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Hello!Project Online

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18.5.2019 2:54
16 Ab 16 Jahren
Workaholic

Vorwort

Hallo alle miteinander!
Bevor ich euch das erste Kapitel präsentiere, möchte ich ein paar wenige Worte an euch richten.
Erst einmal will ich klarstellen, dass ich keine Figur (mal abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen) selbst erdacht habe. Sie alle stammen aus der Hello!Project-Riege. Lediglich Verhaltensmuster, Handlungen und Motivation der einzelnen Figuren stammen aus meiner eigenen Feder und orientieren sich nur rudimentär an den realen Abbildern. Deswegen hoffe ich, dass ihr es mir nicht zu übel nehmt, wenn sich euer "Liebling" nicht auf die Art verhält, wie ihr es von ihr gewohnt seid oder es von ihr erwartet habt.
Natürlich bemühe ich mich, Geschehnisse, Chronologien und Charaktere so wahrheitsgemäß wie möglich zu repräsentieren. Seid trotzdem auf alles gefasst und urteilt nicht zu hart über mich.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob das hier überhaupt jemand liest, aber ich veröffentliche einfach jede Woche Kapitel für Kapitel. Zum einen für meine eigene Freude, zum anderen entdeckt ja zufällig jemand die Geschichte und vielleicht gefällt sie ihm ja. Dann habe ich doch letzten Endes alles richtig gemacht.

Desweiteren sollte erwähnt werden, dass "Hello!Project Online" grundsätzlich über das Leben und das Erwachsenwerden von Yokoyama Reina erzählt. Doch es ist mein Ziel, alle Idols, die greifbar für mich sind, in die Geschichte einzubinden und jedem eine eigene Präsenz zu geben. Deshalb wechselt die Erzählperspektive früher oder später immer mal wieder, wodurch der Fokus nicht nur auf Yoko liegt.
Alles in allem  wird es ein Abenteuer, in dem es darum geht, dass wir den Mitgliedern von Hello!Project näher kommen. Es ist immer traurig, sie alle nach und nach graduaten zu sehen. Deshalb will ich euch und auch mir selbst die Gelegenheit bieten, mit den Heldinnen aus Japan Erlebnisse zu teilen, bevor sie möglicherweise zur Gänze aus unserem Leben verschwinden. Dabei wünsche ich euch nun viel Spaß!
Auf geht es in die REHAB Academy!
AUF AUF NAAAAAAACH...
HELLO!PROJECT ONLINE !!

Quelle der Figuren des Titelbildes (nachträglich bearbeitet): http://hptaplive.wiki.fc2.com/wiki/%E3%83%88%E3%83%83%E3%83%97%E3%83%9A%E3%83%BC%E3%82%B8

Kapitel 1 – Das Erwachen

Gleißendes Licht umhüllte eine hagere Gestalt. Klein, schmächtig und dünn. Ihre schattenhaften Umrisse wankten durch das Nichts. Wo war sie? Wer war sie?
Rastlos, ohne Ziel vor Augen, wanderte die Gestalt umher. Bewegte sie sich vorwärts? Nein! Rückwärts? Oder doch zur Seite? Sie wusste es nicht. Sie verstand es nicht und fühlte sich jeglicher Orientierungskraft entmächtigt.
Tiefe Leere breitete sich in ihr aus. Sie war ein verlorenes Wesen. Verloren im Nichts einer endlosen Zeit…

„Reina…“

„Yokoyama Reina…“

In der Ferne erklang eine sanfte Stimme. Die schemenhafte Gestalt lechzte sich nach diesem Sein in einer nicht vorhandenen Welt. Solch einen angenehmen Klang hatte sie noch nie vernommen und doch wirkte er so vertraut.

„Yokoyama Reina!“

Die Stimme wurde lauter. Die Gestalt wusste nicht, ob sie sich tatsächlich näherte, doch so langsam breitete sich ein wärmendes Gefühl auf ihrer Haut aus. Ein Lächeln schlich sich auf das Gesicht.
Ein Lächeln…

Plötzlich erschienen vor ihr Hände. Die Person betrachtete sie langsam und erkannte, dass es ihre eigenen waren. Sanft strich sie sich über ihr Gesicht. Es fühlte sich makellos an. Weiche Lippen, Stupsnase, langes, dunkelbraunes Haar, welches sanft über ihre Schultern streifte. Sie, die schemenhafte Gestalt, war ein Mädchen.

„Komm zu dir, Reina!“

Reina? War das ihr Name? Yokoyama Reina? Leise flüsterte sie die Worte vor sich hin. Binnen weniger Sekunden hatte sich der Name regelrecht in ihr Gehirn gebrannt. Und aus irgendeinem Grund brachte sie dieses neu erlangte Wissen erneut zum Lächeln. Immer breiter musste sie grinsen, bis es schließlich zu einem schallenden, herzhaften Gelächter ausartete.
Nach einigen Minuten beruhigte sich Reina. Glücksgefühle jagten durch ihren Körper. Lachen. Was für ein angenehmer Zeitvertreib. Es kam ihr so stark vertraut vor. Und obwohl sie eigentlich in Panik geraten müsste, war sie zufrieden. Sie konnte sich an absolut nichts erinnern. Weder an ein vergangenes Leben noch an Familie, Freunde oder Pflichten. Trotzdem fühlte sie ein inneres Gleichgewicht, das Gefühl einer Waage, welches jeglichen Kummer und jede Sorge im Nu vertrieb.
Wieder betrachtete sie ihre Hände. Reina war zwar von einem hellen Hautton, doch eine leichte Bräune ließ sich nicht verbergen. Von wem sie wohl abstammte?
Nun sich etwas aufmerksamer umblickend musterte sie langsam ihre Umgebung. Das gleißende Licht war inzwischen beinahe zur Gänze gewichen. Stattdessen entdeckte sie eindeutige Konturen. Reina befand sich in einem kleinen Zimmer. Weiße Wände, deren Putz schon leicht abblätterte, umgaben sie. Ein kleiner metallener Schreibtisch mit einem Holzstuhl und einem Federbett waren die einzigen sichtbaren Utensilien im Raum. An der Decke befand sich das grelle Neonlicht, welches sie noch vor wenigen Minuten umschlungen hatte. 
Das Mädchen wusste nicht, wie sie hierhergekommen war. Sie wusste auch nicht, was sie hinter der Tür erwartete, deren Schemen sich nun in einem grauen Ton an einer Ecke des Raumes bemerkbar machten. Instinktiv wandte sie sich in eben jene Richtung der Tür. Ihre linke Hand ergriff den Knauf. Sie spürte das kühle Metall an ihren Fingern.
Dann gab es einen leichten Ruck. Hallendes Quietschen erfüllte das Zimmer. Die Tür bewegte sich. Ein sanfter Luftzug strich durch Reinas Gesicht. Was erwartete sie wohl jenseits dieses Raumes?
Ein aufgeregtes Gefühl zuckte durch ihren Körper. Ein Kribbeln der Neugierde blitzte förmlich durch ihren Brustkorb. Mit weit aufgerissenen Augen schlug sie die Tür auf. Und ihr Mund öffnete sich vor Verblüffung, doch kein Ton kam heraus.

Vor ihr erstreckte sich eine weite Halle, gehüllt in warmes Licht, welches von gewaltigen Kronleuchtern ausgesandt wurde. Rote und weiße Fahnen woben sich ineinander und erschufen ein faszinierendes Farbenspiel. Auf der anderen Seite, direkt gegenüber von Reina, erstreckte sich eine marmorne, strahlend weiße Treppe in die Höhe. Mindestens 200 Stufen, überschlug Reina blitzschnell im Kopf und ihre Faszination nahm noch mehr zu. Wer wohnte hier?

„Ab heute wird dies dein Zuhause sein, Yokoyama Reina.“

Vollkommen überrascht, dass sie nicht allein war, drehte sich das junge Mädchen zur Seite. Aus einer der vielen Türen, die sich links und rechts an den Seiten der großen Halle über nicht zählbare Ausmaße erstreckten, trat eine junge Frau auf sie zu. Das braunblonde Haar wehte anmutig, ebenso wie ihr Gang. Stolz und achtsam zugleich. Jeder Schritt versprühte Sicherheit und Würde.

„Mein Name ist Goto Maki. Und du gehörst ab heute zu meinen Schülerinnen.“

Reinas Augen weiteten sich.

„W-Was? Deine Schülerin? Wie meinst du das? Schülerin von was?“

Die Frau namens Goto Maki lächelte verschmitzt. Ihre Aura besaß etwas Außergewöhnliches. Reina fühlte sich beinahe von dieser unfassbaren Ausstrahlung erschlagen.
Schließlich standen sie sich direkt gegenüber. Das junge Mädchen war definitiv nur ein paar Zentimeter kleiner als die Fremde, doch die gewaltige Präsenz, die von Goto Maki ausging, war überwältigend. Reinas Knie fingen an zu zittern. Was war plötzlich mit ihr los?
Die Frau schien die Unsicherheit zu bemerken. Ein geradezu mütterlicher Ausdruck zierte ihr Gesicht.

„Keine Angst! Du wirst bald alles erfahren. Am besten du begleitest mich. Wir haben dich nicht sofort hier erwartet. Doch wie heißt es so schön: Lieber zu früh als zu spät, nicht wahr?“

Goto Maki blickte Reina fröhlich an, doch schien sie keine Antwort zu erwarten. Stattdessen machte sie auf dem Absatz kehrt, winkte mit der Hand, ein Zeichen, dass Reina ihr folgen sollte, und ging auf grazile Art und Weise in Richtung der marmornen Treppe.
Vollkommen perplex schritt Reina ihr hinterher. Was erwartete sie jetzt? Wer war die Frau mit dieser unglaublichen Aura?
Das Mädchen spürte erneut die aufkommende Neugier in ihr. Die Frau behauptete, dass dies nun ihr neues Zuhause wäre. Das bedeutete, dass es auch eine frühere Heimat geben musste. Doch kein einziger Gedankengang wies eine Erinnerung aus einem vergangenen Leben auf. Es fühlte sich seltsam an, darüber nachzudenken. Sie hatte das Gefühl, dass es eine klare Vergangenheit für sie gab. Doch sie konnte einfach nicht danach greifen. Jeder Versuch, eine Erinnerung zu erzeugen, scheiterte. Doch aus irgendeinem Grund machte ihr das gar nichts aus.
Gedankenversunken hafteten ihre Augen am Boden. Die goldgelben Karomuster der Fließen verwirrten sie. Ihr rechtes Auge zuckte. 

„Seltsam…“

Reina erschrak stumm. Goto Maki hatte die Augen auf das Mädchen gerichtet und blickte sie geheimnisvoll an. Reina hatte dies gar nicht bemerkt, während sie in ihren Gedanken schwelgte, und blieb schlagartig stehen. Besorgt fragte das Mädchen:

„Was i-ist seltsam?“

Reina fühlte sich regelrecht durchbohrt von diesem intensiven Blick, der ihr galt. Für eine kurze Zeit verharrten sie an einer Stelle. Die Frau schien keine Anstalten zu machen, eine Antwort zu geben oder zumindest weiterzulaufen.
Als Reina sich schließlich dazu entschlossen hatte ein weiteres Mal zu fragen, entspannten sich die Züge ihrer Begleitung.

„Es ist nichts. Ich fand es nur interessant, dass du dich so bereitwillig mit der Situation zufriedengibst. Ich kenne da ziemlich gegenteilige Beispiele.“

In näherer Erinnerung schwelgend machte sich Goto Maki wieder auf den Weg. Ein Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Reina beruhigte dies ungemein. Die Frau schien eine gute Person zu sein. Ihr Lächeln war ehrlich, empfand das Mädchen.
Viel entschlossener als noch zuvor folgte sie ihrer neuen Bekanntschaft. Ungewissheit und Spannung begleiteten sie Hand in Hand.

Kapitel 2 – Grad Zero

An Räumlichkeiten mangelte es dem hiesigen Haushalt keinesfalls, dachte sich Reina belustigt. Sie waren bereits an unzähligen Türen vorbeigelaufen, während sie inzwischen den vierten Korridor betraten. Sollte dies tatsächlich ihr neues Zuhause werden, hoffte sie, dass der Weg zum Kühlschrank wenigstens ausgeschildert war.
Trotzdem gefiel es dem jungen Mädchen, sich an diesem Ort aufzuhalten. Jedes Zimmer, in das sie einen kurzen Blick erhaschen konnte, wirkte außergewöhnlich liebevoll gepflegt. Die Gänge waren durchflutet vom warmen Licht, welches von den hohen Decken auf sie hinunter schien. Der Boden war mit haselnussbraunem Laminat überzogen und wurde gleichermaßen durch rotgoldene und weißschwarze Teppiche verziert, ähnlich den Fahnen in der Eingangshalle. Beim Anblick der silbern funkelnden Ritterrüstungen an jedem Eck eines Korridors, fühlte sich Reina an ein zauberhaftes Prinzessinnenschloss erinnert. Woher dieser Gedanke kam, konnte sie jedoch nicht nachvollziehen. Er war einfach da. Und das stimmte sie seltsam glücklich.

„Wir sind da.“

Ihre Reiseführerin blieb abrupt stehen. Eine massive Holztür baute sich vor ihnen auf. Sie wirkte äußerst stabil und wies metallene Scharniere entlang der Ränder auf.
Reina wurde mulmig zumute. Was erwartete sie dahinter? Ein neues Leben? Alte Erinnerungen?
Erneut zierte ein Lächeln ihr Gesicht. Was es auch war, Reina fühlte sich zu allem bereit.

„Du scheinst glücklich zu sein. Das ist etwas ungewohnt für mich.“

Goto Maki musterte das grinsende Mädchen mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen. Normalerweise besaßen Neuankömmlinge vollkommen andere Arten von Emotionen. 
Angst. Unsicherheit. Zweifel. Wut.
All dies hatte die erfahrene Frau in vergangenen Zeiten erlebt. Doch niemals verspürte sie eine solche Harmonie und kindliche Naivität an ihrer Seite.
Mit einem leichten Stoß öffnete sie die Tür. Ein letztes Mal kehrte sie um, blickte mit funkelnden Augen in das sanft gebräunte Gesicht ihrer Begleitung und sagte:

„Ich glaube, wir dürfen viel von dir erwarten, Yokoyama Reina.“

Mit einem breiten Lächeln drehte sie sich um, trat in den Raum hinter der massiven Tür und lies die verdutzt dreinblickende Reina beinahe stehen.

 

 

 

 

Am Firmament entflammte derweil ein wunderschöner Sonnenuntergang, geprägt durch ein strahlend goldenes Gelb, welches in ein brennendes Orange überging und sich schließlich in immer dunkler werdenden Rottönen mit dem Horizont verband.
Kamikokuryo Moe lehnte in tiefer Entspannung über dem Geländer des Balkons, auf dem sie sich befand. Gedankenversunken blickte sie in die endlose Weite der Natur, welche sich vor ihr so vielfältig entfaltete.
Grüne Wiesen. Ein dunkler Wald. Hohe, blaue Berge mit weißen Zipfeln. Die Landschaft wirkte malerisch. Beinahe wie ein wunderschöner Traum, surreal und doch greifbar nah.
Kamiko, so wurde das junge Mädchen allseits genannt, spürte ein seltsames Gefühl von Fernweh in sich aufkeimen. So wann und dann kamen solche Regungen in ihr auf, doch auch nach über einem halben Jahr konnte sie immer noch nicht einordnen, woher diese Art der Gefühle stammte. In solchen Zeiten vernahm sie eine innere Leere. Ein Vermissen nach etwas, was da war und doch nicht. Möglicherweise war es ein Gedanke, den sie nicht greifen konnte. Oder vielleicht entsprang das Gefühl einem Bedürfnis, das sie nicht erfüllt bekam.
Letzten Endes konnte sie solange darüber nachdenken, wie sie wollte. Es gelang ihr nie, eine zufriedenstellende Lösung für das Problem zu finden. Aber wie sollte sie auch etwas lösen, was sie selber nicht einmal begriff.
Langsam spürte sie die aufkommende Kühle, die sich mit der Abenddämmerung bemerkbar machte. Nach den heißen Sommertagen der letzten Wochen war dies eine willkommene Abwechslung. Kamiko genoss den schwachen Wind, wie er durch ihre langen schwarzen Haare strich. Voll tiefer Entspannung schloss sie die Augen und ließ den Moment ruhig entschwinden.

„Du bist in letzter Zeit ziemlich häufig an diesem Ort.“

Eine vertraute Stimme beendete die Stille schlagartig. Kamiko öffnete die Augen und lächelte. Sie wusste genau, wer da hinter ihr, am Balkoneingang, stand. Sie drehte sich zu der Person um und antwortete:

„Es ist angenehm, am Ende des Tages ein paar Minuten für sich zu sein und noch ein wenig Energie zu tanken. Findest du nicht auch, Rikako?“

Die angesprochene Person, ein hochgewachsenes Mädchen mit schulterlangem, dunklem Haar, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Rahmen der Tür. Ein tiefes Stirnrunzeln zog sich über ihr makellos hübsches Gesicht.

„Ich mache mir Sorgen um dich. Ab und zu etwas Luft zu holen ist absolut in Ordnung. Du kapselst dich allerdings in letzter Zeit immer mehr von der Gruppe ab. Die lachende Moe ist beinahe komplett verschwunden.“

Die Lippen von Kamiko nahmen schmalere Züge an. Der Kommentar hatte eindeutig ihre Gefühle getroffen, doch wollte sie sich dies auf keinen Fall anmerken lassen.
Das Mädchen namens Rikako bemerkte allerdings sofort, dass sie einen Nerv getroffen hatte und trat entschlossen einen Schritt auf Kamiko zu.

„Falls es wegen Kassa ist…“

Sofort riss Kamiko die Augen auf.

„Nein!“

Schweigen. Beide Frauen blickten sich intensiv an. Dann ertönte die Stimme des kleineren Mädchens erneut. Dieses Mal wirkte ihre Stimme schwächer.

„Nein, das ist es nicht.“

Obwohl sie eigentlich geplant hatte, ihrer Stimme mehr Nachdruck zu verleihen, wusste sie, dass ihr genau das Gegenteil gelungen war. Rikako hatte dies sicher auch bemerkt, so dachte Kamiko. Aus diesem Grund warf sie einen leicht verunsicherten Blick in Richtung der Person, die ihr nun direkt gegenüberstand.
Für einen kurzen Moment sagte niemand ein Wort. Keiner regte sich auch nur.
Plötzlich spürte Kamiko eine sanfte Wärme an ihrer linken Hand. Rikako hatte sie ergriffen und lächelte schwach, während sie wisperte:

„Du darfst dich nicht verstecken. Auch wenn du zurzeit das Gefühl hast, als würde es dir dadurch besser gehen. Letzten Endes wird es dich zerstören. Und das will ich nicht. Das will niemand von uns.“

Rikakos Augen funkelten. Kamiko liebte es, in diese haselnussbraunen Diamanten zu blicken. Sie gaben ihr das Empfinden tiefster Geborgenheit. Sie fühlte Sicherheit und Glück in der Nähe von Rikako. Keine andere Person vollbrachte dieses Kunststück für sie.

„RIKAKOOOOOO! KAMIKOOOOOO!“

Eine laute Stimme durchschnitt die Stille des Moments, der die seltsame Situation umgab. Die beiden jungen Frauen schreckten auseinander und blickten blitzschnell in Richtung der Balkontür. Keine Sekunde später erschien ein hellbrauner Schopf im Eingang und setzte beim Anblick der Szenerie ein breites Grinsen auf.

„Na da habe ich euch ja direkt in flagranti erwischt, würde ich sagen. Turteltauben in spe, he?“

Kamikos Augen weiteten sich vor Schreck und ihre Wangen färbten sich puterrot, während Rikako abwehrend ihre Arme vor der Brust kreuzte und hektisch antwortete:

„Murotan! Du siehst das falsch. Wir haben nur geredet. Nicht wahr, Kamiko?“

Die Angesprochene nickte panisch.

„Genau! Genau! Ich… Wir… äh…“

Das Fräulein namens Murotan lachte herzhaft. Japsend brachte sie hervor:

„Ihr solltet euch genau jetzt sehen. Der Sonnenuntergang ist nichts gegen die rote Farbe in euren Gesichtern.“

Kamiko und Rikako wussten darauf nichts zu erwidern und konnten die peinliche Situation nur aussitzen, bis Murota Mizuki, das war der vollständige Name der lachenden Frau, sich beruhigt hatte und sie endlich erlöste:

„Die neuen Kenshuusei sind nun vollständig anwesend. Maho interessiert sich nicht so besonders dafür und Take ist im Training, deshalb wollte ich euch fragen, ob ihr Lust habt, mich bei der Besichtigungstour zu begleiten.“

Bei den letzten Worten schlich sich ein verstohlenes Grinsen auf das Gesicht des Energiebündels. Ein Schauer lief Kamiko über den Rücken. Sie wusste genau, wie diese Besichtigungstour ablief. Sie hatte es bereits einmal mitgemacht. Im Normalfall versuchte man sich bei Kenshuusei-Einweihungsfeiern so rar wie möglich zu machen, einzig und allein aus dem Grund, damit man nicht die tragische Begleitung von Murotan war. Denn die hatte ihre eigene Art, die Neuankömmlinge willkommen zu heißen. Und dies war nie zum Vorteil von denjenigen, die sich an ihrer Seite befanden.
Rikako seufzte. Sie schien den gleichen Gedanken zu verfolgen wie Kamiko. Doch hatte Murotan eine Person ins Visier genommen, war es unmöglich, ihrem Bann zu entkommen. Und da die beiden Mädchen nicht noch weiter als Zielscheibe für den vorher inszenierten Spott herhalten wollten, hatten sie keine andere Wahl, als der Anfrage zuzusagen.
Murotan sprang vor Freude in die Luft.

„Hihi, das wird super. Die Neuen werden uns so richtig kennen lernen und nie wieder vergessen.“

Rikako warf Kamiko einen verächtlichen Blick zu und flüsterte:

„Eben das befürchte ich…“

Kamiko bemühte sich, ein Grinsen zu verkneifen und begleitete ihre beiden Kameradinnen ins Haus hinein.

 

 

 

 

Reina, immer noch an der Seite von Goto Maki, befand sich inzwischen in einem Raum, der starke Ähnlichkeiten mit einem Klassenzimmer hatte. Mehrere Holztische und -stühle nahmen den Großteil an Platz ein, während an der vordersten Front eine Art Leinwand aufgebaut war. Die leere Fläche zwischen der Leinwand und den Tischen umfasste etwa ein Viertel des Raumes. Der Boden war an dieser Stelle durch eine kleine Stufe erhöht und erinnerte Reina an eine Bühne. 
Wozu es wohl diente? Vielleicht benötigte derjenige, der seine Präsentation vor all den Zuhörern hielt, enorm viel Platz. Oder möglicherweise sollten mehrere Personen auf die Bühne passen, um etwas vorzuführen.
Doch während das Mädchen sich noch immer erstaunt umschaute, wies ihre Begleitung sie darauf hin, dass sie nicht allein waren.
Erst jetzt bemerkte Reina die anderen Gestalten, die an einer Ecke des Zimmers saßen oder gegen die Wand lehnten. Insgesamt fünf Personen. Allesamt Mädchen, die, zumindest auf den ersten Blick, alle ungefähr ihrer Altersgruppe entsprachen.
Bei diesem Gedanken hielt Reina kurzzeitig inne. Wie alt war sie eigentlich?
Exakt im selben Moment, als sie sich selbst diese Frage stellte, flüsterte ihr wieder die sanfte Stimme zu:

„Fünfzehn…“

Schlagartig blickte sie sich intensiver im Raum um. Niemand hatte sie direkt angesprochen. Weder Goto Maki noch eines der anderen Mädchen.
Aber warum hätten sie dies auch tun sollen, schließlich hatte Reina ihren Gedanken nicht laut ausgesprochen.
Etwas verwirrt folgte sie ihrer Führerin durch den restlichen Raum. Während Goto Maki lächelnd in die Runde grüßte, musterte Reina die Neulinge genauer.
Sie wirkten jeder für sich mehr oder weniger stark eingeschüchtert oder verängstigt. 
Zum Einen war da Nishida Shiori. Ihr besonderes Augenmerk waren die süßen Grübchen, die sich bei jeder Regung ihres Gesichtes entpuppten.
Dann war da Yoshida Marie. Sie hatte lustige Knopfaugen und Reina dachte für sich, dass sie bestimmt gut miteinander auskommen würden. Jedoch waren ihre Ohren vor Nervosität rot gefärbt und sie wirkte eindeutig am Ängstlichsten von allen Versammelten.
Hashisako Rin, höchstwahrscheinlich die Jüngste im Raum, besaß ein so unschuldiges Gesicht, dass sie beinahe etwas verloren wirkte.
Ein Mädchen, sie fiel durch ihre Größe auf, denn sie überragte die meisten Anderen bei Längen, versuchte etwas verkrampft zu lächeln, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Es gelang ihr nur mäßig. Sie stellte sich als Kawamura Ayano vor. Insbesondere neben Rin erschien sie wie ein gewaltiger Riese.
Die wohl Coolste unter ihnen, so hatte es zumindest den Anschein, war Yamazaki Yuhane. Lässig war sie mit ihrer rechten Schulter an die Wand gelehnt und warf aufmunternde Blicke in die Runde, fast so, als wollte sie sagen: „Habt keine Angst! Ich bin für euch da!“, was wiederum skurril wirkte, da sie ja selbst augenscheinlich ein Neuankömmling war.
Nachdem Goto Maki alle Mädchen untereinander bekannt gemacht hatte, wendete sie sich von der Gruppe ab und schritt auf die Bühne zu.
Mit einem beeindruckenden Fingerschnipsen schaltete sich das Raumlicht aus. Stattdessen war nun das flimmernde Leuchten der Leinwand deutlich wahrzunehmen. Ein Schriftzug formte sich darauf:

„HELLO ! PROJECT ONLINE“

Einige der Mädchen flüsterten ehrfurchtsvoll den Titel, den sie dort erstmals lasen. In majestätischer Manier breitete Goto Maki ihre Arme aus und begann zu sprechen:

„Willkommen zu Hello!Project Online! Mit eurer Anwesenheit hier und jetzt habt ihr bereits den ersten Schritt getan, Teil dieser fantastischen Reise zu werden. Einer Reise, die euch alles beibringen wird, was ihr für das Leben wissen müsst.“

Sie machte eine kurze Pause und schaute lächelnd in die Runde. Keiner sagte ein Wort. Gebannte Stille erfüllte den Raum. Dann setzte sie fort:

„Dieses Schloss, wir bezeichnen es als Haven, dem Zufluchtsort jeglicher Gestrandeter des Lebens, ist ab heute euer Zuhause. Wir, die Lehrer, bringen euch alles bei, um in dieser Welt zurecht zu kommen. Auch wenn es die meisten unter euch schon wissen, will ich es gern wiederholen: Mein Name ist Goto Maki. Ich bin zuständig für die Schulung des Geistes. Eine der drei Disziplinen und Grundpfeiler unserer Institution. Bei mir werdet ihr, falls ihr natürlich ausgewählt werdet, die Extraction, die Extrahierung eures Inneren nach Außen, erlernen. Der Umgang mit eurem Geist. Die Berührung eurer Seele und die Auseinandersetzung mit dieser.“

Reina betrachtete heimlich die anderen Mädchen. Noch wusste sie nicht, was all das hier überhaupt sollte. Wofür genau waren sie da? Was war das Ziel des Ganzen? Wer hatte sie an diesen Ort gebracht?
All diese Fragen und noch viel mehr Verwirrung erkannte Reina in den Gesichtern ihrer Leidensgenossen.
Auch Goto Maki war dies nicht verborgen geblieben und ihre Gesichtszüge wurden ernsthafter. Mit einem leiseren Ton und bedächtiger gewählten Worten als zuvor, erklärte sie weiter:

„Ich möchte euch nicht anlügen. Und ich sehe in euren Augen, dass ihr nach Antworten giert. Doch diese Antworten, die ihr sucht, sind gefährlich. Doch natürlich habt ihr ein Recht darauf zu erfahren, warum ihr hier seid.“

Die Lehrerin machte eine unangenehm lange Pause und atmete mehrmals tief durch. Gerade als Reina dachte, dass Goto Maki einfach vergessen hatte, dass sie etwas erzählen wollte, begann diese bedrohlich ihre Stimme zu heben:

„Wie ihr womöglich bereits bemerkt habt, ist dies nicht die reale Welt. Wir befinden uns in einer virtuellen Realität.“

Bumm. Bumm. Bumm. Reinas Herz raste. Was wurde ihr da gerade gesagt? Nicht die reale Welt? Was bedeutete das? Aber sie war doch hier? Ihre Hand lag auf einem hölzernen Tisch, dessen ebene Form sie vollkommen spüren konnte ohne Verzögerung. Die Blicke, die sie durch den Raum warf, wirkten so glasklar. Und der Geruch des Klassenzimmers…
Goto Maki setzte ihren Vortrag erbarmungslos fort:

„Ja, diese Information mag für euch erst einmal ein Schock sein. Und wahrscheinlich glaubt ihr mir nicht einmal. Schließlich fühlt sich hier alles so echt an.“

Ihr Blick verschärfte sich. Selbst Reina verspürte nun ein leichtes Unbehagen.

„Lasst euch nicht täuschen. Exakt in diesem Moment seid ihr in einem Spezialkrankenhaus an vielen Sensoren angeschlossen, die alle Sinne eures Körpers abdecken. Schmecken. Riechen. Hören. Sehen. Fühlen. Jegliche Nervenenden sind mit einem Super-Computer verknüpft, der euch all diese körperlichen Gefühlsregungen nur vorspielt. Er berechnet akribisch genau in Nanosekunden, was ihr wann wie spürt, indem er eure Gehirnströme analysiert und zuordnet.“

Bei dieser Vorstellung jagte eine Gänsehaut über Reinas Rücken und eine weitere folgte gleich danach, als sie darüber nachdachte, dass diese Gänsehaut durch einen Computer erzeugt wurde, der an ihrem Körper angeschlossen war.
Goto Maki ließ den Mädchen eine kurze Pause, um all dies zu verdauen. Als sie bemerkte, dass ihre Zuhörer sich wieder etwas gefangen hatten, sprach sie, nun zumindest rücksichtsvoller, weiter:

„Ich möchte, dass ihr mir jetzt genau zuhört und konzentriert bleibt. Denn was ich euch nun sage, kann euch zerstören, wenn ihr nicht aufpasst.“

Angst durchflutete den Raum spürbar. Doch niemand sprach ein Wort. Goto Maki nickte aufmunternd und erzählte dann:

„Ihr seid einer schweren neuronalen Krankheit anheimgefallen. Die Behandlung erfordert extreme Maßnahmen, die durch euer Bewusstsein in der realen Welt nicht ausführbar gewesen wären. Deshalb wurden eure Hirn-Aktivitäten und die dazugehörige Netzstruktur unter großem Aufwand kopiert und in ein virtuelles Gefäß gepackt. Innerhalb dieses Gefäßes wurde eine Blockade errichtet, die die Erinnerungen an euer altes Leben wegsperrt. Stattdessen wurde die virtuelle Netzstruktur, auf die ihr freien Zugriff habt, mit neutral zugänglichen Daten gefüttert, wie beispielsweise die Erinnerung an ein Klassenzimmer aus einer vollkommen normalen Schuleinrichtung. Ihr alle hattet wahrscheinlich einen angenehm nostalgischen Moment, als ihr den Raum betreten habt.“

Sie wies mit ihren Handflächen auf die Umgebung, in der sie sich befanden. Reina musste ihr gezwungenermaßen Recht geben. Der Raum fühlte sich merkwürdig vertraut an, obwohl sie überhaupt nicht wusste, woher dieses Gefühl stammte. Die anderen Mädchen fühlten allesamt ähnlich, stellte sie mit einem Seitenblick fest.

„Ich weiß, die Situation wird euch gerade komplett überfordern. Und vielleicht seid ihr auch nicht ganz zufrieden mit der Handhabung. Ihr könnt euch aber gewiss sein, dass all dies vorher mit euch abgesprochen wurde. Jeder von euch hat dieser Behandlung eigenwillig zugestimmt. Denn sie rettet euch. Zumindest wird das Beste versucht, um euch zu retten…“

Plötzlich versagte die Stimme von Goto Maki und die Augen der Mädchen rissen weit auf vor Schreck. Yuhane war die erste, die rief:

„Was soll das heißen? Ist es möglich, dass wir dennoch sterben?“

Die Angesprochene lächelte schwach, bevor sie antwortete:

„Ja. Ihr könnt sterben.“

Das hatte gesessen. Reinas Magen zog sich zusammen. Ihr wurde übel. Sie wollte nicht sterben. Sie wollte Dinge erleben. Spaß haben. Neue Freunde kennen lernen. War sie schonmal verliebt gewesen? Wie fühlte sich das an? Welche aufregenden Erlebnisse waren ihr entgangen. Und welche Erlebnisse hatte sie vergessen?
So viele Gedanken und Fragen schossen gleichzeitig durch ihren Kopf, dass ihr ganz schwummrig wurde.
Währenddessen hob Goto Maki beschwichtigend die Arme.

„Hört zu! Ja, es ist wahr. Ihr befindet euch in akuter Lebensgefahr. Das will ich nicht beschönigen. Doch spürt ihr etwas zurzeit davon? Fühlt ihr Schmerzen?“

Verwirrt blickten sich die Mädchen gegenseitig an. 
Nein. Keiner von ihnen spürte ein Unwohlsein außerhalb der Nachrichten, die sie gerade erhalten hatten. Tatsächlich hatten sie sich allesamt bis vor wenigen Minuten sogar noch recht positiv und lebhaft unterhalten. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn in ihrem Bewusstsein eine tödliche Krankheit geschlummert hätte.

„Ihr seht also, die Therapie ist äußerst wirkungsvoll. Besäßet ihr noch all eure Erinnerungen und Wahrnehmungen aus der realen Welt, könnte dies zu einem Kollaps eures Gehirns führen und die Ärzte wären nicht mehr imstande, etwas für euch zu tun. Tatsächlich, und hier kommt die wahre Behandlung ins Spiel, seid ihr selbst eure eigenen Ärzte…“

Goto Makis schönes Lächeln war zurückgekehrt, als sie in die ratlosen Gesichter blickte.

„Diese Welt, die einzig und allein für euch erzeugt wurde, ist die Therapie, die ihr benötigt, um gestärkt und, was natürlich das Wichtigste ist, geheilt in die Realität zurückzukehren. Wie ein Phönix, der aus seiner Asche emporsteigt.“

Es setzte eine kurze Pause ein, damit den Worten etwas Nachhall gewährt wurde. Reina hatte das Gefühl, als hätte Goto Maki genau darauf hingearbeitet mit ihrem Monolog. Und sie sollte Recht behalten.

„Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, geht der Fortschritt einer Therapie immer vom Patienten aus. Verliert der Patient seinen Lebenswillen, so siegt die Krankheit. Umso stärker der Patient an sich und sein Umfeld glaubt, umso garantierter ist auch der Erfolg für die Therapie.
Im Normalfall wird solch ein Prozess mit dem gesamten Körper und Geist in der realen Welt vollzogen. Dies ist in eurem Fall nicht so einfach. Ihr könnt euch während der Behandlung weder bewegen, noch dürft ihr bei Bewusstsein sein. Aus diesem Grund wurde diese virtuelle Realität erschaffen, um ein therapeutisches Umfeld zu simulieren. Hier könnt ihr Körper und Geist in vollem Bewusstsein frei entfalten. Eure Aufgabe besteht darin, das Potential eurer mentalen Kraft und eurer Energie zu steigern und dabei die seelische Balance in euch zu halten. Harmonie und natürliches Gleichgewicht sind hier die Stichwörter.
Während ihr diese Entwicklung eures Seins durchlebt, werden euch immer wieder Aufgaben gestellt, welche von unterschiedlichster Gestalt sein können. Manche dieser Aufgaben sind wichtig für das Bestehen unserer Gesellschaft in dieser Welt und steigern zum einen euer Ansehen hier, zum anderen aber auch euer Selbstvertrauen und somit die Stärke eures Willens nach Leben und Freiheit.
Es gibt aber auch Aufgaben, und damit einhergehende Prüfungen, die essentiell für euer Überleben sind. Versagt ihr bei der Erfüllung einer solchen Aufgabe, kann dies schwerwiegende Auswirkungen auf euer Befinden in der Realität haben.
Wie ihr hört, seid ihr also immer selbst der Schlüssel zu eurer Heilung.“

Goto Maki blickte nach diesen hart zu verdauenden Worten vielsagend in die Runde. Viele Fragezeichen bildeten sich über den Köpfen der Mädchen, doch jede von ihnen hatte das Empfinden, dass eben diese Fragen schon bald von selbst geklärt werden würden. Auf die gute oder schlechte Weise.

„Nun möchte ich euch noch erklären, wie ihr hier im Haven leben werdet und was das Haven überhaupt ist.“

Ein letztes tiefes Luftholen Goto Makis hallte durch den Raum.

„Die Mädchen, die hier im Haven leben, sind alle ungefähr in eurem Alter. Manche älter. Manche jünger. Es existieren verschiedene Gruppierungen, denen bestimmte Mädchen zugewiesen sind. Innerhalb dieser Gruppierungen lernen die Mitglieder zwei unserer drei Grundpfeiler kennen. Die Kenntnis über den Geist, mein Fachgebiet, und die Kenntnis über die Energie.
Der dritte Grundpfeiler, die Kenntnis über die Klarheit, wird unter den Generationen vermittelt. Eine Generation setzt sich aus Mädchen aller Gruppierungen zusammen, die gleichzeitig oder in einem engen Zeitraum einer Gruppierung zugewiesen wurden, da ihr Wissensstand sich auf dem gleichen Niveau befindet. Dies ist bei den anderen beiden Kenntnissen nicht von Nöten, da dort das Zusammenspiel mit der eigenen Gruppierung, die fortan eure Familie ist, besonders in den Fokus gerückt wird.
Innerhalb einer Gruppierung versucht man die verschiedenen Rehab-Grade zu durchlaufen, welche von Eins bis Fünf erfolgen. Sie dienen der Beurteilung eures Rehabilitierungs-Status und geben euch auch eine Seniorität.“

Goto Maki schrieb mit ihrem Finger ein unsichtbares S in die Luft und plötzlich verschwand der Schriftzug von der Leinwand. Stattdessen tauchten sechs Bilder von verschiedenen Personen auf. Darüber römische Ziffern von Null bis Fünf.

„Dies sind Mädchen an unserer Akademie. Sie alle gehören unterschiedlichen Graden und damit auch unterschiedlichen Senioritäten an. Sie sind also in verschiedenen Stadien der Therapie und somit ist ihre gemachte Erfahrung mit der Welt deutlich differenzierter voneinander. Anhand dessen können wir eine eindeutige Hierarchie festlegen. Sollten tiefgreifende Entscheidungen geäußert werden, wird immer nach der Seniorität beurteilt. Ein Grad-3-Mitglied hat auf ein Grad-4-Mitglied zu hören. Ein Grad-4-Mitglied hat einem Grad-5-Mitglied wiederum den nötigen Respekt zu erweisen. Ihr versteht bestimmt worauf ich hinaus möchte.
Es ist ein simples Senpai-Kohai-Konstrukt, wodurch ihr in der Lage seid, von den erfahreneren Mädchen zu lernen und gleichzeitig Wissen weiterzugeben an eine jüngere Generation.“

Nishida Shiori unterbrach mit einem Mal durch einen Fingerzeig den Vortrag von Goto Maki. Diese blickte irritiert zu der jungen Schwarzhaarigen mit den süßen Grübchen. Reina mochte ihre ruhige Stimme, auch wenn sie etwas brüchig war, geprägt durch die Unsicherheit, die in jedem der Mädchen hier im Raum steckte.

„Frau …ähm …Goto?! W-Was bedeutet denn die Null? Sie sagten doch, es gäbe nur fünf Grade?“

Goto Maki grinste bei der Anmerkung und richtete ihre Augen auf das Bild des Mädchens unter der prägnanten Null. Sie trug kurzes, schwarzes Haar und wirkte sowohl fröhlich als auch entschlossen. Ihre Pose, das Gesicht in die Ferne gerichtet und die Hände unter vollendeter Körperspannung einige Zentimeter von der Hüfte entfernt, verlieh der ganzen Szenerie des Bildes einen heroischen Ausdruck. Reina wurde warm ums Herz und gleichzeitig verspürte sie einen Instinkt in sich aufkeimen, diese Person unbedingt kennen lernen zu wollen.

„Es ist richtig, was ich vorhin sagte. Es gibt nur fünf offizielle Rehab-Grade. Jedoch existiert noch eine weitere inoffizielle Bezeichnung. Grad Zero!“

Und mit einer weiteren majestätischen Bewegung drehte sie sich zu ihren Zuhörern um und wies mit dem Zeigefinger auf die Mädchen.

„Ihr! Ihr befindet euch derzeit im Grad Zero! Dies ist eine Einstufung, die es euch ermächtigt, euch hier im Haven aufzuhalten und die Grundausbildung unserer Lehren zu erhalten. Ihr seid die Neuankömmlinge und könnt noch nicht sofort einer Gruppierung zugewiesen werden. 
Nein. Ihr erhaltet erst ein Training. Und je nachdem wie schnell ihr lernt und bereit seid, werdet ihr nach einiger Zeit einer Gruppierung zugewiesen. Schließlich muss festgestellt werden, ob euer Körper und Geist überhaupt stark genug sind, um an der Therapie teilzunehmen. Erst dann beginnt ihr mit der offiziellen Rehabilitierung. Legt euch also gut ins Zeug!“

Ein allgemeines Raunen ging durch die Runde. Reina versuchte all die Informationen, die sie soeben erhalten hatte, in eine gewisse Struktur zu bringen in ihrem Kopf.
Es ging um ihr Überleben. So viel hatte sie verstanden. Sie musste in eine dieser Gruppierungen, um die Therapie auch wirklich umsetzen zu können.
Dies alles wirkte äußerst beunruhigend. Zumindest hatte Reina das Gefühl, als müsste sie so empfinden.
Doch seltsamerweise machte sich eine gewisse Erleichterung in ihr breit. Sie wusste nun, was mit ihr los war. Sie war weder irre noch hatte sie sonst irgendeinen bleibenden Schaden davongetragen, weswegen sie alle Erinnerungen verloren hätte. Mal abgesehen davon, dass sie todkrank war, war alles in Ordnung. Bei diesem trockenen Gedanken musste sie sich ein Lachen verkneifen.
Als sie sich umblickte, sah sie in nicht ganz so zuversichtliche Gesichter. Kawamura Ayano wechselte sekündlich zwischen heiserem Lachen und entsetztem Gesichtsausdruck. Yoshida Marie war komplett in sich zusammengesunken. Hashisako Rin versuchte krampfhaft ihre Tränen zu unterdrücken. Nishida Shiori war kreidebleich geworden.
Einzig Yamazaki Yuhane erschien genauso gefasst und zuversichtlich wie Reina, was diese wiederum beruhigte.
Da jedoch so langsam der erste gewaltige Schock nachließ, schritt Goto Maki selbstsicher auf die Mädchen zu, formte mit ihrem Zeige- und Mittelfinger ein V und berührte mit diesen ihre rechte Wange. Über beide Ohren grinsend sagte sie:

„Willkommen bei Hello!Project Online! Und natürlich willkommen an der REHAB Academy!“

Kapitel 3 – Kenshuusei

Der Schock saß noch immer tief. Doch trotzdem machte sich die Gruppe unter Führung von Goto Maki auf in Richtung Trainingssäle.
In Zweiergrüppchen betraten sie einen Korridor nach dem nächsten. Das Haven war definitiv ein gigantischer Ort. Ihre Führerin erzählte davon, wie sie die ersten Male durch dieses Labyrinth geirrt war. Auf die Frage hin, ob irgendwelche Hinweise oder Richtungsanweisungen existierten, gab sie lediglich ein trockenes Lachen von sich, antwortete aber nicht.

Nach etlichen Türen, Gabelungen und Treppenaufstiegen erreichten sie schließlich das Ziel, welches Goto Maki für sie vorgesehen hatte.
Reina, die neben der großen Kawamura Ayano bemüht war, Schritt zu halten, verspürte ein aufgeregtes Kribbeln in ihrer Brust. Sie sollten nun die restlichen Mitglieder von Grad Zero kennen lernen. Der Großteil von ihnen übte fleißig, um irgendwann einer Gruppierung zugeordnet zu werden. Allerdings hatte Goto Maki mit keinem Wort erwähnt, WAS sie eigentlich übten.
Als Reina genauer darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass sie noch gar keine Ahnung hatte, nach welchen Kriterien man einer dieser ominösen Gruppen beitrat.
Die anderen Mädchen ihrer Generation hatten diese Frage mehrmals gestellt, doch die stetig grinsende Frau hielt sich in mysteriösem Schweigen.
Reina betrachtete die hölzerne Doppeltür, die vor ihnen aufragte. Beim Anblick der hübschen Gravuren und Wölbungen wurde ihr leicht mulmig zumute. Dies hatte keinesfalls mit den bevorstehenden Begegnungen zu tun. Auf diese freute sie sich tatsächlich. Stattdessen machte ihr zu schaffen, dass fast jede größere Tür in fast jedem größeren Gang genau gleich aussah. Reina war sich absolut sicher, dass sie an keiner Therapie zugrunde gehen würde, sondern an diesem Irrgarten aus Holz, Stein und Rüstungen.
Andererseits, dachte das junge Mädchen sich, könnte dies auch Teil der Behandlung sein. Vielleicht testete das Haven die angesprochenen Überlebenskünste, so wie es Pfadfindern beigebracht wurde. Die verließen sich schließlich auch auf ihren geschulten Orientierungssinn und kryptischen Richtungsangaben, die das Umfeld ihnen gab.

