Fanfictions > Filme > Kung Fu Panda > Under Our Wings

Under Our Wings

148
1
25.07.21 16:16
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Hallo miteinander. Vielleicht überrascht es euch, dass ich eine neue Geschichte hochlade, obwohl ich „Die letzte Ehre“ noch nicht fertiggestellt habe. Nun, für diejenigen, die es schon wissen, aufgrund dessen, dass der Film Kung Fu Panda 2 heute 10 Jahre alt wird, wollte ich eine ganz besondere Geschichte über Lord Shen schreiben. Diese Geschichte „Under Our Wings“ wird sich grundlegend von den bisher dagewesenen Shen/Eltern Geschichten unterscheiden. Ich dachte, wie es wohl wäre, wenn seine Eltern noch am Leben wären. Was ist, wenn sie mehr als nur sterben wollten, wegen des Verlustes ihres Sohnes? Nun, jetzt könnt ihr es hier lesen. :-) Viel Spaß!
Hier ist nun meine Version von der Wiedervereinigung zwischen Shen und seinen Eltern - aber NICHT in einem Leben im Jenseits. ;-)

Übrigens hat die Geschichte nichts mit meinen aktuellen Geschichten zu tun!

Noch ein kleiner Hinweis: Für Shens Eltern wählte ich Namen, die mir am besten gefielen. Das soll aber nicht heißen, dass das ihren wirklichen Namen entspricht. Es ist schade, dass DreamWorks ihre Namen nie genannt hat, und ich besitze nun auch nicht so viel Kenntnis über chinesische Namen. Vielleicht existieren weitaus bessere Namen als meine, aber wenn ich ihre Namen kennen würde, würde ich sie natürlich hinschreiben. :-D Aber, nun, es ist ja nur Fanfiktion und vielleicht auch besser als nur „Vater“ und „Mutter“ zu schreiben. :-S

Okay, wünsche euch eine schöne Lesezeit!

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

„Sie haben dich geliebt. Sie haben dich so sehr geliebt, dass es sie umgebracht hat dich wegschicken zu müssen.“ (Wahrsagerin, Kung Fu Panda 2)

Bemerkung des Autors: Haben sie das wirklich? ;-)


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

1. Wiedergeboren


(~ 2 Jahre nach Shens Verbannung)

Der Abend hing schwer über der Stadt Gongmen. Dabei stand keine einzige Regenwolke am Himmel. Und nicht nur in den Straßen und Häusern, auch im Palast drückte die Stimmung schwer auf jedem Gemüt. Auch der Wahrsagerin. Mühselig setzte die alte Ziege einen Fuß auf den anderen, als sie sich in die privaten Gemächer des Fürstenpaares begab. Genauer gesagt, von nur einem Teil davon.
Sie schob die Tür auf. Der Raum war schön eingerichtet, fast wie ein Wohnzimmer. Doch nichts von all der Pracht konnte die traurige Seele des Herrschers aufheitern.
Zuerst sah sie ihn nicht. Erst ein leises Schluchzen ließ sie aufhorchen und ihre Augen wanderten in eine bestimmte Richtung.
Der Lord lag zusammengesunken auf einem Sofa.
Die Wahrsagerin wagte kaum den Mund zu öffnen. Doch irgendwie überwand sie sich dann doch dazu, obwohl es nicht viel war, was ihr über die Lippen kam. „Lord Liang?“
Ein Ruck ging durch den blauen älteren Pfau. Dennoch hob er nur langsam den Kopf. Sein Gesicht war durchnässt von Tränen.
Der Ziege fiel es schwer ihm ins Gesicht zu sehen und senkte den Blick mit Reue und Wehmut.
„Es tut mir furchtbar leid. Ich habe es gerade erfahren.“
Der Tod seiner Frau war vor wenigen Stunden eingetreten. Der Arzt hatte es bereits bestätigt.
„Wenn ich irgendetwas für Euch tun kann…“
„Meine Frau ist tot“, hauchte der Lord in einer leeren, tonlosen Stimme. „Was soll mich noch hier halten?“
Die Augen der Ziege weiteten sich entsetzt. „Mein Lord! Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Ihre Gemahlin würde es sicher nicht wollen, dass Ihr ihr so schnell nachfolgt. Bedenkt doch, was dann aus eurem Reich wird.“
„Wem soll ich es denn geben?“ Die Stimmte des Pfaus klang so schwer, dass die Ziege Sorge hatte, er würde an seinen eigenen Worten ersticken. Und dementsprechend sah er auch aus. Statt sich wenigstens zu erheben oder ein paar Schritte zu gehen, rollte sich der blaue Pfau einfach auf den Rücken und schloss die Augen.
„Wenn ich sterbe, möge man mich zu meiner Frau in den Sarg legen.“
„Mein Lord!“ Schnell eilte die Ziege zu dem Herrscher und umfasste seinen Flügel. „Das dürfen Sie nicht sagen! Was immer auch auf Eurem Weg passieren mag, ich bin mir sicher, dass Sie wieder aufstehen werden.“
„Bist du dir so sicher wie deine Wahrsagung über meinen Sohn?“
Die Haltung der Ziege wandelte sich um in tiefe Bestürzung und sie beugte sich schwer auf ihrem Gehstock. Es waren bereits zwei Jahre nach dem Massaker im Panda-Dorf vergangen und dass der Lord und seine Frau ihren eigenen Sohn aus der Stadt verbannen mussten. Niemand wollte mehr daran erinnert werden und dennoch konnten sich die Eltern einfach nicht davon losreißen. Weder geistig noch körperlich.
„Euch blieb keine andere Wahl“, versuchte die Ziege das Gespräch fortzusetzen. „Entweder Tod oder Verbannung. Ihr tatet das einzig Richtige.“
Zumindest hoffte sie das. Sie selber hätte es gegenüber den anderen nie zugegeben, aber sie hätte vielleicht nicht mehr weiterleben wollen, wenn man den jungen Lord hingerichtet hätte.
„Erst mein Sohn, jetzt meine Frau.“ Die Stimme des Lords klang schwach, was die Ziege sehr erschreckte. „Der eine ist nicht mehr. Zumindest nicht hier. Und sie - sie ist nicht mehr in der Lage mit mir zu reden.“
„Ihr müsst Euch nur ausruhen“, sagte sie. „Ich kann Euch gerne etwas zur Beruhigung bringen.“
„Mich beruhigen?“ Wieder war die Stimme des Lords um einiges leiser geworden. „Der Tod ist mein einziges Mittel, um Ruhe und Frieden zu finden.“
Die Wahrsagerin wich etwas von ihm weg. Er war einfach nicht mehr derselbe Lord, der ihr anfangs vorgestellt worden war. Es war als lege ein völlig Fremder vor ihr. Zuvor war er voller Lebensfreude und immerzu entschlossen seine Ziele durchzusetzen. Jetzt war er nur noch ein Schatten, der keinen Lebenswillen mehr besaß.
„Mein Lord machen eine schwere Zeit durch“, sagte sie schließlich. „Ich bitte Sie inständig sich nicht weiter zu quälen. Euch trägt keine Schuld. Ihr habt alles für Eure Familie getan, was Ihr konntet. Da kann Ihnen keiner einen Vorwurf machen.“
Sie wandte sich ab. „Wenn Ihr es wünscht, werde ich solange in der Nähe verweilen. Wenn Ihr etwas braucht, könnt Ihr mich jederzeit rufen.“
Sie machte ein paar Schritte zur Tür, doch bevor sie den Raum verließ richtete sie noch einmal ein paar beruhigende Worte an ihn. „Machen Sie sich keine weiteren Sorgen. Es wird bestimmt alles wieder gut werden.“
Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, stieß der blaue Pfau einen tiefen Seufzer aus.
„Das hoffe ich sehr.“

Die Wahrsagerin entfernte sich nicht allzu weit vom Zimmer. Im nächsten Gang ließ sie sich nieder und lehnte sich gegen die Wand. Eine Weile hing sie ihren Gedanken nach. Sie fühlte sich immer noch für das schwere Unglück im Panda-Dorf verantwortlich. Vielleicht wäre nie etwas passiert, wenn sie nie in die Zukunft beschaut hätte und einen Krieger in schwarz und weiß vorhergesagt hätte, die den zukünftigen jungen Prinzen von seinem Vorhaben abhalten sollte. Die Ziege verfluchte sich selber. Warum hatte sie nicht gespürt, dass Shen sie belauscht hatte? Und selbst wenn, warum hatte sie das Unglück nicht vorhergesehen, das danach kommen würde? Gedemütigt vergrub sie das Gesicht in den Hufen. Nach einer Weile schlief sie schließlich ein.

Es vergingen ein paar Stunden als die Rufe der Wachen sie aus ihrem Schlaf rissen, die durch die ganzen Gänge des Palastes widerhallten.
„Der Lord ist tot!“
„Wie ist das passiert?“
„Gift.“
Völlig geschockt sprang die Ziege auf und rannte los. Sie stolperte mehrmals über ihren Rockzipfel bis sie schweratmend das Zimmer erreichte, in dem sie sich zuvor noch mit dem Herrscher unterhalten hatte. Gerade kamen zwei Antilopen-Soldaten heraus. In den Händen hielten sie eine Trage, bedeckt mit einem Laken.
Der Arzt, eine schon ältere Gazelle, begleitete den Leichenzug. Als er die Wahrsagerin erblickte, neigte er den Kopf. „Ich werde mich um die Bestattung kümmern.“
Fassungslos beobachtete die Ziege wie man die Leiche des Lords wegschaffte. Dann sank sie zusammen und eine erneute Welle der Schuld schlug über sie her. Jetzt hatte ihre Prophezeiung nicht nur ein ganzes Dorf und der Lady von Gongmen das Leben genommen, sondern jetzt auch noch dem Lord.
Die Ziege hielt sich die Hufe an den Kopf. Was würde jetzt aus ihrem Sohn werden? Er war jetzt völlig auf sich alleine gestellt auf der Welt. Was würde passieren, wenn er erfuhr, dass er seine Eltern verloren hatte? Die beiden hatten noch nicht mal ihr hohes Alter erreicht.
Die alte Frau war so tief in ihrem Verdruss versunken, dass sie die Gespräche um sie herum gar nicht mehr mitbekam.
„Er wollte mit seiner Frau in den Sarg gelegt werden.“
„Der Sarg steht unten schon bereit.“
„Wann soll die Beerdigung stattfinden?“
„In drei Tagen. Der Lord hatte es so angeordnet.“
„Meister Donnerndes Nashorn. Von heute an hat der hohe Rat des Kung Fu das Wort über die Stadt Gongmen.“
Das Nashorn klopfte mit dem großen Hammer auf den Boden. „Wir werden das Erbe des Pfauen-Clans in Ehren halten.“

