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I want to protect you!

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04.01.23 18:37
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

[ Crossover-Fanserie // Black Cat, Bungou Stray Dogs, IDOLiSH7 ]

[ Die FF-Idee entstand mehr aus einem „Komfort-Ding“, was ich ein bisschen aus allgemeinen Crossovergedanken (zwischen BlackCat/BungouStrayDogs) entwickelt habe & weil ich halt nen ainana Flash habe und sich die Zwillinge geradezu angeboten hatten für Dinge :‘‘D
Eigentlich ist es NICHT notwendig alle Fandoms zu kennen, da das meiste mehr AU als Canon ist (und sagen wir: Es ist Future-Black Cat, slightly CanonDiv-Bungou Stray Dogs und vermutlich ziemlich AU-IDOLiSH7 (außer das evtl ein bisschen Idoldinge existieren ]

Die Anzeige auf dem kleinen Bildschirm, welchen er auf dem Tablett mit einem Abendessen platziert hatte, zeigte keine besonderen Veränderungen, so dass er sich auf die Kellertür am Ende der Treppe zubewegte.

Auch wenn Gaku Yaotome nicht wirklich zu dieser Organisation gehörte, die sich darum kümmerte, dass nichts passierte. Die sich darum kümmerte, dass diese Zwillinge keinen Kontakt nach draußen hatten. Oder zueinander.

Er seufzte, schloss die Tür mit einem Schlüssel auf und trat in den kleinen Kellerraum, der komplett weiß und kahl war.

Einzig die Matratze in der Mitte des Raumes, zusammen mit einem Kissen und einer Decke, sorgte dafür, dass sich etwas darin befand. Zusammen mit dem Jungen, der darauf saß und seinen Blick starr nach vorne gerichtet hatte.

„Hey Tenn“, fing Gaku ruhig lächelnd an, zog die Tür hinter sich zurück ins Schloss und ging zu ihm, ließ sich vor ihm nieder und stellte das Tablett vor sich ab, „ich soll dir dein Essen vorbeibringen.“

Tenn starrte ihn einfach nur aus leeren Augen an, bevor er seinen Blick auf den Teller auf dem Tablett richtete, allerdings keine Anstalten machte, etwas zu essen.

„Du weißt, dass du etwas essen musst“, sagte Gaku ein wenig bedrückter, legte den Kopf schief, „wenn du willst, können wir danach–“,

„Ich mag nicht“, unterbrach Tenn ihn, ließ sich nach hinten auf die Matratze fallen und zog die Decke über sich, „geh. Lass mich in Ruhe.“

Gaku schluckte, sah zu dem anderen, blickte auf das Essen, sah dann auf den kleinen Bildschirm und zu den Daten des anderen. „Du weißt, dass sie nicht zulassen, dass du länger nichts isst.“ Er wusste, dass er die letzten Jahre nicht häufig hier war, auch, weil sie nicht wollten, dass er zu viel mit Tenn Nanase zu tun hatte. Aber er wusste auch, dass er sich immer noch Gedanken um ihn machte. Früher, nachdem er hierhin gebracht wurde, hatten sie sich häufiger gesehen und zusammen gespielt. „Tenn“, sagte er erneut, ein wenig leiser, „wenn es doch nur eine Möglichkeit gibt, dich hier rauszuholen, ohne jemanden zu gefährden.“

Tenn richtete sich langsam wieder ins Sitzen auf, sah zu dem Essen, blickte noch einige Sekunden emotionslos zu ihm auf. „Gehst du, wenn ich etwas gegessen habe?“

Überrascht sah Gaku zu ihm, seufzte etwas mehr, nickte schließlich. „Wenn du das willst.“

Warum hatte er nur schon seit ein paar Jahren das Gefühl, dass Tenn ihn nicht einmal mehr anders ansah als sie?

Er sah wieder ruhig zu Tenn, wie dieser ein wenig langsam von dem Essen aß, einen größeren Schluck trank und dann das Tablett von sich schob.

„Tenn“, flüsterte Gaku, sah zu den Resten. Er hatte häufig gehört, dass er nicht sonderlich viel aß. Wobei er glücklich sein sollte, dass er zumindest etwas gegessen hatte.

„Du meintest, du gehst“, entgegnete Tenn nur, sah ihn ausdruckslos an.

Gaku sah einen Moment länger in diese hellen, rosafarbenen Augen. Es sorgte dafür, dass es ihn innerlich schmerzte. Er wollte ihm so sehr helfen, aber er wusste, dass er nicht mehr tun konnte, als ab und an vorbeikommen. „Okay“, erwiderte er dann, griff nach dem Tablett und richtete sich damit auf.

Er drehte sich einfach nur um, ging zurück zu der Tür und öffnete diese, sah beim Rausgehen nochmal zur Seite zurück, allerdings sah er nur, wie sich Tenn wieder unter die Decke gelegt hatte.

Leise schloss Gaku die Tür wieder hinter sich, bewegte den Schlüssel ins Schloss um abzuschließen, bevor er wieder die Treppe nach oben ging.

Er war sich echt nicht sicher, was er noch tun sollte, aber es sorgte dafür, dass es ihn schmerzte, wann immer er Tenn so sah. Wann immer er sah, wie ausdruckslos er ihn anblickte.

„Er hat nicht gerade viel gegessen“, holte ihn eine ruhige Stimme aus seinen Gedanken.

„Nein“, antwortete Gaku nur, ließ sich die Sachen abnehmen und ging ohne ein weiteres Wort durch den Gang und etwas nachdenklicher durch das Gebäude.

Erst an dem Haupteingang nach draußen blickte er zu einem Mädchen mit langen, blonden Haaren.

„Wie geht es Tenn-kun?“, fragte sie nach, versuchte sich an einem Lächeln, allerdings erkannte Gaku, dass dieses Lächeln nicht wirklich ihre Augen erreichte. Wann immer er mit Tsumugi Takanashi über Tenn sprach, war es für sie schwierig, so zu tun, als wenn alles in Ordnung wäre.

Gaku zuckte nur mit den Schultern, machte sich daran, sich mit ihr von dem großen Gebäude zu entfernen, welches von außen nicht aussah, als wenn dort etwas Besonderes passierte. „Ich bin mir weiterhin nicht sicher, ob Tenn mich überhaupt noch erkennt.“

„Wie lange bereits?“, flüsterte Tsumugi ein wenig mehr, auch, wenn Gaku wusste, dass es keine wirkliche Frage war. Sie wussten beide, seit wann es der Fall war. Sie wussten beide, dass Tenn aufgehört hatte, normal mit ihnen zu reden, seit diese Personen entschieden hatten, dass Tsumugi ihn nicht mehr besuchen und Gaku ihn nur in Ausnahmefällen besuchen durfte.

„Fast acht Jahre“, erwiderte Gaku dennoch, auch wenn sie es beide zu genau wussten. Es war der Zeitpunkt, als sie herausgefunden hatten, dass Tsumugi eine besondere Fähigkeit hatte.

Sie ließen Gaku nur zu Tenn, weil er bisher keinerlei Anzeichen davon hatte, eine besondere Fähigkeit zu besitzen, so dass sich Tenns Fähigkeit dadurch nicht aus Versehen aktivieren und jemanden von ihnen zerstören konnte. Aber da sie auch gleichzeitig nicht wussten, ob sich nicht doch noch etwas anderes herausstellte, hatten diese Personen gleichzeitig dafür gesorgt, dass sich ihr gemeinsamer Kontakt ebenfalls auf wenige Tage im Jahr beschränkte.

„Ich will etwas für ihn tun, Tsumugi“, sagte Gaku schließlich nach einer Weile weiter.

Tsumugi nickte ein wenig neben ihm. „Ich weiß, ich will es auch, aber ... sie meinen, es ist zu gefährlich.“

Gaku nickte langsam ebenfalls. „Weil nicht klar ist, was passiert, wenn du in Tenns Nähe bist. Riku-kun ist damals befreit worden, also passen sie noch mehr auf.“ Seit diesem Tag waren sie noch wachsamer, dass niemand herausfand, wo sich Tenn befand oder ihn befreite. Weil jeder fürchtete, dass die Zwillinge zu viel Unheil anrichteten, wenn sie ihre Fähigkeiten kombinierten.

