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Wie Hund und Katz

15.6.2017 21:08
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

3 Charaktere

Howard Link

Inspektor von "Krähe", der Leibwächterabteilung Centrals. Pflichtbewusst bis überkorrekt erfüllt er jeden Auftrag zur großen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Steif und unflexibel im Auftritt, kann er im Notfall jedoch auch schon mal gegen ausdrückliche Befehle agieren. Howards Verhalten zeugt von einem treuen, freundlichen, gerechtigkeitsliebenden Charakter hinter einer kalten Fassade.

Yu Kanda

Ein führender Exorzist des Schwarzen Ordens. Kämpft mit seinem Innocence Mugen, einem Katana, gegen Noahs, Akumas und auch schon mal gegen Allen. Yu ist fast immer schlecht gelaunt, was seine Freunde jedoch kaum ernst nehmen, kennen sie doch seinen gut versteckten loyalen und zuverlässigen Kern. Sein Körper wurde künstlich erschaffen und verfügt dadurch über enorme Selbstheilungskräfte.

Allen Walker

Exorzist des Schwarzen Ordens, gleichzeitig der vierzehnte Noah. Wahre Identität unbekannt. Führt das Innocence Crown Clown nebst eines Fluchs, der ihn in die Lage versetzt, Akumas aufzuspüren. Allen ist ein freundlicher, fröhlicher, hilfsbereiter Mensch, der sich trotz schwerer Schicksalsschläge nicht unterkriegen lässt. Gilt als die wohl mächtigste Waffe gegen den Millennium-Grafen.

Er hatte es alles andere als geplant. Der schwarzhaarige Exorzist hätte ihn niemals entdecken dürfen, solange er es nicht darauf angelegt hatte. Und doch hatte ihn Yu in der vergangenen Nacht aus der Reserve gelockt.

 

‚Nun? Wie lange läufst du uns schon hinterher ... du Hund von Luberie?‘

 

Kein Hauch von Zweifel hatte in der dunklen Stimme gelegen. Und auch keine Möglichkeit, sich der Konfrontation zu entziehen. Yu hatte genau gewusst, dass ihnen jemand folgte und ebenso gut, um wen es sich dabei handelte.

 

Howard zog den Schirm seiner Ballonmütze tiefer ins Gesicht. Die Gläser seiner getönten Brille reflektierten das Sonnenlicht, als er sich dichter an die Wand der Seitengasse drückte, aus der er Johnnys wandernde Reparaturwerkstatt beobachtete. Es hatte ihn verblüfft, mit welcher Leichtigkeit Yu seine gute Gesundheit akzeptiert hatte. Lief man einer Leiche über den Weg, fiel der Glaube an ein solches Wunder normalerweise eher schwer. Doch der Japaner schien nicht im Geringsten überrascht gewesen zu sein. Eigentlich durfte es ihn nicht verwundern. Yu gehörte zu den misstrauischsten Menschen, die er jemals kennengelernt hatte. Wahrscheinlich hätte er es ihm sogar zugetraut, sie als Geist heimzusuchen.

 

Howard legte irritiert den Kopf schief, als Johnny aufsprang und Allen dabei mit in die Höhe riss. Er zuckte in stummer Anteilnahme zusammen, als beide Körper von einer zornigen Ladung Elektrizität durchfahren wurden, die die seltsamen Handschellen auslösten. Er seufzte. Sich aneinander zu ketten ... Ein derartiges Ungeschick sah einem der Mitglieder der wissenschaftlichen Abteilung wirklich ähnlich.

 

Er setzte sich in Bewegung, als die beiden Unglücklichen einem Kunden folgten, offenbar, um eine stationäre Maschine zu reparieren. Erst dachte er darüber nach, den direkten Weg zu gehen. Für Yu war seine Gegenwart ja nun kein Geheimnis mehr. Doch als er sich schon durch die Fußgängermassen bis zur Mitte der Straße durchgeschoben hatte, weiteten sich seine Augen vor Schreck und er machte einige schnelle Schritte hinter eine vorbeiziehende Pferdekutsche. Durch sie erreichte er die Deckung eines Blumenstands und lugte vorsichtig an einem mannshohen Gesteck vorbei. Yu war kein Problem mehr. Zumindest so lange, wie er den persönlichen Zielen des Exorzisten nicht in die Quere kam. Hatte man erstmal seine Zustimmung erhalten, konnte man sich darauf verlassen, ungestört agieren zu dürfen.

 

Mit Timcampy sah die Sache jedoch ganz anders aus. Hätte ihn der Golem, der aus einem ihm unbekannten Grund nicht mit Allen gegangen war, entdeckt, wäre ihm jede Möglichkeit genommen, inkognito zu bleiben. Allen hätte es erfahren. Und mit ihm der Vierzehnte. Howard war sich bewusst, dass er noch zu wenig Informationen besaß, um sich das Vertrauen eines Noahs zu erschleichen, und er bezweifelte, dass es jemals genug für eine solche Aufgabe sein würden.

 

Zerknirscht sah er sich um. Seine Unvorsichtigkeit hatte ihn in eine ungünstige Lage gebracht. Es war nicht einfach, aus dieser Position zu Allen aufzuschließen, ohne von dem goldenen Dämon gesehen zu werden. Doch das Glück war ihm hold, als just in diesem Augenblick ein mit Fässern beladener Wagen um die Ecke knatterte. Unbemerkt sprang er von hinten auf und duckte sich hinter die Laderampe. Als das Gefährt an Johnnys Stand vorbeigefahren war, riskierte er einen Blick zurück. Yu unterhielt sich mit einem großen, in einen braunen Mantel gekleideten Kunden und schenkte seiner Umgebung keine Beachtung. Was Timcampy betraf ...

 

Howard runzelte die Stirn. Der Golem saß bewegungslos auf dem Werbeschild und starrte den Mann mit einer Intensität an, die er von den mysteriösen Wesen nicht gewohnt war. Ein Golem war in der Lage, seine Umwelt automatisch in Sekundenbruchteilen aufzunehmen. Es war nicht notwendig, sich so intensiv auf ein Motiv zu konzentrieren.

 

Der Anblick war so ungewöhnlich, dass Howard sich gewaltsam davon losreißen musste. Aus irgendeinem Grund beunruhigte in die seltsame Szene. „Tim ist was Besonderes“, versuchte er sich aber selbst zu versichern, „wer weiß schon, welche Funktionen noch in dem verdammten Ding stecken?“

 

Nicht in der Lage, weiter darüber nachzudenken, peilte er eine dunkle Gasse an, die ihn in die Richtung führen würde, die Allen eingeschlagen hatte und sprang, als er sich sicher war, dass ihn niemand beachtete, flink ab. Kaum, dass seine Füße das Pflaster berührten, stellte er aber fest, dass Timcampys böser Blick nicht das einzige Mysterium war, über das er sich Sorgen machen musste.

 

Seine Knie zitterten wie Espenlaub.

