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Die letzte Ehre

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05.05.21 16:15
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit
1. Durch die Augen eines Kindes


Vor vielen, vielen Jahren…

Der kleine blaue Pfau setzte sich ruckartig im Bett auf.
Da war ein Geräusch. Ein dumpfer Aufprall. Es kam es aus dem Zimmer seiner Eltern.
Der Junge sah sich um. Es war dunkel, nur der Mond schien durch das Fenster und verlieh seinem Kinderzimmer im Palast etwas Licht. Wieder ein Geräusch. Diesmal klang es wie von Händen, die auf den Boden hämmerten, dann aber immer schwächer wurden.
Schnell verließ das Kind sein Bett und rannte zur Nachbartür, hinter der das Schlafzimmer seiner Eltern lag.
Er lauschte. Jemand stöhnte vor Schmerzen, dicht gefolgt von einem Husten.
Das kleine blaue Pfauenküken streckte den Flügel zum Türgriff aus, der etwas niedriger lag als der normale Türknauf auf der anderen Seite. Er war extra für ihn gemacht, damit er leichter ins Zimmer seiner Eltern gelangen konnte, wenn er mal einen schlechten Traum hatte.
Er öffnete die Tür einen Spalt. Im Elternzimmer war es dunkel.
Ein Schatten wanderte neben dem Bett umher und beugte sich über etwas, das auf dem Boden lag. Das Pfauenkind schob die Tür weiter auf und trat ein.
„Mum? Dad?“
Der Schatten drehte sich zu ihm um.
Der blaue Pfauenjunge rieb sich die Augen und sah die Gestalt an. Es war eine Pfauenhenne. Ihr lila schwarzes Gefieder schimmerte leicht im schwachen Mondlicht. Sie stand da und starrte das Pfauenkind an.
Die Augen des blauen Pfaus weiteren sich. Eine dunkle Flüssigkeit tropfte auf den Boden. Die Pfauenhenne schwang ihre Flügel und ein langes Stück Metall blitzte kurz darunter auf. Im Mondschein erkannte er die dunkelrote Farbe.
„Mum? Was ist passiert?“
Er reckte den Hals, um auf den Schatten zu sehen, der neben dem Bett auf dem Boden lag und sich nicht rührte.
Die Pfauenhenne ging auf ihn zu. Langsam und leise wie ein unheilvoller Geist. Der kleine blaue Pfau bewegte sich nicht von der Stelle und sah mit ängstlichen Augen zu ihr auf.
„Mum?“, hauchte er mit erstickter Stimme. „Was ist mit Dad?“
Die Pfauenhenne blieb vor ihm stehen. Das Licht des schwachen Mondes ließ die Flüssigkeit auf dem Messer und auf ihren Fingerfederspitzen glitzern. Dann lächelte sie. Das Lächeln einer warmherzigen Mutter, dennoch war dem Pfauenjungen eiskalt. Das Dunkel in ihren Augen ließen ihn erzittern. Doch sie lachte und legte einen Finger auf ihre Lippen.
„Shhhh…“, flüsterte sie geheimnisvoll. „Dein Vater schläft.“
Doch der kleine blaue Pfau wusste: Sein Vater war tot.

2. Kung Fu Training für Kinder


Gegenwart, Stadt Gongmen

Die Sonne hatte den Horizont längst verlassen und thronte stolz über der Stadt Gongmen. Es war noch nicht Mittag und es herrschte schon geschäftiges Treiben an diesem Morgen. Die Bauarbeiten am Palast waren fast abgeschlossen. Nur ein paar feine Handarbeiten wurden hier und da noch durchgeführt. Und wenn dann auch so leise, dass es keinen störte. Ebenso wie einer bestimmten Person im fünften Stock das leise Hämmern kaum aus dem tiefen Schlaf holen konnten. Als dann aber doch einer der Handwerker mal heftiger als gewollt draufschlug, begann die Figur sich im Bett dann doch zu regen. Müde und gähnend richtete sich der weiße Pfau auf. Sein Flügel tastete automatisch nach rechts. Doch die Bettseite neben ihm war leer. Mit einem tiefen Seufzer ließ Lord Shen sich wieder ins Kissen nach hinten fallen und richtete seinen Blick zur Decke. Die Bemalungen des Zimmers entsprachen genau dem wie er sie als Kind in Erinnerung gehabt hatte. Es war merkwürdig, dass er es so vermisst hatte. Dabei wollte er nie Nostalgie in sich aufkommen lassen. Aber von Zeit zu Zeit passierte es doch.
Nach einer Weile tiefen Nachsinnens stieg er aus dem Bett, zog sich seine silberne Robe über und marschierte die Stufen des Palastes ins Erdgeschoss runter, wo es zur Küche ging.
Dort wurde er bereits schon erwartet.
„Sieh mal einer an. Wer kommt denn da aus den Federn gekrochen?“
Shen rieb sich übers Gesicht, als ihn die Wahrsagerin so heiter begrüßte. Der Pfau antwortete nicht sofort, sondern ließ sich einfach auf einem der Holzstühle am Tisch nieder. Die Ziege betrachtete ihn nachdenklich.
„Du wirkst etwas angeschlagen. Schlecht geschlafen?“, erkundigte sie sich.
„Ist heute eine Nachricht gekommen?“, fragte Shen, ohne auf ihre Frage zu antworten.
„Von Yin-Yu?“ Die Ziege schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider noch nicht. Aber ich bin mir sicher, sie wird sich alsbald melden. Immerhin hast du die Stadt Yin Yan zuerst verlassen, damit sie anschließend zu ihrer ehemaligen Heimatstadt reisen kann. Erst dann wollte sie zu uns stoßen…“
„Ja, ja“, grummelte der weiße Lord mürrisch. „Solange sie weg ist, wollte sie, dass ich mit den Kindern wieder zum Kung Fu Training gehe… Wo sind die Kinder eigentlich?“
Die alte Ziege lächelte, während sie eine Schüssel mit Reis füllte. „Die haben schon längst gefrühstückt und sind auf dem Trainingsplatz.“
Shen erhob sich. „Ich sehe nach ihnen.“
„Halt! Halt! Halt!“ Mahnend hielt ihn die Ziege am Ärmel fest. „Du wirst jetzt erst mal Frühstücken!“

Auf dem Trainingsplatz, oder genauer gesagt auf dem Vorplatz des Palastes, war schon ein wüstes Gemenge im Gange. Meister Kroko schnellte und warf sich von einer Seite auf die andere, um den Schlägen des Pfauenjungen Sheng auszuweichen. Der gescheckte Pfau machte sich einen Spaß daraus, das Reptil ein wenig mit dem Stock zu hetzen, was dem Krokodil aber wiederum gar nicht gefiel.
„Hey!“, beschwerte sich der Meister. „Nun mal langsam. Wir trainieren hier Kung Fu und kein Stöckchenhauen. AUTSCH!“
Plötzlich traf dem Meister ein Stockschlag von hinten, der aber nicht von Sheng stammte. Wie der Wind sauste eine kleine Gestalt um das Krokodil herum und pikste das Krokodil mit seinem Trainingsstock.
„Au! Au! Au! Doch nicht so wild!“
Der nächste Schlag traf das Reptil am Schienbein und der Meister landete unsanft auf den Hosenboden.
„Reife Leistung, Zedong!“, lobte Sheng anerkennend.
Sogleich landete neben dem großen Pfau ein anderer kleiner Pfau. Er war fast genauso gefärbt wie er. Grünblaue Grundfarbe mit weißen Flecken. Der kleine Pfau sprang hoch und beide gaben sich einen Handschlag mit dem Flügel.
Meister Kroko rieb sich den Hintern und sah das Geschwister-Duo stirnrunzelnd an.
„Kontrolliert euer Temperament, sonst fallt ihr im schlimmsten Fall noch auf die Schnäbel.“
„Alles klar, Meister.“
Sheng verneigte sich respektvoll und sein kleiner Bruder Zedong tat es ihm gleich.
Grummelnd stand das Krokodil wieder auf, wobei sein Blick vor allem auf Zedong ruhte. „Vier Jahre alt und schon so kämpferisch. Nicht mal sein Vater war so gewesen in diesem Alter.“
Sheng kicherte. „Vielleicht steckt da auch etwas von Mutter drinnen.“
„Na schön“, murmelte Meister Kroko und rückte seinen Rücken wieder gerade. „Ihr macht besser eine Pause und lasst mal Fantao etwas üben…“
Verwundert sah sich das Krokodil um. „Wo ist er denn hin?“
„Dort drüben“, sagte Sheng und deutete zur Mauer rüber.
Dem Krokodil fiel die Kinnlade runter. „Beschmiert er etwa schon wieder die Wände mit seiner Malerei?!“
Schnell raste das Reptil zur Mauer, wo eine ebenfalls kleine Figur hockte und ab und zu an der Wand hochsprang. Sie war genauso klein wie Zedong, nur das Federkleid war anders in der Farbe ausgefallen. Sein Körper war teilweise hellblau mit dunkelblauen Federn bestückt, wobei seine Federfingerspitzen und ein Teil seines Gesichts ein dunkles Violett aufwiesen. Sein noch kleiner Pfauenfederschwanz trug alle drei Farben in sich: Hellblaue Schwanzfedern mit dunkelblauen violetten Augen.
„Was treibst du denn da?!“, rief Meister Kroko aufgebracht. „Wie oft soll ich dir noch beibringen, dass die Mauer keine Maltafel ist!“
Der kleine blau-violette Pfau drehte sich zum Meister um. In einem Flügel hielt er einen Pinsel, die Farbeimer standen neben ihm. Sheng und Zedong, die gerade dazugestoßen kamen, mussten sich ein Kichern verkneifen beim Anblick ihres mit Farbe bekleckerten Bruders.
„Was ich hier mache, fragt Ihr?“, wiederholte Fantao die Frage des Meisters. „Während ihr drei gespielt habt, hab ich solange das hier entworfen.“
Er deutete mit dem Pinsel auf die Mauer. Erst jetzt bemerkte Meister Kroko was der kleine Pfau auf die Steinwand gepinselt hatte. Es war Meister Kroko selber, in einer vor Stolz geschwelten Brust aufgestellten Pose – und mit etwas mehr Muskeln als üblich.
Meister Kroko sah auf seine Arme, nur um festzustellen, ob er wirklich so viele Muskeln besaß.
„Nun, wie findet Ihr es, Meister?“, erkundigte sich der kleine Künstler. „Ist dies Bild euch ebenbürtig?“
Das Krokodil war immer noch damit beschäftigt nach seinen unsichtbaren Muskeln zu suchen. „Nun… ich muss sagen…“
Der kleine Pfau Fantao legte die Stirn in Falten. „Aber da fehlt noch etwas.“
Mit diesen Worten nahm der kleine Pfau kurz Anlauf, schwang sich in die Luft, vollführte ein paar kräftige Drehungen, die ihn weiter in die Luft beförderten, dann kam er auf halber Mauerhöhe kurzfristig in der Schwebe zum Stillstand, und pinselte blitzschnell ein paar chinesische Zeichen seines Namens auf die Steinwand. Anschließend sauste er wieder zur Erde und landete elegant auf den Füßen. Stolz betrachtete er sein Werk.
„Kein Bild ohne Signatur“, kommentierte er.
„Und du bist wieder ein Fall für die Badewanne“, stichelte sein Bruder Zedong und deutete mit einem schnippischen Nicken auf Fantaos Kleidung und Federn, die teilweise mit Farbklecksen beschmiert waren.
Meister Kroko hatte inzwischen wieder seine Fassung wiedererlangt und schüttelte den Kopf. „Mag ja sein, dass du sehr geschickt bist, aber dennoch, ich glaube nicht, dass dein Vater davon begeistert sein wird…“
„Fantao!“
Meister Kroko ließ die Arme sinken. „Hab ich’s nicht gesagt?“
Im nächsten Moment erschien Lord Shen auf der Bildfläche. Schnell versteckte Fantao den Malpinseln hinter seinem Rücken, doch das konnte den Tathergang auch nicht mehr verbergen.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du während des Trainings nicht malen sollst“, tadelte sein Vater.
Fantao zuckte unschuldig die Achseln. „Ich kann mich besser dabei konzentrieren.“
Skeptisch betrachtete Shen die Malerei von Meister Krokos Bild.
„Und wo ist der Rest? Ihr solltet euch doch gegenseitig beim Trainieren zusehen.“
„Da kommt Xia gerade mit Jian“, verkündete Sheng.
Alle drehten sich um, wo gerade die junge Pfauenhenne Xia den großen Platz überquerte. An der Hand ging ein kleiner Pfauenjunge an ihrer Seite, der wiederum ein kleines nach einer Laute aussehendes Streichinstrument, eine chinesische Pipa, mit sich trug. Seine Federn waren ein schillerndes Grün und seine Federkammspitzen trugen weiße Flecken. Ebenso weiß waren auch seine Pfauenaugen an den Schwanzfedern.
„Seht mal was ich gemalt habe!“, rief Fantao und deutete stolz auf das von ihm gemalte Meister-Kroko-Bild auf der Mauer.
Xia kniff ein paar Mal die Augen zusammen, um anschließend einen Blick auf Meister Kroko zu werfen.
„Oh, na ja, das ist sehr…“ begann sie zögerlich. „Entspricht sehr dem Original.“
Meister Kroko warf einen erneuten Blick auf seine Arme und wuchs gleich ein paar Zentimeter höher.
„Was hast du für Farben genommen?“, erkundigte sich der schillernde grüne Pfauenjunge neben Xia.
„Für den Meister natürlich grün.“
„Grün“, murmelte er vor sich hin und strich kurz über seine kleine Pipa ein paar Melodien.
Shen seufzte leise.
Jian war der letzte von allen, der geschlüpft war. Er hatte zwar ein schönes Federkleid, doch er hatte die Farbenblindheit seiner Mutter geerbt.
Während Shen seinen Blick über die anderen schweifen ließ, fiel ihm etwas anderes auf.
„Wo ist Shenmi?“
Die Umstehenden warfen sich gegenseitige Blicke zu.
„Äh… Shenmi?“, wiederholte Xia zögernd, was Shen sofort aufhorchen ließ.
„Ja, wo ist deine Schwester?“
Alle schienen mit der Antwort zu Zögern. Schließlich blieb Shens Blick über seinen jüngsten Sohn hängen.
„Jianyu!“
Erschrocken sah der kleine Pfau auf. Wenn sein Vater ihn mit seinem vollen Namen ansprach, dann hatte er immer ein ernstes Wort mit ihm zu reden.
„Du weißt doch, wo sie ist, oder?“
Jian tippte die Federfingerspitzen aneinander. „Wieso?“
„Soll ich dir dein Instrument wegnehmen?“
Diese Drohung brachte ihn immer zum Reden.
„Sie wollte zum Hafen runter“, plapperte Jian. „Mit dem Papierschiff dort spielen.“
Shens Augen weiteren sich. „Ohne zu trainieren?“
„Lass sie doch mal auch etwas anderes machen“, meinte Xia zaghaft. „Und außerdem, ihr kann nichts passieren. Meister Ochse ist bei ihr.“
Shen verengte die Augen und wandte sich empört ab. „Wenn ich sage, sie soll zum Training, dann geht sie auch zum Training!“

„Die Kante nach unten falten… dann so umknicken…dann so…“ Sie lächelte und hielt das kleine gefaltete Papierschiffen in den Flügeln. „Fertig.“
Das weiße Pfauenmädchen bückte sich und ließ das Papierschiffchen ins Wasser gleiten, wo es ein Stück von der Strömung zur Seite getrieben wurde. Sie ließ es nicht aus den Augen. Wie ein kleiner Geist wanderte Shenmi am grasbewachsenen Ufer entlang. Passend zu ihrem weißen Gefieder trug sie eine silberne Robe mit dunkelgrauen Einstichen an den Säumen und Ärmeln.
Meister Ochse saß nicht weit entfernt im Schneidersitz. Äußerlich erweckte er den Eindruck, als würde er meditieren, doch in Wahrheit waren seine Sinne voll konzentriert.
„Shenmi! Shenmi!“
Das weiße Pfauenmädchen mit den silbernen Augen sah auf, als es die Stimme ihres Vaters hörte. Auch Meister Ochse schreckte aus seiner Ruheposition auf.
Und noch ehe einer was sagen konnte, war Shen auch schon bei seiner Tochter. Da die Winterzeit längst vorbei war und kein Schnee auf dem Boden lag, war Shenmi nicht zu übersehen. Kaum hatte der Lord seine Tochter entdeckt, flitzte er auf sie zu und hielt sie an den Schultern. „Shenmi! Warum bist du nicht beim Training?“
Das Mädchen zog etwas eingeschüchtert den Kopf ein. „Ich wollte mein Schiff ausprobieren. Meister Ochse sagte, ich darf das.“
Shens nächster vernichtender Blick galt dem großen Ochsen, der sich inzwischen erhoben hatte und mit strammen Schritten auf sie zukam.
„Was erlaubst du ihr, sie vom Training abzuhalten?!“, keifte Shen ihn an.
Der Ochse schnaubte. „Wer sagt denn, das Training das Einzige ist, was sie hier zu tun hat? Wenn sie was anderes machen will, dann soll sie es doch tun.“
„Ich erlaube dir nicht, dass du dich darin einmischst, wie sie den Tag zu gestalten hat! Alles andere kann sie immer noch zuhause machen.“
Meister Ochse verschränkte die Arme. Wäre Shenmi nicht in der Nähe gewesen, hätte er den weißen Lord längst zum Kampf herausgefordert. „Dich scheint wohl nichts anderes zu interessieren, was?“, knurrte er so gefasst wie möglich. „Es wundert mich, dass deine Frau dir überhaupt erlaubt, dich mit den Kindern alleine zu lassen.“
Shen verengte gefährlich die Augen. „Wie ich meine Kinder zu erziehen habe, ist ja wohl meine Angelegenheit, oder?!“
„Seit wann verstehst du etwas von guter Erziehung?!“
„Jedenfalls mehr als du!“
„Wundert mich bei dem Resultat deiner Eltern!“
Shen riss entsetzt die Augen auf. Er verehrte seine Eltern noch nicht in keinster Weise. Doch das der freche Ochse ihn unterstellte, seine Eltern hätten bei seiner Erziehung versagt, traf ihn dennoch hart.
Shenmi, die die Anspannung zwischen den beiden großen Tieren ängstigte, sah von einem zum anderen.
„Papa, streitet ihr euch?“
„Nein“, zischte Shen und hob sie hoch. „Wir habe nur eine Konversation unter Erwachsenen.“
Mit diesen Worten kehrte er dem Kung Fu Meister den Rücken zu und marschierte zurück Richtung Palast.

