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Black Lake Saga-Auf den Spuren der dunklen Vergangenheit (Band 2)

215
10.02.24 22:06
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

5 Charaktere

Amaris Ward

- geboren als Amaris Eugenia Ward (Myld)- Hauptprotagonistin der Geschichte (erzählt aus der Ich-Perspektive)- geb. am 23. Mai 1990 (17 Jahre alt im zweiten Teil) Leibliche Eltern: Trista Myld und Rox Trishwall- Beziehungsstatus: in einer Beziehung mit Ozul Gelimer (geb. am 17. November 1988) seit dem 6. Januar 2007- hat ein großes Talent in der Malerei

Ozul Gelimer

- geboren am 17. November 1988- in einer Beziehung mit Amaris Ward (Myld)-Sänger der Schulband "The dark knight Judas"

Adrienne & Cadell Merchand-Myld

- Tante und Onkel von Amaris Ward- trennen sich im Laufe der Geschichte

Valerian Merchand

- geboren am 27. Januar 1988- Sohn von Adrienne Myld und Rox Trishwall; Halbbruder von Amaris- "Sozialer" Vater ist Cadell seit Geburt und lebt in Death Tale

Rox Trishwall

- geboren am 15. Oktober 1961 in Cruelfeld - leiblicher Vater von Amaris Ward und Valerian Merchand- hatte eine Affäre mit Adrienne Myld- Ex-Partner von Trista Myld- ehemaliges Band Mitglied von "Flame Snake" (Bassist)- lebt später mit Adrienne in seinem Elternhaus- impulsives Verhalten, aggressiv, gewaltätig
  1. Ever Dream – Nightwish

  2. Rise again Apocalyptica

  3. PaleWithin Temptation

  4. Walk this Way Aerosmith

  5. Immortal – Evanescence

  6. Louder than hell – Mono Inc

  7. Time Stands Still - Blind Guardian

  8. Not Strong Enough – Apocalyptica

  9. Labyrinth – Oomph!

  10. Scratch and Scream – B and the Hive

  11. Ich tu’ dir weh – Rammstein

  12. Fire and Ice – Within Temptation

  13. Goodbye AgonyBlack veil Brides

  14. Frozen Within Temptation

  15. Only TimeEnya

  16. Wait and Bleed – Slipknot

  17. Hardrock Hallelujah – Lordi

  18. Augen auf – Oomph!

  19. Sleeping SunNightwish

  20. On your Shore - Enya

  21. Ashes – Christian Death

  22. Fallen Embers – Enya

  23. Bodom Beach Terror – Children of Bodom

  24. PathApocalyptica

  25. Games people play- the Alan Parsons Project

  26. Banned From Heaven – Children of Bodom

  27. Child of Sin - Kovac & Till Lindemann

  28. Father of the Wolf – Amon Amarth

  29. Children of the Moon - the Alan Parsons Project

  30. Broken Pieces – Apocalyptica

  31. Silence and I - the Alan Parsons Project

  32. Rock and Roll Dreams Come Through – Meat Loaf

  33. Cry for the Moon - Epica

  34. Angels Calling – Sabaton

  35. Thunderstruck – ACDC

  36. Season of Change – Stratovarius

  37. Wishmaster - Nightwish

  38. Don’t You forget about me – Billy Idol

Zu 90 Prozent war ich sicher, dass ich einen Albtraum hatte. Musik dröhnte und laute Stimmen waren überall. Viele verschwommene Gesichter starrten auf mich. Ich stand in einer kreisförmigen Mitte, umgeben von roten und schwarzen verwelkten Rosenblätter. Eine Spiegelkugel hing an die Wand und drehte schnell und flackernde Beleuchtungen. Laute Stimmen waren in einem Raum.

Die Musik wurde kurz darauf pausiert. Ich stand an der linken Seite und beobachtete einen Mann, der auf die Bühne empor stieg. Es war mein Schulleiter und verkündigte die Nachricht des Ballkönigspaar des Schulballs: „Es kamen zwei Kandidatinnen und drei Kandidaten für den Schulball in Frage. Kommen wir zum Resultat der Kandidaten: Lycidas Ravil, Ozul Gelimer und Ywain Drimortus. Zu 21 Prozent gingen die Stimmen an Ywain, 15 Prozent an Lycidas und unser Gewinner ist Ozul Gelimer mit 64 Prozent der Stimmen. Vivat Ozul! Zu den Kandidatinnen: Die Schülerinnen Tourmaline Silvstone und …“ Wer war nun die zweite Kandidatin?

Mein Wecker klingelte mich gegen Viertel nach sechs wach. Ich war noch viel zu müde und kam nicht so recht auf die Beine. Dennoch verfiel ich ins Grübeln. Schläfrig gähnte und streckte ich mich, bis ich endlich aufgestanden war.

Einen Blick warf ich danach auf meine Pinnwand, an der meine To-Do Zettel und andere wichtige Notizen hafteten.

10. Mai 2007

Die Müdigkeit saß noch tief in meinen Gliedern und ich fühlte mich etwas wackelig auf den Beinen. Meine Augen kämpften gegen die Müdigkeit an, als ich auf den Kalender schaute und das heutige Datum sah: 10. Mai 2007: ein Donnerstag. Ich nahm meine Handtücher und taumelte langsam in Richtung Bad. Eine Wechseldusche tat mir gut. Es war noch keiner hier und das war auch gut so. Ich konnte somit etwas abschalten und meine Morgenroutine etwas ruhiger starten, doch dann erinnerte ich mich wieder an das Datum. Irgendetwas steht heute an, nur was ist es wieder gewesen? Ach egal, ich schaue später nochmal nach in den Notizen meines Hausaufgabenheftes nach. Ich duschte schnell und zog mich an. Hesperia wurde langsam wach und schaute mich mit einem müdem Blick verwirrt an. „Salve! Du bist schon wach?“, begrüßte sie mich gähnend. Ich schaute auf die Uhrzeit meiner Armbanduhr. „Wie spät ist es denn?“, wollte meine Freundin wissen.

„Es ist bereits Viertel nach sieben und ich glaube, du musst auch bald aufstehen“, erinnerte ich sie. Sie seufzte und machte sich fertig. Ich schaute nochmals auf meine Pinnwand und merkte, dass ich das heutige Datum dick und rot umrandet hatte. Dabei hing eine ein gelber Zettel, auf dem stand: Bekanntgabe der Preisverleihung. Ich war aufgeregt.

Stimmt! Mrs Vendetta wird uns heute die Neuigkeiten des Dark Art Institute mitteilen. Ich wartete auf meine Freundin, bis wir gemeinsam frühstücken konnten. Auch sie war noch hundemüde. Auf dem ganzen Weg zur Mensa gähnte sie und steckte mich immer wieder an. Ich nahm mir eine kleine Tüte und legte einige Energiebälle hinein für die Pause. Fürs Frühstück nahm ich mir etwas Porridge mit Kiwi- und Mangostücke und zwei Vollkorntoasts mit Linsen-Paprika Aufstrich. Als Getränk brauchte ich einen frisch gepressten Orangensaft. „Ach, Amaris?“, fragte Hesperia mich mit ermüdender Stimme.

„Ja, was ist los?“

„Weißt du zufälligerweise, wann wir die Englisch Klausur schreiben?“ Ich war etwas verwundert, dass meine Freundin dies nicht wusste. Hat sie es sich nicht aufgeschrieben?

„Heute in zwei Wochen. Hast du es vergessen zu notieren?“, wollte ich von ihr wissen.

„Mmh“, nickte sie gähnend. Ich war mittlerweile etwas wacher und erkannte, dass sie beinahe wieder eindöste. Ich setzte sie in Kenntnis, dass an diesem Tag die Entscheidung der Preise des Kunstwettbewerbs gefällt wurde und aß noch schnell zu Ende. Sie freute sich sehr und hoffte für mich, dass ich unter den Gewinner stehen würde. Ich schaute kurz auf die Uhrzeit. Oh, schon acht Uhr! Wir müssen in einer halben Stunde wieder zum Unterricht!

„Hesperia, wir müssen los. In einer halben Stunde fängt der Literaturunterricht an“, erinnerte ich meine Freundin, „Und ich muss nochmal hoch meine Schultasche holen.“

Schnell rannten wir hoch in unser Zimmer und schließlich zu unserem Klassenraum, um nicht zu spät zu kommen. Wie ihr bereits wusstet, war Pünktlichkeit bei Mr. Segeric sehr wichtig. Ich schaute noch kurz, ob ich alle Schulbücher und mein Schulordner eingepackt hatte.

Alles drin! Nun los. Wir schritten zum Hauptschulgebäude und warteten, bis unser Klassenraum aufgeschlossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt unterhielten Hesperia und ich uns etwas. Ich teilte ihr meine Aufregung mit, die ich für den Kunstunterricht verspürte, da heute die Bekanntgabe der Gewinner des Wettbewerbes anstand. Doch zuerst musste ich durch den Literaturunterricht. Mr. Segeric eilte zum Saal mit etwas Verspätung und schloss unseren Klassenraum auf. Im Inneren forderte er uns dann auf, augenblicklich hinzusetzen. Eine Woche davor hatten wir eine Klausur geschrieben und er starrte uns dieses Mal sehr streng an. Etwas stimmte nicht, das war klar an seiner Mimik zu erkennen. „Salvete!“, begrüßte er uns ernst, „Ich habe schon einen Blick in eure Aufgaben geworfen und wie ich sehe, haben viele sehr wenig ausformulierte Antworten in den Klausuren gegeben. Kann es sein, dass manche nicht gelernt haben? Hört mir gut zu! Es ist mittlerweile das letzte Quartal, bevor die Sommerferien beginnen und das Schuljahr vorbei ist.“

Hoffentlich habe ich wenigstens alles soweit richtig und in ausführliche Antworten verfasst.

Hesperia zuckte mit den Schultern und wusste nicht, wie die anderen eine Erklärung zu geben.

Nun lasst uns einen Blick in eins der letzten Kapitel eures Schulbuches werfen. Kapitel Heilzauber aufschlagen auf der Seite 177. Amaris könntest du bitte anfangen, den Abschnitt über die Funktion des Heilzaubers zu lesen?“

Ich nickte und folgte der Aufforderung unseres Lehrers. Hoffentlich ist die Stunde gleich vorbei und dass ich bald im Kunstunterricht bin. Ich muss mich gedulden. Doch eine Englischstunde ist auch noch auf den Plan.

Mr. Segeric führte den Zauber durch und machte uns deutlich, dass dieser Zauber nur in Notfällen gedacht war.

Dann forderte er uns auf, unsere Tarotkarten aus unserer Schatulle zu nehmen und erklärte die verschiedenen Legesysteme, die wir schon etwas in Erfahrung gebracht hatten. Ich tat mich beim Thema Tarotkarten lesen schwer. Das Prinzip war komplex. Zum Glück konnte Hesperia mir etwas dabei helfen. Mr. Segeric verfasste die wichtigsten Punkte auf der Tafel und wir notierten diese ins Heft, bevor die Schulklingel läutete. Wie lange dauert es noch?, fragte ich in mich hinein und atmete tief durch. Bestimmt will unsere Englischlehrerin uns nochmal an die Arbeit in zwei Wochen erinnern oder den Lesestoff mit uns durchgehen.

Ich atmete, wie viele anderen erleichtert aus, als der Literaturunterricht zu Ende war. Wir warteten nun auf unsere Mrs. Wanda.

Es wurde laut im Klassenraum und ich hörte, wie Lycidas sich mit Arsham, einem anderen Klassenkamerad stritt.„Sie empfindet nichts für dich. Ich habe sie doch mit ihm gesehen und ich würde dir raten, dich von den beiden fernzuhalten“, versuchte Arsham unserem Möchtegern Casanova zu erklären.

Arsham, sie soll verstehen, dass der nichts für sie ist!“, ärgerte sich Lycidas.

Moment mal, redet Lycidas etwa über mich und Ozul? Arsham hat Recht; ich will nichts von Lycidas!

Meine Freundin mischte sich bei den beiden ein: „Über wen redet ihr, Jungs?“

„Es geht um deine Freundin Amaris. Lycidas will seine Liebe ihr gestehen, aber ich habe gehört, dass sie mit …“, versuchte Arsham für Hesperia die Situation zu erklären. Zum Glück wurde Ozuls Namen noch nicht erwähnt.

„Du Vollidiot!“, schrie Lycidas seinen Kameraden an, „Musst du ausgerechnet das heraus posaunen?“ Hat er noch immer nicht verstanden, dass ich mit Ozul zusammen bin? Was für ein Aasgeier! Ich hasse ihn, ich hasse ihn!

„Es reicht jetzt! Und jetzt setzt euch alle hin und seid still!“, regte sich Mrs. Wanda auf, die in unseren Klassenzimmer hineinging. Sie legte ihre Tasche laut auf den Tisch, sodass es schnell still im Raum wurde. Viele schüttelten den Kopf, um dennoch ihren Missfallen auszudrücken. Doch sie sah darüber hinweg und verdonnerte uns dazu, die Kapitel 15 und 16 von unserer Lektüre zu bearbeiten.

Etwas später erklärte sie uns den Aufbau der nächsten Klausur, die wir in zwei Wochen schreiben würden. Ich hoffte so sehr, dass auch diese Stunde schnell vorbei war. Die Aufregung war zu groß, um diese zu kontrollieren und diese Nervensäge von Lycidas, der nichts besser im Kopf hatte, als seine Pläne zu schmieden, wie er Ozul und mich am Besten auseinanderreißen konnte, so wie es Nightshade getan hatte. Die Diva ließ sich schon seit einiger Zeit nicht sehen und wir wussten noch immer nicht, wo sie geblieben war. Hat sie sich an einen anderen Ort gehext oder was war mit ihr? Ich sollte eigentlich froh sein, dass sie weg war, doch meine Neugier war dieses Mal zu hoch. Wo steckte sie bloß? Amaris, es ist nicht wichtig, wo sich die Diva aufhält. Du bist nun die Königin.

Nun abwarten! Ich erinnerte mich zurück an die letzten Monate, wo ich am Kunstwerk für den Wettbewerb gearbeitet und ich sehr viel Energie hinein gesteckt hatte. Mrs. Vendetta schritt ins Atelier herein.„Salvete!“, begrüßte sie uns. „Salve!“

„Wie ihr bereits ahnt, werden manche heute ihr Ergebnis vom Kunstwettbewerb erfahren. Ich möchte euch ja nicht auf die Folter spannen. Die Direktorin Dame Nasira Capulova des Dark Art Institute wartet vor unserem Klassenraum und wird die Preisverleihung verkünden.“, begann unsere Lehrerin zu berichten. Es wurde laut im Klassenraum. Verschiedene redeten durcheinander.

War es vor Aufregung oder was war die Ursache?

Nun claudite!“, schrie Mrs. Vendetta, „Nun ich bitte euch Mrs. Capulova zu begrüßen“ Unsere Lehrerin öffnete die Tür. Eine etwas ältere Frau mit schwarzgesträhntem hellblondem Haar schritt in einem dunkelblauen viktorianischen Kleid herein. Sie begrüßte uns freundlich und begann erst mit einer schlechten Nachricht: „Leider haben es nicht alle geschafft, einen Preis zu gewinnen und eine von euch wurde disqualifiziert. Eine Kopie eines bestehenden Kunstwerkes ist Plagiat. Den Namen dieser Person werde ich nicht erwähnen, da diese es selbst wissen weiß. Ich möchte nun zu den guten Nachrichten und den anderen kommen, die die weiteren Preise verliehen bekommen. Ich bitte nun die folgenden Schülerinnen aufzustehen:, Semyazza Zosima, Amaris Ward und Turaya Vanoushkava. Der dritte Preis geht an Turaya mit der Zeichnung „Time Stream“ im Surrealismus Stil in Aquarell und Surrealismus Stil, der zweite an Turaya mit „Abstract Time“ in Ölfarben und der Hauptpreis geht an Amaris „Once upon in childhood times“ im Acryl. Herzlichen Glückwunsch Amaris!“ Mrs. Capulova überreichte mir das Stipendium. Das Papier, das zu einer Pergamentrolle geformt und mit einer Schleife gebunden war.

Danach teilte sie mir mit, dass mein Kunstwerk im berühmten Kunstmuseum in Sawblade Nebula ausgestellt wurde. Anschließend gab mir sie mir eine Broschüre der Universität, die mich in zwei Jahren aufnehmen würde. Ich lächelte und freute mich. Meine Kunstlehrerin gratulierte mir und flüsterte mir zu: „Deine Mutter wäre sehr stolz auf dich. Dein Talent hat sich dafür gezeigt. Mrs Capulova möchte nächste Woche zudem noch ein Interview mit dir durchführen.“ Hoffentlich hatte keiner sie gehört, denn es musste niemand außer meinen Freundinnen wissen, dass meine leibliche Mutter eine sehr gute Freundin von Mrs. Vendetta war. Vermutlich wusste es aber die Leiterin des Kunstinstituts auch, aber warum dann wollte sie mich interviewen?

„Ihr könnt euch wieder setzen!“, forderte unsere Lehrerin uns auf. Wir setzten wieder an den Sitzplatz. Mrs. Vendetta bedankte sich bei Mrs Capulova für den Besuch und sie ging. In diesem Moment läutete die Schulklingel das Ende des Unterrichts und Schulende dieses langen donnerstags ein. Ich holte meine Frühstückstüte mit den Energiebällen heraus, da ich vor ganzer Aufregung etwas essen musste. Hesperia stand neben mir und gratulierte mir auch zu meinem Erfolg. „Das muss gefeiert werden!“, sagte sie entschlossen. Ich schüttelte den Kopf.

„Magst du etwa nicht feiern?“, wollte sie von mir wissen.

„Mir ist nicht danach“, gestand ich ihr, „ich habe schon in den Julferien schlechte Erfahrungen gemacht.“

Sie bettelte mich an: „Ach komm schon, Amaris. Du bist meine beste Freundin. Kannst du nicht da eine Ausnahme machen, bitte?“

„Na gut, aber dann nur mit dir, deiner Schwester und Ione“

„Und was ist mit deinem Schatz?“

„Ja, stimmt, aber an einem anderen Ort“, stimmte ich leise zu. Sie nickte glücklich und war der Meinung, ich sollte Ozul die freudige Nachricht überbringen und sie erzählte mir ihr Vorhaben für die Party. Wir eilten in unser Zimmer und ich schrieb meinen Adoptiveltern eine Nachricht über das freudige Ereignis. Dagegen rief ich Ozul an.

Ich wusste, dass es noch zwei Jahre dauerte, bis ich das Highschool Diploma abschließen würde. Jedoch war ich sehr neugierig und wollte mehr über die Kunstuniversität zu erfahren. Doch zuerst musste ich Ozul anrufen. Er hatte noch etwas Zeit, bevor er wieder los musste. Er ging in letzter Zeit fast jeden Donnerstag nach der Schule zum Boxtraining. Ich rief ihn an: „Wer ist da?“, fragte er scherzend.

Deine bessere Hälfte“

Das ist mir klar, mein schöner Mond. Wie geht’s dir?“

Gut und dir? Ich habe eine gute Nachricht, mein Liebster: Ich habe den ersten Preis für mein Kunstwerk und das Stipendium bekommen, um nach der Highschool auf die renommierte Kunstuniversität zu gehen. Ist das nicht toll?“, erzählte ich glücklich meinem Freund.

Herzlichen Glückwunsch mein Schatz! Das klingt aufregend. Ja es geht so bei mir“, antwortete er etwas bedrückt.

Ist etwas passiert?“

Nein, es geht nur darum, dass ich bald einen neuen Plattenvertrag unterzeichnen muss.“

Oh wieso das denn? Übrigens wollte ich dich mit meinen Freundinnen einladen, um mein Ereignis von heute zu feiern. Das weitere erkläre ich dir noch.“

Okay. Ich erzähle dir alles später, meine Liebste. Ich muss nun los zum Boxtraining und rufe dich später an. Ich liebe dich!“

Ich liebe dich mehr!“

Ich liebe dich am meisten! Bis dann.“

Bis dann, mein schwarzer Panther. RRR!“ Ozul kicherte leise ins Telefon und wir legten auf. Hesperia fing an laut zu lachen: „Schwarzer Panther? Ist das jetzt dein Kosename für Ozul? Willst du mir jetzt erzähle, dass du doch nicht zu schüchtern bist?!“

Hesperia, ich soll doch selbstbewusster werden oder nicht?“, entgegnete ich mit einer anderen Frage.

Ja schon, aber das war jetzt eine Seite von dir, die kenne ich nicht“. Ich zuckte die Schultern und wusste selbst nicht so recht, warum ich so reagiert hatte; eine Erklärung dazu hatte ich nicht. Kurz darauf klingelte mein Handy und auf dem Display war die Festnetznummer von meinen Adoptiveltern zu sehen. „Hallo?“

Meine Adoptivmutter war auf der anderen Seite am Hörer: „Hallo Amaris, Liebes, wie geht es dir? Wir haben lange nicht mehr miteinander telefoniert. Wie läuft es in der Schule? Was gibt es Neues?“

Ich erzählte ihnen, dass ich am Kunstwettbewerb der Schule teilgenommen hatte und dafür den ersten Preis bekam, sowie ein Stipendium. Etwas später berichtete ich ihr, dass Ozul seit vier Monaten mein erster fester Freund war. Er war meine erste richtige Liebesbeziehung. Meine Pflegemutter hörte mir aufmerksam zu, freute sich sehr über die guten Nachrichten. Sogar meinen Adoptivvater ruft sie währenddessen dazu. Er sagte dann völlig aufgeregt: „Aus dir wird noch eine wahre Künstlerin! Wir sind stolz auf dich und außerdem möchten wir den jungen Mann kennenlernen. Und in welchem Fach, ist denn der Glückliche gut?“

Ozul ist Sänger der Schulband und er hat vor ein paar Monaten eine goldene Schallplatte für sein großartiges Album bekommen. Er ist ein brillanter Musiker.“

Das klingt genial. Ozul heißt er also. Wir würden uns sehr freuen, ihn bald kennenzulernen und hoffen, dich bald wieder bei uns zu haben.“

Ich muss nun leider auflegen, weil ich noch viele Hausaufgaben habe. Hab euch sehr lieb!“, erklärte ich meinen Eltern.

Wir haben dich auch sehr lieb und hoffen, dich bald wieder zu sehen. Wir vermissen dich sehr:“

Ich vermisse euch auch. Bis dann!“ Ich legte wehmütig mit einem Kribbeln im Magen auf. Das kann ja was werden! Ich muss Ozul meinen Adoptiveltern vorstellen, aber möchte er das? Und wie würden sie ihm begegnen? Würden Thorn und er sich wie richtige Männer verstehen? Richtige Männer?! Was rede ich denn da wieder für ein Quatsch! Ich muss mich doch um andere Dinge kümmern, also nun Laptop einschalten und mehr über die Uni erfahren. In der Internetsuche gab ich den Namen der Universität ein, die mich in zwei Jahren aufnehmen würde: Muriel Rachel Art Darker College.

