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Der eine zählt des anderen Tassen

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16.11.2019 16:18
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Das erste Mal sah sie ihn in einem Konzert, das sie in der kleinen Kirche der Hallig besuchte. Ein wenig ausspannen und genießen, das hatte sie wollen. Deswegen war sie hierher auf dieses Eiland gekommen, extra am Ende der Saison, um zu vermeiden, dass allzu viele Gäste ihren Weg kreuzten. Aber da hatte man ihr gleich gesagt, dass diese Angst unbegründet sei. Wer hierherkäme, wolle die Ruhe genießen, wolle allein sein. Abschalten, herunterfahren. Die Natur erleben. Und da man auf der Hallig im Grunde nicht mehr tun konnte, als mit nackten Füßen durch das weiche Wollgras auf dem Sommerdeich zu laufen und dabei die Augen zu schließen und sich der noch immer wärmenden Sonne, dem leichten Wind und dem Möwengekreisch hinzugeben, war es klar, dass nicht viele hierherfanden. Jedenfalls nicht jene, die einen Abenteuer-Urlaub bevorzugten. Denn, wie hatte es ein Besucher im Gästebuch der Hallig so treffend formuliert? Am Morgen stünde nur eine Entscheidung an, nämlich die, wohin man sich wende – ob nach links oder nach rechts – um die Hallig zu ergründen. Ja, genau das wollte sie für ganze drei Wochen tun – mit sich allein sein und wann immer sie Lust hatte, einfach stehenbleiben, tief Luft holen, die Augen schließen, lächeln. Ach, wie gut das tat! Und wenn sie auf einem ihrer Spaziergänge einem Strandkorb begegnete, ließ sie sich in ihm nieder, nahm ihr Buch hervor und las eben … Sie hatte sich extra einen dicken Schmöker mitgenommen – auch das eine bewusste Entscheidung, weil sie sich hier die Zeit nehmen wollte, endlich einmal wieder in einer Geschichte zu versinken, ohne, dass sie groß nachdenken musste. Sie hatte sich für einen Sommerroman entschieden, der im Südwesten der USA spielte. Sie hatte ihn schon seit langem lesen wollen – doch die Zeit, die liebe Zeit … Aber wenn sie da so im Strandkorb saß, geschützt vor dem bisweilen aufkommenden Wind, dann meinte sie – ungeachtet der Tatsache, dass sie sich an der Nordsee befand – die Hitze des im Buch beschriebenen Sommers zu spüren und so ging sie mit der Heldin die lange, von Maisfeldern gesäumte Straße entlang, atmete den Staub ein, ja, spürte ihn förmlich auf ihrer Haut kleben und war zugleich froh, hier an der Nordsee zu sitzen und zu wissen, dass sie um 15 Uhr, wenn die Flut heran war, ins Wasser würde gehen können, um sich abzukühlen. Und wieder lächelte sie, legte das Buch kurz beiseite und sah hinaus aufs Wattenmeer, bemerkte Vögel weit draußen, die sich in Scharen zusammenfanden, wusste auch um die Priele, die sich bei Flut als erstes wieder mit Wasser füllten und als äußerst gefährlich galten.

Am Abend dann lockte das Kulturprogramm – einmal das Bernsteinschleifen im Wattenmeerhaus, einmal ein Lichtbildervortrag über den Klimawandel, zu dem sie sich viele Notizen machte. Und dann eben auch das Barockkonzert, zu dem doch so einige gekommen waren. Vor allem Touristen, Gesichter, die sie auf ihren Rundgängen oder bei der Erkundung der hiesigen Flora und Fauna bereits gesehen hatte. Und wenn man sich traf, grüßte man mit einem knappen Moin, was ihr auch sehr gefiel. Bloß kein Wort zu viel, denn in ihrem Job musste sie immer sprechen.