Die Ziege machte gerade einen kleinen Spaziergang am Tor, als sie Shen mit Shenmi in den Armen wieder hereinkommen sah. Doch die alte Frau bemerkte sofort an der angespannten Haltung des Herrschers, dass er nicht gerade guter Laune war.
„Ist was passiert Shen?“, fragte sie besorgt.
Doch der weiße Lord setzte seine weiße Tochter nur ab, gab ihr einen leichten Schubs in den Rücken und das Mädchen machte sich eilig davon. Anschließend wanderte Shens grimmiger Blick auf die alte Ziege.
„Sobald meine Frau zurück ist“, zischte er. „werden wir diese Stadt verlassen!“
Damit legte er die beiden Flügel unter den Ärmeln zusammen und ging davon.
Seufzend sah die Ziege ihm nach. „Dann werde ich wohl meinen Großneffen schreiben müssen.“


Das Papierfalten, das Shenmi so mag, wird oft unter dem japanischen Begriff „Origami“ verwendet. In China hingegen nennt man diese Kunst „Zhezhi”.

Der Name “Jianyu” heißt soviel wie „das Universum aufbauen“, aber eigentlich sollte es einen anderen Hintergrund haben. Zuerst wollte Shen ihn nur „Jian“ (gesund, stark) nennen, doch Yin-Yu hätte ihm gern den japanischen Namen „Ryu“ (Geist des Drachen) gegeben. [Vermutlich wegen Takeos Hilfe, der aus Japan stammt.] Doch Shen war dagegen, aus Sorge, man würde denken, das Kind würde aus Japan stammen. Am Ende einigten sich beide auf einen Kompromiss und kombinierten die Namen „Jian+(r)yu“. Von daher wundert euch nicht, wenn ihn jemand mal „Ryu“ nennt.

3. Im Schatten der Berge


Nordchina, nahe der Grenze zum Hunnenreich, Stadt Mendong, Xiangs Heimatstadt

Mit scheuem Blick sah sie sich um. Die große Vorhalle war genauso wie sie sie in Erinnerung gehabt hatte. Die Wände waren allesamt blau gestrichen, verziert mit goldenen blumenartigen Mustern. Und auch die Säulen zierten schön bemusterte drachenartige Figuren. Hätte sie nicht gewusst wo sie war, hätte sie sich vielleicht wohl gefühlt in dieser Umgebung. Doch egal wo sie hinsah, jeder Winkel barg hier schlimme Erinnerungen. Alleinschon als sie zum ersten Mal diesen Ort betreten hatte, stäubten sich in ihr sämtliche Federn. Für sie war es vom ersten Tag an ein Gefängnis in einem goldenen Käfig. Und das war Mendong, die Stadt ihres Exmannes, für sie auch immer gewesen.
Der Palast stand auf einem Berg, oder genauer gesagt auf halber Höhne des Berges. Noch vor seiner Entstehung war die Fläche am Berghang ideal gewesen, um dort ein großes Haus zu errichten. Die Stadt selber lag am Fuße des Berges, wo sich nicht weit entfernt der Hauptfluss erstreckte, mit denen Schiffe Waren liefern konnten. Und für jeden, der dort ankam, war der Palast ein Blickfang. Vielleicht weil er auch nicht zu übersehen war. Das Gebäude war ein einziger Komplex. Die Wände waren hauptsächlich weiß, während die Dächer dunkel blau waren. Die kaum ein paar Stockwerke hohen Türme waren eng einander gebaut, dass es für einen Pfau ein leichtes gewesen wäre, einfach von einem Turm zu anderen zu segeln. Die unteren Stockwerke bildeten Stufenweise Dächer, die wie einer Treppe glichen und mächtig wirkten wie übereinandergestapelte Hallen, wobei mal ein Raum größer und der andere mal kleiner war. Es war einfach ein ganz krasser Gegensatz zum einzelnen Palastturm in Gongmen. Yin-Yu konnte sich bis heute nicht erklären, wozu ein Palast nur so viele Zimmer benötigte. Es hätten vielleicht sogar alle Stadtbewohner darin Platz gehabt, wobei es wohl kein Vergnügen gewesen wäre, die lange Treppe ständig rauf und runter rennen zu müssen. Sie war bei weitem nicht so lang wie die zum Jade Palast, aber dennoch hatte man besseres mit seiner Zeit anzufangen, als sie zum Treppensteigen zu verwenden.
Yin-Yus Gedanken wurden jäh unterbrochen, als eine Figur aus einem der Gänge auf sie zukam.
„Seien Sie willkommen“, begrüßte sie ein schmächtiger alter Stier im schwarzen Mantel. „Es freut mich, die einstige Mitregentin hier begrüßen zu dürfen.“
Die Pfauenhenne verneigte sich. „Vielen Dank. Und Ihr Name war nochmal…?“
„Huan. Ich bin der Verwalter dieser Einrichtung. Was verschafft mir genau die Ehre Ihres Besuches?“
„Eigentlich wollte ich nur ein paar Sachen abholen“, erklärte sie. „Solange mein Mann sich mit den Kindern in Gongmen aufhält.“
„Was für Sachen?“, fragte der Stier.
„Ein paar Spielsachen von Xia und Sheng, die ich einst aufbewahrt hatte. Vielleicht möchten die Kleinen damit spielen.“
„Sind die nicht schon vier?“
Sie lächelte. „Selbst vierjährige mögen Spielzeug. Ich hätte sie vielleicht schon früher holen können, aber ich hab mich all die Jahre einfach nicht hierher getraut. Es liegen zu viele dunkle Erinnerungen in diesen Mauern.“
„Das wundert mich gar nicht.“
Lady Yin-Yu drehte sich überrascht um, als eine zweite tiefe Stimme sie von hinten angesprochen hatte. Aus einem der Gänge kam die vertraute Gestalt von König Wang zum Vorschein.
„König Wang?“ Die Pfauenhenne verneigte sich vor dem Hunnenkönig. „Euch hab ich gar nicht erwartet.“
„Ich war gerade in der Gegend“, meinte der große mit Schafswolle überzogene Ochse, obwohl es längst Sommer war. „Wie geht es dem Drachenkrieger?“
„Nach alldem, was von seinem letzten Brief entnommen habe, ganz gut.“
„Das freut mich zu hören. Schade, dass er nicht mitgekommen ist.“
„Ich könnte gerne Ihre Grüße von Ihnen an ihn ausrichten, wenn Sie möchten.“
Sie ließ ihren Blick schweifen. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, war wegen dem Krieg einiges zerstört zurückgeblieben.
„Ich sehe, es ist vieles renoviert worden“, meinte sie nach einer Weile.
König Wang nickte stolz. „Ja, selbst der Garten steht wieder in voller Blüte, obwohl er vor langer Zeit in Brand gesteckt wurde.“
„Oh ja, ich sehe es immer noch vor mir“, meinte Yin-Yu wehmütig. Den Überfall der Hunnen auf die Stadt hatte sie noch nicht vergessen. Besonders weil Xiang damals den Angriff absichtlich provoziert hatte, um so in die Hunnenburg gelangen zu können, wo er sich mit Komplizen verbündetet, um den Hunnenkönig zu stürzen. Es war ein Glück, dass Xia sich kurz darauf auf die Suche nach Shen begeben hatte und mit Hilfe des Drachenkriegers noch Xiangs Plan vereiteln konnte.
In diesem Moment meldete sich auch der Verwalter Huan zu dem Renovierungsthema.
„Ja, wir haben alles wieder Instand gesetzt. Nur in zwei Zimmer hatten wir zunächst etwas Schwierigkeiten.“
„Welche Zimmer?“, fragte König Wang.
„Die auf der Ostseite.“
Yin-Yu gefror kurz in ihrer Haltung. „Oh ja, ich erinnere mich. Xiang hatte diese zwei Zimmer komplett verriegelt. Soweit ich weiß, ist er auch dort nie reingegangen.“
Wang kratzte sich nachdenklich über seinen dicht befellten Kopf. „Befindet sich dort irgendetwas Besonderes?“
Der Verwalter Huan zuckte die Achseln. „Nö. Ich war mal kurz da drinnen gewesen. War nicht so einfach, wir mussten sie einschlagen, um da reinzukommen. Aber da war nichts Auffälliges. Nur zwei Schlafzimmer. Eines mit einem Doppelbett. Das andere mit nur einem Bett. Ansonsten die übliche Einrichtung: Tisch, Stühle, Kleiderschränke. Aber nichts wovon ich sagen würde, dass es etwas Auffälliges wäre.“
„Und was habt ihr dann gemacht?“
„Wieder zu gemacht. Wer weiß. Vielleicht ist es sogar verseucht.“
König und Lady sahen ihn entgeistert an. Der Verwalter zuckte gleichgültig die Achsen. „Was denn? Kann doch alles möglich sein. Wenn jemand so extrem ein Zimmer verriegelt. Selbst die Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Dann wird derjenige schon seinen Grund gehabt haben, oder etwa nicht?“

Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis Yin-Yu sich kurzerhand verabschiedete und ziellos durch den Palast schlenderte. Sie war nachdenklich geworden. Ihr ging das Gespräch über die verriegelten Zimmer nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Sie hatte Xiang einmal danach gefragt, was sich hinter den Türen verbarg. Das Einzige was sie dafür bekommen hatte, war eine harte Ohrfeige und eine schallende Rüge. „Solange du lebst, frag mich das nie wieder!“ hatte er sie angebrüllt. Danach hatte sie nie wieder gewagt, ihn darauf anzusprechen.
Gedankenverloren strich sie über das Marmor-Treppengeländer, der zum Garten runterführte.
Die Morgensonne bestrahlte freundlich die Berge und dennoch warf der Gedanke an ihren Ex-Ehemann einen tiefen Schatten auf ihr Gemüt.
Sie seufzte tief. Wie es ihm wohl gerade ging.

4. Das blaue Wunder


Hunnenreich, irgendwo in den Bergen

Weiter draußen, hinter der nördlichen chinesischen Grenze, irgendwo in den Bergen, erhob sich auf einer Anhöhe ein komplexes mehrstöckig und mit vielen anderen Häusern und Türmen verknüpftes Gebäude. Doch es besaß weder aufwändige Verzierungen oder besondere Farben. Es war einfach ein riesiges Steinhaus mit gewöhnlichem Holz und Dachziegeln bestückt. Das ehemalige alte Kloster erfüllte längst nicht mehr die Funktion als Anbetungsort. Stattdessen wurde es vor vielen Jahren saniert und in eine Kurresidenz umbenannt. Seit sich die Kriege in dem Land beruhigt hatten, kamen hier nur wenig Tiere mit Gebrechen dorthin. Stattdessen waren es vermehrt ältere Leute, die sich von Krankheiten und dergleichen erholen mussten. Auch die Angestellten waren keine Mönche. Die meisten von ihnen hatten eine medizinische Ausbildung, oder waren bewandert im Umgang mit der Pflege jeglicher Art.
So auch Liu. Sie war erst seit ein paar Jahren in dieser Einrichtung und sie mochte ihre Arbeit eigentlich sehr. Bis vor vier Jahren. Ab diesen Moment war alles anders als sonst. Nicht weil die Tätigkeit schwerer geworden war, sondern wegen ihrer Tierart. Sie war die einzige Pfauenhenne in diesem Haus und eigentlich hätte sie jeden Patienten haben können. Doch Herr Furu, der Leiter der Kurresidenz, hatte ihr vor vier Jahren einen ganz speziellen Patienten zugewiesen.
Zuerst hatte Liu sich über diese Aufgabe gefreut. Doch mit der Zeit wurmte sie etwas erheblich. Und das lag nicht an dem Schweregrad der Person. Inzwischen fiel es ihr jeden Morgen schwer in die Küche zu gehen und das Frühstück für ihn abzuholen. Selbst der Koch ließ keine Stichelei darüber aus, wenn sie das Essen auf ein Tablett zusammenstellte.
Der Koch, ein alter Dachs, warf ihr einen skeptischen Blick zu, während er in einer Schüssel am Herd rührte.
„Willst du es heute wirklich schon wieder versuchen?“ Er klatschte eine Brise Kräuter in den Topf. „Der wird es dir doch sowieso nur wieder auf den Boden werfen.“
„Vielleicht habe ich ja heute Glück“, meinte die Pfauenhenne hoffnungsvoll. Ihre Federn waren um die Augen herum weiß, der Rest davon und der Hals waren mehr ein dunkles Braun und weiter runter verlief es sich in ein dunkles Grün. Auch ihre Augen waren grün und sie war auch gar nicht alt.
„Glück?“, wiederholte der Koch ungläubig. „Mit dem?“ Er lachte laut auf. „Ha! Eher liegt Zucker auf dem Bergen…“
„Ich werde es trotzdem heute versuchen“, unterbrach sie die Unterhaltung. Anschließend nahm sie das Tablett und verließ die Küche.

