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Hello!Project Online

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22.3.2019 17:11
16 Ab 16 Jahren
Workaholic

Vorwort

Hallo alle miteinander!
Bevor ich euch das erste Kapitel präsentiere, möchte ich ein paar wenige Worte an euch richten.
Erst einmal will ich klarstellen, dass ich keine Figur (mal abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen) selbst erdacht habe. Sie alle stammen aus der Hello!Project-Riege. Lediglich Verhaltensmuster, Handlungen und Motivation der einzelnen Figuren stammen aus meiner eigenen Feder und orientieren sich nur rudimentär an den realen Abbildern. Deswegen hoffe ich, dass ihr es mir nicht zu übel nehmt, wenn sich euer "Liebling" nicht auf die Art verhält, wie ihr es von ihr gewohnt seid oder es von ihr erwartet habt.
Natürlich bemühe ich mich, Geschehnisse, Chronologien und Charaktere so wahrheitsgemäß wie möglich zu repräsentieren. Seid trotzdem auf alles gefasst und urteilt nicht zu hart über mich.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob das hier überhaupt jemand liest, aber ich veröffentliche einfach jede Woche Kapitel für Kapitel. Zum einen für meine eigene Freude, zum anderen entdeckt ja zufällig jemand die Geschichte und vielleicht gefällt sie ihm ja. Dann habe ich doch letzten Endes alles richtig gemacht.

Desweiteren sollte erwähnt werden, dass "Hello!Project Online" grundsätzlich über das Leben und das Erwachsenwerden von Yokoyama Reina erzählt. Doch es ist mein Ziel, alle Idols, die greifbar für mich sind, in die Geschichte einzubinden und jedem eine eigene Präsenz zu geben. Deshalb wechselt die Erzählperspektive früher oder später immer mal wieder, wodurch der Fokus nicht nur auf Yoko liegt.
Alles in allem  wird es ein Abenteuer, in dem es darum geht, dass wir den Mitgliedern von Hello!Project näher kommen. Es ist immer traurig, sie alle nach und nach graduaten zu sehen. Deshalb will ich euch und auch mir selbst die Gelegenheit bieten, mit den Heldinnen aus Japan Erlebnisse zu teilen, bevor sie möglicherweise zur Gänze aus unserem Leben verschwinden. Dabei wünsche ich euch nun viel Spaß!
Auf geht es in die REHAB Academy!
AUF AUF NAAAAAAACH...
HELLO!PROJECT ONLINE !!

Quelle des Titelbildes (nachträglich bearbeitet): rossbearpost.com/majestic-castle-found-in-sky-along-with-new-species-creative-writing

Kapitel 1 – Das Erwachen

Gleißendes Licht umhüllte eine hagere Gestalt. Klein, schmächtig und dünn. Ihre schattenhaften Umrisse wankten durch das Nichts. Wo war sie? Wer war sie?
Rastlos, ohne Ziel vor Augen, wanderte die Gestalt umher. Bewegte sie sich vorwärts? Nein! Rückwärts? Oder doch zur Seite? Sie wusste es nicht. Sie verstand es nicht und fühlte sich jeglicher Orientierungskraft entmächtigt.
Tiefe Leere breitete sich in ihr aus. Sie war ein verlorenes Wesen. Verloren im Nichts einer endlosen Zeit…

„Reina…“

„Yokoyama Reina…“

In der Ferne erklang eine sanfte Stimme. Die schemenhafte Gestalt lechzte sich nach diesem Sein in einer nicht vorhandenen Welt. Solch einen angenehmen Klang hatte sie noch nie vernommen und doch wirkte er so vertraut.

„Yokoyama Reina!“

Die Stimme wurde lauter. Die Gestalt wusste nicht, ob sie sich tatsächlich näherte, doch so langsam breitete sich ein wärmendes Gefühl auf ihrer Haut aus. Ein Lächeln schlich sich auf das Gesicht.
Ein Lächeln…

Plötzlich erschienen vor ihr Hände. Die Person betrachtete sie langsam und erkannte, dass es ihre eigenen waren. Sanft strich sie sich über ihr Gesicht. Es fühlte sich makellos an. Weiche Lippen, Stupsnase, langes, dunkelbraunes Haar, welches sanft über ihre Schultern streifte. Sie, die schemenhafte Gestalt, war ein Mädchen.

„Komm zu dir, Reina!“

Reina? War das ihr Name? Yokoyama Reina? Leise flüsterte sie die Worte vor sich hin. Binnen weniger Sekunden hatte sich der Name regelrecht in ihr Gehirn gebrannt. Und aus irgendeinem Grund brachte sie dieses neu erlangte Wissen erneut zum Lächeln. Immer breiter musste sie grinsen, bis es schließlich zu einem schallenden, herzhaften Gelächter ausartete.
Nach einigen Minuten beruhigte sich Reina. Glücksgefühle jagten durch ihren Körper. Lachen. Was für ein angenehmer Zeitvertreib. Es kam ihr so stark vertraut vor. Und obwohl sie eigentlich in Panik geraten müsste, war sie zufrieden. Sie konnte sich an absolut nichts erinnern. Weder an ein vergangenes Leben noch an Familie, Freunde oder Pflichten. Trotzdem fühlte sie ein inneres Gleichgewicht, das Gefühl einer Waage, welches jeglichen Kummer und jede Sorge im Nu vertrieb.
Wieder betrachtete sie ihre Hände. Reina war zwar von einem hellen Hautton, doch eine leichte Bräune ließ sich nicht verbergen. Von wem sie wohl abstammte?
Nun sich etwas aufmerksamer umblickend musterte sie langsam ihre Umgebung. Das gleißende Licht war inzwischen beinahe zur Gänze gewichen. Stattdessen entdeckte sie eindeutige Konturen. Reina befand sich in einem kleinen Zimmer. Weiße Wände, deren Putz schon leicht abblätterte, umgaben sie. Ein kleiner metallener Schreibtisch mit einem Holzstuhl und einem Federbett waren die einzigen sichtbaren Utensilien im Raum. An der Decke befand sich das grelle Neonlicht, welches sie noch vor wenigen Minuten umschlungen hatte. 
Das Mädchen wusste nicht, wie sie hierhergekommen war. Sie wusste auch nicht, was sie hinter der Tür erwartete, deren Schemen sich nun in einem grauen Ton an einer Ecke des Raumes bemerkbar machten. Instinktiv wandte sie sich in eben jene Richtung der Tür. Ihre linke Hand ergriff den Knauf. Sie spürte das kühle Metall an ihren Fingern.
Dann gab es einen leichten Ruck. Hallendes Quietschen erfüllte das Zimmer. Die Tür bewegte sich. Ein sanfter Luftzug strich durch Reinas Gesicht. Was erwartete sie wohl jenseits dieses Raumes?
Ein aufgeregtes Gefühl zuckte durch ihren Körper. Ein Kribbeln der Neugierde blitzte förmlich durch ihren Brustkorb. Mit weit aufgerissenen Augen schlug sie die Tür auf. Und ihr Mund öffnete sich vor Verblüffung, doch kein Ton kam heraus.

Vor ihr erstreckte sich eine weite Halle, gehüllt in warmes Licht, welches von gewaltigen Kronleuchtern ausgesandt wurde. Rote und weiße Fahnen woben sich ineinander und erschufen ein faszinierendes Farbenspiel. Auf der anderen Seite, direkt gegenüber von Reina, erstreckte sich eine marmorne, strahlend weiße Treppe in die Höhe. Mindestens 200 Stufen, überschlug Reina blitzschnell im Kopf und ihre Faszination nahm noch mehr zu. Wer wohnte hier?

„Ab heute wird dies dein Zuhause sein, Yokoyama Reina.“

Vollkommen überrascht, dass sie nicht allein war, drehte sich das junge Mädchen zur Seite. Aus einer der vielen Türen, die sich links und rechts an den Seiten der großen Halle über nicht zählbare Ausmaße erstreckten, trat eine junge Frau auf sie zu. Das braunblonde Haar wehte anmutig, ebenso wie ihr Gang. Stolz und achtsam zugleich. Jeder Schritt versprühte Sicherheit und Würde.

„Mein Name ist Goto Maki. Und du gehörst ab heute zu meinen Schülerinnen.“

Reinas Augen weiteten sich.

„W-Was? Deine Schülerin? Wie meinst du das? Schülerin von was?“

Die Frau namens Goto Maki lächelte verschmitzt. Ihre Aura besaß etwas Außergewöhnliches. Reina fühlte sich beinahe von dieser unfassbaren Ausstrahlung erschlagen.
Schließlich standen sie sich direkt gegenüber. Das junge Mädchen war definitiv nur ein paar Zentimeter kleiner als die Fremde, doch die gewaltige Präsenz, die von Goto Maki ausging, war überwältigend. Reinas Knie fingen an zu zittern. Was war plötzlich mit ihr los?
Die Frau schien die Unsicherheit zu bemerken. Ein geradezu mütterlicher Ausdruck zierte ihr Gesicht.

„Keine Angst! Du wirst bald alles erfahren. Am besten du begleitest mich. Wir haben dich nicht sofort hier erwartet. Doch wie heißt es so schön: Lieber zu früh als zu spät, nicht wahr?“

Goto Maki blickte Reina fröhlich an, doch schien sie keine Antwort zu erwarten. Stattdessen machte sie auf dem Absatz kehrt, winkte mit der Hand, ein Zeichen, dass Reina ihr folgen sollte, und ging auf grazile Art und Weise in Richtung der marmornen Treppe.
Vollkommen perplex schritt Reina ihr hinterher. Was erwartete sie jetzt? Wer war die Frau mit dieser unglaublichen Aura?
Das Mädchen spürte erneut die aufkommende Neugier in ihr. Die Frau behauptete, dass dies nun ihr neues Zuhause wäre. Das bedeutete, dass es auch eine frühere Heimat geben musste. Doch kein einziger Gedankengang wies eine Erinnerung aus einem vergangenen Leben auf. Es fühlte sich seltsam an, darüber nachzudenken. Sie hatte das Gefühl, dass es eine klare Vergangenheit für sie gab. Doch sie konnte einfach nicht danach greifen. Jeder Versuch, eine Erinnerung zu erzeugen, scheiterte. Doch aus irgendeinem Grund machte ihr das gar nichts aus.
Gedankenversunken hafteten ihre Augen am Boden. Die goldgelben Karomuster der Fließen verwirrten sie. Ihr rechtes Auge zuckte. 

„Seltsam…“

Reina erschrak stumm. Goto Maki hatte die Augen auf das Mädchen gerichtet und blickte sie geheimnisvoll an. Reina hatte dies gar nicht bemerkt, während sie in ihren Gedanken schwelgte, und blieb schlagartig stehen. Besorgt fragte das Mädchen:

„Was i-ist seltsam?“

Reina fühlte sich regelrecht durchbohrt von diesem intensiven Blick, der ihr galt. Für eine kurze Zeit verharrten sie an einer Stelle. Die Frau schien keine Anstalten zu machen, eine Antwort zu geben oder zumindest weiterzulaufen.
Als Reina sich schließlich dazu entschlossen hatte ein weiteres Mal zu fragen, entspannten sich die Züge ihrer Begleitung.

„Es ist nichts. Ich fand es nur interessant, dass du dich so bereitwillig mit der Situation zufriedengibst. Ich kenne da ziemlich gegenteilige Beispiele.“

In näherer Erinnerung schwelgend machte sich Goto Maki wieder auf den Weg. Ein Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Reina beruhigte dies ungemein. Die Frau schien eine gute Person zu sein. Ihr Lächeln war ehrlich, empfand das Mädchen.
Viel entschlossener als noch zuvor folgte sie ihrer neuen Bekanntschaft. Ungewissheit und Spannung begleiteten sie Hand in Hand.

Kapitel 2 – Grad Zero

An Räumlichkeiten mangelte es dem hiesigen Haushalt keinesfalls, dachte sich Reina belustigt. Sie waren bereits an unzähligen Türen vorbeigelaufen, während sie inzwischen den vierten Korridor betraten. Sollte dies tatsächlich ihr neues Zuhause werden, hoffte sie, dass der Weg zum Kühlschrank wenigstens ausgeschildert war.
Trotzdem gefiel es dem jungen Mädchen, sich an diesem Ort aufzuhalten. Jedes Zimmer, in das sie einen kurzen Blick erhaschen konnte, wirkte außergewöhnlich liebevoll gepflegt. Die Gänge waren durchflutet vom warmen Licht, welches von den hohen Decken auf sie hinunter schien. Der Boden war mit haselnussbraunem Laminat überzogen und wurde gleichermaßen durch rotgoldene und weißschwarze Teppiche verziert, ähnlich den Fahnen in der Eingangshalle. Beim Anblick der silbern funkelnden Ritterrüstungen an jedem Eck eines Korridors, fühlte sich Reina an ein zauberhaftes Prinzessinnenschloss erinnert. Woher dieser Gedanke kam, konnte sie jedoch nicht nachvollziehen. Er war einfach da. Und das stimmte sie seltsam glücklich.

„Wir sind da.“

Ihre Reiseführerin blieb abrupt stehen. Eine massive Holztür baute sich vor ihnen auf. Sie wirkte äußerst stabil und wies metallene Scharniere entlang der Ränder auf.
Reina wurde mulmig zumute. Was erwartete sie dahinter? Ein neues Leben? Alte Erinnerungen?
Erneut zierte ein Lächeln ihr Gesicht. Was es auch war, Reina fühlte sich zu allem bereit.

„Du scheinst glücklich zu sein. Das ist etwas ungewohnt für mich.“

Goto Maki musterte das grinsende Mädchen mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen. Normalerweise besaßen Neuankömmlinge vollkommen andere Arten von Emotionen. 
Angst. Unsicherheit. Zweifel. Wut.
All dies hatte die erfahrene Frau in vergangenen Zeiten erlebt. Doch niemals verspürte sie eine solche Harmonie und kindliche Naivität an ihrer Seite.
Mit einem leichten Stoß öffnete sie die Tür. Ein letztes Mal kehrte sie um, blickte mit funkelnden Augen in das sanft gebräunte Gesicht ihrer Begleitung und sagte:

„Ich glaube, wir dürfen viel von dir erwarten, Yokoyama Reina.“

Mit einem breiten Lächeln drehte sie sich um, trat in den Raum hinter der massiven Tür und lies die verdutzt dreinblickende Reina beinahe stehen.

 

 

 

 

Am Firmament entflammte derweil ein wunderschöner Sonnenuntergang, geprägt durch ein strahlend goldenes Gelb, welches in ein brennendes Orange überging und sich schließlich in immer dunkler werdenden Rottönen mit dem Horizont verband.
Kamikokuryo Moe lehnte in tiefer Entspannung über dem Geländer des Balkons, auf dem sie sich befand. Gedankenversunken blickte sie in die endlose Weite der Natur, welche sich vor ihr so vielfältig entfaltete.
Grüne Wiesen. Ein dunkler Wald. Hohe, blaue Berge mit weißen Zipfeln. Die Landschaft wirkte malerisch. Beinahe wie ein wunderschöner Traum, surreal und doch greifbar nah.
Kamiko, so wurde das junge Mädchen allseits genannt, spürte ein seltsames Gefühl von Fernweh in sich aufkeimen. So wann und dann kamen solche Regungen in ihr auf, doch auch nach über einem halben Jahr konnte sie immer noch nicht einordnen, woher diese Art der Gefühle stammte. In solchen Zeiten vernahm sie eine innere Leere. Ein Vermissen nach etwas, was da war und doch nicht. Möglicherweise war es ein Gedanke, den sie nicht greifen konnte. Oder vielleicht entsprang das Gefühl einem Bedürfnis, das sie nicht erfüllt bekam.
Letzten Endes konnte sie solange darüber nachdenken, wie sie wollte. Es gelang ihr nie, eine zufriedenstellende Lösung für das Problem zu finden. Aber wie sollte sie auch etwas lösen, was sie selber nicht einmal begriff.
Langsam spürte sie die aufkommende Kühle, die sich mit der Abenddämmerung bemerkbar machte. Nach den heißen Sommertagen der letzten Wochen war dies eine willkommene Abwechslung. Kamiko genoss den schwachen Wind, wie er durch ihre langen schwarzen Haare strich. Voll tiefer Entspannung schloss sie die Augen und ließ den Moment ruhig entschwinden.

„Du bist in letzter Zeit ziemlich häufig an diesem Ort.“

Eine vertraute Stimme beendete die Stille schlagartig. Kamiko öffnete die Augen und lächelte. Sie wusste genau, wer da hinter ihr, am Balkoneingang, stand. Sie drehte sich zu der Person um und antwortete:

„Es ist angenehm, am Ende des Tages ein paar Minuten für sich zu sein und noch ein wenig Energie zu tanken. Findest du nicht auch, Rikako?“

Die angesprochene Person, ein hochgewachsenes Mädchen mit schulterlangem, dunklem Haar, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Rahmen der Tür. Ein tiefes Stirnrunzeln zog sich über ihr makellos hübsches Gesicht.

„Ich mache mir Sorgen um dich. Ab und zu etwas Luft zu holen ist absolut in Ordnung. Du kapselst dich allerdings in letzter Zeit immer mehr von der Gruppe ab. Die lachende Moe ist beinahe komplett verschwunden.“

Die Lippen von Kamiko nahmen schmalere Züge an. Der Kommentar hatte eindeutig ihre Gefühle getroffen, doch wollte sie sich dies auf keinen Fall anmerken lassen.
Das Mädchen namens Rikako bemerkte allerdings sofort, dass sie einen Nerv getroffen hatte und trat entschlossen einen Schritt auf Kamiko zu.

„Falls es wegen Kassa ist…“

Sofort riss Kamiko die Augen auf.

„Nein!“

Schweigen. Beide Frauen blickten sich intensiv an. Dann ertönte die Stimme des kleineren Mädchens erneut. Dieses Mal wirkte ihre Stimme schwächer.

„Nein, das ist es nicht.“

Obwohl sie eigentlich geplant hatte, ihrer Stimme mehr Nachdruck zu verleihen, wusste sie, dass ihr genau das Gegenteil gelungen war. Rikako hatte dies sicher auch bemerkt, so dachte Kamiko. Aus diesem Grund warf sie einen leicht verunsicherten Blick in Richtung der Person, die ihr nun direkt gegenüberstand.
Für einen kurzen Moment sagte niemand ein Wort. Keiner regte sich auch nur.
Plötzlich spürte Kamiko eine sanfte Wärme an ihrer linken Hand. Rikako hatte sie ergriffen und lächelte schwach, während sie wisperte:

„Du darfst dich nicht verstecken. Auch wenn du zurzeit das Gefühl hast, als würde es dir dadurch besser gehen. Letzten Endes wird es dich zerstören. Und das will ich nicht. Das will niemand von uns.“

Rikakos Augen funkelten. Kamiko liebte es, in diese haselnussbraunen Diamanten zu blicken. Sie gaben ihr das Empfinden tiefster Geborgenheit. Sie fühlte Sicherheit und Glück in der Nähe von Rikako. Keine andere Person vollbrachte dieses Kunststück für sie.

„RIKAKOOOOOO! KAMIKOOOOOO!“

Eine laute Stimme durchschnitt die Stille des Moments, der die seltsame Situation umgab. Die beiden jungen Frauen schreckten auseinander und blickten blitzschnell in Richtung der Balkontür. Keine Sekunde später erschien ein hellbrauner Schopf im Eingang und setzte beim Anblick der Szenerie ein breites Grinsen auf.

„Na da habe ich euch ja direkt in flagranti erwischt, würde ich sagen. Turteltauben in spe, he?“

Kamikos Augen weiteten sich vor Schreck und ihre Wangen färbten sich puterrot, während Rikako abwehrend ihre Arme vor der Brust kreuzte und hektisch antwortete:

„Murotan! Du siehst das falsch. Wir haben nur geredet. Nicht wahr, Kamiko?“

Die Angesprochene nickte panisch.

„Genau! Genau! Ich… Wir… äh…“

Das Fräulein namens Murotan lachte herzhaft. Japsend brachte sie hervor:

„Ihr solltet euch genau jetzt sehen. Der Sonnenuntergang ist nichts gegen die rote Farbe in euren Gesichtern.“

Kamiko und Rikako wussten darauf nichts zu erwidern und konnten die peinliche Situation nur aussitzen, bis Murota Mizuki, das war der vollständige Name der lachenden Frau, sich beruhigt hatte und sie endlich erlöste:

„Die neuen Kenshuusei sind nun vollständig anwesend. Maho interessiert sich nicht so besonders dafür und Take ist im Training, deshalb wollte ich euch fragen, ob ihr Lust habt, mich bei der Besichtigungstour zu begleiten.“

Bei den letzten Worten schlich sich ein verstohlenes Grinsen auf das Gesicht des Energiebündels. Ein Schauer lief Kamiko über den Rücken. Sie wusste genau, wie diese Besichtigungstour ablief. Sie hatte es bereits einmal mitgemacht. Im Normalfall versuchte man sich bei Kenshuusei-Einweihungsfeiern so rar wie möglich zu machen, einzig und allein aus dem Grund, damit man nicht die tragische Begleitung von Murotan war. Denn die hatte ihre eigene Art, die Neuankömmlinge willkommen zu heißen. Und dies war nie zum Vorteil von denjenigen, die sich an ihrer Seite befanden.
Rikako seufzte. Sie schien den gleichen Gedanken zu verfolgen wie Kamiko. Doch hatte Murotan eine Person ins Visier genommen, war es unmöglich, ihrem Bann zu entkommen. Und da die beiden Mädchen nicht noch weiter als Zielscheibe für den vorher inszenierten Spott herhalten wollten, hatten sie keine andere Wahl, als der Anfrage zuzusagen.
Murotan sprang vor Freude in die Luft.

„Hihi, das wird super. Die Neuen werden uns so richtig kennen lernen und nie wieder vergessen.“

Rikako warf Kamiko einen verächtlichen Blick zu und flüsterte:

„Eben das befürchte ich…“

Kamiko bemühte sich, ein Grinsen zu verkneifen und begleitete ihre beiden Kameradinnen ins Haus hinein.

 

 

 

 

Reina, immer noch an der Seite von Goto Maki, befand sich inzwischen in einem Raum, der starke Ähnlichkeiten mit einem Klassenzimmer hatte. Mehrere Holztische und -stühle nahmen den Großteil an Platz ein, während an der vordersten Front eine Art Leinwand aufgebaut war. Die leere Fläche zwischen der Leinwand und den Tischen umfasste etwa ein Viertel des Raumes. Der Boden war an dieser Stelle durch eine kleine Stufe erhöht und erinnerte Reina an eine Bühne. 
Wozu es wohl diente? Vielleicht benötigte derjenige, der seine Präsentation vor all den Zuhörern hielt, enorm viel Platz. Oder möglicherweise sollten mehrere Personen auf die Bühne passen, um etwas vorzuführen.
Doch während das Mädchen sich noch immer erstaunt umschaute, wies ihre Begleitung sie darauf hin, dass sie nicht allein waren.
Erst jetzt bemerkte Reina die anderen Gestalten, die an einer Ecke des Zimmers saßen oder gegen die Wand lehnten. Insgesamt fünf Personen. Allesamt Mädchen, die, zumindest auf den ersten Blick, alle ungefähr ihrer Altersgruppe entsprachen.
Bei diesem Gedanken hielt Reina kurzzeitig inne. Wie alt war sie eigentlich?
Exakt im selben Moment, als sie sich selbst diese Frage stellte, flüsterte ihr wieder die sanfte Stimme zu:

„Fünfzehn…“

Schlagartig blickte sie sich intensiver im Raum um. Niemand hatte sie direkt angesprochen. Weder Goto Maki noch eines der anderen Mädchen.
Aber warum hätten sie dies auch tun sollen, schließlich hatte Reina ihren Gedanken nicht laut ausgesprochen.
Etwas verwirrt folgte sie ihrer Führerin durch den restlichen Raum. Während Goto Maki lächelnd in die Runde grüßte, musterte Reina die Neulinge genauer.
Sie wirkten jeder für sich mehr oder weniger stark eingeschüchtert oder verängstigt. 
Zum Einen war da Nishida Shiori. Ihr besonderes Augenmerk waren die süßen Grübchen, die sich bei jeder Regung ihres Gesichtes entpuppten.
Dann war da Yoshida Marie. Sie hatte lustige Knopfaugen und Reina dachte für sich, dass sie bestimmt gut miteinander auskommen würden. Jedoch waren ihre Ohren vor Nervosität rot gefärbt und sie wirkte eindeutig am Ängstlichsten von allen Versammelten.
Hashisako Rin, höchstwahrscheinlich die Jüngste im Raum, besaß ein so unschuldiges Gesicht, dass sie beinahe etwas verloren wirkte.
Ein Mädchen, sie fiel durch ihre Größe auf, denn sie überragte die meisten Anderen bei Längen, versuchte etwas verkrampft zu lächeln, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Es gelang ihr nur mäßig. Sie stellte sich als Kawamura Ayano vor. Insbesondere neben Rin erschien sie wie ein gewaltiger Riese.
Die wohl Coolste unter ihnen, so hatte es zumindest den Anschein, war Yamazaki Yuhane. Lässig war sie mit ihrer rechten Schulter an die Wand gelehnt und warf aufmunternde Blicke in die Runde, fast so, als wollte sie sagen: „Habt keine Angst! Ich bin für euch da!“, was wiederum skurril wirkte, da sie ja selbst augenscheinlich ein Neuankömmling war.
Nachdem Goto Maki alle Mädchen untereinander bekannt gemacht hatte, wendete sie sich von der Gruppe ab und schritt auf die Bühne zu.
Mit einem beeindruckenden Fingerschnipsen schaltete sich das Raumlicht aus. Stattdessen war nun das flimmernde Leuchten der Leinwand deutlich wahrzunehmen. Ein Schriftzug formte sich darauf:

„HELLO ! PROJECT ONLINE“

Einige der Mädchen flüsterten ehrfurchtsvoll den Titel, den sie dort erstmals lasen. In majestätischer Manier breitete Goto Maki ihre Arme aus und begann zu sprechen:

„Willkommen zu Hello!Project Online! Mit eurer Anwesenheit hier und jetzt habt ihr bereits den ersten Schritt getan, Teil dieser fantastischen Reise zu werden. Einer Reise, die euch alles beibringen wird, was ihr für das Leben wissen müsst.“

Sie machte eine kurze Pause und schaute lächelnd in die Runde. Keiner sagte ein Wort. Gebannte Stille erfüllte den Raum. Dann setzte sie fort:

„Dieses Schloss, wir bezeichnen es als Haven, dem Zufluchtsort jeglicher Gestrandeter des Lebens, ist ab heute euer Zuhause. Wir, die Lehrer, bringen euch alles bei, um in dieser Welt zurecht zu kommen. Auch wenn es die meisten unter euch schon wissen, will ich es gern wiederholen: Mein Name ist Goto Maki. Ich bin zuständig für die Schulung des Geistes. Eine der drei Disziplinen und Grundpfeiler unserer Institution. Bei mir werdet ihr, falls ihr natürlich ausgewählt werdet, die Extraction, die Extrahierung eures Inneren nach Außen, erlernen. Der Umgang mit eurem Geist. Die Berührung eurer Seele und die Auseinandersetzung mit dieser.“

Reina betrachtete heimlich die anderen Mädchen. Noch wusste sie nicht, was all das hier überhaupt sollte. Wofür genau waren sie da? Was war das Ziel des Ganzen? Wer hatte sie an diesen Ort gebracht?
All diese Fragen und noch viel mehr Verwirrung erkannte Reina in den Gesichtern ihrer Leidensgenossen.
Auch Goto Maki war dies nicht verborgen geblieben und ihre Gesichtszüge wurden ernsthafter. Mit einem leiseren Ton und bedächtiger gewählten Worten als zuvor, erklärte sie weiter:

„Ich möchte euch nicht anlügen. Und ich sehe in euren Augen, dass ihr nach Antworten giert. Doch diese Antworten, die ihr sucht, sind gefährlich. Doch natürlich habt ihr ein Recht darauf zu erfahren, warum ihr hier seid.“

Die Lehrerin machte eine unangenehm lange Pause und atmete mehrmals tief durch. Gerade als Reina dachte, dass Goto Maki einfach vergessen hatte, dass sie etwas erzählen wollte, begann diese bedrohlich ihre Stimme zu heben:

„Wie ihr womöglich bereits bemerkt habt, ist dies nicht die reale Welt. Wir befinden uns in einer virtuellen Realität.“

Bumm. Bumm. Bumm. Reinas Herz raste. Was wurde ihr da gerade gesagt? Nicht die reale Welt? Was bedeutete das? Aber sie war doch hier? Ihre Hand lag auf einem hölzernen Tisch, dessen ebene Form sie vollkommen spüren konnte ohne Verzögerung. Die Blicke, die sie durch den Raum warf, wirkten so glasklar. Und der Geruch des Klassenzimmers…
Goto Maki setzte ihren Vortrag erbarmungslos fort:

„Ja, diese Information mag für euch erst einmal ein Schock sein. Und wahrscheinlich glaubt ihr mir nicht einmal. Schließlich fühlt sich hier alles so echt an.“

Ihr Blick verschärfte sich. Selbst Reina verspürte nun ein leichtes Unbehagen.