Nun aber hockte sie in einer der Bänke der kleinen Halligkirche, lauschte der Orgelmusik, die ihr in die Ohren träufelte, lehnte sich dazu ans harte Holz, schloss die Augen, versuchte sich die einzelnen Töne vorzustellen, bis sie plötzlich, herausgerissen aus ihrem Dämmer, die Augen wieder öffnete. Ein Ruck war durch sie gegangen, ein einziger, kleiner, und sie sah sich erstaunten Gesichtern gegenüber, die, so erfasste sie es sogleich, nicht sie fixierten, sondern die Orgel in ihrem Rücken. Ihre Musik hatte zarten, hohen Klängen Platz gemacht, und so wandte auch sie den Kopf und erkannte einen Geiger, den sie, wohl angezogen von seiner Kunst, einige Momente beobachtete. Da er jedoch recht steif hinter seinem Notenständer stand und auf sie eher den Eindruck machte, als wolle er seine Geige zersägen statt sie zu streicheln, wandte sie sich wieder um, schloss erneut die Augen und ließ die Musik, die er dem Instrument dennoch zu entlocken fähig war, auf sich wirken. Ihn, den leicht ungelenk Wirkenden, hatte sie alsbald wieder vergessen, denn sein Bild störte die Harmonie der Töne. Sie war zum Entspannen gekommen, und nicht, um sich diesen Genuss durch irgendetwas zerstören zu lassen.

Also legte sie den linken Arm auf die Lehne, streckte die Beine aus und versuchte sich wieder daran, die einzelnen Töne beim Werden und Schweben zu beobachten. Das machte sie gern – auch daheim, wenn sie sich am Sonntagmorgen Konzerte anhörte. Doch hier war es etwas Anderes – herausgerissen aus ihrem alltäglichen Trott, konnte sie sich der Musik in dieser kleinen Halligkirche viel mehr öffnen als daheim im Sessel oder auch in der Philharmonie oder im Konzerthaus, wohin sie ab und an entweder allein oder mit Freundinnen und Kolleginnen ging. Sie lächelte wieder. Das Geigenspiel war gar zu schön. Diese kleinen, zarten Töne umschmeichelten ihr Ohr, ließen sie tief Luft holen. Wie gut das tat …

Insgesamt war es ein schöner Abend gewesen. Und als sie sich auf den Heimweg begab, sie in die untergehende Sonne sah, meinte sie sich selbst ganz leis sagen hören, dass sie es keinen Moment bereute, hierher, auf die Hallig gekommen zu sein. Entgegen ihrer eigenen Befürchtungen und denen ihrer Freundinnen und Kolleginnen. So frei und friedlich wie sie sich fühlte. Es war ein Geschenk, das sie bereit war, anzunehmen.

 Am nächsten Tag war sie von diesem Konzert noch immer so gepackt, dass sie entgegen ihrer eigenen Vorgabe, hier im Urlaub alles sein zu lassen, noch einmal an der Kirche vorbeiging, um zu sehen, wie der Geiger hieß. Doch der Aushang, der das Konzert angekündigt hatte, war bereits verschwunden. An seiner Stelle befand sich nun der Hinweis auf eine Meditationsgruppe, die sich allmontäglich, also heute, treffe und auch für Urlauber offenstehe. Sie blieb einen Moment stehen, fixierte diese Einladung und überlegte, ob es irgendetwas brächte, zu versuchen, den Namen des Geigers auf andere Weise herauszubekommen. Vielleicht sollte sie beim Gemeindevorstand nachfragen? Schließlich entschied sie sich dagegen. Was sollte das bringen? Letztlich nur die Konzentration auf Gedanken und Dinge, denen sie doch hier, auf der Hallig, gerade entkommen wollte. Und überhaupt hatte sie in ihrem nun 45jährigen Leben schon so einige Musiker erlebt, deren Namen sie sich notiert hatte – gerade in der Annahme, sie würde sie wieder einmal hören können. Und ja, bei dem einen oder anderen war ihr das sogar gelungen. Doch der Zauber des sogenannten ersten Mals war immer geschwunden und hatte einem: Ja, er oder sie kann es eben!, Platz gemacht. Kunst blieb Kunst – sie äußerte sich in vielerlei, aber vor allem im Hier und Jetzt. Mit diesen Gedanken wandte sie sich ab und nahm den Umstand, des Namens nicht mächtig zu sein, als Zeichen, die Kunst auf sich zukommen zu lassen, wann immer sie sich dazu gemüßigt fühlte, und nicht nach ihr zu suchen, ihr gar hinterher zu laufen.

