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Monogatari

177
11.10.23 04:09
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Alternative Timeline!
Entsprechend zeitversetzte Charaktere, veränderte Biografien, usw.

2 Charaktere

Itachi Uchiha

* 06.08.1981 Itachi ist der Erbe der Hauptlinie und ein hochbegabtes "Wunderkind", auf dem viele hohe Erwartungen lasten. Er selbst wäre lieber Philosoph oder Arzt, statt die Laufbahn eines Ninja einzuschlagen, da ihm das Kämpfen eigentlich nicht gefällt. Itachi hat ein hoch sensibles Temperament, mit dem umzugehen er von seiner ebenfalls hoch sensiblen Mutter Ikue Uchiha gelernt hat, zu der er eine sehr enge Beziehung hat. Zwischen ihm und seinem Vater Yoshio gibt es immer wieder Spannungen. Mit der Geburt seines jüngeren Bruders Sasuke identifiziert Itachi sich sehr in die Rolle des "älteren Bruders".

Uchiha Madara

* 24.12.1963 Madara ist Itachis Pate und ein Cousin von dessen Eltern. Er bezeichnet sich selbst als "größten Fan" des Ersten Hokage, dessen Schriften und Lehren er vertritt und lebt. Er drückt sich oft sehr symbolisch und zitatreich aus, hat einen guten Draht zu Kindern und neigt hin und wieder zu einer gewissen Naivität und Impulsivität. Sein Traum wäre gewesen, eines Tages Hokage zu werden, doch er entdeckt eine andere Mission mit mehr Wichtigkeit. [Madara ist der Schlüsselcharakter in der alternativen Timeline. Durch seine Verschiebung wurde der Rest der Geschichte erst möglich.]

Ich erinnere mich nicht mehr an das genau Datum dieses einen Tages, aber sicher weiß meine Mutter das noch, denn sie hat damals, als ich klein war, über alles Buch geführt, was mich betraf.

Es war im Frühjahr 1985, ich glaube, so im April oder Mai. Mama, Papa und ich lebten damals schon nicht mehr im großen Hauptsitz des Uchiha-Clans, sondern in einem kleineren, zweigeschossigen Haus außerhalb davon, in dem Mama auch ihre Praxis hatte.

Meine Eltern hatten dieses Haus bezogen, während Mama schon schwanger mit mir war, denn sie wollte, dass ich mitten im Dorf aufwuchs, mit vielen verschiedenen Menschen um mich herum, und eben nicht im Hauptsitz, diesem eigenen Viertel unseres Clans hinter dem Fluss. Sie sorgte auch dafür, dass ich mit anderen Kindern zu tun hatte. Ich mochte dieses Haus mitten im Dorf, und auch die Kinder in unserer Nachbarschaft.

Mama ist Medizin-Kunoichi und spezialisiert als Augenärztin und Neurologin, vor allem auf die Behandlung des Sharingan, und sie war damals schon die beste Augenärztin und Neurochirurgin in ganz Konoha Gakure.

 

Ich wachte morgens auf und irgendwas war anders. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis ich ganz wach war, ich hatte sehr intensiv geträumt und der Traum hing noch in mir fest. Ich hatte von meinem Papa geträumt, davon, wie er und die anderen Shinobi draußen im Krieg kämpften. Papa war stark, und ich wusste, wie stark, doch trotzdem hatte ich Angst um ihn, das ist ganz natürlich und normal.

Ich hob den Kopf und versuchte, mich langsam aufzusetzen, und mein Blick streifte eins der Bücher in dem Regal über meinem Bett. „Shinobi-Grundausbildung, Klasse 1“ stand auf dem Rücken. Mein Schulbuch, schon durchgearbeitet. Daneben ein anderes Buch: „Illusionen schaffen und auflösen, ein Genjutsu-Grundkurs“. Ich musste lächeln. Dieses Buch war ein Geschenk gewesen. Papas Cousin, den ich „Dara“ nannte und der mein Pate und wie ein Onkel für mich war, hatte es mir zu meinem vierten Geburtstag geschenkt.

Ich sah sein lächelndes Gesicht vor mir, seine Stärke ausstrahlende Gestalt in der roten Rüstung, und seine unglaublich dichten, rückenlangen, schwarzen Haare. Selbst, wenn er nur in einem Buchladen stand und mir ein kleines Geschenk machte, Dara war einfach immer der große, starke Shinobi, eine beeindruckende Erscheinung, er war sehr extravertiert und mochte die Aufmerksamkeit.

„Dieses Buch, mein Junge, wird dir auf dem Weg zu großartigen Fähigkeiten die beste Unterstützung bieten, die ein Buch nur geben kann“, hatte er gesagt. „In dir steckt unglaubliches Talent, und wir werden alles tun, damit du es voll entfalten kannst.“

Auch Dara war nicht hier. Er war in derselben Truppeneinheit wie Papa und die beiden kämpften derzeit im Wasser-Reich gegen Shinobi aus Suna Gakure. Ich vermisste Dara. Papa war oft streng, aber Dara als mein Patenonkel war wie ein guter Freund für mich.

 

Die Gedanken an Dara hatten den Albtraum aus meinem Kopf vertrieben, aber als ich aufstehen wollte, wurde mir schwindlig und ich sank wieder ins Kissen zurück. Was war denn das? Hatte ich mir etwa eine Erkältung eingefangen?

Ich lauschte, ob ich Mama hören konnte, und tatsächlich hörte ich Geräusche aus der Küche unten.

 

„Mama?“, rief ich laut.

Schritte auf der Treppe, dann schob sie die Tür auf. „Itachi? Alles in Ordnung bei dir?“

„Ich weiß nicht …“, antwortete ich. „Mir ist auf einmal so schwindlig.“

Mama sah mich besorgt an, kam auf mich zu und setzte sich an mein Bett. Sie strich meinen Pony beiseite, berührte meine Stirn, fühlte, ob ich Fieber hatte, und sagte dann: „Deine Temperatur ist tatsächlich etwas erhöht.“

„Gestern Abend gings mir gut“, sagte ich.

Mama sah mich an, schien einen Moment lang nachzudenken, dann legte sie eine Hand auf meinen Kopf und ließ blau leuchtendes Chakra aus ihrer Hand fließen.

„Mach die Augen zu, mein Kind“, sagte sie und lächelte.

Ich schloss die Augen, spürte Mamas Chakra im Kontakt mit meinem, und auf einmal … tat sich in mir ein Loch auf, aber kein tiefes, dunkles, sondern ein helles Licht, in das ich hineinzufallen fühlte.

Ich riss die Augen wieder auf und blickte in Mamas Gesicht, und so, wie sie mich anschaute, schien sie zu wissen, was mit mir los war.

 

„Itachi …“, sagte sie leise, und dann: „Dass es jetzt schon so weit ist …“

„Was ist los mit mir, Mama? Fehlt mir was?“, fragte ich ängstlich, dieses Licht eben war doch ganz schön unheimlich gewesen.

„Nein, dir fehlt nichts, keine Angst. Es ist nur … nun ja, es sieht so aus, als ob du etwas bekommen hast … Ich bin noch nicht sicher, ob es das wirklich ist. Dara kennt sich auch gut damit aus, er müsste hier sein …“

„Aber Dara ist im Krieg …“, sagte ich.

„Er kommt ja bald wieder, in ein, zwei Wochen hat er Urlaub. Dann schauen wir uns das zusammen an. Und bis dahin … wenn es das ist, was ich vermute, dann musst du keine Angst davor haben. Es ist nichts Böses.“

„Da war so ein helles Licht …“

Mama strich mir durchs Haar, beugte sich vor und drückte einen Kuss auf meine Stirn. Als ich ihre Augen wieder sah, hatte sie ihre Sharingan aktiviert.

„Es sind deine Augen, Itachi. Deine Fähigkeiten wachsen, und manchmal macht einem so etwas Angst. Aber wir sind alle da und wir helfen dir.“

„Kann ich dann … auch so was wie du, Mama? Kann ich dann Menschen heilen?“, fragte ich.

„Vielleicht, ja. Du könntest ein guter Medizin-Ninja werden, wenn du das möchtest …“ Mama lächelte, und ich wusste, sie wünschte sich das für mich. Wir waren uns so nahe, dass wir einander kaum etwas erklären mussten, und wir wussten beide, dass wir die Freude daran, anderen zu helfen, gemeinsam hatten.

 

Eine Woche später kamen Papa und Dara tatsächlich von der Front zurück. Papa war leicht verletzt und ging erst einmal ins Krankenhaus, aber Dara kam danach gleich zu uns nach Hause.

„Hallo, Ikue!“, rief er laut, und Mama antwortete: „Madara! Ihr seid wieder da?“

„Yoshio ist noch im Krankenhaus, aber mir geht’s gut.“ Er legte klappernd seine Rüstung ab, dann setzte er sich an den Küchentisch, nahm sich eine Dose Limonade und trank sie in zwei Zügen leer. „Und? Wie ist die Lage hier?“, fragte er dann.

Ich saß oben an der Treppe und sah, wie Mama sich zu Dara an den Tisch setzte. Sie sprach leise, aber ich konnte jedes Wort verstehen: „Madara, wir brauchen deine Hilfe. Es geht um Itachi … Er entwickelt gerade etwas … und ich glaube, er hat das Tsukuyomi geerbt …“

„Tsukuyomi?!“, wiederholte Madara laut. „Echt jetzt?“

„Dara!“, zischte Mama, „Nicht so laut!“

Ich stand auf, ging die Treppe hinunter.

„Ich möchte nicht, dass Oma Yoneko gleich davon erfährt“, sagte Mama. „Madara, du weißt ja, wie sie ist. Sie wird Itachi ins schwere Training nehmen, wenn sie erfährt, dass er schon so weit ist.“

„Ikue …“ Madara seufzte. „Dein Sohn ist eines der begabtesten Kinder in der Geschichte Konohas! Du kannst ihn nicht vom Training fern halten.“

Mama stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus, während sie sagte: „Itachi kommt in seinem Wesen so sehr nach mir. Er ist nicht für ein Leben als Ninja gemacht. Wenn er Mediziner werden könnte, ja, aber ich will nicht, dass Yoneko versucht, aus ihm einen Kämpfer zu machen. Ich hab Yonekos Training doch selbst mitgemacht, als ich klein war, und ich will nicht, dass Itachi dasselbe durchmachen muss!“

„Wenn ich dir verspreche, dass ich mit Yoneko rede?“, fragte Dara. „Auf mich hört sie … manchmal.“

Mama drehte sich wieder um, sah mich an, und sagte dann: „Itachi, ich möchte, dass du mit Madara auf den Übungsplatz gehst. Fragt am besten jemanden vom Hyuuga-Clan, ob ihr deren Platz benutzen dürft, dann kriegt Yoneko das nicht gleich so mit.“

„Ist gut, Mama“, sagte ich und nickte.

 

Auf dem Weg zum Übungsplatz der Hyuuga-Familie fragte Madara: „Wie fühlt sich das denn so an? Also, dieses Neue in deinem Kopf?“

„Wie ein Licht … ein Licht, das ich vielleicht formen könnte … wenn ich wüsste, wie …“, versuchte ich, die seltsamen neuen Dinge in mir zu beschreiben.

„Spürst du darin Raum, Zeit und Masse?“, wollte Dara wissen.

„Ja. Aber es ist irgendwie anders als sonst. Nicht so … fest, irgendwie …“

Dara blieb stehen, lächelte mich an, richtig strahlend. „Itachi, du bist großartig!“

„Ist das dieses … Tsukuyomi?“, fragte ich und meine Stimme zitterte ein wenig.

„So, wie du das beschreibst, ja, das ist Tsukuyomi.“

„Und was ist das?“

Dara blieb stehen, wir hatten den Platz erreicht. „Das Erste, was du lernen musst, ist, dieses Jutsu in dir zu festigen. Zu lernen, wie du damit umgehst, und dazu brauchst du die Sharingan noch nicht. Tsukuyomi ist ein sehr persönliches Jutsu, und du wirst wohl der Einzige sein, der es beherrscht. Vor dir gab es andere, der letzte war dein Urgroßvater Fukuya. Er hat uns einiges an Aufzeichnungen dazu hinterlassen, und das sind mehr oder weniger die einzigen Informationen darüber, die wir haben. Derzeit bist du der einzige lebende Mensch damit. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis du es wirklich anwenden kannst, denn noch sind deine Sharingan nicht erwacht, aber du wirst die Zeit bis dahin gut nutzen können, denn um es sicher anwenden zu können, musst du dieses Jutsu und seine Ausgestaltung in dir selbst vollkommen kennen. Und ich weiß genug darüber, um dir dabei zu helfen.“

Ein persönliches Jutsu. Ich wusste ungefähr, was das war, ich kannte mehrere Shinobi, die solche Jutsus beherrschten, die sie selbst entwickelt hatten. Aber ein persönliches Jutsu, das auf Vererbung beruhte, das war noch mal etwas anderes, und so, wie Madara es sagte, ahnte ich schon, dass dieses Tsukuyomi etwas ganz Besonderes war.

 

Dara öffnete eine große Schriftrolle mit einem starken Siegel, schloss mehrere Fingerzeichen und aktivierte seine Kaleidoskop-Sharingan, dann schlug er mit der flachen Hand auf die geöffnete Rolle. Daraufhin entstanden aus der schwarzen Tinte winzige, pechschwarze Flammen. Ich kannte diese Flammen nur aus dem Jutsu-Verzeichnis unseres Clans, dieses Jutsu hieß Amaterasu und galt als eines der stärksten und gefährlichsten Jutsus überhaupt. Dass Dara es so einfach beherrschte, zeigte einmal mehr, wie unglaublich stark er war.

„Das ist Amaterasu, mein eigenes Erbjutsu“, sagte Dara. „Der Unterschied zum Tsukuyomi besteht allerdings darin, dass dieses Jutsu von mehr als nur einer Person angewandt werden kann. Wer über das Kaleidoskop-Sharingan verfügt, kann Amaterasu beherrschen lernen, also irgendwann auch du. Im Unterschied dazu wirst du vielleicht dein Leben lang der einzige Anwender des Tsukuyomi sein.“

 

„Wie kann mir denn dann jemand beibringen, wie ich das Tsukuyomi richtig anwende?“, fragte ich.

„Genau genommen kann das niemand. Obwohl beispielsweise deine Mutter ebenfalls die Anlagen dazu hat, kann sie es nicht anwenden. Tsukuyomi kommt nicht in jeder Generation vor, es ist, wie du siehst, selbst im Uchiha-Clan äußerst selten. Doch Fukuyas Aufzeichnungen zufolge muss es dir auch niemand beibringen. Wenn du dir Amaterasu genau anschaust, siehst du, dass diese Flammen ein eigenes Leben in sich haben, sie sind wie die Vertrauten Geister. Und so ist Tsukuyomi eine eigene Welt in dir, die du nur kennen lernen musst. Es ist nicht einfach nur ein Jutsu, es wird mit der Zeit immer mehr mit dir verwachsen und greift auch in deine Persönlichkeit und dein Seelenleben ein, es wird irgendwann so sehr eins mit dir sein, dass du es dann völlig intuitiv anwenden kannst.“

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Dieses Jutsu sollte in meine Persönlichkeit eingreifen? Wie sollte ich das verstehen, war das gut oder schlecht?

Madara bemerkte, dass ich Angst hatte, er hockte sich hin, sah mir ins Gesicht und legte mir seine Hand auf die Schulter. „Du musst keine Angst davor haben, Itachi. Dieses besondere Jutsu ist eine so wunderbare Gabe, und das Beste ist, dass du selbst bestimmen kannst, wie du es nutzen willst. Es ist sehr viel mehr als nur eine Kampftechnik, und je besser und genauer du es kennen lernst, umso mehr Möglichkeiten wirst du damit haben.“

„Ich würde gerne Medizin-Ninja werden, wie Mama“, sagte ich.

„Auch dabei wird Tsukuyomi dir helfen können.“ Madara stand wieder auf, löste Amaterasu auf und rollte die Schriftrolle wieder zusammen. Dann begann er, seine Rüstung abzulegen.

„Wie wär’s, trainieren wir noch ein bisschen?“, fragte er.

Ich nickte.

 

Und während Madara mit mir dann über zwei Stunden lang Tai- und Nin-Jutsu übte, dachte ich zwischendurch ein bisschen darüber nach, dass ich wirklich gern Medizin-Ninja werden wollte, wie meine Mama. Kämpfen, auf einer Mission oder im Krieg, das wollte ich eigentlich nicht.

Lieber stellte ich mir vor, wie ich gemeinsam mit Mama in ihrer Praxis verletzte Shinobi versorgte. Oder, und das war für mich eigentlich der wichtigste Grund, überhaupt stark zu werden: Hokage werden, und dann mit diesem Amt für Frieden sorgen.

 

„Dara?“, sprach ich meinen Patenonkel später auf dem Heimweg an, „… sag mal, glaubst du, ich könnte irgendwann … Hokage werden?“

Madara blieb stehen, wandte sich zu mir um, und ich sah diesen Ausdruck in seinen dunklen Augen, ein eigenartiges Leuchten, das so aussah, als freute er sich sehr, dass ich das fragte. So sah er oft aus, wenn jemand das Wort „Hokage“ aussprach.

„Möchtest du das gern?“, fragte er und hockte sich runter, sah mich an.

„Ja.“ Ich nickte.

Madara lächelte strahlend, es schien ihn wirklich sehr zu freuen, und dann sagte er: „Wenn du hart trainierst und deine Fähigkeiten weiter ausbaust, dann kannst du ganz sicher Hokage werden, Itachi. Aus unserer Familie war noch nie jemand Hokage. Ich … muss ja gestehen, ich wäre es selbst gern. Und vielleicht schaffe ich das sogar. Und wenn nicht ich, dann wirst irgendwann du der erste Hokage aus dem Uchiha-Clan sein, da bin ich ganz sicher.“

„Du magst den Hokage der Ersten Generation sehr, oder?“, fragte ich, denn ich wusste, dass Madara die Kopien aller Schriften und Dokumente von Hashirama Senjuu sammelte und den Gründer unseres Dorfes glühend verehrte.

Dara nickte strahlend. „Ich hab ihn noch kennen gelernt, als ich ganz klein war. Er war der großartigste Shinobi, den man sich nur vorstellen kann.“

 

Er sah mich einen Moment lang an, dann fragte er: „Itachi, kennst du denn schon den Unterschied zwischen einem Ninja und einem Shinobi?“

„Ein Ninja befolgt bedingungslos die Befehle seiner Vorgesetzten. Ein Shinobi dagegen steht für seine Werte und seine Heimat ein!“, zitierte ich den Unterschied nach den Büchern, die ich dazu kannte.

„Und was ist dir wichtiger?“, fragte Madara.

Ich wusste erst nicht, wie ich es sagen sollte. Ninja und Shinobi … irgendwie sollte ich beides sein. Papa vertrat in seiner Arbeit als Anführer der Dorfpolizei von Konoha eher die Werte eines Ninja und versuchte, mir diese beizubringen, aber ich selbst fühlte mich dem Begriff des Shinobi bedeutend näher.

„Ich glaube … ich möchte lieber ein Shinobi sein …“, sagte ich leise.

Madara lächelte wieder. „Deine Mama hat Recht, du kommst wirklich sehr nach ihr.“

„Ist das gut?“

„Das ist sehr gut. Du denkst mit Kopf und Herz zusammen, und das ist wichtig, um ein guter Shinobi zu sein. Natürlich ist dein Papa auch ein guter Shinobi. Aber es kann sein, dass er dich manchmal nicht versteht. Dann ist es gut, dass du deine Mama hast.“

 

Madara blieb drei Wochen im Dorf, ehe er und Papa wieder an die Front mussten. In dieser Zeit verbrachte ich viel Zeit mit ihm, er unterstützte mich beim Training und zeigte mir auch einige Bücher und Schriftrollen des Ersten Hokage. Ich hatte das Gefühl, dass es ihn sehr stolz machte, zu sehen, dass ich auch diesen Wunsch hatte, irgendwann Hokage zu werden.

Während dieser Zeit hatte ich immer wieder Momente, in denen diese Kraft in mir, aus der mein Tsukuyomi wachsen sollte, immer ein bisschen stärker wurde. Es fühlte sich nicht wirklich an wie ein Jutsu, sondern ganz anders, fast so wie eine kleine zweite Welt, die in meinem Innenleben wuchs und meinen Geist weiter und stärker machte.

 

Einmal, ich saß allein in meinem Zimmer und lernte für die Schule, da spürte ich es wieder. Mama war einkaufen gegangen und ich also allein im Haus, und so musste ich es in diesem Moment alleine aushalten. Es fühlte sich ein bisschen einsam an, weil ich wusste, dass ich der Einzige war mit diesem Jutsu, dieser neuen, seltsamen Welt in mir. Und so musste ich ein bisschen weinen, einfach so, weil es so stark war …

Als Mama wieder kam und mich in die Küche rief, hatte ich noch gerötete Augen und sie fragte mich ganz besorgt, ob mit mir alles okay war.

„Alles gut, Mama“, sagte ich und versuchte zu lächeln. „War nur das Tsukuyomi …“

Mama stellte ihren Korb auf den Tisch, dann kniete sie sich zu mir herunter und sah mich aufmerksam an. „Itachi … manchmal frage ich mich, ob das alles nicht zu viel für dich ist …“

Ich dachte daran, wie es mir manchmal ging, wenn ich von Dingen viel zu stark berührt war oder mir manchmal etwas zu viel wurde und ich weinen musste, und dass Papa und Oma Yoneko mich dann nicht verstanden und sagten, dass ich „viel zu sensibel“ sei.

Ich wusste, was dieses „sensibel“ bedeutete, Mama hatte es mir schon oft gesagt und erklärt, dass sie so war und ich auch, weil ich ihr ähnlich war und so weiter …

„Ich krieg das schon hin, Mama“, sagte ich und lächelte, versuchte, es so zu sagen, dass es wie bei Madara klang: „Ich will doch Hokage werden!“

Ich sah, wie Mamas Augen sich mit Tränen füllten, und auf einmal umarmte sie mich ganz fest.

„Mein kleiner Itachi …!“

 

 

Es war ungefähr ein halbes Jahr danach, dass Papa auf einmal ohne Madara von der Front heim kam. Er erzählte, dass sie nach der Schlacht von Ame Gakure vor zwei Wochen noch zusammen gewesen waren, und dann war Madara ohne ein Wort einfach weggegangen und nicht mehr wieder aufgetaucht. Papa hatte ihn noch weg gehen sehen und gedacht, er käme gleich zurück, doch seitdem hatte niemand mehr etwas von Dara gesehen oder gehört.

Hokage Sarutobi hatte sehr überrascht reagiert, und nun überlegten alle, ob man Madara als „Deserteur“ bezeichnen sollte oder nicht, wobei die meisten, die ihn kannten, sich absolut keinen Reim darauf machen konnten, wie ein so glühender, treuer Konoha-Shinobi wie Madara Uchiha auf die Idee gekommen sein könnte, zu desertieren. Genau so wenig konnte sich jemand vorstellen, dass er gefallen sein könnte, denn er war so immens stark, dass ihn eigentlich niemand unbemerkt hätte besiegen können.

 

Ich war inzwischen fünf Jahre alt geworden, und ich vermisste Madara sehr. Ich verstand genau so wenig wie alle anderen, warum er einfach verschwunden war. Zwar kannte ich ihn als jemanden mit einer gewissen impulsiven Ader und einer Art von Eigenwilligkeit, aber dass er Konoha Gakure einfach so verließ, konnte ich mir nicht vorstellen.

Das einzige, was ich mir vielleicht denken konnte, war, dass dort an der Front irgendwas passiert war, was ihm ähnlich wichtig gewesen sein könnte wie unser Dorf. Aber was konnte ihm so extrem wichtig gewesen sein? Ich wusste es nicht, aber diese Vorstellung, dass dort draußen in Ame Gakure irgendwas gewesen war, das für ihn Priorität gehabt hatte, war alles, was wir an Ideen über seinen Verbleib hatten.

 

Tatsächlich kam Hokage Hiruzen Sarutobi eines Tages auf dem Schulhof auf mich zu, sprach mich an und fragte, ob er mit mir über Madara sprechen könnte. Er ging mit mir zur Schaukel am Rand des Schulhofes und ich setzte mich darauf, während Sarutobi vor mir stand und mich fragte: „Itachi, ich weiß, dass Madara dich sehr gern hat und ihr beiden viel Zeit zusammen verbracht habt. Also frage ich mich, hat er jemals dir gegenüber irgendetwas erwähnt, was uns helfen könnte, herauszufinden, warum er gegangen ist und wohin?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein … ich hab keine Ahnung …“

„Denk bitte ganz genau nach. Wenn wir nicht herausfinden, was passiert ist, muss ich Madara als Deserteur eintragen lassen, und das würde ich nur äußerst ungern tun. Wir wissen beide, was für ein stolzer Konoha-Shinobi er ist … oder war … Selbst die Anbu haben keine Spur von ihm, er hat sein Amaterasu und all seine Waffen mitgenommen und ist seitdem wie vom Erdboden verschluckt.“

„Ich weiß es wirklich nicht …“, sagte ich leise und blickte auf meine Beine, die von der Schaukel nicht mal bis zum Boden reichten. „Er wollte doch Hokage werden …“

 

Sarutobi nahm einen Zug von seiner Pfeife und blies den Rauch ins dicht belaubte Geäst des Baumes, an dem die Schaukel hing. „Das ist wirklich schade. Dann habe ich wohl keine andere Wahl, dann muss ich ihn als Deserteur eintragen lassen. Auch, wenn es mir das Herz zerreißt, denn ich hätte ihn selbst gern als meinen Nachfolger gesehen …“

„Und wenn er … doch einfach in einem Kampf gefallen ist?“, fragte ich, denn die Vorstellung, dass ausgerechnet Madara, der ein solch glühender Verehrer des Ersten Hokage war, „desertiert“ sein sollte, war doch zu unglaublich. Und die Idee, dass irgendwas passiert war, was für ihn wichtiger gewesen sein könnte … wir wussten ja alle nicht, was ihn dazu bewegt haben konnte, zu gehen …

„Es ist zwar schwer vorstellbar, aber genauso möglich.“ Sarutobi zog wieder an seiner Pfeife. „Aber, da hast du Recht, Itachi, es wäre für Madaras Ehre wesentlich erträglicher. Nun gut … dann tragen wir ihn doch als Gefallenen ein. Sollte er irgendwann doch noch wieder auftauchen, wird er uns ja aufklären können darüber, was wirklich passiert ist.“

Der Hokage verabschiedete sich von mir und ich kehrte ins Schulgebäude zurück, wo die nächste Unterrichtsstunde schon begonnen hatte.

Der Krieg war mit der Schlacht von Ame Gakure entschieden worden und nun vorbei, und das bedeutete, dass Papa wieder öfter zu Hause war.

Entsprechend ging nun meine praktische Ausbildung zum Ninja richtig los. Und weil Madara nicht mehr da war, um sie daran zu hindern, fing nun meine Urgroßmutter Yoneko an, mich in ihr spezielles Trainingsprogramm aufzunehmen, bei dem Papa auch mitmachte.

Mama sprach sich mehrmals dagegen aus und achtete darauf, dass Oma Yoneko, die sehr streng sein konnte, mich nicht überforderte, aber ab und zu kam es doch vor, dass es mir einfach zu viel wurde. Es gab deshalb hin und wieder Streit zwischen Mama und ihr.

Yoneko sprach vor mir offen darüber, dass sie die Ehe meiner Eltern ja arrangiert hatte, damit ein so begabtes Kind wie ich dabei herauskam, und das setzte mich doch ganz schön unter Druck.

 

Ich war nicht nur einfach ein kleiner Junge von gerade mal fünf Jahren, nein, denn das, was Oma Yoneko über mich und vor mir sagte, wenn sie mich in ihr sehr exklusives Teehaus mitnahm, war immer „Itachi, das hochbegabte Wunderkind“ und „Itachi, der Clan-Erbe“ und so weiter …

Ich wusste, dass ich geplant war, dass meine Uroma die Ehe meiner Eltern, die Cousin und Cousine waren, eben genau dafür arrangiert hatte, dass ihre guten Gene mich zu einem solchen Wunderkind machen sollten, wie ich es nun war, und mir war klar, dass Yoneko sich schon ganz genau vorstellte, was ich alles zu erreichen hatte. Diesen hohen Erwartungsdruck, den spürte ich jetzt.

 

Mama tat alles, um mir zwischendurch so viele Ruhezeiten wie möglich zu schaffen, und war ich zuvor schon ein echtes „Mamakind“ gewesen und hatte mich bei ihr immer wohler gefühlt als bei Papa, wurde sie in dieser Zeit noch mehr zu meinem Ruhepol.

Die hohe Sensibilität, die ich mit ihr gemeinsam hatte und die Papa oft nicht verstehen konnte, band Mama und mich eng zusammen, und je mehr sich meine Fähigkeiten als Shinobi entwickelten und mehrten, umso mehr hing ich an Mama, erst recht, als ich mit sechs Jahren als mit Abstand jüngster Absolvent die Grundausbildung an der Akademie abschloss, Genin wurde, und mein Training damit noch mal intensiviert wurde.

 

Meine Ruhezeiten bei Mama waren etwas, das unser Verhältnis noch inniger machte, nach jedem harten Training und jedem meiner „Auftritte“ in Omas Teehaus, vor denen ich meistens beinahe Lampenfieber hatte und hinterher ziemlich erschöpft war. Weil Mamas Praxis sich ja bei uns im Haus befand und sie deshalb meistens zu Hause war, empfing sie mich nach den Teehausbesuchen mit einer Kanne Beruhigungstee und oft ließ sie mir dann ein heißes Bad mit duftendem Badesalz ein, kochte uns schönes Essen und umsorgte mich, ließ mich einfach ihr Kind sein.

 

Meine Eltern waren eigentlich ein gutes Team und ein harmonisches Ehepaar, obwohl sie so verschieden waren, verstanden sie sich meistens gut. Aber damals, als ich sechs Jahre alt war, hörte ich sie manchmal nachts streiten. Und meistens ging es dabei um mich.

„Er ist noch ein Kind, Yoshio! Und auch, wenn er jetzt ein Genin ist: Du kannst ihn nicht wie einen Chuunin von vierzehn oder fünfzehn Jahren behandeln, er ist erst sechs!“

„Itachi ist eine riesige Chance für Konoha! Was meinst du, was er mal alles können wird!“

„Und weißt du, was er noch ist?! Er ist ein Kind, und er ist mein Sohn! Und was bin ich? Ich hab meine Shinobi-Karriere damals an den Nagel gehängt, weil ich einen Sohn habe, der mich braucht! Yoshio, du weißt, ich liebe dich, aber du kannst aus MEINEM Sohn keine Kampfmaschine machen, denn das ist Itachi nun mal einfach nicht!“

„Ikue …“

„Ich werde jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie du unseren Sohn krank machst, Yoshio! Und jetzt geh bitte, hau ab, ich mag dich gerade nicht mehr sehen.“

Die Tür knallte, Papa lief aus dem Haus und ich hörte Mama in der Küche weinen.

 

Ich lag oben in meinem Zimmer im Bett und wusste nicht, was tun. Dass Mama so wütend wurde, kam sehr selten vor, sie war sonst ein ruhiger Mensch, und ich fühlte mich schlecht deswegen. Ich war der Grund, warum meine Eltern sich so stritten, und so dachte ich, wie schon öfter mal, an etwas, das ich mir schon lange sehr wünschte: Ich wollte nicht mehr allein sein in meiner Familie. Klar, ich hatte meine Cousins und Cousinen, und dann gab es da ein paar Mädchen und Jungen aus dem Dorf, mit denen ich manchmal zusammen war. Aber mit meinen Eltern war ich immer allein, und deshalb ging es immer um mich.

Was ich mir wünschte, war ein Geschwisterkind. Einen kleinen Bruder oder eine Schwester, jemanden, mit dem ich immer zusammen sein konnte, und durch dessen Existenz der Fokus dann eben nicht immer nur auf mir lag.

 

Ich mochte es nie, so im Mittelpunkt zu stehen, bei Oma Yoneko im Teehaus nicht, wenn sie mich ihren Freundinnen als „den ganzen Stolz des Uchiha-Clans“ präsentierte, und auch sonst nicht. Ich konnte ja nicht mal einfach im Dorf herumlaufen und spielen, ohne dass von irgendjemandem ein „Da ist ja der Uchiha-Erbe“ oder ähnliche Aufmerksamkeit kam. Es war zwar meistens positiv gemeinte Aufmerksamkeit, doch mir war das immer sehr unangenehm.

 

Und dann gab es da noch die „Gegenpartei“ zu Uroma Yonekos Teehaus: Koharu Utatane-Hyuuga und deren Anhänger. Soweit ich damals wusste, konnten diese beiden Cliquen einander schon seit ihrer Jugend in der Gründungszeit von Konoha Gakure nicht ausstehen und führten eine Art dorf-internen Krieg gegeneinander.

Und ich, beziehungsweise meine Fähigkeiten und meine Ausbildung, wurden zu einem Teil dieses Kampfes: Yoneko berichtete stolz von jedem Fortschritt, den ich machte, und Koharu schimpfte dagegen an, beschwerte sich laufend, dass es im Uchiha-Clan viel zu viel Talent gab und zu viel Macht ... Als Madara noch da gewesen war, hatte sich Koharus Hass hauptsächlich gegen ihn gerichtet, denn er war Yonekos Liebling gewesen, doch nun regte sie sich über mich auf.

Ich hatte selten persönlich mit ihr zu tun, aber jedes Mal, wenn beispielsweise Papa für mich im Dorfrat eine Ausnahmeregelung durchsetzen wollte, waren es Koharu und ihr Vasall Homura, die dagegen stimmten und stetig behaupteten, dass der Uchiha-Clan viel zu viel zu sagen hatte. Die beiden bildeten außerdem eine lose Allianz mit einem gleichaltrigen Mann namens Danzo, der allerdings oft ziemlich außen vor war, weil er sich auch mit dem Hokage meistens nur stritt.

 

Mit der Zeit wurde der Umstand, dass ich zu viel Aufmerksamkeit und Auffallen nicht mochte, immer mehr zu einem bewussten Teil von mir. Und ich entdeckte, dass dieser Wesenszug von mir doch ganz gut zum Beruf des Ninja und Shinobi passte: Nicht auffallen, sondern sich verstecken und fast unsichtbar werden.

Ich mochte einfache Kleidung in gedeckten Farben, und ich bemerkte, dass es mir gefiel, schnell und unauffällig zu kämpfen. Zum einen, weil Kämpfen etwas war, was ich immer schnell hinter mich bringen wollte, und zum anderen eben, weil ich nicht auffallen wollte.

Und so fühlte ich mich schon intuitiv mit all jenen Jutsus wohl, die mir ein Agieren im Unsichtbaren und ein indirektes Einwirken auf den Kampf ermöglichten: Genjutsu. Ninjutsu gefielen mir je nach ihrer Art. Und am wenigsten mochte ich Taijutsu, obwohl ich diese ebenfalls gut beherrschte.

 

Das war auch etwas, was ich über mich herausfand: Ich konnte sehr vieles, es gelang mir einfach, aber ich wollte bestimmte Dinge einfach nicht. Meine Begabungen ermöglichten mir, dass ich fast alles lernte, was es an der Akademie und im Training zu lernen gab, doch wenn ich etwas nicht richtig fand oder es sich für mich nicht gut anfühlte, dann tat ich es entweder sehr ungern, oder manchmal auch einfach gar nicht.

 

In der Akademie war das Fußballspielen der anderen Jungen so etwas gewesen: Ich hatte es damit versucht, es auch hinbekommen, und dann aber sehr bald gemerkt, dass ich es einfach nicht mochte. Ich war nicht nur immer der Jüngste in der Klasse, ich war auch noch anders als die anderen Jungen. Manche von ihnen nannten mich „Mädchen“, weil ich längeres Haar und zartere Gesichtszüge hatte, und weil ich meistens lieber mit einem Buch auf der Schaukel saß und las, statt eben mit ihnen Fußball oder ähnliches zu spielen.

Und als die Mädchen in der Klasse sich für mich interessierten, weil ich als mit Abstand jüngstes Kind der Klasse ihre Fürsorglichkeit weckte, verstand ich mich mit ihnen deutlich besser. Ich wusste bei Mädchen immer genauer, was sie dachten und wollten, als bei Jungen, auch wenn ich mich selbst eindeutig als Junge identifizierte. Wenn mich jemand fragte, warum ich lieber bei den Mädchen saß als bei den Jungen, sagte ich, dass ich mich wegen meiner engen Bindung zu Mama einfach bei weiblichen Wesen wohl fühlte.

Wenn ich in dieser Zeit aber über meinen Wunsch nach einem Geschwisterkind nachdachte, dann wurde mir immer klarer, dass ich mir am liebsten einen Bruder wünschte, einen Jungen, von dem ich hoffte, dass er, weil er ja mit mir verwandt sein würde, mir vielleicht ähnlicher war als die Jungs in der Schule.

 

Eigentlich gab es damals nämlich nur einen einzigen Jungen, mit dem ich mich von Anfang an gut verstand, und das war mein Cousin Shisui. Er war zwar ganz anders als ich, lebhafter und lauter, und auch sechs Jahre älter, aber irgendwie fühlte ich mich bei ihm wohl. Vielleicht, weil er der Sohn von Mamas Bruder war, oder einfach, weil er mich nie „Mädchen“ oder dergleichen nannte. Er nahm mich immer ernst, obwohl ich so viel jünger war als er, und mit ihm konnte ich über Bücher reden, weil er selbst gern und viel las.

Für die meisten anderen war ich entweder „der Jüngste“, in der Klasse, im Team, in so ziemlich allem, oder eben „das hochbegabte Wunderkind“. Dass ich mich eigentlich nie wie ein „Kind“ gefühlt hatte, weil ich so früh begonnen hatte, über die großen Dinge in der Welt nachzudenken, und dass ich durch meine Fähigkeiten trotz meiner sehr jungen sechs Jahre meistens schon fühlte und dachte wie ein Erwachsener … bei Shisui konnte ich das zeigen und einfach sein, ohne dafür zu hören zu bekommen, wie „besonders“ ich doch sei. Er behandelte mich einfach … normal.

Shisui war selbst schon ziemlich reif, und auch wenn er längst nicht solche hochpotenzierten Fähigkeiten hatte wie ich, er war ein Uchiha und verstand, was das bedeutete.

 

Shisui war es dann auch, der mich quasi aufklärte, was Dinge betraf, die so zwischen Männern und Frauen abliefen. Er hatte mit fast dreizehn seine erste feste Freundin, Izumi, die er mir vorstellte und von der ich dann zum ersten Mal hörte, wie das mit den … Bienen und Blumen so funktionierte. Ja, so erklärte sie mir das, und Shisui, der dabei war, sagte dann zu ihr: „Hey, behandele Itachi nicht wie ein kleines Kind! Er ist immerhin Genin! Bienchen und Blümchen, also echt!“

Izumi wurde knallrot und erwiderte: „Wie soll ich das denn sonst sagen? Dass die Erwachsenen diese … Dinge machen, die irgendwie … na ja, komisch sind?“

Woraufhin Shisui ein Buch aus seinem Rucksack holte, auf dem ein rotes Verbotsschildchen klebte und das er einfach vor sich auf den Tisch legte. „Da steht alles drin.“

„Was ist das denn?“, fragte Izumi.

„Hab ich von meinem Paps aus dem Nachttisch geklaut“, sagte Shisui und grinste. „Das ist das hochmysteriöse Flirtparadies, Band 1!“

Was er dann mit gesenkter Stimme aus diesem Buch vorlas, ließ Izumi wiederum erröten. Ich saß einfach da und fragte mich, ob das, was da beschrieben wurde, wirklich so schön und aufregend war, wie es dort stand. Mit meinen sechs Jahren hatte ich noch keine rechte Vorstellung davon, auch wenn ich sonst so viel wusste …

 

Aber etwas später, ich weiß heute nicht mehr genau, wann, da erfuhr ich dann etwas genauer, worum es dabei ging, bei solcher Liebe …

Ich wachte mitten in der Nacht auf und hörte etwas: Mamas Stimme, aber sie klang ganz anders als sonst. Einen solchen Laut hatte ich noch nie gehört, und zuerst dachte ich, vielleicht weinte sie. Ich setzte mich auf und lauschte. Papas Stimme war auch da, aber nur ganz leise.

Ich stand auf und schlich barfuß bis zu meiner Zimmertür, die ich leise aufschob.

Da, wieder Mama. Aber nicht in der Küche unten, sondern oben, im Schlafzimmer am Ende des Ganges. Und jetzt war deutlich zu hören, dass sie nicht weinte.

Mein Gefühl sagte mir, dass ich ganz leise sein musste, dass sie mich nicht bemerken durften. Und so näherte ich mich, schon intuitiv nach Art eines Ninja, dem Schlafzimmer meiner Eltern. Je näher ich kam, umso klarer wurde mir, dass es Mama gut ging und Papa auch, ich hörte Mama kichern und auch andere Laute sprachen davon, dass meine Eltern da gerade irgendetwas taten, was ihnen hörbare Freude bereitete.

 

Das Schlafzimmer meiner Eltern lag auf der anderen Seite des Flures und ich wusste, dass eine der Wände von Papas Büro, das sich direkt daneben befand, nur aus einer Holz-und-Reispapier-Wand bestand. Die Tür vom Büro war nicht ganz geschlossen, ich schob sie vorsichtig auf und huschte hinein.

Kaum war ich drinnen, hörte ich Mama im Raum daneben wieder kichern. „Yoshiii … ahh, lass das!“ Und dann: „Wenn du so weiter machst …. hihihihi … dann wecken wir noch Itachi auf …“

„Ich bin schon wach“, dachte ich und kroch unter Papas Schreibtisch, denn dahinter, unten in der Ecke, war das Reispapier etwas lose. Ich feuchtete meinen Finger mit Spucke an und löste das Papier ein wenig von dem hölzernen Rahmen ab, und dann blickte ich durch das entstandene, winzige Fenster:

Viel sah ich nicht, es war ganz dunkel, nicht mal der Mond schien, denn es war Neumond. Aber ich hörte das Rascheln von Bettzeug, Mama kicherte und seufzte genießerisch, und Papa atmete laut. Und irgendwie wusste ich in diesem Moment, dass das, was Shisui mir erzählt hatte und das, was er aus diesem geheimnisvollen Buch vorgelesen hatte, genau das war, was meine Eltern hier gerade taten. Und weil Izumi es so erklärt hatte: „Erwachsene machen das und dann kommen manchmal später Babys zur Welt“, freute ich mich sehr darüber. Denn wenn meine Eltern das auch taten, dann bedeutete das, dass ich möglicherweise ein Geschwisterchen bekommen konnte.

 

Ich schlich zurück in mein Zimmer, setzte mich auf mein Bett und betete zu allen mir bekannten Gottheiten, dass ich mir so, so, so sehr einen kleinen Bruder wünschte. Und ich schwor, schon in dieser Nacht, dass ich der allerbeste große Bruder sein wollte, den man sich nur vorstellen konnte.

 

Damals war ich sechs. Es sollte noch vier Jahre dauern, bis sich mein Wunsch erfüllte, doch es passierte tatsächlich, ich bekam einen kleinen Bruder.

Ame Gakure, 1986

 

Der Regen fiel fast lautlos auf die Straße. Es war ein Regen aus winzigen Tropfen, Wasser in der Luft, die stetig diesen Regen in sich hatte. Obwohl es wohl später Nachmittag war, war es fast so dunkel wie in der Nacht. Nur das Licht von ein paar wenigen Laternen warf seinen blauen Schein auf den ehemals recht städtischen, verregneten und nun schwer zerstörten Ort.

Obwohl Ame Gakure seinem Namen - Dorf des Regens - alle Ehre machte und es auf nur wenige Sonnenstunden brachte, konnte man hier eigentlich einigermaßen gut leben. In friedlichen, normalen Zeiten.

 

Aber es war Krieg. Schon seit fünf Jahren herrschte dieser Krieg in der Shinobi-Welt, der dritte große Krieg seit der Gründung des Dörfer-Machtsystems. Die Großmächte Konoha Gakure, Suna Gakure, Kumo Gakure und Kiri Gakure bekämpften sich um die Vorherrschaft auf dem Kontinent. Vor vier Wochen hatten die Kämpfe der großen Ninja-Armeen dann das kleine, verregnete und recht unbedeutende Ame Gakure erreicht. Für die großen Reiche war Ame nur das graue, dunkle Dorf, das eben in einer unvorteilhaften Lage war, zwischen den mächtigen Ninja-Dörfern. Nach vier sehr langen Wochen, die Ame noch versucht hatte, sich gegen Konoha, Kumo und Kiri zu wehren, war das Dorf geschlagen und nur noch eine Ruinenstadt.

 

Auf dem von Trümmersteinen übersäten, löchrigen Dorfplatz, inmitten eines Kreises leerer, zerstörter Häuser, hatten sich etwa vierzig Ninjakrieger aus dem siegreichen Konoha-Gakure um ein schwarzes Feuer versammelt, das in einer großen Schriftrolle brannte. Die Schriftrolle gehörte dem Uchiha-Clan und die schwarten Flammen hatten einen Namen: Amaterasu. Es war eine sehr starke Waffe, doch in diesem Moment diente es der Wärme und dem Schärfen und Härten der metallenen Waffen, die darin lagen wie Holzscheite in einem gewöhnlichen Feuer.

Die Ninjakrieger waren müde vom Kämpfen, freuten sich aber auch, denn der Krieg war so gut wie gewonnen. Zwar kämpften vor den eingestürzten Mauern von Ame immer noch Kumo und Kiri gegeneinander, aber Konoha hatte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereits gesiegt. Der Krieg war fast vorbei. Nach langen fünf Jahren waren die Machtverhältnisse geklärt.

 

Zehn der etwa vierzig Konoha-Ninjas standen etwas abseits der anderen, die um das Feuer saßen, in einem Außenbogen nebeneinander. Sie suchten mit ihren Augen wachsam die dunklen Ruinen nach Sprengfallen und feindlichen Ninjas ab. Diese zehn Ninjas hatten alle besondere Suchfähigkeiten: Augen, die durch alles hindurchsehen konnten, ein besonderes Gespür für Chakra oder sie konnten mit ihren scharfen Sinnen Spuren nachverfolgen. Einige von ihnen konnten sogar versiegelte Dinge ausfindig machen.

 

Die Bewohner von Ame waren längst geflohen, vielleicht bis auf einige wenige, für die Konoha-Ninjas unbedeutende Ausnahmen. Das Dorf schien menschenleer, zumindest von Bewohnern. Die, die geflohen waren, hatten zum Teil auch ihre eigenen Kriegstoten mitgenommen und niemand, keiner von ihnen, leistete mehr Widerstand. Die letzten Bewohner von Ame Gakure waren ein paar Waisenkinder, die vergessen worden waren, die sich versteckten und unter allen möglichen Verletzungen und durch den jahrelangen Dauerregen bedingten Erkältungen litten.

 

Das bläuliche Licht der Laternen fiel auf einen leuchtend orangen Farbfleck im offenen Türrahmen eines Hauses, das mehr eine Ruine war und früher wohl einmal drei Stockwerke gehabt hatte. Der Farbfleck war das orangene, kurze, stachlig vom Kopf abstehende Haar eines etwa sieben Jahre alten Jungen mit auffallend blasser, ja fast weißer Haut. Er trug eine zerschlissene, graue Regenjacke, eine angerissene Hose und abgenutzte Sandalen. Der schwarze Regenschirm, den er unsicher mit seinem Kinn an seine linke Schulter geklemmt hielt, war ebenfalls angerissen und löchrig und bot kaum Schutz vor dem endlosen Nieselregen.

Der Junge wirkte weit älter als sieben, sein blasses Gesicht mit den weißlosen, lila Augen sah viel älter aus, reifer und hungrig. Es war das Gesicht eines Jungen, der statt zu spielen und zur Schule zu gehen, ohne fremde Hilfe ums Überleben kämpfte und bereits große  Verantwortung trug. Nicht nur für sich selbst.

 

Denn seine Arme stützten, statt des Regenschirmes oder eines Rucksacks, zwei kleine, schneeweiße Beinchen in zerrissenen Socken und alten, etwas zu kleinen, mit winzigen Blümchen bestickten Kleinkinderschuhen. Eine ebenso kleine, schneeweiße Hand tastete unter dem schwarzen Schirm hervor und patschte auf die Wange des Jungen. Der drehte seinen Kopf vorsichtig nach rechts, versuchte dabei, den Schirm festzuhalten und lächelte dem Kleinkind, das er auf dem Rücken trug, ermutigend zu.

 

„Ha-ha-hatschiii!“ Das kleinere Kind nieste.

Der Schirm verlor durch die ruckartige Kopfbewegung des Kleinkindes den Halt und fiel neben dem Jungen in den Bogen des Türrahmens. Jetzt war auch der Kopf des kleinen Kindes zu sehen. Es war ein Mädchen, etwa zwei oder drei Jahre alt und ebenso blass wie der Junge. sein kleines, weißes Gesicht war recht hübsch, von helllila Locken umrahmt und mit ausdrucksvollen, ockergelben Augen, die jedoch in diesem Moment vom Niesen zugekniffen waren.

Das kleine Mädchen hatte Schnupfen und hätte sich längst mal die Nase putzen müssen, was aber nicht ging, denn weder sie, noch der Junge besaß ein Taschentuch.

 

„I-ich frier, Nagato!“ Das kleine Mädchen schniefte, „hab Hunger!“ Es beugte sich weit vor, so dass die fast kinnlangen, lila Locken hübsch um ihr weißes Gesicht fielen.

„Ich weiß ja, Konanchen. Aber ich kann nichts machen. Ich hab auch nichts zu essen und kalt ist es hier überall“, erwiderte Nagato traurig.

Die Kleine hörte zwar, was Nagato sagte und sie verstand ihn auch. Aber sie hatte seit über zwei Tagen nichts Rechtes gegessen, fror und hatte Schnupfen. Konan war kein nachgiebiges, einsichtiges Kind. Sie war eigensinnig und wenn etwas nicht so lief, wie sie wollte, konnte sie sehr wütend werden. Jetzt hatte sie allgemein schlechte Laune und fand, dass sie damit vollkommen im Recht war. Das Wetter war wie immer furchtbar, und die fremden Männer auf dem Platz und der Kampflärm vor dem Dorf machten ihr Angst.

 

Was tut ein Mädchen von zwei Jahren, wenn es schlecht gelaunt ist, Angst hat und friert, außerdem einen riesigen Hunger hat? Wenn sie nicht mehr den Mund halten kann, weil ihr besorgter Beschützer ihr diesen in den letzten Tagen immer wieder zugehalten hatte, damit sie still war und niemand sie beide bemerkte?

 

„Neeeee! Soll nich mehr regnen! Soll aufhören! Will was essen haben! Ich friert! Konanchen is k-k-kalt!“, schrie sie.

„Konan! Scht, sei bitte leise“, ermahnte Nagato das kleine Mädchen.

„Nein! Will was zum Essen haben! Konanchen hat großen Hu-Hu-Hunger!“ weinte sie und schniefte laut. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die leicht rosa verfärbte Nase, was aber so gut wie nichts brachte. 

„Konan, sei bitte still! Sonst bemerken uns die Konoha-Ninjas noch. Das ist gefährlich!“, versuchte Nagato erneut, die Kleine auf seinem Rücken, die die anderen Waisenkinder fälschlicherweise für seine kleine Schwester hielten, zu beruhigen. Sie war nicht mit ihm verwandt, sondern das Kind seiner Nachbarn. Die waren vor einem halben Jahr wie so viele andere einfach spurlos verschwunden und hatten ihre Tochter ohne Erinnerung an ihre Eltern im Haus zurückgelassen. Nagato hatte Konan gefunden, in seinem Zimmer aufgenommen und kümmerte sich seitdem um sie. Seine Eltern waren genau wie ihre längst weg.

Jetzt hatten Nagatos Beruhigungsversuche keinen Erfolg. Konan war sauer. Sie sah nicht ein, warum sie ihrem Unmut über die furchtbare Situation nicht Luft machen sollte und schrie immer lauter.

 

In der Mitte der Reihe der Konoha-Ninjas, die das Dorf beobachteten, standen zwei der stärksten Ninjas ihres Clans: Madara und Yoshio Uchiha.

Beide hatten endgültig genug von diesem Krieg. Und Madara, der fünfundzwanzig Jahre alt, etwas jünger als Yoshio, war, hatte als einziger das laute Weinen des kleinen Mädchens in der Hausruine registriert. Yoshio hatte Frau und Kind zuhause, er blendete die Kriegskinder aus sehr verständlichen Gründen aus, schließlich konnte sich ein Ninja im Weltkrieg keine Sentimentalitäten erlauben und Yoshio war seine Ninja-Ehre sehr wichtig. Und auch sonst achtete niemand auf den blassen Jungen mit dem kreischenden kleinen Mädchen auf seinem Rücken. Außer Madara.

 

Und Madara hatte längst begriffen, dass dieser Krieg nichts als Tod und Schmerz brachte. Die Kinder hier in Ame Gakure waren der beste Beweis dafür. Irgendjemand musste irgendwas dagegen tun. Jemand, der der das Schicksal dieser Kinder irgendwie in die Hand nahm.

Madara hatte selbst keine Kinder, nur Yoshios Sohn Itachi, dessen Pate er war. Doch er hatte schon ein paar Mal als Hilfslehrer an der Akademie gearbeitet und liebte es, Kinder um sich zu haben, sie zu unterrichten und in ihren Talenten zu fördern.

 

In diesem Moment begann es in Madaras Gehirn zu arbeiten. Es dachte nach, entwickelte einen Plan. Madara wusste, dass er derjenige war, der etwas tun musste. Er galt als der talentierteste und stärkste aktive Ninja des Uchiha-Clans, der Familie in Konoha Gakure.

 

In diesem Clan war so ziemlich jeder irgendwie begabt und die meisten sahen mit ihren dunklen Haaren und schön geschnittenen Gesichtern auch gut aus. Talent und Aussehen vererbten sich im Uchiha-Clan besonders auffällig, genau wie die Blutgruppe AB negativ, die bei ihnen besonders oft vorkam. Diese sonst recht seltene Blutgruppe war in den Genen an das Kekkei Genkai gebunden. Im Uchiha-Clan war es das Sharingan: Die rote Iris mit einem schwarzen, gleichmäßigen Muster um die Pupille herum. Wenn man es aktivierte, verbrauchte es viel Chakra, aber es war sehr stark, eines der stärksten bekannten Kekkei Genkai überhaupt.

Madara hatte seinen Sharingan viele Fähigkeiten angeeignet, sodass seine sonst schwarzen Augen mit den dunklen Wimpern fast immer die rote, schwarz gemusterte Färbung hatten. Es gelang ihm fast immer, genug Chakra aufzubauen. Yoshio, der neben Madara stand, hatte dagegen schwarze Augen. Er aktivierte seine Sharingan nur im Kampf.

 

Madara war mit Yoshio über die gemeinsame Großmutter Yoneko Uchiha verwandt, ebenso wie Yoshios Frau Ikue. Meist wurde innerhalb des Clans geheiratet, um die Blutlinie zu erhalten und neue, starke Talente hervorzubringen.

Bei Ikues und Yoshios Sohn Itachi war das offensichtlich gelungen, dieser zeigte bereits viele der ersten Anzeichen von ungeheuer vielversprechendem Talent. Das war zu erwarten, denn Ikue hatte viel vom Talent ihrer Großmutter Yoneko geerbt. Yoneko Uchiha, deren Name Freudige Katze bedeutete, war die Matriarchin des Clans, und ihr Talent schien über ihr Tochter Mino und deren Tochter Ikue an Itachi weitervererbt worden zu sein. Der Fünfjährige konnte schon perfekt lesen und schreiben, beherrschte Kunai und Shuriken, hatte sein Chakra bereits voll unter Kontrolle, und zudem zeigte er schon Anzeichen für eins der seltensten und stärksten Jutsus des Clans: Tsukuyomi.

Madara hatte mit fünf Jahren ähnliche Fähigkeiten gehabt. In der Hauptfamilie, die von Yoneko und ihrem Mann Fukuya abstammte, war die Talentdichte an höchsten und brachte Fähigkeiten hervor, die bisher bekannte Ausmaße fast mit Sicherheit überschreiten würden. Niemand konnte genau vorhersagen, welche unglaublichen Fähigkeiten Itachi entwickeln würde, wenn er jetzt mit fünf schon so weit war. Der ganze Clan, sogar das ganze Dorf, beobachtete schon jetzt gespannt und hoffnungsvoll die Entwicklung des Jungen.

 

Madaras Blick wanderte zu dem Jungen mit den leuchtend orangen Haaren hinüber. Das kleine Mädchen mit den lila Locken schrie noch immer. Es war erkältet, das war ja kein Wunder bei diesem Wetter. Madara fragte sich, ob er so etwas wie ein Taschentuch dabei hatte, und in seinem Kopf ratterten unzählige Gedanken. Er konnte diese Situation nicht auf sich beruhen lassen, er musste irgendetwas tun.

Er hatte Schriftstücke auswendig im Kopf, die er vor seinem inneren Auge lesen konnte und die er immer wieder für seine Entscheidungen heranzog: Schriften des Hokage der Ersten Generation, Hashirama Senjuu, den Gründer des Dorfes, den Madara wie ein Idol glühend verehrte. Madara sah sich selbst als eine Art „Vertretung“ der Ideale des Ersten Hokage für seine eigene Generation. Und diese Ideale beinhalteten, da Hashirama selbst ein enthusiastischer Lehrer gewesen war, der viel Freude an der Förderung der Jugend gehabt hatte, nun eben auch für Madara viele Ideen, die sich um Kinder und deren Förderung und Stärkung drehten.

 

„Ich kann doch jetzt nicht einfach gehen und diese Kinder hier ihrem Schicksal überlassen! Der Junge ist noch keine zehn und das Mädchen fast noch ein Baby. Die beiden werden hier nicht überleben, nicht an diesem Ort. Ich muss irgendwas unternehmen.“

Er wandte sich zu Amaterasu um, ging hin und sah nach, ob die Waffen darin schon fertig waren. Nachdem er festgestellt hatte, dass sie Amaterasu nicht mehr brauchten, nahm er die Waffen heraus, die Flammen verschwanden in der Schriftrolle und Madara rollte diese wieder zusammen, nahm sie mit zu dem Punkt, wo Yoshio noch stand.

„Sind wir hier fertig?“, fragte Yoshio.

„Der Kampf ist vorbei“, antwortete Madara.

 

Konan schniefte. Sie war immer noch hungrig, fror, und das ständige Hochziehen-müssen vom Schnupfen störte sie gewaltig. Es schien ihr völlig unmöglich, auf Nagato oder ihre gemeinsame Sicherheit Rücksicht zu nehmen.

Man hätte vermuten können, dass sie ihre Eltern vermisste. Aber Konan hatte ihre Eltern schon so früh verloren, dass sie sich nicht an sie erinnern konnte. Sie vermisste sie nicht, wusste nicht einmal, dass es für andere Kinder ihres Alters ganz selbstverständlich war, welche zu haben.

 

„Konan, sei jetzt bitte, bitte still!“ bat Nagato mit einer Mischung aus Sorge und Überforderung. Ihm taten schon die Ohren weh von Konans Geschrei.

Und Konan wurde still. Allerdings nicht, weil Nagato sie so darum gebeten hatte, sondern weil sie auf einmal bemerkte, dass einer der Ninjas sie beide bemerkt hatte und sie seinen Blick spürte. Es war einer derjenigen, die das Dorf beobachteten, ein Mann mit langen, dichten, schwarzen Haaren, einer roten Rüstung und einem großen Fächer mit einer Sensei daran als Waffe. Eben hatte er das schwarze Feuer wieder in eine Schriftrolle zurückgeholt und jetzt stand er da und beobachtete die beiden Kinder.

Den Anblick des schwarzen Feuers waren Konan und Nagato inzwischen gewöhnt, denn in den letzten drei Wochen hatten sie es oft gesehen. Die stärksten Ninjas verwendeten es, um ihre Schwerter darin zu schärfen. Nagato hatte beobachtet, wie der Krieger, der sie jetzt anschaute, dieses Feuer aus er Schriftrolle beschworen hatte. Ein Zweck dieses seltsamen Feuers schien die Herstellung und Härtung von Schwertern, Kunai und Shuriken zu sein, die nach dem Schärfungsprozess eine schwarze, glänzende Farbe annahmen.

