das unbewusst die Aufmerksamkeit des jeweils anderen auf sich. Dies war reine Psychologie. Bei Ed jedoch eher ‚Erfahrung‘.
Manchmal schaute Ed auf, um zu überprüfen, ob einer seiner übereifrigen, männlichen Kollegen den ersten Schritt schon gewagt hatte? Fehlanzeige. 
Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm mit den Nachrichten hängen. 
‚Politiker festgenommen‘. Darauf folgte ‚Sängerin stirbt an Überdosis‘. Ed seufzte.
Kaum hatte er wieder sein Smartphone im Visier, regte sich auch schon ein Opfer. Ein junger Mann, so um die fünfundzwanzig, eilte in Richtung der blonden Lady. Auf dem Weg zu ihr wurden dessen Schultern immer breiter und Ed kam sich vor wie in einer Dokumentation über Balzverhalten des Discovery Channels.
Beinahe schadenfroh beobachtete Ed das Abfuhr-Szenario der ‚Rotmanteligen‘. Mit gesenktem Haupt kehrte der junge Romeo zurück an seinen ehemaligen Platz. Allein.
Daraufhin nahm Ed direkten Blickkontakt mit ihr auf. Sie bemerkte ihn sofort und das Lächeln, dass über ihre blutroten Lippen huschte, erwiderte er galant. Er sah erneut zum jungen Romeo und dann wieder zu ihr. Auch sie sah zu ihm und zuckte mit den Schultern. Dann überkreuzte sie lässig das andere Bein. Sie schien sich wohl noch nicht vom Fleck wegbewegen zu wollen.
Der Piepton auf seinem Mobiltelefon unterbrach die kleine nonverbale Flirtszene. 
Ed öffnete die Nachricht. 
Bitte besorgen Sie sich Ihre Zimmerkarte an der Rezeption. Sie ist dort auf den Namen Hwang Jeong hinterlegt. Ich melde mich bei Ihrer Ankunft wieder.
Eds zog eine Braue nach oben und starrte wortlos auf den Text.
In diesem Moment jagten neue Nachrichten in gelber Signalfarbe über den Bildschirm, was sich in dem Glastisch vor ihm widerspiegelte. Ed hob den Kopf.
‚Eilmeldung: Erald Coil schnappt den Trapper!‘
Wie gebannt starrte Ed auf den Bildschirm. Coil war als einer der drei besten Detektive der Welt bekannt. Praktisch neben Deneuve ein Rivale zu L. Jedoch war und blieb L wohl der Bekannteste unter ihnen. Ed dachte sogar ernsthaft über die Frage nach, ob L seinen Rivalen zu dessen Fallabschluss beglückwünschte? Oder ob sich die Rivalität der Drei irgendwann noch einmal zuspitzen würde?
Ed tippte kurz und prägnant: Okay!
»Darf ich kurz stören?«
Ed sah auf. Die rotmantelige Dame stand direkt vor ihm.
Er grinste lausbubenhaft: »Sie haben mich ja lange warten lassen.«
Sie zog lächelnd ihre Handschuhe aus. »Oho. Da ist aber jemand sehr selbstbewusst!«
Der Gentlemen genießt und schweigt, dachte Ed und steckte sein Mobiltelefon unauffällig zurück in die Manteltasche.
»Darf ich?«, hauchte sie und deutete auf den freien Platz neben Ed.
»Aber ich bitte darum!«
So konnte sich Ed das Wunder der Natur aus nächster Nähe ansehen. Und schlagartig wurden all seine Sinne betört. 
»Was führt einen solch gutaussehenden, eleganten Mann wie Sie denn hierher?«
Ed drehte sich in ihre Richtung und antwortete geschmeichelt:
»Ich bin geschäftlich nach Tokio unterwegs. Und Sie?«
Sie warf ihre Haare nach hinten und blickte Ed tief in die Augen.
»Mein Flieger geht nach D.C.«
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Das geht selbstverständlich auf mich«, bot Ed an. 
Sie musterte ihn auffällig. Ed spürte ganz deutlich die Blicke der anderen Männer auf sich ruhen. 
Dann nickte Sie und hauchte: »Überraschen Sie mich, Namenloser!«
Ed grinste. »Das ist mal eine ganz kreative Art nach meinem Namen zu fragen. Mein Name ist Ed…«, abrupt stoppte er. Doch dann tat Ed den dicken Fauxpas mit einem Grinsen ab.
»Edward John Denker. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Hoffentlich hatte das mit dem Überspielen geklappt, dachte er sich und ärgerte sich über sich selbst. Zumal Edward und John als Vornamen überhaupt nicht zusammenpassten.
»Oha. Dann ist Ed bestimmt Ihr Spitzname. Nennen Sie mich Merrie, Ed.« 
Ihr Augenaufschlag sprach Bände. Sie flirtete ungeniert mit ihm. Jeder Mann sah auf Anhieb, dass diese Frau genau wusste, was sie wollte. Und so wie die Sache aussah, wollte sie Ed.
Der wiederum genoss diese Art Aufmerksamkeit. 
»Also schön. Merrie. Ich hole uns jetzt etwas zu trinken.«
Ihr kleines Zwinkern und ihre Worte brachten Eds Blut in Wallung. »Aber bitte beeilen Sie sich.«
Das war fast eine Spur zuviel für den guten, alten Ed. 
Wenn ein Alphatierchen, und dazu gehörte schließlich auch er selbst, nicht das Gefühl hatte, die Angebetete ‚herumgekriegt‘ zu haben, machte das weitaus weniger scharf. 
Jedoch musste Ed bei dieser Frau wohl eine Ausnahme machen. Wenigstens brauchte er sich um seine Schärfe keine Sorgen zu machen. Sein letzter Sex war schließlich Wochen her. 
Ed ging aufrechten Ganges zur Bar und orderte einen Cosmopolitan. Für sich bestellte er erneut einen Saint Laurent. 
»Wird gemacht!« Selbst die Barfrau zwinkerte ihm nun zu.
Charmant bedankte er sich und ging, mit beiden Gläsern bewaffnet, zurück zu seiner Begleitung. Gefolgt von vielen Augenpaaren. Während er die Gläser dekorativ platzierte, lief erneut der aufgeklärte Trapper-Fall von Erald Coil über den Bildschirm.
»Wahnsinn. Nicht wahr?«, sagte sie.
Ed beäugte das erstaunte Gesicht ‚seiner‘ roten Merrie und sah sie fragend an.
»Der Trapper-Fall!«, erklärte sie mit geheimnisvollem Blick und deutete mit dem Finger auf den Bildschirm an der Wand.
»Oh ja, sehr verblüffend«, log Ed und schob Merrie den Cosmopolitan zu. Dann gesellte er sich wieder zu ihr, um mit ihr anzustoßen.
»Sie haben einen außergewöhnlich guten Geschmack, Ed.« 
Aus ihrem Mund hörte sich sogar sein Spitzname sexy an. 
Ihre rauchige, dunkle Stimme miaute seinen Namen geradezu.
»Sie scheinen nicht sonderlich interessiert an dem Fall«, lenkte sie erneut das Thema auf die Nachrichten.
»Ich interessiere mich augenblicklich für einen ganz anderen… Fall!«, raunte er.
Das Kompliment kam an. Merrie gab Ed ganz kurz einen unvergesslichen ‚Einblick‘. 
Er gab ja zu, dass sie sich wirklich sehr an ihn ranmachte. Doch genau das kam bei Eds wiederaufkeimender Libido sehr gut an. Und diese Frau war sich ihrer Wirkung auf ihn sehr bewusst. Das verriet ihr vielsagender Gesichtsausdruck.
Ed sagte: »Ich sehe, Sie verlieren keine Zeit mit zu viel Schwätzerei.«
»Weshalb sollte ich? Ich weiß was ich will und Sie hoffentlich auch! Außerdem beeindrucken mich Ihre Flirtqualitäten. Vor allem Ihre Unbewussten«, antwortete sie ungestüm. Aber stets mit einem unschuldigen Lächeln auf ihren blutroten Lippen.
Ed schaute zuerst auf seine Uhr; anschließend seiner Begleitung direkt in die Augen.
Er musste in die Vollen gehen.
»In einer Stunde ist Boarding. Und ich habe noch ganz andere Qualitäten.«
Das war unmissverständlich. Sie schien erfreut und lachte auf.
»Sie haben genau dreißig Minuten, um mich zu überzeugen!«, gab sie provokant zurück.
»Keine Bange. Das reicht locker für uns beide«, versprach Ed.
Merries entzückendes Lächeln zeigte ihre schneeweißen Zähne. Dann fuhr sie ganz zaghaft mit der Hand über den Ärmel von Eds Jackett. 
„Folgen Sie mir!“ hauchte sie ihm zu.
Ed schnappte sich seine Aktentasche und folgte ihr in eines der besagten Separees. Unter den Augen von zig männlichen Geschäftsmännern, die ihm anerkennende bis neidische Blicke zuwarfen.
Mit flinken Fingern drehte Merrie das Schild an der Separee-Tür auf die Seite, auf der ‚Do not disturb‘ stand. Nicht nur betört von ihrem Parfüm, machten sich Ed drauf und dran, sein Versprechen einzulösen.

~~~

Zufrieden zupfte Ed seine Haare vor dem Spiegel zurecht. Außerdem richtete er seine Krawatte, bevor er das Separee verlassen würde. Merrie trat Ihren Flug nach Washington bestimmt sehr entspannt an. Zumindest war das Eds Meinung. Gleichzeitig war es Balsam für sein Selbstvertrauen. 
Dass Ed kein Kind von Traurigkeit war, durfte spätestens jetzt jedem klar sein. 
Jedoch waren seine wilden Jahre schon etwas länger vorbei. 
Heute galt für ihn Qualität statt Quantität!
Und Qualität hatte er verdammt nochmal geliefert, sagte er zu seinem Spiegelbild. Und fast stimmte es ihn ein wenig traurig, dass er seine ‚rote Merrie‘, wie er sie liebevoll nannte, nie mehr wiedersehen würde.
Und so verließ er das Separee und sah sich überrascht in der Lounge um. Vorhin war hier doch noch viel mehr los, wunderte er sich. 
Er stellte seine Aktentasche neben einen Hocker an der Bar und orderte eine ganze Flasche Wasser. Noch hatte er gut dreißig Minuten Zeit. Gelassen beäugte er die Abflugtafel; sein Flug nach Tokio-Narita würde pünktlich starten.
Das wiederum veranlasste ihn wieder über den eigentlichen Grund seines Flugs nachzudenken. Er nahm gedankenverloren Platz an der Bar und nahm einen Schluck Wasser. 
Dann holte er das Smartphone aus der Tasche und checkte seinen Sitzplatz. Er rief das E-Ticket in der App auf und nickte zufrieden. An jenem Platz würde er ganz sicher in Ruhe sein Wissen über Einbruchwerkzeuge, Betäubungsmittel und Sektenführer vertiefen können. 
Und vor allem Quillshs persönliche Nachricht lesen. 
Er überlegte kurz und dachte darüber nach, sich den Mori-Fall jetzt gleich anzuschauen. 
Ed bückte sich und griff nach der Aktentasche. Jedes Mal, wenn er Wataris Laptop in seinen Händen hielt, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Erfreulich war auch, dass das verschnörkelte ‚W‘ seit seiner erstmaligen Benutzung nicht mehr auftauchte. Es sah aus wie ein ganz normales Laptop. Das hatte er bereits gestern Abend festgestellt. Es gab also keinen Grund zur Sorge.
Und trotzdem sah sich Ed um. Es war ihm lieber, wenn sich niemand in seiner Nähe aufhielt. 
Also rief er den Internet-Browser auf und tippte mit flinken Fingern ‚Mori-Fall‘ ein. Sofort zeigte ihm Suchmaschine Nummer Eins tausende von Ergebnissen an. Er rief den erstbesten Artikel auf:


Tokio
Die neueste Serie von Kindesentführungen hat ein Ende. Wie am Vormittag des 26. Juli bekannt gegeben wurde, ist es der Polizei gelungen, die fünf mutmaßlichen Täter auszuschalten. Ausschlaggebend für die Ergreifung der Täter sollen Nachforschungen von ‚L‘ gewesen, der die Ermittlungen, im Zuge einer ganzen Entführungskette, übernommen haben soll.
Demnach soll es dem Privatdetektiv gelungen sein, innerhalb weniger Stunden die Täter ausfindig und mithilfe der japanischen Polizei unschädlich gemacht zu haben. Zeugen gaben sogar an, L’s Kontaktmann ‚Watari‘ am Einsatzort gesehen zu haben. Aus nicht bestätigten Kreisen hieß es, einer der Täter sei tot. Die anderen Vier festgenommen. Wie es um die entführten Kinder steht, ist zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt.
International ist soeben bekannt geworden, dass es noch mehr Kindesentführungen dieser Art gegeben haben soll. Es ist davon auszugehen, dass es sich um mehrere, kriminelle Organisationen handelt, ließ ein Sprecher der Interpol durchsickern. Ob und inwiefern diese Verbrechen miteinander in Verbindung stehen, wollte der Sprecher unkommentiert lassen. Ebenso wie die Frage, ob die weiteren Ermittlungen auch von ‚L‘ geleitet werden würden.

 

Eds Erinnerungen frischte allmählich wieder auf. Richtig, dachte er, L hatte es damals geschafft, einen internationalen Kinderhändlerring zu zerschlagen. Er erinnerte sich, dass der Mori-Fall deshalb so hieß, weil Mori der Familienname des ersten entführten Kindes war und man damals noch von einem Einzelfall ausging. Schnell gab Ed ‚Kinderhändlerring L‘ in die Suchmaschine ein und stellte schnell fest, dass L in seiner Karriere nicht nur einen dieser Verbrecherringe unschädlich gemacht hatte. Er las sich die Überschriften passender Ergebnisse durch und klickte auf den Artikel einer bekannten Erläuterungs-Plattform:


Internationaler Kinderhändlerring ‚TK‘ zerschlagen!
Nachdem L bereits den ‚Mori-Fall‘ in Japan und den ‚Calgary-Leak‘ in Kanada aufgeklärt und Schlimmeres verhindert hatte, ist es ihm weiterhin gelungen, Zweige der kriminellen Organisation in Brasilien, Venezuela, Südafrika, Frankreich, Deutschland, Polen, Russland und China zu zerschlagen. Die Medien feierten L als Helden, da er mehr als 42 Familien wiedervereint und insgesamt 41 Kinder aus den Fängen der Kriminellen retten konnte. Weinende Mütter, Väter und Familien waren auf allen internationalen Nachrichtenkanälen zu sehen. Tausende Dankesbriefe Anteilnehmender gingen bei Interpol ein. Doch Nachfragen und Interviewanfragen wurden stets abgelehnt.
Auch die Bitte, eine schriftliche Stellungnahme abzugeben, wie genau L den Aufenthaltsort der Täter ermittelte, blieb unbeantwortet und laut Präsident der Interpol, Jaques Leroy, unter Verschluss.
Kritiker gingen sogar soweit zu behaupten, dass L Untergruppierungen der TK ausspionieren ließ und im Gegenzug gedeckt haben soll, um an Informationen zu gelangen. 
Leider gibt es noch weitere kritische Stimmen zu vermelden: Viele Familien fühlten sich benachteiligt, deren Kinder entführt wurden und nicht von L gerettet werden konnten. Außerdem sollen etliche der mutmaßlichen Täter bei Polizeieinsätzen ums Leben gekommen sein. Ein Polizeibeamter aus Südafrika behauptete, Tötungsbefehl erhalten zu haben. Auch im sogenannten ‚Mori-Fall‘ ist nachweislich ein entführtes Kind und ein Täter ums Leben gekommen.

 

Ed schluckte schwer und fragte sich gleichzeitig, weshalb er sich ausgerechnet über diesen Fall informieren sollte. Es gab keine neuen Entführungen. Zumindest fand er keine Hinweise darauf. Natürlich konnte es auch möglich sein, dass davon noch niemand etwas wusste. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Vor allem, als er sich die Stelle über Watari im ersten Artikel nochmals durchlas. Watari wurde laut Zeugenberichten am Tatort gesehen. Im nächsten Satz schon wurde ein getöteter Verbrecher erwähnt… 
Sicher nicht nur in Eds Kopf fügten sich beide Sätze zu etwas Unheilvollem zusammen. 
Und dann war da noch die Sache mit dem toten Kind…
Eds blühende Fantasie nahm gar kein Ende, als er sich besagte Stellen immer und immer wieder durch den Kopf gehen ließ.
»Passagiere der ersten Klasse, gebucht auf den Japan Airlines Flug JL9912, werden zum Boarding aufgerufen. Bitte halten Sie Ihren Reisepass und Ihr Flugticket bereit und begeben sich zu Gate 24. Ich wiederhole, Gate 24. Der Flughafen London Heathrow und die Japan Airlines wünschen Ihnen einen angenehmen Flug!«
Seelenruhig klappte Ed das Laptop zu und verstaute es wieder in der Aktentasche. Dann schlüpfte er in seinen Mantel, steckte das Smartphone in seine Tasche und vergewisserte sich, dass er nichts zurücklassen würde. Kurz darauf eilte er in Richtung Gate 24.
Dort angekommen, begrüßten ihn zwei nette, uniformierte Damen der japanischen Airline, kontrollieren Pass und Flugticket und verbeugten sich lächelnd. Mit festen Schritten marschierte er über die Fluggastbrücke und wurde dort von einer bereitstehenden Flugbegleiterin zu seinem Platz gelotst. Er bekam sogar eine kleine Einweisung in den futuristisch anmutenden Sitz. Dieser erinnerten ihn an diverse Sci-Fi-Filme. 
Ed verfrachtete seinen Mantel an den Kleiderhaken seiner ‚Einmann-Kabine‘ und pflanzte seinen durchtrainierten Hintern auf den bequemen Sitz. So ließ es sich leben, dachte er und testete mit wenigen Handgriffen selbst, wie sein Sitz wahlweise in ein fliegendes Büro oder in ein fliegendes Bett verwandeln sollten. Alles funktionierte reibungslos.
Es dauerte eine ganze Weile, bis alle Passagiere eingestiegen und die Crew abflugbereit war. Ed musste mit seinen Nachforschungen warten, bis die Maschine Flughöhe erreicht hatte und alle Lämpchen über ihm aufhörten zu leuchten. Ein kurzer Ton kündigte jegliche Veränderung der Begebenheiten an. 
Schon kurz nach Erreichen der Flughöhe wurde Essen serviert. Die erste Klasse wurde selbstverständlich zuerst bedient. Und so kam Ed zum allerersten Mal mit japanischem Essen in Berührung, obwohl er seine Mahlzeit hätte im ‚Western Style‘ ordern können. 
Sogleich war es auch das erste Mal, dass Ed mit Ess-Stäbchen kämpfen musste, die O-Hashi genannt wurden, wie ihm die überaus freundliche und äußerst engagierte Flugbegleiterin von vorhin erklärte. Sie hörte übrigens auf den für Ed äußerst exotisch klingenden Namen Mayumi. 
Schlussendlich gab Ed auf und nahm doch lieber Messer und Gabel.
Nachdem zügig abgeräumt wurde, befasste sich Ed wieder mit Sprengstoffen, Munitionsarten, Drogenbossen sowie gesuchten Spionen inklusive deren unscharfer Fotos. Doch nach einer Weile ließ Eds Konzentration so nach, dass er kurz vorm Einschlafen war. 
Ed wusste sich nur noch zu helfen, indem er auf Quillsh Wammys Nachricht klickte.


Lieber Ed,
ich danke dir. 
Nicht nur im Namen von L, Roger, allen Angestellten und natürlich auch den Kindern für deine langjährigen Dienste und Treue. 
Sondern vor allen Dingen in meinem Namen. 
Auch, wenn es dir bisher nicht bewusst gewesen ist, hast du mir wahrlich eine ganze Menge Arbeit erspart. Arbeit, für die ich, schlicht und ergreifend gesagt, nicht auch noch Zeit gehabt hätte. 
Nun weißt du auch den Grund dafür. 
Um ehrlich zu sein, stehst du schon seit einigen Jahren als mein Nachfolger fest. Ich hoffe, du verstehst, weshalb wir dich im Unklaren gelassen haben. 
Doch nun möchte ich, dass du die Wahrheit erfährst!
L und ich haben dein Leben bereits seit Beginn deiner Tätigkeit in unserer Einrichtung beeinflusst. Sowohl positiv, als auch negativ. Bitte verzeih uns diese Eingriffe in dein Leben und deine Privatsphäre.

 

Ed unterdrückte den immer dicker werdenden Kloß in seinem Hals. 
Wie in Zeitlupe drehte er den Kopf zur Seite und sah zum Fenster hinaus. Viel gab es nicht zu sehen, da es bereits dunkel war. Nur in weiter Ferne konnte er einige leuchtende Punkte ausmachen. Er hatte eine nachdenkliche Miene aufgesetzt und er begann, sich an mehrere Begebenheiten mit Quillsh Wammy zu erinnern. So sehr, dass alles wieder hochkochte. 
Emotionen wie Freude, Trauer und vor allem der Schmerz. 
Intuitiv wusste Ed schon damals, dass mehrere ‚Zufälle‘ in seinem Leben wohl doch keine allzu großen ‚Zufälle‘ gewesen sein konnten. Auch, wenn er sie aus seinem Gedächtnis verbannt hatte.  
Sie wurden eingefädelt. Hier stand es schwarz auf weiß. 
Und mit einem Mal schien alles auf perfide Weise Sinn zu ergeben. Sowohl das, was ihm in seinem Leben widerfuhr und auch was nicht...


Mir und auch L ist völlig klar, welch ein Schock diese Offenbarung für dich sein muss. 
Ich kann mich nur in aller Form dafür entschuldigen. Doch wir brauchen dich, Ed! 
L braucht dich! Deshalb bitte ich dich auch in seinem Namen um Vergebung. 
Wir sind uns sicher, dass genau du dafür geschaffen bist.
Und das Risiko, dich schon Jahre zuvor einzuweihen, wäre zu hoch gewesen.
Ich habe sehr viele Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin. Und diese Tatsache ist unweigerlich eine weitere Kerbe in der Aufzählung der schlimmsten Dinge, die ich je einem Menschen angetan habe. 
Was ich dir angetan habe…
Nicht nach deinem Willen entscheiden zu dürfen… 
Nicht dein Leben so leben zu können, wie es hätte sein sollen… 
Und dir diese Aufgabe aufzubürden…
Ich kann dich nur nochmals um deine Vergebung bitten. 

 

Eine einsame Träne lief Eds Wange hinab.


Leider ist es in unserem Beruf unabdingbar, Opfer zu bringen. Große Opfer!
Und so manches Mal wirst du an der Menschlichkeit dieser paradoxen Aufgabe zweifeln. 
Aber ich versichere dir, dass du damit viel Unheil von Unschuldigen und Schutzbefohlenen abwendest. Ich habe dir für deinen weiteren Lebensweg einige sehr wichtige Dinge hinterlassen. Du findest alles im Ordner ‚BGNG‘. Lies ihn bitte sorgfältig durch. 
Versuche auf Einsätzen möglichst nicht aus einer Emotion heraus zu handeln. Das wirst du konzentriert üben müssen, denn es wird deine größte Schwäche werden.
Keine Sorge, L weiß das. 
Schließlich wirst du von deinen Aufträgen träumen, schweißgebadet aufwachen und wieder mit ihnen einschlafen. Das gibt sich im Lauf der Zeit. 
Gedulde dich und bedenke dabei immer, dass du dich in ständiger Gefahr befindest. Sie lauert überall. Es wäre fatal, davon auszugehen, dass du nie in eine kritische Situation geraten wirst. Es wird, je nach Auftrag, andauernd passieren. Und manches Mal wirst du nur einen Hauch vom Tod entfernt sein. Schule dein Gespür für gefährliche Situationen. Unbedingt!
Sei niemals unbewaffnet. Wenn du, in welchen Situationen auch immer, nicht die Oberhand hast, musst du zwingend Opfer in Kauf nehmen. Verhalte dich so unauffällig wie nur möglich. Nur lebend nützt du den Menschen, die dringend auf deine Hilfe angewiesen sind!
Rede mit L. Tausche dich regelmäßig mit ihm aus. Er wird dir völlig neue Sichtweisen auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt eröffnen. 
Der Verstand ist seine schärfste Waffe. Er nutzt ihn. 
Nutze du ihn ebenfalls! 
Und genau wie negative Dinge, werden dir auf deinen unzähligen Reisen auch jede Menge positive Dinge wiederfahren, die du völlig neu zu schätzen lernen wirst.
Führe ein so normales Leben, wie es einem Watari möglich ist.

 

Ed schnaufte tief durch.


Vertraue L. Er ist ein außergewöhnlicher Mann. Er kennt dich. Er hat dich mit meiner Hilfe jahrelang observiert. Man kann schon sagen: Er hat dich studiert. Er kennt dein psychisches und physisches Profil. Lass zu, dass er zum wichtigsten Teil deines neuen Lebens werden wird. 
Erweise ihm bitte diese Ehre! 
Denn du bist die einzige Bezugsperson, die er haben kann.
Du wirst sehr schnell bemerken, dass er Emotionen nur selten zeigt. Was aber nicht bedeutet, dass er sie nicht hat. Er zeigt sie auf eine besondere Weise. Wenn du ihn etwas länger kennst und beobachtest, wird es dir immer leichter fallen, sie zu deuten. Dränge ihn zu nichts; gerade am Anfang. 
Wie ich immer schon sagte: Warte, bis er bereit ist und auf dich zukommt! 
Auch L ist nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und das ist der Punkt auf die Sicht der Dinge, in welchem Roger und ich uns grundlegend unterscheiden. Roger sieht in L leider etwas völlig anderes.

 

Aufmerksam las Ed jede einzelne Zeile. Zeilen, die ihn zutiefst berührten. Zudem erschien nun das unscharfe Bild eines kleinen Jungen vor seinem geistigen Auge. 
Jenes Bild, welches zu dem Menschen passen könnte, den Quillsh Wammy in seinen Zeilen beschrieb. Nur der Name wollte Ed kein Stück einfallen.


Versprich mir, dass du auf ihn aufpassen wirst.
Ls Sozialkompetenz ist eingeschränkt. Sieh ihm das nach und unterstütze ihn. Sei ihm die Person, auf die er sich stets verlassen kann. Dann garantiere ich, wirst du deine Lebensaufgabe darin finden, an Ls Seite zu sein. 
Sprich ihn nicht auf meinen unumgänglichen Tod an. 
Auch hier bitte ich dich wieder: Lass ihn den ersten Schritt machen. Er wird kommen, wenn er bereit dazu ist!

 

All diese Sätze hatte er schon so oft von Quillsh gehört. 
Und das Bild des Jungen wurde schärfer und schärfer.
Er war ein unauffälliger Junge, dessen Existenz Ed schon fast vergessen hatte. Obwohl ihm diese Erkenntnis wahrlich ein Rätsel war. Nur allzu deutlich konnte er sich noch an jenen Tag erinnern, als er aus dem Urlaub in Wammy’s House zurückkehrte. Roger teilte ihm sofort nach dessen Ankunft mit, dass der mittlerweile schon vierzehnjährige Junge adoptiert worden war. 
Genau zu jener Zeit, als Quillsh Wammys Abwesenheit immer häufiger wurde. Auch konnte er sich noch genau daran erinnern, dass er sich sehr für den Jungen gefreut hatte. 
Ausgerechnet jenes kleine Genie, welches sogar den Lehrern weit überlegen war, hatte eine liebende Familie gefunden.
Für Ed damals ein kleines Wunder. 

Fast beschämt legte Ed seine Hand auf die Augen. Dieses Genie war natürlich kein geringerer als L. Der Junge mit einem fast schon krankhaften Faible für Süßigkeiten, der stets alleine in einer Ecke oder auf der Treppe saß und nachdachte. Der Junge, der nur eine einzige Person je an sich herangelassen hatte: Quillsh Wammy. 
Sein starrer, fast schon toter Blick, mit welchem er Ed musterte, als würde er in ihm lesen können. Diese fast schon unheimliche Präzision, mit der er alles analysierte. 
Immer wieder sah er ihn mit diesem todernsten Blick an, wenn er sich zu ihm hinunterkniete. 
Ed sah ihn kein einziges Mal lächeln. Als wenn die ganze Welt auf seinen schmalen Schultern lasten würde. Das Einzige, was seine Laune hob, waren Süßigkeiten aller Art. 
Jedes Mal, wenn Ed und Quillsh sich begegneten, sprach er ihn darauf an. 
Ed war total entmutigt, was den Jungen anging. Immer wieder hatte er vergeblich versucht, den Kleinen aus der Reserve zu locken. Und jedes Mal wurde er abgewiesen. Es nagte gewaltig an Eds Ego, der sich immer gut mit den Kindern verstand. Die ihn sogar als Freund betitelten. 
Wammy sah damals lächelnd zu ihm auf: ‚Lass ihm Zeit. Er wird erst reagieren, wenn er bereit dazu ist‘ oder ‚Hab Geduld und lass ihn auf dich zukommen‘.
Letzten Endes hatte Ed nie Zugang zu ihm finden können.


Ed, ich glaube du weißt nun, von wem die Rede ist. Wer L ist.
Außerdem sollst du wissen, dass dir auf meine Bitte hin niemand erzählt hat, wer er ist. 
Ich wollte es dir selbst mitteilen!
Wenn auch nicht persönlich. Denn das bin ich dir mindestens schuldig. 
Und gib nicht nur ihm Zeit. Auch dir! Wachse in deine neue Aufgabe hinein. 
Bedenke bitte, dass L sich zumeist anders ausdrückt; teils sogar in Rätseln spricht. 
Wir alle sind uns sicher, dass du diese Aufgabe meisterst, wie kein Zweiter. 
Die Freude meinerseits ist so groß, dich als meinen Nachfolger zu wissen. 
Nur du besitzt das nötige Feingefühl, Watari zu werden.

Nun kann ich in Frieden gehen.
In aufrichtiger und ewiger Freundschaft,
Quillsh Wammy

 

Nun bahnten sich eine Reihe Tränen den Weg über Eds Wangen. Er versuchte noch nicht einmal, sie aufzuhalten, sondern dem emotionalen Chaos Herr zu werden, welches ihn gerade zu verschlingen drohte. Zuviel Information in solch kurzer Zeit. 
Erinnerungen an Trauer und Hoffnung. Das Ganze gepaart mit eiskalter Berechnung und Manipulation, die Ed in eine vorgegebene Rolle zu pressen schienen, für die man ihn auserkoren hatten. Ohne zu fragen. Ohne Rücksicht. 
Diese Skrupellosigkeit, die sich dahinter verbarg, machte Ed am meisten zu schaffen. 
Gerade deshalb, weil er kein skrupelloser Mensch war.
Auf der anderen Seite schrieb Quillsh Wammy, dass ihn gerade diese Eigenschaft wohl zu einem ‚guten‘ Watari machen würde. Was auch immer es bedeutet, ein 'guter Watari' zu sein...
Ed hielt sich die Hand vor den Mund. Versuchte die Übelkeit zu unterdrücken. 
Seine Augen starrten in die Dunkelheit außerhalb des Flugzeugs. 
Als sich Ed wieder einigermaßen gefangen hatte, klappte er das Laptop zu. Dann lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Die leichten Erschütterungen des Flugzeugs spürte er bis ganz tief in seine Magengegend. 
Er sah sich nun konfrontiert mit der traurigen Leere seiner Vergangenheit. Noch einmal rief er sich den kleinen Jungen ins Gedächtnis, dessen Name ihm immer noch nicht einfallen wollte. Abermals kniete er neben ihm und versuchte, irgendeinen Zugang zu ihm zu finden. Ed wollte schon aufgeben, als der Kleine ganz behutsam den Kopf in Eds Richtung drehte. Er sah ihn durchdringend an. Durchdringender als sonst. Intensiver als sonst, obwohl dies fast unmöglich zu sein schien. 
Völlige Ausdruckslosigkeit lag dabei auf diesem jungen, ebenerdigen Gesicht. 
Ed hielt diesem Blick, wie so oft, stand und lächelte sanft. 
Auch dieses Mal erhoffte er sich keine Reaktion. 
Doch plötzlich war es da. Auch, wenn sein Gesicht ohne jegliche Veränderung zu sein schien. 
Es war endlich da! 
Daraufhin wurde Eds Lächeln immer breiter. 
Langsam und nahezu lautlos nahm der Junge mit den viel zu großen Klamotten eine Tüte mit Geleebohnen und hielt sie Ed entgegen.