Und so machte sie sich auf den Weg, hinunter von der Kirchwarft, blieb erneut kurz stehen und ließ ihren Blick hinüber zu den benachbarten Warften gleiten, die sich, die eine näher, die andere ferner, deutlich als kleine Hügel abzeichneten – gerade so, wie es Siedlungshügel im Alten Orient taten. Und zwischen ihnen nichts als flaches Land. Das wohl berühmteste Tor von Babylon, das der Ischtar geweihte, konnten herannahende Truppen bereits aus 30km Entfernung sehen – ein einnehmender, gar einschüchtern wollender Anblick. Doch hier nun auf der Hallig wollte nichts einschüchtern. Die Warften, 10 – ursprünglich 11 – an der Zahl und das weite, weite Land, das sich bis zum Horizont ausspannte und dem Betrachter, der es wagte, den Blick in den Himmel zu heben, von der unfassbaren Größe dieses so kleinen Eilands flüsterte. Das Gefühl der Grenzenlosigkeit hatte sie an den ersten beiden Tagen geradezu unruhig werden lassen. Ja, wann immer sie auf den Deich der heimischen Warft hinausgetreten war, starrte ihr eine schier unendliche Weite entgegen. Und sie, nirgends Halt finden könnend, taumelte und ließ ihren Blick unter Herzrasen den nächsten Baum hochjagen, um sich an ihn zu klammern. Mittlerweile hatte sich das fade Gefühl in ihrem Magen gelegt und sie konnte sich der Hallig Schritt um Schritt nähern. Da die Sonne – wie an den vorangegangenen Tagen auch – vom fast wolkenlosen Himmel schien, das jedoch nicht so warm, verspürte sie kaum Verlangen, sich direkt an die Nordsee zu begeben. Viel lieber wollte sie heute die übrigen Warften erkunden, denn so vermutete sie, besaß jede von ihnen ihr ganz eigenes Flair. Es gab größere, kleinere – und eben auch eine, die, das erfuhr sie erst von ihrem Gastvater, nach einer Sturmflut in den 60ziger Jahren so stark beschädigt worden war, dass man sie einfach ihrem Schicksal überlassen hatte. Zu dieser wollte sie heute, sie erkunden. Sie war gespannt und lenkte ihre Schritte auf die asphaltierte Straße, auf der ihr einige Fußgänger, jedoch noch mehr Radfahrer entgegenkamen. Kaum Autos. Und das lag daran, dass es einzig den Bewohnern der Hallig vorbehalten war, mit Autos zu fahren – und wenn, dann besaßen diese Wagen einen Elektromotor, sodass sie im Grunde immer wieder tief Atem holen konnte. Und es auch tat. Sie liebte diese würzige, nach Meer schmeckende Luft, die so frisch war, da von Westen her immer ein Wind wehte.

Die Warft, die einst bewohnt, nun menschenleer war, begrüßte sie als ein weites, aus Wiesen und Prielen bestehendes Feld. Kuhfladen verrieten ihr überdies, dass hier vor nicht allzu langer Zeit noch Rinder gegrast hatten, Rinder, die von ihren Besitzern nun weitergetrieben worden waren. Ein Glück auch, denn sie hätte sich bei aller Liebe wohl nicht auf dieses Eiland getraut, wenn sie Rinder um sich gewusst hätte. Wie schnell konnte es geschehen, dass diese Tiere, durch irgendetwas erschreckt, in Panik gerieten und dann einfach losrannten und alles, was sich ihnen in den Weg stellte, niedertrampelten. Schon allein der Gedanke hinterließ in ihr ein ungutes Gefühl, dessen sie sich jedoch erwehren konnte, denn sie wollte diese Warft ja erkunden – irgendwie in sie eintauchen. Hinein in dieses Grün, das dem Auge wiederum eine Weite suggerierte, der jedoch, so wusste sie, nach höchstens 500 Metern das Meer eine Grenze setzte. Aber was sollte es, was bracht es, das zu wissen? Sie ging drauflos, ließ ihren Blick schweifen, gewährte ihm diese Weite, die sich ihm ja tatsächlich auch bot – und zum ersten Mal wurde ihr vollkommen bewusst, dass sie in jede Himmelsrichtung ungehindert sehen konnte. Sie hatte das gesamte Firmament über sich, ohne dass ein Haus oder etwas anderes ihren Blick gestört hätte. Und das war einfach wunderbar. Am Morgen konnte sie dem Sonnenaufgang beiwohnen, am Abend ihrem Untergang. Sie ging noch weiter heran an diese Warft, erspähte den kleinen Hügel, der einst von einem Haus bekrönt war, nun jedoch verlassen dalag. Dicht neben ihm der Fething, das ehemalige Wasserreservoir der Warft. Er war fast auftrocknet. Und dort, wo es noch winzige Wasserstellen gab, hatten sich die Tapsen von Enten, Gänsen und, wie sie vermutete, Möwen tief in den lehmhaltigen Boden gegraben.