 

Dass Konan auf einmal still war, wunderte Nagato, denn normalerweise brauchte das kleine Mädchen recht lange, um sich nach einem solchen Wutanfall wieder zu beruhigen und meistens fing sie kurz danach wieder an zu schreien. Er folgte dem Blick ihrer erschrocken und erstaunt geweiteten Augen und blickte direkt in die tiefroten Augen dieses Kriegers in glänzender, tiefroter, aus mehreren, aneinandergehängten Platten bestehender Rüstung. Das schwarze Haar des Shinobis war rückenlang und sehr voll und dicht. Nagato hatte noch nie jemanden mit so langem, dichtem Haar gesehen. Aber er sah ihn nicht zum ersten Mal, denn dieser Mann, der am Rande der wachhabenden Ninja stand, war derjenige Shinobi in der Armee, der das Amaterasu-Feuer verwendete und auch der, der es wie einen vertrauten Geist beschwören konnte. Nagato wusste nicht, wie der Mann hieß, aber es war vollkommen klar, dass es sich bei ihm um einen der stärksten Konoha-Ninjas handelte.

Und es war ebenso klar, worauf in diesem Moment der Blick seiner roten Augen lag. Nicht auf dem Haus, in dessen Tür Nagato stand, sondern auf Nagato selbst und auf Konan. Der fast mitleidige Blick des Mannes galt Konans weißem Gesichtchen, das ihn verschnupft und verweint anstarrte.

„Siehst du, Konanchen, jetzt hat er uns bemerkt!“ flüsterte Nagato panisch. Er hatte sich immer verzweifelte Mühe gegeben, den Ninjas nicht aufzufallen. Doch jetzt sah es so aus, als hätte Konans unvernünftiges Geschrei sie beide in Lebensgefahr gebracht.

 

Ein Blick in die großen, ockergelben Augen des hungrigen, kleinen Mädchens hatte ausgereicht. In diesem Moment brachte dieses Kind das Fass für Madara zum Überlaufen. Der Plan in seinem Kopf nahm mit wahnsinniger, kühner und äußerst wagemutiger Geschwindigkeit feste Formen an. Innerhalb weniger Augenblicke stand es für ihn fest.

 

Madara Uchiha hatte sich entschieden. Es gab keinen anderen Weg, auch wenn dieser Weg ein aufgebender, schwieriger Weg war. Er musste es tun. Er musste sich dieser beiden Kinder annehmen, sie retten, mitnehmen, in Sicherheit bringen.

Mit ins Dorf nehmen konnte er sie jedoch nicht. Konoha hatte gesiegt und sollte Madara mit zwei Kindern aus Ame Gakure ins Dorf kommen, würden die Anbu die beiden wie Kriegsgefangene behandeln, verhören und dann ins Heim stecken. Menschen wie Homura oder Danzo würden es nicht zulassen, dass zwei Waisenkinder aus Ame in Konoha ausgebildet wurden.

Madara brauchte eine andere Idee, und die nahm in seinem Kopf schon Gestalt an. Er galt zu Recht als begeisterungsfähig, impulsiv und manchmal einzelgängerisch, wenn es um seine Ideale ging, und diese Zusammensetzung seines Wesens zeichnete in diesem Moment seinen Weg vor.

 

Eigentlich hatte er Hokage werden wollen. Eigentlich hatte er sogar schon mit Sarutobi, dem Hokage der dritten Generation, Absprachen getroffen, das umzusetzen. Eigentlich war Konoha Gakure der einzige Ort, an dem er leben wollte. Und er hätte auch gern zugesehen, wie sein Patensohn Itachi seine großen Talente entfaltete.

Aber er wurde nicht unbedingt gebraucht in Konoha. Es gab im Dorf genug andere starke Kämpfer und auch Menschen, die Hashirama Senjuus Ideale hoch hielten.

 

Gebraucht wurde er hier. Diese beiden blassen, frierenden Kinder brauchten Hilfe. Und Madara spürte eine seltsame Vertrautheit zu den beiden. Er würde hier und jetzt nicht noch einmal wegsehen und zulassen, dass Kinder litten. Er würde ihnen helfen. Und zwar jetzt und sofort. Bevor er sich zu einem schnellen und möglichst undefinierten Abschied zu Yoshio umwandte, atmete er noch einmal tief durch.

 

„Yoshio, ich hab da drüben etwas entdeckt. Das haben die aber gut versteckt. Ich geh mal eben da rüber und überprüfe das.“ Es waren keine wirklichen Abschiedsworte. Yoshio sollte schließlich nicht merken, dass Madara nur ein paar Schritte vor der Desertation stand. Ein paar Schritte zwischen dem Punkt, wo er stand, und dem zerstörten Haus, in dessen Tür die Kinder standen.

„In Ordnung. Wenn es Sprengfallen sind, entschärfst du sie. Das dürfte doch kein Problem für dich sein, Madara“, erwiderte Yoshio.

Dann drehte Madara sich um und ging zu dem halbzerstörten Haus hinüber. Er achtete sorgfältig darauf, unauffällig zwischen Yoshios Blickfeld und den Kindern zu gehen, damit Yoshio die beiden nicht als sein wahres Ziel erkannte.

 

In seiner Gürteltasche suchte Madara schon nach dem Tuch, das er immer dann benutzte, wenn seine Augen nach der häufigen Benutzung der Sharingan tränten.

Am Rand des Lagers stand noch Madaras Armeerucksack. Es fiel wohl nicht auf, wenn er seine Ausrüstung zu einer vermeintlichen Bombenentschärfung mitnahm. Er griff den Rucksack, schulterte den Kampffächer Gunbai und schritt mit dem Tuch in der linken Hand auf die verängstigt erstarrten Kinder zu.

 

Als der rotäugige Ninja auf sie zukam, tat Konan ihr wütendes Geschrei leid. Sie merkte jetzt doch, dass sie Nagato und sich selbst in Gefahr gebracht hatte. Aber jetzt war es zu spät. Der Mann mit dem dichten, langen, schwarzen Haar kam zielstrebig auf sie zu. Konan war viel zu erschrocken, um zu schreien oder etwas zu sagen. Und auch Nagato schien wie am Boden festgewachsen zu sein. An Flucht war gar nicht zu denken.

„Ich lass nicht zu, dass jemand Konan etwas tut!“, dachte Nagato nur, „ich werde sie mit meinem Leben beschützen.“

Der Ninja blieb genau einen Schritt vor Nagato und Konan stehen. Erst blickte er sie nur an, dann lächelte er.

„Habt keine Angst. Ich will euch nichts tun“, sagte er und streckte seine linke Hand aus, „Hier, kleines Mädchen, das ist für dich. Du siehst ganz verschnupft aus.“

Konan starrte ihn nur stumm an. Sie wusste nicht, wie sie das finden sollte: Ein feindlicher Ninjakrieger lächelte sie an und bot ihr sein Taschentuch an.

„Ich tu euch nichts“, wiederholte der Ninja. „Ihr könnt mir vertrauen. Und du, Kleine, du siehst doch mit sauberer Nase viel hübscher aus.“

Endlich fand Nagato seine Sprach wieder.

„Was wollen Sie?“ fragte er misstrauisch.

Der Ninja sah sich kurz um, zu einem anderen Kämpfer, der, neben dem er zuvor gestanden hatte. Er hob die Hand, winkte diesem zu und rief: „Alles klar, ich habs gefunden.“ Der andere Kämpfer hob ebenso die Hand und nickte.

 

„Alles klar, ich habs gefunden“, dachte Madara seine Abschiedsworte noch einmal. Für Yoshio bedeuteten sie in diesem Moment nur, dass er seine Arbeit machte, doch Madara selbst fühlte dabei ein „Ich habe gefunden, was ich tun kann, um das hier zu beenden.“

„Komm“, wandte er sich leise an die beiden Kinder. „Gehen wir hier ins Haus, ihr müsst von dem Platz hier weg.“

Der Junge mit den orangenen Haaren sah ihn skeptisch an, folgte aber der Anweisung.

„Ihr könnt nicht hier bleiben. Das ist viel zu gefährlich und wenn ihr weiter in diesem endlosen Regen lebt, bekommt ihr noch beide eine Lungenentzündung. Außerdem habt ihr doch kaum noch was zum Essen, hab ich Recht?“, sagte Madara, als Yoshio sie nicht mehr sehen konnte.

 

„Sie wollen uns … helfen?“ fragte Nagato. Er konnte es nicht glauben. Ein feindlicher Ninja aus Konoha Gakure bot ihm und Konan seine Hilfe an?! War das eine Falle? 

Der Ninja lächelte wieder. Er hielt Konan das Tuch direkt vor die Nase. Konan sah direkt in seine Augen. Sie wirkten schon etwas unheimlich mit dem seltsamen, schwarzen Muster, aber sie lächelten. Und Konan, das kleine Mädchen von zwei Jahren, war schon überzeugt. Sie griff nach dem weißen Tuch.

„Danke chön.“ flüsterte sie und wischte mit dem Tuch über ihre Augen. Es war so schön weiß, mit einem aufgestickten, rotweißen Blattfächer in einer Ecke. Zum Naseputzen nahm Konan lieber den Ärmel ihres ohnehin schon schmutzigen Kleidchens.

„So, und jetzt müsst ihr hier weg. Nehmt eure Sachen und dann bring ich euch an einen sicheren Ort.“ sagte der Ninja.

„Wissen Sie denn einen?“ wollte Nagato wissen. Er traute dem Fremden noch immer nicht ganz.

„Ja, ich weiß einen Ort. Aber wir müssen schnell weggehen.“ Der Ninja sah sich kurz in der Hausruine um. Auf dem kalten Boden, unter den Resten einer Treppe, dem einzigen Platz im zerstörten Haus, wo es nicht reinregnete, lagen der Futon, den Nagato sich mit Konan teilte und zwei mittelgroße Taschen, die den gesamten Besitz der beiden enthielten.

„Sie haben uns noch nicht mal gesagt, wie Sie heißen“, sagte Nagato, während er Konan auf dem Boden absetzte, um die Taschen und den Futon zu verpacken.

„Mein Name ist Madara Uchiha“, antwortete der Ninjakrieger. „Ihr zwei könnt gern Du zu mir sagen.“

„Hm… du heißt Dara?“ fragte Konan, du inzwischen auf dem Boden saß, und schaute zu Madara auf. Der musste lächeln.

„Ma-da-ra, Konanchen, nicht Dara.“ berichtigte Nagato das kleine Mädchen.

Madara lächelte wieder. „Das ist schon in Ordnung. Dara nennen mich viele.“

„Und du, wie heißt du?“, fragte er dann.

„Ich bin Nagato, und sie heißt Konan.“

 

 

Madara half Nagato, den Futon zu verpacken. Jetzt musste alles möglichst schnell gehen. Das Haus hatte einen hinteren Ausgang und von da führte ein Weg durch mehrere Hinterhöfe. Jetzt kam es darauf an, dass niemand sie bemerkte.

Nagato hatte sich die beiden schweren Taschen umgehängt und trug dazu noch den Regenschirm. Wenn er jetzt noch Konan auf seinen Rücken nahm, würde das vielleicht zu schwer für ihn werden.

„Da tu ich aber nich mehr zwischenpassen“, bemerkte Konan wahrheitsgemäß und zeigte auf Nagatos Rücken und die schweren Taschen. Sie hatte sich schnell mit dem Gedanken angefreundet, von hier wegzukommen. Vielleicht schien ja da, wo Madara mit ihr und Nagato hinwollte, die Sonne? Sie hatte in ihrem Leben bisher kaum Sonnenschein erlebt, nur ein paar Mal, und das hatte ihr gefallen. Den ganzen Tag Sonne, das musste herrlich sein!

 

„Das stimmt. Das wäre wirklich zu schwer. Du kannst ja kaum die beiden Taschen tragen“, sagte Madara und befestigte den Futon an seinem Armeerucksack.

„Du kannst mich doch tragen, Dara.“ Konans Augen leuchten bei dem Gedanken, auf Madaras Schultern sitzen zu dürfen und dieses lange, dichte Haar fühlen zu dürfen.

Madara lächelte, schob sein Haar beiseite, hob Konan vorsichtig hoch und setzte sie auf seine Schultern. Er spürte die Verantwortung, die er jetzt mit dem kleinen Mädchen trug und war sich jetzt ganz sicher, das richtige zu tun und sich richtig entschieden zu haben.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

 

Von diesem Moment an war er, Madara Uchiha, aus Konohas Sicht abtrünnig und trug die ganze Verantwortung für die Kinder. Vielleicht hatte er überstützt gehandelt, nicht genug darüber nachgedacht.

Nein, denn er hatte ja schon lange vorher genug vom Kämpfen in diesem Krieg gehabt. Spätestens, als Kumo Gakure einen Bijuu-Geist, die Zweischwänzige Katze, in den Kampf geschickt hatte, war Madara der Krieg endgültig zuwider gewesen. Denn die Zweischwänzige Katze, Nibi genannt, war in einem Menschen versiegelt, der damit zur Jinchu-Kraft gemacht worden war, und diesen Menschen hatte Kumo gezwungen, sich unter größtem eigenen Risiko und Schmerzen immer wieder in Nibi zu verwandeln. Madara hatte alles nach Informationen abgesucht, die helfen könnten, dieses Geschehen zu verhindern und war fündig geworden. An der Idee, die er mithilfe dieser Informationen bekommen hatte, musste er allerdings noch arbeiten. Vielleicht, so hoffte Madara, ließ sich mit dieser Idee die Welt verbessern. Einen kurzen Moment dachte er an seinen jüngeren Halbbruder Izuna, der Konoha vor Jahren im Alter von fünfzehn verlassen hatte und der seitdem irgendwo war, wo ihn bisher niemand gefunden hatte.

„Das ist auch für dich, Izuna. Die Welt muss ein Stück besser werden“, dachte Madara.

 

Nagato kletterte hinter Madara über Trümmer und Gräben, die sich durch ganz Ame zogen. Die Trageriemen der beiden vollgepackten Taschen schmerzten auf seinen Schultern. Aber sowas machte Nagato schon lange nichts mehr aus. Er wusste zwar, dass er sieben Jahre alt war, aber der Krieg hatte seine Spuren in Nagatos Seele und auf Gesicht und Körper hinterlassen. Seine Züge waren ernst, sein Körper sehnig und ausgehungert, seine Seele hatte die Farbe einer fast sternlosen Nacht. Die Sterne hießen alle Konan.

Er hob den Kopf und warf einen Blick auf Konan, die noch immer auf Madaras Schultern saß und sich müde in dessen dichtes, volles Haar kuschelte, das wie ein langes Fell um sie herumwehte.

Nagato war immer noch misstrauisch, aber solange Madara gut zu Konan war, würde er dem Ninja keine Widerworte geben.

„Wenn Madara sich mein Vertrauen verdient hat“, dachte Nagato, „... dann werde ich ihn vielleicht bitten, mir etwas beizubringen. Dann werde ich auch ein Ninja. Möglicherweise habe ich ja Talent.“

Meine Mama hatte eine beste Freundin: Kushina Uzumaki. Mit ihr war sie bereits seit ihrer beider Schulzeit befreundet, die beiden hatten die Ausbildung zusammen gemacht, Mama als Medizinerin und Kushina als Kämpferin, und beide hatten in einem Team mit einem anderen Mädchen namens Maiya Hatake, die eine entfernte Verwandte von Kakashi Hatake war, gearbeitet. Kushina war entfernt mit der Senjuu-Familie verwandt und war eine Mittelstreckenkämpferin, und ich wusste, dass ihre Teamarbeit daraus bestanden hatte, dass Mama ihr im Kampf meist dann aus der hinteren Reihe den Rücken frei gehalten hatte.

Manchmal trafen die beiden sich noch zum Training, aber eher selten, weil Mama sich eben gegen den Kampf entschieden hatte, als ich unterwegs gewesen war.

 

Kushina war eine lebhafte, strahlende, unübersehbare Erscheinung mit ihren langen, leuchtend roten Haaren, ihrer lauten, hellen Stimme und ihrem überschwappenden Temperament. Mama war ganz anders, ruhiger und weniger lebhaft, aber dennoch war ihre Freundschaft harmonisch, und ich freute mich immer, wenn Kushina uns besuchte. Sie hatte einfach diese mitreißende Fröhlichkeit, mit der sie sogar ein so stilles Kind, wie ich es war, aus dem Schneckenhaus locken und zu ausgelassenen Spielen ermutigen konnte.

 

Oft, wenn Kushina uns besuchte, brachte sie jemanden mit, einen Mann, den ich auch kannte: Minato Namikaze. Minato war etwas älter, und auch ruhiger und gelassener als die sprudelnde, laute Kushina, aber die beiden wirkten trotzdem wie ein sehr harmonisches Paar. Ich musste oft an einen leuchtenden Regenbogen denken, weil Kushinas rotes und Minatos blondes Haar und ihrer beider blaue Augen im Vergleich zu den eher gedeckten Farben meiner Eltern so lebendig und bunt aussahen.

 

Ob ich mich damals schon fragte, wie ein Kind der beiden wohl aussehen und sein würde, weiß ich heute nicht mehr. Aber rückblickend ist Naruto, obwohl er seine Eltern ja nie kennen gelernt hat, so sehr Minatos und Kushinas Sohn, besonders seiner Mama ist er in seinem Wesen so ähnlich!

 

Im Unterschied zu meiner Mama, die seit meiner Geburt nicht mehr aktiv als Shinobi arbeitete, war Kushina noch im aktiven Dienst.

 

Und Minato, der sich im Krieg als „Konohas gelber Blitz“ einen Namen gemacht hatte, weil er wirklich unglaublich schnell war, arbeitete zu dieser Zeit schon daran, Hokage zu werden. Als er mitbekam, dass ich später auch gern Hokage werden wollte, sprach er mich darauf an, und in diesem Gespräch erfuhr ich dann, dass Minato auch von Madaras Hokage-Wunsch wusste.

„… Er kommt aber wohl nicht mehr wieder …“, sagte er dann.

Der Gedanke, dass Madara fort war, machte mich immer noch traurig, und ich blickte zu Boden.

Minato hockte sich vor mich hin und legte seine Hand auf meine Schulter. „Vermisst du Madara?“

Ich nickte nur.

 

„Es ist seltsam, wenn so jemand wie er einfach verschwindet. Aber … ich muss gestehen, dass es so für mich natürlich einfacher ist … Ich meine, Hokage zu werden. Ich hätte ungern einen Konkurrenzkampf gegen Madara geführt …“

„M-hm …“, machte ich leise. Ja, für Minato war es so sicher einfacher. Er war wirklich richtig, richtig gut, und ich konnte ihn mir auch gut als Hokage vorstellen. Ein Konkurrenzkampf zwischen ihm und Madara um das Amt des Hokage hätte unangenehm werden können, und so war ich da fast ein bisschen froh, dass Dara nicht mehr hier war.

 

Manchmal fragte ich mich, was Madara wohl gerade machte und ob es ihm wohl gut ging. Auch wenn er nun offiziell als gefallen und tot galt, so richtig glauben konnte ich das nicht. Allein deshalb schon, weil er so enorm stark war. Ich hatte, ohne es erklären zu können, so ein ganz bestimmtes Gefühl, dass er noch am Leben war …

Er war noch irgendwo da draußen, tat irgendwas, was ihm wichtig gewesen sein musste, aber was genau, auf diese Frage hatte niemand in Konoha Gakure eine Antwort.

Ungefähr ein Jahr ging das so, ich ging zum Training mit Papa, begleitete Yoneko ins Teehaus, und zwischendrin half ich Mama in der Praxis mit kleinen Tätigkeiten aus.

 

Damals hatte ich eine gewisse Scheu vor Spinnen, Spritzen und Hohlnadeln, die mir diese Aufgaben etwas erschwerten, fast so etwas wie eine Phobie. Mama vermutete, dass sich darin meine seelische Überforderung ausdrückte und versuchte, zwischen mir und Yoneko einen Abstand herzustellen. Da sich das als schwierig erwies, passte Mama dann in den Zeiten, in denen ich mit ihr alleine war, umso mehr auf, dass ich mich ausruhen und erholen konnte.

Ich war immer noch dasselbe „Mamakind“, und je stärker ich wurde und je mehr damit auch zum Ninja, umso mehr brauchte ich zum Ausgleich die Nähe zu Mama, das normale, ruhige und vor allem kampffreie Dasein bei ihr. Wenn ich Mama bei der Arbeit im Haus oder in der Praxis zusah, stellte ich mir manchmal vor, dass ich genau so wurde wie sie, und diese Vorstellung gefiel mir sehr.

 

Im Sommer 1988 war es dann so weit, dass Yoneko und Papa öfter darüber sprachen, dass meine Sharingan „immer noch nicht“ erwacht waren und es dafür nun Zeit wurde.

 

Es war Mitte August, ich war gerade sieben Jahre alt geworden und damit eigentlich, gemessen an anderen Kindern meines Alters, noch viel zu jung dafür. Aber ich war meinen Altersgenossen schon so weit voraus, dass fast niemand mehr danach fragte, wie jung ich war. Es gab inzwischen eine ganze Menge ‚Sonderregeln‘ für mich, die auch den Kinderschutz in Bezug auf Training und Jutsus in meinem Fall teilweise außer Kraft setzten, sodass ich nun wirklich kaum mehr das Gefühl hatte, ein Kind zu sein. Ich war immer noch Genin, trainierte und arbeitete aber längst wie ein Chuunin, und meine Gedankenwelt hatte kaum noch etwas gemeinsam mit einem Kind.

 

Das Tsukuyomi war inzwischen ein fester, nicht wegdenkbarer Teil meines Wesens geworden, und ich hatte gelernt, es in mir zu öffnen und hinein zu gehen. Es war wie ein großer Raum in meiner Innenwelt, den ich nicht nur im Training, sondern auch im alltäglichen Leben benutzte, um mich zurück zu ziehen. Dort drinnen war ich allein, hatte meine Ruhe und konnte mich vom Training und von den Missionen, auf die ich inzwischen mitgenommen wurde, erholen.

Ich war inzwischen öfter mit anderen Ninjas unterwegs, in wechselnden Teams mit anderen Ge- und Chuunin, auf Missionen, bei denen ich dem jeweiligen Team meist als Stratege diente. Manchmal musste ich auch mitkämpfen, wobei ich als Langstrecken-Distanzkämpfer meistens Feuerversteck-Ninjutsu und natürlich Genjutsu benutzte. Taijutsu blieben das, was ich am wenigsten mochte, und weil ich aufgrund meines jungen Alters ja kleiner war als meine Teamkameraden, schützten diese mich auch davor, in der ersten Reihe kämpfen zu müssen.

 

Da meine Sharingan noch nicht erwacht waren, konnte ich, obwohl ich Genjutsu inzwischen intuitiv beherrschte, diese noch nicht in dem Maße anwenden, wie es sein sollte, und so beschloss Papa, dass es nun Zeit wurde, sie zu wecken, damit ich meine Fähigkeiten weiter potenzieren konnte.

 

Am Abend vorher hatten er und Mama wieder Streit, ich hörte es von meinem Zimmer aus. Mama war nicht dagegen, dass ich meine Sharingan erweckte, aber die Umstände und die Art, wie man für gewöhnlich bei jemandem die Sharingan aktivierte, beunruhigten sie.

„Natürlich braucht Itachi die Sharingan, das weiß ich! Aber wenn du ihn im Training so hart ran nimmst, dass er sie aus Not aktiviert, dann geht in ihm vielleicht was kaputt! Yoshio, unser Sohn ist kein Kämpfertyp, und das weißt du auch!“

„Du packst ihn viel zu sehr in Watte, Ikue!“

„In Watte packen? Falls du es mal wieder vergessen hast, Itachi ist hochsensibel, das ist seine Natur! Du kannst aus ihm nicht auf Biegen und Brechen einen Ninja machen!“

„Aber wir leben nun mal in einer Welt, in der man kämpfen muss! Und besser, er lernt das! Mediziner kann er immer noch werden, aber er hat auch eine Aufgabe für Konoha, und ich werde ihm beibringen, wie er sie erfüllen kann.“

Einen Moment herrschte Stille, dann hörte ich Mama antworten, ihre Stimme klang nach Weinen: „Du hast aber nicht ernsthaft vor, ihn zur Anbu zu schicken, oder?!“

Wieder Stille. Dann hörte ich Schritte, die Küchentür wurde mit einem Ruck zugezogen, Mama kam die Treppe rauf. Ich hörte, dass sie weinte, und wagte doch nicht, aufzustehen und zu ihr zu gehen.

 

Am nächsten Morgen kam Papa in mein Zimmer. Ich saß an meinem Schreibtisch und lernte mit einem Buch über Feuerversteck-Jutsu, und als er die Tür öffnete, drehte ich mich zu ihm um.

„Komm, zieh dir Trainingssachen an, pack deine Waffen zusammen, wir gehen zwei Tage auf Trainingsreise“, sagte er.

Ich dachte an Mama, daran, was ich gestern gehört hatte, und fragte: „Wohin?“

„In den Wald, in Richtung der Berge“, antwortete Papa. „Mama weiß Bescheid, sie hat sich wieder beruhigt.“

Ich stand auf, ging an Papa vorbei die Treppe hinunter in die Küche. Mama saß am Küchentisch und las etwas. Als ich hereinkam, sah sie auf.

„Geh mit deinem Vater mit, Itachi. Und wenn ihr wieder zurück seid, mache ich einen schönen Ausflug mit dir, okay?“, sagte sie.

Ich ging zu ihr hin und sie umarmte mich, strich mir durchs Haar und drückte einen Kuss auf meine Stirn.

„Mama, geht’s dir gut?“, fragte ich.

„Ja, Spatz, es ist alles gut.“ Mama lächelte. „Pass schön auf dich auf, ja?“

 

Und so packte ich alles Notwendige zusammen, und Papa und ich verließen das Dorf durch das große Haupttor. Der Wächter am Tor begrüßte uns und fragte, wohin wir wollten, und Papa antwortete: „Wir gehen in die Berge zum Training.“

„Viel Erfolg!“, erwiderte der Wächter. „Gebt alles!“

 

Wir nahmen zuerst die Straße, die rund um das Dorf führte, und am Felsmassiv mit den Hokage-Gesichtern bogen wir in den Wald ab, nahmen den Weg durch die Baumkronen.

Papa voraus, ich hinterher, und während der Wind durch mein Haar fuhr und ich von einem Ast zum nächsten sprang, dachte ich an Mama und hoffte, dass sie sich nicht zu große Sorgen um mich machte. Und wieder kam ich mit den Gedanken darauf, dass ich mir einen kleinen Bruder wünschte, damit ich nicht mehr so allein war.

 

Nach etwa eineinhalb Stunden kamen wir an ein kleines Gasthaus, in dem wir uns ein Zimmer mieteten. Es gab auch etwas zu essen, Papa aß Reisbällchen und ich ein paar süße Dango mit Sauce.

 

Nach dem Essen gingen wir wieder ein Stück in den Wald hinein, zu einer Lichtung, die Papa schon kannte. Wir hatten das Reisegepäck im Gasthaus gelassen und nur Waffen mit zu dieser Lichtung genommen, mehrere Kunai, viele Shuriken und zwei Paar Tonfa, und Papa hatte sein Schwert dabei. Aus einer langen, schmalen Tasche an seinem Gürtel zog Papa außerdem ein gerades Kurzschwert, und ich erkannte meinen Namen auf dem Griff.

„Du bist jetzt alt genug für ein kleines Schwert, mein Sohn“, sagte er und reichte es mir.

Ich nahm es mit beiden Händen an. Auf dem Griff war neben meinem Namen auch unser Familienwappen, der rot-weiße Blattfächer, eingraviert, und als ich das Schwert aus der Ummantelung zog, sah ich, dass die Klinge zwar ganz gerade war, aber dennoch das typische Wellenmuster eines edlen Katana-Schwertes hatte.

„Vielen Dank, Papa“, sagte ich und verbeugte mich leicht.

 

„Fangen wir an!“, gab Papa das Signal, dass ich mein neues Schwert gleich ausprobieren sollte. Er ging in Kampfhaltung, ich ebenso, und im nächsten Moment hatte er seine Sharingan aktiviert und lief auf mich zu.

Ich sprang rückwärts zurück und entschloss mich binnen Millisekunden für das Jutsu der Phönixblume, das ich von allen Feuerversteck-Jutsus am liebsten benutzte. Papa wich den Flammen aus, kaum dass ich sie erschaffen hatte, er hatte das Jutsu längst mit seinen Sharingan vorausgesehen. Ich warf ein Shuriken, auch dem wich er schon im Voraus aus, und als ich versuchte, ihm näher zu kommen, um mein neues Schwert einzusetzen, verschwand er im dicht belaubten Geäst eines Baumes.

 

Noch war dieses Training genau so, wie wir es schon immer machten, doch ich wusste, das würde nicht so bleiben. Papa wollte, dass meine Sharingan erwachten, und das bedeutete, dass er mich, jetzt oder später, ernsthafter angreifen würde. Einen Moment lang dachte ich an Mama, daran, dass ich sehr froh war, dass es nicht ihre Aufgabe war, mich zu trainieren, sondern Papas. Bei Mama würde ich mich später erholen können.

 

Zu lange durfte ich dem Gedanken an Zuhause nicht nachgehen, ich musste mich konzentrieren. Ich lauschte auf das Rauschen der Blätter, auf den Wind und jedes Geräusch in meiner Umgebung, wachsam und immer mit der Frage, wo und wann Papa wieder auftauchen und mich angreifen würde. Ich wusste, dass er mich beobachtete und auf einen Schwachpunkt meinerseits wartete.

Meine Hände warteten aufmerksam auf einen Befehl meines Geistes: Shuriken greifen? Fingerzeichen schließen? Und meine Beine waren bereit zum Sprung.

 

Einen Moment später hörte ich ein ganz leichtes Rascheln über mir, ich sah blitzartig nach oben und sprang gleichzeitig zurück, und eine Sekunde später steckten drei Kunai an dem Punkt, wo ich eben noch gestanden hatte. Ich hatte Papa nicht gesehen, nur gehört, und nach dem Angriff war er wieder verschwunden, nicht auszumachen. Wieder raschelte es irgendwo, und ich sprang zurück, noch einmal und noch einmal, und zum ersten Mal dachte ich: „Gleich bräuchte ich Sharingan. Ich weiß nicht, wo ist er, wann greift er wieder an?“

Ein Gedanke zu viel, zu lang, auf einmal stand er hinter mir und ich spürte ein Kunai unten an meinem Hals, bei meiner Schulter.

Ich spürte mein Herz klopfen, das Adrenalin rauschte durch meinen Körper.

„Was machst du jetzt?“, fragte Papa hinter mir.

Und auf einmal sah ich Mama vor mir stehen. Es konnte nicht sein, es war ein Genjutsu, Mama war zu Hause und wartete auf mich. Und als auch Shisui vor mir auftauchte, wusste ich, was Papa vorhatte.

 

Papas Schattendoppelgänger griff Shisui an. Mama war wieder verschwunden, ihre Erscheinung sollte mich nur ablenken, und so sah ich zu, wie Shisui vor Papa zurückwich. Shisui war zwar schon dreizehn, aber er sah nicht fit aus, und obwohl ich wusste, dass es ein Genjutsu war, bekam ich Angst um ihn, so direkt und deutlich, wie Papa ihn immer wieder angriff.

Und während Papas Doppelgänger gegen Shisui kämpfte, verwickelte Papa mich wieder selbst in einem Kampf. Oder war es anders herum? Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass Shisui doch wirklich hier war, und dann kam er auf mich zu, griff mich auf einmal an!

 

Im nächsten Augenblick sah ich mich zwei Gegnern gegenüber, Papa und Shisui! Ich wich zurück, warf zwei Shuriken, Papa kam immer näher, ich sah seine Sharingan und schleuderte ihm noch eine Phönixblume entgegen, doch als ich noch einen Sprung rückwärts machte, prallte ich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm.

Shisui war schneller als Papa und warf ein Shuriken, dem ich nur geradeso ausweichen konnte, und ich spürte, wie in meiner Innenwelt das Tsukuyomi erwachte und seine Tür öffnete. Ein Teil von mir wollte darin versinken, da hinein fliehen, ein anderer Teil fand einen Punkt darin, wie einen Schalter, an den ich bisher nicht heran gekommen war. War das der Punkt, an dem ich meine Sharingan erwecken sollte?

 

Eine Sekunde später musste ich wieder ins Außen zurück, denn Papa kam mit gezogenem Schwert auf mich zu, neben ihm Shisui, von dem ich nun wirklich nicht mehr wusste, ob er echt hier war oder nicht, mit je einem Kunai in jeder Hand. Und hinter mir, ich wusste nicht, ob durch den Baumstamm hindurch oder über mir mit Chakra am Stamm stehend, spürte ich zwei Doppelgänger von Papa, keine Schattendoppelgänger, sondern wohl welche aus festem Material, ein Tausch- und Verwandlungsjutsu auf hohem Niveau …!

 

Ich blickte schnell hinter mich, nur eine Millisekunde zu lange, die Shisui nutzte, um mich anzugreifen, die beiden Kunai landeten links und rechts neben meinem Kopf und mit einem dritten Kunai griff er meinen Kopf direkt an.

„Er ist nicht echt“, versuchte ich mir innerlich zu sagen, aber das Genjutsu und Papas Doppelgänger hinter mir waren so stark, und dann kam Papa von oben, während Shisui mit dem Kunai meine Aufmerksamkeit beanspruchte, einen ganz kurzen und zugleich ewig lang scheinenden Augenblick sah ich alles wie in Zeitlupe und wusste, ich konnte jetzt nicht einfach so ausweichen, ich saß in der Falle!

Intuitiv schloss ich die Augen, spürte eine gewaltige Welle aus Adrenalin und Chakra in mir, und wusste, wenn das hier so weiter ging, würden gleich meine Sharingan erwachen, ich spürte schon ein Kribbeln hinter meinen Augen.

 

Es war seltsam, wie schaffte Papa es, mich mit diesem einfachen Genjutsu so weit zu bringen? Es war doch nur ein Genjutsu! Oder?

Ich spannte meinen ganzen Körper an, versuchte, das Genjutsu zu lösen, eigentlich konnte ich das doch! Tatsächlich verschwand Shisui endlich, er war wirklich doch nur eine Illusion gewesen, aber Papa blieb, und auch die Doppelgänger hinter meinem Rücken waren noch da.

„Sehr gut“, hörte ich seine Stimme, und dachte, vielleicht machten wir jetzt eine kleine Pause?

Doch einen Moment später war da wieder ein Rascheln über mir, obwohl Papa vor mir stand. Ich spürte und erkannte Papas Chakra, sodass ich wusste, er stand vor mir, ohne dass ich die Augen öffnen musste. Doch das Chakra über mir war nicht Papa. Es gehörte zu jemand anderem, jemandem, den ich nicht kannte!

„Papa?“, fragte ich leise, atemlos.

Er antwortete nicht. Und ich wusste, die andere Person über mir war echt, kein Genjutsu und kein Doppelgänger.  

 

Ich hörte das Zischen von drei wirbelnden Shuriken, wich ihnen blind aus, und griff dann nach meinem neuen Schwert, zog es und versuchte einen ersten Schlag damit in Richtung des Gegners über mir, sah ihn nun auch. Es war jemand in der Uniform der Anbu-Einheit, und er trug eine Tiermaske, wie die meisten Anbu-Mitglieder, die ja meist anonym arbeiteten. Und er hatte ein langes Schwert, eines, gegen das meines wie ein Kinderspielzeug aussah.

Ich wich aus, doch sofort kam der nächste Schlag, den ich parierte und dachte nur, ganz kurz: „Das hier ist verabredet. Der Typ da ist ein Anbu, der kennt uns.“

Es blieb nur ein Schluss: Papa hatte diesen Ninja dazu bestellt, er war in den Plan dieses Trainings eingeweiht. Es war ein Anbu mit dem zusätzlichen Abzeichen der Konoha-Polizei auf der Uniform, also einer von Papas Untergebenen und aus unserem Clan.

 

Wieder griff der Mann mich an, und er drängte mich tiefer in den Wald, weg von der Lichtung. Vorhin hatte ich gesehen, dass die Lichtung von sehr dichtem Unterholz umgeben war, und in diesem dichten Gestrüpp würde es schwierig werden, Angriffen auszuweichen.

Ich musste nun wirklich aufpassen, denn zwar wusste ich, dass Papa da war und aufpasste, dass ich nicht umkam, aber wenn ich gegen jemanden aus der Polizeiabteilung der Anbu kämpfen sollte, musste ich von diesem auf alles gefasst sein. Anbu-Ninja taten ohne jede Frage nicht mehr und nicht weniger als das, was ihnen befohlen wurde, und dieser Mann hatte offensichtlich den Auftrag, mich an den Rand meiner Kräfte zu bringen, damit am Ende meine Sharingan erwachten.

 

Ich sprach nicht, rief nicht nach Papa, und auch der Anbu sprach kein einziges Wort. Papa war irgendwo über uns, aber so weit entfernt, dass ich wusste, er würde das jetzt nur noch beobachten, weder eingreifen, noch das Ganze selbst steigern.

Die Schwerthiebe kamen immer schneller, und das Kribbeln hinter meinen Augen würde stärker und stärker, je schneller mein Gegner mich immer wieder angriff und es für meine Augen bald unmöglich wurde, die Bewegungen überhaupt zu erkennen. Ich parierte und wich aus, und es wurde immer klarer, dass ich den Anbu meinerseits angreifen musste.

Ich sah auf seine Beine, versuchte daraus seine Bewegungen zu lesen, und als er mit dem Schwert über mich hinweg rauschte, griff ich sein rechtes Knie an und hoffte, dass er als Rechtshänder auf der rechten Seite seine Kraft hatte.

Doch er zog ein Kunai aus seiner Waffentasche am Gürtel und griff mich nun mit diesem und seinem Schwert an, sodass es für mich langsam aber sicher unmöglich wurde, überhaupt wirklich an ihn heran zu kommen!

 

Dadurch, dass er nicht sprach, wirkten seine Angriffe bedrohlicher als alles, was ich bisher aus Trainingskämpfen kannte, und ich konnte Papa nicht mehr in meiner Nähe erkennen, ich war jetzt alleine mit diesem Anbu.

Das Kribbeln in meinem Kopf, hinter meinen Augen und durch mein ganzes Gehirn, wurde so stark, dass ich mich zuerst kaum noch auf den Kampf konzentrieren konnte, es sammelte sich Druck, und ich fragte mich einen Augenblick lang, ob es nur diese Situation war, die meine Sharingan weckte, oder ob ich jetzt vielleicht einfach nur alt genug dafür war? Tsukuyomi war ja auch einfach aufgetaucht in mir, ohne dass ich viel dafür getan hatte.

Ich wusste es nicht, da mein körperliches Alter, sieben Jahre, schon lange nichts mehr mit meinem geistigen und seelischen Alter zu tun hatte. Ich war schon lange kein Kind mehr und wusste auch nicht mehr, wie sich so ein echtes Kindsein für mich angefühlt hatte, ja ob ich denn jemals eines gewesen war …

 

Ich schloss die Augen, wich wieder einem Hieb aus, und in diesem kurzen Augenblick, der sich auf einmal unendlich lang anfühlte, überrollte mich das kribbelnde Gefühl, ich versank in meiner Innenwelt, im Tsukuyomi, das mich aufnahm und dann wieder losließ, und als ich die Augen wieder öffnete, sah ich das Chakra meines Gegners, seine Kraft und seine Bewegungen, in einer Weise, die ich noch nie erlebt hatte, alle seine Bewegungen, irgendwie langsamer, wie in Zeitlupe, so als läge über jeder Bewegung, die er machte, eine Art Filterbild, das mir zeigte, was er gleich tun würde.

Ich spürte eine unglaubliche Kraft in mir, mit einem Mal waren die Ketten, in denen meine Fähigkeiten gelegen hatten und darin gewachsen waren, gesprengt und zerrissen, und innerhalb eines unendlichen Moments entfalteten sie sich, ich sah mir selbst zu, wie ich sprang, den Kopf des Anbu angriff, seinen Bewegungen jetzt so leicht ausweichen konnte, weil ich sie nun voraussah, und als ich nah genug war, trafen sich mein und sein Blick, und in mir öffnete sich intuitiv mein Tsukuyomi, das viele Üben in meiner Innenwelt zeigte sein Ergebnis und ich nahm meinen Gegner mit hinein, griff ihn dort, in meiner inneren Heimat, in der ich mich auskannte wie nirgends sonst, endlich an, brach seine Verteidigung und hörte ihn überrascht aufkeuchen, ehe ich ihn an der Schulter erwischte und mein neues Schwert auf sein Schlüsselbein niedersausen ließ.

 

Der Anbu schrie nicht, doch ich sah, dass ich ihn getroffen und verletzt hatte, und im nächsten Moment schloss sich Tsukuyomi und wir waren wieder im Wald. Doch nun war die Situation eine andere, er stand vornübergebeugt vor mir und ich sah Blut aus der Wunde an seiner Schulter in seine Kleider sickern. Ich hatte erst gedacht, ich hätte ihn nur mit dem Rücken der Klinge geschlagen, doch nun hatte ich das Schwert anders herum in der Hand, hatte ihn also mit der Klinge direkt erwischt.

Ich hatte ihn noch nicht besiegt, doch er hatte sein Ziel erreicht, seinen Auftrag erfüllt, und ich wusste, der Kampf war vorbei.

Papa kam von einem der Bäume herunter, stand mit einem Sprung wieder vor mir. Er hatte immer noch seine Sharingan aktiviert, doch er lächelte, schien stolz zu sein.

Ich konnte noch nicht sprechen, atmete schwer und meine Augen fühlten sich ganz seltsam an, irgendwie fremd und sehr erschöpft und müde …

„Gut gemacht, mein Sohn“, sagte Papa und trat vor mich, kniete sich hin und legte seine Hand auf meine Schulter. Dann zog er ein Tuch aus seiner Tasche, reichte es mir, und ich fuhr mir damit über die Augen, und erst dann bemerkte ich, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen. Und als ich das Tuch dann ansah, waren meine Tränen darin von Blut durchzogen.

„Keine Angst, das ist normal“, sagte Papa. „Das passiert oft beim ersten Mal.“

Dann wandte er sich zu dem Anbu um. „Danke, du kannst gehen.“

Der Ninja verbeugte sich und verschwand augenblicklich.

 

„Das hast du sehr gut gemacht“, sagte Papa dann zu mir. „Hast du ein Genjutsu benutzt?“

„Ich hab … Tsukuyomi … benutzt …“, antwortete ich leise.

Papa sah mich überrascht an. „Wirklich?“

Ich nickte. „Es kam irgendwie einfach so …“

„Itachi, du bist wirklich unglaublich! Ich glaube, selbst dein Urgroßvater Fukuya hat das Tsukuyomi nicht so früh und so gut beherrscht wie du!“ Papa erhob sich und wir gingen zu der Lichtung zurück, und als wir wieder dort waren, spürte ich, wie meine Sharingan sich wieder zurückzogen in meine Innenwelt, wo sie von nun an mit dem Tsukuyomi eine Einheit bildeten.

 

Auf dem Weg zurück zur Gaststätte beruhigten sich meine Augen wieder, ich weinte nicht mehr und es kam auch kein Blut mehr. Papa hielt mich an der Hand und führte mich, und im Zimmer angekommen sagte er mir, ich sollte mich ein wenig hinlegen, während er sich mit dem mobilen Funkgerät zu Hause meldete. Ich lag also auf dem Futon und hörte, wie Papa im Nebenraum zuerst mit Mama sprach, und dann, wie er danach auch Yoneko Bericht erstattete: „Itachi hat jetzt seine Sharingan erweckt, und er hat sogar gleich Tsukuyomi benutzt!“

 

Ich hörte nicht, was Yoneko antwortete, aber ich konnte mir ihre Reaktion vorstellen. Und ich wusste, dass jetzt noch mehr Training auf mich zu kam. Ich war, wie Papa immer sagte, eine „Riesenchance für Konoha“, und diese Chance durfte nicht ungenutzt sein.

Mir fiel ein, was Mama gestern Abend gesagt hatte, im Streit mit Papa: „Du hast aber nicht ernsthaft vor, ihn zur Anbu zu schicken?!“ Mama wollte mich davor schützen, und ich wusste genug über die Anbu, um zu wissen, dass diese Arbeit eigentlich nicht zu mir und meinem Wesen, passte. Aber wenn ich so wichtig für das Dorf war, dann musste ich wohl auch das mitmachen?

Mein eigentlicher Wunsch, mit Mama zusammen in ihrer Praxis zu arbeiten und Menschen zu heilen, statt zu kämpfen, rückte vor diesen Plänen so sehr in den Hintergrund, dass ich dachte, es war vielleicht besser, nicht daran zu glauben … Es tat weh, und als Papa wieder ins Zimmer kam, saß ich auf dem Futon und weinte wieder.

 

„Was ist los, mein Sohn?“, fragte Papa.

Ich wusste nicht, ob ich ehrlich sein durfte, sagen durfte, dass mich die Aussicht, Anbu-Kämpfer anstatt Medizin-Ninja werden zu müssen, so traurig machte.

„Sag schon.“ Papa setzte sich zu mir.

„Ich will nicht zur Anbu …“, antwortete ich leise. „Ich möchte Medizin studieren.“

Papa sah mich an, und ich spürte, dass er nachdachte. „Du hast Mama gestern gehört?“

Ich nickte.

„Mit sieben Jahren geht niemand zur Anbu, Itachi. Auch Madara hat dort erst mit vierzehn angefangen. Irgendwann wird die Zeit für dich kommen, aber bis dahin ist es noch lange hin.“ Er sah mich wieder einen Moment lang an, dann sagte er: „Wenn du inzwischen eine Ausbildung zum Medizin-Ninja machen möchtest, kannst du das gern tun. Und auch die Anbu kann einen guten Mediziner gebrauchen.“

Ich war erleichtert, dass Papa das so sagte, so sehr, dass ich lächeln musste. Papa erwiderte es, und dann sagte er: „Ich will doch auch nur dein Bestes, Itachi. Weißt du … das ist auch für mich nicht immer einfach. Du bist mein Sohn und ich hab dich lieb, aber zugleich bist du so begabt, ich kann deine Fähigkeiten nicht ungenutzt lassen …“

Es kam selten vor, dass Papa mir so etwas so offen sagte. Er war eben ein echter Ninja, für den Kämpfe und Stärke Priorität hatten, und ich wusste, dass er sich schwer tat damit, über Gefühle zu sprechen. Die einzige Person, von der ich wusste, dass sie sein Innenleben wirklich kannte, war Mama.

 

Wir packten unsere Sachen wieder zusammen und verließen das Gasthaus, allerdings nicht, um gleich wieder nach Konoha zurück zu gehen.

Stattdessen gingen wir weiter in die Berge, kamen dann in einem weiter entfernten Gasthaus unter, und Papa führte mich zu einem Ort, einem Trainingsplatz, an dem ich eindeutige Spuren von Jutsus erkannte, die zu unserem Clan gehörten.

 

„Das ist unser Außenposten“, sagte Papa. „Wir sind hier, damit du deine Sharingan noch weiter entdecken und festigen kannst, bevor wir ins Dorf zurück gehen.“

Ich nickte, hatte die Hand schon an meinem neuen Schwert.

Papa aktivierte seine Sharingan und ich tat es ihm gleich, es ging ganz leicht. Zuerst übten wir ganz einfach nur Taijutsu, damit ich Sicherheit darin gewann, die Bewegungen voraus zu sehen. Wir sprachen dabei kein hörbares Wort, doch Papa bewegte die Lippen und ich konnte mit meinen Sharingan die Worte lesen, er gab mir tonlose Anweisungen, die ich sofort umsetzte.

 

Auf einmal, ich hatte gerade einen Tritt abgewehrt, spürte ich hinter mir etwas, eine Präsenz, eine Person … Ich sprang hoch, sah mich dabei kurz um, und sah jemanden hinter einem Gebüsch am Rand des Platzes stehen.

 

Papa ließ den nächsten Angriff sein, ich landete wieder auf dem Boden und wandte mich um.

Über dem Gebüsch schaute ein Kopf heraus, ein Junge von vielleicht zehn oder elf Jahren, er hatte leuchtend orangenes Haar und seine Augen waren von einem etwas eigenartigen Lila. Seine Kleidung war schlicht und ziemlich zerschlissen, sah ärmlich aus.

Ich sah ihn an, er erwiderte den Blick, und in dem Moment spürte ich eine eigenartige Energie, die ich sonst nur bei anderen Kindern meines Clans und bei denen vom Hyuuga-Clan bemerkte.

„Komm raus!“, rief Papa dem Jungen zu.

Doch der blieb stumm hinter dem Gebüsch stehen.

 

Papa sah mich an, ich wandte mich wieder zu ihm um, und seine Lippen sagten mir, ohne einen Ton: „Kekkei Genkai, Dojutsu.“

Im Kopf ging ich alle Kekkei Genkai für Dojutsu, die ich kannte, durch, aber ich fand keines, was zu dieser Energie, die der Junge ausstrahlte, passte. Es musste also ein sehr seltenes Erbe sein, eines, das noch niemand aus Konoha Gakure kannte oder erfasst hatte.

„Wie heißt du?“, rief Papa dem Jungen zu.

Doch dieser antwortete nicht. Er stand einfach nur da und sah zu uns herüber. Ein paar Sekunden verstrichen, dann sagte er doch etwas, aber nur ein einziges Wort: „Sharingan?“

Papa sah mich nur an, sein Blick sagte: „Kein Wort, Itachi.“

Wieder vergingen ein paar Sekunden, in denen ich mich fragte, woher dieser fremde Junge mit dem fremden Kekkei Genkai wissen konnte, dass unseres „Sharingan“ hieß. War er vielleicht ähnlich belesen wie ich und hatte auf diese Weise davon erfahren? Aber er sah so ärmlich und allein aus, dass ich das nicht so recht glauben konnte. Oder kannte er einfach jemanden aus unserem Dorf?

 

Auf einmal fiel mir jemand ein: Madaras Halbbruder Izuna. Der hatte das Dorf vor langer Zeit schon verlassen und lebte seither irgendwo, niemand aus Konoha hatte ihn je wieder gesehen. War es möglich, dass dieser Junge vielleicht Izuna kannte?

Ich sah Papa an, der blickte fragend zurück, und ich entschloss mich, den Jungen einfach zu fragen: „Izuna Uchiha? Kennst du ihn?“

Doch ich bekam keine Antwort, nur ein Kopfschütteln. Und einen Moment später war der Junge einfach verschwunden. Und erst, als er weg war, dachte ich: „Und Madara? Wenn Madara noch irgendwo ist und lebt, kennt dieser Junge ihn vielleicht?“

Aber wir bekamen auf diese Frage keine Antwort mehr.

 

Papa fragte, nachdem wir sicher waren, dass der Junge nicht zurückkommen würde: „Wie kamst du eben auf Izuna?“

„Weiß nicht, es fiel mir so ein“, antwortete ich.

„Denkst du manchmal noch an Madara?“

Ich nickte. „Manchmal vermisse ich ihn noch.“

„Ich auch …“, gestand Papa. Es kam selten vor, dass er so etwas sagte, aber in diesem Moment sah ich diese Frage, was wohl mit Madara passiert war, in Papas Augen stehen, und auch, dass es ihn frustrierte, nicht zu wissen, ob Madara noch lebte oder nicht. Was wir beide wussten, war, dass Madara stark war und dass er, wenn er wollte, alle seine Spuren gut zu verwischen verstand. Da blieb nur das „Warum?“.

 

„Man kennt eben niemanden so ganz von Innen“, sagte Papa leise und sein Blick ging dabei in die Ferne. „Auch wenn wir als Nutzer des Sharingan weiter in die Menschen hineinsehen können als andere, so bleibt dennoch immer etwas, wo auch wir nicht weiter wissen. Ich frage mich auch immer wieder, warum er gegangen ist. Vielleicht wollte er Izuna suchen? Ich habe damals, als er gegangen ist, nichts gesehen oder gehört, wir standen einfach in Ame Gakure auf dem Dorfplatz und auf einmal ist Madara weggegangen.“

„Und wenn Izuna dort gewesen ist?“, fragte ich.

„Vielleicht … Ich dachte erst, das wäre mir doch aufgefallen, den hätte ich bemerkt. Aber, ja, vielleicht war es so …“

„Wirst du … Nachforschungen anstellen?“, fragte ich leise.

„Habe ich schon. Ich habe schon damals, als Izuna gegangen ist, versucht, herauszufinden, wo er sein könnte, aber auch er ist spurlos verschwunden. Nun ja, als Uchiha wissen Izuna und Madara ja beide, wie man unsere Fähigkeiten austrickst, und auch, wie man den Anbu aus dem Weg geht.“

 

Wir blieben dann doch nicht lange auf diesem Platz. Papa wirkte nachdenklich und ich hatte das Gefühl, dass er über Madara und Izuna nachdachte, und über die Gründe, warum Izuna unser Dorf verlassen hatte. Und so kehrten wir ins Gasthaus zurück.

 

Izuna war schon als Jugendlicher gegangen, lange vor meiner Geburt, und so hatte ich weder ihn kennen gelernt, noch kannte ich die genauen Gründe, die dazu geführt hatten, das er Konoha verlassen hatte. Ich wusste nur, Izuna hatte sich mit Yoneko nicht gut verstanden und war nach einem Streit mit ihr über Nacht aus dem Dorf verschwunden, hatte nur einen kurzen Brief zurück gelassen, in dem er Yoneko als Grund für sein Weggehen benannte.

 

Zurück im Gasthaus ging ich auf mein Zimmer, ich war ziemlich erschöpft und wollte mich ein bisschen hinlegen. Aber ich konnte nicht einschlafen, in mir vibrierte eine starke Energie und es fiel mir schwer, die Augen zu schließen.

Und so blieb ich wach liegen, und dachte an den seltsamen Jungen, durchforstete mein Gedächtnis nach Informationen über Dojutsu-Bluterbe aus anderen Dörfern, aber ich fand nichts, das zu diesen seltsamen lila Augen gepasst hätte. Es war schon seltsam, denn eigentlich war es kaum möglich, dass eine Familie über so etwas verfügte und das geheim halten konnte … Es sei denn … ja, es sei denn jemand hatte es versiegelt. Manchmal wurden Kekkei Genkai aus verschiedenen Gründen versiegelt, und so war es dann auch möglich, dass sie in Vergessenheit gerieten.

 

Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein, denn Papa weckte mich und wir verließen das Gasthaus, machten uns auf den Weg zurück ins Dorf.

Ich hatte das Gefühl, dass Papa irgendwie unzufrieden war, und als wir schließlich durchs Tor gingen und der Wächter uns fragte, ob unsere Mission erfolgreich gewesen war, kam von Papa nur eine knappe Antwort.

„Du siehst müde aus, Itachi“, sagte der Wächter dann. 

„Mir geht’s gut“, antwortete ich.

 

Auf dem Weg zu unserem Haus kamen wir an einem Laden mit Schaufenster vorbei, und ich sah mich im Vorbeigehen im Spiegel. Der Wächter hatte Recht, ich sah wirklich müde aus. Meine Augen waren gerötet, hatten dunkle Schatten und es sah so aus, als seien die beiden Kanten, die von meiner Nasenwurzel aus über meine Wangen verliefen, etwas länger und tiefer geworden.

 

Zu Hause empfing uns Mama mit dem Mittagessen, aber sie sah auch irgendwie müde aus.

„Alles gut, Ikue?“, fragte Papa.

Mama schüttelte den Kopf. „Ich war mit Kushina frühstücken und irgendwas war im Essen drin, was ich nicht vertragen habe …“ 

Ich ging zu Mama hin und umarmte sie.

„Du siehst auch nicht gut aus, mein Kind“, sagte sie zu mir und drückte mich an sich.

„Vielleicht hat der Koch mit Bonito gekocht statt mit Kombu?“, vermutete ich. Mama ernährte sich schon seit vielen Jahren vegetarisch, weil sie manche tierischen Eiweiße nicht vertrug, sie bekam immer furchtbare Bauchschmerzen, wenn sie Fleisch oder Fisch gegessen hatte. Und weil sie mich von Anfang an mit hauptsächlich pflanzlicher Nahrung großgezogen hatte, zog ich selbst auch vegetarisches Essen vor, Fleisch und auch Fisch war mir so ungewohnt, dass ich viel lieber Gemüse und Salat aß. Papa dagegen war Fleischesser und so kochte Mama nur für ihn ganz ‚normal‘.

 

Beim Essen war es still, und als ob ich erst jetzt, zu Hause, mich wirklich fallen lassen konnte, war ich nach dem Essen so müde, dass ich rauf in mein Zimmer ging, mich einfach angezogen auf mein Bett legte und sofort einschlief.

 

Als ich wieder aufwachte, war es dunkel, irgendwann mitten in der Nacht. Ich hörte Stimmen von unten, Mama und Papa, und noch andere, ich erkannte Yonekos Stimme und die eines Kollegen von Papa.

„… ihn auf Missionen zu schicken, wo er jedes Mal der Jüngste im Team ist … aber ich denke schon, dass er das kann …“

„Als Mediziner … ich weiß nicht …“

„… hätte den Vorteil, dass andere Länder ihn nicht so wahrnehmen …“

Papas Kollege und Oma Yoneko sprachen über mich, und ab und zu hörte ich Papas Stimme, wie er zustimmende Laute vernehmen ließ.

Und dann Mama: „Ihr wisst doch, dass ich mir Sorgen um ihn mache.“

„Ja, natürlich, immerhin ist er dein Sohn“, sagte Oma Yoneko.

„Vor allem ist er noch ein Kind!“

„Ikue, du müsstest doch am besten wissen, dass Itachi kein gewöhnliches Kind ist! Er ist doch schon so lange viel, viel weiter als alle anderen Kinder seines Alters!“ Das war wieder Yoneko.

Ein Geräusch war zu hören, wie ein Stuhl, der umfiel, weil Mama aufgesprungen war. „Genau deshalb hat er ein Recht auf eine Kindheit! Er ist nicht nur euer Wunderkind, er ist außerdem hochsensibel, und ich lasse nicht zu, dass ihr ihn kaputt macht!“

 

Ich stand auf, verließ mein Zimmer und ging rüber ins Bad, schaute mich im Spiegel an und stellte fest, dass ich etwas ausgeruhter aussah. Dann ging ich die Treppe hinunter, durch die Küche ins Wohnzimmer, und sah Papa, Oma und einen von Papas Kollegen dort sitzen. Mama stand, und der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, lag hinter ihr.

„Itachi …“ Mama sah mich an.

„Nicht streiten …“, sagte ich, meine Stimme klang leise und kindlich.

Mama kam auf mich zu, kniete sich vor mich hin und legte ihre Hände auf meine Schultern. „Haben wir dich geweckt, Spatz?“

Ich schüttelte den Kopf.

Oma Yoneko sah mich an und fragte: „Itachi, willst du Mediziner werden?“

Ich nickte. „… Lieber als zur Anbu …“

„Du kannst nächste Woche mit dem Studium anfangen“, sagte Yoneko. Einfach so.

Ich sah Mama an, sie lächelte, und dann gab sie mir einen Kuss auf die Stirn.

 

Das Thema Anbu war damit fürs Erste vom Tisch.

Am nächsten Tag ging ich mit Mama in die Bibliothek der Akademie, in die Abteilung der Konoha-Universität, und sie suchte mir Bücher für verschiedene Grundlagen der medizinischen Ninjutsu aus, die wir mit nach Hause nahmen und mit denen ich mich die folgende Woche beschäftigen und so ein Thema für mein Studium finden sollte. Ich freute mich sehr darauf, denn für mich gab es kaum etwas Schöneres, als etwas Neues zu lernen, die Weite meines Geistes weiter zu entdecken und ihn mit Wissen zu füllen.

Medizinische Ninjutsu hatten einiges mit Genjutsu gemeinsam, und genau diese Gemeinsamkeiten waren es, die mir an beidem besonders gut gefielen. Beides erforderte, dass man sich bildete und sehr viel über die Hintergründe von Körper, Geist und Chakra lernte, und man konnte Tage und Wochen lang da sitzen und lesen, es war also wie für mich gemacht!