Nur wenige Personen wussten überhaupt, wo sich Tenn Nanase befand. Dazu gehörten Gakus und Tsumugis Familien, weswegen sie beschränkten Zugriff zu ihm hatten. Aber sie wussten auch beide, dass sie niemandem von ‚außen‘ etwas erzählen durften.

 


 

Mit einem konzentrierten Ausdruck in seinen Augen saß Riku Nanase auf dem Boden seines Zimmers. Vor ihm stand, oder eher schwebte, der Geist eines Kindes.

„Nichts?“, fragte Riku leise nach.

Nein“, erwiderte dieses Kind, schüttelte den Kopf, „ich kann ihn einfach nicht finden, Riku-san.“

Riku nickte, seufzte ein wenig und entspannte langsam seinen Körper, rutschte nach hinten gegen eins der Betten in dem Zimmer. „Trotzdem danke, Yuuri-chan.“

Das Kind lächelte ihn einen Moment noch an, bevor diese geisterhafte Erscheinung von ihr sich komplett auflöste. Sie war eine der Geister, die häufiger bei Riku war, um ihm zu helfen. Allerdings sorgte auch jeder Geist, den er in eine sichtbare Form brachte, dafür, dass es an seinen Kräften zehrte.

Seine Fähigkeit sorgte dafür, dass er mit den Geistern von Verstorbenen reden konnte und diese in eine sichtbare Form bringen konnte. Wobei das noch eher der harmlose Teil seiner Fähigkeit war. Riku wusste, dass seine Fähigkeit eigentlich dazu da war, die Form einer Fähigkeit von jemandem zu materialisieren, damit sein Zwillingsbruder sie von der Person losreißen und zerstören konnte. Was meistens dafür sorgte, dass diese Person von ihnen getötet werden würde.

Es war der Grund, wieso er von Tenn getrennt wurde, als sie gerade einmal drei gewesen waren. Oder wieso sie seit diesem Tag ihre Eltern nicht mehr gesehen hatten. Sie waren beide voneinander weggesperrt worden, damit sie keinen Schaden anrichten konnten.

Riku war mit etwa sieben gerettet worden und hatte danach die Wahrheit erfahren, wieso sie weggesperrt worden waren. Seit diesem Tag suchte er nach seinem Zwillingsbruder.

„Wo bist du nur, Tenn-nii?“, flüsterte er ein wenig seufzender vor sich hin, legte sich einen Arm über die Stirn.

Er bewegte sich nicht aus seiner sitzenden Position auf dem Boden als er die Tür aufgehen hörte und jemand in sein Zimmer trat.

„Wieder nichts gefunden, Riku?“, hörte er die Frage zu ihm durchdringen.

„Sie können ihn nicht aufspüren, Kujou-san“, sagte Riku, schloss einfach nur seine Augen, ließ seinen Arm wieder nach unten hängen. Er wusste, dass ihn der Einsatz seiner Fähigkeit erschöpfte, wenn er alleine war. Jeder Einsatz erschöpfte ihn.

„Riku“, flüsterte Kujou ihm zu, bewegte eine Hand durch Rikus Haare, „du solltest aufhören, sie zu fragen. Wir werden Tenn auch so finden.“

Riku schluckte, öffnete seine Augen wieder und sah zu dem Älteren auf. Takamasa Kujou hatte ihn gefunden und gerettet. Seitdem lebte er bei ihm. Seit diesem Moment hatte er darauf gehofft, dass sie Tenn auch bald finden würden. Er hatte gehofft, dass sie ihn schon zusammen finden würden. Er hatte gehofft, dass er mit den Geistern, die er kontaktieren konnte, schon herausfinden würde, wo sich Tenn befand.

Aber selbst die Geister, mit denen er kommunizierte, konnten seinen Zwillingsbruder nicht finden. „Ich kann nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören, bis ich Tenn-nii gefunden habe.“

„Riku, du hilfst ihm nicht, wenn du diese Fähigkeit zu lange nutzt“, sagte Kujou und sah ihn so direkt an, ließ sich vor ihm nieder, „ruh dich wenigstens jetzt aus.“

Riku schluckte, nickte allerdings dann doch etwas. Er wusste, dass er sich ausruhen musste, wenn er seine Fähigkeit eingesetzt hatte. Zumindest solange er alleine, ohne Tenn, war.

Vermutlich war der Grund, dass er nicht wirklich gesucht wurde, auch der, dass seine Fähigkeit nicht wirklich gefährlich für andere war, solange Tenn nicht bei ihm war. Deswegen hatten sie vermutlich auch keinen Grund gesehen, ihn zu suchen und erneut wegzusperren.

„Wir finden Tenn-nii, oder, Kujou-san?“, fragte Riku schließlich nach, während er sich etwas aufrappelte, um sich in sein Bett zu legen, auch, wenn er sich noch etwas gegen das Kopfkissen gelehnt aufsetzte.

„Wir finden ihn“, sagte Kujou und lächelte ihn ruhig an, strich ihm ein wenig durch die Haare, „aber du solltest dich jetzt ausruhen.“

Riku sah ihn ruhig lächelnd an, sah zur Seite zu seinem Nachttisch, auf dem ein kleiner Kalender stand. Schließlich berührte er die Seite etwas bedrückter.

„Ich werde alles daran setzen, dass wir Tenn bis Samstag gefunden haben“, sagte Kujou daraufhin, legte seine Hand auf Rikus, sorgte dafür, dass Riku wieder zu ihm sah.

„Unser ... achtzehnter Geburtstag“, flüsterte Riku vor sich hin, schluckte ein wenig mehr. Es war nicht so, dass Riku irgendeinen Geburtstag der letzten Jahre groß gefeiert oder genossen hatte, weil es immer die Zeit gewesen war, in der er ganz besondere Anstrengungen unternommen hatte, um Tenn zu finden.

„Jetzt schlaf aber etwas“, sagte Kujou erneut ruhig zu ihm, richtete sich dann auf, um langsam zur Zimmertür zu gehen.

„Ja, gute Nacht, Kujou-san“, sagte Riku daraufhin, lächelte ihn noch einmal an, bevor er unter die Decke rutschte. Er spürte eh, dass er langsam deutlich müde wurde. Vermutlich auch noch zusätzlich, weil er seine Fähigkeit die letzten Tage so intensiv genutzt hatte, um einen Hinweis zu Tenns Aufenthaltsort zu bekommen.

„Gute Nacht, Riku“, entgegnete Kujou noch einmal, „schlaf gut.“ Danach verließ er sein Zimmer und schloss die Tür wieder, so dass Riku wieder alleine war.

Riku drehte sich noch einmal zur Seite und sah einfach nur neben sich. „Tenn-nii, wo bist du? Wir finden dich dieses Mal rechtzeitig, oder? Ich will– ich will dich finden.“

 


 

„Was ist das hier?“

Sie richtete ihre Augen zu dem Jüngeren, bevor sie wieder vor sich zu dem größeren, weißen Gebäude sah, welches von einem hohen Zaun umgeben war. An dem Eingang befand sich eine Kamera, die genau bemerkte, wenn sich jemand näherte.

„Ich habe keine Ahnung, Chuuya“, sagte sie und legte ihre Hand auf den Griff ihres Schwertes. Sie wusste, dass sie niemals unbemerkt hineinkam, um drinnen nach Informationen zu suchen, auch wenn es das war, weswegen sie hier waren.

Es gab ein paar Informationen, dass sich jemand mit einer gefährlichen Fähigkeit, hier drinnen befand, und sie waren hier, um mehr herauszufinden. Das Einzige, was sie vorher herausgefunden hatte, war, dass es irgendeine seltsame Art von Forschungslabor war. Auch, wenn jeder gemeint hatte, dass es bereits Jahre leer stand.

Aber jetzt, wo sie hier war, wirkte es, als wenn es nur seltsame Gerüchte waren. Es schien nicht, als wenn dieses Labor überhaupt irgendwann leergestanden hatte.