 

Zu überrascht, um einen Ton von sich zu geben, stürzte er der Länge nach zu Boden. Für ein paar Sekunden blieb er still liegen. Sein Erstaunen über die fehlende Körperbeherrschung verdrängte vorerst Schmerzempfinden und Vernunft und erst, als mehrere Stimmen in seiner unmittelbaren Nähe erklangen, wurde ihm bewusst, dass seine Deckung aufzufliegen drohte.

 

„He, Junge! Bist du in Ordnung?“

 

„Herrje! Geht es Ihnen nicht gut?! Sind Sie verletzt?!“

 

„Diese Jugend von heute hat keine Geduld! Das kommt davon, wenn einer nicht auf den anderen achtet! Zu meiner Zeit-“

 

Howard sah, wie sich in einiger Entfernung an Johnnys Stand langsam zwei Köpfe dem sich um ihn herum bildenden Pulk zuwandten. Es brauchte seine ganze Willenskraft, sich vom Boden abzustoßen und mit einem explosionsartigen Spurt und dem Kopf voran in die Gasse zu hechten. Er stürmte durch sie hindurch und brachte noch einige weitere Ecken zwischen sich und die zornigen Stimmen der Leute, die er bei dem Manöver kurzerhand über den Haufen gerannt hatte, bis er nichts mehr von dem Tumult hörte.

 

Kaum, dass der Adrenalinschub verebbte, knickten seine Beine erneut ein und er klammerte sich an einer Straßenlaterne fest. Entgeistert blickte er auf die unwilligen Körperteile. Wenn sie tatsächlich hätten schlottern können, hätte er wahrscheinlich die ganze Nachbarschaft auf sich aufmerksam gemacht.

 

Minuten später, die eine zufriedenstellende Linderung gebracht hatten, schlug er zornig mit der Faust gegen den Masten. Er hatte seine Zielperson verloren. Auch, wenn er eigenverantwortlich handelte und bezweifelte, dass Allen ausgerechnet jetzt in Schwierigkeiten geraten würde, ärgerte er sich über seine eigene Unzuverlässigkeit. Und er konnte noch nicht einmal nachvollziehen, wie es zu dem Versagen gekommen war!

 

... Die beste Strategie bestand nun darin, zum Stand zurückzugehen und dort auf Allens Rückkehr zu warten. Er stopfte sich ein paar gelöste Haarsträhnen zurück unter die Mütze, schob die Brille zurecht, die ihm von der Nase zu gleiten drohte und trat ein paarmal fest auf, um die eigene Standfestigkeit zu überprüfen. Er sah sich um. Er traute es sich nicht zu, über die Schleichwege zurück zur Hauptstraße zu finden, und so schlug er die Richtung ein, aus der ihm die Geräusche handwerklicher Aktivität entgegenwehten. Mit ein wenig Glück führte ihn von dort ein Weg zurück zu seinem Ausgangspunkt.

 

Seine Vermutung bestätigte sich, als er wenig später an bunt gemischten Geschäften entlangwanderte. Als er auf eine Konditorei stieß, gönnte er sich den Luxus, sich an den Auslagen zu ergötzen, ehe er seinem Verlangen nachgab und den Laden betrat. Über den Zeitraum des Genusses eines Schokoladen-Früchte-Crêpes zum Mitnehmen würde nichts Ernstes passieren, dachte er.

 

Und irrte.

 

Kaum, dass er den ersten Bissen getätigt hatte, zerriss ein gellender Schrei die Luft. Aus einer Buchhandlung, an der er vor nicht langer Zeit vorbeigelaufen war, strömten Scharen von panischen Bürgern auf die Straße und Howard verschluckte sich fast an seinem Gebäck, als niemand Geringeres als Allen Walker hinterdrein stürmte. Und der Exorzist sah definitiv aus, als kämpfte er mit einem gewaltigen Problem. Mit schmerzverzerrtem Gesicht krallte er sich mit seiner rechten Hand in seinem linken Arm fest, der bizarr verformt war und aus dem Federn in wirbelnden Strudeln empor stoben. Howard ließ seinen Snack fallen.

 

Crown Clown spielte verrückt.

 

Geheimauftrag hin oder her, er konnte nicht zulassen, dass Allens Innocence in einer belebten Stadt Amok lief! Der Exorzist brüllte etwas in den Laden, was im allgemeinen Lärm unterging, machte auf dem Absatz kehrt, sprang mit einigen kraftvollen Sätzen hoch bis auf das Dach des Nebengebäudes und verschwand. Howard fluchte leise und wollte ebenfalls loslaufen.

 

Doch plötzlich verklang jedes Geräusch um ihn herum. Er stand wie angewurzelt, als sich ein kaltes, übelkeitserregendes Gefühl in jeder Zelle seines Körpers ausbreitete. Er vernahm nichts mehr, außer dem glasklaren Klicken zweier harter Schuhsohlen auf dem Pflaster hinter sich. Die Umgebung verblasste, der Tumult um ihn herum stehender Menschenmassen verlangsamte sich, bis er allein auf der Welt war, allein mit dem Besitzer der Schuhsohlen, der sich unaufhaltsam näherte. Howards Pupillen wanderten zur Seite und verengten sich, als eine hochgewachsene Gestalt seelenruhig an ihm vorbeischlenderte. Seine Augen wurden groß. Jedes Wort blieb ihm im Halse stecken, jeder Versuch, sich zu bewegen, wurde im Keim erstickt. Er konnte nur stumm der Gestalt hinterher blicken, die die Welt um sich herum verwelken ließ.

 

Auf einmal verflog der unheimliche Zauber wieder, die Zeit kehrte zurück und mit ihr Farben und Geräusche. Howards Beine versagten ihm endgültig den Dienst und er sank zu Boden, während er in stillem Schrecken dem Mann nachschaute, der an Johnnys Stand so nachhaltig auch Timcampys Aufmerksamkeit hatte fesseln können und der in derselben Richtung verschwand, in die Allen geflüchtet war. Sein Anblick – seine ganze Ausstrahlung – ließ Howards Gehirn auf Hochtouren arbeiten, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Er zuckte zusammen, als ein scharfer Stich durch seine Schläfe fuhr.

 

War es etwa dieser Fremde, der seinen Körper lähmte?

 

... Er war fremd, richtig?