 

Wenn ich in dieser Woche nicht gerade lernte oder mich ins Tsukuyomi zurückzog, ging ich mit der Tochter der Familie, die neben uns wohnte, in dem kleinen Wäldchen am Fluss zum Spielen.

Sie hieß Yuki und ihren Eltern gehörte die Apotheke, von der Mama die Medizin für ihre Praxis bezog. Yuki war genau so alt wie ich, sie besuchte die Grundschule der Zivilisten und war im Unterschied zu mir wirklich noch ein Kind, aber sie war eher ruhig und ich hatte das Gefühl, dass wir uns, trotz dass ich im Kopf so viel weiter war als sie, gut verstanden.

Wenn ich am Nachmittag mit ihr zusammen war, kam es mir so vor, als ob ich, wenn ich den ganzen Vormittag gelernt und meine Fähigkeiten ausgelebt hatte, dann bei ihr meine andere Seite, die einem Kind einfach ähnlicher war, einfacher herausholen und leben konnte. Die Einfachheit des Kindseins ließ mich dann entspannen, und wenn ich am Abend mit Mama in der Küche saß und ihr erzählte, was Yuki und ich zusammen erlebt hatten, wusste ich, dass ich auch Mama damit glücklich machte.

 

Der Beginn meines Studiums des Medizinischen Ninjutsu erschien mir so, wie anderen Kindern ihre Einschulung. Ich war fast acht Jahre alt, hatte die Akademie längst hinter mir, und das Gefühl von „Ich bin jetzt groß“ überraschte mich selbst, weil ich ja eigentlich nie das Gefühl gehabt hatte, wirklich ‚klein‘ zu sein. Ich freute mich sehr auf das Lernen und Arbeiten, auf die Bücher und die Übungen, und ich war glücklich, etwas tun zu dürfen, das wirklich zu mir passte.

 

Neben dem Studium fing ich an, meine Übungen im Taijutsu immer früh am Morgen zu machen, eine halbe Stunde körperliches Training, dann war ich wach und ging schon bei Sonnenaufgang in die Uni, setzte mich in die Bibliothek und begann mit dem Lernen. Mittags aß ich mit Mama zu Hause, dann folgte wieder eine Einheit Tai- und Ninjutsu mit Shisui, und danach traf ich mich manchmal noch mit Yuki oder ging zu Papa in die Polizeiwache, um ihm dort von meinem Tag zu berichten.

Diesen Rhythmus hielt ich, mit gelegentlichen Abweichungen und auch etwas Abwechslung zwischendurch, fast eineinhalb Jahre lang aufrecht.

Zum Ende hin wurden die Teehaus-Sitzungen mit Oma Yoneko wieder häufiger, sie zeigte mich voller Stolz ihren Anhängern und ich erzählte dann auch ganz gern von meinem Studium, weil es mir einfach sehr viel Freude bereitete.

 

Wenn ich in dieser Zeit an meinen Traum dachte, irgendwann Hokage zu werden, dann stellte ich mir jetzt vor, dieses Amt mit demselben Rhythmus und derselben Freude wie in meinem Studium zu gestalten. Hokage sein bedeutete für mich eine Arbeit, bei der ich viel lesen können und wenig auf Missionen würde gehen müssen, denn der Hokage blieb im Dorf, saß an seinem Schreibtisch und kümmerte sich darum, dass es friedlich blieb. Ich fing an, mich für Diplomatie zu interessieren, führte mit Shisui lange Gespräche darüber und beschäftigte mich im Studium auch mit Psychologie, zum einen, weil das für mich als Genjutsu-Anwender sehr wichtig war, und auch, weil ich an einen Zusammenhang zwischen Diplomatie und Psychologie glaubte.

 

Das ging so, bis ich neun Jahre alt wurde. Ich machte meinen Abschluss an der Universität mit Bestnoten (und als jüngster Absolvent in der Geschichte Konohas), und dann hatte ich drei Monate frei, die ich meist zu Hause verbrachte, unterbrochen von gelegentlichen Missionen, bei denen ich verschiedene Teams als Medizin-Ninja und Stratege unterstützte.

 

Während des Studiums machte ich im Alter von achteinhalb Jahren parallel meine Prüfung zum Chuunin, als ebenfalls jüngster Teilnehmer.

Oma Yoneko setzte im Rat durch, dass ich die Prüfung als einzelner Teilnehmer machte, ohne ein Team, wie es sonst eigentlich übliche Pflicht war, einfach deshalb, weil ich durch mein Studium zu keinem festen Team gehörte. Koharu und Homura waren zwar dagegen, doch der Hokage entschied, dass ich aufgrund meiner Fähigkeiten schon ein Recht auf den Rang des Chuunin hatte, und so nahm ich alleine teil.

Die Aufgaben waren kaum ein Problem für mich, ich bekam das meiste gut hin, konnte mich auf meine Fähigkeiten einigermaßen verlassen. Mein Problem bei dieser Prüfung war eher, dass ich sie unter den aufmerksamen Augen des Dorfrates machen musste, mit den Sonderrechten, die mir unangenehm waren, und der Art, wie Yoneko mich präsentierte. Ich für meinen Teil hätte die Prüfung zum Chuunin lieber später gemacht und unter denselben Voraussetzungen wie alle anderen auch.

Es war mir sehr unangenehm und störte mich, dass ich am ersten Tag der Prüfung von Yoneko dorthin begleitet wurde und sie mich vor allen Leuten überaus stolz als „Wunderkind des Uchiha-Clans“ bezeichnete. Mehr denn je sehnte ich mich in diesem Moment nach Unauffälligkeit.

 

Am Ende dieser weitgehend ruhigen Zeit geschah dann etwas, an das ich während des Studiums kaum noch gedacht hatte:

 

Ich war zu Hause, wachte morgens auf, zog mich an, ging zu Mama runter und fand sie im Bad neben der Küche, sie kniete vor dem Becken im Boden und erbrach sich.

„Mama? Was ist los, hast du was falsches gegessen?“, fragte ich und kniete mich neben sie.

„Nein … eigentlich nicht … Mir war gestern schon mal schlecht, und gegessen hab ich nicht viel.“

Ich half ihr, bis sie wieder aufstehen konnte, sie setzte sich auf einen Stuhl in der Küche und ich machte ihr einen Tee.

„Itachi, geh mal in die Wache zu Papa und sag ihm, er soll herkommen“, sagte Mama und nahm einen vorsichtigen, kleinen Schluck Tee.

„Ist gut.“ Ich zog mir meine Jacke an und lief raus, rannte durchs Dorf zur Polizeiwache.

 

„Hallo, Itachi“, begrüßte mich einer von Papas Kollegen.

„Ist Yoshio da?“

In dem Moment kam Papa aus seinem Büro.

„Was ist los, Itachi?“

Ich war ganz außer Atem, musste erst wieder Luft bekommen, und antwortete dann: „Mama geht’s schlecht, sie hat sich erbrochen!“

Papas Gesichtsausdruck überraschte mich etwas: Er sah nicht erschrocken aus, sondern lächelte.

„Ich bin gleich fertig, dann komm ich nach Hause“, sagte er.

„Was ist denn mit Mama?“, fragte ich besorgt.

„Ich glaube, du musst dir keine Sorgen machen, mein Sohn …“ Papa lächelte immer noch. „Mama geht’s bald wieder gut.“

 

Ich lief zurück nach Hause, kümmerte mich weiter um Mama, ihr war immer noch schlecht, und als Papa nach Hause kam, hatte er eine Tüte aus der Apotheke dabei.

„Na, meine Liebe, wie geht’s dir?“, fragte er Mama.

Mama lächelte. „Geht schon …“

Papa ging zur ihr, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann zog er eine Schachtel aus der Tüte, und ich sah, was darauf stand: Es war ein Schwangerschaftstest!

1986

 

Je weiter sie sich von Ame Gakure entfernten, desto weniger regnete es. Madara schien genau zu wissen, wohin er wollte, und spät abends hielt er vor einer kleinen Hütte am Waldrand an. Es regnete immer noch, wenn auch weniger als in Ame, und Nagato musste zugeben, dass er wirklich müde war.

„Hier übernachten wir und hier bleiben wir auch ein paar Tage“, sagte Madara und öffnete die Tür der kleinen, unscheinbaren Hütte.

 

Vorsichtig hob er die längst schlafende Konan von seinen Schultern. Die wachte davon auf.

„Dara, wasnlos? Wosinwi?“ murmelte sie mit halb geöffneten Augen.

„Wir haben Ame Gakure verlassen, Konanchen. Bald siehst du die Sonne und vielleicht gibt es morgen was zum Essen“, antwortete Nagato und stellte die schweren Taschen ab.

„Sonne? Essen? Echt?“, fragte Konan. „Nagato, du bist lieb!“ Und schon war sie wieder eingeschlafen. Sie war einfach zu müde. Nagato legte sie vorsichtig auf das größte Kissen, das sie besaßen.

„Und wie lange bleiben wir hier?“, fragte er Madara.

„Ein paar Wochen vielleicht. Bis ich ein richtiges Haus gefunden habe, wo wir alle zusammen bleiben können“, antwortete der.

„Heißt das, dass du bei uns bleibst, Madara?“ Nagato konnte es kaum glauben.

„Ja. Aber ich möchte natürlich zuerst mal wissen, wie ihr zwei eigentlich richtig heißt.“ sagte Madara und lächelte wieder.

„Ich heiße Nagato Amekawa. Und die Kleine heißt Konan. Wir haben Glück, dass ich meinen Namen und ihren kenne. Ihren Nachnamen weiß ich aber nicht. Konan ist ungefähr zwei und ich bin sieben. Aber ich weiß nur meinen Geburtstag“, sagte Nagato.     

Madara schrieb die Namen kurz auf und sagte dann: „Ich bleibe bei euch. Nach Konoha kann ich jetzt nicht mehr zurück. Ihr könnt gut einen Beschützer gebrauchen und die kleine Konan kannst du nicht allein großziehen.“

Dann begann Madara, die Taschen auszupacken und ein Nachtlager herzurichten.

 

Mitten in der Nacht wachte Konan auf. Sie wusste nicht, wo sie war und das ständige leise Rauschen des Regens war verstummt. Irgendwann vor Stunden war Konan auf Madaras Rücken eingeschlafen und als sie in der Hütte kurz aufgewacht war, hatte sie ihr neues Zuhause auf Zeit noch nicht wirklich wahrgenommen.

Es war dunkel, draußen verhüllten Wolken die Sterne, obwohl es vor einer Weile wohl aufgehört hatte zu regnen. Das kleine bisschen Licht, das von irgendwo draußen kam, ließ Nagatos oranges Haar schwach leuchten. Konan blinzelte zu ihm hinüber. Dann merkte sie, wie hungrig sie war und dass sie das ziemlich aufregte. Und das einzige, was der Zweijährigen einfiel, war Schreien.

„Waaaah! Ich hab Hu-hu-hu-huuuungeeeer!!! Will was eeeesseeen!“ Sie schrie, obwohl sie zum ersten Mal im Leben ohne das Geräusch des immerwährenden Ame Gakure-Regens in den Ohren aufgewacht war. Oft hatte sie sich gewünscht, dass dieses Regenrauschen aufhörte. Aber jetzt hatte sie Hunger.

 

Madara wachte von ihrem Geschrei auf. Schon im Halbschlaf hatte er Konans Schreien gehört und sie tat ihm leid. Was mussten so ein Krieg und ein Wohnungswechsel für so ein kleines Mädchen wie Konan bedeuten? Sie war bestimmt völlig durcheinander.

„Konanchen …“ Madara übernahm wie selbstverständlich die von Nagato verwendete Kinderform des Namens, „Warum weinst du denn?“

„Dara! Ich will was essen! Ha-ha-hab Huuuuunger!“

„Du musst ja schrecklichen Hunger haben, wenn du so schreist. Kannst du gar nicht mehr schlafen vor Hunger?“ fragte Madara.

„H-hm!“ Konan hörte auf zu schreien und sah Madara mit großen, nassen Augen an.

„Ich seh mal nach, ob ich vielleicht noch was zu essen habe.“ Madara begann, seinen Rucksack nach etwas Essbarem zu durchsuchen. Er fand ein paar Scheiben dunkles Brot, mehr nicht. Morgen würde er losziehen müssen, um im nächsten Ort Essen zu besorgen.

 

„Hier, Kleine, iss!“, forderte Madara das kleine Mädchen lächelnd auf.

Konan strahlte ihn an. Ihre kleinen, weißen Hände griffen nach dem trockenen Brot. Seit eineinhalb Tagen hatte sie kein größeres Stück Brot, Reis oder etwas anderes zu essen gesehen. Gierig biss sie hinein. Es war ihr egal, wie es schmeckte.

„Dankche, Dara“, sagte sie kauend und strahlte.

Madara hätte nie gedacht, dass ihn das dankbare Leuchten in den Augen eines kleinen Mädchens so glücklich machen würde. Aber so, wie Konanchen ihn jetzt mit vollen Backen anstrahlte, das machte ihn so glücklich wie schon lange nicht mehr. Madara wusste jetzt, dass es sich gelohnt hatte, Konan und Nagato zu retten.

„Mmmmmh!“, seufzte Konan schließlich, „Jetzt nich mehr Hunger. Jetzt satt.“ Und ein voller Magen machte müde. Konan streckte sich und gähnte.

„Darf ich auf dein´ Futon mit schlafen?“ fragte sie und kuschelte sich an Madaras dichtes Haar.

„Sie ist jetzt mein Kind“, dachte er und ließ zu, dass sie unter seine Decke kroch und sich an ihn schmiegte.

Fühlte es sich so an, eigene Kinder zu haben? Madara wusste es nicht genau. Er war schließlich noch keine dreißig. Doch er musste an seinen Patensohn denken. Itachi war fünf, also jünger als Nagato, und hatte schon längst mit dem Ninja-Training begonnen. Nagato hatte ganz offenbar noch nie sein Chakra trainiert.

 

Und während Madara seinen Blick von Konans lila Lockenköpfchen zu Nagatos orangenem Haarschopf wandern ließ, nahm er sich vor, den beiden alles beizubringen, was sie brauchten. Er wäre in Konoha Sensei geworden, wenn der Krieg nicht gekommen wäre. Jetzt würde er Lehrer für Nagato werden und dann für Konan. Die beiden waren offensichtlich mit recht vielversprechenden Talenten gesegnet. Konan war für eine Zweijährige bemerkenswert selbstständig und sprach schon ziemlich deutlich aus, was sie meinte. Und Nagatos Augen waren außergewöhnlich, das hatte Madara sofort erkannt.

 

Am nächsten Morgen zog Madara schon früh los, um sich nach einer besseren Behausung umzusehen. Die kleine Hütte war zwar besser als die Ruine, in der er die Kinder gefunden hatte, aber Madara wollte Nagato und Konan ein wirklich schönes Zuhause bieten. Er wurde richtig euphorisch beim Gedanken daran, mit den Kindern zusammen in einem kleinen Haus zu leben und ihnen alles beizubringen.

Nagato versprach, den ganzen Tag mit Konan im Haus zu bleiben. Noch war der Krieg nicht zu Ende, in vielen Orten um Ame Gakure herum wurde noch gekämpft. Deshalb war es sicherer für die Kinder, wenn sie im Haus blieben, bis Madara wieder da war.

 

Als Konan aufwachte, schien die Sonne durch das kleine Fenster über Madaras Reisefuton.

„Nagato? Wo ist Dara?“, fragte sie verwirrt. Madara war nicht da, obwohl sie doch auf seinem Haar geschlafen hatte, und die Sonne schien so hell herein, wie sie es noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

„Er ist losgegangen, um etwas zu essen zu holen“, antwortete Nagato und begann, in den Taschen nach Konans wenigen Spielsachen zu suchen. Es war wirklich nicht viel: Ein kleines, knisterndes Kissen, ein Beutel mit großen Glasmurmeln und ein paar bestickte Haarbänder. Aber es musste reichen, um Konan den ganzen Tag zu beschäftigen.

Als Nagato sich aber zu Konan umsah, bemerkte er, dass sie längst eine eigene Beschäftigung gefunden hatte: mit hochzufriedenem Gesicht und geschlossenen Augen saß sie unter dem Fenster und ließ sich von der Sonne bescheinen. Für jemanden, der seine ersten Lebensjahre nicht im Regen von Ame Gakure verbracht hatte, wurde so ein einfaches In-der-Sonne-sitzen vielleicht bald langweilig, aber Konan kannte nichts als den Regen und deshalb war das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut etwas unbeschreiblich Schönes.

„Komm, Nagato! Setz dich auch hin, die Sonne scheint!“, seufzte sie glücklich.

Und weil er gerade nichts anderes zu tun hatte, setzte er sich neben sie auf den Holzboden, der von der Sonne schön warm war. Bis kurz vor Mittag schien die Sonne, dann zog eine fluffige, weiße Wolke vor die Sonne. Aber das machte Konan nichts aus. Sie hatte schon so viel vom Sonnenlicht und der Wärme aufgesogen, dass es für die nächsten Tage ausreichen würde, falls dann nicht die Sonne schien. Auf jeden Fall mehr Sonne als in ihrem ganzen, bisherigen Leben. Konan war glücklich. Und die kleine Wolke würde weiterziehen. Außerdem schimmerten Konans Glasmurmeln schön im Licht und warfen runde Regenbögen auf den Holzboden. Wenn die Sonne schien, war sie leicht zu beschäftigen.

 

Madara hatte seinen Rucksack dagelassen. Wahrscheinlich hatte er heute nur eine kleinere Tasche mitgenommen. Nagato sah den Rucksack in einer Ecke stehen und plötzlich wollte er unbedingt wissen, was darin war. Konan sah von ihren Murmeln auf, als Nagato den Rucksack öffnete.

„Was machst du da?“ fragte sie.

„Ich will wissen, was er da drin hat. Wir wissen ja noch gar nicht, wer er eigentlich ist“, antwortete Nagato.

„Er heißt Madara Uchiha, er ist aus Konoha und er ist lieb. Heute Nacht hat er mir was zu essen gegeben“, sagte Konan. „Du musst ihn fragen, bevor du seine Sachen durchwühlst, Nagato. Weißt du noch, wie du dich aufgeregt hast, als Yahiko an deiner Tasche war?“

„Das war was anderes“, erwiderte Nagato. „Yahiko war ein Kind, so wie wir. Aber Madara ist ein Krieger aus einem fremden Land und die Konoha-Ninjas haben Ame zerstört.“

„Yahiko sieht genauso aus wie du. Er hat nur andere Augen. Wo ist er überhaupt hingegangen? Er war auf einmal weg“, sagte Konan.

„Ich vermute mal, er ist davongekommen.“ Nagato wollte nicht an diesen Jungen aus Ame Gakure denken, der ihm wirklich wie ein Zwilling ähnelte. Er hatte sich nicht getraut, mit Yahiko richtig Freundschaft zu schließen, aus Angst, dass der Krieg sie wieder trennen und ihm damit noch mehr Schmerz auslösen würde.

 

Er begann, Madaras Rucksack auszuräumen. Einfach so konnte er ihm nicht vertrauen. Auch, wenn Madara gut zu Konanchen war. 

„Da ist ja überall so ein Fächer drauf“, stellte Konan fest, als Nagato den Inhalt von Madaras Rucksack auf dem Boden der Hütte ausbreitete. Tatsächlich, nahezu jeder Gegenstand war mit einem rotweißen Blattfächer-Symbol verziert.

„Das ist wohl das Wappen seiner Familie“, sagte Nagato. Er hatte nicht das kleinste bisschen Schuldgefühle, weil er so in Madaras Sachen wühlte. Er war einfach davon überzeugt, dass es sein Recht war, Madara erst einmal nicht zu vertrauen. Es war ja immer noch Krieg. Da musste man sicher gehen.

Neben Kleidung, Essgeschirr und Wurfmessern fand Nagato auch eine Dose mit Halstabletten, zwei Scheiben Brot, ein Paket Reis und eine ganze Reihe Bücher. Außerdem war da eine kleine Flasche aus braunem Glas, die irgendeine flüssige Medizin enthielt.

 

„Von dem Brot hat er mir was abgegeben“, sagte Konan. „Obwohl er nur so wenig davon hat, hat er´s mit mir geteilt.“ Sie war voll davon überzeugt, dass Madara absolut vertrauenswürdig war. Er hatte sein Essen mit ihr geteilt, sie auf seinem Futon und in seinem Haar schlafen lassen und ihr sein Taschentuch geschenkt. Konan zog das Tuch aus der Tasche ihres Kleides. Es zeigte denselben rotweißen Blattfächer wie alle Sachen, die Madara gehörten.

Nagato blätterte in einem der Bücher. Es war ein Buch über die Behandlung von Augenverletzungen, die durch Kekkei Genkai verursacht wurden, das war dem Bild auf dem Titelbild zu entnehmen. Nagato konnte kaum lesen und schreiben. Bevor er das Buch aufschlagen konnte, wurde die Tür der Hütte geöffnet. Nagato schrak zusammen.

 

„Ich bin es, Kinder“, kam Madaras Stimme von draußen, dann öffnete er die Tür und kam herein. Seine Taschen waren voll mit Essen und Kinderkleidung. Er stellte die Taschen ab und entdeckte erst jetzt das Chaos auf dem Hüttenboden.

„Gefallen euch meine Sachen?“, fragte er lächelnd, obwohl er eindeutig wusste, dass Nagato die Sachen durchsucht hatte.

Jetzt bekam Nagato doch Gewissensbisse. Madara war den ganzen Tag unterwegs gewesen, um Essen und Kleider für sie zu besorgen, und er misstraute ihm immer noch?

„Ich hab´s dir doch gesagt.“ Konan strahlte, als sie eine Schachtel mit Reisbällchen aus Madaras Tasche herausschauen sah.

„Ich wollte nur wissen …“, begann Nagato verlegen, senkte den Kopf und fuhr sich nervös durch das leuchtend orangene Haar.

„… ob du mir vertrauen kannst?“, fragte Madara. „Ja. Das kannst du.“

„Er hat nur für uns was gekauft!“, strahlte Konan. „Nur für uns!“

Nagato konnte Madara immer noch nicht ganz vertrauen. Der Krieg hatte ihn misstrauisch und vorsichtig gemacht. Und Madara trug auch immer noch das Stirnband mit dem Zeichen von Konoha Gakure. Er sah noch aus wie ein Feind.  

„Ich will was essen! Konanchen hat einen Riesenhunger!“, kreischte Konan ungeduldig.

„Du bekommst ja schon was.“ Madara nahm die ziemlich große Reisbällchen-Schachtel und hielt sie Konan entgegen. Das kleine Mädchen riss die Schachtel auf, griff sich ein Reisbällchen und hatte es innerhalb weniger Augenblicke aufgegessen und sich noch eines genommen. Sie war kaum noch zu halten.

„Nimm ausch einch! Chmeckt gut!“, forderte sie Nagato kauend auf. Aber Nagato traute sich nicht so recht.

„Du hast doch auch Hunger“, sagte Madara. „Komm schon, iss!“

 

Als Nagato sich nach zehn Minuten (in denen Konan dreiviertel des Schachtelinhaltes aufaß) immer noch nichts genommen hatte, wusste Madara, wie er das Vertrauen des Jungen gewinnen würde. Es fiel ihm schwer, innerlich, denn er liebte sein Stirnband. Aber dennoch … Er griff unter sein Haar, löste den Knoten des Stirnbands und nahm es ab. Dann zog er ein Kunai hervor und fuhr kratzend über das Symbol, bis es drei nicht sehr tiefe, aber doch deutlich sichtbare Kratzer hatte, die das Laubblatt durchstrichen.

„Ich werde das Stirnband nicht mehr tragen. Du kannst mir vertrauen, Nagato. Ab jetzt bin ich nur für euch beide da“, versprach Madara.

„Du … du gibst deine … Heimat für uns auf?“, stotterte Nagato ungläubig.

„Ich gehöre jetzt nicht mehr zu Konoha Gakure. Ich gehöre zu euch.“

 

In diesem Moment, als Madara das so offen aussprach, wusste er, dass es kein Zurück mehr gab. Vielleicht sah er Yoneko, Yoshio, Ikue und Itachi nie wieder. Der ganze Clan war davon ausgegangen, dass Madara unbesiegbar war und auf jeden Fall heimkommen würde.

Und da war noch … Tsunade. Sie war zwar sechs Jahre älter als Madara und richtig verlobt mit einem Ninja namens Dan, aber Madara schwärmte seit seiner Schulzeit für sie. Doch jetzt, wo er abtrünnig war, war es das Beste, wenn er Tsunade endgültig vergaß. Sie war nur die Enkelin des Ersten Hokage und er würde sie nicht bekommen. Es war jetzt wichtiger, die Lehren des Hashirama Senjuu über das Dorf Konoha hinaus in die Welt zu tragen.  

Was Yoneko betraf, wusste Madara, dass sie immer zu ihm halten würde. Egal, was die beiden Dorfältesten (die den Uchiha-Clan nicht mochten) sagen würden, Yoneko würde ihn verteidigen und vermissen.

Yoshio würde vielleicht glauben, Madara sei auf dem Weg zu der Bombenentschärfung zwischen die Fronten geraten. Schließlich kämpften Nibi und Yonbi immer noch um Ame Gakure herum.

Egal, wie Madara es drehte und wendete, es gab kein Zurück mehr. Er musste das jetzt durchziehen. Hatte er das nicht gewollt? Diese beiden Kinder großziehen in den Idealen des Ersten Hokage? Nun musste Madara sein Versprechen halten und sich um Konan und Nagato kümmern. Er war nun einzig verantwortlich für die beiden. Und er war vermutlich der Einzige, der sie überhaupt noch kannte. In Ame vermisste die beiden wahrscheinlich niemand, ja, vielleicht wusste niemand überhaupt noch, dass es Konan und Nagato gab.

 

„Was ist denn das?“ fragte Nagato und hielt die kleine, braune Glasflasche in der Hand.

„Das sind Augentropfen. Wenn man seine Augen so oft benutzt wie ich, passiert es oft, dass man sie verletzt“, antwortete Madara.

„Tatsächlich. Deine Augen sind immer so rot“, stellte Nagato fest.

„Weißt du, wie man das nennt?“

„Nein. Aber es macht dich stark, oder?“

„Das sind Sharingan“, sagte Madara. „Aber, sag mal, Nagato, ist das deine natürliche Augenfarbe?“

„Ich glaube schon. Ich hab keinen Spiegel, aber ich glaube, sie verändern sich manchmal irgendwie, fühlt sich so an …“, antwortete Nagato.

„Deine Augen sehen aus, als könntest du sie noch für etwas anderes als zum Sehen verwenden. Hast du das schon mal versucht?“

„Nein …“ sagte Nagato. „Sonst hätte ich mich doch immer wehren können.“

Stimmt. Man muss genau wissen, wie es funktioniert, sonst geht es nicht“, erklärte Madara. „Ich musste auch erst lernen, wie ich meine Sharingan benutzen kann.“

Nagato dachte einen Moment nach, kam zu dem Schluss, dass Madara Recht haben konnte und dass da wirklich etwas Besonderes an ihm selbst war. Doch er ließ sich die Gedankenbewegung nicht anmerken.

 

Die folgenden Tage verliefen ähnlich. Madara stand morgens früh auf, ging aus der Hütte und ließ Nagato und Konan den halben Tag über allein. Er suchte in den kleinen Dörfern in der Umgebung nach Essen für die Kinder und sich, was nicht gerade einfach war, denn die meisten Orte waren vom Krieg schwer beschädigt und die Menschen hatten selbst kaum etwas zu essen.

Aber die meisten Leute waren bereit, einem Ninja mit Madaras starkem Auftreten doch etwas zu geben. Auf diese Weise kam er an gutes Essen und sogar an Bücher.

Die Bücher waren wichtig, denn Madara wollte Nagato Lesen und Schreiben beibringen. Er war jetzt in jeder Hinsicht für Versorgung und Ausbildung von Nagato und Konan verantwortlich und begann, sich an die neue Aufgabe zu gewöhnen. Sie erschien ihm wirklich sinnvoll, jedenfalls sinnvoller als dieser verdammte Krieg. Im Krieg zerstörte man sinnlos unzähliges Leben, während die Versorgung und Ausbildung zweier elternloser Kinder deren Leben und späteres Wirken förderte.

Ganz so, wie der Hokage der Ersten Generation das Dorf Konoha gegründet hatte, um jungen Menschen eine sichere Zukunft zu bauen.

 

Als Madara eines Abends von seiner Tour zurück in die Hütte kam, platzte er mitten in einen Streit zwischen Nagato und Konan hinein.

„Das ist echt doof!“, schrie Konan und Madara wunderte sich wieder dass sie schon so gut sprechen konnte.

„Nein, Konan, das verstehst du nicht“, sagte Nagato. „Dafür bist du noch zu klein.“

„BIN ICH GAR NICHT! DU KANNST NICH EINFACH SAGEN, DASS DARA NICH LIEB IS, NUR WEIL ER AUS KONOHA IS!“, kreischte Konan, „DAS IS GEMEIN, NAGATO!“

„Ich bin doch nur misstrauisch, Konanchen“, sagte Nagato. „Schließlich haben die Ninjas aus Konoha Gakure unser Ame zerstört.“

„Aber Dara is doch jetzt für uns da!“ Konan drehte den Kopf und sah Madara in der Tür stehen. Der lächelte freundlich.

„Ihr könnt mir wirklich vertrauen“, sagte Madara. „Ich habe die Armee verlassen, um mich um euch zu kümmern.“ Wie oft sollte er das noch sagen? Konan schien ihm zu glauben, aber Nagato war nach wie vor misstrauisch. Madara konnte das nur mit Kriegstrauma erklären. Kinder wie Nagato konnten nur schwer Vertrauen fassen. Konan war zum Glück noch so klein, dass sie nicht hinter jeder Ecke einen Feind sah und sie schien auch ein Mädchen mit bemerkenswert positiver, starker Lebenseinstellung zu sein.

„Daaaaraaaa!“, quietschte Konan, sprang auf und rannte auf ihn zu. Er zog seine Schuhe aus, legte Rucksack und Rüstung ab und kniete sich hin, um auf Augenhöhe mit dem kleinen Mädchen zu sein. Konan fiel Madara um den Hals und schmiegte ihr Gesicht in sein langes, dichtes Haar. Sie mochte es, sich in Madaras Haar zu kuscheln, weil es so lang und weich war.

Im Gegensatz zu Konan verhielt Nagato sich zurückhaltend. Er saß mit gekreuzten Beinen und verschränkten Armen auf dem Boden und sah Madara mit seinen weißlosen, lila Augen misstrauisch an.

„Ich hab dir was mitgebracht, Nagato“, sagte Madara und befreite sich vorsichtig aus Konans Umarmung. Dann zog er ein Buch aus seinem Rucksack. Es war ein Schulbuch für Schreibanfänger.

Nagato stand zögernd auf. Madara lächelte.

„Nimm schon. Ich will dir Lesen und Schreiben beibringen“, sagte er.

„Mir auch, mir auch!“, rief Konan begeistert.

„Du kannst gern zusehen“, sagte Madara. „Je früher man sich damit befasst, umso mehr lernt man.“

Nagato streckte langsam seine weiße Hand aus und griff nach dem Buch in Madaras Hand.

„Du bist sieben, hast du gesagt?“, fragte Madara.

Nagato nickte.

„Ich bin zwei!“, quietschte Konan, sie hielt zwei Finger hoch und ihre goldbraunen Augen strahlten.

„Du kannst dir ja schon Bilderbücher ansehen, Konanchen“, Madara lächelte.

„Au ja!“ Konans Lernbegierde war geweckt.

 

An diesem Abend begann Madara damit, Nagato zu unterrichten. Er begann mit der leicht erlernbaren Sechsundzwanzig-Buchstaben-Schrift und Hiragana. Konan saß daneben und sah aufmerksam zu. Sie schien ebenso schon das eine oder andere aufzunehmen, jedenfalls hatte sie offensichtlich Lust darauf, zu lernen.

Und während Madara seine beiden Findelkinder zu unterrichten begann, dachte er natürlich auch immer wieder an seine „alte“ Heimat, an Konoha Gakure …

 

Hiruzen Sarutobi war der Hokage der dritten Generation und eigentlich ein friedlicher Mann, der das Dorf als seine Familie ansah, für die er alles tat. Aber der Ältestenrat, der aus Koharu, Homura und einem weiteren starrsinnigen Alten namens Danzo bestand, entschied vieles über Sarutobis Kopf hinweg, der offene Auseinandersetzungen eher scheute

Der Ältestenrat und der Uchiha-Clan hatten gewisse Probleme miteinander, die schon lange bestanden, da Koharu Utatane-Hyuuga und Yoneko Uchiha sich schon seit ihrer Ausbildungszeit nicht leiden konnten und Koharu diese Auseinandersetzung oft genug in die Politik einfließen ließ. Homura als ihr loyaler Vasall machte da ebenfalls mit, und Danzo schien ein ganz eigenes Problem mit mehr oder weniger allen drei Clans im Dorf zu haben.

 

Aber gerade wegen dieses andauernden Streits mit Koharu vernachlässigte Yoneko ihre Pflichten als Matriarchin des Uchiha-Clans nicht. Es gab ein vielversprechendes Talent, das es zu fördern galt. Vielleicht konnte irgendwann einer aus dem Uchiha-Clan Hokage werden, dachte Yoneko, dann hätte Koharu nichts mehr zu sagen. Und sowohl Yonekos Lieblingsenkel Madara, als auch das neue Wunderkind Itachi wären dafür sicher geeignet, dessen war sich Yoneko sicher und jeder im Clan wusste, dass sie diese Ansichten hatte.

 

Gleich nach ihrer arrangierten Hochzeit mit ihrem Freund und Cousin Yoshio hatte Ikue Uchiha beschlossen, aus dem großen Residenzschloss des Uchiha-Clans auszuziehen, und mit ihrem Mann ein kleineres Reihenhaus im belebten Ortskern von Konoha bezogen. Sie hatte genug davon gehabt, als „Prinzessin Ikue“ angesprochen zu werden, ständig die Blicke der Leute auf dem Familienwappen zu spüren und vor der Residenz ständig auf Leute zu treffen, die nur mit ihr reden wollten, weil sie Yonekos Stammhalterin war.

Kurz nach Hochzeit und dem Umzug war sie schwanger geworden, hatte dem Kampf endgültig abgeschworen und angefangen, nur noch konzentriert als Augenärztin du Neurochirurgin zu arbeiten. Das Kind, ein Junge, wurde am 6. August 1981 geboren und Ikue wusste, dass er ihr ähnlich werden würde. Er wurde Itachi genannt und sein Namen mit den durch ein Orakel genau ausgewählten- Schriftzeichen für „Schmerz“ und „Blut“ geschrieben, woraus sich in der geläufigen Sprache Senningo die Bedeutung „tausendmal Schmerz und Blutstropfen“ ergeben hatte. Es schien ein böses Omen, dass ausgerechnet so ein Name für den Jungen ausgewählt worden war, aber gegen die Namen, die ein Orakel bestimmte, konnte man nichts tun. Und schon kurz nach seiner Geburt hatte sie Itachis ungewöhnlich hohe Sensibilität bemerkt, die sie schon von sich selbst kannte. 

Jetzt war er fünf Jahre alt und zeigte bereits alle Anzeichen von sehr großem Talent in allem, was man ihm im Rahmen der traditionellen Erziehung der Uchiha beibrachte. Mit zwei Jahren hatte er begonnen, Lesen und Schreiben zu lernen und schrieb jetzt schon fließende Texte. Er stand früh morgens auf und trainierte, beherrschte bereits sämtliche 12 Fingerzeichen und erste Jutsus. Yoshio war sehr stolz auf Itachi, machte sich aber auch Sorgen, da der Junge sich weigerte, Mücken zu erschlagen und kaum freiwillig kämpfte. Er schien bereits früh viele Dinge zu begreifen, die zu erfassen erst von weit älteren Kindern erwartet wurde und hatte offensichtlich die hochsensible Persönlichkeit seiner Mutter vollständig geerbt.

Dann war Yoshio zusammen mit Madara und einigen anderen Ninjas an die Front geschickt worden und das war Itachi nicht entgangen. Es schien beinahe unmöglich, etwas vor ihm zu verbergen.

 

In dem Moment, als Madara gerade Nagato die ersten Leseversuche beibrachte, saß in Konoha ein kleiner Junge mit kinnlangen, dunkelgrauen Haaren und großen, schwarzen Augen am Fenster des Hauses, in dem er mit seiner Mutter allein war, und schaute hinaus. Die Stimmung draußen auf der Straße war dunkel und regnerisch und übertrug sich auf den sensiblen Jungen. Sein hübsches Gesicht mit den kleinen Kerben an der Nasenwurzel sah traurig und nachdenklich aus.

1990 - 1991

 

Mama zog sich mit dem Test kurz ins Bad zurück, und währenddessen saß ich mit Papa in der Küche und wartete.

Ich hatte länger nicht mehr so richtig über meinen Wunsch nach einem Geschwisterkind nachgedacht, und auf einmal sah es so aus, als erfüllte dieser Wunsch sich jetzt!

 

„Itachi, du weißt sicher schon, wie ein Kind entsteht, oder?“, fragte Papa.

Ich nickte. „Ja, schon lange.“

„Deine Mutter und ich haben immer mal wieder versucht, noch ein Kind zu zeugen, und vielleicht hat es jetzt mal geklappt. Freust du dich darüber?“

Und mit einem Mal, vielleicht weil es mir jetzt richtig klar wurde, dass ich wirklich ein Geschwisterkind bekommen würde, kamen mir ein wenig die Tränen, ich strahlte Papa an und antwortete: „Ja, sehr!“ Und dann, als ich an diesen Moment vor ein paar Jahren dachte, als ich Mama und Papa nachts gehört hatte, fragte ich: „Das ist schön, ein Kind zu zeugen, oder?“

Papa nickte. „Ja. Die Natur hat es so eingerichtet, dass es Spaß macht, und auch wenn nicht bei jedem Mal ein Kind entstehen kann, ja, es ist schön.“

 

Ich sah Papa an, und es war wieder einer der seltenen Momente, in denen ich hinter seine strenge Fassade blicken und ihn als den fühlenden Menschen, der er dahinter war, sehen konnte. Er liebte Mama und mich sehr, doch er zeigte das eben selten so deutlich wie hier gerade. In solchen Momenten, wenn er sich so offen zeigte, konnte ich ihm die Strenge, mit der er mich sonst für gewöhnlich behandelte, und seine Verschlossenheit verzeihen.

 

„Irgendwann wirst du selbst eine Familie gründen, Itachi“, sagte Papa. „Du wirst eine Frau finden, sie heiraten und mit ihr Kinder haben.“

„Ja, vielleicht …“, sagte ich und dachte an die Mädchen, die ich kannte. Ob ich mich irgendwann in eine von ihnen verlieben würde? Im Moment sah es eigentlich nicht danach aus. Aber ich war ja auch erst neun Jahre alt.

 

Einen Moment später kam Mama aus dem Bad zurück. Sie strahlte über das ganze Gesicht, umarmte Papa und mich und zeigte uns beiden den Test. Der kleine Papierstreifen hatte eine leuchtend blaue Farbe.

„Blau heißt, es hat geklappt!“, erklärte Mama, umarmte Papa noch mal und küsste ihn.

„Ich kriege also wirklich ein Geschwisterchen?“, fragte ich noch mal, obwohl es schon ganz klar war. Aber ich wollte Mama hören, wie sie „Ja“ sagte.

Mama kniete sich vor mich hin, umarmte mich wieder, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Ja. Wir bekommen noch ein Kind.“

 

Und da, als sie es so sagte, löste sich in mir etwas, ich war sonst selten überschwänglich, aber in diesem Moment freute ich mich so sehr, dass ich aufsprang, wie ein kleines Kind, und erst Mama, dann Papa um den Hals fiel. Ich war so glücklich, dass mein ganzer Körper kribbelte und ich schnell zur Treppe lief, einmal rauf und wieder runter, ganz schnell, und als ich wieder vor Mama stand, lachte sie.

„So sehr freust du dich, mein Spatz?“, fragte sie und küsste mich aufs Haar.

„Ja! Ich wünsch mir schon so lange einen Bruder!“

„Vielleicht wird’s auch ne Schwester?“, warf Papa ein.

„Es wird ein Bruder, da bin ich mir ganz sicher!“

 

An diesem Tag war ich abends noch mit Shisui zusammen. Zuerst erzählte ich ihm nichts, wir hatten uns verabredet, um zusammen mit einem Buch über Feuerversteck-Jutsu zu lernen und dann ein bisschen zu trainieren. Aber er merkte recht bald, dass ich total kribbelig war, und fragte: „Sag mal, Itachi, ist irgendwas? Du hibbelst wie ein kleines Kind am Geburtstag!“

Ich errötete ein wenig, und dann brach es einfach aus mir raus: „Ich krieg einen kleinen Bruder!“

„Echt jetzt?“

„Ja! Mama kriegt ein Baby, und ich bin mir ganz sicher, dass es ein Junge wird!“

„Wow! Ja, dann ist es kein Wunder, dass du hibbelig bist“, sagte Shisui und lachte. „Du wünschst dir ja schon seit Ewigkeiten ein Geschwisterkind.“ Er grinste und sagte dann: „Bei meinen Eltern wird das wohl nichts mehr. Aber ich hab ja dich, du bist wie mein kleiner Bruder, und dann, wenn das Baby bei euch da ist, sind wir einfach drei Brüder.“

 

In dieser Nacht lag ich lange wach. Ich blickte an die Decke meines Zimmers und stellte mir vor, wie sich mein Leben verändern würde, wenn das Baby dann da war. Ich freute mich so sehr, dass mir hin und wieder sogar die Tränen kamen, und dachte mir schöne Sachen aus, die ich mit meinem kleinen Bruder erleben wollte. Das Gefühl, ein großer Bruder zu werden, machte mich so über alle Maßen glücklich, und ich schwor mir, der beste, liebste, fürsorglichste große Bruder zu werden, den Konoha Gakure je gesehen hatte.

 

Die nächsten Monate sind mir als eine Zeit in Erinnerung geblieben, die meine Identität als Bruder formte.

Ich unterstützte Mama überall, wo ich konnte, und oft lag ich mit ihr auf ihrem Bett oder auf der Couch, und ich durfte die Hand oder mein Ohr auf ihren Bauch legen, um das Kind darin zu spüren und zu hören.

Ich begleitete meine Eltern auch manchmal zu den Untersuchungen bei der Frauenärztin, und so war ich auch dabei, als festgestellt wurde, dass das Kind tatsächlich ein Junge war.

 

Einmal, da kam ich gerade von Oma Yonekos Teehaus zurück, da sah ich im Schaufenster eines Spielzeuggeschäftes eine Stofftier, das mich irgendwie ansprach. Es war ein grünes Echsenwesen, vielleicht ein kleiner Drache, und ich ging einfach in den Laden und kaufte es. Somit hatte ich ein Geburtsgeschenk für meinen kleinen Bruder, ich versteckte es zu Hause in meinem Schrank.

 

Und meine Familie war nicht die einzige, in der ein Baby erwartet wurde: Kushina und Minato hatten ebenfalls mit der Familiengründung begonnen! Ein, zwei Monate nach Mamas positivem Schwangerschaftstest kam Kushina freudestrahlend zu uns nach Hause und erzählte, dass sie ebenfalls ein Kind erwartete.

Unser Baby sollte im Juli kommen, Kushinas im Oktober, und so planten Mama und Kushina dann zusammen, wie sie ihre dann ja in etwa gleich alten Kinder gemeinsam erziehen wollten. Minato und Papa machten ebenfalls Pläne, es wurde über Patenschaft und solche Dinge gesprochen.

Als dann herauskam, dass auch Kushina und Minato einen Jungen erwarteten, erzählte ich das Shisui, der daraufhin meinte: „Dann werden wir halt vier Brüder.“

 

Damals ahnte wirklich niemand, was noch geschehen würde, und dass aus dem gemeinsamen Aufziehen der erwarteten Kinder nicht viel werden würde …

Aber dazu später mehr …

 

Im sechsten Monat von Mamas Schwangerschaft fand in Oma Yonekos Haus eine Zeremonie statt, um, wie es in unserer Familie üblich war, den Namen des Kindes und die Schriftzeichen dafür durch ein Orakel bestimmen zu lassen. Auch ich hatte meinen Namen durch so eine Zeremonie erhalten. Das Orakel war eine sehr alte Frau aus den Bergen, die eigens für die Zeremonie gerufen wurde und ins Dorf kam, und dann mit verschiedenen Utensilien und durch ein spezielles Jutsu bestimmte, welchen Namen ein Kind bekommen sollte. In meiner Familie war das Tradition, und auch die Sennin und die Hyuuga nutzten meist das Orakel für die Namen ihrer Kinder.

 

Mein eigener Name, Itachi, war wie gesagt auch durch dieses Orakel bestimmt worden, und die Zeichen, mit denen man ihn schrieb, hatten damals für einige Aufregung gesorgt, weil es sich um zwei Zeichen handelte, die gewissermaßen ein unheilvolles Omen darstellten: Das Zeichen für Schmerz und das für Blut waren in der Schriftrolle des Orakels erschienen, und ein Nicht-Beachten dieses Omens galt als Verbrechen am Orakel und als noch schlechteres Omen. Ich wurde also Itachi genannt und man schrieb meinen Namen mit diesen Zeichen, doch um das Ganze ein wenig zu mildern, erhielt ich als zweiten Vornamen den Namen meines Vaters Yoshio. Das Orakel war damit einverstanden, auch wenn zweite Vornamen eigentlich unüblich waren.

 

Und jetzt, fast zehn Jahre später, hofften alle sehr auf einen glücklicheren Namen für meinen Bruder, es wurde gebetet, dass es ein schöner Name mit Zeichen, die Gutes bedeuteten, werden würde.

Das Orakel erkundigte sich bei meinen Eltern und mir, ob inzwischen irgendetwas passiert sei, was durch das schlechte Omen meines Namens erklärbar gewesen wäre. Doch eigentlich war nichts von dem passiert, was sie vorausgesehen hätte. Die einzige Sache, die laut ihrer Ansicht einen Zusammenhang zu den Schriftzeichen meines Namens anzeigte, war meine hochsensible, für einen Ninja nicht gerade passende Art, und dass ich beim Erwachen meiner Sharingan blutige Tränen geweint hatte.

 

Während der Zeremonie, die ungefähr eine Stunde dauerte, spürte ich, wie Mama neben mir immer aufgeregter wurde. Sie hatte die Hände auf ihrem Bauch liegen und atmete tief ein und aus.

Ich sah sie an und legte meine Hände auf ihre. Dann schaute ich wieder zu der Schriftrolle, auf der Namen und Zeichen auftauchten und wieder verschwanden, und schließlich blieben zwei Zeichen zurück, die sich zusammensetzten.

Das Orakel berührte die Zeichen, sie blieben an ihren Händen hängen, und dann verkündete sie, dass das Baby, mein kleiner Bruder, Sasuke heißen sollte, geschrieben mit den Zeichen „klein“ und „Helfer“, was eine sehr positive Bedeutung ergab.

Papa erhob sich und fügte hinzu, dass auch mein Bruder einen zweiten Vornamen erhalten sollte: Ikuto, also die männliche Form von Mamas Namen Ikue.

Ich sah wieder Mama an, sie wirkte sehr erleichtert.

 

„Sasuke Ikuto also …“, sagte sie leise und bewegte die Hände auf ihrem Bauch. „Sasuke …“

„Ich find den Namen schön“, sagte ich zu ihr.

Mama lächelte strahlend. „Ich auch.“

 

Es war Frühling und wurde Sommer, erst ging der Mai vorbei, dann der Juni, und Mama blieb mit der Zeit immer mehr zu Hause, sie pausierte ihre Arbeit im Krankenhaus und empfing nur noch Patienten in ihrer Praxis bei uns im Haus. Ende Juni war auch das vorbei, die Wärme des Sommers und die körperliche Beanspruchung durch die Schwangerschaft setzten ihr zu, und ich blieb auch zu Hause. Auf Missionen ging ich derzeit sowieso nicht, und an der Universität machte ich in dieser Zeit auch nicht viel. Sobald ich mein tägliches Pensum an Training und Lernen geschafft hatte, war ich nur noch für Mama da, versorgte sie mit Tee und kochte Essen für sie und Papa.

 

Als ich an einem warmen Abend Anfang Juli mit Papa auf der Terrasse saß und wir gemeinsam das aßen, was ich gekocht hatte, sagte er: „Ich weiß nicht, ob ich es dir schon mal so gesagt habe, Itachi, aber … ich bin wirklich stolz auf dich. Und nicht nur, weil du ein so begabter Shinobi bist. Wie du Mama jetzt hilfst und sie unterstützt, das ist wirklich toll. Ich hatte ein wenig Sorge, dass andere dich deshalb für … mädchenhaft halten könnten, aber du machst das so gut, dass es mir egal geworden ist. Du machst deinen Weg wirklich gut, mein Sohn, und du wirst deinem Bruder ein hervorragendes Vorbild sein.“

„Ich freu mich so auf ihn …“, sagte ich leise. „Ich hab mir … immer schon einen kleinen Bruder gewünscht …“

Papa lächelte. „Bald wirst du ihn kennen lernen. Ihr werdet sicher ein gutes Team.“

 

In dem Moment hörten wir Mamas Stimme von oben aus dem Schlafzimmer: „Yoshio … Itachi …“

Ich sprang auf, rannte ins Haus und die Treppe rauf in Mamas Zimmer, sie lag auf dem Bett und sah aus, als ob sie Schmerzen hätte.

„Mama? Alles okay?“, fragte ich.

„Ich glaube … ja … Es sind nur … Übungswehen, der Termin ist doch erst zum 20. Juli …“, antwortete sie und keuchte vor Schmerz.

Papa ging zu ihr hin und half ihr, sich anders hin zu legen, und es dauerte nicht lange, dann hatte sie sich wieder beruhigt und alles schien wieder okay.

 

Als ich an diesem Abend in meinem Zimmer im Bett lag, dachte ich darüber nach, was es für Frauen bedeutete, Kinder zu bekommen. Es war etwas, das ich als Junge kaum verstehen konnte, aber ich hatte wirklich große Achtung vor Mama und allen anderen Frauen, die Kinder bekamen. Es war offensichtlich sehr schwer und nötigte mir größten Respekt ab. Wenn ich daran dachte, dass aus den Mädchen, mit denen ich befreundet war und meine Tage verbrachte, mit der Zeit Frauen wurden, die Kinder bekamen … Ich fand es wirklich bewundernswert.

 

Es dauerte von diesem Abend an nicht mehr lange, bis Mama sich im Krankenhaus auf der Gynäkologischen Station anmeldete und dort blieb. Sie war sich über den Geburtstermin nicht ganz sicher und wollte zur Sicherheit lieber im Krankenhaus bleiben. Der geplante Termin war der 20. Juli, aber da ich selbst drei Tage zu früh geboren worden war, rechnete Mama damit, dass dieser Termin auch nicht ganz sicher war.

 

Die Tage ab dem 18. Juli verbrachte ich in steigender Aufregung. Ich traf mich mit meinen Freundinnen, und auch mit Shisui, und allen, mit denen ich zu tun hatte, fiel auf, wie aufgeregt ich war. Inzwischen wusste das ganze Dorf, dass in meiner Familie ein Baby erwartet wurde, selbst viele der Zivilisten, zu denen auch meine Freundin Yuki mit ihrer Familie gehörte, sprachen mich auf der Straße an und fragten, wie es Mama ging. Es stand zwar nicht direkt in der Zeitung, war aber schon ein Teil des Dorfgespräches: Im Hauptzweig des Uchiha-Clans wurde ein zweiter Erbe erwartet!

 

Um meine Aufregung irgendwie zu regulieren, bastelte ich eine Reihe von Geschenken und Talismanen, ich schrieb den Namen Sasuke Ikuto als Kalligrafie auf viele Blätter Papier und flocht diese in Stroh ein, und diese Talismane schickte ich mit der Post zum Feuertempel, damit sie gesegnet werden konnten.

Als diese Talismane wieder zurück kamen und den Stempel des Feuertempels trugen, brachte ich sie zum Krankenhaus.

 

Es war der 22. Juli, und Papa hatte sich Urlaub genommen, um den ganzen Tag bei Mama sein zu können.

Oma Yoneko buchte eine Kutsche und Pferde für die Zeremonie, mit der Mama und das Baby vom Krankenhaus aus zu uns nach Hause zurück begleitet werden sollten. Es würde ein Festtag werden, genau wie damals bei meiner Geburt.

 

In der ganzen Vorbereitung wurde mir die Aufregung einmal doch zu viel, und ich lief raus aus dem Dorf in den Wald. Ich rannte einfach los, um meine Energie loszuwerden, weil ich es sonst gar nicht mehr aushielt vor Kribbeligkeit.

 

Und dabei fand ich etwas, das in dieser Situation wirklich sehr … unpassend kam:

In einem Waldstück hinter dem Felsplateau entdeckte ich sehr eigenartige Spuren, die für den Laien wie gewöhnliche Kampfspuren aussahen, aber für mich mit meinem Sharingan war deutlich, dass sich hier kein Mensch herumgetrieben hatte. Es war mindestens eine Kreatur hier gewesen, und es sah fast aus, als hätte sich hier … ja, ein sehr mächtiges Wesen herumgetrieben.

Es erinnerte mich an die Bilder von Bijuugeist-Spuren aus meinen Universitätsbüchern. Aber wer oder was auch immer hier gewesen war, es war ein intelligentes Wesen gewesen, das darauf geachtet hatte, keine groben Spuren zu hinterlassen. Oder … es gab noch etwas, das solche Spuren hinterließ: Es war keiner der neun Bijuu, sondern etwas, das mit ihnen verwandt war: Das Jubi, wobei es weniger ein „Es“ als eine Ansammlung von sehr besonderem Chakra war. Wenn man Chakra wie Blutgruppen klassifizierte und davon ausging, dass die meisten Wesen, die Chakra besaßen, entweder A, B, AB oder O hatten, dann war „Jubi“ quasi O Resus negativ, gewissermaßen ein Universal-Chakra.

Jubi war nicht „intelligent“, jedenfalls nicht im menschlichen Verständnis. Es war auch kein zehnter Bijuu, auch wenn sein Name dies vermuten ließ. Und weil es so einzigartig war, gab es so gut wie keine sicheren Informationen darüber, wie man dieses Chakra überhaupt nutzen konnte.

Dass es sich hier in der Nähe aufgehalten hatte, war kein gutes Zeichen. An sich war Jubi nicht gefährlich, es war sich seiner Macht nicht „bewusst“. Aber sein Auftauchen konnte auch das Auftauchen eines wirklichen Bijuu-Geistes bedeuten, und das war wirklich extrem gefährlich.

 

Ich lief ins Dorf zurück und in die Uni, suchte in der verschlossenen Abteilung der Bibliothek nach dem einzigen mir bekannten Buch, das überhaupt das wenige Wissen über Jubi-Chakra enthielt, ich wusste, es gab so ein Buch … Aber es war verschwunden. Und ich hatte irgendwie, ich wusste nicht warum, den Verdacht, dass Madara es vor seinem Verschwinden mitgenommen hatte.

Ich wusste nicht, ob und wem ich davon erzählen sollte. Jubi war für die meisten Leute nicht viel mehr als eine Legende, da kaum jemand es je gesehen und sein Aussehen bestätigt hatte. Aber dass auch ein echter Bijuu auftauchen würde, davor musste ich warnen, das war meldepflichtig und wirklich eine Gefahr.

 

Ich lief in die Polizeistation, Papas gleichrangiger Kollege Shinji war da und ich erzählte ihm unter vier Augen von meiner Entdeckung.

„Es ist richtig, dass du mir das erzählt hast, Itachi. Ich werde ein Spezialteam rausschicken, die werden sich das anschauen und feststellen, ob die Gefahr eines Bijuu-Angriffes besteht. Wir hatten das lange nicht, aber es ist nun mal bekannt, dass Konoha Gakure sich auf dem Grund und Boden befindet, der in früheren Zeiten dem Kyuubi als Territorium diente.“

„Ich hab keine Kyuubi-Spuren gesehen, nur Anzeichen von Jubi-Chakra.“

„Vielleicht haben wir auch noch etwas Zeit. Aber wir beobachten das. Kyuubi war lange nicht hier, und manchmal taucht er auf, um sein Land zurück zu fordern.“ Shinji schrieb etwas in eine Schriftrolle und verstaute diese vorn in seiner Uniform. Dann hob er die Hand und strich mir über den Kopf. „Mach dir keine Sorgen, Itachi. Wir haben so viele starke Leute, und wir haben Kyuubi bisher immer wieder in die Flucht geschlagen. Denk jetzt an deine Familie, deine Mutter bekommt ein Baby und dort solltest du jetzt hingehen.“

 

Auf dem Weg zum Krankenhaus traf ich Kushina. Sie war in ihrer Schwangerschaft ja noch nicht so weit wie Mama, und hatte Blumen dabei, um sie ihr zu bringen.

Wir gingen zusammen hinein, und ich hatte das Gefühl, dass es Kushina irgendwie nicht so richtig gut ging. Vielleicht bereitete die Schwangerschaft ihr Probleme, oder es war die Sommerhitze, die ihr Kopfschmerzen machte …?

„Ikue hat wirklich Glück mit dir, Itachi, du bist so ein liebes Kind“, sagte Kushina, sie blieb stehen, kniete sich kurz vor mich hin und reichte mir eine von den Blumen. „Hier, du kannst doch nicht mit leeren Händen zu deiner Mama gehen …“

Wir gingen zusammen hinein, Mama lag im Bett, Papa saß daneben. Mama hatte Schweißperlen auf der Stirn und sah aus, als hätte sie wieder Schmerzen.

„Itachi …“, sprach sie mich an und lächelte matt. „Alles gut bei dir, Spatz?“

Ich nickte. „Wie geht’s dir, Mama?“

„Es geht langsam los. Ist ja auch schon über den Termin.“ Sie winkte mich zu sich, nahm meine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Und ich spürte einen kräftigen Tritt gegen meine Handfläche. Es rührte mich, so sehr, dass mir die Tränen kamen.

„Sasuke …“, dachte ich. „Bald bist du da.“

„Ich will hier bleiben“, sagte ich laut. „Kann ich auch hier übernachten? Wenn es sein muss, schlaf ich auf dem Flur auf einer Bank!“

Papa lachte. „Klar kannst du das. Du kannst aber auch ein Zimmer haben.“

„Ich kann sowieso nicht schlafen“, sagte ich.

 

Und so blieb ich, als die Ärztin kam, Kushina wieder ging und Papa mich hinaus schickte, draußen auf dem Flur sitzen.

In dieser Nacht schlief ich tatsächlich nicht. Ich saß die halbe Nacht auf dieser Bank auf dem Flur, und als aus dem Zimmer Laute drangen, die sich anhörten, als hätte Mama furchtbare Schmerzen, lief ich hinaus auf den Platz vor dem Krankenhaus, setzte mich dort hin und schaute mir die Sterne an, es war eine klare, warme Sommernacht.

Das Fenster des Zimmers, in dem Mama lag, ging nach vorne raus, ich saß fast darunter, und irgendwann wurde es geöffnet und ich hörte Mama, wie sie schrie, und Papa, wie er ihr beistand, und eine andere Stimme, die der Hebamme.

Und als ich schon woanders hingehen wollte, weil mir Mamas Schreie immer wieder durch Mark und Bein gingen, beugte sich Papa oben aus dem Fenster und rief nach mir: „Itachi! Komm her, es ist da!“

 

Ich sprang auf und rannte los. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich rannte so schnell, dass ich völlig außer Atem nach vielen Fluren und zwei Treppen oben am Zimmer ankam und keuchend vor der Tür stehen blieb, die Papa in dem Moment öffnete, und ich stürzte ins Zimmer.

Mama lag auf dem Bett, sie sah völlig fertig aus, das Kopfteil des Bettes war hochgezogen, sie lag im Kissen und hatte ein weißes Bündel im Arm, das schrie. Ich rannte zum Bett, und Mama hob das Bündel ein wenig an, so dass ich es sehen konnte. Ich hatte kaum je ein neu geborenes Baby gesehen, und ich war so aufgeregt!