Der Lord blinzelte. Um ihn herum war es stockdunkel. Die Luft roch stickig und modrig. Lord Liang kroch ein eiskalter Schauer unter die Federn. Der Gedanke als Leiche hier jetzt liegen zu müssen, so hatte er sich sein Dasein nach dem Tod nie vorstellen können.
Allmählich ließ die betäubende Wirkung des Trankes nach. Kurz nachdem er das Getränk getrunken hatte, war er zusammengebrochen.
Genauso wie er es geplant hatte.
Er bewegte die Flügelspitzen und Fußzehen. Unter sich konnte er weiches Polster fühlen. Er hätte es nie zugegeben, doch es war schon irgendwie angenehm in einem Sarg zu liegen. Zumindest von der Bequemlichkeit her.
Er seufzte schwer. Der Pfau konnte nicht glauben, dass er das tat. Er hatte die ganze Welt angelogen. Sowohl Freunde als auch Fremde. Jeder dachte er sei tot. Ebenso seine geliebte Frau, die neben ihm lag.
„Ai?“, wisperte er vorsichtig, aus Angst sie würde ihm nicht antworten.
Erleichterung machte sich in ihm breit, als er ein leises Murmeln und ein Rascheln vernahm.
„Liang?“ Das starke Schlafmittel, das er ihr vor vielen Stunden verabreicht hatte, ließ allmählich nach. „Sind wir… sind wir…“
„Ja“, hauchte der Pfau bestätigend. „Wir liegen in einem Sarg.“
Er konnte ihre Anspannung spüren.
„Nur keine Sorge“, beruhigte er sie schnell. „Die Luft reicht noch aus-“
„Du weißt, dass ich Platzangst habe!“, zischte die Pfauenhenne diesmal etwas lauter und eindringlicher.
Liang machte das weniger aus, doch auch er spürte eine Unruhe in sich austeigen.
„Warte einen Moment.“
Langsam richtete er sich auf und hob den Deckel an. Der Sarg war nicht verschlossen. So wie er es angeordnet hatte. Vorsichtig lugte er durch den Spalt. Sie waren allein. Sie befanden sich im untersten Teil des Palastes. So wie er es dem Arzt befohlen hatte. Alles verlief genau nach Plan.
Nachdem der Lord sich vergewissert hatte, dass sich niemand in der Nähe befand, hob er den Sargdeckel höher und hielt ihn über den Kopf.
„Klettere raus“, flüsterte er seiner Frau zu.
Sofort machte sich die Pfauenhenne auf allen Vieren auf und schwang sich aus dem hölzernen Gefängnis. Anschließend half sie ihrem Mann den Deckel zu halten, damit sie ihn geräuschlos wieder auf seinen Platz legen konnten.
Einen Moment verharrten beide und lauschten.
Nichts war zu hören. Sie waren allein. Und da war niemand, der sie sah.
Lord Liang sah sich um. Der Keller bestand aus kahlen Steinwänden mit ein paar verzierten Säulen und vereinzelten Fackeln an den Seiten.
„Komm schnell.“
Er ergriff ihre Hand und gemeinsam eilten sie einen Flur die Treppe runter. Auf der letzten Stufe gelangten sie in eine Art Abstellkammer. Liang kniete sich auf den Boden und tastete den Steinboden ab. Als er auf einer der Platten drückte gab diese kurz nach. Dann schwang sie zur Seite und gab den Weg zu einem Geheimgang frei.
Beide Pfauenvögel schauten hinein.
„Mir nach“, sagte der Lord und stieg als Erster hinunter, während die Lady zögerte.
„Können wir keine Fackel mitnehmen?“, fragte sie unsicher.
Liang schüttelte den Kopf. „Wir dürfen keine Spuren hinterlassen. Dazu gehört auch keine Mitnahme von Gegenständen jeglicher Art. Nun komm! Ich kenne den Weg auch blind.“
Er hielt ihr seinen Flügel hin.
Schließlich gab Ai sich einen Ruck und folgte ihrem Mann ins Dunkel.
Der unterirdische Gang fungierte einst als Fluchtweg, der vor vielen Jahren erbaut worden war, im Falle einer Belagerung der Stadt. Der Gang endete hinter einem Felsen unter einer mit Gras bewachsenen Falltür im Gebüsch. Nachdem der Lord sich vergewissert hatte, dass sie niemand beobachtete, stieg er aus und half seiner Frau aus dem Loch heraus.
Sie befanden sich jetzt im angrenzenden Wald. Die Stadt lag jetzt fast einen halben Kilometer entfernt. Von einem Hügel aus sahen sie auf die glänzende Metropole Gongmen herab, die vom Morgenlicht bestrahlt wurde.
Dies war ihre Heimat. Seit Generationen. Das Land ihrer Vorfahren.
Still legte der blaue Lord seinen Flügel über die Schultern seiner Frau.
„Es war die einzige Möglichkeit. Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr.“
Er nahm seine Frau bei der Hand. „Jetzt komm. Ich habe bereits alles vorbereitet. Die Sachen finden wir in einer alten Hütte im Wald. Dort werden wir uns zurecht machen. – Für ein neues Leben.“
Das Ehepaar beeilte sich. Sie durften nicht riskieren zufällig von einem Waldläufer entdeckt zu werden. Die Holzhütte war gut getarnt und extrem klein. Dort holten sie einen Beutel mit alten bäuerlichen Kleidern heraus.
„Hier die Farbe.“
Liang reichte seiner Frau einer Art Farbpulver. Schnell entkleidete sie sich und rieb sich damit ein, sodass sich ihr rosa-türkises Gefieder in ein hölzernes Braun verwandelte.
Bevor auch ihr Mann sich dieser Arbeit zuwandte, holte er ein Messer hervor.
Als seine Frau das Messer in seinem Flügel sah, überkam sie ein ungutes Gefühl.
„Liang? Wozu?“
Die Augen des Lords waren ernst. „Niemand darf mich erkennen.“
Mit einem schnellen Ratschen schnitt er über die hintersten Enden seiner langen Schwanzfedern. Ebenso verfuhr er mit seinen langen Bartfedern am Schnabel. Anschließend zerschnippelte er alle Federn in kleine Stücke und steckte sie in den Sack. Dann nahm auch er ein Farbpulver zur Hand. Und es dauerte nicht lange und sein dunkel blaues Gefieder verwandelte sich in ein dunkles Grün.
Sie verstauten die restlichen Materialien in ihr Gepäck und setzten sich zum Schluss Strohhüte auf. Nachdem sie sich vergewissert hatten, nichts zurückgelassen zu haben, rief Liang zur Eilte.
„Komm. Das Schiff aus Japan wird jeden Moment im Hafen eintreffen. Wir müssen den Zeitpunkt genau abpassen, um keinen Verdacht zu erwecken.“
Sie begaben sich zur Landstraße, die an der Küste entlangführte.
Ab dieser Strecke spazierten sie in gemäßigtem Tempo weiter. Auf dem Weg kam ihnen ein Ziegenbock entgegen. Liang spürte wie Ai wieder nervös wurde und griff beruhigend nach ihrem Flügel.
„Bleib ganz ruhig“, raunte er ihr zu. „Sie kennen uns nicht und wir kennen sie nicht.“
Liang nickte dem Passanten zur Begrüßung zu. Dieser blieb kurz stehen. Anscheinend meinte er ihre Silhouetten zu erkennen. Kein Wunder, kannte doch jeder das Ehepaar der Stadt Gongmen. Doch als er einen näheren Blick auf die beiden zerlumpten Vögel wagte, grüßte er nur kurz zurück und schüttelte über sich selber den Kopf.
Nach einer kurzen Strecke blieb Liang stehen und deutete nach vorne.
„Dort drüben liegt das nächste Dorf.“
Sie marschierten auf das vorderste Haus zu, vor dem ein Schaf gerade dabei war Holz zu hacken.
„Sei gegrüßt“, begann Lord Liang.
Das Schaf hielt in seiner Arbeit inne und betrachtete das Pfauenpaar verwundert.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Wir sind aus Japan“, erklärte der grün angemalte Pfau. „Wir sind gerade von einer langen Schiffsreise hier angekommen und suchen nach einem Ort, wo wir uns niederlassen können.“
„Und mit wem habe ich die Ehre?“, erkundigte sich das Schaf.
„Mein Name ist Makkuro“, stellte der ehemalige Lord der Stadt Gongmen sich vor. „Und das ist meine Frau Nara.“
Nara, alias Lady Ai, verneigte sich respektvoll.
„Sie kann noch nicht so gut Chinesisch“, fügte Makkuro, Lord Liang, hinzu.
Das Schaf rieb sich übers Kinn. „Nun, bei uns stehen wirklich ein paar Hütten leer. Gongmen ist auch nicht mehr die große Blüte, was sie mal gewesen war. Besonders seit dem schrecklichen Vorfall in einem Panda-Dorf hat es einige vertrieben.“
Der Pfau seufzte, ließ sich aber nichts anmerken.
„Es würde uns genügen“, sagte er stattdessen.
„Nun denn. Dann folgt mir.“
Das Schaf legte die Axt beiseite und führte das Ehepaar an ein paar verlassenen kleinen Häusern vorbei, die er ihnen der Reihe nach vorstellte.
Liang, oder Makkuro, nahm jede der Hütten genau in Augenschein. Erst am letzten Haus, das ganz am Ende des Dorfes stand, beendete er seine Begutachtung.
„Dieses hier ist perfekt.“
Das Schaf nickte und stieg über die Terrasse, um die Tür zu öffnen.
„So, da wären wir.“
Das Pfauenpaar trat ein. Vor ihnen stand ein Tisch mit Stühlen, daneben die Küche mit einer Feuerstelle und in einem Nebenzimmer Betten.
Liang ging durch den Esszimmerraum und strich hier und da mit den Fingerfederspitzen über die Flächen.
Schließlich faltete er die Flügel zusammen und warf seiner Gattin einen zufriedenen Blick zu.
„Wir nehmen es“, sagte er schließlich.
„Das freut mich zu hören“, sagte das Schaf. „In dem Fall werden wir die Formalitäten dann später erledigen, sobald sie sich von der Reise erholt haben. Und dann auch noch die Aufgaben, die in unserem Dorf anfallen.“
Liang nickte. „Natürlich dürfen Sie das. Iroiro to arigatōgozaimashita (Danke für alles)“, sagte er zum Schluss auf Japanisch. Der Pfau war zum ersten Mal seit langem Dankbar für seine gute Schuldbildung. Besonders in Sachen Fremdsprachen.
Das Schaf wollte sich gerade zur Tür wenden, als es sich nochmal umdrehte.
„Verzeihen Sie meine Bemerkung. Aber mit Verlaub, ich dachte immer, Pfaue haben lange Schwanzfedern.“
Auf diese Frage hatte Lord Liang schon eine Antwort parat.
„Es ist eine alte Sitte in unserer Gemeinde sich nach der Hochzeit die Schwanzfedern abzuschneiden“, erklärte er.
Das Schaf runzelte die Stirn. „Okay. Sitten gibt’s. Sonderbar.“
Murmelnd verließ es die Hütte.
Lady Ai sah sich um. Noch nie hatte sie in einer Hütte gewohnt. Weder früher noch sonst irgendwann. Nicht einmal im Urlaub. Von der Decke hingen Spinnweben und überall lag Staub und sie wusste, dass es hier keinen Putzdienst gab.
„Liang?“, begann sie schließlich. „Ich weiß nicht, ob ich dieses Leben auf ewig durchstehen kann.“
Tröstend legte ihr Gatte seine Flügel auf ihre Schultern. „Tut es für ihn. Wir müssen versuchen so ein Leben zu führen.“
Betrübt hielt sie seine Flügel. „Er fehlt mir so sehr. Könnte ich ihn doch noch einmal sehen. Nur noch ein einziges Mal. Nur noch einmal ihn berühren.“
Der Lord drückte seine Frau eng an sich. „Das werden wir. Verlass dich drauf.“
Er strich ihr über den Kopf. „Aber nun komm. Wir müssen noch ein Feuer machen.“