„Lasst euch nicht täuschen. Exakt in diesem Moment seid ihr in einem Spezialkrankenhaus an vielen Sensoren angeschlossen, die alle Sinne eures Körpers abdecken. Schmecken. Riechen. Hören. Sehen. Fühlen. Jegliche Nervenenden sind mit einem Super-Computer verknüpft, der euch all diese körperlichen Gefühlsregungen nur vorspielt. Er berechnet akribisch genau in Nanosekunden, was ihr wann wie spürt, indem er eure Gehirnströme analysiert und zuordnet.“

Bei dieser Vorstellung jagte eine Gänsehaut über Reinas Rücken und eine weitere folgte gleich danach, als sie darüber nachdachte, dass diese Gänsehaut durch einen Computer erzeugt wurde, der an ihrem Körper angeschlossen war.
Goto Maki ließ den Mädchen eine kurze Pause, um all dies zu verdauen. Als sie bemerkte, dass ihre Zuhörer sich wieder etwas gefangen hatten, sprach sie, nun zumindest rücksichtsvoller, weiter:

„Ich möchte, dass ihr mir jetzt genau zuhört und konzentriert bleibt. Denn was ich euch nun sage, kann euch zerstören, wenn ihr nicht aufpasst.“

Angst durchflutete den Raum spürbar. Doch niemand sprach ein Wort. Goto Maki nickte aufmunternd und erzählte dann:

„Ihr seid einer schweren neuronalen Krankheit anheimgefallen. Die Behandlung erfordert extreme Maßnahmen, die durch euer Bewusstsein in der realen Welt nicht ausführbar gewesen wären. Deshalb wurden eure Hirn-Aktivitäten und die dazugehörige Netzstruktur unter großem Aufwand kopiert und in ein virtuelles Gefäß gepackt. Innerhalb dieses Gefäßes wurde eine Blockade errichtet, die die Erinnerungen an euer altes Leben wegsperrt. Stattdessen wurde die virtuelle Netzstruktur, auf die ihr freien Zugriff habt, mit neutral zugänglichen Daten gefüttert, wie beispielsweise die Erinnerung an ein Klassenzimmer aus einer vollkommen normalen Schuleinrichtung. Ihr alle hattet wahrscheinlich einen angenehm nostalgischen Moment, als ihr den Raum betreten habt.“

Sie wies mit ihren Handflächen auf die Umgebung, in der sie sich befanden. Reina musste ihr gezwungenermaßen Recht geben. Der Raum fühlte sich merkwürdig vertraut an, obwohl sie überhaupt nicht wusste, woher dieses Gefühl stammte. Die anderen Mädchen fühlten allesamt ähnlich, stellte sie mit einem Seitenblick fest.

„Ich weiß, die Situation wird euch gerade komplett überfordern. Und vielleicht seid ihr auch nicht ganz zufrieden mit der Handhabung. Ihr könnt euch aber gewiss sein, dass all dies vorher mit euch abgesprochen wurde. Jeder von euch hat dieser Behandlung eigenwillig zugestimmt. Denn sie rettet euch. Zumindest wird das Beste versucht, um euch zu retten…“

Plötzlich versagte die Stimme von Goto Maki und die Augen der Mädchen rissen weit auf vor Schreck. Yuhane war die erste, die rief:

„Was soll das heißen? Ist es möglich, dass wir dennoch sterben?“

Die Angesprochene lächelte schwach, bevor sie antwortete:

„Ja. Ihr könnt sterben.“

Das hatte gesessen. Reinas Magen zog sich zusammen. Ihr wurde übel. Sie wollte nicht sterben. Sie wollte Dinge erleben. Spaß haben. Neue Freunde kennen lernen. War sie schonmal verliebt gewesen? Wie fühlte sich das an? Welche aufregenden Erlebnisse waren ihr entgangen. Und welche Erlebnisse hatte sie vergessen?
So viele Gedanken und Fragen schossen gleichzeitig durch ihren Kopf, dass ihr ganz schwummrig wurde.
Währenddessen hob Goto Maki beschwichtigend die Arme.

„Hört zu! Ja, es ist wahr. Ihr befindet euch in akuter Lebensgefahr. Das will ich nicht beschönigen. Doch spürt ihr etwas zurzeit davon? Fühlt ihr Schmerzen?“

Verwirrt blickten sich die Mädchen gegenseitig an. 
Nein. Keiner von ihnen spürte ein Unwohlsein außerhalb der Nachrichten, die sie gerade erhalten hatten. Tatsächlich hatten sie sich allesamt bis vor wenigen Minuten sogar noch recht positiv und lebhaft unterhalten. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn in ihrem Bewusstsein eine tödliche Krankheit geschlummert hätte.

„Ihr seht also, die Therapie ist äußerst wirkungsvoll. Besäßet ihr noch all eure Erinnerungen und Wahrnehmungen aus der realen Welt, könnte dies zu einem Kollaps eures Gehirns führen und die Ärzte wären nicht mehr imstande, etwas für euch zu tun. Tatsächlich, und hier kommt die wahre Behandlung ins Spiel, seid ihr selbst eure eigenen Ärzte…“

Goto Makis schönes Lächeln war zurückgekehrt, als sie in die ratlosen Gesichter blickte.

„Diese Welt, die einzig und allein für euch erzeugt wurde, ist die Therapie, die ihr benötigt, um gestärkt und, was natürlich das Wichtigste ist, geheilt in die Realität zurückzukehren. Wie ein Phönix, der aus seiner Asche emporsteigt.“

Es setzte eine kurze Pause ein, damit den Worten etwas Nachhall gewährt wurde. Reina hatte das Gefühl, als hätte Goto Maki genau darauf hingearbeitet mit ihrem Monolog. Und sie sollte Recht behalten.

„Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, geht der Fortschritt einer Therapie immer vom Patienten aus. Verliert der Patient seinen Lebenswillen, so siegt die Krankheit. Umso stärker der Patient an sich und sein Umfeld glaubt, umso garantierter ist auch der Erfolg für die Therapie.
Im Normalfall wird solch ein Prozess mit dem gesamten Körper und Geist in der realen Welt vollzogen. Dies ist in eurem Fall nicht so einfach. Ihr könnt euch während der Behandlung weder bewegen, noch dürft ihr bei Bewusstsein sein. Aus diesem Grund wurde diese virtuelle Realität erschaffen, um ein therapeutisches Umfeld zu simulieren. Hier könnt ihr Körper und Geist in vollem Bewusstsein frei entfalten. Eure Aufgabe besteht darin, das Potential eurer mentalen Kraft und eurer Energie zu steigern und dabei die seelische Balance in euch zu halten. Harmonie und natürliches Gleichgewicht sind hier die Stichwörter.
Während ihr diese Entwicklung eures Seins durchlebt, werden euch immer wieder Aufgaben gestellt, welche von unterschiedlichster Gestalt sein können. Manche dieser Aufgaben sind wichtig für das Bestehen unserer Gesellschaft in dieser Welt und steigern zum einen euer Ansehen hier, zum anderen aber auch euer Selbstvertrauen und somit die Stärke eures Willens nach Leben und Freiheit.
Es gibt aber auch Aufgaben, und damit einhergehende Prüfungen, die essentiell für euer Überleben sind. Versagt ihr bei der Erfüllung einer solchen Aufgabe, kann dies schwerwiegende Auswirkungen auf euer Befinden in der Realität haben.
Wie ihr hört, seid ihr also immer selbst der Schlüssel zu eurer Heilung.“

Goto Maki blickte nach diesen hart zu verdauenden Worten vielsagend in die Runde. Viele Fragezeichen bildeten sich über den Köpfen der Mädchen, doch jede von ihnen hatte das Empfinden, dass eben diese Fragen schon bald von selbst geklärt werden würden. Auf die gute oder schlechte Weise.

„Nun möchte ich euch noch erklären, wie ihr hier im Haven leben werdet und was das Haven überhaupt ist.“

Ein letztes tiefes Luftholen Goto Makis hallte durch den Raum.

„Die Mädchen, die hier im Haven leben, sind alle ungefähr in eurem Alter. Manche älter. Manche jünger. Es existieren verschiedene Gruppierungen, denen bestimmte Mädchen zugewiesen sind. Innerhalb dieser Gruppierungen lernen die Mitglieder zwei unserer drei Grundpfeiler kennen. Die Kenntnis über den Geist, mein Fachgebiet, und die Kenntnis über die Energie.
Der dritte Grundpfeiler, die Kenntnis über die Klarheit, wird unter den Generationen vermittelt. Eine Generation setzt sich aus Mädchen aller Gruppierungen zusammen, die gleichzeitig oder in einem engen Zeitraum einer Gruppierung zugewiesen wurden, da ihr Wissensstand sich auf dem gleichen Niveau befindet. Dies ist bei den anderen beiden Kenntnissen nicht von Nöten, da dort das Zusammenspiel mit der eigenen Gruppierung, die fortan eure Familie ist, besonders in den Fokus gerückt wird.
Innerhalb einer Gruppierung versucht man die verschiedenen Rehab-Grade zu durchlaufen, welche von Eins bis Fünf erfolgen. Sie dienen der Beurteilung eures Rehabilitierungs-Status und geben euch auch eine Seniorität.“

Goto Maki schrieb mit ihrem Finger ein unsichtbares S in die Luft und plötzlich verschwand der Schriftzug von der Leinwand. Stattdessen tauchten sechs Bilder von verschiedenen Personen auf. Darüber römische Ziffern von Null bis Fünf.

„Dies sind Mädchen an unserer Akademie. Sie alle gehören unterschiedlichen Graden und damit auch unterschiedlichen Senioritäten an. Sie sind also in verschiedenen Stadien der Therapie und somit ist ihre gemachte Erfahrung mit der Welt deutlich differenzierter voneinander. Anhand dessen können wir eine eindeutige Hierarchie festlegen. Sollten tiefgreifende Entscheidungen geäußert werden, wird immer nach der Seniorität beurteilt. Ein Grad-3-Mitglied hat auf ein Grad-4-Mitglied zu hören. Ein Grad-4-Mitglied hat einem Grad-5-Mitglied wiederum den nötigen Respekt zu erweisen. Ihr versteht bestimmt worauf ich hinaus möchte.
Es ist ein simples Senpai-Kohai-Konstrukt, wodurch ihr in der Lage seid, von den erfahreneren Mädchen zu lernen und gleichzeitig Wissen weiterzugeben an eine jüngere Generation.“

Nishida Shiori unterbrach mit einem Mal durch einen Fingerzeig den Vortrag von Goto Maki. Diese blickte irritiert zu der jungen Schwarzhaarigen mit den süßen Grübchen. Reina mochte ihre ruhige Stimme, auch wenn sie etwas brüchig war, geprägt durch die Unsicherheit, die in jedem der Mädchen hier im Raum steckte.

„Frau …ähm …Goto?! W-Was bedeutet denn die Null? Sie sagten doch, es gäbe nur fünf Grade?“

Goto Maki grinste bei der Anmerkung und richtete ihre Augen auf das Bild des Mädchens unter der prägnanten Null. Sie trug kurzes, schwarzes Haar und wirkte sowohl fröhlich als auch entschlossen. Ihre Pose, das Gesicht in die Ferne gerichtet und die Hände unter vollendeter Körperspannung einige Zentimeter von der Hüfte entfernt, verlieh der ganzen Szenerie des Bildes einen heroischen Ausdruck. Reina wurde warm ums Herz und gleichzeitig verspürte sie einen Instinkt in sich aufkeimen, diese Person unbedingt kennen lernen zu wollen.

„Es ist richtig, was ich vorhin sagte. Es gibt nur fünf offizielle Rehab-Grade. Jedoch existiert noch eine weitere inoffizielle Bezeichnung. Grad Zero!“

Und mit einer weiteren majestätischen Bewegung drehte sie sich zu ihren Zuhörern um und wies mit dem Zeigefinger auf die Mädchen.

„Ihr! Ihr befindet euch derzeit im Grad Zero! Dies ist eine Einstufung, die es euch ermächtigt, euch hier im Haven aufzuhalten und die Grundausbildung unserer Lehren zu erhalten. Ihr seid die Neuankömmlinge und könnt noch nicht sofort einer Gruppierung zugewiesen werden. 
Nein. Ihr erhaltet erst ein Training. Und je nachdem wie schnell ihr lernt und bereit seid, werdet ihr nach einiger Zeit einer Gruppierung zugewiesen. Schließlich muss festgestellt werden, ob euer Körper und Geist überhaupt stark genug sind, um an der Therapie teilzunehmen. Erst dann beginnt ihr mit der offiziellen Rehabilitierung. Legt euch also gut ins Zeug!“

Ein allgemeines Raunen ging durch die Runde. Reina versuchte all die Informationen, die sie soeben erhalten hatte, in eine gewisse Struktur zu bringen in ihrem Kopf.
Es ging um ihr Überleben. So viel hatte sie verstanden. Sie musste in eine dieser Gruppierungen, um die Therapie auch wirklich umsetzen zu können.
Dies alles wirkte äußerst beunruhigend. Zumindest hatte Reina das Gefühl, als müsste sie so empfinden.
Doch seltsamerweise machte sich eine gewisse Erleichterung in ihr breit. Sie wusste nun, was mit ihr los war. Sie war weder irre noch hatte sie sonst irgendeinen bleibenden Schaden davongetragen, weswegen sie alle Erinnerungen verloren hätte. Mal abgesehen davon, dass sie todkrank war, war alles in Ordnung. Bei diesem trockenen Gedanken musste sie sich ein Lachen verkneifen.
Als sie sich umblickte, sah sie in nicht ganz so zuversichtliche Gesichter. Kawamura Ayano wechselte sekündlich zwischen heiserem Lachen und entsetztem Gesichtsausdruck. Yoshida Marie war komplett in sich zusammengesunken. Hashisako Rin versuchte krampfhaft ihre Tränen zu unterdrücken. Nishida Shiori war kreidebleich geworden.
Einzig Yamazaki Yuhane erschien genauso gefasst und zuversichtlich wie Reina, was diese wiederum beruhigte.
Da jedoch so langsam der erste gewaltige Schock nachließ, schritt Goto Maki selbstsicher auf die Mädchen zu, formte mit ihrem Zeige- und Mittelfinger ein V und berührte mit diesen ihre rechte Wange. Über beide Ohren grinsend sagte sie:

„Willkommen bei Hello!Project Online! Und natürlich willkommen an der REHAB Academy!“

Kapitel 3 – Kenshuusei

Der Schock saß noch immer tief. Doch trotzdem machte sich die Gruppe unter Führung von Goto Maki auf in Richtung Trainingssäle.
In Zweiergrüppchen betraten sie einen Korridor nach dem nächsten. Das Haven war definitiv ein gigantischer Ort. Ihre Führerin erzählte davon, wie sie die ersten Male durch dieses Labyrinth geirrt war. Auf die Frage hin, ob irgendwelche Hinweise oder Richtungsanweisungen existierten, gab sie lediglich ein trockenes Lachen von sich, antwortete aber nicht.

Nach etlichen Türen, Gabelungen und Treppenaufstiegen erreichten sie schließlich das Ziel, welches Goto Maki für sie vorgesehen hatte.
Reina, die neben der großen Kawamura Ayano bemüht war, Schritt zu halten, verspürte ein aufgeregtes Kribbeln in ihrer Brust. Sie sollten nun die restlichen Mitglieder von Grad Zero kennen lernen. Der Großteil von ihnen übte fleißig, um irgendwann einer Gruppierung zugeordnet zu werden. Allerdings hatte Goto Maki mit keinem Wort erwähnt, WAS sie eigentlich übten.
Als Reina genauer darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass sie noch gar keine Ahnung hatte, nach welchen Kriterien man einer dieser ominösen Gruppen beitrat.
Die anderen Mädchen ihrer Generation hatten diese Frage mehrmals gestellt, doch die stetig grinsende Frau hielt sich in mysteriösem Schweigen.
Reina betrachtete die hölzerne Doppeltür, die vor ihnen aufragte. Beim Anblick der hübschen Gravuren und Wölbungen wurde ihr leicht mulmig zumute. Dies hatte keinesfalls mit den bevorstehenden Begegnungen zu tun. Auf diese freute sie sich tatsächlich. Stattdessen machte ihr zu schaffen, dass fast jede größere Tür in fast jedem größeren Gang genau gleich aussah. Reina war sich absolut sicher, dass sie an keiner Therapie zugrunde gehen würde, sondern an diesem Irrgarten aus Holz, Stein und Rüstungen.
Andererseits, dachte das junge Mädchen sich, könnte dies auch Teil der Behandlung sein. Vielleicht testete das Haven die angesprochenen Überlebenskünste, so wie es Pfadfindern beigebracht wurde. Die verließen sich schließlich auch auf ihren geschulten Orientierungssinn und kryptischen Richtungsangaben, die das Umfeld ihnen gab.

„Yokoyama, kommst du?“

Reina schreckte beim Klang ihres Namens aus ihrer Gedankenwelt. Kawamura Ayano blickte sie fragend an. Das große Mädchen war schon ein ganzes Stück voran gegangen, wohingegen die anderen bereits komplett den neuen Raum betreten hatten. Ohne es zu merken, war Reina stehen geblieben. Innerlich fluchte sie über sich selbst, dass sie sich so schnell ablenken ließ. Bestimmt hatte Goto Maki bereits alles haargenau erklärt, wie sie sich im Haven einfach zurechtfinden könnten und Reina hatte es überhört. Nun musste sie für immer auf dem harten Boden schlafen und sich mit Teppichen zudecken, weil sie den Weg in ihr Zimmer nicht mehr finden würde.
Sie schüttelte heftig mit dem Kopf. Natürlich passierte das nicht. Nach dem Weg fragen, war bestimmt nicht verboten.
Rasch holte sie zu ihren Leuten auf. Sofort waren alle vorherigen Gedanken verschwunden, als sie den gewaltigen Saal betrat.
Es war eine Trainingshalle, wie sie wohl professionelle Sportvereine in der realen Welt besitzen würden.
Verschiedene Kreise und Linien waren zur Kennzeichnung von Spielfeldern unterschiedlichster Sportarten auf den elastischen Boden gezeichnet, welcher sich in einem dumpfen Blauton über die gesamte Fläche erstreckte. An den Seiten wimmelte es von mechanischen Geräten aller Art. Reina kannte keine einzige Bezeichnung, doch bereits der Anblick löste in ihr eine Begeisterung aus, die seinesgleichen suchte.
Die Halle selbst besaß auch Zuschauerränge, die sich in zehn Stufen nach oben hin vom Feld abwandten. Darüber befand sich eine zweite Ebene, die durch Sicherheitsgitter abgegrenzt wurde und wohl eine noch bessere Sicht auf die Fläche zuließ.
Definitiv war die Sporthalle ein beeindruckendes Gebilde. Auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangstür, wo derzeit noch die Neuankömmlinge gemeinsam mit Goto Maki standen, trainierte eine kleine Gruppe vor einem gewaltigen Spiegel. Dieser erstreckte sich beinahe über die komplette Seite.
Zusammen schritten sie über das Feld und traten zu den trainierenden Mädchen. Sie befanden sich allesamt in der gleichen Altersgruppe wie die Neuankömmlinge. Doch auch sie versprühten bereits eine gewisse Aura. Es war nicht mal ansatzweise ein Vergleich zu Goto Maki, deren Wahrnehmung für Reina noch immer schwer in Worte zu fassen war. Doch trotzdem konnte man die seltsame Energie, die von den jungen Personen ausging, nicht verleugnen.

„Das hier sind eure zukünftigen Gefährten, wenn man es so nennen will“.

Goto Maki wies mit offener Hand auf das Grüppchen, bestehend aus sechs Mädchen.
Diese beendeten sogleich ihr Training und musterten die Neuen ausgiebig. Reina fiel erleichtert auf, dass es keinesfalls strenge oder unangenehme Blicke waren. Stattdessen wurden sie warmherzig begrüßt. Ehrliche Freude umspannte die Halle und Reina fühlte ein wohliges Kribbeln, das durch ihren ganzen Körper jagte.
Die erste Person, die sich ihnen vorstellte, war interessanterweise ebenfalls eine Reina. Ichioka Reina.

„Super, dass wir Verstärkung bekommen. Ihr seid bestimmt sehr aufgeregt, aber keine Sorge, wir nehmen euch anfangs nicht zu hart ran. Ihr habt alle Zeit der Welt, euch einzugewöhnen.“

Ihr klares Lachen machte sie sympathisch. Als Dienstälteste unter ihnen, sie war bereits ganze zwei Jahre älter als Reina, hatte sie die inoffizielle Führung der Mitglieder des Grad Zero.

„Macht euch alle aber keine allzu großen Hoffnungen, dass ihr in Morning Musume kommt. Der nächste Star dort werde nämlich ich.“

Das eindeutig jüngste Mädchen unter ihnen, Kiyono Momohime, grinste Reinas Gruppe herausfordernd an. Scheinbar sah sie die Truppe als neue Konkurrenz. In ihren Augen erkannte man flammenden Ehrgeiz.
Zwei weitere junge Frauen traten hinzu. Dambara Ruru war groß und besaß ein ruhiges Auftreten, doch Reina war überrascht, was für eine unglaubliche mentale Stärke von ihr ausging. Sie war eindeutig die Person mit dem größten Potential in der Halle.
Die andere Person richtete ihre ersten Worte direkt an die freche Momohime.

„Du solltest erst einmal deine Schritte und Koordination richtig trainieren. Sonst denken Leute noch, dass Morning Musume eine Gruppe aus Dilettanten wäre, wenn sie so eine kleine Stolperkönigin aufnehmen.“

Die Sprecherin hieß Takase Kurumi. Sie besaß ein rundes, liebevolles Gesicht, welches nun hinter einer strengen Mine verborgen lag.
Momohime schenkte ihr eine unzufriedene Grimasse und wendete dann den Blick von der Älteren beleidigt ab.
Horie Kizuki, von allen liebevoll Kii-Chan genannt, war vom reinen Alter her die Älteste der Gruppe, weshalb sie von den anderen Anwesenden mit großer Wertschätzung behandelt wurde. Auch ihre Erzählungen strotzten nur so vor Erfahrung. Sie kam eigentlich aus einem anderen Therapieprogramm, das unter gleichen Voraussetzungen arbeitete wie Hello!Project. Es trug den seltsamen Namen NICE GIRL Project
Kii-Chan wurde, nachdem das Partnerprogramm aus unerfindlichen Gründen geschlossen werden musste, neben einigen anderen Mädchen, zur hier ansässigen Therapie transferiert.
Reinas Augen waren weit geöffnet vor Verblüffung. Sie konnte nicht umhin, beeindruckt von all diesen Persönlichkeiten zu sein, mit denen sie alsbald ihre Zeit verbringen würde. Sie alle standen, genau wie Reina selbst, noch am Anfang ihrer Therapie. Sie alle verfolgten dasselbe Ziel: Den Beitritt in eine der großen Gruppierungen.
Macht euch alle aber keine allzu großen Hoffnungen, dass ihr in Morning Musume kommt. Der nächste Star dort werde nämlich ich.
Die Worte von der jungen Momohime blitzten in den Gedanken von Reina auf.
Morning Musume? War dies eine dieser ominösen Gruppierungen?
Plötzlich fiel ihr Blick auf eine Person, die nicht zu ihnen getreten war. Ein Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren. Sie war größer als Kawamura Ayano, dachte Reina. Das flache, rundliche Gesicht wirkte zeitlos. Man konnte das Alter des Mädchens nicht genau bestimmen. Die Stirn war gerunzelt. Scheinbar war sie hochkonzentriert bei der Sache. Ohne auch nur einen Augenmerk an die Neuankömmlinge zu verschwenden, führte sie eine flüssige Bewegung nach der nächsten aus. Sie zog ein elegantes Kreismuster, mit Beinen und Armen in vollkommener Harmonie.
Reina konnte sich der Schönheit des Augenblicks nicht entziehen. Vor Verblüffung klappte ihr die Kinnlade hinunter. Das war das Mädchen, was sie auf dem Bild von Goto Makis Vortrag gesehen hatte. War es ein Tanz, den sie aufführte? Es waren solch gleichmäßige Richtungswechsel. Mal schnell. Mal langsam. Doch immer im Einklang mit dem Rhythmus des Herzschlages, den Reina in sich spürte. Das junge Mädchen fühlte eine starke Verbundenheit. Sehnsucht erwachte in ihr…

„Kaedi! Mach doch endlich eine Pause und komm her!“

Takase Kurumis Stimme hallte zu Reina und dem fremden Mädchen herüber. Beide erschraken und wurden aus ihren unterschiedlichen und doch gleichen Trancen gerissen.
Reina schüttelte heftig den Kopf vor Verwirrung. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie sie sich von der Gruppe entfernt hatte und auf das faszinierende Mädchen immer weiter hinzugeschritten war.
Eben dieses Mädchen betrachtete sie für einen kurzen Moment. Ihr ernster Blick streifte den Reinas. Verwirrung war in beiden Gesichtern abzulesen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit der Gruppe zu, allen voran Takase Kurumi. Mit einer ruckartigen Verbeugung brachte sie eine hastige Entschuldigung hervor:

„Es tut mir leid. Ich habe nicht bemerkt, dass die Neulinge schon da sind.“

Momohime schlug ihr lachend auf den Rücken.