 

Eine winzig kleine Hand streckte sich mir entgegen, und ich hielt einfach meinen kleinen Finger hin, und als die Hand den Finger griff und fest hielt, sah ich zum ersten Mal das Gesicht meines kleinen Bruders: Er war noch ganz rot im Gesicht und hatte dichtes, tiefschwarzes Haar, das oben am Hinterkopf schon kleine Wirbel erkennen ließ.

„Er ist so … süß!“, brachte ich endlich ein paar Worte heraus. Langsam kam ich wieder zu Atem und beruhigte mich ein wenig, ich berührte mit der anderen Hand die winzigen, roten Wangen, und das Baby, das mein kleiner Bruder war, blinzelte, sah mich an und lächelte.

„Herzlich Willkommen, Sasuke!“, flüsterte ich. „Ich heiße Itachi, ich bin dein großer Bruder.“

Er wollte meinen Finger gar nicht mehr loslassen, und ich ließ ihn, weil es sich so schön anfühlte. Tatsächlich war ich noch viel glücklicher, als ich es mir die ganze Zeit hatte vorstellen können, und Mama und Papa sahen das natürlich.

„Er ist so glücklich …“, sagte Mama leise zu Papa. „So sehr hat er sich einen Bruder gewünscht …“

 

Ich sah die beiden nicht an, mein Blick klebte fest an dem kleinen Gesicht und den winzigen Händchen und tiefschwarzen Haaren meines kleinen Bruders, und am liebsten wollte ich ihn selbst mal halten, doch ich traute mich nicht, jetzt danach zu fragen, und die Gelegenheit dazu würde ich sicher genug zu Hause haben.

Sasuke hielt immer noch meinen Finger fest, und so hatte ich nur eine Hand frei, um ganz vorsichtig wieder seine winzigen Wangen zu berühren, und es übertraf einfach alles, was ich über die weiche Zartheit von Babyhaut gehört hatte.

„Ich hab dich jetzt schon total lieb, Sasuke“, sagte ich und blieb noch ein bisschen so, weil er meinen Finger einfach nicht loslassen wollte.

1986

 

Auf einem seiner Streifzüge durch das Regenland und dessen weitere Umgebung hatte Madara einen Ort gefunden, an dem es ihm so gut gefiel, dass er beschloss, mit den Kindern hierher umzuziehen und zu bleiben. Es war eine weite Hochebene, viel Platz und wenig Regen. Und am Rande dieser Ebene stand eine hübsche kleine Hütte, vor der, als Madara sie entdeckte, ein Schild stand mit den Worten „Zu verkaufen“, darunter die Adresse eines Bauern aus dem nächsten Dorf.

 

Madara suchte diesen Bauern auf, kaufte bei ihm Gemüse und Reis und fragte dann nach der Hütte.

„Die ist noch frei, Sie können sie haben“, sagte der alte Mann und kramte in seinen Taschen nach einem Geldbeutel. „Ich hatte dort oben Felder, aber da wächst nicht genug, deshalb lasse ich sie brach liegen. Ich bin froh, wenn jemand mir diese Hütte abnimmt.“

„Ich habe zwei Kinder dabei, ist die Hütte dafür geeignet?“, fragte Madara.

„Ja sicher. Ich war früher mit meinen eigenen Kindern dort“, antwortete der Bauer. „Ich mache Ihnen einen guten Preis, Kinder brauchen doch einen schönen Ort zum Aufwachsen.“

 

Und so hatte Madara nun ein kleines, aber feines Haus, einen neuen Ort zum Leben. Er machte sich auf den Weg zurück zur ersten Hütte, wo Nagato und Konan schon auf ihn warteten. Der Weg heute hatte lang gedauert und die beiden hatten Hunger.

„Packt alles zusammen, Kinder, ich hab ein schönes Haus für uns gefunden“, verkündete Madara und hatte im nächsten Moment eine hellauf begeisterte kleine Konan an sich hängen, die ihre Freude darüber gut kundzutun wusste. Nagato war weniger überschwänglich, doch er begann gleich, seine Sachen zusammen zu suchen.

„Wo? Wo? Wo?“, quietschte Konan. „Gibt’s da Sonne?“

„Ja, viel Sonne, so viel wie du willst.“

 

Als alles zusammengepackt war, verließen die drei die kleine Hütte. Es hatte gerade zu regnen begonnen, aber je weiter sie sich von der Hütte entfernten, umso mehr nahm der Regen ab und als sie das kleine Dorf erreichten, wo der Bauer lebte, schien die Abendsonne. Konan, obwohl noch so klein, lief vorweg, und die goldene Abendsonne ließ ihre braunen Augen ockergelb leuchten. Madara lächelte, er mochte das kleine Mädchen, sie hatte so viel Energie … Und Madara erinnerte sich, dass er selbst mit zwei, drei Jahren ähnlich fröhlich und energiegeladen gewesen war.

 

Sie kamen an dem Haus des Bauern vorbei, der ihnen die Hütte verkauft hatte. Der alte Mann stand in der Tür seines Hauses und winkte ihnen zu. Und Madara hatte eine ganz spontane Idee: Er ging zu dem Bauern noch mal hin und fragte: „Was würde das Land um die Hütte herum kosten?“

„Man kann dort nicht viel Reis oder Früchte anbauen“, wiederholte der Bauer. „Der Boden ist dort zu hart.“

„Aber Häuser gehen schon, oder?“, fragte Madara.

„Häuser? An sich schon, ja.“

„Dann will ich das Land auch haben.“

Nagato, der neben ihm stand, sah ihn fragend an. „Was willst du mit Häusern?“

 

Die Idee, das Land mit zu kaufen, war so spontan gewesen, doch mit einem Mal fügte sie sich perfekt in Madaras Pläne ein, es war genau das Richtige, genau das, was er brauchte. Es war ideal.

Wenn er schon Konoha verlassen hatte, um zwei Kinder zu retten und aufzuziehen, dann war der nächste Schritt doch logischerweise, diesen Kindern eine neue Heimat zu bauen. Ein eigenes kleines Dorf, einen Ort wie Konoha, wo es schön und sicher war … Und er, Madara Uchiha, würde somit in die Fußstapfen seines größten Idols treten, er würde genau wie Hashirama Senjuu ein neues Dorf gründen! Die Idee machte ihn augenblicklich euphorisch, er strahlte den Bauern an und fragte: „Was nun? Was kostet das Land?“

Der Bauer nannte einen ebenso guten Preis wie für das Haus allein, und Madara verhandelte nicht weiter, er bezahlte einfach.

 

Und so hatte er nun Kinder, Haus und Land. Es fühlte sich so richtig gut an, und während er seine Kinder hoch zu dem neu erworbenen Besitz führte, ratterten seine Gedanken, er entwickelte unzählige Ideen, es wurde ein richtiger Flow. Er war jetzt selbst ein Pionier, so wie der Hokage der Ersten Generation, und Madara liebte diesen Fluss seiner Ideen, tausendundeine Inspiration, die sein enthusiastisches Temperament beflügelten.

 

Als sie oben bei der Hütte waren, hatten sich die Dinge entwickelt. Konan war überschwappend glücklich, sie lief auf ihren kurzen Beinchen pausenlos um die kleine Hütte herum und sah sich alles genau an. Nagato legte seine Taschen ab, nahm sich ein Buch heraus und setzte sich damit vor die Hütte, um Lesen zu üben, und Madara hatte so viele Pläne und Ideen, dass er sich nach dem Auspacken sofort daran machte, diese aufzuschreiben und aufzuzeichnen.

Und während die drei so ihr neues Heim einrichteten, ratterte es in Madaras Kopf weiter, bis zu einem Punkt, an dem er plötzlich stockte:

„… ich könnte ja Izuna fragen, ob er mitmachen will …“

 

Für ein neues Dorf wurden neue Leute gebraucht. Starke Leute mit Fähigkeiten und Ideen. Und da die meisten der guten Kräfte schon zu einem der großen Reiche gehörten, würde Madara sich woanders auf die Suche nach diesen Leuten machen müssen.

Es gab schon auch eine Menge starke Kämpfer in verschiedenen Nischen im Untergrund, aber Madara, der immer in Konoha gelebt und nur in der Sicherheit des Feuerreiches gearbeitet hatte, kannte die Verbindungswege zum Untergrund noch nicht gut genug. Izuna dagegen lebte schon so lange außerhalb dieser Sicherheit, dass er, wenn Madara ihn denn fand, sicher wissen würde, wie man an diese Leute herankam.

 

Das einzige Problem dabei war: Madara hatte keine Ahnung, wo Izuna sich aufhielt, und auch nicht, ob sein Halbbruder denn überhaupt Lust haben würde, mit ihm zu reden. Als Kinder waren sie sich noch nah gestanden, aber Madara war immer Yonekos Liebling gewesen und Izuna hatte sich von Yoneko zu sehr unter Druck gesetzt und schlecht behandelt gefühlt, und hatte deshalb auch Konoha verlassen.

Seitdem lebte er irgendwo im Untergrund, unabhängig und für niemanden zu finden, von dem er nicht gefunden werden wollte. Und Madara wusste eben nicht, ob Izuna überhaupt zulassen würde, dass er ihn suchte und fand.

 

Während dieser Gedanken hatte Madara das Kochfeuer des Häuschens angefacht, und als er wieder aufblickte, stand Nagato vor ihm.

„Was denkst du?“, fragte der Junge.

„Willst du’s wissen?“

„Ja.“

„Ich habe einen Bruder, einen Halbbruder, der lebt schon lange irgendwo weit weg, und ich frage mich, ob ich ihn wohl finden könnte …“

Nagato sah ihn einen Moment lang stumm an, seine lilafarbenen Augen waren kaum zu lesen, und dann fragte er: „Will er denn?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Madara. „Ich könnte ihn jetzt brauchen, aber ich weiß wirklich nicht, ob er mit mir reden würde.“

 

Nagato sah ihn wieder nur stumm an, länger als zuvor, dann setzte er sich auf den Boden, blickte auf seine Hände und sagte: „Ich hab auch … so was wie nen Bruder.“

„So was wie? Was heißt das?“

„Er ist genau so alt wie ich und sieht auch aus wie ich, aber wir hatten nicht dieselben Eltern.“

„Wie heißt er?“

„Yahiko.“

„Und wo ist er geblieben?“

„Ich weiß es nicht. Ich hoffe, er ist entkommen.“ Zum ersten Mal sah man Nagato ein leises Gefühl an, während er sprach. Es war sichtbar, dass er fürchtete, Yahiko könnte umgekommen sein. Und es war zu sehen, dass er deswegen kaum Gefühle zeigte, weil er Angst vor ihnen hatte. „Wie heißt dein Bruder?“

„Izuna.“

„Und warum ist er weg?“

„Er hatte Ärger mit unserer Großmutter. Sie ist sehr streng und er brauchte seine Freiheit, deshalb ist er gegangen.“

Nagato blickte zur Seite, aus dem Fenster, wo Konan draußen in der Sonne saß und das Licht genoss.

„Ich hoffe, du findest ihn“, sagte er.

Madara lächelte. „Danke.“

 

Am nächsten Tag machte Madara sich wieder auf den Weg. Zuerst holte er Nahrungsmittel aus dem Dorf, brachte die nach Hause, und dann ging er wieder los.

Sein Ziel war eine Stadt in der Nähe, ein Postzentrum, wo viele Zivilisten lebten. Er hatte irgendwann mal gehört, dass diese Stadt einen gewissen Markt für Glücksspiel unterhielt und das zog sicher auch Untergrundpersonen an. Diese wollte er suchen, ansprechen, Informationen von ihnen sammeln. Für diesen Weg hatte er seine Rüstung zu Hause gelassen, und von seinen Waffen auch nur die Kunai und ein kleines Kurzschwert mitgenommen.

Als er die Stadt erreichte, fragte er sich bis zum Casino durch. Zur Sicherheit, um nicht gleich als Madara Uchiha dort erkennbar zu sein, kaufte er sich an einem Stand am Straßenrand eine bunte Tiermaske mit einem Vogelgesicht, die setzte er auf und betrat das Casino.

 

Drinnen bemerkte er, dass er nicht der einzige mit einer Maske war, er hatte hier offenbar tatsächlich den Treffpunkt der Untergrundszene erwischt, den darin saßen viele solcher maskierter Gestalten.

Die Luft hing voller Rauch, die Tische mit den Pokerspielern waren wie im Nebel. Es war relativ ruhig, Worte wurden mehr geflüstert denn gesprochen, und jeder achtete darauf, unauffällig und mit Pokerface da zu sitzen und sich nicht betrügen zu lassen.

Bis plötzlich einer der Männer aufsprang, krachend seinen Stuhl umwarf und seine Pokerchips auf en Tisch knallte. „Mir reichts! Du ziehst mich nicht noch mal ab!“

Der Mann ihm gegenüber saß im vollkommenen Nebel, war schon dadurch kaum zu erkennen, und als er sich langsam erhob, war zu sehen, dass er eine Maske aus Stoff trug, eine Kopfbedeckung und ein Tuch vor Mund und Nase, nur seine leeren, grünlichen Augen waren zu sehen. Er stellte einen metallenen Koffer auf den Tisch, sammelte in aller Ruhe das auf dem Tisch liegende Geld ein und sagte nichts weiter als: „Tja, ich bin die Bank, und die Bank hat keine Geduld.“ Der Koffer war prall gefüllt mit Unmengen an Geldscheinen, die höchsten Noten.

 

Madara ließ seine Spontanität entscheiden. Dieser Mann hatte offensichtlich Geld, Macht und Ahnung davon, und das war das, was Madara suchte. Er brauchte Geld, um Izuna zu suchen, denn viele Kämpfer im Untergrund ließen einen jede Information immer erst mal Geld kosten. Und Poker war zwar nicht gerade etwas, das er mochte, aber etwas, das er konnte. Allein schon durch die Sharingan und deren Fähigkeit, einen anderen Menschen nahezu vollständig zu durchschauen.

Madara trat auf den Tisch zu, an dem der Mann mit dem Geldkoffer saß, und sagte einfach: „Ich will ne Runde pokern.“

Der Mann sah ihn mit den grünlichen Augen an, zog die Brauen zusammen.

„Wenn du denkst, dass du gewinnen kannst?“

„Denke ich. Ja.“

„Da bin ich ja mal gespannt. Ich hab noch nie verloren.“

„Herausforderung angenommen.“ Madara lächelte hinter seiner Maske und wusste, dass man es an seiner Stimme hören konnte.

 

Der andere Mann legte die Chips auf den Tisch, und das Spiel begann. Und schon sehr bald musste Madara feststellen, dass dieser Mann ein echter Profi war. Zuerst hatte er gedacht, er würde seine Sharingan nur indirekt brauchen, doch sehr schnell wurde es notwendig, sie direkt einzusetzen, denn sein Gegner beherrschte ein für normale Augen und normale Intuition absolut überwindbares Pokerface.

Es war schon eine gewisse Entblößung, dass Madara die Sharingan einsetzen musste, denn damit machte er sich identifizierbar. Doch der Andere schien sich dafür kaum zu interessieren, der war voll fokussiert auf das Geld. Und so wurde aus dem Pokerspiel ein Kampf, bei dem Madara nach und nach herausfand, dass sein Gegner nicht nur „die Bank“, sondern ebenfalls ein guter Kämpfer war. Für die anderen im Raum war von diesem Kampf nicht viel zu sehen, es war ein Kampf am Tisch, ein Kräftemessen im Untergrund.

Zum Ende hin war es eine einzige Karte, die über den Ausgang des Spiels und des Kampfes entschied. Die Karten waren ein Spiel aus dem Feuerreich, und es gab die Karte „Mondlicht“, die so viel bedeutete wie ein vierfaches Ass. Dass gerade diese Karte über den Ausgang dieses Spiels entschied, war für den symbolisch denkenden Madara ein Zeichen des Schicksals, es war außerdem seine persönliche Lieblingskarte. Und als er sie mit einem triumphierenden „Bitte sehr!“ auf den Tisch legte, machte der andere auch wirklich überraschte Augen.

 

„Wie … wie hast du das gemacht?“, fragte er mit einem heiseren Ton in der Stimme.

„Das ist meine Glückskarte“, sagte Madara. „Und jetzt verrätst du mir deinen Namen.“

Sofort hatte der Andere seine Fassade wieder zurechtgerückt. „Du zuerst.“

„Was denkst du, wer ich bin?“, setzte Madara seine eigene Fassade als letztes Pfand ins Spiel ein.

Der Andere senkte die Stimme, beugte sich minimal vor und sagte: „Du bist Madara Uchiha.“ Dann stellte er seinen Koffer wieder auf den Tisch. „Du hast mich besiegt, Madara Uchiha.“

„Jetzt packst du aber aus, verstanden?!“

„Mein Name ist Kakuzu.“

Madara hob seine Maske am Kinn etwas an und lächelte.

„Komm mit“, sagte Kakuzu. „Ich zeig dir was.“ Er erhob sich und Madara folgte ihm in den Hinterhof des Casinos. Dort angekommen, zog Kakuzu einen Umschlag aus einer Tasche. „Weil du mich besiegt hast. Du suchst deinen Bruder, oder?“

„Kennst du Izuna?“ Madara nahm die Maske ab.

„Flüchtig, hin und wieder. Er hat mich auch mal besiegt.“

„Weißt du, wo er ist?“

Kakuzu antwortete nicht. Er hielt Madara nur den Umschlag hin, Madara nahm diesen entgegen, öffnete ihn. Darin befand sich eine kleine Aktenmappe mit verschiedenen Zetteln.

 

„Das ist alles, was ich über ihn weiß“, sagte Kakuzu dann. Er öffnete seinen Koffer, zählte Madaras Gewinn ab und drückt ihm diesen in die Hand. Madara rechnete schon damit, dass Kakuzu dann gehen und verschwinden würde, doch der andere Mann blieb stehen.

 

„Was hast du vor? Du bist doch sicher desertiert?“, fragte dieser.

„Ich will etwas Neues aufbauen.“

Und, ganz einfach, wie nichts Ungewöhnliches, sagte Kakuzu: „Ich mache mit. Du brauchst Leute, ich kenne genug. Melde dich wieder.“

„Wie finde ich dich?“

„Irgendwo nach Kakuzu fragen. Ich bin die Bank im Untergrund.“

„Alles klar.“

 

Nach diesem Gespräch war Kakuzu verschwunden, nach der Art eines Kämpfers. Er war also nicht nur im Pokern und im Geld stark, sondern hatte sicher auch besondere Fähigkeiten als Ninja.

 

Madara blieb noch einen Moment hier, in diesem Hinterhof eines Casinos, zählte das Geld kurz durch und dachte noch ein bisschen über diese Begegnung nach. Kakuzu war offensichtlich eine sehr zwielichtige Person, stark und gefährlich für die, die sich ihm in den Weg stellten. Madara war sich noch nicht ganz sicher, ob er mit so jemandem zusammen arbeiten wollte.

Er wollte erst einmal abwarten, erst Izuna suchen. Und vielleicht begegneten ihm auf dem Weg dahin noch andere Leute? Und wenn Izuna nicht mitmachen wollte, konnte er sich immer noch an Kakuzu wenden.

 

Auf dem Weg zurück in sein neues Zuhause hielt er noch einmal in einem kleinen Lokal am Wegesrand, kaufte noch Reisbällchen und Gemüse für die Kinder und setzte sich kurz, öffnete den Umschlag und sah sich die Zettel an, die er von Kakuzu bekommen hatte. Dort standen verschiedene Orte und Adressen, mit Datum versehen, an denen Izuna sich wohl immer wieder aufgehalten hatte. Die meisten dieser Orte waren sehr weit entfernt, nur ein oder zwei etwas mehr in der Nähe. Die nächstliegende Adresse befand sich im Wind-Reich, auf der anderen Seite der Berge. Und am Datum zu dieser Adresse war zu erkennen, dass Izuna diesen Ort nur selten nutzte. Es würde also ein Glückstreffer sein, sollte Madara ihn dort antreffen. Natürlich, denn er musste davon ausgehen, dass Izuna nicht gefunden werden wollte.

 

„Vielleicht halte ich mich doch an Kakuzu?“, dachte Madara. „Der hat mir zugesagt, und über ihn könnte ich an noch mehr Leute herankommen.“

Er stand auf, bezahlte und setzte seinen Heimweg fort. Zu Hause, in seinem neuen Heim, warteten schließlich zwei Kinder auf ihn, die es zu versorgen galt.

Als er das Haus betrat, fand er Nagato umringt von Büchern, der Junge lernte, er las Konan alles vor, was er schon lesen konnte. Konan hörte aber nur mit halbem Ohr zu, sie hatte eins der provisorischen Lesezeichen aus den Büchern in der einen Hand und eine Glasmurmel in der anderen, und spielte mit dem Regenbogenlicht, das durch die Murmel auf das Papier fiel. Als sie Madara bemerkte, sprang sie auf, lief auf ihn zu und strahlte ihn an.

„Ich hab Licht gemacht!“, verkündete sie. „Das Papier glitzert!“

Madara lachte. „Schön!“

Nagato stand jetzt ebenfalls auf, begrüßte Madara und zeigte ihm, wie weit er schon beim Lesenlernen war.

 

„Habt ihr Hunger?“

„Jaaa!“, quietschte Konan.

Madara packte die Reisbällchen aus, legte diese auf einen Teller und bot sie den Kindern, seinen Kindern, an. Und während die aßen, fand Madara die Glasmurmel auf dem Boden und daneben kleine Papierstücke, die mal Lesezeichen in den Büchern gewesen waren, meist Kassenbelege davon, wo er die Bücher gekauft hatte. Und eins davon war bearbeitet, gefaltet, zu einem einfachen, kleinen Origami-Herz.

 

„Nagato? Kannst du Origami?“, fragte er.

„Nee, wieso?“

Madara hielt das Papierherz hoch. „Hier.“

Nagato zog die Augenbrauen zusammen, sah erst Madara an, dann Konan, und die grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„… Konan?“, fragte er ungläubig.

Sie strahlte. „Ich hab das gemacht!“ Mit einem Satz sprang sie auf, hob eins der offen herumliegenden Bücher auf und deutete darauf. „Da sind Bilder drin, so hab ich das gemacht.“

„Wirklich?“, fragte Madara. Ihm war sofort klar, dass er hier gerade ein ungewöhnliches Talent entdeckt hatte: Ein Kleinkind von kaum drei Jahren, offensichtlich hochintelligent und in der Lage, aus einer Bildanleitung, ohne lesen zu können, ein Origami zu falten. Dass Konan schon so klar sprach und genau wusste, was sie wollte, war schon an sich bemerkenswert, aber dass sie sich zudem so etwas selbst beigebracht hatte, musste bedeuten, dass sie wirklich begabt war. Madara fühlte sich an Itachi erinnert, der mit zwei, drei Jahren auch schon ähnliche Dinge gekonnt hatte.

„Konanchen, du bist echt unglaublich.“

Sie grinste. „Voll gut, ne?“

„Mach weiter damit. Immer schön üben“, sagte Madara. Er fühlte, wie Konans Begeisterung und ihr Talent sein Herz erwärmten. Kinder zu unterrichten und ihre Talente zu fördern war etwas, das er sehr liebte, und wenn er ein offensichtlich so hochbegabtes Kind wie Konan vor sich hatte, das seine Freude daran, sie zu fördern, freudig aufnahm wie ein Schwamm, machte ihn das sehr, sehr glücklich.

„Willst du auch Lesen lernen?“, fragte er sie.

„Ja! Ja! Ja!“

 

An diesem Abend begann Madara, noch gezielter mit den beiden Kindern zu lernen. Vor allem Konan war eine äußerst bereitwillige Schülerin, die alles, was man ihr zu lernen anbot, annahm und ausprobierte. Und so war es einfach, herauszufinden, was sie besonders gut konnte und was ihr gefiel. Als Madara sie fragte, wie sie darauf gekommen sei, das Papier zu falten, antwortete sie: „Ich fand das Licht so toll. Es war ein Regenbogen auf dem Papier, und der sollte größer werden. Ich habs geknickt, und dann wurde er mehr.“

Nagato war zurückhaltender, doch auch er lernte schnell. Madara hätte zu gern gewusst, was es mit den Augen des Jungen auf sich hatte, doch das fand er an diesem Abend noch nicht heraus.

 

Nachts, als die Kinder schliefen, dachte Madara noch mal über die Begegnung mit Kakuzu nach. Er konnte dessen Fähigkeiten an sich gebrauchen. Und weil Kakuzu so überraschend zugesagt hatte, mit ihm zusammen arbeiten zu wollen, fragte Madara sich, in welcher Form solche Geschäfte ablaufen könnten …

1986 - 1987

 

Über ein dreiviertel Jahr lang baute sich ein gewisser Alltag auf, ein täglicher Rhythmus, dem Madara und die beiden Kinder nachgingen. Nagato lernte in dieser Zeit gut lesen und schreiben, und nachdem klar war, dass auch Konan, obwohl viel jünger, auch schon vieles verstand, unterrichtete Madara die beiden gleichzeitig. Nachmittags ließ er die beiden Kinder dann öfter allein, um sich auf langen Streifzügen durch die Umgebung ein Bild des Landes und seiner Bewohner zu machen.

 

Die Gegend war bis auf einzelne Bauerndörfer recht dünn besiedelt und die nächste Stadt einen Weg von sechs Stunden entfernt. Madara lernte auf diesen Streifzügen einige Leute kennen, Bauern, Handwerker, Kaufleute, deren Dienste er in Anspruch nahm, um das Haus zu einem schönen Heim zu machen und darum herum einen kleinen Garten anzulegen.

 

Das weitere Land um das Haus herum war, wie der Vorbesitzer schon gesagt hatte, tatsächlich wenig fruchtbar, und so beschloss Madara, diesen Grund und Boden nach und nach mit Häusern zu bebauen. Dafür brauchte er Arbeitskräfte und Material, also nahm er wieder Kontakt mit dem Bauern auf, und dieser vermittelte ihm Zimmerleute, die ihm dabei halfen, die erste kleine Hütte auf das weite Feld zu stellen. Die Leute in den Bauerndörfern hier schienen sich kaum dafür zu interessieren, für wen genau sie arbeiteten, jedenfalls stellten sie kaum Fragen, auch nicht nach dem Grund, warum Madara hier oben Häuser bauen wollte.

 

Bei diesen Bauarbeiten stellte sich heraus, dass es hier oben doch einige fruchtbare Stellen im Boden gab, vor allem am Rand um die harten Flächen herum und in der Nähe der bereits bestehenden Hütte. Diese Bereiche wurden dann natürlich nicht bebaut, stattdessen probierte man aus, welche Früchte dort wuchsen.

Reisanbau stellte sich als schwierig heraus, doch der Bauer, bei dem Madara schon das Haus und das Land gekauft hatte, zeigte ihm eine Stelle etwas weiter unterhalb der Hochebene, wo sich Reis anbauen ließ und diese stellte er zur Verfügung.

 

Und als die räumlichen Grundlagen gelegt waren, machte Madara sich wieder auf die Suche nach Leuten, mit denen er das Dorf aufbauen konnte.

Diese Suche nach Mitbegründern des Dorfes war der Moment, in dem Madara sein Verlassen von Konoha bereute, denn so war er gezwungen, sich mit Leuten zu umgeben, die schon im Untergrund lebten. Das war eigentlich nicht der Typ von Kämpfer, den er für sein Projekt, ein Dorf nach den Regeln des Ersten Hokage aufzubauen, dabei haben wollte, denn schließlich ging es um Sicherheit für Kinder.

Schließlich, als das letzte der ersten Häuser fertig war, das erste Feld angelegt und bepflanzt, und Konan und Nagato gut genug darin, mal zwei Tage allein zu Hause zu bleiben, beschloss Madara, sich doch auf die Suche nach Izuna zu machen. Der erste Ort, den Kakuzu ihm genannt hatte, befand sich ja im Windreich, in der Wüste, und für diesen Weg brauchte Madara zwei Tage.

 

Er kaufte also großzügig Essen für die Kinder ein, bat eine Frau aus dem Bauerndorf, ein bisschen auf die beiden zu achten, und machte sich auf den Weg in Richtung Suna Gakure. Irgendwo dort in der Wüste gab es offenbar ein paar Höhlen, und deren Koordinaten standen auf dem Zettel, den er von Kakuzu bekommen hatte.

Der Weg durch die Wüste war lang und anstrengend. Und als auch noch ein Sandsturm aufkam, musste Madara sich dringend nach Schutz umsehen. Er fand tatsächlich, glücklicherweise, eine kleine Höhle in einem Felsen, ging hinein und wollte, musste hier den Sandsturm abwarten. Als dieser jedoch stärker wurde, lief er tiefer in die Höhle hinein. Er leuchtete sich den Weg mit einer kleinen Öllampe und stellte fest, dass sie viel größer war, als es von außen aussah. Sie ging in die Erde hinein, unter dem von oben her klein aussehenden Felsen befanden sich unterirdisch mehrere Kammern, ähnlich wie der untere Teil eines Eisbergs.

 

Madara ging eine der Treppen hinunter, die in den Stein gehauen waren, und als im Licht der Lampe dann plötzlich ein Gesicht vor ihm an der Wand hing, erschrak er so, dass ihm ein heiserer Laut entwich. Im nächsten Moment erkannte er aber, dass es sich nicht um einen Menschen handelte. Es war der hölzerne Kopf einer Marionette, wie man sie aus Suna Gakure kannte.

Und als er weiter leuchtete, sah er, dass die Wände der Höhle hier mit hunderten dieser Marionetten besetzt waren. Köpfe, Körper, Hände, Beine, und jede Menge Waffen.

Madara blickte sich um, verwundert und neugierig zugleich. War das hier ein geheimes Waffenlager der Marionettentruppe von Suna Gakure? Aber da war kein Schild gewesen, keine Warnung, keine Siegelbombe, nichts dergleichen.

 

„Hallo?“, fragte er leise in die Dunkelheit. „Ist da jemand?“ Er hatte schon ein Kunai in der Hand, aktivierte seine Sharingan und machte sich auf eine Antwort gefasst.

Doch statt einer fliegenden Waffe oder einem anderen Angriff waren nur leise Schritte zu hören, die aus dem Dunkel auf ihn zu kamen. Madara hielt die Lampe hoch, in die Richtung, aus der die Schritte kamen, und aus der Dunkelheit tauchte das Gesicht eines Jungen auf, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, mit rotem Haar, zarten Gesichtszügen und großen, dunkelbraunen Augen. Er trug ein einfaches, langes Gewand, so wie die meisten in Suna Gakure.

 

Der Junge blieb stehen, sah Madara mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an. Es war nicht zu erkennen, was er dachte, sein hübsches Gesicht wirkte ungerührt und distanziert, doch der Junge war in einer Art und Weise schön, um die zu bewundern Madara nicht herumkam. Er sah aus wie eine ewig milde, lächelnde Porzellanpuppe.

 

„Wer bist du?“, fragte der Junge, seine Stimme klang so ungerührt und neutral, dass Madara sich einen Moment lang fragte, ob dieser Junge nicht einfach nur eine äußerst gut gemachte Marionette war, und er den, der sie führte, im Dunkeln einfach noch nicht sehen konnte. Es konnte noch jemand hier sein …

„Ich bin allein hier“, sagte der Junge, als hätte er Madaras Gedanken gelesen.

„Und was tust du hier?“, fragte Madara.

Der Junge antwortete nicht sofort, sah Madara nur mit diesem ungerührten Gesicht an.

„Ich baue Marionetten“, sagte er dann.

„Bist du aus Suna Gakure?“

„Ja. Aber ich bin weg gegangen.“

„Warum?“

„Dort warten alle auf irgendwas. Ich kann Warten nicht ausstehen.“

 

Madara versuchte, zu verstehen, was der Junge meinte, doch der sagte nichts weiter dazu und wirkte so regungslos, dass es Antwort genug war, um zu wissen, dass dieses Thema des Wartens für diesen Jungen irgendeinen traumatischen Hintergrund haben musste.

 

„Wie heißt du?“, fragte Madara, vor allem um die Stille zu brechen.

„Ich bin Sasori“, antwortete der Junge. „Wie heißt du?“

Madara zögerte einen Moment, ob er gleich seinen Namen verraten sollte. Er ließ es erst mal sein und sagte: „Ich bin Dara.“

Wieder dieser ungerührte, undurchschaubare Blick. Dieser Junge hatte mehr Pokerface als Kakuzu!

Der kurze Gedanke an die Begegnung im Casino klappte die Izuna-Schublade in Madaras Innenleben auf, und er fragte ganz einfach:

„Kennst du einen Mann namens Izuna Uchiha?“

Sasori sah kurz so aus, als suchte er in seiner Erinnerung nach diesem Namen, dann sagte er: „Hab ihn mal gesehen, er war auch hier.“

„Wann?“

„Zwei oder drei Monate her …“ Wieder ein ungerührter Blick, dann leuchtete ein winziges bisschen sichtbares Interesse in den Augen des Jungen und er fragte: „Woher kennst du ihn?“

Madara war sich erst nicht sicher, ob er doch jetzt sagen sollte, wer er war, doch während er nachdachte, spürte er, dass der Junge ungeduldig wurde. Sasori sagte nichts, doch er strahlte diese Ungeduld aus.

„Er ist mein kleiner Bruder“, sagte Madara schließlich.

Ein winziges Lächeln huschte über Sasoris Gesicht. „Du heißt gar nicht nur ‚Dara‘, oder?“

„Nein.“

„Ich verrate nichts. Ich kenne niemanden mehr.“

„Du bist alleine?“

„Ja“, sagte Sasori.

 

Und wieder setzte sich in Madaras Innenleben etwas wie ein Puzzle zusammen. Dieser Junge war erstens heimatlos, zweitens in irgendeiner Weise traumatisiert und drittens offenbar ein guter Marionettenspieler und damit Kämpfer. Er war ideal dafür, ihn mitzunehmen.

„Mein Name ist Madara Uchiha. Ich bin gerade dabei, ein neues Dorf aufzubauen. Hättest du Interesse, mitzukommen? Ich brauche gute Kämpfer.“

„Wenn ich dir nicht zu jung bin …“

„Nein, das ist genau richtig.“

„Wo wäre das?“

„Wir sind im südlichen Regenland, gleich hinter den Bergen, ich habe dort Land und Häuser.“

„Wer ist ‚wir‘?“

„Ich und meine beiden Kinder. Er ist acht, sie ist fast drei.“

Sasori blinzelte, blickte kurz ins Leere, dann sagte er: „Okay. Ich komme mit.“

 

Als Madara etwa zwei Stunden später wieder aus der Höhle trat, hatte sich der Sandsturm gelegt. Sasori hatte seinen ganzen Besitz in zwei große Taschen verpackt, die Marionetten in ihren Schriftrollen verstaut und trat hinter Madara aus der Dunkelheit in den heißen Sonnenschein der Wüste.

 

Als sie schon ein gutes Stück weit gegangen waren, stellte Sasori eine zusammenhanglose Frage: „Was denkst du, was ist Kunst?“

„Kunst?“

„Ja. Wie definierst du sie?“

„Hm … Ich denke, das, was man schön findet?“

„Das, was für immer schön bleibt …“, sagte Sasori.

Madara dachte an die Dinge, die er selbst schön fand. Er hatte sich noch nie wirklich Gedanken um Kunst in dem Sinne gemacht. Kampfkunst, Jutsu, diese Art von „Kunst“. Aber bildende, dekorative Kunst war nicht gerade sein wichtigstes Interesse …

„Bist du denn ein Künstler?“, fragte er.

Sasori lächelte. „Ja. Ich kann schöne Dinge bauen, die für immer schön bleiben. Die nicht alt und hässlich werden …“

„Deine Marionetten?“

„Ja.“

 

Madara dachte an Konan, die inzwischen alle Origamiformen beherrschte, die in dem Buch, was er mitgebracht hatte, aufgeführt waren.

„Meine kleine Ziehtochter ist auch eine Künstlerin“, sagte er. „Sie macht Origami.“

„Wie alt ist sie?“

„Ungefähr drei, ich weiß es nicht genau. Ich hab sie und einen älteren Jungen in Ame Gakure aufgesammelt.“

Sasori lächelte. „Du sammelst Kinder?“

„Irgendwie schon.“ Madara musste ein wenig lachen über seine eigene Antwort. „Ich mag Kinder und möchte, dass sie gesund und glücklich aufwachsen.“

„Ich bin dreizehn. Zählt das noch als Kind?“, fragte Sasori.

„Ich denke schon. Aber egal ob du ein Kind bist oder nicht, du wirst zu uns passen.“

 

Wieder gingen sie ein ganzes Stück, ohne zu sprechen. Sasori war offenbar jemand, der vieles in sich zurückhielt, viel nachdachte und wenig reden musste. Madara ertappte sich selbst dabei, wie er die Stille unangenehm fand, denn er selbst war eher jemand, der Gespräch mochte und brauchte.

Doch hin und wieder stellte Sasori dann Fragen, die zeigten, dass er während er nach außen hin schwieg, innerlich über viele Dinge nachdachte. Madara fühlte sich dadurch ein wenig an Itachi erinnert, denn der war ähnlich gestrickt, dachte auch spürbar über vieles nach und sprach dann erst das aus, was in ihm innerlich schon durchgedacht war.

 

„Hast du noch eine Großmutter?“, fragte Sasori, wieder ähnlich zusammenhanglos, als sie die Berge schon erreicht hatten, welche die Wüste vom Regenland trennten.

„Ja. Sie lebt noch, in Konoha.“

„Wie heißt sie?“

„Yoneko. Hast du noch eine?“

„Ja. Ihr Name ist Chiyo.“

„Magst du sie?“

Sasori schwieg eine Weile, dann sagte er: „Ich hab nur sie. Bin bei ihr aufgewachsen.“ Er sagte das in einer Weise, die ganz deutlich machte, er wollte nicht weiter darauf eingehen, warum er bei seiner Großmutter aufgewachsen war. „Sie ist eigentlich ganz okay.“

„Aber …?“, hakte Madara nach.

„Ich hatte keine Lust mehr auf sie und das ganze Dorf. Dieses ständige Warten …“

 

„Du magst Warten nicht, oder?“

Sasoris Gesicht nahm einen harten, kalten Ausdruck an. „Nein. Überhaupt nicht. Ich hasse es.“

„Bist du denn selbst immer pünktlich?“

„Ja. Natürlich. Ich will auch niemanden warten lassen.“

„Das ist gut. Es ist wichtig, dass man sich selbst daran hält, das nicht zu tun, was man nicht leiden kann. Es anderen nicht auch zumutet, stimmts?“

Sasori nickte.

 

Nach einem langen Weg über die Berge und durch das Regenland, und während Madara Sasori immer mehr kennen lernte und feststellte, dass der Junge wirklich ganz gut in seinen Plan passte, kamen sie wieder am neuen Zuhause an.

Madara öffnete die Haustür und hatte wie so oft sofort eine vor Glück quietschende kleine Konan an sich hängen, die sich riesig freute, dass er wieder da war. „Du warst aber lange weg, Dara!“ Sie ließ ihn wieder los und bemerkte dann Sasori, der hinter Madara das Haus betrat.

 

„Wer ist das denn?“, fragte sie.

„Das ist Sasori. Er lebt jetzt auch hier mit uns.“

Konan stellte sich vor Sasori hin, schaute ihn an, von oben bis unten, und sagte dann: „Hallo Sasori. Woher kommst du?“

„Suna Gakure …“, sagte Sasori. „Das ist in der Wüste.“

„Was ist ne Wüste?“

„Sand, Wind und Sonne“, antwortete Sasori.

„Sonne? Wie schön! Ich mag Sonne!“

„Wirklich?“

„Ja! In Ame gabs immer nur Regen. Ich hasse Regen“, sagte Konan. „Was magst du nicht?“

„Warten“, sagte Sasori knapp.

„Warten?“

„Ja. Ich hasse es.“

„Dann kommst du auch nie irgendwo zu spät?“

„Nein.“

„Gut zu wissen“, sagte Konan.

„Du bist ganz schön schlau für drei“, stellte Sasori fest.

Konan grinste. „Ich weiß. Dara sagt, ich bin begabt.“

 

Madara beobachtete das Gespräch zwischen den beiden fasziniert. Und er lobte sich innerlich selbst dafür, dass er Sasori mitgenommen hatte, denn zumindest Konan schien sich mit ihm ziemlich gut zu verstehen.

Nagato, der bis eben am Herdfeuer gesessen und gelesen hatte, stand nun auch auf und begrüßte Sasori. „Ich bin Nagato.“

Die Stimmung zwischen den beiden war viel weniger elektrisiert als mit Konan, was ziemlich deutlich an Nagatos grundsätzlichem Misstrauen lag. Der jüngere Junge kehrte zum Feuer zurück und setzte einen mit Suppe gefüllten Topf darauf.

„Hast du Essen gekocht?“, fragte Madara.

„Ja.“

„Das ist gut. Dann können wir gleich essen, ich hab auch Hunger.“

„Das Gemüse hab ich gemacht“, sagte Konan stolz. „Ich kann mit dem Kunai Bambussprossen schneiden, hab ich gestern gelernt.“

„Wow, gut gemacht!“ Madara lächelte. „Bist ein gutes Mädchen.“

 

Während des gemeinsamen Essens wurde nicht viel gesprochen, alle waren hungrig und wollten essen.

Doch danach, als es Zeit fürs ebenfalls gemeinsame Lernen war, hängte Konan sich gleich an Sasori und stellte ihm weiter alle möglichen Fragen.

Der rothaarige Junge hatte gerade begonnen, seine Marionetten auszupacken und wollte an ihnen weiter bauen, und Konan war von dieser Arbeit sichtlich fasziniert. Sie nahm sich einfach einen Stapel Papier aus ihrem eigenen Schränkchen und setzte sich damit neben Sasori hin, und beide begannen mit ihrer Arbeit.

Konan faltete unermüdlich kleine Hasen, Katzen, Vögel, Blumen, und Sasori feilte an den Holzkugeln, die seine Puppen gelenkig machten. Beide schienen neben ihrer eigenen Arbeit auch interessiert an der Kunst des anderen und besonders Konan fragte unablässig alles, was sie an Sasoris Puppen interessierte: Welches Holz man benutzte, wie die Gelenke funktionierten, wie die Waffen derjenigen Marionetten hießen, die man im Kampf einsetzte, und so weiter …

Und schließlich fing das kleine Mädchen einfach so an, anstelle von Tieren und Blumen vielmehr die Waffen von Sasoris Marionetten aus Papier nachzubilden.

 

Madara beobachtete die beiden mit steigender Freude und Zufriedenheit. Konans offenes, fröhliches Temperament und Sasoris offensichtlicher Perfektionismus harmonierten in einer so ertragreichen Art und Weise, dass es für den begeisterungsfähigen Madara eine wahre Freude war, ihnen zuzuschauen. Die beiden waren so unterschiedlich und doch gleich, und Konan wirkte längst nicht mehr wie eine Dreijährige.

Aus dem hungrigen, unzufriedenen Kleinkind aus Ame Gakure war inzwischen eine selbstsichere, klare kleine Person geworden, und Madara dachte darüber nach, wie Konan das geschafft hatte … Ein Faktor dabei war sicherlich das Sonnenlicht, denn dass Konan Licht liebte, war mehr als offenbar. Aber es hatte, lobte Madara sich auch selbst, sicher auch mit guter Förderung zu tun. Und da war er genau in seinem Element, denn er liebte es, Kinder in ihren Talenten zu fördern, und Konan empfing diese Förderung mit Begeisterung.

 

Während Konan und Sasori ihre kleine Kunsthandwerker-Werkstatt gründeten, übte Nagato am anderen Ende des Raumes Schreiben und Lesen. Madara setzte sich zu ihm, der Junge blickte auf, doch es kam kaum ein Gespräch zustande. Nagato schien sich an irgendetwas zu stören, das war spürbar, doch er sagte von sich aus nichts.

„Was ist los?“, fragte Madara. „Ich merke doch, da ist was …“

Nagato schüttelte den Kopf.

„Sag schon.“

Der Junge stand auf, nahm sein Buch und das Heft zum Schreiben und verließ die Hütte, setzte sich draußen hin. Madara folgte ihm.

 

„Jetzt sag schon. Ist irgendwas mit Sasori?“

Der Blick der lila Augen sah wütend aus, wütend und verschlossen.

Madara wagte einen Stich ins Blaue: „Bist du eifersüchtig?“

Nagato biss die Lippen zusammen. „Ja …“, presste er schließlich knapp heraus.

„Das musst du nicht sein.“

„Konan ist … meine Schwester!“, sagte Nagato, und die Art, wie er „meine“ sagte, machte deutlich, er war wirklich eifersüchtig.

Madara setzte sich zu seinem Jungen ins Gras, sah ihn aufmerksam an und überlegte, wie er ihm erklären sollte, dass Eifersucht zwar normal, aber nicht unbedingt richtig war …

„Ich hab sie gerettet. Ich hab mich um sie gekümmert“, sagte Nagato. „Nicht Sasori.“

„Sasori ist einfach neu hier. Und Konan versteht sich gut mit ihm, weil sie Dinge gemeinsam haben. Aber ich bin mir sicher, dass Konan trotzdem weiß, dass du ihr Bruder bist. Sie hat dich gern, weil du ihr Bruder bist. Auch wenn sie gerade begeistert von Sasoris Kunst ist.“

 

„Ich kanns nicht leiden, wenn … jemand sie wegzieht.“

„Es zieht sie niemand weg“, widersprach Madara. „Aber wenn du möchtest, dass sie sich auch mit dir so unterhält wie mit Sasori gerade, dann musst du auf sie zu gehen und ihr das sagen. Sag ihr, dass du sie lieb hast und dass du dich zurückgesetzt fühlst. Konan ist ein liebes, kluges Mädchen, sie muss nur wissen, was los ist.“

Nagato biss wieder die Lippen zusammen.

„Nagato, hör mal, wir leben hier jetzt nun mal zu viert. Und Konan ist eine eigene Person. Wenn du willst, dass sie mit dir redet, musst du dich auch … dafür attraktiv machen. Und das kannst du. Du bist ihr Bruder, sie hat dich lieb, aber wenn du ihr nicht zeigst, was du dir wünschst, kann sie das nicht wissen.“

„Ich … kann so was nicht …“

„Wie Sasori?“

„Ja. Ich bin halt nicht so.“

„Aber du hast andere Dinge, die du zeigen kannst. Sag ihr einfach, dass du auch noch da bist, und dass du sie lieb hast. Das ist in Ordnung, man darf das. Es fühlt sich vielleicht komisch und beängstigend an, wenn du jetzt zu ihr gehst und sagst, wie du dich fühlst, aber nur so wird ein Schuh draus“, sagte Madara, streckte die Hand aus und legte sie Nagato auf die Schulter. „Komm, du schaffst das.“

 

Nagato stand auf, ging wieder hinein, und Madara folgte ihm. „Komm, das schaffst du“, flüsterte Madara ihm noch mal zu.

Nagato machte ein paar Schritte auf Konan und Sasori zu. Konan hatte sich umgedreht, sie hatte bemerkt, dass Nagato eben hinausgegangen war und konnte sich schon denken, was los war. Sasori sah etwas verlegen aus, schien nicht recht zu wissen, was er tun sollte, seine Hände drehten einen hölzernen Marionettenfinger hin und her.

„Konan …“, begann Nagato leise … „Ich …“

Das kleine Mädchen sah ihn an, aufmerksam und wartend.

„… ich hab … dich gern und … ich … möchte, dass du …“ Nagato war sehr anzusehen, wie schwer ihm diese Worte fielen.

„Du willst mitmachen?“, fragte Konan.

„Ich will … nur so … dass du weißt … dass …“

„Komm, raus damit, Nagato“, flüsterte Madara hinter ihm.

„… ich … ich bin ein bisschen …“

Konan lächelte, stand auf, ging zu Nagato hin und nahm seine Hände in ihre. „Alles gut“, sagte sie.

„Ich bin ein bisschen … eifersüchtig …“, flüsterte Nagato, tonlos und mit roten Wangen.

„Musst du gar nicht sein“, sagte Konan, sie reckte sich auf die Zehenspitzen, Nagato senkte den Kopf ein wenig und Konan gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Musst du gar nicht sein.“

„Hast du … mich auch … gern?“

„Natürlich! Du bist doch mein großer Bruder!“

Nagato sah deutlich erleichtert aus, ihm war sehr anzusehen, wie viel Überwindung ihn das gerade gekostet hatte. Er schien in sich große Ängste zu haben, Verlustängste vor allem, logischerweise, denn er hatte seine Familie, seine Heimat und sicher noch vieles andere verloren, und so konzentrierte sich alles in ihm auf Konan.

„Gut gemacht, Nagato“, sagte Madara. „Wirklich.“

 

Am späteren Abend, als Konan und Nagato sich beide schon schlafen gelegt hatten, saß Madara mit Sasori noch ein wenig draußen vor dem Haus.

„Warum bist du weg aus Konoha?“, fragte Sasori. „Hat es dir dort nicht mehr gefallen?“

„Nein. Ich bin nicht gegangen, weil ich nicht mehr dort sein wollte. Ich liebe das Dorf und den Wald und das alles …“

„Warum bist du dann weg?“

„Weil ich etwas gefunden habe, was mir wichtiger ist, als dass ich in meiner Heimat bleibe. Ich liebe die Lehren des Hokage der Ersten Generation und ich will sie über das Dorf hinaus weitertragen. Ich möchte einfach, dass mehr Menschen so leben können, nicht nur in Konoha Gakure.“

„Du bist auf einer Mission“, sagte Sasori.

Madara nickte, lächelte. „Genau.“

 

„Was sind denn die Lehren des Hokage der Ersten Generation?“, wollte Sasori wissen.

„Wo soll ich da anfangen? Er hat so viele großartige Ideen entwickelt, und ich lese seine Bücher schon mein Leben lang, seit ich ganz klein war …“ Madara hob den Kopf, blickte zum Himmel, wo der Mond als exaktes Halb zwischen den Sternen leuchtete. „Ihm ging es um die Jugend, die Kinder im Dorf. Sie sollen in Sicherheit aufwachsen und jedes so gefördert werden, dass sie alle ihr Potenzial erleben und entfalten und glückliche, starke Menschen werden.“

„Hört sich gut an“, sagte Sasori nur.

 

„In dem Moment, wo ich Konan und Nagato in Ame Gakure gefunden und mitgenommen habe, war mir klar, dass ich diese Lehren an die beiden weiter geben möchte. Und gerade Konan nimmt schon jetzt so viel davon auf, das macht mich wirklich glücklich!“

Sasori sah nachdenklich aus, er biss sich auf die Lippen und blickte zu Boden. „Hm … ja, das stimmt.“

„Du hast sie ja erlebt heute, wie schnell sie lernt und wie viel Freude sie auch daran hat.“

„Hast du ihr das Papierfalten gezeigt?“, fragte Sasori.

„Nein.“ Madara lachte. „Das hat sie ganz alleine geschafft.“

„Wirklich?“

„Ja. Sie ist da wirklich gut, so schnell und eigenständig …“ Madara dachte wieder an Itachi. „Mein Patensohn in Konoha ist auch so, der konnte auch schon mit drei so viel und schnell lernen.“

„Vermisst du ihn?“, fragte Sasori.

„Manchmal. Aber er braucht mich nicht unbedingt, er hat seine Eltern und die ganze Förderung im Dorf. Er ist gut versorgt. Konan nicht, wenn ich sie nicht gerettet hätte. Und das ist eben meine Mission: Ich will, dass auch Kinder, die nicht das Glück hatten, in Konoha geboren worden zu sein, Zugang zu den Lehren des Ersten Hokage bekommen und auch diese individuelle Förderung …“

„Du bist ein Idealist“, sagte Sasori.

„So was von.“ Madara lachte wieder. „Es gibt Leute in Konoha, die mich ‚naiv‘ nennen deswegen. Aber ich steh dazu. Ich bin ein naiver, enthusiastischer Idealist.“

„Das kannst du, dazu stehen?“

„Ja. Ich war schon immer so.“

 

Eine Weile schwiegen sie, Madara sah wieder nach oben, der Mond schien zwischen den Blättern des Baumes hindurch, der neben der Hausecke stand, und dieses Bild des Mondlichtes und des Laubes war, abgesehen davon, dass es kein Vollmond war, das Sinnbild, das Madara in seiner Philosophie besonders liebte.

„Du magst den Mond, oder?“, fragte Sasori.

„Ja. Für meine Familie, den Uchiha-Clan, hat der Mond immer schon eine besondere Kraft und Bedeutung. Und weil wir in Konoha leben, Teil dieses Dorfes sind, ist es besonders schön, wenn das Mondlicht die Blätter der Bäume berührt. Am besten macht man dann ein Feuer an, besonders an Vollmond.“

„Es heißt ja auch Feuerreich?“, sagte Sasori.

„Genau. Und wir Uchiha haben eine besondere Bindung zum Feuer. Viele von uns, auch ich, haben Chakra vom Feuer-Element.“

Sasori lächelte. „Passt gut zusammen.“

„Genau. Und wir sollen die Menschen beschützen. Das können wir auch ziemlich gut.“

„Besonders die Kinder?“

„Ja. Von daher bin ich eigentlich auch nicht ‚desertiert‘. Ich bin nur auf einer geheimen Mission. Ich sehe das hier als meine Aufgabe an, wie ich schon gesagt habe, die Lehren von Konoha einfach anderen Menschen außerhalb auch zugänglich zu machen. Und wenn ich unser neues Dorf hier fertig gebaut habe, werde ich Konoha natürlich Beziehungsangebote machen.“ Madara sah Sasori an und lächelte. „Ich freue mich, dass du mitgekommen bist. Wir vier werden ein gutes Team.“

„Hm, ja …“, sagte Sasori. „Ich bin nur … nicht so ein Idealist wie du …“

„Das ist in Ordnung.“ Madara lächelte wieder. „Wir müssen nicht alle gleich sein.“

1988

 

Madara brauchte nicht nach Kakuzu zu suchen, musste ihn nicht selbst kontaktieren. Denn eines Tages tauchte dieser von selbst auf. Er stand auf einmal auf der Baustelle zwischen den neuen Häusern, mit seinem silbernen Geldkoffer und einem ganzen Arsenal an verschiedenen Waffen.

Sasori, der gerade einem der Handwerker aus dem Dorf eine Anweisung gab, bemerkte Kakuzu als Erster.

„Wer sind Sie denn?“, fragte er direkt.

„Wo ist Madara?“, fragte Kakuzu zurück.

Sasori sah sich um, Madara war gerade in einem der schon fertigen Häuser verschwunden.

„Dara? Da ist jemand für dich!“

Madara kam aus dem Haus, erkannte Kakuzu und sein erster Gedanke war: „Warum kommt er von sich aus?“ Er sprach diesen Gedanken jedoch nicht aus.

 

„Kakuzu“, begrüßte er den Ankommenden. „Was führt dich zu uns?“

„Du hast dich nicht gemeldet.“

„Ich hatte zu tun, wie du siehst.“

„Ich habe doch gesagt, ich mache mit.“ Kakuzu hob seinen Koffer kurz an. „Könnt ihr doch gebrauchen, oder?“

 

„Wo ist der Haken?“, fragte Madara, er traute Kakuzu nicht so recht.

„Ich hab noch jemanden, der mitmachen will.“

„Wen?“

Kakuzu drehte sich um. „Komm her!“

Und hinter der Ecke eines Hauses kam ein weiterer Ankömmling hervor, ein junger Mann, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt. Er trug das Stirnband von Kiri Gakure, jedoch war es deutlich zerkratzt, wie bei einem Abtrünnigen. Der Junge hatte weiße, fast bläuliche Haut, spitze Zähne und ein Gesicht wie ein Haifisch, den man in einen Menschen verwandelt hatte. In Kiri Gakure gab es solche Menschen.

Auf dem Rücken trug er ein riesiges, in weiße Bandagen eingepacktes Schwert, und seine Kleidung war noch nach Art der Shinobi aus Kiri Gakure, sie trugen ein besonderes Material, das wenig Wasser aufnahm, weil sie oft Wasserversteck-Jutsus verwendeten und gut schwimmen und tauchen konnten.

 

„Wer ist denn das?“, fragte Madara.

„Kisame Hoshigaki“, stellte sich der Junge selbst vor. „Freut mich.“ Er zeigte seine Zähne.

„Wo hast du den denn her?“

„Weißt du, man sammelt hier und da manchmal talentierte Leute auf“, antwortete Kakuzu. Er sah Sasori an, der immer noch da stand und die Unterhaltung interessiert verfolgte. „Du tust das anscheinend auch, Madara Uchiha.“ Kakuzu deutete auf Sasori. „Das ist doch Suna Gakures Marionetten-Supertalent …“

Kisame grinste. „Madara Uchiha?“

„Japp, wenn das jetzt schon jeder weiß …“, sagte Madara.

„Was macht ein Uchiha ohne seine Leute hier im Regenland?“, fragte Kisame.

„Geheimnisse haben“, beendete Madara die Frage.

„Keine Angst, von uns erfährt Konoha nichts“, sagte Kakuzu.

 

Aus der Richtung des Hauses, in dem Madara immer noch mit Konan und Nagato wohnte, kam Nagato auf die Baustelle zu. Er war inzwischen 10 Jahre alt und ein ganzes Stück gewachsen, und war er schon mit 7 Jahren kaum ein richtiges Kind gewesen, so hatte er auch nun mehr kaum noch kindliche Züge an sich. Sein Gesicht wirkte mehr wie das eines Jungen von mindestens 15 Jahren.

„Madara? Hast du …?“, begann er, brach dann ab, als er die Situation verstand.

„Hab ich … was?“, hakte Madara nach.

„… den Sack mit der Blumenerde gesehen? Konan will die Hortensien umtopfen.“

Madara lachte. „Der Sack müsste hinterm Haus liegen, bei den Birkensetzlingen.“

Nagato sah Kakuzu und Kisame mit einem skeptischen Blick an.

„Von Kakuzu hab ich dir ja schon mal erzählt“, sagte Madara. „Der andere heißt Kisame, die beiden wollen hier auch mitmachen.“

„Hallo“, sagte Nagato nur, drehte sich dann wieder um und lief zum Haus zurück. Was er über die beiden Kämpfer dachte, war nicht zu erkennen.

 

Madara führte Kakuzu und Kisame zu einem der Häuser, das er als eine Art Teehaus vorgesehen hatte. Ein Mädchen aus dem Bauerndorf war gerade dort und machte Tee für die Zimmerleute.

„Machst du uns noch eine Kanne?“, fragte Madara sie.

Das Mädchen nickte, nahm eine zweite Kanne und verschwand damit in einen anderen Raum.

„Setzt euch“, bot Madara den beiden Neuen Plätze an.

Kisame legte sein Schwert ab und setzte sich auf den Boden, Kakuzu tat es ihm gleich.

„Du kannst doch sicher Leute brauchen, die das Ganze hier bewachen, oder?“, sagte Kisame.

„Wäre also dein Job?“, hakte Madara nach.

„Ja.“

„Gut. Mach das.“

„Auf dem Weg hierher sind uns ein paar Banden begegnet, Diebe und abgerissene Leute aus Ame Gakure“, sagte Kakuzu. „Sind die hier auch schon mal aufgetaucht?“

„Bisher noch nicht.“

„Kisame und ich würden den Schutz hier übernehmen.“ Kakuzu griff nach seinem Koffer, öffnete ihn und offenbarte, dass sich darin nicht nur Geld befand, sondern auch eine Menge verschiedener Briefbomben und Fallen.

„Gut“, sagte Madara.

Innerlich dachte er darüber nach, wie er seine Pläne mit der Mitarbeit von zwei Typen wie Kakuzu und Kisame vereinbaren konnte, ohne dass die beiden ihm dazwischenfunkten. Im Grunde musste er sicherstellen, dass er stärker war als die beiden und als Anführer seine Macht absichern. Macht war eigentlich nicht sein Ding, aber jemand wie Kakuzu würde wohl kaum von sich aus bereit sein, sich ihm unterzuordnen.

 

In dem Moment kam das Mädchen mit dem Tee zurück, stellte die Kanne und drei Becher auf den Tisch und verschwand wieder.

„Wie willst du das Ganze hier eigentlich nennen, Madara?“, fragte Kisame.

„Ich weiß noch nicht … Irgendeinen schönen Namen …“

 

Es klopfte an der Tür.