Bis zu seinem Zimmer war es nicht weit. Wie jeden Morgen hielt sie vor seiner Tür an und schob sie sachte zur Seite. Sie blieb überrascht im Türrahmen stehen. Das Zimmer war noch von den Vorhängen abgedunkelt, doch im Bett rührte sich noch nichts. Er schlief noch. Das war eher ungewöhnlich. Sonst war er immer wach bevor sie das Frühstück brachte. Vorsichtig schlich sie auf Zehenspitzen ans Bett. Ein leichtes Lächeln huschte über ihren Mund. Sie sah ihn selten schlafen. Zumindest seitdem seine Verbrennungen wieder gut verheilt waren. Danach hatte er ihr nie mehr erlaubt, sich in seiner Nähe aufzuhalten, wenn er schlief.
Sachte stellte sie das Tablett auf den Nachtisch neben dem Bett ab und huschte zum Fenster. Dort zog sie sachte die Vorhänge zur Seite. Kaum hatte der erste Sonnenstrahl die gegenüberliegende Wand getroffen, fuhr die Gestalt im Bett hoch.
„WAS TUST DU HIER?!“
Die Pfauenhenne war so erschrocken, dass sie sich schützend an die Wand drückte. Ihre Blicke trafen sich. Er saß im Bett und stierte sie an, als wäre sie ein Einbrecher.
Sie schluckte schwer. „Ich… ich wollte… Ich bringe das Frühstück.“
Doch er verengte die Augen, was ihr Angst einjagte.
„Du scheinst vergessen zu haben, mich richtig anzusprechen… Entschuldige dich gefälligst!“
Liu atmete einmal tief durch, bevor sie sich verneigte. „Ich bitte um Verzeihung, Lord Xiang.“
Der blaue Pfau würdige sie keines weiteren Blickes mehr und betrachtete skeptisch das Essen auf dem Tablett. Liu hatte sich inzwischen wieder soweit beruhigt, dass sie sich wieder ans Bett traute. Dort wollte sie sein Kopfkissen an die vordere Bettkante legen, damit er sich mit dem Rücken beim Aufrichten dagegen lehnen konnte. Doch er stieß sie weg.
„Das kann ich auch alleine!“
Sie seufzte. „Bitte, wie Sie meinen.“
Während er sich aufsetzte, holte Liu einen kleinen Tisch mit kurzen Beinen hervor. Dieses Stellte sie anschließend dem blauen Pfau aufs Bett, sodass er sich nicht extra zum Nachttisch zum Tablett herüberbeugen musste. Anschließend stellte sie das Tablett auf den kleinen Betttisch ab.
„Vorkosten!“, befahl er.
Sie seufzte erneut, doch sie widersprach ihm nicht.
Auf dem Tablett stand eine Schüssel mit Reissuppe, daneben eine Kanne Tee und eine Tasse.
Da sie schon geahnt hatte, dass er das Vorkosten von ihr verlangte, holte sie einen Löffel aus ihrem Hemd hervor. Zuerst nahm sie einen Löffel Suppe, die sie unter dem aufmerksamen Blick des Pfaus herunterschluckte, anschließend goss sie etwas vom Tee da rein, das ebenfalls in ihrem Mund verschwand.
Dann verneigte sie sich. „Wünsche guten Appetit.“
Sie ging schnell zur Tür, doch er ließ sie nicht mal über die Schwelle treten, da donnerte er auch schon: „Diesen Fraß kann doch keiner essen!“
Noch ehe sie ihn davon abhalten konnte, holte er mit dem Flügel aus, und alles was noch zuvor auf dem Tablett stand, flog durch die Luft und zerschellte auf den Boden. Fassungslos starrte sie auf das Trümmerfeld.
„Räum das weg!“, fuhr er sie an.
Während sie alles wieder aufsammelte, spürte sie seinen genugtuerischen Blick im Nacken, was in ihr die Wut hochtrieb.
„Als eine Angestellte taugst du wirklich nicht viel“, schimpfte er weiter. „Es wundert mich, dass man jemanden wie dich, mir zugeteilt hatte.“
Liu biss die Zähne zusammen. Sie nahm das Tablett, legte dort die Scherben drauf und räumte das Betttischchen weg. Anschließend nahm sie das Tablett und mit dem Rücken ihm zugewandt ging zur Tür.
„Heute ist Ihr Badetag“, sagte sie tonlos. „Ich werde heute Mittag dann wiederkommen. Benötigen Sie noch etwas?“
„Ja, besseren Service!“, knurrte er.
Ihre Hände um das Tablett verkrampften sich. „Ich kann wenigstens überhaupt noch eine Arbeit. Im Gegensatz zu ihnen.“
Sie drehte sich zu ihm um.
„Das Einzige, was Sie nur tun können, ist sich selber zu bemitleiden.“
Damit machte sie kehrt und verließ das Zimmer.
Eine Weile blieb alles still. Zuerst saß Xiang völlig regungslos im Bett. Dann schrie er laut auf. Wütend schlug er die Bettdecke beiseite und schwang seine Füße über die Bettkante. Er stemmte die Beine auf den Boden, doch im nächsten Moment fiel er nach vorne und knallte auf den Fußboden.
Stöhnend stützte er sich auf seinen Armen ab und schaute nach hinten. Seit dem Explosionsunfall in Gongmen hatte er sich zwar wie durch ein Wunder wieder erholt, doch sein rechtes Bein war seitdem komplett gelähmt. Mühsam hievte er sich am Bett hoch. Sein linkes Bein, dass noch funktionierte, nahm ihm wenigstens noch einen Teil der Geharbeit ab. Dennoch, ohne Abstützhilfe oder Krücke konnte er keinen gescheiten Schritt mehr laufen. Eine Gehhilfe hatte er von Anfang an abgelehnt. Nur wenn er ins Bad musste, erlaubte er es. Und vor allem, wenn ihm keiner dabei zusah.
Mit einem Keuchen ließ er sich aufs Bett nieder und befühlte sein taubes rechtes Bein. Er ballte die Hand zur Faust und schlug verbittert drauf.
„Warum funktionierst du nicht?!“
Seine Faust zitterte. Anschließend presste er die Hände auf die Bettkante. Dann rollten ihn Tränen über die Wangen. Hastig wischte er sich über die Augen. Dann vergrub er das Gesicht ins Kissen. Er hasste es wie ein kleines Kind zu heulen und wenn, dann sollte es wenigstens keiner sehen.

Sie klopfte an. Wie abgesprochen. Dennoch öffnete sie zögerlich die Schiebetür. Xiang saß schon im Bett. Die Tränen sah sie, zu Xiangs Glück, nicht mehr.
„Das Bad ist fertig“, informierte sie ihn.
Er nickte mit gleichgültiger Miene. Es schien ihm sogar egal gewesen zu sein, wenn er mit Haien hätte schwimmen müssen. Der Pfau schlug die Bettdecke beiseite und rutschte an die Bettkante. Liu stellte sich neben ihm hin an die rechte Seite, wo sein lahmes Bein lag. Anschließend schob sie ihren linken Arm unter seine Achsel, sodass er mit dem linken, noch gesunden Bein aufsetzen konnte, ohne dabei umzukippen. Dann stützte er sich auf sie und er humpelte an ihrer Seite aus dem Zimmer mit ihr raus.
Der Weg war zum Glück nicht lang. Es ging nur ein paar Türen weiter den Korridor entlang, wo sie zu einem Zimmer mit der Aufschrift „Bad“ kamen. Das Badewasser war schon eingelassen. Der Raum war erfüllt mit Düften von Badezusätzen. Xiang schnupperte. Der letzte Badegast hatte Kiefernöl benutzt. Alles roch nach frischem Wald, was in ihm wieder eine Wehmut nach Freiheit hervorrief.
„In die Badewanne werdet Ihr ja wohl noch selber steigen können, oder?“, meinte Liu gleichgültig.
Knurrend ließ Xiang sich von ihr auf einen Hocker setzen, der hinter einer Abschirmung stand. Dort zog er sein Hemd aus. Die Badewanne stand direkt daneben. Anschließend hangelte er sich an einer Stange neben der Wanne, die auch für Gehbehinderte eine Hilfe war. Zumindest wenn man stark mit den Armen war. Dies war zwar ein mühsamer Vorgang, aber er wollte sich nicht wie ein Kleinkind in die Wanne setzen lassen. Vielleicht hätte er sogar locker alles alleine schaffen können. Aber Liu hatte wohl recht. Er hatte sich einfach zu viel in Selbstmitleid versinken lassen.
Während er in der Wanne saß, hatte Liu sich etwas weiter entfernt ans Fenster zurückgezogen und vertrieb sich die Zeit damit die vorbeifliegenden Vögel zu zählen. Die Kurresidenz lag zwar in den Bergen, aber es wuchs ein wenig Wald in der Umgebung.
Xiang unterdessen hatte sich ein kleines Tuch geschnappt. Schnell tunkte er es ins Wasser und warf den triefendnassen Stofffetzen in Lius Gesicht.
„Schrubb mir mal den Rücken, Sklavin!“, befahl er.
Wütend stierte sie ihn an und wischte sich das Badewasser aus dem Gesicht.
„Ich bin eine Pflegehilfe, keine Sklavin“, dachte sie verbittert.
Doch sie erwiderte nichts, sondern griff nach einem Schwamm. Dann trat sie an ihn heran, tunkte ihn kurz ins Badewasser und strich ihm damit über den Rücken. Xiang saß in der Wanne mit verschränkten Armen und schien ihre Behandlung eher als lästig zu empfinden. Schon nach ein paar Mal Darüberstreichen, stieß er sie wieder weg.
„Das reicht! Du kannst es ja eh nicht! Gib mir ein Handtuch!“
Liu musste sich extremst beherrschen ihm nicht den Schwamm ins Gesicht zu schmeißen. Stattdessen legte sie den Schwamm beiseite und holte ein großes Badehandtuch hervor. Anschließend half sie ihm aus der Wanne und setzte ihn wieder auf den Hocker, wo er sich trockenrubbeln konnte.
Während Liu wartete bis er trocken war, betrachtete sie seine Federn. An einigen Stellen war sein Gefieder so stark verbrannt gewesen, dass dort keine Federn mehr nachgewachsen waren. Jedoch deckten die danebenstehenden Federn im Gefieder die jeweiligen Stellen glücklicherweise zu. Es war ein Wunder, dass er es so weit wieder gebracht hatte, weshalb sie ihn heimlich das blaue Wunder nannte.
Die Pfauenhenne schmunzelte. Irgendwie mochte sie sein Gefieder. Hellblau, dunkelblau… Kein Vergleich zu seinen starken verbrannten…
„Gefällt dir was du siehst?!“, fuhr Xiang sie an.
„Wie?“ Liu errötete. Sie hatte nicht gemerkt, wie sie ihn angestarrt hatte. „Äh, nein… Ja! Äh, ich meine…“
Hastig reichte sie ihm ein neues Hemd. Wutschnaubend riss er es ihr aus den Händen.
„Spannerin!“, schimpfte er leise und zog sich das frische dunkle Hemd über, was gut mit seinem Gefieder harmonierte. Doch Liu sah schnell weg, damit sie ihn nicht schon wieder anstarrte.

Der Weg zurück ins Zimmer war nicht schwer, allerdings war die Stimmung zwischen ihnen deutlich gekippt. Und kaum hatte sie ihn wieder ins Bett gesetzt, ging sein Gemaule wieder von vorne los.
„Wenn du denkst, ich lass mich von dir kleinkriegen, dann hast du dich geirrt“, keifte er. „Ich brauche dein gespieltes Mitleid nicht!“
Liu nahm einen tiefen Atemzug bevor sie sich wieder der Tür zuwandte.
„Ich nehme an, Sie wollen heute aufs Mittagessen verzichten. Ich bringe Ihnen dann erst wieder das Abendessen.“
Damit verließ sie ohne ein weiteres Wort den Raum.

Herr Furu saß im Schneidersitz im Yoga-Raum, den, außer ihm, gerade keiner belegte.
Bei Herr Furu handelte es sich um einen Pfeifhasen, oder wie man diese Art auch bezeichnete, ein Pika. Doch er sah bei weitem nicht wie ein Hase aus. Seine Ohren waren so abgerundet und seine Gestalt so klein, dass ihn jeder auf den ersten Blick für ein Nagetier hielt. Normalerweise suchte Liu ihn selten auf. Doch heute hatte sie endgültig genug.
Kaum hatte sie den Raum betreten, kam sie auch gleich zum Thema.
„Herr Furu!“
Der alte Pika sah nicht auf, sondern fuhr einfach mit seiner Meditation fort. „Oh, sei gegrüßt, liebes Kind. Was führt dich hierher?“
Liu holte tief Luft. „Ich verlange, dass Sie mir einen neuen Patienten zuteilen.“
Wieder hielt er die Augen geschlossen. „Tatsächlich? Weshalb das, meine Gute? Ich dachte, es wäre dir ganz recht einen Patienten deiner Art zu behandeln.“
Die Pfauenhenne ging einmal tief in sich bevor sie antwortete. „Das war ich auch. Und ich war Ihnen auch sehr dankbar dafür. Aber… ich kann so einfach nicht weiter machen. Ich meine, ich… Ich hab alles für ihn getan! Die Verbände gewechselt, seine Wunden versorgt, ihm Medikamente verabreicht, Salben aufgetragen, gewaschen, gefüttert, ihm zu Trinken gegeben, dazu schlaflose Nächte wegen seiner Krampfanfälle, später dann die Federpflege, Massage, Akkupunktur, Krallen schneiden und sogar Pediküre. – Ich hab mich wie eine Mutter um ihn gekümmert… Und für was?! Beleidigungen und Beschimpfungen! Jeden Tag! Ich kann das nicht mehr hören!“
Noch immer die Augen geschlossen, erhob der kleine Pika seine Stimme.
„Mein liebes gutes Kind, ich erinnere mich wie du mir einst sagtest, dass du jede Arbeit hier in meinem Hause erledigen würdest. Andersseits würde ich dich wieder an deinen ursprünglichen Arbeitsort zurückschicken, wo du hergekommen bist.“
Er schielte mit dem rechten Auge zu ihr rüber.
„Möchtest du denn wieder in die Wäscherei zurückgehen?“
Liu senkte den Blick. „Nein.“
„Nun, ich erwarte von dir dementsprechende Dankbarkeit, dass ich dich da rausgeholt habe“, fuhr Herr Furu unbeirrt fort. „Außerdem kennst du ihn schon fast 4 Jahre. Denkst du, es kann einfach jemand so eine Pflege übernehmen? Keiner würde sich freiwillig dafür melden. Und bei seinem Behinderungsschweregrad wird er wohl noch sehr, sehr lange Pflege benötigen. Vor allem, weil er sich keine Mühe macht, sich selbstständig zu machen.“
Er machte eine kurze Pause. „Hast du diesem etwas entgegenzusetzen?“
Liu seufzte. „Nein.“
Der Pika nickte zufrieden. „Also, dann wieder ab an die Arbeit.“

Es viel Liu schwer sich an diesem Abend fürs Bett fertig zu machen. Wenigstens hatte dieser Pfau das Abendessen herunterbekommen. Wenn auch nur unter Protest. Während sich die Pfauenhenne die Federn kämmte, durchging sie immer die gleiche Frage: Warum tat sie das für ihn?
Diese Frage verfolgte ins Bett und auch nachdem sie das Licht gelöscht hatte. Auch als sie sich hingelegt hatte und die Augen geschlossen hatte, verfolgte es sie immer weiter und weiter.
„Ich kann auf dein gespieltes Mitleid verzichten!“
Ob Xiang doch damit recht hatte? Ihr Mitleid war zwar nicht gespielt, aber war der Grund doch nur Mitleid gewesen? Wie oft musste sie an den ersten Tag denken, wo er in die Kurresidenz kam…


Vor 4 Jahren…

„Liu, mein gutes Kind. Ich habe gute Neuigkeiten.“
Verwundert sah Liu auf, als Herr Furu zu ihr in eines der leeren Patientenzimmer hereinkam. Sie war gerade damit beschäftigt gewesen, ein Bett mit neuer Bettwäsche zu beziehen.
„Ich habe den perfekten Patienten für dich“, fuhr der alte Pika fort.
„Den perfekten Patienten?“ Sie schüttelte das Kopfkissen aus, welches sie gerade in den Flügeln hielt und legte es aufs Bett. „Wovon reden Sie?“
„Der König hat ihn uns extra zugeschickt.“
„Der König?“
Das verwirrte die Pfauenhenne nur noch mehr.
„Ich war auch sehr überrascht… Aber sieh doch selber.“
Sie verließen das Zimmer und gingen ein paar Gänge weiter, wo sie in einen anderen Raum kamen. Dort lag eine Trage, auf der eine mit Verbänden eingewickelte Figur lag. Darunter waren lauter verbrannte Federn zu erkennen.
Die Augen der Pfauenhenne weiteren sich. Sie war kurz davor zu fragen „Was ist das?“ statt „Wer ist das?“
Doch Herr Furu hatte eine Antwort schon parat.
„Meine Liebe, dein neuer Patient“, verkündete er und deutete auf die Trage.
Liu blieb der Mund offen. „Grund Gütiger, was ist denn mit ihm passiert?“
„Explosionsunglück. Schwergradige Verletzungen. Ein Wunder, dass er noch am Stück ist. Aber ich glaube nicht, dass er wieder vollständig genesen wird.“
Inzwischen war die Pfauenhenne ans Ende der Trage getreten, wo sie den Kopf vermutete. Die Person war nicht nur ein Vogel, sondern auch ein Pfau. Sie streckte die Hand nach ihm aus und strich ihm über den Kopf. Unter den verklebten Federn erkannte sie ein leichtes Blau. Er musste ein schöner Pfau gewesen sein.
In diesem Moment zuckte der Pfau unter ihrer Berührung zusammen. Seine Augen öffneten sich einen Spalt. Als er sie erblickte, wich er ihrer Hand aus und zog den Kopf ein. Er wollte weg.
„Bleiben Sie liegen!“, rief sie.
Der Pfau war kurz davor aufzuspringen. Liu hatte Mühe ihn zu halten. Sie konnte seine Angst regelrecht spüren.
Wovor hatte er Angst?
„Keine Angst. Ich tue Ihnen nichts!“


Seufzend drehte sie sich auf den Rücken.
Ja, es war Mitleid gewesen.
Mit einem beklemmenden Gefühl im Bauch zog sie sich die Decke über, mit dem quälen Gedanken im Hinterkopf, dass der nächste Tag genauso werden würde wie der heutige.

