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Der letzte Krieg

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27.06.20 18:09
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

1. Auf einer Reise


Mit besorgtem Blick schaute der Restaurantbesitzer aus dem Fenster in die dunkle, weiße Nacht.
„Es schneit jetzt schon seit Tagen“, murmelte er und schob die Gardienen zurück.
Das Restaurant lag irgendwo in der Province China in einem kleinen Dorf. Viele Reisende hatten die Chance genutzt dort eine Rast einlegen und Zuflucht vor dem starken, harten Winter zu suchen.
Der Besitzer, ein alter Hase, bediente mit seiner Familie die Gäste. Im Hauptsaal brannte ein großes Kaminfeuer, wo sich die meisten Leute davor versammelt hatten und unterhielten sich über gute und schlechte Zeiten. Einer von ihnen, ein alter Wolf, war der lauteste von allen und stand auf einem Tisch. Der alte Hase kam gerade mit einem Tablet Gläsern herein, als der Wolf seine Erzählung beendete: „Und so endete es. Ja, an dem Tag so verfuhr der Drachenkrieger mit seinem größten Feind und Kung Fu Gegner, und, ich betone es, derjenige der vor hatte China zu erobern mit seinen gefährlichen Feuerwaffen, machte er ihm ein Friedensangebot. Ja, ich hörte es mit meinen eigenen Ohren.“
„Und was ist dann passiert?“, fragte jemand aus der Menge.
Der alte Wolf zuckte die Achseln. „Das weiß keiner. Niemand weiß es. Einige Leute in den Kasernen sagen, dass er das Tal des Friedens verlassen hatte, wo er das letzte Mal gesehen wurde. Der Drachenkrieger hat nie mehr etwas von ihm gehört. Andere Leute meinen, dass der Lord Pläne für einen neuen Eroberungsfeldzug schmiedet. Im Gegensatz dazu, behaupten andere, dass er irgendwo in den Bergen einen Unfall erlitten hat. Und noch andere sagen, er habe irgendwo eine Stadt errichtet, und niemand weiß wie viele Soldaten sich dort versteckt halten.“
Er nahm das Glas, welches ihm der Restaurantbesitzer hinhielt und leerte es in einem Zug aus. „Aber all dies kann natürlich nur ein Gerücht sein. Ich hörte es nur durch die Gasthäuser, wo ich reinkam. Jeder erzählte ein anderes Ende. Ich habe nur erzählt, was ich von den meisten gehört habe.“
Das alte Kaninchen schaute überrascht in eine Ecke des Raumes, wo ein Schatten sich zum Ausgang bewegte. Während der Wolf zu einer neuen Geschichte ansetzte, nahm die Figur ihre dicke braune Robe, Hut, Stock und Tasche.
„Sie wollen uns schon verlassen?“, fragte er.
Die Figur zögerte. „Ich muss da raus.“
Es war eine sehr junge Frauenstimme.
„Draußen herrscht ein schrecklicher Schneesturm“, warnte der Hase. „Warten Sie bis sich der Sturm gelegt hat. Vielleicht in ein paar Tagen…“
„Nein. Ich muss jetzt gehen.“
Damit öffnete sie die Tür, wo ihr eiskalter Wind entgegenwehte. Der Hase wollte noch etwas sagen, aber die Figur sprang einfach nach draußen und schloss die Tür hinter sich.
„Das ist doch verrückt. Armes Ding.“

Die Lichter der Häuser waren hinter ihr schon verschwunden. Nur Dunkelheit und Schnee umgaben die dunkle ummantelte Gestalt. Schnellflocken tanzten wild um sie herum wie funkelnde Sterne.
Der Pfad war kaum zu erkennen, doch es konnte nicht mehr allzu weit sein.
Während sie den Weg entlang ging, dachte sie über die Geschichte nach, die sie im Restaurant gehört hatte. Diese hatte sie schon in vielen anderen Gasthäusern gehört. Es war der einzige Hinweis, dem sie nachgehen konnte. Einen anderen hatte sie nicht.
Der Drachenkrieger. Er war der Einzige, der ihr helfen konnte. Die einzige Möglichkeit ihn zu finden.
„Ich muss ihn finden“, flüsterte sie.
Ihr langer Mantel verwischten ihre Fußabdrücke im Schnee.
„Ich werde ihn finden.“
Ein Schauer der Kälte und Angst erschütterte ihren Körper.
„Wir brauchen ihn.“ Sie holte etwas aus der Tasche heraus. „Mehr als das.“
Und sie braucht dich.

2. Überfall im Schnee


„Oh, Po!“
Po knallte gegen einen Holzbalken, als er gerade aufstehen wollte. „Ja, Dad?“
„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mir nicht helfen musst. Du solltest besser das Tal und China beschützen.“
„Aber, Dad“, protestierte der Panda und stellte sich auf seine Füße. Er legte das Handtuch beiseite, mit dem er zuvor den Boden gewischt hatte, und strich sich über die Hose. „Du kannst das doch nicht alles alleine machen mit deinem Bein.“
Damit deutete er auf Mr. Pings eingegipstes Bein.
„Aber, Po, ich bin doch nur auf dem Eis ausgerutscht. Es ist nicht gebrochen. Ich hab ihn mir nur verstaucht.“
„Wie auch immer. Ich werde mich solange um dich kümmern, bis deine Haushaltshilfe kommt, die du bestellt hast.“
„Bei dem Wetter?“ Mr. Ping fuchtelte wild mit den Händen. „Es liegt mehr Eis draußen als Haare auf einem Bärenfell. Es schneit schon seit vielen Tagen. Ich denke nicht, dass jemand den Weg zu unserem Dorf findet die nächsten paar Tage. Oder Wochen. Oder bis der Winter vorbei ist.“
Po rieb sich den Kopf. „Vielleicht. Aber du kannst nicht mit einem verstauchten Fuß arbeiten.“
„Aber, Po, der Nachbar hilft mir doch ab und zu aus.“
Po verengte die Augen auf eine gelangweilte Art und Weise. „Ja, und er braucht mehr Zeit den Weg zu einem Tisch zu finden mit seinen schlechten Augen.“
„Seine Brille ist kaputt gegangen.“
Mr. Ping beugte sich runter und schaute in eine Ecke. „Oh.“
„Was ist los, Dad?“
„Uns ist das Feuerholz ausgegangen. Ich muss neues besorgen.“
„Nein, Dad!“ Po packte die Gans und setzte ihn fest entschlossen auf einen Stuhl. „Das mache ich!“
„Aber Po…“
„Keine Chance. Ich bringe dir das Holz für den Ofen.“
Damit schnappte sich er einen Korb und rannte damit in den Schnee.
Mr. Ping beobachtete ihn eine Weile, bis sein Sohn verschwunden war. „Er ist ein guter Junge.“

„Oh, das ist ein großer.“
Po hob einen Ast auf, doch dieser Stecke fest.
„Oh, ko-mm scho-n!“
Er zog und zog und fiel nach hinten.
„OH, verdammter Schnee. Hey, ich brauche meine Knochen noch!“
Er sprang auf und stierte wütend auf den Ast.
„Hey! Willst du dein Hitzefeuer meinem Dad vorenthalten? Oh, komm schon! Bringen wir es hinter uns! Heah!“
Er formte einen Schneeball und warf ihn auf den Ast.
Plötzlich kam ihm eine Idee.

„Okay, perfekt.“
Er machte ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Kunstwerk.
Damit positionierte sich Po vor die Schneefiguren, ein bisschen kleiner als er, und mit Steinen und Ästen gemachtes Gesicht verziert, und setzte eine lässige, gelangweilte Miene auf. In seiner Kindheit hatte er das sehr oft gespielt.
„Äh, hast du was gesagt? Willst du was von mir? Willst du Ärger? Wirklich? Böser Fehler. Gegen die gefährlichen Fäuste des Drachen hast du keine Chance… Whaha! Whahhahai!“
Er schlug und trat gegen die Schneemänner bis sie nur noch zerstampfter Schnee waren.
„YEah! Nichts steht gegen…“
Plötzlich drang eine laute Frauenstimme durch den verschneiten Wald.
Der Panda spitzte die Ohren. „Was?“
Der Schrei hallte erneut.
„Da ist Gefahr im Verzug.“
Hastig blickte er sich um und reckte den Hals. „Ich komme! Halte aus!“
Po rannte in die Richtung, wo er die Stimme vermutete.
„Bleibt weg von mir!“, rief die Frau.
„Oh, kleine Lady will spielen“, ertönte eine spöttische Männerstimme.
Völlig außer Puste erreichte Po den Platz und hielt für einen Moment die Luft an. Auf einer verschneiten Waldlichtung standen vier Wildkatzen mit keinen freundlichen Gesichtern. Zwei von ihnen hatten eine Figur, im langen Mantel und Strohhut, eingekreist. Die zwei anderen waren damit beschäftigt den Inhalt der Tasche auf den Boden auszuschütten und suchten nach Wertgegenständen.
„Nichts drinnen“, sagte einer von ihnen.
„Vielleicht versteckte sie es unter den Klamotten.“
Die Figur wich zurück, den Stock feste vor sich haltend. „Wagt es ja nicht! Ich habe nichts mehr bei mir.“
„Das werden wir ja sehen. Pack sie.“
Die Frau schlug mit ihrem Stock wild um sich und traf mehrere Male die Hände, war aber nicht schnell genug. Einer von ihnen sprang sie an wie ein geölter Blitz und kickte sie zu Boden. Sie fiel rückwärts nach hinten und landete im Schnee.
Po konnte nicht länger dabei zusehen. „Das reicht!“
Er nahm einen gehörigen Anlauf und startete zum Angriff. „Hey! DuAhhhhahhhaa….“
Po rutschte aus. Er stolperte mehrere Male, wobei sich sein Körper nach und nach mit Schnee bedeckte, der immer dichter und größer wurde bis er in einem großen Schneeball umhüllt den Hügel runterrollte.
Die Wildkatzen wussten nicht was sie davon halten sollten und starrte nur auf die gigantisch rollende Schneekugel.
Doch bevor sie sie erreichte, sprangen sie zur Seite und der Schneeball-Panda knallte gegen den nächsten Baum. Schnee flog durch die Luft. Po landete mit einem Bang rückwärts in einem Schneefeld.
„Oh, Wahnsinn“, murmelte er.
Doch dann erinnerte er sich an den Grund für seine dimensionale Schneeballschlacht und war sofort wieder auf den Beinen.
„Hey, Fettwanst, wie kannst du es wagen!“
Po spannte die Arme an.
„Nein, es muss heißen, wie könnt ihr es wagen! Entweder ihr verschwindet oder ihr bekommt das.“
Er hob seine geballten Fäuste
Die Katzen knurrten. „Einladung für ne Henkersmahlzeit.“
Po zögerte. Offensichtlich waren sie nicht von hier. „Ein Kampf? Na schön. Meine Fäuste hungern nach einem Gefecht. Whahai!“
Alles ging so schnell, dass niemand es im Detail hätte sehen können.
Die vier Katzen sprangen auf den Panda, doch Po wusste es sich zu verteidigen. Die meisten Schwierigkeiten bereitete er seinen Angreifern mit seinem dichten Fell. Jeder, der ihn in den Bauch oder Rücken kickte, fiel von der Schlagwucht sofort zurück.
„Jetzt zum Hauptgang.“
Po gab alles. Diese Gauner sollten es niemals mehr wagen eine hilflose Frau zu überfallen.
Die Katzen waren schnell, doch nach mehreren Schlägen ins Gesicht, wurden sie es müde, um um nichts zu kämpfen.
„Suchen wir nach einer anderen Beute.“
Damit machten sie sich aus dem Staub und verschwanden im Wald.
Po wischte sich über den Kopf. „Puh. Ich bin aus der Übung. Meine Gelenke sind wohl während der Winterpause etwas eingerostet.“
Doch in der nächsten Sekunde fiel ihm wieder ein warum er eigentlich gekämpft hatte und drehte sich schnell zu dem Überfallopfer um. Die Gestalt lag still im Schnee. Langsam und besorgt trat Po näher an sie heran. „Hey, alles in Ordnung?“
Er beugte sich runter und hob den Hut etwas hoch, der ihr Gesicht bedeckte. Braune, silberne, schwache Augen eines Vogels schauten zu ihm auf. Federfinger wurden sichtbar unter der dunklen brauen Robe. Ihr Gesicht war hellbraun und ihre Flügel schimmerten helllila.
„Ich bin okay,“ sagte die Vogelfrau. „Mir ist nur etwas kalt.“
Po berührte ihren Arm. „Ein bisschen? Du bist fast unterkühlt. Du musst dich aufwärmen.“
„Nein, ich muss weiter…“
Sie wollte sich aufrichten, doch dann…
Po erschrak und lehnte sich vor bevor sie wieder in den Schnee zurückfallen konnte.
„Hey, kannst du mich hören? Hallo? Hallo?“
Doch das Mädchen sagte kein Wort mehr. Ihre Augen waren fast geschlossen. Nein, sie konnte keinen Schritt mehr weitergehen.
„Keine Sorge. Ich bringe dich an einem warmen Ort.“
Vorsichtig hob er sie hoch und trug sie durch die verschneite Landschaft.
Während er den Weg zum Dorf zurück ging, bemerkte er zwei Dinge.
Ersten, sie war nicht schwer, und zweitens, sie war eine Pfauenhenne.

3. Ich hab dich gefunden


„Dad?“
„Oh, Po. Schon so schnell wieder zurück?“
„Dad, komm schnell!“
In der nächsten Sekunde schaute Mr. Ping um die Ecke. Er vergaß fast sein Bein, als er die Pfauenhenne in Pos Armen sah.
„Oh, wer ist das?“
„Ich hab sie draußen aufgegabelt. Sie benötigt dringend Wärme.“

„Was für ein Glück“, meinte Mr. Ping. „Die kleinen Forstbeulen werden alsbald wieder abheilen.“
„Danke für dein Hilfe, Dad.“
Po saß neben einem Bett in dem die Pfauenhenne jetzt lag. Sie war noch immer bewusstlos, aber ihre Atmung verlief gleichmäßig.
„Ich frage mich, was sie da draußen nur wollte. Mitten in der tiefsten Winterzeit.“
„Oh, sieh nur.“
Die Pfauenhenne bewegte ihre Gesichtsmuskeln und begann zu blinzeln.
Po beugte sich weiter vor und winkte mit der Hand. „Hi.“
Langsam bewegte sie die Augen ein wenig. „Wo bin ich? Ich war… im Schnee…“
„Tja, jetzt liegt du in einem warmen Bett.“
Sie tastete über die Decke.
„Wie fühlst du dich?“
„Ein bisschen… schwindelig.“
„Das geht vorbei“, beruhigte Mr. Ping sie und hielt ihr eine Schüssel hin. „Ich habe hier eine Suppe für Sie. Das wird Sie aufwärmen.“
Po half ihr sich aufzurichten. Wenigstens hatte sie wieder genug Kräfte gesammelt, um die Schüssel halten zu können. Mit einem dankbaren Nicken nahm sie sie an sich. „Danke.“
Sie nahm mehrere Schlucke. Der Dampf wirbelte sich unter ihren Atemzügen.
Po versuchte ein Gespräch. „Wie heißt du?“
Sie zögerte einen Moment bevor sie antwortete.
„Xia.“
„Nett dich kennen zu lernen. Ich bin Po. Und das ist mein Vater.“
Verwundert schaute sie ihn an. „Dein Vater?“
„Nun, wir sehen uns nicht ähnlich, aber immerhin…“
Er beobachtete sie. War sie so verwirrt über seinen Vater?
Sie saß schweigend im Bett, starrte in die Suppenschüssel wie im Trance und bewegte sanft die Lippen. „Einen Vater.“
„Alles okay?“
Sie zuckte zusammen. „Nein, ja… ähm.. ich weiß es nicht.“
Sie legte die Schüssel beiseite und rieb sich die Stirn mit tiefem Seufzer.
„Nun, wo wolltest du hin, was ist dein Ziel?“, fragte Po vorsichtig. „Warum bist du zu dieser Zeit durch den Schnee gegangen?“
Sie schaute auf und beäugte ihn unsicher. Dann holte sie verzweifelt Luft.
„Ich war auf dem Weg, um den Drachenkrieger zu finden. Er soll in einem Tal des Friedens leben.“
Po riss vor Überraschung die Augen auf.
„Du bist im Tal des Friedens.“
Jetzt wurden ihre Augen weit. „Bin ich das?“
„Ja, und der Drachenkrieger, nach dem du suchst, steht gerade vor dir.“
„Du? Du bist der Drachenkrieger?“
Po lächelte. „Nun, vielleicht sieht es nicht so aus, aber ich bin es, offiziell.“
Der Panda erschrak, als er Tränen in ihren Augen sah.
„Dem Himmel sei Dank, ich hab dich gefunden!“.
Po wich zurück. Die Pfauenhenne war aufgesprungen und griff nach seinem Arm.
„Jetzt wird alles wieder gut.“
Sie lehnte ihren Kopf an sein Fell, dass er ein weinig errötete. „Äh, danke, äh… brauchst du Hilfe?“
Sie lockerte ihren Griff und sah ihn flehentlich an. „Mehr von jemand anderen.“
„Einem anderen?“
„Ja, ich habe nach dir gesucht, damit weil du mir sagen kannst, wo ich ihn finden kann.“
„Wen?“
„Lord Shen.“
Po riss die Augen noch weiter auf. „Warum willst du das wissen?“
„Zeig mir nur, wo er ist. Es ist sehr wichtig!“
Ihr Griff um seinen Arm wurde enger.
Po wusste nicht was er davon halten sollte und beäugte sie neugierig. Sie war jung. Vielleicht sogar jünger als er. Doch warum wollte sie den Lord sehen? Er bewegte skeptisch den Mund. Sie war eine Pfauenhenne und er ein Pfau. Vielleicht eine Verehrerin. Shen war ja keine unbekannte Person.
„Nun, ich weiß nicht, ob er jemanden sehen möchte.“
„Ich muss ihn sehen! Jetzt sofort!“
„Jetzt sofort? Das ist nicht dein Ernst, oder? Es ist Winter. Die Straßen sind völlig verschneit. Besser du wartest bis… vielleicht nächste Woche.“
„Nein! Ich muss ihn sofort sprechen! Es geht um Leben und Tod!“
„Leben und Tod? Äh, also ist es in diesem Fall ein Notfall?“
„Ja, ist es.“
„Mmm, nun…“
Po dachte nach. „Wenn es so dringend ist.“
„Aber Po“, mischte Mr. Ping sich ein. „Weiß du denn wo er wohnt?“
„Natürlich weiß ich das.“
Mr. Ping war überrascht. „Wirklich, woher?“
„Er hat mir vor ein paar Wochen einen Brief geschrieben.“
Damit lief er in die Ecke seines Zimmers, wo er allerlei Sachen aufbewahrte, seine Spielsachen, Schüsseln und allerlei Papiere.
„Oh, da ist es ja.“
Er zog eine Schriftrolle heraus.
„Er schrieb, dass er eine Stadt in den Mianyang Bergen errichtet hat.“
„Im Mianyang Gebirge?“ Mr. Ping war nicht gerade begeistert. „Aber Po, das ist mehr als vier Tage weg von hier entfernt. In der Winterzeit brauchst du vielleicht sogar fünf Tage.“
„Das nehme ich in Kauf“, sagte Xia. „Ich bin schnell.“
„Warte, du willst dahingehen? Alleine?“
„Ich reise schon die ganze Zeit alleine.“
„Aber vielleicht wirst du Probleme vor seinem Haus bekommen.“
„Warum, Po?“, fragte Mr. Ping
„Er schrieb auch, dass niemand ohne Genehmigung reinkommen darf. Die Stadt ist immer noch in der Aufbauphase und er erlaubt keine Fremden. Und ich kann mir nicht erlauben, sie alleine gehen zu lassen. Vielleicht friert sie sich draußen noch zu Tode.“
Mr. Ping hielt den Atem an. „Du kannst es ihr nicht erlauben… warte, warte! Wovon redest du da? Du willst sie nicht alleine gehen lassen? Po, du wagst doch nicht etwa, oder?“
„Aber Dad, ich kann sie doch nicht ohne Begleitung weiterreisen lassen.“
„Begleitung?“ Xia sah ihn mit großen Augen an. „Heißt das, du willst mit mir mitkommen?“
„Natürlich werde ich das. Als der Drachenkrieger bin ich jederzeit bereit zu helfen.“
„Aber Po, was wird dein Lehrer dazu sagen?“
„Was soll er denn sagen?“
„Du weißt, dass er nicht über dein Vorhaben begeistert sein wird.“
„Shifu? Ach, keine Sorge. Ich überrede ihn schon.“

4. Eine Frage des Vertrauens


„Nein, Po!“
„Aber, Meister…“
„Nein, du bleibst hier!”
„Aber das ist ein Notfall! Es geht hier um Leben und Tod. Ist doch so, oder?“
Xia nickte.
Sie stand mit Po und Meister Shifu in der Palast Halle. Shifu ging hektisch auf und ab und warf ihr immer wieder einen skeptischen Blick zu. Es schmeckte ihm überhaupt nicht, dass sie eine Pfauenhenne war.
„Dein Platz ist hier“, versuchte er es erneut.
„Aber die Furiosen Fünf sind doch da. Sie sind stark genug, um das Tal ohne mich zu beschützen, genauso wie sie es früher immer getan haben.“
Shifu hielt an, seine Hände auf den Rücken verschränkt und starrte den Panda grimmig an.
„Po, komm mal her.“
Der Drachenkrieger seufzte. Er gab Xia einen entschuldigenden Wink und folgte Shifu in eine Ecke der Halle.
„Was macht dich so sicher, dass du ihr vertrauen kannst?“, zischte Meister Shifu, jedoch so leise, dass sie es nicht hören konnte.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es eben.“
„Das ist keine Erklärung.“
„Aber ich bin der Einzige, der sie zu der neuen Stadt bringen kann.“
„Und was macht dich so sicher, dass Shen dich wieder gehen lassen wird?“
„Aber Meister Shifu. Wir gaben uns doch das Versprechen unsere Waffen ruhen zu lassen.“
Shifu verengte die Augen. „Es ist ein leichtes für ihn ein Versprechen zu brechen. Denk darüber nach. Er ist immer noch ein Gesetzloser.“
„Meister.“ Mit flehentlichem Blick sah Po seinen Lehrer an. „Bitte, lassen Sie mich mit ihr gehen. Sonst werde ich solange keine Ruhe geben bis sie ihr Ziel erreich hat.“
„Weißt du denn, was sie dort will?“
„Nein, sie will es nicht sagen.“
„Warum willst du dann das Risiko eingehen?“
„Weil ich ihr vertraue. Ich kann nicht glauben, dass sie böse Absichten hat, und ich glaube nicht, dass Shen mich bedrohen wird. Ich werde beweisen, dass er mir vertrauen kann.“
Shifus Augen nahmen einen eisigen Ausdruck an. „Po. Gutgläubigkeit kann sehr schnell in Naivität umschlagen. So etwas ist gefährlich.“
„Selbst wenn es so ist, dann lassen Sie es mich wenigstens herausfinden.“
Shifu seufzte. Sorgenvoll senkte er den Blick. „Ich sehe, mein Einfluss ist nicht stark genug. Doch sei gewarnt. Du bist dann ganz auf dich alleine gestellt. Völlig alleine.“
„Ich weiß. Keine Sorge. Ich war schon vorher mit ihm allein zusammen. Es kann nur besser werden.“

„Po, versprich mir, dass du auch immer genug isst.“
Mr. Ping zog einen großen Rucksack hinter sich her und gab ihn an Po weiter. „Ich hab dir extra genügend eingepackt.“
„Aber Dad. Du solltest doch mit deinem Bein nicht so schwere Sachen schleppen“, sagte Po und nahm ihm den Rucksack ab. „Und nebenbei bemerkt, kommen wir unterwegs an vielen Herbergen vorbei.“
„Na und, man bekommt doch immer Hunger auf dem Weg.“
„Okay, Dad.“
Damit schulterte Po sich den Rucksack über.
Er stand vor Mr. Pings Haus und war fertig für die Reise.
Auch Meister Shifu, der allerdings immer noch nicht mit seiner Entscheidung einverstanden war. „Auch wenn ich deine Reise immer noch sehr missbillige, so wünsche ich dir dennoch viel Glück. Und komm gesund wieder zurück.“
„Alles klar, Meister. Wir sehen uns.“
„Und wir sollen wirklich nicht mit dir kommen?“
Monkey war ein bisschen enttäuscht, dass ihr Freund wieder eine Reise ohne sie unternahm.
Doch Po schüttelte den Kopf und sah seine fünf Freunde dankbar an.
„Nein, danke, aber nein. Shen hat gesagt, dass er niemand anderen in seine Stadt erlaubt. Besonders keine Kung Fu Krieger, außer mir. Ihr hab die Aufgabe euch um das Tal zu kümmern. Aber…“
Er beugte sich zu ihnen vor. „Ihr könnt mir einen Gefallen tun, indem ihr ab und zu meinem Vater etwas bei den Hausarbeiten helft, okay?“
„Was hast du gesagt, Po?“
„Nichts, Dad. Nun denn. Wir sehen uns! Bis dann.“
„Oh, Po.“
Mr. Ping gab ihm eine letzte Umarmung. „Pass gut auf dich auf und komm sicher wieder zurück.“
„Mach ich, Dad. Und versprich mir, dass du dein Bein schonst. Okay, gehen wir.“
Xia hatte draußen vor dem Tor gewartet und schenkte ihm ein dankbares Nicken.
„Du musst das nicht tun, dass weist du schon.“
„Ich weiß“, sagte Po und lächelte ihr zu. „Doch ich bring dich gerne zur Stadt. Nun denn, auf Wiedersehen! Tschüss Leute! Tschüss Meister Shifu! Tschüss Dad.“
Mr. Ping und seine Freunde winkten ihm nach. Nur Meister Shifu starrte ihm hinterher und murmelte nur einen einzigen Satz. „Viel Glück, Drachenkrieger.“

Mehrere Tage wanderten sie durch Eis und Schnee. Unterwegs legten sie Pausen in mehreren Gaststätten ein. Am vorletzten Tag erreichten sie die letzte Etappe vor den Mianyang Bergen.
„Viele Dank, dass Sie uns ein Zimmer anbieten“, sagte Po und betrat einen kleinen Raum, was der Herbergsvater, eine alter Gans, ihnen zur Verfügung stellte.
„Wir haben selten Besuch“, sagte er und zeigte ihre Betten. „Für eine Nacht könnt ihr bleiben. Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Der Herbergsvater verließ sie und schloss die Tür.
Po sah aus dem Fenster, wo er die ersten Berge des Gebirges sehen konnte. „Nun, wir stehen jetzt am Rande des Mianyang Gebirges. Und morgen werden wir in der Stadt sein.“
Damit warf er sich aufs Bett und streckte seine kalten Füße. „Oh, oh. Was für ein Spaziergang. Was ist mit dir? Sind deine Füße auch so eingefroren?“
Als er keine Antwort erhielt, sah er auf. Die Pfauenhenne blickte nun ebenfalls aus dem Fenster, wo es draußen schon langsam dunkel wurde.
„Po?“
„Ja?“
„Wie ist er eigentlich?“
„Mmh?“
„Ich meine“, sie löste sich vom Fenster und ging zu ihm rüber. „Du hast mir gesagt, dass er und du, Feinde gewesen ward, vom ersten Tag an. War es nicht so?“
„Mm, ja.“
„Und jetzt?“
Po senkte den Blick. Er wusste nicht, ob es klug war ihr die ganze Wahrheit über ihn zu sagen. Und er musste zugeben, dass er selber nicht alles über den Lord wusste, der seine Familie ermordete und viele anderen Leute. Wer war sie nur? Was sollte sie wissen und was nicht?
Die Pfauenhenne knetete ihre Hände. „Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst.“
„Doch, doch, aber, es ist eine lange Geschichte. Eine sehr lange Geschichte.“
„Ich hab Zeit.“
Der Panda war ein wenig beeindruckt. Sie wollte etwas wissen, wollte ihn aber nicht drängen. Po seufzte und beschloss zumindest nur die Hauptereignisse zu erzählen, die er wusste.
„Okay.“
Damit setzte er sich im Bett auf, während Xia auf ihrem eigenen Bett Platz nahm und ihn aufmerksam beobachtete.
Po räusperte sich. „Nun, alles begann in einer weit entfernten Stadt namens Gongmen. Doch mein richtiges Leben startete im Tal des Friedens…“
Und damit begann Po zu erzählen was alles damals passiert war. Zuerst wie er zum Drachenkrieger geworden war, und wie er erfuhr, dass sein Vater nicht sein richtiger Vater war, der Weg nach Gongmen, und was Shen vorgehabt hatte. Details zum Massaker im Panda Dorf hingegen ließ er aus. Dann darüber wie er seinen inneren Frieden gefunden hatte, wie er Shens Armee besiegt hatte, wie er Shen erneut wieder getroffen hatte und was sich danach alles im Tal des Friedens bis zum Fest des Friedestages ereignet hatte.
Xia unterbrach ihn nicht. Sie lauschte seinen Worten wie in einem tiefen Traum.
„Und das war der letzte Tag, wo ich ihn gesehen hatte“, beendete Po seine Geschichte. „Bis er mir einen Brief schickte. Er hat übrigens hinzugefügt, dass es nicht seine Idee gewesen war, sondern die der Wahrsagerin, die ihn geraten hatte mich zu informieren.“
Er sah sie an. Immer noch gefangen in seinem Bericht.
„Und das war alles.“
Wie aufs Stichwort begann die Pfauenhenne sich wieder zu bewegen, als wäre sie gerade aus einer Trance erwacht.
Sie senkte den Blick und flüsterte ein sanftes: „Danke.“
Po beobachtete wie sie sich hinlegte auf ihr Bett und an die Zimmerdecke starrte.
„Möchtest du sonst noch über etwas reden, oder wissen?“, fragte er vorsichtig.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, aber danke, dass du mir das erzählt hast.“
„Kein Problem“, antwortete er etwas unsicher. War es nun gut oder schlecht?
Sein Blick fiel nach draußen. Die Nacht war angebrochen.
„Nun, wir sollten schlafen. Und morgen sehen wir weiter.“
„Mm, ja, dann sehen wir weiter.“
Ihre Stimme klang schwach, doch Po wollte sie drauf nicht ansprechen.
„Okay, gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Und dies waren auch die letzten Worte, die sie miteinander in dieser Nacht wechselten.

