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Eine Schlange im Wolfspelz

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5.12.2019 21:21
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Charaktere

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

Das Grollen kam ziemlich überraschend. Mehr als das. Was nochmal hatte er hier erwartet? Er war nicht mehr sicher, aber das hier sicherlich nicht. Hinter das Geheimnis des Anderen wollte er kommen, aber nie hätte er mit dieser Gefahr gerechnet. Severus Snape merkte nicht einmal, wie er den Atem anhielt. Alles in ihm schrie danach, die Beine in die Hand zu nehmen und zu fliehen, so lange er noch konnte. Doch seine Beine schienen festgewachsen, er konnte sich nicht bewegen. Die Angst lähmte ihn geradezu. Nur eine Handbreit Holz trennte ihn von der Bestie. In Gedanken schalt er sich einen Idioten. Natürlich, jetzt war alles logisch. Wenn er genauer hingesehen hätte, wäre er niemals in Versuchung gekommen, hierher zu schleichen. Da hätte Black sagen können, was er wollte. Natürlich hatte der Andere gewusst, dass er zuhörte. Das war kein Zufall gewesen, merkte Severus nun. Nein, Black hatte gewusst, dass er hinter dem Regal in der Bibliothek stand und lauschte. Er hatte ihn bewusst in die Falle gelockt. Hinter der hölzernen Falltür knurrte es erneut. Bedrohlich, Angst einflößend. Dahinter steckte ein Werwolf. Anders konnte es nicht sein, die Anzeichen erlaubten nur diese eine Schlussfolgerung. Severus‘ Hirn arbeitete auf Hochtouren, doch sein Körper machte nicht mit. Er wusste, er musste fliehen, das bisschen Holz würde den Wolf nicht von seiner Beute abhalten, aber er konnte sich nicht bewegen. In seinen Kniegelenken sammelte sich Pudding an, sie wackelten wie verrückt. Krampfhaft klammerte sich Severus an eine Wurzel, um nicht zusammen zu sacken. Er merkte nicht, wie ihm der Schweiß ausbrach und die restliche Farbe sein Gesicht verließ. Seine ganze Wahrnehmung konzentrierte sich auf das bedrohliche Knurren auf der anderen Seite dieser Falltür, die genau vor seiner Nase war.

Irrte er sich oder klang das gerade nach dem Splittern von Holz? Da, das waren eindeutig Kratzlaute! Die Krallen dieser Bestie schabten über das Holz. Der Werwolf bahnte sich seinen Weg durch das Holz! Erschrocken schrie Severus auf, als das erste kleine Loch entstand. Endlich kam Bewegung in ihn, sein Fluchtreflex setzte ein. Er drehte sich um, rannte so schnell er konnte durch den schmalen Gang. Er musste sich bücken, konnte nicht aufrecht bleiben, so eng und niedrig war der Geheimgang. Innerlich fluchte Severus, aber er sah sich nicht um. Immer wieder hörte er hinter sich, wie Holz splitterte, die Laute des Werwolfes wurden deutlicher. Das Kratzen der Krallen auf dem Holz, das Knurren, ja selbst das Geräusch, wenn der Wolf sich über die Lefzen leckte und schnüffelte. Severus schauderte und versuchte, sein Tempo zu steigern, doch er kam kaum vom Fleck. Mit einem lauten Krachen explodierte das Holz hinter ihm förmlich, als sich der Wolf mit seinem ganzen Körper dagegen warf. Plötzlich war er frei! Freudig heulte der Wolf kurz auf, dann jagte er seiner Beute hinterher. Es schien ihm Spaß zu machen, er spürte, dass seine Beute keine Chance hatte, ihm zu entkommen. Der Werwolf kannte diesen Gang und wusste, der Mensch vor ihm konnte nicht so schnell laufen, dass er ihm entkommen konnte.

Severus rannte und keuchte bereits, aber ihm wurde immer stärker bewusst, dass der Werwolf mit ihm spielte. Ein verzweifelter Laut, beinahe ein Schluchzen, entkam ihm, aber er drängte es zurück, brauchte all seine Energie, um zu entkommen. Oder wenigstens für den Versuch. Dieser Gang war noch so lang, konnte er es schaffen? Seine Gedanken rasten, er wollte eine Möglichkeit finden, den Wolf aufzuhalten. Seinen Zauberstab hatte er in der Hand, aber es gab kaum einen Zauber, der gegen diese Wesen hilfreich war. Er kannte ein paar wenige Sprüche, die das schaffen konnten, wenn sie stark genug waren. Allerdings konnte er derzeit keinen wirken, denn die Luft für einen Zauber fehlte ihm. Sein Atem ging keuchend und er merkte, dass er noch nicht einmal die Hälfte des Ganges hinter sich gebracht hatte. Der Wolf trabte entspannt hinter ihm her, holte immer weiter auf, ohne sich anzustrengen. Severus konnte bereits den heißen Atem in seinem Nacken fühlen, wobei er sich nicht sicher war, ob er sich das gerade einbildete.

Als ihn unverhofft ein Schlag an der Schulter traf, schrie er auf. Angst und Schmerz mischten sich, die Krallen hatten ihm die Schulter und einen Teil des Oberarms aufgeschnitten. Er spürte die Feuchtigkeit und die Wärme, als das Blut aus ihm strömte. Mit seinen Füßen trat er gegen den Kopf des Werwolfes. Jaulend wich der sandfarbene Wolf ein wenig zurück und rieb sich mit der Pfote über die Schnauze. Knurrend und mit angelegten Ohren bleckte er die Zähne, kam langsam auf Severus zu. Mit seinen Klauen schlug er tiefe Wunden in Severus' Beine. Der Jugendliche wich panisch zurück, stieß aber schnell an die Wand. Hektisch sah er sich um, aber er sah keinen Ausweg. Der Wolf knurrte leise und näherte sich vorsichtig seiner Beute. Severus' Gegenwehr erlahmte, als er erkannte, dass er keine Chance mehr hatte. Seine Beine brannten vor Schmerz. Auch der Blutverlust machte ihm zu schaffen, ihm war schwindelig und das Sichtfeld wurde immer enger. Er spürte nicht einmal, wie Tränen über seine Wangen rannen, er wimmerte leise. Wie in Zeitlupe näherte sich die Schnauze des Wolfes. Es wirkte, als wollte er sehen, wo er am besten zubiss. Schnüffelnd bewegte sich die Nase des Wolfes über Severus' Oberkörper. Ergeben schloss der Jugendliche die Augen, er wollte es nicht sehen. Hoffentlich ging es schnell, das war alles, woran er noch denken konnte. Er spürte den heißen Atem auf seinem Gesicht, die tastende Zunge auf seiner Wange, an seinem Hals. Ein erneutes Wimmern entkam ihm, als der Wolf über seinen Hals leckte.

„Bitte!“, wisperte er unwillkürlich. Es klang ziemlich hysterisch. Natürlich reagierte der Wolf nicht darauf. Ein weiteres Mal leckte er über die Stelle an Severus' Hals, dort, wo er in die Schulter überging. Er schien das Blut abzulecken, das dort aus der Wunde quoll. Plötzlich schrie Severus schrill, bäumte sich auf, als er den heißen Schmerz spürte. Die Zähne bohrten sich tief in sein Fleisch, diesen Schmerz hätte sich Severus nie vorstellen können. Alles verschwamm, nur noch Schmerz und Hitze existierten. Die Schreie steigerten sich weiter, als der Wolf erneut zubiss, diesmal am Brustkorb. Gnädige Schwärze erlöste Severus nun endlich. Er bekam nicht mehr mit, wie ein Hirsch auftauchte, der den Wolf von seinem Körper abdrängte, ihn in Schach hielt. Hinter ihm tauchte ein Mann auf, dessen Gesicht besorgt aussah. Die hellen, blauen Augen wirkten angespannt, funkelten nicht amüsiert wie sonst immer. „Mister Potter, gehen sie bitte einen Schritt beiseite.“, bat er, als er seinen Zauberstab in der Hand hatte. „Ich muss Mister Lupin betäuben, denn ich brauche ihre Hilfe, um Mister Snape in den Krankenflügel zu bringen.“

Der Hirsch drängte den Werwolf weiter gegen die Wand, sodass Dumbledore ihn mit einem Zauber betäuben konnte. Er brauchte zwei Versuche, dann lag der sandfarbene Werwolf bewusstlos auf dem Boden. Der Hirsch trat nach einem Moment zurück und verwandelte sich in James Potter. „Professor, was ist mit ihm?“, wollte er direkt nach der Rückverwandlung wissen.

„Bringen wir ihn schnell in den Krankenflügel, er verliert zu viel Blut.“, winkte Dumbledore den Schüler zu sich. „Wir müssen ihn zwischen uns tragen, anders passen wir nicht durch diesen Gang. Mister Potter, sie gehen voraus. Nehmen sie Mister Snapes Beine, ich übernehme den Kopf.“ Schnell schuf er eine Trage und levitierte den Schwerverletzten vorsichtig, aber schnell darauf.

James griff nach der Trage und hob sie auf ein Signal Dumbledores gleichzeitig mit ihm hoch, dann ging er voran durch den schmalen Gang. „Was wird mit Moony? Ich meine Remus?“

„Er wird bewusstlos bleiben bis er sich zurückverwandelt hat. Dann werde ich ihn abholen.“, antwortete der Schulleiter knapp. James konnte hören, dass er unglaublich wütend war, wenn auch nicht auf ihn. Nein, wütend war es nicht alleine. Vor allem enttäuscht. James wurde blass, als er darüber nachdachte, was nun passieren würde. Ihnen war immer klar gewesen, dass sie Moony davon abhalten mussten, jemanden zu beißen. Nicht umsonst war damals die heulende Hütte erbaut worden. Von Anfang an hatte Remus die Vollmondnächte darin verbracht. Das war die Voraussetzung gewesen, dass er überhaupt nach Hogwarts gehen durfte. Remus selbst hatte es ihnen damals erzählt, als sie herausgefunden hatten, warum es ihm immer wieder so schlecht ging und warum er regelmäßig verschwand. Dumbledore war zu den Lupins nach Hause gekommen, kurz vor Remus' 11. Geburtstag. Da das Ministerium von seinem Wesen wusste, waren die Eltern des Jungen damals davon ausgegangen, dass er nicht nach Hogwarts gehen konnte. Doch Dumbledore hatte nicht aufgegeben, sondern alle Hindernisse beiseite geschafft. Er hatte Remus' Eltern überredet, ihren Sohn in die Schule zu schicken. Dafür hatte er die heulende Hütte geschaffen und die peitschende Weide gepflanzt. Madam Pomfrey versorgte ihn schon seit dem ersten Vollmond, und er selbst hatte sich verpflichtet, sicher zu stellen, dass Remus jede Vollmondnacht dort verbrachte. In der sogenannten heulenden Hütte. Das Ministerium hatte verlangt, dass sichergestellt wurde, niemand konnte gebissen, infiziert werden. Aber Schniefelus war gebissen worden. Was würde jetzt mit Remus passieren? James machte sich Sorgen. Vor allem um Remus, aber ein wenig schlich sich sogar der Slytherin in seine Gedanken. Sie alle wussten seit der dritten Klasse, dass dessen größte Angst Werwölfe waren. Der Irrwicht damals hatte ihn verraten.

Hastig, aber so sanft wie möglich, trugen sie die Trage mit dem bewusstlosen Schüler durch die Schule. Es war still, so still, wie es nur mitten in der Nacht sein konnte, wenn beinahe jeder Bewohner des Schlosses schlief. Selbst die Portraits reagierten nicht, hatten die Augen geschlossen. Auf dem Weg in den Krankenflügel schwiegen sie, um die Luft für ihre Aufgabe zu sparen. Mit dem Fuß stieß James schließlich die Tür zum Krankenflügel auf, dann endlich legten sie den inzwischen schweißgebadeten Verletzten in eines der Betten, die alle leer standen. Die Medihexe kam sofort aus ihrem Büro, offensichtlich durch einen Zauber alarmiert. James spürte, dass Snape Fieber haben musste, sein Körper glühte und die Hitze strahlte bis zu ihm. Schnell trat er einen Schritt beiseite, aber ein Blick des Schulleiters ließ ihn verharren. Ganz klar wollte der Weißhaarige noch genauer wissen, was da passiert war und wie es dazu gekommen war. Doch zunächst schien es ihm wichtiger, die Medihexe bei ihrer Arbeit zu beobachten. „Wird er es schaffen?“, fragte er nach einer Weile leise.

Poppy hielt nicht inne in ihrer Tätigkeit, doch im Moment verband sie die tiefen Wunden mit den Händen, ohne ihren Zauberstab. „Er hat viel Blut verloren und das Fieber ist sehr hoch. Ich weiß nicht, ob er es überlebt, direkt nach dem Biss eines Werwolfes helfen Zauber und Tränke zum Heilen nur sehr bedingt. Die Verletzungen müssen auf natürlichem Weg heilen. Mister Snape muss ins St. Mungos, ich kann ihm hier nicht richtig helfen. Erst nach der ersten Verwandlung in einen Werwolf heilen sie leichter und schneller, bis dahin müssen wir abwarten.“, erklärte sie.

Dumbledore nickte betrübt und begab sich zum Kamin, um das magische Krankenhaus zu verständigen. Nur wenige Minuten später traten zwei grün gekleidete Heiler aus dem Feuer und wandten sich sofort dem Patienten zu. Routiniert wirkten sie einige Zauber, während Poppy herunter ratterte, was sie bisher gemacht hatte. Zufrieden nickte einer der beiden Heiler. „Wir werden ihn mitnehmen, er braucht dringend spezielle Tränke und zusätzlich Bluttransfusionen. Sind irgendwelche Unverträglichkeiten oder Allergien bekannt?“

„Keine Allergien, aber er hat eine etwas instabile Knochenstruktur, bedingt durch jahrelange Fehlernährung.“, informierte Poppy. „Er ist auch immer wieder anämisch, aber das haben wir in den letzten Jahren durch Tränke ganz gut in den Griff bekommen.“ Sie reichte den Medizauberern aus dem St. Mungos eine Akte, auf der vorne ‚Severus Snape‘ stand. „Hier sind alle Informationen und die Untersuchungsergebnisse vermerkt.“

„Vielen Dank, Kollegin!“, lächelte der ältere Heiler. Er schuf eine spezielle Trage, worauf sie Severus legten und festschnallten, dann richtete sich die Trage auf. Der jüngere Heiler ging ohne ein weiteres Wort durch den Kamin, dann folgte die Trage mit Severus darauf. Der ältere Heiler machte den Abschluss. Nun war es an ihnen. Poppy war bereits dabei, alles wieder sauber zu machen. Jederzeit konnte ein anderer Patient kommen. In einer Schule bestand diese Gefahr immer. Manche Schüler verdarben sich den Magen, indem sie statt dem normalen Essen immer wieder Süßigkeiten in rauen Mengen in sich stopften. Die jüngeren Mädchen suchten sie­ häufiger auf, wenn sie zum ersten Mal ihre Periode bekamen. Andere kamen, weil sie bei Streitigkeiten den Kürzeren gezogen hatten. Oder weil es bei Zaubern im Unterricht zu Unfällen kam. Hier gab es immer etwas zu tun, daher war es ihr sehr wichtig, immer Ordnung zu haben.

Dumbledore sah noch einige Momente nachdenklich in den Kamin, dann erst wandte er sich James zu. „Und nun, Mister Potter, wüsste ich gerne, was genau da heute passiert ist. Aus ihren kurzen Informationen vor einigen Stunden wurde ich nicht ganz schlau. Gehen wir in mein Büro, dort können wir in Ruhe reden. Wir haben Zeit, bis der Vollmond untergeht, also noch etwa vier Stunden.“ Er ging voran, sah sich nicht um. James folgte ihm, er sah gar keine andere Möglichkeit. Jetzt war die Zeit der Wahrheit gekommen.

„Also, Mister Potter, was ist passiert?“ Dumbledore saß in seinem Büro hinter dem Schreibtisch. Er deutete auf den Stuhl vor dem Tisch, damit James sich setzen konnte. Ihm war bewusst, dass dieser Gryffindor nichts damit zu tun hatte, im Gegenteil. Durch sein beherztes und schnelles Eingreifen wurde das Leben von Severus Snape sicherlich gerettet. Ansonsten hätte der Werwolf, den die Freunde Moony nannten, den Slytherin sicherlich zerrissen.

„Darf … darf ich vorher noch etwas fragen?“, murmelte der dunkelhaarige Gryffindor.

„Mister Black steht derzeit unter Hausarrest.“, erriet der Schulleiter die Frage des Jugendlichen. „Während wir im Krankenflügel warteten, habe ich eine Hauselfe damit beauftragt, Mister Black in ein Einzelzimmer zu bringen, das er nicht verlassen kann, bis ich es ihm erlaube. Das wollten sie doch wissen?“ James nickte beklommen. „Nun gut, und jetzt beantworten sie bitte meine Frage.“

James sah sich um und atmete einige Male tief durch. Rund um den Platz des Direktors waren Portraits an der Wand aufgehängt, die die ehemaligen Schulleiter zeigten. Aufmerksam verfolgten diese das Gespräch, das gerade beginnen sollte. Auf einer Stange an der Seite saß der rot-goldene Phönix, der Dumbledore schon lange begleitete. James wusste nicht, wie lange genau, aber sein Vater hatte ihm erzählt, dass er auch zu seiner Schulzeit bereits dagewesen war. Auch der Feuervogel musterte ihn aufmerksam, mit leicht schief gelegtem Kopf. Als er seinen Blick weiter schweifen ließ, fielen James die verschiedenen Instrumente auf, die auf den unterschiedlichsten Tischen und Regalen standen. Ein Spickoskop erkannte er, aber die meisten der filigranen Instrumente kannte er nicht. Doch irgendwann traf sein Blick wieder auf Dumbledore, der ihn abwartend ansah. James räusperte sich unbehaglich, dann begann er zu erzählen. „Ich denke, ich muss ein wenig ausholen.“, überlegte er. Der Direktor nickte ihm aufmunternd zu. „Bereits in der zweiten Klasse fanden wir Remus' Geheimnis heraus.“

„Wir?“, unterbrach Dumbledore. „Sie sprechen von Mister Black, Mister Pettigrew und sich selbst?“

„Richtig.“, nickte James. „Es war ziemlich auffällig, dass Remus immer wieder fehlte, und irgendwann erkannten wir ein Muster. Wir haben ihn angesprochen und er hat es, nach einer Weile, zugegeben. Naja, ihm gingen letztendlich die Ausreden aus, wir waren ziemlich … äh … hartnäckig.“ Rot geworden brach James ab, er wirkte unsicher.

„Das kann ich mir vorstellen.“, gluckste Dumbledore. Einen kurzen Moment wirkte er so wie sonst, seine blauen Augen blitzten amüsiert. Doch schnell wurde er wieder ernst. „Haben sie bereits damals beschlossen, Animagi zu werden? Sie wissen, wie gefährlich das ist!“

„Ja, das wissen wir.“, nickte der Dunkelhaarige schuldbewusst. „Aber das war noch nicht sofort unser Plan. Ja, wir wollten Remus helfen, aber es begann anders. Anfangs haben wir ihm geholfen, Ausreden zu finden, die nicht auffielen, damit keiner sonst Verdacht schöpfte. Ja, wir haben nach Wegen gesucht, ihm beizustehen, aber Animagi wurden wir erst Anfang dieses Jahres. Seither sind wir in den Nächten mit Remus unterwegs und sorgen dafür, dass er laufen kann.“ Er blickte Dumbledore direkt in die Augen. „Sie müssen wissen, dass der Werwolf sich bewegen will. Wenn er eingesperrt ist, verletzt er sich selbst. Deshalb sind wir mit ihm in den verbotenen Wald gegangen, damit er laufen konnte. Seither ist er wesentlich weniger verletzt, wenn er sich zurückverwandelt.“

„Das meinte Poppy also damit, dass sich etwas geändert hatte.“, nickte der Schulleiter nachdenklich. „Sie sind ein Hirsch, Mister Potter. Ist ihnen nie in den Sinn gekommen, dass sie perfekt in das Beuteschema eines Wolfes passen könnten?“

„Ja, das weiß ich.“, erwiderte James. „Sirius wird zu einem großen, schwarzen Hund, er hat Moony, also Remus' Wolf, im Griff. Anfangs war ich sehr vorsichtig, aber wir haben festgestellt, dass Moony uns als sein Rudel akzeptiert. Selbst Peter, der zu einer Ratte wird, ist nicht in Gefahr. Normalerweise holen wir Moony kurz nach der Verwandlung ab und gehen mit ihm in den Wald, stellen dabei sicher, dass er nicht in Richtung der Schule läuft. Wobei er noch nie wirklich dahin wollte. Der Wald war immer spannender für ihn, darin jagt er. Damit ist Moony bislang immer zufrieden gewesen. Laufen, jagen, fressen und ein wenig spielen, mehr passierte nicht in diesen Nächten. Wir haben immer dafür gesorgt, dass Moony wenigstens in der Nähe der heulenden Hütte ist, wenn er sich zurück verwandelt. Meistens haben wir es sogar in die Hütte geschafft. Wir haben Remus geholfen, sich wieder anzuziehen und ins Bett zu legen, damit er sich ausschlafen kann. Nach diesen Nächten ist er ziemlich kaputt und meistens hat er so schlimmen Muskelkater, dass er sich kaum bewegen kann. Aber er ist froh, und wir auch, wenn er mehr oder weniger unverletzt ist.“

„Das ist eine großartige Leistung, Mister Potter, aber sie wissen, dass wir ihre Fähigkeit melden müssen.“, merkte Dumbledore an. „Sie werden als Animagi registriert. Aber weiter, wie kam es zu dem heutigen Vorfall?“

„Naja, schon seit einer Weile spioniert Sch… Snape hinter uns her.“, begann James unsicher, vorsichtig. Er wollte ehrlich sein, aber seine Freunde trotz allem schützen. „Sirius war sehr besorgt um Remus, wir alle waren das. Wir wollten verhindern, dass Snape herausfindet, welches Geheimnis Remus verbirgt. Sirius war heute in der Bibliothek, gemeinsam mit Peter. Er hat sich mit Peter darüber unterhalten, wie man in den Geheimgang kommt. Er hat mir später, kurz vor Mondaufgang, erzählt, was genau er sagte. ‚Hoffentlich findet niemand jemals heraus, wie Remus' Geheimnis versteckt wird. Wenn jemand dahinter kommt, dass er immer in Vollmondnächten verschwindet, und dann den Knoten am Wurzelgeflecht der peitschenden Weide drückt, dann könnte er in den Geheimgang gelangen und Remus' Geheimnis lüften.‘ Das hat Snape gehört. Daraufhin hat er wohl genau das gemacht, was er gehört hat.“

„Mister Potter, wussten Mister Pettigrew oder Mister Black, dass Mister Snape zuhört?“, wollte Dumbledore sehr ernst wissen.

„Ich bin nicht ganz sicher.“, wand sich James. Obwohl er ziemlich genau ahnte, was dahinter steckte.

Das schien auch der Schulleiter so zu sehen. „Mister Potter, ich wüsste gerne die Wahrheit.“, insistierte er.

James zuckte zusammen. Der durchdringende Blick Dumbledores bohrte sich in seine Augen, er konnte sich nicht abwenden. „Sirius … er wusste, dass Snape dort war.“, hauchte er schließlich. „Er wollte doch nur Remus beschützen und Snape Angst machen!“

„Und Mister Pettigrew? Wusste er es auch?“

„Ich denke nicht.“, zuckte James unsicher die Schultern. „Er hat zumindest nichts gesagt. Ich weiß es nicht.“

„Was ist mit Mister Lupin?“

„Nein. Ganz sicher nicht.“, schüttelte James energisch den Kopf. „Er hätte das nie zugelassen! Außerdem war er zu der Zeit schon mit Madam Pomfrey in die Hütte gegangen. Er kann nichts dafür!“ Entsetzt blickte der Jugendliche auf, als ihm bewusst wurde, wirklich bewusst, was passiert war. „Was … was passiert nun mit Remus?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Dumbledore wirkte plötzlich sehr alt. Er sank in sich zusammen. „Das wird eine Entscheidung des Ministeriums sein, aber ich bin ziemlich sicher, dass es Konsequenzen haben wird, die keinem von uns gefallen. Dadurch, dass Mister Snape ins St. Mungos eingeliefert wurde, wird das Ministerium auf jeden Fall erfahren, was passiert ist. Daran führt nun kein Weg mehr vorbei. Ich gehe davon aus, dass bereits in einigen Stunden jemand kommt. Dann werden wir erfahren, was genau nun passiert.“ Seufzend reichte er James eine Tasse Tee. „Trinken sie, Mister Potter. Sie haben richtig gehandelt, auch wenn es nun eine schwere Zeit für ihre Freunde werden wird. Aber hätte Mister Lupin Mister Snape getötet, wäre alles noch schlimmer geworden. Ihnen ist es zu verdanken, dass es keinen Todesfall gibt. Ich bin froh, dass sie zu mir gekommen sind. Auch oder gerade weil es sehr schwer für sie gewesen sein muss.“

„Professor, werden sie Remus und Sirius helfen?“, hoffte der Schüler.

„Ich weiß nicht, ob das noch in meiner Macht liegt.“, seufzte der Weißhaarige niedergeschlagen. „Damals habe ich viel riskiert, als ich Mister Lupin an diese Schule holte. Ich habe dem Ministerium mein Wort gegeben, dafür zu sorgen, dass niemand seinetwegen in Gefahr sein wird.“

„Heißt das, auch sie sind nun … in Gefahr?“, fragte sich James.

„Ich weiß nicht, was das Ministerium dazu sagen wird.“, zuckte Dumbledore die Schultern. „Aber es ist durchaus möglich, dass dies meine letzte Nacht als Schulleiter hier in Hogwarts ist.“

„Das … das tut mir leid.“, wisperte der Jugendliche. Auch wenn er sich viel mehr Sorgen um seine Freunde machte, so hatte er durchaus Mitleid mit dem Schulleiter. Er schwieg, wusste nicht, was er noch dazu sagen sollte. Auch Dumbledore verharrte schweigend, nachdenklich blickte er in den Kamin. Unbewusst tranken Beide ihren Tee und hingen ihren Gedanken nach. Der Schulleiter versuchte, eine Idee von dem zu bekommen, was nun folgen würde, während James Potter an die letzten Jahre und die Erlebnisse mit seinen Freunden dachte. Würde sich nun alles ändern? Konnte er irgendetwas tun, um Remus und Sirius zu helfen? Was würde nun mit Snape passieren? Ja, selbst an den Slytherin verschwendete er einige Gedanken. Auch er konnte ihn nicht ausstehen, weil er ständig an Lily hing und ihm damit im Weg war, aber das hier hätte er nicht einmal ihm gewünscht. Dieses Schicksal war schlimmer als alles, was sich James vorstellen konnte. Remus machte jeden Monat diese Hölle durch und sie hätten alles getan, um es ihm zu ersparen. Was würde ihn jetzt erwarten? Remus' größte Angst war es, nach Askaban zu kommen, weil er einen Menschen verwandelte. Würde das nun passieren? Remus konnte doch nichts dafür! Er konnte den Wolf nicht steuern! Es war nicht seine Schuld! Wenn, dann war Snape selbst Schuld, er hätte doch einfach nur weglaufen müssen! Er war doch sonst so intelligent, warum hatte er nicht kapiert, was dort in der heulenden Hütte auf ihn wartete?

Eine grüne Flamme im Kamin riss sie aus ihren Gedanken. Ein Mann entstieg dem Kamin, der James mehr als bekannt vorkam. „Dad!“, begrüßte er ihn mit vor Staunen weiten Augen.

„James.“, nickte der Auror, als er aus dem Kamin heraus war. Mit ernstem Blick musterte er seinen Sohn. „Ich bin sehr enttäuscht von euch, wenn das, was ich gehört habe, stimmt.“, setzte er an. „Ich bin in offiziellem Auftrag hier. Das Ministerium wurde informiert, dass hier in Hogwarts ein Schüler von einem Werwolf gebissen wurde. Gerüchte besagen, dass dieser Unglücksfall nicht zufällig stattfand. Deshalb bin ich hier. Direktor Dumbledore, was können sie mir dazu sagen?“

Albus Dumbledore wiederholte in kurzen Worten, was er wusste. Leise schüttelte der Auror den Kopf. „Wo ist Sirius nun? Ich muss ihn mitnehmen, wir werden ihn im Ministerium verhören, dann wird entschieden, wie es weitergeht. Auch du, James, wirst befragt werden, ebenso Remus Lupin, Peter Pettigrew, Professor Dumbledore und Madam Pomfrey. Es wird auf jeden Fall eine Verhandlung mit allen Beteiligten geben, sobald Mister Snape verhandlungsfähig ist, das wurde bereits festgelegt. Dort werden dann alle Beteiligten öffentlich gehört. Professor, ich hoffe, sie haben Sirius nicht geholfen, sich der Befragung zu entziehen, sondern ihn hier im Schloss belassen.“

Der Weißhaarige wirkte ziemlich müde, als er eine Elfe rief und ihr den Auftrag gab, Fleamont Potter, James' Vater, zu Sirius Black zu bringen. Mit einem langen Blick musterte der Auror seinen Sohn, zeigte aber nicht, was in ihm vorging. James sah deutlich, vor ihm stand nicht sein Vater, sondern Auror Potter. Sirius musste sich wirklich in Acht nehmen, Fleamont Potter war ein richtig guter Auror, einer der besten, und er war absolut ehrlich, fair und unbestechlich.

Dumbledore hielt James zurück, als er mitgehen wollte. „Wir sollten nun zu Mister Lupin gehen.“

„Er wird sich Vorwürfe machen.“, war James sicher. „Wenn er wach wird und den Geschmack von Blut im Mund hat. Das war immer seine Angst.“

„Wir werden bei ihm sein, aber ich fürchte, es gibt nichts, was wir tun können, sobald das Ministerium seine Mitarbeiter hierher schickt.“, murmelte der Schulleiter. Er stand auf. „Gehen wir.“

Wortlos folgte ihm James, der von Minute zu Minute besorgter wurde. Erneut liefen sie durch die leere, stille Schule. Zum dritten Mal in dieser Nacht gemeinsam. Die Dämmerung war gerade dabei, eine gewisse Helligkeit zu schaffen, die die absolute Dunkelheit nach dem Untergang des Mondes vertrieb. Am Horizont im Osten verfärbte sich der Himmel leicht rosé, kündigte einen schönen Tag an. Ganz im Gegensatz zu dem, was Dumbledore und James Potter erwarteten. In der Nähe der peitschenden Weide trafen sie auf Madam Pomfrey, die gerade auf dem Weg zu ihrem Schützling war. Sie wirkte ebenso besorgt, wie James sich fühlte. Ihre Lippen waren ein einziger Strich, so fest presste sie sie zusammen, unter den Augen hatte sie dunkle Ringe, die von der durchwachten und teilweise arbeitsintensiven Nacht sprachen.

„Gibt es Neuigkeiten aus London?“, erkundigte sich Dumbledore leise bei ihr.

„Bisher nicht.“, schüttelte sie den Kopf. „Aber das wird sicherlich einige Zeit dauern. Er war schwer verletzt, sie werden wahrscheinlich immer noch behandeln.“ Ein Zauber von ihr stoppte die Bewegung der peitschenden Weide. „Sehen wir nach Mister Lupin, er wird möglicherweise auch Behandlung brauchen.“ Auch wenn die Behandlung bei ihm sicher anders aussah. Körperlich dürfte er unverletzt sein, oder wenigstens nicht sonderlich schwer. Aber sobald er erfuhr, was passiert war – und daran führte kein Weg vorbei – würde er vermutlich zusammenbrechen. Da war sich die Medihexe sicher. Sie kannte ihren Schützling nun seit gut fünf Jahren und wusste, wie sensibel er war.

Sie traten nacheinander in den Gang unter der Weide. Weit mussten sie nicht gehen, bis sie Remus Lupin fanden, der nackt und in menschlicher Form vor ihnen saß. Offenbar war er gerade eben aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, denn er rieb sich verwundert die Augen. Als er den metallischen Geschmack in seinem Mund bemerkte, spuckte er aus und erkannte entsetzt das Blut, das sich mit seinem Speichel mischte. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er auf, als die Drei auf ihn zugingen. „Was …? James? Professor Dumbledore?“, flüsterte er ängstlich. Seine Gedanken rasten und ihm war bewusst, dass etwas passiert sein musste, wenn der Schulleiter und James gemeinsam mit Madam Pomfrey zu ihm kamen. Dazu der Blutgeschmack und das Blut, das er ausgespuckt hatte … Remus wurde blass. „Nein!“, hauchte er, als er realisierte, dass es eigentlich nur Eines bedeuten konnte. „Bitte nicht!“

„Mister Lupin, es tut mir leid, aber es ist etwas Schreckliches passiert.“, begann Dumbledore. Er setzte sich zu Remus und legte ihm die Hand auf die Schulter, ignorierte die Nacktheit des Schülers. „Mister Snape ist heute Nacht in diesen Gang eingedrungen. Er traf auf ihre Wolfsform.“

„Nein!“, entfuhr es Remus entsetzt. „Ist er … ist er tot?“

Der Schulleiter schüttelte den Kopf. „Nicht tot. Schwer verletzt. Wir mussten ihn ins St. Mungos bringen lassen, damit er eine Chance hat. Aber er wurde infiziert.“

„Er … er ist auch ein … Werwolf?“ Man konnte Remus den Schock deutlich ansehen. Poppy erbarmte sich und rief die Kleidung des Dunkelblonden auf, die in der heulenden Hütte lag, hexte sie ihm an. „Was … was passiert jetzt?“ Die ersten Tränen lösten sich aus seinen Augen.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Dumbledore ehrlich. „Mister Potter hat sich an mich gewandt, als er hörte, dass Mister Snape in den Geheimgang kommen wollte. Leider kamen wir zu spät, um die Attacke zu verhindern. Wir konnten nur verhindern, dass er getötet wurde.“

„Nein! Nein! Nein!“, schüttelte Remus ungläubig und vollkommen außer sich den Kopf. „James, wie konnte das passieren? Ihr … ihr wolltet doch immer … Bitte nicht, bitte nicht!“ Er schniefte und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ab.

„Remus, es tut mir leid!“, umarmte ihn James. „Ich bin da, ich helfe dir, egal was kommt.“ Er atmete tief durch, dann erzählte er die Geschichte, die auch Dumbledore bereits kannte.

„Warum?“, wisperte Remus am Ende. „Wie konnte Sirius das nur tun?“

„Ich weiß es nicht.“, war James' leise Antwort. „Ich denke, er wollte ihm Angst machen und dich beschützen, aber das lief komplett aus dem Ruder.“

„Dieser Vollidiot!“, fauchte Remus mit einem Mal. „Mich beschützen? Was wollte er erreichen? Sollte Moony Snape umbringen? Sirius kann das doch nicht ernsthaft geplant haben! Sie … sie werden mich nach … nach Askaban bringen!“ Seine Stimme war nur noch ein Hauch, als er das sagte.

„Kommen sie, Mister Lupin, gehen wir erst einmal in den Krankenflügel, damit ich sie untersuchen kann.“, mischte sich Poppy nun ein. „Außerdem brauchen sie ihre Tränke und ein Bett, später dann etwas zu essen.“ Sie half ihm hoch und führte ihn resolut mit sich. James und Dumbledore folgten ihnen. Ziemlich besorgt.

Eine halbe Stunde später lag Remus endlich schlafend im Bett, wobei er nur aufgrund eines Trankes überhaupt schlafen konnte. Noch immer waren seine Augen rot und geschwollen vom Weinen. Er war vollkommen verzweifelt an der Tatsache, dass er Snape verwandelt hatte. James konnte nicht viel tun, er hielt Remus noch immer im Arm, lag dafür sogar in einem Bett mit ihm. Er würde alles tun, um seinem Freund zu helfen, aber viel gab es gerade nicht. Dumbledore hingegen hatte sich verabschiedet, er wollte mit Peter reden, bevor das Ministerium kam. Dass noch jemand von dort kommen würde, stand unweigerlich fest. Sie wussten nur nicht, wie schnell.

 

Währenddessen kämpften die Heiler in London um das Leben des jungen Slytherin, der mit schweren Verletzungen bei ihnen eingeliefert wurde. Bereits im Krankenflügel in Hogwarts war klar gewesen, wodurch diese Verletzungen und vor allem das hohe Fieber hervorgerufen worden waren. Es gab keine Möglichkeit, die Infektion an sich zu bekämpfen, der Junge würde sich auf jeden Fall verwandeln, sollte er die Verletzungen überleben. Die Heiler fragten sich, was aus ihm werden würde. Aber zunächst einmal war es vorrangig, sein Leben zu retten, also nutzten sie magische und nicht-magische Methoden gleichermaßen. Verschiedene Tränke, die direkt in den Magen gezaubert wurden, kämpften gegen das Fieber und dämmten die Blutungen ein, reduzierten sicherlich auch die Schmerzen und sorgten dafür, dass die gebrochenen Rippen und das zertrümmerte Schulterblatt heilten, während eine Bluttransfusion in die Vene sickerte, um den Blutverlust wenigstens etwas auszugleichen. Ein junger, angehender Heiler, der in der Muggelwelt aufgewachsen war – zufälligerweise als Sohn eines Ärzte-Ehepaares – nähte die Fleischwunden fachkundig und mit viel Fingerspitzengefühl in mühevoller Kleinstarbeit wieder zusammen, da Magie bei frisch gebissenen Werwölfen kaum wirkte. Selbst die Heiltränke entfalteten nicht ihre volle Wirkung, wenn sie nicht deutlich stärker dosiert wurden.

„Mehr können wir nicht tun.“, stellte der Älteste schließlich fest, der die Leitung dieser Behandlung übernommen hatte. „Jetzt ist es an dem Jungen. Ich danke ihnen für ihre Hilfe, Kolleginnen und Kollegen, sie haben sich ihren Feierabend mehr als verdient. Gehen sie nach Hause und schlafen sie, ich werde den Bericht schreiben und dem Ministerium den neuen Werwolf offiziell melden.“ Er seufzte. Das hier machte keiner von ihnen gerne, weil es gegen ihre Schweigepflicht ging, aber die Gesetze wollten es so. Jeder neue Werwolf musste gemeldet werden und sich registrieren, sobald er gesundheitlich dazu in der Lage war. Hier würden wohl die ministerialen Beamten in das Krankenhaus kommen, um den Jugendlichen zu vernehmen, sobald er dazu in der Lage war, Fragen zu beantworten. Bereits bei der Meldung der Medihexe von Hogwarts war eine Information an die Aurorenzentrale gegeben worden, daher war wahrscheinlich bereits ein Auror vor Ort in Hogwarts.

„Was wird nun aus ihm, Heiler Smethwyck?“, wollte der junge Lernheiler wissen, der die Wunden genäht hatte.

„Er kann nur hoffen, dass seine Familie noch am Leben ist und ihn akzeptiert, so wie er ist.“, seufzte Smethwyck erneut. „Ohne Unterstützung wird er es sehr schwer haben. Wahrscheinlich wird er sich irgendwann einem Rudel um Greyback anschließen, weil ihm sonst keine Möglichkeit bleibt.“ Smethwyck fand diese Zustände mehr als schrecklich, aber es gab derzeit nichts, was er dagegen tun könnte. Der Einzige, der eine Veränderung versprach, war der selbsternannte dunkle Lord, aber dem wollte er sich ganz sicher nicht anschließen. Heute würde er den jungen Werwolf jedenfalls nicht alleine lassen, auch wenn der bewusstlos war. Dennoch spürten gerade magische Wesen sehr deutlich, ob sie alleine waren oder nicht.

Ein leises Stöhnen löste sich von Severus' Lippen. Sobald er realisierte, dass er dieses Geräusch verursachte, presste Severus seine Lippen fest zusammen. Nur nicht auffallen, keine Schmerzen zeigen. Das war schon lange ein Zeichen von Schwäche. Ganz früher hätte er das tun können und wäre getröstet worden, aber diese Zeit war schon lange vorbei. Nur langsam kam sein Gehirn wieder in Gang, wie es schien. Die Augen bekam er im Moment nicht auf, es wirkte, als hätte er seit Tagen oder gar Wochen geschlafen, und nun war alles verklebt. Hoffentlich gab sich das, wenn er einfach lange genug wartete. Bis dahin konnte er versuchen, die Fragen zu beantworten, die sich ihm stellten. Nach und nach spürte er seinen Körper wieder, nur um im gleichen Moment zu realisieren, dass sein gesamter Körper brannte. Ein Bild entstand in seinem Geist: Er lag brennend irgendwo auf dem Boden. Er versuchte gar nicht erst, sich zu bewegen. Die Schmerzen, die er gerade hatte, reichten schon aus. Nur mit Mühe konnte er ein weiteres Stöhnen unterbinden. Langsam, konzentriere dich auf eine Sache, dachte er bei sich. Sein Kopf war ein wenig träge, aber interessanter Weise schmerzfrei. Zumindest fast. Ein wenig neblig, aber nicht weiter schmerzhaft. Doch die Erinnerungen waren getrübt. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher gekommen war, wo auch immer dieses ‚Hier‘ sein sollte. Außerdem hatte er keine Ahnung, woher die Schmerzen kamen. Vielleicht war es sinnvoll, herauszufinden, wo genau die Schmerzen waren. Also richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Körper. An den Füßen begann er. Er wackelte kurz mit seinen Zehen, bewegte die Füße und die Beine. Ein wenig steif und fast wie ein vor kurzem überstandener Muskelkater, aber keine wirklichen Schmerzen. Auch im Bauch war alles in Ordnung. Sein Magen fühlte sich ziemlich leer an, aber der Hunger hielt sich in Grenzen. Nährtränke, entschied er nach einem Moment. Beantwortete das seine Frage, wo er war? Vielleicht im Krankenflügel? Probeweise schnupperte er, nur um sofort zurück zu zucken und zu husten. Verdammt, was war das? Wollte ihn jemand vergiften? Die Gerüche erschlugen ihn beinahe. Wieso hatte er das vorher nicht bemerkt? Er war wohl zu beschäftigt gewesen mit anderen Dingen. Zurück zu seiner Nase. Automatisch sortierte er einige von den Aromen verschiedenen Tränken und Trankzutaten zu, aber es blieben noch eine Menge ihm unbekannter Gerüche übrig. Und alles erschien so unglaublich nah, als wäre es direkt unter seiner Nase!

Instinktiv hob Severus seine Hand, um diese Vermutung zu prüfen – und schrie auf. Ein wahnsinniger, scharfer, heißer, brennender Schmerz explodierte in seiner Schulter. Er wand sich, versuchte dem Schmerz zu entkommen, doch er verging einfach nicht, steigerte sich im Gegenteil immer weiter. Severus versuchte, ruhig zu bleiben, aber da er keine Ahnung hatte, was diesen Schmerz auslöste und darüber hinaus nicht wusste, wo er sich befand, stieg panische Angst in ihm auf. Er presste seine andere Hand fest auf die schmerzende Schulter, in dem verzweifelten Versuch, den Schmerz irgendwie zu kompensieren. Seine Schreie hatten sicherlich irgendjemanden geweckt! Was würde nun passieren? Oft genug hatte er sich bereits von verschiedenen Menschen sagen lassen müssen, dass sie es nicht schätzten, durch sein Geschrei aufgeweckt zu werden. Der Jugendliche warf sich in seinem Bett herum, biss in das Kissen, um die Schreie zu ersticken. Er merkte nicht, dass durch die Bewegung seine Verletzungen zum Teil erneut aufrissen und zu bluten begannen. Den Heiler, der herein kam und ihm einen Trank geben wollte, bekam er erst Recht nicht mit. Erst die Berührung an seiner schmerzfreien Schulter spürte er. Sofort erstarrte er, bevor er sich zusammen krümmte und seine Arme so gut es ging anhob, um den Kopf zu schützen.

„Ruhig, junger Mann.“, drang schließlich eine dunkle Stimme zu ihm durch. „Sie sind im Krankenhaus, im St. Mungos. Ich habe hier einen Trank, der gegen die Schmerzen helfen sollte. Und dann muss ich ihre Wunden neu versorgen. Sie sind sicher, keine Angst.“

Doch Severus glaubte ihm nicht. Er roch etwas, das er nicht vollständig zuordnen konnte. Wieso konnte er auf einmal so intensiv riechen? Er war aus irgendeinem Grund sicher, dass der Heiler vor ihm nicht die ganze Wahrheit sprach. Er log nicht direkt, aber es fehlte ein Teil. Woher er das wusste, konnte er nicht sagen, aber es war wie ein Instinkt in ihm. Seine Nasenflügel blähten sich auf, als er alle Gerüche um sich herum wahrzunehmen versuchte. Nicht alle konnte er zuordnen, noch immer nicht, aber einige davon rochen nach Gefahr. Severus zwang seine Augen auf. Es war beinahe dunkel im Zimmer, oder so schien es. Dennoch sah er klar und deutlich. Verunsichert schüttelte er den Kopf, schloss die Augen und öffnete sie erneut, doch nichts änderte sich. Was war hier los? Jetzt, da er sich darauf konzentrierte, spürte er auch, dass die Berührungen der Bettdecke sich anders als früher anfühlten. Intensiver. Er konnte die Struktur des Bettbezuges spüren. Selbst die leise, eigentlich nicht wahrnehmbare Brise, die durch die geschlossene Tür kam, fühlte er auf seinen Armen. Seine Augen weiteten sich. Was bedeutete das alles? Was war passiert?

Verwirrt und verunsichert, wie er war, wich er zurück, als der Heiler einen Schritt auf ihn zu machte. „Junge, ich will dir nichts tun, ich habe hier einen Trank für dich.“, murmelte der Heiler in einem beruhigenden Tonfall. Diesmal glaubte Severus ihm, und griff vorsichtig nach der Phiole. Er schnupperte daran und merkte nur, dass es intensiver als sonst roch, aber der Geruch an sich war richtig. War der Schmerztrank stärker als gewöhnlich? Ihm sollte es Recht sein, damit würde er wohl wieder klarer denken können. Mit diesen Schmerzen war es unmöglich.

Zufrieden nickte der Heiler, als Severus die Phiole in einem Zug leerte. „Darf ich nun nach ihren Wunden sehen?“, wollte er wissen. „Sie verlieren ziemlich viel Blut, Mister Snape.“

Blut? Stimmt, er konnte es riechen. Jetzt, da sich die Schmerzen deutlich reduzierten, schaffte es Severus, sich auch auf andere Dinge zu konzentrieren. Wirklich zu konzentrieren. Zögernd nickte er und ließ zu, dass der Heiler sein Shirt weg zauberte. Ein wenig unwohl fühlte er sich dabei schon, aber es hielt sich in Grenzen. Er hatte schon Schlimmeres überstanden. Während der Heiler ruhig und professionell an seiner Schulter arbeitete – Severus weigerte sich, hinzusehen – dachte er darüber nach, wie er denn nun hier im St. Mungos gelandet war. Was war das Letzte, woran er sich erinnern konnte? Die Bibliothek, genau. Er war dort gewesen, um seine Hausaufgaben zu erledigen. Für einen Aufsatz in Verwandlung hatte er nach einem Buch gesucht. Gerade, als er es gefunden hatte, hörte er nur eine Regalreihe weiter Black reden. Gemeinsam mit Pettigrew hatte er dort gestanden und sich über Lupin unterhalten. Bei dem Gedanken schauderte Severus unwillkürlich, auch wenn er gerade nicht genau wusste, weshalb. Worüber hatten die Beiden geredet? Lupins Geheimnis! Er war sicher gewesen, nun einen Schritt weiter zu sein, wollte herausfinden, was hinter dem regelmäßigen Verschwinden steckte, um damit die Rumtreiber endlich in ihre Schranken weisen zu können.

Plötzlich erinnerte sich Severus. Zitternd wich er zurück, als ihn eine Welle aus Angst und Panik überflutete. Hektisch atmete er ein, auch wenn er das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Lupin war ein Werwolf! Er erinnerte sich an die Zähne, an die Klauen, an die gelben Augen, spürte erneut die Atmung in seinem Nacken. Aufschreiend warf er sich zur Seite, in der Hoffnung, den Zähnen dieses Mal zu entkommen, auch wenn er wusste, es war zu spät. Er war bereits gebissen. Jetzt wusste er auch, was die Schmerzen und die veränderten Sinne bedeuteten. Lupin hatte ihn verwandelt, ihn zu einem verfluchten Leben verdammt! Er schlug um sich, als er eine Berührung spürte, konnte nicht mehr unterscheiden, ob etwas gut oder schlecht war. Für ihn waren alles Zähne und Klauen, die Schmerzen und Verwandlung brachten. Er wollte, er musste ausweichen! Die Panik steigerte sich immer weiter, bis ihn gleichzeitig drei Zauber trafen, die ihn lähmen sollten. Ein einzelner Zauber hatte nicht gewirkt, der Heiler hatte Verstärkung gerufen. Die plötzliche Bewegungslosigkeit jedoch steigerte die Panik in Severus nur noch. Seine Fantasie war in der Beziehung sehr lebhaft und spielte ihm immer neue Möglichkeiten vor, wie es nun weitergehen könnte.

Bis mit einem Mal eine ruhige Stimme zu ihm durchdrang. Dunkel, entspannt, beruhigend. Es dauerte eine Weile, bis Severus realisierte, dass sie mit ihm sprach. Obwohl er die Worte nicht verstand, klammerte er sich am Klang dieser Stimme fest. Langsam ließ die akute Panik nach, wenn auch die Angst blieb. Was passierte nun mit ihm? Er war ein Monster, eine Bestie. Seine Atmung beschleunigte sich erneut. „Ruhig, mein Junge.“, waren die ersten Worte, die er verstand. „Du bist in Sicherheit, dir passiert nichts mehr. Ja, du hast eine Menge hinter dir, und wahrlich viel zu verdauen, aber hier im St. Mungos kannst du dir die Zeit nehmen. Hab keine Angst mehr. Niemand wird zu dir kommen, außer den Heilern, außer du wünscht etwas anderes.“ Severus atmete mehrmals tief durch. „So ist es gut, mein Junge. Tief atmen. Ich kann dir nicht versprechen, dass alles gut wird, aber ich verspreche dir, dass ich da sein werde, wenn du mich brauchst. Ich werde jetzt den Zauber von dir nehmen, ich denke, du bist nun ruhig genug, dass du dich nicht mehr selbst verletzt.“

Dankbar schlug Severus die Augen auf, als er die Kontrolle über seinen Körper zurück hatte. Er erblickte einen älteren Heiler, zumindest trug er die Kleidung des Krankenhauses. Der Mann hatte es sich neben dem Bett auf einem Stuhl bequem gemacht. Die weißen Haare erinnerten ein wenig an Dumbledore, aber nur wenig. Sie waren deutlich kürzer und leicht gelockt. Ein kleiner Schnurrbart zierte die Oberlippe des Heilers und versteckte ein leises Schmunzeln, das sich ausbreitete, während er die Musterung seines Patienten über sich ergehen ließ. Severus hatte keine Ahnung, wer der Mann war, aber seine Anwesenheit war seltsam tröstend und beruhigend.

„Ich bin Heiler Hippocrates Smethwyck.“, stellte sich der Ältere vor. „Wir haben ihre Verletzungen versorgt, allerdings ist es durch die Infektion schwer, denn vor der ersten Verwandlung verheilen Verletzungen bei Neu-Werwölfen schlecht. Aber das ist nicht das vordergründige Problem aus meiner Sicht. Mister Snape, ...“

„Bitte, sagen sie Severus zu mir.“, bat der Jugendliche leise. Der Name erinnerte ihn an viel zu viele Dinge, die er eigentlich vergessen wollte.

„Gerne, Severus.“, nickte der Heiler. Immerhin zeigte diese Bitte, dass der Schüler bereits ein gewisses Maß an Vertrauen zu haben schien. „Also, was ich sagen wollte: Vor allem seelisch brauchen sie sicherlich Hilfe, das alles zu verarbeiten. Ich weiß nicht, ob ich der richtige Ansprechpartner bin, aber ich biete ihnen an, zu mir zu kommen, wenn sie reden wollen. Oder kann ich jemanden für sie verständigen? Ein Verwandter vielleicht?“

Kurz dachte Severus an seine beste Freundin. Aber wollte er mit ihr über all das reden? Ansonsten gab es niemanden, nicht mehr. Zögernd sah er zu dem Heiler. „Es gibt niemanden, mit dem ich darüber reden könnte.“, gab er zu. „Aber ich würde gerne jemanden sehen. Lily Evans, eine Mitschülerin aus Gryffindor.“

„Ah, die junge Dame war bereits hier!“, lächelte Smethwyck. „Ihre Hauslehrerin hat sie hergebracht, allerdings war das eine Ausnahme. Erst, wenn das Schuljahr zu Ende ist, kann sie wieder kommen, aber ich vermute, bis dahin sind sie wohl nicht mehr hier. Wir werden erst einmal die Verwandlung abwarten und dann weitersehen. Sie sind seit etwas über einer Woche hier, das bedeutet, noch drei Wochen bleiben sie hier bei uns.“ Er stand auf. „Ich habe jetzt einige Stunden Dienst hier auf der Station. Wenn sie mich brauchen, Severus, zögern sie nicht, nach mir zu fragen.“ Er wusste, dass der Jugendliche nicht sofort sprechen würde, aber er war da, wenn Severus reden wollte. Er schenkte Severus ein beruhigendes, aufmunterndes Lächeln, dann verließ er den Raum. Zurück ließ er einen immer noch beinahe panischen Jugendlichen.

In den nächsten Tagen durchlief Severus weitere, teilweise sehr heftige Panikattacken. Immer war Smethwyck da, sprach ruhig mit ihm. Nach und nach öffnete sich Severus und begann, mit dem Heiler zu reden. Stockend, unsicher, aber er sprach über seine Ängste. Smethwyck war da, seine ruhige und aufmerksame Art half Severus sehr. Von Tag zu Tag wurde er ruhiger. Bis sich, eine Woche nach seinem Erwachen, plötzlich etwas änderte. Was genau es war, konnte im Nachhinein niemand mehr sagen. Im einen Moment sprach Severus noch über seine Angst vor der Verwandlung, im nächsten Moment zogen sich seine Augen zusammen und er sprang auf.

Rasend vor Wut tobte er durch das Krankenzimmer, warf alles, was er in die Hand bekam, gegen die Wände, schrie und fluchte, vor allem auf Lupin und Black. Der Heiler ließ ihn, wartete einfach ab. Er sorgte nur dafür, dass sich sein Patient nicht verletzen konnte.

„Dieses verdammte Monster!“, schrie er. „Dieses Tier gehört eingesperrt, verflucht nochmal! Warum darf so ein dreckiges, verlaustes, stinkendes, gefährliches … Etwas überhaupt in die Schule?“ Mit aller Kraft hieb er gegen die Wand, ohne zu merken, dass es weh tat. Gerade schmerzte es viel stärker, den Verrat zu erkennen. „Und der Alte wusste es! Er wusste es immer, und trotzdem hat er dieses Monster, diesen Freak, in eine Schule voller Kinder gelassen! Er hätte alle töten können, aber er ist ja nicht Schuld, das arme Monster ist ja nur ein Opfer! Es war ja nur ein dummer Slytherin, da macht man nichts. Ist ja halb so schlimm, so lange es keinen Gryffindor trifft! Diese Arschlöcher können machen, was sie wollen, sie werden nie bestraft. NIE!“ Seine Stimme überschlug sich. Das Kissen musste daran glauben, er riss es mit den Worten entzwei. Überall flogen die Federn, aber Severus realisierte es nicht einmal. Seine Magie machte einfach weiter, ließ die Federn immer wieder wie in einem Tornado umher fliegen. Dazu gesellten sich auch Kleidungsstücke, Phiolen, selbst seine wenigen Toilettenartikel. Alles flog in einem wilden Sturm um ihn herum.

„Wen kümmert es, dass mein Leben jetzt verflucht ist? Es ist egal, immerhin bin ich doch nur ein unwürdiger Slytherin, ein dreckiges Halbblut, und jetzt auch noch ein Monster!“, tobte Severus weiter. „Die Gryffindors werden sich schlapp lachen, endlich haben sie mich von der Schule weg. Und dieses Monster und seine Helfer sind immer noch da! Wie immer passiert ihnen einfach nichts, alle Schuld wird auf mich abgewälzt! Ich wünschte, sie würden draufgehen, ich wünschte, sie würden alle das Gleiche erleiden! Stecken wir sie alle in diese beschissene Hütte, und dann zünden wir sie am besten an! Es trifft keinen Falschen!“

Und so ging es immer weiter. Smethwyck war ziemlich erleichtert, dass nur er diesen Ausbruch zu hören bekam – dafür hatte er einen Zauber gewirkt – denn die Auroren würden seinen Patienten dafür sicherlich verhaften. Aber das musste einfach raus, damit der Junge anfangen konnte, alles zu verarbeiten. Erst danach konnten sie sich mit der Zukunft befassen, falls sie die Chance dazu bekamen.

Irgendwann sank Severus erschöpft auf sein Bett. Erst jetzt realisierte er, welches Chaos er verbreitet hatte. „Es tut mir leid.“, entschuldigte er sich bei dem Heiler. Er mochte den ruhigen, verständnisvollen Mann sehr, und es war ihm peinlich, dass dieser seine Wut beobachtet hatte.

Smethwyck winkte ab. „Fühlen sie sich jetzt besser, Severus?“, wollte er wissen. Ziemlich überrumpelt nickte der Jugendliche. „Keine Sorge, das ist vollkommen in Ordnung. Die Wut ist verständlich und muss einfach raus. Ich denke, jetzt kommen wir einen Schritt weiter. Wir werden uns mit ihrer Wut befassen. Aber für heute lassen wir es gut sein. Ruhen sie sich aus, Severus, essen sie etwas, und morgen reden wir darüber.“

„Danke.“, krächzte Severus. Vom vielen Schreien war er ziemlich heiser. Es war ihm, trotz der Versicherung des Heilers, peinlich, so reagiert zu haben. Jetzt schob sich ein Buch in sein Blickfeld.

„Das hier beschäftigt sich mit Psychologie.“, erklärte der Heiler. Man konnte ein Schmunzeln hören. „Lesen sie es, Severus, ich denke, dann werden sie einiges besser verstehen. Wir sehen uns morgen.“ Sein Lächeln verbreitete sich, als er sah, wie Severus das Buch sofort aufschlug und mit dem Lesen begann. Ja, das würde dem Jungen gut tun. Es gab seinem Kopf eine Beschäftigung. Die meiste Zeit beschäftigte er sich mit dem, was passiert war, wobei er sich ziemlich in die ganze Sache hinein steigerte. Offensichtlich hatte der Schüler niemanden, der ihm helfen konnte. Smethwyck war froh, ihm helfen zu können. Er war nicht sicher, ob er Severus verraten sollte, warum er sich so sehr um ihn kümmerte. Sein Bruder war vor etwa dreißig Jahren ebenfalls gebissen worden. Niemand hatte sich um ihn gekümmert. Hippocrates selbst war noch zu jung gewesen, um sich kümmern zu können, aber er hatte sich geschworen, zu helfen, wann immer er konnte. Meist kamen die frisch gebissenen Neu-Werwölfe nicht zu ihnen. Fast alle schlossen sich Greyback – und damit dem Unnennbaren – an. Er hoffte, dass Severus klüger war. Allerdings hatte in seinem Fall auch das Ministerium wohl noch ein Wort mitzureden. Er seufzte und schüttelte den Kopf. Es gab nur wenig, was er tun konnte. Aber das würde er auch tun.

Severus hingegen widmete sich dem Buch, dankbar für die Ablenkung. Die Angst war nun weg, aber die Wut pulsierte spürbar in seinem Körper. Er wollte nicht erneut so ausrasten, das erinnerte ihn viel zu sehr an seinen eigenen Vater. Dabei hatte er nie so impulsiv werden wollen. Schon seit seiner Kindheit kämpfte er um seine eigene Beherrschung. Die Gefühle unter Kontrolle zu halten, unter allen Umständen. Meist gelang ihm das auch ganz gut, doch Momente wie heute zeigten ihm, dass er noch einen langen Weg vor sich hatte. Als er noch kleiner gewesen war, hatte er ab und zu mit Lily ferngesehen. Manchmal hatten sie eine amerikanische Serie angeschaut, Star Trek. Sein Vorbild seit damals: Mister Spock, der Halbvulkanier, der sich eigentlich nie aus der Ruhe bringen ließ, seine Gefühle vollständig unter Kontrolle hatte. Der trotz den Schwierigkeiten in seiner Kindheit – ein Halbblut zu sein ließ einen irgendwie nie richtig dazugehören, egal wann und wo man lebte – eine Heimat, und noch viel wichtiger, eine Familie gefunden hatte. Das gab auch ihm Hoffnung, dass eines Tages alles besser werden konnte. Dafür strengte er sich an, dafür kämpfte er. In den letzten Tagen nicht, aber jetzt, beim Lesen, als er ruhig genug war, erinnerte er sich wieder an diese Ziele.

Doch wozu wäre das alles gut, wenn er am Ende doch nur Ablehnung treffen würde? In der Zauberwelt wurden Werwölfe gleichgestellt mit Abschaum, Todessern, mordenden Bestien. Genauso würden die Menschen über ihn denken. Das Ministerium beobachtete alle bekannten Werwölfe sehr genau, ihnen blieben nur wenige Möglichkeiten. Dass Lupin zur Schule gehen konnte, hatte Dumbledore sicher Einiges gekostet. Immer wieder änderten sich die Gesetze, so schnell, dass kaum jemand mitkam. Mal durften sie Zauberstäbe haben, dann wieder nicht, mal war ihnen Arbeiten gestattet, dann wieder nicht. Jedes Mal, wenn der Gamot sich traf, schufen sie neue Gesetze, so schien es. In Zukunft musste er sich wohl mehr damit beschäftigen.

Resignierend legte Severus das Buch beiseite und schloss die Augen. So wie es aussah, hatte er kaum noch eine Chance, sein Ziel – Tränkemeister zu werden – zu erreichen. Wofür also noch kämpfen? Dazu kam, dass er immer stärker werdende Schmerzen in seiner Schulter spürte, da nun die Tränke nachließen. Apathisch schluckte er, was ein junger Heiler ihm brachte, schlief ein, als die Tränke Wirkung zeigten.

„Ruhe im Gerichtssaal!“, donnerte die Stimme des Vorsitzenden. Der alte Verhandlungsraum im Keller des Ministeriums war voller Menschen. Sie alle waren neugierig, denn heute sollte die Verhandlung gegen mehrere Hogwarts-Schüler stattfinden. Schnell hatte sich vor einigen Wochen herumgesprochen, was in der Schule passiert war. Das hatte ihm Lily bei einem kurzen Besuch am letzten Wochenende erzählt. Sie war in Begleitung von McGonagall gekommen, aber der Besuch war merkwürdig steif deswegen geworden, da keiner von ihnen frei sprechen konnte unter der strengen Beobachtung. Die Professorin war offensichtlich unwillig gewesen, aber sie hatte Lily begleitet. Severus hatte sie bald wieder verabschiedet, weil sie Beide sich unwohl fühlten, so beobachtet zu werden. Eine Eule hatte ihm später einen Brief gebracht. Darin schrieb Lily, dass es ihr leid tat, nur so kurz dagewesen zu sein. Außerdem erzählte sie, dass derzeit die Rumtreiber zwar beobachtet wurden, aber bis zum Prozess tatsächlich weiter den Unterricht besuchen durften. Ansonsten allerdings hatten sie Hausarrest und durften ihre Zauberstäbe nur unter Aufsicht nutzen. Der Schwarzhaarige konnte es noch immer nicht glauben, dass sie nicht strenger bestraft wurden dafür. Aber Lily zufolge galt wohl auch hier das Prinzip der Unschuld, so lange, bis das Gegenteil bewiesen war. Sollten sie – wider Erwarten – frei gesprochen werden, hatten sie dann keine Möglichkeit, auf Schadenersatz zu klagen. Da zwei der Rumtreiber aus alten, reichen Familien stammten und außerdem die Gryffindors die Lieblinge des Schulleiters waren, klang das logisch in Severus' Augen. Lily schien ebenfalls dieser Meinung zu sein. Sie entschuldigte sich bereits jetzt, dass sie ihn nach dem Ende des Schuljahres nicht besuchen konnte, da ihre Eltern direkt am ersten Ferientag mit ihr und ihrer Schwester in den Urlaub wollten. Er solle ihr schreiben, wo er danach war, dann würde sie ihn besuchen.

Da Severus Snape inzwischen auf dem Weg der Besserung war – auch seine erste Verwandlung hatte er im St. Mungos vor wenigen Tagen überstanden – war auch er vorgeladen zur Verhandlung. Er war nicht ganz sicher, ob er nun angeklagt oder Zeuge war, aber es machte keinen Unterschied. So wirklich nahm er alles um sich herum nicht auf, dafür war sein Zustand noch nicht gut genug. Die Heiler, allen voran Smethwyck, hatten energisch protestiert, als sie erfuhren, dass auch Severus heute anwesend sein musste, aber ein Gutachter hatte befunden, er sei prozessfähig, also musste er kommen. Heiler Smethwyck begleitete ihn, um seinen gesundheitlichen Zustand zu überwachen. Severus war froh, wenigstens ein vertrautes Gesicht zu sehen und jemanden zu haben, der an ihn glaubte, auch wenn Smethwyck neutral sein musste, um bleiben zu können. Nach und nach wurde es still im Saal. Endlich setzte sich auch der Vorsitzende auf seinen Platz und eröffnete die Verhandlung. „Sirius Black, setzen sie sich auf den Stuhl!“, befahl er und deutete auf den Platz mitten im Raum. Ein Holzstuhl mit einer hohen Rückenlehne und Armlehnen, an denen Ketten leise klirrten. Sollte man Fluchtgedanken hegen, würden sie zuschnappen. Derzeit rasselten sie zwar, aber sie fesselten den Jugendlichen nicht. Auch die Ketten an den Stuhlbeinen reagierten ähnlich. Nur zögerlich setzte sich Sirius.

„Mister Sirius Black, geboren am 3. November 1959?“, versicherte sich der Sprecher des Gamot.

„Ja, Sir.“, nickte der Gryffindor.

„Mister Black, ihnen wird vorgeworfen, am 25. Mai 1975, also vor fünf Wochen, willentlich einen Mitschüler, namentlich Severus Snape, in den Geheimgang unter die peitschende Weide gelockt zu haben, in dem vollen Wissen, dass er dort auf eine gefährliche Kreatur treffen kann, nämlich einen verwandelten Werwolf, da in besagter Nacht Vollmond war. Sie wussten, dass dieser Werwolf dort sein würde, und auch, dass Mister Snape sich nicht gegen ihn wehren konnte. Mister Snape wurde in dieser Nacht gebissen und in einen Werwolf verwandelt, nur das beherzte Eingreifen von Mister James Potter und Professor Dumbledore verhinderte die Tötung des Slytherin-Schülers. Wollen sie sich zu dieser Anklage äußern?“, wollte ein weiteres Mitglied des Zaubergamot wissen, der heute vollzählig erschienen war. Nur ein Sitz war frei – der von Dumbledore. Der Weißhaarige saß auf der Zeugenbank, in der Nähe von Severus.

„Ich wollte ihn nur erschrecken.“, verteidigte sich Sirius, auch wenn ein Anwalt ihm abriet, sich zu Wort zu melden. „Ich dachte, er würde Angst kriegen und abhauen, und uns danach endlich in Ruhe lassen, ich konnte ja nicht ahnen, dass der Idiot bis zur Hütte geht, obwohl er Moony gehört haben muss.“

Severus verfolgte das Geschehen ziemlich teilnahmslos, noch immer hatte er leichtes Fieber und konnte nicht klar denken, was aber laut den Heilern keine körperliche Ursache mehr hatte. Die Verwandlung hatte er irgendwie überstanden, aber sein Zustand war noch immer kritisch gewesen, als der Vollmond ihn dazu zwang. An die Nacht selbst hatte er keinerlei Erinnerungen, alles war schwarz. Das machte ihm Angst, nicht zu wissen, was da passiert war. Er wusste nur, dass die Heiler ihn dafür ruhig gestellt hatten. Dank der neuen Gene heilte er nun deutlich schneller als zuvor, aber noch immer war er nicht wieder gesund. Die Geschehnisse verfolgten ihn bis in seine Träume und ließen ihn vor Angst zittern und schreiend hochfahren. Erst, als alle aufstehen mussten, riss er sich aus seinen Gedanken. Er hatte nicht mitbekommen, wie gegen Sirius Black verhandelt worden war, direkt nach der ersten Antwort war er völlig abgedriftet. Jetzt konzentrierte er sich wieder auf das Geschehen um ihn herum.

„Sirius Black, wir verurteilen sie zu fünf Jahren Askaban. Nur aufgrund der Tatsache, dass sie noch nicht volljährig sind, bleibt es bei fünf Jahren, ansonsten hätten sie zehn Jahre bekommen. Ihr Zauberstab wird zerbrochen und die Magie wird in ihnen versiegelt. Nach Askaban bekommen sie die Möglichkeit, normal zu leben und zu zeigen, dass sie verantwortungsbewusster sein können, als es bisher der Fall war. Ihre Magie jedoch bleibt versiegelt.“, verkündete der Vorsitzende das Urteil gegen den Schwarzhaarigen aus Gryffindor.

Entsetzt starrte Sirius den Richter an, danach seinen besten Freund James, der als Zeuge wohl bereits ausgesagt hatte. „Nein! Nicht Askaban! Bitte nicht! Ich wollte das doch nicht!“, schrie Sirius auf. Zwei Auroren hielten ihn fest, während ein dritter den Zauberstab des Grauäugigen vor ihm in zwei Teile brach. Anschließend richtete er seinen eigenen Zauberstab auf Sirius. Schreiend krampfte der sich zusammen, als seine Magie in ihm versiegelt wurde. Offenbar war das äußerst schmerzhaft. Schlaff und zitternd hing er nach wenigen Minuten in den Armen der Auroren, die ihn direkt abführten.

Bevor sich jemand so weit erholen konnte, dass er etwas sagen wollte, klopfte der Richter bereits erneut mit seinem Hammer auf sein Pult. „Mister Potter, wir haben ihre Aussage gehört, die uns zeigt, dass sie verhindern wollten, was passierte. Leider waren sie zu langsam. Dennoch haben auch sie sich strafbar gemacht, sie sind ein illegaler Animagus. Normalerweise steht auch darauf Askaban, doch wir sind uns einig, dass das hier nicht die richtige Vorgehensweise wäre. Daher werden sie sich noch heute registrieren und eine Strafe in Höhe von 1.500 Galleonen bezahlen. Sollte nichts mehr in dieser Richtung vorfallen, bleibt es bei dieser Verwarnung, ansonsten werden sie ebenfalls Askaban von innen kennen lernen, und da sie, soweit ich weiß, Auror werden wollen, sollten sie das unterlassen, das macht sich nicht gut in der Bewerbung.“ James nickte nur kurz, aber man sah ihm die Erleichterung an.

Die Menge murmelte wild durcheinander, sodass keiner ein Wort verstehen konnte, aber sie alle schienen beruhigt durch die beiden harten Urteile. Schon lange forderten die Menschen, dass hart gegen Straftäter vorgegangen werden musste und nun waren sie wohl zufrieden. „Ruhe!“, forderte der Vorsitzende erneut. „Die Aussagen von Mister Black und Mister Potter haben gezeigt, dass Mister Pettigrew nichts mit der ganzen Sache zu tun hatte, also wird die Anklage gegen ihn fallen gelassen. Er wurde nur unwissentlich zum Mittäter, was ihm aber niemand zur Last legen kann. Allerdings ist auch er ein nicht registrierter Animagus, wie sich durch die Aussagen gezeigt hat, daher wird auch er eine Strafe von 1.500 Galleonen zahlen müssen und eine Verwarnung erhalten, genauso wird er registriert. Allerdings wird die Geldstrafe nicht in seinem Strafregister landen, genau wie bei Mister Potter. Remus Lupin, sie sind der Nächste, setzen sie sich hier hin.“ Erneut deutete er auf den Stuhl in der Mitte.

Mit zitternden Beinen taumelte Remus dorthin und setzte sich. Im Zuschauerraum konnte man leises Schluchzen einer Frau hören. Der Mann neben ihr sah Remus so ähnlich, dass er sein Vater sein musste. Beide wirkten völlig entsetzt und absolut hilflos, als sie zusehen mussten, wie ihr Sohn vor Gericht stand. Der Mann nahm seine Frau in den Arm, hielt sie fest, damit sie nicht aufsprang und am Ende aus dem Saal geworfen wurde.

„Mister Lupin, ihr voller Name ist Remus John Lupin, sie wurden am 10. März 1960 geboren?“, fragte der Sprecher des Gamot.

„Richtig.“, bestätigte der Dunkelblonde zitternd und leise.

„Sie wissen, dass sie nur unter der Voraussetzung nach Hogwarts durften, wenn sichergestellt ist, niemandem wird Schaden zugefügt durch ihre … Erkrankung? Nicht nur, dass sie ihre Freunde dazu brachten, sich illegaler Weise in Animagi zu verwandeln, nun haben sie auch noch einen Mitschüler gebissen und verwandelt.“, machte der Sprecher weiter.

„Ja, aber … ich wollte das nicht!“, fuhr Remus auf, bevor er wieder in sich zusammen sank. „Es tut mir leid!“, wisperte er noch. Sein Blick suchte den von Severus, konnte ihm aber nicht standhalten.

Es dauerte nicht besonders lange, bis der Gamot entschied, was mit Remus passieren sollte: „Mister Lupin, auch wenn sie nicht bewusst ihren Schulkameraden gebissen und verwandelt haben, so gingen sie doch immer wieder bewusst ein Risiko ein, weil sie nahe an der Schule waren und sich nicht besser versicherten, dass niemand in ihre Nähe kommen kann. Deshalb haben wir entschieden, ihre Magie zu versiegeln. Ihr Zauberstab wird zerbrochen und sie werden ein Jahr und 10 Monate in Askaban sitzen müssen. Danach werden wir überprüfen, wo und wie sie leben, um sicher zu stellen, dass niemand mehr durch ihre Verwandlung gefährdet werden kann.“

„Nein! Nicht nach Askaban, bitte nicht!“, flehte Remus weinend. „Bitte nicht, ich wollte das doch nicht!“ Doch die Auroren kannten kein Pardon, zwei von ihnen nahmen Remus in ihre Mitte und brachten ihn nach draußen. Seine Mutter brach schluchzend zusammen und auch seinem Vater sah man das Entsetzen deutlich an, als er seine Frau nach draußen brachte.

Der Nächste, der sich vor dem Gamot verantworten musste, war Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore. Er schilderte zunächst, wie er von der Situation erfahren und wie er dann darauf reagiert hatte. Er berichtete in kurzen, präzisen Worten, in welchem Zustand er Remus Lupin und Severus Snape vorgefunden hatte und mit welchen Zaubern er den Werwolf schlafen schickte. Außerdem erklärte er, wie sie Severus Snape in den Krankenflügel brachten. Danach beantwortete er Fragen, machte glaubhaft klar, dass er wirklich erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr, wie James Potter, Sirius Black und Peter Pettigrew die Schulregeln brachen, um mit dem Werwolf verbotener Weise im Wald zu laufen. Es dauerte eine Weile, bis der Gamot zufrieden war.

Der Vorsitzende ergriff am Ende das Wort. „Sie haben zugesagt, darauf zu achten, dass keinem der Schüler etwas passiert, auch wenn ein Werwolf nach Hogwarts kommt. Sie haben nicht verhindern können, was passierte, und doch war es ihre Verantwortung.“, bekundete er. „Daher haben wir bereits im Vorfeld dieser Verhandlung entschieden, dass sie nicht weiter der Leiter der Hogwarts Schule für Hexen und Zauberer sein können, da es den Eltern nicht zuzumuten ist, ihre Kinder weiter in ihre Hände zu geben. Zu viel Angst herrscht unter den Eltern, dass erneut etwas passieren könnte. Die Ereignisse haben sich weit herumgesprochen. Den Lehrberuf werden sie ebenfalls nicht mehr ausüben. Allerdings bleiben ihnen die Titel und auch der Sitz im Gamot erhalten, da sie nachweisbar nicht besser oder schneller hätten reagieren können.“

Der nun ehemalige Schulleiter wirkte beinahe erleichtert, wenn auch ein wenig enttäuscht. Es war bekannt, dass er sich – neben der Schule – intensiv um den Kampf gegen den Unnennbaren bemühte. Nun konnte er sich mit voller Kraft dieser Aufgabe widmen, auch wenn ihm die Schule und vor allem die Schüler sicherlich fehlen würden. Er wirkte müde und ziemlich alt, als er jetzt den Stuhl in der Mitte verließ.

Der Vorsitzende sprach weiter: „Madam Pomfrey, bitte nehmen sie in der Mitte Platz.“ Die Medihexe befolgte die Anweisung angespannt. „Bitte schildern sie, was sie in dieser besagten Nacht erlebt haben.“

„Ich habe Mister Lupin wie bei jedem Vollmond gegen späten Nachmittag in die heulende Hütte gebracht und den Zugang versperrt.“, erklärte sie. „In dieser Nacht sollte der Mond gegen neun Uhr abends aufgehen. Mister Lupin war ab etwa halb sechs Uhr abends in der Hütte. Die Tür kann nur durch einen Zauber geöffnet werden. Mister Lupins Zauberstab war in meinem Büro im Krankenflügel. Gegen kurz vor Mitternacht wurde ich von einem Zauber alarmiert. Der liegt auf der Tür des Krankenflügels, damit ich weiß, wenn jemand meine Hilfe braucht. Der Schulleiter und Mister Potter brachten den schwerverletzten Severus Snape. Die Verletzungen waren eindeutig.“

„Wir haben ihre Berichte gesehen, sie haben sehr gute Arbeit geleistet.“, nickte ein Zauberer aus dem Gamot.

„Nun gut, nachdem Mister Snape ins St. Mungos verlegt worden war, habe ich etwas geschlafen, damit ich wieder in der Lage bin, meine Patienten zu versorgen.“, erzählte Madam Pomfrey weiter. „Als der Mond untergegangen war, bin ich in Richtung der heulenden Hütte gegangen, so wie immer. Ich fand Mister Lupin nackt im Geheimgang, mit Ausnahme einiger kleinerer Prellungen war er unverletzt. Er erwachte gerade aus seiner Bewusstlosigkeit, als ich eintraf, gemeinsam mit Professor Dumbledore und Mister Potter. Er war entsetzt, als er erkannte, was genau passiert war.“

„Vielen Dank, Madam Pomfrey.“, nickte der Vorsitzende. Der Gamot beriet sich nur kurz. Dann wurde Madam Pomfrey von dem Vorwurf der Fahrlässigkeit freigesprochen. Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand. Es gab keine Vorwürfe.

Nun war es an Severus, sich in die Mitte setzen zu müssen. Zitternd und leichenblass stand der Schwarzhaarige auf, er taumelte kurz, bevor er sich straffte und sich auf den Stuhl setzte. Noch immer hatte er starke Schmerzen und auch das Fieber war nicht vollkommen überstanden. Allerdings hatten die ministerialen Beamten entschieden, dass er fit genug für die Verhandlung war. Angstvoll wartete Severus auf das, was nun passierte. Wenn Lupin schon so schwer bestraft wurde, was wurde dann aus ihm? Lupin konnte doch nichts dafür, es waren die Instinkte des Wolfes gewesen. Ja, er fand es fürchterlich, dass er nun ein Werwolf war, aber er gab die Schuld nicht dem anderen Werwolf, sondern Black. Der war Schuld, er hatte ihn dorthin gelockt. Wissentlich. In den letzten Wochen hatte er viel darüber gegrübelt und war zu diesem Schluss gekommen. Vielleicht hatte er nur deshalb so gedacht, weil er nun auch ein Werwolf war? Wie so oft schauderte er bei dem Gedanken und zwang sich, dem Vorsitzenden konzentriert zuzuhören.

„Ihr Name ist Severus Snape, geboren am 9. Januar 1960?“, wurde auch bei ihm die erste Frage.

„Ja.“, nickte Severus.

„Bitte erzählen sie genau, was passiert ist.“, bat der Sprecher.

Severus atmete tief durch, er wusste nicht genau, wie er beginnen sollte. „Ich … ich war in der Bibliothek und konnte hören, wie Sirius Black etwas zu Peter Pettigrew sagte.“ Er konzentrierte sich darauf, seine Feindschaft nicht deutlich werden zu lassen. „Mir war nicht bewusst, dass es als Falle für mich gedacht war. Schon seit Jahren versuchte ich, herauszufinden, was hinter dem ständigen Verschwinden von Remus Lupin steckt. Diese Chance wollte ich mir daher nicht entgehen lassen. Im Nachhinein betrachtet war es idiotisch, das ist mir klar, aber ...“ Er brach ab, konnte selbst nicht genau erklären, was er gedacht und gefühlt hatte. Sein Kopf war einfach nicht klar genug dafür. „Ich kann mich nicht genau erinnern, was in dem Geheimgang passiert ist, nachdem der Werwolf die Falltür zerstört hat. Da ist nur noch Schmerz.“ Die Panik kam erneut hoch und Severus‘ Blickwinkel verengte sich, es wurde schwarz am Rande seines Blickfeldes. Doch er schüttelte es ab, wollte sich konzentrieren. Ohne weiteren Gedanken beantwortete er die folgenden Fragen. Er merkte nicht, wie der Heiler hinter ihn trat und nach einer kurzen Bestätigung durch den Gamot einen Diagnosezauber murmelte.

„Der Gamot hat eine Entscheidung getroffen.“ Die Stimme des Vorsitzenden riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. Er hatte nicht wirklich bemerkt, dass sie von ihrer Beratung zurückgekommen waren. „Mister Snape, sie werden von Hogwarts ausgeschlossen. Ihre Magie wird sicherheitshalber versiegelt, damit sie ihre Umwelt nicht gefährden können. Der Ausschluss aus Hogwarts liegt darin begründet, dass die Gefahr für alle anderen Schüler zu groß ist. Wie sich gezeigt hat, ist das Risiko einfach zu groß.“ Severus starrte ihn an, verstand im ersten Moment gar nicht, was das für ihn bedeutete.

Fassungslos sah Severus zu, wie sein Zauberstab zerbrochen wurde. Er reagierte kaum, als Auroren ihn nach draußen brachten. In einem kahlen Raum fand er sich wieder. Erst jetzt bekam er langsam wieder mit, was um ihn herum passierte. Er zuckte zusammen, als ein Zauberstab auf ihn gerichtet wurde. Vor Schmerz aufkeuchend krümmte er sich zusammen, als die Magie in ihm versiegelt wurde. Schwindel erfasste ihn und er klammerte sich an der Stuhllehne fest, als ihm schwarz vor Augen wurde. Er merkte nicht mehr, dass er sich nicht mehr halten konnte und vom Stuhl kippte. Sofort sprang der Heiler zu ihm, konnte jedoch nicht viel tun, also befahl er, dass der Jugendliche zurück ins Krankenhaus kommen sollte. Die Auroren rollten genervt mit den Augen, dann schufen sie eine Trage und brachten ihn zurück ins St. Mungos, damit er gesund werden konnte. Was danach mit ihm sein würde, wussten sie nicht, aber es war auch unwichtig für sie. Das Einzige, was in ihren Augen zählte, war, dass die Gefahr gebannt war und der Neu-Werwolf niemanden beißen konnte.

Zwei Wochen später, Mitte Juli, wurde Severus als geheilt aus dem St. Mungos entlassen. Wobei er das als schlechten Witz empfand. Geheilt würde er wohl nie werden. Dennoch waren seine Verletzungen nun vernarbt, und auch das Fieber war weg. Also gab es keinen Grund mehr für ihn, im Krankenhaus zu bleiben. Niemand, außer Lily, hatte ihn besucht in der ganzen Zeit. Lily hatte ihm noch einmal geschrieben, sie war vollkommen entsetzt über das harte Urteil. Dennoch konnte sie ihn noch nicht persönlich sehen, erst nach dem Urlaub. Sie würde in drei Tagen zurück kommen. Konnte er ihr dann schreiben, wo er war? Die meiste Zeit hatte er mit Grübeln verbracht, da er niemanden mehr hatte, der mit ihm sprach. Anfangs war er, das wurde ihm jetzt erst bewusst, beinahe in eine Depression verfallen, doch der Heiler, der ihn aus Hogwarts geholt hatte, kümmerte sich ein wenig um ihn und sprach viel mit ihm. Severus wusste, dass er noch länger brauchen würde, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, ein Werwolf zu sein, aber aufgeben kam nicht in Frage. Nicht mehr, seit Smethwyck mit ihm sprach. Die ersten Tage hatte er in absoluter Panik und später mit Wut verbracht, doch dank dem Heiler war er inzwischen darüber hinweg. Er hatte angefangen, darüber nachzudenken. Seit seiner Verwandlung richtete sich seine Wut nicht mehr auf Lupin. Der konnte nichts für seine Instinkte, der Wolf reagierte einfach nur. Noch immer würde er wohl kein Freund von Lupin werden, aber er begann zu verstehen, dass Lupin eben keine Schuld traf. Die lag voll und ganz bei Sirius Black. Diesem Gryffindor würde Severus wohl nie vergeben. Aber Smethwyck, der Heiler, hatte ihm klar gemacht, dass er jetzt erst einmal an sich denken und lernen musste, mit seinem veränderten Wesen zu leben. Seit beinahe zwei Wochen hatte er den Heiler nicht mehr gesehen, da dieser im Urlaub war. Die anderen Heiler taten nur das Nötigste, außer ein junger Lernheiler, der allerdings kaum Zeit hatte. Jetzt fragte sich Severus, wohin er gehen sollte. Keiner hatte ihm eine Lösung angeboten, obwohl er die Heiler mehrmals gefragt hatte, doch es schien niemanden zu interessieren. Es machte ihm Angst, vor allem, als der Tag der Entlassung kam und er immer noch nicht weiter wusste.

Kurz vor dem Mittagessen öffnete sich die Tür ohne Vorwarnung und zwei Auroren traten ein. Severus erkannte sie aufgrund ihrer Uniform-artigen Kleidung. „Mister Snape?“, erkundigte sich der Ältere kühl. Severus nickte nur, er bekam kein Wort heraus, da er nicht wusste, was sie von ihm wollten. Die letzten Erfahrungen waren nicht gerade positiv gewesen. „Wir bringen sie nun nach Hause. Da sie noch nicht volljährig sind, fallen sie unter die Vormundschaft ihres Vaters. Dorthin bringen wir sie jetzt. Da ihr Vater nicht magisch ist, mussten wir ihn über einige Dinge aufklären. Haben sie alles? Dann kommen sie, gehen wir.“

Der Auror ließ Severus nicht zu Wort kommen, sondern griff nach seinem Arm. Der jüngere Auror, der bisher noch nichts gesagt hatte, nahm die Tasche mit den wenigen Kleidungsstücken, die Severus besaß. Ohne Vorwarnung apparierten sie mit ihm. Vor dem kleinen Haus in Spinners End tauchten sie wieder auf. Übelkeit und Schwindel erfassten Severus, als er ankam. Lange hatte er nicht Zeit, um sich zu erholen, denn die Auroren gingen sofort auf die Haustür zu. Eilig folgte ihnen Severus, auch wenn er am liebsten irgendwo anders wäre. Zu seinem Vater hatte er kein besonders gutes Verhältnis mehr, obwohl wenn es früher anders gewesen war. Seit Jahren flüchtete Severus bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus dem Haus, um nicht mit seinem Vater zusammen zu treffen. Doch jetzt war er offenbar gezwungen, hier zu leben. Den Launen seines Vaters ausgeliefert. Er schauderte, als die Tür aufging.

„Was wollt ihr hier?“, knurrte Tobias Snape.

„Mister Snape, wir haben uns angekündigt.“, antwortete der Auror. Widerwillig ließ der Hausherr sie eintreten. „Mister Snape, sie wissen, dass ihr Sohn von einem Werwolf gebissen wurde. Seine Magie ist versiegelt, aber er wird sich dennoch verändern. Es ist wichtig, dass sie wissen, wie sie mit ihm umgehen, damit niemandem etwas passiert, gerade, weil sie auch keine Magie haben. Wurden die Arbeiten in ihrem Keller bereits abgeschlossen?“

„Ja, der Keller ist fertig. Und ihre Kollegen waren hier und haben mich aufgeklärt über alles.“, nickte Tobias. Er hatte einen Ausdruck im Gesicht, der Severus nicht gefiel. Im Gegenteil, er machte ihm wahnsinnige Angst.

„Sehr gut.“, grinste der Auror. „Denken sie daran, ihren Sohn rechtzeitig vor Vollmond dorthin zu bringen. Sollten sie Hilfe benötigen, können sie sich jederzeit an uns wenden. Auch bei Fragen sind wir da, sie haben die Nummer, damit sie uns erreichen können.“

„Ja, schon gut, ich hab's kapiert.“, brummte Tobias. „Ich weiß schon, wie ich mit meinem Sohn umgehen muss.“

„Sie sind mit verantwortlich!“, warnte der Auror. Nun wandte er sich direkt an Severus: „Junger Mann, ich warne sie nur einmal. Sie wurden nicht bestraft, aber sollten sie jemanden verletzen oder gar töten, dann wird das passieren!“

„Ja, Sir.“ Severus senkte seinen Blick. Er wollte nicht, dass jemand seine Angst sah.

„Ich werde dafür sorgen, dass er nicht raus kann.“, versprach sein Vater.

„Gut, dann haben wir ja alles geklärt. Auf Wiedersehen.“, verabschiedeten sich die Auroren und gingen so rasch, als würden sie flüchten.

Sobald die Tür geschlossen war, änderte sich Tobias' Miene. „Wie kannst du es wagen, so dumm zu sein? Wie kann man nur? Zuerst sagen sie mir, dass du magisch bist, genau wie deine Mutter, und jetzt auch noch ein Werwolf!“, wütete er. „Und ich bin wieder mal der Idiot, der für dich sorgen muss, weil du es vermasselt hast! Aber nicht mit mir! Ich werde dafür sorgen, dass du niemandem gefährlich wirst!“

Wütend trat er zu Severus und griff nach seinem Oberarm, riss ihn hoch und mit sich in den Keller. Für einen Moment vergaß Severus seine Angst, als er erkannte, was genau hier vorbereitet worden war: Ein Käfig. Vielleicht vier mal vier Meter, nicht größer, kein Fenster außer einer kleinen Luke, durch die ein wenig Luft kam. Drei nackte, kahle Wände und vorne Gitter aus Silber. Er spürte das Prickeln auf seiner Haut, als sein Vater ihn durch die Tür hinein schob. Eine alte Matratze auf dem Boden, eine löchrige Decke und ein Eimer reihten sich an der hinteren Wand auf, weiter vorne stand ein Futternapf auf dem Boden. Tobias stieß seinen Sohn hinein und warf die Gittertür zu. „Schrei ruhig!“, lächelte er hämisch. „Deine Zauberfreunde haben ein wenig gezaubert, niemand wird dich hören.“ Mit diesen Worten ließ er Severus alleine.

Der Jugendliche sah fassungslos zu, wie die Tür hinter seinem Vater ins Schloss fiel. Erst das Klicken, als der Schlüssel umgedreht wurde, riss ihn aus seiner Erstarrung. Er sprang auf und lief Richtung Gitter. Das Prickeln auf seiner Haut wurde unangenehmer, als er näher an das Silber kam. Näher als eine Handbreit konnte er nicht ran, dann wurde es schmerzhaft. Er wickelte seinen Pullover um die Hand und griff damit nach der Tür. Obwohl er daran rüttelte, bewegte sie sich nicht von der Stelle. „Lass mich raus!“, schrie er wütend. „Du kannst mich doch nicht einfach hier einsperren! Lass mich raus! Komm hier runter und mach die Tür auf!“ Aber egal, wie viel er schrie und brüllte, oben im Haus blieb es still. Severus war sich ziemlich sicher, dass sein Vater nicht mehr im Haus war. Irgendwann ließ er sich erschöpft auf die Matratze fallen, denn er merkte, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu machen. Was würde nun passieren? Eine Weile grübelte er darüber, doch er kam auf keinen grünen Zweig. Als es draußen langsam dunkel wurde, dämmerte auch Severus weg.

Stunden später wurde er durch einen stechenden Schmerz unsanft aus dem Schlaf gerissen. Er schreckte hoch und krümmte sich, als Tobias einen silbernen Reif um sein Handgelenk legte. Der Schmerz ließ ihn zischen, er biss die Zähne zusammen. Es war kein reines Silber, aber der Anteil an dem Edelmetall war so hoch, dass es brannte auf der Haut. Eine Kette daran führte zu einem Haken in der Wand. „Das haben mir diese … wie heißen sie noch gleich? … Auroren gebracht. Wenn du dich verwandelst, werden diese Ketten verhindern, dass der Wolf sich selbst verletzt. Es soll ja nicht so sein, dass du einfach davon kommst, außerdem will ich nicht noch mehr Kosten für dich übernehmen müssen.“ Er überprüfte die Ketten nochmal. „Es dient alles nur deiner Sicherheit!“ Er lachte dreckig. „Keine Angst, ich kümmere mich um dich!“ Der Ton ließ Severus Schauer über den Rücken laufen.

Tobias verließ den Keller erneut. Severus riss und zerrte verzweifelt an den Ketten, doch sie lösten sich natürlich nicht von der Wand. Noch immer brannten sie, wo sie die Haut berührten, daher schob Severus die Ärmel seines Hemdes darunter. Zum ersten Mal in seinem Leben war er froh, dass seine Kleidung zu groß war, denn nun hatte er genug Stoff, den er unter den Fesseln hindurch schob, was ihm gewisse Erleichterung brachte. Er probierte aus, wie weit er sich in seiner Zelle bewegen konnte. So lange er sich langsam genug bewegte, gaben die Ketten nach, wurden die Bewegungen schneller, zogen sich die Ketten zusammen und zwangen ihn zurück an die Wand. Da seine Blase immer stärker drückte, musste er nun den Eimer benutzen. Es widerte ihn an, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht. Er hatte das Gefühl, gleich zu platzen und doch konnte er sich kaum genug entspannen, um endlich seine Blase zu entleeren. Offenbar hatten die Auroren einen Zauber auf den Eimer gelegt, denn er leerte sich, sobald Severus aufstand, von selbst. Die Anspannung in ihm war enorm hoch, aber er wusste nicht, wie er sie lösen konnte. Die Situation machte ihm sehr zu schaffen, vor allem seine gedanklichen Versuche, einen Ausweg zu finden.

Kaum, dass er vom Eimer wieder runter war, kam sein Vater zurück in den Keller. Severus' Nase erkannte, dass er nun etwas zu Essen bekam. Optisch machte es nicht viel her, aber Severus hatte seit fast vierundzwanzig Stunden nichts mehr bekommen und sein Magen knurrte laut, sobald seine Nase den Geruch des Essens aufnahm. Angewidert füllte Tobias den Eintopf in den Napf, bevor er wortlos wieder verschwand. Severus starrte auf die unappetitliche Masse in dem Napf. Alleine schon die Tatsache, dass das Essen in einem Futternapf serviert wurde. Es ekelte ihn an, aber der Hunger nahm immer weiter überhand. Zwei Stimmen stritten in ihm, einerseits sein Hunger, auf der anderen Seite sein Stolz. Wütend stieß er letztlich doch den Napf von sich weg, verweigerte sich. Nein, er war noch immer ein Mensch, er ließ sich nicht so erniedrigen! Und er würde nicht aufgeben, sondern kämpfen! Schon immer hatte er kämpfen müssen, das war etwas, was er konnte. Sehr lange und sehr intensiv. Das hatten ihm nicht nur die Rumtreiber beigebracht, sondern auch sein eigener Vater. Früher war er mal ein wahrer Vater gewesen, aber das hatte sich geändert, als sie hierher gezogen waren. Seither musste Severus schnell lernen, wie er seinem Vater am besten aus dem Weg ging. Um sich vom Hunger abzulenken, dachte Severus noch weiter zurück.

Hier ist wieder einer, Dad!“, rief er im Alter von etwa vier Jahren. Stolz zeigte er den Pilz, den er entdeckt hatte.

Ein Steinpilz, und was für ein schöner!“, grinste Tobias, als er den Fund begutachtete. „Hier, schau, Severus, du erkennst ihn an dem Muster auf dem Stiel und der Farbe des Hutes. Den schneiden wir vorsichtig ab, dafür bekommen wir sicher gutes Geld. Aber wir müssen ihn ganz vorsichtig tragen, damit er keine Druckstellen bekommt.“

Darf ich schneiden, Dad?“, bettelte der Vierjährige.

Tobias nickte. „Aber schön weit unten und ganz gerade.“, mahnte er.

Severus machte sich konzentriert und vorsichtig an die Arbeit und schnitt den Pilz wirklich sehr gerade ab. Sie legten ihn zu etwa einem halben Dutzend anderer Steinpilze in einen Korb. Ein anderer Korb war voller kleinerer Pilze, verschiedene Röhrlinge und einige Champignons, die nicht gut genug waren, um verkauft zu werden. Die Familie musste mit wenig Geld auskommen, aber wenn sie solche Pilze im Wald fanden, verkauften sie sie an ein gutes Restaurant in der Nähe und besserten so ihre Kasse auf. Severus liebte es, mit seinem Vater in den Wald zu fahren. Bereits jetzt kannte er viele Pilze, auch wenn er immer noch seinen Dad rief, damit sie sicher gingen. Meistens sammelten sie auch Holz, damit sie es im Winter schön warm hatten. Tobias arbeitete hart in einer Fabrik, aber trotzdem war das Geld knapp. Vor allem jetzt.

Ein Klirren riss Severus aus den Gedanken und er stöhnte kurz auf. Sein Magen schmerzte bereits vor Hunger. Tobias kam in die Zelle und sah, dass das Essen überall verteilt war, weil der Napf weggestoßen worden war. Seine Augen verengten sich und der Kopf lief rot an vor Wut. „Du wagst es? Ich habe dir etwas gekocht, habe die Arbeit auf mich genommen, und du wirfst es einfach weg? Das wirst du büßen!“, tobte der Ältere. Er riss seinen Gürtel heraus und prügelte wie von Sinnen auf seinen Sohn ein. Severus hob die Arme, versuchte, seinen Kopf zu schützen. Er rollte sich klein zusammen, wie er es bereits als Kind gelernt hatte, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Sein Geist schaltete ab, um wenigstens ein bisschen Frieden zu finden, und er driftete dankbar in die Schwärze ab.

Stunden später weckte Severus sein quälender Hunger. Auch Durst hatte er nun sehr stark. Die Haut am Rücken brannte, wenn er sich bewegte, und er spürte die klamme Feuchtigkeit, roch die metallische Komponente seines Blutes. Zitternd, sein Arm hatte Einiges abbekommen, griff er nach dem Wasser, das in einer Flasche auf ihn wartete. Gerade noch innerhalb seiner aktuellen Reichweite, denn er spürte seine Beine nicht, sie waren taub. Kein Wunder, so wie er gelegen hatte. Nach dem Trinken probierte er, sich etwas bequemer hinzulegen und zischte mit zusammengebissenen Zähnen, als das Blut zurück in die Beine schoss und ein mehr als unangenehmes Kribbeln hinterließ, das nur sehr langsam nachließ. Severus umklammerte sich mit den Armen, da sein Bauch schmerzte und krampfte vor Hunger. Mit angezogenen Beinen saß er auf der Matratze, den Kopf auf den Knien. Immer wieder stöhnte er auf, wenn es schlimmer wurde, doch es gab nichts, was er tun konnte, also versuchte er, es zu ignorieren. Seine Gedanken suchten nach einer Erinnerung, in die er sich flüchten konnte. Schon früher hatte er so reagiert, wenn sein Vater ihn mal wieder tagelang in seinem Zimmer einsperrte, weil er nicht so gehandelt hatte, wie der es sich vorstellte. Es ließ ihn vergessen, dass er Weinen wollte, ließ ihn vergessen, dass er Schmerzen oder Hunger hatte. In seiner Traumwelt war alles in Ordnung. Sein Vater trank nicht, seine Mutter war am Leben, und sie waren glücklich. Eine Familie. So, wie sie es damals waren, bevor das alles passiert war, bevor sie hierher gezogen waren. Er schloss die Augen und dachte sich selbst zurück in diese glückliche Zeit, als er vier Jahre alt gewesen war, bevor alles anfing, schlimm zu werden.

Mama!“, rief er laut, kaum dass sie aus dem Auto waren. „Mama! Wir haben gaaaaaanz viele gute Pilze gefunden und Dad konnte sie verkaufen! Wir haben dir was Schönes mitgebracht!“ Severus strahlte und blickte ungeduldig zurück zu seinem Vater, der seiner Meinung nach viel zu langsam mit dem Ausladen des gefundenen Holzes war. Jetzt war Spätsommer, es war herrlich warm, da dachte der Vierjährige nicht an den Winter und die Kälte, wenn sie nicht genug Holz hatten.

Langsam, Lad!“, lachte Tobias und fuhr fort, das Holz in den Keller zu bringen. „Bring schon mal unsere Pilze nach drinnen und hilf Mama, sie zu putzen, damit wir sie trocknen können. Ein paar gibt es sicher heute zum Essen!“

Widerstrebend, weil er doch die Überraschung an seine Mama geben wollte, folgte Severus der Frau, die ihm so ähnlich sah, ins Haus. Schnell war sein Ärger vergessen, als sie gemeinsam in der Küche arbeiteten. Eileen Snape ließ ihrem Sohn das kleine Messer, damit er auch Pilze schneiden konnte. Konzentriert machte sich der Kleine an die Arbeit, schmunzelnd von seiner geliebten Mama beobachtet. Die Zunge im Mundwinkel eingeklemmt schnitt er die Pilze fein säuberlich, putzte die von Schnecken oder Würmern angefressenen Stellen aus und warf den Rest in eine Schale. Wie so oft wirkte er wie ein zu klein geratener Erwachsener. Ungehört seufzte Eileen auf, sie konnte ihm diese Unbeschwertheit nicht geben, die andere Kinder auszeichnete. Zu viele Sorgen bekam er mit, er war ein sehr feinfühliges Kind. Und bald würde noch mehr auf ihn zukommen.

Severus wusste nicht mehr, wie lange er bereits hier im Keller seines Vaters lebte. Die meiste Zeit zog er sich geistig in seine Erinnerungen zurück, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Schmerz und Hunger waren seine stetigen Begleiter in all dieser Zeit. An die Vollmond-Nächte erinnerte er sich nicht, aber er wachte jedes Mal nach der Verwandlung auf, konnte kaum atmen vor Schmerz, zusätzlich hatte er immer neue, tiefe Wunden, die sich der Wolf offenbar selbst zufügte. Ohne die Ketten, die ihn immer noch an die Wand fesselten, wäre es wohl noch schlimmer geworden. Severus weigerte sich allerdings, seinem Kerkermeister dankbar dafür zu sein. Obwohl er in seinen Erinnerungen immer noch den liebevollen Vater vor sich sah, konnte er den Mann, der ihn nur mit dem Allernötigsten versorgte, nicht damit in Verbindung bringen. Er wusste, er hatte drastisch abgenommen, war nur noch Haut und Knochen. Seine Haare waren inzwischen hüftlang und vollkommen verfilzt, voller Staub und fettig, viel schlimmer, als es je in der Schule gewesen war. Diese Zeit erschien ihm so weit weg, so unwirklich, wie ein Traum. Wie sehr er sich gerade wünschte, wieder in Hogwarts zu sein, einfach duschen zu können! Selbst die Rumtreiber taten diesem Wunsch keinen Abbruch, viel zu sehr wünschte er sich diese Freiheit oder die Annehmlichkeit einer heißen Dusche, um sich den Schmutz der letzten Monate abzuwaschen. Aber davon konnte er derzeit höchstens träumen, Wasser hatte er hier nur zum Trinken gesehen.

Doch trotz allem kämpfte er noch immer. Er weigerte sich, aufzugeben. Mit allen Mitteln leistete er seinem Vater Widerstand, auch wenn es nur wenige Möglichkeiten dafür gab. Niemals würde er sich unterwerfen, auch wenn Tobias ihm dafür gewisse Freiheiten versprach. Aber Severus wollte sich nicht verbiegen. Sein Stolz war alles, was ihm geblieben war. Freiwillig gab er das nicht auf. Egal, was es ihn kostete. Immer wieder versuchte er, aus dem Käfig, in dem er seit seiner Ankunft hier gefangen war, zu fliehen. Wieder und wieder riss er an den Fesseln, versuchte, seine Hände aus den Schellen zu bekommen. Seine Handgelenke waren vom Silber vollkommen verbrannt und vernarbt. Genau wie viel von seinem restlichen Körper, sein Erzeuger bestrafte ihn regelmäßig, wenn Severus nicht so reagierte, wie er es sich vorstellte. Und dabei spielte Silber sehr häufig eine Rolle. Severus wusste nicht, wie viele Male er in den letzten Monaten vor Schmerzen geschrien hatte. Wie oft hatte er sich in den Schlaf geweint, weil er nicht mehr konnte? Egal wie oft er sich schwor, seinem Vater nicht diese Genugtuung zu geben, manchmal kam er nicht dagegen an. Seit Tagen war er hier alleine, erst vor einer Woche in etwa war Vollmond gewesen. Immer, wenn er alleine war, arbeitete er wie verrückt daran, die Ketten an seinen Händen loszuwerden. Obwohl sie von einem Zauberer eingerichtet worden waren, weigerte er sich zu glauben, dass er nicht weg kam. Leider konnte ihm seine eigene Magie nicht helfen, da sie gebannt war. Dieses Kribbeln, das früher für ihn vollkommen normal gewesen war, vermisste er heute noch. Es war, als fehle ein Teil von ihm. Das würde wohl nie normal werden.

 

Wie immer schaffte es Severus auch heute nicht, seine Hände aus den Schellen zu ziehen. Verzweifelt riss er daran und ignorierte die Schmerzen und das Blut. Erneut schossen ihm Tränen in die Augen, doch er blinzelte sie weg. Es war ein Zeichen von Schwäche, das er nicht zulassen wollte. Niemand sollte, niemand durfte ihn schwach sehen. Das führte nur zu Problemen, hatte er gelernt. Schon lange vor Hogwarts hatte er das gelernt, seit sie hier lebten eigentlich. Bis dahin war er ein entspannter Junge gewesen, der offen auf andere Kinder zuging, aber alles hatte sich verändert. Severus riss sich aus den Gedanken, daran wollte er nie wieder denken. Alles war so schlimm geworden, sie waren hierher gezogen und er war zum Opfer der Nachbarskinder geworden und nie wieder aus dieser Opferrolle entkommen. Nur Lily war anders. War sie hier gewesen? Hatte sie ihm geschrieben? Severus wusste es nicht, hatte nur die beiden Briefe im Krankenhaus bekommen, und dann der kurze, nichtssagende Besuch. Hatte sie irgendwann aufgegeben, als sie nichts mehr von ihm hörte? Wusste sie überhaupt, wo er war? Wie lange war er nun hier? Er versuchte nachzurechnen, wie viele Vollmondnächte er hier bereits zugebracht hatte. Es waren mindestens vierzehn, aber ganz sicher war er nicht. Wie auch, wenn jeder Tag annähernd gleich war.