5. Vater sein – Herrscher bleiben


Die Abendsonne tauchte den Himmel in ein oranges Rot. Shen hatte sich in den Palast zurückgezogen und schaute von der mittleren Etage auf den Hof hinab.
Der Wahrsagerin fiel auf, dass er recht schweigsam geworden war. Zuerst hatte sie sich vorgenommen, ihn nicht anzusprechen, doch als dies den ganzen Tag so weiter ging, rang sie sich doch dazu ein Gespräch mit ihm zu suchen.
„Du siehst so nachdenklich aus“, begann sie hinter ihm.
Shen schien ihre Gegenwart nicht zu überraschen und drehte sich gar nicht erst zu ihr um.
„Mich beschäftigt viel“, meinte er bedächtig. „Dann muss ich viel nachdenken.“
Die Ziege trat zu ihm ans Fenster und versuchte zu ergründen, wohin Shen die ganze Zeit hinsah.
Unten im Hof stand Fantao mit Meister Kroko und Meister Ochse. An der Mauer prangerte immer noch Meister Krokos Bildnis und jetzt daneben war ein Neues, diesmal von Meister Ochse, gemalt worden. Auch dieses hatte mehr Muskeln als das Original, was Meister Ochse sofort an sich überprüfte.
„Was missfällt dir daran?“, erkundigte sie sich.
Shen seufzte. „Bei Fantao habe ich gehofft, dass er mal ein großer mächtiger Krieger werden würde. Doch anscheinend habe ich mich geirrt und er wird eher ein großer Künstler. Ich hätte ihn gleich Bingwen* nennen sollen.“
Die Ziege schmunzelte. „Er ist nun mal ein farbenliebender Pfau. Um ehrlich zu sein, dürfte es einem nicht verwundern. Aber er hat Geschick in seinen Bewegungen. Er wird bestimmt seinen eigenen Kampfstil mal entwickeln. Genauso wie Zedong.“
„Zedong ist gut, genauso gut wie sein Bruder“, stimmte Shen ihr zu. „Nur von Jian könnte ich mehr erwarten. Er spielt lieber auf seinem Instrument, als sich um sein Training zu kümmern.“
„Er ist farbenblind wie seine Mutter“, ergänzte die Wahrsagerin. „Er versucht mit Musik sich die Welt zu verschönern.“
„Mag sein“, murmelte Shen. Dann senkte er den Blick. „Nur um Shenmi mache ich mir am meisten Sorgen. Sie hegt überhaupt kein Interesse am Kung Fu, oder an anderen Kampftechniken.“
Er zuckte zusammen, als er den Huf der Ziege auf seinem Arm fühlte. „Du wünschst dir zu sehr, dass sie so wird wie du, hab ich nicht recht?“
Shen wich von ihr weg. „Unsinn! Sie soll nur das Kämpfen lernen. Das ist alles. Aber bis jetzt zeigt sie keine Anzeichen dafür es mal richtig intensiv zu versuchen.“
Die Ziege seufzte schwer. „Shen, früher oder später wird jeder von ihnen irgendwann seinen eigenen Weg gehen. Du kannst sie nicht ewig an deine Vorstellungen anbinden.“
Der weiße Pfau schüttelte den Kopf. „Nein, es ist viel mehr als das. Sie muss es lernen. Sie kann nicht ewig ein hilfloses Kind bleiben…“
Die Augen der Ziege weiteten sich. Shen hatte unerwartet den Kopf gesenkt und den Flügel davorgehalten.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Es geht schon“, wehrte er ab. „Ich fühl mich heute nur etwas erschöpft. Ich… ich bin einfach nicht so für diese…“
„Vaterrolle.“ Sie lächelte.
„Äh… ja. Yin-Yu konnte mit ihnen immer besser umgehen. Ich selber musste mich um die Stadt kümmern und…“
„Papa!“
In diesem Augenblick tauchte Zedong hinter ihnen auf.
„Shenmi ist in den Dreck gefallen. Ich glaube sie braucht ein Bad. Und Fantao sowieso.“
Damit machte der kleine Pfau wieder kehrt und Shen blieb mit seinem kleinen Problem allein zurück. Am Ende war sein bittender Blick auf die Ziege gerichtet.
„Bitte, könntest du das machen?“

Mit einem etwas unguten Gefühl, zog Yin-Yu sich ins Nachtquartier zurück. Sie hatte lange in den alten Kinderkisten von Xia und Sheng herumgewühlt und war dabei so viele alte Erinnerungen durchgegangen, dass ihr mehr der Kopf wehtat als die Flügel.
Sie sah sich um. Sie befand sich in ihrem ehemaligen Schlafzimmer. Natürlich mit nur einem Bett. Xiang hatte immer alleine geschlafen, und das gleiche hatte er auch von seiner Familie erwartet. Für jeden ein Einzelzimmer. Mit verschlossenen Türen. Jede Nacht hatte er ihre Türen abgeschlossen. Nie durften sie ihre Zimmer um diese Uhrzeiten verlassen.
Yin-Yu vergewisserte sich nochmal, dass die Türe nicht abgeschlossen war, was eigentlich Blödsinn war. Wer sollte schon die Türen abschließen? Dennoch ging sie auf Nummer sicher.
Irgendwie wünschte sie sich, die anderen wären mitgekommen. Aber sie wollte Xia und Sheng nicht zumuten wieder an diesen Ort zu kommen.
Gedankenverloren zog sich um. Ihre Kleidung befand sich immer noch im Kleiderschrank. Anschließend legte sie sich ins Bett. Eine Weile hing sie noch ihren Erinnerungen nach. Dann fiel ihr Shen wieder ein. Zu gerne würde sie ihn jetzt neben sich haben.

Müde schlurfte Shen in sein Schlafzimmer. Die Ziege hatte zwar das Baden der zwei Kleinen übernommen, dennoch war er völlig ausgepowert. Sich mit kleinen Kindern zu beschäftigen war noch anstrengender als mit einer Armee zu trainieren. Erschöpft ließ er sich ins Doppelbett fallen.
„Shen, sieh es ein“, murmelte er zu sich selbst. „Du wirst auch nicht jünger.“
Dann wickelte er sich in die Bettdecke und schlief sofort ein.
Es war kaum eine Stunde vergangen, als…
„Papa?“
Schlaftrunken setzte Shen sich im Bett auf, als er die Stimme von Shenmi erkannte.
„Was ist?“
Das weiße Pfauenmädchen stand neben seinem Bett und sah ihn schüchtern an.
„Kann ich bei dir schlafen?“
Müde rieb Shen sich übers Gesicht. „Warum schläfst du nicht bei deiner Schwester?“
„Sie schnarcht.“
„So, tut sie das?“
Seufzend legte Shen sich wieder hin und drehte sich auf die Seite. „Na dann, komm rein.“
Sogleich hüpfte die Kleine aufs Bett und krabbelte zu ihm unter die Bettdecke. Shen bekam kaum etwas mit, so leer war noch sein Kopf vom Tag. Er spürte nur noch, wie sich etwas an seinen Hals klammerte.
„Papa?“
„Mmm?“
„Bist du immer noch sauer?“
„Mm-mm.“ Es klang wie ein dumpfes Nein.
Wie im Unterbewusstsein wanderte sein Flügel auf die leere Bettseite und wünschte sich Yin-Yu würde jetzt hier sein.

Yin-Yu schreckte auf. Hatte sie geträumt? Ein merkwürdiges Gefühl war über sie gekommen, wie ein düsterer Schatten. Hastig richtete sie sich auf und ihr erster Blick galt der Tür.
Erschrocken hielt sie den Atem an. Die Tür stand einen Spalt offen. Seltsam. Sie hätte schwören können, dass sie sie zugemacht hatte.
„Hallo? Ist da jemand?“
Schnell verließ sie das Bett, ging zur Tür und schaute in den Gang.
Alles blieb ruhig.
Doch dann… Ein leichtes Schaben war über den Marmorboden geschlittert.
„Huan? Sind Sie das?“, fragte sie zaghaft.
Als sie keine Antwort erhielt, zog sie die Tür schnell wieder zu. Spielen ihr die Erinnerungen von damals jetzt einen Streich? Oder träumte sie sogar?
Schnell ging sie wieder an ihr Bett und zündete eine Kerze an. Das Licht, das nun den Raum erhellte, gab ihr ein besseres Gefühl der Sicherheit. Doch ohne es zu merken, trat das Licht jetzt auf mehrere kleine Augen, die hinter ihrem Rücken lauerten.
Es vergingen noch weitere drei Sekunden – dann erfüllte ein Schrei die Luft.


*Bingwen - Meister der Kunst

6. Ein ungewöhnlicher Morgen


Es war noch früh am Morgen, als die Ziege sich auf den Beinen machte und durch die Gänge des Palastes ging. Dabei kam sie auch an Shens Zimmer vorbei. Vorsichtig spähte sie durch die Tür. Shen lag friedlich im Bett. Und daneben an seinem Hals lag die kleine Shenmi. Die Wahrsagerin lächelte und zog sich schmunzelnd zurück.
Es dauerte nicht allzu lange und das Pfauenmädchen wachte auf. Nachdem es sich ein paar Male ausgiebig gestreckt und gegähnt hatte, fiel ihr Blick auf Shens freie Füße, die unter der Bettdecke hervorlugten. Sie kicherte und krabbelte darauf zu. Dort angekommen strich sie mit den kleinen Federfingern über seine Fußsohlen.
Plötzlich zuckte Shen zusammen und setzte sich ruckartig auf. Er war noch nicht ganz wach, doch er merkte sofort, wer ihn da geweckt hatte.
„Shenmi! Du weißt doch, dass ich nicht gern gekitzelt werden möchte.“
„Mama macht das doch oft bei dir.“
„Bei ihr ist das ja auch etwas völlig anderes.“
„Wieso?“
Das brachte Shen in Erklärungsnot.
„Na ja, sie ist für mich… was ganz besonders. Bei uns läuft es oft anders ab…“
„Wie das Knutschen?“
Shen sah seine Tochter verdutzt an. „Wo hast du denn diesen Ausdruck her? Besser du gehst dich jetzt waschen.“
Damit hob der weiße Pfau sie hoch und setzte sie auf den Boden ab. Shenmi war schon ganz munter und hüpfte davon. Im Gegensatz zu Shen. Kaum war das Mädchen draußen, zog er sich wieder die Bettdecke über den Kopf.

„Vater, du siehst sehr müde aus.“
Shen hielt im Gähnen inne, als Xia ihn darauf aufmerksam machte. Erschrocken hielt der Herrscher inne, als er merkte, wie ihn alle anstarrten.
Sie saßen gerade am Frühstückstisch und es war für jeden unverständlich, dass Shen als Einziger einen sehr erschöpften Eindruck machte.
„Ach, es ist nichts“, winkte er ab. „Nur die Luftveränderung.“
Xia war da nicht so überzeugt und schien die Einzige am Tisch zu sein, die sich besonders große Sorgen machte. Doch Shen lächelte sie nur an.
„Es ist alles in Ordnung“, beruhigte er sie und schaute rüber zu Fantao.
„Fantao! Hör auf mit den Reisstäbchen zu spielen!“
Fantao hatte sich die ganzen Stäbchen gekrallt und zu einem Türmchen aufgestapelt.
„Jian! Leg dein Musikinstrument weg!“
„Shenmi, kleckere nicht dein Hemd voll!“
Shenmi, die direkt neben ihrem Vater saß, hatte versehentlich einen Suppenfleck auf ihr Kleid geschlabbert.
„Ich mach das schon, Vater“, bot Xia sich an und holte ein Tuch, um den Suppenfleck wegzurubbeln.
Sheng räusperte sich. „Also, was machen wir heute?“
Shen war froh, dass er das Thema wechselte. „Ihr macht heute eurer Morgentraining.“
„Warum machst du eigentlich nie mit?“, fragte Zedong.
„Weil das Training für euch wichtig ist. Ich benötige keinen Unterricht mehr.“
„Aber du könntest doch auch mal mit uns trainieren“, drängte Zedong weiter.
Jetzt war es Shen, der sich räusperte. „Ihr haltet euch besser an die Meister. Tut einfach das, was sie euch sagen.“
Shenmi sah ihn fragend an. „Also, Meister Ochse sagt mir immer: ‚Shenmi, was immer du auch tust, werde bloß nicht wie dein Vater.‘“
Shens Hände verkrampften sich. „So, sagt er das?“ Doch er behielt sein unscheinbares Lächeln auf dem Schnabel. Wenn er schon wütend war, dann sollte Shenmi es nicht mitansehen. Denn dann würde sie sich nur wieder schuldig fühlen.

Nach dem Frühstück entließ der Herrscher die ganze Bande. Xia und Sheng hatten die Aufgabe auf die Kleinen aufzupassen, während Shen seinen Rundgang durch den Palast machte.
Die Ziege hatte gegenüber Shen kein gutes Gefühl und folgte ihm.
„Shen? Alles in Ordnung?“, fragte sie.
Shen verschränkte die Arme auf dem Rücken und sah aus, als würde über ihm gleich ein Gewitter losbrechen.
„Er erzieht meine Tochter noch hinter meinem Rücken“, knurrte er.
„Shen, beruhige dich“, versuchte sie ihn zu besänftigen. „Du kannst froh sein, dass er dir überhaupt erlaubt hat hier in Gongmen ab und zu zu verweilen.“
Mit einem Schnauben wandte Shen sich von ihr ab. „Eigentlich steht die Stadt immer noch rechtmäßig mir zu. Und komm mir nicht schon wieder mit der Sache von damals an, dass ich kein Recht darauf hätte!“
Die Ziege strich sich über ihren Bart. „Was damals passiert ist, kannst du zwar nicht ändern, aber du hast es geschafft, es wieder in eine andere Bahn zu lenken…“
„Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Kindererziehung immer noch mir zusteht!“, fiel er ihr ins Wort. „Er hat kein Recht sich einzumischen! Wenn es nach mir ginge, würden wir sofort von hier abreisen.“
„Mein Lord?“
Shen hielt inne, als eine Gazelle auf ihn zukam.
„Was ist?“, fragte der Lord genervt.
„Eine Botschaft.“ Damit reichte der Wächter ihm eine Papierrolle. „Sie kam mit der Luftpost.“
Shen nahm die Nachricht entgegen und der Wächter entfernte sich wieder.
Als er den Absender las, entfaltete er das Papier sofort.
Die Ziege wollte sich schon zurückziehen, doch dann entstand beim Pfau eine ruckartige Bewegung und sie drehte sich wieder zu ihm um.
Shen hatte den Kopf mit dem Flügel bedeckt, im anderen Flügel hielt er den Brief, zerknüllt.
„Ist irgendetwas Shen?“, erkundigte sie sich besorgt.
Ihre Augen weiteten sich, als Shen den Flügel enger auf die Stirn presste und heftig den Kopf schüttelte. Dann hielt er ihr das zerknitterte Papier entgegen.
„Lies das.“
Er sah sie immer noch nicht an, was die Ziege noch mehr beunruhigte. Zögernd nahm sie ihm den Brief ab, während Shen mit gepresster Stimme befahl: „Lies es laut und deutlich.“
Wollte er nur testen, ob er sich nicht verlesen hatte? Doch die Ziege fragte nicht weiter nach und las:
„Sehr geehrter Lord Shen, anlässlich der Lage sehe ich mich gezwungen Ihnen diese Nachricht zu senden, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Frau seit gestern Nacht im Palast Mendong vermisst wird. Man hat sie in der Nacht schreien gehört, seitdem ist die unauffindbar. Sobald wir etwas Neues haben, werde ich es Sie wissen lassen.
Hochachtungsvoll, König Wang.“

Die Wahrsagerin hatte kaum geendet, als Shen sich ruckartig abwandte.
„Ich hätte sie niemals alleine gehen lassen sollen!“
Shen rannte zur nächsten Treppe und stieg nach unten.
„Shen, wo willst du hin?“, rief die Ziege und rannte ihm hinterher.
„Zum Hafen.“
„Hafen?“
„Ich charterte sofort ein Schiff!“
„Du willst abreisen? Aber…“
„Versuch mich nicht davon abzuhalten!“, fuhr Shen sie an. Inzwischen hatten sie die Eingangstür des Palastes erreicht, die der weiße Lord mit Schwung öffnete.
„Ich werde nach Mendong fahren, sie finden und zurückho…!
Plötzlich prallte der Herrscher gegen eine große, breite schwarz-weiße Figur. Shen fiel nach hinten und landete unsanft auf den Boden. Die Person vor dem Eingang hatte sich besser auf den Beinen gehalten. Shen rieb sich den Rücken und schaute hoch, um zu sehen, wer ihm da den Weg versperrt hatte.
„Hey, Shen!“, begrüßte ihn Pos heitere Stimme. „Wie geht’s? Schon lange her, was? Ich war gerade auf dem Weg zu dir, um…“
„Panda!“ Wütend sprang Shen auf. „Ganz egal was dir das Universum zugeflüstert hat, aber ich regle das auf meine Art und Weise! Und zwar alleine! Du brauchst dich nicht zu bemühen hierherzukommen. Der Brief galt einzig und allein mir. Und es ist immer noch meine Frau und ich werde sie alleine suchen und finden! Hast du das verstanden, Panda?!“
Po hatte den Redeschwall eingeschüchtert über sich ergehen lassen und stand jetzt da, mit eingezogenem Kopf.
„Äh, eigentlich wollten wir nur… in den… Urlaub… fahren.“
„Urlaub?“
Shen meinte nicht richtig zu hören. Doch Po grinste breit und richtete sich wieder zu seiner normalen, jubelnden, Größe auf. „Ja, und zwar in das Shuǐ Qíyù Erlebnisparadies!“ Damit hielt er dem Pfau ein Plakat vor den Schnabel. „Wasserrutschen, Wasserschlachten, Wasserstrudel, Schlammbäder… Das wird spitzenmäßig! Und weil Gongmen auf dem Weg lag, dachte ich, wir kommen mal vorbei.“
„Wir?“
„Ja, meine Freunde sind solange noch in der Stadt. Also wollte ich gerne mal wieder nach so langer Zeit wieder Hallo sagen, Na ja, das habe ich ja jetzt getan. Aber ich sage es noch mal: Hallo!“
Shen sah sich irritiert um, bevor er den Gruß, wenn auch mit säuerlicher Miene, erwiderte. „Äh, hallo.“
„Guck mal, das ist der Drachenkrieger!“
In diesem Moment kam Fantao um die Ecke gerannt. Dicht gefolgt von seinen Geschwistern.
Po breitete die Arme aus. „Hey! Kids! Wie geht’s?“
Jubelnd sprangen die Kinder um ihn herum.
„Autsch!“ Po zuckte zusammen, als ihn jemand in den Rücken gekickt hatte. „Oh, du hast sehr viel geübt, Zedong, kann das sein?“
Der kleine gescheckte Pfau lächelte stolz. „Jep.“
„Wow, was ist das denn?“ Fantao hielt neugierig das Plakat hoch, das der Panda hat fallen lassen.
„Das ist das beste Wasserspielparadies in der ganzen Ostprovinz“, klärte Po ihn auf. „Da gibt es alles was es an Wasserattraktionen gibt. Wasserstrudel, Wasserrutsche…“
„Wasserrutsche?“
„Ja, komm, ich zeig dir mal wie schnell eine Wasserrutschte ist.“
Damit hob Po den Pfauenjungen hoch und raste mit ihm hin und her.
„Darf ich auch!“, drängten die anderen.
„Natürlich. Du auch.“
Po nahm ein Pfauenkind nach dem anderen auf die Hände, hielt es über seinen Kopf und rannte mit ihm quer über den Hof, wobei er immer zu rief: „Wasserrutsche! Wasserrutsche!“
Amüsiert sah die Ziege dem Treiben zu. „Warum machst du nicht auch mal mit den Kindern sowas?“
Shen legte die Flügel zusammen und hob den Kopf. „Erstens weil sich sowas nicht gehört und zweitens…“
In diesem Moment sank Po erschöpft auf dem Boden zusammen.
„… ist es zu anstrengend“, beendete Shen seine Erklärung und sah auf den japsenden Panda.
„Keine Wasserrutsche mehr“, keuchte Po „Bitte, keine Wasserrutsche mehr.“
Nach ein paar schweren Atemzügen setzte sich der Panda auf und sah Shen fragend an. „Aber was war das eigentlich für ein Brief von dem du da gesprochen hast?“