Sie stand wohl eine Weile, sah hinab auf das alte Wasserloch, dann wandte sie sich ab, sah sich um. Es war noch recht früh am Tag, der Mittag kaum erreicht, aber sie spürte, wie an den vorangegangenen Tagen auch, Müdigkeit in sich und so lag es nah, dass sie sich ein Fleckchen suchte, um sich zuerst zu setzen, dann zu legen. Das Buch, ihren Schmöker, zog sie hervor, begann zu lesen, ließ ihn jedoch alsbald liegen. Vielmehr Freude bereitete es ihr, in Gedanken immer und immer wieder die von Maisfeldern gesäumte Straße in Gedanken mit der Protagonistin zu laufen, als dem Abenteuer, das sich zweifelsohne ankündigte, zu folgen. Sie hatte ja Zeit, niemand trieb sie. Und so schloss sie die Augen, sah sich in der Weite des amerikanischen Südwestens stehen, auf dieser Straße und schmunzelte unwillkürlich. Die Weite, die hatte sie ja auch hier, hier auf der Hallig. Hier in diesem Moment. Und der wollte, der konnte sie sich einfach ergeben, indem sie ihre Arme ausstreckte und das Gras neben sich ertastete. Ganz egal, dass sie dabei auch an eine Stacheldistel geriet.

Sie meinte nur einige Minuten lang geruht zu haben, doch als sie die Augen wieder aufschlug, stand die Sonne bereits weit im Westen. Hinzukam, dass sich ihre Arme, Beine und vor allem das Gesicht ziemlich heiß anfühlten, sodass sie sich doch, von einem leichten Schreck getrieben, rasch erhob und sich an die Wangen griff. Es bestand kein Zweifel: sie brannten etwas – und das konnte nur eines bedeuteten: das nächste Mal würde sie an Sonnenschutzmittel denken müssen. Jetzt galt es indes, erst einmal nach Haus zu kommen, um sich zu duschen und einzucremen.

Doch wie das immer so war, kam es auch diesmal anders: anstatt den schnellsten Weg zu wählen, lockten dann noch weitere Eindrücke. Plötzlich fand sie sich an der Kirchwarft wieder – und von ihr aus waren es doch nur noch ein paar Schritte hinüber zur Warft, die dem Hafen am nächsten lag. Dort sollte es ein ganz wundervolles Café geben. Es hieß, dass die Eigentümerin den allerbesten Kuchen der gesamten Hallig backte. Wollte sie sich das nun entgehen lassen? Selbst wenn sie mit einem roten Gesicht durch die Gegend zog. Und wenn schon. Sie fühlte sich plötzlich aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Außerdem stellte sich bei ihr der nachmittägliche Kuchenhunger ein, dem sie unschwer widerstehen wollte. Schneller als sie es für möglich hielt, trugen sie ihre Füße hinüber auf diese noch zu erforschende Warft. Sie umrundete sie einmal, ehe sie den Abzweig zu dem in allen Reiseführern hochgerühmten Pesel fand. Und sie hatte Glück, es war noch immer geöffnet. Den Deich hinauf und in den Warftkessel hinein waren eins und schon fiel sie förmlich in dieses kleine Café hinein, das jedoch vollbesetzt war. Der Garten zumindest, so schien es ihr. Kein freier Platz mehr. Was nun? Sie ließ ihren Blick nochmals über die Menschen gleiten, die dasaßen – einige unter großen Sonnenschirmen fast vollkommen versteckt, andere an der Hauswand lehnend, das Gesicht gen Himmel gestreckt. Das waren die Sonnenhungrigen. Sie verstand sie nur allzu gut. Doch sie in ihrem Aufzug, der ganz arg an einen Indianer erinnerte, zog es lieber vor, unter einem Sonnenschirm Platz zu nehmen, wenn denn die Möglichkeit überhaupt noch bestand. Denn so, wie sie die Sache einschätzte, konnte ihr auch der zweite Blick keine Möglichkeit anbieten, sodass sie nun vor der Wahl stand, diesem erquicklichen Örtchen den Rücken zu kehren – und so auf ihren Kuchen zu verzichten – oder einfach durch die Menschen hindurch zu gehen, um sich vielleicht zu anderen Menschen zu setzen. Das war zwar keineswegs ihr erklärtes Ziel, lieber hätte sie … ja lieber, doch alles Zaudern nützte nichts und so gab sie sich einen Ruck und wollte sich gerade einen Weg durch die dichtgestellten Tische hindurch bahnen, als sie ihn sah, ihn, den Geiger von letztem Abend. Er saß ganz hinten in einem Strandkorb an einem Tisch für sich allein, vollkommen im Schatten. In der Tat war der Stuhl vor ihm frei. Oder? Einen Moment lang überlegte sie, ob sie es wagen durfte. Ja? Nein? Ganz sicher würde seine Begleitung sogleich auftauchen. Aber was brachte es ihr, hier stehen zu bleiben und umher zu starren. Also gab sie sich einen Ruck. Fragen schadete nichts. Und außerdem hatte sie wirklich Lust auf ein großes Stückchen Kuchen.

