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Ein Mann, ein Wort

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8.8.2019 8:17
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

6 Charaktere

Euram Barows

Boz Wilde

Miakis

Kyle

Skald Egan

Bernadette Egan

Die Föderation der Vereinten Inselkönigreiche lud fremde Nationen nur selten zu Banketten, doch wenn sie es tat, geschah dies meist im wirtschaftlichen Interesse und die Gäste kehrten so gut wie immer mit einem finanziell vielversprechendem Kontrakt nach Hause zurück. Kein Wunder also, dass die Föderation trotz der vornehmen Zurückhaltung ein stets gern gesehener Gastgeber war und sich die umgebenden Herrscher dabei überschlugen, entweder persönlich zu erscheinen oder aber ihre besten und vornehmsten Vertreter zu schicken, um auch ja an den als Festlichkeiten getarnten Verhandlungen teilnehmen zu können.

 

Deswegen hätte es Skald Egan sehr verwundert, als ihm von dem lang erwarteten Falenischen Flaggschiff statt der Königin eine junge und extrem enthusiastische Frau in goldschwarzer Rüstung, ein blonder Mann mit süffisantem Grinsen im gleichen Aufzug, der ungeniert hinter zwei Soldatinnen her pfiff und ein lautstark lachender ganzer Kerl mit gewaltigem Mohawk entgegen traten – wenn seine Tochter ihm nicht längst und oftmals von ihrer langen Zusammenarbeit mit eben jenen Individuen erzählt hätte. Und so kam es, dass er nicht lange zögerte, ehe er jegliche Steifheit ablegte und mit einem Lachen, welches dem der Gäste mit keinem Dezibel nachstand, Hände ergriff und sie herzlich schüttelte. Beim letzten Paar packte er besonders fest zu: „Na, wenn mich mein feuchtes Auge nicht täuscht, ist das doch der berühmt-berüchtigte Lord Wilde! Und diese beiden Energiebündel sind Ritter der Königin, korrekt? Willkommen in Obel, meine Herrschaften, willkommen in Obel! Aber wo sind Ihre Hoheiten, wenn ich bescheiden fragen darf?“

 

Neben ihm schloss Bernadette mit einem leisen Seufzen die Augen: „Admiral, das ist-“ Doch Boz unterbrach sie mit einem donnernden Lachen – er hatte ihren geflüsterten Beitrag gar nicht gehört: „Admiral Skald Egan! Es ist mir eine Ehre, guter Mann, es ist lange her, wo wir uns das letzte Mal gesehen haben! Ich hoffe sehr, dass es Euch gut ergangen ist seitdem! Aber um auf Eure Frage zurückzukommen. Ihre Majestät die Königin und Seine Hoheit der Prinz befinden sich aus bereits genannten Gründen drüben in Sol-Falena. Hat Euch unsere Nachricht denn nicht erreicht? Das wäre uns wirklich unangenehm!“ Skald legte eine Hand ans Kinn und grübelte, was ihn jedoch viel zu schnell anstrengte, sodass er nach wenigen Sekunden entschieden abwinkte und rief: „Ach, Nebensächlichkeiten, Milord! Jeder Freund ist gleich viel wert, ob Adliger oder Bettler!“ Ein erneutes durchdringendes Lachen ausstoßend, welches umgehend erwidert wurde, schlugen sich die Männer wie alte Kameraden auf die Schultern und Skald schwang energisch herum auf eine Reihe steinerner Treppen zu: „Kommt, kommt, ich zeige Euch Eure Wohnlichkeiten! Ihr müsst furchtbar erschöpft von der langen Reise sein!“

 

„Das käme uns sehr gelegen, Lord Egan! Vielen Dank!“

 

Bernadette blickte ihrem begeisterten Vater mit gerunzelter Stirn nach und wandte sich schließlich stöhnend wieder an die anderen Neuankömmlinge: „Es tut mir wahnsinnig leid für den unangebrachten Enthusiasmus meines Herrn Vaters. Ich habe ihm das besagte Schriftstück sofort nach Erhalt zukommen lassen und er versicherte mir später, dass er jedes Dokument auf seinem Schreibtisch genauestens studiert hat. Ich hätte es besser wissen und ihn abfragen müssen. Bitte nehmt meine ergebenste Entschuldigung an für diesen wenig rühmlichen Auftritt, Milord. Ich werde ihn bei nächstbester Gelegenheit wissen lassen, dass nicht Lord Wilde der erwartete Botschafter ist.“

 

Hinter den anderen war ein junger, schmächtig wirkender Mann an Land getreten, den der Admiral aufgrund der Schüchternheit in den Bewegungen und der Wortkargheit schlichtweg übersehen hatte. Auch seine Kleidung war wenig aufmerksamkeitserweckend, sie bestand lediglich aus einer dunkelblauen Tunika über einem weißen Hemd und gleichfarbigen Hosen in hohen Stiefeln. Nun schüttelte er den Kopf und hob kaum merklich die Mundwinkel im sehr kläglichen Versuch eines Lächelns: „Ich führe keinen Titel mehr, Vizekapitänin Bernadette. Und Eurem Vater nehme ich nichts übel, keine Sorge. Viel wichtiger – ich grüße Euch. Es ist lange her.“ Er verbeugte sich leicht mit einer Hand über der Brust und sie salutierte ihm: „Nun denn, ich danke für Eure Nachgiebigkeit! Herzlich Willkommen in Obel, Herr Botschafter. Lady Miakis, Sir Kyle. Ich kann kaum glauben, dass es schon fast zwei Jahre her ist.“ Sie nickte den beiden Rittern zu, die die Geste erwiderten.

 

Dann wandte sich Miakis an ihren Schutzbefohlenen: „Jesses, Euram! Mit diesem Auftreten wirst du gegen die anderen Gesandten oder gar die Fürsten nie einen Blumentopf gewinnen! Sei selbstbewusst! Sei standhaft! Denk dran, alle zukünftigen günstigen Geschäfte hängen vollkommen von deinem Verhandlungsgeschick ab!“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und brachte ihr Gesicht dicht an seines: „Und jetzt üben wir das einnehmende, gewinnbringende Lächeln! Erinnere dich an Sairohs Unterricht! Eins, zwei ...“ Er wich verlegen ein Stück zurück und erwiderte: „D... das ist nicht nötig, Lady Miakis. Ich versichere Euch, dass die anderen Festteilnehmer nichts an meinem Umgang zu beanstanden haben werden. Macht Euch bitte keine Sorgen um das Ansehen Falenas.“ Sie zog einen Schmollmund: „Das meinte ich doch gar ... Ach, vergiss es.“ Sie schwang herum und trampelte verstimmt hinter den Männern her, während Euram ihr verwirrt nachsah. Dann ließ er den Kopf hängen: „... Ich habe sie schon wieder verärgert, nicht wahr?“ Kyle grinste: „Jepp. Das einzige, was du jedes Mal auf Anhieb hinbekommst.“

 

Euram seufzte und trottete hinterdrein.

 

Bernadette folgte zweifelnd seiner resignierten Gestalt und flüsterte Kyle zu: „Wird er es schaffen? Der König steht allzu zurückhaltenden Interessenten eher abweisend gegenüber. Sagt, es fiele ihm schwer, Geheimniskrämern zu vertrauen.“ Kyle schmunzelte: „Bern, denkst du wirklich, Ihre Majestät würde jemanden für das Amt des Botschafters bestimmen, der ihr dessen nicht gewachsen scheint?“ „Aber du hast doch gerade selbst-“, begann sie irritiert, doch er ließ sie nicht zu Ende sprechen. „Es macht einfach zu viel Spaß, ihn zu ärgern“, grinste er und sie meinte voller Mitgefühl für seinen jungen Vorgesetzten, denselben fragwürdigen Humor wie jenen ihres Vaters in den dreisten Zügen zu erkennen.

 

---

 

Am Abend desselben Tags fand im Festsaal des Obelschen Palasts eine Willkommensfeier statt. Der Raum war riesig, ein Zeichen für Reichtum und Einfluss der Inselnationen, prächtig ausgestattet mit Spiegeln, Kronleuchtern, Edelsteinen und Gold ließ er bei den Gästen kaum Zweifel, wer hier wem einen Gefallen tat.

 

Während Miakis verzückt ohte und ahte, schnaubte Kyle nur abfällig und Euram musste ihn davon abhalten, sich über einen der zahlreichen, herrlich bestückten Büffettische herzumachen, statt den Prunk angemessen zu bewundern. Boz war im Allgemeinen keine große Hilfe, die Leibwächter im Zaum zu halten, fand alles nur unglaublich lustig und bedachte das mit entsprechend durchdringendem Gelächter. Man konnte nur hoffen, dass ihre Gastgeber ähnlich burschikosen Humor aufwiesen.

 

Euram brach fast in dankbare Tränen aus, als er Skald durch Menge auf sich zupflügen sah wie eine Flutwelle. So sehr er vor dieser Naturgewalt eines Menschen auf die Knie fallen und um Vergebung flehen wollte, so sicher war er sich, dass Skald an den Anwandlungen seiner Begleiter herzlich wenig Anstoß, sondern sogar Gefallen fand. Und der Admiral war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Staats, was die bereits leise um sie herum begonnenen Spottgespräche im Keim ersticken würde.

 

Und richtig, kaum das Skald Boz mit Handschlag und ganz ähnlicher Lautstärke begrüßte, wurden die Umstehenden daran erinnert, eine selbst nicht ganz traditionell elegante Gesellschaft als Gastgeber zu haben, und sie wandten sich tatsächlich ihren eigenen Angelegenheiten zu. Euram atmete tief, aber so diskret wie möglich auf und verbeugte sich, als Skalds Augen sich endlich auf ihn richteten.

 

„Falena grüßt Euch, Lord Egan.“

 

Der Mann brummte nachdenklich und beugte sich zu ihm herunter, Hand am Kinn und ein Mundwinkel erhoben, als musste er sich beherrschen, wegen etwas laut loszulachen: „Soso. Also Ihr seid der Botschafter, über den sich die Avantgarde derzeit das Maul zerreißt?“

 

„So scheint es, Sir. Euram Barows, zu Euren Diensten.“

 

„Barows, wie? Die linke Bazille, die Prinz Freyjadour im Sonnenrunenkrieg immer wieder sinnlos zwischen die Beine gegrätscht hat.“

 

Euram zwang sich, aufrecht und mit unveränderter Miene stehen zu bleiben.

 

„Ebender.“

 

Skald wich überrascht einen Schritt zurück, Stirn in tiefe Falten gelegt, dann jedoch entspannte sich seine Haltung und er legte mit einem Schnauben die Hände in die Hüften, Euram wie ein exotisches Tier von oben bis unten musternd: „Hm. Kein verzweifeltes oder zumindest beschämtes Abstreiten? Wie unerwartet!“

 

„Meine untertänigste Entschuldigung, Milord, aber würde ich es abstreiten, würde ich die edelmütige Gnade Ihrer Hoheiten und das Andenken jedes einzelnen durch meine Schuld verlorenen Lebens mit Füßen treten.“

 

Hinter ihm bedachten ihn seine Leibwächter mit stolzen Blicken, die sich in scharfe Warnung verwandelten, als sie sich auf Skald richteten, als sollte er es ruhig wagen, dem etwas entgegenzusetzen. Er ließ sich nicht provozieren, lachte nur kurz auf und meinte anerkennend: „Na sieh mal an, eigentlich hatte ich ja gehofft, mir dieses ewig langweilige Bankett mit ein wenig erzieherischer Schikane versüßen zu können, aber dazu ist mir gerade die Lust vergangen.“

 

„Ihr ... seid sehr ehrlich, Sir. Danke ... Schätze ich.“

 

Er lachte erneut, länger und ausgiebiger, als er Eurams verwirrten Ausdruck sah. „Sehr gut, sehr gut! Etwas verspätet, aber besser als nie“, Skald schlug ihm beherzt auf die Schulter, was ihn ins leichte Stolpern brachte, „Willkommen in Obel, Botschafter Barows! Und falls es Euch tröstet – der König wird mir später für die peinliche Verwechslung am Hafen mächtig die Leviten lesen! ... Vorausgesetzt natürlich, er erfährt davon. Hm? Hm?!“ Verschwörerisch zwinkernd stieß er Euram den Ellenbogen in die Seite, nach Ansicht eines jeden, der den Admiral kannte, wahrscheinlich verspielt und sanft, Euram jedoch spürte jede einzelne seiner Rippen klappern. Nur mit Mühe unterdrückte er mehr als ein Husten: „Ich ... ich weiß nicht genau, worauf Ihr hinaus wollt, Sir, es hat unserem Empfang wahrlich an nichts gefehlt.“ Skald strahlte wie eine frisch durch die Sonnenrune von der Erdoberfläche getilgte Wüstenlandschaft: „Guter Mann, der Mann! Ich sehe schon, wir verstehen uns!“

 

„Wenn du so gut verstehst, dürfte ich dich dann bitten, den Botschafter nicht weiter mit deinen Banalitäten von seinen Aufgaben abzuhalten, Vater?“

 

Bernadette trat aus dem Nichts von hinten an Skald heran und befreite Euram gewissenhaft von dem massiven Arm, der sich ihm freundschaftlich um den Hals gelegt hatte und die Luftzufuhr abschnitt. Hätte es die Etikette und ihre nicht gerade enge Beziehung zueinander gestattet, wäre er ihr lobpreisend um die Hüfte gefallen. So aber begnügten sich beide mit einem verständigen Nicken und er wandte sich an den Admiral, um sich erneut zu verbeugen: „Ich muss mich entschuldigen, Sir Egan, doch ich möchte mich nun den anderen Botschaftern empfehlen. Ich danke Euch für Euer freundliches Entgegenkommen – es ist mehr, als ich verdiene.“