Sie blickte zu Chuuya, während dieser seinen Blick in die Richtung des Zaunes gerichtet hatte. „Meinst du, du findest die Informationen zu dem Tiger ohne mich?“

Kurz bemerkte sie, wie sich diese klaren, blauen Augen zu ihr richteten, bevor er wieder zu dem Tor inmitten des Zaunes sah. „Ich soll mich einschleichen, ohne das mich jemand sieht, Sephiria?“

„Ist doch kein Problem für jemanden, wie dich, nicht?“, fragte Sephiria nach, schmunzelte etwas mehr, „du hast genug gelernt und du weißt, wonach wir suchen. Ich warte hier. Falls etwas ist, meldest du dich.“

Chuuya grinste kurz darauf, nickte und war mit einem einfachen Sprung auf den Rand des Zaunes gesprungen, sah sich kurz um und sorgte dafür, dass er den Blicken der Kameras gut ausweichen konnte, bevor er in die Luft abhob und bis zu dem Gebäude flog, worauf Sephiria ihn nicht weiter erkennen konnte.

Sie schmunzelte ein wenig, trat durch die Schatten neben dem Zaun des Gebäudes entlang. Es war vor etwa einem Monat gewesen, als sie von diesem Ort gehört hatte. Eigentlich hatten sie nach dem Tiger gesucht, der immer wieder in den verschiedensten Städten gesehen wurde und wahllos Menschen verletzte oder tötete.

Allerdings war sie bei der Suche auf diesen Ort gestoßen, der scheinbar etwas damit zu tun hatte, weswegen sie ihn auskundschaften wollte. Noch dazu konnte Chuuya ihr bei vielen dieser Auskundschaftungen helfen, weil er sich gut einschleichen konnte, ohne das jemand damit rechnete, weil niemand davon ausging, dass jemand aus der Luft kam. Aber seine Fähigkeit war immerhin dazu da, die Gravitationen zu beherrschen und zu kontrollieren, wie er wollte.

Sie bewegte sich ein Stück weiter an dem Zaun entlang, achtete darauf, dass sie nicht in den Sichtradius der Kameras am Tor geriet, während sie sich für einen Moment daran erinnerte, wie sie Chuuya gefunden hatte.

Damals hatte sie für die Regierung nach dem Jungen gesucht, der für die Zerstörung eines ganzen Stadtviertels verantwortlich war. „Sorg dafür, dass niemand vor dir Arahabaki findet. Er ist zu gefährlich.“ Es war ein Auftrag, wie jeder. Sie sollte ihn der Regierung überbringen, damit er nur für sie da war und niemand sonst ihn nutzen konnte.

Nur als sie diesen Jungen, damals gerade einmal acht Jahre, gesehen hatte, wusste sie, dass sie es nicht konnte. Chuuya war nur ein Junge, der sich nicht einmal an irgendetwas aus seiner Kindheit erinnerte. Arahabaki war zwar ein Gott, aber in dem Körper dieses Jungen wirkte selbst er so kindlich und hilflos, als wenn er sich ebenfalls nicht komplett erinnerte.

Sephiria wusste genau, was sie in dem Moment gefühlt hatte, als sie ihn gesehen hatte. Es hatte sich angefühlt, wie damals. Sie hatte einfach nicht erneut ein Kind mitnehmen und irgendjemandem übergeben können, nur weil er scheinbar eine gefährliche Fähigkeit besaß. Oder ein Gott in ihm lebte.

Stattdessen hatte sie sich dazu entschieden, Chuuya bei sich aufzunehmen und ihn aufzuziehen. Sie hatte damit gerechnet, dass sie zur Not nicht mehr für die Regierung weiterarbeitete, aber diejenigen, die ihr den Auftrag mit Chuuya – Arahabaki – gegeben hatten, hatten es akzeptiert, solange nichts passierte. Solange sich nicht wieder so eine Zerstörung anbahnte.

Ein wenig schüttelte sie den Kopf über diese Erinnerung. Seit damals hatten sie nichts mehr bemerkt. Chuuya schien seine Fähigkeit unter Kontrolle zu haben. Davon ab, dass, wenn er Momente besaß, in denen Arahabaki über ihn sich zu erkennen gab, Sephiria eher das Gefühl hatte, dass es eine kindlichere Version war, die einfach nur verwirrt umher sah. Bisher hatte sie nicht wirklich eine Ahnung, was genau es bedeutete, aber weder sie noch Chuuya glaubten, dass Arahabaki irgendetwas tun konnte, was jemandem schadete.

Komplett aus ihren Erinnerungen an die letzte Zeit gerissen wurde Sephiria, als Chuuya wieder vor ihr auf dem Boden landete, während er eine Mappe in der Hand hielt, in der einige Papiere einsortiert waren. „Das scheint der Tiger zu sein, Sephiria.“

Sie blinzelte zu der Mappe, die Chuuya ihr hinhielt, nickte etwas mehr. „Hat dich jemand gesehen?“

„Nein“, schüttelte Chuuya den Kopf, während sie sich langsam auf den Rückweg machten.

Sephiria blickte auf den Umschlag der Mappe, auf der ein schwarz-weiß Foto von einem Jungen geklebt war, worauf man nicht mehr erkennen konnte, als dass er kurze Haare hatte. „Dieser Junge ... ist der Tiger?“, fragte sie mit einem Seitenblick nach, „hast du ihn gesehen?“

„Ich habe niemanden gesehen“, entgegnete Chuuya daraufhin, schüttelte etwas den Kopf, „aber auf der ersten Seite steht, dass er sich in einen weißen Tiger verwandeln kann. Genau die Kreatur, die regelmäßig gesehen wird, wenn jemand ihren Angriff überlebt.“

Sephiria nickte vor sich hin, stieg ein Stück entfernt von dem Gebäude in ihr Auto, wartete, dass sich Chuuya auf der Beifahrerseite niederließ und reichte ihm die Mappe wieder. „Lass uns genauer nachsehen, wenn wir zurück sind.“

Ein wenig irritierter blinzelte Riku seine Augen auf, während er sich nicht sicher war, wo er war. Es war nur logisch, dass es ein Traum war, da es um ihn herum fast komplett schwarz war.

„Ist hier jemand?“, fragte er in die Schwärze hinein. Manchmal hatte er diese Träume, in denen er Kontakt zu einem Geist hatte, der mit ihm redete oder einfach nur mit ihm spielen wollte.

Nur dieses Mal fühlte es sich anders an.

Wo bin ich?“, hörte er eine irgendwie kindliche Stimme, ohne, dass Riku etwas oder jemanden erkennen konnte.

„Hallo?“, fragte Riku weiter, ging vorsichtig etwas durch diese Schwärze, in der er wirklich nichts erkennen konnte. Wieso war er hier? Wieso war jemand bei ihm, der ebenfalls nicht wusste, was passiert war?

... Wer bist du ... wo bin ich hier ...

Riku schluckte, als er diese Stimme weiter hörte, als wenn diese Erscheinung Angst davor hatte, wo sie war oder wer er war. Das war anders, als sonst, wenn er in einem Traum jemanden traf.

Normalerweise wussten die Geister zumindest, wo sie waren und das sie mit ihm sprachen.

„Mein Name ist Riku“, sagte er schließlich und blieb stehen, setzte sich eher auf den Boden an der Stelle, wo er sich befand, auch, wenn er immer noch nichts erkennen konnte, „wer bist du?“

Riku?“, hörte er diese kindliche Stimme seinen Namen wiederholen, ohne dass er etwas erkennen konnte, „ich habe ... diesen Namen schon einmal gehört.

Riku legte den Kopf schief, sah weiterhin vor sich, auch, wenn er nichts erkennen konnte. Auch, wenn er sich nicht sicher war, dass dieses Kind, oder wer auch immer da zu ihm sprach, vor ihm war. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dich schon einmal gesehen hätte.“

„Mein Name ... ist Arahabaki“, erwiderte diese kindliche Stimme kurz darauf, „wieso bin ich hier? Wo– wo ist Chuuya?