~~~

Eine sanfte Berührung riss Ed aus seinem tiefen Schlaf. Die mandelförmigen Augen der Flugbegleiterin schauten ihn direkt an. Freundlich wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich in wenigen Minuten im Landeanflug auf Tokio befinden würden. Ed hatte also über neun Stunden durchgeschlafen, was ihn selbst am meisten irritierte.
Er nickte stumm, packte das Laptop ganz ein und verfrachtete es mitsamt der Aktentasche auf den Boden. Anschließend nahm er die beiden Teile des Gurts und fügte sie zusammen. 
Verschlafen schaute er aus dem Fenster. Draußen war es hell und trotz Scheibenverdunkelung faszinierte Ed das schier unendliche Blau des Ozeans unter sich. 
Sein Schicksal war besiegelt. Daran ließe sich nun nichts mehr ändern. Doch glücklicherweise bescherte ihm der erholsame Schlaf auch eine positivere Sichtweise auf die Dinge, die nun einmal geschehen und genauso unwiderruflich waren.
Was er nun vor allen Dingen brauchte, war Vertrauen. 
Vertrauen in Quillsh Wammy, auf dessen Urteil er sich stets hatte verlassen können. Blind.
Außerdem brauchte er Vertrauen in sich selbst. Und natürlich Vertrauen in L.
Ohne Frage würde er Wammy verzeihen und auf seine Bitte eingehen. 
Würde L eine neue Chance geben. Sogar Hunderte, wenn es sein musste!
Sein in die Wege geleitetes Studium, auch der Sport, das Schießen, die Bücher, selbst sein Single-Dasein. All das sollte ihn letztlich auf das vorbereiten, auf was er zusteuerte. Selbst die kleinen Anekdoten, die Wammy in seiner Gegenwart erwähnte, dienten alle nur dem einem Zweck. 
Dass Quillsh Wammys Freundschaft echt war, daran zweifelte Ed keine Sekunde.
Eds Leben lief wie im Zeitraffer an ihm vorbei und formierte sich um eine Person: einen kleinen Jungen, der immer älter wurde und das Zeug dazu hatte, einmal Meisterdetektiv zu werden. Und damit der ganzen Weltbevölkerung unaufhörlich seine Dienste erwies. Meist sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Einem mittlerweile Neunundzwanzigjährigen, dessen Ruf, Können und Perfektion ihm vorauseilten. Und dem Ed in nicht einmal mehr zwei Stunden direkt gegenüberstehen würde.

Ed befand sich bereits im Nobelhotel des Tokioter Stadtteils Minato. Den ersten Marathon durch die Megametropole hatte er unbeschadet überstanden. Dass er dabei jedoch in einem Taxi gesessen und durch die Gegend chauffiert wurde, brauchte ja nicht jeder wissen. 
Dafür hatte er dann eine saftige Taxi-Rechnung erhalten. Allein der Gedanke an den Preis verursachte bei ihm Schwindelanfälle. Auch die schier überdimensionale Anzahl von Ampeln und Werbetafeln imponierten den gebürtigen Londoner noch immer. Wenigstens blieb ihm so der gute, alte Linksverkehr.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, sprach der kleine Herr hinter der Rezeption in gebrochenem Englisch und leichter Verbeugung. Ed schielte etwas nervös zu seinem Mobiltelefon.
»Mein Name ist… Hwang Jeong und mir wurde gesagt, die Zimmerkarte meiner Suite sei bereits hinterlegt.«
Die Reaktion des Hotelangestellten sprach Bände. Und so war Ed wohl nicht der Einzige, der an der Glaubhaftigkeit eines solchen Namens in Kombination mit einem europäischen Gesicht Zweifel hegte. Anschließend setzte Ed sein vertrauensseligstes Lächeln auf und hoffte inständig, den Namen halbwegs richtig ausgesprochen zu haben. Außerdem unterdrückte er den Impuls, sich am Hinterkopf zu kratzen. Bereits auf der Taxifahrt zum Hotel hatte er sämtliche Übersetzungsprogramme nach der passenden Lautschrift durchforstet und fast vergeblich versucht, sich die Aussprache des Namens einzuprägen. 
Nach kurzem Abschätzen jedoch, lächelte der Hotelangestellte seine skeptischen Gedanken einfach beiseite.
»Mr. Jeong. Ich begrüße Sie recht herzlich. Ihre Anmeldung ist bereits erfolgt. Hier ist Ihre Zimmerkarte. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus. Mr. Yamada, unser Porter…«, dabei deutete mit der flachen Hand nach unten gerichtet, an Ed vorbei, »…bringt Sie sofort nach oben in Ihre Suite.«
Ed schaute schräg hinter sich. Dort stand besagter ‚Porter‘. Selbstverständlich in Uniform, kleinem Hütchen und mit tiefer Verbeugung. Neben ihm ein goldener Gepäckwagen, der Ed an die guten, alten Hollywoodschinken von früher erinnerte. Außerdem wunderte es ihn, dass dem Empfangskomitee des Hotels der Begriff ‚Porter‘ gebräuchlich war. Ein Porter war nichts anderes, als die altenglische Bezeichnung eines Kofferträgers; auch Page genannt.
»Vielen Dank und einen schönen Tag noch«, verabschiedete sich Ed und folgte Yamada. 