„Ja ja, Kaedi! Wir wissen doch, dass du nicht genug vom Training kriegst.“

Die Angesprochene kratzte sich leicht verlegen am Kopf, sagte jedoch nichts dazu.
Goto Maki klatschte zufrieden in die Hände.

„Nun, es sind zwar nicht alle Kenshuusei hier, aber das macht nichts. Wir…“

„Kenshuusei?“

Nishida Shiori schien verwundert. Die anderen Neuankömmlinge tauschten ebenfalls verwirrte Blicke aus.
Goto Maki runzelte die Stirn, aufgrund der Unterbrechung. Dann erkannte sie das Problem.

„Dies hier ist eure kleine, aber feine Einweihungsfeier. Ihr seid ab heute Mitglieder der Hello!Project Kenshuusei. Mit dem Aufstieg in diesen Rang seid ihr nun offiziell im Haven anerkannt. Ab morgen beginnt ihr gemeinsam mit euren Kameraden“, sie blickte lächelnd in die große Runde, „das Training. Dies ist Grad Zero, von dem ich euch bereits erzählt habe.“

Nishida Shiori, die zuvor noch Goto Maki unterbrochen hatte, war nun vollkommen still. Kawamura Ayano und Yoshida Marie musterten die erfahreneren Mädchen mit leicht ängstlichem Blick. Hashisako Rin musste erneut die Tränen zurückhalten.
Doch Yamazaki Yuhane versprühte enorme Entschlossenheit. Ein selbstsicheres Lächeln umspannte ihr prägnantes Gesicht. Reina konnte diese Gefühlsregung absolut nachvollziehen. Auch sie spürte die riesige Vorfreude in sich aufkeimen. Es gab keinen Grund für Trauer oder Bedenken. Das hier war ein Abenteuer. Und sie durften es allesamt gemeinsam erleben.

Kapitel 4 – ANGERME stellt sich vor

Schweiß tropfte in gefühlten Bächen über die Hallenfläche. Die Trainingsgruppe hatte erneut ihre Übungen aufgenommen. Und diese schienen alles andere als ein Kinderspiel zu sein.
Reina saß, zusammen mit ihren Generations-Mitgliedern, auf dem Boden des Saals. Sie lehnten in einer Reihe an der kleinen Wand, die zu den Zuschauertribünen führte. Sprachlos und gleichzeitig fasziniert beobachteten sie das Schauspiel, welches sich ihnen darbot.
Goto Maki war bereits vor einer Stunde gegangen. Sie sagte zu Ichioka Reina, unter den Kenshuusei als Icchan bekannt und die gemeinsam mit Takase Kurumi das Kommando über die Kenshuusei besaß, dass die Neulinge heute noch frei hätten und morgen in der Früh das erste richtige Training für sie beginnen würde.
Trotzdem hatte Icchan der 26. Generation der Kenshuusei, so wurden die Neulinge nun offiziell genannt, angeboten, ihnen beim Training zuzuschauen, um schon einmal einen Einblick in ihre zukünftigen Aktivitäten zu bekommen.
Yokoyama Reina konnte sich nach den Erzählungen von Goto Maki nicht wirklich vorstellen, wie die eigentliche Therapie aussehen sollte. Nun offenbarte sich ihr endlich das Bild, auf das sie solange gewartet hatte. Und ihr Gesicht bestand aus einem einzigen, riesigen Fragezeichen.
Die Sechsergruppe bewegte sich in vollkommenem Rhythmus zueinander. Icchan befand sich an der Spitze ihrer Formation und gab die Schritte vor. Reina fühlte sich an einen sich ständig thematisch wechselnden Tanz erinnert. Zuerst wurden langsame, gleichmäßige Handbewegungen in der Luft durchgeführt, während jeder Fußschritt mit äußerster Bedächtigkeit gewählt wurde. Plötzlich gab es blitzschnelle, aufeinanderfolgende Richtungswechsel mit allen Gliedern, gefolgt von einem eleganten Radschlag über gekreuzte Hände. Schließlich ging jegliche motorische Energie in eine fließende, zeitlupenartige Körpertechnik über.

„Es sind Kampfchoreografien.“

Die 26. Generation blickte geschlossen zu Yuhane. Ihre analytische Bemerkung kam überraschend. Ihre Augen waren fest auf die Körper der einzelnen Partizipanten fixiert. Sie sog förmlich jede Bewegung in sich auf. Reina musste innerlich lachen bei dieser Vorstellung.
Shiori murmelte währenddessen leise:

„Du meinst, wir lernen, wie man kämpft?“

Rin lief ein Schauer über den Rücken.

„Ich will nicht kämpfen.“

Yuhane schenkte dem kleinen Mädchen ein aufmunterndes Lächeln.

„Es ist nicht verkehrt, zu lernen, wie man sich verteidigt, oder?“

Die Angesprochene nickte langsam, schien aber nicht überzeugt. Ayano hingegen legte Daumen und Zeigefinger an ihr markantes Kinn. Scheinbar dachte sie scharf nach.
Mit einem Mal sagte sie:

„Es ist aber nicht nur ein Kampf, nicht wahr, Yuhane?“

Das Mädchen mit dem entschlossenen Blick nickte zustimmend.

„Du hast Recht, Ayano. Ganz einfach betrachtet praktizieren sie lediglich einen Tanz. Dadurch erlernen sie Standhaftigkeit und Körperbalance. Beides sind auch wichtige Elemente in weltweiten Kampfkünsten.“

Reina bewunderte Yuhane dafür, dass sie diese Verbindung in ihren Gedanken knüpfen konnte. Doch etwas verwirrte sie. Deshalb fragte Reina:

„Aber wenn es auch nur ein Tanz sein könnte, wie kommst du dann darauf, dass es eine Kampfchoreografie ist? Könnten die Bewegungen nicht einfach zufällig nach kämpferischen Elementen aussehen?“

Yuhane lächelte wissend.

„Natürlich könnte ich mich irren. Aber diese ständig wechselnden Rhythmusbewegungen schalten relativ bewusst zwischen aktiver und passiver Handlung hin und her. Das sind eindeutige Faktoren, die für Kampftechniken sprechen.“

Marie war vollkommen überfordert.

„Wieso denn das?“

Yuhane setzte ihren Monolog fort.

„Bei einem Kampf, insbesondere bei der Selbstverteidigung, kommst du immer in die Situation, dass du aus einer zurückhaltenden Verhaltensweise ohne Zögern in eine aggressive Verhaltensweise wechselst. Das kann durch eine Aktion oder Reaktion geschehen. Bei einem Tanz ändert man normalerweise nicht so spontan seine Geschwindigkeit. Im Normalfall ist es ein aufeinander aufbauender Übergang von langsam zu schnell und zurück.“

Reina nickte automatisch. Das klang plausibel, auch wenn eine Sache noch immer nicht ganz klar war:

„Wofür lernen wir denn das Kämpfen?“

Darauf wusste selbst Yuhane keine direkte Antwort. Stattdessen bemerkte Shiori laut:

„Kampfkünste sollen doch gesund auf Körper und Geist wirken, wenn man sie ausführt. Vielleicht ist das Teil der Therapie.“

Die Anderen nickten anerkennend. Das klang nachvollziehbar.
Nun war Reina noch aufgeregter als zuvor schon. Sie hatte große Lust diesen Kampftanz zu lernen. Am liebsten hätte sie sofort losgelegt. Auch wenn natürlich ein paar Restzweifel durch ihren Kopf jagten. War sie überhaupt in der Lage, solche rhythmischen Bewegungen durchzuführen? Wären diese auch so ausdrucksstark?
Nein! Darüber durfte sie nicht nachdenken. Ihre Hände ballten sich instinktiv zu Fäusten. Sie wollte nicht versagen. Das durfte sie einfach nicht.
Plötzlich hallte ein dumpfes Klopfen durch die Halle.
Die erfahrenen Kenshuusei stoppten sofort mit ihren Übungen und blickten sich verwirrt um. Auch die 26. Generation versuchte den Ursprung des Geräusches ausfindig zu machen. Rin war die erste, die rief:

„Da oben!“

Sofort richteten sich alle Augen auf die Terrasse, die sich in den Höhen über den Zuschauerrängen erstreckte. An einer Seite des Saals befanden sich, über das Metallgeländer gebeugt, drei schattenhafte Personen. Zwei von ihnen waren relativ klein. Reina schätzte sie ungefähr auf ihre eigene Größe. Die dritte Person war größer. Eher Dambaras und Kaedis Format.
Eine der Kleineren war die Verursacherin des Klopfens. Augenscheinlich hatte sie mit ihren Fingerknochen gegen die metallene Wand gepocht, über welches das Geländer aufgerichtet war.

„Warum sitzen die Neulinge denn da so faul herum?“

Das Mädchen schien sich über ihre Frage selbst zu amüsieren. Ihr fröhliches Lachen schallte von den Wänden wider.
Doch aus irgendeinem Grund blickte Icchan äußerst streng in Richtung des Trios.

„Murota, heute nicht! Sie beginnen erst morgen mit ihrem Training. Du brauchst also nichts Dummes versuchen.“

Ohne darauf einzugehen, sprang die Person namens Murota schlagartig über das Geländer und landete verwesen auf dem nachgebenden Hallenboden. Ein breites Grinsen begleitete sie, ebenso ihre beiden Kameradinnen, ein Mädchen mit langen, glatten, schwarzen Haaren und die andere, die Größere, mit einem eleganten Kurzhaarschnitt.

„Darf ich uns vorstellen? Mein Name ist Murota Mizuki. Das sind Kamiko“, ihr Daumen wies hinter sich auf das kleine Mädchen, „und Rikako“, eine zweite Handbewegung richtete sich auf die Größte des Trios.
Dann sagte sie unter freudiger Erregung:

„Wir siiiiiiiind… ANGERME!!!“

Momohime schüttelte den Kopf und vergrub vor peinlicher Berührung ihr Gesicht in der Hand. Kurumi rollte mit den Augen. Doch Murota Mizuki beachtete sie gar nicht. Ihr Blick war einzig und allein auf die Neulinge gerichtet. Diese wussten überhaupt nicht, was eigentlich los war. Deshalb übernahm die Chaosstifterin erneut das Wort und richtete es direkt an die 26. Generation:

„Los Neulinge! Genug gefaulenzt! Bewegt euch!“

Ohne Vorwarnung stieß Murota Mizuki sich vom Boden ab und raste in brachialer Geschwindigkeit, die Reina noch nie erlebt hatte, auf die Neulings-Gruppe zu. Nur dank dem reinen Instinkt, der ihr eindeutige Gefahr signalisierte, wich Reina in letzter Sekunde dem seltsamen Angriff aus. Mit einem kräftigen Ruck zog sie Shiori und Ayano mit sich, die sich sonst nicht von der Stelle gerührt hätten.
Yuhane war wohl demselben unguten Gefühl gefolgt. Sie hatte  sofort Rin und Marie ergriffen und war zur entgegengesetzten Seite geflohen.
Eine entsetzliche Explosion folgte unmittelbar neben Reina. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Murotas Faust grub sich mit einem Brechen und Krachen in das Mauerfundament. Steinbrocken prasselten auf den Boden. Was bitte war das für eine monströse Kraft?
Doch sie hatte keine Zeit, noch weiter darüber nachzudenken. Ein Schrei an ihrer Seite forderte ihre Aufmerksamkeit.
Das kleine schwarzhaarige Mädchen, das vorhin noch hinter Murota stand, befand sich direkt neben ihnen. Reinas Muskeln verkrampften sich vor Panik. Wo kam sie plötzlich her? Diese Geschwindigkeit war doch unmöglich.
Ohne etwas dagegen tun zu können, musste Reina zuschauen, wie das Mädchen namens Kamiko Shiori aus ihren Armen entriss und sie mit einem kräftigen Schwung in Richtung Hallendecke schleuderte. Der entsetzliche Schrei Shioris ging Reina bis ins Mark.
Sofort schnellte ihr Blick zu Yuhane. Die große junge Frau namens Rikako hatte sich der aufgeteilten Gruppe angenommen. Ohne auch nur die Körper der Mädchen zu berühren, wurden sie auseinandergerissen. Rin und Marie schliffen über den Hallenboden, während Yuhane sich gerade so an der Mauer hinter sich abstützen und somit auch den harten Aufprall verhindern konnte. Dafür erntete sie von Rikako ein überraschtes Zucken der Augenbrauen.

„Du träumst etwas zu viel. Kümmere dich besser um dich selbst.“

Die Worte erklangen direkt an ihrem Ohr. Jemand befand sich unfassbar nah hinter ihr. Wie in Zeitlupe drehte Reina ihren Kopf. Es war Murota, deren Gesicht nicht einmal mehr zehn Zentimeter von ihrem eigenen entfernt war.
Das Letzte, was Reina vernahm, war das fröhliche Lachen der Irren, als sie von einer brachialen Macht, die für sie nicht sichtbar erschien, komplett durch den Raum geschmettert wurde. Was war das? Was war hier los? Wer sind die Drei?
Noch während sie in großer Geschwindigkeit auf die Wand am anderen Ende der Halle zuraste, dachte sie über diese Fragen nach. Sie wollte es unbedingt herausfinden. Sie wollte Antworten auf ihre Fragen. Jetzt! JETZT!
Mit einem schlagartigen Salto in der Luft warf sie ihre Beine nach hinten und vollführte eine 180 Grad Drehung. Im fast gleichen Moment prallten ihre Beine rechtzeitig gegen die Mauer und es gelang Reina, das Gleichgewicht zu halten.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand die Zeit still. Es sah so aus, als würde sie seitlich an der Wand hocken und als wären alle Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt.
Alle, die dem Spektakel beiwohnten, waren von der gegebenen Situation vollkommen überrumpelt. Icchan und Kurumi hielten den Atem an. Kaedi verengte die Augen zu Schlitzen. Ayano, die glücklicherweise noch unberührt blieb, wurde kreidebleich. Murota Mizuki riss Mund und Augen vor freudiger Verblüffung auf.
Für einen kurzen Moment richtete Reina ihre Augen zielgerichtet auf Murota. Ihr Blick sprach todernste Bände. Im gleichen Moment stieß sie sich von der Wand ab und flog in atemberaubendem Tempo auf ihre Kontrahentin zu.
Diese hatte mit solch einer Reaktion keinesfalls gerechnet. Trotzdem nahm sie reaktionsschnell eine defensive Haltung ein und wartete aufgeregt auf den Zusammenprall mit Reina.
Ein brachialer Windstoß schoss über die Fläche.
Sowohl Murota als auch Reina waren komplett irritiert. Das ANGERME-Mitglied wurde nach hinten an die Wand gedrückt, während der Neuling prompt das Gleichgewicht in der Luft verlor und schmerzhaft auf dem Boden aufschlug.
Kurz bevor es zum Aufeinandertreffen kam, hatte sich eine andere Person dazwischengeworfen. Es war Kaga Kaede, unter den Kenshuusei bekannt als Kaedi.
Sie hatte Reinas Geschwindigkeit ausgenutzt und diese neutralisiert. Im gleichen Moment nutzte sie die Energie des erzeugten Schwungs, um Murota wegzuschlagen. Diese hatte allerdings den Reaktionsschlag geblockt und war durch die Druckwelle lediglich ein Stück nach hinten geschoben worden.
Sofort erhob die stille Kaede das Wort:

„Das reicht jetzt Murotan.“

Die Angesprochene zögerte kurz. Für einen Moment schien ihr Blick auf ihre Widersacherin fixiert zu sein. Doch dann gewann sie schlagartig ihr Lachen zurück.

„Schon gut, schon gut. Ich verstehe schon Kaedi. Das hier ist schließlich wichtige Trainingszeit, die dir verloren geht, nicht wahr? Und Zeit ist kostbar.“

Den letzten Satz hatte sie mit einem schwächeren Unterton ausgesprochen. Doch es hatte scheinbar einen gewünschten Effekt bei Kaede erzeugt. Diese funkelte die Chaotin wütend an und schritt auf sie zu.

„Hast du mir was zu sagen? ...“

Reina, die noch immer überrascht auf dem Boden lag, betrachtete die beiden. Ihre Gesichter berührten sich fast. Man konnte förmlich die Wutfunken zwischen ihnen versprühen sehen.
Auf einmal begann das junge Mädchen zu lachen. Murotan und Kaede blickten verwundert zu ihr hinunter. Reina lachte so schallend, dass jeder zu ihnen schritt. Icchan war sogar kurz besorgt, dass Reina eine Kopfverletzung abbekommen hatte.
Doch sie lachte weiter. So herzhaft. So ehrlich und fröhlich. So naiv und kindlich. Sie konnte nicht aufhören.
Kamiko trug Shiori zur Stelle des Geschehens. Das kleine ANGERME-Mitglied hatte Shiori nur ein wenig durchgewirbelt, doch unverletzt gelassen. Schließlich wurde das Mädchen mit den Grübchen von der erfahrenen Kämpferin lächelnd aufgefangen. Ayano begleitete sie.
Rikako hatte Yuhane, Rin und Marie die Hand gereicht. Insbesondere von Yuhane war sie begeistert.
Sie alle versammelten sich um Murotan, Kaede und Reina. Der Anblick musste für jeden Außenstehenden absolut skurril erscheinen. Zwei Mädchen, die sich beinahe die Köpfe einschlagen wollten, und ein drittes, welches zu ihnen blickte und schallend lachte.
Die anderen konnten nicht umhin als irgendwann mit ins Gelächter einzustimmen. Murotan gewann ihre Fröhlichkeit zurück. Und selbst Kaede ließ sich zu einem Schmunzeln verleiten. Letzten Endes wussten sie alle gar nicht, warum sie eigentlich lachten. Doch es tat gut. Und es war dieses kleine, dunkelhaarige Mädchen mit den wohlgeformten Lippen namens Yokoyama Reina, die sie alle die Freude verspüren ließ.

Nachdem sie sich so langsam beruhigt hatten, reichte Murotan dem auf dem Boden liegenden Mädchen die Hand. Reina nahm das Angebot dankend an und durfte sich endlich aufrichten. Nach einem respektvollen Nicken sagte Murotan:

„So jemand wie dir ist mir ja noch nie begegnet. Normalerweise erlaube ich mir diesen Spaß, den Neulingen der Akademie zu zeigen, was sie erwarten wird. Doch sonst machen sich eben diese Neulinge vor Angst in die Hose oder rennen schreiend weg. Sie dann quer durch die Halle zu jagen, ist, wie könnte man es sagen“, sie tippte verspielt mit ihrem Zeigefinger auf ihre Lippen, „ein Hobby von mir.“

Erneut breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

„Doch dass mir jemand so frech kommt und sich tatsächlich wehrt, ist mir zugegebenermaßen noch nie passiert. Ich bin beeindruckt. Vielleicht bist du ja sogar jemand für ANGERME?“

Mit einem kräftigen Schlag auf Reinas Schulter gab Murotan ihren aufkommenden Respekt vor dem Mädchen zu verstehen. Allerdings brach diese sofort unter der Wucht zusammen. Erschrocken halfen ihr alle wieder auf. Reinas Beine zuckten und zitterten stark, als sie mit zugekniffenem Auge sprach:

„Ich glaube, das war heute alles etwas zu viel. Ich will eigentlich nur noch ein warmes Bad und ein noch wärmeres Bett.“

Kurumi setzte wieder ihr liebevolles Lächeln auf.

„Kein Wunder! Du hast nicht nur einen Schlag eines Gruppierungs-Mitgliedes ausgehalten, sondern wolltest diesen am Ende auch noch kontern. Den Aufprall mit deinen Beinen abzufangen, hat deinem Körper garantiert mehr geschadet als geholfen. Aber genau dafür bist du ja hier. Um die Balance zwischen deinem Körper und deinem Geist zu erlangen.“

Auch Dambara Ruru, die zuvor die ganze Zeit still geblieben war, richtete ihren Blick auf Reina.

„Ich habe noch nie gesehen, wie ein Neuling sich so gegen Murotan behaupten konnte. Wir sollten uns vor dir in Acht nehmen.“

Auch wenn Reina nicht wusste, ob das tatsächlich ein gut gemeintes Kompliment war, erwiderte sie das Lächeln von Ruru. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass das eine große Auszeichnung war.

Wie schon Goto Maki bei der Begrüßung der Neulinge in die Hände klatschte, so machte es Ichioka Reina ihr nun in gleicher Art nach.

„Leute, es ist schon spät. Wir beenden für heute das Training. Ich denke, es war ein ereignisreicher Tag und wir sollten ausgeruht und gespannt auf den nächsten Morgen zugehen. Findet ihr nicht auch?“

Sie alle stimmten dem zu. Murotan, Kamiko und Rikako verabschiedeten sich und schritten als erste von dannen.
Reina blickte ihnen entschlossen nach. Yuhane und Ayano traten an ihre Seite. Die etwas schusselige Kawamura ergriff als Erste das Wort:

„Das war also eine dieser Gruppierungen. Sie sind echt stark. Ab morgen haben wir viel zu tun, wenn wir ihnen beitreten wollen.“

Reina nickte. Sie hatte vollkommen recht. Diese Geschwindigkeit. Beweglichkeit. Kraft. Konzentration. Murotan. Kamiko. Rikako. Sie waren unglaublich. Reinas Augen funkelten.
Lächelnd legte Yuhane die Hand auf die Schulter des Mädchens.

„Ich verstehe dich. Ab morgen zeigen wir allen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind.“

Reina konnte all das, was kommen sollte, nicht mehr abwarten. Das Gefühl von Freude, Aufregung und Glückseligkeit flutete durch ihr Innerstes. Sie war bereit. Sie war bereit für die REHAB Academy.
Vollster Entschlossenheit traten die Drei in Richtung Ausgang. Schon bald sollte ihre Reise beginnen.

„Ähm…“

Shiori räusperte sich plötzlich. Sowohl Reina als auch Yuhane und auch Ayano drehten sich verwirrt zu ihr um.

„Wisst ihr eigentlich, wo wir schlafen?“

Verdutzte Stille machte sich breit. Komplett ratlos und mit verdattertem Blick schauten die Drei zur Fragestellerin. Diese bemerkte die Ahnungslosigkeit und rief halb wütend, halb lachend:

„WIE? IHR LAUFT GANZ DRAMATISCH ZUM HALLENAUSGANG UND WISST GAR NICHT, WO IHR DANACH HINMÜSST?“

Mit Ausnahme der Drei und Shiori kugelten sich alle Beteiligten vor Lachen. Japsend brachte Icchan hervor:

„Macht euch keine Sorgen. Ich zeige euch alles. Zum einen wo ihr schlafen, zum anderen wo ihr morgen früh mit uns gemeinsam essen werdet. Auch wenn das Schloss groß ist, habe ich ein paar nette Eselsbrücken für euch, die einen in so manchen Gängen weiterhelfen können.“

Reina und Ayano waren so erleichtert und dankbar, dass sie sogar in Tränen ausbrachen und sich vor Icchans  Beine warfen, bis Kurumi ihnen ein paar deftige Kopfnüsse gab und sie sich beruhigten.
Alles in allem war es eine harmonische Gruppe. Und die Neuen schienen sich perfekt einzufügen, dachten sich die Älteren zufrieden.

Kapitel 5 – Tsunku

Yokoyama Reina lag, mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt, in ihrem Bett und blickte nach oben zur schwarzen Decke. Nach allem, was sie heute erlebt hatte, musste sie eigentlich hundemüde sein. Doch stattdessen schossen unzählige Gedanken durch ihren Kopf.
Goto Maki. Das Haven. Die 26. Generation. ANGERME. Die Kenshuusei.
Etwas weiter links von ihr gab Kawamura Ayano einen lauten Schnarcher von sich. Das Rascheln der verschiedenen Bettdecken hinterließ bei Reina ein wohliges, familiäres Gefühl. Unbewusst stahl sich ein Lächeln auf ihr junges Gesicht.
Icchan hatte sie von der Trainingshalle direkt in Richtung der Schlafsäle gelotst. Während sie dabei durch die Korridore gelaufen waren, hatte die Ältere ihnen auf einfachstem Wege erklärt, wie sie den Weg ganz leicht selbst nachvollziehen konnten:

„Euch ist es jetzt noch nicht bewusst, aber ihr werdet mitbekommen, dass die Erfahrungswerte, welche euch implementiert wurden, sich dann und wann tatsächlich als äußerst nützlich erweisen. Beispielsweise seid ihr in der Lage, einige allgemeine Morsezeichen zu verstehen und auch selbst von euch zu geben.“

Bei dieser Anmerkung zogen einige der Neulinge vor Verblüffung die Augenbrauen nach oben. Icchan hatte, ohne sie zu beachten, fortgesetzt:

„Wie ihr sicherlich auch bemerkt habt, sind wir nun des Öfteren an Kreuzungen vorbeigekommen“, hatte sie mit einem Grinsen angedeutet. „Auf dem Weg zwischen unserer Trainingshalle und den Kenshuusei-Schlafsälen befinden sich exakt sechs Kreuzungen. Und bei jeder Einzelnen von ihnen nehmt ihr den kürzesten Gang. Dabei braucht ihr auch keine Angst zu haben, denn in jedem Fall ist es unverkennbar, welcher fortführende Gang nicht so lang ist wie die anderen.“

Yuhane hatte verwirrt argumentiert:

„Aber was hat das Ganze mit den Morsezeichen zu tun?“

Daraufhin wurde Icchans Grinsen nur noch breiter, als sie erwiderte:

„Zwischen den ersten und den letzten drei kurzen Gängen liegen noch genau drei weitere Gänge, welche weit länger sind, als die vorigen. Einer führt euch in die Haupthalle mit der großen marmornen Treppe, die ihr heute schon gesehen habt. Der Zweite ist eher metaphorisch gedacht, denn es ist der Gang von einer Tür der Haupthalle zur gegenüberliegenden Tür. Der dritte Gang führt aus der Haupthalle heraus und macht eine starke Linkskurve.“

Auch wenn Reina noch immer nicht verstanden hatte, worauf Icchan hinauswollte, schien es langsam zur Auflösung der Eselsbrücke zu kommen. Einer sehr langatmigen Eselsbrücke, wie es ausschaute, dachte sich Reina im Stillen.