„Okay, dieses Schild ist neu.“
Nachdenklich rieb sich Po übers Kinn, während er den Wegweiser beäugte.
Sie standen in der verschneiten Landschaft auf einem großen, breiten Pfad, der durch die Berge führte.
„Changkong“, las er. „Nun, entweder ist es der Name der Stadt oder von der Gegend. Wie auch immer, gehen wir weiter. Es muss gleich über diesem Hügel sein.“
Po ging voraus. Xia folgte ihm. Jetzt jedoch ein bisschen langsamer als vorher.
„Ist dir kalt?“, fragte Po.
„Nicht wirklich.“
Sie schlang ihre Robe enger um sich.
„Wir sind fast da. Ich bin sicher, dass wir einen warmen Platz bekommen werden…“
Er hielt inne. Xia sah ihn überrascht an. „Stimmt etwas nicht?“
„Äh, nein, nur ein paar…“
Er deutete nach vorne.
Am Ende des Pfades, wo der Weg steil nach oben ging, standen zwei große Figuren in dicken Schafsfellen.
„Ich glaube, wir sind näher dran als ich dachte“, murmelte Po.
Damit ging er auf die zwei vermummten Gestalten zu und winkte mit der Hand.
„Hey! Hallo! Sind wir hier richtig an der Stadt von Lord Shen? Er soll soweit ich weiß hier wohnen.“
Mit grimmigen Blicken starrten die zwei Ziegenböcke auf die fremden Reisenden herab.
„Wer will das wissen?“, frage einer von ihnen mit tiefer, verärgerter Stimme.
„Nun”, begann Po von neuem. „Wir waren in der Nähe und… oh.“
Erst jetzt fiel ihm das große Holzschild hinter den zwei Wächtern auf, wo ein großer roter Pfau mit weit geöffneten Schwingen und langen Federn abgebildet war.
„Wow, er hat sei Logo geändert. Sehr nett.“
Die zwei Ziegenböcke schnaubten verärgert und Po kam auf den Grund ihrer Anwesenheit zurück.
„Wir wollen gerne mit Lord Shen sprechen. Ist er zuhause?“
Die großen Ziegen stießen so stark die Luft aus den Nüstern, dass ihnen der Wind über ihre Köpfe wehte.
„Keine Fremden. Befehl.“
„Nun, wir, oder ich bin, kein Fremder genauer genommen. Ich bin der Drachenkrieger.“
Doch die Wachen zeigten sich unbeeindruckt von dieser Verkündung.
„Keine Fremden. Auch keine Fast-Fremden. Niemand.“
„Aber es ist sehr wichtig. Meldet uns an.“
„Der Lord erlaubt keine Besuche.“
„Hey, habt ihr denn nichts Besseres zu tun, als einen auf Smalltalk zu machen?“
Ein sehr kleines Schaf mit kleinen Hörern auf den Kopf und rot-gelben Mantel tauchte zwischen den beiden Giganten auf, aber seine Stimme hatte die von einem erwachsenen Mann. Jetzt sah auch er die beiden Reisenden.
„Wer ist das?“
„Unruhestifter“, klärte ihm einer der Riesen auf. „Sie wollen den Lord sehen.“
„Sorry, aber der Lord ist sehr beschäftigt“, gab das kleine Schaf als Antwort.
Jetzt wurde Po ungeduldig. „Wir auch. Das ist ein Notfall.“
Doch das kleine Schaf zeigte kein Interesse. „Tut mir leid, schafft sie weg.“
„HEY! So behandelt man aber nicht den Drachenkrieger!“
Plötzlich hielt das Schaf mitten im Gehen inne. „Du bist der Drachenkrieger?“
„Nun, es sieht vielleicht nicht so aus. Aber ich bin es.“
„Oh, in diesem Fall ist es was anderes. Lasst ihn durch.“
Po war etwas verwirrt. Meinte das Schaf es ernst oder sollte das nur ein Scherz sein, um sie anschließend wieder rauszuwerfen?
„Wirklich? Kein Witz?“
Das Schaf winkte mit der Hand. „Komm schon.“
„Und was ist mit ihr? Sie gehört zu mir.“
Po deutete auf Xia, die immer noch vor der bewachten „Tür“ stand und unsicher zwischen den beiden Wächtern hin und her schaute.
Das kleine Schaf strich sich übers Kinn. „Nun. Der Lord wird es entscheiden.“
Po seufzte erleichtert. „Du hast es gehört. Komm rein.“
Zuerst zögerte sie, doch dann gab sie sich einen Ruck und schritt den Weg hoch, die das kleine Schaf ging und gemeinsam erklommen sie den Hügel.
„Woher weißt du von mir?“, frage Po.
„Jeder weiß über dich Bescheid“, antwortete das Schaf.
„Aber nicht diese zwei.”
„Sie haben ihre Befehle und nehmen ihren Job sehr ernst. Jeder könnte das sagen, dass er der Drachenkrieger wäre.“
„Und warum glaubst du mir, dass ich der Drachenkrieger bin?“
„Meine Großtante hat mir berichtet, dass sie dich erwarten würde.“
„Deine Großtante?“
Po zögerte einen Moment. „Könnte es sein, dass…“
Plötzlich hielt er an. Sie hatten die Spitze des Hügels erreicht. Mit offenen Münden blickten sie nach unten.

5. Die Stadt des Pfaus


Po rieb sich die Augen und starrte erneut nach vorne.
Unterhalb des Hügels lag ein gigantisches Plateau, welches sich zwischen niedrigen und höheren Bergen erstreckte. Auf seiner flachen Berg-Fläche standen mehrere kleine und größere Gebäude, eingehüllt in einem dichten Geflecht von Baustellen-Gerüsten.
In diesen Baustellen bewegten und arbeiten unzählige Schafe, Ziegen und Schafböcke.
Der Panda und die Pfauenhenne waren so gefangen von diesem Anblick, dass sie die winkende Hand des kleinen Schafes zunächst nicht wahrnahmen, welche ihnen signalisierte ihm zu folgen.
So gingen sie den breiten Weg hügelabwärts, bis sie am Baustellen-Gebiet der Stadtmauer ein großes Tor erreichten.
Auf der linken und auf der rechten Seite postierten zwei große Ziegenböcke. Po beäugte die beiden Türen auf dem auf jeder Seite ein roter Pfau mit weit geöffneten Flügeln abgebildet war. Po konnte nicht sagen, ob er es als eine Angriffs- oder eine Willkommensgeste deuten sollte. Vielleicht beides.
Die großen Ziegen-Wächter schnaubten und starrte zu ihnen hinunter.
Doch das kleine Schaf zeigte keinerlei Furcht und bewegte auffordernd die Hand. „Öffnet das Tor.“
Po dachte schon, die beiden würden Widerstand leisten, doch kurz darauf wurde das Tor tatsächlich geöffnet.
Das kleine Schaf trat zuerst ein. Die Besucher folgten ihm.
Po winkte mit der Hand zu einem der Wachen.
„Hey, Kumpel, was geht?”
Doch der Bock antwortete nicht, sondern starrte nur mit grimmigen Augen.
Po lächelte verschmitzt. „Ebenfalls.“
Schnell rannte er den anderen hinterher, wurde aber sogleich wieder langsamer. Mit einem Schaudern im Nacken sah er sich um.
„Wow.“
Noch nie in seinem Leben hatte Po so viele Haus-Baustellen auf so engen Raum gesehen. Schwer beladene Schafe und Ziegen, die Steine und andere Baumaterialien auf Karren hinter sich herzogen. Andere hantierten an kleine chinesischen Häuser, Schafe fegten die Räume aus, andere wiederum kochten Essen. Entlang der Mauern und Häuser hingen Seile im Flaschenzug um die Steine daran hochzuziehen.
„Sehr belebter Ort“, murmelte Po.
„Die Stadt steht noch am Anfang“, erklärte das kleine Schaf. „Aber wir machen Fortschritte.“
Sie spazierten durch die Baustellen der neuen Stadt bis sie ihr Hauptziel erreichten.
„Oh,“ sagte Po voller Bewunderung. „Das ist sehr beeindruckend.“
Wieder standen sie vor einer Mauer, was Po an die Mauern um den Turm von Gongmen erinnerte, nur diesmal ohne einen Turm in der Mitte.
Neugierig reckte der Panda den Hals. Aber er musste nicht länger warten. Die Mauerntore wurden geöffnet und Po konnte sich um ein erneutes „Wow“ nicht bremsen.
Zur rechten und zur linken standen mehrere große Ziegenböcke und Steinböcke mit Lanzen verteilt auf der Mauer. Das kleine Schaf führte sie vorwärts und sie überquerten einen weiten leeren Platz. Po lief ein Schauer unter sein Fell. Das Feld, gepflastert mit bestem Stein, war so groß, dass eine ganze Armee darauf locker Platz gehabt hätte. Diese unangenehme Weite zwang ihn sich hastig umzuschauen. War das eine Falle?
Doch die Ziegen und Steinböcke, die an den Mauern patrouillierten, erweckten nicht den Eindruck, einen Angriff auf sie zu planen. Dennoch beobachteten sie jeden Schritt von ihnen.
Endlich hatten sie das große Haupthaus erreicht. Es besaß ein typisch chinesisches Dach und erinnerte von der Form her an den Jade Palst. Nur etwas größer. Die Wände waren rot bestrichen, Säulen aus Silber, die Fassaden bedeckt mit wehenden Flaggen mit roten Pfauen auf weißem Hintergrund oder weiße Pfauen auf roten Hintergrund. Jedoch stand keine Baustelle mehr drum herum. Anscheinend war dieses Haus als erste fertiggestellt worden.
„Sehr nett“, meinte Po und hielt an.
„AHA, mein guter alter Feind und Freund…“
Verwundert beobachtete Xia, wie die Augen des Pandas nach oben wanderten.
„Stufen!“
Das Palastgebäude stand auf dem leeren Platz wie eine Insel. Doch um an die Haustür zu kommen, musste man die Stufen hochsteigen, die aus hundert oder mehr bestanden.
„Nun, besser als zuhause“, seufzte Po wehmütig und setzte den ersten Fuß auf die erste Stufe.
Doch dann hielt er inne und drehte sich um.
Xia stand still da und schien unsicher zu sein ihm zu folgen.
„Oh, komm schon“, sagte Po. „Das ist immer noch besser als einen Berg hochzuklettern.“
Jetzt gab sie sich einen Ruck und nahm eine Stufe nach der anderen. Zusammen gingen sie hoch bis sie die letzte Stufe überwunden hatten und standen vor großen Flügeltüren.
Das Schaf klopfte an. Es dauerte nicht lange und ein sehr, sehr kleines Fenster wurde in der Tür geöffnet.
Der Ziegenbock im Haus fragte etwas, und das Schaf antwortete. Kurz darauf wurde das Fenster wieder geschlossen und die großen Türen geöffnet.
Sie betraten eine weiße, rote, zusammen mit Farben aus Gold, Silber dekorierten Korridor, mit aufwändig verzierten Wänden und Decken. Muster von Pfauen, Pfauenhennen und Blumen, Bäumen, Häusern waren gemalt oder eingeritzt in die Wände, Säulen, Vasen und Tische.
Po kam sich vor wie in einem chinesischen Kunstmuseum. Das war mehr als ein Palast. Doch Pfaue waren ohnehin bekannt für ihren Ruf als große Kunstliebhaber. Genauso farbenfroh wie ihre Federn.
Po hielt an, als er den lauten Klang einer Glocke vernahm.
„Folgen Sie mir“, sagte das kleine Schaf.
Sie spazierten durch den langen Korridor und der sie in eine große Halle führte, dekoriert mit großen weiß roten Flaggen. Am Ende der Halle stand ein großer Stuhl und Po wusste sofort, dass es sich dabei um einen Thron handelte.
Das Schaf hielt an und hob seine rechte Hand.
„Warten Sie einen Moment.“
Damit verließ er sie und verschwand durch eine Tür am anderen Ende der Halle.
Po nutzte die Zeit und legte seinen Rucksack ab.
„Mm. Mal ehrlich. Mit der Einrichtung ist er nicht knauserig.“
Er lachte. „Wow, was für eine gigantische Vase. Ich frage mich, was da wohl drin ist.“
Seine Faszination wurde unterbrochen, als er merkte, dass Xia sich nach allen Seiten umschaute und nervös ihre Finger knetete.
„Nur keine Sorge,“, sagte er und lächelte sie an. „Ich werde mit ihm zuerst reden.“
Die Pfauenhenne sah ihn an und versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht so wie sie es wollte.
Und bevor Po ihr eine Frage stellen konnte, hörte er kleine Schritte aus einem Flur.
Das kleine Schaf erschien und winkte mit der Hand zur rechten Seite.
„Der Lord erwartet Sie jetzt.“
Ein lauter Gongschlag hallte durch die Halle, bis er verklungen war. Doch der sterbende Klang wurde von klaren klirrenden Fußschritten abgelöst.
Sie warteten. Po ran ein Schauer über den Rücken, als er eine Bewegung durch die Seitentür der Halle sah.
Zuerst war da die Welle einer Robe, gefolgt von einer weißen Figur.
Po hielt den Atem an, als der weiße Lord die Halle mit langsamen Schritten betrat. Er trug eine silberne Robe mit roten Stickereien. Die Hände lagen zusammen unter seinem Gewand, wie immer; sein Gesichtsausdruck erfüllt mit Stolz und Ruhe, als wäre er nicht von der Welt. Seine ausstrahlende Eleganz hatte er nicht verloren. Äußerlich wirkte er zwar zerbrechlich, aber seine Gewandtheit war nicht zu unterschätzen. Und das wusste Po nur zu gut.
Seine langen Federn waren wieder vollständig auf ihre volle länge nachgewachsen und glitten über den schimmernden Marmor-Boden.
Der Pfau trat näher an sie heran. Neben dem Thron hielt er an und blickte auf sie herab. Po machte den Anfang und winkte mit der Hand.
„Hi, lange nicht mehr gesehen.“
Der Panda biss sich auf die Unterlippe. Dann senkte er das Gesicht und verneigte sich respektvoll. „Friede sei mit dir.“
Der Lord nahm einen tiefen Atemzug, was mehr wie ein Seufzen klang, doch er behielt seinen stolzen Gesichtsausdruck bei.
„Sei gegrüßt, Panda.“
Der Drachenkrieger seufzte. „Kannst du mich nicht Po nennen? Warum so formell?“
Der Lord hob die Nase etwas höher. „So ziemt es sich nun mal, Panda.“
Po zuckte die Achseln und sah sich um. „Nette Behausung, sehr groß. Wirklich sehr beeindruckend. Wie hast du diesen Platz bekommen?“
Der Lord schritt ein paar Schritte vor, während er seine Hand schweifen ließ.
„Nachdem mein Vater mir sein letztes Erbe hinterlassen hat, kaufte ich das Land von diesem Volk, unter der Bedingung, dass es in der Stadt lebt und sie für mich aufbaut.“
Er ließ seinen Blick wandern. „Du siehst, sie sind eifrig und allesamt loyale Arbeiter.“
Er machte eine Pause und seine Augen ruhten auf den Panda.
„Doch was führt dich zu mir?“
Eine gewisse Unsicherheit lag in seinen Augen.
„Oh, ja, ja. Tut mir leid, ich war so überwältigt von deinem neuen… Residenz, dass ich vergaß… ich… nein, nicht ich, sie.. ich habe… da ist jemand, der dich sehen möchte.“
Er schwang seine Hände hinter sich und deutete auf die Pfauenhenne, die ihren Strohhut abgenommen hatte. Po machte ein paar Schritte beiseite und schaute von einem zum anderen, wobei er die Handflächen vor Spannung aneinanderrieb.
Die zwei Vögel sahen sich an. Stille herrschte. Niemand sprach ein Wort. Der Panda beobachtete genau ihre Gesichter. Xia, mehr ängstlich, und Shen – keine Reaktion.
„Wer bist du?“, war des Pfaus einzige neutrale Frage.
Po ließ enttäuscht die Schultern sinken. Sie kannten sich nicht?
Die Pfauenhenne bewegte ihre Lippen und schaffte einen Laut von sich zu geben.
„Ähm, mein Name ist Xia.“
Für einen Moment senkte sie ihren Blick, fand aber die Courage wieder, um wieder zu ihm aufzuschauen.
Shen sah sie verständnislos an und bewegte skeptisch den Mund.
„Und? Kennen wir uns?“
Das Mädchen legte die Federfingern zusammen und tippte sie unruhig aneinander. „Ähm, nun, nicht wirklich, nicht direkt.“
Sie seufzte schwer.
Shen wartete immer noch auf eine detaillierte Antwort. Er machte einen Schritt nach vorne, sein Gesicht überzogen mit Misstrauen. „Ich kenne dich nicht. Woher weißt du, dass wir uns nicht wirklich kennen?“
„Ich… ich…“
Po rieb sich die Stirn. Es war als hätte sie ihren Text vergessen, bis sie einen erneuten Atemzug nahm.
„Ich bin deine Tochter.“

6. Wahr oder gelogen


Es fühlte sich an wie der Tod. Zumindest kam es Po so vor. Die Luft war wie abgestorben. Kein Wort, kein Laut, nichts um ihn herum schien zu atmen. Er wagte nur einen einzigen Laut: „Hä?“
Wie gebannt beobachtete er die zwei Vögel, welche weder sich bewegten noch sprachen. Sie standen da wie zwei steinerde Statuen. Xia wie erstarrt, und Shen – Po hatte keine Ahnung – als habe er nichts verstanden.
Der Panda wagte keine Fragen zu stellen, bis die Wärme im Raum irgendwie das eisige Schweigen auftaute.
Shen begann die Lippen zu bewegen. Po dachte er würde etwas sagen, doch stattdessen, begann der Lord heiser zu kichern.
„Das ist ein Scherz, oder?“
Po blieb der Mund komplett offen. Eigentlich hatte er erwartet der Lord würde fragen, wie und warum. War der Meister der sagenumwobenen Kampfkunst so verwirrt, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte?
Aber der Panda war nicht in der Lage etwas zu sagen und schenkte seine ganze Aufmerksamkeit Xia zu.
Doch auch die Pfauenhenne brachte kein Wort mehr heraus. Sie stand immer noch da, bewegungslos wie Stein, ohne den Augenkontakt zum Lord zu unterbrechen.
Mittlerweile schmunzelte Shen leise. „Nein, oder?“
Xia starrte ihn unentwegt an.
„Nicht dein Ernst, oder?“
Po bemerkte, wie der Herrscher mehr und mehr an Selbstsicherheit verlor.
Shen machte ein paar Schritte auf sie zu, ständig forschend auf der Suche nach einem Zweifel in ihrem Blick zu finden, doch ihre Augen lachten nicht. Schließlich hielt der Lord an. Sein Sinn für Humor war ihm gründlich vergangen.
Nein, sie meinte es ernst.
Für einen Moment dachte Po, er würde nachgeben, doch dann fand der weiße Lord seine Würde zurück.
In einer Sekunde nahm er wieder Haltung an und hob majestätisch den Kopf.
„Nett, aber tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss. Das könnte jeder behaupten. Und das ist ein sehr schlechter Scherz.“
„Nein, du bist mein Vater!“
Po bekam es mit der Angst zu tun. Der Gesichtsausdruck des Lords nahm verärgerte Züge an und aus der Erfahrung, die er mit Shen gemacht hatte, wusste er nur zu gut, dass das kein gutes Zeichen war. Doch der weiße Pfau schaffte es die Ruhe zu bewahren. Er schloss und öffnete die Augen mehrere Male sehr langsam, bevor er mit fester Stimme fortfuhr.
„Du kannst froh sein, dass ich heute so gute Laune habe. Aus diesem Grund, werde ich darüber hinwegsehen und dich bitten jetzt mein Haus zu verlassen - wenn es dir nichts ausmachen würde. Verstanden?“
Po schrak zusammen. Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen. Der Panda nahm all seinen Mut zusammen und stellte sich zwischen die beiden.
„Nur keine Sorge“, raunte er ihr zu und berührte ihren Arm. „Ich bin sicher, dass sich alles aufklären wird.“
„Panda?!“
Po erstarrte, während Shen seinen Finger warnend auf ihn gerichtet hielt. „Könnte ich dich bitte mal kurz einen sehr, sehr kurzen Moment sprechen?!“
Po schluckte. Die Stimme des Lords klang nicht gerade freundlich.
„Äh, natürlich.“
Po zwang sich zu einem Lächeln und winkte Xia zu.
„Entschuldige uns.“
Damit folgte er dem Lord in eine Ecke der Halle.
„Bist du völlig verrückt?“, fauchte Shen ihn leise zu. „Bist du wahnsinnig jeden Beliebigen zu mir zu bringen, der dir über den Weg läuft?“
Po reagierte mit einer etwas gereizten Antwort.
„Entschuldige mal, ich konnte doch nicht ahnen, dass sie deine Tochter ist.“
„Sie ist nicht meine Tochter!“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es! Sogar mehr als du!“
„Oh, wirklich?“ Po verschränket die Arme. „Denk doch mal nach. War da mal jemand in deinem Leben gewesen?“
„Nein!“
„Wirklich?“
„Ja, wirklich!“
„Bist du sicher?“
„Ja, bin ich!”
Po verengte die Augen. „Wirklich? Wirklich?“
Der weiße Ex-Herrscher war kurz davor die Beherrschung zu verlieren, konnte sich aber noch im letzten Moment wieder fangen, sodass er stattdessen seinen Zorn in einem lauten Fauchen die Zügel gab, doch er behielt sein bösartiges Lächeln. „Sei vorsichtig, Panda! Du scheinst zu vergessen, wo du dich befindest. Ich sagte, dass ich meine Waffen ruhen lassen würde, doch von Zeit zu Zeit, juckt es mich in den Fingern das hier auf dich zu werfen.“
Po zuckte zusammen, als der Lord eines seiner Messerfedern aus seinem Flügel zuckte.
„Ähm, trägst du diese Dinger immer noch mit dir herum? Sind die scharf? Autsch!“
Der Panda wedelte schmerzerfüllt mit der Hand, nachdem er mit dem Finger die Spitze der Feder-Klinge berührt hatte.
Shen grinste. „Sehr scharf.”
Po schluckte, fand aber seinen Mut wieder. „Und du scheinst zu vergessen, was du getan hast. Du bist dir also sicher, dass sie nicht deine Tochter ist?“
„Ja!“
„Doch warum sucht sie dich auf? Warum sollte sie mitten im Winter die lange Reise auf sich nehmen? Glaub mir, draußen ist es sehr kalt.“
Dieses Argument konnte Shen nicht überzeugen und wies dies mit einem abfälligen Schnauben ab. „Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand sich als ein verlorenes Familienmitglied ausgibt. Glaub mir. Das kommt in royalen Kreisen mehr als genug vor.“
Po rieb sich nervös den Kopf. Er konnte einfach nicht glauben, dass sie eine Schwindlerin war.
„Nun. Mal Hand aufs Herz. Wenn doch. Wenn du wirklich Recht hast. Aber könnte da nicht jemand sein, der so ein Spiel mit dir treiben würde? Vielleicht hast du ja mal jemanden getroffen und sie will dir glauben machen, dass du Kinder hättest. Erinnere dich. War da mal eine bestimmte Person gewesen? Denk genau nach.“
Die beiden Konkurrenten starrten sich an. Shen vor Wut, Po mit traurigem Ärger.
Schließlich gab der Pfau nach, doch sein Zorn blieb ihm ins Gesicht geschrieben.
„Nun, vielleicht. Einmal… aber das war gar nichts!“
„Gar nichts?“ Pos Tadel scheffelte erneut Öl ins Feuer. „Das sieht aber anders aus. Ich meine, das spricht doch für sich.“
„Das könnte jeder behaupten“, fauchte Shen.
„Ich kann nicht glauben, dass sie lügt.“
Der Lord zog scharf die Luft ein. „Naivität kann sehr gefährlich sein.“
Po seufzte. „Damit erzählst du mir nichts Neues. Aber Shen, bevor du einen Fehler machst, gib ihr doch wenigstens eine Chance ihre Behauptung zu beweisen. Nur dann hast du wenigstens Gewissheit.“
Shen war nicht gerade von diesem Vorschlag begeistert.
Po rieb sich übers Kinn. „Mm, sag, wann war denn dieses „Einmal“ gewesen?“
Der Lord verengte die Augen voller Verachtung. Er schielte rüber zu Xia, dann zurück auf Po.
„Vor über 10 Jahren“, grummelte er durch die Zähne. Die nächsten Worte waren sogar kaum zu hören. „19 Jahre genauer.“
Po sah zu ihr rüber. „Sag, wie alt bist du?“
„18.“
Sein Blick fiel zurück auf Shen. „Das würde passen.“
„Purer Zufall. Das ist noch lange kein Beweis.“
Po war enttäuscht. Doch dann zog sich über Shen ein gemeines Lächeln.
„Nun denn, vielleicht etwas anderes.“
Damit schritt er am Panda vorbei und ging zur Pfauenhenne rüber. Diese zog ein wenig den Kopf ein, als der Lord näherkam.
„Nun, wenn du wirklich meine Tochter bist wie du behauptest“, Shens Stimme hallte unheilvoll durch den Raum. „Dann verrate mir doch mal den Namen von deiner Mutter.“
Xia sah zu Po rüber. Dieser nickte ihr aufmunternd zu.
Die Pfauenhenne zögerte einen Moment bevor sie antwortete.
„Yin-Yu.“
„Ha!“ Shens spöttisches Lachen ließ den Panda zusammenzucken.
„Die, die ich kannte, hatte einen ganz anderen Namen!“
Enttäuscht ließ Po den Kopf hängen. Wie schade. Im Gegensatz zu Shen, der sich als Gewinner sah und sich nicht um das verzweifelte Mädchen vor ihm kümmerte.
„Tut mir leid, aber das war eine Verwechslung. Vielleicht wäre es das Beste für dich, nach jemand anderen Ausschau zu halten.“
Damit wandte sich der Lord ab, doch Xia hielt ihn zurück.
„Warte!“
Verärgerte drehte sich der Herrscher zu ihr um. Mittlerweile hatte das Mädchen etwas aus ihrem Flügel herausgenommen.
„Schau. Diese hatte sie immer bei sich getragen.“
Po trat näher heran und erkannte eine weiße Feder mit einer roten Markierung in ihrer Hand.
Es war eindeutig eine Feder von ihm.
„Das ist unmöglich!“ rief der Lord heiser. „Du…“
Er fühlte Pos Blick, den Shen mit einem aggressiven erwiderte.
„Sie muss sie irgendwo draußen gefunden haben! Das ist immer noch lange kein Beweis!“
Po bewegte zögernd den Mund. „Leidest du etwa unter Federausfall?“
Ein strenger Blick und Po zog den Kopf ein.
„Tut mir leid. Aber es muss doch etwas geben, um dir…“
„Du hast es doch gehört, Panda! Ich hab niemals jemanden mit diesem Namen getroffen. Wie war der nochmal?“
„Yin-Yu.“
„Nein, ihr Name war Fang…“
Er hielt inne.
Schnell wich Po erneut seinem Blick aus.
„Keine weiteren Fragen, Panda, verstanden?“
„Okay.“
„Aber du musst mein Vater sein!“
Po bekam die Befürchtung, dass Shen nun vollständig die Selbstbeherrschung verlieren könnte und versuchte zu retten, was zu retten war.
„Hey!“ Po schnippte mit den Fingern. „Könntest du sie uns nicht beschreiben? Vielleicht könnte uns das weiterhelfen. Was meinst du?“
Er sah Shen flehentlich an und diesmal gab es da kein Problem.
„Na gut“, stimmte der Lord zu. „Doch nur um diese Komödie ein für alle Mal zu beenden. Liang?“
Im nächsten Moment tauchte das kleine Schaf neben ihm auf.
„Ja, Meister Shen?”
„Bring mir Chun-Chen. Sofort.“
„Ja, Meister Shen.“
Po wusste nichts mit den Namen anzufangen. „Wer ist Chun-Chen?“
„Chun-Chen ist der beste Maler und Künstler der ganzen Province“, erklärte der Lord. „Gib ihm eine Beschreibung und er wird es dir zeichnen.“
Er warf Xia einen warnenden Blick zu. „Doch sollte es mir nicht bekannt vorkommen…“ Er trat näher an sie heran. „Dann verlässt du mein Haus sofort, verstanden?“
Sie nickte.
„Gut.“
Als ob er um die Ecke gewartet hätte, schaute Chun-Chen, eine alte Ziege, in den Saal.
„Du hast mich rufen lassen, Meister Shen?“
„Diese Dame wird dir jetzt eine Beschreibung einer Person geben“, kam der Lord sofort auf den Punkt. „Frag sie jedes Detail und mache deine Arbeit gut. Ich erwarte viel von dir.“
Chun-Chen nickte. „Ganz wie du wünschst, Meister Shen.“