„Yokoyama, kommst du?“

Reina schreckte beim Klang ihres Namens aus ihrer Gedankenwelt. Kawamura Ayano blickte sie fragend an. Das große Mädchen war schon ein ganzes Stück voran gegangen, wohingegen die anderen bereits komplett den neuen Raum betreten hatten. Ohne es zu merken, war Reina stehen geblieben. Innerlich fluchte sie über sich selbst, dass sie sich so schnell ablenken ließ. Bestimmt hatte Goto Maki bereits alles haargenau erklärt, wie sie sich im Haven einfach zurechtfinden könnten und Reina hatte es überhört. Nun musste sie für immer auf dem harten Boden schlafen und sich mit Teppichen zudecken, weil sie den Weg in ihr Zimmer nicht mehr finden würde.
Sie schüttelte heftig mit dem Kopf. Natürlich passierte das nicht. Nach dem Weg fragen, war bestimmt nicht verboten.
Rasch holte sie zu ihren Leuten auf. Sofort waren alle vorherigen Gedanken verschwunden, als sie den gewaltigen Saal betrat.
Es war eine Trainingshalle, wie sie wohl professionelle Sportvereine in der realen Welt besitzen würden.
Verschiedene Kreise und Linien waren zur Kennzeichnung von Spielfeldern unterschiedlichster Sportarten auf den elastischen Boden gezeichnet, welcher sich in einem dumpfen Blauton über die gesamte Fläche erstreckte. An den Seiten wimmelte es von mechanischen Geräten aller Art. Reina kannte keine einzige Bezeichnung, doch bereits der Anblick löste in ihr eine Begeisterung aus, die seinesgleichen suchte.
Die Halle selbst besaß auch Zuschauerränge, die sich in zehn Stufen nach oben hin vom Feld abwandten. Darüber befand sich eine zweite Ebene, die durch Sicherheitsgitter abgegrenzt wurde und wohl eine noch bessere Sicht auf die Fläche zuließ.
Definitiv war die Sporthalle ein beeindruckendes Gebilde. Auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangstür, wo derzeit noch die Neuankömmlinge gemeinsam mit Goto Maki standen, trainierte eine kleine Gruppe vor einem gewaltigen Spiegel. Dieser erstreckte sich beinahe über die komplette Seite.
Zusammen schritten sie über das Feld und traten zu den trainierenden Mädchen. Sie befanden sich allesamt in der gleichen Altersgruppe wie die Neuankömmlinge. Doch auch sie versprühten bereits eine gewisse Aura. Es war nicht mal ansatzweise ein Vergleich zu Goto Maki, deren Wahrnehmung für Reina noch immer schwer in Worte zu fassen war. Doch trotzdem konnte man die seltsame Energie, die von den jungen Personen ausging, nicht verleugnen.

„Das hier sind eure zukünftigen Gefährten, wenn man es so nennen will“.

Goto Maki wies mit offener Hand auf das Grüppchen, bestehend aus sechs Mädchen.
Diese beendeten sogleich ihr Training und musterten die Neuen ausgiebig. Reina fiel erleichtert auf, dass es keinesfalls strenge oder unangenehme Blicke waren. Stattdessen wurden sie warmherzig begrüßt. Ehrliche Freude umspannte die Halle und Reina fühlte ein wohliges Kribbeln, das durch ihren ganzen Körper jagte.
Die erste Person, die sich ihnen vorstellte, war interessanterweise ebenfalls eine Reina. Ichioka Reina.

„Super, dass wir Verstärkung bekommen. Ihr seid bestimmt sehr aufgeregt, aber keine Sorge, wir nehmen euch anfangs nicht zu hart ran. Ihr habt alle Zeit der Welt, euch einzugewöhnen.“

Ihr klares Lachen machte sie sympathisch. Als Dienstälteste unter ihnen, sie war bereits ganze zwei Jahre älter als Reina, hatte sie die inoffizielle Führung der Mitglieder des Grad Zero.

„Macht euch alle aber keine allzu großen Hoffnungen, dass ihr in Morning Musume kommt. Der nächste Star dort werde nämlich ich.“

Das eindeutig jüngste Mädchen unter ihnen, Kiyono Momohime, grinste Reinas Gruppe herausfordernd an. Scheinbar sah sie die Truppe als neue Konkurrenz. In ihren Augen erkannte man flammenden Ehrgeiz.
Zwei weitere junge Frauen traten hinzu. Dambara Ruru war groß und besaß ein ruhiges Auftreten, doch Reina war überrascht, was für eine unglaubliche mentale Stärke von ihr ausging. Sie war eindeutig die Person mit dem größten Potential in der Halle.
Die andere Person richtete ihre ersten Worte direkt an die freche Momohime.

„Du solltest erst einmal deine Schritte und Koordination richtig trainieren. Sonst denken Leute noch, dass Morning Musume eine Gruppe aus Dilettanten wäre, wenn sie so eine kleine Stolperkönigin aufnehmen.“

Die Sprecherin hieß Takase Kurumi. Sie besaß ein rundes, liebevolles Gesicht, welches nun hinter einer strengen Mine verborgen lag.
Momohime schenkte ihr eine unzufriedene Grimasse und wendete dann den Blick von der Älteren beleidigt ab.
Horie Kizuki, von allen liebevoll Kii-Chan genannt, war vom reinen Alter her die Älteste der Gruppe, weshalb sie von den anderen Anwesenden mit großer Wertschätzung behandelt wurde. Auch ihre Erzählungen strotzten nur so vor Erfahrung. Sie kam eigentlich aus einem anderen Therapieprogramm, das unter gleichen Voraussetzungen arbeitete wie Hello!Project. Es trug den seltsamen Namen NICE GIRL Project
Kii-Chan wurde, nachdem das Partnerprogramm aus unerfindlichen Gründen geschlossen werden musste, neben einigen anderen Mädchen, zur hier ansässigen Therapie transferiert.
Reinas Augen waren weit geöffnet vor Verblüffung. Sie konnte nicht umhin, beeindruckt von all diesen Persönlichkeiten zu sein, mit denen sie alsbald ihre Zeit verbringen würde. Sie alle standen, genau wie Reina selbst, noch am Anfang ihrer Therapie. Sie alle verfolgten dasselbe Ziel: Den Beitritt in eine der großen Gruppierungen.
Macht euch alle aber keine allzu großen Hoffnungen, dass ihr in Morning Musume kommt. Der nächste Star dort werde nämlich ich.
Die Worte von der jungen Momohime blitzten in den Gedanken von Reina auf.
Morning Musume? War dies eine dieser ominösen Gruppierungen?
Plötzlich fiel ihr Blick auf eine Person, die nicht zu ihnen getreten war. Ein Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren. Sie war größer als Kawamura Ayano, dachte Reina. Das flache, rundliche Gesicht wirkte zeitlos. Man konnte das Alter des Mädchens nicht genau bestimmen. Die Stirn war gerunzelt. Scheinbar war sie hochkonzentriert bei der Sache. Ohne auch nur einen Augenmerk an die Neuankömmlinge zu verschwenden, führte sie eine flüssige Bewegung nach der nächsten aus. Sie zog ein elegantes Kreismuster, mit Beinen und Armen in vollkommener Harmonie.
Reina konnte sich der Schönheit des Augenblicks nicht entziehen. Vor Verblüffung klappte ihr die Kinnlade hinunter. Das war das Mädchen, was sie auf dem Bild von Goto Makis Vortrag gesehen hatte. War es ein Tanz, den sie aufführte? Es waren solch gleichmäßige Richtungswechsel. Mal schnell. Mal langsam. Doch immer im Einklang mit dem Rhythmus des Herzschlages, den Reina in sich spürte. Das junge Mädchen fühlte eine starke Verbundenheit. Sehnsucht erwachte in ihr…

„Kaedi! Mach doch endlich eine Pause und komm her!“

Takase Kurumis Stimme hallte zu Reina und dem fremden Mädchen herüber. Beide erschraken und wurden aus ihren unterschiedlichen und doch gleichen Trancen gerissen.
Reina schüttelte heftig den Kopf vor Verwirrung. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie sie sich von der Gruppe entfernt hatte und auf das faszinierende Mädchen immer weiter hinzugeschritten war.
Eben dieses Mädchen betrachtete sie für einen kurzen Moment. Ihr ernster Blick streifte den Reinas. Verwirrung war in beiden Gesichtern abzulesen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit der Gruppe zu, allen voran Takase Kurumi. Mit einer ruckartigen Verbeugung brachte sie eine hastige Entschuldigung hervor:

„Es tut mir leid. Ich habe nicht bemerkt, dass die Neulinge schon da sind.“

Momohime schlug ihr lachend auf den Rücken.

„Ja ja, Kaedi! Wir wissen doch, dass du nicht genug vom Training kriegst.“

Die Angesprochene kratzte sich leicht verlegen am Kopf, sagte jedoch nichts dazu.
Goto Maki klatschte zufrieden in die Hände.

„Nun, es sind zwar nicht alle Kenshuusei hier, aber das macht nichts. Wir…“

„Kenshuusei?“

Nishida Shiori schien verwundert. Die anderen Neuankömmlinge tauschten ebenfalls verwirrte Blicke aus.
Goto Maki runzelte die Stirn, aufgrund der Unterbrechung. Dann erkannte sie das Problem.

„Dies hier ist eure kleine, aber feine Einweihungsfeier. Ihr seid ab heute Mitglieder der Hello!Project Kenshuusei. Mit dem Aufstieg in diesen Rang seid ihr nun offiziell im Haven anerkannt. Ab morgen beginnt ihr gemeinsam mit euren Kameraden“, sie blickte lächelnd in die große Runde, „das Training. Dies ist Grad Zero, von dem ich euch bereits erzählt habe.“

Nishida Shiori, die zuvor noch Goto Maki unterbrochen hatte, war nun vollkommen still. Kawamura Ayano und Yoshida Marie musterten die erfahreneren Mädchen mit leicht ängstlichem Blick. Hashisako Rin musste erneut die Tränen zurückhalten.
Doch Yamazaki Yuhane versprühte enorme Entschlossenheit. Ein selbstsicheres Lächeln umspannte ihr prägnantes Gesicht. Reina konnte diese Gefühlsregung absolut nachvollziehen. Auch sie spürte die riesige Vorfreude in sich aufkeimen. Es gab keinen Grund für Trauer oder Bedenken. Das hier war ein Abenteuer. Und sie durften es allesamt gemeinsam erleben.

Kapitel 4 – ANGERME stellt sich vor

Schweiß tropfte in gefühlten Bächen über die Hallenfläche. Die Trainingsgruppe hatte erneut ihre Übungen aufgenommen. Und diese schienen alles andere als ein Kinderspiel zu sein.
Reina saß, zusammen mit ihren Generations-Mitgliedern, auf dem Boden des Saals. Sie lehnten in einer Reihe an der kleinen Wand, die zu den Zuschauertribünen führte. Sprachlos und gleichzeitig fasziniert beobachteten sie das Schauspiel, welches sich ihnen darbot.
Goto Maki war bereits vor einer Stunde gegangen. Sie sagte zu Ichioka Reina, unter den Kenshuusei als Icchan bekannt und die gemeinsam mit Takase Kurumi das Kommando über die Kenshuusei besaß, dass die Neulinge heute noch frei hätten und morgen in der Früh das erste richtige Training für sie beginnen würde.
Trotzdem hatte Icchan der 26. Generation der Kenshuusei, so wurden die Neulinge nun offiziell genannt, angeboten, ihnen beim Training zuzuschauen, um schon einmal einen Einblick in ihre zukünftigen Aktivitäten zu bekommen.
Yokoyama Reina konnte sich nach den Erzählungen von Goto Maki nicht wirklich vorstellen, wie die eigentliche Therapie aussehen sollte. Nun offenbarte sich ihr endlich das Bild, auf das sie solange gewartet hatte. Und ihr Gesicht bestand aus einem einzigen, riesigen Fragezeichen.
Die Sechsergruppe bewegte sich in vollkommenem Rhythmus zueinander. Icchan befand sich an der Spitze ihrer Formation und gab die Schritte vor. Reina fühlte sich an einen sich ständig thematisch wechselnden Tanz erinnert. Zuerst wurden langsame, gleichmäßige Handbewegungen in der Luft durchgeführt, während jeder Fußschritt mit äußerster Bedächtigkeit gewählt wurde. Plötzlich gab es blitzschnelle, aufeinanderfolgende Richtungswechsel mit allen Gliedern, gefolgt von einem eleganten Radschlag über gekreuzte Hände. Schließlich ging jegliche motorische Energie in eine fließende, zeitlupenartige Körpertechnik über.

„Es sind Kampfchoreografien.“

Die 26. Generation blickte geschlossen zu Yuhane. Ihre analytische Bemerkung kam überraschend. Ihre Augen waren fest auf die Körper der einzelnen Partizipanten fixiert. Sie sog förmlich jede Bewegung in sich auf. Reina musste innerlich lachen bei dieser Vorstellung.
Shiori murmelte währenddessen leise:

„Du meinst, wir lernen, wie man kämpft?“

Rin lief ein Schauer über den Rücken.

„Ich will nicht kämpfen.“

Yuhane schenkte dem kleinen Mädchen ein aufmunterndes Lächeln.

„Es ist nicht verkehrt, zu lernen, wie man sich verteidigt, oder?“

Die Angesprochene nickte langsam, schien aber nicht überzeugt. Ayano hingegen legte Daumen und Zeigefinger an ihr markantes Kinn. Scheinbar dachte sie scharf nach.
Mit einem Mal sagte sie:

„Es ist aber nicht nur ein Kampf, nicht wahr, Yuhane?“

Das Mädchen mit dem entschlossenen Blick nickte zustimmend.

„Du hast Recht, Ayano. Ganz einfach betrachtet praktizieren sie lediglich einen Tanz. Dadurch erlernen sie Standhaftigkeit und Körperbalance. Beides sind auch wichtige Elemente in weltweiten Kampfkünsten.“

Reina bewunderte Yuhane dafür, dass sie diese Verbindung in ihren Gedanken knüpfen konnte. Doch etwas verwirrte sie. Deshalb fragte Reina:

„Aber wenn es auch nur ein Tanz sein könnte, wie kommst du dann darauf, dass es eine Kampfchoreografie ist? Könnten die Bewegungen nicht einfach zufällig nach kämpferischen Elementen aussehen?“

Yuhane lächelte wissend.

„Natürlich könnte ich mich irren. Aber diese ständig wechselnden Rhythmusbewegungen schalten relativ bewusst zwischen aktiver und passiver Handlung hin und her. Das sind eindeutige Faktoren, die für Kampftechniken sprechen.“

Marie war vollkommen überfordert.

„Wieso denn das?“

Yuhane setzte ihren Monolog fort.

„Bei einem Kampf, insbesondere bei der Selbstverteidigung, kommst du immer in die Situation, dass du aus einer zurückhaltenden Verhaltensweise ohne Zögern in eine aggressive Verhaltensweise wechselst. Das kann durch eine Aktion oder Reaktion geschehen. Bei einem Tanz ändert man normalerweise nicht so spontan seine Geschwindigkeit. Im Normalfall ist es ein aufeinander aufbauender Übergang von langsam zu schnell und zurück.“

Reina nickte automatisch. Das klang plausibel, auch wenn eine Sache noch immer nicht ganz klar war:

„Wofür lernen wir denn das Kämpfen?“

Darauf wusste selbst Yuhane keine direkte Antwort. Stattdessen bemerkte Shiori laut:

„Kampfkünste sollen doch gesund auf Körper und Geist wirken, wenn man sie ausführt. Vielleicht ist das Teil der Therapie.“

Die Anderen nickten anerkennend. Das klang nachvollziehbar.
Nun war Reina noch aufgeregter als zuvor schon. Sie hatte große Lust diesen Kampftanz zu lernen. Am liebsten hätte sie sofort losgelegt. Auch wenn natürlich ein paar Restzweifel durch ihren Kopf jagten. War sie überhaupt in der Lage, solche rhythmischen Bewegungen durchzuführen? Wären diese auch so ausdrucksstark?
Nein! Darüber durfte sie nicht nachdenken. Ihre Hände ballten sich instinktiv zu Fäusten. Sie wollte nicht versagen. Das durfte sie einfach nicht.
Plötzlich hallte ein dumpfes Klopfen durch die Halle.
Die erfahrenen Kenshuusei stoppten sofort mit ihren Übungen und blickten sich verwirrt um. Auch die 26. Generation versuchte den Ursprung des Geräusches ausfindig zu machen. Rin war die erste, die rief:

„Da oben!“

Sofort richteten sich alle Augen auf die Terrasse, die sich in den Höhen über den Zuschauerrängen erstreckte. An einer Seite des Saals befanden sich, über das Metallgeländer gebeugt, drei schattenhafte Personen. Zwei von ihnen waren relativ klein. Reina schätzte sie ungefähr auf ihre eigene Größe. Die dritte Person war größer. Eher Dambaras und Kaedis Format.
Eine der Kleineren war die Verursacherin des Klopfens. Augenscheinlich hatte sie mit ihren Fingerknochen gegen die metallene Wand gepocht, über welches das Geländer aufgerichtet war.

„Warum sitzen die Neulinge denn da so faul herum?“

Das Mädchen schien sich über ihre Frage selbst zu amüsieren. Ihr fröhliches Lachen schallte von den Wänden wider.
Doch aus irgendeinem Grund blickte Icchan äußerst streng in Richtung des Trios.

„Murota, heute nicht! Sie beginnen erst morgen mit ihrem Training. Du brauchst also nichts Dummes versuchen.“

Ohne darauf einzugehen, sprang die Person namens Murota schlagartig über das Geländer und landete verwesen auf dem nachgebenden Hallenboden. Ein breites Grinsen begleitete sie, ebenso ihre beiden Kameradinnen, ein Mädchen mit langen, glatten, schwarzen Haaren und die andere, die Größere, mit einem eleganten Kurzhaarschnitt.

„Darf ich uns vorstellen? Mein Name ist Murota Mizuki. Das sind Kamiko“, ihr Daumen wies hinter sich auf das kleine Mädchen, „und Rikako“, eine zweite Handbewegung richtete sich auf die Größte des Trios.
Dann sagte sie unter freudiger Erregung:

„Wir siiiiiiiind… ANGERME!!!“

Momohime schüttelte den Kopf und vergrub vor peinlicher Berührung ihr Gesicht in der Hand. Kurumi rollte mit den Augen. Doch Murota Mizuki beachtete sie gar nicht. Ihr Blick war einzig und allein auf die Neulinge gerichtet. Diese wussten überhaupt nicht, was eigentlich los war. Deshalb übernahm die Chaosstifterin erneut das Wort und richtete es direkt an die 26. Generation:

„Los Neulinge! Genug gefaulenzt! Bewegt euch!“

Ohne Vorwarnung stieß Murota Mizuki sich vom Boden ab und raste in brachialer Geschwindigkeit, die Reina noch nie erlebt hatte, auf die Neulings-Gruppe zu. Nur dank dem reinen Instinkt, der ihr eindeutige Gefahr signalisierte, wich Reina in letzter Sekunde dem seltsamen Angriff aus. Mit einem kräftigen Ruck zog sie Shiori und Ayano mit sich, die sich sonst nicht von der Stelle gerührt hätten.
Yuhane war wohl demselben unguten Gefühl gefolgt. Sie hatte  sofort Rin und Marie ergriffen und war zur entgegengesetzten Seite geflohen.
Eine entsetzliche Explosion folgte unmittelbar neben Reina. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Murotas Faust grub sich mit einem Brechen und Krachen in das Mauerfundament. Steinbrocken prasselten auf den Boden. Was bitte war das für eine monströse Kraft?
Doch sie hatte keine Zeit, noch weiter darüber nachzudenken. Ein Schrei an ihrer Seite forderte ihre Aufmerksamkeit.
Das kleine schwarzhaarige Mädchen, das vorhin noch hinter Murota stand, befand sich direkt neben ihnen. Reinas Muskeln verkrampften sich vor Panik. Wo kam sie plötzlich her? Diese Geschwindigkeit war doch unmöglich.
Ohne etwas dagegen tun zu können, musste Reina zuschauen, wie das Mädchen namens Kamiko Shiori aus ihren Armen entriss und sie mit einem kräftigen Schwung in Richtung Hallendecke schleuderte. Der entsetzliche Schrei Shioris ging Reina bis ins Mark.
Sofort schnellte ihr Blick zu Yuhane. Die große junge Frau namens Rikako hatte sich der aufgeteilten Gruppe angenommen. Ohne auch nur die Körper der Mädchen zu berühren, wurden sie auseinandergerissen. Rin und Marie schliffen über den Hallenboden, während Yuhane sich gerade so an der Mauer hinter sich abstützen und somit auch den harten Aufprall verhindern konnte. Dafür erntete sie von Rikako ein überraschtes Zucken der Augenbrauen.

„Du träumst etwas zu viel. Kümmere dich besser um dich selbst.“

Die Worte erklangen direkt an ihrem Ohr. Jemand befand sich unfassbar nah hinter ihr. Wie in Zeitlupe drehte Reina ihren Kopf. Es war Murota, deren Gesicht nicht einmal mehr zehn Zentimeter von ihrem eigenen entfernt war.
Das Letzte, was Reina vernahm, war das fröhliche Lachen der Irren, als sie von einer brachialen Macht, die für sie nicht sichtbar erschien, komplett durch den Raum geschmettert wurde. Was war das? Was war hier los? Wer sind die Drei?
Noch während sie in großer Geschwindigkeit auf die Wand am anderen Ende der Halle zuraste, dachte sie über diese Fragen nach. Sie wollte es unbedingt herausfinden. Sie wollte Antworten auf ihre Fragen. Jetzt! JETZT!
Mit einem schlagartigen Salto in der Luft warf sie ihre Beine nach hinten und vollführte eine 180 Grad Drehung. Im fast gleichen Moment prallten ihre Beine rechtzeitig gegen die Mauer und es gelang Reina, das Gleichgewicht zu halten.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand die Zeit still. Es sah so aus, als würde sie seitlich an der Wand hocken und als wären alle Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt.
Alle, die dem Spektakel beiwohnten, waren von der gegebenen Situation vollkommen überrumpelt. Icchan und Kurumi hielten den Atem an. Kaedi verengte die Augen zu Schlitzen. Ayano, die glücklicherweise noch unberührt blieb, wurde kreidebleich. Murota Mizuki riss Mund und Augen vor freudiger Verblüffung auf.
Für einen kurzen Moment richtete Reina ihre Augen zielgerichtet auf Murota. Ihr Blick sprach todernste Bände. Im gleichen Moment stieß sie sich von der Wand ab und flog in atemberaubendem Tempo auf ihre Kontrahentin zu.
Diese hatte mit solch einer Reaktion keinesfalls gerechnet. Trotzdem nahm sie reaktionsschnell eine defensive Haltung ein und wartete aufgeregt auf den Zusammenprall mit Reina.
Ein brachialer Windstoß schoss über die Fläche.
Sowohl Murota als auch Reina waren komplett irritiert. Das ANGERME-Mitglied wurde nach hinten an die Wand gedrückt, während der Neuling prompt das Gleichgewicht in der Luft verlor und schmerzhaft auf dem Boden aufschlug.
Kurz bevor es zum Aufeinandertreffen kam, hatte sich eine andere Person dazwischengeworfen. Es war Kaga Kaede, unter den Kenshuusei bekannt als Kaedi.
Sie hatte Reinas Geschwindigkeit ausgenutzt und diese neutralisiert. Im gleichen Moment nutzte sie die Energie des erzeugten Schwungs, um Murota wegzuschlagen. Diese hatte allerdings den Reaktionsschlag geblockt und war durch die Druckwelle lediglich ein Stück nach hinten geschoben worden.
Sofort erhob die stille Kaede das Wort:

„Das reicht jetzt Murotan.“

Die Angesprochene zögerte kurz. Für einen Moment schien ihr Blick auf ihre Widersacherin fixiert zu sein. Doch dann gewann sie schlagartig ihr Lachen zurück.

„Schon gut, schon gut. Ich verstehe schon Kaedi. Das hier ist schließlich wichtige Trainingszeit, die dir verloren geht, nicht wahr? Und Zeit ist kostbar.“

Den letzten Satz hatte sie mit einem schwächeren Unterton ausgesprochen. Doch es hatte scheinbar einen gewünschten Effekt bei Kaede erzeugt. Diese funkelte die Chaotin wütend an und schritt auf sie zu.

„Hast du mir was zu sagen? ...“

Reina, die noch immer überrascht auf dem Boden lag, betrachtete die beiden. Ihre Gesichter berührten sich fast. Man konnte förmlich die Wutfunken zwischen ihnen versprühen sehen.
Auf einmal begann das junge Mädchen zu lachen. Murotan und Kaede blickten verwundert zu ihr hinunter. Reina lachte so schallend, dass jeder zu ihnen schritt. Icchan war sogar kurz besorgt, dass Reina eine Kopfverletzung abbekommen hatte.
Doch sie lachte weiter. So herzhaft. So ehrlich und fröhlich. So naiv und kindlich. Sie konnte nicht aufhören.
Kamiko trug Shiori zur Stelle des Geschehens. Das kleine ANGERME-Mitglied hatte Shiori nur ein wenig durchgewirbelt, doch unverletzt gelassen. Schließlich wurde das Mädchen mit den Grübchen von der erfahrenen Kämpferin lächelnd aufgefangen. Ayano begleitete sie.
Rikako hatte Yuhane, Rin und Marie die Hand gereicht. Insbesondere von Yuhane war sie begeistert.
Sie alle versammelten sich um Murotan, Kaede und Reina. Der Anblick musste für jeden Außenstehenden absolut skurril erscheinen. Zwei Mädchen, die sich beinahe die Köpfe einschlagen wollten, und ein drittes, welches zu ihnen blickte und schallend lachte.
Die anderen konnten nicht umhin als irgendwann mit ins Gelächter einzustimmen. Murotan gewann ihre Fröhlichkeit zurück. Und selbst Kaede ließ sich zu einem Schmunzeln verleiten. Letzten Endes wussten sie alle gar nicht, warum sie eigentlich lachten. Doch es tat gut. Und es war dieses kleine, dunkelhaarige Mädchen mit den wohlgeformten Lippen namens Yokoyama Reina, die sie alle die Freude verspüren ließ.

Nachdem sie sich so langsam beruhigt hatten, reichte Murotan dem auf dem Boden liegenden Mädchen die Hand. Reina nahm das Angebot dankend an und durfte sich endlich aufrichten. Nach einem respektvollen Nicken sagte Murotan:

„So jemand wie dir ist mir ja noch nie begegnet. Normalerweise erlaube ich mir diesen Spaß, den Neulingen der Akademie zu zeigen, was sie erwarten wird. Doch sonst machen sich eben diese Neulinge vor Angst in die Hose oder rennen schreiend weg. Sie dann quer durch die Halle zu jagen, ist, wie könnte man es sagen“, sie tippte verspielt mit ihrem Zeigefinger auf ihre Lippen, „ein Hobby von mir.“

Erneut breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

„Doch dass mir jemand so frech kommt und sich tatsächlich wehrt, ist mir zugegebenermaßen noch nie passiert. Ich bin beeindruckt. Vielleicht bist du ja sogar jemand für ANGERME?“

Mit einem kräftigen Schlag auf Reinas Schulter gab Murotan ihren aufkommenden Respekt vor dem Mädchen zu verstehen. Allerdings brach diese sofort unter der Wucht zusammen. Erschrocken halfen ihr alle wieder auf. Reinas Beine zuckten und zitterten stark, als sie mit zugekniffenem Auge sprach:

„Ich glaube, das war heute alles etwas zu viel. Ich will eigentlich nur noch ein warmes Bad und ein noch wärmeres Bett.“

Kurumi setzte wieder ihr liebevolles Lächeln auf.

„Kein Wunder! Du hast nicht nur einen Schlag eines Gruppierungs-Mitgliedes ausgehalten, sondern wolltest diesen am Ende auch noch kontern. Den Aufprall mit deinen Beinen abzufangen, hat deinem Körper garantiert mehr geschadet als geholfen. Aber genau dafür bist du ja hier. Um die Balance zwischen deinem Körper und deinem Geist zu erlangen.“

Auch Dambara Ruru, die zuvor die ganze Zeit still geblieben war, richtete ihren Blick auf Reina.

„Ich habe noch nie gesehen, wie ein Neuling sich so gegen Murotan behaupten konnte. Wir sollten uns vor dir in Acht nehmen.“

Auch wenn Reina nicht wusste, ob das tatsächlich ein gut gemeintes Kompliment war, erwiderte sie das Lächeln von Ruru. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass das eine große Auszeichnung war.

Wie schon Goto Maki bei der Begrüßung der Neulinge in die Hände klatschte, so machte es Ichioka Reina ihr nun in gleicher Art nach.

„Leute, es ist schon spät. Wir beenden für heute das Training. Ich denke, es war ein ereignisreicher Tag und wir sollten ausgeruht und gespannt auf den nächsten Morgen zugehen. Findet ihr nicht auch?“

Sie alle stimmten dem zu. Murotan, Kamiko und Rikako verabschiedeten sich und schritten als erste von dannen.
Reina blickte ihnen entschlossen nach. Yuhane und Ayano traten an ihre Seite. Die etwas schusselige Kawamura ergriff als Erste das Wort:

„Das war also eine dieser Gruppierungen. Sie sind echt stark. Ab morgen haben wir viel zu tun, wenn wir ihnen beitreten wollen.“

Reina nickte. Sie hatte vollkommen recht. Diese Geschwindigkeit. Beweglichkeit. Kraft. Konzentration. Murotan. Kamiko. Rikako. Sie waren unglaublich. Reinas Augen funkelten.
Lächelnd legte Yuhane die Hand auf die Schulter des Mädchens.

„Ich verstehe dich. Ab morgen zeigen wir allen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind.“

Reina konnte all das, was kommen sollte, nicht mehr abwarten. Das Gefühl von Freude, Aufregung und Glückseligkeit flutete durch ihr Innerstes. Sie war bereit. Sie war bereit für die REHAB Academy.
Vollster Entschlossenheit traten die Drei in Richtung Ausgang. Schon bald sollte ihre Reise beginnen.

„Ähm…“

Shiori räusperte sich plötzlich. Sowohl Reina als auch Yuhane und auch Ayano drehten sich verwirrt zu ihr um.

„Wisst ihr eigentlich, wo wir schlafen?“

Verdutzte Stille machte sich breit. Komplett ratlos und mit verdattertem Blick schauten die Drei zur Fragestellerin. Diese bemerkte die Ahnungslosigkeit und rief halb wütend, halb lachend:

„WIE? IHR LAUFT GANZ DRAMATISCH ZUM HALLENAUSGANG UND WISST GAR NICHT, WO IHR DANACH HINMÜSST?“

Mit Ausnahme der Drei und Shiori kugelten sich alle Beteiligten vor Lachen. Japsend brachte Icchan hervor:

„Macht euch keine Sorgen. Ich zeige euch alles. Zum einen wo ihr schlafen, zum anderen wo ihr morgen früh mit uns gemeinsam essen werdet. Auch wenn das Schloss groß ist, habe ich ein paar nette Eselsbrücken für euch, die einen in so manchen Gängen weiterhelfen können.“

Reina und Ayano waren so erleichtert und dankbar, dass sie sogar in Tränen ausbrachen und sich vor Icchans  Beine warfen, bis Kurumi ihnen ein paar deftige Kopfnüsse gab und sie sich beruhigten.
Alles in allem war es eine harmonische Gruppe. Und die Neuen schienen sich perfekt einzufügen, dachten sich die Älteren zufrieden.

Kapitel 5 – Tsunku

Yokoyama Reina lag, mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt, in ihrem Bett und blickte nach oben zur schwarzen Decke. Nach allem, was sie heute erlebt hatte, musste sie eigentlich hundemüde sein. Doch stattdessen schossen unzählige Gedanken durch ihren Kopf.
Goto Maki. Das Haven. Die 26. Generation. ANGERME. Die Kenshuusei.
Etwas weiter links von ihr gab Kawamura Ayano einen lauten Schnarcher von sich. Das Rascheln der verschiedenen Bettdecken hinterließ bei Reina ein wohliges, familiäres Gefühl. Unbewusst stahl sich ein Lächeln auf ihr junges Gesicht.
Icchan hatte sie von der Trainingshalle direkt in Richtung der Schlafsäle gelotst. Während sie dabei durch die Korridore gelaufen waren, hatte die Ältere ihnen auf einfachstem Wege erklärt, wie sie den Weg ganz leicht selbst nachvollziehen konnten:

„Euch ist es jetzt noch nicht bewusst, aber ihr werdet mitbekommen, dass die Erfahrungswerte, welche euch implementiert wurden, sich dann und wann tatsächlich als äußerst nützlich erweisen. Beispielsweise seid ihr in der Lage, einige allgemeine Morsezeichen zu verstehen und auch selbst von euch zu geben.“

Bei dieser Anmerkung zogen einige der Neulinge vor Verblüffung die Augenbrauen nach oben. Icchan hatte, ohne sie zu beachten, fortgesetzt:

„Wie ihr sicherlich auch bemerkt habt, sind wir nun des Öfteren an Kreuzungen vorbeigekommen“, hatte sie mit einem Grinsen angedeutet. „Auf dem Weg zwischen unserer Trainingshalle und den Kenshuusei-Schlafsälen befinden sich exakt sechs Kreuzungen. Und bei jeder Einzelnen von ihnen nehmt ihr den kürzesten Gang. Dabei braucht ihr auch keine Angst zu haben, denn in jedem Fall ist es unverkennbar, welcher fortführende Gang nicht so lang ist wie die anderen.“

Yuhane hatte verwirrt argumentiert:

„Aber was hat das Ganze mit den Morsezeichen zu tun?“

Daraufhin wurde Icchans Grinsen nur noch breiter, als sie erwiderte:

„Zwischen den ersten und den letzten drei kurzen Gängen liegen noch genau drei weitere Gänge, welche weit länger sind, als die vorigen. Einer führt euch in die Haupthalle mit der großen marmornen Treppe, die ihr heute schon gesehen habt. Der Zweite ist eher metaphorisch gedacht, denn es ist der Gang von einer Tür der Haupthalle zur gegenüberliegenden Tür. Der dritte Gang führt aus der Haupthalle heraus und macht eine starke Linkskurve.“

Auch wenn Reina noch immer nicht verstanden hatte, worauf Icchan hinauswollte, schien es langsam zur Auflösung der Eselsbrücke zu kommen. Einer sehr langatmigen Eselsbrücke, wie es ausschaute, dachte sich Reina im Stillen.

„Wir haben also drei kurze Gänge, drei lange Gänge und dann wieder drei kurze Gänge. Fällt euch etwas auf?“

Yuhane hatte prompt geantwortet:

„S.O.S.“

Icchan musste bei dieser schnellen Antwort lachen:

„Genau! Solltet ihr also zweifeln, wie ihr vom Schlafsaal zur Trainingshalle kommt oder andersherum, dann merkt euch einfach das Morsezeichen für den S.O.S.-Befehl. Drei kurze Gänge. Drei lange Gänge. Drei kurze Gänge. Und wenn ihr euch dann immer noch verlauft, wisst ihr zur Not wenigstens, was ihr schreien müsst, damit euch jemand helfen kommt.“

Bei dieser Erinnerung musste Reina unwillkürlich in ihr Kissen grinsen. All die neuen Bekanntschaften wirkten so entschlossen und lebensfroh. Daran wollte sich das junge Mädchen ein Beispiel nehmen.
Ihre Augen wanderten durch die Schwärze des Raumes. Die sanften Atemgeräusche ihrer Generationsmitglieder hallten zu ihr hinüber. Sie alle lagen in Einzelbetten. Die waren nicht besonders breit, doch die Matratze fühlte sich wie eine kuschelige Wolke an. Es war nicht verwunderlich, dass die anderen schon nach wenigen Minuten ins Reich der Träume entschwunden waren.

„… Reina? Bist du noch wach?“

Shioris flüsternde Stimme drang von einer Ecke zu ihr hinüber. Reina antwortete leise:

„Ja. Ich bin viel zu aufgeregt. Was uns wohl morgen alles erwartet?“

Das andere Mädchen schwieg einen kurzen Moment. Dann erwiderte sie:

„Das Training sah nicht danach aus, als wäre es einfach.“

Reina nahm den besorgten Unterton deutlich wahr. Sie versuchte Shiori trotz der Dunkelheit ein Lächeln zu schenken.

„Wenn Goto Maki uns unterrichtet, kann es doch nur cool werden, oder? Und Icchan, Kurumi, Momohime und all die anderen werden uns bestimmt tatkräftig unterstützen. Dann werden wir bald so stark sein wie ANGERME.“

Shiori lachte heiser.

„Wir kennen uns noch nicht wirklich, aber bisher habe ich immer nur positive Worte aus deinem Mund gehört, Reina.“

Die Angesprochene lief rot an. Dies konnte Shiori eigentlich nicht sehen, trotzdem flüsterte sie mit einem grinsenden Tonfall:

„Ich mag das.“

Ohne weitere Worte zu wechseln, drehten sich die beiden Mädchen auf ihre liebste Schlafseite und schlossen die Augen.
Einiges ging Reina noch durch den Kopf, bevor sie nach und nach in den Schlaf glitt. Doch ein letztes Wort gab sie, unterbewusst und schon vollkommen in eine andere Gedankenwelt verflogen, mit einem wohlig warmen Gefühl von sich: Freunde. 

„…na! …Reina! …REINA!“

Das dunkelhaarige Mädchen schreckte aus ihrem Bett hoch. Die Decke flog im hohen Bogen Richtung Raummitte, traf die überraschte Ayano, während diese gerade ein Hemd überzog, und warf sie gnadenlos um.
Marie stand an Reinas Bett und sah sie vorwurfsvoll an.

„Du Schlafmütze! Wir wollten uns doch in zehn Minuten mit Icchan in der Haupthalle treffen.“

Rasch wandte das Mädchen sich von der Angesprochenen ab und rannte ins Bad nebenan. Inzwischen versuchte Reina sich zu sammeln. Halb schlaftrunken fiel ihr Blick auf die Kuckucksuhr über der Tür. Die Eule, die sekündlich aus dem Holzgebilde schoss und als Wecker diente, schaute das zerzauste Knäuel, bestehend aus Haaren, die in alle Winde zerstreut lagen, mit gerunzelter Stirn an und wies warnend mit einem Finger auf das Ziffernblatt. Zehn vor Sieben.
Reina benötigte ein paar Sekunden, um die Situation zu realisieren. Ayano hatte ihr inzwischen, mit leicht gerötetem Gesicht, die Decke zurückgebracht.
Bruchstückhafte Erinnerungen drangen in den Kopf der Fünfzehnjährigen. Sie hatte geträumt. Es ging um einen Mann in einem weißen Anzug. Er lächelte. Plötzlich fand sie sich auf einem riesigen Schokoladeneisberg wieder. Glücksgefühle schäumten in ihr auf. Elegant surfte sie auf den Wellen aus kalter Speise.
Umso länger sie darüber nachdachte, umso mehr spürte sie den Wunsch in sich aufkommen, in den Traum zurückzukehren.

„REIIIIINAAAAA!!!“

Yuhane und Marie hatten gleichzeitig ihre Köpfe aus dem Bad gesteckt und blickten genervt zur Träumerin. Diese schreckte ein zweites Mal aus dem Bett und warf, wie sollte es anders sein, erneut die Decke in Richtung Raummitte genau auf die ahnungslose Ayano. Das laute Poltern ihres Falls war im ganzen Schlafsaal zu hören.

Es war Punkt Sieben Uhr, als die 26. Generation unter Keuchen und Luft schnappen an der gewaltigen, marmornen Treppe in der Haupthalle ankam. Shiori legte ihre Hände auf die Knie und brachte mit quälender Atemnot hervor:

„Ich dachte, wir befinden uns hier in einer virtuellen Welt? Warum gibt es dann so etwas wie Seitenstechen und Brustschmerzen? Fühlt sich alles sehr real an.“

Vom oberen Ende der Treppe hörten sie ein amüsiertes Lachen. Icchan und Kurumi schritten zu ihnen herunter. Die Anführerin der Kenshuusei antwortete sogleich:

„Ihr vergesst, dass das hier eine Therapie simulieren soll. Natürlich müssen dafür auch alle Anstrengungen aus der wirklichen Welt übernommen werden.“

Rin motzte nun:

„Wenn wir sowieso keine Vorteile haben, warum machen wir die Therapie nicht gleich in der echten Realität?“

Daraufhin schenkte ihr Kurumi ein gewitztes Lächeln:

„Oh, ihr werdet merken, dass ihr einige Vorteile in dieser Welt genießt, die ihr sonst nicht hättet.“

Die Jüngste unter ihnen brummte daraufhin:

„Ich will es hoffen.“

Ohne weitere Kommentare traten sie den gemeinsamen Gang an. Endlich diese gigantische Treppe empor zu steigen, besaß für Reina etwas Zufriedenstellendes. Es wirkte beinahe so, als hatte diese beeindruckende Gesteinsform auf sie gewartet, ja förmlich nach ihr gerufen.
Doch was als Nächstes folgte, hätte sich Reina niemals auch nur erträumen lassen. Am Ende der Treppe erwartete sie eine riesige Halle, die den Hauptflur beinahe wie eine Besenabstellkammer aussehen ließ. Mindestens die dreifache Größe erstreckte sich direkt vor ihren erstaunten Gesichtern. Das orangene Schimmern der Morgensonne drang in tausend Facetten durch die nicht minder großen Bleigasfenster, die sich an den Seiten entlangzogen. Weiße Marmorsäulen, mindestens 100 Stück, verteilten sich über ihr gesamtes Blickfeld. Mit weit geöffneten Mündern bestaunten die Neulinge das Bauwerk, welches große Ähnlichkeiten mit dem Inneren einer monströsen Kathedrale besaß. Die Decke formte sich zu einer unglaublichen Kuppel, die ebenfalls aus unzähligen Gläsern bestand.
Icchan breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis, während sie freudig rief:

„Willkommen im Haven! Unser göttlicher Zufluchtsort!“

Reinas Augen begannen zu tränen, so überwältigt war sie von allem um sich herum. Schnell wischte sie sich mit dem Ellbogen das Nass von ihren Wangen. Sie konnte nicht glauben, was sich hier vor ihr erstreckte. Ayano ergriff den Saum von Reinas Ärmel. Diese dachte, dass die Größere ihr etwas sagen wollte, doch als sie zu ihr blickte, erkannte Reina, dass Ayano genauso ergriffen war wie sie selbst, und das Gefühl besaß, als müsste sie sich einfach irgendwo festhalten.
Kurumi streckte ihren Arm aus und wies mit dem Zeigefinger auf das Ende des Havens.

„Seht ihr die enorme Flügeltür. Das ist der Eingang zum Thronsaal. Dort wird jeden Morgen, Mittag und Abend gegessen.“

Yuhane wurde hellhörig. Dann merkte sie mit ironischem Unterton an:

„Thronsaal? Wartet etwa ein König auf uns?“

Kurumi lachte.

„Nicht ganz.“

Ohne genauer darauf eingehen zu wollen, führten die beiden Älteren sie direkt zu der Flügeltür. Sie war einen Spalt breit offen, doch das reichte aus, dass hunderte Leute hindurchpassten. Ein reger Fluss an Gestalten betrat und verließ den sogenannten Thronsaal.
Reina fragte verwundert:

„Wer sind all die Menschen?“

Icchans Miene verdüsterte sich etwas.

„Die meisten von ihnen sind Gefäße.“

Shiori stockte.

„Gefäße?“

Die Kenshuusei-Anführerin nickte.

„Wir nennen sie so. Es sind leere Hüllen, lebende Puppen, wenn ihr so wollt, die nichts anderes tun, als ihren täglichen Gepflogenheiten nachzugehen. Das können simple Arbeiten zur Instandhaltung des Schlosses sein“, sie blickte zu einer kleinen Gruppe an Männern und Frauen, die Besen und Wischtücher mit sich trugen, „oder aber große Aufgaben, die einem höheren Wohl dienen.“

Yuhane zog die Augenbrauen zusammen.

„Was meinst du mit höherem Wohl?“

Icchans Lippen formten sich zu einer schmalen Linie ehe sie antwortete:

„Ich bin mir nicht sicher. Einige von ihnen tragen Waffen mit sich. Sie verlassen für einige Zeit das Schloss und tauchen nach Wochen wieder auf. Andere bleiben für immer verschwunden. Wenn man sie ausfragt, bekommt man nur dieselben Antworten zu hören, darunter nichts Informatives.“

Kurumi übernahm ab hier das Wort.

„Unter uns Kenshuusei wird sich erzählt, dass die Gefäße dazu dienen, um in den späteren Rehab Graden voran zu kommen. Doch keine der Gruppierungen hat uns das je bestätigt. Allerdings kann es auch sein, dass sie zum Schweigen verpflichtet sind, um uns nicht abzulenken mit Dingen, die uns noch nicht beschäftigen sollen.“

Ihr rundliches Gesicht bildete einen mysteriösen Ausdruck. Scheinbar liebte sie dieses Detektivspiel.
Reina betrachtete die verschiedenen Personen um sich herum. Inzwischen befanden sie sich direkt in der Menschenmasse und ließen sich regelrecht vom Strom treiben. Sie verstand, warum die Kenshuusei diese seltsamen Wesen als Puppen, Hüllen oder Gefäße bezeichneten. Ihre Bewegungen wirkten emotionslos. Keine Regungen zeigten sich in den Gesichtern. Ihre Schritte folgten einem Rhythmus, den ein normaler Mensch niemals in solch zeitgleicher Perfektion umsetzen könnte. Dann dämmerte es ihr.

„Ihnen fehlt eine Seele.“

Die Kenshuusei blickten überrascht zu Reina. Sie hatte die Worte nur geflüstert, doch das Ausmaß der Aussage schien wie eine Druckwelle durch die gesamte Halle gepresst zu werden. Sogar einige der Gefäße drehten sich um und starrten die Gruppe für einen Moment an.
Während sie durch die große Flügeltür traten und endlich den Thronsaal erreichten, versuchten Icchan und Kurumi das unangenehme Thema auf freudigere Sachen zu lenken. Deshalb richtete sich ihr Fokus sofort auf die unzähligen Tischreihen und Stühle, die sich im kompletten Saal verteilten. Mindestens 50 Stück zählte Reina, bevor sie letztendlich aufgab.
Auf den jeweiligen Tischen verteilten sich unendlich viele Speisen und Getränkesorten für ein so vielfältiges Frühstück, wie es noch nie jemand erlebt haben konnte.
Die pure Vorfreude elektrisierte die Neuankömmlinge förmlich, sodass sie nicht bemerkten, dass die beiden Älteren bereits an einen der vielen Tische getreten waren. Erst nach mehrfachem Rufen gelang es auch der 26. Generation, zu den bekannten Gesichtern zu treten. Dort saßen nämlich Kiyono Momohime, Dambara Ruru, Kaga Kaede und noch einige Personen, die Reina nicht kannte.
Mit einem breiten Grinsen wies Icchan auf die Neulinge.

„Darf ich vorstellen: Die 26. Generation der Kenshuusei!“

Die Augen der unbekannten Leute weiteten sich. Staunen und Freude verbreitete sich am Tisch. Einige von ihnen standen sogar auf, ergriffen die Hände der Neulinge und schenkten ihnen eine leichte Verbeugung.