7. Reisestart mit Zwischenfällen


„… und aus diesem Grund werde ich nach Mendong reisen“, beendete Shen seine Ausführungen.
Jetzt da jeder wusste, dass er einen Brief erhalten hatte, blieb ihm nichts anderes übrig als auch die anderen von der Nachricht zu unterrichten.
Jetzt standen sie alle in der Vorhalle im Erdgeschoss des Palastes und seine Zuhörer waren zutiefst bestürzt.
„Ist Mama etwas passiert?“, hakte Jian besorgt nach.
Shen schwieg. Er wusste doch selber nicht was los war. Wie konnte er einem Vierjährigen da genau antworten?
„Ach, was“, meinte Po und legte beruhigend eine Hand auf die Schulter des Jungen. „Er möchte nur nachsehen, ob auch alles in Ordnung ist. Bestimmt geht es ihr gut.“
„Wenn es ihr gut geht, wieso muss er dann zu ihr?“
„Ist Mama krank?“, fing jetzt auch Shenmi an, was Shen jetzt am allerwenigsten gebrauchen konnte.
„Jetzt hört zu!“, rief er. „Es bringt nichts herumzuraten.“
Er klatschte laut in die Hände. Und es dauerte nicht lange und eine Gazelle erschien.
„Wache, du gehst zum Hafen und besorgt das beste Schiff für mich. Die Reise geht in die Stadt Mendong in Nordchina.“
Der Wächter nickte und entfernte sich. Vielleicht hätte einer der Anwesenden noch etwas gesagt, doch Shen machte jeden weiteren Gesprächsversuch zunichte.
„Ich werde jetzt meine Sachen packen. Und ihr, während ich weg bin, werdet ihr hier solange warten. Ich werde euch dann Nachricht schicken.“
Po wollte gerade den Mund aufmachen, doch Shen wandte sich blitzschnell ab und verschwand in die obersten Stockwerke.
Enttäuscht ließ der Panda die Schultern sinken.

Shen brauchte weniger als ein paar Minuten, um seine Reisetasche zu packen. Normalerweise musste er für sieben weitere Personen mitdenken, wenn es auf eine Reise ging, doch da er alleine war, ging das zusammentragen der wichtigen Sachen viel, viel schneller.
„Sollte nicht jemand dabei sein?“
Der weiße Lord schrak zusammen, als die Stimme der Ziege so plötzlich hinter ihm auftauchte. Doch er fasste sich sofort wieder. Ihm war nicht verborgen geblieben, wie sehr sie das Wort „jemand“ betonte.
„Nein, ich gehe alleine.“
Damit schnappte er sich eine weitere Robe vom Kleiderschrank, stopfte sie in den Reisesack und band ihn zu.
„Shen, du erscheinst mir in letzter Zeit ein bisschen zu erschöpft“, fuhr die Ziege fort.
Shen stieß ein genervtes Knurren aus. „Was willst du damit sagen?“
„Ich kenne solche Schwächeanfälle von dir. Als Kind hattest du…“
„Hör auf damit! Es ist nichts! Mir geht es gut!“
„Mag ja sein. Doch ich finde im Falle eines Falles solltest du jemanden bei dir haben…“
„Ich brauche keinen, der auf mich aufpasst!“
„Aber du solltest ihn mitnehmen.“
„Wen?“
„Du weißt schon, wen ich meine.“
„Kommt gar nicht in Frage!“
„Das wäre doch nicht eure erste gemeinsame Reise…“
„Das letzte Mal war das letzte Mal!“
„Und was ist, wenn irgendetwas unterwegs passiert?“
Shen stierte die alte Ziege wütend an. „Ich bin über 20 Jahre auf mich allein gestellt gewesen! Falls du das vergessen haben solltest. Und hab es geschafft eine eigene Kampftruppe zusammenzustellen. Dazu mit unzähligen Waffen...“
„Und bist am Ende gescheitert mit allem. Es hätte noch mehr passieren können, wenn dir nicht jemand zur Seite gestanden hätte.“
„Zum letzten Mal, der kommt mir nicht mit auf die Reise!“
Die Wahrsagerin wandte sich mit gesenktem Kopf ab. „Dann werde ich aber kein Auge zu bekommen. Jede Nacht. Dann bin mich übermüdet, und kann nicht besonders gut auf die Kinder aufpassen.“ Sie bedeckte ihr Gesicht mit einem Huf. „Ich hoffe nur, dass du gut schlafen kannst, mit dem Gedanken, nicht in der Nähe deiner Kinder zu sein.“
Sie schickte sich an den Raum zu verlassen. Shen war nachdenklich geworden. Natürlich behagte ihm der Gedanke gar nicht, seinen Nachwuchs unbeaufsichtigt zu lassen. Doch Yin-Yu war ihm auch nicht unwichtig. Schnell packte er die Ziege am Kleid.
„Dann stell ich eben eine Armee auf die Beine!“, sagte er entschlossen.
„Meine Freunde und ich könnten doch auch auf sie aufpassen.“
Überrascht sah der Pfau auf. Po stand im Türrahmen des Zimmers und tippte die Fingerspitzen aneinander, als der Lord ihn so empört ansah.
„Äh, ich meine, sie sind gute Baby… äh… Kindersitter, wenn’s drauf ankommt. Vielleicht könnten sie ihnen auch ein paar Kung Fu Tricks beibringen. Zum Beispiel die Kicks des Tigers, die Gewandtheit der Schlange, die Schnelligkeit des Affen… Und zusammen mit den zwei großen Meistern werden sie so sicher sein, wie sonst nirgendwo auf der Welt.“
„Die Meister?“
Die hatte Shen fast schon wieder vergessen und der Konflikt mit Meister Ochse flammte wieder in ihm auf. Bei dem Gedanken, dass dieser gehörnte Meister seiner Tochter weiterhin Flausen in den Kopf setzte, drehte sich bei ihm der Magen um.
„Shen?“ Die Stimme der Ziege holte ihn wieder aus seinen düsteren Grübeleien heraus. „Ganz gleich was hier auch geschehen mag, aber deine Frau ist im Moment wichtiger. Ich werde schon aufpassen, dass er nicht viel mit ihr redet.“
Sie lächelte ihn an, was Shen nur halbwegs beruhigte. Doch andererseits hatte sie bis jetzt immer ein Versprechen gehalten.
„Na schön“, meinte er schließlich. „Wenn du mir das versprichst…“
Damit schnappte er sich seine Reisetasche und zog sie hinter sich her.
Doch ein Räuspern der Ziege hielt ihm erneut davon ab den Raum verlassen zu können. Mit einem tiefen Seufzer musste er anhalten und erst mal einen kräftigen Atemzug nehmen, bevor er den Flügel hob und auf den Panda zeigte.
„Panda.“
Po sah auf. „Was ist?“
„Du wirst…“ Er kämpfte mit sich selber, um die nächsten Worte auszusprechen. „… wirst mich begleiten.“
Po stand für einen Moment da wie betäubt. Doch dann schien er es kapiert zu haben. Er riss die Hände in die Luft und hüpfte auf und ab. „WOOOHO! Ich hab eine Mission! Ich hab eine Mission!“
Blitzschnell rauschte er an dem niedergeschlagenen Lord vorbei, um die frohe Nachricht seinen Freunden mitzuteilen. Shen stieß einen tiefen Seufzer aus. Er konnte nur hoffen, dass der Tag nicht noch schlimmer werden würde.

Es dauerte nicht lange und alle hatten sich am Hafen versammelt. Das Schiff, ein einfaches Segelschiff, aber groß genug, dass darauf mindestens 100 Leute Platz gehabt hätten, war bereit zum Auslaufen. Doch nicht nur Shens Kinder, sondern auch die zwei Meister, die Wahrsagerin, Po und seine fünf Freunde hatten sich am Pier eingefunden. Pos Freunde waren anfangs nicht gerade allzu begeistert zu hören, dass sich ihr Urlaub nicht nur verschob, sondern Po wieder einmal ohne sie auf Mission ging.
„Und wann kommst du wieder, Po?“, erkundigte sich Monkey.
Sein Freund zuckte die Achseln. „Wissen wir noch nicht. Wir werden aber mindestens zwei Tage oder mehr brauchen bis wir in Mendong sind.“
„Hättest du uns nicht vorher fragen sollen, ob wir überhaupt wollen die Kinder zu beaufsichtigen?“, meinte Crane vorwurfsvoll.
Mantis stimmte ihm zu. „Ja, es wäre nicht das erste Mal, dass mir ein Kind Puppenkleider anzieht.“
Viper musste bei dieser Vorstellung Kichern. „Also, ich fand es süß. Vor allem mit dem Schleifchen.“
„Po“, mischte sich auch jetzt Tigress in die Unterhaltung ein. „Bist du dir sicher, dass es eine gute Idee ist mitzugehen?“
Po sah seine Freundin verwundert an. „Na klar, warum denn nicht?“
„Du weißt nicht, womit du es zu tun hast“, gab die Tigerin zu bedenken. „Vor allem bei den Lords. Royals haben sich im Laufe der Jahre viele mächtige Feinde angeeignet. Woher willst du wissen, dass du mit diesem Fall alleine klarkommst?“
„Aber ich bin doch nicht allein.“ Po lächelte sie an. „Er kommt doch mit.“ Er deutete auf Shen. „Und zusammen mit seiner Kampfkunst sind wir ein unschlagbares Team…“
„Ähem!“
Ein Räuspern von Shen ließ den Panda kurzfristig in seiner Rede verstummen. Der weiße Lord hatte sich vor die Kung Fu Krieger gestellt und räusperte sich erneut.
„Also, da ich euch mit der Aufsicht der Kinder betraut habe“, begann der Lord mit gehobener, mahnender Stimme. „So seid ihr auch dazu verpflichtet die entsprechenden Regeln einzuhalten.“
Monkey kratzte sich am Kopf. „Regeln?“
Shen nickte. „Ganz genau. Und ich habe ein paar wichtige Punkte zusammengestellt.“
Mit diesen Worten holte er ein Stück Pergament aus dem Ärmel und entrollte es. Die Augen der Freunde weiteten sich. Das Papier reichte fast bis zum Boden.
„Und was sind das für Regeln?“, wollte Viper wissen.
„Nur das Wichtigste“, erläuterte Shen. „Zum Beispiel soll jeder darauf achten, dass Jian keine Erdnüsse isst. Darauf reagiert er allergisch. Fantao darf nicht unbegrenzten Zugang zu Malfarben haben, vor Zedong muss die Waffenkammer immer abgeschlossen werden, vor Sonnenuntergang müssen alle im Bett sein, dreimal täglich eine Mahlzeit am Tag, bei Shenmi darf der Reis nicht zu hart sein, Jian hat die Pflicht sein Musikinstrument nicht unters Kopfkissen zu legen… um nur ein paar wichtige Grundregeln zu nennen.“
Er rollte das Papier zusammen.
„Ziege, du sorgst dafür, dass die ganzen Vorschriften befolgt werden. Wort für Wort.“
Mit diesen Worten hielt er ihr die zusammengerollte Liste entgegen, die sie auch sofort an sich nahm. Dann ging Shen bis ans Ende der Reihe, um sich von seinen Kindern zu verabschieden.
Die Wahrsagerin steckte seufzend das Papier ein. „Wenn er mich doch bei meinem Namen nennen würde“, dachte sie. „Ich bin für ihn immer noch teilweise wie eine Fremde.“
Shen war inzwischen bei den Kindern angekommen, die nebeneinander sich aufgestellt hatten. Shens erster Blick galt Sheng.
„Sheng, du und Xia, ihr seid die Ältesten. Passt gut auf die Kleinen auf.“
„Ja, Vater.“ Sheng nickte ihm zu.
Neben ihm stand Zedong. Wie immer.
„Und pass besonders auf deinen Bruder auf“, fügte Shen hinzu. „Trainiert nicht immer zu lange.“
Der gescheckte große Pfau nickte. „Machen wir.“
Dann beugte sich der weiße Herrscher zu seinem kleinen gescheckten Sohn herab. „Und tu mir den Gefallen und trete nicht immer jeden, wenn er dich schief anschaut. Falls doch, dann wirf ihm wenigstens einen bösen Blick zu.“
Zedong nickte. „Alles klar, Dad.“
Als nächstes war Fantao an der Reihe. Shen verschränkte die Flügel und sah mahnend auf ihn herab. „Fantao, während meiner Abwesenheit bemalst du nicht schon wieder die ganzen Mauern. Wände sind nicht zum malen da. Und wenn, dann benutz wenigstens abwaschbare Farbe.“
Fantao grinste. „Okay, kein Problem.“ Und wedelte mit seinem Pinsel, den er immer bei sich trug.
Als nächstes waren Xia und Jian an der Reihe.
„Und was dich angeht Jian, übertreib es nicht schon wieder mit deinen Musikstunden. Dein Training kommt immer zuerst.“
Sein Blick wanderte zu Xia. „Du sorgst dafür, dass er nicht zu laut spielt. Ich will nicht, dass er die anderen ablenkt.“
Seine ältere Tochter nickte. „Mach ich.“
Als letztes war Shenmi an der Reihe. Fast schon wehmütig, sah Shen auf seine kleine weiße Tochter herab. Schließlich kniete er sich vor sie hin, legte beide Flügel auf ihre Schultern und sah sie eindringlich an. „Und du passt gut auf dich auf. Halte dich immer an die anderen.“
Er holte tief Luft. „Und vernachlässige dein Training nicht.“
Das Pfauenmädchen senkte den Blick. „Papa, kann ich mitkommen?“
Entsetzt riss Shen die Augen auf. „Was?! Nein, das kommt gar nicht in Frage! Du bleibst hier!“
„Und was ist, wenn du nicht mehr wiederkommst?“
„Was redest du denn da?“
„Meister Ochse hat gesagt, dass es vielleicht jemand sein könnte, der sich an dir rächen will. Er sagt, du wärst schon ziemlich oft fast gestorben. Vielleicht passiert es jetzt.“
Shens zorniger Blick wanderte zum Ochsen. Dieser verschränkte grimmig die Arme. „Ich hab nur eine Vermutung geäußert. Das Gespräch galt auch nur ihm.“ Er deutete auf Meister Kroko. „Woher sollte ich denn wissen, dass sie in der Nähe stand?“
Shen stieß ein böses Knurren aus. „Schluss jetzt! Ich garantiere euch, dass mir nichts passieren wird!“
„Ganz genau“, mischte Po mit. „Vor allem, da ich ihn begleiten werde. Mit mir an seiner Seite kann doch gar nichts schief gehen.“
Shen war nicht davon begeistert, wollte gegenüber den anderen aber keine Zweifel säen. Stattdessen nahm er Shenmi hastig in die Arme. „Du kannst ganz beruhigt sein. Ich komme so schnell wie möglich wieder. Versprochen.“
Nach diesem schaffte es der Herrscher sich von seinen Kindern loszulösen und den Gang aufs Schiff anzutreten.
Po blieb kurz auf der Brücke stehen und winkte seinen Freunden zu. „Auf Wiedersehen, Leute! Und nur keine Sorge, wir werden schon aufpassen.“
„PO!“, schrie Monkey. „Du hast deine Tasche vergessen!“
„Oh, ja, natürlich.“
Schnell machte Po kehrt und rannte zu seiner riesigen Reisetasche, die von Viper und Crane bereits gezogen wurden.
„Meine Güte!“, keuchte Viper. „Was hast du denn da drinnen?“
„Na, mein Notproviant“, erklärte Po und schulterte den Reisesack über die Schultern. „Macht’s gut!“
Er eilte über die Brücke aufs Schiff. Endlich konnten die Seeleute die Brücke einziehen, den Anker einholen, die Seile lösen und die Segel setzen.
Die Zurückgebliebenen am Steg winkten ihnen nach.
„Ich hoffe, es passiert nichts schlimmes“, hoffte Xia insgeheim.