Shen hatte sich in den hintersten Teil der Halle zurückgezogen. Po stand in der Nähe und ging unruhig auf und ab. Am anderen Ende der Halle konnten er hören wie Xia sich mit der alten Ziege unterhielt. Von Zeit zu Zeit schnappte Po Worte wie Federfarbe und Augenfarbe usw. auf.
Mit jeder Minute wurde er immer nervöser. Was wird der Lord sagen, wenn er das Bild sieht, was Xia in ihrem Kopf von ihrer Mutter hatte?
Er beobachtete den Lord, doch dieser machte einen gelassenen Eindruck. Hatte er Recht und der falsche Name der Frau war eine andere Person? War das alles ein Missverständnis?
Po strich sich über den Kopf. Das war so nervenaufreibend.
Endlich entstand eine Bewegung in der Ecke. Po hielt den Atem an. Die Ziege kam zu ihnen rüber, mit einem großen Blatt Papier in den Händen.
„Meister, es ist vollendet.“
Mit gesenktem Kopf händigte er das Papier an den weißen Lord. Po reckte den Hals um einen Blick darauf zu erhaschen. Angespannt biss er sich auf die Unterlippe, während der Lord die Zeichnung betrachtete.
Zuerst herrschte nur völlige Ausdruckslosigkeit auf seinem Gesicht. Doch dann krümmten sich seine Fingerfedern um das Papier. Plötzlich zerknüllte er es. Po wich zwei Schritte von ihm weg. Da war Wut auf dem Gesicht, die er seit ihrer letzten finalen Schlacht in Gongmen noch nie zuvor gesehen hatte. Po befürchtete schon, der Lord würde ihn schlagen. Doch dann schleuderte der weiße Vogel die Zeichnung zu Boden und trat mit dem Fuß drauf, dass sich seine scharfen Krallen reingruben. Dann drehte er sich blitzschnell um und rannte davon.
Po wusste nicht, was er davon halten sollte und hob das teilweise beschädigte Papier auf.
„Oh.“
Fasziniert besah er sich das darauf gemalte Gesicht. Er musste zugeben, dass die Pfauenhenne sehr schön aussah. Ihre Federn und ihr Hals waren fast dunkelbraun, doch mit einzelnen weißen silbernen Federn bestückt und ergaben ein harmonisches Muster. Ihre Augen schienen wie Silber zu funkeln und ihr grauer Schnabel, es war kein trostloses Grau, war teilweise vermischt mit einem goldenen Schimmer.
Po sah auf Xia. Das Mädchen schaute mehr traurig als ängstlich drein.
Tief beeindruckt beugte sich der Panda zu Chun-Chen rüber.
„Wow, du bist ein richtiges Zeichentalent. Meine Hochachtung.“
Er schaute in die Richtung, in die Shen zuvor verschwunden war.
„Entschuldigt mich kurz.“

Mit einem lauten Krachen schlug der Lord die Zimmer-Tür seiner Privaträume auf, stieß einen wütenden Schrei aus und trat mit aller Kraft gegen einen Stuhl, der gegen die Wand zerschellte.
Po stand im Korridor and hörte das laute Gepolter im Zimmer. Er wartete mehr als zwei Minuten, bis der Lärm nachließ.
Vorsichtig lugte der Panda in den Raum.
Der Lord lag keuchend auf dem Boden, sein Oberkörper gestützt auf seinen Armen und starrte nach unten.
Langsam trat der Panda näher heran. „Und? Ist sie es?“
Der Pfau rang immer noch nach Luft, doch dann nickte er mit zittrigen Bewegungen.
„Ich habe ihr Gesicht nie vergessen.“
Noch einmal besah Po sich das Bild in seinen Händen, dass er mitgenommen hatte.
„Vielleicht gibt es eine Erklärung dafür.“
„Erklärung?“ Der Lord lachte heiser. „Was für eine Erklärung könnte es dafür geben?“
Po zuckte die Achseln. „Oh, ich kenne viele Leute, die außergewöhnliche Erklärungen hatten für irgendwelche Dinge.“
Stille trat ein, bis der Lord aufstand und zum Fenster ging. Po folgte ihm im sicheren Abstand und beobachtete ihn.
„Du hast gesagt, dass da ein Tag gewesen war. Aber was passierte an diesem Tag?“
Der Lord starrte durchs Fenster.
„Ein Tag“, flüsterte der Lord, etwas ruhiger, aber Schwere lag in seiner Stimme. „Dieser Tag, es war ein verschneiter Tag wie heute. Aber ein stürmischer Tag. Ein stürmischer Tag hoch oben in den Bergen.“

Vor über 10 Jahren…

Tief in Gedanken versunken saß der Lord in seinem Quartier, gebeugt über Papiere und Zeichnungen. Seine Fabrik war fast fertig. Aber der Schneesturm war so schwer, dass die Arbeiten vorerst unterbrochen werden mussten. Mit einem tiefen Seufzen sah sich der verbannte weiße Prinz um. Das war nicht gerade ein annehmlicher Ort für jemanden seiner Herkunft. Es war eine große Höhle. Tief verborgen in den Bergen. Aber das würde sich bald ändern. Sogar schon sehr bald. Und nicht mehr lange und er konnte sich wieder wie ein Lord in einem Königreich fühlen.
„Meister Shen.“
Der Lord blickte auf. Wölfe kamen herein.
„Wir fanden dieses Individuum in der Näher der Baustellen deiner Fabrik-Anlage.“
Die Wächter warfen etwas auf den Boden, umhüllt in brauen, alten Kleidern.
Da war ein schluchzender Laut. Der Lord brauchte nicht lange, um zu bemerkten, dass es sich um eine Frau handelte. Dennoch holte er sein Messer hervor, als er an die vermummte Gestalt herantrat. Die Frau verbarg ihr Gesicht unter einer alten Robe. Vorsichtig hob der Pfau den Zipfel mit der Klinge an. Die Frau zuckte zusammen und wich von ihm zurück, aber die Wölfe schubsten sie einfach wieder nach vorne. Dabei stolperte sie und fiel genau gegen den Pfau.
Schnell stieß er sie von sich und sie sank zu Boden. Mit einem bösen Zischen deutete er mit dem Messer auf sie.
„Wie kannst du es wagen in mein Territorium einzudringen?!“, fauchte er sie an.
Dann wanderte sein Blick zu den Wachleuten.
„Ich dachte, eure Männer bewachen das Gebiet.“
„Der Sturm ist zu stark“, erklärte einer der Wölfe. „Wir mussten die Wachstunden verkürzen.“
Der Lord knurrte. „Niemand, ich erlaube niemanden, auch nur einen Fuß in mein Land zu setzen! Sonst passiert sowas wie das hier!“
Er schwang das Messer. Ein großer Schnitt zerriss die braune Kleidung an einer Stelle.
„Zu welchem Zweck spionierst du meine Häuser aus?!“
Die Frau vor ihm begann zu zittern.
„Ich wusste nicht wohin ich ging“, flüsterte sie heiser. „Der Sturm verbarg mir den Weg.“
Der Lord schnaubte. „Denk dir besser eine andere Ausrede aus, bevor ich dich exekutieren lasse.“
Die unbekannte Figur sank tiefer zu Boden, als der Lord sich zu ihr runterbeugte. „Glaub mir“, flüsterte er gefährlich. „Ich habe keine Hemmungen eine Frau zu töten. Spione und Verräter haben kein Recht die Luft dieser Welt einzuatmen.“
Er führte das Messer weiter vor und hob die Robe an. Da war eine Bewegung und zwei silberne, ängstliche Augen blickten zu ihm auf.
Der weiße Prinz senkte das Messer ein wenig und starrte sie an. Noch nie in seinem Leben hatte er eine Pfauenhenne wie sie gesehen. Sie senkte den Blick wieder und legte sich auf den Boden.
„Wenn es so ist, dann tut es“, sagte sie erschöpft. „Ich habe niemanden, der sich um seinen Tod schert.“
Der weiße Vogel erhob sich und sah auf sie herab. Es brauchte mehr als fünf Sekunden bis er seine Sprache wiederfand.
„So, dich hat also niemand geschickt?“
„Niemand. Ich hab nur nach einem Platz gesucht, um mich vor der Kälte zu schützen.“
Er verengte die Augen. „Woher kommst du?“
„Von sehr weit weg. Ich besitze keinen festen Wohnsitz.“
„Ganz schön verdächtig.”
„Dann tötet mich.“
„Mm. Ich werde dich hierbehalten, um sicher zu gehen, dass du mich nicht ausspionierten willst.“
Sie hob den Kopf.
„Wie heißt du?“
„Fang.“
Er hob die Nase etwas höher. „Na schön, Fang. Wenn du nur gekommen bist, um nach einer Unterkunft zu suchen, dann kannst du hier bleiben bis das Unwetter vorbei ist.“


„Wieso hast du sie verschont, wenn du dachtest, sie wäre eine Spionin?“, unterbrach ihn Po.
Shen warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Ich weiß es nicht.“
Er stieß ein erschöpftes Schnauben aus und murmelte sehr, sehr leise: „Was würdest du tun, wenn du so etwas Schönes in einem Ödland finden würdest?“
Po hatte das gar nicht mitbekommen. „Was?“
„Gar nichts!“
Er räusperte sich. Dann fuhr er fort.
„Aus einem Tag wurde über eine Woche. Sie verstand mich mehr als dass es jemand jemals zuvorgetan hätte. Ich zeigte ihr alles. Meine Anlagen, meine Pläne. Wir teilten viele Dinge.“
„Ich dachte, du dachtest, sie wäre ein Spion.“
Ein lautes Fauchen und der Panda verstummte.
„Du hast ja keine Ahnung über so viele Dinge.“
Ein kleines, sanftes Lächeln überzog Shens Lippen.
„Und nach dem achten Tag…“
Der Lord unterbrach sich selbst.
„Nun, ich war jung. Den Rest kannst du dir vorstellen.“
Po legte den Kopf schief. „Äh, nein.“
Shen warf ihm einen „wie-dumm-bist du“-Blick zu.
Po dachte einen Moment nach. „OH, das meinst du, okay.“
„Jedenfalls, nach der achten Nacht, verbrachten wir auch den nächsten Morgen zusammen. Der Schneesturm hatte sich gelegt. Es war ein schöner Spaziergang im Schnee. Bis… sie unterwegs sagte, sie müsste für einen kurzen Moment weg. Und dann…“
Po wartete darauf, dass er weitererzählte.
„Sie kam nie mehr zurück.“
„Äh, was, warum nicht?“, fragte Po.
Doch Shen ging nicht auf seine Frage ein. „Meine Soldaten durchkämmten die ganzen Berge. Doch sie blieb unauffindbar.“
Schweigend sah Po ihn an. Zum ersten Mal sah der Lord sehr traurig aus.
Prüfend betrachtete der Panda das Portrait erneut. „Aber jetzt hast du nach so langer Zeit eine neue Spur.“
Shen schnaubte und blickte mit Abscheu auf die Zeichnung. „Das beweist doch nur… dass sie mich angelogen hat!“
Er schlug dem Panda das Papier aus der Hand.
„Seitdem weiß ich, dass sie mich nur zu ihrem Vergnügen benutzt hat!“
Po hob schützend seine Hände vor sein Gesicht. „Das meinst du doch nicht so, oder?“
„DOCH! Ich meine so! Sowohl damals, als auch heute! Sie hat mich fallen gelassen, nachdem sie ihren Spaß mit mir gehabt hatte!“
Po wich zurück. „Äh, Shen?“, begann er vorsichtig. „Vielleicht hatte sie ja einen Unfall gehabt. Vielleicht hat sie ihr Gedächtnis verloren.“
„Aha.“ Shen lachte. „Einen so großer Fall von Gedächtnisverlust, dass sie sich daran erinnern konnte, dass ich eine Tochter habe?“
Beschämt senkte Po den Blick. „Shen. Während sie dich geliebt hatte – du weißt schon, ähm, hattest du da den Eindruck gehabt, dass sie dich nicht von Herzen lieben würde?“
Der Lord wich seinem Blick aus. Der Panda durfte sich darauf keine Antwort erhoffen.
Doch Po nahm einen erneuten tiefen Atemzug. „Shen, jetzt spreche ich zu dir als Drachenkrieger. Wäre es nicht ein guter Schritt von ihr zu hören, was sich an diesem Tag ereignet hatte? Nur zuhören. Dann kannst du immer noch entscheiden, was du glauben willst.“
Schweigend dachte der Lord nach.
Plötzlich drehte er sich um und stierte düster gegen die Wand. „Ich habe mir geschworen nie wieder etwas von ihr zu hören. Nie mehr an sie zu denken. Niemals mehr einen Gedanken an sie zu verschwenden. NEIN!“
Po erschrak.
„Schaff sie weg! Ich will sie nie wiedersehen!“
Po tippet die Fingerspitzen aneinander. „Ähm..“
Er schloss sofort seinen Mund wieder, als Shen warnend seinen Flügel hob. Und der Kung Fu Krieger wusste, er war an dem Punkt gelangt, wo Shen absolut nichts mehr hören wollte.
Niedergeschlagen ließ der Panda die Hände sinken. „Na schön. Ich werde es ihr sagen.“

Noch immer stand Xia im farbenfrohen Korridor und ging ziellos auf und ab. Sie hielt erst inne, als sie Po auf sich zukommen sah.
„Und? Was hat er gesagt?“, fragte sie.
Er seufzte tief und versuchte zu lächeln. „Nun, ich denke, dass es das Beste wäre, ihm einen Brief zu schreiben.“
Sie starrte ihn geschockt an. „Nein, er muss zuhören. Er muss mir zuhören!“
„Aber…“
Doch die Pfauenhenne achtete nicht auf ihn.
Sie rannte an ihm vorbei und lief durch den Korridor zu den Privaträumen.
„Nein!“
Po rannte ihr hinterher. Das würde ein Fehler sein.
Shen stand immer noch in seinem Zimmer und starrte an die Wand. Er hob den Kopf, als er schnelle Schritte auf ihn zu rennen hörte.
„Bitte, hör mir zu!“
Shen stieß einen wuterfüllten Schrei aus. „Wache!“
In diesem Moment betrat auch Po den Raum, inklusive zwei große Steinböcke.
„Oh, hi Kumpel“, grüßte Po.
„Werft diese Person raus!“
Po bekam es bei diesem Verhalten mit der Angst zu tun. Doch der Lord war so in Rage, dass er es nicht wagte einzugreifen.
Die Wachen verschwendeten keine Zeit und packten das Mädchen.
„Nein!“, schrie sie. „Bitte, das kannst du nicht tun!“
Doch Shen ignorierte sie und machte sich daran sich zu entfernen, während die großen Ziegenböcke sie wegzerrten.
„Nein! Bitte! Wenn du mir schon nicht helfen willst, bitte, dann komm wenigstens und sieh deinen Sohn bevor er stirbt!“
Shen hielt inne. Nur Po bekam große Augen. „Was?“
Jetzt drehte sich der Pfau um. Die Ziegenböcke waren stehen geblieben, als der Blick des Lords sie traf.
„Ich habe einen Sohn?“
Xia nickte hastig. „Ja, er ist schwer verletzt nach dem Kampf mit Hunnen. Vielleicht stirbt er.“
Po verstand gar nichts mehr. „Hunnen? Sohn? Kampf?“
In diesem Moment erklang ein klapperndes Geräusch von Hufen und einem Gehstock neben ihm. Langsam drehte der Drachenkrieger den Kopf nach links, wo ihn ein bekanntes Gesicht entgegenblickte.
Der Lord starrte sie an. Neben ihr stand ihr Großneffe Liang.
„Shen.“ Die Ziege schenkte ihm einen bittenden Blick. „Bitte, mäßige deinen Zorn und höre zuerst zu bevor du ein Urteil fällst.“
Die Wahrsagerin nickte dem Panda zu. Und Po hob die Hand. „Hi. Ja, genau das hab ich ihm die ganze Zeit auch schon gesagt.“
Alle richteten ihre Augen auf den weißen Feldherrn, der mit sich selbst am Kämpfen war.
Noch einmal rang er schnaubend nach Luft, dann gab er nach.
„Wie du willst.“ Doch er behielt seinen Sarkasmus. „Na schön. Dann erzähl mal deine Geschichte.“


Laut Kung Fu Panda 2 sollte Shen 30 Jahre auf den Moment seiner Eroberung gewartet haben. In Kung Fu Panda 3 hingegen ist Po ca. 21 Jahre alt. Es ist anzunehmen, dass Shens Verbannung knappe 20 Jahre gedauert hatte. In dieser Geschichte hat er Yin-Yu getroffen, nachdem er schon über 1 Jahr im Exil lebte.

7. Der schlechte Ehemann


Es herrschte eine angespannte Atmosphäre im Raum. Jeder hatte Angst vor Shens gereiztem Temperament. Doch dieser hatte sich inzwischen seine Ruhe wieder zurückgerufen und sich auf einem Stuhl niedergelassen.
Po wagte es nicht, ihm etwas zu fragen, und setzte sich einfach auf den Fußboden.
Die Wahrsagerin und ihr Großneffe Liang blieben in Shens Nähe, und niemand wollte wissen warum.
Xia sah ihren Vater an, doch alles was sie von ihm erhielt, war ein kalter Blick.
„Könntest du jetzt anfangen?“, fragte er eisig.
Er war ungeduldig und wütend zugleich. Xia stellte keine Gegenfrage und begann zu erzählen, wobei ihre Körperhaltung einen schon beinahe unterwürfigen Eindruck erweckte.
„Ich kann nur sagen, was sie mir erzählt hatte“, sagte sie leise. „Es war nicht leicht für sie zu gestehen was passiert war.“
Es klang wie eine Entschuldigung, doch darauf ging Shen nicht ein und schwieg.
Das Mädchen seufzte niedergeschlagen.
„Vor vielen, vielen Jahren, noch vor meiner Geburt, war meine Mutter die Prinzessin von Jingang.“
„Jingang?“ Po sah sie überrascht an. „Das ist einer der reichsten Landstriche von ganz China. Und sie war wirklich eine Prinzessin?“
Alle Augen richteten sich wieder auf Shen, der wie auf Feuer von seinem Platz aufgesprungen war.
„Willst du mich zum Narren halten?“, keifte er aufgebracht. „Das hat sie mir nie erzählt!“
„Shen, bitte“, mahnte ihn die Wahrsagerin. „Beruhige dich.“
Der weiße Lord setzte sich wieder. Die Wahrsagerin nickte dem Mädchen zu und Xia startete einen neuen Versuch.
„Nun, sie war eine Prinzessin, doch ich kann das erklären. Ihre Eltern waren sehr streng mit ihr. Sie musste immer ihre schöne Tochter sein. Immer höflich und ruhig. Das war ihr Leben. Als sie alt genug war, hörte sie, dass sie einen Mann heiraten sollte, den sie nicht liebt.“
Sie hielt einen kurzen Moment inne.
„Eines Tages, rannte sie davon. Sie wollte weit weg vom Elternhaus. Auf ihrem Weg verirrte sie sich in einem Schneesturm, bis sie dich traf.“
Shen setzte einen skeptischen Blick auf, so als ob er sagen wollte; dass soll ich dir glauben?
Xia rieb ihre Hände nervös aneinander. „Nun, nachdem du und Mutter euch getroffen habt…“
„Wir brauchen keine weiteren Details“, schnitt Shen ihr das Wort ab. „Ich kenne den Rest. Dafür brauche ich keine Interpretationen von außerhalb.“
Xia seufzte, doch sie behielt ihre Courage weiterzusprechen.
„Nun, als du und sie einen Spaziergang machten, habe sie in der Ferne ein paar Palast-Soldaten ihrer Eltern erblickt. Sie hatte Angst sie könnten sie mit dir zusammenfinden. Sie wollte dich nicht in Schwierigkeiten bringen.“
„Kling wie ein schlechter Witz. Ich kann sehr gut auf mich selber aufpassen.“
„Vielleicht konnte sie es nur nicht ertragen, dass sie dich töten könnten.“
„Und was ist danach passiert?“, fragte Po schnell bevor Shen zu einem nächsten harten Argument ansetzte.
„Nun, sie hat keine andere Möglichkeit gesehen, als sich ihnen zu erkennen zu geben, und die Palastwachen schleppten sie zurück nach Hause. Aber im Palast versuchte sie immer wieder einen Ausweg zu finden, doch ihre Eltern entschieden sie mit einem Pfau von anderem Ende Chinas sofort zu verheiraten. Sein Name ist Xiang. Ein paar Tage nachdem sie wieder Zuhause angekommen war, wurde sie in seine Stadt gebracht. Sie sagte immer, dass sie ihn nie heiraten wollte. Doch alle zwangen sie mit ihm die Ehe einzugehen.“
„Eine Zwangsheirat?“ Po war schockiert. „Das ist ja furchtbar.“
„Das ist unmöglich!“, schrie Shen.
Po riss empört die Hände hoch. „Was ist denn jetzt schon wieder unmöglich?“
„Spiel mir doch nichts vor!“
Der Lord rannte auf Xia zu und durchbohrte sie mit seinen Augen. „Wie hätte sie dich die Welt bringen können? Ein uneheliches Kind ist immer eine Schande und bring immer die Todesstrafe mit sich. Ich kenne das Gesetz königlicher Familien. Nebenbei bemerkt, woher soll ich wissen und wer gibt mir die Garantie, dass du nicht die Tochter von ihm bist?“
Ein Zittern erfasste das Mädchen. Schnell nahm Po sie beiseite und blickte Shen vorwurfsvoll an.
„Lass sie doch erst mal ausreden, okay?“
Shen hatte Mühe seine Wut zu bremsen. „Treib es nicht zu weit.“
Die alte Ziege räusperte sich und die beiden blieben für einen Moment still.
„Sie war schwanger, das stimmt“, gab Xia zu. „Doch sie schaffte es, Xiang davon zu überzeugen, dass es seine eigenen wären. Und wir wuchsen auch auf als seine Kinder.“
„Na fein!“ Damit schwang Shen seine Robe über den Boden. „In diesem Fall ist ja alles für sie in Ordnung.“
Es war ein sehr, sehr sarkastischer Ton.
„Ein Land, ein Palast, Kinder von wemauchimmer, was soll ihr da noch fehlen?“
„Aber sie hat ihn nie geliebt“, wandte Xia schnell ein.
„Lüg mich nicht an!“ Wieder kehrte in dem mächtigen Pfau der Zorn zurück.
„Es ist wahr!“ Xia rannte auf ihn zu und bekam seinen Arm zu fassen, doch Shen stieß sie einfach von sich.
„Er unterdrückt sie jeden Tag.“
Shen zuckte gleichgültig die Achseln.
„Ihr Pech.“
„Doch ich bin mir sicher, dass sie immer noch Gefühle für dich hat.“
„Das erklärt nicht, weshalb sie mir sowas unverfrorenes aufgetischt hat wie eine – LÜGE!“
Po schrak zusammen und stolperte nach hinten.
Dieser Bruchteil der Ungeschicklichkeit des Pandas reichte um Shen kurz abzulenken und wieder eine kleine Spur ruhiger zu werden. Seine Stimme schlug um in ein leichtes Flüstern. „Alles war und ist eine Lüge.“
Damit kehrte er ihr den Rücken zu und verschränkte die Arme.
Nicht ein Laut war zu hören, bis Xia einen Schritt auf ihn zu ging.
„Glaub es, oder glaub es nicht, er macht sie nur unglücklich. Er sagt immer, dass er mit ihr machen kann was er will. Sie wäre sein Eigentum. Ich hab sie nie lächeln sehen. Sie muss immer an seiner Seite stehen, um ihn besser aussehen zu lassen.“
Shen erwiderte nichts und starrte nur aus dem Fenster.
Es schien, als habe er beschlossen nichts mehr sagen.
Po fiel es schwer zu schlucken, so einen dicken Kloss hatte er im Hals. „Ähm, ähm.“
Seine Augen kleben auf dem Lord, nur um sicher zu gehen, dass der Pfau nichts dagegen hatte ein Wort zu sprechen und achtete auf jede Körpersprache. Doch Shen verbot ihm nicht seinen Versuch der Kommunikation und Po wagte einen Satz zu formen.
„Ähm, seit wann weißt du denn, dass Shen, ähm, vielleicht, dein möglicher Vater ist?“
„Seit ungefähr einem Jahr“, antwortete Xia. „Es war viele Tage nach der Schlacht in Gongmen. Viele Leute redeten über einen Krieger, der einen weißen Pfau besiegt hatte, der China erobern wollte. Auch ich hörte davon. Doch nachdem auch meine Mutter davon erfahren hatte, brach sie zusammen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie sich in die einsamste Ecke des Palastes zurückgezogen hatte und weinte.“

Vor vielen Monaten…

Zutiefst besorgt öffnete Xia die Tür. Ihre Mutter lag weinend in einer Ecke, so wie das Mädchen es schon all die Jahre über mitansehen musste. Doch diesmal war es schlimmer. Still und leise schloss sie die Tür hinter sich und ging zu ihr rüber.
„Mutter? Was ist passiert?“
Doch die Pfauenhenne schienen sie nicht wahrzunehmen. Vorsichtig legte das junge Mädchen die Hand auf ihre Schulter.
Jetzt entstand doch eine Bewegung. Mit tränenüberströmten Augen sah ihre Mutter zu ihr hoch.
„Hat Vater dich wieder geschlagen?“
Ihre Mutter antwortete nicht und bedecket ihr Gesicht mit den Flügeln.
Xia seufzte und ließ sich neben ihr nieder.
„Warum tut er das?“, murmelte sie. „Kann er dich denn nicht mehr so lieben wie am Tag euerer Hochzeit?“
„Lieben?“ Zum ersten Mal sprach Yin-Yu ein Wort aus als wäre es pures Gift. „Er hat mich nie geliebt.“
Ihre Tochter wich ihrem Blick aus und legte ihre Finger aneinander.
„Aber in eurer Hochzeitsnach. Da muss doch ein Hauch von Liebe gewesen sein, oder nicht?“
Das laute Schluchzen ließ sie erstarren.
„Das kann doch so nicht weitergehen“, sprach Xia traurig.
Sie zuckte zusammen. Ihre Mutter hatte nach ihrem Armen gegriffen und zog sie zu sich heran. Anschließend umarmte sie sie feste.
„Ich wünschte ich könnte es beenden, doch ich konnte nie. Ich wünsche mir wirklich sie hätten mich nie gefunden.“
Vorsichtig strich ihre Tochter über ihren Rücken.
„Was meinst du damit?“
„Ach, mein liebes Kind, es war alles so…“
Wieder begann sie zu weinen.
Ihre Tochter wusste nicht was sie tun sollte.
„Vielleicht wäre ja alles anders gekommen. Doch ich hatte keine andere Möglichkeit gesehen euch zu beschützen.“
Diese Aussage verwirrte ihre Tochter nur noch mehr. „Ich verstehe nicht was du mir damit sagen willst.“
Daraufhin legte ihre Mutter ihre Hände auf ihre Schulter und sah sie feste an.
„Vielleicht, du und dein Bruder haben so eine Ähnlichkeit mit ihm.“
„Ähnlichkeit? Mit wem?“
Yin-Yu wischte sich über die nassen Augen. „Er ist fort. Ich kann nicht damit leben, ihn vollständig in Vergessenheit geraten zu lassen. Nicht ohne, dass du je von ihm gehört hast.“
Xia wusste nicht was sie darauf erwidern sollte. Ihre Mutter zwang sich zu einem Lächeln, was sehr selten der Fall war.
„Du hast doch von dem Kampf in der Stadt Gongmen gehört, nicht wahr?“
„Ich hab davon gehört. Es war ein Pfau wie wir. Doch was hat das mit uns zu tun?“
„Sein Name war Shen. Er sollte der zukünftige Herrscher über Gongmen werden.“
Xia wurde unsicher. „War er mit dir verwandt?“
Wieder glitt ein bitteres Lächeln über den Mund ihrer Mutter. Liebevoll legte sie ihre Hände auf ihre Arme.
„Xia, mein liebes Kind, ich muss dir was sagen, doch ich hatte Angst, dass du davon erfährst, weil es uns in Gefahr bringen könnte. Ich, du und dein Bruder. Aber es ist Zeit für dich. Ich muss dir was gestehen.“
„Was willst du mir sagen?“
„Xia, Liebes. Xiang… Xiang ist nicht dein Vater.“
Xia starrte ihre Mutter an. „Was?“, flüsterte sie.
„Shen, Shen war dein richtiger Vater.“


„Danach brach alles aus ihr heraus“, fuhr Xia fort. „Sie erzählte mir alles. Ich gabs dann später an meinen Bruder weiter.“
„Und was hat er dazu gesagt?“, frage Po neugierig.
„Er war betroffen, er brauchte eine Weile das zu verarbeiten. Doch es war klar für uns alle, dass Xiang nie davon erfahren durfte.“
„Kann ich sehr gut nachvollziehen“, klang Shens flüsternde Stimme durch den Raum. Er starrte immer noch aus dem Fenster. „Ganz schön verdächtig, dass sie dir das alles erst nach meinem „Tod“ beichtet.“
Po knabberte an seinen Fingernägeln. „Ähm, apropos Sohn, was hat das denn jetzt alles mit den Hunnen auf sich?“
Xia schien froh darüber zu sein, dass er diese Frage stellte.
„Unsere Stadt liegt nicht weit entfernt von der Grenze Chinas, ganz in der Nähe am Land der Hunnen. Xiang hat sie über all die Jahre immer wieder herausgefordert. Doch diesmal war es ein schlechter Zeitpunkt gewesen. Hunnen überquerten die Grenze und überfielen unsere Stadt. Meine Mutter half mir zu entkommen. Mein Bruder dagegen kämpfte länger, aber er konnte nicht gewinnen. Ich schaffte es gerade noch ihn aus dem Kampf zu ziehen. Zusammen fanden wir Zuflucht in einem kleinen Dorf. Die dortigen Bewohner tun dort alles, aber… aber sie haben nicht mehr viel Hoffnung für ihn.“
„Die Strafe folgt auf den Fuß“, war Shens einziger Kommentar dazu.
Xia versuchte es zu ignorieren. „Aber dann, hörte ich davon, dass der weiße Pfau immer noch am Leben ist und mir fiel nichts anderes ein als nach ihm zu suchen.“
In diesem Moment drehte Shen sich zu ihr um und sah ihr eiskalt ins Gesicht.
„Und warum?“
„Ich habe nach dir gesucht, damit du uns helfen kannst. Die Hunnen halten meine Mutter gefangen. Ich befürchte, dass sie ihr was antun können. Ich brauche jemanden der sie retten kann und… ihren Ehemann.“
Was sollte sie anderes sagen über einen Vater, der gar nicht ihr Vater war?
Der Pfau hob die Nase höher. „Warum ich?“
„Ich kenne niemand anderen, den ich darum bitten könnte.“
Ein kaltes Lächeln umspielte seinen Mund. „Und warum sollte ich das tun, nachdem sie so ein Spiel mit mir getrieben hatte?“
Ein heftiges Zucken entstand auf Xias Gesicht. „Warum fragst du sie nicht selber?“
„Gute Idee“, meinte Po, hielt sich aber danach sofort wieder den Mund zu.
Doch der weiße Lord kümmerte sich nicht um die Bemerkung des Pandas.
„Ich habe mich genug um andere Dinge zu kümmern. Vielleicht solltest du nach jemand anderen suchen, der dir helfen kann. Wie wäre es mit ihm?“
Pos Augen weiteten sich, als der Lord auf ihn zeigte.
„Ich?“
„Liegt das nicht in deiner Pflicht als Drachenkrieger?“
„Mm, ja schon, aber, das ist nicht meine persönliche Angelegenheit. Es ist…“
„Sei still, Panda.“
„Dann tu es wenigstens für deinen Sohn“, versuchte Xia es erneut. „Gewähre ihm wenigstens bitte einen letzten Blick.“
Shen war kurz davor den Kopf zu schütteln.
„Nur einen kurzen Moment für die Ewigkeit.“
Ihre Pupillen wurden groß und flehend.
Shen verengte die Augen. „Ich muss darüber andenken.“
Damit verließ er den Raum.