 

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Ich wünsche Euch den besten Erfolg.“

 

Skald wartete, bis Euram, dicht gefolgt von Miakis und Kyle, weit genug entfernt in ein Gespräch mit einer kleinen Gruppe Adliger eingetreten war, ehe das Lächeln von seinem Gesicht schwand und er abfällig schnaubte. „Wissen Königin Lymsleia und der Prinz wirklich, was sie tun?“, fragte er, „Ich kann nicht anders als skeptisch zu bleiben. Ein Botschafter, Repräsentant des Landes? Eine wichtige diplomatische Stellung, für die man Raffinesse aufbringen und Eindruck schinden muss. Es würde mir leid tun, würde Falena seinetwegen ins Hintertreffen geraten.“

 

Bernadette hätte ihn gerne zurechtgewiesen, konnte sich jedoch nicht dazu durchringen, teilte sie zur Abwechslung doch einmal seine Bedenken. „Ich muss Vater zustimmen“, sie wandte sich ohne große Erwartung an Boz, der nun ebenfalls ernst in sein Weinglas starrte, „Ich möchte an ihn glauben, aber ich fürchte, ich hatte im Krieg zu wenig Zeit, seine guten Seiten kennenzulernen. Immerhin ist er erst in unsere Armee eingetreten, als der Höhepunkt kurz bevor stand.“ Skald fuchtelte frustriert in Eurams Richtung: „Er ist so schmal und blass, hat überhaupt keine Präsenz! Wenn man bedenkt, dass er auf derselben gesellschaftlichen Stufe wie Gizel gestanden hat ... Nein, auch Marscal! Sie mochten verdorbene Gesellen ohne große Wertschätzung für menschliches Leben gewesen sein, aber bei ihrer Ausstrahlungskraft ist es ein Wunder, dass das Haus Barows überhaupt Anhänger hatte!“

 

„Ihr müsst bedenken, dass die Godwin-Fraktion eine vollkommen andere politische Richtung vertreten hat“, erinnerte Boz nun, „Die Leute haben Salum nicht aus reiner Sympathie unterstützt, sondern um dessen Idee willen. Sie haben sich gegen die Godwins gestellt, Frieden gewählt und er hatte die Macht, ihn durchzusetzen – aus Selbstzweck zwar, wie ich in Retrospektive zugeben muss, doch zumindest hatten sie sinnloses Blutvergießen verhindern wollen, und war das auch nur schöner Schein für die Öffentlichkeit. Würdet Ihr mich fragen, ich würde mich jederzeit wieder für Barows entscheiden.“ Sein Blick glitt zu seinem jungen Herrn und er seufzte schwer: „Dass das Haus der Barows jemals wieder derartigen Einfluss wird ausüben können, ist allerdings unwahrscheinlich. Euram hat seinen Titel abgelegt, um seine und die Schuld seines Vaters nicht auf die Ladys Alison und Luserina zu übertragen. Vertraut mir, er hat gewaltige Fortschritte gemacht seit damals.“

 

Eine Weile schwiegen sie daraufhin verlegen, nicht wissend, wie sie die Informationen verarbeiten sollten oder ob sie überhaupt schon bereit dazu waren.

 

Just in diesem Moment platzte eine weitere Gesandtschaft herein, in eleganter Überlegenheit verspätet, die ihr niemand übelnehmen konnte, und fast zeitgleich mit dem Eintreten trafen sich ihre Blicke mit denen der Falena-Fraktion. Während sich die Leibwächter ungeniert in die Arme fielen, begrüßte Euram den Anführer mir seiner typisch höflichen, aber distanzierten Art.

 

Der andere hatte keine solchen Berührungsängste.

 

Mit hoch in die Höhe gestreckten Armen durchbrach er alle unsichtbaren Grenzen, fasste den Kopf des Jungen, um ihn am Zurückweichen zu hindern, und küsste ihn energisch rechts und links auf die Wangen.

 

Euram lief unter dem heftigen Gelächter der Verbündeten puterrot an, was sich noch intensivierte, als sich die weibliche Anhängerschaft des Neuankömmlings auf ihn stürzte und ihn beidseitig in einen vertrauten Schwitzkasten nahm. Sie ließen ihn nicht los, selbst als der erste Freudensturm abgeklungen war und sich die Sechs aufgeregt miteinander unterhielten – als trugen sie irgendwelche Sorgen, dass er sich so schnell wie möglich von ihnen entfernen würde, sollten sie ihn nicht mit allen Mitteln daran hindern.

 

Wahrscheinlich war das nicht zu weit hergeholt – Euram war steif wie ein Brett, wie panisch auf dem Sprung.

 

Skald nahm einen Schluck Wein sowie das Gespräch wieder auf: „Oh, richtig, der Madra-Clan gehörte ja auch Euren Truppen an! Aber ich bin schon ein wenig überrascht. Lord Valya ist zwar als kein Kind von Traurigkeit bekannt, aber soweit ich weiß, hat auch Armes der Barows-Familie horrende Verluste zu verdanken. Dass sich die Antipathie so schnell verflüchtigt, ist erstaunlich.“

 

„Armes hat das Sterben niemand anderem zu verdanken als Armes“, stellte Boz mit heftiger Miene klar, „Allein ihrer Regierung Gier hat sie zu dem unheiligen Bündnis mit Salum getrieben“, dann wurde er wieder vergnügt, „Und Lord Valya war noch nie unvernünftig. Er weiß genau, wer wie viel Schuld auf sich geladen hat – und auch, wer bereit ist, sie einzusehen und dafür zu büßen. Euram hat mehr Reue bewiesen als ein ganzes Land. Das ist nichts, wovor ein Ehrenmann wie er die Augen verschließt. Außerdem ...“, er räusperte sich in eine Faust, leise prustend, als wollte er lachen, wusste aber gleichzeitig, wie unangemessen das war, „Wie ihr schon angemerkt habt, erfreut er sich eines heiteren Wesens. Euram hingegen ... Ich fürchte, er hat seit seiner Kindheit nicht mehr ehrlich gelacht, so als war er sich der Falschheit seiner Handlungen bewusst. Einer Krankheit sozusagen, deren Auswirkungen er noch nicht spürte, aber schon erahnen konnte. Vermutlich ist es jetzt für ihn viel schlimmer als für solche, die sich noch immer nicht bewusst sind, falsch gehandelt zu haben. Viele unserer Kameraden haben bereits gemerkt, wie sehr er leidet und versuchen deshalb stets, ihn aufzumuntern. Es ist wie ein Spiel, das Ziel ist es, ihn zum Lachen zu bringen ohne dass er es merkt – denn wenn er das tut, verbieten ihm seine Schuldgefühle, auf die Aufmunterung einzugehen.“

 

In Skalds Augen blitzte interessiertes Strahlen auf: „Aha! Ein Wettbewerb also, wie?!“ „Es ist nicht nötig, sich dabei einzubringen, Vater“, bestimmte Bernadette fest, ohne ihn überhaupt angesehen zu haben, gewarnt durch den lebendigen Tonfall.

 

„Du bist ein Spielverderber, Bern.“

 

Die Parteien der Botschafter trennten sich und Shula wandte sich anderen Lords zu, dicht gefolgt von seinen Leibwächterinnen, während Euram und Konsorten zurück zu Boz wanderten, eigene Begrüßungsrunde erfolgreich abgeschlossen.

 

Auf halbem Wege jedoch blieb Miakis wie angewurzelt stehen und stampfte mit dem Fuß auf. „Euram, ich will tanzen“, verkündete sie und der Nachdruck in ihrer Stimme verriet, wie sehr die steifen und hochnäsigen Umgangsformen der Adligen sie in dermaßen kurzer Zeit erzürnt hatten. „Oh, in Ordnung“, erwiderte er, „Viel Spaß, Milady.“

 

„Mit dir, du Trottel! Du musst es ja lernen!“

 

Sie packte ihn am Arm und zerrte ihn unter peinlicher Gegenwehr zur Mitte des Saals, wo sich bereits andere Paare zum Tanz aufgereiht hatten. Kyle versuchte sichtlich, sich das Lachen zu verkneifen, während er, bei den anderen angekommen, scheel grinsend zu ihnen wies: „So sagt sie, aber es ist purer Selbstzweck.“ „Sie liegt nur einen Punkt hinter Königin Lymsleia und will die Gelegenheit nutzen, den Abstand zu vergrößern“, erklärte Boz bereitwillig und zwinkerte Skald verschmitzt zu, der daraufhin in schallendes Gelächter ausbrach. Bernadette hingegen brummte nachdenklich, die Jugendlichen aufmerksam beobachtend, wie sie sich gegenseitig auf die Füße traten oder in den Weg anderer taumelten, weil eine den anderen zu führen versuchte.

 

„Ein Wunder, dass sie überhaupt hier ist“, murmelte sie schließlich, „immerhin ist sie die Leibgarde der Königin und, wenn ich mich recht entsinne, beste Freundin. Wie habt Ihr sie voneinander losgeeist?“

 

„Oh, das war keineswegs einfach, das könnt Ihr mir glauben. Aber immerhin befindet sich ja ihr Herr Bruder an ihrer Seite. Seine Hoheit der Prinz ist der einzige Mensch, dem Miakis den Schutz Lymsleias protestfrei überlässt. Außerdem liebt sie es, Euram zu drangsalieren. Sagt, er hätte es verdient für alles, was sie seinetwegen durchgemacht haben. Und er lässt es sich gefallen im festen Glauben, jedem das Recht zugestehen zu müssen, ihn zu hassen.“

 

Kyle schnaufte in sein Kompott, das er sich vom Büffet stibitzt hatte: „Ja. Mit dem kleinen Problem, dass sie ihn nicht mehr unbedingt hasst.“ Bernadette hob irritiert eine Augenbraue und wollte eben eingehendere Informationen verlangen, als der Hofmarschall von Obel um Aufmerksamkeit bat und die offizielle Begrüßung der Legationen ihren Lauf nahm.

 

---

 

Erst spät ließen die Feierlichkeiten endlich nach, die einzelnen Parteien, von Dienstboten geführt, verabschiedeten sich zur Nachtruhe und wankten leicht bis schwer erheitert auf ihre Zimmer. Euram und Miakis mussten Kyle stützen, der zusammen mit Nifsara und Sharmista etwas über die Strenge geschlagen, aber die Alkoholresistenz der Frauen unterschätzt hatte. Sein fröhliches Summen übertönte Miakis‘ Schimpftirade, aber er lehnte sich instinktiv von ihr weg und mehr auf Eurams Schulter.

 

„Ich kann deine Verantwortungslosigkeit nicht fassen, Kyle! Wir sind zum Schutz des Botschafters hier, nicht zum persönlichen Vergnügen!“

 

„Sagt die, die besagten Botschafter stundenlang zur eigenen Belustigung missbraucht hat!“

 

Kyle grinste Euram süffisant an und drückte ihn stolz an sich: „Nicht wahr?! Du kleiner Schlawiner, du!“ Der Junge lief rot an, doch ehe er etwas dementieren konnte, trat Miakis ihren Kollegen entrüstet gegen den Unterschenkel: „Lach nicht so abartig! Wen hab ich für irgendwas missbraucht?!“


„Tanzen! Ich meinte das Tanzen! Autsch! Hör auf damit!“

 

„Wenn er uns bei Lym verpetzt, werde ich klarstellen, dass alles deine Schuld ist! Ich werd nicht den Kopf für deine Idiotie hinhalten!“

 

„Euri, du wirst uns verpetzen?!“

 

Bernadette, die sie mit im Rücken zusammengelegten Händen anführte, bewahrte ihn vor der Verlegenheit, antworten zu müssen: „Ich denke nicht, dass es nötig sein wird, irgendwen für irgendetwas zu verpetzen. Macht euch keine Sorgen, die Sicherheitsvorkehrungen im Palast sind exorbitant, deshalb amüsiert euch bitte so viel ihr wollt.“ „Eben! Nehmt euch ein Beispiel an Lord Wilde“, Kyle schnaubte verächtlich, als wäre er angewidert vom skandalösen Ernst seiner Begleiter, „Dem und Egan ist die Nacht noch viel zu jung!“ „Und du bist entschieden zu alt für diese Kindereien“, schimpfte Miakis unbeeindruckt weiter und zog ihn wieder mehr zu sich herüber, weil sie Euram allzu sehr ächzen hörte, „Ich schwöre dir, lässt du dich morgen nochmal so gehen, übernehme ich deinen Job als Nachtwache!“ Sie trampelte Kyle sofort auf den Fuß, so dass es ihm das wachsende scheele Feixen geradewegs aus dem Gesicht wischte.

 

Mit vereinten Kräften schafften sie es, ihn in Eurams Schlafgemach zu verfrachten, ohne sich der zusätzlichen Peinlichkeit auszusetzen, kostbare Innenausstattung zu zerstören. An Abendtoilette war nicht zu denken, Kyle schnarchte schon während seines Niedergehens auf die daunenweiche Matratze. Nur Rüstzeug und Stiefel entfernten sie, ehe Miakis ihm noch einmal kräftig auf den Hinterkopf boxte für – wie sie feierlich verlautbarte – all die Umstände, die er ihnen bereitete. „Aber schon komisch“, murmelte sie auf dem Weg hinaus, „Ich hab ihn gar nicht so viel trinken gesehen und normalerweise ist er ein Fass ohne Boden.“

 

Erschöpfung nach der langen Reise, vermutete Bernadette, Selbstüberschätzung aus Unerfahrenheit. Die Weine des Landes waren kräftig.