„Entschuldigen Sie bitte, ist dieser Platz noch frei?“

Ihr Gegenüber hob kurz den Blick, presste die Lippen fest aufeinander und nickte kaum merklich, ehe er sich wieder einem Buch, das er aufgeschlagenen in Händen hielt, zuwandte. Offensichtlich las er. Und sie nahm sich ein Herz, ließ sich nieder, wollte nach der Karte greifen, stellte jedoch fest, dass sie neben ihm im Strandkorb lag.

„Entschuldigen Sie bitte, könnte ich wohl die Karte haben?“, hörte sie sich fragen. Er, wiederum kaum den Blick hebend, griff neben sich und reichte sie ihr wortlos.

„Danke“, erwiderte sie knapp und versuchte sich auf die Speisen und Getränke zu konzentrieren, weniger auf den vor ihr sitzenden Mann, der in sein Buch vertieft schien – so sehr, dass sein Bier, der halbe Liter Flensburger, noch ganz unangerührt vor ihm stand – und das schon seit einiger Zeit, war doch der gesamte Schaum bereits verschwunden. Das stellte sie mit einem Blick fest, ebenfalls, dass er trotz der Wärme eine schwarze Cordjacke trug und darunter ein blaues Hemd. Und wenn sie unter den Tisch schauen würde, kämen da langbehoste Beine zum Vorschein. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte er beides auch gestern schon angehabt, als er seiner Violine so wunderbare Töne zu entlocken vermochte, allerdings den Eindruck machte, als wolle er sein Instrument malträtieren. Und unwillkürlich musste sie, nun den Blick in die Karte senkend, lächeln, wenn nicht gar grinsen.

„Es empfiehlt sich rasch zu wählen, denn das Café schließt in 30 Minuten“, vernahm sie da plötzlich die Stimme ihres Gegenübers.

„Ach“, machte sie, ließ die Karte sinken und sah ihm für einen Moment in die Augen, ehe er seinen Blick erneut niederschlug. Diesmal allerdings nicht ins Buch, wie sie unschwer erkannte, sondern auf einen Punkt links neben ihr.

„Ja, dann …“, setzte sie wieder an und wandte sich erneut der Auswahl an Speisen und Getränken zu.

„Es empfiehlt sich ein Stückchen Kuchen …“

Wieder trafen sich beider Blicke, ehe er den seinen sogleich niederschlug, ein „Zwetschgenkuchen“ murmelnd.

„Gut, danke – und dazu nehme ich eine Tasse …“, überlegte sie laut.

„Es empfiehlt sich dazu ein Milchkaffee mit etwas Schokoladenpulver oben auf“, unterbrach er sie leise. Wieder flackerte sein Blick hoch und sie mühte sich um ein kleines Lächeln, doch ehe er es ausmachen konnte, hatte er sich schon wieder ab- und seinem Buch zugewandt.

„Es empfiehlt sich, Sahne zum Kuchen zu nehmen“, schob er hinterher, diesmal, ohne den Blick von seinem Buch zu erheben.

„Danke“, wiederholte sie.

„Der Zwetschgenkuchen ist frisch“, ließ er sich hierauf wieder vernehmen.

„Saftig?“, fragte sie.