„Herein?“

„Dara?“ Nagato kam herein, setzte sich einfach und sagte: „Kann ich dabei sein? Ich will auch.“

„Wissen, was wir besprechen?“, hakte Madara nach.

„Mitmachen. Ich bin doch langsam alt genug. Ich will kämpfen lernen.“

„Kämpfen?“

 

Nagato sah erst Kakuzu an, dann Kisame, und dann Kisames Schwert. Und auf einmal veränderte sich etwas in seinem Blick, seinen Augen: Die beiden Ringe um die Pupille herum wurden enger, nahmen einen bläulichen Unterton an und die kleinen Punkte auf den Linien bewegten sich.

„Nagato, was machst du da?“, fragte Madara, und er spürte die Energie, die von dem Jungen ausging, sie war eindeutig, der Junge hatte ein Kekkei Genkai!

„Interessant“ Kisame grinste. „Was ist denn das?“

Nagato stand auf, seine Haltung strahlte Spannung aus, und er sagte nur: „Bringt mir Kämpfen bei!“

„Nagato …“, sprach Madara ihn wieder an. „Du sagst mir jetzt sofort, was du hier gerade machst!“

Der Junge sah ihn an, mit einem glühenden Blick, und die Energie, die von ihm ausging, ließ die Luft erzittern. Madara spürte, wie seine Sharingan herauskamen, wie von selbst, weil die Situation hier gerade zu eskalieren drohte.

„Komm mit!“, forderte er Nagato auf. „Wir gehen raus, verstanden?!“

Sie verließen das Haus und Madara führte den Jungen raus aus der Baustelle in Richtung der Berge, weg auch von dem Wohnhaus, in die entgegengesetzte Richtung. Nagato zitterte vor Spannung, und Madara bemerkte, wie Kisame hinter ihm interessiert beobachtete, was mit dem Jungen los war …

 

Kaum hatten sie den äußeren Zaun der Baustelle hinter sich gelassen, wandte Nagato sich um, blieb stehen und hatte plötzlich ein Kunai in der Hand, er musste es schon mitgebracht haben, als er ins Teehaus gekommen war.

„Bringt mir Kämpfen bei, oder ich mach es selbst!“, rief er.

Madara war noch zu überrascht von der Situation, und bevor er etwas sagen konnte, hatte Kisame schon das Schwert in der Hand. Kakuzu blieb stehen, doch Kisame rannte los, mit dem Schwert auf Nagato zu. Zuerst sah es nach einem absolut unfairen Kampf aus, ein junger Mann mit einem riesigen Schwert gegen einen zehn Jahre alten Jungen mit einem Kunai, doch als Kisame das Schwert hob und zum Schlag ausholte, hob Nagato beide Hände, und der Hieb prallte an ihnen ab, wie an einer steinernen Mauer. Das Schwert riss aus den Bandagen, es gab ein kreischendes Geräusch und Kisame verlor es beinahe aus der Hand.

„Was … ist das denn?“, entkam es ihm.

„Würde mich auch interessieren“, sagte Kakuzu.

Madaras Gedanken ratterten schnell, er suchte nach irgendeiner Information, die ihm erklären könnte, was Nagato hier gerade tat, was das für eine Kraft war, die der Junge gerade entfesselte.

 

„Mein Vater hat es ‚Rinnegan‘ genannt! Sie haben sich nicht gewehrt, deshalb sind sie weg! Aber ich habs noch, und ich werde überleben!“, schrie Nagato.

„Rinnegan?“, fragte Madara laut. Er hatte irgendwann, irgendwo, dieses Wort schon mal gehört. Es musste eines der versiegelten Kekkei Genkai sein, die kaum jemand noch kannte. Und egal, was es war, die Situation hier erforderte ein Eingreifen! Madara aktivierte sein Kaleidoskop-Sharingan, trat einen Schritt auf Nagato zu und sprach ihn an: „In Ordnung. Wir bringen dir Kämpfen bei. Aber du musst jetzt aufhören, hast du verstanden?“

Nagato reagierte erst nicht, doch dann ließ er die Hände sinken, seine Augen nahmen wieder das alltägliche Muster an und er löste die harte Barrikade um sich wieder auf.

„Gut. Morgen fangen wir mit dem Training an“, sagte Madara.

 

Sie gingen zur Baustelle zurück, überquerten diese und erreichten dann das Wohnhaus. Vor dem Haus standen einige Blumentöpfe und der aufgerissene Sack mit der Erde. Madara erinnerte sich wieder daran, dass Konan ja Blumen umtopfen wollte, doch sie war nicht zu sehen. Er ging ins Haus und da saß Konan mit Sasori auf dem Boden, umringt von Holzteilen und Papier. Als sie Madara bemerkte, blickte sie auf und er sah, dass sie unzufrieden aussah.

Konan war inzwischen fünf Jahre alt, entsprechend gewachsen, und ihr lilablaues Haar war glatter geworden, die Locken, die sie als Kleinkind gehabt hatte, waren nur noch an den gekräuselten Haarspitzen erkennbar.

Als Nagato hinter Madara ins Haus kam, schien auch Konan die veränderte Energie zu bemerken, sie wandte sich zu ihm um und fragte: „Nagato? Was ist los?“

Nagato sagte nichts, biss die Lippen zusammen und ihm war anzumerken, dass er wieder eifersüchtig war. Diese Eifersucht auf Sasori schien immer dann herauszukommen, wenn Nagato sich eigentlich vielleicht wünschte, dass Konan ihn und seinen eigenen inneren Prozess beachtete. Doch er schien das, was es für eine Veränderung dieser Situation brauchte, nicht erbringen zu können.

Konan stand auf, ging auf Nagato zu und fragte noch mal: „Was ist?“

„Ich werd‘ jetzt Kämpfer“, sagte er nur.

„Willst trainieren?“

Nagato nickte.

 

„Wir haben zwei neue Leute hier, Konan“, sagte Madara. Er wandte sich zur Tür um und Kakuzu und Kisame kamen nacheinander herein.

Konan musterte die beiden von oben bis unten, zog die Brauen zusammen und fragte: „Wer ist denn das, der sieht aus wie ‘n Fisch?“

„Das ist Kisame, er ist aus Kiri Gakure“, antwortetet Madara. „Der andere ist Kakuzu.“

Kisame grinste, zeigte seine Zähne und sagte: „Freut mich.“

Kakuzu sagte nichts.

„Ich bin Konan. Ich kann nur noch nicht kämpfen. Bringt Sasori mir aber bald bei …“, erwiderte Konan.

Sasori sah von dem Holzteil auf, welches er gerade bearbeitete, und sagte nur: „Sie hat Ahnung von Kunst.“

Zwischen ihm und Konan hatte sich eine wirkliche Freundschaft entwickelt, und sie schienen eine Art von Kommunikation zu haben, die von außen gesehen zusammenhanglos wirkte, aber die beide auf dieselbe Art verstanden. Sasoris Art, zusammenhanglos und ungerührt Worte in den Raum zu stellen, schien auf eine ganz bestimmte Weise zu Konans Denken zu passen, sie verstanden sich auch ohne viele Worte.

 

Madara ging dann mit Kakuzu und Kisame zur Baustelle zurück und wies den beiden ein Haus zu, in dem sie sich häuslich einrichten konnten. Anschließend nahm er sich noch mal Nagato auf die Seite und fing an, mit dem Jungen einen Trainingsplan auszuarbeiten. Und währenddessen hörte er, wie Konan und Sasori im Nebenraum ebenfalls anfingen, Trainingspläne zu schmieden. Abends aßen sie zu viert gemeinsam und dann ging jeder für sich ins Bett.

 

Am nächsten Morgen wachte Konan früh auf. Sie stand auf, zog sich an und ging mit ein paar Bögen Papier nach draußen vor die Hütte, um die Hortensien, die sie gestern umgetopft hatte, in die Erde einzupflanzen und dabei nebenher die Blüten in Origami nachzubilden. Die Sonne ging gerade auf und das erste Licht am Morgen war für Konan weiterhin der schönste Moment des Tages. Sie setzte sich auf die Bank, begann mit dem Falten, und während die Hortensien ihre Blüten öffneten und ebenso erwachten, ließ das kleine Mädchen sich von der Sonne wärmen.

 

Bis sie ein Geräusch hörte, das sie aufschrecken ließ. Oben aus dem Fenster, dort, wo sich Nagatos Zimmer befand, war ein eigenartiger Laut zu hören. Es klang wie ein unterdrückter Schmerzlaut.

Konan sprang von der Bank, lief ins Haus und die Treppe hoch, Nagatos Zimmertür war verschlossen und sie klopfte an.

„Nagato? Alles okay?“

Es dauerte einen Moment, bis von drinnen ein „Ja …“ kam.

Konan öffnete einfach die Tür, und da saß Nagato auf dem Boden, mit einem kleinen Spiegel, einer Kerze, einem Stück Draht und einem kleinen Ring aus Metall zwischen den Fingern. Sein rechtes Ohr war rot und blutete, er hatte sich mit dem heißen Draht zwei Löcher in die Muschel gestochen.

„Du machst dir Ohrringe?“, fragte Konan.

„Ja. Wenn ich jetzt ein Kämpfer werde …“

Konan lächelte, betrat das Zimmer und setzte sich neben Nagato auf den Boden. Während dieser sich dann einen Ring nach dem anderen ans Ohr machte, insgesamt vier, sah sie dabei aufmerksam zu.

„Ich will auch“, sagte sie schließlich. „Aber nur eins.“

Nagato sah sie überrascht an. „Wirklich?“

„Ja. Oder zwei, in jedes Ohr eins.“

Nagato lächelte, es schien ihn sehr zu freuen. Es kam selten vor, dass er so lächelte. Er wandte sich Konan zu, strich ihr Haar beiseite und machte den Draht noch mal über der Kerze heiß.

„Aber mach vorsichtig. Ich bin nicht so schmerzfrei wie du“, sagte sie.

„Klar.“ Nagato lächelte wieder.

Die Morgensonne schien ins Fenster und tauchte den Raum in goldenes Licht, als Nagato den heißen Draht nahm, Konans Ohrläppchen durchstach und das Loch dann mit einem kleinen Ring füllte. Konan biss die Lippen zusammen, doch sie sagte nichts, es tat nicht sehr weh.

Und auch der zweite Stich tat nicht so weh, dass es sie gestört hätte.

„Siehst du“, sagte sie dann und lächelte. „Ich bin doch deine kleine Schwester.“

„Tut mir leid … dass ich so eifersüchtig immer bin …“

„Musst du gar nicht sein, Nagato. Ich hab dich doch lieb.“

„Wirklich?“

„Ja, natürlich!“

 

Von unten aus dem Wohnraum war zu hören, dass Madara jetzt auch wach war. Konan stand auf, schaute sich ihre neuen Ohrringe kurz noch mal im Spiegel an, lächelte und lief dann die Treppe hinunter. „Dara! Guck mal!“

Nagato stand ebenfalls auf, löschte die Kerze, räumte die Sachen beiseite und folgte seiner Schwester.

„Was denn?“, fragte Madara und sah von dem Küchenbrett auf, wo er gerade Baumbussprossen zerteilte.

„Nagato hat mir Ohrringe gemacht!“, rief Konan. „Musst mal gucken, ist voll schick!“ Sie lief um Madara herum und fasste ihr Haar so zusammen, dass er es sehen konnte.

Madara sah es sich an, dann blickte er über Konan hinweg zu Nagato. Dessen vier Ringe waren sofort zu sehen, da er ja kurzes Haar hatte.

„Habt ihr das gerade eben gemacht?“, fragte er.

„Jaa! Nagato hat sich selber welche gemacht und dann wollte ich auch.“

„Tat nicht weh?“

„Nein, gar nicht.“ Konan lächelte stolz.

 

Als Sasori zum Frühstück erschien, zeigte Konan auch ihm ihre neuen Ohrringe, und Sasori schien es ebenfalls zu gefallen. „Siehst gut aus so“, sagte er.

Und während sie zu viert frühstückten, fragte Madara: „Sag mal, Nagato, wie bist du auf die Idee gekommen?“

„Weiß nicht, einfach so … In Ame gabs das manchmal, da hatten das einige Leute …“, antwortete der Junge. „Auch mehr als nur Ohrringe, auch in der Nase und am Mund …“

„Das hab ich auch schon mal gesehen“, sagte Sasori. „So ein Mädchen aus Ame Gakure, die hatte richtige Löcher auf der Nase.“

Nagato nickte. „… vielleicht mach ich das auch irgendwann …“

Madara stand auf, verschwand kurz im Bad und kam mit einem kleinen Fläschchen zurück. „Es ist wichtig, dass man Piercings gut versorgt“, sagte er. „Das müsst ihr so zwei Wochen lang jeden Morgen drauf tropfen.“

„Alles klar!“, rief Konan.

 

Nach dem Frühstück begab sich jeder wieder an seine tägliche Arbeit. Sasori kehrte in seine Werkstatt zurück, Konan ging raus vor das Haus und kümmerte sich um die Hortensien, hatte dabei auch immer Papier dabei, um jede freie Minute Origami zu üben, und Madara und Nagato verließen Haus und Baustelle, nahmen den Weg runter ins Tal, um im Wald mit dem Training anzufangen. ausHaus

„Wenn Kisame oder Kakuzu irgendwas will, sagst du ihnen, ich bin mit Nagato bis zum Mittag unterwegs“, sagte Madara zuvor noch zu Sasori. „Und du passt mir schön auf Konan auf.“

„Jawohl“, antwortetet Sasori.

 

Auf dem Weg ins Tal zog der Himmel zu, der Sonnenschein verschwand und es begann zu regnen.

In dieser Gegend, an den Hängen der Berge, die die Wüste und das Wind-Reich vor dem Regen abschirmten, regnete es immer noch recht oft, wenn schon auch weniger als in Ame Gakure selbst. Die Wolken kamen nicht über die Berge, also regneten sie sich hier ab oder zogen in Richtung des Meeres zurück.

Madara machte Regen nicht viel aus, er konnte bei fast jedem Wetter kämpfen, und er beobachtete, wie Nagato dieses Wetter geradezu zu lieben schien. In diesem Punkt waren er und Konan offensichtlich grundverschieden, sie war eine wahre kleine Sonnenanbeterin, während Nagato Regen und trübes Licht eindeutig bevorzugte.

„Bei Regen bin ich stark“, sagte Nagato. Er blieb stehen, sie hatten den Rand einer kleinen Lichtung erreicht, und anscheinend erschien ihm dieser Ort passend für das erste Training.

Madara aktivierte seine Sharingan, nahm Gunbai vom Rücken und brachte sich in Position, am gegenüberliegenden Ende der Lichtung. Er sah, wie Nagato den Regen regelrecht einatmete, und wieder war die bebende Energie zu spüren, die gestern schon so deutlich herausgekommen war.

„Greif mich an!“, rief er.

 

Und Nagato, ohne es je geübt zu haben, entfesselte mit einem Aufschlag seiner Augen eine derartige Druckwelle, dass Madara Gunbai als Schild benutzen musste und dennoch zurückwich.

„Wie machst du das?“, fragte er laut.

Nagato antwortete nicht, stattdessen hob er die Hände, so wie gestern gegen Kisame, und erschuf eine dickwandige, durchsichtige Kuppel um sich herum.

„Das wird ja richtig gefährlich hier …“, sagte Madara zu sich selbst, während er in Gunbais Schatten auf die nächste Welle wartete. Dass Nagato ohne jedes Training eine derartige Kraft entfesselte, konnte im Grunde nur bedeuten, dass der Junge diese Energie aus starken Emotionen bezog. Deshalb atmete er den Regen ein. Deshalb sagte er fast nie, was er in sich dachte und fühlte. Er hatte das Trauma, das ihm zweifellos passiert war, so sehr in sich hineingefressen und in eine solche Wut verwandelt, dass er jetzt diese Kraft hatte.

 

Die Kuppel bekam Risse, löste sich in viele kleine Splitter auf, und diese Splitter drehten sich, wurden zu Hunderten kleiner Speere, bereit zum Abschuss.

„Willst du sehen, was ich kann?“, rief Nagato. „Soll ichs dir zeigen?“

Madara wusste, gegen so einen Angriff, so eine Kraft, brauchte er schwereres Geschütz. Er aktivierte seine Kaleidoskop-Sharingan, zog in Gunbais Schatten die Rolle mit Amaterasu heraus, biss sich in den Daumen, dass es blutete, und beschwor die schwarzen Flammen.

Wenn Nagato so sehr unter Spannung stand, dann musste sich diese Spannung irgendwie entladen, abgebaut werden. Sonst würde er zu Hause gleich wieder eskalieren.

„Ja!“, rief er Nagato zu. „Zeig mir, was du kannst! Power dich mal richtig aus!“

Hinter dem Schutzwall aus Amaterasu, Gunbai und der Abschirmung durch das Kaleidoskop-Sharingan war er sicher genug, um einen solchen Angriff auszuhalten.

 

Und Nagato tat, was er ihm gesagt hatte: Mit einem lauten Schrei und wie elektrisiert leuchtenden Händen kam der Junge auf ihn zu gerannt, die Luft zitterte und Blitze zuckten um ihn herum, der Regen verwandelte sich in ebensolche Geschosse wie die gläsernen Speere und die ganze Energie entlud sich in einer unfassbar schnellen Folge von Schlägen gegen Madaras improvisierte Festung.

Amaterasu bekam die meisten Schläge ab und absorbierte diese, es war eine ihrer besonderen Kräfte, solche Energie aufzunehmen und auf Null zu setzen. Sie ließ die Geschosse abprallen und zu Boden fallen.

Brennen tat sie nur, wenn man es ihr direkt sagte, ansonsten war sie eher ein ultimativer Schutzwall. Ja, Madara erlebte Amaterasu als eine weibliche Kraft, einen weiblichen Geist, der im auf Bitte hin zu dienen bereit war.

 

Es dauerte einige unendliche Sekunden, bis Nagatos Kraft aufgebraucht, seine Wut verraucht und seine Energie erschöpft war. Er schlug unablässig auf Amaterasu und Gunbai ein, seine Hände waren schon blutig und seine Augen starr. Und als er dann wirklich keine Kraft mehr hatte, fiel er einfach um.

Madara kam sofort hinter seinem Schutz heraus und hob den Jungen auf seine Arme. Es vergingen mehrere Minuten, bis Nagato wieder die Augen öffnete und ansprechbar war.

„Wow …!“, sagte Madara. „Du hast echt Kraft, Junge.“

Nagato sagte nichts, er sah nur unendlich müde aus.

„Wir gehen nach Hause, okay?“, sagte Madara. „Das reicht für heute.“

 

Auf dem Heimweg riss die Wolkendecke wieder auf, der Regen hörte auf und die Sonne kam wieder durch. Nagato konnte nicht laufen, und so trug Madara ihn zurück. Als sie zu Hause ankamen, saß Konan neben der Haustür und beobachtete die Bienen, die sich um die Hortensien herum sammelten. Sowie sie sah, dass Madara Nagato trug, sprang sie auf.

„Was hat er?“, fragte sie besorgt.

„Er hat sich ausgepowert“, sagte Madara. „Ich bring ihn ins Bett, er muss sich ausruhen.“

 

Als Nagato dann in seinem Bett lag, kam Madara noch mal auf Konan zu. „Sag mal, kannst du dich erinnern, hat Nagato jemals vor dir irgendwas … mit seinen Augen gemacht, was Augen eigentlich nicht können?“, fragte er.

Konan dachte nach, suchte in ihrer Erinnerung nach einer solchen Begebenheit.

„Als Yahiko verschwunden ist … da war Nagato … sehr … hm, aufgeregt. Er hat total gezittert und irgendwie sah er anders aus, seine Augen haben sich … so bewegt irgendwie …“

"Yahiko?“, fragte Madara.

„Das war ein Junge in Ame. Er sah genau so aus wie Nagato, wie ein Zwilling, aber waren sie nicht, Yahiko hatte andere Eltern. Irgendwann war er weg, vielleicht ist er entkommen, war ja Kampf überall … Nagato und er mochten sich, weil sie halt gleich aussahen.“ Konan schwieg einen Moment, dann schien ihr noch etwas einzufallen: „Wenn es richtig doll regnet, dann kann er manchmal Sachen, die sind nicht so … normal irgendwie. Ich weiß nicht, er kann dann Sachen sehen, die ich gemacht habe, wo ich woanders war.“

„Wie so durch Wände schauen?“, hakte Madara nach.

Konan nickte.

 

„Wie heißt das, was er kann, weißt du das?“, fragte sie dann.

„Er nennt es Rinnegan.“

„Rinnegan … ja, das hat er mal gesagt …“

„Du weißt wahrscheinlich nicht viel über seine Eltern?“, fragte Madara.

Konan schüttelte den Kopf. „Nee, die waren schon weg, als er mich gefunden hat. Aber er hat gesagt, dass sie auch … so was konnten. Und dass sie sich nicht gewehrt haben, es nicht benutzt haben, als die angegriffen wurden … Hat er mal gesagt, da war er sehr aufgeregt. Dara, was bedeutet ‚Rinnegan‘ denn?“

„Ich weiß es auch nicht genau, dazu müsste Nagato mir mehr davon erzählen. Aber ich denke mal, es ist ein Kekkei Genkai im Dojutsu. Das bedeutet, es ist eine vererbte Fähigkeit der Augen, also so was wie mein Sharingan. In Konoha gibt es zwei davon, das Sharingan der Uchiha und das Byakugan des Hyuuga-Clans.“

„Gibt’s noch andere Sachen als nur für die Augen?“, fragte Konan.

„Ja. Kekkei Genkai bedeutet einfach, dass es sich um eine Gabe handelt, die man nur erben, nicht lernen kann. Wenn man sie hat, kann man sie lernen, aber sonst nicht. Es gibt alle möglichen Sachen dabei, alles, was irgendwie in den Genen veranlagt sein kann.“

 

Konan sah einen Moment lang nachdenklich zum Himmel, dann sagte sie: „Ich glaube, irgendwie hab ich auch so was. Nur ein kleines bisschen, ist komisch, aber … manchmal kribbelt mir die Haut, und dann reiß ich ein Stückchen ab und das ist wie Papier.“

Sie zeigte Madara ihre linke Hand, an den Fingern, um die Nägel herum, waren winzige Hautfetzen zu sehen, wie man sie hatte, wenn man sich oft die Hände wusch. „Ich hab mich mal beim Frühstück machen verletzt und dann ist die Haut an der Stelle einfach abgefallen und war ein Stück Papier.“

Madara sah sich die Haut an Konans Händen genauer an. Tatsächlich wirkten die kleinen Hautfetzen seltsam verändert, wie kleine Abrisse von Papier.

„Das ist tatsächlich interessant, Konanchen“, sagte er. „Wenn das noch mal passiert, kommst du mal zu mir, ich schau mir das an, okay?“

Konan nickte. „Vielleicht kann ich deshalb so gut falten?“

„Das könnte sein.“

„Ich weiß halt nicht, ob das auch so was Geerbtes ist, ich hab ja keine Ahnung, wer meine Eltern waren.“

„Gar nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Gar nicht. Ich bin einfach so da, ich hab keine Eltern. Ich brauch auch keine, ich weiß ja nicht, wie das ist, wenn man welche hat.“

„Aber geht’s dir gut damit?“

„Ja. Ich vermiss nichts. Ich hab ja dich und Nagato.“ Sie sah zum Himmel und lächelte ein bisschen, dann wurde ihr Ausdruck ernst: „Aber Nagato vermisst seine Eltern. Weil er ja weiß, dass er welche hatte.“

Madara konnte nicht umhin, dieses kleine Mädchen wirklich beeindruckend zu finden. Sie schien so klar und ruhig, ein kleines Mädchen von fünf Jahren, die schon so vieles wusste und verstand, und doch eine solche positive Stärke und Klarheit in sich hatte, das war schon etwas Besonderes. Madara fühlte sich wieder sehr an Itachi erinnert, und auch an sich selbst, wie er mit fünf Jahren gewesen war. In Konoha nannte man solche Kinder, die so klar und stark entwickelt waren, manchmal ‚Uchiha-Kinder‘, weil diese Wesenszüge im Uchiha-Clan besonders auffielen.

Konan lächelte wieder. „Ich hab dich lieb, Dara. Du bist jetzt mein Papa, dann hab ich einen.“

1991

 

Die darauf folgende Zeit war anstrengend, aber vor allem schön.

 

Nach dem Fest, das Oma Yoneko organisiert hatte, war Mama völlig erschöpft und Sasuke schrie die halbe Nacht, und ich bekam mit, wie Papa tatsächlich mit Oma Yoneko schimpfte und ihr vorwarf, wie unangemessen es sei, eine Frau, die gerade ein Kind entbunden hatte, mitsamt diesem Kind dann auf ein Fest zu zwingen, nur damit alle anderen das Baby sahen. Oma Yoneko verstand das nicht, und Papa redete ein paar Tage lang nicht mit ihr.

Ich hatte das Gefühl, dass er an Fürsorglichkeit zugelegt hatte, schon vor Sasukes Geburt, und vielleicht, so dachte ich, wollte er die Fehler, die ihm bei mir als seinem Erstgeborenen unterlaufen waren, jetzt bei seinem zweiten Kind korrigieren.

 

Meine Tagespläne sahen zuerst nicht viel anders aus als in der Zeit zuvor: Mama arbeitete nicht und ich teilte meinen Tag zwischen der Uni und meinem Helfen zu Hause auf. Zwar war mein eigentliches Studium schon fertig, aber ich hatte solche Freude am Lernen, dass ich trotzdem weiter hinging und arbeitete, aber den größten Teil der Zeit war ich zu Hause, und dort war ruhiges Lernen zu dieser Zeit unmöglich.

Sasuke schien nämlich in seinem Temperament etwas anders gestrickt zu sein als ich, er schrie viel und konnte kaum allein sein, und Mama hatte ihre liebe Not damit. Sie konnte ihre Erfahrungen mit mir als Baby nicht auf Sasuke übertragen, denn während ich als Baby sehr ruhig gewesen war, viel geschlafen und mich auch mal selbst beschäftigt hatte, verlangte Sasuke beständig nach Kontakt. Papa war in dieser Zeit auch viel zu Hause, und so wechselten wir uns ab, meinen kleinen Bruder zu unterhalten, weil Mama das nicht alleine schaffte. Vielleicht deswegen hatte Sasuke später mehr Verbindung zu Papa als ich?

 

In dieser Zeit hatte ich mehr als genug Gelegenheiten, meinen Bruder im Arm zu halten, denn ich schob ihn im Kinderwagen täglich durchs Dorf oder trug ihn in einem Babytragetuch herum, und das schien ihm zu gefallen. Er war offensichtlich extrovertierter als ich, brauchte Leben und viele Menschen um sich herum …

Nebenbei brachte er mir dadurch eine mir neue Art von Aufmerksamkeit ein, die mich weniger verlegen machte, weil es nicht mehr direkt um mich ging. Es war nicht mehr dieses „Da ist der hochbegabte Itachi Uchiha!“, sondern viel mehr ein „Oh, wie süß, Itachi trägt seinen Bruder im Dorf rum, Babys sind so niedlich!“ Und wieder waren es die Mädchen, für die ich nochmal attraktiver wurde, einfach weil ich Sasuke dabei hatte und sie ihn extrem süß fanden.

 

Einmal fragte mich eine von ihnen, ob ich eifersüchtig sei, weil alle meinen kleinen Bruder so liebten, und ich antwortete: „Nein, gar nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Nein. Ich mags so lieber.“

„Du bist eindeutig schüchterner als er“, sagte das Mädchen und lachte.

„Ja, das bin ich.“

„Passt doch. Dann ergänzt ihr euch gut.“

 

In dem Moment streckte Sasuke im Tragetuch die Hand aus und patschte mir ins Gesicht, verlangte nach Ansprache. Das Mädchen fand das ziemlich süß und streckte vorsichtig die Hand aus, um ihm über den Kopf zu streicheln.

 

Während dieser Zeit, in der ich meine Identität als großer Bruder weiter stärkte und sich unser Familienleben zu viert weiter entwickelte, hatte ich die Jubi-Spuren im Wald schon fast wieder vergessen. Beinahe dachte ich, ich hätte mich getäuscht, vielleicht waren es gar keine Spuren des Jubi-Chakras gewesen?

 

Doch dann geschah etwas, das mir die Gefahr eines Bijuu-Angriffes wieder deutlich präsenter werden ließ: Eines Abends, als ich eigentlich schon im Bett gewesen war, kam Kushina zu uns nach Hause und ich hörte sie und Mama unten leise miteinander reden. Kushina schien es nicht gut zu gehen, ihre Schwangerschaft bereitete ihr Probleme und sie klagte über starke Kopfschmerzen.

 

Und als ich schon überlegte, runter zu gehen und zu zeigen, dass ich wach war, fing Kushina an, etwas zu erzählen, das mich oben bleiben und erstarren ließ:

„Ikue … Ich muss dir was erzählen … Mir ist was sehr, sehr Blödes passiert.“

„Was denn?“, fragte Mama und klang schon deutlich besorgt.

„Du weißt ja, dass mein Chakra manchmal ganz komische Sachen macht … Und jetzt war ich gestern mit Minato im Wald, wir wollten nur spazieren gehen, und dann hab ich irgendwas gemacht, und es kam rotes Chakra aus dem Boden, einfach so …“

„Rotes Chakra?!“ Mama flüsterte, doch es hatte einen erschrockenen, scharfen Klang.

„Ja. Ganz dickes, rotes Zeug. Ich hab keine Ahnung, wie ich das gemacht habe, echt nicht, aber du weißt, was rotes Chakra ist, Ikue …“

Es dauerte einen Moment, bis Mama leise antwortete: „Ja … Kyuubis Chakra …“

 

Ich blieb oben hinter dem Treppenansatz, ging nicht runter. Aber schlafen konnte ich jetzt nicht mehr, und so ging ich zwar in mein Zimmer zurück, doch ich öffnete das Fenster und verließ das Haus auf diesem Weg.

Ich musste noch mal in den Wald, zu der Stelle, wo ich die Jubi-Spuren entdeckt hatte. Jubi war zwar kein „denkendes Wesen“, aber so, wie es jetzt aussah, war sein Auftauchen ein Indikator für ein Auftauchen des neunschwänzigen Fuchses. Ich hatte vor, die Stelle noch mal zu untersuchen, und dann wollte ich das, was ich dann wusste, noch mal melden.

 

Als ich die Stelle im Wald erreichte, sah sie anders aus als beim letzten Mal: Offenbar war das, was Kushina erzählt hatte, hier passiert, der Erdboden war aufgerissen und die Spuren deuteten wirklich auf freies Chakra hin, das offenbar in der Erde gewesen war und herausgebrochen war, ähnlich wie Lava aus einem Vulkan.

 

Ich scannte die Umgebung mit meinen Sharingan ab, und auf diese Weise ergab sich mir ein detaillierteres Bild der Strukturen im Boden. Weit unten, zu tief um beispielsweise mit dem Byakugan hineinschauen zu können, befand sich eine riesige Kammer, gefüllt mit dem Chakra des Fuchsgeistes. Und wo auch immer dieser sich gerade aufhielt, er hatte hier offenbar vor langer Zeit eine Art von Vorrat aus dickflüssiger, extrem starker Energie angelegt.

 

Vielleicht war die Existenz dieser Kammer sogar den Sicherheitsleuten im Dorf bekannt, schließlich gehörten viele Verwandte von mir, die diese Kammer mit ihren eigenen Sharingan erkennen konnten, ebenfalls zu den Sicherheitsbehörden von Konoha. Für die Sicherheit im Dorf zu sorgen und entsprechend Gefahren zu minimieren, war seit der Gründung von Konoha Gakure immer schon die Aufgabe der Uchiha gewesen.

 

Dieser Gedanke führte mich zu der Frage, wie Kushina es wohl geschafft hatte, einen Teil dieses Chakras aus dem Boden zu locken. Kushina gehörte der Familie Uzumaki an, die wie ein abgeteilter Zweig vor allem verwandtschaftliche Beziehungen zu den Senjuu hatten. Und in der Familie Senjuu gab es schon immer Leute, allen voran Hashirama, den Hokage der Ersten Generation, die über besondere Fähigkeiten in Bezug auf Bijuu-Geister verfügten. Diese Fähigkeiten waren zwar auch dort selten, aber es konnte gut sein, dass Kushina einen Teil davon geerbt hatte.

 

Jubi war hier gewesen, und Kyuubi hatte an dieser Stelle eine riesige Kammer voll mit Chakra angelegt. Und diese Stelle war kaum einen Kilometer von der Dorfmauer entfernt. Kushina hatte es irgendwie geschafft, das Chakra im Boden aufzuwecken und einen Teil herauszulocken, und ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte. Zu Papa und seinen Kollegen gehen und das Ganze melden? Ich wollte nicht, dass Kushina Probleme bekam, sie war hochschwanger und sollte gerade wirklich keinem Stress ausgesetzt werden. Doch zugleich dachte ich, dass sie diesen Stress ja nun sowieso hatte, sie wusste, was sie „getan“ hatte und hatte Mama ja gerade davon erzählt.

 

Nach einigem Überlegen und Abwägen beschloss ich, damit nicht zur Polizei, sondern direkt zum Hokage zu gehen.

Schon im Jahr zuvor war Sarutobi in Ruhestand gegangen und hatte Minato zu seinem Nachfolger ernannt. Sarutobi selbst arbeitete nun im Hintergrund als Teil des Ältestenrates, er war immer noch präsent, aber die aktiven Geschäfte führte nun Minato.

 

Nach Kushinas Aussage war er ja dabei gewesen, als das Chakra aus dem Boden gekommen war, und er als Hokage musste sich deswegen ja so oder so Gedanken machen.

Ich lief also ins Dorf zurück und zum Regierungsgebäude, und tatsächlich brannte oben im Hokage-Büro noch Licht. Der Wachmann am Tor fragte, was ich so spät noch wollte, und ich sagte nur, dass ich etwas Wichtiges mit dem Hokage zu besprechen hatte.

„Minato ist noch oben“, sagte der Wächter nur und ließ mich durch.

 

Oben angekommen klopfte ich an die Tür und wartete auf das „Herein, bitte“, ehe ich das Büro betrat. Minato saß hinter seinem Schreibtisch, aber er trug nicht das Hokage-Gewand, sondern einen einfachen Kampfanzug, und ich sah ihm gleich an, dass es ihm nicht gut ging.

„Itachi? Was machst du so spät noch hier?“, fragte er.

Ich wusste erst nicht recht, wie ich anfangen sollte. Das Thema war so schwer, und ich wusste ja auch nicht, ob Kushina ihrem Mann erzählt hatte, dass sie mit meiner Mama darüber sprechen wollte.

„Kushina war vorhin bei Mama …“, begann ich, „und sie hat erzählt, dass ihr im Wald … Kyuubi-Chakra gefunden habt … Ich war eben dort, an der Stelle, und ich hab riesige Mengen an Chakra unter der Erde gesehen.“

Minato reagierte nicht erschrocken oder so. Natürlich nicht, denn er wusste ganz sicher, was das alles zusammen bedeutete.

„Hast du sonst jemandem davon erzählt?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Ich werde morgen mit dem Sicherheitsrat darüber sprechen, ich habe schon eine Konferenz anberaumt. Sollte Kyuubi tatsächlich hier auftauchen, müssen wir vorbereitet sein.“

 

„Es war auch Jubi-Chakra an der Stelle …“, fügte ich noch hinzu.

„Das ist gut, dass du das sagst. Jubi-Chakra taucht manchmal auf, wenn ein echter Bijuu-Geist in der Nähe ist. Die Frage ist nur, ob es vielleicht hilft, den Bijuu fernzuhalten, wenn wir das offene Jubi-Chakra versiegeln.“

„Wie versiegelt man denn so ein Chakra wie das des Jubi?“

„Im Grunde genau wie jede andere Kraft, entweder in einer starken Barriere, oder in einem Menschen. Wobei Jubi tatsächlich … so anders ist als ein Bijuu, dass alle anderen Barrieren bisher dieses Chakra nicht halten konnten. Da bleibt möglicherweise wirklich nur die Versiegelung als Jinchu-Kraft.“

„Also … in einem Menschen …“, sagte ich fast tonlos.

Minato nickte. „Und am besten, das muss man leider so sagen, kann man so ein Chakra in einem kleinen Kind versiegeln.“

„Was passiert denn, wenn man Jubi versiegelt?“

„Vermutlich weniger, als wenn man einen echten Bijuu in einen Menschen einschließt. Jubi ist eben kein Bijuu, sondern ‚nur‘ ein universelles Chakra. Wir wissen nur wenig darüber, aber das, was wir wissen, ist, dass die einzige Person, in der man einmal Jubi-Chakra versiegelt hat, dadurch nicht zu einer ‚klassischen‘ Jinchu-Kraft wurde, sondern ‚nur‘ die Fähigkeit erhielt, im Grunde alle Chakra-Elemente zugleich zu nutzen. Also, wenn du dir vorstellst, dass jemand zum Beispiel Ninjutsu auf Basis des Feuerverstecks beherrscht, kann Jubi-Chakra dafür sorgen, dass dieser Mensch dann auch Windversteck und Wasserversteck nutzen kann, wenn es ihm gelingt, das Jubi-Chakra mit seinem eigenen zu kombinieren. Und bei diesem einen bekannten Fall kam es auch nicht zum ‚Bijuu-Gewand‘, das Chakra des Jubi verwandelt diese Person anscheinend nicht.“

 

„Also kann es sein, dass wir Kyuubis Angriff verhindern können, wenn es gelingt, Jubi in einem Menschen zu versiegeln?“

Minato nickte. „Genau.“

„Und … wie findet man heraus, in wem?“

„Wir brauchen ein kleines Kind, am besten eines, das noch kein halbes Jahr alt ist. Und … nun ja, es sollte ein Kind sein, das später mal ein Ninja werden kann. Wir können also keines aus einer Zivilistenfamilie nehmen …“ Minato sah auf seine Hände, sagte eine Weile nichts mehr, aber ich spürte auch ohne, dass er es aussprach, was er dachte: Dass es ja so ein Kind gerade gab, noch kein halbes Jahr alt und mit der Aussicht, später ein starker Ninja zu werden: Sasuke.

 

Ein paar Augenblicke lang hing dieser Gedanke zwischen dem Hokage und mir in der Luft, und ich spürte, wie meine Augen heiß wurden, als müsste ich gleich weinen. Es stand im Raum, dass wir einen Angriff des Kyuubi vielleicht würden verhindern können, wenn wir das Jubi-Chakra im Körper meines kleinen Bruders versiegelten, und auch wenn Jubi kein echter Bijuu mit den entsprechenden Folgen war, tat es mir weh.

„Ich werde mit deinen Eltern darüber sprechen, Itachi. Wir finden zusammen einen Weg“, sagte Minato und lächelte ein klein wenig.

Ich fragte mich, wie er das in sich drin aushielt, die Sorge um Kushina und wegen des Kyuubi, und zugleich die Gedanken, die er sich nun wegen Sasuke machte. Aber er war eben der Hokage, er konnte das irgendwie. Und ich wusste, wenn ich selbst irgendwann Hokage werden wollte, musste ich das auch lernen. Nur wusste ich noch nicht, wie.

 

Am nächsten Morgen weckte mich Papa. Ich hatte tatsächlich ein bisschen verschlafen, es war halb sechs. Papa sah ernst aus und während ich aufstand und mich anzog, blieb er im Zimmer und erzählte mir, dass er schon mit Minato gesprochen hatte.

„… wir als Uchiha-Clan werden Jubi übernehmen. Das ist unsere Aufgabe als Sicherheitsbeauftragte des Dorfes. Und vielleicht lässt sich ein Angriff durch Kyuubi ja dadurch abwenden. Aber auch so sollte Jubi wieder versiegelt werden, und wir haben entschieden, dass Sasuke ihn bekommt. Aber du musst dir keine Sorgen um deinen Bruder machen, Itachi, denn Jubi macht einen Menschen nicht zur Jinchu-Kraft.“ Papa sah mich direkt an und lächelte ein wenig, als er sagte: „Stell es dir so ähnlich vor wie dein Tsukuyomi, also als etwas, das Sasuke dazu befähigen wird, etwas Außergewöhnliches zu können. Und weil wir die Versiegelung äußerst geheim halten werden, wird auch niemand ihn behandeln wie eine Jinchu-Kraft. Du brauchst also keine Angst zu haben, Itachi.“

„Wer weiß denn davon?“, fragte ich.

„Nur Minato, Yoneko, Mama, ich und du. Yoneko und ich werden das Jubi-Chakra einfangen und Minato wird es versiegeln. Sasuke selbst wird davon erfahren, sobald er alt genug ist.“

 

Als ich an diesem Tag zur Uni ging und mich dort wie immer zum Arbeiten in die Bibliothek setzte, fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren.

Meine Gedanken kreisten um Sasuke und Jubi, und trotz, dass Papa und Minato versucht hatten, mir die Sorge zu nehmen, hatte ich Angst. Eben erst hatte ich meinen lang ersehnten Bruder bekommen, und nun sollte er, noch als Baby, schon dem Schutz des Dorfes dienen. Es machte mich traurig, auch wenn ich selbst versuchte, mir zu sagen, dass Jubi ja kein Bijuu war und nichts wirklich Schlimmes geschehen würde.

Das Einzige, was mir in diesem Moment half, war, mir meinen inneren Schwur, der beste große Bruder zu sein und Sasuke zu beschützen, bewusst zu machen, und ihn zu erweitern: Sollte jemand meinen kleinen Bruder wegen Jubi ablehnen oder angreifen, würde ich dazwischen gehen, ihn auch dann mit meinem Leben beschützen und für ihn da sein.

 

Ich weiß heute nicht mehr genau, wie ich an diesem Tag auf die Idee kam, dafür ein eigenes Jutsu zu erlernen. Vielleicht las ich etwas darüber, weil ich den Gedanken, Sasuke mit all meiner Kraft zu beschützen, weiter führte und nach Möglichkeiten suchte?

Irgendwie jedenfalls landete ich bei einem Buch aus der geheimen Abteilung der Bibliothek und fand darin eine lose, lückenhafte Anleitung für ein Jutsu, das eine Verbindung aus Liebe und Kraft herstellen sollte, aber noch keinen Namen hatte und keine Verbindung zu den Fingerzeichen.

 

Die Beschreibung dieses Jutsu gab mir ein Gefühl von Selbsterkennen und es schien wie für mich gemacht. Dort stand, dass es eine Möglichkeit darstellen sollte, wie man seine Kraft als Ninja in den Dienst einer Sache stellen und sich darauf vollkommen konzentrieren konnte. Und ich, der ich immer mit meinem Wunderkind-Dasein gekämpft hatte und innerlich schon lange nach einem Weg suchte, mein ungeheures Talent daran zu hindern, mir selbst zu Kopf zu steigen, fühlte mich mit dieser Beschreibung so sehr gesehen!

 

Alles, was dort stand, passte zu mir: „Ein Shinobi mit großem Talent und außergewöhnlichen Fähigkeiten kann das Bedürfnis verspüren, diese Fähigkeiten in den Dienst einer guten Sache zu stellen, und die Sorge darum, zu überzeugt von der eigenen Kraft zu werden, kann den Wunsch nach einer Methode wecken, die diese Kraft beschränkt.“

Ich dachte an die immer gleichen Besuche in Oma Yonekos Teehaus, die mir so unangenehm waren, weil ich dort immer in den höchsten Tönen gelobt wurde, und an meine Zeit auf der Akademie, wo ich immer anders gewesen war als die anderen, und auch an die unheimlichen Momente, die mir manche Aspekte des Tsukuyomi so verursachten.

Wenn ich diese Dinge unter eine so starke Kontrolle bringen konnte, dass es mir leichter fallen würde, mit meinem Talent umzugehen, und ich damit die Menschen, die ich liebte, beschützen und für sie da sein konnte, würde meine Angst davor, viel zu stark zu werden, bestimmt weniger.

 

Allerdings war die Beschreibung der Anwendung dieses Jutsu äußerst unvollständig. Es schien eine noch sehr unerforschte Idee zu sein, nur lose aufgeschrieben … Doch das schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil, es weckte eine Lust in mir, selbst herauszufinden, wie man dieses Jutsu anwenden konnte. Ich hatte ja nun mal die intellektuellen Fähigkeiten, um an so etwas zu forschen und zu arbeiten, und dieses Jutsu irgendwann dann schlussendlich auch zu lernen.

 

Ich suchte auch noch nach Informationen zum Jubi-Chakra, doch ich fand kaum etwas. Es schien wirklich nur ein einziges Buch dazu zu geben, doch jenes Buch war immer noch unauffindbar und ich dachte wieder, dass Madara es vielleicht hatte.

Doch Madara war nicht mehr da und auch bei den Sachen, die er zurückgelassen hatte, war dieses Buch nicht dabei gewesen. Alle Bücher aus seiner Wohnung waren nach seinem Verschwinden zurück in die Bibliothek einsortiert worden, und ich fand seinen Namen in sehr vielen der Ausleihungsstempel, die in jedem Buch hier anzeigten, wer sich das Buch mal mit nach Hause genommen hatte.

Oft stand zuerst sein Name darin, und an späterer Stelle dann auch meiner. Wir lasen beide gern und viel, und einen Moment lang hatte ich ein Bild im Kopf, wie er jetzt, falls er noch lebte, irgendwo an einem weit entfernten Ort zwischen vielen Schriften saß und las und arbeitete, so wie wir es oft zusammen getan hatten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er tot war.

 

Als ich am Abend nach Hause kam, saß Mama mit Sasuke auf dem Arm am Küchentisch, sie fütterte ihn und auf den ersten Blick wirkte alles normal, doch als ich näher kam, sah ich, dass es ihr nicht gut ging.

„Kann ich dir helfen, Mama?“, fragte ich.

Mama schüttelte den Kopf und hatte auf einmal Tränen in den Augen. Sie drückte Sasuke an sich und küsste ihn, und ich ging zu ihr hin und umarmte sie und meinen Bruder.

„Soll ich ihn nehmen?“, fragte ich leise.

Mama nickte, und ich nahm meinen Bruder an mich. Wenn Mama weinte und Angst hatte, so dachte ich, war es für Sasuke vielleicht sicherer, wenn ich ihn hielt. Babys bekamen unterschwellig so viel mit, und er sollte Mamas Sorge nicht so sehr spüren müssen.

 

Tatsächlich lebte Sasuke geradezu auf, als ich ihn auf den Arm nahm, er lächelte und streckte mir seine Hände ins Gesicht entgegen. Auf dem Tisch lag der grüne Plüschdrache, den ich ihm zur Geburt geschenkt hatte, er griff danach und ich ließ es zu, setzte ihn mit dem Stofftier zusammen in seinen Kinderstuhl am Tisch und kümmerte mich dann um Mama.

„Du hast Angst um Kushina, oder?“, fragte ich.

Sie nickte, fuhr sich mit der Hand über die Augen. Ich umarmte sie wieder, sie weinte und küsste mich auf die Stirn. „Danke, Spatz …“, flüsterte sie. Und ich musste fast auch noch weinen, weil es mich so rührte, wenn sie mich Spatz nannte.

 

„Itachi … sag mal, ist dir das alles nicht … manchmal zu viel?“, fragte sie nach einer Weile.

„Was, zu viel?“

„Du machst so viel, du lernst und arbeitest und versorgst deinen Bruder, und bist dann noch für mich da … Du bist doch immer noch ein Kind, kaum zehn Jahre alt … Ich habe manchmal Sorge, dass du dich überforderst.“

„Aber ich mach das doch gern!“, sagte ich laut. „Ich bin einfach so, ich war nie anders als das!“

„Wirklich?“

„Ja. Du musst dir keine Sorgen machen, Mama. Solange ich das alles darf, studieren und dir helfen und für Sasuke sorgen, geht’s mir gut.“ Ich dachte einen Moment über meine nächsten Worte nach, entschied dann aber, sie doch auszusprechen: „Ich will nur nicht zur Anbu oder so was …“

Das Thema „Anbu“ war kurz zuvor wieder konkreter geworden, Papa und Yoneko hatten darüber gesprochen, wann ich dort einsteigen und mitmachen sollte.

Mama sah mich an, lächelte, noch mit Tränen in den Augen, und sagte: „Dann ist gut. Und selbst wenn du irgendwann zur Anbu gehst … dann sorge ich hier zu Hause dafür, dass du dich davon auch ausruhen und erholen kannst.“ Sie umarmte mich und sagte noch: „Ich hab dich lieb, Itachi-Spatz.“

„Ich hab dich auch lieb, Mami.“

 

Am Morgen darauf wurde ich wieder von Papa geweckt. Es war viertel nach vier Uhr am Morgen, also die Zeit, zu der ich normalerweise von selbst aufwachte, aber Papa war dem zuvor gekommen. Er hatte seine Uniform an und trug seine Ausrüstung, mehrere verschiedene Waffen und Schriftrollen, am Körper, es sah aus, als wollte er auf eine Mission gehen.

 

Ich sprang aus dem Bett und fing an, mich anzuziehen, noch ehe er etwas gesagt hatte. Fertig angezogen lief ich aus dem Zimmer, über den Flur ins Bad, machte mich so schnell ich konnte fertig und stand dann wieder vor Papa, der sich seitdem weder bewegt, noch etwas gesagt hatte.

„Wir warten noch auf Oma Yoneko und dann zeigst du uns die Stelle im Wald, wo du die Spuren von Jubi und Kyuubi gefunden hast“, sagte er, während ich meine Waffen zusammenpackte und meine Chuunin-Uniform über die Alltagskleider anzog.

Als wir aus dem Haus gingen, fragte ich, wo Mama sei, und Papa antwortete, dass wir sie noch schlafen lassen sollten. „… Sie sollte ausgeruht sein, wenn wir nachher das Chakra einfangen und mitnehmen, immerhin geht es um Sasuke …“, sagte er, und ich sah in seinen Augen, dass ihm die ganze Sache mehr zusetzte, als er zeigen wollte.

 

Wir betraten das Uchiha-Viertel und sahen Yoneko schon am Tor vor ihrem Haus stehen, sie trug ebenfalls eine Uniform und wirkte darin überhaupt nicht mehr wie eine Urgroßmutter, sondern wie eine kleine, alte, aber sehr starke und selbstbewusste Person. Das war sie zwar auch, wenn sie im Alltag ihren Kimono trug, doch die Uniform machte ihre Stärke als Matriarchin unseres Clans deutlicher sichtbar. Sie trug sämtliche Abzeichen, sowohl das der Polizei, als auch die von Chuunin, Jonin und der Anbu, und auf der Stirn ihrer Anbu-Katzenmaske, die sie an der Kopfseite trug, stand unübersehbar das Wappen unseres Clans.

„Guten Morgen“, sagte sie. „Na dann, holen wir uns das Jubi.“

„Ikue schläft noch“, erwiderte Papa.

„Wir werden einige Zeit brauchen. Bis dahin ist sie wach. Sie wird Sasuke vorbereiten.“ Wie Yoneko das sagte …! Ich kannte sie, wusste, wie sie war und dass sie es nicht „böse“ meinte, doch ihre Worte wirkten so gefühlsbereinigt und geradezu kalt, dass ich spürte, wie sich in mir eine Gegenwehr dagegen regte. „Sasuke vorbereiten“, aus ihren Worten und ihrer Stimme war kaum zu hören, dass es dabei um ein Kind, ein kleines Baby ging. Und dass sie von Mama verlangte, dass die ihr neugeborenes Kind einer Versiegelung von fremdem Chakra aussetzte.

„Oma Yoneko …“, sprach ich sie an. „Sasuke ist mein kleiner Bruder. Ich …“

„Wir wissen das, Itachi“, unterbrach sie mich mit einem Ton, der mich verstummen ließ. „Aber es ist unsere Aufgabe, also tun wir es.“

Papa sah mich an und legte ohne ein Wort seine Hand auf meine Schulter.

 

Wir verließen das Dorf, nahmen den Weg durch die Baumkronen und fanden schnell die Stelle wieder, an der ich die Jubi-Spuren gefunden hatte. Es sah anders aus als beim letzten Mal, offenbar war „es“ wieder hier gewesen. Papa und Yoneko benutzten die Sharingan, um die Spuren zu lesen und die Umgebung abzuscannen, und ich stand irgendwie nur da und fühlte mich seltsam, es fiel mir schwer, die Situation emotional zu erfassen, ohne dass es mir weh tat, denn das tat es.

Ich dachte an Sasuke, der gerade noch in seinem Bettchen lag und schlief, und an Mama, die wusste, dass heute der Tag war, an dem sie ihr neu geborenes Baby für das Dorf und die Sicherheit einsetzen sollte.

 

Und egal, wie sehr ich wegen Yoneko und dem übergeordneten Regelwerk des Ninja versuchte, meine Gefühle runter zu regeln und zu verbergen, in diesem Moment gelang es mir nicht.

Immer dann, wenn ich auf Missionen mitkam und dort mit Ninjas aus anderen Ländern zu tun bekam, die ich nicht persönlich kannte, konnte ich das, meine Gefühle außen vor lassen, ein Ninja sein, einer vom Uchiha-Clan, stark und talentiert und professionell.

Aber in dieser Situation, wo es um mich und mein Leben ging, und das tat es, denn Sasuke war mein lang ersehnter Traum eines kleinen Bruders, war ich nicht imstande, ein professioneller Ninja zu sein, und ich wollte das auch nicht sein. Ich dachte an Mama, daran, wie sehr ich so war wie sie, hochsensibel und voll mit Gefühlen, und dass mir das wichtig war, mir so viel bedeutete!

 

Yoneko und Papa verließen die Lichtung, sie hatten weiter gehenden Spuren entdeckt, und ich folgte ihnen, während in meinem Innern schon die Tränen hochkamen.

Ich dachte an das, was Papa über Jubi gesagt hatte, dass es kein Bijuu war und Sasuke nicht leiden würde. Aber darum ging es mir nicht. Es ging nicht um die konkreten Folgen, nicht um Jubi oder Chakra oder die Möglichkeit, einen Angriff des Kyuubi zu verhindern, das war nicht der Punkt, an dem ich mich störte. Es ging mir um Oma Yoneko, um die Art, wie sie dachte und plante und wie sie sich das vorstellte!

Ich blieb stehen, spürte schon, wie mir die heißen Tränen aus den Augen liefen, und es dauerte einen Moment, bis Papa es bemerkte.

„Was ist?“, fragte er, und ich spürte, dass auch er zerrissen war, zwischen seiner Pflicht und seinen Gefühlen, denn immerhin war Sasuke auch sein Kind. Ich war nicht in erster Linie wütend auf Papa, nicht mehr, denn er versuchte wenigstens, seine Pflicht zumindest ansatzweise mit seinen Gefühlen in Einklang zu bringen. Ich sah und spürte es, und es war zumindest ein bisschen okay.

„Ich … will das nicht …!“, antwortete ich, meine Stimme klang schon nach Weinen. „Es kann doch nicht … sein … wir suchen hier das Jubi, um … es zu versiegeln, in … in …“ Ich konnte nicht mehr weiter sprechen, sah in dem Moment, wie Yoneko stehen blieb, sich umwandte und mich ansah, und sie sah so ungerührt aus, dass in mir etwas aufriss, und ich sie anschrie: „In … in meinem kleinen Bruder?!“

„Itachi …“, sagte Papa und kam auf mich zu.

„Denkst du ein Mal, ein einziges Mal, an Mama, Oma Yoneko?! Denkst du daran, dass Sasuke ihr Baby ist?! Denkst du dran, dass sie Angst um ihn hat und um Kushina, und dass es sie dazwischen fast zerreißt?! Und was ist, wenn wir Jubi finden und versiegeln und der Neunschwänzige Fuchs trotzdem ins Dorf kommt? Habt ihr dafür auch schon ne Idee?!“

Es kam wirklich selten vor, dass ich so wütend und laut wurde, doch ich konnte in diesem Moment einfach nicht anders. Ich wusste, dass ich Yonekos Art und ihre Meinung nicht wirklich ändern konnte, aber ich wollte wenigstens meine eigene Position beziehen und sagen, dass es mich wütend machte. Es ging hier um meinen Bruder und darum, dass ich meinem Schwur, ein guter großer Bruder zu sein, treu blieb. Wenn ich jetzt nicht wütend wurde und zeigte, was es mit mir machte, wann dann?

 

„Krieg dich wieder ein, Itachi.“ Yonekos Stimme war laut, aber so kalt. „Wir haben dir doch erklärt, Jubi macht ein Kind nicht zur Jinchu-Kraft.“

„Darum geht es mir nicht!!“, schrie ich.

„Dann verstehe ich nicht, was du willst“, sagte sie. „Wir sind der Uchiha-Clan, unsere Aufgabe ist die Sicherheit des Dorfes.“

„Und Sasuke ist mein kleiner Bruder!!“

„Was willst du tun? Krieg dich wieder ein.“

„Ich mache das nicht mit! Und wenn ihr schon meinen Bruder dafür benutzen wollt, dann geh ich jetzt nach Hause und bin für Mama und ihn da. Da werde ich mehr gebraucht, als hier.“

Yoneko sagte nichts darauf. Und Papa stand immer noch da, deutlich spürbar zwischen den Stühlen sitzend.

 

Ich drehte mich um und lief den Weg zurück, den ganzen Weg bis ins Dorf, wo ich nach Hause ging, die Tür öffnete und Mama im Wohnzimmer sitzen sah. Sie hatte Sasuke im Arm und ihr Kleid vorne geöffnet und stillte ihn.

„Wo kommst du jetzt her?“, fragte sie leise.

„Ich war bei Papa und Yoneko, sie wollten mich dabei haben. Aber ich mache das nicht mit.“ Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa und sah sie an. „Ich will lieber hier sein, du bist doch sonst so allein.“

Mama lächelte. „Das ist lieb, Spatz.“

Ich lehnte mich an sie und schloss für einen Moment die Augen, hörte Mamas Herzschlag und das leise Geräusch von Sasuke, wie er die Milch schluckte. Es fühlte sich schön an, ihm und Mama so nah zu sein und ich wusste, ich hatte mich richtig entschieden, hier zu sein, und dass ich Yoneko Widerworte gegeben hatte, war auch richtig gewesen.

Wir sprachen nicht viel, doch das mussten wir auch nicht. Mama und ich verstanden einander auch so, wir mussten nicht laut sprechen, um zu wissen und zu fühlen, was wir voneinander brauchten. Das war schon immer so, und seit Sasuke da war, war es eher noch mehr geworden.

 

Und während Mama da saß und meinen Bruder stillte, und ich mich an sie anlehnte, verging einige Zeit, es wurde hell draußen und irgendwann, als Sasuke satt war, stand Mama auf, schloss ihr Kleid und setzte ihn in seinen Kinderstuhl, und fing dann an, Frühstück zu machen.

Ich half ihr und kochte eine Kanne Tee, von der Sorte, die Mama und ich am liebsten tranken, einen süßen Früchtetee ohne Koffein, weil wir beide Koffein nicht gut vertrugen.

 

Der Morgen ging herum, und Mama und ich konnten kaum etwas anderes tun als zu warten, bis Papa und Yoneko wieder zurück kamen. Es dauerte lange, so etwas wie Jubi zu finden und einzufangen, und ich fragte mich, wer von unserem Clan noch dabei sein würde. Man brauchte ganz sicher mehr als zwei Leute, und Minato sollte ja auch dabei sein.

 

Kurz vor ein Uhr mittags hörten wir die Haustür klappen und Mamas Bruder Haimaru kam herein. Er sah aus, als hätte er an einem Kampf teilgenommen, und war ganz außer Atem. Kurz nach ihm kam auch Shisui dazu.

„Ikue, es geht los. Wir haben Jubi gefunden und der Hokage hat schon mit dem Einfangen begonnen“, sagte Haimaru. „Itachi, du gehst mit Shisui.“

Mama wurde ein wenig blass, sie nahm Sasuke aus dem Kinderstuhl, drückte ihn an sich und nickte.

„Bist du okay, Ikue?“, fragte Haimaru.

„Ja. Es geht schon.“

Ich wollte zu ihr, sie umarmen, am liebsten ihre Hand nehmen und nicht mehr loslassen, weil ich so sehr spürte, dass sie Angst hatte. Aber ehe ich mich bewegen konnte, stand Shisui schon neben mir und hielt mich an den Schultern fest.