Schritte auf der Treppe zeigten, dass jemand nach unten kam. Severus' Ohren verrieten ihm auch, dass es Tobias war. Wer sonst? Aber dennoch erkannte Severus die Schritte. Seine Ohren waren empfindlicher als früher, auch wenn gerade kein Vollmond war. Sekunden später öffnete sich die Tür und Tobias brachte einen Teller mit Essen. Auch wenn es nicht besonders schmackhaft war, Severus machte sich hungrig darüber her. In den letzten Monaten hatte er gelernt, dann zu essen, wenn er etwas bekam, denn Tobias war durchaus in der Lage, ihn mehrere Tage ohne Essen zu lassen, wenn er eine Mahlzeit verweigerte. Doch inzwischen bekam er es wenigstens in einem Teller, nicht mehr im Napf. Diese Demütigung hatte er mehr als eine Woche verweigert, seither bekam er einen Teller. Heute kam Tobias sogar in die Zelle, oft genug schob er den Teller und auch Wasserflaschen nur durch die Gitterstäbe zu ihm hinein. In Severus wallte Wut auf und er sprang auf, stieß seinen Vater beiseite, so gut er es mit den Ketten konnte. Irgendwie agierte er gerade wie ferngesteuert, er dachte nicht darüber nach und handelte instinktiv. Tobias fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf gegen die Wand, sackte bewusstlos zu Boden. Überrascht sah Severus auf den bewegungslosen Körper. Einige Momente war Severus starr, doch dann übernahmen erneut seine Instinkte. Hastig durchsuchte er die Taschen des Älteren, bis er einen Schlüssel fand. Mit zitternden Händen fummelte er an dem Schloss herum, bis er seine linke Hand endlich frei hatte. Rasch nahm er den Schlüssel in die andere Hand, doch es brauchte mehrere Versuche, bis auch hier das Schloss klickte. Erleichtert ließ er die Luft zischend aus seiner Lunge, die er angehalten hatte.

So wie er war, rannte er auf unsicheren Beinen nach oben. Er wusste nicht, wie lange sein Vater bewusstlos bleiben würde. Vielleicht hätte er die Tür verschließen sollen, aber das brachte er trotz allem nicht über sich, das wäre ein brutaler Mord, denn niemand würde Tobias schnell genug finden. Kleidung war erst einmal das Wichtigste, also suchte er im Schlafzimmer nach etwas Passendem. Viel fand er nicht, das er auch anziehen konnte. Doch das nahm er einfach und streifte es sich über. Da er aus dem Fenster blickend erkannte, dass es draußen herbstlich war, griff er sich eine weitere Schicht Kleidung. Dicke Socken, zwei Paar übereinander, das hielt die Füße auch in Richtung Winter warm. Eine auf dem Bett liegende Decke schlang er sich um die Schultern. Im Bad überlegte er kurz, ob er sich duschen sollte, aber da er nicht wusste, wie lange er Zeit hatte, entschied er sich dagegen. Trotzdem griff er nach einer Schere und schnitt den Großteil seiner Haare ab. Schulterlang waren sie einfach praktischer. Mit einem Gummiband – das musste noch von seiner Mom sein – band er sie zu einem unordentlichem Zopf zusammen. Den Kamm steckte er ein, darum konnte er sich später kümmern. Unten im Flur suchte er noch nach Schuhen. Nur die seines Vaters standen dort. Sie waren ihm zu groß, aber er musste eine Entscheidung treffen. Ohne Schuhe oder mit den zu großen Stiefeln. Mit den zwei Paar Socken übereinander ging es einigermaßen. Die alten Armeestiefel seines Vaters würden ihm sicher gute Dienste tun, genau wie der Parka und das gute Schweizer Messer, das auf der Anrichte lag. Die Sachen waren unverwüstlich.

Nach nur wenigen Minuten verließ Severus das Haus und ging, ohne zurück zu blicken. Er wollte weit weg sein, wenn sein Vater wieder wach wurde. Die letzten Monate waren nichts, was er noch einmal erleben wollte. Er musste wohl über ein Jahr gefangen gewesen sein, wenn er die Jahreszeit als Maßstab nahm. Wohin er nun sollte, konnte er nicht sagen. Einfach nur weg. Ohne einen bewussten Gedanken zu fassen, lief er ständig weiter, immer geradeaus. Orientierte sich ein bisschen in Richtung London, wenn auch nicht bewusst. Nur weg, so weit wie möglich. Erst als es anfing, dunkel zu werden, realisierte er, dass er nicht wusste, wo er schlafen sollte. Er war aus Cokeworth weg und nun unterwegs in Richtung London. Gerade war er in einem kleinen Dorf, das hauptsächlich aus Bauernhöfen bestand. In einem unbeobachteten Moment schlüpfte er durch eine halb offen stehende Tür in eine Scheune. Er hatte Glück, es gab eine Menge Heu und Stroh hier. Nur leider kein Essen. Wasser hingegen schon, denn er fand einen Wasserhahn an der hinteren Wand. Dort war auch ein Durchgang in den Stall, in dem Schweine und Kühe standen. Dadurch war es angenehm warm in der Scheune. Severus trank gierig an dem Hahn, hatte er doch den ganzen Tag nichts gehabt. Unterwegs hatte er zwar auch nicht gegessen, aber der Hunger machte ihm inzwischen nicht mehr ganz so viel aus. Er konnte dieses nagende Gefühl ignorieren. Im Heu rollte er sich zusammen, wühlte sich tief hinein, legte die Decke über sich und schlief kurz danach tief und fest. Endlich frei. Das war sein letzter bewusster Gedanke.

Am Morgen trank er erneut, so viel er konnte. Anschließend brach er auf, weiter in Richtung London. Unterwegs überlegte er, wie es nun weitergehen sollte. Heute war er nicht ganz so betäubt, gestern hatte er nur funktioniert. Langsam klärte sich sein Kopf und er wurde sich bewusst, dass er nun einige Entscheidungen treffen musste. Zwar war er seinem Vater entkommen, aber dort war er wenigstens sicher gewesen, dass sein Werwolf niemanden beißen oder gar töten konnte. Momentan hatte er noch genug Zeit, um sich eine Lösung zu überlegen, denn der Mond war gerade am Abnehmen, aber er musste darüber nachdenken. Severus lief bis zum Abend, nutzte unterwegs sein Wissen aus der Kindheit, als er durch einen Wald kam. Schnell brannte ein kleines Feuer, nachdem er ein Feuerzeug im Parka gefunden hatte, über dem er einige Pilze briet. Dazu legte er Steine in die Glut und die Pilze in Scheiben darauf, bis sie gar waren. In der Zeit versuchte er mit dem Kamm, die Knoten aus seinen Haaren zu lösen, was sich als ziemlich hartnäckig erwies. Sobald er gegessen hatte, löschte er das Feuer und ging weiter. Langsam wurde er ruhig genug, um seine Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Er musste einen Weg finden, wie es nun weiterging. Wohin könnte er nun gehen? Ihm fiel auf, dass er inzwischen erwachsen sein müsste. Er war mit sechzehn Jahren eingesperrt worden von seinem Vater, und jetzt war ein gutes Jahr vergangen. Zumindest ging er davon aus, war sicher, dass es keine zwei Jahre gewesen sein konnten. Also war er nun siebzehn, in der Zauberwelt erwachsen.

Das Problem war nur, seine Magie war versiegelt, war er überhaupt noch ein Mitglied der Zauberwelt? Das Ministerium hatte es sich leicht gemacht, ihn einfach zu seinem Vater gebracht. Gehörte er jetzt noch dazu, oder war er ein Muggel, rein gesetzlich gesehen? In der Muggelwelt war er noch nicht erwachsen, dafür müsste er noch ein wenig älter sein. Wo sollte er wohnen? Er hatte kein Gold, würde wohl auch so schnell keines verdienen. Wie auch, dafür brauchte man normalerweise eine Ausbildung, und die konnte man nur mit einem Schulabschluss machen. Also würde er wohl in der Muggelwelt versuchen müssen, eine Arbeit zu finden. Etwas, wo niemand nachfragte, wie alt er war, wo er wohnte oder sonst etwas. In der Zauberwelt hätte er keine Chance, es war immerhin bekannt, was er war. Als Werwolf durfte er nicht arbeiten. Was würden sie mit ihm machen, wenn sie herausfanden, dass er in der Muggelwelt arbeitete? Aber was sollte er sonst machen? Und was passierte an Vollmond? Es machte Severus Angst, aber dennoch wollte er auf keinen Fall zurück. Nie wieder.

Er wanderte über Felder, an kleinen Dörfern und Städten vorbei. Ab und zu suchte er sich Kleinigkeiten zum Essen, eine Rübe aus einem Garten, Gurken oder Tomaten aus einem anderen, Kartoffeln und Maiskolben von Feldern. Am Abend fand er erneut eine Scheune, in der er übernachten konnte. Diesmal ohne Magenknurren, er fühlte sich besser als in den letzten Monaten. Zum ersten Mal seit vor dem Biss war er wirklich satt. Schnell war er eingeschlafen, nachdem er sich ins Heu gelegt hatte. Der volle Bauch bescherte ihm eine ruhige, entspannte Nacht. Erst, als am Vormittag ein Traktor in die Scheune kam und frisches Heu auf dem Hänger hatte, fuhr er hoch. Rasch versteckte er sich an der hinteren Wand, aber der Bauer kümmerte sich nicht weiter, ließ nur den Hänger stehen und war nach wenigen Minuten wieder verschwunden. Severus‘ rasendes Herz beruhigte sich nur langsam. Vorsichtig schlich er aus der Scheune, nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war und ihn sehen konnte. Im Laufschritt rannte er bis zu einem nahen Waldstück, um darin zu verschwinden. Da er heute nicht weiter über seine Zukunft grübeln wollte – immerhin würde er keine Antwort auf seine Fragen finden, die er nicht gestern auch gehabt hatte – ließ er seine Gedanken zurück in die Vergangenheit wandern. In die Zeit, als alles schief ging. In die Zeit, als seine Mutter starb und sein Vater mit dem Trinken anfing. In die Zeit, die er bis zur Schule als seine persönliche Hölle betrachtet hatte.

Tobias, Severus, kommt doch bitte mal in die Küche!“, rief Eileen in Richtung Hof, wo sie ihre beiden Männer vermutete. Tatsächlich waren Severus, der gerade fünf Jahre alt war, und sein Vater unten im Hof des Mehrfamilienhauses. Dort war ein kleiner Spielplatz für kleine Kinder, den er liebte. Tobias schob die Schaukel an, damit sein Sohn immer höher hinaus kam. Beim Ruf seiner Frau fing Tobias die Schaukel auf, hielt sie an, damit der Kleine herunter springen konnte. Hand in Hand gingen sie die Treppe nach oben in den vierten Stock, wo ihre kleine Wohnung war. Sofort sahen sie Eileen an, dass etwas passiert war.

Was ist los?“, wollte Tobias wissen und nahm seine Frau fürsorglich in den Arm. „Du warst beim Arzt? Was hat er gesagt?“ Seine Frau fühlte sich seit einigen Tagen nicht gut, war gestern sogar zusammen geklappt, daher wollte sie heute zum Arzt gehen.

Ja, ich war dort.“, nickte Eileen. Sie wirkte unsicher. „Er hat den Grund gefunden, warum mein Kreislauf schlapp gemacht hat.“ Zögernd blickte sie ihren Mann an. Der nahm sie fest in den Arm, küsste sie beruhigend auf die Wange. „Ich … ich bin schwanger.“, wisperte die Schwarzhaarige.

Einen Moment war es still. Eileen traute sich nicht, aufzusehen. Eigentlich hatten sie entschieden, nach Severus kein Kind mehr zu bekommen, da Tobias' schmales Gehalt kaum für sie drei reichte. Wovon dann noch ein zweites Kind ernähren und kleiden? Nun wusste sie nicht, wie Tobias reagieren würde. Er liebte seinen Sohn sehr, das konnte jeder sehen. Aber was würde er nun sagen? Würde er von ihr verlangen, das Baby abzutreiben?

Wir bekommen noch ein Baby?“, versicherte sich Tobias, als er seine Sprache wiederfand.

Baby?“, fragte Severus. Er verstand nicht ganz, was da gesprochen wurde.

Ja, du bekommst ein Geschwisterchen.“, nickte Tobias und strahlte mit einem Mal voller Glück. Er sah seine Frau an und hob sie hoch, drehte sich einmal mit ihr im Kreis. „Wir bekommen ein Baby!“

Du … du bist nicht böse?“, wisperte Eileen.

Böse? Nein, natürlich nicht!“, grinste Tobias. „Ich wollte immer mehr Kinder, auch wenn ich im Moment nicht weiß, wie wir das finanzieren sollen. Aber wir werden eine Lösung finden. Noch haben wir etwas Zeit, wie weit bist du denn?“

Ende dritter Monat.“, gestand Eileen. Sie hatte es lange verdrängt, wollte es nicht wahrhaben.

Gut, dann haben wir Einiges vor uns im nächsten halben Jahr.“, entschied Tobias. „Ich werde sehen, dass ich in diese neue Fabrik, in die Spinnerei in Cokeworth, kommen kann, dort verdient man deutlich besser und es gibt kleine Häuser, die die Angestellten günstig kaufen können. Auch wenn ich es schon mehrmals probiert habe, ich versuche es weiter.“

Es hatte eine Weile gedauert, aber tatsächlich hatte es Tobias kurz vor der Entbindung geschafft, nicht nur einen guten Arbeitsplatz in der Spinnerei zu bekommen, sondern auch ein Haus für die Familie zu kaufen. Severus half, so gut er konnte, als sie umzogen. Eileen war in der Zeit im Krankenhaus zur Entbindung, der ganze Stress hatte Wehen ausgelöst. Da sie aber bereits kurz vor dem errechneten Termin war, machten sie sich keine großen Sorgen. Leider konnte Tobias nicht bei der Geburt dabei sein, da sie bis zum Abend die Wohnung komplett geräumt haben mussten. Aber sie waren eine glückliche Familie, zusammen mit der kleinen Suavita, wie Severus' kleine Schwester hieß. In Severus' Gesicht schlich sich ein Lächeln, als er an das Mädchen dachte. Er hatte sie geliebt, ihr Geschichten erzählt, sie gefüttert und gewickelt. Sein Vater hatte damals viel gearbeitet, um Geld zu verdienen, damit sie weiter im Haus bleiben konnten. Es war nicht groß, sie hatten gerade genug Zimmer, dass Severus und Suavita jeder ein eigenes hatte, auch wenn die Kleine erst einmal bei ihren Eltern im Schlafzimmer blieb. Severus half seinen Eltern, wo er nur konnte, vor allem seine Mutter lobte ihn immer, wie gut er das machte und wie reif er in der Zeit war. Ja, damals war alles wirklich gut gewesen.

Der Jugendliche wusste, dass seine Art in dieser Zeit entstanden war. Aber vor allem aufgrund dessen, was danach passiert war. Daran wollte er eigentlich nicht denken, aber am Abend, als er sich zum Schlafen unter einem Baum einrollte, konnte er es nicht mehr verhindern. Er erinnerte sich an den furchtbaren Morgen, als es so unheimlich still gewesen war. Und dann hatte seine Mutter geschrien, panisch und entsetzt. Suavita lag leblos in ihrem Bettchen. Plötzlicher Kindstod, hatten die Ärzte gesagt. Die Kleine war nicht einmal ein Jahr alt geworden. Eileen brach zusammen, als sie realisierte, dass ihre Tochter gestorben war. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und Severus sah sie nie wieder. Tobias kam nach Hause und versuchte, sich um seinen Sohn zu kümmern, doch die Trauer um seine geliebte Tochter überwältigte ihn. Severus war die nächsten Wochen fast nur sich selbst überlassen, seine Mutter lag im Krankenhaus – heute wusste er, dass es die Psychiatrie gewesen war – und sein Vater versuchte, den Schmerz in sich zu ertränken. Der Tod seiner Tochter war der Auslöser für die Alkoholsucht von Tobias. Nun, nicht ganz, damals hatte er zumindest noch versucht, sich um Severus zu kümmern. Dann, fünf Monate später, war auch noch Eileen gestorben. Ab da war Tobias kaum noch aus der Kneipe gekommen. Schließlich hatte er auch noch seine Arbeit verloren. Severus war etwas über sieben Jahre alt gewesen und hatte es einfach nicht verstanden. Sein Vater war fast nur noch betrunken, seine Stimmung aggressiv. In dieser Zeit begannen auch die Schläge. Aber auch Lily hatte er damals kennen gelernt. Das war das einzig Positive, woran er sich in Bezug auf diese Zeit erinnern konnte. Es tat heute noch weh, wenn er an die Veränderung seines Vaters dachte.

Energisch schob er diese Gedanken von sich. Er konnte es nicht ändern. Tobias trank noch immer, er war ein Alkoholiker wie er im Buch stand. Das Haus hatte er wie ein Wunder tatsächlich abbezahlt, wie auch immer er das geschafft hatte. Als damals der Schulbrief aus Hogwarts gekommen war, hatte er sich ganz alleine darum gekümmert. Von Tobias hatte er keine Hilfe erhoffen können. Das Schulgeld kam aus einem Fonds, daraus bekam er auch ein wenig Gold, um Bücher und alles andere zu kaufen, was er brauchte, auch wenn er es gebraucht kaufen musste. Er hatte gelernt, sich durchzubeißen. Schon alleine aus diesem Grund kämpfte er auch jetzt. Auch wenn er nicht wusste, wie es nun weitergehen sollte, aufgeben kam nicht in Frage. Er hatte schon so viel geschafft, er machte weiter. Sein nächstes Ziel war es, London zu erreichen. Dort hatte er die Hoffnung, wenigstens einen Aushilfsjob zu bekommen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Allerdings musste er aufpassen, dass das Ministerium nichts davon mitbekam, arbeiten war ihm nicht erlaubt. Keinem Werwolf. Andererseits erhoffte er sich Hilfe in den Vollmondnächten, damit niemandem etwas passierte. Auf keinen Fall wollte er morgens aufwachen mit dem Geschmack von menschlichem Blut im Mund. Mit diesen Gedanken driftete er langsam in einen unruhigen Schlummer. Mit nur einer Decke, ohne jeden Schutz, lag er unter dem Baum. Daran hatte er bei seiner überstürzten Flucht nicht gedacht, nun musste er so klarkommen. Immer wieder schreckte er aus seinem Schlaf, wenn etwas um ihn herum passierte. Am frühen Morgen, es dämmerte gerade, stand er auf und wusch Gesicht und Hände in einem nahen Fluss. Das Wasser war eiskalt, aber es erfrischte ihn und ließ ihn sich besser fühlen. Er hoffte, dass er tatsächlich unterwegs nach London war, kannte nur etwa die Richtung, in der die Stadt lag. Noch nie war er dort gewesen, aber früher hatte er immer wieder Landkarten angesehen, von Reisen geträumt. Daher war er sicher, dass er es nach London schaffen würde.

Im Weitergehen gingen seine Gedanken zu Remus Lupin. Der Werwolf war zu einem Jahr und zehn Monaten Askaban verurteilt worden. Die waren sicherlich schon bald vorbei. In den vielen Wochen und Monaten der Gefangenschaft bei seinem Vater hatte er viel darüber nachgedacht. Inzwischen sah er die ganze Geschichte ein wenig anders. Lupin hatte keine Schuld. Als Werwolf folgte er seinen Instinkten, erinnerte sich nicht an die Nächte. Man hatte keine Kontrolle darüber, was der Wolf tat. Sicherlich würde er kein Freund des Dunkelblonden werden, aber er gab ihm keine Schuld mehr. Die lag eindeutig und alleine bei Sirius Black. Der war sicher noch in Askaban. Dort konnte er auch bleiben, wenn man Severus fragte. Diesen Kerl wollte er nie wieder sehen. Er hatte ihn zu einem verfluchten Leben verurteilt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie es ihm damit gehen könnte. Auch seinen Tod hatte er in Kauf genommen. Anfangs hatte Severus geflucht, lieber wäre er gestorben, aber dennoch kämpfte er. Er weigerte sich, einfach aufzugeben. Der Kampf wurde mit jedem Tag ein wenig schwerer, aber er machte einfach weiter. Einen Schritt nach dem anderen. Und so kämpfte er sich tatsächlich innerhalb von zwei Wochen bis nach London durch. Über hundert englische Meilen Luftlinie, aber er war immer wieder größeren Orten ausgewichen, wollte vermeiden, dass jemand ihn erkannte oder gar zurück brachte. Doch London hatte zwar eine gewisse Sicherheit für ihn, aber auch viele neue Herausforderungen.

Gegen Abend erreichte Severus den Randbereich Londons. In einem Park wollte er schlafen, er fühlte sich vollkommen erschöpft. Jeden Tag war er gelaufen, so weit seine Füße ihn tragen wollten. Nach den langen Monaten auf kleinem Raum war er es nicht mehr gewohnt, und doch hatte er immer weiter gemacht. Jetzt war er froh, dieses Ziel erreicht zu haben, aber es war nur ein Zwischenziel. Auf Dauer wollte er ein geregeltes Leben haben, mit Arbeit und einer Wohnung. Aber zuvor musste er schlafen und sich ausruhen. Also sah er sich um, im Park erhoffte er sich eine Möglichkeit, ungesehen schlafen zu können. Doch er war wohl nicht der Einzige mit diesem Gedanken. Die ersten Bänke waren bereits besetzt, obwohl es noch nicht lange dunkel war. Müde stolperte Severus weiter, doch sobald er sich setzte oder gar legen wollte, erntete er entrüstete und teilweise wütende Kommentare. Es gab hier viele Obdachlose, wie es schien, die in diesem Park lebten.

Einer hatte offenbar ein wenig Einsehen mit ihm. „Geh zur Brücke.“, brummte er und wies ihm eine Richtung. „Nich' weit, da kannste schlafen.“ Danach drehte er sich um und deckte sich mit einigen Lagen Zeitung zu. Dankbar folgte Severus diesem Rat und legte sich letztendlich in eine kleine Ecke neben der Brücke, da unter der Brücke kein freier Platz war. Schnell schlief er tief und fest, die Erschöpfung machte sich deutlich bemerkbar. Er bemerkte nicht, was um ihn herum passierte. Erst, als ihn gegen kurz vor Mittag ein Polizist rüttelte, schrak er hoch. Sich umsehend erkannte er, dass viele Menschen hier im Park waren, Kinder ließen Drachen steigen, Einige liefen Runden mit ihren Hunden, Mütter schoben Kinderwägen und Andere genossen die Strahlen der Sonne. Der Polizist sah nicht gerade begeistert aus, wie er ihn so musterte.

„Junge, was machst du hier?“, wollte er wissen.

„Verzeihung, ich kam gestern hier an und war sehr müde, fand kein Hotel auf die Schnelle, deshalb bin ich hier geblieben.“, antwortete Severus vorsichtig. Er wollte nicht verraten, dass er nicht einmal das Geld hatte, sich ein Hotel zu suchen. Aber offenbar genügte es dem Polizisten. Jedenfalls ließ er ihn nach einer kurzen Verwarnung alleine. Severus knurrte der Magen, daher beschloss er, auf die Suche nach etwas Essbarem zu gehen. Seinen Durst stillte er am Wasserhahn in einer öffentlichen Toilette, wo er sich auch erleichterte und zumindest das Gesicht wusch. Viel mehr ging nicht, wenn jederzeit jemand hereinkommen könnte. Auf seiner Suche nach etwas Essbarem lief er ziellos durch die Straßen, bis er hinter einem Supermarkt jemanden im Container wühlen sah. Der Mann sah aus, als lebte er auf der Straße, und als Severus sah, dass er Toast und Käse aus dem Container zog, entschied der junge Mann, sein Glück ebenfalls zu versuchen. Er erkannte, dass die Sachen zwar in Ordnung, aber abgelaufen waren. Auch wenn er es eklig fand, aber er hatte Hunger. Schnell setzte er sich auf eine Bank an der Themse, wo er essen konnte. Seine Füße schmerzten vom vielen Laufen, sicherlich waren sie wund und voller Blasen, da die Schuhe nicht richtig passten. Daher blieb er relativ lange sitzen, ruhte sich aus. Letztendlich lief er noch die letzten Schritte bis zum Fluss und suchte sich eine Stelle, wo er seine Füße ins Wasser halten konnte. Erleichtert seufzte er auf, endlich fühlte er sich entspannter, jetzt mit den Füßen aus den Schuhen heraus. Seit zwei Wochen war er in den Schuhen gesteckt, ohne sie wirklich auszuziehen. Davor war er die ganzen Monate barfuß gewesen, die Schuhe hatte ihm sein Vater nicht gelassen. Bei der Flucht hatte er sie nicht gefunden, deshalb die Stiefel seines Vaters angezogen.

Am Abend suchte er sich erneut einen Schlafplatz, dabei überlegte er, dass er gerade in Bezug auf den kommenden Winter einen festen, sicheren Platz suchen musste. Außerdem würde er wohl sehen müssen, dass er einen Platz fand für den Vollmond. Zusätzlich wollte er auch versuchen, Arbeit zu finden, um ein geregeltes Leben zu beginnen. Severus brauchte ein Ziel, damit er einen Grund hatte, weiter zu machen. Mit einem Ziel vor Augen gelang es ihm, nicht aufzugeben. So vergingen die nächsten Tage und der Vollmond rückte immer näher. Der Werwolf machte sich immer stärker bemerkbar und Severus bekam langsam Panik, weil er noch immer nicht wusste, wohin. Egal, was er versuchte, es gab immer einen Grund, der dagegen sprach. Immer war die Angst dabei, dass sein Wolf jemanden verletzen könnte. Oder gar verwandeln und töten. Was ihn wieder dazu brachte, an Lupin zu denken. Würde er jemals etwas erfahren? Ohne Zauberstab kam er nicht in die Winkelgasse, und außerhalb erfuhr er wohl eher nichts. Andererseits wollte er eigentlich nicht in die Zauberwelt, wo möglicherweise jeder ihn erkennen könnte. Auf diese Blicke, die dann folgten, konnte er verzichten.

Am Tag des Vollmondes war er vollkommen verzweifelt. Er hatte noch immer keinen Platz gefunden und nun wurde die Zeit knapp. In zwei Stunden ging der Vollmond auf, dann würde er unweigerlich Jagd auf Menschen machen. Das wollte er auf gar keinen Fall, lieber würde er dem Ganzen selbst ein Ende setzen. Alles in ihm sträubte sich dagegen, aber bevor er ungeschützt in die Verwandlung ging, würde er diese Lösung ergreifen. Ruhelos irrte er durch die Straßen, fand sich schließlich in einer Ecke wieder, die er kannte. Hier müsste das St. Mungos sein. Ob sie ihm dort helfen konnten? Vielleicht Heiler Smethwyck, auch wenn der sich nie wieder gemeldet hatte. Aber sicher würde er dort Hilfe bekommen, auch ohne Gold. Oder im Ministerium? Severus atmete auf, als er daran dachte. Warum war er nicht eher darauf gekommen? Wie hatte sein Vater das früher genannt? Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Genau so war es. Erleichtert machte er sich auf den Weg zum Ministerium. Zumindest theoretisch wusste er, wo es war, aber wie man hinein kam, da hatte er keine Ahnung. Er hoffte, jemanden zu finden, der ihm da weiterhelfen konnte.

„Severus Snape?“, wurde er schließlich angesprochen. Einerseits erleichterte es ihn, denn vielleicht konnte ihm derjenige helfen, andererseits hatte er Angst, was derjenige dachte. Sich umdrehend erkannte er, dass ein rothaariger Zauberer ihn ansah. Fragend, ein wenig neugierig. Der Mann wirkte etwa dreißig Jahre und ruhig, aber sehr aufmerksam. Leise sprach er weiter: „Ich bin Arthur Weasley. Ich bin ein Bekannter von Dumbledore und arbeite im Ministerium, ich weiß von den Ereignissen. Kann ich dir helfen?“

„Ich … ich weiß nicht, wohin.“, wisperte Severus. Seine Energie war wie weggewischt. Er sackte in sich zusammen. „Der Mond ...“

„Komm, Junge.“, lächelte der Ältere beruhigend. „Ich selbst kann dir zwar dabei nicht helfen, aber ich denke, es gibt jemanden im Ministerium, der das kann. Ich bringe dich rein und hole jemanden. Danach muss ich allerdings weiter, ich war schon auf dem Heimweg!“ Gesagt, getan, Arthur nahm einfach die Hand von Severus und zog ihn mit sich. Er zeigte ihm, wie er ins Ministerium kommen könnte, sollte er mal wieder Hilfe brauchen. Drinnen angekommen rief der Rothaarige nach jemandem. „Kevin ist ein Auror, der gerade Dienst hat. Er kann dir sicher helfen.“, versicherte er Severus. Er stellte die Beiden einander vor und erklärte dem Auror kurz Severus' Dilemma. Dann verabschiedete er sich.

„Komm.“, forderte der Auror ihn auf, sobald Arthur Weasley verschwunden war. Er brachte ihn zu einer Treppe, die nach unten führte. Unsicher folgte Severus dem Mann, der kühl und unnahbar wirkte. „Solltest du nicht eigentlich bei deinem Vater in Cokeworth sein?“, wollte er schließlich wissen.

„Dahin gehe ich nie wieder!“, antwortete Severus vehement. Doch so wirklich glücklich war er hier auch nicht, er hatte ein sehr ungutes Gefühl. Und das trog ihn leider nicht, der Auror brachte ihn zu einer Zelle. Widerwillig ließ sich Severus einsperren, eine andere Möglichkeit hatte er nicht mehr, denn in spätestens einer Viertelstunde würde er sich verwandeln. Er zog sich aus, versuchte die anzüglichen Blicke des Aurors zu ignorieren. Es war gerade rechtzeitig, die Schmerzen kündigten den Beginn der Verwandlung an. Severus biss sich auf die Innenseite der Wange, um nicht zu schreien. Diese Genugtuung wollte er den Auroren nicht auch noch geben. Er spürte, wie sich die Knochen verschoben und umwandelten, dann wurde es schwarz.

 

„Schönen Tag noch!“, kicherte der Auror, der Severus nach der Nacht aus dem Ministerium begleitete. Wie so oft. Jetzt war er schon seit über einem Jahr hier in London. Beinahe zwei. Von den Auroren hatte er erfahren, dass sein Vater ihn verstoßen hatte. Ob das stimmte, wusste er nicht. Aber eines war klar: Er wollte nie wieder etwas mit ihm zu tun haben. Die Vollmondnächte verbrachte er alle in dieser Zelle im Ministerium, eine andere Möglichkeit sah er noch immer nicht. Es war mehr als demütigend, aber zumindest konnte er niemanden angreifen. Ab und zu schnappte er etwas auf, wusste seit einigen Monaten, dass Lupin tatsächlich aus Askaban entlassen worden war, aber sein Vater war mit ihm weggegangen. Sie lebten nun wohl irgendwo in Kanada, wo der Werwolf in den Vollmondnächten laufen konnte, ohne jemanden zu gefährden. Einmal hatte er James Potter von weitem gesehen; wie es schien, machte der gerade eine Auroren-Ausbildung.

Der Aufprall auf dem Boden traf ihn unvorbereitet und Severus konnte ein Stöhnen nicht verhindern. Er spürte jeden Muskel, sein ganzer Körper schmerzte. Wie nach jeder Verwandlung. Muskelkater und verschiedene Biss- und Kratzwunden. Dazu die schmerzenden Knochen. Mit jedem Mal wurde es schlimmer. Noch schlimmer waren die Demütigungen durch die Auroren. Nicht alle waren so, aber es gab ein paar, die es ausnutzten, dass er von ihrer Hilfe abhängig war. Wenigstens konnte er sich selbst über Wasser halten. Am Hafen wurden immer wieder kräftige Männer gesucht, die halfen, die Schiffe zu entladen. Die Tätigkeit war anstrengend, aber dabei kam ihm die Kraft seines inneren Wolfes zu Gute. Viel bekam man nicht dafür, aber es wurde bar auf die Hand bezahlt, damit konnte er sich dann Essen kaufen. Für eine Wohnung reichte es nicht, Severus lebte noch immer auf der Straße. In einem alten, leerstehenden Haus schlief er häufiger, aber er musste aufpassen, dass die Polizei ihn nicht erwischte. Aber die nächsten Tage würde er wohl nichts arbeiten können, er war viel zu fertig. Das bedeutete aber auch, kein warmes, frisches Essen zu haben. Ihm knurrte jetzt schon der Magen, aber er schaffte es nicht, sich aufzuraffen, um hinter einem Supermarkt im Müll zu wühlen. Er blieb einfach liegen, gab der Schwärze nach.

Als er aufwachte, wusste er sofort, dass er woanders als zuvor war. Die Umgebung roch vollkommen anders, er war in einem Haus. Einem richtigen Haus, keinem halb kaputten. Der Raum war nicht besonders groß, aber gut gepflegt, Severus roch Putzmittel und Meeresluft, offenbar war vor kurzem gelüftet worden. Um sich tastend erkannte er, dass er in einem weichen Bett lag, mindestens ein Doppelbett, es war ziemlich breit. Und so weich, wie er es noch nie erlebt hatte. Eindeutig teuer. Außerdem fühlte er Verbände und Heilsalbe auf seinen Verletzungen. Jemand hatte ihn mitgenommen und versorgt, wie es schien. Wer? Warum? Was würde es ihn kosten? Zitternd wickelte sich Severus tiefer in die weiche Decke, die ihm Wärme spendete, ihn aber nicht aufwärmen konnte. Angst machte sich in Severus breit. Seit er hier in London war, lief er regelmäßig Gefahr. Schnell hatte er gelernt, diesem Typ Mann aus dem Weg zu gehen. Beinahe hätte er es zu spät gemerkt. Seine Erinnerung brach sich Bahn, obwohl er es verhindern wollte.

Zitternd vor Kälte – obwohl er als Werwolf nicht so leicht fror – suchte Severus seit Stunden einen Schlafplatz. Es schien, als hätten sich die Obdachlosen gegen ihn verschworen, sie hatten alle Plätze bereits besetzt. Endlich nahm sich einer des Jugendlichen an. Komm, ich habe noch ein bisschen Platz, Lad.“, lud er ein und deutete auf eine Karton-Baracke. „Da drin haben wir es warm und gemütlich.“

Vertrauensvoll folgte der Jugendliche der Einladung, froh darüber, dass endlich jemand für ihn da war. Es war eng in dem Unterschlupf, der war vielleicht knapp zwei mal zwei Meter. Aber eine zerschlissene, alte Matratze war auf dem Boden, auf der ein kuschelig warm aussehender Schlafsack lag. Davon konnte Severus in den letzten Monaten nur träumen. Daher folgte er auch der nächsten Einladung, schlüpfte gemeinsam mit dem Mann, von dem er nicht einmal den Namen wusste, in den Schlafsack. Es war eng, sie mussten zusammen rücken, das war eine Notwendigkeit in dieser Zeit. Schnell waren beide warm und Severus schlief beinahe sofort ein. Bis er einen seltsamen Traum hatte. Erschrocken fuhr er hoch, als er eine Hand auf seiner Haut spürte. Sein ‚Gastgeber‘ hatte ihn im Schlaf ausgezogen, wie auch immer er das im Schlafsack geschafft hatte, und rieb nun seine Erregung an Severus‘ Po, während seine Hand Severus' Penis umschloss. Entsetzt erstarrte Severus einen Moment, dann versuchte er panisch, aus dem Schlafsack zu entkommen, während der Typ hinter ihm erregt stöhnte und ihn an sich presste. Mit letzter Kraft riss Severus sich los und den Schlafsack auseinander, durchbrach die Kartonwände und rannte, was seine Beine hergaben. Sein Herz pochte rasend schnell und schmerzhaft gegen den Brustkorb. Er spürte weder die Kälte auf seiner Haut noch die Steine unter seinen Füßen. Nackt wie er war, krümmte er sich schließlich in einer öffentlichen Toilette zusammen. Sein Magen rebellierte und Severus würgte, aber da er seit beinahe eineinhalb Tagen nichts zu Essen gehabt hatte, war da nichts. Trocken würgte er weiter.

Wie lange er in der Toilette alleine war, konnte Severus nicht sagen, aber gegen Morgen holte ein Polizist ihn aus der Kabine. Noch immer würgte der Jugendliche und sah insgesamt nicht gut aus, daher ließ der Polizist ihn ins Krankenhaus bringen. Severus schwieg über die Ursache, zu sehr schämte er sich.

Einige Tage nach diesem Vorfall hatte er es zumindest geschafft, wieder am Hafen zu arbeiten, ohne bei jedem Geräusch zusammen zu zucken. Seine Sachen hatte er nie wieder gesehen. Aber die Wohlfahrt hatte ihm einen Satz Kleidung und alte Armeestiefel in seiner Größe gegeben, damit er wenigstens etwas hatte. Oft genug hatte er Dinge wie Decken oder sonstige Kleinigkeiten, die er in den Vollmondnächten nicht bei sich hatte, verloren, sie waren ihm gestohlen worden. Seither besaß er nichts mehr außer dem, was er am Leib trug. Selbst seine Decke, die er ebenfalls von der Wohlfahrt hatte, trug er immer um die Hüfte, was ihm den Straßennamen ‚der Schotte‘ eingebracht hatte, da sie ein Muster wie Kilts hatte. Gerade aber fühlte er sich einfach nur sterbenselend. Die Narben vom Silber brannten wie Feuer und die frischen Wunden pochten unangenehm, beraubten ihn jeglicher Kraft. Erschöpft schloss er erneut die Augen und ließ sich treiben. Wann hörte dieser Wahnsinn denn endlich auf? Er merkte nicht, wie seine Verletzungen ein weiteres Mal versorgt und frisch verbunden wurden. Der Schmerz ließ nach und sein Schlaf wurde tiefer und ruhiger.

Als Severus das nächste Mal erwachte, fühlte er sich viel besser. Die Schmerzen waren, bis auf ein leises Pochen, das er ignorieren konnte, verschwunden. Selbst das Brennen der Narben vom Silber, das in der ganzen Zeit nie verschwunden war, störte ihn nicht, da es so wenig war. Er war eindeutig behandelt worden. Darauf deutete auch das Bett hin, aber es roch nicht nach Krankenhaus, weder magisch noch nicht-magisch. Severus hatte keine Ahnung, wo er sich befand, die Gerüche um ihn herum kamen ihm zwar vage bekannt vor, aber er konnte sie keiner Person zuordnen. Das Zimmer verriet ihm nichts darüber, wer hier lebte. Es war halbdunkel, da der schwere, dunkelrote Vorhang vor dem Fenster geschlossen war. Draußen schien es helllichter Tag zu sein, da es hinter dem Vorhand blendend hell war. Daher konnte er auch etwas erkennen, wobei er das nur seinen Werwolf-Genen zu verdanken hatte. Mit menschlichen Augen hätte er keine Chance, mehr als Umrisse zu sehen. Das Bett war wirklich groß, ein Doppelbett. Severus war ziemlich sicher, dass die Füllung des Bettes aus weichen Daunen bestand, bezogen war es mit Seide. Dunkelgrüne Seide. Die Farbe passte nicht besonders zum restlichen Zimmer, das in rot und gold eingerichtet zu sein schien. Die Möbel allerdings waren aus dunklem Holz. Irgendwie schien es alles nicht zusammen zu passen. Als hätte jemand versucht, es umzugestalten, aber nur einen Teil gemacht. Nicht ein einziges Bild hing an den Wänden, sie wirkten irgendwie leblos und kahl. Aber man konnte Schatten erkennen, das bedeutete, dort hatten Bilder gehangen. Was bedeutete das?

Severus beschloss, dieses Rätsel erst einmal beiseite zu schieben, denn die Natur verlangte ihr Recht. Vorsichtig schob er die Bettdecke zurück und stand auf. Jetzt war es nur die Frage, wo das Bad hier im Haus war. Auf gut Glück versuchte er eine der beiden Türen im Raum. Die führte in einen Flur. Also die andere. Tatsächlich fand er dahinter ein Badezimmer und trat hinein. Die Tür hinter sich und auch die gegenüber versperrte er. Hier wollte er ganz sicher nicht herausfinden, wer ihn hierher gebracht hatte. Im Moment war er einfach nur dankbar. Doch mit einem Mal bekam er Angst. Was würde derjenige von ihm verlangen für seine Rettung? Zitternd sank er unter der Dusche zusammen. Das warme Wasser, das vorher so entspannend für ihn war, hatte nichts Heimeliges mehr. Wie oft hatte er in den letzten vielleicht eineinhalb Jahren derartige Angebote bekommen? Die Männer auf der Straße waren nicht nur einmal zu nahe an ihn heran getreten. Sie boten ihm Schutz und Unterkunft, wollten dafür aber Sex mit ihm. Severus wimmerte leise, was sollte er nun tun? Was konnte er tun?

Gellend schrie er auf, als er eine Berührung an der Schulter spürte. Panisch robbte er zurück, bis er an eine Wand stieß. Er saß in der Falle! Wimmernd schlang er die Arme um sich, versuchte, sich klein zu machen und seinen Körper zu schützen. Er wusste nicht, wer vor ihm stand, bekam die Worte nicht mit, die gesprochen wurden. „Nein, bitte nicht!“, schluchzte er immer wieder auf. Alles konnte er ertragen, Schläge, Schmerzen, selbst die Silberverbrennungen und die Verachtung, die ihm entgegen schlug, aber seinen Körper schänden lassen, das würde er nicht überstehen. Er wippte hin und her, bekam nichts um sich herum mehr mit. Der Jugendliche, der bei ihm im Bad war, drehte einfach nur das Wasser ab und setzte sich neben ihn. Leise murmelte er nichtssagende Worte, in der Hoffnung, dass sich Severus irgendwann beruhigen würde. Es störte ihn nicht, dass er mitten im Wasser saß, er ignorierte es einfach. Obwohl seine teuer aussehende Kleidung klitschnass wurde. Er hatte schulterlange, schwarze Haare, helle, blaue Augen und wirkte nicht älter als vielleicht siebzehn. Seiner Stimme hörte man an, dass er erst vor kurzem den Stimmbruch hinter sich gelassen hatte, aber er schien ruhig und besonnen.

Es dauerte lange, bis Severus wirklich merkte, dass ihm nichts passierte. Er wurde ruhiger und hörte nach und nach, was gesprochen wurde. Die Stimme kam ihm merkwürdig bekannt vor, doch noch schaffte er es nicht, seinen Blick zu heben. Er lauschte einfach auf die Worte, die nach einer Weile sogar Sinn ergaben. „Ich werde dir nichts tun, Severus.“, versprach die Stimme. „Ich habe dich von der Straße aufgelesen und deine Verletzungen versorgt. Hier kannst du erstmal bleiben. Das Haus gehört meinem Bruder, aber er … ist nicht da. Wird auch nicht so bald kommen. Ich habe das Haus bisher genutzt, wenn ich meine Ruhe haben wollte. Meine Eltern kommen sicher nicht her, und sonst weiß niemand von diesem Haus. Also keine Angst. Und ich verspreche bei meiner Magie, dass ich dich nicht berühren werde, wenn du es nicht willst! Aber jetzt solltest du aufstehen, damit du dich abtrocknen und anziehen kannst. Anschließend würde ich dir gerne deine Wunden neu verbinden, damit sie sich nicht entzünden.“

Severus' Herzschlag hatte sich langsam aber sicher wieder normalisiert, und jetzt, als der junge Mann verstummte, sah er vorsichtig auf. Seine Atmung beschleunigte erneut, als er den jungen Mann ihm gegenüber erkannte. „Regulus Black?“

Der nickte. „Allerdings.“, lächelte er. Dann wurde sein Gesicht ernst. „Geht's wieder, Severus?“

„Ich … ich … tut mir leid.“, wisperte Severus. Ihm fiel auf, wie viel der Jüngere für ihn getan hatte. „Danke.“

„Keine Ursache.“, winkte Regulus ab. „Wie fühlst du dich?“

„Besser als in den letzten Jahren. Danke.“ Severus versuchte ein Lächeln. Es war eher kläglich. Und ungewohnt, schon lange hatte er nicht mehr gelächelt.

„Na dann komm.“, stand Regulus auf und hielt Severus die Hand hin. Bewusst wartete er, ob der Ältere danach greifen würde. „Ich habe Kleidung gesucht, die dir passen könnte. Sie gehörte Sirius. Ich hoffe, das macht dir nichts aus. Meine Kleidung ist zu klein, du bist immerhin einen Kopf größer als ich. So weit kann man sie nicht einmal mit Magie anpassen!“

Zögernd sah Severus von Regulus' Gesicht zu der ausgestreckten Hand. Er brauchte eine ganze Weile, um zu entscheiden, ob er zugreifen sollte oder nicht. Noch immer war da eine Menge Angst, auch wenn er beinahe sicher war, dem Jüngeren vertrauen zu können. Doch bereits seit Jahren hatte er gelernt, niemandem zu vertrauen. Vor allem die letzten zwei oder drei Jahre hatten ihm nur das Schlechte im Menschen gezeigt. Regulus wartete einfach ab, ganz geduldig. Schließlich gab sich Severus einen Ruck und griff nach der Hand. Regulus zog ihn in den Stand und reichte ihm ein Handtuch, um sich zu bedecken. Sein Blick verließ nie Severus' Gesicht. Er führte den Werwolf zurück in das Zimmer und zeigte auf den Kleiderschrank. „Hier drin findest du alles, was ich von Sirius' Kleidung noch habe. Das Zimmer und das andere neben dem Bad kannst du haben. Ich habe das Master-Schlafzimmer auf der anderen Seite des Flures bezogen und mein eigenes Bad dort drüben. Also keine Sorge, normalerweise komme ich nicht in dein Bad. Ich habe mir vorhin nur Sorgen gemacht, weil du nicht mehr raus gekommen bist. Du hast sicher eine Menge hinter dir in den letzten Monaten. Ruh dich aus und erhol' dich. Ich muss in ein paar Tagen zurück nach Hogwarts für meine letzten Monate. Bald habe ich Prüfungen.“

Severus starrte ihm hinterher, als er die Tür hinter sich zumachte. Er war dankbar, aber er war noch immer voller Angst. Seine Erfahrungen beinhalteten so etwas nicht und nun musste er erst lernen, wie er damit klar kommen konnte. Wie er darauf reagieren sollte. Seufzend setzte er sich auf das Bett. Er wusste nicht einmal mehr, wie sich ein Bett anfühlte. Regulus schien wirklich helfen zu wollen, aber Severus konnte einfach nicht mehr vertrauen. Er hatte gesagt, dieses Haus hier gehörte seinem Bruder. Aber er hatte auch gesagt, dass der in nächster Zeit wohl nicht kommen würde. Hass wallte in Severus auf. Sirius Black war Schuld, dass er selbst zu diesem Leben verdammt war. All die Jahre hatte dieser Mistkerl keine Gelegenheit ausgelassen, um ihn zu demütigen oder zu verletzen. Zu Recht saß er in Askaban. Wütend knurrte Severus, dann schlug er mit der Faust auf das Bett. Egal, wie lange der Kerl in Askaban saß, es wäre nie genug. Severus war für sein Leben gezeichnet, nie würde er eine Chance in der Zauberwelt haben. Und in der Muggelwelt genauso wenig, da er zu wenig Ahnung hatte, um eine Ausbildung zu machen. Ihm fehlte nicht nur der Schulabschluss, sondern auch das nötige Grundwissen, um einen Schulabschluss nachzuholen. Sein Leben war verdammt. Zum zweiten Mal seit dem Biss gab er seinen Gefühlen nach und sank weinend auf das Bett. Wut, Angst, Verzweiflung mischten sich und er konnte einfach nicht mehr.

Ein Klopfen riss ihn aus seiner Verzweiflung. „Severus?“, rief Regulus von außen fragend. „Alles in Ordnung? Essen ist fertig.“

„Komme gleich.“, antwortete Severus heiser. Er strich sich fahrig über das Gesicht und wischte die Tränenspuren weg. Er ging zum Schrank und griff planlos hinein, holte das Erste heraus, was er in die Hand bekam. Damit ging er erneut ins Bad, wusch sich kurz das Gesicht. In den Spiegel sah er nicht, er wollte sich nicht sehen. Aber er spürte zumindest, dass Regulus ihn rasiert haben musste, denn seine Wangen und sein Kinn fühlten sich glatt an. Mehr als ungewohnt, denn seit seiner Verwandlung hatte er keinen Rasierer genutzt. Auch seine Haare schienen wieder in Form gebracht worden zu sein. Dennoch wollte er keinen Blick darauf werfen. Rasch schlüpfte er in die Kleidung, die ihm viel zu weit war. Er wusste, er hatte abgenommen, aber dass er so schmal war, hätte er nicht geglaubt. Sirius Black war nicht dick gewesen, sondern sehr schlank, aber seine Kleidung hing an ihm. Im Schrank fand er wenigstens noch einen Gürtel, damit er die Hose nicht unterwegs verlor. Er wagte sich in den Flur und die Treppe nach unten. Dort folgte er seiner Nase, die ihn in einen lichtdurchfluteten Raum führte. Er sah sich um. Links von der Tür waren zwei Sofas und ein Sessel, rechts davon ein Esstisch mit sechs Stühlen. Die gesamte Wand ihm gegenüber bestand aus einer Fensterfront mit Schiebetür. Die war ein Stück weit offen und Severus hörte das Meer rauschen. Der Salzgeruch in der Luft wurde ihm erst jetzt so richtig bewusst.

„Hunger?“, fragte Regulus, der gerade durch einen Durchgang hinter dem Tisch trat. Er stellte zwei Schüsseln auf den Tisch. „Spaghetti und Sauce. Mehr kann ich nicht. Aber mein Hauself ist gerade bei meinen Eltern, die denken, ich bin in Hogwarts geblieben zum Lernen. Ich wollte sie nicht aufmerksam machen.“

„Riecht gut.“, antwortete Severus vorsichtig und sah zu, wie Regulus Teller und Besteck aus einer Vitrine nahm. Er setzte sich zu Regulus, wenn auch mit größtmöglichem Abstand.

„Ah, Moment, ich habe den Käse vergessen!“, sprang Regulus nochmal auf und lief in die Küche, nur um einen Moment später mit einer kleinen Schale voll geriebenem Käse wieder zu kommen. „So, jetzt haben wir alles. Guten Appetit!“

„Danke.“, murmelte Severus. „Guten Appetit.“

Severus aß langsam und vorsichtig, blickte immer wieder skeptisch zu Regulus. Er fühlte sich dem Jüngeren nicht gewachsen, wissend, dass er ohne Magie auskommen musste. Körperlich war er ihm überlegen, das war der Wolf in ihm, aber Severus scheute davor zurück, ihn an die Oberfläche zu lassen. Die Kontrolle abzugeben. Doch Regulus blieb auf Abstand, ließ ihn einfach in Ruhe. Schweigend aßen sie, dann räumte Regulus wortlos den Tisch ab. Automatisch griff Severus mit zu, trug die Teller und das Besteck in die Küche. Gemeinsam spülten sie das Geschirr, dann zeigte Regulus seinem neuen Mitbewohner das Haus.

„Wir sind hier in der Nähe von Broadstairs, ein reines Muggelstädtchen.“, erklärte er. „Der Strand, den du von hier aus sehen kannst, gehört zum Haus, das bedeutet, die Leute dürfen zwar darüber laufen, aber nicht bleiben. Direkte Nachbarn haben wir nicht. Hier unten im Erdgeschoss gibt es neben der Küche und dem Wohnzimmer noch ein Gäste-WC, gleich neben der Haustür, und ein Arbeitszimmer. Im Keller ist ein kleines Labor für Tränke, dazu der Waschkeller und ein Weinlager. Im ersten Stock sind dann drei Schlafzimmer und die Bibliothek. Du kannst entweder in dem Zimmer bleiben, wo du warst, oder auf die Südseite gehen, also vom Bad aus auf der anderen Seite. Über jedem Schlafzimmer ist ein Türmchen, darin kannst du es dir gemütlich machen.“

Severus fühlte sich überfordert. „Das … heißt das, du willst, dass ich hier bleibe?“

„Natürlich.“ Regulus sah ihn verwirrt an. „Ich will dir helfen. Severus, du bist hier willkommen. Aber ich will dich nicht einsperren, wenn du es nicht willst. Ich habe keine Ahnung, was in den letzten Jahren mit dir war, aber ich vermute, das war nicht besonders angenehm. Deshalb will ich dir helfen.“

„Warum?“ Severus verstand es einfach nicht.

„Warum? Weil ich dir einfach helfen will.“, zuckte Regulus die Schultern. „Vielleicht, weil ich die Schuld meines Bruders ein bisschen wieder gut machen will. Vielleicht auch, weil ich gesehen habe, wie sehr du in der Schule schon kämpfen musstest und möchte, dass du auch ein wenig Glück hast in deinem Leben. Vielleicht auch, weil du mir sympathisch bist. Severus, ich weiß es nicht genau. Ich habe dich in der Winkelgasse liegen sehen und konnte dich nicht so liegen lassen. Meine Eltern würden mich dafür hassen, aber … ich hatte Mitleid.“

„Und ...“, begann Severus krächzend. Er räusperte sich und versuchte, sicherer zu klingen, als er sich fühlte. „Und was verlangst du als Gegenleistung?“ Angespannt wartete er auf die Antwort.

Regulus' Kopf ruckte hoch. Mit weiten Augen sah er ihn entsetzt an, als er realisierte, was Severus damit andeutete. „Nichts.“, war die schlichte Antwort. „Absolut nichts. Ich weiß, das ist untypisch für einen Slytherin, aber ich habe wirklich keinen Hintergedanken. Ich will dir einfach helfen.“

Nachdenklich schwieg Severus. Dank seiner Sinne wusste er, Regulus hatte die Wahrheit gesprochen, dennoch verstand er es nicht. Andererseits war er froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Regulus war etwa zwei Jahre jünger als er selbst und gerade offenbar in der Abschlussklasse. Nie hatte er intensiven Kontakt zu ihm gehabt, aber sie waren auch nicht verfeindet gewesen. Neutralität beschrieb ihr bisheriges Verhältnis wohl am ehesten. Im Moment konnte er einfach keine Entscheidung treffen. „Was machst du eigentlich hier?“, erkundigte er sich, nur um etwas zu sagen, als das Schweigen drückend wurde.

„Offiziell lebe ich bei meinen Eltern, wenn ich nicht in Hogwarts bin.“, begann Regulus mit abwesendem Blick. „Seit Sirius in Gryffindor gelandet ist, hat sich alles geändert. Das Ansehen in der Öffentlichkeit war immer das Wichtigste für unsere Eltern. Es war ein Schlag ins Gesicht, dass Sirius nicht in Slytherin war. Aber das wäre vielleicht noch erträglich gewesen, wenn er sich nicht mit seinem Verhalten noch zusätzlich abgegrenzt hätte. Aber erst, als er verurteilt wurde, haben meine Eltern ihn enterbt. Für sie ist er nicht mehr ihr Sohn. Ein Onkel, der ebenfalls verstoßen wurde, hat ihm kurz vorher dieses Haus vererbt. Sirius hat einen Sommer hier verbracht, ein wenig sieht man seinen Einfluss in den Zimmern, aber er ist nie fertig geworden. Eigentlich sollte ich nicht hier sein, aber das ist der einzige Ort, wo ich sicher sein kann, dass niemand herkommt. Sirius muss noch einige Zeit in Askaban absitzen, ich denke nicht, dass er danach noch in der Lage ist, hier zu leben. Man verliert den Verstand dort. Ich weiß nicht, wie es ihm dort geht. Auch wenn er bestraft werden muss, irgendwie tut er mir trotzdem leid. Immerhin ist er doch trotz allem mein Bruder. Ich hoffe, du verstehst das.“

„Ich weiß es nicht.“, gestand Severus. „Ich kann mir das nicht vorstellen, ich habe keinen Bruder.“ Er schluckte und dachte an Suavita. Wie würde er reagieren, wenn sie überlebt und nun etwas angestellt hätte? Würde er sie immer noch lieben? Vermutlich. Zumindest ein Stück weit konnte er nun nachvollziehen, was Regulus gerade gesagt hatte. Allerdings erinnerte ihn das auch noch an diesen Vorfall. „Weißt du, was mit Lupin ist?“

Regulus' Augen weiteten sich. „Du verurteilst ihn nicht?“, erkannte er.

„Er hat keine Kontrolle über den Wolf in sich. Mir ist in den letzten ich-weiß-nicht-wieviel Jahren klar geworden, dass er nichts dafür kann.“, wisperte Severus zitternd.

„Schon gut, Severus.“, beruhigte Regulus. „Bleib einfach hier und ruh' dich aus. Wenn ich zurück in Hogwarts bin, kann ich sicher etwas herausfinden.“

„Danke.“, nuschelte Severus.

„Du siehst echt fertig aus.“, erkannte Regulus. „Vielleicht solltest du dich hinlegen. Darf ich deine Verletzungen nochmal ansehen?“

Nach einem Moment nickte Severus und ging mit Regulus nach oben. Nur sehr widerwillig zog er sich aus, um Regulus Zugang zu den Biss- und Kratzwunden zu ermöglichen. Er zitterte, als Regulus' Hand auf ihn zukam. Nur mit Mühe hielt er sich davon ab, weg zu zucken, als Regulus ihn mit Heilsalbe eincremte. Es tat gut, aber Severus hatte andere Berührungen vor Augen.

„Sch.“, machte Regulus. „Keine Angst. Es wird gut.“ Aber der Jüngere wusste, dass er ein Versprechen gab, das er nicht halten konnte. Und er wusste, dass auch Severus das wusste. „Du bist hier sicher. Bleib einfach hier.“

„Und Vollmond?“

„Kreacher, mein Hauself, kann den Wald, der zum Haus gehört, sichern, sodass du darin laufen kannst. Kein Mensch wird hinein können und du als Werwolf nicht hinaus.“, versprach Regulus. „Er wird kommen, wenn es unauffällig ist. Bis zum nächsten Vollmond haben wir noch knapp vier Wochen. Dann bin ich zwar schon lange wieder in Hogwarts, aber Kreacher wird dir helfen. An den Hogsmeade-Wochenenden kann ich mich raus schleichen und dich besuchen, damit du nicht so alleine bist!“ Jetzt grinste Regulus jungenhaft und erinnerte damit sehr an seinen älteren Bruder. „Aber ich fürchte, jetzt muss ich dich alleine lassen, ich muss noch eine Weile lernen, damit ich am Ende gute Noten habe. Immerhin will ich Tränkemeister werden.“

Ein Stich durchfuhr Severus. Das war auch sein Wunsch gewesen. Er drehte sich weg und verbarg sein Gesicht vor dem Jüngeren. Der sollte nicht sehen, wie sehr es schmerzte, einen zerplatzten Traum vor Augen zu haben. Regulus schien zu merken, dass etwas nicht stimmte, und verließ das Zimmer mit den Worten, er wäre unten im Arbeitszimmer. Severus legte sich in das Bett, aber diesmal konnte er nicht schlafen. Sein Kopf ließ sich nicht davon abhalten darüber nachzudenken, was wäre, wenn er nicht gebissen worden wäre. Völlig utopische Gedanken, das war ihm klar, aber er konnte es nicht mehr kontrollieren. Nach einer Weile stand er deshalb auf und ging nach unten. Er brauchte Ablenkung. Leise setzte er sich zu Regulus ins Arbeitszimmer und griff wahllos nach einem Buch, um darin zu lesen. Regulus sah nur kurz auf und lächelte ihm aufmunternd zu, dann beugte er sich wieder über seine Aufzeichnungen. Severus genoss die Ruhe, die sich zwischen ihnen ausbreitete, und las in einem Buch über Verteidigung. Es gab noch so viel, was er hätte lernen können, aber dieser Weg war ihm versperrt. Daher legte er nach einiger Zeit das Buch auf die Seite und suchte sich lieber eines über magische Wesen. Das war weitaus weniger deprimierend. Und informativ.

„Regulus?“, wagte es Severus schließlich, das Wort an den Jüngeren zu richten. Der sah auf und blickte ihn aus seinen hellen, blauen Augen fragend an. „Kennst du dich mit Haarschneidezaubern aus? Ich … als ich von meinem Vater weggegangen bin, habe ich sie einfach nur abgeschnitten, aber ...“

„Du willst einen Neuanfang.“, erkannte Regulus lächelnd. „Ich bin zwar kein Friseur, aber ich denke, ich kann sie zumindest ein wenig in Form bringen.“ Er stand auf und wandte sich nach oben. „Komm, versuchen wir es.“

Gemeinsam gingen sie nach oben. Severus setzte sich vor den Spiegel in seinem Bad und Regulus trat hinter ihn, zückte den Zauberstab. „Halt still.“, warnte er den Älteren, bevor er einen Zauber murmelte, der die Knoten aus den Haaren schaffte. Einen weiteren Zauber später waren die Haare kinnlang. Sie fielen ein wenig strähnig zu beiden Seiten von Severus' Gesicht herunter, aber es sah deutlich besser aus als zuvor. Zufrieden bedankte sich Severus. Regulus lächelte nur leise und strich ihm kurz über die Schulter.

 

In den nächsten Tagen ging es ähnlich zu. Ab und zu sprachen sie, aber nur wenig. Regulus lernte und Severus las. Die Arbeit in der Küche machten sie gemeinsam und langsam lernte Severus, dem Jüngeren wenigstens ein Stück weit zu vertrauen. Noch immer zuckte er zurück, wenn sie sich zu nahe kamen, aber Regulus hielt sich an sein Versprechen, ihn nicht ohne seine Erlaubnis zu berühren. Severus ging nur kurz nach draußen, ihm war es einfach zu viel, aber er saß zumindest auf der Terrasse oder dem Balkon und atmete tief durch. Die Nächte genoss er besonders. Ein Dach über dem Kopf und ein eigenes Bett schienen ihm wahrer Luxus, aber vor allem fühlte er sich absolut sicher hier im Haus. Er spürte die Anwesenheit von Regulus, aber sie machte ihm keine Angst. Im Gegenteil, sie zeigte ihm, dass er beschützt wurde. Dadurch schlief er auch deutlich besser und erholte sich schneller. Früher als erwartet war er alleine im Haus, Regulus war zurück in Hogwarts. Langsam wurde Severus ruhiger, sah nicht mehr hinter jedem Baum einen Verfolger. Kreacher war kurz da gewesen, Regulus hatte ihm Anweisung gegeben, auch auf Severus zu hören, doch der Werwolf war überzeugt, es alleine zu schaffen. Er wollte nicht noch tiefer in der Schuld des Jüngeren stehen. Außerdem war er froh, etwas zu tun zu haben. Auf der Straße bestand sein Tag darin, entweder Arbeit oder Essen zu suchen. Jetzt hatte er Muße, aber er wusste nichts mit sich anzufangen. Also stürzte er sich in die Hausarbeit, um etwas zu tun zu haben. Er blieb weiterhin entweder direkt im Haus oder zumindest in der Nähe, mied die Menschen in der Umgebung.

Regulus kam kurz vor Vollmond ins Haus und sah nach Severus. Einerseits wollte er sicherstellen, dass es Severus gut ging, andererseits wollte er dafür sorgen, dass Kreacher seine Aufgabe, den Wald für einen Werwolf zu sichern, auch ordentlich ausgeführt hatte. Beides fiel zu seiner Zufriedenheit aus und so saßen die beiden Jugendlichen am Abend vor dem Kamin. Es war nicht kalt, dennoch brannte ein Feuer, einfach weil es gemütlicher war. „Severus, wie fühlst du dich?“, fragte Regulus in die Stille.

„Es geht.“, gestand Severus sehr ehrlich. „Ich spüre den Vollmond sehr deutlich, aber dank dir fühle ich mich deutlich besser als früher.“ Und das stimmte, denn zumindest Hunger und Durst musste er hier nicht leiden, und das half ihm auch. Der Körper reagierte nicht so extrem wie früher. Seine Reserven halfen ihm offensichtlich.

„Kreacher hat den Wald gesichert, du kannst unbesorgt dort hinein, um dich zu verwandeln.“, versprach Regulus. Er wirkte zufrieden mit dem, was er sah.

„Und du? Was macht das Lernen?“, erkundigte sich Severus.

„Läuft ganz gut.“, grinste Regulus. „Die Lehrer sind mit dem regulären Stoff durch, jetzt sind Wiederholungen angesagt. Bisher bin ich zufrieden. Ein paar Dinge muss ich noch intensiver ansehen, aber insgesamt klappt es. Ich denke, bis Juni schaffe ich es.“

„Und danach?“

„Wenn die Noten passen, habe ich bereits einen Platz für ein duales Studium.“, verriet Regulus. „Ich will Tränkemeister werden, so schnell wie möglich. Dank meiner Eltern ist das zumindest finanziell kein Problem. Sie wären sicher stolz, einen Tränkemeister in der Familie zu haben. Dieses wirtschaftliche Zeug, was Dad macht, interessiert mich überhaupt nicht. Er hat mehrere Unternehmen, eigentlich wollte er sie irgendwann in meiner Hand sehen, aber wenn ich Tränkemeister werde, sind sie dennoch stolz. Die Unternehmen kann ich trotzdem erben, sagt Dad, dann muss ich eben einen guten Manager einstellen. Jetzt müssen nur noch die Noten in den Abschlussprüfungen stimmen, dann kann ich weitermachen. Und dann finde ich raus, ob an den Gerüchten was dran ist. Es soll nämlich einen Trank geben, der Werwölfen bei der Verwandlung hilft und die Kontrolle bei dem menschlichen Geist lassen soll.“

Severus schenkte ihm ein Lächeln. Ein wenig neidisch war er schon, aber er gönnte es Regulus. Wenigstens er konnte offenbar seinen Traum verwirklichen. Regulus konnte nichts für die Taten seines Bruders. Was den Trank betraf, diese Hoffnungen, die in ihm aufstiegen, drückte er sofort zurück, er glaubte nicht daran, dass an den Gerüchten etwas Wahres war.

„Hey, ich habe übrigens ein paar Bücher mitgebracht, aus meinem persönlichen Vorrat. Kreacher hat sie geholt. Ich hoffe, sie gefallen dir.“, durchbrach Regulus nach einer Weile das Schweigen. „Sie sind drüben im Arbeitszimmer. Damit kannst du dir die Zeit vertreiben.“

„Danke.“, lächelte Severus. Ihm fiel auf, dass er deutlich häufiger lächelte, seit er hier lebte. Und er genoss es. Endlich konnte er mal ein normales Leben führen. Einigermaßen normal wenigstens. Regulus ermöglichte es ihm und Severus war mehr als dankbar. Hier fühlte er sich wohl und er war froh, dass Regulus ihn normal behandelte. Dankbar wie er war, half er Regulus beim Lernen, fragte ihn ab.

 

Der Vollmond war diesmal deutlich problemloser als jeder vorherige. Zwar konnte sich Severus auch diesmal nicht an die Nacht erinnern, aber er erwachte am Morgen beinahe unverletzt. Einige Kratzer, mehr nicht. Muskelkater und schmerzende Knochen waren nervig, aber auszuhalten. Im Auftrag von Regulus kümmerte sich Kreacher in den Tagen vor und nach Vollmond um Essen und die Arbeiten im Haus, damit Severus sich erholen konnte. Regulus schickte einen Brief mit seiner Eule, wollte wissen, wie es seinem Hausgast ging. Severus antwortete direkt. Zwischen Regulus und ihm entwickelte sich eine enge Freundschaft, und der ehemalige Slytherin war tief in seinem Inneren froh darüber. Nie hatte er Freunde gehabt, außer Lily ganz früher, aber zu ihr hatte er keinen Kontakt mehr. Immer wieder überlegte er in den letzten Tagen, das zu ändern. Sollte er einfach an sie schreiben? Sicher war sie inzwischen verheiratet. Regulus hatte ihm erzählt, dass sie wohl mit James Potter ausgegangen war, nach dem Vorfall mit ihm. Seit er ihn gerettet hatte, dachte Severus immer wieder über Potter nach. Ja, auch er hatte ihn immer wieder gedemütigt und verletzt, aber letztlich hatte er ihm das Leben gerettet. Er hatte seine Freunde verraten und sich selbst als Animagus entlarvt. Das rechnete er ihm hoch an. Severus war sich bewusst, dass er sich zumindest noch bedanken sollte bei seinem ehemaligen Mitschüler. Bisher allerdings hatte er noch nicht den Mut gefunden, sich den Potters zu stellen. In einer alten Zeitung hatte er von der Hochzeit gelesen, Lily war nun Mrs. Potter. Außerdem hatte er gelesen, dass die Eltern von Potter bei dem Kampf gegen den dunklen Lord ermordet worden waren. Das hätte er selbst vor dem Biss nicht gewollt. Bald musste er sich den Potters zuwenden, das wusste er. Er grübelte, aber noch war er nicht bereit.

Es knallte. Severus schreckte aus dem Schlaf hoch. Das war eindeutig ein Apparier-Geräusch. Heute, oder besser gestern, war der letzte Schultag von Regulus und er hatte eigentlich auf ihn gewartet. Allerdings war erst vor wenigen Tagen Vollmond gewesen, und so war Severus eingeschlafen. Durch den Knall aus dem Schlaf gerissen fiel er beinahe vom Sofa, auf dem er lag, konnte sich gerade noch so abfangen. Ein dumpfer Schlag und ein herzhafter Fluch folgten. Die Stimme gehörte Regulus, da war Severus sicher, aber diese Art Sprache hatte er noch nie von dem Jüngeren gehört. Er fluchte immer schlimmer, schien ziemlich wütend zu sein, schlug immer weiter auf Wände und Türen ein, trat gegen eine Bodenvase und ein Regal, sodass sie zerbrachen.

„Reg?“, fragte Severus vorsichtig in den Flur, wo der Hausherr noch immer tobte.

„Diese miesen, dreckigen, verfluchten Schweine!“, schrie Regulus statt einer Antwort. „Sie haben mich gebrandmarkt, wie Vieh!“ Erneut schlug er um sich, warf Geschirr an die Wand und riss eine Vitrine zu Boden. Ein Fenster ging zu Bruch und Severus in Deckung. Er fragte sich, was in aller Welt passiert sein könnte, aber Regulus war nicht ansprechbar. „Ich dachte immer, ich sei ihr Kind, ihr Stolz, ihr Ein und Alles! Nichts, überhaupt nichts. Alles gelogen! Miese Schweine, diese Arschlöcher! Sie haben mich verkauft!“ Er rammte seine Faust so hart gegen die Wand, dass ein Stück Ziegel heraus brach, und Severus hörte ein unangenehmes Knirschen und Knacken. Regulus sank schluchzend zu Boden.

Entsetzt sah Severus zu, wie die Stimmung von Wut in Verzweiflung umschlug. Langsam trat er zu Regulus heran, überlegend, was er nun tun sollte. Er hatte keine Ahnung, was passiert war oder wie er nun reagieren sollte. Konnte er Regulus helfen, so wie der ihm seit Monaten half? Ein wenig hilflos strich er mit der Hand über die bebende Schulter. Das Schluchzen verstärkte sich erst einmal. Severus ließ sich ächzend neben Regulus auf den Boden sinken und streichelte ein wenig unkoordiniert über seinen Rücken, zog ihn zu sich. Verzweifelt klammerte sich der Jüngere an ihm fest. Obwohl er zurück zuckte, ließ Severus zu, dass sich Regulus bei ihm anlehnte, streichelte weiterhin über seinen Rücken, murmelte leise, sinnlose Worte in dessen Ohr. Ganz so, wie Regulus es vor einigen Monaten bei ihm gemacht hatte, nur mit deutlich mehr Nähe. Die schien er gerade zu brauchen.

„Was ist passiert?“, fragte Severus gegen Morgen, als Regulus ein wenig ruhiger wurde.

Erneut ziemlich wütend sprang Regulus auf und zerrte an seinem Ärmel, bis er ihn offen hatte. „Das hier!“, fauchte er und zeigte Severus den linken Unterarm. Ein schwarzer Totenkopf war darauf zu sehen, aus dessen Mundöffnung sich eine Schlange ringelte. „Meine Eltern waren bei der Zeugnisverleihung. Ich dachte, sie wären stolz auf mich, weil ich als Bester abgeschnitten habe! Danach wollten sie mit mir feiern, sagten sie zumindest, und ich bin mitgegangen. So blöd, ich war so blöd! Sie haben mich direkt zu einer Todesser-Versammlung gebracht und ich habe diese nette Verzierung bekommen!“ Erneut wollte er um sich schlagen.

Severus fing seine Hand auf. „Das ändert nichts.“, bestimmte er hart. „Wir werden sehen, wie wir dich da raus kriegen, aber wenn du dich verletzt, änderst du nichts.“

„Halt mich!“, bat Regulus schluchzend.

Severus schlang die Arme um ihn. Jetzt konnte er etwas zurück geben. „Immer.“, versprach er. Ein wenig unbeholfen wiegte er den Jüngeren eine Weile, doch Regulus schaffte es nicht, sich zu beruhigen. Leises, verzweifeltes Schluchzen wechselte sich mit wütenden Schimpftiraden vor allem gegen seine Eltern ab. Severus wusste nicht mehr weiter, was sollte er tun? Regulus war ein Freund, ein Vertrauter für ihn geworden, und er wollte so sehr helfen. Es tat ihm selbst weh, die große Verzweiflung zu sehen. Aber all seine Bemühungen schienen umsonst, er kam einfach nicht an ihn heran. Regulus schien ihn nicht einmal zu hören, klammerte sich aber an ihm fest. Severus' Hand strich ihm über die Wange, wischte die Tränen weg, aber immer neue folgten. Irgendwann verzweifelte auch Severus, weil er nicht helfen konnte. Einem Impuls folgend hob er Regulus' Kopf etwas an und legte seine Lippen kurz auf die des Freundes. Regulus schnappte aus seiner Stimmung und erstarrte. Seine Augen weiteten sich und der Mund stand vor Überraschung weit offen, als Severus sich zurückzog. Erst jetzt realisierte Severus, was er gerade getan hatte, und er sprang auf. „Es tut mir leid!“, wisperte er und verließ fluchtartig den Raum, rannte regelrecht in sein Zimmer.

Vollkommen durcheinander ging er unruhig auf und ab. Seine Gedanken wirbelten, aber er bekam keinen richtig zu fassen. Hatte er gerade tatsächlich Regulus geküsst? Sein erster Kuss. Nie hatte er daran gedacht, ausgerechnet einen Jungen zu küssen. Er konnte nicht abstreiten, dass es sich angenehm angefühlt hatte. Aber was war jetzt? Hatte er nun ihre Freundschaft zerstört? Seit er ein Werwolf war, hatte Severus nicht mehr daran geglaubt, sich zu verlieben. Wenn er jetzt an den Kuss dachte, kribbelte es in ihm. War er verliebt? Oder lag es nur daran, dass er jetzt darüber nachdachte? Vor allem, sollte er es mit Regulus bereden? Oder lieber ignorieren? Wie konnte er jetzt mit ihm befreundet sein? Würde es alles ändern? Würde Regulus ihn rauswerfen? Was sollte er dann machen? Wohin sollte er gehen? Hier fühlte er sich so wohl wie noch nie in seinem Leben, er wollte nicht gehen. Aber jetzt hatte er alles verändert. Er wusste nicht einmal, ob Regulus eine Freundin hatte. Über so persönliche Dinge hatten sie nie gesprochen. Severus wusste nicht einmal von sich selbst, ob er mehr auf Frauen oder Männer stand. In der Schule hatte er sich immer zurück gezogen, um möglichst wenig Kontakt mit den Anderen zu haben, vor allem mit den Rumtreibern. Da hatte er nicht darauf geachtet, was um ihn herum geschah. Und danach … darüber wollte er nicht nachdenken. Seine Gedanken glitten erneut zu den Vorfällen auf der Straße. Er spürte die Hände auf sich, roch erneut diese Mischung aus Schweiß, Dreck, Erregung. Übelkeit wallte in ihm auf und er ging in die Knie, würgte.

„Sev?“, rief Regulus von draußen, doch der Ältere reagierte nicht. Vorsichtig öffnete Regulus nach einigen weiteren, unbeantworteten Rufen, die Tür. Er fand einen haltlos zitternden Severus vor, der auf dem Boden saß, apathisch ins Leere starrte. Vor ihm war Erbrochenes, auch auf Severus' Gesicht waren noch Spuren. Instinktiv wollte Regulus die Spuren wegwischen, doch im letzten Moment hielt er sich selbst davon ab. Er erinnerte sich daran, wie Severus bei der ersten Berührung reagiert hatte. Also ließ er mit einem Schlenker seines Zauberstabes das Erbrochene verschwinden, öffnete das Fenster, um den Geruch zu vertreiben. Das, was zuvor passiert war, schob er erst einmal beiseite, um Severus zu helfen. Beruhigend sprach er auf den Älteren ein.

„Es tut mir leid.“, wisperte Severus schließlich. „Ich wollte das nicht.“

„Sev, was genau meinst du?“, erkundigte sich Regulus, erleichtert darüber, dass Severus sich offenbar wieder ein wenig beruhigt hatte.

„Ich habe alles kaputt gemacht. Dabei wollte ich dir nur helfen, aber ich wusste nicht, wie.“, erklärte Severus leise. „Du warst so verzweifelt, hast nicht mehr reagiert, du hast geweint, und ich wollte dir helfen. Irgendwie kam es dann dazu, dass ich … dich geküsst habe. Ich wollte es nicht, wollte unsere Freundschaft nicht kaputt machen. Ich bin doch gerne hier, ich wollte das nicht zerstören.“

„Sev, nicht.“, bat Regulus. „Wir sind Freunde, daran ändert das nichts. Du bleibst natürlich hier, ich habe dir versprochen, dass du hier ein Zuhause hast. Du hast auf jeden Fall geschafft, dass ich mich nicht mehr in meiner Verzweiflung verloren habe, auch wenn es eine … ungewöhnliche Methode war. Ich bin froh, dass du da bist, ich weiß immer noch nicht, wie es bei mir weitergehen soll. Der Lord will mich als seinen Tränkemeister haben, er hat mich in seinen inneren Kreis aufgenommen.“

„Was bedeutet das für dich?“, wollte Severus wissen. Er war dankbar um die Ablenkung, wollte nicht weiter über den Vorfall eben nachdenken.

„Ich habe den Vorteil, nicht direkt mit zu sogenannten ‚Einsätzen‘ zu müssen.“, schnaubte Regulus abwertend. Severus gegenüber war er erstaunlich offen. „Er braucht mich, ich darf mir nichts zu Schulden kommen lassen, damit keiner was gegen mich in die Hand bekommt. Er hat niemanden an seiner Seite, der gute Tränke brauen kann, deshalb braucht er mich so dringend. Er ist begeistert von meinen guten Noten im Abschluss, denn dadurch ist es mir möglich, das duale Studium zu absolvieren. Ab dem ersten August bin ich bei einem Tränkemeister und im September dann abwechselnd dort und an der Uni zum Studieren. Bis ich fertig bin, muss ich mich regelmäßig bei meinen Eltern sehen lassen, damit sie keinen Verdacht schöpfen. Offiziell wohne ich weiterhin bei ihnen. Außerdem wird mich der Lord wohl immer wieder rufen.“ Am Schluss wurde er ziemlich leise.

Severus sah auf und legte Regulus die Hand auf den Arm. „Du hast Angst.“, erkannte er. „Aber ich bin da, ich werde dir helfen.“ Unbeholfen zog er ihn in eine Umarmung, spürte, wie sich Regulus festklammerte. Zitternd und bebend hing Regulus an seinem Gast, versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen. Bald musste er nach Hause zu seinen Eltern, die durften ihm nichts anmerken. Der Ältere sprach beruhigend auf ihn ein, hielt ihn fest.

Nur langsam ging es Regulus besser und erst zur Abendessenszeit war er wieder in der Lage, sich seinen Eltern zu stellen. Er war sich bewusst, dass er es ohne Severus nicht so gut geschafft hätte. Wahrscheinlich gar nicht. Schließlich lächelte er Severus ein wenig missglückt an. „Danke.“

„Schon gut.“, zuckte Severus die Schulter. „Du hast so viel für mich getan, ich bin froh, dass ich dir helfen kann. Kommst du klar?“

„Es muss gehen.“, zuckte Regulus unbehaglich die Schulter. „Sie werden nichts merken.“

„Du schaffst das!“, versuchte Severus ihn aufzumuntern.

„Ich denke einfach an dich, an das, was du alles bereits geschafft hast.“, grinste Regulus. Er klopfte Severus noch einmal auf die Schulter. „Danke, mein Freund.“ Mit einem letzten Lächeln disapparierte er.

 

Die nächsten Wochen wurden ziemlich unruhig, sobald Regulus da war. Er achtete mehr als gut darauf, dass niemand auch nur einen Verdacht bekam, wo er war. Deshalb konnte er sich nicht oft losreißen, aber wenn er da war, sprach er mit Severus über das, was er erlebte. „Meine Eltern lassen mich kaum aus den Augen.“, jammerte er nur eine Woche später, als er zum ersten Mal seit seinem Zusammenbruch im Haus war. „Sie sind so stolz darauf, einen Todesser aus dem inneren Kreis aus mir gemacht zu haben.“ Regulus spuckte angewidert aus. „Sie haben dem Lord eine Menge Galleonen bezahlt. Ist das nicht dermaßen bescheuert? Sie zahlen ihm Gold dafür, dass er mich brandmarkt, und sind dann auch noch glücklich darüber! Ich stehe fast die ganze Zeit im Labor, weil der Lord eine Menge Tränke fordert. Ich wünschte, meine Eltern hätten nicht so gute Beziehungen, sie besorgen alles an Zutaten, was ich dafür brauche, auch wenn sie verboten sind. Es verursacht mir Übelkeit, wenn ich daran denke, wozu diese Tränke genutzt werden.“ Er nahm dankbar den Tee, den Severus ihm reichte. „Ist bei dir alles in Ordnung? Ich habe Kreacher beauftragt, dir weiterhin Lebensmittel zu bringen.“

„Alles gut, Reg, mach dir keine Sorgen.“, beruhigte Severus. „Ich bleibe im Haus oder wenigstens im Garten, gehe nicht in den Ort. Den Vollmond verbringe ich weiter im Wald, das funktioniert gut. Ich bin froh, dass du mich hierher gebracht hast.“

„Ich auch.“, lächelte Regulus. „Bei dir kann ich meine Masken fallen lassen. Du hast keine Ahnung, was mir das bedeutet. Einfach ich selbst sein zu können. Mich nicht verstecken oder verstellen zu müssen.“

Severus nickte ihm nur zu. Er war froh, dass sich sein Kuss nicht negativ auswirkte. Sie schwiegen sich darüber aus, taten so, als wäre es nie passiert. Severus war es am liebsten so. Er genoss es, so entspannt mit Regulus reden zu können. Das hatte er nicht einmal mit Lily jemals geschafft, außer in ihrer frühen Kindheit. Und selbst die Rothaarige wusste nur wenig über seinen Vater und dessen Ausraster, nur das, was sie gesehen hatte. Aber keiner von Beiden wusste etwas über die Zeit, bevor sein Vater so geworden war. Über Suavita hatte er nie ein Wort verloren. So viel Vertrauen hatte er nie gehabt. Obwohl er schon mehrmals darüber nachgedacht hatte, Regulus darüber zu erzählen. Aber noch war es nicht soweit. Sie waren auf einem guten Weg, aber Severus vertraute ihm nicht vollständig. Noch nicht.

 

„Bin ich froh, dass er mich nicht nach draußen schickt!“, atmete Regulus beim nächsten Treffen Mitte Juli auf. „Heute Nacht war ein Überfall auf Muggelgeborene und Muggel. Ich war auf der Versammlung danach, wo berichtet wurde. Mir ist immer noch schlecht.“ Er atmete mehrmals tief durch. „Sev, versprich mir, dass du nicht nach draußen gehst. Ich werde dieses Haus mit dem Fidelius schützen, du sollst der Geheimniswahrer sein. Bitte, ich muss wissen, dass es dir gut geht!“

„Ich bleibe hier.“, versprach Severus. Seine Augen waren weit, als er realisierte, wie viel Vertrauen der Jüngere in ihn hatte. „Du willst wirklich, dass ich dein Geheimniswahrer bin?“

„Wer sonst?“, fragte Regulus. „Niemand außer Kreacher weiß, dass du hier bist.“ Er schloss die Augen und atmete erneut durch. „Sev, der Lord hat vor einigen Tagen von einer Prophezeiung erfahren. Rodolphus war unter Vielsafttrank in Hogsmeade und hat zumindest zum Teil gehört, wie sie gemacht wurde. Es geht um ein Kind, das ihm angeblich ebenbürtig sein soll. Es wird Ende Juli geboren, und zwar von Eltern, die ihm dreimal gegenüber gestanden haben. Er will die Potters finden und ihr Kind vernichten, sollte es noch im Juli geboren werden.“

„Lily ist schwanger?“, schlussfolgerte Severus. Regulus nickte. „Sie müssen es erfahren!“

„Deshalb habe ich es dir gesagt, Sev.“, nickte Regulus erneut. „Du musst Kontakt zu ihr aufnehmen und sie warnen.“

„Und was soll ich ihr sagen, woher ich es weiß?“

„Sag einfach nichts.“, zuckte Regulus nach längerem Schweigen die Schultern. „Es gibt keine sinnvolle Begründung. Wenn sie dir vertraut, dann versteckt sie sich. Ich meine, was ist ihr Risiko dabei? Es gibt keines. Potter hat genug Gold geerbt, um ohne zu arbeiten gut leben zu können. Seine Familie ist genauso alt und steinreich wie meine oder die Malfoys. Schreib einen Brief, dann schicken wir eine Eule aus der Winkelgasse. Ich bringe ihn weg, wenn ich Zutaten einkaufe. Aber beeil' dich bitte, ich bin offiziell bereits beim Einkaufen.“

Severus nickte und schrieb eine kurze Warnung. Weil er ahnte, dass Lily nach dem Warum fragen würde, schickte er als Begründung mit, dass er dann mit Potter quitt sei. Ein Leben für ein Leben. Auch wenn er selbst nicht ganz sicher war, ob er es nicht vorgezogen hätte, getötet zu werden. Noch immer war er nicht im Einklang mit sich und seinem Werwolf-Dasein. Aber Lily sollte nicht darunter leiden. Sobald er den Brief hatte, verschwand Regulus wieder, aber erst, nachdem er Severus kurz aufmunternd in den Arm genommen hatte.

In der folgenden Nacht kam er zurück, gemeinsam mit Kreacher, der ihm half, den Fidelius-Zauber zu wirken und das Geheimnis in Severus zu versiegeln. Erneut umarmte er den Älteren kurz, bevor er wieder verschwand. Severus stand noch eine ganze Weile am gleichen Platz, starrte grübelnd auf den Punkt, an dem Regulus verschwunden war. Was bedeutete dieses Kribbeln, das bei solchen Berührungen in ihm entstand? Grummelnd riss Severus sich selbst aus diesen Gedanken, er wollte nicht darüber nachdenken. Also suchte er sich stattdessen ein Tränkebuch. Zwar würde er ohne Magie und als Werwolf wohl nie in dieser Richtung weitermachen können, aber noch immer waren Tränke seine Passion. Leider konnte er viele Tränke ohne Magie nicht herstellen, daher musste er sich auf die Theorie beschränken. Immer wieder dachte er, dass er eigentlich schlafen sollte, aber ihm war klar, dass er erneut über Regulus und sein eigenes Verhältnis zu ihm grübeln würde, also las er lieber weiter. Inzwischen hatte er das theoretische Wissen für die UTZ-Prüfungen, oder sogar darüber hinaus. Das würde er natürlich nie beweisen können, denn immerhin war seine Magie blockiert und er von Hogwarts ausgeschlossen worden.

 

„Severus!“, stürzte Regulus nach der nächsten Vollmondnacht auf den völlig erschöpften Werwolf zu. Der war nach der Rückverwandlung vollkommen fertig und kroch auf allen Vieren auf das Haus zu. Regulus hob ihn hoch und trug ihn vorsichtig ins Haus, legte ihn auf das Sofa. Mit einem kurzen Blick überzeugte er sich, dass Severus unverletzt war. Außer einigen Kratzern fand er nichts, und diese heilten bereits. Dennoch war Severus vollkommen fertig, die Verwandlung war körperlich sehr anstrengend. Regulus gab ihm einen Stärkungstrank und half ihm, sich in der Wanne zu entspannen. Sanft strich er über die Schultern und die Arme, während Severus mit geschlossenen Augen im Wasser lag. Severus schien es zu genießen, jedenfalls wirkte er vollkommen entspannt. In Gedanken versunken machte Regulus immer weiter, während er über Nichtigkeiten sprach. Erst, als Severus aus der Wanne war und auf dem Sofa lag, wurde es ernster.

„Der Lord will einen Trank von mir. Einen, den es noch nicht gibt.“, erzählte Regulus. „Der Trank soll demjenigen, der ihn trinkt, die schlimmsten Ängste zeigen. Er soll Durstgefühl auslösen, unstillbaren Durst. Am liebsten ist es dem Lord, wenn es auch noch Schmerzen dazu gibt, aber der Trank soll auf jeden Fall den Trinkenden völlig ausschalten. Ich habe Zeit bis Weihnachten allerspätestens. Ich fürchte, er wird ihn vorher verlangen. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll.“

„Ich werde dir helfen.“, versprach Severus müde.

„Schlaf erstmal, Sev.“, schüttelte Regulus den Kopf. „Du bist völlig fertig. Wir müssen nicht heute anfangen, ich muss sowieso wieder in den Grimmauldplatz. Wollte nur nach dir sehen. Ab morgen bin ich bei meinem ausbildenden Meister, das bedeutet, ich werde nur selten kommen können. Sei bitte sehr vorsichtig, Sev.“

„Versprochen.“, nickte Severus mit geschlossenen Augen. Nur mit Mühe bekam er sie nochmal auf, um sich von Regulus zu verabschieden. Noch bevor Regulus disapparierte, schlief Severus bereits.

„Hier, ich habe etwas entdeckt, das wir als Grundlage nehmen können.“, zeigte Severus ein Buch. „Ein Trank, der als Nebenwirkung Halluzinationen auslöst. Nicht ganz das, was der Lord von dir verlangt, aber eine Grundlage, mit der wir arbeiten können.“

„Wir?“, erkundigte sich Regulus erstaunt. Er stellte sich dicht neben Severus, um in das Buch sehen zu können. Ihre Schultern berührten sich, doch darauf achteten sie gerade nicht.

Severus nickte. „Ich helfe dir.“, versprach er. „Wenigstens das, was ich tun kann.“

„Du bist ein Genie in Tränken, Sev, ich bin froh, wenn du mir hilfst.“, gestand Regulus.

„Warum will er es überhaupt von dir haben? Ich meine, nichts gegen deine Fähigkeiten, Reg, aber du bist gerade eben mit der Schule fertig geworden. Wieso verpflichtet er nicht einen ausgebildeten Meister, das wäre doch effektiver für ihn.“, wandte Severus ein.

„Ich fürchte, er hat keinen Meister, der für ihn arbeitet, deshalb will er ja, dass ich möglichst schnell zum Meister werde. Und jemandem, der unabhängig von ihm ist, kann er diesen Auftrag nicht geben. Aber mit diesem Ding auf meinem Arm“, Regulus deutete angewidert auf seinen linken Unterarm, „kann ich nirgendwo hingehen.“ Er atmete mehrmals tief durch, um sich wieder zu beruhigen. „Der Lord hat mir tatsächlich die Zeit bis Weihnachten zugestanden, da ich weder in der Uni noch bei meinem Meister um Hilfe bitten kann, außerdem soll ich ja so schnell und so gut wie möglich zum Meister werden, damit er noch mehr von mir hat.“

„Was genau hat er mit dem Trank eigentlich vor?“, wollte Severus wissen. „Wenn er ihn verbreitet, dann gibt es eine Katastrophe!“

„Er will etwas damit schützen.“, erklärte Regulus. „Der Trank soll irgendwo rein, und man darf nicht einfach reingreifen können, das hat er mir vor zwei Tagen noch zusätzlich aufgetragen. Also muss unser Trank das auch noch schaffen. Ich weiß noch nicht genau, was er darin verstecken will. Nicht zu groß, aber für ihn offensichtlich mehr als wertvoll. Ich halte meine Ohren offen, ob ich mehr darüber herausfinden kann, denn vielleicht hilft es, den Lord zu stürzen. Ich will, dass er vernichtet wird.“

„Das wäre gut.“, stimmte Severus zu. Vor allem, wenn er an Lily dachte. Aber sie beide wussten auch sehr genau, dass dies sehr gefährlich werden würde. „Weißt du was von Lily? Oder von Lupin?“

„Der Lord tobt, weil er die Potters nicht finden kann. Sie haben sich wohl ebenfalls mit Fidelius versteckt.“, berichtete Regulus. „Genau weiß er es nicht, aber die Vermutung ist da. Über Lupin gibt es keine Informationen mehr, zumindest konnte ich nichts rausfinden.“

„Ich habe in meiner Zeit auf der Straße gehört, dass Lupin nach seiner Entlassung mit seinem Vater nach Kanada gegangen ist.“, erzählte Severus. „Ich bin ihm nicht böse, nicht mehr. Es war nicht seine Schuld, der Werwolf ist rein instinktgesteuert. Seit ich selbst verwandelt bin, habe ich viel darüber nachgedacht. Anfangs wollte ich, dass er dafür büßen muss, aber irgendwann habe ich erkannt, dass er nichts dafür kann. Nicht er ist Schuld.“

„Nein, er nicht. Das war mein Bruder.“, nickte Regulus. Er klang hart, aber sein Gesicht verriet ihn. Leise fügte er hinzu: „Aber trotzdem kann ich ihn nicht vergessen.“

Severus schwieg. Was sollte er dazu auch sagen? Selbst wenn Regulus seinen Bruder irgendwann wiedersehen würde, was würde dann sein? So lange Zeit in Askaban überstand man sicher nicht unversehrt. Er selbst würde Sirius Black wohl nie verzeihen, aber Regulus litt ganz offensichtlich. Eine unangenehme Stille breitete sich aus.

„Ich muss wieder los.“, stand Regulus irgendwann auf. „Meine Vorlesung fängt in zehn Minuten an. Wahrscheinlich schaffe ich es erst wieder am Wochenende, hierher zu kommen. Pass auf dich auf, Sev.“ Der Jüngere strich Severus noch einmal über die Wange, dann disapparierte er. Zurück ließ er einen vollkommen verwirrten Werwolf. Grübelnd saß er stundenlang an der gleichen Stelle, versuchte sich darüber klar zu werden, was er fühlte. Seine Wange, über die Regulus gestrichen hatte, brannte. Sobald er seine Augen schloss, sah er das Lächeln des Jüngeren vor sich. Dieses Bild ließ ihn selbst unwillkürlich lächeln.

Auch die nächsten Tage träumte Severus immer wieder vor sich hin. Jedes Mal riss er sich gewaltsam aus diesen Gedanken. Er war ein Werwolf, er war verdammt für sein Leben. Regulus war ein Freund, doch mehr würde wohl nie daraus werden. Regulus hatte etwas Besseres verdient, er sollte eine Familie bekommen. Er wusste, wie sehr der Jüngere sich eine liebevolle Familie wünschte. Er wollte es besser machen als seine eigenen Eltern. Aber mit ihm war das nicht möglich. Severus erschrak vor seinen eigenen Gedanken. Wieso dachte er das? War er verliebt? Stand er doch auf Männer? Oder war das der Wolf in ihm? Bestimmte er nun auch sein menschliches Leben? Verwirrung machte sich breit, nur um von Wut abgelöst zu werden. Wut auf die Verwandlung, Wut auf Sirius Black, Wut auf den Wolf in sich, Wut auf die Hexen und Zauberer, die es ihm nötig machten, sich hier zu verstecken. Zornbebend schlug er um sich, warf Bücher gegen die Wand und prügelte auf das Sofa ein. Irgendwann sackte er in sich zusammen, vollkommen erschöpft. Er drängte die Tränen zurück, die in seine Augen schossen. Es änderte ohnehin nichts. Sein ganzes beschissenes Leben lang hatten Tränen ihm kein Glück gebracht, sondern ihn immer nur noch tiefer reingeritten. Aber er konnte gerade nicht mehr. Alles schlug über ihm zusammen wie Wellen im Meer. Er hatte das Gefühl, zu ertrinken. Nach Luft schnappend griff er nach allem, was in seiner Nähe war, suchte Halt. Als er eine Hand erwischte, griff er zu.

„Master Severus?“, fragte Kreacher besorgt. Der Hauself wusste, dass dieser Werwolf seinem Meister sehr viel bedeutete. Nicht umsonst hatte Meister Regulus ihn hierher geholt, ihm selbst befohlen, sich um ihn zu kümmern. Kreacher wusste außerdem, dass Master Severus der Geheimniswahrer seines Meisters war. Er war froh, dass sein Meister jemanden hatte, dem er vertrauen konnte.

„Kreacher?“, erkannte Severus schließlich den Hausgeist.

„Master Severus? Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Kreacher.

„Ich … ich weiß nicht.“ Severus atmete tief durch. „Tut mir leid.“ Wieso entschuldigte er sich jetzt bei einem Hauselfen? Andererseits hatte der ihn gerade irgendwie gerettet. „Es geht schon wieder. Ist mit Regulus alles in Ordnung?“

„Meister Regulus hat Kreacher geschickt, weil er es am Wochenende nicht schaffen wird.“, berichtete Kreacher. „Meister Regulus muss zu einem Sommerball, denn seine Eltern wollen ihn in der Gesellschaft vorstellen.“

Severus sank in sich zusammen. Natürlich, Regulus war der Sohn und wohl auch Erbe dieser alten, reichen und aristokratischen Familie. Sein älterer Bruder war wohl verstoßen worden von den Eltern, auch wenn Regulus ihn nicht vergessen konnte. Aber dadurch wurde er zum Alleinerben und musste nun als Aushängeschild dienen. Vielleicht würde er dort auch auf eine Frau treffen und sich verlieben. Oder er würde verheiratet von seinen Eltern, auch sehr häufig in diesen alten Familien, um den Stand aufrecht zu erhalten und gute, reinblütige Erben zu bekommen. Vielleicht bekam Regulus da seine Familie, die er sich so sehr wünschte. Dieser Gedanke versetzte Severus einen Stich, aber er hielt sich zurück, ihm war bewusst, dass der Jüngere sich wohl nie so intensiv für ihn interessieren würde.

„Aber Kreacher hat noch eine Botschaft für Master Severus.“, machte der Hauself weiter. Severus‘ Kopf ruckte hoch und er konnte nicht verhindern, dass Hoffnung in ihm aufwallte. Kreacher nickte, als die Augenbraue fragend hochschoss. „Meister Regulus möchte, dass Master Severus weiß, er konnte herausfinden, um welches Stück es geht. In dem Trank soll eine Kette mit einem Anhänger versteckt werden.“ Der Hauself zog sich an den langen Ohren. „Kreacher konnte nicht verhindern, dass Meister Regulus dafür vom dunklen Lord bestraft wurde. Kreacher ist ein schlechter Diener für seinen Herrn!“, jammerte er.

„Nein, Kreacher, hör auf!“, befahl Severus, als Kreacher begann, seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. „Was genau ist passiert?“ Er konnte nichts dagegen tun, dass ein Eisklumpen in seinem Bauch entstand.

„Kreacher kann nicht!“, wimmerte der kleine Kerl. „Die Herrin und der Herr haben Kreacher verboten, schlecht vom dunklen Lord zu reden.“

„Aber … was ist mit Regulus?“ Das Eis in seinem Bauch breitete sich aus, hinderte Severus daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Auch wenn er den Hauselfen nicht darüber befragen konnte, was passiert war, so konnte der ihm zumindest sagen, ob es seinem Herrn gut ging. Hoffte Severus jedenfalls.

„Meister Regulus ruht sich aus.“, berichtete Kreacher, nun wieder ruhiger. „Kreacher hat keine Verletzungen gesehen, aber Meister Regulus hat sehr gezittert und konnte kaum sprechen. Ein Heiler war da und hat ihn behandelt, danach hat der Meister lange geschlafen. Als Meister Regulus wieder wach wurde, hat er Kreacher zu Master Severus geschickt.“

„Gut, Kreacher. Dann geh zurück zu Regulus.“, entschied Severus, auch wenn er ungern wieder alleine sein wollte. Aber Regulus brauchte seinen Diener dringender. Sobald der Hauself verschwunden war, raffte sich Severus auf und machte sich daran, das Haus zu putzen. Immerhin hatte er hier ziemliches Chaos veranstaltet. Anschließend kochte er ziemlich lustlos eine Suppe mit Fleischeinlage, so alleine hatte er keinen Hunger. Aber er musste essen, ansonsten würde er in der Vollmondnacht Probleme bekommen.

In der Nacht schlief er mehr als unruhig, wachte immer wieder auf, weil er im Traum sah, wie Regulus vom dunklen Lord gefoltert wurde. Jedes Mal sah Regulus ihn flehend an, doch Severus konnte einfach nicht zu ihm. Daher stürzte er sich am nächsten Tag auf die Arbeit, damit er nicht zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Dennoch konnte er nicht umhin darüber nachzudenken, was genau mit Regulus passiert sein könnte. Weshalb hatte der Lord ihn bestraft? Regulus wollte doch auf sich aufpassen! Jetzt war Warten angesagt, und das war für Severus gerade das Schwerste, was er jemals tun musste. Er versuchte, sich abzulenken, schrieb sogar einen Brief an Lily, aber er schickte ihn nicht ab. Einerseits, weil er keine Eule hatte, andererseits weil er nicht wusste, wie er mit ihr reden sollte. So lange hatte er nichts von ihr gehört, auch auf seine Warnung hatte er keine Antwort bekommen, jetzt fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Er zerknüllte Pergamentbogen um Pergamentbogen, weil er wusste, so konnte er es nicht lassen. Dazwischen lernte er wie ein Besessener, die Theorie für die UTZ-Prüfungen konnte er bald im Schlaf. Aber er machte immer weiter, zog immer mehr Bücher aus den Regalen im Arbeitszimmer. Er fand auch ein Buch über die Geschichte der Familie Black. Da fand er heraus, dass ein Onkel, der aus der Familie ausgestoßen wurde, dieses Haus an Sirius Black vermacht hatte. Zudem noch einen Batzen Gold. Regulus konnte das Haus wohl nur deshalb nutzen, weil er seinen Bruder nicht verleugnete.

 

Es dauerte fast zwei Monate, bis Regulus wirklich wieder Zeit hatte. Bis dahin grübelte Severus alleine darüber, wie sie den Trank realisieren könnten. An manchen Wochenenden schaute Regulus kurz rein, hatte aber nie mehr als eine Stunde Zeit. In diesen Minuten debattierten sie gemeinsam über den Trank, den Regulus für den Lord brauen sollte. Sie waren ein ganzes Stück weiter, aber die praktische Arbeit musste er in seinem Elternhaus durchführen, damit niemand Verdacht schöpfte. Deshalb hatte er auch so wenig Zeit, denn neben Studium und Ausbildung musste er für den Lord brauen und den Trank entwickeln. Severus ahnte, dass der Jüngere kaum Schlaf abbekam. Aber Anfang Oktober waren seine Eltern nicht da und der Trank konnte derzeit ruhen, deshalb kam Regulus am frühen Samstagmorgen zu Severus. „Hey.“, grüßte er müde.

„Regulus!“ Severus atmete erleichtert auf, als er sah, dass es ihm verhältnismäßig gut ging. „Wie geht's dir?“

„Geht schon.“, gähnte Regulus. „Ich kann bis morgen Nachmittag bleiben.“

„Schlaf erstmal.“, empfahl Severus und schob Regulus zu dessen Schlafzimmer. „Wir reden später.“

„Nein, Sev. Ich … ich will jetzt nicht schlafen. Bitte, lass mich jetzt nicht allein.“, bettelte Regulus.

Alarmiert setzte sich Severus zu seinem Gastgeber auf das Bett. „Was ist los?“

Regulus setzte sich hin, zog die Beine an und schlang die Arme darum. Eine Weile schwieg er, verbarg den Kopf in den Armen. Severus wartete ab, wissend, dass er reden würde, wenn er soweit war. „Ich will das alles nicht.“, murmelte der Jüngere schließlich. „Obwohl ich nicht nach draußen, zu den Einsätzen, muss, ist alles furchtbar. Die Anderen bringen Gefangene mit, wir müssen sie vor den Augen des Lords foltern. Ich will das nicht, verdammt!“ Er schrie auf und warf wütend das Kissen gegen die Wand. Severus fing die Hand ab und hielt ihn fest, zog den Jüngeren instinktiv in die Arme, strich ihm über den Rücken. Nach einer Weile beruhigte der sich wieder. „Ich habe einige Andeutungen vom Lord gehört und nachgelesen. Ich weiß noch nicht, was er vorhat, aber wir müssen ihn aufhalten! Sev, ich glaube, wir sind die Einzigen, die etwas tun können. Er will unsterblich sein.“

„Zuerst einmal musst du sehen, dass du zur Ruhe kommst.“, mahnte Severus. „Ich weiß, dass du Okklumentik beherrscht, aber wenn du übermüdet bist, wirst du es irgendwann nicht mehr schaffen, und dann verrätst du dich an den Lord.“ Das ‚und mich dazu‘ verkniff er sich gerade lieber. „Außerdem kannst du nur helfen, wenn du am Leben bleibst. Ich verstehe, dass du etwas tun willst, aber du bist noch so jung, hast dein Leben noch vor dir. Mach es nicht kaputt.“

„Sehr witzig.“, murrte Regulus gegen Severus' Schulter. „Mein Leben ist kaputt, seit dieser dämliche Freak mir sein Mal eingebrannt hat! Selbst wenn die andere Seite gewinnt, ich bin ein Todesser, was glaubst du, welche Chancen ich bekomme? Keine. Ich werde in Askaban landen. Vielleicht sehe ich ja meinen Bruder wieder, wenn sie denken, mir damit ans Bein pissen zu können!“

„Du darfst jetzt nicht aufgeben, Reg!“, bat Severus. Er musste den Jüngeren irgendwie da rausholen. „Alleine schaffe ich das nicht.“

„Du bist so stark, Sev. Ich wünschte, ich könnte das auch.“, nuschelte Regulus.

„Du bist nicht schwach, Reg. Im Gegenteil.“, schüttelte Severus den Kopf. „Du hast mir ein Leben gegeben, als ich kurz vor dem Aufgeben war. Ich hatte keine Perspektive mehr, du hast mir eine gegeben. Jetzt bin ich für dich da. Gemeinsam schaffen wir das. Ich überlege mir eine Lösung, damit wir dich da wieder rausholen können.“

Regulus ließ sich fallen und schmiegte sich an Severus, schöpfte Kraft. Irgendwann schlief er ein, noch immer in den Armen des Älteren. Auch Severus schloss die Augen, er war müde, in wenigen Tagen war erneut Vollmond und er spürte bereits die Auswirkungen. Eng aneinander geschmiegt schliefen sie ruhig, tief und fest. Erst Stunden später öffneten sie beinahe gleichzeitig die Augen. Ein wenig beschämt lösten sie sich voneinander und wandten sich ab. „Entschuldigung.“, murmelten sie gleichzeitig und mussten kurz lachen, wurden aber schnell wieder ernst.

„Wie weit bist du mit dem Trank?“, erkundigte sich Severus, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen.

„Am liebsten würde ich ihn nicht liefern.“, gab Regulus zu. „Damit kann so viel Schlimmes angerichtet werden.“

„Das stimmt zwar, aber dann musst du darunter leiden. Also bitte, mach das nicht. Wir finden eine andere Lösung!“, beschwor ihn Severus.