 

Howard war so verstört, dass er Yu nicht bemerkte, der mit gezogenem Schwert an ihm vorbeihechtete und genau rechtzeitig kam, um mit Johnny zusammenzustoßen, der aus der Buchhandlung stürzte. „Was zum Teufel ist hier los?!“, brüllte er aufgebracht, „Wo ist die Bohnenstange?!“ Dem Wissenschaftler stand die Angst ins Gesicht geschrieben: „Kanda?! Wie kommst du hier ... Nein, egal! Wir müssen Allen finden! Crown Clown ... Crown Clown hat sich von selbst aktiviert!“ Sie rannten los. Yu umfasste Mugen fester: „Scheiße. Da folgt man diesem durchgeknallten Golem, weil er einem keine Ruhe lässt mit seinem Geflatter und in der nächsten Sekunde dreht das Innocence am Rad! Was geht hier ab, Johnny?!“

 

„Ich weiß es auch nicht! Es hat die Handschellen gesprengt und Allen hat nur geschrien, dass ich mich von ihm fernhalten soll! Irgendwas von Lebensgefahr und ... Acetylen oder so! Es war so ein Durcheinander, ich habe ihn kaum verstanden!“

 

„Wo ist er hin?!“

 

„Keine Ahnung! Ich weiß nur, dass wir ihm helfen müssen!“

 

Nach mehreren Minuten Hetzjagd durch das Labyrinth der Seitenwege huschte plötzlich etwas Weißes durch ihr Blickfeld und sie sahen automatisch hoch. Johnny wurde kreidebleich, als er erkannte, was ihnen da aus sieben Metern Entfernung entgegenstürzte: „ALLEN!“ Yu verlor keine Zeit. Er sprang ab und gegen eine Häuserwand, drückte sich gleich nochmal ab und fing den Kameraden ab, der laut aufstöhnte, als sie unten aufkamen. „Allen“, rief Johnny panisch, „Allen! Oh, bitte, sag was! Was ist hier los? Was können wir tun?!“ Ehe der Exorzist jedoch antworten konnte, fiel etwas Dunkles vom Himmel und landete mit einem dumpfen Knall nicht weit von ihnen entfernt. Allen grinste bitter und glitt aus Yus Armen. Er massierte sein Innocence, welches noch entstellter wirkte als zuvor: „Das ist alles seine Schuld! Diesem Bastard habe ich es zu verdanken, dass mir Crown Clown hier beinahe die Schulter abbeißt!“ Er nickte zu dem Neuankömmling hinüber. Yus und Johnnys Augen weiteten sich.

 

„Sie sind der von vorhin!“

 

„Sie sind der nette Kardinal vom Hauptquartier!“

 

Zwei Augenpaare sahen Johnny entgeistert an und Allen fuhr auf: „Du kennst ihn?!“ Er nickte: „Ja! Es war kurz vor deinem Ausbruch! Er hat ... Ähm ... einige Dinge abbekommen, die für Sektion Eins bestimmt waren ... und ... Äh ... Er war trotzdem sehr freundlich! Und außerdem hat er uns versprochen, dass du nicht hingerichtet wirst!“ Allen lachte harsch auf, ein Ton, den Johnny nicht von ihm gewohnt war und der ihm Gänsehaut bescherte: „HA! Ja, natürlich nicht! Tot wäre ich ihm kaum von Nutzen!“ Er wies, offensichtlich noch immer in heftiger Pein, zynisch grinsend auf den Kardinal: „Darf ich vorstellen? Ein selbstständiges Innocence, dessen einzige Lebensaufgabe es ist, das ‚Herz‘ zu beschützen. Die Noahs nennen es ‚Apokryphos‘.“

 

Yu ging in Abwehrposition: „Was will der Typ von dir?! Bist du am Ende etwa auch noch Träger des ‚Herzens‘?! Ich schwöre es, in deinem Körper findet ʼne echte Promiparty statt!“ „Nein“, beruhigte ihn Allen, „er will mich nur zu einem Teil seines Körpers machen.“ Der Japaner hob verständnislos eine Braue, ohne den Blick von dem Fremden abzuwenden, der geduldig wartend seine Brille putzte: „... Was?“

 

„Wenn er mich erwischt, bin ich erledigt, idiotischer Kanda! Ist das deutlich genug?!“

 

Allen knirschte mit den Zähnen: „Und dafür hat er meinen Meister getötet ...“ Yu riss die Augen auf: „Er hat Marian erledigt?!“ Allen nickte. „Ja. Und ...“, ein Schluchzen entwich seiner Kehle, „und ... Link auch ...“ Yus Knöchel traten weiß hervor, während er Mugen fester und fester packte. Es klang vernünftig. Jemand, der einen Marschall von Crossʼ Kaliber töten konnte, hatte mit einer einfachen Krähe sicher keine Schwierigkeiten. Es gab dabei nur ein Problem ...

 

Apokryphos rührte sich: „Ah, Marschall Cross. Richtig. Ein sehr ... unbequemer Mann. Ich bin froh, dass ich ihn so mühelos aus dem Weg räumen konnte. Was Luberies Assistenten angeht ... Du ziehst wirklich jede Menge lästiger Fliegen an, mein lieber Junge. Aber was sein Ableben betrifft, bin ich mir nicht ganz sicher, ob wirklich mir das ganze Lob gebührt ...“

 

Jetzt war Yu wirklich verwirrt. Selbst dieser Apokryphos, der anscheinend mehr wusste als sie alle zusammen, hielt Howard für tot. „Was läuft hier?“, dachte er finster. Für mehr blieb ihm keine Gelegenheit, da der Kardinal entschied, die Plauderstunde abzubrechen.

 

---

 

Howard stürmte durch die dunklen Gassen. Es hatte ihn beinahe eine halbe Stunde gekostet, seine fünf Sinne wieder mit seinen Gliedmaßen zu verbinden, sich aufzurichten und die Verfolgung der Exorzisten aufzunehmen. Wenigstens konnte er endlich wieder frei über all seine Körperfunktionen verfügen, denn das feine Vibrieren in seinen Muskeln war verschwunden. Er wusste nicht, was er von der ganzen Situation halten sollte, doch im Moment bestand seine Priorität darin, seinen Schutzbefohlenen wiederzufinden. Und angesichts der heftigen Kampfgeräusche, die durch die Häuserschluchten hallten, war dies kein schwieriges Unterfangen. Als er endlich ins Licht einer unbebauten Fläche tauchte, blieb ihm die eigene Spucke fast im Halse stecken. Er machte eine Vollbremsung und drückte sich eiligst zurück in die Gasse, aus der er gestürzt war.

 

Ein Stück von ihm entfernt auf einer Brücke, die über den breiten Fluss der Stadt ragte, stand der unheimliche Fremde und hielt Allen an der Kehle gepackt, während er Yus Schwertstreiche ohne jedes Anzeichen von Anstrengung parierte. Allen seinerseits tobte wie ein Wilder und trat mit seinen stahlbesetzten Stiefeln nach jeder Stelle, die er erreichen konnte.

 

Howard runzelte die Stirn. Wie konnte ein einzelner Mann zwei ausgebildeten Exorzisten Probleme bereiten? Verstohlen sah er sich um und entdeckte schließlich auch Johnny. Der Amerikaner drückte sich in einen Hauseingang, schützend ein kleines, funkelndes Objekt an seine Brust gepresst haltend. Timcampy?