Es dauerte nicht lange und das Feuer brannte in der Feuerstelle in der Küche. Die zwei Pfaue saßen davor und schnitten ihre königlichen Gewänder in Streifen, die sie dann anschließend nach und nach in die Flammen warfen. Das gleiche passierte auch mit Liangs abgeschnittenen Federn. Traurig sahen sie zu wie das lodernde Feuer ihre Vergangenheit auffraß.
„Liang?“, begann Ai nach einer Weile des Schweigens. „Jetzt wo wir nicht mehr unter Beobachtung stehen… Könnten wir nicht einfach diesen Ort verlassen und nach ihm suchen?“
Ihr Gatte sah sie mit warmem Blick an, doch dann schüttelte er den Kopf und umfasste ihren Flügel.
„Er hat es mir geschworen. Damals. An jenem Tag. Er wollte zurückkommen. Ich bin mir sicher, dass er das tun wird.“ Er stand auf und ging nachdenklich ein paar Schritte auf und ab. „Bis dahin werden wir hierbleiben… und auf ihn warten. Und wenn er kommt… werden wir über ihn wachen. Ohne dass er es merkt.“
Er sah aus dem Fenster in die Ferne, so als würde er dort seinen Sohn sehen. Er war dort. Irgendwo, da draußen.
Mein Sohn.


Nun, ich hoffe, ich hab euch mit meiner „was-wäre-wenn-Shens-Eltern-noch-am-Leben-sind“ Theorie nicht erschreckt. Ich kenne nicht die wahren Charaktere von Shens Eltern und es beruht alles in dieser Fanfiktion auf Spekulationen. Seid mir von daher nicht böse, falls ich deren Charakter falsch beschreibe. Es ist das erste Mal, dass ich sie ganzheitlich in einer Geschichte auftreten lasse. Was genau die beiden zu diesem Vorhaben bewogen hat, wird im Laufe der Geschichte noch erklärt.

Das nächste Kapitel knüpft direkt an den 2.Film an. :-) Viel Spaß und auf bald!

Übrigens, hier noch das Cover: https://www.deviantart.com/bookdreamcatcher/art/Under-Our-Wings-Cover-880286522

Hi, so, hier ist das nächste Kapitel. Es beginnt wie gesagt mitten im Kung Fu Panda 2 Film. Hinzufügen möchte ich noch, dass der Zeitraum zwischen Shens Exil und seiner Rückkehr ungefähr 20 Jahre betrug, statt 30, da laut Kung Fu Panda 3 Po knappe 20/21 Jahre alt ist.
 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

„Tai Lung war ein gefährlicher Bösewicht, der vor nichts zurückschreckte, um die Macht und den Respekt zu erlangen, die ihm zustehen. Shens Probleme liegen noch tiefer: Er wird nicht eher zufrieden sein bis sich ganz China vor ihm verneigt.“*
(Melissa Cobb, Produzentin - The Art of Kung Fu Panda 2, Seite 51)

 

* frei übersetzt
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


 

2. Alte Gefühle kehren zurück


(~ 20 Jahre nach Shens Verbannung)

Die Sonne hing niedrig über dem Dorf nahe der Stadt Gongmen. Lady Ai, seit über vielen Jahren Nara genannt, brachte gerade einen Korb Wäsche nach draußen. Dort warf sie die schmutzigen Kleidungsstücke in eine Waschwanne und rubbelte sie im Seifenwasser sauber.
Nach einer Weile zog sie ihre Flügel aus dem Wasser und besah sich die Federn. Sie seufzte tief. Ihre Farbe war wieder abgegangen und das Türkise ihres royalen Gefieders schimmerte unter der Seifenlauge hervor. Doch von der erhabenen Würde war nichts mehr zu sehen. Ihre Federn waren völlig zerzaust und teilweise an den Spitzen abgebrochen von der ganzen Arbeit. Ganz zu schweigen von ihrer Kleidung, die weder aus Seide noch aus edlem Garn bestanden.
Die Pfauenhenne seufzte schwer und rieb sich den Rücken. Seit knapp 18 Jahren schuftete sie wie eine Hausfrau, was sie anfangs gar nicht gewohnt war.
Ihr Blick wanderte zum Himmel hoch. Sie hatte heute so ein merkwürdiges Gefühl. Irgendeine Unruhe staute sich in ihr auf. Sie wusste nicht was es war. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere auch seit sie ihr Leben im Palast aufgegeben hatten. Und doch war er irgendwie anders als die anderen.

Auch Liang, oder auch Makkuro genannt, betrachtete den Himmel. Es waren einige Wolken zu sehen und die Nachmittagssonne erhellte den Himmel. Kein Anzeichen für Regen oder ein Unwetter, und dennoch war er unruhig. Diese Nervosität hatte er bis jetzt nur, wenn er eine Bedrohung witterte, doch sein Instinkt meldete ihm keine Feinde.
Schließlich schüttelte der ehemalige Herrscher über sich selber den Kopf. Er war gerade im Wald Holzsammeln. Allerdings hatte der Wind wenig Zweige von den Bäumen geschüttelt. Der Blick des ehemaligen Lords wanderte nach oben zu den Ästen. Dann kam ihm ein Gedanke. Er sah sich hastig um. Außer ihm war keiner in der Nähe. Er drehte sich um, rannte ein paar Schritte vor, dann machte er kehrt, nahm Anlauf, schlug kräftig mit den Flügeln und schwang sich auf die Baumwipfel. Seine Flügel durchschnitten das Blätterwerk und mit ein paar schneidenden Flügelbewegungen säbelte er hier und da ein paar Äste ab, die dann auf den Boden heruntersegelten.
Anschließend ließ sich der Gongmen Herrscher wieder fallen und landete mit einem gekonnten eleganten Satz wieder im Gras. Mit einem Lächeln betrachtete er seine Arbeit.
„Ich kann es immer noch.“
Seine Kung Fu Kunst war nach all den Jahren noch nicht eingerostet. Schmunzelnd hob er einen Zweig nach dem anderen auf.
Plötzlich ließ ihn ein Knall aus der Ferne hochschrecken. Hastig sah sich der Pfau um, doch es war nichts zu sehen.
Mit angespannter Haltung erhob er sich. So einen Laut hatte er noch nie gehört. Sogar die Vögel hatten ihr Gezwitscher unterbrochen.
Als jegliches weitere laute Geräusch ausblieb, zuckte der Lord die Schultern. Vielleicht war es doch nur ein Feuerwerkskörper gewesen, den mal falsch angezündet hatte.
Er begab sich wieder ans Holzsammeln, packte sie in ein Laken, schnürte sie zusammen und machte sich auf dem Weg zurück ins Dorf.

Der Pfau hatte die Nähe des Dorfes fast erreicht, als er laute Stimmen hörte. Der ehemalige Lord beschleunigte seine Schritte bis er die ersten Häuser erreichte. Verwundert sah er sich um. Die Leute waren völlig aufgeregt und redeten wild durcheinander. Einige rannten sogar in ihre Häuser und holten ein paar Sachen heraus.
Der Lord sah sich nach dem Dorfältesten um. Das alte Schaf unterhielt sich gerade mit ein paar Dorfbewohnern, die wild miteinander diskutierten.
Kurzentschlossen gesellte Liang sich zu ihnen.
„Was ist denn los?“, fragte er. „Warum sind denn alle so aufgeregt?“
„Oh, Makkuro!“, rief das alte Schaf bestürzt. „Ein Unglück hat uns heimgesucht!“
Der Lord hob die Augenbrauen. So aufgebracht hatte er den Dorfältesten noch nie erlebt.
„Ein Unglück? Was denn für ein Unglück?“
„Lord Shen… er… er ist zurückgekehrt!“
Der ehemalige Lord ließ das Holz fallen.
„Er hat eine Kanone bei sich!“, schrie eine Gans im Vorbeirennen hysterisch. „Die zerfetzt alles was ihr in den Weg kommt!“
„Ja“, bestätigte ein Ziegenbock. „Und… er hat Meister Donnerndes Nashorn damit getötet! Hingerichtet hat er ihn!“
„Besser wir evakuieren das Dorf bevor er auch noch uns damit in die Luft jagt!“
„Nur nichts überstürzten. Lasst uns das besser nochmal überlegen. Nur keine Panik!“
Der Dorfälteste war so sehr damit beschäftigt seine Nachbarn zu beruhigen, dass er nicht mehr weiter auf den Pfau achtete.
Liang musste sich an eine Hauswand lehnten. Aus ihm war sämtliche Kraft sich auf den Beinen zu halten gewichen. Nachdem er ein paar kräftige Atemzüge genommen hatte, rannte er in die Richtung seines Hauses.

Lady Ai war gerade dabei ein Hemd zu flicken, als ihr Mann ohne anzuklopfen die Tür aufstieß. Die Pfauenhenne sah erschrocken auf, als der Pfau sie entgeistert anstarrte.
„Ai“, stieß er atemlos hervor. „Er ist hier.“
Die Pfauenhenne ließ Nadel und Faden fallen. Sie war mit einem Mal gar nicht mehr in der Lage zu denken. Es vergingen ein paar Sekunden bis sie wieder die Fähigkeit fand den Schnabel zu bewegen.
„Wo?“
Ihre Frage kam fast mechanisch. Es war ihr als hätte man sie in einen Trancezustand geschleudert.
Liang ging es nicht unbedingt anders. Auch er war noch völlig außer Stande einen klaren Gedanken zu fassen, schaffte es aber schließlich für eine Antwort Luft zu holen.
„In Gongmen. Er soll heute angekommen sein.“
Ai sprang auf, doch noch ehe sie durch die Tür rennen konnte, hielt ihr Ehemann sie zurück.
„Ai, hör mir zu! Was ich dir jetzt sage wird dir weh tun, aber ich muss es dir sagen.“
Die ehemalige Lady von Gongmen sah ihn entsetzt an. „Stimmt etwas nicht mit ihm? Ist ihm was passiert?!“
Liang wich ihrem Blick aus. So sehr er sich auch darüber gefreut hatte, wieder von seinem Sohn zu hören, so war dies ein extrem schlimmer Anlass.
„Er hat Meister Donnerndes Nashorn umgebracht.“
Es fiel ihm schwer diesen Satz auszusprechen.
Ai hingegen starrte ihn entgeistert an. „Umgebracht?“
Liang fand keine Kraft mehr zu Antworten und nickte nur.
Ai versagten die Beine. Der Lord merkte wie sie einknickte und schob sie schnell zu einem Stuhl. Dort angekommen setzte er sie ab. Kaum saß sie, stützte Ai das Gesicht in den Flügeln. Sie konnte nur schwer verkraften was ihr Mann gerade gesagt hatte.
Ihr Sohn hatte wieder getötet. Viel schlimmer. Er hatte gemordet. Das war kein Unfall gewesen. Shen hatte schon seit jeher einen Groll gegen den großen Kung Fu Meister gehegt. Insgeheim hatte sie stets gehofft, sein Zorn würde sich irgendwann legen. Doch stattdessen schien ihr Sohn seinen Hass in der Verbannung nur noch genährt zu haben.
Liang beobachtete sie schweigend. Zuerst sah es so aus als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, doch dann, nach ein paar heftigen, tiefen Atemzügen nahm sie die Flügel vom Gesicht runter und stand entschlossen auf.
„Ich will ihn sehen!“
Der Pfau hielt sie fest und Ai befürchtete, dass er es ihr verbieten würde. Doch der alte Lord sah sie nur an und nickte schließlich. Auch er war entschlossen sofort mehr herauszufinden.
„Ja, das werden wir. Ich werde mich erkundigen, wo er sich aufhält.“