Die erste Suche führte mich zu der Homepage: muriel-rachel-art-darker-college.snb In einer Slideshow wurden ein paar Bilder des Colleges gezeigt: Das Hauptgebäude wurde im Stil der Hochviktorianischen Gotik gebaut und die Wohnhäuser im Renaissance Stil. Die Universität wurde im 18. Jahrhundert gegründet, aber die Wohnhäuser wurden schon früher für andere Zwecke benutzt. Auch bekannte Künstlerinnen hatten hier studiert und eine dieser bekannten hatte diese Universität ins Leben gerufen. Diese gewisse Muriel Rachel. Sie setzte sich für die jungen weiblichen Studentinnen aus der Mittelschicht ein, die sonst keine Chance gehabt hätten. Hier konnte man sich für die Studien in Bildende Kunst, Freie Kunst, Kunstpädagogik und Kunstgeschichte bewerben. Mein Wunsch war es später als freischaffende Künstlerin zu arbeiten in der Selbstständigkeit. Dies war meine Bestimmung. Ich ging die verschiedenen Unterrubriken der Webseite durch.

Hesperia schaute mir etwas über die Schulter. „Das ist bestimmt der geniale Ort zum Studieren“, war ihre Meinung. Ich zuckte mit den Schultern und wusste nicht, was ich ihr sagen sollte. In weiteren unteren Rubriken las ich etwas über die verschiedene Bereiche, ihre Voraussetzungen und Ziele. „Glaubst du, dass ich in zwei Jahren dafür bereit bin?“, fragte ich meine Freundin zweifelnd.

Du schaffst das, meine Schwester und ich glauben an dich und dein Schatz auch.“

Im selben Moment klingelte der Nachrichtenklingelton. Auf dem Display erschien der Kosename von meinem Liebsten. Das Training ist ausgefallen und ich bin nun in der WG. Ich muss nochmal den Plattenvertrag durchlesen und neue Texte schreiben. Um 20 Uhr 30 werde ich dich anrufen. Ich liebe dich meine Schöne. Bitte verzeih mir, dass ich mich nicht vorher melden kann. Ich stieß einen Seufzer aus. Dass Ozul einen neuen Plattenvertrag unterschreiben musste, war nicht das Problem, es stellte sich nur die Frage, warum er dies als schwierig bezeichnete. War der Vertrag etwa mit Klauseln verbunden, die ihm Sorgen machten? Ich musste mich geduldigen, bis er mich anrufen würde. Eilig schrieb ich ihm zurück, dass es kein Problem wäre, später zu telefonieren. Allerdings teilte ich ihm auch mein Gefühl der Sorge mit. Er erwiderte in kurzen zwei Sätzen:

Mach dir keine Sorgen, Liebste! Ich werde mich melden.

Es machte mir doch Kummer, denn das Unwissen quälte mich sehr, sodass Bauchschmerzen einsetzten. „Ist alles in Ordnung, Amaris?“, wollte meine beste Freundin von mir wissen. Ich zuckte mit den Schultern und wusste nicht, wie ich meinen Zustand erklären sollte. Aus dem Fenster beobachtete ich ein paar dunkle Wolken, die vorbeizogen. Vermutlich würde es gleich regnen.

Dann machte ich etwas Hausaufgaben und legte mich etwas später hin bis zum Abendessen.

22. Mai 2007

Es war ein Tag vor meinem siebzehnten Geburtstag. Draußen waren dunkle Wolken aufgezogen und es könnte in jedem Moment anfangen zu regnen. Wir hatten am Morgen die Englischklausur geschrieben, obwohl diese eigentlich auf Donnerstag festgelegt war, aber Mrs. Wanda war der Meinung diese vorzuverlegen. Lycidas hatte sich sehr darüber aufgeregt. Vielleicht hatte er nicht gelernt gehabt. Ich jedenfalls hoffte, dass ich noch alles noch richtig gewusst hatte. Die Klassenarbeit war über unsere Pflichtlektüre und somit die letzte schriftliche Bewertung. Dann wäre die Lektüre abgeschlossen und ein anderes Projekt würde anstehen.

In den letzten Tagen hatte ich öfters Bauchschmerzen und quälte mich durch im Unterricht, ohne dass meine Lehrer dies mitbekamen. Vielleicht war es wie jedes Jahr der Geburtstagsstress, aber dieses Mal war es anders. Vermutlich war ich dieses Mal mit einem Fluch belegt, da die Schmerzen schon zwei Wochen mich zerrissen und das Ritual für die Befreiung eines Fluches nicht erfolgreich war. Hesperia und Eranthe vermuteten schon länger, dass sich eine neue Herausforderung stellte, aber welche? Tausend Fragen zermürbten meinen Kopf und die Erschöpfung sah man in meinen Augen geschrieben. Ich schlief schlecht und Hesperia hörte, dass mein Atem in der Nacht oft für kurze Zeit aussetzte. „Ich glaube, du solltest besser einen Arzt suchen, da du mir sehr viele Sorgen machst.“ Sie hatte Mrs. Hestia Bescheid gegeben. In ihrer Abwesenheit sollte unsere Erzieherin ein Auge auf mich haben. Hesperia musste noch mit Eranthe noch paar Dinge besprechen, bevor sie wieder zurück war. „Gute Besserung. Ruh dich etwas aus.“, sagte sie mir und schloss die Tür von unserem Zimmer hinter sich. Sie meinte es gut mit mir. Ich hatte ihr und ihrer Schwester viel zu verdanken. Die Integration in die Klasse, die Hilfe zum Selbstvertrauen wieder erlangen (auch wenn dies noch nicht ganz gut war) und andere Dinge.

Doch fürs Ausruhen blieb mir keine Zeit. Ich trank drei große Teebecher, um irgendwie die Schmerzen lindern zu können und aß etwas Grießbrei mit Mandelmilch und Banane.

Danach versuchte ich mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren, die ich für die letzten vier Wochen bis zu den Sommerferien aufbekommen hatte. Ein Referat und eine Übersetzung in Latein. Wir mussten die letzten Seiten des Buches „Utopia“ übersetzen. Ich legte meine Bücher auf den Schreibtisch und las die letzten zwei Seiten durch, bevor ich die Übersetzung niederschrieb.

Kurz darauf schaute ich aus dem Fenster heraus und beobachtete das Wetter. Es waren noch immer dunkle Wolken zu sehen, aber es regnete noch nicht. Tief in meinen Gedanken versunken, ließ ich die vergangenen Monate Revue passieren. Doch ich verfing mich in der Frage, wer meine leibliche Mutter war.

Deine Mutter wäre sehr stolz auf dich.“ Meine Mutter, die sich nie um mich gekümmert hat. Nennt man die eine Mutter? Eine gewisse Trista Myld; wo ist sie und warum hat sie mich damals weg gegeben? Wieso ist mein Leben eine Lüge? Hat sie eine Erklärung dafür? Ich will jetzt endlich wissen, wer sie ist.

Denk an etwas anderes, komm schon. Nicht zurückspulen, sondern bleib im Hier und Jetzt!

Ich las die letzten Sätze des Buches und vervollständigte schließlich die Übersetzung.

Plötzlich klopfte jemand an meiner Zimmertür und fragte nach mir: „Amaris, hier ist Mrs. Hestia, könnte ich kurz herein kommen?“

Ich stand auf und öffnete die Tür. „Gut, dass du hier bist, denn ich müsste dich sprechen.“, setzte sie mich in Kenntnis. Hatte ich etwas falsch gemacht oder was war der Anlass?

!!!TRIGGERWARNUNG!!!: sexuelle Gewalt!

Gehen wir in mein Büro, dann sind wir ungestört“, sagte meine Erzieherin des Internathauses. Ich folgte ihr und sie öffnete die Tür. Ihr Zimmer war mit einer Schlafcouch, einem Schreibtisch samt einem PC, ein paar Regalen und einem Kleiderschrank ausgestattet. Das Schlafsofa war überzogen mit einem schwarzen dünnen Laken, einer ruß-schwarzen Decke mit weißen Symbolen und drei dazugehörige Kopfkissen.

Ein paar Fotos hatte sie in Bilderrahmen aufgestellt. Eins war von einer norwegischen Waldkatze, vermutlich Mrs. Hestias Haustier. Ein anderer Bildrahmen hatte ein Familienfoto. Sie, ihr Ehemann vermutlich und ihre Tochter, die vermutlich etwas älter als ich sein könnte. Auf einem anderen Foto erkannte man eine etwas ältere Frau, die in einem eleganten, einteiligem Abendkleid, das aus Spitze und Seide betont wurde. Es könnte vielleicht ein anderes Familienmitglied sein.

Mrs. Hestia forderte mich auf, mich aufs Schlafsofa zu setzen. Ich schaute nochmal rundherum ihr Büro an und wurde etwas nervös.

Amaris, du fragst dich sicherlich, warum du nun hier bist, oder?“, fing sie an. Ich zuckte mit den Schultern und antwortete leise: „Ich weiß es nicht.“ Meine rechte Hand griff die Decke und schloss sie fester in der Faust. Die Nervosität war kaum zu kontrollieren.

Ich möchte dich informieren, wegen deiner schulischen Laufbahn und wie es für dich hier im Internat so ergangen ist..“, sprach sie. Ist dies das letzte Gespräch des Schuljahrs?

Die Zeugniskonferenz stehen in drei Wochen an. Ich habe bereits mit deinen Lehrern gesprochen: Sie sind sehr zufrieden mit deiner Leistung. Von deiner Kunstlehrerin habe ich erfahren, dass du mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden bist. Herzlichen Glückwunsch nochmals! Ich habe beobachtet, dass du dich hier wohler fühlst, als die Wochenenden bei deiner Familie, auch wenn ich am Anfang gesehen habe, dass es dir nicht einfach gefallen ist, diese neue Lebenssituation zu meistern. Ich habe jedoch erkannt, dass du das geschafft hast“, fing sie an zu erzählen. Trotz ihres Lobes verspürte ich einen Stich in meinem Bauch. Der Schmerz rief Selbstzweifel in mir hoch. Ich soll mich verbessert haben? Würde Adrienne sich damit zufrieden geben? Bestimmt wird sie mich weiter kritisieren! Ich bin nicht perfekt, und werde es nie sein können. „Alles in Ordnung?“ Mrs. Hestia bemerkte meine Nervosität und fragte mich, ob ich eine Tasse Tee mit ihr trinken wollte. Ja, das wird bestimmt gut tun und Gedanken, hört jetzt auf laut zu werden. Ich muss mich konzentrieren. Die Erzieherin stand auf und bat mich mit zum Aufenthaltsraum zu kommen. Sie nahm noch ihre Keramik-Teekanne, die mit Silberornamenten verziert war und einen Deckel mit Fledermausflügeln hatte. Zudem holte sie noch zwei Teebeutel aus einer Schachtel. Sie bat mich zwei Tassen, Untertassen und Löffel aus dem linken Regal zu nehmen und ihr dann zu folgen. Mrs. Hestia setzte den Wasserkocher auf. Ein lautes Rauschen erklang und zischte. Das Geräusch war nicht zu ertragen. In der Zwischenzeit legte die Pädagogin die Teebeutel in die Teekanne und goss heißes Wasser hinein. Den Tee konnte man nun etwas ziehen lassen.

Etwas später schenkte Mrs. Hestia Tee in die Tassen, setzte sich mir gegenüber und fuhr weiter mit dem Gespräch fort. Ich hielt meine Hände um die warme Tasse.

Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte sie mich und ich zuckte mit den Schultern. „Ah ja, ich habe ja erläutert, dass ich finde, dass du dein erstes Schuljahr hier sehr gut gemeistert hast“.

Was redet sie denn da? Hat sie Nightshade nicht über mich lästern hören, oder will sie es nicht wissen? Und jetzt kommen Sie bitte auf den Punkt!

Jedoch habe ich gesehen, dass du oft nach den Ferien etwas traurig warst. Darf ich dich fragen, was dich bedrückt?“

Wo soll ich nur anfangen? Es geht ja schon mittlerweile etwas besser und ich komme hier soweit zurecht, aber wie soll ich ihr diese Frage beantworten? Das Gefühl von Verzweiflung nistete sich ein und dann überfiel mich wie damals bei Jelvira die Wut und Trauer Und etwas verwirrt war ich schon: Sie hatte doch vorhin erzählt, dass sie über meine Lebensumstände Bescheid wusste und verstand nicht, weshalb sie mich nochmal darüber sprechen wollte, doch viele Emotionen kochten wieder hoch. Ich erzählte Mrs. Hestia von der Tatsache, dass ich genau vor einem Jahr erfahren hatte, dass ich adoptiert wurde und dass ich bei meinen leiblichen Verwandten lebte. Ich trank meine Tasse Tee sehr hastig aus, da ich angespannt war und dachte plötzlich, dass sie diese Informationen eigentlich schon längst wissen sollte. Sie entschuldigte sich aufrichtig bei mir. Die Wunde wurde neu aufgerissen und dann verkündete sie mir eine Nachricht, wo sich noch mehr Fragen sammelten, als schon ohnehin. Wir gingen nochmals in ihr Büro und sie nahm ein Paket aus ihrem Schrank. Sie überreichte es mir und sagte: „Ein Paket ist heute für dich angekommen.“

Danke, aber von wem ist dieses?“, fragte ich kleinlaut. Sie konnte mir diese Frage nicht beantworten und sagte nur: „Vielleicht bekommst du die Antwort, falls du es öffnest. Nun ich werde außer Haus sein. Es tut mir nochmal sehr leid, dass ich dich überrumpelt habe, Amaris. Wir werden uns später sprechen.“

***

Ich nickte, nahm das Paket und ging in mein Zimmer. „Wo warst du?“, fragte meine beste Freundin mich. Ich hatte mich erschrocken, da ich sie nicht sofort gesehen hatte. „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken und was ist los, Beste? Ich sehe, dir geht es nicht so gut.“ Ich legte das Paket wütend auf meinen Schreibtisch und ließ mich auf den Stuhl fallen.

Draußen hörte man den Wind laut heulen und man sah die Bäume schaukelten mit der Luft hin und her. Ein Sturm schien sich anzukündigen und etwas Unheilvolles zu geschehen. Ich hatte bereits voraus gesehen, dass tatsächlich ein Fluch auf mir lastete. Warum muss dies ausgerechnet ein Tag vor meinem Geburtstag passieren?

Eine Antwort konnte ich nicht meiner besten Freundin vermitteln. Stattdessen zeigte ich ihr mit dem Zeigefinger auf das Paket und schlug mir die Hände vors Gesicht wegen panischer Angst.

Mein ganzer Körper zitterte. Hesperia kam auf mich zu und versuchte mich zu beruhigen. „Es ist schon gut… Sch..“,sprach sie mit ruhiger Stimme zu mir und legte ihre Arme um mich. „Ist es wegen deinem Geburtstag morgen?“, wollte sie von mir wissen. Ich verneinte ihr diese Frage. Es ist einfach zu viel gewesen und nun dieses Paket. Wer ist der Absender? Meine Gedanken verwandelten sich in einen Teufelskreis, sodass sich immer mehr Trauer und Wut vermischten. Meine beste Freundin fragte mich, ob sie an meiner Stelle das Paket öffnen dürfte, damit ich Gewissheit bekam. Ich nickte schnell mit dem Kopf und gab ihr die Erlaubnis. Hesperia öffnete mit einer Schere die Kanten und plötzlich sprang sich die Pappkartonbox von selbst auf. Ein helles Licht erstrahlte und verblasste rasch.

Hesperia zeigte mir den Inhalt des Päckchen. Ein Briefumschlag, einen versilberten Handspiegel, eingerollte Pergament Schriftstücke, die mit einer schwarzen Lederschleife zusammengebunden wurde, ein Schmuckästchen, das wie eine kleine Schatztruhe aussah. Meine Freundin öffnete das Kästchen und wir entdeckten ein Lederarmband in gleicher Farbe wie die Schleife um die Pergamente mit einer silberner Legierung. Ein Lebensbaum und mein Name mit meinem Geburtsdatum waren auf dieser Legierung hinein graviert. Sie fragte mich, ob sie nun den Knoten der Schlaufe des Pergamentschriftstücke öffnen durfte. Ich nickte wieder schnell mit dem Kopf, um ein „Ja“ zu vermitteln. Sie faltete die Schriftstücke auseinander: Es war ein geschriebener Brief mit einer leichten verschnörkelten Handschrift auf vier DIN A4 Seiten. Sie las kurz das Datum und die erste Zeile:

...

3. Mai 2007

An meine geliebte Tochter, Mein Kind des Mondes, meine Amaris Eugenia“, Ich glaube, den musst du dir selbst durchlesen, da dieser Brief an dich persönlich ist.Sie gab mir die Schriftstücke. Es wurde genau vor 19 Tagen verfasst: „Wenn du mich brauchst, ich bin für dich da und bleibe nun hier.“, setzte Hesperia mich in Kenntnis und wich mir nicht von der Seite. Das ich den Brief nun doch lesen musste, zog mir den Magen zusammen. Ich spürte Stiche, die sich wie scharfe Messerklingen anfühlten.

...

3. Mai 2007

An geliebte Tochter, mein Kind des Mondes, meine Amaris Eugenia,

Zuerst möchte ich mich bei dir entschuldigen, dass es mir sehr leid tut, was ich dir angetan habe. Du wirst wahrscheinlich nun überrascht sein, dass ich dir nun zum ersten Mal schreibe. Nach fast 17 Jahren … Ich habe vieles falsch gemacht und ich mache mir die größten Vorwürfe, aber es war nie der richtige Zeitpunkt, mich dir zu erklären. Deswegen habe ich mich entschlossen es dir zu schreiben, auch wenn es bald 17 Jahre sein werden: Meine Eltern, also deine Großeltern waren sehr streng… In ihren Augen war ich ein Nichts und meine Schwester, deine Tante … Adrienne war und ist ihre Lieblingstochter, da sie ihr Wunschkind ist und die besten Leistungen hat.

Ich war für unsere Familie eine schreckliche Schande. Mein Wunsch war frei zu sein und nicht besessen zu werden. Für meine Eltern bin ich eine Versagerin.

Du fragst dich sicherlich auch, wer dein Vater ist, wie wir uns kennengelernt haben und ob wir noch ein Paar sind. Rox Trishwall ist der Name deines Vaters und nein wir sind kein Paar mehr. Ich war in deinem Alter, als ich mit dir schwanger wurde. Es überforderte mich, weil es auf eine Art und Weise, die ich in keinem persönlichen Gespräch erzählen kann.

RÜCKBLENDE DES GESCHEHENS

Es war an einem Sommertag des Jahres 1989: der 13. August. Dein Vater und ich waren damals erst sieben Monate ein Liebespaar gewesen und ich dachte, er wäre meine wahre erste Liebe und wir würden nach der Schule eine gemeinsame Zukunft plane, aber an diesem Tag war alles anders. Dein Vater wurde an diesem besagten Tag neunzehn Jahre alt und ich war auf seinem Konzert eingeladen, wo auch Adriennes Lebenspartner, also Cadell und sein jüngerer Bruder Balduin auch spielten. Adrienne stand kurz davor die Stelle als Leadsängerin der Flame Snake Musikgruppe zu werden. Die Band spielte damals an dem besagten Abend in Qadiras und meiner Stammkneipe Canon Ball. Dein Vater war der E-Bassist der Band und ein gutaussehender Punker. Die Musik der Gruppe war vor Adrienne in der Punkrock Richtung, bevor sie die Musikrichtung veränderte, was sie scheinbar durchgesetzt hat.

Qadira und ich tranken an der Bar ein Glas Kaktusfeigen-Saft. Wir feierten den Erfolg von Rox, auch wenn Qadira mich vor ihm warnte. Sie hielt nichts von ihm und hatte immer eine Vorahnung. Rox war ein Casanova. Er hat sämtliche Mädchen verführt. Ich war also blind vor Liebe und wollte es nicht wahrhaben.

Nach dem Konzert trank er noch zwei Bier, vier Schnäpse und drei Wodka. Man bemerkte seinen alkoholisierten Zustand, aber er verlangte von mir, zu sich zu fahren. „Du hast genug getrunken“, erinnerte Qadira ihn. Doch er lallte herum, torkelte herum und hickste. „Das ist mir egal! Komm jetzt Trista, wir gehen!“, sagte er ihr und mir: „Baby, du wirst sehen, es wird keiner fragen, wer du bist und wir sind dann ungestört.“

Seinen Eltern kümmerten sich nicht um seine Angelegenheiten und dachten sich nur vermutlich, dass er wissen musste, was er täte. Sie wollten sich nicht einmischen. Seine Mutter war eine heimliche Alkoholikerin. Über seinen Vater weiß ich nichts. Also ging ich mit Rox zu seinem Zuhause und wir gingen sofort in sein Zimmer. Er torkelte aufs Bett. Ich setzte mich neben ihn. Er schaute mich mit arglosen Augen an. Unerwartet drehte sich dann alles um 180 Grad. Seine Stimme erklang verrucht. Er küsste mich und sagte schließlich: „Ich habe nun lange genug gewartet. Lass uns nun endlich zur Sache kommen!“ Ich fragte mich und dann ihn was er damit meinte. Er versetzte mir mit seiner rechten geballten Hand einen Schlag auf die Brust und setzte sich mit seinem gesamten Körper auf mich. „Lass uns es tun! Ich will jetzt Sex mit dir haben, egal was du nun tust.“ Ich lag wie versteinert da und konnte mich nicht wehren. Ich merkte, dass er nun sein wahres Gesicht offenbarte. Er legte mich auf den Rücken und legte mir Handschellen an. Seine Augen starrten auf mein Dekolleté. Dann zog er den Reißverschluss meines Korsetts herunter und fasste meine Brüste an. Später zog er meine Lederhose aus und meinen Slip. „Du erregst mich, ich will dich jetzt. Aber wehe, du schreist, dann werde ich dir den Mund zu stopfen und dich trotzdem vögeln, egal ob du es nun willst oder nicht! Du gehörst nun mir!“, waren seine Worte und er zog sich ebenfalls aus. Ich lag nackt unter ihm. Ich versuchte zu schreien, doch er wurde wütender. Er beschimpfte und bestrafte mich, indem er dann eine meiner Brüste grob anfasste. Ich weinte und fragte mich, was nur ihn gefahren war, mich so zu behandeln. Ich war wie eine wehrlose Sklavin, die alles mit sich machen ließ. Ich konnte mich nicht befreien.