 

Howard begriff die Welt nicht mehr. Er blickte wieder zu dem Trio hinüber. Yu drosch auf den Fremden ein, als ginge es um Leben und Tod. Dieser wehrte sich noch nicht mal, schien sich völlig auf einen leisen Dialog mit Allen zu konzentrieren, der diesen aber offenbar nicht interessierte. Der Inspektor fühlte die Wärme aus seinen Fingerspitzen entweichen. So wie es aussah, hielten sich weder Yu noch Allen in ihrer Aggressivität zurück. Und doch zuckte ihr Kontrahent nicht einmal mit der Wimper.

 

Schließlich wurde es dem Kardinal doch zu bunt. Er riss den Arm hoch und versetzte Yu einen so kraftvollen Schlag in den Magen, dass dieser mit einem erstickten Schrei durch die Luft flog und direkt neben Howards Versteck gegen die Mauer prallte. Benommen fiel er zu Boden und blieb keuchend liegen. Howard atmete vorsichtig aus. Konnte ein Mensch, noch dazu einer im fortgeschrittenen Alter, unter normalen Umständen einen durchtrainierten Kämpfer mit solcher Leichtigkeit von sich schleudern? Der Kardinal hatte nun alle Hände voll damit zu tun, Allens Zähne aus seinem Arm zu hebeln, und so sank Howard langsam in die Hocke und flüsterte Yu zu: „Bist du in Ordnung?“ Schwarz gelederte Finger zuckten und die Antwort klang wenig glücklich: „So froh, dass ausgerechnet du danach fragst. Ich will gar nicht wissen, wieso du dich noch nicht dazu herabgelassen hast, einzugreifen. Ist wahrscheinlich nicht dein Job. Oder bist du zu feige, Krähe ...?“ „Ich bin nicht wegen eines Jobs hier“, log Howard und zog einen Talisman aus der Manteltasche, ohne auf die Konfrontation einzugehen, „Wer ist der Feind?“ „Weiß nicht“, ächzte Yu, „ich fürchte, ich habe die Bohnenstange nicht wirklich verstanden, als erʼs uns erklärt hat. Aber ich habe noch nie so viel Hass in Allens Augen gesehen. Und Timcampy hat verdammte Todesangst.“ „Dann ist es vielleicht keine gute Idee, ihn fair von vorne anzugreifen“, tadelte Howard sarkastisch und legte das magische Zeichen auf den Boden.

 

Mit einem Zeigefinger hielt er es an seinem Platz, schloss die Augen und murmelte ein paar Worte. Eine Explosion direkt hinter dem Fremden sprengte das Pflaster und aufwirbelnde Gesteinsbrocken trafen ihn hart im Rücken. Trotzdem ließ er seinen Gefangenen daraufhin anscheinend eher aus Überraschung als aus Schmerz los. Alarmiert fuhr er herum und suchte die Gegend ab, während Allen hustend davon krabbelte. Howard zog sich blitzschnell in die Dunkelheit zurück und befehligte mehr Talismane in seine Hand. Eine Krähe durfte keine Angst haben. Weder vor wildgewordenem Innocence, noch vor monströsen Akumas. Und schon gar nicht vor einem einzelnen Menschen.

 

Doch Howard hatte Angst.

 

Etwas in ihm warnte ihn davor, dass, egal was er auch anstellen würde, es nicht genug wäre, um diesen Mann zu besiegen. Er wägte still ab, ob er in der Lage war, ihn mit dem Shibaribane zu bannen und den anderen zumindest die Flucht zu ermöglichen. Er atmete tief durch. Er würde seine Tarnung aufgeben müssen, aber hatte er sich nicht für genau diese Situationen an Allens Fersen geheftet? Er biss zornig die Zähne aufeinander. Keine Zeit für Überlegungen!

 

Er huschte zurück an die Häuserecke, die ihn vor den Augen der Kämpfenden verbarg und flüsterte dem sich inzwischen aufrappelnden Yu bestimmt zu: „Wenn du ihn ablenkst, kann ich ihn einfangen und festhalten, bis ihr entkommen seid.“ Doch der Exorzist schnaubte verächtlich: „Che! Ich soll mich auf dich verlassen? Du machst wohl Witze!“

 

„Yu Kanda. Wenn wir nicht zusammenarbeiten, wird Walker-“

 

Würde er ... was? Howard blinzelte irritiert, als ihm schlagartig bewusst wurde, dass er den eigenen Satz nicht vollenden konnte. Seine Schläfen begannen, unangenehm zu pochen und er griff sich leise stöhnend an die Stirn.

 

Yu interessierte sich indessen sowieso nicht für seinen Standpunkt. Stattdessen hob er seine Waffe auf und trat mit zwei sicheren Schritten in Howards Blickfeld. Abfällig starrte er auf ihn hinab: „Nenn mir einen Grund, warum ich auf dich hören sollte. Du hast dich bis jetzt aus allen Kämpfen vornehm rausgehalten. Ich möchte wetten, dass du uns diesmal aus irgendeiner Berechnung heraus helfen willst. Aber weißt du was? Du und dein Herrchen und eure beschissenen Pläne können mir gestohlen bleiben! Ich werde die Bohnenstange beschützen. Mit dir oder ohne dich!“ Plötzlich zerriss ein gellender Schrei die Luft und sie registrierten mit Schrecken, dass der Gegner ihre Diskussion ausgenutzt und Allen erneut in die Finger bekommen hatte. Howard fluchte ungehemmt. Warum um alles in der Welt wehrte sich der Exorzist nicht?! Selbst, wenn es sich bei dem Angreifer nicht um einen Menschen handelte, musste er entweder ein Noah oder ein Akuma sein! Und genau für solche Fälle existierte Innocence!

 

Apokryphos hob eine Hand vor Allens Stirn. Ehe Howard überhaupt darüber nachdenken konnte, was vorging, rannte Yu brüllend los: „SCHEISSE! BOHNENSTANGE!!!“ Howard hätte ihm beinahe hinterhergeschrien, konnte sich aber gerade noch beherrschen und wieder in Deckung gehen. Diese verdammten Exorzisten und ihre Leichtsinnigkeit! Aber wenn es der Japaner so wünschte, würde er es ihm überlassen, wie er den Gegner ablenken wollte. In der Zwischenzeit würde er ...

 

Leider erkannte er in der nächsten Sekunde, dass es keine „Zwischenzeit“ geben sollte. Jemand hatte es offensichtlich satt, ständig in seinem Vorhaben unterbrochen zu werden und schneller, als Yu reagieren konnte, hatte der Fremde sich ihm zugewandt, ihn an der Gurgel gepackt ...

 

Und ihn im hohen Bogen über das Brückengeländer in den darunterliegenden Fluss befördert. Ohne jeden Halt konnte Yu nichts anderes tun, als hilflos seinen Zorn in die Welt hinauszuschreien, ehe er in den Fluten verschwand.