Es vergingen Minuten. Minuten, die für Ai wie Stunden vorkamen. Um sich abzulenken hatte sie sich in die Küche zurückgezogen und schnitt Gemüse. Es war zumindest sinnvoller als nur herumzusitzen bis ihr Mann zurückkommen würde, der sich wieder unter die Dorfleute gemischt hatte.
Mit stummem Blick starrte die Pfauenhenne auf den Rettich, den sie mit langsamen Bewegungen mit einem Messer in Scheiben schnitt. Doch ihre Gedanken kreisten nur um ihren Sohn.
Ihren Sohn.
So viele Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Jahre, die leer und trostlos gewesen waren, als wären sie nur Luft. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Leben so sinnlos sein würde, wenn nicht noch ihr Mann bei ihr gewesen wäre. All die Jahre hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, wenn ihr Sohn wieder vor ihr stehen würde. Sämtliche Szenen hatte sie sich ausgemalt, sogar Träume, die ihr Freude und Kummer zugleich bereitet hatten. Stets verdrängte sie die Tatsache, dass er ein ganzes Dorf ausgelöscht hatte. Immer wenn sie aufwachte, stellte sie sich vor, dass es nie passiert war. Er war ihr Sohn, den sie nach seiner Geburt in den Armen getragen hatte. So klein und schwach… Er hätte nie jemanden weh tun können. Er war so unschuldig. So zerbrechlich. Für sie war er immer das weiße kleine Küken bis zur letzten Minute bevor er sein Massaker gestand… Das sollte nicht wahr sein! Sie verdrängte es immer wieder jeden Tag. Und jetzt der Kung Fu Meister…
Ai brach ab. Sie legte das Messer beiseite und stütze sich auf dem Küchentisch ab. Eine Weile starrte sie auf die Arbeitsplatte, dann merkte sie, wie sich ihre Sicht verschleierte und die heißen Tränen aus ihren Augen kullerten. Sie kniff die Augen zusammen und ließ dem salzigen Wasser im Gesicht freien Lauf.
„Shen“, schluchzte sie leise. „Shen! Wieso? Wieso? Warum hast du das getan?!!“
Sie hob ruckartig den Kopf. Jemand hatte die Haustüre aufgestoßen. Die Schritte auf dem Holzboden ließ die Pfauenhenne ihren Mann erkennen. Schnell wischte sie sich über das Gesicht. Liang sollte ihre Tränen nicht sehen. Hastig ließ sie alles stehen und liegen und eilte zu ihm. Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Und?“
„Ich habe gehört, dass er die Feuerwerkfabrik in Beschlag genommen hat“, berichtete Liang. „Zudem soll er ein ganzes Wolfrudel in die Stadt geführt haben.“
Ai schluckte schwer. Das Wolfrudel. Er hatte sich immer noch mit ihnen verbündet.
Der Lord schränkte die Flügel auf den Rücken. „Das beste wäre, wenn wir heute Nacht uns dort umsehen, bevor sich die Wölfe noch in jeden Winkel der Stadt verteilen.“
Ais Augen weiteren sich. Doch sie sah ihrem Mann an, dass er es ernst meinte. Innerlich sank ihr Herz. Sie hatte Angst davor beim Umherschleichen in der Stadt ertappt zu werden, doch die Vorstellung dafür ihren Sohn zu sehen überwand alles wieder in ihr.
„Einverstanden“, sagte sie schließlich. „Ich mache uns vorher noch was zu Essen.“
Sie wandte sich wieder zur Küche. Liang lächelte. Es war erstaunlich wie sie in all den Jahren so gut das Kochen gelernt hatte.

Es war vor Mitternacht und stockdunkel in der Stadt, bis auf ein paar Laternen. Lord Liang konnte nicht riskieren, dass man sie entdeckte und war froh darüber, dass sich nach all den Jahren die Stadt Gongmen nicht sonderlich verändert hatte. Er war hier geboren und aufgewachsen und kannte jeden Winkel. Das Einzige was ihn wunderte war, dass so gut wie keine Leute mehr auf den Straßen waren. Die Nachricht von Shens Ankunft schien die Stadt in Angst und Schrecken versetzt zu haben. Besonders nachdem Shen mit seiner Kanone seine vernichtende Macht auf brutale Art und Weise an den Meister demonstriert hatte. Zudem patrouillierte alle paar Straßen ein Wolf, was dem Elternpaar es erschwerte zügig voran zu kommen. Keiner von beiden wollte sich ausmalen, was passieren würde, wenn man erfuhr, dass sie noch am Leben und nicht tot waren. Und noch viel mehr, wie würde Shen darauf reagieren, wenn er, oder zumindest einer seiner Leute sie entdeckte?
Diese und jene Gedanken durchzogen den Kopf des Pfaus immer und immer wieder, bis sie an dem großen Gebäude angekommen waren. Zum Glück standen hier nicht viele Häuser und die meisten Wohnungen in der nahen Umgebung waren von den Wölfen leergeräumt worden. Keiner sollte die Geheimnisse, die in der Fabrik produziert wurden, ausspionieren. Und vor allem keinem die Gelegenheit gegeben, die Anlage zu sabotieren.
Das Pfauenpaar hatte das Fabrikgebäude fast erreicht, bis die Pfauenhenne im Gehen innehielt, als ihr Mann einen Flügel auf ihre Schulter legte.
„Ai?“ Er sah sie eindringlich an. „Bedenke, er ist kein kleines Kind mehr. Er ist jetzt erwachsen und muss die Verantwortung für sein Tun tragen.“
Ai spürte wie sich ein Kloss in ihrem Hals bildete, nickte aber.
Plötzlich hoben die Pfaue die Köpfe.
„Ich will, dass das alles bis morgen früh erledigt ist!“, rief eine Stimme nicht weit entfernt.
„Meister Shen, unsere Leute tun schon was sie können!“, beteuerte eine andere tiefe raue Stimme.
„Ich warte schon seit so vielen Jahren darauf! Eine Verzögerung dulde ich nicht!“
Schnell zog Liang seine Frau hinter ein paar Kisten und sahen rüber zum riesigen Tor, dass nur einen Spalt weit offenstand. Im Inneren des gigantischen Gebäudes wurde schwer geschuftet und gearbeitet.
Liang hob etwas den Kopf und schnupperte. Neben heißem Metall roch er eindeutig Schießpulver.
Plötzlich tauchten im Torspalt Schatten auf. Jemand schob das Tor auf und trat aus dem Gebäude raus.
Ais Flügel krallte sich in die Kleidung ihres Mannes, als sie neben dem Wolf eine weitere Gestalt herauskommen sah. Selbst wenn er verkleidet gewesen wäre, seine weiße Gestalt hätten sie unter Millionen von anderen erkannt.
Ai meinte ihr Herz würde aussetzen und fühlte sich wie in einem ihrer Träume. Auch Liang starrte entgeistert nach vorne.
Ihr Sohn lebte!
Er stand nur ein paar Meter von ihnen entfernt und schwang sein Lanzenschwert vor einem großen einäugigen Wolf.
Liang verengte die Augen. Es war dasselbe Schwert, das er immer bei sich getragen hatte. Auch schon damals als er ihn aus der Stadt verbannt hatte, war es sein ständiger Begleiter gewesen wie für ein Kind die Puppe.
Der weiße Pfau redete irgendetwas auf den Wolf ein. Beide Eltern hörten kaum zu. Ihre Augen waren nur auf ihn fixiert, als wollten sie jede Veränderung an ihm absuchen.
„Er ist stärker geworden“, dachte Liang voller Wehmut und sein Gesicht füllte sich mit tiefer Trauer. Und auch Ai zerfraß die Sehnsucht.
Das Blut, die Wut, die Trauer - all das waren für einen Moment völlig vergessen.
„Nein, Ai! Nicht!“
Schnell packte Liang seine Frau noch bevor sie nach vorne stürmen konnte. Sie wollte zu dem weißen Pfau laufen und ihn umarmen, doch das ließ ihr Mann nicht zu und zerrte sie hinter einen Stapel Fässer.
„Ai, das ist zu gefährlich.“
„Aber das ist mein Sohn!“
Liang packet sie an den Flügeln und sah sie streng an. „Er weiß nicht, dass wir noch leben! Er denkt, wir sind tot. Wenn er das jetzt herausfindet… Bedenke was damals passiert ist.“
„Aber das ist doch schon so lange her. Bestimmt hat er uns längst verziehen.“
„Bestimmt nicht für die Lüge, die wir allen – und vor allem ihm – vorgegaukelt haben. Nein, Ai. Wir dürfen nichts riskieren. Wenn er schon in der Lage war Meister Donnerndes Nashorn zu töten, wie hoch wird die Wahrscheinlichkeit dann sein, dass er uns was abtut?“
Ai versagte die Stimme. „Aber wir sind doch seine Eltern…“
Sie spürte wie sich seine Griffe um sie verengten. Vor den inneren Augen des Lords blitzten Bilder auf, die er nie vergessen hatte.
„Du bist nicht mehr mein Sohn! Verlass meine Stadt und komm nie wieder! Ich will dich nie wieder hier sehen!“ - „Ich hasse dich!“
Liang blinzelte heftig. Dann senkte er den Blick. „Ich glaube nicht, dass er dasselbe denkt.“
Er drückte ihren Kopf auf seinen langen Hals, bis eine laute fordernde Stimme sie aus ihrem inneren Konflikt riss.
„Deine Leute sollen sich beeilen die verbliebenen Materialien zu beschaffen!“, befahl Lord Shen. Die Härte in seiner Stimme ließ die Eltern erzittern. Solche barschen Rufe hatte er auch auf ihrer letzten Unterhaltung mitgegeben. Seine Einstellung in seinem Leben schien sich sogar noch mehr versteinert zu haben.
Liang spürte wie Ai zu frösteln begann, doch es war nicht die Kühle der Nacht. Sie schraken zusammen, als ein Schatten davonrannte. Doch der Wolfanführer bemerkte sie nicht, sondern war nur darauf konzentriert den Befehl seines Herrn auszuführen.
Zögernd blickten der Pfauenvater und die Pfauenmutter um die Ecke der Fässer. Ihr Sohn stand immer noch im Torbogen und vollführte ein paar elegante agile Kampfübungen mit seinem Lanzenschwert. Wäre es nicht so ein gefährliches Instrument, hätte man es mit einem Tanz vergleichen können. Der weiße Pfau und seine Waffe bildeten eine Einheit. Sogar noch mehr als Liang es von damals in Erinnerung hatte. Shen schien seine Kampfkünste im Laufe der Jahre extrem verbessert zu haben. Es war kein Vergleich mehr zu damals als er durch die Kung Fu Prüfung durchgefallen war…
Plötzlich hielt der weiße Pfau inne. Hatte er sie bemerkt oder ihre Blicke gespürt?
Die Augen des weißen Kriegsherrn wanderten in ihre Richtung. Schnell duckten sich beide weg. Mit angehaltenem Atem lauschten sie.
Ein metallisches Klimpern von Schritten näherte sich ihrem Versteck.
„Er kommt!“, zischte Liang. „Schnell versteck dich!“
Den beiden schlugen die Herzen bis zum Hals. Auf keinen Fall durfte Shen sie erwischen.
Liang machte einen Karren ausfindig, unter den er zuerst seine Frau dann sich selber drunter zwängte. Dort drängten sie sich dicht einander und drückten sich so gut es ging auf den Boden.
Sie hörten ihn kommen. Das Klirren von Eisen auf dem Steinboden kam mit jedem Schritt näher an sie heran. Langsam und bedächtig. Plötzlich verstummten sie. Es wurde still. Extrem still.
Die Eltern hielten den Atem an.
Auf einmal sprang etwas vor sie. Ai presste sich den Flügel vor dem Mund, um nicht laut zu schreien. Der weiße Pfau stand jetzt direkt vor dem Holzwagen, doch er schien das Pfauenpaar nicht entdeckt zu haben. Stattdessen sah er sich nach allen Seiten um und schwang sein Lanzenschwert in sämtliche Richtungen.
Liang drückte seine Frau enger an sich. Das Schwert blitzte im Laternenlicht und flößte allein schon bei dessen Anblick seiner puren Schärfe blanke Furcht ein.
Shen drehte sich weiter um die eigene Achse. Das Pfauenpaar unter den Karren konnten nur die Füße, den Saum seiner weißen Robe und seine langen Schwanzfedern sehen. Erst jetzt erkannten sie, dass seine Füße mit einer eisernen Rüstung bedeckt waren, bestückt mit langen metallischen Krallen.
Liang durchfuhr ein Schrecken, als seine Frau ihren Flügel nach ihrem Sohn ausstreckte.
So vielen Jahre, fast 20 Jahre lang, hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und jetzt stand er nur ein paar Zentimeter vor ihr. Ihre Federfingerspitzen berührten fast seine langen Federn. Sie wollte ihn nur einmal berühren. Nur ein einziges Mal, nach so vielen Jahren.
In letzter Sekunde hielt Liang ihren Flügel fest und drückte ihn weg. Ai wich erschrocken zurück, völlig fassungslos was sie fast getan hätte. Plötzlich sprang etwas an ihnen vorbei. Der weiße Pfau wirbelte herum und zielte mit dem Schwert auf das springende Etwas. Verwundert hielt er inne, als er einen kleinen Frosch auf den Steinfliesen erblickte. Der Frosch quakte kurz, dann hüpfte er eilig davon.
Der weiße Lord zog sein Schwert zurück, dann schmunzelte er. „Wie lächerlich.“
Dann zog er sich wieder in das Fabrikgebäude zurück und schloss das Tor.
Eine Weile verharrte das Ehepaar unter dem Holzwagen ohne sich zu rühren. Dann konnte Ai sich nicht mehr beherrschen und vergrub schluchzend das Gesicht in Liangs Hemd.