Ich schrie vor Schmerzen und wollte nur noch weg. „Halt deinen verdammten Mund! Oder willst du, dass meine Mutter dich hört.“ Er öffnete die Handschellenteile und befahl mir, sein Glied anzufassen und daran zu reiben, bis er erregt war. Ich zögerte, aber musste das tun, was er verlangte. Meine Entjungferung war auf reine Gewalt geschehen! Ich konnte noch immer nicht fassen, dass er dies getan hatte und ich dachte, ich wäre in einem falschen Film. „So gefällst du mir, Baby! Besser du tust das, was ich dir sage, oder du siehst, was dir passieren kann, denn der Teufel kennt kein Erbarmen. Er hat dich gequält und da musste ich ihn aus dir herausholen. Das ist meine Aufgabe...allein meine! Ich werde dich nun losmachen und wehe, du erzählst jemanden über diese Nacht. Und jetzt lauf nach Hause! Geh!“ Das waren seine letzten Worte und ich lief zu deinen Großeltern und deiner Tante. „Wo warst du?“, wollte dein Großvater von mir wütend wissen, „ich hoffe, du hast dich bloß nicht mit diesem Rox eingelassen. Er ist ein sehr schlechter Umgang für dich.“ Er sperrte mich für zwei Tage ein.

Eines Tages konnte ich mich von diesem Martyrium befreien und flüchtete sofort zu meiner besten Freundin Qadira. Die nächsten Wochen plagten mich, da Qadira und ihre Familie mich verstecken mussten. Meine Eltern und Adrienne durften mich nicht. Die folgenden Monate ging ich nicht zur Schule. Ich wollte Rox nicht über den Weg laufen und mich an die Tat erinnern. Die Qualen wollte ich mir ersparen. Ich aß viel und meine beste Freundin machte sich um mein Essverhalten Sorgen. Sie war der Meinung, ich sollte einen Arzt aufsuchen. „Du machst Scherze!“, lachte ich, aber es ließ ihr keine Ruhe. Sie schlug vor mitzukommen. Zwei Wochen darauf suchten wir einen Arzt auf und dieser fand heraus, dass ich bereits in der siebten Schwangerschaftswoche war. Was sollte ich nur tun? Ich war viel zu jung und so unerfahren. Bitte vergib mir Amaris, ich hatte Angst und wäre nie ein gutes Vorbild für dich gewesen, deshalb hatte ich dich Qadira überlassen.

ENDE DER RÜCKBLENDE

Eine Frage stellst du ebenfalls: Ob ich deinem Vater von der Schwangerschaft erzählt hatte. Ja, das hatte ich, aber er wollte nichts mehr von mir wissen und ich fand heraus, dass ich nicht die einzige war, die ein Kind von ihm hatte. Es gab noch eine, aber wer, das kann ich dir bis heute nicht sagen. Es tut mir leid, dass ich dir das erzählen musste, aber du hattest bestimmt viele Fragen über mich und nach einem ‚Warum’ gesucht? Ich wünschte, ich wäre für dich da gewesen.

Nun zum anderen Thema: Ich habe dir einen Handspiegel geschenkt, um mit dir Kontakt aufzunehmen. Das Lederarmband ist dein erstes Geburtstagsgeschenk von mir, wo ich dir schon immer geben wollte. Aber ich habe mich nie getraut, mit dir Kontakt zu suchen, da ich Angst habe, du würdest mir nie verzeihen. Hinter dem Spiegel siehst du den Spruch ‚Oculus vitae sapientia’ (die Weisheit ist das Auge des Lebens). Diesen Satz musst du zuerst aussprechen bevor du mich sehen wirst. Und Amaris, ich wünsche mir, dass du mich irgendwann mal besuchen kommst. Pass auf dich auf und ich hab‘ dich lieb.

Deine leibliche Mutter Trista

Ich zitterte nun noch mehr, als vorhin und kämpfte mit den Tränen. Den Brief knallte ich auf meinen Nachtisch. Warum musste sie sich das gefallen lassen? Mein Vater ...NEIN! Mein Erzeuger … dieser Mistkerl! Ich hasse ihn! Wenn ich ihn in die Finger kriege, dann wird er büßen. Das verspreche ich. Hesperia tröstete mich und wollte wissen, was sich ereignet hatte. Ich erzählte ihr kurz, was meine leibliche Mutter durchgemacht hatte, mein Erzeuger ein gewalttätiger war und ich dachte, ich wäre ebenfalls eine Versagerin.

Das klingt sehr furchtbar und ausgerechnet jetzt musst du das alles ein Tag vor deinem Geburtstag erfahren. Es tut mir sehr leid für deine Mutter, was sie durchgemacht hat. Wie konnte dein Vater, sorry, ich meine dein Erzeuger ihr dies nur antun? Mir tut es auch Leid für dich. Und jetzt nochmal zu dir, meine Liebe: du bist niemals eine Versagerin, Amaris. Du bist mehr: Du bist eine wahre Künstlerin und meine beste Freundin. Du hast viel geschafft und du schaffst noch viel mehr. Ich glaub’ an dich. Süße, wir kriegen das hin“, sprach meine beste Freundin zu mir. Sie wollte mir Mut machen und hatte Recht.

Ich stellte mir jedoch die Fragen, ob ich mich gegenüber meiner leiblichen Mutter stellen konnte oder nicht, sowie wer die andere Frau war, die noch ein Kind von dem Arschloch hatte.

Zumindest stand nun fest, dass er nicht mehr Mister XY war.

22. Mai 2007: 22 Uhr

Ich konnte mich noch immer nicht beruhigen und es nicht fassen, was im Brief von meiner leiblichen Mutter stand. In zwei Stunden war mein Geburtstag. Ein grausamer Gedanke! Ich lag nun im Bett, starrte eine ungewisse Zeit an die Decke und dann wieder auf das Lederarmband, das meine leibliche Mutter mir geschenkt hatte. Ein einziges Chaos in meinem Leben und ein Haufen voller Glasscherben, wo man sich schneiden kann. Innerlich fühlt sich mein Herz an, als hätte man rote Strickfäden herausgezogen oder durchgeschnitten, sodass bloß nur ein kleines schwarzes Loch zu sehen war. Meine Adoptivmutter hatte mir einmal erklärt, dass nicht das äußere wichtig ist, sondern das Licht im Inneren und man dies schätzen soll. Wie komme ich nun auf diese Sache? Ich weiß nicht so recht … Ich weiß nur, dass ich bald 17 Jahre alt sein werde und das frühe Erwachsenenalter sich schwer anfühlt. Ich muss mich vorbereiten … Vorbereiten von nun an selbst Entscheidungen zu treffen. Aber bin ich dazu in der Lage? Ich weiß es nicht …

Ich stand kurz auf und holte mir etwas zu trinken. „Du bist noch wach?“, fragte meine beste Freundin mich mit matter Stimme. Ich nickte. „Hast du Ozul bereits über die Situation informiert? Es wäre sicher gut, wenn du mit ihm sprechen würdest?“, war sie der Meinung. Ich schüttelte dagegen den Kopf und hielt dies für keine gute Idee. Mein Freund mochte es schon selbst nicht alte Kamellen aufzuwärmen. Ich wollte ihn nicht auch noch mit der Wendung meiner Lebenssituation belasten. „Ich glaube, ich muss eher mit meiner Adoptivmutter reden“, sagte ich Hesperia leise.

Wahrscheinlich ist das besser!“

***

23. Mai 2007: 0 Uhr

Alles Gute zum Geburtstag, meine Beste!“, gratulierte mir meine beste Freundin. Ich nickte dankend und sie überfiel mich mit einem Geschenk. Schon wieder ein Geschenk? Wann hat sie dafür Zeit gehabt und ich fühle mich überrumpelt. Was konnte ich ihr nur zurückgeben?

Pack schon aus!“, befahl sie mir.

Um diese Uhrzeit noch?“, fragte ich sie und runzelte die Stirn.

Ja bitte.“ Ich zerriss das Geschenkpapier: Eine Duftkerze in einem Teelichthalter aus Holz war drin. Der Duft war der von Wildrosen. Wieder hatte Hesperia den richtigen Riecher gehabt. Ich mochte diesen Duft sehr.„Vielen lieben Dank, meine Beste“, sagte ich und umarmte sie zum ersten Mal, „Danke für alles und nun müssen wir schlafen, denn in sechs Stunden klingelt der Wecker.“

Sie nickte gähnend und wünschte „Gute Nacht.“

6 Uhr

Der Wecker klingelte pünktlich. Ich hatte etwas geschlafen und krabbelte mühsam aus dem Bett. Gemütlich ging ich meine Morgenroutine an, doch Gedanken bestimmten erneut den Tag. Hesperia wird wahrscheinlich auch bald wach sein. Hoffentlich weiß nicht jeder, dass heute mein Geburtstag ist und hoffentlich gibt es kein Fest. Es reicht schon, wenn meine Freundinnen und mein Liebster es wissen. Mich macht es allein fertig, dass meine leibliche Mutter mir zum ersten Mal nach 17 Jahren geschrieben hatte und ich nicht weiß, ob ich sie kennenlernen möchte … Schluss jetzt! Ich muss mich fertig machen.

Etwas später packte ich meine Schultasche für die Fächer Literatur, Latein, Englisch und Geschichte.

Hesperias Wecker klingelte normalerweise gegen halb sieben morgens, doch offenbar hatte sie diesen nicht klingeln gehört oder sie hatte vergessen, ihn einzuschalten.

6 Uhr 50 war es nun. Meine beste Freundin wachte langsam auf und stellte mit einem Entsetzen fest, dass sie um 20 Minuten verschlafen hatte. „Oh Mist!“, fluchte sie und wünschte mir gähnend einen „Guten Morgen“. Wir hatten beschlossen, aufeinander zu warten, wenn wir gemeinsam frühstücken gehen würden.

Kurz darauf schaltete ich mein Handy ein und nicht lange danach vibrierte es dreimal: Drei Nachrichten gingen in den Messenger ein. Die erste von Ozul, die zweite von meiner Adoptivmutter und die dritte von meinem Cousin Valerian. Mein Cousin schrieb mir selten, auch wenn wir uns verstanden. Alle drei schrieben mir zum Geburtstag. Na toll, das fängt ja schon gut an! Alles Gute zum Geburtstag oder meiner Liebsten wünsche ich einen besonderen und schönen Geburtstag. Ein großer Kloß bildete sich in mir. Ich wollte keine Geburtstagswünsche mehr hören. Seit ich an diesem Tag 17 Jahre alt geworden bin, wusste ich nun, dass meine Kindheit vorbei war und ich noch knapp zwei Jahre hier auf dem Black Lake Gymnasium verbringen würde. Mitte Juni würden die Sommerferien beginnen. Ich hoffte nur, wieder dann bei meinen Adoptiveltern zu sein. Cadell wollte mir dies versprechen. „Können wir los? Ich habe großen Hunger!“, fragte mich meine beste Freundin aus meinen Gedanken herausreißend. Ich schaute kurz auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass es schon spät war: 7 Uhr 35!

Auf dem Schulhof stand Ozul und winkte mir zu. Er ist schon so früh hier. Bestimmt hat er mich schon vermisst. „Salve Regina Amaris!“, begrüßte er mich rufend. Ich grüßte meinen Liebsten ebenfalls und erklärte ihm, dass ich noch etwas zum Frühstück brauchte. Er schlug vor mitzukommen. Für eine gute Idee hielt ich das nicht, auch wenn Ozul sich nicht mehr verstecken und ich selbstbewusster werden wollte, schlich sich doch wieder das Gefühl von Unsicherheit ein. Alleine schon wegen dem Casanova Held Lycidas, der nachdem Nightshade weg war (auch wenn keiner von ihrer aktuellen Situation wusste) dumme Sprüche von sich gab, nur weil er in mich verliebt war. Wir gingen in den Esssaal.„Oh, salve Ozul, ich habe dich nicht sofort gesehen!“, rief meine beste Freundin aus der Ecke zu meinem Freund. Er winkte kurz. Ich legte schnell mein Frühstück auf einen Teller: Ein paar herzhafte Süßkartoffelfladen Scheiben und etwas Champignonaufstrich. Einen gepressten Orangensaft in einer fertig abgefüllten Plastikflasche brauchte ich ebenfalls wie jeden Morgen. In meine Frühstückbox packte ich noch etwas Obst und einen Sesambagel mit etwas gebratenem Tofu für die Pause. In meine Tasse füllte ich frisch gebrühten Grüntee. Ich wollte die Sachen zum Tisch bringen, doch Ozul hatte bereits meinen Teller fürs Frühstück in der einen Hand und in der anderen meine Box. „Du kannst nicht alles alleine tragen, meine Schöne. Warte, ich helfe dir“, sagte er. Ich nahm die heiße Teetasse und die Flasche Orangensaft und wir schritten zum Tisch. Er bemerkte meine Freundinnen, legte die Sachen auf unseren Tisch nieder und setzte sich neben mich. Es war das erste Mal, wo er mit mir und meinen Freundinnen zusammen am Tisch saß.

Als ich anfing zu essen, kam kurz darauf Lycidas auf uns zu und das ohne Frühstück. „Na Prinzessin, wirst du nun auch deinen Prinzen füttern?“, fragte er mit frecher Stimme. Ozul stand auf und drängte Lycidas in die Ecke. An der Mauer hielt er ihn fest und griff an den Kragen von Lycidas Oberteil. „Es reicht, kleiner Casanova! Lass meine Freundin in Ruhe!“, zischte er meinen Klassenkameraden an.

Ganz ruhig, Großer“, provozierte Lycidas meinen Freund.

Lass gut sein! Und jetzt hau’ ab!“

Ist ja schon gut! Geh nur zu deiner verlogenen Prinzessin!“

Ozul ließ Lycidas los und schüttelte gereizt den Kopf. Ich versuchte weiter zu essen, obwohl ich mich beeilen musste, denn in 20 Minuten mussten Hesperia und ich zum Unterricht. „Tut mir sehr leid für diese Unannehmlichkeiten, Darling“, entschuldigte sich mein Liebster. Er küsste meine linke Schläfe und streifte mit seinem Arm meinen Rücken. Ich nickte „Schon gut“.

Wir müssen langsam zum Lateinunterricht.“, erinnerte ich mich. und packte meine Frühstückbox in meine Schultasche. Dann verabschiedete ich mich von Ozul. Er ging vermutlich in Richtung Proberaum für Musik.

Hesperia und ich schritten ins Schulgebäude zu unserem Klassenraum. „Das war ja sehr mutig von deinem Liebling, dass er zu dir steht und sich gegenüber Lycidas gestellt hat“, flüsterte meine beste Freundin mir zu. Ich nickte. Wir warteten auf Mr Vitus, der scheinbar zu spät war oder war er vielleicht krank? „Amaris?“, rief eine meiner Klassenkameradinnen. Es war Turaya. „Ich möchte mich nicht einklinken, aber sind Ozul und du ein Paar?“, wollte sie von mir wissen. Ich glaubte, dass nun jeder mittlerweile davon wusste, aber sowie es schien, doch nicht jeder. Wie soll ich dir diese Frage nun höflich beantworten? „Wer weiß das denn noch nicht?“, mischte sich Lycidas mit einer Gegenfrage ein, „und übrigens, falls ihr euch noch immer fragt, wo sich Nightshade herumtreibt, dann kann ich Euch nur sagen, dass sie in der Irrenanstalt ist. Sie ist sicher nicht ganz dicht.“

Woher hat er diese Information? Von Nightshade etwa selbst? Es ist nicht der Rede wert. Vielleicht will Lycidas sich nur wieder wichtig machen.

Eine Viertelstunde verging. Unser Lehrer war noch immer nicht da und da kam Mrs. Anela um die Ecke. „Salve discipulus! Ich möchte euch mitteilen, dass Mr. Vitus heute krank geworden ist und ich ihn heute vertrete“, erklärte sie uns.

Mrs. Anela schloss unseren Klassenraum auf und wir setzten uns an unsere Sitzplätze. Unsere Spanischlehrerin schlug uns vor, unsere anderen Fächer zu bearbeiten: die letzten Aufgaben. Viele seufzten. Vermutlich, weil sie keine Lust mehr hatten, da in drei Wochen die Sommerferien beginnen würden. Ich dagegen erinnerte mich ohne Grund, dass bald ein weiterer lunarer Festtag anstand: der „Zwei-Einigkeitsmond“ Tag (Dyad Moon).*

Die Schulklingel läutete das Ende der Stunde an. Ich räumte meine Sachen in meine Schultasche und ging dann nach draußen. Hesperia folgte mir. Wir schritten nach draußen. Ich setzte mich auf eine Bank und suchte nach meiner Frühstückbox. Glücklich fand ich sie und aß meinen Sesambagel.

Dann trank ich einen Schluck Orangensaft. „Du bist so still. Ist etwas passiert?“, erkundigte sich meine beste Freundin bei mir. Ich wusste nicht so recht und schwieg. Es beunruhigte sie. Na ja, der Tag läuft nicht so toll, aber es ist ja immer so. Morgens aufstehen, dann frühstücken, Schule, Mittagessen, nochmal Schule und dann Hausaufgaben. Nachher Abendessen. So läuft doch der Alltag bis jetzt immer ab. Und am Wochenende bin ich dann hier, entweder unternehme ich etwas mit Freunden oder verbringe die Zeit mit Ozul. Was soll man denn großartiges sagen?

Ich starrte auf den Schulhof und beobachtete die anderen Schüler. Viele waren glücklich und ich war an meinem Geburtstag nicht in guter Stimmung, da ich mich wieder an den Brief meiner leiblichen Mutter erinnerte und Lycidas mir auf die Nerven ging. Die Information über Nightshade ließ mich seltsam anmuten. Auf der einen Seite plagten mich Schuldgefühle, da ich dachte, es wäre meine Schuld, dass sie in einer psychiatrischen Klinik wäre, aber auf der anderen sollte ich froh sein, dass sie mich nicht mehr nervte.

_______________

*Dyad Moon: ‚Dyad’ ist ein archaisches Wort, das Paar bedeutet. In vielen Kulturen sind die Legenden von Sonne und Mond untrennbar miteinander verbunden. Manche Mythologien halten sie für Mann und Frau oder Bruder und Schwester. Viele sehen sie als miteinander verbunden und voneinander abhängig.

Mit 17 fühlte sich das Leben noch schwerer an. Alleine, wenn ich an letztes Jahr dachte, stellte ich fest, dass der Schock über die Adoption wieder schlimmer geworden war. Die Nachricht von meiner leiblichen Mutter machte mir noch immer sehr zu schaffen. Mein Kopf war zugeschüttet mit vielen Gedanken und führte dazu, dass ich völlig abwesend war. Selbst in den letzten Unterrichtsstunden war ich im tiefen Gedankenkarussell. Meine Lehrer bemerkten dies, sowie meine Mitschüler. Dumpfe Gesprächsgeräusche hörte ich. Hesperia wollte mir irgendetwas sagen.

Plötzlich verspürte ich einen kleinen Stoß an der Seite. „Amaris?“ Ich zuckte erneut hoch zusammen und seufzte etwas genervt. Nicht schon wieder! Ich hasse das!

Amaris?“, wiederholte sie sich.

Äh ja …“, erschreckte ich mich.

Hast du gerade geträumt?“, fragte sie mich verwirrt.

Nein“, antwortete ich ihr kleinlaut.

Hast du doch!“, ärgerte Hesperia mich. Sie hatte mich ertappt. Ich runzelte die Stirn und sagte nichts dazu. Wach auf, kleine Träumerin! Ich kniff dreimal die Augen fest zu.

Ich hoffe, dass die Sache mit deiner leiblichen Mutter dir nicht zu sehr im Kopf sitzt“, flüsterte sie. Ja, das stimmt! Leider! Ich schaute beschämt zu Boden. Mein beste Freundin verstand sofort, wie das zu deuten war. Es war doch zu schwer, sie zu ignorieren.

Wolltest du nicht später deine Adoptivmutter anrufen?“ Ich nickte kurz. „Ich werde ins Zimmer hoch gehen und nicht zum Mittagessen kommen. Mir ist es wieder flau im Magen.“, setzte ich sie mit trauriger Stimme in Kenntnis.

Okay, aber nachher möchte ich dich etwas aufheitern. Bis später.“

Langsam ging ich ins Internat und schloss meine Zimmertür hinter mir. Erschöpft setzte ich mich aufs Bett. Aus meiner Handtasche holte ich mein Mobiltelefon heraus und versuchte meine Adoptivmutter zu erreichen, obwohl sie wahrscheinlich bei meinem Pflegevater in der Kneipe aushalf. Ich brauchte sie und hoffte, dass sie Zeit fand. „Hallo Amaris. Wir, also Thorn und ich wünschen dir alles Gute zum Geburtstag und wollten dich eigentlich nach der Schule anrufen. Ich bin gerade etwas verwundert, dass du mich anrufst“, sagte Qadira auf der anderen Seite des Hörers. Wollte sie mich etwa loswerden?

Hi! Danke. Ich soll eigentlich jetzt zur Mittagspause, aber mir geht es nicht gut.“, erklärte ich ihr mit niedergeschlagenen Stimmung.

Was ist passiert, Liebes?“

Trista hat mir geschrieben, aber ich frage mich, woher sie meine Adresse hat. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin …“, sagte ich und fing an zu weinen. Auf ihre Bitte hin begann ich von dem Inhalt zu erzählen.

Qadira versuchte mich zu trösten, doch ohne Erfolg: „Liebes, Thorn und ich haben uns Vorwürfe gemacht, als du vor einem Jahr über die Adoption erfahren hast. Du wurdest uns dann weggenommen. Wir haben uns ja entschuldigt und nun haben wir gedacht, es wäre eine gute Idee, dass du Trista kennenlernst. Somit du erfahren kannst, woher deine Wurzeln sind.“

Wie jetzt? Ist das der Grund, warum sie mir geschrieben hat? Ich verstehe nur Bahnhof.

Ich verstehe jetzt gar nichts. Ihr habt sie kontaktiert? Weiß sie deswegen von meinem Aufenthaltsort im Internat und des Black Lake Gymnasiums?“

Sie hat mich letzte Woche angerufen, es war ein erstes Lebenszeichen, nach so vielen Jahren. Die erste Frage, die sie mir gestellt hat, war, ob du noch bei uns bist. Mit schwerem Herzen musste ich ihr gestehen, dass du bei Adrienne und Cadell lebst. Sie war sehr traurig und enttäuscht, aber ich habe ihr auch gesagt, dass Thorn und ich dafür kämpfen, dich bald wieder bei uns zu haben. Trista will dich kennenlernen und das ist ihr sehnlichster Wunsch, auch wenn es vielleicht ihr letzter sein wird.“ Was? Wie? Letzter Wunsch? Liegt sie etwa im Sterben? Was soll ich nun machen? Halt, stopp!