Tief in Gedanken versunken spazierte er auf der Terrasse seines neuen Palastes. Draußen herrschten immer noch Minustemperaturen.
Er wusste nicht wie lange er unterwegs war. Durch seinen Kopf schwirrten tausende von Fragen und immer dieselben gemischten Gefühle, sollte er nun gehen oder nicht.
Ein klapperndes, schabendes Geräusch ließ ihn aufhorchen. Vorsichtig ging er an den Wänden seines Palastes entlang und schaute um die Ecke.
Die Ziege saß an der Wand gelehnt und rieb mit ihrem Gehstock über den steinigen Boden.
„Ganz schön kalt heute, nicht wahr?“
Shen schnaubte. „Nicht kalt genug.“
„Ich spüre wie dich eine eisige Atmosphäre umgibt.“
„Verschone mich mit deinen weisen Worten“, schnitt Shen ihr das Wort ab und wollte seinen Spaziergang wieder fortsetzen.
„Du siehst aus, als könntest du etwas Gesellschaft gebrachen.“
Sie stand auf und sah ihn an.
Er gab nach.
„Wie du willst.“
„Nur wenn du es erlaubst.“
„Ich erlaube es.“
Gemeinsam gingen sie an den großen hohen Mauern des Hofes entlang. Eine Weile lang sprach keiner ein Wort, bis Shen eine Frage nicht mehr länger unterdrücken konnte.
„Du weißt doch so viel. Sag mir, ist sie und ihr Bruder, meine richtigen Kinder?“
Sie hielt an. Auch er hielt in seinem Gehen inne.
Sie blickte geradeaus, während er sie von der Seite ansah.
„Ich sehe Schmerzen.“
“Was ist mit… Autsch! Geht das schon wieder los! Lass mir meine Federn!“
„Tiefer Groll aus der Vergangenheit.”
Nachdenklich betrachtete sie Shens Feder in der Hand. Die Augen des Pfaus weiteren sich.
„Willst du mir etwas über meine Zukunft sagen?“
Doch die Ziege antwortete nicht und legte die Feder, die sie ihm zuvor rausgerissen hatte, auf den Boden ab.
„Ist das eine neue Wahrsagerei-Masche?“
Doch stattdessen holte die alte Frau die Feder hervor, die Xia ihm zuvor gezeigt hatte.
Der Pfau verengte die Augen. „Was willst du mir damit sagen?“
„Ich weiß, du glaubst immer noch nicht, dass sie deine Tochter ist, nicht wahr?“
„Du weißt nicht warum.“
„Ich kenne den Grund. Und du glaubst diesem mehr als ihr.“
Der Lord schwang seine Robe und wandte sich enttäuscht ab.
„Ich habe es verbrannt. Du kannst davon nichts wissen.“
„Du hast gesagt, ich würde viele Dinge wissen. Und dies ist eines der vielen Dinge über die ich Bescheid weiß.“
„Und was willst du mir damit sagen?“
Sie platzierte die zwei Federn nebeneinander. Seite an Seite.
„Wenn sie dich nicht liebt, wieso sollte sie diese über all die Jahre immer bei sich getragen haben?“
„Um mich zu verspotten.“
Traurig schüttelte die Ziege den Kopf. „Deine Sicht ist verblendet mit so vielen dunklen Wolken des Zorns.“
„Mein Verstand war noch nie so klar wie heute“, knurrte Shen. „Gib mir wenigstens eine klare Antwort. Sind sie jetzt meine Kinder oder nicht?“
„Shen“, begann sie sanft. „Das musst du ganz alleine herausfinden. Und das kannst du nur am besten, wenn du dein Herz öffnest.“

Besorgt und rastlos ging Xia auf der Terrasse, die auf der anderen Seite des Hauses lag, auf und ab. Po stand in einiger Entfernung und beobachtete sie. Doch in dem Moment, als er sich vornahm, etwas zu sagen, erschien Shen.
Der Pfau warf ihm einen warnenden Blick zu und Po verschwand hinter einer Ecke im Haus.
Kaum war der Panda verschwunden, trat der Lord an das Mädchen heran. Unsicher blickte Xia ihn an, bis Shen die Stille, die sie beide umgab, unterbrach.
„Na schön. Ich komme mit dir.“
In Xias Augen funkelte ein Hoffnungsschimmer, doch bevor sie ein Wort dazu äußerten konnte, hielt Shen sie zurück.
„ABER… nur um ein paar Dinge klar zu stellen.“
Mit gefährlicher Geste deutete er mit dem Finger auf ihren Schnabel. „Und ich scherr mich nicht darum, dass du meine richtige Tochter bist oder nicht. Ich werde dich nie als einen Teil von mir akzeptieren, verstanden?“
Sie nickte sofort und Shen war zufrieden. „Fein… und du!“
Er blickte hinter sich. „Du hast lange genug gelauscht.“
Schüchtern spähte Po um die Ecke und verließ eilig sein Versteck. „Ähm, meine Füße wollten sich nicht so weit fortbewegen.“
Shen rollte die Augen. „Na toll.“
Er ging an den Panda vorbei, doch bevor er das Haus erreichen konnte, gab Po ein gemurmeltes „Ähm?“ von sich.
Shen drehte sich zu ihm um.
„Was?“, frage er genervt.
„Ähm, kann… kann ich…“ Nervös tippte Po die Finger zusammen. „Kann ich mitkommen?“
Noch bevor Shen den Mund öffnen konnte, war Po schneller. „Bitte! Bitte, bitte!“
Seine Pupillen wuchsen zu großen Rehaugen.
Mit so einem Blick konnte man Shen zwar nicht beeindrucken, doch dieser Panda würde nicht eher Ruhe geben, bis er eine Antwort erhalten würde.
Ein tiefes Seufzen ließ den Panda zusammenfahren.
„Na schön.“
Innerlich brach  Po in einen regelrechter Jubel aus. „Yeeah!“

8. Durch den Schnee


„Also, Liang. Ich verlasse mich darauf, dass du die Aufsicht übernimmst solange ich weg bin.“
„Ja, Großtante.“
Die Wahrsagerin und ihr Neffe befanden sich auf dem Weg nach draußen über die Stufen, der zu dem großen Platz führte. Liang folgte seiner Großtante ein bisschen genervt, während sie fortfuhr.
„Sorge dafür, dass die Mengs ihr Haus nicht mit der falschen Farbe anstreichen.“
„Ja.“
„Zähl immer die Wachen durch.“
„Ja.“
„Wechsel jede Woche deine Kleidung.“
Das kleine Schaf rollte die Augen. „Ja.“
„Und noch eine Kleinigkeit…“
„Ja, ja, ja. JA!“
„Vergiss nicht meine Blumen zu gießen.“
Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ja-a.“
„Du kommst mit uns mit?“
Sie hatten das Ende der langen Treppe erreicht, wo Po und Xia schon warteten.
Überrascht beäugte der Panda die Wahrsagerin. „Warum?“
Sie lächelte ihn an. „Irgendjemand muss doch ein Auge auf euch beide haben.“
„Aha, alles klar.“
Prüfend schaute Po sich auf dem großen Hof um. Sie waren nicht die Einzigen, die sich dort aufhielten.
„Ist das alles was wir mitnehmen?“
Vor ihnen stand eine Kutsche mit einem anderen kleinen Schaf auf dem Kutschbock und einer große Ziege am anderen Ende, die sie ziehen sollte. Neben ihnen stand ein riesiger, griesgrämig dreinblickender Widder.
Po winkte ihm heiter zu. „Hi! Na? Hunger auf eine kleine Abenteuerreise?“
Der Widder schnaubte ihm kräftig an. Begeistert schien er nicht gerade zu sein.
Po lächelte gequält. „Ich sehe, du explodierst schon vor lauter Erwartung, was?“
Er wedelte hastig mit den Armen und wandte sich wieder der alten Ziege zu.
„Ähm, nur eine kleine Frage über all das hier.“
„Frag was du willst, Drachenkrieger.“
„Ja, das, ist dies, gehört das Land deiner Familie? Als wir hier ankamen, stand auf einem Schild Changkong. Ist das der Name der Stadt oder nennt man das Gebiet so?“
„Zu deiner ersten Frage“, antwortete sie ruhig. „Das Land ist Teilbesitz meiner Verwandtschaft. Es bestand zuerst aus einem Ort mit vielen kleinen Hütten. Und die Bewohner hatten nicht länger vor ein solches Leben zu führen. Shen stellte sie vor die Wahl in einer Stadt zu leben, wenn sie diese für ihn aufbauen würden. Und sie waren einverstanden. Zusammen mit meinen Verwandten, die ringsherum lebten. Und zu deiner zweiten Frage, Changkong war der Name des kleinen Dorfes und das Plateau worauf es einst gestanden hatte. Genau an derselben Stelle, wo wir uns jetzt befinden. Doch ich bin mir sicher, dass Shen für die Stadt einen anderen Namen im Sinn hat.“
„Was denn für einen?“
Sie lächelte. „Er grübelt immer noch darüber nach.“
„Oh.“ Po rieb sich die Stirn. „Wie wäre es mit „Shen City“?“
„Zu einfallslos.“
Erschrocken fuhr der Panda herum. Der Pfau stieg gerade die Treppe zu ihnen hinab. Er trug eine dicke silberne Robe aus Schafwolle. „Der Name muss eine symbolische Bedeutung haben.“
Po nickte verständnisvoll. „Okay. Aber erfindet man nicht zuerst den Namen, und baut dann erst die Stadt?“
Der Pfau hatte das Ende der Treppe erreicht und blickte ihn mit hocherhobenem Haupte an.
„Ich bin nicht wie die anderen.“
Po schluckte. „Das sehe ich.“
Ein schneidender Blick und Po wechselte schnell das Thema.
„Ähm, nette Kutsche.“
Das konnte Shen nicht gerade heiter stimmen und Po suchte fieberhaft nach einem anderen Gesprächsstoff. Dann deutete er auf das Schaf, welches zuvor auf dem Kutschbock gesessen hatte.
„Vom Wolf auf das Schaf gekommen, was? Ein sehr friedlicher Wechsel.“
Shen strafte ihn mit einem erneuten giftigen Blick und Po blieb wieder still.
Das Schaf hatte unterdessen die Tür der Kutsche geöffnet und der Lord setzte den ersten Fuß rein.
„Wie sollen wir denn da alle reinpassen?“, fragte Po.
Zum ersten Mal gab der Lord ihm ein Lächeln. „Tja, du wirst solange Vorlieb mit Wulong nehmen müssen.“
„Wer ist Wulong?“
Die Frage des Pandas wurde prompt mit einem lauten Schnauben in seinem Rücken beantwortet.
Po drehte sich um und winkte dem Widder zögernd zu. „Hi Kumpel. Erwartest du etwa, dass wir auf seinen Rücken reiten?“
„Nur keine Sorge, Drachenkrieger“, beruhigte ihn die alte Ziege. „Er wird euch in der Rikscha hinter sich herziehen.“
In der Tat hatte der Widder eine Rikscha im Schlepptau.
Po tippte seine Fingerspitzen aneinander. „Das ist sehr nett. Aber er ist sehr sprechfaul.“
„Sie kann dir ja Gesellschaft leisten“, meinte Shen spöttisch und deutete auf Xia.
Jetzt war es Po, der zwischen ihm und sie zeigte. „Wir sollen zusammensitzen?“
„Wenn du es lieber vorziehst den ganzen Weg zu Fuß zu gehen.“
„Nein, nein. Ich dachte ja nur, sie würde… mit dir…“
„Entweder so, oder gar nicht!“
Po hob die Hände. „Ist ja gut. Also machen wir es uns gemütlich.“
Damit schob er Xia Richtung Rikscha.
Der Lord schnaubte. „Du kommst mit mir.“
Die alte Ziege nickte ihm zu. „Ganz wie du wünschst.“
„Und noch etwas.“ Damit beugte sich der weiße Pfau zu ihr runter und flüsterte: „Sag deinem Schwager, er soll die beiden im Auge behalten.“
Er deutete mit dem Kopf rüber zu Wulong.
Die Ziege lächelte. „Ich bin sicher, dass er das tun wird.“
Nachdem alle Reisenden Platz genommen hatten, setzten sich die Karren in Bewegung.
Liang begleitete sie ein Stück bis zum Haupttor.
„Keine Sorge“, rief er ihnen winkten nach. „Ich werde mich um alles kümmern.“

Nachdem sie die ersten Hügel überquert hatten, löste sich Po vom Blick auf die Stadt hinter ihnen und wandte sich seinem Reisegenossen zu.
„Was ich noch vergessen habe vorhin zu fragen, hm, sag, bist du in diesem Fall also eine Prinzessin?“
„Ähn, ja, bin ich.“
„Wow, ich hab noch nie neben einer Prinzessin gesessen. Das ist eine große Ehre für mich.“
Das Mädchen lächelte.
„Aber für eine Prinzessin bist du ganz okay.“
„Wie darf ich das verstehen?“
„Nun, ich dachte immer, Prinzessinnen wären sehr…. Äh… nun, du verhältst dich so normal, nicht so herablassen. Und das war ein Kompliment.“
Sie bedeckte ihren Schnabel mit ihrem Flügel und lachte. „Da bin ich aber froh.“
Am Ende lachten beide.

Quietschend rollten die Räder durch die schneebedeckten Straßen. Die Wahrsagerin hatte die Augen geschlossen und lauschte den zwei Personen in der Rikscha, bis ein sanftes Knurren sie veranlasste ihre Augen wieder zu öffnen. Shens Blick war nach draußen gerichtet, sein Kopf lehnte auf seiner Hand, der wiederum mit dem Ellbogen sich auf dem Kutschfensterrahmen abstützte. Sein Gesicht wirkte düster und bedrohlich.
Der Schnee erinnerte ihn an vergangene Tage…

Vor über 10 Jahren…

Mit einem knarrenden Geräusch öffnete sich die Tür des unfertigen Gebäudes. Die Krallen des Lords kratzten auf den frischen neuen Holzboden. Er befand sich in der entlegensten Ecke der Fabrik. Es handelte sich dabei mehr um einen großen Abstellraum. Der Wolf, der ihn begleitete, schloss mit einer Verneigung die Tür hinter ihm wieder. Es fiel nur spärlich Licht in den Raum. Doch genug für den Pfau, um sich einen Überblick zu verschaffen. Um ihn herum standen einige Kisten und viel Material. Doch er war nicht in das Gebäude gekommen, um nach Baumaterial zu schauen. Sein Wille führte ihn in eine bestimmte Ecke, wo eine kleine zusammengekauerte in einer Decke eingewickelte Figur saß.
„Na, eine gute Nacht gehabt?“
Er grinste boshaft.
Mit einem leichten Zittern hob die Pfauenhenne den Kopf. „Es ist kalt.“
„Was hast du anderes erwartet? Eine Luxus-Suite?“
Er lachte.
„Tut mir leid für dich, aber ich konnte nicht riskieren, dass du mir wegläufst.“
Sie senkte den Blick.
„Noch irgendwelche Wünsche, kleiner Spion?“
„Könnte ich bitte etwas zu essen haben?“
Der weiße Prinz unterbrach sie mit einem Wink seiner Hand. „Meine Soldaten haben selber kaum was. Gefangene bekommen gar nichts.“
„Ein kleiner Krümel würde mir schon reichen.“
„Nicht mal ein Krümel Schießpulver.“
Mit einer höhnischen Geste wandte er sich ab, doch dann hielt er im Gehen inne.
„Es sei denn…“
Sie schaute zu ihm auf, überrascht und ängstlich zugleich. Langsam dreht er sich zu ihr um und blickte auf sie herab.
„Es sei denn, du würdest mir Gesellschaft leisten.“
Ihre Augen wurden weit. Er lächelte böse.
„Nun, was ist?“

Wenige Augenblicke später…

Seine Federfingerspitzen strichen über den Rand der leeren Schüssel vor ihm auf den Tisch. Er schielte zu ihr rüber. Sie saß ganz dicht neben ihm. Ihre Flügel lagen frei auf der Tischplatte und sie schien nicht zu wissen, ob sie in sein Gesicht sehen sollte oder nicht. Stattdessen starrte sie nur auf ihre Hände in unsicherer Körperhaltung.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Sie verhielt sich wie ein ängstliches Kind. Alle Damen, denen er im Laufe seines Lebens begegnet war, hatten ihm immer nur mit abwertenden Blicken zurückgewiesen. Sie war die Erste, die ihm das Gefühl von Überlegenheit gab. Und er empfand Gefallen an ihrem Verhalten.
„Wollen mal sehen was wir haben“, murmelte er und nahm einen Löffel zur Hand.
Sie antwortete nicht. Ihre Augen beobachteten nur was seine Hände taten.
Er schöpfte etwas Suppe mit kleinen Klösen in eine Schüssel und schob es zu ihr rüber.
Sie betrachtete zuerst die Schüssel, dann ihn.
Zögernd nahm sie sie in die befiederten Hände. „Danke.“
Er schenkte ihr ein herablassendes Nicken.
„Bilde dir nur nichts darauf ein. Für gewöhnlich verdienen Eindringlinge keine Sonderbehandlung.“
Sie beobachtete ihn, schließlich nickte sie zaghaft, doch sie behielt ihre Unsicherheit.
„Esst Ihr nichts?“
Er stützte seine Ellbogen auf der Tischplatte ab und legte sein Kinn auf seine Hände, was sie nur noch unsicherer werden ließ.
„Ich habe selten jemanden beim Essen neben mir.“
Er mochte ihre Erscheinung. Und er genoss sie. Frauen hatten immer einen großen Bogen um ihn gemacht, wenn er in ihre Nähe kam. Sie sollte nicht gehen. Sie sollte in dieser Position bleiben.
Sie hustete ein wenig.
„Iss ruhig. Es ist nicht vergiftet.“
Als ob er ihr mit dem Tod gedroht hätte, nahm sie den ersten vollen Löffel in den Mund.
Sie versuchte sich auf das Essen zu konzentrieren. Doch er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Er wollte sie beobachten. Die silberweißen Strähnen und Flecken auf ihrem braunen Hals faszinierten ihn und schimmerten im Licht der Lampen. All die anderen Frauen, die er bis jetzt gesehen hatte, besaßen Farben wie grün, blau, lila oder blau. Doch keine von ihnen besaß je eine einzige weiße Feder im Federkleid. Weiß war wie ein Teil von ihm.
Ohne zu wissen was er tat, streckte er seine Hand nach ihr aus und berührte ihren Hals.
Sie schrak zusammen. Mit geschockten Augen wich sie seiner Berührung aus.
Der Lord zog die Hand zurück. Der Zauber war vorbei. Seine Entspannung gewichen.
Ärgerlich erhob er sich, seine Augen hart auf sie gerichtet.
„Meine Farbe täuscht. Da ist keine Schwäche in mir.“
„Nein, es ist nicht deswegen…“ Sie schluckte, als befürchtete sie ihr Leben zu verlieren. „Es ist nur… Ich mag das nicht.“
„Was? Meine Gegenwart?“
„Nein, ich fühl mich nicht wohl, wenn ein Mann mir auf diese Art und Weise zu nahekommt.“
„Ich hab ein Recht darauf.“
„Bitte nicht.“
Sie bedeckte ihr Gesicht, als ob er gerade etwas Schmutziges gesagt hätte.
Er knurrte wütend. „Immer dieselben Ausreden!“
Mit einem harten Seitenhieb stieß er sie weg. Sie fiel zur Seite und landete auf den Boden. Er sprang neben sie und beugte sich zu ihr runter.
„Soll ich mich einfärben? Wäre ich dann gut genug für dich?“
„Gegen Ihre Farbe habe ich nichts.“
Er packte sie brutal am Arm und starrte ihr vor Wut in die Augen. „Ist Lügen eines deiner Hobbys?“
„Ich lüge nicht! Ich mag es nur nicht angefasst zu werden.“
„Nur wegen meinem Erscheinungsbild?“
„Nein, ich mag Ihre Farbe.“
Sie spürte, wie sich seine Hände um ihren Hals legten und zudrückte, wobei er schnaubend ein und ausatmete. Es klang wie ein warnendes Zischen. „Niemand kann meine Farbe leiden. Alle hassen sie. Wieso solltest ausgerechnet du Sympathien für diese Farbe hegen?“
Sie zuckte zusammen, als er seinen Druck um ihren Hals verstärkte.
„Wieso?!“
„Wegen dem Schnee.”
Er lockerte ein wenig seinen Griff, um sie atmen zu lassen.
„Schnee?“
„Ich mag den Schnee. Es gibt mir das Gefühl der Besinnung und Reinheit. Seit ich ein kleines Kind bin, bin ich immer glücklich, wenn der Schnee fällt.“
Noch immer starret er sie an. Tränen lagen in ihren Augen. „Aber wenn Ihr mich tötet, so lasst mich wenigstens meinen Frieden im Schnee finden, so wie hier.“
Nur ihre Atemzüge erfüllten den Raum, begleitet von einem sanften Schluchzen. Nach einer Weile ließen seine Hände vollständig von ihrer Kehle ab. Langsam strich sie mit den Federfingern über ihre noch nassen Augen. Allmählich merkte er, dass er fast auf ihr lag. Ihr Körper war verkrampft. Langsam entfernte er sich und hielt einen gewissen Abstand zwischen sich und ihr.
Mit jeder Sekunde fand er seine Selbstbeherrschung zurück. Seine Augen hingen an ihr. Die Pfauenhenne erhob sich, ihr Schluchzen wurde leiser. Beide Vögel sahen sich an.
Nach einer Weile brach Shen den Augenkontakt ab und senkte den Blick.
„Sag mir Bescheid, wenn du meist, ich sei zu aufdringlich.“
Er drehte sich um, doch kurz darauf schaute er wieder zu ihr zurück. „Würdest du bleiben in meinem Quartier bis mein anderes Quartier fertiggestellt ist?“
Erneut überkam sie ein leichtes Zittern.
„Ich werde dich nicht berühren.“
Eine fremde Atmosphäre lag in dem Raum zwischen ihnen. Schließlich nickte sie.
Eine Lüge.


Die Wahrsagerin bemerkte wie sich Shens Augen verengten.
„Eine Lüge“, hörte sie ihn sagen.
„Die Zukunft wird Licht ins Dunkel bringen.“
Er funkelte sie zornig an.
„Wo Licht ist, da ist immer Dunkelheit, die nie vergehen wird.“
Sie starrte ihn an. Dann blickte er wieder aus dem Fenster, wo er die weißen schneebedeckten Berge beobachtete.
Du hast den Schnee gemocht.

9. Mundtot


So kalt und still die Atmosphäre in der Kutsche war, und Shens Emotionen wie der Schnee drum herum, umso heiterer war die Stimmung in der Rikscha. Po erzählte Xia ein Abendteuer nach dem anderen, von sich und den Furiosen Fünf. Die Zeit verflog. Die Landschaft wurde flacher, letztendlich reisten sie durch Täler bis sie eine Weggabelung erreichten.
Shen befahl hier eine Pause einzulegen und um zu entscheiden welchen Weg sie als nächstes einschlagen sollten.
Während das Schaf und die Widder damit beschäftig waren die Räder von Eis befreiten, breitete Shen eine Karte auf einen flachen schneefreien Stein aus.
Xia und Po gesellten sich zu ihm und studierten den Plan.
„Bis zur Grenze von Nord-West-China werden wir mehr als drei Tage brauchen“, meinte Xia nachdem sie herausgefunden hatte, wo sie sich im Moment befanden. „Wenigstens sind wir nicht so weit vom Ziel entfernt wie von Anbeginn meiner Reise.“
Sie wanderte mit ihrem Federfinger auf eine bestimmte Linie über die Landkarte.
„Wir sollten am besten diesen Weg folgen…“
Shen stoppte ihre Bewegungen auf dem Papier und schob ihren Finger weg.
„Wir nehmen diesen Weg“, sagte der Lord entschieden und strich über eine blaue Linie.
„Der Xiyi-Fluss?“
„Damit sparen wir jede Menge Zeit und ersparen uns eine Tour durch die hohen Berge.“
„Aber der Xiyi-Fluss ist nicht ungefährlich“, wandte Xia ein.
Shens Finger krümmte sich auf der Karte und das Mädchen zog eingeschüchtert den Kopf ein.
Der Lord hatte wieder den verärgerten Blick, der jeden Angst einjagen konnte.
„Eine Flussfahrt mitten im Winter?“, fragte Po. „Ist der um diese Zeit nicht gefroren?“
Der weiße Pfau rümpfte die Nase.
„Daran sieht man, wie begrenzt dein Wissen ist. Der Xiyi-Fluss friert so gut wie nie ein. Sein Wasser ist wärmer als gewöhnlich und breit genug dazu. Für die Reise werden wir nur ein bis zwei Tage brauchen. Na, bist du damit um eine Erfahrung reicher geworden, Panda?“
Wäre die Situation nicht so ernst, hätte Po vielleicht geschmunzelt, aber er tat es nicht. Auch zu seiner eigenen Sicherheit, da Shen immer noch einen genervten Eindruck machte.
„Vergiss nicht“, fuhr der Pfau mit beleidigter Stimme fort. „Ich bin hier der Anführer. Dass wir hier durch die kalte, lebensfeindliche Einöde reisen geschieht nur aufgrund meiner Einwilligung. Ich würde euch raten, euch nach mir zu richten, oder ihr werdet die Konsequenzen tragen!“
Shens Stimme war wieder lauter geworden, was Po zutiefst überraschte. Irgendetwas machte den Pfau rasend.
„Und wenn ich sage, wir gehen diesen Weg, dann gehen wir auch diesen Weg. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?!“
Stilles Nicken seiner Reisebegleiter und die Anspannung des Herrschers legte sich wieder. Sehr zu Erleichterung der Wahrsagerin.