„Wir haben also drei kurze Gänge, drei lange Gänge und dann wieder drei kurze Gänge. Fällt euch etwas auf?“

Yuhane hatte prompt geantwortet:

„S.O.S.“

Icchan musste bei dieser schnellen Antwort lachen:

„Genau! Solltet ihr also zweifeln, wie ihr vom Schlafsaal zur Trainingshalle kommt oder andersherum, dann merkt euch einfach das Morsezeichen für den S.O.S.-Befehl. Drei kurze Gänge. Drei lange Gänge. Drei kurze Gänge. Und wenn ihr euch dann immer noch verlauft, wisst ihr zur Not wenigstens, was ihr schreien müsst, damit euch jemand helfen kommt.“

Bei dieser Erinnerung musste Reina unwillkürlich in ihr Kissen grinsen. All die neuen Bekanntschaften wirkten so entschlossen und lebensfroh. Daran wollte sich das junge Mädchen ein Beispiel nehmen.
Ihre Augen wanderten durch die Schwärze des Raumes. Die sanften Atemgeräusche ihrer Generationsmitglieder hallten zu ihr hinüber. Sie alle lagen in Einzelbetten. Die waren nicht besonders breit, doch die Matratze fühlte sich wie eine kuschelige Wolke an. Es war nicht verwunderlich, dass die anderen schon nach wenigen Minuten ins Reich der Träume entschwunden waren.

„… Reina? Bist du noch wach?“

Shioris flüsternde Stimme drang von einer Ecke zu ihr hinüber. Reina antwortete leise:

„Ja. Ich bin viel zu aufgeregt. Was uns wohl morgen alles erwartet?“

Das andere Mädchen schwieg einen kurzen Moment. Dann erwiderte sie:

„Das Training sah nicht danach aus, als wäre es einfach.“

Reina nahm den besorgten Unterton deutlich wahr. Sie versuchte Shiori trotz der Dunkelheit ein Lächeln zu schenken.

„Wenn Goto Maki uns unterrichtet, kann es doch nur cool werden, oder? Und Icchan, Kurumi, Momohime und all die anderen werden uns bestimmt tatkräftig unterstützen. Dann werden wir bald so stark sein wie ANGERME.“

Shiori lachte heiser.

„Wir kennen uns noch nicht wirklich, aber bisher habe ich immer nur positive Worte aus deinem Mund gehört, Reina.“

Die Angesprochene lief rot an. Dies konnte Shiori eigentlich nicht sehen, trotzdem flüsterte sie mit einem grinsenden Tonfall:

„Ich mag das.“

Ohne weitere Worte zu wechseln, drehten sich die beiden Mädchen auf ihre liebste Schlafseite und schlossen die Augen.
Einiges ging Reina noch durch den Kopf, bevor sie nach und nach in den Schlaf glitt. Doch ein letztes Wort gab sie, unterbewusst und schon vollkommen in eine andere Gedankenwelt verflogen, mit einem wohlig warmen Gefühl von sich: Freunde. 

„…na! …Reina! …REINA!“

Das dunkelhaarige Mädchen schreckte aus ihrem Bett hoch. Die Decke flog im hohen Bogen Richtung Raummitte, traf die überraschte Ayano, während diese gerade ein Hemd überzog, und warf sie gnadenlos um.
Marie stand an Reinas Bett und sah sie vorwurfsvoll an.

„Du Schlafmütze! Wir wollten uns doch in zehn Minuten mit Icchan in der Haupthalle treffen.“

Rasch wandte das Mädchen sich von der Angesprochenen ab und rannte ins Bad nebenan. Inzwischen versuchte Reina sich zu sammeln. Halb schlaftrunken fiel ihr Blick auf die Kuckucksuhr über der Tür. Die Eule, die sekündlich aus dem Holzgebilde schoss und als Wecker diente, schaute das zerzauste Knäuel, bestehend aus Haaren, die in alle Winde zerstreut lagen, mit gerunzelter Stirn an und wies warnend mit einem Finger auf das Ziffernblatt. Zehn vor Sieben.
Reina benötigte ein paar Sekunden, um die Situation zu realisieren. Ayano hatte ihr inzwischen, mit leicht gerötetem Gesicht, die Decke zurückgebracht.
Bruchstückhafte Erinnerungen drangen in den Kopf der Fünfzehnjährigen. Sie hatte geträumt. Es ging um einen Mann in einem weißen Anzug. Er lächelte. Plötzlich fand sie sich auf einem riesigen Schokoladeneisberg wieder. Glücksgefühle schäumten in ihr auf. Elegant surfte sie auf den Wellen aus kalter Speise.
Umso länger sie darüber nachdachte, umso mehr spürte sie den Wunsch in sich aufkommen, in den Traum zurückzukehren.

„REIIIIINAAAAA!!!“

Yuhane und Marie hatten gleichzeitig ihre Köpfe aus dem Bad gesteckt und blickten genervt zur Träumerin. Diese schreckte ein zweites Mal aus dem Bett und warf, wie sollte es anders sein, erneut die Decke in Richtung Raummitte genau auf die ahnungslose Ayano. Das laute Poltern ihres Falls war im ganzen Schlafsaal zu hören.

Es war Punkt Sieben Uhr, als die 26. Generation unter Keuchen und Luft schnappen an der gewaltigen, marmornen Treppe in der Haupthalle ankam. Shiori legte ihre Hände auf die Knie und brachte mit quälender Atemnot hervor:

„Ich dachte, wir befinden uns hier in einer virtuellen Welt? Warum gibt es dann so etwas wie Seitenstechen und Brustschmerzen? Fühlt sich alles sehr real an.“

Vom oberen Ende der Treppe hörten sie ein amüsiertes Lachen. Icchan und Kurumi schritten zu ihnen herunter. Die Anführerin der Kenshuusei antwortete sogleich:

„Ihr vergesst, dass das hier eine Therapie simulieren soll. Natürlich müssen dafür auch alle Anstrengungen aus der wirklichen Welt übernommen werden.“

Rin motzte nun:

„Wenn wir sowieso keine Vorteile haben, warum machen wir die Therapie nicht gleich in der echten Realität?“

Daraufhin schenkte ihr Kurumi ein gewitztes Lächeln:

„Oh, ihr werdet merken, dass ihr einige Vorteile in dieser Welt genießt, die ihr sonst nicht hättet.“

Die Jüngste unter ihnen brummte daraufhin:

„Ich will es hoffen.“

Ohne weitere Kommentare traten sie den gemeinsamen Gang an. Endlich diese gigantische Treppe empor zu steigen, besaß für Reina etwas Zufriedenstellendes. Es wirkte beinahe so, als hatte diese beeindruckende Gesteinsform auf sie gewartet, ja förmlich nach ihr gerufen.
Doch was als Nächstes folgte, hätte sich Reina niemals auch nur erträumen lassen. Am Ende der Treppe erwartete sie eine riesige Halle, die den Hauptflur beinahe wie eine Besenabstellkammer aussehen ließ. Mindestens die dreifache Größe erstreckte sich direkt vor ihren erstaunten Gesichtern. Das orangene Schimmern der Morgensonne drang in tausend Facetten durch die nicht minder großen Bleigasfenster, die sich an den Seiten entlangzogen. Weiße Marmorsäulen, mindestens 100 Stück, verteilten sich über ihr gesamtes Blickfeld. Mit weit geöffneten Mündern bestaunten die Neulinge das Bauwerk, welches große Ähnlichkeiten mit dem Inneren einer monströsen Kathedrale besaß. Die Decke formte sich zu einer unglaublichen Kuppel, die ebenfalls aus unzähligen Gläsern bestand.
Icchan breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis, während sie freudig rief:

„Willkommen im Haven! Unser göttlicher Zufluchtsort!“

Reinas Augen begannen zu tränen, so überwältigt war sie von allem um sich herum. Schnell wischte sie sich mit dem Ellbogen das Nass von ihren Wangen. Sie konnte nicht glauben, was sich hier vor ihr erstreckte. Ayano ergriff den Saum von Reinas Ärmel. Diese dachte, dass die Größere ihr etwas sagen wollte, doch als sie zu ihr blickte, erkannte Reina, dass Ayano genauso ergriffen war wie sie selbst, und das Gefühl besaß, als müsste sie sich einfach irgendwo festhalten.
Kurumi streckte ihren Arm aus und wies mit dem Zeigefinger auf das Ende des Havens.

„Seht ihr die enorme Flügeltür. Das ist der Eingang zum Thronsaal. Dort wird jeden Morgen, Mittag und Abend gegessen.“

Yuhane wurde hellhörig. Dann merkte sie mit ironischem Unterton an:

„Thronsaal? Wartet etwa ein König auf uns?“

Kurumi lachte.

„Nicht ganz.“

Ohne genauer darauf eingehen zu wollen, führten die beiden Älteren sie direkt zu der Flügeltür. Sie war einen Spalt breit offen, doch das reichte aus, dass hunderte Leute hindurchpassten. Ein reger Fluss an Gestalten betrat und verließ den sogenannten Thronsaal.
Reina fragte verwundert:

„Wer sind all die Menschen?“

Icchans Miene verdüsterte sich etwas.

„Die meisten von ihnen sind Gefäße.“

Shiori stockte.

„Gefäße?“

Die Kenshuusei-Anführerin nickte.

„Wir nennen sie so. Es sind leere Hüllen, lebende Puppen, wenn ihr so wollt, die nichts anderes tun, als ihren täglichen Gepflogenheiten nachzugehen. Das können simple Arbeiten zur Instandhaltung des Schlosses sein“, sie blickte zu einer kleinen Gruppe an Männern und Frauen, die Besen und Wischtücher mit sich trugen, „oder aber große Aufgaben, die einem höheren Wohl dienen.“

Yuhane zog die Augenbrauen zusammen.

„Was meinst du mit höherem Wohl?“

Icchans Lippen formten sich zu einer schmalen Linie ehe sie antwortete:

„Ich bin mir nicht sicher. Einige von ihnen tragen Waffen mit sich. Sie verlassen für einige Zeit das Schloss und tauchen nach Wochen wieder auf. Andere bleiben für immer verschwunden. Wenn man sie ausfragt, bekommt man nur dieselben Antworten zu hören, darunter nichts Informatives.“

Kurumi übernahm ab hier das Wort.

„Unter uns Kenshuusei wird sich erzählt, dass die Gefäße dazu dienen, um in den späteren Rehab Graden voran zu kommen. Doch keine der Gruppierungen hat uns das je bestätigt. Allerdings kann es auch sein, dass sie zum Schweigen verpflichtet sind, um uns nicht abzulenken mit Dingen, die uns noch nicht beschäftigen sollen.“

Ihr rundliches Gesicht bildete einen mysteriösen Ausdruck. Scheinbar liebte sie dieses Detektivspiel.
Reina betrachtete die verschiedenen Personen um sich herum. Inzwischen befanden sie sich direkt in der Menschenmasse und ließen sich regelrecht vom Strom treiben. Sie verstand, warum die Kenshuusei diese seltsamen Wesen als Puppen, Hüllen oder Gefäße bezeichneten. Ihre Bewegungen wirkten emotionslos. Keine Regungen zeigten sich in den Gesichtern. Ihre Schritte folgten einem Rhythmus, den ein normaler Mensch niemals in solch zeitgleicher Perfektion umsetzen könnte. Dann dämmerte es ihr.

„Ihnen fehlt eine Seele.“

Die Kenshuusei blickten überrascht zu Reina. Sie hatte die Worte nur geflüstert, doch das Ausmaß der Aussage schien wie eine Druckwelle durch die gesamte Halle gepresst zu werden. Sogar einige der Gefäße drehten sich um und starrten die Gruppe für einen Moment an.
Während sie durch die große Flügeltür traten und endlich den Thronsaal erreichten, versuchten Icchan und Kurumi das unangenehme Thema auf freudigere Sachen zu lenken. Deshalb richtete sich ihr Fokus sofort auf die unzähligen Tischreihen und Stühle, die sich im kompletten Saal verteilten. Mindestens 50 Stück zählte Reina, bevor sie letztendlich aufgab.
Auf den jeweiligen Tischen verteilten sich unendlich viele Speisen und Getränkesorten für ein so vielfältiges Frühstück, wie es noch nie jemand erlebt haben konnte.
Die pure Vorfreude elektrisierte die Neuankömmlinge förmlich, sodass sie nicht bemerkten, dass die beiden Älteren bereits an einen der vielen Tische getreten waren. Erst nach mehrfachem Rufen gelang es auch der 26. Generation, zu den bekannten Gesichtern zu treten. Dort saßen nämlich Kiyono Momohime, Dambara Ruru, Kaga Kaede und noch einige Personen, die Reina nicht kannte.
Mit einem breiten Grinsen wies Icchan auf die Neulinge.

„Darf ich vorstellen: Die 26. Generation der Kenshuusei!“

Die Augen der unbekannten Leute weiteten sich. Staunen und Freude verbreitete sich am Tisch. Einige von ihnen standen sogar auf, ergriffen die Hände der Neulinge und schenkten ihnen eine leichte Verbeugung.

„Es ist schön, euch bei uns zu haben.“

Die Worte kamen aus dem Mund von Maeda Kokoro, die beinahe durch ihre Nervosität Reinas Hand zerquetscht hätte. Diese schluckte den Schmerzimpuls schnell herunter.
So ging die Vorstellung reihum und sie lernten auch die restlichen Mitglieder der Kenshuusei kennen.
Das waren noch Inoue Hikaru, Kanatsu Mizuki, Noguchi Kurumi, Ono Kotomi, Kodama Sakiko und Yonemura Kirara. Sie alle begrüßten die Neuankömmlinge herzlich, und schnell war es ein harmonisches Miteinander am Frühstückstisch.
Reina hielt sich zuerst aus den Gesprächen heraus und verlor sich in vollkommenem Genuss der frisch gebackenen Brötchen, deren Teig sich so fluffig anfühlte, dass Reina sich am liebsten eine Decke daraus gebastelt hätte. Es gab Marmeladen unterschiedlichster Früchte. Nachdem ihr die Rhabarber-Erdbeer-Holunder-Konfitüre mehr als nur gemundet hatte, probierte sie nun einen Mix aus Quitten-Gelee und Aprikosen-Streich. Als sie dann auch noch Käse als Topping auf das Brötchen legte und das ganze Produkt mit einem breiten Grinsen zum Mund führte, bemerkte sie, dass sie von Ayano entgeistert beobachtet wurde.

„Wie kannst du DAS essen?“

Der Blick von Ayano war erschrocken auf das Brötchen in Reinas Hand gerichtet. Diese hielt die Mahlzeit verwundert nach oben, um der Verwirrung auf den Grund zu gehen. Nach kurzer Prüfung musste Momohime, die neben Ayano saß und das Geschehen amüsiert bemerkt hatte, lachen. Japsend brachte sie hervor:

„Sie meint das Brötchen, du Dummi! Wie kannst du dir nur so viel Zeug gleichzeitig darauf schmieren.“

Erleichtert lachte nun auch Reina.

„Ach so, das meint ihr.“

Und ohne zu zögern biss sie herzhaft in das Marmeladen-Käse-Brötchen. Freudig schmatzend grinste sie die beiden gegenübersitzenden Mädchen an, welche mit vor Ekel verzerrtem Gesicht die Szenerie beobachteten.
Plötzlich richtete Inoue Hikaru das Wort an die Fünfzehnjährige.

„Sag mal, Reina, was hast du so für Hobbies?“

Sofort folgten alle neugierig dem Gespräch. Reina hingegen, die schnell den großen Bissen ihre Speiseröhre hinunterpresste und sich dabei beinahe verschluckte, war geschockt, dass sie plötzlich im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit stand.

„Ähm, ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe gar keine.“

Zu ihrer Verwunderung schüttelte Hikaru lachend den Kopf.

„Doch, doch, hast du!“

Kokoro sprang der verwirrten Reina erklärend zur Seite.

„Du musst verstehen, dass wir leider nicht viel aus unserer Vergangenheit wissen. Das wurde euch ja bereits von Goto Maki erklärt, so wie ich das gehört habe“, die Neulinge nickten ihr zu, woraufhin sie weitersprach, „Deshalb haben wir nicht viel, um uns voneinander zu unterscheiden. Lediglich die Persönlichkeiten und unsere Interessensgebiete lassen uns ein Individuum hier sein. Ich beispielsweise liebe es Musik zu hören und mein Karate zu betreiben.“

Reina verstand. Sie schloss kurz die Augen und dachte scharf nach. Was mochte sie? Was waren ihre Hobbies? Tief in ihrem Herzen gab es bestimmt eine Antwort.
Dann öffnete sie ihre Augen und ein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht.

„Instrumente. Ich spiele gern Instrumente.“

Es gab vereinzelte Wow’s und Ohh’s und die Kenshuusei blickten sie bewundernd an. Reina betrachtete die Decke des alten Gemäuers.

„Außerdem mag ich Geschichten. Geschichten aus der Vergangenheit. Ich will alles wissen, was früher einmal geschehen ist. Ich will es mit anderen teilen und hören, was sie darüber denken.“

Als Takase Kurumi das hörte, nickte sie Reina verschmitzt zu:

„Dann wird dir unsere Bibliothek gefallen.“

Mit freudiger Überraschung schaute Reina zu ihrer Kameradin, kam jedoch nicht mehr dazu, etwas zu antworten. Stattdessen bewegte sich plötzlich die riesige Flügeltür. Unter wuchtigen und kratzenden Geräuschen öffnete sie sich fast vollständig. Mit einem Mal standen alle Personen im Saal auf und richteten ihren Blick auf den Eingang. Reina und die anderen Neulinge folgten hastig dem Beispiel, ohne zu wissen, was sie erwartete.
Für einen kurzen Zeitraum war der Thronsaal von einer achtsamen Stille durchzogen. Doch dann hörte Reina Schritte. Schritte die immer lauter wurden. Bis sie sich schließlich zu einer Person manifestierten, die das Zentrum aller Aufmerksamkeit war.
Es war ein Mann. Er war größer als jede Person, die Reina bisher getroffen hatte. Sein Gang besaß etwas Majestätisches. Auch seine Kleidung verriet, dass sein souveränes Auftreten kein Zufall sein konnte. Das schwarze Seidenjackett und die schimmernd schwarze Hose wiesen hochwertige Materialen auf. Vom Alter her schätze Reina ihn auf Mitte 40. Doch das wirklich Beeindruckendste an ihm war die massive Aura, die er ausstrahlte. Sie war noch umwerfender als die von Goto Maki.
Reinas Beine begannen, wie schon damals, zu zittern. Als der Mann direkt an ihrem Tisch vorbeischritt, wurde es für sie beinahe unerträglich. Kurz bevor sie zusammensackte, legte ihr Icchan eine Hand auf die Schulter, um Reina zu beruhigen. Dankend blickte sie in das lieb lächelnde Gesicht und tatsächlich half es ihr.
Als der Mann mit dem wehend nussbraunen Haar vorbeigeschritten war, atmete Reina tief durch. Sie hörte gerade noch das Flüstern von Shiori in ihre Richtung.

„Wer war das?“

Kurumi flüsterte achtsam zurück.

„Das war Tsunku, der Direktor der Rehab Academy und Leiter der internen Observation von Hello!Project Online. Er hat hier das Sagen. Außerdem ist er unser Sprachrohr zur realen Welt.“

Reina blickte nun, da Tsunku schon einige Meter entfernt war, dem mächtigen Mann nach. Für einen kurzen Moment herrschte eine eindrucksvolle Stille. Mehrere Sekunden musterte Reina ihn genaustens. Sie verfolgte seinen Gang durch die Menge bis hin zu seinem Platz an der Spitze des Saals. Auf einer Anhöhe gab es einen festlich geschmückten Tisch für die Lehrer, an dessen Front ein großer Stuhl stand, der wiederum große Ähnlichkeiten mit dem Thron eines Königs besaß. Auf eben diesen Thron setzte sich Tsunku.
Yuhane sagte spöttisch:

„Daher also Thronsaal. Ich verstehe. Der scheint ja eine Menge von sich zu halten, oder?“

Reina hingegen blickte noch immer unentwegt zu dem beeindruckenden Mann. Dieser nickte Goto Maki, die zwei Stühle von ihm entfernt saß, zu und nahm sich ein Brötchen. Scheinbar hatten die beiden ein Gespräch miteinander begonnen.
Ayano brachte leise hervor:

„Er ist schon gruselig, oder?“

Während die anderen Neulinge ihr zunickten, betrachtete Reina ihn weiterhin, ohne Anstalten zu machen, ihre Augen abzuwenden.
Marie warf ihr einen besorgen Blick zu.

„Was hast du Reina? Macht er dir auch Angst?“

Bevor die Angesprochene antwortete, verengte sie die Augen zu Schlitzen, um klarer erkennen zu können, was sich am Lehrertisch abspielte. Sie war die Einzige, die noch immer stand. Shiori zog an ihrem Shirt, um sie darauf aufmerksam zu machen.
Doch dann entdeckte sie es. Tsunku hatte sich gerade auf sein Brötchen Quitten-Gelee und Aprikosen-Streich getan. Dann folgte der Käse oben drauf und schließlich das süffisante Grinsen, welches die Vorfreude auf den kommenden Genuss verriet.
Sofort setzte sich Reina, packte sich zufrieden ihr eigenes halb aufgegessenes Brötchen und biss ein weiteres Mal herzhaft hinein.
Shiori, Marie und Ayano beobachteten sie mit maßloser Verwirrung. Ehe sie etwas erfragen konnten, grinste Reina über beide Ohren und sagte schließlich:

„Er kann gar nicht böse sein.“

Kapitel 6 – Die drei Grundpfeiler des Havens

Nachdem das Frühstück beendet war, machten sich alle Kenshuusei auf den Weg in ihre Schlafsäle. Bevor sie sich trennten, wies Icchan warnend auf eine Holzuhr an der Wand des Kenshuusei-Hauptquartiers, welches sich treppabwärts unter den Gemächern befand. Das Ziffernblatt zeigte Fünfzehn vor Neun an.

„Beeilt euch, euer Basis-Unterricht beginnt in einer viertel Stunde. Unsere Lehrer mögen es überhaupt nicht, wenn man zu spät kommt.“

Sofort richteten sich alle Blicke der 26. Generation einheitlich auf Yokoyama Reina. Diese wollte stotternd etwas erwidern, doch Icchan ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Geht hoch in eure Schlafsäle. Dort findet ihr, am Ende eures Bettes, jeweils eine Metalltruhe für jeden von euch. Darin sind Klamotten für unterschiedlichste Anlässe in eurer Größe enthalten. Nehmt euch eure Trainingskleidung und verwahrt sie in den Taschen, die unter euren Betten gelagert sind. Dann kommt ihr wieder herunter. Ich führe euch in den Klassenraum.“

Ohne Weiteres von sich zu geben, machten die Neulinge sich sofort in Richtung Schlafsäle auf. Oben angekommen, schritt ein jeder von ihnen auf die genannte Truhe zu und öffnete sie. Reina erkannte viele verschiedene Grau-, Grün- und Schwarztöne. Sie hätte etwas mehr Farbenfroheit in ihrer Kleidungsauswahl erwartet.
Als sie jedoch durch die einzelnen Stücke streifte, auf der Suche nach den Trainingsklamotten, bemerkte sie den hochwertigen Stoff. In der realen Welt wäre dies niemals möglich gewesen. Teure Kleidung. Ein monströses Märchenschloss. Hochwertiges Essen in beinahe unendlichen Mengen.
All dies wurde durch den virtuellen Raum, in dem sie sich befanden, möglich gemacht.
Während sie die Kiste durchwühlte, gingen ihr diese Gedanken durch den Kopf. Schließlich fand sie das gesuchte Trainingsset. Es bestand aus einer langen, grauen Jogginghose, zwei weißen Socken mit Kompressionseffekt und einem kurzärmligen, schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift ‚Hello!Project Online‘. 
Das Outfit war sehr schlicht gehalten, dachte sich Reina. Höchstwahrscheinlich sollte es bloß dem Zweck dienen, bequeme Bewegungen auszuführen, und keine Ablenkung schüren.

„Reina, los!“

Die anderen warteten bereits am Ausgang. Sofort packte Reina alle benötigten Utensilien in die Tasche, die sich unter ihrem Bett befand. Sie besaß einen dunklen Grauton mit hellblauen Streifen an den Seiten. Das Design verriet eindeutig, dass diese Tasche normalerweise von Sportlern genutzt wurde.
Nachdem alles eingepackt war, machte die 26. Generation sich auf den Weg zu Icchan. Diese winkte und gab ihnen das Zeichen, ihr zu folgen.
Reina hatte äußerste Mühe, sich die Abzweigungen und Gänge zu merken, doch die Anführerin der Kenshuusei beruhigte sie, indem sie sagte, dass man bereits nach ein paar Tagen alle nötigen Wege auswendig wusste.
Es dauerte tatsächlich nicht lange und sie standen vor den Türen ihres Klassenzimmers. Icchan drehte sich zu den Neulingen um und lächelte.

„So, da wären wir. Ich wünsche euch ganz viel Glück und Spaß bei eurer ersten Unterrichtsstunde. Der Lehrer wird euch alles weitere erklären. Wir sehen uns nachher in der gemeinsamen Trainingseinheit. Bis dahin.“

Die sechs Mädchen verabschiedeten sich dankend und Icchan schenkte ihnen eine leichte Verbeugung, die sie alle erwiderten. Nachdem sie um eine Ecke verschwunden war, blickte sich die 26. Generation noch einmal entschlossen an und betrat dann gemeinsam das Klassenzimmer.
Als sie das Innere des Raumes betrachtete, waberte eine seltsame Vertrautheit in Reinas Geist. Ihren Kameradinnen schien es ähnlich zu gehen. Sie waren bereits einmal hier gewesen. Das ist die Räumlichkeit ihres ersten Zusammentreffens.
Vielleicht sahen alle Klassenzimmer gleich aus, fragte sich Reina.

„Ihr seht richtig. Das ist der Raum, in dem ich euch Hello!Project Online vorgestellt habe. Noch einmal ein herzliches Willkommen!“

Die Augen der Neulinge wanderten instinktiv in Richtung des Podiums, das sich auf der anderen Seite des Zimmers befand. Dort stand, mit freudiger Miene, Goto Maki.
Erleichterung machte sich in Reina breit. Sie hatte gehofft, dass ihr erster Unterricht von einer vertrauten Person geleitet würde. Auch wenn Reina sehr gern neue Leute kennen lernte, fühlte sie sich in der Gegenwart ihrer ersten Bekanntschaft im Haven doch recht wohl.
Goto Maki wies die Sechsertruppe an, auf den vorderen Sitzen Platz zu nehmen. Nach einem kleinen Durcheinander und viel Raschelei saß Reina neben Ayano an einem Tisch. Yuhane hatte sich neben Shiori gesetzt. Und Marie gesellte sich an Rins Seite.
Die Lehrerin faltete die Hände ineinander und betrachtete ihre neuen Schüler mit prüfendem Blick. Ein sanftes Lächeln zierte ihr Gesicht.