„Na gut.“, brummte der Jüngere. „Ich bin auf einem guten Weg, aber es wird noch eine Weile dauern. Ich weiß noch nicht, wie ich es schaffen soll, dass man nicht hineingreifen kann, sondern ihn nur ausschöpfen. Die einzige Möglichkeit, die ich kenne, verträgt sich nicht mit den Zutaten, die die Halluzinationen auslösen.“

„Dann setzen wir da an.“, entschied Severus. „Ich habe viel gelesen in den letzten Wochen und vielleicht eine Idee. Komm, ich zeige es dir.“ Er brachte Regulus ins Arbeitszimmer und schlug zielsicher eines der vielen Bücher auf. Gemeinsam beugten sie sich darüber.

„Das könnte tatsächlich eine Lösung sein.“, nickte Regulus anerkennend. „Wenn wir dazu noch geriebene Wellhornschnecken geben, dann müsste es sich eigentlich verbinden.“

„Und mit einer Unze gemahlener Drachenschale solltest du erreichen, dass die Schmerzen sich auf das Durstgefühl auswirken.“, ergänzte der Ältere. „Damit hast du dann genau das, was der Lord von dir will.“

„Das einzige Problem dürfte der Zeitfaktor sein.“, rechnete Regulus. „Ich muss den Trank ziemlich lange kochen lassen, damit die Wellhornschnecken-Partikel sich vollständig auflösen, genau wie die Drachenschale. Das bedeutet, er braucht etwa drei Monate, bis er komplett fertig ist. Der Lord will ihn bis Weihnachten. Das wird nicht klappen, ich schaffe es frühestens Mitte Januar, fertig zu sein.“

„Du schaffst es, wenn du die Schalen einfrierst, bevor du sie mahlst, dann werden sie brüchig, ohne die Wirkung zu verlieren, und sie lösen sich schneller auf.“, konterte Severus. „Die Wellhornschnecken kannst du in ein wenig Wasser auf höherer Temperatur vorkochen, das sollte machbar sein, ohne das Ergebnis zu verfälschen.“

„Du hast Recht. Und da vor allem die Dracheneier reglementiert sind, ist sichergestellt, dass er nur eine kleine Menge bekommen kann. Also kann er nicht anfangen, Menschen im großen Stil damit zu vergiften!“, atmete Regulus auf. „Du bist genial, Sev!“ Er umarmte seinen Gast euphorisch und küsste ihn flüchtig auf die Wange vor lauter Dankbarkeit. „Und vielleicht finde ich dann sogar heraus, was es mit dem Medaillon auf sich hat! Ich weiß zwar noch nicht, was wir dann machen, aber dir fällt sicher was ein. Danke, Sev! Ich muss los, damit ich gleich anfangen kann. Ich melde mich. Wenn du was brauchst, dann ruf nach Kreacher, er wird dir helfen. Bis dann!“ Und weg war er mal wieder. Zurück ließ er einen erneut grübelnden Severus.

Er machte sich ein weiteres Mal an die Hausarbeit. Währenddessen erinnerte er sich zurück an die ersten Wochen hier im Haus. Es war verwirrend gewesen, sich wieder an ein normales Leben in einem Haus zu gewöhnen. Jeden Tag Essen, Trinken, Kleidung und die Möglichkeit einer Dusche zu haben, war so ungewohnt für ihn, dass er Probleme damit gehabt hatte. Erst sehr langsam gewöhnte er sich an diesen Luxus. Jetzt war es normal für ihn und er betete darum, dass es so bleiben konnte.

 

Als Regulus das nächste Mal kam, wirkte er vollkommen aufgedreht. Sie hatten sich Monate nicht gesehen, da Regulus zu sehr von Studium, Meisterlehre und dem dunklen Lord vereinnahmt wurde. Ab und zu brachte Kreacher Nachrichten, aber ansonsten war Severus vollkommen auf sich alleine gestellt. Noch immer hielt er sich nur im oder am Haus auf. Zu groß seine Angst, erkannt zu werden. Außerdem wusste er, dass der Lord und vor allem seine Todesser sehr aktiv waren. Ihnen wollte er unter keinen Umständen begegnen, weil er auch ahnte, dass diese ihn als nicht nützlich einstufen würden und ihn höchstens als Opfer sahen. Kurz vor Weihnachten stolperte Regulus in Severus' Zimmer, weckte ihn damit aus dem Schlaf, immerhin war es weit nach Mitternacht. „Ich habe es geschafft! Der Trank ist fertig!“, jubelte er. „Der Lord ist zufrieden und hat um einen Hauselfen gebeten. Damit er nicht noch mehr Anhänger einweihen muss, wollte er Kreacher haben. Der ist mitgegangen und wird kommen, sobald er vom Lord entlassen wird. Ich habe den Trank in ein Gefäß, das in einer Säule eingebaut war, geben müssen. Die Hälfte des Trankes passte rein. Der Lord hat alles mitgenommen.“

Völlig wach aufgrund dieser Informationen richtete sich Severus auf. „Es hat funktioniert?“, staunte er.

„Dank deiner Tipps hat es geklappt!“, umarmte ihn Regulus enthusiastisch. „Du bist genial, Sev!“ Völlig überdreht küsste er ihn auf die Stirn, die Wangen, schließlich sogar auf die Lippen. Severus' Herz geriet ins Stolpern, seine Wangen brannten und sein Magen kribbelte wie verrückt. Doch noch bevor sie weiter machen oder darüber reden konnten, tauchte ein leichenblasser Kreacher auf, der schwankte, die Augen verdrehte und zusammen brach.

„Kreacher!“, sprang Regulus auf und war mit einem Schritt bei seinem Hauselfen. Hilflos hob er ihn hoch und legte ihn mangels Alternativen auf das Fußende von Severus' Bett. Er rüttelte an seiner Schulter, versuchte, ihn irgendwie wach zu bekommen.

„Nutz' einen Diagnosezauber.“, riet Severus.

„Ja, richtig.“, nickte Regulus fahrig und griff nach seinem Zauberstab. Er brauchte drei Anläufe, bis er ein Ergebnis hatte. „Verdammt! Er muss ihn gezwungen haben, den Trank zu nehmen! Kreacher hat eine Vergiftung erlitten!“

„Du hast doch einen Bezoar.“, erinnerte Severus. „Er wird nicht die gesamte Wirkung aufheben, aber genug helfen, damit die Elfenmagie ihn heilen kann.“

Der Jüngere rannte in sein Labor, griff zielsicher in ein Regalfach und nahm den Bezoar heraus, sprintete zurück in Severus' Zimmer, wo er den Stein in Kreachers Mund drückte. Sie konnten zusehen, wie der wieder Farbe bekam und letztlich die Augen aufmachte. „Meister Regulus!“, hauchte er erleichtert.

„Kreacher, wie geht's dir?“, wollte sein Herr wissen.

„Kreacher ist froh, dass Meister Regulus ihn gerettet hat.“

„Was ist passiert?“

Kreachers Bericht, ergänzt durch Regulus' Erzählung, klang nach einem richtigen Abenteuer. Gespannt lauschten die beiden jungen Männer. Der Lord rief nach der Versammlung Regulus zu sich. „Regulus Black, ich hatte dir eine Aufgabe gegeben. Was kannst du mir berichten?“, zischte der Dunkle, als sie alleine in seinem Arbeitszimmer waren.

Regulus spürte die schlechte Stimmung und kniete sich nieder, küsste den Saum des Umhangs und verharrte am Boden, als er zu Sprechen begann. „Mylord, ich habe einen Trank entwickelt, der euren Anforderungen entsprechen sollte. Leider konnte ich ihn nicht testen, ohne aufzufallen.“ Er griff in seinen Umhang und reichte dem Lord mit zitternden Fingern zwei Phiolen, die sorgsam verkorkt waren. „Mehr konnte ich nicht herstellen, ohne dass ich im Ministerium aufgefallen wäre, da einige der Zutaten streng reglementiert und auch in der Nokturngasse nicht ohne Weiteres zu haben sind.“

„Sehr gut, mein treuer Diener.“, nickte der Lord. Scheinbar sollte es anerkennend wirken. Er nahm eine Phiole und entkorkte sie. Mit einem Wink seiner Hand stand eine Art Säule vor ihm, die oben ein Becken hatte. Dort hinein legte der Lord ein Medaillon an einer Kette, dann goss er den Trank darüber und versuchte erfolglos, nach dem Medaillon zu greifen. Er wirkte sehr zufrieden. „Dann werde ich mein … Artefakt sofort in Sicherheit bringen. Nur dein Trank fehlte mir bislang.“ Er ging einige Schritte auf und ab, schien etwas zu Überlegen, denn er runzelte die Stirn, so gut es eben ging, und wirkte gedanklich komplett abwesend. Regulus verharrte, hielt sogar die Luft an, um unauffällig zu bleiben. „Meine Unsterblichkeit darf nie bekannt werden.“, murmelte der Lord vor sich hin. Er bemerkte scheinbar nicht einmal, dass er sprach. „Ich, der ich bereits so viel weiter gegangen bin als jeder vor mir, werde in die Geschichte eingehen als der unsterbliche Lord und Herrscher! Ich, der Erbe Slytherins, werde sehen und hören können, wie die Menschen meinen Namen voller Ehrfurcht aussprechen. Schon bald werden sie Dumbledore vergessen, er wird sterben, aber ich werde ewig leben, selbst wenn er mich töten sollte!“ Der dunkle Lord lachte zischend.

Regulus zuckte zusammen, als er das hörte. Diese Bewegung ließ den Lord wieder auf ihn aufmerksam werden. Schnell beugte sich Regulus noch tiefer. „Mein treuer Diener, du besitzt doch sicher einen dir ergebenen Hauselfen?“

„Natürlich, Mylord.“, antwortete Regulus, verwirrt vom plötzlichen Themenwechsel.

„Ruf ihn, junger Black, ich brauche einen treuen Hauselfen. Da ich niemanden weiter einweihen werde, soll dein Diener mich begleiten.“, entschied der Lord. Seine Augen glühten feuerrot und er wirkte beinahe fiebrig auf Regulus, so voller Tatendrang und unterdrückter Eile.

„Kreacher!“, rief Regulus nach seinem Hauself. Sofort tauchte dieser auf. Leise befahl er: „Kreacher, der Lord braucht deine Hilfe. Geh mit ihm, folge seinen Befehlen, und danach komm' zurück zu mir. Du weißt, wo du mich findest?“

„Das weiß Kreacher.“, nickte der Kleine. „Kreacher wird zu Meister Regulus kommen, sobald der dunkle Lord ihn entlässt. Bis dahin wird Kreacher die Befehle des dunklen Lords ausführen, als wäre dieser sein Meister.“

Zufrieden nickte Regulus ihm zu, dann griff der dunkle Lord mit einer Hand nach ihm, mit der anderen nach der Säule, und disapparierte. Während Regulus das Haus verließ und unbeobachtet verschwand, tauchte Kreacher mit dem dunklen Lord in einer kleinen Höhle auf. „Deinen Arm!“, befahl der Lord harsch. Kreacher hob seinen Arm an. Er zuckte nicht zurück, als der dunkle Lord mit einem Messer darüber fuhr und eine blutende Wunde verursachte. Diese drückte er an das beinahe schwarze Gestein, woraufhin sich ein Durchgang bildete. Der Hauself zog seine Hand zu sich und strich kurz über den Arm, wodurch seine Verletzung verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ein leises, aber sehr schnell wieder verschwundenes Grinsen zierte sein Gesicht. Alle, auch der dunkle Lord, unterschätzten die Magie der Hauselfen. Lautlos und aufmerksam folgte er dem Lord, ahnend, dass es noch schlimmer kommen würde.

An einer Stelle, die sich durch nichts von der restlichen Höhle unterschied, blieben sie stehen. Erst jetzt konnte Kreacher sich umsehen. Die Höhle war fast komplett in Dunkelheit getaucht, nur ein kleines Licht, erschaffen vom Zauberstab des Lords, spendete ein wenig Helligkeit. Die dunklen Steine schienen zu glühen, wenn das Licht auf sie fiel. Scharfkantig und ungleichmäßig ragten sie vom Boden, von den Wänden und auch von der Decke in den Luftraum. Bei jedem Schritt musste man genau darauf achten, wohin man seine Füße setzte, denn ansonsten bestand die Gefahr, von den scharfen Kanten geschnitten zu werden. Außerdem war nur ein schmaler Grat, auf dem man laufen konnte, denn der Großteil des Höhlenbodens lag unter Wasser. Das Wasser wirkte schwarz, beinahe ein wenig zähflüssig auf Kreacher, und die Magie des Hauselfen konnte spüren, wie dunkel es war. Im magischen Sinne dunkel. Etwas Böses steckte im Wasser und Kreacher hütete sich davor, das Wasser zu berühren. Auf keinen Fall wollte er herausfinden, was dort drin steckte.

Während Kreacher sich umsah, holte der dunkle Lord ein kleines Boot aus dem Wasser. Er streckte einfach seine Hand aus und verharrte in dieser Position, bis das Boot vor ihm hielt. Mit einem Wink befahl er Kreacher, zu ihm ins Boot zu steigen. Der Hauself erkannte, dass der Lord diese Höhle bereits präpariert haben musste, woher sonst sollte er all die Geheimnisse kennen? Er sagte nichts, beobachtete aber sehr genau, wissend, dass sein Meister möglicherweise einen Bericht fordern würde. Nein, nicht möglicherweise. Ganz sicher. Kreacher wusste, sein Meister hatte sich verändert, seit er Master Severus aufgenommen hatte. Er war der Einzige, der wusste, wie viel sein Meister für den Werwolf empfand, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Aber so lange Meister Regulus dem dunklen Lord diente, würde er wohl weiterhin nur heimlich zu Master Severus gehen. Vermutlich war er auch jetzt dort. Kreacher machte sich darüber keine Gedanken, er würde seinen Meister finden, wo auch immer dieser war. Das war Hauselfen-Magie. So lange er an ihn gebunden war, würde er ihn finden.

Mittlerweile waren sie ein ganzes Stück vom Ufer entfernt und hielten auf eine kleine Felsinsel inmitten des Wassers zu. Kreacher saß zusammengekauert im Boot und wagte nicht, sich zu rühren, da er Angst hatte, sonst ins Wasser zu fallen. Doch sie kamen heil an der Insel an und stiegen aus. Der Lord stellte die Säule an die höchste Stelle der Insel und wirkte einen Zauber, der sie mit dem Boden verband. Schaudernd erkannte Kreacher, dass er in Parsel, der Sprache der Schlangen, zauberte. „Komm.“, ergriff der Lord erneut das Wort und Kreacher beeilte sich, zu ihm zu gehen. Er bekam eine Schale in die Hand. „Schöpf' den Trank ab und leere ihn.“

Zitternd gehorchte Kreacher, er hatte keine andere Möglichkeit. Sofort spürte er die Wirkung, als er den ersten Schluck getrunken hatte. Panisch wimmerte Kreacher, doch der Lord zwang ihn unbarmherzig dazu, immer weiter zu trinken. Kreacher glaubte, von Regulus verstoßen zu werden. Er sah ihn, wie er ihm Kleidung schenkte. Dazu kamen starke Schmerzen, die seinen gesamten Körper erfassten, und quälender Durst. „Wasser, bitte!“, flehte Kreacher immer wieder, doch er wurde ignoriert. Im Gegenteil, der Dunkle zwang ihn, immer weiter zu machen. Erst, als er das Becken geleert hatte, entließ der dunkle Lord ihn aus seinen Fängen, zufrieden mit dem Ergebnis. Er leerte die zweite Phiole hinein und wirkte einen mächtigen und komplizierten Zauber, dass sich der Trank immer wieder auffüllte, sollte er jemals geleert werden, dann stieg er in das Boot und verschwand in der Dunkelheit.

Kreacher jammerte und schrie nach seinem Meister, flehte um Wasser, doch niemand hörte ihn. Mühsam rappelte er sich auf und schleppte sich zum Ufer, weil er glaubte, verdursten zu müssen. Doch sobald er eine Hand ins Wasser hielt, um daraus zu trinken, griff etwas nach ihm. Mit einem gellenden Schrei stürzte Kreacher ins Wasser, wo er sofort in die Tiefe gezogen wurde. Hände griffen nach ihm und ließen ihn nicht mehr los. Gurgelnd und strampelnd versuchte Kreacher, sich zu befreien. Er kratzte, biss und trat, doch da waren immer neue Hände, die nach ihm griffen und ihn in die Tiefe zogen. Langsam wurde es schwarz vor den Augen des Hauselfen, doch tief in seinem Unterbewusstsein erinnerte er sich an den Befehl seines Meisters, zu ihm zurück zu kehren, sobald der Lord ihn entließ. Kreacher mobilisierte seine letzten Reserven und nutzte seine Magie, um aus dem Wasser direkt zu seinem Herrn zu apparieren.

Eine Weile schwiegen alle, als der Bericht des Hauselfen zu Ende war. „Wir müssen herausfinden, was er meinte.“, durchbrach Severus schließlich die Stille. „Ist er wirklich unsterblich? Wie hat er es gemacht? Was hat dieses Medaillon damit zu tun?“

„Vielleicht sollte ich es einfach aus der Höhle holen.“, überlegte Regulus.

„Nein, Meister Regulus, bitte nicht. Kreacher will nicht, dass dem Meister etwas geschieht.“, bettelte der Hauself.

„Ich bin auch der Meinung, dass wir erstmal mehr darüber herausfinden müssen.“, stimmte Severus zu. Er stoppte Regulus mit einer Handbewegung, als der widersprechen wollte. „Denk nach, Reg, wenn es wirklich um die Unsterblichkeit des Lords geht, denkst du, er verlässt sich nur auf deinen Trank? Da wird sicher noch mehr sein, was dieses Medaillon beschützt. Vielleicht sollten wir erst wissen, was genau dieses Medaillon ist, bevor wir es holen.“

„Du hast Recht, Sev.“, gab Regulus widerstrebend nach. „Aber wie finden wir das raus?“

„Wir nutzen die Bibliothek hier, und die aus deinem Elternhaus.“, zuckte Severus die Schultern. „Da stehen viele Bücher über dunkle Magie. Ich denke, die weiße Magie können wir außen vor lassen. Aber viele der Bücher sind verboten, darin werden wir am ehesten Informationen finden.“ Auch wenn er selbst zweifelte, dass genau das, was sie suchten, darin stand.

„Na gut.“, stimmte Regulus zu. „Du hast sicher Recht. Dann machen wir uns an die Bücher. Kreacher, du ruhst dich aus.“ Er deckte den Hauselfen zu und löschte das Licht im Salon. Inzwischen war es beinahe Morgen, aber die beiden jungen Männer waren viel zu aufgewühlt, um zu schlafen. Im Arbeitszimmer setzte sich jeder an einen Schreibtisch, und sie griffen nach den ersten Büchern. Konzentriert blätterten sie, markierten sich relevante Stellen, um später genauer nachzulesen. Severus ging kurz in die Küche und machte Tee und einige Sandwiches, dann konzentrierte er sich erneut auf die Bücher.

Kreacher, der sich wieder erholt hatte, unterbrach sie gegen Mittag, weil er etwas zu Essen brachte. Ihm war durchaus bewusst, dass er seinen Herrn wohl nicht aus dem Arbeitszimmer bekam, bis der seine Frage beantwortet hatte. Ohne einen Blick darauf aßen sie Steak und Kartoffeln, während sie weiterhin blätterten. Der Stapel, auf den sie die Bücher legten, in denen sie später noch einmal nachlesen wollten, war nicht besonders groß, aber er bedeutete Hoffnung für sie. Auch wenn sie derzeit verdrängten, dass sie nicht wussten, wohin mit diesen Informationen. Ihnen war irgendwie bewusst, dass sie es wohl nicht alleine schaffen würden.

„Wir sollten schlafen.“, murmelte Regulus gegen Abend. „Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen und ich kann mich kaum noch konzentrieren. Außerdem sollten wir überlegen, wie wir das, was wir herausfinden, an Dumbledore weitergeben können. Alleine schaffen wir es wohl nicht.“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“, nickte Severus und unterdrückte ein Gähnen. „Und ich bin leider überzeugt, dass es nur eine Möglichkeit gibt. Dumbledore wird uns nicht anhören, nicht einfach so. Wenn du einverstanden bist, schreibe ich an Lily und bitte sie, mit Potter zusammen zu einem Treffpunkt zu kommen.“

„Du würdest mit James Potter sprechen?“, staunte Regulus. „Du hast dich verändert.“

„Wie könnte ich der Gleiche bleiben?“, sinnierte Severus. „Potter hat mein Leben gerettet, er hat sich selbst als Animagus enttarnt, um mich zu retten. Ja, er war nicht besonders nett zu mir in der Schule, aber ich sehe das inzwischen nicht mehr so eng. Natürlich würde ich mich über eine Entschuldigung freuen, aber ich habe ihm bereits verziehen. Er kämpft an Dumbledores Seite. Ich denke, er würde zuhören.“

„Na gut, dann machen wir das.“, stimmte Regulus zu. Nicht vollkommen überzeugt, aber ihm fiel nichts anderes ein. Dumbledore würde ihnen nicht glauben, nicht einmal unter Veritaserum. Er war so verbohrt, wenn es um Slytherins ging. Und er hatte auch noch das Mal. Das hatte Severus zwar nicht, aber seine Ideale stimmten doch überhaupt nicht mit denen des Alten überein. Er nickte erneut. „Machen wir das, aber erst schlafen wir. Ich kann nicht bleiben, meine Eltern vermissen mich sicher schon.“ Er umarmte Severus und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich komme sobald wie möglich wieder. Kreacher lasse ich erstmal hier, schick' ihn zu mir, wenn du eine Antwort von Potter bekommst, okay?“

„Mach ich.“, versprach Severus und atmete tief ein. Der Geruch von Regulus war ihm vertraut und beruhigte ihn, aber er ließ auch seinen Magen flattern. Severus konnte nicht genug davon bekommen, auch wenn er es nicht zugeben würde. So genoss er einfach nur die Nähe, so lange er sie hatte.

Regulus merkte das und gab ihm einen weiteren, sanften Kuss auf die Wange. „Schlaf gut.“

„Du auch. Und pass' auf dich auf.“, erwiderte Severus. „Der Lord darf auf keinen Fall etwas merken.“

„Ich habe schon von klein auf Okklumentik gelernt.“, versicherte Regulus. „Ich kann ihm das zeigen, was er sehen darf, ohne dass er merkt, dass ich ihn draußen halte. Okklumentik und Tränke waren immer meine besten Disziplinen.“ Er hielt einen Moment inne. „Verdammt, das hätte ich dir schon längst beibringen müssen! Ohne Magie ist es zwar schwer, aber nicht unmöglich. Pass auf, Sev, bis ich wiederkomme, versuchst du bei jeder Gelegenheit, deinen Kopf zu leeren, einfach an nichts zu denken.“

„Gut, ich mache das.“, bestätigte Severus. Auch ihm war bewusst, wie wichtig das sein konnte, wenn er hier raus musste. „Und jetzt geh, damit deine Eltern nicht nach dir suchen und möglicherweise Verdacht schöpfen.“

Nach einer letzten Umarmung trennten sie sich. Regulus verschwand mit dem charakteristischen Ploppen einer Apparation und Severus entschied, zuerst duschen und dann ins Bett zu gehen.

Am Morgen begann er, die Markierungen durchzusehen. Die ersten Bücher legte er wieder beiseite, bei näherer Betrachtung war es nicht das, was sie suchten. Ein Begriff tauchte auf, den er noch nie gehört hatte, aber er wurde nicht näher erklärt. Severus schrieb ihn auf, da er das Gefühl hatte, er würde etwas bedeuten. ‚Horkrux‘ stand auf dem Pergament. Es wirkte dunkel, der Begriff alleine ließ ihn schaudern. Fieberhaft versuchte er, eine Erklärung zu finden. Erst, als Kreacher ihm Mittagessen brachte, legte er die Bücher eine Weile zur Seite. Er erinnerte sich an das, was Regulus ihm aufgetragen hatte, und schloss seine Augen. Tief atmend löste er sich von seinen Gedanken. Es war nicht leicht, aber Severus hatte noch nie einfach so aufgegeben, also konzentrierte er sich darauf, seine Gedanken wegzuschieben. Einen nach dem anderen. Mit jedem Gedanken, den er wegschloss, wurde er ruhiger. Ganz schaffte er es nicht, den Geist wirklich zu leeren, aber er merkte, wie er es machen musste. Es tat ihm gut, das spürte er. Mit neuem Elan beugte er sich wieder über die Bücher.

Einige Wochen später war er mit den Büchern im Haus fertig. Leider hatte er die passende Antwort nicht gefunden. Auch zum Thema Horkrux fand er nichts weiter. Er schickte Kreacher mit diesen Nachrichten zu seinem Meister, hoffend, dass es Regulus zu ihm bringen würde. Er vermisste ihn sehr. Die Sehnsucht nach Nähe wurde immer größer. Es war das erste Mal seit Lily, dass er einen Menschen so nah an sich heran gelassen hatte. Ganz sicher war Severus nicht, ob er nun verliebt war oder ob es freundschaftliche Gefühle waren, die er hegte, aber eines wusste er: Er wollte Regulus nicht verlieren. Er wollte ihn in seiner Nähe haben. Diese Art, die der Jüngere hatte, so unbekümmert mit ihm umzugehen, war etwas, das Severus nicht kannte, aber er genoss es sehr. Hier musste er sich nicht verstellen, musste niemandem etwas vorspielen. Auch wenn er seine Gefühle nicht zeigen konnte, Regulus schien es dennoch zu spüren, wann er Nähe brauchte. Diese flüchtigen Küsse, die warmen Umarmungen, das offene Sprechen, alles Zeichen, dass sich auch Regulus mit ihm zusammen wohlfühlte. Severus seufzte leise. Er konnte Lilys Stimme in seinem Kopf hören, die ihm sagte, dass er verliebt war. Wahrscheinlich hatte sie Recht.

Regulus konnte nicht sofort kommen, da er im Labor war und einen Trank brauen musste. Außerdem arbeitete er mit seinem Meister an einem Experiment, und er sollte noch eine Ausarbeitung für die Uni fertig stellen. Daher schickte er Kreacher, der Severus Bescheid gab. Er bat ihn, geduldig zu bleiben, weiterhin das Leeren seines Geistes zu üben und einen Brief an die Potters zu schreiben, falls er das noch nicht getan hatte. Laut Kreacher hatte Regulus gesagt, er habe Neuigkeiten, die ein Treffen unbedingt erforderlich machten. Außerdem hatte Kreacher einige Bücher aus der Bibliothek der Blacks dabei, in denen Severus weiter recherchieren konnte. Mit einem Dank schickte er Kreacher zurück, bevor er sich erneut ins Arbeitszimmer setzte und das erste der Bücher öffnete. Das erste von Vielen in den nächsten Monaten. Bis er auf eines stieß, das ihn schaudern ließ.

Bereits nach wenigen Seiten war er froh darüber, seinen Geist leeren zu können. Die Informationen in dem Buch waren mehr als anschaulich geschrieben und Severus wusste sofort, warum es auf dem Index der verbotenen Bücher stand. Das hier war grauenvoll, durch und durch schwarz-magisch. Er schauderte bei der Darstellung des Cruciatus-Fluches und der Beschreibung der Opfer, die zu lange und zu oft darunter leiden mussten. Schnell blätterte er weiter, damit wollte er sich gerade nicht beschäftigen. Er schob die Bilder aus seinem Kopf, erstaunt, wie leicht es ihm trotz allem fiel, und blätterte weiter, ignorierte die für ihn gerade nicht relevanten Dinge. Weit hinten, als er schon nicht mehr daran glaubte, etwas zu finden, stieß er auf einen Abschnitt, den er genauer las.

Der Horkrux ist der ultimative dunkle Zauber. Nur ein Zauberer, der durch und durch schwarz-magisch ist, wird ihn wirken können. Allerdings kann man nur davon abraten, diesen Zauber tatsächlich zu nutzen, denn er bewirkt, dass die Seele des Anwenders gespalten wird. Sie bricht auseinander, unwiderruflich. Bei der Nutzung spaltet sich ein Stück der Seele ab, das man durch den Zauber in einem Gegenstand einschließen kann. Für frühere Zauberer war das eine Art Unsterblichkeit, denn man kann zwar den Körper des Anwenders töten, aber seine Seele, oder besser gesagt das abgespaltene Stück, kann weiterleben. Doch ist das eine Existenz, die man anstreben sollte? Körperlos am Leben? Unendlich, wenn niemand diesem Bruchstück einen neuen Körper verschafft. Die Anwendung des Zaubers bewirkt außerdem, dass sich der Anwender verändert, eine Veränderung, die den Körper und den Geist betrifft. Die Menschlichkeit geht verloren, wie es heißt. Aber da die Menschlichkeit eines Zauberers durch die Seele bestimmt wird, ist das eine logische Folge. Noch nie ist jemand weiter gegangen, als eine Teilung zu wagen, zumindest soweit man weiß. Diese Menschen wurden schnell erkannt, da die deutlichste Veränderung die Augenfarbe ist: Bei ausnahmslos jedem, der diesen Zauber angewendet hat, wurden die Pupillen zu einem aggressiven Rot. Bei weiteren Teilungen geht man davon aus, dass sich der Körper immer weiter verändert, weniger menschlich wird.

Severus hielt inne. Hatte Regulus nicht davon gesprochen, dass der Lord unheimlich aussah? Er musste ihn unbedingt danach fragen. Natürlich könnte es auch andere Erklärungen geben. Deshalb mussten sie noch mehr herausfinden. Also beugte sich Severus erneut über das Buch und las weiter.

Auch, wenn wir vor der Anwendung dieses Zaubers warnen, so ist es uns dennoch ein Anliegen, den Leser gründlich und ausführlich zu informieren. Als Anwender muss man bereit sein, Böses zu tun. Um den Zauber zu aktivieren, muss man die ultimative böse Tat vollbringen. Ohne einen Mord aus niederen Beweggründen wird der Zauber nichts als einfache Worte sein. Neid, Habgier oder Hass spielen eine Rolle. Je stärker diese Gefühle, desto sicherer wird die Seele brechen und ein Stück abspalten. Deshalb auch die Verminderung der Menschlichkeit des Anwenders. Der Zauber an sich ist schwarz-magisch, deshalb auch nicht von jedem Zauberer anwendbar. Die Formel jedoch werden wir an dieser Stelle nicht aufführen, denn es soll ein informatives Werk bleiben, keine Anleitung für ein unendliches Leben werden. Wir wissen durchaus, wie leicht man dieses Werk für böse Absichten nutzen kann, aber es soll ausschließlich dem Informationsgewinn dienen. Es gibt im Übrigen nur zwei bekannte Wege, einen geschaffenen Horkrux zu vernichten: Dämonsfeuer und Basiliskengift. Alles Andere wird einem Horkrux keinen dauerhaften Schaden zufügen können.

Severus hörte mit dem Lesen auf. Diese Information reichte ihm. Er war sicher, dass sein Gefühl ihn nicht betrogen hatte. Der Lord hatte Horkruxe geschaffen. Ja, Mehrzahl. Davon war Severus absolut überzeugt. Ob Regulus das hier auch gelesen hatte? Lag es deshalb auf dem Stapel ganz oben? Vermutlich, wurde Severus klar, deshalb hatte er auch darum gebeten, einen Brief an die Potters zu schicken. Nur, würden sie den bekommen, wenn sie sich mit Hilfe des Fidelius versteckten? Severus' Gedanken rasten. Er musste sich einen anderen Weg einfallen lassen, denn soweit er wusste, war der Fidelius auch bei Posteulen wirksam, außer er wurde so gewirkt, dass er Tiere ausnahm. Aber davon war bei den Potters nicht auszugehen, immerhin schwebten sie in steter Gefahr. Würde Lily weiterhin Kontakt mit ihren Eltern haben? Konnte er es wagen, per Muggelpost einen Brief an sie zu schicken? Aber was konnte er darin schreiben, ohne etwas zu verraten, wenn er in falsche Hände geriet? Ohne einen allzu offensichtlichen Hinweis auf sich selbst oder seinen Aufenthaltsort zu geben? Er musste sie um ein Treffen bitten, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, aber so, dass nur Lily es identifizieren konnte. Und dann? Sie würde Potter mitbringen, sofern sie überhaupt kam. Wie konnte er sie überzeugen? Aber das schob er erst einmal von sich, erst musste er sich auf das Problem des Briefes konzentrieren. Oder noch davor auf den Ort und die Zeit, damit sie sich treffen konnten.

Genau deshalb hatte er sich vor dem Brief gedrückt bisher. Seufzend stand Severus auf und lief in die Küche. Er hatte beinahe den ganzen Tag über das Buch gebeugt verbracht. Wahrscheinlich sollte er die anderen auch noch lesen, aber für heute reichte es ihm. Sein Instinkt sagte ihm, dass er das Richtige gefunden hatte. Doch um gründlich zu sein, nahm er sich für morgen die anderen Bücher vor. Er legte ein halbes Hähnchen in die Pfanne, richtete dazu Gemüserisotto und eine Pilzsauce. Ihm war egal, wie seltsam diese Kombination sein könnte, es erinnerte ihn an seine frühe Kindheit, an die Zeit, als seine Eltern diese Bezeichnung noch verdienten. An die Zeit, als alles noch gut war. Das Gemüse hatte seine Mama auf den Fensterbrettern oder im kleinen Garten selbst gezogen, die Pilze hatten sie aus dem Wald. Schon immer hatten sie ein paar Hühner gehalten, damit sie Eier, Federn und Fleisch hatten. Eine kurze Zeit hatten sie sogar eine Ziege gehabt, weil Severus keine Kuhmilch trinken konnte. Noch immer bekam er davon Magenschmerzen, aber seit er ein Werwolf war, interessierten ihn derartige Nahrungsmittel nicht mehr. Außer vielleicht Schokolade, aber da bevorzugte er die dunklen Sorten. Damit war es nicht so schlimm. Viel davon konnte er dennoch nicht essen.

Mit einem großen Glas Cola, etwas das Kreacher für ihn auf Umwegen besorgen musste, setzte er sich anschließend an den Schreibtisch. Eine ganze Weile saß er unbeweglich vor dem leeren Papier, bis er schließlich den Bleistift aufnahm.

Liebe Lily,

seit kurz nach meinem Unfall habe ich nichts mehr von Dir gehört, aber ich vermisse Dich. Ich würde Dich gerne wiedersehen, nicht nur, um über alte Zeiten zu plaudern. Ich denke, ich kann Dir ein paar Neuigkeiten mitteilen! Triff mich doch bitte dort, wo alles angefangen hat. An dem Tag, wenn mein Fluch mich am wenigsten beeinflusst. Ich werde zu der Zeit auf Dich warten, zu der ich geboren bin. Bitte komm!

Severus unterschrieb den Brief nicht. Er war sicher, dass Lily den Inhalt ihm zuordnen konnte, außerdem kannte sie seine Handschrift. Früher hatten sie sich ständig Briefe geschrieben, in den Ferien oder auch während der Schulzeit, wenn sie sich länger als einige Stunden nicht gesehen hatten. Zusätzlich hatten sie sich lange Zeit immer wieder gegenseitig bei den Hausaufgaben geholfen. Träumend starrte Severus ins Leere, wünschte sich, dass er damals nicht so neugierig gewesen wäre. Wäre Lily noch immer seine beste Freundin? Oder wären sie sogar ein Paar geworden? Wären sie das? Ruckartig setzte sich Severus auf. Die Gedanken an Lily hatten ihm ein warmes Gefühl beschert, aber es kribbelte nicht. Anders als bei den Gedanken an Regulus. Da wurde ihm richtig heiß. Lilys Lachen schlich sich in seine Gedanken. Die Rothaarige würde ihn freundschaftlich auslachen und ihm an den Kopf werfen, er solle sich endlich eingestehen, dass er schwul war. Verliebt in Regulus.

Abrupt stand Severus auf und schüttelte den Kopf. Er musste ihn klären und auch den Brief wegschicken. Bis Neumond waren es noch acht Tage, das sollte reichen, damit Lily den Brief tatsächlich bekam. Nur die Rothaarige und er selbst wussten, dass er um Punkt elf Uhr elf in der Nacht geboren war. Gut, sein Vater wüsste es sicher auch, aber der bekam den Brief wohl eher nicht in die Hand. Selbst wenn, er könnte nicht nachvollziehen, dass er ihn geschrieben hatte. Nein, er war sicher, dass nur Lily herausfinden konnte, wer geschrieben hatte, wo sie sich wann treffen wollten. Hastig steckte er ihn in einen Umschlag – ihm fiel ein, er musste Regulus fragen, warum solche Dinge hier im Haus waren – und griff nach seinem Geldbeutel. Ein paar Pfund hatte er noch von seinem letzten Job am Hafen. Das war schon lange her, aber heute brauchte er es. Er zog seine Straßenkleidung an, die zwar gereinigt und repariert war, aber ansonsten dafür sorgte, dass er kaum erkennbar war. So lief er in den nahen Ort. Broadstairs, wie er sich erinnerte. Bis Ladenschluss war noch etwa eine Stunde, er hoffte, bis dahin die Post zu finden. Aber wenn nicht, konnte er sicher auch eine Briefmarke aus einem Automaten bekommen. Leider wusste er nicht genau, wie viel Porto er brauchte, daher wollte er lieber in der Post seinen Brief frankieren lassen.

Auf dem Weg sah er ständig um sich. Er fühlte sich einerseits verfolgt, andererseits an sein Leben auf der Straße erinnert. Da war man nie sicher, denn Obdachlose kannten meist nur sich selbst und ihren eigenen Vorteil. Ihm gegenüber zumindest. Es gab durchaus einige Gruppen, die zusammen hielten, aber er selbst zählte nie dazu. Für diesen Schutz hätte er zahlen müssen. Etwas, wogegen er sich immer gewehrt hatte. Sein Leben war dadurch sicher nicht leichter geworden, aber er hatte sich seinen Stolz bewahrt. Es gab wenig genug, worauf er wirklich stolz sein konnte. Er war immer ehrlich gewesen (bis auf die Halbwahrheiten, die er den Bobbys erzählt hatte), hatte nie gestohlen, und er war noch immer unberührt, hatte sich nicht verkauft. Zwar hatte dieser eine Kerl ihn damals angegrapscht, aber er war rechtzeitig geflohen und danach nie wieder in eine derartige Situation gekommen, immer hatten seine Instinkte ihn vorher gewarnt. Und er hatte auf sie gehört.

Es wurde leichter als gedacht. Schnell hatte er die Post gefunden und sein Geld reichte leicht, um den Brief zu verschicken. Auf dem Rückweg kreuzte er in einer von Lily gelernten Geste die Finger, dass alles gut gehen würde. Er wusste nicht, ob Lilys Eltern überhaupt noch dort lebten, wo sie früher gewohnt hatten. Ob sie Kontakt zu Lily hatten. Ob sie den Brief weitergaben oder doch eher gleich vernichteten, weil sie ihn für eine Bedrohung hielten. Aber eine andere Lösung wusste er nicht. Außer, sich direkt an Dumbledore zu wenden, doch das hatten sie gemeinsam ausgeschlossen. Sie müssten ihm mehr bieten, als das, was sie hatten, um von ihm ernst genommen, gehört zu werden. Und das konnten sie nicht.

 

In den folgenden Tagen konzentrierte sich Severus auf drei Dinge: Er ging die restlichen Bücher durch (in denen er keine weiteren relevanten Informationen fand), lernte, seinen Geist zu leeren und überlegte, wie er Lily überzeugen konnte, ihm zuzuhören. Jeden Gedanken an James Potter verdrängte er, denn dann würde er wohl einen Rückzieher machen. Ihm war klar, dass Potter seine Frau nicht alleine kommen lassen würde, aber dennoch überlegte er nur, wie er mit Lily sprechen konnte. Bei ihr wusste er, worauf er sich einließ. Er musste ehrlich sein. Absolut ehrlich. Kein Hintergedanke, nichts auslassen. Schon immer hatte sie bei Menschen, die sie kannte, ein Gespür dafür gehabt, wenn sie angelogen wurde. Dann würde sie sich umdrehen und gehen. Nie wieder zurückkehren. Nein, das durfte er nicht riskieren. Am späten Nachmittag des Neumond-Tages packte er seinen kleinen Rucksack mit den Dingen, die er für wichtig hielt. Regulus konnte erst später kommen, er wollte sie zu dem Spielplatz apparieren. Ansonsten würde Severus nicht rechtzeitig ankommen. Das Buch mit den Informationen über Horkruxe landete im Rucksack, genauso wie eine Phiole mit einem kleinen Rest Veritaserum, das Regulus vor einigen Tagen gebracht hatte. Vielleicht konnte er James Potter damit überzeugen. Dazu eine Decke – wer wusste schon, wie lange sie warten mussten – und ein Messer. Severus wollte nicht ganz unbedarft losziehen, es war immer gut, gewappnet zu sein. Erneut zog er seine Straßenkleidung an, fühlte sich damit sicherer, wenn er aus dem Schutz dieses Hauses ging. Sein Zuhause. Ja, das war es inzwischen. Noch nie seit seiner frühesten Kindheit, hatte er sich irgendwo wirklich zuhause, erwünscht gefühlt. Regulus schenkte ihm diese Geborgenheit. Severus vergrub sein Gesicht in den Händen, als er erneut bei dem jungen Mann landete. Immer wieder gingen seine Gedanken zu den blauen Augen, die ihn so anstrahlen konnten, wenn Regulus lachte oder lächelte. Die kleinen Grübchen, die sich dabei bildeten. Severus konnte in Gedanken jede einzelne davon sehen, und er wollte sie berühren. Nicht glattstreichen, denn sie machten das Gesicht noch schöner, vollkommener. Nein, er wollte sie spüren, über sie streichen, um Regulus' Lachen mit allen Sinnen zu erfassen.

„Alles okay?“, riss ihn mit einem Mal Regulus' Stimme aus den Gedanken. Ruckartig fuhr Severus hoch und starrte ihn an. „Hey, Sev, alles in Ordnung?“, wiederholte der Jüngere seine Frage. Mechanisch nickte Severus, nicht sicher, ob er weiterhin träumte. „Na, dann sollten wir los, es ist kurz vor neun.“

„Äh, ja.“, murmelte Severus, immer noch ziemlich verwirrt.

Besorgt musterte Regulus ihn. „Was ist los? Irgendwas stimmt doch nicht mit dir?“ Mit seiner Hand strich er probeweise über Severus' Stirn, als wolle er fühlen, ob er Fieber hatte.

Das riss Severus endgültig aus seinen Träumen. Er stand auf. „Es geht mir gut, nur ein wenig nervös.“ Zumindest die halbe Wahrheit. Oder eigentlich die ganze, er war nervös, aber weniger wegen des Gesprächs mit den Potters, sondern eher wegen der Anwesenheit des jungen Mannes, der der Kern seiner Träume war. Er räusperte sich. „Wir können los, ich habe alles.“ Mit diesen Worten hängte er sich seinen Rucksack mit einer Schlaufe über die linke Schulter und griff mit der rechten Hand nach Regulus, damit der sie apparieren konnte. Er unterdrückte ein Schaudern, als seine warme Hand den beinahe kalten Arm von Regulus berührte, der die Ärmel gerade ein Stück nach hinten geschoben hatte. Hautkontakt machte das Apparieren sicherer, das hatte Regulus bereits festgestellt. Vor allem vertrugen es die meisten Menschen aus unbekannten Gründen besser.

„Konzentrier' dich bitte auf dein Ziel, Sev, ich kenne euren Treffpunkt nicht.“, mahnte Regulus. „Ich kann uns apparieren, aber du musst mich leiten.“ Severus nickte unsicher. Regulus sah ihn nachdenklich an. „Vielleicht sollte ich besser in deinen Geist eindringen, damit wir auch da ankommen, wo wir hin wollen. Wäre das in Ordnung für dich?“ Einen Moment starrte Severus ihn an, dann konzentrierte er sich, leerte seinen Geist – Regulus sollte nichts von den Gedanken vorhin mitbekommen – und nickte zustimmend. Der Jüngere lächelte, und schickte damit einen Schauder über Severus' Rücken. „Also gut, legilimens!“

Es fühlte sich seltsam an, die fremde und doch bekannte Präsenz plötzlich im eigenen Kopf zu spüren, fand Severus. Doch schnell konzentrierte er sich wieder auf ihr Ziel. Alles andere schob er beiseite. Er hörte ein leises, amüsiert klingendes Glucksen von Regulus, dann spürte er nur noch dessen Konzentration. Severus dachte ganz fest an ihr Ziel und fühlte die Enge des Apparierens um sich. Sekundenbruchteile später waren sie auf dem Spielplatz. Regulus löste sich von ihm und schob den Ärmel zurück nach unten.

„Äh, das sieht aber ein wenig anders aus als in deiner Erinnerung. Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“, wollte Regulus nach einem Blick um sich herum wissen.

Auch Severus ließ seinen Blick schweifen. Der Spielplatz war verfallen, eine Schaukel fehlte, die andere hing an nur einer Kette. Die Kette sah so rostig aus, dass sich wohl keiner darauf sitzen traute, aus Angst, sie könnte reißen. Der Sandkasten war nicht mehr als solcher zu erkennen, eine Menge Müll und Unrat lagen darin und außen herum verstreut. Die Rutsche war verschwunden, nur der Turm stand noch, wenn auch ziemlich windschief. Es sah aus, als würde er gleich zusammenfallen. Dennoch war er sicher, am richtigen Ort zu sein. Das hier war der Spielplatz, auf dem er sich als Kind immer mit Lily getroffen hatte. Offenbar war er nicht mehr in Stand gehalten worden. Ob das nun gut oder schlecht war, wusste Severus nicht genau. Er merkte, dass Regulus ihn noch immer beobachtete. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er wohl auf eine Antwort wartete. „Ja, doch, wir sind richtig.“, stotterte er schließlich.

„Na, wenn du es sagst.“, zuckte Regulus die Schultern. Auch er wirkte ein wenig verunsichert. Er nickte in Richtung des einzigen Baumes in der Umgebung. „Setzen wir uns dort hinten hin, da haben wir alles im Blick, werden aber nicht sofort gesehen.“ Severus nickte nur und ging voran. Als sie unter dem Baum saßen, angelehnt an den Stamm, wandte sich Regulus ihm zu. „Du hast tatsächlich geübt.“, lächelte er.

„Natürlich.“, erwiderte Severus. „Du hattest Recht, es IST wichtig. Ich hoffe, ich brauche es nie, aber inzwischen weiß ich sehr viel, was nicht bekannt werden darf. Deshalb bin ich froh, wenn du es mir beibringst.“

„Du bist weit gekommen, das hätte ich nicht geglaubt.“, gab Regulus leise zu. Er sah Severus intensiv an. „Als nächsten Schritt solltest du dir eine Mauer vorstellen, die deine Gedanken schützt. Mach sie stark und fest, rund um deine Gedanken herum. Wenn wir wieder zuhause sind, werde ich sehen, ob ich in deine Gedanken eindringen kann, dann kann ich dir helfen, sie noch stärker zu machen. Übe es. Jetzt, nachher, immer. Versuche, gleichzeitig mit mir zu reden, aber deine Gedanken dabei hinter der Mauer zu halten. Die Mauer soll ein Teil von dir werden, sodass du nicht mehr darüber nachdenken musst, sie automatisch aufbaust.“

Severus schloss die Augen für einige Minuten. Natürlich versuchte er es sofort, hörte dabei aber dem Jüngeren zu, der ihm leise von der Ausbildung und dem Studium erzählte. Er wusste, Regulus machte das auch, um ihn abzulenken, aber es sollte ihn weiter bringen, daher versuchte Severus, sich auf beides zu konzentrieren. Nicht einfach, stellte er fest, als er zum dritten Mal eine Frage gestellt bekam und nicht gleich antworten konnte.

Regulus kicherte verhalten. „Nicht leicht, ich weiß.“, murmelte er. „Aber ich bin sicher, du schaffst es wieder innerhalb kürzester Zeit. Ich habe beinahe ein Jahr gebraucht, bis ich so weit wie du jetzt war.“

„Leise, jemand kommt!“, hauchte Severus, der aufgrund seiner etwas schärferen Sinne Schritte hörte. Derzeit waren sie nur wenig besser als seine menschlichen früher, aber je näher Vollmond kam, umso intensiver wurden sie. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass es kurz vor elf Uhr abends war. Er richtete seinen Blick auf den Spielplatz, von dort aus hatte er das Geräusch gehört. Nur ein Hauch, aber er war sicher, dass jemand auf dem Gelände war. Dort, bei der Schaukel. Es war stockduster, nicht nur der Mond fehlte, auch die Sterne waren von den Wolken verdeckt. Eine wahre Halloween-Nacht, wie ihm gerade auffiel. Plötzlich blitzte an der Schaukel ein kleines Licht auf. Eine Taschenlampe. Severus spürte, wie Regulus' Hand seinen Arm griff, bereit, sie jederzeit von hier weg zu bringen. Doch er schüttelte den Kopf, da er James Potter erkannt hatte.

Langsam stand Severus auf und ging auf das kleine Licht zu. „James Potter, bist du alleine?“, fragte er und sah mit heimlichen Vergnügen, dass der Auror zusammenzuckte.

„Snape! Also hatte Lily Recht.“, erkannte James Potter sein Gegenüber.

„Natürlich hatte ich Recht.“, mischte sich nun Lilys Stimme ein. Sie trat aus dem Schatten zu ihrem Mann. Mit weiten Augen erkannte Severus, dass sie ein Kind auf dem Arm trug, das ihn aus grünen Augen ansah. Lilys Augen. „Sev!“, rief sie – und warf sich ihm um den Hals. „Ich dachte, du bist tot!“

Ziemlich überfordert legte Severus seine Arme um ihre schmale Taille, bemüht, das Kind nicht zu berühren. Der Kleine, zumindest ging Severus davon aus, dass es ein Junge war, sah nicht so aus, als ob ihm das unbekannt oder gar unangenehm wäre. Scheinbar hatte sich Lily in der Hinsicht nicht geändert.

„Was willst du?“, fragte James Potter sehr unterkühlt.

„Ich … ich habe Informationen, die euch helfen können.“, begann Severus. Er sah nur Lily an, sprach zu ihr. „Du bist an Dumbledores Seite?“ Sie nickte. „Ich weiß etwas vom Lord, das entscheidend sein dürfte im Kampf gegen ihn.“

„Und warum sagst du es dann nicht Dumbledore selbst?“, wollte James wissen.

„Ich bin nicht sicher, ob er mich anhören würde, und ob er ...“, er sah sich zu Regulus um, wollte ihn hier haben, „… meiner Quelle trauen würde.“ Severus erkannte die Furcht in den Augen Potters, als Regulus zu ihnen trat. In Lilys Augen lag eher Erstaunen, als sie sah, wie vertraut der jüngere Bruder von Sirius mit Severus zu sein schien.

„Es ist eine lange Geschichte.“, ergriff Regulus das Wort. „Ich weiß, dass ihr mir nicht traut, aber ich schwöre bei meiner Magie, dass ich euch keinen Schaden zufügen werde. Ich bin hier, um euch Informationen zu geben. Ich bin bereit, einen unbrechbaren Schwur abzulegen, dass euch keine Gefahr von mir, von uns, droht. Aber ich schlage vor, dass wir woanders weiter reden, hier ist es zu offen.“

„Wir nehmen euch nicht mit zu uns nach Hause!“, fuhr James auf. „Ihr glaubt wohl, dass ihr dann wisst, wer der Geheimniswahrer ist, und den zieht ihr dann zu eurem Lord!“

„Dann kommt zu uns.“, zuckte Regulus die Schultern. „Ich lebe mit Severus in einem Haus am Meer, auch das steht unter Fidelius, nur wir beide kennen es.“

„Und wer sagt uns, dass wir dann nicht in die Falle laufen?“, zischte James aggressiv.

„Ich habe hier Veritaserum.“, bot Severus an. „Es ist nicht viel, aber für eine Frage reicht es. Als Auror kannst du es sicher erkennen.“

James Potter überlegte. Lily schüttelte unwillig den Kopf. „Das ist doch ...“

„… kein Quatsch, falls du das gerade sagen wolltest.“, unterbrach James seine Frau.

„Er hat Recht.“, nickte auch Regulus. „Ich habe nicht erwartet, dass ihr uns einfach so vertraut, aber wir meinen es ehrlich.“

„Slytherins sind hinterlistig.“, klagte James an. „Man kann ihnen nicht trauen.“

„Ich glaube Sev, er hat mich noch nie belogen.“, knurrte Lily.

„Lily, er hat Recht, er muss misstrauisch sein.“, beruhigte Severus. „Er will dich schützen. Es wäre leichtsinnig, wenn er das nicht tut.“

„Nimm das Zeug.“, traf James mit einem Mal eine Entscheidung. „Und du“, er deutete auf Regulus, „gib deinen Stab an Lily. Du kriegst ihn wieder, sobald wir sicher sind, dass ihr es ehrlich meint. Man hört viel über dich, Regulus Black. Und das ist beileibe nicht viel Gutes.“

Regulus gab seinen Stab an Lily. Widerwillig zwar, aber er verstand, warum Potter so reagierte. Äußerlich ungerührt schob er seinen Ärmel nach oben. „Du redest hiervon, Potter.“ Er ließ sie kurz das Mal sehen, dann schloss er seinen Ärmel wieder. „Ich erzähle euch, wie ich dazu kam, und nein, es war ganz sicher nicht freiwillig. Wenn der Lord das allerdings mitbekommt, was ich getan habe und noch tun will, dann ist das mein Todesurteil. Deshalb ziehe ich es vor, das nicht hier in der Öffentlichkeit auszuplaudern. Man weiß nie, wer noch zuhört.“

Severus zog indessen die kleine Phiole aus seinem Rucksack. „Okay, Potter, du hast eine Frage, länger wird dieser Rest nicht wirken.“ Er ließ zu, dass Potter den Korken herauszog und daran roch, es im Licht seiner Taschenlampe genau inspizierte. Als er es zurück bekam, setzte Severus das Fläschchen an und trank den Inhalt.

James wartete nicht lange. „Werden wir, Lily, Harry und ich, bei euch sicher sein, oder lockt ihr uns in einen Hinterhalt?“

„Ihr seid sicher, es ist kein Hinterhalt. Wir wollen euch nichts tun, wir wollen euch helfen, den Lord zu stürzen.“, war Severus' Antwort. „Niemand weiß von dem Haus, in das wir euch bringen werden. Es gehört eigentlich Sirius, daher wird niemand auf die Idee kommen, dort zu suchen.“

Der Auror wurde blass. „Sirius' Haus?“, hauchte er.

Regulus nickte. „Er sagte mal zu mir, ich könne es nutzen, wenn er nicht da ist.“, meinte er mit belegter Stimme. „Als ich Sev auf der Straße gefunden habe, fiel es mir als Zuflucht ein. In den ersten Tagen hat Sev geschlafen, da habe ich alles besorgt, was wir brauchen. Seither lebt er dort. Ich komme nur ab und zu hin, will meine Eltern nicht darauf aufmerksam machen.“

Noch immer skeptisch wechselte James einen Blick mit Lily, die ihm zunickte. „James, sie meinen es ehrlich, ich bin sicher.“

„Okay.“, gab James schließlich seine Zustimmung.

Severus sah Regulus an, der ihm ein kurzes Lächeln schenkte. Also atmete er tief durch, dann beugte er sich zu den Potters. „Wir leben im Haus von Sirius Black, Broadstairs, Grafschaft Kent.“, verriet er.

„Das hilft uns aber nicht wirklich, da hier kein Kamin in der Nähe ist. Wir müssen apparieren, und dazu muss man sein Ziel genau kennen.“, motzte James. „Und für Harry wird das nicht reichen, den muss der Geheimniswahrer hinein tragen.“

Lily hingegen starrte ihn überrascht an. „Du bist der Geheimniswahrer, Sev?“, staunte sie. Er nickte nur.

„Ich kann uns apparieren.“, bot Regulus an. „Nicht gleichzeitig, nacheinander. Zuerst Lily und Harry, das schaffe ich, danach dich, James, und am Ende hole ich Severus.“

James schüttelte er den Kopf. „Zuerst mich.“, verlangte er. „Danach Severus und am Ende Lily.“

„Aber dann ist Lily hier in Gefahr!“, protestierte Severus.

„Und wenn dort doch jemand wartet?“, fauchte James. Auf einen Blick von Lily atmete er durch und fügte ruhiger hinzu: „Ich zuerst, danach Lily mit Harry, und am Ende Severus. Ich muss einfach sicher sein, dass Lily und Harry nichts passiert.“

„Gut.“, willigte Regulus ein. Lily reichte ihm seinen Zauberstab, sie vertraute ihm zumindest soweit. Er hielt James seinen Arm hin und verschwand, als er zugegriffen hatte. Kurz danach kam er zurück und holte Lily mit ihrem Sohn. Am Ende dann noch Severus. „Gut gemacht!“, küsste er ihn kurz auf die Wange, bevor er sie apparierte.

Als sie ankamen, musste Severus erst einmal tief durchatmen, sein Bauch kribbelte, genau wie die Wange, auf die Regulus ihn geküsst hatte. Er warf einen Blick um sich. Lily beruhigte Harry, der das Apparieren scheinbar nicht mochte, dann drückte sie Severus den Kleinen in die Arme. Unsicher griff Severus zu und ging voran, trug den Jüngsten ins Haus. Lily und James folgten, Regulus machte den Schluss. Kreacher hatte einige Sandwiches gerichtet, dazu Tee, Kaffee und kalte Getränke. Da Harry quengelte, war Severus froh, ihn wieder seiner Mutter geben zu können. Zu sehr erinnerte der Kleine ihn an seine Schwester und das, was seither alles kaputt gegangen war. Ihr Tod alleine war schon schrecklich gewesen, aber er hatte zusätzlich die ganze Familie zerstört.

„Kann ich ihn hier irgendwo hinlegen?“, bat Lily. „Harry schläft um diese Zeit normalerweise schon lange, aber wir konnten ihn nicht alleine lassen.“

„Kreacher?“, rief Regulus. Der Hauself tauchte sofort auf. „Haben wir hier irgendwo ein Babybett? Oder kannst du eines vom Dachboden vom Grimmauldplatz besorgen?“

Kreacher nickte nur und verschwand mit einem Ploppen. Noch bevor er wieder auftauchte, fasste sich Regulus entsetzt an den linken Unterarm. „Scheiße!“, fluchte er. „Der Lord ruft, ich muss gehen!“

„Pass auf dich auf!“, wisperte Severus, während Regulus bereits verschwunden war. Er war mehr als besorgt, um diese Zeit hatte der Lord wohl noch nie gerufen. Jedenfalls soweit er es wusste. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es in zehn Minuten Mitternacht wurde. Er hatte ein ziemlich mieses Gefühl. Kreacher, der mit einem Babybett auftauchte, lenkte ihn ab. Lily legte ihren Sohn hinein und sie stellten es in eine etwas dunklere Ecke des Raumes, dann setzten sie sich auf das Sofa. James ging noch einmal zu seinem Sohn, der etwas unruhig war.

„Sev, ich bin neugierig, wie kommst du hierher? Nach der Verhandlung habe ich mich nach dir erkundigt und wollte dich besuchen, als es hieß, du bist bei deinem Vater, aber erst kam ich nur mit Mühe hin und er hat nicht aufgemacht, und irgendwann warst du dann nicht mehr dort.“, sprudelte es aus Lily heraus.

Severus zuckte die Schultern. „Die Auroren haben mich vom Mungos zu meinem Vater gebracht. Dort hatten sie einen Raum im Keller eingerichtet für Vollmond und wohl auch einige Schutzzauber gesprochen, zumindest klang es so. Mein Vater hat mich sofort dort eingesperrt, bis ich irgendwann fliehen konnte. Ich war mindestens vierzehn Vollmonde dort eingeschlossen. Danach habe ich eine Weile in London gelebt. Zu Vollmond war ich immer im Ministerium, die Auroren haben mich danach einfach in der Winkelgasse abgelegt, damit ich bei den Muggeln nicht auffalle. Nach einiger Zeit hat mich Regulus dort aufgesammelt und hierher gebracht.“ Er hielt den Bericht bewusst kurz, wollte nicht weiter darüber nachdenken.

„So wie ich dich kenne, hast du nicht einmal die Hälfte von dem erzählt, was passiert ist.“, schüttelte Lily den Kopf. „Ich bin froh, dass du hier ein Zuhause gefunden hast und dass es dir gut geht. Und vielen Dank für die Warnung vor eineinhalb Jahren, wir hatten bis zu deinem Brief keine Ahnung.“

„Schon gut.“, winkte Severus ab. „Regulus hat mich gewarnt und ich habe es weitergegeben.“

„Ist ja alles schön und gut, aber was genau wolltest du denn nun eigentlich von Lily?“, schnappte James. Noch immer hatte er seinen Zauberstab in der Hand, der teilweise sogar Funken sprühte. „Du hast wohl nicht deswegen so einen geheimnisvollen Brief geschrieben. Kannst übrigens von Glück sagen, dass Lilys Eltern ihn nicht einfach entsorgt haben.“

„Nein, darum ging es nicht.“, nickte Severus. Bewusst versuchte er, mit ruhiger, neutraler Stimme zu antworten. „Regulus wurde vor einigen Monaten vom Lord beauftragt, einen bestimmten Trank zu entwickeln.“

„Das ist doch idiotisch.“, unterbrach James. „Regulus hat gerade erst seinen Abschluss gemacht. Warum soll er brauen? Und dann noch entwickeln, das ist Meisterarbeit. Egal, wie gut er sein mag, er ist kein Meister, sondern ein Schüler.“

„Du hast Recht, James.“, stimmte Severus zu. Gerade musste er sich zwingen, ruhig zu bleiben. Dennoch nutzte er bewusst den Vornamen seines früheren Feindes. „Aber ich möchte von Anfang an erzählen. Vielleicht sollte ich noch etwas weiter ausholen.“ Und so berichtete Severus, diesmal wurde er nicht unterbrochen, von Anfang an. Von Regulus, wie er direkt nach seinem Abschluss gezwungen war, das Mal anzunehmen, von dem Trank, bis schließlich die Lösung kam.

„Horkrux? Nie gehört.“, verneinten die beiden Potters, als Severus sie am Ende fragte, ob sie wussten, was das war. Somit erklärte er das auch noch, zeigte ihnen das Buch. Und hinterließ zwei geschockte ehemalige Gryffindors.

„Das ist ja Wahnsinn!“, hauchte Lily. Sie wandte sich zu ihrem Mann. „James, das muss Albus unbedingt wissen!“

„Und was sagen wir, woher wir das wissen?“, überlegte James.

„Die Wahrheit.“, entschied Lily. „Wir nennen ihm keinen Namen, aber wir erzählen ihm, dass wir Kontakt zu einem Todesser haben, der gerne aussteigen würde, das aber nicht kann. Der uns hilft.“

„Du vertraust ihnen also?“, erkundigte sich James.

„Sev hat mich noch nie belogen.“, war Lily sicher. „Und auch Regulus wirkte aufrichtig auf mich. Ich denke, es kann nicht schaden. Vielleicht sollten wir sehen, dass wir an dieses Medaillon kommen, dann wissen wir es sicher. Wenn wir Albus das geben, dann glaubt er uns.“

„Da gibt es nur ein Problem, wir haben noch keinen Gegentrank.“, mischte sich Severus nun ein. „Ich habe Berechnungen angestellt und Theorien entwickelt, aber brauen muss ihn Regulus, mir fehlt die Magie. Ein Bezoar kann zwar die Wirkung danach neutralisieren, wenigstens zum größten Teil, aber ich fürchte, vorher klappt das nicht. Kreacher hat es nur mit viel Glück folgenlos überstanden. Und dieses Risiko wollen wir nicht eingehen, deshalb versuche ich, einen Gegentrank zu erdenken.“

„Sehr witzig.“, mischte sich James sarkastisch ein. „Du hast nicht einmal einen Abschluss, wie willst du so einen Trank entwickeln? Ich weiß, dass du gut in Zaubertränken warst, aber das hier übersteigt das Schulwissen gewaltig.“

Severus atmete mehrmals sehr tief durch, um sich zu beruhigen, am liebsten wäre er aufgesprungen und Potter an den Hals gegangen, um diese unterschwelligen Beleidigungen zu unterbinden. Erst, als er sicher war, nicht zu schreien, begann er zu sprechen. „Die Theorie ist nicht so schlimm, aber du hast in einer Hinsicht Recht. Es übersteigt Schulwissen. Allerdings habe ich hier Zugriff auf Bücher, die weit über das hinausgehen, da Regulus einerseits studiert, andererseits bereits bei einem Meister lernt. Ich habe damit gelernt und versucht, mich abzulenken in den letzten Monaten. Trotzdem werde ich Hilfe brauchen, wenn es an die Praxis geht, und auch in der Entwicklung bin ich mir nicht immer ganz sicher.“

„Ich kann helfen.“, meinte Lily.

„Natürlich, wenn du willst.“, lächelte Severus, der sich langsam ein wenig entspannte. Nun blieb nur noch die Sorge um Regulus. „Dann machen wir uns daran, sobald wir ausgeschlafen haben.“

„Dann gehen wir jetzt nach Hause.“, entschied James und wollte nach seinem Sohn greifen.

„Davon würde ich euch abraten.“, erwiderte Regulus, der leichenblass in der Tür stand. Er zitterte haltlos und klammerte sich am Türrahmen fest. Niemand hatte sein Auftauchen bemerkt. „Euer Geheimniswahrer ist bereits seit Monaten Todesser, er hat dem Lord verraten, wo ihr seid. Heute Nacht hat er euch alle töten wollen und ist ausgerastet, als niemand da war.“ Regulus musste innehalten, weil ein Hustenanfall ihn schüttelte. Severus half ihm, sich auf das Sofa zu legen, und Lily zückte ihren Zauberstab, murmelte Diagnosezauber. „Er wusste von einer Prophezeiung, dass ein Kind ihm gefährlich werden kann. Das haben wir bereits vor eineinhalb Jahren erfahren, deshalb die Warnung damals. Es gab zwei Kinder, auf die die Angaben zutrafen. Er wollte beide töten. Bei euch hat er niemanden angetroffen, aber die Longbottoms sind tot. Alle.“

„Nein!“, schluchzte Lily auf.

James hielt sie fest, stützte sie, als sie herzzerbrechend weinte. „Alice war Lilys beste Freundin und Neville ihr Patenkind.“, erklärte er leise. Auch er wirkte geschockt. „Was genau ist passiert?“

„Der Lord wollte die Kinder töten. Ursprünglich nur die Kinder.“, erklärte Regulus weiter. Er sprach leise, aber immer wieder hielt er keuchend und hustend inne. Er ließ zu, dass Severus seine Hand hielt. „Als er die Potters, als er euch“, sein Blick ging zu James und Lily, „nicht antraf, wurde er wütend. Er hat euer Haus in Schutt und Asche gelegt, dann ist er zu den Longbottoms. Wir mussten ihm folgen. Er ist wie ein Racheengel über sie hergefallen, hat niemanden verschont. Wahrscheinlich waren sie tot, noch bevor sie merkten, was passierte. Vielleicht war es ihr Glück, sein Plan war ursprünglich, die Kinder langsam und qualvoll vor den Augen der Eltern zu töten.“ Erneut schüttelte ihn ein Hustenanfall, aber sobald er wieder genug Luft bekam, sprach er weiter: „Lucius hatte tatsächlich den Schneid, den Lord darauf hinzuweisen, dass er vielleicht hätte warten sollen bei euch.“ Da er die Potters ansah, war klar, wen er meinte. „Er hätte das Haus in eine Falle für euch verwandeln können, aber der Weg ist ihm jetzt versperrt, da er das Haus in Trümmern hinterlassen hat. Das dunkle Mal am Himmel darüber nicht zu vergessen. Ich bin mir nicht sicher, ob Lucius diese Bestrafung überlebt, der Lord ist ausgerastet. Er hat keinen von uns verschont, aber Lucius hat es am schlimmsten erwischt.“

Severus ging neben Regulus in die Knie. Der Jüngere zitterte noch immer sehr stark und schien Schmerzen zu haben. „Was ist passiert?“, wollte er leise wissen.

„Cruciatus und Schneidzauber.“, erklärte Regulus ebenso leise. „Ich glaube, deine Freundin hat die Wunden bereits geheilt, fühlt sich jedenfalls so an. Die Nerven brauchen eine Weile, bis sie sich regenerieren. Hast du mit ihnen geredet?“

Severus nickte. „Sie glauben uns.“, versicherte er.

„Gut. Dann werden sie erstmal hier bleiben. Hier sind sie in Sicherheit.“, wisperte Regulus. „Geben wir ihnen das Zimmer gegenüber der Bibliothek im ersten Stock, und du nimmst das mit dem Balkon.“

„Okay, ich richte es gleich her. Aber vorher bringe ich dich ins Bett.“, entschied Severus und hob Regulus mühelos auf seine Arme. Widerstandslos ließ sich Regulus ins Bett legen. Severus deckte ihn zu und küsste ihn flüchtig auf die Stirn. „Schlaf gut.“

„Nacht!“, nuschelte Regulus noch, aber eigentlich schlief er schon.

Severus huschte ins Zimmer nebenan, um sein Bett herzurichten. Bisher hatte er diesen Raum mehr als Aufenthaltsraum genutzt und auf der Nordseite geschlafen, aber dort sollten nun die Potters unterkommen. Mit Kreachers Hilfe hatte er es innerhalb weniger Minuten geschafft. „Ich habe ein Zimmer für euch fertig.“, machte er auf sich aufmerksam. Lily schluchzte noch immer und James versuchte, sie zu beruhigen. Severus erkannte, dass sie miteinander beschäftigt waren, also schob er sie einfach nach oben in das Zimmer. Kleidung hatten sie gerade keine, aber das mussten sie am Morgen klären. Anschließend ließ er sich von Kreacher helfen und schaffte Harry samt Babybett nach oben. Er war froh, als er selbst im Bett lag, dieser Tag war mehr als lang und anstrengend gewesen.

Absolut ausgelaugt schlief Severus am nächsten Tag bis fast Mittag, erst dann weckte ihn ein ungewohntes Geräusch: Babygeschrei. Sofort fielen ihm die Ereignisse der Nacht wieder ein, und er sprang aus dem Bett. Vorsichtig lugte er ins Bad, aber es war leer, also duschte er schnell und zog sich an, bevor er nach unten ging, wo Harry schrie. „Was ist los?“

„Er ist völlig übermüdet.“, seufzte Lily. „Die ganze Aufregung gestern ist wohl nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Ich habe ihm vorhin einen Brei gemacht, ich hoffe, das war in Ordnung?“

„Natürlich.“, versicherte Severus. „Ich fürchte, ihr müsst erstmal hier bleiben. Kreacher kann sicher ein wenig Kleidung für euch besorgen, und alles, was ihr sonst unbedingt braucht.“

„Danke, Sev!“, lächelte die Rothaarige erleichtert. „Ich hasse es, ständig versteckt zu leben, aber scheinbar war es die richtige Entscheidung. Wenn auch der falsche Geheimniswahrer. Für Harry nehme ich das alles gerne auf mich, der Kleine soll sicher sein.“ Sie unterbrach sich und legte Harry auf eine Decke, verwandelte einige Papierstückchen in Spielzeuge. Damit war der Junge erst einmal zufrieden und so konnte sich Lily ganz ihrem früheren Freund zuwenden. „Ich habe vorhin nach Regulus gesehen. Zwar habe ich meine Ausbildung zur Heilerin nicht abgeschlossen, aber ich denke, ich konnte ihm soweit helfen. Allerdings wird er noch einige Zeit zittrig sein, die Folgen eines Cruciatus kann man nicht behandeln, da hilft nur Ruhe und Zeit. Ich habe ihm geraten, heute im Bett zu bleiben.“

„Vielen Dank, Lily.“ Severus war sehr erleichtert. Er sah kurz nach Regulus, aber der schlief tief und fest. Eigentlich hätte er gerade Vorlesungen, aber die hätte er heute nicht geschafft. Zumindest war sichergestellt, dass seine Eltern ihn nicht vermissten.

Als er wieder nach unten kam, traf er auf James, der unruhig auf und ab ging. Lily und Harry saßen auf der Terrasse, wo sie den Kleinen fütterte, wie es aussah. Severus schluckte. Er wusste, er schuldete dem Gryffindor noch einen Dank. Mehr als das eigentlich. „James?“, machte er auf sich aufmerksam. Der Braunhaarige sah ihn an, die Arme verschränkt und ein kalter Blick in seinen braunen Augen. Abweisend, aber wenigstens sah es aus, als würde er zuhören. „Ich möchte dir danken. Du hast mein Leben gerettet, damals in der heulenden Hütte. Du hast dich selbst verraten, du hast deine Freunde verraten, um mir das Leben zu retten. Ich kann dir nur immer wieder danken.“

„Ich habe es getan, damit Remus nicht zum Mörder wird.“, knurrte James. „Es hatte nichts mit dir zu tun. Du musstest ja unbedingt dahin rennen. Deine verdammte Neugierde ist schuld, dass alles schiefgegangen ist! Sirius war wie mein Bruder, aber deinetwegen ist er in Askaban und verliert dort langsam aber sicher seinen Verstand! Remus ist wegen all dieser Scheiße jetzt irgendwo in Kanada, sein Vater hat ihn abgeholt, als sie ihn aus Askaban raus ließen, und ist mit ihm verschwunden. Remus ist für sein Leben gezeichnet, er hat ständig Panikattacken, kann nicht mehr alleine bleiben und nicht einmal mehr in einem Raum mit geschlossenen Türen sein! Alles nur, weil du deine verdammte Neugierde nicht zügeln konntest! Und jetzt ist auch noch unser Zuhause zerstört, weil der einzige meiner Freunde, den ich noch habe, mich an Voldemort verraten hat! Hättest du damals Remus nicht nachspioniert, wäre Sirius wahrscheinlich mein Geheimniswahrer geworden, und er hätte uns NIE verraten! Dann müssten wir jetzt nicht mit dir und deinem Schlangenfreund hier in diesem beschissenen Haus festsitzen!“

Severus hatte einen Moment gebraucht, bis er realisierte, was genau James Potter ihm da an den Kopf warf. Enttäuschung und Wut machten sich in ihm breit, und seine Augen wurden gelblicher. Gefährlich ruhig ergriff er das Wort. „Du wagst es, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben?“ zischte er. „Ausgerechnet du mir? Du und deine selbstherrlichen Freunde, ihr habt mir vom ersten Tag an das Leben in Hogwarts zur Hölle gemacht. Ihr habt mich verletzt und gedemütigt, wann immer es ging. Ohne einen wirklichen Grund, und die Begründung, ich bin in Slytherin, zählt dabei nicht. Und dann, als ich die Chance wahrnehmen wollte, endlich etwas gegen euch in die Hand zu bekommen, wurde ich beinahe getötet. Wage es nicht noch einmal, mir die Schuld dafür zu geben, dass ich mich endlich wehren wollte! Ich weiß, dass du viel geopfert hast, um mein Leben zu retten, und dafür bin ich dir wirklich dankbar, aber ich weigere mich, die Schuld auf mich zu nehmen, dass dein Freund in Askaban sitzt. Das hat sich Black selbst zuzuschreiben, und er hat es verdient!“

„Du bist kein Unschuldslamm, Schniefelus!“, konterte Potter wütend. „Du hast doch von Anfang an Lily gegen mich aufgebracht! Und du hast ständig schwarze Magie benutzt!“

„Dass Lily etwas gegen dich hatte, das kannst du dir selbst zuschreiben!“, fauchte Severus nun. „Und die schwarze Magie, die ich benutzt habe, das waren einfache Verwandlungen, Schwebezauber und solche Dinge. Als Auror solltest du inzwischen eigentlich wissen, dass schwarze Magie nicht gleich böse ist! Aber scheinbar setzt dein Gehirn aus, sobald du Slytherins gegenüber stehst.“

„Schluss jetzt!“, schimpfte Lily. „Ihr steht doch eigentlich auf der gleichen Seite! Ihr müsst euch nicht mögen, aber versucht wenigstens, einen Waffenstillstand zu schließen. Wir sind hier unter einem Dach, und James, wir sollten Severus und Regulus dankbar sein, immerhin haben sie uns davor bewahrt, in die Falle zu gehen.“

„Da gab es keine Falle, wir wären in dem Moment verschwunden, wenn wir das Haus gesehen hätten.“, widersprach James. „Außerdem war es purer Zufall, dafür muss ich ihnen nicht danken.“ Zornig verließ er den Raum und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen.

Auch Severus verließ den Wohnraum und ging in die Küche. Auf Formeln oder Berechnungen konnte er sich gerade nicht konzentrieren, daher kochte er für alle. Lily hatte scheinbar nur für Harry etwas gerichtet, denn die restliche Küche sah so aus, wie am gestrigen Abend. Für Lily würde er versuchen, ruhig zu bleiben und nicht mit Potter zu streiten. Leicht würde das sicher nicht. Um möglichst lange beschäftigt zu sein, entschied er, eine Lasagne selbst zu machen. Gerade das Kneten des Pastateiges und das Schichten der Zutaten in der Form beruhigte ihn auch wunderbar. So erschrak er richtiggehend, als plötzlich jemand hinter ihm stand. Er fuhr herum.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“, lächelte Lily ihn an. „Ich war eben bei Regulus, es geht ihm deutlich besser. Er würde gerne mit dir sprechen. Kann ich dir hier was abnehmen?“

„Ich muss es nur noch in den Ofen schieben.“, wehrte er ab. In Gedanken versunken stellte er die Lebensmittel zurück an ihre Plätze, schaltete den Ofen ein. Was würde Regulus von ihm wollen?

„Reg?“ Fragend trat Severus in das Zimmer seines Retters. Sein Magen klumpte sich zusammen. Irgendwie hatte er kein gutes Gefühl, was dieses Gespräch hier betraf. Regulus saß auf seinem Bett, vollständig angezogen, und wirkte, als wolle er gleich gehen. Severus konnte nicht umhin festzustellen, wie gut dem Jüngeren der Anzug stand. Wie alles, was Regulus besaß, war er ihm auf den Leib geschneidert und betonte die schmale Taille und die breiten Schultern des jungen Mannes. Er schluckte, als er merkte, dass sich eine verdächtige Wärme in seine Wangen schlich. Verdammt, sicher war er knallrot wie ein verliebter Teenager.

Regulus hingegen schmunzelte leise, bevor er wieder ernst wurde. „Ich wollte mit dir reden, Sev.“, begann er. Unsicher brach er ab, atmete einige Male tief durch. „Eigentlich wollte ich dich nicht so überfallen, aber mir wurde durch gestern bewusst, wie schnell alles zu Ende sein könnte. Und da wurde mir klar, dass ich es dir sagen muss.“ Erneut hielt er inne. „Sev, du hast sicher bemerkt, dass ich dich häufiger berührt habe in letzter Zeit.“ Jetzt lief er ebenfalls rot an. Ein weiterer, tiefer Atemzug folgte und er schloss kurz die Augen, wie um sich für etwas zu wappnen. „Ich habe mich in dich verliebt, Sev. Ich glaube, es war schon, bevor ich dich in der Winkelgasse mitgenommen habe. Nein, ich bin mir sicher, dass ich unbewusst schon etwas für dich empfunden und dich deswegen mitgenommen habe. Ich habe dich beobachtet und denke, dass du auch etwas für mich empfindest. Nein, sag jetzt nichts. Heute Nacht wurde mir bewusst, dass es über eine einfache Verliebtheit hinausgeht. Severus, ich liebe dich.“

Severus war gegen die Wand gesackt, als er den Inhalt von Regulus' Botschaft erfasste. Schwindel überfiel ihn, als die Gefühle in ihm verrückt spielten. Erleichterung, Unsicherheit, tiefe Zuneigung, Vertrauen, aber auch Überraschung und ein wenig Angst mischten sich, überwältigten ihn. Erschrocken zuckte er zusammen, als er eine Berührung fühlte. „Sch!“, machte Regulus und legte ihm einen Finger auf die Lippen, während er mit dem anderen Arm um Severus' Taille griff und ihn stützte. Diese Nähe holte Severus wieder in die Gegenwart, riss ihn aus seinen Gedanken. Mit einem Mal schien sein Körper einfach nur noch zu reagieren, ohne dass er einen bewussten Gedanken daran hatte. Er überbrückte den letzten, kleinen Abstand zwischen ihnen, legte seine Lippen auf die von Regulus. Ganz sanft nur, und doch explodierte ein kleines Feuerwerk in ihm. Er keuchte auf, was Regulus als Aufforderung nahm, um mit seiner Zunge vorsichtig in Severus' Mund einzudringen, ihn zu erkunden.

Unwillkürlich vergrub Severus seine Hand in den kinnlangen, schwarzen Haaren von Regulus, zog ihn noch näher an sich. Er wollte, musste ihn spüren. Sein ganzer Körper kribbelte vor Verlangen, er vergaß, was um ihn herum war, vergaß seine Erfahrungen, vergaß, wer er war und wo er war. Schnell wurde er selbst aktiver, verwickelte Regulus' Zunge in ein liebevolles, intensives Spiel. Er merkte, dass Regulus eindeutig mehr Erfahrung als er selbst hatte, aber es machte nichts. Nicht in diesem Moment. An seiner Seite spürte Severus, wie Regulus' Finger sich unter sein Hemd schoben und die Haut am Bauch zum Brennen brachten. Aufkeuchend drückte er sich noch näher an den Jüngeren, rieb sich an ihm. Alles, um dieses Feuer, das in ihm brannte, noch weiter anzufachen. Seine freie Hand lag auf einmal an Regulus' Brust, irgendwie hatte er wohl das Hemd aufgeknöpft, und die Finger spielten mit der Brustwarze. Stöhnend zuckte Regulus mit seinem Becken, was ihre Glieder dazu brachte, sich durch den Stoff der Hosen hindurch aneinander zu reiben. Severus keuchte und stöhnte, legte seinen Kopf in den Nacken, als die Gefühle in ihm Achterbahn fuhren. Ihm war schwindelig, aber es war ein wunderschönes Gefühl. Blitze schossen durch seinen Unterleib und die Hitze konzentrierte sich mehr und mehr in seinen Lenden. Immer wieder bäumte er sich auf, suchte den Kontakt zu Regulus, der ihm das Hemd vom Körper riss, mit Lippen und Zähnen seinen Oberkörper erkundete, während er niemals den Kontakt ihrer Becken unterbrach.

„Reg!“, stöhnte Severus, als die Hitze ihn sich aufbäumen ließ. Er kam so heftig wie noch nie in seinem Leben, obwohl es nicht eine direkte Berührung an seinem Penis gegeben hatte. Er verbiss sich vor Lust in Regulus' Schulter, um nicht zu schreien, was der Jüngere mit einem gutturalen Stöhnen quittierte. Ein letztes Mal zuckte er zusammen, dann sackte er keuchend gegen Severus, der ihn festhielt. Schwer atmend lehnten sie sich gegen die Wand und küssten sich träge, bis sich ihr Herzschlag langsam wieder normalisierte.

„Sev, das … das war der Hammer!“, wisperte Regulus schließlich. „Ich liebe dich!“

„Ich … ich … Reg ...“, stotterte Severus, der gerade keine Worte mehr fand. Lieber legte er all seine Gefühle in einen langen, liebevollen und zärtlichen Kuss. Noch immer zitterten seine Beine und er war sicher, ohne Regulus und die Wand hinter ihm wäre er schon lange auf dem Boden.

Regulus lehnte sich gegen Severus, umschlang ihn mit den Armen. Die Geste wirkte ein wenig verzweifelt. Mit einem stablosen Zauber säuberte er sie beide. „Verdammt, ich würde so gerne bleiben.“, hauchte er schließlich. „Aber ich darf nicht auffallen, das würde dich in Gefahr bringen. Ich will, dass du sicher bist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas passiert!“

„Deine Eltern warten bereits auf dich, nicht wahr?“, erriet Severus. Er spürte Regulus' Nicken an seiner Schulter, wo der Jüngere sein Gesicht vergraben hatte und tief den Geruch von Severus in sich aufnahm. „Ich hasse es jedes Mal, dich gehen lassen zu müssen. Nie weiß ich, wann und in welchem Zustand ich dich wiedersehe. Ich will nicht, dass dir etwas passiert.“

„Ich weiß, Sev.“, murmelte Regulus. „Wir werden das schaffen. Gemeinsam.“

„Gemeinsam.“, bestätigte Severus und küsste Regulus ein weiteres Mal. Das hier fühlte sich so richtig, so perfekt an. Severus wollte es nie wieder missen. Und mit einem Mal spürte er es tief in sich. „Ich liebe dich, Regulus.“

Die blauen Augen des Jüngeren weiteten sich erstaunt. „Ich verspreche dir, ich komme wieder, sobald ich kann.“

„Und dann brauen wir den Gegentrank zu dem, den du für den Lord brauen musstest.“, nickte Severus.

„Du hast …?“ Regulus war so überrascht, dass er nicht weitersprechen konnte. Die Erkenntnis, was Severus da andeutete, machte ihn sprachlos.

„Ich habe ihn in der Theorie fast fertig entwickelt, aber ich kann ihn nicht brauen, dafür braucht man Magie.“, zuckte Severus die Schultern. Irgendwie war er gerade froh, abgelenkt zu sein. Abgelenkt von dem, was sie kurz vorher getan hatten. Auch wenn er es sehr genossen hatte, nüchtern betrachtet war es ihm peinlich, so schamlos reagiert zu haben. „Ich könnte ihn auch mit Lily brauen.“, bot er an. „Aber selbst dann können wir ihn nicht testen.“

„Ich vertraue dir!“, schnurrte Regulus und stahl sich einen weiteren Kuss. „Sobald ich den Trank habe, gehe ich mit Kreacher in die Höhle.“

„Nein.“, schüttelte Severus vehement den Kopf. Er hob die Hand, als Regulus widersprechen wollte. „Nein, Reg. Du weißt nicht, ob der Lord weitere Zauber auf der Höhle hat, die ihn warnen, wenn sich jemand seinem Horkrux nähert. Du musst warten, bis er entweder weit genug weg ist, um nicht gleich reagieren zu können, oder aber bis er so abgelenkt ist, dass er nicht reagieren kann. Außerdem solltest du sicherstellen, dass er dich nicht verdächtigt.“

„Du hast Recht.“ Ein leises Lächeln schlich sich in Regulus' Gesicht. „Ich habe einen sehr intelligenten, genialen Freund!“ Mit einem breiten Grinsen legte er seine Lippen besitzergreifend auf die von Severus. „Meine Schlange im Wolfspelz!“

Severus hob eine Augenbraue. „Schlange im Wolfspelz?“

„Ein wahrer Slytherin und ein wilder Werwolf, ich muss sagen, ich habe Geschmack!“, kicherte Regulus ein wenig selbstgefällig. „Lauter böse Kreaturen, aber ich zähme sie!“

„Zähmen? Du bist doch kein Gryffindor!“, ging Severus auf das Geplänkel ein. „Als Slytherin würdest du doch eher listig vorgehen, bis du mich irgendwann in deinem Netz gefangen hast und mir die Alternativen vorschlagen, sodass ich gar keine andere Möglichkeit sehe, als mit dir zu kooperieren.“ Mit einem Mal fiel ihm auf, dass das, was er sagte, auch genau für ihre Situation passen könnte. Verunsichert trat er einen Schritt beiseite.

Regulus schien zu ahnen, was da gerade passierte. Er folgte Severus und hielt ihn fest. „Ich liebe dich.“, versicherte er erneut. „Ich spiele nicht mit dir. Aber dennoch muss ich jetzt gehen. Bitte, vertrau mir. Du kennst mich nun schon länger, ich lüge dich nicht an. Niemals.“ Er sah Severus in die Augen, hielt dem prüfenden Blick stand. „Ich komme zurück zu dir. Ich könnte gar nicht anders.“ Er trat nun einen Schritt zurück, auch wenn man sehen konnte, dass es ihm schwer fiel. „Ich sollte jetzt besser duschen gehen und dann zu meinen Eltern, damit sie keinen Verdacht schöpfen.“

Schweren Herzens riss Severus sich los. „Du hast Recht, das solltest du.“ Er konnte nicht anders, als mit dem Finger über die Wange zu streichen. Sehr zögerlich ging Regulus rückwärts in Richtung Bad. Nach einem langen, intensiven Blick schloss er widerstrebend die Tür. Heftig schnaufend lehnte sich Severus an die Wand neben der Tür. Was war das gewesen? Solch intensive Reaktionen kannte er von sich selbst überhaupt nicht und es überforderte ihn sichtlich. Gewaltsam riss er sich aus diesen Gedanken, zog sich wieder ordentlich an und lief zurück in die Küche, um sich abzulenken. Das Essen war beinahe fertig, also schnitt er schnell noch Salat, um keine Zeit zum Grübeln zu haben.

Bis Regulus mit dem Duschen fertig war, stand die Lasagne auf dem Tisch. „Ich muss los.“, verabschiedete sich Regulus mit einem Kuss auf Severus' Wange. „Vielleicht solltest du einfach in mein Zimmer umziehen, dann hast du dein eigenes Bad.“

„Aber ...“, begann Severus, wurde jedoch rigoros unterbrochen. „Nimm es an, ich schlafe sowieso fast nie hier, und wenn doch, dann ...“ Regulus brach ab und grinste nur zweideutig. Severus schauderte, aber es war kein unangenehmes Gefühl. „Lass dich nicht von den Gryffindors ärgern! Ich komme, sobald ich kann.“

„Pass auf dich auf.“, forderte Severus leise. Regulus nickte, aber da Lily mit Harry auf dem Arm gerade in die Küche trat, sagte er nichts. Mit einem Nicken verabschiedete er sich von der Rothaarigen und schob sich an ihr vorbei. Ein Knallen verriet ihnen, dass er disappariert war. „Setz' dich, Lily. Essen ist fertig.“, brummte Severus und ging zum Tisch, wo inzwischen ein Hochstuhl für Harry stand. „Wo ist dein Mann?“

„Lasagne?“, staunte die Rothaarige. „Du weißt es noch?“

„Natürlich weiß ich noch, dass du Lasagne liebst.“, zuckte Severus die Schultern. Wie könnte er vergessen, wie sie als Erstklässler in den Sommerferien bei Lilys Eltern versucht hatten, Lasagne zu kochen. Es war im absoluten Chaos geendet, und dann hatte Severus auch noch heftigste Magenschmerzen bekommen, weil sie günstigen, laktosehaltigen Käse verwendet hatten.

Lily küsste ihn freundschaftlich auf die Wange. „Danke. Für alles.“, meinte sie ernst. Severus spürte, dass sich dieser Kuss ganz anders anfühlte als der von Regulus nur ein oder zwei Minuten vorher.

„Lass die Finger von meiner Frau!“, knurrte James, der gerade das Wohnzimmer betrat. Besitzergreifend legte er Lily den Arm um die Taille und küsste sie in den Nacken.

Lily zog die Augen zusammen und drehte sich um. „Ich bin nicht dein Eigentum!“, zischte sie. „Severus ist wie ein Bruder für mich, er ist keine Konkurrenz für dich.“

Mit zusammengepressten Lippen hielt sich Severus von einer saftigen Erwiderung ab. Er ging in die Küche und holte den Salat, stellte ihn auf den Tisch. Dieses Geräusch riss das Paar aus ihrem Zwist. Grummelnd setzte sich James auf einen Stuhl, der so weit wie möglich von Severus entfernt war. Harry saß in seinem Stühlchen und versuchte, mit den Händen an das Essen zu kommen. „Du hast aber auch immer Hunger!“, schmunzelte Lily. „Wie dein Dad. Warte, Harry, es ist noch zu heiß.“ Sie nahm eine kleine Portion von der Lasagne und schnitt sie in winzige Stücke, damit es schneller auskühlte. Damit fütterte sie dann Harry, der hungrig seinen Mund öffnete. Fasziniert sah Severus zu, wie begeistert der Kleine das aß, was er selbst gekocht hatte. Auch James griff hungrig zu, konnte nicht verhindern, dass man sah, wie gut es ihm schmeckte. Ein unangenehmes Schweigen machte sich zwischen den Erwachsenen breit. Nur Harry schien unbeeindruckt von der angespannten Stimmung, gluckste leise vor sich hin und brabbelte zufrieden, als er satt war. Lily gab ihm noch ein Stück Gurke in die Hand, damit sie selbst in Ruhe essen konnte. Genießerisch ließ sie sich die Bissen auf der Zunge zergehen. „Lecker!“, schnurrte sie und lächelte in Severus' Richtung.

„Machst du ihm jetzt auch noch schöne Augen?“, schimpfte James.

„James, nun hör' schon auf.“, schüttelte Lily den Kopf. „Severus war noch nie eine Konkurrenz für dich und wird es auch nie sein. Für mich ist er schon lange der Bruder, den ich nie hatte. Denke endlich an deinen Sohn, der sollte diese Streitereien besser nicht mitbekommen. Du wolltest doch ein Vorbild für ihn sein!“

Mit Schwung stand James auf, sodass der Stuhl hinter ihm auf den Boden polterte, dann ging er schnurstracks nach draußen. Er schloss die Terrassentür hinter sich, ein deutliches Zeichen, dass er alleine sein wollte. Kopfschüttelnd räumte Severus den Tisch ab, während Lily mit Harry ins Bad ging, um ihn zu waschen. So, wie er aussah, war das nicht die schlechteste Idee. Danach wollte sie versuchen, ihn zum Schlafen zu bringen.

Eine Stunde später war Severus gerade mit dem Abwasch beschäftigt, als James in die Küche trat. „Wie, du machst das alles hier mit der Hand, ganz ohne Magie?“, fragte er zuckersüß, bevor er sich selbst die Antwort gab: „Ach, ich vergaß, der arme kleine Schniefelus hat ja keine Magie mehr!“

Wütend fuhr Severus herum, packte James und drückte ihn gegen einen Schrank. „Ich habe dir bereits gesagt, was ich von dir halte, ich werde mich nicht wiederholen. Genausowenig werde ich das hier wiederholen: Du bist hier nur so lange in Sicherheit, wie ich es für richtig halte. Also hast du jetzt genau zwei Möglichkeiten. Entweder, du machst so weiter und fliegst raus, dann kannst du sehen, ob du den Todessern entkommst, oder du reißt dich zusammen und behandelst mich respektvoll, dann kannst du hier bleiben. Wie auch immer du dich entscheidest, Lily und Harry können hier bleiben, ich werde sie nicht deinetwegen rauswerfen.“

„Ja, klar, damit du dich an sie ranmachen kannst!“, schnaubte James. Auch wenn er dem Werwolf körperlich deutlich unterlegen war, er zeigte keine Angst.

„Nochmal: Ich sehe in Lily eine Schwester, mehr nicht.“, entgegnete Severus ruhig. Seine Gedanken gingen zu Regulus und er wusste, das, was er für den Jüngeren empfand, war viel intensiver und inniger, als das, was ihn mit Lily verband. „Wenn, dann müsste eher Lily Bedenken haben, denn ich bin schwul.“ Ups, das hatte er eigentlich nicht sagen wollen, da war sein Mund schneller gewesen als seine Gedanken. Doch ganz offensichtlich stoppte es James' Attacke. Der Gryffindor öffnete und schloss den Mund mehrmals, ohne ein Wort zu sagen. „Du musst mich nicht mögen, das werde ich nicht erwarten, aber ein wenig Kompromissbereitschaft solltest du zeigen, dann können wir hier in Ruhe leben.“ Er ließ ihn los und trocknete seine immer noch vom Spülen feuchten Hände ab, dann drehte er sich um und ging aus der Küche. Ohne einen Blick zurück ließ er James Potter einfach stehen.

Um beschäftigt zu sein, machte sich Severus daran, seine Sachen zusammen zu suchen, die sich in seinem bisherigen Zimmer verteilten. Eigentlich erstaunlich, wie viel er trotz allem besaß, fand er. Als Regulus ihn vor Monaten von der Straße aufgesammelt hatte, besaß er nichts als die Kleidung, die er am Leib getragen hatte. Nun war sein Kleiderschrank voller als damals, bevor er selbst zum Werwolf wurde. Regulus hatte ihm eine Menge von der Kleidung seines Bruders gebracht, die ihm ganz gut passte. Dazu kamen inzwischen einige Bücher und Toilettenartikel. Sein Rucksack war ihm heilig, den brachte er zuerst in das benachbarte Zimmer. Einige Minuten stand er einfach nur in der Tür, konnte sich nicht aufraffen, diesen Raum wirklich zu betreten, ihn quasi in Besitz zu nehmen. Er war nicht ganz sicher, ob es wegen der Tatsache war, dass sie sich hier geküsst hatten, bis er den heftigsten Orgasmus seines bisherigen Lebens erleben durfte, oder ob es allgemein daran lag, dass er hier in fremdes Territorium eindrang. Dieses Zimmer hatte er in all der Zeit, die er hier bereits lebte, nicht betreten. Es war immer Regulus' Reich gewesen und er hatte eine gewisse Scheu gehabt, nicht eindringen wollen. Und doch fühlte er sich beinahe sofort wohl in dem Raum. Dunkle, grüne Wände mit silbernen Applikationen gaben dem Zimmer eine Atmosphäre, die ihn an einen Wald im Mondlicht denken ließ. Die Kleidung von Regulus lag in der einen Schrankhälfte, auf der anderen Seite war leer. Hatte der Jüngere das gemacht, bevor er nach unten gekommen war? Oder war der Schrank von Anfang an nur zur Hälfte gefüllt gewesen? Obwohl Severus es nicht wusste, fühlte er sich dadurch nicht mehr als Eindringling, sondern willkommen. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht.

Rasch legte er die Kleidung in den Schrank. Er musste mehrmals gehen, bis er alles nach nebenan gebracht hatte. Erst dann ging er ins Bad, um seine Hygiene-Artikel zu holen. So gute Dinge hatte er vorher auch noch nie besessen. Doch all das fiel Regulus' Eltern überhaupt nicht auf, obwohl er regelmäßig neues Shampoo, Duschbad, Creme, Zahnpasta und vieles mehr kaufte. Früher hatte Severus einfache Seife für alles genutzt, jetzt hatte er eine spezielle zum Rasieren, dazu eine richtig gute Klinge, außerdem Shampoo, damit sein Haar nicht so fettig aussah, und vieles mehr. Er steckte alles in seinen Rucksack, um nicht mehrmals ins Bad zu müssen. In den nächsten Stunden wollte er nicht auf Potter treffen. Viel lieber wollte er die Ruhe genießen und noch einmal die Theorie zu dem Gegentrank durchgehen. Regulus hatte ihm das Rezept des Tranks hier gelassen, den er für den Lord hatte brauen müssen. Anhand dessen hatte Severus die Theorie für einen Gegentrank entwickelt, aber ganz sicher, dass er funktionieren würde, war er nicht. Nur eines war absolut sicher: Ein Bezoar alleine würde nicht helfen, da der Trank einige Komponenten in sich hatte, gegen die auch ein Bezoar machtlos war. Auch wenn der gegen die meisten bekannten Gifte half. Aber eben nur gegen die Meisten. Kreacher hatte noch einige Tage an Nachwirkungen gelitten, obwohl der Bezoar sein Leben gerettet hatte. Vor allem konnte ein Bezoar erst im Nachhinein eingesetzt werden, wenn man bereits unter der Wirkung des Trankes litt, der Gegentrank hingegen konnte theoretisch vorher genommen werden und würde die Gefahr neutralisieren, bevor es brenzlig werden konnte. Deshalb konzentrierte sich Severus auf die Notizen. Immer wieder kritzelte er zusätzliche Bemerkungen an den Rand, malte Fragezeichen oder besserte Kleinigkeiten aus. Was die Zutaten betraf, war er sicher. Doch das Rühren war hier von entscheidender Bedeutung, das könnte alles zum Scheitern verurteilen.

Erst gegen kurz vor neun Uhr am Abend ging er nach unten. Von Harry hatte er schon eine Weile nichts mehr gehört, nachdem er vor über zwei Stunden ein wenig gequengelt hatte. Lily und James saßen mit einem Glas Wein auf der Terrasse, die Küche war ordentlich aufgeräumt. Scheinbar hatte Lily eingegriffen, denn von Potter konnte sich Severus das nicht vorstellen. „Ihr könnt beide Zimmer auf der Westseite haben.“, informierte er die Beiden. Sie fuhren herum, doch noch bevor sie etwas sagen konnten, sprach Severus weiter: „Regulus hat mir sein Zimmer überlassen, da er ohnehin so gut wie nie hier schläft. Dann müsst ihr nicht mit Harry in einem Raum schlafen, außerdem habt ihr das Bad für euch alleine.“

„Danke!“, lächelte Lily und stieß ihren Mann an, der irgendetwas Unverständliches murmelte.

„Gute Nacht.“, wünschte Severus, und drehte sich um.

Er floh regelrecht nach oben, als Lily hinter ihm zischte: „James, benimm' dich endlich nicht mehr wie ein Kleinkind!“ Mehr wollte der Schwarzhaarige nicht wissen. Oben entschied er, sich kurz zu duschen und dann schlafen zu gehen. Ein dumpfes Pochen hinter seiner Stirn kündigte eine Migräne-Attacke an. Leider hatte er keine Tränke dagegen, die hatte Regulus eigentlich brauen wollen, war aber nicht dazu gekommen. Also musste es so gehen. Normalerweise kein Problem, aber mit Potter im Haus konnte er wohl vergessen, genug Ruhe zu haben. In der Nacht schlief er erstaunlich gut, obwohl Regulus ständig durch seine Träume geisterte. Vor allem die Berührungen von ihm erlebte Severus wieder und wieder. Jedes Mal schauderte er. Dennoch wachte er morgens durchaus erholt auf, und selbst die Migräne war auf ein erträgliches Maß reduziert. Mit neuem Elan griff er nach seinen Notizen und ging in die Küche, um sie bei einer Tasse Kaffee noch einmal durchzugehen.

„Warum dreimal im Uhrzeigersinn?“, riss ihn auf einmal Lilys Stimme aus seinen Gedanken. Er hatte sie nicht einmal mitbekommen. Sie deutete auf eine Stelle. „Wären nicht vier Umdrehungen gegen den Uhrzeigersinn besser geeignet?“

„Nein, denn ich will die Wirkung der Calrupp-Sporen umkehren.“, schüttelte Severus den Kopf. „Würde ich gegen den Uhrzeigersinn rühren, würden sie sich nicht so mit dem Flussgras verbinden, dass sie die Wirkung von Dreihorn-Schuppen aufheben, aber genau das ist das Ziel in diesem Schritt.“

„Ach so, deshalb auch zuerst die Aalaugen, ansonsten müssten die erst nach den Sporen eingerührt werden.“, nickte Lily.

„Richtig.“, stimmte Severus zu.

Lily setzte sich an den Tisch, und während sie Harry fütterte, diskutierte sie weiter mit Severus über bestimmte Schritte im Brauvorgang. Fachsimpelnd vergaßen sie ihren Kaffee und die Butterhörnchen, die auf dem Tisch warteten. Grummelnd ließ sich James an den Tisch fallen. Von Minute zu Minute verdüsterte sich sein Gesicht weiter, weil Lily ihn nicht beachtete. Und weil er keine Ahnung hatte, wovon die Beiden sprachen. Obwohl Severus doch die Schule kurz nach den ZAG-Prüfungen verlassen hatte und er selbst sogar einen UTZ in Zaubertränke hatte. Zwar war er über ein ‚Erwartungen übertroffen‘ nicht hinausgekommen – Lily hatte ein ‚Ohnegleichen‘ gehabt – aber er sollte doch eigentlich mehr wissen als dieser Werwolf. Er war eifersüchtig, aber das würde er nie zugeben.

Erst nach einer guten Stunde – Harry knabberte inzwischen an einem Hörnchen – wandte sich die Rothaarige an ihren Mann: „Kannst du dich bitte um Harry kümmern? Wir müssen im Labor brauen.“

„Ach, dafür bin ich gut genug?“, schnaubte James wütend. „Dabei habe ich die Schule beendet und sogar einen UTZ in Zaubertränke!“

„James, jetzt hör' verdammt nochmal auf!“, zischte Lily.

„Stopp.“, hob Severus die Hände. Ihm war klar, dass dieser Streit hier geschlichtet werden musste, damit er nicht eskalierte. Sowohl Potter als auch Lily waren eigensinnig und stur, das gäbe eine heftige Explosion. Sie saßen hier fest, wenn sie in Sicherheit bleiben wollten, also mussten sie sehen, dass es einigermaßen friedlich blieb. Die beiden ehemaligen Gryffindors blickten ihn an. „Wir stehen auf der gleichen Seite, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Derzeit sind wir die Einzigen, die wissen, wie der Lord vernichtet werden kann, daher sollten wir zumindest versuchen, zusammen zu arbeiten. Wir brauchen diesen Gegentrank, damit wir das Medaillon aus der Höhle holen können.“

„Aber wozu?“, schüttelte James den Kopf. „Ein Bezoar tut es doch auch.“

„Leider nicht.“, schüttelte der Schwarzäugige den Kopf. Er nahm das Rezept von Regulus' Trank und deutete auf eine bestimmte Stelle. „Hier, diese Kombination macht den Einsatz eines Bezoars unmöglich, denn dagegen hilft dieser leider nicht. Kreacher ging es danach auch nicht besonders gut, er hat Wochen gebraucht, bis er wieder der Alte war. Das würde zwar auch bei einem Menschen nicht tödlich enden, aber es wäre ziemlich unangenehm für eine ganze Weile. Aber ohne Neutralisation des Trankes kommen wir nicht ungefährdet an das Medaillon. Und das wollen wir holen, wenn wir eine Gelegenheit dazu haben. Wir sind nicht sicher, ob der Lord dazu eine Verbindung hat. Also haben Regulus und ich überlegt, dass wir eine Möglichkeit finden müssen, dann in die Höhle zu gehen, wenn der Lord gerade abgelenkt ist und nicht gleich dort auftaucht, falls er Überwachungszauber aktiv hat. Leider wird es gerade hier schwierig, denn Regulus wird sicher bei den Versammlungen dabei sein. Auch wenn er meistens keine Überfälle mitmachen muss, so ist er zu der Zeit eigentlich immer im Labor beim Lord. Ich selbst kann nicht gehen, da man womöglich Magie braucht, die mir fehlt. Kreacher will helfen, aber alles kann ich ihm auch nicht überlassen. Also will ich wenigstens den Trank entwickeln, den wir brauchen, damit Regulus gehen kann, sobald es eine Chance gibt. Aber dafür brauche ich Hilfe. Beim Brauen muss Magie genutzt werden. Das hier ist nicht einfach nach Rezept etwas zusammen zu rühren. Die Entwicklung dieses Trankes erfordert eigentlich Meister-Fähigkeiten, aber wir haben keinen Meister. Lily ist die beste Tränkebrauerin, die ich kenne, deshalb brauche ich ihre Hilfe.“ Er atmete tief durch. „James.“ Bewusst nutzte er den Vornamen des Dunkelhaarigen. „Ich habe dir gestern gesagt, dass ich nichts von Lily will. Ich weiß, dass du sie liebst, und ich werde sie dir sicher nicht wegnehmen.“

Nun war es an James, tief durchzuatmen. „Dann macht.“, stimmte er widerwillig zu. Auch wenn er eigentlich nicht zulassen wollte, dass seine Frau und der Slytherin alleine waren, so sah er doch die Notwendigkeit ein, wenn sie einen Schritt weiter im Kampf gegen Voldemort kommen wollten. Er wandte sich seinem Sohn zu. „Harry, komm zu Daddy, machen wir uns einen schönen Tag.“ Harry streckte ihm begeistert die Arme entgegen. James wirkte sofort ruhiger und entspannter, als er seinen Sohn auf dem Arm hatte. Sie gingen gemeinsam in den Garten, wo James einen Sandkasten und eine Rutsche schuf. Glücklicherweise war das gesamte Anwesen geschützt, hier bekam niemand etwas mit.