„Es ist schön, euch bei uns zu haben.“

Die Worte kamen aus dem Mund von Maeda Kokoro, die beinahe durch ihre Nervosität Reinas Hand zerquetscht hätte. Diese schluckte den Schmerzimpuls schnell herunter.
So ging die Vorstellung reihum und sie lernten auch die restlichen Mitglieder der Kenshuusei kennen.
Das waren noch Inoue Hikaru, Kanatsu Mizuki, Noguchi Kurumi, Ono Kotomi, Kodama Sakiko und Yonemura Kirara. Sie alle begrüßten die Neuankömmlinge herzlich, und schnell war es ein harmonisches Miteinander am Frühstückstisch.
Reina hielt sich zuerst aus den Gesprächen heraus und verlor sich in vollkommenem Genuss der frisch gebackenen Brötchen, deren Teig sich so fluffig anfühlte, dass Reina sich am liebsten eine Decke daraus gebastelt hätte. Es gab Marmeladen unterschiedlichster Früchte. Nachdem ihr die Rhabarber-Erdbeer-Holunder-Konfitüre mehr als nur gemundet hatte, probierte sie nun einen Mix aus Quitten-Gelee und Aprikosen-Streich. Als sie dann auch noch Käse als Topping auf das Brötchen legte und das ganze Produkt mit einem breiten Grinsen zum Mund führte, bemerkte sie, dass sie von Ayano entgeistert beobachtet wurde.

„Wie kannst du DAS essen?“

Der Blick von Ayano war erschrocken auf das Brötchen in Reinas Hand gerichtet. Diese hielt die Mahlzeit verwundert nach oben, um der Verwirrung auf den Grund zu gehen. Nach kurzer Prüfung musste Momohime, die neben Ayano saß und das Geschehen amüsiert bemerkt hatte, lachen. Japsend brachte sie hervor:

„Sie meint das Brötchen, du Dummi! Wie kannst du dir nur so viel Zeug gleichzeitig darauf schmieren.“

Erleichtert lachte nun auch Reina.

„Ach so, das meint ihr.“

Und ohne zu zögern biss sie herzhaft in das Marmeladen-Käse-Brötchen. Freudig schmatzend grinste sie die beiden gegenübersitzenden Mädchen an, welche mit vor Ekel verzerrtem Gesicht die Szenerie beobachteten.
Plötzlich richtete Inoue Hikaru das Wort an die Fünfzehnjährige.

„Sag mal, Reina, was hast du so für Hobbies?“

Sofort folgten alle neugierig dem Gespräch. Reina hingegen, die schnell den großen Bissen ihre Speiseröhre hinunterpresste und sich dabei beinahe verschluckte, war geschockt, dass sie plötzlich im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit stand.

„Ähm, ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe gar keine.“

Zu ihrer Verwunderung schüttelte Hikaru lachend den Kopf.

„Doch, doch, hast du!“

Kokoro sprang der verwirrten Reina erklärend zur Seite.

„Du musst verstehen, dass wir leider nicht viel aus unserer Vergangenheit wissen. Das wurde euch ja bereits von Goto Maki erklärt, so wie ich das gehört habe“, die Neulinge nickten ihr zu, woraufhin sie weitersprach, „Deshalb haben wir nicht viel, um uns voneinander zu unterscheiden. Lediglich die Persönlichkeiten und unsere Interessensgebiete lassen uns ein Individuum hier sein. Ich beispielsweise liebe es Musik zu hören und mein Karate zu betreiben.“

Reina verstand. Sie schloss kurz die Augen und dachte scharf nach. Was mochte sie? Was waren ihre Hobbies? Tief in ihrem Herzen gab es bestimmt eine Antwort.
Dann öffnete sie ihre Augen und ein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht.

„Instrumente. Ich spiele gern Instrumente.“

Es gab vereinzelte Wow’s und Ohh’s und die Kenshuusei blickten sie bewundernd an. Reina betrachtete die Decke des alten Gemäuers.

„Außerdem mag ich Geschichten. Geschichten aus der Vergangenheit. Ich will alles wissen, was früher einmal geschehen ist. Ich will es mit anderen teilen und hören, was sie darüber denken.“

Als Takase Kurumi das hörte, nickte sie Reina verschmitzt zu:

„Dann wird dir unsere Bibliothek gefallen.“

Mit freudiger Überraschung schaute Reina zu ihrer Kameradin, kam jedoch nicht mehr dazu, etwas zu antworten. Stattdessen bewegte sich plötzlich die riesige Flügeltür. Unter wuchtigen und kratzenden Geräuschen öffnete sie sich fast vollständig. Mit einem Mal standen alle Personen im Saal auf und richteten ihren Blick auf den Eingang. Reina und die anderen Neulinge folgten hastig dem Beispiel, ohne zu wissen, was sie erwartete.
Für einen kurzen Zeitraum war der Thronsaal von einer achtsamen Stille durchzogen. Doch dann hörte Reina Schritte. Schritte die immer lauter wurden. Bis sie sich schließlich zu einer Person manifestierten, die das Zentrum aller Aufmerksamkeit war.
Es war ein Mann. Er war größer als jede Person, die Reina bisher getroffen hatte. Sein Gang besaß etwas Majestätisches. Auch seine Kleidung verriet, dass sein souveränes Auftreten kein Zufall sein konnte. Das schwarze Seidenjackett und die schimmernd schwarze Hose wiesen hochwertige Materialen auf. Vom Alter her schätze Reina ihn auf Mitte 40. Doch das wirklich Beeindruckendste an ihm war die massive Aura, die er ausstrahlte. Sie war noch umwerfender als die von Goto Maki.
Reinas Beine begannen, wie schon damals, zu zittern. Als der Mann direkt an ihrem Tisch vorbeischritt, wurde es für sie beinahe unerträglich. Kurz bevor sie zusammensackte, legte ihr Icchan eine Hand auf die Schulter, um Reina zu beruhigen. Dankend blickte sie in das lieb lächelnde Gesicht und tatsächlich half es ihr.
Als der Mann mit dem wehend nussbraunen Haar vorbeigeschritten war, atmete Reina tief durch. Sie hörte gerade noch das Flüstern von Shiori in ihre Richtung.

„Wer war das?“

Kurumi flüsterte achtsam zurück.

„Das war Tsunku, der Direktor der Rehab Academy und Leiter der internen Observation von Hello!Project Online. Er hat hier das Sagen. Außerdem ist er unser Sprachrohr zur realen Welt.“

Reina blickte nun, da Tsunku schon einige Meter entfernt war, dem mächtigen Mann nach. Für einen kurzen Moment herrschte eine eindrucksvolle Stille. Mehrere Sekunden musterte Reina ihn genaustens. Sie verfolgte seinen Gang durch die Menge bis hin zu seinem Platz an der Spitze des Saals. Auf einer Anhöhe gab es einen festlich geschmückten Tisch für die Lehrer, an dessen Front ein großer Stuhl stand, der wiederum große Ähnlichkeiten mit dem Thron eines Königs besaß. Auf eben diesen Thron setzte sich Tsunku.
Yuhane sagte spöttisch:

„Daher also Thronsaal. Ich verstehe. Der scheint ja eine Menge von sich zu halten, oder?“

Reina hingegen blickte noch immer unentwegt zu dem beeindruckenden Mann. Dieser nickte Goto Maki, die zwei Stühle von ihm entfernt saß, zu und nahm sich ein Brötchen. Scheinbar hatten die beiden ein Gespräch miteinander begonnen.
Ayano brachte leise hervor:

„Er ist schon gruselig, oder?“

Während die anderen Neulinge ihr zunickten, betrachtete Reina ihn weiterhin, ohne Anstalten zu machen, ihre Augen abzuwenden.
Marie warf ihr einen besorgen Blick zu.

„Was hast du Reina? Macht er dir auch Angst?“

Bevor die Angesprochene antwortete, verengte sie die Augen zu Schlitzen, um klarer erkennen zu können, was sich am Lehrertisch abspielte. Sie war die Einzige, die noch immer stand. Shiori zog an ihrem Shirt, um sie darauf aufmerksam zu machen.
Doch dann entdeckte sie es. Tsunku hatte sich gerade auf sein Brötchen Quitten-Gelee und Aprikosen-Streich getan. Dann folgte der Käse oben drauf und schließlich das süffisante Grinsen, welches die Vorfreude auf den kommenden Genuss verriet.
Sofort setzte sich Reina, packte sich zufrieden ihr eigenes halb aufgegessenes Brötchen und biss ein weiteres Mal herzhaft hinein.
Shiori, Marie und Ayano beobachteten sie mit maßloser Verwirrung. Ehe sie etwas erfragen konnten, grinste Reina über beide Ohren und sagte schließlich:

„Er kann gar nicht böse sein.“

Kapitel 6 – Die drei Grundpfeiler des Havens

Nachdem das Frühstück beendet war, machten sich alle Kenshuusei auf den Weg in ihre Schlafsäle. Bevor sie sich trennten, wies Icchan warnend auf eine Holzuhr an der Wand des Kenshuusei-Hauptquartiers, welches sich treppabwärts unter den Gemächern befand. Das Ziffernblatt zeigte Fünfzehn vor Neun an.

„Beeilt euch, euer Basis-Unterricht beginnt in einer viertel Stunde. Unsere Lehrer mögen es überhaupt nicht, wenn man zu spät kommt.“

Sofort richteten sich alle Blicke der 26. Generation einheitlich auf Yokoyama Reina. Diese wollte stotternd etwas erwidern, doch Icchan ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Geht hoch in eure Schlafsäle. Dort findet ihr, am Ende eures Bettes, jeweils eine Metalltruhe für jeden von euch. Darin sind Klamotten für unterschiedlichste Anlässe in eurer Größe enthalten. Nehmt euch eure Trainingskleidung und verwahrt sie in den Taschen, die unter euren Betten gelagert sind. Dann kommt ihr wieder herunter. Ich führe euch in den Klassenraum.“

Ohne Weiteres von sich zu geben, machten die Neulinge sich sofort in Richtung Schlafsäle auf. Oben angekommen, schritt ein jeder von ihnen auf die genannte Truhe zu und öffnete sie. Reina erkannte viele verschiedene Grau-, Grün- und Schwarztöne. Sie hätte etwas mehr Farbenfroheit in ihrer Kleidungsauswahl erwartet.
Als sie jedoch durch die einzelnen Stücke streifte, auf der Suche nach den Trainingsklamotten, bemerkte sie den hochwertigen Stoff. In der realen Welt wäre dies niemals möglich gewesen. Teure Kleidung. Ein monströses Märchenschloss. Hochwertiges Essen in beinahe unendlichen Mengen.
All dies wurde durch den virtuellen Raum, in dem sie sich befanden, möglich gemacht.
Während sie die Kiste durchwühlte, gingen ihr diese Gedanken durch den Kopf. Schließlich fand sie das gesuchte Trainingsset. Es bestand aus einer langen, grauen Jogginghose, zwei weißen Socken mit Kompressionseffekt und einem kurzärmligen, schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift ‚Hello!Project Online‘. 
Das Outfit war sehr schlicht gehalten, dachte sich Reina. Höchstwahrscheinlich sollte es bloß dem Zweck dienen, bequeme Bewegungen auszuführen, und keine Ablenkung schüren.

„Reina, los!“

Die anderen warteten bereits am Ausgang. Sofort packte Reina alle benötigten Utensilien in die Tasche, die sich unter ihrem Bett befand. Sie besaß einen dunklen Grauton mit hellblauen Streifen an den Seiten. Das Design verriet eindeutig, dass diese Tasche normalerweise von Sportlern genutzt wurde.
Nachdem alles eingepackt war, machte die 26. Generation sich auf den Weg zu Icchan. Diese winkte und gab ihnen das Zeichen, ihr zu folgen.
Reina hatte äußerste Mühe, sich die Abzweigungen und Gänge zu merken, doch die Anführerin der Kenshuusei beruhigte sie, indem sie sagte, dass man bereits nach ein paar Tagen alle nötigen Wege auswendig wusste.
Es dauerte tatsächlich nicht lange und sie standen vor den Türen ihres Klassenzimmers. Icchan drehte sich zu den Neulingen um und lächelte.

„So, da wären wir. Ich wünsche euch ganz viel Glück und Spaß bei eurer ersten Unterrichtsstunde. Der Lehrer wird euch alles weitere erklären. Wir sehen uns nachher in der gemeinsamen Trainingseinheit. Bis dahin.“

Die sechs Mädchen verabschiedeten sich dankend und Icchan schenkte ihnen eine leichte Verbeugung, die sie alle erwiderten. Nachdem sie um eine Ecke verschwunden war, blickte sich die 26. Generation noch einmal entschlossen an und betrat dann gemeinsam das Klassenzimmer.
Als sie das Innere des Raumes betrachtete, waberte eine seltsame Vertrautheit in Reinas Geist. Ihren Kameradinnen schien es ähnlich zu gehen. Sie waren bereits einmal hier gewesen. Das ist die Räumlichkeit ihres ersten Zusammentreffens.
Vielleicht sahen alle Klassenzimmer gleich aus, fragte sich Reina.

„Ihr seht richtig. Das ist der Raum, in dem ich euch Hello!Project Online vorgestellt habe. Noch einmal ein herzliches Willkommen!“

Die Augen der Neulinge wanderten instinktiv in Richtung des Podiums, das sich auf der anderen Seite des Zimmers befand. Dort stand, mit freudiger Miene, Goto Maki.
Erleichterung machte sich in Reina breit. Sie hatte gehofft, dass ihr erster Unterricht von einer vertrauten Person geleitet würde. Auch wenn Reina sehr gern neue Leute kennen lernte, fühlte sie sich in der Gegenwart ihrer ersten Bekanntschaft im Haven doch recht wohl.
Goto Maki wies die Sechsertruppe an, auf den vorderen Sitzen Platz zu nehmen. Nach einem kleinen Durcheinander und viel Raschelei saß Reina neben Ayano an einem Tisch. Yuhane hatte sich neben Shiori gesetzt. Und Marie gesellte sich an Rins Seite.
Die Lehrerin faltete die Hände ineinander und betrachtete ihre neuen Schüler mit prüfendem Blick. Ein sanftes Lächeln zierte ihr Gesicht.

„Wie ich hörte, hattet ihr gestern bereits das Vergnügen, auf eine Gruppierung zu treffen. Zumindest auf einen kleinen Teil davon.“

Bei dem Gedanken an den gestrigen Tag und die Begegnung mit ANGERME wurde Reina etwas mulmig zumute. Noch konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie zu solchen Leistungen fähig sein sollte.
Sie spürte die durchbohrende Aura von Goto Maki, wie sie Reina fixierte. Die Fünfzehnjährige wurde das Gefühl nicht los, als konnte die Ältere ihre Gedanken lesen. Allen voran die Zweifel.

„Lasst euch nicht dadurch entmutigen. Sonst habt ihr schon verloren. Murota Mizuki, also die Person, die euch angriff, ist kein böser Mensch. Ganz im Gegenteil! Sie hilft, wo sie nur kann und sucht immer den Kontakt zu ihren Kameraden. Manchmal“, Goto Makis Gesicht nahm amüsierte Züge an, „schießt sie etwas über das Ziel hinaus. Doch das ist in Ordnung, solange niemand verletzt wird.“

Das scharfe Kratzen eines Stuhls auf dem Boden schallte durch den Raum. Reina blickte nach links. Yuhane hatte sich aufgerichtet, mit beiden Armen ausgestreckt über den Tisch gebeugt und Goto Maki erregt anstarrend.

„Solange niemand verletzt wird?“

Mit einer ruckartigen Handbewegung wies sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die geschockte Reina.

„Wäre sie nicht so schnell ausgewichen, hätte sie der Schlag von dieser Murota zermalmt. Die Mauer, in die diese Irre geknallt ist, bröckelte sogar. Reina wäre um ein Haar zu Brei verarbeitet worden.“

Goto Maki nahm die wütenden Worte von Yuhane eindeutig wahr. Doch anstatt zu antworten, richtete sie ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Reina. Mit langsamem Schritt ging sie auf die junge Kenshuusei zu. Ihre Miene war unlesbar geworden. Die Augen analysierten jede einzelne Facette des Mädchens. Diese fühlte sich mit einem Mal gar nicht wohl in ihrer Haut. Wie war sie nur so plötzlich in solch eine Situation geraten.
Goto Maki beugte sich über den Tisch von Ayano und Reina und kam nun mit ihrem Gesicht ganz nah an das von Reina. Ihr Blick schien die tiefsten Abgründe der Seele zu durchdringen, als ob sie nach etwas ganz Bestimmtem suchte. Dann sprach sie mit nachdenklicher Stimme:

„Ist das so? Murota hat dich mit voller Kraft angegriffen? Und du bist ihr ausgewichen? Das ist äußerst interessant…“

Rin meldete sich von der Seite zu Wort und fragte ängstlich:

„W-Was ist interessant, Frau Goto?“

Die Angesprochene verblieb noch für einen kurzen Moment bei Reina. Dann neigte sie den Kopf zu der Jüngsten und lächelte wieder.

„Es ist alles gut“, während sie das sagte, machte sie auf dem Absatz kehrt und trat zurück zum Pult, „Ein Gefühl sagt mir, dass eure Generation Großes vollbringen wird.“

Inzwischen hatte sie von ihrem alleinigen Fokus auf Reina abgelassen und strahlte nun endlich wieder alle Neulinge gleichermaßen an. Das veranlasste Yuhane sich ebenfalls wieder zu setzen. Goto Maki sprach fröhlich:

„Doch bevor ihr Großes vollbringen könnt, müsst ihr erst einmal lernen, mit dem Kleinen umzugehen. Ich werde euch in den kommenden Wochen die Theorie unserer Grundpfeiler näherbringen.“ 

Sie zeichnete Symbole in die Luft und schon erstrahlte die Leinwand, wie schon am gestrigen Tage, und zeigte mit einem Mal ein Bild wie aus dem Nichts.
Reina erkannte eine Art Dreieck. An den jeweiligen Ecken waren Buchstaben zu sehen. Ein K. Ein E. Ein G. Was das wohl zu bedeuten hatte?
Die Lehrerin schien die Gedanken ihrer Schüler im Nu durchschaut zu haben:

„Wenn ihr euch daran erinnert, was ich euch gestern erzählt habe, dann könnt ihr mir sicherlich schon sagen, was sich hier abbildet.“

Mit wichtiger Miene schaute Goto Maki in die Runde. Sie alle wirkten wie versteinert. Nur Yuhane antworte nach kurzer Stille:

„Klarheit. Energie. Geist. Die Grundpfeiler des Havens. Nicht wahr?“

Goto Maki klatschte einmal laut in die Hände und grinste.

„Sehr gut! Das ist genau richtig.“

Mit einem Schnipsen wandelte sich das Dreieck  in eine gerade Linie, indem sich alle drei Seiten verbanden. Das E und das G bildeten die jeweiligen Enden der Linie, während das K sich direkt über die Mitte der Linie platzierte.
Die Augen der Lehrerin wanderten von einem Schüler zum nächsten. Dann erklärte sie:

„Im Haven leben wir nach diesen drei Tugenden. Die Kenntnis des Geistes, wie ich bereits einmal erwähnt habe, ist dies mein Spezialgebiet, lehrt euch, mit eurem Inneren, eurer Seele, nicht in Konflikt zu geraten und eure Kräfte daraus zu schöpfen. Alle mentalen Fähigkeiten, die euch diese Welt ermöglicht, lassen sich über euren Geist steuern, manipulieren und sogar erweitern. Steht ihr in gänzlicher Harmonie mit euch selbst, wird es kein Problem für euch sein, spirituelle Wunder zu wirken und somit eurer Gruppe, und letztendlich auch euch selbst, die Unterstützung zu liefern, die benötigt wird. Selbstlosigkeit, Fürsorge und Empathie spielen eine große Rolle, um mit seinem Geist ins Reine zu kommen.“

Während sie sprach, schimmerte das G heller als die anderen beiden Buchstaben. Mit einem Wisch ihrer Hand, beendete Goto Maki das grelle Leuchten. Stattdessen begann nun das E ein starkes Licht auszustrahlen.

„Als nächstes sprechen wir über die Kenntnis der Energie. Dieser Grundpfeiler ist weitaus greifbarer als der Geist oder die Klarheit. Vielleicht fragt ihr euch genau in diesem Moment, wieso das so ist?“

Verschmitzt betrachtete sie die 26. Generation. Diese tauschten verwirrte Blicke aus. Goto Makis Augen richteten sich jetzt auf Yuhane.

„Nun, du sprachst vorhin von einer bröckelnden Mauer…“

Ein lautes Krachen erschrak alle Schüler zutiefst. Ayano kippte beinahe vom Stuhl, so geschockt war sie von der plötzlichen Aktion.
Goto Maki hatte ohne Vorwarnung ihre Faust geballt und gegen die Wand prallen lassen. Als sie diese zurückzog, war ein brutaler Abdruck zu erkennen. Splitternde Tapetenfaser fielen in Scharen zu Boden.

„Den Körper über seine menschlichen Grenzen hinaus zu strapazieren und damit das Unmögliche möglich zu machen, genau das ist die Kenntnis der Energie. Dabei lernt ihr, wie ihr die Kräfte eurer äußeren Schale in exakt die Bahnen lenkt, die euch euer Bewusstsein auch vorschreibt. Es geht letzten Endes um die vollkommene und fließende Kontrolle eures Seins. Sei es, um rohe Gewalt zu erzeugen, Filigrane Bewegungen zu meistern oder um entlegene Orte schnell und sicher ohne viel Aufwand zu erreichen, beispielsweise durch hohe Sprünge oder unsagbare Geschwindigkeit.“

Shiori meldete sich. Als Goto Maki ihr zunickte, begann sie unsicher zu sprechen:

„W-Wird unser Körper in der Außenwelt das überhaupt aushalten? Ich meine… es ist doch möglich, dass unser Kopf gar nicht dazu in der Lage ist, diese Art von Informationen zu verarbeiten, oder?“

Die Lehrerin nickte bedächtig.

„Du hast Recht, Shiori. Ein zu schnelles Vorantreiben der eigenen körperlichen Verfassung könnte ein böses Ende für euch nehmen. Deshalb lernt ihr vorerst auch nur die Grundlagen, damit wir einschätzen können, wie fortgeschritten ihr im Umgang mit den euch gegebenen Mitteln seid. Nach jedem Rehab Grad werdet ihr in immer komplexere Lernstrukturen eingebunden. Somit soll garantiert sein, dass euer Körper in der realen Welt auch genügend Gewöhnungszeit besitzt. Da dies für jeden Menschen unterschiedlich lange dauert, besitzt auch das vorankommen in den Rehab Graden für jeden einzelnen von euch eine unterschiedliche Dauer.“

Marie hob zögerlich die Hand.

„I-i-ist es möglich, dass der Körper sich niemals an diese Welt gewöhnt?“

Goto Maki zögerte kurz. Reina merkte sofort, was die schreckliche Antwort war. Deshalb wusste sie auch, dass Goto Maki am liebsten gar nicht auf die Frage eingegangen wäre. Doch als Lehrerin musste sie sich dem Unangenehmen stellen:

„Ja. Das ist tatsächlich möglich. Sollte dies der Fall sein und der Supercomputer bemerkt keinen Fortschritt, wird er euch ausmustern, was für euch den Abbruch und das Scheitern der Therapie bedeuten würde.“

Diese Antwort mussten sie alle erst einmal verdauen. Doch Goto Maki hob beschwichtigend die Hände.

„Macht euch darum keine Gedanken. Es vergehen viele Jahre, bevor der Supercomputer solch eine schwerwiegende Entscheidung trifft. Ihr habt alle Zeit der Welt, um zu beweisen, was in euch steckt. Das solltet ihr nie vergessen.“

Das aufmunternde Lächeln erwärmte Reinas Herz. Doch das schien nicht jeder von ihnen zu teilen. Marie starrte mit kreidebleichem Gesicht auf ihre Tischbank. Die Fünfzehnjährige machte sich große Sorgen um ihre Kameradin.
Goto Maki hingegen setzte ihren Vortrag fort. Das E erlosch und stattdessen schlug nun die Stunde des K’s. Es leuchtete heller und kräftiger als die beiden anderen zuvor.

„Kommen wir nun zur wichtigsten Kenntnis. Die Kenntnis der Klarheit.“

Einen langen Moment herrschte Stille im Klassenzimmer. Keiner sagte ein Wort. Die Wolken am Himmel warfen gewaltige Schatten durch den Raum. Die neuen Kenshuusei spürten das elektrisierende Knistern, das in der Luft lag.
Goto Makis Körper vibrierte leicht. Eine unfassbare Macht wohnte in ihr inne. Reina fühlte, wie jede einzelne Membran von der Frau reinste Energie formte. Zum zweiten Mal an diesem Tage begannen die Beine des jungen Mädchens stark zu zittern. Warum reagierte sie so sensibel?
Blitzschnell blickte sie sich im Raum um. Inzwischen konnte man sogar ein leichtes Beben wahrnehmen. Die Stühle und Tische wackelten unablässig. Reinas Kameradinnen waren total gebannt von der Szenerie. Schock, Angst, Verwunderung und Neugier konnte man auf ihren Gesichtern erkennen. Doch niemand schien das Empfinden zu teilen, welches Reina durchfuhr. Was war bloß mit ihr los? Konnte sie in diesem Zustand überhaupt die Therapie absolvieren? War es bereits zu Ende bevor es überhaupt angefangen hatte? Das wollte Reina nicht wahrhaben. Das durfte einfach nicht sein.
Kurz bevor es unerträglich für die Fünfzehnjährige wurde, ließ Goto Maki alle Energie ins Nichts verschwinden. Das Beben. Die wackelnden Stühle und Tische. Das grelle Licht, welches von der Lehrerin ausging. Alles war schlagartig weg.
Reina atmete hastig. Ihre Hände krallten sich in die Tischkanten. Schweiß tropfte auf die hölzerne Platte. Ihr Gesicht schien einem Wasserfall zu gleichen.
Die anderen, nicht minder erschrocken, bemerkten nicht, wie sehr die Vorführung ihrer Mitschülerin zu schaffen gemacht hatte. Sie alle fixierten mit starrem Blick die Person vor ihnen. Goto Maki öffnete langsam die Augen und lächelte.

„Was ich euch gerade gezeigt habe, war das naturelle Zusammenspiel zwischen Geist und Energie. Um solch eine Kombination herzustellen, benötigt es eine starke, stabile Verbindung zwischen den beiden Gewalten. Seid ihr in der Lage, dass eure Seele und eure Hülle sich verstehen, verständigen und miteinander in Harmonie kommunizieren können, dann besitzt ihr die größte Macht, die ihr in Hello!Project Online erlangen könnt. Die Kenntnis der Klarheit.“

Während sie in die Runde schaute, blieben ihre Augen erneut für ein paar Sekunden an Reina hängen. Scheinbar hatte sie bemerkt, dass das Mädchen Schwierigkeiten hatte, das Gezeigte zu verarbeiten. Trotzdem führte sie ihren Vortrag unbeirrt fort:

„In eurer Kenshuusei-Grundausbildung lernt ihr vorrangig den Umgang mit eurem Geist und eurer Energie. In den meisten Fällen kristallisiert sich dabei schon heraus, was für ein Typ ihr seid.
99,99 % aller Patienten hier können keine absolute Harmonie zwischen den beiden Kenntnissen herstellen. Stattdessen sorgen sie dafür, dass sie eine Partei grundlegend beherrschen, und fokussieren all ihr Training auf die andere Partei, um diese nach bestem Willen und Gewissen zu meistern. 
Es ist menschlich, nicht in allem gleichgut zu sein. Deshalb grämt euch nicht, wenn ihr eine Kenntnis nicht im gleichen Maße umsetzen könnt, wie die andere.“

Ayano, die kurzzeitig einen besorgten Blick Richtung Reina geworfen hatte, die immer schwerer zu atmen schien, meldete sich.

„Warum konzentrieren wir uns hauptsächlich auf Energie und Geist? Ist es für uns nicht möglich, die Kenntnis über die Klarheit zu erlangen?“

Goto Maki grinste süffisant.

„Oh doch! Möglich ist alles! Allerdings ist die Klarheit selbst die Balance zwischen Geist und Energie. Wenn ihr euch diesen beiden Kenntnissen widmet, seid ihr auch auf dem besten Wege, ein grundlegendes Verständnis über die Klarheit zu bekommen.“

Die Lehrerin hob achtungsvoll den Finger.

„Jedoch möchte ich euch eins nicht verschweigen. Es ist selten der Fall, dass es Patienten gibt, die eine solch mächtige Klarheit besitzen, dass sie das volle Potential aus Geist und Energie herauskitzeln können. Kaum eine Generation besitzt solch ein einzigartiges Talent in ihren Reihen. Selbst unter den Gruppierungen ist ein Meister der Klarheit ein unglaubliches und unvorstellbares Phänomen. Diese besonderen Personen bezeichnen wir als Ace.“

Der Raum war von aufgeregtem Gemurmel erfüllt. Yuhanes Augen waren aufs Äußerste geweitet. Man hörte sie immer das gleiche Wort zu sich selbst flüstern:

„Ace… Ace… Ace… “

Rin und Marie tuschelten aufgeregt. Shiori klebte förmlich an den Lippen von Goto Maki.
Reina hingegen hatte den Fokus der Unterhaltung komplett verloren. Ihre Lunge brannte. Die Muskeln waren bis zum Zerbersten angespannt. Sie fühlte sich gar nicht wohl. Ganz im Gegenteil! Es war, als presste man einen tonnenschweren Laster auf ihre Körpermitte.
Für einen Sekundenbruchteil blieb die Welt für sie stehen. Dann flimmerten ihre Augen. Alles um sie herum wurde schwarz. Sie hörte in der Ferne einen entsetzten Schrei. Es war Ayano. Ein dumpfer Aufprall in die Leere folgte. Stille. Stille. Stille.

Kapitel 7 – Das Wohnzimmer

Eilige Schritte hallten durch den Korridor. Kamiko erahnte, dass es sich um mehrere Personen handeln musste. Aufgeregte Stimmen drangen an ihre Ohren.

„Weiter! Weiter! Schnell!“

Die katzenartigen Augen der kleinen Dunkelhaarigen spähten zum Ende des Ganges. Fünf Präsenzen waren in höchster Alarmbereitschaft und hetzten direkt auf sie zu.

„Bringt sie zum Observer-Raum! Los! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Aus den schemenhaften Gestalten formten sich klare Umrisse. Zwei Männer, eindeutig Gefäße, hielten eine Krankentrage waagerecht zwischen sich. Darauf lag ein lebloses Etwas. Ihnen voraus eilte Goto Maki. Ihre Kommandos klangen laut und eindringlich. Sie wirkte aufs Äußerste nervös. Hinten dran liefen zwei Mädchen. Sie waren Kenshuusei. Ihre entsetzten Gesichter verfolgten die Szenerie.
Kamikos Augen verengten sich mit einem Mal zu Schlitzen. Sie kannte die beiden. Das waren die Neulinge, die sie bei der ‚Einweihungsfeier‘ gemeinsam mit Murotan und Rikako aufgemischt hatte. Sofort richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die Trage.
Im exakten Moment, als die Kolonne an dem ANGERME-Mitglied vorbeisauste, ohne sie auch nur im Entferntesten zu beachten, erhaschte sie einen kurzen Blick auf das zierliche Wesen. Es war die junge Kenshuusei, die Murotan die Stirn geboten hatte. Yokoyama hieß sie, überlegte Kamiko. Ihre Haut war komplett bleich. Sie gab kein Lebenszeichen von sich. Was war geschehen? War sie tot?
Die Gruppe entfernte sich zügig von Kamiko. Schon während sie um eine Ecke des Ganges schritten, konnte man noch lange den Befehlston von Goto Maki und das angespornte Stapfen ihrer Begleiter hören.
Dann wurde es ruhig. Das dunkelhaarige Mädchen stand eine Zeit lang an Ort und Stelle. Ihre Augen waren in die Ferne gerichtet. Für einen kurzen Moment musste sie ihre Gedanken sammeln.
Erst als sie vollständig realisiert hatte, was da gerade abgelaufen war, bewegten sich ihre Füße langsam in Richtung ANGERME-Hauptquartier. Sekunde um Sekunde wurde ihr Schritt immer schneller. Bis sie schließlich zu einem Sprint ansetzte, auf den ihre Kameraden stolz gewesen wären.
Sie jagte durch die Korridore, bog scharf um jede Ecke und riss Tür um Tür auf. Schließlich befand sie sich auf der Südseite des Schlosses. Kurzerhand nahm sie auf der bevorstehenden Wendeltreppe vier Stufen auf einmal. Sprung folgte auf Sprung. Und endlich erreichte sie ihren Zielort.
Der Wohnraum, der ANGERME zur Verfügung stand, war mehr als nur einen kurzen Blick wert. Das Wohnzimmer, wie die Mitglieder es liebevoll nannten, war die erste Räumlichkeit, welche man beim Eintreten zu Gesicht bekam. Am  Ehesten würde Kamiko die Einrichtung mit einer Penthouse Suite in einem Nobelhotel in Las Vegas vergleichen. Auch die Größe des Raumes entsprach dieser Vorstellung. Hier konnte man es definitiv eine gute Zeit des Tages aushalten.
Das Mädchen bemerkte die zwei Personen, die an der Bar in der Mitte des Wohnzimmers auf verchromten Hockern saßen und angeregt miteinander diskutierten. Kamiko erkannte die beiden als Takeuchi Akari, kurz Take, und Nakanishi Kana, genannt Kananan.
Die junge Frau mit dem runden Gesicht, den fülligen Lippen und dem feuerroten Haar unterbrach das Gespräch und drehte sich zum Ankömmling. Ihre Begrüßung fiel sehr laut aus.

„Kamikooo! Was reißt du denn die Tür so stürmisch auf? Wir haben noch Zeit bis wir aufbrechen.“

Für einen kurzen Moment war die Angesprochene verwirrt. Zeit? Aufbrechen? Dann fiel es ihr wieder ein. ANGERME hatte einen Auftrag erhalten. Es ging in die Außenwelt.
Sofort schüttelte sie heftig den Kopf.

„Was? Nein. Nein! Das ist es nicht. Ich muss mit Murotan sprechen. Weißt du wo sie ist, Take?“

Take kratzte sich bei der Frage am Kopf. Dann sprang sie vom Hocker auf. Ihr rotes Haar wirbelte dabei regelrecht durch die Luft. Ohne zu zögern formte sie mit ihren Händen eine Trichterform vor dem Mund und schrie in Richtung Flur:

„MUUUUUUROOOOOOTAAAAAAAAN! KAMIKO WILL ‘WAS VON DIR!!!“

Das kleinere Mädchen erschrak komplett. Selbst nach einem halben Jahr hatte sie sich nicht an die Lautstärke gewöhnt, die dem Hause ANGERME innewohnte. Die Schwarzhaarige mit dem gewellten, schulterlangen Haar namens Kananan lachte herzhaft.

„Take, ich glaube, du hast unsere Kleinste total verschreckt. Außerdem brüllst du wie ein Gorilla.“

Die Rothaarige wirbelte sofort um die eigene Achse und starrte Kana geschockt an.

„Wiiiie? Ich bin doch kein Gorilla?“

Doch Kana hatte sich inzwischen ebenfalls aufgerichtet. Zumindest, wenn man das, was sie tat, als ‚aufrichten‘ hätte bezeichnen können. Sie hatte den rechten Arm so merkwürdig gedreht, dass ihre Hand die rechte Achsel berührte. Die andere Hand führte sie zu ihrem Mund, den sie wiederum zu einem übertriebenen Kussmund formte. Mit Zeige- und Mittelfinger begann sie, über die Lippen zu schnipsen und ein seltsames, kindliches Blubbern von sich zu geben. Dabei beugte sie sich weit nach vorn und rief mit bemüht tiefer Stimme:

„Mu-uh-uh-uh-uh-uh-urotan! Kamiko-uh-uh-uh-uh will ‘was von dir! Uh! Uh! Uh!“

Die affenähnlichen Geräusche und die dazugehörigen Bewegungen konnte Kananan hervorragend nachmachen. Und auch wenn Take kein bisschen danach klang, war es immer wieder einen Lacher wert. Kamiko vergaß für einen kurzen Moment sogar, warum sie bis eben noch so aufgeregt war. Stattdessen brach sie in schallendes Gelächter aus.
Take blickte gespielt verzweifelt von einer zur anderen. Bis sie schließlich selbst ins Lachen mit einstimmte.

„Hey! Was feiert ihr hier für eine Party? Ich will mich auch freuen. Erzählt den Witz nochmal.“

Murotan war in das Wohnzimmer getreten und starrte sie mit großen, begeisterten Augen an. Die Mädchen drehten sich zu der Chaoskönigin um, inklusive Kananan mit ihrer Affen-Choreographie. Bei dem Anblick presste sich die Braunhaarige die Hand auf den Bauch und zeigte mit Tränen in den Augen auf die ‚Schauspielerin‘.

„Ha ha ha! Die perfekte Take-Imitation! Genial, Kana! Nicht einmal Take selbst könnte sich so gut spielen, wie du es tust.“

Erneut kratzte sich Take am Kopf, um das Gesagte zu realisieren, während die anderen bereits auf dem Boden lagen und mit den Fäusten auf die Holzdielen schlugen. Dann riss sie die Augen auf.

„HÄÄÄÄÄÄÄÄÄH? Wartet mal… !“

Es benötigte einige Minuten, bis sich allesamt wieder beruhigt hatten. Erst als die letzten Tränen aus dem Gesicht gewischt wurden, setzten sie sich gemeinsam an die Bar. Take verteilte vier Gläser und goss frischen Orangensaft in ein jedes ein. Murotan bedankte sich und tätigte einen kräftigen Zug. Dann blickte sie in die Runde.

„So, nun sagt schon. Warum habt ihr mich gerufen? Gibt es etwas Wichtiges?“

Anstatt zu antworten, richteten Take und Kananan ihre Blicke vorsichtig auf Kamiko. Diese erinnerte sich schlagartig wieder an das vorhin Gesehene. Sie schluckte schwer, bevor sie mit der Sprache rausrückte.

„Die kleine Kenshuusei von gestern. Die, die du dir ausgesucht hast…“

Murotan lächelte breit.

„Oh ja, die war witzig. Wir sollten sie heute noch einmal beim Training unangemeldet besuchen. Icchan würde uns wohl umbringen, aber egal, lustig wäre es allemal und…“

Doch noch während sie so vor sich hin plauderte, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Kamikos Augen wirkten feucht und ihre Miene hatte angstvolle Züge angenommen. Murotans Freude ebbte langsam ab.

„Was ist los? Was machst du für ein langes Gesicht?“

Auch Take und Kananan, die bisher schwiegen, richteten ihre volle Aufmerksamkeit auf Kamiko. Diese krallte sich mit ihren Fingern am Tisch fest und brach entsetzt hervor:

„Ich habe sie gesehen. Diese Yokoyama! Ich glaube, sie hatte einen Anfall!“

Murotans Grinsen war nun vollständig gefroren. Unheimliche Stille machte sich breit. Die drei Mädchen, die Kamiko gegenübersaßen, hatten ihre Augen weit aufgerissen. Solch eine Neuigkeit war für alle ein Schock.
Murotan versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

„Wie? Wann? Was ist passiert? Jemand mit ihrem Potential kann doch nicht einfach…“

Kamiko schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Auf dem Weg hierher sind sie an mir vorbei. Da lag sie regungslos auf einer Trage. Du hättest die Gesichter der anderen Kenshuusei sehen sollen. Kreidebleich! Es muss etwas Unvorhergesehenes passiert sein.“

Die Angesprochene stand langsam auf. Diese Informationen mussten sowohl ihr Gehirn als auch ihr Bauch erst einmal verarbeiten. Mit bedächtigen Schritten wandelte sie gedankenversunken durch den Raum. Die Blicke der anderen begleiteten sie wie in Trance.
Dann, obwohl sie noch immer von der Gruppe abgewandt war, fragte sie:

„Geht es den anderen Neulingen gut?“

Kamiko runzelte die Stirn und dachte nach. Schließlich kam sie zu der Feststellung, dass sie keine Ahnung hatte, wie es den anderen Kenshuusei ging.

„Das weiß ich nicht. Die beiden Begleiterinnen sahen unversehrt aus.“

Plötzlich öffnete sich die Tür des ANGERME-Hauptquartiers. Sofort drehten sich alle dorthin um. Goto Maki betrat raschen Fußes das Wohnzimmer. Ihr analysierender Blick galt zuerst Kamiko, dann den anderen drei Gruppierungs-Mitgliedern. Die gedrückte Stimmung im Raum ließ sie bereits erahnen, was das Thema war. Sofort verlor sie ihre strenge Miene und warme Worte richteten sich an Kamiko.

„Es tut mir leid, dass wir vorhin so respektlos an dir vorbeigelaufen sind, Kamikokuryo. Wir waren sehr in Eile. Und wie ich sehe, konntest du, gewitzt wie du bist, Eins und Eins zusammenzählen.“

Ehe das junge Mädchen antworten konnte, fiel Murotan ihr ins Wort.

„Frau Goto, was ist passiert? Wie geht es ihr? Wo ist sie?“

Die Lehrerin hob beschwichtigend die Arme und wies dann auf einen Barhocker.

„Ganz ruhig. Am besten setzt du dich. Wir müssen sowieso miteinander reden. Deshalb bin ich auch hier.“

Etwas widerspenstig kehrte Murotan an ihren Platz zurück. Währenddessen richtete Kana das Wort an Goto Maki.

„Gab es das jemals schon mal, dass ein Neuling direkt am ersten Tag seiner Therapie kollabiert ist? Der Observer hätte sie doch sonst nie dafür ausgewählt, wenn sie solch einen schwachen Körper besäße, oder?“

Take hatte der älteren Frau inzwischen ihren Platz neben Murotan angeboten. Diese nahm dankend an und antwortete gleichzeitig nachdenklich:

„Da hast du Recht, Nakanishi. Es ist ausgeschlossen, dass der Observer solch einen Fehler macht. Ich weiß von keinem Fall, in dem eine Kenshuusei gleich am ersten Tag ausschied. Das ist tatsächlich ein Novum.“

Murotan tippelte nervös mit ihren Fingern auf der Tischplatte.

„Nun sagen Sie doch endlich, wie der Stand der Dinge ist. Spannen Sie uns nicht so auf die Folter.“

Doch anstatt zu antworten, blickte Goto Maki plötzlich interessiert zu der Kleinsten am Tisch.

„Was ist dein Eindruck, Kamikokuryo? Denkst du, sie hat eine Chance?“

Die Angesprochene wich mit ihrem Gesicht vollkommen perplex zurück. Kamiko hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass ausgerechnet SIE eine Diagnose stellen sollte.

„Ähm… ähm… ich… äh…“

Take boxte sie überraschend am Arm.

„Sei nicht so nervös! Wir alle wissen, was du auf dem Kasten hast.“

Das schwarzhaarige Mädchen schwieg für einen Moment und schaute panisch von einer Person zur nächsten. Sie alle lächelten sie aufmunternd an. Das machte sie nur noch angespannter.
Etwas verkrampft kniff sie die Augen zusammen und holte sich das Bild vom leblosen Körper Yokoyamas zurück in ihr Gedächtnis. Es war dieser eine Moment. Die Sekunde, in der sie vollkommene Einsicht erhielt.
Sie spürte die schwache Lebensenergie, die die junge Kenshuusei umgab. Der Fluss der Klarheit lenkte Kamikos Bewusstsein ins Innere des Mädchens.
Herzschlag. Normal.
Gehirnströme. Normal.
Zellulare Entwicklung. Normal.
Balance zwischen Körper und Geist. Normal.
Schlagartig öffnete sie die Augen. Ein wundersames, berauschendes Gefühl begleitete sie.

„Es geht ihr gut. Sie wird vollständig genesen… denke ich.“

Goto Maki grinste breit und warf Kamiko einen anerkennenden Blick zu.

„Du brauchst nicht zweifeln. Ich bin mir sicher, du hast absolut Recht.“

Kananan und Take klatschten sich in die Hände vor Freude und führten sofort einen Jubeltanz aus. Murotan stieß einen tiefen Seufzer aus und fasste sich ans Herz.

„Oha! Das war der größte Schock diesen Monat. Noch so eine Nachricht und ich kriege selbst einen Anfall.“

Die Lehrerin wandte ihre Aufmerksamkeit amüsiert der Chaoskönigin zu.

„Ihr scheint ja ziemlich viel Fokus auf diesen Neuling zu legen. Die 26. Generation ist doch erst gestern angekommen.“

Nun, da die Situation nicht mehr ganz so angespannt war, lehnte sich Murotan etwas zurück und antwortete in gediegener Manier:

„Das mag sein. Aber da waren einige hochinteressante Charaktere dabei.“

Goto Maki machte nun eine nachdenkliche Pose, indem sie Zeigefinger und Daumen an ihr Kinn führte.

„Wo wir gerade beim Thema sind“, ihr scharfer Blick durchdrang die überraschte Murotan ohne Vorwarnung, „warum hast du die Neulinge mit solcher Wucht angegriffen? Das ist doch normalerweise nicht dein Stil. Ich habe sogar gehört, dass Kaga dich stoppen musste, sonst hätte die kleine Yokoyama schon gestern nicht mehr unter uns geweilt.“

Verlegen kratzte sich die Ertappte am Hinterkopf und grinste unsicher.

„Nun ja, ich weiß auch nicht so ganz, was mich da geritten hatte. Ich wollte die Neulinge bloß erschrecken, doch dann spürte ich in ihrer Mitte so eine faszinierende Präsenz. Die Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen.“

Jetzt war es Goto Maki, die sich süffisant zurücklehnte.

„Und du bist der Meinung, dass diese ‚faszinierende Präsenz‘ Yokoyama war?“

Murotan lachte.

„Wer weiß. Da waren einige coole Typen dabei. Auf diese Yamazaki Yuhane sollte man auch ein Auge haben. Die ist nicht von schlechten Eltern, he?“

Ihr zwinkernder Blick suchte Bestätigung bei Kamiko, die wiederum zustimmend nickte.
Kurzerhand stand Goto Maki auf und richtete weitere Worte an Murotan.