„Wie ich hörte, hattet ihr gestern bereits das Vergnügen, auf eine Gruppierung zu treffen. Zumindest auf einen kleinen Teil davon.“

Bei dem Gedanken an den gestrigen Tag und die Begegnung mit ANGERME wurde Reina etwas mulmig zumute. Noch konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie zu solchen Leistungen fähig sein sollte.
Sie spürte die durchbohrende Aura von Goto Maki, wie sie Reina fixierte. Die Fünfzehnjährige wurde das Gefühl nicht los, als konnte die Ältere ihre Gedanken lesen. Allen voran die Zweifel.

„Lasst euch nicht dadurch entmutigen. Sonst habt ihr schon verloren. Murota Mizuki, also die Person, die euch angriff, ist kein böser Mensch. Ganz im Gegenteil! Sie hilft, wo sie nur kann und sucht immer den Kontakt zu ihren Kameraden. Manchmal“, Goto Makis Gesicht nahm amüsierte Züge an, „schießt sie etwas über das Ziel hinaus. Doch das ist in Ordnung, solange niemand verletzt wird.“

Das scharfe Kratzen eines Stuhls auf dem Boden schallte durch den Raum. Reina blickte nach links. Yuhane hatte sich aufgerichtet, mit beiden Armen ausgestreckt über den Tisch gebeugt und Goto Maki erregt anstarrend.

„Solange niemand verletzt wird?“

Mit einer ruckartigen Handbewegung wies sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die geschockte Reina.

„Wäre sie nicht so schnell ausgewichen, hätte sie der Schlag von dieser Murota zermalmt. Die Mauer, in die diese Irre geknallt ist, bröckelte sogar. Reina wäre um ein Haar zu Brei verarbeitet worden.“

Goto Maki nahm die wütenden Worte von Yuhane eindeutig wahr. Doch anstatt zu antworten, richtete sie ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Reina. Mit langsamem Schritt ging sie auf die junge Kenshuusei zu. Ihre Miene war unlesbar geworden. Die Augen analysierten jede einzelne Facette des Mädchens. Diese fühlte sich mit einem Mal gar nicht wohl in ihrer Haut. Wie war sie nur so plötzlich in solch eine Situation geraten.
Goto Maki beugte sich über den Tisch von Ayano und Reina und kam nun mit ihrem Gesicht ganz nah an das von Reina. Ihr Blick schien die tiefsten Abgründe der Seele zu durchdringen, als ob sie nach etwas ganz Bestimmtem suchte. Dann sprach sie mit nachdenklicher Stimme:

„Ist das so? Murota hat dich mit voller Kraft angegriffen? Und du bist ihr ausgewichen? Das ist äußerst interessant…“

Rin meldete sich von der Seite zu Wort und fragte ängstlich:

„W-Was ist interessant, Frau Goto?“

Die Angesprochene verblieb noch für einen kurzen Moment bei Reina. Dann neigte sie den Kopf zu der Jüngsten und lächelte wieder.

„Es ist alles gut“, während sie das sagte, machte sie auf dem Absatz kehrt und trat zurück zum Pult, „Ein Gefühl sagt mir, dass eure Generation Großes vollbringen wird.“

Inzwischen hatte sie von ihrem alleinigen Fokus auf Reina abgelassen und strahlte nun endlich wieder alle Neulinge gleichermaßen an. Das veranlasste Yuhane sich ebenfalls wieder zu setzen. Goto Maki sprach fröhlich:

„Doch bevor ihr Großes vollbringen könnt, müsst ihr erst einmal lernen, mit dem Kleinen umzugehen. Ich werde euch in den kommenden Wochen die Theorie unserer Grundpfeiler näherbringen.“ 

Sie zeichnete Symbole in die Luft und schon erstrahlte die Leinwand, wie schon am gestrigen Tage, und zeigte mit einem Mal ein Bild wie aus dem Nichts.
Reina erkannte eine Art Dreieck. An den jeweiligen Ecken waren Buchstaben zu sehen. Ein K. Ein E. Ein G. Was das wohl zu bedeuten hatte?
Die Lehrerin schien die Gedanken ihrer Schüler im Nu durchschaut zu haben:

„Wenn ihr euch daran erinnert, was ich euch gestern erzählt habe, dann könnt ihr mir sicherlich schon sagen, was sich hier abbildet.“

Mit wichtiger Miene schaute Goto Maki in die Runde. Sie alle wirkten wie versteinert. Nur Yuhane antworte nach kurzer Stille:

„Klarheit. Energie. Geist. Die Grundpfeiler des Havens. Nicht wahr?“

Goto Maki klatschte einmal laut in die Hände und grinste.

„Sehr gut! Das ist genau richtig.“

Mit einem Schnipsen wandelte sich das Dreieck  in eine gerade Linie, indem sich alle drei Seiten verbanden. Das E und das G bildeten die jeweiligen Enden der Linie, während das K sich direkt über die Mitte der Linie platzierte.
Die Augen der Lehrerin wanderten von einem Schüler zum nächsten. Dann erklärte sie:

„Im Haven leben wir nach diesen drei Tugenden. Die Kenntnis des Geistes, wie ich bereits einmal erwähnt habe, ist dies mein Spezialgebiet, lehrt euch, mit eurem Inneren, eurer Seele, nicht in Konflikt zu geraten und eure Kräfte daraus zu schöpfen. Alle mentalen Fähigkeiten, die euch diese Welt ermöglicht, lassen sich über euren Geist steuern, manipulieren und sogar erweitern. Steht ihr in gänzlicher Harmonie mit euch selbst, wird es kein Problem für euch sein, spirituelle Wunder zu wirken und somit eurer Gruppe, und letztendlich auch euch selbst, die Unterstützung zu liefern, die benötigt wird. Selbstlosigkeit, Fürsorge und Empathie spielen eine große Rolle, um mit seinem Geist ins Reine zu kommen.“

Während sie sprach, schimmerte das G heller als die anderen beiden Buchstaben. Mit einem Wisch ihrer Hand, beendete Goto Maki das grelle Leuchten. Stattdessen begann nun das E ein starkes Licht auszustrahlen.

„Als nächstes sprechen wir über die Kenntnis der Energie. Dieser Grundpfeiler ist weitaus greifbarer als der Geist oder die Klarheit. Vielleicht fragt ihr euch genau in diesem Moment, wieso das so ist?“

Verschmitzt betrachtete sie die 26. Generation. Diese tauschten verwirrte Blicke aus. Goto Makis Augen richteten sich jetzt auf Yuhane.

„Nun, du sprachst vorhin von einer bröckelnden Mauer…“

Ein lautes Krachen erschrak alle Schüler zutiefst. Ayano kippte beinahe vom Stuhl, so geschockt war sie von der plötzlichen Aktion.
Goto Maki hatte ohne Vorwarnung ihre Faust geballt und gegen die Wand prallen lassen. Als sie diese zurückzog, war ein brutaler Abdruck zu erkennen. Splitternde Tapetenfaser fielen in Scharen zu Boden.

„Den Körper über seine menschlichen Grenzen hinaus zu strapazieren und damit das Unmögliche möglich zu machen, genau das ist die Kenntnis der Energie. Dabei lernt ihr, wie ihr die Kräfte eurer äußeren Schale in exakt die Bahnen lenkt, die euch euer Bewusstsein auch vorschreibt. Es geht letzten Endes um die vollkommene und fließende Kontrolle eures Seins. Sei es, um rohe Gewalt zu erzeugen, Filigrane Bewegungen zu meistern oder um entlegene Orte schnell und sicher ohne viel Aufwand zu erreichen, beispielsweise durch hohe Sprünge oder unsagbare Geschwindigkeit.“

Shiori meldete sich. Als Goto Maki ihr zunickte, begann sie unsicher zu sprechen:

„W-Wird unser Körper in der Außenwelt das überhaupt aushalten? Ich meine… es ist doch möglich, dass unser Kopf gar nicht dazu in der Lage ist, diese Art von Informationen zu verarbeiten, oder?“

Die Lehrerin nickte bedächtig.

„Du hast Recht, Shiori. Ein zu schnelles Vorantreiben der eigenen körperlichen Verfassung könnte ein böses Ende für euch nehmen. Deshalb lernt ihr vorerst auch nur die Grundlagen, damit wir einschätzen können, wie fortgeschritten ihr im Umgang mit den euch gegebenen Mitteln seid. Nach jedem Rehab Grad werdet ihr in immer komplexere Lernstrukturen eingebunden. Somit soll garantiert sein, dass euer Körper in der realen Welt auch genügend Gewöhnungszeit besitzt. Da dies für jeden Menschen unterschiedlich lange dauert, besitzt auch das vorankommen in den Rehab Graden für jeden einzelnen von euch eine unterschiedliche Dauer.“

Marie hob zögerlich die Hand.

„I-i-ist es möglich, dass der Körper sich niemals an diese Welt gewöhnt?“

Goto Maki zögerte kurz. Reina merkte sofort, was die schreckliche Antwort war. Deshalb wusste sie auch, dass Goto Maki am liebsten gar nicht auf die Frage eingegangen wäre. Doch als Lehrerin musste sie sich dem Unangenehmen stellen:

„Ja. Das ist tatsächlich möglich. Sollte dies der Fall sein und der Supercomputer bemerkt keinen Fortschritt, wird er euch ausmustern, was für euch den Abbruch und das Scheitern der Therapie bedeuten würde.“

Diese Antwort mussten sie alle erst einmal verdauen. Doch Goto Maki hob beschwichtigend die Hände.

„Macht euch darum keine Gedanken. Es vergehen viele Jahre, bevor der Supercomputer solch eine schwerwiegende Entscheidung trifft. Ihr habt alle Zeit der Welt, um zu beweisen, was in euch steckt. Das solltet ihr nie vergessen.“

Das aufmunternde Lächeln erwärmte Reinas Herz. Doch das schien nicht jeder von ihnen zu teilen. Marie starrte mit kreidebleichem Gesicht auf ihre Tischbank. Die Fünfzehnjährige machte sich große Sorgen um ihre Kameradin.
Goto Maki hingegen setzte ihren Vortrag fort. Das E erlosch und stattdessen schlug nun die Stunde des K’s. Es leuchtete heller und kräftiger als die beiden anderen zuvor.

„Kommen wir nun zur wichtigsten Kenntnis. Die Kenntnis der Klarheit.“

Einen langen Moment herrschte Stille im Klassenzimmer. Keiner sagte ein Wort. Die Wolken am Himmel warfen gewaltige Schatten durch den Raum. Die neuen Kenshuusei spürten das elektrisierende Knistern, das in der Luft lag.
Goto Makis Körper vibrierte leicht. Eine unfassbare Macht wohnte in ihr inne. Reina fühlte, wie jede einzelne Membran von der Frau reinste Energie formte. Zum zweiten Mal an diesem Tage begannen die Beine des jungen Mädchens stark zu zittern. Warum reagierte sie so sensibel?
Blitzschnell blickte sie sich im Raum um. Inzwischen konnte man sogar ein leichtes Beben wahrnehmen. Die Stühle und Tische wackelten unablässig. Reinas Kameradinnen waren total gebannt von der Szenerie. Schock, Angst, Verwunderung und Neugier konnte man auf ihren Gesichtern erkennen. Doch niemand schien das Empfinden zu teilen, welches Reina durchfuhr. Was war bloß mit ihr los? Konnte sie in diesem Zustand überhaupt die Therapie absolvieren? War es bereits zu Ende bevor es überhaupt angefangen hatte? Das wollte Reina nicht wahrhaben. Das durfte einfach nicht sein.
Kurz bevor es unerträglich für die Fünfzehnjährige wurde, ließ Goto Maki alle Energie ins Nichts verschwinden. Das Beben. Die wackelnden Stühle und Tische. Das grelle Licht, welches von der Lehrerin ausging. Alles war schlagartig weg.
Reina atmete hastig. Ihre Hände krallten sich in die Tischkanten. Schweiß tropfte auf die hölzerne Platte. Ihr Gesicht schien einem Wasserfall zu gleichen.
Die anderen, nicht minder erschrocken, bemerkten nicht, wie sehr die Vorführung ihrer Mitschülerin zu schaffen gemacht hatte. Sie alle fixierten mit starrem Blick die Person vor ihnen. Goto Maki öffnete langsam die Augen und lächelte.

„Was ich euch gerade gezeigt habe, war das naturelle Zusammenspiel zwischen Geist und Energie. Um solch eine Kombination herzustellen, benötigt es eine starke, stabile Verbindung zwischen den beiden Gewalten. Seid ihr in der Lage, dass eure Seele und eure Hülle sich verstehen, verständigen und miteinander in Harmonie kommunizieren können, dann besitzt ihr die größte Macht, die ihr in Hello!Project Online erlangen könnt. Die Kenntnis der Klarheit.“

Während sie in die Runde schaute, blieben ihre Augen erneut für ein paar Sekunden an Reina hängen. Scheinbar hatte sie bemerkt, dass das Mädchen Schwierigkeiten hatte, das Gezeigte zu verarbeiten. Trotzdem führte sie ihren Vortrag unbeirrt fort:

„In eurer Kenshuusei-Grundausbildung lernt ihr vorrangig den Umgang mit eurem Geist und eurer Energie. In den meisten Fällen kristallisiert sich dabei schon heraus, was für ein Typ ihr seid.
99,99 % aller Patienten hier können keine absolute Harmonie zwischen den beiden Kenntnissen herstellen. Stattdessen sorgen sie dafür, dass sie eine Partei grundlegend beherrschen, und fokussieren all ihr Training auf die andere Partei, um diese nach bestem Willen und Gewissen zu meistern. 
Es ist menschlich, nicht in allem gleichgut zu sein. Deshalb grämt euch nicht, wenn ihr eine Kenntnis nicht im gleichen Maße umsetzen könnt, wie die andere.“

Ayano, die kurzzeitig einen besorgten Blick Richtung Reina geworfen hatte, die immer schwerer zu atmen schien, meldete sich.

„Warum konzentrieren wir uns hauptsächlich auf Energie und Geist? Ist es für uns nicht möglich, die Kenntnis über die Klarheit zu erlangen?“

Goto Maki grinste süffisant.

„Oh doch! Möglich ist alles! Allerdings ist die Klarheit selbst die Balance zwischen Geist und Energie. Wenn ihr euch diesen beiden Kenntnissen widmet, seid ihr auch auf dem besten Wege, ein grundlegendes Verständnis über die Klarheit zu bekommen.“

Die Lehrerin hob achtungsvoll den Finger.

„Jedoch möchte ich euch eins nicht verschweigen. Es ist selten der Fall, dass es Patienten gibt, die eine solch mächtige Klarheit besitzen, dass sie das volle Potential aus Geist und Energie herauskitzeln können. Kaum eine Generation besitzt solch ein einzigartiges Talent in ihren Reihen. Selbst unter den Gruppierungen ist ein Meister der Klarheit ein unglaubliches und unvorstellbares Phänomen. Diese besonderen Personen bezeichnen wir als Ace.“

Der Raum war von aufgeregtem Gemurmel erfüllt. Yuhanes Augen waren aufs Äußerste geweitet. Man hörte sie immer das gleiche Wort zu sich selbst flüstern:

„Ace… Ace… Ace… “

Rin und Marie tuschelten aufgeregt. Shiori klebte förmlich an den Lippen von Goto Maki.
Reina hingegen hatte den Fokus der Unterhaltung komplett verloren. Ihre Lunge brannte. Die Muskeln waren bis zum Zerbersten angespannt. Sie fühlte sich gar nicht wohl. Ganz im Gegenteil! Es war, als presste man einen tonnenschweren Laster auf ihre Körpermitte.
Für einen Sekundenbruchteil blieb die Welt für sie stehen. Dann flimmerten ihre Augen. Alles um sie herum wurde schwarz. Sie hörte in der Ferne einen entsetzten Schrei. Es war Ayano. Ein dumpfer Aufprall in die Leere folgte. Stille. Stille. Stille.

Kapitel 7 – Das Wohnzimmer

Eilige Schritte hallten durch den Korridor. Kamiko erahnte, dass es sich um mehrere Personen handeln musste. Aufgeregte Stimmen drangen an ihre Ohren.

„Weiter! Weiter! Schnell!“

Die katzenartigen Augen der kleinen Dunkelhaarigen spähten zum Ende des Ganges. Fünf Präsenzen waren in höchster Alarmbereitschaft und hetzten direkt auf sie zu.

„Bringt sie zum Observer-Raum! Los! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Aus den schemenhaften Gestalten formten sich klare Umrisse. Zwei Männer, eindeutig Gefäße, hielten eine Krankentrage waagerecht zwischen sich. Darauf lag ein lebloses Etwas. Ihnen voraus eilte Goto Maki. Ihre Kommandos klangen laut und eindringlich. Sie wirkte aufs Äußerste nervös. Hinten dran liefen zwei Mädchen. Sie waren Kenshuusei. Ihre entsetzten Gesichter verfolgten die Szenerie.
Kamikos Augen verengten sich mit einem Mal zu Schlitzen. Sie kannte die beiden. Das waren die Neulinge, die sie bei der ‚Einweihungsfeier‘ gemeinsam mit Murotan und Rikako aufgemischt hatte. Sofort richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die Trage.
Im exakten Moment, als die Kolonne an dem ANGERME-Mitglied vorbeisauste, ohne sie auch nur im Entferntesten zu beachten, erhaschte sie einen kurzen Blick auf das zierliche Wesen. Es war die junge Kenshuusei, die Murotan die Stirn geboten hatte. Yokoyama hieß sie, überlegte Kamiko. Ihre Haut war komplett bleich. Sie gab kein Lebenszeichen von sich. Was war geschehen? War sie tot?
Die Gruppe entfernte sich zügig von Kamiko. Schon während sie um eine Ecke des Ganges schritten, konnte man noch lange den Befehlston von Goto Maki und das angespornte Stapfen ihrer Begleiter hören.
Dann wurde es ruhig. Das dunkelhaarige Mädchen stand eine Zeit lang an Ort und Stelle. Ihre Augen waren in die Ferne gerichtet. Für einen kurzen Moment musste sie ihre Gedanken sammeln.
Erst als sie vollständig realisiert hatte, was da gerade abgelaufen war, bewegten sich ihre Füße langsam in Richtung ANGERME-Hauptquartier. Sekunde um Sekunde wurde ihr Schritt immer schneller. Bis sie schließlich zu einem Sprint ansetzte, auf den ihre Kameraden stolz gewesen wären.
Sie jagte durch die Korridore, bog scharf um jede Ecke und riss Tür um Tür auf. Schließlich befand sie sich auf der Südseite des Schlosses. Kurzerhand nahm sie auf der bevorstehenden Wendeltreppe vier Stufen auf einmal. Sprung folgte auf Sprung. Und endlich erreichte sie ihren Zielort.
Der Wohnraum, der ANGERME zur Verfügung stand, war mehr als nur einen kurzen Blick wert. Das Wohnzimmer, wie die Mitglieder es liebevoll nannten, war die erste Räumlichkeit, welche man beim Eintreten zu Gesicht bekam. Am  Ehesten würde Kamiko die Einrichtung mit einer Penthouse Suite in einem Nobelhotel in Las Vegas vergleichen. Auch die Größe des Raumes entsprach dieser Vorstellung. Hier konnte man es definitiv eine gute Zeit des Tages aushalten.
Das Mädchen bemerkte die zwei Personen, die an der Bar in der Mitte des Wohnzimmers auf verchromten Hockern saßen und angeregt miteinander diskutierten. Kamiko erkannte die beiden als Takeuchi Akari, kurz Take, und Nakanishi Kana, genannt Kananan.
Die junge Frau mit dem runden Gesicht, den fülligen Lippen und dem feuerroten Haar unterbrach das Gespräch und drehte sich zum Ankömmling. Ihre Begrüßung fiel sehr laut aus.

„Kamikooo! Was reißt du denn die Tür so stürmisch auf? Wir haben noch Zeit bis wir aufbrechen.“

Für einen kurzen Moment war die Angesprochene verwirrt. Zeit? Aufbrechen? Dann fiel es ihr wieder ein. ANGERME hatte einen Auftrag erhalten. Es ging in die Außenwelt.
Sofort schüttelte sie heftig den Kopf.

„Was? Nein. Nein! Das ist es nicht. Ich muss mit Murotan sprechen. Weißt du wo sie ist, Take?“

Take kratzte sich bei der Frage am Kopf. Dann sprang sie vom Hocker auf. Ihr rotes Haar wirbelte dabei regelrecht durch die Luft. Ohne zu zögern formte sie mit ihren Händen eine Trichterform vor dem Mund und schrie in Richtung Flur:

„MUUUUUUROOOOOOTAAAAAAAAN! KAMIKO WILL ‘WAS VON DIR!!!“

Das kleinere Mädchen erschrak komplett. Selbst nach einem halben Jahr hatte sie sich nicht an die Lautstärke gewöhnt, die dem Hause ANGERME innewohnte. Die Schwarzhaarige mit dem gewellten, schulterlangen Haar namens Kananan lachte herzhaft.

„Take, ich glaube, du hast unsere Kleinste total verschreckt. Außerdem brüllst du wie ein Gorilla.“

Die Rothaarige wirbelte sofort um die eigene Achse und starrte Kana geschockt an.

„Wiiiie? Ich bin doch kein Gorilla?“

Doch Kana hatte sich inzwischen ebenfalls aufgerichtet. Zumindest, wenn man das, was sie tat, als ‚aufrichten‘ hätte bezeichnen können. Sie hatte den rechten Arm so merkwürdig gedreht, dass ihre Hand die rechte Achsel berührte. Die andere Hand führte sie zu ihrem Mund, den sie wiederum zu einem übertriebenen Kussmund formte. Mit Zeige- und Mittelfinger begann sie, über die Lippen zu schnipsen und ein seltsames, kindliches Blubbern von sich zu geben. Dabei beugte sie sich weit nach vorn und rief mit bemüht tiefer Stimme:

„Mu-uh-uh-uh-uh-uh-urotan! Kamiko-uh-uh-uh-uh will ‘was von dir! Uh! Uh! Uh!“

Die affenähnlichen Geräusche und die dazugehörigen Bewegungen konnte Kananan hervorragend nachmachen. Und auch wenn Take kein bisschen danach klang, war es immer wieder einen Lacher wert. Kamiko vergaß für einen kurzen Moment sogar, warum sie bis eben noch so aufgeregt war. Stattdessen brach sie in schallendes Gelächter aus.
Take blickte gespielt verzweifelt von einer zur anderen. Bis sie schließlich selbst ins Lachen mit einstimmte.

„Hey! Was feiert ihr hier für eine Party? Ich will mich auch freuen. Erzählt den Witz nochmal.“

Murotan war in das Wohnzimmer getreten und starrte sie mit großen, begeisterten Augen an. Die Mädchen drehten sich zu der Chaoskönigin um, inklusive Kananan mit ihrer Affen-Choreographie. Bei dem Anblick presste sich die Braunhaarige die Hand auf den Bauch und zeigte mit Tränen in den Augen auf die ‚Schauspielerin‘.

„Ha ha ha! Die perfekte Take-Imitation! Genial, Kana! Nicht einmal Take selbst könnte sich so gut spielen, wie du es tust.“

Erneut kratzte sich Take am Kopf, um das Gesagte zu realisieren, während die anderen bereits auf dem Boden lagen und mit den Fäusten auf die Holzdielen schlugen. Dann riss sie die Augen auf.

„HÄÄÄÄÄÄÄÄÄH? Wartet mal… !“

Es benötigte einige Minuten, bis sich allesamt wieder beruhigt hatten. Erst als die letzten Tränen aus dem Gesicht gewischt wurden, setzten sie sich gemeinsam an die Bar. Take verteilte vier Gläser und goss frischen Orangensaft in ein jedes ein. Murotan bedankte sich und tätigte einen kräftigen Zug. Dann blickte sie in die Runde.

„So, nun sagt schon. Warum habt ihr mich gerufen? Gibt es etwas Wichtiges?“

Anstatt zu antworten, richteten Take und Kananan ihre Blicke vorsichtig auf Kamiko. Diese erinnerte sich schlagartig wieder an das vorhin Gesehene. Sie schluckte schwer, bevor sie mit der Sprache rausrückte.

„Die kleine Kenshuusei von gestern. Die, die du dir ausgesucht hast…“

Murotan lächelte breit.

„Oh ja, die war witzig. Wir sollten sie heute noch einmal beim Training unangemeldet besuchen. Icchan würde uns wohl umbringen, aber egal, lustig wäre es allemal und…“

Doch noch während sie so vor sich hin plauderte, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Kamikos Augen wirkten feucht und ihre Miene hatte angstvolle Züge angenommen. Murotans Freude ebbte langsam ab.

„Was ist los? Was machst du für ein langes Gesicht?“

Auch Take und Kananan, die bisher schwiegen, richteten ihre volle Aufmerksamkeit auf Kamiko. Diese krallte sich mit ihren Fingern am Tisch fest und brach entsetzt hervor:

„Ich habe sie gesehen. Diese Yokoyama! Ich glaube, sie hatte einen Anfall!“

Murotans Grinsen war nun vollständig gefroren. Unheimliche Stille machte sich breit. Die drei Mädchen, die Kamiko gegenübersaßen, hatten ihre Augen weit aufgerissen. Solch eine Neuigkeit war für alle ein Schock.
Murotan versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

„Wie? Wann? Was ist passiert? Jemand mit ihrem Potential kann doch nicht einfach…“

Kamiko schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Auf dem Weg hierher sind sie an mir vorbei. Da lag sie regungslos auf einer Trage. Du hättest die Gesichter der anderen Kenshuusei sehen sollen. Kreidebleich! Es muss etwas Unvorhergesehenes passiert sein.“

Die Angesprochene stand langsam auf. Diese Informationen mussten sowohl ihr Gehirn als auch ihr Bauch erst einmal verarbeiten. Mit bedächtigen Schritten wandelte sie gedankenversunken durch den Raum. Die Blicke der anderen begleiteten sie wie in Trance.
Dann, obwohl sie noch immer von der Gruppe abgewandt war, fragte sie:

„Geht es den anderen Neulingen gut?“

Kamiko runzelte die Stirn und dachte nach. Schließlich kam sie zu der Feststellung, dass sie keine Ahnung hatte, wie es den anderen Kenshuusei ging.