 

Euram bot sie an, für den ausgefallenen Leibwächter Ersatz in Form mehrerer Wachposten zu stellen – zwar lehnte er ab, doch sie bestand darauf. Es gehöre zum guten Ton, Botschaftern das höchste Maß an Sicherheit zu bieten, sie wollte sich darum kümmern, nachdem sie Miakis verabschiedet hatte. So wünschten sie sich eine gute Nacht und als die Doppeltür endlich ins Schloss fiel, atmete Euram erleichtert auf.

 

Die Festlichkeiten, die Aufmerksamkeit, die Verantwortung belasteten ihn. Es war anstrengend, am Hofleben teilzunehmen und nicht immer wieder daran zu denken, was hätte sein können. Nichts konnte er noch genießen, alles war ihm zuwider, der Prunk, die Dienerschaft, die Dekadenz. Ja, selbst kleiner, angemessener Prunk missfiel ihm und der Inselstaat beschränkte sich bei weitem nicht mehr darauf.

 

Dazu übergegangen, den Alltag vollständig selbst zu regeln, überließ er inzwischen so wenig wie möglich Angestellten, am Anfang hatte er nicht mal das gewollt. Freyjadour hatte ihm die kleine Belegschaft regelrecht aufdrängen müssen, zu frei und glücklich hatte er sich nach dem ersten Jahr harter Übung gefühlt, als er das Herrenhaus von Rainwall verlassen und nach Falena hatte umziehen dürfen. Im Gegensatz zu ihm war Luserina tieftraurig gewesen und er konnte nicht anders, als sich darüber zu freuen, hatte es doch eine Zeit gegeben, da wäre sie es nicht gewesen. Er wusste das. Sie hatte es ihm gesagt. Nicht nur, weil sie ihn nicht gebraucht hätte, sie war von jeher dafür prädestiniert gewesen, die Stadt zu leiten, sie hatte schon früh alle Zügel in der Hand gehalten. Sondern weil sie sich von ihm losgesagt hatte. Seine schöne, tüchtige, gütige Schwester, die so viel Liebe für alle Menschen in sich barg, hatte ihn verachtet – er hatte ihr keine andere Wahl gelassen. Und nun konnte, wollte er sich nicht vorstellen, was geworden wäre, hätten die Worte seiner Mutter ihn nicht zur Vernunft gebracht.

 

Was er geworden wäre.

 

Euram seufzte. Kyle mochte zu betrunken zum Waschen sein, er selbst war es nicht, der Tag war anstrengend gewesen, und so entschied er sich für ein Bad. Die Wanne fand er bereits voll warmen Wassers und er bemühte sich, sich den Luxus zu gönnen. In welches Licht hätte es seine Königin gestellt, wenn ihr Gesandter tief in der Nacht mit Eimern voll Schöpfwasser die Flure des Palastes unsicher gemacht hätte? Ein lächerliches Bild, welches ihm den Gedanken erleichterte, dass die Obelschen Untergebenen ihm zuvorgekommen waren.

 

Ein Diener stand noch bereit, um ihm zu assistieren. Er schickte ihn weg. Nach einer gewissen Zeit Eigenständigkeit war ihm die Erinnerung unangenehm geworden, wie viele läppische Handgriffe er für sich hatte tun lassen. Nicht einmal sich die Haare zu waschen hatte er ohne fremde Hilfe geschafft und obwohl das bei Würdenträgern absolut üblich war, fühlte er sich dessen inzwischen weder würdig noch wohl. Nun konnte er es und die Genugtuung war ihm die Arbeit allemal wert. Andere hätten gelacht darüber, stolz darauf zu sein, sich selbst säubern zu können. Aber kleine Schritte, ermahnte er sich, kleine Schritte.

 

Das Bad war herrlich, Kräuterduft lag in der Luft, das warme Wasser schmiegte sich an seine müden Gliedmaße und einige Sekunden lang gab er sich dem Gedanken hin, in der Wanne zu schlafen. Stattdessen wusch er sich schnell, nachdem er eine Weile Entspannung zugelassen hatte, trocknete sich ab und zog sich die lockere Leinenkleidung über, die ein Mannequin in einer Ecke bereithielt. Derartig erfrischt und beruhigt ging es ihm besser, seine Gedanken hatten aufgehört, um Schuld und Sühne zu kreisen. Jetzt musste er sich konzentrieren, schließlich war er nicht hier, um Wiedergutmachung zu leisten, sondern um Falena als Handelspartner anzupreisen. Gähnend verließ er das Bad und machte sich auf den Weg zum Schlafzimmer, um in der Ruhe Kraft für den nächsten Tag zu tanken.

 

Nur hartes Training schon in jungen Jahren verlieh zuverlässige Überlebensinstinkte. Euram war Zeit seines Lebens ein gehüteter Jammerlappen gewesen, und so überkam es ihn nicht, selbst als er schon die Hälfte des Gemeinschaftsraums durchquert hatte. Er spürte sie nicht, die Gefahr, die sich wie eine schwarze Entität in seinem Rücken aufbäumte und über seine Schulter blickte. Und weil sein Schwerttraining erst nach Kriegsende intensiviert worden war, konnte es nichts anderes als der Fluchtreflex eines Feiglings sein, der ihn einen Satz voranmachen und eine blitzende, dünne Schneide haarscharf an seinem Rückgrat vorbei sausen ließ.

 

Ganz in seiner Nähe, in besorgniserregender Nähe, wurden Worte geraunt.

 

„Zu einfach.“

 

Einem zweiten Hieb, eingeleitet durch hauchfeines Sirren, vermochte er nur auszuweichen, weil er einen so ungeschickten Schritt rückwärts tat, dass er über den eigenen Fuß stolperte. In dem spärlich mit einigen Kerzen beleuchteten Raum zeichnete sich eine Silhouette ab, zu undeutlich, als dass er sie identifizieren konnte. Die Stimme war männlich. Keine, die ihm bekannt vorkam.

 

Der Eindringling ließ ihm nicht die Zeit, eingehender darüber nachzudenken. „Zu langweilig“, fuhr er fort und der Tonfall spiegelte die harschen Worte, „Keine Herausforderung. Kein Wunder, dass niemand den Auftrag erledigen wollte.“ Erneut fiel eine lange Klinge auf ihn herab, er schaffte es gerade noch, sich aus dem Weg zu werfen. Dabei stieß er eine Vase von einer Anrichte, die mit lautem Knall zerbarst und auch sein eigenes Niedergehen aufs harte Holz verursachte Lärm. Der Fremde zuckte nicht einmal, sondern machte behäbige Schritte auf ihn zu.

 

„Mr. Barows, Sir? Ist alles in Ordnung?“

 

Klopfen drang durch die Tür, doch er war zu verwirrt, um zu reagieren. Bernadette hatte Wort gehalten und Posten vor seinem Zimmer platziert und als diese keine Antwort erhielten, senkte sich die Klinke. Erst zögerlich, dann rüttelte man hastig daran. Wann immer es geschehen sein mochte, die Tür war abgesperrt.

 

Und endlich dämmerte es Euram, dass er in einem abgeschlossenen Raum gefangen war mit einem Eindringling, der ihm ans Leben wollte.

 

„Oh? Da dachte ich doch wirklich, der junge Herr sei tapferer, als die Barden ihm zugestehen – dabei ist er nur langsamer!“

 

Die Stimme gluckste. Er registrierte, dass sich seine Atmung beschleunigte. Offensichtlich konnte der Feind ihn weitaus besser lesen als andersherum, was signifikante Nachteile mit sich brachte. Weil er wusste, wann ihm eine Sache über den Kopf wuchs und er jeglichen falschen Stolz zusammen mit seinem Titel abgelegt hatte, schrie er um Hilfe.

 

„Ein Angriff! Meuchelmord! Findet Miakis!“

 

Seine Beine erinnerten sich im gleichen Augenblick daran, beweglich zu sein, und anstatt weiterhin rücklings von der Gefahrenquelle wegzukriechen, warf er sich herum, stemmte sich in die Höhe und rannte. Hinter ihm lachte es.

 

„Hüpf, Häschen, hüpf! Ich hatte Bettler mit mehr Ehre im Leib!“

 

Und zweifellos waren die alle tot. Er wusste es besser, als sich provozieren zu lassen, stattdessen bemühte er sich, möglichst viel Abstand zwischen sich und den anderen zu bringen. Jedes Mal allerdings, wenn er meinte, gediegenen Erfolg vorzuweisen, überbrückte der Feind die Entfernung mit federleichtem Sprung und einem Schlag oder Stoß mit dem Schwert und Euram fragte sich zunehmend, wie er nach mehreren Angriffen quer durch diese Todesfalle noch nicht getroffen worden sein konnte. Weder war er je ein Glückskind gewesen, noch konnte es Geschick sein, und so blieb die einzige Möglichkeit, dass mit ihm gespielt wurde.

 

„Was zum Teufel passiert hier?! Euram?! … Euram, bist du da drin?!“

 

Beinahe hätte er laut geschluchzt, als Miakis‘ Ruf ihn erreichte, doch schaffte er es gerade noch, das Bedürfnis zu schlucken und stattdessen zu antworten, wie man es ihm beim Training eingebläut hatte.

 

„Mindestens einer! Schwert! Ritter außer Gefecht!“

 

In diesem Moment wurde ihm klar, dass er keine Ahnung hatte, wie sehr Kyle außer Gefecht war. Tief und fest und sturzbetrunken hatte er geschlafen, doch was hatte dieser Fremde mit ihm gemacht, während er selbst zufrieden im Wasser geplanscht hatte? Der Gedanke drehte ihm den Magen um.

 

„Verdammter Mist! Ihr da! Egal wie, macht diese Tür auf!“

 

„Du liebe Güte“, ließ sich der Eindringling nun vernehmen, gespielt nachdenklich-besorgt, als bestand kein echtes Problem darin, dass sich mehr und mehr Wachen im Flur zusammenfanden, „ich habe mich anscheinend ein bisschen zu lange amüsiert. Besser, ich erfülle meinen Auftrag und verschwinde!“

 

Euram sah nur einen Schemen, zu schnell erfolgte der Angriff. Mit einem Schrei wich er zurück im selben Moment, in dem er ein Zwicken spürte und, ehe er darüber nachdenken konnte, ein Brennen in der Hüfte, das ihn gleich noch einmal aufheulen ließ.

 

Der Hieb hatte getroffen. Nicht fatal, nicht einmal ernst, doch er war so selten in seinem Leben verletzt worden, dass seine Schmerzgrenze erbärmlich niedrig lag und ihn ein zehn Zentimeter langer, seichter Schnitt im Fleisch beinahe stürzen ließ. Durch einen tosenden Schleier vernahm er Miakis‘ panische Rufe, das Klopfen war wieder aufgenommen worden und klang inzwischen, als prügelte sie mit einem Stuhl gegen das unnachgiebige Holz.

 

Hätte ihn der Krieg und das kurze Intervall des Trainings nicht wenigstens marginal stärker werden lassen, hätte er den nächsten Hieb nicht überlebt, denn der zielte direkt auf sein Herz.

 

Stattdessen strauchelte er daran vorbei, stieß den Angreifer mit aller Macht zur Seite, sodass dieser grunzend über einen Sessel stürzte und hastete zum Kamin, über dem, ganz in traditioneller Manier, zwei elegante Schwerter zur Dekoration hingen. Mit etwas Glück waren sie einigermaßen scharf und zur Selbstverteidigung geeignet.

 

Das Glück war ihm hold.

 

Kaum dass er eine der Klingen aus den Halterungen gelöst, sie notdürftig ausgerichtet hatte und die andere scheppernd zu Boden fiel, kollidierte sie mit dem Schwert des Angreifers und jagte einen Schock des Aufpralls durch seinen Oberkörper. Noch zwei, noch drei Mal in schneller Abfolge erfolgte Stoß und Parieren. Der Attentäter lachte, doch es klang weit weniger belustigt als noch kurz zuvor.

 

„Pah, du bist ja ein Witzbold! Glaubst du tatsächlich, eine Chance zu haben, Kind?! Ihr verfluchten Reichen! Arrogant und selbstverliebt, bis man euch die Realität in den bebenden Brustkorb ritzt!“

 

Er schlug zu und die Klingen trafen sich klirrend über ihren Köpfen. Unnachgiebig drängten sie einige Sekunden hin und her, ehe Euram es schaffte, dem Gegner einen Fuß vor die Kniescheibe zu stoßen und sie beide, verkeilt wie sie waren, heftig gegen die Tür zum Schlafgemach stießen.

 

Dumpfes Poltern hallte daraus hervor und gleich darauf pochte es von der anderen Seite.

 

„Hey, Euram! Alles in Ordnung? Ich glaub, ich hab da gerade was-“

 

Er machte einen Schritt rückwärts und blieb mit dem Fuß am Bein eines Sessels hängen, was ihn rücklings zu Boden schickte. Zu allem Überfluss taumelte er so ungeschickt beim Versuch, den Sturz zu vermeiden, dass er mit dem Kopf an die Ecke des großen Tischs prallte, der zwischen den Sesseln in der Mitte des Zimmers stand.

 

Diesmal war der Schmerz so groß, dass ihm sogar der Schrei im Hals stecken blieb – oder der Schlag war zu heftig, als dass all seine Sinne tadellos weiter funktionierten.

 

„Euram?! ... Verdammt! ... Euram, was passiert da drüben?! Mach die Tür auf!“

 

Zumindest wurde ihm kurz schwarz vor Augen und das nächste, was er sah, war eine auf ihn niedersausende Schwertspitze. Er schaffte sie zu parieren und sie stieß dicht neben seiner Schulter in den dicken Teppich, sodass er den Holzboden darunter vibrieren spürte. Mit einem Tritt geradewegs in den Bauch brachte er den über ihn gebeugten Attentäter auf Abstand und rollte sich seitwärts abermals in die Senkrechte.