„Wir werden den Fluss nicht mehr vor der Nacht erreichen“, sagte Shen. „Wir werden unser Nachtlager heute hier aufschlagen.“
Die Sonne war fast verschwunden. Das Schaf und die Widder holten die Zelte raus.
„Ich muss mir unbedingt die Beine vertreten“, murmelte Po und machte einen Schritt nach dem anderen durch den Schnee. „Wer hätte je gedacht, dass langes Sitzen so anstrengend sein kann. Nicht zu vergessen die ganzen Schlaglöcher.“
Müde rieb er sich den Hintern.
„Geht mir genauso“, sagte Xia. „Wollen wir ein Stück spazieren gehen?“
„Ein Spaziergang mit einer Prinzessin? Aber gerne.“
Shen beobachtete wie die beiden verschwanden, schenkte ihnen aber keine weitere Beachtung.

Gemeinsam spazierten sie an Bäumen des Tals entlang. Die letzten Sonnenstrahlen ließen das Eis um sie herum wie Diamanten glitzern. Mit Faszination betrachtete Xia das Naturschauspiel.
„Es ist wunderschön, nicht wahr?“
„Oh ja“, pflichtete Po ihr bei. „Das ist es.“
„Meine Mutter hat die Winterzeit immer geliebt. Sie sagte es würde in ihr Erinnerungen wecken.“
„Was für Erinnerungen?“
„Darüber hat sie nie mit mir gesprochen.“
Schweigend beobachteten sie die verschneite Landschaft, die sich im Sonnenlicht rot färbte.
Gedankenverloren griff Po in den Schnee und formte einen Schneeball. Dann warf er ihn gegen einen Baumstamm.
Xia lächelte.
„Mein Bruder hätte ihn abgefangen.“
„Oh, mag er Schneeballschlachten?“
„Nein, aber er besitzt sehr gute Reflexe.“
Eine Traurigkeit überzog ihr Gesicht. „Oder vielleiht er „hatte“.“
Po mochte es nicht sie so traurig zu sehen. „Also ist er demnach ein Soldat?“
„So was ähnliches.“ Sie strich sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Er bekam die Beste Kampfschule.“
„Und du? Was für eine Kamptechnik hast du gelernt?“
Sie sah ihn überrascht und scheu an. „Nichts.“
„Nichts? Warum nicht?“
„Ich bin ein Mädchen.”
„Was soll das denn für ein Grund sein?“
Sie seufzte. „Xiang ist der Meinung, Frauen sei es nicht erlaubt zu kämpfen. Sie sind nur dazu da, um hübsch neben ihren Männern zu stehen. Das sei alles wofür wir zu leben haben.“
Sie drehte ihm den Rücken zu und ging ein paar Schritte von ihm weg. Sie wirkte etwas wütend und zugleich beschämt.
Langsam trat Po näher an sie heran. „Also hast du noch nie jemanden versucht zu treten?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich nicht, aber mein Bruder.“
„Nur weil er ein Mann ist?“
Sie verengte die Augen. „Korrekt. Er bekam die beste Schule und wurde wie ein Soldat ausgebildet. Während ich hingegen die meiste Zeit mit meiner Mutter verbrachte.“
Po rieb sich über den Kopf. „Ähm, wenn du willst… ich weiß nicht. Soll ich dir ein paar… möchtest du, dass ich dir ein paar Kampf-Tricks zeige?“
„Mir?“
„Natürlich. Nur weil man eine Frau ist, ist das noch lange kein Grund Kung Fu nicht zu lernen.“ Er schwang die Hände. „Zuerst brauchst du ein starkes Selbstbewusstsein. Du musst den Mut haben jemanden zu schlagen oder zu treten.“
„Treten? Schlagen?“ Das Mädchen war mehr als unsicher. „Xiang würde mir sowas nie erlauben. Dafür würde er mir eine Ohrfeige verpassen.“
„Ach, papperlapapp. Er ist doch gar nicht da. Hier kann er uns nicht sehen. Komm schon. Ich zeig‘s dir. Versuch mich zu hauen.“
„Dich hauen?“
„Na klar. Nur keine Sorge. Ich weiche deinen Schlägen schon aus.“
Die Pfauenhenne wusste nicht was sie dazu sagen sollte und sah ihn prüfend in die Augen, um festzustellen, ob der Panda sich nur über sie lustig machen wollte.
Doch Pos Haltung zeigte deutlich, dass er es ernst meinte.
„Okay.“
Langsam hob sie ihren Flügel, doch dann hielt sie mittendrin inne. „Ich kann nicht. Ich hab mich noch nie jemanden widersetzt. Vor allem nicht meinem Vater. Nun, wenn er mein Vater wäre. Ähm. Allein schon, wenn meine Mutter etwas gesagt hatte, was er nicht hören wollte, bekam sie immer wieder Schläge von ihm ins Gesicht.“
Po ließ die Arme sinken. Er konnte sich schwer vorstellen, dass ein Vater so brutal mit seiner Familie umgehen würde. Aber würde Shen besser sein? Zumindest hatte er sie noch nie geschlagen.
„Sag“, fragte er vorsichtig. „Könntest du dir denn Shen als deinen Vater vorstellen, statt Xiang?“
Sie rieb nervös die Flügel aneinander. „Nun, vorher, ich hab ihn nie kennengelernt, aber jetzt… ich weiß es nicht. Zudem hab ich Angst, dass er meiner Mutter etwas antun könnte… Irgendetwas schlimmes muss damals passiert sein, was ich nicht verstehen kann. Dabei hat meine Mutter immer beteuert, dass sie ihn geliebt hat.“
„Weiß sie denn, dass er noch lebt?“
Sie senkte den Blick. „Noch nicht.“
Po blieb überrascht der Mund offen.
„Ich hörte auch erst von seinem Überleben nachdem ich meinen Bruder in das kleine einsame Dorf gebracht hatte“, fuhr sie leise fort. „Und ich weiß nicht was passieren wird, wenn sie es erfährt.“
„Aber das war vor vielen Monaten gewesen“, meinet Po nachdenklich. „Wie kommt es, dass sie es nicht mitbekommen hat?“
Wieder stieß sie einen tiefen Seufzer aus. „Xiang hatte sie von der Außenwelt isoliert.“
Po verstand nicht. „Warum?“
„Nachdem sie von Shens “Tod“ erfahren hatte, war sie nicht mehr dieselbe. Ihre Worte kamen fast nur noch mechanisch. Es war als hätte sie allen Sinn im Leben verloren. Nach einer Weile wurde es Xiang zu viel und sperrte sie in ihr Zimmer ein, bis sie wieder normal sein würde. Das hatte ihr nur noch mehr die Lebensenegie genommen.“
Sie nahm einen tiefen Atemzug und gab ihm einen wehmütigen Blick. „Vielleicht wenn ich und mein Bruder nicht wären, vielleicht wäre sie schon längst gestorben.“
Für ein paar Sekunden sprach keiner von beiden ein Wort, bis Po den zusammen Mut nahm und die Stille unterbrach. „In diesem Fall, müssen wir unbedingt beide zusammenbringen. Vielleicht wird am Ende ja doch noch alles gut.“
„Also ich weiß nicht. Was ist, wenn es dann nur noch schlimmer wird?“
„Wir werden es nie herausfinden, wenn wir es nicht versuchen. Ich denke ohnehin, dass sich einige Dingen ändern müssen. Besonders für dich und deine Mutter.“
„Aber was, wenn Xiang…“
„Jetzt vergiss ihn mal für einen Moment, okay? Er hat kein Recht für immer dein Leben auf diese Art und Weise zu bestimmen. Irgendwann hat man auch die Freiheit über sich selbst zu entscheiden. Und der erste Schritt wird sein, mir einen Hieb zu verpassen. Also dann, schlag zu!“
Er nahm Stellung ein und war bereit.
Aber Xia traute sich immer noch nicht. „Du bist ein guter Kerl. Tut mir leid, ich kann nicht.“
Po dachte nach.
„Oh, einen Moment!“ Er hob mit einer „Aha“-Geste den Finger. „Ich habe eine Idee.“

10. Jede Erinnerung hat ihren Ursprung im Schnee


„Jep, das ist es.“
Zufrieden mit sich selbst betrachtete Po sein Werk.
„Das sind jetzt deine Gegner.“
Xia starrte ihn entgeistert an. „Und ich soll was tun? Du hast dir so viel Mühe gemacht. Ich kann sie doch jetzt nicht einfach kaputt machen.“
„Oh, kein Problem. Die werden so oder so irgendwann wegschmelzen.“
Xia zählte durch. Insgesamt standen fünf Schneemänner auf dem Feld. Einige von ihnen hatten die Gestalt eines Krokodils oder eines Wolfes.
Mit schüchterner Haltung ging sie auf den am Nächststehenden zu und beäugte das Schneegesicht.
„Jetzt hau ihm eine runter“, rief Po ihr zu und schwang die Arme.
„Wie? Mit dem Flügel?”
„Flügel oder Fuß. Das ist im Moment unwichtig. Stell dir einfach vor das wäre ein böser Typ, der dir dein Geld stehlen will.“
„Und ich soll ihn schlagen? Ähm, das hab ich noch nie gemacht. Das ist… ist das nicht ein bisschen grob?“
„Es ist nicht grob, wenn du um deinen Besitz oder um dein Leben kämpfst.“
„Mein Leben?“
„Natürlich. Es gibt viele böse Buben, die dich aus irgendeinem Grund töten würden.“
Sie schluckte. Po versetzte ihr einen leichten Seitenstoß.
„Komm schon. Zeig ihm was du kannst und dass du es ihm nicht erlaubst. Verpass ihm einen harten Schlag.“
„Na gut.“
Vorsichtig ging auf den ersten Schneemann zu und stupste ihn an.
„Komm schon. Versuch es.“
„Muss ich dazu wirklich meine Flügel benutzen? Oder kann ich noch etwas anderes benutzen?“
„Nun, du kannst auch einen Holzstock verwenden. Ich werde es dir zeigen.“

„Und stellt sicher, dass es den stärksten Sturm standhält“, rief Shen seinen Dienern zu, die damit beschäftigt waren das Zelt aufzubauen. „Sieht ganz danach aus, dass Neuschnee in der Nacht zu erwarten ist.“
Er schaute zum Himmel und beobachtete die Wolken.
Ein plötzlich erschallendes „Woahhai!“ ließ ihn zusammenfahren, bis er die vertraute Stimme von Po erkannte.
„Dieser Panda“, murmelte er grimmig. „Was auf der weißen Erde, macht er jetzt schon wieder?“
Empört über diese Ruhestörung schritt der Lord an den Bäumen entlang. Genau zu der Stelle, wo die Schreie hergekommen waren.
„Er ist wie dein dummes Kind“, dachte der Kriegsheer.
Langsam spähte er um eine Baumgruppe.
Zuerst verwirrten ihn die seltsamen Figuren auf dem verschneiten Feld, bis er merkte, dass sie nur aus Schnee bestanden. Ihre Umrisse warfen lange Schatten in dem roten Licht der Abendsonne.
In der nächsten Sekunde schoss eine schwarz-weiße Figur durch die Schneemodelle und schwang den Stock in sämtliche Richtungen, dass der Schnee nur so durch die Luft wirbelte.
Wie vom Blitz getroffen begannen Shens Lider heftig zu flackern.
Nein!
Er schnappte nach Luft und schrak zurück. Er hatte Mühe zu atmen.
Mit weitaufgerissenen Augen starrte er nach vorne.
Wie er. Nein. Das ist er.
Schnell wandte er sich ab und rannte davon.
Mittlerweile hatte Po den Stock auf die Schulter geschwungen und betrachtete seine besiegten „Feinde“.
„So ungefähr könntest du es machen.“
„Bei dir sieht das so einfach aus“, meinte Xia voller Bewunderung. „Aber ich weiß nicht, ob ich das jemals könnte so gut zu sein wie du.“
„Mit ein bisschen Übung, kannst du alles schaffen.“
Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, vielleicht. Aber nicht heute. Es ist schon spät.“
Po sah auf. Der Himmel hatte sich bereits verdunkelt. „Okay. Gehen wir zurück.“

„Shen? Alles in Ordnung?“
Besorgt schaute die alte Ziege den Lord von der Seite an, der keuchend gegen dem Zelt lehnte.
„Mir… mir geht es gut“, wich er ihrer Frage aus.
Er bedeckte sein Gesicht mit einem Flügel und rieb sie die Stirn. „Es war nur…”
Energisch schüttelte er den Kopf. „Nichts.“
„Deine Angst hat einen Grund.“
„Ich habe keine Angst! Und bevor du noch mehr sagst, dann sprich mich nicht an! Kein Wort!“
Niedergeschlagen sah sie dem weißen Prinzen nach wie er in seinem Zelt verschwand.

Die Nacht brach an und der Wind wurde stärker, aber in den Zelten war es warm. Shen beanspruchte ein Zelt für sich allein, während der Rest in einem größeren Zelt zusammen campte. Nach dem Essen gingen sie schlafen. Es wurde schnell ruhig im Lager. Nur der starke Wind blies um den Stoff der Bezüge. Aber alles in allem war die Umgebung leer und einsam. Trotzdem konnte Shen keinen Schlaf finden. Egal was er tat, immer wieder hatte er diese Bilder im Kopf und ließen ihn nicht mehr los. Sie quälten ihn, verfolgten ihn. Er warf den Kopf hin und her.
Es war kalt gewesen.
Eine windige Nacht wie heute.
Überall herum lag Schnee.
Dunkle Schatten und rotes Feuer.
Geheule von Wölfen. Schreie von sterbenden Pandas.
Auf einem Feld stand ein weißer Pfau. Umgeben von Wölfen.
Der Kriegsherr blickte geradeaus. Nicht weit von ihm entfernt saß ein kleiner Panda vor einer Hütte.
„Tötet sie alle!”
Seine Wölfe gehorchten. Mit weit aufgerissenen Mäulern stürzten sie sich auf das Baby.
Plötzlich tauchte eine andere große Figur auf und schwang etwas durch die Luft. Es traf die Wölfe mit voller Wucht und schleuderte sie zurück. Nur sehr knapp verfehlte ihr Aufprall den Lord.
Der Pfau wich aus.
Wer war das gewesen?
„Lauf davon mit unserem Sohn!“, rief der große Panda.
Niemand soll mir entkommen! Niemand darf entkommen.
„Tötet sie! Hinterher!“
Weite Wölfe tauchten auf. Wie bedrohliche Schatten gejagten durch den Wald.
„Du wirst sie nie kriegen!“
Der große Panda rannte auf ihn zu. Nein, er konnte nicht gewinnen.

Der Kampf war kurz, aber hart.
Noch immer konnte er die Schneeflocken auf seinem Gesicht fühlen und die Asche in Mund und Nase riechen und schmecken.
Kalter Schnee unter seinen Füßen, die Hitze der brennenden Häuser rundherum.
Der große Panda hatte wie verrückt gegen ihn gekämpft.
Völlig verkrampft öffnete Shen die Augen.
Könnte das wieder passieren?
Könnte dieser Panda ihm wirklich vergeben?
Plötzlich meinte Shen draußen im Schnee Schritte zu hören. Er hob den Kopf. Irgendjemand schlich um das Zelt herum. Dann verstummte es abrupt. Als sich nach einer Weile nichts mehr tat, legte er sich wieder hin.
Muss wohl der Wind gewesen sein. Das alles machte ihn nervös. Wieso hatte er diesem Panda nur erlaubt mitzukommen?
Da war eine Bewegung am Zelteingang.
„Wer ist da?“, rief Shen sichtlich erschrocken.
Das konnte nicht der Wind sein. Er hatte die Vorhänge zuvor gut verschlossen.
Ein Gefühl des Nicht-Allein-Seins befiel den Lord. Irgendjemand stand mit ihm im Raum. Er war nicht mehr allein.
Ein Schatten tauchte in der Ecke auf.
Schnell drehte er sich um.
Rotes Licht erleuchtete den Raum.
Nein! Das kann nicht sein!
Es war der große Panda. Vor ihm stand der große Panda.
„Du wirst sie niemals bekommen!“
Der Lord war wie gelähmt.
Das war unmöglich. Er war doch tot gewesen.
Plötzlich veränderte sich das Gesicht.
War das…?
Der Drachenkrieger.
Po gab dem Kriegsherrn einen düsteren Blick.
„Wooahai!“
Er schwang den Stock und ließ ihn auf ihn niedersausen.
„AHHHH!“
Mit rasendem Puls riss der Lord die Augen auf. Er brauchte mehr als zwei Sekunden, um zu begreifen, dass das Zelt leer war. Er blinzelte. Er stand fast in seinem Bett. Sein Keuchen war das einzige Geräusch was den Raum belebte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Es hatte alles so echt ausgesehen. Er hatte den Panda reinkommen sehen.
Allmählich flachten die Wellen seines Traums ab. Die Realität umwickelte ihn wie eine führsorgliche Mutter. Schließlich wagte er einen tiefen Atemzug und Erleichterung breitete sich in ihm aus. Langsam rieb er mit seinen Flügeln über seinen Kopf. Ein Seufzer neben ihm ließ ihn urplötzlich zusammenfahren.
„Ah!“
Shen hielt sich die Brust, geschockt und froh zugleich, dass es nicht der Panda war, der sich an ihn herangeschlichen hatte.
„Shen, es ist okay, es war nur ein Traum gewesen.“
„Ich weiß“, murmelte der Pfau düster. Er hasste ihr Mitleid.
„Nur keine Sorge, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Der Panda schläft.“
„Woher weißt du was ich geträumt habe?“
„Du hast laut genug im Schlaf geredet.“
Noch immer schwer atmend ließ er seine starren Blicke auf sie niedersausen, während ihre Augen sanft auf ihn ruhten. Dann, ohne ein Wort, verließ der Pfau das Bett und ging nach draußen.
Kalter, eisiger Luft trat ihm entgegen. Der Wind wehte immer noch erbarmungslos über die Felder, doch es war schon fast morgen.
Müde und noch immer innerlich aufgewühlt marschierte er durch den hohen Schnee. Nach ein paar Meter hielt er an. Der kalte Wind gab ihm wieder einen klaren Kopf. Er schloss die Augen und ließ seinen Geist von der Stille um ihn herum auf sich einwirken.
Der Schnee weckte in ihm Erinnerungen. Erinnerungen aus weiter Ferne und vor sehr langer Zeit.
Er lächelte bitter. So viele Dinge waren im Schnee geschehen. Die Schlacht im Panda-Dorf. Und das in den hohen Bergen…
Sein Blick wanderte nach vorne. Die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Tages erleuchteten den Himmel und hüllten die Landschaft in ein sanftes Rot. Der nächste Tag war geboren. Ein neuer Tag im Schnee.
Es ist wunderschön.
Du hast den Schnee gemocht.

Nein, das war nicht in der Morgensonne, es war in der Abenddämmerung gewesen…

Vor über 10 Jahren…

Sie stand da. Sie stand da wie eine Statue. Sie tat nichts. Sie stand nur da und blickte in die Ferne zu den Bergen.
Der Lord befand sich im inneren der Höhe und beobachtete sie. Sie rührte sich nicht von der Stelle. Sie stand im Eingang der Höhle und betrachtete den Sonnenuntergang.
Langsam kam er näher. „Stimmt etwas nicht? Was gibt es dort zu sehen?“
Die Pfauenhenne zuckte zusammen und zog den Kopf ein, als Shen sich neben sie begab. Ihre Augen trafen sich. Sie hatte immer noch Angst vor ihm.
„Also, was machst du hier?“, wiederholte er seine Frage.
„Ich dachte… frische Luft würde mir guttun. Und…“
Wieder fiel ihr Blick auf die sterbende Sonne. „Ich mag es den Sonnenuntergang zu beobachten.“
Der Lord schenkte ihr einen flüchtigen Blick. „Wie jeden Tag vor der Nacht.“
„Jeder Sonnenuntergang ist etwas Besonderes. Er ist wunderschön.“ Sie seufzte leise. „Ich wünschte, ich könnte es sehen.“
Überrascht hob er die Augenbrauen. „Mm?“
Sie hielt den Atem an, doch in derselben Sekunde senkte sie den Kopf. „Nichts.“
Ihre Stimme klang heiser, aber gleichzeitig sanft und weich. Der Prinz konnte sich nicht erklären weshalb er es mochte ihre Stimme zu hören. Doch es gelang ihm sehr gut keine Gefühlregung in seinem Gesicht aufkommen zu lassen. Noch immer betrachtete sie die Sonne. Schließlich überwand er sich und schaute nun ebenfalls dorthin.
Stille umgab sie. Der Sturm war vorbei, aber der Lord wusste, der Nächste würde kommen.
„Es ziehen Wolken auf.“
Ihre Augen schwenkten zu ihm rüber. „Was?“
„Siehst du’s nicht?“ Er winkte mit dem Kopf auf die rechte Seite. „Die Wolken bringen neuen Schnee. Morgen wird die Sonne nicht zu sehen sein.“
Sie beobachte ihn schweigend. „Du scheinst das Wetter hier sehr gut zu kennen.“
„Ich lebe hier schon sehr lange.“
„Warum gerade hier? So ganz alleine?“
„Unwichtig“, schmetterte er ihre Frage ab.
Sie wich seinem Blick aus.
Verhält sich immer noch wie ein ängstliches Kind, dachte er. Doch warum sollte ihm das kümmern?
Eine Weile lang sprach keiner von beiden ein Wort.
Man hätte meinen können sie wären zu Eis erstarrt, doch irgendetwas fühlte der Ex-Herrscher. Er wusste nicht wieso doch eine Anspannung in seinen Armen und Schultern baute sich in ihm auf. Was auf der Erde, sowas hatte er noch nie gefühlt. Der Lord schielte zu ihr rüber. War sie nervös?
Was sollte er sagen? Wieso sollte er überhaupt etwas sagen? Er war nicht verpflichtet etwas zu sagen. Doch er hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen.
Er schüttelte über sich selber den Kopf.
Was machst du da?
Er räusperte sich, doch er war unfähig zu sprechen. Warum nicht?
Plötzlich hustete sie furchtbar.
Jetzt waren seine Augen komplett auf sie gerichtet. Sie rieb sich den Hals.
„Alles in Ordnung?“, fraget er unsicher.
Warum fragst du? Erneut musste Shen den Kopf schütteln.
„Nur ein Kratzen im Hals“, sagte sie mit einem Keuchen. „Das geht vorbei.“
Sie sahen sich an, bis der weiße Pfau den Augenkontakt unterbrach.
„Zeit zum Schlafen.“
Er drehte sich weg und begab sich ins Innere der Höhle. Als er merkte, dass sie ihm nicht folgte, gab er sich einen Ruck und winkte sie beruhigend zu sich, allerdings ohne sich dabei nach ihr umzudrehen.
„Keine Sorge. Du musst nicht in meinem Bett schlafen.“
Sie konnte es nicht sehen, aber für einen kurzen Moment überschattete sein Gesicht Reue und Bedauern. Schließlich drehte er dann doch den Kopf in ihre Richtung.
Wieder trafen sich ihre Blicke und er konnte es nicht ertragen ihr länger in die Augen zu schauen.
„Komm rein. Du erkältest dich noch.“


„Du erkältest dich noch. Shen? Shen?“
So langsam wachte der Pfau aus seiner Trance auf. „Mm? Was?“
„Es ist kalt, Shen“, drang die Stimme der alten Ziege zu ihm durch. „Du wirst dir noch eine Erkältung holen. Komm rein.“
Der Pfau verengte die Augen.
Sich erkälten. Nur eine Lüge.
Verärgert wandte er sich ab. „Du bist nicht meine Mutter.“
„Wo willst du hin?“, fragte sie, während Shen sich zum zweiten größeren Zelt begab. Doch er äußerte sich nicht für sein Tun. Mit einem heftigen Schwung öffnete er die Zeltvorhänge und trat ein.
„Panda! Aufwachen!“
„Mm, was?“ Po war immer noch nicht ganz wach. „Was ist los? Werden wir überfallen?“
„Wir brechen auf.“
Verschlafen rieb sich der Panda die Augen und drehte sich auf die andere Seite. „Es ist noch früh. Nur noch fünf Minuten.“
Mit einem gnadenlosen Wink seines Fingers, deutete der Lord zuerst auf den schon wachen Schwager der Wahrsagerin, anschließend auf den maulenden Panda. Und es dauerte nicht lange und der Drachenkrieger in schwarz und weiß flog durch die Luft und landete draußen im kalten Schnee.
Mit rudernden Armen und Beinen setzte sich der Panda auf. „HEY! Wofür war das denn jetzt?“
Doch Shen schenkte seinem Morgenfrust keine Beachtung, sondern blicke mit schadenfroher Miene auf ihn herab. „Und ich werde dich im Auge behalten.“
Damit ging Shen an ihm vorbei und ließ den irritierten Panda einfach sitzen.
„Warum?“
„Alles und jeder ist in 15 Minuten fertig.“
Noch immer völlig verwirrt stand der Panda auf. „Hey? Und was ist mit Frühstück?“

11. Kaltes Wasser


Kaltes Wetter, kalte Füße, kalter Reis von gestern.
Es war nicht das ideale Frühstück, aber besser als gar nichts, dachte Po, als sie in der Rikscha durch den Schnee gezogen wurden. Glücklicherweise dauerte die kalte Reise nicht lange. Nach einer Weile tippte Po Xia auf die Schulter. „Hey, sieh mal!“
In einem Tal konnten sie eine lange, breite Wasserstraße erkennen.

„Könnten Sie das bitte nochmal wiederholen?“
Eine Gans und ein Schaf wussten nicht genau was sie darauf erwidern sollten, als der Lord vor ihnen stand, nachdem sie ihn schon zuvor geantwortet hatten auf die Frage, ob sie sie durch den Fluss bringen könnten.
„Es ist so wie ich gesagt habe“, startete das Schwein von neuem. „Niemand fährt diesen Fluss hoch, nur flussabwärts. Banditen lauern in den oberen Gebieten. Aus diesem Grund meiden wir diesen Flussweg.“
Beide Dorfleute schrien vor Schreck auf, als ein scharfes Messer vor ihren Gesichtern aufblitzte.
Po versuchte die Situation zu entschärfen. „Shen, das ist nicht nötig.“
Shens Fauchen hallte so bedrohlich, dass dem Panda sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich.
„Ich nehme mir was ich will, und ich nehme mir was ich brauche.“ Shens Stimme klang mehr als gereizt. „Entweder wir nehmen das Schiff oder wir nehmen es mit Gewalt ein.“
Die harsche Stimme des Kriegsherrn ließ die Seeleute erschaudern. Schließlich hob das Schwein die Hand. „Ich bin für die friedliche Variante.“

Das Schiff war nicht groß genug, um die Kutsche und die Rikscha zu transportieren. Aus diesem Grund, mussten sie beides zurücklassen. Das Schaf und der Widder erklärten sich einverstanden zurück damit in die Stadt zu fahren, während die anderen ihre Reise zur China-Grenze fortsetzten. Der Schiffsbesitzer hinderte sie nicht daran das Schiff zu übernehmen, wenn auch nur widerwillig.
Po überkam ein ungutes Gefühl im Magen, als sie vom Ufer ablegten, weil die Dorfleute nur den Kopf schüttelten und ihnen eine gute Fahrt wünschten.