Meine Hand griff nach dem Handspiegel, den meine leibliche Mutter zum Paket beigelegt hatte. Ich erzählte meiner Adoptivmutter von den zwei kleinen Geschenken, die Trista mir beigelegt hatte. Meine Adoptivmutter versuchte mich zu ermutigen, meine leibliche Mutter kennenzulernen. Doch Qadira konnte mir ihre Adresse nicht sagen, da nur die wenigsten von dieser wussten, jedoch konnte sie mir nur einen Menschen nennen, der davon wusste.

Qadira entschuldigte sich schließlich bei mir, dass sie nun auflegen müsse, da sie kochen musste und später Thorn für ein paar Stunden in der Kneipe etwas aushelfen musste. „Wir haben dich sehr lieb und sind immer in Gedanken bei dir“, versicherte sie mir.

Dann legte sie auf und wieder war ich alleine auf mich gestellt. Glücklich war ich nicht. Ozul mochte ich nicht davon erzählen, auch wenn er meine trübe Stimmung ansehen würde. Ich musste eine Entscheidung treffen: Ich will wissen, woher ich komme und mich nun meiner Vergangenheit stellen. Entweder jetzt oder nie!

23. Mai 2007: 14 Uhr

Ist alles in Ordnung?“, fragte Hesperia mich. Ich hatte sie nicht kommen hören, da ich zu sehr in meinen Gedanken vertieft war. Sie tippte mich auf die Schulter. Dann wiederholte sie ihre Frage und ich nickte leicht benommen. „Konntest du mit deiner Adoptivmutter reden?“ Ich nickte wieder und seufzte: „Sie weiß, wo ich nun bin.“

Meinst du deine leibliche Mutter?“

Ja“, sagte ich meiner besten Freundin mit leiser Stimme. Hesperia umarmte mich und schlug vor, Musik zu hören. Sie stand auf, holte drei verschiedene CDs aus ihrem Eckschrank und reichte sie mir. „Du darfst entscheiden, welche du hören möchtest“, war ihre Meinung. Ich beäugte die Covers, die Namen und Titel der Alben an. Ekias Ubris-Sulath war die erste CD. Ich kannte diese Musikgruppe gar nicht. „Du kennst die Musikgruppe Ekias Ubris nicht? Die sind der Hammer! Mein Vater hat Eranthe und mir viele Songs vorgesungen, als wir noch klein waren. Eine perfekte Glam-Metalband und sie sind für seine Zeit eine der Top 10 Rockstars gewesen. Diese Band hat er als ein wilder junger Erwachsener gehört, als er unsere Mom kennengelernt hat. Sie kommen aus Crorom Ember. Unser Lieblingssong ist Coming To Hell. Möchtest du die CD gerne hören?“, schwärmte meine Freundin mir von dieser Band vor.

Moment bitte, ich möchte noch die anderen CDs ansehen.“ Die zweite und letzte CD kamen mir bekannt vor: Odovakar Vermando und Ozuls Band The dark knight Judas. Ich musste etwas lächeln. Hesperia und Eranthe schienen die zwei Musiker auch zu mögen und ich erinnerte mich daran, als Eranthe Ozuls CD vor ein paar Wochen gekauft hatte. Meine Wahl traf auf das Musikalbum Sulath von der Band Ekias Ubris. Hesperia legte die CD in die Musikanlage und das erste Lied spielte. Der erste Song war Funeral for the Devil und die Band spielte in einem moderaten Tempo. Der Text war allerdings mit dunkler Macht und Reinigung einer Seele geprägt. Ein Mix zwischen Nu-, Glam- und Powermetal. Hesperia begann zu singen und zu tanzen. Sie hatte Spaß. „Komm, mach mit.“ Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich wollte doch das Portal öffnen und endlich meine leibliche Mutter kennenlernen, aber … Amaris! Hesperia möchte, dass es dir besser geht. Sie versucht dich von deinem Kummer abzulenken … Stimme im Kopf, hör auf, mir ständig zu sagen, was ich zu tun habe. Ich möchte endlich Gewissheit und das will ich jetzt! Meine Gedanken hatten mich fest im Griff und ich konnte nicht abschalten. Jedes Mal kreiste die innerliche Stimme in mir herum und sagte mir Wach auf Amaris! Du musst nun in Erfahrung bringen, wer du wirklich bist!

AAAHHHH!“, schrie ich laut aus und atmete schnell. Hesperia erschreckte sich und schaltete die Anlage sofort aus. „Alles okay? Du machst mir echt Kummer. Seit du diesen Brief von deiner leiblichen Mutter hast, merke ich, dass der Fluch immer noch auf dir lastet und du tief drin steckst. Es muss einen Weg geben, diesen zu brechen. Atme tief ein und aus! Ganz langsam! Atme tief ein und aus!“, versuchte meine beste Freundin mich zu beruhigen. Na ja mit dem Aufheitern ist nichts! Ich muss mich jetzt stellen … NEIN! NOCH NICHT! DOCH! „Ich will einfach endlich wissen, wer ich wirklich bin“, klagte ich schon wieder. „Süße, ich verstehe dich, aber diese Situation kostet sehr viel Energie, wie ich sehe. Darf ich dir ein Vorschlag machen?“, fragte meine beste Freundin mich mit ruhiger Stimme. Ich schaute sie mit Tränen im Gesicht an und nickte. „Ich kann auch beim ersten Gespräch mit deiner leiblichen Mutter dabei sein, als eine moralische Unterstützung, falls Ozul nicht dabei sein kann. Ich verstehe, dass du ihn nicht mit diesen Informationen überrumpeln möchtest, alleine wie du schon mal erzählt hast, wegen seiner Vergangenheit“ Ich zuckte mit den Schultern und mochte auch Hesperia nicht mit meiner Lebenslage belasten, auch wenn sie mir diesen Vorschlag machte. Andernfalls war es doch eine gute Idee, die sie vorschlug. Kurz erklärte ich ihr, dass man mit meiner leiblichen Verwandten über ein Spiegelportal kommunizieren konnte. Der Handspiegel lag noch immer auf meinem Tisch. Schnell griff ich nach diesem und traf nun meine Entscheidung: „Ja, ich möchte, dass du da bist und mich unterstützt, wenn ich mit Trista reden werde.“ Hesperia freute sich und dankte mir wegen dem Vertrauen, das ich ihr schenkte. Sie setzte sich neben mich aufs Bett. „Einatmen und ausatmen. Ganz ruhig.“, sagte sie mit ruhiger Stimme zu mir. Eine große Stütze waren sie und ihre Schwester für mich. In Stresssituationen versuchten sie mich so gut wie möglich zu beruhigen, auch wenn es nicht einfach war.

Als ich mich beruhigt hatte, sprach ich langsam die Worte Oculus vitae sapientia aus. Ein gleißendes Licht erstrahlte und ein nebliger Strudel umkreiste das Spiegelbild. Dann wurde das Spiegelbild schärfer: Meine leibliche Mutter erschien. „Wer spricht zu mir?“, wollte sie wissen und suchte schließlich den Blickkontakt. Mein Atem stockte und wieder setzte sich ein Kloß in meinen Hals. „Amaris“, stotterte ich meinen Namen. Hesperia stellte sich ihr auch vor. Es war das erste Mal wo ich Tristas Gesicht sah. Ich sah ihr tatsächlich ähnlich. Die Gesichtszüge fielen mir auf. Ich erinnerte mich an das Foto, das meine Adoptivmutter mir gegeben hatte und erkannte, dass Trista einst so ausgesehen hatte, wie ich. Trista war etwas verwirrt, dass Hesperia neben mir saß, aber sie sprach zu mir: „Ist das meine Amaris? Meine Amaris, die heute 17 Jahre alt geworden ist?“ Alles kam wieder hoch. Es fühlte sich so an, als würde mich etwas in die Matratze meines Bettes drücken. Ja, das ist deine Tochter, kannst du dich etwa nicht erinnern? Deine Tochter, dein einziges Kind das du weggegeben hast. Ich nickte mit dem Kopf. „Du glaubst gar nicht, wie ich mich freue, mit dir endlich reden zu dürfen.“

Und ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll“, sagte ich ihr aufgeregt. Hesperia versuchte mit mir einer Gestik zu erklären, ob sie meiner leiblichen Mutter erzählen dürfte, wie es mir in diesem Augenblick ging. Ich gab ihr mit Augenkontakt zu verstehen, dass sie das tun könnte. „Mrs. Myld, ich möchte mich nicht einmischen, aber Amaris tut sich noch schwer mit ihrer Lebenssituation. Als ich sie kennengelernt habe, war sie sehr verschlossen und konnte sich nicht jedem anvertrauen, obwohl wir uns schnell verstanden. Ich glaube, sie braucht noch etwas Zeit, sich von dem ganzen Schock zu erholen…“, erklärte Hesperia meiner leiblichen Mutter, aber ich unterbrach sie und alles, was sich die Jahre angesammelt hatte, platzte dann aus mir heraus: „Wer bin ich überhaupt und warum hassen Tiudoricus und Astarte mich? Warum konnte ich nicht bei dir bleiben?“

Trista erschrak und dennoch suchte sie nach einer Möglichkeit, mir es nochmal zu erklären: „Amaris, hör mir bitte zu. Ich habe dir alles im Brief erklärt und weißt du, wie schwer es gewesen wäre, deinen Großeltern zu beichten, dass ich mit dir schwanger wäre? Sie hätten eine Abtreibung verlangt, da sie Rox hassten. Ich konnte noch rechtzeitig zu Qadira fliehen, und ich hoffe, sie hat sich vorbildlich um dich gekümmert. Sie war meine letzte Rettung. Dein Opa hat mich in meiner Kindheit oft geschlagen. Deine Oma hat sich nicht für mich interessiert. Es tut mir so Leid, dass ich nicht für dich da sein konnte … Es tut mir so Leid.“ Tränen sammelten sich auf ihren Wangenknochen. Sie bereute es zutiefst, aber für mich war es ebenso so schwer wie für sie. „Ja Qadira hat sich um mich gekümmert, bis Adrienne kam und alles vorbei war. Zum Glück bin ich jetzt im Black Lake Gymnasium.“ „Wie gefällt es dir dort? Wie läuft es in der Schule? Qadira hat mir vieles aktuelles berichtet, aber ich möchte sie gerne von dir hören.“ Na ja schon irgendwie seltsam, dass sie das Thema so schnell wechselt. Was soll es? Alle Fragen hatten sich in Luft aufgelöst. Tief einatmen, tief ausatmen...Und das fünfmal… Einatmen und ausatmen … Ich wiederholte die Atemübungen und Trista runzelte die Stirn. „In der Schule geht es super. Wie du siehst, sitzt hier neben mir meine beste Freundin …“, fuhr ich weiter fort, doch Hesperia unterbrach mich: „Amaris hat ja auch einen Freund jetzt.“ „Hesperia! Bitte lass das!“, warnte ich sie. Ich wollte meine leibliche Mutter beim ersten Gespräch nicht zu viele Informationen preisgeben. „Ich habe in meiner Weisheitskugel gesehen, dass du mit einem begehrten jungen Mann zusammen bist, Amaris. Ich freue mich sehr für dich, Liebes.“ Wie jetzt? Weisheitskugel? Ich verstehe gleich nichts mehr. Beobachtet sie mich? Sie weiß von Ozul. „Oh ja, Ozul …“, seufzte ich und wusste nicht, was ich ihr über ihn erzählen sollte. „Erzähl mir bitte etwas über ihn“, bat sie mich. Also doch! Sie will Informationen über ihn! Aber jetzt ist nichts mit Thema wechseln, ich möchte mehr über Trista erfahren und nicht über Ozul quatschen. „Könnte ich nicht mehr über dich erfahren? Ich möchte mehr erfahren, wer du bist.“, schlug ich ihr vor. Trista schwieg für eine Weile und wechselte wieder das Thema: „Wann sind deine Ferien?“

Am 20. Juni ist der letzte Schultag und dann hab ich bis zum 22. August frei. Warum?“

Könntest du mich dann besuchen kommen? Dann könnten wir bei einer Tasse Tee gemeinsam in Ruhe sprechen.“ Warum konnten wir die Sachen nicht gerade besprechen? Warum ausgerechnet dann? Ich zuckte mit den Schultern und sie sagte schließlich: „Du kannst dir es überlegen und Qadira dann Bescheid sagen, wenn du wieder bei ihr bist. Ich muss gehen, mein Kind. Ich habe mich gefreut dich zu sehen. Vale Amaris!“ Ich verstand nicht warum sie gehen musste, aber es war sehr schwer für mich, mich das erste Mal mit ihr zu unterhalten, auch wenn wir uns noch nicht von Angesicht zu Angesicht getroffen hatten. „Vale!“, verabschiedete ich mich von ihr. Das Bild verschwand und der Spiegel zeigte wieder mein Spiegelbild. Ich saß wie versteinert auf dem Bett. Hesperia stupste mich an: „Ich glaube, es war gut, dass du mal das erste Gespräch zu ihr gesucht hast. Es war die richtige Entscheidung. Klar wird das dauern, ein Verhältnis zwischen euch aufzubauen, aber ich bin davon überzeugt, ihr schafft das.“ Ich zuckte die Schultern und suchte dann nach meinem Mobiltelefon. Schnell tippte ich die Nummer von meiner Adoptivmutter und rief sie an. Leider ging die Mailbox dran. Ich bat sie um einen Rückruf, da ich ihr vom Gespräch von Trista und mir erzählen wollte. Auf der einen Seite hätte ich einen anderen Zeitpunkt wählen sollen, um mehr über meine Vergangenheit zu erfahren, statt an meinem 17. Geburtstag, aber auf der anderen Seite hatte ich es mir doch sehr gewünscht, zu wissen, von welchen Wurzeln ich stammte.

Auf jeden Fall habe ich erkannt, dass ich meiner leiblichen Mutter in vielem ähnlich war, was mir schon prophezeit wurde. Ihr Aussehen, die künstlerische Ader und vielleicht gab es noch andere Dinge. Hesperia tröstete mich und reichte mir einen Schokoriegel mit: „Danach wird es dir besser gehen.“ Ich bedankte mich bei ihr. Dann sagte ich meiner besten Freundin, dass ich etwas an die frische Luft gehen musste, um mich abzulenken. Ich nahm meinen MP3-Player und setzte mir die Kopfhörer auf. Das Lied Ashes von Christian Death lief.

He shuned me like a disease, the feathers in my eyes

How I need his light to purify the darkness

deep inside

How I asked for warmth, received snow and sleet

The burns on my feet, white and unsoiled sheets …

Schnell ging ich aus dem Zimmer und nach draußen. Auf und ab lief ich um das Schulgelände. Inzwischen hatte sich das schlechte Wetter etwas verbessert, doch es blieb stark bewölkt. Bald waren Sommerferien. Nur die Frage stellte sich, wohin die Reise gehen würde.

Vier Wochen später: 20.Juni 2007: letzter Schultag vor den Sommerferien

Die letzten Wochen vergingen auf- und abwärts und ich hoffte, dass ich versetzt werden würde. Meine Konzentration hatte in der letzten Zeit etwas nachgelassen, da mein Leben mit Turbulenzen überschattet war, wie bereits am Anfang des Schuljahres. Dennoch war ich auf dem Weg, den ich mir erhofft hatte. Ozul war zum Glück an meiner Seite, Hesperia und auch ihre Schwester Eranthe. Zusammen waren wir ein geschlossenes Band. Auch wenn ich mit meinen Problemen Angst hatte, sie zu verletzen, da manchmal auch Freundschaften daran zerbrechen könnten. Sie waren jedoch die Besten und große Unterstützer.

Ich könnte mich eigentlich darüber freuen, aber Freude stand nicht in meinem Gesicht geschrieben. Auch wenn die Zeugnisse anstanden, sorgte ich mich nicht um meine Versetzung. Mein Hauptproblem war, dass ich die ganzen zwei Monate Sommerferien bei meiner Tante… äh ich meine bei der Kobraschlange Adrienne zu verbringen und Ozul, sowie meine Adoptiveltern nicht sehen zu können.

Wie sollte das nur funktionieren? Ich erinnerte mich plötzlich an die Anrufversuche von meinem Cousin. Es schien sehr wichtig zu sein, aber er würde wahrscheinlich an diesem Tag erneut eh anrufen.

Am Morgen hatte ich meinen Koffer und meine Restsachen gepackt und die Bettwäsche abgezogen.

Ich hatte schnell gefrühstückt und ging mit meinen Freundinnen rasch in die große Aula, wo wir unsere Festtage feierten und andere Termine wahr nahmen. An diesem Tag war die Schulfeier vor den Sommerferien. Sir Mephisto verkündete die Abiturienten des Schuljahrs und überreichte ihnen ihr High School Diploma. Unter ihnen war eine beliebte Schülerin der Schule. Ihr Name war Saira Diamondplume. Sie hatte etwa denselben Status wie Nightshade, aber vom Charakter war sie das Gegenteil. Diese junge Abiturientin war hilfsbereit, akzeptierte jeden und war sehr freundlich zu anderen. Ich hatte diese Informationen von anderen Schulkameraden, aber ich hatte sie nie gesehen. Unser Schuldirektor sprach ins Mikrofon: „Herzlichen Glückwunsch an Saira Diamondplume! Das High School Diploma mit A und Bravour bestanden“ Sie ging mit einem sanften Lächeln auf die Bühne und nahm das Schriftstück entgegen. „Möchtest du gerne ein paar Worte sagen?“, wollte Sir Mephisto von ihr wissen. Sie nickte und hielt eine kleine Rede: „Nun ich bedanke mich bei allen Lehrern, die mich stets gefördert haben in dieser Schule und ich freue mich nun meinen eigenen Weg gehen zu gehen, den ich entschieden habe. Ich danke jedem, der mich hier aufgenommen hat und mir die drei letzten Jahre mit Rat und Tat zur Seite stand.“ Alle jubelten ihr zu und klatschten in die Hände. Sie hat Recht! Ich kann das auch schaffen. „Wir danken dir und wir wüschen dir einen offenen Geist, offene Augen , Instinkt und Mut. Eo ipso! (Gerade durch; durch dieses selbst)“ Später forderte unser Schulleiter uns auf, in unsere Klassensäle zurückzukehren. In meiner Stufe wurden die Zeugnisse von unseren Klassenlehrer übergeben. Mrs. Anela war nicht anwesend, dagegen unser Lateinlehrer. Meine Noten waren soweit gut und zum Glück gab es kein Problem mit meiner Versetzung. Ob Adrienne mit meiner Leistung zufrieden sein würde? Das folgende Schuljahr würde besser werden. Hesperia tippte mir kurz auf die Schulter und flüsterte: „Was machst du eigentlich in den Sommerferien?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Vermutlich werde ich leider bei meiner Tante sein“, antworte ich. „Und ihr?“ „Eranthe und ich werden zu unserem Vater reisen. Er fährt mit uns wie jedes Jahr nach Sawblade Nebula …“ Mr. Vitus räusperte und hielt noch eine kleine Rede für den letzten Tag dieses Schuljahres. Lycidas reagierte genervt. Es schien nicht so gut für ihn gelaufen zu sein, aber es war nicht der Rede wert. Ich musste mich auf mich selbst konzentrieren. Die Schulklingel erklang und wir verließen alle aufgeregt den Klassenraum. Die einen freuten sich über die Ferien, doch mich ließ der Gedanke nicht los, was auf mich gleich zukam.

„Hast du etwa den Ort Sawblade Nebula erwähnt?“, fragte ich bei Hesperia nach.

„Ja, was ist los?“

„Du gehst jetzt wohl nicht zum berühmten Kunstmuseum, von dem Mrs. Capulova erzählt hat?“

Erst war meine beste Freundin ratlos, doch dann erinnerte sie sich. „Doch, warum? Ah jetzt, erinnere ich mich. Dein Kunstwerk wird dort ausgestellt. Stimmt es?“ Ich nickte. „Das ist ja großartig, was du geschafft hast, Süße. Ich muss dann unbedingt ein Foto machen und dir es schicken“ Wenn du meinst, dachte ich still. „Vater, Eranthe und ich werden in einer Schlossunterkunft übernachten. Oh, ich freue mich so. Ich wünschte, du könntest mitkommen und was ist mit Ozul? Seht ihr euch in den Ferien?“ „Ich hoffe es. Nun lass uns unsere Sachen holen und auf den Schulhof gehen.“ „Das werden wir machen.“ Hesperia und ich gingen unsere Koffer holen und eilten zum Schulhof. Wir verabschiedeten uns. „Vergiss aber nicht mir zu schreiben oder anzurufen!“, erinnerte meine beste Freundin mich. „Werde ich machen. Keine Sorge!“, sagte ich ihr mit einem scharfen Unterton. „Lass dich drücken, meine Beste!“ „Bis nach den Sommerferien, Amaris.“, sagte Eranthe schließlich.

Dann gingen die Schwestern zu den Kleinbussen, wo der Hausmeister sie und andere Schüler zum Bahnhof brachte. Ozul stand kurz darauf neben mir und grüßte mich mit einem Handkuss: „Salve Liebste! Wie geht es dir? Ich habe mir sehr viele Sorgen letztens gemacht, da du nicht auf meine Anrufe reagiert hattest.“, begrüßte mein Freund mich. Ich schaute eingeknickt zu Boden und stammelte die Worte „Es tut mir Leid.“ Er legte seine Hand auf meine Wange und bat mich ihn anzusehen. „Es ist schon gut.“, sprach er mit leiser und zarter Stimme und küsste mich. „Du wirst mir jetzt schon wieder fehlen“, sagte ich ihm traurig. „Ich weiß, Darling, aber ich hoffe, du kommst mal zu mir in die WG. Balvo ist bei seinem Onkel zwei Wochen, ich weiß nur allerdings nicht mehr die Daten und Rajinmar ist zu seiner Schwester eingeladen worden, zu deren Hochzeit. Und soweit ich mich erinnere, wollten deine Adoptiveltern mich mal gerne kennenlernen. Wann würdest du zu ihnen fahren?“ Ich zuckte mit den Schultern und antwortete ihm, dass ich keine Antwort auf diese Frage hatte. „Wir finden schon eine Lösung und wir werden sicher telefonieren, meine Regina. Ich liebe dich!“ „Ich liebe dich auch!“ Wir küssten uns und hielten uns noch die Hände.