„Wie genau sieht eigentlich unsere Reiseroute aus?“, fragte Po nach einer Weile.
Shen hatte auf einer Seekiste eine Karte ausgebreitet, um sie nochmal durchzugehen.
„Wir segeln erst mal an der Küste entlang Richtung Norden“, erklärte Shen und zeigte mit den Federfinger über das blaue Feld. „Ab hier biegen wir dann in den Fluss ins Landesinnere ein. Der wird uns dann auf direkten Wege nach Mendong bringen.“
„Ist das nicht der Fluss, den wir schon damals benutzt hatten?“
„Ja, das ist er.“
„Oh, das weckt Erinnerungen, nicht wahr?“ Po grinste breit. Das Abenteuer im Hunnenreich hatte er bis heute nicht vergessen. Besonders da dies auch für Shen ein ganz besonderer Tag gewesen war. Doch Shen ging nicht weiter darauf ein und packte die Seekarte weg.
„Na schön“, meinte Po. „Diese Meeresluft macht ganz schön schläfrig. Ich mach mal ein Nickerchen.“
Damit begab sich der Panda in eine ruhige Ecke und war auch sofort eingeschlagen, was dem Lord nur recht sein konnte. Je weniger er redete, desto besser.

Es vergingen mehrere Stunden, bis Po von seinem grummelnden Bauch geweckt wurde.
„Oh man, eine solche Schiffsreise macht ganz schön hungrig.“
Er erhob sich, ging zu seinem Proviantsack und öffnete ihn. „Mm, lecker. Pfirsiche.“
Freudig griff er danach. Doch dann hielt er inne. Da war etwas Weißes unter dem Obst. Po runzelte die Stirn. Er konnte sich nicht daran erinnern sowas wie Klöße oder Reis eingepackt zu haben. Zögernd befühlte er es. Es war weich und flauschig.
Plötzlich bewegte es sich und ein Gesicht kam zum Vorschein.
Der Panda riss die Augen auf. „Was machst du denn da?“
„Psst!“ Das Pfauenmädchen hielt mahnend einen Finger vor dem Schnabel.
Im nächsten Moment ertönte Shens Stimme hinter ihm.
„Panda, was machst du da?“
Erschrocken schloss Po den Sack wieder und drehte sich zu Shen um.
„Ich… ich mache gar nichts!“, stotterte der Panda.
„Ich hab doch was gehört“, zischte Shen und sah sich suchend um. „Was war das eben für ein Geräusch?“
„Eine Möwe“, sagte Po schnell.
Shen sah ihn skeptisch an. „Eine Möwe?“
„Äh, ja… Die ist hier… irgendwo herumgeflogen… Über unsere Köpfe. Ich meine, wo sollten Möwen sonst sein?“
Po war nicht gerade ein Meister im Lügen oder Schwindeln. Das bemerkte der weiße Lord sofort. Und das Po auch noch ein breites Grinsen aufsetzte, verstärkte seinen Verdacht nur noch mehr.
Plötzlich schnitt Shen mit seinen Federmessern ein paar Mal in den Proviantsack und ein kleiner Schneeball kullerte über den Holzboden.
„Shenmi!“ Empört sah Shen auf seine kleine Tochter. „Wie kommst du hierher? Ich hatte dir doch verboten mitzukommen.“
„Tut mir leid, Papa“, entschuldigte sie sich. „Aber ich hatte Angst, dass du…“
„Das reicht jetzt!“, schnitt Shen ihr das Wort ab und nahm sie an der Hand. „Du kehrst sofort nach Gongmen zurück!“
„Aber wie denn, Shen?“, wandte Po ein. „Wir sind schon viel zu weit weg. Wenn wir jetzt zurückfahren, dann verlieren wir mindestens einen halben Tag. Und woher willst du wissen, ob mit jeder weiteren Minute nicht die Chancen schwinden, dass Yin-Yu unverletzt bleibt…“
Po stockte, als er Shenmis geschocktes Gesicht bemerkte.
„Ich meine“, versuchte Po sich zu korrigieren. „Sie macht sich bestimmt schon Sorgen, weil wir uns unnötige Sorgen um sie machen. Sie wartet garantiert schon in Mendong auf uns. Da wollen wir sie doch nicht unnötig warten lassen, oder? Tja, dann muss sie wohl mitkommen.“
Shen wurde bleich unter den Federn. „Aber, das können wir doch nicht…“
„Bitte, Papa!“, bat Shenmi. „Ich bin auch artig…“
„Es könnte gefährlich für dich werden“, mahnte ihr Vater. „Nein, wir kehren um! Und wenn es mich sogar zwei Tage kosten würde!“
„Aber Papa! Was ist, wenn Mama was passiert?“
„Dann wir das deine Schuld…“ Er biss sich auf die Unterlippe. So wütend er auch auf sie war, die Schuld konnte er ihr nicht zuschieben. Hilflos sah er sich um. Aber es war nicht mal ein großer Vogel an Bord, der sie zurückbringen könnte.
„Bitte, Papa! Bitte, lass mich mitkommen!“ Shen machte den großen Fehler ihr in die großen Augen zu schauen.
„Aber, aber… das geht doch nicht…“
„Bitte!“
„Ja, bitte!“, bettelte jetzt auch Po und sah ebenfalls mit großen Pupillen zu Shen.
Shen bekam Bauchschmerzen, als er nach einem inneren Kampf nickten musste.
„Jipiee!“, jubelte Po. Er hob Shenmi hoch und wirbelte sie ein paar Mal herum.
„Spielst du wieder Wasserrutsche mit mir?“, bat Shenmi.
„Wasserrutsche?“ Po holte tief Luft. „Na schön. Also los.“
Und schon rannte er mit ihr auf dem Deck herum und schwang sie hoch und runter.
„Wasserrutsche! Wasserrutsche!“
Shen sah ihnen zu und verbarg niedergeschlagen das Gesicht mit dem Flügel. Er konnte jetzt nur noch darum beten, dass das Verschwinden von Yin-Yu nur ein Missverständnis gewesen war.

8. Die neue Pflegerin


Es war still im Zimmer. Keiner von beiden sagte ein Wort. Xiang lag schweigend auf dem Rücken auf seinem Bett. Liu stand daneben und war dabei sein gelähmtes Bein zu bewegen. Der Pfau sah sie nicht an, sondern starrte nur an die Zimmerdecke. Liu unterließ es ein Gespräch anzufangen und konzentrierte sich darauf das Bein anzuwinkeln und wieder auszustrecken, wie beim Gehen. Sie achtete darauf jedes Gelenk zu beanspruchen, sowohl das Hüftgelenk, das Knie, als auch jeden einzelnen Zeh. Ab und zu rieb sie ihre Flügelhände mit Öl ein, die sie dann aufs Bein massierte, um die Durchblutung besser anzuregen.
„Wieso hackt ihr es nicht einfach ab?“, murmelte Xiang nach einer Weile.
Die Pfauenhenne seufzte, unterbrach ihre Arbeit aber nicht.
„Die Blutzirkulation funktioniert noch einwandfrei“, sagte sie. „Es besteht kein Grund Ihnen das Bein abzunehmen.“
„Aber du hättest weniger Arbeit mit mir“, knurrte der Pfau.
„Aber ich mach das gerne.“
„Gerne?“ Xiang richtete sich ruckartig auf und stierte sie böse an. „So, dir gefällt es also, dass ich nicht mehr gescheit laufen kann, ja?!“
„Nein, natürlich nicht!“, beteuerte sie, wobei sie sein Bein losließ. „Ich wollte nur sagen, dass mir die Arbeit nichts ausmacht. Wenn ich etwas daran ändern könnte, dann würde ich es natürlich tun.“
Wieder kroch in ihr die Angst hoch, als Xiang die Augen zusammenkniff.
„Du kannst eher froh sein, dass ich nicht beide Beine bewegen kann“, zischte er. „Sonst würde ich dich dafür ins Jenseits jagen! Ach, hau einfach ab!“
„Aber ich bin doch noch gar nicht fertig.“
„Was soll das noch bringen?!“
„Das Bein muss bewegt werden, sonst bildet sich die Muskulatur zurück und die Gelenke werden steif.“
„Ist mir doch egal! Mir reichts für heute!“
Ohne weiter auf ihre Bitte einzugehen, zog er sich die Bettdecke über und drehte sich auf die Seite. Dabei drückte er sich so tief ins Bett, dass nur noch seine Kammfedern hervorlugten.
Liu bebten die Hände vor Wut, doch sie schluckte alles hinunter, packte die Behandlungsutensilien weg und verließ enttäuscht den Raum.
Kaum hatte sie die Schiebetür zugezogen, lehnte sie sich dagegen und holte ein paar Mal tief Luft. Am liebsten würde sie ihm so richtig ihre Meinung sagen. Nicht nur wegen seiner Rücksichtslosigkeit, sondern auch, dass er sich nicht ständig verhalten sollte als wäre er ein hoffnungsloser Krüppel. Sie war sich sicher, dass er mehr könnte als er sich zutraute. Aber er wollte gar nichts. Nicht mal Handarbeiten oder sonst irgendetwas, worin er sich verbessern könnte. Selbst das Gehtraining hatte er abgelehnt. Sie hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt ihm wenigstens einen Seitenhieb zu verpassen, doch dann hatte sie immer das furchtbare Bild vor Augen, als er noch so schrecklich verletzt gewesen war. Jede freie Minute ihres Schlafes hatte sie geopfert nur um ihn nicht alleine zu lassen. Besonders anfangs war es schlimm mit ihm. Jede Nacht hatte er herumgeschrien. Zuerst hatte sie geglaubt, er habe Schmerzen, doch dann begann er im Schlaf zu reden. Er schrie ständig auf jemanden ein, als würde ihn jemand in seinen Träumen bedrohen. Die meiste Zeit kam sie kaum noch hinterher ihm danach das Gesicht von den Tränen abzutrocknen. Erst als er allmählich wieder vollständig bei Bewusstsein war, hatte er sie nachts aus seinem Zimmer verbannt.
Seufzend löste sie sich von der Tür und ging nachdenklich den Korridor entlang. Sie konnte es sich nicht erklären, aber sie meinte zu spüren, dass Xiang einen besonders großen Hass auf sie hatte. Er hatte zwar schon jeden in der Kurresidenz mal angemeckert, aber an sie ließ er die heftigsten Beleidigungen aus. Er ließ keine Sekunde verstreichen, um sie fertig zu machen.
Liu ließ den Kopf hängen. Sie wusste einfach nicht, wie lange sie das noch durchstehen sollte.
„Liu, mein liebes Kind!“, klang auf einmal Herr Furus Stimme hinter ihr. „Ich habe gute Neuigkeiten für dich.“
Kaum hatte die Pfauenhenne sich zu ihm umgedreht, schrak sie regelrecht zusammen.
Neben dem kleinen alten Pika stand nicht nur jemand anderes, sondern auch noch jemand von gigantischer Größe. Mit weit aufgerissenen Augen starrte die Pfauenhenne auf die große Bärin, die in einem breiten schwarzen Hanfu-Kleid steckte.
„W-wer… wer ist… das?“, stammelte sie.
„Das, meine Gute“, führte Herr Furu aus, „ist Duona.“
Liu schluckte. Der Name klang nicht gerade harmlos. Und auch das Gesicht der Bärin sah nicht gerade freundlich aus. Dagegen sah ein Griesgram schon fröhlicher aus. Aber diese hier erweckte den Eindruck, als hätte sie noch nie gelacht.
Herrn Furu schien ihre Verunsicherung nichts auszumachen und fuhr einfach mit der Bekanntmachung fort.
„Du hast doch um einen Patientenwechsel gebeten und jetzt stell dir vor, gerade heute hat sich jemand außerhalb bei uns gemeldet, der bereit ist, diesen Job zu übernehmen.“
Lius Augen weiteten sich noch mehr. „Sie wollen wirklich allen Ernstes die Pflege von Lord Xiang übernehmen?“
„Stört dich etwas daran?“, fragte Herr Furu verwundert.
„Nun…“ Die Pfauenhenne rieb nervös die Flügel aneinander. „Xiang ist äußerst schwierig…“
„Dann wird Duona ja perfekt zu ihm passen“, nahm Herr Furu ihr das Wort ab. „Wir sind gerade auf dem Weg zu ihm.“
„Ähm, er wird jetzt nicht reden wollen“, meinte Liu zögernd.
„Das wird er schon über sich ergehen lassen müssen“, meinte Herr Furu entschieden und steuerte Xiangs Zimmer an.

Der blaue Pfau stieß unter der Bettdecke ein genervtes Knurren aus, als Herr Furu ihn dazu aufforderte sich hinzusetzen.
„Kann mich denn heute keiner in Ruhe lassen?“, fauchte Xiang.
„Das ist immer noch mein Haus“, unterrichtete ihn Herr Furu im strengen Ton. „Und Sie haben die Verpflichtung sich dementsprechend zu fügen. Ich darf Sie also bitten sich zu erheben, da ich Ihnen jemanden vorstellen möchte.“
Mit einem tiefen Seufzer schlug Xiang die Bettdecke beiseite und lehnte seinen Rücken gegen das Kopfkissen. Die große Bärin neben Herr Furu beachtete er kaum, dafür aber Liu, die es für das Beste gehalten hatte, ebenfalls mitzukommen. Als sich ihre Blicke trafen, stieß der Pfau ein verächtliches Schnauben aus, als wäre sie Abfall.
Der Pika ließ sich von Xiangs Abneigung nicht stören und deutete auf die Bärin neben ihm.
„Also, das hier ist Duona. Sie wird ab heute Ihre Pflege übernehmen.“
Der Pfau schaute die Gigantin gleichgültig an. Im Gegensatz zu Liu. Die Pfauenhenne wurde nervös. Irgendwie wollte sie die Bärin nicht in Xiangs Nähe lassen. Doch sie hielt den Mund geschlossen.
Xiang verschränkte die Arme und starrte gleichgültig auf die Bettdecke.
„Ist mir doch egal. Davon wird mein Leben auch nicht besser. Vielleicht war es vor ein paar Minuten sogar schlimmer.“
Er warf Liu einen vernichtenden Blick zu. Diese wich seinem Blick gekränkt aus. Herr Furu schien die Anspannung der beiden Vögel gar nicht zu kapieren und zeigte sich eher zufrieden.
„Na dann ist ja alles geregelt. Ich darf Sie allerdings darauf hinweisen, dass sie nicht so nachsichtig ist wie ihre Vorgängerin. Sie hat schon bereits eine Beschwerde gegen Sie eingereicht.“
Liu meinte vor Scham im Boden versinken zu müssen. So alt Herr Furu auch sein mag, besonders weise war er in Sachen Rücksicht jedenfalls nicht. Die Pfauenhenne hielt ihren Blick zwar auf den Boden gerichtet, doch Xiangs wutgeladene Augen durchbohrten sie wie Wurfgeschosse.
„Und vergessen Sie nicht, dass Sie nur hier sind, weil König Wang es angeordnet hat“, mahnte der Pika. „Eigentlich sollten Sie ihm für seine Großzügigkeit dankbar sein. Nach alledem was ich aus unserem letzten Gespräch herausgehört habe, würde er sie lieber im Kerker schmoren sehen. Es hat also gar nichts damit zu tun, dass sie ein Lord sind – oder waren.“
Bei diesen letzten Worten bemerkte Liu wie sich die Augenlider des Pfaus leicht verkrampften und wieder machte sich ein mitleidiges Gefühl in ihr breit.
Wenigstens kam Herr Furu endlich zum Ende.
„Also, jetzt wo wir alles geklärt haben, wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Und nun zu Ihnen“, und wandte sich an die Bärin, die er sachte zur Tür schob. „ich werde Ihnen jetzt seinen Zeitplan erläutern…“
Die beiden verließen das Zimmer und Liu blieb mit Xiang alleine zurück. Der Pfauenhenne fiel es schwer was zu sagen und rang sich zu einem kurzen Satz durch.
„Tja, also… Dann werde ich mich jetzt von Ihnen verabschieden.“
Obwohl sie um einen Wechsel gebeten hatte, so überfiel sie dennoch ein Hauch von Traurigkeit, was man von Xiang nicht gerade behaupten konnte.
„Spar dir dein Gesülze“, schnauzte er sie an. „und hau einfach ab. Das wolltest du doch eh die ganze Zeit!“
Liu rang nach Luft. Sie hatte nie gewollt, ihn direkt zu kränken. „Es… es tut mir leid. Ich war nur… ich hab zu viel gearbeitet an diesem Tag… und da kam es einfach über mich…“
Ihr stockte der Atem. Xiang hatte sich sein Kopfkissen gekrallt und schmiss es auf sie drauf. Liu konnte gerade noch ausweichen. Doch noch mehr erschreckte sie Xiangs Haltung. Er sah aus wie eine tollwütige Katze in einer Art verkrampften Lauerstellung, obwohl er mit seinem lahmen Bein sie nie hätte anfallen können. Doch seine Gegenwart wurde jetzt wie Gift, die alles in der Umgebung hätte töten können. Liu wich ein paar Schritte von ihm weg, vergaß aber nicht sich vorher noch zu verneigen und eilte schnell aus dem Raum.