„Ich habe das Gefühl, du verheimlichst mir etwas“, doch obwohl dies eine vorwurfsvolle Anmerkung war, lächelte die Lehrerin, „Ich denke aber, dass ich dir in der Sache voll und ganz vertrauen kann.“

Das angesprochene Mädchen salutierte und erwiderte grinsend:

„Das können Sie, Frau Goto!“

Ebenfalls lachend schritt die Ältere zur Tür und drehte sich ein letztes Mal um. Sie blickte entschlossen in die Runde. Schließlich blieben ihre Augen an Kamiko hängen, woraufhin sie sagte:

„Zweifle nicht so stark an dir. Du bist etwas Besonderes. Für ANGERME. Für unsere gesamte Akademie. Vergiss das nicht!“

Das junge Mädchen stotterte ein ‚Dankeschön‘ und ehe die Gruppe sich versah, war Goto Maki auch schon verschwunden.
Sofort schlug Take mit ihrer Handfläche hart auf Kamikos Rücken, wodurch diese mit überraschtem Gesichtsausdruck ein Stück nach vorne geworfen wurde.

„Mensch, Kamikokuryo Moe! Du scheinst dich zu den Lieblingen der Lehrer zu entwickeln. Das wird langsam!“

Mit zuckendem Auge blickte die Gepeinigte zu der Rothaarigen.

„Wohl eher nicht. Yoshiko bringt mich jedes Mal um, sobald ich eine ihrer Choreographien vergesse.“

Kana lächelte mütterlich.

„Sei nicht so hart zu dir selbst. Immerhin hast du Goto Maki beeindruckt. Das heißt doch was.“

Bevor die Jüngere etwas sagen konnte, richtete sich alle Aufmerksamkeit plötzlich zum Flur. Dort stand jemand.
Die Gestalt presste die Arme dicht an ihren Körper und hatte die Hände in einander gefaltet. Unsicher tapste sie sanft von einem Bein aufs andere. Ihr Gesicht wirkte so blutjung und unschuldig. Das lange, braune Haar war zu einem Zopf gebunden und fiel dem Mädchen über die linke Schulterseite.

„Momonaaaaa!“

Takes Gebrüll durchbrach den Moment. Die Frohnatur mit den feuerroten Haaren trat mit großen Schritten zu dem Neuankömmling.

„Das ist echt super, dass du dein Zimmer mal verlässt. Du willst doch nicht, dass wir den ganzen Spaß für uns alleine haben, oder?“

Die Angesprochene war sichtlich nervös und wusste nicht, wie sie zu reagieren hatte. Hilfesuchend richtete sie ihren Blick auf Kamiko. Diese mied den Augenkontakt vehement und betrachtete stattdessen einen purpurnen Sitzsack in der Ecke des Raumes.
Kana bemerkte das, lächelte kopfschüttelnd und ging nun ebenfalls auf das neue Mädchen zu.

„Kassa, hast du Lust, vor unserem Aufbruch, mit Take und mir in den Schlosspark zu gehen?“

Das Mädchen namens Kassa war sofort Feuer und Flamme.

„Oh ja! Gerne!“

Take grinste breit.

„Na dann, los geht’s!“

Ohne weitere Worte zu wechseln, presste Take ihre Hand auf Kassas Rücken und drängte sie Richtung Ausgang. Kana folgte ihr. Beim Hinauslaufen zwinkerte sie Kamiko verschmitzt zu.
Die Schwarzhaarige atmete tief durch und legte dann frustriert ihre Stirn auf die Tischplatte. Murotan lachte und schnipste mit ihrem Finger gegen Kamikos Schulter.

„Oh man, das kann ja noch etwas werden mit euch beiden. Du hast echt Schwierigkeiten damit, Verantwortung für sie zu übernehmen, obwohl du ihre direkte Ansprechperson bist.“

Kamiko schloss enttäuscht die Augen.

„Ich habe einfach keine Ahnung, wie man sich als Senpai verhält. Sobald Kasahara auftaucht, habe ich nur noch das Gefühl, schnell abhauen zu wollen. Noch dazu werde ich das Gefühl nicht los, dass sie wegen mir hier ist.“

Murotan hob die Augenbrauen in die Höhe.

„Wie meinst du das?“

Kamiko seufzte.

„Die Lehrer kritisieren mich so oft. Meine ersten Missionen habe ich total vergeigt und euch damit beinahe auch noch in Gefahr gebracht. Der Observer sucht wohl schon nach einem Ersatz für mich. Und scheinbar hat er ihn gefunden.“

Murotan klatschte sich vor die Stirn, dann legte sie ihren Arm grinsend um Kamikos Schulter.

„Du bist echt eine Nudel, weißt du das?“

Überrascht richtete sich die Angesprochene auf und blickte verwundert zur Chaoskönigin. Diese schnipste erneut mit dem Finger und zwinkerte, wie schon Kana zuvor.

„Du bist ein Teil von ANGERME! Hier gibt es für niemanden Ersatz!“

Ohne genau zu wissen warum, schien es so, als munterten Kamiko diese entscheidenden Worte auf. Und so langsam trat auch das Lächeln zurück in ihr Gesicht.

Kapitel 8 – Im Observer-Raum

Unangenehme Geräusche drangen an die Ohren von Yokoyama Reina. Ein lautes Bohren. Schrille Klänge. Unterschiedliche, aufgeregte Stimmen von Frauen und Männern.
Weißer Nebel umgab das Mädchen. Ihr Blickfeld war verschwommen. Panisch rieb sie sich die Augen, doch ihre Sicht verblieb in unklaren Umrissen.
Reina wollte schreien, aber kein Ton kam von ihren Lippen. Stattdessen fuchtelte sie wild gestikulierend mit den Armen. Keine Reaktion. Die Stimmen in der Ferne ignorierten jeden Versuch von ihr, sich bemerkbar zu machen.
Sie rannte. Alles um sie herum wirbelte in bunten Farben umher. Nichts wollte näherkommen. Nichts entfernte sich. Reina fühlte sich, als würde sie sich in einer unendlichen Sphäre vollkommener Leere befinden.
Plötzlich hielt sie an. Schlagartige Übelkeit überkam die junge Kenshuusei. Ächzend und schnaufend beugte sie sich über die Knie. Ihr Würgen hallte durch den Mischmasch aus Farben und Wolken. Schließlich begann sich die ganze Umgebung um das Mädchen herum zu drehen. Immer schneller. Ihre Augen hielten diesen Wahnsinn nicht aus.  Reina wollte nach Hilfe rufen. Doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie befand sich im Auge eines Wirbelsturms aus wabernden Nebelfetzen sowie unterschiedlichsten Rot-, Blau und Grüntönen, die sie zu erdrücken versuchten.
Die absolute Machtlosigkeit spürend, fiel sie schließlich auf die Knie…

Ein dumpfer Aufprall und urplötzliche Stille waren das Erste, was Reina realisierte. Sie beugte sich über etwas hartes Hölzernes. Ihre Hände ertasteten ein quadratisches, nein, würfelförmiges Objekt. Dann bemerkte sie, dass sie auf weichem Material lag. Eine Matratze. Ein Bett!
Langsam klärte sich ihr Blick. Das schimmernde Licht des neu entdeckten Raumes bündelte sich nach kurzer Zeit zu einer gedämpften Beleuchtung an der Decke. Umrisse formten sich zu weißgrauen Wänden und drei bis vier Bettgestellen. Der Würfel, auf dem sie sich abstützte, war ein kleines Nachttischchen. Reina befand sich in einer Art Krankenzimmer.
Verwirrt blickte sich die Dunkelhaarige nun genauer um. Ihre Augen hatten den gewohnten Fokus zurückgewonnen. Sogleich ließ das panische Gefühl der beinahen Blindheit nach. Stattdessen wuchs Neugier in ihr. Was war mit ihr passiert? War das gerade eben ein Traum gewesen? Und falls ja, warum träumte sie solch merkwürdiges Zeug? All diese Fragen schossen ihr nach und nach in den Kopf. Sie erinnerte sich, zuletzt im Klassenraum gewesen zu sein. Goto Maki hatte ihnen die drei Grundpfeiler der Akademie vorgestellt und dann… ? Ja, was dann eigentlich?

„Re-Reina?“

Leicht erschrocken drehte sie sich zu der Stimme, die überraschend von der anderen Seite des Bettes zu ihr hinüberdrang. Dort saßen, auf zwei Metallstühlen, Kawamura Ayano und Nishida Shiori. Ihre kreidebleichen Gesichter sprachen eindeutige Bände. Sie starrten ihre Kameradin an, als wäre sie ein Geist.
Ayano stand sofort auf und ging um das Krankenbett. Erst jetzt bemerkte Reina, dass sie noch immer krampfhaft an dem Nachttisch festhielt. Die Größere griff ihre Schultern, stützte sie liebevoll und drückte sie dann sanft zurück ins Bett. Sie fühlte sich mehr als schwach und unsicher. Es war ein merkwürdiges Empfinden. Selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte sie sich nicht gegen Ayano wehren können.
Shiori indes lehnte sich auf der anderen Seite über das Bett und somit über Reina. Auf ihre besorgten Blicke folgte die logische Frage:

„W-Wie geht es dir, Reina?“

Die Befragte schloss kurz die Augen und sammelte Kraft. Das ruhige Ein- und Ausatmen tat ihr gut. Dann, als ihr Blick sich Shiori zuwandte, antwortete sie:

„Besser als alles, was vorher abgelaufen ist…“

Erschrocken stockte Reina. Ihre Stimme war ein einziges Krächzen. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihren Hals. Ayano verstand sofort und brachte ihr einen Krug mit Wasser. Ihre Kameradin bedankte sich mit einem raschen Nicken, nahm dann den Krug entgegen und trank. Und trank. Und trank. Bis nichts mehr übrig war. Sofort waren ihre Lebensgeister geweckt, als das kühle Nass ihre Kehle hinunter floss. Endlich schlich sich wieder das altbekannte Lächeln auf das Gesicht der sonstigen Frohnatur. Auch wenn es schwach war, war es dennoch ein beruhigender Anblick.
Shiori als auch Ayano seufzten gleichermaßen erleichtert. Scheinbar war Reina vorerst über dem Damm. Diese wiederum wurde nun neugierig.

„Was ist denn eigentlich passiert?“

Shiori wurde sofort aufgeregt.

„Das sollten wir dich fragen!“

Ayano nickte der Jüngeren zustimmend zu und erklärte hastig:

„Als Frau Goto die Kenntnis der Klarheit vorführte, begannst du mit einem Mal aufs Heftigste zu zittern. Bevor ich reagieren konnte, fielst du leblos in dich zusammen und pralltest auf den Boden. Es tut mir leid. Ich hätte dich auffangen sollen. Ich war mir nicht bewusst… Ich…“

Reina schüttelte lächelnd den Kopf.

„Du musst dir darüber keine Gedanken machen. Ich bin euch beiden dankbar, dass ihr hier seid.“

Noch immer umgab Sorge die Gesichtszüge ihrer beiden Kameradinnen. Shiori wollte gerade zu einer weiteren Frage ansetzen, als sie ein Pochen an der Tür des Zimmers vernahmen. Irritiert wandten sich alle drei in Richtung des Geräusches. Kurz danach trat eine Person hinein.
Shiori sog scharf die Luft ein. Ayano bibberte angstvoll. Reina klappte verblüfft die Kinnlade nach unten.
An der Tür stand der Mann, der solch einen markanten Eindruck im Thronsaal hinterlassen hatte. Der Direktor der Rehab Academy, Tsunku.
Er betrachtete ein jeden von ihnen eindringlich. Als er jedoch merkte, dass die Kenshuusei nicht wussten, wie sie mit dieser Begegnung umgehen sollten, trat ein freundliches Lächeln auf sein Gesicht.

„Dankeschön, dass ihr beiden euch so liebevoll um Fräulein Yokoyama gekümmert habt.“

Seine plötzliche Verbeugung in Richtung Ayano und Shiori überraschte die Mädchen. Erschrocken erwiderten sie die Geste. Daraufhin fragte Tsunku:

„Darf ich mir das Recht herausnehmen, mit Fräulein Yokoyama allein zu sprechen?“

Es dauerte einen kurzen Moment, bevor die beiden Angesprochenen realisierten, was sie da gefragt wurden. Als Tsunku sie, eine Antwort erwartend, geduldig betrachtete, schraken die Kenshuusei auf, verbeugten sich hastig ein zweites Mal und verabschiedeten sich bei Reina. Dann schritten sie schnell gen Ausgang und traten, nicht ohne einen weiteren zweifelnden Blick auf den großen Mann zu werfen, hinaus.
Tsunku schloss ruhig die Tür und schritt dann zu einem der Metallstühle, auf denen vor wenigen Minuten noch Reinas Vertraute gesessen hatten. Auf seltsam schlaksige Art und Weise setzte er sich.
Das junge Mädchen beobachtete ihn genauestens. Ihre Gedanken explodierten förmlich. Sie konnte einfach nicht einordnen, was der Direktor hier zu suchen hatte. Sie traute sich jedoch nicht, die entscheidende Frage zu stellen.
Tsunku hingegen, der ein paar tiefe Atemzüge nahm, schien bereits zu wissen, worüber die neue Akademie-Schülerin grübelte.

„Gleich dein erster Tag und schon bereitest du uns sorgen, Yokoyama Reina. Bei dem, was in dir vorgegangen ist, musste es wohl so kommen, dass wir uns eher früher als später begegnen, glaubst du nicht auch?“

Der Mann warf ihr einen amüsierten Blick zu. Seine entspannte Haltung besaß eine beruhigende Wirkung auf Reina. Diese fragte frei heraus:

„Was geschieht mit mir? Ich habe bereits seit gestern andauernd diese komischen Zuckungen und Schwindelgefühle. Bin ich nicht geeignet für die Therapie?“

Tsunku antwortete nicht sofort. Es schien ihm schwer zu fallen, die richtigen Worte zu finden. Seine Augen durchstreiften den Raum, glitten zur Decke und schließlich hefteten sie sich erneut an Reina. Ein liebevolles Lächeln umspielte seine Lippen.

„Nein, keine Sorge, deine Therapie ist nicht in Gefahr. Ganz im Gegenteil! Du scheinst ein äußerst starker Patient zu sein.“

Reina rief prompt:

„Aber was ist es dann? Ob in der Gesellschaft von Goto Maki oder Ihrer…“

Tsunku unterbrach sie sofort.

„Bleiben wir beim ‚Du‘. Ich mag die Autoritätsschiene nicht so besonders, auch wenn ich nicht gerne angebrüllt werde von meinen Schülern.“

Er zwinkerte dem Mädchen zu. Diese hielt erschrocken die Handfläche vor den Mund. Sie hatte die leichte Spitze gegen ihren lauten Tonfall verstanden. Tsunku lachte, aufgrund der Reaktion von Reina. Schließlich sprach er:

„Es war ein ordentliches Stück Arbeit, herauszufinden, was mit dir los war. Selbst hier, im Observer-Raum, dauerte es eine ganze Stunde, bis wir dem Ursprung deiner Qualen auf den Grund kamen.“

Reina blickte verwirrt drein.

„O-Observer-Raum?“

Tsunku wies auf das umgebende Krankenzimmer.

„Ja, wir befinden uns im Moment im Analysezentrum unseres Supercomputers, getarnt als Notstation eines Krankenhauses. Wir haben uns für diese Einrichtung entschieden, um den Patienten, die sich hier aufhalten, ein vertrautes, aber steriles Umfeld zu simulieren. Wer auf diese dumme Idee kam, kann heute wohl nicht mehr gesagt werden. Wahrscheinlich war ich es selbst.“

Das fröhliche Grinsen und die Lachfältchen an seinen Augen machten ihn für Reina sympathisch. Sie spürte ein wundersames Gefühl der Vertrautheit in seiner Gegenwart. Deshalb fragte sie ohne zu zögern:

„Was ist das hier für ein Raum? Warum bin ich hier?“

Der Direktor beugte sich nach vorn und faltete seine Hände ineinander, bevor er antwortete.

„Du musst vorerst verstehen, was in dir vorging. Du hattest einen sogenannten Anfall.“

Reina runzelte mit der Stirn, doch Tsunku setzte fort:

„Ein Anfall in unserer Welt bedeutet, dass man die Kontrolle über Geist und Körper verliert. Das kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden. Du hattest also großes Glück.
Im Normalfall lernt ihr Kenshuusei die Grundlagen unserer Kenntnisse. Nach und nach erlangt ihr das Wissen um euren Geist und euren Körper. Ihr erweitert euren Horizont mit jedem Tag, der verstreicht, bis ihr schließlich die Macht von Hello!Project Online entdeckt: Die Kommunikation mit der eigenen Seele und der Energie des Fleischlichen.“

Der Mann machte eine kurze Pause, um Reina Zeit zu geben, das Gesagte zu verstehen. Dann sprach er weiter:

„Eigentlich beginnen die Kenshuusei bei null, wenn sie ihre Therapie aufnehmen. Nichtsdestotrotz gibt es hin und wieder Fälle“, Tsunku nickte dem Mädchen vielsagend zu, „in denen sich schon vorab eine gewisse Kraft zeigt. Man könnte diese Fälle als ‚Frühentwickler‘ bezeichnen.“

Reina verstand nur Bahnhof. Dies spiegelte sich höchstwahrscheinlich auch in ihrem Gesicht wieder, denn der Direktor musste erneut lachen, als er sie anblickte.

„Du, Yokoyama Reina, bist ein solcher ‚Frühentwickler‘. Das bedeutet, dass du, bis zu gewissen Grenzen hinweg, deine Energie und deinen Geist bereits zu nutzen weißt. Jedoch beherrscht du noch in keinster Weise das Element der Klarheit. Das ist der Grund, weshalb in dir auch weder Balance noch Kontrolle vorhanden sind.“

Die Dunkelhaarige schluckte heftig. Zögerlich erwiderte sie:

„Aber wie soll ich Kontrolle üben, wenn ich gar nicht weiß, wie das geht? Und wenn es mir gezeigt wird, klappe ich gleich wieder zusammen.“

Tsunkus Gesicht nahm zuversichtliche Züge an. Auch sein Ton verriet, dass er bereits eine Lösung parat hatte.

„Es ist selten der Fall, dass sich die Konzentration von Geist und Energie so stark äußert, wie sie es bei dir getan hat. Das zeigt nur, dass dein Potential immens ist. Deshalb werden wir dich, weitaus früher, als es für Mitglieder dieser Akademie normalerweise üblich ist, in der Kenntnis der Klarheit unterweisen.“

Reina hob irritiert die Augenbrauen.

„Aber ich dachte, dass Kenshuusei nicht in dieser Lehre ausgebildet werden?“

Der Direktor nickte.

„Das ist richtig. Aber bei dir machen wir eine Ausnahme. Eigentlich benötigt die Kenntnis der Klarheit keine direkte Ausbildung. Sie entwickelt sich gemeinsam mit dem Erlangen der anderen beiden Grundpfeiler, da sie die Waage ist zwischen diesen. Umso höher man sein Wissen über Geist und Energie stapelt, umso höher positioniert sich logischerweise auch die Klarheit. Doch das geschieht nur, wenn man dieses Wissen auch bewusst erlangt. In deinem Fall ist es Segen und Fluch zugleich, dass sich deine Fähigkeiten selbst gebildet haben, ohne dein direktes Zutun.“

Das Mädchen fragte:

„Wie meinen Sie-… ähm, wie meinst du das?“

Ihr Gegenüber kratzte sich nachdenklich an der Wange.

„Sagen wir mal so, du besitzt bereits einen eindeutigen Wissensvorsprung, der dir noch gar nicht bewusst ist. Wenn wir dir dieses Bewusstsein einpflanzen, dann machst du einen gewaltigen Sprung nach vorn in dieser Akademie.“

Die Kenshuusei stutzte bei dieser Ansage.

„Was passiert mit mir, wenn ich dem nicht gerecht werde? Was ist, wenn ich es nicht schaffe, meinen Körper und meinen Geist in Einklang zu bringen?“

Für einen kurzen Moment war nichts als die Stille im Krankenzimmer zu vernehmen. Schließlich stand Tsunku auf, berührte mit seiner rechten Hand sanft Reinas Schulter und sprach entschlossen:

Fürchte dich nie vor deiner eigenen Stärke. Sie ist dein Instrument, welches du zu spielen meistern wirst.“

Bei den letzten Worten weiteten sich Reinas Augen. Hatte er diese Worte bewusst gewählt? Er hätte nicht ahnen können, dass sie in Reina solche Glücksgefühle auslösen würden. Oder doch?
Ehe sie etwas erwidern konnte, trat Tsunku in Richtung Ausgang. Auf dem Weg dorthin blickte er auf die Uhr über der Tür und sagte vergnügt:

„Es ist jetzt bereits Dreizehn Uhr. Das Mittagessen haben wir wohl beide leider verpasst. Schade um den schönen Nachtisch. Es hätte Pfirsich-Sorbet gegeben. Nun ja, sei es drum. Ruh dich noch etwas aus und dann hoffe ich, von deinen Aktivitäten im Kreise deiner Kameradinnen zu hören.“

Mit dem Zeigefinger wies er auf einen Gegenstand an Reinas Bettende. Diese betrachtete das Objekt verwundert. Es war ihre Trainingstasche.
Der Mann war bereits nach draußen getreten, als er ihr noch zurief:

„In zwei Stunden musst du in der Trainingshalle sein. Verspäte dich nicht.“

Und mit diesen letzten Worten war er endgültig verschwunden.

Kapitel 9 – Kaga Kaede

Während das Training, dem die Neulinge noch am Tag zuvor beigewohnt hatten, unter dem Kommando von Icchan recht harmonisch wirkte und wunderschön anzusehen war, hinterließ es bei der 26. Generation einen komplett gegenteiligen Eindruck, als diese ihre eigenen Übungen durchführten. Der ersten Freude durch die Wiedervereinigung mit Reina und der Spannung, endlich loslegen zu dürfen, wichen schnell Schweiß, Atemnot, Koordinationsprobleme und ständige, schmerzhafte Zusammenpralle nach unrhythmischen Bewegungen.
Die neuen Kenshuusei hatten arge Probleme damit, sich in den Takt der Erfahreneren einzuordnen. Reina merkte, wie sie konsequent einen Schritt zu spät war. Die ständigen Tempo- und Richtungswechsel taten ihr übriges.
Doch all das wäre überhaupt nicht tragisch gewesen, wenn nicht eine ganz bestimmte Person das Training überwacht hätte: Mitsubachi Maki.
Das Teilen des gleichen Namens mit Goto Maki und die Tatsache, dass sie Lehrer der Akademie waren, beschrieb bereits alle Gemeinsamkeiten der beiden Mentoren. Jede weitere Eigenschaft, die Mitsubachi Maki besaß, konnte nicht im Entferntesten unterschiedlicher sein als die freundliche, anmutige und positiv eingestellte Goto Maki.
Ihre Persönlichkeit ließ sich am besten mit einem Schwarm Bienen verdeutlichen. Sie arbeitete effizient, zielgerichtet und verschwendete keine Zeit mit Nichtigkeiten. Sollte jedoch etwas nicht so laufen, wie sie es sehen mochte, oder fiel eine Kenshuusei gar auffällig oft negativ aus der Reihe, dann Gnade diesem Tollpatsch Gott. Reina hatte keinen an dieser Akademie bisher kennen gelernt, der solch harte, demotivierende und unangenehm ehrliche Worte fand, wie es Frau Mitsubachi tat. Deshalb empfand das Mädchen den Vergleich mit dem Bienenschwarm durchaus passend. Sollte man die Lehrerin verärgern, fühlte sich jede einzelne ihrer Peinigungen wie schmerzhafte Stiche an.

„Schneller! Schneller! Langsamer! Schneller! Wo seid ihr mit euren Gedanken? Das hier ist keine Spaßtütenveranstaltung. Euer Leben steht auf dem Spiel, wenn ihr nicht mal solche einfachen Bewegungsabläufe in euren Schädel kriegt.“

Die herrischen Rufe der Lehrerin hallten durch den Trainingssaal. Alle Kenshuusei-Mitglieder waren aufs Äußerste bemüht, den knallharten Forderungen Folge zu leisten. Selbst das Mitleid der älteren Kameraden hielt sich in Grenzen. Denn obwohl sie definitiv bemerkten, dass die Neulinge weder körperlich noch geistig fit genug waren, um ihre Bewegungen rechtzeitig zu kopieren, schienen sie keine Anstalten zu machen, einen Gang zurückzuschalten. Sie steckten ihre gesamte Energie in das Training.
Ein lauter Gong ertönte. Frau Mitsubachi hatte mit dem Fächer in ihrer Hand, der dazu diente, den Takt vorzugeben, kräftig gegen eine bronzene Schale geschlagen. Das war das Zeichen für eine fünfzehnminütige Pause.
Ächzend und stöhnend ließen sich die neuen Kenshuusei direkt an der Stelle auf den Boden fallen, wo sie gerade noch gestanden hatten. Shiori lehnte sich rücklinks auf ihre Arme, senkte den Kopf nach hinten und blickte, mit schweißüberströmtem Gesicht, an die Decke. Die Atmung fiel ihr unsagbar schwer.

„Was… bitte… ist… das… für… eine… Therapie? Gnade…“

Stoßartige Worte drangen kehlig aus ihrem Mund. Die kleine Rin legte sich sogar gänzlich, Arme und Beine weit von sich gestreckt, auf die kühle Ebene.

„Ich will nicht mehr. Es soll aufhören. Mein ganzer Körper brennt.“

Reina, Ayano und Marie taten es ihr gleich. Sogar Yuhane zeigte erstmalige Anzeichen von Schwäche. Sie hatte ihre Beine an ihren Körper gezogen, die Ellbogen auf die Knie gelegt und den Kopf in ihre Handflächen vergraben. Nur noch die glänzende Stirn war zu erkennen.
Maeda Kokoro kam zu ihnen herüber. Auch sie wirkte leicht geschafft, doch ihre körperliche Verfassung schien von einer anderen Welt zu sein, dachten sich die Gepeinigten im Stillen.

„Wie geht es euch? Haltet ihr noch durch? Die ersten Tage sind die Härtesten. Danach wird es besser, glaubt mir.“

Kein Neuling antwortete ihr. Reden benötigte Energie. Und keiner von ihnen besaß noch Energie. Maeda kratzte sich wieder mal verlegen am Kopf. Es war ein kleines Markenzeichen von ihr. Als musste sie sich jedes Mal für etwas entschuldigen.

„Ich hoffe, ihr nehmt es uns nicht zu übel, dass wir keine Rücksicht auf euch nehmen. Frau Mitsubachi würde uns sonst die Hölle heiß machen.“

Marie warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Diese Frau quält doch nur gerne Leute. Warum lasst ihr euch von ihr so schikanieren.“

Überrascht über diese Aussage schüttelte Maeda mit dem Kopf.

„Nein, nein! Das sind die Methoden von Frau Mitsubachi. An sich ist sie ein netter Mensch.“

Rin wischte sich den Schweiß von der Nase und sagte mit wütender Piepsstimme:

„Methoden? Nett? Sie ist der Teufel! Ich will nicht mehr. Das ist zu viel.“

Yuhane hob leicht den Kopf. Lediglich ihre Augen waren hinter ihren Armen zu erkennen. Diese waren eindringlich auf Maeda gerichtet.

„Es wäre einfacher, wenn ihr uns zeigt, was wir falsch machen. Stur versuchen euch nachzuahmen ist nicht lukrativ. Ich gebe es nicht gern zu, aber ich halte auch nicht viel von diesen ‚Methoden‘ der Lehrerin. Sie bringt uns noch ins Grab.“

Plötzlich trat Takase Kurumi zu den Beteiligten und warf strenge Blicke in die Runde.

„Die oberste Regel im Haven lautet: Redet nicht schlecht von euren Mentoren. Haltet sie in Ehren. Sie sind alle hier, um euch zu helfen. Frau Mitsubachi mag sehr streng sein, doch ihr Training hat schon viele tolle Talente für die Gruppierungen hervorgebracht. Außerdem wollt ihr doch so schnell es geht zu uns aufholen. Wenn ihr bereits am ersten Tag aufgebt und es somit nicht mal an uns vorbeischafft, wie wollt ihr dann eine positive Beurteilung des Observers erhalten?“

Es folgte eine rege Diskussion. Keiner der Neulinge wollte einsehen, dass diese Tortur tatsächlich eine Hilfe sein sollte.
Reina verfolgte die Debatte still. Ihr Körper war noch nicht bei hundert Prozent. Das spürte sie. Egal wie sehr sie sich bemühte, es erschien ihr so, als wirkten ihre Bewegungen gehemmt. Wahrscheinlich waren das noch immer die Nachwirkungen ihres Anfalls. Sie sollte definitiv aufpassen, dass ihr so etwas nicht noch einmal passierte. Außerdem musste sie sich wohl oder übel eingestehen, dass das Training tatsächlich mehr als hart war. Nachdem ihr vom Direktor persönlich gesagt wurde, dass sich ihre Fähigkeiten bereits von selbst entwickelt hatten, dachte sie, dass sie schnell zu den älteren Kenshuusei aufschließen könnte. Doch nun trainierten sie bereits zwei Stunden und jeder Schritt, jeder Handgriff sowie jede einzelne Richtungsänderung war viel zu spät oder gar falsch von ihr ausgeführt.
Den Tiefpunkt erreichte die Fünfzehnjährige, als sie bei einer spontanen Rückwärtsbewegung ausversehen Shiori ins Auge stach, wodurch eine fünfminütige Zwangspause ausgerufen und Reina von Frau Mitsubachi wütend getadelt wurde. Reina fühlte sich in diesem Moment keinesfalls besonders. Doch sie wollte sich nicht vom Frust übermannen lassen.
Plötzlich fixierte sie eine einzelne Person. Es war das Mädchen mit der Kurzhaarfrisur namens Kaga Kaede. Im Gegensatz zu allen anderen Kenshuusei hatte sie sich nicht in eine sitzende oder anderweitig entspannte Position begeben, um die Pause zu genießen. Stattdessen war sie vor den großen Spiegel getreten und observierte sich selbst, während sie die gerade geübten Bewegungen durchführte. Diese aufopferungsvolle Gewissenhaftigkeit nach Größerem zu streben imponierte Reina.
Mit einer ruckartigen Bewegung stand sie auf und unterbrach dabei die geschockte Kurumi, welche gerade zu einem längeren Vortrag über Respekt und Umgang angesetzt hatte.

„Reina, sagte ich nicht gerade, dass…“

Doch das Mädchen mit den schulterlangen, dunklen Haaren beachtete sie nicht. Ihre gesamte Konzentration war auf Kaedi gerichtet. Langsam trat sie zu der fleißig Trainierenden. Diese schenkte dem Ankömmling keine Beachtung.
Reina lächelte scheu.

„Kannst… Kannst du die Bewegungen, die du gerade gemacht hast, noch einmal zeigen?“

Die Angesprochene stoppte irritiert. Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich der kleineren Person zu. Der starre Blick traf auf große, hoffnungsvoll schimmernde Augen. Kaedis Mundwinkel verkrampften sich.

„Ähm… klar… warte…“

Vollkommen überrumpelt von der unschuldig dreinblickenden Reina nahm Kaedi die Anfangsposition ihrer Kampfchoreografie ein.
Sie schlug mit der linken Faust kraftvoll nach vorn. Sofort folgte eine Kehrtwende nach hinten. Während der Drehung wechselten die Fußpositionen schlagartig, um einen festen Stand zu gewährleisten. Dann gab es einen Tritt. Schließlich wieder zwei schnelle Schläge. Ein leichter Vorstoß mit dem Oberkörper. Und erneut eine Drehung.
Weil das ältere Mädchen nicht wusste, wie viel sie eigentlich zeigen sollte, warf sie mittendrin einen kurzen Blick zu ihrer jungen Kameradin. Da weiteten sich ihre Augen.
Reina hatte nicht einfach nur zugeschaut. Sie hatte probiert, den flinken Bewegungen von Kaedi in Sekundenbruchteilen zu folgen. Doch sie scheiterte und fluchte leise.
Es ging nicht nur darum, einfach die Abfolgen nachzuahmen. Sowohl körperliche Balance als auch messerscharfe Konzentration waren notwendig, um die nötige Spannung zu erzeugen. Frau Mitsubachi hatte zu Beginn erwähnt, dass es in dieser Welt möglich sei, mit seinem Körper ganze Berge zu versetzen. Ob dies eine übertriebene Darstellung dafür sei, dass man mit steigernder Energie und Technik große Macht erlangt, sei dahingestellt.
Das Mädchen mit den kurzen Haaren beendete ihre eigenen Bewegungen, doch die Jüngere richtete sofort ihren Kopf auf und fokussierte sie.

„Bitte wiederhole es noch einmal für mich.“

Kopfschüttelnd ging Kaedi zurück auf ihre Position. Sie wiederholte die Übung, behielt Reina aber dieses Mal von Beginn an im Blick.
Und tatsächlich war diese bemüht, den Schritten so perfekt wie möglich zu folgen. Es gelang ihr nicht. Doch Kaedi musste eingestehen, dass Reina sich von Versuch zu Versuch verbesserte. Die Flamme des Ehrgeizes war regelrecht spürbar im Inneren des Neulings.
Reina verbeugte sich.

„Danke, dass du mich trainierst.“

Perplex starrte die ältere Kenshuusei ihr Gegenüber an.

„Trainieren? Ich trainiere dich doch gar nicht. Du hast mich doch nur gefragt, ob…“

Doch Reina ging gar nicht auf ihre Worte ein. Stattdessen sprach sie:

„Könntest du die Bewegungen noch einmal wiederholen?“

Fassungslos schreckte Kaedi einen Schritt zurück. Was war mit diesem Mädchen los? War sie noch ganz dicht? Leicht erregt antwortete sie:

„Versuchst du mich auf den Arm zu nehmen? Ich bin doch kein Videoband, das man immer wieder bei Bedarf abspielen kann.“

Doch Yokoyama Reina lächelte noch immer so unschuldig und unnachgiebig wie eh und je.

„Nein. Ich will dich nicht auf den Arm nehmen. Bitte wiederhole für mich diese Bewegungen. Das wäre sehr lieb.“

Die Ältere konnte mit dieser Situation nicht umgeben. Deshalb, und da sie das Training sowieso auch für sich selbst ausführen wollte, gab sie dem Wunsch nach.
Heimlich beobachtete sie während der Ausführung ihre Kameradin, welche besser und besser wurde. Inzwischen gelang es Reina fast synchron mit Kaedi Schritt zu halten. Diese spürte, wie sie ungewollt beeindruckt war.
Als sie die ersten Abfolgen beendet hatten, sprang Reina glückselig, mit der Faust voran, in die Luft und jubelte. Sie freute sich darüber, dass sie ihrer Mentorin folgen konnte.
Kaedi betrachtete sie emotionslos. Schlagartig bildeten sich Wutfalten unter ihren Augen und sie sagte.

„Wieso freust du dich so? Du beherrschst jetzt eine simple Schrittfolge. Mehr nicht. Du bist noch so weit entfernt davon, die wirklich wichtigen Dinge zu lernen.“

Doch das Gemüt der Jüngeren versprühte noch immer pure Fröhlichkeit.

„Das ist doch gut. Das bedeutet, dass du mir noch so viel beibringen kannst. Ich will unbedingt besser werden. Besser als alle anderen.“

Der letzten Bemerkung schwang solch starke Motivation mit, dass Kaga nicht umhinkonnte, als Reina für ein paar Sekunden überrascht zu betrachten. Doch dann fasste sie sich wieder und ihre störrischen Gesichtszüge kehrten zurück.

„Du willst besser als alle sein? Jemand, der so naiv und dumm ist wie du, wird es nicht einmal schaffen, einer Gruppierung beizutreten. Egal wie fleißig du bist.“

Das hatte gesessen. Kaedi wollte nicht so verletzend sein, doch sie war ein ehrlicher Mensch. Für einen kurzen Moment herrschte Stille.
In der Zwischenzeit waren auch die anderen Kenshuusei zu ihnen getreten. Icchan warf Kaga einen vorwurfsvollen Blick zu. Kurumi hatte die Hand mitfühlend auf Reinas Schulter gelegt, deren Gesicht im Schatten verborgen lag. Man konnte nicht erkennen, was sie nach diesen Worten dachte oder wie sie sich fühlte.
Gerade als die Kenshuusei-Anführerin ein Machtwort gegenüber der Kurzhaarigen sprechen wollte, hob Reina den Kopf. Ein Lachen umspielte ihre Lippen.

„Lass uns Freundinnen werden.“

Vollkommener Schock breitete sich in der Halle aus, nachdem alle Anwesenden Reinas Worte realisierten. Yuhane klatschte die Hand vor ihr Gesicht. Shiori hatte Augen und Mund so weit offen wie niemals zuvor. Die älteren Kenshuusei schwankten zwischen peinlicher Berührtheit, verkniffenen Lachern und fassungslosen Mienen.
Alle Augen waren auf Kaedi fixiert. Wie würde sie auf solch eine anmaßende Antwort reagieren. Sicherlich würde sie Reina auseinandernehmen. Es konnte gar nicht anders sein.
Niemand regte sich. Kaga selbst wirkte wie versteinert. Einige waren sich nicht mal sicher, ob sie überhaupt noch atmete.
Das Quietschen der Hallentüren unterbrach das skurrile Szenario abrupt. Frau Mitsubachi trat ein und klatschte in die Hände.

„Es wird Zeit. Wir machen sofort weiter. Ihr habt noch eine ganze Stunde vor euch. Auf geht’s!“

Sofort nutzte Kaedi die Gelegenheit und flüchtete aus der Situation, nahm ihren Platz ein und richtete ihren Blick stur auf Frau Mitsubachi. Ironischerweise war es ausgerechnet Reina, die ihr ohne zu zögern folgte und, zum Missmut der Älteren, sich direkt neben sie platzierte. Auch ihr Blick war, begleitet von einem spielerischen Grinsen, auf die Lehrerin fokussiert.
Die anderen Kenshuusei wussten nicht, was sie von der ganzen Aktion halten sollten. Noch immer standen sie im Halbkreis am Spiegel und beobachteten die beiden Protagonisten des Vorfalls.

„HABE ICH NICHT GESAGT, DASS ES WEITER GEHT, IHR SCHLAFMÜTZEN?“

Die Versammelten schreckten auf und entschuldigten sich unter panischen Verbeugungen, bevor sie schließlich ihre Positionen bezogen.

Kapitel 10 – Die mächtigste Gruppierung

Reina, Shiori, Yuhane und Ayano saßen im Thronsaal und blickten auf Schmorbraten mit Rotkohl und Klößen. Begierig stürzten sie sich auf das schmackhafte Essen. Jeder einzelne Bissen war eine Wohltat für den von Hunger geplagten Magen.
Shiori gab ein genüssliches Fiepen von sich, nachdem sie sich ein großes Stück Fleisch genehmigt hatte.

„Köstlich! Das haben wir uns aber sowas von verdient.“

Reina nickte über beide Ohren grinsend.

„Das stimmt! Das ist das erste Mal, dass ich zum Mittagessen gehen durfte.“

Die anderen schauten einen kurzen Moment fragend drein, dann verstanden sie. Yuhane war die erste, die antwortete:

„Vier Tage ist es jetzt her, seit unser Training begonnen hat. Es ist echt bitter für dich gelaufen, dass du diesen Anfall hattest. Seitdem musstest du jeden Mittag zur Untersuchung.“

Reina kratzte sich am Kopf.

„Immerhin fiel der heutige Termin aus, weil Frau Goto verhindert war. Deshalb kann ich endlich dieses tolle Essen zu mir nehmen.“

Die glitzernden Augen streiften über die weiten Essenstische der Halle. Währenddessen lehnte sich Ayano zu ihr hinüber und flüsterte leise:

„Was macht Frau Goto eigentlich mit dir in diesen Untersuchungen? Du bist manchmal für Stunden fort und tauchst gerade so kurz vor Beginn der Trainingsstunden auf.“

Reinas Gesichtszüge nahmen einen verlegenen Ausdruck an.

„Ach na ja, d-die suchen etwas in mir. Irgendwas mit Geist und Körper und so. Ich verstehe das auch nicht so direkt. Ähm…“

Das junge Mädchen war eine grauenvolle Lügnerin. Mit solchen Aussagen hätte sie nicht mal sich selbst überzeugen können, dachte sie sich im Stillen.
Glücklicherweise beließ es Ayano dabei und auch die anderen gaben sich mit dieser Antwort vorerst zufrieden. Lediglich Yuhane starrte sie ein paar Sekunden länger als nötig an. Schnell lud sich Reina eine große Portion Braten auf ihren Löffel und verschluckte sich beinahe an dieser.
Als die Aufmerksamkeit langsam in andere Bahnen gelenkt wurde, beruhigte sich die Fünfzehnjährige. Sie war von Goto Maki zum Schweigen gezwungen worden. Das mochte sie überhaupt nicht. Lügen stand ihr einfach nicht zu Gesicht.
Doch die Lehrerin hatte gemeint, dass es nur unangenehm unter den Kenshuusei werden könnte, wenn Reina verriet, dass ihre Kräfte sich bereits früher entwickelt hatten als bei den anderen. Noch einmal rief sich das Mädchen die Worte ihrer Mentorin ins Gedächtnis, als diese sie nach dem ereignisreichen ersten Trainingstag am Abend auf dem Heimweg zur Seite genommen hatte:

„Es wird eine harte Zeit für dich, aber wir treffen uns jetzt jeden Tag, nach dem Theorieunterricht, zur Mittagsstunde, in der Trainingshalle. Dann haben wir ein oder zwei Stunden, bevor dein eigentliches Training beginnt, um dir die Balance zwischen Körper und Geist näher zu bringen. Du wirst abends große Erschöpfung und Schmerzen verspüren, doch du musst durchhalten. Das ist das Wichtigste!
Und vor allem darfst du deinen Kameraden unter gar keinen Umständen erzählen, was wir hier machen.“

Reina hatte sie verwundert angeblickt und gefragt:

„Wieso darf ich ihnen nichts sagen?“

Daraufhin hatte Goto Maki ihre Augenbrauen nach oben gezogen und ein ernstes Gesicht aufgesetzt.

„Du besitzt nun schon eine Kraft, die dich von den anderen abhebt. Und das, obwohl du augenscheinlich noch nichts dafür getan hast. Das wird dich bei so mancher ehrgeizigen Mitbewerberin oder hart am Limit trainierenden Kameradin nicht gerade in ein rechtes Licht rücken. Für euch alle geht es um die eine Sache: Überleben! Ich kann also nicht mit Bestimmtheit sagen, dass jede der Kenshuusei reinen Herzens ist und dir diesen massiven Vorsprung gönnt. Damit du dennoch ein normales Leben hier führen kannst, ist es das Beste, wenn du die Tatsache verschweigst, dass du bereits alle nötigen Kräfte entwickelt hast.“

Das junge Mädchen hatte gewisse Zweifel gehegt:

„Aber fällt es nicht irgendwann auf, wenn ich bereits Fähigkeiten beherrsche in den Übungen, die über die Grundlagen hinaus gehen?“

Die Lehrerin konnte sie jedoch mit ihrem verschmitzten Lächeln beruhigen:

„Du musst dich bloß ein paar Wochen bedeckt halten, dann fällt dein rasanter Fortschritt nicht mehr ins Gewicht. Es gibt immer wieder Kenshuusei, die schneller lernen als andere. Entweder sie erkennen dich als solch eine an. Oder es könnte sogar vorkommen, dass eine deiner Kameradinnen ihr Potential in der Zwischenzeit ebenfalls entdeckt und dir sogar Konkurrenz macht. Dann würdest du selbst gar nicht mehr weiter auffallen.“

Das Lächeln von Goto Maki wurde breiter.

„Außerdem solltest du das Grundlagen-Training auf keinen Fall unterschätzen. Ich gehe sogar davon aus, wenn du nicht gerade ein Naturtalent bist, dass du genug Probleme in den kommenden Wochen haben wirst, die Übungen deiner neuen Mentorin zu meistern. Du kannst mir also vertrauen, wenn ich dir sage, dass du nicht auffallen wirst. Solange du dir zumindest etwas Mühe dabei gibst, dich nicht zu verplappern.“

Reina erinnerte sich an das schelmische Zwinkern am Ende der Unterhaltung. Manchmal hatte sie das Gefühl, Goto Maki machte sich einen Spaß daraus, die ahnungslosen Neulinge an der Nase herumzuführen. Doch zweifelsohne war sie sehr hilfsbereit und aufopferungsvoll. Außerdem war sie es, die Reina rettete und Erste-Hilfe-Maßnahmen an ihr ausführte, als das Mädchen ihren Anfall bekam.

„Was denkst du darüber, Reina?“

Erschrocken blickte die Angesprochene in die Runde. Sie war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass sie überhaupt nicht mehr dem Thema gefolgt war, welches derzeit am Tisch herrschte. Shiori betrachtete die Träumerin erwartungsvoll. Diese stotterte:

„Ä-Ähm… wie bitte?“

Ayano reagierte sofort mit leicht hastigem Unterton:

„Na was glaubst du, wie lange wir noch diese schreckliche Folter durchleben müssen, bis Frau Mitsubachi uns endlich nicht mehr wie Sklaven behandelt? Wir kriechen ja schon vollkommen auf dem Zahnfleisch.“

Reina, die noch immer etwas verwirrt dreinschaute, antwortete mit säuselnder Stimme:

„Ich… äh… ich finde sie gar nicht so schlimm.“

Shioris Augen starrten sie exzessiv an.

„Was? Du findest nicht, dass sie uns quält?“

Die Fünfzehnjährige murmelte nachdenklich:

„Doch schon… aber…“

Ayano war mit ihrem Gesicht nun ganz nah an das Gesicht von Reina gerückt.

„Was meinst du mit ‚Aber‘?“

Die Kleinere zauberte ein charmantes Lächeln hervor und sagte dann:

„Frau Mitsubachi ist bestimmt so entschlossen und beseelt von dem Wunsch uns besser zu machen, dass sie gar nicht merkt, dass sie manchmal über die Stränge hinausschlägt, nicht wahr?“

Yuhane, die bisher geschwiegen hatte, stimmte in das Lachen ein. Verwundert wandten sich Shiori und Ayano zu ihr um. Das Mädchen mit der spitzen Nase sprach:

„So kann man es natürlich auch betrachten. Letzten Endes ist sie eine Lehrerin und wird nicht umsonst ihre Stelle bekommen haben. Mir gefallen ihre Methoden nicht, aber wenn sie mich in eine Gruppierung bringt, will ich nichts gesagt haben.“

Darauf konnte niemand etwas Gegenteiliges erwidern.
Die Vier beendeten das Mittagessen und traten in die riesige Halle mit der Spiegelkuppel. Reina streckte die Arme von sich und gab ein lautes Gähnen ab.