Er hob den Blick, schien nachzudenken, ehe er kurz nickte. Und sie mühte sich wieder um ein Lächeln, das er mit zusammengepressten Lippen erwiderte. Und ehe er irgendetwas tun konnte, sagte sie leicht heraus: „Wissen Sie, das nehme ich. Ich habe nämlich einen Bärenhunger …“

Bei diesen Worten senkte er wieder den Blick ohne etwas zu erwidern. Sie aber wagte sich nun hervor, was im Grunde gar nicht ihre Art war, aber da sie ihn nun einmal hier vor sich zu sitzen hatte, kam sie nicht umhin, das Wort erneut an ihn zu richten und so begann sie: „Sie, entschuldigen Sie bitte, dass ich so dreist frage, aber Sie sind doch Geiger, der Geiger von …“

„Falsch“, kam’s so prompt von ihm, dass sie, als sich ihre Blicke wieder trafen, zurückzuckte. „Ich bin kein Geiger. Ich habe das nur getan, weil man an mich herangetreten ist von Seiten des Kirchengemeinderates.“

„Oh“, machte sie nur, „aber … ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich es gestern sehr schön fand.“

„Na ja“, erwiderte er reglos dasitzend. „Ich kann es eben.“ Und mit diesen Worten senkte er wieder den Blick und Stille trat ein, in der sie sich dabei ertappte, wie sie sich hinter der Karte zu verstecken begann und sich fragte, was sie von diesem Auftreten halten sollte.

Doch just in dem Moment sagte er wieder: „Es empfiehlt sich, recht rasch zu bestellten, da das Café in 25 Minuten schließt.“

Sie ließ die Karte sinken und zwang sich, dem falschen Geiger einfach in die Augen zu sehen, solange jedenfalls, bis dieser seinen Blick wieder senken würde. Doch diesmal hielt er dem ihrem stand. Und so sahen sie sich beide für einige Momente nur an, ohne etwas zu sagen. Ihrem geschulten Blick entging nicht, dass er ziemlich müde wirkte – Augenringe bezeugten das – und dass er sein Haar, das auf dem Kopf bereits sehr schütter wurde, in einem strengen Linksscheitel trug, so wie es einige ältere Herren taten, die ihre Tonsur zu verdecken suchten. So ließen sie das Haar auf einer Seite etwas länger wachsen, um es sich dann über die bereits entstandene Glatze zu legen. Doch ihn, der da vor ihr saß, schätzte sie auf höchstens Mitte 50, also keine 10 Jahre älter als sie.

„Das Café schließt bald“, ließ er sich unverhofft vernehmen und fuhr sich, so als ahnte er, dass sie soeben über sein schütteres Haupthaar nachgedacht hatte, durch eben dieses und zerschruwwelte es etwas. Nun hing ihm eine Strähne in die Stirn, die er wieder einzufangen suchte.

„Ich weiß“, erwiderte sie.

„Es empfiehlt sich also …“

„Ich weiß.“

„Also?“

Wieder sahen sie sich beide in die Augen, ehe er den Blick senkte, doch nicht, um sich wieder in sein Buch zu vertiefen, sondern, um es nach einem nochmaligen Also zuzuklappen und sich mit ihm unterm Arm zu erheben und an ihr vorbeizugehen. All das geschah so schnell, dass sie ihm nur nachsehen konnte. Er verschwand im Haus, wohl um das WC aufzusuchen, vermutete sie. 

Kaum hatte sie sich wieder umgedreht und in die Speisekarte vertieft, überlegend, was sie denn nun tatsächlich nehmen sollte – ob sich zum Zwetschgenkuchen nun ein Milchkaffee anbieten würde oder nicht doch eher eine Tote Tante, denn sie verspürte Lust auf Schokoladiges mit einem Schuss Alkohol. Schließlich war sie ja zum Genießen hergekommen. Zum Ausspannen und Sich-Gehenlassen, zum … Also kaum dieser Gedanken innewerdend, nahm sie eine Bewegung neben sich wahr. Sie sah auf – und ihm, dem falschen Geiger, genau in die Augen. Er stand da, blickte ernst auf sie herab – das Buch noch immer – oder wieder? – unterm Arm. Er wirkte so, als warte er auf etwas. Jedenfalls war es diesmal sie, die den Blick niederschlagen wollte, als sein Zeigefinger plötzlich hochfuhr und sie, leicht erschrocken, dem Öffnen seines Mundes beiwohnte. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder verschreckt aufspringen sollte. Denn so bedrängt zu werden – noch dazu von einem Fremden, der, das war ihr in diesem Moment glasklar, ein wenig speziell zu sein schien –, das war unangehem. Wie er sie betrachtete, nein, das gefiel ihr ganz und gar nicht. Dennoch erinnerte er sie etwas an Lehrer Lämpel aus Buschs Max und Moritz und sie ließ alle negativen Gedanken fahren. Stattdessen fragte sie sich nur: Was kommt denn jetzt?