 

Etwas verspätet kam die Erleichterung über Kyles gute Gesundheit – der Feind hatte auf die günstige Gelegenheit verzichtet, einen wehrlosen Ritter der Königin zu töten, sondern sich damit begnügt, ihn vom Eingreifen abzuhalten. Dunkel erinnerte er sich an Miakis‘ Worte.

 

‚Ich hab ihn gar nicht so viel trinken gesehen.‘

 

Gift. Man hatte Kyle ein Gift in die Getränke gemischt, um die alkoholisierende Wirkung zu erhöhen und somit sein in der Nacht einziges Schild zu zerstören.

 

„Was um alles in der Welt geht hier vor sich?!“

 

„Lord Wilde! Ich weiß nicht! Die Tür ist verbarrikadiert! Aber ich fürchte, Euram wird angegriffen!“

 

„WAS?! Zum Teufel! Gebt mir das Ding! Aus dem Weg!“

 

„Euram! Ihr Bastarde, ich schwöre, wenn ihr ihm auch nur ein Haar-“

 

Der Feind fluchte lautstark, als der Boden vom geballten Ansturm auf beide Türen erzitterte.

 

„Du verdammter kleiner ... Verreck endlich, zur Hölle noch eins!“

 

Die Schwertstreiche wurden noch schneller und zahlreicher und Euram blockte und parierte verzweifelt. Das Zeremonienschwert war von bester Qualität, aber letztendlich doch nur ein Zeremonienschwert – zur Verteidigung geeignet, aber kaum zum Angriff, stumpf wie es war. Die einzige brauchbare Waffe in unmittelbarer Umgebung lag in den Händen des Gegners.

 

Hubweise in ihm wallende Übelkeit tat nichts, um den Kampf zu erleichtern und die bereits gefährlich knirschende Eingangstür verriet, dass die Zeit drängte. Diese Bedrängung machte den Gegner dermaßen ungeduldig, dass er jede Vorsicht über Bord warf und mit einem beängstigenden Kampfschrei und hoch erhobenem Schwert auf ihn zustürmte. Euram wich seitlich aus, um den Gegner herum, dessen Blick ihm beunruhigend akkurat folgte, jedoch erlaubte der Schwung kein Manöver. Euram ließ das Dekorschwert fallen, packte stattdessen eine der riesigen Vasen, die die Anrichten verschönerten und warf. Das schwere Porzellan kollidierte mit dem Hinterkopf des Gegners und mit lautem Grunzen taumelte er, das Schwert simultan aus seiner Hand gleitend und klirrend zu Boden fallend.

 

Der Attentäter fing sich schnell genug, schwang herum, zückte ohne zu zögern einen langen Dolch und stürmte den Weg zurück. Doch auch Euram hatte nicht gezögert, seine Finger schlossen sich bereits um das fremde Schwertheft, hoben es an – und rammten es dem Angreifer widerstandslos durch den Magen.

 

Sein gesamtes Gewicht folgte und zwang die Klinge tiefer bis zum Anschlag, erst Halt machend, als sich seine Schulter gegen die gepanzerte Brust des Feindes presste.

 

Einige Sekunden lang geriet Geschrei und Gepolter außerhalb in den Hintergrund, alles, was die Kontrahenten vernahmen, war die gegenseitige angestrengte Atmung.

 

Dann hob der Eindringling die Hand mit dem Dolch.

 

Hoch. Höher.

 

Euram registrierte schwach, er musste sich bewegen. Ausweichen. Blocken. Kontern. Doch er war wie gelähmt, spürte die Gewichtsverlagerung im Körper des anderen, ohne angemessen reagieren zu können.

 

Der Dolch hatte den höchsten Punkt erreicht und noch immer wollten seine Beine nicht auf die entsetzten Befehle des Verstands hören. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen vor dem Grauen, zu hoffen, dass der Tod schnell und schmerzlos erfolgte, dass sein Tod genug war und der Mörder flüchtete, bevor die anderen das Zimmer stürmten und möglicherweise ebenfalls verletzt wurden.

 

In seiner adrenalingespeisten Hysterie amüsierte ihn der Gedanke – als ließen sich Miakis, Kyle und Boz von einem Gegner beeindrucken, dem ein „unwissender Geck“ minutenlang hatte standhalten können.

 

Der massive Körper neben ihm wich.

 

Ein verblüffter Laut entwich ihm. Endlich funktionierte ein Fuß und balancierte den schwindenden Widerstand automatisch aus.

 

Er wagte, den Kopf zu drehen und hinzusehen.

 

Noch immer hielt der Feind die tödliche Waffe erhoben, doch er fiel, rücklings und ohne das geringste Bemühen, den Sturz zu unterbinden. Und als der Körper hart auf dem Boden aufschlug, platzte Blut aus dem erschlafften Mund wie aus einer primitiven Wasserbombe, die die Kinder in Rainwall an trockenen Tagen zum Spielen und Necken durch die Gegend warfen.

 

Euram starrte auf den Feind, dessen glasiger Blick an die Decke gerichtet war und unter dessen Korpus sich nun ebenfalls langsam eine Blutlache ausbreitete.

 

Er war tot.

 

Eine riesige Streitaxt zerschlug in diesem Moment das Holz der Tür, mehrere gezielte Tritte beförderten die Überreste mit lautem Knall gegen die Wand. Unmittelbar darauf stürmte Miakis mit gezogenen Waffen durch das entstandene Loch, wilder Blick durch den Raum fliegend, bis endlich das Gewünschte gefunden war.

 

Euram sah noch immer auf die Leiche hinab, doch langsam wich die Spannung aus seinen Muskeln und machte Platz für Erschöpfung, Schwindel und Erleichterung.

 

Miakis verlor keine Zeit, sondern eilte zu ihm, schob sich vor ihn und beobachtete misstrauisch den Toten, bis sie sich davon vergewissert hatte, dass er tatsächlich keine Bedrohung mehr darstellte. Dann erst richtete sie sich auf und wandte sich ihrem Schützling zu.

 

An ihnen vorbei liefen aufgeregt lamentierende Diener und Soldaten zur noch immer verschlossenen Schlafzimmertür, hinter der Kyle tobte. Boz‘ donnernde Stimme brüllte Anweisungen, doch Euram bekam nur die Lautstärke mit, nicht die Worte.

 

Er ächzte und zog die Stirn kraus. Irgendwann im Laufe der Entspannung hatte eine seiner Hände den Weg an die Schläfe gefunden, die durchdringend pochte und sich unangenehm ölig anfühlte. Jetzt spürte er auch feine Rinnsale vom Kinn tropfen, ob Schweiß oder Blut konnte er nicht bestimmen.

 

Miakis packte ihn am Kragen und rief ihm etwas ins Gesicht, Boz fasste beide an der Schulter und rüttelte sie sanft, dabei unermüdlich auf sie einredend. Er hörte auch die Worte, doch ihre Bedeutung drang nicht richtig zu ihm durch, stattdessen nahm er die Umwelt wie durch eine sehr dicke und etwas beschlagene Scheibe war. Etwas störte ihn an der Situation, doch er benötigte eine Weile mit sich selbst, um herauszufinden was.

 

„Es tut mir leid.“

 

Was?“, begann Miakis und fuhr ihn dann an, „Wofür entschuldigst du dich?! Wir! Wir, die Ritter sind es, die auf ganzer Ebene versagt haben, also was um alles in der Welt könntest du wieder meinen, falsch gemacht zu haben?!“

 

Es war ganz einfach. Er war nicht stark genug gewesen. Nicht so stark zumindest, den Angreifer außer Gefecht zu setzen, ohne ihn zu töten. Der Vorfall würde Fragen aufwerfen und einige der ersten würden jene nach dem Motiv sein, nach Hintermännern, und er wusste nur zu gut, dass er sie nicht beantworten konnte. Nichts hatte der Mann während des Intermezzos preisgegeben, nicht das Geringste, weder Herkunft noch Grund noch Motivation, und nun konnten sie von ihm auch nichts mehr erfahren. Der einzige Hinweis war, dass er im Auftrag gehandelt hatte, doch davon mussten sie sowieso ausgehen. Die schlichte Kleidung verriet keinerlei Zugehörigkeit zu einer Bande, Gilde oder Organisation und er bezweifelte, dass sich entsprechende Indizien in den Taschen finden ließen.

 

All das sagte er ihr.

 

„Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, obwohl man mir das Verhaltensprotokoll für solche Begebenheiten mehrmals ausführlich erklärt hat. Jetzt fehlt uns jede Spur. Wir können nur warten, ob und wenn sie erneut zuschlagen.“

 

Er sackte noch ein Stück weiter zusammen, als er sowieso schon stand, die blutigen Finger im Haar verkrampft, Mund zu einem kümmerlichen Grinsen verzogen.

 

„Ich habe ihn nicht bemerkt. Ich habe gar nichts bemerkt, obwohl er direkt hinter mir gestanden hat. Hätte er nichts gesagt, wäre ich jetzt tot, wahrscheinlich ohne es überhaupt mitzubekommen.“

 

„Er hat ...? Was hat er gesagt?!“

 

„Nichts von Belang. Hohn. Provokation. Es wäre ihm zu leicht gegangen und deshalb ... Es tut mir leid.“

 

Miakis konnte nicht fassen, dass er so am Boden zerstört war und öffnete bereits den Mund, um ihm etwas Verstand in den Schädel zu schimpfen, aber Boz‘ Hand auf ihrer Schulter drückte mahnend zu. Mit trotzigem Schnauben ließ sie von ihrem Vorgesetzten ab und tigerte stattdessen mit verschränkten Armen auf und ab. Boz hingegen drehte Euram zu sich um: „Jetzt hör mir mal genau zu, junger Herr.“

 

„Ich bin kein ‚Herr‘ mehr, Lord Wilde, wie oft müssen wir das noch-“

 

„Zuhören!“

 

„... Jawohl, Sir.“

 

„Dieser Abschaum wollte dich umbringen. Das Ganze war offensichtlich perfide geplant, mit herausragendem Geschick und Hinterlist. Du hast dein Leben seiner Überheblichkeit zu verdanken – Na und?! Wäre er nicht zu überheblich gewesen, sich an was auch immer für einen Plan zu halten, hätte er Erfolg gehabt. Und zumindest mir für meinen Teil hätte das immens missfallen. Euram, zu siegen, weil der Gegner dich unterschätzt, ist nicht deine Schande, sondern seine!“


Die Worte beruhigten sein Innerstes, wenn er sie auch nicht ganz glauben konnte. Zögerlich linste er zu Miakis hin, die mit entschlossenem Nicken erwiderte: „Du hast ums Überleben gekämpft und gewonnen.“ Und dann setzte sie mit einem breiten Grinsen hinzu: „Gut gemacht!“ Das gab den Ausschlag und von einer auf die andere Sekunde spürte er das Blut wieder durch seine Gliedmaßen zirkulieren, das zuvor von den überspannten Muskeln beeinträchtigt worden war. Ein Kribbeln in den Beinen kündigte es an, bevor sie einknickten.

 

Boz hätte ihn aus Überraschung beinahe sinken lassen, konnte ihn jedoch noch rechtzeitig aufrecht halten und dirigierte ihn unter Zuspruch zum Sofa. Just als er sich aufs weiche Polster niederließ, fanden die Bediensteten den Schlüssel zum Schlafgemach und befreiten endlich auch Kyle. Durch die Reste der Eingangstür stürmte Bernadette mit einigen Soldaten im Schlepptau.

 

„Botschafter Barows! Mir wurde soeben berichtet! Seid Ihr in Ordnung, Sir?!“

 

Euram zog notdürftig die Mundwinkel empor und versicherte ihr seine gute Gesundheit. Sie linste mit Skepsis auf die Hand, die er keine Sekunde lang von der pochenden Schläfe gelöst hatte. Miakis las ihre Gedanken und beugte sich zu ihm hinunter, um sanft die zitternden Finger aus den verschwitzten Strähnen zu schälen.

 

Die Kollision mit dem Tisch hatte ihm eine Platzwunde beschert, eine nähere Untersuchung ergab, dass sie glücklicherweise nicht allzu tief und der Blutfluss durch den Druck bereits größtenteils gestockt worden war.

 

Bernadette war schockiert. Weniger vom Ausmaß seiner Verletzung als davon, dass er sie erst erlitten hatte, während er unter dem Schutz ihres Königshauses stand. Sie gab ihren Leuten zackige Handzeichen: „Ich werde umgehend einen Arzt kommen lassen! Und macht Euch keine Sorgen, wir werden den Attentäter identifizieren und die Wurzel allen Übels ausreißen! Ich bitte nachdrücklich um eine Chance, diese Schmach wieder gutmachen zu dürfen!“ Weil Euram schwieg, stattdessen geistesabwesend die Leiche begutachtete, übernahm Boz es, Aufmunterung zu spenden, während Miakis zerknirscht zu bedenken gab, dass es die Leibwächter waren, die auf ganzer Linie versagt hatten.

 

Die Soldaten bereiteten den Leichnam zum Abtransport vor, bereits eifrig jeden Teil der Kleidung durchsuchend auf ein erstes Indiz zur Herkunft.

 

Euram hoffte auf Erfolg, doch glaubte er nicht daran. Er hatte überlebt, weil der Angreifer egozentrisch gewesen war, doch obwohl er es nicht geschafft hatte, den finsteren Auftrag trotz mittelmäßiger Kompetenz der Zielperson auszuführen, deutete alles auf einen Profi hin. Unwahrscheinlich, dass er vorwitzig genug gewesen war, irgendeinen Hinweis am Körper zum Tatort zu tragen.