Severus und Lily hingegen gingen in den Keller und setzten ihre Diskussion im Labor fort. Erst gegen Mittag waren sie sicher, so gut wie alle Möglichkeiten optimiert zu haben. Jetzt begannen sie mit dem Brauen. Leider konnten sie den Trank, gegen den sie nun ein Gegenmittel brauten, nicht neu brauen, da er Zutaten enthielt, die sie nicht bekamen. Einen Teil davon hatte der Lord auf mysteriösen Wegen beschafft, und sie konnten ihn natürlich nicht darum bitten, noch mehr davon zu besorgen. Also mussten sie hoffen, dass der Trank am Ende wirken würde. Sie konnten auch niemanden fragen, da sie niemanden einweihen konnten. Nach dem Mittagessen, das aus einigen belegten Broten bestand, brachte Lily den Kleinen ins Bett. Als er schlief, gingen sie zurück ins Labor. Ein letztes Mal gingen sie Schritt für Schritt das Rezept durch, dann sahen sie nach den benötigten Zutaten. Es war nicht alles da, was sie brauchten, also schrieb Severus eine Liste, die er Kreacher mitgeben wollte. Sicher konnte Regulus diese Dinge besorgen, es war nichts, was man nur als Meister bekam. Dennoch konnten sie mit dem Trank bereits beginnen, denn er brauchte fast drei Wochen. Das bedeutete, er würde erst nach dem nächsten Vollmond fertig werden.

Entspannter als zuvor arbeiteten sie nebeneinander, so wie früher. In den ersten drei Schuljahren hatten sie als Team in Zaubertränke gearbeitet. Danach hatte Severus versucht, sich in seinem Haus ein wenig zu integrieren, sich deshalb nicht mehr so offen mit Lily gezeigt. Wie sehr er das hier vermisst hatte, merkte er erst jetzt. Schon nach kurzer Zeit lachte Lily auf, als er eine seiner sarkastischen Bemerkungen machte. Auch Severus schmunzelte.

„Hey, Essen ist fertig.“, unterbrach James sie schließlich. Er bedachte Severus mit einem eisigen Blick und legte demonstrativ den Arm um Lily, küsste sie besitzergreifend. Er markierte eindeutig sein Revier. Severus schüttelte nur den Kopf. Der Werwolf in ihm machte ihn unruhig, aber er gab ihm auch eine gewisse Sicherheit, etwas, das ihm früher gefehlt hatte. Seine Selbstsicherheit war nicht selbstverständlich, nicht immer gleich, aber er schaffte es, James' Eifersucht ruhig und gelassen gegenüber zu treten. Ihm war bewusst, dass die Eifersüchteleien nur schlimmer würden, wenn er auf die Anspielungen von James reagierte. Auch wenn es ihm teilweise schwer fiel, blieb er äußerlich ruhig und gelassen.

Das schaffte er in den nächsten Tagen nicht immer. Sobald er aus dem Labor kam, begann James, gegen ihn zu sticheln, vor allem, wenn Lily mit Harry aus dem Raum war. Offenbar war sich der ehemalige Gryffindor bewusst, dass die Rothaarige solche Attacken gegen ihren früheren besten Freund – der er hoffentlich noch immer war – nicht akzeptieren würde.

Im Labor kamen sich die beiden Kindheitsfreunde langsam wieder näher. „Sev?“, murmelte Lily am dritten Tag. Der Schwarzhaarige brummte nur ermutigend. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr versucht habe, zu dir zu kommen. Es war irgendwie seltsam. Jedes Mal, wenn ich zu dir wollte, hat mich irgendwas davon abgehalten. Als ich dann doch Verdacht schöpfte und Fleamont, meinen Schwiegervater, um Hilfe bat, fand er heraus, dass ein Zauber über dem Haus lag. Er sollte Zauberer und Hexen fernhalten vom Haus. Einer der Auroren, die dich hingebracht haben, hat ihn wohl gewirkt. Ich hätte mich nicht einfach so abweisen lassen dürfen.“

„Lass gut sein, Lily.“, wiegelte Severus ab. „Mein Vater hätte dich nie zu mir gebracht.“

„Wieso ist er so zu dir?“, fragte sich Lily.

Severus atmete tief durch. Blitzschnell huschten verschiedene Gedanken durch seinen Kopf. Sollte er darüber sprechen? Wie viel konnte er Lily erzählen? „Es hat nichts mit mir zu tun.“, wisperte er letztlich. „Er ist so, seit … Mama gestorben ist. Er hat seine Arbeit verloren und Mama auch, und seither ist es immer schlimmer geworden. Er hat Trost im Alkohol gesucht und sich immer mehr verändert.“

„Aber das ist doch trotzdem kein Grund, dich so sehr zu verletzen!“, klagte Lily an.

„Vielleicht hast du Recht.“, zuckte Severus die Schultern. „Aber es ist vorbei, ich bin jetzt hier und werde nicht mehr zurück gehen.“

„Was ist mit dir und Regulus?“, wollte Lily neugierig wissen.

„Er hat mir ein Zuhause gegeben.“, antwortete Severus vorsichtig. Seine Gedanken gingen zurück zu dem letzten Gespräch. Er spürte, wie seine Wangen brannten, und wandte sich ab, kramte im Zutatenschrank. Um Lily nicht aufmerksam zu machen, sprach er weiter: „Anfangs war ich skeptisch, aber er ist ein guter Freund geworden. Ich vertraue ihm. Gemeinsam wollen wir etwas tun, um den Lord zu stoppen. Ich hoffe nur, Regulus übersteht es unverletzt.“

„Das heißt, er muss richtig gut in Okklumentik sein.“, folgerte Lily. „Im Orden ist bekannt, wie gut Voldemort in Legilimentik ist, er holt sich seine Informationen aus den Köpfen. Wir lernen alle Okklumentik, um im Notfall gerüstet zu sein. Ich habe Albus übrigens eine Nachricht geschickt. Keine Sorge, niemand bekommt davon etwas mit, ich habe einen Patronus geschickt, der nur mit Albus reden wird. Aber er muss gewarnt sein, wenn Peter ein Todesser ist, und da er uns offensichtlich verraten hat, glaube ich Regulus das auch, dann könnte der Dunkle weitaus mehr über den Orden wissen, als wir bisher glaubten. Albus hat geantwortet, dass er mehr als froh ist, uns am Leben zu wissen. Er war fast sicher, dass wir zuhause gewesen waren.“ Sie schauderte.

„Du hast Recht, er musste es erfahren.“, stimmte Severus nachdenklich zu. „Weiß er bereits von unseren Erkenntnissen?“

„Bisher nicht, das wollte ich ihm nicht so mitteilen. Zu brisant ist dieses Wissen, möchte ich behaupten.“, schüttelte die Rothaarige ihren Kopf. „Ich werde ihn bald treffen müssen. James oder ich, vielleicht sogar wir beide sollten gehen, damit Albus sicher sein kann, dass wir es wirklich sind. Dann geben wir ihm dieses Wissen weiter. Sicher weiß er, wie wir am besten weitermachen.“

„Wenn er es glaubt.“, schnaubte Severus. „Von uns Slytherins hält er nicht besonders viel.“

„Ich denke schon, dass er uns glauben wird.“, prophezeite Lily. „Immerhin erklärt es genau das, was er selbst sich nicht erklären kann. Und es klingt absolut schlüssig, ich bin sicher, er wird eine Weile darüber nachdenken, einige Nachforschungen anstellen, und dann wird er es glauben.“

„Glaubst du wirklich, dass es so einfach wird?“, zweifelte Severus.

„Ja, davon bin ich überzeugt.“ Lily nickte heftig. Einige Minuten schwieg sie und konzentrierte sich auf die Zerkleinerung der Schlafbohnen, die doch ein wenig trickreich war. Severus war ebenfalls beschäftigt, er schnitt Ingwerwurzel in zwei Millimeter dünne Scheiben. Hier kam es auf exaktes Arbeiten an, ansonsten würde der Trank nicht die entsprechende Wirkung haben.

„Das heißt, du hast hier in London auf der Straße gelebt?“, fragte Lily nach einer ganzen Weile.

Severus seufzte. Eigentlich war ihm klar gewesen, dass seine frühere beste Freundin nicht nachgeben würde. Auch wenn sie eine Weile abgelenkt worden war, sie kam zurück zu dem, was sie wissen wollte. Er war dankbar, dass sie anfangs nicht gebohrt hatte und es erst jetzt tat, da sie alleine waren. „Ja, einige Zeit.“, antwortete er daher. Sie würde ohnehin nicht nachgeben. „Ich habe zwar immer wieder am Hafen gearbeitet, aber eine Wohnung konnte ich mir damit nicht leisten, daher habe ich erst im Park unter einer Brücke und später in einem Abbruchhaus geschlafen.“

„Das ist ja grauenvoll!“, schauderte Lily. „Ich bin froh, dass Regulus dich gefunden hat.“

„Ich auch.“, lächelte Severus kurz. „Wobei es mir am Anfang richtig schwer fiel, wieder so … normal zu leben. Ich kannte es einfach nicht mehr. Ich musste mir nicht mehr ständig Gedanken machen, wo ich etwas zu essen her bekomme, wo ich schlafen kann, wie ich meine wenigen Habseligkeiten verstecke, oder mich ständig umsehen, ob jemand mich ausrauben will.“ Er schüttelte sich.

Eine Weile arbeiteten sie wieder schweigend. Severus ahnte, dass Lily versuchte, sich sein Leben auf der Straße vorzustellen, aber er konnte es sich selbst kaum noch vorstellen, obwohl es so lange Realität für ihn gewesen war. Unwillkürlich kreuzte er die Finger, dass es Regulus gut ging. Als James sie zum Essen holte, waren sie ein gutes Stück weiter und hatten die Hoffnung, dass der Trank am nächsten Tag fertig sein würde.

„Und ihr seid sicher, der funktioniert dann auch?“, erkundigte sich James, als Harry im Bett war und schlief.

„Ziemlich sicher.“

„Was heißt das?“, fuhr James auf.

„Wir können ihn nicht testen.“, erklärte Lily und sah ihren Mann ziemlich böse funkelnd an. „Aber derzeit können wir ihn sowieso nicht nutzen, wenn ich Severus richtig verstanden habe.“

Der nickte. „Regulus und ich sind nicht sicher, ob der Lord eine Verbindung zu dem Horkrux hat oder nicht. Falls er eine Verbindung hat, wäre es tödlich, sich zu lange dort aufzuhalten, um das Medaillon zu entwenden. Aber egal ob er die Verbindung hat oder nicht, wir sind überzeugt, dass er weitere Fallen oder Zauber eingebaut hat, um gewarnt zu sein, sollte sich jemand dem Horkrux nähern. Also kann nur dann jemand hingehen, wenn der Lord abgelenkt ist oder auf keinen Fall weg kann.“

„Also wenn er eine Versammlung hält.“, schlussfolgerte James. „Aber dann kann Regulus nicht in die Höhle, weil er sich sonst enttarnt.“

„Richtig.“, nickte Severus. „Darüber haben wir auch bereits diskutiert. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Eine Versammlung ist keine ausreichende Ablenkung, da könnte er jederzeit kurz verschwinden. Wir müssten warten, bis er irgendwo draußen unterwegs ist, auf einer Mission, die er nicht einfach so abbrechen kann. Das gibt uns deutlich mehr Sicherheit.“

„Aber wer geht in die Höhle?“, wunderte sich Lily. „Du, Sev, kannst nicht gehen, weil du keine Magie hast, Regulus muss in der Nähe des Lords bleiben, um nicht aufzufallen. Wie wollt ihr das denn hinbekommen?“

„Wir wissen es noch nicht.“, zuckte Severus hilflos die Schultern. „Wir hatten gehofft, dass wir eine Eingebung bekommen. Oder dass sich das Problem einfach von selbst auflöst.“ Seine Stimme wurde immer leiser und verklang schließlich. „Ich weiß, das ist ziemlich naiv.“

„Nein, ehrlich.“, schüttelte Lily energisch den Kopf. „Nicht jeder kann zugeben, dass er für ein Problem noch keine Lösung hat.“ Sie überlegte eine Weile. „Vielleicht findet Albus eine Lösung.“

„Nein!“, entschied Severus hart. „Ich will nicht, dass ...“

„Sev.“, unterbrach Lily ihn ruhig. „Wir müssen ihn einweihen. Er ist derjenige, der dem Lord entgegentreten kann. Ich glaube, er ist der Einzige, der das kann. Er muss wissen, was ihr rausgefunden habt. Fragt sich nur, wo wir ihn treffen können. Und wann. Ich finde, Regulus sollte dabei sein.“

„Okay, dann überlegen wir, wo. Ich spreche mit Regulus über den Zeitpunkt.“, gab Severus nach. „Und dann schicken wir Dumbledore eine Nachricht.“

„In Ordnung.“, entschied Lily und selbst James nickte schließlich. „Also machen wir erstmal den Trank fertig.“

Schweigend und grübelnd saßen sie beieinander. Letztlich stand Severus auf und murmelte einen Gute-Nacht-Gruß, bevor er sich in sein Zimmer zurückzog. Er fühlte sich wie erschlagen. Die letzten Tage, vor allem die Konfrontationen mit James Potter, schlauchten ihn zusehends. Außerdem stand bald Vollmond an, was ihm zusätzlich zu schaffen machte. Also duschte er sich nur kurz ab und legte sich anschließend ins Bett. Schnell schlief er tief und fest, bis er plötzlich eine Berührung spürte und mit einem panischen Schrei erwachte.

„Ruhig, Severus.“, sprach Regulus ihn an. Heftig atmend sank Severus zurück auf das Bett. Der Jüngere lächelte beruhigend. „Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte nach dir sehen. Meine Eltern schlafen, ich kann hier bleiben, wenn ich früh genug nach Hause gehe, sodass sie nichts merken.“ Er hielt einen Moment inne, damit Severus es aufnehmen konnte. „Nur, wenn du magst.“

„Ich würde mich freuen!“, lächelte Severus. Er rutschte ein Stück zur Seite, sodass Regulus Platz hatte. Komischerweise machte es ihm überhaupt nichts aus. Normalerweise bekam er Panik, wenn jemand ihm zu nahe kam, aber bei Regulus sehnte er sich die Nähe richtig herbei. Der angehende Tränkemeister zauberte sich ein eigenes Kissen und eine zweite Decke herbei, dann legte er sich zu Severus ins Bett, achtete dabei genau darauf, ihn nicht einzuengen oder zu berühren. Schnell ruckelte er sich zurecht.

„Lily und ich haben den Trank beinahe fertig.“, verriet Severus.

Überrascht setzte sich Regulus erneut auf. „Ihr seid sicher?“, staunte er.

„Nicht hundertprozentig.“, gab Severus zu. „Ich zeige dir unsere Theorie.“

„Gib die Aufzeichnungen Kreacher mit.“, nickte Regulus. „Jetzt möchte ich die Zeit mit dir genießen.“ Er schenkte Severus ein strahlendes Lächeln. Der überlegte nicht lange, sondern kuschelte sich in die Decken und legte seinen Kopf an Regulus' Schulter. Regulus blickte überrascht auf den Älteren, dann schmunzelte er zufrieden und legte vorsichtig seinen Arm um Severus' Schulter. Beide schlossen die Augen und schliefen kurz darauf tief, fest und sehr ruhig.

Leider kam der Morgen viel zu früh, Regulus musste rechtzeitig wieder zuhause sein, damit er bei seinen Eltern nicht auffiel. Mit einem kurzen, aber liebevollen Kuss verabschiedete er sich von Severus, noch bevor dieser richtig wach war. So kurz vor Vollmond war es schwer für Severus, meist war er müde und gleichzeitig rastlos, schaffte es nicht, lange auf eine Sache konzentriert zu bleiben. So dauerte es dann doch bis zum Abend, aber dann war der Trank soweit fertig, dass er erstmal nur noch kochen musste, wofür Lily einige Zauber wirkte, sodass er bei gleicher Temperatur blieb. Gegen Mittag war Kreacher aufgetaucht, dem hatte Severus eine schön geschriebene Kopie seiner Aufzeichnungen mitgegeben, sodass Regulus sie auswerten konnte. Die Hoffnung, dass Regulus erneut die Nacht bei ihm verbrachte, erfüllte sich nicht. Severus schlief unruhig, als ahnte sein Unterbewusstsein, dass sich bald etwas ändern würde.

Den Tag vor Vollmond verbrachte Severus größtenteils in seinem Zimmer. Unruhig ging er auf und ab, wollte laufen, aber gleichzeitig nicht unbedingt James begegnen. Gerade, weil Harry sehr quengelig war. Lily meinte, er würde zahnen. Severus kannte sich da nicht aus, aber der Kleine schrie fast ständig. Da seine Sinne wie immer vor Vollmond intensiver waren, wurde ihm der Kleine einfach zu viel. Das Geschrei hörte er trotz geschlossener Türen noch, und er ahnte, dass er vor allem auch die vollen Windeln mehr als deutlich riechen könnte, würde er nun nach unten gehen. Nur zum Mittagessen ging er tatsächlich nach unten, wissend, dass er die Energie brauchte. Ansonsten käme er nach der Nacht kaum noch aus dem Wald zurück ins Haus. Besorgt musterte Lily ihren besten Freund und sah James mit einem scharfen Blick an, als wollte sie ihm sagen, er solle sich zusammen reißen. Tatsächlich blieb der angehende Auror still und fütterte seinen Sohn mit etwas, das Severus nur mit Hilfe seines Geruchssinnes als Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse interpretieren konnte. Das Aussehen des Essens war mehr als unappetitlich. Aber Harry schien das nicht zu stören, er riss immer wieder seinen Mund auf und mampfte alles in sich hinein, das sein Vater ihm gab. Am Ende lutschte er zufrieden an einem Stück Gurke, das Lily ihm in die Hand gab. „Wie wird das heute Nacht?“, wollte die Rothaarige vorsichtig von Severus wissen.

„Ich gehe in den Wald.“, erklärte Severus. James wollte auffahren, wie es aussah, aber Severus sprach bereits weiter: „Kreacher hat ihn so verzaubert, dass ich als Wolf nicht raus kann. Andersherum kann kein Mensch hinein, wenn der Vollmond am Himmel steht. Es ist sicher.“

„Gut. Kann ich was für dich tun?“, fragte Lily weiter.

Severus schüttelte den Kopf. „Es gibt nichts, was man tun kann.“ Abrupt stand er auf und wollte gehen.

Harry wurde durch die Bewegung aufmerksam und blickte den Schwarzhaarigen mit seinen grünen Augen an. „Sevvus klank?"

Lily lächelte ihren Sohn an. „Nein, mein Kleiner.“, schüttelte sie den Kopf. „Severus ist nicht krank, aber er fühlt sich nicht besonders gut. Deshalb legt er sich jetzt ein bisschen hin und schläft. Du musst ihm ein wenig helfen, nämlich schön leise sein, damit er schlafen kann.“

„Kay, Mummy.“, nickte Harry ernst und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen, als Zeichen dafür, dass er leise sein wollte. Severus schenkte ihm einen dankbaren Blick – auch wenn er nicht glaubte, dass die Versicherung lange vorhalten würde – und zog sich in sein Zimmer zurück. Tatsächlich schaffte er es, etwa drei Stunden zu schlafen. Als er aufstand, spürte er bereits die kommende Verwandlung. Er griff nach einer Decke und ging nach unten. Im Wohnzimmer traf er auf Lily und James, die mit Harry spielten. Relativ leise, sodass er es von oben nicht gehört hatte.

„Du gehst jetzt schon in den Wald?“, staunte Lily. „Der Mond geht doch erst in zwei Stunden auf.“

„Ich gehe immer schon eher, einfach um sicher zu gehen.“, zuckte Severus die Schultern. Was er nicht sagte, er wollte eine Konfrontation mit James Potter vermeiden. Auch wenn sie nun schon seit zwei Wochen unter einem Dach miteinander lebten, so würden sie wohl keine Freunde werden. Zu sehr rieben sie sich aneinander. Und gerade jetzt, kurz vor Vollmond, reagierte er besonders aggressiv, vor allem auf Potter. Also ging er lieber frühzeitig in den Wald, dort hatte er Ruhe.

Lily strich ihm einmal kurz über den Arm, lächelte ihm aufmunternd zu und reichte ihm noch eine Phiole. „Ein leicht veränderter Stärkungstrank, der sollte dir helfen, die Verwandlung besser zu überstehen.“

„Danke!“ Severus lächelte überrascht. Er nahm den Trank an, roch einmal kurz daran, nickte bestätigend und schluckte die Flüssigkeit. „Du hast Wolfswurz hinzu gegeben und die Menge von Flussgras halbiert?“, analysierte er.

„Richtig. Außerdem ist das Flussgras an Neumond gepflückt, damit sollte es den Werwolf ein wenig beruhigen.“

„Es fühlt sich jedenfalls gut an.“, bestätigte Severus. „Morgen berichte ich dir, was ich noch weiß.“

„Das wäre gut.“, nickte Lily lächelnd. „Gute Nacht!“

Severus nickte kurz, dann ging er hinaus und in den Wald. Er fühlte sich erstaunlich gut, obwohl er weiterhin den kommenden Vollmond spüren konnte. Mit neuer Energie lief er ein ganzes Stück in den Wald hinein, dann erst setzte er sich, nackt und in die Decke gewickelt, unter einen Baum. Er ließ seine Gedanken treiben, dachte immer wieder an Suavita und die kurze Zeit, die sie als Familie glücklich waren. Warum hatte sich alles verändern müssen? Hätten sie nicht einfach so bleiben können? Die Armut hatte ihn nie so sehr gestört, aber die Ereignisse ließen ihn noch immer schaudern. Sein Vater hatte sich so sehr verändert durch den Tod von Suavita und ihrer Mom, dass er ihn nicht wieder erkannte. Dabei hatte er ihn damals wirklich geliebt. Erst, als die Verwandlung begann, stoppten Severus' Gedanken. Sein Geist zog sich zurück, als der Wolf sich manifestierte. Doch dieses Mal war etwas anders. Severus bekam zumindest verschwommen mit, was um ihn herum passierte. Er spürte die Freude des Wolfes, laufen zu können. Auf die Jagd zu gehen. Und schließlich die tiefe innere Befriedigung, als er Beute erlegt hatte. Einfache Gefühle, aber mehr, als Severus je erlebt hatte. Seit dem Biss konnte er sich nicht an die Nächte erinnern, hatte sie – seines Wissens nach – noch nicht bewusst mitbekommen. Dieses Mal schon. War das die Wirkung von Lilys verändertem Trank? Das mussten sie unbedingt mit Regulus besprechen!

Doch plötzlich zuckte er zurück, als sein Werwolf eine neue Präsenz in seinem Wald, seinem Revier, erkannte. Ein normaler Wolf? Oder ein anderer Werwolf? Severus' Wolf – bisher hatte er keinen Namen, obwohl Regulus immer wieder darauf drängte, einen zu finden – legte die Ohren an und knurrte leise, als eine leichte Brise den Geruch des Anderen zu ihm brachte. Das hier war sein Revier! Doch der Andere kam direkt auf ihn zu! Der schwarze Wolf mit dem glänzenden Fell hatte keine Ahnung, wie man sein Revier verteidigte, aber seine Instinkte ließen ihn heulen, bevor er dem Anderen entgegen lief. Das Fell war gesträubt und die Rute so buschig, dass sie dreimal so groß erschien wie sonst. Der andere Wolf war relativ groß und grau-schwarz. Er knurrte leise und lief um den schwarzen Wolf herum. Severus drehte sich, um immer in Verteidigungsposition zu bleiben. Dieser Werwolf reagierte nicht so, wie Severus es sich vorgestellt hatte. Zwar hatte er keine Erinnerung an die Vollmonde seit seiner Infizierung, aber das hier wirkte zu … bewusst, zu geplant. Der Schwarz-Graue schien ihn zu analysieren. Severus ahnte, dass an den Gerüchten von dem Wolfsbann-Trank etwas dran war.

Mit einem Mal sprang der größere Wolf vor, packte Severus mit seiner Schnauze, hielt ihn fest. Knurrend versuchte Severus zu entkommen, doch der Andere ließ nicht los. Plötzlich spürte Severus ein Ziehen. Ein Portschlüssel! Jetzt war es eindeutig, dieser Werwolf vor ihm wusste, was er tat, reagierte zu … menschlich. Panisch versuchte Severus, sich loszureißen, aber er hatte keine Chance, der Andere war viel stärker und schien zu wissen, wie man kämpfte. Als sie ankamen, drehte sich alles um Severus, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Kraftlos sackte der schwarze Wolf zusammen. Er lag auf Waldboden, aber nicht mehr im Wald bei Regulus. Dieser hier roch deutlich älter und wilder, hier war sicher kein Mensch in der Nähe. Um ihn herum war ein ganzes Rudel Wölfe, die rannten und tobten, jagten oder fraßen gerade. Es wirkte so … normal auf Severus. Sein Wolf schien diese Ansicht zu teilen, denn sobald er sich von dem Schreck des Portschlüssels erholt hatte, stand er auf und erkundete freudig seine neue Umgebung. Er beschnupperte alles, rannte überall herum und schien wirklich begeistert. Severus konnte es spüren, aber er hatte keinerlei Einfluss auf das Verhalten des Wolfes. Die Wölfe um ihn herum schienen unterschiedlichen Alters zu sein. Einige kleiner, fast noch Welpen, andere, die deutlich erwachsener waren. Vor allem die großen Wölfe, die wohl eher männlich waren, reagierten untypisch für Wölfe, zu zielgerichtet.

Einer dieser Wölfe drängte ihn zu einem frisch gerissenen Reh, dort konnte sich Severus' Wolf satt fressen. Auch wenn dem jungen Mann das nicht besonders zusagte, dem Wolf gefiel es. Er genoss diese Mahlzeit, gemeinsam mit den anderen Werwölfen. Danach rannte er mit dem Rudel durch den Wald, tobte sich regelrecht aus. Er spürte, dass er ein Stück weit dazu gehörte, aber zu sagen hatte er nichts. In der Rangordnung war er ganz unten. Dennoch war er ein Teil dieses Rudels. Sein Wolf fühlte sich sehr wohl, wollte gar nirgendwo anders sein. An einem See hielt er, um Wasser zu trinken. Severus erhaschte einen Blick auf den Wolf – wunderschönes, glänzendes, im Mondlicht blauschwarzes Fell, ein wenig zierlich, aber kräftig. Ein Wolf wie jeder andere hier. Severus machte sich Sorgen, wie es nun weitergehen sollte. Was wollten die Wölfe von ihm? War es Greybacks Rudel? Dieser hatte sich dem dunklen Lord angeschlossen, war das nun auch seine Zukunft? Wie hatte dieser Wolf ihn gefunden? Warum hatte er ihn mitgenommen? Konnte er hier wieder weg? Oder ahnte der Lord sogar, wie er zu Regulus stand? Wollte er über ihn an Regulus herankommen? Er drängte diese Gedanken zurück und leerte seinen Geist. Viel konnte er noch nicht, was Okklumentik betraf, aber Regulus hatte ihm erklärt, dass der geleerte Geist bereits ein sehr großer Schritt war. Der Eindringende musste dann im Geist erst langwierig suchen nach den Informationen. Vielleicht waren seine Sorgen auch völlig umsonst, aber es konnte nicht schaden, vorbereitet zu sein. Und im Moment konnte er sowieso nichts anderes tun, da der Wolf noch etwa drei bis vier Stunden draußen sein würde. Erst danach bekam Severus wieder seinen eigenen Körper zurück. Bis dahin würde er wohl einfach weiter seinen Geist leeren und versuchen, seine Erinnerungen zu verstecken.

 

Als der Mond unterging, verwandelte sich Severus zurück. Er fühlte sich erschöpft, aber auf eigentlich ganz angenehme Weise. Wie nach einem ausgiebigen Sport-Programm. Die Verwandlung selbst ging unspektakulär von Statten. Es war unangenehm, was kein Wunder war, bei der extremen Veränderung des Körpers, aber deutlich weniger schmerzhaft als früher. Er musste Lily unbedingt danken. Um ihn herum liefen Männer, Frauen und einige Kinder. Sie wirkten völlig entspannt, als wären sie gerade auf einem Spaziergang. Severus hingegen konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er fühlte sich extrem zittrig und erschöpft. Ein Mann kam auf ihn zu, seine schwarz-grauen Haare wirkten wirr und ungepflegt, genau wie der Bart, der eher nach einer Woche nicht rasiert aussah. Seine bernsteinfarbenen Augen verrieten deutlich, dass er ein Werwolf war. Die Haarfarbe erinnerte Severus an den Wolf, der ihn entführt hatte. „Hey, langsam!“, warnte er, als er direkt vor Severus stand und ihn festhielt. Severus schwankte, weil seine Beine ihn nicht mehr tragen wollten. Die Körpernähe war ihm unangenehm, auch wenn ihm die Unterstützung durchaus hilfreich war. Der Ältere half ihm, ein Stück zu gehen, bis zu einer Lichtung, auf der einige provisorische Hütten standen. In eine davon führte der Mann ihn.

„Was wollen sie von mir?“, erkundigte sich Severus, wobei er versuchte, seine Stimme fest zu halten.

„Du bist wie wir, du solltest auch so leben, wie es deine Natur verlangt.“, gab der Ältere zurück. „Ich sammle alle einzelnen Werwölfe ein, hole sie in mein Rudel. Du bist kaum mehr als ein Welpe, du solltest nicht dir selbst überlassen werden. Die Menschen wollen uns nicht haben, sie halten uns für Bestien, für bösartige Kreaturen, deshalb halten wir uns von ihnen fern. Wir kämpfen für unsere Rechte, denn wir wollen normal leben, so wie es unserem Instinkt entspricht. Inzwischen hat ein Tränkemeister einen Trank entwickelt, der uns hilft. Wir testen ihn, damit er am Ende auch zugelassen werden kann. Du wirst sicher bemerkt haben, dass wir uns kontrollieren können. Beim nächsten Vollmond bekommst du diesen Trank sicher auch.“

„Und jetzt?“

„Jetzt kannst du erstmal schlafen. Bis Mittag ist es recht ruhig hier, dann gibt es Essen.“, erklärte der Werwolf. „Wir reden dann nach dem Essen weiter, ich schätze, du hast viele Fragen, was deine Verwandlungen betrifft. Aber vorher musst du ausruhen, du siehst fertig aus.“

Severus gab nach, etwas Anderes blieb ihm auch nicht übrig, er war viel zu kaputt, um jetzt noch geradeaus denken zu können. Kaum, dass er lag, schlief er bereits. Für die nächsten Stunden grübelte er nicht, auch wenn sein Schlaf unruhig war. Doch er war so erschöpft, dass er sich nicht einmal durch die fröhlich spielenden Kinder stören ließ. Gegen Mittag wachte er auf und roch sofort, dass das Essen fertig war. Sein Magen knurrte und er stand ungelenk auf. Der gesamte Körper war steif und unbeweglich, er hatte starken Muskelkater. Dennoch fühlte er sich besser als sonst nach Vollmond. Eine Folge des Trankes von Lily? Oder Zufall? Sobald er die Gelegenheit hatte, musste er mit Lily darüber reden. Aber würden die Wölfe ihn gehen lassen? Das musste er dringend herausfinden. Aber vorher griff er dankbar nach der Kleidung, die neben ihm auf dem Bett lag und offensichtlich auf ihn wartete.

Draußen traf er wieder auf den Mann, der ihn als Wolf entführt hatte. „Ausgeschlafen, Welpe?“, erkundigte sich der Grau-Schwarze.

Severus besann sich auf seine Manieren, auch wenn er wütend über seine Entführung war. „Ja, danke.“, nickte er. „Ich bin Severus, Severus Snape.“

„Greyback. Fenrir Greyback.“, erwiderte der Mann brummig.

Severus zuckte zurück. Er kannte die Gerüchte und Geschichten um den Werwolf. Hier hatte er niemals landen wollen, denn er wollte auf keinen Fall in die Nähe von Voldemort kommen. Würde er das verhindern können? Regulus hatte gesagt, die Werwölfe standen zwar hinter dem Lord, aber sie hatten fast alle kein Mal. Greyback war der einzige, den Regulus bereits gesehen hatte, aber es gab wohl noch ein paar andere. Die Theorie seines Freundes war, dass der Lord nur die Werwölfe aufnahm, die genug Magie in sich hatten. Das wiederum wäre wohl gut für ihn, denn das Mal wollte er auf keinen Fall.

„Komm, iss.“, forderte Greyback auf. Erstaunt sah Severus um sich, er saß bereits an einem Feuer und eine große Schale mit Eintopf lag auf seinen Knien. Gemüse, Kartoffeln und Fleisch. Es duftete hervorragend, daher ergriff Severus den Löffel, den ihm Greyback hinhielt, und begann mit dem Essen. Es war richtig lecker.

Erst nach der zweiten Schale sah er auf. „Was passiert jetzt? Was erwartet ihr von mir?“

„Du bleibst erst einmal hier, damit du lernst, wie du als Werwolf lebst.“, bestimmte Greyback schroff. „Die Menschen unterdrücken unsere Natur, das ist nicht gut. Hier leben wir im Einklang mit unserer Natur, unsere Instinkte können sich frei entfalten. Wir haben jemand, der sich für unsere Rechte einsetzt. Jetzt gehörst du zu uns. Wir werden dir beibringen, wie du dich hier im Rudel verhältst. Du hast hier eine Familie.“

„Wie hast du mich gefunden?“, wollte Severus wissen. Instinktiv nutzte er die persönliche Anrede, alles Andere kam ihm falsch vor. „Der Wald war geschützt!“

„Wir Werwölfe können einander spüren, zumindest wenn wir eine gewisse Beziehung zueinander haben.“, erklärte Greyback. „Lupin hat dich verwandelt, ich habe Lupin verwandelt. Der Wald war zwar geschützt, aber für Werwölfe kein Problem. Menschen konnten und können nicht hinein, jedenfalls in Vollmondnächten. Die Hauselfen-Magie ist gut, aber spürbar. Erst, als ich mich verwandelt hatte, konnte ich hinein. Den Schutz konnte ich nicht verändern. Wem gehört der Hauself, der das getan hat?“

Severus schüttelte den Kopf. Er würde nicht verraten, bei wem er lebte. Offensichtlich hatte Greyback nicht die Absicht, ihn so schnell wieder gehen zu lassen. „Und wer lebt sonst noch hier? Was macht ihr den ganzen Tag?“, lenkte er ab.

Greyback zuckte die Schultern. „Das Rudel hier besteht aus etwa acht Männern, sechs Frauen und sieben Kindern und Jugendlichen, und ich. Und jetzt du. Wir leben hier im Wald, in den Hütten, die wir selbst gebaut haben. Da wir uns vollkommen selbst versorgen, gibt es genug Aufgaben für alle. Holz sammeln, damit die Feuer nicht ausgehen und die Hütten gebaut oder ausgebessert werden können, außerdem bauen wir die notwendigen Möbel daraus. Wir gehen auf die Jagd und bauen Gemüse an, um Nahrung zu haben. Die Häute und Felle verarbeiten wir zu Kleidung und Schuhen.“ Severus schnappte nach Luft, erst jetzt bemerkte er, dass die Männer, Frauen und Kinder alle Lederkleidung und -schuhe trugen. Greyback grinste kurz, dann sprach er weiter: „Die Kinder unterrichten wir selbst in dem, was sie können müssen. Wir werden sehen, was deine Stärken sind, wo du uns helfen kannst. Du bist magisch?“

Der Jüngere zuckte zusammen. „Nein.“, stieß er scharf heraus. Tief durchatmend versuchte er, seine Beherrschung zurück zu bekommen. „Nein.“, wiederholte er ruhiger, wenn auch ziemlich bitter. „Nicht mehr. Sie haben meine Magie versiegelt, direkt nach der Verhandlung.“

„Hm, dann sehen wir, wie geschickt du mit Holz bist.“, entschied Greyback.

„Ich will aber nicht hier bleiben.“, knurrte Severus. „Ich habe ein Zuhause.“

Greyback schüttelte den Kopf. „Nein, du bleibst hier. Der Lord kümmert sich darum, dass wir in Zukunft mehr Rechte haben, er gibt uns die Chance, die Verbrechen gegen uns zu vergelten. Die Menschen müssen lernen, dass sie nicht einfach alles mit uns machen können. Wir lassen nicht zu, dass sie Jagd auf uns machen und uns wie Tiere abschlachten.“ Er klang wütend und ziemlich böse. Severus schauderte unwillkürlich, das hier war genau der Werwolf, vor dem sich die britische Zauberwelt fürchtete. Ihm selbst ging es gerade nicht anders. „Wir sind gefährlich, aber wir verteidigen uns nur.“, grollte Greyback.

Severus erwiderte nichts, was sollte er auch sagen? Er war vom Regen in die Traufe gekommen. Und nun?

In den folgenden Tagen entspannte Severus nicht ein Mal. Immer auf der Hut versuchte er, die Aufgaben zu erfüllen, die ihm gestellt wurden. Es erwies sich, dass Severus ein gutes Auge für die Nahrungssuche im Wald hatte – kein Wunder, das konnte er wirklich – und außerdem ein Händchen für das Holz hacken. Also suchte er vormittags im Wald nach Pilzen, nachmittags hackte er das Feuerholz in handliche Stücke. Das akzeptierte er, tatsächlich fühlte er sich tagsüber sogar einigermaßen wohl im Rudel. Die anderen Werwölfe beäugten ihn zwar misstrauisch, ließen ihm aber die Chance, sie kennen zu lernen. Vorsichtig näherten sie sich einander an. Ihm fehlten Regulus und Lily, aber er genoss widerwillig das Leben im Wald, so natürlich und entspannt. Jedenfalls am Tag. Die Nächte verbrachte Severus gezwungenermaßen in Greybacks Hütte, da es für ihn keine gab. Scheinbar plante der Rudelführer auch nicht, eine für ihn zu bauen. Der Ältere musterte ihn immer wieder, wenn er glaubte, Severus sah nicht hin. Severus fühlte sich mehr als unwohl, schlief nicht richtig, sondern war immer alarmiert. Er hatte nicht vergessen, was beinahe passiert war, als er in London auf der Straße lebte. Genau so fühlte es sich dort an. Unter Tags ging Greyback seiner eigenen Wege, aber nachts kamen sie sich verdammt nahe. Und diese Nähe machte ihn nervös. Er spürte, dass Greyback Nacht für Nacht immer näher kam. Unmerklich, aber Severus war so alarmiert, dass er selbst diese kleinen Veränderungen bemerkte.

Die Hütte war so klein, dass kein zweites Bett hinein passte, daher schliefen sie gemeinsam in dem einen. Auch wenn es eigentlich groß genug war, hatte Severus ziemlich wenig Platz. Er lag gerade wie immer an der äußersten Kante, ängstlich darauf lauschend, ob sich die schweren Schritte Greybacks näherten. Doch obwohl er nichts hörte, stand plötzlich Greyback im Raum. Schamlos zog er sich nackt aus und legte sich ins Bett. Mit einem Grinsen wandte er sich an den Jüngeren: „Schlaf gut!“, schnurrte er anzüglich, und rutschte provokativ noch ein Stück zu Severus.

Panik überfiel den Schwarzäugigen. Mit einem Mal konnte er nicht mehr anders. Er sprang aus dem Bett, griff nach seinem Pullover und der Decke, und flüchtete aus der Hütte. Greybacks leises Lachen ignorierte er. Hastig lief er ein Stück in den Wald, suchte sich einen Platz zum Schlafen. Erst, als er auf dem Moos lag, eingewickelt in die Decke, entspannte er ein Stück weit und das Zittern ließ nach. Zum ersten Mal in den letzten zweieinhalb Wochen schlief er ruhig und tief. Dementsprechend gut fühlte er sich auch am nächsten Tag.

„Guten Morgen!“, grüßte ihn eine der Frauen. Ellen, erinnerte sich Severus automatisch. Sie stand sehr hoch in der Rangordnung. „Du siehst erholt aus. Gut geschlafen?“

„Ja, sehr gut, danke!“, antwortete Severus mit einem halben Lächeln. Wie jeden Morgen setzte er sich ans Feuer, auf den untersten Platz. Das hier war sein Platz im Rudel, ganz unten. Er war der Jüngste der Männer, die Kinder waren außerhalb der Rangordnung. Die Frauen hatten ihren eigenen Platz im Rudel, verteidigten ihre Stellung gegen die Männer. Allerdings fanden die Kämpfe immer in ihrer Wolfsform statt, zwischen den Vollmonden stand die Rudelordnung fest. Daran gab es nichts zu rütteln, und das machte auch niemand. Zumindest soweit, wie Severus es bisher erlebte. Er bedankte sich bei Ellen, als sie ihm Brot und Marmelade reichte. Zum Frühstück gab es meist süße Mahlzeiten, dazu Obst, während sie mittags und abends eher Fleisch, Pilze und Gemüse aßen.

Lange blieben sie nicht sitzen, denn sie brauchten dringend neue Lebensmittel. Mit den Frauen machte er sich eine halbe Stunde später auf in den Wald. Sie gingen nicht direkt gemeinsam, aber in Sicht- und Rufweite, sodass sie einander helfen konnten. Nicht jeder kannte die gleichen Pflanzen absolut sicher, daher tauschten sie sich im Zweifelsfall aus. Der Wald musste magisch verändert sein, immerhin war es inzwischen Dezember, da sollten die meisten Pflanzen gar nicht mehr wachsen, aber sie fanden eine Menge zu Essen. Es war meist still, sie wollten die Tiere nicht vertreiben, auf die die Männer Jagd machten. Etwas, das Severus überhaupt nicht lag. Gewalt war ihm zuwider, daher hatten die Frauen ihn mit sich genommen. Sich auch gegen den Rudelführer durchgesetzt. Deshalb war Severus auch lieber bei den Frauen, sie gingen vollkommen offen auf ihn zu. Die Männer waren eher zurückhaltend und vorsichtig. Die Kinder tobten meist unter Aufsicht einer Frau auf der Lichtung. Greyback hatte einen Zauber gewirkt, sodass die Kinder und Jugendlichen nicht alleine in den Wald konnten. Ansonsten hatten sie beinahe alle Freiheiten.

Zum Mittagessen waren sie zurück auf der Lichtung. Sie hatten reiche Beute gemacht, wie Ellen grinsend verkündete. Mindestens drei Kilo Pilze, dazu Wurzeln und Beeren in großer Menge. Das würde etwa zwei Tage reichen, wenn die Männer auf der Jagd Glück hatten. Severus setzte sich alleine an ein Feuer, nahm sich ein Stück Fleisch und wollte sich beeilen, um schnell zum Holz hacken zu kommen. Als ein Schatten auf ihn fiel, sah er auf. „Na, Kleiner?“, grinste Greyback ihn an. Irgendwie anzüglich, zumindest fand Severus es so. „Eure Suche war erfolgreich, habe ich gehört. Wir haben auch einige Rehe erlegt, das bedeutet, für die nächsten Tage sind wir gut versorgt. Ein Glück ist dieser Wald magisch, sonst hätten wir keine Wahl als einzukaufen. So aber können wir uns das ganze Jahr selbst versorgen. Morgen bleiben wir alle hier, damit du uns besser kennen lernen kannst. Immerhin sind wir eine Familie. In ein paar Tagen bekommen wir dann den Trank, von dem ich anfangs bereits gesprochen hatte. Damit wird die Verwandlung sicher leichter. Leider kam ich bisher nicht dazu, mit dir über deine Natur zu sprechen, aber die nächsten Tage nehme ich mir Zeit für dich. Schließlich sollst du keine Probleme mit deinem Wolf haben. Du musst ihn kennen lernen, die Instinkte begreifen.“ Der Ältere setzte sich neben ihn und griff nach einem Stück Fleisch. „Lass das Holz heute Nachmittag liegen, wir gehen gemeinsam ein Stück in den Wald, damit du in Ruhe mit deinem Wolf Kontakt aufnehmen kannst. Du wirst sicher schnell lernen, davon gehe ich aus.“ Mit seiner Hand strich er über Severus' Arm, was diesem einen Schauder über den Rücken laufen ließ. Doch keinen der angenehmen Sorte. Der Ältere rückte noch ein wenig näher, als er das spürte. „Entspann dich, Kleiner!“, murmelte er rauchig.

Severus sprang auf, nuschelte etwas, von wegen er müsse mal, und verschwand in den Wald. Erst, als er wenigstens zehn Minuten vom Lager entfernt war, stoppte er an einem kleinen Bach. Mit den Händen schöpfte er von dem kalten Wasser, spritzte es sich ins Gesicht, um sich selbst zu beruhigen. Tief durchatmend lauschte er seinem eigenen Herzschlag, der viel zu schnell war, und versuchte, seine Gefühle zu analysieren. Greyback weckte jene Ängste in ihm, die er auf der Straße entwickelt und bei Regulus beinahe wieder vergessen hatte. Aber egal, wie er sich fühlte, er konnte einfach nichts ändern. Ohne Magie kam er hier nicht weg, die Schutzzauber müssten gelöst werden, so wie er es gehört hatte, und Apparieren konnte er ebenfalls nicht. Nicht einmal mit Magie könnte er das, da er es erst in der sechsten Klasse gelernt hätte. So weit war er ja nie gekommen. Dieser Gedanke ließ ein weiteres Mal die Wut in ihm pulsieren, was das Gefühl der Angst ein wenig verdrängte, aber er schob es zurück, denn er wusste, das würde nichts ändern. Lange hatte er sich nicht mehr so gefühlt, aber Heiler Smethwyck hatte ihm damals gesagt, dass das wohl immer wieder vorkommen würde. Damals hatte er auch Strategien gelernt, wie er damit umgehen konnte. Das half ihm jetzt, schnell wieder zur Ruhe zu kommen.

Und das war auch nötig, denn nur kurze Zeit später sah er Greyback auf ihn zu kommen.  Tief durchatmend blickte er dem Alpha ruhig entgegen. Der setzte sich auch gleich neben ihn. „Na, alles gut, Kleiner?“, erkundigte er sich. Er wartete gar nicht auf eine Antwort. „Dann können wir mit deinem Training loslegen.“ Greyback zog den Schwarzhaarigen an der Hand in den Stand, dann mit sich mit in eine Richtung, in der Severus bisher noch nicht gewesen war. Der Wald wurde dunkler, geheimnisvoller, aber auch beängstigender. Es dauerte weit über eine Stunde, bis sie an einer Höhle ankamen. Severus merkte, dass sie eigentlich gar nicht so weit vom Dorf entfernt waren, weil Greyback nicht auf direktem Weg zu diesem Ort gegangen war. Als der Ältere endlich stehen blieb, sah Severus sich um. Eine kleine Lichtung, von der Sonne beschienen, mit einer Quelle und einem lustig sprudelnden Bächlein inmitten von bunten Blumen und hohem Gras. Für Severus fühlte es sich merkwürdig fremd und vertraut an. Dieses Kribbeln, das er früher so gerne in sich gefühlt hatte, durchdrang diese Lichtung.

Greyback deutete auf den Baum, an dessen Fuß die Quelle sprudelte. „Dieser Baum ist uralt und magisch. Ich weiß nicht, woher er kommt oder wozu er hier gepflanzt wurde. Denn von selbst wachsen diese Bäume nicht. Er unterstützt auch die Schutzzauber hier um den Wald, sodass wir sicher sind. Dazu macht er die Natur ertragreich, das ganze Jahr über, sodass wir genug zu Essen finden. Und er wird dir helfen, deinen inneren Wolf besser zu verstehen. Setz' dich unter den Baum, schließe die Augen und höre in dich hinein. Lerne den Wolf kennen, gib ihm einen Namen, sprich mit ihm.“

Severus gehorchte, vor allem, weil der Alpha diese Stimme nutzte, mit der er seinem Rudel Befehle erteilen konnte. Der Schwarzhaarige vermutete einen dunklen Zauber dahinter, denn von so etwas hatte er noch nie gehört. In den Monaten bei Regulus hatte er viel über magische Wesen, vor allem über Werwölfe, gelesen. Insofern gab er dem Alpha prinzipiell Recht, er musste mit seinem inneren Wolf Kontakt aufnehmen. Aber er nahm sich auch vor, mehr über diese Stimme herauszufinden. Das erschien ihm bedeutsam. Zuvor jedoch machte er sich über seine Aufgabe. Im Schneidersitz saß er unter dem Baum, aufrecht, aber entspannt. Er lehnte sich an den Stamm, um die Magie besser spüren zu können. Dieser Baum ließ Sehnsüchte in ihm erwachen, die ihn für eine Weile von seiner eigentlichen Aufgabe ablenkten. Seine Gedanken gingen in die Zeit zurück, in der es für ihn selbstverständlich war, viele Dinge mit einem einfachen Zauber zu erledigen. Eigentlich hatte er gedacht, das hinter sich gelassen zu haben, aber jetzt war es wieder wie am Anfang. Seine Wut auf Sirius Black stieg zum zweiten Mal an diesem Tag, bis er sprichwörtlich rot sah. Dieses … Schwein hatte ihm alles genommen, seine Magie, seine Zukunft, sein Leben!

Doch hier unterstützte ihn die Magie des Baumes, sie beruhigte ihn zusehends, bis er wieder klar denken konnte. Jetzt erinnerte er sich auch wieder daran, was er hier eigentlich machte. Seine Augen waren immer noch geschlossen. Nun nutzte er die Meditationstechniken, die er von Regulus gelernt hatte. Schnell spürte er die Anwesenheit des Wolfes, die so anders als alles war, das er kannte, aber seit dem letzten Vollmond doch auch irgendwie bekannt. Seltsam, Lilys Trank hatte so Vieles verändert. Und das mit einer so geringen Änderung der Zubereitung. Jetzt war er auch bereit zu glauben, dass es diesen angeblichen Banntrank für Werwölfe gab, von dem Regulus bereits erzählt hatte. Aber, was würde der machen? Banntrank, das klang danach, als ob der Wolf unterdrückt würde. Warum nahmen ihn Greyback und sein Rudel dann? Er hätte alles, was er hatte, darauf verwettet, dass sich Greyback wohlfühlte als Werwolf.

Ein geistiges Jaulen erinnerte ihn daran, dass er eigentlich etwas Anderes mit dieser Meditation bezweckte. Er nahm sich vor, später erneut hierher zu kommen, um über diese Fragen nachzudenken. Für jetzt konzentrierte er seine Gedanken auf das Wesen in ihm. Sich zu Neutralität zwingend, wandte er sich gedanklich an den Wolf. Es fühlte sich seltsam an, aber dennoch hatte Severus das Gefühl, tatsächlich eine gewisse Art von Kommunikation mit dem Wolf zu führen. Es war nicht so, dass sie miteinander sprachen – beileibe nicht – aber dennoch spürten sie, was der jeweils andere fühlte. Severus konnte die Ungeduld des Wolfes fühlen, er wollte nach draußen, wollte laufen, den Wind in die Nase bekommen und den Wald kennen lernen, er wollte mit den anderen Wölfen interagieren, einfach frei sein. Severus hingegen versuchte dem Wolf zu vermitteln, dass er Geduld haben musste, weil er nur an Vollmond nach draußen konnte. Außerdem war da eine Menge Groll. Kein Wunder, immerhin hatte Severus seit dem Biss selbst mit Wut und Groll auf den Wolf reagiert. Sich daran erinnernd, dass er dem Wolf einen Namen geben sollte, versuchte er, sich etwas einfallen zu lassen. Potter … James hatte ihm gestanden, dass sie Lupins Wolf Moony genannt hatten. Aber das passte nicht zu seinem Wolf, da war er sicher. Also etwas anderes. Seit dem letzten Vollmond wusste er, dass er schwarzes, glänzendes Fell mit einem leichten Blauschimmer hatte. Dieser Anblick von sich selbst in einem kleinen See hatte ihn überwältigt. Wie hatte Lily diese Farbe früher genannt? Mitternachtsschwarz. Midnight? Das wäre doch etwas! Severus fand den Namen gut. Auch sein Wolf schien einverstanden. Also stand das nun fest.

Ein Punkt wäre also jetzt geklärt. Natürlich herrschte nun nicht eitel Frieden zwischen Midnight und Severus, doch es schien, als hätten sie einen Anfang gemacht. Erschöpft kam Severus aus der Meditation zurück in die Wirklichkeit. Die Sonne stand merklich tiefer, es war vielleicht noch eine Stunde bis Sonnenuntergang. Severus raffte sich auf und trank einige große Schlucke aus der Quelle, dann ging er zurück ins Dorf. Dabei ließ er sich von den Instinkten des Wolfes leiten und fand seine Theorie bestätigt. Es war nicht so weit, wie der Hinweg es scheinen ließ. Die Frauen hatten bereits das Essen vorbereitet.

Greyback fing Severus ab, bevor er sich setzen konnte. „Hast du etwas erreicht?“, wollte er knurrend wissen.

„Ich denke schon.“, erwiderte Severus vorsichtig. „Aber ich glaube nicht, dass wir so schnell alles hinter uns lassen.“

„Das kommt nur davon, dass alle uns einreden wollen, die Wölfe in uns seien Bestien.“, grollte der Alpha. „Wir haben genau das gleiche Recht zu leben, wie jeder andere Mensch. Und wenn wir dafür kämpfen, verurteilen sie uns. Das tust auch du. So lange du das glaubst, wirst du keine Einheit mit deinem Wolf bilden können. Dann bleibt dir auch die willkürliche Verwandlung unmöglich.“ Um zu verdeutlichen, was er damit meinte, verwandelte er sich in den grau-schwarzen Wolf und zurück. „Jeder, der seinen Wolf als das akzeptiert, was er ist, ein Teil seiner Selbst, kann diese Verwandlung meistern. Du wirst es noch brauchen, bei dem, was uns allen bevorsteht.“ Nach dieser etwas mysteriösen Ankündigung ließ Greyback Severus alleine.

 

Auch die nächsten Tage, selbst Weihnachten, verbrachte Severus viele Stunden in Meditation, doch eine Verwandlung wollte ihm nicht gelingen. Dennoch spürte er die Annäherung zu Midnight. Nicht alle Instinkte waren deutlich für ihn, aber Vieles wurde klarer. Die Nächte verbrachte er weiterhin im Wald, dort kam ihm Greyback wenigstens nicht zu nahe. Immer wieder beobachtete er den Rudelführer, wie er mit einem zufriedenen Ausdruck in den Augen aus verschiedenen Hütten kam. Scheinbar interessierte es Greyback nicht, ob er mit Mann oder Frau schlief, Hauptsache, er war befriedigt. Seine Auserwählten schienen nicht immer so glücklich zu sein, aber das merkte man nur, wenn man genau hinsah. Severus sah genau hin, um möglichst viel zu erfahren, was ihm vielleicht helfen konnte. Abends übte er, genau wie in Regulus' Haus, seinen Geist zu leeren. Gerade jetzt hatte er das Gefühl, dass Okklumentik bald wichtiger denn je wurde.

Genau eine Woche vor der nächsten Vollmondnacht verschwand Greyback direkt aus dem Dorf, apparierte nur Minuten später mit zwei Zauberern zurück zu ihnen. Der eine war eindeutig ein Tränkebrauer oder gar -meister, erkannte Severus, denn er brachte einen Kessel mit, der gefüllt mit einer schlammigen Brühe war, die fürchterlich roch. Den anderen erkannte er erst auf den zweiten oder dritten Blick. Jetzt war Severus mehr als neugierig, denn mit Heiler Smethwyck hätte er nie im Leben gerechnet. Da die anderen Werwölfe das bereits zu kennen schienen, trat er neugierig näher und lauschte auf das, was um ihn herum gesprochen wurde. Greyback kam zu ihm und deutete auf den Mann mit dem Kessel. „Das ist Alvin Curtwick, ein bekannter Tränkebrauer. Er hat einen Trank entdeckt, der uns hilft, unseren inneren Wolf ein Stück weit zu kontrollieren, aber vor allem das Verständnis füreinander verbessert, sodass die Verwandlung leichter wird. Er schmeckt nicht gut, aber er hilft. Du wirst ihn auch nehmen, genau wie alle anderen.“, bestimmte der Alpha.

Severus stellte sich ans Ende der Reihe, dort, wo noch immer sein Platz war. Nach und nach tranken alle eine Kelle von dem Trank. Jeder schien danach ein wenig zu würgen, und doch zuckte niemand zurück. Im Gegenteil, sie bedankten sich bei Curtwick. Severus beobachtete den Tränkebrauer. Er hatte schon viel von ihm gehört, aber vor allem, dieser Mann war der zweite Schüler von Regulus' Ausbilder, dennoch wusste sein Freund offenbar nichts von dem Trank. Das schien unlogisch, außer aber, die Testphase war illegal. Und was machte Smethwyck hier? Er wirkte so anders als früher. Als sich ihre Blicke einen Moment trafen, weiteten sich die Augen des Heilers, aber er ließ sich sonst nichts anmerken, im Gegenteil, er senkte den Kopf. Schuldbewusst? Oder was bedeutete das? Der Schwarzhaarige ließ sich nichts anmerken, während er dem Kessel immer näher kam, trank schließlich auch seine Portion. Es war wirklich widerwärtig, beinahe hätte er es wieder ausgespuckt. Doch ein Blick Greybacks ließ ihn schlucken und den Gedanken vergessen. Nein, das sollte er sich lieber nicht antun, den Alpha wütend auf sich zu machen, oder gar noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als bisher. Ruhig und möglichst unauffällig ging er zum Fluss und trank ein wenig Wasser, dann setzte er sich abseits an eines der Feuer. Er wirkte ruhig, schläfrig. Sein Gehirn jedoch arbeitete auf Hochtouren, während es herauszufinden versuchte, woraus der Trank gemacht war. Doch selbst am Tag des Vollmondes hatte er noch nicht viel identifizieren können. Leider hatte er auch nicht mit Smethwyck reden können, allerdings steckte der ihm am letzten Tag ein Stück Pergament zu, dass Severus geistesgegenwärtig in seiner Tasche verschwinden ließ. Darum musste er sich später kümmern, wenn er alleine war.

„Du kommst mit mir und den Männern.“, bestimmte Greyback, kurz bevor der Mond aufging. „Wir haben eine Aufgabe zu erledigen.“ Ohne weiter auf ihn zu warten, griff der Ältere nach Severus, während er den anderen Männern einen armdicken, etwa dreißig Zentimeter langen Ast hinhielt. Sie alle griffen zu. Ein Portschlüssel, erkannte Severus, als das charakteristische Ziehen hinter dem Bauchnabel begann. Wo würde er sie hinbringen?

„Schon immer haben die Menschen Angst vor uns!“, erhob Greyback seine Stimme, sobald sie angekommen waren. „Aus ihrer Angst heraus greifen sie uns an, sie töten uns, nehmen unsere Kinder gefangen, nutzen uns für Experimente und quälen uns im Namen der Forschung. Wie viele von uns wurden bereits verstümmelt, gefoltert, qualvoll ermordet? Man verbietet uns, zusammen zu leben, sie verbieten uns sogar, uns Partner zu nehmen oder Kinder zu bekommen! Sie wollen uns alle einsperren, uns vernichten. All das im Namen der weißen Seite, der angeblich weißen Seite! Aber es gibt Hoffnung! Einer ist auf unserer Seite. Der dunkle Lord kämpft für unser Recht, er will uns die gleichen Rechte erstreiten, wie sie für Zauberer und Hexen gelten! Dafür braucht er unsere Hilfe. Wir werden ihm helfen, seine Ziele zu erreichen! Dieses Dorf“, er deutete hinter sich, wo einige Häuser standen, die scheinbar von Familien bewohnt waren, „ist bewohnt von Mitgliedern aus Dumbledores Orden. Diese Männer greifen uns an, sobald sie uns auch nur von weitem sehen. Heute ist unser Tag der Rache! Der dunkle Lord hat einen Zauber gewirkt, damit die Zauberer uns heute Nacht nicht schaden können. Heute werden wir triumphieren!“

Die Werwölfe stimmten in den Jubel mit ein. Nur Severus nicht, er schauderte bei der Aussicht, was ihm gerade bevorstand. Aber einen Ausweg konnte er nicht sehen. Was sollte er nun tun? Er wollte auf keinen Fall jemanden beißen oder töten! Diese Menschen hatten ihm nichts getan, er bezweifelte sogar, dass sie jemals einem Werwolf etwas getan hatten. Sicher waren sie dem Lord im Weg und er nutzte nun die Werwölfe, um seine Rache zu bekommen. Severus' Gedanken rasten, doch er fand keinen Ausweg.

Greybacks Augen ruhten zufrieden auf den jubelnden Männern. Mit gerunzelter Stirn erkannte er nach einigen Momenten, dass Severus offensichtlich nicht jubelte. Er hob die Hand, um sein Rudel zum Schweigen zu bringen. „Verwandelt euch im Licht des Mondes, dann folgt mir. Beißt, tötet, sie haben nichts anderes verdient! Verschont niemanden, sie werden euch auch nicht verschonen!“ Mehr konnte er nicht mehr sagen, denn der Mond ging auf und die Verwandlung begann.

Severus bemerkte, dass die Verwandlung nicht wirklich unangenehm war. Das musste der Einfluss des Trankes sein. Auch die letzte Verwandlung war nicht schlimm gewesen, dank des Trankes, den Lily ihm gegeben hatte. Allerdings war es heute noch einfacher, Severus hatte das Gefühl, es wäre, wie ein anderes Gewand anzuziehen. Es zog ein wenig, als sich die Strukturen des Körpers veränderten, aber mehr auch nicht. Sein Geist war präsent neben dem des Wolfes. Midnight schnupperte. So viele interessante Gerüche waren um sie herum. Und dann erkannte er einen davon. Regulus! Also waren auch Todesser hier! Das war ein gemeinsamer Überfall von Werwölfen und Todessern! Was sollten sie nun tun?

„Angriff!“, bestimmte einer der Todesser in diesem Moment. Werwölfe und Todesser rannten gemeinsam in Richtung der wenigen Häuser. Severus folgte ihnen unschlüssig. Er wusste nicht, was er tun sollte. Ihm wurde bewusst, dass die Todesser wohl auch da waren, um sie zu beobachten, zu kontrollieren. Aber auf keinen Fall wollte er jemanden beißen! Er spürte, dass Midnight zwar gerne jagen würde, aber Menschen mussten es nicht unbedingt sein. Midnight wollte seinen Menschen zufrieden sehen. Dennoch stürmten sie in Übereinstimmung gemeinsam mit den anderen Wölfen auf die Häuser zu. Nicht nötig, bereits jetzt jemanden auf sich aufmerksam zu machen.

Im Dorf herrschte das reinste Chaos. Männer brüllten Befehle, sie kämpften mit alten Waffen gegen die Werwölfe, als sie feststellten, dass sie nur wenig mit Magie anrichten konnten. Und der Kampf schien teilweise sehr effektiv zu sein, Severus erkannte zwei tote und mehrere schwerverletzte Werwölfe. Doch auch die Menschen wirkten angegriffen, die meisten von ihnen rochen nach Blut und Angst. Hinter den Männern kreischten Frauen und Kinder vor Angst. So sehr, dass es in Midnights empfindlichen Ohren weh tat. Aber er konnte es ihnen nicht verdenken. Sich umsehend versuchte er, eine Lösung für sein Dilemma zu finden.

„Durchsuch' die Häuser!“, knurrte plötzlich eine Stimme an seinem Ohr. Einer der Todesser, erkannte Severus nach einem Blick. Er redete mit einem anderen Todesser. Dann fiel der Blick auf den schwarzen Werwolf. „Nimm den Wolf mit, er kann dir sicher helfen, alle Verstecke zu finden!“

Severus fiel ein Stein vom Herzen. Ausgerechnet Regulus wurde mit ihm losgeschickt! Besser konnte es nicht sein! Womit hatte er dieses Glück verdient? Lieber nicht lange darüber nachdenken, sondern schnell handeln. Regulus schien ihn nicht zu erkennen, jedenfalls hielt er ängstlich Abstand von ihm. Doch kaum waren sie im ersten Haus, da drängte Midnight den jungen Mann in eine Ecke. Wie sollte er Regulus jetzt begreiflich machen, wer er war? Er musste ihm etwas zeigen, das untypisch für einen Wolf, aber typisch für Severus war. Nur, was gab es da? Langsam und vorsichtig legte Midnight seine Pfote auf den Arm von Regulus, strich sanft darüber, ohne die Haut zu verletzen. Verwirrt runzelte Regulus seine Stirn, offenbar verstand er zwar, dass der Wolf ihm etwas sagen wollte, aber nicht, was es war. Midnight malte nun mit seiner Pfote Striche auf den Boden. Hoffentlich verstand Regulus das, ansonsten würde es wirklich schwierig werden. Konzentriert verfolgte der junge Mann, was der Wolf ihm zeigen wollte.

Endlich leuchteten seine Augen auf. „Severus?“ Halb fragte er, halb stellte er es fest. Zufrieden nickte Midnight. „Du bist es wirklich!“, staunte Regulus. Jetzt rollte Midnight mit den Augen. „Okay, jetzt glaube ich es!“, lachte der Jüngere. „Geht es dir gut? Wir haben uns Sorgen gemacht, als du nicht aus dem Wald kamst!“ Midnight nickte ungeduldig. „Okay, wir müssen sehen, dass wir später reden können. Ich lasse mir etwas einfallen, versprochen. Aber jetzt sehen wir, was wir hier noch retten können. Ich konnte noch eine Nachricht weitergeben, ich schätze, der Orden ist bereits vor Ort.“

Severus lauschte mit Midnights Ohren. Tatsächlich klang der Kampflärm draußen nun deutlich anders. Aggressiver, härter, verzweifelter. Es klang nicht besonders gut, fand er. Besser, sie sahen schnell, ob sie hier noch jemandem helfen konnten. Doch das Haus war leer. Vorsichtig schlüpften sie hinaus und in das nächste Haus hinein, als Midnight sicher war, dass niemand sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt. So durchsuchten sie zwei weitere Häuser, bis sie im vierten Haus auf eine Frau und drei Kinder stießen, die sich im Schlafzimmerschrank versteckt hatten.

„Sch!“, machte Regulus und winkte ihnen, ihm zu folgen. Midnight rannte voraus, schnupperte, ob die Luft rein war. Hinter dem Haus war gerade niemand, daher winkte er mit dem Kopf in diese Richtung. „Dort raus!“, deutete Regulus auf die Terrassentür. „Laufen sie in Richtung Hügel, dort müssten Dumbledores Leute sein!“ Die ganze Zeit behielt er dabei seine Maske auf, nichts wäre gefährlicher, als zum falschen Zeitpunkt von diesen Leuten identifiziert zu werden.

Im nächsten Haus fanden sie sogar ein Baby, das ganz alleine war. Midnight schnappte vorsichtig danach, doch Regulus bremste ihn. „Pass auf, du willst es doch nicht versehentlich infizieren.“, mahnte er. „Ich bringe es raus.“

Unwillig schüttelte Midnight seinen Kopf, er würde nicht so schnell auffallen und konnte besser ausweichen, weil seine Nase ihn rechtzeitig warnte, wenn jemand ihm zu nahe kam. Der Trank half offenbar auch dabei, die wölfischen Instinkte zu interpretieren, fiel Severus in dem Moment auf.

„Du willst es rausbringen?“, fragte sich Regulus und bekam ein Nicken. „Okay, dann binde ich es an deinen Bauch.“ Irritiert schüttelte Midnight den Kopf und rollte die Augen. Dachte Regulus denn gar nicht mit? Wie sollte er das Baby draußen ablegen, wenn es an ihn gebunden war? „Scheiße, du hast Recht!“, entfuhr es Regulus, als hätte er die Gedanken des Werwolfes gelesen. „Warte, ich lege es in ein Tuch, dann kannst du es tragen. Und vorher lege ich noch einen Stillezauber über das Kind, damit es niemand hört, sollte es weinen. Vielleicht füge ich noch einen Ignorierzauber hinzu, auch wenn der sicher nicht optimal ist. Besser wäre ein Desillusionierungszauber, aber der wirkt bei dir nicht richtig, höchstens bei dem Kind, aber zumindest unsere Verbündeten sollten das Kind sehen. Ach verdammt, das ist alles nicht so einfach!“ Er arbeitete fieberhaft, während er sprach, damit sie schnell nach draußen konnten, ihr Risiko stieg mit jeder Sekunde, die sie hier verbrachten. „So, fertig, ab mit dir! Vergiss nicht, ich lasse mir etwas einfallen, mein Lieber. Pass' auf dich auf, Sev!“

Mit seiner Schnauze stupste Midnight den Schwarzhaarigen sanft an die Wange, dann griff er mit den Zähnen nach der Decke, in die das Kind gewickelt war. Hastig eilte er nach unten, wo er vorsichtig schnupperte. Direkt um die Ecke konnte er Todesser riechen, aber sie schienen in die andere Richtung zu gehen. Leise schlich Midnight nach draußen, im Schatten des Hauses bleibend, bis er von der Ecke, hinter der die Todesser standen, nicht mehr gesehen werden konnte. Mit angehaltenem Atem sah er sich um. Jetzt musste er aus den Schatten kommen, eine andere Wahl hatte er nicht. Vor ihm lag eine offene, ungeschützte Stelle, die er überqueren musste, um in Richtung des Hügels zu kommen. Dort waren Dumbledores Leute. Er hatte nicht vor, sich ihnen zu zeigen, aber er musste das Kind so nahe wie möglich dahin bringen, damit sie es fanden, ansonsten hätte er nicht wirklich geholfen. Und das Kind sollte auf keinen Fall erfrieren oder verdursten, wenn es nicht gefunden wurde. Einen Augenblick verharrte er noch in den Schatten, sah sich um, dann entschied er, eine bessere Gelegenheit würde er wohl nicht bekommen. Niemand schien auf ihn zu achten, keiner sah in seine Richtung. In der Dorfmitte wurde noch immer gekämpft, aber es sah aus, als wären es jetzt eher Todesser gegen Ordensleute. Severus nahm sich nicht die Zeit, genauer hinzusehen, er hatte eine andere Aufgabe. Sich versichernd, dass das Kind sicher in der Decke lag, biss er die Zähne fest zusammen, dann sprintete er los. Zusammen mit dem Ignorierzauber war Schnelligkeit hoffentlich die richtige Entscheidung. Innerhalb weniger Sekunden tauchte er erneut in die Schatten eines Hauses, hielt sich aber nicht auf, um hinter sich zu blicken. Lieber behielt er sein Ziel im Auge.

Zwei weitere, hell erleuchtete Flächen brachte Midnight unbemerkt hinter sich, dann atmete er auf. Er war aus dem Dorf draußen. Zwar musste er noch immer vorsichtig sein, damit er nicht gesehen wurde, aber hier war es weniger hell, da viele Bäume Schatten spendeten. Deutlich langsamer und vorsichtiger als zuvor näherte er sich dem Hügel. Vor Todessern brauchte er sich wohl nun nicht mehr in Acht zu nehmen, dafür aber vor den Ordensleuten. Und die wussten nicht, dass er auf ihrer Seite stand. Sicherlich sahen die nur einen Werwolf, der ein Kind mit sich schleppte in ihm. Severus wurde heiß und kalt, hoffentlich erwischten sie ihn nicht! Gerade Lily hatte ihm bereits zu verstehen gegeben, was eine Mutter für ihr Kind tun könnte. Und sie würde das wohl für jedes Kind tun, das in Gefahr war. Besser, er suchte ein geeignetes Versteck für das Baby und überlegte sich dann, wie er dem Orden einen Hinweis geben konnte, ohne sich selbst zu enttarnen.

Ein dichter Streifen Buschwerk erschien ihm geeignet. Vorsichtig schob er das Baby mit der Decke darunter, dann machte er einige deutlich erkennbare Spuren und ließ einen Zipfel der Decke herausschauen. Das sollte zu sehen sein, war er sicher. Nun konnte er nur hoffen, dass die Ordensleute auch hier nachsahen. Vielleicht sollte er sich später erkundigen, wenn er eine Möglichkeit dazu fand. Aber jetzt musste er dringend zurück ins Dorf, bevor Greyback misstrauisch wurde. Vielleicht sollte er auch ein wenig Blut abbekommen, um nicht gleich ‚Verräter‘ zu schreien mit seiner Erscheinung. Dann sah es zumindest so aus, als hätte er teilgenommen. Also drehte Midnight um und rannte, die Schatten so weit wie möglich ausnutzend, zurück ins Dorf. Als er an einer blutverschmierten Leiche vorbei kam, schloss er die Augen, dann legte er sich kurz in die Blutlache. Severus wurde schlecht dabei, aber er sah keine andere Möglichkeit. Im Vorbeilaufen hörte er, wie Regulus bei einem Todesser Bericht erstattete: „In den Häusern ist niemand mehr. Was ist hier los?“

„Verschwinden wir!“, befahl der andere Todesser, den Severus nicht kannte. Es war der gleiche, der ihn mit Regulus in die Häuser geschickt hatte. „Dumbledores verfluchter Orden ist aufgetaucht, sie sind uns zahlenmäßig weit überlegen. Das wird dem Lord nicht gefallen.“ Direkt nach seinem letzten Wort verschwand er mit einem leisen Knall, dicht gefolgt von Regulus.

Severus drehte sich der Magen um, würde Regulus nun bestraft werden? Verdammt, das durfte doch nicht sein, nicht sein Regulus! Moment mal, was dachte er da eigentlich? SEIN Regulus? Severus schüttelte innerlich den Kopf, während Midnight in die Richtung lief, aus der er das Heulen des Alphas hörte. Instinktiv wich er den Zaubern aus, die in seine Richtung flogen, und beschleunigte, um außer Reichweite zu gelangen. Das Rudel, auf das er letztlich traf, war deutlich kleiner als zuvor. Von den etwa zwanzig Männern, die Greybacks Ruf gefolgt waren, standen vielleicht noch zwölf hier. Einerseits war Severus schockiert, dass es so große Verluste auf ihrer Seite gab, andererseits war er erleichtert, dass die Gefahr für Lily, Regulus – und auch James Potter, wenn er ehrlich war – so wenigstens ein bisschen reduziert wurde. Zwar wusste er nicht, ob James und Lily hier kämpften, aber sie waren Teil von Dumbledores Orden, und gerade James wirkte in der Zeit, die sie gemeinsam im Haus in Broadstairs verbracht hatten, ungeduldig, so als wollte er wieder nach draußen und etwas tun. Hoffentlich blieb wenigstens Lily zuhause bei ihrem Baby, der Kleine brauchte doch seine Mama. So lange sie im Haus blieben, waren sie sicher, denn Severus würde nie das Geheimnis offenbaren. Vor allem würde so schnell wohl auch niemand darauf kommen, dass ausgerechnet er der Geheimniswahrer von dem Haus war, in dem sich James Potter mit seiner Familie versteckte. Halt, stoppte Severus seine Gedanken. Das sollte ganz weit nach hinten in seinem Kopf, damit niemand etwas ahnte.

Greyback führte das deutlich kleinere Rudel nun tiefer in einen Wald, der nahe dem Dorf war. Da sie nichts mehr ausrichten konnten, schien er auf den Morgen zu warten. Sie jagten einige Hasen und Rehe, um sich zu stärken. Hier bekam auch Severus seinen Anteil, wenn auch erst als Letzter. Ihm blieben nicht mehr als einige Reste, aber dennoch wurde er satt. Am Ende trank er aus einem kleinen Bachlauf, bis er seinen Durst gestillt hatte, und folgte dem Beispiel der anderen Wölfe: Sie legten sich ins Wasser, um das Blut aus ihrem Fell waschen zu lassen. Das tat richtig gut. Und wie es schien, hatte sein Instinkt erneut Recht behalten, denn er spürte den intensiven Blick des Rudelführers auf sich. Greyback beobachtete genau, ob er auch mit Blut in Kontakt gekommen war, wie es aussah. Gut, man könnte auch meinen, er suchte nach Verletzungen, weil er sich Sorgen um sein Rudel machte, aber das konnte Severus ausschließen. Greyback machte sich keine Sorgen, das war nicht er. Für ihn waren die Wölfe ersetzbar, hatte er zu wenig Kämpfer, biss er sich einfach neue und holte sie in eines der vielen Rudel. Am liebsten dann, wenn sie bereits negative Erfahrungen mit der weißen Seite gemacht hatten, dann folgten sie ihm viel lieber, wenn er ein paar Versprechungen abgab und ihnen nur die Hand reichte. Severus verstand nicht, warum außer ihm keiner das zu sehen schien. Oder aber sahen sie einfach keinen Ausweg? Er selbst wusste auch nicht, wie er aus der ganzen Geschichte wieder herauskommen sollte, aber er weigerte sich, aufzugeben. Er hatte bereits so viel geschafft, er würde weiterhin kämpfen. Vor allem für eine ruhige Zukunft mit Regulus. Wie auch immer sie das erreichen konnten, aber das gab Severus ein Ziel, auf das er hin arbeitete.

Gegen Morgen, als der Mond unterging, verwandelten sie sich zurück. Erst jetzt konnte man sehen, was die Wölfe vorher bereits gerochen hatten: die Meisten von ihnen waren verletzt, teilweise Schnitt- oder Stichwunden, kleinere Verbrennungen oder auch Verletzungen, die durch Zauber hervorgerufen worden waren. Jetzt erst wurde es Severus bewusst, dass er als Einziger unverletzt war. Das fiel auch Greyback sofort auf. „Ich habe dich während des Kampfes nicht gesehen.“, grollte er. „Du hast dich also meinem Befehl widersetzt?!“

Severus senkte den Kopf. Seine Gedanken rasten. „Nein, nicht direkt, Alpha.“, begann er. Das Knurren wurde lauter und unwilliger. Schnell sprach Severus daher weiter: „Einer der Todesser befahl mir und einem anderen Todesser, wir sollten die Häuser absuchen, ob sich noch jemand darin befand.“, berichtete er ehrlich. „Ich bin dem Todesser gefolgt. Wir haben niemanden in den Häusern zurückgelassen.“

„Ah.“, machte Greyback. „Nun gut, dann soll es mir Recht sein.“ Wirklich zufrieden schien er nicht, doch offenbar schenkte er dieser Geschichte Glauben. Severus war sicher, dass er es noch überprüfen würde, aber das konnte er ruhig, immerhin hatte er nicht gelogen. Der Ältere wandte sich an alle: „Kommt, ich schaffe einen Portschlüssel zurück ins Dorf, dort könnt ihr euch ausruhen, während ich zum Lord gehe und Bericht erstatte.“

Müde griffen die Männer nach dem Ast, den er ihnen hin hielt. Auch Severus packte zu, jetzt konnte er sich nicht drücken. Lieber wäre er hier geblieben, doch das war nicht sicher. Er musste eine Möglichkeit finden, mit Regulus zu reden, aber zumindest wusste Regulus nun, dass er bei Greyback war. Vielleicht sollte er dem Jüngeren wirklich vertrauen, immerhin hatte er versprochen, eine Möglichkeit zu finden. Erschöpft ließ sich Severus auf das Bett fallen, sicher, dass er eine Weile schlafen konnte, bevor Greyback zurück kam. Der brachte die Männer zurück in ihre eigenen Rudel und würde wohl noch zum Lord gehen. Bis dahin hatte er hoffentlich Ruhe.

Lange konnte er nicht schlafen, da bewegte sich die Matratze unter ihm. Sofort war er wach. Doch noch bevor er aus dem Bett steigen konnte, legte sich ein Arm fest um ihn. „Du hast scheinbar gute Arbeit geleistet.“, schnurrte Greyback. „Der Lord war nicht begeistert, dass der Orden eingegriffen hat, vor allem, weil sie so schnell vor Ort waren, aber er ist zufrieden mit uns. Der junge Black hat berichtet, dass du ihm geholfen hast, die Häuser zu durchsuchen. Natürlich wusste er nicht, wer du bist, aber die Beschreibung reichte mir. Der Lord bat mich, dich zu ihm zu bringen.“ So, wie er es sagte, war es wohl eher ein Befehl. „Du hast fünf Minuten, um dich frisch zu machen, dann apparieren wir. Leider haben wir keine Zeit mehr für uns vorher. Aber vielleicht danach!“

„Was … was will der Lord von mir?“, stotterte Severus. Ihm war heiß und kalt, seine Gedanken rasten.

„Das wirst du erfahren, sobald du vor ihm stehst. Und jetzt geh, deine Zeit ist beinahe um.“, erwiderte Greyback ungehalten. „Man lässt den Lord nicht warten!“

Hastig rannte Severus an den Fluss, wusch sein Gesicht kurz ab, um klar und wach zu werden, dann verbrachte er einige Momente mit dem Versuch, ein wenig Ordnung in seine Haare zu bringen. Von dem ordentlichen Schnitt, den Regulus ihm verpasst hatte, sah man kaum noch etwas. Ein wenig Magie wusch über ihn hinweg – obwohl er selbst keine mehr hatte, konnte er sie durchaus spüren – und seine Haare fielen glatt bis auf seine Schulter. „Danke.“, murmelte Severus.

„Wir müssen los.“, drängelte Greyback. Er griff nach Severus' Arm und sofort spürte der Schwarzhaarige die Enge, die das Apparieren mit sich brachte. Nur Augenblicke später tauchten sie in einem riesigen, beinahe leeren Raum wieder auf. Severus hatte keine Ahnung, wo er sich befand, daher sah er sich kurz um. Eine lange, ovale Tafel dominierte den Raum. An einem Ende stand ein thronartiger Sessel, ansonsten standen schlichte Holzstühle herum. Dahinter war Platz, sodass sicher drei Reihen Menschen dort stehen konnten. An den Wänden gab es einige schlichte Schränke, ansonsten war der Raum kahl. Die Fenster waren verhangen, sodass man nicht sehen konnte, wo man sich befand. Gerade waren sie alleine im Raum, doch die Tür öffnete sich und eine hohe, schmale Gestalt kam herein, ganz in schwarz gekleidet und das Gesicht im Schatten einer ausladenden Kapuze versteckt. Der Gang war einzigartig und kaum zu beschreiben. Beinahe, als würde der Mann – zumindest ging Severus davon aus, dass es ein Mann war – einige Zentimeter über dem Boden schweben.

„Mein Lord.“, grüßte Greyback und ging in die Knie, zog Severus einfach mit sich. „Ich bringe euch den jungen Wolf, wie ihr gewünscht habt. Das hier ist Severus Snape, er stieß erst vor kurzem zu meinem Rudel. Letzte Nacht war sein erster Vollmond bei uns.“

„Der junge Black hat berichtet, dass du gute Arbeit geleistet hast, Severus Snape.“, nickte der Lord. Noch immer trug er seine Kapuze, daher konnte Severus nicht sehen, was sein Gesicht sagte, doch seine Nase erkannte, dass der Dunkle ihm nicht wirklich vertraute.

„Ich bin nur meiner Nase gefolgt.“, berichtete Severus vorsichtig. Er konzentrierte sich vollkommen auf das, was der Lord sehen durfte, denn er ahnte, dass dieser ihn testen würde. Weit war er nicht mit seinen Okklumentik-Kenntnissen, doch hier kam es darauf an. Er vertraute darauf, dass sein Freund die Wahrheit gesagt und etwas für ihn eingefädelt hatte. Sicher wusste der Lord bereits sehr genau, wer er war und was passiert war. „Regulus war einer meiner Hauskameraden, als ich noch in Hogwarts war, ich freue mich, dass ich ihm helfen konnte.“

„Ah, ja, der junge Black hat davon berichtet.“, bestätigte der Lord Severus' Vermutung. „Er meinte, du seist ein starker Magier gewesen, bevor das Ministerium deine Magie versiegelte. Leider fehlen dir gut zwei Jahre Ausbildung, selbst wenn wir deine Magie wiederherstellen können. Du wirst ein guter Todesser werden!“

Severus verlor seine restliche Farbe, er spürte richtig, wie er blass wurde. Dennoch zuckte er nicht zurück, denn das könnte hier tödlich enden. Jetzt griff der Lord nach oben, schob seine Kapuze langsam, effekthaschend, zurück. Sein Gesicht wirkte seltsam starr, maskenhaft, unmenschlich. Blasse, beinahe durchsichtige Haut spannte sich über hohen Wangenknochen und einer schmalen Nase mit riesig anmutenden Nasenlöchern, die seltsam länglich wirkten. Rote, durchdringende Augen musterten den ehemaligen Slytherin. „Ich habe mich nach dir erkundigt, Severus Snape. Man sagt, du hättest deinem Haus in der Schulzeit viele Punkte gebracht. Doch deine Neugier und dein Hass auf Gryffindors hat dich dahin gebracht, wo du jetzt stehst. Regulus Black hat sich angeboten, mit dir zu lernen, wenn ich dir deine Magie zurück gebe. Wirst du dich mir anschließen?“

Es war keine wirkliche Frage, sondern eher ein Test, das konnte Severus spüren. Er verneigte sich wortlos, wollte nicht versprechen, dass er treu war, denn das könnte er nie sein. Ein ‚Nein‘ wäre jedoch mehr als gefährlich, das würde er jetzt auch nicht aussprechen. So log er nicht. Und darauf war er immer stolz gewesen, er sprach die Wahrheit. Keine wirkliche Lüge war jemals von seinen Lippen gekommen. Ihm war klar, dass es sein Slytherin-Geist war, der ihm hier zu Hilfe kam. Gerissen waren die Schüler dieses Hauses, doch was hatte damals der sprechende Hut gesagt? Er würde wohl viele bekannte Absolventen dieses Hauses mit seiner List in den Schatten stellen. Jetzt brauchte er jedes Quäntchen dieser Fähigkeit.

„Sieh mich an.“, forderte der Lord von Severus. Der Jüngere schluckte, dann hob er langsam seinen Kopf. Hochkonzentriert erwiderte er den Blick des Lords. Sofort spürte er dessen Anwesenheit in seinem Geist. Rasch und unbarmherzig suchte der Lord nach den Ereignissen der letzten Nacht. Severus konzentrierte sich und zeigte dem Lord, was er sehen durfte. Der Dunkle war so hastig in seiner Suche, dass er kaum Zeit damit verbrachte, die Echtheit der Erinnerung zu kontrollieren. Nur wenige Momente später fühlte er sich wieder frei.

„Knie nieder und streck deinen linken Arm aus!“, befahl der Lord, mit einem Mal zischend. Severus gehorchte. Als der Zauberstab sich in seinen Unterarm drückte, musste er einen Schrei zurückhalten. Es brannte fürchterlich, der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Dennoch verzog er keine Miene, die Jahre voller Qual unter seinem Vater und unter den Rumtreibern hatten ihn abgehärtet. Es dauerte nur etwa eine Minute, in der sich der schwarze Totenkopf auf seinem Arm bildete, aus dessen Mundöffnung eine Schlange kam. Potthässlich, das war der erste Gedanke, den Severus hatte.

Als der Lord seinen Zauberstab zurückzog, kniete Severus noch immer vor ihm, den Blick gesenkt. Mit einem Zauber veränderte er Severus' Kleidung in eine schwarze Robe und einen ebensolchen Umhang, mit einem weiteren Zauber trug er eine weiße Maske. „Gib mir deinen Arm erneut.“, war der nächste Befehl des Dunklen. Severus gehorchte, was sollte er sonst auch tun. Der Lord drückte die Spitze seines Stabes mitten auf das Mal, was es erneut zum Brennen brachte. Einen Moment brauchte Severus, dann verstand er, es war ein Ruf. Er wollte seine Anhänger zu sich holen.

Abwartend setzte sich der Lord auf seinen Thron. Greyback kam zu Severus und nahm ihn mit zu dem Platz, der ihm zustand. Weit hinten und am anderen Ende des Tisches, jedoch kein Sitzplatz, sondern sie standen ganz an der Wand. Schnell trafen die restlichen Todesser ein. Ruhig und geübt fand jeder seinen Platz. Es ließ Severus an eine Beerdigung denken, auch wenn er noch nie auf einer gewesen war. Heimlich beobachtete er die Todesser, sicher, dass er einige von ihnen erkannte. Regulus hatte einen Platz am Tisch, genau wie Lucius Malfoy. Offensichtlich hatte er die Strafe überlebt. Crabbe, Goyle, Avery und Nott standen in der ersten Reihe, auch sie erkannte Severus trotz ihrer Masken.

Erst nach einer halben Stunde, die er völlig reglos verbracht hatte, sprach der Lord unvermittelt: „Todesser, wir haben ein neues Gesicht unter uns. Severus Snape, nimm deine Maske ab und komm zu mir.“ Severus gehorchte, er nahm die Maske in die Hand und kniete sich neben den Thron des Lords. Mit gesenktem Blick verharrte er dort, wartete auf die Dinge, die da kamen.

„Ich bin sicher, ihr alle kennt die Geschichte des jungen Mannes, der sich uns nun angeschlossen hat. Für alle, die sich nicht erinnern: Er wurde von Gryffindors in die Falle gelockt und von einem Werwolf gebissen, noch bevor sein fünftes Schuljahr in Hogwarts zu Ende war. Seine Magie wurde in ihm versiegelt und er zu einem Leben auf der Straße verbannt. Aber unser Freund Fenrir Greyback hat ihn in sein Rudel aufgenommen, von wo aus er uns letzte Nacht sehr unterstützt hat. Heute wurde ihm das Mal geschenkt und er wird von nun an unser Verbündeter sein. Gemeinsam mit Fenrir wird er die Werwölfe im Kampf gegen die angeblich weiße Seite unterstützen, um seine eigene Freiheit zu erkämpfen. Ohne Magie wird ihm das schwer fallen, deshalb werden wir seine Magie wieder befreien. Der junge Regulus Black hat sich freiwillig bereit erklärt, seine Magie mit ihm zu trainieren, denn derzeit ist er nicht einmal in der Lage, zu unseren Versammlungen zu apparieren, denn das hätte er erst später in Hogwarts gelernt. Lucius, du wirst ihn unterstützen, wenn Regulus es für notwendig hält.“ Abrupt wandte er sich an Regulus. „Wo wirst du mit ihm leben? Ich nehme an, deine Eltern halten nichts davon, ihn unter ihrem Dach zu haben.“

Die Todesser lachten. Regulus stand ungerührt auf. „Ich wohne zumindest zeitweise in einem kleinen Haus, von dem meine Eltern nichts wissen. Ich habe es unter Fidelius gestellt. Dorthin werde ich mit ihm gehen, bis er die Zauber beherrscht, die er brauchen wird.“

„Sehr gut. Ich gehe davon aus, dass dieses Haus auch ein Labor hat? Du wirst einige Tränke brauen müssen, die ausgehen.“

„Natürlich, mein Lord.“, verneigte sich Regulus erneut. „Severus wird mir sicher auch dabei helfen können, unser Professor in Hogwarts schwärmte von seinem Talent.“

Der Blick des dunklen Lords fixierte Lucius. Der nickte nur kurz. „Das ist richtig, mein Lord. Slughorn war überzeugt, dass Snape es weit bringen könnte in diesem Fach. Ich hatte nicht lange Zeit, das zu beobachten, aber soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, waren seine Noten immer einwandfrei. Gerüchte besagen, er hätte bereits in der Schulzeit Tränke verbessert und neue Zauber entwickelt.“, erklärte der Blonde.

Nun wandte der Lord seinen Blick zu Severus. „Ist das wahr? Was genau?“

„Ja, mein Lord.“, gab er zu. „Zumeist habe ich Tränke optimiert, damit sie besser wirken oder länger haltbar sind. Die Zauber dienten dazu, die Zutaten vor dem Brauen zu bearbeiten, damit es schneller geht. Aber ich habe keinen Zauberstab mehr und seit Jahren keine Magie mehr gewirkt.“

„Wir werden einen Zauberstab für dich finden!“, lachte Avery. Auch die anderen Todesser lachten lauthals.

Der Lord hob die Hand und alle verstummten. „Severus Snape wird mit Regulus gehen, alle nötigen Zauber lernen. Außerdem wird er helfen, die Tränke zu brauen, die wir brauchen. Bei Vollmond wird er mit dem Rudel zusammen agieren, ansonsten sehen wir, wie gut er als Tränkebrauer ist, dann kann er Regulus unterstützen, der nicht auffallen darf. Lucius, du besorgst einen passenden Zauberstab mit ihm, sobald seine Magie frei ist.“ Erneut wandte er sich Severus zu und richtete den Zauberstab auf ihn. Zischend wirkte er einen Zauber in Parsel.

Zum wiederholten Mal musste Severus an diesem Tag einen Schrei unterdrücken. Sein ganzer Körper brannte. Nach der letzten Nacht und der Verwandlung war es beinahe zu viel für den Schwarzhaarigen. Immer wieder wurde ihm schwarz vor Augen, sein Sichtfeld verengte sich immer weiter. Mit seinen Händen klammerte er sich an der Armlehne des Throns fest und biss die Zähne zusammen. Er wollte keine Schwäche zeigen, nicht vor all den Todessern. Vor allem vor denen, die sich früher im Gemeinschaftsraum der Slytherins über ihn lustig gemacht hatten, weil er mit Lily befreundet war. Das Feuer in ihm brannte immer weiter, doch plötzlich spürte er noch etwas anderes. Dieses Kribbeln, das er so lange vermisst hatte! Das war seine Magie! Sie war wirklich noch da! Der Lord gab sie ihm zurück! Einen Moment war er unendlich dankbar, bis ihm wieder einfiel, WER genau ihm die Magie zurück gab. Er hoffte nur, dass Regulus' Plan auch wirklich aufging. Jetzt steckte er auf jeden Fall mitten drin und konnte nicht mehr zurück.

Sobald der Lord sie entließ, griff Regulus nach Severus' Arm und wollte apparieren. „In die Nokturngasse.“, knurrte Lucius Malfoy nahe Regulus' Ohr. Der Jüngste nickte kurz und verschwand mit Severus. Sie tauchten im Tropfenden Kessel wieder auf. Sofort strebte Regulus dem Ausgang zu, der in die Winkelgasse führte. Severus folgte ohne ein Wort, vor allem, da gerade auch der Blonde auftauchte. Gemeinsam huschten sie durch den Durchgang, den Regulus öffnete. Sie wandten sich direkt in Richtung der dunklen und unheimlichen Nokturngasse. Severus war noch nie hier gewesen, kannte nur die Geschichten, die man sich erzählte. Er war erstaunt, wie normal es nach den ersten Metern aussah. Nicht so dunkel und schmutzig wie direkt am Anfang, eigentlich unterschied es sich kaum von der Winkelgasse, außer bei den Namen der Geschäfte. Man merkte, hier herrschte die dunkle Magie. Eigentlich erstaunlich, dass das Ministerium dieses Ausmaß duldete, wo sie doch sonst so sehr darauf achteten, dass die schwarze Magie vernichtet oder wenigstens unterdrückt wurde.

„Hier ist zu viel Gold im Spiel.“, erklärte Lucius, als hätte er Severus' Gedanken gelesen. Sein Mundwinkel zuckte, als er die fragende Miene des Schwarzäugigen sah. „Ohne das Gold, das die Ladenbesitzer aus der Nokturngasse jeden Monat an das Ministerium bezahlen, könnten sich viele Gamotsmitglieder nicht einmal mehr ordentliche Roben leisten, geschweige denn das Leben, das ihnen ihrer Meinung nach zusteht.“

„Oh.“, machte Severus.

Regulus lachte kurz. „Ja, Bestechung gibt es überall.“, stimmte er leise zu.

„Kommt, wir haben nicht viel Zeit.“, drängte Lucius. „Es sollte sich nicht herumsprechen, dass Severus seine Magie zurück hat.“ Dem stimmten die beiden Jüngeren zu und so folgten sie Lucius eilig in einen Laden, der nicht besonders einladend wirkte, vor allem, wenn man drinnen stand. Unfreundlich und kahl, das traf es wohl eher. Einzig eine lange Theke trennte den leeren Verkaufsraum von einem Durchgang nach hinten. Darin lagen verschiedene Hölzer, Zähne, Haare und viele andere Dinge, die in Zauberstäben vorkamen. Offensichtlich gab es hier keine Fertigstäbe wie bei Ollivanders, sondern diese wurden individuell gefertigt. Jetzt war Severus neugierig. Doch ihm fiel auch noch etwas ein, reichlich spät, schalt er sich. „Ich habe kein Gold.“, wisperte er.

„Der Lord kümmert sich darum.“, winkte Lucius den Einwand beiseite.

„Nein, ich zahle.“, widersprach Regulus. Noch bevor der Blonde etwas sagen konnte, machte er weiter: „Lucius, es war mein Bruder, der ihn verriet, in die Falle lockte. Es ist meine Art, Entschuldigung zu sagen.“

„Wie du willst.“, zuckte Lucius die Schultern.

Verwirrt beobachtete Severus den Wortwechsel, wurde nicht recht schlau daraus. Ein Blick aus den hellen blauen Augen deutete ihm an, dass er sich keine Sorgen machen musste, daher ignorierte er die Männer nun, denn hinter dem Vorhang, der den direkten Blick nach hinten verhinderte, kam nun ein Mann heraus, der irgendwie alterslos schien. Ein kahlgeschorener Kopf, glatte Haut mit einigen Falten um die violetten Augen, dazu spitze Ohren. Dieser Mann war alles, nur nicht rein menschlich, das wurde Severus sofort klar. Allerdings konnte er nicht sagen, welches Wesen vor ihm stand. Möglicherweise auch ein Mischling aus verschiedenen magischen Wesen. Eine geheimnisvolle Aura umrahmte die Erscheinung und ließ den Mann gleichzeitig alt und jung wirken. Es zeigte auch deutlich, wie viel Magie in ihm steckte. „Ihr sucht einen besonderen Stab.“, stellte er mit einer Stimme fest, die gleichzeitig hoch und tief war. Als nutzte er zwei Stimmen zur selben Zeit.

Regulus schob Severus nach vorne, da dieser keine Anstalten machte zu reagieren. „Ja, für diesen jungen Mann hier.“, erklärte Lucius gleichzeitig. „Er ist ein Werwolf, er braucht einen passenden Stab.“

„Natürlich, ich verstehe.“, neigte der Stabmacher seinen Kopf. Mit durchdringenden Augen musterte er Severus. „Gebt mir eure Hand.“ Befehlsgewohnt streckte er seine eigene Hand aus und wartete, bis Severus zögernd, nach einem getauschten Blick mit Regulus, seine Hand hinein legte. Die Haut wirkte warm, beinahe heiß, als hätte dieser Mann eine höhere Körpertemperatur als Menschen. Der Stabmacher hielt Severus' Hand fest, drehte sie mehrmals hin und her, hob sie vor seine Augen und schien sogar daran zu riechen, dabei war sich Severus aber nicht sicher, ob er sich das nur einbildete. Die schmalen, langen Finger, die ein wenig an Severus' erinnerten, fuhren einige Male über die Hand, zeichneten die Narben am Handgelenk nach und tasteten nach den Schwielen, die er sich am Hafen erarbeitet hatte. Nach einigen Minuten ließ er ihn wieder los. „Kommt morgen zurück, dann wird der Stab fertig sein.“ Mit diesen Worten verließ der Stabmacher den Verkaufsraum und ließ sie einfach stehen.

„Gehen wir.“, entschied Lucius, und ließ seinen Worten Taten folgen.

Hinter ihm traten Regulus und Severus zurück in die Sonne. „Wir werden den Stab morgen abholen, dann fange ich mit dem Training an. Bis dahin werden wir mit den Tränken beginnen, die der Lord gefordert hat.“

„Seit wann hast du ein Haus? So gut verdienst du noch nicht.“, erkundigte sich Lucius.

Severus ahnte, dass es nicht eine Frage aus reiner Neugierde war. Auch Regulus schien sich dessen bewusst zu sein, was er an dem leisen Versteifen seines Rückens erkannte, da er hinter seinem Freund stand. „Es gehört eigentlich meinem Bruder, aber da er es gerade nicht nutzen kann, habe ich mich einquartiert.“, zuckte Regulus gespielt sorglos die Schultern. „Ich denke nicht, dass es ihn stört, und wenn doch … Naja, ich werde es erfahren.“

„Wie lange muss er noch in Askaban bleiben?“, wollte der Blonde leise wissen.

„Den Großteil hat er hinter sich, ich glaube, im Herbst sind seine fünf Jahre um. Aber bis dahin haben wir noch einige Monate.“, erwiderte Regulus. Er wirkte entspannt, doch Severus erkannte, dass es nur gespielt war. Noch immer liebte Regulus seinen Bruder und er machte sich offenbar Sorgen, wie es ihm nach all dieser Zeit gehen würde. Severus selbst konnte darauf verzichten, je wieder diesem Menschen zu begegnen, und doch verstand er ein wenig, wie zerrissen Regulus sich fühlen musste. So, wie es ihm jedes Mal ging, wenn er an seinen Vater dachte. Da war immer noch die Erinnerung an früher, aber gleichzeitig auch das Wissen, was der Tod von Suavita und ihrer Mutter mit ihm gemacht hatte. Oder besser, was der Alkohol mit ihm gemacht hatte. Irgendwo tief in sich drin liebte Severus den Vater, den er damals gekannt hatte, noch immer. Und das war bei Regulus genauso. Er konnte ihm nicht böse sein. Nun, er hatte noch einige Monate, bis er ihm möglicherweise begegnen würde. Bis dahin war er hoffentlich wenigstens mit seiner Magie wieder eins. Vielleicht würde sich noch eine Lösung ergeben.

Als Regulus nach seinem Arm griff, realisierte Severus erst, dass er wohl sehr in Gedanken gewesen sein musste, denn der Blonde war spurlos verschwunden. Nach einer kurzen Warnung apparierte Regulus sie nach Hause. Dieses Mal wurde Severus ziemlich übel, das war wohl eine Apparation zu viel für einen Tag, vor allem nach dieser Nacht. Da sein Magen leer war, würgte er trocken, als er in die Knie ging. Einen Moment später fühlte er die Kühle einer Phiole an seinen Lippen. „Trink.“, forderte Lily ihn auf und er gehorchte. Die Erleichterung war greifbar.

„Danke.“, krächzte Severus.

„Hat dein Plan funktioniert, Regulus?“, wollte die Rothaarige wissen, während ihr besorgter Blick weiterhin auf Severus lag.

„Ja, soweit hat alles geklappt.“, nickte Regulus zufrieden. „Genaueres besprechen wir, wenn Sev ausgeschlafen hat, würde ich sagen. Aber du kannst Dumbledore schon mal einen Patronus schicken, dass wir uns später treffen.“

„Wird erledigt.“, lächelte Lily erleichtert.

„Du vertraust Dumbledore?“, erkundigte sich Severus mit Blick auf Regulus.

„In der Beziehung schon.“, versicherte ihm sein Freund.

„Okay.“, seufzte Severus geschlagen. Er wusste, eigentlich wollte er nie wieder einem Älteren vertrauen, aber wenn Regulus ihm vertraute, dann konnte er das auch. Zumindest ein Stück weit. „Wir können auch gleich ...“, bot er daher an, bevor er zu viel darüber nachdenken konnte.

Sowohl Lily als auch Regulus schüttelten den Kopf. „Leg dich erstmal hin und ruh dich aus.“, empfahl der Jüngere leise. „Wir reden später. Du brauchst Schlaf, eine Dusche und eine ordentliche Mahlzeit. In genau der Reihenfolge.“

Aufmunternd lächelte Lily zu Severus, dann verschwand sie leise im Wohnzimmer, wo sie das Gebrabbel von Harry hörten.

Erschöpft nickte Severus, eine etwas verspätete Reaktion auf Regulus' Worte. „Bleibst du?“, wollte er unruhig wissen. Er ahnte, dass sein Schlaf nicht besonders erholsam werden würde, wenn er alleine war. Zu viel war in den letzten vier Wochen und vor allem in der vergangenen Nacht passiert. Er brauchte jetzt die Bestätigung, dass Regulus da war, dass er nicht alleine war.

„Gerne, wenn du es willst.“, lächelte Regulus.

„Bitte.“, bat Severus. Er ließ sich von Regulus nach oben führen, sogar bis auf Shirt und Boxer ausziehen, und schmiegte sich anschließend in die starken Arme, die ihn festhielten. Erst jetzt entspannte er sich und schloss die Augen, nur um sofort in einen tiefen Schlaf zu fallen.

„Gute Nacht!“, murmelte Regulus, halb amüsiert, halb besorgt, und küsste Severus auf die Stirn. „Ich bin bei dir, mein Liebster.“, versprach er leise, dann schloss er selbst die Augen, wissend, dass Lily für genug Ruhe sorgen würde, damit sie schlafen konnten. Sein Plan war aufgegangen. Der wichtigste Schritt war getan. Zufrieden ergab sich auch Regulus dem Schlaf, tief den Geruch von Severus inhalierend. Endlich wieder vereint.

Lange konnten sie nicht schlafen, denn Severus wand sich unruhig aufgrund eines Alptraums. Das war eindeutig erkennbar. Regulus murmelte beruhigende Worte, doch es half nicht wirklich. Erst, als er Severus an der Schulter wach rüttelte, konnte er den Alptraum beenden. Hektisch atmend und leicht zitternd riss Severus die Augen auf. „Es ist gut, Sev.“, wisperte Regulus. „Ich weiß, was du siehst. Ich sehe es auch. Aber wir müssen da durch, wir sind die Einzigen, die helfen können, den Krieg zu beenden.“ Die Qual, die in seinen blauen Augen stand, zeigte mehr als seine Worte, dass er Severus wirklich verstand.

„Oh, Reg!“, seufzte Severus kurz auf, dann straffte er sich. „Du hast Recht, wir werden helfen, es zu beenden. Egal, was mit uns sein wird, gemeinsam werden wir dem Lord ein Ende bereiten.“

„So wird es sein!“, schloss sich Regulus an. „Gegen uns beide hat er doch keine Chance!“ Sie wussten beide, dass sie gewaltig übertrieben, aber das war im Moment notwendig, um das durchzustehen, was vor ihnen lag. Erst jetzt erkannten sie, wie steinig der Weg war, den sie eingeschlagen hatten. Oder besser, den man ihnen aufgezwungen hatte. Aber sie würden sich nicht unterkriegen lassen. Niemals. Sie hatten einander, konnten sich gegenseitig absolut vertrauen. Sie ahnten, welch ein großes Geschenk das für sie war, dieses absolute Vertrauen.

„Reg?“ Der Angesprochene brummte nur. „Wusstest du, dass Curtwick diesen Trank für die Werwölfe braut?“

Jetzt fuhr Regulus hoch. Natürlich wusste er, von wem Severus sprach, immerhin war das der Meisterschüler, der bereits vor ihm bei Meister Belby angefangen hatte, aber noch immer dort war. Sie verstanden sich nicht besonders gut. „Ernsthaft?“, versicherte er sich. Severus nickte. „Nein, ich hatte keine Ahnung. Aber es erklärt Einiges, was mich bislang immer verwirrt hat. Aber wieso sagt er es mir dann nicht? Fragt sich, ob Meister Belby davon weiß.“

„Entweder ist der Test illegal, oder er will den Ruhm für sich alleine.“, erwiderte Severus. „Wobei, das werden wir jetzt nicht rausfinden. Ich wollte nur, dass du es weißt. Und ich denke nicht, dass dein Meister involviert ist, sonst wäre er sicher selbst gekommen, aber sicher kann ich nicht sein.“

„Danke. Ich werde es im Kopf behalten, aber es ändert nicht wirklich etwas. Jetzt komm, schlafen wir noch ein wenig, du siehst immer noch vollkommen fertig aus.“, schlug Regulus vor, nachdem sie sich eine Weile schweigend in die Augen gesehen hatten. „Ich weiß, es ist nicht leicht, jetzt alles beiseite zu schieben, und das sollst du sicher nicht auf Dauer, aber für den Moment ist Schlaf wirklich wichtiger.“

„Du wirkst, als würde dir das alles nichts ausmachen.“ staunte Severus. Wo der Jüngere anfangs oft schlaf- und ruhelos gewirkt hatte, war er jetzt scheinbar vollkommen entspannt.