Je weiter sie sich der Suite näherten, desto mehr Adrenalin jagte durch Eds Adern. 
Im Aufzug lief derweil klassische Fahrstuhlmusik. Und in rasantem Tempo beförderte er nicht nur den Gepäckwagen, sondern auch den Kofferträger und ‚Hwang Jeong‘ in den 36. Stock. 
Währenddessen vibrierte es in Eds Mantel, was seiner Aufregung neue Höhenflüge beschied. 
L schrieb: Ich warte im Zimmer nebenan.
Ed wurde warm und kalt zugleich. Ruhelos sah er zwischen Gepäckwagen und dem Japaner mit Hütchen hin und her. Der Page wiederum schien die Ruhe selbst zu sein.
Der sanfte ‚Bing‘-Ton machte die beiden schließlich darauf aufmerksam, dass sie im Zielstockwerk angekommen seien. Yamada überließ Ed den Vortritt, was er durch eine sanfte Handbewegung inklusive Verbeugung verdeutlichte. Ed nickte und betrat einen edel dekorierten Flur. 
Neben einem riesigen Spiegel hing ein Retro-Telefon; sogar mit Wählscheibe. Üppige Blumenarrangements verzierten die Gänge des Hotels.
Nostalgie pur, scherzte Ed gedanklich, um sich selbst zu beruhigen. Yamada fixierte einen Zettel in seiner Hand. Ed prüfte ebenfalls die Zimmernummer auf dem hübsch gefalteten Papier-Etui. Darauf angedruckt stand die Nummer 3608. 
Wortlos schritt der Page an ihm vorbei. Ed folgte unauffällig und sah sich die sagenhafte Aussicht durch die schmalen Fenster an, die den ganzen Flur hindurch aneinandergereiht waren. Leider waren sie sehr klein und nicht gerade in Eds Sichtfeld, weshalb seine Haltung sehr zu wünschen übrig ließ. Langsam näherte sich das Ende des langen Flurs. 
Ed atmete gleichmäßig ein und aus. Jedoch stieg seine Aufregung ins schier Unermessliche, als sie an der Zimmernummer 3606 vorbeimarschierten und nur noch eine Tür folgen würde.  
Unweigerlich fragte sich Ed, ob L ihn bereits beobachtete? 
Als Ed die Schlüsselkarte über den Sensor neben der Zimmertür 3608 bewegte, drückte Yamada die Tür auf. Daraufhin betrat Ed als Erster den Raum. Yamada verausgabte sich derweil mit Eds schwerem Reisekoffer.
Der wiederum unterdrückte das vorherrschende Gefühl, dem kleinen, schmächtigen Uniformträger helfen zu wollen. Sein Reisekoffer wog mindestens genauso viel wie sein Träger selbst; auch und das wusste auch Ed, wenn diese Annahme ein klein wenig übertrieben war. Dennoch hievte der Japaner unter großer Kraftanstrengung das gewichtige Gepäckstück auf den bereitstehenden Kofferhalter. 
Ed fiel sofort der angenehme Raumduft auf. Er durchquerte den raumeigenen Flur und entdeckte sofort die spektakuläre Aussicht, die der Wohnbereich zu bieten hatte. 
»Ist das Zimmer in Ordnung?«, fragte Yamada kleinlaut.
Ed dachte kurz darüber nach, was wäre, wenn er ‚Nein‘ sagen würde? Gab es denn ein besseres Zimmer, außer einer Suite für schlappe 1.600 £ die Nacht? 
»Ja, die Aussicht ist großartig«, antwortete er freundlich und erinnerte sich nun auch wieder daran, Japanern generell kein Trinkgeld zu geben, da dies als würdelos erachtet wird.
Daraufhin lächelte Yamada zufrieden und ergänzte in schlechtem Englisch: 
»Sollten Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte unter der Durchwahl Null an den Concierge.«
Es folgte nochmals eine ganz tiefe Verbeugung, bevor er sich schleunigst aus dem Staub machte.

Da stand Edward Thompson; alias John Denker aka Hwang Jeong. 
In einem der schönsten und exklusivsten Zimmer, die er je gesehen hatte. Mitten in Tokio. 
Und direkt nebenan wartete der vermutlich beste Detektiv der Welt bereits auf ihn. 
Zuvor musste er sich setzen; alleine um zu realisieren, dass er angekommen war. 
Aufregung war für ihn kein besonders positives Gefühl, sondern löste permanent Fluchtinstinkte in ihm aus. So manches Mal hatte er sich bereits gefragt, wie Leute es schafften, vor Publikum aufzutreten und die diesen Zirkus jeden Tag mitmachten? 
Mittels dem Stressbewältigungsprogramm aus Wammy’s House-Zeiten versuchte Ed, sich etwas zu entspannen. Es half ein stückweit und so nahm Ed sich die Zeit, sich ein wenig umzusehen und die letzten beiden Stunden Revue passieren zu lassen.
Die Suite bestand aus einem relativ großen Flur, der durch eine weiße Holztür mit dem Wohnbereich verbunden war, in welchem er jetzt saß. Es gab noch zwei weitere Türen auf der rechten Seite. Wahrscheinlich Bad und Schlafzimmer, vermutete er. Ein sehr gemütliches, helles Ambiente umgab ihn. Genau in Blickrichtung des Sofas befand sich die gewaltige Aussicht auf Tokio. Genau jene, die er sich einmal genauer betrachten sollte. 
Ed stand auf.
Zwischen den ganzen Wolkenkratzern gab es viele kleinere Gebäude mit Tausenden von winzig Fenstern zu bewundern. Was ihn bereits seit seiner Ankunft erstaunte, war die Tatsache, wie rücksichtsvoll die Japaner untereinander umgingen. Selbst am Flughafen. Außerdem faszinierte ihn die Sauberkeit der Stadt. Tokio wirkte sehr modern. Überall glänzte und schimmerte es. Und die Werbetafeln mit den japanischen Schriftzeichen verliehen der Stadt Exotik pur. 
Zumindest für Nicht-Einheimische; wie Ed. 
Ed blickte aus dem Fenster; mit Händen hinter dem Rücken. Bei Dunkelheit würde diese Aussicht sicher noch spektakulärer werden, erahnte Ed. Die Betonbauten hatte alle möglichen Formen und Farben. Manche wirkten sogar ein wenig deplatziert, weil einige der Gebäude den Eindruck machten, sich sehr vom Rest abheben zu wollen. Alles in allem eine ungewöhnliche Mischung, wie er sie aus London gar nicht kannte. London wirkte anders als Tokio. Den Unterschied konnte Ed nicht genau in Worte fassen. 
Der Ausblick war jedoch atemberaubend. Ganz nebenbei lockerte Ed die Hände und nahm das Smartphone aus der Tasche. Er schoss ein paar Fotos. Dabei bemerkte er, wie viele Funktionen diese schlicht wirkende Smartphone-Kamera doch hatte.
Aber schon bald ließ er die Hände mitsamt Mobiltelefon wieder sinken.
Es hatte ja doch keinen Sinn, reflektierte er. Er sollte keine Zeit mehr verlieren. 
Er musste L sehen. Den Mann hinter der verzerrten Stimme kennenlernen. 
Vorher würde er diese Aussicht kaum wirklich genießen können. 
Bevor er sich endgültig auf den Weg ins Nachbarzimmer machte, öffnete er die bereitstehende Flasche Wasser. Er trank sie mit nur einem Zug aus und wunderte sich ein wenig über den seltsamen Geschmack. Japanisches Wasser schmeckte anders als englisches. Ein wenig nach Chlor.
Natürlich warf er auch noch einen schnellen Blick in die übrigen Zimmer. Wie vermutet, handelte es sich hierbei um ein Schlafzimmer sowie um das Bad. Schnell schlüpfte er aus seinem Mantel und betrachtete die üppige Wanne, die den meisten Platz darin einnahm. 
Dann trat er vor den Spiegel. Zufrieden nickte er und zupfte ein paar seiner Haare zurecht. Außerdem untersuchte er sein Jackett auf helle Flusen und richtete seine Krawatte. Er wollte schließlich einen guten, ersten Eindruck hinterlassen.

Wieder draußen, steckte er sich das Mobiltelefon in die Hosentasche und hängte seinen Mantel an die Garderobe. Dann schnappte er sich die Schlüsselkarte, sammelte sich kurz und betrat erneut den Hotelflur. 
Nur langsam näherte er sich der Nachbartür und hielt gebührlich Abstand. Er musterte die Tür wie das Ausstellungsstück eines Museums. Zwar platzte er fast vor Vorfreude, jedoch war er auch unsicher. Normalerweise machte er sich weniger Gedanken, ob er nun klingeln oder besser klopfen sollte?
Als er einen Schritt zur Seite ging, fiel ihm auf, dass die Tür mit der Nummer 3606 nur angelehnt war. »Gott sei Dank!«, murmelte er vor sich hin und war dankbar, dass sich außer ihm niemand auf dem Flur befand. Damit hatte sich das Problem mit Klingeln oder Klopfen von ganz allein erledigt. Beziehungsweise es wurde von L erledigt.
Jedoch empfand es Ed als unhöflich, einfach so ohne Ankündigung hineinzuplatzen. 
Ed starrte den winzigen Spalt der Tür beinahe nieder. 
Er atmete noch einmal tief durch. L wusste doch schließlich, dass er hier war und so fasste er sich ein Herz. Gleich würden sie sich wiedersehen. Würde demjenigen gegenüberstehen, den er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. 
Kaum dachte Ed diesen Gedanken zu Ende, tauchten schon wieder neue Zweifel auf. 
Was, wenn sich hinter L jemand ganz anders verbarg?

Langsam stupste er die Tür an. Glücklicherweise gab sie keinen Laut von sich. 
Ed wollte bei seiner ersten Begegnung mit L nicht durch ohrenbetäubendes Horrorfilmgequietsche auf sich aufmerksam machen. 
Er öffnete die Tür ein stückweit mehr und schlüpfte hindurch. Ganz vorsichtig und leise schloss er sie hinter sich. Dabei horchte er in die Stille hinein. Eine geheimnisumwobene Stille. 
Mit kleinen Schritten wagte er sich weiter vor. Der Flur zur Suite war hell beleuchtet und genauso eingerichtet wie seine, bloß spiegelverkehrt. Hell und modern. Relativ freundlich also, ganz ohne dunkle, englische Eleganz. 
Was ihm sofort in die Nase stieg, war der süßliche Duft, welcher sich im gesamten Raum zu verteilen schien. Wieder ein sicherer Hinweis auf Eds Theorie, um wen es sich bei L handelte. 
Und sofort blieb er stocksteif stehen, als er die Geräusche einer Tastatur wahrnahm. Erleichtert atmete er aus und schien froh darüber, dass L zu arbeiten schien.
Hatte L ihn etwa noch gar nicht bemerkt? 
Oder ignorierte er ihn? Darin war er ja bereits als Kind ein Ass. 
 
Ganz langsam setzte Ed einen Fuß vor den nächsten, um mehr Einblick durch die Sichtschutztür zu erhaschen. Genau dort, hinter jener Tür, müsste L sich eigentlich aufhalten. 
Der Raum schien sogar etwas abgedunkelt zu sein.
Wieder ertönte das Geräusch einer Tastatur. 
L tippte schnell. Jedoch kam es immer wieder zu kleineren Pausen. 
Fast so, als würde auch L zwischendurch ganz genau hinhören. 
Eds Atmung wurde immer flacher. Mittlerweile hatte er die rechte Hand am Türgriff. 
Genau in jenem Moment, als Ed den Griff nach unten drückte, verstummte das Geräusch der Tastatur komplett. 
Ed erstarrte und schloss die Augen.
Los Ed, mach schon!, sprach er gedanklich zu sich selbst.
Daraufhin öffnete er schwungvoll die Tür und betrat er den Wohnbereich. 
Das Zimmer war abgedunkelter, als es von außen den Anschein gemacht hatte. 
Eine Gestalt stand angelehnt an das riesige Panorama-Fenster.
Im Schatten des halb zugezogenen Vorhangs war er kaum zu erkennen.
Nur langsam gewöhnten sich Eds Augen an die Dunkelheit.
Natürlich kannte er denjenigen, der dort stand. Mit den Händen in den Hosentaschen. 
Ls Kopf neigte sich in seine Richtung, als Ed hinter dem Sofa zum Stehen kam. 
Sein starrer Blick. Wie damals. Emotionslos blickte ihm ein Gesicht entgegen, welches er so gut kannte. Dabei erschrak er über dessen immense Augenringe. 

Es war ein magischer Moment. Niemand sprach.
L stand auf der einen und Ed auf der anderen Seite des Raums. 
Und genau wie L, konnte auch Ed seine Augen nicht von der hageren, fast kränklich wirkenden Gestalt mit zerzausten Haaren lassen. 
Beide standen sie in jenem noblen Zimmer, in welches nur einer von ihnen zu passen schien. 
Und doch strahlte L eine unglaubliche Autorität aus. 
Bei Ed überwog eindeutig die Freude, ihn wiederzusehen. 
Denn fast stand ihm der Junge von einst gegenüber. 
Nur viel größer und durch die unverkrampfte Haltung lässiger wirkend. 
Glücklicherweise schien er sich nicht mehr vor ihm zu fürchten.  
»Lawliet!«, rutschte Ed freudestrahlend heraus.
Dessen Reaktion bestand ausschließlich darin, sich den Zeigefinger an die Lippen zu führen und ein leises »Pssst!« zu hauchen.
»Oh mein Gott. Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen, hm?«
Fast hätte Ed die Arme ausgebreitet, verkniff es sich aber im letzten Moment.
Noch immer befand sich zwischen ihm und L das Sofa; wie eine Barriere.
L starrte ihn weiter an. Erst nach einer für Ed gefühlten Ewigkeit antwortete er:
»Ist das eine rhetorische Frage?«
Ed lachte auf. Nicht, weil er über die Frage nachdachte, die L ihm stellte, sondern weil er von seiner Erwachsenenstimme, die er noch nie zuvor gehört hatte, so positiv überrascht war. Sie war angenehm, trotz monotoner Stimmlage, wie er sie schon als Kind an den Tag gelegt hatte.
Ed rührte sich nicht. Er stand immer noch wie ein Salzmännchen am selben Fleck; platzte jedoch fast vor Freude.
Ls Blick wanderte nach unten zu Eds bewegungslosen Beinen. 
»Wie geht es dir? Was tust du so?« 
Ed winkte ab, als ihm die Sinnlosigkeit und die unangebrachte Vertrautheit seiner Fragen klar wurde. Hier sprach ganz eindeutig das frühere Ich aus Ed. Doch L schien der Fauxpas in keiner Weise zu stören. 
»Okay, vergessen Sie, was ich fragte. Ich bin ganz durcheinander. Denn ich freue mich so, Sie endlich wiederzusehen!«, haspelte Ed und lächelte beschämt. 
Ls Blick glitt wieder nach oben. 
»Mir geht es gut. Danke der Nachfrage. Ich freue mich auch, Sie wiederzusehen. Möchten Sie sich nicht setzen? Das ist viel bequemer«, antwortete L und zögerte keine Sekunde, den Sessel in Beschlag zu nehmen. 
Er wirkte auf Ed sogar fast ein wenig erleichtert.
Als auch Ed endlich in die Pötte kam und um das Sofa herumflanierte, fiel ihm der ganze Berg Süßigkeiten neben dem Sessel auf, auf welchem L nun thronte. In hockender Sitzposition, welche Ed alleine schon vom Hinsehen Muskelschmerzen bereitete. Auch diese Angewohnheit hatte er wohl nie abgelegt. 
Ed achtete darauf, nicht am Glastisch hängenzubleiben, als er sich setzte und saß L nun etwas seitlich gegenüber. 
»Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug?«, fragte L mit Blick auf den Glastisch. Darauf befanden sich allerlei Dinge. Eine benutzte Kaffeetasse, eine Art Zuckerdose mit offenem Deckel und ein paar andere Dinge. Dann sah Ed wieder zu dem erwachsen gewordenen Jungen von einst.
»Ich kann nicht klagen. Ich bin das erste Mal in der ersten Klasse geflogen.«
Auch Ls Pupillen konzentrierten sich nun wieder auf seinen Gast. 
»Sie… sehen gut aus«, sagte dieser unvermittelt.
Ed hingegen glaube, sich verhört zu haben und sah L etwas verdutzt an.
»Diese Höflichkeitsfloskel war anscheinend nicht sehr angebracht«, erklärte L im gleichbleibenden Ton und starrte Ed weiterhin an.
»Schon in Ordnung«, sagte Ed. »Aber sparen Sie sich diese Art von Komplimenten lieber für die Damenwelt auf!« 
Obwohl er ihm diesen abgedroschenen Spruch wohl eher weniger empfehlen würde. Dafür entspannte sich Ed nun zusehends und sah sich im Raum etwas um.
Wortlos befüllte L eine schön verzierte Kaffeetasse mit ‚weißem Gold‘; einem ziemlich alten Synonym für Zucker und in Form eines Würfels.
»Sie haben sich mit dem Mori-Fall vertraut gemacht, korrekt?«
»Ja, habe ich«, antwortete Ed und beobachtete Ls Untaten mit dem Zucker.
Ihm fiel sogleich auf, dass auch L immer lockerer zu werden schien. Er bewegte sich mehr und ließ von seiner vehementen Starrerei ab. Doch kaum hatte Ed sich L näher betrachtet, fragte dieser; wohlgemerkt mit schwingender Zuckerdose in der Hand: 
»Und wie genau haben Sie sich damit vertraut gemacht?«
Einige von Wammys Worten kamen Ed in den Sinn.
»Ich habe im Internet nachgesehen.«
Das Schwanken der Zuckerdose hörte augenblicklich auf. 
»Die exakte und unverfälschte Dokumentation steht doch in der Datenbank Ihres Laptops. Wussten Sie das etwa nicht?«
Dass L von ‚seinem‘ Laptop sprach, schmeichelte Ed. Genau genommen war es ja von Quillsh Wammy. Also Watari. 
Also quasi meins!, verknüpfte Ed und gab gedanklich klein bei. 
Es fühlte sich immer noch seltsam für ihn an.
»Nein. Davon habe ich noch nie gehört«, meinte Ed und kratzte sich verlegen am Kopf. 
Roger hatte ihm wohl doch nicht alles verraten. 
»Oh. Das macht nichts«, sagte L und hantierte munter mit dem Zucker weiter. »Ich werde es Ihnen zeigen. Roger Ruvie hat ja keine Ahnung davon!«
Ls spitzer Unterton, von dem Ed nicht genau wusste, wie er ihn einordnen sollte, ließ ihn aufhorchen. Fast wirkte L ein wenig übertrieben. Die fast schon quirlige Art und Weise, wie L plötzlich auf Ed wirkte, ließ ihn schmunzeln. 
Er machte vor allem den Eindruck, als sei er froh darüber, endlich wieder jemanden um sich zu haben. Dabei fiel ihm auch auf, dass L zwar nicht abfällig über Roger redete; aber dennoch konnte selbst er eine tiefe Abneigung spüren. 
Die beiden hatten vielleicht doch ein  schwierigeres Verhältnis zueinander, als Wammy verlauten ließ. Dennoch fragte sich Ed, ob ihm der feine, spitze Unterton in Ls sonst monotoner Stimmlage auch ohne vorige Information aufgefallen wäre?

Dadurch fühlte er sich L sogar ein stückweit näher und es machte ihn froh, bei ihm zu sein.
Der Detektiv stellte die Zuckerdose ab, lehnte sich tief in die Seite des Sessels und kramte ein Laptop vom Boden hervor. Dasselbe Fabrikat wie Wammys, soweit Ed erkennen konnte. 
Nein, es ist deins, Ed!, erinnerte er sich noch einmal selbst daran.
Nachdem sich L etwas ruppig Platz auf dem Tisch verschafft hatte, fiel der zwischen Vase und Deckel befindliche Briefumschlag um und blieb auf der Rückseite liegen. 
L schien dieses Szenario viel interessanter zu finden, als sein hervorgeholtes Laptop, welches er im Blindflug aufklappte.
Ed achtete nicht auf den Tisch, sondern sah L sanftmütig entgegen. Jedoch fing er an, nervös an seinem Jackett zu spielen. 
Einen kurzen Moment später richtete L sein Augenmerk wieder auf die Kaffeetasse und streckte seine Hand danach aus. Vorsichtig nahm er den winzigen Henkel zwischen Daumen und Zeigefinger und führte die Tasse zu seinem Mund. Ed beobachtete das rege Treiben. Sein Erstaunen hierüber hielt er jedoch unter Verschluss.
Kaum sichtbar nippte L am Inhalt der Tasse stellte sie gleich wieder zurück. 
Dann fing er an zu tippen. 