„Ich wünschte, wir könnten jetzt schlafen gehen.“

Sie spürte das Brennen in ihren Muskeln. Aufgrund der Dreifachbelastung aus Theorie, Praxis und Zusatzunterricht mit Goto Maki schrie ihr gesamter Körper vor Müdigkeit. Sie bemühte sich jeden Tag, sich nichts anmerken zu lassen. Zu ihrem Glück erging es den anderen Neulingen nicht gerade anders.
Ayano machte ihr die Bewegung gleich.

„Du sagst es, ich habe gar keine Lust auf das Training.“

Lustlos stapften sie in Richtung Trainingshallen. Icchan hatte nicht gelogen. Nach nur zwei Tagen kannten sie die wichtigen Verbindungen der Gänge bereits auswendig. Zumindest zwischen Schlafsäle, Trainingshallen, Klassenzimmer und Thronsaal konnten sie sich ganz entspannt ohne viel Aufhebens bewegen.
Shiori merkte besorgt an:

„Hoffentlich schaffen es Marie und Rin rechtzeitig. Sie wirkten vorhin sehr kraftlos. Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass sie nichts gegessen haben.“

Yuhane stimmte ihr zu.

„Da hast du Recht. Sich nochmal ins Bett zu legen zerstört den kompletten Biorhythmus des eigenen Körpers. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen die Ruhephase helfen wird, das Training zu überstehen. Hoffentlich halten sie irgendwie durch.“

Reina machte sich Sorgen um ihre beiden Generations-Kameradinnen. Shioris Formulierung ‚kraftlos‘ empfand die Dunkelhaarige für untertrieben. Sowohl Rin als auch Marie waren beinahe der Ohnmacht nahe gewesen nach den gestrigen Übungen. Frau Mitsubachi ließ keine Gnade walten, so viel war sicher.
Mittlerweile trafen sie in der Eingangshalle des Schlosses ein. Sie schritten die große Treppe hinunter. Auf dem Weg bemerkten sie jedoch, dass sich eine kleine Menschenmenge vor den gewaltigen Toren gebildet hatte. Sie erkannten die anderen Kenshuusei und liefen zu ihnen.
Kurumi, Icchan, Maeda Kokoro und Inoue Hikaru winkten sie aufgeregt zu sich. Yuhane war die erste, die sie erreichte.

„Was ist denn hier los?“

Ihr Blick wanderte durch die Menge, welche inzwischen eine Linie an beiden Seiten des großen, rotgoldenen Teppichs gebildet und somit einen breiten Gang von den Eingangstoren zur großen Treppe erschaffen hatte.
Kurumi wandte sich mit großen Augen und heiserer Stimme an die Neuankömmlinge.

„Sie sind da. Sie sind da. Unglaublich. Wir dürfen sie sehen. Das ist so unfassbar.“

Reina kniff die Augen zusammen, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und versuchte über die Köpfe der anderen zu spähen.

„Wen denn? Wen dürfen wir sehen?“

Kiyono Momohime tat es ihr gleich und erwiderte störrisch:

„Du Dummkopf, weißt du es denn nicht? Sie kommen endlich nach Hause. Sie waren monatelang fort. Man dachte schon, sie seien tot.“

Shiori hüpfte immer wieder, um etwas erkennen zu können. 

„Wer denn? Über wen redet ihr?“

Schließlich nahm die große Kawamura Ayano sie auf die Schultern. Icchan hatte bisher geschwiegen. Gerade, als die ersten Leute nahe der Tore zu jubeln begannen, bekam die sonst so taffe Kenshuusei-Anführerin Tränen in den Augen, die sie kurzerhand wieder wegwischte. Ein schmales Lächeln begleitete ihre geröteten Wangen.

„Willkommen daheim, °C-ute!

Reina starrte ihre Namensschwester für einen kurzen Moment verwundert an und wiederholte die Worte leise murmelnd:

„°C-ute…“

Dann entbrannte tosender Applaus, und die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens richtete sich vollends auf den Eingang.
Dort schritten fünf Personen nacheinander den breiten Gang entlang. Ihre Auren waren überwältigend. Reina konnte die Macht jeder einzelnen der jungen Frauen spüren. Es war wie von einem anderen Stern.
Aber nicht nur die Auren, die sie umgaben, waren einzigartig. Nein! Die bloße Präsenz der Fünf erstrahlte grell in der gesamten Halle.
Die Erste, die mit einem Banner in der Hand vorbeizog, auf dem ein großes, schwarz schimmernd gesticktes C auf einem gelben Grund zu erkennen war, blickte freudestrahlend in die Menge. Ihr wehend langes, rabenschwarzes Haar verlief anmutig über ihren Rücken. Die silbernen Rüstungsplatten, die sie trug, wirkten beschädigt. Ähnlich erschien es ihr mit ihrem grausilbernen Umhang, der zum Ende hin nur noch in seidene Fetzen überging.
Auch die Kleidung der anderen vier Frauen machte den Eindruck, dass sie viele Wochen unterwegs und kontinuierlich in Kämpfe verwickelt waren. Wer hatte sie bloß angegriffen?
Die Zweite der Truppe besaß rotblondes, kurzes Haar und war die Kleinste in der Runde. Ihr selbstsicherer Blick verriet Reina jedoch, dass diese Frau genau wusste, was für eine unglaubliche Stärke sie besaß und man sie keinesfalls nach ihrer Größe beurteilen durfte.
Hinter ihr folgte eine Person mit langen dunkelbraunen Haaren, die ihr weit über die Schulter fielen. Ihre Miene wirkte erschöpft, doch ihr liebes, rundliches Gesicht und die vollen Lippen präsentierten Freude und Zufriedenheit.
Die Vierte im Bunde strich sich mit ihren langen, dünnen Fingern durch die dunkelblonden Haare, welche ihr bis zum Halsansatz reichten. Ihr Lächeln wirkte schwächer als das der anderen, doch dies minderte nicht die großartige Ausstrahlung, die sie an ihr Umfeld versendete.
Als letztes trat eine Frau mit langen, dunklen Haaren in die Eingangshalle. Sobald sie ins Sichtfeld der meisten Menschen kam, wechselte der Fokus direkt auf sie und der Jubel verstärkte sich noch um ein Vielfaches mehr. Das schmale Gesicht war mit Schnitten und Wunden übersäht, doch trotzdem umwob sie eine solche Schönheit und Strahlkraft, dass selbst Reina nicht mehr die Augen von ihr lösen konnte.
Plötzlich hörte sie Icchan ehrfurchtsvoll flüstern:

„Das ist Suzuki Airi.“

Reina hatte diesen Namen noch nie gehört, doch trotzdem umgab sie das Gefühl, dass sie ihr vertraut war. Suzuki Airi. Die Aura kam der von Goto Maki und Tsunku gleich. Die junge Kenshuusei war froh, dass das Zittern der Beine aufgehört hatte. Scheinbar schlug ihr Zusatzunterricht an.
Yuhane fragt inzwischen mit leichtem Zischen:

„Wer ist das alles?“

Kurumi flüsterte zurück:

„Das ist °C-ute. Eine der Gruppierungen. Oder besser gesagt…“

Inoue Hikaru unterbracht sie.

„°C-ute ist die mächtigste Gruppierung des Havens. Sie sind unglaublich. Jeder von ihnen befindet sich im letzten Rehab Grad.“

Fassungslos und absolut beeindruckt starrten die neuen Kenshuusei den Gruppierungsmitgliedern mit weit aufgerissenen Augen nach. Nun verstanden sie den Aufmarsch der ganzen Leute.
Yuhane hatte einen ganz besonderen Blick auf die mächtigen Personen geworfen. Leichte Gier sprach aus ihren Worten:

„Sie sind eine Gruppierung. Also ist es möglich, ihnen beizutreten.“

Die Betrachteten schritten inzwischen langsam die große Treppe nach oben Richtung Thronsaal.
Kurumi lachte amüsiert.

„Es ist zwar richtig, dass sie gewissermaßen zu Auswahl stehen. Aber, na ja…“

Yuhanes Augen blitzten zu dem Mädchen mit dem rundlichen Gesicht.

„Was heißt denn ‚gewissermaßen‘? Kann man ihnen nun beitreten oder nicht?“

Icchan legte sanft die Hand auf Yuhanes Schulter und sagte dann mit wehmütigem Unterton:

„Ich kann dich vollkommen verstehen. Ich denke jeder würde gerne °C-ute beitreten.“

Sie machte eine kurze, dramatische Pause, bevor sie weitersprach.

„Allerdings ist dies noch nie jemandem gelungen. Und so wie es den Anschein hat, wird es auch nie jemandem gelingen.“

Die junge Kenshuusei mit der Stubsnase wirbelte herum und betrachtete Icchan mit verzweifeltem Blick.

„Wieso denn das nicht?“

Für einen langen Moment herrschte Stille. Die Gruppierung war bereits entschwunden und die Menge löste sich so langsam auf. Icchan und Yuhane starrten sich tief in die Augen. Letztlich antwortete die Ältere mit mattem Ton:

„Weil °C-ute selbst entschieden hat, dass sie keine weiteren Mitglieder aufnehmen wollen. Entweder überstehen sie gemeinsam diese Therapie… oder sie sterben gemeinsam. Nur die Fünf. Keiner mehr. Keiner weniger. Das haben sie entschlossen. Und so wird es wohl bis zum Ende bleiben.“

Kapitel 11 – Im Dorf

Obwohl es noch immer sommerlich warm war, verspürte man die ersten herbstlichen Winde durch die östlichen Dörfer wehen. Die Gruppierung namens ANGERME genoss die sanfte Brise, während sie den Sonnenuntergang betrachteten. Ein Gefäß, dessen Aufgabe es war, kalte Getränke und Speisen zu servieren, kam, mit einem leeren Tablett unter den Armen, zum Tisch, an dem die acht Mädchen saßen.

„Möchten Sie etwas bestellen?“

Die Stimme wirkte gleichzeitig freundlich und höflich, doch Kamiko hatte sich noch immer nicht an diesen teilnahmslosen Unterton gewöhnt, den alle Gefäße mit sich trugen.
Ihr gegenüber befand sich Rikako, welche zuerst reagierte:

„Einen Pfirsichsaft, bitte!“

Auch von den anderen Mitgliedern nahm sie die Bestellung entgegen. Kamiko blickte der Kellnerin hinterher, bevor sie sich wieder dem Gespräch anschloss, bei welchem die Truppe unterbrochen wurde. Take ergriff das Wort:

„Seit drei Wochen sind wir nun hier draußen unterwegs und haben immer noch keine einzige Spur. Das ist doch nicht zu fassen.“

Erzürnt griff sie sich in die Haare, wodurch die feuerrote Mähne vollkommen zerzaust und in alle Winde zerstreut wurde. Murotan lachte und wies mit dem Zeigefinger auf die Ältere.

„Jetzt siehst du aus wie Pumuckl. Das steht dir wirklich gut.“

Während Take gespielt beleidigt ihrer Peinigerin unverständliche Worte gegen den Kopf knallte, erhob die Anführerin der Gruppierung, Wada Ayaka, die Stimme:

„Hier im Dorf sind wir mit unserer Befragung fertig. Wir sollten als nächstes in Richtung Süden gehen. Vielleicht haben die Waldbewohner etwas gesehen.“

Vereinzeltes, motivationsloses Nicken folgte. Katsuta Rina, ein Mädchen mit langen, braunen Haaren, rieb sich müde die Augen und gähnte. Kamiko mochte ihr süßes, rundes Gesicht. Ganz besonders die schwungvollen Lippen hatten es ihr angetan. Rikako tat es der Braunhaarigen gleich und streckte sich zusätzlich, bevor sie fragte:

„Wir brechen aber nicht mehr heute auf, oder? Gleich ist es dunkel und wir müssen sowieso noch auf Maho warten.“

Ayaka, deren lange, schmale Gestalt und das markante Gesicht im halben Schatten des Restaurantdaches lagen, kratzte sich fragend am Kopf. Dann merkte sie an:

„Wir befinden uns ziemlich im Verzug mit dem Auftrag. Wenn wir dem Haven so langsam keinen Bericht zusenden, könnten sie das Gefühl bekommen, wir machten Urlaub anstatt uns auf unsere Aufgabe zu konzentrieren.“

Murotan mischte sich in das Gespräch ein:

„Was wäre denn so schlimm daran, mal ein wenig auszuspannen? Das hätten wir uns doch redlich verdient.“

Nakanishi Kana antwortete mit halb grinsendem, halb spöttischem Ton:

„Gerade du musst reden. Dich sieht man doch alle zwei Tage auf der Veranda faulenzen.“

Die Angesprochene zwinkerte ertappt und streckte die Zunge heraus als Antwort. Kamiko lächelte. Ja, das war ANGERME. Teil dieser Gruppe zu sein, fühlte sich so befreit an. Selbst wenn sie von den Obersten des Havens eins auf den Deckel bekamen, weil sie wieder einmal einen Auftrag zu spät oder nicht mit den entsprechend vorausgesetzten Mitteln erledigt hatten, irgendwie gelang es der Gruppierung immer wieder, sich erfolgreich gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen. Hier durfte jeder machen, was er wollte, und jeder durfte sein, was er wollte. Wichtig war nur, dass man gemeinsam Spaß hatte. Solange dieser existierte, befand sich das Gruppengefüge in Harmonie.
Bei den letzten Gedanken wanderte ihr Blick automatisch zu Kasahara Momona, die schüchtern neben Kana saß. Für einen kurzen Moment betrachtete sie das neuste ANGERME-Mitglied.
Als Kassa plötzlich aufschaute und sich ihre Augen auf Kamiko richteten, erschrak diese mit ihrem ganzen Körper und stellte der ankommenden Kellnerin ausversehen ein Bein. Eine Sekunde später hörte man den wütenden Schrei von Rikako.

„KAMIKOOOOOO!!!“

Die Kurzhaarige war mit braungelber Flüssigkeit übersäht. Von oben bis unten war sie durch den Unfall mit klebrigem Fruchtsaft vollgespritzt worden. Murotan und Take warfen sich krachend zu Boden vor Lachen und konnten sogar ihre Tränen nicht zurückhalten. Ayaka reichte ihr hilfeanbietend die auf dem Tisch verteilten Servietten. Rina, Kana und Momona hatten sich instinktiv etwas vom Ort des Geschehens entfernt, um nicht ebenfalls zufällig überschüttet zu werden.
Die Kellnerin entschuldigte sich tausende Male bei Rikako. Kamiko tat es ihr gleich, während sie sich selbst das amüsierte Grinsen verkneifen musste. Ja, genau DAS war ANGERME.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Die Mädchen hatten sich in die nahegelegene Bar zurückgezogen, weil man dort genügend Betten für sie zur Verfügung stellen konnte. Die Dorfbewohner waren es normalerweise nicht gewohnt, so viele Gäste gleichzeitig zu bewirten. Dazu kam, dass die Ankömmlinge ganz und gar nicht wie einfache Wanderer aussahen. Stattdessen trugen sie hochwertige Kleidung und wirkten äußerst gepflegt. Es machten sich sogar Gerüchte breit, dass die Fremden vom Schloss waren. Und DAS war tatsächlich eine Seltenheit in dieser Gegend.
Kamiko mochte es nicht, wie die Gefäße über sie redeten, wenn diese dachten, dass die Gruppe nicht zuhörte. Sie fühlte sich dann immer wie ein Außenseiter, der nicht in diese Welt passte. Ayaka hatte ihr auf ihrer ersten Reise nahegelegt, solchen hetzenden Worten einfach keine Beachtung zu schenken. Die Anführerin behauptete, dass dies Teil der Therapie sei. Man wollte ihre psychische Belastbarkeit damit testen. Das klang logisch, hieß jedoch nicht, dass sich Kamiko daran gewöhnen wollte.
Das glatte, schwarze Haar fiel dem Mädchen ins Gesicht, als sie sich über ihr Bett beugte. Sanft strich sie es sich hinter die Ohren. Sie hatte sich bereits ihrer hauptsächlichen Kleidung entledigt und betrachtete nun den grauweißen Stoff mit den schwarzen Leopardenpunkten. Ihr gefiel das Aussehen. Es wirkte einerseits rebellisch, andererseits hinterließ es einen Ausdruck von schwindender Zärtlichkeit. Letzteres lag aber wohl eher an Kamiko selbst, denn sie war, auf ihre Körperstatur bezogen, ein kleines Streichholz im Winde.
Inzwischen hatte sie auch die Netzstulpen an ihren Händen und den silberschwarzen Reif um ihren Arm entfernt und legte die Accessoires behutsam aufs Bett. Alles in allem ein schönes Outfit, dachte sich die Schwarzhaarige.
Schlagartig klopfte es an der Tür und Kamiko drehte sich erschrocken um. Bevor sie reagierte, blickte sie schnell an sich herunter. Sie trug lediglich ein seidenes, weißes Unterhemd. Zögerlich schritt sie auf die Tür zu und fragte:

„Wer ist da?“

Einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann antwortete eine leise zischende Stimme:

„Ich bin es. Murota. Lass mich rein.“

Irritiert ließ Kamiko die Chaoskönigin in ihr Zimmer hinein. Diese war ebenfalls bereits für die Nacht umgezogen. Da sie allesamt nur mit leichtem Gepäck reisten, hatte sie nicht gerade eine große Auswahl an Wechselklamotten und waren gezwungen, den gleichen Stoff über mehrere Tage oder sogar Wochen zu tragen. Glücklicherweise befanden sie sich in einer virtuellen Welt. Hier waren die Regeln für getragene Wäsche anders als in der Realität. Je nachdem aus welchen Materialien die Kleidung hergestellt wurde, besaß sie eine unterschiedlich lange Verwertbarkeit. Einfache Stoffe der Bauern und Dorfbewohner mussten beinahe täglich gewaschen werden, um nicht Abnutzungsspuren entstehen zu lassen oder gar unangenehme Gerüche zu entwickeln. Die Kleidung des Havens war von unglaublich hochwertiger Natur. Dadurch besaß sie eine weitaus längere und vor allem stabilere Haltbarkeit. Und zusätzlich bildeten sich erst nach immens langer Tragezeit die negativen Eigenschaften von ungewaschenen Klamotten heraus. Dies war auch nötig, da Gruppierungen oftmals für viele Tage unterwegs sein konnten und durch eine zu große Menge an unnötigem Reisegepäck zu sehr behindert werden würden.
Murotan setzte sich schwungvoll auf das Bett am Fenster und grinste über beide Ohren.

„Pass auf, Kamiko! Ich habe die Idee! Du wirst begeistert sein.“

Die Angesprochene war sich absolut sicher, dass sie in keinster Weise begeistert sein würde, wenn ein Vorschlag ausgerechnet von Murotan mitten in der Nacht getätigt wurde. Doch sie ließ ihren Gast aussprechen.

„Ich weiß jetzt, wie wir es schaffen, dass du und Kassa euch näherkommt.“

Sofort erstarrte die Schwarzhaarige. Automatisch antwortete sie mit einem hastigen

„Nein!“

Dem Ganzen wollte sie noch etwas mehr Nachdruck verleihen:

„Nein, Murotan! Nein! Nein! Nein! Was auch immer du vorhast… Nein!“

Ihre Kameradin lachte herzhaft, sprang auf und trat direkt zu Kamiko. Grinsend legte Murotan beide Hände auf die Schulter ihres Gegenübers.

„Wir erschrecken Kassa! Das wird genial! Ich sehe es schon ganz genau vor mir. Sobald sie auf dem Weg ins Bad ist, schleichen wir ihr hinterher. Operation Numero Uno: Die plötzlich von allein zuschnappende Badtür. Das wird ein Knaller. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Kamiko konnte nicht umhin als immer nur mit dem Kopf zu schütteln. Sie wollte das nicht. Sie brauchte das nicht. Das Mädchen wusste, dass Murotan nur versuchte, ihr zu helfen. Doch Kamiko war sich sehr sicher, dass diese Art von Hilfe auf keinen Fall zur Lösung des Problems beitragen würde.
Die beiden Kameradinnen starrten sich lange Zeit in die Augen. Die Eine, mit begeistertem Blick, deren Kopf immer wieder bejahend von oben nach unten wippte. Die Andere, vollkommen verzweifelt aufgrund der ausweglosen Situation und des Drucks, dem sie in exakt diesem Moment ausgesetzt war.
Eine Antwort erübrigte sich allerdings. Denn ein weiteres Mal klopfte es an Kamikos Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten schritten Take, Kana und Rina herein, in voller Reisemontur. Ihre Mienen sprachen regelrechte Bände. Aufgeregt begannen sie zu flüstern. Take machte den Anfang:

„Super, du bist auch hier, Murotan.“

Kana setzte gleich fort:

„Ihr müsst euch beeilen. Zieht euch schnell an.“

Rina, die besorgt wirkte, betrachtete den Ausgang und sprach mit ihrer lieblichen Stimme:

„Ich glaube ich höre etwas. Wir haben kaum noch Zeit.“

Murotan und Kamiko warfen sich verwirrte Blicke zu. Die Braunhaarige fasste sich ein Herz und fragte neugierig:

„Was ist denn überhaupt los?“

Während Kamiko sich die sorgfältig sortierten Kleidungsstücke missmutig wieder anzog, hörte sie Take antworten:

„Wir waren gerade noch mit Rikako unten an der Bar, da hörten wir es. Scheinbar sind Jäger ins Dorf gekommen. Die Bargäste versuchten es vor uns zu verbergen, doch sie hatten wohl nicht mit den gespitzten Ohren von Rina gerechnet.“

Kamiko schlug die Hand vor den Mund zusammen. Jäger? Was wollten die denn hier? Waren sie wegen ihnen gekommen?
Murotan war durch das Gesagte Feuer und Flamme.

„Endlich passiert mal etwas. Drei Wochen planloses umherlaufen und jetzt beginnt die Action.“

Die freudige Erregung war förmlich in ihren blitzenden Augen abzulesen. Sofort rannte sie zum Zimmer gegenüber, um sich ihre eigenen Klamotten anzuziehen. Kamiko, die dies bereits erledigt hatte, wandte sich an Kana.

„Wo ist denn Rikako? Ihr meintet, dass sie eigentlich bei euch war.“

Die Ältere antwortete leise:

„Sie holt Ayacho und Kassa.“

Kamiko runzelte die Stirn, dann sagte sie mit zynischem Unterton:

„Ihr braucht drei Leute, um Murotan und mich zu holen?“

Die Angesprochene lachte still und zwinkerte mit ihren Augen.

„Wir hatten alle gehofft, dich endlich mal beim Schlafen zu erwischen.“

Die Jüngere wusste nicht, wie ernst sie diese Antwort nehmen sollte. Doch für weitere Gedanken blieb keine Zeit mehr. Die umgezogene Murotan trat gemeinsam mit Ayaka, Kassa und Rikako in die Tür ein. Die Anführerin betrachte jeden von ihnen mit todernster Miene.

„Hört zu, Leute. Falls es stimmt, dass Jäger im Dorf sind, müssen wir uns zusammenreißen.“

Bei diesen Worten begannen Murotan und Take zu grummeln. Doch sie schwiegen. Ayaka führte ihre Anweisungen weiter aus:

„Auch wenn sich die Bewohner distanziert von uns halten, dürfen wir sie nicht in unmittelbare Gefahr bringen. Es ist also das Beste, wenn wir den Ort unbemerkt verlassen.“

Rikako antwortete prompt:

„Was ist, wenn ein Dorfbewohner die Jäger gerufen hat? Dann könnte unser stiller Abgang schnell aufgedeckt werden, da wir nicht wissen, wer die Petze ist. Es könnte sogar der Wirt sein. Er hat mir immer so böse Blicke zugeworfen.“

Kana grinste und sagte süffisant:

„Das lag aber eher daran, dass du partout kein Trinkgeld geben wolltest.“

Ayaka hob die Hände, um die beiden zum Schweigen zu bringen. Mit einem freundlichen Nicken in Richtung Rikako übernahm sie wieder das Wort.

„Du hast Recht. Wir wissen nicht, wer Freund oder Feind ist. Wir können uns aber sicher sein, dass viele der Dorfbewohner ahnungslos sind und nichts Böses wollen. Diese müssen wir schützen. Auch wenn es heißt, dass wir in eine Falle tappen werden.“

Kamiko schluckte heftig bei dieser Aussage. Kassa, die sich neben sie gesellte, was der Schwarzhaarigen einen Schauer über den Rücken laufen ließ, zitterte. Die Ältere wollte etwas tun für ihre Kameradin. Sie wollte ihre Hand ergreifen. Ihr Mut zusprechen. Doch sie war zu feige. Sie konnte es einfach nicht. Hilflos stand Kamiko stumm und bewegungsunfähig neben ihrem Schützling, die sie bereits einige Zentimeter überragte von der Größe her.
Ayaka streckte ihre Hand in die Gruppenmitte und lächelte jeden Einzelnen warmherzig an.

„Wir packen das. Die Jäger sind nicht zufällig hier. Selbst wenn sie hinter uns her sind, hätten sie sich niemals so spontan mobilisieren können. Sie waren also schon vorher auf diese Gegend ausgerichtet. Das wiederum bedeutet, dass unser Auftragsziel womöglich auch in der Nähe ist. Mit etwas Glück treten wir morgen bereits die Heimreise an. Klingt doch gut, oder?“

Kana erwiderte die Teamgeste und schlug mit ihrer Hand auf die der Anführerin. Take folgte ihr. Ebenso Rina. Dann Murota und Rikako. Schließlich legte auch Kamiko ihre Hand auf die ihrer Kameraden. Und, nach einem kurzen Zögern, tat es ihr Kassa gleich. Die Schwarzhaarige spürte die unschuldige Wärme der Jüngsten auf ihrem Handrücken. Für den Bruchteil einer Sekunde, als sich ein weiteres Mal ihre Blicke kreuzten, hatte Kamiko nicht das Gefühl, sie musste so schnell wie möglich fliehen. Stattdessen bildete sich der Ansatz eines Lächelns auf ihrem Gesicht. So schwindend wie die Morgenröte, doch genauso existent. Kassas Augen weiteten sich leicht.
Plötzlich erklangen Ayakas Worte, laut und deutlich:

„Wir werden mit allem fertig. Wir sind eine Familie. Wir sind…“

Und alle riefen freudig im Chor:

„ANGERME!!!“

Kapitel 12 – Der Wald und die Nacht

Die hölzerne Treppe des Barhauses knarrte entsetzlich. Von unten war kein Geräusch zu vernehmen. Trotzdem verriet das stetig flackernde Schimmern der Kerzenlichter, dass sich zumindest der Wirt noch in unmittelbarer Nähe befand.
Kamiko und Murotan standen still und in lauernder Position auf den ächzenden Stufen.
Sie waren die Kleinsten und damit die Leichtesten in der Gruppe. Der Plan bestand darin, dass sie die Treppe hinunterschlichen, am besten ohne Geräusche zu verursachen, und die Lage vor der Bar auskundschafteten. Das hatte sich womöglich jetzt schon erledigt, dachte sich Kamiko. Die knarzende Treppe dieses Gasthauses war der Tod einer jeden Geheimaktion. Selbst die besten Diebe hätten sich vor ihr geschlagen geben müssen.
Murotan, die bei jedem Knacken des Holzes halb erstarrte und sofort in ihren Bewegungen innehielt, fluchte leise:

„Da können wir auch gleich wie die Trampel rennen und allen schreiend Bescheid geben, dass wir jetzt verschwinden. Es würde keinen Unterschied machen.“

Kamiko fand es irgendwie ironisch, diese Worte ausgerechnet aus dem Mund der Chaoskönigin zu hören. Nichtsdestotrotz hatte sie Recht. Im Grunde war ihre Heimlichtuerei nun aufgeflogen.
Kurz entschlossen richtete sich Murotan auf, griff mit beiden Händen fest an das Geländer, stützte sich ab und sprang über die Barriere direkt nach unten in die Bar. Der harte Aufprall signalisierte, dass dies auf jeden Fall von den Bewohnern des Hauses gehört werden musste.
Kamiko hatte ihr entsetzt nachgeschaut. Ohne sich zu rühren, blickte sie, über das Geländer gelehnt, nach unten. Murotan winkte ihr fröhlich grinsend.

„Du kannst runterkommen. Hier ist niemand. Alles leer.“

Seufzend nahm die Schwarzhaarige den eigentlichen Weg. Unter Knarzen und Ächzen, was lange nicht so laute Geräusche verursachte wie der Sprung von Murotan, schritt Kamiko die Treppe hinunter.
Als sie an die Seite ihrer Kameradin trat, blickte sie sich im Raum um. Tatsächlich war niemand mehr anwesend. Selbst der Wirt war ausgeflogen. Das schien alles sehr suspekt. Ihre Nachbarin ging einige Schritte in Richtung Ausgang. Sie öffnete leise die Tür und lugte spähend hinaus. Scheinbar war nichts zu sehen, denn kurze Zeit später kam sie mit zuckenden Achseln zurück.

„Auf den Straßen ist niemand unterwegs. Das Dorf wirkt wie ausgestorben. Das Barhaus hat auch als einziges noch Lichter an. Ansonsten ist es stockdunkel da draußen.“

Kamiko schloss die Augen. Sie fokussierte sich auf die umliegenden Strukturen und weitete ihren Geist aus. Ein schwach schimmerndes Leuchten umgab ihren Körper. Murotan fragte verschmitzt lächelnd:

„Erkennst du etwas?“

Für mehrere Minuten sprach keiner der beiden ein Wort. Die Chaoskönigin wartete in geduldiger Manier, während ihre Partnerin die Arbeit verrichtete. Kamiko hatte eine Art Druckwelle ihres Geistes in jeden Winkel des Dorfes entsandt. Sie suchte nach, wie sie es nannte, Schwarzen Seelen.
Die Fähigkeiten des jungen ANGERME-Mitgliedes hatten sich auf der zweiten Mission mit ihr herauskristallisiert. Es stellte sich heraus, dass Kamiko eine besondere Begabung besaß, die Kenntnis des Geistes anzuwenden. Sie war einerseits in der Lage, ihr Bewusstsein um einen bestimmten Radius zu erweitern, und somit alles zu erfassen, was ihr in diesem auferlegten Zirkel vor das innere Auge stoß. Das wirklich Eindrucksvolle jedoch war die zusätzliche Möglichkeit, die Hülle von fokussierten Zielen genauestens durchleuchten zu können. Vitale Zustände. Seelische Befindlichkeit. Sogar das vorhandene Gleichgewicht zwischen Energie und Geist blieb ihr nicht verborgen, weshalb sie bereits zweimal von Goto Maki um Hilfe gebeten wurde bei medizinischen Analysen. Zuletzt bei dem Mädchen mit dem Namen Yokoyama Reina.
Da ihre Teammitglieder nicht genau verstanden, wie diese Art der Bewusstseinserweiterung funktionierte, sie hatten es alle nacheinander selbst ausprobiert und waren kläglich gescheitert, musste Kamiko auf die simple Beschreibung von Farben zurückgreifen, um ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen. So hatten beispielsweise Grüne Seelen eine positive Ausstrahlung. Sie besaßen keine bösen Absichten und befanden sich im Gleichgewicht mit ihrem Umfeld. Gelbe Seelen hingegen schlossen auf eine innere Zerrissenheit. Meistens hatten solche Ziele vor kurzem ein lebensentscheidendes Ereignis hinter sich gebracht oder dachten noch immer über dieses nach. Die Roten Seelen galten als potentielle Gefahr. Ihre Balance war gestört und das Gedankengut wirkte zweifelhaft.
Doch die von ihr bezeichneten Schwarzen Seelen waren das Schlimmste, was passieren konnte. Diese Personen, die solch eine teuflische Aura mit sich trugen, waren auf Tod, Verderben und Chaos aus. Solche Ziele mussten gemieden oder, falls es nicht anders möglich war, schnellstmöglich neutralisiert werden.
Kamiko öffnete langsam die Augen. Das Schimmern um sie herum ließ augenblicklich nach. Murotan blickte sie erwartungsvoll an, doch die Schwarzhaarige schüttelte unsicher mit dem Kopf.

„Es befindet sich kein Jäger in unmittelbarer Nähe. Das ist merkwürdig. Hat sich Rina vielleicht verhört?“

Ihr Gegenüber verneinte das lächelnd.

„Rinapuu verhört sich nicht. Ihr zwei Sonderlinge habt zwar unterschiedliche Fähigkeiten, doch auf beides ist bisher immer Verlass gewesen. Ich gebe Ayaka Bescheid, dass die Luft rein ist.“

Murotan ließ die zweifelnde Kamiko zurück, während sie selbst mit langen Schritten die Treppe hinauf sprintete.
Das Mädchen mit den glatten, schwarzen Haaren hüpfte nervös von einem Bein aufs andere. Was war hier nur los? Waren sie wirklich in unmittelbarer Gefahr? Jäger waren für gewöhnlich grausam und gingen zuweilen äußerst taktisch vor. Doch bisher konnte ANGERME sie immer umgehen, nicht zuletzt wegen Kamikos Fähigkeit. Sollten sie also tatsächlich einen Weg gefunden haben, sich vor ihr bewusst zu verbergen, würde das bedeuten, dass sie von dem Mädchen und ihrem besonderen Status wussten. Dieser Gedanke machte Kamiko große Angst.
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie fast nicht mitbekommen hätte, wie alle ihre Kameraden aufgeregt zu ihr traten. Murotan sagte hastig:

„Kassa hat etwas aus dem Fenster beobachtet, Kamiko. Das musst du dir anhören.“

Leicht benommen drehte sich die Angesprochene zu der Jüngsten. Diese lief puterrot an und murmelte:

„I-Ich weiß nicht, was ich da gesehen habe. Ich könnte mich auch irren…“

Take boxte ihr sanft gegen die Schulter und sagte:

„Hau es raus! Besser eine falsche Information als gar keine Information.“

Kassas volle Lippen bebten fürchterlich ehe sie antwortete:

„D-D-Da waren zwei Kapuzengestalten. In einer Gasse. S-Sie haben auf unser Haus gezeigt und s-sind dann weggegangen.“

Murotan fragte:

„Wann war das genau?“

Die Angesprochene dachte nach, doch Ayaka kam ihr zuvor:

„Vor ungefähr zehn Minuten bemerkte es Kassa. Es hätte also für Kamiko theoretisch möglich sein können, sie zu orten.“

Verunsichert ließ die Genannte ihren Kopf hängen.

„Ich habe jede Gasse überprüft und keine Schwarze Seele entdecken können.“

Kana stupste sie liebevoll an.

„Das bedeutet doch nur, dass sie das Dorf verlassen haben. Und genau das wollten wir ja sowieso erreichen.“

Rikako hingegen war nicht ganz so zuversichtlich.

„Wir müssen trotzdem davon ausgehen, dass die Feinde ein Mittel gegen Kamikos Fähigkeiten entwickelt haben oder zumindest wissen, wie sie diese umgehen können.“

Ayaka nickte zustimmend.

„Wir werden jetzt ganz ruhig den Ort verlassen. Der Wald sollte unser nächstes Ziel sein. Wir müssen uns unbedingt mit Maho treffen.“

Rina sprach mit unsicherer Stimme:

„In den Wald? Jetzt? Was ist denn, wenn sie uns dort auflauern?“

Keiner wusste darauf eine entkräftigende Antwort. Natürlich war es keine gute Idee nachts durch den Wald zu marschieren. Besonders nicht, wenn Jäger in der Gegend waren. Allerdings war Hierbleiben auch keine Option. Und der Wald wäre sowieso ihr nächster Bestimmungsort gewesen.
Kana schritt, wie es schon einige Zeit vorher Murotan getan hatte, zur Tür und spähte hinaus. Als sie sich sicher schien, dass keine fremde Person in der Nähe war, winkte sie die anderen zu sich.

„Ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt zum Aufbrechen.“

Take hob den Daumen, um ihr beizupflichten und flüsterte dann zielstrebig:

„Na dann los geht’s! Auf zur gruseligen Nachtwanderung in den dunklen, dunklen Wald.“

Ayaka warf ihr einen letzten vorwurfsvollen Blick zu, dann machte sich die Gruppe auf den Weg.









Das Mädchen mit den feuerroten Haaren hatte nicht zu viel versprochen. Zwischen dem Meer aus Bäumen herrschte stockfinstere Dunkelheit. Man konnte nicht einmal die eigene Hand vor den Augen sehen. Immer wieder hörte man das Wimmern von einem der Mädchen. Das ständige Knacken von Ästen in der Ferne und das unterbewusste Gefühl, dass sie blindlinks in eine Falle liefen, hinterließ bei jedem von ihnen einen unangenehmen Schauer auf dem Rücken.
Kassa klammerte sich angsterfüllt an Kana. Auch Kamiko hielt sich an Rina fest. Murotan hingegen, die längst nicht mehr so tough wirkte wie sonst, ging mutigen Schrittes voran. Take und Rikako folgten ihr in einigem Abstand. Ayaka übernahm die Nachhut.
Mehrere Stunden irrten sie nun schon durch das Dickicht. Anfangs hatte sie das Empfinden nicht losgelassen, beobachtet zu werden. Ihre Gedanken waren auf einen plötzlichen Hinterhalt fokussiert. Doch nichts dergleichen geschah. Dabei war das die perfekte Gelegenheit für die Jäger. Falls es überhaupt welche gab. Sogar Rina zweifelte inzwischen an dem, was sie gehört hatte. Kamiko fragte sie flüsternd:

„Und du bist dir ganz sicher, dass die Dorfbewohner von Jägern sprachen?“

Das ältere Mädchen mit dem runden Gesicht runzelte die Stirn.

„Eigentlich ja. Aber ich wäre ganz froh darüber, wenn ich mich geirrt hätte. Und zurzeit hat es den Anschein danach.“

Viele Worte wollte niemand groß verlieren, während sie durch den Wald streiften. Jeder war mit sich selbst und seinen Gedanken von Horrorszenarien beschäftigt. Kamiko plagten vergangene Gruselgeschichten von Hexen, die Kinder entführten und gesichtslosen Männern, die einen nie wieder aus ihrem Bann ließen. Sofort schüttelte es sie heftig vor Gänsehaut.
Plötzlich brach ein Leuchten in die Szenerie. Sie betraten eine Lichtung. Das blaue Schimmern des Mondlichts auf der flachen Wiese hätte einen wunderschönen Eindruck hinterlassen können, wäre die Lage der Gruppe nicht so dermaßen angespannt.
Die Mädchen traten in das Zentrum des Geschehens, welches so seltsam und unnatürlich auf sie wirkte. Keine Menschenseele war zu sehen. Trotzdem gingen sie in erwartungsvoller Haltung einen Schritt nach dem anderen. Sie rechneten jeden Moment mit einem Angriff. Für einen kurzen Moment vernahm man nur das sanfte Rauschen des Windes, der durch die Blätter wehte.

„Nordosten. Eine Person. Westen. Zwei Personen.“

Rinas hohe Stimme war ruhig. Kamiko wandte den Blick auf ihre Kameradin. Diese hatte die Hände trichterförmig an die Ohrmuscheln gelegt, um ihren Hörsinn noch zu verstärken. Ayaka gab die ersten Befehle:

„Wir formieren uns. Bleibt in Position bis ich euch etwas anderes sage.“

Für Kamiko und die anderen waren diese Kommandos reinste Routine. Sie übten sie beinahe täglich. Murotan und Rikako übernahmen die Front. Sie waren reine Bewegungskünstler. Hinter ihnen nahm Take ihre Stellung ein. Sie diente als Unterstützung der vorderen Linie. Da Kassa noch keine direkte Rolle im ANGERME-Gefüge besaß, wurde sie neben ihre Mentorin positioniert: Kamiko. Deren Aufgabe war es, die Koordination des Angriffes zu überwachen, die Standorte der Feinde beständig zu lokalisieren und deren taktischen Plänen zuvorzukommen. Außerdem, da sie keine medizinische Kraft im Bunde hatten, wurde der kleinen Schwarzhaarigen die Aufgabe zuteil, die Lebensenergie ihrer Kameraden im Auge zu behalten.
Die Nachhut übernahmen Rina, Kana und Ayaka. Die drei besaßen neben Take die größte Erfahrung im Kampf und konnten somit Situation bedachter und optimierter einschätzen als die hitzköpfigen Rikako und Murotan oder gar die Jünglinge. Sollte also irgendetwas schief laufen, konnten sie problemlos eingreifen und die Rolle ihrer Vordermänner mit Bravour ausfüllen.
Aus dem Dunklen vor ihnen ertönte eine raue Stimme:

„Sieh an, sieh an! Wen haben wir denn da? Haben sich etwa ein paar kleine Mädchen im Wald verirrt?“

Kamiko stockte. Das klang nach einem gewöhnlichen Menschen. Jäger redeten nicht so geschwollen daher. Sie waren nahezu perfekte Tötungsmaschinen und hatten kein Interesse an nutzlosem Small-Talk.
Ein Mann erschien im Schatten der Lichtung. Er war hochgewachsen, trug einen Stoppelbart und eine graue Mähne und schleppte eine schwere Keule mit sich. Die Waffe war ausgeschmückt mit ins Holz eingeschlagenen Nägeln.
Wie von Rina angekündigt tauchten auch aus westlicher Richtung zwei Männer auf. Ihre Gesichter waren zuerst mit Kapuzen bedeckt, jedoch nahmen sie diese beim Hervortreten ab. Das konnten die Personen gewesen sein, die Kassa vom Fenster aus beobachtet hatte. Beide hatten ein teuflisches Grinsen aufgesetzt. Der Größere von beiden, sein Gesicht war ganz vernarbt, sprach mit einer sehr tiefen, bedrohlichen Stimme:

„Ihr Gören aus dem Schloss habt echt Mumm in unser Territorium einzudringen. Kommt hierher mit euren feinen Klamotten und eurem vielen Geld und glaubt echt, dass man euch einfach so passieren lässt.“

So langsam löste sich die Spannung von ANGERME, welche sich über die letzten Stunden so maßlos aufgebaut hatte. Nun, da sie wussten, wer die unmittelbare Bedrohung war, konnten sie alle nicht anders, als vor Erleichterung aufzuatmen. Es waren nur Gefäße. Murotan, die bereits in Kampfhaltung gelauert hatte, musste sogar unentwegt grinsen. Schließlich sagte sie amüsiert:

„Na ihr seid mir ja ein paar Spaßvögel. Und wir dachten schon, dass Jäger hinter uns her sind. Das vereinfacht die ganze Angelegenheit natürlich.“

Ihre Kontrahenten reagierten auf diese Anmaßung mehr als wütend. Der Grauhaarige hob drohend seinen Schläger in die Höhe und trat mit langsamen Schritten auf die Gruppe zu. Der Vernarbte und sein Partner knurrten aggressiv und taten es ihm gleich.

„Ihr verwöhnten Schnallen solltet den Mund nicht soweit aufreißen. Gebt uns jetzt euer gesamtes Hab und Gut, einschließlich eurer wertvollen Kleidung.“

Die Männer lachten bösartig und waren inzwischen sehr nah gekommen. Kamiko entspannte ihre Züge und kratzte sich etwas irritiert an der Wange. Wie waren sie denn in solch eine unangenehme Situation geraten?
Der Kleinste von ihnen bemerkte die Geste und nahm es sofort als Provokation auf. Sein schriller, wütender Ton hallte über die Lichtung:

„Mit dir fangen wir an, Winzling! Runter mit dem Stoff. Wenn du Glück hast, sind wir auch ganz sanft zu dir.“

Rikako trat zwischen den Sprecher und Kamiko. Genervt antwortete sie:

„Das reicht jetzt so langsam. Keiner von uns will hier irgendwas ausziehen. Wenn ihr unbedingt nackte Haut sehen wollt, dann schlage ich euch vor, dass ihr euch einfach gegenseitig betrachtet. Auch wenn ich verstehen kann, dass das für keinen von euch ein angenehmer Anblick werden würde.“

Obwohl Kamiko den Schutz nicht bedurft hätte, freute sie sich darüber, dass ihre Freundin sie verteidigte. Der Vernarbte schrie zornig:

„Du wagst es…“

Murotan legte den Zeigefinger auf die Lippen:

„Psst! Du weckst sonst noch Bambi auf.“

Damit hatte die Chaoskönigin den Bogen überspannt. Rasend vor Wut rannten die Banditen auf die Gruppierung zu. Alles ging Schlag auf Schlag.
Murotan hatte blitzschnell zu einer Vorwärtsbewegung angesetzt. Ihr Faustschlag schoss in unsagbarer Geschwindigkeit durch die Luft, sodass man den Zusammenprall mit dem Körper ihres Gegenübers nur hören konnte, aber nicht sah. Der Grauhaarige schlitterte über den Boden der Lichtung und riss ganze Batzen von Wiesenballen mit sich.
Zeitgleich war Rikako in die Luft gesprungen und hatte mit einem gezielten Tritt den Vernarbten ausgeknockt, indem sie einen Volltreffer an dessen Schläfe vollführte.
Neben Kamiko tauchte plötzlich der kleinere Mann auf. Seine weitaufgerissenen Augen zeigten die Gier seiner Seele. In eben jenem Moment wollte Kamiko zur Wehr ansetzen, doch plötzlich stöhnte ihr Peiniger schmerzhaft auf und sackte auf der Stelle in sich zusammen. Ein Mädchen hatte ihm eine wuchtige Kopfnuss verpasst.
Zuerst dachte Kamiko, dass es Kassa war. Die stand jedoch immer noch vollkommen regungslos hinter ihr und hielt sich am Saum des Oberteils ihrer Mentorin fest. Also blickte sich Kamiko das Mädchen neben ihr genauer an. Auch Murotan, die immer wieder die Hände zusammenklatschte, als hätte sie sie sich irgendwo schmutzig gemacht, kam lachend zu ihnen.

„Na das ist ja eine Überraschung. Du bist zeitig dran, Maho.“

Dann erkannte Kamiko sie auch. Das Zusammenspiel aus Licht und Schatten auf der Lichtung hatte es schwer gemacht, sie zu erkennen: Aikawa Maho, das neunte Mitglied von ANGERME. Nun war die Gruppierung endlich wieder vollständig.
Ihre schwarzen Haare waren zu einem strengen Zopf nach hinten gebunden. Ihr Gesicht hatte für Kamiko eine lustige Form. Die Stellung der Augen, die so weit auseinander lagen, hatte für das Mädchen immer eine gewisse Ähnlichkeit damit, wie sie sich ein Alien vorstellte.
Die Neue kratzte sich peinlich berührt am Kopf, wandte sich zu Kamiko und entschuldigte sich lächelnd:

„Tut mir leid, kleine Moe. Du hättest ihn auch umboxen können, aber ich fand seine Frisur so unschön, dass ich unbedingt draufschlagen musste.“

Die Angesprochene starrte Maho entgeistert an. DAS war ihr Grund, warum sie eingegriffen hatte?
Die Gruppe bildete einen Kreis. Sie hatten die Männer an einen nahen Baum gefesselt und mussten nun beraten, wie es weiterging. Ayaka richtete das Wort an den Neuankömmling:

„Aiai, schön, dass du wieder da bist. Du warst bei den Waldbewohnern. Hast du etwas herausbekommen?“

Maho lächelte und schüttelte mit dem Kopf.