„Arahabaki?“, fragte Riku nach, „ich weiß nicht, wieso du hier bist.“ Er war sich ja selbst nicht sicher, wieso er diesen Traum hatte. Wieso er dieses Kind, oder was auch immer er war, hörte. Er konnte sich auch nicht erinnern, dass er schon einmal jemanden in einem Traum getroffen hatte, der selbst nicht wusste, wieso er dort war.

„Ich will zurück. Was willst du von mir, Riku?“

Riku zuckte ein wenig zusammen, als er die Stimme hörte. „Ich will gar nichts von dir. Ehrlich, ich bin selbst verwirrt, wieso du hier bist.“ Oder, konnte es sein, dass es ein Geist einer Fähigkeit war, der ihm etwas zu Tenn sagen konnte? „Außer ... kennst du einen Jungen, der etwa so aussieht, wie ich? Du erkennst mich, oder? Sein Name ist Tenn. Er ist mein Zwillingsbruder.“

„Tenn? So, wie du? Ich ... ich bin nicht sicher. Ich hatte nur vorher das Gefühl, als wenn ich jemanden höre, der nach dir gerufen hat“, sagte Arahabaki leise weiter, „oder ... deinen Namen wiederholte. ‚Riku. Riku.‘ Immer wieder.“

Riku weitete einen Moment seine Augen. Es war keine Bestätigung, dass es irgendetwas mit Tenn zu tun hatte, aber es war bisher das erste Mal, dass er so eine Information bekam, die ihn gefühlt näherbrachte. „Wo? Wo war das?“ Vielleicht konnte er einen Ort bekommen, vielleicht konnte Kujou dann mehr herausfinden. Vielleicht konnte er Tenn wirklich in dieser Woche endlich finden.

Ich ... Chuuya ist an diesem Ort vorbeigekommen und– diese Stimme– es fühlte sich so komisch an“, sagte Arahabaki weiter, während es klang, als wenn seine Stimme zitterte, „ich will da nicht wieder hin. Es ... es wollte mich von Chuuya losreißen.

„Bitte Arahabaki“, sagte Riku ein wenig eindringlicher, während er einfach nur vor sich sah, sich allerdings dazu zwang, zu lächeln. Er schien immerhin ein Kind vor sich zu haben, welches befürchtete, dass er von jemandem getrennt wurde? War dieser Chuuya die Person, dessen Fähigkeit er war? Wenn er sich richtig erinnerte, hatte Tenn doch so eine Fähigkeit, die andere Fähigkeiten von jemandem losreißen konnte. Nur das es Tenn zu sehr gefährdete, wenn er es ohne ihn einsetzte. Das war schließlich der Grund, wieso sie getrennt und eingesperrt wurden. „Bitte gib mir einen Hinweis, wo. Ich will dir oder Chuuya nichts tun. Ich will einfach nur meinen Zwillingsbruder finden.“

Einige Zeit hörte er absolut nichts, bevor er ein leises Geräusch bemerkte, sah, wie sich etwas in dieser Schwärze bewegte, auch, wenn sich Riku fragte, wie genau er überhaupt etwas erkennen konnte. „Ich kann dir den Ort zeigen, Riku“, sagte Arahabaki kurz darauf, als Riku vor ihm schließlich ein Kind erkannte, welches etwas weniger geisterhaft aussah, als diejenigen, die er traf, wenn er sie wach kontaktierte. Außerdem wirkte es, als hätte dieses Kind einen dunkelroten Umhang mit Kapuze umgezogen, so dass nicht wirklich etwas von ihm erkennbar war.

„Arahabaki?“, fragte Riku leise nach, streckte einen Arm aus, berührte den anderen aber nicht. Stattdessen sah er einfach nur in blutrote Augen, die unter der Kapuze hervorblitzten, während dieses Kind vor ihm stoppte und ihm entgegensah.

Erschrocken zuckte Riku zusammen, konnte allerdings kein Wort mehr sagen, als er nur ein einzelnes Bild eines großen Gebäudes erkannte.

In dem nächsten Moment saß er in seinem Bett, blickte in Kujous Gesicht, der ihn besorgt ansah. „... Kujou-san ...“, sagte er ein wenig außer Atem. Wieso fühlte er sich so entkräftet? „Ich ... jemand ... einen Ort ... wo ... Tenn-nii ... sein könnte ...“

„Riku, ruhig“, flüsterte Kujou ihm zu, berührte seine Stirn mit einer Hand, drückte ihn zurück in das Kissen, „du hast einen der Geister in deinem Traum getroffen, oder?“

„Ich– ja“, sagte Riku langsam tiefer durchatmend, „kannst du ... das nachprüfen? Tenn-nii könnte dort sein.“

Kujou nickte daraufhin, sah ihn ruhig lächelnd an. „Sag mir, wo und ich werde den Ort überprüfen. Bis dahin ruhst du dich aus, Riku.“

Riku dachte kurz an dieses Bild, an das, was Arahabaki ihm gesagt hatte, bevor er diesen Ort zu Kujou wiederholte, während er kurz darauf erneut einfach in einen Schlaf wegdämmerte. „Tenn-nii ... bitte ... sei dort ...“, flüsterte er noch etwas vor sich hin.

 


 

Mit einem tiefen Seufzen lehnte Sephiria in ihrem Schreibtischstuhl zurück, blickte auf die Mappe, die auf ihrem Schreibtisch lag.

Sie war am gestrigen Tag nicht mehr dazu gekommen, genauer durchzusehen, wer dieser Tiger war und warum genau es ein Foto eines Jungen war, das auf der Vorderseite befestigt war.

Kurz richtete sie ihre Augen zu Chuuya, der auf einem Sessel saß, während er in eine Wolldecke eingekuschelt eingeschlafen war. Es war zwar bereits Mittag, aber scheinbar hatte er die Nacht nicht wirklich gut geschlafen, weil irgendetwas mit seiner Fähigkeit, oder eher dem Gott, der in ihm lebte, gewesen war.

Ruhig lächelte Sephiria zu ihm, bevor sie einfach wieder auf die Mappe sah und diese schließlich aufschlug. Wenn sie wussten, was genau hinter dem Tiger steckte, konnten sie auch irgendetwas dagegen unternehmen, dass er weiter randalierte und Menschenleben auslöschte.

Ihre Augen fielen auf den Namen und das Geburtsdatum des anderen. „Er ist ... gerade einmal fünfzehn?“, flüsterte Sephiria vor sich hin, schüttelte etwas den Kopf, „Atsushi Nakajima, huh?“ Wieso war ein Junge, wie er, dazu gezwungen mit seiner Fähigkeit zu töten?

Sie wusste, dass sie ihn dort rausholen musste, aber sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte.

Einen Moment las sie weiter darüber, dass er scheinbar ein Experiment gewesen war, worauf sie die Augen verdrehte. Wieso unternahm dieser Kerl nur Experimente an unschuldigen Kindern? Oder ... vermutlich hatte er Atsushi eher komplett erschaffen, oder?

Sephiria lehnte sich zurück, schloss einen Moment ihre Augen. Es war auch nicht besser, als das, was die Regierung gemacht hatte, als sie Arahabaki in Chuuya erweckt hatten, um ihn zu benutzen.

Langsam sah sie wieder auf die Unterlagen vor sich, blinzelte kurz darauf irritierter, als ihr etwas anderes ins Auge fiel. „Wissen sie davon ...?“, flüsterte sie ein wenig vor sich hin, während sie auf die Namen in dem Dokument starrte, aus deren DNA Atsushi entstanden war. Creed Diskenth und Train Heartnet.

Wussten sie davon? Wussten sie davon, dass dieser Doctor von damals mit ihrer DNA experimentiert hatte?

Es war, als wenn sie momentan eindeutig zu häufig von ihrer Vergangenheit eingeholt wurde. Die Frage war nur, wie sie Kontakt zu ihnen aufnehmen konnte. Sie war sich ziemlich sicher, dass niemand noch wusste, wo sie waren.

Sie schüttelte etwas den Kopf. Sie sollte sich zuerst darum kümmern, dass sie diesen Jungen irgendwie dort rausholte, damit er nicht länger als dieser Tiger umherstreifte, um zu töten.