„Bleib bei mir, Itachi“, sagte er. „Ist besser so.“

 

Mama ging mit Sasuke auf dem Arm mit Haimaru mit, und ich blieb mit Shisui zurück. Mein Cousin hatte offenbar die Aufgabe, auf mich aufzupassen, damit ich die Versiegelung nicht störte. Er war inzwischen sechzehn Jahre alt und mir körperlich überlegen, und er kannte mich gut genug, dass er mich davon abhalten konnte.

 

„Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie das für dich ist“, sagte er und lächelte leicht.

„Kannst du das?“, fragte ich leise und spürte schon wieder Tränen in mir aufsteigen.

„Vielleicht auch nicht. Ich habe ja keinen wirklichen kleinen Bruder. Aber ich kenne dich, Itachi, ich weiß, wie viel Sasuke dir bedeutet und wie schwer es für dich ist, ihn nicht beschützen zu können.“

„Es tut mir weh …“, sagte ich, meine Stimme hatte kaum noch Ton.

„Wir sind Ninjas …“, erwiderte Shisui.

„Wenn ich hätte wählen können, wäre ich gar kein Ninja geworden.“

„Ich weiß … Aber wir sind nun mal Ninjas, und wir gehören zum Uchiha-Clan.“

Ich nickte, und dann liefen mir wieder die Tränen. „Aber … das Einzige, was ich am Ninja-Dasein und an meinen Fähigkeiten überhaupt mag … ist doch, dass ich damit andere beschützen könnte …! Und wenn ich dann dastehen und zusehen muss, wie meine Mama und mein Bruder leiden und zu Schaden kommen, dann … ist doch alles Trainieren sinnlos …!“

 

Shisui sagte nichts dazu, er sah mich nur an und dann umarmte er mich.

Ich wusste, dass er anders war als ich, der Beruf des Ninja fiel ihm deutlich leichter als mir, er hatte kaum Probleme mit dem Kämpfen, stand schon kurz vor seiner Prüfung zum Jo-Nin und hatte auch schon einige Missionen für die Anbu absolviert.

Wir gingen aus dem Haus, und Shisui versuchte, mich ein wenig abzulenken und dafür zu sorgen, dass ich meine Ängste ein wenig vergaß. Wir gingen zum Süßigkeitenladen und er kaufte mir eine Packung Dango, die wir dann in dem runden Baumhaus aßen, welches sich auf dem großen Baum an der Hauptstraße befand.

Doch von diesem Baumhaus aus konnte man über die Dorfmauer hinwegsehen, und ich konnte sehen, wie draußen im Wald eine Wolke aus Rauch und Chakra aufstieg, genau in der Richtung, wo sich die Stelle befand, an der Jubi und Kyuubi aufeinandergetroffen sein mussten.

 

Shisui hatte es auch gesehen, versuchte noch, mich am Arm festzuhalten, doch ich war schneller, sprang auf und nahm den Weg über die Dächer des Dorfes, hin zur Mauer, ich konnte mich selbst nicht mehr aufhalten. Mein über die ganze Zeit, in der ich mir einen kleinen Bruder gewünscht hatte, gewachsener, emotionaler Instinkt ließ sich nicht mehr unterdrücken, und ich folgte ihm, es fühlte sich richtig an.

„Itachi! Warte!“, rief Shisui hinter mir.

„Ich muss da hin!“

„Dann lass mich wenigstens mitkommen!“

„Hol mich ein, wenn du kannst!“

 

Ich aktivierte meine Sharingan und fand die Stelle sehr schnell, und das Erste, was ich sah, war gerade, wie Minato, der mit dem Rücken zu mir stand, eine große Schriftrolle öffnete und das Jutsu des Vertrauten Geistes anwandte. Ich wusste, dass er ein Schüler des Sannin Jiraiya gewesen war, und so wunderte es mich nicht, dass zwei große, alt aussehende Kröten erschienen.

Und im nächsten Moment hatte Minato mich bemerkt.

„Was tust du hier, Itachi? Wo ist Shisui?“, fragte er.

„Ich bin hier!“, rief Shisui hinter mir.

Haimaru, der etwas entfernt auf einem hohen Ast eines Baumes stand, antwortete: „Ihr habt hier nichts zu suchen!“

Die anderen, Papa, Yoneko und Mama, standen im Kreis um eine Art Tisch herum, einen Zeremonientisch mit aufgemalten und eingeritzten Symbolen und Zeichen, und auf dem Tisch lag Sasuke mit nichts als seiner Windel bekleidet und schrie.

Minato wandte sich zu mir um. „Ihr könnt bleiben“, sagte er. „Aber haltet euch heraus.“

 

Die beiden alten Kröten hielten je eine Schriftrolle im Maul, rollten diese dann auf und schmiedeten Chakra, das zum Himmel aufstieg und dabei viele kleine, hoch oben schwebende Bläschen und Kugeln aus silbrig glänzendem Chakra zu einem großen Ganzen zusammen sammelten.

Das silbrige Chakra war das des Jubi, es schwebte offen in der Luft und nahm keine Tiergestalt an, es war nur freies Chakra. Unter dem Boden befand sich an dieser Stelle das Chakra des Fuchsgeistes, doch die Austrittsstellen, die ich heute Morgen noch gesehen hatte, waren provisorisch versiegelt worden.

Minato machte zwei Schritte auf den Tisch zu, die beiden Kröten sammelten nach und nach das ganze herumschwebende Chakra ein, dann schloss er eine ganze Reihe von Fingerzeichen, bis sich an seiner Hand auf jedem Finger je ein Siegelzeichen zeigte.

 

Ich sah zu Mama, sie war ganz blass und Papa stand nah neben ihr, hielt ihre Hand. Ich spürte Shisui neben mir, seine Hand auf meiner Schulter, und Yoneko trat einen Schritt vor, schloss ebenso einige Fingerzeichen und erschuf damit eine Art Kuppel oder Schild über dem Tisch. Diese Barriere senkte sich nieder und schloss meinen Bruder ein, sodass wir ihn nur noch sehen und nicht mehr hören konnten.

Ich spürte, wie ich zitterte, mein Herz tat weh und ich hatte Tränen in den Augen, konnte meine Sharingan nicht länger halten. Da lag mein geliebter kleiner Bruder ganz allein auf diesem Tisch und schrie, und dass wir ihn nicht hören konnten, machte es eher schlimmer, als erträglicher.

„Ich mache schnell“, sagte Minato und ich wusste, dass er mich damit ansprach. „Es wird nicht lange dauern.“

 

Er trat an den Tisch, die beiden Kröten reichten ihm die Schriftrollen, in denen sie das Jubi-Chakra gesammelt hatten, und Minato nahm es an, ließ es über seiner Hand schweben, schloss es mit den Siegeln an seinen Fingern nochmals ein und stieß dann mit der Hand durch die Barriere.

Ich hielt den Atem an, wollte nicht hinsehen und konnte doch nicht anders, doch es ging wirklich sehr schnell, so schnell, dass ich nicht sehen konnte, was genau geschah. Nur Sekunden später war die Barriere aufgelöst, das Jubi-Chakra nicht mehr zu sehen, und wir konnten Sasuke wieder hören, er schrie immer noch.

 

Minato trat einen Schritt zurück, schloss die Schriftrollen wieder und nahm meinen Bruder vorsichtig vom Tisch, ging zu Mama und gab ihn ihr in die Arme zurück. In dem Moment wurde sie noch blasser, und Papa konnte sie und Sasuke gerade noch halten, ehe Mama ohnmächtig zu Boden sank.

Meine Starre löste sich augenblicklich, im nächsten Moment war ich bei ihr, nahm ihr meinen Bruder aus den Armen und drückte ihn fest an mich.

„Bist du okay, Sasuke?“, fragte ich und presste meine Lippen auf seine Stirn. Augenblicklich hörte er auf zu weinen, sah mich nur an, ich hielt ihm eine Hand hin und er griff meinen Finger, hielt ihn ganz fest.

 

Auf dem Weg nach Hause hielt ich Sasuke die ganze Zeit im Arm, Mama wurde von Papa gestützt und Minato und Yoneko gingen dahinter. Shisui und Haimaru liefen vorweg, und mein Cousin sah sich immer wieder nach mir um, schaute nach, ob es mir gut ging.

Zu Hause angekommen legte Mama sich im Wohnzimmer aufs Sofa, Papa und ich holten Sasukes Kinderbettchen ins Wohnzimmer, und ich legte meinen Bruder darin schlafen, so dass er in Mamas Nähe war.

 

Mama war für den Rest des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen und schlief nur noch, und so ging ich nach nebenan in ihre Praxis und erledigte so viel, wie ich konnte, von ihrer Arbeit für sie. Durch mein Medizinstudium hatte ich einiges gelernt, und die einzige Patientin, die an diesem Tag kam, hatte nur einen Splitter am Auge, den ich einfach zu entfernen wusste, ohne dass Mama dabei sein musste.

 

Am Abend war Mama wenigstens wieder wach und ich schloss die Praxis für heute, ging zu ihr und kochte uns ein Abendessen. Während ich in der Küche stand und Salat schnitt, dabei den Herd im Blick hatte, wo für Mama und mich eine Gemüsesuppe und für Papa eine Pfanne mit einem Stück Fleisch standen, kam Mama dazu, legte von hinten ihre Arme um mich und drückte einen Kuss auf mein Haar.

„Das ist lieb, Spatz, dass du uns Essen machst“, sagte sie.

„Ist doch klar“, antwortete ich.

„Geht’s dir gut, Itachi?“

Ich nickte. „M-hm.“

„War ein harter Tag heute …“

„Geht’s dir auch gut, Mama?“

„Mir ist ein bisschen schwindlig, aber sonst alles gut.“

 

Ich drehte mich zu Mama um und umarmte sie meinerseits. Sie fühlte sich warm und lieb an, aber ich spürte auch, wie erschöpft sie war.

Und so legte sie sich nach dem Abendessen gleich wieder hin, oben im Schlafzimmer, und ich übernahm es, Sasuke zu versorgen, ihn zu baden und zu wickeln und danach ins Bett zu bringen.

Papa hatte in seinem Büro zu tun, und ich ging dann auch bald schlafen. Ich war so müde, dass ich mich nur noch auszog, unter die Decke kroch und sofort einschlief.

1989

 

Madaras Pläne für ein neues Dorf gerieten zum Ende des Jahres 1988 etwas ins Stocken. Nicht in der Form, dass er weniger motiviert war, doch einfach darin, dass er erkannte, zu wenige künftige Bewohner dieses neuen Ortes zur Hand zu haben.

Die Bauern in den umliegenden Orten waren zufrieden mit dem, was sie hatten. Zwar gab es immer wieder Probleme mit Bandenkriminalität aus der Richtung von Ame Gakure, und sie bemerkten auch, dass Kakuzu und Madara diese Überfälle wirksam zu verringern wussten, doch das bewog sie nicht, das neue Dorf zu besiedeln.

Am liebsten hätte Madara für das neue Dorf erst einmal starke Familien angeworben, Clans mit Kekkei Genkai und Zusammenhalt, eben solche, wie jene, aus denen auch Konoha Gakure einst entstanden war. Doch solche Clans zu dieser Zeit zu finden, war enorm schwer, weil die meisten von ihnen schon in anderen Dörfern fest eingebunden waren.

 

Madara hatte zwar die Bücher, die er in Konoha über die Gründung des Dorfes gelesen hatte, nun nicht mehr praktisch zur Hand, doch er hatte das allermeiste davon so oft und intensiv gelesen, dass er die Inhalte aus dem Gedächtnis abrufen konnte.

Er wusste, was und wie Hashirama Senjuu gedacht und gearbeitet hatte, was seine Pläne gewesen waren, und wie er die Familien Uchiha und Hyuuga angeworben und eingebunden hatte. Der Hokage der Ersten Generation war ein sehr charismatischer, freundlicher und begeisterungsfähiger Mensch gewesen, einer, dem es überaus leicht gefallen war, seine Ideale an andere Menschen weiter zu geben. Und Madara hatte dessen Schriften schon als Kind begeistert gelesen und tief in sich aufgenommen, so tief, dass er sich selbst für den Hashirama seiner eigenen Generation halten konnte. Er betrachtete sich ganz genau so, als einen Botschafter dieser Ideale für die Zukunft.

 

Doch auch ein Idealist brauchte Kraft und ein Stück Macht, um das zu verwirklichen. Und das, obwohl Macht als solche nicht unbedingt zu Madaras bevorzugten Dingen gehörte. Er befürchtete, durch zu viel Macht den Kopf und die Klarheit zu verlieren. Diese Gedanken waren recht typisch für einen Uchiha, denn die Macht, die das Sharingan mit sich brachte, verursachte, dass man sich vor dieser Kraft fürchtete und sie zu binden versuchte.

 

Eines Abends, es war Anfang des Jahres 1989, saß Madara mit Sasori und Kisame draußen vor dem Haus, in dem er immer noch mit Konan und Nagato lebte, und sie sprachen über ihre Pläne.

Sasori war inzwischen aus diesem Haus in ein anderes, eigenes Haus umgezogen, da seine Werkstatt mehr Platz benötigte, und er hatte zudem eine Art von Arbeitsverhältnis und Trainingsbeziehung zu Kisame aufgebaut. Dieser hielt sich abseits davon weiterhin an Kakuzu.

„… Wir brauchen irgendwas, was starke Familien anzieht. Irgendeine Kraft, einen Faktor, dem sie nicht widerstehen können“, sagte Madara.

„Du meinst, dann verlässt vielleicht eine das Dorf, wo sie bisher gelebt haben, und kommt hier zu uns?“ Sasori schien nicht wirklich daran zu glauben.

„In Kiri Gakure gibt’s so einen Clan. Die gehen immer dorthin, wo sie die meiste Kraft sehen“, sagte Kisame. „Die wollten auch schon mal nach Konoha, vor langer Zeit. Aber der Hokage der Zweiten Generation wollte sie nicht haben.“

„Und womit würde man sie anlocken?“, fragte Madara.

„Mit so viel Macht und Energie, dass sie nicht widerstehen können.“ Kisame grinste.

„Und woher kriegen wir die?“, fragte Sasori.

 

„Fangt einen Bijuu-Geist.“ Das war Kakuzus Stimme. Er kam gerade den Weg vor dem Haus entlang, nachdem er den ganzen Tag irgendwo unterwegs gewesen war.

Madara musste einen Moment überlegen, ob er das gerade wirklich so gehört hatte. Kakuzu sagte das so ungerührt daher, als würde er auf die Frage nach dem heutigen Abendessen antworten. Einen Bijuu-Geist fangen?! Das war eine ähnlich große Hausnummer wie den Mond vom Himmel zu holen, in ein Tuch einzuwickeln und dann wieder am Firmament aufzuhängen.

 

„Wie bitte?“, fragte Madara.

„Sag mir nicht, du weißt nicht, was ein Bijuu ist, Madara?“, erwiderte Kakuzu.

„Meine Güte, natürlich weiß ich das!“ Madara stand auf. „Aber wie soll das bitte gehen?“

„Du hast das Sharingan, du müsstest das wissen“, sagte Kakuzu. „Und jetzt sag mir nicht, dass du zu feige bist.“

„Das hat nichts mit Feigheit zu tun. Ein Bijuu ist ne verdammt große Hausnummer!“

„Na und?“ Kakuzu legte seine Taschen ab, setzte sich neben Kisame und sah Madara nur an.

„Könnte man schon …“, sagte Sasori.

„Könnte man was?“

„In Suna Gakure gibts den Ichibi. Er ist in einer Frau versiegelt, die gut beschützt und bewacht wird. Kommst du nicht ran. Aber gibt ja noch andere. Man kann sicher rausfinden, welche noch frei sind, und dann sehen wir weiter.“

 

„Frei oder versiegelt, ist doch egal“, sagte Kisame.

„Nein, ist es nicht!“ Madara stand auf, sah die anderen drei nacheinander an. „Ich werde keinem lebenden Menschen einen Bijuu austreiben, das wäre Mord! Könnt ihr vergessen, kapiert?!“

„Dann musst du nehmen, was übrig bleibt“, sagte Kakuzu.

„Ist mir egal“, sagte Madara. „Und jetzt lasst mich damit in Ruhe.“

Damit war das Thema fürs erste erledigt, zumindest für Madara.

 

Allerdings hatte keiner der vier mitbekommen, dass drinnen, hinter dem geöffneten Fenster, Nagato alles mit angehört hatte. Der Junge war inzwischen elf Jahre alt und hatte durch das Training einiges an Veränderungen durchgemacht. Er fühlte sich nun stärker, und von außen gesehen war er ruhiger geworden. Doch, was niemand wirklich sah, in seinem Inneren hatte er eine destruktive Motivation entwickelt. Kakuzus Idee mit den Bijuu löste in ihm einen Strudel an Gedanken aus.

 

Am nächsten Morgen wachte Konan davon auf, dass Nagato aus seinem Zimmer lief, die Tür zuschlug und die Treppe hinunter rannte. Sie stand auf, lief zum Fenster ihres Zimmers und sah nach draußen. Unten vor der Tür stand Kisame, und als Nagato aus dem Haus kam, gingen die beiden los, in Richtung Tal. Konan fragte sich, was die beiden vorhatten, denn normalerweise war Madara dabei, wenn Nagato zum Training ging. Aber sie traute sich irgendwie nicht, zu rufen. In letzter Zeit war Nagato irgendwie sehr merkwürdig, und Konan wusste das nicht einzuordnen. Es fiel ihr auf, dass er nicht darüber sprach, was er im Training lernte, er schien keine Ambition zu haben, seine Fortschritte mit ihr zu teilen.

„Na egal“, dachte sich das kleine Mädchen in diesem Moment. „Dann geh ich halt zu Sasori.“

 

Sie zog sich also an, nahm ein bisschen Papier mit und ging hinunter. In der Küche stand eine Schüssel mit Salat, da stoppte sie noch mal, füllte sich etwas davon in ein Schälchen, frühstückte ein wenig und ging dann raus. Es war noch dämmrig draußen, die Sonne war noch nicht zu sehen, und trotzdem setzte Konan sich ein wenig auf die Bank vor dem Haus und fühlte das Licht.

Sie liebte Sonnenlicht nach wie vor, und konnte daraus auch viel Energie für sich ziehen. Und obwohl sie so viel und gern im Sonnenlicht badete, war ihre Haut noch immer weiß wie Schnee. Inzwischen wusste sie, das kam vom Papier, auch wenn sie nur raten konnte, ob sie das geerbt hatte oder nicht. Sie hatte weiterhin keinerlei Erinnerungen an ihre Wurzeln, aber das störte sie nicht. Sie konzentrierte sich voll auf das, was sie jetzt hatte.

Das Einzige, was ihr manchmal fehlte, war ein anderes Mädchen, eine Freundin in ihrem Alter. Aber das hatte Zeit, irgendwann würden hier in das neue Dorf auch neue Menschen einziehen und dabei war sicher auch das eine oder andere kleine Mädchen.

 

Konan sprang wieder von der Bank, nahm das Papier mit und lief zu Sasoris Haus. Von draußen sah sie, dass er schon den Ofen angemacht hatte, es kam Rauch oben aus dem Kamin. Sie lief zur Tür und klopfte. Als dann jedoch nicht aufgemacht wurde, klopfte sie nochmals und fragte laut: „Sasori? Bist du da?“

„Moment …“, kam es von drinnen. „Ich komm gleich.“

„Alles okay?“, fragte Konan draußen.

Es dauerte ungewöhnlich lange, länger, als es für Sasori typisch war, bis er schließlich die Tür öffnete. Er trug ein langes, weites Gewand statt Hemd und Hose, und Konan fiel sofort auf, dass irgendwas mit seinem Körper nicht stimmte, seine Haltung war anders als sonst.

„Was ist?“, fragte Konan.

„Nichts.“

Das kleine Mädchen verdrehte die Augen. „Nichts gibt’s nicht.“ Sie dachte an Nagato, daran, wie dieser immer „Nichts“ sagte. „Komm mir nicht wie Nagato, das mag ich nicht.“

 

Sasori lächelte. „Okay.“ Er streckte sich ein wenig, und dabei gab es ein hölzernes Geräusch.

Konan sah ihn irritiert an, und Sasori lächelte wieder. „Ich arbeite nur gerade.“

„Woran?“

Wieder lächelte der Puppenspieler. „An mir.“ Er hob die Hand, der Ärmel seines Gewands rutschte bis zum Ellbogen herunter und enthüllte ein hölzernes Kugelgelenk anstelle von Haut und Knochen.

„Wie bitte?“ Konan starrte ihn an.

„Hab ich dir noch nicht erzählt, tut mir leid … Ich hab diese Idee schon sehr lange, und jetzt, wo ich sechzehn bin und am schönsten aussehe, ist der beste Zeitpunkt, sie umzusetzen.“

„Du … machst dich selber zu einer Puppe? Wie geht denn das?“

„Es gibt spezielle Jutsus, mit denen man das machen kann. In Suna Gakure gibt’s jede Menge davon, und meine Großmutter hatte Bücher darüber.“

„Weiß sie das hier?“

„Natürlich nicht. Ich werde sie damit überraschen, sollte ich … sie noch mal sehen.“

Konan musste das einen Moment sacken lassen. Es war unheimlich und gruselig, aber auch irgendwie interessant, und es passte auch zu Sasori. Er war perfektionistisch, ungeduldig und eben auch ein Künstler, jemand, dem Schönheit alles bedeutete. Dass er selbst auch ewig schön sein wollte, wie eine Puppe, war da nur logisch.

 

„Was ist, Konanchen? Wollen wir ein bisschen üben?“, fragte Sasori.

Konan kniff die Augen zu, riss sie wieder auf, dann nickte sie. „Ich hab Papier dabei.“

„Schön.“

Inzwischen konnte das Mädchen jede Waffe, die sich aus Papier nachbilden ließ, herstellen, sie beherrschte das Falten längst wie im Schlaf.

 

Sasori ließ sie ins Haus und Konan entdeckte eine Vase mit frischen Blumen, Rosen und Kamelien. „Ich hab lang keine Blumen mehr gemacht“, sagte sie.

„Dann wärs ja wieder Zeit.“ Sasori nahm die Vase vom Regal und stellte sie auf den Tisch, an dem Konan für gewöhnlich arbeitete. Das Mädchen nahm ein weißblaues Blatt Papier, fing an, es für das Falten weich zu machen, rollte es in alle Richtungen. Auf dem Tisch lag noch ein Papier-Shuriken herum vom letzten Mal, als sie hier mit Sasori gearbeitet hatte, und intuitiv griff sie danach, berührte vorsichtig die scharfen Kanten und schnitt ein winziges Stück Haut an ihrem Finger ab. Dann ließ sie ein wenig loses Chakra über das Papier laufen und der kleine Hautfetzen schmolz quasi in die Klinge hinein, machte sie blitzscharf und hart.

 

Sasori sah ihr fasziniert zu. „Wolltest du nicht Blümchen falten?“, fragte er.

„Warte ab, ich bin noch nicht fertig.“ Konan grinste.

„Ich mag nicht warten.“

„Dann mach in der Zeit was anderes.“

Und so griff Sasori sich ein Holzteil und Schleifpapier, während Konan entdeckte, dass sich ihre Haut an der Stelle, wo sie etwas abgeschnitten hatte, schnell wieder regenerierte und neues Papier hervorbrachte.

„Wie auch immer ich das mache, es klappt“, sagte sie leise, mehr zu sich, doch Sasori antwortete darauf: „So ist das bei mir auch.“

„Madara sagt, das nennt man Naturtalent.“

 

Eine halbe Stunde später hatte Sasori einen ganzen Arm aus Holz gebaut und Konan eine hübsche weiße Rose gefaltet. Sie nahm die kleine Spange, mit der sie ihren Pony beiseite hielt, aus ihrem Haar und befestigte sie an der Rose, drehte einen Teil ihres lilablauen Haars zu einer Kugel und steckte diese mit der Rose fest.

„Wie seh ich aus?“, fragte sie und lächelte.

Sasori sah von seiner Arbeit auf. „Sehr schön.“

„Ich bin auch ne Puppe.“ Konan grinste wieder. „Nur halt aus Papier, nicht aus Holz. Und weißt du, was die Blume Tolles kann?“

„Was denn?“

Konan hob die Hand, griff an die papierne Rose und als sie eins der Blätter herauszog, flogen viele kleine, harte Papiersplitter aus der Blüte, wie Kunai in alle Richtungen.

Sasori machte große Augen.

„Du bist eine ganz beeindruckende kleine Künstlerin“, sagte er.

„Danke gleichfalls.“

 

Es klopfte an Sasoris Haustür. „Sasori? Ist Konan bei dir?“, ertönte Madaras Stimme.

„Jaa“, antwortete Konan. „Ich bin hier.“

Sie sprang auf, lief zur Tür und öffnete sie.

„Na, seid ihr fleißig?“ Madara lächelte. Er hatte eine große Tasche dabei, kam herein und stellte sie ab. „Ich war eben unten im Dorf, hab ein bisschen eingekauft. Und ich hab ein Geschenk für dich, Konanchen.“

„Ein Geschenk!“ Das kleine Mädchen strahlte. Sie stürzte sich geradezu auf die Tasche und öffnete diese, es kam ein großer Karton zum Vorschein.

 

„Was ist da drin?“

„Mach es auf, dann siehst du’s.“

Konan fragte sich, während sie den Karton öffnete, was darin sein könnte. Sie erinnerte sich nicht, einen Wunsch nach einem so großen Gegenstand, wie ihn dieser Karton enthalten musste, geäußert zu haben.

„Ich dachte, du hast vielleicht Lust, etwas Neues zu lernen“, sagte Madara. „Und eine Bäuerin aus dem Dorf wollte die verkaufen. War nicht teuer.“

Konan hatte den letzten Verschluss des Kartons aufgerissen und als sie den Deckel abnahm, war endlich zu sehen, was Madara ihr da gekauft hatte: Eine Nähmaschine!

 

„Was ist denn das?“

„Das ist eine Nähmaschine. Die schließt du an eine Steckdose an, bei uns im Haus, und dann kannst du damit Kleider nähen, oder Kissen und Decken, was du magst. Du bist ein kluges Mädchen, du lernst das bestimmt.“ Madara lächelte und zog eine weitere, etwas kleinere Kiste aus seiner Tasche. „Hier ist auch Garn und ein bisschen Stoff und was du sonst noch brauchst.“

Konan sah sich alles genau an, dann blickte sie hoch zu Madara. „Dankeschön, Dara. Dann kann ich ja auch Kleider wieder heil machen, wenn was kaputt geht.“

„Genau. Und ich freu mich einfach, wenn du neue Dinge lernst.“

„Ich weiß.“ Konan grinste. „Deshalb magst du ja Kinder.“

 

Konan unterbrach also erst einmal ihre Origami-Arbeit und begab sich mit der Nähmaschine in ihr Zimmer im Wohnhaus. Madara erklärte ihr kurz, wie man die Maschine anschaltete und ein wenig der Bedienung, dann ließ er das kleine Mädchen alleine. Er wusste, dass sie am besten lernte, wenn man sie ließ und sie sich ungestört dem Ausprobieren widmen konnte.

 

Am Abend, als Madara mit seinen eigenen Aufgaben fertig war und Abendessen für sich und die Kinder machte, kam Sasori ins Haus. Er trug wieder Hemd und Hose statt des Gewands vom Morgen, und so war seine neue ewige Puppengestalt erkennbar. Madara hatte längst bemerkt, dass Sasori zu dieser Entscheidung tendiert hatte, und so wunderte es ihn nicht zu sehr, dass der Junge von sechzehn Jahren bei jeder Bewegung wie eine Kampfmarionette klapperte.

„Bist fertig?“, fragte er.

„Noch nicht ganz“, sagte Sasori. „Aber bald.“

 

Auf der Treppe waren schnelle Schritte zu hören, Konans Schritte. „Dara, hast du Essen gemacht? Ich hab Hunger.“

„Ist fast fertig“, antwortete Madara und stellte den Topf mit der Suppe noch mal aufs Herdfeuer. Dabei fiel sein Blick aus dem Küchenfenster und er sah den fast vollen Mond über den Wäldern, er war gerade aufgegangen und schimmerte satt bernsteingelb.

„Der Mond!“, rief Konan freudig. „So eine tolle Farbe!“

„Das ist ja fast orange!“, bemerkte Sasori.

„Morgen ist Vollmond“, sagte Madara. „Ich muss die Bonsais vorbereiten, nach dem Abendessen.“

 

Nagato tauchte ebenfalls zum Essen auf, aß schnell und konzentriert und verschwand dann wieder nach draußen. Er hatte den Tag mit Kisame verbracht und dieser aß in der Regel später mit Kakuzu zusammen. Konan bemerkte, wie Nagato sich während des Essens kaum umsah und er stellte auch keine Fragen oder beteiligte sich sonst wie am Gespräch. Sie fand das blöd, sagte aber nichts.

 

Nach dem Abendessen ging Madara raus zu seinen Bonsais, die vor dem Vollmond mit besonders geladenem Wasser gepflegt und mit bestimmten Mineralien und Steinen versehen wurden, damit sie das Licht des Vollmonds bestmöglich aufnehmen konnten.

Diese Maßnahmen waren nicht rein wissenschaftlich begründbar, sondern bedienten sich einer gewissen Mythologie und Philosophie, einer Mischung aus der Symbolik von Konoha Gakure, den Symbolen des Uchiha-Clans und der mythischen Kraft der Natur.

 

Als er nach dem Pflegen der Pflanzen wieder zum Himmel hinauf blickte, war aus dem satten Gelborange des Mondes eine beinahe rote Farbe geworden, die sich mit dem Sonnenuntergang weiter über die Rundung des Himmelskörpers ausbreitete. Und in diesem Moment, am Abend vor diesem Maivollmond, der von allen Monden übers Jahr die meiste Kraft hatte, fiel dieses Wort von irgendwoher in Madaras Geist, er wusste nun einen Namen für das neue Dorf:

 

Akatsuki-hikari Gakure, das Dorf versteckt im Licht des roten Mondes.

Konoha hatte das Laub, dieses Dorf den Mond dazu. Beides gehörte zusammen.

Madara Uchiha lächelte, blickte zum Mond hinauf und sah zu, wie dieser sich tiefrot verfärbte, so rot wie Madaras Sharingan.

„Es ist so perfekt“, sprach er seinen Gedanken aus. „Jetzt fehlt nur noch der Geist der Menschen für dieses Dorf.“

 

Und dann fiel ihm Kakuzus schräge Idee mit den Bijuu wieder ein. Wenn es ihm also gelänge, einen freien Bijuu zu bekommen, um die Kraft des Mondes mit der Energie dieser Wesen zusammen zu bringen, denn die Bijuu stammten wirklich ursprünglich vom Mond, ehe sie vor tausenden Jahren die Erde betreten hatten, dann hätte er die Macht, die es brauchte, ein neues Land mit glücklichen Bewohnern zu begründen.

Madara räumte die Bonsai-Werkzeuge zusammen und weg, ging ins Haus und in sein Schlafzimmer und holte ein bestimmtes Buch aus dem Regal: Es war ein Buch, das er aus Konoha mitgenommen hatte, weil er, als er damals wieder nach Ame an die Front gemusst hatte, noch nicht fertig damit gewesen war, es zu lesen.

In diesem Buch gab es zwei, drei Kapitel, die sich mit den Bijuu beschäftigten und auch mit dem legendären universellen Chakra des „Jubi“ genannten Energiewesens, das zwar selbst kein Bijuu war, doch eine große Macht hatte.

Die meisten Bijuu waren in festen Händen der Dörfer, wurden, wie Sasori schon erzählt hatte, von einer Jinchu-Kraft zur nächsten weiter versiegelt. Doch einige wenige der neun waren frei, lebten in ihren eigenen Zwischendimensionen und tauchten nur hin und wieder auf. Jedoch war es schwer, einen freien Bijuu zu finden und zu fangen, denn diese Wesen waren wirklich extrem stark und mächtig, und sie hassten die Menschen.

 

Doch Madara hatte einen ganz entscheidenden Vorteil, der ihm den Gedanken zuließ, dass es gelingen könnte, einen Bijuu für sich zu gewinnen:

Bijuu wurden von den Menschen meist nach der Anzahl ihrer Schwänze benannt. Ichibi, Nibi, Sanbi, und so weiter, bis zum Kyuubi. Doch das waren nicht ihre wirklichen Namen. Jeder Bijuu hatte einen eigenen Namen, einen eigenen Charakter, sie waren denkende, fühlende Wesen mit Persönlichkeit, und sie waren meist deshalb so wütend und gefährlich, weil die Menschen ihnen diese Gefühle seit Urzeiten nicht zugestanden. Sie fühlten sich von den Menschen nicht als Persönlichkeit gesehen und einen Bijuu nur mit seiner Nummer anzusprechen, bedeutete genau das, sie fühlten sich dadurch schwer missachtet.

Aber Madara hatte vor vielen, vielen Jahren mal mehr oder weniger zufällig eine versiegelte Schrift des Ersten Hokage in die Hände bekommen, die sich ihm von selbst geöffnet hatte, und in der der eigentliche, wirklich persönliche Name jedes Bijuu aufgeschrieben gewesen war. Und er hatte sich diese Liste gut gemerkt, das Wissen in seinen Sharingan gespeichert.

 

Er aktivierte die Sharingan und las das Buch, das er in der Hand hatte, noch einmal. Und tatsächlich war das Wissen über die Namen der Bijuu in den Seiten dieses Buches ebenso versiegelt, die Liste der Namen aller Bijuu schimmerte durch die Seiten wie ein Wasserzeichen im Papier.

Madara wusste nicht, warum es sich ihm hier und jetzt gerade offenbarte, er fühlte aber, dass längst nicht jeder, auch nicht jeder, der ein Sharingan hatte, diesen Effekt in diesem Buch erwecken konnte. Es war wie Schicksal, ein Wissen nur für ihn allein. Vielleicht war es der rote Mond, der ihm einen Blick gewährte?

 

Und neben jedem Namen im Papier standen andere Worte, die Kräfte und Elementstärken jedes einzelnen Bijuu und, am Wichtigsten: Ob sie frei waren, und wenn ja, wo sie lebten.

Madara sah diese Liste von Anfang bis Ende durch, von Ichibi, der eigentlich Shukaku hieß, bis zum Kyuubi, dessen wahrer Name Kurama lautete. Und Kurama war frei, hielt sich in seiner eigenen Welt auf, war dort aktiv und hatte möglicherweise Pläne, bald wieder in diese Dimension zu wechseln. Das Dorf Konoha war auf seinem Territorium erbaut worden, nachdem Hashirama Senjuu ihm dieses Land dereinst durch viele harte Verhandlungen so gesehen abgekauft hatte. Doch das war nun so lange her, dass Kurama offenbar die Idee hatte, sich wieder in Konoha blicken zu lassen. Doch wann genau, das stand hier nicht.

„Du meine Güte …!“, flüsterte Madara erschrocken. „Das wäre … eine Katastrophe!“

 

Er las das Buch weiter, mit aktiven Sharingan, und dabei entdeckte er eine weitere Geheimnisseite, auf der ein Jutsu beschrieben war, das dieser Beschreibung nach ursprünglich zu den geheimsten Jutsus der Familie Senjuu gehörte.

Ein Jutsu, mit dem man durch eine Drachengestalt einen Bijuu herbeilocken, bändigen und für sich gewinnen konnte. In der Shinobi-Welt gab es keine Drachen, doch es gab schon, wenn auch sehr, sehr verborgen, das Wissen, dass woanders, auf anderen Dimensionen, Drachenwesen lebten. Und die Einzigen, die dahin eine Chance auf einen Zugang dorthin hatten, waren von jeher die Senjuu und die Uchiha. Da die Senjuu sich jedoch in Konoha mit den anderen Familien vermischt hatten, blieben im Grunde nur noch die Uchiha als reine Hüter dieser Fähigkeit, und Madara hatte hier das einzige Buch in der Hand, mit dem sich dieses Jutsu erlernen ließ.

 

Das Jutsu hieß „Jutsu des neunköpfigen Phantomdrachens“, und die Beschreibung ließ erahnen, dass es nie vollständig fertig entwickelt werden konnte. Zur Anwendung war Jubi-Chakra notwendig, das universellste Chakra, mit allen fünf Elementen. Und nur mit einer größeren Menge dieses Chakras würde dieses Jutsu stark und sicher genug sein, um einen Bijuu überhaupt zu kontaktieren. Aber Jubi-Chakra war ungefähr so schwer zu finden wie die Bijuu selbst. Es tauchte nur auf, wenn sich schon ein Bijuu irgendwie in der Nähe befand.

Es gab auch eine zweite Version des Jutsus, die jedoch als „äußerst verboten und sehr gefährlich“ beschrieben wurde, eine Version, mit der man ohne Jubi-Chakra einen in einem Menschen versiegelten Bijuu herausziehen konnte.

Dieses Jutsu oder ein ihm sehr ähnliches war sogar bekannt, es wurde schon verwendet, wenn man einen Bijuu von einer Jinchu-Kraft zur nächsten weiter transferieren wollte. Doch dieses Jutsu bedeutete in jedem Fall, dass der Mensch, dem man den Bijuu entzog, dabei starb, und allein deshalb schon kam es für Madara absolut nicht infrage.

 

„Na dann …“, sagte Madara zu sich, während er sich die erste Beschreibung des Jutsus noch mal ansah, „dann gibt’s erstmal nur die Theorie …“

Er klappte das Buch zu und setzte ein besonderes, nur auf sein Sharingan reaktives Sicherheitssiegel darauf. Schließlich lebte er hier mit Kakuzu und Kisame, und die beiden sollten sicherlich nicht wissen, dass es dieses Jutsu gab und woher es kam.

 

Auf der anderen Seite von Madaras verschlossener Zimmertür stand Nagato. Madara hatte sich zu sehr auf das Buch konzentriert, um den Jungen zu bemerken, doch Nagato hatte sein Rinnegan aktiviert und konnte durch die Tür schauen. Er hatte Madara dabei beobachtet, wie dieser das Buch gelesen hatte, hatte die Energie bemerkt und daraus geschlossen, dass es wieder um Bijuu ging. Und auch wenn er keinen direkten Blick auf den Inhalt des Buches hatte erlangen können, war nun jedenfalls sein Interesse daran geweckt.

Madara machte einen Schritt auf die Tür zu und Nagato lief schnell über den Flur in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich ab.

 

Auf der Treppe nach unten kam Madara Konan entgegen, sie hatte die Blüte, die sie am Morgen hergestellt hatte, immer noch im Haar, und fragte: „Dara, hast du Nagato gesehen?“

„Ist er nicht bei Kisame?“

„Nee, Kisame ist bei Sasori.“

„Dann ist er wohl in seinem Zimmer, oder?“

Konan blieb auf der Treppe stehen, sah Madara einen Moment lang einfach an und sagte: „Er ist so komisch irgendwie …“

„Willst du drüber reden?“, fragte Madara.

„M-hm“, machte Konan. „Ich mach mir … ein bisschen Sorgen …“

 

Madara nahm seine Ziehtochter an der Hand, ging mit ihr durch den Wohnraum unten nach draußen und sagte: „Komm, wir machen einen kleinen Spaziergang.“

 

Sie nahmen den Weg in den Wald, der unterhalb der Baustelle begann, und kaum waren sie außer Hörweite des Hauses, sagte Konan: „Du hast doch mit ihm trainiert. Was hat er?“

„Dass er schwer traumatisiert ist, weißt du wahrscheinlich. Wie du schon sagtest, du selbst vermisst deine Eltern nicht, weil du dich nicht erinnern kannst, wer sie waren. Aber Nagato kannte seine Eltern. Und er hat von ihnen etwas geerbt, das, was er Rinnegan nennt. Es ist tatsächlich vergleichbar mit meinem Sharingan. Und er weiß, dass es stark ist. Er weiß, dass er so stark sein kann, und er ist so wütend auf die Welt, weil er genau weiß, dass die Welt und der Krieg ihm die Eltern genommen haben.“

 

„Aber warum hängt er dann mit Kisame rum? Kisame interessiert sich doch null für ihn, der denkt doch immer nur an sein Schwert.“

„Weil Kisame stark ist. Und vielleicht ist diese Oberflächlichkeit für Nagato auch etwas, wo er sich … nun ja, wo er eben Raum für seine Wut innerlich hat. Verstehst du? Dir gegenüber hat Nagato eine Menge Gefühl, das merkst du daran, dass er eifersüchtig ist, und vielleicht findet er Kisame deswegen gut, weil der eben völlig desinteressiert an Verbindung ist.“

 

„Aber ich kanns nicht leiden, wenn er eifersüchtig ist.“ Konans Ausdruck war eine Mischung aus Sorge, Abneigung und Frage. „Früher hab ich gedacht, wenn ich ihm das immer sage, dass er gar nicht eifersüchtig sein muss, dann wird er damit irgendwann aufhören. Aber er hört nicht auf. Er will mich immer für sich allein haben, ich merke das, er würde Sasori am liebsten wegjagen. Ich hab ihm so oft gesagt, dass ich ihn doch ganz anders gern habe als Sasori, aber er hört mir gar nicht zu.“

„Vielleicht kann er das einfach nicht.“

„Aber …“, Konans Blick wurde eindeutig wütend, „… ich kanns halt echt nicht leiden. Ich kanns nicht ausstehen, wenn jemand … so klammert, ich bin doch meine eigene Person! Ich hab Nagato gern, er ist doch mein Bruder, aber wenn er gar nicht versteht, dass ich …“ Jetzt hatte das Mädchen Tränen in den Augen, „… es nicht leiden kann, wenn er denkt, ich bin nur sein Besitz … dann weiß ich gar nicht … ob ich ihn überhaupt so lieb haben will.“

 

Madara fühlte, dass ihn die Situation doch ein klein wenig … überforderte. Er war eigentlich wirklich gern Ziehvater und fühlte für Konan auch ziemlich genau das, was ein Vater für seine kleine Tochter empfand. Konan war ihm zufällig in vielem ähnlich, er war stolz auf sie und hatte sie sehr lieb. Doch diese emotionalen Komplikationen zwischen Konan und Nagato wären vielleicht auch für einen wirklichen Vater von zwei so unterschiedlichen Kindern schwer zu händeln gewesen.

 

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander, und Madara spürte, dass Konan Gedanken hatte, das Denken war ihr anzusehen. Und dann fragte das kleine Mädchen: „Madara? Sag mal … wäre es möglich … dass ich irgendwie … in eine Schule gehen kann?“

„In eine Schule?“

Konan nickte. „Irgendwo, wo ich lernen kann und wo andere Mädchen sind …“

„Möchtest du eine Freundin?“

„M-hm. Und ich will noch mehr lernen.“

„Wie lange denkst du da schon drüber nach?“

„Noch nicht lange.“

 

Madara sah seine Tochter an, und wieder fühlte er Stolz. Dieses Mädchen war so klug und neugierig, und sie wusste schon so genau, was sie wollte und wohin es sie zog, was sie sich wünschte und was nicht.

„Gibt’s hier in der Gegend eine Schule?“, fragte sie.

„Ich hab noch nicht danach gesucht. Ame Gakure hat vielleicht eine Akademie …?“

„Aber nach Ame geh ich nicht!!“ Konans Stimme wurde eindeutig scharf und kalt. „Ich geh überall hin, aber nicht nach Ame!“

„Warum nicht?“, fragte Madara mit einer gewissen Vorsicht.

„Da regnet es doch immerzu, und ich hasse Regen!“

„Okay, dann suchen wir woanders.“

„Wär das denn okay für dich, wenn ich woanders hin gehe?“, fragte Konan. „Es wär ja weit weg, ich müsste da auch übernachten und so …“

„Wenn es eine gute Schule ist, an einem Ort, wo du dich wohl fühlst, wär das für mich natürlich okay. Es gibt bestimmt irgendwo Internate, wo du eine Zeit bleibst und lernst, und wir besuchen dich dort.“

Konan lächelte. „Ich hab dich lieb, Dara.“

„Du brauchst deinen Freiraum, ne? Ich bin wirklich stolz auf dich, Konanchen. Wie du immer lernst und arbeitest und weißt, was du möchtest und was nicht, das ist richtig gut.“

Das kleine Mädchen sah zu ihm hoch, lächelte strahlend. „Ich bin halt meine eigene Person. Und … was ich zum Beispiel an Sasori mag, ist, dass er mich das sein lässt. Sasori tut nicht so, als müsste ich dies oder das für ihn machen, er fragt mich, und wenn ich Nein sage, macht er es selbst.“

„Deswegen seid ihr so ein gutes Team, stimmts?“

Konan nickte.

„Und wenn Sasori mit Kisame Sachen arbeitet, wie ist das für dich?“

„Ich mag Kisame nicht. Aber ich kann doch nicht hergehen und Sasori sagen, was er zu tun hat, nur weil ich diesen Fisch nicht leiden kann. Sasori ist ja auch seine eigene Person.“

 

„Unabhängigkeit ist dir sehr wichtig, ne?“

„Ja. Ich mag das halt nicht, wenn einer mir sagt, ich soll nur für ihn da sein. Verlange ich dann auch nicht von anderen.“

„Du wirst sicher mal eine ganz starke Frau, wenn du groß bist.“ Madara lächelte.

„Möchte ich auch. Ich weiß schon, was ich mal werden will. Ich möchte Kunoichi werden und die Welt sehen und so viel lernen, wie ich kann.“

„Ich werde mich mal informieren, wo es eine gute Schule für dich gibt“, sagte Madara.

 

Sie gingen zum Haus zurück, und als sie dort ankamen, saß Nagato auf der Bank vor der Tür. Er hatte ein Buch in der Hand und ein Heft und einen Stift daneben liegen, lernte irgendwas.

„Da bist du ja“, sagte Konan und setzte sich neben ihn. „Ich hatte dich gesucht.“

„Ich war in meinem Zimmer. Das Training mit Kisame war anstrengend, ich hab geschlafen.“

„Was trainiert ihr denn gerade?“

„Taijutsu.“

„Und jetzt lernst du?“

„Ja. Kisame hat was von Ballistik erzählt, und ich wollte wissen, was das ist und so …“

 

Madara stand nur da und sah seine beiden Kinder, wie sie miteinander sprachen. Konan schien tatsächlich zwiegespalten, was Nagato anging, denn in diesem Moment nahm sie einfach seine Hand in ihre und sagte: „Nagato … Du weißt, dass ich dich lieb hab, oder? Das ist ganz, ganz wichtig, dass du das weißt. Du bist mein Bruder, und egal wie gerne ich Sasori oder sonst wen mag, ich mag dich auch. Ein Bruder ist nicht dasselbe wie ein Freund.“

Nagato sah sie überrascht an.

„Ich mags nur nicht leiden, wenn du so eifersüchtig bist. Aber ich mag dich. Schau mal … ich geh doch auch nicht her und sag, du sollst nur für mich irgendwas sein. Du kannst mit Kisame rumhängen, obwohl ich so nen Fisch echt nicht mag. Ich lass es dir. Also lass mir auch meins. Sasori ist keine Gefahr dafür, dass du mein Bruder bist. Verstehst du das?“

Nagato schien es ein wenig die Sprache verschlagen zu haben, es dauerte einen Moment, bis er etwas dazu sagte: „Ja … Ich hab nur …“

„Angst?“

Er nickte.

„Kann ich auch verstehen. Ich weiß, dass du Angst hast. Deswegen sag ich dir ja, was ich denke. Du kannst dich drauf verlassen, dass ich dir die Wahrheit sage, Nagato. Wenn irgendwas ist, wenn ich wirklich ein Problem habe oder so … Ich sag dir, was Sache ist.“

 

In diesem Moment hatte Madara den Eindruck, dass Konan dabei war, ihren älteren Bruder in Sachen Reife und Entwicklung zu überholen. Sie war die Jüngere, fünf Jahre jünger, doch die Art, wie sie sich ausdrückte und das, was sie demnach dachte und wie sie ihre Worte wählte, sprach von einer Reife, die Nagato offenbar fehlte. Und wieder fühlte Madara sich durch Konan an Itachi erinnert.

 

Er ging ins Haus und begann, das Mittagessen zuzubereiten, während Konan bei Nagato draußen sitzen blieb und ihm beim Lernen zusah. Wenn er sich erinnerte, wie die beiden waren, als er sie gefunden hatte, fühlte er Stolz, sowohl auf die beiden, als auch auf sich selbst. Und er fragte sich, ob Konan von selbst diese Klarheit hatte, oder ob sie diese von ihm übernommen hatte. Genau gewusst, was sie wollte, hatte sie damals schon, vielleicht war sie einfach so. Aber so ein Talent wurde natürlich mehr, wenn so ein Kind in eine Umgebung kam, wo sie das entfalten konnte, und Madara bot ihr das. Ebenso wie Sasori, mit dem sie die Freude an der Kunst teilte.

 

Abseits von den Gedanken an seine Kinder dachte ein Teil von Madaras Gedanken immer noch über die Sache mit den Bijuu nach. Er wollte es nicht so machen wie die anderen Dörfer, nicht nur einen Bijuu einfangen, versiegeln und zur Mitarbeit zwingen.

Es wäre auf lange Sicht doch deutlich ertragreicher, wenn er den Bijuu auch mental und moralisch für sich gewinnen würde. Und er hatte eine Möglichkeit, das zu erreichen, da er die wahren Namen der Geister kannte. Vielleicht würde das genügen, um einen Bijuu zu überzeugen, sich dem neuen Dorf Akatsuki-hikari Gakure zuzuwenden und anzuschließen?

Sollte also Kurama planen, sich wieder in Konoha blicken zu lassen, musste Madara das unbedingt vorher wissen und dort sein, um das Dorf zu retten und Kurama für sich zu gewinnen. Dieser Gedanke ließ ihn lächeln, denn vom vermeintlichen Deserteur zum Retter von Konoha zu werden und damit gleich eine positive Verbindung zu seinem neuen Dorf hier zu schaffen, stimmte ihn vorfreudig. Wenn Akatsuki-hikari somit zum Retter von Konoha wurde, dann wäre das die stärkste mögliche Allianz, die Madara sich nur wünschen konnte. Und Oma Yoneko wäre unfassbar stolz auf ihn.

 

Am Nachmittag, nach dem gemeinsamen Mittagessen, zog Madara sich wieder auf sein Zimmer zurück und begann mit einer anderen Sache, die für das neue Dorf unerlässlich wichtig war:

Er schrieb einen formalen, allgemeinen Brief, mit dem er sich an jene Familien und Clans wandte, die noch in keinem Dorf fest eingebunden waren.

Es gab immer wieder Familien, auch in den kleinen Bauerndörfern, die ihre Kekkei Genkai versiegelt hatten, um sich vor dem Misstrauen der einfachen Bauern zu schützen. Oft bekamen zivile Bauern Angst, wenn sie in ihrer Mitte Menschen entdeckten, die solche Fähigkeiten hatten. In Ninjadörfern wurden solche Familien verehrt, doch in den zivilen Orten gab es viel Angst und Misstrauen gegenüber Kekkei Genkai Familien. Diese Familien waren also so weit benachteiligt, dass es sinnvoll und nebenbei ein gutes Werk war, sie für ein neues Dorf anzuwerben, in dem ihre Fähigkeiten gewürdigt werden würden.

Madara vervielfältigte den Brief ein paar Mal und würde nun, wenn er unterwegs Hinweise auf solche Clans finden sollte, ihnen ein Exemplar dieses Briefes ähnlich wie ein Flugblatt zukommen lassen.

1991

 

 

Am sechsten August hatte ich Geburtstag, wurde zehn Jahre alt.

Und obwohl ich auf dem Papier ja bereits Chuunin war, markierte mein zehnter Geburtstag den Zeitpunkt, an dem ich offiziell berechtigt wurde, diesen Rang auch bei Missionen zu vertreten und ein eigenes Team zu leiten. Ich hatte die Chuunin-Prüfung damals für einen bestimmten Teil meines Studiums gebraucht und diesen Rang darum schon erhalten, und nun wurde er sozusagen „aktiv geschaltet“, ich sollte nun anfangen, richtig zu arbeiten.

Und darum stand ich, zwei Wochen nach meinem zehnten Geburtstag, dann in Minatos Büro und erwartete meine erste aktive Mission als Chuunin.

 

Die erste Mission, an der ich als Chuunin teilnahm, war ein Auftrag zur Bewachung einer Prinzessin und Tochter eines Feudalherrn, die von Taki Gakure nach Suna Gakure reisen wollte und dabei durch das Regenland von Ame Gakure musste. Da das Regenland sehr arm war und es dort große soziale Probleme gab, befürchtete man Überfälle auf die Reisenden und hatte darum Konoha angefragt, ein kleines Team zu schicken.

 

Minato wählte dafür Shisui und mich aus, dazu einen maskierten Anbu, den wir nicht erkannten, und eine junge Kunoichi namens Mie, die sich mit den Zuständen in Ame Gakure gut auskannte.

 

„Ist eine solche Mission denn nicht zu einfach für Itachi und mich?“, fragte Shisui, nachdem Minato die Informationen übergeben hatte.

Der Hokage schüttelte den Kopf. „Ich denke, nicht. Für dich mag sie einfach sein, Shisui, aber Itachi hat so viele andere Aufgaben, dass ich ihm gerade keine kompliziertere Mission geben werde, und du gehst mit, um ihm den Rücken frei zu halten. Außerdem ist es seine erste Mission als aktiver Chuunin.“

„Verstanden.“ Shisui nickte und verbeugte sich dann. „Meister Hokage.“

„Wer leitet denn dieses Mal das Team?“, fragte Mie.

„Formal hat Itachi die Führung. Es ist aber seine erste Mission als aktiver Chuunin, daher erwarte ich, dass alle im Team ihn dabei unterstützen“, antwortete Minato und sah mich dabei an.

Ich war ziemlich aufgeregt, spürte mein Herzklopfen und meine Hände zitterten ein wenig. Aber ich streckte meinen Rücken, machte mich gerade und nickte. Dann sah ich zu Shisui, er lächelte und sagte: „Alles klar, dann bist du jetzt der Boss und wir halten dir den Rücken frei.“

 

Vom Regierungsgebäude ging ich dann direkt nach Hause und hoch in mein Zimmer, öffnete meinen Waffenschrank und suchte diejenigen Waffen aus, die ich brauchen würde. Ich hatte zwar schon an mehreren Missionen teilgenommen, aber diese fühlte sich dennoch irgendwie wie ein erstes Mal an, es war ja auch das erste Mal, dass ich aktiv ein Team leiten sollte.

Es klopfte an meiner Tür, ich rief „Ja?“ und Mama kam herein.

„Alles gut, Spatz?“, fragte sie.

„M-hm.“ Ich nickte. „Bin nur ein bisschen … aufgeregt. Ich hab ja noch nie ein Team geleitet.“

„Shisui ist ja auch dabei, dann hast du jemanden da, den du kennst. Und er ist ja auch echt stark“, sagt Mama.

Ich nahm die Rolle mit den Kunai aus dem Schrank und nahm drei Stück heraus, die noch mit Schnüren präpariert werden mussten, um sie am Körper griffbereit zu haben.

 

In dem Moment hörte ich, wie Sasuke unten in seinem Bettchen im Wohnzimmer zu weinen anfing, und ich legte sofort die Messer aus der Hand, lief raus und die Treppe hinunter und sah, dass mein Bruder mit den Händchen nach dem Mobile über seinem Bettchen griff und versuchte, es herunter zu reißen. Ich lief zu ihm, nahm ihn aus dem Bettchen und griff mit der anderen Hand nach dem Plüschdrachen, der auf dem Sofa lag.

„Hier, spiel lieber damit.“

Sasuke sah mich mit großen Augen fragend an und als ich sein Gesicht berühren wollte, griff er meinen kleinen Finger, hielt ihn fest.

Mama war hinter mir ebenfalls herunter gekommen, sie sah mich an und lächelte.

„Du bist wirklich ein ganz toller großer Bruder, Itachi“, sagte sie.

„Ich lieb ihn ja auch“, erwiderte ich und drückte meine Lippen auf Sasukes Stirn. „Mein Sasuke …“

 

Mama nahm mir Sasuke dann ab und ich ging wieder hoch, um weiter meine Waffen für die Mission vorzubereiten.

Ich suchte ein graues Oberteil mit langen Ärmeln aus meinem Kleiderschrank und drehte es auf links, um die Riemen, mit denen man die Kunai im Ärmel versteckte, innen fest zu machen. Dann fuhr ich mit der knielangen, ebenfalls grauen Hose fort, wo rechts am Bein die Tasche für die Shuriken befestigt werden musste. Ich kontrollierte alle Klingen darauf, ob sie auch glatt und scharf waren, und sortierte zwei Shuriken aus, die beschädigt waren.

Mein kleines Schwert sollte auch mitkommen, also kontrollierte ich, ob es in gutem Zustand war, und entdeckte dabei einen kleinen Schaden am Griff, der beim letzten Training entstanden sein musste. Ich legte es also erst mal beiseite, mit dem Plan, es gleich zur Waffenschmiede zu bringen, damit die es reparieren konnten, ehe wir morgen aufbrachen.

 

Nachdem ich alle Sachen, die ich mitnehmen wollte, zusammen hingelegt hatte, ging ich also noch mal aus dem Haus, lief durchs Dorf zur Waffenschmiede der Familie Ama und brachte mein Schwert dorthin. Als ich den Laden betrat, saß die Frau der Familie hinter dem Tresen.

„Guten Morgen, Itachi. Willst du eine Waffe vorbeibringen?“, fragte sie.

Ich zeigte ihr mein Schwert und die kleine Beschädigung. „Ich muss morgen früh auf Mission, können Sie das bis dahin reparieren?“

„Sicher. Ich bringe es gleich zu meinem Mann in die Werkstatt.“

In einer Ecke hinter dem Tisch klapperte etwas, Frau Ama sah hin und sagte in die Richtung: „Tenten, mein Schatz, lass die Schranktür zu, da darfst du nicht dran.“

Auf einer Spieldecke auf dem Boden saß ein Kleinkind, ein Mädchen von vielleicht einem dreiviertel Jahr. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass es in der Familie Ama auch ein Baby gab …

„Wie geht’s deiner Mama, Itachi? Kommt sie gut mit dem Baby zurecht?“, fragte die Mutter.

„Mama geht’s gut, und Sasuke auch.“

„Du kannst dein Schwert heute Abend abholen, oder morgen früh. Einfach klingeln, mein Mann ist ab vier Uhr da.“

 

Ich verbrachte den Vormittag an der Uni, und nachmittags arbeitete ich zu Hause in meinem Zimmer weiter. In den letzten zwei Wochen hatte ich die Uni wegen Sasuke vernachlässigt und so gab es einiges zu tun. Zwischendurch half ich Mama in der Küche und einmal ging ich ein bisschen ins Dorf, weil Sasuke seinen täglichen Spaziergang mit mir einforderte.

 

Am nächsten Morgen war ich schon um halb drei Uhr wach. Das war sogar für mich recht früh, normalerweise wachte ich immer gegen vier auf, aber ich war ziemlich aufgeregt, deshalb war es vielleicht kein Wunder. Ich hatte sogar irgendwas geträumt, was mit Missionen zu tun gehabt hatte.

Ich stand gleich auf und zog mich an, öffnete das Fenster und ließ die frische Morgenluft herein. Ich war so ein früher Morgenmensch, seit ich denken konnte, ich liebte die kühle Luft und den Sonnenaufgang über dem Wald, und ich konnte zu dieser Tageszeit auch am besten arbeiten.

 

Bis wir aufbrechen sollten, war noch Zeit, und so setzte ich mich erst mal auf den Teppich vor meinem Bett und meditierte eine Weile, öffnete meinen Ruheraum im Tsukuyomi und ging da hinein, um mich in einen Zustand zu versetzen, in dem ich gut arbeiten konnte.

Dieser Ruheraum war inzwischen ein fester Teil meines Lebensrhythmus, den ich so gestaltete, dass er mir nichts als gutes Gefühl machte, und ich konnte darin Stunden verbringen, während in der Welt draußen nur fünf Minuten vergingen.

Ich wusste nicht, ob mein Urgroßvater Fukuya so etwas auch getan hatte, hatte ihn ja nie kennen lernen können, aber für mich funktionierte Tsukuyomi als Ruheort sogar besser als wenn ich es im Kampf als Waffe einsetzte. Vielleicht war das auch einfach meine Art, meine Persönlichkeit? Ich hatte noch Madaras Worte im Ohr, wie er gesagt hatte, dass dieses Jutsu mit meinem Wesen verwachsen und eins mit mir sein würde.