„Das weiß ich nicht. Die beiden Begleiterinnen sahen unversehrt aus.“

Plötzlich öffnete sich die Tür des ANGERME-Hauptquartiers. Sofort drehten sich alle dorthin um. Goto Maki betrat raschen Fußes das Wohnzimmer. Ihr analysierender Blick galt zuerst Kamiko, dann den anderen drei Gruppierungs-Mitgliedern. Die gedrückte Stimmung im Raum ließ sie bereits erahnen, was das Thema war. Sofort verlor sie ihre strenge Miene und warme Worte richteten sich an Kamiko.

„Es tut mir leid, dass wir vorhin so respektlos an dir vorbeigelaufen sind, Kamikokuryo. Wir waren sehr in Eile. Und wie ich sehe, konntest du, gewitzt wie du bist, Eins und Eins zusammenzählen.“

Ehe das junge Mädchen antworten konnte, fiel Murotan ihr ins Wort.

„Frau Goto, was ist passiert? Wie geht es ihr? Wo ist sie?“

Die Lehrerin hob beschwichtigend die Arme und wies dann auf einen Barhocker.

„Ganz ruhig. Am besten setzt du dich. Wir müssen sowieso miteinander reden. Deshalb bin ich auch hier.“

Etwas widerspenstig kehrte Murotan an ihren Platz zurück. Währenddessen richtete Kana das Wort an Goto Maki.

„Gab es das jemals schon mal, dass ein Neuling direkt am ersten Tag seiner Therapie kollabiert ist? Der Observer hätte sie doch sonst nie dafür ausgewählt, wenn sie solch einen schwachen Körper besäße, oder?“

Take hatte der älteren Frau inzwischen ihren Platz neben Murotan angeboten. Diese nahm dankend an und antwortete gleichzeitig nachdenklich:

„Da hast du Recht, Nakanishi. Es ist ausgeschlossen, dass der Observer solch einen Fehler macht. Ich weiß von keinem Fall, in dem eine Kenshuusei gleich am ersten Tag ausschied. Das ist tatsächlich ein Novum.“

Murotan tippelte nervös mit ihren Fingern auf der Tischplatte.

„Nun sagen Sie doch endlich, wie der Stand der Dinge ist. Spannen Sie uns nicht so auf die Folter.“

Doch anstatt zu antworten, blickte Goto Maki plötzlich interessiert zu der Kleinsten am Tisch.

„Was ist dein Eindruck, Kamikokuryo? Denkst du, sie hat eine Chance?“

Die Angesprochene wich mit ihrem Gesicht vollkommen perplex zurück. Kamiko hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass ausgerechnet SIE eine Diagnose stellen sollte.

„Ähm… ähm… ich… äh…“

Take boxte sie überraschend am Arm.

„Sei nicht so nervös! Wir alle wissen, was du auf dem Kasten hast.“

Das schwarzhaarige Mädchen schwieg für einen Moment und schaute panisch von einer Person zur nächsten. Sie alle lächelten sie aufmunternd an. Das machte sie nur noch angespannter.
Etwas verkrampft kniff sie die Augen zusammen und holte sich das Bild vom leblosen Körper Yokoyamas zurück in ihr Gedächtnis. Es war dieser eine Moment. Die Sekunde, in der sie vollkommene Einsicht erhielt.
Sie spürte die schwache Lebensenergie, die die junge Kenshuusei umgab. Der Fluss der Klarheit lenkte Kamikos Bewusstsein ins Innere des Mädchens.
Herzschlag. Normal.
Gehirnströme. Normal.
Zellulare Entwicklung. Normal.
Balance zwischen Körper und Geist. Normal.
Schlagartig öffnete sie die Augen. Ein wundersames, berauschendes Gefühl begleitete sie.

„Es geht ihr gut. Sie wird vollständig genesen… denke ich.“

Goto Maki grinste breit und warf Kamiko einen anerkennenden Blick zu.

„Du brauchst nicht zweifeln. Ich bin mir sicher, du hast absolut Recht.“

Kananan und Take klatschten sich in die Hände vor Freude und führten sofort einen Jubeltanz aus. Murotan stieß einen tiefen Seufzer aus und fasste sich ans Herz.

„Oha! Das war der größte Schock diesen Monat. Noch so eine Nachricht und ich kriege selbst einen Anfall.“

Die Lehrerin wandte ihre Aufmerksamkeit amüsiert der Chaoskönigin zu.

„Ihr scheint ja ziemlich viel Fokus auf diesen Neuling zu legen. Die 26. Generation ist doch erst gestern angekommen.“

Nun, da die Situation nicht mehr ganz so angespannt war, lehnte sich Murotan etwas zurück und antwortete in gediegener Manier:

„Das mag sein. Aber da waren einige hochinteressante Charaktere dabei.“

Goto Maki machte nun eine nachdenkliche Pose, indem sie Zeigefinger und Daumen an ihr Kinn führte.

„Wo wir gerade beim Thema sind“, ihr scharfer Blick durchdrang die überraschte Murotan ohne Vorwarnung, „warum hast du die Neulinge mit solcher Wucht angegriffen? Das ist doch normalerweise nicht dein Stil. Ich habe sogar gehört, dass Kaga dich stoppen musste, sonst hätte die kleine Yokoyama schon gestern nicht mehr unter uns geweilt.“

Verlegen kratzte sich die Ertappte am Hinterkopf und grinste unsicher.

„Nun ja, ich weiß auch nicht so ganz, was mich da geritten hatte. Ich wollte die Neulinge bloß erschrecken, doch dann spürte ich in ihrer Mitte so eine faszinierende Präsenz. Die Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen.“

Jetzt war es Goto Maki, die sich süffisant zurücklehnte.

„Und du bist der Meinung, dass diese ‚faszinierende Präsenz‘ Yokoyama war?“

Murotan lachte.

„Wer weiß. Da waren einige coole Typen dabei. Auf diese Yamazaki Yuhane sollte man auch ein Auge haben. Die ist nicht von schlechten Eltern, he?“

Ihr zwinkernder Blick suchte Bestätigung bei Kamiko, die wiederum zustimmend nickte.
Kurzerhand stand Goto Maki auf und richtete weitere Worte an Murotan.

„Ich habe das Gefühl, du verheimlichst mir etwas“, doch obwohl dies eine vorwurfsvolle Anmerkung war, lächelte die Lehrerin, „Ich denke aber, dass ich dir in der Sache voll und ganz vertrauen kann.“

Das angesprochene Mädchen salutierte und erwiderte grinsend:

„Das können Sie, Frau Goto!“

Ebenfalls lachend schritt die Ältere zur Tür und drehte sich ein letztes Mal um. Sie blickte entschlossen in die Runde. Schließlich blieben ihre Augen an Kamiko hängen, woraufhin sie sagte:

„Zweifle nicht so stark an dir. Du bist etwas Besonderes. Für ANGERME. Für unsere gesamte Akademie. Vergiss das nicht!“

Das junge Mädchen stotterte ein ‚Dankeschön‘ und ehe die Gruppe sich versah, war Goto Maki auch schon verschwunden.
Sofort schlug Take mit ihrer Handfläche hart auf Kamikos Rücken, wodurch diese mit überraschtem Gesichtsausdruck ein Stück nach vorne geworfen wurde.

„Mensch, Kamikokuryo Moe! Du scheinst dich zu den Lieblingen der Lehrer zu entwickeln. Das wird langsam!“

Mit zuckendem Auge blickte die Gepeinigte zu der Rothaarigen.

„Wohl eher nicht. Yoshiko bringt mich jedes Mal um, sobald ich eine ihrer Choreographien vergesse.“

Kana lächelte mütterlich.

„Sei nicht so hart zu dir selbst. Immerhin hast du Goto Maki beeindruckt. Das heißt doch was.“

Bevor die Jüngere etwas sagen konnte, richtete sich alle Aufmerksamkeit plötzlich zum Flur. Dort stand jemand.
Die Gestalt presste die Arme dicht an ihren Körper und hatte die Hände in einander gefaltet. Unsicher tapste sie sanft von einem Bein aufs andere. Ihr Gesicht wirkte so blutjung und unschuldig. Das lange, braune Haar war zu einem Zopf gebunden und fiel dem Mädchen über die linke Schulterseite.

„Momonaaaaa!“

Takes Gebrüll durchbrach den Moment. Die Frohnatur mit den feuerroten Haaren trat mit großen Schritten zu dem Neuankömmling.

„Das ist echt super, dass du dein Zimmer mal verlässt. Du willst doch nicht, dass wir den ganzen Spaß für uns alleine haben, oder?“

Die Angesprochene war sichtlich nervös und wusste nicht, wie sie zu reagieren hatte. Hilfesuchend richtete sie ihren Blick auf Kamiko. Diese mied den Augenkontakt vehement und betrachtete stattdessen einen purpurnen Sitzsack in der Ecke des Raumes.
Kana bemerkte das, lächelte kopfschüttelnd und ging nun ebenfalls auf das neue Mädchen zu.

„Kassa, hast du Lust, vor unserem Aufbruch, mit Take und mir in den Schlosspark zu gehen?“

Das Mädchen namens Kassa war sofort Feuer und Flamme.

„Oh ja! Gerne!“

Take grinste breit.

„Na dann, los geht’s!“

Ohne weitere Worte zu wechseln, presste Take ihre Hand auf Kassas Rücken und drängte sie Richtung Ausgang. Kana folgte ihr. Beim Hinauslaufen zwinkerte sie Kamiko verschmitzt zu.
Die Schwarzhaarige atmete tief durch und legte dann frustriert ihre Stirn auf die Tischplatte. Murotan lachte und schnipste mit ihrem Finger gegen Kamikos Schulter.

„Oh man, das kann ja noch etwas werden mit euch beiden. Du hast echt Schwierigkeiten damit, Verantwortung für sie zu übernehmen, obwohl du ihre direkte Ansprechperson bist.“

Kamiko schloss enttäuscht die Augen.

„Ich habe einfach keine Ahnung, wie man sich als Senpai verhält. Sobald Kasahara auftaucht, habe ich nur noch das Gefühl, schnell abhauen zu wollen. Noch dazu werde ich das Gefühl nicht los, dass sie wegen mir hier ist.“

Murotan hob die Augenbrauen in die Höhe.

„Wie meinst du das?“

Kamiko seufzte.

„Die Lehrer kritisieren mich so oft. Meine ersten Missionen habe ich total vergeigt und euch damit beinahe auch noch in Gefahr gebracht. Der Observer sucht wohl schon nach einem Ersatz für mich. Und scheinbar hat er ihn gefunden.“

Murotan klatschte sich vor die Stirn, dann legte sie ihren Arm grinsend um Kamikos Schulter.

„Du bist echt eine Nudel, weißt du das?“

Überrascht richtete sich die Angesprochene auf und blickte verwundert zur Chaoskönigin. Diese schnipste erneut mit dem Finger und zwinkerte, wie schon Kana zuvor.

„Du bist ein Teil von ANGERME! Hier gibt es für niemanden Ersatz!“

Ohne genau zu wissen warum, schien es so, als munterten Kamiko diese entscheidenden Worte auf. Und so langsam trat auch das Lächeln zurück in ihr Gesicht.

Kapitel 8 – Im Observer-Raum

Unangenehme Geräusche drangen an die Ohren von Yokoyama Reina. Ein lautes Bohren. Schrille Klänge. Unterschiedliche, aufgeregte Stimmen von Frauen und Männern.
Weißer Nebel umgab das Mädchen. Ihr Blickfeld war verschwommen. Panisch rieb sie sich die Augen, doch ihre Sicht verblieb in unklaren Umrissen.
Reina wollte schreien, aber kein Ton kam von ihren Lippen. Stattdessen fuchtelte sie wild gestikulierend mit den Armen. Keine Reaktion. Die Stimmen in der Ferne ignorierten jeden Versuch von ihr, sich bemerkbar zu machen.
Sie rannte. Alles um sie herum wirbelte in bunten Farben umher. Nichts wollte näherkommen. Nichts entfernte sich. Reina fühlte sich, als würde sie sich in einer unendlichen Sphäre vollkommener Leere befinden.
Plötzlich hielt sie an. Schlagartige Übelkeit überkam die junge Kenshuusei. Ächzend und schnaufend beugte sie sich über die Knie. Ihr Würgen hallte durch den Mischmasch aus Farben und Wolken. Schließlich begann sich die ganze Umgebung um das Mädchen herum zu drehen. Immer schneller. Ihre Augen hielten diesen Wahnsinn nicht aus.  Reina wollte nach Hilfe rufen. Doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie befand sich im Auge eines Wirbelsturms aus wabernden Nebelfetzen sowie unterschiedlichsten Rot-, Blau und Grüntönen, die sie zu erdrücken versuchten.
Die absolute Machtlosigkeit spürend, fiel sie schließlich auf die Knie…

Ein dumpfer Aufprall und urplötzliche Stille waren das Erste, was Reina realisierte. Sie beugte sich über etwas hartes Hölzernes. Ihre Hände ertasteten ein quadratisches, nein, würfelförmiges Objekt. Dann bemerkte sie, dass sie auf weichem Material lag. Eine Matratze. Ein Bett!
Langsam klärte sich ihr Blick. Das schimmernde Licht des neu entdeckten Raumes bündelte sich nach kurzer Zeit zu einer gedämpften Beleuchtung an der Decke. Umrisse formten sich zu weißgrauen Wänden und drei bis vier Bettgestellen. Der Würfel, auf dem sie sich abstützte, war ein kleines Nachttischchen. Reina befand sich in einer Art Krankenzimmer.
Verwirrt blickte sich die Dunkelhaarige nun genauer um. Ihre Augen hatten den gewohnten Fokus zurückgewonnen. Sogleich ließ das panische Gefühl der beinahen Blindheit nach. Stattdessen wuchs Neugier in ihr. Was war mit ihr passiert? War das gerade eben ein Traum gewesen? Und falls ja, warum träumte sie solch merkwürdiges Zeug? All diese Fragen schossen ihr nach und nach in den Kopf. Sie erinnerte sich, zuletzt im Klassenraum gewesen zu sein. Goto Maki hatte ihnen die drei Grundpfeiler der Akademie vorgestellt und dann… ? Ja, was dann eigentlich?

„Re-Reina?“

Leicht erschrocken drehte sie sich zu der Stimme, die überraschend von der anderen Seite des Bettes zu ihr hinüberdrang. Dort saßen, auf zwei Metallstühlen, Kawamura Ayano und Nishida Shiori. Ihre kreidebleichen Gesichter sprachen eindeutige Bände. Sie starrten ihre Kameradin an, als wäre sie ein Geist.
Ayano stand sofort auf und ging um das Krankenbett. Erst jetzt bemerkte Reina, dass sie noch immer krampfhaft an dem Nachttisch festhielt. Die Größere griff ihre Schultern, stützte sie liebevoll und drückte sie dann sanft zurück ins Bett. Sie fühlte sich mehr als schwach und unsicher. Es war ein merkwürdiges Empfinden. Selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte sie sich nicht gegen Ayano wehren können.
Shiori indes lehnte sich auf der anderen Seite über das Bett und somit über Reina. Auf ihre besorgten Blicke folgte die logische Frage:

„W-Wie geht es dir, Reina?“

Die Befragte schloss kurz die Augen und sammelte Kraft. Das ruhige Ein- und Ausatmen tat ihr gut. Dann, als ihr Blick sich Shiori zuwandte, antwortete sie:

„Besser als alles, was vorher abgelaufen ist…“

Erschrocken stockte Reina. Ihre Stimme war ein einziges Krächzen. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihren Hals. Ayano verstand sofort und brachte ihr einen Krug mit Wasser. Ihre Kameradin bedankte sich mit einem raschen Nicken, nahm dann den Krug entgegen und trank. Und trank. Und trank. Bis nichts mehr übrig war. Sofort waren ihre Lebensgeister geweckt, als das kühle Nass ihre Kehle hinunter floss. Endlich schlich sich wieder das altbekannte Lächeln auf das Gesicht der sonstigen Frohnatur. Auch wenn es schwach war, war es dennoch ein beruhigender Anblick.
Shiori als auch Ayano seufzten gleichermaßen erleichtert. Scheinbar war Reina vorerst über dem Damm. Diese wiederum wurde nun neugierig.

„Was ist denn eigentlich passiert?“

Shiori wurde sofort aufgeregt.

„Das sollten wir dich fragen!“

Ayano nickte der Jüngeren zustimmend zu und erklärte hastig:

„Als Frau Goto die Kenntnis der Klarheit vorführte, begannst du mit einem Mal aufs Heftigste zu zittern. Bevor ich reagieren konnte, fielst du leblos in dich zusammen und pralltest auf den Boden. Es tut mir leid. Ich hätte dich auffangen sollen. Ich war mir nicht bewusst… Ich…“

Reina schüttelte lächelnd den Kopf.

„Du musst dir darüber keine Gedanken machen. Ich bin euch beiden dankbar, dass ihr hier seid.“

Noch immer umgab Sorge die Gesichtszüge ihrer beiden Kameradinnen. Shiori wollte gerade zu einer weiteren Frage ansetzen, als sie ein Pochen an der Tür des Zimmers vernahmen. Irritiert wandten sich alle drei in Richtung des Geräusches. Kurz danach trat eine Person hinein.
Shiori sog scharf die Luft ein. Ayano bibberte angstvoll. Reina klappte verblüfft die Kinnlade nach unten.
An der Tür stand der Mann, der solch einen markanten Eindruck im Thronsaal hinterlassen hatte. Der Direktor der Rehab Academy, Tsunku.
Er betrachtete ein jeden von ihnen eindringlich. Als er jedoch merkte, dass die Kenshuusei nicht wussten, wie sie mit dieser Begegnung umgehen sollten, trat ein freundliches Lächeln auf sein Gesicht.

„Dankeschön, dass ihr beiden euch so liebevoll um Fräulein Yokoyama gekümmert habt.“

Seine plötzliche Verbeugung in Richtung Ayano und Shiori überraschte die Mädchen. Erschrocken erwiderten sie die Geste. Daraufhin fragte Tsunku:

„Darf ich mir das Recht herausnehmen, mit Fräulein Yokoyama allein zu sprechen?“

Es dauerte einen kurzen Moment, bevor die beiden Angesprochenen realisierten, was sie da gefragt wurden. Als Tsunku sie, eine Antwort erwartend, geduldig betrachtete, schraken die Kenshuusei auf, verbeugten sich hastig ein zweites Mal und verabschiedeten sich bei Reina. Dann schritten sie schnell gen Ausgang und traten, nicht ohne einen weiteren zweifelnden Blick auf den großen Mann zu werfen, hinaus.
Tsunku schloss ruhig die Tür und schritt dann zu einem der Metallstühle, auf denen vor wenigen Minuten noch Reinas Vertraute gesessen hatten. Auf seltsam schlaksige Art und Weise setzte er sich.
Das junge Mädchen beobachtete ihn genauestens. Ihre Gedanken explodierten förmlich. Sie konnte einfach nicht einordnen, was der Direktor hier zu suchen hatte. Sie traute sich jedoch nicht, die entscheidende Frage zu stellen.
Tsunku hingegen, der ein paar tiefe Atemzüge nahm, schien bereits zu wissen, worüber die neue Akademie-Schülerin grübelte.

„Gleich dein erster Tag und schon bereitest du uns sorgen, Yokoyama Reina. Bei dem, was in dir vorgegangen ist, musste es wohl so kommen, dass wir uns eher früher als später begegnen, glaubst du nicht auch?“

Der Mann warf ihr einen amüsierten Blick zu. Seine entspannte Haltung besaß eine beruhigende Wirkung auf Reina. Diese fragte frei heraus:

„Was geschieht mit mir? Ich habe bereits seit gestern andauernd diese komischen Zuckungen und Schwindelgefühle. Bin ich nicht geeignet für die Therapie?“

Tsunku antwortete nicht sofort. Es schien ihm schwer zu fallen, die richtigen Worte zu finden. Seine Augen durchstreiften den Raum, glitten zur Decke und schließlich hefteten sie sich erneut an Reina. Ein liebevolles Lächeln umspielte seine Lippen.

„Nein, keine Sorge, deine Therapie ist nicht in Gefahr. Ganz im Gegenteil! Du scheinst ein äußerst starker Patient zu sein.“

Reina rief prompt:

„Aber was ist es dann? Ob in der Gesellschaft von Goto Maki oder Ihrer…“

Tsunku unterbrach sie sofort.

„Bleiben wir beim ‚Du‘. Ich mag die Autoritätsschiene nicht so besonders, auch wenn ich nicht gerne angebrüllt werde von meinen Schülern.“

Er zwinkerte dem Mädchen zu. Diese hielt erschrocken die Handfläche vor den Mund. Sie hatte die leichte Spitze gegen ihren lauten Tonfall verstanden. Tsunku lachte, aufgrund der Reaktion von Reina. Schließlich sprach er:

„Es war ein ordentliches Stück Arbeit, herauszufinden, was mit dir los war. Selbst hier, im Observer-Raum, dauerte es eine ganze Stunde, bis wir dem Ursprung deiner Qualen auf den Grund kamen.“

Reina blickte verwirrt drein.

„O-Observer-Raum?“

Tsunku wies auf das umgebende Krankenzimmer.

„Ja, wir befinden uns im Moment im Analysezentrum unseres Supercomputers, getarnt als Notstation eines Krankenhauses. Wir haben uns für diese Einrichtung entschieden, um den Patienten, die sich hier aufhalten, ein vertrautes, aber steriles Umfeld zu simulieren. Wer auf diese dumme Idee kam, kann heute wohl nicht mehr gesagt werden. Wahrscheinlich war ich es selbst.“

Das fröhliche Grinsen und die Lachfältchen an seinen Augen machten ihn für Reina sympathisch. Sie spürte ein wundersames Gefühl der Vertrautheit in seiner Gegenwart. Deshalb fragte sie ohne zu zögern:

„Was ist das hier für ein Raum? Warum bin ich hier?“

Der Direktor beugte sich nach vorn und faltete seine Hände ineinander, bevor er antwortete.

„Du musst vorerst verstehen, was in dir vorging. Du hattest einen sogenannten Anfall.“

Reina runzelte mit der Stirn, doch Tsunku setzte fort:

„Ein Anfall in unserer Welt bedeutet, dass man die Kontrolle über Geist und Körper verliert. Das kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden. Du hattest also großes Glück.
Im Normalfall lernt ihr Kenshuusei die Grundlagen unserer Kenntnisse. Nach und nach erlangt ihr das Wissen um euren Geist und euren Körper. Ihr erweitert euren Horizont mit jedem Tag, der verstreicht, bis ihr schließlich die Macht von Hello!Project Online entdeckt: Die Kommunikation mit der eigenen Seele und der Energie des Fleischlichen.“

Der Mann machte eine kurze Pause, um Reina Zeit zu geben, das Gesagte zu verstehen. Dann sprach er weiter:

„Eigentlich beginnen die Kenshuusei bei null, wenn sie ihre Therapie aufnehmen. Nichtsdestotrotz gibt es hin und wieder Fälle“, Tsunku nickte dem Mädchen vielsagend zu, „in denen sich schon vorab eine gewisse Kraft zeigt. Man könnte diese Fälle als ‚Frühentwickler‘ bezeichnen.“

Reina verstand nur Bahnhof. Dies spiegelte sich höchstwahrscheinlich auch in ihrem Gesicht wieder, denn der Direktor musste erneut lachen, als er sie anblickte.

„Du, Yokoyama Reina, bist ein solcher ‚Frühentwickler‘. Das bedeutet, dass du, bis zu gewissen Grenzen hinweg, deine Energie und deinen Geist bereits zu nutzen weißt. Jedoch beherrscht du noch in keinster Weise das Element der Klarheit. Das ist der Grund, weshalb in dir auch weder Balance noch Kontrolle vorhanden sind.“

Die Dunkelhaarige schluckte heftig. Zögerlich erwiderte sie:

„Aber wie soll ich Kontrolle üben, wenn ich gar nicht weiß, wie das geht? Und wenn es mir gezeigt wird, klappe ich gleich wieder zusammen.“

Tsunkus Gesicht nahm zuversichtliche Züge an. Auch sein Ton verriet, dass er bereits eine Lösung parat hatte.

„Es ist selten der Fall, dass sich die Konzentration von Geist und Energie so stark äußert, wie sie es bei dir getan hat. Das zeigt nur, dass dein Potential immens ist. Deshalb werden wir dich, weitaus früher, als es für Mitglieder dieser Akademie normalerweise üblich ist, in der Kenntnis der Klarheit unterweisen.“

Reina hob irritiert die Augenbrauen.

„Aber ich dachte, dass Kenshuusei nicht in dieser Lehre ausgebildet werden?“

Der Direktor nickte.

„Das ist richtig. Aber bei dir machen wir eine Ausnahme. Eigentlich benötigt die Kenntnis der Klarheit keine direkte Ausbildung. Sie entwickelt sich gemeinsam mit dem Erlangen der anderen beiden Grundpfeiler, da sie die Waage ist zwischen diesen. Umso höher man sein Wissen über Geist und Energie stapelt, umso höher positioniert sich logischerweise auch die Klarheit. Doch das geschieht nur, wenn man dieses Wissen auch bewusst erlangt. In deinem Fall ist es Segen und Fluch zugleich, dass sich deine Fähigkeiten selbst gebildet haben, ohne dein direktes Zutun.“

Das Mädchen fragte:

„Wie meinen Sie-… ähm, wie meinst du das?“

Ihr Gegenüber kratzte sich nachdenklich an der Wange.

„Sagen wir mal so, du besitzt bereits einen eindeutigen Wissensvorsprung, der dir noch gar nicht bewusst ist. Wenn wir dir dieses Bewusstsein einpflanzen, dann machst du einen gewaltigen Sprung nach vorn in dieser Akademie.“

Die Kenshuusei stutzte bei dieser Ansage.

„Was passiert mit mir, wenn ich dem nicht gerecht werde? Was ist, wenn ich es nicht schaffe, meinen Körper und meinen Geist in Einklang zu bringen?“

Für einen kurzen Moment war nichts als die Stille im Krankenzimmer zu vernehmen. Schließlich stand Tsunku auf, berührte mit seiner rechten Hand sanft Reinas Schulter und sprach entschlossen:

Fürchte dich nie vor deiner eigenen Stärke. Sie ist dein Instrument, welches du zu spielen meistern wirst.“

Bei den letzten Worten weiteten sich Reinas Augen. Hatte er diese Worte bewusst gewählt? Er hätte nicht ahnen können, dass sie in Reina solche Glücksgefühle auslösen würden. Oder doch?
Ehe sie etwas erwidern konnte, trat Tsunku in Richtung Ausgang. Auf dem Weg dorthin blickte er auf die Uhr über der Tür und sagte vergnügt:

„Es ist jetzt bereits Dreizehn Uhr. Das Mittagessen haben wir wohl beide leider verpasst. Schade um den schönen Nachtisch. Es hätte Pfirsich-Sorbet gegeben. Nun ja, sei es drum. Ruh dich noch etwas aus und dann hoffe ich, von deinen Aktivitäten im Kreise deiner Kameradinnen zu hören.“

Mit dem Zeigefinger wies er auf einen Gegenstand an Reinas Bettende. Diese betrachtete das Objekt verwundert. Es war ihre Trainingstasche.
Der Mann war bereits nach draußen getreten, als er ihr noch zurief:

„In zwei Stunden musst du in der Trainingshalle sein. Verspäte dich nicht.“

Und mit diesen letzten Worten war er endgültig verschwunden.