 

„Es könnte jeder sein, aus allen Gründen“, murmelte Euram und die Stimmen verstummten abrupt. Stöhnend massierte er sich die Stirn: „Ich habe so viele Dummheiten begangen, dass ich nicht einmal mehr einen klaren Überblick über meine Schuld habe. Es könnte gegen mich persönlich gerichtet sein, gegen das Haus Barows, gegen Falena im Allgemeinen, gegen die Königsfamilie, gegen unsere Absichten dort, gegen unsere Absichten hier ... Ich habe mir so viele Feinde gemacht, dass es unmöglich ist, zwischen Fehde und politischer Intrige oder dem simplen Wunsch nach Schadensbegrenzung zu unterscheiden. Ich dürfte nicht einmal dann brüskiert sein, wenn Königin Lymsleia selbst endgültig entschieden hätte, dass ich all die Mühe nicht wert bin.“ „He, das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“, empörte sich Miakis, „Sie würde niemals-“ „Nein nein“, er winkte ab und alle Anwesenden betrachteten betreten seine Finger, von denen durch die schnelle Bewegung Blut tropfte, „Nicht dass ich diese Möglichkeit ernstlich in Erwägung ziehe, Ihre Majestät ist viel zu ehrenhaft und großzügig dafür, ich will nur sagen ... Ich bezweifle, dass Eure Ermittlungen zu etwas führen werden und möchte bloß festhalten, dass Ihr Euch deswegen keine Vorwürfe zu machen braucht.“

 

„Ist das Euer Ernst? ... Ist das sein Ernst?“, Bernadette sah entgeistert von einem zum anderen. Boz‘ Ausdruck verriet Unwillen, Kyles reines Flehen, das Thema ruhen zu lassen, Miakis‘ ein entnervtes Willkommen-in-meinem-Alltag. Sie räusperte sich verlegen.

 

Boz ging vor Euram auf ein Knie und zeigte sich außerordentlich besorgt ob des lädierten Erscheinungsbilds. Dass Euram nicht einmal eine Grimasse zog, obwohl die Verletzungen zweifellos Schmerzen verursachten, war ein sicheres Zeichen von Schock. Zudem hatten sie einen wichtigen Auftrag. Wie wirkte sich das Erlebte auf sein Urteilsvermögen aus? „Botschafter Barows“, begann er somit ernst, um die Aufmerksamkeit der professionellen Seite zu wecken. Und tatsächlich blinzelte Euram und richtete mit marginal mehr Wachsamkeit angefüllte Augen auf den Begleiter.

 

„Wie gehen wir weiter vor? Die Tête-à-têtes gehen morgen in aller Frühe weiter, fühlst du dich in der Lage für die nötige Geselligkeit?“

 

Miakis starrte ihn entgeistert an: „Was?! Lord Wilde, Ihr scherzt doch! Natürlich kann er nicht-“

 

„Milady.“

 

Eurams Stimme war leise, aber bestimmt und machte ihrem Protest umgehend ein Ende. Kontemplativ senkten sich seine Lider.

 

Mehrere Minuten herrschte Stille und als seine Augen wieder aufschnappten, war entschlossener Fokus in sie zurückgekehrt. „Ich bin in Ordnung“, verlautbarte er und stoppte sie mit einer Handbewegung, ehe sie erneut etwas einwerfen konnte, „Die Verhandlungen genießen oberste Priorität und es wäre im höchsten Maße impertinent, um Aufschub zu bitten, nur weil sich ein Teilnehmer etwas unpässlich fühlt.“

 

„Du bist fast abgestochen worden! Das ist wohl leidlich ‚etwas unpässlich‘!“

 

Er ignorierte sie.

 

„Lady Bernadette. Meint Ihr, Eure Ärzte sind in der Lage, die Kopfwunde so dezent zu verbinden, dass sie zarte Gemüter nicht degoutiert?“

 

„Wir haben die besten des Landes“, versicherte sie stolz. „Das beantwortet meine Frage nicht“, entgegnete er. Ausdruckslos. Ehrlich. Ohne jeden Wunsch, zu provozieren. Sie blinzelte überrascht, legte nachdenklich den Kopf schief und betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

 

„... Ihre Maßnahmen werden Euch keineswegs verunstalten, Sir.“

 

Er nickte und entließ den angehaltenen Atem, ehe er fortfuhr: „Bitte lasst auch Sir Kyle untersuchen. Ich fürchte, man hat ihm Gift verabreicht, um ihn außer Gefecht zu setzen. Stellt sicher, dass es harmlos ist.“

 

„Zu Befehl.“

 

Er blickte in die Runde: „Wir ändern nichts an unseren Plänen. Von eben diesem Ruf, zu meinen, dass die Welt sich um mich dreht, will ich mich lösen. Es wäre kontraproduktiv, unseren Gegnern lediglich einen weiteren Beweis für meine Inkompetenz zu liefern.“ Sie salutierten zackig. Er nickte zufrieden.

 

Und dann fiel er in Ohnmacht.

 

---

 

„Mr. Barows! ... Botschafter Barows!“

 

Euram spürte kalten Schweiß im Nacken ausbrechen, als er quer durch den Festsaal Skalds Stimme vernahm, fiel ihm doch sofort dessen Vorliebe ein, mit jedem Gesprächspartner auf Tuchfühlung zu gehen. Seine Hüfte brannte, sein Schädel pochte und er befürchtete, dass ein freundschaftlicher Klaps dieses Mannes ihn unter diesen Umständen auf die Bretter schicken würde. Umstehende Botschafter zogen sich elegant, aber eilig zurück. Ein Held war Skald, daran bestand kein Zweifel, doch sein Umgang galt nicht als der vornehmste, weswegen er sich unter Ausländern nicht so vieler Gesprächspartner erfreute, wie seine Stellung eigentlich erwarten ließ. Euram konnte es ihnen nicht verdenken – so freundlich Skald es meinte, so kräftig packte er zu.

 

In diesem Moment war er dankbar für die Schuldgefühle seiner Leibwächter, die ihm seit der desaströsen Nacht kaum noch von der Seite wichen. Kyle fing den Admiral zuverlässig ab, ohne sich allzu auffällig unhöflich zu benehmen. Zum Glück begriff Skald die stumme Geste auch und drosselte das Tempo, mit dem er den Gast angesteuert hatte. Als er bei ihrer Gruppe angekommen war, verbeugte er sich leicht: „Mr. Barows, Bern hat mir heute morgen Bericht über den Überfall erstattet. Ich kann nicht sagen, wie schockiert und peinlich berührt ich über den Vorfall bin. Unsere Sicherheitsmaßnahmen schienen perfekt, ich kann Euch nicht genug um Verzeihung bitten! Seid Ihr wohlauf? Oder zumindest wieder einigermaßen bei Kräften?“ „Es geht mir gut, Lord Egan“, bemühte sich Euram eilig zu versichern, wusste aber, dass Skald den Bluff durchschaute, als er sich nicht so tief verbeugte wie am Vorabend. Zwar hatten die Ärzte hervorragende Arbeit geleistet, der Verband war so im Haar verschlungen, dass er kaum zu sehen war und seine exaltierte Hochsteckfrisur tat ihr übriges, kein Aufsehen zu erregen und nun war er froh, das lange Haar nicht auf den Wunsch seiner Lehrer abgeschnitten zu haben, aber schmerzstillende Mittel hatte er abgelehnt, um während der Verhandlungen bei klarem Verstand zu bleiben.

 

Nur wenige hatten von dem nächtlichen Übergriff gehört, und so stellte seine Misere ein selten aufgenommenes Thema dar, was ihm ganz recht war. Die Entscheidung, kein Aufheben darum zu machen, hatte sich als richtig herausgestellt, hätte es die als unverfängliche Tändeleien getarnten Geschäftsgespräche doch nur unangenehm belastet. Wichtigtuer waren unter einer Horde von Wichtigtuern nicht gern gesehen – Shulas Worte, nicht seine, nachdem der Freund ihm an diesem Morgen anerkennend auf die Schulter geklopft hatte. Shula war auch der Einzige, der bei Skalds Auftauchen nicht geflüchtet war, den lärmenden Admiral sogar vergnügt erwartet hatte.

 

„Zum Glück, mein Guter, zum Glück“; Skald wischte sich ächzend Schweiß von der Stirn, „Der König wird mir die Hölle schon heiß genug machen, sobald er erstmal die ganze Sachlage erfährt.“ „Weiß man schon Näheres?“, fragte Miakis. Sie war seit dem Anschlag verspannt wie ein Flitzebogen, verschwunden war jegliche Vergnügungssucht und Verspieltheit, zurückgeblieben die erfahrene Ritterin in aller Kompetenz und Seriosität. Auch Kyle war kaum wiederzuerkennen, keinen Blick verschwendete er mehr an all die aufgeputzten Damen oder den in Strömen fließenden Wein. So sehr sich Euram am Vortag etwas mehr Ernsthaftigkeit gewünscht hatte, so sehr taten die beiden ihm nun leid, immerhin hatten sie sich wochenlang auf die Reise gefreut.

 

Er schüttelte die Ablenkung aus seinem Kopf und konzentrierte sich auf Skalds Antwort.

 

„Drei Diener wurden tot aufgefunden. Zwei erstochen, einer erwürgt. Wir vermuten, dass einer oder mehrere von ihnen mit dem Eindringling unter einer Decke gesteckt haben und ihm durch einen der Hintereingänge Zutritt ermöglicht haben. Dann haben sie ihn über die Botengänge durchs Schloss manövriert. Als er sicher war, sie nicht mehr zu brauchen, beseitigte er alle Zeugen und legte sich auf die Lauer. Kein Hinweis auf Groll gegen Mr. Barows, ob er das einzige Ziel dargestellt hat oder nur der Anfang hatte sein sollen, wissen wir nicht. Hintermänner unbekannt, geschweige denn ihre Identitäten.“

 

Raunen unterband jeden weiteren Austausch. Neugierig und vielleicht ein wenig zu hastig wandten sie sich einer schweren, pompös verzierten Doppeltür zu, die sich geöffnet und den Blick freigelegt hatte auf einen festlich gekleideten Mittvierziger, der von vier ebenfalls edel ausstaffierten Rittern begleitet wurde.

 

Der König von Obel sah in die Runde und hob die Hand mit Zepter zum Gruß. Die Lords und Ladys verbeugten sich tief, alle Ränge darunter sanken auf die Knie. So auch Euram, war die veränderte Etikette doch eine der ersten Lektionen gewesen, die er sich von Luserina erbeten hatte. Es hätte niemandem zum Vorteil gereicht, wenn er den Titel abgegeben und die Manieren des Adels beibehalten hätte. Ihr Gesicht würde er niemals vergessen, doch die Entscheidung war das beste und einzige gewesen, was er für seine Familie hatte tun können. Er bereute es nicht. Einige Botschafter tuschelten und kicherten zwar über ihn, doch, dachte er bei sich, war das nicht schlimm, schließlich wollte er nichts von ihnen, sondern vom hiesigen Herrscher.

 

Selbiger hielt eine kurze, rhetorisch formvollendete Rede und bewies sich dann herzlich offen für vertrautere Audienz. Euram entschuldigte sich bei Skald und eilte davon, um noch einen guten Platz in der sich rasch bildenden Schlange zu ergattern.

 

Der Admiral stand eine Weile unschlüssig herum, konnte er doch mit Informationen, die ihm den Wind aus den Segeln nahmen, nicht sonderlich viel anfangen. Noch am Morgen zuvor war er mit hemmungsloser Wut und dem festen Vorhaben erwacht, alle Initiatoren des Sonnenrunenkriegs bis in alle Ewigkeit zu hassen, an Stelle seiner Enkelkinder, die es sich als das betroffene Königshaus nicht leisten durften, undiplomatisch zu handeln. Doch dann hatte ihm Euram Barows gegenübergestanden, ein hageres Bürschchen mit mehr Unterwürfigkeit als Ausstrahlung, und hatte nichtmal versucht, die Verantwortung unter den Teppich zu kehren. Ein Bürschchen, welches unter seiner Obhut beinahe ums Leben gekommen war und kein einziges stechendes Wort darüber verloren hatte. Das sie hatte wissen lassen, dass es ihnen keinerlei Vorwürfe machte, weder wegen des Überfalls, noch wegen der frustrierenden Hilflosigkeit, mit der sie nun nach Indizien fahndeten, ohne auch nur einen winzigen auszugraben. In Skalds Bewusstsein regte sich die Befürchtung, dass das nicht das erste Mal gewesen war, dass ihm jemand ans Leder gewollt hatte. Das, oder dass er keinen Funken Selbstwert in der eigenen Existenz erkannte und Attentaten mit der Gleichgültigkeit eines Mannes begegnete, der sowieso Schluss machen wollte.

 

Aber so freundlich und hilfsbereit er Lymsleia und Freyjadour auch kannte, konnte sich Skald nicht vorstellen, dass sie einem solchen Mann eine so wichtige Aufgabe wie jene der Botschaft anvertrauen würden. Es musste also weitaus mehr hinter Euram stecken, als es den Anschein hatte. Der Junge hatte einen geistesabwesenden Blick, selbst wenn er sich konzentrierte, als trug er eine zermürbende Last, mit der er niemanden sonst belasten konnte oder wollte. Skald konnte sich vorstellen, um was es sich dabei handelte. Schuld war ein furchtbares Gefühl, sobald man sich ihrer gewahr wurde, und er empfand plötzlich enormen Respekt für Euram, der sich der gesamten Wucht des Rückschlags all seiner Dummheiten gestellt hatte. Es bedeutete, dass der etwas schmächtige Körper eine nicht leicht einschätzbare unsichtbare Kraft beherbergte.