 

Nach dem Meditieren stand ich wieder auf, ging rüber ins Bad und band mir dort vor dem Spiegel mein Stirnband um.

Das Konoha-Zeichen war unter meinem Pony kaum zu sehen, und ich dachte, dass ich etwas an meinem Haar anders haben wollte, damit das Zeichen auch gut zu sehen war, wenn ich außerhalb des Dorfes arbeitete.

Ich teilte meinen Pony also in der Mitte und strich mein Haar so zurecht, dass es wie bei Mama aussah. Wenn ich die vorderen Haare wachsen ließ, würden sie von selbst so fallen, dass man das Zeichen besser sah. Ich strich dann alle Haare, die lang genug dafür waren, hinter meine Ohren und versuchte, sie im Nacken zusammen fassen, aber dafür waren sie noch nicht lang genug. Also beschloss ich, dass ich sie ebenfalls lang wachsen lassen wollte, so wie Mama sie trug, und zur Arbeit würde ich dann einen Pferdeschwanz oder einen Zopf machen können. Die Idee gefiel mir.

Bevor ich das Bad wieder verließ, nahm ich zwei einfache Haarklemmen aus Mamas Vorrat mit, um irgendwann auszuprobieren, ob das vielleicht mit dem Stirnband zusammen gut aussah.

 

Ich packte meine Sachen fertig zusammen, setzte den Rucksack auf und ging runter in die Küche. Auf dem Tisch stand eine Lunchbox mit Reis, Gemüse und Salat darin und ein Dreierpack dreifarbiger Dango, dazu ein kleiner Zettel: „Guten Morgen, Spatz, ich hab dir Proviant gemacht. Pass auf dich auf und gib dein Bestes auf der Mission! Hab dich lieb. Deine Mama.“

Ich packte die Box, die Packung und den Zettel also noch in meinen Rucksack, ging dann raus und schloss die Tür von außen ab.

 

„Hey, da bist du ja!“

Ich drehte mich um und sah Shisui auf mich zu kommen, ebenfalls in voller Missionsmontur und mit einem Sandwich in der Hand.

„Ich muss noch mein Schwert aus der Schmiede holen“, sagte ich.

„Mie und der Anbu sind schon am Tor, die waren zu früh auf.“ Shisui grinste schief und fügte noch hinzu: „Gibt’s selten, dass du mal der Letzte bist, Itachi.“

Das stimmte. Ich war oft schon so früh wach, dass ich meistens überall der Erste war. Auch schon in der Akademie, es war öfter vorgekommen, dass die Lehrer mir als Erstes aufschließen mussten und ich zuvor schon gewartet und mir die Zeit mit Lesen vertrieben hatte.

 

Wir holten also noch mein Schwert beim Waffenschmied ab, der war auch schon auf und ein ähnlich früher Vogel wie ich, der schon arbeitete und nebenbei Tee trank.

„Gebt euer Bestes!“, rief er uns noch nach, als wir gingen, und ich hatte ein Gefühl von Stolz und realisierte ein Stückchen mehr, dass ich jetzt wirklich Chuunin war. Der jüngste Chuunin im ganzen Dorf Konoha.

Immer der Jüngste zu sein und zugleich der Beste in so vielem, war schon auch ein Teil meiner Identität, wie sollte es anders sein, ich war ja so aufgewachsen. Aber ich gab mir weiterhin alle Mühe, dennoch „auf dem Boden“ zu bleiben. Ich wollte auf keinen Fall auch nur irgendwie eingebildet wirken, und wieder dachte ich an das lose entworfene „Shiawase-no-Jutsu“, mit dem ich das, was mich zum „Wunderkind“ machte, besser würde regulieren können.

 

Als wir am Tor ankamen, standen Mie und der Anbu offenbar schon länger dort. Aber keiner von beiden sagte etwas dazu, dass ich zu spät war. Vielleicht, weil man mich, den Uchiha-Erben, nicht beleidigen wollte, oder vielleicht auch einfach, weil die beiden zu früh waren und ich eigentlich nur pünktlich, denn es war fünf vor vier.

„Ich heiße für diese Mission Yuta“, sagte der Anbu und verbeugte sich leicht. Er trug auf seiner Anbu-Uniform zusätzlich das Abzeichen der Polizei und ich fragte mich, ob ich ihn kannte, ob er unter der Maske und mit seinem echten Namen einer von Papas direkten Untergebenen war?

Wir waren also ein Team aus zwei Uchiha-Jungen, einer Kunoichi mit Auslandserfahrung und einem maskierten Anbu, und es war sowohl eine echte Mission als auch nebenbei eine Art Testlauf für mich, ob ich mich als aktiver Chuunin und Teamleiter eignete.

 

Alle drei sahen mich erwartungsvoll an, und ich fühlte, wie sich in mir ein Gefühl von Ernsthaftigkeit und Verantwortung breit machte. Es war wie so ein Schalter in meinem Inneren, den ich umlegte und mich von einem gerade zehn Jahre alten Jungen mit sensiblem Temperament und einer Neigung zur Schüchternheit in einen arbeitenden, starken Chuunin verwandelte.

„Geht’s los?“ fragte Shisui.

Ich nickte, befand mich dabei innerlich noch im Wandel, doch ich spürte, wie ich nach außen hin die Führung der Gruppe übernahm und das Signal zum Aufbruch in einer Weise gab, die ernst und erwachsen aussah.

 

Wir nahmen den Weg durch die Baumkronen, das ging schneller, und ich sprang voraus, Shisui war direkt hinter mir.

„Itachi?“

„Mh?“

„Alles gut?“

„Ja. Wieso?“

„Nur so.“

Ich drehte mich kurz zu ihm um, fragte noch mal: „Wieso?“

„Du leitest zum ersten Mal ein Team.“

„Ich krieg das schon hin. Hab ja dich.“

Shisui lachte. „Stimmt.“

 

Eine Weile bewegten wir uns ohne weitere Worte fort, dann kam Shisui wiederum näher und fragte: „Itachi? Darf ich dich mal was … Persönliches fragen?“

„Klar.“

„Ist … ein bisschen peinlich …“

„Egal. Frag schon“, sagte ich. „Wir sind doch Freunde.“

„Also … na ja, vielleicht ist das bei dir auch noch gar kein Thema … aber irgendwie würd ich’s gern wissen, was du darüber denkst …: Machst du dir schon Gedanken um so was wie … Männlichkeit und so?“ Shisui errötete ein wenig und sagte schnell: „Wahrscheinlich denkst du da gar nicht dran, oder? Ich meine, du bist erst zehn …“

„Ich hab darüber nachgedacht“, antwortete ich. „Als ich auf der Akademie war und die Jungs in der Klasse mich ‚kleines Mädchen‘ genannt haben, hab ich darüber nachgedacht, was sie meinen und ob mich das stört.“

„Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“

„Ich bin Mamas Sohn, ich hab sie lieb und sie hat mich lieb. Und ich will lieber so werden wie sie, statt mir irgendwelche blöden Gedanken über Männlichkeit zu machen, die ich selber gar nicht wichtig finde. Ich seh mich nicht als mehr oder weniger „männlich“ oder „mädchenhafter Junge“ oder so, ich versteh mich einfach nun mal gut mit Mädchen und da seh ich nichts Schlechtes dran. Irgendwann verlieb ich mich in eine, und vielleicht denk ich dann was anderes. Aber ich will mich nicht verrückt machen lassen von irgendwelchem Männlichkeitsstress.“

„Wow, das ist mal ne Einstellung!“ Shisui lachte. „Aber ist irgendwie typisch für dich, Itachi. Du denkst so über Sachen nach, und du fühlst auch genau, was du selber dazu meinst, ne?“

Ich griff im Flug in meine Shurikentasche am Bein und zog eine von Mamas Haarnadeln heraus, die ich mir kurzerhand ins Haar schob, um meinen Pony beiseite zu halten. „Und wenn ich Mädchensachen benutze, ist mir das auch egal. Ich mags.“

 

Wir erreichten den Treffpunkt, an dem die Reisenden auf uns warten sollten, vor der vereinbarten Zeit, und mussten dort eine Weile warten, ehe die Leute auftauchten.

Sie hatten einen von einem Ochsen gezogenen Karren und eine Kutsche mit einem Pferd davor, und in dieser Kutsche saß eine junge Frau in sehr vornehmer Kleidung, die Prinzessin, die wir beschützen sollten. Insgesamt bestand die Gruppe aus acht Personen, und da war auch ein Kind dabei, ein Mädchen von ungefähr sechs oder sieben Jahren, das auf dem Karren saß und uns, als die Gruppe uns erreichte, zuwinkte.

„Das sind die Ninjas aus Konoha Gakure, oder?“, fragte das Mädchen.

„Ja, das werden sie sein“, antwortete eine alte Frau, die neben dem Kind auf dem Karren saß. Sie musterte uns von oben bis unten, und ihr Blick blieb an den Familienwappen hängen, die Shisui und ich auf der Kleidung hatten: „Du meine Güte, die haben uns zwei vom Uchiha-Clan geschickt!“

 

Shisui, Mie und Yuta traten hinter mich zurück und ich wusste, ich sollte uns jetzt vorstellen und den Auftrag übernehmen. Wieder legte ich diesen Schalter in mir um und handelte ganz professionell und selbstsicher, obwohl ich innerlich ziemlich aufgeregt war.

„Wir sind euer Beschützerteam. Mein Name ist Itachi Uchiha, ich leite das Team.“

Shisui stellte sich ebenfalls vor, genau wie Mie und Yuta.

Die alte Frau musterte uns ein wenig, aber keineswegs geringschätzig, und fragte dann: „Habt ihr auch einen Mediziner dabei?“

„Wieso?“, fragte Mie.

Die Frau deutete auf die dritte Person auf dem Wagen, einen Jungen von etwa fünfzehn, der tatsächlich einen Verband am Bein trug. „Er hat eine Verletzung am Schienbein, nicht groß, aber schwer genug, dass er nicht laufen kann.“

Shisui sah mich an, und ich hob die Hand. „Ich hab eine medizinische Grundausbildung, ich kann mir das mal ansehen.“

 

Wir blieben also noch ein wenig an diesem Treffpunkt und ich sah mir die Verletzung des Jungen an. Es war ein Wespenstich, der sich entzündet hatte. Ich kramte innerlich mein medizinisches Wissen heraus und suchte in meiner Tasche nach meinem Verbandszeug. Die Wunde musste gereinigt werden, und als ich sie desinfiziert hatte, ließ ich ein wenig Chakra hindurchlaufen, das die Entzündung reduzierte und die Haut wieder zusammenwachsen ließ. Da es nur eine kleine Verletzung war, brauchte ich dazu nicht viel Chakra und hatte den Stich bald nahezu geheilt.

 

„Du bist doch echt jünger als ich, oder?“, fragte der Junge.

„Ich bin gerade zehn geworden“, sagte ich.

„Und da bist du schon Teamleiter und kannst solche Sachen?“

Die Art, wie er das fragte, machte mich innerlich verlegen, und Shisui, der neben mir stand, rettete für mich die Situation: „Itachi ist in unserem Dorf der Rekordhalter für die besten Abschlüsse als jüngster Teilnehmer. Er ist richtig gut, auch wenn er erst zehn ist.“

Die alte Frau wandte sich zu uns um und sagte: „Das ist eben der Uchiha-Clan … Ich habe gehört, Yoneko Uchiha führt den Clan immer noch?“

„Ja“, sagte ich.

„Bist du ihr direkter Nachkomme?“

„Sie ist meine Urgroßmutter.“

Die Frau sah mich einen Moment lang an, so als kramte sie in ihrer Erinnerung. „Wie bist du mit Madara Uchiha verwandt?“

„Er ist ein Cousin meiner Eltern und mein Pate. Aber … Madara ist nicht mehr da, er ist nach dem Krieg verschwunden und wir wissen nicht, wohin.“

„Das ist traurig. Wo Yoneko doch so stolz auf ihn war …“

„Sie ist jetzt stolz auf Itachi“, sagte Shisui.

 

Die alte Frau lächelte. „Sollte sie auch sein, wenn er mit zehn Jahren schon Mediziner ist.“

„Meine Mama ist auch Ärztin“, sagte ich. „Ikue Uchiha.“

„Du bist Ikue Uchihas Sohn? Dann ist es ja wirklich kein Wunder, dass du schon Medizinisches Ninjutsu beherrschst“, sagte der Mann, der das Pferd führte.

Diese Aufmerksamkeit wurde mir schon wieder unangenehm, auch wenn ich andererseits sehr stolz war, Mamas Kind zu sein, der Sohn der berühmten Ikue Uchiha, die dafür bekannt war, ihr Sharingan in ein starkes medizinisches Werkzeug verwandelt zu haben.

Ich sah zu Shisui, der bemerkte, was los war, und rettete mich wieder: „Lasst uns mal los gehen, sonst wird Itachi hier noch rot bei so viel Komplimenten.“

 

Wir brachen also gemeinsam auf, und Shisui übernahm seinem Temperament entsprechend die meiste Konversation. Er war nun mal extrovertierter als ich und zog damit auch eher die Aufmerksamkeit auf sich.

Ich dagegen ging einfach nur mit, machte mich quasi unsichtbar und hatte nach außen hin meine nachdenkliche Fassade, wie so ein „Bitte nicht stören“-Schild, hinter dem ich mich gut verstecken konnte. Es fiel mir nicht schwer, ich mochte das, nur zuzuhören und dabei unauffällig und still zu sein. Nach der vielen Aufmerksamkeit eben tat es mir gut, dass Shisui das Reden übernahm und ich mich wieder zurückziehen durfte. Das Einzige, was ich tun musste, war, zu zeigen, dass ich zuhörte und nachdachte, sonst nichts.

 

„Was denkst du, Itachi?“, fragte Shisui mich, als wir eine ganze Weile später an einem kleinen Gasthaus vorbei kamen und der Junge, dem ich das Bein versorgt hatte, fragte, ob er etwas zu Essen kaufen durfte.

Ich war sofort wieder auf Sendung und antwortete: „Einer kann rein gehen und für alle Essen rausholen.“

„Besser nicht zu lang bleiben?“, fragte Shisui.

Ich nickte, wandte mich dann zu Mie um. „Was sagst du?“

Sie zog ihre Landkarte hervor und sah hinein. „Wir sind schon ziemlich nah am Regengebiet“, sagte sie. „Ab hier müssen wir damit rechnen, dass mögliche Angreifer ihren Heimvorteil nutzen. Die Leute hier nutzen Jutsus, die sehr gut an den Regen angepasst sind.“

 

Der Junge ging dann in das Gasthaus und holte Lunchboxen für alle heraus, Shisui hatte ihn dabei genau im Blick. Ich sah zu, wie Mie in ihrer Landkarte las und die Umgebung analysierte, und bemerkte, dass die Spannung stieg. Die Grenze zum Regenland war zwar noch recht weit entfernt, doch wenn der Regen bis hierher zog, dann konnte das auch bedeuten, dass mögliche Angreifer, die den Regen zu nutzen wussten, schon hier waren.

„Ich kenne diese Leute“, sagte Mie. „Sie folgen dem Regen, so weit wie sie können. Je größer das momentane Regengebiet ist, desto mehr Möglichkeiten haben sie.“

„Was sollten wir tun?“

„Kein Feuer machen. Feuer ist ihnen hoffnungslos unterlegen, und das wissen sie.“

„Bedeutet, dass wir keine Feuerversteck-Jutsus anwenden können.“

„Genau.“

 

„Shisui!“, rief ich nach meinem Cousin. „Wir müssen die Lage besprechen!“

Shisui stand eine Sekunde später neben mir. „Alles klar, was gibt’s?“

„Unsere Gegner sind Leute aus dem Regenland“, sagte Mie. „Feuerversteck könnt ihr vergessen.“

„Na klasse.“ Shisui seufzte. „Und was dann?“

„Genjutsu und Taijutsu.“

„Oder Kopieren …“, sagte Shisui noch. „Bin zwar nicht Kakashi Hatake, aber passt schon.“

Mie wandte sich wieder zu mir um. „Du bleibst bei Genjutsu, stimmt’s?“

Ich nickte. „Ja.“

Yuta kam dazu, er hatte unsere Besprechung mit ein wenig Entfernung angehört und sagte nur: „Genjutsu dürfte kein Problem sein, oder?“

„Ich denke, nicht“, sagte Mie.

 

Wir nahmen das gekaufte Essen mit und setzten den Weg fort. Und je näher wir dem Regengebiet kamen, desto angespannter wurde die Stimmung. Mie hatte die ganze Zeit ein Gerät in der Hand, mit dem sie das Wetter analysierte, und Shisui aktivierte irgendwann seine Sharingan, um die Umgebung besser lesen zu können.

„Eigentlich ist das Regenland viel kleiner. Aber wenn sowieso vom Meer aus mehr Regen übers Land zieht, dann dehnt sich auch der Aktionsradius der Regenleute aus. Ihre Jutsus sind abhängig vom Regen und angepasst an dieses Land“, erzählte Mie.

„Wie sind diese Leute denn?“, fragte Shisui.

„Die Menschen in Ame Gakure sind pessimistischer als wir. Sie kennen nur Regen, Kälte und Dunkelheit. Und sie sind arm.“

„Es geht ihnen also nicht gut?“

„Nein. Und wegen der Schäden der letzten Kämpfe und des Kriegs sind die Menschen sehr bitter und glauben nicht an dieselben Dinge wie wir.“

 

Irgendwas an dem, wie Mie das sagte, ließ mich auf einmal an Madara denken. Vielleicht nicht mal verwunderlich, denn Ame Gakure war der Ort, wo man ihn zuletzt gesehen hatte, nach der finalen Schlacht am Ende des Krieges.

Und auf einmal hatte ich eine Idee, eine Ahnung, einen Gedanken, warum Madara vielleicht damals weg gegangen war: Wenn die Menschen in Ame Gakure so bitter, traurig und arm waren, nur Kälte und Dunkelheit kannten, und er das gesehen hatte … Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass diese traurige, kalte Umgebung seine hilfsbereite Fürsorglichkeit wecken würde. Madara glaubte zutiefst an das Gute, er war jemand, der so etwas wie Dunkelheit und Kälte nicht einfach so stehen lassen konnte. Er würde sich irgendetwas ausdenken, irgendetwas tun, um zu helfen.

Ich hatte keine Hinweise, kein konkretes Wissen, aber in diesem Moment war ich mir sicher: Madara war noch irgendwo da draußen, er hatte irgendeine Mission, und die hatte ganz sicher etwas damit zu tun, dass er in Ame Gakure gewesen war und das Elend dort gesehen hatte. Er wollte nicht gefunden werden, weil er noch nicht fertig war mit dieser Mission, und er würde irgendwann zurück kommen nach Konoha, und uns allen strahlend verkünden, dass er irgendwo die Welt ein bisschen besser gemacht hatte. Er hatte seinen Traum, Hokage zu werden, sicher nur aufgeschoben oder gegen etwas eingetauscht, was ihm dieselbe Erfüllung gab, irgendeine Arbeit, die vielleicht mit Hilfe, Kindern und positiven Lehren zu tun hatte.

 

„Itachi?“, riss mich Shisui aus meinen Gedanken. „Was denkst du gerade?“

„Ich hab an Madara gedacht … Weil er ja zuletzt in Ame Gakure gesehen wurde …“

„Es weiß immer noch niemand, wo er ist, oder?“

„Nein. Aber ich habe … eine Ahnung. Ich weiß, er ist noch da draußen, und er ist nicht desertiert.“

„Was denkst du, wo er sein könnte?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Wo, keine Ahnung. Aber ich weiß irgendwie, dass er irgendeine Sache macht, die … ihm eben wichtig ist.“

„Wichtiger als unser Dorf?“

„Weiß ich nicht. Aber jemand wie er … kann auch Konoha-Ninja sein, ohne das Stirnband zu tragen.“

Shisui nickte. „Das stimmt, das würde zu ihm passen.“

 

Über diesem Gespräch hatten wir eine Gegend mit dichterem Wald erreicht, der Weg wurde schmaler und hatte viele Löcher, in denen sich Wasser gesammelt hatte. Dieser Wald war schon erkennbar ein Teil des Regenlandes, die Bäume hingen voll mit Moos und anderen Pflanzen, die sich in so feuchter Umgebung gern ausbreiteten.

Wir hielten kurz an, um die Lage zu überblicken, und tatsächlich fühlte ich winzige Wassertröpfchen in der Luft, wie einen leichten Sprühregen. Wir hatten das Regengebiet erreicht.

„Ab jetzt müssen wir aufpassen“, sagte Mie. „Wer keine Waffen hat, bleibt ab jetzt auf dem Wagen. Und wer Waffen hat, hält sie griffbereit.“ Sie sah mich an, und die anderen auch. Ich war der Chuunin, der diese Mission leitete, und jetzt warteten alle auf meine Anweisungen. Irgendwo spürte ich innerlich eine Aufregung, weil ich jetzt verantwortlich war, aber diese Aufregung durfte ich nicht zeigen, nicht danach handeln.

Ich aktivierte meine Sharingan, Shisui tat es mir sofort gleich, und dann legte ich dar, was zu tun war:

„Yuta, du passt auf die Prinzessin auf. Mie, du meldest mir jede Veränderung sofort. Ich scanne alles andere ab, und Shisui, du hältst auch die Augen offen und, wenn irgendwas passiert, mir den Rücken frei.“

„Alles klar, Boss.“ Shisui salutierte und grinste.

 

Wir betraten den Wald, und jetzt war die Spannung so deutlich, dass ich ein Kribbeln spürte. Ich ging in Gedanken alle möglichen Szenarien durch, die passieren konnten. Unsere Gegner konnten einfache Straßenräuber sein, oder aber auch Leute, die einer größeren Gruppe angehörten. Und vielleicht, im schlimmsten Fall, sogar abtrünnige Ame-Ninjas. Ich suchte schon innerlich nach Jutsus, die ich würde anwenden können. Genjutsu, denn das Feuerversteck fiel in dieser Umgebung und, wie auch schon gesagt, bei solchen Gegnern, aus. Wir durften auch in keine längere Kampfhandlung verwickelt werden, denn wir hatten Zivilisten dabei. Ich entschied, auch Tsukuyomi einzusetzen, wenn es sein musste, um einen etwaigen Kampf schnell zu beenden.

 

Ein winziges Geräusch, ein Rascheln, das ein anderer wahrscheinlich nicht mal bemerkt hätte, ließ mich aufhorchen. Es klang nur ein winziges bisschen anders als das Rascheln der Blätter im Wald, und ich war binnen Sekundenbruchteilen wachsam, wusste intuitiv, dass ich jetzt aufpassen musste.

Ich hatte von klein auf, seit meinem zweiten Lebensjahr, mit einer Kerze meditiert und trainiert, sie zu beobachten und jegliche, noch so winzige Veränderung ihrer Flamme wahrzunehmen, und dieses Training zeigte sich nun, ich hatte wie auf Knopfdruck alle Sinne aktiv und wusste, dass die Gegner da waren, sie hatten uns im Blick.

 

„Sie sind hinter uns“, flüsterte Shisui neben mir, er hatte sie ebenfalls bemerkt. Natürlich. „Der Boden ist trocken, wo sie stehen.“

Ich schaute nach rechts und links, nur mit den Augen, ohne den Kopf zu drehen, und tatsächlich fehlte einer Pfütze auf dem Weg das Wasser. Wie ich das nicht hatte bemerken können, wusste ich nicht, und Shisui hatte sich dasselbe gefragt, er flüsterte: „Als wir an der Stelle waren, war das noch nicht so.“

„Was denkst du?“

„Irgendein Jutsu.“

„Wo sind sie?“

„Im Gebüsch neben dem Weg.“

„Soll ich?“

Ich nickte, und Shisui war verschwunden. Er war extrem schnell, noch schneller als ich. Wenn es um extreme Geschwindigkeit ging, konnte Shisuis Technik es beinahe mit dem Highspeed-Jutsu des vierten Hokage aufnehmen. Er war zu einer solchen Geschwindigkeit fähig, dass er bei der Anbu, wenn er dort unter Maske und Anonymität arbeitete, der „Teleporter“ genannt wurde.

 

Nur einen Moment später knallte es hinter uns und es gab eine dichte Rauchwolke. Yuta wandte sofort ein Schutzschild-Jutsu für unsere Zivilisten an, und ich versuchte, in den Rauch hinein zu blicken. Shisuis Name lag mir auf der Zunge, doch bevor ich irgendwas sagen konnte, stand er schon wieder neben mir.

„Pseudoninjas“, sagte er und grinste. „Das Wasser war für ein einfaches Bombenjutsu, und verstecken konnten sie sich gut. Mehr aber auch nicht.“

Ich drehte mich wieder um und da lagen sie hinter uns, zwei Männer mit Schals vor den Gesichtern, die ziemlich eindeutig nicht damit gerechnet hatten, dass jemand wie Shisui ihr Gegner sein würde.

„Was hast du gemacht?“, fragte ich.

„Taijutsu. Mehr brauchten die auch nicht.“

 

Wir setzten unseren Weg durch den Wald fort, weiter wachsam und genau auf jede Veränderung achtend. Die nächsten Gegner konnten durchaus gefährlicher sein …

 

Die nächste verdächtige Sache, die ich wahrnahm, war dann auch noch mal deutlich subtiler. Irgendwo hörte man entfernt einen Vogel pfeifen, und dann geschah nichts weiter, als dass dieser Vogel verstummte. Aber meine Intuition hatte daran irgendetwas bemerkt. Ich wusste selbst nicht mal, was genau.

„Shisui“, flüsterte ich, „Da ist noch was.“

„Der Vogel?“, fragte er zurück.

Ich nickte, blickte in den Wald hinein, konnte aber nichts erkennen, auch mit Sharingan nicht.

„Andere Seite …“, flüsterte Shisui. „Zwei …“ er kam nicht dazu, weiter zu sprechen, ein surrendes Geräusch unterbrach ihn und er packte mich am Arm, zog mich zu sich heran, und Sekunden später steckte da, wo ich eben noch gestanden hatte, ein Kunai im Boden, mit einem Netz daran, wie man es verwendete, um einen Gegner am nächsten Baum festzumachen.

„Yuta!“, hörte ich Mie rufen, „Schutzschild!“

 

Ich sah nicht hin, denn in dem Moment kam direkt aus dem Dickicht des Waldes eine schwarz vermummte Gestalt auf mich zu. Shisui war hinter mir, wieder war dieses Surren zu hören und im nächsten Moment standen wir Rücken an Rücken, weil von der anderen Seite ein zweiter Gegner angriff.

„Kein Feuer“, dachte ich nur, denn mein erster Reflex wäre das Jutsu der Phönixblume gewesen.

Shisui wandte Schattendoppelgänger an, blieb bei mir und ließ den Doppelgänger angreifen, binnen Sekunden war er mitten im Kampf.

Mein Gegner dagegen stand ein Stück vor mir, ohne anzugreifen, und ich wunderte mich schon, das war nicht normal. Er hatte mich als erster angegriffen, aber nun stand er da und tat nichts, sah mich nur an.

Shisuis Kampf entwickelte sich dagegen schnell, und er konnte nicht mehr so nah hinter mir bleiben. Das war nicht gut, ich konnte meinen Gegner nicht einschätzen und brauchte die Sicherheit im Rücken.

Statt Shisui stand dann aber auf einmal Mie hinter mir, während Yuta unsere Reisenden beschützte.

 

„Was ist?“, fragte ich meinen vermummten Gegner.

„Seit wann schickt Konoha Gakure kleine Kinder auf Missionen?“, fragte er zurück.

Und ich verstand, dass meinem Gegner das, was ich selbst schon gar nicht mehr im Bewusstsein hatte, verwunderlich erschien: Ich war ja kleiner als er und erst zehn Jahre alt.

Seine Überraschung war unübersehbar, als ich mein Schwert griff und mich in Position brachte, ihn anzugreifen. Erst als ich meine Sharingan wieder aktivierte, schien ihm ein Licht aufzugehen. Aber da war es schon zu spät für ihn, ich hatte Tsukuyomi innerlich greifbar und ließ es kommen, den Kampfraum mit hunderten Doppelgängern darin, die ihn dort wie in einem Kristallkaleidoskop aus allen Richtungen mit meinem immer gleichen Schwert angriffen.

Und kurz, bevor er das Bewusstsein verlor und vor mir zusammensank, sah er mich noch mal an, und ich sagte nur: „Ich leite diese Mission. Ich bin kein kleines Kind.“

 

„Alles gut, Itachi?“, fragte Shisui hinter mir. Er hatte seinen Kampf ebenfalls gewonnen.

Ich nickte.

„Dem hast du’s gegeben.“

„Ich bin kein kleines Kind“, sagte ich nur.

„Nee, bist du nicht.“ Er grinste. „Du bist große Klasse, Bruder.“

Als er „Bruder“ sagte, musste ich auf einmal an zu Hause denken, an Sasuke und Mama. Und auch wenn ich diese Mission gewissenhaft führen wollte, ich sehnte mich einen Moment lang nach zu Hause. Ich fühlte eine Teilung in mir, den teamleitenden Chuunin einerseits und den zehnjährigen, hochsensiblen Jungen andererseits.

Shisui las mich wie ein offenes Buch, er lächelte, legte mir seinen Arm um die Schultern und hatte die andere Hand in seiner Tasche, zog eine Packung der Dango heraus, die wir vorhin gekauft hatten.

„Hier, nimm“, sagte er und riss die Packung auf, ich zog einen der Spieße heraus und biss in den ersten, rosafarbenen Knödel, er schmeckte süß.

 

Wir setzten unseren Weg durch den Wald fort, eine Weile passierte nichts. Ich fühlte, wie mich der Junge, dessen Wespenstich ich versorgt hatte, beobachtete, und musste dadurch daran denken, wie ich war und wie ich wirkte, gerade auch auf Zivilisten.

Für die Zivilisten in Konoha war ich der Clanerbe der Uchiha, fast wie eine Art Prinz, und dazu eben auch noch das hochbegabte Wunderkind. Menschen außerhalb des Dorfes kannten auch oft meinen Namen, und es passierte nicht gerade selten, dass ich auf Leute traf, die mich, wenn ich mich vorstellte und zu erkennen gab, genauso anschauten wie die Zivilisten im Dorf, mit diesem bewundernden, fast ehrfürchtigen Blick. Und auch wenn ich zugeben musste, dass es mir auch manchmal schmeichelte, meistens war es mir eher unangenehm.

Ich mochte vieles von dem, was ich konnte, ich mochte meine Familie und mein Dorf, und ich kannte es ja auch nicht anders. Aber wenn man mich gefragt hätte, wo und wie ich leben wollte und mich am wohlsten fühlte, dann würde meine Antwort sein, dass ich am liebsten zu Hause war, bei Mama und meinem kleinen Bruder, und dass ich mich schon auch danach sehnte, nicht aufzufallen. Einfach irgendwie „normal“ zu sein, auch wenn ich zugleich nicht wusste, was dieses Wort eigentlich bedeuten sollte.

 

Während wir weiter unserem Weg durch den dunklen Wald folgten, hatte ich nach außen hin alle Sinne aktiv, wir rechneten mit weiteren Angriffen, und ich wusste, Shisui hielt für mich mit die Augen offen, während ich den weiteren Verlauf der Mission gedanklich durchspielte.

 

Und dann, irgendwann, als wir aus dem dunkelsten Teil des Waldes herauskamen, hatte ich auf einmal … ein Gefühl, einen Gedanken, den ich mir selbst nicht erklären konnte:

Was, wenn Madara das Regenland nie verlassen hatte? Wenn er immer noch hier war? Ich hatte dieses bestimmte Gefühl, er war hier irgendwo, nicht in der Nähe, aber auch nicht allzu weit entfernt. Und falls diese Mission uns zu dem Ort führen sollte, wo er war, was würden wir tun? Ich war mir sicher, dass Madara es bemerken würde, wenn sich unsere Wege kreuzen könnten.

 

„Itachi?“, sprach Shisui mich an, „Was denkst du gerade?“

„Madara …“, sagte ich. „Es könnte ja sein, dass er immer noch hier ist …“

„Wenn er nicht gefunden werden will, werden wir ihn nicht finden.“

„Ich will ihn nicht suchen. Er wird seine Gründe haben, dass er seine Spuren verwischt.“

 

Wir erreichten ein Dorf, einen kleinen Ort mit Feldern darum herum, und auf den ersten Blick wirkte es wie ein ganz normales Bauerndorf. Doch dann, als wir um eine Kurve herum kamen, bemerkten wir den Geruch von Rauch und sahen auch eine Rauchsäule über den Häusern.

„Ein Überfall?“, fragte Shisui. „Von einer der Ame-Banden?“

„Wir sehen uns das an“, sagte Yuta. „Kommst du mit mir, Shisui? Itachi, du bleibst bei unserer Gruppe.“

„Ich kann doch auch nen Schattendoppelgänger mitschicken.“

„Okay.“

Und so blieb ich bei den Zivilisten, Mie saß auf dem Wagen und las die Wettergeräte aus, und mein Schattendoppelgänger begleitete Shisui und Yuta.

 

Als die beiden wieder kamen und ich meinen Doppelgänger auflöste, erfuhr ich, dass es in dem Dorf einen schweren Unfall mit seltsamen Schäden gegeben hatte, die sehr danach aussahen, als lebte in diesem Ort eine der unbekannt und versteckt lebenden Kekkei Genkai Familien.

Drei Bauern waren umgekommen, zwei Häuser abgebrannt und die Überlebenden sprachen von schwarzer Hexerei.

Yuta hatte in den Ruinen etwas gefunden, eine geheimnisvolle, versiegelte Kiste, die wir vorsichtig öffneten. Darin befanden sich mehrere Schriftrollen und obenauf ein Umschlag mit einem roten Siegel darauf. Das Siegel zeigte eine stilisierte Wolke und einen dahinter halb verborgenen Vollmond. Und irgendwas daran, ich wusste nicht was, kam mir vertraut vor.

Als ich den Umschlag in die Hand nahm, spürte ich eine feine Vibration im Papier, und das, was darin geschrieben stand, bestätigte den Verdacht, dass es hier eine Familie mit Kekkei Genkai gab. Es handelte sich um einen in Dogo verfassten Brief an solche Familien, in dem sie aufgefordert wurden, sich erkennbar zu machen, und sich in einem bestimmten Dorf weiter westlich, ganz in der Nähe der Berge, zu melden. Es war die Rede von einem neuen Ort, an dem sie als begabte Clans akzeptiert und gefördert werden würden. Unterschrieben war der Brief nur mit einem rätselhaften Pseudonym: „Der Schatten des tiefroten Mondlichts“

Die Handschrift war sehr ordentlich und absolut neutral. Wer auch immer diesen Brief geschrieben hatte, wusste seine Identität darin vollständig zu verbergen.

Doch der Namen „Schatten des tiefroten Mondlichts“ … ich konnte nicht umhin, dass ich das Gefühl hatte, diese Worte sollten mir etwas sagen.

 

„Da sucht jemand nach Kekkei Genkai Clans“, sagte ich.

„Wir nehmen die Kiste mit. Vielleicht kann unsere Spurenabteilung in Konoha was damit anfangen“, erwiderte Yuta.

„Und was ist mit unserer Mission?“, fragte die alte Frau auf dem Wagen.

„Wir gehen weiter“, sagte ich.

 

Während wir unseren Weg also fortsetzten, dachte ich noch über diesen Brief nach. Die Vibration im Papier, die betont neutrale Handschrift, der eigenartige Deckname des Verfassers … Der Brief war in Dogo verfasst worden, und ich übersetzte ihn gedanklich in Senningo. Akatsuki-hikari no Kage. Kage? Jemand schrieb einen Brief, suchte nach begabten Clans, bot ihnen an, sich an einem Ort einzufinden, wo ihre Fähigkeiten gebraucht wurden, und bezeichnete sich als „Kage“?

In meinem Kopf sprang eine Klappe auf, ich dachte an das, was ich über die Gründung von Konoha Gakure wusste: Der Hokage der Ersten Generation hatte es ähnlich getan: Er hatte begabte, mit den Senjuu befreundete Familien und Clans zusammen gesucht und eingeladen, hatte dem neunschwänzigen Fuchs das Land abgekauft, auf dem er das Dorf errichten wollte, und so war Konoha entstanden.

Irgendwo war jetzt also jemand, der dasselbe versuchte. Jemand, der Clans anschrieb, um ein neues Dorf zu gründen, und der vielleicht sogar die Gründungsgeschichte von Konoha Gakure kannte. Die anderen Dörfer waren auf andere Weisen entstanden. Konoha war das einzige der fünf Versteckten Dörfer, das durch eine einzelne Person aktiv gegründet worden war.

 

Ich sah zu Shisui, der ein Stück weiter neben mir ging, und er bemerkte meinen Blick und erwiderte ihn. Mit einer subtilen Bewegung meiner Hand bedeutete ich ihm, näher heran zu kommen, und wir gingen beide langsamer, bis die anderen ein Stückchen entfernt von uns waren.

„Was denkst du, Itachi?“, fragte Shisui. „Noch der Brief?“

Ich nickte. „Ich glaube, ich weiß, wer ihn geschrieben hat.“

Einen Moment lang hing der Verdacht zwischen uns in der Luft, und Shisui kannte mich gut genug, um zu erkennen, was ich dachte:

 

„Madara?“, fragte er flüsternd.

Ich nickte.

„Wie kommst du auf ihn?“

„Jemand gründet ein Dorf, als einzelne Person, und bezeichnet sich selbst als Kage des tiefroten Mondlichts. Jemand sucht dafür nach begabten, marginalisierten Clans, so als würde er zugleich Kräfte suchen und ein gutes Werk tun wollen. Und dieser Jemand ist hier, im Regenland. Er sieht hier eine Aufgabe.“

„Kann doch auch jeder andere sein, die Gründungsgeschichte von Konoha ist schließlich bekannt.“

„Aber wer ist denn schon so idealistisch? Die Leute hier in Ame selbst sicherlich nicht. Nein, ich bin mir sicher, es ist jemand von außerhalb. Und es ist jemand, der Hashirama Senjuus Geschichte sehr genau kennt. Ein enthusiastischer Idealist, der die Welt verbessern will, und der Konohas Gründungsgeschichte nachstellt, um selbst Kage zu sein, weil er das als seine Mission ansieht. Weil er das Elend in Ame Gakure gesehen hat. Ich sag dir, wir reden hier über Madara.“

„Und wo ist er?“

„Das weiß ich auch nicht. Am ehesten wohl in den Bergen zum Windreich hin, so wie es in dem Brief steht. Aber die liegen völlig abseits unserer Route, da müssten wir direkt durch Ame Gakure. Das schaffen wir nicht. Und selbst wenn, ich würde ihn jetzt nicht suchen. Wenn er wirklich derjenige ist, der das geschrieben hat und gerade ein neues Dorf aufbaut, dann wird er von sich aus Kontakt aufnehmen, weil er Verbindungen zu Konoha sucht. Er ist nie desertiert, er hat nur seine Mission, und wenn die geschafft ist, wird er wieder kommen. Madara ist mein Pate, ich kenn ihn gut genug.“

„Ich behalte das für mich“, sagte Shisui. „So lange, bis es Beweise gibt.“

„Ja. Oder so lange, bis er sich wirklich von sich aus wieder meldet.“

 

Wir holten wieder zur Reisegruppe auf und das Thema war fürs erste erledigt. Ich legte es innerlich im Tsukuyomi ab, damit ich nicht weiter darüber nachdachte, und wir setzten die aktuelle Mission mehr oder weniger einfach fort.

 

Mie hatte eine neue Route berechnet, da der Regen wieder deutlich zunahm und somit auch die Gefahr von Überfällen wieder stieg. Wir mussten das Regenland so schnell wie es ging, wieder verlassen.

Zwischen dem Regenland und der Wüste des Windreiches befanden sich hohe Berge, die überhaupt der Grund waren, warum es hier so stark regnete und in der Wüste direkt dahinter eben nicht mehr. Die Berge waren so hoch, dass der Regen an ihnen hängen blieb und durch den Wind über den Gipfeln wieder zurück in Richtung der Wälder des Feuerreiches getrieben wurde. Und so waren diese Berge eben auch zu hoch, als dass wir sie mit einer Gruppe Zivilisten und einem Ochsenwagen schaffen würden, wir mussten sie umgehen und das Regenland wieder verlassen.

 

Es gab ein weiteres Land, einen dünn besiedelten Streifen zwischen Feuerreich und Windreich, der ebenso an hohe Berge grenzte, doch dort gab es einen einzigen Punkt, an dem man diese Berge relativ gut überqueren konnte. An diesem Punkt würden Ninjas aus Suna Gakure unsere Reisenden übernehmen und sicher in ihr Dorf begleiten können.

Mie hatte einige mechanische Brieftauben dabei, und eine davon schickte sie uns voraus, damit Suna Gakure informiert war, dass wir auf dem Weg zu dieser Stelle waren.

 

Als der Regen noch mal stärker wurde, hielten wir Ausschau nach einem Unterstand, doch das Einzige, was wir fanden, war ein kleiner, verfallener Schuppen, hinter dem direkt ein weiterer Regenwald begann. Es wurde kalt und dunkel, und ich dachte an die Menschen, die hier lebten. Mie hatte gesagt, die Menschen von Ame Gakure waren pessimistische, bittere Charaktere, die nicht an dieselben Dinge glaubten wie wir aus Konoha. Und angesichts dieser Umgebung konnte ich mir das gut vorstellen.

 

Ich sah zu Yuta, der gerade mit Shisui sprach, und bemerkte einen Schatten, nur einen Bruchteil einer Sekunde, bevor Shisui ihn ebenfalls bemerkte: Jemand war über uns, versteckt im dichten Regen, wie eins geworden mit dem Wasser. Kein einfacher Bandit, sondern ein Shinobi, einer der Ame-Ninjas, die völlig vereint mit dem Regen waren.

Yuta hatte sofort sein Schwert in der Hand und Shisui war so schnell verschwunden, dass ich erst nicht wusste, wo er war. Und der Ame-Ninja über uns hatte mich im Visier. Vermutlich, weil er mich nicht kannte oder nicht erkannte.

„Yuta!“, hörte ich Mie rufen, und sah, wie der Anbu wieder einen Schutzschild um unsere Reisenden aufbaute. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, und als ich meine Sharingan aktivierte, sah ich besser, was wirklich geschah, die Sharingan ermöglichten mir, dass ich wie durch eine Zeitlupe das sehen konnte, was für normale Augen zu schnell war.

 

Shisui war in einen Kampf mit einem zweiten Kämpfer verwickelt, der zu dem ersten Angreifer offenbar dazu gehörte. Ich sah meinen Cousin, wie er nur hin und wieder aufblitzend zu erkennen war, er nutzte seine Teleporter-Technik, doch sein Gegner schien so sehr mit dem Regen vereint, dass selbst Shisuis unglaubliche Geschwindigkeit den Kampf nicht sofort beenden konnte.

 

Ich hatte jedoch keine Zeit mehr, das zu beobachten, denn nun griff der erste Ninja mich an, und er hatte jede Menge Shuriken, die anders aussahen als jene, die ich selbst benutzte und kannte. Sie waren flacher und runder, perfekt an den strömenden Regen angepasst. Und ich fühlte, dass ich ihm in Sachen Elemente völlig unterlegen war. Mie hatte Recht, mit reinen Feuerelement-Angriffen hätte ich hier überhaupt keine Chance.

Zuerst konnte ich nichts anderes tun, als auszuweichen, ihn auf Abstand zu halten. Ich versuchte mehrmals, Genjutsu zu verwenden, doch durch den starken Regen fehlte mir die Ruhe, die ich dafür brauchte. Ich war das Kämpfen in einem derart starken Regen einfach nicht gewohnt, dieser Regen war etwas völlig anderes als der, unter dem ich in Konoha trainiert hatte.

Mein Gegner drängte mich in Richtung des kalten, dichten Regenwaldes, und es war klar, dass ich ihm auch darin unterlegen war. Auch wenn Kämpfe im Wald mir eigentlich vollkommen vertraut waren, zu den absoluten Grundlagen meiner Ausbildung gehört hatten, wie für jeden Shinobi aus Konoha, dieser Wald war anders. Der Ame-Gakure-Regen veränderte alle Bedingungen.

Ich versuchte, hoch zu kommen, über den Wald, auf die Baumkronen. Nur nicht in das dichte, triefnasse Unterholz geraten …! Und um genug Kraft zu haben, ließ ich mein Feuer-Element nach innen wirken, es wärmte mich, bis ich die Kälte des Regens nicht mehr so sehr spürte.

 

„Itachi! Alles okay?“, hörte ich Shisui rufen.

„Geht so“, antwortete ich laut.

„Bin gleich … da! Der hier …“, er wurde von metallischem Kreischen unterbrochen, „… der ist ganz schön hartnäckig!“

Das Tsukuyomi hatte im Laufe der Jahre bewirkt, dass ich irgendwie die Fähigkeit zu höherer Körpertemperatur hatte, es wärmte mich bis zu einem Grad, der bei anderen Menschen schon leichtes Fieber bedeutete. Und diese Fähigkeit nutzte ich jetzt, um beweglich zu bleiben, trotz des kalten Regens.

Ich wich wieder einem Hieb aus, lockte meinen Gegner weiter nach oben, erwischte mit meinen Füßen einen Ast, ließ Chakra laufen, um darauf stehen zu können, und hatte dann eine Sekunde, mehr brauchte ich nicht, um Tsukuyomi kommen zu lassen. Ich konnte meinen Gegner kaum sehen, seine Angriffe waren mehr hör- als sichtbar, weil er so sehr mit dem Regen verschmolz. Er hatte noch nicht ein einziges Wort gesprochen.

 

Doch auf einmal blieb er in der Luft stehen, zwar nur für einen Moment, aber lang genug, damit ich ihn endlich sah. Er war voll maskiert, ich hatte nur einen kurzen Augenblick, in dem ich seine Augen sah, und er schien sich, wie so viele, doch irgendwie zu wundern, dass er in mir einen Gegner hatte, der aussah wie ein Kind.

Und diesen Moment konnte ich endlich nutzen, um zuerst ein einfacheres Genjutsu zu bilden und auf ihn anzuwenden, und dann seine Verwirrung ebenfalls zu benutzen: Ich öffnete Tsukuyomi, nahm ihn unter dem ersten Genjutsu mit hinein und fühlte, wie überrascht er war. Der Raum, in den ich ihn holte, war eine zeitreduzierte Dimension, mit der ich innerhalb weniger Augenblicke das Zeitgefühl des Gegners vollständig desorientieren konnte.

 

„Wer … wie …?“ Zum ersten Mal sagte er etwas. Seine Stimme machte seine Angst deutlich.

„Tut mir leid“, erwiderte ich.

Er sagte nichts, sah mich nur an. Es tat mir irgendwie wirklich leid, aber ich durfte es nicht zeigen.

„Wer bist du?“, fragte er dann. „Du siehst aus … wie ein Kind.“

„Tut mir wirklich leid für dich, dir das sagen zu müssen: Ich bin Itachi Uchiha, und du bist in meiner Welt. Wenn du aufwachst, wirst es eine ganze Weile dauern, bis du wieder kämpfen kannst.“

Mit diesen Worten ließ ich die ganze Kraft des Tsukuyomi über ihn kommen, und als ich ihn wieder heraus ließ, hing er bewusstlos über dem Ast, wo er mich angegriffen hatte.

 

Im nächsten Moment stand Shisui neben mir. „Alles okay?“

„Er war stark.“

„Aber du hast ihn besiegt.“

„Ich konnte ihn … nicht umbringen.“

„Wolltest du nicht?“

„Ich kann das nicht.“

„Du hast ihn besiegt, das reicht.“

„Hast du deinen besiegt?“

Shisui nickte. „Vollständig.“

„Ich kann so was nicht.“

„Ist doch okay.“ Shisui lächelte. „Du bist schließlich Mediziner, Itachi. Jemanden wirklich zu töten widerspricht deinem Kodex.“

 

Wir blieben noch etwa eine halbe Stunde bei dem Unterstand, so lange, bis der schlimmste Regen wieder vorbei war.

Ich nutzte die Zeit, um diesen Regen zu analysieren, das war wichtig, falls uns in diesem Wetter noch mal jemand angriff. Der Regen von Ame Gakure war besonders dicht und hatte eine Energie in sich, eine Reibung und Verschmelzung aus größeren und kleineren Tropfen zugleich, wie eine zeitgleiche Vermischung aus Starkregen und Nebel, und die Ninja hier kannten diese Eigenschaften genau so gut wie wir aus Konoha unseren Wald kannten.

 

Als wir unseren Weg vor dem Regenwald entlang fortsetzten, immer achtsam, nicht in den Wald selbst zu geraten, weil dieser so unfassbar dicht und nass war, kam mir ein Gedanke, der die These, dass Madara noch hier im Regenland war, weiter bekräftigte:

Ich kam darauf, weil ich mich fragte, wie stark ein Feuerversteck-Jutsu vielleicht sein musste, um nicht vom Regen ausgelöscht zu werden, sondern den Regen auszutrocknen.

Und dabei fiel mir ein, dass es da wirklich ein Jutsu gab, das so etwas konnte: Amaterasu. Ihre Flammen trockneten und verbrannten auf Anweisung alles, auch Wasser. Ich selbst hatte noch keinen direkten Zugang zu Amaterasu, doch Madara beherrschte diese Flammen sehr gut. Und er als Idealist war sicher längst auf die Idee gekommen, mit diesem Jutsu für Wärme im kalten, dichten Regen zu sorgen.

Die Erbjutsu unseres Clans, Amaterasu, Tsukuyomi und Susanoo, waren nicht einfach nur starke Jutsu. Es waren Kräfte mit einem eigenen Wesen, und sie nur im Kampf zu nutzen wäre die reinste Verschwendung gewesen. Tsukuyomi war mein Ruheort, Susanoo der Schutzpatron der Kämpfer (wenngleich er auf mich nicht wirklich hörte, mehr auf Shisui) und Amaterasu stand nicht nur für zerstörerische, unbesiegbare Flammen, sondern auch für große Wärme und Schutz.

 

Shisui sah, dass ich nachdachte, und sprach mich an: „Worüber denkst du nach, Itachi?“

„Amaterasu und Madara. Amaterasu ist das einzige Feuer, das dieser Regen nicht zu löschen vermag. Ich glaube, Madara nutzt es jetzt für seine Mission hier.“

„Falls er die Person ist, die den Brief geschrieben hat …“

„Da bin ich mir inzwischen sicher“, sagte ich.

„Man müsste das Feuer befragen können“, sagte Shisui. „Ich kann es ja auch beschwören.“

„Aber es wird dir nicht antworten. Nicht, wenn Madara es um Stillschweigen gebeten hat.“

„Hm, ja …“ Shisui blieb kurz stehen, schaute zum Himmel, wo die Sonne als erkennbarer, blasser Kreis hinter den Wolken zu sehen war. „Ich frag mich nur, wann er wieder kommt, wenn er wiederkommen will. Es sind jetzt sechs Jahre.“

„Wenn er wirklich ein neues Dorf gründet, wird das Zeit brauchen. Aber ich bin mir sicher, irgendwann kommt er wieder.“

 

Am Abend dieses Tages erreichten wir die südliche Grenze des Regenlandes. Hier wurden die Berge steiler, der Ochsenwagen bekam Probleme, aber der Regen hörte endlich auf. Das Land südlich von Ame gehörte einem Feudalherrn, der mit seinen Samurai genug Streitkraft hatte und nur wenige Ninja brauchte. Deshalb gab es in diesem Land auch kein Verstecktes Dorf. An der Grenze wurden wir kontrolliert, doch als wir erstens den Auftragsbrief von Minato und zweitens den Ausweis der Prinzessin vorlegten, ließ man uns passieren.

 

Wir übernachteten auf einer Lichtung im Bergwald, und am nächsten Morgen standen die Suna-Ninjas da, die die Reisegruppe übernehmen wollten.

„Wie lief die Reise?“, fragte einer.

Ich erstattete Bericht über die beiden Angriffe und erwähnte nebenher auch den Unfall in dem Dorf. Dass wir Zeuge eines Brandunfalls geworden waren, aber nicht hatten helfen können. Natürlich sagte ich ihnen nicht, dass der Unfall durch Kekkei Genkai verursacht worden war, und schon gar kein Wort über Madaras Brief. Das ging nur Konoha etwas an, zählte schon als staatsrelevantes Geheimnis.

 

Die Suna-Ninjas übernahmen die Gruppe dann und Shisui, Mie, Yuta und ich machten uns auf den Heimweg. Wir nahmen den direkten Weg durch das Feudalland, verließen es noch am selben Tag und waren am nächsten Tag wieder in Konoha, da wir ohne die Gruppe viel schneller waren.

Mie und ich besprachen noch eine Zusammenfassung der Mission und ich ging dann allein zum Hokage, um ihm Bericht zu erstatten. Den Brief nahm ich mit.

 

Minato war gerade mit einer großen Schriftrolle beschäftigt, als ich in sein Büro kam. Ich klopfte an die offene Tür, er sah auf.

„Ich will nur Bericht erstatten“, sagte ich.
„Komm rein, Itachi.“ Er rollte die Schrift zusammen und stellte sie beiseite.

„Wir haben die Reisegruppe sicher bis zum Windreich begleitet und sie dann den Suna-Ninjas übergeben. Es gab zwei Angriffe auf dem Weg, aber niemand ist zu Schaden gekommen.“

Ich schloss die Tür hinter mir und fügte noch leise hinzu: „Und wir haben … noch etwas anderes entdeckt. Es ist … wichtig, denke ich.“

Minato verstand sofort, dass es um ein wichtiges Geheimnis ging. Er winkte mich an den Schreibtisch heran und ich trat nah davor, holte den Brief heraus und öffnete ihn.

„Was ist das?“

„Es gab einen Brandunfall in einem Dorf auf dem Weg, ein Unfall, der stark danach aussieht, als lebte dort eine verborgene Clan-Familie, eine mit Kekkei Genkai. Und wir haben in den Ruinen eines der Häuser diesen Brief gefunden.“

„Gib mir das“, sagte Minato, und ich reichte ihm den Brief. Er las ihn und ich sah, wie es dabei hinter seinen Augen arbeitete. „Das ist wirklich … interessant. Gut, dass du mir das zeigst.“

„Shisui und ich, wir glauben, dass wir auch wissen, wer diesen Brief geschrieben hat“, sagte ich.

Minato sah mich an, und ich wusste, er hatte denselben Verdacht. Er und Madara hatten sich ja auch gut gekannt.

„Madara?“, sprach er den Gedanken aus.

Ich nickte.

„Es würde tatsächlich zu ihm passen“, sagte Minato. „Ich werden den Brief an unsere Spurenabteilung weitergeben, die werden sich das anschauen.“

„Würde dann noch mal nach ihm gesucht werden?“, fragte ich. „Ich denke nämlich, er wird, wenn er das geschafft hat, was er wollte, sich von sich aus melden.“

„Du meinst, wir sollen ihm Zeit geben?“

„Ja. Ich bin mir sicher, er hat uns nicht vergessen.“

„In Ordnung. Wenn es sich ergibt, werde ich demnächst noch mal ein Team losschicken, das sich das alles genauer ansieht. Vielleicht auch eine Anbu-Gruppe …“

„Ich denke, wenn er wirklich ein neues Dorf aufbaut, dann wird er sich ohnehin von sich aus melden, er wird ja diplomatische Allianzen brauchen und so weiter.“

Minato dachte einen Moment nach, dann nahm er ein Buch von seinem Schreibtisch zur Hand und schrieb etwas hinein. „Ich schicke Ende nächsten Monats noch mal ein Team ins Regenland. Einfach damit wir ein klareres Bild bekommen, was dort los ist.“

1989 – 1990

 

 

Das Anwerben neuer Familien für das neue Dorf, das jetzt den Namen Akatsuki-hikari trug, verlief nicht annähernd so flüssig, wie Madara es sich gewünscht hätte. Er hatte alle Briefe inzwischen verteilt, und zwei Mal waren auch Vertreter von Familien hier aufgetaucht, doch aus verschiedenen Gründen hatten sie sich alle dagegen entschieden, umzusiedeln. Der einen Familie war die Entfernung zu ihrer Heimat zu groß, die andere sah Akatsuki nicht als stark und sicher genug an.

An der Entfernung konnte Madara nichts ändern, doch für die Stärke und Sicherheit konnte er etwas tun.

 

Aus der Idee mit den Bijuu-Geistern war inzwischen ein Konzept mit mehreren Möglichkeiten geworden, hauptsächlich den Neunschwänzigen Fuchs betreffend. Dieser war erstens frei, zweitens der stärkste aller Bijuu und drittens wusste Madara durch die Schriften des Ersten Hokage am meisten über ihn. Wenn es ihm gelang, diesen Bijuu durch Überzeugung für sich zu gewinnen und an seiner Seite zu haben, dann hätte er genug Macht, Energie und Kraft, um sowohl Clans anzulocken, als auch mit einer sicheren Position in Verhandlungen zu den anderen Dörfern zu treten. Außerdem, sollte der Fuchs sich in Konoha blicken lassen und Madara könnte diesen Angriff stoppen, dann wäre dadurch ein starkes Band zwischen Akatsuki und Konoha gesichert.

 

Um diese Pläne umzusetzen, brauchte Madara ein wirklich starkes Jutsu. Eines, mit dem man einem Bijuu, und dem Mächtigsten von ihnen, entgegentreten konnte … Er begann, die tieferen Schichten des Phantomdrachen-Jutsus zu erkunden, zuerst, indem er viel las und erkundete, wie dieses Jutsu in seinen Grundlagen aufgebaut war. Es baute auf der Idee auf, dass man durch extrem viel Chakra und genaues Wissen über die Eigenschaften des Bijuu einen künstlichen Drachen erschuf, der stark genug war, einen Bijuu in seiner Art grundlegend zu verändern und gewissermaßen zu zähmen.

 

Madara wusste, dass es in anderen Welten, auf anderen Dimensionen, wirkliche Drachen gab, doch diese waren für ihn als Einzelperson unerreichbar. Um eine Tür zu einer solchen anderen Dimension zu öffnen, brauchte es von dieser Welt aus ein extrem starkes Tor, oder die andere Dimension musste die Shinobiwelt von sich aus kontaktieren. Ein solches Tor war zum Beispiel durch das Sharingan zwar möglich, doch man brauchte mindestens zehn Sharingan-Anwender, die zugleich dieses Tor öffneten.

Wenn sich also kein echter Drache aus einer dieser anderen Welten von sich aus meldete, brauchte es eine möglichst nahe Imitation. Diese Imitation erforderte ebenso ein dimensionales Auge wie das Sharingan, aber dafür genügte die Kraft eines einzelnen Anwenders.

 

Für seine täglichen Trainingseinheiten verließ Madara jetzt oft den Ort, ging weiter in die Berge und fand dort zwischen den Gipfeln ein Tal, das sich gut für das Trainieren eines solchen Jutsus eignete. Die hohen Felswände gaben ein gutes Echo ab, schützten jedoch auch die Geheimnisse dieses Trainings, und es waren genug Bäume dort, dass Madara sich fast ein bisschen wie zu Hause im Feuerreich fühlte.

Er hatte früher einmal an einem ähnlichen Ort trainiert, einem Tal mit Bäumen, einem Fluss und einem großen Wasserfall, welches sich im Norden des Feuerreiches befand. Diesen Ort hatte er aus den Schriften des Ersten Hokage gekannt und dort zu trainieren hatte sich immer so angefühlt, als sei er wirklich der Hashirama Senjuu seiner eigenen Generation.

 

Doch jetzt, wo er im Regenland lebte, wollte er einen ähnlichen Ort auch hier haben. Und so verbrachte er die Zeit in diesem Tal mit dem Training und dem Umbau dieses Ortes nach dem Vorbild jenes Tals im Feuerreich. Weil jenes Tal dort tatsächlich der Familie Senjuu gehört hatte, gab es dort verschiedene Zeichen, die Madara hier nachbildete. Das auffälligste dieser Zeichen war eine riesige Statue des Hashirama aus Fels, zwischen Erde und Wasser, die ja Komponenten des Holzverstecks waren. Mit verschiedenen Techniken baute er diese Statue hier ebenfalls nach und hatte nun den idealen Ort, um ein starkes, idealistisches Jutsu zu entwickeln und zu lernen, mit dem er Kurama gegenübertreten wollte.