Kurz darauf hupte ein Auto in der Nähe des Eingangstores und jemand machte den Motor aus. Es war mein Cousin Valerian, der wenige Minuten später aus dem Wagen stieg. Er kam auf uns zu und begrüßte mich: „Salve verehrte Cousine, schön dich wieder zu sehen und wer ist der werte Mann hier?“ „Oh, was für eine nette Begrüßung. Salve! Mein Name ist Ozul Gelimer. Aber nennen Sie mich bitte Ozul.“, stellte sich mein Schatz ihm vor und schüttelte ihm die Hand. Ich löste die Hand von seiner, weil ich nicht wusste, wie Valerian auf meine neue Situation reagieren würde, aber zu spät. „Du kannst Valerian zu mir sagen.“, bot mein Cousin ihm an, „Wie ich sehe, bist du in guten Händen, Amaris. Keine Sorge, ich werde Mutter nichts davon sagen, es bleibt unser Geheimnis.“ Er machte einen Augenzwinker und ich lächelte verlegen und doch überkam mich die Angst. Angst davor, dass Adrienne mir nachher eine Standpauke halten würde. Mein Cousin nahm mein Gepäck ab und bat Ozul den Kofferraum zu öffnen. Er legte die Sachen hinein und hielt mir dann die Beifahrertür auf. Ich verabschiedete mich von meinem Liebsten. „Ich vermisse dich jetzt schon, meine Schöne“ „Ich dich auch“ „Komm gut an und bitte gib mir Bescheid!“ Ozul winkte mir zum Abschied. Ich winkte zurück und stieg in den Lotus Evora ein. Valerian fuhr mit mir nach Death Tale. „Mutter und Vater sind bis übermorgen nicht zu Hause, da sie zwei Wochen auf einer Konzerttournee in Ardabur sind.“ Ich nickte zufrieden. „Wir haben bis übermorgen die Villa ganz für uns allein. Wir können gerne etwas unternehmen. Wie wäre es, mit einem Dark-Fantasy Videospiel Nachmittag auf der Konsole, oder wir könnten auch ins Kino, den Film Station Dream Hell uns anschauen. Und wir könnten uns am Abend Essen bestellen. Na, was hältst du von diesen Ideen? Es ist mir egal, ich passe mich an, was du möchtest.“ Mit Videospielen kannte ich mich nicht so gut aus, aber es wäre sicherlich eine Erfahrung. „Ein Videospiel zu spielen wäre eine gute Idee, auch wenn ich davon keine Ahnung habe.“, erklärte ich Valerian. Er grinste etwas: „Wir werden sehen.“

Zum Glück raste Valerian nicht und wir erreichten eine knappe Stunde später Death Tale. Er nahm meine Sachen aus dem Kofferraum und brachte sie hoch in mein Zimmer. Etwas später gingen wir in sein Zimmer und schaltete die Konsole und den Fernseher an. „Setz dich ruhig!“, bat mir mein Cousin den Platz auf seinem Bett an und gab mir den Controller. Er setzte sich auf seinen Gamingstuhl. In diesem Spiel kamen Drachen, Oger, Zwerge, Magier, Ritter und andere düstere Gestalten vor. Man konnte seinen eigenen Charakter erstellen und ich wählte eine Magierin. Valerian mochte dagegen die Ritter. Wir mussten gegen Monster kämpfen. Mein Cousin erklärte mir die Steuerung vom Controller. Ich verstand schnell und es war interessant mit ihm über fantastische und dunkle Kreaturen zu plaudern. Wir spielten einige Stunden. Das Spiel war faszinierend und doch waren die Bosse sehr schwer zu besiegen. Der Genre gefiel mir.

Kurz darauf setzte der Nachrichtenklingelton bei meinem Handy ein. „Oh, ein Verehrer schreibt dir bestimmt“, scherzte Valerian herzlich. Ich lächelte beschämt, aber ich konnte ahnen, dass er dies nicht böse meinte. Gerade hatten wir gemeinsam einen Drachenboss besiegt und ich schaute auf mein Mobiltelefon: Ozul hatte geschrieben! Mist! Ich habe vergessen ihm Bescheid zu geben, dass ich soweit gut angekommen bin. Er schrieb tatsächlich diese Frage. Es tut mir Leid, dass ich dir nicht Bescheid gesagt habe, Liebster. Ich liebe dich sehr und bin soweit gut angekommen. Ich seufzte und Valerian erkundigte sich bei mir, ob alles in Ordnung war. „Ja, es ist alles gut. Es ist nur, Ozul hat sich Sorgen gemacht.“ „Dein Schatz, ich verstehe. Ich wäre da nicht anders, wenn ich eine Partnerin hätte“, sagte mein Cousin mit fröhlicher Stimme. „Wieso hast du eigentlich keine?“, wollte ich von ihm wissen. Es wurde still und er schwieg eine Weile. Habe ich etwas falsch gesagt? Valerian schluckte kurz und sagte dann traurig: „Ich habe einmal meine erste Liebe gehabt, aber Mutter hat diese zerstört. Die junge Frau war ein Jahr älter als du. Ihr Name ist Lethia Syctuna und war ein Waisenkind. Ich war bei meinem Onkel Balduin im Urlaub, das sind nun zwei Jahre her. Du erinnerst dich doch bestimmt an ihn, oder?“ Ich nickte und hörte ihm weiter aufmerksam zu. „Seine Lebensgefährtin Jelvira arbeitet in einem Waisenhaus und einmal hat sie mich gebeten, mitzukommen. Sie hatte vor, dass wir für die Waisenkinder und Jugendliche kochen. Und da war Lethia. Sie war genauso eine stille Person, wie du. Ihre Eltern waren sehr früh gestorben. Wenn ich mich erinnere, starb ihre Mutter nach ihrer Geburt und ihr Vater hatte Selbstmord begangen, als sie sieben Jahre alt war. Lethia hatte niemanden gehabt, bis sie ins Heim kam. Als wir uns das erste Mal begegnet waren, verliebte ich mich sofort in sie. Auch wenn sie kaum Blickkontakt zu mir hielt, lächelte sie immer, wenn ich mit ihr redete. Jelvira erzählte mir später, dass Lethia mich mochte und Angst hatte, mir ihre Gefühle zu gestehen, aber sie gab ihr Mut. Ich war froh darüber, da ich genauso fühlte. Balduins Lebenspartnerin versuchte dann Vater über diese Situation einzuweihen und mir ermöglichen, Lethia besuchen zu dürfen. Mutter wusste nichts davon, bis sie eines Tages einen Knutschfleck an meinem Hals entdeckte. Ich wollte ihr nichts über meine Liebe erzählen, da ich ihre Meinung kannte, aber ich durfte nicht lügen. Als ich ihr schließlich die Wahrheit sagte, wies sie mich darauf hin, den Kontakt zu Lethia abzubrechen, da sie scheinbar kein guter Umgang für mich wäre und ein Trauma dadurch verursachen würde. Ich vermisse Lethia noch immer, noch heute, aber es hätte niemals sein dürfen. Daher verspreche ich dir, Mutter nichts von deiner Liebesbeziehung zu erzählen.“ Eine sehr traurige Geschichte und es war einfach unerhört, was Adrienne getan hatte. Ihrem eigenen Sohn die Liebe zu verwehren. „Es tut mit Leid, was du durch gemacht hast, Valerian“, entschuldigte ich mich. „Du kannst nichts dafür, Amaris. Was nun mal geschehen ist, ist nun mal passiert. Ich vermisse sie jedoch sehr … wirklich sehr. Jeden Tag. Entschuldige! Ich werde einfach zu sentimental.“

„Ist schon in Ordnung!“ Ich konnte meinen Cousin so sehr verstehen und bemerkte seine sensible Art. Wir schwiegen für eine Weile. Er schaute kurz auf die Wanduhr seines Zimmers und stellte fest, dass es langsam Abend wurde. Ich schlug vor, das Thema zu wechseln und berichtete ihm über meine Hoffnungen, meine Adoptiveltern wieder zu sehen. Er konnte dies verstehen, aber mir nichts versprechen. Mit einmal sah er geknickt aus.

Nach einem kurzen Moment sah er wieder zu mir auf und unterrichtete mich: „Es wäre eine schöne Sache, wenn du meine kleine Schwester wärst. Dann würde ich dich als großer Bruder immer beschützen, obwohl ich bei Mutter oft versage.“ Ich sagte ihm nochmals, wie ihm Jahr zuvor, dass ihn keine Schuld träfe und er sich sehr stark um mich bemühe, auch wenn Adrienne dies nicht gerne sah. Wir umarmten uns und er bedankte sich für mein Vertrauen. Ich war ihm ebenfalls dankbar. Wir standen auf und gingen schließlich ins Wohnzimmer. Valerian suchte nach etwas in einer Schublade des Vitrinenschranks. Er fand, was er suchte. In seiner Hand hielt er ein paar Flyer. Es handelten sich um die Lieferservices fürs Essen. Dann legte er eine CD in die Musikstereoanlage und passte die Lautstärke an. „Falls du fragst, welche Band das ist, ist es Opa Alevos Band, die Ebony Sunbird Musikband. Es ist eines ihrer erfolgreichen Alben“, schwärmte mein Cousin mir vor und ich erinnerte mich an Alevo, der Vater von Cadell und Balduin. Er war sehr nett und sehr zuvorkommend am Julfest bei ihnen gewesen. Etwas Folklore und rockige Rhythmen, die Texte hielten von einigen Sagen. Die Band hatte einen ähnlichen Stil wie den von meinem Lieblingssänger Odovakar Vermando.

Valerian legte die Flyer auf den Wohnzimmertisch. Er schmiss sich auf das Ecksofa. Ich stöberte durch die Flyer: ayurvedische Küche und andere diverse Kulturen. Eine Entscheidung zu treffen fiel mir schwer. Er summte ein Lied nach dem anderen und war in guter Stimmung. Ich entschied mich zuletzt für ein Gericht der ayurvedischen Küche. Valerian war derselben Meinung. Er rief beim Lieferservice an und bestellte das Essen. „In einer Stunde wir Ihre Lieferung ankommen!“, hörte ich die Stimme der Auftragnehmerin sagen. Er bedankte sich und legte auf. „So, was machen wir jetzt?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Achseln. „Vielleicht werde ich mit Ozul telefonieren, wenn das okay ist.“, erzählte ich ihm. „Natürlich. Das ist in Ordnung. Ich rufe dich, sobald das Essen geliefert ist. Ich werde noch ein paar Räume putzen.“ Oh je, der Arme. Bestimmt zwingt Adrienne ihn dazu! Ich soll ihm eher helfen. „Ich kann dir helfen, wenn du magst?“, schlug ich ihm vor, aber er verneinte: „Nein danke!“ Ich ging hoch ins Zimmer und wählte Ozuls Nummer. „Bonum vesperum Regina!“, begrüßte mein Liebster mich förmlich. „Wie geht es meiner Königin? Ist etwa wieder Stress bei deiner Tante? Erst Prinzessin, dann Königin? Ich bin beide nicht, aber es ist so süß, wenn er mich so begrüßt.

„Salve Darling! Nein, noch ist alles gut. Mein Cousin und ich sind alleine in der Villa. Meine Tante und mein Onkel kommen übermorgen zurück.“

„Das klingt doch super!“Und was machst du gerade?“

„Ich werde vermutlich ein paar neue Zeichenprojekte starten. Ich habe vorhin das erste Mal Computerspiele gespielt und es hat echt Spaß gemacht. Wie geht es dir eigentlich?“

„Mir geht es gut. Bin alleine in der WG und arbeite gerade an neuen Texten. Nachher werde ich noch zum Boxtraining gehen. Ich wünschte, du wärst jetzt hier. Welches Spiel habt ihr gespielt?“

„Das wünsche ich mir auch. Oh, ich erinnere mich nicht mehr genau an den Titel, aber es war in einer fantastischen Welt.“

„Das klingt spannend. Ich vermisse dich meine Schöne. Wenn etwas ist, rufe mich an.“

„Ich vermisse dich auch und liebe dich.“

„Ich liebe dich auch.“ Wir verabschiedeten uns. Ich stellte fest, dass es ein kurzes Gespräch war und dachte an Ozul. Ich wollte bei ihm sein, aber es würde kompliziert werden. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich mir erhoffte, dass bessere Zeiten kommen würden, da ich von einem Chaos ins nächste stürzte. Ich hatte in diesem Augenblick wieder ein komisches Gefühl. Es war wieder eine Vorahnung, die in meinem Kopf sagte: Es wird bald wieder etwas geschehen! Ich versuchte jedoch diesen Gedanken auszublenden.

Kurz darauf klopfte mein Cousin an der Zimmertür und kündigte an, dass das Essen geliefert wurde. „Ich komme“, antwortete ich ihm. Ich schritt die Treppen hinunter. Valerian hatte bereits den Tisch gedeckt und unsere Speisen auf die Teller verteilt. „Lass es dir schmecken.“

„Danke verehrter Cousin.“ Das Essen war sehr köstlich und der Duft der Gewürze schwebte durch den Raum der Küche. Man dachte, man wäre in einem Hindutempel.

Nach dem Essen wurde ich müde.

„Möchtest du einen Film mit mir ansehen?“, fragte Valerian mich.

„Tut mir leid, aber nein. Ich bin müde.“, antwortete ich ihm mit leiser Stimme. „Gute Nacht, verehrte Cousine. Schlaf gut. Ich werde mich um den Rest kümmern.“

„Gute Nacht.“

Im Zimmer angekommen, machte ich mich zurecht fürs Bett. Ich stellte den Wecker für den nächsten Tag und ich legte mich hin. Valerian hörte ich nicht mehr. Vermutlich war er auch in seinem Zimmer. Kaum war ich eingeschlafen, hörte ich unerwartet ein paar Stimmen: Es waren Adrienne und Cadell. Sie waren doch schon an diesem Tag zurück gekehrt. Leider hatte Valerian nicht Recht gehabt oder hatte er diese Information wirklich nicht? Ich hörte, dass meine Tante sich wieder aufregte und dann waren noch zwei weitere Stimmen, die ich nicht kannte.

Ach Rox, du solltest doch etwas mehr Respekt vor Adrienne haben!“, seufzte Cadell etwas genervt. „Ach papperlapapp! Du kennst doch Rox!“, sagte ein anderer Mann. „Balduin, ich weiß nicht wie oft Rox schon hier betrunken aufgetreten ist“, erinnerte mein Onkel seinen Bruder. Habe ich etwa wirklich den Namen Rox gehört?

Moment … hatte meine Mutter nicht erwähnt, dass der Vorname meines Erzeugers Rox ist? Das kann jetzt nicht wahr sein! Panik breitete sich in meinem Körper aus und ich schnappte nach einem Papiertaschentuch, das ich mit etwas ätherischem Kamillenduft angefeuchtet hatte. Ich legte es unter meine Nase und versuchte mich zu beruhigen. Diesen Tipp hatte mir meine Adoptivmutter zu geraten. „Ich willsch mit dir ins Bett … du wilde Katze … du schöne Frau ... äh deine Schwester …“, redete Rox wirr. „Rox, du solltest dich schämen und deinen Rausch mal ausschlafen“, regte sich meine Tante auf. „Schrei mich nicht an, du Diva!“, beklagte dieser sich. „Nenn mich nicht Diva!“ Ich konnte es nicht fassen. Rox war hier und das in der Villa von meinem Onkel! Ich wollte gar nicht daran denken, das Zimmer zu verlassen. Schließlich hörte ich Cadell sagen: „Schatz, jetzt beruhige dich. Valerian und Amaris schlafen schon, bestimmt. Und jetzt lass Rox seinen Rausch ausschlafen. Bruder, du kommst mit. Ich zeige dir deinen Schlafraum. Wir gehen danach auch ins Bett.“

Tzz!“, kam aus Adrienne heraus. Kann man hier nie seine Ruhe haben? Ich drehte mich hin und her. Nach langen Stunden wurde es endlich ruhig in der Villa und ich konnte endlich einschlafen.

***

21. Juni 2007

Am nächsten Morgen weckten mich die ersten Sonnenstrahlen vor sechs Uhr. Mein Wecker hatte noch nicht geklingelt, aber ich konnte nicht mehr schlafen. Die Situation mit meinem Vater schlug mir auf den Magen. Er war hier in Cadells Haus. Was soll ich nur tun? Weglaufen kann ich nicht und ihm aus dem Weg gehen geht auch nicht! Es gibt keinen Ausweg! Ich stand auf und warf einen Blick nach draußen. Raben flogen dort verwirrt im Kreis und krächzten laut. Es dauerte nicht lange, als ich jemand in Richtung Bad schleichen hörte. Diese Person seufzte genervt. Ich vermutete, dass es Valerian war, da Adrienne ihn immer sehr früh weckte.

Plötzlich klopfte jemand leise an meiner Zimmertür und fragte flüsternd: „Amaris, ich bin es ...Valerian.“ Ich zog schnell meinen Bademantel über meinen Schlafanzug an und öffnete die Tür. „Komm rein“, sprach ich mit leiser Stimme, „Guten Morgen.“ Valerian huschte schnell an mir vorbei: „Psst!“, flüsterte er. „Warum flüsterst du so?“ „Ich weiß, dass es jetzt für uns beide nicht einfach wird, aber wir müssen jetzt dadurch. Mein Onkel und Rox sind hier.“ „Ich weiß, dass der Vollidiot da ist“, regte ich mich auf. „Wie?“, fragte er verwirrt. Das wirst du bald sehen! Ich fing an zu zittern. „Amaris, was ist los?“, wollte er von mir wissen. Ich konnte mit meinem Cousin nicht über die Geschichte von meiner leiblichen Mutter sprechen. „Ich kann dir das nicht sagen…“, erklärte ich ihm traurig. „Es tut mir leid!“ Valerian umarmte mich und versuchte mich zu trösten. Kaum hatte ich diese Worte gesagt, hörten mein Cousin und ich plötzlich jemanden sich aufregen. Es war eine Männerstimme. „Pah! Ist das Wasser kalt!“ Es war vermutlich Rox Stimme. Sicherlich meinte er das Wasser der Dusche oder des Waschbeckens. Es geschah ihm recht. Valerian sagte zuletzt, er müsse langsam runter das Frühstück vorbereiten. Er ging aus dem Zimmer und machte sich auf den Weg hinunter in die Küche. Es vergingen eine oder zwei Stunden und ich ging mich zurecht machen. Nachher stieg ich schnell die Treppen hinunter Richtung Wohnzimmer. „Guten Morgen, Amaris. Es freut mich, dich wieder zu sehen“, begrüßte mein Onkel mich. Ich nickte zurück. „Oh, salve Amaris. Schön, dass du auch wieder da bist. Erinnerst du dich noch an mich?“, fragte ein Mann mit langen dunkelbraunen leicht lockigen Haaren. Ich erkannte diesen Mann schon und fragte dennoch nach: „Balduin Merchand?“ Er nickte. Es war schon seltsam, dass nur mein Onkel, sein Bruder und Valerian in der Küche waren und zugleich waren sie froh, dass ich bei ihnen war. Doch dann räusperte sich jemand hinter mir: Es war Adrienne und neben ihr wahrscheinlich der berüchtigte Rox Trishwall. Mein Erzeuger! „Ab ins Wohnzimmer mit euch! Und Valerian, mach Mami einen Brombeertee und für die anderen einen Ingwertee.“ Ich gehorchte ihr und folgten den anderen ins Wohnzimmer. Angst überkam mich und ich versuchte es mit Atemübungen kontrolliert zu bekommen. Doch es war zu spät!