Es war das, was sie als Nächstes tun musste, um zu verhindern, dass wieder jemand von dem Tiger verletzt wurde oder sterben musste.

„Sephiria?“, hörte sie Chuuyas leise Stimme, worauf sie bemerkte, wie sich der andere über die Augen rieb.

„Bist du wieder wach, Chuuya?“, fragte Sephiria nach, lächelte ihn ein wenig mehr an.

„Hmmm ... sorry“, murmelte er ein wenig leiser, schob die Decke zur Seite und setzte sich normaler hin, „hast du die Unterlagen durchgeguckt?“

„Zumindest einen Teil“, sagte Sephiria daraufhin, seufzte etwas mehr, drehte sich zu ihm, „wir müssen diesen Jungen dort rausholen.“

„Was willst du mit dem Tiger machen?“, fragte Chuuya nach, legte den Kopf schief, „immerhin wird er gesucht, dafür, dass er tötet.“

Sephiria seufzte, schüttelte etwas den Kopf. „Es ist nur eine Fähigkeit und ich bin mir sicher, dass er von jemandem gezwungen wird.“

Allerdings war die Sache, dass er auf einer Fahndungsliste stand, vielleicht eine Chance, dass sie darüber Kontakt zu Train bekommen konnte. Sie musste nur irgendwie herausfinden, ob er auf ihn aufmerksam wurde.

Chuuya nickte langsam etwas mehr.

„Ich werde ein paar Nachforschungen anstellen, wie wir ihn am besten dort rausholen können“, sagte Sephiria dann entschlossen, stand auf und trat zu Chuuya herüber, „und ich habe eine Aufgabe für dich, Chuuya.“

„Was für eine Aufgabe denn?“, fragte Chuuya verwunderter nach, „und soll ich dir nicht helfen?“

„Wenn es darum geht, dort einzubrechen und Atsushi zu retten, ja, aber vorher“, fing Sephiria an, sah ihn ernster an, „hör dich ein wenig in der Stadt um, ob du jemanden findest oder jemand von ihm gehört hat. Immerhin wird dieser Tiger gesucht, weil er zu gefährlich ist. Es könnte durchaus sein, dass er von seinem Steckbrief mitbekommen hat.“

„Ist es jemand, den du von früher kennst?“, fragte Chuuya verwunderter nach.

„Hm, ich muss mit ihm sprechen“, nickte Sephiria daraufhin, „sein Name ist Train Heartnet. Falls du irgendetwas hörst oder so  ... oder sag in diesen Cafés für Kopfgeldjäger, dass ich ihn suche. Er wird wissen, wie er mich kontaktieren kann.“

„Verstanden“, sagte Chuuya und grinste sie an, „das ist auch wichtig, oder? Neben diesem Tiger?“

„So ziemlich“, sagte Sephiria schmunzelnder, während sie zur Seite zu ihrem Schreibtisch und der Mappe darauf blickte. Sie konnte nur hoffen, dass sie zumindest ihn so aufspüren konnte.

Aber wenn sie es richtig sah, war es nicht unwahrscheinlich, dass er diesen Tiger suchen würde, wenn er davon mitbekam. Erst recht, wenn bekannt war, dass es nur ein Junge war, der eine zu gefährliche Fähigkeit besaß.

 


 

Einerseits war die Stille um ihn herum beruhigend. Immerhin sorgte es dafür, dass Tenn wusste, dass er alleine gelassen wurde und niemand dieser Personen, die eh alle gleich waren, ihn irgendwie am Leben halten wollte.

Er wusste nicht, wie lange der letzte Besuch von jemandem her war.

Irgendwann hatte er mal eine Zeit gehabt, in der er sich mit jemandem unterhalten konnte, aber er wusste nicht einmal mehr, wer diese Person war. Immerhin, es sah doch eh jeder gleich aus. Es wollte doch eh jeder nur das Gleiche von ihm.

Du darfst nicht sterben.Es ist zu deinem eigenen Schutz.

Er setzte sich auf der Matratze auf, ließ die Decke über seinen Beinen liegen und sah einfach nur emotionslos durch den Raum.

Er würde hier eh nicht rauskommen. Er wusste, dass sie nie den Fehler machten und die Tür nicht wieder abschlossen.

Wie lange würde es diesmal dauern, bis irgendjemand zu ihm kam und Tenn aufsuchte? Ihm etwas zu Essen brachte, worauf er sowieso keinen Hunger hatte? Oder mit ihm reden wollte?

Tenn hatte kein Interesse mehr, mit diesen Personen zu reden, die nur das Gleiche von ihm wollten. Er wünschte sich nur, dass er Riku noch einmal wiedersehen würde.

Wann hatte er seinen Zwillingsbruder überhaupt das letzte Mal gesehen? Wie viele Jahre waren seitdem vergangen?

Ein lautes Scheppern sorgte dafür, dass er zusammenzuckte und etwas seine Augen weitete.

Kurz darauf sah er, wie die Tür aufsprang und jemand in den Türrahmen trat.

„Kujou-san! Hier!“

Tenn blinzelte ein wenig, starrte einfach nur vor sich, verfestigte seinen Griff in der Decke bei sich. Wer war das?

„Tenn-nii!“, erklang diese klare, erschütterte Stimme, kurz bevor Tenn zu einem Jungen mit kurzen, roten Haaren und genauso roten Augen sah.

Wieso nannte dieser Junge ihn Tenn-nii?

„Tenn-nii, Tenn-nii, guck mal!“

Er schüttelte den Kopf. Nur Riku nannte ihn so, aber es konnte doch unmöglich sein, dass Riku hier war, oder? Sie durften doch nicht zusammen sein.

Er öffnete seinen Mund, starrte weiterhin zu diesem Jungen, schloss seinen Mund wieder und umfasste die Bettdecke bei sich mehr. „Geh. Geh weg.“ Das war nicht Riku. Riku konnte nicht zu ihm kommen.

„Tenn-nii?“, fragte dieser Junge erneut nach, diesmal eindeutig leiser, „ich bin doch hier, um dich hier rauszuholen.“

„Hör auf“, flüsterte Tenn, schüttelte den Kopf, rutschte nach hinten, während er die Decke bei sich nicht losließ, „hör auf, mich so zu nennen! Geh weg! Nur Riku– nur Riku ... du kannst nicht ...“,

„Tenn-nii, ich bin es“, entgegnete dieser Junge, kniete sich auf den Boden und sah ihn halbwegs auf Augenhöhe an, „lass uns hier verschwinden. Bitte, Tenn-nii.“

„Hör auf!“, zischte Tenn ihm entgegen, rutschte gegen die Wand hinter sich, so weit von der Tür weg, wie er konnte, während er nur weiterhin zu diesem Jungen blickte. Warum wollte er ihm vormachen, dass er Riku war? Was bezweckten sie damit? „Hör auf, mich so zu nennen! Du bist nicht Riku! Du kannst nicht Riku sein!“

„Tenn-nii“, fing dieser Junge erneut an, weitete seine Augen etwas mehr, „... was soll ich tun? Was– ... Kujou-san ...“,

Tenn starrte zu ihm, blickte dann zu der anderen Person hinter diesem Jungen. Wer waren sie? Wieso waren sie hier? Was wollten sie von ihm?

„Willst du hier rauskommen, Tenn Nanase?“, drang diese ruhige Stimme von dem anderen zu ihm, so dass Tenn an diesem Jungen vorbei und etwas aufsah.

Hier ... raus? Aber ... er durfte doch nicht. Er konnte nicht raus. Es war zu gefährlich. Er war doch hier, damit er keinen Schaden anrichten konnte. Sie schützten ihn. Sie schützten Riku und ihn doch, oder?

„Tenn-nii“, fing dieser Junge erneut an, kurz bevor Tenn bemerkte, wie er sich zu ihm bewegt hatte und nun direkt vor ihm saß.