 

Allen schrie ihm panisch hinterher und begann mit erneuter Kraft zu zappeln: „Kanda! Zur Hölle, lass mich los, du verdammtes Schwein! KANDA!!!“ „Keine Angst, Allen“, lächelte der Fremde, „er ist nicht notwendig, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Wir brauchen nur das ‚Herz‘ und einige Auserwählte. Dieser Junge gehört nicht dazu.“ Er richtete wieder seine Hand auf ihn: „Aber du! Warum willst du es denn nicht verstehen, du musst mit mir verschmelzen, um das ‚Herz‘ zu stärken! Willst du die Menschheit etwa nicht mehr retten?!“ Allen funkelte ihn voller Wut an: „Doch, das will ich! Aber mit einer Methode, die alle Menschen rettet und nicht nur die, die Monster wie du oder dein Herr als würdig erachten!“

 

Howard zog scharf die Luft ein, als der Gegner – offenbar wenig angetan von Allens verbalem Angriff – mit einem durchdringenden Schrei damit begann, mit Crown Clown zu räsonieren. Er hatte keine Ahnung, was dieser Kerl mit Allens Innocence anzufangen gedachte, doch er wusste nur zu gut, was mit Exorzisten geschah, deren göttliches Kristall gewaltsam extrahiert wurde. Er musste die beiden so schnell wie möglich trennen!

 

Angespannt analysierte er die Umgebung. Gab es nichts, was den übermächtigen Gegner wenigstens kurzzeitig außer Gefecht setzen konnte? Seine fieberhaft suchenden Augen wanderten über in aller Eile verlassene Wagen, Kisten, landwirtschaftliche und gewerbliche Geräte und blieben an einem großen Kran haften, der wahrscheinlich zum Beladen und Löschen von Fracht verwendet wurde. Ein schwerer Eisenhaken hing an einer Kette, die auf einer Winde aufgerollt war. Auf der anderen Seite der Brücke, etwa im Radius des Schwenkarmes, stand ...

 

Howards Augen verengten sich, als ein Plan in seinem Kopf reifte. Er sah zur Seite und stürmte aus seinem Versteck, Johnny in den Weg, der in einem Anfall verzweifelten Muts die eigene Deckung verlassen hatte, um seinem Freund zu helfen. Howard hinderte ihn daran, blindlings in den sicheren Tod zu laufen, indem er ihn mit einem geübten Handgriff den Mund zuhielt, ihn um die Hüfte fasste und mit einem beherzten Sprung in die obskure Sicherheit einer Kutsche riss.

 

Er lugte durch das Fenster. Der Feind hatte sie nicht bemerkt, zu intensiv damit beschäftigt, seinem Gefangenen das Leben zur Hölle zu machen. Der Überraschungsmoment war also nach wie vor auf ihrer Seite. Vermutlich bezweifelte der Mann sowieso, dass von Johnny eine besondere Gefahr ausgehen konnte und beachtete ihn somit nicht. Howard flüsterte dem hysterischen Wissenschaftler ins Ohr: „Sei still und hör zu! Tu, was ich dir sage und wir werden vielleicht alle noch den morgigen Tag erleben!“ Johnny hielt in seinem Bemühen, sich zu befreien, inne, als er begriff, dass der unbekannte Aggressor offenbar kein weiterer Feind war, und entspannte sich spürbar. Howard ließ ihn frei und er drehte sich um, blieb aber wohlweislich geduckt. Vorsichtshalber drückte er Timcampy fester an seine Brust, als er unsicher fragte: „Wer bist du?“ Der Inspektor zögerte kurz, entgegnete dann aber nur: „Tut nichts zur Sache. Wir haben Dringenderes, um das wir uns Sorgen machen sollten, nicht wahr? Und jetzt pass auf. Siehst du die Maschine auf der anderen Seite des Flusses?“ Johnny folgte seinem ausgestreckten Finger und nickte.

 

„Weißt du, um was es sich dabei handelt?“

 

Nicken.

 

„Gut. Bring sie zum Laufen.“

 

„Wie meinen?!“

 

„Geh rüber und bring sie zum Laufen. Es ist mir egal, wie du es anstellst, aber in zwei Minuten muss sie angeschaltet sein. Verstanden?“

 

Johnny blickte hilflos zwischen ihm und dem Zielobjekt hin und her: „Ja ... aber ... Wie soll ich denn da rüberkommen?“ Howard kniff die Augen zusammen und sah auf den Golem hinab. Er schnaufte gereizt: „Tim, Schluss jetzt mit dem Totstellen.“ Nichts deutete darauf hin, dass der Angesprochene ihn gehört hatte. Johnny wirkte überrascht: „Du kennst ihn?! Wer-“ „Nicht jetzt“, zischte er gereizt zurück und packte das goldene Wesen an den Flügeln, „Kanda sagte mir bereits, dass du Angst vor diesem Mann hast.“ Er hielt ihn sich dicht vor die Augen: „Aber meinst du wirklich, dass das rechtfertigt, deinen Meister im Stich zu lassen?“ Er drehte ihn um und zwang ihn, die Szene auf der Brücke mit anzusehen.

 

Allen kämpfte mit Leibeskräften. Aber er schien müde zu werden. Schmerz und Anstrengung hatte tiefe Ringe unter seine Augen gegraben und man konnte erkennen, dass er den Kampf verlor. Howard fletschte mit den Zähnen. Ihnen lief die Zeit davon!

 

Plötzlich zuckte der Golem und er ließ ihn aus einem Reflex heraus los. Sofort begannen die Flügel wild zu schlagen und Timcampy wandte sich ihm aufmerksam flatternd zu. Howard konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er wies auf die andere Seite des Flusses: „Johnny braucht eine Transportmöglichkeit. Du weißt, was du zu tun hast, nicht wahr? Nur ... mach dieses Mal nicht so einen Krach.“

 

Der Golem nickte eifrig. Keine Sekunde später erstrahlte sein Körper in hellem Licht. Howard wartete nicht auf den Effekt des Zaubers, sondern packte Johnny am Kragen und betonte jedes einzelne seiner anschließenden Worte: „Wenn du die Maschine angestellt hast, spring in den Fluss. Bleib auf keinen Fall dort stehen. Egal, was passiert, spring und schwimm um dein Leben.“

 

Allen kämpfte unterdessen tapfer gegen den Entzug seines Innocence an. Mit all seiner Willenskraft hielt er Crown Clown in seinem Körper verankert, während Apokryphos mit ebenso viel Ausdauer nach seinem Artgenossen rief. Ein siebentausend Jahre alter Gegner war selbst für ihn eine Nummer zu groß und so fühlte er langsam aber sicher seine Verbindung zum göttlichen Kristall schwinden. Und mit ihm seine Sinne, von denen er wusste, sie nicht wiederzuerlangen, wenn er sie diesmal verlor. Trotz seiner toternsten Lage konnte er sich aber eines verdatterten Gesichtsausdrucks nicht erwehren, als sich in Apokryphosʼ Rücken plötzlich eine Szene abspielte, die er beim besten Willen nicht einzuordnen vermochte.