 

Und Skald erwischte sich dabei, zu hoffen, dass Falenas Botschafter den an diesem Morgen gelegten gesellschaftlichen Stolperstein erkennen und erfolgreich umschiffen mochte.

 

---

 

Die Leute begannen zu reden, ganz wie vom König vorausgesehen. Die einen mehr, die anderen weniger laut, die meisten aber warteten nicht einmal bis zum Mittag, um sich das Maul zu zerreißen. Skald sowie viele andere Edelleute Obels standen dazwischen und hörten sich geduldig lächelnd an, was die Besserwisser zu sagen hatten.

 

„Ich muss Euch loben, guter Lord, Euer König lässt es wirklich an nichts mangeln – Würde, Eleganz, Großzügigkeit ...“

 

„Ja, dem stimme ich absolut zu! ... Nun außer einer kleinen Sache vielleicht, aber die ist ja nicht von Belang, nicht wahr?“


„Keineswegs von Belang, Freund, Ihr habt vollkommen recht.“

 

Zwanghaft gepresstes Kichern erklang.

 

„Oh? Bitte, äußert Eure Kritik, meine Herren, Seine Majestät ist stets offen für Verbesserungsvorschläge!“

 

„Ja, bitte, fühlt Euch nicht genötigt, Unbequemlichkeiten zu ertragen. Wir möchten, dass alles zu Eurer vollsten Zufriedenheit vonstattengeht!“

 

Euram und Shula standen einmal mehr mit Anhang beieinander und lauschten dem „Flüsterton“, der laut genug war, um von überall her angenehm verfolgt werden zu können. Der eine wies einen besorgten, der andere einen belustigten Ausdruck auf und Bernadette, die sie als Obel-Beauftragte zu unterhalten bestimmt war, fragte unschuldig: „Wie sieht es mit Euch aus? Habt Ihr ebenfalls etwas am Auftritt des Königs auszusetzen? Sprecht ruhig völlig frei.“ Shula nippte an seinem Wein und schmunzelte nur, also hielt sich Euram einer Antwort für schuldig: „Oh nein, Milady, ich habe nicht das Geringste zu beanstanden. Ihr lasst es uns beileibe an nichts fehlen und ich versichere Euch, dass auch Sir Kyle und Lady Miakis mich umgehend wissen ließen, sollte ihnen etwas missfallen. Im Gegenteil, die Festlichkeiten zeugen von außerordentlichem Geschmack, Seine Majestät ist zweifelsohne ein Mann von großer Mondänität und Kultur. Wir schätzen uns glücklich, eingeladen worden zu sein.“ Shula grinste nun und ruckte den Kopf in seine Richtung: „Ich schließe mich dieser Meinung anstandslos an.“ Bernadette blieb stumm, betrachtete sie nur nachdenklich, doch um sie herum ertönten erneut schlecht verborgene Tuscheleien, diesmal abschätzig bis schadenfroh.

 

„Oh ja, mondän, fürwahr. Ha!“

 

„Meine Güte, dass es tatsächlich Mondmenschen gibt ...“

 

„Was erwartet Ihr von einer Provinz wie Falena?“

 

„Nun ja, von dem Landei habe ich nichts anderes erwartet, aber Lord Valya?“

 

„Tja, irgendwann werden wir eben alle alt, habe ich recht?“

 

Die stechenden Kommentare und gelegentliches Gelächter gingen weiter. Euram und Shula ließen sich keine Kränkung ansehen, unterhielten sich nur ruhig mit Bernadette über andere Themen. Zumal sie auch nicht die einzigen waren, die so rüpelhaft aus ungewissem Grund verlacht wurden. Noch einige andere, im ganzen Saal verteilt, standen im Mittelpunkt des Humors, manche ignorierten es, manchen konnte man wachsende Unsicherheit ansehen.

 

Miakis beobachtete das Geschehen mit Missfallen. „Frage mich, was so komisch ist daran, dem Königshaus das eine oder andere Kompliment zu machen“, murmelte sie mit finsterem Ausdruck, „Ich dachte immer, das gehört zum guten Ton, vor allem, wenn man es ernst meint.“ Euram schüttelte nur den Kopf.

 

Bernadette horchte auf, als ihr Vater von hinten an sie herantrat, in Begleitung eines auffällig gekleideten jungen Mannes. Auffällig in dem Sinne, legere, fast schon alltägliche Kleidung zu tragen, die dem Anlass wenig angemessen erschien. „Meine Herrschaften“, machte sich Skald bemerkbar und es drehten sich ihm alle zu, bereits simultanes Lächeln auf den Gesichtern ausbreitend, „Ich hörte, die Feierlichkeiten sagen Euch zu! Das freut mich sehr! Übrigens, darf ich Euch den Herzog von Forster vorstellen? Er hat großes Interesse an einer Bekanntschaft geäußert und ich als treuer Freund möchte dem nicht im Wege stehen.“ Er lachte, allerdings weitaus weniger exaltiert als gewöhnlich, und trat zur Seite, um den Blick freizugeben auf seinen Begleiter.

 

Eurams Knie knickte ein.

 

Shulas Arm wand sich im selben Moment um seine Schultern und hielt ihn aufrecht, ehe der Sturz für irgendjemanden außer sehr aufmerksamer Beobachter ersichtlich wurde. Niemand kommentierte, dafür verbeugte sich der Herzog zackig und mit freundlichem Lächeln: „Walt Forster. Zu Euren Diensten, Milords!“

 

„Lord Forster, seid willkommen in unserer Mitte! Shula Valya, Botschafter von Armes. Mein junger Freund hier ist Euram Barows, gesendet vom sonnendurchfluteten Falena. Wir sind außerordentlich erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen!“

 

Sehr leise, sodass nur ihre Runde es hören konnte, fügte Shula hinzu: „Bitte verzeiht, Euram ist etwas wacklig auf den Beinen, doch das geht nicht zu seinen Lasten.“ Er ließ von ihm ab und Euram räusperte sich leicht errötend: „Es wird nicht wieder vorkommen, Lord Forster. Es ist mir eine große Ehre.“ Zwei Diener später, die sich eines Herzogs gebührten, nickte Walt verstimmt und flüsterte: „Ich habe von der unseligen Sache gehört. Schrecklich, Mr. Barows, eine Peinlichkeit für den Hof! Ich kann Euch meiner demütigen Reue nicht genug versichern!“


„Es ist nichts passiert. Bitte quält Euch nicht weiter.“

 

Walt blinzelte und starrte in die Runde wie Bernadette in der Nacht zuvor, erhielt jedoch nur ähnliche Grimassen, woraufhin er schnaufend den Kopf schüttelte: „Junge, Ihr seid zu nachgiebig mit uns! Ich bin nur ausgesprochen erleichtert, dass der Fauxpas der Garde nicht zu größerem Schaden geführt hat.“ Skald kratzte sich zerknirscht am Hinterkopf, gehörte er doch jener Garde an, die so phänomenal versagt hatte. Er wurde geflissentlich ignoriert. Dann lachte Walt aber und wies ausladend auf die Umgebung: „Von diesem beispiellosen Lapsus abgesehen, wie gefällt Euch die Zusammenkunft bisher? Es fehlt Euch nichts, das sagtet Ihr bereits, aber drückt wahrhaft kein Stück das Heimweh?“ Shula lachte laut auf und auch Euram konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Nein, Sir“, versicherte er, „ich entstamme einem Volk von Händlern. Reisen liegt mir sozusagen im Blut.“

 

„Händler, soso! Dann kennt Ihr Euch sicher auf allen Höfen gut aus?“

 

„... Nicht auf allen, Sir. Die Vereinten Inselnationen sind unter anderem ein Gebiet, das ich schon einmal zu besuchen keine Gelegenheit hatte.“

 

„Dann freuen wir uns ganz besonders, Euch bei uns begrüßen zu dürfen! Skald, Bernadette, ich verlasse mich darauf, dass ihr euch gut um diese Herrschaften kümmert.“

 

„Das lässt sich einrichten.“

 

„Zumal wir unseren Fehler wieder gutmachen müssen.“

 

„Gut, gut!“

 

Walt legte den neuen Freunden jeweils einen Arm um die Schultern. „Nur aus Interesse“, fragte er heiter und drehte sie so, dass sie zum König von Obel blickten, „Was haltet Ihr von unserem Herrscher? Wirkt er auf irgendeine Art ... unschicklich?“ „Ganz und gar nicht“, erwiderte Shula und wirkte beinahe entsetzt, „Ein großartiges Beispiel an Höflichkeit und Grazie! Ich habe keine Ahnung, was Ihr meinen könntet!“ „Dem habe ich nichts hinzuzufügen, Milord“, versicherte Euram, ohne den Blick abzuwenden, „er ist ein sehr zuvorkommender, umsichtiger Mann.“ Walt strahlte: „Das beglückt mich, meine Herren! ... Oh, aber ich muss weiter, es gibt ja so viele Gäste kennenzulernen, bitte entschuldigt mich! Eine wunderschöne Zeit in Obel, meine Freunde, eine wunderschöne Zeit!“ Alle verbeugten sich zum Abschied.

 

Walt zog mit Skald im Schlepptau zur nächsten Gruppe, wo sich ein ganz ähnliches Gespräch entwickelte, mit ganz ähnlichem Ausgang. Nur die Antworten der Angesprochenen irritierten Miakis und Kyle, die die exaltierten Gebärden der Dame interessiert verfolgten. „Oh ja“, lachte die Frau auf Walts letzte Frage, wobei sie es nicht an Lautstärke mangeln ließ, „Seine Majestät ist ein wirklich charmanter junger Mann, geistreich und voller Elan, ganz im Gegensatz zu einigen anderen etwas rückständigen Individuen hier!“ Euram packte in dunkler Vorahnung Miakis‘ Handgelenk, doch zum Glück unterließ das Lästermaul, ausgerechnet in ihre Richtung zu schauen. Der Gemahl fügte mit überzogenem Zwinkern hinzu: „Und so volksnah, man könnte meinen, er sei immer an zwei Stellen gleichzeitig, nur um so oft wie möglich unter uns zu weilen!“ Skald und Walt lachten mit ihnen, ehe sie weitergingen.

 

Die beiden Ritter der Königin runzelten die Stirne und musterten diskret den König, der weit ab von ihnen auf einer Empore residierte und sich von Dienern mit Köstlichkeiten versorgen ließ. „Ich will ihn ja nicht unsympathisch nennen“, raunte Miakis Bernadette zu, „aber volksnah? Ich finde ihn eher ... Wie soll ich sagen? ... Distanziert. Aber gut, ich schätze, sowas ist Ansichtssache.“ „Ja, nun, sowas kann ja ruhig Ansichtssache sein“, setzte Kyle hinzu, „aber jung? Ich weiß ja nicht, da hab ich andere Vorstellungen von, oder was meint ihr?“ Shula zuckte ausdruckslos die Achseln, Sharmista und Nifsara ließen die Blicke gedankenverloren durch den Raum gleiten. Euram nippte an seinem Wein: „Lasst es gut sein, alle beide.“

 

„Aber du musst doch zugeben-“

 

„Sir Kyle.“

 

Euram sah ihm fest in die Augen und Kyle verstummte. Bernadette bedachte den Austausch mit aufmerksamem Blick.

 

---

 

Am späten Nachmittag standen die Späher des Königs, die er unter den Gästen verteilt hatte, in geheimer Runde vor seinem Thron und erstatteten Bericht.

 

„Botschafter von Toran?“

 

„Weiß es.“

 

„Ha, ja, so verschwörerisch, wie er mich in die Seite geboxt hat, hab ich mir das gleich gedacht.“

 

„Botschafterin von Kanakan?“

 

„Weiß es.“

 

„Botschafterin von Gaien?“

 

„Hat keine Ahnung.“

 

„Botschafter von Armes?“

 

„Weiß es“, gab Bernadette bereitwillig Auskunft, „obwohl er es gut versteckt. Er nimmt gern teil an solchen Spielen.“

 

„Botschafter von Falena?“

 

„Ich ... bin mir nicht sicher, Sir. Er lässt entsprechende Diskretion walten in allem, was die Person Seiner Majestät betrifft. Es gab keinen-“

 

„Nein“, fiel Walt ihr lachend ins Wort, „er weiß es, kein Zweifel.“ Sie starrte ihn verständnislos an. Und ihr König grinste breit. „Na schön, fahren wir fort“, erinnerte der Hofmarschall die Runde und pochte mit seinem Stab auf den Boden, „Botschafter von-“

 

---

 

 Es war an diesem Abend, an dem die Vorverhandlungen aller möglichen In- und Exportgüter anstanden und man spürte die Anspannung, sogar feindseliges Konkurrenzdenken explodierte hin und wieder im einen oder anderen unschönen Kommentar.

 

„Ihr müsst Königin Lymsleia zutiefst dankbar sein, einen so verantwortungsvollen Posten zugewiesen bekommen zu haben nach all den Ärgernissen, die sie Eures Elternhauses wegen durchlitten hat!“

 

„Das bin ich, Frau Baronin, keine Frage. Doch bitte, verwendet nicht das Wort ‚Elternhaus‘, das müsste vermuten lassen, dass meine gesamte Familie an dem Desaster Schuld trägt. Meine verehrte Frau Mutter und meine Schwester hatten rein gar nichts damit zu tun.“

 

„Papperlapapp! Die Aufgabe einer anständigen Frau ist die vollkommene Unterstützung ihres Herrn Gatten! Und einer Tochter darf man Freiraum in solch schwerwiegenden politischen Entscheidungen gar nicht erst einräumen! Welch Ideen sie dabei entwickeln könnte – ein Skandal!“

 

„Prangert Ihr jetzt ihre Beteiligung am Widerstand an oder unterstützt Ihr Mädchen, die daheim sitzen und Schnupftücher besticken, während ihr Königreich den Bach runtergeht?“

 

Euram boxte Miakis in die Seite, die daraufhin wutschnaubend einen Schritt zurückmachte. Seine Gesprächspartnerin fächelte sich verächtlich schnaubend Luft zu: „Genau was ich meine! Jungen Mädchen mangelt es an gefestigter Persönlichkeit – lasst sie ein reiferes Alter erreichen und man kann darüber reden.“ „Lasst sie ein sehr reifes Alter erreichen und sie können sogar Botschafterin werden“, grinste Miakis bissig zurück und erntete dafür einen Tritt von Kyle, „Was denn?!“

 

Euram empfand den starken Drang zu weinen.