Es sorgte dafür, dass Tenn nur noch genauer in diese roten Augen sehen konnte. Dieser Blick, der sich so sehr anfühlte, wie Rikus, selbst, wenn sie sich jahrelang nicht gesehen hatten. Konnte er glauben, dass dieser Junge sein Zwillingsbruder war? „... Riku ...?“

„Ja, ich bin es“, flüsterte er, schluchzte ein wenig, rieb sich kurz über die Augen, bevor er ihn anlächelte, „lass uns gehen, Tenn-nii.“

„Riku“, murmelte Tenn nur erneut, blinzelte etwas, streckte seine Arme aus, zuckte allerdings zurück, bevor er nach Rikus Händen greifen konnte. Das war doch alles nicht real, oder? Das konnte nicht real sein. Er durfte Riku doch gar nicht sehen.

„Es ist alles gut, Tenn-nii“, entgegnete Riku, umfasste seine Hände, lächelte ihn so ruhig an, dass Tenn nicht anders konnte, als ihn zu erkennen. Oder zumindest zu glauben, dass das hier Riku war. Träumte er? War das ein kurzer Moment, in dem er mit Riku zusammen sein konnte, bevor sie wieder voneinander getrennt sein mussten?

„Riku“, flüsterte Tenn erneut, schluckte etwas mehr, rutschte etwas vor und ließ sich nach vorne fallen, lehnte seinen Kopf gegen Rikus Schulter, „Riku. Du bist hier. Riku.“

„Ich habe dich endlich gefunden, Tenn-nii“, sagte Riku leise weiter, legte seine Arme dabei eher halb um ihn, so dass Tenn spürte, dass Riku ihn an sich drückte.

Er schluckte nur noch mehr, allerdings wollte er das für diesen Moment genießen. Er wollte es zumindest so lange genießen, wie er konnte. Selbst, wenn das hier nur für einen kurzen Moment war. Selbst, wenn das hier nur ein Traum war und er bald wieder aufwachen würde, um zu merken, dass sich nichts verändert hatte.

„Tenn-nii, lass uns gehen“, sagte Riku nach einem längeren Moment der Stille zwischen ihnen, während er langsam wieder dafür sorgte, dass er sich etwas zurückbewegte, um ihm in die Augen sehen zu können.

Tenn blickte einfach nur verwirrt in diese roten Augen. „Gehen?“ Er konnte doch nicht hier weg. Dort draußen war er doch eine Gefahr für jeden. Er durfte doch nicht raus.

„Du kannst gehen“, sagte Riku ruhig zurück, lächelte ihn so sanft an, dass er kaum anders konnte, als ihm zu glauben. Aber was war damit, dass es zu gefährlich war? Was war damit, dass er jeden in Gefahr bringen konnte? Erst recht zusammen mit Riku. Er durfte nicht mit seinem Zwillingsbruder zusammen sein. „Du musst nicht länger hierbleiben. Wir können zusammen leben.“

Einen längeren Moment starrte Tenn einfach nur zurück, schüttelte dann den Kopf und zog langsam seine Arme zurück, ließ Riku wieder los. Sie durften doch nicht zusammenleben. Er durfte nicht raus.

„Du kannst mir glauben, dass du hier rauskannst, Tenn-nii“, sagte Riku nur wieder, sah ihn immer noch so strahlend lächelnd an, „ich werde nicht zulassen, dass du länger hier eingesperrt bleiben musst.“

„Nein“, erwiderte Tenn, starrte einfach mit geweiteten Augen zurück, „du kannst nichts tun. Ich darf nicht gehen. Ich darf nicht mit dir zusammensein.“

„Es wird alles gut gehen, Tenn-nii“, sagte Riku weiterhin so ruhig lächelnd, „wir können unsere Fähigkeiten beherrschen lernen. Dann wird es nicht unkontrolliert passieren. Kujou-san hat mir auch geholfen.“

Tenn starrte ihn nur weiter an, schüttelte wieder den Kopf, streckte seine Arme wieder etwas aus, zuckte allerdings direkt zurück, bevor er Riku erneut berühren konnte. „Ich kann nicht ...“

„Tenn-nii, bitte glaub mir“, sagte Riku, sah ein wenig bedrückter aus, „ich will nicht ohne dich gehen. Vertrau mir.“ Nur langsam legte Riku seine Hände wieder auf Tenns, lächelte ihn wieder langsamer an. „Wir können das schaffen. Zusammen.“

„Zusammen?“, fragte Tenn nach, sah zu ihren Händen, bevor er seinen Kopf so hob, dass er wieder in Rikus Augen blickte, „Riku ... bleibt bei mir?“

„Versprochen“, sagte Riku ruhig lächelnder, „ich lasse dich nicht mehr alleine“, sagte er schließlich, bevor er sich langsam aufrichtete und Tenn ein wenig mit sich hochzog.

Es fühlte sich komisch an, zu stehen, so dass Tenn nach wenigen Sekunden einfach nur gegen Riku rutschte und sich mehr von ihm festhalten ließ. „Riku ... bleibt bei mir ... Riku.“ Konnte das alles wirklich real sein? War das hier nicht nur ein Traum, in dem er Riku sah, wie er dann nur wieder verschwand?

„Tenn-nii?“, hörte er noch einmal Rikus leise Stimme an seinem Ohr, allerdings konnte er nicht einmal mehr realisieren, was sonst passierte, da ihm einfach nur die Augen zufielen.

Er konnte nur noch hoffen, dass das hier wirklich real war und Riku nicht wieder verschwand.

Es fühlte sich zu komisch an zusammen mit seiner Kindheitsfreundin in dem Wohnzimmer dieser Wohnung zu sein. Gaku war sich ziemlich sicher, dass er mehr als zwiegespalten war, wie er auf diese Nachricht reagieren sollte, die sie vor wenigen Stunden bekommen hatten.

„Wisst ihr irgendetwas?“, fragte Otoharu Takanashi nach, während er seine Augen eindeutig zusammengezogen hatte und sie ernster ansah.

„Nein, nichts“, antwortete Gaku ihm ruhig, schüttelte dabei den Kopf.

„Ich durfte doch nicht einmal mehr zu ihm“, murmelte Tsumugi ein wenig leiser, „und bei Gaku wurde es auch nur zwischendurch geduldet.“

Otoharu nickte ein wenig mehr, entspannte seine Gesichtszüge wieder etwas. „Ihr wisst aber, dass wir Tenn-kun suchen müssen,oder?“

„Ja“, sagte Gaku ein wenig ernster, während er nebenbei bemerkte, wie Tsumugi nach seiner Hand griff, so dass er ihre Hand ein wenig beruhigender drückte. Er wusste, dass sie nach außen hin nichts anderes sagen durften.

„Solltet ihr ihn irgendwo sehen, sorgt dafür, dass er euch vertraut und nichts passieren kann“, sagte Otoharu ernster weiter, „wir wissen nicht, wo er ist oder wer ihn dort rausgeholt hat.“

„Du glaubst, dass es damit zu tun hat, wer damals Riku-kun geholfen hat, oder?“, fragte Tsumugi leise nach.

„Es wäre naheliegend“, sagte Otoharu ruhig, „und es würde Sinn ergeben. Auch, dass Tenn mit ihnen gegangen ist. Er weiß, dass er nicht nach draußen kann. Aber was, wenn sein Zwillingsbruder ihn dazu gebracht hat, mitzugehen?“

„Wir werden nach ihm suchen“, sagte Gaku daraufhin, nickte etwas mehr, sah mit einem Seitenblick zu Tsumugi. Er war sich sicher, dass er Tenn finden wollte, um zumindest sicher zu sein, dass es ihm gutging. Er war sich auch sicher, dass er nicht darüber nachdenken wollte, was danach war oder was er danach tun sollte. Natürlich wussten sie, was für eine Gefahr von Tenn ausgehen konnte. Erst recht, wenn es wirklich Riku war, der ihn gefunden hatte. Aber er wusste auch, dass es ihn jedes Mal geschmerzt hatte, wenn er Tenn in den letzten Jahren gesehen hatte.

Insgeheim fragte er sich nur, ob es nicht doch eine andere Möglichkeit gab. Konnte es nicht eine Möglichkeit geben, in der Tenn normal leben konnte, ohne das etwas passierte? Ohne, dass sie ihn einsperren mussten?