»Den Pfad habe ich Ihnen geschickt«, begann L und richtete seine dunklen Augen erneut auf Ed.
»Bedauerlicherweise wissen Sie ja noch gar nichts über unsere Zeugin.« 
L krallte sich abermals die Zuckerdose und fingerte darin herum.
»Nein«, bestätigte Ed zurückhaltend und versuchte sich Einzelheiten des Falls in Erinnerung zu rufen. In beiden Artikeln, die er gelesen hatte, war nie die Rede von einer Zeugin. 
Zwischen Daumen und Zeigefinger beäugte L den Zuckerwürfel in seiner Hand. Ed befürchtete fast, L wolle sich diesen gleich in den Mund stecken.
»Besagte Zeugin hat damals den entscheidenden Hinweis geliefert, den Fall zu lösen.«
Ed wusste nicht recht, wie er mit dieser Information umgehen sollte. Deshalb fragte er:
»Der Fall ist aber nicht mehr aktuell, oder?«
Ls Zehen bewegten sich rhythmisch auf und ab, während er augenscheinlich zwischen Ed und dem Laptop hin- und hersah.
»Das ist korrekt. Der Mori-Fall wurde restlos aufgeklärt und abgeschlossen.«
Daraufhin erinnerte sich Ed an die Todesfälle, die in den Artikeln erwähnt wurden.
»Stimmt es, dass ein Junge und ein Entführer dabei ums Leben kamen?«
L nickte kurz und beförderte den Zuckerwürfel galant in die Kaffeetasse.
»Auch das ist korrekt.« 
Wieder nahm er einen Würfelzucker und hielt ihn direkt zwischen Ed und sich. Langsam jedoch zweifelte auch Ed an der Außergewöhnlichkeit des Würfelzuckers. Er schien viel mehr selbst die Außergewöhnlichkeit zu sein. L wusste sein Interesse nur gut zu überspielen. 
»Das ist tragisch«, wusste Ed nichts Passenderes zu sagen.
Mit einem leisen ‚Blubb‘ verschwand ein weiterer Würfelzucker in Ls Tasse. Und schon hatte L den nächsten Würfel im Visier.
»Sie haben bereits drei…«
L hielt erstaunt inne. Seine sonst ausdruckslose Miene drückte tatsächlich Erstaunen aus. 
»…Würfelzucker… da drin!«, beendete Ed den begonnenen Satz. 
Beim besten Willen konnte er sich nicht vorstellen, wie eine solche Zuckerplörre noch schmecken konnte? Die Tasse war nicht besonders groß. 
»Das stimmt nicht. Es befinden sich insgesamt schon fünf Würfelzucker darin!«, stellte L betonungsvoll klar. »Oh. Möchten Sie etwa auch?«, fragte er ein wenig überrascht. 
Dabei legte er seinen Kopf schief und machte bereits Anstalten aufzustehen.
Doch Ed lehnte höflich ab.
»Machen Sie sich keine Umstände… ich bin froh, wenn ich mal kurz aufstehen darf. Der Kaffee steht dort drüben, richtig?«
L schaute kurz in jene Richtung, wendete sich dann aber gleich wieder zu Ed. 
»Dort drüben auf der Anrichte. Rechts. Die Kannen auf der linken Seite sind leer.«
Als Ed auf Ls Höhe war, betrachtete er den enormen Süßigkeitenberg; hübsch angerichtet auf einem Beistelltischchen. Der Berg schien Eds Aufmerksamkeit förmlich auf sich zu ziehen. 
Gleichzeitig konnte er Ls durchdringenden Blick auf sich spüren. 
Nach einer kurzen Weile jedoch ging er zielstrebig weiter. 
Als er zur Anrichte kam, zählte er unglaubliche fünf leere Kannen. 
Auf der rechten Seite standen immer noch drei. Ungläubig drehte er sich um und fühlte sich wie ein Affe im Zoo. Vorerst würde er wohl damit leben müssen. Er fragte sich nur, weshalb L ihn so genau beobachtete. Dafür hatte er doch schließlich die letzten Jahre ausgiebig Zeit gehabt, wie Wammy ihm in der Nachricht eröffnet hatte. 
Oder war es Unsicherheit? Gar Argwohn? 
Er griff nach einer unbenutzten Tasse, die bei den vollen Kannen stand. Feinsäuberlich mit Untertasse und goldenem Löffelchen. Kleine Blumenornamente zierten das feine Porzellan. Wahrscheinlich japanische Ware, tippte Ed.
»Würden Sie die Kanne gleich mitbringen?«, vernahm Ed eine Stimme aus dem Hintergrund. Hinzu setzte ein altbekanntes Geräusch ein. Und als Ed sich mitsamt Tasse und Kanne umdrehte, sah er, dass L auf seinem Laptop hantierte. 
Auf dem Bildschirm schien L etwas zu überwachen. 
Viel konnte Ed aus der Entfernung jedoch nicht erkennen.

Ed schnappte sich Ls Tasse und schenkte ihm gekonnt nach. Er sah wie ein Butler aus. 
L würdigte diese Geste jedoch mit keinem Blick, sondern beschäftigte sich stumm mit seinem Laptop. Soweit für Ed erkennbar, tippte er unaufhörlich Zahlenkombinationen in die Tastatur. Die Finger seiner linken Hand flogen geradezu über die klickernden Tasten. 
Beeindruckt schaute er dabei zu und nahm Ls Finger in Augenschein. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, so hätte er behauptet, dass eben diese äußerst beweglichen Gliedmaßen einem Konzertpianisten gehören mussten. Sie waren lang, feingliedrig und sehr gepflegt. Wenngleich auch sehr blass und passend zum restlichen Hautbild.
Natürlich bemerkte L Eds interessierten Blick und sah plötzlich zu ihm auf. Sofort konzentrierte sich Ed wieder auf das Nachschenken des Kaffees. 
Als die Tasse gefüllt war, wollte Ed wieder zurück an seinen Platz. 
Das »Bitte warten Sie!« hielt ihn jedoch davon ab, sodass er auf dem Absatz kehrt machte. 
L gewahr ihm direkte Einsicht auf den Bildschirm seines Laptops. Wieder nahm Ed eine rasche Bewegung von Ls Zehen wahr. Als er seinen Blick auf das richtete, was L ihm gerade schamlos präsentierte, wurde er kreidebleich. 
»Was zur…? Das ist mein Haus. Meine Küche! Wieso?...«
Jede noch so kleine Pore in Eds Gesicht schien fassungslos.
»Ich möchte Ihnen hiermit bestätigten, dass Sie mit Ihrer Vermutung nicht falsch lagen. Jedoch auch nicht ganz richtig. Von Ihrer Reaktion ganz zu schweigen...«
Der schroffe Tonfall ließ Ed so zusammenzucken, dass er bemerkte, wie der Kaffee im Inneren der Kanne herumschwappte. Fast beleidigt drehte L seinen Kopf in die andere Richtung.
Doch Ed war kaum fähig, zu reagieren. Die Bildschirmpräsentation überforderte ihn. In gewissen Abständen zeigte sie jeden Raum seines Hauses in London. Sogar die Toilette war L nicht heilig gewesen. 
Sofort fühlte sich Ed zurückversetzt zu jenem eigenartigen Abend in seinem Haus.
»Es war also doch jemand im Haus!«, flüsterte Ed mehr zu sich selbst und bemerkte, wie sich ein dicker Knoten in seinem Hals bildete. Überall in seinem Körper kribbelte es.
»Sie haben leider nur vier von insgesamt zwanzig versteckten Hinweisen entdeckt«, erklärte L im gelangweilten Ton und drehte seinen Kopf wieder in Eds Richtung. »Das liegt an Ihrem Aufmerksamkeitsdefizit, an welchem Sie dringend arbeiten müssen. Ich habe Sie bereits in unserem ersten Telefonat darauf hingewiesen. Ihre Reaktion darauf ließ jedoch zu wünschen übrig und so musste ich Sie eines Besseren belehren!«
Ed hörte die predigenden Worte, starrte aber weiter wie gebannt auf die Videoüberwachung, die unaufhörlich zwischen den einzelnen Räumen hin und her schaltete. Wie in Trance stellte er die allmählich schwer werdende Kaffeekanne auf dem Tisch ab; behielt jedoch seine Kaffeetasse in der anderen Hand. In Zeitlupe setzte er sich auf die Armlehne von Ls Sessel, wovon dieser wenig begeistert schien. Ed ignorierte diese Tatsache meisterhaft.
»Jetzt sagen Sie mir bloß nicht, dass Sie die selbst dort angebracht haben?«, fragte er, dessen Gesichtsfarbe Ls nun ungemein ähnelte.
»Nein. Ich selbst führe Aufträge solcher Art nicht aus. Dafür habe ich ja jetzt Sie.«
Ed warf L einen kleinen Seitenblick zu und richtete anschließend seinen Blick hinunter auf seine Kaffeetasse. Er setzte sie an und trank einen kräftigen Schluck, während die Videoaufzeichnung ihm schonungslos das zeigte, was er mit Sicherheit schon bald schmerzlich vermissen würde. Begriffe wie Observation, Spionage und Hausfriedensbruch schwirrten durch seinen Kopf. Gleichzeitig warf es in ihm wieder Tausende von Fragen auf. 
Mal ganz davon abgesehen, dass er seine gesamte Bude auf den Kopf gestellt hatte, um nach Hinweisen auf ‚Fremdeinwirkung‘ zu suchen. Und was meinte L damit, er habe vier Hinweise entdeckt? Hatte er überhaupt etwas entdeckt? Natürlich erinnerte er sich auch daran, dass ihm sein Kreislauf an jenem Abend sehr zu schaffen gemacht hatte. Ihn beschlich der Verdacht, dass dies sogar gewollt gewesen sein konnte. Auch Wammys Nachricht kam ihm wieder in den Sinn.
»Wie lange haben Sie mich eigentlich beobachtet?«, wollte Ed wissen.
L rückte kein Stück zur Seite. Sah Ed nur an. Erst jetzt fiel Ed auf, wie nah sie sich wirklich waren. Ed konnte sogar Ls süßlichen Kaffeeatem wahrnehmen. 
»Beobachtet habe ich Sie schon seit meiner Ankunft in Wammy’s House«, flüsterte L geheimnisvoll. Doch dann änderte sich seine Stimmlage: »Ich gehe jedoch davon aus, dass Sie den genauen Zeitraum der Videobeobachtung meinen. Da, schauen Sie. Hier steht die genaue Anzahl an Stunden, Minuten und Sekunden.«
Der schmale, blasse Zeigefinger Ls zeigte auf eine grüne Dezimalzahl am unteren Bildschirmrand. Sie stand still. Bei jedem Wechsel der Kamera änderten sich auch die dazugehörigen Zeitangaben.
»Das sind Stunden?«, fragte Ed völlig perplex.
»Ja, natürlich!«, bestätigte sein immer noch nicht beiseite rücken wollender Sitznachbar.
»Sie haben wohl kein großes Problem damit, anderer Leute Privatsphäre zu missachten. Damit verstoßen Sie wohl so ziemlich gegen sämtlich geltende Normen und Richtwerte. Moralisch also höchst verwerflich.« 
Ed sprach den Vorwurf durchaus freundlich aus, um ihn nicht allzu offenkundig wirken zu lassen. Dabei rief er sich jedoch Rogers Warnung ins Gedächtnis, nicht mit L zu diskutieren, während er sich wieder auf das Überwachungsvideo seiner Küche konzentrierte, welches ihn an das fehlende Weinglas erinnerte.  
Es wurde still im Hotelzimmer.
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich Ls Mund ein stückweit. »Sie sind… verärgert!«
Eds Augen klebten förmlich auf dem Bildschirm. Er erwiderte stimmlos: 
»Verärgert würde ich es nicht nennen. Aber es… stört mich in gewisser Weise.«
L beugte sich weiter nach vorne, um mehr von Eds Gesicht sehen zu können.
»Ich versichere Ihnen…«, sagte er friedlich. »Es geschah in Ihrem und in meinem Interesse. Es war unabdingbar für unser künftige Zusammenarbeit. Natürlich bleiben die Szenen, die sich darin abgespielt haben, streng vertraulich und unter meiner persönlichen Obhut.«
Das war ja wohl das Mindeste, echauffierte sich Ed gedanklich und warf L einen entsprechenden Seitenblick zu. 
»Das will ich auch schwer hoffen«, bekräftigte Ed seine Körpersprache. 
Dann richtete er sein Augenmerk wieder zurück auf die gestochen scharfe Ablichtung seines ‚alten‘ Zuhauses. Offenkundig mussten hier wohl sehr teure Kameras am Werk sein, denn nach Eds Armbanduhr nach zu urteilen, war es in London gerade einmal neun Uhr morgens. Und da sein Schlafzimmer auf der Westseite lag, bekam das Zimmer um diese Uhrzeit keine Helligkeit ab. Zudem waren sämtliche Vorhänge zugezogen. So drang noch weniger Licht hinein. Es war erstaunlich. Man konnte sogar die blassen Schattierungen seines Teppichs erkennen. 
»Wissen Sie, was mich fasziniert?«
Die monotone Stimme holte Ed aus seinem Schlafzimmer. Ed wusste, dass L die ganze Zeit seinen Blick auf ihm hatte ruhen lassen. Ohne zu antworten, leerte Ed die Kaffeetasse in einem Zug und ließ seinem schwarzen Humor freien Lauf.
»Nein. Aber ich hoffe, mein nackter Anblick ist es nicht!«
Auch Ed konnte mit seinen Blicken provozieren. Und angesichts der Nähe seines unfreiwilligen Sesselgenossen, bereitete es Ed auch noch Spaß. L wiederum wich tatsächlich ein wenig zurück und entgegnete schnippisch: »Nein. Ganz und gar nicht.«
»Und was ist es dann?«, fragte Ed völlig ernst, obwohl er Ls Reaktion zum Brüllen komisch fand. Zugleich hoffte er, dass es weder seine Toilettengewohnheiten, seine Selbstgespräche, sein Geschmack hinsichtlich kurzer Schmuddelfilmchen und schon gar nicht seine Bettgespielinnen waren, die sich in der Zeit etliche Male auf Eds Mobiliar geräkelt hatten. Er hoffte, L möge darüber der Höflichkeit halber für immer Stillschweigen bewahren.

»Ich habe Sie noch nie Kaffee trinken sehen!«
Es dauerte einen Augenblick, bis Ed erkannt hatte, dass es L gar nicht um seine schlimmsten Befürchtungen ging. Erstaunt zog er beide Brauen nach oben. Das war nun wirklich nicht die Antwort, mit der er gerechnet hatte. Er hüstelte verlegen und erklärte mit heißerer Stimme: 
»Nun. Normalerweise bevorzuge ich Tee.«
»Faszinierend, nicht?«
Ed lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Trotz Müdigkeit, Schock und etlichen Befürchtungen erkannte er, dass L auf etwas ganz Bestimmtes hinauszuwollen schien. Er hatte jedoch keinen blassen Schimmer, um was es ging.
»Ist Ihnen eigentlich bewusst, weshalb Sie eine solche Devianz an den Tag legen?« 
Nein - ihm war ganz und gar nichts bewusst!, stellte Ed grimmig fest. Er wusste nur, dass ‚Devianz‘ als abweichendes Verhalten von der Normalität bezeichnet wurde. Auch dieses Thema der Psychologie brachte ihm einst Quillsh Wammy bei. Interessanterweise wurde jedoch Eds Spürsinn aktiviert und er dachte tiefgründiger über Ls Frage nach. 
Und sehr schnell kam er zu dem Schluss, dass er den Kaffee aus reiner Höflichkeit angenommen hatte. Ed zuckte mit den Schultern.
»Oh. Das kann ich erklären. Es gibt keinen besonderen Grund.«
»Falsch. Es gibt immer einen Grund«, belehrte ihn L ein weiteres Mal. »Kommen wir nun zu Punkt Zwei meiner Forderungen an Sie. Sie müssen lernen, hinter die Fassade zu blicken. Das ist wirklich wichtig!« 
Fälschlicherweise nahm Ed an, dass L gerade aus einer Mücke einen Elefanten zu machen versuchte. Was sollte schon großartig hinter einer Tasse Kaffee stecken? Und so kämpfte sich neben Eds skeptischem Blick auch wieder sein Sarkasmus in den Vordergrund.
»Stellt denn dieses ‚abnorme Verhalten‘ meinerseits ein Problem für Sie dar?«, raunte Ed mit ein paar gespielt unschuldigen Augenaufschlägen, um seiner durchaus bissigen Frage die Aggressivität zu nehmen. Nach wie vor hatte er keinen blassen Schimmer, worum es L ging. 
Der wiederum schüttelte nur leicht den Kopf. 
»Nein. Sogar das Gegenteil ist der Fall…«
L hielt seinem Blick stand und gab damit eindeutig zu verstehen, dass er selbst sehr wohl den Grund für Eds Verhalten kannte. Ed fehlten die Worte. Das konnte er doch jetzt nicht ernst meinen? Erneut unternahm er den Versuch, sein ‚abnormes Verhalten‘ genauer zu erklären:
»L…« 
Da hob sich auch schon ein mahnender Zeigefinger. 
»Nennen Sie mich bitte Ryuzaki.«
Ein ganzes Weilchen dauerte es, bis Ed den Namen als das Pseudonym aus seinem Smartphone-Adressbuch identifizieren konnte, was den Vorwurf seines Aufmerksamkeitsdefizits etwas relativierte.
»Also schön, Ryuzaki!«, korrigierte Ed und fuhr fort. »Ich habe gerade einen Zwölf-Stunden-Flug hinter mir. Die Nacht davor war, um es gelinde auszudrücken, besch… eiden. Und die Nächte davor waren auch nicht viel besser. Ich bin einfach nur höflich Ihrem Kaffeeangebot nachgekommen. Sonst nichts!«
Da tauchte schon wieder Ls blasser Zeigefinger direkt vor Eds Nase auf.
»Sehen Sie. Da ist der Grund!«, funkte L dem Erklärversuch dazwischen. »Wussten Sie, dass Menschen mit hoher Sozialkompetenzen für das bisherige Überleben der Menschheit verantwortlich sind? Rein evolutionstechnisch gesehen, natürlich. Ihr Verhalten ist ein sehr schönes Beispiel dafür.«
Bitte was?, rätselte Ed. Und da war es wieder. Er fühlte sich wie ein Affe im Zoo.
»Und was genau sagt dieses Verhalten über mich aus?«
Wieder wackelten Ls Zehen. Seine Antwort saß: 
»Menschen, die sich widernatürlich benehmen, drücken damit unbewusst ihr Unbehagen über etwas oder jemanden aus. Einfach ausgedrückt: Etwas oder jemand stresst Sie. Das passiert in aller Regel unbewusst und ist das Resultat von Vermeidung diverser Konflikte innerhalb einer Gruppe. Der Grund hierfür liegt sicherlich nicht an ihrer Anreise, sondern an Ihrer derzeitigen Situation. Als Sie den Wohnbereich betraten, sammelten Sie viele neue Eindrücke. Unter anderem sagten Sie, Sie freuen sich, mich wiederzusehen… « 
Ed wollte schon protestieren, aber L ließ sich keineswegs davon abhalten, weiterzureden:
»…was mir Ihre Körpersprache auch eindeutig bestätigt hat. Doch plötzlich bereitet Ihnen etwas oder jemand Unbehagen. Sie beginnen, sich unwohl zu fühlen. Sie werden nervös. In Konsequenz hierauf weichen Sie von Ihrem natürlichen Verhalten ab. Man kann ein solches Verhalten auch auf Lügen oder Heimlichtuerei ausweiten. Doch das ginge zu weit. Mir entgeht auch durchaus nicht, dass Ihnen der Grund Ihres Verhaltens immer noch nicht plausibel ist.«
Sprachlos saß Ed einfach nur da. L bereitete ihm keineswegs Unbehagen oder Stress. Auch, wenn er sich sicherlich noch an ein paar seiner Marotten würde gewöhnen müssen. Ihm fiel einfach gar nichts ein, was ihn hier nervös werden lassen sollte. Die einzige Ausnahme stellten seiner Meinung nach die Überwachungsvideos dar. Ed schwieg jedoch darüber.
»Sie dürfen sich auch gerne wieder auf Ihren Platz setzen. Oder möchten Sie lieber bei mir bleiben?«, antwortete L mit denselben provokant gespielten Augenaufschlägen, mit welchem Ed ihn kurz zuvor schon ‚beglückt‘ hatte. 
Ed schwor Stein und Bein, dass er soeben Zeuge davon wurde, wie L seine leicht provokante bis sarkastisch-humorvolle Art nachahmte. Verwirrt flüchtete er vom Sessel, dieses Mal unter Ls belustigten Augen. 
»Sie bereiten mir keinerlei Unbehagen, falls Sie darauf hinaus möchten«, stellte Ed besser gleich klar; noch bevor er sich gegenüber auf das Sofa setzte. L umfasste seine Knie, beugte sich weit nach vorne und wackelte erneut mit den Zehen. Leise und ein wenig zischend sprach er: 
»Ich? Weshalb sollte gerade ich Ihnen Unbehagen bereiten?«
Wieder setzte L seinen ‚Ich-tu-keiner-Fliege-was-zuleide-Blick‘ auf. 
Ed war sich sehr unsicher, ob sein Gegenüber gerade wirklich zu scherzen pflegte. Ahmte L ihn nur nach oder besaß er wirklich Sinn für Humor. 
Aus seinem maskenhaften Gesicht konnte Ed jedenfalls nichts ablesen. Er erinnerte sich nur allzu gut daran, dass L bereits als Kind ziemlich viel zu verbergen versuchte. Dieses Verhalten schien er im Laufe der Jahre perfektioniert zu haben. Ed ermahnte sich, nicht wieder in das sogenannte ‚Schubladen-Denken‘ zu verfallen, wie es gesellschaftlich gerne vorgelebt wurde. Er musste tatsächlich ‚hinter die Fassade‘ blicken. 
Ganz so, wie L gesagt hatte. Sein Verhalten war gerade ein perfektes Beispiel. Vielleicht um Ed klarzumachen, dass nichts so war, wie es auf den ersten Blick schien? Dass L nicht so war, wie es auf den ersten Blick schien? 