„Ich hatte laute Stimmen gehört, da wollte ich mal nachsehen, was los ist. Aber nein, Ayacho, leider haben sie nicht genug Betten, dass wir dort übernachten können.“

Ayaka starrte sie verwirrt an, Murotan klatschte sich lachend die Hand vor das Gesicht und Take schlug ihr gegen den Hinterkopf und rief laut:

„Mensch, das war doch gar nicht die Frage. Hast du herausgefunden, ob sich unsere Zielperson dort befunden hat?“

Das Gesicht von Maho hellte sich auf.

„Ah, ja! Natürlich! Ja, die Frau mit der Maske war zu Besuch da.“

Kanas Augen weiteten sich vor Aufregung.

„Bist du ihr begegnet?“

Die Ausgefragte schüttelte den Kopf.

„Nein, das nicht. Aber die Ansässigen haben mir erzählt, dass sich vor ein paar Tagen eine Frau mit Maske niedergelassen hatte. Sie wollte den Einheimischen bei ihrem Affenproblem helfen.“

Rina runzelte die Stirn.

„Affenproblem?“

Maho nickte hastig.

„Ja! Ihre Beerenpflücker wurden immer wieder von Riesenaffen überfallen. Das erzählten sie der Masken-Frau. Die hatte sich dem Problem angenommen und seitdem gibt es wieder Beeren im Walddorf. Doch nachdem die Affen erledigt waren…“

Take beendete den Satz:

„…ist auch die Frau verschwunden, nicht wahr?“

Die Zopfträgerin nickte erneut.

„Genau! Verrückt, oder?“

Ayakas Gesicht nahm nachdenkliche Züge an. Für einen langen Moment sprach niemand ein Wort. Dann seufzte die Anführerin resigniert und richtete ihren Blick auf die Banditen, die reglos in ihren Seilen hingen.

„Okay, dann haben wir jetzt erst einmal unsere Spur verloren. Da wäre es Zeitverschwendung, wenn wir ohne Plan durch die Gegend irren. Das Walddorf war unser letzter Anhaltspunkt. Wir nehmen diese Typen mit und geben sie bei den Hütern ab. Sie sollen sich um sie kümmern. Wir werden den Obersten des Schlosses berichten, was wir bisher in Erfahrung gebracht haben.“

Rikako gab mit einem spöttischen Unterton zu verlauten:

„Also… nichts?“

Ayaka lächelte.

„Wie oft kamen wir schon mit leeren Händen zurück?“

Take, die gemeinsam mit Murotan, Kamiko und Kassa die Banditen befreite, um sie dann langsam aus ihrer Bewusstlosigkeit zu holen, antwortete darauf belustigt:

„Viel zu oft!“

Ayaka grinste süffisant.

„Ganz genau! Und wie oft wurden wir dafür bestraft?“

Kana knuffte ihr in die Seite, bevor sie lachend von sich gab:

„Noch nie. Denn wir haben eine fantastische Anführerin.“

Die Gruppe lachte herzhaft und schnell verbreitete sich gute Stimmung unter ihnen. Lediglich Kamiko wandte sich auf dem Weg in Richtung Walddorf, wo sie die restliche Nacht überdauern wollten, bevor es endgültig nach Hause ging, ein letztes Mal leise flüsternd an Rina:

„Sag mal, gab es also doch keine Jäger?“

Ihre Kameradin dachte kurz nach und antwortete dann mit ihrer klaren Stimme:

„Es ist wirklich seltsam. Ich bin mir immer noch sicher, dass die Dorfbewohner von Jägern gesprochen haben. Aber vielleicht haben sie einfach nur die Banditen gemeint.“

Kamiko nickte zögerlich. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Schließlich murmelte sie:

„Das mag wohl so sein. Ich habe keine Schwarze Seele wahrgenommen. Diese komischen Typen sind zwar schlechte Menschen, aber sie besitzen nicht die böse Aura, die ich fürchte. Und trotzdem hatte ich so ein seltsames Gefühl im Dorf…“

Rina lächelte sanft.

„Mach dir keinen Kopf darum. Dann haben wir uns halt geirrt. Jetzt ist nur wichtig, dass wir uns an ein gemütliches Lagerfeuer setzen, etwas essen und die Augen zumachen.“

Die Schwarzhaarige stimmte ihr fröhlich zu. Doch die dunkle Vorahnung wollte sie dennoch nicht mehr verlassen.

Kapitel 13 – Kirschblüten

Ein sonores Summen erfüllte den kleinen Raum. Der Schein flackernder Kerzen tanzte wild umher. Yokoyama Reina stand, mit zusammengekniffenen Augen und ausgebreiteten Armen, im Zentrum des Geschehens. Ein schimmerndes Leuchten umgab ihren zierlichen Körper. Sie spürte das berauschende Gefühl in sich. Es durchströmte sie und drang in jegliche Faser vor. Es wirkte so greifbar und machtvoll, nah und vertraut.
Goto Maki stand neben ihr und lehnte gegen ihren Schreibtisch. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen und sie nickte begeistert. Schließlich klatschte sie einmal laut mit den Händen. Reina öffnete prompt die Augen. Das machtvolle Leuchten erlosch und binnen einer Sekunde beruhigten sich auch die kleinen Flammen der Kerzen.

„Sehr gut. Wirklich sehr gut! Es hat ein wenig gedauert, doch ich denke, du hast endlich den ersehnten Erfolg zu feiern.“

Schweiß tropfte in Massen auf das bereits durchnässte T-Shirt der Jüngeren. Doch sie lächelte ebenfalls, wenn auch erschöpft.

„Dankeschön, Frau Goto! Ohne Ihre Hilfe hätte ich das niemals geschafft.“

Die Lehrerin macht mit ihrer Hand eine abwehrende Geste und zwinkerte dabei.

„Den Großteil der Arbeit hast du selbst verrichtet. Du kannst stolz auf dich sein. Die Dreifach-Belastung hat dir lange zugesetzt, doch inzwischen scheinst du gut damit zurecht zu kommen.“

Reina kratzte sich verlegen am Kopf. Irgendwie hatte ihre Mentorin recht. Es waren harte zwei Monate gewesen.
Ihr Blick wanderte, in Gedanken schwelgend, umher. Sie erinnerte sich noch haargenau an die ersten privaten Übungseinheiten. Goto Maki hatte sie in der Trainingshalle erwartet. Das Mädchen war hochmotiviert zu ihrer Lehrerin getreten und bereit, die Balance zwischen Körper und Geist zu erlernen. Doch das Grinsen war ihr schnell aus dem Gesicht gewischt worden.
Die ersten Stunden hatten aus fortgeschrittenen Übungen bestanden, um den Körper zu stählen. Während sie bereits jede Woche durch das harte Training von Frau Mitsubachi gestolpert war und sich fast jeden Tag eine Rüge abholen durfte, musste sie nun auch noch die qualvollen Treibereien von Frau Goto über sich ergehen lassen.
Allerdings hatte sich Reina schon bald gewünscht, dass sie zu diesen anfänglichen Trainingseinheiten hätte zurückkehren können. In der dritten Woche hatte die Meisterin des Geistes verlangt, dass die junge Kenshuusei ihre Übungen mit konzentrierten Machtschüben aus ihrem Inneren heraus kombinierte.
Dies stellte sich für Reina zuerst als eine nahezu unmögliche Aufgabe heraus. Zwar konnte sie eine seltsame Energie in sich vernehmen, doch hatte sie keine Idee gehabt, wie sie diese zu ihren Zwecken nutzen konnte.
Es dauerte eine ganze Weile, unter Anleitung von Goto Maki, bis Reina die fließende, intensive Präsenz in sich zu lenken vermochte. Die Lehrerin hatte klargestellt, dass es Selbstdisziplin, Geduld und Wille benötigte, um die Energien des Körpers sowie der Seele in umfassendem Maße nutzen zu können. Doch noch weitaus mehr verlangte es die Person ab, wenn man diese Energien verbinden wollte. Es war die hohe Kunst der Klarheit. Der erste Schritt in eine größere Welt.
Viele Wochen hatte Reina unter brutalen Bedingungen und unterdrückten Tränen trainiert. Goto Maki war keinesfalls zimperlich gewesen. Oft hatte sie ihren Schützling bis an die Grenzen gebracht, und darüber hinaus. In den Nächten konnte das Mädchen nicht einschlafen, da sich ihre Muskeln stets anfühlten, als wollten sie zerbersten. Am Tag konnte sie kaum einen klaren Gedanken fassen, da ihr Geist von solcher Erschöpfung geplagt war, dass die anderen Kenshuusei jedes Mal Angst hatten, sie würde einem erneuten Anfall anheim fallen.
Nach einiger Zeit mussten sie die Räumlichkeiten wechseln, da die Trainingshalle zu unsicher wurde. Viele ihrer Kameradinnen hatte der Ehrgeiz gepackt und statteten der Halle in der Mittagspause den ein oder anderen Besuch ab. Deshalb hatte die Lehrerin die Trainingseinheiten in ihr privates Bürozimmer verlagert.
Stunde für Stunde. Tag für Tag. Woche für Woche. Reina hatte sich nie beschwert. Das rechnete ihr Goto Maki hoch an. Doch Jammern hätte für Reina Versagen bedeutet. Und sie wollte nicht versagen. Auch wenn das bedeutet hatte, dass sie die Wutausbrüche von Frau Mitsubachi und den Druck von Frau Goto stillschweigend hinnehmen musste.
Doch dann war es endlich soweit. Hier und jetzt war es ihr das erste Mal gelungen, eine Balance zwischen Körper und Geist zu erzeugen. Die Kontrolle, ihre inneren Seelenkräfte zu lenken, beherrschte sie bereits gut. Die menschliche Hülle mit dieser Energie konzentriert und bewusst zu füllen war bisher jedoch ein unmögliches Unterfangen gewesen.
Es war ein Moment der absoluten Achtsamkeit, in der ihre Sinne wie befreit wirkten, als sie plötzlich ein neuartiges Bewusstsein verspürte. Genau in jenem Moment griff sie in ihrem Inneren nach dem klaren Licht, welches sie so lange unberührt durchflossen hatte. Und schließlich gelang es ihr. Die unglaubliche Energie gehorchte ihr. Sie folgte ihr. Sie verband sich mit ihr. Das herrliche Gefühl hatte ein Kribbeln durch ihren gesamten Körper gejagt, als das grelle Licht ihrer Seele sie umgeben hatte.
Reinas Blick klarte auf. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie minutenlang in der Stille verharrte und Goto Maki sie interessiert beobachtete.

„Es ist ein seltsames Empfinden, nicht wahr?“

Das Mädchen nickte langsam zur Bestätigung. Ihre Mentorin richtete sich auf und lachte.

„Ich kann mich noch genau an meine ersten Erfahrungen mit der Klarheit erinnern. So ein Erlebnis vergisst man nicht.“

Sie bot Reina einen Stuhl an, den die Kenshuusei dankend annahm. Sofort richtete diese ihre Augen auf Goto Maki.

„Wie war Ihre erste Begegnung mit dieser Art von Stärke?“

Die Angesprochene lächelte matt.

„Ich war 13 Jahre alt, als ich Morning Musume beitrat.“

Reina riss die Augen auf und starrte sie mit offenem Mund an.

„S-Sie waren in der Gruppierung Morning Musume?“

Diese Faszination kam nicht von irgendwo her. In den vormittäglichen Theoriestunden hatte die 26. Generation die verschiedenen Gruppierungen nähergebracht bekommen.
ANGERME und °C-ute hatte Reina bereits kennen gelernt.
Dann gab es noch Juice=Juice. Genau wie °C-ute bestanden sie aus fünf Mitgliedern.
Country Girls war eine Sechs-Personen-Truppe, angeführt von Tsugunaga Momoko, die sich bereits im fünften Rehab Grad befand.
Den Abschluss der Gruppierungen bildeten Kobushi Factory, bestehend aus acht Personen, und Tsubaki Factory, welche seit Neustem drei zusätzliche Mitglieder vorwiesen und sich somit im Gesamten aus neun Mitgliedern zusammensetzten.
Morning Musume hingegen war die Elite-Gruppe des Havens. Aufgrund der glorreichen Vergangenheit und dem Prestige, den die Mitglieder ausstrahlen sollten, wurden sie allgemein hin als Königinnen betitelt. Für die meisten Kenshuusei war es der sehnlichste Wunsch, in diese Gruppierung aufgenommen zu werden.
Umso beeindruckender wirkte es nun, da Reina erfuhr, dass Goto Maki ein Mitglied von Morning Musume gewesen war.
Die Lehrerin nickte verträumt.

„Ja, damals waren es gewissermaßen die Anfänge von Hello!Project Online. Das Konzept war noch nicht zur Gänze ausgearbeitet, doch wir bemühten uns um die Rehabilitation wie kein anderer. Meine Kameradinnen und ich waren Freunde, aber auch Konkurrentinnen. Man war gezwungen, sich einen Platz im Team zu erkämpfen. Und dies geschah dann auch für mich auf meiner ersten Mission. Wir waren fast zur Gänze ausgelöscht. Yasuda Kei lag im Sterben. Ich stand als Einzige. Es blieb mir keine andere Wahl, als über mich selbst hinaus zu wachsen. Ich musste das Training hinter mir lassen und endgültig der Realität ins Auge blicken. Das war der Moment. Die Klarheit des Seins durchdrang mich wie ich es noch nie zuvor erlebte. Ehe ich mich versah war ich erfüllt von einer Stärke, die meine Freunde vergeblich gesucht hatten.“

Reina hörte der Geschichte mit Faszination zu. Tausende Gedanken kreisten um sie herum. Eine Frage nach der nächsten schoss durch ihren Kopf. Sofort sprudelte es aus ihr heraus:

„Wie haben Sie es geschafft, sich da rauszuholen?“

Die Befragte hob lachend die Hände, bevor sie amüsiert fortsetzte:

„Ich wusste gar nicht, dass ich so eine großartige Erzählerin bin. Aber ich kann dir leider gar nicht mehr so viel berichten. Natürlich nutzte ich meine neu gewonnenen Kräfte, um unsere Feinde in die Flucht zu schlagen. Es war überwältigend.“

Ihre junge Zuhörerin starrte sie noch immer beeindruckt an. Schließlich fragte diese:

„Wer waren die Angreifer?“

Goto Maki zögerte einen kurzen Moment. Ihre Lippen formten eine schmale Linie. Augenscheinlich schien ihr die Antwort nicht leicht zu fallen. Doch dann antwortete sie emotionslos:

„Es waren Jäger.“

Verwirrt zog Reina eine Augenbraue nach oben.

„Was sind denn Jäger?“

In etwas resignierter Manier seufzte die Lehrerin und sprach:

„Das sind dunkle Kreaturen. Sie sind unsere ärgsten Kontrahenten in dieser Welt. Man kann sie als humanoide Lebewesen bezeichnen, doch das ist auch das Einzige, was sie mit uns Menschen gemein haben. Ihre hauptsächliche Natur ist es, Seelenträger, wie wir es sind, zu jagen und niederzumetzeln.“

Das junge Mädchen fröstelte es bei dieser Bemerkung. Sie konnte nicht umhin als zu fragen:

„Wofür sind sie da? Die Therapie soll uns doch helfen. Doch diese Wesen scheinen eher dafür da zu sein, uns scheitern zu lassen.“

Goto Maki biss sich auf die Unterlippe. Ein seltsames Verhalten, dachte Reina. Schließlich sagte ihre Mentorin langsam:

„Du musst verstehen, Yokoyama, die reale Welt ist nicht einfach Schwarz und Weiß. Hello!Project Online ist ein traumwandlerisches Abbild davon. Nur weil wir etwas als Böse empfinden, hat es womöglich dennoch seine Berechtigung zu existieren. Je eher wir das akzeptieren, desto eher können wir auch für uns selbst im Leben voranschreiten. Denn wir wachsen nicht an Freude und Besinnlichkeit, sondern an Problemen und Prüfungen, die wir eigenständig lösen.“

Mit diesen Worten schritt Goto Maki zur Tür und öffnete diese. Schwach lächelnd wies sie mit ihrer Hand in Richtung Ausgang. Reina verstand die Geste. Sie ließ das Gefühl nicht los, als hatte sie am Ende eine Frage zu viel gestellt.









Müde schritt Reina die Korridore entlang Richtung Trainingshallen. Obwohl sie noch immer die wohlige Wärme ihres Erfolges verspürte, wusste sie nicht, wie sie die Quälereien von Frau Mitsubachi in den nächsten Stunden überleben sollte. Ihr gesamter Körper zitterte. Die Belastung der vergangenen zwei Monate war spürbar wie nie zuvor.
Die junge Kenshuusei blieb stehen und stützte sich mit der linken Hand an die steinerne Seitenwand des Ganges. Sie holte dreimal tief Luft und versuchte, ihren Puls zu beruhigen.

„Geht es dir gut? Du siehst ziemlich fertig aus.“

Eine klare, süßliche Stimme erklang hinter Reina. Eine Sekunde später hatte sich eine Person unter ihr hängendes Gesicht gebeugt und betrachtete sie mit großen, unschuldigen Augen. Das dunkelbraune Haar des Ankömmlings war an der Seite mehrfach geflochten und fiel ihr elegant über die Schultern.
Reina war für einen kurzen Moment vollkommen perplex, wie nah das fremde Mädchen ihr kam. Ein sanfter, angenehmer Duft, der seltsamerweise Gedanken an wunderschöne Kirschblüten entfachte, drang in ihre Nase. Schnell richtete sie sich auf und sagte hastig:

„J-Ja, alles in Ordnung, danke!“

Erwartungsvolle Blicke hafteten auf der Kenshuusei. Diese musterte nun ihrerseits die Fremde genauer. Die Person ihr gegenüber war ungefähr genauso groß wie sie selbst. Doch ihr Gesicht und ihr Körper wirkten weitaus femininer. Sie war definitiv älter als Reina. Das junge Mädchen fragte sich, ob die Person ein Gefäß wäre oder ein Gruppierungs-Mitglied. Oder vielleicht sogar ein sehr, sehr junger Lehrer?
Bevor sie jedoch fragen konnte, trat die Fremde mit einem Mal auf Reina zu und berührte sie, begleitet von einem aufmunternden Lächeln, sanft an der Schulter.
Was als nächstes passierte, konnte sich Reina nicht erklären. Angenehme Frische breitete sich in ihr aus. Die Müdigkeit war mit einem Wimpernschlag verflogen und auch die brennenden Schmerzen in Armen und Beinen waren gelindert. Sogar das Zittern stoppte schlagartig.
Die Kenshuusei starrte ihre Helferin mit weit aufgerissenen Augen an. Diese schenkte ihr ein breites, fröhliches Lächeln, machte auf dem Absatz kehrt und schritt mit einem leichten Hüftschwung den Korridor entlang.

„Wie heißt d…“

Doch es war zu spät. Ehe Reina die Frage vollenden konnte, war die Person bereits entschwunden. Lediglich das süß-bittere Aroma, welches das junge Mädchen so sehr an Kirschblüten erinnerte, verblieb noch für einen kurzen Moment. Vollkommen überwältigt verharrte die Dunkelhaarige für mehrere Minuten an Ort und Stelle. Schließlich machte sie sich gedankenverloren auf den Weg.
Noch während sie den Gang hinunter lief, hielt sie Ausschau nach der mysteriösen Person. Sie war wohl kein Gefäß gewesen. Zumindest hatte Reina noch nicht mitbekommen, dass Gefäße zu solch heilenden Kräften in der Lage waren. Also musste sie einer Gruppierung angehören. Sie wirkte nicht so chaotisch, wie sie ANGERME in Erinnerung hatte. Die °C-ute-Mitglieder konnte sie jederzeit wiedererkennen, aufgrund ihres beeindruckenden Einmarsches. Alle weiteren Gruppen hatte sie bisher noch nie getroffen.
Reina hoffte, dass sie der Person noch einmal begegnen würde. Sie wollte sich unbedingt bei ihr bedanken und mehr über sie erfahren.
Aufgrund der unverhofften Erholung, die sie erhalten hatte, erreichte sie die Türen zur Trainingshalle weitaus schneller als geplant. Ein prüfender Blick auf die große Uhr an der Wand über den Zuschauerrängen sagte ihr, dass sie noch 40 Minuten Zeit hatte, bevor Frau Mitsubachi sie alle wieder über den matten Boden preschen lassen würde.
Gerade als sie ihre Tasche in eine Ecke legte und begann, sich umzuziehen, bemerkte sie, dass sie nicht allein war. Kaga Kaede hatte ihre übliche Trainingshaltung vor dem Spiegel eingenommen. Die Anzahl der Schweißperlen auf ihrem Gesicht verriet, dass sie bereits einige Zeit hier war.
Reina, nachdem sie mit voller Trainingsmontur ausgestattet war, trat direkt an ihre Seite. Die Kurzhaarige verschwendete keinen einzigen Blick auf sie. Stattdessen setzte sie ihre Bewegungen ohne Unterbrechung fort.
Die Jüngere beobachtete sie eine Zeit lang. Dann setzte sie mitten drin ein und ahmte Kaedis Übungen nach. Für mehrere Minuten verschmolzen die beiden regelrecht miteinander. In perfekter Synchronität führten sie Handkantenschläge aus, meisterten komplexe Drehungen, erarbeiteten sich rasante Rückwärtssequenzen und absolvierten hierarchische Abläufe in Hinblick auf Angriff und Verteidigung.

„KYAAAA!“

Sie endeten mit einem gleichzeitig entfesselten Schrei und der ausgestreckten Faust in Richtung Spiegel. Schwer atmend starrten sie auf ihre Zwillingsgestalten, die ihnen so entschlossen entgegenblickten, wie sie sich fühlten.
Reina setzte sich sofort auf den Boden, stützte sich auf ihre Arme nach hinten und hob den Kopf nach oben, um die weite Decke zu betrachten.

„Puh, das war klasse. Ich glaube, wir sind ein super Team, Kaedi.“

Die Angesprochene dehnte sich leicht und brummte:

„Ich habe dir nicht erlaubt, mich so zu nennen.“

Gespielt beleidigt wandte Reina sich ihrer Kameradin zu.

„Die anderen Kenshuusei dürfen dich doch auch so nennen.“

Kaede versuchte weiterhin den Augenkontakt zu meiden, während sie antwortete:

„Die anderen nerven mich auch nicht. Du tust das schon.“

Die Jüngere grinste über beide Ohren.

„Du bist halt meine ärgste Konkurrentin, deshalb muss ich dich nerven.“

Reina hatte es tatsächlich geschafft. Kaedes Augen wanderten bei diesen Worten irritiert zu der kleineren Kenshuusei.

„Wie meinst du das? Ärgste Konkurrentin?“

Die Dunkelhaarige kratzte sich lachend am Kopf.

„Naja, du bist mit solch großer Leidenschaft dabei, besser werden zu wollen. Und ich glaube, ich teile diese Leidenschaft einfach. Ich möchte auch so gern in eine Gruppierung aufgenommen werden.“

Kaedes Gesicht verdunkelte sich schlagartig. Kurzzeitig sprach niemand ein Wort. Reina wollte gerade erneut etwas sagen, doch die Ältere unterbrach sie vehement. Ein aufbrausender Unterton begleitete sie.

„Du bist erst zwei Monate hier und verlangst schon einen Platz in einer Gruppierung? Du weißt überhaupt nichts über uns Kenshuusei. Du weißt nichts über mich.“

Aufmerksam betrachtete die Jüngere ihre Kameradin. Diese warf Reina einen zornerfüllten Blick zu und wies dann mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie.

„Du willst besser sein als wir? Dann kämpfe gegen mich. Hier und jetzt! Ich beweise dir, dass zwischen uns Welten liegen.“

Zuerst runzelte Reina die Stirn, weil sie solch eine aggressive Antwort nicht erwartet hatte. Doch dann sprang sie motiviert auf, ballte beide Hände zu Fäusten und blickte aufgeregt zu Kaede.

„Okay, lass uns sofort loslegen!“

Mit solch einer Reaktion hatte die Ältere ebenfalls nicht gerechnet, doch unbewusst musste nun auch sie grinsen.

„Wir gehen jeder in eine gegenüberliegende Ecke der Halle. Auf Drei beginnt der Kampf.“

Ihre Kontrahentin nickte fröhlich zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Schnell begaben sie sich zur vorgegebenen Position. Kaede hob einen Finger in die Luft und sprach laut:

„Eins!“

Reina erwiderte die Geste mit zwei Fingern und rief lachend:

„Zwei!“

Gemeinsam hoben sie den letzten Finger in die Höhe und schrien simultan:

„DREI!“

Und mit brachialer Geschwindigkeit sprinteten sie aufeinander zu.

Kapitel 14 – Die Angst zu versagen

Der harte Aufprall der beiden Kontrahenten hinterließ eine starke Druckwelle, die durch die gesamte Trainingshalle schoss. Für einen kurzen Moment verharrten Reina und Kaede, sich intensiv anblickend, in der Luft.
Dann holte die Ältere mit einem gezielten Handkantenschlag aus und traf ihre Partnerin direkt in die Seite. Diese spürte die grausamen Schmerzen aufflammen, während sie hart auf dem Boden aufschlug.
Doch sofort fing Reina sich, bremste mit Händen und Füßen ihren Sturz ab und raste erneut auf Kaede zu. Die Kurzhaarige hatte mit solch einer brachialen Taktik gerechnet. Sie analysierte in Sekundenbruchteilen Reinas Angriffsmuster und blockte sowohl die darauffolgenden Schläge als auch den überraschenden Kick gegen ihre Wade.
Instinktiv sprang die Jüngere fluchtartig nach hinten, als Kaede zu einer weiteren machtvollen Bewegung ansetzte. Keinen Moment zu spät schepperte eine Windhose in horizontaler Linie zwischen beiden Seiten entlang und hinterließ einen schwarzen, linienförmigen Abdruck auf dem Boden.
Reina atmete erleichtert aus. Hätte sie diese Energiewelle getroffen, wäre der Kampf bereits vorbei. Kaedi machte eindeutig ernst. Das junge Mädchen konnte nicht umhin, als ihre Gegnerin zu bewundern. Es war also nur gerecht, wenn auch Reina alles in den Ring warf.
Mit ernster Miene sammelte sie ihre innerlichen Kräfte. Nun zeigte sich, ob sie den Übungen von Frau Goto gerecht wurde.
Ein entsetzliches Krachen schallte durch den Raum. Reina blieb schlagartig die Luft weg. Kaedes Faust hatte sich urplötzlich in den Magen der jungen Kenshuusei gerammt. Mit solch einem Tempo hatte sie keinesfalls gerechnet. Reina brach zuckend zusammen und krümmte sich ächzend auf dem Boden.
Kaede blickte emotionslos zu ihr hinunter.

„Dachtest du tatsächlich, du kannst mit deinen Geist-Tricks gegen mich ankommen? Jahr für Jahr sehe ich Generationen von Kenshuusei, die nach mir kamen, den Gruppierungen beitreten. Jahr für Jahr muss ich mich damit abfinden, dass ich nicht gut genug bin. Einfach, weil ich nicht die Balance halte zwischen Körper und diesem vermaledeiten Geist. Egal wie viel ich trainiere…“

Reina bemühte sich unter Schmerzen aufzustehen. Kaede sprach wie in Rage:

„Und jetzt kommst du. Gerade mal für kurze Zeit hier und spielst dich auf, als wärst du etwas Besonderes.“

Die Ältere griff wütend nach dem Kragen von Reinas Shirt und hob sie in die Luft, während sie brüllte:

„Dein Lachen wird dir irgendwann vergehen. Die Regeln hier lauten: Überleben oder Sterben! So ein Naivling wie du es bist, kann hier gar nicht bestehen… darf nicht bestehen…“

Die Dunkelhaarige starrte sie erneut aufmerksam an, während sie sich im Griff ihrer Peinigerin befand. Kein Wort kam über ihre Lippen. Das brachte Kaede nur noch mehr zur Weißglut.

„Nun sag endlich etwas! Irgendetwas! Wehr dich! WEHR DICH!“

Sie schleuderte Reina auf den Boden. Diese rutschte schlitternd über diesen, machte diesmal aber keine Anstalten zu bremsen. Als sie schließlich von allein stoppte, richtete sie sich langsam auf. Ihre Augen waren im Dunkel ihrer Haare verschwunden. Auch kein Lächeln war zu erkennen. Stattdessen war die Lippe aufgeplatzt und Schürfwunden zierten ihr Gesicht und ihre Arme.
Plötzlich ging sie in die gleiche Haltung wie schon zuvor, als Kaede sie niederstreckte. Sie breitete ihre Hände aus und sammelte ihren Geist. Kaede riss hasserfüllt die Augen auf.

„Sagte ich nicht, dass du solche billigen Tricks nicht bei mir probieren brauchst?“

Erneut nahm sie Tempo auf und sauste mit der Faust voran in Richtung Reina. Diese öffnete entschlossen die Augen und konzentrierte den Fluss des Lichts in ihrem Inneren auf ihre Gelenke.
Schlagartig wendete sich das Blatt. Durch eine gekonnte Zirkulation mit den Armen gelang es Reina, den brutalen Schlag von Kaede auszuhebeln. Im zeitgleichen Moment drehte sie sich rückwärts um die eigene Achse und wirbelte mit ihrem Fuß um sich herum, sodass dieser die Kontrahentin konsequent durch die Luft fegte. Sofort sprang Reina hinterher und ließ ihren Ellbogen gegen Kaedes Rippen knallen. Diese röchelte schockiert und schmetterte eine Sekunde später auf dem Boden auf.
Doch es war noch nicht zu Ende. Schnellstmöglich folgte ihr die Jüngere, welche einen letzten Schlag in Richtung Erde ansetzte.
Kaede reagierte blitzschnell. Durch den wuchtvollen Abstoß mit ihren Armen rollte sie sich weg. Kurz danach prallte Reina auf den Boden.
Ohne zu zögern richteten sie beide ihre Blicke auf den anderen und gingen erneut in Stellung. Kaede bemerkte leicht amüsiert:

„Nimmst du das alles also endlich ernst?“

Bei diesem Kommentar musste Reina unwillkürlich grinsen, auch wenn ihre Augen voller Entschlossenheit funkelten.

„Ich nehme das Ganze ernst seit ich hier bin.“

Schwer atmend fragte Kaede verwirrt:

„Und warum spielst du dann immer das naive Dummchen?“

Auch die Jüngere hatte mit den Auswirkungen des Geschehens zu kämpfen. Trotzdem gelang ihr eine ehrlich fröhliche Antwort:

„Ich spiele niemandem etwas vor. Ich glaube einfach nur daran, dass jeder Mensch das Lächeln, das ich ihm schenke, verdient hat. Du kannst mich naiv oder dumm nennen wie du willst. Am Ende des Tages weiß ich, dass ich glücklich mit mir bin. Bist du das mit dir auch, Kaedi?“

Der Herzschlag der Älteren setzte für einen Moment aus. Ihre Miene zerfiel. Der kurze Augenblick, wo sie über die Frage nachdachte, reichte aus, um sie gänzlich zu verunsichern.
Die Türen zur Trainingshalle öffneten sich. Die anderen Kenshuusei traten einer nach dem anderen ein und sahen das Spektakel mit offenen Mündern vor sich.
Reina hatte keine Zeit verloren und sprintete nun auf die komplett zerstörte Kaede zu. Als das junge Mädchen mit den dunklen, schulterlangen Haaren zum entscheidenden Schlag ausholte, besann sich ihre Kameradin und setzte in eine arg defensive Haltung an. Kaedis Handflächen summten und begannen rot zu schimmern. Reinas Faust hingegen knisterte förmlich und ein bläulich grelles Licht umgab sie.
Der Aufschlag war monumental. Starke Windböen sausten auf die Zuschauer zu, die Mühe hatten, sich irgendwo oder aneinander festzuhalten. Welle um Welle wurde vom Zentrum des Geschehens abgestoßen. Bis beide Kontrahenten schließlich in entgegengesetzte Richtungen geschleudert wurden und mit den Rücken gegen die steinernen Wände prallten.
Als die beiden reglos am Boden liegen blieben, rannten die anderen Kenshuusei panisch zu den Kämpferinnen. Shiori schrie entsetzt:

„Reina! Reina! Was ist hier los? Was macht ihr hier? Das ist doch viel zu gefährlich!“

Schnell drehten sie ihr Generationsmitglied, sodass diese mit dem Gesicht nach oben lag. Reinas Augen zuckten. Schwerfällig öffnete sie diese und blickte in vertraute Gesichter. Sofort zeigte sich das wohlbekannte Lächeln.

„Hey, ihr! Ich habe gar nicht mitbekommen, dass ihr schon da seid.“

Ihre Kameradinnen prusteten vor Erleichterung. Rin brach beinahe in Tränen aus.

„Wieso kämpft ihr gegeneinander? Wir sind doch ein Team? Ihr dürft euch nicht verletzen.“

Reina richtete sich langsam auf und legte lachend die Hand auf den Kopf der Jüngsten.

„Wir haben nur zusammen trainiert. Das hat echt viel Spaß gemacht.“

Zweifelnd blickte die 26. Generation auf die Frohnatur. Dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit in Richtung Kaede. Diese war ebenfalls bereits aufgestanden und klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Icchan, Kurumi und Hikaru waren bei ihr und redeten auf sie ein.

„Was ist denn bitte HIER los?“

Frau Mitsubachi hatte soeben die Szenerie betreten. Für sie musste das Ganze eindeutig seltsam aussehen. Zwei verschrammte, blutende Schüler, um die sich jeweils ein Halbkreis von Kenshuusei gebildet hatte.
Bevor sie sich jedoch ein endgültiges Bild hätte machen können, war es ausgerechnet Kaede, die zu ihr trat und sich verbeugte.

„Es tut mir leid, Frau Mitsubachi. Mir geht es heute ganz und gar nicht gut. Dürfte ich dieses Training aussetzen?“

Die Lehrerin runzelte die Stirn vor Verwirrung.

„Aussetzen? Du, Kaga?“

Die Angesprochene nickte und verblieb in der Verbeugung.

„Ja! Ich bitte sie dringlich darum, mich auf mein Zimmer gehen zu lassen.“

Frau Mitsubachi wusste zuerst nichts darauf zu erwidern. Normalerweise war es ein No-Go die Trainingseinheiten zu schwänzen. Allerdings wusste sie auch, dass Kaga Kaede weitaus mehr und intensiver ihre Übungen praktizierte, als alle anderen Kenshuusei zusammen.
Unwirsch nickte sie.

„Na gut. Dieses eine Mal. Das sollte aber nicht noch einmal vorkommen, Kaga. Hast du mich verstanden?“

Kaede bedankte sich ehrlich:

„Ja, das habe ich verstanden. Ich danke Ihnen.“

Und sofort nahm sie ihre Sachen und floh regelrecht aus der Halle.
Frau Mitsubachi, noch immer leicht irritiert, klatschte in die Hände.

„Wir haben viel zu tun heute. Zieht euch also um. Wir beginnen in fünf Minuten.“

Obwohl Reina bereits ihre Trainingsklamotten trug, begleitete sie die anderen Kenshuusei zu dem Platz an der Wand mit den Taschen. Ayano platzte mit einem Mal heraus:

„Nun erzähl schon, Reina. Was ist da zwischen euch vorgefallen?“

Die Angesprochene schüttelte lächelnd den Kopf.

„Wir wollten sehen, wer die bessere ist.“

Kurumi antwortete schnippisch:

„Ich glaube, Kaedi hat einen Narren an dir gefressen. So offenherzig war sie schon lange nicht mehr.“

Reina blickte sie verwundert an.

„Sie hat mich ziemlich wüst beschimpft. Sie meinte, dass ich sie und die Kenshuusei überhaupt nicht kenne, da ich erst zwei Monate hier bin.“

Ruru legte ihr von hinten die Hand auf die Schulter und sprach entschuldigend:

„Was das betrifft, musst du etwas Rücksicht nehmen. Kaedi ist seit fast vier Jahren Teil der Kenshuusei. Fast alle ihre Generationsmitglieder sind bereits Teil von Gruppierungen. Und so viele von später aufgenommenen Kenshuusei sind ebenfalls vor ihr an der Reihe gewesen. Ich denke, dass dieser Frust jeden Tag auf ihr lastet. Genauso übrigens wie es wohl bei unserer Icchan der Fall ist, oder?“

Der besorgte Blick des großen Mädchens traf die Anführerin der Kenshuusei, die dem Gespräch still gefolgt war. Leicht schluckend antwortete sie:

„Kaedi und ich sind die letzten unserer Generation. Und wir befinden uns schon so lange im Therapieprogramm, dass wir jede Woche mit dem Schlimmsten rechnen. Im Grunde warten wir nur noch auf die Botschaft, dass uns der Observer aus dem Projekt wirft. Für euch alle besteht so viel Hoffnung. Und ich bin fest davon überzeugt, dass ihr es in eine Gruppierung schafft. Doch wenn man, wie wir, das vierte Jahr in den Kenshuusei überschreitet, dann sollte man sich darüber Gedanken machen, was man wem noch alles mitteilen möchte, bevor endgültig der Stecker gezogen wird.“

Das war eine verheerende Nachricht für Reina. Ihr war überhaupt nicht bewusst gewesen, in welcher Drucksituation sich Kaedi und Icchan befanden. Ihnen war die Pistole an die Brust gesetzt. Wenn sie nicht bald einer Gruppierung beitraten, würde der Observer sie als untherapierbar einstufen und sich ihrer entledigen. So wie sie Goto Maki verstanden hatte, würde das keine guten Folgen im realen Leben nach sich ziehen.
Auch die anderen Kenshuusei stimmte das Gesagte nicht gerade fröhlich. Reina selbst musste all das erst einmal verarbeiten. Besaß sie überhaupt das Recht, immer weiter voranzuschreiten? Durfte sie so schnell stärker werden, wenn es bedeutete, dass sie Kaedi und Icchan, die schon solange auf ihre Beförderung warteten, die Gruppierungsplätze wegnahm? Das war alles so ungerecht, dachte das junge Mädchen.
Plötzlich bemerkte sie, wie ein bestimmtes Paar Augen sie finster anstarrte. Sofort wandte sie sich in eine der Ecken und stand Yuhane gegenüber. Die ehrgeizige Kenshuusei sprach mit leicht erregtem Ton:

„Reina, das was da vorhin geschehen ist… Ihr habt nicht auf normalem Niveau gekämpft.“

Irritiert begannen die anderen Kenshuusei zu flüstern. Sie fragten sich, was Yuhane damit meinte. Reina hingegen biss sich verzweifelt auf die Unterlippe. Das bemerkte die Person, die ihr gegenüberstand, sofort.

„Aha! Ich habe also richtig vermutet. Das waren nicht nur einfache Schläge. Du hast deinen Geist mit deinem Körper verbunden.“

Shiori fragte verwirrt:

„J-Ja und? Was willst du denn damit sagen, Yuhane?“

Die Angesprochene wies mit dem Finger auf Reina und erwiderte kalt:

„Sie besitzt mehr Wissen als wir. Doch das ist unmöglich, denn wir hatten alle denselben Unterricht. Also gehe ich davon aus, dass das etwas mit den Privatstunden bei Frau Goto zu tun hat, nicht wahr?“

Eifersüchtig starrte Yuhane zu ihrer Kameradin. Diese wiederum wusste überhaupt nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Schließlich entschied sie sich für die Wahrheit:

„Ja, Frau Goto hat mir beigebracht, wie man die Kenntnis der Klarheit anwendet.“

Schnaufend vor Wut sagte Yuhane sofort:

„Und wir sollen uns mit der Erklärung zufriedengeben, dass das noch nichts ist, was man als Kenshuusei lernen muss? Es scheint dir eindeutige Vorteile in der Entwicklung zu geben. Was soll das? Wieso dürfen wir diese Kunst nicht beigebracht bekommen?“

Reina hob verteidigend die Arme:

„Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich musste…“

Doch sie wurde schlagartig von Frau Mitsubachi unterbrochen. Die Lehrerin rief alle zum Training.
Yuhane sauste mit rauchendem Kopf an Reina vorbei, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen. Sie suchte Hilfe bei den anderen Kenshuusei, doch diese schienen ebenfalls äußerst verwirrt. Schnell gingen sie auf ihre Positionen, um über die Unterhaltung nachzudenken.
Reina wusste nicht, wie sie das wieder gerade biegen konnte. Gingen sie etwa alle davon aus, dass sie bewusst ein heimliches Training absolviert hatte, um den anderen die Gruppierungsplätze wegzuschnappen? Das durften sie nicht denken. Reina wollte nicht, dass sie sie für solch eine hinterhältige Person hielten.

„Yokoyama! Los jetzt! Position!“

Innerlich bebend schritt das junge Mädchen zu den anderen. Wie kam sie nur aus diesem Schlamassel wieder heraus?

Kapitel 15 – Café Buono

Der November begrüßte die Bewohner des Havens mit Unwetterstürmen. Die Temperaturen, die sich noch lange in angenehmen Höhen gehalten hatten, sanken rapide ab. Der Regen prasselte mit einem sanften Trommeln gegen die Fensterscheiben der Bibliothek.
Reina war in den letzten Wochen öfter an diesem Ort zu finden gewesen. Einerseits hatte sie bereits seit ihrem Kenshuusei-Beitritt geplant, sich einmal ausgiebig den ganzen Schriften des Schlosses zu widmen. Dies blieb ihr lange verwehrt, da die Belastung der ersten Monate ihre gesamte Aufmerksamkeit gefordert hatte. Zum anderen konnte sie sich somit etwas von den anderen Kenshuusei distanzieren. Seitdem herausgekommen war, dass Reina bereits eine ausgiebige Grundausbildung in Sachen Klarheit erhalten hatte, wurde sie vom Großteil der Kenshuusei misstrauisch beäugt. Natürlich äußerte sich niemand direkt offen gegen sie, allerdings bemerkte Reina die auffällige Abneigung ihr gegenüber, wenn sie versuchte, sich in Gespräche einzuschalten oder sich überhaupt zu ihren Kameraden gesellte. Schlagartig endeten die Unterhaltungen und binnen weniger Minuten löste sich die Gruppe auf. Reina blieb dann allein zurück.
Das junge Mädchen konnte die Reaktionen, so verletzend sie waren, nachvollziehen. Manche von ihnen befanden sich bereits mehrere Jahre in der Ausbildung und bemühten sich jeden Tag aufs Neue, endlich einer Gruppierung beitreten zu dürfen. Da wirkte es wohl oder übel fragwürdig, wenn da ein vorlauter Neuling daherkam und plötzlich bevorzugt behandelt wurde.
Reina hatte versucht, zu erklären, warum Goto Maki sie gesondert behandelt hatte. Und augenscheinlich schien es auch den Ein oder Anderen überzeugt zu haben. Schließlich ging es um das Leben eines Menschen.
Dennoch hatte insbesondere Yuhane dagegen argumentiert, dass es dann doch viel besser wäre, wenn jeder von ihnen diese Unterweisung erhalten würde. Sie hatte mit aggressivem Unterton gefragt, ob Reinas Leben denn mehr wert sei als das ihrige. Darauf konnte die Ausgestoßene nichts erwidern.
Frustriert wuschelte sich Reina durch das Haar. Immer wieder verlor sie sich in Gedanken. Immer wieder dachte sie über ihre Situation nach. Doch letztendlich konnte sie im Moment nicht viel daran ändern.
Mit einem tiefen Seufzer schlug sie ein Buch mit dem Titel „Die Goldene Ära von Morning Musume“ zu. Ein schwaches Lächeln zierte ihr Gesicht. Zumindest war die Zeit allein nicht gänzlich verschwendet. Reina hatte einiges Wissenswertes über die Geschichte dieser Welt erfahren. Insbesondere die Historie von Morning Musume las sich eindrucksvoll.
Sie blickte sich achtsam um. Die gewaltige Anzahl an Holzregalen, allesamt gefüllt mit Büchern unterschiedlichster Farben und Formen, ließ Reina einen freudigen Schauder über den Rücken laufen. Sie wünschte, sie könnte einfach hier übernachten. Dann würde sie auch den unangenehmen Blicken der anderen ausweichen, dachte das Mädchen sich.
Die knarrenden Flügel der Bibliothekstür öffneten sich. Shiori und Ayano traten ein und sahen sich einen kurzen Moment suchend um. Als sie schließlich ihre  Generations-Kameradin entdeckten, hellten sich ihre Mienen auf und sie gingen auf sie zu.

„Reina, Reina! Hast du Lust mit uns in die Stadt zu gehen?“

Die strahlenden Augen von Shiori funkelten ihr entgegen. Ayano pflichtete der Frage mit erwartungsvoll nickendem Kopf bei. Die Angesprochene schaute reflexartig zum Fenster. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass es aufgehört hatte zu regnen. Sofort wandte sie sich den beiden Ankömmlingen zu und erwiderte neugierig:

„In die Stadt? Da waren wir noch nie. Icchan hat uns schon oft empfohlen, mal die Außenwelt zu besuchen.“

Mit einem breiten Grinsen nickte Shiori hastig mit dem Kopf.

„Genau! Außerdem verbringst du viel zu viel Zeit in diesem einsamen Kabuff. Du bist schon ganz grau.“

Reina stieß ein hohles Lachen aus. Es war ironisch, dass ausgerechnet die zarte Dreizehnjährige mit der engelsgleichen Haut solch ein Urteil über die leicht dunkler geratene Freundin ausspricht.
Doch die Jüngste der Drei erhielt Unterstützung von Ayano.