 

Wenn er nach diesem Training dann wieder zurück nach Akatsuki kam, wartete dort Konan auf ihn, die sich nun auf verschiedene Aufnahmeprüfungen an Ninja-Akademien vorbereitete. Sie hatten gemeinsam schon einen Brief an die Akademie von Kumo Gakure geschickt, doch die Antwort ließ auf sich warten und so lernte Konan jetzt schon mal alles, was sie bis dahin können wollte. Madara ging mit ihr das durch, was er über den Lehrplan der Akademie von Konoha wusste, und unterrichtete sie in allem, was nach den pädagogischen Idealen des Ersten Hokage wichtig war, um ein guter Shinobi zu werden. Die Ausbildung in Kumo war mehr oder weniger als Übergang gedacht, und weil Madara es auch für gesund und wichtig hielt, dass seine Ziehtochter mit anderen Kindern zusammen lernte.

 

Hin und wieder gesellte sich auch Nagato zum Lernen dazu, und Madara fragte ihn auch, ob er ebenso nach Kumo Gakure gehen und dort lernen wollte. Doch Nagato lehnte das ab. Er sagte, ihm sei der Umgang mit den anderen Kindern auf einer Akademie zu viel, und er wollte lieber hier bleiben, im Regenland. Er hatte durch sein Training inzwischen seine ganze Kampfkraft dem Regen verschrieben, genau wie ein Ninja aus Ame Gakure, und wollte nirgendwo anders leben.

 

Was Madara und Konan nicht wussten, war: Neben Kisame hatte nun auch Kakuzu begonnen, Nagato Dinge beizubringen. Und Kakuzus Techniken, die allesamt dunkle, verbotene Jutsus waren, hatten ihre Wirkung auf Nagato. Er begab sich da in etwas, das dunkel war, dunkel und süchtig nach Macht und Rache. Und Kakuzu achtete darauf, dass Madara nicht zu viel davon mitbekam.

 

Kisame unterhielt daneben noch weitere Kontakte in den Untergrund. Er wusste, dass es in Konoha vor einer Weile Probleme mit einem Abtrünnigen gegeben hatte: Einer der legendären Sannin, Orochimaru, ein ehemaliger Schüler des Dritten Hokage, hatte im Dorf für große Probleme gesorgt und war dann verschwunden und abgetaucht. Kisame hatte ihn irgendwo kennen gelernt und ihn Kakuzu vorgestellt.

Während Madara voll auf das neue Jutsu und Konans Unterricht konzentriert war, spannen Kakuzu, Kisame und Nagato ihr eigenes Netz. Zuerst versuchte Sasori noch, sich da herauszuhalten, doch dieses neue Netz reizte seine dunkle Seite. Er stieg nicht voll mit ein, dazu hatte er zu viel Respekt vor Madara und mochte auch Konan zu gern, doch hin und wieder beteiligte er sich daran.

 

Dass Madara gerade an einem Jutsu arbeitete, mit dem sich ein Bijuu-Geist würde einfangen lassen, erfuhr zunächst niemand der anderen. Madara hielt es so geheim wie möglich, baute eine mentale Mauer aus Ausreden darum herum und drückte es, wenn er zum Training in jenes Tal verschwand, immer so aus, dass Kakuzu ihn ironisch belächelte und als „naiv“ bezeichnete.

Er war an dieses Wort gewöhnt, schon in Konoha hatten manche Leute ihn so bezeichnet, weil er die idealistischen, positiven Ideale des Ersten Hokage so hoch hielt. Doch ähnlich wie dieser selbst nahm auch Madara die Aussage „Du bist so naiv“ als Kompliment. Und jetzt nutzte er das ganz gezielt aus, dass man ihn für „naiv“ hielt und ihm ein solches Jutsu und das Geheimnis darum nicht zutraute.

 

Doch zu Beginn des Jahres 1990 fand Sasori dann heraus, was Madara im Geheimen trieb, und fragte ihn eines Tages danach: Madara und Konan saßen nach dem Abendessen zum Lernen zusammen, als Sasori hereinkam, die Tür hinter sich schloss und geradeheraus fragte: „Und? Bist du bald fertig mit dem Jutsu für den Bijuu, Madara?“

Madara sah ihn an, als hätte ihn eine Wespe gestochen.

„Keine Angst, ich habs alleine rausgefunden. Kakuzu weiß von nichts“, sagte Sasori.

„Wie …?“

„Du hast es nicht mehr erwähnt“, sagte Sasori. „Das passt nicht zu dir.“

Sasori hatte also daran, dass Madara über die Idee, einen Bijuu einzufangen, nicht mehr gesprochen hatte, erkannt, dass es da ein Geheimnis gab. Er kannte Madara gut genug, um dieses Fehlen eines Themas als Zeichen zu deuten, dass etwas im Busch war.

Konan sah Madara fragend an. „Ein Bijuu? Was ist das?“

Madara seufzte. „Kann man hier denn gar nichts mehr für sich behalten?“

„Nein“, sagte Sasori ungerührt. „Vor mir nicht.“

„Was ist ein Bijuu, Dara?“, fragte Konan.

 

„Ein Bijuu ist ein sehr mächtiges Tierwesen“, sagte Madara. „Es besteht aus sehr, sehr starkem, hochkonzentriertem Chakra und wenn man es einfängt oder für sich gewinnt, hat man eine sehr mächtige Kraft an seiner Seite. Es gibt insgesamt neun davon, und ich lerne gerade, wie man diese Kraft für sich gewinnen kann.“

„Wie macht man das?“, fragte Konan weiter.

„Das ist geheim.“

„Aber du kannst das?“

„Ich lerne es gerade. Der Hokage der Ersten Generation konnte es, und ich versuche, etwas ähnliches zu lernen.“

„Du hast gesagt, du willst niemanden ermorden“, sagte Sasori.

„Deshalb suche ich ja nach einem Bijuu, der noch frei ist.“

„Und hast du einen im Blick?“

Madara nickte.

„Welchen?“

„Den, der sich als erstes zeigt“, sagte Madara. „Ich habe Informationen, dass sich demnächst einer bewegen und zeigen wird.“

„Welcher?“, wiederholte Sasori.

„Sag ich nicht.“

„Madara, ich kenne dich“, sagte Sasori.

„Ich dich auch.“

„Als wenn ich Kakuzu davon erzählen würde …“

 

Konan sah Sasori an, ihr Blick verriet, dass es ihr nicht gefiel, wie Sasori sich Kakuzu zuwandte.

„Sasori, du weißt hoffentlich, dass Kakuzu dich ausnutzt, oder?“, sagte sie und klang tatsächlich wütend. Dass Sasori sich hin und wieder mit Kisame und Kakuzu abgab, tolerierte sie, doch sollte er deswegen Madara hintergehen, überschritt das eindeutig Konans moralische Grenze.

„Jaa …“, sagte Sasori.

Konan sah ihn sehr bestimmt an.

„Von mir erfährt Kakuzu nichts“, sagt Sasori. „Aber … ihr erfahrt von mir.“

„Über Kakuzu?“, fragte Madara.

Sasori nickte.

„Du spionierst?“, fragte Konan.

„Ja. Kakuzu hat weiter Kontakte in den Untergrund, und Kisame auch. Ich weiß noch nicht genau, um wen es geht, aber sie haben irgendwas vor.“

 

„Und Nagato?“, fragte Madara.

„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Nagato mit Kisame trainiert und Kakuzu da mitmacht.“

„Ganz ehrlich: Verbotene Jutsus?“ Madara war alarmiert.

„Ist kein Maßstab. Meine Jutsus sind auch verboten.“

„Bist du beim Training da dabei?“

„Nein.“ Sasori schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur, was sie reden.“

„Kann ich mich auf dich verlassen, Sasori?“, fragte Madara und sah ihn direkt an.

Sasori nickte wieder. „Ja.“ Er sah Konan an und sagte: „Konan zerreißt mich doch in der Luft, wenn ich euch verrate.“

„Darauf kannst du dich verlassen“, sagte Konan, und es war deutlich, dass sie das ernst meinte.

 

„Welchen Bijuu hast du im Blick, Madara?“, wiederholte Sasori seine Frage.

Madara sah sich kurz um, vom Fenster zur Tür und wieder zum anderen Fenster. Dann senkte er ein wenig den Kopf, dass sein Haar so fiel, dass es von beiden Seiten sein Gesicht verdeckte.

„Den Neunschwänzigen Fuchs“, sagte er leise.

„Wow.“

„Der wird sich als nächstes zeigen. Es wird noch eine Weile dauern, und ich hoffe, dass mein Jutsu bis dahin fertig ist.“

„Er ist der Stärkste aller Bijuu. Woher weißt du, was du für so einen Bijuu können musst?“, fragte Sasori.

„Der Hokage der Ersten Generation hat dem Neunschwänzigen Fuchs einst das Land abgehandelt, auf dem heute Konoha steht. Und ich kenne alle seine Schriften, besser als sonst irgendwer. Er hat dieses Wissen, wie er das gemacht hat, aufgezeichnet, und eines Tages hat mir der Mond einen Blick auf diese Schrift gewährt.“

„Der Mond?“ Sasori zog die Augenbrauen hoch.

Madara nickte. „Wenn sich der Vollmond rot färbt, passiert so etwas manchmal.“

„Deswegen lebst du nach den Mondphasen, stimmt’s?“

„Ja. Der Mond ist die Verbindung zwischen den Uchiha und den Senjuu. Der Hokage der Ersten Generation hat die Verbindung seines Clans zu meinem Clan nicht grundlos geschaffen. Und außerdem hat der Mond auch sehr starken Einfluss auf die Bijuu.“

 

„Du willst also diesen Fuchs einfangen und mitbringen?“, fragte Konan.

„Um es kurz zu fassen, ja.“

„Und wo soll der dann wohnen?“

„Ich werde einen Raum für ihn schaffen. Mein Ziel ist nicht, ihn zu versiegeln. Ich will ihn überzeugen, sich uns anzuschließen. Er wird also ein eigenes Haus bekommen.“

„Und was machst du, wenn er nicht will?“, fragte Sasori.

„Dann suchen wir nach einem anderen.“

„Er ist extrem stark.“

Madara lächelte. „Ich auch.“

 

Ein paar Tage später erschienen neue Leute im fertig gebauten Teil des Dorfes. Eine Zivilistenfamilie, zwei Elternpaare mit insgesamt vier Kindern. Sie sagten, sie kämen von weiter her und suchten nach einem Ort, wo sie eine Weile bleiben konnten. Unten im Bauerndorf hatte man ihnen erzählt, dass auf dem Hochplateau ein neues Dorf entstand, und nun waren sie gekommen, um sich das anzusehen. Madara empfing sie und führte sie über die Baustelle und durch die fertigen Gebäude.

 

Eins der Kinder war ein kleines Mädchen, sechs oder sieben Jahre alt, und während Madara und Sasori den Erwachsenen das Dorf zeigten, warteten die Kinder am ersten Haus. Konan hatte den Vormittag an der Nähmaschine verbracht, sie arbeitete nun fast täglich daran, und als sie Kinderstimmen hörte, lief sie raus, um nachzusehen, wer die Kinder waren.

Das andere Mädchen war ganz einfach gekleidet, hatte dunkles Haar und braune Augen und bewunderte gerade die blühenden Sträucher auf der Terrasse.

 

„Hallo“, sagte Konan. „Wer seid denn ihr?“

„Wir haben gehört, hier gibt’s ein neues Dorf?“, fragte ein etwas älterer Junge.

„Japp.“ Konan grinste.

Das andere Mädchen sah von den Blumen auf und fragte: „Wie heißt du?“

„Ich bin Konan.“

„Mari“, stellte sich das Mädchen vor.

Konan sah sie sich von oben bis unten an, lächelte und fragte dann: „Wo seid ihr her?“

„Aus dem Windreich. Aber wir wollen nicht mehr in der Wüste leben. Regnet es hier oft?“, antwortete Mari.

„Manchmal“, sagte Konan. „Zum Glück nicht so viel. Ich mag keinen Regen.“

„Wieso nicht?“

„Ich bin aus Ame Gakure. Aber da kriegen mich keine zehn Pferde mehr wieder hin. Die Leute da sind nur so Regen hier, Regen da, und ich hasse das. Ich mag Sonne.“

 

„Und wo gehst du dann zur Schule?“

„Gar nicht. Dara bringt mir alles bei. Vielleich geh ich auch noch mal weg, woanders hin, wo es eine gute Schule gibt. Was für ne Schule hast du?“

„Ich geh auf die Schule unten im Dorf.“

„Dann willst du kein Ninja werden?“

„Nein“, sagte Mari. „Du?“

„Ich schon“ Konan grinste. „Ich bin auch schon ganz gut.“

„Was kannst du denn?“

„Kunai werfen, Shuriken auch, ich kann alles aus Papier machen, und mit Marionetten kann ich auch umgehen.“

„Wie die Ninjas aus Suna Gakure?“, fragte Mari.

„Ja. Mein Freund Sasori ist aus Suna, der bringt mir das bei.“

 

Konan fühlte, wie sich in ihr etwas sehr freute, endlich ein Mädchen in ihrem Alter kennen zu lernen. Sie hatte gar nicht richtig gewusst, dass ihr eine Freundin so gefehlt hatte. Seit sie denken konnte, war sie nur von Jungen und Männern umgeben gewesen, und es überraschte sie ein wenig, dass ihr der Kontakt zu einem anderen kleinen Mädchen solche Gefühle machte.  

 

In dem Moment kamen die Eltern mit Madara zurück. Aus dem Gespräch ging dann hervor, dass die beiden Elternpaare doch einen Wohnort unten im Bauerndorf bevorzugten, und Konan befürchtete schon, dass sie ihre erste Freundin gleich wieder verloren hatte.

Aber Mari schien tatsächlich Interesse an ihr zu haben, denn sie bat ihre Eltern, dass sie noch ein bisschen bleiben durfte, um mit Konan zu spielen.

„Spielen kann ich nicht gut“, sagte Konan. „Aber ich kann dir zeigen, was ich mache.“

„Au ja!“ Mari lächelte strahlend.

„Sie kann noch ein bisschen bleiben“, sagte Madara. „Ich bringe sie dann nachher wieder runter ins Dorf.“

 

Als die beiden Mädchen dann oben in Konans Zimmer saßen, fragte Mari: „Wieso kannst du nicht gut spielen?“

Konan zuckte mit den Schultern. „Ist nicht mein Ding. Ich mache lieber Kunst.“

„Zeig her!“

Konan öffnete ihren Werkschrank, nahm einen Stapel Papier und eine kleine Marionette heraus und legte beides vor sich hin. Und je mehr sie von dem zeigte, was sie konnte, umso größer wurden Maris Augen. „Das ist ja toll!“

„Das mit dem Falten hab ich alleine gelernt.“

„Ganz alleine?“

„Mit einem Buch. Ich konnte noch gar nicht lesen, aber es waren Bilder drin.“

Mari sah sich im Zimmer um und entdeckte die Nähmaschine. „Kannst du die auch benutzen?“

„Ja klar.“

„Wer bringt dir das denn alles bei?“

„Madara und Sasori. Und ich selber.“

„Wenn ich so was alles könnte, würde ich auch nicht mehr spielen“, sagte Mari. „Das ist ja viel spannender so.“

„Und man wird echt gut. Spielen ist ja nur so tun als ob, aber wenn du was lernst, dann kommst du richtig voran.“

„Du bist voll schlau, Konan“, sagte Mari.

 

„Ich hab noch nen großen Bruder, der ist auch schlau, der kämpft auch schon richtig. Aber … er ist nicht so aufgeschlossen, ist lieber so für sich.“

„Wie heißt der denn?“

„Nagato. Ist auch nicht mein richtiger Bruder.“

„Wieso nicht?“

„Er hatte andere Eltern. Aber die sind weg. Meine auch, wir leben beide bei Madara.“

„Oh, dann hast du gar keine Mama und keinen Papa?“

„Madara ist mein Papa.“

„Aber man braucht doch eine Mama.“

„Wenn man nicht weiß, wie das ist, dann nicht. Madara kann Essen kochen und mit mir lernen und mir helfen, wenn ich irgendwas brauche.“

 

Mari sah einen Moment lang nachdenklich aus dem Fenster. Dann fragte sie: „Wohnst du schon lange hier?“

„Seit ich drei war.“
„Aber hier sind ja keine anderen Kinder. Nur dein Bruder und du?“

Konan nickte. „Ich hab noch nie so mit einem anderen Mädchen geredet.“

Mari machte große Augen. „Noch nie?“

„Nur mal so mit den Kindern aus dem Dorf unten. Aber hier oben noch nie.“

„Macht dir nichts aus?“

„Ich hab schon manchmal gedacht, ich hätte gern ‘ne Freundin. Deshalb geh ich auch irgendwann bald in ein anderes Dorf zum Studieren.“

„Damit du noch mehr lernst?“

„Ja. Hab ja schon gesagt, Lernen mag ich lieber als Spielen.“

 

Mari blieb noch zum Abendessen, dann begleitete Madara sie zurück ins Bauerndorf. Und Konan verbrachte den Abend dann damit, weiter für die Akademie in Kumo Gakure zu lernen. Das Gespräch mit Mari hatte sie motiviert und ihr viel Schwung gegeben.

„Na, lernst du schön?“, fragte Madara, als er später zu ihr ins Zimmer kam. „Das hat dir gut gefallen, mal mit einem anderen Mädchen zu reden, oder?“

Konan nickte. „Ja. Das hat mir … schon irgendwie gefehlt. Aber nicht schlimm, nur ein bisschen.“

„Wenn du auf die Akademie kommst, wirst du ganz viele andere Mädchen um dich haben. Freust du dich darauf?“

„Ja. Aber noch mehr aufs Lernen.“

 

„Weiß du, Konanchen, wenn du das so sagst und hier sitzt und lernst, du erinnerst mich sehr an jemanden.“

„An wen?“

„Meinen Patensohn in Konoha, Itachi.“

„Lernt der auch so gern?“

„Ja. Er ist ein bisschen älter als du, aber als ich ihn zuletzt sah, war er fünf und hatte die Akademie schon fast durch. Er gilt im Dorf als Wunderkind, weil er sehr, sehr begabt ist. Du erinnerst mich oft an ihn, auch so wie du bist und wie du redest.“

„Dann bin ich auch ein … Wunderkind?“

„Wenn du in Konoha leben würdest, würde man dich vielleicht auch so bezeichnen. Immerhin hast du Origami gelernt, bevor du lesen konntest. Und auch, wie du schon weißt, wer du bist und wie du leben willst … Ihr würdet euch gut verstehen.“

In diesem Moment, wo Madara sich so an Itachi erinnerte, fühlte er Neugierde darauf, zu wissen, wie der Junge sich inzwischen entwickelt hatte. Sicher hatte er die Akademie längst abgeschlossen, vielleicht auch schon seine Sharingan erweckt … Madara beschloss, nach Informationen dazu zu suchen. Irgendwo gab es immer eine Stelle, wo solche Informationen aus Konoha durchsickerten.

 

Am nächsten Morgen machte Madara sich auf den Weg. Er hatte auf vorherigen Streifzügen einen Mann kennen gelernt, der früher Mönch im Feuertempel gewesen war und jetzt im Regenland eine Art spiritueller Missionsstation betrieb, um den Menschen hier den buddhistischen Glauben näher zu bringen. Dieser Mann hatte noch Verbindungen ins Feuerreich und zum Tempel und war eine sichere Quelle für Fragen, die Konoha betrafen.

Madara erreichte diese Missionsstation gegen Mittag und wurde von dem ehemaligen Mönch zum Essen eingeladen.

„Ich habe ein paar Fragen, dazu, was gerade der Stand in Konoha Gakure ist“, sagte Madara. „Ich würde gerne wissen, was es Neues gibt.“

 

Der Mann stand auf, ging in einen anderen Raum und kam mit einigen Schriften zurück.

„Es gibt einen neuen Hokage. Sarutobi lebt noch, ist aber im Ruhestand, und der neue Hokage heißt Minato Namikaze.“

Minato also. Madara fühlte ein wenig Wehmut. Minato wäre sein Konkurrent gewesen, wenn er im Dorf geblieben wäre, und nun war er wirklich Hokage geworden. Aber zugleich freute er sich auch darüber. Minato war wirklich gut und eine so warmherzige Persönlichkeit, er verdiente dieses Amt. Und er, Madara, war nun mal gegangen. Es war gut, so wie es war.

 

„Wie geht es Yoneko Uchiha?“, fragte Madara weiter.

„Sie führt den Clan immer noch.“

„Und Itachi Uchiha?“

Der ehemalige Mönch musste ein wenig länger in seinen Schriften suchen, um die Information zu finden, dann sagte er: „Er hat die Akademie im Alter von sieben Jahren abgeschlossen und studiert jetzt Medizin.“

„Steht da auch, ob er seine Sharingan schon erweckt hat?“

„Ja. Kurz nach seinem Abschluss.“

Ein Medizinstudium. Das passte zu Itachi. Er war Ikues Sohn, und dass er seinen Altruismus, den Pazifismus und seine Freude am Lernen zu einem solchen Studium verband, würde sicher einen hervorragenden Feldmediziner aus ihm machen. Madara sah es schon vor sich, wie der Junge sein Sharingan in ähnlicher Art und Weise verwendete, wie seine Mutter es tat. Als ein Werkzeug zum Helfen und Heilen.

 

„Was gibt es sonst noch?“, fragte Madara weiter.

„Ein paar unerfreuliche Dinge. Die legendären Sannin haben sich getrennt, Orochimaru hat das Dorf als Abtrünniger verlassen und die anderen beiden sind ebenfalls verschwunden. Jiraiya vermutlich, um Orochimaru zu suchen, Tsunade wahrscheinlich mehr aus Frustration. Niemand hat bisher wieder von einem von ihnen gehört.“

„Oh … Das klingt nicht gut.“

Madara erinnerte sich an Tsunade. Sie war in seiner Jugend immer das unerreichbare Mädchen gewesen, für das er sehr geschwärmt hatte. Nicht nur, weil sie schön war, sondern viel mehr, weil sie die Enkelin des Ersten Hokage war, sie trug dessen heilige Halskette und Madara hatte davon geträumt, dass sie ihm eines Tages mehr über ihren Großvater erzählen würde. Doch dazu war es nie gekommen. Tsunade war nicht der Typ Mädchen gewesen, die sich leicht auf ein Gespräch mit Jungs eingelassen hätte. Und irgendwann hatte sie dann einen festen Freund namens Dan gehabt.

„Und noch eine Frage: Wird nach mir noch gesucht?“, fragte Madara.

Der ehemalige Mönch sah in seinen Schriften nach, dann sagte er: „Nein. Mir ist jedenfalls nichts bekannt. Aber ich habe natürlich keine Informationen, was die geheimen Aufträge an die Anbu betrifft.“

„Verstehe“, sagte Madara. „Vielen Dank.“

Er blieb noch, aß zu Mittag und besuchte danach noch einen Buchladen in der Nähe. Mehr aus einer Lust am Stöbern heraus, fand er dort aber zufällig eine gebrauchte Ausgabe eines Schulbuches aus Konoha aus der Zeit des Ersten Hokage.

Er kannte dieses Buch schon, doch er kaufte es trotzdem, als Geschenk für Konan. Es enthielt die pädagogischen Ideale des Ersten Hokage in einer für Kinder verständlich verfassten Form und war somit ideal, um Konan diese Ideen noch näher zu bringen.

 

Auf dem Heimweg dachte er noch über die Sannin nach.

Er erinnerte sich an Orochimaru als einen wirklich äußerst zielstrebigen Charakter, der immer schon nah an den Grenzen des Erlaubten gehandelt hatte, schon in der Ausbildungszeit.

Die Sannin waren älter, einen Jahrgang über Madara gewesen, und er hatte Tsunade eben immer bewundert. Sie sah wirklich gut aus und war eben eine Senjuu.

Jiraiya mit seinem offensichtlichen Interesse an hübschen Frauen hatte auf Madara einen eher unreifen Eindruck gemacht, in dem Sinne, dass er dazu immer den Gedanken gehabt hatte: „So findest du nie eine Freundin, Jiraiya!“ Zwar hatte Madara selbst auch keine feste Freundin gehabt, aber eben auch keine Ohrfeigen von Mädchen bekommen für Spannen, wie Jiraiya es betrieb.

 

Madara war zudem in dem Gedankengut der Uchiha aufgewachsen, in den adels-ähnlichen Vorstellungen seiner Großmutter Yoneko, die pflegte ihren Enkeln die Ehen zu arrangieren. Und zudem waren ihm Weisheit und Idealismus immer wichtiger gewesen als eine Frau zu haben.

Er dachte an seine Kinder, an Nagato und Konan, besonders an Konan. Sollte er mit den beiden doch nach Konoha zurückgehen oder wenigstens eine Beziehung zwischen Konoha und Akatsuki herstellen, würden sich Konan und Itachi begegnen und kennen lernen, und so, wie er beide kannte, würden sie sich gut verstehen.

 

Als er am Abend wieder in Akatsuki ankam, waren die Kinder schon im Bett. Madara machte sich noch Abendessen, wollte danach auch schlafen gehen, doch dann tauchte Sasori auf und sagte, er müsse mit Madara sprechen.

„Was gibt es?“

Sasori betrat das Haus, schloss die Tür hinter sich ab und setzte sich zu Madara ans Herdfeuer.

„Ich hab dir ja gesagt, Kakuzu und Kisame haben noch Kontakte im Untergrund“, sagte Sasori leise.

„Und?“

„Ich weiß jetzt, um wen es geht. Möglicherweise kennst du ihn.“

„Sag schon!“, flüsterte Madara scharf.

„Er heißt Orochimaru. Kennst du den?“

Madara nickte. Dachte an das, was ihm der Mönch erzählt hatte. Dass Kakuzu Orochimaru kannte, wunderte ihn an sich nicht mal. Aber es stellte natürlich eine Gefahr dar.

„Du musst was machen. Kakuzu spinnt seine Fäden, zu vielen Leuten. Ich weiß noch jemanden.“

„Wen?“

„Ein Typ namens Zetsu, sehr gruselig und gefährlich …“

„Und was denkst du, sollte ich tun, Sasori?“

„Wir brauchen etwas, womit du Kakuzu überlegen bist. Er nimmt dich nicht ernst genug.“

„Meinst du, wenn ich den Neunschwänzigen Fuchs an meine Seite bekomme, wird er mit unterlegen sein?“

Sasori lächelte leicht. „Dann ganz sicher.“

„Ich hab das Jutsu in Arbeit.“

„Gut. Aber wir müssen uns etwas beeilen. Ich kann gut den Doppelagenten spielen, das macht mir nichts aus. Aber … ich hab noch mehr zu tun.“

„Noch mehr?“

„Du bist nicht der Einzige hier, der ein starkes Jutsu entwickelt.“ Sasori lächelte wieder.

An diesem Abend brauchte Madara lange, bis er einschlafen konnte.

1991

 

Anfang des Jahres 1991 schlich sich in Madaras Gedanken ein Gefühl von Bestimmung. Er konnte nicht genau erklären, worum es dabei ging, doch er hatte dieses bestimmte Gefühl, dass sich gerade eine schicksalhafte Kette bildete, in der er seine Rolle spielen sollte.

 

Besonders stark wurde dieses Gefühl an einem Vollmondabend im dritten Monat, als er wieder in dem Tal in den Bergen trainierte und fast aus dem Nichts ein Bild des Fuchsgeistes in seinen Gedanken erschien, eine kleine Sequenz dessen, wie es gewesen sein musste, als der Hokage der Ersten Generation sich mit dem Fuchsgeist auseinandersetzte und ihm das Land abkaufte, auf dem heute Konoha stand. Madara sah diese Szene innerlich sehr klar vor sich, und sie prägte sich tief ein. Ihm kam der Gedanke, dass er hier gerade erfuhr, wie er es anstellen sollte, Kurama anzusprechen, ohne sofort angegriffen und besiegt zu werden. Sicher erinnerte sich der Fuchsgeist noch an Hashirama.

 

„Und wenn ich mich kurz verwandle?“, dachte Madara bei sich. „Der Fuchs wäre sicherlich überrascht, Hashirama wieder zu sehen … Wenn ich diesen Moment nutze, und dann mein Jutsu anwende, habe ich vielleicht eine gute Chance.“

Auf dieser Idee begann er, seine Strategie aufzubauen. Ein Verwandlungsjutsu, ein großes Genjutsu, Amaterasu als Schutz und den wahren Namen des Fuchsgeistes als Ass im Ärmel, und er hatte noch ein paar Monate Zeit, das Ganze fertig zu stellen.

 

Denn inzwischen war erkennbar, dass sich der Fuchsgeist gegen Ende des Jahres tatsächlich wieder in der Dimension der Menschen zeigen würde. Madara hatte mehrere Visionen diesbezüglich gehabt und das geheimnisvolle Buch, welches sich ihm im Mondlicht offenbarte, sagte dasselbe.

 

Madara verbrachte den gesamten vierten Monat mit täglichem Training. Und wenn er nicht gerade selbst trainierte, bildete er Konan weiter aus, sowohl in der Theorie, als auch in Teilen der Praxis. Sasori beteiligte sich daran ebenfalls, Konan auf ihre Zeit an der Akademie von Kumo Gakure vorzubereiten, und so beherrschte das kleine Mädchen bald nicht nur ihr eigenes Kekkei Genkai, sondern auch die Marionettenkunst von Suna Gakure und einzelne Aspekte von Madaras Genjutsu. Es stellte sich außerdem heraus, dass sie das Wind-Element hatte.

Im Mai kam dann der Brief aus Kumo Gakure, der Konans Aufnahme an der Akademie bestätigte. Sie sollte im August dort ihre Ausbildung beginnen.

 

In dieser Zeit versuchte Madara, auch wieder mehr an Nagato heran zu kommen. Dass der Junge sich immer mehr an Kakuzus und Kisames Aufgaben und offenbar, wie Sasori gesagt hatte, auch an ihren Plänen beteiligte, machte Madara natürlich Sorgen, und so versuchte er, seinem Ziehsohn wieder näher zu kommen.

An einem Abend waren sie beide nach dem Abendessen übrig geblieben, Konan hatte sich schon in ihr Zimmer zurückgezogen und das Feuer im Herd war noch nicht ganz herunter gebrannt.

Nagato saß nur still da, und Madara beschloss, hier und jetzt mit ihn darüber zu sprechen.

„Nagato, ich muss dich das wirklich mal fragen: Was machst du, wenn du mit Kakuzu und Kisame Zeit verbringst? Was genau trainiert ihr?“

Nagato antwortete nicht, starrte nur in das Herdfeuer.

„Was ist los mit dir? Sag schon!“

Nagato sah kurz auf, dann wieder ins Feuer, dann sagte er: „Mein Rinnegan.“

„Mehr nicht?“

„Ist dir das nicht genug?“

„Nein. Weil ich mir sicher bin, dass ihr noch mehr macht als nur dein Kekkei Genkai zu stärken.“

„Und wenn? Kann dir das nicht egal sein?“

„Nein, kann es nicht! Nagato, ich mache mir Sorgen.“

„Worum?“

„Darum, dass du dich in Dinge begibst, die nicht gut sind. Ich bin nicht blind, Junge, ich sehe doch, was hier abgeht. Aber Kakuzu wird dein Trauma nicht heilen.“

„Als wenn ich das will …“ Nagatos Stimme klang kalt und tonlos.

 

„Was willst du denn? Du hast gesagt, du willst kämpfen, aber statt das von mir zu lernen, wie Konan auch, hängst du dich an Kakuzu?“

„Kakuzu hat mir mehr zu bieten.“

„Was genau?“

„Mehr eben.“

„Verbotene Jutsus, oder was?!“ Madara wurde langsam ungeduldig und laut.

Nagato war jetzt noch verschlossener als damals, als er ihn und Konan in Ame Gakure aufgesammelt hatte. Er hatte das Gefühl, dass der Junge ihm entglitten war, und das hier war einer der Momente, in denen sich Madara über seine eigene Naivität ärgerte. Die meiste Zeit über war er stolz, ein solcher Idealist zu sein, immer auf dem Weg des Guten, aber anscheinend war ihm Nagato genau dadurch entglitten und er hatte es viel zu spät bemerkt.

„Und wenn schon“, sagte Nagato. „Bei ihm darf ich wenigstens wirklich stark werden.“ Mit diesen Worten stand der Junge auf, ging zur Haustür und nach draußen.

 

Madara blieb ein wenig perplex zurück. Er erinnerte sich, dass er Kakuzu, bevor dieser von selbst aufgetaucht war, eigentlich schon aus seinen Plänen gestrichen hatte, eigentlich war es ihm ja damals um Izuna gegangen. Den hatte er auch immer noch nicht gefunden. Aber Izuna wollte ja sowieso nicht gefunden werden, und Madara hatte inzwischen auch keine Pläne mehr, seinen Halbbruder in Akatsuki einzubinden.

 

Er machte das Feuer aus, ging dann nach oben in sein Zimmer und setzte sich dort auf sein Bett. Es ärgerte ihn, dass er nicht mehr auf Nagato geachtet hatte, sich nicht stärker bemüht hatte, und die einzige Erklärung, die er selbst für sein eigenes Verhalten hatte, war, dass er zu beschäftigt mit dem Aufbau von Akatsuki gewesen war und sich mehr auf Konan konzentriert hatte. Natürlich, denn die war nun mal deutlich einfacher zu trainieren und auch klarer orientiert in ihren Werten.

 

Madara hörte, wie aus Konans Zimmer das Rattern der Nähmaschine vernehmbar war, das kleine Mädchen schlief noch nicht, sie arbeitete. Und so stolz er auf sie war und darauf, wie ähnlich sie ihm war, so sehr ärgerte es ihn, dass er diesen Zugang bei Nagato offenbar verpasst hatte. Vielleicht war dieser Zugang aber auch nie da gewesen, Nagato war vielleicht einfach so verschlossen, ob nun durch das Trauma oder weil er einfach so war.

 

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, beschloss Madara dann, mit Kakuzu zu reden. Obwohl er ahnte, dass dieser ihm gegenüber sowieso nicht ehrlich war, musste er es wenigstens versucht haben. Als er zu dessen Haus ging, kam ihm Sasori entgegen.

„Ist Kakuzu da?“, fragte Madara.

„Ja, ich war gerade bei ihm“, antwortete Sasori. „Kisame ist auch da.“

Madara klopfte also an Kakuzus Haustür, und von drinnen war ein „Komm rein“ zu hören. Er betrat das Haus und traf Kakuzu und Kisame beim Frühstück an.

 

„Ich muss mit euch reden“, sagte Madara.

„Was gibt’s?“ Kisame grinste.

„Es geht um Nagato. Ich will, dass ihr die Finger von ihm lasst.“

Kakuzus Maske, die er immer trug, ließ keinen Einblick in seinen Ausdruck zu, doch man hörte, dass er auflachte. „Ach Madara, seid ihr Uchiha alle so naiv?“, fragte er.

„Ihr lasst Nagato in Ruhe, verstanden?“

Kisame lachte ebenfalls. „Er kommt von selbst zu uns.“

„Nagato ist traumatisiert, und ihr nutzt das aus!“

„Wofür sollten wir ihn ausnutzen?“, fragte Kakuzu.

„Sein Rinnegan ist für euch sicher sehr praktisch.“ Am liebsten hätte Madara den beiden alles an den Kopf geknallt, was er von Sasori wusste, doch um diesen nicht zu verraten, musste er darüber schweigen. Sasori war wenigstens halbwegs loyal, Kakuzu und Kisame offensichtlich gar nicht.

Kakuzu lachte wieder. „Schon, ja. Es ist eine interessante Fähigkeit. Vielleicht sogar interessanter als dein Sharingan, Madara Uchiha.“

 

Madara dachte an seine eigenen Pläne, an den Fuchsgeist, die Verbindung nach Konoha, das, was er mit Akatsuki eigentlich vorhatte. Kakuzu und Kisame standen dem jetzt vollkommen im Weg, vor allem, wenn sie wirklich Kontakt zu Orochimaru hatten.

„Wisst ihr was?“, begann er, und aktivierte dabei seine Sharingan. „Ihr könnt auch gerne gehen, wenn ihr hierauf sowieso keine Lust habt. Ich werde demnächst Kontakt zu Konoha aufnehmen, und dann seid ihr hier raus, verstanden?“

„Konoha?“, fragte Kisame. „Ist das ne Drohung?“

„Falls ihr es vergessen habt, das hier ist kein kriminelles Untergrundunternehmen. Ich will ein neues Dorf gründen, und das im Kontakt mit Konoha.“

„Die werden dich nicht wieder aufnehmen“, sagte Kakuzu.

„Das werden wir ja sehen“, erwiderte Madara. „Jedenfalls lasst ihr Nagato in Ruhe. Ab sofort.“

Mit diesen Worten wandte er sich um, verließ das Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

 

Als er wieder am Stammhaus ankam, saß Konan vorne vor dem Haus zwischen den Hortensien, sie hatte ein Buch dabei und lernte. Sie bemerkte ihn und blickte auf.

„Ich hab das Buch fast durch“, sagte sie. „Hast du noch eins?“

Madara fiel das Buch aus Konoha wieder ein, das er vor einer Weile gekauft hatte. Er hatte noch nicht den Zeitpunkt gefunden, es Konan zu geben, weil es alte Lehrmethoden aus Konoha enthielt und er sie nicht, wenn sie in Kumo Gakure lernen würde, damit verwirren hatte wollen.

„Ja, ich hab noch ein Buch. Ein Lehrbuch von der Akademie in Konoha“, sagte er. „Ich geh es holen.“

Er ging ins Haus, die Treppe rauf in sein Zimmer, und suchte das Buch heraus.

 

Als er wieder aus seinem Zimmer kam, hörte er ein seltsames Geräusch aus Nagatos Zimmer. Kurzentschlossen klopfte er an dessen Tür. „Nagato? Alles in Ordnung?“

„Geh weg, Madara.“

„Was machst du denn?“

„Geht dich nichts an.“

In dem Moment kam Konan die Treppe hoch. Sie verstand die Situation sichtlich besser als Madara und flüsterte: „Nagato sticht sich wieder Piercings.“

„Noch mehr?“, fragte Madara leise zurück.

Konan nickte. „Er hat mir heute Morgen versprochen, dass ich auch noch eins kriege.“

 

Sie gingen zusammen die Treppe wieder runter und Madara gab Konan das Buch.

„Das sieht aber alt aus“, sagte das kleine Mädchen.

„Es ist ein altes Lehrbuch von der Konoha-Akademie, noch aus den Zeiten der ersten beiden Hokage.“

„Wo hast du das denn her?“

„Von einem ehemaligen Mönch aus dem Feuertempel.“

„Steht da dann noch was vom Ersten Hokage drin?“, fragte Konan.

„Ja, manches hat er selbst verfasst. Ich kenne das Buch in- und auswendig, und du wirst damit gut lernen können.“

 

Danach packte Madara Gunbai und ein paar andere Waffen ein und begab sich auf den Weg zu seinem Trainingsort, dem Tal in den Bergen.

Und auf dem Weg dahin kam ihm eine Idee, ein Gedanke, der wichtig war, wenn er sich auf die Begegnung mit dem Fuchsgeist vorbereitete:

Sollte seine Strategie nicht aufgehen und der Fuchsgeist ihn doch besiegen, dann brauchte es ein Sicherheitsnetz, ein Jutsu, mit dem Madara den Schaden, sollte er in diesem Kampf umkommen, begrenzen würde können.

Er dachte an Konan, die sicher sehr, sehr traurig sein würde, wenn er nicht wiederkam. Und so dachte er an diesem Tag vor allem darüber nach, wie sich die Erinnerung an ihn reduzieren ließ, sollte er den Kampf nicht überleben. Er wollte nicht, dass Konan um ihn trauern musste, sie war so ein fröhliches, klares Kind, und er wollte die Bitterkeit, die Nagato hatte erleben müssen, nicht auch Konan zumuten. Er war ihr Papa, und sie würde dann zur trauernden Waise werden, vielleicht genau so krank wie Nagato. Und das musste Madara verhindern.

 

An diesem Tag hielt er sich lange in diesem Tal auf. Er wechselte zwischen Trainingseinheiten und theoretischer Arbeit, probierte verschiedene Arten von Jutsus aus, mit denen sich Erinnerungen löschen oder versiegeln ließen, und kam dabei auch tatsächlich gut voran.

Das Jutsu, für das er sich letztendlich entschied, war eines, mit dem man die Erinnerungen an etwas Bestimmtes zwischen den Chakraströmen des Gehirns versiegeln konnte. Es war ein Jutsu, das er vor vielen Jahren von Ikue gelernt hatte, eine medizinisch-psychologische Technik, die Ikue vor allem zur Anästhesie verwendete, und auch wenn Madaras eigenes Sharingan nicht so stark auf medizinische Jutsus ausgerichtet war wie Ikues, es funktionierte dennoch.

 

Als er an diesem Abend wieder nach Hause kam, traf er Konan und Nagato unten in der Küche an. In selten gewordener Nähe saß Konan auf der Arbeitsfläche der Küche, Nagato stand vor ihr und tat etwas in ihrem Gesicht. Als die beiden Madara bemerkten, sagte Nagato „Hallo“. Konan sagte nichts, denn Nagato war gerade dabei, mit einem Wattestäbchen ihre Lippe mit einer Flüssigkeit zu betupfen.

„Na, was macht ihr?“, fragte Madara.

Nagato trat beiseite, und jetzt war auch zu sehen, was er getan hatte: Konan hatte ein kleines, kugelförmiges Piercing mittig unter der Unterlippe.

„Gut, ne?“ Sie grinste. „Jetzt bin ich voll schick!“

Madara lächelte. „Ja, sieht schön aus.“

Er sah Nagato an, der hatte sich auch verändert. Zu den Ohrringen und den beiden Lippenpiercings, die er schon länger hatte, waren drei neue in den Ohren dazu gekommen, und eines durch den Nasenrücken. Das war noch sehr gerötet und vermutlich das, was der Junge sich gestern gestochen hatte, als Madara ihn gehört hatte.

 

Beim gemeinsamen Abendessen setzte sich die Einheit zwischen Konan und Nagato fort, der Junge schien heute offener als sonst. Konan plapperte fröhlich über das, was sie heute alles gemacht und gelernt hatte, und Nagato wandte sich wenigstens nicht ab, wirkte sogar wieder interessierter an dem, was Konan erzählte.

Als später auch Sasori dazu kam, schien das Nagato auch weniger zu kümmern als sonst, er wirkte wirklich ruhiger und weniger eifersüchtig, ging dann aber bald schlafen. Konan fragte Sasori, was er gerade arbeitete, und nun war es überraschenderweise er, der sich über die Details seiner Arbeit ausschwieg.

 

Madara wusste, dass Sasori auch an Jutsus arbeitete, die sich an der Grenze der Legalität bewegten oder auch weiter darüber hinausgingen, was erlaubt war. Aber solange Sasori sich loyal verhielt und sich an Konan hielt, sah Madara noch keinen ernsthaften Grund, sich da einzumischen.

Die Freundschaft zwischen Konan und Sasori war, so schätzte Madara es ein, stark genug, um Sasoris Experimente und seine grenzwertigen Ideen zu regulieren. Man merkte, dass der Marionettenspieler sich im Klaren darüber war, dass Konan inzwischen stark genug war, ihn in der Luft zu zerreißen, sollte ihr das, was er tat, ernsthaft nicht gefallen. Und ihm schien auch viel an dieser Freundschaft zu liegen, genug, um sie nicht zu riskieren.

 

Konan schien auch zu bemerken, dass Sasori weniger über seine Arbeit sprach als sonst, und direkt und klar, wie das kleine Mädchen eben war, konfrontierte sie ihn umgehend damit: „Baust du an dir selber weiter?“

Sasori schien wenig überrascht, dass Konan ihn so fragte. Er kannte sie immerhin.

„Ja“, sagte er. „Und an ein paar anderen … Marionetten.“

Konan sagte erst nichts darauf, aber ihr Blick sprach Bände. Sie sah Sasori mit einer Strenge an, die man einem Mädchen von acht Jahren nicht unbedingt zutraute.

Sasori seufzte. „Vor dir kann man aber auch nichts geheim halten, Konanchen …“

„Nee“, antwortete sie. „Kann man nicht, und du am wenigsten, Sasori.“

 

„Also gut …“, lenkte der Marionettenspieler schließlich ein. „Ich habe ein paar Marionetten, die nicht einfach nur … aus Holz sind. Und an denen arbeite ich, bringe ihnen neue Jutsus bei.“

„Wie bringt man denn einer Marionette ein Jutsu bei?!“, fragte Konan.

Madara konnte es sich schon denken. Auch wenn er Sasori vor ihrer ersten Begegnung nicht direkt gekannt hatte, er hatte dennoch gewusst, dass es in Suna Gakure dunkle, verbotene Techniken gab, mit denen man Marionetten nicht nur aus Holz, sondern auch aus Menschen herstellen konnte. Und diese Menschenmarionetten verfügten dann über abgewandelte Formen der Jutsus, die sie als lebender Mensch beherrscht hatten. Dass Sasori das auch tat, wunderte Madara auch nicht, denn immerhin war der Junge auch imstande, sich selbst in eine Marionette zu verwandeln.

 

„Wenn man einen Gegner im Kampf besiegt hat, kann man ihn, wenn man weiß, wie es geht, in eine Marionette verwandeln und mitnehmen“, sagte Sasori. „Ich mache das eigentlich jedes Mal, wenn ich jemanden besiege. Es wäre doch schade, einen starken Gegner dann einfach liegen zu lassen.“

Konan zog die Brauen zusammen. „Du spinnst doch!“, sagte sie.

„Das ist Kunst. Kunst ist nicht immer moralisch korrekt.“

„Du machst tote Leute zu Marionetten. Wo ist das Kunst?!“

„Wie gesagt, es wäre doch schade und Verschwendung, wenn ich gegen jemanden kämpfe, der stark ist und tolle Jutsus kann, ihn besiege, und ihn dann nach dem Kampf einfach herumliegen lasse, bis die Natur ihn zerfrisst. Ich nehme ihn lieber mit und mache ihn zu einer Marionette, dann bleibt seine Kraft der Welt erhalten.“

„Hm …“, machte Konan und sah Sasori nachdenklich an, als versuchte sie, doch zu verstehen, was er meinte. „Ist schon … sehr verrückt. Aber irgendwie macht es auch ein bisschen Sinn.“

„Wenn ich mich selbst zu einer Marionette machen kann, dann natürlich auch andere. Es ist dieselbe Technik.“

 

„Und wie viele hast du?“, fragte Konan.

„Bis jetzt sind es 40 Stück“, sagte Sasori. „Aber es werden immer mehr. Ich werde demnächst eine Reise unternehmen, da werden einige dazukommen.“

„Wo willst du hin?“, wollte Konan wissen.

Sasori lächelte geheimnisvoll. Und Konan sah ihn wieder mit diesem strikten Blick an.

„Ins Wind-Reich …“, gab Sasori schließlich zu. „Nach Suna Gakure.“

„Schmeißen die dich nicht einfach wieder raus, wenn sie dich da sehen?“

„Ich weiß, wie ich mich tarnen kann.“

„Und was willst du da?“

Sasori lächelte wieder. „Ich will wissen, was meine Großmutter so macht. Und ich brauche Informationen über ein paar Dinge.“

„Wann gehst du los?“

„Sobald du in Kumo Gakure bist, Konan. Dann hab ich immerhin Zeit.“

 

Am nächsten Morgen kam Konan mit einem anderen Kleid als sonst zum Frühstück: Es war ein zweigeteiltes Teil aus einem kurzen Wickelrock mit längs gestreiften Bahnen und einem dunkelgrünen Kimono-Oberteil, darunter das übliche Netz, das zu jedem Shinobi-Outfit gehörte. Ihre kurzen Sandalen hatte sie mit mehrlagigem Stoff in eine Art Stiefel verwandelt, und am Rock war eine lederne Tasche befestigt, aus der ihre Papierwaffen heraus schauten. Und auf ihrem lilablauen Haar saß die papierne Blüte, die auch als Waffe dienen konnte.

„Wow, ist das neu?“, fragte Madara.

„Hab ich heute Nacht genäht.“ Konan strahlte. „Ich konnte nicht schlafen.“

„Bist du aufgeregt wegen Kumo Gakure?“

„Ja … Also hab ich mir gleich Kleider genäht, die ich dort anziehen kann.“

Madara lachte. „Das ist gut, du weißt dir zu helfen.“

Konan holte ein kleines Heft aus ihrer Tasche. „Ich hab auch gezeichnet, alles, was ich schon nähen kann und noch nähen will.“ Sie klappte das Heft auf und hielt es ihm hin.

 

Madara blätterte durch die Seiten, die aussahen wie die Entwürfe eines Modelabels. Woher Konan sich diese Zeichenfähigkeiten angeeignet hatte, wusste er nicht, das musste so nebenbei zu ihrem Können dazugekommen sein.

Besonders fiel ihm ein langer, schwarzer Mantel auf, mit einem hohen, weiten Stehkragen, auf dem als großes Muster der Vollmond mit den roten Wolken, den Madara als persönliches Siegel verwendete, zu erkennen war. Daneben war ein runder, spitzer Bambus-Hut zu sehen und ein Paar Schuhe, die wie eine Mischung aus Ninja-Stiefeln und Gamaschenschuhen aussahen.

„Was ist das denn?“, fragte er und deutete auf die Zeichnung.

„Das ist für Regenwetter. Damit man den Regen nicht so merkt, wenn es mal regnet. Ich mag das ja nicht, also hab ich was gezeichnet, was vielleicht hilft“, erklärte Konan.

Madara lächelte. „Du bist ein wirklich sehr patentes kleines Mädchen.“

Und Konan grinste zurück. „Hab ich doch von dir, Dara!“

 

„Sollen wir deine neuen Kleider gleich mal ausprobieren?“, fragte Madara. „Wir könnten heute zusammen trainieren.“

„Au ja!“

Nach dem Frühstück kam Nagato mit dem Pflegefläschchen an, versorgte Konans Piercing und verschwand dann wieder, und Konan und Madara machten sich auf den Weg. Madara wollte Konan endlich mal seinen neuen Trainingsort zeigen, er hatte sie bisher noch nicht dorthin mitgenommen. Konan hatte sonst ihren eigenen Übungsplatz hinterm Haus.

Auf dem Weg in die Berge plapperte Konan fast ununterbrochen, sie hatte heute fast noch mehr Energie als sonst, denn die Sonne schien, der Himmel war klar, und obwohl sie, wie sie sagte, kaum geschlafen hatte, war sie sehr aufmerksam und wach.

 

Als sie das Tal erreicht hatten, staunte das kleine Mädchen nicht schlecht über das, was Madara hier alles eingebaut und errichtet hatte. Die Statue des Ersten Hokage war natürlich das Auffälligste, doch auch die riesigen Bäume und der genau nach den Mondphasen ausgerichtete Turm beeindruckten sie. Madaras neueste Errungenschaft waren zwei riesige steinerne Hände links und rechts dieses Turms, jeder Finger mit einem anderen Symbol, einem eigenen Schriftzeichen.

„Was ist das denn?“, fragte Konan.

„Die Hände?“

„Ja. Was bedeuten die?“

„Das ist eine alte Überlieferung. Jeder Finger steht für einen Bijuu, und jedes Zeichen hat mit einer Geschichte zu tun, die mit jedem einzelnen verbunden ist. Das rote Zeichen zum Beispiel steht für den Fuchsgeist, aber es bedeutet „Phönix“, weil es da eine alte Geschichte gibt, dass sich der Phönix und der Fuchsgeist einmal begegnet sind und zusammen gearbeitet haben.“

„Und das weiße Zeichen?“, fragte Konan.

„Das weiße Zeichen steht für eine starke, gute Fee, die vor vielen hundert Jahren den Jubi für sich genutzt hat und damit alle anderen Bijuu für eine Zeit vereinen und zur Freundlichkeit zähmen konnte.“

„Gibt’s die wirklich?“

„Man weiß es nicht. Es sind eben Legenden“, sagte Madara. „Aber Legenden haben meistens irgendwo auch eine Wahrheit in sich.“

„Also gut“, sagte Konan und holte eins ihrer Papier-Kunai aus der Tasche an ihrem Rock. „Dann fangen wir an!“

 

Es wurde eine lange Trainingseinheit. Konan hatte mit Sasori zusammen und auch alleine so fleißig und kontinuierlich trainiert, dass Madara sich mehr als einmal wunderte, wie stark das Mädchen geworden war.

Wieder dachte er an die Kinder in Konoha, besonders die im Uchiha-Clan, und war sich inzwischen sicher, dass Konan auch so ein Wunderkind war. Ihre schnelle Auffassungsgabe und ihr klarer, positiver Geist machten sie schon jetzt, vor der eigentlichen Ausbildung, zu einer zwar noch kleinen, aber technisch sehr fähigen Kunoichi. Madara war stolz darauf, denn immerhin war die Förderung und volle Entfaltung dieses Talents sein Verdienst. Ob Konan von Geburt an diese Begabungen hatte oder Madara diese durch seinen eigenen Enthusiasmus und seine Förderung erzielt hatte, war im Grunde auch egal. Was zählte, war, dass das kleine Mädchen im Leben zurechtkam, und das tat sie.

 

In einer kurzen Pause zum Mittagessen dachte Madara darüber nach, was ‚Wunderkind‘ eigentlich bedeutete.

Er dachte an Itachi, dessen Fähigkeiten von Geburt an geplant und früh erkennbar gewesen waren, auch weil Ikue und Yoshio ja von Oma Yoneko genau deswegen verheiratet worden waren, um gezielt ein Kind mit solchen Begabungen zu bekommen. Itachi war von seiner Geburt an als Wunderkind bekannt gemacht und dann natürlich sehr früh entsprechend gefördert worden. Da ließ sich kaum mehr unterscheiden, ob er Dinge aus seiner Hochbegabung her konnte oder weil man ihn so früh und intensiv darin bestärkt und gefördert hatte.

Bei Konan war es aufgrund ihres unbekannten Hintergrundes gar nicht möglich, ihre Intelligenz einer bestimmten Quelle zuzuordnen. Ihre Fähigkeiten mit dem Papier waren ein Kekkei Genkai, das war deutlich, aber woher sie ihren klaren Geist hatte, ließ sich nicht feststellen. Das konnte sie von Geburt an haben, oder Madara hatte es, weil Förderung begabter Kinder nun mal seine Passion war, so sehr gefördert, dass sie nun genau wusste, wie sie ihren Geist nutzen konnte. 

 

Letztendlich war es Madara auch gleich, woher seine Ziehtochter diese Fähigkeiten hatte. Sie war einfach so, und das zählte. Nun ging es darum, dass sie weiter lernte, und das würde sie in Kumo Gakure tun, in der Gemeinschaft mit anderen Kindern, denn das fehlte hier.

 

Nach der Mittagspause setzten sie das Training fort, und Konan überraschte Madara mit einer weiteren Fähigkeit: Sie hatte eine komplette Marionette aus Papier geschaffen, ganz nach dem Vorbild von Sasoris Kampfmarionetten! Das allein wunderte Madara im Grunde nicht, schließlich waren Konan und Sasori Freunde und Partner und da war es logisch, dass sie von ihm lernte. Aber diese Marionette, die sie jetzt verwendete, war schon etwas Besonderes, denn sie beherrschte Konans Origamitechnik selbst, wie ein Avatar, der ebenso papierne Shuriken und Kunai herstellen konnte, so wie Konan selbst.

„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du so eine tolle Waffe hast!“, sagte Madara.

„Ich wollte dich damit überraschen.“ Konan grinste.

„Du wirst Sasori ähnlich“, erwiderte Madara.

„Klar. Wir sind doch Partner.“

 

Madara beobachtete Konans Hände, die mit feinen Fäden aus Chakra die Marionette führten, und wie die Bewegungen ihrer Finger dabei auch das Falten des Papiers erkennbar machten. Diese Bewegungen des Papierfaltens waren längst in ihr Muskelgedächtnis eingegangen, sie beherrschte sie wie im Schlaf.

„Dann zeig doch mal, was deine Marionette drauf hat!“, sagte Madara, hatte schon seine Hand an Gunbais Griff und sprang zwei Schritte rückwärts.

Und Konan reagierte sofort, ließ die Marionette fliegen, es gab ein eigenartiges Geräusch, nicht das typisch hölzerne Klappern, sondern eine Art Rascheln, denn die Marionette war aus nichts als Papier gemacht. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus normalem Papier und dem, was Konan selbst aus ihrer Haut gewann, und zweiteres verfügte über eigenes Chakra.

Mit einer einzigen Bewegung ihres kleinen Fingers ließ sie die Marionette ein papiernes Kunai in die Hand nehmen, und damit griff sie Gunbai an, das Kunai traf den Kampffächer in der Mitte.

„Sehr gut!“, rief Madara ihr zu.

Konan grinste, hob die andere Hand, löste den Mechanismus der Blüte in ihrem Haar und ließ die harten, weißen Splitter herausfliegen, sie stoben aus in alle Richtungen und einige bohrten sich in Gunbais Oberfläche.

„Komm, Mädchen, greif mich mal richtig an!“

„Du bist doch eh zu stark“, erwiderte Konan.

„Ich tu mal so, als wär ich es nicht, okay?“

„Okay!“ Mit einem Satz und einem weiten Schwung ihrer rechten Hand ließ sie die Marionette ausholen, nach einem weiteren Kunai greifen und dieses zielte auf Madaras Arm, mit dem er Gunbais Kette hielt. Das papierne Messer flog durch die Luft, fast als hätte sie es verloren, doch das war ein Trick, denn das Kunai hatte einen eigenen Chakrafaden, und mit einer weiteren Bewegung ihrer Hand kam es hinter Madara zurück und riss im Vorbeifliegen den Ärmel seines Hemdes auf.

„Wann hast du das alles gelernt, Konan?!“, rief Madara laut.

„Ich war doch jeden Tag bei Sasori!“

„Hat er dich richtig unterrichtet?“

„Ich hab ihm zugesehen.“

 

„Wunderkind“, schoss es durch Madaras Kopf. Und dieses Wort, dieser Gedanke, erfüllte ihn mit Stolz. Er hatte ein großartiges neues, junges Talent entdeckt und dieses Talent dazu befähigt, selbst zu lernen, und auch wenn es Fähigkeiten eines anderen waren, wie Sasori, die grundlegende Arbeit hatte Madara selbst getan.

Er dachte an die Akademie in Konoha, an die vielen jungen Menschen im Dorf, und an die Pädagogik des Ersten Hokage, diesen Idealismus und die Freude am Lehren, die aus den Texten des Hashirama Senjuu sprach. Madara hatte diese Ideale von klein auf verinnerlicht und vollkommen internalisiert, und nun erfüllte sich sein ganz persönlicher Traum, ein solches empfängliches und vielversprechendes Talent selbst entdeckt und gefördert zu haben. Konan war die Verkörperung und der Beweis dessen, dass diese Ideale des Ersten Hokage funktionierten.

 

„Du machst mich echt stolz, Konanchen!“, rief er ihr zu.

Konan bewegte ihre Hand, den kleinen Finger rechts und den Zeigefinger links, und rief zurück: „Pass lieber auf, Madara!“

Er sah sich gerade noch rechtzeitig um, da sausten zwei papierne Shuriken von hinten direkt auf ihn zu und er schaffte es nur eben gerade, sie mit Gunbais Sense abzuwehren.

„Sehr gut!“, rief er. „Wirklich, sehr gut!“

Konan grinste. „Ich weiß.“

 

Sie trainierten noch bis Sonnenuntergang, dann machten sie sich auf den Weg zurück nach Hause. Der Mond war heute exakt halb und leuchtete hell, und auf halber Strecke wurde Konan dann so müde, dass Madara sie auf seine Arme nahm und den Weg nach Hause trug.

„Du hast heute hart gearbeitet, Konanchen“, sagte er.

Konan schlief schon fast, nickte nur.

„Ich bin wirklich, wirklich stolz auf dich.“

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Kapitel: 15
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Wörter: 70.291
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Kurzbeschreibung

Die Geschichte der Uchiha-Familie, erzählt vom Clanerben Itachi und der Chronistin Haru.

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