Ed knickte ein, atmete tief durch und sah sich im Zimmer um. 
L wollte offenbar, dass er nach dem Grund seiner Nervosität suchte. Ed wusste nur nicht wo. Und einen Anhaltspunkt hatte er auch nicht. Glücklicherweise waren sie sich beide einig, dass L nicht der Grund war. Ergo musste es etwas anderes sein. Und da niemand Weiteres anwesend war, musste es sich logischerweise um einen Gegenstand handeln.   
Der erste Blick galt daher der Zimmerhälfte hinter dem Sofa, die Ed bisher nur kurz beim Hereinkommen wahrgenommen hatte. Seine Aufmerksamkeit galt aber bei der Begrüßung ausschließlich L, dessen weißes Shirt nochmals vor seinem geistigen Auge hervorstach. 
Vor dem Badezimmer konnte Ed einen großen Reisekoffer ausmachen. Darauf befand sich noch ein weiterer, kleinerer Koffer.  
Eine fast schon unheilvolle Stille breitete sich im Zimmer aus. Eds Augen scannten den Raum kontinuierlich nach allem ab, was sich als Hinweis einstufen ließ. Doch Ed konnte absolut nichts Ungewöhnliches entdecken. Hinzu kam die immer stärker werdende Dämmerung. Er fragte erst gar nicht, sondern richtete sich auf und ging wortlos zum Lichtschalter. Er schaltete alle Lichter ein. Und nicht nur L kniff kurzerhand die Augen zusammen.
Als sich Eds Pupillen langsam an die Helligkeit gewöhnt hatten, inspizierte er die rechte Seite des Raums, wo sich die Anrichte mit den leeren Kaffeekannen befand. Natürlich beobachtete L jeden seiner Schritte mit Adleraugen. Er setzte sich dafür sogar falsch herum auf den Sessel, um völlig ausdruckslos beobachten zu können, was Ed tat. 
Wie befürchtet, konnte Ed wieder nichts entdecken.
Noch einmal ging Ed um Ls Sessel und dem Tisch voller Süßigkeiten herum und sah sich genauer um. Ls Blick und Körper drehten sich ebenfalls. 
Als nächstes nahm Ed die Sitzfläche den Sofabereich ins Visier und widmete sich anschließend dem Teppichboden. Nichts. Dann beäugte er den Tisch, der sich genau vor ihm befand. Hierauf befanden sich Ls Laptop, zwei benutzten Kaffeetassen inklusive zweier Unterteller, die Zuckerdose nebst dazugehörigem Deckel. Außerdem waren da noch der umgefallene Briefumschlag und eine hübsch verzierte Vase mit Blümchen darin. Nichts, wovor man Angst haben musste, dachte Ed und dirigierte seine Augen weiter zur schönen Panoramaaussicht auf Tokio. Dabei musterte er sowohl die Decke, als auch die Wände ganz genau. Das dauerte eine gefühlte Ewigkeit. 
Anschließend checkte er noch die edlen Anrichten an den Seiten. Schlussendlich blieb sein Blick auf dem riesigen Berg Süßigkeiten neben dem Sessel haften, auf welchem L gelangweilt thronte und sich den Kopf mittlerweile mit der Hand abstützte. Die andere Hand hing entspannt neben dem Sessel. Wieder verschränkte Ed die Arme und sah sich den Meisterdetektiven genauer an. Die dunkelblaue Jeans war an den Knien völlig ausgebeult. Außerdem schlugen die Hosenbeine dicke Falten an den Stellen, an denen die Knöchel verborgen lagen. Das war wohl auf Ls eigentümliche Hockerei zurückzuführen. Außerdem wurde Ed erst jetzt so richtig bewusst, dass L weder Schuhe, noch Socken trug. Er entwirrte seine Arme und kratzte sich am Kopf. Plötzlich sah er die Dinge mit ganz anderen Augen. Natürlich hatte er bemerkt, dass L barfuß war; wie sonst hätte er denn die Zehen wackeln sehen können? Doch der Grund, weshalb er sie überhaupt sehen konnte, nämlich, weil er eben weder Schuhe noch Socken trug, bekam für Ed nun eine ganz neue Bedeutung.
Ein klagevoller Seufzer aus Ls Richtung ließ Ed dann doch nervös werden. Der Kerl wusste ganz genau, wie er einen richtig kirre machen konnte, nörgelte Ed geistig.
Noch einmal sah sich Ed die im Zimmer verteilten Gegenstände genauer an. Auch dieses Mal mit demselben Ergebnis. Er sah zu L, dessen dunkle Augen voller Neugier unter seinen pechschwarzen Haaren hervorlugten.  
Erlaubte sich L hier vielleicht einen Scherz? Oder war Ed nur zu müde oder einfach nur zu blöd, um dahinterzukommen? Als er Ls Körpersprache deutete, schlussfolgerte er, dass dieser eher kurz vor dem Einschlafen und nicht sehr vergnügt aussah.
»Ich befürchte, das wird heute nichts mehr!«, klagte Ed. Insgeheim hegte er die Hoffnung, dass L ihn großherzig aufklären würde.  
Der wiederum richtete sich tatsächlich wieder in seine gewohnte Sitzposition auf und griff neben sich. Dabei sah er Ed direkt in die Augen. Er ging bei seinem Griff mit Daumen und Zeigefinger äußerst vorsichtig zu Werke. Das fiel sogar Ed auf. Umständlich erfasste er japanische Süßigkeiten. Die quietschbunten Schriftzeichen und der niedliche Pandakopf auf der Tüte ließen Ed auf eben diese Herkunft schließen. 
»Wirklich? Sie geben schon auf? Auch, wenn ich Ihnen verrate, dass Sie nah dran sind?« 
Das darauf folgende schiefe Grinsen Ls erinnerte Ed sehr an ein paar ehemalige Kinder aus Wammy’s House, die durchaus in der Lage waren, Erwachsene mit Ihren verqueren Spielchen zu quälen. Drei Gesichter schwirrten Ed durch den Kopf.  
Es waren Gesichter wie das von Nate, Genesis oder auch Beyond.  
Ja, Wammy’s House war schon immer eine Fundgrube besonderer Namen. Unverwechselbare Namen für außergewöhnliche Kinder, wie Quillsh Wammy einst zu sagen pflegte. 
Nicht wenige davon sahen sogar das ganze Leben als ein Spiel an. 
War L ebenfalls dieser Meinung, fragte sich Ed im Geheimen? 
Unbeirrt griff L in die Tüte mit dem lachenden Pandakopf und beugte sich wieder nach vorne. Augenblicklich wirkte er lebendiger. Ed jedoch reagierte kaum und massierte sich angespannt die Schläfen.  
»Wäre es nicht besser, wir würden das Spielchen fortführen, wenn ich etwas fitter bin?«
Ein weiterer Versuch Eds aus Ls Miene etwas herauszulesen, scheiterte kläglich.
L zumindest schien wieder motiviert zu sein. 
»Ich gebe zu, dass Müdigkeit Ihre Aufmerksamkeit sehr beeinträchtigen kann. Aber ich bin mir sicher, das schaffen Sie auch in Ihrer jetzigen Verfassung.«
Es wunderte Ed keineswegs, dass L seinem Vorschlag nicht zustimmte. Es lag wohl einfach nicht in der hartnäckigen Natur eines Detektivhirns. Wieder vollführten Ls Zehen wahre Tänze. 
Tat L das mit Absicht? War genau das eine sogenannte ‚unbewussten Reaktion‘, was bei professionellen Verhörmethoden so wichtig war? Und als könnte L Gedanken lesen, formulierte er folgendes:
»Mein Unterbewusstsein beispielsweise ist, soweit es möglich ist, trainiert. Gesellschaftlich geltenden Normen oder Werten sind mir einerlei. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich mir deren Sinn verbirgt. Meine Vorgehensweise beruht fast ausschließlich auf wissenschaftlicher Methodik.«

Jetzt wusste Ed, was Wammy mit ‚er spricht in Rätseln‘ angedeutet hatte.
Eds Problem jedoch war immer noch dasselbe. Ihm blieb natürlich nicht verborgen, dass hier etwas im Gange sein musste. Sein Unterbewusstsein schien er es sogar bemerkt zu haben. 
Aber was genau sollte er jetzt tun? 
Was sollte man generell tun, wenn man nicht wusste, was zum Kuckuck gerade vor sich ging? 
Ed fragte sich, was Wammy in seiner Situation getan hätte? Der erste Gedanke, der ihm einfiel, war seltsamerweise Ablenkung. Quillsh Wammy war ein Meister im Ablenken gewesen, wie Ed im Nachhinein festgestellt hatte. Und es war anzunehmen, dass auch Wammy Gespräche in genau jene Richtung steuern konnte, die er beabsichtigte. Wie L. Jedoch etwas charmanter, als er.  
Ob es überhaupt möglich war, L ‚abzulenken‘ oder vielleicht sogar eine Antwort aus ihm ‚herauszukitzeln‘? Ed war skeptisch, aber er würde es versuchen müssen:
»Das bedeutet also, geltende Normen und Richtwerte oder so etwas wie Moral sind Ihnen völlig schnurz?« 
L nickte zwar, jedoch sehr verhalten. 
»Korrekt. Wenn ich anmerken darf, sind der Tod des Jungen und seines vermeintlichen Entführers aus dem Mori-Fall ein solches Beispiel. Hierbei übergehe ich, im Gegensatz zu Ihnen, sämtliche Emotionen. Sie würden mich nur in meiner Arbeit behindern. Ich nehme diese Tragik als sogenannten ‚Kollateralschaden‘ in Kauf. Es ist außerdem von großer Wichtigkeit, dass Sie verstehen, dass Sie und ich vollkommen unterschiedlich wahrnehmen. Derzeit zumindest noch. Ich sehe also etwas, was Sie nicht sehen!«, wisperte er wieder geheimnisvoll und schaute für einen Sekundenbruchteil auf den Tisch.
Und hier zeigten sich die von Wammy angesprochen ‚anderen Sichtweisen‘, spekulierte Ed und schaute ebenfalls gedankenverloren auf den Tisch. 
Ihm war klar, dass sich L auf unbewusste Abläufe in der Natur eines jeden geistig gesunden Menschen bezog, die er laut eigener Aussage einigermaßen beherrschen konnte. Nämlich mit dem Verstand eines Genies. 
Ed jedoch war kein Genie. Sein Intellekt war zwar nicht unterirdisch, aber zur Hochbegabung fehlten ihm noch ein paar Punkte. 
Er begann darüber nachzudenken, wie das Leben als Genies wohl war?
Wie war es immer fähiger, besser, klüger, anders ausgedrückt, genialer zu sein, als alle anderen?
Wie langweilig musste das Leben sein, wenn man erst einmal erwachsen war? Wenn man den Kindern bei Wammy’s alles beigebracht hatte, was ihren naturgegebenen Talenten entsprach? Womit vertrieben sie sich dann die Zeit? Riville Devenroe beispielsweise musizierte zwar im London Symphony Orchestra und war unglaublich talentiert; galt aber nicht als höchstbegabt. Sie führte ein ganz normales Leben. 
Hochbegabung und Höchstbegabung unterscheiden sich nämlich nochmals, wie Wammy ihm von Anfang an einbläute. Alle Kinder aus Wammy’s House waren hochbegabt, aber nur ein geringer Teil wirklich höchstbegabt. L gehörte zu den Höchstbegabten. 
Genauso wie Nate, Mihael und Mail, die allesamt auf Wammys Beerdigung zugegen waren. 
Auch dem kleinen Oktavio wurde Höchstbegabung bescheinigt. Und wie Ed vor gar nicht allzu langer Zeit gehört hatte, würde wohl bald ein Mädchen in die Riege der Höchstbegabten aufgenommen werden. Ungeachtet dessen, dachte Ed an eine ganz bestimmte Person aus Wammy’s House. Besagter Junge war ein solch ‚gelangweilter‘ Zeitgenosse. Stets war er sich seiner selbst überdrüssig und legte schon fast selbstzerstörerische Verhaltensweisen an den Tag. 
Ob L von ihm wusste? 
Seine Verhaltensweise deckte sich jedenfalls mit denen einiger anderer ‚Ausreißer‘, die eine etwas andere Karriere eingeschlagen hatten. Ed dachte scharf nach und blickte schockiert zu L.

Der plötzliche Stimmungswechsel blieb natürlich nicht unbemerkt und so zog L kaum merklich die Augenbrauen nach oben.
»Was genau ist eigentlich damals mit Beyond geschehen?«, fragte Ed langsam und sehr vorsichtig. Mit ungeheurer Leichtigkeit steckte sich L eine weitere Süßigkeit in den Mund.
»Schnelligkeit und Wahrnehmung sind essentiell für Watari. Das Gleiche gilt für mich. Nur in extremerem Maße!«, erklärte L und überging vollends Eds Frage. »Ich sagte Ihnen bereits, dass es mit Ihrer Aufmerksamkeit nicht zum Besten steht. Und bevor ich Sie auf unsere Zeugin loslasse, möchte ich, dass Sie Ihre Wahrnehmung schärfen.«
Eds rieb sich das Kinn. Keine Chance. L ließ sich nicht ablenken. Noch nicht einmal mit Beyond, der im Laufe der Jahre zusehends mehr Ähnlichkeit zu L angenommen hatte. Sein Verschwinden hatte damals für großen Wirbel im Waisenhaus gesorgt und ging als der unrühmlichste Abgang in die Geschichte von Wammy’s House ein. Anders als L, umgab sich Beyond durchaus gerne mit Menschen. Über seine persönlichen Beweggründe, Wammy’s zu verlassen wurde besonders gerne getratscht. Von übermäßigem Drogenkonsum über Schizophrenie bis hin zu Selbstmord wurde alles auf den alten Fluren von Wammy’s House diskutiert und ausgeschmückt. 
Die damalige Ansprache von Roger und Quillsh dämpfte die Gerüchteküche nur allmählich ein. Wieder fragte sich Ed, ob L je etwas davon mitbekommen hatte? 
Zugleich ermahnte er sich selbst, davon auszugehen, dass L alles wusste, was in und um Wammy’s House geschah. 
Hinter vorgehaltener Hand wurde behauptet, Beyond sei von L besessen gewesen. Weshalb genau wusste jedoch niemand. Aber die Ähnlichkeit war unbestritten. Erst jetzt begann auch Ed sich zu fragen, was in aller Welt es mit seiner Nachahmung auf sich hatte? Handelte es sich bei Beyond sogar um einen wunden Punkt Ls? 
Ed hielt es schon für sehr auffällig, dass L mit keinem Wort auf Beyond einging. Besonders, weil er bisher jede Frage anstandslos beantwortet hatte.
Es stand fest, dass Ed sich vor allem diesen Punkt würde merken müssen, um bei Gelegenheit darauf zurückzukommen. 
Die offizielle Erklärung, dass Beyond in aller Eile Wammy’s House verlassen habe und ein fristloses Hausverbot ihm gegenüber erteilt wurde, goss nur noch mehr Öl ins Feuer. Vor allem bei den Menschen, die gesehen hatten, dass etwas abseits vom Grundstück mehrere schwarze, gepanzerte Fahrzeuge gesichtet wurden, die Beyond angeblich abtransportiert haben sollen. Sogar Ed hatte eines dieser Fahrzeuge Patrouille fahren sehen. 
Quillsh Wammy leugnete jegliche Gerüchte. Jedoch verriet er etwas später, dass Beyond sich seines Wissens nach Los Angeles abgesetzt hatte. Seitdem erinnerte sich kaum noch jemand an den einst skurrilen Doppelgänger Ls. Alle, bis auf Heather, die ihn fest in ihr Herz geschlossen hatte und immer mal wieder von ihm erzählte.