Nun, zuerst kam gar nichts. Er stand nur weiterhin vor ihr, zu Stein erstarrt schien’s, mit aufzeigendem Finger und leicht geöffnetem Mund. Gerade so, als wollte er sogleich mit einer Rede ansetzen à la Liebe Kinder habt gut acht, wenn’s draußen grollt und kracht, denn das hat schon den Stärksten um den Verstand gebracht …

So dachte sie und presste die Lippen fest zusammen, um sich nicht weiter in diesem Gedanken zu ergehen. Denn dass das böse enden konnte, davon konnten ihre Kolleginnen ein Lied singen. Ja, sie neigte zu Lachanfällen, gar -krämpfen, wenn es sie einmal gepackt hatte. Abgesehen davon wusste sie ja tatsächlich nicht, was dieser Mensch von ihr wollte – und wessen Geistes Kind er war. Gut, wäre ihr Gleiches in ihrer Heimatstadt geschehen, wohlmöglich in der vollbesetzen S-Bahn, hätte sie schon längst das Weite gesucht. Hier aber schien alles so friedlich und entspannt zu sein, dass sie sich zusammennahm und einfach abwartete, was ihr dieser Lehrer Lämpel denn nun so wichtiges mitzuteilen hatte. Und so, als hätte sie der Schabernack gepackt, hörte sie sich augenblicklich sagen: „Es empfiehlt sich …“, nur um ihn dann erwartungsvoll anzusehen. Und tatsächlich löste er sich aus seiner Starre, verengte die Augen leicht zu Schlitzen und tippte sie mit dem Zeigefinger ganz rasch an die Wange, hob ihn dann wieder und sagte dozierend ruhig: „Es empfiehlt sich etwas Salbe gegen den Sonnenbrand.“

Sie starrte ihn an – fassungslos. Das Aua! und Was bilden Sie sich ein, mich anzufassen? blieb ihr auf den Lippen kleben, denn schon war er an ihr vorbei, ließ sich wieder im Strandkorb nieder, legte das Buch neben sich, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte, so als wäre nichts geschehen: „Es empfiehlt sich darüber hinaus, alsbald einen Hautarzt aufzusuchen, denn ein etwaiges Melanom wird sich allein durch Creme nicht aufhalten lassen.“

„Na danke auch“, schnappte sie und spürte, wie ihr der Mund offenstehen blieb und sie ihn wie ein Tölpel anzustarren begann. Er schlug indes den Blick wieder nieder, griff nach seinem Buch, öffnete es, begann neuerlich zu lesen. Und sie zog vor, es dabei zu belassen und fortan zu schweigen. Doch sah sie sich zugleich nicht nur nach der Serviererin um, sondern auch nach einem freiwerdenden Platz irgendwo unter den Sonnenschirmen und zur Not auch in der Sonne. Doch wie das Lied immer so spielte, gab’s den nicht, sodass sie sich vor die Wahl gestellt sah, entweder zu bleiben und diesem komischen Menschen weiter Gesellschaft zu leisten oder so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Die Entscheidung darüber wurde ihr indes vom Erscheinen der Serviererin abgenommen. Doch gerade, als sie ihren Bestellwunsch äußern wollte, stellte diese einen Teller mit einem großen Stück Zwetschgenkuchen nebst Sahne und einen Milchkaffee vor ihre Nase.

„Äh“, machte sie nur und starrte zuerst die Serviererin, dann das große Stück Kuchen an.

„Das hatten Sie doch … bestellt?“, ließ sich die Serviererin vernehmen.

„Äh.“

„Es empfiehlt sich …“, schaltete sich da der falsche Geiger ein, „… sogleich mit dem Essen zu beginnen, da sonst die Sahne zerläuft. Bei diesen Temperaturen um mindestens 50 % schneller als bei milderen. Es empfiehlt sich also …“

„Ja, ja … Jakob, trink du mal endlich dein Bier aus, sonst fliegen Fliegen rein“, warf die Serviererin ein.