„Lily. Sie hat darauf bestanden, dass ich darüber rede.“, antwortete Regulus schlicht. Er seufzte. „Ich verstehe, dass du wissen willst, was da in den letzten Wochen genau passierte, aber ich denke, du tust dich leichter, wenn du ausgeschlafen hast, wenn wir es dir erzählen. Auch wenn wir uns wirklich Sorgen um dich gemacht haben, so haben wir die Zeit gut genutzt. Aber das erzähle ich dir nach dem Schlafen, in Ordnung?“

„Na gut.“, murrte Severus, aber er legte sich erneut hin. Ein weiteres Mal rückte er nahe an seinen Freund. Es fühlte sich gut an, so zu denken. Auch wenn er es besser ganz weit hinten in seinem Kopf verstecken sollte, sobald er wieder zum Lord musste. Regulus' Arme versprachen eine gewisse Sicherheit, eine Normalität, die beinahe unwirklich erschien, aber dafür umso wichtiger war. Eng aneinander geschmiegt, schliefen sie bald wieder.

Einige Stunden später wachte Regulus auf. Ein seltsames Gefühl ließ ihn alarmiert hochfahren. Severus lag neben ihm, nicht mehr so nahe wie zuvor, aber auch überhaupt nicht mehr entspannt, im Gegenteil. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, während er sich leise wimmernd zusammen krümmte. Die Arme umschlangen den Bauch, der Körper war in Embryonalstellung zusammen gerollt, und die Augen zuckten unruhig hinter den geschlossenen Lidern. Mit seiner Hand strich Regulus besorgt über die Stirn und stellte fest, dass Severus hohes Fieber hatte, er glühte regelrecht. Besorgt rüttelte Regulus an seiner Schulter, doch Severus reagierte nicht. „Sev!“, rief der Jüngere. „Sev, komm schon, wach auf!“ Doch keine Reaktion. Egal was Regulus versuchte, Severus wachte nicht auf, er reagierte einfach nicht. Jetzt bekam es Regulus mit der Angst. „Lily!“, schrie er laut. Immerhin war die Rothaarige angehende Heilerin, auch wenn sie derzeit pausierte. Mehr hatten sie nicht, und da Severus ihr Geheimniswahrer war, konnten sie auch niemanden hinzuziehen. Außer, sie brachten Severus weg, aber das war ihm zu unsicher, wenn es nicht unbedingt sein musste.

„Was ist los?“, fragte Lily von der Tür.

„Sev, er … er glüht und wacht nicht auf!“, erklärte Regulus hektisch.

„Lass mich sehen.“, beruhigte Lily und schob Regulus ein Stück beiseite, damit sie einen Diagnosezauber nutzen konnte. Es dauerte einige Minuten, bis sie soweit war, in der Zeit ging Regulus ziemlich unruhig auf und ab hinter ihr. „Bleib stehen, du machst mich ganz irre!“, schimpfte Lily irgendwann. Doch nur einen Moment später fügte sie hinzu: „Was genau ist mit ihm passiert? So, wie es sich darstellt, verstehe ich das Ergebnis meines Zaubers nicht.“

„Er wurde von Greyback entführt, musste letzte Nacht bei dem Überfall mitmachen, und heute hat der Lord ihn aufgenommen.“, berichtete Regulus abgehackt. „Ach ja, er hat seine Magie wieder freigegeben.“

„Das erklärt alles.“, atmete Lily auf. Beruhigend lächelte sie dem Schwarzhaarigen zu. „Die Versiegelung und auch die Befreiung der Magie ist ziemlich anstrengend für den Körper. Deshalb reagiert er mit Schmerzen und Fieber.“ Sie unterbrach sich und sprach einen Aufrufezauber, einen Moment später hielt sie ein Fläschchen in der Hand. „Geben wir ihm einen Schmerztrank und lassen wir ihn noch eine Weile schlafen, dann geht es ihm spätestens in ein paar Stunden wieder gut. Keine Angst, es ist alles in Ordnung. Bleib einfach bei ihm, er wird es spüren. Wahrscheinlich entspannt es ihn sogar ein Stück weit. Wie lange seid ihr schon ein Paar?“

Irritiert von dem plötzlichen Themenwechsel starrte Regulus sie an, während Lily vorsichtig den Trank in Severus' Mund schüttete und seine Kehle massierte, um Schlucken auszulösen. „Seit ihr hier seid.“, beantwortete er schließlich doch noch die Frage. Eigentlich wunderte es ihn nicht, Lily war eine aufmerksame Beobachterin, die auch Feinheiten sehr gut deuten konnte. Vor allem in den letzten Wochen waren sie Freunde geworden, echte Freunde. Selbst mit James verstand sich der angehende Tränkemeister relativ gut. Auch wenn man hier noch nicht von einer Freundschaft sprechen konnte. Fragend erhob sich gerade Lilys Augenbraue. Man sah deutlich, dass Severus und sie früher viel zusammen gewesen waren, sie hatten sich gegenseitig stark beeinflusst. „Naja, ich denke, ich … Ich mag ihn schon lange. Bereits in der Schulzeit fühlte ich mich zu ihm hingezogen, jedenfalls in meinem dritten Jahr, davor war ich einfach zu jung. Dann war er leider weg, aber als ich ihn in der Winkelgasse zufällig gesehen habe, da wusste ich, ich konnte ihn nicht einfach liegen lassen. Es war schrecklich, ein Auror hat ihn einfach dort fallen lassen, obwohl er verletzt und vollkommen am Ende war. Er hat ihn wirklich einfach fallen lassen! Severus sah so schrecklich aus, und damit meine ich noch nicht mal die blutenden, akuten Verletzungen. Eigentlich war ich nur da, um neues Pergament und Tinte zu kaufen, außerdem ein paar Zutaten für Zaubertränke, die ich in Hogsmeade nicht bekomme, denn ich war über die Ferien in der Schule geblieben. Und dann lag er da … Ich habe ihn mitgenommen und versorgt, und ich denke, ich habe mich nach und nach immer weiter in ihn verliebt. Und dann … als ich ihn sprechen wollte, wegen dem Problem der Zimmerverteilung, da haben wir uns geküsst. Ich weiß nicht, von wem es ausging, aber es fühlte sich so richtig an. Es war wie eine Explosion, der absolute Hammer! Seither sucht Sev auch von sich aus Berührungen. Anfangs habe ich ihn nur berührt, wenn er es mir erlaubt hat, weil er sonst ständig erschrocken oder gar weg gezuckt ist. Er hat wirklich viel mitgemacht, und doch ist er immer noch so stark. Er hat mir geholfen, als ich am Ende war, weil meine Eltern mich zum Lord gebracht haben. Und jetzt konnte ich ihm nicht anders helfen, als ihn auch zu einem Todesser zu machen, um ihn schnell aus dem Rudel zu holen. Ich weiß nicht, was dort passiert ist, aber ich konnte es Severus anmerken, dass er Panik hatte, dorthin zurück zu müssen.“

„Er war schon immer stark, aber niemand kann alles alleine schaffen.“, nickte Lily zustimmend. „Aber wir werden für ihn da sein, wenn er wach wird. Dann muss er darüber reden, um es zu verarbeiten.“ Sie hob die Hand und stoppte Regulus' Protest. „Er macht sich selbst kaputt, wenn er es einfach nur verdrängt. Da ist sicher noch viel mehr, was du überhaupt nicht ahnst. Glaub mir, auch wenn er es nicht will, am Ende ist er froh, wenn er darüber reden kann. Und ich werde nicht zulassen, dass er sich kaputt macht, weil er nicht redet. Ich habe gesehen, welche Narben er mit sich rumträgt, und ich schätze, das, was er an Armen und Beinen hat, ist noch lange nicht alles. Die meisten davon hatte er noch nicht, als wir in der fünften Klasse waren. Ich kenne Sev schon fast mein ganzes Leben, und auch wenn er es vor Hogwarts nicht leicht hatte, so schlimm sah er damals nicht aus.“ Sie atmete mehrmals tief durch, um sich zu beruhigen. „Jetzt leg dich schon zu ihm, Regulus, und schlaft noch ein wenig. Ich werde Albus Bescheid geben, dass wir uns morgen treffen.“

„Bestelle ihn zum Strand, dann kann Severus ihn einweihen.“, entschied Regulus. „Ich denke, es wird Zeit, dass wir ihn auch hier ins Haus lassen, dann können wir ungehindert sprechen.“

Einige Sekunden war es still. Lily musterte Regulus überrascht, dann aber nickte sie. Schon seit einer Weile lag sie dem Blauäugigen damit in den Ohren, dass Albus vertrauenswürdig war. Immerhin spionierte Regulus für den ehemaligen Schulleiter, also hatte er scheinbar ein gewisses Vertrauen in ihn. „Gute Nacht!“, wünschte sie leise, dann schloss sie die Tür hinter sich. Regulus zog Severus an sich, der sich immer noch ziemlich warm anfühlte, aber nicht mehr krampfte, dann schloss er die Augen. Am Morgen musste er unbedingt den neuen Zauberstab für Severus holen, das würde dem Schwarzäugigen bestimmt gut tun. Ein Stückchen seines alten Lebens hatte er nun zurück.

Am Morgen schlüpfte Regulus vorsichtig aus dem Bett. Erstaunlicherweise schlief Severus weiter, obwohl er sonst einen sehr leichten Schlaf hatte. Bedingt durch seinen inneren Wolf, und dadurch sein besseres Gehör und Gespür. Aber heute war er offenbar immer noch zu fertig, dabei sollte er bald etwas essen. Doch Regulus wollte vorher noch den Zauberstab holen.

Als Severus wach wurde, realisierte er erst nach einigen Momenten, wo er war. Erleichtert seufzte er auf. Er spürte, dass er ziemlichen Muskelkater hatte, und entschied sich, eine heiße Dusche zu nehmen, das entspannte ihn meist sehr gut. Unter der Dusche sah er auf seinen linken Arm. Er zuckte zurück, verdammt, das war doch kein Alptraum gewesen! Der dunkle Lord hatte ihn gezeichnet! Entsetzt starrte Severus mit weiten Augen auf das Mal, merkte nicht einmal mehr, dass das Wasser noch immer lief. Seine ganze Wahrnehmung beschränkte sich gerade auf dieses dunkle Zeichen, das ihn erneut von den anderen Menschen trennen würde. Es zeichnete ihn noch viel deutlicher als die Narben, die von dem Biss Lupins kamen, und selbst mit diesen hatte er noch heute Schwierigkeiten. Konnte denn das nicht einfach mal aufhören? Er wollte doch einfach nur in Ruhe leben, eine eigene kleine Wohnung und eine Arbeit, damit er sich sein Leben leisten konnte, mehr wollte er doch gar nicht! Aber das Leben schien ihn auszulachen, immer neue Gemeinheiten warteten auf ihn. Jetzt kam er um Askaban wohl nicht mehr herum, wenn ihn die Auroren erwischten. Wobei das wahrscheinlich noch die leichtere Alternative war, denn die andere Möglichkeit war der Lord, weil das, was dieser von ihm verlangen würde, konnte er einfach nicht. Severus hatte als Jugendlicher mit schwarzer Magie experimentiert, das stimmte, aber die Überzeugungen der Todesser hatte er nie geteilt. Ja, er hatte seinen Hass auf Muggel, zumindest auf einige Wenige, aber das hatte nicht den Grund, dass sie Muggel waren, sondern dass sie mit seinem Vater tranken. Seit sein Vater diese Männer kannte, veränderte er sich immer weiter zum Negativen. Aber er war weder der Meinung, dass nur Reinblüter wahre Hexen und Zauberer waren, noch wollte er die Muggel beherrschen oder vernichten. Er wollte doch einfach nur seine Ruhe haben! Aber nicht einmal das gönnte man ihm.

Verzweifelt rutschte der junge Mann an der Wand entlang nach unten, bis er in der Dusche saß. Er legte das Gesicht auf die angezogenen Knie, verbarg seine Verzweiflung auf diese Art. Irgendwie wurde es immer nur schlimmer, nie besser für ihn. Welche Götter hatte er verärgert, sodass sie ihn so bestraften? Was sollte er nun tun? Spionieren, so wie Regulus? Konnte er das, obwohl seine Okklumentik-Kenntnisse so mangelhaft waren? Gestern hatte es gereicht, aber so leicht würde es der Lord ihm nicht immer machen. Sobald auch nur der Hauch eines Verdachtes da war, würde der Lord genauer nachsehen, und dann war es aus. Dafür müsste er deutlich besser in Okklumentik sein. Was genau bedeutete es eigentlich, ein Spion zu sein? Obwohl Regulus bereits seit einigen Monaten Todesser war, hatten sie nie genauer darüber gesprochen, was das für ihn bedeutete. Seit Lily und James hier waren, spionierte Regulus, gab alles an die beiden Potters weiter, was er erfuhr. Die gaben es dann an Dumbledore weiter, damit der Orden reagieren konnte. War der Überfall in der vorherigen Nacht das, was ihn erwartete? Konnte er das, selbst wenn er es im Auftrag Dumbledores machte? Ihm wurde bewusst, dass er es machen musste, wenn er keinen Verdacht erregen wollte. Und wahrscheinlich hatte er nicht den Bonus, so wie Regulus – das fiel ihm jetzt wieder ein – dass er nicht mit zu den meisten Überfällen musste, weil er wichtigere Arbeiten im Labor erledigen musste. Was hatte der Lord gestern gesagt? Er sollte lernen, seine Magie einzusetzen.

SEINE MAGIE? Severus zuckte zusammen. Dann fühlte er in sich hinein. Tatsächlich, er konnte dieses Kribbeln wieder spüren! Er war wieder ein Zauberer! Seine Augen leuchteten auf, wenigstens für einige Momente. Doch dann sank er erneut in sich zusammen, denn wenn er Magie hatte, konnte er sich auch intensiver an den Überfällen beteiligen. Egal, wie sehr er sich seine Magie zurück gewünscht hatte, jetzt hätte er sie am liebsten auf immer verloren.

„Severus? Sev, bist du in Ordnung?“, hörte er die besorgt klingende Stimme von Regulus durch die Tür, ebenso wie ein schnelles Klopfen. „Brauchst du Hilfe, Sev?“

„Nein, alles in Ordnung.“, brachte Severus heraus. Er wollte seinem Freund keinen Kummer machen. Regulus hatte genug mit sich selbst zu tun, da brauchte er nicht auch noch Sorgen um ihn haben. „Ich komme gleich!“ Hastig stand er auf, wusch sich fertig, dann drehte er das Wasser ab und trocknete sich mit dem Handtuch. Schnell zog er sich an und ging in ihr gemeinsames Zimmer. Regulus wartete auf ihn, so wie Severus es erwartet hatte, und wirkte noch immer mehr als besorgt. Einem Impuls folgend trat Severus zu ihm, legte ihm die Arme um die Schulter, zog ihn zu sich und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Regulus' Augen begannen zu leuchten, die Sorge verflog, und sie schlossen sich, als der Jüngere den Kuss erwiderte. Sie vertieften ihn nicht, so weit wollten und konnten sie gerade nicht gehen, aber es tat ihnen gut, zeigte ihnen mal wieder, wofür sie kämpften. Als Regulus seine Hände in Severus' Haare wühlte, musste er schmunzeln. Normalerweise nutzte Severus einen Fön, doch heute hatte er es offenbar vergessen. Aber Regulus erinnerte sich wieder daran, was er am Morgen getan hatte. Er löste sich schmunzelnd von Severus, ging zum Bett und griff in seine Umhängetasche, in der seine Bücher für die Uni waren. Jedenfalls normalerweise. Heute lag nur eine lange, schmale Schachtel darin. „Bitte!“, reichte er sie an Severus weiter.

Dessen Augen weiteten sich. „Das ...“

„… ist dein neuer Zauberstab, richtig!“, nickte Regulus ermunternd. „Sieh es als verspätetes Geburtstagsgeschenk an. Probiere ihn!“

Stimmt, fiel Severus ein, er hatte vor einigen Tagen Geburtstag gehabt. Doch jetzt war er neugierig. Ehrfürchtig hob er den Deckel, dann griff er langsam und vorsichtig hinein. Der Stab war dunkel, wie sein früherer, aber er fühlte sich viel wärmer an. Es kribbelte richtig, sobald er ihm näher kam, obwohl er ihn nicht einmal berührte. Noch nicht. Andächtig fuhr er mit den Fingerspitzen über das glatt polierte, glänzende Holz. Das Kribbeln verstärkte sich, es war angenehm. Mehr als das. Es war wundervoll. Severus strahlte, ohne es zu bemerken. Lächelnd beobachtete Regulus ihn. So sollte es sein. „Robinienholz.“, erklärte er, was er von dem Stabmacher erfahren hatte. „Sehr zäh und widerstandsfähig. Im Inneren hast du zwei Kerne, einmal das Schweifhaar eines Thestrals, was sich laut dem Stabmacher für schwarze wie weiße Magie gleichermaßen eignet, vor allem zur Verteidigung. Das passt optimal zu dir, da du beide Arten in dir trägst. Sagt der Stabmacher jedenfalls. Es sind treue Stäbe, die immer wieder zu ihren Besitzern zurückkehren. Außerdem ist ein Diptam-Stängel enthalten, was ideal für Heilzauber ist. Scheint, als wäre das etwas, das deine Magie sehr gut kann. Behauptet jedenfalls der Stabmacher.“

„Wie kann der das aufgrund einer kurzen Berührung erkennen?“, staunte Severus. Er wusste, dass er beide Magiearten in sich trug, aber das hatte er nie jemandem verraten. Und auch, wenn er immer Tränkemeister hatte werden wollen, so lagen ihm Heilzauber schon von klein auf. Seit er seinen ersten Heilzauber – damals für kleine Kratzer auf der Haut – gelernt hatte, saugte er alles über dieses Thema in sich auf. Der Beruf des Heilers kam nur deshalb nicht in Frage für ihn, weil er Schwierigkeiten hatte, mit dem Tod umzugehen, was in dem Beruf aber unvermeidlich wäre. Seit dem Tod von Suavita und seiner Mum hatte er diesen Berufswunsch als unmöglich erkannt. Dennoch lernte er Heilzauber, einfach weil sie sehr nützlich sein konnten.

„Keine Ahnung.“, riss Regulus ihn nun aus seinen Gedanken. „Wie fühlt sich der Stab an?“

„Absolut perfekt.“, gab Severus zurück, der ihn nun aus dem Etui genommen hatte. Zwar sprühte er keine Funken, aber er war warm und lag in seiner Hand wie eine Verlängerung. Es war kein Fremdkörper, sondern Teil seiner Selbst, anders konnte Severus es nicht beschreiben.

„Sehr gut!“, strahlte Regulus. „Wenn du ihn nicht brauchst, dann lege ihn einfach auf dein Handgelenk, er wird sich wie ein Armreif darum schlingen, so hast du ihn immer griffbereit und musst keine Angst haben, ihn zu verlieren.“

Severus versuchte es, und war begeistert. Der Reif sah nicht aus wie ein Zauberstab, aber die Wärme und das Kribbeln waren geblieben. Nun fühlte er sich komplett. Dankbar küsste er Regulus erneut, diesmal intensiver. „Danke.“, murmelte er gegen die weichen, vollen Lippen.

„Gern geschehen!“, antwortete Regulus.

Severus' Blick fiel auf den Haufen Kleidung, den er am Abend einfach liegen gelassen hatte. Erst jetzt erinnerte er sich an das Stück Pergament, das darin lag. Unter den verwirrten Blicken durchsuchte er hastig die Hosentaschen, bis er den Schnipsel fand. Viel stand nicht darauf.

Severus,

es tut mir leid, dass ich Dir nicht helfen konnte. Hier kann ich nicht mehr sagen, aber ich würde Dich gerne treffen. Schicke mir eine Eule mit einer Nachricht, wann und wo. Falls Du Dich von den Werwölfen loseisen kannst. Mein Eindruck jedenfalls ist, dass Du nicht freiwillig dort bist. Ich hoffe, Du vertraust mir.

Alles Gute,

Hippocrates Smethwyck

„Was denkst du?“, fragte Severus und hielt Regulus den Zettel hin. „Smethwyck war der Heiler, der mich nach dem Biss behandelt hat. Er war wirklich immer da, hat mir geholfen. Eigentlich wollte er sich nach meiner Entlassung weiter kümmern, aber ich habe ihn nie wieder gesehen. Bis letzte Woche. Er kam mit Curtwick, als der den Banntrank ausgab. Vielleicht, um die Einnahme medizinisch zu überwachen, aber ich weiß es nicht, es wurde nie erklärt. Am letzten Abend hat er mir diesen Zettel zugesteckt, ich habe ihn bis gerade vergessen.“

„Es ist seltsam.“, erwiderte Regulus vorsichtig, nachdem er es gelesen hatte. „Irgendwie stimmt da eine Menge nicht. Du musst selbst entscheiden, ob du ihn triffst. Wenn du magst, bin ich dabei.“

Severus zog ihn an sich und küsste ihn. „Nochmal danke!“

„Immer gerne!“, murmelte Regulus, bevor er sich offensichtlich widerstrebend von ihm trennte. „Ich schätze, wir sollten nach unten, Lily und James warten bereits, und auch Dumbledore dürfte schon da sein.“ Im Gehen erklärte er weiter: „Ich denke, ich vertraue dem Alten so weit, dass du ihn in das Geheimnis einweihen kannst. Ich meine, alles sollten wir ihm nicht erzählen, aber es wird einfacher, wenn er herkommen kann. Dann können wir leichter mit ihm sprechen, ohne Angst haben zu müssen, dass ein Todesser dahinter kommt. Der Lord darf unter keinen Umständen davon erfahren.“

„Du hast Recht.“, gab Severus nach einem Moment zu. Eigentlich hätte er erst einmal lieber nur mit Regulus, und vielleicht Lily, gesprochen, aber es schien, als hätte er gerade keine Wahl. Nun fiel ihm ein, dass sie eigentlich geplant hatten, in die Höhle zu gehen, um den Horkrux zu holen. Verdammt, das war auch etwas, wovon der Lord auf keinen Fall erfahren durfte! Sie hatten wohl so Einiges zu besprechen. Aber vorher wollte er unbedingt einen Kaffee. Daher beschleunigte er seine Schritte und eilte in die Küche. Im Wohnzimmer sah er Harry und James, wie sie gemeinsam in einem Buch blätterten. Lily rumorte in der Küche und begrüßte Severus mit einer Tasse voll herrlich duftendem Kaffee. Er schenkte ihr ein dankbares Lächeln, dann widmete er sich erst einmal dem heißen Getränk in seiner Tasse.

„Albus ist bereits da.“, berichtete Lily. „Er versucht, unauffällig auszusehen, aber das gelingt ihm nicht wirklich. Gut, um diese Jahreszeit ist der Strand auch nicht wirklich ein Aufenthaltsort. Nicht sehr beliebt.“ Sie drehte sich zu Severus um und wirkte einen Zauber. „Alles Gute nachträglich zum Geburtstag!“, wünschte sie und reichte ihm ein kleines Päckchen. „Ich hatte gehofft, dass du rechtzeitig wieder hier bist, aber jetzt bist du ja da!“

„Auch von mir noch alles Gute nachträglich!“, kam es erneut von Regulus. Auch er umarmte ihn, skeptisch beobachtet von James. Der nickte Severus nur zu, sagte nichts. Das wäre vielleicht auch ein wenig übertrieben, Freunde waren sie sicher nicht.

Severus packte das Geschenk von Lily aus. Darin steckte ein Buch über Heilkräuter, magisch und nicht-magisch. „Albus hat es in meinem Namen besorgt, da ich nicht nach draußen konnte. Ich hoffe, du bist immer noch so begeistert davon wie früher.“

„Danke Lily, das ist wirklich schön!“ Severus' Lächeln war ehrlich, seine Augen strahlten. Lily fiel ihm erneut um den Hals, weil sie sich über seine ehrliche Freude so sehr freute. Unbeholfen erwiderte Severus die Umarmung einen Moment, dann nahm er die Arme an seine Seite. Ihm fiel ein, dass er wohl auch für Lily etwas besorgen sollte, sie hatte ebenfalls noch im Januar Geburtstag. „Sollten wir Dumbledore nicht langsam einweihen und hereinholen?“, überlegte er.

Regulus nickte und begleitete Severus zum Strand. Er erklärte, dass Lily dem Weißhaarigen genau gesagt hatte, wohin er kommen sollte, sodass sie nur wenig aus den Schutzzaubern heraus mussten. Offensichtlich hatte es wie geplant geklappt. Nur eine Minute später waren sie, gemeinsam mit Dumbledore, wieder im Garten und auf dem Weg zum Haus. Die beiden ehemaligen Slytherins entspannten sich sichtlich. Dumbledore hingegen sah aus, als befände er sich auf einem normalen Spaziergang. Neugierig blickte er sich um und sah die vielen Beete, die jetzt im Winter kahl waren, in denen Severus letzten Sommer aber viel Gemüse und ein wenig Obst gezogen hatte. Obstbäume säumten den Weg vom Strand zum Haus, dazwischen wuchsen Johannisbeersträucher und Himbeerstauden. Das weiße Haus mit den blauen Fensterrahmen erinnerte an südliche Länder, es wirkte einladend. Die Türmchen ließen es ein wenig verspielt aussehen. So etwas hatte der frühere Schulleiter und jetzige Anführer im Kampf gegen den dunklen Lord ganz offenbar nicht erwartet.

Dumbledore begrüßte Lily und James, ließ zu, dass Harry seinen langen Bart befühlte, dann ergriff er den Tee, den Kreacher servierte. Der Hauself ging mit Harry in den Garten, wo ein Sandkasten und eine Rutsche auf ihn warteten. Damit war er sicher die nächste Zeit beschäftigt.

Erkennend, dass Severus sicher kurz hören wollte, was in den letzten Wochen passiert war, ergriff Regulus das Wort: „Sev, als du nach Vollmond nicht aus dem Wald kamst, haben wir uns Sorgen gemacht. Wir wollten suchen, doch Kreacher war sicher, dass du nicht mehr darin warst. Seine Magie konnte erkennen, dass ein anderer Werwolf dich mitgenommen hat. Erst da habe ich den Fehler in meinem Befehl erkannt, denn Werwölfe konnten natürlich in den Wald hinein. Allerdings hättet ihr nicht rauskommen sollen, aber Kreacher hat den Schutz so gewirkt, dass du nicht herausgehen konntest. Mit einem Portschlüssel hat er natürlich nicht gerechnet. Deshalb war es für Greyback so leicht, dich zu entführen. Das tut mir leid.“

„Midnight.“, unterbrach ihn Severus. „Ich habe meinen Wolf Midnight genannt. Und gib dir nicht die Schuld, ich habe auch nicht daran gedacht. Es war so unwahrscheinlich, dass niemand von uns auch nur die Idee hatte.“

„Midnight ist ein schöner Name, ich denke, er passt perfekt!“, lächelte Regulus, dann wurde er wieder ernst. „Uns war beinahe sofort klar, dass Greyback dich entführt hatte, denn dass du freiwillig mit ihm gehst, das nahm nicht einmal James an. Also haben wir Kontakt mit dem Orden aufgenommen und überlegt, wie wir dich da rausholen könnten. Immerhin wissen wir, dass Greyback hinter dem Lord steht, genau wie seine Wölfe, zumindest soweit, wie sie Magie in sich haben. Leider gibt es nicht nur ein Rudel unter seiner Führung, daher wussten wir nicht, wo wir nach dir suchen sollen und mussten warten, bis du auftauchst. Also haben wir an anderen Dingen gearbeitet. Ich wohne jetzt auch offiziell nicht mehr bei meinen Eltern, auch wenn ich ihnen nicht genau gesagt habe, wo ich bin. Dem Lord ist es egal, Hauptsache, ich habe mein eigenes Labor. Lily und ich haben den Trank beendet. Wir und auch Professor Dumbledore ...“

„… der dir schon mehrmals gesagt hat, dass du ihn Albus nennen sollst.“, unterbrach diesmal Dumbledore. „Ich bin kein Professor mehr und werde wohl auch keiner mehr werden, dafür habe ich zu viele Fehler gemacht. Lily und James sind bereits aktiv im Orden, dort sprechen wir uns alle mit den Vornamen an. Regulus, du nimmst das Risiko auf dich, für mich zu spionieren, daher gilt das auch für dich.“ Nun blickte er Severus an. „Ich hoffe, es ist auch für dich in Ordnung.“ Severus zuckte die Schultern, das konnte er sich derzeit nicht vorstellen, aber er sagte nichts. Erst einmal wollte er den Älteren kennen lernen. Vertrauen musste er sich verdienen, bislang hatte Severus keinen Grund, dem früheren Schulleiter zu vertrauen, zu viel war unter seinen Augen passiert, ohne dass er eingeschritten war.

„In Ordnung. Also, Albus und wir haben übereinstimmend die Meinung, dass der Trank funktionieren müsste. Allerdings hatten wir bisher noch keine Gelegenheit, es auszutesten. Wenn es soweit ist, wird Albus den Lord herausfordern, um sicher zu gehen, dass er nicht in die Höhle gehen kann. James hingegen hat sich bereit erklärt, den Horkrux zu holen.“

Severus fuhr herum und sah seinen nun wohl ehemaligen Feind irritiert an. Der hob die Augenbraue in einer perfekten Imitation des Slytherin, dann grinste er. „Das hättest du wohl nicht erwartet, hm?“ Sein Lächeln verschwand und er wurde ernst. „Aber wir haben keine Wahl. Regulus ist Todesser, wenn er nicht in der Nähe des Lords ist, könnte er sich sofort ‚Verräter‘ auf die Stirn tätowieren lassen. Lily steht außer Frage nicht zur Verfügung. Du hattest bis gestern keine Magie, und selbst jetzt musst du erst wieder lernen, damit umzugehen, dir fehlen gut vier Jahre Erfahrung. Ich bin angehender Auror, inzwischen übrigens wieder im Training, wenn auch nicht draußen, das ist Moody zu gefährlich. Wenn einer von uns auf das vorbereitet ist, was dort ist, dann doch wohl am ehesten ich. Noch jemand wollen wir nicht einweihen, dieses Wissen ist einfach zu gefährlich.“

„Stimmt.“, nickte Severus und wandte sich an Regulus. „Gibt es eine Möglichkeit, dieses Wissen, und so einige Dinge mehr, in meinem Kopf zu verstecken? Ich werde bald wieder zum Lord müssen, und wenn er in meinen Kopf kommt, weiß ich nicht, wie gut ich all das verbergen kann. Es gelang mir gestern, die Dinge herauszuhalten, die er nicht sehen durfte, doch es war mehr als schwer. Lange werde ich es nicht schaffen. Gestern hat er nicht weiter gesucht, ansonsten wären wir bereits aufgeflogen.“

Während dieser Rede wurde Regulus blass und blasser. „Scheiße, daran hatte ich nicht einmal gedacht!“, wisperte er. „Ich war so darauf fixiert, dich irgendwie da rauszuholen, dass ich komplett vergessen habe, wie weit du in Okklumentik bist! Es tut mir leid, Sev.“

„Es ist nichts passiert.“, beruhigte Severus. „Aber das darf es auch in Zukunft nicht. Kannst du es verstecken?“

„Das werden wir direkt machen.“, versprach Dumbledore. „Severus, vertraust du mir soweit? Oder soll es Regulus machen?“

„Ich mache es.“, nahm ihm Regulus die Entscheidung ab. Er wusste, dass Severus dem Älteren nicht vertrauen würde, noch lange nicht, aber auch niemanden beleidigen wollte. Immerhin war Albus hier, um ihnen zu helfen. Gut, er brauchte auch ihre Hilfe, aber dennoch. Außerdem wollten sie beide nicht, dass ihre Beziehung jetzt schon bekannt wurde. „Sev, konzentrier' dich auf die Dinge, die du verstecken willst, in Ordnung?“ Severus nickte. „Ich komme jetzt in deinen Kopf, und dann werden wir sie so wegpacken, dass du dich zwar daran erinnerst, sie aber weder absichtlich noch versehentlich verraten kannst. Auch nicht unter Legilimentik. Es wird ein wenig unangenehm und du hast wahrscheinlich die nächsten Stunden Kopfschmerzen, aber danach sollten keine Nebenwirkungen mehr auftreten.“

Erneut nickte Severus. Er sah Regulus in die Augen und spürte, wie sanft der Jüngere in seinen Kopf eindrang. Nach und nach versteckten sie das, was der Lord nicht erfahren durfte. Ihre Beziehung – sie wollten sich nicht erpressbar machen – und das Wissen über die Horkruxe, die Tatsache, dass Lily und James mit Harry hier lebten, ihre Spionage und die Zusammenarbeit mit Dumbledore, selbst alle Hinweise, mit denen man vielleicht erraten konnte, in welcher Gegend das Haus hier stand. Für Severus fühlte es sich seltsam an. Das Wissen war da, aber irgendwie versteckt und nicht so deutlich wie zuvor. Wobei versteckt der falsche Ausdruck war, denn es wirkte eher so, als wäre es eigentlich gar nicht da, und doch konnte Severus es in seinem Geist erkennen. Sobald Regulus die Verbindung löste, spürte Severus die Kopfschmerzen. Doch das war ein geringer Preis und er nahm ihn gerne in Kauf.

„Okay, dann weiter.“, gluckste Dumbledore, als er sah, dass sie fertig waren. „Viel ist in den letzten Wochen nicht passiert, das können wir in wenigen Sätzen zusammen fassen. Lily hat mich kontaktiert und ich habe mehrmals mit Regulus gesprochen. Dank seiner Informationen konnten wir bereits zwei Überfälle vereiteln. Inklusive dem gestrigen. In dem kleinen Dorf leben drei meiner engsten Mitarbeiter mit ihren Familien, deshalb hat Riddle dieses Ziel ausgewählt. Leider starb einer von ihnen, genau wie zwei der Frauen. Ansonsten gab es mehrere Verletzte, von denen die Meisten allerdings bereits wieder aus dem St. Mungos entlassen werden konnten. Einer wurde gebissen und infiziert, er liegt noch im St. Mungos. Heiler Smethwyck kümmert sich um ihn.“

„Das ist gut.“, entfuhr es Severus. Er dachte erneut an die Begegnung und den mehr als seltsamen Brief, tauschte einen Blick mit Regulus. Wortlos entschieden sie, das erstmal nicht zu erwähnen. Als er sich umsah, erkannte er, dass alle Anwesenden ihn ansahen. „Er hat sich um mich gekümmert, als ich dort war. Zumindest bis fast zum Ende. Eigentlich wollte er dableiben, aber er hatte mit seiner Familie bereits Urlaub gebucht, daher hat er sich dann doch entschlossen, seinen Urlaub zu nehmen. Er hat mir sehr geholfen und hatte mir auch angeboten, dass ich zu ihm kommen kann, wenn ich entlassen bin.“ Severus verstummte, die Gründe, warum er nicht zu ihm hatte gehen können, wollte er hier nicht ausbreiten. Zum ersten Mal überhaupt sprach er über die Zeit im Krankenhaus. Noch nicht einmal mit Regulus hatte er jemals darüber gesprochen.

„Der Heiler hat sich übrigens nach dir erkundigt, Severus.“, sprach Dumbledore weiter. „Er würde sich freuen, von dir zu hören, meinte er. Er wusste nicht, dass ich nicht mehr in Hogwarts unterrichte, er dachte, ich hätte dadurch möglicherweise noch Kontakt zu dir.“

Severus zuckte die Schultern. Er hatte bis letzte Woche lange nicht mehr an den Heiler gedacht, war ihm aber immer dankbar. Ohne ihn hätte er es wohl nicht so leicht überstanden. Wobei leicht wohl ein wenig falsch ausgedrückt war. Jetzt war er ziemlich verwirrt, doch bis er Antworten bekommen würde, dauerte es sicher noch eine Weile. Aber darüber wollte er gerade nicht sprechen. Fieberhaft suchte er nach etwas, um das Thema zu wechseln. „Das Kind! Haben sie es gefunden?“

„Kind? Welches Kind? Wovon redest du?“, wunderte sich Dumbledore.

„In einem der Häuser war ein Kind, ein Baby.“, erklärte Severus hastig. „Regulus und ich, oder besser Midnight, haben es gefunden. Es war ganz alleine. Regulus hat es in eine Decke eingewickelt, und Midnight trug es nach draußen. Auf halber Höhe des Hügels, auf dem sie waren, habe ich es in ein Gebüsch gesteckt. Ich habe extra einige Spuren gemacht, damit es gefunden wird. Bitte sagen sie mir, dass sie es gefunden haben!“

„Oh, der kleine Alex! Ja, wir haben ihn gefunden.“, nickte Dumbledore verstehend. „Der arme Kleine, er ist nun ein Halbwaise, seine Mutter starb. Der Vater wurde heute aus dem Krankenhaus entlassen, er ist mit dem Kleinen in meinem Haus in Godric's Hollow. Das ist ebenfalls geschützt, aber es ist zu klein, um viele Menschen unter zu bringen. Dann warst du auch der Wolf, der Emily und ihre Kinder gerettet hat? Sie waren in einem der anderen Häuser versteckt und meinten, ein schwarzer Wolf und ein Todesser hätten sie nach draußen gebracht. Ich habe dieses Wissen bereits aus ihrem Kopf gelöscht, es wäre zu gefährlich, wenn es sich herumspricht.“

Nickend stimmte Severus zu. Nun berichtete er, wie Greyback zu ihm gekommen war und ihn mitgenommen hatte. Auch über das Leben im Rudel sprach er, wenn auch nur kurz. Genauer erzählte er, was bei dem Überfall und bei seiner Aufnahme bei den Todessern passiert war. Immer wieder schauderte er und war froh, dass Regulus neben ihm auf dem Sofa saß. Sie hatten keinen Körperkontakt, aber die Nähe half dennoch. Lily und James saßen auf dem Sofa ihnen gegenüber, sodass sie Harry und Kreacher im Blick hatten, und Dumbledore hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht. Er wirkte nachdenklich. „Hm, ich denke noch immer, es war eine gute Lösung, um Severus aus dem Rudel zu holen.“, überlegte er. „Wobei wir auch jemanden bräuchten, der in den Rudeln versucht, die Werwölfe auf unsere Seite zu ziehen.“

„Vergessen sie das.“, schüttelte Severus entschieden den Kopf. „So lange sich kein Umdenken in der Bevölkerung abzeichnet, wird keiner der Wölfe auf ihre Seite kommen. Das kann ich mir nicht vorstellen. Greyback wiegelt sie mit Hilfe des Lords auf. Außerdem haben so gut wie alle schlechte Erfahrungen in unserer Welt gemacht. Die Menschen verachten, ja sie jagen und töten uns Werwölfe. Die Tatsache, dass Lupin und ich so schwer bestraft wurden, für das was wir sind, nicht für etwas, das wir taten, hat sich schnell bis zu ihnen durchgesprochen. Sie alle stehen fest hinter Greyback, denke ich, da beißt man sich die Zähne aus. Selbst wenn jemand Greyback herausfordert und besiegt, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie auf unsere Seite kommen. Keiner denkt wie ich, sie alle sind überzeugt, dass sie mit Gewalt ihre Rechte durchsetzen müssen, ansonsten haben sie keine Chance. Denke ich jedenfalls. Ich habe zu niemandem näheren Kontakt, selbst wenn sie anders als Greyback denken würden, sie vertrauen mir nicht. Gegen das Ministerium haben sie keine Chance ohne den Lord, da sind sie sicher. Und seien wir ehrlich, so sieht es doch aus. Ich wurde vom Gamot verurteilt, weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Meine Magie wurde versiegelt und ich wurde aus der magischen Bevölkerung quasi ausgeschlossen. Sie haben mich zu meinem Vater gebracht, dort wurde ich in ein Loch gesperrt, das die Auroren für mich geschaffen haben! Ich wurde mit Silber an die Wand gekettet, angeblich, damit ich mich bei Vollmond nicht verletzen kann. Darauf haben sie sich hinausgeredet, es diene meinem Schutz! Das ist doch lächerlich! Über vierzehn Monate steckte ich in dem Verlies, bis ich endlich entkommen bin. Und als ich dann in London im Ministerium um Hilfe bat, wurde ich erneut eingesperrt. Die Vollmondnächte verbrachte ich in einer Gefängniszelle. Dabei gibt es einen Trank, und das schon länger, der hilft. Greybacks Wölfe testen ihn für einen Tränkemeister, doch ich habe gehört, dass unser Ministerium ihn nicht veröffentlichen will, weil – und jetzt kommt der beschissene Witz – dann die Wölfe ja noch kontrollierter zuschlagen können! Uns Werwölfen wird die Hilfe versagt, weil vielleicht einige dann ihre Kontrolle negativ nutzen könnten! Und da wundern sie sich, dass die Werwölfe lieber dem dunklen Lord folgen, der genau weiß, wie er sie ködern kann? Der ihnen genau das versprochen hat und immer wieder neu verspricht, was sie sich erhoffen? Ändern sie die Gesetze, ändern sie das Denken der Menschen, dann haben sie eine Chance, dass die Wölfe ihre Meinung ändern, aber dafür müssen sie sich erst beweisen!“

„Hey, Sev, beruhige dich!“ Regulus legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Du hast Recht, genau das sage ich schon die ganze Zeit, aber im Moment können wir nichts ändern. Im Gamot sind zu viele, die magische Wesen nicht als gleichwertig sehen, und so lange sie dort sitzen, wird sich nichts ändern. Es tut mir leid, dass du all das durchmachen musst, nur weil mein Bruder das für eine grandiose Idee hielt. Aber jetzt müssen wir sehen, dass wir das Beste aus allem machen, deswegen sind wir hier. Du hast offenbar wirklich Pech mit uns Blacks, meinem Bruder hast du es zu verdanken, dass Lupin dich gebissen hat und all das, und meinetwegen wurdest du zum Todesser. Es tut mir wirklich leid, ich...“ Er unterbrach sich und biss sich auf die Lippe, Schuld sprach aus seiner ganzen Haltung und seinem Blick. „Ich hätte eine andere Lösung finden müssen.“

Severus schüttelte den Kopf und lächelte, wenn auch leicht gequält. „Es gab keine andere Lösung, jedenfalls nicht in der Kürze der Zeit. Ich bin froh, dass du so schnell reagiert hast.“ Er erinnerte sich an die Momente, als Greyback immer näher gekommen war. Lange hätte er ihm nicht mehr ausweichen können. Und was dann passiert wäre, wollte er sich nicht vorstellen. Warum blieben die anderen Werwölfe bei ihm? Schließlich schien er mit allen so umzugehen, sie als sein Eigentum zu betrachten. War es der Preis für ihren Schutz? Seine Augen weiteten sich. Das passte alles zusammen!

„Severus?“, riss ihn Dumbledores Stimme aus seinen Überlegungen. „Welchen Gedanken hattest du eben? Es schien, als wäre dir etwas aufgefallen.“

Der Schwarzäugige warf zunächst einen Blick auf Regulus, der noch immer schuldig aussah, zerfressen von schlechtem Gewissen. Beruhigend lächelte er ihm zu. „Reg, es ist gut.“, versicherte er ihm. Dann wandte er sich an Dumbledore. „Ich habe einige Dinge beobachtet, während ich im Rudel war. Ich denke, die Werwölfe bekommen Schutz von Greyback und dadurch vom Lord, im Gegenzug ...“ Er schluckte kurz. „… im Gegenzug nimmt sich Greyback, was er will.“

Entsetzte Blicke trafen ihn. „Er … er verlangt Sex für Schutz?“, keuchte Lily auf. Ihr Blick zeigte mehr als deutlich, was sie eigentlich fragen wollte: Hat er das mit dir auch gemacht?

„Ich denke es.“, nickte Severus. „Ich kann es nicht beweisen, aber die Anzeichen sind da. Direkt gesehen oder gehört habe ich es nicht. Und nein, Lily, bisher kam er mir nicht zu nahe. Jedenfalls nicht so sehr. Er hat gezeigt, was er gerne hätte, aber ich kam rechtzeitig weg.“ Er schauderte erneut.

„Verdammt, wir müssen dich schützen!“, entfuhr es James, der bisher nichts gesagt hatte. Auch, wenn er sicher nie ein enger Freund der ehemaligen Slytherins sein würde, aber das wünschte er niemandem. Sie alle wussten, dass es auch beim Lord immer wieder zu derartigen Übergriffen kam. Die Todesser kannten auch mit ihresgleichen keine Gnade, wie es schien.

„James hat Recht.“, stimmte Dumbledore bedächtig zu.

„Natürlich hat er Recht!“, echauffierte sich Lily. Sie stand auf und stellte sich hinter Severus, legte ihm die Hand auf die Schultern. „Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass Sev etwas passiert! Er hat unser Leben gerettet, wenn auch nicht bewusst, aber es ist so. Niemand sollte Angst davor haben müssen, irgendwann vergewaltigt zu werden! Sev hat schon so viel mitgemacht, das reicht für mehr als ein Leben!“

„Aber wir können nicht verhindern, dass er zurück zu Riddle muss.“, seufzte der Weißhaarige. „Sobald jemand das Mal hat, bekommt Riddle die Kontrolle über denjenigen. So lange Severus und Regulus das Mal haben, können sie ihm nicht endgültig entkommen.“

„Aber ...“, begann Lily.

„Lil, er hat Recht.“, unterbrach Severus und drehte sich zu ihr um. Er sah ihr fest in die Augen. „Wir haben das Mal. Das ist nicht nur ein äußerliches Zeichen. Er kann uns darüber rufen, es ist wie eine Art Navigationshilfe. Sobald es brennt, kann man zu ihm apparieren, auch wenn ein Schutz über der Gegend liegt. Das Mal ist wie eine Eintrittskarte. Jeder ohne es wird abgewehrt.“

„Das ist richtig, aber nicht alles.“, nickte Regulus. „Verweigert man den Gehorsam, kann er unsägliche Schmerzen bereiten. Nur, indem er das Mal aktiviert. Es gibt keine Möglichkeit, auszusteigen, sobald man einmal dabei ist, außer den eigenen Tod.“ Er löste seinen Blick von Lily und sah in Severus' Augen. „Ich hätte dich niemals dem aussetzen dürfen. Es tut mir leid.“

„Hör auf, dich zu entschuldigen, Reg, du bist doch kein Gryffindor.“, stoppte ihn Severus mit einem Augenzwinkern in Richtung von James. „Wir sind nicht umsonst Schlangen. Nun werden wir ihnen zeigen, was Schlangen auszeichnet. List und Hartnäckigkeit.“

Regulus straffte sich und erwiderte den Blick. „Schlangen werden die Schlange besiegen.“, nickte er. Er sah zu Dumbledore. „Sie haben ihre Spione. Aber sie müssen Vorbereitungen treffen, sodass wir am Ende auch ihren Schutz haben. Wir werden unser Leben und unsere Unversehrtheit wieder und wieder riskieren müssen, es ist unser gutes Recht, einen entsprechenden Schutz zu fordern. Wir fordern einen Schwur bei ihrer Magie, Dumbledore, dass wir nicht für das zur Verantwortung gezogen werden können, was wir in ihrem Auftrag für den Lord tun.“

Dumbledore grübelte und nagte an seiner Unterlippe. Unter keinen Umständen wollte er einen derartigen Schwur leisten, aber so, wie Lily und James ihn ansahen, waren sie einer Meinung mit Regulus. Es schien, als bliebe ihm nichts anders übrig. Zähneknirschend leistete er den Schwur, unter den Augen von Lily, James, Severus und Regulus. Diese Vier waren starke Verbündete, aber auch gefährliche Gegner. Nie hätte er geglaubt, dass gerade die beiden früheren Slytherins sich so entwickeln könnten.

Lily entspannte sich, als Albus Dumbledore den Schwur vollendet hatte. Er würde ihnen nicht mehr gefährlich werden, ansonsten verlor er seine eigene Magie. Das würde er niemals riskieren. Sie drückte einmal kurz die Schulter von Regulus, dann die von Severus, danach setzte sie sich wieder zu James. „Ich denke, es wird Zeit, etwas zu essen.“

„Das bedeutet, ihr werdet in Zukunft alles an mich weiterleiten, was ihr erfahrt?“, vergewisserte sich Dumbledore.

„Und sie werden dafür sorgen, dass niemand erfährt, wer sie mit Informationen versorgt.“, bestätigte Regulus.

„Da hätte ich vielleicht noch etwas, das euch helfen könnte.“, grinste James. „Ich habe in den letzten vier Wochen getüftelt, und gestern Abend habe ich es geschafft. Vielleicht muss ich ein wenig ausholen. Sirius“, er achtete nicht auf Severus' Zusammenzucken, „und ich hatten in unserer Schulzeit Zwei-Wege-Spiegel. Die haben wir genutzt, wenn wir getrennt voneinander nachsitzen mussten. Als Sirius verhaftet wurde, habe ich sie beide an mich genommen, um sicher zu gehen, dass sie nicht in die Hand des Ministeriums fallen, sie sind immerhin verboten.“

„Das sind schwarz-magische Gegenstände, natürlich sind sie verboten!“, schimpfte Lily.

„Liebling, sie sind zwar mit schwarzer Magie hergestellt worden, aber was sollte an zwei Spiegeln, mit denen man sich unterhalten kann wie mit einem Telefon, verboten sein? Ich meine, sie sind doch nicht gefährlich!“, rechtfertigte sich James. „Aber warte, was ich damit geplant habe. Ich habe sie verdoppelt und verkleinert, sodass man sie wie Taschenspiegel zusammengeklappt mit sich tragen kann. Es sind nun vier Stück. Einen behalte ich, je einer geht an Albus, Severus und Regulus. So können wir immer in Kontakt bleiben, ohne dass jemand mitbekommt, dass wir miteinander sprechen. Jeder Spiegel ist bereits präpariert, sodass er nur auf einen Namen reagiert. Wird man gerufen, so wird der Spiegel warm und vibriert, aber so, dass nur der Träger es mitbekommt. Man kann sich also zurückziehen, wenn man nicht alleine ist, und dann in Ruhe sprechen. Sinnvoll ist es nur, einen entsprechenden Zauber um sich zu legen, sodass wirklich niemand mithören kann.“

„Das … das ist genial.“, brachte Severus nach einer Weile heraus. „Danke!“

„Wir sind jetzt ein Team.“, gab James zurück. „Severus, ich möchte mich entschuldigen, für all das, was wir dir in der Schule angetan haben. Ich kann es nicht ungeschehen machen, aber es tut mir wirklich leid.“

„Oh, James!“ Lily konnte sich gerade nicht entscheiden, ob sie lachen oder weinen sollte. Also fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn.

„Es ist Vergangenheit, und das soll es auch bleiben.“, entschied Severus. In diesem Moment vergab er James all die kindischen Streiche, selbst die Demütigungen. Er konnte riechen, dass er aufrichtig war, die Entschuldigung war nicht nur so dahingesagt. James hatte ihm das Leben gerettet, auch wenn er selbst eine Weile gebraucht hatte, um es als echtes Leben zu sehen. Aber gemeinsam mit Regulus wollte er leben. Sie hatten noch einen langen Weg, aber sie hatten ein Ziel, wofür sie kämpften. Er stand auf und ging zu seinem ehemaligen Erzfeind. „Es ist vorbei.“ Feierlich gaben sie sich jetzt die Hände, drückten sie kurz.

„Na endlich!“, strahlte Lily und selbst Regulus nickte anerkennend.

„Schön, schön!“, gluckste Dumbledore. „Dann lasse ich sie hier nun alleine, zu lange kann ich leider nicht hier bleiben. Danke für den Spiegel, James, dadurch können wir in Kontakt bleiben.“

„Moment, was machen wir jetzt mit Severus' Magie?“, stoppte ihn Regulus. „Der Lord hat mich beauftragt, mit Severus zu trainieren, damit er ihn richtig einsetzen kann. Aber ich muss auch noch eine Menge Tränke brauen, und in die Uni muss ich auch, ich habe bereits die heutigen und gestrigen Vorlesungen verpasst, das kann ich nicht noch länger, ansonsten schaffe ich die Prüfungen nicht, und das kann ich mir nicht erlauben.“

„Wir werden mit Severus trainieren.“, versprachen Lily und James nach einem Blick.

„Ich werde mit dir Okklumentik lernen.“, schloss sich Dumbledore an. „Ich kann nicht täglich kommen, aber ich denke, wir werden schnell Fortschritte machen. Heute habe ich noch einige andere Pläne für den Nachmittag, aber morgen gegen Abend kann ich kommen.“

Severus nickte. „Gut, ich werde hier sein.“

Die nächsten Tage vergingen schneller als gedacht. Leider hatte er keine Zeit, sich mit dem Heiler zu treffen, obwohl er zu gerne wissen wollte, was dahinter steckte. Severus trainierte mit James und Lily, schnell lernte er das, was er in den letzten beiden Schuljahren verpasst hatte. Mit Hilfe seines neuen Zauberstabes fiel es ihm nicht besonders schwer. Er spürte seine Magie deutlicher als früher, brauchte nicht lange, um neue Zauber zu lernen. Die alten, die er bereits gelernt hatte, schaffte er auf Anhieb. Lily brachte ihm vor allem Verwandlung und Heilzauber bei, während sich James auf Verteidigung und Zauberkunst konzentrierte. Sie zeigten ihm, was sie konnten. Und Severus lernte. Jetzt zeigte sich der Vorteil, dass er zumindest die Theorie gemeinsam mit Regulus gelernt hatte, als er hierher kam. Nun musste er nur noch die Theorie in die Praxis umsetzen. Und das klappte ziemlich gut. Regulus ging entspannter als in den letzten Wochen in die Uni und zu seinem Meister. Die restliche Zeit verbrachte er, zumeist zusammen mit Lily und Severus, in seinem Labor, um die Tränke zu brauen, die der Lord forderte. Eine Wahl hatte er nicht. Dumbledore kam alle zwei bis drei Tage, um Okklumentik mit Severus zu lernen. Severus zeigte ein Talent dafür, er schaffte es innerhalb einer Woche, deutliche Verbesserungen zu erreichen. Sich verschließen konnte er bereits fast vollständig, als Dumbledore begann, und nach kurzer Zeit schaffte er es, bewusst Dinge zu zeigen, die der Gegenüber sehen durfte, und andere Dinge zu verheimlichen, ohne dass es offensichtlich wäre. Kein Wunder, er wollte schließlich nicht, dass Dumbledore zu viel erfuhr, also strengte er sich besonders an.

„Sehr gut!“, lobte Dumbledore am achten Tag. „Du hast ein unglaubliches Talent dafür!“

„Es ist notwendig, dass ich es so gut kann, dass der Lord keinen Verdacht schöpft.“, zuckte Severus die Schultern. Er mochte den Weißhaarigen nicht, der immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Er sorgte sich nicht um die Menschen um ihn herum, nutzte sie nur, als wären sie Bauern in einem Schachspiel. Dennoch sahen die meisten Menschen bewundernd zu ihm auf, als würde niemand hinter die Fassade des Weißhaarigen blicken können. Oder wollen. Aber auch wenn er ihn nicht leiden konnte, Severus wusste, dass er hier von einem sehr guten Okklumentiker und Legilimentiker lernte. Und das war wichtig für ihn. Ansonsten würde der Lord bald hinter seine Spionage kommen. Dieses Risiko war Severus nicht gewillt einzugehen. Das war der zweite Grund für seine Anstrengungen.

Am Abend fiel er vollkommen fertig ins Bett. Als Regulus kurze Zeit später aus dem Bad kam, schlief er schon fast. Der Jüngere legte sich zu ihm. „Alles gut?“, wollte er wissen.

„Nur müde.“, nuschelte Severus. Automatisch schmiegte er sich an Regulus. So schliefen sie jede Nacht, seit Severus wieder hier war. Immer wieder schreckte einer von ihnen aus Alpträumen hoch, was kein Wunder war, bei dem, was sie hinter sich hatten. Und vor sich, auch das stand außer Frage. Wenn man vom Lord gezeichnet wurde, dann musste man mitmachen. Egal, ob man das wollte oder nicht. Gemeinsam kämpften sie gegen die Dämonen, die sie verfolgten.

„Du hast viel gelernt in der letzten Woche.“, murmelte Regulus gegen Severus' Schläfe. „Ich glaube, du solltest mal eine Pause einlegen. Natürlich ist mir bewusst, dass du bereit sein musst, wenn er dich ruft.“

„Ich weiß. James hat heute angefangen, mit mir Apparieren zu lernen.“, antwortete Severus leise. Seine Augen waren geschlossen, er war wirklich vollkommen erschöpft. Natürlich hatte er das seinen Lehrern nicht gezeigt, das war auch Regulus klar, sonst hätten weder James noch Lily ihn so angespornt. Albus vermutlich schon. Inzwischen war auch Regulus klar, dass Albus Dumbledore nicht der nette Großvater war, als der er sich darstellte.

„Ich bin sicher, auch das schaffst du bald!“, schmunzelte Regulus. „Du bist mein großes Genie!“ Er hauchte einen Kuss auf Severus' Wange. „Und morgen machst du Pause, genießt einfach mal die Zeit.“

„Aber ...“

„Kein Aber!“, stoppte Regulus den Protest. Er küsste Severus auf die Lippen, um ihn am Sprechen zu hindern.

Leise brummend erwiderte Severus den Kuss, schmiegte sich an seinen Freund. Er war noch nicht so weit, den letzten Schritt zu gehen, aber er genoss die Nähe zu Regulus sehr. Vor allem die Streicheleinheiten, die er ihm zuteil werden ließ. Die Müdigkeit verflog, als Regulus' Finger auf Wanderschaft gingen. Diesmal erwiderte Severus vorsichtig die Zärtlichkeiten. Noch nie hatte er derartige Erfahrungen gemacht, im Gegensatz zu Regulus, der offen zugab, dass er bereits eine Beziehung hinter sich hatte. Als der Erfahrenere übernahm Regulus zumeist die Führung, aber Severus lernte schnell und wurde immer aktiver. Sie beide genossen jede Minute davon. Entspannt schliefen sie schließlich ein, Arm in Arm.

Tatsächlich machte Severus am anderen Tag Pause. Gut, ihm blieb nichts anderes übrig, denn Regulus holte sich Lily ins Boot. So blieb dem Schwarzäugigen keine Wahl. Nach dem Frühstück setzte sich Severus mit einem Buch – Lily achtete darauf, dass es eines war, das der Entspannung diente – auf die Terrasse. Regulus verschwand durch den Kamin zu seinem Meister, der heute ein größeres Experiment mit ihm plante. Möglicherweise kam er erst am nächsten Tag zurück. Der kleine Harry spielte in seinem Sandkasten. Zuerst passte James auf ihn auf, während Lily im Labor einige Heiltränke für sie alle braute, doch dann bat der junge Vater Severus, auf seinen Jungen aufzupassen, da er ins Bad wollte. Glücklich darüber war der Werwolf nicht, denn er hatte keinerlei Erfahrung mit Kindern, aber er war dankbar für das, was James für ihn tat, daher nickte er schließlich doch. So schwer konnte es doch nicht sein, auf ein eineinhalb-jähriges Kind aufzupassen, das friedlich im Sand spielte oder die Rutsche benutzte. Den Garten konnte der Kleine ohnehin nicht verlassen, dafür hatte Kreacher gesorgt. Der Hauself war gerade in der Küche, um das Essen zu richten.

„Da!“, riss ihn plötzlich eine kindliche Stimme aus seinen Gedanken.

Als Severus aufsah, erkannte er den kleinen Harry, der mit riesigen, grünen Augen vor ihm stand und ihm ein Sandförmchen voller Sand hinhielt. „Was …?“, wollte Severus wissen.

„Tuchen!“, grinste Harry mit seinen kleinen Zähnchen. Es sah aus, als hätte er selbst bereits Sand gegessen. „Lecka Tuchen!“

Severus zögerte. Wie sollte er jetzt reagieren? Auf keinen Fall wollte er Sand essen. Aber den Kleinen enttäuschen wollte er auch nicht. Er schüttelte verwirrt den Kopf, noch nie hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was ein Kind von seinem Verhalten denken könnte. Aber diese Augen, die ihn ansahen, waren die von Lily. Und Lily war einer von zwei Menschen, die ihm sehr viel bedeuteten. Alles. „Für mich?“, fragte er daher zögernd.

„Da!“, wiederholte Harry strahlend, als sich der Mann ihm zuwandte.

Zögernd griff Severus nach dem Sandförmchen. Er tat, als würde er probieren, dabei nutzte er seine Magie, um einen Teil des Sandes in den Sandkasten verschwinden zu lassen. Obwohl er seinen Stab nicht in der Hand hatte und auch keine Worte nutzte, klappte es. „Sehr gut.“, nickte er.

Der Kleine kicherte. „Lecka!“

Unwillkürlich erwiderte Severus das Lächeln. „Ja, das hast du gut gemacht, Harry.“, lobte er.

Harry strahlte. Ohne Vorwarnung kletterte er auf Severus' Schoß und machte es sich bequem. Verblüfft beobachtete Severus das. Er war so schockiert über das Verhalten, dass er nichts dagegen unternahm. Harrys sandverschmierte Hände deuteten auf das Buch. „Auch.“

„Ich soll dir vorlesen?“, riet Severus. Harry nickte energisch. Severus wirkte einen Zauber, diesmal mit dem Stab, das war viel einfacher als ohne, um Harry zu reinigen, damit das Buch nicht darunter litt. Mit einem weiteren Zauber rief er eines der Kinderbücher auf. Sich zurücklehnend hielt er Harry mit einem Arm fest, mit der anderen Hand griff er nach dem Buch. Mit ruhiger Stimme begann er zu lesen. Er merkte nicht, wie die Eltern des Kleinen zurück kamen. Sie blieben in der Schiebetür stehen, beobachteten schmunzelnd die beiden Schwarzhaarigen auf dem Liegestuhl. Nach und nach sank Harrys Kopf gegen Severus' Brust. Sobald Severus das Lesen einstellte, riss der Kleine die Augen wieder auf, daher las er einfach immer weiter, bis das leise, gleichmäßige Schnaufen verriet, dass Harry eingeschlafen war. Völlig unbewusst strich Severus' Hand über die wirren, schwarzen Haare des Kleinkindes. Er selbst merkte es nicht, aber Lily sah es umso deutlicher. Ihr gefiel, was sie sah.

Als sie sicher war, dass Harry fest schlief, nahm sie ihren Sohn aus Severus' Arm, um ihn ins Bett zu legen. „Gut gemacht!“, lächelte sie ihren besten Freund an. „Du wirst mal ein toller Vater.“

Entsetzt schüttelte Severus den Kopf. Nein, das wollte er sicher nicht! Die Erfahrungen, die er mit seinem eigenen Vater gemacht hatte, ließen in ihm sicher nicht den Wunsch aufkommen, eigene Kinder zu haben. Genausowenig das Drama, das sich mit Suavita abgespielt hatte. Selbst für ihn als Bruder war es das Schlimmste, was er je erlebt hatte. Er wollte sich nicht einmal vorstellen, wie es als Vater – oder Mutter – sein musste, das eigene Kind zu verlieren. Vielleicht war es doch zumindest irgendwie nachvollziehbar, dass sein Vater mit dem Trinken begonnen hatte. Severus fand es weiterhin schrecklich und war wütend, dass sein Vater sich nie wieder um ihn gekümmert hatte, aber zumindest ein klein wenig konnte er nun erkennen, womit er sich hatte rumschlagen müssen. Und niemand war dagewesen, um ihm zu helfen. Um Mama hatten sich die Ärzte gekümmert, überlegte er. Und auch das hatte nicht gereicht, sie konnte sich nicht aus dem Loch herausarbeiten. Am Ende beging sie Selbstmord. Das war mehr, als Severus je hatte erfahren sollen, aber einmal belauschte er seinen Vater, als er betrunken nach Hause kam und vor sich hin schimpfte. Seither wusste er das. Es hatte sein Leben nicht leichter gemacht.

„Alles in Ordnung? Sev!“ Lily rüttelte ihn an der Schulter, sie wirkte sehr besorgt. Harry war nirgendwo zu sehen, offensichtlich hatte James ihn nach drinnen gebracht, denn auch er war nicht mehr da. Irgendwie war er in letzter Zeit sehr häufig so sehr in Gedanken, dass er nichts mehr um sich herum mitbekam.

„Hm? Ja, ich war in Gedanken.“, antwortete Severus, noch immer ziemlich geistesabwesend.

„Vielleicht solltest du darüber reden.“, empfahl Lily ernst. „Wenn dich diese Gedanken so sehr ablenken. Das könnte gefährlich werden und ich will nicht, dass dir was passiert. Du weißt, ich bin da, wenn du reden willst. Oder auch Regulus. Wir machen uns Sorgen um dich.“

Severus dachte darüber nach. Lily hatte Recht. Es war gefährlich, mehr als das, wenn er so abgelenkt war. Seine Gedanken kreisten wieder und wieder um die gleichen Dinge. Wie oft hatte er schon überlegt, mit Regulus über seine Vergangenheit zu sprechen? Sie liebten sich und es war nur fair, wenn Regulus wusste, worauf er sich einließ, wenn er mit ihm zusammen war. Noch immer konnte er sich nicht vollkommen entspannen, wenn er unverhofft angefasst wurde, nicht einmal, wenn es Regulus war, obwohl er diesem mehr vertraute als sich selbst. Aber wollte, konnte er mit Lily reden? Regulus war nicht so oft im Haus, und auch er hatte eine Menge, die er verarbeiten musste. Dennoch wollte Severus unbedingt, dass er Bescheid wusste. Offenheit gehörte zu einer richtigen Beziehung dazu. Auch wenn er nur als sehr kleiner Junge das bei seinen Eltern erlebt hatte, daran konnte er sich erinnern. Seine Eltern hatten damals über alles miteinander gesprochen, und auch ihn selbst dazu erzogen, immer ehrlich zu sein. Sicher konnte ihm Lily besser helfen, weil sie immer da war, aber er wollte, nein, er musste mit Regulus reden. Andererseits, Lily ahnte schon Vieles, was mit seinem Vater zusammen hing. Wie oft hatte sie ihn als Kind getröstet, wenn sein Vater ausgerastet war? Wie viel hatten sie gemeinsam erlebt? Lily war die Einzige, die immer, wirklich immer, zu ihm gehalten hatte. Durfte er sie ausschließen? Ja, er durfte es, das wusste er, aber wollte er es auch? Oder wollte er nicht lieber, dass auch Lily Bescheid wusste? So wie es früher war, als sie noch keine Geheimnisse voreinander gehabt hatten? Wenn er an diese Zeit dachte, wurde ihm warm ums Herz. Ja, er wollte wieder diese Vertrautheit, diese Nähe zu Lily haben. Gleichzeitig aber auch zu Regulus. Als ihm das klar wurde, traf er seine Entscheidung. Er sah auf und begegnete Lilys abwartenden Blick. „Ich würde gerne mit euch beiden reden.“, wisperte er und schluckte. Ihm wurde deutlich leichter, als die Entscheidung nun getroffen war, gleichzeitig wurde ihm klar, wie schwer das noch werden würde.

Lily schien ihn zu verstehen. Sie legte ihm ihre schmale Hand auf die Schulter. „Wir werden da sein.“, versprach sie. „Und jetzt komm, Kreacher wartet schon mit dem Essen. Außerdem will Albus heute kommen, damit wir einige Dinge besprechen können.“

Severus ließ sich von ihr in den Stand ziehen – wobei das mehr symbolisch war – und sie gingen durch die Tür nach drinnen. James saß bereits am Tisch und blickte sie abschätzend an, sagte aber nichts. Severus war froh, dass er still blieb, gerade hatte er nicht die Nerven, sich mit ihm anzulegen, und sei es nur aus Spaß. Wobei James Potter ziemlich ruhig war, seit Severus aus dem Rudel zurück war. Es irritierte den ehemaligen Slytherin, weil er nicht einschätzen konnte, was das nun wieder bedeutete. Sie hatten Frieden geschlossen, aber Freunde würden sie wohl nicht werden. Kreacher servierte Lamm mit Kartoffeln und Bohnen, aber heute verlief das Essen merkwürdig ruhig. Normalerweise erzählte Lily etwas, oder sie unterhielten sich über das, was sie in der Zeitung gelesen hatten, aber heute wollte keiner die Stille durchbrechen. Severus war nicht ganz sicher, wie er das gerade fand, auf der einen Seite war er froh, nichts sagen zu müssen, auf der anderen Seite allerdings versank er dadurch erneut in seinen Gedanken. Langsam fühlte er sich damit überhaupt nicht mehr wohl, vor allem, weil Lily Recht hatte, das war eine große Gefahr, sobald er das nächste Mal vor dem Lord stand. Dort durfte er sich keinerlei Ablenkung leisten.

Noch bevor sie mit dem Essen fertig waren, färbte sich das Feuer im Kamin grün und Albus Dumbledore trat heraus. „Guten Appetit!“, wünschte er und setzte sich zu ihnen. Das Angebot, eine Portion mit zu essen, lehnte er ab, aber er nahm gerne eine Tasse frischen Tee an. Auch die anderen bekamen von Kreacher je eine Tasse, dann räumte er den Tisch ab.

„Du wolltest uns sprechen, Albus?“, begann Lily nach einer Begrüßung.

„Richtig.“, nickte der Weißhaarige. „Ich gehe davon aus, dass sie die Dinge, die wir heute besprechen, an Regulus weitergeben?“ Er bekam dreifaches Nicken, wobei James einen Moment zögerte, aber er schloss sich an. Dumbledore schien zufrieden und sprach weiter. „Ich habe mich mit dem Thema Horkruxe beschäftigt und versucht, mehr darüber herauszufinden. Ich bin froh, dass Severus und Regulus das herausgefunden haben, ansonsten hätten wir nur einen kleinen Sieg erringen können. Tom Riddle hat wohl tatsächlich mehrere Horkruxe geschaffen oder schaffen wollen. Wie weit er kam, weiß ich nicht. Allerdings habe ich mit Hilfe einiger Kontakte mehrere Theorien aufstellen können, darüber wollte ich euch heute informieren.“

„Wissen sie, wie viele er geschaffen hat?“, wollte Severus wissen.

„Was kann man als Horkrux nutzen?“, erkundigte sich James gleichzeitig.

„Zwei sehr gute Fragen.“, lobte Dumbledore. „Wie viele er geschaffen hat, weiß ich nicht, aber ich konnte herausfinden, dass er sieben Seelenteile schaffen wollte, das wären also sechs Horkruxe, da er einen Teil natürlich in seinem Körper hat.“ Zischend atmeten die drei Jüngeren ein. „Wir wissen ganz sicher von zweien.“

„Tatsächlich? Was noch?“, staunte James. „Ich dachte, wir wissen nur von dem Medaillon?“

„Ich habe mit einem früheren Kollegen gesprochen, dem Riddle als Schüler sehr nahe war.“, erklärte Dumbledore. „Ihn hat er damals gefragt, was passieren würde, wenn man seine Seele mehr als einmal spaltet. Aufgrund einer Erinnerung bin ich sicher, dass er damals bereits einen geschaffen hat, und zwar einen Ring. Ich kann mich nicht erinnern, ihn zu seiner Schulzeit gesehen zu haben, aber er trug ihn, als er mit diesem Kollegen sprach. Selbst in der Erinnerung fiel mit auf, wie dunkel die Aura dieses Ringes war. Das hätte ich in der Schule sicher gemerkt, daher gehe ich davon aus, dass er ihn nicht lange getragen hat. Wo dieser Ring allerdings jetzt ist, kann ich nicht sagen.“

„Er trägt einen ziemlich auffälligen Ring.“, unterbrach Severus. „Zumindest hatte er ihn an der Hand, als er mich gezeichnet hat. Ich habe nicht weiter darauf geachtet, aber es wirkte kalt in seiner Nähe.“

„Das dürfte es sein.“, nickte Dumbledore zustimmend. „Damit kommen wir zur zweiten Frage, was man als Horkrux-Behälter nutzen kann. Im Prinzip kann man alles nutzen, aber auch darüber habe ich mir Gedanken gemacht. Ich habe den jungen Tom Riddle noch vor seiner Schulzeit einmal getroffen und ich habe eine Theorie. Er sammelt Dinge, die ihm wichtig sind. Dinge, die ihn an seine Taten erinnern, welche Taten auch immer. Und ich vermute, dass er genau solche Dinge für seine Seelenteile benutzt. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, welche Gegenstände es sein könnten.“

„Und wenn wir sehen, dass wir das Medaillon baldmöglichst holen, vielleicht gibt es uns einen Hinweis?“, erkundigte sich James. Severus nickte zustimmend.

„Das ist die Lösung, auf die auch ich gekommen bin.“, stimmte Albus zu. „Jetzt müssen wir nur einen Weg finden, sicher zu stellen, dass Riddle uns nicht in der Höhle überrascht.“

„Du musst ihn beim nächsten Überfall auf dich nehmen.“, überlegte James. „Sobald wir von Regulus oder Severus einen Hinweis bekommen, musst du vor Ort sein, um Voldemort persönlich herauszufordern. Dadurch ist sichergestellt, dass ich in der Höhle nicht von ihm überrascht werde.“

„Du willst wirklich gehen?“, flüsterte Lily entsetzt. Man konnte ihre Angst richtiggehend sehen.

„Ich muss, es gibt keine andere Wahl.“ James nahm seine Frau beruhigend in den Arm. „Ohne dieses Medaillon kommen wir nicht weiter, und wir wollen doch die Welt sicher für unseren Kleinen machen. Harry soll es besser haben. Am liebsten wäre es mir, du würdest mit dem Kleinen verschwinden, aber ich fürchte, Voldemort ist immer noch hinter ihm her und würde euch folgen, sobald er auch nur den Hauch eines Hinweises hat.“

„Das fürchte ich auch.“, stimmte Albus zu.

Auch Severus nickte. „Harry wird in Gefahr sein, so lange der Lord lebt. Wenn der Lord davon ausgeht, dass Harry ihm gefährlich werden könnte, wird er nicht ruhen, bis er ihn erwischt hat.“

„Aber stimmt denn die Prophezeiung überhaupt?“, wandte Lily, plötzlich hoffnungsvoll, ein. „Ich meine, sie redet doch davon, dass er ihn sich als ebenbürtig kennzeichnet. Wie soll das denn gehen? Ich meine, dafür müsste er ihm doch begegnen, und das werden wir verhindern. Ist Harry dann überhaupt das Kind aus der Prophezeiung?“

„Ich glaube nicht an Prophezeiungen.“, knurrte James.

„Ich weiß es nicht.“, seufzte Albus als Antwort auf Lilys Frage. „Aber in einem bin ich mir sicher, Riddle glaubt an Prophezeiungen, er wird nicht ruhen, bis er an seinem Ziel ist. Und eines seiner Ziele ist, Harry zu vernichten. Meine Vermutung ist, dass Harry nur deshalb das Kind aus der Prophezeiung ist oder sein könnte, weil Riddle ihn dazu machen will. Ich denke, die Kennzeichnung als ebenbürtig können wir derzeit ausklammern, aber wer weiß, was passiert wäre, wenn er euch zuhause angetroffen hätte. Darüber will ich gar nicht erst nachdenken.“

„Ich auch nicht.“ Lily schauderte. „Das bedeutet, eigentlich ist Harry nicht das Kind aus der Prophezeiung, aber Voldemort könnte ihn dazu machen?“

„So verstehe ich es.“, nickte Albus.

„Er wird unseren Engel nicht in die Finger bekommen!“, schwor James. „Nicht, wenn wir es verhindern können.“

„Nein, wir werden alles tun, um ihn zu schützen.“, schloss sich Severus an. In seinen Gedanken sah er noch ein anderes kleines Kind. Suavita. Sie wäre inzwischen auch fast erwachsen. Wäre sie magisch gewesen? Aber eigentlich war es egal. Sie war ein Kind, und Kinder brauchten jeden Schutz, den sie bekommen konnten. Er sah auf, als er brennende Blicke auf sich spürte. Lily, James und Dumbledore starrten ihn irritiert und verwundert an. „Kinder brauchen die Erwachsenen, um beschützt zu werden.“, stellte er klar.

„Und ich dachte immer, du hasst Kinder.“, staunte James.

„Das habe ich nie. Aber ich kann nicht viel mit ihnen anfangen.“, gab Severus vorsichtig zurück. Er wollte nicht weiter darauf eingehen, nicht jetzt jedenfalls.

„Ich denke, das können wir ein andermal klären.“, stoppte Albus die aufkommende Diskussion. „Ich muss wieder zurück, ansonsten falle ich zu sehr auf. Das Ministerium ist mir ohnehin immer wieder auf den Fersen, da ich doch eigentlich meinen Ruhestand genießen soll. Sie halten nicht viel vom Orden, außer aber, er kommt Zivilisten zu Hilfe, wenn die Todesser auftauchen.“ Er schüttelte den Kopf. „Der Minister weiß wie immer nicht, was er will. Aber ich werde dennoch nicht aufhören, denn wenn wir darauf warten, dass das Ministerium sich um Riddle kümmert, dann können wir gleich alle auswandern.“ Er stand auf und wandte sich in Richtung des Kamins. Im letzten Moment drehte er sich noch einmal um. „James, ich gehe davon aus, dass du noch immer mit Sirius Black befreundet bist?“

„Natürlich, auch wenn er sich von mir noch etwas anhören darf dafür, dass er nicht nachgedacht hat, was er uns allen“, sein Blick traf Severus und wirkte gleichzeitig mitfühlend und entschuldigend, „angetan hat. Aber ich kann ihn nicht im Stich lassen, dafür waren wir zu lange und zu eng befreundet. Nochmal darf er sowas aber nicht bringen.“ Jetzt runzelte er die Stirn und blickte zu Albus. „Warum?“

„Wenn er im Herbst entlassen wird, braucht er sicherlich Hilfe.“, antwortete der Weißhaarige. „Ich fürchte, er wird niemanden haben, der sich um ihn kümmert, seine Familie hat sich von ihm losgesagt.“

„Nicht seine ganze Familie.“, kam es leise von Severus. Als erneut alle Blicke auf ihm lagen, biss er sich unruhig auf die Unterlippe. „Regulus liebt ihn nach wie vor.“

Dumbledores Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Regulus hat sich gegen seine Eltern gestellt?“

Severus nickte, jetzt sicherer. „Schon länger. Eigentlich schon in dem Moment, als sie Sirius verstießen, aber spätestens, als sie ihn an den Lord verkauft haben.“ Den letzten Teil spuckte er verächtlich aus. „Aber er hat sie immer glauben lassen, dass er auf ihrer Seite steht. Ich glaube nicht, dass er eine schöne Kindheit hatte.“

„Viele Reinblüter erziehen ihre Kinder mehr als streng.“, murmelte James. „Ich hatte Glück, weil meine Eltern schon glaubten, keine Kinder zu bekommen, als ich endlich unterwegs war. Sie haben mich nach Strich und Faden verwöhnt. Sirius hat ab und zu Andeutungen gemacht, und wenn das alles stimmt, will ich gar nicht wissen, wie es Regulus ging, als Sirius nach Askaban kam.“

„Dann kümmerst du dich darum, dass wir eine Lösung für deinen Freund finden, James?“, versicherte sich Dumbledore. James nickte. „Gut, danke. Dann verschwinde ich jetzt. Severus, ich würde heute Abend noch einmal kommen, damit wir eine weitere Einheit in Okklumentik lernen können.“

Severus nickte zustimmend. Ihm war klar, dass er, auch wenn er schnell lernte, gegen den Lord noch immer kaum eine Chance hatte, wenn der wirklich etwas suchen sollte. Eine oberflächliche Überprüfung hingegen schaffte er ohne Probleme. Das erleichterte ihn zumindest ein wenig.

Regulus kam am übernächsten Morgen vollkommen übermüdet nach Hause. Sein Meister hatte alles von ihm gefordert, aber ihr Experiment war geglückt. Während er sich ausruhte – schließlich musste er einen Tag später wieder zurück in die Universität – lernte Severus mit James schwarz-magische Zauber. Zunächst war der ehemalige Gryffindor eher unwillig gewesen, aber es war notwendig, um auf alles vorbereitet zu sein. Also hatten sie damit angefangen, und es zeigte sich schnell, dass auch James sehr gut mit ihnen klar kam, was dafür sprach, dass auch er zumindest zum Teil ein Schwarzmagier war. Eigentlich kein Wunder, die meisten Reinblüter hatten mehr oder weniger viel schwarze Magie in sich. Selbst wenn viele, die sich selbst zur weißen Seite zählten, das verschwiegen und verleugneten. Sie hatten sich eine intensive Diskussion geliefert, aber am Ende hatten James und sogar Lily eingesehen, dass es notwendig war, die andere Seite zu kennen, um sich zu schützen. Deshalb lernten sie es jetzt gemeinsam, James und Severus, denn Lily war die Einzige, die Schwierigkeiten damit hatte. Severus selbst konnte sie nach kurzer Zeit ohne Schwierigkeiten meistern. Allerdings musste er zunächst lernen, die Magie in sich zu dosieren. Weiß-magische Zauber waren meist deutlich einfacher zu lernen, deshalb lehrte man sie auch in Hogwarts zuerst, denn es war fast egal, ob man viel oder wenig Magie nutzte. Nur bei wenigen Zaubern musste die Magie dosiert werden. Bei schwarz-magischen Zaubern hingegen wirkte sich die Menge an verwendeter Magie direkt auf die Stärke des Zaubers aus, und umgekehrt. Das bedeutete, wirkte man den Zauber zu stark, konnte man sich theoretisch selbst schaden, denn wenn man es übertrieb, konnte es sein, dass man sich selbst die Magie komplett entlud, und das könnte sogar tödlich enden. Weder Severus noch James wollten das, also gingen sie sehr konzentriert an die schwarze Magie heran. Lily hingegen hatte deutliche Schwierigkeiten mit der dunklen Magie, aber Albus, den sie darauf ansprachen, erklärte, dass das bei Muggelgeborenen sehr häufig der Fall war, da diese meist sehr viel weiße Magie in sich trugen. Warum das so war, konnte niemand sagen. Natürlich konnte auch Lily dunkle Magie lernen, aber es war für sie wesentlich schwerer, kostete sie mehr Kraft. Daher hielt sie sich damit deutlich zurück.

„Woah, du bist gut!“, sprang Regulus aus der Flugbahn eines Zaubers, als er zu ihnen in den Keller kam. Der Zauber schlug in die Wand hinter der Tür ein, er war rechtzeitig aus dem Weg gelangt. „Offensichtlich hätte ich anklopfen sollen.“ Er nahm es relativ locker.

Severus war weiß wie die Wand. „Tut mir leid!“, stammelte er entsetzt. Er hatte ihn nicht kommen hören. Sein Herz raste, während seine Gedanken immer wieder in Dauerschleife den Vorfall gerade eben abspulten. Was, wenn Regulus nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen wäre? Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und seiner Oberlippe, die er hektisch abwischte.

Regulus trat zu ihm. „Ich bin okay. Es ist nichts passiert.“, beruhigte er. „Was für ein Zauber war das eigentlich?“ Einen derartigen Zauber hatte er noch nie gesehen, und er war sicher, ziemlich viel zumindest schon gesehen zu haben.

„Äh, einer, den ich selbst entwickelt habe.“, erklärte Severus, rot geworden. „Eigentlich wollte ich ihn als Erleichterung beim Brauen nutzen, um Zutaten zu schneiden, aber er ist auch sehr effektiv bei Gegnern. Auch, wenn er nicht so geplant war, so ist er doch sehr effektiv gegen Feinde. Ich habe ihn gerade James beigebracht.“

„Moment mal, selbst entwickelt? Wann denn das?“, wollte James wissen. Offensichtlich hatte er noch keine Ahnung davon gehabt. „Das hast du überhaupt nicht erwähnt! Das ist ja ... der Wahnsinn! So einen Zauber zu entwickeln, das ist höhere Magie. Du ... du hast die Schule nicht einmal beendet! Und was genau macht er eigentlich, dieser Zauber?“

„In der fünften Klasse, kurz bevor ...“ Severus brach ab, konnte es nicht in Worte fassen, aber jeder wusste, wovon er sprach. „Wie gesagt, er sollte mir helfen, die Zutaten zu schneiden. Er schneidet auch sehr effektiv, vor allem, wenn man versehentlich hineingreift.“ Er schauderte und sein Blick fiel auf eine längliche Narbe an seinem linken Handgelenk. „Seither kann ich auch den Gegenzauber.“ Er zeigte Regulus kurz den Schneidezauber, dann brachte er Beiden den Gegenzauber bei. Wer wusste schon, wann man den mal brauchte.

„Das klingt wie ein Lied.“, murmelte James, als er den Gegenzauber probierte.

„Das ist den meisten Heilformeln in der dunklen Magie eigen.“, wusste Regulus. „Wenn man sie tatsächlich singt, sind sie sogar noch effektiver. Ist aber schwer, wenn man sich gleichzeitig darauf konzentriert, die Magie zu dosieren.“

„Das wusste ich nicht.“, stellten Severus und James gleichzeitig fest.

Regulus kicherte leise. „Das sollten wir feiern, ihr seid euch tatsächlich einig!“ Das passierte tatsächlich eher selten, auch wenn sie nun nicht mehr verfeindet waren, sondern für ein gemeinsames Ziel kämpften.

James schenkte ihm einen vernichtenden Blick, aber Severus schmunzelte versteckt. Er mochte es, wenn Regulus so ausgelassen war. Es passierte viel zu selten, kein Wunder, bei dem, was sie gerade mitmachten. Sie steckten mitten im Krieg, und vor allem Regulus war zwischen den Fronten. Doch solche Auszeiten brauchten sie immer wieder. Schließlich lachte auch James, wobei Severus nicht mitbekommen hatte, was Regulus noch sagte. Er hatte nur weit entfernt seine Stimme gehört. Das Lachen jedoch riss ihn aus seinen Gedanken.

„Kommt, das Essen ist fertig!“, rief Lily nun von oben. Also unterbrachen sie ihr Training und wuschen sich nur kurz Gesicht und Hände.

Nach dem Essen schickte Lily James, er solle Harry ins Bett bringen. Dann sah sie Severus an. „Du solltest reden.“, mahnte sie leise. „Hast du dir noch einmal überlegt, mit wem?“

Severus schluckte trocken. Ja, Lily hatte Recht und sie würde nicht lockerlassen, aber das bedeutete nicht, dass ihm das gefiel. Im Gegenteil, so hart war selten etwas gewesen. Mehrmals atmete er tief durch. Seine Entscheidung stand, aber der Beginn war so schwer. Regulus' Blick lag so ruhig auf ihm, dass Severus ahnte, sein Freund war bereits von Lily vorgewarnt worden. Sie würden ihn nicht mehr gehen lassen. Aber auf keinen Fall konnte er das alles hier machen, wenn die Gefahr bestand, dass James jederzeit hereinkommen könnte. Oder schlimmer noch, Albus. Diese Beiden sollten nichts wissen. So viel Vertrauen hatte er nicht in sie. Vielleicht irgendwann, aber jetzt noch nicht. Noch lange nicht. „Ihr beide.“, wisperte er schließlich.

„Dann komm, gehen wir nach oben in unser Zimmer.“, schlug Regulus resolut vor. Er hatte seinem Freund die Hand beruhigend auf die Schulter gelegt. „Dort kommt James nicht hin.“ Dankbar nickte Severus und ließ zu, dass Regulus ihm den ganzen Arm um die Schulter legte. Ihm fiel auf, dass Lily überhaupt nicht überrascht wirkte. Also wusste sie offenbar auch schon von ihrer Beziehung. Hoffentlich nur sie. Dumbledore konnte es zumindest nicht aus seinem Geist entnehmen, denn das war eines der Dinge, die Regulus versteckt hatte.

Im Zimmer setzte sich Regulus auf das Bett, sodass er sich am Kopfende anlehnen konnte. Dann öffnete er die Arme einladend für Severus. Der zögerte noch. Lily ansehend fragte er: „Seit wann weißt du es?“

Die Rothaarige lachte. „Geahnt habe ich es schon länger. Du hast dich verändert, Sev. Mehr, als es durch den Biss erklärbar wäre. Du hängst an Regulus' Lippen, wenn er etwas sagt. Deine Augen strahlen, wenn er lächelt. All diese heimlichen Blicke zwischen euch, die kurzen Berührungen, auch wenn ihr jedes Mal schnell zurück zuckt. Keine Sorge, es ist nicht besonders auffällig, aber ich kenne dich schon, seit wir acht sind, Sev. Außerdem sagt man uns Frauen ohnehin nach, dass wir bei solchen Dingen aufmerksamer sind. Ich glaube nicht, dass James oder Albus etwas ahnen. Aber ich weiß es erst seit einigen Tagen. In der Nacht, nachdem du zurück kamst, hat Regulus mich gerufen, als es dir nicht gut ging, damit ich dir helfen kann. Und ganz ehrlich, wenn man hier rein kommt, dann ist es schon eindeutig. Ich meine, ihr schlaft in einem Bett, Regulus hat dich umklammert, als hätte er Angst, dich zu verlieren. Ich habe Regulus gefragt und er hat es mir bestätigt. Du hast es offenbar nicht mitbekommen, aber kein Wunder, dein Fieber war auch ziemlich hoch und du hattest Schmerzen, weil die Magie in dir befreit wurde.“

„Das hatte ich auch, als sie versiegelt wurde.“, nickte Severus. „Die Heiler haben mich im Mungos vollgepumpt mit Tränken, als ich aus dem Gericht wiederkam. So sehr, dass ich mehrere Tage kaum ansprechbar war.“ Er zögerte noch einen Moment, dann setzte er sich zu Regulus, ließ sich von den starken Armen festhalten.

„Sev?“, murmelte Regulus, als sein Freund weiterhin schwieg.

„Es … es ist so schwer.“, wisperte Severus. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Er schloss seine Augen und schmiegte sich an Regulus. So offen hatte Lily ihn noch nie erlebt. „Lily, du weißt, wie mein Vater immer war.“ Er verstummte, wartete auf eine Reaktion.

„Er hat dich geschlagen.“ Lily stellte es fest, sie fragte nicht. „Es war mehr als deutlich, aber mir war klar, dass du nicht wolltest, dass jemand etwas weiß, daher habe ich damals geschwiegen. Was hätte ich auch tun sollen, wem hätte ich etwas sagen sollen? Ich hatte keine Beweise, wer hätte mir geglaubt? So lange du nicht selbst etwas sagst, hätten alle deinem Vater geglaubt. Dabei war ich sicher, dass er dich geschlagen hat, vor allem, wenn er getrunken hatte. Deshalb wolltest du mich auch nie zu dir nach Hause einladen, weil dein Vater immer betrunken war und du Angst um mich hattest. Und später dann hat er dich eingesperrt, er hat mich nicht zu dir gelassen, im Gegenteil, auf dem Grundstück lag sogar ein Zauber, der magische Personen fernhalten sollte. Fleamont, James' Vater, hat ihn kurz vor seinem Tod entfernt, da ist dein Vater ausgerastet und hat die Polizei gerufen, die uns vom Grundstück ‚baten‘. Da ich fürchtete, dass es Schwierigkeiten mit dem Geheimhaltungsabkommen geben könnte, bin ich nicht mehr hin. Aber ich habe mit meinem späteren Schwiegervater gesprochen, der wollte nach dir sehen. Leider warst du bereits von dort weg, und bevor er mehr herausfand, wurde er ermordet. Und die anderen Auroren wollten nichts unternehmen, immerhin warst du auf Anweisung des Ministeriums dort. Ich wollte dich nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen, als du ohnehin hattest, also habe ich die offensichtliche Nachforschung aufgegeben. Ich hatte die Hoffnung, dass du freikommst, sobald du volljährig bist. Später hat sich dann sogar James erkundigt, er hat herausgefunden, dass du dich im Ministerium verwandelt hast und nicht mehr bei deinem Vater lebst, aber nichts Genaues, allerdings warst du da auch schon wieder weg. Es tut mir leid, ich hätte einen Weg finden müssen, dich da rauszuholen.“

Severus schüttelte den Kopf. „Nein, Lily, mach dir keine Vorwürfe.“ Er hasste es, wenn Lily traurig war, noch immer. Er wollte alles tun, um sie lachen zu sehen. „Die Auroren haben mich zu meinem Vater gebracht, sie wussten nicht, wie er mit mir umgeht. Ich glaube nicht, dass sie mich bewusst dem ausgesetzt haben, sie glaubten wohl, dass ich dort gut aufgehoben bin. Die Zelle im Keller diente eigentlich nur dazu, dass ich in den Vollmondnächten niemanden gefährden kann und mich nicht selbst verletze. Dass er mich die ganze Zeit dort einsperrt, wussten sie nicht. Er hat mich schon viele Jahre immer wieder geschlagen, aber nicht immer.“ Er schloss erneut die Augen und atmete mehrmals tief durch. Jetzt war der Moment gekommen, vor dem er immer Angst hatte. Und doch musste er darüber reden, Lily hatte Recht. Es fraß ihn innerlich auf, seine Gedanken kamen überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Aber das brachte ihn in Gefahr. Er musste reden, um es selbst zu verarbeiten. „Früher war es anders. Als Kind habe ich meinen Dad geliebt, er war ein toller Dad. Wir hatten nie viel Geld, aber wir waren glücklich. Er hat mir viele Dinge beigebracht, mich bei allem helfen lassen. Er hatte unendlich viel Geduld, wenn ich etwas nicht auf Anhieb konnte, hat es mir immer wieder gezeigt und machen lassen. Wir waren viel im Wald, haben Holz und Pilze gesammelt. Dann wurde Mama wieder schwanger, und er hat einen Job in der Spinnerei in Cokeworth angenommen, weil er mehr verdiente und günstig ein kleines Haus kaufen konnte. Meine Schwester wurde im Frühsommer nach meinem fünften Geburtstag geboren.“

„Du hast eine Schwester?“, staunte Lily. Auch, wenn sie ihn eigentlich nicht unterbrechen wollte, das hier hatte sie gerade vollkommen überrascht und beinahe schockiert. Warum hatte sie das nie gesehen? Was war da passiert?

Kopfschüttelnd sprach Severus weiter, nachdem er den Kloß im Hals geschluckt hatte. „Sie starb am plötzlichen Kindstod, noch bevor sie ein Jahr alt war. Ich habe es damals nicht verstanden, erst jetzt weiß ich, was das damals alles bedeutete. Mama ist an ihrem Tod zerbrochen, sie gab sich die Schuld dafür. Die Ärzte haben sie in die Psychiatrie eingewiesen, aber sie hat es dennoch geschafft, sich zu töten. Das war kurz vor meinem siebten Geburtstag. Dad hat angefangen zu trinken, als Suavita, meine Schwester, starb. Nach Mamas Tod wurde es schlimmer, und aus diesem Grund hat er schließlich auch die Arbeit verloren. Wobei, viel Unterschied machte es nicht, nur drei Monate später hat die Spinnerei geschlossen. Der Alkohol hat ihn kaputt gemacht. Das ist nicht mehr mein Dad. Nicht einmal mehr mein Vater, ihm ist alles egal.“ Severus unterbrach sich. Ein Schluchzen kratzte in seiner Kehle, aber er wollte nicht weinen. Es änderte ohnehin nichts. Er merkte nicht, wie er sich bei seinem Freund festklammerte, verzweifelt nach Halt suchend.

Regulus hielt ihn fest, strich ihm beruhigend über den Rücken. „Wenigstens hat dein Vater den Alkohol aus Ausrede. Meine Eltern haben keine Entschuldigung.“, stellte er bitter fest. Irgendwie hatte Severus' Geständnis eben auch bei ihm etwas ausgelöst. „Kein Wunder, dass Sirius nicht mehr kommen wollte. Schon als kleine Kinder wurden wir darauf getrimmt, welchen Eindruck wir in der Öffentlichkeit machen sollen. Schließlich waren wir eine angesehene Reinblut-Familie. Sirius musste noch mehr lernen wie ich, immerhin war er der Ältere und somit der Haupterbe. Zumindest damals noch. Funktionierten wir nicht so, wie unsere Eltern es sich erhofften, wurden wir bestraft. Körperlich. Der Einsatz von Zaubern ist allgegenwärtig in derartigen Familien, schließlich will man nicht auf so minderwertige Methoden zurückgreifen, die dumme, unwürdige Muggel benutzen.“ Verachtung kühlte Regulus' Stimme immer weiter ab. „Sirius war immer wieder ein Kämpfer, schon früh bewies er, dass er ein wahrer Gryffindor ist. Er wollte immer seinen Kopf durchsetzen. Das hat dann auch dazu geführt, dass meine Eltern ihm drohten, als er nach Gryffindor kam. Als ob er eine Wahl gehabt hätte. Ich bin den Potters wirklich dankbar, dass sie Sirius immer aufgenommen haben, ansonsten hätte ich inzwischen schon lange keinen Bruder mehr. Wobei, wenn es nach meinen Eltern geht, habe ich keinen Bruder mehr.“ Er stockte, dann sah er zu Severus. „Tut mir leid, ich wollte nicht ...“

„Ist okay.“, lächelte Severus, wenn auch ein wenig verunglückt. Wenn er ehrlich war, dann tat es ihm sogar gut zu sehen, dass er nicht alleine war. Auch, wenn Regulus nun über seinen Bruder gesprochen hatte, der für seinen eigenen Alptraum verantwortlich war. „Weißt du, ich habe darüber nachgedacht, seit du das erste Mal davon gesprochen hast. Ich habe überlegt, wie es wäre, wenn Suavita ...“ Er schluckte kurz. „Auf jeden Fall ist mir klar geworden, dass ich sie auch nicht einfach vergessen könnte. Sie wäre immer noch meine Schwester. Ich werde nie verlangen, dass du deinen Bruder vergisst, auch wenn ich ihm so schnell bestimmt nicht vergeben werde. Vergessen kann ich es sicher nie.“

„Wie fühlst du dich damit?“, erkundigte sich Lily leise, mitfühlend.

„Ich bin nicht sicher.“, zuckte Severus nach einer Weile die Schultern. Er wusste nicht, wie er diese Gefühle in Worte fassen sollte, noch nie hatte er über Gefühle gesprochen. Außer die wenigen Male mit Smethwyck, dem Heiler, der sich um ihn gekümmert hatte. „Anfangs war da Angst und Wut. Angst vor dem, was nun auf mich zukommt, vor dem, was ich werde. Wut auf Black, auf Sirius, weil er mich indirekt zu einem Monster, einer Bestie gemacht hat. Der Chefheiler der Station hat sich meiner angenommen, irgendwie wusste er genau, wie ich mich fühle. Ich weiß nicht, warum, aber mit ihm habe ich gesprochen. Es hat mir gut getan und ich schätze, er hat mein Leben in mehr als einer Hinsicht gerettet.“ Erneut schwieg er eine Weile. Den Gesichtern seiner Freunde konnte er ansehen, dass sie genau wussten, was er da angedeutet hatte. Es war schwer, so offen zu sprechen, auch wenn es wirklich gut tat. Mit geschlossenen Augen hielt er sich an Regulus fest, atmete tief den vertrauten Geruch nach Kräutern ein. Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, hatte er genug Mut gefunden, um weiter zu sprechen. „Die Zeit bei meinem … Vater“, er spuckte das Wort beinahe aus, „war die Hölle. Und da rede ich nicht von den Schmerzen.“ Er presste die Lippen aufeinander, als sich erneut ein Schluchzen Bahn brechen wollte. Diesmal konnte er es nicht verhindern. Mit einem Mal strömten Tränen aus seinen Augen und er schluchzte auf.

Regulus festigte seinen Griff, und Lily setzte sich neben ihn, strich mit ihrer Hand sanft und zugleich fest über Severus' Rücken. Sie sprachen kein Wort, waren einfach nur da und ließen Severus weinen. Manchmal bedeutete das auch eine Reinigung, danach konnte man einen Schritt weitergehen. Irgendwann rief Regulus einen Beruhigungstrank auf und flößte ihn Severus ein. Mehr schafften sie heute nicht mehr, es war zu viel. Sie würden ein anderes Mal weiter sprechen, da war noch eine Menge vergraben. Langsam verebbten die verzweifelten Laute und Severus wurde ruhiger. Er lag noch immer sicher und geborgen in Regulus' Armen, wo er letztendlich einschlief.

„Bleib bei ihm.“, bat Lily leise. „Ich lasse dir von Kreacher etwas zu Essen hochbringen. Brauchst du sonst noch etwas?“

„Meine Tasche, ich muss noch einige Dinge für morgen nachlesen.“, antwortete Regulus. Natürlich ließ er Severus jetzt nicht alleine, nach so einem Gespräch waren Alpträume fast schon die logische Folge. Vielleicht half seine Anwesenheit ja, damit Severus ruhig schlief.

Severus spürte im Schlaf tatsächlich die Anwesenheit seines Freundes, schmiegte sich unbewusst noch enger an ihn. Grinsend sah Regulus ihm zu, wie er es sich mit dem Kopf und dem Brustkorb auf seinem Schoß bequem machte, die linke Hand fest in die Hose des Jüngeren geklammert. Beruhigend strich er über die inzwischen etwas mehr als schulterlangen schwarzen Haare, während er mit der anderen Hand sein Buch hielt. Mit Hilfe einer Flotte-Schreibe-Feder machte er sich Notizen, um zum Lernen die wichtigsten Punkte zusammengefasst zu haben. Das Essen, das Kreacher ihm brachte, ignorierte er eine ganze Weile, bis er schließlich seufzend darüber ging, Severus zu wecken. Der sollte auch etwas essen, fand Regulus. Aber er war sicher, dass er heute nicht mehr nach draußen gehen würde, damit bot er James Potter zu viel Angriffsfläche. Und das würde Severus nicht tun. Auch wenn die Beiden inzwischen recht friedlich miteinander umgingen, aber vergessen war das, was früher passierte, noch lange nicht. Severus traute dem Frieden nicht. Auch wenn Regulus ziemlich sicher war, dass James es ehrlich meinte, aber es war zu viel passiert, als dass Severus genauso schnell Vertrauen fassen konnte.

„Lily hat uns einige Sandwiches gemacht.“, verriet Regulus, als Severus wach war. „Schau, sie hat sogar Thunfisch-Ei gemacht, die magst du doch so gerne.“ Zögerlich griff Severus zu. Es stimmte, er mochte Lilys Thunfisch-Sandwiches wirklich gerne, die hatte sie früher schon immer gemacht. Ein Rezept ihrer Großmutter, das wusste er. Sie hatte die Thunfisch-Ei-Masse dick auf Toast gestrichen, so wie Severus es mochte. Heute hatten sie einen seltsamen Geschmack, aber das lag nicht an den Sandwiches, sondern an Severus selbst.

Lange Zeit hatte er nicht mehr darüber nachgedacht, aber jetzt waren die Demütigungen wieder da, direkt an der Oberfläche. Es schnürte ihm die Kehle zu, sodass er kaum etwas essen konnte. „Er hat mir nur einen Futternapf hingestellt.“, wisperte Severus nach einer Weile. Aus irgendeinem Grund konnte er gerade nicht schweigen, er wollte es loswerden. „In der Zelle im Keller. Ich habe mich geweigert, daraus zu essen. Über eine Woche hat er mich deshalb hungern lassen, aber irgendwann habe ich einen normalen Teller bekommen.“ Er sah auf. „Ich wäre lieber verhungert, als aus einem Napf zu fressen wie ein Tier. Ist das nicht absolut bescheuert? Ich meine, ich bin ein Tier, eine Bestie.“

„Nein, bist du nicht.“, unterbrach ihn Regulus. Das sollte sich der Ältere gar nicht erst einreden. „Auch wenn du in einer von 28 Nächten Fell trägst. Und dass du deinen Stolz nicht brechen lässt, finde ich richtig. Ich bin sehr stolz auf dich!“ Er küsste ihn vorsichtig, sanft und liebevoll.

Severus reagierte kaum. Er war noch nicht fertig. „Er hat mich an der Wand fest gekettet. Die Ringe um meine Handgelenke waren silberhaltig.“ Mit zitternden Fingern fuhr er über die Narben, die noch immer deutlich sichtbar waren. „Ich hatte keine Toilette, keine Dusche. Nichts. Bis ich geflohen bin, hatte ich immer die gleiche Kleidung an. Ich glaube, auf der Zelle lag ein Zauber, der den schlimmsten Dreck verschwinden ließ. Oder ich habe es irgendwann einfach nicht mehr gemerkt. Ich weiß es nicht. Aber das war alles noch irgendwie erträglich. Am schlimmsten war dieses Gefühl, ihm vollkommen ausgeliefert zu sein. Ich konnte mich nicht wehren. Und irgendwann habe ich getan, was er wollte. Ich habe gebettelt, Reg! Und er hat es ausgenutzt, irgendwann hat er mich um jeden Schluck Wasser betteln lassen.“ Erneut schossen ihm Tränen in die Augen, diesmal aber eher vor Scham. Er schluckte krampfhaft. „Ich habe darum gebetet, dass er mich einfach vergisst und sterben lässt. Ich konnte nicht mehr.“ Seine Stimme klang heiser, beinahe wie ein Schluchzen am Ende.

„Er soll auf ewig in der Hölle schmoren!“, zischte Regulus wütend. Schnell schluckte er seine Wut, als er erkannte, wie Severus zu zittern begann. Obwohl er sonst so stark und unerschütterlich war – ließ man die ersten Tage außen vor – war Severus gerade völlig am Ende. Trotz Beruhigungstrank. „Hey, ruhig, ich bin da.“, murmelte er daher und verstärkte seine Umarmung ein weiteres Mal, zog Severus wieder dichter an sich, da der Ältere ohnehin nichts mehr aß. „Ich bin froh, dass du es geschafft hast. Mir würde wirklich sehr viel fehlen, wenn du nicht hier bei mir wärst.“ Er küsste ihn auf die Schläfe. „Ich liebe dich, Sev. Versuch zu schlafen, ich bin hier bei dir. Morgen muss ich in die Uni, aber bis dahin bleibe ich bei dir.“

Severus lauschte den Worten, die so tröstlich und beruhigend klangen, doch er wehrte sich gegen den Schlaf. Vorher hatte er ständig dieses hämische Grinsen seines Vaters gesehen, wenn er ihn hatte betteln lassen. Er wollte das nicht wiedersehen, seine Träume zeigten ihm doch nur die schlimmsten Zeiten seines Lebens. Warum nur war alles so gekommen? Warum hatte Suavita sterben müssen? Wären sie noch immer glücklich, wenn sie überlebt hätte? Ständig kreisten seine Gedanken um diese Fragen, und doch fand er keine Antwort. Es gab keine Antwort, weil man nicht wissen konnte, was geschehen wäre. Erneut klammerte er sich an Regulus, hoffend, dass der ihn ein weiteres Mal retten würde. Severus wusste nicht genau, wann er angefangen hatte, Regulus so sehr zu vertrauen, aber gerade hielt der Jüngere ihn wie eine Art Anker im Leben fest. Er war nicht sicher, wie er es sonst überstanden hätte.