Kapitel 9 – Kaga Kaede

Während das Training, dem die Neulinge noch am Tag zuvor beigewohnt hatten, unter dem Kommando von Icchan recht harmonisch wirkte und wunderschön anzusehen war, hinterließ es bei der 26. Generation einen komplett gegenteiligen Eindruck, als diese ihre eigenen Übungen durchführten. Der ersten Freude durch die Wiedervereinigung mit Reina und der Spannung, endlich loslegen zu dürfen, wichen schnell Schweiß, Atemnot, Koordinationsprobleme und ständige, schmerzhafte Zusammenpralle nach unrhythmischen Bewegungen.
Die neuen Kenshuusei hatten arge Probleme damit, sich in den Takt der Erfahreneren einzuordnen. Reina merkte, wie sie konsequent einen Schritt zu spät war. Die ständigen Tempo- und Richtungswechsel taten ihr übriges.
Doch all das wäre überhaupt nicht tragisch gewesen, wenn nicht eine ganz bestimmte Person das Training überwacht hätte: Mitsubachi Maki.
Das Teilen des gleichen Namens mit Goto Maki und die Tatsache, dass sie Lehrer der Akademie waren, beschrieb bereits alle Gemeinsamkeiten der beiden Mentoren. Jede weitere Eigenschaft, die Mitsubachi Maki besaß, konnte nicht im Entferntesten unterschiedlicher sein als die freundliche, anmutige und positiv eingestellte Goto Maki.
Ihre Persönlichkeit ließ sich am besten mit einem Schwarm Bienen verdeutlichen. Sie arbeitete effizient, zielgerichtet und verschwendete keine Zeit mit Nichtigkeiten. Sollte jedoch etwas nicht so laufen, wie sie es sehen mochte, oder fiel eine Kenshuusei gar auffällig oft negativ aus der Reihe, dann Gnade diesem Tollpatsch Gott. Reina hatte keinen an dieser Akademie bisher kennen gelernt, der solch harte, demotivierende und unangenehm ehrliche Worte fand, wie es Frau Mitsubachi tat. Deshalb empfand das Mädchen den Vergleich mit dem Bienenschwarm durchaus passend. Sollte man die Lehrerin verärgern, fühlte sich jede einzelne ihrer Peinigungen wie schmerzhafte Stiche an.

„Schneller! Schneller! Langsamer! Schneller! Wo seid ihr mit euren Gedanken? Das hier ist keine Spaßtütenveranstaltung. Euer Leben steht auf dem Spiel, wenn ihr nicht mal solche einfachen Bewegungsabläufe in euren Schädel kriegt.“

Die herrischen Rufe der Lehrerin hallten durch den Trainingssaal. Alle Kenshuusei-Mitglieder waren aufs Äußerste bemüht, den knallharten Forderungen Folge zu leisten. Selbst das Mitleid der älteren Kameraden hielt sich in Grenzen. Denn obwohl sie definitiv bemerkten, dass die Neulinge weder körperlich noch geistig fit genug waren, um ihre Bewegungen rechtzeitig zu kopieren, schienen sie keine Anstalten zu machen, einen Gang zurückzuschalten. Sie steckten ihre gesamte Energie in das Training.
Ein lauter Gong ertönte. Frau Mitsubachi hatte mit dem Fächer in ihrer Hand, der dazu diente, den Takt vorzugeben, kräftig gegen eine bronzene Schale geschlagen. Das war das Zeichen für eine fünfzehnminütige Pause.
Ächzend und stöhnend ließen sich die neuen Kenshuusei direkt an der Stelle auf den Boden fallen, wo sie gerade noch gestanden hatten. Shiori lehnte sich rücklinks auf ihre Arme, senkte den Kopf nach hinten und blickte, mit schweißüberströmtem Gesicht, an die Decke. Die Atmung fiel ihr unsagbar schwer.

„Was… bitte… ist… das… für… eine… Therapie? Gnade…“

Stoßartige Worte drangen kehlig aus ihrem Mund. Die kleine Rin legte sich sogar gänzlich, Arme und Beine weit von sich gestreckt, auf die kühle Ebene.

„Ich will nicht mehr. Es soll aufhören. Mein ganzer Körper brennt.“

Reina, Ayano und Marie taten es ihr gleich. Sogar Yuhane zeigte erstmalige Anzeichen von Schwäche. Sie hatte ihre Beine an ihren Körper gezogen, die Ellbogen auf die Knie gelegt und den Kopf in ihre Handflächen vergraben. Nur noch die glänzende Stirn war zu erkennen.
Maeda Kokoro kam zu ihnen herüber. Auch sie wirkte leicht geschafft, doch ihre körperliche Verfassung schien von einer anderen Welt zu sein, dachten sich die Gepeinigten im Stillen.

„Wie geht es euch? Haltet ihr noch durch? Die ersten Tage sind die Härtesten. Danach wird es besser, glaubt mir.“

Kein Neuling antwortete ihr. Reden benötigte Energie. Und keiner von ihnen besaß noch Energie. Maeda kratzte sich wieder mal verlegen am Kopf. Es war ein kleines Markenzeichen von ihr. Als musste sie sich jedes Mal für etwas entschuldigen.

„Ich hoffe, ihr nehmt es uns nicht zu übel, dass wir keine Rücksicht auf euch nehmen. Frau Mitsubachi würde uns sonst die Hölle heiß machen.“

Marie warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Diese Frau quält doch nur gerne Leute. Warum lasst ihr euch von ihr so schikanieren.“

Überrascht über diese Aussage schüttelte Maeda mit dem Kopf.

„Nein, nein! Das sind die Methoden von Frau Mitsubachi. An sich ist sie ein netter Mensch.“

Rin wischte sich den Schweiß von der Nase und sagte mit wütender Piepsstimme:

„Methoden? Nett? Sie ist der Teufel! Ich will nicht mehr. Das ist zu viel.“

Yuhane hob leicht den Kopf. Lediglich ihre Augen waren hinter ihren Armen zu erkennen. Diese waren eindringlich auf Maeda gerichtet.

„Es wäre einfacher, wenn ihr uns zeigt, was wir falsch machen. Stur versuchen euch nachzuahmen ist nicht lukrativ. Ich gebe es nicht gern zu, aber ich halte auch nicht viel von diesen ‚Methoden‘ der Lehrerin. Sie bringt uns noch ins Grab.“

Plötzlich trat Takase Kurumi zu den Beteiligten und warf strenge Blicke in die Runde.

„Die oberste Regel im Haven lautet: Redet nicht schlecht von euren Mentoren. Haltet sie in Ehren. Sie sind alle hier, um euch zu helfen. Frau Mitsubachi mag sehr streng sein, doch ihr Training hat schon viele tolle Talente für die Gruppierungen hervorgebracht. Außerdem wollt ihr doch so schnell es geht zu uns aufholen. Wenn ihr bereits am ersten Tag aufgebt und es somit nicht mal an uns vorbeischafft, wie wollt ihr dann eine positive Beurteilung des Observers erhalten?“

Es folgte eine rege Diskussion. Keiner der Neulinge wollte einsehen, dass diese Tortur tatsächlich eine Hilfe sein sollte.
Reina verfolgte die Debatte still. Ihr Körper war noch nicht bei hundert Prozent. Das spürte sie. Egal wie sehr sie sich bemühte, es erschien ihr so, als wirkten ihre Bewegungen gehemmt. Wahrscheinlich waren das noch immer die Nachwirkungen ihres Anfalls. Sie sollte definitiv aufpassen, dass ihr so etwas nicht noch einmal passierte. Außerdem musste sie sich wohl oder übel eingestehen, dass das Training tatsächlich mehr als hart war. Nachdem ihr vom Direktor persönlich gesagt wurde, dass sich ihre Fähigkeiten bereits von selbst entwickelt hatten, dachte sie, dass sie schnell zu den älteren Kenshuusei aufschließen könnte. Doch nun trainierten sie bereits zwei Stunden und jeder Schritt, jeder Handgriff sowie jede einzelne Richtungsänderung war viel zu spät oder gar falsch von ihr ausgeführt.
Den Tiefpunkt erreichte die Fünfzehnjährige, als sie bei einer spontanen Rückwärtsbewegung ausversehen Shiori ins Auge stach, wodurch eine fünfminütige Zwangspause ausgerufen und Reina von Frau Mitsubachi wütend getadelt wurde. Reina fühlte sich in diesem Moment keinesfalls besonders. Doch sie wollte sich nicht vom Frust übermannen lassen.
Plötzlich fixierte sie eine einzelne Person. Es war das Mädchen mit der Kurzhaarfrisur namens Kaga Kaede. Im Gegensatz zu allen anderen Kenshuusei hatte sie sich nicht in eine sitzende oder anderweitig entspannte Position begeben, um die Pause zu genießen. Stattdessen war sie vor den großen Spiegel getreten und observierte sich selbst, während sie die gerade geübten Bewegungen durchführte. Diese aufopferungsvolle Gewissenhaftigkeit nach Größerem zu streben imponierte Reina.
Mit einer ruckartigen Bewegung stand sie auf und unterbrach dabei die geschockte Kurumi, welche gerade zu einem längeren Vortrag über Respekt und Umgang angesetzt hatte.

„Reina, sagte ich nicht gerade, dass…“

Doch das Mädchen mit den schulterlangen, dunklen Haaren beachtete sie nicht. Ihre gesamte Konzentration war auf Kaedi gerichtet. Langsam trat sie zu der fleißig Trainierenden. Diese schenkte dem Ankömmling keine Beachtung.
Reina lächelte scheu.

„Kannst… Kannst du die Bewegungen, die du gerade gemacht hast, noch einmal zeigen?“

Die Angesprochene stoppte irritiert. Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich der kleineren Person zu. Der starre Blick traf auf große, hoffnungsvoll schimmernde Augen. Kaedis Mundwinkel verkrampften sich.

„Ähm… klar… warte…“

Vollkommen überrumpelt von der unschuldig dreinblickenden Reina nahm Kaedi die Anfangsposition ihrer Kampfchoreografie ein.
Sie schlug mit der linken Faust kraftvoll nach vorn. Sofort folgte eine Kehrtwende nach hinten. Während der Drehung wechselten die Fußpositionen schlagartig, um einen festen Stand zu gewährleisten. Dann gab es einen Tritt. Schließlich wieder zwei schnelle Schläge. Ein leichter Vorstoß mit dem Oberkörper. Und erneut eine Drehung.
Weil das ältere Mädchen nicht wusste, wie viel sie eigentlich zeigen sollte, warf sie mittendrin einen kurzen Blick zu ihrer jungen Kameradin. Da weiteten sich ihre Augen.
Reina hatte nicht einfach nur zugeschaut. Sie hatte probiert, den flinken Bewegungen von Kaedi in Sekundenbruchteilen zu folgen. Doch sie scheiterte und fluchte leise.
Es ging nicht nur darum, einfach die Abfolgen nachzuahmen. Sowohl körperliche Balance als auch messerscharfe Konzentration waren notwendig, um die nötige Spannung zu erzeugen. Frau Mitsubachi hatte zu Beginn erwähnt, dass es in dieser Welt möglich sei, mit seinem Körper ganze Berge zu versetzen. Ob dies eine übertriebene Darstellung dafür sei, dass man mit steigernder Energie und Technik große Macht erlangt, sei dahingestellt.
Das Mädchen mit den kurzen Haaren beendete ihre eigenen Bewegungen, doch die Jüngere richtete sofort ihren Kopf auf und fokussierte sie.

„Bitte wiederhole es noch einmal für mich.“

Kopfschüttelnd ging Kaedi zurück auf ihre Position. Sie wiederholte die Übung, behielt Reina aber dieses Mal von Beginn an im Blick.
Und tatsächlich war diese bemüht, den Schritten so perfekt wie möglich zu folgen. Es gelang ihr nicht. Doch Kaedi musste eingestehen, dass Reina sich von Versuch zu Versuch verbesserte. Die Flamme des Ehrgeizes war regelrecht spürbar im Inneren des Neulings.
Reina verbeugte sich.

„Danke, dass du mich trainierst.“

Perplex starrte die ältere Kenshuusei ihr Gegenüber an.

„Trainieren? Ich trainiere dich doch gar nicht. Du hast mich doch nur gefragt, ob…“

Doch Reina ging gar nicht auf ihre Worte ein. Stattdessen sprach sie:

„Könntest du die Bewegungen noch einmal wiederholen?“

Fassungslos schreckte Kaedi einen Schritt zurück. Was war mit diesem Mädchen los? War sie noch ganz dicht? Leicht erregt antwortete sie:

„Versuchst du mich auf den Arm zu nehmen? Ich bin doch kein Videoband, das man immer wieder bei Bedarf abspielen kann.“

Doch Yokoyama Reina lächelte noch immer so unschuldig und unnachgiebig wie eh und je.

„Nein. Ich will dich nicht auf den Arm nehmen. Bitte wiederhole für mich diese Bewegungen. Das wäre sehr lieb.“

Die Ältere konnte mit dieser Situation nicht umgeben. Deshalb, und da sie das Training sowieso auch für sich selbst ausführen wollte, gab sie dem Wunsch nach.
Heimlich beobachtete sie während der Ausführung ihre Kameradin, welche besser und besser wurde. Inzwischen gelang es Reina fast synchron mit Kaedi Schritt zu halten. Diese spürte, wie sie ungewollt beeindruckt war.
Als sie die ersten Abfolgen beendet hatten, sprang Reina glückselig, mit der Faust voran, in die Luft und jubelte. Sie freute sich darüber, dass sie ihrer Mentorin folgen konnte.
Kaedi betrachtete sie emotionslos. Schlagartig bildeten sich Wutfalten unter ihren Augen und sie sagte.

„Wieso freust du dich so? Du beherrschst jetzt eine simple Schrittfolge. Mehr nicht. Du bist noch so weit entfernt davon, die wirklich wichtigen Dinge zu lernen.“

Doch das Gemüt der Jüngeren versprühte noch immer pure Fröhlichkeit.

„Das ist doch gut. Das bedeutet, dass du mir noch so viel beibringen kannst. Ich will unbedingt besser werden. Besser als alle anderen.“

Der letzten Bemerkung schwang solch starke Motivation mit, dass Kaga nicht umhinkonnte, als Reina für ein paar Sekunden überrascht zu betrachten. Doch dann fasste sie sich wieder und ihre störrischen Gesichtszüge kehrten zurück.

„Du willst besser als alle sein? Jemand, der so naiv und dumm ist wie du, wird es nicht einmal schaffen, einer Gruppierung beizutreten. Egal wie fleißig du bist.“

Das hatte gesessen. Kaedi wollte nicht so verletzend sein, doch sie war ein ehrlicher Mensch. Für einen kurzen Moment herrschte Stille.
In der Zwischenzeit waren auch die anderen Kenshuusei zu ihnen getreten. Icchan warf Kaga einen vorwurfsvollen Blick zu. Kurumi hatte die Hand mitfühlend auf Reinas Schulter gelegt, deren Gesicht im Schatten verborgen lag. Man konnte nicht erkennen, was sie nach diesen Worten dachte oder wie sie sich fühlte.
Gerade als die Kenshuusei-Anführerin ein Machtwort gegenüber der Kurzhaarigen sprechen wollte, hob Reina den Kopf. Ein Lachen umspielte ihre Lippen.

„Lass uns Freundinnen werden.“

Vollkommener Schock breitete sich in der Halle aus, nachdem alle Anwesenden Reinas Worte realisierten. Yuhane klatschte die Hand vor ihr Gesicht. Shiori hatte Augen und Mund so weit offen wie niemals zuvor. Die älteren Kenshuusei schwankten zwischen peinlicher Berührtheit, verkniffenen Lachern und fassungslosen Mienen.
Alle Augen waren auf Kaedi fixiert. Wie würde sie auf solch eine anmaßende Antwort reagieren. Sicherlich würde sie Reina auseinandernehmen. Es konnte gar nicht anders sein.
Niemand regte sich. Kaga selbst wirkte wie versteinert. Einige waren sich nicht mal sicher, ob sie überhaupt noch atmete.
Das Quietschen der Hallentüren unterbrach das skurrile Szenario abrupt. Frau Mitsubachi trat ein und klatschte in die Hände.

„Es wird Zeit. Wir machen sofort weiter. Ihr habt noch eine ganze Stunde vor euch. Auf geht’s!“

Sofort nutzte Kaedi die Gelegenheit und flüchtete aus der Situation, nahm ihren Platz ein und richtete ihren Blick stur auf Frau Mitsubachi. Ironischerweise war es ausgerechnet Reina, die ihr ohne zu zögern folgte und, zum Missmut der Älteren, sich direkt neben sie platzierte. Auch ihr Blick war, begleitet von einem spielerischen Grinsen, auf die Lehrerin fokussiert.
Die anderen Kenshuusei wussten nicht, was sie von der ganzen Aktion halten sollten. Noch immer standen sie im Halbkreis am Spiegel und beobachteten die beiden Protagonisten des Vorfalls.

„HABE ICH NICHT GESAGT, DASS ES WEITER GEHT, IHR SCHLAFMÜTZEN?“

Die Versammelten schreckten auf und entschuldigten sich unter panischen Verbeugungen, bevor sie schließlich ihre Positionen bezogen.

Kapitel 10 – Die mächtigste Gruppierung

Reina, Shiori, Yuhane und Ayano saßen im Thronsaal und blickten auf Schmorbraten mit Rotkohl und Klößen. Begierig stürzten sie sich auf das schmackhafte Essen. Jeder einzelne Bissen war eine Wohltat für den von Hunger geplagten Magen.
Shiori gab ein genüssliches Fiepen von sich, nachdem sie sich ein großes Stück Fleisch genehmigt hatte.

„Köstlich! Das haben wir uns aber sowas von verdient.“

Reina nickte über beide Ohren grinsend.

„Das stimmt! Das ist das erste Mal, dass ich zum Mittagessen gehen durfte.“

Die anderen schauten einen kurzen Moment fragend drein, dann verstanden sie. Yuhane war die erste, die antwortete:

„Vier Tage ist es jetzt her, seit unser Training begonnen hat. Es ist echt bitter für dich gelaufen, dass du diesen Anfall hattest. Seitdem musstest du jeden Mittag zur Untersuchung.“

Reina kratzte sich am Kopf.

„Immerhin fiel der heutige Termin aus, weil Frau Goto verhindert war. Deshalb kann ich endlich dieses tolle Essen zu mir nehmen.“

Die glitzernden Augen streiften über die weiten Essenstische der Halle. Währenddessen lehnte sich Ayano zu ihr hinüber und flüsterte leise:

„Was macht Frau Goto eigentlich mit dir in diesen Untersuchungen? Du bist manchmal für Stunden fort und tauchst gerade so kurz vor Beginn der Trainingsstunden auf.“

Reinas Gesichtszüge nahmen einen verlegenen Ausdruck an.

„Ach na ja, d-die suchen etwas in mir. Irgendwas mit Geist und Körper und so. Ich verstehe das auch nicht so direkt. Ähm…“

Das junge Mädchen war eine grauenvolle Lügnerin. Mit solchen Aussagen hätte sie nicht mal sich selbst überzeugen können, dachte sie sich im Stillen.
Glücklicherweise beließ es Ayano dabei und auch die anderen gaben sich mit dieser Antwort vorerst zufrieden. Lediglich Yuhane starrte sie ein paar Sekunden länger als nötig an. Schnell lud sich Reina eine große Portion Braten auf ihren Löffel und verschluckte sich beinahe an dieser.
Als die Aufmerksamkeit langsam in andere Bahnen gelenkt wurde, beruhigte sich die Fünfzehnjährige. Sie war von Goto Maki zum Schweigen gezwungen worden. Das mochte sie überhaupt nicht. Lügen stand ihr einfach nicht zu Gesicht.
Doch die Lehrerin hatte gemeint, dass es nur unangenehm unter den Kenshuusei werden könnte, wenn Reina verriet, dass ihre Kräfte sich bereits früher entwickelt hatten als bei den anderen. Noch einmal rief sich das Mädchen die Worte ihrer Mentorin ins Gedächtnis, als diese sie nach dem ereignisreichen ersten Trainingstag am Abend auf dem Heimweg zur Seite genommen hatte:

„Es wird eine harte Zeit für dich, aber wir treffen uns jetzt jeden Tag, nach dem Theorieunterricht, zur Mittagsstunde, in der Trainingshalle. Dann haben wir ein oder zwei Stunden, bevor dein eigentliches Training beginnt, um dir die Balance zwischen Körper und Geist näher zu bringen. Du wirst abends große Erschöpfung und Schmerzen verspüren, doch du musst durchhalten. Das ist das Wichtigste!
Und vor allem darfst du deinen Kameraden unter gar keinen Umständen erzählen, was wir hier machen.“

Reina hatte sie verwundert angeblickt und gefragt:

„Wieso darf ich ihnen nichts sagen?“

Daraufhin hatte Goto Maki ihre Augenbrauen nach oben gezogen und ein ernstes Gesicht aufgesetzt.

„Du besitzt nun schon eine Kraft, die dich von den anderen abhebt. Und das, obwohl du augenscheinlich noch nichts dafür getan hast. Das wird dich bei so mancher ehrgeizigen Mitbewerberin oder hart am Limit trainierenden Kameradin nicht gerade in ein rechtes Licht rücken. Für euch alle geht es um die eine Sache: Überleben! Ich kann also nicht mit Bestimmtheit sagen, dass jede der Kenshuusei reinen Herzens ist und dir diesen massiven Vorsprung gönnt. Damit du dennoch ein normales Leben hier führen kannst, ist es das Beste, wenn du die Tatsache verschweigst, dass du bereits alle nötigen Kräfte entwickelt hast.“

Das junge Mädchen hatte gewisse Zweifel gehegt:

„Aber fällt es nicht irgendwann auf, wenn ich bereits Fähigkeiten beherrsche in den Übungen, die über die Grundlagen hinaus gehen?“

Die Lehrerin konnte sie jedoch mit ihrem verschmitzten Lächeln beruhigen:

„Du musst dich bloß ein paar Wochen bedeckt halten, dann fällt dein rasanter Fortschritt nicht mehr ins Gewicht. Es gibt immer wieder Kenshuusei, die schneller lernen als andere. Entweder sie erkennen dich als solch eine an. Oder es könnte sogar vorkommen, dass eine deiner Kameradinnen ihr Potential in der Zwischenzeit ebenfalls entdeckt und dir sogar Konkurrenz macht. Dann würdest du selbst gar nicht mehr weiter auffallen.“

Das Lächeln von Goto Maki wurde breiter.

„Außerdem solltest du das Grundlagen-Training auf keinen Fall unterschätzen. Ich gehe sogar davon aus, wenn du nicht gerade ein Naturtalent bist, dass du genug Probleme in den kommenden Wochen haben wirst, die Übungen deiner neuen Mentorin zu meistern. Du kannst mir also vertrauen, wenn ich dir sage, dass du nicht auffallen wirst. Solange du dir zumindest etwas Mühe dabei gibst, dich nicht zu verplappern.“

Reina erinnerte sich an das schelmische Zwinkern am Ende der Unterhaltung. Manchmal hatte sie das Gefühl, Goto Maki machte sich einen Spaß daraus, die ahnungslosen Neulinge an der Nase herumzuführen. Doch zweifelsohne war sie sehr hilfsbereit und aufopferungsvoll. Außerdem war sie es, die Reina rettete und Erste-Hilfe-Maßnahmen an ihr ausführte, als das Mädchen ihren Anfall bekam.

„Was denkst du darüber, Reina?“

Erschrocken blickte die Angesprochene in die Runde. Sie war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass sie überhaupt nicht mehr dem Thema gefolgt war, welches derzeit am Tisch herrschte. Shiori betrachtete die Träumerin erwartungsvoll. Diese stotterte:

„Ä-Ähm… wie bitte?“

Ayano reagierte sofort mit leicht hastigem Unterton:

„Na was glaubst du, wie lange wir noch diese schreckliche Folter durchleben müssen, bis Frau Mitsubachi uns endlich nicht mehr wie Sklaven behandelt? Wir kriechen ja schon vollkommen auf dem Zahnfleisch.“

Reina, die noch immer etwas verwirrt dreinschaute, antwortete mit säuselnder Stimme:

„Ich… äh… ich finde sie gar nicht so schlimm.“

Shioris Augen starrten sie exzessiv an.

„Was? Du findest nicht, dass sie uns quält?“

Die Fünfzehnjährige murmelte nachdenklich:

„Doch schon… aber…“

Ayano war mit ihrem Gesicht nun ganz nah an das Gesicht von Reina gerückt.

„Was meinst du mit ‚Aber‘?“

Die Kleinere zauberte ein charmantes Lächeln hervor und sagte dann:

„Frau Mitsubachi ist bestimmt so entschlossen und beseelt von dem Wunsch uns besser zu machen, dass sie gar nicht merkt, dass sie manchmal über die Stränge hinausschlägt, nicht wahr?“

Yuhane, die bisher geschwiegen hatte, stimmte in das Lachen ein. Verwundert wandten sich Shiori und Ayano zu ihr um. Das Mädchen mit der spitzen Nase sprach:

„So kann man es natürlich auch betrachten. Letzten Endes ist sie eine Lehrerin und wird nicht umsonst ihre Stelle bekommen haben. Mir gefallen ihre Methoden nicht, aber wenn sie mich in eine Gruppierung bringt, will ich nichts gesagt haben.“

Darauf konnte niemand etwas Gegenteiliges erwidern.
Die Vier beendeten das Mittagessen und traten in die riesige Halle mit der Spiegelkuppel. Reina streckte die Arme von sich und gab ein lautes Gähnen ab.

„Ich wünschte, wir könnten jetzt schlafen gehen.“

Sie spürte das Brennen in ihren Muskeln. Aufgrund der Dreifachbelastung aus Theorie, Praxis und Zusatzunterricht mit Goto Maki schrie ihr gesamter Körper vor Müdigkeit. Sie bemühte sich jeden Tag, sich nichts anmerken zu lassen. Zu ihrem Glück erging es den anderen Neulingen nicht gerade anders.
Ayano machte ihr die Bewegung gleich.