 

Nachdem er etwas später alleine mit Tsumugi in ihrem Zimmer war, blickte er nachdenklicher zu seiner Freundin, die etwas mehr seufzte.

„Gaku“, murmelte sie ein wenig betrübter, „ist es–“,

„Ich weiß, ich bin mir auch nicht sicher, ob wir Tenn zurückholen sollten“, entgegnete Gaku nur, bevor sie überhaupt weitersprechen konnte.

Sie erinnerten sich beide daran, wie sie gemeinsam, als Kinder, mit Tenn gespielt hatten, wann immer sie zu ihm konnten. Damals, als er Tenn auch noch so vergnügt gesehen hatte und sie zusammen gelacht hatten. Damals hatten sie gemeinsam genug Spaß gehabt.

Es war erst später gewesen, wo Tenn nur noch so emotionslos vor sich hingesehen hatte und nicht einmal auf ihn reagiert hatte. Gaku war sich ja nicht einmal sicher, dass Tenn ihn irgendwann überhaupt noch erkannt hatte.

„Ich wünsche mir, dass wir ihn finden, aber gleichzeitig“, fing Tsumugi an, seufzte etwas mehr, sprach allerdings auch nicht weiter.

Allerdings hatte Gaku auch das Gefühl, dass sie sowieso das Gleiche dachten. Sie wollten ihren Freund wiedersehen, damit sie wussten, dass es ihm gutging und das sie ihm zeigen konnten, dass sie Freunde waren. Aber gleichzeitig war es auch der Grund, wieso sie wohl beide dachten, dass sie Tenn besser nicht mehr wiedersahen. Und wenn es nur aus dem Grund war, dass sie ihn nicht wieder in ihre Fänge geben wollten.

 


 

Mit einem tiefen Seufzen drückte Chuuya die Tür zu einer weiteren Bar auf, bewegte sich geradewegs zu der Theke und ließ sich auf einem Barhocker nieder.

Es war bereits die vierte Bar, die er aufgesucht hatte, um nach Informationen zu suchen. In den ersten zwei hatte er sich zusätzlich sehr beherrschen müssen, um die Leute darin nicht mit seiner Fähigkeit einzuschüchtern.

Nur wusste Chuuya, dass es keine gute Idee war, diese Fähigkeit zu nutzen. Es war eine der ersten Dinge, die Sephiria ihm gesagt hatte. Es wäre besser, wenn so wenig Menschen wie möglich wussten, was er konnte, selbst wenn er dadurch von vielen unterschätzt wurde.

Seine Augen glitten zu einer älteren Frau mit schon leicht angegrauten Haaren, die dabei war ein Glas zu putzen, während sie ihn mit einem Seitenblick beobachtete.

„Du wirkst nicht so, als wenn du wegen einem Job hier bist“, sagte sie schließlich, stellte das Glas zur Seite und griff stattdessen nach einer Zigarette, zündete sie sich an und nahm einen kurzen Zug, bevor sie diese in der Hand hielt.

Chuuya seufzte etwas mehr. Er war sich nicht sicher, ob er noch irgendwo in der Gegend Erfolg haben würde, nachdem er bereits sämtliche Bars, die als Treffpunkt galten, in Yokohama abgeklappert hatte. „Ich suche nur jemanden.“

„Einen Kopfgeldjäger? Name? Aussehen? Irgendwas? Ich hab ein gutes Gedächtnis, wenn die Person einen gewissen Eindruck hinterlassen hat“, erwiderte diejenige, zuckte mit den Schultern, legte die Zigarette wieder zwischen ihre Lippen.

„Er heißt Train Heartnet. Falls du weißt, wo er ist oder–“, fing Chuuya an, stoppte, als er bemerkte, wie sie ein wenig überraschter ihre Augen weitete, „... kennst du ihn?“

„Hmmm“, sagte sie etwas schmunzelnder, drückte die Zigarette neben sich in einem Aschenbecher aus, „ich hab den Namen seit Ewigkeiten nicht mehr gehört, also nein, vermutlich kann ich dir nicht helfen, ihn zu finden.“

„Oh“, sagte Chuuya und seufzte erneut etwas mehr, „falls du irgendwas hören solltest oder er hier auftaucht, sag ihm, Sephiria Arks sucht nach ihm.“

„Langsam fängst du an, interessanter zu klingen“, grinste die Frau ihn weiterhin an, „wie heißt du, Kleiner?“

Chuuya verdrehte etwas genervter die Augen. „Chuuya. Was meinst du damit?“

„Okay, Chuuya“, sagte sie schmunzelnder, „komm in drei Tagen wieder her. Ich versuche bis dahin, etwas rauszufinden. Oh, mein Name ist Annette.“

„Du versuchst ...?“, blinzelte Chuuya sie verwirrter an, „in drei Tagen ...“

„Ich hab früher häufig genug Informationen aufgetrieben, die viele nicht bekommen haben. Egal, wohin diese führten. Überlass das mir“, sagte Annette schmunzelnder, „wenn ich ihn finden kann, werde ich das auch.“

Chuuya nickte etwas vor sich hin, bevor er sich abdrehte, um aufzustehen. „Ich hoffe, du behältst recht. Ich denke, es wäre nicht unwichtig.“ Er konnte zwar nicht genau sagen, um was es ging, aber er wusste, dass Sephiria so geklungen hatte, dass es durchaus wichtig war. Vermutlich hatte es irgendetwas damit zu tun, was sie über diesen Tigerjungen herausgefunden hatten.

„Keine Sorge, ich hab immer noch ein paar Quellen und kenne den ein oder anderen Trick“, grinste Annette ihn an.

Chuuya blickte sie noch ein letztes Mal an, bevor er sich schließlich wieder nach draußen bewegte und die Straße entlangging. Wenn er in drei Tagen wieder vorbeikommen sollte, wäre es wohl das Beste, wenn er erst einmal nach Hause gehen würde. Vielleicht konnten sie sich in der Zwischenzeit ja auch schon darum kümmern, diesen Tiger zu befreien.

 


 

„Was verschafft uns die Ehre deines Besuches, Lins?“

Eve blickte nur von dem Sessel, auf dem sie mit einem aufgeschlagenen Buch saß, auf und durch das Wohnzimmer, während sie bemerkte, wie sich Sven auf einem Stuhl an dem Esstisch an der Seite niederließ.

„Hm? Kann ich nicht einfach mal wieder so meine alten Freunde besuchen?“, erwiderte Linslet Walker, schmunzelte und rutschte auf den anderen Stuhl an dem Tisch, schlug ein Bein über das andere.

„Sicher kannst du“, sagte Sven, zuckte mit den Schultern, „aber irgendwas sagt mir, dass das nicht der Grund ist.“

Eve beobachtete aus ihrer Position, während sie aufgehört hatte, zu lesen, sondern eher interessiert war, wieso sie ausgerechnet jetzt, nach all den Jahren, Besuch von Linslet bekamen.

„Hm, hast recht, Sven“, sagte sie kurz darauf, strich ihre kurzen Haare ein wenig zurück, „ich habe einen Auftrag und will ihn mit euch teilen!“

„Einen Auftrag“, wiederholte Sven eindeutig skeptischer, „sollen wir wieder die Drecksarbeit für dich erledigen, während du die Belohnung bekommst?“

„Ey, lass uns das doch, wie in alten Zeiten, zusammen erledigen!“, grinste Linslet ein wenig mehr, „vertraut mir! Das lohnt sich auch für euch.“

„Um was geht es?“, fragte Sven weiterhin ruhig nach.

Selbst, wenn ihr letzter gemeinsamer Auftrag etwas her war, so wussten sie, dass sie Linslet nicht unbedingt blind vertrauen sollten.

„Hier“, sagte sie kurz darauf, holte ein Foto aus ihrer Handtasche, hielt es so hoch, dass Eve ebenfalls einen Blick drauf werfen konnte. Auch, wenn sie aus ihrer Position nicht wirklich viel erkennen konnte.