 

Gerade als er seine Gegenüber um Verzeihung für die Insolenz bitten wollte, prallte ein Schlagbaum gegen seinen Rücken und schickte ihn fast vornüber auf die Nase. „Ja, Lord Egan?“, fragte er ermattet und widerstand dem Bedürfnis, sich die schmerzende Stirn zu massieren. Der Admiral zuckte zurück, als die Gesichter der Leibwächter noch etwas röter vor Zorn und das bleiche Gesicht noch etwas fahler wurden und er sich Eurams ungünstiger Umstände entsann. „Entschuldigt vielmals, Mr. Barows“, murmelte er ungewöhnlich reuig, dann aber wieder heiter, „Würdet Ihr und Eure Leute mich bitte begleiten? Seine Majestät möchte etwas mit Euch und einigen anderen besprechen, wenn es genehm ist.“

 

„Selbstverständlich, Sir. Führt an.“

 

Nach ein paar Schritten hörten sie die Botschafterin gehässig flüstern: „Und wieder ein Geschäftspartner weniger. Geschieht diesen Vandalen recht!“ „Was ist los mit diesen eingebildeten Laffen?!“, entfuhr es Miakis entgeistert und verärgert zu Kyle, „Das nervt! Ich hab das komische Gefühl, hier irgendwas nicht mitzubekommen!“ „Hab nicht die geringste Ahnung“, entgegnete er leise, „Lass uns auf jeden Fall auf der Hut sein.“

 

„Kannst du dich drauf verlassen! Erstes Anzeichen von Schwierigkeiten und ich und Euram sind weg von hier!“

 

Skald lachte ob des offensichtlichen Unwohlseins seiner Gäste: „Lady Miakis, bitte entspannt Euch, ich kann Euch versprechen, dass sich alles in bester Ordnung befindet.“

 

„So wie Ihr versichern konntet, dass innerhalb der Palastmauern keine Gefahr für uns besteht?!“

 

„Miakis“, wies Euram sie zurecht und sagte dann weniger scharf an Skald gewandt, „Verzeiht ihre Unhöflichkeit. Die Vorkommnisse haben sie schockiert und die despektierliche Etikette mancher Teilnehmer macht es ihr nicht leichter.“

 

„Sie hat jedes Recht zu ihrem Zorn. Aber bitte, kommt.“

 

Skald lenkte sie durch den Saal zu einer großen Doppeltür, die zu einem angrenzenden geräumigen Teesalon führte. Auf dem Weg sah Euram zahlreiche gehässige Blicke folgen, die er tunlichst ignorierte. Noch einige andere Abgeordnete wurden aus dem Pulk separiert und ins Nebenzimmer gebracht, wo sie sich unschlüssig umschauten oder leise untereinander den Grund für ihre Anwesenheit spekulierten. Hinter ihnen wurden schließlich die Türen zugezogen und nach wenigen Sekunden traten durch zwei Nebentüren am anderen Ende des Raums die Vertrauten des Königs ein, um sich der Reihe nach an den Seiten aufzustellen. Walt, der sich zu Skald und Bernadette begab, zwinkerte Euram verschmitzt zu und er nickte zögerlich zurück.

 

Vorn räusperte sich der Hofmarschall und begann eine Rede, kaum dass das Raunen abgeklungen war.

 

„Meine hochgeschätzten Herrschaften, ich darf verkünden, wirklich außerordentlich erfreut zu sein, hier eine so reichhaltige Anzahl von Euch anzutreffen! Um uns alle auf die bevorstehenden Verhandlungen vorzubereiten, besteht in Euren Fällen nur noch eine winzige Schwierigkeit – nichts weiter als eine simple Formalität, ich versichere es Euch. Dazu möchte Seine Majestät zu Euch sprechen.“

 

Der König trat von der Seite ein und stellte sich hoch aufgerichtet vor den erhöhten Ehrenplatz, schaute kurz in die Runde und nickte dem Hofmarschall dann zu. Dieser fuhr fort.

 

„Versteht diese Maßnahme nicht falsch, keiner von Euch hat es an gebührlichem Respekt mangeln lassen, doch werdet Ihr mir zustimmen, dass wir als zukünftige Geschäftspartner auf gegenseitige Zuverlässigkeit vertrauen müssen. Eine symbolische Geste, mehr nicht!“

 

Er klopfte mit dem Stab gebieterisch auf den Boden.

 

„Deshalb verneigt Euch nun vor dem einzig wahren König!“

 

Normalerweise kein Problem, verlangte die Ständeordnung doch sowieso, Herrschern entsprechenden Respekt zu zollen, verbreitete die eigenartige Formulierung Irritation, implizierte sie doch, dass kein anderes Königreich außer Obel wahrlich legitimiert war. Einige der Anwesenden warfen sich deshalb verdatterte Blicke zu, während andere bereits auf die Knie sanken. Der guten Geschäfte wegen folgten sehr schnell einige weitere, noch ein paar verzögert, weil sie sich keiner Peinlichkeit ausgesetzt sehen wollten.

 

Euram blinzelte, als einer der letzten Unentschlossenen wurde er ungeduldig von Miakis in den Rücken gepiekt. Seine Leibwächter waren unwillig, doch bereit, seinem Beispiel zu folgen. Einige Reihen weiter vorn traf sein Blick den von Shula. Sein Freund grinste ihm zu.

 

Endlich linste er verstohlen zu Walt hin, dessen Mund sich in einem breiten Lächeln öffnete. „Nur zu“, raunte der Mann ihm zu und zwinkerte erneut, „Vertraut mir, jetzt dürft Ihr es – wenn Ihr unbedingt wollt.“

 

Erleichtert atmete Euram auf und senkte sich auf ein Knie – ausgerichtet auf den Mann, den sie als Herzog von Forster kennengelernt hatten. Shula und die letzen paar Abgeordneten mitsamt Anhang taten es ihm gleich. Kyle und Miakis fragten sich natürlich, was los war, stellten die Entscheidung jedoch auch nicht in Frage.

 

„Sehr gut, sehr gut“, rief der Hofmarschall munter aus, „Erhebt Euch und folgt mir also zurück zu den Festlichkeiten. Ein Bankett ist angerichtet, denn mit vollem Magen verhandelt es sich besser!“ Während die meisten Leute zufrieden aufstanden, blieben alle knien, die sich Walt zugewandt hatten, denn im selben Augenblick wie der Hofmarschall die Aufforderung zum Stehen hatte er ihnen ein Zeichen zum Verbleiben gegeben. Dies löste zwar weitere Verwirrung aus, doch nicht genug, um die hoffnungsfrohen Bündnispartner daran zu hindern, dem Hofmarschall wieder hinaus zu den restlichen Botschaftern zu folgen. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss ...

 

Und „Walt“ warf die Hände empor in stillem Gebet.


„Endlich, meine Güte“, stieß er aus und marschierte zum Ehrenplatz, den der andere bereitwillig räumte, um sich mit Schwung hineinzuwerfen. Düster lächelnd wies er auf einen Botschafter, dem die Leibgarde soeben wieder auf die Füße half: „Mein Freund, Schlawiner, gib es zu, du hast es hinausposaunt, richtig?! Es ist gänzlich unmöglich, dass wirklich so viele Leute aus Übersee mein Gesicht kennen!“ Der alte Mann schnaubte und antwortete kess, aber nicht ohne kameradschaftlichen Unterton: „Ich wäre jeck, mich in Eure haarsträubenden Kabale einzumischen, Eure Majestät. Vermutlich ist die neue Generation einfach schlauer als Ihr.“ „Moment mal, was?!“, rief Kyle und sprang auf die Füße, „Lord Forster ist der König von Obel?! Aber ... Warum?!“ Während sich die Menge um sie herum wieder erhob, platzte der König los und auch Skald und einige andere Vertraute konnten das Lachen nicht unterdrücken.

 

„Gestatten, Fernando en Kuldes, amtierender Herrscher der Vereinigten Inselkönigreiche und Veranstalter dieses bescheidenen Soirees“, stellte Fernando sich vor und boxte dem falschen König mit dem Ellenbogen in die Seite, „Das hier ist der echte Forster. Er hat sich aus unumstößlicher Liebe zu seinem Herrscher dazu bereiterklärt, eine Weile mein Sprachrohr zu sein, herzlichen Dank, Freund Walt!“ Der Mann seufzte und rieb sich die Stelle: „Es war ja nicht so, dass ich eine andere Wahl hatte ...“ Auch der Hofmarschall rollte leidend mit den Augen und Fernando schlug ihm so hart auf die Schulter, dass Euram mitfühlend zusammenzuckte: „Ach, komm schon, alter Knabe, das kam doch reichlich formvollendet erhaben und nobel rüber, oder etwa nicht?“

 

„Wohl gesprochen, Hoheit, und doch komme ich nicht umhin, etwas wenig Majestätisches in Eurem Auftreten wahrzunehmen.“

 

Euram klopfte sich die Knie ab, als Miakis ihn am Schlafittchen packte und nahe an ihr schäumendes Gesicht zog: „Hast du es etwa gewusst?! Du hast es gewusst, nicht wahr?! Und du hast uns kein Sterbenswörtchen der Warnung zukommen lassen?!“

 

„Genau“, rief Fernando da aus, ließ von seinen bedauernswerten Untergebenen ab und richtete die volle Aufmerksamkeit auf sie, „Mr. Barows! Ich will ja nicht unken, aber bei Euch hat es mich doch heillos überrascht! Woher habt Ihr es gewusst?“

 

Während er versuchte, sich aus dem würgenden Griff seiner Leibwächterin zu befreien, ohne es zu schaffen, stotterte Euram hastig los: „I... ich kenne Euer Konterfei aus Mitbringseln vieler Handlungsreisender, ebenso wie Beschreibungen Eurer Persönlichkeit. Wir ... ich meine die Jugend von Rainwall, waren seit jeher fasziniert von den Inselkönigreichen und konnten nie genug Geschichten davon lauschen.“

 

„Oh, Donnerwetter, Beschreibungen! Wie haben sie mich denn beschrieben?“

 

„... Äh ... Ähm ... Exzentrisch, Sir.“

 

Das sandte eine Welle von ohrenbetäubendem Gelächter durch die Reihen der Vertrauten, sogar der mit den Umständen ganz und gar nicht einverstandene Hofmarschall konnte ein Schmunzeln nicht schnell genug verbergen. „Keine Ahnung, wie sie darauf kommen“, Fernando schüttelte den Kopf, „Ich bin ein Vorzeigeexemplar an hoheitlicher Würde und Standesbewusstsein!“ Dann wandte er sich zu Eurams großer Erleichterung an Shula: „Lord Valya. Muss ich Euch überhaupt fragen?“ Shula lächelte.


„Wohl nicht, Eure Majestät. Wir wussten es derselben Methoden wegen, mit denen wir auch alle anderen Leichen im Keller herausfinden – durch einen sorgfältigen Geheimdienst. Und wie man fast überall erfährt, treibt Ihr gerne Schabernack mit Euren Gästen.“

 

„Und, wenn ich fragen darf, wieso habt Ihr die Scharade mitgemacht, wenn Ihr die Wahrheit wusstet?“

 

„Nun, ich dachte mir, dass ich Euch den Spaß nicht verderben sollte und mich damit eventuell als gern empfangener Komplize qualifiziere.“

 

„Ehrliche Worte, Milord, und weise Entscheidung, wie man sieht!“

 

Der König nickte nicht abgeneigt und wies zackig auf Euram: „Mr. Barows?“

 

„... Ich habe befürchtet, dass sich Seine Majestät mit einem Mordkomplott konfrontiert sieht und deswegen seine Identität verhüllt. Was wäre gewesen, hätte ich Euch durch meine Dummheit verraten und Ihr das Leben verloren?! Ich hätte Eurem Thronerben nicht mehr reinen Gewissens ins Gesicht sehen können!“

 

„Dann hattet Ihr ja Glück im Unglück, Euer Beinahe-Kniefall heute Mittag hätte Euch genauso verraten, und mich glatt dazu! Aber der gute Lord Valya hat Euch ja vor jenem fatalen Fauxpas bewahrt.“

 

Mit hochrot angelaufenen Wangen löste sich Euram endlich aus Miakis‘ störrischem Griff und wollte eine untertänige Entschuldigung anbringen, doch da hatte Fernando sich schon der Menge des Publikums zugewandt und verkündete mit ausgebreiteten Armen: „Herzlichen Glückwunsch! Ihr alle habt bestanden!“ Unter geballten „Ausgesprochene Ehre“, „Meinen Dank“ und „Es soll Euer Schaden nicht sein“ ertönte auch ein verständnisloses „Wieso das? Was haben sie denn gemacht?“ und Fernando lachte. Erneut wies er auf Euram, um Miakis‘ Frage zu beantworten: „Nun, abgesehen davon, dass sich Euer junger Herr Falenischer Botschafter einer etwas zu blühenden Fantasie erfreut-“ Angesprochener verbarg stöhnend das Gesicht in Händen.