Wir versammelten uns im Wohnzimmer. Was wird jetzt noch kommen? Erst die Adoption, dann Adriennes arrogantes Verhalten, später Nightshades dumme Sprüche. Ein Jahr später die Nachricht, dass meine leibliche Mutter noch lebt und den Kontakt zu mir sucht. Dann erzählt sie mir die grausame Tat von Rox und plötzlich stehe ich diesem Monster gegenüber. Ich empfinde einen tiefen Hass. „Na, hast du deinen Kater ausgeschlafen?“, scherzte Balduin zu ihm. „Oh ja, besonders wenn man ein wildes Kätzchen neben sich hat“, antwortete Rox mit einem frechen Lachen und tiefer Stimme. Was mag dies nun bedeuten? Cadell klopfte seinem Bruder stark gegen die Schulter und war der Meinung, dass dies nicht witzig war. Rox knirschte mit den Zähnen und kratzte sich an seiner Brust. Er schaute mich mit einem grimmigen Gesicht an. Mein Blick richtete ich hasserfüllt an ihm z. Er war schlank und muskulös, genau die selbe Körperstatur wie Ozul. Sein Haar war schwarz und zu einem Fransenschnitt frisiert. Dann zeigte er mir einen eiskalten Blick und. Seine Ausstrahlung wurde bedrohlicher. Er fragte: „Wer bist du?“ Zorn spannte sich in mir zusammen und fing an auf Latein ein Beschwörungsritual durchzuführen. Umbram maximam, Erebum reconcilio! Legio malus abyssum reliquito! Vos iam incanto exercitum tenebrarum. Evoco daemones, devoce paludamentum! Exorcismus cruore, sanguine advenite! Du bist mein Erzeuger, nicht wahr? Wag es gar nicht zu leugnen!“, zischte ich ihm mit gepressten Worten ins Gesicht. Ein Portal öffnete sich um ihn herum. „Was machst du denn da, Amaris?“, wollte mein Onkel von mir wissen. Adrienne sang dramatisch wie in einer Oper: „Tu das nicht!“ „Antworte mir!“, befahl ich meinen Erzeuger und schaute tief in seine grün-grauen Augen. „Eine Gegenfrage: Wer bist du denn, du kleine freche Göre!?“, sprach Rox mit scharfer und wütender Stimme. „Mach mich nicht wütend, du Verbrecher.“ „Von was spricht sie denn?“, fragte Balduin seinen Bruder (meinen Onkel) ahnungslos. Cadell zuckte mit den Schultern: „Ich weiß es nicht.“

Ich ließ die Bombe hochgehen: „Rox oder soll ich sagen Mister Trishwall ist mein Erzeuger, der meiner leiblichen Mutter furchtbar weh getan hat. Er ist ein Täter!“, schrie ich allen wütend und enttäuscht allen und vor allem diesem Rox ins Gesicht : „Na “Vater“, freust du dich endlich deine Tochter kennenzulernen?“ Ich lachte schadenfroh dabei. „Was für eine Tochter? Ich habe keine Tochter!“, verleugnete er mich. „Doch, du hast eine und die redet gerade mit dir. Siehst du nicht, was du angerichtet hast?“ Es dauerte eine Weile. Balduin, Cadell und Valerian waren erschrocken, nur Adrienne schaute weg. Sicherlich hatte sie etwas zu verbergen. Schlussendlich stellte sich mein Rabenvater: „Na gut, wie du willst, gebürtiges Kind des Mondes einer Teufelin. Du willst es wissen … Dann wirst du es wissen“, entschied er sich zu erzählen, aber ich hatte ihn durchschaut. Er erzählte seine Version der Geschichte: „Deine Mutter war leicht um den Finger zu kriegen. Glaubst du, ich habe sie wirklich geliebt? Fehlanzeige! Ich habe sie mir genommen, sowie ich wollte. Scheiß auf Gefühlsduselei! Aber sieh nur, was aus dir geworden ist. Eine Sünde und eine Bastardin! Du wirst nicht besser als die Schlampe Trista sein!“ Cadell und sein Bruder waren von Rox Verhalten entsetzt. Adrienne zögerte und doch fing sie an zu lachen. Was gibst da zu lachen ... billige Schnepfe! ... Willst du das wirklich witzig finden?. Kurz danach, als sie beruhigte, hörte sie auf und wandte sich zu uns eine Neuigkeit mit ernster Mimik ein: „Meine Herrschaften, es tut mir leid, aber ich muss etwas gestehen. Es tut mir leid, Cadell, mein Liebster und Valerian. Ich muss es tun …“, begann sie. Was hat sie nun zu sagen? Na jetzt bin ich gespannt! „Was denn Mutter? Vater, was will sie uns sagen?“, unterbrach mein Cousin von seinen Eltern wissen. Mein Onkel schaute eingeknickt zu Boden und sagte nichts. „Ich wollte es dir schon länger sagen mein Sohn“, druckste Cadell herum. „Was sagen? Mutter, was hat er mir zu sagen oder hast du etwa …“, sprach Valerian und schaute zwischen ihnen hin und her. Ich dachte schon, ich hätte die Bombe hochgehen lassen, doch das sollte erst folgen. „Dein Vater ist nicht dein Vater“, gestand meine Tante ihrem Sohn. Valerian ließ die Platte mit dem servierten Tee fallen. „Halt die Klappe, Adrienne!“, regte sich Rox auf, „Valerian ist nicht mein Sohn!“ „Du vergisst wohl, dass wir mal eine Affäre hatten. Und Valerian, kannst du nicht aufpassen, das Geschirr war sehr teuer!“, erinnerte Adrienne ihn und regte sich gleichzeitig über ihren Sohn auf. Mein Cousin eilte schnell, um einen Lappen, Besen und eine Schaufel zu holen „Das stimmt nicht!“ „Oh doch!“ Die beiden verstrickten sich in Widersprüche. Ich war geschockt. Was?! Ich glaube, ich habe mich wohl verhört. „Ich wollte es dir schon länger sagen“, wiederholte mein Onkel seinen Satz. Er klopfte ihm auf die Schulter und stellte sich vor ihn. Er stand nun gegenüber seiner Ehefrau und nun bald ehemaligen Freund. „Jetzt sag es ihm oder muss ich es tun?“, schrie Cadell das erste Mal sie an. Adrienne schaute beschämt zu ihrem Sohn. „Amaris und Valerian, ihr seid Halbgeschwister. Rox ist auch dein Vater, Valerian! Es tut mir leid! Verzeih mir!“, erklärte Cadell schließlich. Das war also Adriennes Geheimnis, was sie lange gehütet hatte. Nun verstand ich, warum Valerian und ich langsam eine enge Bindung hatten. Er war mein Halbbruder und nicht mein Cousin, aber wie konnte Adrienne das nur Cadell und ihrem Sohn, genauso wie mir antun? Wie konnte sie dies alles damals vertuschen? Sowie es aussah, wusste Cadell schon davon, oder doch nicht? „Wie kannst du es wagen, mich 19 Jahre lang anzulügen? Du bist das Allerletzte!“, verurteilte mein offenbarer Halbbruder seine Mutter. Was hatte sie sich nur erlaubt, in den verdammten letzten Jahren? Ein Kuckuckskind meinem Onkel unterzuschieben und dann noch den schönen Luxus Style leben, trotz ihrer Arbeit als professionelle Sängerin.

Mein Halbbruder war wütend und enttäuscht, ich dagegen überfordert und hilflos. Wir rannten aus der Villa und gingen zum Drachenbrunnen. Wir weinten und versuchten uns gegenseitig zu trösten. Es ärgerte ihn: „Ich hätte es irgendwie wissen müssen …“ „Es ist schon gut, aber jetzt verstehe ich wahrscheinlich, warum unsere Bindung so eng ist.“ „Du hast Recht und ich habe noch gestern meinen Wunsch geäußert, dass ich froh wäre, wenn du meine kleine Schwester wärst. Es ist aber wahr, auch wenn du nur meine Halbschwester bist. Ich habe dich trotzdem sehr lieb!“ Er umarmte mich und dankte Gott dafür, dass ich für ihn da war. „Ja, jetzt habe ich einen großen Bruder. Und ich habe dich auch lieb.“, gestand ich letztendlich. „Und gemeinsam werden wir durch dick und dünn gehen“, sagte er fest entschlossen. Ich sah Cadell in diesem Augenblick auf uns zukommen. Er entschuldigte sich bei Valerian. „Wusstest du es schon lange?“, fragte Valerian ihn wütend. „Ja, ich wusste es. Eins musst du mir glauben, du warst und bist immer wie mein eigener Sohn, wie mein Fleisch und Blut, den ich aufgezogen habe.“, versuchte sein mittlerweile „nur noch“ Ziehvater zu erklären. „Und du bist der beste Vater der Welt“, sagte mein Halbbruder ihm weinend. Beide klopften sich auf die Schulter und Valerian wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ich lächelte matt und verstand, dass er nun sich genauso fühlte, sowie ich mich damals gefühlt habe, als ich von meiner Herkunft erfuhr.

„Wirst du dich von Adrienne trennen?“, wollte ich von meinem Onkel wissen. „Ich weiß es noch nicht.“, antwortete er und wies uns darauf hin, zur Villa zurückzukehren. Mein Halbbruder ging schnell in sein Zimmer, ohne seine Mutter zu beachten. Ich warf meinem Erzeuger und der Ziege einen wütenden Blick zu und ging ebenfalls hoch. Siehst du nicht, was du Valerian angetan und dann noch Cadell betrogen hast. Wie konntest du dies alles uns nur antun? Hast du keine Skrupel? Und der Mistkerl Rox, der sieht in mir eine Bastardin, sowie seinen Sohn auch. Was soll ich tun? Ich bin total überfordert mit der neuen Situation, aber bin froh, dass Valerian mich immer noch als kleine Schwester sieht. Ich verschloss die Tür mit dem Schlüssel. Ich verstand nicht, warum ausgerechnet alles in den Sommerferien ans Licht kommen musste. Vermutlich konnte Adrienne ihr Geheimnis nicht mehr für sich behalten, aber dann Rox, der seine Vaterschaft leugnete. Ein Rätsel nach dem anderen. Ich tendierte mich eher auf andere Dinge konzentrieren. Allerdings beschloss ich die Situation in meinem Tagebuch festzuhalten.

Später las ich ein paar Seiten den 2. Teil meiner Lieblingsbücher.

Plötzlich hörte ich Adrienne wieder durch die ganze Villa schreien: „Glaubst du wirklich, ich wollte den Wurm damals austragen? Du wusstest, dass ich nie Kinder haben wollte. Das allein ist deine Schuld!“ Rox lachte. „Und du Rox … du bist schon lange Geschichte.“ Mit Wurm meint sie bestimmt Valerian. „Mit uns war nie Geschichte, Primadonna!“, mischte sich Rox in die Unterhaltung zwischen Adrienne und Cadell ein. „Valerian ist großartig. Ich liebe ihn, wie ich dich eins geliebt habe.“, versuchte mein Onkel sich zu erklären. „Liebe, was für Liebe? Ich habe dich nie geliebt“, entgegnete sie ihm. „Du hast mich nie geliebt? Ah, jetzt verstehe ich warum. Nach 20 Jahren habe ich es so satt. Immer wieder deine Eskapaden zu ertragen und mein Geld war dir wichtiger. Eins sage ich dir: Valerian und Amaris werden bei mir bleiben. Ich werde das alleinige Sorgerecht für Valerian und das Teilsorgerecht für Amaris beantragen, da sie noch immer ein Recht hat, ihre Adoptiveltern zu sehen. Du wirst keinen Fuß mehr in dieses Haus setzen. Du kannst dir ein Leben mit Rox aufbauen und da wäre noch eine Sache: Dem Manager unserer Musikgruppe werde ich mitteilen, dass ihr beide aus der Band aussteigen werdet. Das weitere wirst du von meinem Anwalt hören“, erniedrigte mein Onkel sie.

Daraufhin drohte sie ihm. „Das wirst du nicht tun! Sonst wird dir noch etwas schlimmes passieren!“ „Du wirst auch jetzt schon deine Koffer packen und gehen! Ich will dich nie mehr wiedersehen!, schrie Cadell sie an und zu Valerian, der das Zimmer verlassen hatte: „Und du gehst jetzt Mittagessen kochen, aber zack zack!“ Wann hört das Geschrei endlich auf? Und wie es aussieht, wird Cadell die Scheidung einreichen.

***

Zwei Stunden später

Es war bereits Nachmittag. Ein paar Sonnenstrahlen beleuchteten mein Zimmer hell und etwas Wärme strahlte in den Raum. „Essen ist fertig“, rief Valerian uns. Ich schritt hinunter zum Esszimmer. Balduin und Rox waren noch immer da. Balduin hatte noch nicht viel an diesem Tag gesprochen. Er wollte sich wahrscheinlich nicht in diese ganzen Angelegenheiten einmischen. Mein Halbbruder hatte Zucchini-Linsen-Bolognese-Lasagne gekocht. „Deck sofort den Tisch, Amaris!“, befahl Adrienne mir. Mein Onkel sah sie entsetzt an und forderte sie mit meiner Aufgabe auf. Sie war empört und holte das Geschirr aus der Küche. Das Geschirr schepperte laut auf. Wie eine Furie deckte sie den Tisch.

„Setzt euch alle hin!“, appellierte sie an uns. Valerian und ich saßen nebeneinander. Adrienne setzte sich gegenüber von Rox am Kopf des Tisches. Cadell und Balduin nahmen Platz nebeneinander in Richtung gegenüber von uns. Mein Halbbruder verteilte das Essen „PAH, immer dieses widerliche vegane Futter!“, regte sich Rox auf, „ich brauche ein Stück Fleisch!“

„Du kannst meinetwegen verhungern!“, sagte Valerian unserem Erzeuger die Meinung. Ich versuchte ein Schmunzeln zu unterdrücken. Balduin dagegen reichte seinen Teller und sagte seinem Neffen: „Mal sehen, was mein Neffe heute so feines gekocht hat“ Mit einem schwachen Lächeln nahm er den Teller entgegen und gab ihm eine ausreichende Portion, was Rox noch mehr aufregte. Es schmeckte vorzüglich und es schien Balduin auch zu schmecken. Er fragte nach einer zweiten Portion. Rox regte sich über ihn auf: „Und du frisst diesen Fraß?!“

Ja im Gegensatz zu dir Fleischfresser!“, entgegnete Balduin ihm. Boah, was war das ein Kontra! Rox stand auf. „Ich reise ab und auf nimmerwiedersehen. Und Adrienne, du weißt, wie du mich finden kannst“, verabschiedete er sich. Zu Valerian und mir warf er einen Blick herüber, um uns Wir sehen uns wieder! anzudeuten. Mir blieb jedoch eine Frage offen: Kannten Cadell und Balduin auch meine leibliche Mutter? Ich traute mich nicht diese Frage zu stellen, aber Valerian hatte eine andere Frage: „Onkel Baldi, weißt du eigentlich wie es Lethia geht?“ „Valerian, habe ich dir nicht gesagt, dass dieses Mädchen ein Tabuthema ist?“, regte Adrienne sich auf. Cadell hörte zum ersten Mal von der wahren Liebe seines Ziehsohnes. „Wer ist Lethia?“ „Eine junge Frau, die im Waisenhaus Tidwulf Harmonious lebt. Ich habe sie nie vergessen. Es ist wahre Liebe; Vater. Lethia und ich haben uns geschworen, aufeinander zu warten, bis sie volljährig wird.“ „Als Valerian vor zwei Jahren einmal im Urlaub bei Jelvira und mir war, hat sie vorgeschlagen, Valerian mit ihm zum Waisenhaus zu fahren. Ich weiß nicht mehr, warum sie dies tat. Jelvira hat mir ausgerichtet, ich soll dich von Lethia grüßen. Sie vermisst dich sehr.“ „Oh, bin ich froh, dass sie mich auch nicht vergessen hat.“ Valerians Augen funkelten vor Glück. „Balduin, kannten Sie Trista?“, rang ich mich schließlich mit meiner Frage durch. „Ja, Amaris, ich kannte und kenne sie.“ Adrienne erzürnte, als er von meiner Mutter erzählen wollte: „Ich mochte Trista sehr. Früher hätte ich gerne etwas mit ihr angefangen, doch sie hatte nie von meinen Gefühlen geahnt und nur Augen für Rox. Er wusste, wie er es zu verhindern hatte. Ich weiß, wie gefährlich euer leiblicher Vater sein kann. Seine rasende Eifersucht, obwohl er sich nie für Trista interessiert hat.“ Cadell nickte ihm zu.

Wir waren fertig mit dem Mittagessen. Balduin gab mir schließlich ein Zeichen, um nach draußen zu gehen. Ich folgte ihm.

Ich verließ die Villa. Balduin war schon einige Schritte voraus gelaufen und wir gingen spazieren. „Wartet!“, rief ich ihm nach. Er drehte sich um und sprach leise meinen Namen: „Amaris.“ Aus seiner Jackentasche nahm er einen Notizblock und einen Kugelschreiber heraus. Er schrieb etwas auf: Es war eine Adresse.

Dann riss er den Zettel heraus und überreichte mir die Notiz. „Du findest Trista an diesem Ort. Versprich mir, dass du niemanden etwas davon erzählst?“, bat er mich. Ich nickte und doch wollte ich wissen, wie er davon wissen konnte. Vielleicht hatte sich meine liebliche Mutter ihm anvertraut, dass er daher ihre Adresse hatte „Als du auf die Welt kamst, habe ich ihr versprochen, niemanden zu erzählen, dass ich zum Patenonkel von dir ernannt wurde, bis ich dich kennenlernen durfte. Klar war, dass ich es dir auch nicht vorenthalten konnte, als wir uns zum ersten Mal Weihnachten letztes Jahr begegnet sind. Es war aber der falsche Zeitpunkt. Wie du ja nun erfahren hast, mochte ich deine Mutter sehr und ich habe noch mit ihr Kontakt.“ Er machte also vor den anderen gute Miene zum bösen Spiel, sodass Adrienne nicht durchschauen konnte. Könnte es sein, dass meine leibliche Mutter deswegen oder auch wegen Rox untergetaucht war? Balduin notierte mir die Mobilnummer von meiner Mutter und sagte: „Tut mir leid, dass ich dir das alles nicht früher sagen konnte. Ich habe ihr zu einer Aussprache mit dir geraten. Das war der Grund, warum sie dir geschrieben hat. Ich wollte, dass sie endlich den Mut nimmt, dir über sich erzählen und warum, das alles passiert ist. Ich werde nun zu ihr fahren. Du kannst dir es überlegen, ob du mitkommen möchtest.“ Ich war überrascht. Er wollte mich zu meiner leiblichen Mutter bringen, aber war ich dafür bereit?

In den letzten Monaten war mehr als genug passiert. Ich sollte besser einen anderen Augenblick suchen. „Wenn du ein anderes Mal zu ihr möchtest, ist das auch kein Problem. Falls du dich umentscheidest, dann gib mir Bescheid. Und in Zukunft kannst du Onkel Baldi sagen.“ Ich nickte. „Ich werde jetzt gleich zu ihr fahren, aber zuerst muss ich mich ja noch bei meinem Bruder und Neffen verabschieden. Und Amaris, vergiss nicht, du bist Teil der Familie und du hast einen Platz in Cadells, Valerians, meinem und meines Vater Herzens. Lass dich nicht von Adrienne unterkriegen! Sie ist und bleibt eine Diva und wird nicht länger Mitglied der Band sein.“

Dann schritten wir in die Villa zurück und mein Patenonkel verabschiedete sich. Er setzte seinen Motorradhelm auf und zog seine Kleidung an. Sein Motorrad hatte er vor dem Eingang geparkt. Kurz darauf setzte er den Gang ein und fuhr los.

22. Juni 2007

Ein Tag war vergangen nachdem sich herausgestellt hatte, dass Valerian mein Halbbruder war. Ich hatte dennoch an den letzten Ereignissen zu knabbern und nur drei Stunden geschlafen. Adrienne und Cadell stritten sich nur noch, sodass mein Onkel schließlich ihre Koffer packte und sie vor die Tür setzte. „Du kannst jetzt zu Rox.“ „Na schön, wie du willst, aber dann will ich Geld für den Unterhalt!“, verlangte meine Tante von ihm. „Wofür? Dass du im Luxus weiter shoppen kannst? Vergiss es! Rox kann ja deinen Goldesel spielen. Und jetzt geh, verdammt nochmal!“ Adrienne ging bis vor die Tür. „Ich habe dir gesagt, du sollst nun verschwinden!“, regte sich Cadell auf „Und die Schüssel brauche ich.“ Adrienne war genervt, gab ihm die Schlüssel und Cadell schloss schließlich die Tür. Er seufzte. Seine Nerven lagen blank. Wie gut konnte ich ihn verstehen. Das Geld ist wichtiger als ihre Liebe zu ihm, das ist schmerzhaft!

Mir war alles über den Kopf gewachsen und ich dachte, eine Auszeit wäre vielleicht sinnvoll. Ich saß mit meinem Halbbruder im Wohnzimmer. Kein Wort erklang von einem von uns. Die Situation hatte auch in Valerian tiefe Wunden hinterlassen. Es ließ ihn nicht kalt, dass er nun dasselbe Monster von Erzeuger hatte wie ich. Er schaute zur Decke und flüsterte leise etwas. Ich versuchte mich mit meinem Buch abzulenken.

Im Augenblick sah ich, dass sich Cadell dem Wohnzimmer näherte. Er beobachtete Valerian und mich und sah uns an, was für Gefühle in unseren Gesichtern geschrieben waren. Trauer und Verzweiflung.

Kurz darauf atmete er tief durch und kam auf uns zu. „Amaris, Valerian, wir müssen reden“, begann er mit uns das Gespräch. Er forderte uns auf, uns an den Tisch zu setzen. Ich schloss das Buch und im selben Moment standen mein Halbbruder und ich auf. Gespannt setzten wir uns an den Tisch. „Wie ihr seht, ist es mir nicht leicht gefallen, aber ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich werde mich von Adrienne, also von deiner Mutter scheiden lassen, Valerian“, sagte mein Onkel fest entschlossen. Valerian hob die Hand hoch und wollte wissen, was dann mit ihm und mir geschehe. Cadell schlug vor, dass wir uns alle eine Auszeit nehmen könnten und er sich mit dem Anwalt seines Vertrauens in Verbindung setzte. Mein Onkel kam mir entgegen und ich freute mich darüber. Er hatte wirklich eine einfühlsame Eigenschaft. Er wollte nun wissen: „Amaris, was möchtest du tun?“ Die Gegenfrage stellte sich, wie er es sehen würde, falls ich gerne meine Adoptiveltern besuchen möchte. Es schien nicht lange zu dauern, dass Valerian ihm meine Frage stellte: „Darf Amaris denn ihre Adoptiveltern sehen? Es sind ja immerhin Sommerferien und ich glaube, meinem Schwesterchen würde das bestimmt gut tun.“ Ich verdrehte leicht die Augen wegen dem Wort “Schwesterchen“ und doch fand ich das auch irgendwie süß, wie mein großer Halbbruder sich zu mir bekannte „Amaris, möchtest du denn lieber zurück zu deinen Adoptiveltern?“, wollte sich mein Onkel bei mir erkundigen. Klar, will ich das! Immerhin sind sie meine Eltern, auch wenn es nicht meine leiblichen sind. Aber ich muss ja auch wahrscheinlich vor dem Ende der Sommerferien zurück nach Death Tale kehren, bevor ich wieder nach Denicum ins Internat gehe. Ich nickte und fragte, wie lang ich dort bleiben durfte. Er antwortete: „Solange du deine Zeit brauchst, aber es gibt eine Bedingung. Am letzten Freitag bevor die Sommerferien enden, möchte ich, dass du wieder hier bist. Valerian wird dich dann in Wicked Rose abholen. Das ist doch sicher kein Problem für dich, oder?“

„Ich hole doch gerne mein Schwesterherz ab“, sagte Valerian mit einem Lächeln. Ich war mit der Entscheidung von meinem Onkel zufrieden und dankte ihm: „Ich bin damit einverstanden, Cadell und ich danke dir sehr.“ „Keine Ursache! Valerian kann mit dir morgen oder übermorgen, je wie du möchtest zum Bahnhof von Neroluz fahren, um das Zugticket zu kaufen.“ Ich konnte mein Glück kaum fassen und zum ersten Mal merkte ich, dass mein Onkel eine warmherzige Familienliebe ausstrahlte, sowie Qadira und Thorn.

Ein Gefühl von Geborgenheit schlich langsam ein. Das Eis in meinem Herzen war gebrochen, seit Adrienne gegangen ist.

Als wir alles soweit abgesprochen hatten, ging ich ins Zimmer hoch und rief meine Adoptiveltern und Ozul an. Auch Hesperia setzte ich über diese Neuigkeiten in einer Nachricht in Kenntnis. Doch eine Frage blieb ungeklärt: Wird es nun besser werden und kann ein Licht der Hoffnung in Sicht sein?