„Wir machen uns echt Sorgen um dich, Reina. Seit ein paar Tagen versteckst du dich komplett vor uns. Das kann gar nicht gesund sein. Lass uns lieber etwas zusammen unternehmen. Du bist doch unsere Freundin.“

Die Unterlippe ihrer Kameradin zuckte bei diesen Worten. Es dauerte einige Sekunden bis Reina eine Reaktion zeigte. Schließlich stand sie ohne ein Wort auf, trat auf die Größere zu und schloss sie in ihre Arme. Ayanos Augen weiteten sich vor Überraschung. Damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet.
Shiori, die ebenfalls fassungslos die Szenerie beobachtet hatte, verspürte einen regelrechten Kloß im Hals, trat zu den anderen beiden und streichelte Reina sanft über die Schulter.
Der seltsame Moment hielt lange an. Schließlich trennte sich Reina von ihrer Freundin, schenkte auch der Jüngeren ein dankbares Lächeln und sagte dann mit brüchiger, aber fröhlicher Stimme:

„Lasst uns in die Stadt gehen. Hoffentlich schlägt das Wetter unterwegs nicht wieder um.“









Schnell bereute Reina ihre Worte. Als die Dreiergruppe sich auf den Weg machte und aus den Toren des Schlosses trat, brauten sich bereits neue graue Wolken am Himmel zusammen. Es dauerte nicht lang und schon waren sie pitschnass.
In schnellem Tempo rannten sie die Wiesenhügel, die auf den Park am Fuße des Havens folgten, hinunter. Obwohl der Weg sehr sauber gepflastert war, bildeten sich trotzdem nach kurzer Zeit große Pfützen und die drei Kenshuusei hatten Schwierigkeiten, nicht von Kopf bis Fuß mit Wasser und Schlamm vollgespritzt zu werden.
Schlussendlich gelang es ihnen, die Tore der Stadt zu erreichen. Die Wächter begrüßten sie unter brummendem Gelächter, denn sie konnten nicht ganz nachvollziehen, welche edlen Schlossbewohner sich diesem Wetter freiwillig aussetzten.
Schließlich fand sich die Truppe unter einem Vordach eines der hiesigen Gebäude wieder, um sich vor den Regenstürmen zu schützen.
Shiori seufzte frustriert:

„Was soll das? Als Ayano und ich dich abholten, sah es so aus, als würde das Unwetter weiterziehen. Warum haben wir den Sommer nicht genutzt?“

Reina wrang ihre Jacke aus, während sie antwortete:

„Wir waren viel zu fertig nach jeder Mitsubachi-Trainingseinheit, als dass wir noch Kraft gehabt hätten, hierher zu laufen.“

Ayano begann zu maulen:

„Ach Mensch! Da haben wir endlich mal ein ruhiges Wochenende vor uns und dann sowas. Ich hatte gehofft, wir können dieses tolle Restaurant suchen, das uns Icchan empfohlen hatte.“

Shiori stöhnte verzweifelt auf.

„Du hast Recht. Gebratene Krabben. Leckerer Reis. Oktopusbällchen. Jetzt habe ich Hunger.“

Die Größere hielt sich traurig den Bauch.

„Zähle doch nicht solche schmackhaften Sachen auf. Oder willst du, dass wir an dieser trostlosen Stelle eingehen.“

Reina hatte sich inzwischen umgedreht und blickte auf das Gebäude, unter dessen Vordach sie Schutz gesucht hatten.

„Ähm, Leute…“

Ayano kniete sich deprimiert auf den Boden.

„Wir werden in dieser schlammübersäten Sackgasse elendig zugrunde gehen.“

Shiori gesellte sich zu ihr auf die Knie.

„Das stimmt. Wenn der Regen nicht bald aufhört, müssen wir uns hier, an der Schwelle zur Hölle, schlafen legen.“

Noch immer versuchte Reina die Aufmerksamkeit ihrer Freunde zu gewinnen.

„Leute, ernsthaft! Dreht euch doch mal um.“

Mit müden Augen wandten die beiden Angesprochenen ihren Blick in die Richtung, auf die Reina wies.
Schlagartig richteten sie sich auf und starrten entsetzt auf das, was sich vor ihnen bot. Es war ein großes Schaufenster, welches einem Schlaraffenland glich. Vor ihnen präsentierten sich verschiedenste Speisen, Süß- und Backwaren, warme und kalte Getränke sowie ein herzliches Ambiente im Inneren mit einem reichlich pinken Touch. Über der Tür prangte groß die Aufschrift: Café Buono!
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, sprangen Ayano und Shiori mit sabbernden Mündern an Reina vorbei auf die Tür zu. Das ignorierte Mädchen rief geschockt:

„Hey! Wartet!“

Doch es half nichts. Ihre beiden Kameradinnen schlugen die Tür auf und sofort kam ihnen ein süßlicher Geruch entgegen. Die Glocken an der Innenseite des Eingangs begannen zu klingeln. Es war das Zeichen, dass neue Besucher den Laden betraten.
Auf der anderen Seite des Raumes war ein Tresen aufgebaut, der die ganzen Leckereien, welche bereits im Schaufenster zu sehen waren, hinter einem länglichen Glas zum Verkauf darbot. Donuts mit Vanillefüllung. Pizza Margherita. Reis mit Omelette. Minze-Schokoladeneis. Café Latte. Die Neuankömmlinge konnten sich nicht satt sehen an dem Angebotenen.
Plötzlich ertönte eine helle Stimme.

„Ooooh! Wen haben wir denn da? Gäste? Euch habe ich hier noch nie gesehen. Was darf ich euch denn anbieten?“ 

Die junge Frau, die sich hinter dem Tresen präsentierte, starrte sie mit einem breiten Grinsen und weit offenen, aufgeregten Augen an. Obwohl sie weitaus älter als Reina und Ayano wirkte, war sie unfassbar klein geraten. Sogar Shiori schien größer zu sein. Und obwohl ihr Gesicht sehr markante, weibliche Züge besaß, hinterließen die beiden Mini-Zöpfe links und rechts einen außerordentlich kindlichen Eindruck. Außerdem hatte ihr eindringlicher Blick etwas Beunruhigendes an sich, während ihr Lächeln definitiv von Reina als ehrlich und bezaubernd eingestuft wurde. Diese Person war ein absolutes Paradoxon.
Ayano hingegen machte sich keine großen Gedanken über die Verkäuferin. Blitzschnell lief sie auf den Tresen zu und zückte dabei ihren Geldbeutel. Reina und Shiori taten es ihr gleich.
Sie hatten vor zwei Monaten erfahren, dass sie ein gewisses Taschengeld als Kenshuusei verdienten. Auch wenn Goto Maki sie mahnend darauf hingewiesen hatte, dass es nicht unbedingt nötig war, Geld für Essen auszugeben, da es im Haven drei Mahlzeiten am Tag gab, fiel es den drei Freunden nicht schwer, ihre Taschen mit den köstlich ausschauenden Süßigkeiten vollzustopfen.

„Danke für euren Einkauf! Die Pizza bringe ich euch an den Tisch, sobald sie fertig ist.“

Bepackt mit allerlei Esswaren und stark erleichtertem Portemonnaie balancierten sie ihre Tabletts in Richtung eines freien Tisches. Aufgrund des draußen herrschenden Sturms war die Kundschaft mehr als übersichtlich. Lediglich sechs weitere Personen saßen im Café. Darunter zählten ein kleines Mädchen, welches mit dem Rücken zu ihnen saß und mit einer Eisschokolade beschäftigt war, drei junge Männer, die in einer Ecke grölten und jauchzten sowie zwei Herren in dunklen Mänteln, die sich ihre Kragen tief ins Gesicht gezogen hatten und miteinander tuschelten.
Dass sie diesen Ort entdeckt hatten, war ein vollkommener Glücksfall. Die wohlige Wärme des nahen Ofens durchflutete ihre gefrorenen Körper. Die nassen Jacken durften sie über die Heizung hängen. Reina empfand das Café Buono mit seinen pinken Wänden und Bezügen und der heiteren Stimmung, die es automatisch versprühte, als sehr gemütlich. Auch die Bedienung schien sehr freundlich und gut gelaunt. Als diese die große, lecker duftende Pizza zum Tisch brachte, vollführte sie unterwegs eine kunstvolle Pirouette. Die drei jungen Mädchen klatschten vor Begeisterung mit den Händen. Die kleine Frau verbeugte sich anmutig und schritt dann schwingend von dannen.
Auch wenn ihnen zuvor das Wetter draußen übel mitgespielt hatte und der Ausflug beinahe zu Ende war bevor er überhaupt richtig begonnen hatte, genossen sie die Zeit an diesem Ort. Sie verbrachten mehrere Stunden an ihrem Tisch, lachten herzhaft über dies und das und unterhielten sich angeregt mit der Bedienung, die sich letztendlich als Tsugunaga Momoko vorstellte. Sie war eine schillernde Persönlichkeit und erzählte ausschweifend davon, dass sie es liebte, ihre Gäste im Café Buono zu bedienen.

„Ihr müsst unbedingt mal einen Mittwochmittag hierherkommen. Da bereiten wir immer Trüffelpasteten zu. Die sind unglaublich köstlich, kann ich euch sagen.“

Reina bemerkte überrascht:

„Oh, du bist hier nicht allein tätig?“

Die junge Frau namens Tsugunaga schüttelte überschwänglich mit dem Kopf.

„Nein, nein! Ich habe noch vier weitere helfende Hände an meiner Seite. All die Leckereien kann ich doch nicht allein produzieren.“ 

Shiori hielt sich den Bauch. Ein zufriedenes Säuseln begleitete ihre Stimme.

„Ich bin pappsatt. Eure Süßigkeiten sind der Wahnsinn. Ich fühle mich wie im siebten Himmel.“

Die Bedienung hielt einen Zeigefinger an die Schläfe und zwinkerte verschmitzt mit einem Auge als sie antwortete:

„Das freut mich zu hören. Ich stehe euch stets zur Verfügung.“

Mit einem Mal entstand Tumult in einer Ecke des Cafés. Ein lauter Ruf drang zu ihnen rüber.

„Hey Tsugunaga! Es ist unfair, wenn du uns die ganze Zeit ignorierst. Wir wollen auch Gesellschaft. Nicht nur diese kleinen Gören.“

Einer der grölenden Männer hatte seine Aufmerksamkeit auf die kleine Gruppe gerichtet. Die Angesprochene lächelte unschuldig.

„Heute widme ich mich unseren neuen Gästen. Ich will alles über sie erfahren. Ich hoffe auf euer Verständnis.“

Die Männer grummelten bei dieser Antwort. Sie waren eindeutig nicht zufrieden, fanden sich aber wohl oder übel mit der Situation ab.

Ayano flüsterte unsicher:

„W-Wir wollen keinen Ärger verbreiten bei Ihren Stammkunden.“

Doch Tsugunaga winkte grinsend ab:

„Die Kerle können auch mal ohne mich auskommen. Außerdem ist das hier doch alles Marketing für mich. Wenn ihr euch hier wohl fühlt, dann kommt ihr wieder. Und dann seid ihr genauso meine Stammkunden, nicht wahr?“

Über diese Aussage musste Ayano verwirrt nachdenken, doch Reina nickte fröhlich.

„Wir werden auf jeden Fall wiederkommen. Das Essen hier ist fantastisch, Frau Tsugunaga.“

Mit gespieltem Entsetzen schüttelte die selbstbewusste Frau die Hände wild gestikulierend umher.

„Bitte! Ich bin doch keine alte Frau. Wir müssen nicht so förmlich sein.“

Daraufhin ertönte eine süßliche Stimme.

„Momochi! Du siehst schon manchmal aus wie eine alte Frau. Du solltest dich deinem Schicksal fügen.“

Das kleine Mädchen mit der Eisschokolade hatte sich zu ihnen gewandt und blickte sie mit großen Augen an.
Doch Reina verschlug es den Atem. Es war gar kein Kind, das da nahe der Theke gesessen hatte. Die Person war ebenfalls eine junge Frau, schätzungsweise im gleichen Alter wie Tsugunaga. Ihr Körper wirkte jedoch wie das eines Kindes. Sie war fast genauso klein wie die Besitzerin des Cafés, hatte eine schmächtige Gestalt und besaß einen kindlichen Gesichtsausdruck. Ihr welliges, braunes Haar fiel ihr gerade so auf die Schultern und umrahmte in einer eleganten Form ihr Gesicht.
Tsugunaga verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust und blies die Wangen auf.

„Hör auf so etwas zu sagen. Sonst fühle ich mich am Ende noch wirklich alt.“

Die drei Mädchen am Tisch mussten bei dieser Unterhaltung unwillkürlich lachen, auch wenn ihnen die neue Person gänzlich unbekannt war. Doch die Café-Besitzerin schuf schnell Abhilfe.

„Darf ich euch vorstellen, das ist Shimizu Saki. Sie ist mein treuster Kunde.“

Die Vorgestellte verbeugte sich förmlich.

„Nett euch drei kennen zu lernen.“

Reina, Ayano und Shiori verbeugten sich ebenfalls rasch und nannten ihre Namen.
Sie rückten am Tisch zusammen, damit sich Shimizu Saki dazusetzen konnte und schnell stellte sich heraus, dass sie und Tsugunaga Momoko augenscheinlich eine tiefe Freundschaft verband. Zumindest spürte Reina das gute Verhältnis zwischen den beiden. In ihren Erzählungen ergänzten sich beide nahezu perfekt.
Schließlich warf die Frau mit den Zöpfen ein Blick auf die Uhr an der Wand.

„Saki, wird es nicht langsam Zeit für deine Gäste? Es ist bereits nach 16 Uhr.“

Die Angesprochene zwinkerte.

„Wenn man vom Teufel spricht.“

Im selben Moment ging die Tür auf und die Glocken läuteten erneut. Eine kleine Anzahl an neuen Gästen schwärmte hinein, klatschnass von den inzwischen etwas abgeschwächten Regengüssen.
Beim Anblick der Personen erstarrte Reina. Ihr Inneres war wie betäubt. Vor ihnen standen ihre Kenshuusei-Kameraden: Icchan, Kurumi, Kaede, Hikaru, Mizuki, Kokoro, Dambara, Kotomi, Kizuki und seltsamerweise Yuhane. Für einen kurzen Augenblick waren die Ankömmlinge ebenfalls überrascht. Doch Shiori und Ayano, die keine Abneigungen zu spüren hatten, grüßten sie fröhlich mit winkenden Armen und Händen.
Tsugunaga schob mithilfe von Shimizu Saki einige Tische zusammen, damit alle Gäste Platz hatten. Yuhane warf Reina mehrere Male misstrauische Blicke zu bis sie schließlich fragte:

„Wurde sie auch eingeladen?“

Reina mochte den abwertenden Unterton überhaupt nicht. Was war nur mit Yuhane los? Sie kamen eigentlich so super miteinander aus. Wie hatte ihre Kameradin solch eine Abneigung in so kurzer Zeit entwickeln können?
Die angesprochene Shimizu Saki zog ihre Augenbrauen in die Höhe.

„Nun, da sie ebenfalls eine Kenshuusei ist, und wie ich hörte, sogar eine verdammt Hervorragende, gibt es keinen Grund, dass sie nicht auch teilnehmen dürfte.“

Reina blickte verwirrt in die Runde.

„Teilnehmen? Wobei denn?“

Plötzlich fiel ihr etwas auf.

„W-Wartet mal! Du kennst die Kenshuusei, Shimizu?“

Schallendes Gelächter kam seitens Tsugunaga.

„Natürlich kennt sie die Kenshuusei. Oder dachtest du, wir seien Gefäße? Saki ist von besonderer Wichtigkeit für euch. Sie ist gewissermaßen eure Eintrittskarte zu den großen Gruppierungen. Ihr könnt sie auch gerne Captain nennen.“

Kapitel 16 – Audition

Während Shimizu bei der Bezeichnung ‚Captain‘ eine abwehrende Geste machte, musste Reina das Gesagte erstmal verarbeiten. Ihre Gedanken überschlugen sich regelrecht.
Tsugunaga und Shimizu waren beide keine Gefäße. Zugegebenermaßen war das vorauszusehen. Sie hatten sich viel zu natürlich und unberechenbar gegeben. Doch was hatten sie mit den Kenshuusei zu schaffen? Und was war das für ein Treffen, was gerade mitten unter ihnen stattfand?
Auch Ayanos und Shioris Gesichter waren von Fragezeichen geprägt. Sie verstanden ebenso wenig wie Reina. Allerdings hatte sich Shimizu Saki nun vor die größer gewordene Truppe gestellt und begann ernst zu sprechen:

„Ich bedanke mich erst einmal bei Ichioka, dass sie es so kurzfristig geschafft hat, die geeigneten Kandidaten zusammen zu trommeln.“

Sie nickte der Anführerin der Kenshuusei zu. Diese erwiderte die Geste.

„Außerdem möchte ich Momochi dafür danken, dass wir das Café Buono als Treffpunkt nutzen dürfen.“

Die Angesprochene grinste über beide Ohren.

„Für dich immer, Captain.“

Bei der erneuten Betitelung zuckte Shimizu leicht zusammen, sagte jedoch nichts dagegen. Stattdessen richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Gruppe zu. Ein Lächeln trat auf ihr kindliches Gesicht.

„Für die, die mich noch nicht kennen, möchte ich mich gern vorstellen. Mein Name ist Shimizu Saki. Ich gehöre offiziell zum Ausschuss für die vorbereitende Selektion des Observers. Das bedeutet, dass ich die Kenshuusei in einem prüfungsähnlichen Verfahren darauf teste, ob sie bereit für den Beitritt in eine Gruppierung sind.“

Den Worten folgte beeindrucktes Schweigen. Die Mitglieder der 26. Generation hörten von dieser Maßnahme das erste Mal. Den Reaktionen ihrer Kameraden zufolge schien das allerdings ein normaler Prozess zu sein.
Yuhane fragte sofort:

„Wie meinen Sie das? Ich dachte der Observer tätigt die Auswahl selbst, wer in eine Gruppierung darf und wer nicht?“

Shimizu nickte und antwortete dann:

„Der Observer analysiert zu jeder Zeit, zu jeder Nanosekunde die innere Balance aller Gruppierungs-Mitglieder. Ebenfalls überwacht er in gleichem Maße das potentielle Gleichgewicht, welches ein oder mehrere Kenshuusei mit sich bringen würden. Anhand dessen wertet er die Daten aus und überprüft, ob Veränderungen vollzogen werden müssen. Sobald dies der Fall ist, meldet uns der Observer, ob wir eine Audition halten sollen oder nicht.“

Shiori zuckte mit dem Auge und erwiderte irritiert:

„A-Audition? Was ist das?“

Shimizu nickte ihr lächelnd zu.

„Eine Audition ist ein kleiner Wettbewerb unter euch Gruppierungs-Anwärtern. Bei diesem prüfungsähnlichen Verfahren, das ich vorhin erwähnte, könnt ihr euer bisher Gelerntes in der Praxis umsetzen. Da Mitglieder aus dem Grad Zero nur äußerst selten in den Genuss von kräftezehrenden Aufgaben kommen, wie sie die großen Gruppierungen ausführen müssen, ist es für den Observer meist schwierig, das genaue Maximum an Potential eines vielversprechenden Kandidaten zu berechnen. Deshalb führen wir Auditions durch, um euer genaues Potential erkennen zu können.“

Der Captain hob achtsam den Zeigefinger.

„Beachtet, dass das ganze absolut freiwillig ist. Niemand zwingt euch zu einer Audition. Wenn ihr euch also selbst nicht bereit fühlt, wird es euch niemand übelnehmen, wenn ihr von der Teilnahme abtretet.“

Unter dem Tisch griff Shiori plötzlich nach Reinas Hand. Die Fünfzehnjährige betrachtete die Jüngere. Diese wirkte äußerst nervös. Scheinbar fühlte sie sich von den Worten Shimizus direkt angesprochen.

„Die Audition wird Anfang Dezember abgehalten. Ihr habt also noch einen Monat Zeit. Um euch nicht zu stark in eine Richtung zu beeinflussen, kann ich euch nicht sagen, was für Fähigkeiten genau geprüft werden. Die Älteren unter euch können euch zumindest eine ungefähre Ahnung geben, wie der Wettbewerb ablaufen wird.“

Aufgeregtes Getuschel machte sich breit. So wie Reina es mitbekam, war es wohl Tradition, dass man regelrechte Verschwörungstheorien aufstellte in Hinblick auf die Themengebiete einer Audition. Shiori flüsterte ihr heiser zu:

„I-Ich kann das nicht, Reina. Ich bin dafür noch nicht bereit.“

Die Angesprochene lächelte ihr aufmunternd zu.

„Mach dir keine Sorgen, Shiori. Du hast noch einen ganzen Monat Zeit dich vorzubereiten. Und selbst wenn wir nicht dran teilnehmen, bleibt uns immer noch die nächste Audition.“

Mit leicht entgeistertem Gesichtsausdruck nickte die Jüngere. Shimizu beobachtete ihre Schützlinge währenddessen freudig, klatschte laut in die Hände und sagte dann:

„Dann haben wir das geklärt! Das ging ja doch schneller als gedacht. Danke, dass ihr hier wart. Gebt Momochi ein großzügiges Trinkgeld und dann hoffe ich, dass ihr trockener nach Hause kommt als zuvor.“

Die beiden jungen Frauen lachten herzhaft. Vereinzelte Kenshuusei verbeugten sich zum Dank. Schließlich wurden munter Süßigkeiten und Kuchenstücke gekauft und verzehrt.
Reina blickte aus dem Fenster. Inzwischen ging die Sonne unter. Der rote Feuerball war nur noch bruchstückartig hinter den Häusern der Stadt zu erkennen. Ayano bemerkte das ebenfalls.

„Wir sollten langsam aufbrechen. Ich möchte nicht unbedingt im Dunkeln nach Hause kommen.“

Die anderen Kenshuusei hörten die Worte und stimmten ihr zu. Rasch packten sie alle ihre Sachen zusammen. Nachdem sie sich vom Captain und von der Café-Besitzerin verabschiedet hatten, traten sie einer nach dem anderen nach draußen, wo zumindest endlich der Regen aufgehört hatte.
Reina trottete als letzte hinterher. Beinahe wäre sie mit einer neu ankommenden Gruppe von Gästen zusammengestoßen. Es waren mindestens zehn Personen, doch Reina war viel zu müde, um einen Blick in die Gesichter zu werfen. Schnell machte sie für die Gruppe Platz. Als auch der letzte Neuankömmling endlich das Café betreten hatte, konnte Reina nach draußen schreiten. Plötzlich waberte ein bekannter Geruch um ihre Nase herum. Dieses süßlich-bittere Aroma kam ihr verdächtig bekannt vor. Schnell drehte sie sich um, doch die Café-Tür war bereits ins Schloss gefallen.
Angestrengt versuchte sie durch das Schaufenster zu erkennen, wo die Gruppe sich hinsetzte.

„Reina! Kommst du?“

Missmutig wandte sie sich ab. Ayano und Shiori warteten gemeinsam mit den anderen auf sie. Hin und her gerissen von dem Gedanken, noch einmal das Café betreten zu wollen, entschied Reina sich schließlich um und folgte ihren Kameraden. Auch wenn sie dennoch einen letzten Blick zurückwarf auf das liebgewonnene Café Buono.









Der rote Himmel war beinahe vollständig verdeckt von den dicken Wolken, die über die Lande zogen und die Gemüter schwer werden ließen. Die Sommerzeit war nun endgültig vorbei, dachte sich Kamiko. Langsam schritt sie durch die Gassen der Stadt. Kaum Menschen waren auf den Straßen unterwegs. Das machte es der Schwarzhaarigen einfach, ihren selbst auferlegten Auftrag auszuführen.
Seitdem ANGERME die Heimreise angetreten und schließlich erfolgreich Meldung verbucht hatte über ihre Mission, wurde Kamiko das unangenehme Gefühl nicht los, dass ihnen jemand oder etwas gefolgt war. Da sie jedoch keine direkte Präsenz spüren konnte und auch sonst keinen Beweis besaß, hatten die anderen sie für zu übervorsichtig verschrien. Take meinte zu ihr, sie sollte sich keine Sorgen machen.
Die Jüngere wünschte, sie könnte diese Entspanntheit teilen. Sie wusste selbst nicht genau, was es eigentlich war, was sie innerlich so aufwühlte. Doch sie konnte wenigstens überprüfen, ob sie Unrecht hatte. Nachdem sie die umliegenden Wälder und die Wiesenhügel gründlich durchleuchtet hatte, war nur noch die Stadt übriggeblieben. Sie hatte den gesamten Tag damit verbracht, jeden Winkel unter die Lupe zu nehmen. Vergeblich. Kein Anzeichen von einer Schwarzen Seele.
Obwohl sie hätte erleichtert sein sollen, beunruhigte sie der Gedanke, nichts gefunden zu haben, noch viel mehr. In Gedanken versunken schritt Kamiko weiter. Schließlich hörte sie ein entferntes Rufen.

„Heeey! Bist du nicht von ANGERME?“

Überrascht blickte die Angesprochene auf. Am anderen Ende der Straße stand eine Gruppe von Leuten, die ihr zuwinkte. Es waren die Kenshuusei. Das kleine Mädchen namens Nishida Shiori hatte ihr freudig zugerufen. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen ging Kamiko auf die Menge zu.

„Huch, was macht ihr denn hier?“

Die Person namens Nishida grinste, als das ANGERME-Mitglied bei ihnen ankam.

„Wir waren im Café Buono.“

Die Angesprochene nickte wissend und konnte sich ebenfalls ein Grinsen nicht verkneifen bei der Erinnerung an das unter Schlossbewohnern beliebte Restaurant. Kana hatte ihre Gruppierung bereits mehrmals dorthin eingeladen. Es war immer wieder ein Erlebnis.
Takase fragte neugierig:

„Was machst du hier so allein? Das sieht einem Mitglied von ANGERME gar nicht ähnlich. Ich dachte ihr seid immer zusammen unterwegs?“

Kamiko schnitt eine Grimasse und antwortete dann scherzend:

„Nicht ganz! Manchmal dürfen wir auch allein auf Toilette gehen. Es ist selten, aber die Gelegenheit ist da.“

Die Gruppe lachte. Maeda Kokoro sprach in bewundernswertem Ton:

„Du bist auch auf dem Heimweg, oder? M-Möchtest du mit uns mitkommen, Kamikokuryo?“

Die Schwarzhaarige warf einen kurzen, nachdenklichen Blick hinter sich. Dann antwortete sie freundlich:

„Klar, warum nicht? Es wird sowieso gleich dunkel.“

Im gleichen Moment fiel ihr Blick auf eine Person, die ein wenig abseits ihrer Kameradinnen stand. Es war Yokoyama Reina. Kamikos Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie spürte eindeutig, dass das Mädchen sich nicht wohl fühlte in der Gegenwart der anderen. Was war da wohl vorgefallen? Zumindest war Kamiko froh, dass es ihr soweit gut ging. Und besser noch. Yokoyama strahlte eine innerliche Stärke aus, die unglaublich war. Die Monate des Trainings hatten bei ihr wohl besonders erfolgreich angeschlagen.
Die Truppe trat gemeinsam den Gang in Richtung Zuhause an. Als sie die Stadttore weit hinter sich gelassen hatten und die sanften Hügel hinaufschritten, begann ein starker Wind aufzukommen. Die Sonne war beinahe zur Gänze hinter dem Horizont verschwunden und die ersten Anzeichen der Nacht machten sich breit.
Ichioka war die Erste, die anmerkte:

„Es wird ziemlich kalt gerade. Wir sollten uns beeilen.“

Die anderen nickten. So manch einer von ihnen bibberte bereits. Da die Kleidungsstücke der gesamten Gruppe noch nicht wirklich trocken waren, klebte nun der nasse Stoff an ihren fröstelnden Körpern. Sie kamen nur schwerlich voran und es war noch ein gutes Stück Weg, welchen sie zu absolvieren hatten.
Vom nahen Wald drangen die ersten Eulenschreie zu ihnen herüber. Ansonsten war nur der Wind zu vernehmen, der in raschen Zügen über die Wiesen streifte.
Nishida sagte zitternd:

„Ich möchte endlich im Schloss sein. Hier draußen ist es gruselig.“

Yokoyama ergriff ihre Hand, um ihr etwas Wärme zu schenken. Die Jüngere nahm die Geste dankend an. Währenddessen trat Kaga zu der vorangehenden Kamiko und fragte flüsternd in ernstem Tonfall:

„Ich habe gehört, du kannst in das Innere einer Person blicken und die Balance zwischen Körper und Geist erkennen. Ist das richtig?“

Leicht überrascht zog Kamiko die Augenbrauen nach oben.

„So ungefähr, ja. Wieso fragst du?“

Die Kurzhaarige zögerte einen kurzen Moment, warf einen gezielten Blick auf die abgelenkte Reina und fragte dann mit starrem Blick:

„Kannst du in Yokoyama und mich hineinschauen und mir sagen, wer von uns beiden mehr im Gleichgewicht ist?“

Vollkommen perplex durch diese Anfrage wusste Kamiko zuerst nicht, was sie antworten sollte. Als sie jedoch das flehende Funkeln in den Augen der Bittstellerin sah, senkte sie ihr Haupt und sprach leise:

„Was würde passieren, wenn du erfährst, dass du nicht die Person bist mit der größeren Balance? Würde dich das dann nicht brechen?“

Kagas Gesicht zuckte kurz. Sie biss sich leicht verkrampft auf die Unterlippe und sagte dann:

„Ich muss es wissen. Nur so kann ich besser werden. Vielleicht habe ich die letzten Jahre einiges falsch gemacht. Ich möchte nicht schon wieder verlieren.“

Die Schwarzhaarige seufzte. Kurzerhand schloss sie die Augen. Alle Präsenzen der Gruppe und der näheren Umgebung drangen in ihr Bewusstsein. Sie sah das Potential von Kaga. Sie sah auch das Potential von Yokoyama. Und dann sah sie noch etwas anderes…
Schlagartig riss sie die Augen auf und wirbelte herum. Die Kenshuusei erschraken allesamt. Kawamura warf verwirrt ein:

„Was ist denn los? Was hast du, Kamikoku…“

Doch sie konnte die Frage nicht zu Ende stellen. Die kleine Schwarzhaarige rannte an die hintere Spitze der Gruppe und breitete abwehrend ihre Hände vor den Jünglingen aus. Dann schrie sie in die aufkommende Dunkelheit:

„W-Wer ist da? Zeig dich!“

Zuerst herrschte Stille. Noch immer blies der Wind kräftig durch ihre Haare. Doch kein weiteres Geräusch war zu hören. Kamiko fixierte angestrengt einen Punkt hinter ihnen. Gerade als Ichioka unsicher zu dem ANGERME-Mitglied treten wollte, erstarrte sie plötzlich auf der Stelle.
Ein leichtes Knacken und Rascheln war zu vernehmen. Langsam näherkommende Schritte streiften über die Wiese. Dann setzten sich zwei schemenhafte Schatten von der Finsternis ab. Yokoyamas Augen weiteten sich instinktiv. Es waren die beiden Männer mit den hochgezogenen Kragen. Sie waren ihnen gefolgt und bauten sich nun bedrohlich vor ihnen auf.
Inoue schrie panisch:

„W-W-Wer seid ihr? Was wollt ihr? Verzieht euch gefälligst.“

Keine Reaktion. Stattdessen breiteten die beiden Männer ihre Arme aus. Schwarze Lederhandschuhe waren erkennbar. Kamiko verspürte einen leichten Angststich in sich aufkommen. Doch erst als sie ihnen direkt in die Augen blickte, begann die Furcht durch ihren kompletten Körper zu rauschen. Das rote Schimmern ihrer Pupillen war eindeutig. Die aschfarbene, ledrige Haut in ihrem Gesicht. Die dunkle Präsenz, die sie umgab. Schwarze Seelen.
Yamazaki trat einen Schritt nach vorn und fragte mit mürrischem Unterton:

„Wer sind die Typen? Wollen die Ärger?“

Kamiko erwiderte vollkommen betäubt und mit emotionsloser Stimme:

„Das sind Jäger. Die gefährlichsten Wesen in der uns bekannten Welt.“

Die älteren Kenshuusei und Reina erstarrten allesamt zur Salzsäule. Die Fünfzehnjährige zerquetschte beinahe sogar Nishidas Hand, die sich, ähnlich wie Yamazaki und Kawamura, irritiert umblickte. Schließlich fragte sie angsterfüllt:

„J-Jäger? Wer sind die?“

Noch immer rührten sich ihre Kontrahenten nicht. Doch Kamiko hatte das Gefühl, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm war. Würde nur einer von ihnen eine unachtsame Bewegung machen, wäre alles aus.
Ichioka schluckte heftig und antwortete Nishida heiser:

„Jäger sind reine Tötungsmaschinen. Man k-kann ihnen nicht entkommen. Sie… Sie… Sie sind darauf spezialisiert… Leben auszulöschen…“

Mit weit aufgerissenen und tränenden Augen starrten die restlichen Mitglieder der 26. Generation die Anführerin der Kenshuusei an. Kamiko konnte ihre Gefühle nachempfinden, ohne in ihre Seelen blicken zu müssen. Sie alle waren der Panik nahe. Noch eine falsche gedankliche Regung von nur einem Kenshuusei und der Todesmarsch würde beginnen.
Doch es war zu spät. Nishida Shiori löste sich von Yokoyama Reina und sprintete wild schreiend nach hinten. Wie in Zeitlupe drehte sich Kamiko um, streckte ihre Hand nach der kleinen Kenshuusei aus und schrie entsetzt:

„Nein! Nicht!“

Eine Windböe sauste zwischen den Gruppenmitgliedern vorbei. Wie ein Blitz zuckte ein energetisches Feld um sie herum. Dann folgte ein grausamer, ohrenbetäubender Schrei. Einer der Jäger war direkt vor Nishida aufgetaucht. Blut spritzte durch die Luft. Warme, rote Flüssigkeit war auf den fassungslosen Gesichtern der nahe stehenden gesprenkelt zu erkennen. Dann fiel die Jüngste von ihnen regungslos zu Boden.

Kapitel 17 – Kampf ums Überleben

Reina sah den Körper von Shiori auf die Erde krachen, doch ihr Kopf realisierte das Geschehene nicht. Sofort brach Panik unter der Gruppe aus. Schreie und Gekreische erfüllten die Nacht. Ihre Kameradinnen brachen auseinander. Das ANGERME-Mitglied namens Kamikokuryo Moe bemühte sich verzweifelt, ihre Schützlinge zusammen zu halten. 
Erbarmungslos stürmten die beiden Jäger auf die jungen Mädchen zu, wie hungrige Wölfe, die sich über eine Schafherde her machten. Doch sogleich prallten sie auf eine unsichtbare Barriere. Der Rückstoß beförderte sie einige Meter nach hinten. Mit solch einer Art Widerstand hatten sie wohl nicht gerechnet. 
Kamikokuryo hatte beide Hände zusammengepresst, die Augen fest geschlossen und ein Energiefeld um sich und ihre Gruppe erschaffen. Ayano betrachtete sie bewundernd. 

„Das ist der Wahnsinn! Du hast uns gerettet.“ 

Doch sofort riss die Geist-Nutzerin ihre Augen auf, fixierte Ayano und Reina und schrie: 

„WEG DA!“ 

Im zeitgleichen Moment zerriss ein schepperndes Krachen die Luft. Beide Jäger waren mit Hochgeschwindigkeit auf die Barriere zugerast und durchdrangen sie unter brachialem Brechen. Die beiden Mitglieder der 26. Generation waren wie eingefroren, als einer ihrer hochgewachsenen Peiniger in seinem pechschwarzen Mantel vor ihnen erschien. Reina schaute in die blutroten Augen. Sie ergriff das beklemmende Gefühl, als würde der Tod ihr direkt ins Herz blicken. Der Jäger holte zeitlupenartig mit seiner rechten Hand zum Schlag aus. Sie kniff, ebenso wie Ayano, die Augen zusammen, in der Hoffnung, dass es schnellstmöglich vorüber war. 
Plötzlich knallte sie innerhalb von einer Sekunde auf den harten Wiesenboden und wurde brutal durchgeschüttelt. Doch es war nur der Schock, der sie durchdrang. Sie hatte keine ernsthafte Verletzung von sich getragen. Rasch stützte sie sich auf ihre Arme und drehte sich zu der Stelle, wo sie eben noch gestanden hatte. Fassungslos starrte sie die Person vor sich an. 
Kaedi hatte Reina und Ayano kraftvoll weggestoßen und zeitgleich den Angriff des Jägers abgefangen. Reinas Mund formte stimmlos das Wort ‚Wow‘. 
Auf der anderen Seite knallte es ebenfalls heftig. Blaue Energiesalven prallten auf purpurn brennende Schläge. Kamiko gab ihr bestes, einen der Jäger in Schach zu halten. 
Reina sprang auf und sammelte nun ihrerseits die neu kennengelernten inneren Kräfte. Diese komischen Wesen hatten sie auf dem falschen Fuß erwischt. Doch sie wollte unbedingt helfen. 
Ihre Hände schimmerten in einem schwachen Licht. Dann rannte sie auf den Jäger zu, der von Kaede aufgehalten wurde. In der Zwischenzeit hatte diese Unterstützung von Kurumi und Icchan erhalten. Doch auch zu dritt richteten sie nichts gegen den weit überlegenen Gegner aus. Fast schon spielerisch durchbrach er ihre Verteidigung und ließ Kurumi schlitternd über die Wiesenfläche fegen. 
Im gleichen Atemzug sprang Reina in die Luft. Kaede bemerkte das entsetzt und rief: 

„Tu das nicht!“ 

Doch die junge Kenshuusei war nicht mehr zu stoppen. Mit der Faust voran stürzte sie auf ihren Kontrahenten zu. Dessen Augen blitzten kurzzeitig auf. Mit einer übermenschlichen Reaktion wich er dem Angriff aus, ergriff Reinas Handgelenk, schleuderte sie einmal wild durch die Luft und schmetterte sie dann mit brutalster Gewalt auf den Boden. Der Aufprall hallte wie ein Hammerschlag über die Hügel hinweg. Massiver Staub wirbelte auf. Kaede und Icchan betrachteten das Ergebnis mit zitternden Körpern. Reina rührte sich nicht mehr. 




Kamiko war bereits am Rande ihrer Möglichkeiten angelangt. Jedes Schild, das sie hochzog, wurde binnen Millisekunden wieder niedergerissen. Sie war zu schwach, um alle Kenshuusei und sich selbst schützen zu können. 
Als der heftige Aufprall an ihre Ohren drang, wandte sich ihre Aufmerksamkeit in die Richtung des grausamen Geschehens. Wütend biss sie die Zähne zusammen, als sie Yokoyama erblickte. Damit war der zweite Kenshuusei gefallen unter ihrer Obhut. Das würde sie sich niemals verzeihen, wenn sie das hier überlebte. 
Mit einem Rückwärtssalto positionierte sie sich ins Zentrum der verteilten Gruppe. Sofort gewann sie eine bessere Übersicht über die Situation. Kamiko war es nicht gewohnt, an der vordersten Front zu kämpfen. Normalerweise übernahmen Rikako, Take und Murotan diesen Job. Doch ihre Freunde waren nicht anwesend. Nun musste das kleinste Gruppierungs-Mitglied stellvertretend für sie dem Namen ‚ANGERME‘ alle Ehre machen.

„HA!“ 

Mit einem Aufschrei entfesselte sie ihre gesamte mentale Energie. Ihre Faust ließ sie auf die Erde schlagen, um die Balance zwischen sich selbst und der Natur herzustellen. Der blau schimmernde Fluss knisternden Lichts umgab sie von Kopf bis Fuß. 
Beide Jäger richteten sofort ihre finsteren Blicke auf die Kämpferin und schritten langsam auf sie zu. Kamikos Augenfokus flog zwischen beiden Individuen hin und her. Sie wusste nicht, wie lange sie durchhalten würde. Deshalb musste sie den Kenshuusei Zeit verschaffen, bevor Hilfe eintraf. 
Im gleichen Moment, wo die beiden bösen Präsenzen entschlossen, auf sie zuzurasen, sandte Kamiko ihr Bewusstsein in alle Richtungen der näheren Umgebung aus. Kurz vor dem Zusammenprall lächelte sie schwach und sagte angestrengt: 

„Schade! Ich dachte, ich erreiche das Schloss. Ich bin so ein Schwächling…“ 

Ganze Grasbüschel und Dreckbatzen flogen in hohem Bogen durch die Luft. Das Aufeinandertreffen der Jäger mit Kamiko besaß die Wirkung eines Bombeneinschlages. Die Druckwelle stieß die meisten Kenshuusei um. Kaum einer von ihnen konnte sich auf den Beinen halten. Kaga hielt sich schützend die Hand vor das Gesicht und blinzelte krampfhaft. 
Kamiko wurde von den Jägern aufs Übelste bearbeitet. Sie schlugen sie gewalttätig in die Luft, nur um im fast gleichen Augenblick ihren Rücken zu zertrümmern. Doch Kamiko gab nicht auf. Sie wehrte sich nach Leibeskräften. Gebrochene Glieder. Offene Wunden. All das hatte keine Bedeutung. Sie musste durchhalten. Ihr Körper war bereits nach kürzester Zeit am Ende und beinahe komplett zerstört. Nur ihr machtvoller Geist hielt sie auf den Beinen. Jegliche Konzentration war auf das Stützen ihrer Bewegungen und das Wachbleiben ihres Bewusstseins gerichtet. Sie musste durchhalten. Einfach durchhalten. 

„W-Wi-Wir müssen i-ihr helfen…“ 

Kaede drehte sich zu der brüchigen Stimme zu ihrer Rechten. Es war Yokoyama. Sie hatte überlebt. Sofort stürmten die anderen Kenshuusei auf sie und Nishida zu, welche sich ebenfalls weinend, doch lebendig am Boden regte. 
Ausgerechnet Yamazaki war die erste, die die beiden erreichte. Sie hatte Tränen in den Augen. 

„Es tut mir leid… Es tut mir so leid… Es tut mir leid… Ich… Ich… Ich war dämlich… Ich…“ 

Yokoyama richtete sich unter extremen Schmerzen auf, doch es gelang ihr, ihrer Generations-Kameradin ein sanftes Lächeln zu schenken. 

„Mach dir keinen Kopf, Yuhane. Wir können später reden. Jetzt müssen wir unserer Freundin helfen.“ 

Kaga und Inoue halfen Nishida auf. Die Kurzhaarige sprach ernst: 

„Gegen diese Kreaturen richten wir nichts aus. Im schlimmsten Fall stehen wir ihr nur im Weg.“ 

Plötzlich schrie Kamiko panisch zu ihnen herüber. 

„Wehe ihr mischt euch ein. Bleibt weg. Flieht am besten.“ 

Ein schrecklicher Knall signalisierte, dass ein Jäger sie mit voller Wucht im Gesicht erwischt hatte. Ohne sich selbst abzufangen prallte sie auf die Erde. Stattdessen rekelte sich die Schwarzhaarige zitternd am Boden. Schmerzensschreie drangen beinahe verzerrt aus ihrer Kehle. Dann spuckte sie Blut. 




Blitzschnell löste sich Reina aus dem Griff von Yuhane und sprintete zu der Gepeinigten. Der Körper der kleinen Gestalt musste komplett hinüber sein. Sie hatte so tapfer für Leute gekämpft, denen sie vollkommen fremd war. Reina konnte nicht dabei zuschauen, wie dieses Mädchen sich für sie opferte. 
Einer der Jäger lief auf die am Boden liegende Kamiko zu. Reina sprang mit beiden Armen voraus auf ihre Kameradin zu und rollte sich mit ihr zur Seite. Im gleichen Moment hörte Reina an der Stelle, wo Kamiko noch eben lag, ein ohrenzerfetzendes Krachen. Als sie ihren Blick zur Seite wandte, starrte sie entsetzt auf den Riss im Boden. Diese Jäger besaßen Kräfte jenseits jeglicher Vorstellungskraft. 
Doch die Ausweichaktion von Reina hatte funktioniert. Beflügelt von dieser Rettungsaktion ließen die anderen Kenshuusei Kampfschreie auf die bösartigen Wesen niederprasseln und rannten mit rasantem Tempo auf sie zu, um sie von den beiden am Boden liegenden Mädchen abzulenken. 

„Yokoyama… verschwindet… bitte…“ 

Reina schaute in die katzenartigen, braunen Augen. Tränen rannen über das junge Gesicht der Person unter ihr. Es war dreckverschmiert und wies unzählige Wunden auf. Doch trotzdem schaffte es die Person namens Kamiko zu lächeln. 

„Ich hätte echt gern erlebt, wie du ANGERME beitrittst. Du wärst perfekt. Einfach perfekt…“ 

Reina sah sie, überrascht von diesen unerwarteten Worten, mit großen Augen an. 

„W-Was… danke… aber…“ 

Kamiko wollte ihre Hand heben, doch sogleich stieß sie ein schmerzhaftes Keuchen aus. Sie konnte keinen einzigen Knochen rühren. Ihre Helferin richtete sich vorsichtig auf und legte sie dabei sanft in das weiche Gras. Obwohl sie Verunsicherung begleitete, lächelte Reina zitternd. 

„Du hast uns geholfen. Jetzt helfen wir dir. Bleib einfach liegen. Wir werden unser Bestes geben.“ 

Kamiko antwortete nicht, doch ihr Blick verriet, dass sie keine Hoffnung mehr besaß. 
Reina kehrte ihr den Rücken zu, ballte die Hände zu Fäusten und schritt erneut auf die Kampffläche. 
Während sie über die Wiese ging, erkannte sie links und rechts von sich vereinzelt andere Kenshuusei sich vor Schmerzen und Tränen auf dem Boden wälzen. Maeda Kokoro streckte wimmernd die Hand nach ihr aus. 

„R-Reina. Lauf weg! Lauf weg! Geh nicht dorthin…“ 

Die Dunkelhaarige antwortete nicht. Viel zu entsetzt war sie von dem Anblick, der sich in ihrem Blickfeld bot. Wie konnte es nur soweit kommen? Vor ein paar Stunden saßen sie noch im Café Buono und ihre einzige Sorge bestand darin, auszuwählen, welche letzte Süßigkeit sie essen wollten. War das hier nun schon das Ende? Ehe die Reise überhaupt begonnen hatte? Das wollte das junge Mädchen nicht akzeptieren. 
Markerschütternde Schreie schallten in den Himmel. Icchan und Ayano fielen beide gleichermaßen. Yuhane und Dambara brachen in sich zusammen. Reinas Augen füllten sich mit Tränen. Wieso? Wieso musste das hier sein? Was war der Sinn? Sie wollten doch alle nur die Therapie überstehen? Warum wurden solche Monster für diese Welt erschaffen? 
Während tausende Gedanken und Fragen durch ihren Kopf jagten, nahm sie immer mehr Tempo auf. Schlussendlich setzte sie zu einem gewaltigen Sprint an. Gerade als einer der bösen Männer Kaede einen heftigen Schlag versetzte, fing Reina sie von hinten auf, damit ihre Kameradin keinen Schaden durch den Aufprall auf dem Boden erhielt. Die Aufgefangene stützte sich für einen kurzen Moment mit zusammengekniffenem Auge auf die Jüngere. Dann murmelte sie: 

„Danke.“ 

Reina lächelte liebevoll. 