Vorerst würde Ed die Nummer auf sich beruhen lassen. Er seufzte:
»Der Gegenstand befindet sich also hier im Raum, richtig?«
Ls Miene veränderte sich wieder kein Stück.
»Wie kommen Sie darauf, dass es sich um einen Gegenstand handelt?«
»Was soll es denn sonst sein?«, antwortete Ed wie aus der Pistole geschossen.
Die Tüte Süßigkeiten war bereits leer und kurz darauf krallte sich L auch schon seine geliebte Zuckerdose. Natürlich ließ er Ed dabei kaum aus den Augen.
»Es könnte sich auch um etwas handeln, was man nicht greifen kann«, warf L ein.
Nun stand für Ed endgültig fest, dass er viel zu müde für solch eine Unterhaltung war.
»Ich könnte Ihnen nun vieles aufzählen…«, verriet der Detektiv, während er die Zuckerdose kippte, um nach den letzten Zuckerwürfeln zu grapschen und sie in seine Tasse zu rekrutieren.
»Okay. Ich habe verstanden, dass Sie mir nicht helfen möchten!«, lamentierte Ed. 
Er lehnte sich ans Fenster, schloss die Augen und ging gedanklich noch einmal zurück zum Anfang: 
Nach der mehr oder minder herzlichen Begrüßung bat L darum, dass Ed auf dem Sofa Platz nahm. Das hatte er auch getan. Ein wenig später ging es auch schon um den Mori-Fall und um Ls unübersehbare Sucht nach Würfelzuckern. Das wiederum war der Anfang von Ls Kaffeeangebot. 
Unbewusst öffnete Ed die Augen und richtete sein Augenmerk auf den Tisch. Auch L folgte seinem Blick ausdauernd und legte seinen gekrümmten Finger an die Lippen. 
Wich er damit nicht von seinem Normverhalten ab? Hatte L eben nicht genau das versucht, zu erklären? War das ein Hinweis, dass Ed auf der richtigen Spur war? Wieder beäugte Ed den Tisch. Es befanden sich immer noch dieselben Gegenstände auf dem Tisch. Das Laptop, zwei Kaffeetassen mitsamt Unterteller, die Zuckerdose, der Deckel, eine kleine Vase und der auf der Rückseite liegende Briefumschlag.
Eds Blick bohrte sich sprichwörtlich in den Umschlag. Dann setzte er sich in Bewegung. Mit versteinerter Miene griffen seine eiskalten Finger danach. Er beachtete L nicht mehr. Zu sehr beschäftigte ihn die Frage, um welchen Brief es sich dabei handeln könnte. Wahrhaben wollte er es zwar nicht, aber er befürchtete das Schlimmste. Er hätte ihn direkt vernichten sollen. 
Ganz langsam drehten Eds Finger das helle Stück Papier mit der Lasche. Alles in ihm sträubte sich. Er ahnte, dass es tatsächlich dieser Brief war. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, sah er auch schon seinen Spitznamen in unlieb dahingekrakelter Schrift. 
Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Das sah auch L ziemlich deutlich.
»Musste das wirklich sein?«, fragte Ed kühl.
Jede Wette wäre er eingegangen, dass L wieder einmal in seine Privatsphäre eingedrungen war und den Inhalt des Briefs ganz genau kannte. Selbstverständlich ohne Spuren zu hinterlassen. 
»Ja«, lautete Ls umgehende Antwort. »Die Tatsache, dass Sie den Brief nie angerührt haben, lässt den Verdacht zu, dass darin etwas steht, vor dem Sie weglaufen.«
Ed schmiss den Brief wieder auf den Tisch. Seine Nasenflügel bäumten sich auf.
»Ich laufe nicht weg. Charlotte und ich waren nur nie füreinander bestimmt gewesen.«
Ls wissendes Grinsen ließ Ed stoppen. 
»Sprechen Sie ruhig weiter«, ermunterte ihn L.
»Wenn man es genau nimmt, habe ich sie von Anfang an nur ausgenutzt. Habe mit ihr nur die… schönen Stunden des Lebens genossen. Geliebt habe ich sie nie. So! Jetzt ist es raus!«
»Ach?«, tat L überrascht. »Und ausgerechnet Sie wollen mir etwas über Moral und gesellschaftliche Werte erzählen?«
Volltreffer!, dachte Ed und biss sich dezent auf die Unterlippe. L hatte vollkommen Recht. 
Charlotte war kein blödes, arrogant-reiches Mädchen gewesen. War es nie. Er hatte sie nur immer als solche hingestellt; vor sämtlichen Kollegen, Freunden und Bekannten. Vor allem gegenüber Heather. Weshalb genau wusste Ed selbst nicht. Es hatte sich einfach so ‚ergeben‘. 
Letztlich hatte Charlotte wohl erkannt, dass Ed kein Stück besser gewesen war, als all ihre bisherigen Liebhaber. Und dass Ed sich damit nicht gerade mit Ruhm bekleckerte, war vollkommen klar. Ja, Ed sah sich gerne in der Rolle als humorvoller, charismatischer Gentleman ohne Ecken und Kanten, war es jedoch nicht.
»Lesen Sie den Brief in einer ruhigen Minute. Das ist allein Ihre Sache«, hörte er Ls Stimme. 
Eine Zeitlang herrschte Stille und Ed rang mit sich und seinem schlechten Gewissen. Es schmerzte, der Wahrheit ins Gesicht blicken zu müssen.
»Erdbeertorte hilft immer, wenn ich bedrückt bin«, vernahm er ein weiteres Mal aus dem Hintergrund. 
Es war ein abenteuerlicher Anblick wie L versuchte, mit zwei Fingern und einem Messer ein Stück Torte abzuschneiden. Doch er schien geübt zu sein. Gekonnt platzierte er das Stück Torte auf einem sauberen Teller und hielt ihn Ed entgegen.

Es war bereits dunkel geworden. Die Wolkenkratzer Tokios, umgeben von unzähligen Wohnblocks und Wohnhäusern, erstrahlten im hellen Lichterglanz. Auch Ls Suite war hell erleuchtet. 
Ed und L waren bereits seit dem späten Nachmittag ins Gespräch vertieft.
Wenn Ed Fragen stellte, hörte L aufmerksam zu und beantwortete jede der Fragen anstandslos. So bekam Ed einen kleinen Einblick in Ls Welt, die sich grundsätzlich von all dem unterschied, was er bisher kannte. Hierbei vermied Ed Themen wie Quillsh Wammy, Beyond und vor allem seine tief verwurzelte Angst, er könne Wammy nie das Wasser reichen.
Auch sehr persönliche Fragen bezüglich L selbst hielt er zu diesem Zeitpunkt noch für unangebracht. Die Gelegenheit dazu würde sich ihm sicher noch bieten.
Gerade war L dabei, Ed Dinge über die wichtigsten Datenbanken zu erklären, die Watari für seine Arbeit brauchte. Watari standen haargenau dieselben Programme zur Verfügung, die L hatte. Im Prinzip war es Watari also möglich, Ls Arbeit zu verrichten. 
Doch das war Wunschdenken.
Ed begrüßte es, dass L keine komplizierten Programme verwendete. Sie waren leicht zu bedienen und übersichtlich. Schnick-Schnack war wohl nicht in Ls Sinn. Vor allem sah er nun mit eigenen Augen, dass Roger wirklich keinen großen Schimmer hatte, was man mit solchen Programmen alles anstellen konnte. Dass dies gegen jedes Gesetz verstieß, brauchte L nicht extra zu erwähnen.
Doch Eds Schützling machte mehr als deutlich, dass ihm sein nichtvorhandener Schuh sehr drückte und es ihm deshalb sehr gelegen käme, wenn Ed schnellstmöglich für den Mori-Fall einsatzbereit wäre. Einzelheiten über den bereits abgeschlossenen Fall gab L jedoch nicht Preis. 
»Alles zu seiner Zeit«, sagte er knapp, fasste vorsichtig um sich und schob sich die soeben herausgepickte Praline des Süßigkeitenberges in den Mund.

»Sie wären jedenfalls ein guter Lehrer geworden, Ryuzaki.«
Sofort richtete L seinen alldurchdringenden Blick auf seinen ‚Schüler‘, der bis an die äußere Kante des Sofaendes gerutscht war, um besser sehen zu können, was L so alles mit dem Laptop anstellte. Dabei leuchtete L die Tischlampe auf dem Beistelltisch zwischen Sofa und Sessel direkt ins Gesicht. Sein Anblick erinnerte Ed wieder daran, wie surreal es sich für ihn anfühlte, hier zu sitzen.
Neben niemand Geringeren als L höchstpersönlich. 
Dem Mann, der die ganz harten Jungs und Mädchen hinter Schloss und Riegel brachte. Wobei er statistisch gesehen viel mehr männliche Verbrecher geschnappt hatte, wie er Ed vorhin ausführlich erklärte.  
Doch trotz aller Ehrfurcht über dessen fabulöse Leistungen gefiel ihm dessen fahler Teint überhaupt nicht. Er sah kränklich aus. Und über die Augenringe wollte er erst gar nicht nachdenken.
Im krassen Gegensatz dazu lagen darüber die wachsamen, wenn auch etwas geröteten Augen, mit denen er aus jedem Menschen wie aus einem offenen Buch zu lesen vermochte.
Ed betrachtete ihn eine ganze Weile. L war in Erklärungen vertieft und sein Blick haftete wieder unermüdlich auf dem Bildschirm. Und wieder fragte sich Ed, was wohl in seinem Kopf vor sich ging. Unklar, ob er es jemals wirklich herausfinden konnte, würde er aber hoffentlich gleich entschleiern können, wie L mit seinem Kompliment umging.
Als L seine Erklärung beendet hatte, starrte er Ed zuerst wortlos an. 
Seine Pupillen waren ganz winzig. Und das einzig Widerspenstige an ihm schienen seine wirren Haare. Tiefschwarze, volle Haare. Kein einziges graues Haar, wie Ed neidvoll anerkennen musste, der sein erstes graues Härchen mit sechsundzwanzig Jahren an sich entdeckte.  
»Danke«, antwortete L urplötzlich und schien sich sogar ein wenig darüber zu freuen.
Doch dann fuhr er auch schon mit seinen Ausführungen über den Unterschied zwischen imperativen und prozeduralen Programmiersprachen fort.

Eds Konzentration befand sich im tiefen Sinkflug.
Der ihm unbekannte Klingelton kam da gerade zur rechten Zeit.
»Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment«, meinte L und vergrub seine rechte Hand in die Hosentasche. Mit einer fließenden Bewegung hielt er uraltes Mobiltelefon mit Antenne vor sich. Auf dem neuesten Stand war das sicherlich nicht, was Ed verwundert aufblinzeln ließ.
Fasziniert schaute Ed dem Schauspiel zu, welches sich ihm darbot. In Windeseile verkabelte L das Mobiltelefon mit seinem Laptop, hielt sich das Telefon mit einigem Abstand an das Ohr und antwortete: »Hallo Aiber. Hier spricht L.«
Ed erinnerte sich an den Namen aus seinem Adressbuch, da er direkt unter ‚Ryuzakis‘ Eintrag zu finden war. Was der Anrufer daraufhin sagte, konnte Ed zwar nicht verstehen, folgte aber interessiert dem kommenden Gespräch. 
»Okay. Schicken Sie mir sämtliche Fotos, die Sie haben. Sie können davon ausgehen, dass genau das der Fall werden wird.«
Während ‚Aiber‘ wieder antwortete, flogen Ls Finger über die Tastatur seines Laptops.
Er rief das System auf, in welchem alle archivierten, abgeschlossenen und offenen Fälle dokumentiert wurden und rief sich die digitale Akte dazu auf.
Unweigerlich fragte sich Ed, ob L nun auch mit  verzerrter Stimme sprach und ob er deshalb das Mobiltelefon mit seinem Laptop verbunden hatte?
»Acosta scheint einen Provocateur in seinen Reihen zu haben. Darum war es in den letzten Monaten so still um Bogota«, sprach L. Ed hatte keinen blassen Schimmer, um was es ging. Aufgrund der lateinamerikanischen Familiennamen und der kolumbianischen Hauptstadt schloss er jedoch, dass es sich höchstwahrscheinlich um das altbekannte, südamerikanische ‚Gold‘ namens Kokain handelte. Den Namen Acosta hatte er zwar noch nie gehört; den Begriff ‚Provocateur‘ hingegen schon. Diese Bezeichnung wird in Fachkreisen für sogenannte Lockspione verwendet. Personen, die von Regierungen oder Geheimdiensten in Untergrundorganisationen, wie beispielsweise der Mafia, eingeschleust werden. Ein ‚Agent Provocateur‘ hat die Aufgabe, gesetzeswidrige Handlungen zu provozieren, um den zumeist im Geheimen operierenden Verbrechergruppen das Handwerk legen zu können.

»Haben Sie eine Vermutung, wer es sein könnte?«, fragte L und sah sich Fotos von mehreren Männern an. Dann klickte er auf die seitliche Liste mit Namen und unzähligen Verbindungen dazwischen.
»Finden Sie heraus, wer er ist und in wessen Auftrag er arbeitet! Bis dann.«
Noch eine ganze Weile starrte L auf den Monitor und nahm seine Denkerpose ein, wie Ed sie fortan nennen würde. Dabei legte L entweder Daumen oder Zeigefinger an seine Lippen, bewegte sich keinen Millimeter und starrte vor sich hin, als wenn er sich auf einem anderen Planeten befinden würde.
»Wer war das?«, wollte Ed wissen.
»Sein Name ist Thierry Morrello. Er arbeitet für mich unter dem Pseudonym Aiber. Er ist ein Kenner krimineller Organisationen und Banden. Wenn es um mafiöse Machenschaften geht, ist er unser Mann. Im Untergrund hat er überall Augen, Ohren und unverzichtbare Beziehungen.«
»Und er unterstützt Sie bei einem Fall?«, hakte Ed weiter nach.
»Ja und Nein«, antwortete L, der seinen Blick wieder auf Ed richtete.
»Sind Sie hart im Nehmen, Mr. Denker?«, fragte L und ließ damit bei Ed sämtliche Alarmglocken aufschrillen. Ls Blick auf Ed und ein ‚hart im Nehmen‘ konnten nichts Gutes bedeuten.
Vorsichtig fragte Ed: »Eigentlich schon. Wieso?«
L scrollte sich durch eine weitere Liste, markierte eine bestimmte Datei und öffnete sie.
»Darum!«
Eine Nanosekunde später wandte Ed den Blick schon ab.
»Mein Gott. Das ist ja widerlich. Wer ist das?«
Erst nach einem kurzen Augenblick sah Ed erneut hin und verzog angeekelt das Gesicht.
»Richtigerweise müsste die Frage lauten: Wer war das?«, flüsterte L und deutete mit dem Finger auf einen bestimmten Teil des ‚fleischigen‘ Bildes.
»Das hier war einmal ihr Gesicht.«
Es schien ihm eine gewisse Freude zu bereiten, ihn mit solchen Dingen zu erschrecken.
»Heilige Scheiße!«, entwich es Ed. »Das war eine Frau?«

Mit einem Klick auf das ‚X‘ schloss L das Foto wieder und markierte ein paar andere Dateien.
»Hierbei handelt es sich um einen Mafiamord. Der Dame, der dieses Gesicht gehörte, hieß Camila Ruiz-Rodriguez. Die Frau von Jose Rodriguez, dem einflussreichsten Drogenbaron Venezuelas. Sie können davon ausgehen, dass dieser Mord Rodriguez ordentlich aufgemischt haben muss. Und wenn ich mir Ihre Reaktion so ansehe, glaube ich nicht, dass Sie den Rest von ihr noch sehen möchten. Ab da wird es nämlich erst richtig hässlich, wie Aiber nun sagen würde.«
»Das ist wirklich widerwärtig!«
»Ja«, bestätigte L. »Widerwärtig ist jedoch auch die Tatsache, dass der oder die Mörder ihr Opfer im Kinderzimmer abgelegt haben, um sie auf dem Bett ihrer Söhne ausbluten zu lassen.«

Ed konnte nicht fassen, dass ein Mensch zu einer solchen Schandtat fähig war.
»Sie sind ja ganz blass. Falls Sie sich übergeben müssen, benutzten Sie bitte das Badezimmer!«, empfahl der abgehärtete Detektiv. 
Ed wedelte bereits kräftig mit der Hand vor dem Gesicht herum.
»Nein. Schon gut. Aber mehr muss ich wirklich nicht sehen.«

»Na gut«, meinte L fast ein wenig betrübt und erklärte weiter. »Wie Sie unschwer erkennen können, wurde die Frau gefoltert. Ein menschlicher Körper ist fähig, etwa dreißig Prozent Blutverlust zu kompensieren. Alles über vierzig Prozent führt unweigerlich zum Tod. So auch bei ihr. Die Frau eines Drogenbarons und Mutter zweier minderjähriger Kinder zu foltern, bedeutet in der Szene vor allem eins: Krieg! Rodriguez wird sämtliche Hebel in Bewegung setzen, um herauszufinden, wer seine Frau ermordet hat. Leider wird sein Verdacht voreilig auf die verfeindete Familie Alvarez fallen. So wie vom wirklichen Auftraggeber geplant. Jose Rodriguez ist Oberhaupt des größten Drogenkartells Venezuelas. Alvarez ist sein Pendant in Brasilien. Natürlich werden beide Familien seit Jahrzehnten von der eigenen und von fremden Regierungen beobachtet. Diese versuchen nun, einen Vergeltungsschlag mit allen Mitteln zu verhindern. Denn dabei wird es nicht bei einer Leiche bleiben. Bislang ist noch nichts passiert, was mit siebzehn Wochen ungewöhnlich lange andauert. Falls wir also in ferner Zukunft den Auftrag erhalten werden, der Fehde ein vorzeitiges Ende zu bereiten und den Unruhestifter inklusive der Komplizen festzunehmen, werden wir bestens informiert und dazu auch imstande sein.«
Beeindruckt lauschte Ed den Worten Ls.