 

Sein Golem flatterte still und heimlich über den Fluss, offensichtlich sehr bemüht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Johnny hing schwitzend vor Anstrengung an den winzigen Beinchen und ließ sich hinübertragen.

 

Allen schluckte.

 

Die „winzigen Beinchen“ waren genaugenommen nur noch im Vergleich zur Körpergröße winzig. Timcampy hatte seine Riesenform angenommen. Er war nicht so groß wie drei Monate zuvor, doch es war absolut ausreichend, um den kleinen, leichten Wissenschaftler zu transportieren.

 

Gerade sprang Johnny am anderen Ufer zu Boden und rannte hastig zu einem riesigen Wagen, dessen Zugochsen schon ganz zu Beginn des Tumults das Weite gesucht hatten und machte sich daran zu schaffen. Allens Gedanken schwirrten und Sorgen erfassten ihn. Was hatte sein Freund vor? Wie konnte Timcampy zu seiner Höchstform gelangen? Und als der Motor des Wagens laut aufheulte und sich mehrere Reihen stählerner Klingen auf der Rückseite lautstark in Bewegung setzten, fühlte er sich in seiner Angst um das Leben des Amerikaners bestätigt.

 

Aufgeschreckt von dem Lärm wandte sich Apokryphos dem Störenfried langsam zu.

 

Auf diesen Augenblick hatte Howard gewartet. Er sprang aus dem Versteck und stürmte auf den Kran zu. Aus den Augenwinkeln wurde er Zeuge, wie sich Johnny und Timcampy ohne zu Zögern in die reißenden Fluten stürzten und er atmete unbewusst auf. Er hatte heimlich befürchtet, dass sie in letzter Sekunde Zweifel an seiner Integrität bekommen könnten und seinen letzten Befehl verweigern würden. Aber der Wissenschaftler wusste offensichtlich, was gesünder für ihn war. Mit drei Hindernissen aus dem Weg geräumt, konnte sich Howard nun ganz Allens Rettung widmen.

 

‚Zauber verleihen mir Macht.‘

 

Er löste im Vorbeilaufen die Bremsvorrichtung der Winde, die die Kette des Krans an ihrem Platz hielt.

 

‚Geschick setzt sie frei.‘

 

Er sprang zielsicher ab und versetzte dem Greifarm einen so durchdringenden Tritt, dass dieser in weitem Bogen Richtung Brücke schwenkte. Er stürmte das Konstrukt hinauf und rutschte an seinem Ende an der Kette hinunter. Die Zentrifugalkraft ließ ihn beinahe den Halt verlieren, wenn er es nicht rechtzeitig geschafft hätte, einen Fuß in den schweren Haken zu setzen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit raste er auf Allen und seinen Peiniger zu, deren Köpfe sich wie in Zeitlupe in seine Richtung drehten. Howard erlaubte dem Fremden derartige Freiheiten nicht.

 

‚Shibaribane!‘

 

Im selben Moment schossen Siegel aus seinem Ärmel, kreisten den Feind ein und hielten ihn an seinem Platz. Bruchteile von Sekunden später jagte ihm Howard den Haken direkt zwischen die Schulterblätter.

 

Apokryphos riss die Augen auf und starrte wortlos auf das rostige Eisen, das aus seinem Brustkorb ragte und eine Blutfontäne auslöste. Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er wurde kurzerhand von den Beinen gerissen und alle drei „Passagiere“ flogen über die glitzernde Wasseroberfläche hinweg direkt auf die rotierenden Klingen der Maschine zu.

 

‚Und mein Geist wird zur Faust. Mystische Magie!‘

 

Howards Hand sandte ein gleißendes Licht aus, als sich der Bannspruch in ihr ausbreitete und ohne Umschweife schlug er zu.

 

Ein dunkler Strudel bildete sich dort, wo seine Knöchel mit dem Arm des Feindes kollidierten und zerfetzte die Gliedmaße ohne nennenswerten Widerstand. Ein Tritt vor Allens Brust löste endgültig jeden Halt, den der Fremde auf sein Opfer hatte und Howard ließ sich hinter dem Exorzisten gen Wasser fallen. Er wandte den Blick nicht ab, als der Gegner weitergerissen und mit einem durch Mark und Bein gehenden Schrei geradewegs in die Schneiden der Häckselmaschine befördert wurde. Doch selbst, als sich abgetrennte Körperteile und Blut in der Umgebung verteilten, hatte Howard nicht das Gefühl, soeben jemanden getötet zu haben. Und entgegen jedes gesunden Menschenverstands zweifelte er nicht daran, diesen eigenartigen Mann irgendwann wiedersehen zu müssen. Der Fluss stellte möglicherweise ihre einzige Fluchtmöglichkeit dar. Wasser verwischte fast alle Spuren.

 

Laufen. Laufen. Weg von hier. Das waren die einzigen Gedanken, die er noch fassen konnte.

 

Der Aufprall auf dem Wasser ließ Exorzist und Inspektor kurzzeitig Sterne sehen, doch eiserner Wille ermöglichte es ihnen, sich sofort zu besinnen und energisch mit der Strömung mit zu schwimmen, die sie in Windeseile vom Kampfschauplatz wegbeförderte. Howard begann, sich Sorgen zu machen. Sie war stärker, als er einkalkuliert hatte. Hoffentlich hatte sich Johnny gegen die Naturgewalt durchsetzen können. Mit einem trauernden Allen wollte er sich definitiv nicht auseinandersetzen müssen.

 

Sie tauchten, bis es ihre brennenden Lungen nicht mehr aushielten. Japsend durchbrachen sie die Wasseroberfläche und sahen zurück. Die Brücke war nirgends mehr zu sehen. Howard spürte Allens Augen auf sich ruhen und nickte weiter den Fluss hinab. Er traute der Sache nicht genug, um schon zurück an Land schwimmen zu wollen. Offenbar war Allen der gleichen Meinung, denn er folgte der Aufforderung schweigend und tauchte wieder ab.

 

Als sie das nächste Mal nach Luft schnappten, rief ihnen jemand vom Ufer etwas zu. Ein zum Glück wieder auf Normalgröße geschrumpfter Timcampy stürzte sich von oben auf Allen hinab und ersäufte ihn beinahe mit der überschäumenden Liebesbekundung. Der Junge lachte befreit auf und jubelte zu Johnny hinüber: „Ich bin okay! Ich bin okay! Ich lebe noch!“ Der Wissenschaftler weinte Freudentränen, winkte ihm enthusiastisch zu und half ihm, als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte, lachend aus dem Wasser: „Ich bin so froh, Allen! Ich hatte solche Angst! Ich dachte wirklich, der Kardinal würde ... er würde dich ...“ Er heulte laut auf und Allen schlug ihm tröstend auf den Rücken.