Liu hatte kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Sie war unruhig. Irgendetwas flößte in ihr vor Duona Angst ein. Irgendetwas Erschreckendes. Dieser Gedanke ließ ihr keine Ruhe, weshalb sie jetzt schon eine ganze Weile im Verwaltungsquartier verharrte und darauf wartete, dass Duona Herr Furus Büro verließ, um nochmal mit ihm zu reden. Als die Bärin endlich aus dem Zimmer ging und um die nächste Biegung verschwunden war, rannte sie zur Tür, klopfte hastig an den Türrahmen und trat ohne auf eine Antwort zu warten ein.
„Was führt dich denn hierher…?“, begann Herr Furu überrascht, doch Liu ging schnurstracks auf ihn zu und sah ihn eindringlich an.
„Herr Furu, wo kommst sie her?“
„Oh, ihre Familie kommt von sehr weit her, ich glaub über die Seebrücke…“
„Das meinte ich doch nicht! Wo hat sie gearbeitet?!“
„Oh, ihr letzter Arbeitsplatz war irgendwo im Shànggào Hospital…“
Liu riss die Augen auf. „Shànggào?! Das Gefängniskrankenhaus?! Das ist nicht Ihr Ernst! Die sind skrupellos! Die kennen keine Rücksicht.“
„Und genau das ist das was – denke ich – ihm guttun wird.“
Liu war kurz davor die Beherrschung zu verlieren. So sehr sie diesen Pfau auch für seine Launen verabscheute, so war ihre Sorge jetzt nur noch größer geworden.
„Bei Xiangs Temperament befürchte ich, wird das nur in einer Katastrophe enden. Ich kenne ihn! Besser Sie beauftragen jemand anderen.“
Der Pika legte geruhsam die Handflächen aufeinander. „Mein liebes, gutes Kind, entweder so oder so. Es sei denn, du möchtest doch lieber wieder in die Wäscherei zurück.“
Liu seufzte niedergeschlagen. „Nein.“
Und damit war das Gespräch zwischen ihnen beendet.

Liu meinte Steinen im Bauch zu tragen, während sie das Abendessen auf ein Tablett zusammentrug. Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal nicht für Xiang bestimmt war.
Sie war einer älteren Patientin zugeteilt, die mit einem Bandscheibenvorfall in die Kur kam. Vielleicht wäre sie froh über diese Arbeitserleichterung gewesen, wenn Duona nicht so einen grausigen Eindruck machen würde. Immer wieder wanderte ihr Blick zu ihr rüber und beobachtete wie sie fast schon mechanisch Teller, Tasse und Kanne aufs Tablett stampfte. Die ganze Zeit über hatte die Bärin kein einziges Wort gesprochen. Weder mit dem Koch, noch mit sich selber. Mit Herzklopften beobachtete die Pfauenhenne, wie die Bärin sich mit dem Tablett davon machte. Dann musste auch sie sich auf den Weg machen, allerdings in die entgegengesetzte Richtung.

Als Xiang seine neue Pflegekraft mit dem Abendessen hereinkommen sah, hielt er den Mund geschlossen. Er hatte zwar jetzt keine so große Klappe mehr wie vor Liu, aber auch keine Bedenken. Schlimmer als mit einer Pfauenhenne zusammen zu sein konnte er sich nicht vorstellen.
Duona stampfte einfach an sein Bett und knallte das Tablett mit Scheppern auf den Nachttisch.
Xiang betrachtete den Inhalt mit geringschätzigem Blick. Und das, was er dort sah, behagte ihn gar nicht. Als ob der Koch mit Absicht ein Unheil hervorbeschwören wollte, denn Tofu-Auflauf war nicht gerade sein Lieblingsessen. Am Tofu hatte er immer etwas auszusetzen.
„Essen“, grunzte die Bärin mit tiefer rauer Stimme, als hätte sie Rauch verschluckt und verließ den Raum.
Der Pfau äußerste keinen Kommentar. Dennoch pickte er nur das Gemüse und den Reis heraus, den Tofu ließ er stehen. Als die Riesin wieder zurückkam und den Tofu im Teller sah, deutete sie eisern darauf.
„Aufessen.“
Doch Xiang verschränkte die Arme und drehte den Kopf zur Seite.
Die Bärin grunzte erneut. „Aufessen.“
„Nein“, schmetterte der Pfau ihre Forderung ab. „Ich hasse dieses Zeug.“
„Aufessen!“
Jetzt wurde es auch dem Pfau zu viel. „Nein, nimm es wieder mit…“
Das was danach folgte, darauf war nicht mal Xiang gefasst gewesen. Vielleicht würde er es auch gar nicht glauben, wenn er sich im nächsten Moment nicht auf dem Boden statt auf dem Bett befunden hätte. Wie betäubt befühlte er sein Gesicht. Alles hatte er erwartet, selbst die frechste Antwort - aber keine harte Ohrfeige.
Zögernd wanderte sein Blick nach oben, wo Duona sich drohend vor ihm aufgebäumt hatte.
Plötzlich landete der Teller mit dem Tofu vor ihm auf den Boden.
„Aufessen!“, donnerte die Bärin schon wieder.
Xiang schluckte schwer. „Ich kann nicht…“
Der Pfau schrie auf, als eine gewaltige Pranke ihn am Hemd packte, ihn hochriss und auf die Bettmatratze drückte. Xiang zappelte wie wild. Die Bärin drückte ihm so feste auf den Brustkorb, dass er Atemnot bekam. Schlimmer war noch, dass sie ihm den Tofu jetzt in den Mund stopfte und ihn solange den Schnabel zuhielt bis er runterschluckte.
Keuchend und schwer atmend entließ sie ihn nach dieser Zwangsfütterung. Dann verließ sie schnaubend das Zimmer und ließ den hustenden Pfau einfach auf dem Bett zurück. Zitternd richtete Xiang sich auf. Rund um ihn herum lagen lauter Tofu-Reste. Angeekelt wischte er die Krümmel weg. Allmählich legte sich seine Angst und wandelte sich in schiere Wut. Für diese Untat schwor er Rache.

Liu zitterten die Hände und hätte fast den Tee verschüttet, den sie gerade in eine Tasse einschenkte.
„Ist etwas?“, erkundigte sich ihre Patientin, eine ältere Häsin, vor ihr.
„Nein, nein“, wehrte die Pfauenhenne ab. „Ich hab nur gedacht,… ach nichts.“

9. Die Sorgen eines Vaters


In der Zwischenzeit fuhr das Schiff aus Gongmen weiter die Küste entlang Richtung Norden. Die Fahrt verlief zum Glück ruhig, selbst wenn Shenmi als blinder Passagier mit dazu gestiegen war. Aus diesem Grund musste es nochmal an Land fahren, um einen Boten aufzutreiben, damit Shen eine Nachricht nach Gongmen schicken konnte. Denn die Zurückgebliebenen mussten davon unterrichtet werden, dass Shenmi mit ihnen reiste, bevor noch eine Panik ausbrach.
Den Rest des Tages verbrachte man mit Spielen, was hauptsächlich Po zuteil wurde. Dann Mittagsschlaf und am wichtigsten, zumindest für den Drachenkrieger, Abendessen.
Als dann die Abenddämmerung hereinbrach, war es für die kleine Shenmi Zeit ins Bett zu gehen. Shen brachte sie in die Kajüte, in die auch Po untergebracht war. Zumindest wurde dies vor ein paar Stunden beschlossen. Eigentlich sollte jeder sein eigenes Abteil beziehen, doch weil Shenmi so gerne bei Po war, musste der Panda wohl oder übel mit in die fein eingerichtete königliche Kajüte umziehen.
Nachdem Shen die Kleine ins Bett gebracht hatte, zog der Lord sich noch für einen Spaziergang zurück. Po war vom ganzen Spielen genauso müde wie Shenmi. Erschöpft ließ er sich in seinen Seemanns-Schlafsack fallen und begann schon nach einer Weile zu schnarchen. Aber zum Glück nicht so laut, dass das Mädchen davon wach wurde.
Die Sonne verschwand immer mehr vom Himmel, bis sie vom Sternenhimmel mit dem Mond abgelöst wurde. An Bord kehrte Ruhe ein. Der Wind strich sanft über das Meer und ließ das Schiff sanft schaukeln. Irgendwann wachte Po auf. Als sein Blick auf die Koje fiel, wo Shenmi schlief, bemerkte er sofort, dass Shen immer noch nicht schlafen gegangen war.
Er sah aus dem Kajüten-Fenster. Draußen war es schon dunkel. Der Lord hatte schon vor einiger Zeit gesagt, er wollte frische Luft schnappen. Ob er irgendwo anders eingeschlafen war?
Auf Zehenspitzen verließ der Panda die Kajüte, um Shenmi nicht aufzuwecken. Anschließend huschte er über den Korridor über die Treppe nach draußen aufs Deck.
Draußen leuchteten die Sterne am Nachthimmel. An den Seiten leuchteten die Schiffslampen.
Suchend sah der Panda sich um.
Schließlich fand er den Pfau. Shen stand vorne am Bug und schien in die weite Ferne des Ozeans zu starren.
Zögernd ging Po zu ihm hin.
„Hi“, begann er. „Noch so spät wach? Hast du Probleme beim Schlafen?“
Shen antwortete nicht, sondern blickte nur weiter geradeaus, was Po gar nicht behagte.
„Hab ich etwas falsch gemacht?“, fragte er kleinlaut. „Denkst du an Yin-Yu?“
Wieder erhielt er keine Antwort.
„Vielleicht machen wir uns doch unnötig Sorgen“, versuchte Po es erneut. „Oder ist es wegen Shenmi?“
Die Kammfedern des Pfaus spannten sich etwas an, was Po in Verlegenheit brachte.
„Ich weiß ja, dass es dir nicht gefällt, dass sie mitkommt“, fuhr Po fort. „Aber was hätten wir denn machen sollen? Okay, tut mir leid, dass ich nicht vorher meinen Rucksack kontrolliert habe. Aber woher hätte ich denn wissen sollen, dass sie da drinnen war? Na gut, vielleicht hätte ich vorher schon etwas essen sollen, obwohl ich anfangs ja nicht immer Hunger habe. Mein Appetit stellt sich meistens etwas später ein. Wenn man auf hoher See ist, dann regt die Luft die Magensäfte erst relativ spät an…“
Po hielt inne. Shen hatte den rechten Flügel gehoben und der Panda verstummte.
Wollte der Pfau etwas sagen?
Mit Spannung wartete der Panda. Eine Weile passierte gar nichts und Po war nahe daran wieder den Mund aufzumachen, als Shen ihn aus heiterem Himmel zuvorkam.
„Panda, wie lange beherrscht du schon das Kung Fu?“
„Äh, wie lange schon? Also, ich…“
Nachdenklich kratzte sich der Panda am Kopf. „Uh, dass muss erst vor ein paar Jahren gewesen sein, wo ich zum Drachenkrieger ernannt wurde. Na ja, davor hab ich auch schon ein kleinwenig was gekonnt. Wenigstens ein bisschen Kung Fu… also, zumindest solange man das als Kung Fu bezeichnen konnte…“
„Wie hat dein Vater darauf reagiert?“, fragte Shen weiter, immer noch den Rücken ihm zugewandt, sodass der Panda sein Gesicht nicht sehen konnte.
„Mm, also, anfangs war er nicht allzu sehr davon begeistert gewesen, aber dann war er ganz fasziniert davon und hat sogar das Restaurant umbenannt ‚Zum Drachen…‘“
„Es wundert mich, dass du die Jahre überlebt hast“, unterbrach Shen seinen Redefluss. „Jetzt ist sie schon 4 Jahre alt und kann noch nicht mal den einfachsten Griff.“
Po fühlte sich ein wenig überrumpelt und benötigte ein paar Sekunden, bis er begriff, was Shen eigentlich wollte.
„Du meinst Shenmi? Aber Shen. Nur weil sie jetzt noch kein Kung Fu kann, heißt das doch noch lange nicht, dass sie es nie schaffen würde. Ich hab doch gesagt, ich hab es auch erst spät erlernt, und siehe da… Jetzt bin ich der Drachenkrieger.“
„Sie muss es jetzt lernen“, schmetterte Shen Pos Jubel ab.
Ernüchtert faltete Po die Hände zusammen und schabte mit dem Fuß über den Boden. „Vielleicht braucht sie einfach mehr Zeit. Warte mal ab, wenn sie in die Pubertät kommt, dann kann sich sehr viel ändern. Ich meine, sieh mich an. Vor meiner Pubertät hab ich nie Tofu gemocht und heute… meine Güte. Heute würde ich dafür sterben.“
„Sie darf nicht warten. Sie muss es jetzt können.“
Po zog die Augenbrauen zusammen. „Warum willst du sie dazu drängen Kung Fu zu lernen? Vielleicht hat sie nun mal andere Fähigkeiten. Vielleicht liegen ihre Stärken irgendwo anders…“
Plötzlich drehte Shen sich zu ihm um. Sein Gesicht zeugte von wilder Entschlossenheit. „Sie muss es lernen!“
„Wieso?!“
„Damit ihr niemand etwas antun kann, wenn sich jemand an mir rächen will!“
Stille trat ein. Po sah den Pfau erschrocken an. Shen atmete heftig. Seine Augen besaßen zwar ein düsteres Antlitz, welches durch das Licht der Lampen verstärkt wurde. Dennoch war es keine Böswilligkeit, die der Panda da sah, sondern eher Verzweiflung.
Traurig sah Po ihn an. „Beschäftigt dich das immer noch?“
Doch Shen wandte sich einfach von ihm ab. „Sie muss das Kämpfen lernen“, murmelte er verbittert. „Sie muss es lernen. Und bis dahin, muss ich für sie da sein.“
Po tippte nervös die Fingerspitzen aneinander. „Na gut, aber du kannst auch nicht ewig um sie herum sei. Ich meine, mein Vater musste sich nicht nur um mich kümmern, sondern auch um das Restaurant. Ganz alleine. Und mir geht es dennoch gut.“
„Hatte er auch so viele Todfeinde um sich gehabt und musste er ständig nach Bluträchern Ausschau halten?“, knurrte der weiße Pfau.
Po senkte den Blick. „Nein.“
„Dann erkläre ich das Gespräch für beendet.“
Po wollte gerade wieder den Mund aufmachen, hielt es aber dann für das Beste Shen nicht unnötig zu reizen. Mit gesenkten Schultern machte er kehrt, doch dann holte er nochmal tief Luft. „Ich will zwar nicht behaupten, dass ich mir vorstellen kann, dass es jemanden gäbe der Kung Fu oder sonst eine Kampfsportart nicht so gerne mag, aber du kannst es niemanden aufzwingen. Selbst ich kann es niemanden aufzwingen. Jeder hat seinen Platz in der Welt, und jeder hat seine eigenen Interessen und Fähigkeiten. Denk mal darüber nach.“
Damit entfernte sich der Panda und ließ den Pfau allein.

Po lag wach, als er Shen in die Kajüte kommen hörte. Der Panda tat so als würde er schlafen. Er lauschte. Shens Schritte waren langsam und leise. Schweigend beobachtete der Drachenkrieger wie der weiße Herrscher ans Bett trat, wo seine Tochter schlief. Sachte schob er die Decke beiseite und nahm das kleine schlafende Mädchen behutsam in die Arme.
„Dir wird nie was passieren“, hörte der Panda ihn leise reden.
Po spürte wie sich sein Hals zusammenzog. Wenn er daran dachte, wie sie sich vor Jahren noch feindselig gegenübergestanden hatte. Shens vor Kampfwahnsinn überströmendes Gesicht hatte ihm damals richtige Angst eingejagt. Jetzt war nichts mehr davon zu sehen. Nur einen Vater, der nicht mehr wusste, wie er seine Familie von seinen Taten von damals schützen könnte.
Po stiegen vor Rührung die Tränen in die Augen. Er wünschte er könnte etwas tun, doch er wusste einfach nicht was.