»Die wirklichen Auftraggeber?«, wiederholte Ed.
L zeigte ihm erneut ein Foto.
»Das hier ist Juan Esteban Acosta. Er und vermutlich sechs weitere Namen der südamerikanischen Kokainszene sind die Strippenzieher und Auftraggeber des Mordes an Camila Ruiz-Rodriguez.«
Ed sah L an.
»Und wie kommen wir an die restlichen sechs Namen? Und wo finden wir sie?«
Ls Mundwinkel schoben sich nach oben.
»Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen. Mit etwas Nachhilfe wird uns Acosta nämlich alles verraten, was wir von ihm wissen möchten!«
Daraufhin fischte er erneut überaus vorsichtig eine weitere Praline aus dem Berg Süßkram und ergänzte: »Beobachte den Fuchs, dann er führt dich zu seinem Bau.«
Ed befürchtete zurecht, dass ein solches Unterfangen zu seinem Aufgabenbereich gehören wird.
»Eine wirklich sehr schöne Metapher zu diesem Foto, Ryuzaki. Aber das haben Sie Aiber ja gar nicht verraten, oder irre ich mich?«
»Natürlich nicht. Aiber soll weiterhin genau das tun, was er tut und die notwendigen Informationen beschaffen. Was er jedoch schon von sich aus nicht tun wird, ist es, sein Leben zu riskieren. Den Rest erledigen wir, wenn es soweit ist.«

Unpassenderweise knurrte genau in jenem Moment Eds Magen. Die Erdbeertorte und das zerschmetterte Gesicht der Frau eines Drogenbosses brachten ihn, im Gegensatz zu Ed, wohl nicht sonderlich aus der Fassung. Ausdruckslos begutachtete L Eds Magengegend.
»Wie ich immer sage! Wer viel denkt, verbraucht Unmengen an Energie«, erklärte L. »Sie können gerne etwas aufs Zimmer bestellen oder nehmen Ihr Essen oben im Restaurant zu sich. Die Unkosten lassen Sie einfach auf Ihr Zimmer schreiben.«

Warum eigentlich nicht?, dachte Ed. 
Eine kleine Pause würde ihm und seinem Magen sicherlich guttun.
»Ich gehe davon aus, dass Sie mich nicht begleiten werden, richtig?«, fragte Ed, während er sich erhob und sein Jackett zuknöpfte.
L lehnte sich in seinen Sessel zurück und antwortete:
»Korrekt. Ich verlasse das Hotelzimmer nur selten.«
Zu Eds Überraschung jedoch, erhob sich L trotzdem und fasste sich erneut, dieses Mal jedoch in die andere Hosentasche seiner verblichenen Jeans.
»Hier bitte. Die Schlüsselkarte für mein Zimmer. Der Zutritt sei Ihnen gewährt, wann immer Sie möchten.«
Erstaunt nahm Ed die Karte entgegen.
»Und wenn Sie frisch gestärkt sind, kommen Sie zurück und finden die zweite Anomalie, die sich hier in diesem Raum befindet!«, ordnete L mit amüsiertem Unterton an. Ein Lächeln zauberte sich auf Eds Gesicht, ehe er antwortete: »Worauf Sie sich verlassen können!«