„Ich bin hier.“, versicherte Regulus erneut, als ahnte er die Gedanken seines Freundes. „Hab keine Angst, ich halte dich.“ Einen Entschluss fassend legte Regulus seine Notizen zur Seite und machte es sich neben Severus bequem. „Schlaf.“, murmelte er und zog Severus' Kopf auf seinen Brustkorb. „Hörst du mein Herz? Es schlägt für dich, nur für dich. Damit du weißt, du bist nicht alleine. Ich bin hier, auch wenn du Alpträume hast. Lass sie nicht über dich gewinnen, denn ich bin hier und beschütze dich.“ Seltsam beruhigt schloss Severus die Augen. Er spürte die Hände und Arme von Regulus um sich. Eine wundervolle Wärme breitete sich in ihm aus, vertrieb die Schatten der Angst. Er war nicht alleine. Regulus war da, er würde nicht gehen. Langsam wurde ihm leichter, je wärmer er sich fühlte, und irgendwann glitt er unbemerkt in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Beschützt in den Armen von Regulus, der ihn die ganze Nacht festhielt, obwohl auch er nach einer Weile fest schlief.

Am Morgen wachte Severus seltsam leicht und entspannt auf. Einen Moment genoss er das Gefühl, doch dann wurde ihm heiß. Erneut kamen die Scham und die Demütigung hoch.

„Guten Morgen!“, lächelte Regulus und riss ihn damit aus seinen Gedanken. Schon wieder. „Wie fühlst du dich?“

„Seltsam.“, entgegnete Severus ehrlich. „Aber ich glaube, ganz gut.“ Er streckte sich und genoss das wohlige Kribbeln in ihm. Ganz sicher war er nicht, ob es von der Nähe zu Regulus oder von seiner Magie kam, aber er kam zu dem Schluss, dass es egal war. Er fühlte sich gut. Ein Stück drehte er sich, dann legte er seine Lippen auf Regulus'. Es fühlte sich so richtig an. „Danke.“, nuschelte er schließlich, denn so ganz wollte er Regulus noch nicht gehen lassen. Er spürte das Lächeln gegen seine Lippen.

Regulus küsste ihn erneut, diesmal intensiver. „Ich glaube, ich weiß, was du meinst.“, gab er schließlich zu, als sie sich doch voneinander lösten. Sie standen auf und gingen gemeinsam ins Bad.

„Was meinst du?“, wollte Severus wissen. Er konnte Regulus gerade nicht folgen.

„Naja, nicht nur du hast einen Teil deiner Vergangenheit gestern ausgesprochen.“, deutete Regulus an.

„Oh.“, machte Severus, dem es wirklich erst jetzt auffiel. Ihm wurde einen kurzen Moment heiß. „Wie geht's dir?“, erkundigte er sich dann.

„Es hat gut getan, aber es fühlt sich komisch an, es auszusprechen.“, antwortete Regulus nach einer Weile, in der er offenbar nach Worten suchte. „Irgendwie habe ich das Gefühl, ich wäre schwach, während ich gleichzeitig denke, sie hätten das nie tun dürfen. Und doch konnte ich nie sagen, dass es falsch war.“

Severus nickte. „Ich weiß, was du meinst.“, bestätigte er. „Aber ich bin froh, dass du es weißt. Und auch, dass Lily es weiß. Sie wollte mir immer helfen.“

„Na dann komm, gehen wir frühstücken.“, schlug Regulus vor, der gerade aus der Dusche stieg. Severus war bereits frisch geduscht und angezogen. Gemeinsam folgten sie dem herrlichen Duft nach knusprig gebratenem Speck und Pfannkuchen. Sie hörten das fröhliche Gebrabbel von Harry, vermischt mit dem Lachen von James. Verwundert sahen sie sich an, normalerweise war James eher ein Morgenmuffel.

Als sie ins Wohnzimmer kamen und sahen, dass Harry offensichtlich gerade selbständig frühstücken wollte, dabei aber sich selbst und seine Umwelt vollkommen verschmiert hatte, mussten auch sie grinsen. „Selba!“, erklärte Harry fest und weigerte sich, den Brei vom Löffel seines Vaters zu essen. Stattdessen schob er die Hand weg, sodass es aussah, als wolle sich James selbst mit Brei füttern. Mit der anderen Hand matschte Harry in seinem Brei und versuchte, sich eine Portion in den Mund zu schieben, nur dass sie ihm von der Hand rutschte, sobald er sie bewegte.

„Ein Glück, dass es Wasser und Reinigungszauber gibt.“, entschied Lily, als sie aus der Küche kam und das Chaos begutachtete. Nicht nur Harry sah aus. Der Tisch, die Stühle und der Boden rund um den Jungen waren vollkommen mit Brei bekleckert. Wie in aller Welt hatte so viel Brei in der kleinen Schale Platz gehabt? Es schien ein Naturgesetz zu sein, dass Brei sich vermehrte, je stärker man damit kleckerte. Ein Stich durchfuhr Severus, Suavita hatte nur wenige Male Brei gegessen, bevor sie starb. Aber auch sie hatte so ausgesehen. Hatten seine Eltern auch gelacht? Daran konnte er sich nicht erinnern. Aber er ging davon aus, denn früher hatten sie gerne und viel gelacht.

„Auch?“, fragte Harry gerade. Severus riss sich aus seinen Gedanken und sah zu dem Kleinen. Der hielt ihm den Löffel hin, den er sich offensichtlich von seinem Vater erobert hatte.

„Nein, danke, ich bevorzuge Eier und Speck.“, antwortete Severus ernst. „Lass dir dein Frühstück schmecken, Harry.“ Überrascht sah James ihn an. Severus hob nur eine Augenbraue als Antwort auf die stumme Frage. Er fühlte sich gut, mehr als gut, und James wollte ganz klar wissen, woher sein plötzlicher Stimmungswandel kam. Doch darauf würde er keine Antwort bekommen.

Er setzte sich, möglichst weit weg von Harry, sicherer war das, und dankte Lily, die ihm einen Teller Speck und Eier hinstellte. Sie küsste ihn auf die Wange und murmelte nur leise: „Ich bin froh, dass es dir besser geht.“ Die nächsten Minuten wirbelte sie zwischen Küche und Esstisch hin und her, bis sie endlich fertig war und sich zu ihnen setzte. „So, mein Kleiner.“, wandte sie sich ernst an Harry. „Jetzt wird aber ordentlich gegessen.“ Sie wirkte einen Zauber und der Brei war wieder voll. Mit einem frischen Löffel begann sie, den Jüngsten zu füttern. Es brauchte nur einen scharfen Blick aus den grünen Augen, schon aß Harry seinen Brei anstandslos aus Lilys Löffel.

Bei dem Anblick, den James nun bot, mussten sich Severus und Regulus die Hände vor den Mund halten, sonst hätten sie lauthals gelacht. Nie hätten sie geglaubt, das hier zu sehen zu bekommen. Ein absolut sprachloser James Potter, der seinen Sohn ansah, als hätte er ihn verraten. Dazu war er über und über mit Babybrei verschmiert. „Oh man, ich glaube, ich gehe duschen.“, erkannte James schließlich seine Niederlage an. Die bösen Blicke davor hatten einfach nichts genutzt. Jetzt lachten die beiden Schwarzhaarigen offen, und selbst Lily kicherte amüsiert, hielt sich aber zurück, damit Harry weiter aß. „Wir reden uns wieder, wenn ihr auch mal Kinder habt!“, drohte James, was zu noch lauterem Lachen führte. So ausgelassen hatte er wahrscheinlich noch nie einen Slytherin gesehen, und jetzt gab es gleich zwei davon.

Severus hatte noch nie so entspannt gelacht. Es fühlte sich fremdartig, aber gleichzeitig richtig gut an und er wollte nicht, dass es aufhörte. Vor allem, dass Regulus mit ihm lachte, genoss er. Obwohl er nach einigen Minuten Schluckauf bekam, wollte er nicht aufhören. Immer wieder kicherte er los. Wie die kleinen Mädchen, dachte er, und prompt lachte er erneut. Ihm war egal, wie lächerlich das vielleicht wirkte, er fühlte sich viel zu gut, um das jetzt stoppen zu wollen. Am Ende hielt er sich den Bauch, weil er Seitenstechen hatte. Endlich beruhigte er sich und auch der Schluckauf endete.

„Hawwy auch lustig.“, verkündete der Kleine gerade und grinste.

„Oh ja, kleiner Mann, du bist wirklich lustig.“, stimmte Regulus zu. „Vor allem, wenn du deinen Dad alt aussehen lässt!“

„Hoffentlich können wir bald immer so entspannt sein.“, seufzte Lily leise.

Sofort wurden sie ernst. Sie hatten noch einen weiten Weg, bis die Welt wirklich sicher für eine derartige Entspannung sein würde. „Wann wird er rufen?“, fragte Severus leise, an Regulus gewandt. Er wollte Harry zwar nicht beunruhigen, aber er musste es wissen. Zumindest würde der Kleine das nicht verstehen.

„Ich weiß es nicht.“, zuckte Regulus die Schultern. „Ich denke nicht, dass es lange dauern wird, Geduld war noch nie seine Stärke. Er wird Ergebnisse sehen wollen. Ich fürchte, er wird dich genau prüfen, immerhin meinte er, wir sollten Lucius als Lehrer für dich nutzen, wenn ich keine Zeit habe.“ Severus schauderte bei dem Gedanken. „Keine Sorge, das brauchen wir nicht, immerhin lernst du hier das, was du brauchst. Du musst nur damit rechnen, dass er dich prüft, wenn du das nächste Mal vor ihm stehst.“

„Komm, Harry, abwaschen und umziehen.“, griff Lily nun nach ihrem Sohn. Sie wollte eindeutig vermeiden, dass Harry etwas mitbekam. „Ich schätze, du kannst mit Daddy duschen.“

„Daddy!“, schrie Harry begeistert. Er streckte Lily die Ärmchen entgegen und ließ sich widerstandslos aus dem Hochstuhl nehmen.

„Was wird er verlangen?“, wollte Severus wissen, als die Tür geschlossen war. Mit einem Mal hatte er wieder Angst. Angst vor dem, was auf ihn zukam.

„Genau kann man es nie sagen.“, erwiderte Regulus ehrlich. „Aber rechne damit, dass es nicht schön wird. Er liebt den Cruciatus.“ Jetzt schauderte Regulus. „Es könnte sein, dass er dich jemanden foltern lässt. Oder du musst jemanden unter Imperius stellen. Solche Dinge verlangt er gerne von Neulingen um zu sehen, ob sie wirklich den Willen haben. Wenn du ganz viel ‚Glück‘ hast“, er betonte es sehr abfällig, „dann darfst du einem Gefangenen den Todesstoß versetzen. Aber zumeist darf das Bellatrix machen, meine verrückte Cousine. Sie ist zwar seit knapp einem Jahr verheiratet mit Rodolphus Lestrange – das ist übrigens derjenige, der uns zusammen in die Häuser geschickt hat – aber das hält sie nicht davon ab, sich immer und überall dem Lord zur Verfügung zu stellen. Dafür darf sie sich dann auch gerne mal austoben, wenn der Lord mit den Gefangenen fertig ist. Manchmal auch schon vorher, den Cruciatus liebt sie ebenfalls. Nimm dich vor ihr in Acht.“

Entsetzt starrte Severus ihn einige Momente einfach nur an. Er sollte …. Konnte er das? Aber blieb ihm wirklich eine Wahl? Wohl nicht, er hatte das Mal, egal wo er war, der Lord würde ihn erreichen. Es gab nur einen Ausweg, und den war er nicht bereit zu gehen. Also, konnte er das? Er musste. Irgendwie. „Wie …?“, krächzte er, dann räusperte er sich. „Wie machst du das?“

„Es fällt mir nicht leicht, aber es muss gehen.“, gab Regulus zurück. „Ich nutze den Hass, den ich meinen Eltern gegenüber empfinde, das funktioniert ganz gut. Du darfst nur nicht darüber nachdenken, dass es eben nicht diese Personen sind, die gerade vor dir liegen. Du kannst bestimmen, wie stark sie die Schmerzen empfinden. Denk immer daran, sie müssen schreien und sich winden, wenn der Lord oder auch ein anderer Todesser in der Nähe sind, aber du musst nicht deinen ganzen Hass nutzen. Wenn es beim ersten Mal nicht ganz klappt, ist es nicht schlimm, aber spätestens beim zweiten Mal erwartet der Lord Perfektion. Aber da du mit den meisten Zaubern sehr gut arbeiten kannst, sollte auch das klappen.“ Er sprach emotionslos und in einer professionell anmutenden Stimme, distanziert.

„Danke.“, umarmte ihn Severus kurz. Ihm war klar, dass der Jüngere ihm damit helfen wollte. Mit der Kühle distanzierte er sich selbst davon. Anders konnte man das Ganze wahrscheinlich nicht überstehen, ohne irgendwann verrückt zu werden. Mit einem Mal fiel sein Blick auf die Uhr. „Du musst los!“, sprang er auf. „In zwanzig Minuten fängt deine Vorlesung an!“

„Du hast Recht!“ Jetzt sprang auch Regulus auf. „Scheiße, ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es schon ist. Danke! Pass auf dich auf, wir sehen uns heute Abend! Sofern nichts dazwischen kommt!“ Mit einem Aufrufezauber holte er seine Tasche zu sich, küsste Severus flüchtig, und disapparierte einen Moment später.

„Meine Güte, kann er nicht langsamer machen?“, fluchte James, als er ins Wohnzimmer trat. „Seine Tasche hätte mir beinahe eine Glatze verpasst!“ Seine Hand strich über die Haare, als ob er prüfen müsse, ob noch alle Haare da waren.

Severus schmunzelte, manche Dinge würden sich wohl nie ändern. Allerdings räumte er dabei den Tisch ab, damit James es nicht sah. „Trainieren wir heute wieder?“

„Allerdings, das Apparieren solltest du möglichst bald beherrschen.“, nickte James. „Und da ich nicht ins Ministerium gehe, um jedes Risiko auszuschließen, werde ich wenigstens hier etwas Sinnvolles tun.“

Verwirrt musterte Severus den ehemaligen Gryffindor bei diesen Worten. Dann klickten die Puzzleteile ineinander. „Lily will nicht, dass du weiterhin die Ausbildung machst?“

„Sie macht sich zu viele Sorgen, vor allem, seit sie weiß, dass sie wieder schwanger ist.“, nickte James.

„Sie … Lily ist schwanger?“ Severus staunte, das hätte er nicht erwartet. Aber er freute sich für die Rothaarige, sie hatte schon immer mehr Kinder gewollt.

James nickte. „Ja. Noch nicht lange, sie ist in der vierten Woche. Seit vorgestern weiß sie es, und nun verbietet sie mir, dieses Risiko einzugehen.“

„Sie braucht dich.“, stimmte Severus seiner besten Freundin zu.

„Ich weiß, dass ihr Recht habt, aber es … es ist nicht leicht, nichts zu tun.“, murrte James.

„Du tust nicht ‚Nichts‘.“, widersprach Severus. „Du hilfst mir, meine Magie in den Griff zu bekommen, damit ich nicht von Todessern lernen muss. Du bist für Harry da, aber auch für uns. Glaub mir, es tut gut, zu lachen und für einen Moment all das da draußen zu vergessen. Das war heute Morgen dein Verdienst, auch wenn es mir leid tut, dass wir dich ausgelacht haben.“

„Schadenfreude ist die reinste Freude, denn sie kommt von Herzen.“, dozierte James. Als er Severus' erhobene Augenbraue sah, fügte er hinzu: „Ein Muggelsprichwort, das ich von Lilys Dad immer gehört habe. Auch Alice, ihre beste Freundin, hat das in der Schule immer gesagt.“ Er schwieg und wirkte betroffen. Severus brauchte einige Sekunden, bis ihm wieder einfiel, von welcher Alice James gerade sprach. Harrys Patin, die mitsamt ihrer Familie vom Lord ermordet wurde. „Komm, legen wir los mit dem Training, damit du bereit bist, wenn er ruft. Ich fürchte, viel Zeit bleibt dir nicht mehr.“

„Das fürchte ich auch.“, flüsterte Severus und folgte James in den Keller.

„Gut, weiter so!“, spornte James seinen Schüler an. „Du hast es fast geschafft! Ein wenig mehr Konzentration, dann nicht zu hastig. Wie hat unser Lehrer immer gesagt? Ziel – Wille – Bedacht. Komm, nächster Versuch.“ Er wusste, Severus hatte wohl nicht mehr viel Zeit, bis der Lord ihn rufen würde. Und dann sollte er es können. Trotzdem versuchte er, nicht zu viel Druck aufzubauen, denn das würde Severus eher hemmen. Das war nicht so leicht und James setzte sich damit selbst unter Druck, ohne es zu merken.

Severus wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn – dass es so anstrengend war, hätte er nie vermutet – dann konzentrierte er sich wieder auf sein Ziel. Er musste dringend apparieren lernen, aber er schaffte es einfach nicht. Warum auch immer, das konnte er sich nicht erklären. James war der Meinung, er wolle es zu sehr, und dadurch war er zu angespannt. Erneut versuchte er es, doch er blieb an genau dem Ort, an dem er stand. Knurrend konzentrierte er sich noch einmal und drehte sich. Wieder nichts. Langsam bekam Severus Panik, wie sollte er dem Ruf des Lords folgen, wenn er nicht apparieren konnte?

„Hey, beruhige dich.“, kam James nun zu ihm. Er merkte sofort, wie angespannt der Andere war. Offenbar schossen sie gerade über das Ziel hinaus. Wie konnte er Severus nun beruhigen? „Keiner von uns konnte es auf Anhieb. Ich habe vier Monate gebraucht, bis ich den Dreh raus bekam. Selbst Lily schaffte es erst nach drei Wochen, und sie war eine der ersten, die es konnten. Nur ihre Freundin Alice war noch schneller. Erzwinge es nicht. Viele erwachsene Zauberer können es nicht.“

„Regulus kann mich sogar ohne Probleme mitnehmen, und das schon vor der Abschlussprüfung.“, murrte Severus. Er MUSSTE es einfach schaffen! Ihm blieb keine andere Wahl.

„Soweit ich weiß, haben seine Eltern bereits vorher einen Lehrer für ihn engagiert.“, schüttelte James seinen Kopf. „Viele Reinblüter machen das, damit ihre Kinder sich nicht blamieren.“ Sein Vater hatte das nicht gemacht, weil es laut den Regelungen im Ministerium verboten war, und da er als Auror im Fokus der Aufmerksamkeit stand, war das keine Möglichkeit gewesen. Selbst Sirius hatte damals länger gebraucht, er war aus seinem Elternhaus geflüchtet, bevor er zusätzlichen Unterricht bekommen konnte.

„Du verstehst nicht!“, fuhr Severus auf. „Wenn ich nicht apparieren kann, komme ich ohne Hilfe nicht zum Lord, wenn der mich ruft! Und was, wenn er mich irgendwo hinschickt? Er wird nicht akzeptieren, wenn ich nicht gehen kann. Er wird nicht fragen, warum ich seinem Befehl nicht folge!“ Panik ließ seine Stimme beinahe überschlagen.

„Jetzt komm mal wieder runter!“, bremste ihn James. „Je mehr du dich da rein steigerst, umso weniger Erfolg wirst du haben. Am besten hören wir für jetzt auf, und du suchst dir etwas zur Entspannung. Erst, wenn du auf andere Gedanken gekommen bist, machen wir weiter. Mit Ruhe kommen wir schneller zum Ziel.“

„Du willst mich nicht mehr unterrichten?“ Severus war vollkommen entsetzt, seine Angst steigerte sich gerade weiterhin, beinahe ins Unermessliche. Wie sollte er den Befehlen des Lords folgen, wenn er nicht apparieren konnte? Die Strafen, die der Lord austeilte, waren nicht ohne, das wollte er nicht riskieren.

„Hörst du dir eigentlich zu?“, schüttelte James den Kopf. „Im Moment bringt es rein gar nichts, weil du so angespannt bist. Beruhige dich, dann machen wir weiter. Gerade bist du nicht in der Lage, es zu lernen. Geh in die Badewanne und entspann dich, oder in den Garten, schwimm' eine Runde im Meer, was auch immer. Manchmal ist es auch ein Fehler, etwas zu sehr zu wollen.“ Er drehte sich um und verließ den Trainingsraum, noch bevor Severus etwas dazu sagen konnte.

Frustriert und wütend auf sich selbst setzte sich Severus auf den Boden. Mit geschlossenen Augen versuchte er, sein Ziel zu fokussieren. James sagte doch jedes Mal, er müsste sich voll und ganz auf sein Ziel konzentrieren, und jetzt behauptete er, er wäre ZU konzentriert. Was denn nun? Doch in einem hatte James offenbar Recht: Er schaffte es einfach nicht. Verärgert stand Severus vom Boden auf, ging in das kleine Bad und wusch sich das Gesicht. Er wünschte sich, Regulus wäre hier. Vielleicht musste er erst einmal alles loswerden, bevor er weitermachen konnte. Seit er angefangen hatte, sich alles von seiner Seele zu sprechen, ging es ihm besser, aber nun wollte er auch noch den Rest loswerden. Es war wie eine Sucht, er musste einfach immer weiter machen. Doch Regulus war nicht hier, würde wohl erst in einigen Stunden kommen.

Wie lange war er nun schon hier, wie viel Zeit war vergangen, seit er das Mal bekommen hatte? Es waren gerade etwas über zwei Wochen, doch es kam ihm viel länger vor. Seither hatte sich erneut sein ganzes Leben verändert. Er hatte seine Magie zurück, etwas, das ihm noch vor drei Wochen unmöglich erschienen war. Und wie viele neue Zauber hatte er seither gelernt! Er wünschte nur, er müsste sie nicht anwenden, jedenfalls nicht alle davon. Aber ihm blieb wohl keine andere Wahl. Er musste weiterhin kämpfen. Wenigstens konnte er etwas beitragen, um vielleicht diesen ganzen, unseligen Krieg zu beenden. Auch wenn es im Moment nicht danach aussah. Jedoch weigerte sich Severus noch immer, einfach aufzugeben. Das hatte er nicht in der Kindheit gemacht, wenn die anderen Kinder ihn verspotteten, nicht in der Schule, wenn die Rumtreiber ihn demütigten, nicht im Kerker bei seinem Vater, nicht auf der Flucht oder auf den Straßen Londons. Und damals hatte er kein Ziel gehabt. Das war jetzt anders, Regulus hatte ihm ein neues Leben geschenkt. Und ein Ziel, nach dem er strebte mit allem, was er hatte. Ein sanftes Lächeln erhellte sein Gesicht einen Moment, als er an den Jüngeren dachte. Allein der Gedanke an Regulus ließ es heller und wärmer werden. War das Liebe? Ein Leben ohne Regulus konnte sich Severus nicht mehr vorstellen. Seit er hier war, lernte er, was es bedeutete, wenn von Familie gesprochen wurde. Regulus gab ihm dieses Gefühl, und er wollte es nicht mehr anders. Die Nächte in Regulus' Armen waren so wundervoll, wie er es sich nie hätte träumen lassen. Aber erst, wenn der Lord vernichtet war, konnten sie wirklich ein gemeinsames Leben beginnen. Bis dahin war alles in der Schwebe. Und doch – Severus spürte, dass das Band zwischen ihnen fester war, als er es sich jemals hätte vorstellen können. Der Gedanke an Regulus und ihren ersten Kuss hatte ihm geholfen, einen gestaltlichen Patronus zu erschaffen. Aber jetzt schaffte er es nicht, sich selbst zu apparieren?

Erneut schloss Severus die Augen, dachte an ihren ersten Kuss. Er ließ sich von den Emotionen mitreißen, sich vollkommen ausfüllen. Meist versuchte er, die Gefühle in seinem Inneren zu verschließen, aber ein Instinkt sagte ihm, dass dies der falsche Weg war. Zu viele Gefühle tobten in ihm, das lenkte ihn ab. Also hieß er sie willkommen, ließ sie in sich aufwallen. Wie das Meer in einem tosenden Sturm tobte es in ihm. Mit der Zeit ließ der Sturm nach und die Wellen wurden weniger. Doch die Gefühle waren nicht weniger geworden, aber sie gehörten nun zu ihm. Sie waren ein Teil von ihm, ein Teil, den er bislang immer verleugnet hatte. Jetzt hieß er sie willkommen, weil sie ihn zu Regulus führten.

Ein weiteres Mal konzentrierte er sich auf sein Ziel. Es war nicht weit, das andere Ende des Raumes. Das hatte James auch immer angegeben, im Prinzip war es egal, wie weit. Wenn man es einmal konnte, spielte die Entfernung eine geringere Rolle. Natürlich war eine zu große Entfernung nicht machbar, da die Stärke der Magie eine Grenze setzte, aber davon abgesehen war es egal, wie weit. Ziel – Wille – Bedacht. Er drehte sich auf der Stelle – und spürte die Enge, die er von den Apparationen mit Regulus kannte. Hatte es geklappt? Der Raum fühlte sich gleich an. Es roch auch nicht anders als zuvor. Als er die Augen wieder öffnete, stand er neben der Tür. Er hatte es geschafft! Er war appariert! Ein triumphierendes Lachen entfloh seinen Lippen, die sich sofort wieder schlossen. Ein listiger Zug umspielte sein Gesicht. Der Gedanke, der ihm kam, war eines Slytherin würdig. Und genau das Richtige, um sich an James zu rächen. „Kreacher!“, rief er den Hauselfen.

Es ploppte und der kleine Kerl stand diensteifrig neben ihm. „Was kann Kreacher für Master tun?“

„Wo ist James gerade?“, fragte Severus.

„Im Wohnzimmer, er liest dem kleinen Master vor.“, antwortete Kreacher.

„Sehr gut, danke. Du kannst gehen.“, entließ Severus den Hauselfen. Ein Grinsen umspielte kurz seine Lippen. Sobald er verschwunden war, konzentrierte sich Severus erneut. Sein Ziel vor Augen drehte er sich ein weiteres Mal und spürte erneut diese Enge. Ein erschrockener, ziemlich hoher Schrei belohnte seine Bemühungen. „Was denn, James? Hältst du so wenig von deinen Lehrmethoden, dass du nicht glauben kannst, was du siehst?“, wollte er spöttisch wissen. Mit Mühe hielt er seine Züge undurchdringlich.

„Sevvus weg, Sevvus da. Bumm!“, kommentierte Harry das Erlebnis.

„Wie … wie hast du das gemacht?“, stammelte James, als er sich von seinem Schreck erholte.

„Ziel, Wille, Bedacht.“, gab Severus zurück. Er musste ein Grinsen verstecken, so sehr amüsierte er sich über James' Gesicht. Doch dann wurde er ernst. „Danke, James. Vielen Dank, dass du es mir beigebracht hast. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.“

„Gern geschehen. Und das meine ich wirklich ernst.“, lächelte James, als er sich von seinem Schreck erholt hatte. „Hör mal, ich … ich möchte mich entschuldigen, noch einmal. Ich meine es ernst. Wir hätten dich nie so behandeln dürfen.“

Severus winkte ab und trat in die Küche. Er musste sich ablenken. Es kam ihm vor, als wäre das alles ein anderes Leben. James hatte beinahe alles aufgegeben, um ihn zu retten. Er hatte seine Animagus-Gestalt offenbart, seine Freunde der Justiz ausgeliefert, und war selbst bestraft worden. Auch wenn es damals ein egoistisches Ziel gewesen war, denn er wollte verhindern, dass Remus Lupin etwas passierte, so hatte er ihn doch gerettet. Und inzwischen war Severus froh über diese Rettung, auch wenn er sein anderes Ich noch nicht vollkommen akzeptieren konnte. Aber er kam Midnight immer näher. Vor allem, weil Regulus ihn trotz allem liebte.

„Du bist erwachsen geworden.“, stellte James fest, der ihm gefolgt war. „Der frühere Severus hätte sicher nicht einfach geschwiegen und abgewunken. Du hast dich zu deinem Vorteil verändert.“

Irritiert lauschte Severus der Rede seines Gegenübers, während er die Zutaten für einen Kuchen zusammen suchte, immerhin war morgen Lilys Geburtstag. Seine Instinkte sagten ihm, dass das nicht alles war. James hatte so einen Unterton in seiner Stimme, den er früher wohl nicht erkannt hätte. „Was ist los? Worüber grübelst du?“

„Sirius.“, war die leise Antwort. James sank in einen Stuhl, stützte die Arme auf den Tisch und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Er war wie ein Bruder für mich. So viele Jahre. Damals glaubte ich, wir würden ein Leben lang beste Freunde sein. Endlich war ich nicht mehr allein, ich habe es gehasst, Einzelkind zu sein. Sirius war mehr wie ein Bruder, wir haben uns nie gestritten. Ich … ich vermisse ihn. Und ich mache mir Sorgen. Vor allem, seit Albus davon angefangen hat. Ich weiß, er ist Schuld, dass du … dass du gebissen wurdest. Aber er hat für diesen Fehler gebüßt, er hat fast fünf Jahre in Askaban hinter sich. Ich frage mich, ob und wie er es überstanden hat. Was aus ihm wird. Wohin kann er gehen, wenn er entlassen wird? Ich … ich will ihm helfen, aber unsere beginnende Freundschaft nicht zerstören. Ach, es ist so schwer. Ich weiß nicht mehr, was richtig ist, aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.“

„Ich … ich kann mir vorstellen, dass es schwer für dich ist.“, gab Severus zu. „Aber ich bin ehrlich, ich würde es vorziehen, wenn ich ihn nie wieder sehen muss. Der Gedanke an ihn lässt Wut in mir aufkommen, er hat mein Leben beinahe zerstört. Allerdings wird auch Regulus sicher für ihn da sein wollen. Immerhin ist Sirius sein Bruder.“

„Mach dir keine Sorgen, Sev, du wirst ihm nicht begegnen müssen.“, mischte sich Regulus' müde Stimme nun ein. Er lehnte im Türrahmen und sah zu den Beiden. „Ja, ich will mich kümmern, aber das bedeutet nicht, dass er zu uns kommt. Wobei ich befürchte, wir müssen uns ein neues Zuhause suchen, immerhin gehört ihm dieses Haus. Aber das werden wir auch schaffen.“

„Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Severus erschrocken, als er die Blässe seines Freundes wahrnahm.

„Lucius hat mich nach der Vorlesung abgefangen.“, erklärte Regulus. Er merkte nicht einmal, dass Harry im Raum war, da der Kleine sich leise auf dem Boden beschäftigte. „Er kam im Auftrag des Lords und wollte wissen, wie weit wir mit deinem Training sind. Er soll sicherstellen, dass du fit bist. Der Lord will sicher gehen, dass du ihm dienen kannst.“ Er schluckte. „Ich habe ihm versichert, dass alles gut läuft, aber wir rechnen besser damit, dass der Lord uns bald ruft. Er wird dich testen wollen.“

Severus straffte sich. „Ich werde bereit sein.“, versprach er.

„Wie geht es dir?“, fragte James besorgt.

Doch Severus wartete gar nicht auf eine Antwort, sondern hob den Jüngeren einfach in seine Arme. „Ich bringe dich ins Bett.“, entschied er. „Du brauchst Schlaf. Der duale Weg zum Tränkemeister ist schon extrem anstrengend, aber du musst gleichzeitig noch für den Lord arbeiten, das kann niemand auf Dauer durchhalten.“

„Was bleibt mir anderes übrig?“, murrte Regulus. Er schloss die Augen und lehnte seinen Kopf an Severus' Schulter. Noch bevor sie auf der Treppe waren, schlief der Jüngere bereits. Schmunzelnd legte Severus ihn auf das Bett, wirkte einen Reinigungszauber auf ihn und zog ihn mit einem weiteren Zauber um. Schnell eilte er zurück in die Küche, wo er nun endlich den Kuchen zusammen rührte. Er wusste, Lily liebte Käsekuchen, und so hatte er Kreacher um verschiedene Rezepte gebeten. Jetzt bekam Lily einen Regenbogen-Käsekuchen. Er hoffte nur, dass sie ihn mochte. Die Rothaarige war offenbar mit Harry im Bad, jedenfalls konnte er mit seinem verbesserten Gehör das Glucksen des Kleinen, das Plätschern des Wassers, und immer wieder Lilys amüsiert klingende Stimme hören. James kam nur kurz herein, um zu sehen, was er tat, verschwand aber schnell wieder im Arbeitszimmer, um sich auf die Bücher zu stürzen. Sie wollten unbedingt herausfinden, welche Gegenstände der dunkle Lord möglicherweise als Horkrux genutzt haben könnte. Da sie von zwei Dingen wussten, versuchten sie, Rückschlüsse zu ziehen. Außerdem suchten sie eine Möglichkeit, wie man Horkruxe vernichten konnte, wenn man kein Basiliskengift hatte und kein Dämonsfeuer nutzen wollte.

Als der Kuchen endlich fertig war, war es still im Haus. Das Arbeitszimmer war leer, genau wie das Wohnzimmer. Draußen war es stockduster, nur eine schmale Mondsichel und einige wenige Sterne verbreiteten fahles Licht. Erstaunt erkannte Severus, dass James offenbar schon den Tisch für das Frühstück gedeckt hatte. Da er nichts davon gehört hatte, war es wohl mit Magie geschehen. James entwickelte sich langsam zu einem aufmerksamen Mitbewohner, wie es schien. Er selbst ging schnell ins Bad, duschte sich und zog sich um, dann legte er sich zu Regulus. Diesmal war es an ihm, seinen Partner in die Arme zu ziehen. Was auch immer die Zukunft brachte, das hier konnte ihm so schnell niemand nehmen. Diese kurzen Momente, in denen sie sich einander hingeben konnten. Sich nahe waren. Sich hielten. Ja, Severus war sicher, er liebte Regulus. Nie wieder wollte er ohne ihn sein. Er hauchte einen Kuss auf die Schläfe von Regulus, dann atmete er tief ein, inhalierte den Kräuterduft und ergab sich dem Schlaf.

Bis Beide am frühen Morgen, es dämmerte noch nicht einmal richtig, von einem stechenden, brennenden Schmerz in ihren linken Unterarmen geweckt wurden. „Er ruft!“, fuhr Regulus hoch. Sofort waren sie hellwach. Automatisch griff Regulus nach den schwarzen Roben und der Maske, die in seinem Schrank immer bereit lagen. Ein zweites Set warf er Severus zu, der danach griff und sie schnell überwarf.

„Geh, ich schaffe es.“, versicherte Severus, als Regulus zum Apparieren nach ihm greifen wollte. Regulus erholte sich schnell von seiner Überraschung und nickte zustimmend, dann verschwand er. Severus wartete einen Moment, niemand sollte von ihrer engen Verbindung wissen, das wäre zu gefährlich. Doch schnell apparierte auch er, schließlich wollte er den Lord nicht unnötig verärgern oder gar auf sich aufmerksam machen. Das wäre schlecht für einen Spion. Sofort schob er den Gedanken von sich, immerhin war er nun in nächster Nähe zum besten Legilimentiker weit und breit. Hier musste er immer konzentriert sein. Er betrat den Salon und erkannte, dass außer ihm und Regulus nur der Lord und Lucius Malfoy anwesend waren.

„Komm zu mir, junger Severus Snape.“, befahl der Lord. Severus war nicht sicher, ob es nun gut oder schlecht war, dass niemand sonst anwesend war. Dennoch beeilte er sich, dem Befehl Folge zu leisten. Er kniete mit gesenktem Kopf vor dem Lord nieder, beugte sich so weit vor, dass er den Saum der Robe küssen konnte. „Berichte, wie weit sind deine Studien?“

„Mein Lord, ich habe einen neuen Zauberstab und kann damit umgehen.“, begann Severus. „Ich habe die letzten Tage nur mit dem Erlernen verschiedener Zauber verbracht. Auch Apparieren lernte ich.“

„Ich hatte euch befohlen, auch Lucius hinzuzuziehen, doch er ließ mich wissen, dass ihr euch nicht einmal bei ihm gemeldet habt!“, zischte der Lord.

Da er offenbar eine Antwort von Severus erwartete, neigte dieser seinen Kopf erneut. „Mein Lord, ihr habt befohlen, dass wir Lucius Malfoy mit hinzuziehen, sofern es Regulus Black für notwendig erachtet. Doch als ich den neuen Stab hatte, fiel es mir nicht besonders schwer, neue Zauber zu lernen.“

„Wir werden sehen.“, entschied der Lord. Er nickte Lucius Malfoy zu, der daraufhin den Salon verließ.

Severus schluckte, ihm wurde bewusst, dass nun wohl der Test folgen würde, vor dem ihn Regulus gewarnt hatte. Mit geschlossenen Augen konzentrierte Severus sich, verschloss alle Gefühle tief in seinem Inneren. Egal, wen er brachte, das hier würde alles von ihm abverlangen. Er suchte nach seiner Magie, erfühlte sie. Jetzt war es wichtig, dass er die Stärke genau kontrollierte. Wie hatten sie ihm beigebracht? Nicht zu viel, das Opfer sollte nicht unendlich leiden müssen, aber auch nicht zu wenig, immerhin musste der Lord überzeugt sein. Und dass nur der Cruciatus gefragt war, das war sogar Severus klar. Noch nie hatte er ihn ausgesprochen, er hatte das Prinzip an anderen schwarz-magischen Zaubern geübt. Aber er musste es nun schaffen. Ansonsten würde Regulus darunter leiden, immerhin hatte er es ihm beibringen müssen. Am liebsten würde er nun die Augen öffnen und einen Blick mit Regulus wechseln, aber das durften sie gerade nicht, der Lord beobachtete sie sicher ganz genau. Von weither hörte Severus leise Schritte. Lucius kam zurück. Und er war nicht alleine.

Lucius zerrte eine schmächtige, etwas stämmige Figur mit sich, die ganz in schwarz gekleidet war. Die dunkle Kapuze war weit ins Gesicht gezogen, sodass nicht erkennbar war, wer darin steckte. Offensichtlich wollte derjenige nicht mit ihm gehen, vielleicht wusste er, was auf ihn zukam. Er sträubte sich, aber er hatte keine Chance gegen den festen Griff, mit dem Lucius ihn gepackt hatte und mit zerrte. Jedenfalls war Severus sicher, dass es ein Mann war. Vielleicht auch ein Jugendlicher, besonders groß war er nicht. Er berichtigte seine Gedanken: derjenige wusste definitiv, was auf ihn zukam, denn je näher er kam, oder besser: gezogen wurde, desto widerwilliger schien er. Gleichzeitig wimmerte er leise. Jetzt sah Severus, dass unter der Kapuze eine weiße Todesser-Maske hervor lugte. Doch durch die Maske erkannte Severus nicht, wer es war. Mit leise zitternden Fingern nahm er unter dem Umhang seinen Zauberstab zur Hand. Er erinnerte sich an die Ermahnung, niemanden sehen zu lassen, wie er ihn trug. Die Finger griffen unwillkürlich fester zu, um die Unsicherheit ihres Besitzers zu überspielen. Er atmete noch einmal tief durch, schob seine Gefühle beiseite, dann blickte er zum Lord, in der Hoffnung, es wirke vorfreudig und ungeduldig.

„Nun, Severus Snape, ich habe gehört, dass einige Gryffindors dir zugesetzt haben während deiner Schulzeit. Nun ist es an dir, ihnen zu zeigen, wo ihr Platz ist. Beginne mit diesem hier!“ Der Lord deutete auf die inzwischen zusammengesunkene Figur zu Füßen von Lucius Malfoy. Nun ahnte Severus, wer da auf ihn wartete.

Der Blonde riss die weiße Maske vom Gesicht, und Severus zuckte einen Moment zusammen, als ihn die Emotionen überfielen. Wut ließ ihn beinahe rot sehen. Eine Art Schleier schob sich in sein Sichtfeld, färbte die Umgebung in unnatürlich grellen Rottönen. Langsam hob er seinen Zauberstab und deutete auf den Aschblonden. Peter Pettigrew hatte geholfen, ihn in die Falle zu locken, auch wenn er angeblich nichts davon wusste. Wobei Severus es ihm auch durchaus zutraute, Pettigrew hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Spaß daran hatte, wenn Andere verletzt wurden. Oft genug hatte er sich an den seltsamen Späßen seiner Freunde beteiligt, aber vor allem hatten seine Augen immer seine Freude gezeigt, wenn jemand gedemütigt oder verletzt wurde. Nur, weil er selbst kein so guter Zauberer war, hatte er sich zumeist hinter seinen Freunden versteckt. Er war mit Schuld daran, dass Severus seinen Körper mit Midnight teilen musste. Das alleine hätte Severus inzwischen vielleicht noch akzeptieren können. Aber was er niemals vergessen könnte: Pettigrew hatte seinen angeblich besten Freund James Potter an den Lord verraten und beinahe wäre dabei Lily getötet worden. Lily hatte seinetwegen geweint, denn sie hatte ihr Zuhause, ihre Sicherheit und auch ihre beste Freundin und ihr Patenkind seinetwegen verloren. In diesem Moment fiel es Severus nicht mehr schwer. „Crucio!“, zischte er. Vergessen war der Vorsatz, sich zurück zu halten.

Sofort schrie der Kleinere wie am Spieß, während er sich auf dem Boden wälzte. Panik und Schmerz zeichneten sich mehr als deutlich in seinem Gesicht und seiner ganzen Haltung ab, aber es störte Severus viel weniger, als es sollte. Irgendwo tief in seinem Inneren verabscheute er die immense Befriedigung, die er deswegen verspürte, doch er konnte sich nicht dagegen wehren. Er wollte gerade nicht einmal mehr aufhören, auch wenn ihm klar war, dass er sich früher oder später dafür hassen würde. Ein Kribbeln im Nacken deutete ihm an, dass Regulus ihn beobachtete. Würde er ihn verstehen? Würde er ihn verurteilen? Severus zuckte bei dem Gedanken erneut zusammen und nahm sich ein Stück weit zurück. Dennoch wartete er, bis der Lord ihn mit einer Handbewegung aufforderte, aufzuhören. Nun entließ er den ehemaligen Gryffindor aus seinem Zauber. Abwartend sah er den Lord an, hoffend, dass es nun vorbei war. Jetzt erst realisierte er, was er eben getan hatte. Genau das, was er immer verabscheut hatte am Vorgehen der Todesser. Eine Welle von Übelkeit überfiel ihn, und er schluckte mehrmals trocken. Durch die Wimpern erhaschte er einen Blick auf Regulus, doch der blickte gerade starr zum Lord. Sein Gesicht war maskenhaft und undurchschaubar. Ein Eisklumpen bildete sich in Severus' Magen. Gerade wünschte er sich nichts mehr als einen aufmunternden Blick seines Freundes. Seine Gefühle waren derart aufgewühlt, dass er nicht wusste, wie er sich selbst nun zur Ruhe bringen konnte. Regulus konnte das, auch ohne Worte. Aber gerade durften sie sich keine Blöße geben, das wäre gefährlich, wenn nicht sogar tödlich. Der Blick des Lords lag auf ihm, das sah Severus nicht nur, sondern er spürte es auch.

„Gut.“, zischte der Lord schließlich. Ob er zufrieden war oder nicht, ließ sich nicht erkennen, doch da er Severus nicht bestrafte, schien es zu passen. Alle Augen blickten auf den Lord, der einige Momente schwieg, bevor er seinen Blick auf den zusammengesunkenen und immer noch wimmernden Pettigrew richtete. „Verschwinde, du Ratte!“ Hastig rappelte sich Pettigrew auf und verschwand humpelnd durch eine Tür. Die Erleichterung war greifbar, Pettigrew war offenbar froh, dass er es überstanden hatte. Jetzt wandte sich der Lord Severus zu. „Deine Magie scheint soweit zu funktionieren. Du wirst ein guter Todesser sein. Aber Fenrir hat mich darauf hingewiesen, dass du noch mit deinem inneren Wolf in Einklang kommen musst, deshalb wird er dich abholen und mit ins Rudel nehmen, damit du es lernen kannst. Auch mit ihm kannst du deine Magie weiterhin trainieren.“ Jetzt sah er Regulus an. „Du hast ihn gut ausgebildet, Regulus Black. Aber jetzt musst du dich wieder auf deine Ausbildung konzentrieren, wir brauchen deine Braukunst.“

Severus und Regulus wechselten einen schnellen Blick. Wenn der Lord ihn so dringend brauchte, was war dann mit dem angehenden Tränkemeister, der den Wolfsbann-Trank an das Rudel lieferte? Mit Curtwick, Regulus' Mitschüler? Irgendetwas stimmte hier nicht. Was steckte hinter diesem Mysterium? Das musste er herausfinden. Severus spürte, dass mehr dahinter steckte, als auf den ersten Blick erkennbar war. Wer wusste schon, was das änderte. Am liebsten würde er zurück nach Broadstairs gehen, um mit James und Regulus gemeinsam weiter gegen den Lord vorzugehen. Es musste endlich weitergehen. Ein langer Weg lag vor ihnen, und dadurch, dass er nun ebenfalls Todesser war, wurde es immer schwerer. Allerdings ging das, was er wollte, gerade nicht, er musste den Anweisungen des Lords folgen. Rasch imitierte er Regulus' Beispiel und ging demütig in die Knie. „Natürlich, mein Lord.“

Der Lord bedeutete Severus, seinen Arm zu entblößen, dann drückte er seinen Zauberstab auf das Mal des Schwarzhaarigen. Severus biss die Zähne zusammen, als das Mal sich aggressiv rot färbte und brannte. Es dauerte nicht lange, bis der Lord den Stab wieder zurück zog. Nun warteten sie, aber auch das brauchte nicht lange, dann ging die Tür auf und Fenrir kam herein. Er grüßte den Lord, dann grinste er Severus anzüglich an.

„Fenrir, der junge Severus hat inzwischen seine Magie zurück und viel gelernt in den letzten Tagen.“, informierte der Lord. „Er wird dich nun begleiten. Er soll seinen Wolf beherrschen lernen, außerdem erwarte ich, dass seine Magie weiter trainiert wird, während er im Rudel ist.“

„Natürlich, Herr.“, neigte der Alpha den Kopf. Hier war der einzige Mensch, vor dem sich Greyback beugte, fiel es Severus auf. Auf ein Zeichen hin trat Greyback noch näher an den Lord und bekam offenbar weitere Befehle, aber so leise, dass Severus nichts verstand. In der Zeit wechselte er einen kurzen Blick mit Regulus, der ihm nur ganz knapp zunickte. Schon trat der Alpha wieder zu ihm. Als der Lord sie daraufhin entließ, griff Greyback nach Severus' Arm und verschwand im nächsten Moment mit ihm. Sekundenbruchteile später kam es Severus vor wie ein Déjà-vu. Es ähnelte der Situation vor etwa sechs Wochen, als er zum ersten Mal hierher gebracht worden war. Das Rudel sah nur kurz auf, einige grüßten ihn, gingen dann aber weiter ihrer jeweiligen Arbeit nach. Greyback brachte Severus erneut zu dem Baum, an dem er vorher schon meditiert hatte. „Setz dich.“, forderte der Ältere. „Bis heute Abend kannst du hier bleiben, um wieder zu meditieren. Du musst Kontakt mit deinem Wolf aufnehmen, um eine Einheit zu bilden. Der Lord erwartet, dass du bis Vollmond voll einsatzfähig bist. Mit Hilfe deiner Magie kannst du das Rudel unterstützen, ohne viel Zeit zu opfern, dadurch bringst du alles zusammen. Wir werden viel trainieren mit dir!“

Severus schauderte, als er das Grinsen des Älteren sah und den anzüglichen Unterton mitbekam. Doch für den Moment ließ er ihn tatsächlich alleine. Dankbar für diesen – sicherlich kurzen – Aufschub ließ sich Severus im Schatten des mächtigen Baumes auf den Boden sinken. Mit dem Rücken an den Stamm gelehnt schloss er die Augen. Ruhig zu werden schien jedoch unmöglich. Noch immer sah er den starren Blick von Regulus vor seinen Augen. Natürlich hatte Regulus so handeln müssen, sobald der Lord auch nur ahnte, dass sie einander mehr bedeuteten, wurde es lebensgefährlich. Das wollte keiner von ihnen. Und doch sehnte sich Severus danach, mit dem Jüngeren über den heutigen Tag zu sprechen. Widerwillig schob er den Gedanken beiseite, immerhin hatte er hier eine Aufgabe. Er versuchte, in sich zu ruhen, um so Kontakt zu Midnight zu bekommen, aber sofort schob sich wieder das Bild des schreienden Pettigrew in den Vordergrund. Egal, was Severus versuchte, es klappte einfach nicht. Also entschied er nach einer Weile, er müsse offensichtlich erst mit sich ins Reine kommen. Nun hielt er die Gedanken nicht mehr zurück, ließ sie auf sich einströmen.

Warum hatte er so eine … Freude daran gehabt, Pettigrew zu quälen? Lag es nur daran, wie er selbst in der Schule behandelt worden war? Nein. Eindeutig nicht. Ansonsten hätte er niemals einen Waffenstillstand mit James schließen können. Vielleicht waren sie noch keine Freunde, aber Verbündete. Sie hatten das gleiche Ziel. Dafür schafften sie es sogar, miteinander auszukommen. Aber warum dann? Die Schulzeit hatte eine gewisse Rolle gespielt, das war sicher, aber dieser Hass, der so tief in ihm geschlummert hatte, erschreckte Severus. Er hatte eigentlich geglaubt, dass dieser Hass lange Vergangenheit wäre. Aber woher kam er? Severus ließ seinen Gedanken freien Lauf. Er sah die Momente, in denen er Pettigrew erlebt hatte. Beginnend in der Schule. Immer hatte er ein wenig hinter den beiden dunkelhaarigen Rumtreibern gestanden, hatte nie alleine gehandelt. Aber er war immer mit Begeisterung dabei, wenn es darum ging, jemandem weh zu tun. Egal wem. Egal wie. Aber eines war immer der Fall gewesen: Er ging nicht offen vor, sondern hinterrücks. Er war fies und gemein, genoss es, anderen Schmerzen zuzufügen. All diese kleinen Begebenheiten ließen ein gewisses Maß an Abscheu in Severus aufsteigen, aber es war nicht das, was er empfunden hatte, als er ihn quälte. Quälen musste. Da war Hass gewesen. Echter, tiefgehender Hass. Der kam nicht aus der Schulzeit. Aber woher dann? Severus ließ seine Gedanken weiter treiben. Und mit einem Mal traf es ihn wie ein Schlag.

Pettigrew hatte James verraten. Er hatte seinen besten Freund, den er eigentlich beschützen sollte, dem dunklen Lord ausgeliefert. Freiwillig, denn aus dem Geheimniswahrer konnte das Geheimnis nicht heraus gepresst werden, sondern dieser konnte es nur freiwillig verraten. Das zeigte schon sehr deutlich, dass Pettigrew aus Bösartigkeit gehandelt hatte. Und nicht nur James hatte er verraten, der sich vielleicht noch hätte wehren können – vielleicht – sondern auch Lily. Verdammt, er wollte doch an ihrem Geburtstag bei ihr sein! Das wurde nun nichts mehr. Ein Grund mehr, Greyback und den Lord zu hassen. Aber gerade wollte er doch über seinen Hass Pettigrew gegenüber nachdenken. Er hatte James und Lily verraten. Und Harry. Irgendwie hatte sich der kleine Junge in Severus' Herz geschlichen. Und vor allem Lily war ihm immer wichtig gewesen, auch wenn sie einander eine lange Zeit nicht gesehen hatten. Wie konnte Pettigrew diese Freundschaft verraten? James und Lily hatten ihm das Wichtigste anvertraut, das sie hatten: Ihr Leben, und vor allem auch das ihres Sohnes, den sie über alles liebten. Das konnte sogar Severus erkennen, obwohl er kein Mensch war, der viel mit Gefühlen zu tun hatte. Wenn er daran dachte, brannte der Hass in seinem Inneren wie ein heißes, loderndes Feuer.

„Lily, Harry und James geht es gut.“, sagte er sich immer wieder. „Pettigrew kann ihnen nichts mehr tun. Nie wieder. Sie sind in Sicherheit!“ Doch erst, als er sich selbst klar machte, dass er selbst für ihren Schutz verantwortlich war, wurde er langsam ruhiger. Der Hass war noch immer da, aber nach und nach konnte Severus ihn von sich schieben. Ihn tief in sich begraben. Er würde Pettigrew irgendwann noch zur Rechenschaft ziehen, aber nicht mehr unüberlegt. Nein, er würde überlegt und eiskalt vorgehen. Das tat dem Anderen sicher mehr weh als ein paar Schmerzen.

Ein leises, ziemlich böse wirkendes Lächeln umspielte Severus' Mundwinkel für einige Momente. Dann besann er sich erneut auf seine Aufgabe. Deutlich ruhiger als zuvor versuchte er nun, Midnight zu finden. Die Präsenz des Wolfes konnte er immer unterschwellig spüren, aber Kontakt zu ihm aufzunehmen, war deutlich schwerer. Kein Wunder, hatte er doch immer einen gewissen Hass von Seiten seines Wirtes bekommen. Dass er jetzt nicht einfach so vertraute, war natürlich. Dennoch schaffte es Severus, ihn ein wenig hervor zu locken. Er erkannte, dass der Wolf vor allem die Freiheit wollte, laufen zu können, jagen zu dürfen. Und die Jagd ging nicht unbedingt um Menschen, sondern eher um Beute in der Vollmondnacht. Die Verwandlung war nicht nur für Severus sehr anstrengend und kräftezehrend, sondern auch für Midnight. Eigentlich logisch, fiel es dem jungen Mann ein. Natürlich wollte der Wolf dann etwas fressen. „Ich werde sehen, dass wir das bei der nächsten Verwandlung schaffen.“, versprach Severus in Gedanken. „Du kannst schließlich nichts dafür, in mir eingesperrt zu sein die meiste Zeit. Aber bitte, keine Menschenjagd. Ich verstehe, dass du fressen willst und musst, aber jage im Wald, ein Reh oder einen Hasen.“

Das Heulen, das Severus nur in seinem Kopf wahrnehmen konnte, klang irgendwie zustimmend. Hatte er es bereits geschafft? Noch glaubte er nicht daran. Aber sie waren ein ganzes Stück aufeinander zu gegangen. Das musste doch gut sein. Ob es Greyback reichen würde? Als er an den Alpha dachte, knurrte Midnight wütend. „Ja, ich kann ihn auch nicht ausstehen, aber das hilft leider nichts.“, schmunzelte Severus in Gedanken. „Aber ihn darfst du beim nächsten Vollmond gerne mal in den Allerwertesten beißen.“ Ein kurzes Bellen ließ ihn befreit auflachen. Offenbar hatten sie eine gemeinsame Basis geschaffen.

„Dir scheint es hier gut zu gehen.“, kommentierte der Alpha, der ihn an einen Baum gelehnt wohl schon eine Weile beobachtete. Als Severus die Augen öffnete, die Brauen zusammen zog und ihn wütend anstarrte, trat er zu ihm und fuhr fort: „Das Essen ist schon seit einer Stunde vorbei, du solltest ins Lager kommen.“

Severus stand auf, schwankte einen Moment aufgrund der plötzlichen Bewegung nach dem stundenlangen Stillsitzen, und ging dann gemeinsam mit Greyback ins Lager. Sehr darum bemüht, einen gewissen Abstand zwischen ihnen beizubehalten. „Wie weit bist du gekommen?“, riss er ihn schließlich aus den Gedanken.

„Ich denke, ein Stück weiter.“, zuckte Severus die Schultern. „Ist schwer zu sagen. Aber wir kommen einander eindeutig näher. Ich denke, langsam fange ich an, ihn ein wenig zu verstehen.“

„Gut.“, nickte Greyback. „Wir werden sehen, dass wir an deiner willentlichen Verwandlung arbeiten. Dich also zu einer Art Animagus machen.“ Zur Verdeutlichung verwandelte sich Fenrir kurz in seinen Wolf und wieder zurück. „Das ist möglich, sobald du und der Wolf eine Einheit bilden. Geborene Werwölfe können das instinktiv, gebissene müssen es lernen. In meinem Rudel hier schafft es jeder, nur du bisher nicht. Aber der Lord erwartet, dass du es lernst. Dann brauchen wir auch diesen dämlichen Trank nicht mehr. Den nehmen wir nur, damit dieser Typ das Patent bekommt.“

Jetzt wurde Severus hellhörig. Konnte es sein, dass seine Frage heute bereits eine Antwort fand? „Soll das heißen, der Trank bringt eigentlich nichts?“, erkundigte er sich betont unschuldig.

„Der Trank ist ganz okay, nur hier in England bislang nicht zugelassen.“, brummte Fenrir. Severus konnte riechen, dass das nicht die reine Wahrheit war, aber er wusste es besser, als nachzuhaken. „Er hilft denen, die keine Einheit mit ihrem inneren Wolf bilden. In anderen Ländern wird er dazu eingesetzt, die Werwölfe zu kontrollieren. Völlig sinnlos, denn wenn die Menschen und die Wölfe eine Einheit bilden, braucht es das nicht. Wenn du es also so sehen willst, dann bringt der Trank tatsächlich nichts, denn jeder Werwolf kann lernen, sich zu verwandeln.“

„Warum nehmt ihr ihn dann?“, wunderte sich Severus.

„Gute Frage.“, grinste Greyback. „Der Lord war der Meinung, wir sollten es versuchen, ob wir damit noch mehr Kontrolle bekommen. Und wir schlagen dem Lord diese Bitte nicht ab.“ Er klang ziemlich ironisch. „Wie auch immer, ich denke nicht, dass wir ihn noch lange bekommen, der Lord hat gemerkt, dass es keinen Vorteil bringt. Außer natürlich denen, die ihre Verwandlung nicht im Griff haben. Da der Mann kein Tränkemeister ist, bietet er dem Lord nicht wirklich einen Vorteil. Deshalb will der Lord Black haben. Der ist gut, wie man sagt.“ Er zuckte die Schultern. „Aber das sind Dinge, über die du dir keine Gedanken machen musst. Heute kannst du essen und dann schlafen, morgen will ich sehen, was du drauf hast. Wir werden eine Weile mit dem Zauberstab trainieren, dann sehe ich, wie es um deine willentliche Verwandlung steht.“

„Nehmen die anderen Werwölfe, also die anderen Rudel, auch den Wolfsbann?“, erkundigte sich Severus.

„Du solltest nicht so viel fragen.“, knurrte Greyback. „Aber nein, sie nicht. Dennoch folgen sie dem Lord. Es gibt etwa zehn Rudel hier auf der Insel, weil wir es nicht schaffen, in größeren Gruppen entspannt und unauffällig zu leben, die Wälder sind nicht groß genug dafür, schließlich müssen wir uns selbst versorgen. Sie alle haben einen Alpha, aber dennoch folgen sie alle einem. Dem Lord. Er ist zwar kein Werwolf, aber er ist unser aller Anführer. Er wird uns in eine neue Zukunft führen.“

Severus zog es vor, darauf nichts zu sagen. Das war sicher gesünder. Greyback war niemand, der sich gerne in Frage stellen ließ. Und auch, wenn er ihn nicht mehr verwandeln konnte, sein Biss tat immer noch verdammt weh, da war Severus sicher. Schweigend folgte er ihm ins Lager, griff nach einem Teller und ließ sich etwas von dem Eintopf geben. Damit setzte er sich an den Rand der Lichtung, löffelte schweigend und nachdenklich. Da Greybacks Blicke in seinem Nacken brannten, entschied er, lieber wieder im Wald zu schlafen. Natürlich könnte der Alpha ihn dort jederzeit finden, aber es fühlte sich dennoch sicherer an. Wobei, vielleicht war Greyback auch beschäftigt, jedenfalls drängte er gerade einen der Männer in eine Hütte. Isaac, wenn sich Severus richtig erinnerte. Der wirkte nicht besonders glücklich, wehrte sich aber auch nicht. Severus schauderte. Das würde er unter keinen Umständen mit sich machen lassen. Nicht hier und nicht Greyback. Niemals. Das gehörte Regulus und ihm. Erschrocken von dem Gedanken, der aus dem Nichts kam, verschluckte sich Severus und hustete heftig. Hoffentlich konnte er diese Gedanken verstecken, wenn er das nächste Mal vor dem Lord stand. Der durfte davon auf keinen Fall erfahren! Nicht auszudenken, was dann mit Regulus geschehen würde!

Nach einer ruhigen Nacht und einem reichhaltigen Frühstück folgte Severus ergeben dem Alpha in den Wald. „Okay, Severus.“, begann Fenrir, als sie ein Stück vom Lager weg waren. „Schließe deine Augen.“ Entsetzt sah Severus den Alpha an. Er sollte die Augen schließen und sich vollkommen ausliefern? Niemals! „Nun mach schon.“, knurrte Greyback. „Du musst dich entspannen, dann erst kann ich dich anleiten. Ansonsten klappt die Verwandlung niemals.“

Widerwillig setzte sich Severus auf den Boden, überkreuzte die Beine und schloss letztlich doch die Augen. Doch er konnte sich nicht entspannen, wenn Greyback irgendwo in seiner Nähe war. Plötzlich zuckte er zusammen, als sich zwei kräftige, raue Hände von hinten auf seine Schultern legten. „Entspann dich.“, befahl Greyback. Die Hände begannen, Severus' Schultern zu massieren. Wenn es nicht der Alpha wäre, würde es sich ganz angenehm anfühlen, doch Severus spürte die unterschwellige sexuelle Komponente, die von Greyback ausging. Aber nach einer Weile entspannte er sich tatsächlich, wenn auch gegen seinen Willen. Greyback wusste genau, welche Punkte er drücken musste. „Okay, so ist es besser.“, brummte der Ältere schließlich, aber seine Hände machten immer weiter. „Jetzt konzentriere dich auf deinen Wolf. Midnight hast du ihn genannt, nicht wahr? Konzentriere dich auf ihn und stelle ihn dir genau vor, seine Pfoten, jede Kralle, das Fell und die Art, wie der Wind es bewegt. Die Beine, den Körper, die Rute. Den Kopf, die Nase, die Ohren. Je bildlicher du es dir vorstellen kannst, desto eher klappt die Verwandlung. Siehst du ihn? Siehst du Midnight genau vor dir?“

Severus gab sich Mühe. Konzentriert lauschte er der Stimme, blendete seine Abneigung aus und versuchte, das zu tun, was sie ihm sagte. Vor seinem inneren Auge entstand ein Bild seines Wolfes. Anfangs noch eher unscharf, doch mit der Zeit schuf er immer mehr Details. Obwohl er sich nur an einen Moment erinnern konnte, an dem er Midnight gesehen hatte. Und doch konnte er sich genau erinnern, wie er ausgesehen hatte. Midnight war ein Teil von ihm, und je mehr er das akzeptierte, desto besser kam er in Kontakt mit ihm.

„Gut, sehr gut.“, lobte Fenrir, der scheinbar spürte, wie weit Severus war. Seine Stimme war nun deutlich leiser, ruhig und beinahe hypnotisch. „Jetzt behalte dieses Bild in deinem Kopf, aber suche auch nach deiner Magie. Jetzt, am Anfang, hilft sie dir bei der Verwandlung, wenn du es kannst, brauchst du keine Magie mehr dafür, aber man lernt es leichter mit Magie. Du brauchst keinen Zauber, aber nutze deine Magie, um die Verwandlung zu unterstützen. Lass es zu, hab keine Angst vor der Verwandlung. Wenn du sie schaffst ohne den Einfluss des Vollmondes, behältst du die Kontrolle, auch wenn die Instinkte ebenfalls mit an die Oberfläche kommen. Wie bei einem Animagus. Versuche es. Lass dir Zeit dazu.“

Severus gab sich Mühe. Das hier war etwas, das er selbst wollte. Mit Hilfe von Regulus hatte er es geschafft, seinen Wolf zu akzeptieren, nicht mehr als Monster zu sehen. Instinktiv spürte er, dass er nur dann wirklich zufrieden sein konnte, wenn auch Midnight zufrieden war. Immerhin war er ein Teil von ihm. Und dieser Teil wollte nach draußen, wollte laufen und jagen, seine Umwelt richtig wahrnehmen, nicht nur durch die schwachen, menschlichen Sinne. Er spürte, wie Midnights Sinne übernahmen. Beinahe konnte er auch die beginnende Verwandlung spüren, aber die Magie entglitt ihm ein ums andere Mal. Frustriert öffnete er schließlich die Augen. Er war vollkommen erschöpft, obwohl gerade erst Mittag war, wie er am Stand der Sonne erkennen konnte. „Es geht nicht.“, keuchte er.

„Das habe ich nicht erwartet. Nicht beim ersten Mal.“, schüttelte Greyback den Kopf. „Du ruhst dich eine Weile aus, danach arbeiten wir an deiner Magie. Das wird das Programm für die nächsten Tage, bis du beherrschst, was der Lord erwartet.“ Der Jüngere nickte gehorsam, da ihm klar war, dass er hier den Kürzeren ziehen würde. Offenbar blieb ihm gerade keine andere Wahl, als einen ‚guten‘ Todesser und Werwolf zu mimen. Nun musste er überzeugend Theater spielen. Dabei half ihm sicher auch das Okklumentik-Training, das er unter Regulus gemacht hatte. Die Gefühle beherrschen, den Kopf leeren. Das konnte er. Ohne auf Greyback zu achten, der in Richtung des Lagers ging, legte sich Severus unter einen der Bäume, zog seinen Umhang um sich und schloss die Augen. Nur Sekunden später schlief er. Die Konzentration und der Versuch einer bewussten Verwandlung hatten ihn ausgelaugt, ihm alle Energie geraubt. Er schlief, bis Greyback ihn etwa zwei Stunden später aufweckte. Bis zum Abendessen trainierten sie nun verschiedene Zauber, die Greyback dem Jüngeren beibrachte. Zumeist schwarz-magisch, aber das hatte Severus erwartet, und es störte ihn nicht. Einzig der Zweck, wozu er das lernte, ließ Übelkeit in ihm aufwallen. Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange, um seine Tarnung zu behalten. Als sie zum Essen gingen, war Greyback zufrieden mit seinem Schüler.

So vergingen die nächsten Tage, einer wie der andere, bis der nächste Vollmond anstand. Sie bekamen den Banntrank – erneut war Smethwyck dabei, aber Severus schaffte es nicht, ihn zu treffen – und wurden ein weiteres Mal zum Lord gerufen. Diesmal waren auch die Todesser in großer Zahl dabei. Regulus war nirgends zu sehen. Dort erfuhren sie das Ziel. „Appariere alleine.“, entschied Greyback. „Du folgst einfach dem Mal, Severus.“

Der Angesprochene nickte knapp. Seine Gedanken rasten. Es ging eindeutig gegen Dumbledores Orden, er würde sie gerne warnen, aber konnte er das wagen? Außerdem wäre es die perfekte Gelegenheit für James, das Medaillon zu holen, wenn Dumbledore vor Ort war und den Lord ablenkte. Er entschied, es zu riskieren, und apparierte in Regulus' Haus. „Lily, James!“, rief er hastig. Er hatte keine Zeit.

Erschrocken kamen sie ins Wohnzimmer. „Severus! Was ist passiert?“, fragte Lily entsetzt.

„Keine Zeit!“, keuchte Severus. „Ich muss gleich weiter. Die Todesser und Werwölfe greifen Askaban in wenigen Minuten an. Der Lord ist vor Ort, er will seine gefangenen Anhänger befreien. Wenn Dumbledore ihn ablenkt, könntest du, James, das Medaillon holen. Ich muss los, bevor Greyback Verdacht schöpft!“ Direkt nach dem letzten Wort apparierte er erneut.

„Wo warst du so lange?“, knurrte Greyback misstrauisch. Er stand neben einem Todesser, in dem Severus Lucius Malfoy erkannte. Auch dieser musterte ihn kritisch.

„Ich schätze, ich war nicht ganz konzentriert beim Apparieren.“, senkte Severus seinen Blick. „Der Vollmond lenkt mich ab, stört meine Konzentration. Ich kam in einem Wald an, ich denke, irgendwo in der Nähe der Küste. Keine Ahnung, wo genau. Ich habe einige Minuten gebraucht, um ruhig genug zu werden und es erneut zu probieren.“

„Anfänger.“, schüttelte Malfoy den Kopf. Seine Stimme klang, als würde er grinsen. „Also los, umzingeln wir das Gefängnis und diese Blutsverräter, die freiwillig hier arbeiten! Unser Lord hat die Dementoren bereits auf unsere Seite gezogen.“

Severus sah auf seinen Alpha der ihm andeutete, die Lücke zwischen ihm und Alex, einem der Werwölfe aus einem fremden Rudel, zu schließen. Minuten später kam der Vollmond gleichsam aus dem Meer, das sie umgab. Die Verwandlung begann.

„Angriff!“, befahl der Lord, als alle Wölfe verwandelt waren. Die Todesser und Werwölfe zogen den Ring um das Gefängnis immer enger, dann flogen die ersten Zauber. Feuerzauber, die Teile des Gebäudes in Flammen setzten, Sprengzauber, die Löcher schufen, durch die sie eindrangen. Schreie zeigten, dass die Wächter nun wussten, wer sie überfiel. Schnell antworteten sie mit Zaubern. Erleichtert – und gleichzeitig besorgt – erkannte Severus, dass Dumbledore und sein Orden vor Ort waren. Seine Warnung war angekommen. Gemeinsam stellten sich Moody und Dumbledore dem Lord entgegen, hielten ihn in Atem. Seine Todesser konnten ihm kaum helfen, denn auch sie waren in Bedrängnis. Die Ordensleute waren gut trainiert, wie es schien. Midnight hatte zu tun, den umherfliegenden Zaubern auszuweichen. Verletzt werden wollte er natürlich nicht. Vom Kampf selbst bekam er nur wenig zu sehen, zu sehr war er damit beschäftigt, nicht getroffen zu werden. Doch mit einem Mal streifte etwas seine Schulter. Schmerzerfüllt jaulte Midnight auf und schoss herum, doch ein weiterer Zauber traf ihn. Schwärze umhüllte den Geist des Werwolfes und er sank in sich zusammen. Bewusstlos blieb er liegen, merkte nicht mehr, dass er von einem einstürzenden Teil der Mauer begraben wurde.

Stöhnend wand sich Severus und versuchte, den Schmerzen zu entkommen. Er konnte nicht einmal genau lokalisieren, wo er Schmerzen hatte, sein ganzer Körper schien zu brennen. Erneut stöhnte er, als sich etwas Kühles auf seine Stirn legte. Es tat gut, aber es half nicht. Nicht wirklich. Wo war er eigentlich? Und wie kam er hierher? Was war überhaupt passiert? Er wusste nicht mehr, wo er gewesen war, was er getan hatte. Und er hatte keine Ahnung, wo genau er sich nun befand, oder wer bei ihm war. Um sich von den Schmerzen abzulenken überlegte Severus, woran er sich erinnern konnte. Alles war total verschwommen in seinem Kopf, aber er zwang seine Gedanken zur Ruhe. Langsam dämmerte es ihm. Er musste als Werwolf mit den Todessern nach Askaban. Das Mal hatte ihm gezeigt, wohin er apparieren musste. An den Kampf konnte er sich kaum erinnern, aber dann grübelte er. Was war passiert, dass er jetzt solche Schmerzen hatte? Ein weiteres Stöhnen löste sich von seinen Lippen und er bäumte sich auf, als eine neue Schmerzwelle durch ihn rollte. Er wollte entkommen, auch wenn er wusste, es gab kein Entrinnen, die Schmerzen waren einfach überall.

Eine Hand griff nach seiner. „Severus, entspann dich.“, ordnete eine Stimme an. Er kannte sie und atmete erleichtert auf. „Gut so, Liebster. Du bist zuhause, es wird gut. Es dauert sicher noch eine Weile, bis du wieder ganz fit sein wirst, es hat dich ganz schön heftig erwischt. Eine Mauer ist über dir zusammen gebrochen. Wir haben dich erstmal gar nicht vermisst. Zuerst dachte ich, du bist mit den Werwölfen zurück, aber dann hörte ich, dass Greyback erzählte, du wärst nicht aufgetaucht. Das war am nächsten Tag. Da wurde mir klar, dass etwas passiert sein musste. Aber noch bevor ich losgehen konnte, kam Albus mit dir zu uns. Der Orden hat die Trümmer von Askaban untersucht, und du wurdest gefunden, zum Glück von Albus selbst, er wusste immerhin, dass du zu uns gehörst. Du hast mir einen ganz schönen Schock verpasst. Lily hat dich behandelt, du warst ziemlich schwer verletzt. Sie meinte, wenn sie dich ein paar Stunden später gefunden hätten, wäre es möglicherweise zu spät gewesen. Viele deiner Knochen waren gebrochen, zum Teil durch den Einsturz der Mauer, zum Teil aber auch durch die Verwandlung, weil sich der Körper aufgrund der Verletzungen gegen die Rückverwandlung gewehrt hat.“

„Reg.“, krächzte Severus heiser, aber sehr erleichtert. Endlich konnte er entspannen, er war in Sicherheit!

„Pst, nicht sprechen.“, beruhigte Regulus. „Ruh dich aus, mein Lieber. Du musst ein wenig Kraft schöpfen, damit du heilen kannst. Alles konnte Lily nicht heilen, obwohl sie ständig mit Madam Pomfrey Kontakt hielt. Hier, der Trank hilft dir gegen die Schmerzen, dann kannst du besser schlafen.“ Severus ließ sich die Flüssigkeit einflößen, sank zurück in die Kissen und schlief bald wieder.

Beim nächsten Erwachen fühlte er sich deutlich besser. Diesmal schaffte er es relativ schnell, die Augen zu öffnen. Er lächelte leicht, als er Lily neben seinem Bett erkannte. Sie las gerade in einem Buch. „Hey.“, murmelte er.

„Du bist wach!“, schreckte Lily auf. Sie zog ihren Zauberstab und erstellte eine Diagnose. „Und es geht dir deutlich besser! Noch zwei oder drei Tage Ruhe, dann kannst du wieder aufstehen. Du hattest wirklich Glück, Sev.“ Ihr standen Tränen und die Angst in den Augen.

„Und ich hatte dich!“, erwiderte er schmunzelnd. „Regulus hat mir erzählt, dass du mich behandelt hast. Vielen Dank, ich fühle mich deutlich besser.“

„Wir konnten keinen Heiler zu dir bringen, und wollten auch das Risiko nicht eingehen, dich erneut zu transportieren.“, erklärte Lily. „Also musste ich sehen, dass ich es alleine schaffe. Ich habe Kontakt mit Poppy gehalten, die hat mir geholfen. Alleine hätte ich es nicht geschafft.“ Sie stoppte und lächelte ihm zu. Das Lächeln ließ ihre grünen Augen hell leuchten. „Aber jetzt solltest du etwas essen, Nährtränke alleine sind nicht alles.“ Schnell huschte sie aus dem Zimmer, kam nur Minuten später mit einem Tablett zurück. Darauf stand eine Schale mit einer Hühnersuppe, wie Severus' Nase gleich feststellte. Dazu gab es frisches Brot und mageres Hühnerfleisch. Vorsichtig und langsam aß Severus. Es schmeckte wirklich gut.

Nach einer Weile fiel ihm auf, dass Lily ihn mit einem seltsamen Blick musterte. Jetzt erinnerte er sich, dass auch Regulus einen seltsamen Unterton gehabt hatte, als er zum ersten Mal aufgewacht war. „Was ist los?“, wollte er daher wissen.

„Nichts.“, kam es schnell von der Rothaarigen. Zu schnell.

„Lüg' mich nicht an!“, knurrte Severus. Er brauchte nicht einmal seine Wolfssinne, um das zu erkennen.

„Nein, Severus, jetzt nicht.“, bestimmte Lily. „Du musst dich erst erholen.“ Also war doch etwas. Regulus? Hektisch versuchte Severus, aus dem Bett aufzustehen. „Halt, stopp. Du bleibst im Bett!“, bestimmte Lily und drückte ihn rigoros zurück auf die Matratze. Sie war erstaunlich kräftig, oder Severus ziemlich schwach durch seine Verletzung.

„Regulus? Ist was mit ihm?“ Severus war fast wahnsinnig vor Sorge, vergaß dabei sogar seine eigenen Verletzungen.

„Nein, keine Sorge, es geht ihm gut.“, beruhigte die junge Frau. „Er ist gerade in der Uni, damit er nicht auffällt. Beruhige dich, Sev, es ist alles in Ordnung mit ihm. Er kommt wieder, sobald er kann. Über alles andere reden wir in einigen Tagen, okay?“

„Na gut.“, seufzte Severus und ließ sich zurücksinken. Er fühlte sich erschöpft, die Augen fielen ihm zu. Auch wenn er sie immer wieder aufriss, so konnte er nicht verhindern, kurze Zeit später einzuschlafen.

Beim nächsten Erwachen fühlte sich Severus deutlich besser. Vor allem, weil ein schlafender, entspannt aussehender Regulus neben ihm lag. Als sich Severus vorsichtig aufsetzte, um ein wenig zu trinken – auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser und er hatte starken Durst – wachte der Jüngere auf. „Hey, geht's dir besser?“ Die Erleichterung war hörbar und sichtbar.

„Viel besser.“, nickte Severus, als er getrunken hatte. Und das war die reine Wahrheit.

„Merlin sei Dank!“, seufzte Regulus. „Also, pass auf, ich habe dem Lord berichtet, dass du verletzt und in Behandlung bist. Du hast noch eine Woche zur Erholung, dann musst du wieder auf seinen Ruf reagieren. Bis dahin könnten wir uns vielleicht endlich mal mit Smethwyck treffen, wenn du das immer noch willst. Vor allem, da ich gerade eine Uni-Pause habe, seit gestern sind Semesterferien.“

„Ja, ich will das immer noch. Vielleicht kann er uns helfen, einige Fragen zu klären.“, nickte Severus. „Was war jetzt mit James? Hat er es geschafft?“, wechselte er nun abrupt das Thema.

„Ich denke, das will er selbst erzählen!“, grinste Regulus schief.

Severus zog die Augenbraue fragend nach oben. „Du weißt es auch nicht?“, staunte er dann, als er es erkannte.

„Nicht genau.“, gab Regulus zu. „Nur, dass er es wohl geschafft hat. Ansonsten würde er nicht mit einem Dauergrinsen rumrennen.“ Er wich aus, als Severus spielerisch nach ihm schlug. „Komm, ich helfe dir im Bad.“, bot er seinem Freund schließlich an.

Dankbar nickte Severus. Ihm war bewusst, dass er noch nicht in der Lage war, es alleine zu schaffen. Dafür waren seine Beine zu wacklig. Also ließ er zu, dass Regulus ihm unter die Arme griff und ihn ins Bad brachte. Während er sich erleichterte, ließ der Jüngere ihm Wasser in die Badewanne. Mit Hilfe von Regulus ließ er sich in das warme Wasser gleiten. Eine Weile genoss er einfach die Wärme und entspannte sich, aber schließlich wusch er sich ab. Langsam war er neugierig auf James' Geschichte. Er fühlte sich sehr viel besser, als er aus der Wanne stieg und ließ zu, dass Regulus ihm ein vorgewärmtes Handtuch umlegte. Diese Nähe genoss Severus, er lehnte sich einen Moment bei dem Jüngeren an. Regulus umarmte ihn, als ahnte er, dass Severus gerade ein wenig Unterstützung brauchte. Mit seinen Lippen nippte Regulus ein wenig an Severus' Nacken. Der Ältere schloss genießerisch die Augen, genoss den Moment. Ein leises Keuchen verriet, wie sehr. Doch lange konnten sie nicht in ihrer kleinen Blase bleiben, hinter der Tür wartete die Realität. Irgendwann straffte er sich, ging ins Schlafzimmer und zog sich an. Regulus blieb bei ihm, um ihn zu unterstützen, sollte ihn die Kraft verlassen, doch Severus schaffte es alleine. Minuten später waren sie im Wohnzimmer.

Lily hob die Augenbraue, als sie hereinkamen, zog ihren Zauberstab und untersuchte Severus kurz. „Das sieht schon sehr viel besser aus, aber du solltest dich hinlegen. Du brauchst deine Kraft, um zu heilen. Und die Knochen sind noch nicht so belastbar, wie sie sein sollten.“ Sie lächelte ihn an. „Wie fühlst du dich?“

„Besser. Sehr viel besser.“, versicherte Severus, aber er legte sich dennoch auf das Sofa. Doch vorher umarmte er die Rothaarige noch liebevoll. „Alles Gute nachträglich zum Geburtstag!“

„Danke! Auch für den Kuchen, er war wirklich gut!“, erwiderte Lily. „Nur schade, dass wir nicht gemeinsam feiern konnten.“

„Das werden wir nachholen, wenn alles vorbei ist.“, versprach Severus leise. Er ließ zu, dass Regulus eine Decke über seine Beine legte, als er sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte. Der Jüngere tat Severus den Gefallen, das Geschenk für seine beste Freundin zu holen, ein Strickset, das Regulus in seinem Namen besorgt hatte, weil Lily gerne wieder stricken wollte. Früher, als sie noch Schüler waren, hatte Lily oft mit ihren Nadeln am großen See gesessen und vor allem Pullover gestrickt, aber auch Mützen und Schals. Freudestrahlend fiel sie ihm um den Hals, als sie es ausgepackt hatte. Anschließend brachte sie ihm ein Tablett mit Suppe und einigen Sandwiches. Auch für Regulus war etwas dabei. Der setzte sich in den Sessel neben dem Sofa, auf dem Severus lag. Von draußen hörten sie das fröhliche Gebrabbel von Harry. Sie aßen in Ruhe, intensiv beobachtet von der Rothaarigen. Irgendwie machte das Severus immer nervöser. „Was?“, knurrte er schließlich.

„Ihr passt wirklich gut zusammen.“, grinste Lily.

Severus schluckte. „Denkst du?“, wollte er wissen.

„Ja, das denke ich.“, nickte Lily ernst. „Noch nie habe ich dich so glücklich gesehen. Und das, obwohl dein schlimmster Alptraum wohl wahr wurde, als Moony dich gebissen hat. Ich vermute, das ist Regulus zu verdanken. Dafür bin ich dir“, sie sah zu dem Jüngeren, „mehr als dankbar. Ihr wirkt so … harmonisch miteinander. Ihr ergänzt euch so sehr, als wärt ihr schon ewig zusammen.“

Regulus wollte etwas erwidern, doch Harry lief kichernd herein. Er stutzte einen Moment, dann grinste er mit seinen vier Zähnchen. Entsetzt beobachtete Lily, wie der von oben bis unten mit Sand verschmierte Harry versuchte, auf das Sofa zu klettern, wo Severus lag. Der reagierte prompt und wirkte einen Reinigungszauber, dann half er dem Kleinen, nach oben zu kommen. „Sevvus wieda da!“, lachte der knapp Zweijährige.

„Ja, ich bin wieder da.“, antwortete Severus schmunzelnd. „Alles klar bei dir, Harry?“ Irgendwie mochte er den Kleinen. Zwar erinnerte er ihn an Suavita und das, was hätte sein können, aber seit er darüber gesprochen hatte, schmerzte die Erinnerung nicht mehr so sehr. Einen kleinen Stich würde es ihm wohl immer geben, aber die Schmerzen ließen nach. Er begann, diese Annäherung zuzulassen. Wobei, Harry schien ohnehin einen Narren an ihm gefressen zu haben, obwohl Severus sich nicht weiter mit ihm abgegeben hatte.

„Hawwy Sevvus misst.“, erklärte der Kleine ernsthaft.

„Ich hab' dich auch vermisst, Kleiner.“, versicherte Severus.

„Hawwy gloß!“, schimpfte der Jüngste empört.

„Oh, natürlich. Bist du wohl gewachsen?“ Harry nickte stolz. „Dann ist es ja gut.“ Severus musste sich ein Lachen verbeißen.

„Und damit du noch weiter wachsen kannst, musst du jetzt schlafen gehen.“, entschied Lily. „Komm, ab ins Bett mit dir. Du hast draußen mit Daddy gegessen, jetzt ist Mittagsschlaf dran.“

„Hawwy Sevvus slafen!“, widersprach der Kleine.

Lily wollte schimpfen, musste sich aber nun ebenfalls das Lachen verbeißen, als ihr Sohn sich wie selbstverständlich an Severus schmiegte, sich die Decke bis zur Nase zog und demonstrativ die Augen schloss. Severus' Augen hingegen weiteten sich immer mehr, als er das beobachtete. Er hatte nicht einmal geahnt, wie weit das hier für den Jungen bereits ging. Und doch fühlte er sich nicht unwohl mit diesem Arrangement. Unwillkürlich legte er seine Arme um den Jungen, damit er nicht hinunter fallen konnte. James lehnte an der Terrassentür und beobachtete diesen Austausch mit offenem Mund, konnte offenbar nicht glauben, was er sah. Alle schwiegen, bis sie sicher waren, dass Harry tatsächlich schlief. Severus streichelte sanft über die wirren, schwarzen Haare und fühlte den Stolz, der seine Brust anschwellen ließ. Ausgerechnet bei ihm schlief der Kleine ohne Probleme und sogar ohne Protest! Das schaffte nicht einmal James, und der war der Vater! Erneut dachte er an seine kleine Schwester, wie oft er sie im Arm gehalten und beobachtet hatte, während sie schlief. Das hier kam dem Gefühl von damals schon sehr nahe. Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg aus Severus' Auge, als er an die vielen Dinge dachte, die er nie mit seiner Schwester hatte machen können. Aber sie würde es sicher gut finden, wenn er es jetzt mit Harry machte.

„Das ist unglaublich.“, kommentierte James nach einer Weile leise. „Und ich dachte immer, du magst keine Kinder.“

„Eigentlich schon, aber … es erinnert mich an ...“ Severus verstummte, James gegenüber würde er nicht mehr sagen. Er spürte, wie Lily seine Hand kurz drückte und Regulus legte ihm die Finger auf die Schulter, drückte dort zu. Sie gaben ihm Halt. Schnell wechselte er das Thema, bevor James noch etwas sagen konnte: „Wie war das jetzt mit dem Medaillon? Hast du Erfolg gehabt?“

Da war es wieder, das Grinsen, das Regulus bereits erwähnte. „Allerdings! War nicht so leicht!“ Und er setzte sich auf den zweiten Sessel, dem Sofa gegenüber, wo er zu erzählen begann. „Nachdem du hier warst, haben wir sofort Albus alarmiert. Er war einer Meinung mit mir, dass das wohl die beste Gelegenheit sein dürfte, in die Höhle zu gehen. Kreacher ist mit mir appariert. Verdammt, das war wirklich kalt dort! Wir landeten auf einer Klippe im Meer. Von dort aus mussten wir schwimmen, um in die Höhle zu gelangen. Ihr habt keine Ahnung, wie kalt die Nordsee um diese Jahreszeit ist, trotz Wärmezauber. Brr! Aber es durfte keine Rolle spielen, wir mussten in die Höhle. Der Eingang war leicht zu öffnen, immerhin wusste Kreacher, wie es geht. Mich wundert nur, dass Voldemort sein Gedächtnis nicht gelöscht hat.“ Er unterbrach sich, runzelte die Stirn, kam aber offenbar auf keine Lösung.

Regulus lachte kurz, aber humorlos auf. „Ich denke nicht, dass er davon ausging, Kreacher würde lange überleben. Also war es eine unnötige Anstrengung, seiner Meinung nach.“

„Du hast schon länger darüber nachgedacht, nicht wahr?“, schmunzelte Lily, als sie James' verdutzte Miene sah.

„Seit dem Moment, als Kreacher uns berichten konnte.“, nickte Regulus. Auch er grinste kurz, wurde dann aber wieder ernst. Es war kein lustiges Thema.

James schüttelte den Kopf. Ein wenig wirkte es, als wollte er nicht glauben, dass jemand anderes früher über derartige Dinge nachdachte, als er selbst. Dann schüttelte er dieses Thema ab. „Okay, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, wir kamen in die Höhle. Kreacher hat mir gezeigt, wo das Boot sein muss. Aus irgendeinem Grund konnte er es nicht aus dem Wasser holen. Vermutlich die falsche Art der Magie, immerhin nutzen Hauselfen die Magie nicht auf die selbe Art wie wir. Also habe ich es ans Ufer geholt und wir sind eingestiegen. Es hat uns zur Insel gefahren. Dort habe ich den Trank, den Lily mir mitgegeben hat, genommen und dann gehofft, dass er wirklich funktioniert. Ich habe eine Schale geschaffen und den Trank abgeschöpft. Es war ziemlich unangenehm, euer Trank hat die Wirkung nicht vollkommen neutralisiert, ich fühlte immer noch die Ängste, die er hervorrufen sollte, aber ich wusste zumindest noch, dass es der Trank ist. Ich blieb handlungsfähig. Ganz ehrlich, das hätte ich nie geglaubt, vielen Dank dafür. Am Ende habe ich das Medaillon herausgenommen und ein anderes hineingelegt, damit es so aussieht, als wäre alles noch wie vorher. Der Trank hat sich von selbst wieder aufgefüllt, sobald das falsche Medaillon darin lag. Kreacher und ich fuhren zurück ans Ufer, dann haben wir zugesehen, dass wir verschwinden. Wir sind noch aus dem Meer appariert. Ich habe das Medaillon im Safe im Labor eingesperrt, dort erschien es mir am sichersten.“

„Unglaublich!“, staunte Regulus. Severus schwieg, er war noch immer zu erschlagen von dem Bericht. Außerdem zappelte Harry im Schlaf und er war damit beschäftigt, den Kleinen auf dem Sofa neben sich zu halten. „Also fehlt uns jetzt nur noch Basiliskengift, denn ich würde nur ungern Dämonsfeuer hier nutzen. Das ist zu auffällig, die Gefahr, entdeckt zu werden, ist einfach zu groß.“

„Ich stimme dir zu.“, nickte Severus. Sein Blick suchte den von James. „Danke!“

Der Blick des Jungaurors brannte sich einige Zeit stechend in Severus' Augen. Ein stummes Duell. Doch schließlich wurde er weicher, als ihm die streichelnde Hand auffiel, die seinen Sohn beschützte und gleichzeitig liebkoste. „Du hast gute, sehr gute Arbeit geleistet mit dem Gegentrank. Ohne diesen hätte ich es nicht geschafft. Ich danke dir.“

Severus schenkte ihm ein Lächeln. Inzwischen hatte er dem ehemaligen Gryffindor vergeben. Irgendwann in den letzten Tagen hatte sich etwas geändert. Ohne es an etwas festmachen zu können wusste Severus, dass sie nun Freunde waren. Sie kämpften zusammen, lebten unter einem Dach und kümmerten sich gemeinsam um das Kind, das gerade an seiner Seite schlief. Nie hätte Severus es für möglich gehalten, aber nun hatte er Respekt vor dem Mut und der Opferbereitschaft des Braunhaarigen. Dieser kämpfte für seine Familie, für seine Überzeugungen. Er hatte sich verändert, sehr sogar. Die Vergangenheit verschwand nicht, aber Severus war inzwischen in der Lage, es hinter sich zu lassen.

Lily brachte einige Becher mit Tee aus der Küche. Zufrieden stießen sie damit auf diesen ersten Erfolg an. Sie waren noch lange nicht am Ende ihres Kampfes, aber wenigstens einen kleinen Schritt weiter. Ruhig plauderten sie eine Weile über Nichtigkeiten, genossen die Ruhe. Wie lange würde es so entspannt bleiben? Nicht lange, das war sicher.

„Wie geht es meinem Bruder?“, erkundigte sich Regulus schließlich leise. Er schenkte Severus einen entschuldigenden Blick, aber er konnte nicht anders. Es war der selbe Ton wie bei Severus' erstem Erwachen, daher ahnte Severus, dass nun das Geheimnis offenbart wurde, was sie ihm vorher verheimlicht hatten. „Er wurde sozusagen mit befreit bei dem Überfall, wenn auch nicht vom Lord geplant. Aber Albus und einige seiner Leute haben ihn mitgenommen.“, erklärte er Severus.

„Nicht besonders.“, wusste Lily und beantwortete damit die Frage von Regulus. „Er ist derzeit im Haus von Moody, aber der ist natürlich kein Heiler, noch nicht einmal ein guter Psychologe. Aber sein Haus ist gesichert, und Poppy kann sich dort um Sirius kümmern.“ Sie schenkte Regulus einen mitfühlenden Blick. „Er hat ziemlich abgenommen und verträgt das normale Essen kaum. Vollkommen erschöpft, meistens schläft er. Viele kleine Verletzungen, dazu der Mangel an Nährstoffen und Vitaminen. Er muss langsam aufgepäppelt werden. Dazu kommen Alpträume und Schreckhaftigkeit. Eine Menge zu verarbeiten. Ich denke, er wird lange brauchen, bis er wieder ein einigermaßen normales Leben führen kann.“

Regulus blickte zu Severus. Sie fochten ein stummes Duell aus. Der Jüngere wollte sich um seinen Bruder kümmern, fühlte sich verantwortlich, wusste aber auch, dass Sirius Schuld war an der Tatsache, dass Severus ein Werwolf war. Sein Freund hatte Sirius noch nicht vergeben, und das würde er so schnell wohl auch nicht, obwohl er sich inzwischen mit seinem inneren Wolf ausgesöhnt hatte und seine Natur akzeptierte. Severus hingegen wusste, dass Regulus seinen Bruder noch immer liebte, für ihn da sein wollte. Er verstand diesen Wunsch, gleichzeitig aber war da die allgegenwärtige Wut, wenn er an Sirius Black dachte. Nein, auch wenn er Regulus verstehen konnte, er wollte dessen Bruder nicht in der Nähe haben. Das war eindeutig zu viel. Das konnte Regulus nicht von ihm verlangen. Sie starrten sich lange in die Augen, mehrere Minuten lang. Wortlos. Schließlich senkte Regulus den Blick und gab nach. Er würde sich um seinen Bruder kümmern, aber nicht hier. Gemeinsam mit James würde er einen Platz für Sirius suchen, wo er in Sicherheit war und sich erholen konnte. Und wo Severus ihm nicht begegnen musste.

Mit einem Mal spürte Severus, wie seine Augenlider immer schwerer wurden. Die Erschöpfung überrannte ihn regelrecht. Der Adrenalin-Ausstoß war vorbei, und er bemerkte, dass sein Körper die Energie gerade zum Heilen brauchte. Nur am Rande bekam er mit, dass das Sofa unter ihm verbreitert und die Decke ganz über ihn gelegt wurde. Er bekam die Augen nicht mehr auf und gab nach. Wenig später schlief er tief und fest, Harry noch immer sicher im Arm.

„So süß!“, lächelte Lily leise. Ihre Augen strahlten, als sie zu ihrem Mann sah. „Was denkst du, James?“

„Vielleicht hast du Recht.“, antwortete James ruhig. „Fragen wir ihn, wenn er wach ist.“ Er zog seine Frau zu sich und küsste sie, um sie von einer Antwort abzuhalten.

„Wir wollen uns später mit Heiler Smethwyck treffen.“, verriet Regulus nach einer Weile. „Ich denke, wir sollten uns in der Muggelwelt treffen. Vielleicht hier in Broadstairs, dann muss Severus nicht so weit weg, in seinem Zustand wäre das nicht so gut. Aber ich befürchte, dass wir nicht besonders viel Zeit haben. Zwar habe ich dem Lord von Severus' Verletzungen berichtet, aber er ist nicht gerade geduldig. Ich fürchte, Severus wird nicht viel Zeit zum Heilen haben.“

„Dann sollten wir ihm helfen, so schnell wie möglich gesund zu werden.“, entschied Lily. „Kommt, lassen wir die Beiden schlafen. Vielleicht finden wir doch noch etwas, das uns hilft, die restlichen Horkrux-Behälter zu identifizieren.“

James und Regulus stimmten zu, und so ließen sie die beiden schlafenden Schwarzhaarigen alleine. Noch immer wussten sie nicht, wonach genau sie suchten. Da die beiden ihnen bekannten Horkruxe wohl Erbstücke von Slytherin waren, suchten sie nun nach Hinweisen auf Erbstücke der anderen Gründer. Bisher ziemlich erfolglos, der einzige, sinnvolle Hinweis, den sie gefunden hatten, war eine Notiz in einem der Bücher, dass Rowena Ravenclaw zwar ein Diadem hinterlassen hatte, dies aber seit vor ihrem Tod als verschollen galt. Das half ihnen offenbar nicht weiter. Nun durchsuchten sie uralte, handgeschriebene Bücher, die Regulus in der Bibliothek seiner Familie fand, und zusätzlich einige Bücher, die Albus ihnen brachte. Alle aus der Zeit der Gründer und kurz danach. Wobei das Wort Buch auf die meisten nicht zutraf, es waren zusammengeheftete Pergamentrollen. Handgeschrieben. Schwer zu entziffern, vor allem, da diese Schrift und auch die Sprache heute nicht mehr genutzt wurden. Regulus und Lily hatten seit der dritten Klasse alte Runen gelernt, sie konnten es fast flüssig lesen. James hingegen hatte es nach zwei Jahren wieder aufgegeben, er tat sich schwer. Und doch kämpfte er sich durch die Schriften, um helfen zu können.

Erst, als Severus wieder aufwachte – fast gleichzeitig mit Harry – stoppten sie ihre Suche für den Moment, da sich die beiden ehemaligen Slytherins nun daran machten, einen Brief an Smethwyck zu schreiben. Lily half Regulus, den Brief in einen Portschlüssel zu verwandeln, um sicher zu gehen. Nur Smethwyck würde ihn nutzen können, und er wusste am Ende nicht gleich, wo er war. So konnten sie ziemlich sicher sein, dass Severus und Regulus nicht in Gefahr gerieten. Sie luden den Heiler ein, in nur wenigen Stunden da zu sein. So hatte er nicht viel Zeit, eine Falle zu erstellen, sollte er das planen.

Nur etwa vier Stunden später standen Severus und Regulus am Rande von Broadstairs. Das Dorf war eigentlich rein Muggel, sie waren der einzige Haushalt mit Magie, von dem sie wussten. Der Onkel von Sirius und Regulus, der dieses Haus dem älteren der Brüder vererbt hatte, hatte sich bewusst in die Muggelwelt zurück gezogen, da er immer wieder auf Kriegsfuß mit dem Rest seiner Familie stand. Genau wie Regulus' Bruder, deshalb hatte er das Haus auch geerbt. Die Schutzzauber, die darauf lagen, verhinderten, dass jemand mitbekam, wenn gezaubert wurde. Ansonsten wären sie vermutlich schon lange aufgeflogen. Das Dorf an sich war relativ ruhig, obwohl es hier von Touristen nur so wimmelte. Severus und Regulus sahen sich um, aber sie waren alleine. Am Strand konnten sie ihre Umgebung gut überblicken, niemand konnte sich ihnen unbemerkt nähern. So sahen sie auch schon von weitem, dass Heiler Smethwyck auf sie zukam. Regulus kannte ihn bislang nicht, aber alleine von Severus' Beschreibung konnte er ihn erkennen. Langsam trat der Ältere auf sie zu, musterte sie vorsichtig und abwartend. „Severus, guten Abend.“, grüßte er. „Ich hoffe, ich darf weiterhin Severus sagen?“

„Guten Abend, Heiler Smethwyck.“, nickte Severus. „Natürlich, ich habe es ihnen schließlich angeboten.“ Der Mann wirkte beruhigend auf ihn, noch immer. Vor allem seine Stimme. Mit ihr verband Severus Entspannung und Ruhe. Er fasste den Heiler ins Auge.

Beide wirkten vorsichtig und keiner wollte so richtig beginnen, immerhin waren sie nicht sicher, auf welcher Seite der jeweils Andere stand, da musste man sehr genau aufpassen, was man sagte. Regulus hingegen beobachtete nur. Er war neutral, vielleicht half seine Beobachtung ihnen, einen Eindruck zu bekommen. Severus stellte ihn als einen guten Freund und Helfer vor, der ihn in seiner schwersten Zeit unterstützt hatte. Dennoch beobachteten sie, dass Smethwyck auf den Namen kurzzeitig reagierte, aber er hatte sich schnell wieder im Griff und sagte nichts weiter dazu. Sie merkten sich das, fragten aber erst einmal nicht nach.

„Wie ist es ihnen ergangen, Severus?“, erkundigte sich der Heiler schließlich. „Es tut mir leid, dass ich nicht da sein konnte, aber es war mir nicht möglich, zum Haus ihres Vaters zu gelangen. Dabei hatte ich ihnen versprochen, für sie da zu sein. Allerdings wollten die Auroren auch nicht helfen, sie meinten, sie wären gut aufgehoben bei ihrem Vater, der allerdings darum gebeten hatte, seine Ruhe zu haben, damit sein Sohn sich erholen konnte. Deren Worte, nicht meine.“

„Ich weiß.“, beruhigte Severus. „Ein Zauber lag auf dem gesamten Grundstück, wie ich vor kurzem herausfand. Es sollte verhindern, dass jemand zu uns kam. Selbst meine beste Freundin hatte Schwierigkeiten, mein Vater hat ihr schließlich sogar mit der Polizei gedroht, und sie wollte keinen Zwischenfall mit Muggeln provozieren. Nun, wie auch immer. Meine Zeit dort war nicht besonders angenehm, aber schließlich bin ich weggelaufen und habe mich nach London durchgeschlagen. Dort habe ich etwa zwei Jahre gelebt und am Hafen gearbeitet, bis Regulus mich mitgenommen hat. Seither lebe ich bei ihm. Es geht mir gut, vor allem, seit ich wieder ein Ziel habe.“ Hier stoppte sich Severus, er hatte bereits mehr gesagt, als er hatte sagen wollen. Er durfte kein Risiko eingehen, auch wenn er dem Heiler lange Zeit vertraut hätte. Doch so lange er nicht wusste, hinter wem Smethwyck wirklich stand, war die Gefahr viel zu groß.

Aber Smethwyck schien es einfach zu ignorieren. „Ich bin froh, das zu hören. Immer hatte ich gehofft, dass es ihnen gut geht, Severus.“ Er setzte sich auf den Boden und bedeutete den beiden Jüngeren, sich zu ihm zu setzen. „Ich wollte sie treffen, Severus, weil ich denke, dass sie ein Recht haben, meine Geschichte zu kennen. Ich weiß, sie haben mich erkannt, als ich mit Belbys Schüler kam, um den Banntrank auszugeben, und ich konnte ihre fragenden Blicke sehen, die Skepsis und die Vorsicht. Die Überlegungen, was das alles bedeuten soll. Das will ich ihnen heute erzählen, Severus. Wenn sie diese Geschichte hören wollen.“ Jetzt wirkte er ziemlich angespannt. Die beiden jungen Männer wurden aufmerksamer.

„Sie haben Recht, Heiler Smethwyck.“, stimmte Severus zu. „Ich habe mich gefragt, mehr als einmal, was das alles bedeuten soll. Die Fakten, die ich kenne, passen nicht richtig zusammen. Ich habe keine befriedigende Erklärung dafür gefunden.“ Seine Stimme machte deutlich, dass er nun die fehlende Erklärung haben wollte.

„Ich weiß nicht, ob meine Erklärung sie zufrieden stellen kann, aber sie sollen die Wahrheit wissen, Severus.“, seufzte Smethwyck. „Es ist nicht leicht, das ist das erste Mal, dass ich meine Geschichte erzähle.“ Er schloss einige Momente seine Augen, als ob er sich für etwas wappnen wollte. Schließlich öffnete er seine Augen erneut und blickte direkt in die von Severus, der die Anspannung und sogar Angst riechen konnte. „Entgegen der Meinung eines Großteils der Zauberwelt bin ich kein Einzelkind, auch wenn ihnen das jeder sagen würde, der mich schon eine Weile kennt. Ich hatte einen älteren Bruder. Als Kind habe ich zu ihm aufgesehen. Asklepios – ja, meine Eltern hatten eine seltsame Vorstellung von passenden Namen – war zehn Jahre älter als ich. Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, als er von einem Werwolf gebissen wurde.“

Sowohl Severus als auch Regulus zogen scharf die Luft ein. Jetzt wurde ihnen Einiges klar. Dennoch hielten sie jeglichen Kommentar zurück, denn sie wollten mehr hören.

„Ja, er wurde zu einem Werwolf.“, nickte Smethwyck bestätigend. „Wobei ich das anfangs nicht wusste. Meine, unsere Eltern haben mir gesagt, er wäre gestorben. Sie haben ihn überhaupt nicht unterstützt, sich nicht gekümmert. Für sie war er gestorben. Vielleicht wäre das auch besser gewesen. Aber er hat überlebt und wuchs im Rudel weiter auf. Dort hat er sich schließlich auch gebunden und eine Familie gegründet. Eigentlich hat er ziemlich friedlich gelebt, bis ich einen Fehler machte.“ Der Heiler vergrub sein Gesicht in den Händen und atmete tief durch. „Ich habe nach ihm gesucht. Auf diese Art wurde der Lord auf ihn, auf uns, aufmerksam. Er hat die Kinder meines Bruders, eine Tochter, Celia, mit elf, und ein Sohn, Jeremy, mit acht Jahren, entführen lassen. Greyback hat sie mitgenommen und irgendwo hin gebracht, sodass wir sie nicht finden können. So zwingt er mich, Alvin Curtwick zu helfen. Der Tränkeschüler hat das Rezept für den Wolfsbanntrank nur zum Teil, er musste viel experimentieren. Bei den Versuchen bin ich dafür verantwortlich, auf die Testwölfe zu achten. Die ersten beiden Rudel, die sich dem Test unterzogen, sind leider nun deutlich kleiner, da der Trank nicht so funktionierte, wie er sollte. Ich konnte und kann nichts tun, da sonst meine Nichte und mein Neffe darunter leiden müssen. Die Beiden sind geborene Werwölfe, sie sind immer in Gefahr, wenn sie dem Ministerium in die Hände fallen. Genau damit werden wir bedroht. Asklepios ist in einem Rudel, das bereits den Test mitgemacht hatte. Das Rudel ist fast komplett nicht-magisch, beinahe genau wie das, in dem ich sie gesehen habe, Severus. Damit kann der Lord nicht viel anfangen, außer in Vollmondnächten, aber er braucht mich.“

Severus war verwirrt, der Heiler sprach so offen mit ihm, dass er gerade alles riskierte. War das eine Falle? Oder war er so verzweifelt, dass er Hilfe bei ihnen suchte? Aber warum gerade bei ihnen? Er wusste, dass sie Todesser waren! Das musste er wissen. „Heiler Smethwyck?“, zog er daher die Aufmerksamkeit auf sich. „Warum erzählen sie uns das alles? Sie wissen, dass wir Todesser sind. Warum sind sie sicher, dass wir nicht gleich mit diesen Informationen zum Lord gehen?“

„Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es.“, murmelte der Heiler ziemlich verzweifelt. „Ich sah sie, Severus, und merkte, sie fühlen sich nicht wohl im Rudel. Zumindest war das mein Eindruck, immerhin kenne ich sie ein wenig. Ich weiß durch meinen Bruder, wie Greyback mit seinem Rudel umgeht, was der Preis für seinen Schutz ist. Ich hoffe, sie konnten ihm rechtzeitig entkommen. Ich kenne sie nicht besonders gut, Severus, aber ich glaube nicht, dass das ihr Ziel war. Jedenfalls damals, als sie mit mir sprachen, klang es nicht danach. Im Gegenteil. Wie auch immer sie im Rudel gelandet sind, das war wohl nicht freiwillig.“

„Und was wollen sie jetzt von Severus?“, mischte sich nun Regulus ein, zum ersten Mal seit über einer Stunde das Wort ergreifend.