10. Ein Tag voller Terror


Normalerweise pflegte man zu sagen: ein neuer Tag ein neues Glück. Doch für Liu blieb dieser Spruch nur eine Anreihung von Worten ohne Bedeutung.
Mit besorgtem Blick ging sie an diesem Morgen durch die Gänge der Kurresidenz. Seit dem Wechsel hatte sie Xiang nicht mehr zu Gesicht bekommen und von Duona konnte sie keine Auskunft erwarten. Die Pfauenhenne rieb sich nervös die Hände. Ständig fragte sie sich, ob mit ihm alles in Ordnung war. Doch das war nicht das Einzige was ihr Sorge bereitete. Viel mehr beschäftigte sie eine Tatsche: Heute war Xiang an der Reihe gebadet zu werden.

Xiang hatte immer noch keine Idee wie er sich an der unverschämten Person rächen könnte. Stattdessen behielt er jeden Kommentar vorerst für sich und aß sogar sein Frühstück auf. Kaum war die Bärin dann mit dem Tablett aus dem Zimmer verschwunden, grübelte der Pfau weiter nach. Solange bis Duona wieder hereinkam.
„Baden“, grunzte sie.
Doch diesmal war Xiang nicht zu einem Kompromiss bereit. Stattdessen verschränkte er die Arme und drehte den Kopf zur Seite.
„Mir ist heute nicht nach baden. Ich lass es ausfallen.“
Er zuckte zusammen, als die breitgebaute Pflegerin ein lautes Schnauben ausstieß. Xiang verkrampfte sich, doch er wollte nicht nachgeben.
„Baden!“, knurrte die Bärin, diesmal in einem bedrohlicheren Ton.
Xiang hob den Kopf höher. „Ich sagte doch, dass mir heute nicht danach ist… HEY!“
Die Bärin packte den Pfau am Hals, riss ihn aus dem Bett und schleppte ihn aus dem Zimmer. Wütend zappelte der Pfau in ihrem Griff. Doch die Bärin stieß einfach die Tür vom Badezimmer auf und setzte den Pfau so brutal auf den Hocker, dass ihm sein Gesäß schmerzte.
„Erwarte nur nicht von mir, dass ich mich ausziehe!“, protestierte Xiang.
Bei Liu hatte er nie Hemmungen gehabt. Doch jetzt war es ihm irgendwie peinlich sich vor einer wildfremden Person zu entledigen, auch wenn seine Federn seinen Körper verdeckten.
Die Bärin stampfte auf ihn zu. Xiang wich zurück.
„Hau ab! Verschwinde… LASS MICH LOS!“
Doch die Bärin packte den Pfau erneut am Hals, riss ihm das Hemd vom Leib und steckte ihn in die Wanne wie einen billigen, dreckigen Hund am Waschtag.
Prustend kam Xiang wieder an die Oberfläche.
„HEY! Willst du mich ertränken oder wa…?!“
Xiang kam nicht mehr dazu um Hilfe zu schreien. Im nächsten Moment packte die Bärin zu und drückte seinen Kopf unter Wasser.
Der Pfau trat und schlug wie wild um sich, dass das Wasser nur so nach allen Seiten spritzte. Schließlich lockerte Duona etwas den Griff, sodass Xiang Möglichkeit hatte wieder nach Luft zu schnappen. Doch dies hielt nur für knappe zwei Sekunden, dann tauchte sie ihn wieder in die Wanne.
Xiang geriet immer mehr in Panik und meinte jeden Moment ersticken zu müssen. In der Zwischenzeit schrubbte ihm jemand brutal den Rücken ab. Endlich schaffte er es wieder den Kopf aus dem Wasser zu heben, wobei er furchtbar hustete. Seine Lunge tat ihm weh und er merkte, dass er nicht nur Badewasser in den Augen hatte. Er war kurz davor laut zu Weinen. Rund ihm ihn herum schwammen Federn, die vom ganzen Schrubben herausgerissen worden waren.
Plötzlich zerrte Duona ihn aus dem Wasser und warf ihn, klatschnass wie er war, einfach auf den Boden. Das Tuch flog gleich hinterher. Xiang hatte wegen dem glitschigen Wasser keinen Halt. Er schlitterte über den Boden und knallte gegen einen Schrank, wobei ein Korb mit lauter Haarpflegeutensilien herausfielen.
Stöhnend richtete Xiang sich wieder auf. Fröstelnd lag er in einer Wasserlache. Erst jetzt bemerkte er wie ihm sein linkes Bein wehtat. Prüfend schaute er auf sein Knie, dass er sich beim Sturz etwas aufgeschlagen hatte.
Xiang drehte den Kopf weg. Beim Blutsehen wurde ihm zwar nicht schlecht, doch das war einfach zu viel. Keuchend stützte er sich auf den Armen ab. Er starrte auf den Boden und auf die zerstreuten Haarmaterialien, die hauptsächlich aus Kämmen bestand und… eine Schere.
Schnell warf Xiang seinen langen nassen Pfauenschwanz darüber, der die Schere bedeckte. Dann rutschte er rückwärts über den Boden. Kaum spürte er die Schere in seinem Flügel griff er danach. Doch noch ehe er sie benutzen konnte war die Bärin auch schon bei ihm, packte den halbnassen Pfau am Rücken und schleifte ihn über den Boden.
„HEY, ich bin doch noch gar nicht trocken!“, schrie Xiang sie an.
Kurz darauf wurde er wieder auf den Boden geschmissen. Anschließend wurde das Abtrocknerhandtuch um ihn wie einen Sack übergestülpt. Dann wurde er wieder hochgehoben und aus dem Raum getragen. Der Pfau gab sich Mühe nicht laut herumzuschreien, aus Angst sie würde ihm noch das Genick brechen.
Am Ende der Reise wurde er aufs Bett geworfen. Hektisch wuselte er sich aus dem Handtuch raus. Doch Duona schenkte ihm keine weitere Beachtung. Sie warf das neue Hemd einfach neben ihn hin und verließ den Raum.
Xiang schlug das Herz bis zum Hals und drückte sich im Bett gegen die Wand.
„Die wollte mich umbringen“, schoss es ihm durch den Kopf. „Das war eindeutig ein Mordversuch gewesen!“
Auf einmal spürte er wieder die Schere im Flügel. Zitternd presste er sie an sich.
Dann fiel sein Blick wieder auf sein blutendes Knie. Ausgerechnet auf seinem gesunden Bein musste er landen. Auf dem rechten hätte er gar nichts gespürt.
Langsam strich er mit der Scherenklinge über das Blut. Eine Weile betrachtete er das rote Geschmiere auf dem Metall. Vor Wut verkleinerten seine Pupillen.
Dafür wirst du bezahlen!

Es war nicht mehr lange bis zum Mittagessen. Xiang saß kerzengerade in seinem Bett und starrte zur Tür. Er wartete nur darauf, dass sie reinkam. Die Schere hatte er in der Zwischenzeit in zwei Hälften geteilt. Jetzt waren sie genauso gefährlich wie zwei Messer.
In Xiang baute sich die Spannung mit jeder Minute immer weiter auf. Er kontrollierte nochmal, dass die beiden getrennten Scherenhälften unter der Decke nicht zu sehen waren.
Es war ein Risiko mit dem was er vor hatte. Nach dieser Tat konnte er nicht von hier fliehen. Aber das war ihm im Moment völlig egal. Selbst wenn er dafür die Hinrichtung erhielt, aber diese Demütigungen, die er hier erhalten hatte, wollte er nicht auf sich sitzen lassen.
Sein Federnkamm stellte sich auf. Schwere Schritte nährten sich seinem Zimmer.
Xiang ließ sich nichts anmerken, als die Bärin mit dem übelgelaunten Gesicht mit einem Tablett das Zimmer betrat und es ihm wie immer auf den Nachttisch knallte. Kaum hatte sie ihm den Rücken zum Gehen gewandt, tastete der Pfau nach der ersten Scherenhälfte und schleuderte es auf sie. Das scharfe Metall sauste durch die Luft, doch noch ehe es das Fell des Opfers berühren konnte, drehte Duona sich blitzschnell um und fing das Geschoss im Flug auf.
Xiang riss geschockt die Augen auf. Doch er griff sofort nach der zweiten Scherenhälfte. Doch auch diese wurde von der Bärin eingefangen, wie die Fliege vom Frosch.
Jetzt saß der Pfau völlig waffenlos im Bett. Damit hatte er jetzt gar nicht gerechnet. Und noch weniger mit einer vor Wut rasenden Gigantin.
Schnaubend hob die Bärin die beiden Scherenhälften in jeweils einer Hand und verbog sich mit dem Daumen. Mit einem armseligen Klirren fielen die ramponierten Metallhälften zu Boden. Zu Xiangs Entsetzen presste die Bärin jetzt beide Hände aufeinander und knackte bedrohlich mit den Fingern.
Der Pfau sprang im Bett auf und drückte sich vor Angst gegen die Wand.

Wie angewurzelt blieb Liu stehen. Sie war gerade dabei gewesen den Korridor zum Yoga-Raum hinunterzugehen, als sie meinte einen dumpfen Schrei gehört zu haben. Als aber nach mehreren Sekunden angestrengten Lauschens sich nichts mehr tat, setzte sie ihren Weg fort. Allerdings mit einem unguten Gefühl im Magen.

Als die Pfauenhenne später wieder durch die Gänge ging, war sie sehr überrascht als Duona ihr im Flur entgegenkam.
„Hallo!“, grüßte Liu. „Wie geht es denn…?“
Die Pfauenhenne erschrak, als die Pflegerin sie so grob zur Seite stieß. Die Bärin hatte einen fiesen, wütenden Gesichtsausdruck. Ohne ein Wort ging sie einfach weiter.
„Hey, was sollte das denn?“, murmelte Liu erbost und sah ihr hinterher. Die Bärin war noch übler gelaunt als sonst. Hatte Xiang sie geärgert?
Liu durchfuhr ein schrecklicher Gedanke. Eilig rannte sie zu Xiangs Zimmer. Mit Herzklopfen hielt sie vor der Tür an. Sie lauschte kurz, konnte aber nichts hören. Alles schien so wie immer zu sein. Zögernd öffnete sie die Zimmertür. Sie hatte kaum einen Schritt nach vorne getan, blieb sie geschockt im Türrahmen stehen. Sie hielt sich die Flügel vor dem Mund, um nicht zu schreien.
Xiang lag auf dem Boden an der Wand. Die Bettdecke war in Streifen gerissen worden und um ihn herumgewickelt, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte. Weder Flügel noch Beine. Er war zusammengeschnürt wie ein Bündel Holz.
Doch das alleine erschreckte sie nicht. Auf dem Holzboden waren ein paar verschmierte Blutflecken zu erkennen. Daneben lagen zwei verbogene Metallteile. Zudem lagen ein paar Federn verstreut auf dem Boden.
Der Pfau regte sich nur sehr leicht. Liu hörte ein stumpfes Keuchen. Endlich kam wieder Leben in sie. Schnell rannte sie auf ihn zu und beugte sich über ihn. Als ihr Blick auf seinen Kopf fiel, bemerkte sie erst jetzt, dass man ihm noch ein Tuch in den Mund gestopft und mit einem zerrissenen Tuch zusätzlich verschlossen hatte.
Der Pfau hatte die Augen geschlossen und wirkte ziemlich erschöpft. Lius Augen weiteren sich. Unter den Federn war ihr das nicht sofort aufgefallen, doch anhand von dem blauen Auge erkannte sie, dass der Pfau geschlagen worden war. Wo genau konnte sie nicht sagen, doch es musste mehr als nur das Gesicht gewesen sein.
Ihr Blick fiel wieder auf die verbogenen Metallteile auf dem Boden. Zögernd hob sie eines davon auf und betrachtete die scharfe Klinge. Als sie den Ring am Ende sah, wusste sie, dass es ein Teil einer Schere war. Suchend besah sie sich den Körper des Pfaus. Wo hatte er sich das Blut hergeholt?
Die Antwort erhielt sie an den Schnitten an den Beinen. Die Wunden waren zwar nicht tief, aber Liu konnte es nicht fassen, dass man sowas tun konnte.
Sachte berührte sie Xiangs Rücken. Der Pfau zuckte zusammen und stieß ein gequältes Stöhnen aus. Die Pfauenhenne streichelte ihn behutsam. Diese ungewohnten Berührungen auf seinem Körper veranlassten ihn die Augen zu öffnen.
Als sich ihre Blicke trafen, schüttelte Liu ungläubig den Kopf. „Was hat sie mit dir gemacht?“
Xiang kniff die Augen zusammen und wich ihrem Blick aus.
Liu seufzte schwer. Dann setzte sie das verbogene Metall an die Stoffstreifen, die als Fesseln benutzt wurden waren und begann sie zu zerschneiden. Kaum spürte der Pfau die sägenden Bewegungen schrie er auf. Liu wich erschrocken zurück.
Wenigstens hatte sie den Stoffstreifen durch, sodass der Pfau sich trotz seiner Verletzungen selber daraus befreien konnte. Er schaffte es sogar sich den Knebel herauszureißen.
Besorgt beugte sich Liu zu ihm vor.
„Ist alles…?“
Als Xiangs Augen wieder auf sie trafen, wich er panisch von ihr weg. Er war so hysterisch, dass er sich in die Ecke zwängte und sie mit weitaufgerissenen Augen anstarrte.
Liu versuchte ihn zu beruhigen. „Ist gut, ist gut, es… ich tu doch gar nichts.“
„HAU AB!“, brüllte der Pfau. „Nein! Leg es weg! Leg es weg!“
Verwundert hielt Liu inne. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die verbogene Scherenhälfte immer noch im Flügel hielt. Mit Horror starrte der blaue Pfau darauf, als wäre es ein Fleischerbeil.
„Ist ja okay, ist ja okay“, sagte sie ruhig und warf die Schere schnell weg.
Doch das konnte den Pfau nicht mehr beruhigen. Auch als sie auf ihn zukam, drückte er sich nur noch tiefer in die Zimmerecke.
„LASS MICH IN RUHE!“, schrie er weiter.
Liu wusste nicht mehr was sie noch machen sollte und versuchte beruhigend auf ihn einzureden. „Es ist okay, niemand tut Ihnen was. Kann ich irgendetwas tun…?“
„VERSCHWINDE!“
Liu erschrak. Er hatte Tränen in den Augen. Solche verweinten Augen hatte sie nicht mehr bei ihm gesehen seit er…
„VERSCHWINDE! HAU AB! VERSCHWINDE! VERSCHWINDE!“
Panisch flüchtete Liu aus dem Zimmer und rannte den Flur hinunter.

„Herr Furu, Sie müssen Xiang unbedingt eine neue Pflegekraft zuteilen!“
Der alte Pika machte gerade ein paar Entspannungsübungen in seinem Büro. Als Liu allerdings mit diesem Anliegen auf ihn einstürmte, spitzte er überrascht die Ohren.
„Erst beschwerst du dich, dass er dir auf der Nase herumtanzt und jetzt verlangst du, dass man ihn mit Samthandschuhen anfassen soll?“
Liu stieß einen verzweifelten Seufzer aus. „Natürlich nicht. Aber doch nicht so, dass sie ihn fast umbringt! Als ich ihn vorhin vorgefunden habe, war er total verstört gewesen.“
Der Pika rümpfte die Nase und machte mit seinen langsamen Bewegungen einfach weiter. „Dann muss er sich eben fügen. Entweder er tut das, was man von ihm verlangt, oder er kann auch gleich in ein Hochsicherheitsgefängnis wandern. So hatten wir es mit dem König vereinbart. Er wäre kein einfacher Gast, und wenn er sich weiter aufmüpfig verhält, dann muss er eben die Konsequenzen dafür tragen. Duona hat mir schon berichtet, dass er sie erstechen wollte. Wäre sie nicht so darin geübt gewesen im Umgang mit gefährlichen Kriminellen, hätte ich ihn jetzt von dieser Residenz verwiesen.“
„Aber das muss doch auch gehen, ohne dass man ihm dafür weh tun muss! Am Ende bricht sie ihm noch was!“
Allmählich wurde dem Pika die Unterhaltung zu lästig.
„Möchtest du denn wieder in die Wäscherei zurück?“
Liu rollte die Augen, doch sie fügte sich, indem sie den Kopf schüttelte.
„Nein.“
„Dann kümmere dich nicht weiter darum und geh wieder an deine Arbeit. Er ist nicht mehr dein Patient.“

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Kapitel:10
Sätze:1.699
Wörter:19.243
Zeichen:110.545

Kurzbeschreibung

Als Yin-Yu ihre ehemalige Heimatstadt besucht, verschwindet sie spurlos. Shen, der mit den Kindern in Gongmen verweilt, kann nur vermuten, dass es etwas mit Xiangs Familie zu tun hat. Widerwillig nimmt er dabei die Hilfe eines Pandas an, um sie zu finden, ohne zu ahnen, dass er jeden damit in tödliche Gefahr bringt. Darunter auch Lord Xiang, der seit Jahren ein dunkles Geheimnis mit sich trägt und eiskalt von seiner Vergangenheit wieder heimgesucht wird. (Fortsetzung von "Die letzte Chance/ Der letzte Krieg/ Der letzte Sieg".)