Die Flussreise verlief ruhig und ohne Probleme. Dennoch herrschte an Bord nur wenig Aktivität. Der Schwager der Wahrsagerin hatte sich bereit erklärt das Schiff zu steuern, während die anderen verteilt nur saßen oder auf dem Deck umhergingen.
Shen hatte sich einen Platz auf dem Dach der Schiffkabine ausgesucht, um alles auf dem Schiff zu überblicken. Besonders waren seine Augen auf Po gerichtet. Als der Panda seinen Blick bemerkte, winkte er ihm mit der Hand zu. Doch der Lord mied seine Geste und schaute weg.
„Ist er heute mit dem falschen Fuß aufgestanden?“, fragte sich Po verwundert.
„Keine Sorge“, meinte die Ziege. „Er ist nur ein bisschen nervös.“
„Oh, natürlich, eine alte Liebe zu treffen muss sehr spannend sein.“
„Sie ist nicht meine alte Liebe“, sagte der Lord neben ihm wie aus dem Nichts aufgetaucht. „Wir sind nur auf der Reise um einige Dinge zu klären.“
„Vergiss bitte nicht meinen Bruder“, wandte Xia ein. „Vielleicht wird es das erste und letzte Mal sein, dass du ihn sehen wirst.“
Der Lord schnaubte mit einer herabwürdigenden Geste. „Na schön, doch erwarte nicht, dass ich ihn in meinen Leben willkommen heißen werde. Ich werde ihn wie jeden anderen Fremden behandeln.“
Sie senkte den Blick. Dann meldete sich Po, dem gerade was eingefallen war.
„Hey! Warte mal, du hast uns noch nicht gesagt wie dein Bruder heißt!“
„Hab ich das nicht?“
Der Panda schüttelte den Kopf. „Nein, hast du nicht.“
„Oh, tut mir leid, nach so vielen Dingen, hab ich es vergessen. Ähm.“
Ihr Blick blieb auf Shens Gesicht hängen. Wollte er auch den Namen wissen?
„Nun, sein Name ist Sheng.“
„Sheng?“ Po war sehr überrascht. „Klingt ja ähnlich wie Shen.“
Ein sanftes Lächeln umspielte Xias Schnabel. „Vielleicht wollte meine Mutter eine Erinnerung behalten.“
Sie sendete ihrem „Vater“ einen hoffnungsvollen Blick zu. Doch Shen wandte sich einfach ab, ging ein paar Schritte weiter weg und starrte auf den Fluss.
Po tätschelte der traurigen Pfauenhenne auf die Schulter. „Gib ihm etwas Zeit.“
Sie nickte niedergeschlagen. Betrübt lehnte sie sich gegen die Reling und beobachtete die sanften Bewegungen des Wassers.
Mittlerweile hatte Po wieder all seinen Mut zusammengenommen und ging zu dem stillen Lord rüber. Doch bevor er seine Kehle für einen Satz räuspern konnte, schnitt der Lord ihm das Wort ab. „Du solltest aufhören dich in Sachen einzumischen, die dich nichts angehen.“
„Vielleicht ist es ja nicht meine Sache“, entgegnete Po. „Aber ihr Verhalten geht mich etwas an. Nur tu ihr den Gefallen und behandle sie nicht wie ein dummes Mädchen.“
„Ihre Mutter war nicht anders.“
Hörbar schnappte Po nach Luft, doch er kontrollierte seinen Ärger. „Na schön, wir sollten später darüber reden, nachdem wir sie gefunden haben.“
Der Pfau erwiderte nichts. Er starrte nur geradeaus.
Po seufzte und wandte sich ab zum Gehen.
„Unser Friedensabkommen steht noch, oder?“
Kaum hatte Shen diese Worte geäußert, sah der Panda ihn mit großer Überraschung an. „Natürlich, warum fragst du?“
„Nur um ganz sicher zu sein.“
Po wusste nicht, was er von dieser Andeutung halten sollte.
„Oookay, wenn du denkst - falls du denkst, ich würde den Schwur in meinem Dorf vergessen, dann bist du im Irrtum. Da zitiere ich immer die Worte meines Meisters Shifu, der immer zu sagen pflegt, ein Gelübde zu halten ist die Pflicht eines jeden Kung Fu Kriegers…“
Doch Shen hörte ihm gar nicht mehr zu. Seine Augen spannten sich an und blieben über der hügelverhangenen Seite des Flusses hängen, wo er die schnelle Bewegung eines Schattens wahrgenommen hatte.
Die Wahrsagerin bemerkte seine Anspannung zuerst. Sie kannte ihn gut genug. Und er zeigte ihr, dass etwas in der Umgebung nicht stimmte. Langsam zog er eines seiner Federmesser aus seinem Flügel heraus. Po hingegen hatte immer noch nichts bemerkt und sprach weiter.
„Und genau deshalb kannst du mir vertrauen, und das ist nach meiner inneren Überzeugung…“
„DECKUNG!“
Shen stieß ihn so hart weg, dass der Panda mehrere Meter über das Deck schlitterte.
In der nächsten Sekunde landeten zwei große Gestalten mit einem lauten Krachen auf den Holzboden des Schiffes.
„Was sagt man dazu, heute ist unser Glückstag.“
Ein großes Waran-aussehendes Tier, bedeckt in einem dicken Kleidung und noch ein weiterer, zogen ihre Schwerter.
Po mittlerweile hatte sich bereits wieder von der wilden Begrüßung erholt und trat ihnen mutig entgegen.
„In diesem Fall müsst ihr die Banditen sein, die den Fluss unsicher machen.“
„Du weißt viel, in diesem Fall, gib uns was wir wollen.“
Sie lachten.
Po rieb sich die Hände. „Nicht ohne einen Kampf.“
Die Echsen zischten amüsiert. „Nette Einladung.“
Mit einem lauten Aufschrei rannten sie auf sie los.
Po nahm sich den Ersten vor, Shen den Zweiten.
Zuerst dachten die Banditen sie hätten leichtes Spiel, doch der Kung Fu Panda und der Kriegsherr entpuppten sich als harte Gegner. Doch kurz darauf erschien eine andere Gefahr.
„Überraschung von hinten!“, schrie Po der restlichen Gruppe zu. Drei weitere Echsen kletterten über die Reling und stießen vor.
Der Widder Wulong hatte seine Schwägerin beiseite genommen und wehrte die Angreifer mit seinen Widderkräften ab.
Xia schrie, als einer der großen Echsen mit einem gezuckten Messer vor ihr stand.
„Hey“, rief Po zu ihr rüber. „Schnapp dir etwas und hau ihn damit.“
Die junge Frau sah sich um und bekam die nächstbeste Stange zu fassen.
Der Waran lachte. „Was willst du denn mit diesem Streichholz?“
Xia nahm einen tiefen Atemzug, doch noch bevor sie den Stock schwingen konnte, riss der Bandit ihn ihr aus den Händen und stieß sie mit aller Gewalt von sich. Die Pfauenhenne taumelte nach hinten. Mit einem Klatscher fiel sie rückwärts in die kalten Fluten des Flusses. Zum Glück war die Strömung nicht stark. Als Po mitbekam was passiert war, winkte er ihr zu. „Schwimm rüber.“
Doch das Mädchen machte nur unkontrollierte, kraulende Bewegungen.
„Ich kann nicht schwimmen!“
Pos Augen wanderten zu Shen, der gerade die letzte Echse aus dem Schlachtfeld vertrieben hatte. Doch statt etwas zu unternehmen, schaute er nur auf das zappelnde Mädchen im kalten Wasser.
„Tu doch was!”
Doch Pos Rufe schienen irgendwie nicht in den Kopf des Pfaus durchzudringen. Entweder ignorierte er sie mit Absicht oder er konnte ihn wirklich nicht hören.
Die Augen des Pandas weiteren sich entsetzt, als Xia zu sinken begann.
Mit einem gewaltigen Sprung landete Po in den Tiefen des Flusses und schwamm zu ihr rüber. Seine Finger tasteten sich durch die eisige Kälte und fühlte nasse Federn eines Flügels. Er packte zu und zog daran. So schnell er nur konnte paddelte er zurück zum Schiff. Kaum hatte er den Schiffrumpf erreicht, zogen starke Arme die beiden klitschnassen Schiffbrüchigen hoch. Vorsichtig setzte Wulong sie auf dem Deck ab.
In Pos Kopf rauschte es, begleitet von lauten Flüchen aus weiter Ferne. Der Drachenkrieger stützte seinen Oberkörper ab und sah noch wie die Banditen ihr Heil in der Flucht suchten. Doch dann fiel sein Blick auf Shen, der immer noch ruhig gelassen da stand mit verschränkten Armen.
Wütend zog Po die Augen zusammen. „Warum hast du sie nicht gerettet?“
Doch Shen zeigte keine Regung. „Warum sollte ich das tun?“
„Bist du wasserscheu oder was?!“
Jetzt glitt doch eine zornige Welle über des Lords Gesicht. „Pass auf was du sagst!“
„Hört auf damit!“, rief die Wahrsagerin. „Alle beide!“
„Was hast du dir dabei gedacht?!“, rief Po. „Sie hätte ertrinken können!“
Der weiße Vogel hob nur die Augenbrauen. „Das ist nicht mein Problem.“
Po balle die Fäuste, doch ein lautes erschöpftes Husten ließ ihn zusammenzucken.
Die Pfauenhenne lag immer noch da mit stark zitterndem Körper.
Sanft nahm Po sie in die Arme.
„Sie friert sich noch zu Tode. Wir müssen ein Lagerfeuer machen.“

Mit tiefster Finsternis beobachtete der Lord wie Po ein Feuer am Ufer anzündete. Natürlich konnten sie unmöglich ein Feuer auf dem Schiff entfachen, so dass sie einen Zwischenstopp am trockenen Land einlegen mussten.
„Warum hast du sie nicht gerettet?“, hallte es dem Vogel immer noch durch den Kopf. Dadurch verengte sich seine Augen nur noch mehr.
Mein Hass war stärker.
„Gleich wird es warm“, sagte Po und blies in die noch kleinen Flammen. Xia saß auf einem Stein, umhüllt in einer dicken Decke. Der Panda trat hinter sie und rubbelte über ihren Rücken.
Sie lächelte verschmitzt.
„Ich bin so ein Feigling.“
„Hey,“, meinte Po und lachte. „Für deinen ersten Kampf, war das nicht schlecht. Aber warum kannst du nicht schwimmen?“
Sie schwieg.
„Xiang“, war ihre einzige Antwort.
Und Po verstand. „Na ja, den Schwimmunterricht werden wir auf später verschieben.“
Sie hustete.
Aufmunternd tätschelte Po ihr auf die Schulter. „Mach dir nichts draus. Du musst nicht alles an einem Tag lernen.“
In diesem Moment trat die Wahrsagerin zu ihnen und hielt dem Mädchen eine gefüllte Schüssel hin.
„Trink das.“
Die Augen des Lords weiteren sich mit einem Mal. Der Geruch warf ihn weit zurück in die Vergangenheit.

Vor über 10 Jahren…

Er konnte kein Auge zumachen. Noch nie hatte er mit einer anderen Person zusammen in einem Raum geschlafen. Zumindest nicht mit einer Frau. Doch ihre Gegenwart war nicht der einzige Grund weshalb er keinen Schlaf finden konnte. Von Zeit zu Zeit hallte ein Husten durch seinen Kopf. Nein, das war kein Traum. Müde öffnete er die Augen. Der Raum der Höhle lag fast komplett im Dunkeln. Nur ein großes Feuer brannte in der Nähe des Höhleneingangs, um die Höhle aufzuwärmen und sodass der Rauch nach draußen entweichen konnte.
Ein erneutes sanftes Husten ließ ihn hochfahren. Seine Augen wanderten in eine Ecke, wo einige Decken auf dem Boden lagen, während er ein komfortableres Bett belegte. Als er es nicht mehr länger aushalten konnte, warf er die Decke beiseite, verließ das Bett und ging rüber zu der immer noch hustenden Pfauenhenne.
Nachdem er sie erreicht hatte, hielt er an und schaute zu ihr herunter. Ihre Augen waren geschlossen, doch sie schlief nicht. Sie lag da, mit verkrampftem Körper und hielt sich den Hals.
Der Lord gähnte leise, dann verfiel er wieder in seine würdevolle Haltung zurück und räusperte sich.
Sein genervter Klang ließ sie hochschrecken.
Sofort setzt sie sich auf, und blickte ihn reuevoll an.
Der Prinz lächelte innerlich. Er genoss ihre Unterwürfigkeit.
„Könntest du mir einen Gefallen tun und nicht meinen Schlaf stören“, fragte er müde und gestresst.
Dadurch neigte sie den Kopf nur noch mehr. „Es tut mir leid, es ist nur etwas in meinen Hals.“
Er seufzte. Momente der Stille umgaben sie. Schließlich wandte sich der Lord ab.
Sie sah ihm nach wie der Lord zum Feuer rüberging. Dann schaute er zu ihr zurück und winkte sie zu sich rüber mit einer behutsamen Bewegung seines Flügels.
„Komm her.“
Ihr Schnabel begann zu zittern. „Bitte!“, flehte sie. „Es war nicht meine Absicht Euch aufzuwecken.“
Schnell stand sie auf und wollte die Höhle verlassen. „Ich schlafe draußen.“
Doch kaum war sie an ihm vorbei,  fühlte sie seinen eisernen Griff an ihrem rechten Flügel.
Angst stieg in ihr auf. „Nein, tut mir nicht weh!“
Sie zog, doch die Hand um ihren Flügel ließ nicht locker.
Verzweifelt gab sie den Widerstand auf. Ihren Kräften nachgebend, konnte sie nichts Weiteres tun, als nur ein keuchendes Wimmern von sich zu geben.
„Habe ich nicht gesagt, ich würde dir nicht weh tun?“, hallte die flüsternd-mahnende Stimme des Lords.
Seine Worte veranlasste sie ihm ins Gesicht zu schauen.
Die Augen des Pfaus waren immer noch kalt, aber nicht hart.
„Ich halte mein Wort“, fuhr er ruhig aber ernst fort. „Solange du nicht gewillt bist deins brechen.“
Sie starrte ihn an. Und er schaute zurück.
„Komm näher.“
Sanft führte er sie nahe genug ans Feuer und platzierte sie vor sich.
„Mach den Mund auf.“
Sie zögerte, doch sie gehorchte, sodass er ihr in den Mund schauen konnte.
Genau wie er vermutet hatte. Ihr Hals war völlig rot und wund.
Sie schloss den Mund wieder und hustet heiser.
„Tut weh, oder?“, fragte er mit ernstem Gesicht.
Sie nickte und rieb sich über die Kehle.
Nachdenklich betrachtete er sie. Dann nickte er und winkte mit dem Kopf in die Höhle. „Geh zurück ins Bett.“
Sie tat was er verlangte, während er am Feuer blieb.

Minuten verstrichen. Der weiße Pfau stand immer noch neben dem Feuer und stierte in die Flammen.
Er hörte sie im improvisierten Bett hin und her rollen. Sie konnte keinen Schlaf finden. Und er konnte das nur zu gut verstehen. In seiner Kindheit war er ziemlich oft krank gewesen. Was hatte man ihm nochmal gegeben, wenn er eine Erkältung gehabt hatte?
Doch warum sollte ihn das interessieren? Er traute ihr immer noch nicht über den Weg. Was hatte sie hier oben in den einsamen Bergen zu suchen gehabt?
Ein lauteres keuchendes Atmen ließ ihn aufhorchen.
Er drehte sich zu ihr um und lief zu ihr rüber.
Sie hörte ihn näherkommen. Beschämt richtete sie sich auf und bedeckte ihr Gesicht. „Vergibt mir. Ich versuche es zu unterdrücken.“
Ihre Versuche stellten sich mehr als schwierig heraus. Er konnte deutlich sehen wie ihre Schultern bebten und zitterten.
Normalerweise hätte er sie angeschrien. Nie hatte jemand in ihm mächtigen Herrscher gesehen. Doch sie war ihm so unterwürfig, dass sie ihm schon beinahe leidtat.
Schließlich schüttelte er den Kopf. „Macht nichts. Ich werde in meinem neuen Quartier einen Platz suchen.“
Damit verließ er sie.

Der Sturm war stärker geworden. Kalte, harte Schneeflocken wehten ihm ins Gesicht. In der Dunkelheit der verschneiten Nacht, wunderte er sich über sich selber wieso er die Höhle verlassen hatte und nicht sie. Er vertrieb diesen Gedanken und wollte die Gelegenheit nutzen die Fabrik zu inspizieren.

Voller Stolz stand der Lord auf einem Holzbalken und überschaute die unfertige aber fast fertiggestellte Fabrik, die seine Träume verwirklichen würde.
Eines Tages, wird ganz China sich vor mir verneigen. Eines Tages.

Der nächste Morgen begann ohne einen Sonnenstrahl. Wolken bedeckten den Himmel und verbreiteten eine depressive Atmosphäre. Doch Shen war nicht in schlechter Laune. Die Nacht in seiner neuen Residenz hatte ihm gutgetan. Der Eingang der Höhle war zwar von hohem Schnee blockiert, doch es befanden sich auf jedem Level kleine Türen um reinklettern zu können. Er schob einige Planken beiseite und schlüpfte rein.
Das Feuer war fast erloschen. Der Lord kümmerte sich nicht darum und ging an der Feuerstelle vorbei. Plötzlich stießen seine Füße gegen etwas am Boden.
Das Objekt wimmerte und hob den Kopf. Im spärlichen Licht erkannte er die Pfauenhenne, versteckt in einer Decke.
„Warum liegt du hier?“
Sie zitterte. „M-mi-r is-t ka-alt.“
Er zog die Augen zusammen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr und sie sah auch gar nicht gut aus.

Er streckte seinen Flügel nach ihr aus und berührte ihre Stirn. Sie fühlte sich wirklich sehr kalt an, vielleicht sogar schon Untertemperatur. Er zog die Hand zurück und hob den Kopf.
„Na gut. Ich werde ein neues Feuer machen. Doch geh zurück ins Bett und stör nicht meine Arbeit.“

Sein Unmut wuchs. Schon seit einer halben Stunde saß er vor seinen Papieren, wo er über ein neues Design für seine Waffe nachdachte. Doch das Konzentrieren fiel ihm mehr als schwer. In jeder Minute musste er ihr Husten hören, einmal lauter, manchmal leiser.
Mit einem lauten zischenden Knurren warf er den Stift nieder.
Eine furchtbare Stille fiel, gefolgt von einem rückenden Stuhl, metallisch klingenden Schritten, die sich einer verängstigten Person näherten. Shen wusste nicht was er tun oder sagen sollte. Er starrte nur auf sie herab. Sein Gesicht überzogen mit nur einer Frage: Was sollte er mit ihr machen?
Tränen stiegen ihr in die Augen. Die junge Frau wusste selbst nicht was sie machen sollte. Sie saß nur da mit erhobenen Armen und flehte. „B-bitte, helft mir.“
Er verengte gefährlich die Augen. „Warum um alles in der Welt sollte ich sowas tun?“
Sie öffnete den Mund, zuerst ohne ein Wort, dann ein flehender Klang. „Ich hab Angst.“
„Du hast Angst?“ Ein düsteres Kichern entkam ihm. „Dazu hast du keinen Grund.“
Wieder wandte er sich von ihr ab, während sie zu schluchzen begann.
„W-warum se-id Iihr so h-hart?“, weinte sie.
Er hielt inne, seine Augen brannten vor verletztem Stolz. „Die Welt ignorierte mit“, flüsterte er bitter. „Niemand hat das Recht Beachtung von mir zu verlangen.“
Er schaute hinter sich und sein Blick erschreckte sie. „Aber eines Tages, wird mich niemand mehr ignorieren.“
Der Pfau behielt seine strenge Miene, bis er spöttisch lachte.
„Du siehst, ich habe keinen Grund dir was zurückzugeben.“
In Erwartung sie würde weiter betteln, senkte sie den Blick komplett.
„V-vielelciht habt Ihr recht.“
Ihre Antwort überraschte ihn.
„Vielleicht bin ich e-es nicht wehrt am Leben zu bleiben.“
Sie rang nach Luft.
„Jeder hat mir gesagt, ich lebe nur um still zu stehen und nichts anderes zu tun. I-ich glaubte nicht, aber meine Eltern hatten Recht. Ich bin unbedeutend. Ich hab nur zu gehorchen.“
Sein Blick ruhte auf ihr.
„Deine Eltern scheinen dich nicht geliebt zu haben, oder?“
„Sie – sie sind tot“, keuchte sie. „Und es ist mir egal. Ich hab sie nie geliebt – und sie mich nie. ich dachte nur – sie hätten gelogen und ich wäre mehr. A-aber Ihr hattet wenigstens das Glück ein Mann zu sei. Ich bin nur eine Frau, o-ohne Rechte. Ihr hingegen könnt machen was Ihr wollt.“
Sie konnte nicht weitersprechen. Ein harter Keuchhusten blockierte ihre Stimme.
Langsam kam er näher und kniete sich neben sie hin. Doch diesmal konnte sie kein Wort von sich geben. Ihre Lungen schmerzten und das Atmen wurde ein schmerzhafter Prozess für sie.
Shen kümmerte sich nicht weiter darum und seufzte.
„Glaub mir, Eltern können noch viel grausamer sein als du denkst.“
Sie zuckte zusammen. Ein weißer Flügel legte sich auf ihre Schulter und drückte sie langsam zurück aufs Kissen.
Die Frau wehrte sich nicht dagegen. Sie wollte gar nichts mehr tun. Mittlerweile war der junge Pfau aufgestanden und entfernte sich.
In Gedanken versunken und still ging er durch die Höhle. Nach nicht mehr als 3 Minuten verließ er seine private Behausung.

„Ich soll was machen?“
Der Boss-Wolf und ein paar andere Wölfe starrten ihren Meister sprachlos an.
„Du hast mich schon richtig verstanden“, wiederholte ihr Meister. „Ich verlange, dass du und die anderen mir diese Kräuter bringen, die ich aufgelistet habe.“
„Aber das nächste Dorf ist weit weg…“
„TU ES!“, schrie der Pfau. „TU ES! TU ES!“
So schnell sie konnten verließ der Wolf das unfertige Fabrik-Gebäude.

Sie hörte ihn zurückkommen. Doch sie sah nicht auf. Immer noch auf der Seite liegend, wickelte sie die Decke enger um ihren zitternden Körper.
Schritte halten durch die Hallenraum, die dann zu ihr zurückkehrten.
Doch statt einer Stimme, huschte ein raschelndes Geräusch und etwas Schweres legte sich über sie.
Sie hob den Kopf. Neben ihr stand der weiße Pfau und deckte sie mit einer zweiten Decke zu und noch einer dritten. Dann hob er den Zipfel der vielen Decken an.
„Was… was tut Ihr da?!
„Keine Angst“, sagte er ruhig. „Ich werde dich warmhalten.“
Damit kletterte er zu ihr unter die Bettdecke.
Sie konnte nicht glauben was er tat und wich zurück.
Als Shen seinen Platz neben ihr eingenommen hatte, lächelte er.
„Keine Sorge. Aber du musst warm bleiben. Ich werde bei dir bleiben bis meine Soldaten mir ein paar Medikamente besorgen.“
Er konnte ihre Angst deutlich sehen.
„Vertrau mir. Es wird nichts passieren. Doch du musst näher heranrücken.“
„I-ich weiß nicht.“
Vorsichtig legte er seine Hand auf ihre Schulter, die anschließend weiter nach hinten wanderten. Mit sanftem Druck auf ihrem Rücken schob er sie zu sich.
„Keine Sorge.“ Im Schein des Feuers, konnte er sehen wie ihre Atmung sich beschleunigte.
„Wieso vertraust du mir nicht?“, flüsterte er.
„I-ihr seid stärker als ich.“
Wie süß es in ihrer Stimme klang. Ihre silbernen Flecken schimmerten im gedämpften Licht.
„Stell dir einfach vor, der Schnee würde dich in die Arme nehmen.“ Er lächelte. „Du magst doch denn Schnee, oder etwa nicht?“
Sie wusste nicht wie ihr geschah. Die Pfauenhenne fühlte sich wie in einem Traum, während der weiße Pfau seinen Kopf nach vorne beugte bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander trennten.
„Schließ die Augen.“ Seine Stimme hatte einen beruhigenden Effekt. „Es ist okay.“
Er konnte nicht anders. Er wollte ihr nichts befehlen. Sie sollte sich freiwillig fügen. Er versuchte alles um fürsorglich zu sein. Sie sollte sich sicher fühlen, was seine Eltern ihn niemals haben fühlen lassen. In ihren Augen war er immer ein Schwächling gewesen.
Ihr Widerstand ließ nach. Noch immer ihn anstarrend ließ sie ihren Körper zu ihm führen.
Sie näherten sich, bis ihr Körper auf seinem Oberkörper lag.
Er konnte ihre Anspannung fühlen. Es war seltsam und fremd, aber wundervoll zugleich.
Langsam und behutsam strichen seine Federfinger über ihren Hals. Ihre Anspannung stieg.
Sie fürchtete sich immer noch vor seiner Berührung, doch sie wagte nicht ihm zu widersprechen oder zu versuchen ihn daran zu hindern.
Der weiße Prinz blickte auf sie herab. Ihr Schnabel zitterte leicht.
„Du bist nicht oft in der Kälte, oder?“
„N-ni-cht oft“, stotterte sie heiser. „Und Ihr…?” Wieder musste sie husten.
„Du solltest deine Stimmbänder nicht überanstrengen. Bleib ruhig und versuch zu schlafen.“


Es war ein eigenartiges, fremdes Gefühl. Schweigend blickte er auf die Frau herab, die inzwischen in den Schlaf gefallen war und auf seinem Körper ruhte. Es war eine unbekannte Erfahrung den Herzschlag eines anderen zu spüren. Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Brust.
Ein Lächeln huschte über seinen Schnabel. So fühlte es sich also an jemanden so nahe zu sein. Ein unbeschreibliches Gefühl.
So wundervoll. So warm. Sanft zog er sie näher zu sich heran.

Er wusste nicht wie lange er mit ihr zusammenlag. Von Zeit zu Zeit wachte er auf, dann döste er weiter, bis ihn eine bekannte Stimme vollständig weckte.
„Meister Shen. Ich brachte Euch was Ihr braucht.“
Er blinzelte und besah sich die Tasche, die der Wolf-Boss ihm über den Kopf hielt.
Langsam stand er auf und winkte ihn weg.
Seine Bewegungen weckten sie auf. „Wa-as…”
Shen legte einen Finger auf ihren Schnabel. „Schlaf weiter. Ich werde gleich zurück sein.“
Mit der Tasche in den Händen, ging er zu einem Tisch, schob die Schüsseln, Flaschen und andere merkwürdige aussehende Gegenstände beiseite und stellte sie dort ab.
Die Pfauenhenne war zu erschöpft und schloss die Augen wieder.
Mittlerweile hatte der weiße Prinz ein paar Kräuter herausgenommen und begann mit der Arbeit. Die Wahrsagerin hatte ihm oft genug gezeigt wie er den Saft zubereiten musste, für den Fall, wenn er es mal in Zukunft brauchen würde. Als er erwachsen war, hatte er es zwar nie mehr benötigt, doch er hatte nicht vergessen, wie er die Kräuter zerreiben musste, um einen Auszug daraus zu machen.
Schließlich, nach getaner Arbeit, nahm er den Löffel beiseite.
Ja, es roch genauso wie er es in Erinnerung hatte, als er noch ein Kind war.
Mit der Saft gefüllten Schüssel in den Händen, kehrte er zu ihr zurück und berührte sie an der Schulter.
Zuerst war sie sehr erschrocken, doch dann hielt er die Schüssel vor ihr Gesicht.
„Trink das. Das wirkt wahre Wunder.“
Vorsichtig nahm sie es.
Die ganze Zeit beobachtete er sie, bis sie die Schüssel geleert hatte.
Als sie sie ihm zurückgeben wollte, erstarrte sie.
Sein weißer Flügel wickelte sich um ihren. Der andere nahm die Schüssel und stellte sie weg. Sie folgte den Bewegungen seines Flügels, bis er diesen hob und über ihre Wange strich und behutsam ihr Kinn anhob. Ihre silbernen Augen schauten in seine roten dunklen. Ein freundliches Lächeln von ihm ließ in ihr Wellen der Freude aufkommen.
„Ich denke, du solltest dich ausruhen.“


Er blinzelte heftig.
„Nur keine Bange“, erreichte die Stimme des Pandas seine Ohren. „Wird schon alles wieder gut werden. Nicht mehr lange und wir können unsere Reise fortsetzen.“
„Das hoffe ich“, meinte Xia traurig. „Wir haben schon so viel Zeit verschwendet und jetzt vergeuden wir noch mehr nur wegen mir.“
„Ach, das ist doch kein Problem.“
„Aber mein Bruder könnte jeden Moment sterben.“
Sie stand auf. „Wir müssen jetzt weitereisen.“
„Erst nachdem du dich aufgewärmt hast“, sagte die Ziege und legte ihren Gehstock auf ihren Flügel. „Dann werden wir unseren Weg fortsetzen. Oder nicht, Shen?“
Die ganze Zeit hatte er teilnahmslos die Gruppe um das Mädchen beobachtet. Jetzt sah er so aus, als würde er gerade von weite weg wieder zurückkommen.
„Mm, ja. Das sollten wir tun.“

„Ich kann es nicht glauben.“
Shen sah sie nicht an, als er die aufgeregte Stimme seiner „Tochter“ hörte.
„Ich fühle mich viel besser. Dieser Saft ist wirklich ein Wundermittel.“
Die alte Ziege lächelte. „Es ist ein altes Rezept von Shens Familie. Sie verwenden es schon seit vielen Jahren.“
„Hey, Shen!“, rief Po zum Pfau rüber, der ihnen wieder den Rücken zugewandt hatte. „Sie fühlt sich schon viel besser, hast du das gehört?“
„Schön für dich”, antwortete er mit Desinteresse. Er starrte nur auf den Fluss.
Enttäuscht gab Po es auf seine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken und wandte sich ab, ohne die einzelne Träne in einem Auge des Lords zu bemerken.
„Oh, seht nur! Ich kenne diese Berge!”, rief Xia laut und deutete nach vorne. „Wir sind fast da!“


Falls einige von euch denken, so störrisch kann Shen doch nicht sein, dann lass ich euch wissen, dass er ein Detail kennt, wovon die anderen nichts wissen. Aber ihr werdet erst später davon erfahren. Auf jeden Fall wird dies noch eine wichtige Rolle spielen und sich extrem auf Shens Verhalten im weiteren Verlauf auswirken.