Der Heiler schwieg, doch Severus' Augenbraue hob sich mit einem Mal in Erkenntnis. „Sie erhoffen sich Hilfe bei der Befreiung ihrer Nichte und ihres Neffen.“ Keine Frage, eine Feststellung.

Smethwyck vergrub das Gesicht erneut in den Händen. „Es tut mir leid.“, wisperte er. „Sie sind meine einzige Hoffnung derzeit. Ich habe einfach gehofft, dass sie sich nicht verändert haben und ich mich nicht in ihnen getäuscht habe.“

„Warum sind sie so sicher, dass wir sie nicht verraten?“, wunderte sich Regulus.

„Ich bin nicht sicher.“, schüttelte der Ältere den Kopf. Er wirkte vollkommen verzweifelt. „Seit fast einem Jahr versuchen Asklepios und ich alles, um die Kinder zurück zu bekommen. Egal, was wir tun, es funktioniert einfach nicht. Meine Schwägerin, die Mutter der Kinder, ist vor drei Monaten verstorben, sie glaubte nicht daran, dass sie ihre Kinder jemals wiedersehen wird. Diese ganze Anspannung forderte letztlich ihren Tribut. Ich … ich konnte ihr nicht helfen.“ Er brach ab, kämpfte mit seinen Gefühlen.

Hilflos saßen Severus und Regulus neben ihm, wussten nicht, wie sie helfen sollten. Unsicher legte Severus seine Hand auf den Arm des Heilers, strich fahrig über den Ärmel von dessen cremefarbener Robe. Er fühlte sich verpflichtet, den Mann zu unterstützen, der ihm so viel geholfen hatte in der Vergangenheit.

Es dauerte lange, bis sich Smethwyck einigermaßen beruhigte. Schließlich sah er auf. Seine Augen waren blutunterlaufen, die Wangen feucht von den Tränen der Verzweiflung. „Greyback kam zu uns, er erklärte Asklepios, was der Lord erwartete. Bis dahin hielt sich mein Bruder im Hintergrund, er war eigentlich neutral. Er war ein Werwolf, aber er wollte einfach nur im Wald leben und in den Vollmondnächten laufen. Mehr nicht. Aber der Lord verlangte, dass er mit Greyback zusammen Angst und Schrecken verbreiten soll. Greybacks Rudel alleine war ihm wohl einfach zu wenig. Wobei, eigentlich ist Greyback der Alpha fast aller Rudel hier auf der Insel, er musste sie nur deshalb teilen, weil kein Wald genug Platz und Nahrung bietet. Es gibt nur wenige Werwölfe, die einzeln leben. Viele würden das gerne, aber es ist kaum möglich, da sie nicht arbeiten dürfen. Wovon also leben, wenn man keine Familie hat, die zu einem steht? Also schließen sich die Meisten irgendwann einem Rudel an, um wenigstens einigermaßen sicher leben zu können. Andere holt Greyback in die Rudel, wenn er sie erwischt. Und damit sind sie im Einflussbereich des dunklen Lords. Asklepios hat sich im Lauf der Jahre im Rudel nach oben gekämpft, er ist der zweite Leitwolf. Gemeinsam mit seinem Alpha hatte er das Rudel friedlich geführt, sie hielten sich von Menschen fern. Bis ich nach meinem Bruder suchte, weil ich einen Brief fand, in dem darüber gesprochen wurde, dass Asklepios eben nicht starb. Dadurch habe ich den Lord auf uns Beide aufmerksam gemacht und er hat angefangen, das Rudel, in dem mein Bruder lebte, für sich zu nutzen. Zumindest wollte er das, aber sie weigerten sich zunächst. Also hat er die Kinder entführen lassen, um ihn zu zwingen. Sie sind die einzigen Kinder in diesem Rudel, denn sie alle hatten Angst, da das Ministerium ihnen verbietet, Kinder zu haben. Seither ist das Rudel gezwungenermaßen dabei, wenn der Lord die Werwölfe losschickt, denn die Kinder sind ihnen heilig, sie würden alles für sie tun, auch wenn die anderen Werwölfe nicht mit ihnen verwandt sind. Da sie wussten, dass Asklepios mein Bruder ist, wurde auch ich erpresst. Ich muss mitmachen, ob ich will oder nicht. Als Heiler bin ich wohl ziemlich nützlich.“ Jetzt klang er mehr als zynisch. „Inzwischen ist der Trank von Belbys Schüler beinahe ausgereift. Ich denke, er hat entweder das Originalrezept ausfindig machen können oder eine neue, funktionierende Zusammensetzung gefunden. Er will das schaffen, um sich einen Namen zu machen. Er ist ein guter, angehender Tränkemeister, aber bisher hat er nur wenig geschaffen, um sich einen Namen zu machen. Das will er damit ändern, vor allem, weil er einen genialen Mitschüler hat, der ihn wohl bald überflügeln wird, wie ich vermute. Zumindest lassen seine Bemerkungen darauf schließen. Der Trank ist von einem schwedischen Tränkemeister bereits vor einigen Jahren entwickelt worden, wird aber nicht mehr genutzt, da sie herausfanden, dass der Trank die Wölfe unterdrückt. Sie wollten einen neuen Weg finden und haben das auch geschafft. Seither ist das Rezept für den Trank zerstört und nur noch wenigen Tränkemeistern bekannt. Dem Lord ist es egal, dass dieser Trank auf Dauer nicht gut für die Beziehung zwischen Mensch und Wolf ist, er will, dass sich die Werwölfe kontrollieren können, damit sie möglichst viel Schaden bei seinen Feinden hervorrufen können. Was das mit den Menschen macht, ist ihm egal. Gerade Werwölfe wie Greyback unterstützen ihn dabei auch noch indirekt, er liebt es, für Angst und Schrecken zu sorgen und beißt mit Vorliebe Kinder, da er sie gut formen kann. Ein wenig wundert mich, dass er das mitmacht, aber ich denke, das ist nur, weil der Lord es angewiesen hat.“

Er atmete tief durch und sah Severus in die Augen. „Wissen sie, Severus, ich habe sie nicht lange im Krankenhaus erlebt, aber ich glaube, sie ein wenig einschätzen zu können. Sie sind kein Mensch, der so leben will. Sie wollen niemandem schaden. Jedenfalls war das der Eindruck, als wir damals im St. Mungos miteinander sprachen. Ich vermute, sie sind irgendwie in diese ganze Sache hinein gerutscht, ohne eine Möglichkeit, dem zu entkommen. Wahrscheinlich haben sie keine Chance, sie müssen mitmachen, ob sie wollen oder nicht. Ich weiß nicht, ob sie mir und meinem Bruder helfen können, aber ich wollte, dass sie es wissen.“ Smethwyck schwieg nun. Er sah vollkommen erschöpft aus, wie er mit geschlossenen Augen vor den jungen Männern saß.

Severus und Regulus tauschten einen Blick und trafen eine Entscheidung. Sie würden sehen, was sie tun konnten, die beiden Kinder sollten sicher sein. Die Kleinen konnten schließlich nichts dafür. Wie sie es anstellen sollten, zusätzlich zu ihrem eigentlichen Ziel, das wussten sie nicht, aber sie waren sich einig, dass gerade Kinder nicht in diesen Konflikt hineingezogen werden sollten. Egal auf welcher Seite, egal warum. „Heiler Smethwyck?“, machte Severus auf sich aufmerksam. „Wir werden helfen, so gut es geht. Aber dazu müssen wir so viel wie möglich wissen. Haben sie Bilder von Celia und Jeremy? So aktuell wie möglich. Außerdem Informationen darüber, wann, wo und von wem sie entführt wurden. Gibt es irgendwelche Lebenszeichen von ihnen? Wenn ja, wer gibt sie ihnen und ihrem Bruder? Wie oft bekommen sie Nachricht? Welche Art Nachricht?“

„Danke, Severus.“ Smethwyck musste einige Male durchatmen, um sich zu beruhigen. Er zog zwei Fotos aus seiner Tasche, auf dem einen war ein Mädchen abgebildet, das braunhaarig und ziemlich schmal gebaut war. Sie war nicht besonders groß, aber ihre Augen wirkten so traurig, dass selbst Severus einen Knoten in seinem Magen spürte. Auf dem anderen Foto sah man einen etwa achtjährigen Jungen, der ebenfalls braune Haare hatte. Er weinte ganz offensichtlich. Auf beiden Fotos war je eine Zeitung von Weihnachten im letzten Jahr, die die Kinder in der Hand hielten. „Das waren die letzten Bilder, die mein Bruder bekam. Etwa alle drei Monate bekommt mein Bruder ein Bild seiner Kinder, damit er sicher sein kann, dass sie noch leben. Wer sie entführte, wissen wir nicht, aber sie wurden mitten aus dem Dorf des Rudels entführt. Vermutlich war es Greyback, aber ganz sicher kann man nicht sein. Die Fotos kommen immer mit unterschiedlichen Eulen, die laut Kennzeichnung aus der Winkelgasse sind, von der dortigen Eulenpost. Ich habe bereits versucht, dort Informationen zu bekommen, aber sie wissen nicht, wer die Eulen geschickt hat. Das wäre, als wollte man herausfinden, wer einen Stein ins Wasser geworfen hat. In der Eulenpost zahlt man einen bestimmten Betrag, dafür bekommt man eine Eule, der man seinen Brief ans Bein binden kann. Es ist vollkommen anonym. Das hilft uns nicht weiter. Auch ist immer nur das Foto an der Eule, kein Brief, nichts. Nicht einmal eine Adresse steht darauf, wahrscheinlich sagt jemand der Eule, wohin sie fliegen soll.“

„Hm, das ist nicht viel.“, brummte Regulus. „Wir können nichts versprechen, aber wir sehen, was wir tun können.“ Er stand auf. „Severus und ich müssen wieder gehen, wir dürfen unter keinen Umständen den Lord auf uns aufmerksam machen. Keine Sorge, Heiler Smethwyck, ihr Geheimnis ist bei uns gut aufgehoben. Ich erwarte allerdings auch von ihnen, dass sie schweigen.“

„Natürlich, Mister Black. Das schwöre ich ihnen.“, nickte Smethwyck ernst. Man konnte seine Erleichterung sehen, aber er wirkte vollkommen ehrlich. Andererseits hatten sie sich im Moment mehr oder weniger gegenseitig in der Hand.

Severus nickte seinem Partner zu, er konnte riechen, dass der Heiler nur die Wahrheit gesprochen hatte. Er vertraute ihm nicht so weit, um ihn in ihr Geheimnis einzuweihen, aber zumindest gab er ihm einen Hinweis, dass er sie erreichen konnte. Sie würden Kreacher bitten, als Briefbote zu agieren, denn dieser Hauself konnte ihnen sicher dabei helfen, unauffällig Kontakt zu halten. Sie verabschiedeten sich von Smethwyck und gingen zurück ins Haus, als der Heiler disappariert war. Ihre Aufgabe war sicher nicht leichter geworden, aber ihre Ziele waren fest. Sie wollten diesen ganzen Konflikt nicht nur überleben, sondern dazu beitragen, dass ein friedliches Miteinander möglich wurde. James war nicht da, als sie nach drinnen kamen, vermutlich war er bei Sirius, der dringend Unterstützung brauchte.

„Und? Was hat der Heiler erzählt?“, wollte Lily direkt wissen. Harry strahlte, als er die beiden Schwarzhaarigen entdeckte, und streckte die Arme in Severus' Richtung.

Schmunzelnd griff der Werwolf nach dem Kleinen und nahm ihn auf den Arm, während er kurz erzählte, was Smethwyck ihnen gestanden hatte. Die Rothaarige wurde blass, als sie realisierte, was mit den Kindern war. „Das ist ja fürchterlich!“, hauchte sie. „Die armen Kinder! Wir müssen etwas tun!“

„Da gebe ich dir Recht, aber wir dürfen es nicht überstürzen.“, bremste Regulus. „Holen wir Albus dazu, und James. Ich weiß nicht, wie wir nun vorgehen, um die Kinder schnell rauszuholen, aber auch nicht selbst aufzufliegen.“

Severus nickte zustimmend, sie konnten wirklich Hilfe gebrauchen. Und auch, wenn er Albus Dumbledore nicht besonders mochte, konnte er nicht abstreiten, dass er viel Erfahrung hatte. Sicherlich konnte er ihnen helfen. Lily überlegte nicht lange, sondern rief ihren Patronus auf, um sowohl ihren Mann als auch Albus ins Haus zu holen, da Beide bei Sirius sein müssten. Regulus' Blick wirkte sehnsüchtig und gleichzeitig gequält. Als Severus das sah, wurde ihm klar, wie sehr der Jüngere seinen Bruder vermisste, und er entschied, dass er ihm da nicht im Weg stehen sollte.

Während sie auf die Männer warteten, machte sich Lily daran, noch einige Sandwiches zu richten, außerdem kochte sie Tee. Severus fütterte in der Zwischenzeit den kleinen Harry. Aus einem ihm nicht ersichtlichen Grund hatte der Junge einen Narren an Severus gefressen. Ständig suchte er seine Nähe. Inzwischen konnte Severus es genießen, wo er sich anfangs zurückgezogen hatte. Seit er mit Regulus und Lily über Suavita gesprochen hatte, reagierte er anders. Früher war er vor der Nähe zurückgeschreckt, da er die Erinnerung an seine kleine Schwester fürchtete, jetzt hingegen konzentrierte er sich auf die schönen Erinnerungen und erkannte, dass er Suavitas Tod weder verursacht hatte, noch verhindern konnte. Seine kleine Schwester würde sicher nicht von ihm verlangen, den Kleinen zurückzuweisen. Im Gegenteil, sie würde wollen, dass er weiterhin lebte. Sicherlich genoss sie jedes Lachen des Kleinkindes, wenn sie es hören konnte. Dieses Lachen riss ihn auch jetzt aus seinen Gedanken. Offenbar hatte Harry seine Magie entdeckt, denn anders wäre er niemals an einen Löffel gekommen. Severus war sicher, dass keiner in Harrys Reichweite gelegen hatte, aber nun hatte er einen in der Hand und versuchte, selbständig damit zu essen. Wenig erfolgreich, er sah aus, als hätte er in Brei gebadet. Aber dennoch war er begeistert von seiner Eroberung. Lachend schaufelte er Brei auf seinen Löffel und stopfte sich zumindest einen Teil in den Mund. Auch Severus konnte sein Lachen kaum zurück halten.

„Oh, du kleiner Racker.“, schüttelte Severus den Kopf und versuchte, den Löffel aus Harrys Hand zu nehmen. „Ich soll dich doch füttern, oder willst du, dass deine Mama übernimmt?“

„Nich Mama!“, protestierte Harry. „Hawwy selba.“

„Hmm.“, überlegte Severus. Den Kleinen mit Brei zu füttern war irgendwie nicht sonderlich ergiebig, vor allem, wenn er selbst essen wollte. „Vielleicht sollte ich dir ein Brot machen. Möchtest du Wurst oder Käse?“

„Käse!“, strahlte Harry.

„Gut, dann gib mir den Löffel, ich mache dir ein Brot mit Käse.“, versprach Severus. Harry überlegte einige Momente, dann reichte er den Löffel tatsächlich an Severus weiter. Der ließ noch einen Reinigungszauber auf Harry los. „Prima, Harry. Das war sehr gut. Gib mir zwei Minuten, dann bekommst du dein Brot!“

Und es schien, als hätte Harry jedes Wort verstanden. Brav wartete er in seinem Stuhl, bis Severus zwei Minuten später mit einem Teller aus der Küche zurückkam. Darauf lagen zwei Scheiben Brot mit Streichkäse, die in kleine Stücke geschnitten waren. Den stellte er vor den Kleinen, der daraufhin Stück für Stück alleine aß.

„Du wärst ein toller Vater.“, murmelte Regulus nach einer Weile. „Und du wärst ein toller großer Bruder geworden. Deine Schwester hätte dich sicherlich geliebt.“

„Ich … ich hätte sie so gerne aufwachsen sehen.“, gestand Severus. „Sie hätte es verdient.“ Er hob den Blick und sah seinen Freund an, der zustimmend nickte. „Du willst deinem Bruder helfen.“ Eine Feststellung, keine Frage. Severus hob die Hand, als Regulus etwas erwidern wollte. „Ich werde nicht vergessen, was er mir angetan hat, aber er ist dein Bruder, ich verstehe, dass du dich ihm verbunden fühlst. Geh zu ihm, kümmere dich. Ja, ich bin der Meinung, er hat seine Strafe verdient, aber … aber er hat sie verbüßt. Ich will ihn nicht sehen, nicht an all das erinnert werden, aber ich werde dich nicht hindern, zu ihm zu gehen. Ich weiß, du willst ihm helfen, und das ist richtig so. Er ist dein Bruder und braucht dich.“

Regulus sah ihn eine Weile einfach nur wortlos an, versuchte, ihn zu lesen. Offensichtlich konnte er sehen, dass Severus die Wahrheit sprach, denn schließlich lächelte er. „Danke!“

„Hey, was gibt's?“, unterbrach sie nun James, als er aus dem Kamin stieg, gefolgt von Albus.

Auch Lily stieß nun zu ihnen, stellte Sandwiches und Tee auf den Tisch. Hungrig griff James zu, während sich Albus auf eine Tasse Tee beschränkte. Gedankenverloren nahm Severus Harry auf den Schoß und erzählte, was sie an diesem Nachmittag erfahren hatten. Nachdenklich lauschten Albus und die Potters. Sie stimmten zu, dass sie versuchen mussten, die Kinder zu befreien. Alleine schon deswegen, weil es Kinder waren. Aber es würde nicht leicht werden, vor allem, da sie keine Ahnung hatten, wo sie nach ihnen suchen sollten. So lange sie das nicht wussten, konnten sie keine Pläne machen. Es machte sie wütend und ließ sie ein wenig verzweifeln, doch aufgeben kam nicht in Frage. Albus jedoch mahnte die beiden ehemaligen Slytherins, sehr vorsichtig zu sein, wenn sie nachforschen wollten. Wenn sie sich selbst enttarnten, halfen sie den Kindern nicht, im Gegenteil. Die beiden Spione waren gerade ihre einzige Hoffnung. „Gebt mir Bescheid, wenn ihr etwas hört.“, bat er.

Zustimmend nickten Regulus und Severus. Der Jüngere hatte noch eine Bitte, als Albus sich verabschiedete. „Kann ich zu Sirius?“

Irritiert brauchte Albus einen Moment, um zu reagieren, doch dann stimmte er glucksend zu. Regulus folgte ihm durch den Kamin. Zurück ließ er seinen Freund, der ihm mit gemischten Gefühlen nachblickte. Zwar hatte er die Wahrheit gesprochen, aber es war doch ein seltsames Gefühl. Auch wenn er inzwischen Frieden mit seinem neuen Wesen schloss, so war die Erinnerung an die ersten Jahre als Werwolf nichts, was er noch einmal erleben wollte. Lily entschied, nun endlich unter die Dusche zu gehen, das hatte sie heute noch nicht geschafft, und ging nach oben.

„Alles okay, Severus?“, erkundigte sich James nun besorgt. Severus zuckte die Schultern. Sein Blick mied den angehenden Auror, suchte das Kind in seinen Armen. Harry hatte die Augen geschlossen und schlief tief und fest. Ihn zu beobachten half Severus, wieder ruhiger zu werden. Es war beinahe hypnotisch. Er wollte nicht darüber nachdenken, es verfolgte ihn ohnehin schon in seine Träume. Und doch wusste er, dass es richtig war, Regulus zu seinem Bruder gehen zu lassen. Beinahe vergaß er James' Anwesenheit, bis der sich erneut zu Wort meldete. „Du hast wirklich ein Händchen mit dem Kleinen. Lily und ich haben entschieden, dich zu seinem neuen Paten zu machen. Wobei, eigentlich hat Harry es entschieden, so wie er auf dich reagiert.“ Severus' Kopf schnellte hoch und er starrte James an. Der lachte kurz auf. „Du solltest dein Gesicht sehen!“, kicherte er. Dann wurde er wieder ernst. „Ich meine das wirklich so. Unser Kleiner braucht einen Paten. Ursprünglich waren es Alice und Peter. Alice ist tot“, er schluckte, „und Peter hat uns verraten. Er wird sicher nicht der Pate meines Kindes bleiben. Ich habe die Patenschaft bereits annulliert. Aber ich will Harry nicht ohne Schutz lassen. Du liebst ihn, obwohl wir uns lange Zeit gehasst haben und der Kleine mir so ähnlich sieht. Denk darüber nach, aber ich hoffe, du sagst zu.“

„Ich werde darüber nachdenken.“, stimmte Severus zu. Er war gerade völlig überrascht, sogar überfahren. Aber auch irgendwie stolz. „Und ich danke dir für dein Vertrauen.“

„Ich habe mich in dir getäuscht.“, gab der Braunhaarige zu. „Ich habe nur gesehen, dass du mit schwarzer Magie experimentierst. Dazu warst du ein Slytherin, und Lily … nun ja, sie hat mich nur angesehen, wenn sie dich verteidigt hat. Deshalb wurdest du zu meinem Opfer. Ich kann mich nur immer wieder entschuldigen und versuchen, es wieder gut zu machen. In den letzten Wochen wurde mir klar, wie mitfühlend, liebevoll, dabei aber auch kämpferisch, aufopferungsvoll und treu du bist. Ich kann mir keinen besseren Paten für meinen Sohn vorstellen. Oder einen besseren Verbündeten. Severus, ich bin froh, dass du auf unserer Seite bist.“

Severus war sprachlos. Niemals hätte er solche Worte von James Potter erwartet. „Du hast dich verändert.“, stellte er irgendwann fest, als seine Stimme wieder ruhig klang.

„Ich schätze, das gehört dazu, wenn man erwachsen wird und bestimmte Erfahrungen macht.“, zuckte James die Schultern. „Auch du hast dich verändert, wenn auch nicht so sehr wie meine Sicht auf dich sich verändert hat. Denke ich jedenfalls.“ Er hielt inne und starrte Severus überlegend an. Der hob fragend eine Augenbraue, was James schließlich dazu brachte, weiter zu sprechen. „Wie geht es dir wirklich, Severus? Wenn Regulus jetzt bei seinem Bruder ist?“

Zögerlich entschied Severus, weiterhin ehrlich zu bleiben. Aber es fiel ihm schwer, über Gefühle zu sprechen. Das hatte er nie gelernt, eher im Gegenteil. „Ich muss ständig daran denken, wie … wie ich gebissen wurde. Sobald die Sprache auf … Sirius Black kommt. Auch wenn ich verstehe, dass Reg sich um ihn kümmern will, ich will ihn nicht sehen.“

„Ich verstehe, dass du die Konfrontation scheust.“, überlegte James. „Aber auf der anderen Seite wäre es vielleicht sogar gut, wenn du dich dem Ganzen stellst. Warte, bevor du etwas sagst. Oft hilft es dabei, mit dem Erlebten abzuschließen, es zu verarbeiten. Dann reduzieren sich bestimmt auch die Alpträume. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass du immer noch Alpträume hast.“ Einen Moment erstarrte Severus, dann nickte er. „Du hast Schreckliches durchgemacht, Severus. Das ist nicht leicht zu verarbeiten. Vielleicht sollten wir eine Möglichkeit finden, dass du professionelle Hilfe bekommst. Hast du schon mal mit jemandem über alles gesprochen?“

„Mit Regulus und Lily.“, antwortete Severus leise. „Es … es tut gut, aber es hilft nicht wirklich.“

„Dann werden wir sehen, dass wir Hilfe für dich finden.“ James legte Severus die Hand auf den Arm. „Du musst so viel durchmachen, obwohl du schon mehr hinter dir hast wie die meisten in unserem Alter. Wir lassen dich nicht alleine.“

„Ich wollte nie Todesser werden.“, gestand Severus nun. James konnte die Verzweiflung hören. „Aber ich will Regulus auch nicht alleine lassen. Er wurde von seinen Eltern gezwungen und jetzt kann er nicht raus.“

„Genau wie du.“, nickte James. „Wahrscheinlich braucht ihr beide jemanden, der euch hilft, alles zu verarbeiten.“

„Du meinst einen Psychiater?“, erkannte Severus. Er wirkte sehr skeptisch. Immerhin hatte seine Mutter ihre letzten Monate in einer psychiatrischen Klinik verbracht, und auch dort konnte man ihr nicht helfen.

„Das ist es, was die Muggel haben, oder? Bei uns in der magischen Welt gibt es Geistheiler, das ist sicherlich ähnlich, aber nicht identisch.“, erklärte James. „Die Schwierigkeit dürfte nur sein, jemanden zu finden, dem ihr vertraut und den wir unauffällig zu euch bringen können.“

„Und daran scheitert es derzeit, denn jede Person, die eingeweiht ist, erhöht das Risiko für uns alle enorm.“, schüttelte Severus den Kopf. „Es wird warten müssen.“

„Vielleicht hast du Recht.“, seufzte James. „Ich höre mich trotzdem um, wenn ich kann, in Ordnung? Ich werde es auch vorsichtig angehen, dass niemand Verdacht schöpft, um wen es geht. Sollen sie denken, es geht um Sirius. Das wäre auf jeden Fall logisch und nachvollziehbar.“

Severus nickte nur. Einerseits war er froh, dass er das alles nicht alleine durchmachen musste, andererseits wollte er keine Schwäche zeigen, und das fiel genau in diese Kategorie. Und doch, er schaffte es nicht alleine. Wie oft fuhr er panisch aus dem Schlaf, wenn ihn mal wieder Alpträume quälten? Wie oft stand er kurz vor einem Flashback? Er konnte es nicht mehr zählen, und trotz allem durfte er nicht auffallen. Außerdem wollte er Regulus keine Sorgen machen. Er war James dankbar, dass er helfen wollte, auch wenn es ihn irritierte, diese neue Sorge, die er aus seinen Worten entnehmen konnte. Das hätte er von Lily erwartet, seit einiger Zeit auch von Regulus, aber nie von James Potter. Deshalb traf er nun seine Entscheidung. „Ich mache es.“, erklärte er James.

„Äh, was?“ James war irritiert, wusste nicht recht, was Severus meinte.

Jetzt war es an Severus zu schmunzeln. „Ich übernehme die Patenschaft von Harry. Der Kleine … ich mag ihn.“

„Und da hieß es immer, du hättest kein Herz.“, lächelte James warm. „Es freut mich, dass du die Patenschaft annimmst. Harry könnte sich keinen besseren Paten wünschen.“

„Ich … ich musste mich immer verschließen.“, murmelte Severus. „Gerade als Halbblut in Slytherin ist es notwendig, nach außen hin kalt zu erscheinen. Das geht schnell in Fleisch und Blut über. Erst hier, bei Regulus, habe ich langsam gelernt, Gefühle auch einmal zuzulassen. Dein Sohn weckt Erinnerungen in mir, aber vor allem zeigt er mir immer wieder, wie schön das Leben sein kann. Er ist ein Grund, für eine friedliche Welt zu kämpfen.“

„Das stimmt!“, nickte James lächelnd. „Gemeinsam werden wir das schaffen. Du bist nicht alleine, Severus. Und jetzt ruh' dich aus, ich mache etwas zu essen. Komm, du hast Einiges mitgemacht, schlaf' eine Runde. Ich passe auf. Soll ich Harry mitnehmen?“

Severus schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut. Harry stört nicht.“ Ein Lächeln schlich sich in Severus' Gesicht, als er den Kleinen in seinem Arm so verschob, dass er nicht vom Sofa fallen konnte. Er ließ zu, dass James ihn richtig zudeckte, und schloss die Augen. Schnell war er eingeschlafen, diesmal sogar sehr ruhig. Sein Unterbewusstsein spürte das Kind in seinen Armen.

Als er erwachte, roch er bereits, dass James Steaks gegrillt hatte. Dazu gab es Kartoffeln und wohl Karottengemüse. Regulus war offensichtlich wieder da, er saß mit einem Buch auf dem Sessel und las konzentriert. Lily wirbelte zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, deckte den Tisch. Vorsichtig setzte sich Severus auf. Harry lag nicht mehr in seinem Arm, er spielte auf dem Boden.

„Na, ausgeschlafen?“, grinste James, als er merkte, dass Severus wach war.

Der nickte nur. Er fühlte sich deutlich besser als zuvor, die Schmerzen waren fast weg. Magie war schon toll, in der Muggelwelt würde er nun wahrscheinlich wochenlang mit starken Schmerzen in einem Krankenhaus liegen. Außerdem hatte er ohne Alpträume geschlafen, das half ebenfalls. Alles in allem fühlte er sich richtig gut, zum ersten Mal seit Wochen. Er ließ sich von Regulus helfen, zum Tisch zu kommen, damit er mit den anderen essen konnte. „Wie geht es deinem Bruder?“, wollte er von Regulus wissen.

„Er ist vollkommen fertig.“, antwortete der Jüngere. „Er hat sicher zwanzig Kilo verloren, ist extrem schreckhaft und reagiert panisch, wenn es dunkel wird. Madam Pomfrey hat ihn untersucht, er leidet an Vitamin- und Nährstoffmangel, kann nicht richtig essen, seine Augen sind sehr empfindlich, weil er so lange im Halbdunkel saß. Sein Körper wird sicherlich heilen, aber sie ist nicht sicher, ob sein Geist auch heilen kann. Er hat mich erkannt und zumindest ein wenig mit mir geredet. Er hat nach James, Lily, Remus und Peter gefragt. Viel habe ich ihm nicht erzählen können, denn Madam Pomfrey hat mich gewarnt, ihn nicht zu überfordern. Er braucht Ruhe und jemanden, der sich um ihn kümmert.“ Er atmete tief durch. „Dort, wo er im Moment ist, hat er das nicht. Madam Pomfrey hat sich gekümmert, weil Albus sie darum gebeten hat. Sie sind befreundet, noch immer, und sie hat ihm diesen Gefallen getan. Albus hat sich auch mit dem Ministerium auseinandergesetzt, weil Sirius eigentlich noch einige Monate seiner Strafe vor sich hatte, aber sie haben ihn entlassen, ganz offiziell. Jetzt sollte er eigentlich ins St. Mungos verlegt werden, aber er hat Panik davor, weil er dort niemanden kennt. Sobald sich jemand ihm unbekanntes nähert, reagiert er panisch. Das Problem ist auch, in Moodys Haus gehen viele vom Orden ein und aus. Es ist zu viel für Sirius. Er braucht viel mehr Ruhe, aber es gibt innerhalb des Ordens niemanden, der ihm das bieten könnte. Und sonst hat er niemanden.“

Severus grübelte. Er wollte diesem Menschen nie wieder begegnen, aber Regulus litt unter der Situation, das war eindeutig. Auch James und Lily schien es nahe zu gehen. Es sollte so einfach sein, aber er konnte es einfach nicht.

In dem Moment sprang Regulus auf und wirkte einen Zauber. Als er die schwarzen Sachen auffing, wusste Severus, was los war. Und nicht nur er. „Sei vorsichtig!“, baten sie ihn zu dritt. Regulus nickte und disapparierte.

Es dauerte nicht lange, bis er zurück kam. „Der Lord wollte wissen, wie es um dich steht, Sev, und er will einige Tränke. Ich muss ins Labor.“, berichtete er.

„Brauchst du Hilfe?“, bot Lily an.

Regulus schüttelte den Kopf. „Schon gut, du solltest dich vom Labor lieber fernhalten. Du bist immerhin schwanger.“

„Ich kann dir auch helfen.“, entschied Severus.

„Du solltest dich noch schonen.“, lehnte Regulus ab. „Aber keine Sorge, nichts Tragisches, das schaffe ich in den nächsten drei Stunden ohne Probleme. Der Lord will dich beim nächsten Treffen wieder dabei haben. Er ist ungewöhnlich fixiert auf dich, finde ich. Wobei, ich vermute, er schart einfach immer mehr Anhänger um sich und versucht, sie dort auch zu halten, indem er sich scheinbar um sie kümmert. Du bist sowohl ein Zauberer als auch ein Werwolf, das heißt, er kann dich in verschiedenen Varianten einsetzen. Vor allem, falls du es schaffen solltest, dich auch außerhalb des Vollmondes zu verwandeln.“

„Aber das kann ich nicht.“, widersprach Severus.

„Noch nicht.“, schmunzelte Regulus, klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Ich bin dann mal im Labor. Morgen muss ich wieder zu Meister Belby und an die Uni. Die Woche Semesterferien ist um und ich habe inzwischen schon fast zu viele Vorlesungen verpasst, bin nicht sicher, ob ich die Prüfungen am Ende des Semesters schaffe.“ Er seufzte.

„Wir helfen dir, so gut es geht.“, versprachen Lily und Severus. Selbst James nickte. Regulus lächelte ein wenig kläglich, dann drehte er sich um und verschwand ins Labor.

 

Drei Tage später musste Regulus am Abend, nach der Uni, die Tränke beim Lord abliefern. Zusätzlich wurde auch Severus gerufen. Da er sich wieder richtig gut fühlte, apparierte er selbständig und tauchte im Salon auf, wo bereits einige Todesser vor Ort waren. Der Lord allerdings war noch nicht da, deshalb sah Severus sich unter seiner Maske um. Er erkannte einige von ihnen, Lucius Malfoy und seine Frau Narzissa, Crabbe und Goyle, die ein Jahr über ihm gewesen waren und inzwischen auch jeder ein Kind hatten, und dann, ganz unten neben dem Tisch, Peter Pettigrew. Der Verräter an Lily und James. Hass durchflutete Severus, aber er vergrub dieses Gefühl tief in sich, leerte lieber seinen Geist, um sicher zu gehen, dass er nichts verraten konnte. Seinen Blick richtete er dabei auf den Thron, um nicht abgelenkt zu werden.

Als der Lord in den Raum kam – von gehen konnte man hier nicht reden, es wirkte eher wie ein Schweben – wurde es absolut still. Einige Minuten herrschte Ruhe, in der Zeit musterte der Lord sie mit eisigen Blicken. „Es gibt einen Verräter unter euch.“, zischte er schließlich. Unsicher blickten die Todesser einander an, sicher, dass sie das, was kam, nicht gut fanden. Jeder versuchte, herauszufinden, wer der Verräter sein könnte. „Goyle!“, befahl der Lord den ersten Todesser vor seinen Thron.

Mit offensichtlich zitternden Knien trat ein maskierter Mann vor den Lord. Es war Goyle, erkannte Severus, als er die Maske abnehmen musste. Er hatte ihn vorher tatsächlich richtig erkannt. Der Lord ließ Goyle etwas trinken und wartete etwa eine Minute. „Hast du mich verraten oder planst du es?“, wollte er direkt wissen. Severus wurde heiß und kalt gleichzeitig. Veritaserum! Dagegen half weder Okklumentik noch gab es ein Gegenmittel! Und selbst wenn, er könnte es nicht heimlich besorgen! Nun würde er sich verraten!

„Nein, mein Lord!“, antwortete Goyle in der Zwischenzeit zitternd, aber doch auch erleichtert. Der Lord entließ ihn und befragte den Nächsten. Es dauerte nicht lange, bis er den ersten Spion enttarnte. Severus kannte ihn nicht weiter, aber der Mann war sicher mindestens so alt wie sein eigener Vater, also verwunderte ihn das nicht. Viel hatte er nicht verraten, aber der Lord war mehr als wütend. Mit einem verächtlichen Blick nickte er jemandem zu.

„Avada Kedavra!“, murmelte eine weibliche Stimme beinahe zärtlich. Tödlich getroffen sank der Spion zu Boden.

„Nagini, Futter!“, beendete der Lord die Existenz des Mannes, ohne mit der Wimper zu zucken.

Es ging immer weiter. Severus hatte damit zu tun, nach außen hin unbeeindruckt zu erscheinen. In seinem Inneren sah es ganz anders aus. Er zwang sich, die Aufmerksamkeit beim Lord zu halten, und bei dem, was dort vor sich ging. Auf keinen Fall durfte er nun auf sich aufmerksam machen – oder auf seinen Partner. Der Knoten in seinem Magen verstärkte sich, je länger es andauerte. Severus hatte panische Angst. So leicht würde es ihm der Lord sicher nicht machen. Nein, schon eher würde er leiden, wie der Mann, der gerade eben zugegeben hatte, schon seit Jahren für Dumbledore zu spionieren. Die Schreie gingen Severus durch und durch, bis es endlich still wurde. Der Spion war tot, und beinahe war Severus erleichtert, dass er es überstanden hatte. Doch was würde mit ihm werden? Hätte er seine Maske gerade nicht auf, würde allen die unnatürliche Blässe auffallen.

„Pettigrew!“

Der gedrungene junge Mann, den Severus nur zu gern vergessen würde, kniete sich eifrig vor den Lord. Seine Art hatte etwas Schleimiges an sich, das Severus beinahe würgen ließ. Übereifrig griff er nach der Phiole mit dem Veritaserum, leerte sie mit einem Schluck.

„Du Narr!“, zischte der Lord verärgert. „Ein Tropfen hätte genügt! Dieser Trank ist selten und kostbar!“ Wütend ließ er den Cruciatus auf den Aschblonden los, stoppte ihn aber kurze Zeit später wieder. Pettigrew schrie sofort wie am Spieß. Diesmal hatte Severus keinerlei Mitleid.

„Verzeiht mir, mein Lord, das wusste ich nicht!“, wimmerte Pettigrew, als er wieder auf die Knie kam.

„Regulus!“, wandte sich der Lord an den Meisterschüler. Der verneigte sich. „Du wirst nach der Versammlung bleiben, ich brauche dich im Labor.“ Regulus bestätigte das. Ungehört atmete Severus auf, offenbar hatte der Lord nun kein Wahrheitsserum mehr. Das gab ihm zumindest einen Aufschub.

„Das ist mir klar, von der Kunst des Tränkebrauens hast du keine Ahnung. Du hast insgesamt nur wenig Ahnung.“, schüttelte der Lord derweil den Kopf, wieder an Pettigrew gewandt. „Hast du mich verraten? Oder hast du es vor?“

„Nein, mein Lord, natürlich nicht!“, winselte der Gefragte. „Ich hätte viel zu viel Angst, dass ihr mich erwischen könntet, mein Lord! Ich bin euch schon immer treu ergeben, denn ich glaube, dass ihr am Ende gewinnen werdet und wollte nicht auf der Seite der Verlierer stehen. Deshalb habe ich auch die Gelegenheit genutzt, um die Potters an euch zu verraten, damit ihr diesen gefährlichen Gegner ausschalten könnt. Außerdem half es mir, die Spuren zu beseitigen, damit niemand mir auf die Schliche kommt.“

„Auf die Spur?“, griff der Lord alarmiert die Aussage auf. „Pettigrew, was hast du getan?“

Jetzt grinste Peter Pettigrew hinterhältig, sodass es Severus eiskalt den Rücken hinunter lief. „Ich wollte in der Schulzeit diesen schleimigen, ekligen Kerl loswerden, der auf den Namen Snape hört. Er war das Lieblingsopfer meiner damaligen Freunde James und Sirius, aber die Beiden unternahmen nichts, wenn seine Verteidigungszauber mich trafen. Im Gegenteil, sie lachten nur. Also fasste ich einen Plan. Ich trainierte, bis ich es schaffte, einen Imperius zu wirken. Den legte ich auf Sirius, sodass er Snape in die Falle lockte. Und es hat geklappt, Snape wurde von Lupin zum Werwolf gebissen. Na gut, ich hätte es vorgezogen, wenn er nicht gerettet worden wäre, aber so war es auch gut. Vielleicht sogar besser, immerhin leidet er nun sein ganzes Leben! Genau wie ich, denn einer seiner Zauber hat dafür gesorgt, dass ich ständig Blähungen habe, nichts hilft dagegen. Das Beste war, dass niemand auf die Idee kam, Sirius zu untersuchen. Sie haben ihn befragt, und er konnte nur aussagen, dass er es war, der Snape in die Falle lockte. So war ich ihn auch noch los, genau wie den Werwolf, der mir immer sagen wollte, wie ich mich zu verhalten habe. Plötzlich war ich der einzige Vertraute von James Potter! Er hat mich zum Paten seines Sohnes gemacht, und zum Geheimniswahrer. Dadurch konnte ich ihn und seine Familie an euch ausliefern, damit ich in euren Rängen aufsteige, mein Lord!“

Angewidert blickte der Lord auf den Aschblonden, der mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht vor ihm kniete. Er schien durchaus mit sich zufrieden zu sein. Aber auch Severus war angeekelt und er wusste, Regulus würde es nicht anders gehen. Im Gegenteil, wahrscheinlich musste er sich gerade enorm beherrschen, um seine Wut nicht zu zeigen. Mit einem Fußtritt wurde Pettigrew bedeutet, ganz hinten in der Reihe der untersten Todesser zu stehen. Der Lord rief sich den Nächsten auf. Da er nun kein Veritaserum mehr hatte, griff er auf Legilimentik zurück. Severus wusste, dass das mehr als anstrengend war. Er hoffte, dass er heute noch an die Reihe kam, aber nicht gleich. Je öfter der Lord in die Gedanken eines seiner Anhänger eindrang, desto erschöpfter wäre er, und desto leichter würde es, ihm das zu verheimlichen, was er nicht sehen durfte. Tatsächlich nahm sich der Lord erst einmal die einfachen Todesser vor. Regulus hatte Severus einmal erzählt, dass die meisten Reinblüter in der Kunst der Okklumentik unterwiesen wurden. Die machten es dem Lord sicher schwerer, daher hob er sich das auf. Womöglich schaffte er gar nicht alle an diesem Tag. Die Sonne war bereits untergegangen, als Severus schließlich vor dem Lord kniete. Seine Angst hatte sich deutlich reduziert, aber er war dennoch sehr angespannt. Nach außen hin war nichts zu erkennen, die harte Schule seiner Kindheit, Jugend und der Zeit auf der Straße hatten ihn gelehrt, undurchschaubar zu sein.

„Hast du mich verraten oder planst du es?“, stellte der Lord die immer gleiche Frage, um direkt anschließend in Severus' Geist einzudringen. Konzentriert begegnete Severus dem fremden Geist. Seine Schilde waren oben, aber eine Menge Gedanken außerhalb. Die Abscheu gegen Muggel, indem er seinen Vater und dessen trinkfreudige Kumpane nach vorne schob. Die Wut gegen die Gryffindors, die ihm das Leben in Hogwarts zur Hölle machten. Die Verzweiflung, weil Dumbledore nichts gegen die ständigen Übergriffe unternahm. Seine Dankbarkeit Regulus gegenüber, weil dieser ihm einen neuen Zauberstab besorgt und mit ihm die Magie neu erlernt hatte. Die Freude darüber, wieder Magie nutzen zu können. Alles, was den Eindruck vermittelte, dass Severus nie auf der Seite des ehemaligen Schulleiters stehen würde. Dabei versuchte er, den Lord glauben zu lassen, dass er ehrlich und offen war. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ließ der Druck auf seinen Geist nach und Severus war frei. Er unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen, sicher, dass es funktioniert hatte, da der Lord ihn zurück auf seinen Platz schickte.

Etwa eine Stunde später wurden sie entlassen. Der Lord hatte die meisten Todesser geprüft, nur sein innerer Kreis war noch offen. Aber das waren Reinblüter aus den alten Familien, da hätte er es schwerer. Severus war sicher, dass seine Theorie stimmte. Regulus blieb wie befohlen zurück – Severus war sicher, der Lord brauchte neues Veritaserum – aber alle anderen durften gehen. Erschöpft disapparierte der Schwarzhaarige.

„Alles okay?“, hörte er weit entfernt James' Stimme.

Severus zwang sich zu einem Nicken. Vage spürte er die Hände des Aurors an seinen Seiten. Sie gaben ihm Halt, und er lehnte sich dankbar an.

„Von wegen!“ Jetzt klang James, als müsse er sich mühsam ein Lachen verbeißen. „Du schläfst im Stehen. Bist du verletzt?“ Verneinend schüttelte Severus den Kopf, schaffte es aber nicht, die Augen zu öffnen. Ein erschrockenes Keuchen entfuhr ihm, als seine Position sich plötzlich, ohne sein Zutun, einfach so änderte. Sein Gehirn brauchte einige Sekunden, bis es merkte, dass James ihn offenbar hochgehoben hatte. „Ich bringe dich ins Bett. Dann kannst du schlafen.“

Severus brummte leise. War das Widerwillen oder Zustimmung? Er wusste es selbst nicht. Also ließ er es einfach geschehen. Doch mit einem Mal riss er seine Augen wieder auf. „Reg!“, entfuhr es ihm.

„Ist er verletzt?“, erkundigte sich James, nun doch besorgt.

„Glaub' nicht.“, nuschelte Severus. „Musste bleiben, als alle gehen durften. Muss wohl neue Tränke bringen.“

James legte Severus in das große Bett. Kopfschüttelnd, als wolle er sich gar nicht vorstellen, dass die beiden ehemaligen Slytherins gemeinsam darin schliefen. „Ich sehe nach ihm, wenn er kommt, und bringe ihn zu dir.“, versprach er. „Lily und Harry schlafen schon, aber sie haben sich Sorgen gemacht, weil ihr so lange weg wart. Was war los?“

„Der Lord versucht, alle Spione unter seinen Todessern zu finden.“, verriet Severus. Mit einem Mal war er hellwach und blickte James an. „Pettigrew! Er hat gestanden, dass er …“ Severus hielt einen Moment inne, dann erzählte er, was er gehört hatte.

„Und das hat er unter Veritaserum ausgesagt?“, versicherte sich James mit weiten Augen. Severus nickte. „Merlin, Sirius ist unschuldig!“

Severus verbarg den Kopf in den Händen. Er kämpfte mit seinen Gefühlen. Black hatte ihn nicht bewusst an Lupin ausgeliefert. Er war – in der Hinsicht – unschuldig. Aber all die anderen Dinge, die Demütigungen, die Gemeinheiten, die bösartigen Streiche, all das war wohl dennoch die Schuld von Sirius Black. Genau wie die von James, wisperte eine Stimme in seinem Geist. Und James hatte er es vergeben, weil der ihn ehrlich um Verzeihung gebeten hatte. James hatte sich geändert. Könnte sich Black – Sirius – auch verändert haben? Musste er ihm nicht wenigstens eine Chance geben? Vor allem wegen Regulus. Severus liebte Regulus, er wollte eine Zukunft mit ihm aufbauen, sobald das alles hier vorbei war. Regulus aber liebte seinen Bruder noch immer, das wusste Severus. Daraus hatte der angehende Tränkemeister nie ein Geheimnis gemacht. Also sollte sich Severus wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden, Sirius immer wieder zu treffen. Vielleicht musste er ihm eine Chance geben, zu zeigen, dass er sich geändert hatte.

Konnte er das? Es war schwer. Severus wollte laut ‚Nein‘ schreien, aber dann gingen seine Gedanken zu Suavita. Was gäbe er darum, sie an seiner Seite zu haben? Egal, was sie getan hätte, er würde sie immer lieben. Regulus ging es mit seinem Bruder genauso, das hatte er bereits mehrmals deutlich gemacht. Durfte er von seinem Freund verlangen, den Kontakt mit seinem Bruder zu unterlassen? Nein, auf keinen Fall. Das würde Regulus innerlich zerreißen. Also musste Severus über seinen Schatten springen. Eine Entscheidung treffend, sah er auf. „Ich werde ihn herholen.“

„Häh?“, machte James verwirrt.

„Sirius Black. Ich werde ihn herholen.“, wiederholte Severus. „Regulus will ihn an seiner Seite haben, er will ihm helfen. Er liebt seinen Bruder. Ich bin bereit, ihm eine Chance zu geben, wie ich sie dir gegeben habe. Ich rate ihm nur, sie zu nutzen.“ Der letzte Satz klang ziemlich unversöhnlich, fand James, aber das war Severus' Recht, so, wie sie ihn damals behandelt hatten. James hatte inzwischen eingesehen, wie falsch es gewesen war. Er konnte nur hoffen, dass Sirius das ebenfalls klar wurde, ansonsten würde das hier nicht gut gehen.

„Dann müssen wir uns nur noch überlegen, wo wir ihn unterbringen.“, brachte James heraus, als er sich von seiner Überraschung erholt hatte. Er sah zu Severus, der inzwischen leicht schwankte vor Müdigkeit. „Aber jetzt schlaf' erstmal, wir denken später darüber nach. Ich warte noch auf Regulus und bringe ihn zu dir, wenn er kommt, dann gehe ich auch schlafen. Gute Nacht, Severus.“

„Gute Nacht, James.“, nuschelte Severus, bereits fast eingeschlafen. Schmunzelnd deckte James ihn zu, dann verließ er das Zimmer.

Stunden später erwachte Severus. Erleichtert spürte er die Arme um seinen Brustkorb, die Atmung in seinem Nacken. Das bewies ihm, dass es Regulus soweit gut ging. Er atmete aus, mehr als erleichtert. Vorsichtig drehte sich Severus und schlang seinerseits die Arme um seinen Partner. Automatisch schmiegte sich der schlafende Regulus dichter an ihn, schlief aber weiter. Severus genoss es, ihn in Ruhe beobachten zu können. Seine Hände strichen unbewusst über den Körper, versicherten sich zusätzlich zu den Augen von der Unversehrtheit seines Freundes. Erst jetzt wurde ihm klar, dass James offenbar von ihrer Beziehung wusste, oder zumindest mit Sicherheit davon ausging. Irritierenderweise störte es Severus nicht. Er hatte eine andere Seite von James Potter kennen gelernt, und vertraute ihm. James Potter war erwachsen geworden, hatte seine Fehler eingesehen und um Vergebung gebeten. Doch jetzt wollte er eigentlich nicht über den ehemaligen Gryffindor nachdenken, sondern seinen Partner beim Schlafen beobachten. Regulus wirkte so entspannt und friedlich, wie er ihn bisher nur selten gesehen hatte. Hoffentlich hielt dieser Zustand noch eine Weile an. Auch wenn das utopisch war, sie steckten in einer Situation fest, in der sie sich beide nicht entspannen durften. Gerade deshalb waren diese Momente so wichtig für sie beide.

„Wenn du mich so anstarrst, kann ich nicht schlafen!“, maulte Regulus gerade. Er klang amüsiert. Er schlug die Augen auf, und Severus sah sie schelmisch glitzern. Regulus näherte sich Severus und küsste ihn zärtlich. „Dann muss ich mich eben anders entspannen!“, murmelte er gegen Severus' Lippen.

Severus erwiderte den Kuss. Er genoss die Ruhe und die Nähe. Inzwischen konnte er das, anfangs hatte er nicht gewollt, dass Regulus ihn ohne Hemd sah, da er sich für seine wulstigen Narben schämte. Doch Regulus hatte ihm sehr deutlich gezeigt, dass sie für ihn nicht abstoßend waren, sondern im Gegenteil, er liebte es, sie zu küssen und zu liebkosen. Auch jetzt wieder. Jede Berührung löste kleine Stromschläge in ihm aus, genau wie ein wohliges Kribbeln in seinem Bauch. Diese Gefühle drohten ihn zu überfordern, doch auch dann war Regulus da. Er stoppte den Kuss, bevor Severus sich zurückziehen konnte, weil es ihm zu viel wurde. Regulus lehnte sich zurück und ließ zu, dass Severus mit den Fingern seinen Oberkörper erkundete. Langsam entspannte sich der Ältere wieder und lehnte sich an Regulus. „Tut mir leid.“, wisperte Severus.

„Sch!“, machte Regulus. Ihm war schon länger bewusst, dass Severus von etwas verfolgt wurde und hoffte, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt war. „Was ist los, Sev? Rede darüber, damit es dich nicht mehr verfolgen kann.“

Der Werwolf mit den schwarzen Augen zögerte. Konnte er in Worte fassen, was ihn bewegte? Noch nie hatte er sich so intensiv mit Gefühlen beschäftigt, hatte sie immer beiseite geschoben. Aber er wusste, er musste darüber reden, um es irgendwann hinter sich lassen zu können. Regulus wartete einfach ruhig ab, hielt ihn fest. „Reg, ich … ich weiß nicht, was diese Gefühle bedeuten. Ich bin so gerne bei dir, aber ich … ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich will dich spüren, überall, aber gleichzeitig habe ich Angst, weil ich es nicht kenne.“ Er atmete tief durch, das hier wusste auch Regulus noch nicht. „In meiner Zeit auf der Straße hat ein Mann versucht, mich zu …“ Er schluckte, konnte nicht weiterreden. „Ich bin gerade noch rechtzeitig entkommen, aber es verursacht Panik in mir.“ Er schluchzte auf und biss sich auf die Wange, um es zu stoppen.

„Merlin!“, hauchte Regulus entsetzt. Er strich über Severus' Wange. „Das werde ich niemals tun, aber jetzt verstehe ich deine Angst. Komm her.“ Er schlang seine Arme um den inzwischen zitternden Körper und hielt ihn fest. „Wir gehen es ganz langsam an und nur so weit, wie du dich wohlfühlst. Du bestimmst, wie weit wir gehen. Und ich bin da, wenn du reden willst. Ich kann mir vorstellen, dass es schwer ist, darüber zu reden, aber ich glaube, es hilft sicherlich ein Stück weit.“

„Du und Lily, ihr habt mir schon geholfen.“, stimmte Severus zu. Sein Gesicht verbarg er an Regulus' Schulter. „Aber … darüber will ich nicht mit Lily sprechen.“

„Das kann ich verstehen. Ich bin da.“, versprach Regulus. Severus schmiegte sich an ihn und genoss die Wärme und den Halt, den Regulus' Arme ihm boten. Hier konnte er glauben, dass es Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab. Leise begann er, über verschiedene Erlebnisse zu sprechen. Nicht sehr lange, aber es tat ihm gut.

Deutlich ruhiger stand er schließlich doch auf. Nacheinander gingen sie ins Bad, dann gesellten sie sich zu den Potters, die im Wohnzimmer waren. Draußen regnete es ziemlich heftig, daher blieben sie lieber drinnen, spielten mit Harry oder lasen ihm vor. Kreacher servierte ihnen ein leichtes Mittagessen, als sie erschienen. Während dem Essen wandte sich Severus an James. Er hatte nicht vergessen, worüber sie gesprochen hatten. „Hast du eine Idee, wo wir noch Platz für ein Schlafzimmer finden?“, wollte er wissen.

„Es ist nicht an mir, etwas zu entscheiden, aber ich vermute, wir könnten die Bibliothek im ersten Stock in ein weiteres Schlafzimmer verwandeln.“, schlug James vor. „Die Bücher müssten eigentlich Platz finden, wenn wir sie ins Arbeitszimmer hier im Erdgeschoss und das Labor im Keller aufteilen.“

Regulus runzelte die Stirn, bis er realisierte, worum es ging. „Du willst Sirius hierher holen?“, staunte er. Seine Augen strahlten, wenn auch noch verhalten. Er wollte Severus nicht zwingen, aber er wollte auch seinem Bruder beistehen.

„Er ist dein Bruder.“, nickte Severus. „Und wir haben gestern gehört, dass er gezwungen wurde. Ich mag ihn noch immer nicht, aber ich verstehe, wie du dich fühlst. Ich wollte ihm eine Chance geben. Für dich. Für euch. Und außerdem, es ist sein Haus, wir haben kein Recht, ihn davon fernzuhalten.“

Regulus sprang auf und umarmte Severus strahlend. „Danke!“ Gerade noch konnte er sich davon abhalten, ‚Ich liebe dich‘ zu sagen. Er wusste, Severus wollte das nicht. Jedenfalls nicht vor James. Er selbst hätte damit kein Problem, ansonsten hätte er es Lily gegenüber nicht zugegeben. Aber er respektierte Severus' Meinung hierzu. Deshalb ließ er ihn gleich wieder los und trat zurück. „Ich weiß, du magst ihn nicht, und du musst ihn auch nicht mögen, aber … er ist mein Bruder und ich … ich liebe ihn.“

„Ich weiß.“, entgegnete Severus erzwungen ruhig. Die Aussicht, in absehbarer Zeit auf Sirius Black zu treffen, machte ihn nicht gerade glücklich. Vor allem, wenn er daran dachte, dass der Andere hier fest einziehen sollte. Und zusätzlich machte er sich Sorgen, da dieses Haus Sirius gehörte. Er könnte ihn einfach rauswerfen. Dass sie einander hassten, war nicht neu. Auch wenn Sirius offensichtlich nicht Schuld daran war, dass er gebissen wurde, so war der Hass sicher nicht einfach verschwunden. Möglicherweise würde er sogar Severus die Schuld dafür zusprechen, dass er beinahe fünf Jahre in Askaban verbracht hatte. Noch immer galt er als schuldig, denn weder Regulus noch Severus konnten offiziell aussagen, was sie gehört hatten.

„Wenn wir Sirius hierher holen, dann sollten wir auch Poppy einweihen.“, überlegte Lily. „Ich will zwar Heilerin werden und kann schon viel, aber ich fürchte, dass ich Sirius nicht vollständig behandeln kann. Außerdem könnte es sein, dass wir sie brauchen, wenn es Probleme gibt mit der Schwangerschaft.“

„Du hattest bei Harry auch keine Schwierigkeiten, warum sollte es jetzt Probleme geben?“, kam es entsetzt von James.

„James, ich erwarte keine Probleme, aber ich wäre gerne auf alles vorbereitet.“, beschwichtigte Lily. Sie küsste ihn sanft und hielt ihn damit effektiv davon ab, eine Diskussion zu beginnen.

„Ähm, ich störe nur ungern, aber wir sollten los.“, unterbrach Regulus sie schließlich, während Severus sich mit Harry beschäftigte. Hier wollte er sich ganz sicher nicht einmischen. Er wusste, wie Lily sein konnte, wenn sie sich falsch behandelt fühlte.

Offenbar hatte Regulus damit nicht gerechnet. Er zuckte zurück, als Lily ihn wütend anfunkelte. „DU!“, fauchte sie. „Halt dich ja still, Regulus Black! Nach allem, was ich für dich getan habe, wagst du es, mir zu sagen, was ich tun und lassen soll?“

„Äh, nein, ich … ich meinte doch nur …“, stotterte Regulus.

„Ja?“, dehnte Lily.

„Naja, ich meinte … je länger wir warten, desto später kommt Sirius her und … und … er hat doch lange genug gelitten.“, versuchte Regulus, sich zu retten.

Severus schmunzelte nur und kitzelte Harry, damit er abgelenkt blieb. Er liebte Lily als seine Schwester, und das, was er jetzt erlebte, war einfach nur Lily. In den letzten Monaten hatte sie sich sehr zurückgehalten, aber jetzt kam die Lily durch, die Severus kannte. Vielleicht lag es auch daran, dass sie schwanger war, immerhin wurden Frauen in dem Zustand Stimmungsschwankungen nachgesagt. Jedenfalls war die Rothaarige derzeit sehr leicht reizbar. Das Kreischen und Kichern von Harry überlagerte einige Momente das Gespräch, bevor Severus wieder mitbekam, was gesprochen wurde.

„Ich habe dich behandelt, aber es war mehr als grenzwertig.“, knurrte Lily. Noch immer war sie stinksauer. „Du hattest einfach nur Glück, aber ich will mich nicht nur auf Glück verlassen. Gerade wenn jetzt Sirius zu uns kommt. Oder auch, wenn etwas mit Harry sein sollte. Oder willst du, dass ihnen etwas passiert, nur weil Poppy nicht eingeweiht ist?“

„Nein, natürlich nicht.“, schüttelte Regulus den Kopf. „Das wollte ich doch gar nicht andeuten. Ich wollte doch wirklich nur, dass wir Sirius so schnell wie möglich hierher holen. Mit Madam Pomfrey habe ich kein Problem. Wirklich nicht. Aber langsam wird es hier ein wenig eng, fürchte ich.“

„Regulus hat Recht.“, nickte James. „Wir sollten Sirius herholen, aber dennoch müssen wir noch ein wenig warten, wir können Sirius schließlich nicht hier im Wohnzimmer liegen lassen. Er braucht ein Zimmer, wo er Ruhe hat.“

„Und wie stellt ihr euch das vor?“, wollte Lily, nun deutlich ruhiger, wissen.

„Wir sollten die Bibliothek ausräumen. Die Bücher können wir sicher entweder im Arbeitszimmer oder im Labor unterbringen.“, schlug James erneut vor. Er war erstaunlich geduldig, wenn es um Lily oder Harry ging. „Dann müssten wir nur noch sehen, woraus wir ein Bett machen könnten, oder einen Kleiderschrank. Mehr braucht er im Moment wahrscheinlich nicht.“

„Wir können einfach die Möbel aus unserem Zimmer verdoppeln.“, zuckte Regulus die Schultern. „Die Bücher sind schnell weggeräumt. Die Regale verkleinern wir und stellen sie im Keller ab. Lily, was denkst du, sollten wir Farbe an die Wände machen?“

„Vielleicht etwas Beruhigendes.“, stimmte sie zu. So schnell, wie sie aufgefahren war, beruhigte sie sich auch wieder. „Orange wirkt stimmungsaufhellend, gelb lindert Ängste, grün beruhigt und steht für Sicherheit.“

„Okay, dann machen wir eine Wand orange, die Bettwäsche wird gelb und einige grüne Pflanzen finden wir sicher auch noch.“, entschied Regulus und stand auf.

Severus beschloss, bei Harry zu bleiben, Verwandlungen waren noch immer nicht seine Stärke, auch wenn er inzwischen ganz gut darin war. Aber Lily, James und selbst Regulus waren besser als er. Harry strahlte, er genoss es, mit Severus Zeit zu verbringen. Regulus hingegen hatte kaum eine Beziehung zu dem Kleinen, auch wenn er natürlich Severus unterstützte. Der Gedanke, der Pate des Kleinen zu sein, irritierte Severus noch immer ein wenig, vor allem, weil James ihn gefragt hatte, aber er war entschlossen, sein Bestes zu geben. Und der Kleine dankte es ihm regelmäßig, indem er ihn anstrahlte und versuchte, alles richtig zu machen für ihn. Bat Severus ihn, einen Moment still zu sein, hielt er sich die Hand vor den Mund. Wollte er, dass Harry ordentlich aß, bemühte er sich wirklich, nicht zu kleckern.

Jetzt tappte er auf unsicheren Beinen zum Tisch, auf dem noch ein Tränkemagazin lag, in dem Severus vor einigen Tagen geschmökert hatte. „Lesen!“, verlangte er.

„Ich soll dir das vorlesen?“, schmunzelte Severus. „Aber das ist kein Kinderbuch. Komm, holen wir eines von deinen Büchern.“

„Nein!“, protestierte Harry energisch. „Sevvus da lesen!“

„Na, wenn du sicher bist.“, schüttelte Severus den Kopf. Er schnappte sich den knapp Zweijährigen und setzte sich auf das Sofa mit ihm. Einige Seiten blätterte er, dann fand er einen Bericht, den er für ungefährlich hielt, und begann, seinem Patensohn vorzulesen. Es ging um einen Trank, der von einem Meister aus Schweden entwickelt worden war, der dazu dienen sollte, dass Zehennägel nicht einwachsen konnten. Er beschrieb die verschiedenen Versuche und die zugrunde liegenden Überlegungen, bis der Trank am Ende tatsächlich so funktionierte, wie der Meister es sich vorgestellt hatte. Immer wieder wanderte Severus' Blick zu Harry, der sich nur mühsam wachhalten konnte. Irgendwann bemerkte er, dass er beobachtet wurde, und sah auf, nur um sich drei grinsenden Erwachsenen gegenüber zu sehen, die ihn offensichtlich schon eine Weile so musterten.

„Es ist wirklich erstaunlich.“, wisperte Lily schließlich, als Harry endlich eingeschlafen war. „Er wickelt dich in einem Fort um den Finger, und doch folgt er, wenn du ihn um etwas bittest. Wie in aller Welt schaffst du das?“

„Das wüsste ich auch gerne.“, gestand James.

Severus zuckte vorsichtig die Schultern. „Ich weiß es nicht.“, räumte er ein. Noch einmal blickte er auf das friedlich schlafende Kind in seinen Armen, dann sah er erneut auf. „Wie weit seid ihr?“

„Alles fertig.“, berichtete Regulus, dem man die Ungeduld ansehen konnte. „Wir können los.“

„Du nicht, Regulus.“ James' Stimme war hart und unnachgiebig. „Es ist schon verdächtig genug, wenn wir Severus dabei haben, aber das lässt sich nicht vermeiden, da er der Geheimniswahrer ist. Aber wenn du auch noch mitgehst, könnt ihr euch gleich ‚Verräter‘ auf die Stirn schreiben, sollten euch die falschen Leute sehen. Man weiß nie, wer was erzählt. Ich vertraue definitiv nicht jedem im Orden.“

„James hat Recht.“, nickte Severus, noch bevor Regulus auffahren konnte. „Lily, kannst du mir helfen, mich mit Zaubern ein wenig zu verändern? Ich bin nicht sicher, ob ich diese Zauber ausreichend beherrsche. Aber das sollte verhindern, dass jemand mich erkennt. Wenn sie denn überhaupt genauer hinsehen. Außerdem will ich vermeiden, dass dein Bruder“, hier sah er Regulus an, „mich sofort erkennt. Ansonsten gibt es Probleme. Er wird sicher nicht mit mir mitgehen wollen.“

„Normalerweise sollte niemand außer Poppy und Albus dort sein.“, versprach Lily. „Jedenfalls habe ich einen Patronus mit dieser Bitte an Albus geschickt, als ihr das entschieden habt. Wir sollten auf jeden Fall auch Albus informieren wegen der Kinder von Heiler Smethwycks Bruder. Vielleicht kann er etwas herausfinden oder gar unternehmen. Ich denke nicht, dass ihr seine einzigen Informanten aus den Reihen des Dunklen seid. Dafür ist er zu sehr Kriegsstratege, er verlässt sich nicht nur auf eine Quelle.“

„Da müssen wir auch noch eine Lösung finden!“, entfuhr es Severus entsetzt. „Wenn der Lord uns ebenfalls prüft, werden wir uns verraten, für Veritaserum gibt es kein Gegenmittel!“

„Das nicht, aber wir können die gefährlichen Informationen so im Kopf verstecken, dass wir es nicht ausplaudern können.“, zuckte Regulus entspannt die Schultern. Es war offensichtlich, dass er sich gerade mehr Sorgen um seinen Bruder machte als darum, vom Lord enttarnt zu werden. „Darüber machen wir uns heute noch. Sobald Sirius hier ist.“

Zustimmend nickte Severus. Er spürte, wie sehr es seinen Partner mitnahm, nicht für seinen Bruder da sein zu können. Also stand er vorsichtig auf und legte Harry in die Spielecke, wo eine weiche Decke lag, in die er ihn wickelte. So konnte der Kleine weiterschlafen. Gemeinsam mit Lily verschwand er kurz im Bad, um sich optisch ein wenig zu verändern. Die Haare wurden kurz und braun, die Augen braun-grün, die Nase schmaler, die Figur insgesamt ein wenig stämmiger. Lily ließ es sich nicht nehmen, auch die Kleidung ein wenig farblich zu gestalten, nicht zu sehr, denn Severus sollte sich wohlfühlen, aber das Hemd wurde zu einem dunklen grün, während die Hose schwarz blieb. Den Umhang, den er in der Garderobe hatte, verwandelte sie in eine Jacke, so war er komplett unauffällig. Mit einem knappen Nicken bestätigte Severus nach einem Blick in den Spiegel die Veränderungen. Anschließend wandte er sich James zu. „Gehen wir.“ Er wollte es hinter sich bringen. Gut, inzwischen hatte er sich mit James angefreundet, etwas, das er nicht für möglich gehalten hätte, aber er wollte Sirius Black eigentlich nicht mehr begegnen. Nie wieder. Aber das ging nicht, wenn er mit dessen Bruder zusammen war.

Als würde er die Ablehnung spüren, drückte James einmal kurz Severus' Schulter, bevor er mit ihm disapparierte. Nur einen Lidschlag später tauchten sie vor einem kleinen, unscheinbaren Häuschen wieder auf. „Das hier gehört Moody. Eigentlich steht es unter starken Schutzzaubern, aber da wir Albus informierten, haben sie die Zauber gelockert, ansonsten könntest du nicht hinein. Also komm, beeilen wir uns.“

Mit raschen Schritten traten sie in den Garten und zur Haustür hin. James klopfte nur kurz, aber scheinbar mit einem bestimmten System, dann öffnete sich die Tür geräuschlos. Niemand stand dahinter, aber der ehemalige Gryffindor wusste, wohin. Zunächst gingen sie in ein karg eingerichtetes Wohnzimmer. Albus saß auf einem Sessel und schien sie zu erwarten, jedenfalls lächelte er ihnen zu und schien nicht im Geringsten irritiert durch Severus' Veränderung. Rasch erzählten sie ihm von Smethwycks Geschichte, wobei das hauptsächlich Severus übernahm, da er es aus erster Hand wusste. Der Weißhaarige versprach, sich kundig zu machen und sie zu informieren, wenn er weitere Erkenntnisse hatte. Sobald offensichtlich wurde, dass er fertig war, stand James erneut auf. Er führte Severus in das kleine Gästeschlafzimmer. Sirius Black war wirklich kaum wieder zu erkennen. Die Haare bis zur Taille, aber vollkommen verfilzt, fettig und dreckig, die Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangenknochen stachen heraus. Sein Bart war ebenfalls wirr und ungepflegt, ziemlich lang. Viel mehr sah Severus nicht, denn er lag unter mehreren Decken und schlief ziemlich unruhig. Irgendwie erinnerte Severus dieses Bild an ihn selbst, wie er damals zu Regulus kam.

Als sie eintraten, stand die Medihexe von Hogwarts auf, die an seinem Bett gesessen hatte. „Er ist vor etwa zehn Minuten eingeschlafen, aber ihr seht, er schläft sehr unruhig. Sein Körper heilt bereits, das sollte mit entsprechenden Tränken bald behoben sein, aber sein Geist wird noch lange mit den Folgen der Gefangenschaft zu tun haben.“

„Deshalb wollten wir dich in unser Geheimnis einweihen, Poppy.“, murmelte James nahe ihrem Ohr. Niemand sonst sollte etwas mitbekommen. „Außerdem will Lily sichergehen, falls etwas mit ihrer Schwangerschaft sein sollte.“

„Sie ist wieder schwanger?“, staunte Poppy.

„Ja, aber noch nicht sehr lange.“, strahlte James.

Bevor er noch mehr sagen konnte, trat Severus zu ihm. Er drängte darauf, die Medihexe zu informieren, da er sich hier wie auf dem Präsentierteller fühlte. Seine Instinkte rieten ihm dazu, baldmöglichst zu verschwinden. Auch wenn er nicht so leicht zu erkennen war, ein gezielter Zauber und seine Tarnung war aufgeflogen. Er weihte die Frau ein, die ihnen helfen sollte, wenn es eng wurde, dann trat er zu Sirius. „Müssen wir ihn wecken oder kann ich ihn genau wie Harry hinein tragen und somit einweihen?“

„Das sollte ausreichen.“, bestätigte James seine Vermutung. „Sobald du jemanden bewusst oder auch unbewusst mit in den Schutz des Zaubers nimmst, ist er eingeweiht. Deshalb ist es auch so gefährlich, wenn sich jemand an dir festhalten sollte beim Apparieren. Es wird geraten, in so einer Situation nie direkt in das Geheimnis zu apparieren. Also, ich meine, wenn die Gefahr besteht, dass sich jemand an dir festhalten könnte. Von hier aus dürfte es kein Problem sein.“

„Also los, dann verschwinden wir.“ Severus nahm den bis vor kurzem gefangenen Sirius mühelos auf den Arm, was ihm einen erstaunten und durchaus berechnend anmutenden Blick von Madam Pomfrey einbrachte. Sie versuchte offenbar gerade, dahinter zu kommen, wer dieser Mann war.

„Schaffst du es, euch beide zu apparieren?“, wollte James wissen.

„Es ist zwar das erste Mal, aber ich bin mir sicher.“, nickte Severus. Ohne ein weiteres Wort zu Poppy und ohne auf eine Erwiderung von James zu warten, verschwand er mit einem Plopp. Ohne Probleme schaffte er es zurück ins Haus, in dem Regulus bereits ungeduldig wartete. Er trug Sirius nach oben und legte ihn vorsichtig auf das Bett, das wirklich einen angenehm beruhigenden Eindruck machte. Beim Ablegen spürte Severus, dass ein Wärmezauber darauf lag. Das Zittern von Sirius, das er erst jetzt bemerkte, ließ sofort nach, als er ihn zudeckte. Regulus setzte sich zu seinem Bruder und nahm dessen Hand, die knochig, sehr weiß und vollkommen ausgetrocknet wirkte. Die Haut war papierdünn und sah rissig aus, die Blutgefäße schimmerten blau hindurch. Man konnte jeden einzelnen Knochen erkennen, jede Sehne und jeden Muskel. Wobei die kaum vorhanden waren. Kein Wunder, die letzten fünf Jahre hatte er auf weniger als zehn Quadratmetern verbracht, da gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zu bewegen oder gar zu trainieren. Lily brachte ein Tablett mit Suppe und einer Schale Haferschleim, die Sirius essen konnte, wenn er wach wurde. Ein Zauber verhinderte, dass die Sachen auskühlten oder sonstwie ungenießbar wurden.

Severus ging mit der Rothaarigen nach unten und ließ Regulus bei seinem Bruder. Lily erkundigte sich, was Albus gesagt hatte. „Ich denke, er wird seine Informanten danach fragen.“, antwortete Severus. „Genaueres hat er nicht gesagt, aber es klang so. Wir müssen abwarten. Madam Pomfrey ist übrigens auch eingeweiht und kommt, wenn wir nach ihr rufen. Es schien, als würde sie sich für dich freuen. James hat ihr erzählt, dass du wieder schwanger bist.“

„Das kann ich mir vorstellen!“, lachte Lily entspannt. „James ist schlimmer wie ich. Er freut sich so sehr, dass Harry kein Einzelkind bleibt. Er selbst ist ein Einzelkind und fand es immer fürchterlich, alleine aufzuwachsen. Schon immer wollte er mehr Kinder. Für ihn ist Sirius wirklich wie ein Bruder. All die Jahre, als er glaubte, dass Sirius Schuld ist, hat er sich gefragt, wie das sein konnte. Ja, Sirius war wirklich richtig fies zu dir, aber dass er das Remus antut, das war für James unverständlich. Ich meine, es war falsch, was dir passiert ist und auch, warum es passiert ist, aber James hat geglaubt, dass es Sirius war. Es war einfach typisch für ihn, so gedankenlos zu sein, wenn es um dich ging. Allerdings hat gerade Sirius immer darauf geachtet, Remus so gut wie möglich zu beschützen. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, denke ich, dass es daran lag, wie er aufwuchs, er wollte vermeiden, dass seinem Freund etwas Ähnliches passierte. Nie hätten wir geglaubt, dass er Remus so sehr verletzen könnte. Nicht absichtlich. James hat immer damit gehadert, dass er es nicht verstehen konnte, was da passierte.“

„Remus war derjenige, der mir leid tat.“, gab Severus leise zu. „Als ich die ersten Verwandlungen im Kerker bei meinem … Erzeuger hinter mir hatte, wurde mir das immer klarer. Remus Lupin war ein Opfer, genau wie ich. Als Werwolf konnte er sich nicht steuern. Er hatte keinen Einfluss darauf, nur die Instinkte des Wolfes reagierten. Und ich bin in dessen Territorium eingedrungen. Der Trank, den du mir damals gegeben hast, vor Weihnachten, hat mir geholfen. Ich konnte zwar nicht eingreifen, aber ich bekam zum ersten Mal überhaupt mit, was der Wolf in der Nacht tat. Ich spürte seine Gefühle. Er reagiert instinktiv. Midnight hat versucht, sein Revier, den Wald, zu verteidigen, als Greyback auftauchte. Mir war klar, dass er keine Chance hatte, aber Midnight hat einfach instinktiv den Kampf begonnen. Genauso reagiert wohl auch Lupins Wolf. Deshalb wurde mir klar, ich kann ihm den Biss nicht vorwerfen, ohne dabei mich selbst zu verurteilen. Wäre ich nicht eingesperrt gewesen, ich habe keine Ahnung, wie viele Verletzte oder gar Tote auf mein Konto gehen würden.“

„Du hast dich verändert.“, erkannte Lily. „So sehr, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte.“

„Wir alle haben uns verändert.“ Severus fühlte sich unbehaglich bei dem Thema und war froh, dass Harry gerade wach wurde und die Aufmerksamkeit seiner Mutter beanspruchte. Er selbst machte sich daran, etwas zu kochen, damit sie später gemeinsam essen konnten.

Nach dem Essen brachte Lily Harry ins Bad und dann ins Bett, während Regulus mit Severus in ihr gemeinsames Zimmer ging. Unter Anleitung und Mithilfe seines Freundes versteckte Severus alle Informationen, die der Lord niemals bekommen durfte, so in seinem Kopf, dass sie auch unter dem Einfluss von Veritaserum nicht darüber reden konnten. Die Nebenwirkung davon waren stete Kopfschmerzen, aber das nahmen sie gerne auf sich. Eine Entdeckung bedeutete einen schmerzhaften und sehr langsamen Tod, das wollte keiner von ihnen riskieren. Es dauerte mehrere Stunden, bis sie sicher waren, es geschafft zu haben. Beide fühlten sich wie nach einer durchzechten Nacht mit billigem, schlechtem Feuerwhiskey, aber sie entspannten sichtlich, als sie einander versicherten, die Informationen nicht mehr finden zu können und auch keinen Hinweis auf etwaige Verstecke zu entdecken. Erschöpft ließen sie sich in die Kissen sinken, ohne auch nur ans Umziehen zu denken. Nur die Schuhe hatten sie von den Füßen gestreift, als sie ins Zimmer gekommen waren.

 

Am Morgen wirkten sie ziemlich verkatert, aber sie grinsten kurz auf die Frage, ob denn alles geklappt habe. „Wie geht es meinem Bruder?“, erkundigte sich Regulus nach ein wenig Small-Talk bei Lily.

„Den Umständen entsprechend.“, erwiderte die Rothaarige, mit einem Mal ernst. „Er war heute Nacht kurz wach, aber er realisiert nicht richtig, dass er frei ist. Vielleicht solltest du mal nach ihm sehen, Regulus.“

„Das werde ich, aber heute muss ich zu meinem Meister, ich habe ihn inzwischen schon zu lange hingehalten.“, seufzte der angehende Tränkemeister. „Er ist zwar nachsichtig bis zu einem gewissen Punkt, da er zumindest von der Einstellung her hinter dem Lord steht und weiß, dass ich auch für diesen Aufgaben erledigen muss, aber ich will ihn nicht misstrauisch machen. Offiziell kann er nicht für den Lord arbeiten, er hat einst einen Schwur geleistet, neutral zu sein, ansonsten könnte er nicht ausbilden. Deshalb kann der Lord auch keine Tränke von ihm fordern, genauso wenig das Ministerium. Er hat sich dazu verpflichtet, um ein guter Ausbilder zu sein. Ich denke, deshalb könnte er auch Curtwick nicht unterstützen mit seinem Wolfsbann, da die Werwölfe unter dem Lord dienen. Nur eines kann er tun, keine Fragen stellen, wenn ich mal wieder nicht komme. Ich bin ziemlich sicher, privat denkt er wie der Lord und viele Reinblüter, deshalb ignoriert er mein Fehlen immer wieder. An der Uni schaut keiner, ob ich da bin oder nicht, Hauptsache, am Ende bestehe ich meine Prüfungen. Da Meister Belby sich darum kümmert und mit den Professoren gut gestellt ist, komme ich an die Unterlagen heran. Auch wenn ich es ungern so mache, aber mir bleibt keine andere Möglichkeit. Ich weiß nicht, wie lange ich heute bei Meister Belby sein muss, aber ich werde danach zu Sirius gehen. Jetzt muss ich los.“ Er schüttete den Rest seines Kaffees in sich hinein, spülte mit einem Trank gegen Kopfschmerzen nach und disapparierte direkt aus dem Wohnzimmer.

„Relus weg.“, kommentierte Harry. „Sevvus tlaulig.“

James folgte dem Blick seines Sohnes und sah, dass Harry offenbar Recht hatte. „Alles okay, Severus?“, fragte er leise.

Der Angesprochene atmete tief ein, dann straffte er die Schultern. Fest erwiderte er den Blick aus den braunen Augen. „Es geht mir gut. Ich werde mich wieder daran setzen, herauszufinden, was der Lord als Horkrux genutzt haben könnte. Wir müssen endlich einen Schritt weiterkommen, es muss sich etwas tun. Regulus geht daran kaputt, wenn er nicht bald einen Erfolg sieht. Wir müssen unser Ziel wieder sichtbar machen.“ Er trat zu Harry und verwuschelte ihm liebevoll das ohnehin in alle Richtungen stehende schwarze Haar. „Ich muss arbeiten, mein Kleiner. Sei brav und ärgere deine Mama nicht. Vielleicht gehen wir dann später in den Garten, wenn das Wetter gut bleibt.“

„Hawwy will jetzt Garten!“, protestierte der Kleine.

„Später.“, bestimmte Lily fest. „Erst isst du ordentlich und dann müssen wir ein bisschen sauber machen. Kreacher ist nicht dazu da, deine Spielsachen wegzuräumen und deinen Sand im Wohnzimmer aufzukehren.“

„Willnich!“, schrie Harry, als Severus gerade das Zimmer verließ. Er schüttelte sich. Das war das, weshalb er selbst eigentlich keine Kinder wollte. Diese ganzen Trotzphasen oder wie es auch immer hieß. Das Arbeitszimmer kam ihm angenehm ruhig vor. Kein Wunder, hierauf lag schließlich ein Zauber, der die Geräusche dämpfte, damit man konzentriert arbeiten und lernen konnte. Sie hatten die Bücher aufgeteilt, um sie möglichst effektiv durcharbeiten zu können. Wann immer jemand Zeit hatte, verbrachte er oder sie diese über die Bücher gebeugt. Doch bislang hatten sie nicht viel gefunden. Noch etwa zehn Stapel warteten auf sie, und er machte sich über den nächsten.

„Und, was gefunden?“, riss ihn irgendwann James' Stimme aus seiner Konzentration. Er sah auf. Offensichtlich hatte er mehrere Stunden gelesen, denn es war schon mitten am Nachmittag, wie er am Stand der Sonne erkennen konnte. Der Braunhaarige wirkte besorgt.

„Nicht wirklich, aber zumindest hoffe ich, eine Spur zu haben.“, lehnte sich Severus zurück. Er zeigte James eine Abbildung in einem alten, handgeschriebenem Buch. „Hier, das ist eine Abbildung von Slytherin. Sieh genau hin, ob du erkennst, was ich meine.“ Bewusst sprach er nicht an, was er glaubte, entdeckt zu haben. Er musterte stattdessen James, wie der das Bild des blonden Mannes mittleren Alters genauestens betrachtete. Der Mann saß an einem Schreibtisch, laut Bildunterschrift in seinem Büro in Hogwarts, seine Hand lag entspannt auf dem Kopf einer Schlange, die sich über den Schreibtisch ringelte. Die langen Haare fielen ihm offen über den Rücken bis zur Taille, steckten aber zum Teil unter dem Kragen seines smaragdgrünen Umhanges. Was er darunter trug, war nicht zu erkennen, da der Umhang mit einer schlangenförmigen Spange vorne geschlossen war. Doch was Severus meinte war der Anhänger, der an einer Kette an seinem Hals hing. Wenn er sich nicht sehr täuschte, war das genau das Medaillon, das James aus der Höhle geholt hatte. Und der Ring am Finger des Hogwartsgründers hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, den der Lord immer wieder trug.

„Das Medaillon und der Ring!“, erkannte es schließlich auch James. Seine Augen weiteten sich in der Erkenntnis. „Das ist doch der Ring aus euren Erzählungen, oder?“

„Entweder das oder aber sehr ähnlich.“, stimmte Severus zu. Ganz sicher war er nicht, aber er ahnte, hier auf etwas Entscheidendes gestoßen zu sein. „Er stammt von Slytherin ab, wenn das stimmt, was er behauptet.“, berichtete er weiter. „Wie er an diese beiden Artefakte kam, weiß ich nicht, aber er geht sicher davon aus, dass sie seine Abstammung untermauern und beweisen. Also hat er zwei Objekte aus Slytherins Erbe genutzt, um sie zu Horkruxen zu machen. Was, wenn er versucht hat, Erbstücke der anderen Gründer zu finden, um sie zu verwenden? Wir müssen herausfinden, ob es noch Erbstücke gibt.“

„Gryffindors Schwert ist in Hogwarts!“, sprang James auf. „Ich denke, du könntest Recht haben!“

Severus nahm seinen Spiegel aus der Tasche. „Albus?“

Es dauerte einige Minuten, bis der Weißhaarige sich meldete. „Was gibt es, Severus, mein Junge?“

„Ich denke, ich bin auf eine Spur gestoßen.“, erklärte Severus und berichtete erneut. Er sah die Zweifel in Albus' Augen und bat ihn, zu kommen und sich das Bild anzusehen. Immerhin hatte auch er den Ring gesehen, den der junge Tom Riddle in der Erinnerung getragen hatte, die er von Slughorn bekommen hatte. Severus hatte ihn sogar in echt gesehen. James, der ihn noch nie gesehen hatte, glaubte es irritierenderweise sofort.

„Ich komme, sobald ich hier weg kann.“, versprach Albus. „Aber es wird frühestens heute Abend sein, wenn nicht gar erst morgen. Es kann nicht schaden, wenn ihr mit der Suche nach Gründerobjekten in den Büchern beginnt. Wobei ich denke, dass wir das Schwert ausschließen können. Einerseits, weil Riddle in den letzten Jahren nicht in Hogwarts war, und vorher habe ich es täglich gesehen und nichts gespürt. Andererseits weil es eine koboldgeschmiedete Waffe ist, die nur aufnimmt, was sie stärkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Horkrux darin überleben kann. Und ich gehe davon aus, dass auch Riddle das weiß. Aber das heißt nicht, dass ihr auf der falschen Spur seid. Wir sollten jedem Hinweis nachgehen. Wie geht es Sirius?“

„Unverändert.“, informierte James aus dem Hintergrund.

Sie verabschiedeten sich von Albus, dann gingen sie zurück ins Wohnzimmer. Sofort rannte Harry zu Severus und wollte mit ihm in den Garten. „Aber nicht lange, es ist noch kalt.“, entschied Severus. Er sah seinem Patensohn zu, wie er mit seinen warmen Sachen mühsam auf die Rutsche kletterte und immer wieder hinuntersauste. Offensichtlich hatte er großen Spaß, denn er jauchzte vor Freude, sobald er etwas schneller wurde.

„Okay, genug für heute, mein kleiner Racker!“, fing ihn Severus schließlich nach einer knappen Stunde ein. „Ab mit dir in die Badewanne!“

„Da hat Onkel Severus Recht.“, stimmte Lily zu und übernahm ihren Sohn. „Albus war kurz da und hat das Bild angesehen, er ist eurer Meinung, soll ich dir ausrichten. Außerdem meinte er, bisher hätte er keine weiteren Informationen zu den beiden Kindern, aber er bleibt dran. Reg ist bei Sirius.“, fügte sie an Severus gewandt noch hinzu.

„Danke.“, murmelte dieser. „Gute Nacht, Harry!“ Er gab dem Kleinen noch einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Schlaf gut!“

„Nacht Sevvus!“, strahlte Harry. Severus sah den Beiden nach, bis sie verschwunden waren, dann erst ging auch er hinein. Langsam stieg er die Treppen nach oben und brauchte eine Weile, bis er sich überwinden konnte, die Tür zum neu geschaffenen Schlafzimmer von Sirius zu öffnen. Vor dieser Begegnung graute ihm.

„Er schläft!“, wisperte Regulus, der aufsah, als Severus ins Zimmer trat. „Aber vorher hatte er wirklich Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden. Ich glaube, ich musste ihm zwanzig Mal versichern, dass er wirklich frei ist. Aber wenigstens ein paar Bissen hat er gegessen. Madam Pomfrey hat ihm Infusionen gelegt, wie es die Muggel machen, dadurch wird er mit Nährstoffen, Flüssigkeit und anderen, wichtigen Dingen versorgt. Sie meinte, es wird noch Monate dauern, bis er komplett auf Tränke oder Infusionen verzichten kann.“

„Sie war hier?“, fragte Severus, der es nicht mitbekommen hatte. Bislang vermied er den direkten Blick auf Sirius, konzentrierte sich lieber auf seinen Freund. Er war unsicher, wie er sich fühlte. Inzwischen hatte er sich mit seinem inneren Wesen nicht nur abgefunden, sondern angefreundet. Er selbst und Midnight waren quasi ein Team. Noch konnte er sich zwar nicht bewusst verwandeln, aber er war sicher, dass es nur eine Frage der Zeit war. Regulus hatte einen großen Anteil daran, wie es ihm jetzt ging. Allerdings war der Weg bis hier steinig und schwer gewesen. Viele Dinge, die er nur aufgrund des Bisses und der nachfolgenden Verbannung erlebt hatte, würde er am liebsten vergessen, doch die Erinnerungen blieben ihm wohl ein Leben lang. Und das lastete er bis vor kurzem Sirius Black an. Das, was Pettigrew vor wenigen Tagen gestanden hatte, änderte alles, aber Severus' Gefühle konnten sich nicht so schnell umstellen. Zusätzlich kam noch all das hinzu, was in den fünf Jahren in Hogwarts passiert war. Wobei, sollte er Sirius diesbezüglich eine Chance geben? James war damals genauso schlimm gewesen, inzwischen waren sie so etwas wie Freunde. Sirius hatte sehr gelitten, viel mitgemacht in Askaban, sollte das nicht reichen, um diese Schuld zu sühnen? Oder zumindest, um ihm eine Chance zu geben? Wollte Sirius diese Chance überhaupt? Nun, das würde wohl erst die Zeit zeigen.

„Ja, sie war hier.“, riss ihn Regulus' Stimme jetzt aus seinen Gedanken. „Aber nur kurz. Sie kam mit Albus, als du mit dem Kleinen draußen warst. Viel Zeit hatte Madam Pomfrey nicht, sie hat nur die Nadeln kontrolliert, durch die das Zeug hier“, er deutete auf die Infusionen, „in seinen Körper fließt. Außerdem hat sie neue Infusionen angehängt und Lily gezeigt, worauf sie achten muss, damit sie Sirius versorgen kann. Immerhin ist Madam Pomfrey offiziell in Hogwarts, wenn sie zu oft fehlt, wirft das Fragen auf. Alles okay bei dir?“

Severus nickte. „Es geht mir gut. Ich weiß nur noch nicht genau, was ich hiervon“, seine Handbewegung deutete an, dass er vor allem Sirius meinte, „halten soll. Aber ich habe entschieden, ihm eine Chance zu geben. Er bedeutet dir wirklich viel und ich will nicht, dass du dich irgendwann zwischen uns entscheiden musst. So, wie du Harry für mich akzeptierst.“

„Harry ist ein guter Junge, aber im Moment fühle ich mich einfach noch zu jung, um eine derartige Verantwortung zu übernehmen.“, gestand Regulus. „Vor allem, weil ich als Todesser agiere. Je weniger Menschen mir nahe sind, desto geringer die Gefahr, dass sie gegen mich verwendet werden.“

Seufzend setzte sich Severus zu ihm. „Du hast Recht. Aber ich habe die Hoffnung, dass Harry, Lily und James hier in Sicherheit sind. Dich kann ich nicht aus dem Konflikt heraushalten, aber ich werde sicher nicht auf unser Zusammensein verzichten. Allerdings werden wir nach außen hin weiterhin lose Bekannte bleiben. Zwei Slytherins, die eine Gemeinsamkeit haben: eine Vorliebe für Zaubertränke. Mehr verbindet uns, zumindest nach außen hin, nicht. Und so sollte es auch bleiben.“

Nickend lehnte sich Regulus an den Werwolf und entspannte merklich, als dieser seine schmalen und doch kräftigen Arme um ihn schlang. Erst jetzt musterte Severus die Gestalt im Bett. Noch immer zitterte Sirius, obwohl er bis zum Hals zugedeckt war. Durch seinen inneren Wolf konnte Severus den Wärmezauber spüren, der noch immer auf dem Bett lag. Die dünnen Schläuche verschwanden in Höhe des Bauchnabels rechts und links unter der Decke. In einem war eine milchig-weiße Flüssigkeit, auf der anderen Seite war sie klar und durchsichtig. Sirius' Wangen waren eingefallen, die Atmung schien angestrengt. Seine Haut war blass, beinahe durchscheinend. Kein Wunder, seit etwa fünf Jahren hatte er kein Sonnenlicht mehr gesehen. Allerdings konnte man sehen, dass die Flüssigkeit ihm gut tun musste, denn die Haut wirkte nicht mehr so rissig und papierdünn. Offensichtlich hatte sich Regulus auch mit den Haaren und dem Bart seines Bruders beschäftigt, denn das Gesicht war glatt rasiert und die Haare deutlich kürzer, frisch gewaschen und entwirrt. Das schaffte man nur mit Magie. Auf einem kleinen Nachttisch lagen Unterlagen, die Severus von Regulus kannte. Aufzeichnungen von Vorlesungen. Also lernte Regulus, während er an Sirius' Seite saß. Langsam und beruhigend strich Severus über den Bauch und Brustkorb seines Partners, während er immer wieder den Nacken und die Ohrläppchen mit schmetterlingsgleichen Küssen bedeckte. Immer weiter entspannte sich Regulus, bis sein ruhiger, gleichmäßiger Atem verriet, dass er eingeschlafen war. Severus wusste, wie wenig Regulus in den letzten Wochen und Monaten geschlafen hatte, weil er ständig von irgendwo gefordert wurde. Ein Wunder, dass er so lange durchgehalten hatte.

Als er fest schlief, trug Severus ihn durch das Bad hinüber in ihr Bett. Hoffentlich konnte er sich endlich einmal richtig ausruhen und wurde nicht gleich wieder vom Lord gerufen. Meister Belby war auf einem internationalen Kongress für Tränkemeister, die nächsten zwei Tage würde er Regulus nicht fordern. Severus verließ das Zimmer noch einmal und ging hinunter zu James. Lily rumorte noch im Kinderzimmer, scheinbar wollte Harry nicht schlafen. Der Braunhaarige war im Arbeitszimmer und las konzentriert in einem der Bücher. Wortlos setzte sich Severus daneben und griff ebenfalls nach einem Buch. Eine Weile lasen sie schweigend. „Nichts.“, legte James irgendwann ein Buch zur Seite. Er wirkte frustriert.

„Wir müssen etwas finden.“, insistierte Severus. „Regulus schafft das nicht mehr lange. Lily und Harry sollten auch nicht eingesperrt bleiben müssen. Und Sirius könnte dann auch eher geholfen werden, wenn er nach draußen kann. Ich weiß, wir können nicht endlos weitermachen, denn wenn wir zu erschöpft sind, könnten wir wichtige Hinweise übersehen, aber das hier ist mit das Wichtigste, was wir tun. Nur wir können das tun, weil niemand außer uns und Albus über die Horkruxe Bescheid weiß. Und das sollte auch niemand wissen. Dieses Wissen ist einfach zu gefährlich.“

„Das stimmt zwar, aber dennoch dürfen wir uns nicht nur darauf stürzen.“, gab James zurück. „Wir müssen weiter trainieren, um gewappnet zu sein. Du könntest jederzeit zu den Todessern gerufen werden, ich gehe zu den Einsätzen des Ordens. Wir müssen für diese Kämpfe so fit sein, wie es nur geht. Diese Zeit müssen wir uns nehmen.“

„Du hast Recht.“, stimmte Severus zu. „Versuchen wir, ein gutes Mittelmaß zu finden.“

„Einverstanden. Dann sehen wir jetzt noch maximal eine Stunde die Bücher durch, anschließend trainieren wir eine Runde, bevor wir eine Kleinigkeit essen und ins Bett gehen.“, schlug James vor. Severus nickte zustimmend und es wurde erneut still, als sie sich wieder den Büchern zuwandten.

 

Zwei Tage später hatten sie zumindest einen Hinweis gefunden und waren fast sicher, einen weiteren Horkrux identifizieren zu können. Wobei, ohne Albus' Wissen hätten sie davon wohl nicht erfahren, denn dieses Wissen war nicht aus Büchern. „Ich habe einige Quellen erforscht, von denen ich mir erhoffte, dass sie uns weiterbringen.“, berichtete der Weißhaarige am Abend des vierten Tages, seit Sirius bei ihnen war. „Tom Riddle war, direkt nach der Schule, für einige Jahre in Borgin & Burkes angestellt. Was er da wollte, ist mir schleierhaft, aber möglicherweise wusste er damals bereits, dass er dort eine Gelegenheit haben könnte, an Gründerartefakte zu kommen. Borgin & Burkes galt bereits damals als DER Laden, in dem man Hehlerware gut loswerden konnte. Außerdem versprachen die Besitzer, beinahe alles besorgen zu können. Sicher nicht immer auf legalem Weg. Wahrscheinlich so gut wie nie. Entschuldigt, ich schweife ab. Also, in seiner Zeit in diesem Laden hatte er mehrmals Kontakt mit einer Witwe namens Hepzibah Smith. Sie war eine direkte Nachfahrin von Helga Hufflepuff und die letzte bekannte Besitzerin eines Trinkkelches, der aus Hufflepuffs Erbe stammt. Sie starb unter mysteriösen Umständen, angeblich soll ihre Hauselfe Hokey ihren abendlichen Kakao versehentlich vergiftet haben. Und das am Abend nach einem Besuch von Tom Riddle. Ihre Erben haben ausgesagt, dass der Becher nie aufgetaucht ist, allerdings fehlen auch einige andere Dinge, von denen die Erben wussten, dass sie sie gut versteckt hatte. Die Verstecke wurden bis heute nicht gefunden, daher kann man auch nicht sicher sagen, ob Tom Riddle den Becher hat oder nicht. Aber zumindest war er sicher ein Ziel.“

„Sollte er ihn gefunden haben, ist er sicher ein Horkrux.“ Severus war absolut sicher. Seine Instinkte rieten ihm dazu. „Also, was haben wir bisher? Wir wissen fast mit 100%iger Sicherheit, dass der Ring des Lords ein Horkrux ist. Einen, nämlich das Medaillon, haben wir hier. Ein weiterer könnte eben der Becher von Hufflepuff sein. Fehlen, wenn unsere Theorie von sieben Horkruxen stimmt, noch vier. Möglicherweise etwas von Ravenclaw und etwas von Gryffindor. Aber da wir wissen, dass das Schwert keiner sein kann, müssen wir weitersuchen, ob Gryffindor etwas hinterlassen hat. Genau wie bei Ravenclaw. Und dann sollten wir herausfinden, was die anderen beiden sind. Und wo sie sind. Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, bis wir in der Lage sind, den Lord so zu schwächen, dass er getötet werden kann. Regulus, wir müssen sehen, ob wir beim Lord etwaige Hinweise entdecken. Alles kann helfen. Albus, gibt es eine Möglichkeit, unbemerkt zu prüfen, ob ein Horkrux in der Nähe ist?“

„Unauffällig? Nein, ich fürchte nicht. Jedenfalls wüsste ich keine. Man braucht einen Zauberstab, um die Magie um sich herum zu prüfen. Damit kann man es einfach erkennen. Aber ohne Stab bezweifle ich, dass der Zauber funktioniert.“, schüttelte Albus den Kopf. „Und ich denke, wir suchen nur nach sechs Horkruxen, denn eines der sieben Teile steckt sicher in Voldemort.“

„Zeig uns den Zauber trotzdem.“, mischte sich Regulus ein. James, Severus und sogar Lily nickten. Das konnte sicher nicht schaden.

Albus stimmte zu und brachte ihnen in wenigen Minuten den entsprechenden Zauber bei. „Ich muss wieder gehen, bevor man mich vermisst. Außerdem erwarte ich Informationen, denn Mundungus Fletcher hat wohl etwas in einer Kneipe aufgeschnappt, was wichtig für uns sein könnte.“

„Dieser alte Gauner?“, rief James aus. „Dad hat ihn in seiner Aurorenzeit sicher ein Dutzend Mal festgenommen, aber dieser Typ ist aalglatt und schlüpft immer wieder durchs Netz. Ich glaube nicht, dass er vertrauenswürdig ist.“

„Das vielleicht nicht, aber er kommt an Informationen, die sonst keiner jemals erlangen kann.“, widersprach Albus. „Ich vertraue ihm insoweit, dass er mir keine falschen Informationen liefert, jedenfalls nicht bewusst. Allerdings kann er sicher nicht unterscheiden, wenn jemand ihm etwas unterjubelt. Dennoch hat er bereits viel geholfen. Und eines ist sicher: Er sieht zu, dass er seinen eigenen Kopf in Sicherheit bringt. Seine Informationen sind zuverlässiger, als wenn ich raten müsste.“

„Sei vorsichtig.“, bat Lily inständig.

„Das bin ich. Aber ich werde mich nicht zurückziehen, denn wenn ich aufhöre, hat Riddle bereits gewonnen.“, versprach Albus. Er stand auf und trat zum Kamin. „Ich wünsche euch einen ruhigen Abend und eine gute Nacht.“ Nach einem kurzen Abschied verschwand er in den grünen Flammen, die ihn in sein eigenes Haus brachten.

Severus entschied, ins Rudel zu gehen, möglicherweise konnte er dort Informationen beschaffen. Der Lord hatte ihn ohnehin indirekt aufgefordert, im Rudel zu leben, von Greyback zu lernen. Zum Einen mit dem Zauberstab, zum Anderen aber auch die willentliche Verwandlung. Damit er noch besser für den Lord eingesetzt werden konnte. Severus war sich darüber bewusst, dass er für den Lord ersetzbar war, im Gegensatz zu Regulus, aber der Orden wurde immer größer und besser ausgebildet, daher brauchte auch der dunkle Lord immer bessere Kämpfer. Und vor allem so viele wie möglich. Außerdem war Severus sicher, dass ihm die willentliche Verwandlung sicher hilfreich sein konnte. Daher entschied er, seinen Widerwillen Greyback betreffend beiseite zu schieben und so viel zu lernen, wie es nur ging. Lernen war schon immer eine Möglichkeit zur Flucht für ihn gewesen. Je mehr sein Vater oder später die Rumtreiber ihn bedrängten, desto intensiver hatte er sich in das Lernen geflüchtet. Kein Wunder, dass seine Noten schnell von mittelmäßig zu sehr gut wurden. Auch wenn nie jemand auch nur ein Wort deswegen verloren hatte. Außer seinem Hauslehrer, aber nur, um seine Hauskameraden zu mehr Leistung anzustacheln. Nach dem Biss hätte er gerne weitergelernt, aber es war lange unmöglich gewesen. Erst hier bei Regulus hatte er wieder damit angefangen und sich selbst schnell alles beigebracht, was er theoretisch für die Abschlussprüfungen bräuchte. Seit er seine Magie wieder hatte – er zwang sich, nicht weiter über das Mal an seinem Arm nachzudenken, da es nichts brachte – lernte er auch praktisch. James und Lily waren inzwischen überzeugt, dass er die UTZ-Prüfungen ohne Probleme absolvieren könnte. Und doch reichte es noch lange nicht, da er sich gemeinsam mit Regulus dem wohl mächtigsten Magier derzeit entgegen stellte. Also nahm er jede Chance wahr, mehr zu lernen. Und eines konnte man Greyback nicht absprechen, er war ein starker Magier, von dem er viel lernen könnte. Er würde jedoch nicht zulassen, dass der Alpha Hand an ihn legte.

„Sei vorsichtig.“, bat Regulus leise, als er von diesen Plänen erfuhr. „Ich weiß, du musst tun, was du für richtig hältst, aber denke daran, du hast hier ein Zuhause und so etwas wie eine Familie.“ Seine Geste umfasste auch die Potters.

„Ich weiß.“, lächelte Severus. „Vielleicht ist es auch gut, wenn ich gehe, dann kann ich dich nicht mehr vom Lernen abhalten!“ Er schmunzelte kurz, dann wurde er erneut ernst. „Ich will nicht, dass du den Lord enttäuschst, weil er dich sonst nur bestraft. Außerdem kenne ich dich, du willst einen guten Abschluss machen. Mach dir das nicht kaputt.“

„Was bringt mir der gute Abschluss, wenn ich dieses dumme Ding auf meinem Arm habe?“, murrte Regulus.

„Wir arbeiten für Albus, er hat geschworen, uns zu helfen. Also glaube daran, dass wir eine Zukunft haben!“, beschwor ihn Severus.

„Stimmt, ihr werdet sicher nicht verurteilt werden.“, mischte sich James ein. „Albus hat bereits seine Erinnerungen an alles, was ihr bisher getan habt, sicher verwahrt, sodass sie im Fall seines Todes auch zugänglich sind, sobald der Dunkle vernichtet ist. Keine Sorge, auch ich werde dafür sorgen, dass euch nichts passiert. Ich habe eingesehen, dass ihr auf unserer Seite steht. Nie auf der anderen Seite wart. Ich bin Severus' Meinung, du solltest dich auf dein Studium und die Meisterlehre konzentrieren und alles andere so gut es geht ignorieren. Natürlich wird der Dunkle dich rufen, aber die restliche Zeit tust du das, was dir wichtig ist. Lily wird dir helfen, so gut es geht, und auch ich kann ein wenig brauen. Damit können wir dich sicher etwas entlasten.“

„In Ordnung.“, gab Regulus nach und schloss erleichtert die Augen. „Danke.“ Auch wenn er es nicht zugab, er war an einem Punkt angekommen, an dem er nicht mehr weiter wusste. Ständig musste er funktionieren, hatte kaum eine Nacht, in der er ruhig schlafen und sich erholen konnte. Ständig forderte jemand etwas von ihm, und dazwischen machte er sich Sorgen um Severus. Doch gerade wurde ihm klar, dass Severus älter als er selbst war. Er war erwachsen und konnte sich um sich selbst kümmern. Lange hatte er gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen, aber mit seiner, Regulus' Hilfe hatte er es geschafft. Regulus war stolz, seinen Freund so weit gebracht zu haben. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und überzeugte Severus, dass es seinem Freund gut ging. So gut es eben derzeit sein konnte.

Severus entschied in diesem Moment, kein Geheimnis mehr vor James zu haben. Er legte seine Lippen kurz auf Regulus'. „Pass auf dich auf.“, hauchte er.

„Du auch.“, erwiderte Regulus leise. „Ich liebe dich!“ Seine blauen Augen leuchteten liebevoll, als er seinen Freund ansah. Offenbar hatte er nichts dagegen, dass Severus sie hier geoutet hatte.

Mit weiten Augen verfolgte James diesen Austausch und sah sich hilflos nach Lily um, die das Ganze zufrieden lächelnd verfolgte. „Du wusstest davon?“, klagte er an.