Auf dem Heimweg sprach keiner der beiden ein Wort. Erst als sie wieder ihre Hütte betraten und die gewohnte Umgebung, die sie seit über 18 Jahren schon bewohnten, umgaben, legte sich ihre Anspannung etwas. Die ganze Aufregung hatte sie extrem ausgelaugt, doch ihnen war nicht zum schlafen zumute und beschlossen noch etwas zu essen.
Ai hatte am allerwenigsten Hunger. Ziellos stocherte sie mit den Essstäbchen im Reis, wobei sie in Gedanken sämtliche Möglichkeiten und Szenerien durchging was passiert wäre, wenn Shen sie doch erwischt hätte. Ihre Sehnsucht ihn zu umarmen und zu küssen zerfraßen ihr Gemüt. Schließlich konnte sie eine Frage einfach nicht mehr zurückhalten.
„Liang? Was sollen wir jetzt tun?“
Liang sah nicht auf, er schielte nur kurz zu ihr rüber, dann starrte er wieder mit leerem Blick auf seine Schüssel. „Kommt drauf an, was er tut.“
„Was denkst du wird er denn jetzt tun?“ Ai wollte dringend eine Antwort auf diese Frage. „Und wenn er was tut, was sollen wir dann machen?“
Doch Liang wich ihrer Frage aus. „Wir warten und halten ab und zu Ausschau“, sagte er stattdessen. „Die Dorfbewohner sind sehr gesprächig. Dann müssen wir nicht immer in die Nähe der Stadt gehen.“
Ai hätte ihn vielleicht noch mehr ausgefragt, doch sie musste einsehen, dass es unmöglich war jetzt schon klare Ziele zu setzen. Schließlich stand sie auf und räumte ihre Schüssel weg. Ihr war der Appetit vergangen.
Liang seufzte. Dann stand auch er auf und folgte ihr in die Küche. Dort war seine Frau gerade damit beschäftigt Wasser in ein Becken zu gießen, um die Schüssel auszuwaschen.
Ai sog scharf die Luft ein, als Liang seine Flügel auf ihre Schultern legte und sie zu massieren begann.
„Ai, das wird schon wieder.“
Wieder begann die Pfauenhenne zu zittern und schrubbte nervös die Schüssel aus. „Ich… ich kann es nur nicht ertragen, wenn ihm irgendetwas Schlimmes passiert. Ich konnte es damals nicht, und heute genauso wenig.“
Sie ließ die Schüssel ins Waschwasser sinken. Der Lord drehte sie herum und sah ihr ins Gesicht.
„Ai - Wir schaffen das.“
Ai presste die Schnabellippen zusammen. Dann fiel sie ihm um den Hals und begann zu weinen. Liang tadelte sie nicht dafür. Er drückte sie eng an sich und ließ sie weinen.
„Das wird schon wieder“, hauchte er.
Zumindest hoffte er das.


Fortsetzung folgt…

„Man sieht wirklich, was in ihm vorgeht (…) In diesem Moment hat er die Wahl. Er erfährt, dass seine Eltern in liebten, und er könnte sagen: „Oh, es war alles ein Missverständnis. Das war alles gar nicht notwendig. Vielleicht kann ich mich bessern.“ Aber man sieht, wie abgedreht er ist. Er macht weiter, obwohl er weiß, dass es falsch ist. Er kann nicht zugeben, dass alles seine eigene Schuld ist. Er gab immer allen anderen die Schuld. Er hat die Pandas unnötig getötet. Er muss seine Boshaftigkeit rechtfertigen. Ja, er bleibt bei seinem Plan. Die Aufnahme, in der er allein in dem roten Licht zurückbleibt, war seine alleinige Entscheidung. (…) Und man weiß, dass es ihn innerlich auffrisst. Er wird nicht ohne Weiteres verarbeiten, was er getan hat.“
(DVD Extra - Kommentar der Filmmacher – Jennifer Yuh Nelson, Melissa Cobb, Raymond Zibach, Rodolphe Guenoden über die finale Szene zwischen Lord Shen und der Wahrsagerin)


 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

3. Gebrochene Seelen


Es vergingen ein paar Tage. Liang tat sein Bestes so unauffällig wie möglich die Dorfbewohner auszufragen. Er erfuhr nebenbei, dass die anderen zwei Kung Fu Meister, Meister Tosender Ochse und Meister Kroko, in den Kerker geworfen worden waren und dass Shen sich daran machte eine Flotte bereitzustellen, was den Lord sehr beunruhigte. Einerseits konnte er den Gedanken nicht ertragen seinem Sohn was anzutun, doch zuzulassen, dass er China mit Gewalt unterjochte, konnte er genauso wenig. Manchmal schmerzte es ihn, dass er einen solchen Sohn hatte. So hatte er sich sein Vaterdasein vor seiner Hochzeit mit Ai nie vorgestellt.
Als er wie jeden Tag durch das Dorf schlenderte und, anscheinend zufällig, wieder bei jemanden vorbeikam, erfuhr er meistens nichts Neues. Doch an diesem Tag wurde er dann doch überrascht. Er kam gerade beim Dorfschmied, einem alten Ziegenbock, vorbei, der sich mit einer Gans und einem Schwein unterhielt.
„Guten Morgen“, grüßte Liang höflich.
Die drei Tiere nickten dem Pfau ebenfalls zu.
„Guten Morgen, Makkuro“, antwortete der Dorfschmied und schlug ein paar Male auf ein heißes Stück Eisen bevor er es mit lautem Zischen in einen Eimer kaltes Wasser tauchte.
„Ihr erscheint aufgeregt“, bemerkte Makkuro oder Liang mit belanglosem Unterton. „Stimmt etwas nicht?“
„Na ja“, begann das Schwein zögernd. „So ungefähr, oder beinahe.“
Liang hob verwundert die Augenbrauen. „Beinahe, wieso?“
„Nun, ein Schaf hat mir heute verraten, oder eher behauptet, es habe einen Panda gesehen, der ihm gesagt hat, er wollte Shen stürzen.“
Der Lord wurde hellhörig. „Ein Panda? Aber… es gibt doch keine Pandas…“
Er schluckte. Es gab keine Pandas mehr. Zumindest nicht hier. Doch das Schwein beharrte auf seine Aussage.
„Mag sein, aber das Schaf hat es so gesagt. Er soll sogar ein Kung Fu Kämpfer sein. Vielleicht haben wir Glück und sie werden wirklich Shen stoppen und aus der Stadt vertreiben. Sie hätten sich besonders gefreut zu hören, dass die zwei Kung Fu Meister noch am Leben und im Kerker sind. Bestimmt haben die schon einen Plan ausgeheckt.“
Dem Lord lief es eiskalt den Rücken runter. Er verabschiedete sich schnell und lief auf das Haus seiner Frau zu. Drinnen empfing ihm seine Frau bereits in erwartungsvoller Haltung.
„Liang, irgendetwas Neues?“, fragte sie sofort.
Der grüne ehemals blaue Pfau sah seine Frau an. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Die Mutter hatte die letzten paar Nächte sehr schlecht geschlafen. Sie konnte kaum ein Auge zukriegen und nachts hielten sie Albträume wach. Liang kroch ein schlimmes Gefühl hoch. Sie hatte Angst. Ebenso wie er. Die Ungewissheit erdrückte beide, auch wenn es keiner dem anderen zugeben wollte.
„Nein, es gibt nichts Neues“, log er.