„Du sagst es, ich habe gar keine Lust auf das Training.“

Lustlos stapften sie in Richtung Trainingshallen. Icchan hatte nicht gelogen. Nach nur zwei Tagen kannten sie die wichtigen Verbindungen der Gänge bereits auswendig. Zumindest zwischen Schlafsäle, Trainingshallen, Klassenzimmer und Thronsaal konnten sie sich ganz entspannt ohne viel Aufhebens bewegen.
Shiori merkte besorgt an:

„Hoffentlich schaffen es Marie und Rin rechtzeitig. Sie wirkten vorhin sehr kraftlos. Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass sie nichts gegessen haben.“

Yuhane stimmte ihr zu.

„Da hast du Recht. Sich nochmal ins Bett zu legen zerstört den kompletten Biorhythmus des eigenen Körpers. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen die Ruhephase helfen wird, das Training zu überstehen. Hoffentlich halten sie irgendwie durch.“

Reina machte sich Sorgen um ihre beiden Generations-Kameradinnen. Shioris Formulierung ‚kraftlos‘ empfand die Dunkelhaarige für untertrieben. Sowohl Rin als auch Marie waren beinahe der Ohnmacht nahe gewesen nach den gestrigen Übungen. Frau Mitsubachi ließ keine Gnade walten, so viel war sicher.
Mittlerweile trafen sie in der Eingangshalle des Schlosses ein. Sie schritten die große Treppe hinunter. Auf dem Weg bemerkten sie jedoch, dass sich eine kleine Menschenmenge vor den gewaltigen Toren gebildet hatte. Sie erkannten die anderen Kenshuusei und liefen zu ihnen.
Kurumi, Icchan, Maeda Kokoro und Inoue Hikaru winkten sie aufgeregt zu sich. Yuhane war die erste, die sie erreichte.

„Was ist denn hier los?“

Ihr Blick wanderte durch die Menge, welche inzwischen eine Linie an beiden Seiten des großen, rotgoldenen Teppichs gebildet und somit einen breiten Gang von den Eingangstoren zur großen Treppe erschaffen hatte.
Kurumi wandte sich mit großen Augen und heiserer Stimme an die Neuankömmlinge.

„Sie sind da. Sie sind da. Unglaublich. Wir dürfen sie sehen. Das ist so unfassbar.“

Reina kniff die Augen zusammen, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und versuchte über die Köpfe der anderen zu spähen.

„Wen denn? Wen dürfen wir sehen?“

Kiyono Momohime tat es ihr gleich und erwiderte störrisch:

„Du Dummkopf, weißt du es denn nicht? Sie kommen endlich nach Hause. Sie waren monatelang fort. Man dachte schon, sie seien tot.“

Shiori hüpfte immer wieder, um etwas erkennen zu können. 

„Wer denn? Über wen redet ihr?“

Schließlich nahm die große Kawamura Ayano sie auf die Schultern. Icchan hatte bisher geschwiegen. Gerade, als die ersten Leute nahe der Tore zu jubeln begannen, bekam die sonst so taffe Kenshuusei-Anführerin Tränen in den Augen, die sie kurzerhand wieder wegwischte. Ein schmales Lächeln begleitete ihre geröteten Wangen.

„Willkommen daheim, °C-ute!

Reina starrte ihre Namensschwester für einen kurzen Moment verwundert an und wiederholte die Worte leise murmelnd:

„°C-ute…“

Dann entbrannte tosender Applaus, und die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens richtete sich vollends auf den Eingang.
Dort schritten fünf Personen nacheinander den breiten Gang entlang. Ihre Auren waren überwältigend. Reina konnte die Macht jeder einzelnen der jungen Frauen spüren. Es war wie von einem anderen Stern.
Aber nicht nur die Auren, die sie umgaben, waren einzigartig. Nein! Die bloße Präsenz der Fünf erstrahlte grell in der gesamten Halle.
Die Erste, die mit einem Banner in der Hand vorbeizog, auf dem ein großes, schwarz schimmernd gesticktes C auf einem gelben Grund zu erkennen war, blickte freudestrahlend in die Menge. Ihr wehend langes, rabenschwarzes Haar verlief anmutig über ihren Rücken. Die silbernen Rüstungsplatten, die sie trug, wirkten beschädigt. Ähnlich erschien es ihr mit ihrem grausilbernen Umhang, der zum Ende hin nur noch in seidene Fetzen überging.
Auch die Kleidung der anderen vier Frauen machte den Eindruck, dass sie viele Wochen unterwegs und kontinuierlich in Kämpfe verwickelt waren. Wer hatte sie bloß angegriffen?
Die Zweite der Truppe besaß rotblondes, kurzes Haar und war die Kleinste in der Runde. Ihr selbstsicherer Blick verriet Reina jedoch, dass diese Frau genau wusste, was für eine unglaubliche Stärke sie besaß und man sie keinesfalls nach ihrer Größe beurteilen durfte.
Hinter ihr folgte eine Person mit langen dunkelbraunen Haaren, die ihr weit über die Schulter fielen. Ihre Miene wirkte erschöpft, doch ihr liebes, rundliches Gesicht und die vollen Lippen präsentierten Freude und Zufriedenheit.
Die Vierte im Bunde strich sich mit ihren langen, dünnen Fingern durch die dunkelblonden Haare, welche ihr bis zum Halsansatz reichten. Ihr Lächeln wirkte schwächer als das der anderen, doch dies minderte nicht die großartige Ausstrahlung, die sie an ihr Umfeld versendete.
Als letztes trat eine Frau mit langen, dunklen Haaren in die Eingangshalle. Sobald sie ins Sichtfeld der meisten Menschen kam, wechselte der Fokus direkt auf sie und der Jubel verstärkte sich noch um ein Vielfaches mehr. Das schmale Gesicht war mit Schnitten und Wunden übersäht, doch trotzdem umwob sie eine solche Schönheit und Strahlkraft, dass selbst Reina nicht mehr die Augen von ihr lösen konnte.
Plötzlich hörte sie Icchan ehrfurchtsvoll flüstern:

„Das ist Suzuki Airi.“

Reina hatte diesen Namen noch nie gehört, doch trotzdem umgab sie das Gefühl, dass sie ihr vertraut war. Suzuki Airi. Die Aura kam der von Goto Maki und Tsunku gleich. Die junge Kenshuusei war froh, dass das Zittern der Beine aufgehört hatte. Scheinbar schlug ihr Zusatzunterricht an.
Yuhane fragt inzwischen mit leichtem Zischen:

„Wer ist das alles?“

Kurumi flüsterte zurück:

„Das ist °C-ute. Eine der Gruppierungen. Oder besser gesagt…“

Inoue Hikaru unterbracht sie.

„°C-ute ist die mächtigste Gruppierung des Havens. Sie sind unglaublich. Jeder von ihnen befindet sich im letzten Rehab Grad.“

Fassungslos und absolut beeindruckt starrten die neuen Kenshuusei den Gruppierungsmitgliedern mit weit aufgerissenen Augen nach. Nun verstanden sie den Aufmarsch der ganzen Leute.
Yuhane hatte einen ganz besonderen Blick auf die mächtigen Personen geworfen. Leichte Gier sprach aus ihren Worten:

„Sie sind eine Gruppierung. Also ist es möglich, ihnen beizutreten.“

Die Betrachteten schritten inzwischen langsam die große Treppe nach oben Richtung Thronsaal.
Kurumi lachte amüsiert.

„Es ist zwar richtig, dass sie gewissermaßen zu Auswahl stehen. Aber, na ja…“

Yuhanes Augen blitzten zu dem Mädchen mit dem rundlichen Gesicht.

„Was heißt denn ‚gewissermaßen‘? Kann man ihnen nun beitreten oder nicht?“

Icchan legte sanft die Hand auf Yuhanes Schulter und sagte dann mit wehmütigem Unterton:

„Ich kann dich vollkommen verstehen. Ich denke jeder würde gerne °C-ute beitreten.“

Sie machte eine kurze, dramatische Pause, bevor sie weitersprach.

„Allerdings ist dies noch nie jemandem gelungen. Und so wie es den Anschein hat, wird es auch nie jemandem gelingen.“

Die junge Kenshuusei mit der Stubsnase wirbelte herum und betrachtete Icchan mit verzweifeltem Blick.

„Wieso denn das nicht?“

Für einen langen Moment herrschte Stille. Die Gruppierung war bereits entschwunden und die Menge löste sich so langsam auf. Icchan und Yuhane starrten sich tief in die Augen. Letztlich antwortete die Ältere mit mattem Ton:

„Weil °C-ute selbst entschieden hat, dass sie keine weiteren Mitglieder aufnehmen wollen. Entweder überstehen sie gemeinsam diese Therapie… oder sie sterben gemeinsam. Nur die Fünf. Keiner mehr. Keiner weniger. Das haben sie entschlossen. Und so wird es wohl bis zum Ende bleiben.“

Kapitel 11 – Im Dorf

Obwohl es noch immer sommerlich warm war, verspürte man die ersten herbstlichen Winde durch die östlichen Dörfer wehen. Die Gruppierung namens ANGERME genoss die sanfte Brise, während sie den Sonnenuntergang betrachteten. Ein Gefäß, dessen Aufgabe es war, kalte Getränke und Speisen zu servieren, kam, mit einem leeren Tablett unter den Armen, zum Tisch, an dem die acht Mädchen saßen.

„Möchten Sie etwas bestellen?“

Die Stimme wirkte gleichzeitig freundlich und höflich, doch Kamiko hatte sich noch immer nicht an diesen teilnahmslosen Unterton gewöhnt, den alle Gefäße mit sich trugen.
Ihr gegenüber befand sich Rikako, welche zuerst reagierte:

„Einen Pfirsichsaft, bitte!“

Auch von den anderen Mitgliedern nahm sie die Bestellung entgegen. Kamiko blickte der Kellnerin hinterher, bevor sie sich wieder dem Gespräch anschloss, bei welchem die Truppe unterbrochen wurde. Take ergriff das Wort:

„Seit drei Wochen sind wir nun hier draußen unterwegs und haben immer noch keine einzige Spur. Das ist doch nicht zu fassen.“

Erzürnt griff sie sich in die Haare, wodurch die feuerrote Mähne vollkommen zerzaust und in alle Winde zerstreut wurde. Murotan lachte und wies mit dem Zeigefinger auf die Ältere.

„Jetzt siehst du aus wie Pumuckl. Das steht dir wirklich gut.“

Während Take gespielt beleidigt ihrer Peinigerin unverständliche Worte gegen den Kopf knallte, erhob die Anführerin der Gruppierung, Wada Ayaka, die Stimme:

„Hier im Dorf sind wir mit unserer Befragung fertig. Wir sollten als nächstes in Richtung Süden gehen. Vielleicht haben die Waldbewohner etwas gesehen.“

Vereinzeltes, motivationsloses Nicken folgte. Katsuta Rina, ein Mädchen mit langen, braunen Haaren, rieb sich müde die Augen und gähnte. Kamiko mochte ihr süßes, rundes Gesicht. Ganz besonders die schwungvollen Lippen hatten es ihr angetan. Rikako tat es der Braunhaarigen gleich und streckte sich zusätzlich, bevor sie fragte:

„Wir brechen aber nicht mehr heute auf, oder? Gleich ist es dunkel und wir müssen sowieso noch auf Maho warten.“

Ayaka, deren lange, schmale Gestalt und das markante Gesicht im halben Schatten des Restaurantdaches lagen, kratzte sich fragend am Kopf. Dann merkte sie an:

„Wir befinden uns ziemlich im Verzug mit dem Auftrag. Wenn wir dem Haven so langsam keinen Bericht zusenden, könnten sie das Gefühl bekommen, wir machten Urlaub anstatt uns auf unsere Aufgabe zu konzentrieren.“

Murotan mischte sich in das Gespräch ein:

„Was wäre denn so schlimm daran, mal ein wenig auszuspannen? Das hätten wir uns doch redlich verdient.“

Nakanishi Kana antwortete mit halb grinsendem, halb spöttischem Ton:

„Gerade du musst reden. Dich sieht man doch alle zwei Tage auf der Veranda faulenzen.“

Die Angesprochene zwinkerte ertappt und streckte die Zunge heraus als Antwort. Kamiko lächelte. Ja, das war ANGERME. Teil dieser Gruppe zu sein, fühlte sich so befreit an. Selbst wenn sie von den Obersten des Havens eins auf den Deckel bekamen, weil sie wieder einmal einen Auftrag zu spät oder nicht mit den entsprechend vorausgesetzten Mitteln erledigt hatten, irgendwie gelang es der Gruppierung immer wieder, sich erfolgreich gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen. Hier durfte jeder machen, was er wollte, und jeder durfte sein, was er wollte. Wichtig war nur, dass man gemeinsam Spaß hatte. Solange dieser existierte, befand sich das Gruppengefüge in Harmonie.
Bei den letzten Gedanken wanderte ihr Blick automatisch zu Kasahara Momona, die schüchtern neben Kana saß. Für einen kurzen Moment betrachtete sie das neuste ANGERME-Mitglied.
Als Kassa plötzlich aufschaute und sich ihre Augen auf Kamiko richteten, erschrak diese mit ihrem ganzen Körper und stellte der ankommenden Kellnerin ausversehen ein Bein. Eine Sekunde später hörte man den wütenden Schrei von Rikako.

„KAMIKOOOOOO!!!“

Die Kurzhaarige war mit braungelber Flüssigkeit übersäht. Von oben bis unten war sie durch den Unfall mit klebrigem Fruchtsaft vollgespritzt worden. Murotan und Take warfen sich krachend zu Boden vor Lachen und konnten sogar ihre Tränen nicht zurückhalten. Ayaka reichte ihr hilfeanbietend die auf dem Tisch verteilten Servietten. Rina, Kana und Momona hatten sich instinktiv etwas vom Ort des Geschehens entfernt, um nicht ebenfalls zufällig überschüttet zu werden.
Die Kellnerin entschuldigte sich tausende Male bei Rikako. Kamiko tat es ihr gleich, während sie sich selbst das amüsierte Grinsen verkneifen musste. Ja, genau DAS war ANGERME.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Die Mädchen hatten sich in die nahegelegene Bar zurückgezogen, weil man dort genügend Betten für sie zur Verfügung stellen konnte. Die Dorfbewohner waren es normalerweise nicht gewohnt, so viele Gäste gleichzeitig zu bewirten. Dazu kam, dass die Ankömmlinge ganz und gar nicht wie einfache Wanderer aussahen. Stattdessen trugen sie hochwertige Kleidung und wirkten äußerst gepflegt. Es machten sich sogar Gerüchte breit, dass die Fremden vom Schloss waren. Und DAS war tatsächlich eine Seltenheit in dieser Gegend.
Kamiko mochte es nicht, wie die Gefäße über sie redeten, wenn diese dachten, dass die Gruppe nicht zuhörte. Sie fühlte sich dann immer wie ein Außenseiter, der nicht in diese Welt passte. Ayaka hatte ihr auf ihrer ersten Reise nahegelegt, solchen hetzenden Worten einfach keine Beachtung zu schenken. Die Anführerin behauptete, dass dies Teil der Therapie sei. Man wollte ihre psychische Belastbarkeit damit testen. Das klang logisch, hieß jedoch nicht, dass sich Kamiko daran gewöhnen wollte.
Das glatte, schwarze Haar fiel dem Mädchen ins Gesicht, als sie sich über ihr Bett beugte. Sanft strich sie es sich hinter die Ohren. Sie hatte sich bereits ihrer hauptsächlichen Kleidung entledigt und betrachtete nun den grauweißen Stoff mit den schwarzen Leopardenpunkten. Ihr gefiel das Aussehen. Es wirkte einerseits rebellisch, andererseits hinterließ es einen Ausdruck von schwindender Zärtlichkeit. Letzteres lag aber wohl eher an Kamiko selbst, denn sie war, auf ihre Körperstatur bezogen, ein kleines Streichholz im Winde.
Inzwischen hatte sie auch die Netzstulpen an ihren Händen und den silberschwarzen Reif um ihren Arm entfernt und legte die Accessoires behutsam aufs Bett. Alles in allem ein schönes Outfit, dachte sich die Schwarzhaarige.
Schlagartig klopfte es an der Tür und Kamiko drehte sich erschrocken um. Bevor sie reagierte, blickte sie schnell an sich herunter. Sie trug lediglich ein seidenes, weißes Unterhemd. Zögerlich schritt sie auf die Tür zu und fragte:

„Wer ist da?“

Einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann antwortete eine leise zischende Stimme:

„Ich bin es. Murota. Lass mich rein.“

Irritiert ließ Kamiko die Chaoskönigin in ihr Zimmer hinein. Diese war ebenfalls bereits für die Nacht umgezogen. Da sie allesamt nur mit leichtem Gepäck reisten, hatte sie nicht gerade eine große Auswahl an Wechselklamotten und waren gezwungen, den gleichen Stoff über mehrere Tage oder sogar Wochen zu tragen. Glücklicherweise befanden sie sich in einer virtuellen Welt. Hier waren die Regeln für getragene Wäsche anders als in der Realität. Je nachdem aus welchen Materialien die Kleidung hergestellt wurde, besaß sie eine unterschiedlich lange Verwertbarkeit. Einfache Stoffe der Bauern und Dorfbewohner mussten beinahe täglich gewaschen werden, um nicht Abnutzungsspuren entstehen zu lassen oder gar unangenehme Gerüche zu entwickeln. Die Kleidung des Havens war von unglaublich hochwertiger Natur. Dadurch besaß sie eine weitaus längere und vor allem stabilere Haltbarkeit. Und zusätzlich bildeten sich erst nach immens langer Tragezeit die negativen Eigenschaften von ungewaschenen Klamotten heraus. Dies war auch nötig, da Gruppierungen oftmals für viele Tage unterwegs sein konnten und durch eine zu große Menge an unnötigem Reisegepäck zu sehr behindert werden würden.
Murotan setzte sich schwungvoll auf das Bett am Fenster und grinste über beide Ohren.

„Pass auf, Kamiko! Ich habe die Idee! Du wirst begeistert sein.“

Die Angesprochene war sich absolut sicher, dass sie in keinster Weise begeistert sein würde, wenn ein Vorschlag ausgerechnet von Murotan mitten in der Nacht getätigt wurde. Doch sie ließ ihren Gast aussprechen.

„Ich weiß jetzt, wie wir es schaffen, dass du und Kassa euch näherkommt.“

Sofort erstarrte die Schwarzhaarige. Automatisch antwortete sie mit einem hastigen

„Nein!“

Dem Ganzen wollte sie noch etwas mehr Nachdruck verleihen:

„Nein, Murotan! Nein! Nein! Nein! Was auch immer du vorhast… Nein!“

Ihre Kameradin lachte herzhaft, sprang auf und trat direkt zu Kamiko. Grinsend legte Murotan beide Hände auf die Schulter ihres Gegenübers.

„Wir erschrecken Kassa! Das wird genial! Ich sehe es schon ganz genau vor mir. Sobald sie auf dem Weg ins Bad ist, schleichen wir ihr hinterher. Operation Numero Uno: Die plötzlich von allein zuschnappende Badtür. Das wird ein Knaller. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Kamiko konnte nicht umhin als immer nur mit dem Kopf zu schütteln. Sie wollte das nicht. Sie brauchte das nicht. Das Mädchen wusste, dass Murotan nur versuchte, ihr zu helfen. Doch Kamiko war sich sehr sicher, dass diese Art von Hilfe auf keinen Fall zur Lösung des Problems beitragen würde.
Die beiden Kameradinnen starrten sich lange Zeit in die Augen. Die Eine, mit begeistertem Blick, deren Kopf immer wieder bejahend von oben nach unten wippte. Die Andere, vollkommen verzweifelt aufgrund der ausweglosen Situation und des Drucks, dem sie in exakt diesem Moment ausgesetzt war.
Eine Antwort erübrigte sich allerdings. Denn ein weiteres Mal klopfte es an Kamikos Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten schritten Take, Kana und Rina herein, in voller Reisemontur. Ihre Mienen sprachen regelrechte Bände. Aufgeregt begannen sie zu flüstern. Take machte den Anfang:

„Super, du bist auch hier, Murotan.“

Kana setzte gleich fort:

„Ihr müsst euch beeilen. Zieht euch schnell an.“

Rina, die besorgt wirkte, betrachtete den Ausgang und sprach mit ihrer lieblichen Stimme:

„Ich glaube ich höre etwas. Wir haben kaum noch Zeit.“

Murotan und Kamiko warfen sich verwirrte Blicke zu. Die Braunhaarige fasste sich ein Herz und fragte neugierig:

„Was ist denn überhaupt los?“

Während Kamiko sich die sorgfältig sortierten Kleidungsstücke missmutig wieder anzog, hörte sie Take antworten:

„Wir waren gerade noch mit Rikako unten an der Bar, da hörten wir es. Scheinbar sind Jäger ins Dorf gekommen. Die Bargäste versuchten es vor uns zu verbergen, doch sie hatten wohl nicht mit den gespitzten Ohren von Rina gerechnet.“

Kamiko schlug die Hand vor den Mund zusammen. Jäger? Was wollten die denn hier? Waren sie wegen ihnen gekommen?
Murotan war durch das Gesagte Feuer und Flamme.

„Endlich passiert mal etwas. Drei Wochen planloses umherlaufen und jetzt beginnt die Action.“

Die freudige Erregung war förmlich in ihren blitzenden Augen abzulesen. Sofort rannte sie zum Zimmer gegenüber, um sich ihre eigenen Klamotten anzuziehen. Kamiko, die dies bereits erledigt hatte, wandte sich an Kana.

„Wo ist denn Rikako? Ihr meintet, dass sie eigentlich bei euch war.“

Die Ältere antwortete leise:

„Sie holt Ayacho und Kassa.“

Kamiko runzelte die Stirn, dann sagte sie mit zynischem Unterton:

„Ihr braucht drei Leute, um Murotan und mich zu holen?“

Die Angesprochene lachte still und zwinkerte mit ihren Augen.

„Wir hatten alle gehofft, dich endlich mal beim Schlafen zu erwischen.“

Die Jüngere wusste nicht, wie ernst sie diese Antwort nehmen sollte. Doch für weitere Gedanken blieb keine Zeit mehr. Die umgezogene Murotan trat gemeinsam mit Ayaka, Kassa und Rikako in die Tür ein. Die Anführerin betrachte jeden von ihnen mit todernster Miene.

„Hört zu, Leute. Falls es stimmt, dass Jäger im Dorf sind, müssen wir uns zusammenreißen.“

Bei diesen Worten begannen Murotan und Take zu grummeln. Doch sie schwiegen. Ayaka führte ihre Anweisungen weiter aus:

„Auch wenn sich die Bewohner distanziert von uns halten, dürfen wir sie nicht in unmittelbare Gefahr bringen. Es ist also das Beste, wenn wir den Ort unbemerkt verlassen.“

Rikako antwortete prompt:

„Was ist, wenn ein Dorfbewohner die Jäger gerufen hat? Dann könnte unser stiller Abgang schnell aufgedeckt werden, da wir nicht wissen, wer die Petze ist. Es könnte sogar der Wirt sein. Er hat mir immer so böse Blicke zugeworfen.“

Kana grinste und sagte süffisant:

„Das lag aber eher daran, dass du partout kein Trinkgeld geben wolltest.“

Ayaka hob die Hände, um die beiden zum Schweigen zu bringen. Mit einem freundlichen Nicken in Richtung Rikako übernahm sie wieder das Wort.

„Du hast Recht. Wir wissen nicht, wer Freund oder Feind ist. Wir können uns aber sicher sein, dass viele der Dorfbewohner ahnungslos sind und nichts Böses wollen. Diese müssen wir schützen. Auch wenn es heißt, dass wir in eine Falle tappen werden.“

Kamiko schluckte heftig bei dieser Aussage. Kassa, die sich neben sie gesellte, was der Schwarzhaarigen einen Schauer über den Rücken laufen ließ, zitterte. Die Ältere wollte etwas tun für ihre Kameradin. Sie wollte ihre Hand ergreifen. Ihr Mut zusprechen. Doch sie war zu feige. Sie konnte es einfach nicht. Hilflos stand Kamiko stumm und bewegungsunfähig neben ihrem Schützling, die sie bereits einige Zentimeter überragte von der Größe her.
Ayaka streckte ihre Hand in die Gruppenmitte und lächelte jeden Einzelnen warmherzig an.

„Wir packen das. Die Jäger sind nicht zufällig hier. Selbst wenn sie hinter uns her sind, hätten sie sich niemals so spontan mobilisieren können. Sie waren also schon vorher auf diese Gegend ausgerichtet. Das wiederum bedeutet, dass unser Auftragsziel womöglich auch in der Nähe ist. Mit etwas Glück treten wir morgen bereits die Heimreise an. Klingt doch gut, oder?“

Kana erwiderte die Teamgeste und schlug mit ihrer Hand auf die der Anführerin. Take folgte ihr. Ebenso Rina. Dann Murota und Rikako. Schließlich legte auch Kamiko ihre Hand auf die ihrer Kameraden. Und, nach einem kurzen Zögern, tat es ihr Kassa gleich. Die Schwarzhaarige spürte die unschuldige Wärme der Jüngsten auf ihrem Handrücken. Für den Bruchteil einer Sekunde, als sich ein weiteres Mal ihre Blicke kreuzten, hatte Kamiko nicht das Gefühl, sie musste so schnell wie möglich fliehen. Stattdessen bildete sich der Ansatz eines Lächelns auf ihrem Gesicht. So schwindend wie die Morgenröte, doch genauso existent. Kassas Augen weiteten sich leicht.
Plötzlich erklangen Ayakas Worte, laut und deutlich:

„Wir werden mit allem fertig. Wir sind eine Familie. Wir sind…“

Und alle riefen freudig im Chor:

„ANGERME!!!“

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Autor

Mizupons Profilbild Mizupon

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Kapitel:12
Sätze:2.318
Wörter:29.508
Zeichen:179.705

Kurzbeschreibung

"Hello!Project Online" ist eine mehrteilige Geschichte, die die Abenteuer von Yokoyama Reina und ihren Freunden in der gleichnamigen virtuellen Welt nacherzählt. Die Protagonisten entdecken und erleben auf unterschiedlichste Weise, welche Gesetze, Freuden sowie Gefahren diese Traum-Realität für sie bereithält. Schließlich wird ihnen bewusst, welche große Verantwortung sie zu tragen haben, und dass in jedem Einzelnen von ihnen Fähigkeiten schlummern, die die Grenzen der Wirklichkeit weit hinter sich lassen. Doch wie hoch ist der Preis, den sie letztendlich dafür zahlen müssen? Wie groß ist die Bereitschaft, alles zu geben und jegliche Vernunft restlos auszuschalten? Ein Kampf ums Überleben beginnt...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Morning Musume, Angerme und Idols getaggt.