 

„- haben all diese Herrschaften ihren Stolz hintangestellt und in meinem Sinne gehandelt, indem sie Stillschweigen bewahrt haben über meine wahre Herkunft. Die da draußen? Alle haben mit mir geredet wie mit einem verkappten Herrscher und zwar so laut und auffällig, dass es so viel von der Umgebung mitbekam wie möglich. Warum? Weil sie beweisen wollten, dass sie die Situation durchschaut hatten! Wie bitte soll ich derart indiskreten Partnern vertrauen, die meine Wünsche ignorieren, um vor der Allgemeinheit Gesicht zu wahren? Ihr hingegen ward ebenso klug, habt es Euch aber in keiner Weise anmerken lassen – auf Kosten Eures Ansehens. Warum? Weil Ihr meine Interessen, mein Wohlergehen im Blickfeld behieltet! Und so, wie Ihr mir Eure Ehre geopfert habt, schwöre ich Euch hiermit die Treue im Handel!“

 

Eine Weile genoss er den Applaus, den seine Ansprache erwirkte, dann hob er die Hände in einer beschwichtigenden Geste: „Natürlich weiß ich, welchen Affront mein Verhalten für Euch darstellt, aber ich hoffe wirklich, dass Ihr mir diesen kleinen Eignungstest nicht lange übelnehmen werdet. Wir werden alles tun, um Euch mit entsprechenden günstigen Geschäften gut zu stimmen. Und jetzt lasst uns hinausgehen zu den anderen und sie im irrigen Glauben lassen, gewonnen zu haben!“

 

Alles drängte vergnügt schwatzend gen Bankett. Skald und Bernadette stießen umgehend zur Falena-Fraktion, die draußen von einem Hände wringenden Boz erwartet wurde. „Lord Wilde“, Euram begrüßte ihn überrascht, „wir haben Euch seit gestern Nacht nicht mehr gesehen! Wir waren bereits sehr besorgt!“ Boz kratzte sich verlegen am Kinn und murmelte: „Ja, ich habe bei den Ermittlungen assistiert – leider keine neuen Erkenntnisse, tut mir ausgesprochen leid. Aber in erster Linie war mir der Umgang mit euch untersagt worden.“ Die drei sahen ihn stirnrunzelnd an und er erläuterte eilig: „Nun, es ist so, der König von Obel war mir kein Fremder in Person und Persönlichkeit und als Sir Egan hier das herausfand, hat er mir die Sachlage erklärt und mich gebeten, nicht darüber mit euch zu sprechen. Das Beste, was ich tun konnte, war daraufhin, auf Abstand zu bleiben, mit meinem Plappermaul hätte ich wahrscheinlich etwas verraten und dann wären wir von den Verhandlungen disqualifiziert worden. Blut und Wasser schwitze ich seitdem! Aber wie es aussieht, war meine Sorge unbegründet.“ „Bestanden mit Auszeichnung“, grinste Kyle und legte Euram einen Arm um die Schultern, „unser Herr Botschafter hat definitiv Eindruck geschunden auf den guten Fernando. Locker im Umgang übrigens! Wird sich sicher gut verstehen mit Lymsleia!“ „Davon gehe ich ebenfalls aus“, Skald lachte herzlich, „Gute Arbeit, Mr. Barows, sehr gute Arbeit!“

 

„Vielen Dank, Sir. Ein Kompliment aus Eurem Munde ist eine große Ehre.“

 

„Hey, eine Frage hab ich aber noch.“

 

Alle sahen Miakis an, die noch immer irritiert, fast schon verärgert die Stirn kräuselte: „Wenn alle in den Teesalon gebeten worden sind, die den König nicht verraten haben, warum wurden dann so viele wieder rausgeschickt, ehe er sich zu erkennen gegeben hat?“ „Das ist leicht zu beantworten“, erwiderte Bernadette, „Es ist unter einem gewissen Umstand sehr leicht, sich über die wahre Identität eines Vertreters auszuschweigen.“

 

„Wie meinen?“

 

„Wenn man schlichtweg denkt, der Vertreter sei der echte König.“

 

Miakis blinzelte und fasste ungläubig zusammen: „Das soll heißen, nur die Gesandten, die Fernandos Gesicht kannten, hatten überhaupt von vornherein eine Chance? Das klingt total unfair!“ „Es ist zumindest fairer, als potenzielle Partner durch Los zu ermitteln oder sich solche zu holen, die sich nur gut genug anzubiedern verstehen“, warf Kyle nachdenklich ein und sie warf stöhnend die Arme empor, konnte aber nicht wirklich etwas daran aussetzen. Stattdessen jagte sie ihren gerechten Frust durch ein anderes Ventil.

 

„Euram, ich will endlich was essen! Diese ganze Komödie hat mir ein Loch in den Magen gebrannt!“

 

„Oh, in Ordnung, Milady. Guten Appeti-“

 

„Mit dir, du Trottel! Wie oft muss ich das noch sagen?!“

 

„Wa... was? Wartet, ich muss doch erst noch-“

 

Doch die impulsive Ritterin packte seinen Arm und riss ihn unnachgiebig fort in Richtung Speisesaal, aus dem bereits eifriges Klappern und vergnügte Unterhaltungen dröhnten.

 

Die anderen winkten ihnen nach, nicht einmal daran denkend, seine ihnen entgegengestreckte hilfesuchende Hand zu ergreifen.

 

Skald räusperte sich, nachdem die beiden aus dem Blickfeld verschwunden waren: „Kommt das nur mir so vor oder wirkt sie etwas ... Naja ... zugetan?“

 

Kyle lachte auf: „Ich fürchte, seine Intelligenz ist zu beschränkt. Seit er sie darauf konzentriert, ein guter Mensch zu sein, fehlt es ihm an akkurater Selbsteinschätzung! Er arbeitet so hart, damit sich die Meinung des Volks über ihn ändert, dass er gar nicht kapiert, dass er das Ziel bei einigen schon längst erreicht hat!“ Dann salutierte er salopp und lief den Kameraden hinterher, machte ihn das höfische Gehabe der anderen Fraktionen doch mindestens ebenso hungrig wie beide zusammen.

 

Boz sah ihm zufrieden nach, dann Skald selbstgerecht feixend an: „Seid Ihr nun überzeugt? Euram mag kein Genie sein, aber was er tut, tut er mit Elan und zufriedenstellenden Ergebnissen. Und dass er nicht ohne Charisma ist, wird Euch jeder im Palast bestätigen.“ Bernadette legte strikt die Hände im Rücken zusammen, doch ihre Augen glänzten: „Ich habe gesehen, was Ihr meint. Seit wann verfügt er über so gute Instinkte?“ Boz zuckte die Achseln und blickte melancholisch in die Ferne: „Vielleicht hatte er die schon immer gehabt, aber Salum hat keinen Nutzen darin erkannt, sie zu fördern? Eine tragische Beziehung, wahrhaftig. Und ein morbider Gedanke, aber womöglich hat Lady Sialeeds mit dem Mord am Vater dem Sohn den größten Gefallen erwiesen. Seit er auf sich allein gestellt ist, strengt er sich mehr an als jeder andere, und diese Mühe schlägt sich auf seine Fähigkeiten nieder. Er ist nicht mehr ahnungslos wie einst und zeigt durchaus Geschick in diplomatisch-politischen Angelegenheiten. Seine Stellung hat er sich durch harte Arbeit verdient, Milady, und jeder, der ihn wegen seiner Unsicherheit unterschätzt, darf sich warm anziehen für eine eiskalte Überraschung. Außerdem ... Fern liegt es mir, Eure Gäste zu beleidigen, aber ich sehe hier einige sehr von sich überzeugte Herrschaften, die nicht halb so verlässlich sind wie er und trotzdem ganze Staaten regieren!“ Skald hatte still zugehört, doch jetzt lachte er und klopfte Boz anerkennend auf die Schulter: „Dem haben wir nichts entgegenzusetzen, guter Lord! Ich schätze, ich nehme besser alles Abfällige, was ich je über ihn gesagt habe, tunlichst zurück, bevor ich wie ein einfältiger, verbohrter Narr dastehe! Nur eine Frage, eine einzige Frage noch und ich bitte untertänigst um eine absolut ehrliche, ungeschönte Antwort ... Kann ich diesem Jungen meine Enkelkinder mit bestem Wissen und Gewissen anvertrauen?“

 

Boz antwortete nicht sofort, sondern überdachte die Antwort eingehend, wofür ihn Skald sehr schätzte. Vielmehr schloss er die Augen und atmete tief durch, ehe er sich zur vollen Größe aufrichtete und ihm geradewegs ins Gesicht sah.


„Admiral Egan. Unser Land befindet sich im Wiederaufbau und somit in einer schwierigen Lage. Es gibt zu unserem allgemeinen Segen jedoch eine Menge enger Freunde und ernsthafter Seelen, auf die Königin Lymsleia und Prinz Freyjadour in allen Lebenslagen zählen können. Und Euram Barows ist völlig ohne Zweifel einer davon.“

 

Für fast eine Minute hielten die Männer den Blickkontakt aufrecht, sodass einige Umstehende die Anspannung missdeuteten und aus Furcht vor Streit das Weite suchten.

 

Doch dann entspannte sich Skald und nickte dankbar: „Dieses Urteil soll mir reichen, Freund! Lasst uns darauf trinken!“ „Mit Vergnügen, Sir“, Boz strahlte wieder sonnig, wie man es von ihm gewohnt war, doch dann hielt er doch noch einmal inne und legte verschwörerisch die Arme um Skalds und Bernadettes Schultern.

 

„Verzeiht, aber eine Sache muss ich noch loswerden, solange wir unter uns sind. Eine Nachricht von Seiten unseres geliebten Königshauses.“

 

Die beiden entließen erstaunte Laute und beugten sich näher zu ihm, sodass er leise sprechen konnte, ohne unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen.

 

„Wie gesagt – Euram hat Leib und Leben dem Prinzen verschrieben und jedem von uns wurde früher oder später klar, dass er es ernst meinte mit seiner Wiedergutmachung. Zu unserer Schande erkannten wir aber erst sehr spät, wie ernst es ihm tatsächlich ist. Nun schuftet er von früh bis spät an seiner Rehabilitierung – um genau zu sein so sehr, dass die Hoheiten inzwischen regelmäßig um seine Gesundheit fürchten. Also ... Wenn es nicht zu vermessen erscheint, möchten sie Euch deswegen um einen kleinen Gefallen bitten. Spannt ihn nicht zu sehr in die Staatsgeschäfte ein, hm? Zeigt ihm lieber ein wenig von Eurem schönen Land, von den hiesigen ... Amüsements und so weiter.“

 

Verschlagenes Grinsen spaltete Skalds Gesicht: „Mit anderen Worten – Bereitet ihm einen angenehmen Urlaub?“ Boz wrang untertänig die Hände: „Selbstverständlich nur, wenn es keine Umstände bereitet!“ Doch das tat es offensichtlich nicht, rieb Skald sich doch bereits intrigant das Kinn, bereits eine längere Reiseroute zu allen Sehenswürdigkeiten von Obel austüftelnd, die ihn selbst ohne Frage eine Weile lang von den eigenen langweiligen Verpflichtungen abhalten mochte.

 

„Das lässt sich einrichten, Lord Wilde, keine Sorge“, verkündete er schließlich, „Mit Unterhaltung steht es in unseren Gefilden nie zu knapp, richtig, Bern?!“ Seine Tochter musterte ihn mit misstrauisch kleinen Augen, vermutete sie doch ganz richtig, dass er sich selbst mehr Spaß und Abwechslung von der Fahrt erhoffte, als er zuzugeben bereit war. Schon jetzt voll tiefsten Mitgefühls für den nichtsahnenden Euram, hoffte sie nur, dass sich Fernando nicht ebenfalls in ungebremstem Spieltrieb der Gruppe anschloss. Nicht nur um der Staatsgeschäfte willen, sondern in erster Linie Eurams potenziell gefährdeten Geisteszustands wegen. Und dem ihren womöglich auch, denn sie glaubte für keine Sekunde, ihr Vater würde sie nicht mit auf die Reise schleppen.

 

Entmachtet seufzte sie, als ihr bewusst wurde, dass ihr Schicksal einmal mehr beschlossene Sache war.

 

„Durchaus. In vielen Fällen sorgst du höchstpersönlich für die Unterhaltung, Vater, obwohl dein Humor, wie ich anmerken möchte, in ebenso vielen Fällen nicht sonderlich angebracht ist. Kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass du nie vergisst, dass Euram Barows ein außerordentlich wichtiger Diplomat im Dienste unseres Verbündeten ist und du deine Begeisterung deshalb in adäquaten Grenzen hältst?“

 

„Selbstverständlich, Bern! Aber er hat auf sehr rechtschaffende Weise das Wohlergehen unseres geschätzten Königs verteidigt! Dafür muss ich als Vertreter unseres dankbaren Volkes mich doch angemessen erkenntlich zeigen, oder?“

 

Bernadette seufzte, als er voller Vorfreude in schallendes Gelächter ausbrach, Boz direkt ansteckend, einfach weil sie es konnten. Nein, sagte sie sich, sie würde einen hilflosen Menschen, der lediglich zwei gestandene Ritter der Königin als Schutz vorweisen konnte, nicht allein mit ihrem wohlmeinenden Vater lassen, selbst wenn er das angeordnet hätte. Doch gleichzeitig schlich sich der Gedanken ein, dass die Gäste selbst diese Reise nicht allzu uninteressant gestalten würden.

 

Und so schmunzelte sie in sich hinein, sich innerlich bereits auf die Mission vorbereitend, Euram ein glückliches Lächeln abzuringen.

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Diese Fanfiction wurde mit Abenteuer, Humor, Freundschaft und Schmerz und Trost getaggt.