Am selben Tag (22. Juni 2007): am Abend

Ich hatte gerade meine Adoptiveltern erreicht, da fragte mich Qadira, wann ich endlich kommen würde. Ich erzählte ihr, dass ich mit Valerian am nächsten oder übernächsten Tag zum Bahnhof fahren würde, um das Zugticket zu kaufen. Sie freute sich sehr über diese großartige Neuigkeiten und wollte wissen, ob Ozul mitkommen würde. „Ich weiß es noch nicht. Ich glaube, ich muss ihn darauf nochmal ansprechen.“, erklärte ich ihr. „Wir würden uns sehr freuen, wenn er mit dir kommt. Wir wollen ihn ja schließlich kennenlernen“, sagte sie aufgeregt. „Okay gut, ich werde Ozul dann gleich anrufen. Und freue mich auch, für eine Weile bei euch zu bleiben.“ Einen Moment wurde es still an der anderen Seite des Hörers. „Für eine Weile? Musst du nach den Sommerferien wieder zurück zu Adrienne?“, fragte meine Adoptivmutter ein bisschen verwirrt. Ich hatte ihr noch nichts von den letzten Tagen erzählt und wollte es ihnen eigentlich erst an dem Tag machen, wo ich sie sehen werde. „Ich werde euch alles erklären, wenn Ozul und ich bei euch sind. Ich werde euch später eine Nachricht schreiben und mitteilen, wie sein Standpunkt ist.“

„Das ist in Ordnung. Wir haben dich sehr lieb und ich muss nun auch los. Thorn braucht mich in der Kneipe. Bis dann, Amaris.“

„Ich hab euch auch sehr lieb. Bis dann!“ Ich legte auf und wählte dann Ozuls Nummer. Es dauerte nicht lange, bis er abhob: „Bonum vesperum, Regina! Ist alles in Ordnung?“, begrüßte er mich mit ruhiger Stimme. „Oh ja soweit. Und bei dir?“ „Ja, soweit alles gut, habe vorhin noch etwas trainiert. Du weißt ja, ein paar Fitnessübungen und etwas boxen.“ Ich scherzte: „Ja, ich weiß, Darling, aber mach nicht zu viel.“ Ozul lachte: „Ach komm schon! So einen harten Kerl brauchst du doch! Einer, der dich auf jeden Fall vor fremden Männer beschützen kann.“ Wie Recht er doch hatte. Es sah so aus, als wäre Es ihm sehr wichtig, dass mir nichts passierte. Und wehe, einer würde mir etwas antun, dann würde er sich mit diesem anlegen. Ich musste aber selbst lernen, mich zu verteidigen, falls er nicht in meiner Nähe war. „Können wir bitte das Thema wechseln?“, fragte ich ihn. „Ja, was ist los?“ „Ich wollte wissen, ob du mit mir am Anfang der nächsten Woche zu meinen Adoptiveltern fahren würdest?“ „Ja, sehr gerne würde ich mit dir zu ihnen fahren, das habe ich dir schließlich versprochen. Ich kann gerne morgen früh nach Neroluz zum Bahnhof fahren und wir kaufen gemeinsam das Zugticket.“ Ich erklärte ihm den Vorschlag von Valerian und er war der Meinung, dass wir uns doch am gleichen Tag dann treffen könnten. Bevor ich zusagte wollte ich mit Valerian darüber sprechen. Ich glaubte jedoch, dass das für ihn passen würde, aber es war mir wichtig, zuerst bei ihm nachgefragt zu haben. Ungern beendete ich das Gespräch mit meinem Schatz und legte auf, da die Zeit fürs Abendessen war. Meine Laune war etwas besser und ich schritt hinunter zur Küche. Man roch schon die unterschiedlichsten Gewürze, aber von welchem Gericht, konnte ich nicht erraten. Ich beobachtete, wie mein Halbbruder in der Küche stand und mein Onkel aus dem Wohnzimmer nach ihm rief: „Valerian, ist das Abendessen bereits serviert?“ „Nein, noch nicht. Es dauert noch fünf Minuten.“ Cadell stand auf und deckte den Tisch. Ich half ihm. „Oh, danke Amaris.“, sagte er verwundert. Er hatte wohl nicht gemerkt, dass ich ihm helfen wollte.

Kurz darauf brachte Valerian eine Auflaufform mit Ofenhandschuhen herein und setzte sie auf den Tisch: Einen orientalischen Linsenauflauf mit Süßkartoffeln. Ich setzte mich an den Tisch. Mein Halbbruder teilte das Essen unter uns drei auf. „Einen guten Appetit wünsche ich“, sprach Cadell aus.

Eine Stille war dann im Raum. Wir schwiegen, während wir aßen. Das Essen schmeckte.

Nach dem Abendessen fragte ich meinen Halbbruder fragen, ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn er mit mir am folgenden Tag am Morgen das Zugticket kaufen könnte und bat Cadell um sein Einverständnis. „Natürlich, das ist kein Problem, Schwesterherz“, antwortete er und Cadell war ebenfalls einverstanden. „Oh ich habe etwas vergessen.“ Schnell huschte er aus dem Wohnzimmer in Richtung seines Schlafzimmers. Was ist jetzt los?, fragte ich mich.

Kurz darauf setzte der Nachrichtenton bei meinem Handy ein und das Display leuchtete kurz auf. Eine Nachricht von Hesperia war eingegangen „Entschuldigung“, sprach ich zu Cadell. „Es ist schon in Ordnung!“ Meine beste Freundin hatte mir eine Nachricht geschickt. Sie war mit einer Fotoikone beigefügt. Guck mal! schrieb sie. Schnell schaute ich nach. Ich lud das Foto herunter und erkannte, dass ihre Schwester und sie vor einem Gemälde standen. Nach etwas längerem Betrachten stellte ich fest, dass es meins war, mit dem ich den Wettbewerb im Mai gewonnen hatte und welches nun im Kunstmuseum von Sawblade Nebula hing. Ich lächelte etwas. Ich beantwortete ihre Nachricht: Das ist toll und wie geht es euch? Wie ist es in Sawblade Nebula? Schon bald kam eine Antwort: Uns geht es hervorragend. Wir haben unserem Vater von deinem Kunstwerk erzählt. Er ist begeistert. Du musst unbedingt selbst irgendwann mal dieses Museum besuchen. Die Bilder deiner leiblichen Mutter sind hier auch ausgestellt.

Als ich mich an Trista erinnerte, wurde ich etwas traurig. In diesem Augenblick kam Valerian wieder ins Wohnzimmer. In seiner rechten Hand hielt er eine Geschenktüte. Ich legte mein Mobiltelefon zur Seite. „Hier ist noch etwas für dich“, deutete er, indem er mir die Tüte überreichte. Sein Ziehvater und er gratulierten mir nochmals nachträglich zum Geburtstag. Mein Halbbruder bemerkte, dass ich etwas traurig war. Er klopfte mir auf die Schulter: „Ist alles in Ordnung?“ Ich zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf. Mein Onkel war ebenfalls besorgt. „Ist wirklich alles okay, Amaris?“ „Ja, es geht schon wieder“, antwortete ich ihnen leise. „Ich habe mich nur wieder an Trista erinnert“ „Wir verstehen dich. Es ist ja auch nicht so einfach, was passiert ist, aber wenn du möchtest, kann Balduin dich auch mal zu ihr bringen“, tröstete mich mein Onkel. „Ich weiß, aber es ist alles so schwierig und ich glaube, ich oder wir müssen mal mit der letzten Situation noch zurecht kommen“, teilte ich ihnen meine Sorge mit. Valerian nickte, aber war so aufgeregt, da er wissen wollte, ob mir die Geschenke gefallen würden. Ich hatte noch nicht in die Tasche geschaut. „Vielleicht hast du Recht, Amaris.“, fügte mein Onkel hinzu. „Jetzt pack mal die Geschenke aus“, drängelte mein Halbbruder. Ich bedankte mich bei ihnen und griff in die Tüte: Eine dunkles Päckchen mit einer silbernen Schleife und ein langgezogener querformatiger Umschlag lagen darin. Ich öffnete die Schleife des silbernen Päckchen: Eine rußschwarze Schatulle kam zum Vorschein. „Öffne mal die Schatulle!“, befahl Valerian mir. Gesagt, getan! Ich öffnete die Schatulle und entdeckte einen marineblauen Kugelschreiber mit einem silbernen Kopfende. Der Halter war mit meinen zwei Vornamen in einer leicht verschnörkelte Schriftart und ein gravierter Vollmond. Er war wunderschön.

Dann öffnete ich den Umschlag. Zuerst erkannte ich eine Geburtstagskarte und las die späten Glückwünsche. Dann lagen drei Tickets dabei. Ich begutachtete die Tickets: Es waren Konzerttickets. Odovakar Vermando-Dannsa teine (Dannsa teine ist Gälisch und bedeutet: Tanz des Feuers) Live Tour in Ardabur am 17. Juli 2007. Um 19 Uhr Eintritt. Beginn des Konzerts um 21 Uhr. Außerdem waren es VIP Tickets mit Backstage. Oh mein Gott! Wie geil ist das denn? Ich kann meinen Lieblingssänger live sehen. Das ist so toll. Ich freue mich so, aber wie konnten das Valerian und Cadell wissen? Ich sprang vor Begeisterung hoch. „Das ist voll krass. Ihr habt mir so eine große Freude gemacht. Wie wusstet ihr, dass ich mal auf ein Konzert von Odovakar Vermando gehen wollte, aber nie durfte?“ Cadell erklärte mir, dass er vor ein paar Wochen mit meinen Adoptiveltern telefoniert hatte und sich über mich wegen meinem Musikgeschmack erkundigte. Wie es aussah, hatten Qadira und Thorn ihm von meinem Lieblingssänger erzählt, und die zweite Nachricht war ebenfalls überraschend: Mein Onkel kannte Odovakar höchst persönlich. „Wir kennen uns seit Kindertagen“, erzählte er mir, „Ich habe ihn vor ein paar Tagen angerufen und er erzählte mir, dass er nach so langer Zeit wieder in Ardabur sein wird. Natürlich habe ich ihn dann gefragt, ob ich noch Karten für sein Konzert bekommen würde und berichtete ihm, dass du ein großer Fan von ihm bist. Er war der Meinung, dass du mit zwei Personen, sein Konzert besuchen könntest, um ihn später Backstage zu treffen. Du wirst somit unter die VIP gehen und entscheiden, wer mit dir das Konzert besuchen wird.“ Mir blieb der Mund stehen. Ich als eines der VIP-Mitglieder? Das ist kaum zu glauben! Ich werde meinen Lieblingssänger das erste Mal live sehen! Aber wen nehme ich mit aufs Konzert? Es wäre doch schön, wenn Ozul dabei sein würde, aber wer soll die dritte Person sein? Ich bedankte mich sehr für die großartigen Geschenke. „Amaris?“, rief mein Halbbruder mich, „wäre es okay, wenn wir morgen um 10 Uhr nach Neroluz zum Bahnhof fahren?“ „Sicher, Bruder.“, antwortete ich ihm. Ich stand auf und umarmte das erste Mal meinen Onkel. Er lächelte. „Wir freuen uns sehr, dass wir dir diese Freude machen durften, werte Amaris.“ Er schaut kurz auf die Wanduhr im Wohnzimmer und merkte, dass es schon spät war.

Es war 22 Uhr. Er stand auf und wünschte meinem Halbbruder und mir eine gute Nacht. Ich ging ebenfalls hoch und machte mich zurecht fürs Bett. Ich fühlte großes Glück und schrieb Ozul eine Nachricht. Salve Liebster. Gute Nachrichten: Ich werde morgen um 10 Uhr am Bahnhof von Neroluz sein, um das Ticket nach Wicked Rose zu kaufen und am 17. Juli gibt Odovakar Vermando ein Konzert in Ardabur. Hast du Lust es mit mir anzusehen? Ich liebe dich sehr Darling! Ozul hatte die Nachricht sofort gelesen und rief mich an: „Salve Liebste. Das sind tolle Nachrichten und gerne gehe ich mit dir auf dieses Konzert. Ich“, sagte er mit fröhlicher Stimme, doch ich musste ihn etwas bremsen. „Hör zu, wir haben VIP Tickets mit Backstage! Du weißt doch wohl, was das heißt?“, fragte ich nach. Er schwieg eine Weile. Doch dann schossen seine Fragen geradezu aus ihm heraus. „Was? Echt jetzt? Du hast VIP Tickets?!“, hakte er erstaunt nach. „Ja. Ich konnte es auch kaum glauben. Mein Onkel hatte sie als mein nachträgliches Geburtstagsgeschenk besorgt“ „Das klingt großartig!“ „Es sind drei Tickets. Es darf noch eine Person mit, also du, ich und ich hatte gedacht an Valerian, wenn das für dich in Ordnung ist, mein Panther?“ „Ja, das ist in Ordnung mein Schatz. Sag mal ,wie kommst du jetzt auf die Idee mich Panther zu nennen?“ „Magst du es etwa nicht?“, entgegnete ich ihm. „Doch, aber jetzt machst du mich wild, Amaris!“ Oh oh! Ozul hat wohl Kopfkino. Mist! Das ist nicht geplant gewesen. Warum komme ich jetzt ausgerechnet auf das Thema Sex! Igitt! Ich klärte ihn auf, dass ich noch nicht so weit war. „Es tut mir leid, aber das war nicht so gemeint, Darling. Ich denke, das hat noch Zeit mit dem Thema Sex“ „Ja, vielleicht hast du Recht!“, sagte er traurig. Ich habe ihn wohl nun gekränkt, auch wenn ich das nicht wollte. „Wir treffen uns morgen um 10 am Bahnhof! Gute Nacht mein Darling, schlafe gut und träume süß! Ich liebe dich.“, verabschiedete er sich. „Ich liebe dich auch. Dir auch eine gute Nacht. Bis morgen!“ Er legte auf und ich stellte meinen Wecker für acht Uhr. Müde fiel ich in den Schlaf und begann zu träumen.

***

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In der Nacht: 2 Uhr morgens; 23. Juni 2007

Amaris Traum

Kommt mit mir in den Hinterraum und bitte nicht trödeln!“, rief eine Stimme. Ich hörte andere Stimmen, die lachten und sah, dass sie eine rote Flüssigkeit tranken. Um was es sich für ein Getränk handelte, weiß ich nicht. Ich beobachtete die Menschenmenge, die jubelte und grölte. Sie schrien einen Namen. „Hier her, hier ...“, hallte eine andere Stimme. „Hahaha!“, lachte die erste Stimme. Ich erkannte noch immer nicht, wer redete und mit wem? War es Odovakar mit einem anderen Fan?----

Ich wachte auf, schaute auf die Decke und wischte mir die Schweißperlen von der Stirn. Ich schaute auf die Uhrzeit: 2 Uhr 15 morgens. „Ein komischer Traum“, murmelte ich und drehte mich zur anderen Seite des Bettes. Ich versuchte weiter zu schlafen.

***

23. Juni 2007: 7 Uhr 30

Sechs Stunden und fünfzehn Minuten später. Die Sonne war bereits aufgegangen. Ich krabbelte mühsam aus dem Bett und ging zum Kleiderschrank, um frische Klamotten herauszunehmen. Ich wählte eine dunkle Hose und ein T-Shirt mit einem Netzmuster. Für darüber eine Sweatjacke mit Engelsflügel und einem Pentagramm. Dazu passten normale Laufschuhe. Ich zog mein Bademantel über den Schlafanzug an und begab mich in Richtung Bad, um zu duschen.

Als ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich ein dumpfes Gespräch zwischen Valerian und Cadell. Sie schienen schon etwas länger wach zu sein. „Ich glaube, ich soll mal einen frisch gepressten Orangensaft für uns machen und einen warmen Porridge mit ein paar Beeren“, hörte ich meinen Halbbruder sagen. Er hatte damit den richtigen Riecher. Ich mochte dies sehr und aß dies oft, als ich noch bei meinen Adoptiveltern lebte. Bald würde ich auch für eine gewisse Zeit wieder bei ihnen sein. Cadell schien seiner Meinung zu sein, da er mit den Worten „Eine gute Idee!“ antwortete. Ich huschte ins Bad und duschte. Ich freute mich auf diesen Tag, da Ozul auch in Neroluz sein würde und Valerian mit mir plante das Zugticket zu kaufen. Endlich konnte ich etwas zur Ruhe kommen. Ich machte mich fertig, stylte noch die Haare und trug etwas Schminke auf.

Dann ging ich runter zur Küche. „Guten Morgen, Amaris!“, begrüßten Valerian und Cadell mich. Ich grüßte sie zurück. Während ich mich an den Tisch setzte, servierte mein Halbbruder mir eine dunkle Schale mit dem gekochten Porridge und ein paar frische Beeren. Lächelnd bedankte ich mich bei ihm. Anschließend legte er ein paar Brote in den Toaster. Mein Onkel trank eine Tasse Kaffee und erkundigte sich bei mir, ob ich gut geschlafen hätte. Dabei las er eine Musikzeitschrift. Ich nickte, war jedoch schon längst gedanklich bei meinem Frühstück. Als der Toaster fertig war , bestrich mein Halbbruder für sich die Brotscheiben mit Humus. Mein Onkel schien keinen Hunger zu haben oder hatte vorher schon gefrühstückt.

Etwas später half ich Valerian beim Abräumen und er beschloss dann, dass wir bald aufbrechen würden, um nach Neroluz zu fahren. Ozul wartete bestimmt sehr sehnsüchtig auf mich am Bahnhof. Ich holte meine Lederjacke mit dem gotischen Kreuz auf dem Rücken und legte meine Handtasche um die Schulter. „Stell dich bitte an die Seite des Garagentors! Ich muss den Wagen herausfahren“, erklärte Valerian mir. Nach einem Nicken trat ich ein paar Schritte zurück. „Ach Valerian, denk bitte an die Hausschlüssel! Ich werde nicht daheim sein, wenn ihr wieder da seid. Ich werde mit dem Bus gleich nach Sirialflia fahren.“ „Könntest du bitte Opa Alevo einen Gruß ausrichten?“, fragte sein Ziehsohn ihn. Cadell nickte. Valerian nahm die Haus- und Autoschlüssel vom Schlüsselschrank und wir verabschiedeten uns von Cadell. Er fuhr das Auto rückwärts aus der Garage und ließ mich dann einsteigen. Schon ging es los.

***

9 Uhr 30
Ich stellte fest, dass wir eine halbe Stunde früher abfuhren. Es war nicht schlimm und ich war der Meinung, es wäre so besser, denn augenblicklich klingelte mein Mobiltelefon. Ozul rief an. „Salve Regina. Na bist du schon unterwegs zum Bahnhof?“, fragte er mich aufgeregt. „Bin auf dem Weg, Darling.“ „Super, ich freue mich! Bis gleich meine Königin!“ Ich legte auf. Valerian grinste. „Na, macht sich dein Liebster Sorgen?“ „Ich denke schon“, sagte ich leise.

10 Uhr

Wir erreichten das Parkhaus des Bahnhofs von Neroluz. Vorbildlich parkte mein Fahrer in eine Lücke. Wir stiegen dann aus und schritten zum Hauptgebäude. Bereits aus der Ferne konnte ich Ozul sehen, der seine Zigarette zu Ende rauchte. Angespannt kratzte ich mich am Arm. „Na, etwas nervös Schwesterherz?“, wollte mein Halbbruder wissen. Während ich antwortete „Es geht schon.“

Kurz darauf näherte sich uns mein Freund und lächelte. „Salve Regina!“, begrüßte er und küsste mich auf die Stirn, „Na alles gut? Salve Valerian, wenn ich mich richtig erinnere?“ Ich nickte meinem Liebsten zu. Valerian grüßt ihn ebenfalls mit einem Lächeln: „Lasst uns zum Ticket Empfang gehen!“ Den Vortritt nahm mein Bruder. Bevor wir folgten, sah mich Ozul seinen Arm anbietend an. Das Bahnhof Gebäude war relativ groß und zeigte unzählige Schilder mit Gleisnummern an, bei denen mir das Haus fast schon wieder zu klein vorkam. Wir kamen gleich dran. Ein kleines Läuten erklang. Nun waren wir dran und schritten zu dritt vor. „Guten Tag, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte die Ticketverkäuferin bei Valerian nach. „Ich möchte gerne ein Monatsticket ab morgen Nachmittag nach Wicked Rose buchen und falls möglich, ohne viel umzusteigen.“ „Zwei Tickets“, korrigierte Ozul ihn. Über den Einwand verwundert zog er eine Augenbraue hoch. „Zwei?“, fragte er nach. „Ja, ich werde Amaris zu ihren Adoptiveltern begleiten. Ich gebe dir das Geld nachher wieder“, erklärte mein Liebster ihm. Valerian wandte sich wieder zu der Verkäuferin und korrigierte seine Anfrage: „Zwei Monatstickets ab morgen Nachmittag nach Wicked Rose, bitte.“ Die Verkäuferin tippte die Daten in das Ticketsystem des Computers ein und erklärte uns die Zugverbindung: „Ich hätte da eine Verbindung gegen 14 Uhr 30 und diese würde direkt nach Wicked Rose fahren, allerdings dauert diese vier Stunden und 35 Minuten oder sie müssten einmal in Réimse Langston umsteigen und wären fünf Stunden und 15 Minuten unterwegs. Der Preisunterschied wäre 45 Crescent Silver, also die direkte Verbindung mit fünf Zwischenhalten nach Wicked Rose ist etwas teurer als die längere Strecke und dem Umstieg in Réimse Langston. Die direkte Verbindung würde 130 Crescent Silver kosten.“