In dieser Nacht schlief Liang extrem unruhig. Er hatte seiner Frau nichts von seinem Verdacht mit dem Panda und dass er in Verbindung mit dem schwarz-weißen Krieger stehen könnte erzählt. Sie machte sich schon genug Sorgen, aber er wusste, dass er es nicht ewig vor ihr geheim halten konnte. Wenn es wirklich stimmte, dass dies der Krieger in Schwarz und Weiß war, dann war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Shens Vorhaben scheitern könnte. Und dann… Was würde dann passieren? Diese Frage hielt den Pfau die ganzen Abendstunden wach und ließ ihn einfach nicht los.
Plötzlich schreckte der Pfau hoch. Aus der Ferne waren mehrere dumpfe Aufschläge wie von Geschossen zu hören, die gar nicht mehr aufzuhören wollten.
„Was ist los?“, murmelte Ai noch ganz verschlafen. Auch sie hatte das merkwürdige Knallen aus dem Schlaf geholt. Immer und immer wieder durchbrach ein Krachen die Luft. Bis auf einmal ein schreckliches Grollen den Boden erschütterte, wie bei einem leichten Erdbeben und endete in einem unheilvollen Donnern.
Beide Eltern verließen fluchtartig ihr Bett und stürzten nach draußen. Verängstigt krallten sich Ais Federfinger in Liangs Hemd. Das Beben hatte aufgehört und es wurde still.
„Was war das?“, hauchte die Pfauenhenne.
Liangs Blick wanderte Richtung Stadt. „Es kam aus Gongmen.“
Für einen Moment wagte keiner von beiden zu Atmen. Schließlich sahen sie sich an. Dann wie auf Kommando rannten sie durch den Wald, der eine Abkürzung zu einem Hügel war, von der man auf die Stadt Gongmen sehen konnte. Beide hatten kein Problem den Weg im Dunkeln zu finden. Sie lebten schon lange genug in dieser Gegend um jeden Busch und Zweig auf den Boden zu kennen.
Als sie endlich atemlos den Hügel erreicht hatten, blieben sie wie erstarrt stehen. Vor ihnen lag die Stadt, so wie immer. Doch irgendetwas fehlte.
„Wo… wo ist der Palast?“, stammelte Ai völlig fassungslos. Sie kniff mehrere Male die Augen zusammen, nur um sicher zu gehen, dass sie sich nicht geirrt hatte. Doch auch Liang konnte nur bestätigen, dass der Turm, der einst stolz über der Stadt Gongmen gethront hatte, nicht mehr zu sehen war. Und erst jetzt bemerkten sie leichter Rauch und schwellendes Feuer auf den Palastmauern.
Für mehrere Sekunden herrschte zwischen den beiden Pfauen verständnislose Sprachlosigkeit. Beide konnten sich absolut nicht erklären, was passiert war. Wo war der Turm? Wo war ihr einstiges Zuhause? Und vor allem, wo war ihr Sohn? Hatte er sich nicht in dem Turm aufgehalten? Wer hatte den Turm zum Einsturz gebracht? War es ein Unfall gewesen? Oder hatte der schwarz-weiße Krieger ihn vielleicht…?
Liang schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein, dass konnte nicht sein“, dachte er verzweifelt und Ai sprach seine Befürchtung gleich aus.
„Oh bitte sage mir, dass er nicht dort drinnen war!“, rief sie völlig aufgelöst und vergrub ihr Gesicht in seiner Kleidung.
Hastig fasste ihr Mann sie am Kopf und sah ihr in die Augen. „Bleib ganz ruhig, bleib ganz ruhig, ich werde nachsehen. Hast du gehört? Ich sehe nach. Du bleibst hier, oder geh zurück ins Dorf und warte dort. Ich komme gleich wieder.“

Liang rannte nicht, er raste. Die Stadt kam näher und näher. Immer wieder flatterte er kurz in die Luft, dann wetzte er wieder zu Fuß weiter. Er wollte nur so schnell wie möglich wissen, ob sein Sohn noch am Leben war. Ständig quälte ihn die Frage, ob ihre ganze Mühe und Verzicht umsonst gewesen und sie den Zeitpunkt verpasst hatten, an dem ihr Sohn sie am meisten gebraucht hätte.
Wie ein Schatten huschte und schlich der Pfau durch die Gassen der Stadt. Niemand hielt sich draußen auf. Alle Stadtleute waren von dem ganzen Krawall um den Stadtturm völlig verängstigt in ihre Zimmer geflüchtet. Doch selbst wenn die Straßen voller Tiere gewesen wäre, so hätte dies den Pfauenvater nicht davon abgehalten zu seinem Sohn vorzudringen.
Völlig atemlos kam er an der Unfallstelle an. Vor ihm tat sich ein schreckliches Bild auf. Das was einst sein Zuhause gewesen war, lag in Trümmern.
Doch fürs Trauern blieb Liang keine Zeit. Schnell versteckte er sich in eine Ecke, als mehrere Wölfe an ihm vorbeigerannt kamen und heulend durch die Gassen rannten. Der ehemalige Lord sah ihnen nach. Vielleicht führten sie ihn zu seinem Sohn, dachte er und nahm die Verfolgung auf.

Die Wölfe verschwanden in der Feuerwerkfabrik, was in Liang etwas Hoffnung aufkeimen ließ. Hatte sein Sohn sich doch noch in Sicherheit bringen können?
Er schaute sich um. Es waren zwar überall Wölfe postiert, doch die Wände und das Dach waren frei. Für Liang, der alles von Kindesbeinen auf kannte, war es kein Problem den wachsamen Wölfen auszuweichen und durch eine Lücke hindurch zu schlüpfen. Geschickt kletterte der Pfau an den Balken des Fabrikgebäudes entlang. Im Anschleichen und Tarnen war er schon immer gut gewesen in seiner Kung Fu Ausbildung. Daran hatte sich bis heute nichts geändert.
In der Fabrik merkte er sofort, dass sich einiges verändert hatte und vieles umgebaut worden war. Statt wie gedacht Feuerwerk zu produzieren, wurden die Gerätschaften nur noch dafür verwendet um Metall zu schmelzen, die von Wölfen und Gorillas bedient wurden.
Liang kroch ein schauerliches Gefühl durch Mark und Bein bei dem Gedanken, dass alles nur dazu diente anderen Tieren verheerenden Schaden zuzufügen. Und das schlimmste noch war, dass es das Werk seines eigenen Sohnes war.
Plötzlich ließ ihn eine Stimme aufhorchen.
„Du hast dich geirrt, Wahrsagerin. Heute Nacht singen wir dem Sieg entgegen. Dein magischer Panda ist eindeutig ein Narr.“
Liang meinte sein Herz würde zerspringen. Das war Shens Stimme. Erleichterung machte sich in dem Lord breit. Seinem Sohn war nichts passiert.
„Bist du dir sicher, dass es der Panda ist, der sich als Narr erweist?“
Der Lord hielt überrascht inne. Das war doch die Stimme der Wahrsagerin. Sie war noch hier?
„Du hast gerade das Heim deiner Vorväter zerstört, Shen!“, rügte die Ziege weiter.
Der alte Pfau meinte nicht richtig zu hören. Sein Sohn hatte seinen eigenen Palast zerstört?
Schnell folgte Liang den Stimmen, die aus einem Holzverschlag kamen. Vorsichtig und elegant wie eine geschmeidige Katze glitt er über die Holzplanken und lugte durch einen Spalt nach unten. Tatsächlich befand sich dort sein Sohn. Und neben ihm die Wahrsagerin.
Sie hatte sich gar nicht verändert.
Shen hatte gerade sein Lanzenschwert zur Hand genommen, tunkte es einmal in eine Feuerschale und entzünde mit der glühenden Metallspitze eine Karte von China, die kurz darauf in hellen Flammen aufging.
„Ein unbedeutendes Opfer“, höhte der weiße Pfau. „Wenn dafür ganz China meine Belohnung ist.“
Gebieterisch breitete Shen die Flügel aus. Doch die Wahrsagerin ließ sich von Shens Begeisterung nicht anstecken und starrte ihn nur wütend an.
„Und wirst du dann endlich zufrieden sein? Denkst du wirklich, wenn du erst die ganze Welt unterjocht hast, dass du dich dann besser fühlst?“
Etwas ernüchtert ließ der weiße Pfau die Flügel sinken und legte sie unter der Robe zusammen. Dann ging er an der alten Ziege vorbei, wobei er ihr einen gehässigen Blick zuwarf. „Es ist ein Anfang. Und vielleicht bau ich auch den Keller zu einem Kerker um.“
Damit ging er bis zum Rande des hölzernen Balkons und schaute ins Innere der Fabrik herab.
Die Wahrsagerin hingegen ließ nur traurig den Kopf hängen. „Der Becher, den du füllen willst, hat keinen Boden.“
Sie ging zu Shen rüber. Liang, ließ sie nicht aus den Augen und beobachtete wie sie sich neben dem weißen Lord stellte und flehentlich zu ihn hinaufblickte. „Es ist höchste Zeit diesen Wahnsinn zu beenden.“
Ein leichtes hoffnungsloses Lächeln glitt über Shens Schnabelwinkel. „Wieso in aller Welt sollte ich das tun?“
„Damit deine Eltern endlich in Frieden ruhen.“
Lord Liang durchzog ein Schrecken.
„Meine Eltern… haben mich gehasst“, hauchet Shen niedergeschlagen. „Verstehst du?“ Er sah die Ziege an. Zum ersten Mal lag Trauer in seinem Gesicht. „Sie haben mir Unrecht angetan. Und ich… und ich werde das wieder gut machen.“
Die Ziege schüttelte wehmütig den Kopf und sah ihn eindringlich an. „Sie haben dich geliebt. Sie haben dich so sehr geliebt, dass es sie umgebracht hat, dich wegschicken zu müssen.“
Sekunden der Stille erdrückten die Luft, die schwer auf jedem der Anwesenden lastete. Und keiner der beiden bemerkten die dritte Person, die auf dem Dach zusammengebrochen war. Die Wahrsagerin hielt ihren Blick auf den weißen Pfau gerichtet. Was ging nur gerade durch den Kopf des einstigen Prinzen vor?, fragte sie sich immer wieder und hoffte inständig, dass er ihr sein Herz öffnen würde. Für einen Bruchteil einer Sekunde schien Shen tief in sich zu gehen. Doch dann hob er entschlossen den Kopf.
„Die Toten leben nur in der Vergangenheit“, antwortete er kalt. „Und ich muss mich um die Zukunft kümmern.“
Die alte Frau meinte, ein Messer würde ihre Seele durchbohren. Sie hatte alles versucht, aber dem einstigen unschuldigen Jungen war nicht mehr zu helfen. Egal wie sehr sie ihm zuredete, er weigerte sich auf sie zu hören.
„Lasst die Wahrsagerin frei“, befahl der weiße Pfau tonlos. „Sie hat keinen Nutzen mehr für mich.“
Wehmütig wandte sich die alte Frau ab. „Lebwohl, Shen. Ich wünsche dir Glück und Freude.“
Shen schnaubte abfällig. „Glück und Freude, muss man sich holen.“ Bitterkeit und Härte lagen in seiner Stimme. „Und ich hole mir das meine.“
Mit schweren Schritten entfernte sich die Ziege von ihm. Ein Gorilla begleitete sie. Shen blieb allein zurück und starrte in das Fabrikgebäude.
Es wurde still. Extrem still. Schließlich wandte der weiße Lord sich ab, nahm sein Lanzenschwert und spießte es in den Holzboden. Eine Weile hielt er noch den Schwertgriff im Flügel, dann glitten seine Federfinger daran ab. Er musste sich die Beine vertreten. Einfach auf andere Gedanken kommen. Er wollte gerade die Treppe runter, als er ein leises Knarren vernahm. Er stellte seinen Pfauenkamm auf und sah sich um. Irgendjemand war da. Das konnte er deutlich spüren. Aber er hatte keine Angst. Waren es schon diese Kung Fu Krieger? Etwas huschte über ihm drüber. Sofort sprang der weiße Lord aufs Dach und sah sich krampfbereit nach allein Seiten um. Doch der Platz war leer.