Und falls ihr euch wundert, weshalb Yin-Yu kein Fieber bekam, muss ich noch hinzufügen, dass Vögel soweit ich weiß kein Fieber bekommen können, sondern im Krankheitsfall von Untertemperatur geplagt werden.

12. Stilles Zusammentreffen


„An der Flussbiegung können wir anlegen“, sagte Xia. „Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zum Dorf.“
„Und wo liegt deine Heimatstadt?“, frage Po sich umschauend.
Die junge Pfauenhenne deutete weiter landeinwärts über die Berge. „Ein paar Hügel weiter weg. Doch es hat keinen Sinn dorthin zureisen. Sie wurde stark beschädigt und wäre für uns auch nicht sicher. Dort lauern überall Spione der Hunnen.“
Nach einer Weile hielten sie das Schiff an. Xia sprang als Erste an Land und winkte den anderen zu.
„Folgt mir.“
Als sich niemand rührte, drehte sie sich um. „Worauf wartet ihr noch? Kommt schon.“
Po verließ das Schiff zuerst, gefolgt von den anderen. Nur Shen bildete das Schlusslicht. Ohne Transportmittel waren sie gezwungen zu Fuß weiter zu gehen. In einer Reihe marschierten sie der Pfauenhenne hinterher, die sie durch die hohen Hügel führte. Der Schnee war nicht sehr hoch, doch der Pfad war nur schwer zu erkennen.
Nach über einer halben Stunde hielten sie an.
„Fußspuren!“, rief Po ganz aus dem Häuschen und deutete in den tiefen Schnee. „Nicht sehr groß, aber auch nicht zu klein.“
Auch Xia hatte die Fußabdrückte bemerkt und beugte sich interessiert runter. „Es muss von einer der Berg-Schafe stammen, die hier in dem kleinen Dorf leben.“
„Das ist richtig.”
Po wirbelte herum und schrie erschrocken auf, nachdem die kleine, unbekannte Stimme wie aus dem Nichts neben ihn erklungen war. Ein Schaf mit Holz auf dem Rücken sah sie neugierig an.
„Willkommen Fremde“, grüßte es die Gruppe und tat so als habe er den Schrei des Pandas gar nicht gehört. „Wir freuen uns über jeden Besuch.”
„Wir suchen nach deinem Dorf”, sagte Xia.
Das Schaf hob die Augenbrauen. „Kennen wir uns? Mir ist als hätte ich dich schon mal gesehen.“
„Ja, das ist wahr“, stimmte Xia zu. „Vor vielen Tagen war ich in eurem Dorf. Aber jetzt bin ich zurück.“
Das Schaf rieb sich das Kinn. „In der Tat, jetzt erinnere ich mich. Du bist vor langer Zeit gegangen. In diesem Fall folge mir. Ich kenne eine Abkürzung.“
Damit ging die Gruppe durch die hügelige Landschaft.
Nach einer Weile trafen sie auf mehr und mehr Schafe, die Holz auf ihrem Rücken transportierten. Schließlich führte sie der Weg einen Hügel hoch, wo mehrere kleine Häuser standen, bewohnt von einer Menge anderer Schafe. Als die Gruppe die ersten Häuser passierte, hielten einige Schafe an und beäugten die kleine Gruppe. Einige verneigten sich sogar. Es war kein Geheimnis für sie, dass der Pfau ein Lord sein musste, da er eine prachtvoll teure Robe trug. Doch vielleicht lag es auch daran, dass Xia für sie keine Unbekannte war. Shen schaute von einer Seite auf die andere. Es war ein relativ kleines Dorf, nicht sehr komfortabel. Kleine Holzhüten ohne viel Dekoration. Sein Blick wanderte wieder geradeaus. Xia steuerte ein bestimmtes Haus an, welches auf der obersten Spitze des Hügels in der Mitte des Dorfes thronte.
Ein weiteres Schaf, das vor dem Haus auf einer Bank saß, schien sie erkannt zu haben und verschwand kurz in dem Haus, kam aber kurz darauf wieder raus, dicht gefolgt von einem viel älteren Schaf.
Xia lief schneller. Bevor sie sie erreichte, legte sie die Handflächen zusammen und sie verbeugten sich respektvoll voreinander.
„Friede sei mit dir“, grüßte das ältere Schaf.
Xia nickte.
„Wie geht es ihm?“, fragte sie. Sie hatte irgendwie Angst diese Frage zu stellen.
Po kam dich hinter ihr und bemerkte sofort, dass das Schaf nicht gerade glücklich dreinschaute. Es senkte sogar den Blick bevor es antwortete.
„Die ganze Zeit, während du weg warst, ist er nicht aufgewacht. Wir schafften es zwar ihm etwas zu trinken zu geben, aber das ist auch alles. Wir wissen nicht was wir mehr für ihn tun können. Aber er lebt noch.“
„Kann ich zu ihm?“
„Du kannst“, sagte das Schaf und winkte zur Haustür. Doch bevor Xia eintreten konnte, fügte das Schaf noch schnell hinzu. „Aber sei gewarnt. Er zeigt keine Reaktion.“
Xia nickte traurig. Ihre Augen wanderten zu Po und Shen.
Auch Pos Augen waren auf Shen gerichtet, der nicht zu wissen schien, ob er ihr ins Haus folgen sollte oder nicht.
Xia sagte nichts. Sie wandte den Blick ab und ging ins Haus.
Shen seufzte, begleitet von einem Wink des Ärgers, wegen der flehentlich bettelnden Geste des Pandas. Und so kam es, dass der Pfau das fremde Haus betrat, ohne zu wissen was ihn dort erwartete.
Po reckte den Hals, aber im Inneren des Hauses war es stockfinster. Er sah sich kurz um, dann schlich er auf Zehenspitzen langsam und vorsichtig über die Türschwelle.
In dem trüben Licht sah er, wie die zwei Vögel vor einem kleinen Teil des Hauses standen, das separat mit einem Vorhang getrennt war. Xia schob die Tücher beiseite und sie betraten einen weiteren kleinen Raum, wo sich nur ein kleiner Tisch und ein Bett befanden. Das Fenster war mit Tüchern verhangen. Nur ein paar Kerzen spendeten Licht. Das Mädchen begab sich neben das Bett in dem ein junger erwachsener Pfau lag. Shen kam zuerst nicht näher und hielt gebührend Abstand. Doch er beobachtete alles. Der Kopf des jungen Pfaus war blau gefärbt, vielleicht mit ein paar grünen Federn. Seine Flügel waren ebenfalls blau mit etwas leichtem dunklen lila vermischt. Langsam näherte sich der Lord. Im unteren Halsbereich erkannte er einige weiße, silberne Strähnen, aber nicht so viele und nicht so klar wie bei seiner Mutter.
Xia beobachtete den weißen Pfau. Was ging dem Lord gerade nur durch den Kopf?
Aber sie hielt es für das Beste zu schweigen.
Nach einer Phase der Stille beugte sie sich runter zu ihrem schlafenden Bruder und berührte behutsam sein Gesicht.
„Sheng?“, flüsterte sie. „Dein Vater ist hier.“
Ein mahnendes Zischen des weißen Pfaus ließ sie erstarren.
Sheng mittlerweile bewegte etwas die Lippen, doch er wachte nicht auf.
Shens Gesicht zeigte keine einzige Regung. Schließlich verzog er spöttisch den Mund.
„Er sieht mir gar nicht ähnlich.“
„Aber…“ Im letzten Moment zügelte das Mädchen ihren Ärger. „Er kommt mehr nach unseren Großeltern. Aber da ist noch etwas anderes…“
Sie schob die Decke beiseite, sodass der Bereich des unteren Flügels ihres Bruders sichtbar wurde. Dann nahm sie einen Lappen zur Hand und rieb damit über die Federn. Nach einer Weile erhellte sich die Stelle bis sie vollständig weiß war.
Jetzt war der Lord doch etwas überrascht.
Xia legte den Lappen weg.
„Seit seiner Geburt sind einige Stellen seines Körpers weiß gefärbt. Mutter hatte Angst es könnte Xiang stutzig machen, dass er nicht sein Sohn sein könnte. Seitdem färbt sie seine weißen Federn immer ein. Xiang soll es nie erfahren.“
Shen zuckte zusammen, stieß aber kurz danach ein verärgertes Knurren aus nachdem er das Gesicht des Pandas durch die Vorhänge erblickte. Der Panda lächelte scheu und verschwand sofort wieder.
Dann wandte Shen seine Aufmerksamkeit wieder seinen „Kindern“ zu.
Xia mittlerweile sah ihn flehentlich an, so als wollte sie ihn darum bitten, dass er die Wahrheit akzeptieren sollte. Doch der Lord war mehr als skeptisch und ließ seinen Blick auf den Vogel im Bett ruhen.
War dieses Individuum wirklich sein Sohn?
Seine Augen wanderten wieder zu ihr. Aber dann wandte er sich ab ohne ein Wort zu sagen.

„Und?“, frage Po unsicher.
„Und was?“, fragte Shen ungehalten zurück nachdem er das Haus wieder verlassen hatte.
„Ähm, nun, ich…“ Er suchte nach einer anderen Frage statt, ob er nun glaube, dass Xia und Sheng seine Kinder sind oder nicht.
„Ich wollte nur wissen, was wir als nächstes machen.“
„Warum sagst du immer, wir?“
„Okay, in diesem Fall dann, was hast du als nächstes vor?“
Der Lord schwieg, sein Gesicht war wie Stein. Zu Pos Erleichterung führte jemand anderes das Gespräch weiter.  
„Wenn du mit ihr reden willst, musst du zuerst in die Burg kommen“, sagte die Wahrsagerin.
„Eine Burg?“, fragte Po.
Sie nickte. „Ich hab mich etwas mit den Dorfbewohnern unterhalten. Beide werden in der Burg des Hunnenkönigs Wang gefangen gehalten.“
Po rieb sich den Kopf. „In diesem Fall müssen wir wohl einbrechen. Yeah! Das wird…“
„Unmöglich.“
„Hä?“
Zwei Schafe, eins das zuvor mit Xia gesprochen hatte und ein anderes in dunkel grünen alten Kleidern, waren hinter ihnen aufgetaucht.
„Es ist unmöglich darin einzubrechen“, sagte das erste Schaf. „Aber nach all dem was Prinzessin Xia uns erzählt hat, habe ich vermutet, dass ihr solche Pläne habt. Aus diesem Grund habe ich euch jemanden mitgebracht.“
Er deutete damit auf das zweite Schaf, welches sich höflich vor ihnen verbeugte. „Mein Name ist Hangfan. Ich kenne die Burg wie meine Westentasche. Ich könnte euch unerkannt in die Burg schmuggeln.“
„Wirklich?“ Po bekam große Augen.
„Wir betreiben Geschäfte mit den Hunnen seit unserer Entstehung“, erklärte das ältere Schaf. „Hangfan könnte euch einschleusen, ohne dass die Hunnen euch bemerken.“
„Wie willst du uns dorthin bringen?“, fragte Po.
„In Fässern.“
„Wie Spione?“ Po klatschte in die Hände. „Wow, das kling ja spannend! In Ordnung. Retten wir…“
Doch Shen schnitt ihm das Wort ab. „Wag es ja nicht, es auszusprechen. Das ist keine Rettungsaktion!“
Po ließ die Schultern hängen. „Okay, in diesem Fall, eine Abenteuer-keine-Rettungs-Tour.“
„Unsere nächste Lieferung findet diesen Abend statt“, sagte Hangfan. „Das bedeutet, wenn ihr bald die Chance dazu nutzen wollt, dann müssen wir spätestens in einer Stunde uns fertig machen.“
„In einer Stunde?“
Po wirbelte herum. „Großartig! Zeit genug um meine Fäuste aufzuwärmen.“
„So, in dem Fall habt ihr also bereits eine Entscheidung getroffen?“, erkundigte sich Hangfan.
„Ja! Äh, das heißt…“
Etwas unsicher drehte sich der Panda zum stillschweigenden Pfau um.
„Das heißt, ja, oder nicht?“
Der Lord seufzte. „Je schneller desto besser”, war die einzige Antwort. Dann drehte sich um und ging den verschneiten Hügel runter.
„Übersetzung, das war ein „ja“, sagte Po und ging dem Lord hinterher.
„Hey, ist alles okay?“
Shen rollte die Augen und schaute zu ihm zurück. „Was ist jetzt wieder dein Anliegen?“
„Nun, ein bisschen mehr Begeisterung würde nicht schaden.“
„Für was?”
„Bist du nicht aufgeregt sie wieder zu sehen?“
„Nein!“
Das machte den Panda perplex. „Das kam aber schnell.“
„Wieso sollte ich?“
„Nun, du sagtet, dass du einige Dinge klarstellen wolltest.“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich es so schnell klarstellen möchte.“
„Aber möchtest du nicht alles erfahren, bevor es zu spät sein könnte für deinen…“ Er schluckte das Wort „Sohn“ runter. „… für ihren Bruder.“
Shen wich seinem Blick aus. „Das ist mir egal. Vielleicht ist es das Beste für alle, dass er stirbt.“
Po konnte nicht glauben, was er da hörte. „Was?“
„Und ihr Verbleib kann mir auch egal sein! Von mir aus, soll sie auf die gleiche Weise sterben.“
Po stand da wie betäubt. Er wollte den Mund öffnen, doch es fiel ihm nichts rechtes ein, was er darauf erwidern sollte.
Mittlerweile hatte Shen den Blick von ihm abgewandt und starrte in den Schnee.
„Ich wünschte wirklich sie wäre tot.“
Po nahm einen Atemzug…
„Lass mich allein.“
„Äh…“
„Lass mich allein!“
Geknickt wühlte der Panda mit den Füßen im knirschenden Schnee herum. „Okay…“
Die Schritte entfernten sich und ließen den Lord alleine.
Warum bist du nicht gestorben?

Vor über 10 Jahren…

Der Lord hielt inne in seiner Schreibarbeit. Sie wachte auf. Er hörte wie sie sich im Bett bewegte, doch er drehte nicht den Kopf in ihre Richtung. Er lauschte nur und ließ sie im Glauben, er würde sich auf seine Papierarbeit konzentrieren. Sie seufzte. Er lächelte leicht, was sie nicht sehen konnte.
Was machte sie gerade? Er kämpfte mit sich selber sie anzusehen, doch sie sollte seine Neugier nicht bemerken.
„Mm…“
Ihr Murmeln gab ihm Anlass sein Ignorieren zu brechen.
„Oh, du bist aufgewacht.“
Er legte den Stift beiseite und stand auf.
Sie sah viel besser aus als gestern. Vorsichtig strich sie sich über ihren Hals.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er.
„Besser, mir geht es gut. Danke.“
„Fein.“ Er faltete seine Flügel unter seiner Robe zusammen. „In diesem Fall, wenn du glaubst, dass du dich stark genug fühlst, kannst du mich in dein neues Zuhause begleiten.“
Sie sah überrascht auf. „Neues Zuhause?“

Mit lautem Schwung öffnete sich das Tor. Es war immer noch kalt in den Hallen, aber schneefrei.
„Willkommen in meiner neuen Arbeits-Residenz“, verkündete der Lord stolz. „Wie findest du es?“
Er drehte sich zu ihr um und wartete auf eine Antwort.
Sie wickelte ihre Robe enger um ihren Körper und war immer noch dabei sich umzuschauen.
„Verzeiht mir, mein Herr, wenn ich diese Frage stelle“, begann sie scheu.
„Mein Herr. Wie nett sich das anhört“, dachte Shen, doch er verbarg seine innersten Gedanken sehr gut.
„Aber wozu das alles?“, fragte sie weiter.
Hatte er das vorhin nicht erklärt? Oh, natürlich nicht.
Er lächelte und breitete seine Schwingen aus. „Dies wird mich an die Spitze der Welt bringen.“
Er zeigte zum Himmel. „Die Eroberung Chinas.“
Der Lord wartete auf eine Reaktion. Die Pfauenhenne blickte ihn mit großen Augen an.
„Eine Eroberung?“
„Ganz genau.“
Für einen Moment wusste sie nicht was sie sagen sollte. „Warum?“
„Um der Welt meine Macht zu demonstrieren. Jeder wird meine Stärke erkennen und jeder wird sich vor mir verneigen.“
Ihr Gesicht zeigte mehr Verwirrung. Dachte sie vielleicht, er wäre verrückt?
Er grinste voller Arroganz. Sollte sie doch denken was sie wollte. Er kannte seine Zukunft. Besser als jeder andere.
„Wie soll das möglich sein?“, fragte sie irritiert.
„Ha, du denkst, es ist unmöglich, nicht wahr?“
Er umkreiste sie. Sie folgte ihm mit ihren Augen, ängstlich wie ein umzingeltes Tier.
„Nein“, leugnete sie. „Aber wie… Ich kann mir nicht vorstellen wie.“
Der Lord hielt an, seine Haltung zeigte mehr als Erhabenheit.
„Wenn du es wissen willst.“ Er gab ihr einen warnenden Blick. „Dann musst du einen Preis dafür zahlen.“
Sie zog den Kopf ein. „Einen Preis?“
Er trat näher an sie heran, seine Augen waren ernst und nachdrücklich. „Du wirst diesen Ort nicht mehr verlassen, bis ich mein Schicksal vollendet habe.“
Ihre Augen weiten sich während er fortfuhr.
„Niemanden ist es erlaubt mein Geheimnis hinaus zu tragen. Es bleibt hinter den Mauern der Verborgenheit bis es den Kreaturen der Welt kundgetan wird.“
Sein Blick wanderte umher bevor er ihn wieder auf sie richtete.
„Also? Wie lautet deine Antwort?“
Sie blickte hinter ihm, wo die offene Türe nach draußen zeigte. Nach einer Weile sah sie wieder auf ihn und nickte. „Ich bin einverstanden.“
Er kam näher. Sie fühlte seine Federfingern unter ihrem Kinn, die sie festhielten und sie in der geradeaus-Schauen Position behielten, und zwangen sie dazu ihm direkt in seine Augen zu blicken.
„Schwöre es.“
Seine finstere Stimme jagte in ihr einen angsterfüllten Schauer durch Mark und Bein.
„I-ich schwöre“
Er lockerte seinen Griff, zog seine Hand zurück, entfernte sich von ihr ein paar Schritte, dann wandte er sich ab.
„Folge mir. Ich werde dir etwas zeigen.“
Sie spazierten über Holzbrücken bis sie einen großen Raum erreichten.
Lampen hingen von den Wänden und beleuchteten den Raum mit ihrem schauerlichen Licht. Zuerst überkam sie der Wunsch wegzulaufen, doch sie wollte ihr Wort halten und ging ihm weiter hinterher bis sie die Mitte des Raumes standen. Der Lord stoppte, drehte sich um und breitete seine weißen Flügel aus.
„Hier siehst du, meine Lösung und mein Schicksal, um es möglich zu machen.“
Er wies auf einen langen Tisch, wo lauter Chemie-Instrumente standen.
„Ich könnte mir vorstellen, dass du nicht weißt was das ist, oder?“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Ich werde es dir zeigen.“
Er nahm ein paar Gefäße, die ein Pulver enthielten. Er streute einen kleinen Haufen auf den Tisch und hielt ein glimmendes Räucherstäbchen darüber.
„Halte Abstand“, warnte er.
Sie tat es. Das Stäbchen berührte das Pulver und es entflammte in einer blendenden kleinen Explosion.
Die Frau erschrak und wich zurück.
„Erschrocken?“ Er lachte und legte das Stäbchen weg.
Dann ging er zu ihr. Sie sah ihn ein bisschen angsterfüllt an. Was ging gerade durch ihren Kopf?
„Fühle dich geehrt“, sagte er mit einem dunklen Grinsen. „Normalerweise erlaube ich niemanden meine inneren Räume zu besichtigen.“
Sie presste sich an die Wand. Er kam näher.
„Glaubst du jetzt, dass ich eines Tages China regieren werde?“
Sie zitterte, aber sie schaffte es zu nicken.
Er streckte seinen Flügel nach ihr aus. Ihre Körper berührten sich fast. Sie zuckte zusammen. Sein Zeigefinger strich über ihren Schnabel.
„Niemals ein Wort nach draußen“, flüsterte er. Er hielt in den Bewegungen seines Feder-Zeigefingers inne und hielt ihn auf ihre Lippen. „Niemals.“
Er verstärkte seinen Druck.
„Breche je dein Wort, und dein Leben endet wie mein Schießpulver im Feuer.“
Jetzt schaffte sie es ihre Lippen zu öffnen.
„Niemals.“


Shen verengte die Augen. Es war das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass er jemanden blind vertraut hatte. Ohne daran zu zweifeln. Aber das war für gar nichts.
Ich wünschte du wärst tot.


Vom Aussehen her hat Xia mehr Ähnlichkeit mit ihrer Mutter und einem anderen Familienmitglied, wohingegen Sheng ein piebald Pfau ist. (geschecktes Federkleid)

13. Hinter der Fassade der Verhüllung


„Ich bin so aufgeregt!“, murmelte Po immer und immer wieder, als er in eines der Fässer stieg.
Es war fast Nachmittag, als Hangfan wie versprochen mit einem Karren in das Dorf kam. Doch es brauchte mehr als Überredenskunst, um Shen davon zu überzeugen in das primitive Transportmittel zu steigen. Besonders nachdem Hangfan seine Tarnmethode nochmal erläuterte hatte, die darin bestand über der versteckten Person im Fass eine Holzplatte zu befestigen, sodass noch mehrere Zentimeter Freiraum unter dem Deckelrand frei war, der anschließend mit Material aufgefüllt wird. Wenn die Wachen der Burg dann den Inhalt kontrollieren, würden sie die blinden Passagiere niemals entdecken.
Xia beobachtete sie aus einiger Entfernung. Alle hielten es für das Beste, dass sie im Dorf blieb. Es wäre zu gefährlich. Dasselbe galt auch für die Wahrsagerin und versprach ein Auge auf sie und ihren Bruder zu haben.
„In Ordnung“, gab Shen schließlich nach und setzte einen Fuß in die Tonne.
Po, der schon vollständig seinen Platz eingenommen hatte, versuchte erst gar nicht dabei in seine Richtung zu schauen. Doch bevor Hangfan die Fässer schließen konnte, wünschte Xia ihnen noch alles Gute.
„Viel Glück, Drachenkrieger.“
„Oh, danke. Und nur keine Sorge. Wir werden deine Mutter schon zurückbringen, gesund und munter.“
Xia zwang sich zu einem Lächeln. „Wache über sie, bitte.”
Sie warf dabei einen besorgen Blick auf Shen.
Po salutierte. „Kein Problem. Alles ist unter meiner Kontrolle.“
„Aber hüte dich vor Xiang.“
„Och, ich hab es schon mit vielen schlimmen Typen zu tun gehabt. Wir werden schon mit ihm klarkommen.“
Xia schüttelte langsam den Kopf. „Du kennst ihn nicht. Ich hab sogar den Eindruck, dass der Angriff der Hunnen irgendeinen Sinn hatte.“
Po hielt inne. „Ein Angriff und eine Verschleppung einen Sinn? Was sollten sie denn für einen Sinn haben?“
„Es ist nur so ein Gefühl.“
„Aha.“
„Wir müssen los“, drängte Hangfan.
Po zog den Kopf ein und das Schaf legte die Holzplatte über ihn. Anschließend drückte er sie gut fest, sodass zwischen Po und der Deckelöffnung ein leerer Freiraum übrig blieb, den Hangfan mit Fisch auffüllte.
Po rümpfte die Nase. „Davon war aber nicht die Rede. Na gut. Ein stinkendes Versteck ist immer noch der beste Schutz, um sich vor den Augen des Feindes zu verbergen.“

Po rieb sich die Handflächen aneinander. Es war kalt, aber er war froh über sein dichtes Fell. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick durch ein Guckloch im Fass, sodass er beobachten konnte, was da draußen vor sich ging.
Der Karren fuhr durch Hügel und Schnee bis sich der verschneite Wald mehr und mehr lichtete und durch kahle Felsen und höhere Hügel abgelöst wurde. Po wusste nicht wie lange, aber irgendwann klopfte Hangfan gegen die Fässer.
„Seid vorsichtig. Wir kommen jetzt an den ersten Kontroll-Punkt der Hunnen an der Grenze zwischen China und ihrem Land.“
„Ich bin bereit für alles und jeden“, murmelte Po zurück. Shen gab dazu keinen Kommentar, was den anderen nur recht sein konnte.
„Still wie der Wind”, dachte Po und bedeckte seinen Mund mit den Händen nur um ganz sicher zu gehen.
Es dauerte nicht länger als fünf Minuten und der Wagen hielt an.
Tiefe Stimmen trafen auf die Ohren des Händlers als auch auf die der blinden Passagiere. Die Hunnen-Wachen hörten sich nicht gerade freundlich an. Und des dauerte nicht lange und sie umstellten den Wagen, begleitet von Hangfan, der sie über den Inhalt der Waren informierte. Po beobachtete alles durch das Loch im Fass und erhaschte einen flüchtigen Blick von zwei großen Ochsen.
Der Panda hörte wie eine Box nach der anderen geöffnet wurde. Sein Herz setzte einen kurzen Moment aus, als der Deckel von seinem Fass drankam.
Kurz darauf wurde es wieder geschlossen, nachdem der Wächter nur den Fisch oberhalb zu Gesicht bekommen hatte, der auf dem hölzernen Versteck ruhte. Po atmete einen Hauch der Erleichterung aus, wäre aber auch nicht verärgert über einen Kampf gewesen. Doch vielleicht es war das Beste für alle keinen Aufstand zu machen.
Der Karren fuhr weiter.
Po jubelte.
Der erste Schritt war getan.
Nach einer Weile vernahmen sie wieder Hangfans leise Stimme.
„Die Burg ist nicht mehr weit“, sagte er. „Wir sind fast da. Wir müssen nur noch an den Wächtern am Tor vorbei.“
„Nett“, murmelte Po. „Der Hunnenkönig kann einen kleinen Ausflug vom Hunnenland nach China machen, um billiger einkaufen zu können. Wie praktisch.“