Ist das der Preis für zwei Personen oder für nur eine Person?“, wollte Valerian wissen. „Dieses Monatsticket ist nur für eine Person!“ „Dann machen Sie bitte zwei Monatstickets!“ „Also gut, zwei Monatstickets nach Wicked Rose ab morgen und die direkte Verbindung. Abfahrt ist um 14 Uhr 30. Seien Sie bitte eine Viertelstunde vor der Abfahrt hier am Bahnhof! Und nun zur Bezahlung: Wollen Sie mit Karte bezahlen oder in bar?“ „Mit Karte bitte!“ Valerian bezahlte die Tickets, während die Verkäuferin Ozuls und mein Ticket in eine durchsichtige Hülle packte. „Dann sind es für 260 Crescent Silver. „Vielen Dank!“, dankte mein Halbbruder und überreichte uns die Fahrscheine. „Gut darauf aufpassen. Es sind ja eure Monatskarten. Und Amaris, denk bitte daran, am 24. Juli müsst ihr zurück fahren!“ Ozul bedankte sich bei Valerian und ich nickte „Versprochen“ zu meinem Bruder. Ich packte unsere Ticket in meine Handtasche. „Alles klar. Wenn ihr möchtet, könnt ihr den Tag zusammen verbringen und ich komme dich später abholen, Amaris! Ich werde Jelvira anrufen und nach Lethia fragen. Wir sehen uns später und treffen uns hier am Bahnhof gegen 17 Uhr wieder!“ „Danke Valerian, ich werde noch zur Bank gehen und du kriegst dann nachher das Geld. Ich danke dir außerdem, dass du mir die Zeit schenkst, diese mit meiner wundervollen Prinzessin auszukosten“, erklärte Ozul ihm. „Gar keine Ursache, werter Ozul! Pass gut auf mein Schwesterherz auf!“ Valerian verabschiedete sich von uns und ging in Richtung Parkgarage zurück. Ich hoffte für ihn, dass er Lethia wiedersehen durfte. Mit der Aufforderung meines Freundes setzten wir unsere Richtung auf der Fußgängerzone fort. Er legte seinen Am um meine Schulter und lächelte. „Wie geht es dir, meine Liebste?“, wollte er von mir wissen. Es war gut, dass er nachfragte, denn auf der einen Seite war ich froh, in seiner Nähe zu sein, aber auf der anderen Seite durchschossen meinen Kopf die Ereignisse der letzten Tage. Ich schmunzelte matt und schaute ins Leere. Die Menschen, um uns herum, nahm ich wahr, aber auch nicht so richtig. Manche waren im Stress, andere redeten, als sie an uns vorbei gingen.Darling, ich merke, dass du wieder in Gedanken bist, sonst würdest du ja meine Frage beantworten. Was ist los?“ Ich stoppte und suchte nach einer Sitzbank. „Können wir uns irgendwo setzen?“, entgegnete ich mit einer Gegenfrage. „Ja, wir können doch gerne ins Obscure Star gehen und einen Kaffee trinken“, schlug mein Schatz vor. Ich nickte. Wir schritten zum Caféhaus und nahmen dort Platz an einem Tisch im Innenraum. „Einen Dalgona Kaffee und was möchtest du, meine Prinzessin?“, gab Ozul seine Bestellung beim Kellner auf. „Für mich ein Latte Macchiato.“ „In Ordnung“, sagte der Kellner und drehte sich um. „Also, was ist denn passiert, Darling?“, fragte Ozul mich erneut. Ich erinnerte ihn an das Gespräch vor wenigen Tagen, als ich ihm erzählte, dass sich herausgestellt hatte, dass Valerian mein Halbbruder wäre. Es freute mich nun auch einen großen Bruder zu haben. Irgendwie jedoch hatte ich es noch nicht ganz überwunden. Hauptsache, ihr versteht euch und wisst, warum ihr euch als Halbgeschwister habt. Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt Geschwister habe, seit meine Mutter mich in die Babyklappe gegeben hat. Dank meinem zuständigen Betreuer Mister Junne Léodel des Heims bin ich ins Black Lake Gymnasium gekommen, da er mein Talent im Gesang entdeckt hat. Aber lassen wir diese Geschichten vom kleinen Ozul“, lachte er zum Schluss. Ich hörte ihm aufmerksam zu und doch versank ich wieder in Gedanken. Es klingt furchtbar, dass Ozuls Mutter ihn abgegeben hat. Das ist schlimmer, als meine Situation. Wenn ich mir vorstelle, wie es sein würde, in einem Heim aufzuwachsen, würde ich noch unsicherer sein, als jetzt schon. Aber Ozul hat es geschafft. Der Kellner brachte die Getränke. Ich trank einen großen Schluck vom Latte Macchiato und beobachtete Ozul, wie er in meine Augen sah. „Deine Augen sind wunderschön, mein Schatz. Man sagt, dass Menschen mit grünen Augen sehr kreativ sind und das bist du auf jeden Fall.“ Ich schmunzelte leicht. Kann sein…“, sagte ich ihm leise und fragte mich doch, warum er das Thema gewechselt hatte. „Du bist so still. Ich hoffe doch, dass dich meine Situation nicht zu sehr belastet.“ Ich schüttelte den Kopf. Nein, das ist es nicht Darling! Amaris, hör auf! Er sieht doch ganz genau, dass du viel zu viel nachdenkst. „Ich sehe doch, dass du die ganze Zeit mit den Gedanken woanders bist. Also was ist los, meine Schöne?“ „Es ist nichts! Ich will nur mit dir hier sein.“ Ich erklärte meinem Liebsten, dass nichts wäre, einfach die Zeit mit ihm genießen wollte und ich mich freute mit ihm am folgenden Tag schon zu meinen Adoptiveltern zu fahren, jedoch ließ mich das Kreisen meiner Gedanken nicht los.

Wir tranken unseren Kaffee aus und Ozul beglich die Rechnung. Laute Musik erklang von der Fußgängerzone. Ein verzerrtes Zupfinstrument spielte, ich glaubte, eine E-Gitarre. Die Rhythmen gingen schnell sowie im Song Thunderstruck von ACDC. „Oh, derjenige hat echt was drauf. Komm lass uns schauen, woher der Sound kommt, meine Schöne“, sprang Ozul auf und nahm meine Hand. Wir schauten uns um und entdeckten schließlich in der Nähe der großen Einkaufgalerie von Neroluz die Person, die die elektrische Gitarre spielte und dazu sang. Es war eine junge Frau. Ozul blickte überrascht. Vermutlich war er nicht gewohnt, dass auch eine Frau gut Gitarre spielen konnte oder was auch immer er dachte. Neben ihr hatte sie ein Schild aufgestellt. Das Geld wird an das Waisenhaus Tidwulf Harmonious Orphanage gespendet. Folgt mir auf der Sozial Medien Plattform Flimagey.* (eine fiktive Plattform wie Instagram): lesyc_muse_1089! Ich bemerkte sofort den Namen des Waisenhaus und erinnerte mich, dass die Lebenspartnerin meines Patenonkels in diesem arbeitete. Ich musterte genau die junge Frau, die die Gitarre spielte und war der Meinung, dass sie mir bekannt vor kam, aber ich konnte sie nirgendwo einordnen, wo ich sie einmal gesehen haben sollte.

Plötzlich rempelte uns jemand an. „Oh Amaris, Ozul, sorry! Es war keine Absicht!“ Ich erkannte die Stimme. Es war mein Halbbruder Valerian. „Hey Bruderherz. Alles gut, kein Problem. Ich dachte, du wärst nach Ulecian ins Waisenhaus gefahren …“, erinnerte ich ihn, doch ich bemerkte schnell, dass er mir nicht zuhörte, da er auf die junge Frau mit der elektrischen Gitarre schaute und Tränen über seine Wangen rollten. „Ich kann es nicht glauben. Sie ist hier … Sie ist hier!“, weinte und lächelte Valerian gleichzeitig. „Was ist mit deinem Bruder los?“, wollte mein Liebster von mir wissen. Die Frau mit der Gitarre schaute in unsere Richtung und hörte unerwartet auf zu spielen.

Plötzlich fing sie ebenfalls zu weinen an. Rundherum standen noch andere Passanten, die der Musik zugehört hatten und in deren Gesichter standen Fragezeichen groß geschrieben. Ein paar Sekunden lang beobachtete ich ihn. Erst dann wagte ich mich zu erkundigen: „Valerian, ist alles in Ordnung?“ „Es ist Lethia“, sprach er leise und ging dann auf die junge Frau zu. Ich erklärte Ozul die Situation. Er nickte stumm. Valerian deutete mit einer Geste, dass wir ihm folgen sollten. Wir folgten ihm. „Oh Liebster, was bin ich froh dich zu sehen! Was machst du denn hier? Ich dachte schon, wir würden uns nie mehr wiedersehen!“ Mein Halbbruder küsste sie und hielt ihre beiden Hände. „Ich bin so glücklich, dich nach zwei Jahren wieder gefunden zu haben. Es tut nichts zur Sache. Ich bin nun hier bei dir. Aber schau her, könnte ich dir hier die zwei Menschen vorstellen? Lethia, ich stelle dir hiermit meine Halbschwester Amaris und ihren Freund Ozul vor. Beide gehen aufs Black Lake Gymnasium, wo ich einst gewesen bin.“ „Es freut mich, die Bekanntschaft mit dir zu machen“, sagte ich ihr. Sie nickte:Angenehm, ich bin Lethia.“ Ich weiß, Valerian hat es mir vor ein paar Minuten gesagt. Ozul stellte sich ihr ebenfalls vor. Sie nickte ihm zu und sprach zu meinem Halbbruder. „Ich packe mal hier die Sachen, Habt ihr vielleicht Hunger? Ich könnte etwas vertragen. Könnten wir nicht zu unserem Lieblingsdiner gehen.“, fragte Lethia ihn. „Ja, können wir gerne tun, mein Schmetterling. Amaris, Ozul, möchtet ihr beide mit?“, wollte Valerian von mir wissen. Ich verkniff mir ein Grinsen. Schmetterling?! Oh Valerian, hast du immer so sonderbare Kosenamen für deine Liebste?! Du bist witzig. Ozul und ich verneinten die Frage und erklärten ihm, dass wir etwas für uns sein wollten. Valerian hatte dafür Verständnis und wir gingen in Richtung Bank. Ozul hob noch Geld ab, um meinem Bruder die Monatstickets zurück zu erstatten. Wir bedankten uns und gingen weiter.

23. Juni 2007: 13 Uhr

Drei Stunden waren vergangen und Ozul und ich gingen in ein Geschäft nach dem anderen in der Einkaufgalerie. Ich freute mich für meinen Halbbruder, dass er sein Glück wieder fand und mit Lethia seinen Tag genoss. „Liebste, könnten wir mal zum Musikgeschäft gehen? Ich muss mir ein paar CDs ausleihen, um ein neues Projekt mit der Band zu starten. Gerade mangelt es mir an Inspiration.“, erklärte Ozul mir. Komisch. Ich bin doch eigentlich seine Inspiration, aber warum kann ich ihm dieses Mal nicht helfen? Ach ja, vermutlich wegen Balvo, seinem Bandkollege und Mitbewohner in seiner WG zugleich. Er mag mich sonderlich nicht, da er Angst hat, Ozul würde nur noch schnulzige Lieder schreiben. Naja, es war schon süß, dass Ozul mir jedes Mal aufs neue seine Liebe zu beweisen. Im Musikgeschäft suchte er nach Alben von verschiedenen Musiker. Ich schaute über die verschiedenen Cover der CDs. Die meisten Bands der Sortimente waren im Bereich des Hardrocks, Death Metal, Metal Rock und Symphonic Metal. Ozul konzentrierte sich auf die Death Metal Bands und tippte Notizen ins Handy. Vermutlich die verschiedenen Musikgruppen und Sänger, die ihn vermutlich inspirierten, was Neues zu erschaffen. „Na hast du etwas gefunden mein Schatz?“, wollte ich von ihm wissen. Er schüttelte den Kopf. „Nicht so ganz. Ein paar Gruppen kommen schon in Frage, aber ich stelle mir die Frage, ob ich nicht eine Mischung von allen Arten Metals reinbringen soll für die nächsten Songs?“ Puh, schwere Frage und noch schwieriger die Antwort. Ich zuckte mit den Schultern und antwortete ihm, dass ich ihm diese Entscheidung nicht für ihn treffen konnte. „Schon okay, ich finde schon das Richtige, meine Liebste“, meinte er und küsste mich auf die Wange, „Ich glaube, ich mach mal weiter die Musikrichtung wie bisher, nur mit ein paar Balladen mehr.“ Ich fügte nichts weiter hinzu, nickte stattdessen lächelnd. Es war immerhin eine Entscheidung, die er treffen musste oder zumindest mit seinen Bandkollegen und Klassenkameraden zugleich.

Wir wendeten uns in Richtung Ausgang des Geschäfts und verabschiedeten uns beim Ladenbesitzer. „Und was machen wir jetzt, meine Regina?“, wollte mein Schatz wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Oh, ich glaube, mein Magen knurrt.“, wendete er ein und fragte mich, ob ich nicht auch Hunger hätte. Wieder einmal zuckte ich mit den Schultern und ließ ihn entscheiden. Eine CD hatte er jedoch nicht gekauft. Dagegen hatte er Hunger und wir schritten in eine bekannte Richtung. Er wollte zum Vertigo Restaurant, wo wir im Januar unsere erste Verabredung hatten. Wie immer hielt er mir die Tür auf und ließ mich hinein. Er war gleich hinter mir und derselbe Kellner begrüßte uns, wie letztes Mal und erläuterte dieses Mal, dass Virgin Summer Cocktails auf dem Plan standen. „Ein idealer Cocktail für den Sommer“, fügte dieser hinzu und wies uns zu einem Tisch. „Möchtest du auch den Sommercocktail, Darling?“, wollte Ozul von mir wissen. Ich nickte. „Dann mach uns zwei“, forderte er den Kellner auf. „Mit Vergnügen.“ Wir setzten uns an den Tisch. Mein Liebster warf einen Blick auf die Speisekarte. Ich beobachtete ihn und schaute dann in die Leere. Aus der Ferne sah ich den Kellner kommen, der unsere Getränke servierte. „Darf ich schon die Bestellung für die Speisen aufnehmen?“ Ozul erkundigte sich bei mir, ob ich schon entschieden hätte, was ich essen mochte. Ich verneinte seine Frage. Hunger verspürte ich kaum. Er wird bestimmt gleich fragen, warum ich keinen hatte. Ich wusste selbst nicht genau, weshalb und doch hatte ich am Morgen genug Porridge gegessen. Vielleicht war dies der Grund. „Ich habe heute genug gefrühstückt.“, teilte ich meinem Liebsten mit. Er war überrascht und Ozul wählte seine Speise: Ein Gericht mit Spinat und Kichererbsen. „Die Nummer 28 möchte ich bitte“, sagte er dem Kellner, „aber ohne Kichererbsen!“ „Ich danke.“, antwortete der Kellner, nahm die Speisekarte wieder mit und drehte sich in Richtung der Kasse. Ich hob das Glas und stieß mit Ozul auf unsere Zeiten an und er fügte die Information hinzu, dass er hoffte, meine Adoptiveltern ihn akzeptieren würden, da wir am nächsten Tag zu ihnen fuhren. Ich hoffte ebenfalls auf ein positives Treffen. Aufregung nistete sich in meinen Körper ein. Etwas überrascht war ich schon. Er sehnte Akzeptanz von meinen Adoptiveltern. Vermutlich, weil seine Eltern ihn damals nicht haben wollten. Sicher war ich nicht.

Kurz darauf brachte der Kellner Ozul die bestellte Speise. „Bonam orexin Darling!“, sagte ich meinem Freund. Er bedankte sich. Bevor er anfing zu essen, wollte er nochmals wissen, ob ich nichts von seinem Gericht haben wollte. Ich verneinte wieder seine Frage.

Während Ozul seine Speise verzehrte, stellte ich mir vor, wie das Kennenlernen mit meinen Adoptiveltern am nächsten Tag verlaufen würde. Einen positiven Eindruck erhoffte ich von meinem Liebsten. Meine Pflegemutter würde mich mit Freudentränen empfangen, die Bekanntschaft mit Ozul positiv bewerten und natürlich, wie Hesperia viele Fragen stellen, wie ich mit ihm zusammen kam. Auch andere Fragen könnten aufkommen, wie auch das unangenehme Sex könnte angesprochen werden. Doch dies könnte peinlich auf mich wirken, obwohl Ozul wusste, dass ich noch nicht dafür bereit war. Thorn, mein Adopivvater würde ihn vermutlich kritisch beäugen. Ob Ozul der Richtige Partner für mich wäre, oder ob sie ebenfalls gemeinsame Interessen hätten oder die üblichen Männergespräche. Schluss jetzt! Amaris, lass der Rest morgen einfach auf dich zu kommen, wenn du mit Ozul zu ihnen fährst und genieße die Sommerferien! Ich ließ Ozul in Ruhe essen und beobachtete ihn schweigend, während ich an meinem Glas nippte. Ozul war nach einer geschätzten zwanzig Minuten fertig mit dem Essen. Der Kellner kam schon entgegen und räumte seinen Teller und Besteck ab. „Möchten Sie noch einen Nachtisch?“, wollte dieser von Ozul wissen. Mein Freund verneinte die Frage, stattdessen fragte er nach der Rechnung. „Alles klar. Ich bringe sie sofort.“ „Vielen Dank“, sagte Ozul und erkundigte sich bei mir, ob alles in Ordnung war. Ich nickte.

***

14 Uhr 15

Wenige Minuten später kam der Kellner mit Ozuls Rechnung. Mein Schatz bezahlte diese. Ich wollte gerade aufstehen, aber er war schnell hinter mir, um mich in meine Jacke einzukleiden. „Danke Liebster.“, sagte ich ihm und küsste ihn lieblich. Er erwiderte. „Keine Ursache, Darling. Wo möchtest du gerne jetzt hingehen?“ Ich suchte nach einer passenden Antwort: „Könnten wir zum Buchladen Spooky Somber Library And Staionery bitte gehen?“ Mein Freund nickte. Wir schritten die Fußgängerzone weiter gerade aus, bis wir den Buchladen erreichten. „Ich werde zur Biografie Abteilung gehen. Vielleicht haben sie dort eine von einem meiner Lieblingsmusiker. Wir treffen uns an der Kasse, meine Liebste.“ Die Biografie Abteilung war nur ein paar Meter weiter in der linken Ecke. Ich schaute mich nach etwas Schreibmaterial um: zwei Tintenfässer für meine Feder, ein paar Bleistifte und ein Skizzenbuch brauchte ich für die nächsten Tage.

***

14 Uhr 25

Plötzlich hörte ich Ozul einen wütenden Schrei aussetzen. Ich ließ alles stehen und liegen, hörte dann eine weitere Stimme, die vermutlich zu ihm sprach. Erst erkannte ich sie nicht „Du hältst dich wohl immer für den Superhelden, jedoch wirst du irgendwann sehen, dass sie dir das nicht wirklich geben kann, was du willst. Ich denke, du weißt, dass ich besser bin, aber lass dir das gesagt sein! Ich werde sie mir auch nehmen. Du wirst den Kürzeren ziehen. Ich fordere dich zum Boxkampf heraus. Und das am Anfang des Schuljahres.“ Mein Herz begann schneller zu schlagen und mein Atem stockte.

Als ich mich näherte, erkannte ich schnell, wer mit meinem Liebsten sprach. Der Möchtegern Casanova Lycidas! Was zum Teufel will er noch?! Wie kann er es wagen mit Ozul so zu reden? „Gibt es irgendeine Bedingung, wenn jemand verlieren soll?, fragte mein Liebster ihn zornig. „Das werde ich dir am Anfang des Schuljahres mitteilen und jetzt geh zu deinem Liebchen!“, vermittelte mein Erzfeind meinem Freund mit bissigem Ton und ging ihm aus dem Weg. Beide warfen sich einen wütenden Blick zu. Ihre Augen sprachen eine deutliche Sprache. „Oh, Amaris, ich habe dich nicht kommen gesehen. Na, wie fühlt es sich an, mit dem berüchtigten Weiberheld eine offene Beziehung zu führen?“, zog Lycidas weiter über Ozul her. „Von was sprichst du?“, fragte ich die Tratschposaune wütend und schaute zu Ozul: „Offene Beziehung?“ „Ja, ich denke, das soll der liebe Ozul dir selber sagen!“, lästerte mein Klassenkamerad. Ozul setze seinen finsteren Blick ein und antwortete Lycidas flüsternd ernst: „Am besten, du verschwindest jetzt, aber eine Sache sage ich dir: Ich gebe Amaris nicht auf und hör auf solche Lügen zu verbreiten! Den Termin für den Kampf sag ich dir! Hau ab!“ Lycidas verschwand. Eine Antwort auf meine Frage von ihm hatte ich nicht bekommen, stattdessen verabschiedete er sich von mir mit lästernder Stimme.

Ozuls Augen schweiften zur Seite und bat mich mit leiserer Stimme, ob wir uns nach draußen begeben könnten. Ich nickte und griff nach seiner Hand. In langsamen Schritten machten wir uns auf dem Weg in die etwas kühle Sommerluft. Wir stellten uns vor die Ladentür der Bücherei und legte meine rechte Hand an seine rechte Wange. Dabei suchte ich den Blickkontakt. „Was meinte Lycidas mit offene Beziehung? … Ist dir unsere Beziehung nicht ernst? … Sprich mit mir!“, sprach ich mit verzweifelter Stimme zu meinem Liebsten. Ich legte meine linke Hand auf seine linke Brust. Sein Herz raste noch schneller, als meins. Wie sollte ich ihn nur beruhigen? Überforderung stieg in mir hoch, sodass mein Kopf drohte zu explodieren, mit dem, was sich wieder alles hoch ansammelte. Es stand auf jeden Fall fest, dass ich eine Erklärung brauchte. „Möchtest du mir irgendetwas sagen?“, fragte ich wiederholt meinen Freund. „Es ist nichts wahres dran! Lycidas redet immer so eine Scheiße!“, sagte er wütend, „Ich verspreche dir, den Kampf zu gewinnen, koste es was es wolle. Dafür wird er bezahlen! Und hör nicht auf sein albernes Geschwätz!“

Mit dieser Antwort kamen Zweifel in mir, doch wollte diese meinem Liebsten verbergen, da es vermutlich ein schlechtes Zeichen für ihn wäre, auch wenn es mir sofort ansehen würde. Er hätte wahrscheinlich Bedenken, dass ich ihm nicht mehr vertrauen könnte. Doch konnte er mir dieses Versprechen wirklich halten? Es stand fest, dass Lycidas unsere Beziehung mit allen Mitteln zerstören wollte und mich als seine Partnerin haben. Oder hatte er doch einen anderen Plan? Was war sein Ziel?

Trotz den ganzen Fragen hatte ich mich etwas seelisch gesammelt, auch wenn es nicht einfach war. „Lass uns in den Park gehen, wo wir im Januar waren!“, schlug ich Ozul vor. Ozul atmete einmal tief durch und ich legte seine Hand in meine. Wir schritten zum Shadow Angel Park und überquerten die Brücke, wo wir unseren ersten Kuss hatten.

Im Sommer nun blühten hier die Löwenmäulchen und Dahlien in aller Pracht. Wir beobachteten das klare Wasser.

Kurze Zeit später beobachtete ich meinen Freund und bemerkte, dass er die Augen geschlossen hatte. Vermutlich versuchte er sich zu beruhigen und hielt meine Hand weiterhin fest. Er atmete tief ein und aus.

Dann öffnete er die Augen. Wir setzten uns auf eine Bank. „Danke für alles, meine Liebste. Danke für alles! Ich muss das zu schätzen wissen, dass du mir vertraust und glaubst.“, sagte er schließlich. Ich nickte und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Er küsste meine Schläfe.

Eine ganze Stunde schwiegen wir uns an. Das Gespräch zwischen Lycidas und meines Liebsten wollte ich vergessen, doch er blieb bei seiner Entscheidung. Er wollte Lycidas bei einem Boxkampf herausfordern. Denk eher an morgen, an das erste Zusammentreffen von Ozul und Qadira und Thorn. Das ist jetzt die oberste Priorität! Über den Kampf kannst du später Sorgen machen! Das sprachen meine Gedanken zu mir.

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Kurzbeschreibung

Die Geschichte von Amaris geht weiter: Ein paar Monate sind vergangen und inzwischen verläuft alles bei der beinahe siebzehnjährigen wie am Schnürchen. Doch dann ziehen dunkle Schatten über sie. Nicht nur Amaris muss sich ihrer Vergangenheit erneut stellen. Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive erzählt.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Freundschaft und Familie gelistet.