Niemand bemerkte ihn. Niemand sah ihn. Weder die Gestalt noch wie es ihm innerlich ging. Liang konnte nicht denken, er funktionierte nur. Er wusste nicht wie aber irgendwann fand er sich auf einer Wiese außerhalb der Stadt wieder. Als er sicher war, dass niemand außer ihm hier war, schrie er auf und sank zu Boden, dicht gefolgt von einem lauten Weinen, als würde er seine Seele zerreißen wollen.
Er dachte an gar nichts, nur an den einen Satz, der ihm immer und immer wieder auf seinem Gemüt drückte. Nie hätte der ehemalige Herrscher von Gongmen gedacht, solche Worte von seinem Sohn zu hören.
„Ich hasse dich!“, hatte Shen ihn damals angebrüllt. Doch dass sein Sohn mit der Überzeugung lebte, dass seine Mutter und sein Vater ihn hassen würden, darauf war er nicht gefasst gewesen. All die Jahre hatte dieser Gedanke ihn beherrscht, ohne dass Liang es gewusst hatte. War er so ein schlimmer Vater gewesen?
„Meine Eltern haben mich gehasst.“
…gehasst…

Liang krallte seine Federfinger in das Gras und presste seine Stirn auf den Boden. Er hatte keine Kraft mehr darüber nachzudenken. Er wollte nur weinen. Seine Tränen fanden kein Ende. Er hatte keine Kontrolle mehr über sich. Er weinte so lange bis er irgendwann vor Erschöpfung zusammenbrach und auf dem Boden das Bewusstsein verlor.
Eine Weile schluchzte er noch leise, dann wurde es allmählich still auf der Lichtung. Leichte Regentropfen rieselten auf den Pfau herab. Doch Liang spürte und hörte nichts mehr. Auch nicht den Knall einer Kanone, die eine schwarz-weiße Gestalt durch die Luft schleuderte und in einem Fluss verschwand.

„Shen hat sich entschieden, einen dunklen Pfad einzuschlagen, indem er das, was einst eine Quelle der Ehre für seine Familie war, zum Bösen umwandelte.*“ (Phil Craven, Head of story, The Art of Kung Fu Panda 2, Seite 47)

 

*frei übersetzt

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

4. Das Ende des Pfades?


„Liang? Liang?“
Blinzelnd schlug der Pfau die Augen auf. Eine Laterne schwenkte über seinem Kopf, in deren Lichtschein sich das besorgte Gesicht seiner Frau zu ihm herunterbeugte. Sanfte Regentropfen fielen auf ihn hernieder. Seine Federn waren unter seinen Augen verklebt von den getrockneten Tränen, aber sein Gefieder war bereits so nass vom Regen, dass Ai es nicht bemerkte.
„Was machst du hier?“, fragte er.
„Ich hab stundenlang zuhause gewartet und als du nicht kamst, hab ich angefangen nach dir zu suchen. Ich hab mir Sorgen gemacht, dass etwas schlimmes passiert wäre.“
Der Pfau schwieg. So langsam kamen ihm wieder die Erinnerungen in den Sinn. Seine Augen wanderten zum Himmel hoch. Es war noch dunkle Nacht. Die Regenwolken hatten schon durchsichtige Flecken und gaben den Blick auf den Sternenhimmel dahinter frei. Liang erhob sich. Der Sternenhimmel war schon etwas angehellt. Er musste ziemlich lange hier schon gelegen haben, wenn es schon fast dämmrig wurde.
„Geht es ihm gut?“, riss Ais Stimme ihn aus seinen Gedanken.
Die Augen des Pfaus wanderten zu seiner Frau. Wieder stieg in ihm das furchtbare Gefühl hoch, das ihm bei den Worten seines Sohnes durchzogen hatte. Schließlich nickte er leicht.
„Ja, es geht ihm gut.“
Ai senkte erleichtert den Blick.
Doch plötzlich zerriss ein lauter Knall die Luft.
Beide Pfaue sahen sofort in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war.
„Ist das…?“ Ai wagte es nicht auszusprechen. Aber es war eindeutig ein Kanonenschuss gewesen.
Sofort war Liang auf den Beinen und sah über die Ebene. „Es kam von der Stadt.“
Er brauchte seine Frau nicht aufzufordern. So schnell sie konnten bahnten sie sich einen Weg durch die Wälder. Über die Wiesen trauten sie sich nicht, aus Angst sie könnten entdeckt werden.
Es kam den beiden wie eine Ewigkeit vor. Sie hatten fast den Stadtrand erreicht, als eine nächste, viel lautere Explosion, von der Stadt her dröhnte, was den Lord sehr beunruhigte. Die Nebengeräusche deuteten auf eine verheerende Zerstörungswelle hin.
Endlich hatten sie das Ende des Waldes erreicht. Von dieser Stelle aus hatten sie einen guten Blick über die Stadt. Die Morgendämmerung war angebrochen und tauchte die Wolken in ein unheilvolles dunkles Rot. Dennoch konnte man die wandernden Lichter von Schiffen über dem Stadtfluss deutlich erkennen, sie so langsam in den Hafen glitten.
Liang zog seiner Frau am Flügel und gemeinsam rannten sie zum Strand runter, der etwas abseits von der Stadt lag, sodass sie unbeobachtet das Geschehen mitverflogen konnten.
Das Hafenwasser war übersät mit Trümmerteilen.
Der Pfau kniff die Augen zusammen und erkannte auf dem mittleren Schiff seinen Sohn.
Etwas schwamm durchs Wasser und stellte sich auf einen Felsen, der aus dem Wasser ragte.
Liang erkannte sofort, um wen es sich handelte. Ai hielt den Atem an, als sie den Panda sah.
„Der Krieger?“, war alles was Ai an Worten aufbringen konnte. Die Angst schnürte ihr regelrecht die Kehle zu.
Mit festen Griffen schlang ihr Mann seine Flügel um sie. So lange hatten sie befürchtet, dass es so kommen würde. Und sie hatten sich immer wieder vorgenommen stark zu sein. Haben sich immer wieder eingeredet, dass es das Verschulden ihres Sohnes war, der alles auf sich gehetzt hat. Doch als sich die beiden Kämpfer praktisch gegenüberstanden, zwischen ihnen ein Feld aus Wasser, regte sich in den Vögeln der Beschützerinstinkt, den keiner von beiden unterdrücken konnte.
Die Schiffe positionierten sich in einer Reihe nebeneinander. Der Panda auf dem Felsen machte einen niedergeschlagenen Eindruck, hielt sich aber tapfer auf den Beinen.
Liangs Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. Gegen den schwarz-weißen Krieger stand eine ganze Flotte mit schwerem Geschütz. Wie sollte er einen Sieg dadurch erringen?
Die Schiffe behielten ihre Stellung. Sie fuhren weder vorbei noch steuerten sie auf den Panda zu.
Liang ahnte was Shen vor hatte. Er kannte die Sturheit seines Sohnes nur zu gut. Wenn er sich etwas vorgenommen hatte, dann biss er sich regelrecht daran fest.
Ai zuckte zusammen, als die erste Kanonenkugel abgefeuert wurde. So sehr sie ihren Sohn auch liebte, sie konnte es nicht sehen, wenn er andere verletzte.
Liangs Umarmung um sie herum verstärkte sich. Mit angehaltenem Atem warteten sie auf einen Schrei.
Doch dann… der Panda vollführte merkwürdige Bewegungen. Es sah aus, als würde er Tai-Chi praktizieren. Und als die Kugel ihn traf…
Beiden Pfauen stockte der Atem mit dem Herzschlag.
Der Panda fing sie auf, wirbelte sie herum und warf sie von sich. Die Kugel verschwand irgendwo im Meer. Ein paar Sekunden der Fassungslosigkeit entstanden.
Wieder wurde ein Schuss abgefeuert. Wieder fing der Panda das Geschoss auf und warf es hoch in die Luft, wo es irgendwo diesmal in der Nähe der Schiffe mit einem lauten Klatscher im Wasser landete. Dasselbe geschah auch mit allen weiteren Schüssen.
Die nächsten hingegen schlugen in die Schiffe ein und zersprangen in Trümmern.
„Nein!“, schrie Ai völlig fassungslos. Ihr Sohn zerstörte sich selber. Sah er das denn nicht? Die Eltern erkannten, dass es unmöglich war dem Krieger auf diese Art und Weise zu schlagen. Doch ihr Sohn schien völlig blind zu sein für diese Erkenntnis. Ohne Pause ließ er weitere Geschosse auf den Panda abfeuern.
Schließlich wirbelte der schwarz-weiße Krieger die Feuerkugel so kräftig im Kreis und schleuderte sie direkt auf Shens Schiff. Noch ehe Shen reagieren konnte, traf die Kugel auf das Schiff und explodierte.
Lady Ai vergrub ihr Gesicht in den Mantel ihres Mannes, während Lord Liang den Hafen nicht mehr aus den Augen ließ. Krampfhaft suchte er die Umgebung ab. Eine extreme Stille war eingetreten. So still wie der Tod.
Inzwischen war es so hell im Morgengrauen, dass man klare Strukturen im Wasser erkennen konnte. Die Schiffe waren nur noch ein treibendes Trümmerfeld.
Der Dunst lag dicht über der Meeresoberfläche, sodass der Pfau einen Entschluss fasste.
Beherzt schob er Ai von sich und drückte ihr einmal auf die Schultern. „Du wartest hier.“
Kaum hatte er sie losgelassen, hob die Pfauenhenne erschrocken den Kopf. „Liang?“
Mit einem tiefen Seufzer schaute der Pfau sie an. „Ich bring ihn dir zurück. Das verspreche ich dir.“
Dann rannte er los. Dabei hielt er sich so dicht am Strand, an der eine steile kleine Felswand entlangführte. Es war für ihn zwar ein Risiko von einem Passanten gesehen zu werden, doch im Moment hatte sein Sohn Vorrang. Der Pfau war zu allem entschlossen. Er würde jederzeit seine Seele für ihn geben, auch wenn noch so viel Blut unschuldiger getöteter Seelen an seinen Federn klebten.
Zu Liangs Glück traf er niemanden. Alle Stadtleute schienen sich im Hafen der Stadt direkt versammelt zu haben. Am Stadtrand fand der Pfau die ersten schweren Trümmerteile vor. Die verbliebenen Wölfe hatten sich inzwischen ans Ufer gerettet. Liang nahm Anlauf und mit ein paar eleganten Sprüngen und fast lautlosen Flügelschlägen huschte er über die Wasseroberfläche, wobei er die Trümmer als Zwischenhalt für einen Sprung nutzte.
Der Dunst über dem Wasser wich mehr und mehr der ankommenden Sonne, die sich noch hinter dem Horizont verbarg. Ab und zu verharrte der Pfauenherr geduckt auf einer Holzplanke und lauschte. Erst als er ein wildes Gerangel vernahm, wurde er hellhörig. Schnell folgte er dem Geräusch, dass sich wie ein Kampf anhörte.
Dann lichtete sich auf einmal der Nebel vollständig und dem Lord blieb das Herz stehen.
Mehrere Meter weiter weg von ihm erhob sich ein zerborstenem Schiffswrack, das teilweise noch aus dem Wasser ragte. Und auf dem verbliebenen Deck sprang eine weiße Figur hin und her. Liang erkannte seinen Sohn, der völlig die Kontrolle über sich zu verloren zu haben schien. Immer wieder jagte er einer anderen Person nach und warf alles auf ihn was er an Waffen bei sich hatte.
In diesem Moment hallten Liang die Worte durch den Sinn: Wenn er nicht von seinem dunklen Pfad abweicht, wird er ihn besiegen.
„Besiegen?“ Aber was sollte das bedeuten? War der Tod seines Sohnes unausweichlich?
Völlig außerstande was zu unternehmen, beobachtete der Pfau die Hetzjagd, und er fragte sich, wieso der Panda seinen Angreifer nicht angriff.
Plötzlich ertönte ein knackendes Geräusch. Entsetzt riss Liang die Augen auf. Die Kanone, die die Explosion noch halbwegs überstanden hatte, begann sich zu neigen. Und Shen stand direkt darunter.
Der weiße Pfau sah über sich. Angespannt stellte sich Liang auf seine Zehenspitzen.
Wieso rannte sein Sohn nicht weg?
Er nahm eine andere Bewegung aus dem Augenwinkel war. Der Panda hatte die Gefahr erkannt und rannte davon.
In diesen Sekunden schien die Zeit still zu stehen. Hilflos sah Liang zu wie die Kanone von der Schwerkraft nach unten gezogen wurde. Und Shen bewegte sich immer noch nicht.
„Nein!“, schoss es Liang durch den Kopf. „Das ist nicht sein Schicksal! Nicht wenn ich es verhindern kann!“
Liang sah ein, dass er zu weit entfernt war, um jetzt noch eingreifen zu können. Schnell griff er nach einem treibenden Holzbrett.
So nicht, mein Sohn! So nicht!
Er sprang hoch und trat mit voller Wucht dagegen. Das Geschoss durchschnitt die Luft. Es war kaum zu sehen. Kaum hatte es den weißen Pfau berührt, schlug die zertrümmerte Kanone mit voller Wucht auf das Schiffwrack und explodierte.
Kaum war die Explosion verklungen, warf der Pfauenvater sich ins Wasser.