Hierauf erwiderte er nichts, klappte allerdings das Buch zu und griff, den Kopf gesenkt, tatsächlich nach seinem Glas Bier. Sie indes nutzte die Gelegenheit, der Serviererin einen Blick zuzuwerfen. Diese verstand wohl, denn sie zuckte leicht resignierend mit den Schultern, nickte in seine Richtung und sagte etwas leiser: „Jakob.“ Dazu nickte sie noch einmal, als wäre dadurch alles erklärt, um sich dann wieder an den Genannten zu wenden: „Nicht wahr Jakob, alles ist gut.“

Dieser sah auf, verzog den Mund und fletschte plötzlich die Zähne. Sollte das ein Grinsen, gar ein Lächeln darstellen? Ihr wurde bei diesem Anblick ein wenig Bange, wirkte ihr Gegenüber doch wie einer, der, gelinde gesagt, erschreckende Gedanken hegte. Hinzukam noch, dass er sie unverwandt – nun mit weit aufgerissenen Augen – anstarrte und sein Gesicht dadurch wie eine Maske wirkte. Gut nur, dass die Serviererin noch immer neben ihr stand, sonst hätte sie in diesem Moment tatsächlich das Weite gesucht. Und als er dann auch noch mit just dieser Miene sich wiederholend sagte: „Es empfiehlt sich, recht rasch zu essen“ und dazu abwechselnd auf das vor ihr stehende Stückchen Kuchen und sie stierte, wollte sie nicht wissen, was in seinem Kopf los war, was da gerade geschah. Von Geilheit mochte sie nicht sprechen. Aber auch total verrückt und durchgedreht wären zu erschreckend für sie gewesen. Eines jedoch stand für sie fest: begegnen wollte sie diesem Typen nicht noch einmal. Und so, als könnte sie die Serviererin nur durch die Macht ihrer Blicke bannen, hob sie den Kopf. Die verstand tatsächlich. Leicht nickend sagte sie zu ihr: „Sie sehen so aus, als würden Sie frieren. Möchten Sie sich nicht dort drüben hinsetzen?“

Der Chance gewahr werdend, schnappte sie augenblicklich nach Luft, erhob sich und wollte ihren Teller nebst Milchkaffee nehmen, doch die Serviererin schüttelte nur mit dem Kopf. „Das mache ich. Sie setzen sich dort hinten hin …“

Sie deutete hinter sich auf ein Sonnenplätzchen an der Mauer, das just in diesem Moment freigeworden war. Und schneller, als sie denken konnte, hatte sie dort Platz genommen, gefolgt von der Serviererin, die ihr Kuchen und Milchkaffee vor die Nase stellte und ein geflüstertes: „Bitte verzeihen Sie, aber er ist im Grunde harmlos“ nachschob.

Ungeachtet der Tatsache, dass er sie noch immer beobachten konnte – und das auch tat, wie sie unschwer feststellte – mühte sie sich zu fragen, was mit ihm los sei. Und er, dort quer über den Gang in seinem Strandkorb sitzend, starrte herüber, nun wieder ernst, dafür aber irgendwie seltsam wirkend. So … Verdammt, sie konnte es nicht in Worte fassen. Die Serviererin flüsterte indes: „Sie müssen keine Angst haben.“

Verwundert löste sie den Blick von ihm, dem falschen Geiger, dieser schwarz-becordeten Gestalt, die sich, so meinte sie, mit dem Schatten in der Ecke zu verweben begann. Und doch wusste sie seinen Blick noch immer auf sich gerichtet. Bohrend, beißend … einfach unangenehm.

„Er ist Mathematiker und Physiker.“

Das Was? blieb ihr im Hals stecken. Hätte nur gefehlt, dass die Serviererin gesagt hätte: „Er ist nur Mathematiker und Physiker“ – und keine Chimäre, die gerade wieder die Zähne fletschte, um ihr zu zeigen, dass … Nein, das war zu gräulich. Der Appetit war ihr gänzlich vergangen. 

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Autor

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Kapitel:3
Sätze:245
Wörter:4.958
Zeichen:28.869

Kurzbeschreibung

Im Hallig-Urlaub trifft sie (45) auf ihn (55) und beginnt sich für ihn zu interessieren, obwohl oder gerade weil er so anders erscheint als andere Männer. Er zieht an und stößt ab zugleich. Wie? Tja, da wären sein außergewöhliches Geigenspiel, seine Unerfahrenheit hinsichtlich bestimmter Dinge, aber auch sein bisweilen verstörendes und exzentrisches Verhalten. Und er? Ist ihr gegenüber ebenfalls nicht abgeneigt, bemüht sich und probiert es schließlich bei ihr. Am Ende des Urlaubs dann die Frage, wie es weitergehen könnte. Doch der Alltag holt beide recht schnell wieder ein, sodass sie sich aus den Augen verlieren. Unverhofft kommt allerdings oft: Beide treffen wieder aufeinander und sie steht plötzlich vor einer Gewissensfrage.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Bildung, Alltag und Humor gelistet.