„Wer ist das?“, fragte Sven nach, nahm das Foto in die Hand und musterte es etwas mehr, „sieht nach einem normalen Jungen aus.“

„Sein Name ist Tenn Nanase. Er besitzt eine gefährliche Fähigkeit, die dafür sorgen kann, dass jeder mit einer Fähigkeit sterben kann, indem er diese Fähigkeit ... zerstört“, sagte Linslet mit einem eindeutig ernsteren Ton, „ihr habt von besonderen Fähigkeiten gehört, oder?“

„Ein wenig“, nickte Sven etwas ruhiger, „du willst, dass wir ihn fangen?“

„Wenn er länger dort draußen ist – oder mit seinem Zwillingsbruder zusammen ist – könnte es für jeden gefährlich sein“, sagte Linslet ernster, „inzwischen gibt es genug Personen, die eine besondere Fähigkeit besitzen.“

„Aber er ist nur ein Junge“, murmelte Eve kurz darauf, während sie inzwischen aufgestanden und hinter Sven getreten war, wo sie einen Blick auf das Foto erhaschen konnte, „was passiert, wenn wir ihn fangen?“

„Sie können nicht riskieren, dass er frei draußen sein kann“, sagte Linslet ernster, „seine Fähigkeit ist zu mächtig.“

„Fähigkeiten kann man kontrollieren lernen, oder“, murmelte Eve weiter, senkte etwas ihren Blick. Wieso fühlte sie sich so sehr daran erinnert, wie sie damals eingesperrt gewesen und benutzt worden war?

„Seine ist wohl anders“, sagte Linslet daraufhin, „ich lasse euch das Foto hier. Entscheidet selbst und meldet euch wieder.“

„Wir denken darüber nach“, entgegnete Sven nur, während sich Linslet daran machte, ihre Wohnung wieder zu verlassen und sie erneut alleine zu lassen.

„Meinst du das ernst, Sven?“, fragte Eve kurz darauf nach, rutschte nun auf den Stuhl ihm gegenüber, „das du ihn fangen willst.“

„Ich sagte, wir denken darüber nach, Eve“, sagte er schließlich, lehnte sich zurück, „wir haben gerade nichts vor, oder? Wie wäre es, wenn du dich morgen etwas umsiehst und schaust, ob du ein wenig was rausfindest?“

Eve zuckte ein wenig zusammen, drehte dann ihren Kopf zur Seite. „... Was, wenn ich ihn finde ...“, murmelte sie mehr leise vor sich hin.

„Ich überlasse es dir, zu entscheiden, was du dann tust“, sagte Sven ruhig daraufhin, so dass sie wieder zurück zu ihm blickte und bemerkte, wie sie angelächelt wurde.

Eigentlich wusste sie doch, dass sie inzwischen gut entscheiden konnte, was sie machen wollte oder wen sie lieber nicht fangen wollte. Sie war nicht mehr in der Position, wo sie tun musste, was andere ihr sagten. „Okay“, antwortete sie dann ruhig, nickte etwas dazu.

 


 

Irritiert starrte Tenn einfach nur vor sich, während er absolut keine Ahnung hatte, wo er war.

Diese Gegend war seltsamer als alles, was er die letzte Zeit gesehen hatte. Obwohl er die letzte Zeit fast nichts anderes als diesen kahlen, weißen Raum gesehen hatte. Dass hier, diese unendliche Schwärze, die noch weniger als nichts zeigte, sorgte dafür, dass er sich nur unwohler fühlte.

Wo war er nur gelandet?

Hatte er nicht vorher Riku gesehen oder seine Stimme gehört?

Er drehte seinen Kopf von einer Seite zur anderen, bevor er einfach auf den Boden rutschte und seine Beine an seinen Körper zog.

Wo war er hier? Hatte er sich das mit Riku nur eingebildet?

Wieso fühlte sich sein Körper plötzlich so kalt an?

War das die Strafe dafür, dass er sich hatte von dieser Erscheinung, diesem Riku, hatte mitziehen lassen, weil er dort raus wollte? Weil er gehofft hatte, dass er dann bei seinem Zwillingsbruder sein konnte?

War das alles nur ein Trick gewesen, um ihn zu testen?

Aber wo war er dann jetzt?

Sie würden doch unmöglich aufhören, nach ihm zu sehen, wo er immer noch zu gefährlich für alle war und wo er eindeutig nicht sterben durfte.

„Woah!“, erklang eine helle, klare Stimme durch die Dunkelheit, so dass Tenn erschrocken seinen Kopf etwas anhob und zu der Person vor sich sah.

Vor ihm stand eine junge Frau mit kurzen, braunen Haaren, während sie ihn mit einem breiten Lächeln ansah. Sie war in einen hellen Yukata gekleidet, was allein schon mehr als befremdlich wirkte.

Tenn starrte sie einen Moment einfach nur verwirrt an, ohne, dass er wusste, was er überhaupt sagen sollte. Davon abgesehen, dass er sich fragte, wo sie herkam. Genauso, wie sich die Frage wieder auftat, wo er hier überhaupt war.

„Hi, endlich finde ich dich, Tenn-kun!“, sagte die Frau nun breiter lächelnd, hielt ihm eine ausgestreckte Hand hin, „mein Name ist Saya. Saya Minatsuki, um genau zu sein. Du willst nicht wissen, wie lange ich nach dir gesucht habe! Ehrlich, da wird dir gesagt, du bist der Schutzengel von Tenn Nanase und dann findest du keine Möglichkeit, ihn aufzuspüren!“

Tenn blinzelte sie einfach nur verwirrter an. Wovon sprach sie? Wer war das? Wieso sagte sie solche Dinge?

„Wer ... was ...“, startete Tenn, blinzelte einfach nur verwirrt zurück, während er nicht so wirklich wusste, was er überhaupt sagen wollte oder sollte.

„Wie gesagt, ich bin dein Schutzengel“, sagte sie fröhlich lächelnd, „aber irgendwas hat die ganze Zeit verhindert, dass ich zu dir kommen konnte.“

„Du ... was“, fing Tenn erneut an, weitete seine Augen, schüttelte heftig den Kopf, „geh. Geh weg. Du bist nicht sicher. Ich– was, wenn ich–“, was, wenn er ihr etwas antun würde, nur weil er hier war? Was, wenn er unbewusst mehr Schaden anrichtete, als er wollte?

„Keine Sorge, du kannst mir nichts tun“, sagte Saya fröhlich weiter, kniete sich vor ihn und sah ihm auf Augenhöhe entgegen, „aber wie wäre es, wenn du dich erst einmal um Riku-kun kümmerst? Er macht sich Sorgen um dich.“

Tenn schluckte, starrte sie mit geweiteten Augen an, bevor er wieder vor sich sah und seine Arme wieder um seine angewinkelten Beine legte. „Riku ... Riku darf nicht ... wir dürfen nicht ... zusammen sein“, murmelte er leise vor sich hin, ohne wieder aufzusehen.

Dieser kleine Moment mit Riku vorher war doch nichts weiter als das gewesen. Ein Moment. Ein kurzer Moment, in dem er seinen Zwillingsbruder mal wieder sehen konnte.

Wo auch immer er hier war oder wer auch immer Saya war, sie konnte doch auch nichts daran ändern. Niemand konnte etwas daran ändern, dass er für jeden da draußen zu gefährlich war. Er durfte nirgendwo hin.

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Autor

Feuchens Profilbild Feuchen

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Statistik

Kapitel:3
Sätze:576
Wörter:8.796
Zeichen:51.130

Kurzbeschreibung

Tenn und Riku wurden mit einer Fähigkeit geboren, die dafür gesorgt hat, dass sie nicht wirklich frei sein durften und daher voneinander getrennt weggesperrt wurden. Sollte es wirklich keine Möglichkeit geben, dass sie „normal“ zusammenleben können, ohne jeden um sie herum zu gefährden? Gibt es doch eine Möglichkeit?

Multicrossover

Diese Fanfiction wird neben Black Cat auch in den Fandoms Bungou Stray Dogs und Idolish7 gelistet.
Sie wurde außerdem mit Alternativuniversum, Romanze, Angst, Schmerz und Trost, Fluff und Drama (Genre) getaggt.