Lady Ai meinte ihr Herz würde absterben. In ihr verdorrte etwas im buchstäblichen Sinne, das händeringend nach Halt suchte. Sie presste die Flügel auf den Schnabel. Sie hatte die weiße Gestalt unter der Kanone noch gesehen. Jetzt war sie verschwunden.
Die Pfauenhenne spürte ein starkes Zittern, dass sich von den Knien über ihren ganzen Körper ausbreitete. Verzweifelt hielt sie nach ihrem Mann Ausschau. Es folgten über dem Schiff noch viele weitere kleine Explosionen vom restlichen Schießpulver. Allmählich wurde es ruhiger. Im Gegensatz zum inneren Gemüt der Mutter. Wie gebannt starrte Ai auf das Bild und hoffte die ganze Zeit, dass ein weißer Körper die Wasseroberfläche durchbrechen und ans Ufer kraulen würde.
Als sich über eine Minute nichts tat, schüttelte die Pfauenhenne ungläubig den Kopf. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wollte nicht glauben was gerade passiert war.
Plötzlich hob sie ruckartig den Kopf, als etwas über die Wasseroberfläche glitt. Aber es floss nicht mit der Strömung, sondern es schwamm. Ab und zu kam ein rudernder Flügel zum Vorschein, der in der Morgensonne glitzernde Wassertropfen versprühte.
„Shen?“, hauchte sie atemlos. „Shen?!“
Ein Aufkeuchen ließ die Stimme von Liang erkennen.
„Ai!“, japste der Pfau und winkte seine Frau zu sich heran. „Hier rüber!“
Die Pfauenhenne konnte nicht anders und warf sich ins Wasser. Hastig kraulte sie auf ihn zu. Es trennten sie nur wenige Meter. Sie schwamm als ginge es um ihr Leben. Nein, nicht um ihr Leben - um seines!
„LIANG! Was ist?!“
Im nächsten Moment war sie bei ihm. Unter ihrer Flügelhand tastete sie Federn. Etwas weißes lag unter der Wasseroberfläche. Mühsam hielt Liang etwas über Wasser. Ai blieb das Herz stehen, als sie den weißen Kopf mit den geschlossenen Augen erblickte, an dem frisches Blut klebte.
„SHEN! NEIN! NEIN! Oh Gott! Sag mir, dass er noch lebt!“
Für einen Moment vergaß die Pfauenhenne, dass sie sich im Wasser befand. Ihre Hände suchten nur nach ihrem Sohn und presste seinen Körper an sich.
„Ai, reiß dich zusammen“, wies Liang sie zurecht. „Wir müssen ihn ans Ufer bringen. Hilf mir!“
Endlich erwachte die Pfauenmutter wieder aus ihrem betäubten Zustand, und beide paddelten ans Ufer. Kaum spürten sie festen Boden unter den Füßen zerrten sie den weißen Pfau aus dem Nassen und schleiften ihn mit mühsamer Sorgfalt über den Kiesboden. Sanft legten sie ihren Sohn auf dem trockenen Boden ab.
Liang strich sich übers Gesicht. Man konnte nicht sagen, ob es nur Wasser oder auch Tränen waren. Er hatte sich fest vorgenommen nicht gleich emotional zu werden, aber dieser Anblick ließ seine ganze Selbstdisziplin in die Kniee gehen.
„Junge!“
„Shen!“, rief Ai völlig aufgelöst. „Sag doch was!“
Beide beugten sich über ihn. Doch das, was einst ihr Sohn war, bewegte sich nicht. Liang gab sich alle Mühe einen klaren Kopf zu bewahren und versuchte den Schaden zu begutachten, den der weiße Pfau von der Explosion erlitten hatte. Die Kanone hatte ihn dank seines Geschosses nicht getroffen, dafür waren die dafür geschleuderten Holzsplitter umso schlimmer. Überall auf seiner linken Körperseite stecken große und kleine Holznadeln in dem ehemals weißen Gefieder. Seine einst so stolzen Federn waren teilweise angebrannt und mit Blut verklebt.
Mit zittrigen Fingern drehte Ai Shens Kopf, an deren linke Seite mehrere Stiftgroße Splitter drinstecken. Behutsam strich sie drüber. Shen warf den Kopf in den Nacken und wollte schreien, doch außer einem heiseren Krächzen brachte er nichts heraus. Sofort drückte Liang ihn an den Schultern wieder nach unten. Shen wandte sich ein wenig, doch er wachte nicht auf. Wimmernd drehte er den Kopf hin und her. Doch wenn die Holzsplitter dabei den Boden berührten, zuckte er verkrampft zusammen.
Ais Lippen begannen zu beben. Sie war kurz davor in Tränen auszubrechen. Doch noch bevor es dazu kam, sprach Liang ein Machtwort.
„Ai! Sieh mich an, sieh mich an!“ Der Pfau umfasste das Gesicht seiner Frau und schaute ihr eindringlich in die Augen. „Es nützt nichts hier herumzusitzen. Wir müssen ihn von hier wegschaffen! Komm schnell, bevor man uns hier entdeckt.“
Zu Liangs Glück stand Ai sofort auf und gemeinsam trugen sie ihren schwerverletzten Sohn weg.
Im nächsten Moment knallten Raketen in der Luft. Das Elternpaar schaute zurück zum Hafen. Dort wo das Schiff explodiert war, funkelten schöne schimmernde Feuerwerks Körper, die kurz die Form eines Pfauenkopfes bildeten. Beiden überkam ein schauerliches Gefühl. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

0
LordShenFans Profilbild
LordShenFan Am 26.06.2021 um 11:45 Uhr
Hi du kennst mich bereits schon auf Wattpad und Fanfiktion.de die dich halt sehr oft anschreibt und dir Musik für die Geschichten die du schreibst vorgeschlagen hat. Freue mich auch hier auf das nächste Kapitel.
BuchTraumFaengers Profilbild
BuchTraumFaenger (Autor)Am 26.06.2021 um 19:20 Uhr
@LordShenFan XD Ich les auch gern solche Themen, leider gibt es davon so wenige auf Deutsch, da muss man sich dann im englischsprachigem Raum behelfen.
LordShenFans Profilbild
LordShenFan Am 26.06.2021 um 18:03 Uhr
@BuchTraumFaenger Bitte ja bin halt ne richtige Leseratte. Liebe das Lesen und vor allem wenn es um KFP2 geht oder generll KFP
BuchTraumFaengers Profilbild
BuchTraumFaenger (Autor)Am 26.06.2021 um 13:07 Uhr
Hi, wow, du kommst ja viel herum. :-D Aber danke, für dein fleißiges Kommentieren. Und für deine Musikvorschläge habe ich immer gerne ein offenes Ohr. :-)
Ein neues Kapitel für diese Geschichte kommt wahrscheinlich nächste Woche, aber mal schauen.
Danke für dein Feedback. :-)

Autor

BuchTraumFaengers Profilbild BuchTraumFaenger

Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:4
Sätze:1.021
Wörter:12.412
Zeichen:71.253

Kurzbeschreibung

Wenn die Liebe von Eltern über Gesetze und Prophezeiungen hinausgeht. ~ Shens Eltern haben ihren eigenen Tod vorgetäuscht und tun alles um ihren Sohn vor dem dunklen Pfad zu retten. (Eine Geschichte mit Lord Shen und seinen Eltern während und nach KFP2.) [Anlässlich zum 10. Jubiläum des Kung Fu Panda 2 Films]