„Du bist meine Freundin. Ich muss dich doch beschützen.“ 

Kaede betrachtete sie für einen kurzen Moment, dann lächelte die ansonsten so störrische Kurzhaarige. 

„Dann lass uns gemeinsam untergehen.“ 

Reina erwiderte fröhlich: 

„Sehr gerne.“ 

Und mit diesen Worten stießen sie sich gleichzeitig vom Boden ab. Die beiden Jäger richteten ihre rot schimmernden Augen direkt auf die beiden Ankömmlinge. Sie waren die letzten, die noch standen. Sollten Reina und Kaga fallen, würde dies das Ende des Kampfes und damit ihren sicheren Tod bedeuten. 
Die Fäuste der beiden Mädchen leuchteten auf. Die Jäger konterten den Angriff, doch die beiden Kenshuusei hatten dies bloß angetäuscht. Absolut synchron wirbelten sie um die eigene Achse und schlugen stattdessen mit einem Fegekick zu, der auf die Beine der Kontrahenten zielte. 
Die Jäger schienen damit dennoch gerechnet zu haben. Ein Sprung hebelte die Taktik ihrer Gegner aus. Doch diese nutzten den Schwung ihrer Drehung und stießen sich ein weiteres Mal vom Boden ab, um den Jägern in der Luft zu folgen. 
Eine schwarze Energie wurde urplötzlich von einem der dunklen Wesen ausgesandt und ließ Reina und Kaede zurückprallen. Gerade noch so konnten sie sich mit ihren Füßen auf dem Boden fangen, um keinen Folgeschaden zu erleiden. 
Kaede fluchte: 

„Mist! Das war wohl nichts.“ 

Reina ging erneut in Kampfstellung und sagte motiviert: 

„Wir müssen aber weitermachen. Wenn wir besiegt werden, war es das für alle von uns.“ 

Ihre Kameradin warf ihr einen kurzen Blick zu, dann antwortete sie: 

„Ich weiß.“ 

Sofort setzten sie zu einem erneuten Angriff an. Doch diesmal wollten die Jäger das Spielchen nicht mitspielen. Sie machten sich ebenfalls für eine Attacke bereit. Kurz nach dem Abstoß vom Boden rasten die schwarzen Männer mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf die beiden Kenshuusei zu. Diese hatten mit solch einer Reaktion nicht gerechnet. Sie versuchten den Aufprall panisch abzufangen. Doch vergeblich. Ein Jäger traf Reina direkt in der Brust. Der andere zerfetzte Kaedes Rücken zur Gänze. Der Zusammenstoß war erfüllt mit Schmerzensschreien. 
Reina wurde beinahe schwarz vor Augen. Ihrem harten Aufprall auf dem Boden folgte ein Fegefeuer aus Qualen. Blinder Schmerz elektrisierte ihren gesamten Körper. Sie presste ihre Hand auf die Brust, genau auf die Stelle, an der sie der Jäger getroffen hatte. Eine klaffende Wunde offenbarte sich ihr. Binnen Sekunden waren ihre Hände mit Blut überströmt. 
Das war’s! Das war das Ende, dachte sich Reina. Es gab kein Entkommen. Sie hatten keine Chance auf den Sieg. Jeglicher Kampfeswille war erloschen. Die Jäger werden kommen und einem nach dem anderen den Gnadenstoß verpassen. So endete also ihre Reise. Sie war kürzer als erwartet. Reina hatte gehofft, wenigstens einer Gruppierung beitreten zu dürfen. Sie fühlte sich geehrt von Kamikokuryos Wunsch, sie in ANGERME willkommen zu heißen. Doch nach allem, was sie von Goto Maki gehört und in den unzähligen Büchern in der Bibliothek gelesen hatte, war es etwas anderes, was sich tief in Reinas Herzen gebildet hatte. Ihr Traum war es gewesen, der Größten aller Gruppierungen beizutreten: Morning Musume! 
Jede Faser ihres Seins wollte Teil dieser wundersamen Truppe sein. Reina wusste, dass nur Morning Musume ihrem Anspruch gerecht wurde. Dass sie also hier und heute sterben sollte, war nicht so verwerflich. Es zeigte nur, dass sie nicht würdig war, ihre Fiktion zur Wirklichkeit werden zu lassen. 
Angestrengt öffnete sie die Augen. Der Nachthimmel war klar. Die Sterne funkelten hell. Der Mond war bereits weit über dem Horizont aufgestiegen und blickte auf sie alle herab. Ob er traurig war beim Anblick eines solchen Massakers? Reina wunderte sich über diesen seltsamen Gedanken. Waren dies die ersten Anzeichen dafür, dass ihr Gehirn sich langsam ausschaltete? Zugegebenermaßen fühlte sich Sterben scheinbar gar nicht so schlimm an wie erwartet. Die Schmerzen ließen nach. Ihre Muskeln entspannten sich. Sogar eine innere Ruhe breitete sich langsam in ihrem Körper aus. Nur das grelle Leuchten um sie herum hatte sie irgendwie erwartet. Wahrscheinlich war das nun der Aufstieg in den Himmel. Sogar die Jäger schienen Erbarmen zu zeigen und rührten sich nicht vom Fleck. 
… 
Moment mal? Das fühlte sich tatsächlich ganz und gar nicht an als würde sie sterben. Und ‚Erbarmen‘ war nicht gerade das Wort, womit Jäger Umgang pflegten.  
Schlagartig richtete sie sich auf. Gleichzeitig kam ein starker Wind. Mehrere Böen schossen nah an ihr vorbei. Die Jäger wichen unerklärlicherweise zurück. 
Plötzlich trat eine Person an Reinas Seite. Das junge Mädchen blickte hoch. Über ihr stand eine junge Frau mit vollem, langem, gewelltem Haar. Ihr rundes Gesicht hatte einen mütterlichen Ausdruck aufgesetzt und sie hatte ihre Hand auf Reinas Schulter gelegt. 

„Gut gemacht! Ab jetzt übernehmen wir.“ 

Ohne eine Erklärung besaß Reina ihre gesamte Energie wieder. Es war ein Wunder. Sie fühlte sich wie neugeboren. 
Als die aufgetauchte Frau in Richtung der Jäger zog, bemerkte Reina, dass dort bereits neun weitere Personen Stellung bezogen hatten. Das Mondlicht strahlte auf sie herab. Die länglichen Schatten zogen sich weit über die Wiesenhügel. 
Und dann nahm es Reina wahr. Dieser Geruch. Das süß-bittere Aroma, welches sie so stark an Kirschblüten erinnerte. 

„Es ist schön dich heil wieder zu sehen.“ 

Eine weitere junge Frau lief fröhlich an ihr vorbei. Es war die Person, der sie im Schloss begegnet war. Mit weit aufgerissenen Augen stotterte Reina: 

„Wer… Wer bist du? Wer seid ihr…?“ 

Das angesprochene Mädchen drehte sich lachend um, lief rückwärts weiter und streckte dabei die Arme aus. Dann rief sie Reina zu: 

„Mein Name ist Oda Sakura. Und, ach ja, wir sind Morning Musume.“

Kapitel 18 – Morning Musume

Vollkommen erstarrt stand Reina auf den Wiesenhügeln. Alles wirkte so surreal. Bis vor wenigen Sekunden brannte ihr ganzer Körper und sie hatte sich bereits mit dem Tod abgefunden. Nun konnte sie aufrecht stehen, alle ihre Wunden waren geschlossen und jegliche Anstrengung war von ihr gewichen, als wäre nie etwas passiert. Wie war das nur möglich? War das die Macht von Morning Musume? 
Die elf Gestalten vor ihr waren in schwarzes Leder und Pelz gehüllt. Ihre Kleidung besaß etwas Animalisches. Dennoch versprühten sie eine solch magische Eleganz, Harmonie und Stärke. Reina begann ehrfurchtsvoll zu zittern. Sie waren es. Die Größte aller Gruppierungen. Die Königinnen des Havens. Morning Musume. 
Selbst die Jäger mussten spüren, dass sich keine ordinären Menschen zwischen ihnen und ihre Beute gestellt hatten. Im Gegensatz zum Kampf mit den Kenshuusei wirkten die schwarzen Männer weitaus zurückhaltender und passiver. 
Die junge Frau, die Reina an der Schulter berührt hatte, trat an die vorderste Front der Gruppe und erhob ihre Stimme:

„Ihr habt kein Recht auf diesem Boden zu wandeln. Außerdem verletztet ihr unsere Kameradinnen mit der Absicht, ihnen unwiderruflichen Schaden zuzufügen. Das ist unverzeihlich. Im Namen des Havens müssen wir euch nun auslöschen.“ 

Reina war sich nicht sicher, ob die Jäger wirklich verstanden, was ihnen da gesagt wurde. Falls doch, dann schienen sie durch die Worte nicht sonderlich beeindruckt. 
Aus diesem Grund formierte sich Morning Musume und jede einzelne der Gruppierung nahm eine Kampfhaltung ein. Und schon ging der Kampf aufs Neue los. 
Das, was sich vor Reinas Blick abspielte, war unglaublich. Ganz anders als die unkoordinierten Angriffe der Kenshuusei bewegten sich die Mitglieder von Morning Musume in solch perfekten Mustern. Kein Schritt zu viel. Keine Drehung überflüssig. Die Sprecherin und die Person namens Oda Sakura bildeten das Zentrum der Angriffswellen. Jedes Mal, wenn sie ihre Teamkameraden mit wellenartigen Ausstößen von geistiger Macht unterstützten, erbebte zeitgleich auch Reinas Seele. Wenn sie das Training bei Goto Maki nicht absolviert hätte, wäre sie wahrscheinlich schon längst wieder in Ohnmacht gefallen. 
Doch noch viel faszinierender empfand sie die Front, die direkt auf die Jäger traf. Eine junge Frau, welche gerade mal so groß wie Reina war, wirbelte in solch graziler Form umher als gäbe es keinen Morgen. Ihre Tritte, Schläge, Ausweichmanöver, Pirouetten, Saltos und jede weitere Bewegung hinterließen den Eindruck einer Göttin für die Fünfzehnjährige. Doch auch jedes andere Mitglied war auf seine eigene Weise beeindruckend. Sie bekämpften die Jäger als wären diese Anfänger. Die bösen Wesen landeten keinen Treffer. Die Kombination aus stürmischem Angriff und absichernder Unterstützung wirkte makellos. 
Plötzlich fiel Reina ein, dass sie ihre Kenshuusei-Kameraden komplett vergessen hatte. Entsetzt blickte sie sich um. Dann stieß sie einen erleichterten Seufzer aus. Sie alle waren genauso gesund wie sie und verfolgten den Kampf mit angehaltenem Atem. 
Die Augen der Dunkelhaarigen versuchten Kamikokuryo ausfindig zu machen. Als sie sie entdeckte, hellte sich ihre Miene auf und sie lief zu ihr. Das ANGERME-Mitglied hatte sich aufgerichtet. Von ihren nahezu tödlichen Verletzungen und Brüchen war nichts mehr zu erkennen. Trotzdem wirkte die kleine Person erschöpft. 
Reina beugte sich besorgt zu ihr hinunter. 

„Ist alles in Ordnung bei dir, Kamikokuryo?“ 

Die Angesprochene lächelte matt. 

„Nenne mich ruhig Kamiko.“ 

Reina grinste freudig.

„Okay… Kamiko!“

Die Jüngere ließ sich neben ihre Kameradin fallen, um weiterhin dem Kampf, der noch immer vor ihnen tobte, beiwohnen zu können. 
Ein Jäger wurde soeben komplett durchbohrt von einem Mädchen mit Kurzhaarschnitt. Sie besaß eine leichte Ähnlichkeit zu Kaede. 
Reina begann bewundernd zu sagen:

„Morning Musume ist unglaublich.“

Kamiko schloss resigniert die Augen, grinste aber.

„Ja, das sind sie, leider.“

Die Jüngere wandte sich ihr bestürzt zu.

„Wieso denn ‚leider‘?“

Kamiko lachte, antwortete aber nicht sofort. Sie schwang ihre Arme um die Knie und beobachtete den erneut ausbrechenden Kampf gegen den letzten Gegner, der sich mit aller Kraft vor der drohenden Vernichtung wehrte. 
Dann, ohne Reina anzublicken, antwortete die Schwarzhaarige leise:

„Du wärst ein echt tolles Mitglied für ANGERME geworden. Aber du wirst ein noch weitaus wunderbareres Mitglied für Morning Musume sein. Du hast die Stärke und den Willen dazu.“

Reina starrte sie perplex an und errötete leicht. Doch sie erwiderte nichts. 
Ein lauter Krach ertönte und eine kleine Explosion folgte. Die junge Frau im Zentrum rief entschlossen:

„Maria, Eripon! Jetzt! Das ist eure Chance!“

Die beiden Genannten, ein großgewachsenes Mädchen mit langen, dunkeln Haaren, die sich in einem Zopf bündelten und eine junge Frau mit einem schmalen Gesicht, einem markanten Kinn und schulterlangen, braunen Haaren, reagierten sekundenschnell.

„Aye, Leader!“

Schlagartig schossen sie auseinander und flankierten den Jäger. Dieser wurde von einem Mädchen, dessen Pony ihr tief ins Gesicht fiel, während ihre schwarzen Haare wild umherwirbelten, unter schallendem, klirrendem Gelächter magisch festgehalten.

„Das macht echt Spaß!“

Sogleich sausten die beiden Personen namens Maria und Eripon von der Seite auf das dunkle Wesen zu. Sie sammelten Energie in ihren Fäusten und schlugen gleichzeitig zu. Eine bombastische Druckwelle entstand. Schließlich folgte der markerschütternde, verzerrte Schrei des Jägers. Dann war es vorbei. 
Stille. 
Sekunden später begannen die Mitglieder von Morning Musume zu jubeln. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie die beiden Kontrahenten ins Jenseits befördert. Reina traute ihren Augen nicht. 
Auch den anderen Kenshuusei stand die Fassungslosigkeit über das Geschehene ins Gesicht geschrieben. Sie waren tatsächlich gerettet. Sie lebten. Langsam erreichte diese Information ihr Gehirn. 
Und plötzlich sprangen sie alle gleichzeitig in die Luft. Sie schrien vor Freude. Sie weinten. Sie umarmten sich. Es war ein unfassbares Gefühl, welches sich unter ihnen ausbreitete. 
Reina und Kamiko standen auf. Das ANGERME-Mitglied war noch immer etwas wackelig auf den Beinen. Kein Wunder, denn für kurze Zeit war ihr gesamtes Rückenmark durchtrennt gewesen. 
Schnellstmöglich rannten die Gepeinigten zu ihren Rettern. Alle Kenshuusei inklusive Reina und Kamiko traten auf Morning Musume zu. Maeda Kokoro hatte Tränen in den Augen vor Glück als sie sprach:

„Danke! Danke, dass ihr unser Leben gerettet habt. Wir stehen für immer in eurer Schuld. Das war einfach der Wahnsinn.“

Die Mitglieder der Gruppierung grinsten sich freudig gegenseitig an. Plötzlich ertönte eine laute Stimme aus dem Hintergrund.

„Kaedi! Icchan! Ihr seid wohl auf! Maria ist so froh!“

Das hochgewachsene Mädchen mit dem Zopf stürmte nach vorn und umarmte sowohl die überraschte Kurzhaarige als auch die lachende Kenshuusei-Anführerin. Einige, darunter die gesamte 26. Generation, waren von diesem Zusammentreffen komplett überrumpelt. Kurumi erklärte grinsend:

„Sie gehören zu einer Generation. Unfassbar, dass Makino Maria von Morning Musume unseren Dickschädeln so ohne weiteres um den Hals fällt.“

Die große, junge Frau mit den wunderschönen Haaren und dem rundlichen Gesicht trat auf Kamiko zu.

„Eigentlich müssen wir uns alle bei dir bedanken, Moe. Du warst unglaublich.“

Die Miene der Angesprochenen hellte sofort auf.

„D-Dankeschön, Fukumura.“

Die Kenshuusei wandten sich nun ebenfalls dem ANGERME-Mitglied zu. Shioris Augen funkelten voller Bewunderung.

„Du warst die Beste, Kamikokuryo.“

Yuhane pflichtete ihr bei:

„Ohne dich wären wir schon längst tot gewesen.“

Auch die anderen kamen aus den Lobeshymnen nicht mehr heraus. Kamiko wirkte äußerst peinlich berührt und kratzte sich verlegen am Kopf. Sie wusste nicht mit der Situation umzugehen. 
Reina grinste über beide Ohren. Sie blickte von einer Person zur nächsten. Sie betrachtete die Kleidung der Morning Musume-Mitglieder. Sie achtete auf all ihre Bewegungen. Sie hörte auf jedes gesprochene Wort. Das neckische Miteinander. Das solidarische Schulterklopfen. Die Beglückwünschungen. 
Reina wollte so sehnsüchtig zu ihnen gehören. Sie wünschte es sich so sehr. Sie wollte, dass…

„Hey, du! Wie ist dein Name?“

Das Mädchen namens Oda Sakura war mit einem Mal neben sie getreten und erwischte sie komplett auf dem falschen Fuß. Vollkommen geschockt, begann Reina zu stottern.

„Ähm… ich… Yoko… äh… Yoko… Yokoyama Reina…“

Das Morning Musume-Mitglied lachte mit solch klarer Stimme. Sie war genauso groß wie Reina, doch ihre Präsenz fühlte sich so gigantisch und rein an. Oda sprach fröhlich weiter:

„Yokoyama also. Hmm…“

Für einen kurzen Moment legte sie einen Finger an die Schläfe und dachte scharf nach. Dann hob sie den gleichen Zeigefinger in die Höhe und ihr Gesicht formte sich zu einem wissenden Ausdruck.

„Du heißt ab sofort Yokohime.“

Grölendes Gelächter kam von der Seite. Die Person mit dem Kurzhaarschnitt, die leichte Ähnlichkeiten mit Kaede vorwies, brachte japsend hervor:

„Du kannst sie doch nicht nach unserer Fukuhime benennen. Es gibt nur eine Herrscherin. Das weiß man doch, du Dummkopf.“

Ihre Stimme besaß einen leicht heiseren Ausklang, doch Reina mochte das. Oda verzog ihr Gesicht zu einer gespielt beleidigten Grimasse.

„Das ist gemein, Duu. Unser Leader nimmt wirklich jeden Titel weg.“

Die junge Frau namens Fukumura kniff getroffen ein Auge zusammen.

„Mir reicht es, wenn ihr mich auch einfach nur Mizuki nennt.“

Das Mädchen mit dem schrillen Gelächter schritt nun ein. Ihre Stimme besaß etwas Quietschendes.

„Moment mal! Du bist unser Leader! Und ein hervorragender obendrein! Also wirst du auch als solcher betitelt. Ob es dir passt oder nicht.“

Oda stampfte auf den Boden, zeigte dann auf Reina, die der ganzen Unterhaltung vollkommen verwirrt gefolgt war, und sagte dann mürrisch:

„Dann mach du selbst einen Vorschlag, Maachan. Ich möchte einen Spitznamen für sie. Sie hat bis zum Ende gekämpft. Ich mag sie.“

Die Kurzhaarige mit dem Namen Duu erhob erneut ihre Stimme.

„Wie war ihr Name? Yokoyama? Dann ist sie ab heute für uns… Yokoyan! Das klingt doch gut. Findet ihr nicht?“

Oda schmückte ihr Gesicht mit einem bezaubernden Lächeln, als sie glücklich rief:

„Oh ja! Das ist perfekt.“

Reina schritt jedoch sofort ein. Durch diese Sonderbehandlung hatte sie Angst, dass die anderen Kenshuusei gleich wieder sauer auf sie wurden.

„Ähm… wartet mal! Wir haben alle gekämpft. Nicht nur ich. Da-Das ist… Das geht nicht… Kaede hier hat mit mir gemeinsam bis zum Schluss…“

Sogleich kam der Protest seitens Makino Maria, die noch immer ihre Arme um Icchan und Kaede umschlungen hatte, da diese es nicht schafften, sich aus dem Griff zu befreien.

„Kaedi bleibt Kaedi! Sie bekommt keinen neuen Spitznamen. Maria mag Kaedi!“

Die kleine Frau, die an der Front gekämpft hat, trat nickend und lächelnd nach vorn.

„Wir wissen, dass ihr alle euer bestmöglichstes gegeben habt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie stolz wir als Morning Musume auf unsere Kenshuusei sind.“

Reina hörte wie Kokoro zu Ayano ehrfürchtig flüsterte:

„Das ist Ishida Ayumi. Sie ist eine Elite-Energie-Nutzerin. Man sagt, ihre Körperbeherrschung strapaziere sogar die eigentlichen Möglichkeiten des Systems hinter Hello!Project Online.“

Die Frau namens Ishida Ayumi hatte dies wohl gehört, denn sie musste lachen. Doch sie sprach nicht dagegen. 
Reina wollte so gern mehr über die Gruppierung erfahren. Sie empfand es als unhöflich jeden einzelnen nach dem Namen zu fragen. Deshalb versuchte sie sich jede Person für sich einzuprägen, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. Da war einerseits ein Mädchen mit einem wirklich wunderhübschen und zarten Gesicht. Dann gab es da eine recht große, schlanke Frau, deren Haare sogar bis zu ihrer Taille reichten. Daneben stand ein Mädchen, welches beim Lächeln zwei süße Schneidezähne entblößte, die beinahe wie bei einem Häschen vor die Lippen geschoben wurden. Gleich danach folgte die junge Frau mit dem markanten Kinn, die Fukumura im Kampf als Eripon bezeichnet hatte. Und dann war noch die augenscheinlich jüngste der Gruppe. Sie besaß äußerst gepflegtes Haar und einen eindringlichen Blick. 
Fukumura Mizuki gab ihren Kameraden ein Zeichen zum langsamen Aufbruch. Dann winkte sie die Kenshuusei und Kamiko zu sich heran und sprach:

„Das war ein turbulenter Abend. Wir wissen nicht, warum die Späher hier waren oder was sie…“

Yuhane platzte verwirrt dazwischen:

„Halt! Späher? Ich dachte das waren sogenannte Jäger?“

Leicht irritiert blickte Fukumura zu ihrer Kameradin namens Eripon. Diese sagte in ernstem Tonfall:

„Gewissermaßen seid ihr Jägern begegnet. Allerdings der nicht so gefährlichen Untergattung.“

Ayano fiel die Kinnlade nach unten.

„Untergattung? NICHT so gefährlich? Was soll das heißen?“

Die schrille Stimme der Person namens Maachan erklang erneut.

„Wenn ihr der Hauptspezies begegnet wärt, hätte euch Kamikokuryo nicht eine Sekunde beschützen können, geschweige denn ihr Signal aussenden dürfen.“

Alle drehten sich verwirrt um. Signal? Was für ein Signal? 
Fukumura schlug einen mütterlichen Ton an und lächelte dabei sanft.

„Wir kamen gerade aus dem Café Buono, als wir Moes entsandte Präsenz warnahmen. Es war das Paniksignal, welches Gruppierungs-Mitglieder untereinander verschickten, wenn sie in Lebensgefahr waren. Deshalb haben wir sofort reagiert und sind so schnell es geht hierhergekommen.“

Kamiko hatte geschwiegen, doch die Kenshuusei bewunderten sie nun umso mehr. Insbesondere, weil ein jeder von ihnen durch das Geist-Training mit Goto Maki wusste, dass das Aussenden des eigenen Bewusstseins als Hilfeschrei zwar ein elementarer Bestandteil des ersten Rehab Grades war, doch dass es unfassbare Konzentration benötigte. Diese in solch einer Zwickmühle aufzubringen, verlangte einen verdammt mächtigen Willen. 
Yuhane drehte sich erneut zu Morning Musume um und wollte wissen:

„Was sind denn nun diese Späher schon wieder? Und wieso verwechselt man sie mit diesen schlimmen Jägern?“

Ishida Ayumi machte eine Handbewegung, mit der sie signalisieren wollte, dass sich alle beruhigen sollten.

„Späher sind streng genommen Jäger. Wenn man sich ein Schachbrett zu Gemüte führt, würde man sie allerdings als Bauern betrachten. Sie sind noch immer Schachfiguren, dienen aber hauptsächlich taktischen Zwecken. Kämpfen können sie in der Theorie nicht. Ihre Stärke liegt in der Heimlichkeit. Sie nutzen all ihre gegebenen Fähigkeiten dazu, um nicht aufgespürt zu werden. Die erhaltenen Informationen leiten sie dann an die wirklich fiesen Jungs weiter.“

Die Kenshuusei hatten dem Vortrag halb gespannt, halb verängstigt zugehört. Diese Späher waren also nicht mal im Kampf ausgebildet. Und sie alle hatten kläglich versagt. Wie stark würden dann bloß die richtigen Jäger sein? 
Kamiko hingegen war bei dem Wort ‚Heimlichkeit‘ stutzig geworden. Sie hörte das erste Mal von der Bezeichnung ‚Späher‘. Vielleicht hatten die Schwarzen Seelen also kein Mittel gegen sie im Speziellen gefunden. Möglicherweise war es einfach nur die Stärke dieser ominösen Wesen, nicht von ihr entdeckt werden zu können. Dieses Wissen musste sie unbedingt mit den anderen ANGERME-Mitgliedern teilen. 
Erneut machte Fukumura das Zeichen zum Aufbruch.

„Langsam wird es wirklich spät. Wir werden den Obersten von diesem Vorfall zwingend berichten müssen. So nah haben sich die Jäger noch nie an unsere Lande getraut.“

Maachan antwortete darauf neckisch:

„Ich glaube, wir haben aber auch sehr erfolgreich gezeigt, warum sie bisher damit besser gefahren waren, sich fern zu halten.“

Die Anführerin der Gruppierung machte ein nachdenkliches Gesicht und Reina bemerkte die Sorgenfalten an den sonst so wunderschönen, doppelten Augenlidern. 
Dann brachen sie endlich gemeinsam auf zum Schloss. Und nur die aufgerissene Erdkruste auf dem höchsten Punkt der Wiesenhügel erinnerte noch an das, was kurze Zeit vorher beinahe so Schreckliches geschehen wäre.

Kapitel 19 – Die Richterkammer

Dunkelheit. Wabernde, alles zerfressene Dunkelheit. Der Raum war erfüllt mit dieser absoluten Schwärze. Man fühlte sich eingeengt. Allein. Von allem Lebenden und Existierenden weggeschlossen. Es schien kein Ort zu sein, an dem Glückseligkeit oder Freude den Schimmer der Hoffnung neu aufglimmen ließen. Und trotzdem wurden hier, in genau diesem von Finsternis erfüllten Raum, die großen Entscheidungen des Havens getroffen.
Die junge Frau, die über jene Gedanken sinnierte, saß auf einem harten Holzstuhl an einer Wandseite. Der Ort, an dem sie sich befand, nannte sich die Richterkammer. Es war das direkte Verbindungsstück zur realen Welt. Hier sprach man vor den drei Obersten von Hello!Project Online, wenn es wichtige Entscheidungen zu treffen galt. Allerdings kostete es einiges an Überwindung, diesen Raum überhaupt zu betreten. 
Im Normalfall war es Aufgabe des Leaders einer jeden Gruppierung nach einer Mission die Richterkammer aufzusuchen und um ein Vorsprechen zu bitten. Dann folgte meist das gleiche Prozedere immer und immer wieder. Der Leader hielt einen Vortrag vor den drei verzerrten Erscheinungsbildern, die direkt aus der Realität in das virtuelle Sein projiziert wurden. Die geschwärzten Personen dahinter interpretierten jedes gesprochene Wort strengstens und lagen Silbe für Silbe auf die Goldwaage. Gab es Lücken in der Berichterstattung, wurden Fragen gestellt. Manche davon waren einfach zu beantworten. Andere wiederum waren aufs Äußerste unangenehm. Letztlich lief es immer darauf hinaus, dass die Obersten sich für ein paar Minuten zur Beratung zurückzogen. Dann saß man auf seinem Stuhl und gab sich allein der Stille und Dunkelheit hin. Das Warten war unerträglich. Erst wenn die flackernden Bilder der versteckten Herrscher dieser Welt erneut vor einem erschienen, gab es das endgültige Urteil über den Erfolg oder Misserfolg der vorgetragenen Mission. Dabei besaß man stets das Gefühl, als würde man vor einem Gericht stehen und auf seine Verurteilung oder Freisprechung warten. Natürlich jedes Mal in der Hoffnung auf Letzteres.
War ein Thema, eine Mission oder eine erhaltene Information wichtig genug, um sie mit allen Führungspersonen des Havens zu teilen, dann berief der Rat der Obersten schnellstmöglich eine, wie sie es nannten, Versammlung ein. Die junge Frau schüttelte den Kopf bei dem Gedanken. Solch eine Versammlung sah dann so aus, wie sie in eben diesem Moment stattfand. Der Hauptredner stellte die gegebene Situation dar. In diesem Fall war das Fukumura Mizuki, Leader von Morning Musume. Die Problemstellung wurde infolgedessen von den Obersten herauskristallisiert. Der Angriff zweier Späher auf die beinahe komplett versammelte Kenshuusei-Truppe und einem Gruppierungs-Mitglied in unmittelbarer Nähe des Havens. Dann sollte von den beteiligten Zuhörern eine schnelle und effiziente Lösung ausgearbeitet werden. Alle beteiligten Mitsprecher befanden sich verteilt im selben Raum, der Richterkammer, doch jeder einzelne hatte den Eindruck, abgeschnitten von den anderen zu sein und nur für sich allein in der ewigen Dunkelheit zu sitzen. Erhob ein Jemand seine Stimme, um seine Meinung kundzutun, war dies immer wieder ein Bruch in der Wahrnehmung der Zuhörer. Was der Grund hinter dieser Maßnahme war, hatte noch keiner von ihnen aufdecken können.
Die Person faltete ihre länglichen Finger ineinander und atmete langsam ein und aus. Sie war erleichtert, dass sie selbst nicht die Vortragende gewesen war. Außerdem war sie froh über die Nachricht, dass es alle Opfer des gestrigen Abends gut überstanden hatten.
Nach der kurzen Stille, die vorgeherrscht hatte, ertönte nun die pfeifende, blecherne Stimme eines Obersten. Durch die abnormale Verzerrung der Bilder, die so grell vor ihnen schienen, aber doch kein Licht in den Raum warfen, wusste man nie, welcher der Drei endgültig sprach. Lediglich die Tonhöhen, die sie von sich gaben, verdeutlichten, dass es wirklich unterschiedliche Individuen sein mussten.

„Wada, wie konnte es sein, dass niemand diese Späher bemerkt hatte?“

Die Angesprochene antwortete in kräftigem Tonfall etwas weiter links von der jungen Frau.

„Ich muss mich entschuldigen. Kamikokuryo Moe, ein Opfer der gestrigen Tat und unser Aufspür-Talent, hatte uns mehrfach das Gefühl geäußert, dass etwas nicht stimmte. Sie war der Meinung, dass wir auf unserer Heimreise vor ein paar Wochen verfolgt wurden. Sie konnte jedoch nicht bestimmen, weshalb sie so empfand.“

Eine tiefere, ebenfalls mechanisch beeinflusste Stimme antwortete ihr zornig:

„Wir wissen bereits um die Naivität von ANGERME. Es ist nicht euer erstes Versagen, aufgrund eurer Leichtsinnigkeit. Die Fehler häufen sich, Wada.“

Die Frau spürte, wie die Person namens Wada Ayaka sich bemühte, ruhig zu bleiben.

„Ich verstehe. Wir werden dafür Sorge tragen, dass dies nicht noch einmal passiert.“

Der pfeifende Oberste sprach zügig:

„Du trägst die Verantwortung, Wada. Es wäre eine Schande, wenn wir uns in dir getäuscht hätten.“

Das Rascheln an der Seite bedeutete, dass sich Wada Ayaka still auf ihren Platz zurückgesetzt hatte.
Die dritte Stimme, sie wirkte leicht heiser und älter als die anderen, wandte sich der Vortragenden zu.

„Fukumura, wie haben sich die Kenshuusei gegen die Späher behauptet?“

Die Anführerin von Morning Musume zögerte kurz. Dann antwortete sie in motivierter Form:

„Sie haben sich gut gewehrt. Keiner von ihnen gab auf. Es hat mich stolz gemacht, mit welchem starken Willen sie gekämpft haben.“

Die tiefe Stimme sprach kalt:

„Aber sie sind furios untergegangen. Welch eine Enttäuschung. Was nützt einem das Herz am rechten Fleck, wenn es an Fähigkeiten mangelt. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sich einige von ihnen nicht wieder erholt hätten. Vielleicht solltest du dies das nächste Mal bedenken, wenn du deine Lebensenergie mit ihnen teilst, Fukumura.“

Die junge Frau seufzte, als sie merkte, wie die Verurteilte entsetzt stockte bei diesen Worten, jedoch nichts erwiderte. Sie wusste genau, was im Kopf des Leaders vor sich ging. Wie konnten diese Typen solch eine negative Aura versprühen. Leider waren sie diejenigen, die dafür sorgten, dass die Therapie von außen betreut wurde. Es wäre also nicht klug, gegen sie zu rebellieren. Deshalb nahmen sowohl Wada Ayaka als auch Fukumura Mizuki, beides Personen, die, der Meinung der jungen Frau nach, den höchsten Respekt verdient hatten, jegliche Maßregelung der Obersten stumm und tapfer hin.

„Miyazaki…“

Die junge Frau erschrak. Warum wurde sie plötzlich genannt? Die pfeifende Stimme hatte sie direkt angesprochen.

„Miyazaki, deine Gruppe hatte vor zwei Monaten einen Späher in Sole aufgespürt und vernichtet.“

Die Angesprochene stand mit zittrigen Beinen auf, doch ihr Tonfall war klar und entschlossen.

„Das ist richtig. Wir verfolgten ihn über die Ebenen von Haul bis hin zu den Ilwyd-Wäldern. Dort teilten wir uns auf. Schließlich war es Miyamoto Karin, die den Späher allein zur Strecke brachte.“

Sofort hörte man das rasche Kratzen eines Stuhls und Fukumuras zaghaft protestierende Stimme:

„Das ist nicht fair. Wir Gruppierungs-Mitglieder sind viel besser gewappnet für den Kampf gegen solche Monster. Die Kenshuusei trugen keine Schuld an ihrem Versagen.“

Die Frau namens Miyazaki nickte zustimmend und sagte schnell:

„Der Meinung bin ich auch. Miyamoto ist ein Ausnahmetalent. Sie würde…“

Der heisere Oberste befahl prompt:

„Ruhe, Fukumura, Miyazaki. Ihr habt nicht das Recht, solch eine Behauptung in den Raum zu stellen. Wir werden uns diesbezüglich beraten, ob wir zukünftig die Trainingsmaßnahmen und Auswahlverfahren des Grad Zero verschärfen.“

Plötzlich meldete sich eine Person von der gegenüberliegenden Seite. Ihre ruhige, angenehme Stimme wirkte wie Balsam auf Miyazakis Seele.

„Ich denke, wir sollten uns alle nicht zu sehr verrückt machen. Stattdessen muss uns Leadern bewusst werden, dass jede unserer Entscheidungen Konsequenzen nach sich zieht. Keiner von uns ist fehlerlos. Dennoch haben wir talentierte Mädchen in unseren Reihen. Sowohl in den Gruppierungen als auch unter den Kenshuusei. Wir sollten ihnen zeigen, dass wir sie ernst nehmen, damit sie ihre Fähigkeiten frei entfalten können. Nur so gelingt es uns, sie vor dem Bösen in der Welt zu schützen.“

Aus einer anderen Ecke des Raumes klatschte es. Jemand schlug die Hände zusammen. Dann ertönte die respektvolle männliche Stimme des Direktors der Akademie:

„Gut gesprochen, Yajima. Wie es sich für den obersten Leader der Gruppierungen gehört. Ich stehe voll und ganz hinter dir. Die Kenshuusei und jedes einzelne Mitglied des Havens müssen gefördert anstatt aussortiert werden. Umso mehr Talente wir in den eigenen Reihen haben, umso besser können wir uns gegen die nahende Bedrohung wehren.“

Der Oberste mit dem tiefen Tonfall brummte unzufrieden:

„So wie ich das vernehme, seid ihr also gegen unsere Idee der Verschärfung der Kriterien zum Beitritt und der Weiterführung im Grad Zero. Verstehe ich das richtig, Tsunku, Yajima?“

Miyazaki bewunderte die beiden mutigen Personen im Stillen. Wenn jemand sich traute, das Wort gegen die Obersten zu erheben, dann waren das diese beiden. Selbst in dieser Dunkelheit konnte man ihre Präsenz so deutlich spüren.
Tsunku antwortete positiv:

„Ich bin sogar der Meinung, dass wir die Kriterien abschwächen sollten. Es ist nicht Aufgabe der Kenshuusei, unsere Kämpfe zu fechten. Stattdessen sollten wir, als Befähigte, dafür Sorge tragen, dass es den jungen Mädchen an nichts mangelt. Auch nicht an der Chance auf ein zweites Leben.“

Diese Worte trugen einiges an Gewicht. Miyazaki mochte es, wenn Tsunku das Argument über die Bedeutsamkeit der Therapie hervorbrachte. Er schaffte es immer wieder, das Gefühl zu vermitteln, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als der erfolgreiche Abschluss des Projektes. Und Miyazaki war absolut davon überzeugt, dass er es auch genau so meinte.
Die drei Obersten schienen mit der Aussage des Direktors nicht zufrieden zu sein. Dennoch wussten sie, dass es schwierig war, mit Tsunku über das Thema zu diskutieren. Die pfeifende Stimme ertönte nachdenklich.

„Wir werden diese Angelegenheit beobachten. Sollte sich ein solcher Vorfall wiederholen, müssen eindeutige Maßnahmen getroffen werden. Ob Ihnen das passt oder nicht, Direktor Tsunku.“

Man hörte das Rascheln der Kleidung. Der Angesprochene schien sich tief zu verbeugen, denn er sagte:

„Ich danke Ihnen für das Vertrauen.“

Der Älteste sagte schließlich bedrohlich:

„Wir müssen herausfinden, was die Jäger planen. Es kann gut sein, dass ihre Untertanen vor ihrem Ableben in Kontakt mit ihnen getreten sind. Es wird kein Zufall gewesen sein, dass sie unsere Schwächsten angegriffen haben. Zumal es normalerweise nicht üblich ist, dass Späher offen in Erscheinung treten. Yajima, Miyazaki. Ich möchte, dass °C-ute und Juice=Juice dieser Sache nachgehen. Brecht sobald wie möglich auf.“

Die junge Frau erhob sich. Sie hörte, wie auf der anderen Seite des Raumes ihre Kameradin es ihr gleichtat. Sie verbeugte sich und sprach gleichzeitig mit Yajima in respektvollem Tonfall:

„Verstanden!“

Die drei Obersten sagten majestätisch wie aus einem Organ:

„Ihr seid entlassen.“

Im gleichen Moment begann die Richterkammer zu flackern. Die Projektionen der Obersten verschwanden und grelles Licht durchflutete die Räumlichkeit. Ohne zu wissen, wie ihr geschah, stand sie plötzlich auf einem Flur außerhalb. Die anderen Leader sowie Tsunku standen direkt neben ihr. Daran hatte sich Miyazaki auch nach so vielen Jahren nicht gewöhnt.

„Danke für eure Unterstützung, Mizuki, Yuka.“

Irritiert ihren Namen zu hören, drehte sich Miyazaki zu der großen Wada Ayaka um. Diese war vor ihr und Fukumura regelrecht in die Knie gegangen. Vollkommen perplex wedelte Miyazaki Yuka mit der Hand vor dem Gesicht.

„Nein, nein! Du brauchst dich nicht bedanken. Das war doch selbstverständlich. Die Kenshuusei müssen geschützt werden.“

Der Leader von Morning Musume nickte tatkräftig.

„Genau! Sie sind unsere Zukunft.“

Auch Tsunku schaltete sich in das Gespräch ein. Lächelnd betrachtete er das kniende ANGERME-Mitglied.

„Steht auf, Ayaka. Es gibt keinen Grund für dich, dich so zu erniedrigen. Du bist nicht schuld an dem, was gestern passiert ist. Auch wenn du es so empfindest.“

Die hochgewachsene junge Frau erhob sich dankbar. Die vierte Person, Yajima Maimi, Leader von °C-ute und oberste Anführerin aller Gruppierungen, warf ihnen allen einen aufmunternden Blick zu.

„Wir kämpfen jeden Tag um unser Überleben. Zeigen wir den alten Männern, dass niemand von uns, vom Kenshuusei bis zum fünften Grad, sich durch solch eine Niederträchtigkeit, wie sie gestern geschehen ist, unterkriegen lässt.“

Die anderen Leader stimmten ihr motiviert zu. Auf einmal bemerkte Yuka, als sie sich so in der Runde umblickte, dass jemand fehlte.

„Wo ist eigentlich Momoko?“

Yajima lachte bei dieser Bemerkung.

„Momochi hat mal wieder ihren eigenen Willen durchgesetzt. Anstatt dem Ruf der Versammlung zu folgen, ist sie, nachdem sie von dem gestrigen Unglück erfahren hatte, gleich zu ihren eigenen Mädchen gerannt und hat sie auf eine Trainingsreise mitgenommen.“

Entsetzt starrten alle Anwesenden außer Tsunku sie an und schrien:

„WAS?“

Der Direktor hingegen schmunzelte und sagte amüsiert:

„Das kann nur bedeuten, dass Country Girls bald noch mächtiger zurückkehren wird. Nehmt euch in Acht, damit ihr alle nicht ins Hintertreffen geratet. Momokos Gespür für Talente ist wohl noch ausgeprägter als mein eigenes.“

Seine Schüler nickten eifrig. Yuka hob enthusiastisch die Faust. Mizuki tat es ihr gleich. Und auch Ayaka folgte der Geste. Keiner von ihnen wollte, dass die eigene Gruppe verliert. Sie alle bemühten sich Tag für Tag aufs Neue. Das war der Wille von Hello!Project Online.




Die Schatten der Wolken zogen über die Landfläche. Ab und an zeigte sich das hoffnungsfrohe Schimmern des Sonnenlichts, welches die fallenden Blätter in all ihren Orange-, Braun- und Rottönen so vielfältig erstrahlen ließ. Der Herbst war eine Zeit der Schönheit, Einzigartigkeit und der Kunst.
Das Mädchen mit den langen, glatten, braunen Haaren und der leicht zu groß geratenen Nase atmete befreit aus. Sie liebte die Natur. Am liebsten hätte sie sich einfach fallen gelassen und das gemalt, was sich so farbenfroh und wunderschön vor ihr erstreckte.
Dann stapften links und rechts an ihr kleine Mädchen vorbei, die ihr nacheinander auf den Rücken schlugen und dabei lachten. Eine von ihnen sprach mit heller, klarer Stimme:

„Risa! Du darfst doch nicht einfach stehen bleiben. Beim nächsten Mal wirst du noch über den Haufen gerannt.“

Die Braunhaarige blickte zuerst verwundert nach vorn. Das Mädchen mit der hohen Stimme hatte sich zu ihr umgedreht. Ihr feenhaftes Aussehen ließ Risa warm ums Herz werden. Es war zu niedlich, wie sie mit ihrer schneeweißen Haut, dem ebenholzfarbigen Haar, welches ihr über die Schultern bis fast zu ihrer Taille reichte und den großen, abstehenden Ohren jeden in ihrer unmittelbaren Nähe einfach nur verzauberte.

„Ich glaube sie ist gedanklich irgendwo falsch abgebogen. Hallo, Risa? Jemand zuhause?“

Ein vorlautes Mädchen mit witzigem Überbiss und Haaren, die knapp vor den Schultern einen Bogen schlugen, fuchtelte wild vor den Augen Risas rum. Diese stieß ihre Kameradin, die definitiv die Kleinste unter ihnen war, lachend von sich weg.

„Ärgert sie doch nicht. Das ist gemein.“

Das scheuste Teammitglied tadelte die verspielten Kleineren mit ihren hundetreuen Augen.

„Wie angenehm es hier im Freien ist. Ganz anders als im Schlosspark."

Die Größte der Gruppe genoss die sanft aufkommende Brise. Ganz besonders auffällig waren ihr markantes Kinn und ihre Kurzhaarfrisur.

„Beeilt euch! Wir müssen vor Sonnenuntergang in den Bergen ankommen. Los! Hopp! Hopp!“

Die Älteste unter ihnen stolzierte fröhlich an die Spitze und winkte ihre fünf jungen Mädchen mit dem Zeichen, dass sie ihr folgen sollten. Die Angesprochenen stöhnten auf, doch ihre Anführerin sprach mit einem breiten Grinsen weiter:

„Nur keine Müdigkeit vorschützen. Und Jammern ist auch nicht erlaubt!“

Mit den Armen weit von sich gestreckt lief die Ältere selbstbewusst den Waldweg entlang. Ihre Team-Mitglieder folgten ihr. Nur das Mädchen mit den langen, braunen Haaren blieb noch einen kurzen Moment stehen und starrte ihnen zufrieden hinterher.
Ein weiteres Mal atmete sie tief ein und aus. Dann dachte sich Yamaki Risa glücklich: Das ist ihr Country Girls!

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Autor

Mizupons Profilbild Mizupon

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Kapitel:20
Sätze:4.152
Wörter:51.431
Zeichen:313.482

Kurzbeschreibung

"Hello!Project Online" ist eine mehrteilige Geschichte, die die Abenteuer von Yokoyama Reina und ihren Freunden in der gleichnamigen virtuellen Welt nacherzählt. Die Protagonisten entdecken und erleben auf unterschiedlichste Weise, welche Gesetze, Freuden sowie Gefahren diese Traum-Realität für sie bereithält. Schließlich wird ihnen bewusst, welche große Verantwortung sie zu tragen haben und dass in jedem Einzelnen von ihnen Fähigkeiten schlummern, die die Grenzen der Wirklichkeit weit hinter sich lassen. Doch wie hoch ist der Preis, den sie letztendlich dafür zahlen müssen? Wie groß ist die Bereitschaft, alles zu geben und jegliche Vernunft restlos auszuschalten? Ein Kampf ums Überleben beginnt...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Morning Musume, Angerme und Idols getaggt.