Pos Bemühungen einen Blick auf die Burg der Hunnen erhaschen zu können waren nutzlos. Das kleine Loch im Fass war zu klein, um sich einen Überblick zu verschaffen. So blieb ihm keine andere Wahl als zu warten bis der Karren die Wachen erreicht hatte, die vor dem Tor der Burg patrouillierten.
Es war ein Glück für beide, dass den Wachen der Händler bekannt war und sie sich nicht die Mühe machten nochmal die Waren zu kontrollierten. Das Tor öffnete sich und der Wagen fuhr durch den großen Eingang.
Die Schatten von steinernen Wänden verschluckten sie.
„Wow, Gänsehaut”, dachte Po und fuhr weiter mit seiner Observation fort.
Sie passierten dunkle Steinwände, die sie durch schmale Gassen führten. Vielleicht war es mehr eine Hintertür durch die sie gerade gefahren waren. Denn die Straßen waren viel zu schmal für eine Armee.
Der Wagen fuhr noch eine Weile bis er anhielt.
„Okay, die Luft ist rein“, sagte Hangfan.
Kurz darauf hörte Po, wie der obere Teil des Fasses angehoben und die Platte entfernt wurde.
Vorsicht lugte der Panda über den Rand und schaute sich um.
Sie standen in einem sehr kleinen Hof in der Nähe eines kleinen Hauses, vielleicht für die Vorräte. Seine Augen wanderten höher und erblickte hohe Mauern rundherum mit Türmen und mehr emporragend gewaltige Wänden.
„Wir befinden uns in der Mitte der Burg“, erklärte Hangfan nachdem er auch dem Lord aus seinem Versteck herausgeholfen. Der Pfau rieb sich über die Federn und strich sich die Robe glatt. Dann legte er die Flügel zusammen und hob stolz den Kopf.
Po sprang vom Wagen runter und suchte wachsam die Umgebung ab.
„Und was machen wir als nächstes?“
„Von hier aus kannst du durch einen Untergrundpfad gehen. Nicht viele kennen ihn. Noch nicht einmal König Wang selber. Es ist ein sehr kompliziertes Tunnelsystem.“
Po rieb sich den Kopf. „Und wie sollen wir dann den Weg finden?“
Ein leises Zirpen ließ ihn aufhorchen. „Was…“
Irgendetwas sprang auf seinen Kopf. Es war eine Zikade.
„Sei gegrüßt schwarz-weißer Felsen“, sagte das braune Insekt.
„Äh, hallo, mein Name ist Po,“
Hangfan schwenkte mit der Hand auf ihn. „Das ist Tu.“
„Tu?“
Die Zikade zirpte laut. „Tu, ja, das ist mein Name.“
Po kicherte. „Na gut, Tu.“
Forschend stierte Tu in das rechte Auge des Pandas. „Hast du etwa ein Problem damit?“
„Äh, nein, ich hab dabei nur an Tutu gedacht.“
Das Insekt zog ihm am Augenlid. „Pass auf was du sagst, Schwabbel! Oder ich lasse dich im Labyrinth vergammeln.“
Zum ersten Mal seit langem huschte ein Lächeln über Shens Gesicht.
„Sie müssen sein Benehmen verzeihen“, sagte er. „Er hat schlechte Manieren.“
Die Zikade schaute auf und beäugte den weißen Pfau.
Dann sprang er auf dessen Schnabel und betrachtete ihn genauer. „Mm, nach deinem Aussehen zu urteilen, könnte ich mir vorstellen, weshalb du hier bist. Ich hab schon vorhin einer von deiner Spezies gesehen, aber er hatte bei weitem noch schlechtere Manieren als das Fettchen hier.“
Po rieb sich über seinen Bauch. „Hey, das ist nur zu viel Fell.“
„Einer von meiner Spezies, sagst du?“, fragte Shen, der eine gewissen Ahnung hatte, wen das Insekt meinte.
„In der Tat, allerdings“, fuhr Tu fort. „Wangs neuer Gefängnisinsasse ist ein richtiger kleiner Tyrann.“
Hangfan kam näher. „Redest du da über Xiang?“
„Genau das war sein Name“, bestätigte Tu. „Schrecklicher Kerl. Im Gegensatz zu seiner Frau. Die ist wie ein verschlossenes Buch. Sagt nie ein Wort, aber sie ist keine dumme Person.“
„Wie geht es ihnen denn?“, fragte Po, immer noch Xias Worte im Hinterkopf.
„Es geht ihnen soweit gut. Ich habe ihren Mann bereits im Kerker gesehen.“
„Und was ist mit seiner Frau?“, frage Po. „Ist sie auch im Gefängnis?“
Tu schüttelte seine Antennen. „Nein. Wang hat ihr mehr Freiheit erlaubt, allerdings unter Aufsicht. Sie hat ein eigenes Zimmer bekommen. Ich habe den Eindruck, Wang hat vor mit ihr einen Deal auszuhandeln.“
„Einen Deal?“, fragte Po, und wunderte sich, dass Shen sich nicht dazu äußerte.
„Das ist das worüber er mit ihr diesen Abend sprechen will. Wenn wir uns beeilen, kriegen wir die Unterhaltung noch mit.“
„Diesen Abend?“ Po sprang umher. „Na dann los!“
„Nicht so schnell, Dickerchen“, sagte Tu und sprang auf den Boden. „Vergiss nicht, ohne meine Hilfe seid ihr in den hohlen Mauern verloren. Folgt mir einfach.“
Damit sprang das Insekt in großen Sprüngen von dannen.
Po wollte hinterherrennen, doch er zögerte. „Was ist mit dir?“, fragte er Hangfan.
Doch das Schaf schüttelte den Kopf. „Ich muss den Wagen abladen. Geht ruhig.“
„Roger.“
Damit verschwand Po um die Ecke. Shen folgte ihnen mit schnellen Schritten. Trotz seiner langen Feder verursachte er keinen einzigen Laut.
Zu dritt schlichen sie im Schatten der Mauern entlang bis Tu vor einer Wand anhielt. Er tippte auf einen Wandstein und ein kleiner Teil der Wand öffnete sich.
Po und Shen fragten nicht weiter nach, als Tu in der dunklen Wandhöhle verschwand. Zusammen betraten sie einen dunklen Korridor, der von einigen Fackeln beleuchtet war.
„Folgt mir“, sagte Tu und sprang vor.
Der versteckte Gang führte sie durch schmale Korridore und Treppen, bis sie die Spitze eines turmartigen Gebäudes erreicht hatten. Von hier aus hatten sie die Möglichkeit einen Blick durch sehr schmale schlitzförmige Fenster nach draußen zu werfen.
„Wundert euch nicht“, sagte die Zikade. „Die versteckten Wege wurden hinter einer zweiten Wand des Gebäudes gebaut. Aber man kann sie von außen nicht sehen.“
„Ist ja wie ein Spionageort”, sagte Po und spähte durch die steinigen Ritzen. Erst jetzt sah er, wie groß die Burg wirklich war. Denn es war mehr als nur seine Burg mit einem Turm in der Mitte und einer Mauer drum herum. Hinter der Hauptmauer stand das Hauptgebäude, umgeben von mehreren flachen Steinhäusern und einem großen Platz, der wohl als Sammelplatz für die Hunnenarmee diente. Auf der Spitzen der Mauern konnte Po Ochsen erspähen, sehr muskulös und bewaffnet und sahen aus als könnten sie locker durch eine dicke Mauer rennen.
Pos Blick begutachtete den Himmel. Es war beinahe Abend. Plötzlich ertönte ein leiser chinesischer Gongschlag durch die Luft.
„War das Signal für Abendessen?“, fragte der Panda. „Mein Magen knurrt.“
Shen seufzte. „Das ist das typische Signal dafür, dass der König jemanden erwartet.“
„Wir sind fast da“, sagte Tu. „Hier haben wir einen besseren Blick.“
Die Zikade machte ein paar Sprünge um eine Ecke und berührte eine Steinplatte an der Decke. Diese öffnete sich und sie standen auf einer schmalen kleinen Rille am Rande eines Daches von dem man gut runterblicken, aber von oben diesen versteckten Pfad niemals sehen könnte. Mit eingezogenen Köpfen krabbelten sie auf dem verborgenen Sims entlang und spähten über den Dachrand.
Von hier aus hatten sie einen guten Überblick über einen großen Platz, der direkt vor dem Hauptgebäude lag.
Im nächsten Moment trugen zwei Ochsen eine mit Vorhängen bedachte Sänfte nahe an den Eingang heran.
Sie stellten sie ab und ein Wächter vor dem Haus ging darauf zu. Einer der Träger zog den Vorhang beiseite und eine dunkle Figur stieg aus. Die Figur war viel kleiner als sie.
Po hielt den Atem an.
Es war eine Pfauenhenne.

14. Farbenblind


Gebannt beobachtete Po das Szenario. Die Pfauendame legte ihre Flügel unter ihrer dunkel violetten Robe zusammen. Ihr Gefieder war dunkel braun getönt mit silberweißen Strähnen und Flecken auf ihrem Hals. Ihre Haltung war geprägt von Traurigkeit, ihr Gesicht leicht gesenkt, dennoch erweckte sie den Eindruck, dass ihr Stolz nicht gebrochen war. Einer der Ochsen-Wachen deutete mit dem Speer in seiner Hand in den Korridor. Die Pfauenhenne gehorchte und folgte dem ersten Wächter, der ihr vorausging.
„Wow. Sie ist wirklich sehr schön“, hauchte Po.
Sein Blick wanderte rüber zu Shen. Der Pfau stand da mit schwer definierbarem Ausdruck. Seine Gedanken schienen weit entfernt zu sein und dennoch war sein Verstand so klar wie nie zuvor. Er folgte ihr mit seinen Augen, als ob er keinen Teil ihrer Bewegungen verpassen wollte, bis sie im Korridor verschwunden war, der in das Hauptgebäude der Burg führte. Doch auch danach sagte er kein Wort und Po hatte Sorge, der Pfau hätte seinen Lebensgeist verloren.
„Mm… Shen?“
Wie vom Blitz getroffen entstand eine Bewegung im Körper des Lords. Gleichzeitig fand er wieder die Fähigkeit zum Sprechen. Doch seine Gesichtsmuskeln zeigten keine Emotionen.
„Sie ist schön, sicher“, sagte er Kriegsherr eisig. „Doch mit einem Fehler.“
Po hob die Augenbrauen. „Einem Fehler?“
„Du musst nicht alles wissen, Panda.“
Das geht nur mich was an.

Vor über 10 Jahren…

Nachdenklich betrachtete sie den Lord, der vor einem großen Regal stand und nach etwas suchte. Es war bereits der zweite Tag nachdem sie den Platz von der Höhle in das neue Quartier gewechselt hatte. Sie rieb ihre Flügel aneinander.
Zu bleiben bis er sein Schicksal erfüllt hatte. Wie lange würde das dauern?
Sie hatte schon viele Pfaue in ihrem Leben gesehen, doch noch nie jemanden wie ihn. Nicht nur wegen seiner äußeren Erscheinung. Er hatte etwas befremdliches an sich und eine zweigeteilte Persönlichkeit. Er konnte seine Laune in einer Sekunde auf die andere so drastisch ändern wie von Tag auf Nacht. Das beunruhigte sie. Sie konnte nie vorhersehen was er als nächstes plante. Doch er kannte die Grenzen seiner Umgebung, und dennoch mochte es mit dem Feuer zu spielen.
„Woran denkst du gerade?“
Seine Frage schleuderte sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
Er drehte sich zu ihr um.
„Irgendetwas Wichtiges?“
Hastig schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich habe nur gedacht, über…“
Sie wies mit ihren Flügeln um sich. „Es ist nur alles so fremd.“
Der Lord schnaubte und drehte ihr den Rücken zu.
„Das habe ich nicht negativ gemeint“, fügte sie hastig hinzu. „Ihr habt eine Vision, die sehr große Dimensionen aufweist.“
„Aber du denkst, es ist unmöglich, oder?“
Seine Stimme klang gekränkt und strich mit gespannten Muskeln seiner Federn über eine Papierrolle.
Sie seufzte. „Ihr scheint sehr zuversichtlich zu sein. Das habe ich so noch nie gekannt.“
Da war Stille zwischen ihnen.
Schließlich öffnete sie wieder die Lippen. „Woher kommt Ihr eigentlich?“
Der weiße Lord warf ihr einen argwöhnischen Seitenblick zu.
„Aus der Stadt Gongmen.“
Dann mied er wieder den Augenkontakt zu ihr.
„Gongmen?“
„Kennst du es?“
„Ich weiß nur, dass dort eine Pfauen-Familie lebt, die Feuerwerk herstellt.“
„Sie stellen es nicht nur her - sie haben es erfunden.“
„Heißt das, Ihr seid einer von ihnen?“
„Ja,“ antwortete er ein bisschen genervt. Er nahm eine der Buchrollen und ging damit zu einem Tisch.
„Könnt Ihr Feuerwerk machen?“, fragte sie weiter. „Seid Ihr erfahren in dieser Herstellkunst?“
Der Pfau zuckte die Achseln. „Die einfachste Arbeit für mich. Aber ich habe besseres zu tun als nur ein simples Feuerwerk zu machen.“
Er warf das Papier auf den Tisch und setzte sich auf einen Stuhl.
„Solch ein Feuerwerk muss sehr schön sein.“
Er rollte die Augen. „Nur eine Verschwendung von Talent. Sowas dient nur zur Unterhaltung. Es kann viel mehr als das. Es verleiht mir Macht. Oder hast du etwa noch nie ein Feuerwerk gesehen?“
„Selten. Sehr selten.“
Für eine Weile sprach keiner mehr ein Wort. Shen mittlerweile versuchte sich auf das Papier zu konzentrieren, doch jetzt konnte er es nicht mehr. Seine Gedanken kreisten um das, was sie gesagt hatte.
„Vielleicht sollte ich ein paar Substanzen testen“, murmelte er mehr zu sich selbst. „Könntest du mir das Glas mit dem roten Pulver reichen?“
„Rot?“
„Ich kenne keine andere Farbe mit diesem Namen, die so heißt. Es steht im Regal.“
Sie schwieg betroffen. Der Lord sah sie an. „Mm. Gibt es ein Problem?“
„Nein, kein Problem.“
Fieberhaft besah sie sich die Flaschen. Aber es befanden sich keine Namensschilder darauf. Nur Schießpulver oder Explosionswarnungen.
„Was ist jetzt?“
„Ich… ich…“
Ihre Flügel zitterten.
„Ich kann es nicht finden.“
„Unmöglich. Ich hab es gestern noch darein gestellt.“
Er verließ seinen Sitzplatz und ging zu ihr rüber.
Mit einem Handgriff holte er das rote Schießpulver mit seiner befiederten Hand heraus und hielt es ihr vor.
„So einfach zu sehen“, sagte er spöttisch. „Bist du blind?“
Beschämt senkte sie den Blick. Doch das konnte ihn nicht zufrieden stellen. „Mpf, wenn es so schwer für dich ist, brauchst du es nur mit meinen roten Federn zu vergleichen.“
Er schnaubte. „Die einzige normale Farbe die ich habe.“
Sie schlang ihre Flügel um sich. „Wenigstens könnt Ihr Eure Farbe sehen.“
Mit einer harschen Bewegung wandte sie sich ab, ihr Gesicht immer noch gesenkt.
„Sehen?“
Shen verstand ihre Worte nicht.
„Was meinst du damit?“
„Nichts“, zischte sie.
Sie schrie vor Angst, als er sie an den Schultern packte, sie herumdrehte und gegen die Wand presste.
„Ich mag es nicht, wenn man in Rätseln zu mir spricht“, drohte er.
Seine stechend-scharfen Augen bohrten sich durch ihre, dass ihr vor Furcht die Tränen kamen. Vergeblich versuchte sie freizukommen. Doch ihr Wehren war sinnlos. Er war viel starker als sie. Er packte ihr Kinn und zwang sie ihm direkt in die Augen zu schauen.
„Was hast du damit gemeint?”
Er konnte ihren schnellen Herzschlag fühlen.
Ihr Lippen bebten. Sie hatte Mühe gleichmäßig zu atmen.
Er verstärkte seinen Druck. „Ich warte.“
Ein schluchzender Laut entkam ihrer Kehle. „Ich – ich… ich kann es nicht sehen.“
Sie schloss die Augen. Wartete sie auf einen Tadel?
„Ich… ich bin farbenblind.“
Sie wagte nicht ihre Augen zu öffnen. Wenigstens hatte sein Druck auf ihrem Kinn nachgelassen. Jetzt hörte sie nur noch ihrem Atem. Sie wünschte sie wäre jetzt woanders, nur nicht hier.
„So, du kannst also keine Farbe sehen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nichts. Schwarz, grau, weiß… nichts weiter.“
Die Pfauenhenne fühlte wie seine Flügel von ihr abließen.
„Ich bin ein Nichts.“
Ohne seinen Druck auf ihr sank sie zu Boden. Dann bedeckte sie ihr Gesicht mit ihren Flügeln. Sie hörte wie er sich von ihr entfernte. Sie sah nicht auf. Sie saß nur auf den Boden gegen die Wand gelehnt.
Der Lord kehrte zurück zum Tisch, stützte sich auf der Oberfläche ab und starrte darauf. Schließlich verließ er den Raum und sie bleib allein zurück.

Sie wusste nicht wie lange aber irgendwann hörte sie ihn zurückkommen. Unsicher schaute sie in seine Richtung.
Er stand wie immer in seiner stolzen Haltung da. Für eine Weile sahen sie sich nur an, bis er mit dem Kopf zur Seite winkte. „Komm mit mir.“
Sie wagte nicht zu zögern. Sie verließ ihren Platz und folgte ihm durch die Korridore.

Das Essen roch gut, aber sie verspürte keinen Hunger. Und sie sah ihn auch nicht an.
Aus dem Augenwinkel bekam sie nur am Rande mit wie er ein Glas nahm und daraus trank. Dann stelle er es zurück auf den Tisch.
Sie bewegte sich nicht.
Umso mehr schrak sie zusammen als er eine Schüssel vor sie hinstellte. Zuerst wollte sie sagen, sie habe keinen Hunger. Doch dann fiel ihr auf, dass es seltsam aussah und es roch auch nicht nach etwas Essbaren. Es war völlig geruchlos. Prüfend beäugte sie den Inhalt genauer. Für sie war es weiß, doch war es wirklich weiß?
„Berühr es“, hörte sie ihn sagen.
Jetzt wanderten ihre Augen doch zu ihm. Er hatte seine Ellbogen auf den Tisch abgelegt und seine Flügel zusammengefaltet.
„Berühr es“, wiederholte er.
Sie zögerte, doch dann tat sie es. Es fühlte sich kalt an. Sehr kalt. Sie nahm etwas davon aus der Schüssel und hielt es vor ihrer Nase. Sie konnte nichts riechen. War das…?
„Schnee ist weiß.“
Sie zuckte zusammen, als seine Worte ihr einen Schauer über den Rücken jagten.
„Es ist kalt und glitzert. Und besitzt keinen Geruch.“
Er schob die Schüssel weg und platzierte eine andere vor ihr hin. Der Inhalt war ein bisschen schwerer zu definieren. Diesmal griff sie freiwillig rein.
Sie fühlte etwas Hartes und Langes. Sie nahm es heraus. Dann erkannte sie, dass es sich um Grashalme handelte.
„Grün ist frisch wie Gras.“
Sie zerrieb es zwischen ihren Federfingern. Jetzt war der Duft intensiver.
Sie warf ihm einen scheuen Blick zu. Was wollte er damit bezwecken?
Wieder wechselte er die Schüsseln aus. Diesmal befand sich darin etwas würfelförmiges. Sie nahm einen tiefen Atemzug. Es roch süß. Sie kannte diese Frucht.
Pfirsiche.
„Sie sind orange“, meinte der weiße Pfau monoton. „Orange riecht oft so.“
Sie senkte den Blick. „Warum, warum das?“
Er schwieg einen Moment.
„Ich dulde keine Fragen.“
Sie sah zu ihm auf. Sein Gesicht war ernst. „Du könntest mir einen Gefallen tun, indem du mich nicht nach dem „Warum“ fragst. Verstanden?“
Sie zog den Kopf ein. Dann nickte sie. „In Ordnung.“


„Hallo? Hallo! Erde an Shen. Bist du noch da?“
Der Lord sprang auf, als der Panda ihn an der Schulter berühre. „Bist du verrückt?!”
Entschuldigend zog der Panda den Kopf ein. „Tut mir leid. Aber wenn wir das Gespräch mithören wollen, müssen wir uns beeilen.“
Der Lord räusperte sich. „In Ordnung. Aber berühr mich nie wieder so.“
Po rieb sich die Arme. „Okay.“

15. Die Lady, der König und der Lord


Während Po, Shen und Tu durch die Geheimgänge hinter, oder genauer gesagt in der Wand der Burg, gingen, führten die Soldaten die Pfauenhenne durch den langen Hauptkorridor.
Das Gebäude von König Wang war mehr eine Mischung aus rustikaler Burg und einem noblen Palast. Von außen erweckte es den Anblick einer kalten furchteinflößenden Festung, aber im Inneren, zumindest in König Wangs Räumen, besaß sie alle möglichen Bequemlichkeiten. Jedoch nicht annährend wie die Dekoration in Shens Palast. Wangs Inneneinrichtung war mehr robuster Art ohne viel Details. Die Tische besaßen so gut wie Verzierungen. Keine Spiegel, tapetenlose Wände und auch keine Bilder. Nur Steine, die aber zumindest mit einem hellen Farbton das ganze etwas auffrischten. Das gleiche betraf auch den Boden ohne Marmorbestanteile, der teilweise mit Teppichen ausgelegt war. Ein paar Laternen in eisigen Käfigen spendeten Licht in den dunklen Ecken.
Die Pfauenhenne mit Namen Lady Yin-Yu schenkte diesem keine Beachtung. Es schien sie nicht zu kümmern wohin sie ging und wo sie war. Wie ein fügsames Kind folgte sie den Ochsen bis in den zweiten Stock, wo König Wangs private Räume lagen. Der erste Wächter wechselte ein paar Worte mit einem anderem Ochsenwächter vor einer Tür. Diese wurde dann kurz darauf von ihm geöffnet und fragte etwas in den Raum. Eine andere tiefe Stimme antwortete und der Wächter nickte.
Die anderen Wächter zogen sich zurück, während der Türsteher ihr den Weg in den Raum wies.
König Wang, ein riesiger Ochse mit großen Hörnern und befellter Kleidung, erhob sich von seinem großen Stuhl.
„Willkommen Lady Yin-Yu. Ich hoffe Ihr seid mit der Unterbringung zufrieden, oder nicht?“
Zum ersten Mal erhob die Pfauenhenne die Augen.
Sie stand in einem mehr oder weniger komfortablem Raum, der etwas mehr an Dekoration aufwies, aber die Wände immer noch karges Gestein beinhalteten.

„Das ist es.“
Die Zikade deutete auf einen kleinen Querbalken in der Wand. „Hinter diesen kannst du einen Blick in König Wangs Räume werfen.“
„Alles klar“, sagte Po und schob das Holz beiseite, wo er durch zwei kleine Löcher in der Wand blicken konnte.
„Oh, ich kann sie sehen. Willst du auch mal durchschauen?“
Er blickte auf Shen. Doch der Lord wich seinem Blick aus. „Ich bin nicht taub.“
Po schnaubte. „Spielverderber.“
„Nehmen Sie doch Platz“, hörte er König Wangs Stimme.
Schnell schaute er wieder durch die zwei Löcher.
König Wang war auf sie zugegangen und winkte auf einen kleineren Stuhl. Lady Yin-Yu sagte nicht ein Wort und setzte sich. Ihr Kopf immer noch dabei gesenkt.
Der Ochse schnaubte mit einem Lachen und legte eine Teetasse auf den Tisch. Doch sie sah nicht auf. Ihr Gesicht war immer noch nach unten gerichtet. Doch dann bewegte sie ihre Lippen.
„Wo sind meine Kinder?“
Ein erneutes Schnauben und Po befürchtete schon er würde sie schlagen wollen.
„Ist das das Einzige woran Sie denken können?“, sagte König Wang etwas genervt. „Wie ich bereits gesagt habe, ich weiß nicht, wo sie sich aufhalten. Wir haben sie nach der Einnahme der Stadt verloren. Wir fanden keine Leichen. Aus diesem Grund, würde ich mir keine großen Sorgen machen.“
Sie erwiderte nichts und hielt ihren Blick unten, während König Wang sich langsam auf und ab bewegte.
„Ihr Ehemann war ein Narr. Es war seine eigene Schuld gewesen mich herauszufordern. Niemand bedroht einen Ochsen. Das sollte er sich mal in sein Gehirn einbrennen.“
Die Lady schnappte schwach nach Luft. Dann legte sie die Hände zusammen und schaffte es ihren Kopf oben zu behalten. „Warum erlaubtet Ihr mir dieses Privileg?“
„Ich bin froh, dass Sie nicht auf den Kopf gefallen sind wie Ihr Mann. Nun, in Anbetracht der Situation, können Sie sich hoffentlich vorstellen, dass ich es mir nicht erlaube kann Ihren Mann weiterhin als Lord in der Nachbarschaft regieren zu lassen. Aber ich kann es mir auch nicht erlauben, die Stadt sich selbst zu überlassen, ohne einen Herrscher und einer Herrscherin an ihrer Seite.“
Er machte eine kleine Pause bevor er stehen blieb und auf sie herabblickte.
„Mein Appel an Sie ist, und ich bin sicher, dass Sie nicht so töricht sind und es einfach abweisen. Ihr Mann muss hingegen im Gefängnis bleiben, aber er wird nicht zu kurz kommen, solange er sich nicht weiterhin wie ein Irrer aufführt. Meine Gefängniswärter beschweren sich schon seit Tagen über ihn.“
Die Pfauenhenne schloss ihre Augen und presste ihre Flügel aneinander, als wünschte sie sich, dass es so schnell wie möglich vorbei sein möge. Endlich kam König Wang auf den Punkt.
„Mein Vorschlag ist, Ihre Heirat mit ihm auflösen und stattdessen mich zu heiraten.“
Jetzt fand die Pfauenhenne mehr Kraft in einer stocksteifen Position zu sitzen.
Po schluckte ein „Was?“ herunter. „Hast du das gehört?“, hauchte er und tippte Shen auf die Schulter.
„Fass mich nicht an!“, fauchte der Lord. „Ich bin nicht taub.“
Po presste die Lippen aufeinander. „Hast nicht verstanden, was er gerade gesagt hat?“
„Pssst!“, zischte Tu.
Mittlerweile hatte Lady Yin-Yu immer noch kein Wort über die Lippen gebracht. König Wang winkte mit der Hand.
„Sie müssen die Entscheidung nicht heute treffen, möchte Sie aber auch bitten, nicht zu lange zu warten.“
Plötzlich ertönten laute gedämpfte Rufe durch den Korridor hinter der Tür. Ein Wächter stürmte herein. Er war völlig außer Atem.
„Was ist los?“, fragte König Wang.
„Da ist ein Aufstand im Gefängnis.“
König Wang meinte nicht richtig zu hören, aber dann wandte er sich an Yin-Yu.
„Sie bleiben hier. Ich werde jeden Moment zurücksein.“
Mit lautem Knall wurde die Tür geschlossen. Kurz danach sank die Pfauenhenne auf den Stuhl zusammen und bedeckte ihr Gesicht. Es wurde still um sie herum.
Po krampften sich die Zehen hoch. „Das ist unsere Chance. Holen wir sie raus.“
Er schaute zu Tu. „Gibt es eine Möglichkeit in den Raum reinzukommen?“
Die Zikade vibrierte mit den Antennen. „Natürlich.“
„Großartig! Zeig mir den Weg, Companion.“
Die Zikade rollte die Augen, aber sie tat was er wollte und aktivierte wieder einen Stein in der Wand. Langsam und lautlos gab dieser Teil der Wand nach und öffnete sich wie eine Drehtür.
Po war kurz davor loszulaufen, aber dann zögerte er und schaute zurück. Aber der Lord stand da, als ob ihm das alles nicht interessieren würde.
„Äh, möchtest du zuerst reingehen?“
Der Pfau hob die Nase. „Ich werde nicht der Erste sein, der ihr hinterherrennt.“
Er hob den Flügel in einer abwertenden Weise und wandte sich ab.
Po verengte seine rollenden Augen.
„Aber jetzt bist du so nah dran.“
„Keine Diskussion.“
Damit ging der Lord davon. „Bring sie zu den Treppen. Ich werde dort warten.“
Für einen Moment wusste Po nicht was er sagen sollte. „O-okay, ich verstehe. In diesem Fall ist das mein Auftritt.“
Vorsichtig drückte er die Wandtür weiter auf. Schnuppernd sah er sich um, nur um ganz sicher zu gehen. Außer ihm befand sich neben ihr sonst keiner im Zimmer. Auf Zehenspitzen schlich er zu ihr rüber.
Die Lady schenkte ihrer Umgebung keine Beachtung. Sie gab den Eindruck verloren und allein auf der Welt zu sein. Po fühlte Mitleid in sich aufsteigen. Was hatte eine solche schöne zerbrechliche Blume nur getan, dass der Lord so einen tiefen Groll gegen sie hegte?
Aber für Interpretationen war jetzt keine Zeit. Vorsichtig beugte sich Po zu ihr runter.
Die Pfauenhenne hatte ihn noch gar nicht bemerkt. Erst als er ihr ein paar Worte zuflüsterte, hob sie ruckartig den Kopf.
„Äh… hi?“
Er schluckte. Ihre Pupillen waren wie dunkles Silber, umhüllt in einer tiefen Müdigkeit. Aber schöne Augen. Die Lady schien nicht sonderlich geschockt zu sein, aber auch nicht sehr sorglos. Unsicher sah sie den Panda an.
„Keine Sorge“, sagte Po. „Ich bin ein guter Freund von ihrer Tochter.“
Jetzt keimte neues Leben in ihr auf. Schnell ergriff sie seinen Arm, sehr zu Pos Überraschung, und schaute ihn fest an.
„Wo ist sie?“
„Sie ist… sie ist in Sicherheit“, antwortete er immer noch völlig überrumpelt.
„Was ist mit meinem Sohn?“ war ihre nächste schnelle Frage.
„Er lebt“, antwortete Po wahrheitsgemäß. „Aber kommen Sie. Wir bringen Sie von hier weg?“
„Wir?“
„Ja, mehr später. Hier lang.“
Behutsam nahm er ihren Flügel und zog sie zu dem versteckten Geheimgang. Kaum hatten sie den Durchgang passiert, verschloss Po die Tür auch wieder. Dann nahm er sie wieder an die Hand und gemeinsam gingen sie durch einen schmalen Gang bis sie in eine Art Halle kamen, wo eine steinige Wendeltreppe nach oben führte.
Der Panda sah sich um. Doch der weiße Pfau war nirgends zu sehen.
„Okay.“
Po blickte zurück. Die Pfauenhenne hatte immer noch einen traurigen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Würde es naher schlimmer werden?
„Nun“, begann Po von neuem. „Da wären wir.“
„Warum halten wir hier an?“
Er ließ ihre Hand los. „Nun, ich denke, da ist jemand, der mit Ihnen sprechen möchte.“
Wieder sah er sich um. „Jeden Moment. Denke ich. Bald.“
Auf einmal war da ein raschelnder, klirrender Klang. Po blickte automatisch nach oben. In der Dunkelheit der versteckten Mauerwerke, erschien eine weiße, geisterhafte Gestalt auf den oberen Treppenabsatz.
Po räusperte sich und deutet nach oben.
„Das ist der, der mit Ihnen sprechen möchte.“

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Kapitel:15
Sätze:3.465
Wörter:33.444
Zeichen:188.536

Kurzbeschreibung

Während Shen seine neue Existenz aufbaut, erscheint eine junge Pfauenhenne und offenbart ihm Dinge aus seiner Vergangenheit in der Verbannung, die der Lord nie erwartet hat und nicht glauben kann. [Fortsetzung zu "Die letzte Chance"]