 

Howard sah sich um, von der Gefühlsduselei herzlich unbeeindruckt: „Wo ist Kanda?“ Die beiden wandten sich verblüfft um. Allen runzelte die Stirn, während er ihn misstrauisch musterte, doch Johnny plapperte, endlich wieder er selbst, munter drauflos: „Richtig, du kennst Kanda und Timcampy, stimmtʼs? Allen, ist das ein Freund von dir?“ Allens Pupillen wanderten zwischen ihnen hin und her. Er schien verwirrt und unsicher und Howard konnte es ihm nicht verdenken. Doch wichtiger als seine Verstörung war nun der Verbleib des Japaners, und so fragte er etwas nachdrücklicher: „Wo ist Kanda?“

 

Sein Tonfall hatte eine bedrohliche Schärfe erhalten, die keinen Aufschub der Frage duldete, und so schluckte Johnny nur: „Ich ... ich weiß nicht. Tim hat mich ein gutes Stück weiter oben ans Ufer geschoben und unterwegs habe ich kaum auf meine Umgebung achten können.“ Er kratzte sich verlegen lächelnd am Hinterkopf: „Tut mir leid! Aber ich bin mir sicher, dass er weiter unten rausgekommen ist! Kanda ist viel stärker als ich, was ich schaffe, kann für ihn ... keine ... Herausforderung sein ... Oh, Schande ...“

 

Seine Augen weiteten sich und auch Allen wurde leichenblass. Howard blickte fragend von einem zum anderen, als sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete: „... Was?“

 

„Kanda ... Er ... Er kann ja gar nicht ...“

 

---

 

Howard jagte über die Dächer der dicht an dicht angrenzenden Häuser. Typisch für die beiden Holzköpfe, eine so wichtige Information zu vergessen! Seine Augen wanderten über das dunkle Gewässer – auf einmal viel zu breit und weitläufig für seinen Geschmack – dessen trüber Inhalt sich jedem dringend nötigen Einblick verweigerte. Allein war es eine Sisyphusarbeit, Yu zu finden, doch nachdem die Belastung ihren Tribut gefordert und Allen gleich nach ihrer Flucht in die Knie gezwungen hatte, war ihm nichts anderes übriggeblieben, als Johnny anzuweisen, bei dem heftig zitternden Exorzisten Wache zu halten und ihm die Suche zu überlassen.

 

Er riss sich die verschmutzte Brille und die Mütze herunter. Es hatte eindeutig keinen Zweck mehr, seine Identität zu verschleiern. Als er Allen vorhin seinen Mantel übergestreift hatte, hatte ihm dessen Blick alles verraten, was er wissen musste. Und würde er sich weigern, es zuzugeben, würden Timcampys Aufzeichnungen Gewissheit schaffen. Er rief dem Golem, der dicht über der Oberfläche den Fluss entlang schwebte, zu: „Tim, warte nicht auf mich! Flieg voraus! Finde ihn!“ Die goldene Kugel wandte sich ihm kurz zu und flitzte dann davon.

 

Die Anstrengung begann, sich nun auch in seinem Körper bemerkbar zu machen, doch er zwang sich energisch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Was immer der Kardinal auch behauptet hatte, Yu war unersetzlich im Kampf gegen den Millennium-Grafen. Und Howard hatte von klein auf gelernt, dass ein Exorzistenleben etwas war, das mit allen Mitteln beschützt werden musste. Er ignorierte den Schweiß, der ihm in die Augen tropfte. Yu musste leben.

 

Und endlich, nach weiteren bitteren Minuten, fuhr Timcampy aus einer Häuserschlucht direkt vor ihm auf und flatterte aufgeregt vor seiner Nase umher.

 

„Du hast ihn gefunden? Gute Arbeit!“

 

Die Frage, in welchem Zustand sich der Japaner befand, stellte er nicht. Schließlich war es seine Aufgabe, dafür zu sorgen, ihn in einem akzeptablen Zustand zurückzubringen.

 

Er rannte keuchend hinter dem Golem her bis zu einer besonders breiten Stelle des Flusses, die aber wegen des geringen Widerstands auch viel ruhiger als anderswo war. Ein helles Flackern in ihrer Mitte verriet Howard die Position des Exorzisten. Ohne lang über das eigenartige Licht nachzudenken, sprang er kopfüber vom Dach in den Fluss. Er musste tief tauchen, bis Yu endlich in Sichtweite kam. Was er sah, hätte ihm den Atem stocken lassen, wenn er ihn nicht schon angehalten hätte.

 

Yu hatte offenbar das Bewusstsein verloren. Sein Körper schwebte leblos dicht am Boden des Flusses. Mugen aber strahlte ein sanftes, weißes Licht aus, welches eine große Luftblase um ihn herum formte. Hatte das Innocence mal wieder seinen Träger beschützt? Howard schwamm dicht an Yu heran und streckte die Hände nach ihm aus. Plötzlich durchfuhr ihn ein elektrischer Schlag und stieß ihn ein Stück weit weg. Schmerz und Schreck ließen ihn einen Teil der kostbaren Luft, die er in seinen Lungen gestaut hatte, ausstoßen. Er presste schnell die Hand auf den Mund und starrte Yu an. Sein Blick glitt zu Mugen.

 

Es beschützte seinen Träger, ganz ohne Zweifel. Aber wie zum Teufel sollte ihn jemand retten, wenn es niemanden an ihn heranließ?!

 

Howards Blick verfinsterte sich.

 

‚Sei froh, dass ich Mittel und Wege kenne, gegen Innocence vorzugehen. Ansonsten würdest du hier in deinem nassen Grab versauern!‘

 

Er hob Zeige- und Mittelfinger und orderte einen Talisman hinein. Mit einem entschiedenen Wurf heftete er ihn an den Griff des Schwerts. Zornige Resonanz durchfuhr seinen Geist, doch auch in ihm regte sich langsam von Erschöpfung und Anspannung ausgelöste Wut. Es dauerte länger als bei Crown Clown, doch schließlich schaffte er es, Mugen zu versiegeln, packte Yus Arm und tauchte mit kräftigen Zügen auf. Es war allerhöchste Zeit dafür und als er die kalte Oberfläche durchstieß und auch Yus Kopf aus dem Wasser hievte, erlag er beinahe selbst einem Schwindelanfall. Timcampy hatte sie erwartet und schnappte Yu am Kragen, um Howard bei dem Transport zu helfen.

 

Dieser konnte sich nicht daran erinnern, wann ihm ein Körper das letzte Mal so schwer vorgekommen war. Als sie nach unendlich lang erscheinender Zeit endlich das Ufer erreichten, packte er Yu unter den Armen und zerrte ihn unsanft über den steinigen Boden. In sicherer Entfernung zum Wasser legte er ihn auf den Rücken und fiel neben ihm auf die Knie, um selbst wieder zu Sinnen zu kommen. Er atmete einige Male tief ein und aus, um seine zittrigen Hände wieder unter Kontrolle zu bringen. Dann beugte er sich über Yus Gesicht und lauschte. Der Exorzist atmete nicht mehr. Auch sein Herz stand still. Ohne zu zögern riss Howard den schwarzen Mantel auf, legte beide Hände übereinander auf Yus Brustkorb und begann zu zählen, während er in regelmäßigen Abständen zudrückte.