Als er den Raum verließ, linste er auf das Gepäck, welches anscheinend für ihn bestimmt war und L bisher mit keinem Wort erwähnt hatte. Es war kaum verwunderlich, dass L noch etwas im petto hatte, als Ed hungrig die Tür hinter sich schloss und den ihm bekannten Hotelflur betrat.


~~~


Etwa eine Stunde später:

»Was tun Sie eigentlich in Ihrer Freizeit?«, fragte Ed munter und frisch gestärkt nach seinem Besuch des Hotel-Restaurants ‚Senbazuru‘. Noch immer den köstlichen Geschmack des japanischen Teishoku-Menüs auf den Lippen, wie der zuvorkommende Kellner ihm vor dem Essen erklärt hatte.
L saß an seinem Laptop und tippte fleißig.
»Freizeit?«, rief er. »Das Verbrechen schläft nie, Mr. Denker.«
Und L anscheinend auch nicht!, spöttelte Ed in Gedanken, blieb stehen und verschränkte demonstrativ die Arme. Der Detektiv sah kurz auf und senkte den Blick:
Er zögerte, gab dann aber nach.
»Zumeist trainiere ich mein Gedächtnis, lerne Sprachen, praktiziere Capoeira oder beantworte ‚Fanpost‘.«
»Alles gleichzeitig oder getrennt?«, reagierte Ed auf Ls kleine Irreführung mit einem gewinnenden Lächeln. Ls warnender Blick bereitete ihm keine Sorgen.
»Jetzt behaupten Sie bloß nicht, Sie trainieren Capoeira im Hotelzimmer?«, meinte Ed mit belustigtem Unterton. Er wusste, dass man für die brasilianische Kampfsportart eigentlich viel mehr Platz benötigte. Daraufhin widmete sich L wieder seinem Laptop und antwortete:
»Oh doch. Und bei Gelegenheit werde ich es Ihnen unter Beweis stellen.«

Ed lachte kurz auf. Er wusste selbst nicht weshalb er den verführerischen Drang verspürte, L zu provozieren. Roger würde diese Reiberei wohl auf die vorhandene ‚Unsicherheit‘ Eds schieben.
Ihm war klar, dass es in L keine Begeisterungsstürme auslöste, ihm davon erzählen zu müssen, was wohl keinerlei wertvolle Bedeutung für ihn hatte. Wertvoll waren für L wohl vor allem seine Fälle.
Vorzugsweise die Ungelösten.

Als Ed erneut einen Blick auf die Gepäckstücke werfen wollte, stellte er fest, dass sie verschwunden waren.
»Wo sind eigentlich die Koffer?«, fragte er und sah genau zu der Stelle, an der sie bis vor seinem Restaurantbesuch noch gestanden hatten.
»In Ihrer Suite. Darin befinden sich nun Ihre Habseligkeiten. Der kleine Koffer steht übrigens im Badezimmer. Darin befindet sich etwas, dessen Handhabung ich Ihnen noch zeigen werde.«

Ed seufzte, besann sich seine aufkeimenden Capoeira-Witze zu unterdrücken und setzte sich entspannt auf das Sofa neben L.
Der starrte derweil nur auf den Bildschirm und sah noch nicht einmal auf, als Ed sich hinsetzte.
Er schien mit etwas beschäftigt, dessen Aufmerksamkeit seiner ganz und gar bedarf. Ganz vorsichtig versuchte Ed, einen klitzekleinen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen. Ganz langsam verlagerte er sein Gewicht in Richtung Lehne. Ed musste seine Augen zusammenkneifen und sehr anstrengen. Interessiert nahm er zur Kenntnis, dass L augenscheinlich eine 4D-Aufnahme eines ganz bestimmten Areals zu studieren schien.
Plötzlich tauchte ein Augenpaar direkt vor ihm auf.
»Haben Sie die zweite Anomalie schon entdeckt?«
Ed erschrak und stürzte zurück ins Sofa, überrascht von Ls Schnelligkeit. 
»Nein«, knurrte er und wurde Zeuge wie sich ein weiteres Mal Ls Mundwinkel anhoben.
»Dann sollten Sie das schleunigst tun. Die Nacht könnte sonst sehr lang für Sie werden!«

Die Retourkutsche saß. Und wieder ging für Ed die Sucherei los.
Dieses Mal jedoch versuchte er gleich, methodischer an die Sache heranzugehen.
Sofort fiel ihm auf, dass L sich immer noch mit der 4D-Aufnahme beschäftigte. Er beobachtete ihn gar nicht. Und das hatte mit Sicherheit etwas zu bedeuten, schlussfolgerte Ed.
Ein seltsames Gefühl überkam ihn, denn ein prüfender Blick sagte ihm, dass Charlottes Brief nicht mehr auf dem Tisch lag.

Verdammt!, dachte Ed. L war ja in seiner Suite gewesen...
Was bedeutete, dass sich soeben noch viel mehr Möglichkeiten auftaten, als es ohnehin schon gab. L war alles Mögliche zuzutrauen. Weshalb sollte er sonst in seiner Suite gewesen sein?
Sein erboster Seitenblick streifte L, der schützend die Hände vor sich hielt. 
»Oh nein. Ich habe nichts aus Ihrer Suite entwendet!«, wies er jegliche Anschuldigung von sich, ganz so, als könnte er Eds Gedanken lesen.
»Aus was für einem Grund waren Sie dann in meiner Suite? Und wie zum Teufel sind Sie da überhaupt hinein gekommen? Die Schlüsselkarte habe ich hier bei mir«, entgegnete Ed mit prüfendem Blick.
»Haben Sie schon vergessen, was ich Ihnen vorhin gezeigt habe? Ich brauche mich nur in das EDV-System des Hotels zu hacken und öffne mir jede Tür, die mir beliebt. Eine ganz einfache Kreditkarte tut es im Übrigen auch. Und nur um es klarzustellen, ich tat das nur, weil mich der Anblick von Wataris Koffern, inklusive dem Brief, in meiner Konzentration behindert haben und ich den plötzlichen Drang verspürte, sie aus dem Weg zu schaffen.«

Ed glaubte ihm kein Wort. Er war schließlich ein Detektiv. Die Koffer hätte er auch einfach ins Schlafzimmer räumen können. Eben außerhalb seines Sichtfelds. 
Vielleicht hatte L sogar seine Suite verkabelt. Nur, um ihn heimlich beobachten zu können. 
Wäre ja nicht das erste Mal…
Doch Ed ermahnte sich. Seine Fantasie sollte hier nicht allzu sehr mit ihm durchgehen. Immerhin musste er L vertrauen. Und umgekehrt. Selbst wenn er seine Sachen durchwühlt haben sollte, hätte er nichts finden können. Ed hatte schließlich nichts zu verheimlichen.
Mal ganz davon abgesehen, dass er selbst auch keinen Grund hatte, L für so etwas zu beschuldigen.
Er ließ die Schultern sinken. 
»Seit wann habe ich eigentlich solche Paranoia?«, fragte Ed betrübt, als er sich wieder auf das Sofa setzte. 
L neigte den Kopf, ehe er antwortete:
»Seien Sie unbesorgt. Sie leiden an keiner krankhaften Persönlichkeitsstörung. Also handelt es sich hierbei um eine vorübergehende Episode.«
Dann legte er den Zeigefinger an seine Lippen.
»Oder leiden Sie unter Alpträumen?«
Verneinend schüttelte Ed den Kopf.
»Dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei nahezu dreiundsiebzig Prozent, dass Sie vor etwas Angst haben. Unsicherheit und Versagensängste führen manchmal zu dem von Ihnen beschriebenen Symptom ‚Paranoia‘.«
Sagte ausgerechnet der Mann, der seine wahre Identität um jeden Preis geheim hielt. 
Nichtsdestotrotz traf L damit natürlich den Nagel auf den Kopf.
Also gab Ed klein bei. Was sollte er diese Tatsache auch leugnen?
»Ja, da haben Sie nicht Unrecht. Meine neue Aufgabe ist keinesfalls gewöhnlich. Und ich habe wirklich Angst davor, etwas falsch zu machen und damit anderer Leute Leben zu riskieren.«
»Ihres nicht?«, entgegnete L.
»Doch!«, bestätigte er wahrheitsgemäß und ließ den Kopf noch mehr sinken.

Mit einem sanften ‚Klick‘ klappte L das Laptop zu, welches vor ihm auf dem Tisch stand.
»Bitte hören Sie auf zu glauben, dass ich Sie ins offene Messer laufen lassen würde. Ich werde Sie nach und nach an Ihre zukünftigen Aufgaben heranführen. Schlussendlich werden Sie sogar derjenige sein, der bei der Verhaftung Acostas dafür sorgt, dass alles glatt laufen wird.«
Diese offenen Worte wirkten wie Balsam auf Eds geschundenes Nervenkostüm.
»Ich habe nicht die Absicht, etwas von Ihnen zu verlangen, was Sie nicht imstande sind zu lösen. Denn das gehört ganz klar zu meinem Aufgabenbereich!«
Das Vertrauen, welches in Ls Stimme steckte, berührte Ed tief in seinem Herzen. 
Und den Blick, den beide Männer gerade untereinander austauschten, sprach ebenfalls mehr als tausend Worte.

»Manchmal…« begann L, »…benebeln die Gedanken sämtliche Sinne. Wenn es meine eigenen Gedanken sind, lenke ich mich ab und konzentriere mich auf etwas anderes. Das hilft. Ebenso wie bei Ihnen. Darum sagen Sie mir jetzt ganz spontan, an was genau Sie denken müssen, wenn Sie an Ihr Haus in London denken?«
»An ein fehlendes Weinglas«, antwortete Ed vollkommen frei heraus.
»Welche Farbe hat es?«
Ed hob den Kopf, sah zu L und antwortete ganz langsam: »Es ist durchsichtig.«
»Und wo genau befindet es sich und macht es Ihnen unmöglich, es zu sehen?«, fragte L weiter. Dabei lehnte er sich demonstrativ zurück und gab den Blick auf den Berg Süßigkeiten frei.

Da machte es Klick!
Nun wusste Ed, weshalb L nur ganz vorsichtige Bewegungen vollführte, wenn er sich daran bediente. Das Weinglas musste sich demnach inmitten des Süßigkeitenbergs befinden.
»Ich gratuliere!«, honorierte L Eds Gedanken, die er ganz genau zu kennen schien. »Sie machen große Fortschritte und steigern kontinuierlich Ihre Aufmerksamkeit. Sehen Sie meine kleine Hilfsstellung als eine Art Demonstration meiner dritten Forderung an Sie: Seien Sie immer auf der Hut und versuchen Sie nicht, den Helden zu spielen, obwohl es Ihre Fähigkeiten übersteigt. Sie müssen ganz genau wissen, wo Ihre Grenzen liegen. Denn wenn Sie nicht wissen, was Sie suchen, können Sie es unmöglich finden!«
Ed sah nun die Notwendigkeit, diesen Satz zu verinnerlichen. Er spielte nämlich wirklich gerne den Helden.

»Kommen wir nun zum Inhalt des kleinen Schutzkoffers, den ich vor genau achtundzwanzig Minuten in das Badezimmer gestellt habe«, kündigte L geheimnisvoll an. »Ihre neue Tätigkeit wird auch beinhalten, Gegner oder gefährdete Personen außer Gefecht zu setzen. Den Teil mochte Wammy übrigens ganz besonders. Jedoch muss ich Sie vorher fragen, ob Sie es testen wollen oder es vorziehen, sich für heute zurückzuziehen? Denn das könnte etwas länger dauern.«
Ed brauchte nicht lange überlegen.
»Ich bin zwar müde, aber das interessiert mich brennend«, sagte er, während er ein weiteres Mal an seinen alten Freund und Mentor dachte.

»Gut. Bin auch gleich wieder zurück«, meinte L beiläufig, kroch von seinem Sessel, ging in gebeugter Haltung in Richtung Badezimmer und verschwand darin. Vermutlich musste auch der weltberühmte Detektiv L einmal Wasser lassen, dachte Ed und beachtete seine Rückseite nicht länger. Stattdessen sah er sich die hellen Lichter Tokios an. 

Gänzlich unbemerkt schlich sich jemand von hinten an. Plötzlich packte ihn eine Hand und drückte ihm ein weißes Tuch auf Nase und Mund. Ed erschrak natürlich und inhalierte tief ein, während er sich verkrampfte. Sofort verlor er sämtliche Kontrolle über seine Gliedmaßen. Unfähig, sich zu wehren, nahm er den beißenden Geruch wahr, mit dem das Tuch durchtränkt war. Ed wurde schwarz vor Augen.
Er bemerkte zwar noch, wie ihn jemand sanft auf die Seite legte, reagieren konnte er jedoch nicht mehr.

Als Ed die Augen aufschlug, sah er den schwarzen Hauch von Nichts. Auch sein Orientierungssinn war vernebelt. Jedoch bemerkte er, dass er auf weichem Untergrund lag. Regungslos starrte er in die Dunkelheit, so glaubte er zumindest. Äußerst unangenehm empfand er dabei den überaus penetranten Geruch, der in seiner Nase gefangen zu sein schien. Genau wie in jener seltsamen Nacht in seinem Haus. Hinzu kam, dass es ihn fröstelte, nachdem er vergeblich versuchte, Arme und Beine zu bewegen. Es gelang ihm einfach nicht. 
Aus nächster Nähe drang fleißiges Tippen an seine Ohren. Glücklicherweise erinnerte er sich sofort wieder an das, was vorgefallen war. 
»Oh. Wieder wach?«, drang Ls monotone Stimme in sein gelähmtes Bewusstsein. »Schonen Sie sich noch. Die Wirkung des Betäubungsmittels lässt nur allmählich nach.«
»Großer Gott! Was haben Sie getan?«, lallte Ed größtenteils unverständlich. L jedoch schien jedes Wort genau zu verstehen.
»Ich habe Ihnen ein volatiles Anästhetikum verabreicht. Eine Spezialanfertigung. Exklusiv für Wataris Einsätze. Gerne weise ich Sie darauf hin, dass Sie gerade einmal die Ausdünstungen einer einzigen Einheit inhaliert haben. Gehen Sie in Zukunft also sparsam damit um.«

Wenig begeistert lauschte das Versuchskaninchen Ed Ls folgenden Worten:  
»Beginnen wir mit einem kleinen Ausflug in die Chemie. Die bekanntesten Vertreter des Ihnen verabreichten Anästhetikums sind Isofluran und Sevofluran. Wie die Namen schon verlauten lassen, stammen sie aus der Gruppe der Flurane. Bereits in Ihrem Haus in London wurden Sie mit einem Isofluran-Gemisch betäubt. Ich hingegen habe dieses Mal die Sevofluran-Mixtur verwendet. Den Unterschied dürften Sie nun also kennen. Und das sollten Sie auch, wenn Sie selbst damit arbeiten. Ein solches Gemisch ist für Ihre Einsätze Gold wert. Und ich selbst finde es auch ganz amüsant.«
Plötzlich endete das permanente Tippen und der Raum wurde durch eine golden schimmernde Lampe erleuchtet. Ed vernahm kaum hörbare Schritte.  
»Keine Sorge. Die Bewegungsunfähigkeit geht vorbei. In maximal zwanzig Minuten sind Sie wieder ganz der Alte. Diese Zeit sollten Sie in Zukunft dafür nutzen, sich schleunigst aus dem Staub zu machen, während sich Ihr Opfer von der Betäubung erholt.«
Die verschwommenen Umrisse eines weißen Shirts näherten sich und Ls Stimme gesellte sich dicht an sein Ohr. Der Unterton jagte ihm einen gehörigen Schauer über den Rücken.
»Passen Sie gut auf diese Mixturen auf. Auf keinen Fall dürfen sie in falsche Hände geraten. Apropos Hände. Um sich bewegen zu können, sendet Ihr Gehirn über das Rückenmark Befehle an Ihre Muskulatur. Diese Funktion ist aktuell ausgeschaltet. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie nichts mehr spüren… «
Ein kalter Gegenstand fuhr auf der obersten Hautschicht unter Eds Auge entlang. Jegliche Berührung damit fühlte sich an wie ein Schnitt. Oh ja, Ed konnte alles spüren. Selbst er empfand diese Situation mehr als unangenehm, auch wenn er wusste, dass L ihm nichts tun würde, sondern ihm eine kleine Vorstellung davon bot, wie er solche Situationen in Zukunft handhaben könnte.
»Natürlich gehört diese Klinge ebenfalls zu Wataris Equipment. Ein taktisches Überlebensmesser mit dem passenden Namen ‚Alice‘. Hübsch, nicht? Und keine Sorge, die Klinge misst zwar nur sechszehn Zentimeter; ist aber von einem wahren Meister des Stahls handgefertigt und schneidet so ziemlich alles. Ist also äußerst schmerzhaft…«, zischte L bedrohlich. Ed hingegen kniff instinktiv die Augen zusammen, jedoch reagierte seine Gesichtsmuskulatur kein bisschen.
»Alice ist, wie Sie sehen, hervorragend dafür geeignet, jemanden einzuschüchtern!«
Ed atmete erleichtert aus, als die Klinge von seinem Gesicht wieder abließ. Das weiße Shirt entfernte sich und schon kurz darauf ertönte wieder flinkes Tippen.

Racheszenarien jeglicher Art begannen Eds blühende Fantasie zu beflügeln, während er darauf warten musste, dass sein Körper wieder funktionierte. Ein kleiner Lichtblick waren die blinkenden Warnlichter der Wolkenkratzer, die er in weiter Ferne wieder unscharf erblicken konnte. Und fast war er erfreut, dass L ihn mit seinen weiteren Erläuterungen aus seinen Gedanken riss. 

»Verständlicherweise möchten Sie wissen, was genau in jener Nacht passiert ist? Nun, die Kurzfassung lautet, dass Sie betäubt wurden, um Ihnen Blut abzunehmen und an Ihre Fingerabdrücke zu gelangen. Damit ein reibungsloser Zugang zu Wataris System gewährleistet war. Bei dieser großartigen Gelegenheit hat Wedy das Weinglas und den Brief Ihrer ehemaligen Lebensgefährtin mitgehen lassen. Und natürlich alle Überwachungssysteme und Hinweise entfernt, um Sie abermals davon zu überzeugen, dass in Ihrem Haus etwas gewaltig nicht stimmt. Zu meinem Bedauern reagierten Sie dabei äußerst fahrlässig...«
Ls Vorwurf gewann durch die langgezogene Ruhepause noch mehr an Bedeutung. Und wer zum Teufel war Wedy? 
»…Sollten Sie also das nächste Mal Unstimmigkeiten in Ihrer Umgebung feststellen, kontaktieren Sie mich sofort. Haben Sie verstanden?«

Dieser unmissverständliche, gar aggressive Ton brannte sich in Eds Kopf. Natürlich war es im Nachhinein fahrlässig gewesen, die Sache zu verschweigen. Vor allem in seiner neuen Rolle als Watari. Letztendlich hätte ihm seine Verschwiegenheit im Ernstfall das Leben kosten können. 
Immerhin hatte er damals zumindest kurz darüber nachgedacht, L zu informieren. 

»Es hat mich gekränkt, dass Sie mich nicht über diesen sorgenvollen Umstand unterrichtet haben!« 
L ignorierte Eds unverständlichen Einspruch und ging gleich zum nächsten Thema über.  
»Sie möchten sicher auch gerne erfahren, was es nun mit dem Mori-Fall auf sich hat. Ich nutze daher Ihre Schweigsamkeit und erläutere Ihnen, worum es geht. Es betrifft Sie selbst nämlich in besonderem Maße.«

Beinahe hätte Ed einen Jubelschrei ausgestoßen, als er bemerkte, dass sich seine Zehen ein wenig bewegen ließen. Doch dass der Fall ihn selbst betreffen würde, ließ ihn das folgende Szenario äußerst hellhörig betrachten: L tauchte vor seiner Bildfläche auf und schob den Sessel vor sich her. Gelangweilt meinte er »Ich empfinde es allerdings als ein wenig seltsam, zu Ihren Füßen zu sprechen…«.
Und obwohl ihm Ed am liebsten den Hals umgedreht hätte, formten sich seine Lippen zu einem Lächeln. Kaum thronte L auf seinem Sessel und starrte unversehens auf Ed, erhob er sich und verschwand wieder. Aus Eds Blickwinkel sah es kurz darauf so aus, als würde sich der Süßigkeiten-Tisch autonom zu Ls Sessel hinbewegen. Wie aus dem Nichts tauchte L wieder auf; hatte das Laptop unter den Arm geklemmt. Erneut bequemte er sich in gewohnten Sitzposition auf das bequeme Sitzpolster. Passend dazu leuchteten im Hintergrund die roten Warnlichter, die Ed immer klarer erkennen konnte. Mit regungsloser Miene klappte L das Laptop auf, stellte es kerzengerade auf die Lehne und starrte wie gebannt zwischen selbigem und Ed hin und her. 
»Fangen wir damit an, dass ich eine interessante Nachricht von Jacques Leroy, dem Präsident der Interpol, erhalten habe. Er ließ mir eine Audio-Datei eines Anrufs zukommen. Ich hörte mir diese Datei natürlich an. Der Anrufer sprach mit technisch veränderter Stimme und bat explizit darum, L mit einer Identitätsklärung zu beauftragen.«
Hätte Ed belustigt dreinschauen können, so hätte er dies getan. Weshalb kontaktierte man L über Interpol? Das ergab zwar wenig Sinn, er selbst wusste jedoch auch nur einen anderen Weg. Theoretisch kontaktierte man L nämlich über Watari.

L hantierte derweil mit gespreizten Fingern auf seinem Laptop. 
»Ich habe Ihnen die Nachricht weitergeleitet. Schauen und hören Sie sich die Nachricht morgen an, denn es wird Ihr erster Fall. Und ich bin sehr gespannt, wie Sie sich dabei schlagen werden.« 
Aus Ls Mimik konnte man, wie immer, nur wenig herauslesen. Ausdruckslos sah er auf seine nackten Füße hinab. Wieder einmal fragte sich Ed, was in seinem Kopf wohl vor sich ging. Die Sache mit der Identitätsklärung hatte er ja verstanden, doch was hatte all das mit ihm selbst und dem abgeschlossenen Mori-Fall zu tun?
Ed krächzte: »Identitätsklärung? Und von wem?«
L hob den Kopf. »Quillsh Wammy.«

Ed riss die Augen auf, weil er das soeben Ausgesprochene kaum glauben konnte.
Jemand hatte L damit beauftragt, Quillsh Wammys Identität zu hinterfragen? 
Weshalb zum Teufel, dachte sich Ed fast panisch? Wusste etwa jemand, dass Wammy Watari gewesen war? Aber wieso wollte derjenige dann, dass L diesen Auftrag übernahm? Es sollte eigentlich jedem klar sein, dass Watari und L zusammen arbeiteten.
»Zügeln Sie Ihre Gedanken«, sagte L in weiser Voraussicht. »Interessanterweise wurde Watari in keiner Weise erwähnt!«
Das beruhigte Ed jedoch keineswegs. Denn je mehr er darüber nachdachte, desto mehr Fragen kreisten durch seinen Kopf. Stand etwa Wataris Identität auf der Kippe? Hatte es eine Bedeutung, warum ausgerechnet L mit der Klärung beauftragt werden sollte? War es ein Hinterhalt? 

Das Ganze stank zum Himmel und betraf ihn mehr, als ihm lieb war, stellte Ed mit erhöhtem Puls und in nerviger Starre fest. L hingegen fing an, die Erdbeertorte, die nur eine Armlänge von ihm entfernt war, weitaus interessanter zu finden. 
»Sicher schwirren nun unzählige Fragen in Ihrem Kopf«, sprach L, der eine Gabel zwischen die Finger nahm. »Und da Sie Anfänger sind, werde ich Ihnen etwas unter die Arme greifen. Also habe ich bereits etwas recherchiert, um erstens den Ernst der Lage und zweitens Ihre Eignung für den Fall herauszufinden. Die Analyse der Audio-Aufzeichnung ergab, dass es sich um einen männlichen Anrufer handelte. Er benutzte ein Mobiltelefon, welches wiederum zum Zeitpunkt des Anrufs Signale aus dem Stadtteil Shibuya sendete. Genau genommen aus einem Kaufhaus namens Shibuya 109. Die Überprüfung ergab, dass es sich um das gestohlen gemeldete Mobiltelefon von Yuna Ishikawa handelte; unserer ehemaligen Kronzeugin im Mori-Fall.« 

Mit der Gabel trennte L ein Stück der Torte ab und führte die Gabel nachdenklich in Richtung Mund. »Und wie groß glauben Sie, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beauftragung Ls mithilfe des gestohlenen Mobiltelefons einer ehemaligen Kronzeugin reiner Zufall sind?«
Ein Kribbeln durchfuhr Eds Körper, als er tief ausatmete und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. »Ich schätze die Wahrscheinlichkeit als sehr hoch ein!«, antwortete er klar. Seine Zunge reagierte nun fast ohne Einschränkungen, was L den Zeigefinger heben ließ.
»Korrekt! Genau genommen 71,69 Prozent!« 
Dann schob er sich die Gabel in den Mund und genoss das Stück Torte sichtlich.
»Wie ich sehe, empfangen Ihre Muskeln wieder Signale«, sprach er mit vollem Mund. »Aber zurück zum Mori-Fall. Wie ich bereits sagte, wurde Watari in der Audio-Datei nicht erwähnt. Was wiederum die Frage aufwirft, ob dahinter eine Absicht steckt? Mal ganz davon abgesehen, dass sich außerdem die Frage stellt, ob der Auftraggeber überhaupt mutmaßt, dass Quillsh Watari gewesen war? Sie sollten also schnellstmöglich herausfinden, was unser Anrufer mit dem Mori-Fall zu schaffen hatte?« 
Ed sah etwas hilflos drein.
»Das wird also meine Aufgabe sein?«, fragte er und schaffte es endlich, sich schwerfällig zur Seite zu drehen.
»Korrekt. Sie werden für Ihren Auftraggeber herausfinden, wer dahintersteckt und der oder den betreffenden Personen das Handwerk legen«, erklärte L, der erneut in der Erdbeertorte herumstocherte.
»Mein Auftraggeber? Wer soll das bitte sein?«, fragte Ed entgeistert.
Mit dem Mund voller Erdbeertorte und einem Hauch Überraschung legte L seinen Kopf schief: 
»Na ich! Wer sonst?«
Einen Moment schwieg Ed, um die Worte sacken zu lassen. 
»Natürlich. Mein Gehirn scheint noch eingefroren zu sein. Das Zeug haut übrigens voll rein!«, antwortete der Beauftragte, während sich L die nächste Ladung Zucker in den Mund schob und sich aufmachte, wieder aus Eds Bildfläche zu verschwinden. Umgehend folgten Tisch und Sessel. 
»Wie gefällt Ihnen eigentlich der Name John Denker?«, fragte L während seiner Umbaumaßnahme. Ed beobachtete ihn nachdenklich und versuchte, sich aufzusetzen.
»Er ist… gewöhnungsbedürftig!«
Sofort eilte L herbei, packte Eds Hand und zog ihn ohne Mühe hoch, damit er sich aufsetzen konnte. 
»Der Grund für den Namen wird sich Ihnen noch erschließen, da bin ich sicher!«, sprach L und schwang sich wieder gemütlich auf seinen Sessel.

Es fühlte sich großartig an, nicht mehr in seinem eigenen Körper gefangen zu sein. Eds Blick fiel auf den ominösen kleinen Koffer, der auf dem Tisch vor ihm stand. L musste ihn dorthin gestellt haben.
»Sie dürfen ihn gerne öffnen. Der Inhalt ist für Sie.«
Skeptisch flogen Eds Blicke zwischen dem Detektiv und dem Koffer hin und her. 
»Springt mich da auch nichts an, wenn ich ihn öffne?«, fragte er vorsichtshalber.
L schüttelte den Kopf und sagte: »Nein.«
»Und erneut ins Koma falle ich hoffentlich auch nicht…?«, erkundigte er sich mit kritischem Blick. Auch hierauf schüttelte L den Kopf. 
Mit den Fingern fuhr Ed über das raue Hartschalenplastik und genoss es ein weiteres Mal, sich wieder frei bewegen zu können. Mit ein wenig Fummelei hatte er den Dreh zum Öffnen des Koffers bald heraus. Zuerst drückte man den einen Sicherheitsdruckknopf und dann direkt im Anschluss den anderen. Ein leises Klicken gab zu verstehen, dass sich das Schloss geöffnet hatte. Dann hob Ed den Deckel vorsichtig nach oben. Mit großen Augen und offenem Mund starrte er L entgegen. 

»Noch ein schönes Spielzeug für Watari. Ich wusste, dieses würde Ihnen ganz besonders gefallen.«
Mit der Kuppe seines Zeigefingers glitt er über die glänzende Oberfläche mit den vielen handgefertigten Einkerbungen. Das silberne Metall verpasste Ed eine Gänsehaut. In schwarzem Samt verpackt lag dort eine Walther P22. Eine Automatikpistole, die in England nur als Schreckschusspistole zugelassen war. Dieses Baby hier war die Erwachsenen-Version! Daneben befanden sich drei weitere Magazine, eine ganze Ladung Munition, eine Taschenlampe, ein Schulterholster, das Überlebensmesser mit Namen ‚Alice‘, mit welchem L vorhin in seinem Gesicht herumgefuchtelt hatte und ein glänzender, pechschwarzer Schalldämpfer inklusive einem Weitblick-Objektiv.
Grinsend meinte Ed: »Die ist aber höchst illegal, nicht wahr?«
»Für die meisten Menschen schon. Für Watari hingegen nicht!«, entgegnete L verschmitzt.
»Und was ist das hier?«, fragte Ed mit Blick auf zwei winzig kleine Knopfzellen, die ihn an Batterien erinnerten. Ls Fokus richtete sich auf das kleine Extrakästchen, in welchem die beiden Zellen verstaut waren. 
»Das ist das sogenannte SIS. Das Spying & Information System zwischen L und Watari.«
Es klang seltsam, dass L in der dritten Person sprach. Ganz so, als würden er von fremden Personen sprechen.
»Haben Sie sich denn schon ein weiteres Pseudonym überlegt, welches für Sie nicht ganz so ‚gewöhnungsbedürftig‘ ist?«, wollte L wissen, während er sich wieder mit seinem Laptop beschäftigte. Ed hätte nur zu gerne gewusst, was er ‚nebenbei‘ so alles erledigte. Doch die Tatsache, dass er sich natürlich kein weiteres Pseudonym überlegt hatte, ließ ihn blitzschnell improvisieren: »Nolan Hayes.«
L wirkte aufrichtig erstaunt. »Das ist …interessant…«
»Ach ja? Weshalb? Aber der Name ist cool, oder? Könnte sogar fast der Name einer Actionfigur sein!«, schwärmte Ed, der über seinen spontanen Einfall mehr als erfreut war. Jedoch ließ sich L von dessen Schwärmerei nicht anstecken. Er bemächtigte sich lieber der Kaffeekanne und meinte: »Der Name stammt von einer Kreuzung der Namen zweier früher Freunde von Ihnen. Nolan Hill und William Hayes.«
»Woher zum Teufel wissen Sie…?«
Da wurde Eds Fassungslosigkeit auch schon unterbrochen.
»Oh bitte, Mr. Denker. Ich bin Privatdetektiv und habe meine Hausaufgaben, vor allem die, die Sie betreffen, gemacht. Das formuliert man doch umgangssprachlich so, oder nicht?«, fragte L.
Skeptisch beugte sich Ed nach vorne und fragte zweiflerisch: 
»Sie haben also auch all meine Freunde und Bekannte ‚überprüft‘?«
Seelenruhig füllte L den Kaffee in seine Tasse, ehe er antwortete: 
»Oh nein. Nur diejenigen, die in Ihrem Leben eine größere Rolle gespielt haben.«
Ed wusste nicht ganz, ob er nun schockiert oder beeindruckt sein sollte und musterte den Detektiv mit dem Röntgenblick. 
»Wie soll ich das erklären? Sie Drei waren besonders bei der Damenwelt wohl sehr… beliebt, nicht wahr?«, fragte L wissbegierig.
Ed hob seine Hand und hüstelte verlegen. Er antwortete »Das könnte durchaus sein«, was weit untertrieben war.
»Wie fühlte es sich an, zu den beliebtesten Junggesellen der Stadt zu gehören?«
Ein vielsagendes Lächeln huschte über Eds Gesicht.
»Haben Sie etwa vor, in meine Junggesellen-Fußstapfen zu treten?«, grinste Ed.
Gelangweilt sah L in Richtung der Wolkenkratzer und konterte:
»Ich empfand es als viel angenehmer, als sie noch geschwiegen haben.«
Damit schien die Sache wohl beendet. Doch Eds Grinsen wollte ihm nicht aus dem Gesicht weichen. Gab es da etwa eine Frau, für die sich der weltberühmte L interessierte? 
Eines war sicher, er würde ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen müssen. Denn so wie er die Situation einschätzte, konnte L vor allem eins: Jegliches kleines Flämmchen Interesse der Damenwelt für seine Person sofort zum Ersticken bringen, indem er sich so verhielt, wie er sich Ed gegenüber verhielt. So zumindest lauteten Eds Überlegungen dahingehend.
»Unterhalten wir uns darüber doch ein anderes Mal«, schlug Ed vor und unterdrückte seine Neugier zu diesem Thema. »Aber eine Frage hätte ich noch, bevor ich nach drüben gehe.«
»Und die wäre?«, fragte L leicht knurrend. 
Abrupt wechselte Ed das Thema. 
»Was war Quillsh Wammy eigentlich für Sie? Eine Vaterfigur oder doch eher ein Freund?«
Sofort veränderte sich Ls Gesichtsausdruck. Kaum wahrnehmbar aber dennoch war etwas anders. Doch am meisten verwundete Ed, dass er nicht wie gewohnt, sofort antwortete. Stattdessen ließ er sich erst nach hinten in den Sessel sinken.
»In der Öffentlichkeit trat er immerzu als mein Butler und Chauffeur auf…« 
Der einsetzende Stimmungswechsel war sofort spürbar. Dieses Thema schien den Detektiv wirklich weit mehr zu beschäftigen, als er jemals zugegeben hätte.
»… Für mich war er eine immens wichtige Persönlichkeit, die ich weder als Vaterfigur noch als Freund beschreiben würde.«
Ed nickte verständnisvoll und ließ auch dieses Thema auf sich beruhen. Er hatte momentan wohl kein glückliches Händchen im Anschneiden von Gesprächsthemen. 

Vorsichtig erhob sich Ed vom Sofa. Er testete, ob seine Beine ihm auch tatsächlich gehorchten. Und bis auf seine Müdigkeit fühlte er sich gut. L beobachtete Eds ersten ‚Gehversuche‘ und blieb guter Dinge hocken. Ed schielte auf den Koffer.
»Sieht so aus, als könnte ich wieder auf mich alleine aufpassen. Den Koffer nehme ich an mich und versuche, etwas zu schlafen.«
L unternahm immer noch keinen Versuch aufzustehen.
»Gut. Kommen Sie bitte nach dem Frühstück vorbei. Die benötigte Schlüsselkarte haben Sie ja bereits.«
Prüfend fasste sich Ed in die Hosentasche. Die flache Karte befand sich immer noch an Ort und Stelle. »Wir sehen uns dann morgen. Schlafen Sie wohl«, sagte Ed und bahnte sich einen Weg durch den schmalen Gang zwischen Tisch und Sofa.
»Danke, gleichfalls«, antwortete L. 
Ed bemerkte, dass er solange beobachtet wurde, bis er aus dem Sichtfeld des Detektivs verschwunden war.

Als Ed das Licht in seiner Suite anknipste, atmete er erst einmal tief durch. Die ganzen Eindrücke und alles, was er in den letzten Stunden erfahren hatte, mussten sich erst einmal manifestieren. Schon beim Betreten der Suite fiel ihm der große Reisekoffer aus Ls Suite auf. Darauf lag auch der Brief von Charlotte, den er bei Gelegenheit noch lesen müssen würde. Doch nicht hier und jetzt. 
Sein Körper schien gerade von Müdigkeit überrannt zu werden. Jetlag, ‚Wachkoma‘ und die ganze Aufregung schienen ihren Tribut zu zollen. Doch bevor er ein heißes Bad nehmen würde, musste er sich einfach Wataris Koffer ansehen. Er konnte gar nicht anders und schnappte sich den Brief und verfrachtete ihn auf den Wohnzimmertisch. 
Unwillkürlich sah er zum Sessel, auf dem L bestimmt thronen würde, wäre er zugegen gewesen. Dann hievte Ed den schweren Koffer auf das Sofa und öffnete ihn. Der Anblick, der sich ihm nun offenbarte, versetzte ihn augenblicklich wieder zurück nach London. 
Er saß zu Hause und schaute die Nachrichten. Mit seinem allabendlichen Earl-Grey in der Hand und bei gedimmten Licht sah er sich die kurzen, aber prägnanten Kameraaufnahmen von Watari im Fernseher an. Als er sich dessen Aussehen in Erinnerung rief, fiel ihm sofort auf, dass man nie sein Gesicht gesehen hatte. Dafür stachen einem der schwarze Mantel, der tief ins Gesicht gezogene Hut und die schwarzen Lederhandschuhe direkt ins Auge. Eben genau jener Mantel, der sich nun direkt vor ihm im Koffer befand. 
Sein Herz setzte für einen Moment aus, als seine Fingerkuppen auf das raue Material trafen. Er fühlte das außergewöhnliche Material, womit dieser Mantel gefertigt war. Ungläubig schüttelte er den Kopf, weil er immer noch nicht fassen konnte, dass ausgerechnet Quillsh Wammy all die Jahre derjenige war, der sich unter diesem Mantel verbarg. Auf diese Tatsache kam erschwerend hinzu, dass L den Auftrag erhalten hatte, seine Identität zu klären. Und wenn Edward Thompson die Situation richtig deutet, durfte auf gar keinen Fall herauskommen, dass Wammy Watari gewesen war. Und wer es auch immer wagen würde, Wammy oder L eine Falle zu stellen, bekäme es nun nicht mehr nur mit ihm, sondern auch mit John Denker und Nolan Hayes zu tun.

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Kapitel:11
Sätze:3.800
Wörter:46.456
Zeichen:278.412

Kurzbeschreibung

Quillsh Wammys Tod ist für alle ein Schock. Auch Edward Thompson, Verwalter von Wammy's House, verliert seinen Freund und Mentor. Bis ihm eines Tages die Ehre zuteil wird, Wataris Nachfolge anzutreten. Und seine erste, große Mission wartet bereits auf ihn

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