 

‚Eins ... Zwei ... Drei ... Vier ...‘

 

Als er mit einem Durchgang fertig war, beugte er sich wieder über Yus Kopf, dehnte ihn ein wenig nach hinten und zwang die Lippen auseinander. Er atmete tief ein, hielt die Luft an, verschloss Yus Mund mit seinem und stieß sie energisch in die fremden Organe. Dann ging er wieder zur Herzmassage über. Nach einiger Zeit verschwamm seine Sicht und er fühlte sich völlig benebelt, doch er gönnte sich keine Sekunde Pause.

 

‚Komm schon! Atme, du faules Stück! Meinst du, ich mach das hier zum Spaß?!‘

 

Ihm wurde schwarz vor Augen. Er versuchte, dagegen anzukämpfen, merkte aber gleichzeitig, dass er unaufhaltsam nach hinten wegsackte. Plötzlich hörte er eilige Schritte hinter sich.

 

Und seinen Namen.

 

„Link! Kanda! Oh, mein Gott! KANDA!“

 

Hände legten sich auf seine Schultern und hielten ihn aufrecht. Timcampy hatte die anderen geholt. Auf den Golem war trotz Crossʼ zweifelhaften Einfluss Verlass ...

 

Dann fiel ihm etwas Überlebenswichtiges ein. Als Wissenschaftler beherrschte Johnny mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen. „Link ... wie bist du-“, begann Allen hinter ihm. Er unterbrach ihn unwirsch: „Nicht jetzt! Gil! Herz-Lunge! Sofort!“ Und zu seiner Erleichterung stellte der Amerikaner keine weiteren Fragen, sondern legte sofort die Hände auf Yus Brust. Nun, da er einen Teil der schweißtreibenden Arbeit hatte abgeben können, konnte er mehr Elan in die Mund-zu-Mund-Beatmung legen.

 

Und endlich, endlich, nach viel zu vielen bangen Minuten, krampfte sich Yus Körper spastisch zusammen und er spuckte Wasser aus der Lunge in Howards Mund. Der Inspektor riss den Kopf hoch und hustete angewidert, ehe er sich über die Lippen wischte und Yu energisch auf die Seite drehte. Mit einer zittrigen Hand auf dessen Schulter hielt er ihn in der Position, während unfassbare Mengen kaltes Nass aus allen sichtbaren Körperöffnungen quollen. Irgendwann ebbte das Zucken ab und Yu schlug mühsam die Augen auf. Sie starrten sich, versunken in eine eigene kleine Welt, an, bis der Inspektor schließlich murmelte: „Wird Zeit, dass du zurückkommst. Wie fühlst du dich?“ Yu blinzelte: „Beschissen. Was hast du mit mir gemacht?“

 

„Oh, nichts Besonderes. Nur eine Zeitlang beim Atmen geholfen.“

 

„... Huh?“

 

Ihr kleiner Moment trauter Privatsphäre wurde von Johnny vernichtet, der Yu heulend um den Hals fiel: „Kanda! Du bist nicht tot! Gott sei Dank, ich dachte schon ... du ... du ...“ Yus Blick hätte Howard umgebracht, wenn er noch die Energie zum Lachen gehabt hätte, als er ihn verwirrt fragte: „Was ist los mit ihm? Was zum Teufel ist passiert?!“ „Du bist in den Fluss gefallen“, antwortete Howard kühl, „Oder besser gesagt, der Kerl von der Brücke hat dich wie eine Mücke-“ Er wurde von einem herzzerreißenden Schluchzen unterbrochen. Sie sahen irritiert zu Allen hinüber, der ein Stück weit zurückgewichen war, um den Helfern nicht im Weg zu stehen und während der Prozedur unterhalb von Yus Füßen zu Boden gesunken war. Nun liefen Bäche von heißen Tränen seine Wangen hinunter, Rotz lief ihm aus der Nase und seine Unterlippe bebte gefährlich.

 

Ein Schweißtropfen lief Yus Schläfe herunter, doch Howard runzelte, fast besorgt wirkend, die Stirn, rappelte sich auf und ging auf Allen zu: „Walker ...? Was ist los? Tut dein Arm noch weh? Oder bist du anderweitig verletzt?“ Als er einmal mehr die Stimme seines verloren geglaubten Kameraden vernahm, verzog sich Allens Gesicht endgültig zu einer schmerzerfüllten Fratze und Yu schnaubte ob der Begriffsstutzigkeit des Inspektors verächtlich: „Che. Idiotische Krähe.“ Howards Blick spießte ihn auf: „Was hast du gesa-“

 

Weiter kam er nicht, denn massiver Ballast traf seine Vorderseite und streckte ihn direkt neben Yu nieder. Ihm blieb kurz die Luft weg, als Allen ihm die Zufuhr mit den Armen kappte: „Wa... Walker?! Was ... was zum-“ Allen jaulte ihm gebrochen ins Ohr und Howard spürte Feuchtigkeit auf seinen Hals tropfen. Er hoffte inständig, dass es sich dabei um Tränen handelte und nicht um ... das andere.

 

Sein Ausdruck verfinsterte sich, als er es auch nach mehreren Versuchen nicht geschafft hatte, sich von dem Exorzisten zu lösen. Stattdessen ließ er die Arme sinken und starrte desillusioniert gen Himmel.

 

So lagen Exorzist und Krähe eine Weile nebeneinander und lauschten dem hicksenden Gejammer ihrer Kameraden. Howard nahm Yus dunkle Stimme über das Wehgeschrei hinweg wahr: „Sie heulen immer zusammen. Erinner dich an meine Worte, bevor du es wagst, einen von ihnen zum Weinen zu bringen.“ Der Inspektor machte sich eine gedankliche Notiz. Als er keine Antwort erhielt, setzte Yu nach: „Denk nicht mal dran, wieder zu verschwinden. Er wird dich finden, wo immer du dich auch versteckst.“ Howard seufzte. Ihm war nicht ganz klar, ob der Exorzist Allen oder den unheimlichen Kardinal meinte, doch es war wohl eindeutig zu spät, auch nur irgendeinen von beiden abzuschütteln ...

 

„Willkommen im Club, Wachhund.“

 

„Deine Gastfreundschaft rührt mich, Yu Kanda.“

 

„Oh, bilde dir nichts drauf ein. Ich bin einfach nur froh darüber, dass ich nicht mehr der Einzige sein werde, den sie in den Wahnsinn treiben.“

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Kurzbeschreibung

Howards Tarnung fliegt auf, und so schließt er sich widerwillig Allens Gruppe an. Nun muss er nicht nur den Noah in spe beschützen, sondern auch das eigene Seelenheil, denn das wird wegen der übertrieben misstrauischen Observation durch einen extra mürrischen Yu Kanda arg in Mitleidenschaft gezogen.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Abenteuer, Humor, Crackship, Action und Fluff getaggt.

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