„Natürlich. Das war nicht zu übersehen.“, schüttelte Lily den Kopf und lächelte fröhlich. Um ihre grünen Augen bildeten sich kleine Fältchen dabei. „Aber wieso nur war mir klar, dass du es nicht merkst, selbst wenn es eigentlich nicht zu übersehen ist? James, du bist ein guter Auror, aber an deiner Beobachtungsgabe musst du noch arbeiten. Ich meine, du weißt seit Tagen, dass sie in einem Bett schlafen. Wie viele Hinweise brauchst du noch?“

Severus und Regulus prusteten vor Lachen, als sie James' verdutztes Gesicht sahen. Hastig verabschiedete sich Severus und disapparierte, um die gute Stimmung mitzunehmen. Es war bereits dunkel, als er den Wald erreichte, in dem das Rudel lebte. Erst, als er ankam, erinnerte sich Severus, dass er hier keinen eigenen Schlafplatz hatte. Nun gut, er hatte schon öfter im Wald geschlafen, und langsam wurde es wärmer. Anfangs hatte er nicht einmal Magie gehabt, um sich warm zu halten. Da müsste es jetzt doch ohne Probleme klappen. Es war ruhig im Dorf, die Kinder schliefen sicher schon. Aber er vermisste die Erwachsenen, die sonst um diese Zeit noch am Feuer saßen. Allerdings regnete es, sogar einige Schneeflocken mischten sich darunter, daher ging er davon aus, dass sie alle in ihren Hütten waren. Er selbst machte sich auf, um zu der Tanne zu kommen, unter der er vor einigen Wochen bereits geschlafen hatte. Doch mit einem Mal blieb er stehen, als er aus einer Hütte ein Knurren und einen leisen, hellen Schrei hörte.

„Bitte nicht!“, jammerte eine Mädchenstimme. „Ich will nicht, bitte, Dad macht doch alles, was du willst. Bitte nicht wehtun!“

Severus erinnerte sich, dass diese Hütte einem sehr ruhigen Mann etwa Mitte vierzig namens Scott und seiner vielleicht dreizehnjährigen Tochter Jenny gehörte. Viel wusste er nicht über sie, Scott war magisch, seine Tochter nicht. Seine Frau hatte sie wohl verlassen, als er und Jenny gebissen worden waren. Er war nur wenig länger als Severus im Rudel und nicht viel höher in der Rangordnung, weil er so friedliebend war.

„Nein!“, schrie das Mädchen jetzt panisch. Sofort war Severus an der Tür und sprang ins Innere, den Zauberstab gezückt. Was war hier los?

„Verschwinde, das hier geht dich nichts an!“, knurrte Greyback, der das Mädchen auf dem Bett festhielt. Jenny zappelte und wand sich, aber sie hatte keine Chance gegen den Alpha. Es war offensichtlich, was dieser vorhatte, bedachte man die beachtliche Wölbung in seiner Hose und die Tatsache, dass er versuchte, Jenny auszuziehen.

„Lass sie los.“, ignorierte Severus den Befehl des Älteren.

„Raus hier, Snape! Das geht dich nichts an! Oder willst du dich freiwillig melden und endlich mit mir das Bett teilen?“ Lauernd beobachtete Greyback den Schwarzhaarigen. „Vielleicht willst du ja auch mitmachen? Meinetwegen kannst du die Kleine haben, wenn ich mit ihr fertig bin!“

„Lass. Sie. Los.“, knurrte Severus dunkel. In ihm loderten Wut und Zorn, er erinnerte sich nur zu gut an die Hilflosigkeit, die er gefühlt hatte, als er in der gleichen Situation wie Jenny war. Damals hätte er sich Hilfe gewünscht. Er selbst war als Werwolf stark genug gewesen, um dem Menschen zu entkommen, aber hier lag die Sache anders. Alleine hatte Jenny keine Chance. Ihre bernsteinfarbenen Augen erinnerten ihn an die von Remus Lupin, der immer so hilflos und ängstlich gewirkt hatte. Er schüttelte den Gedanken ab, durfte jetzt nicht in die Vergangenheit abdriften, wenn er dem Mädchen helfen wollte. Die Kleine stand eindeutig unter Schock, hatte panische Angst.

Jetzt richtete sich Greyback zu seiner vollen Größe auf, wissend, dass Jenny sich wohl nicht vom Fleck rühren würde. Sie zitterte haltlos, war nicht in der Lage, auch nur einen Schritt zu machen. Greyback zog seinen Zauberstab und richtete ihn drohend auf Severus, der sich jedoch nicht einschüchtern ließ. Den Entwaffnungszauber blockte Severus wortlos, schickte sofort einen eigenen „Expelliarmus“ hinterher. Doch Fenrir war nicht umsonst im Inneren Kreis des dunklen Lords, er wusste mit seiner Waffe umzugehen. Severus hatte zu tun, nicht getroffen zu werden. Schnell verlagerte sich das Duell aus der Hütte hinaus. Greyback versuchte, Severus in eine Ecke zu drängen, ihn zwischen zwei Hütten einzukesseln, da er wusste, der Jüngere ging normalerweise jedem Kampf aus dem Weg. „Spring nur, du kleines Häschen, am Ende gibst du sowieso auf!“, lachte er gehässig.

Doch Severus hatte nicht vor, diesmal aufzugeben. Nein, er kämpfte hier nicht nur für Jenny, sondern auch für sich selbst und alle misshandelten Menschen. Aus irgendeinem Grund war ihm bewusst, dass er viel zu lange in der Opferrolle fest gesessen hatte. Aber das war vorbei, er war stark und konnte sein Leben selbst in die Hand nehmen, würde es sich nicht von der Vergangenheit zerstören lassen. Die Vergangenheit war genau das, vergangen. Er konnte seine Zukunft selbst gestalten. Die Liebe zu Regulus ließ ihn darauf hoffen, dass es eine Zukunft für sie gab, und die wollte er so schön wie möglich schaffen. Dafür musste er kämpfen. Wobei er momentan eher in der Defensive war, Greyback setzte immer mehr schwarz-magische Zauber ein, die er nicht kannte. Aber hier kam ihm sein angeborener Wissensdurst zugute, denn er kannte sehr viele Abwehrzauber, die tatsächlich effektiv gegen diese Flüche wirkten. Dennoch wurde Severus bewusst, er musste angreifen, um diesen Kampf zu gewinnen. Verlor er ihn, würde Jenny wohl noch ein schlimmeres Schicksal erwarten als ohne sein Eingreifen. Wer wusste schon, was Greyback dann mit ihr machen würde. Das wollte sich Severus nicht einmal vorstellen. Also nutzte er alles, was er von James und Regulus gelernt hatte, sogar die Verwandlungszauber von Lily setzte er ein, was Greyback tatsächlich verwirrte, als mit einem Mal ein Ast vor ihm sich in eine riesige Schlange verwandelte und ihn entsetzt zurückweichen ließ.

Sofort rückte Severus nach, nutzte seinerseits einen Angriffszauber, der Greyback diesmal voll in die Brust traf, aber leider immer noch durch einen Schild abgeschwächt. Dennoch keuchte der Alpha auf und ließ einen Moment nach. Das nutzte Severus aus, schickte einen Schneidezauber hinterher. Diesmal erwischte er Greyback am Oberarm, doch obwohl er zuckte, hielt er seinen Zauberstab weiterhin fest. Wenigstens wurde er nun ernst und schaffte es nicht mehr, Severus zu verspotten. Erbittert kämpften sie um jeden noch so kleinen Vorteil, doch eine Weile schaffte es keiner durch die Verteidigung des Anderen. Bis Severus es schaffte, einen Schockzauber auf den Stabarm zu schießen. Fenrir wurde herumgewirbelt, sein Zauberstab verschwand im Dunkel des Waldes. Doch noch bevor Severus einen weiteren Schockzauber aussprechen konnte, verwandelte sich Greyback und sprang ihn an, die Lefzen zurückgezogen und mit einer offensichtlichen Beiß-Absicht. Severus sprang aus der Flugbahn des Wolfes, schoss einen Brandzauber ab, doch der schwarz-graue Wolf war schneller. Trockenes Laub am Boden unter einem Baum fing Feuer und beleuchtete diesen ungleichen Kampf. Schnell geriet Severus an seine körperlichen Grenzen, während er dem Werwolf auswich, der ihn deutlich überragte. Er war schneller und viel kräftiger als Severus. Verzweifelt wehrte sich Severus, musste aber schnell einige Kratzer und Bisse einstecken.

Mit einem Mal traf ihn ein Hieb völlig unvorbereitet mitten auf der Brust. Severus spürte, wie er durch die Luft wirbelte und mehrere Meter weiter hinten hart zu Boden ging. Einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, doch schnell rappelte er sich erneut auf. Sein Zauberstab war verschwunden. Panisch wich er vor den gefletschten Zähnen zurück. Ihm war klar, dass dieser Kampf für Greyback auf Leben und Tod ging. An Jenny dachte er gerade nicht mehr, nur sein eigenes Leben war ihm noch wichtig. Er wollte nicht sterben, nicht jetzt, hier und so. Als er an eine Wand hinter sich stieß, schloss er die Augen. Er wollte das fanatische Leuchten in den gelben Augen nicht mehr sehen. Doch noch war es nicht vorbei. Er spürte die Anwesenheit von Midnight deutlicher als je zuvor. Dankbar überließ er dem Werwolf die Führung, seine Instinkte deuteten ihm an, dass es genau das Richtige war. Sofort spürte er die Verwandlung. Schmerzfrei und blitzschnell. Noch bevor der Alpha realisierte, was passierte, stand der schwarze Wolf vor ihm und konterte seinen Angriff. Knurrend biss Greyback erneut zu, doch Midnight wich geschickt aus, sodass der Ältere in den Boden biss. Einen kurzen Moment war Severus versucht, zu lachen, doch die Situation gab ihm keine Zeit dazu. Greyback war schon lange eins mit seinem Wolf, hier brauchte es nicht nur Midnights Instinkte, sondern auch seine eigene Taktik. Gemeinsam mussten sie kämpfen, dann hatten sie möglicherweise eine Chance.

Mehrere Minuten rangen sie um jeden Biss, den sie setzen konnten, um den Gegner zu schwächen. Inzwischen stand das Rudel um sie herum und beobachtete, was passierte. Sie hatten das Feuer gelöscht, das von dem verirrten Brandzauber hervorgerufen worden war, aber die Feuerstellen des Dorfes brannten wieder. Sie alle warteten angespannt darauf, was passieren würde. Nur Scott fehlte, er war sicher bei seiner Tochter. In einem Sekundenbruchteil erkannte Severus diese Details, bevor er sich erneut dem Kampf widmete. Ihm war klar, der Sieger dieses Kampfes war der (neue) Rudelführer. War das die Chance, die er sich erhofft hatte, um etwas zu tun? Nicht darüber nachdenken, ermahnte er sich selbst, jetzt war nur der Kampf wichtig. Er brauchte all sein Geschick, um nicht von Greyback besiegt zu werden. Würde Regulus es jemals erfahren, sollte er hier getötet werden?

Der Gedanke an seinen Partner gab Severus Auftrieb. Er schoss unvermittelt nach vorne und schaffte es, Greyback an der Schulter zu erwischen. Zwar riss sich der größere Wolf sofort wieder los, doch die Wunde blutete stark und er konnte seine linke Vorderpfote nicht mehr belasten. Midnight zog sich zurück, täuschte kurz an und sprang erneut vor. Doch er zielte nicht auf die verletzte Seite, wie Greyback offenbar angenommen hatte, sondern tauchte unter dem Größeren hinweg, warf sich zu Boden und ging das Risiko ein. Einen Sekundenbruchteil zu langsam realisierte Greyback, dass sich der schwarze Wolf unter ihm befand, sodass er nur zubeißen musste. Doch bis er diesen Gedanken umsetzen konnte, war es zu spät. Midnight packte ihn von unten an der Kehle und biss sich fest.

Jaulend bäumte Greyback sich auf, doch Midnight ließ nicht los. Entschlossen drückte er seine Kiefer immer fester zusammen, auch wenn er zwischendurch jeden Kontakt zum Boden verlor. Immer stärker zuckte Greyback, doch er schüttelte und wand sich weiter, um den kleineren Wolf abzuschütteln. Ein Winseln verließ Midnights Kehle, als sein Vorderlauf gegen einen Stein prallte und vernehmlich knackte. Aber obwohl Schmerzen durch seinen Arm schossen, ließ er nicht los. Im Gegenteil, der Schmerz ließ ihn die Zähne nur fester zusammenbeißen. Mit einem Mal sank der große Wolf zu Boden, begrub Midnight unter sich. Noch immer hielt dieser die Kiefer fest geschlossen, doch er spürte, wie die Bewegungen des Alpha immer schwächer wurden. Aber erst, als er das Pochen des Blutes nicht mehr wahrnehmen konnte, ließ Midnight los. Es war vorbei, er hatte gewonnen. Hechelnd blieb er liegen, konnte kaum atmen unter dem Gewicht des toten Werwolfes. Da sein Vorderlauf gebrochen war, konnte er sich auch nicht herausziehen.

„Helft ihm raus, sonst erstickt er!“, hörte er aus weiter Ferne Ellens Stimme. Hände griffen nach ihm, zogen ihn erstaunlich behutsam aus der Enge seines Gefängnisses. Ein Jaulen verließ seine Kehle, als jemand nach dem gebrochenen Vorderlauf griff. „Vorsicht, er ist verletzt!“, mahnte Ellen. „Bringen wir ihn in die Hütte und dann sehen wir, was wir tun können.“

Severus spürte, dass sie hochgehoben wurden. Midnight war sehr zufrieden mit sich und schmiegte sich gedanklich an seinen menschlichen Wirt. Jetzt waren sie wirklich Eins. Der junge Mann ahnte, dass es ihm nun nie wieder schwer fallen würde, sich zu verwandeln. Vielleicht sollte er sich jetzt …

„Severus, hörst du mich?“, hörte er Ellens Stimme nun sehr nah bei sich. Er spürte, dass er in einem Bett lag. Ein Winseln war alles, was sie als Antwort schafften. „Sehr gut, bleib bei mir, hörst du? Nicht einschlafen. Ich weiß, es wird wehtun, aber als Wolf kann ich dich nicht so gut verarzten. Kannst du dich zurück verwandeln? Ich bin Ärztin, jedenfalls habe ich praktiziert, bis Greyback mich gebissen und mit sich genommen hat. Deine Wunden sehen nicht gut aus, soweit ich das beurteilen kann, aber im jetzigen Zustand kann ich nicht viel tun.“

Es dauerte eine Weile, bis die Worte Severus' umnebelten Geist erreichten, dann erkannte er, was er tun musste. Einige Momente wusste er nicht, wie es ging, doch erneut übernahm Midnight die Führung, und gemeinsam schafften sie es. Schreiend wand sich Severus auf dem Bett, versuchte, den Schmerzen zu entkommen. Zwei kräftige Hände hielten ihn auf der Matratze fest. „Ruhig, du machst es nur schlimmer.“ Um sich abzulenken, öffnete Severus die Augen. Ellen war über ihn gebeugt und öffnete mit fliegenden Fingern seine Kleidung. Offensichtlich hatte er sie nicht zerstört, wie früher bei seinen Verwandlungen. Ein Detail, über das er sehr viel lieber nachdachte, als sich Gedanken darüber zu machen, dass Ellen ihn gerade auszog.

Die Hände, die ihn festhielten, gehörten offensichtlich zu Scott, der neben ihm stand. Der Mann wirkte mühevoll beherrscht. Als er den Blick auf sich bemerkte, rang er sich ein Lächeln ab. „Danke dir, Severus. Du hast meine Tochter vor einem schlimmen Schicksal bewahrt. Sie hat nicht viel gesagt, aber das war deutlich. Schon seit einer Weile hat Fenrir sie so angesehen, aber ich konnte nichts tun. Wir waren auf der Jagd und kamen nicht rechtzeitig zurück. Beinahe hätte er ...“ Er konnte es nicht aussprechen. Severus ahnte das, sprach man diese Tatsache aus, machte man es irgendwie realer, brutaler, angsteinflößender.

„Ich konnte nicht einfach so tun, als wäre nichts.“, krächzte er. Dann schrie er erneut auf, als Ellen seinen Arm richtete.

„Stillhalten.“, befahl Ellen. „Ich habe leider keine Schmerzmittel hier, auch keine Tränke. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du ins Mungos willst damit.“ Severus schüttelte mühsam den Kopf. Nein, das wollte er auf keinen Fall, selbst wenn Smethwyck dort sein sollte. „Gut. Ich lege dir eine Schiene an, wir sehen nachher, ob wir jemanden finden, der mit einem Zauber den Arm ruhigstellen kann. Aber im Moment verlierst du noch zu viel Blut, das bedeutet, ich muss erst noch deine Wunden versorgen.“

Wortlos stimmte Severus zu. Mitleidig blickte Scott ihn an. „Gib ihm was zum Beißen.“, empfahl er der Ärztin.

Die nickte abwesend und hielt Severus ein Stück Holz vor den Mund. „Es wird wehtun, ich muss die Wunden nähen.“

„Warte!“, keuchte Severus, als ihm etwas einfiel. „In meinem Umhang! Trank. Gelb. Schmerzen!“ Es mussten die Schmerzen und das Adrenalin sein, das immer noch durch seinen Körper peitschte, ansonsten hätte er schon viel früher daran gedacht.

„Du hast einen Schmerztrank in deinem Umhang?“, versicherte sich Ellen, als sie verstand, was er sagen wollte. Severus nickte mit zusammen gebissenen Zähnen und keuchte vor Schmerz. Also sprang sie zu dem schwarzen Umhang und griff hastig in die Taschen, bis sie eine Phiole entdeckte. „Das hier?“, wollte sie wissen und hielt das Fläschchen mit der gelben Flüssigkeit hoch. Severus nickte erneut. „Alles?“

„Gib mir einen Schluck.“, schaffte Severus zu sagen. Erneut raste wahnsinniger Schmerz durch ihn, als Ellen ihm half, sich soweit aufzurichten, dass er schlucken konnte. Er musste sich mühsam davon abhalten, die Flasche zu leeren, da er wusste, das würde definitiv zu viel. Er musste einigermaßen klar bleiben, da er nicht wusste, was nun passierte. Hielten die Wölfe zum Lord, genau wie der Alpha? Oder standen sie möglicherweise nicht so fest hinter ihm, wie es auf den ersten Blick wirkte? Das würde er eher annehmen, nach dem, was er eben verhindert hatte. Aber wirklich einschätzen konnte er das Rudel nicht, dafür hatte er bisher zu wenig Kontakt zu allen gehabt, das hatte Greyback erfolgreich verhindert. Was erwarteten sie nun von ihm?

„Bereit?“, fragte Ellen ruhig. Sie wirkte routiniert, nicht mitleidig oder unsicher. Severus vertraute ihr, sie würde ihm nicht schaden. Also nickte er zum wiederholten Male. Zischend sog er die Luft ein, als sie die Wunden sterilisierte. Wo hatte sie das Zeug auf einmal her? Dann setzte sie die Nadel an. Mit geübten Griffen nähte sie den langen Riss an seiner rechten Schulter, danach folgte der linke Oberschenkel. Immer wieder schrie Severus auf, doch Scotts Hände drückten ihn weiterhin auf die Matratze. Mitfühlend musterte der Mann den beinahe jugendlich erscheinenden Schwarzhaarigen, von dem er so wenig wusste. Aber auch Bewunderung mischte sich in seinen Blick, je länger die Prozedur andauerte. Severus stand der Schweiß nicht nur auf der Stirn, als er versuchte, den Schmerz zu verdrängen. Obwohl der Trank es durchaus abmilderte, war er doch froh, als Ellen im Morgengrauen verkündete, fertig zu sein. Sie holte Verbandszeug aus dem Bad und umwickelte die genähten Wunden sorgfältig. Anschließend wusch sie Severus vorsichtig den Schweiß und das restliche Blut ab. „Schlaf.“, empfahl sie ihrem Patienten. „Wir wecken dich, wenn es etwas zu essen gibt, du brauchst Kraft zum Heilen. Möchtest du vorher noch etwas trinken?“

Severus ließ zu, dass sie ihm ein Glas Wasser einflößte, dann sank er erschöpft in die Kissen. Er spürte, dass er wohl Fieber bekommen würde, aber es konnte ihm gerade nicht gleichgültiger sein. Alles, was er wollte, war schlafen und den Schmerzen für eine Weile entkommen. Danach konnte er sich immer noch Gedanken darüber machen, was das alles jetzt für ihn bedeutete.

Einige Stunden später weckte ihn Mary, eine junge Frau, die ihrem Gefährten ins Rudel gefolgt war. Vor einigen Jahren hatte sie sich bewusst beißen lassen, um Isaac, ihrem Gefährten, beistehen zu können. „Essen ist fertig.“, meldete sie leise. „Ellen sagt, ich soll dich holen, damit du essen kannst. Sie meint, sie hätte Kleidung für dich hingelegt, ich soll dir beim Anziehen helfen.“

„Ich … ich schaffe das schon.“, lehnte Severus rigoros ab. Auch wenn er zitterte, er wollte auf keinen Fall zulassen, dass Mary ihn anzog. Ellen hatte er nicht davon abhalten können, ihn auszuziehen, aber als Ärztin war das dennoch anders. Er wartete, bis die junge Frau, nach einigen unsicheren Blicken auf ihn, die Tür hinter sich schloss, dann kämpfte er sich mühevoll in eine sitzende Position. Mit den Beinen über der Bettkante musste er einige Momente innehalten, um den Schwindel zu bekämpfen, doch dann schaffte er es, langsam aufzustehen. Der linke Arm war gebrochen, damit konnte er sich nicht abstützen, und der rechte schmerzte noch immer von dem Biss und den Stichen. Wenn er sich nicht irrte, hatte Ellen ihm diese Wunde mit etwa dreißig Stichen genäht. Er hatte mitgezählt um sich von den Schmerzen abzulenken. Am Oberschenkel hatte er bei fünfzig das Zählen aufgegeben. Dazu kamen noch einige kleinere Wunden, die sie mit fünf bis zehn Stichen jeweils genäht hatte. Sie alle brannten nun, als er auf seinen Beinen stand. Unwillkürlich griff er mit der rechten Hand an die Wand, um sich notfalls abzustützen. Zischend atmete er ein, aber der Schmerz wurde schnell wieder etwas besser. Daher wagte er dann doch den ersten Schritt in Richtung der kleinen Truhe, auf der er einige Kleidungsstücke sah. Die vier Schritte bis dahin kamen ihm unendlich lang vor, doch er schaffte es und setzte sich auf die Truhe. Die Socken hatte er relativ schnell an seinen Füßen, obwohl er nur mit einer Hand arbeiten konnte. Die Hose, eine weit geschnittene Jeans, war schon mühsamer, doch schließlich schaffte er es. Nur der Verschluss war nicht zu knöpfen für ihn. Daher ließ er sie für den Moment offen. Ein T-Shirt und ein Pullover lagen noch bereit. Da der linke Arm in einer Schiene und einer Schlinge steckte, zog er sich beides nur über den rechten Arm und dann den Oberkörper. Sofort fühlte er sich deutlich besser. Er hielt die Hose zusammen und machte sich auf den mühsamen Weg zur Tür.

Noch bevor er sie erreichte, klopfte es und Scott streckte seinen Kopf herein. „Ah, du bist fertig. Komm, lass dir nach draußen helfen.“ Er wollte Severus seinen Arm reichen, um ihn zu stützen, da sah er, welches Problem der junge Mann hatte. Wortlos bat er um Erlaubnis, ihm mit der Hose zu helfen. Schnell knöpfte er sie zu und schloss den Reißverschluss, dann legte er Severus den Arm um die Taille. „Stütz' dich auf mich, ich bringe dich zum Feuer.“

Dankbar lehnte sich Severus an den Älteren und ließ sich nach draußen führen. Bis auf die Schmerzen und den leichten Schwindel fühlte er sich erstaunlich gut. Draußen war es heute trocken und sonnig, die Feuer brannten heiß. Erleichtert ließ sich Severus auf dem Platz nieder, zu dem Scott ihn führte, bis er merkte, das hier war der Platz des Anführers. Erneut führte er sich vor Augen, dass er gegen den Alpha gewonnen hatte, was eindeutig klar machte, dass er der neue Alpha war. Als er aufsah, begegneten ihm die Blicke der anderen Werwölfe. Jenny fehlte, genau wie Sarah. Alle anderen waren da und blickten ihn an. Erwartungsvoll, ein wenig ängstlich, zumeist aber sehr zurückhaltend. Ihm wurde bewusst, dass ihnen allen klar war, er hatte das Mal und war mit Fenrir zum Lord gegangen. Was sollte er nun sagen? Gerne würde er ihnen die Angst nehmen, erneut zum Lord zu müssen, aber auf der anderen Seite konnte er nicht sicher sein, dass sie ihn nicht bei nächster Gelegenheit dem Lord verrieten. Daher nahm er dankbar den Eintopf an, den Ellen ihm reichte. Beim Essen dachte er weiter darüber nach, wie er nun handeln sollte. „Was ist eigentlich genau passiert?“, wollte er daher wissen. Zwar hatte Scott in der Nacht davon gesprochen, aber die Erinnerung daran war etwas lückenhaft.

„Greyback hat sich schon immer geholt, was er wollte.“, spuckte Isaac aus. „Ich weiß, du ahnst es schon lange. Schließlich hat er dich auch so angesehen. Ich hoffe, er hat dich nicht ...“ Severus wusste, was er sagen wollte und schüttelte den Kopf. Soweit war es zum Glück nie gekommen. Isaac atmete auf. „Gut. Einige von uns hatten nicht so viel Glück. Du musst wissen, derjenige, der dich zum Werwolf beißt, hat eine gewisse Macht über dich. Du kannst dich nicht so leicht gegen ihn zur Wehr setzen, vor allem, wenn derjenige Fenrir Greyback heißt. Er hat die Macht ausgenutzt und viele seiner Opfer missbraucht, um seine eigene Lust zu befriedigen. Bislang hat er sich eigentlich immer auf die Erwachsenen beschränkt, da die Kinder ihm zu laut und zu nervig waren. Aber Jenny hat sich in den letzten Monaten verändert, die Pubertät hat ihren Körper weiblicher werden lassen. Scheinbar hat Greyback das als Einladung gesehen. Wir haben versucht, sie ein wenig zu schützen, aber wie gesagt, die Meisten von uns mussten ihm gehorchen, ob wir wollten oder nicht. Wir sind froh, dass du eingeschritten bist.“

„Es war immer grauenvoll.“, gestand Mary leise und lehnte sich schluchzend an Isaac. „Auch wenn ich nicht von ihm gebissen wurde, ich hatte keine Chance gegen ihn, ich konnte nichts tun!“

„Dabei bin ich sogar mit ihm zum Lord gegangen, aber auch das hat nicht gereicht.“, murmelte Scott leise. Man konnte die Angst riechen, die seine Aussage begleitete.

Severus bewunderte den Mut dieses Mannes, diese Worte zu sprechen, auch wenn er nicht wusste, wie Severus dazu stand. Deshalb entschied er, mit offenen Karten zu spielen, allerdings nicht ohne eine Rückversicherung. „Ich möchte, dass ihr alle schwört, alles, was hier und heute gesprochen wird, niemals zu verraten oder außerhalb unserer Gemeinschaft auszusprechen.“ Ein wenig zögerlich willigten die Männer und Frauen ein und schließlich hatte jeder den Schwur geleistet. Severus atmete einmal so tief durch, wie die Prellungen an seinem Brustkorb erlaubten, dann richtete er seinen Blick auf die Werwölfe vor sich. „Ihr sollt wissen, dass ich ebenfalls nicht freiwillig mit Greyback zum Lord ging. Ich arbeite gegen den Lord. Gemeinsam mit Dumbledore.“ Erschrockene Ausrufe unterbrachen ihn. In den Blicken konnte er sehen, dass sie begannen, Vertrauen zu fassen. Sicherlich konnten sie riechen, dass er die Wahrheit sprach. „Es war meine einzige Möglichkeit, als ich das Mal bekam. Ich hätte nicht ‚Nein‘ sagen können. Ich möchte aber, dass ihr die Wahl habt.“

„Du bist unser Alpha, du bestimmst, wie wir weitermachen.“, meldete sich Aaron, der bisherige Beta. Von überall her kam zustimmendes Gemurmel.

„Also gut.“, straffte sich Severus. „Dann möchte ich, dass ihr zuseht, in Sicherheit zu kommen. Vor allem für die Kinder hier im Rudel ist es besser, wenn ihr nicht in die Schusslinie geratet. Gibt es jemanden unter euch, der das Mal hat?“ Scott nickte traurig, ebenso Isaac. Mehr gab es nicht. Die anderen hatten wohl nur in ihrer Wolfsform für den Lord gekämpft und waren ansonsten uninteressant für ihn. „Gut, euch kann ich wohl nicht schützen. Nicht dauerhaft. Ihr müsst gehen, wenn er euch ruft, aber gebt alles an Informationen weiter, was ihr bekommt.“

„Wir bekommen keine Informationen.“, schüttelte Isaac den Kopf. „Er schickt uns mit den Todessern oder aber in Wolfsform los, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Dabei ist jeder Todesser weit über uns, wir müssen tun, was sie sagen. Vermutlich liegt es daran, dass wir beide keine richtige magische Ausbildung haben, wir sind nicht besonders hilfreich, wenn wir in menschlicher Form sind.“

„Hm.“, überlegte Severus. „Wenn ihr es wollt, dann kann ich vielleicht dafür sorgen, dass euch die andere Seite gefangen nimmt. Zumindest offiziell. Ihr müsstet dann aber in Deckung bleiben. Und der Lord kann euch dennoch über das Mal strafen. Oder ihr macht weiter wie bisher und versucht, aus der Schusslinie zu bleiben, so gut es geht.“

Scott und Isaac tauschten einen Blick, der Jüngere blickte danach noch zu seiner Gefährtin, die ihm zunickte. „Wir gehen in Deckung. Wenn es geht, dann sollen uns Dumbledores Leute gefangen nehmen.“

„In Ordnung, ich werde sehen, wie wir das hinbekommen.“, versprach Severus, auch wenn er selbst noch nicht wusste, wie das gehen sollte. Hoffentlich hatte Albus eine Lösung! Dann fiel ihm noch etwas ein. „Ich weiß von einem Werwolf, dessen Kinder gefangen sind, damit er, und vor allem sein Bruder, ein Heiler, dem Lord helfen. Weiß jemand von euch etwas darüber?“

„Du redest von Asklepios, oder?“, fiel ihm Aaron ins Wort. Severus' Augen weiteten sich und er nickte. „Viel weiß ich leider auch nicht, aber ich vermute, ich kann etwas herausfinden.“ Auf Severus' verwirrten Blick hin holte Aaron tief Luft und schien seine Gedanken zu sortieren. „Okay, ich denke, du weißt, dass es hier auf der Insel mehrere Rudel von uns gibt.“ Er wartete Severus' Zustimmung ab, bevor er weiter sprach. „Einige Rudel davon sind unter der Führung von Fenrir. Naja, gewesen. Als sein Beta war ich ab und zu mit ihm unterwegs dorthin. Was ich sah, gefiel mir nicht besonders, aber ich konnte erst einmal nichts daran ändern, dafür hätte ich nicht nur Fenrir besiegen müssen, sondern auch die Alphas, die mit ihm zusammen arbeiteten. Jedenfalls kam ich dadurch zu verschiedenen Rudeln, auch in den letzten Monaten und Jahren. Ich denke, ich kann mit Hilfe einiger zuverlässiger Kontakte herausfinden, wo die Kinder stecken. Sollten sie in einem der Rudel sein, können wir sie befreien, sollte der Lord sie aber haben, glaube ich nicht, das wir eine Chance haben.“

„Alles, was du herausfindest, kann uns helfen.“, entschied Severus. „Jetzt müssen wir nur noch einen Ort finden, wo wir euch verstecken können. Und wo dann Isaac und Scott zu euch stoßen können. Am liebsten wäre es mir, euch außer Land zu bringen, aber dazu bin ich derzeit nicht in der Lage. Man kann nicht so weit apparieren, und ich kann auch keinen Portschlüssel dafür schaffen, da ich noch nie im Ausland war. Ich wüsste nicht, wie ich euch dorthin bringe. Aber ich weiß noch nicht einmal, wo ich euch hier verstecke.“

„Das sollte kein Problem sein.“, meldete sich Ellen. „Ich habe von meiner Familie ein etwas größeres Haus geerbt. Oder besser, einen ehemaligen Leuchtturm, der umgebaut wurde. Ich glaube nicht, dass Fenrir davon wusste, und selbst wenn, es ist in der Welt der nicht-magischen Menschen, dort suchen die Todesser nicht nach uns.“

„Wir sollten es dennoch schützen.“, wandte Severus ein. „Wir gehen dorthin und ich bringe dann Freunde mit, die uns mit den Schutzzaubern helfen.“ Diese Lösung gefiel ihm wirklich, er wollte sein Rudel – es fühlte sich seltsam an, so zu denken – in Sicherheit wissen. Und das hier war wohl das Beste, was sie auf die Schnelle finden konnten. Er hoffte nur, dass es auch für verwandelte Werwölfe groß genug war. Jagd war dann wahrscheinlich keine Lösung mehr, sie mussten sich um Vorräte kümmern. Er seufzte, als ihm bewusst wurde, er konnte das nicht leisten. Nicht finanziell jedenfalls. Und er konnte nicht noch mehr von Kreacher bringen lassen, das was sie in Broadstairs brauchten, war schon beinahe auffällig. Kreacher war sicher, dass die anderen Elfen ahnten, dass er mehr kaufte, als eigentlich nötig war. Nun hofften sie, dass es Regulus' Eltern nicht auffiel. Wobei Regulus das eher entspannt sah, da er inzwischen offiziell ausgezogen war und seine eigene Wohnung hatte. Er könne das ja mit Freunden und Bekannten begründen, die er zu sich einlud, um seine Stellung in der magischen Welt zu sichern und zu verbessern. Für ein Rudel von etwa zwanzig Werwölfen war das aber nicht machbar.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, meldete sich Aaron erneut zu Wort. „Dann müssen wir sehen, dass wir an Fenrirs Gold kommen.“, meinte er. „Ich weiß, dass er unglaubliche Reserven hat, und wir brauchen Gold, um Vorräte zu besorgen. Hier im Wald konnten wir jagen, aber das geht in einem Haus sicher nicht.“

„Nein, es ist zwar ein großer Garten vorhanden und die nächsten Nachbarn sind nicht in Sichtweite, aber ein Jagdgebiet gibt es nicht. Einzig Fische können wir fangen.“, bestätigte Ellen. „Wir brauchen nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kleidung und medizinische Vorräte. Wenn wir einkaufen wollen, können wir nicht wie hier in Lederkleidung losgehen, damit fallen wir zu sehr auf.“

„Du hast Recht.“, stimmte Severus zu. „Aufmerksamkeit können wir sicher nicht gebrauchen, wenn wir uns verstecken. Also brauchen wir unauffällige Kleidung, wenn wir nach draußen gehen. Im Haus können alle tragen, was sie wollen, aber jeder sollte etwas für draußen haben.“

„Gut, dann geht ihr das Gold holen, wir packen derweil zusammen.“, entschied Ellen.

Verwirrt sah Severus zu Aaron, der ihm zugrinste. „Ich habe Zugang zum Verlies Greybacks, keine Sorge. Ich gehe gleich und räume es ein Stück weit aus. Ganz leeren kann ich es nicht, dann fallen wir zu früh auf, aber ich kann sicher auch nicht gleich wieder hingehen, sobald der Dunkle weiß, dass Fenrir nicht mehr unter uns ist.“

Stimmt, darüber musste er sich auch noch Gedanken machen, fiel Severus ein. Er nickte Aaron und Ellen zu, dann versuchte er, aufzustehen. „Langsam!“, brummte Scott und half ihm, zurück in die Hütte zu gelangen. „Ruh dich aus, wir holen dich, wenn wir soweit sind. Es kann sicher einige Stunden dauern.“ Dankbar ließ sich Severus in die Kissen sinken und schlief beinahe sofort ein.

Als er wieder wach wurde, waren die Wölfe mit dem Packen fertig, und auch Aaron war zurück. Er berichtete ihm kurz, wie viel Gold er mitgenommen hatte. So viel hatte Severus in seinem Leben noch nicht gesehen, und doch war es nicht alles, was Greyback hatte. Sie hofften, es würde reichen, aber da sie nicht wussten, wie lange es reichen musste, würden sie sehr sparsam damit umgehen müssen. Scott hingegen gestand ihm, die Leiche des ehemaligen Alpha mit Zaubern gesichert zu haben, sodass niemand sie einfach mitnehmen konnte. Severus spürte, dass es dringend war, das Rudel weg zu bringen, denn die Schutzzauber waren kaum noch vorhanden. Es schien, als hätten sie sich mit dem Tod Fenrirs beinahe vollkommen aufgelöst. Nur ein wenig konnte er noch spüren, das war sicher der Teil, der von dem Baum kam. Er dankte Ellen, dass sie auf die Schnelle eine Lösung für sie hatte.

„Wie kommen wir dorthin?“, wunderte sich Sarah. Sie und Jenny standen nahe beieinander, wobei sich Jenny an ihrem Vater festhielt. Noch immer schien sie zu zittern, aber sie lächelte zaghaft in Richtung Severus. Wärme durchflutete Severus, ihm wurde bewusst, dass es sich dafür gelohnt hatte. Dieses Mädchen lächeln zu sehen, war der schönste Lohn, den er sich vorstellen konnte. Ein wenig erinnerte sie ihn an Suavita, sie war wie eine jüngere Schwester, die er beschützen wollte, nein, musste. Wie alt wäre seine Schwester jetzt? Er musste nachrechnen, wie alt er selbst war, davon fünf Jahre abziehen. Also wäre Suavita nun etwa siebzehn Jahre, ein wenig älter als Jenny. Als sie gestorben war, hatte Suavita dunklen Flaum und blaue Augen gehabt, von daher sah Jenny ihr nicht ähnlich, die rotbraune Haare und bernsteinfarbene Augen hatte. Aber alleine die Tatsache, dass sie gestern Nacht Hilfe gebraucht hatte, machte sie zu jemandem, dessen Wohlbefinden Severus nun am Herzen lag. Er konnte nicht einfach darüber hinweg gehen, es vergessen. Jenny sicher noch weniger. Und doch lächelte sie ihm nun zu.

Er riss sich aus seinen Gedanken, als ihm bewusst wurde, dass alle auf seine Antwort warteten. Das war ein Problem, wie kamen sie zu Ellens Haus? Den fahrenden Ritter konnten sie nicht nehmen, da es zu auffällig war. Er konnte zwar apparieren, aber sicher nicht alle mitnehmen, vor allem da er das Ziel nicht kannte und zudem verletzt war. Einen Portschlüssel konnte er ebenfalls nur schaffen, wenn er das Ziel kannte. Also gab es eigentlich nur eine Möglichkeit. „Ich muss mit deiner Hilfe, Ellen, dorthin apparieren, dann kann ich zurück kommen und einen Portschlüssel für alle schaffen.“, verkündete er.

„Bist du sicher, dass du uns in deinem Zustand apparieren kannst?“, wagte Ellen einzuwenden. „Ich mag zwar keine Hexe sein, aber zumindest weiß ich, wie viel Kraft und Konzentration man dazu braucht.“

„Ich werde es schaffen müssen.“, entschied Severus. Er ahnte, die beiden Magier im Rudel hatten keine fundierte Ausbildung, da sie nie oder nur kurz in Hogwarts gewesen waren. Sicherlich auch ein Grund für Greyback, sie herzuholen, da er sie damit weiter von sich abhängig machte. „Du musst dich auf das Haus konzentrieren, nichts anderes darf in deinem Kopf Platz haben, dann finde ich es.“

Ellen schloss eine Weile hochkonzentriert die Augen. Ihre Stirn runzelte sich ein wenig. Schließlich nickte sie. „Mach die Augen auf.“, wies Severus leise an. „Ich muss in deine Gedanken eindringen, damit ich das Ziel visualisieren kann. Bereit?“ Auf Ellens Nicken hin zog er seinen Zauberstab und drang mit einem „Legilimens“ in ihren Kopf ein. Es war ungewohnt, das hier machte er zum ersten Mal, aber ihm blieb keine Wahl. Einige Momente war er abgelenkt durch die Gedanken, die immer wieder rund um ihn aufblitzten, doch dann erinnerte er sich an das, was gerade dringender war. Schnell fand er die Erinnerung an das Haus, in dem Ellen ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte. So angenehm war dieser Ort offenbar nicht für sie, doch sie verdrängte es. Severus ließ sich von den Erinnerungen an die Umgebung und das Haus leiten, dann fokussierte er sich auf genau dieses Ziel und drehte sich, hielt dabei Ellens Arm. Das Gefühl, durch einen engen Schlauch gepresst zu werden, ließ die Schmerzen erneut aufflammen und er sackte zu Boden, sobald sie angekommen waren. Heftig keuchend hielt er die Augen geschlossen und konzentrierte sich darauf, den Schmerz auszublenden.

„Severus!“, spürte er irgendwann ein Rütteln an seiner Schulter. Er schlug die Augen auf und blickte in Ellens besorgtes Gesicht. „Alles okay? Du bist so verdammt blass, das gefällt mir gar nicht. Dein Puls flattert und ich fürchte, du bist kurz davor, ohnmächtig zu werden.“

Erst jetzt merkte Severus, dass eine Hand der Ärztin an seinem Handgelenk lag. „Geht schon.“, nuschelte er undeutlich. Er kramte mit seiner rechten Hand im Umhang und holte den Schmerztrank heraus. Mit den Zähnen zog er den Korken, dann gönnte er sich einen kleinen Schluck. Erleichtert atmete er auf, als die Schmerzen nachließen. „Sind wir richtig?“, wollte er wissen, als er wieder klar denken konnte.

„Ja, du hast es geschafft.“, nickte Ellen. „Ich richte gleich Gästezimmer her, ich hoffe, die Wäsche ist wenigstens zu gebrauchen. Dann schaue ich auch gleich, ob wir Kleidung haben. Theoretisch müsste noch Einiges hier sein. Das hier ist ein ehemaliger Leuchtturm, in dem mehrere Generationen unter einem Dach leben konnten. Jede Ebene ist eine eigene Wohneinheit. Meine Eltern stammen aus einer alten Adelsfamilie, ich bin die einzige Tochter. Deshalb gehört mir das Haus, auch wenn meine Eltern nichts mehr mit mir zu tun haben wollten, nachdem ich gebissen wurde. Wobei, auch vorher schon, sie wollten, dass ich Jura studiere und später Richterin werde, aber ich wollte lieber Medizin studieren und habe meinen Kopf durchgesetzt, da haben sie kaum noch mit mir geredet. Nach außen hin war alles wie immer, aber kaum war niemand hier, ignorierten sie mich. Sie starben vor einigen Jahren kurz hintereinander. Auf Umwegen bekam ich damals die Post, dass ich rechtzeitig zur Beerdigung und zur Testamentseröffnung hier war. Ich habe alles geerbt, es müsste auch noch Einiges an Geld da sein. Also mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon.“

Impulsiv küsste Severus sie kurz auf die Wange, als er spürte, wie sehr es Ellen fertig machte, hier zu sein. Das war, als müsse er zurück nach Spinners End, wurde ihm bewusst. Ein wenig Unterstützung konnte sie jetzt sicher brauchen. „Dann danke ich dir besonders für das Angebot, dass wir hier unterkommen können, Ellen. Ich ahne, wie schwer es dir fällt, hier zu sein.“

Sie sah ihn mit großen Augen an, in denen nach einem Moment Verstehen aufleuchtete. Bevor sie nachfragen konnte, schüttelte Severus den Kopf. Er war nicht bereit, mit ihr darüber zu reden, außerdem mussten sie jetzt die anderen Rudelmitglieder hierher bringen. Also deutete Severus mit seinem Stab auf eine Tasse, die neben ihm einsam auf einem kleinen Tischchen stand, und konzentrierte sich. „Portus.“, murmelte er, als er sicher war, das richtige Ziel zu haben. Vorsichtig griff er mit den Fingern der linken Hand danach. Zwar war der Arm gebrochen und geschient, aber wenigstens seine Finger konnte er bewegen. Mit der Rechten hielt er den Zauberstab, um zurück in den Wald zu apparieren. Diesmal entschied er sich, einen Zwischenstopp zu machen. Das war offenbar auch gut so, denn er kam vollkommen erschöpft an und war froh, dass Scott sofort nach ihm griff, auch wenn er an sich halten musste, um nicht zu schreien, da er genau in eine der Prellungen gegriffen hatte. Wahrscheinlich würde er den Kampf noch einige Tage spüren, selbst wenn er nicht an die genähten Wunden und den gebrochenen Arm dachte.

„Ruhig atmen.“, leitete Scott ihn an. „Du hast Zeit.“

„Es hat geklappt.“, keuchte Severus. „Hier, die Tasse ist ein Portschlüssel.“ Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ein wenig klein für so viele Menschen war. Mit seinem Zauberstab deutete er darauf. „Engorgio.“ Er ließ sie wachsen, bis sie etwa die Größe einer Suppenschale hatte. Jetzt war es zwar immer noch eng, aber jeder konnte zugreifen. Sie kontrollierten noch einmal das Gepäck, dann aktivierte Severus den Portschlüssel. Momente später tauchten sie im gleichen Raum auf, in dem Severus vorher mit Ellen angekommen war. Erst jetzt sah Severus sich um. Es wirkte, als wäre das hier ein etwas überdimensioniertes Wohnzimmer. Es hatte Ausmaße, die unwirklich aussahen. Severus war sicher, dass die Wohnung, in der er als Kind gelebt hatte, komplett hier hineinpassen würde.

„Okay, sind alle in Ordnung?“, erkundigte sich Ellen, die eben den Raum betrat. Sie erntete zustimmendes Nicken von allen Seiten, auch wenn Severus noch immer etwas kurzatmig war. „Gut, dann mal sehen, wie wir euch alle aufteilen. Wir haben zehn Etagen, wobei die oberste die Plattform ist, da gibt es kein Dach. Darunter ist der ehemalige Leuchtraum, darin können wir einen Raum zum Trainieren und Unterrichten der Kinder unterbringen. Den Keller können wir nutzen, um Vorräte zu lagern, ein Labor einzurichten, falls Severus fit ist im Tränke brauen, eventuell auch als Spielbereich für die Kleinen, wenn das Wetter schlecht ist. Hier sind wir im Erdgeschoss, das dient als Wohn- und Arbeitsbereich, wir haben hier eine große Küche“, sie zeigte auf einen Durchgang zur Nord-West-Seite, „und auf der anderen Seite des Flures ein großes Bad. Im ersten Stock, also direkt über uns, ist mein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer, in dem ich als Studentin immer gelernt habe. Daneben gibt es zwei weitere Schlafzimmer, ich schlage vor, das westliche bekommt Zoé, auf der anderen Seite zieht Leo ein.“ Die beiden Angesprochenen nickten zustimmend. „Sehr gut! Im zweiten Stock gibt es zwei Schlafzimmer, die würde ich an Aaron und Severus vergeben.“

„Aber ich lebe nur selten bei euch.“, protestierte Severus.

„Du bist unser neuer Alpha, und du warst bereits vorher ein Teil des Rudels, natürlich bekommst du dein eigenes Schlafzimmer, auch, wenn du es vielleicht nicht so oft brauchst. Wobei du als neuer Alpha durchaus hier leben solltest. Wir haben genug Platz, wie du gleich erkennen wirst. Also, weiter. Da der dritte Stock zwei Kinderzimmer und ein weiteres Schlafzimmer hat, dachte ich, wir bringen Kieran und Alice mit ihren Kindern dort unter.“ Die Familie, Alice hatte die vierjährige Samantha auf dem Arm, der zehnjährige Paul hielt sich an seinem Dad Kieran fest, nickte zustimmend und erleichtert. „Im vierten Stock dann auf der einen Seite Isaac und Mary, auf der anderen Seite Tyron und Eleanor. Dort sind dann noch zwei Zimmer, die ich für John und Paul gedacht hätte, so haben sie ihr eigenes Reich und sind dennoch nicht auf sich gestellt.“ Auch die beiden Paare nickten. Sie waren bisher kinderlos und brauchten daher nicht so viel Platz. Die beiden Jugendlichen, John war 16 und lebte seit knapp 8 Jahren im Rudel, Paul war 15 und der Stiefsohn von Sarah, nickten, wenn auch widerwillig. Sie hätten wohl lieber eine Etage für sich alleine gehabt. „Sehr gut. Im fünften Stock leben in Zukunft Sarah, Scott und Jenny, denke ich, dort gibt es drei Schlafzimmer, die perfekt für jeweils eine Person zugeschnitten sind. Der sechste Stock wird für Andrew, Jessica und Luke geeignet sein, denke ich. Darüber gibt es vier Zimmer und zwei kleinere Bäder, die wir als Krankenstation nutzen können. Vielleicht richten wir dann auch ein Ärztezimmer dort ein, damit ich einen Platz zum Arbeiten habe, sollte etwas sein. Da darüber der Trainingsraum ist, passt das gut. Irgendjemand Einwände?“

Nein, Einwände gab es nicht, aber eine Menge Fragen. Geduldig kümmerte sich Ellen um alle, brachte jeden in sein Zimmer und zeigte alles, was sie wissen mussten. Severus, Scott und Isaac halfen, wo sie konnten, mit Magie nach, wenn etwas verändert werden musste. Vor allem die Kinder wollten die Wände in anderen Farben, und gerade für Samantha brauchten die Eltern noch ein Kinderbett, sodass sie nicht herausfallen konnte. Sie entschieden, das Frühstück jeweils in den einzelnen Etagen einzunehmen, die anderen Mahlzeiten aber gemeinsam im Erdgeschoss. Immerhin waren sie eine eingeschworene Gemeinschaft. Als endlich alle in ihren Wohneinheiten waren und sich einrichteten – Ellen hatte auch die vorhandene Kleidung zusammen gesucht und verteilt – konnte Severus losgehen und zu James apparieren. Immerhin sollte der ihm bei den Schutzzaubern helfen. Auch, wenn sie dank des Ortes, an dem sie nun lebten, nicht einfach überrannt werden konnten, da sie das Gelände sehr weit überblicken konnten, aber die Todesser könnten apparieren. Der ehemalige Leuchtturm stand auf einer Landzunge, die ein ganzes Stück in das Meer hinein ragte. Es war wirklich eine idyllische Lage; wenn sie unter anderen Umständen hier wären, könnten sie es genießen. Aber sie mussten nun dringend sicherstellen, dass niemand sie hier fand. Also sammelte Severus seine letzten Kräfte, hielt die Tasse, die er in einen Portschlüssel verwandelt hatte, erneut in seiner verletzten linken Hand, und apparierte nach Broadstairs.

Die Enge schnürte Severus die Luft ab, er konnte kaum noch atmen. Mit letzter Kraft landete er im Wohnzimmer. Sein Blick fing das entsetzte Gesicht von Lily auf, bevor es immer schwärzer um ihn wurde. Wortlos sank er zusammen, im letzten Moment von James aufgefangen, der gerade aus der Küche trat. „Sev!“, schrie Lily entsetzt auf. James bettete ihn vorsichtig auf das Sofa, dann schickte er seinen Patronus zu Poppy, hiermit schien Lily eindeutig überfordert. Auch wenn sie mit ihrem Stab bereits über Severus gebeugt stand und versuchte, über die Verletzungen Herr zu werden. Sie ließ die Oberbekleidung verschwinden, offenbarte dabei die frisch genähten Bissstellen. Aufkeuchend stockte Lily in ihrer Behandlung und starrte entsetzt auf die Wunden. Sie war starr und konnte nicht mehr reagieren.

Glücklicherweise traf in dem Moment die Medihexe aus Hogwarts ein und übernahm sofort. „Halb so wild.“, beruhigte sie. „Die Ohnmacht ist der absoluten Erschöpfung geschuldet. Die Wunden sind Bisse, offensichtlich wurde er in einen Kampf mit einem Werwolf verwickelt. Solche Verletzungen sieht man häufiger, wenn man mit einem Rudel zu tun hat. Sie sind fachmännisch versorgt worden, allerdings nicht magisch, sondern nach Muggel-Art. Sein linker Arm ist gebrochen. Das alles können wir ohne größere Probleme heilen. Gegen die Prellungen hilft eine Salbe. Aber er braucht ein paar Tage Ruhe, damit seine Magie sich erholen kann. Also ist Severus der geheimnisvolle Mann, der mich eingeweiht hat.“ James nickte nur.

„Keine Zeit.“, wisperte Severus. Er schlug die Augen nicht auf, fühlte sich nicht in der Lage dazu. „Muss das Rudel schützen.“

„Was genau ist passiert, Severus?“, fragte James ruhig und deutete den beiden Frauen an, nichts zu sagen.

„Habe gegen Greyback gekämpft.“, berichtete der Verletzte. „Er ist tot. Musste das Rudel in Sicherheit bringen. Der Lord darf sie nicht finden. James, wir brauchen deine Hilfe, um Schutzzauber zu wirken.“

„Du wirkst heute keinen Zauber mehr.“, bestimmte Poppy nachdrücklich. Egal, was da alles passiert war, das schaffte er nicht mehr. „Und du apparierst auch nicht nochmal.“

„Tasse. Ist ein Portschlüssel.“

„Okay. Dann gehe ich hin und wirke Schutzzauber.“, entschied James.

„Sie kennen dich nicht.“, schüttelte Severus den Kopf. Er richtete sich mühsam auf. „Ich muss mitgehen.“

„Er hat Recht.“, trat Regulus hinzu, der ziemlich blass wirkte, als er seinen Freund sah. Er war gerade aus der Uni zurück gekommen. Einerseits war er erleichtert, dass Severus hier war, andererseits war dieser erneut verletzt. „Aber Sev, du wirkst keinen Zauber. James und ich gehen mit dir, mit dem Portschlüssel sollte das kein Problem sein, und wir wirken die Zauber. Du ruhst dich dann aus, wenn dein Rudel weiß, dass wir nicht gefährlich sind.“

Nickend stimmte Severus zu. Ihm war bewusst, dass er nicht weit kommen würde, wenn er selbst versuchen wollte. Er richtete sich mit Hilfe von Regulus auf und sah sich nach der Tasse um. Dankbar lächelte er Poppy zu, als er merkte, dass er seinen Arm wieder bewegen konnte. Schmerzfrei. James, der bemerkte, wonach Severus suchte, reichte ihm die Tasse. Regulus griff ebenfalls danach, sodass Severus den Portschlüssel aktivieren konnte. Dem ehemaligen Gryffindor wurde bewusst, wie schnell Severus seine Magie in den Griff bekommen hatte. Nach nur wenigen Tagen konnte er apparieren, schwarz-magische Zauber kontrollierte er erstaunlich gut, und er lernte neue Zauber schneller, wie er selbst sie nachschlagen konnte. Die Magie des Werwolfes schien wirklich stark zu sein. Er selbst hatte ihm nicht beigebracht, einen Portschlüssel anzufertigen. Woher konnte Severus das?

Weiter konnte James nicht nachdenken, da sie unsanft auf dem Boden landeten. Der Braunhaarige sah sich um, sie waren in einem großen Wohnzimmer, oder eher in einem Salon, angekommen. Alter Holzfußboden, apricotfarbene Wände. Ein großes Aquarium als Raumteiler, aber es war leer. Nach Süden hin gab es eine große Schiebetür, die auf eine Terrasse führte. Viel mehr konnte er draußen nicht erkennen, immerhin wurde es bereits dunkel. Im Salon selbst auf der Ostseite eine Sofa-Landschaft in senfgelb, Richtung Westen eine lange Tafel mit vielen Stühlen. An den Wänden ringsum Schränke, Vitrinen und sogar ein Klavier. Wer in aller Welt stellte dem Rudel so ein Anwesen zur Verfügung? Vor allem, was ihm erst jetzt auffiel: die Wände waren annähernd rund.

„Severus!“ Ein entsetzter Ruf einer Frau ließ sie zur Tür sehen, die sich eben geöffnet hatte. Eine etwa vierzigjährige, blonde Frau mit raspelkurzen Haaren blickte mit hellen braunen Augen besorgt auf Severus. „Was ist passiert? Wer seid ihr?“

„Ich bin James Potter, das hier ist Regulus Black.“, stellte James sie vor, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. „Wir sind Freunde von Severus. Er wollte uns eigentlich holen, damit wir ihm helfen, Schutzzauber über dieses … Haus zu legen. Offenbar hat er sich ein wenig überschätzt, aber keine Sorge, er ist nur erschöpft. Ein, zwei Tage schlafen, dann ist er wieder fit.“

„Es ist gut, Ellen.“, meldete sich Severus nun zu Wort, als er wieder genug Luft zum Sprechen hatte. „Sie sind Freunde, werden euch nicht verraten. James ist selbst in Deckung gegangen, er schwebt in Gefahr, weil der Dunkle seinen Sohn haben will.“

„Oje. Wie alt ist dein Sohn?“, erkundigte sich Ellen besorgt. Sie vertraute Severus offenbar, merkte James verwundert.

„Harry wird heuer zwei Jahre.“, lächelte James.

„Und da will der dunkle Lord ihn bereits haben?“, staunte die Ärztin.

„Ja. Lange Geschichte, im Groben: es gibt eine Prophezeiung, die so ausgelegt werden kann, dass mein Sohn möglicherweise den Dunklen vernichten kann.“, zuckte James die Schultern. „Meiner Meinung nach Quatsch, aber der Unnennbare glaubt daran und jagt uns, um Harry zu töten. Es gab noch ein anderes Kind, auf das die Prophezeiung hätte zutreffen können, es ist tot. Voldemort hat den Kleinen und seine gesamte Familie umgebracht.“ Er schluckte und blinzelte, um die Tränen in den Augen und den Kloß im Hals loszuwerden. Noch immer schmerzte die Erinnerung an diese Nacht, die alles verändert hatte. „Seither verstecken wir uns. Regulus hat uns gewarnt und jetzt sind er und Severus mit die Einzigen, die wissen, wo wir sind.“

„Okay, dann würde ich sagen, ihr kümmert euch um die Schutzzauber, und ich bringe Severus in sein Zimmer, damit er schlafen kann.“, entschied Ellen resolut. Ohne auf eine Antwort zu warten, griff sie nach Severus, half ihm auf und stützte ihn, als sie mit ihm über die Treppe nach oben ging. „Severus ist im 2. Stock, die Tür hinten rechts!“, rief sie über die Schulter zurück. Sie wartete das knappe Nicken von Severus' Freunden ab, dann kümmerte sie sich um den Schwarzhaarigen. Sie spürte das leise Zittern seiner Beine, das ein deutliches Zeichen für dessen absolute Erschöpfung war. „Was hast du nun vor mit dem Lord?“, wollte sie leise wissen.

„Ich muss warten, bis er mich ruft.“, erklärte Severus. „Ohne den Ruf kann ich nicht hin, ich gehöre nicht zum inneren Kreis. Nur diese Todesser können jederzeit auf das Gelände des Manors, in dem er lebt. Ich vermute, es wird nicht sehr lange dauern, immerhin ist bald Vollmond, da hat er meistens Pläne mit uns Werwölfen. Ich werde Regulus um einen starken Schmerztrank bitten, damit Scott und Isaac nicht zu sehr leiden müssen, wenn er ruft und sie nicht gehen.“

„Bisher gingen sie immer mit Fenrir, er hat Portschlüssel gemacht.“, verriet die Blonde. „Ich weiß nicht, ob sie überhaupt jemals mit dem Mal gerufen wurden.“

„Wieso haben sie überhaupt ein Mal? Die anderen Werwölfe haben doch auch keines?“, wunderte sich Severus.

„Sie sind magisch.“, zuckte Ellen die Schultern. „Ich weiß nicht, ob das die richtige Antwort auf deine Frage ist, aber es ist die einzige Vermutung, die ich habe. Da ich noch nie in einem der anderen Rudel war, weiß ich nicht, ob es nur bei uns so ist.“ Sie half Severus, sich ins Bett zu legen, da sie jetzt in seinem Zimmer waren. Er hatte sich nicht einmal umgesehen, wunderte sich aber, dass sie nicht einen der anderen Werwölfe gesehen hatten. Wie es schien, konnte Ellen ihm die Frage im Gesicht ablesen. „Sie sind alle in ihren Zimmern und Wohneinheiten. Mach dir keine Sorgen, Severus, Aaron kümmert sich schon. Er will zwar weg, aber das macht er erst dann, wenn du fit genug bist, um dich um das Rudel zu kümmern. Er ist sehr erfahren, hat das bereits gemacht, als Fenrir das Rudel vor etwa fünfzehn Jahren übernommen hat. Vorher war Fenrir eher ein Einzelgänger, warum er dann auf einmal ein Rudel wollte, wissen wir nicht genau. Allerdings brachte er damals Zoé mit, sie war gerade ein Jahr alt. Ich schätze, sie ist seine Tochter, auf jeden Fall ist sie ein geborener Werwolf. Genau weiß ich es aber nicht. Sie ist zumindest die Einzige, die nie eine Annäherung von Fenrir abwehren musste. Sie gehen vertraut miteinander um, aber auf eine Weise, die nicht auf eine solche Beziehung hindeutet. Deshalb vermute ich, dass sie seine Tochter ist. In gewisser Weise ähnelt sie ihm auch, aber das kann daran liegen, dass er sie aufgezogen hat, zusammen mit Sarah. Und jetzt schlaf.“ Sie drückte ihn fest in die Kissen und deckte ihn zu.

„Danke!“, murmelte Severus, der bereits die Augen geschlossen hatte. Er war weit über seine Grenzen hinaus erschöpft, und die Schmerzen wurden allmählich wieder stärker. Zwar hatte Poppy ihn so weit wie möglich geheilt, aber die Prellungen und Quetschungen brauchten selbst mit Magie mehrere Tage. Das Schaffen des Portschlüssels, die Apparationen und der anstrengende Kampf mit dem fehlenden Schlaf taten ihr Übriges. Severus fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

 

Zwei Tage später wurde er langsam wach. Er fühlte sich irgendwie seltsam, beinahe wund vom Liegen. Seine Gelenke protestierten, weil sie so lange nicht bewegt worden waren, doch Severus entschied, dass er nun genug geschlafen hatte, und wollte aufstehen. Eine Weile kämpfte er, weil seine Augen nicht aufgehen wollten, aber schließlich siegte sein Wille. Es änderte nichts, es war stockdunkel. Offensichtlich hatte er sich gerade die Nacht ausgesucht, um wach zu werden. Aber jetzt wollte er nicht länger schlafen und entschied, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Er wusste, dass Aaron mit ihm auf der Ebene wohnte, daher tastete er sich vorsichtig und leise zur Tür, wo er auch einen Lichtschalter entdeckte. Schnell sah er sich in seinem Zimmer um und schaltete die kleine Lampe auf seinem Nachttisch an, dann konnte er später ohne Probleme etwas sehen, ohne dass es jemanden störte. Offenbar war das Zimmer nicht nur zum Schlafen, sondern auch zum Leben und Arbeiten gedacht, denn es gab drei Bereiche. Einmal das große Bett am Fenster, rechts und links davon je ein Nachtkästchen. An der linken Wand, von der Tür aus gesehen, zwei große Kleiderschränke. Rechts von der Tür eine kleine Sitzecke mit Sofa, Tisch, Sessel und sogar einem kleinen Fernseher, und in der Ecke ein Schreibtisch, umrahmt von zwei großen Bücherregalen. Bei dem Fenster zwischen Schreibtisch und Bett standen noch zwei kleinere Kommoden. Severus warf einen Blick in den Schrank und hob überrascht die Augenbraue. Einige seiner Kleidungsstücke, die Regulus ihm besorgt hatte, lagen darin. Offensichtlich war der Jüngere da gewesen und hatte nach ihm gesehen. Jetzt aber brauchte er dringend ein Bad. Er wusste nur, dass an der Südseite der Etage die beiden Schlafzimmer waren, daher ging er davon aus, dass die Tür direkt neben seiner eigenen in das Zimmer von Aaron führte. Dann mussten die anderen beiden Türen, die in der Nähe der Treppe waren, in die Küche und ins Bad führen. Severus probierte zuerst die linke Tür, fand sich aber in einer Küche wieder. Also die rechte. Dahinter fand er tatsächlich ein geräumiges Badezimmer mit Toilette, Dusche, Badewanne, Waschbecken und sogar Waschmaschine. Ellens Familie musste wirklich reich sein, wenn jede Etage hier so gut ausgestattet war! Aber er würde sich nicht beschweren, immerhin ermöglichte das dem Rudel, ruhig zu leben.

Severus erleichterte sich, dann nahm er eine kurze Dusche, auch auf die Gefahr hin, Aaron zu wecken. Zu sehr roch Midnights empfindliche Nase den alten Schweiß. Das war ziemlich unangenehm, deshalb seufzte Severus wohlig auf, als er endlich unter dem warmen Wasser stand und sich sichtlich entspannte. Während er das Wasser über seinen Körper prasseln ließ, dachte er darüber nach, wo sie gerade standen. Sie hatten das Medaillon aus der Höhle geholt, das nun im Labor in Broadstairs im Safe eingeschlossen war, da sie nicht an Basiliskengift herangekommen waren. Bisher jedenfalls nicht, sie versuchten immer wieder, etwas davon zu bekommen. Zusätzlich wussten sie von einem Ring, der sich aber im Besitz des Lords befand. An diesen würden sie so leicht nicht herankommen. Ansonsten hatten sie nur die Vermutung, dass der Lord vielleicht einen Weg gefunden hatte, den Becher von Hufflepuff zu nutzen. Aber ganz sicher konnten sie nicht sein, und selbst wenn, sie hatten keine Ahnung, wo sie danach suchen sollten. „Verdammt!“, fluchte er. Auf diese Art würde es noch ewig dauern. Wenn ihnen nicht ein besonders großer Zufall zu Hilfe kam, würden sie wohl in fünfzig Jahren noch hier versteckt sein. Dabei wollte er doch Regulus eine richtige Zukunft verschaffen! Und dem kleinen Harry, seinem Patensohn. Das war auch etwas, was er noch immer kaum glauben konnte. James Potter hatte ihn gefragt, im Notfall die volle Verantwortung für seinen Sohn zu übernehmen. Selbst, wenn er anfangs lieber Abstand zu Harry gehalten hatte, inzwischen konnte er es sich nicht mehr vorstellen, den Kleinen nicht um sich zu haben. Auch wenn das nicht unbedingt Regulus' Vorstellung einer Zukunft war, aber der Jüngere hatte selbst gestanden, dass er im Moment nicht bereit dafür war. Vielleicht irgendwann in der Zukunft, wenn sie sicher sein konnten, dass der Lord vernichtet war.

„Alles okay, Severus?“, klopfte es an der Tür. Aaron.

„Ich bin in Ordnung!“, rief Severus zurück, und stellte die Dusche ab. Als er sich abgetrocknet und angezogen hatte, trat er aus dem Bad. Licht in der Küche wies ihn darauf hin, dass Aaron offensichtlich auf ihn wartete. Er trat hinein und wurde mit einer Tasse heißem Tee begrüßt. Aaron, ein 53-jähriger Mann mit lichter werdendem, dunkelblonden Haar und bernsteinfarbenen Augen, musterte ihn besorgt, schien aber zufrieden mit dem, was er sah. „Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe, aber ich musste einfach duschen. Ich fühle mich jetzt deutlich besser.“, lächelte Severus. „Was ist mit dem Rudel?“

Aaron schenkte ihm ein Lächeln. „Schon gut! Das verstehe ich! Du bist ein guter Rudelführer!“, lobte er. „Die letzten beiden Tage haben wir genutzt, um zu sehen, was wir haben und was wir brauchen. Wir haben versucht, einen Plan zu erstellen, damit vor allem die Jugendlichen einen geregelten Ablauf haben. Vielleicht kannst du beim Unterrichten helfen, aber das hängt davon ab, welche Aufgaben du sonst wahrnehmen musst. Wir brauchen demnächst Lebensmittel, Sarah hat eine entsprechende Liste geschrieben. Für die ersten Tage haben deine Freunde uns genug zur Verfügung gestellt, aber das geht nicht dauerhaft, damit niemand aufmerksam wird. Wir werden also selbst einkaufen müssen. Kleidung ist im Großen und Ganzen genug vorhanden, wenn auch nicht die aktuelle Mode, was vor allem Zoé ziemlich murren lässt. Aber zumindest im Moment versteht sie, dass nicht alles geht, was sie sich erhofft.“

„Sind alle gesund?“

„Ja, es geht allen gut, nur dass es für uns nicht so leicht ist, hier zu leben.“, erwiderte Aaron. „Viele lebten bereits seit Jahren im Wald, sind es gewohnt, draußen zu sein. Hier können wir zwar auch nach draußen, da deine Freunde die Schutzzauber entsprechend gewirkt haben, aber es ist nicht das Gleiche. Der Leuchtturm steht auf einer Halbinsel, die komplett in die Schutzzauber eingewebt ist. Sie haben ihre Sache wirklich gut gemacht. Ich denke, das Rudel hat mit dir einen aufmerksamen und guten Alpha bekommen.“

„Ich danke dir, aber ich bin nicht sicher, ob dein Urteil nicht ein wenig früh kommt.“, bremste Severus. „Ich habe keinerlei Erfahrung in so etwas. Noch vor dem Ende der fünften Klasse musste ich die Schule abbrechen, wurde beinahe zwei Jahre eingesperrt und habe dann über ein Jahr auf der Straße gelebt.“

„Und doch hast du überlebt, ohne jemals einen Menschen gebissen oder auch nur verletzt zu haben. Du solltest stolz auf dich sein.“, munterte Aaron ihn auf. „Gerade diese Erfahrungen machen dich zu dem, was du bist. Vor allem die Umsicht, die du hast, konntest du nur aufgrund deiner Erfahrungen erwerben. Dazu kommt deine hilfsbereite Art, die du trotz deiner Erfahrungen hast. Deine Entschlossenheit, deinen Weg zu gehen, egal, was sich dir in den Weg stellt. Deine schnelle Auffassungsgabe, die es dir ermöglicht, Entscheidungen in sehr kurzer Zeit zu treffen, die aber dennoch gut durchdacht sind. All dies macht dich zu einem sehr guten Anführer. Nun musst du nur daran arbeiten, dass sie dich auch als Anführer akzeptieren. Das wird sicher nicht leicht für dich, aber das musst du alleine schaffen. Alles andere würde als Schwäche ausgelegt werden. Ich werde in das andere Rudel gehen und sehen, ob ich etwas über die beiden Kinder, Celia und Jeremy, herausfinden kann.“

„Danke. Wie kommst du dorthin?“, fragte Severus.

„Ein Stück weit per Anhalter, den Rest dann zu Fuß.“, zuckte Aaron die Schultern. „Ist nicht das erste Mal, dass ich so reise. Da ich keine Magie habe, kann ich darauf nicht zurückgreifen, andererseits finden mich die Todesser auf die Art nicht so schnell.“

„Sie konzentrieren sich eigentlich immer auf Magie.“, stimmte Severus zu. „Dann wünsche ich dir viel Glück. Wie treten wir mit dir in Kontakt?“

„Ich werde mich hier melden.“, schüttelte Aaron den Kopf. „Ellen hat mir die Telefonnummer von hier gegeben, ich werde anrufen, wenn ich etwas weiß. Mach dir bis dahin keine Sorgen um mich, Lad!“

Severus zuckte bei dem liebevollen Kosenamen zusammen, so hatte sein Vater ihn damals als Kind genannt. Doch schnell hatte er sich wieder im Griff. Er wollte darüber nicht mehr nachdenken. Seinen Vater gab es nicht mehr. Der Alkohol hatte ihn zerstört. Um von sich abzulenken, öffnete er den Kühlschrank und bereitete ein schnelles Frühstück zu. Er hatte Hunger, was kein Wunder war, so lange, wie er geschlafen hatte. Schweigend genossen sie das gemeinsame Frühstück. Severus stellte fest, dass es sehr angenehm war, mit Aaron zu schweigen. Nicht alle Menschen konnten dies. Es gab ihm die Ruhe, darüber nachzudenken, was er dem Lord sagen konnte, wenn er gerufen wurde. Doch viel Zeit hatte er nicht, bis sich das Mal in seinem Arm meldete. Hastig sprang Severus auf, lief zu seinem Zimmer, in der Hoffnung, dass Regulus ihm auch seine Todesser-Kleidung gebracht hatte. Im Schrank fand er, was er suchte. Er spürte, dass der Spiegel in seiner Tasche vibrierte, aber er ignorierte ihn, jetzt durfte er nicht zögern. Innerhalb von zwei Minuten nach Beginn des Rufes war er vor Ort. Er war erleichtert, dass es eine große Versammlung war, auch wenn er etwas unsicher darüber war, was der Lord um diese Uhrzeit wollte. Man sah genau diese Frage in vielen der anderen Gesichter, doch alle stellten sich schnell an ihre Plätze. Noch war der Lord nicht zu sehen, aber sie waren sicher, er war vor Ort. Severus wurde heiß und kalt, als ihm klar wurde, was heute passieren könnte.

„Hast du mich verraten? Arbeitest du gegen mich?“ Diese Fragen stellte der Lord jedem. Er hatte neues Veritaserum, Regulus hatte es für ihn brauen müssen. Offensichtlich verließ er sich nicht allein auf die Legilimentik, mit der er sie bereits einmal befragt hatte. Der Lord hatte an seiner linken Seite angefangen mit der Befragung und arbeitete sich der Reihe nach voran. Immer weniger Todesser waren vor Severus. Innerlich zitterte er, würde die Vorbereitung von Regulus und ihm selbst reichen? Er konnte sich an alles erinnern, spürte keinen Unterschied zu vorher, aber würden die Blockaden reichen? Nach außen hin allerdings wirkte er ruhig und gelassen. Das musste er. Niemand sollte, niemand durfte etwas merken. Erregte er auch nur den geringsten Verdacht, wäre das tödlich. Dieses Spiel konnte er inzwischen zur Perfektion, hatte es bereits in der Kindheit gelernt. Heute war er sogar dankbar dafür.

Mit einem Mal wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als einer der Todesser plötzlich etwas Unerwartetes sagte. „Ich wollte nie einer eurer Anhänger werden!“, erklärte er voller Angst. Er konnte nicht lügen, das war sicherlich sein Todesurteil. Severus schauderte unwillkürlich. Das wollte er nicht erleben. Aber abwenden konnte er es nicht, nur hoffen, dass es schnell ging und er selbst nichts damit zu tun haben musste. „Ihr habt mich gezwungen, aber ich wollte das nicht, also habe ich versucht, Kontakt zu Dumbledore aufzunehmen. Aber ich habe nichts verraten, noch nicht, da ich Dumbledore noch nicht getroffen habe.“

Offensichtlich glaubte der Lord dem Mann. „Verräter!“, zischte er. „Stirb! Avada kedavra!“  Der grüne Strahl tötete den Mann auf der Stelle. Ungerührt wandte sich der Lord dem nächsten Todesser zu. Diesmal war Severus an der Reihe. In seinem Inneren zitterte er unablässig, aber von außen sah man ihm noch immer nichts an. Er war nur ein wenig blasser als sonst, aber unter der Maske sah man davon fast nichts.

„Nein, mein Lord.“, war er in der Lage zu antworten. Ungesehen atmete er auf, die Vorbereitungen funktionierten! Er wurde wieder an seinen Platz geschickt und konnte nun abwarten. Nun wurde er auch ruhiger, was Regulus betraf. Wenn es bei ihm funktionierte, dann sollte es sein Partner auch schaffen. Es dauerte Stunden. In dieser Zeit fanden sich zwei weitere Männer, die zugaben, Informationen weitergegeben zu haben. Auch sie starben, allerdings weniger leicht als der Erste, denn dieser hatte nur mit dem Gedanken gespielt, sie aber hatten tatsächlich gehandelt. Schon lange hatte bei Severus die Wirkung des Serums nachgelassen, aber seine Aufmerksamkeit nicht. Irgendwie war das hier ziemlich plump, fand er. Dabei war der Lord doch sonst so stolz auf seine angebliche Verwandtschaft mit Slytherin, der als sehr listig und einfallsreich galt. Das sagte man auch seinem Haus nach, dort herrschten List und Tücke. Allerdings kam er auf diese Art natürlich schneller voran. Hier zählte wohl nur das Ergebnis, und wahrscheinlich wollte es auch der Lord hinter sich bringen.

In der ganzen Zeit arbeitete Severus' Hirn auf Hochtouren. Es war eine große Versammlung, Greybacks Fehlen würde sicherlich auffallen. Er musste wohl hierzu noch Rede und Antwort stehen. Severus versuchte, alle Eventualitäten zu bedenken, um bei kommenden Fragen so zu reagieren, dass er keinen Verdacht erregte. Immer neue Varianten gingen ihm durch den Kopf und er suchte nach Lösungen, während er scheinbar aufmerksam die Fragen an die Todesser verfolgte. Am Ende der Befragungen sah der Lord sich um. „Wo sind Fenrir und die beiden Wölfe aus seinem Rudel? Das Rudel sollte den Banntrank bekommen, aber keiner war da, wie mir berichtet wurde. Der Wald ist leer. Wo sind sie?“, wollte er wissen und sein Blick blieb an dem Schwarzhaarigen hängen. „Severus Snape? Antworte mir!“

Severus atmete tief durch und kniete vor dem Lord. „Fenrir ist tot.“, gestand er. Das wusste der Lord vermutlich bereits, wenn jemand im Wald gewesen war, schließlich lag die Leiche noch dort. „Es gab einen Kampf im Rudel, er hat gegen einen anderen Werwolf gekämpft und verloren. Das Rudel ist aus dem Wald geflohen, ich weiß nicht, wohin.“

„Sieh mich an.“, befahl der Lord. Bereits seit der Frage nach Greyback sammelte sich Severus erneut und konzentrierte sich auf seine Okklumentik-Schilde, so konnte er dem Lord sofort in die Augen sehen. Er spürte die geistige Anwesenheit und zeigte dem Lord die Bilder des Kampfes zweier Werwölfe. Er war sicher, dass der Lord wenn überhaupt nur Fenrirs andere Gestalt identifizieren könnte, aber ihn selbst nicht. Er konnte nur hoffen, dass der Lord mit diesen Informationen zufrieden war. Nur Momente später zog sich der Lord zurück und ließ seinen Stab sinken. „Wohin sind sie gegangen? Wie?“, forderte er zu wissen.

„Ich weiß es nicht genau, mein Lord.“, antwortete Severus. „Ich wurde bei dem Kampf getroffen, weil ich zu nahe dran war, und ging, um mich zu versorgen. Als ich zurück in den Wald kam, waren sie weg. Sie haben keine Nachricht und keine Spur hinterlassen.“

„Das war nicht die Antwort, die ich will!“, zischte der Lord. Er hob seinen Zauberstab erneut an. „Crucio!“

Severus brannte und schrie auf, merkte nicht, wie er zu Boden stürzte. Es dauerte nicht besonders lange, bis er aus dem Fluch entlassen wurde, aber vor allem seine geprellten Rippen machten sich noch immer deutlich bemerkbar. Zitternd rappelte er sich auf, kam aber nur bis auf die Knie. Unauffällig versuchte er, die Rippen zu stabilisieren, damit er Luft bekam. Er war sicher, dass wenigstens einige gebrochen waren. Dennoch bereute er es nicht, wenn er das Rudel auf diese Art schützen konnte.

„Finde heraus, wo das Rudel ist, sie sollen beim nächsten Vollmond wieder an unserer Seite stehen!“, verlangte der Lord kalt, dann wandte er sich an seinen inneren Kreis, den er nicht überprüfte. Zumindest nicht im Beisein aller seiner Anhänger. Auch Regulus musste bleiben. Severus durfte mit den Anderen zusammen gehen. Er war nicht sicher, ob er das Apparieren schaffte, aber es musste gehen. Da er sicher war, der Weg nach Broadstairs müsste kürzer sein, konzentrierte er sich darauf. Ächzend ging er in die Knie, als er ankam. Wie durch ein Wunder hatte er es geschafft, ohne sich zu zersplintern. Viel allerdings fehlte nicht. Mit Mühe klammerte er sich an das Sofa und zog sich hoch, wollte nicht auf dem Boden liegen. Eine Hand griff unter seine Schulter und unterstützte ihn. Eine Decke wurde über ihn gebreitet. „Ich hole Poppy.“, versprach James leise. Er wirkte entsetzt.

Die Medihexe kam wenig später und kümmerte sich um Severus, der das nur noch durch einen Schleier wahrnahm. Sein ganzer Körper zitterte unkontrolliert, eine Nachwirkung des Cruciatus. Poppy tat, was sie konnte, aber auch Magie konnte nicht alles heilen. Die Wunden des Kampfes hatten sich verschlechtert aufgrund der Krämpfe, waren zum Teil wieder aufgerissen. Da es Wunden von einem Werwolf waren, konnten sie nicht vollständig geheilt werden, mussten auf natürliche Weise heilen. Dicke, wulstige Narben würden sich bilden. Sie gab dem noch immer, oder schon wieder, erschöpften Werwolf einen Traumlos-Trank, damit er sich endlich erholen konnte. Das Letzte, was Severus mitbekam, waren James' Arme, die ihn hochhoben. Vermutlich würde er ihn ins Bett tragen. Mal wieder.

 

Als er wach wurde, kam es ihm wie ein Déjà-vu vor. Irgendwie war er in letzter Zeit zu oft an diesem Punkt. Aber etwas war diesmal anders. Er spürte die Arme seines Partners um sich. Aufatmend schmiegte er sich in diese Umarmung, was ein leises und zufriedenes Brummen auslöste. Er drehte sich in den Armen, und seine Lippen suchten die von Regulus. Eine Weile berührten sie sich nur leicht, genossen das ekstatische Kribbeln, das sich in ihnen ausbreitete. Seit ihrem ersten Kuss kamen sie sich vorsichtig näher, erforschten einander, doch noch waren sie nicht weiter gegangen. Doch heute war etwas anders, das spürten beide. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, bereiteten sie einander auf den nächsten Schritt vor. Severus war bereit dafür, signalisierte das seinem Partner. Er ließ sich vollkommen fallen, vertraute Regulus. Sie ließen sich Zeit, liebten einander langsam und zärtlich, bis sie ihre Erfüllung fanden. Es gab nicht einen Moment, in dem Severus zurückschrecken wollte oder sich unsicher fühlte. Im Gegenteil, es fühlte sich wohl und absolut aufgehoben, sodass er sein erstes Mal wirklich genoss.

Erst gegen Mittag standen sie auf und gingen nach unten, wo sie die Potters vermuteten. Regulus öffnete die Tür zum Wohnzimmer und sie traten zum Tisch. Erschrocken blieb Severus mitten im Schritt stehen, als er erkannte, dass nicht nur die Potters am Tisch saßen. „Sirius!“, hauchte Regulus und trat zu seinem Bruder, der zwar immer noch sehr blass und zittrig wirkte, aber aufrecht am Tisch saß.

„Regulus!“ Auch Sirius schien erfreut, seinen Bruder zu sehen. Severus wusste, dass das nicht von Anfang an so gewesen war, anfangs hatte Sirius ihn von sich geschoben, wollte nichts von ihm wissen, doch dank James und Lily hatte es sich schnell geändert. Sirius schien viel auf deren Meinung zu geben, sich völlig auf sie zu verlassen. Kein Wunder, er wusste nicht, was in den letzten Jahren geschehen war und musste erst ankommen. Vielleicht war es besser so, vielleicht änderte das auch sein Denken und Handeln. „James hat mir erzählt, was ihr hier macht. Danke, dass du mich hergebracht hast.“

„Das habe ich nicht, das war Severus.“, erklärte Regulus und deutete mit dem Kopf nach hinten zu seinem Freund.

Erst jetzt fiel Sirius' Blick auf Severus. Er wirkte verunsichert, beinahe panisch. „Es … es tut mir leid.“, wisperte er. „Ich wollte das nicht. Nicht so. Auch wenn ich dich nicht ausstehen kann, weil du für das stehst, was ich hasse, das habe ich nicht gewollt.“ Er klang beinahe, als würde er jeden Moment in Schluchzen ausbrechen.

Schockiert starrte Severus den Mann an. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Vollkommen überfordert wollte er sich abwenden, doch Lily nahm seine Hand, zog ihn liebevoll, aber bestimmt an den Tisch. „Setz dich.“, entschied sie leise, sodass nur Severus es hören konnte. „Erstens musst du etwas essen, um dich zu erholen, zweitens solltet ihr euch aussprechen. Das tut euch beiden gut. Ich weiß, es wird nicht leicht, aber ihr lebt unter einem Dach, und Regulus ist euch beiden sehr wichtig. Schließt Frieden, um seinetwillen. Regulus hat schon so viel um die Ohren, er sollte wenigstens hier entspannen können, aber das geht nur, wenn ihr euch einig werdet. Mit Sirius haben wir bereits gesprochen, ich denke, er hat eingesehen, dass es falsch war, sagt es nicht nur so. Askaban hat ihn verändert, sehr sogar. Er ist völlig verängstigt. Gib ihm eine Chance. Für Regulus.“

„In Ordnung. Für Regulus.“, stimmte Severus schweren Herzens zu. Lily hatte gewusst, wie sie ihn packen musste, welchen Knopf sie drücken musste, damit er den Weg ging, den sie ihm zeigte. Aber sie hatte Recht, Regulus brauchte einen ruhigen Ort, ein wenig Frieden. Wer war er, ihm das zu verweigern? Also setzte er sich an den Tisch und griff zu, um vorerst seine Ruhe zu haben. Während er aß, musste er sich nicht mit Sirius beschäftigen. Er zwang sich, den Vornamen seines früheren Feindes zu denken, immerhin war er der Bruder seines Partners. Aber es würde nur eine Chance geben, ansonsten würde sich Severus von Sirius fernhalten. Er würde Regulus nicht abhalten, aber dennoch darauf bestehen, Sirius nicht mehr sehen zu müssen. Ja, das war ein Kompromiss, mit dem er leben konnte.

„Was war bei dem Treffen eigentlich los?“, erkundigte sich James bei Severus. „Du kommst, bist völlig am Ende und verletzt, Regulus kommt Stunden später, ist ebenfalls vollkommen erschöpft. Regulus kam noch nicht dazu, mehr zu erzählen.“ James grinste schelmisch und wackelte mit den Augenbrauen, als wüsste er, warum Regulus nicht dazu gekommen war.

Also berichtete Severus, wenn auch mit einem bösen Blick zu Sirius hin, der immer wieder unterbrechen wollte. Dann erzählte er auch, was genau im Rudel vorgefallen war. Damit erntete er erstaunte, ungläubige und immer wieder entsetzte Blicke. Auch ihm selbst wurde bewusst, wie wenige Tage diese großen Veränderungen gebraucht hatten. Dabei fiel ihm ein, dass Aaron sich hatte melden wollen. „Ich muss Ellen anrufen, ob Aaron sich gemeldet hat. Er wollte sehen, ob er etwas über die Kinder herausfinden kann.“, endete er und zog seine alte Jacke an, um zum nächsten Telefon zu gehen, das auf halbem Weg ins Dorf stand. Es wirkte nicht nur wie eine Flucht. Er brauchte erst einmal ein wenig Abstand, um wieder zu sich zu finden.

Die Telefonzelle war heruntergekommen, vollkommen verschmiert und stank höllisch, es brannte in seiner empfindlichen Nase. Trotzdem funktionierte es und er wählte die Nummer des Leuchtturms. Doch leider hatte Ellen noch keine guten Nachrichten. „Aaron hat sich gemeldet, er ist im Rudel angekommen, aber bisher konnte er noch nichts herausfinden.“, erzählte sie durch das Telefon. „Er will sich in ein paar Tagen erneut melden. Ist mit dir alles in Ordnung? Wir machen uns Sorgen.“

„Es geht mir gut.“, lächelte Severus, und meinte es auch so. „Ich komme, sobald ich kann.“

„Ist gut, Alpha. Wir kommen schon klar.“, beruhigte Ellen. „Dennoch solltest du nicht zu lange weg bleiben, es gibt ein paar Rebellen unter uns, die kommen sonst auf dumme Ideen.“

„Nicht mehr lange, dann bin ich zurück.“, entschied Severus. „Ich muss hier noch einige Dinge klären. Aber seid vorsichtig, der Lord verlangt, dass ich das Rudel finde und zurück bringe, sodass die Männer in ihrer Wolfsform an seiner Seite kämpfen können. Das werde ich nicht zulassen, aber sobald er sucht, solltet ihr in Deckung sein und nicht unnötig nach draußen gehen. Außerhalb der Schutzzauber gibt es keinen Schutz.“

„Das wissen wir, Severus. Mach dir keine Sorgen. Komm, wenn du soweit bist.“ Severus konnte Ellens Lächeln hören, sah es beinahe vor sich. In diesen wenigen Tagen hatte er die 38-Jährige schätzen gelernt. „Ach, und es wäre gut, wenn du Papier und Stifte mitbringen kannst, damit die Jugendlichen in der Schule Schreibmaterial haben.“

„Mache ich.“, versprach Severus. „Bis dann, Ellen.“

„Mach's gut, Severus, bis dann!“, verabschiedete sich auch Ellen, bevor sie letztendlich auflegte.

Severus legte den Hörer ebenfalls auf und lief rasch zurück zum Haus. Seine Nase dankte ihm, als er endlich wieder frische Luft bekam. Er war sicher, den Gestank noch eine ganze Weile wahrnehmen zu können, es war einfach nur eklig. Vielleicht sollten sie auch in Sirius' Haus – so sah er es inzwischen, denn es gehörte nunmal nicht Regulus, sondern seinem Bruder – ein Telefon einbauen, das würde Vieles vereinfachen. Zurück im Haus fiel ihm die beinahe unnatürliche Ruhe auf. Für Harry war es Zeit zum Schlafen – jeden Tag nach dem Mittagessen legte Lily ihn ins Bett, außer die wenigen Tage, die er selbst auf dem Sofa verbracht hatte, da war Harry nicht von ihm weg zu bekommen – aber wo waren seine Eltern? Sirius war sicherlich ebenfalls wieder im Bett. Auch wenn er deutlich besser als zuvor ausgesehen hatte, man konnte die Schwäche sehen. Regulus war in der Uni, er hatte Vorlesungen und sollte sich nicht zu oft davon fernhalten. Nach einem Moment entschied Severus, nicht so genau wissen zu wollen, wo James und Lily waren. Er ahnte, dass er die Antwort kannte. Also ging er ins Arbeitszimmer, wo inzwischen die Bücher lagen, in denen sie nach Hinweisen suchten. Eines lag offen auf einem der Schreibtische. Hatte James es vergessen, der normalerweise an diesem Schreibtisch saß? Oder absichtlich liegen gelassen? Irgendwie kam es Severus seltsam vor, daher warf er einen Blick hinein.

„Merlin!“, hauchte er, als er es gelesen hatte. Jetzt war klar, James hatte das Buch absichtlich liegen gelassen. Immerhin war hier nicht nur ein Hinweis auf ein Erbstück von Rowena Ravenclaw, sondern sogar ein Bild davon und ein Bericht – wie viel Wahrheit darin steckte, konnte der Autor allerdings nicht sagen – nach dem das Diadem, das Ravenclaw hinterlassen hatte und das als verschollen galt, wohl von ihrer Tochter gestohlen worden war. Da die jüngere der beiden Ravenclaw-Damen kurz nach dem Tod ihrer Mutter ermordet worden war, galt das Diadem nun als verschollen, aber Helena Ravenclaw, Rowenas Tochter, war als Geist in Hogwarts geblieben. Sollte der Lord dieses Buch in die Hände bekommen haben, dann wusste er, wohin er sich wenden musste. Also war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieses beschriebene Diadem einen Horkrux beinhaltete. Das bedeutete, Albus musste nach Hogwarts und mit diesem Geist reden. Severus überlegte, welcher der weiblichen Geister wohl diese Helena war, bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel: die graue Dame, der Hausgeist von Ravenclaw. Anders konnte es eigentlich nicht sein. Er griff nach seinem Spiegel. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er ja vibriert hatte, kurz bevor er zum Lord gegangen war. Er musste nachher James und Regulus fragen, ob sie etwas wussten, sollte es nicht Albus gewesen sein.

„Albus Dumbledore.“, sagte er klar und deutlich, als er den Spiegel aufgeklappt hatte.

Es dauerte nur einen Moment, dann erschien das Abbild des Ordensführers im Spiegel. „Severus!“ Der Mann wirkte mehr als erleichtert. „Alles in Ordnung? Wo bist du? Geht es dir gut?“

„Es geht mir gut, ich bin in Broadstairs.“, antwortete Severus mit einem Schmunzeln. „Ich denke, James hat etwas gefunden, dass du dir ansehen solltest. Hat er schon davon gesprochen?“

„Nein, ich habe seit drei Tagen nichts von ihm gehört, und da hat er mir nur davon erzählt, dass du das Rudel nun anführst. Herzlichen Glückwunsch übrigens.“, erwiderte der Weißhaarige. „Ich komme gleich.“ Er klappte den Spiegel ohne einen Abschiedsgruß zu.

Severus ging ins Wohnzimmer, ihm war klar, dass Albus sicher durch den Kamin kommen würde. Selbst wenn er apparierte, dann würde er wohl dort ankommen. „Du siehst blass aus.“, begrüßte Albus ihn. Er war schon da.

„Waren anstrengende Tage.“, zuckte Severus die Schultern. „Hier. Ich denke, das bringt uns einen Schritt weiter.“ Er reichte das Buch an Albus, wollte nicht weiter über sich reden.

Der Weißhaarige setzte sich an den Tisch und flog mit den Augen über die Zeilen. „Ich muss nach Hogwarts.“, entschied Albus und stand auf. „Das war gute Arbeit, richte das James aus. Vielen Dank!“ Und weg war er. Zufrieden ging Severus nach nebenan, er wollte nachher in Ruhe mit den Anderen essen, bevor er zum Rudel apparierte. Er fühlte sich verantwortlich für die Werwölfe, sie waren nun sein Rudel. Auch wenn das für ihn nicht der Grund gewesen war, sich gegen Fenrir aufzulehnen, aber er bereute es nicht. Verdammt, ihm fiel ein, dass er doch eigentlich wegen Scott und Isaac mit Albus hatte reden wollen! Sie mussten einen Weg finden, dass wenigstens diese Beiden offiziell Gefangene von Dumbledore wurden, damit der Lord wusste, warum sie nicht mehr kamen. Das bedeutete aber auch, er musste sie mindestens noch einmal mitnehmen. Das wollte er eigentlich vermeiden. Er raufte sich verzweifelt die Haare, immer mehr Probleme schienen aufzutauchen, kein Ende zu nehmen. Würden sie es jemals schaffen, den dunklen Lord endgültig zu besiegen? Im Moment sah es überhaupt nicht danach aus.

„Albus Dumbledore!“, rief er den Weißhaarigen erneut über seinen Spiegel. Es dauerte nicht lange, bis dieser ihn verwundert ansah. „Tut mir leid, dass ich noch einmal störe, aber ich habe vorhin etwas vergessen.“

„Das macht doch nichts, mein Junge!“, lächelte Albus entspannt. Im Gegensatz zu Severus schien er neue Hoffnung geschöpft zu haben. „Erzähl, was wolltest du mir sagen?“

„Nun, du weißt, dass das Rudel inzwischen unter meiner Führung ist.“ Er wartete nur das bestätigende Nicken ab, dann sprach er weiter. „Es gibt zwei Wölfe, die magisch sind und das Mal haben. Ich würde sie gerne von deinen Leuten gefangen nehmen lassen, damit der Lord keinen Zugriff mehr auf sie hat. Sie würden sich dann mit dem restlichen Rudel verstecken. Einer der Beiden ist Vater eines jungen Mädchens. Jenny, so heißt das Mädchen, wäre beinahe von Greyback …“ Severus konnte es noch immer nicht aussprechen. Er schluckte hart, dann sprach er weiter. „Ich kam dazu und konnte es verhindern, das war der Grund für den Kampf mit Greyback. Ich musste ihn töten, wer weiß, was er sonst mit Jenny gemacht hätte. Sie ist eigentlich noch ein Kind. Ihr Vater hat sich das Mal geben lassen, um Jenny zu beschützen. Isaac ist mit seiner Gefährtin dort, ich denke, auch Mary musste Greyback … zu Gefallen sein. So wie wohl fast jeder im Rudel. Sie brauchen einander nun, deshalb will ich vermeiden, dass sie noch länger zum Lord müssen.“

„Vielleicht solltest du dann auch in Deckung gehen.“, überlegte Dumbledore.

Severus schüttelte den Kopf. Früher wäre dieser Gedanke verlockend gewesen, aber jetzt wollte er Regulus unterstützen. Sie konnten nicht alle in Deckung gehen, sonst würde dieser Kampf nie zu einem Ende kommen. Da gab es noch so viel zu tun. „Du brauchst die Informationen, wir müssen bleiben.“, widersprach er energisch. „Aber Jenny braucht ihren Vater und Mary ihren Gefährten. Ich werde zumindest einen Teil meiner Zeit bei ihnen verbringen, auch wenn ich dem Lord weiß machen muss, dass ich keine Ahnung habe, wo die Wölfe sind. Das wird ihm nicht gefallen, aber ich werde sie diesem Risiko nicht länger aussetzen.“

„Du bist erwachsen geworden.“, staunte Albus. „Was genau ist passiert, dass du dich so sehr verändert hast?“

Müde schüttelte Severus den Kopf, er wollte nicht weiter darüber reden. Wobei er es selbst nicht genau sagen konnte. Zum Teil lag es an dem Kampf, sicherlich, aber da war noch mehr. Und dieser Teil trieb ihm die Röte auf die Wangen, das würde er sicher nicht mit dem Ordensführer besprechen. Der schmunzelte jedoch nur und verabschiedete sich, als ihm klar wurde, dass er kein Wort mehr erfahren würde. Er wolle sich etwas einfallen lassen, versprach er. Es gab sicher eine Möglichkeit, wie sie genau diese Wölfe aus den anderen herauskennen konnten, ohne dass es jemandem auffiel. Dann konnten sie sie beim nächsten Überfall, von dem ihnen Severus natürlich erst einmal berichten musste, gefangen nehmen. „Aber nicht nur die Beiden!“, forderte Severus. „Das wäre zu auffällig!“

„Natürlich, Severus.“, nickte Albus zustimmend. „Ich werde mit Alastor darüber sprechen, er ist ein brillanter Taktiker, auch wenn er manchmal ein wenig zu misstrauisch ist.“

„In Ordnung. Ach, und noch etwas. Hast du versucht, mich über den Spiegel zu erreichen, gestern früh, kurz bevor ich zum Lord musste?“, erkundigte sich Severus.

„Nein, das war ich nicht.“, schüttelte Albus den Kopf.

„Nun gut. Dann einen ruhigen Abend!“, wünschte Severus. Wahrscheinlich war es unwichtig, wer es gewesen war, aber dennoch nagte es an ihm.

„Alles Gute, Severus.“, verabschiedete sich nun auch Albus endgültig.

Der Schwarzäugige beschloss, nur schnell Nudeln und Tomatensauce zu richten, dazu einen frischen Salat. Das ging schnell und alle mochten es. Als der Geruch nach Tomaten und Kräutern das Haus erfüllte, kamen die restlichen Bewohner nach und nach dazu. Es stellte sich heraus, dass die Potters Zeit mit Sirius verbracht hatten, da der kleine Harry Sirius aus seinem Schneckenhaus zu locken schien. Die grauen Augen des früheren Gryffindors lebten wieder ein wenig auf, fand Severus. Für Regulus freute es ihn, doch er selbst war noch nicht schlüssig, wie er sich dem Mann gegenüber nun verhalten sollte. Er wusste, was der Bruder seinem Partner bedeutete, aber er konnte die Vergangenheit nicht vergessen. Allerdings war er bereit, eine ernst gemeinte Entschuldigung zu akzeptieren. Würde er die jemals bekommen? Für den Moment schien es nicht so. Sirius ignorierte ihn gänzlich, aber damit konnte Severus recht gut leben. Harry hingegen stürzte sich auf ihn und kicherte ausgelassen, als Severus ihn durch die Luft wirbelte. Dieser kleine Kerl bedeutete ihm so viel, für ihn würde er alles tun, um diese Welt sicherer zu machen.

„Sevvus dableiben?“, fragte er.

„Oh, Harry, das würde ich gerne.“, seufzte Severus und küsste sein Patenkind auf den wirren Haarschopf. „Aber ich muss leider wieder gehen. Ich komme dich aber besuchen, so oft ich kann.“

„Hawwy mitgehn!“, beschloss der Kleine einfach und strahlte.

Severus führte den Gedanken wenigstens einen Moment weiter. Sarah, Ellen, Alice, Mary und Eleanor würden sich sicherlich freuen und den Kleinen von vorne bis hinten verwöhnen. Zoé eher weniger, sie würde wohl Konkurrenz in ihm sehen, schließlich war sie bis vor einigen Tagen diejenige gewesen, die mit die meiste Aufmerksamkeit bekam. Das hatte sie immer genossen, zumindest wirkte es so. Jenny hingegen würde die Ablenkung sicher willkommen heißen, genau wie Samantha. Den jüngeren Kindern war wohl jetzt schon langweilig, weil sie nicht im Wald waren. Doch schnell schüttelte Severus den Gedanken wieder ab, hier war Harry deutlich sicherer. Und egal, wie gut er sich mit seinem Wesen inzwischen angefreundet hatte, das hier wünschte er Harry nicht. Wie schnell ging es, dass jemand gebissen wurde, wenn auch nur versehentlich. Diesem Risiko würde er Harry sicher nicht aussetzen. „Nein, mein kleiner Racker, das geht leider nicht.“, lehnte er daher ab. „Auch wenn ich dich gerne mitnehmen würde. Du musst doch hier auf deine Mama und dein Geschwisterchen aufpassen. Du bist doch bald ein großer Bruder, da ist das deine Aufgabe.“

„Willnich!“, protestierte Harry weinend. Severus nahm ihn tröstend in den Arm, aber er gab nicht nach. Ja, er würde kommen, so oft er konnte, um Zeit mit ihm verbringen zu können, aber weder würde er ihn mitnehmen – was Lily und James sicher ohnehin nicht zuließen – noch bliebe er selbst hier. Das ging einfach nicht. Schließlich beruhigte sich Harry, als Severus ihm einen Teller Nudeln und Sauce herrichtete. „Käse?“, fragte er mit schief gelegtem Kopf.

„Wie heißt das, Harry?“, mahnte Lily, die den Austausch lächelnd beobachtet hatte.

„Käse! Bitte.“, wiederholte Harry brav.

„Gerne, mein Kleiner.“, schmunzelte Severus und holte eine Schale geriebenen Käse aus der Küche, wo er sie vergessen hatte.

„Hawwy gloß!“, erklärte der Jüngste energisch.

„Oh, ja, entschuldige, mein Großer!“ Severus hatte Mühe, ernst zu bleiben. Er streute Harry ein bisschen Käse über seine Nudeln, bis der Kleine zufrieden schien. Erst jetzt konnte er sich setzen und schließlich aßen alle in Ruhe.

Sirius' Blicke amüsierten Severus, denn er hatte den Austausch zwischen Harry und seinem Paten mit großen, weiten Augen verfolgt, und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. Irgendwie schien er den jetzigen Severus nicht mit dem in Einklang bringen zu können, den er von früher kannte. Wobei, den früheren Severus gab es schon lange nicht mehr.

„Meine Güte, Sirius, jetzt mach endlich den Mund auf.“, schnappte James schließlich. „Ich weiß, dass es nicht leicht ist, sich zu entschuldigen, aber wie du siehst, hat mich Severus nicht geköpft, als ich es getan habe.“

„Nein, da nicht, aber vorher wäre es beinahe soweit gewesen.“, konterte Severus trocken.

James hatte den Anstand und wurde rot. „Ich weiß, ich war verdammt eifersüchtig. Aber das ist vorbei.“

„Das weiß ich.“, nickte Severus. „Sonst hätte ich nie zugelassen, dass du mich ins Bett trägst.“ Diese Aussage führte dazu, dass sich Sirius beinahe verschluckte. Sein Blick huschte zwischen James und Severus hin und her.

Schweigend verbrachten sie die nächsten Minuten, bis Sirius sich unbehaglich räusperte. „Severus?“ Sofort hatte er die Aufmerksamkeit des Werwolfes. „Ich … es tut mir leid.“, wisperte er.

Auch wenn Severus roch, dass der Andere ehrlich war, das reichte ihm nicht. „Das hast du bereits einmal gesagt. Was tut dir leid? Ich fürchte, damit alleine wirst du meine Vergebung nicht bekommen.“ Er stand auf und wartete einen Moment, doch Sirius blieb still, schien nach Worten zu suchen. „Ich muss noch einige Dinge packen und gehe dann ins Rudel. James, du kannst mich über den Spiegel erreichen, wenn du mich brauchst. Ach genau, hast du das gestern morgen versucht?“ Er gab Harry noch einen kurzen Kuss auf die Stirn, während er James ansah, der den Kopf schüttelte. „Mach's gut, mein Großer, ich hab dich lieb!“

„Sevvus!“, weinte Harry und streckte die Ärmchen aus. Doch Severus strich ihm nur einige Male durch die Haare, nahm ihn aber nicht hoch. Diesen Gefallen konnte er ihm nicht tun.

Severus war noch im Zimmer beim Packen, als Regulus zurück kam. Heimlich hatte er genau darauf gehofft. Seit sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten, war er süchtig nach diesen Gefühlen, die der Jüngere in ihm auslöste. Diese Erfahrungen waren so anders als das, was er gefürchtet hatte, seit dieser Kerl in London beinahe über ihn hergefallen war. Oder die Annäherung von Greyback. Nein, das war nicht vergleichbar. Hier ging es um Gefühle, um Vertrauen, und darum, einander etwas Gutes zu tun. Nein, er konnte es nicht erwarten, seinen Partner wieder zu sehen, deshalb zögerte er das Packen ein wenig hinaus. Zwar hatte Regulus ihm vor einigen Tagen einen Teil seiner Kleidung gebracht, aber einige Dinge brauchte Severus dennoch, wenn er nun mehr oder weniger in den Leuchtturm zog. Natürlich wollte er auch hier Zeit verbringen – vor allem mit Regulus und Harry – aber das Rudel war nun seine Aufgabe. Er war ziemlich sicher, dass es dort eine Menge Arbeit gab. Die Werwölfe waren es, im Gegensatz zu ihm selbst, nicht gewohnt, in einem Haus zu leben und die meiste Zeit dort zu verbringen. Gerade die Jüngeren hatten damit deutliche Probleme, wenn er Ellen richtig verstanden hatte. Sie mussten sich etwas einfallen lassen. Auch das war seine Aufgabe als Alpha. Zwar hatte er diese Aufgabe eigentlich nicht haben wollen, aber nun hatte er sie, und er würde sie auch machen, so gut es ging. Wobei er nicht sicher war, wie er es am besten machte. Aber es half nicht, darüber nachzudenken, er würde sehen, was anstand und versuchen, bestmögliche Lösungen zu finden. Doch zuvor ließ er es sich nicht nehmen, sich ausführlich von Regulus zu verabschieden. Am Ende stellte er sich noch unter die Dusche, da er nicht ganz so penetrant nach dem riechen wollte, was er eben getan hatte. Wobei, die Wölfe konnten es sicher trotzdem wahrnehmen. So wie er selbst es riechen konnte, wenn James und Lily Sex gehabt hatten.

„Pass auf dich auf.“, bat er Regulus nach einem letzten, ausgiebigen Kuss leise.

„Werde ich.“, versprach dieser. „Du aber auch auf dich. Ich melde mich bei dir, wenn ich kommen kann.“

„Du bist immer willkommen!“, lächelte Severus, aber seine Augen wirkten traurig. „Bis dann.“ Er hauchte Regulus noch einen kurzen Kuss auf die Lippen, dann wandte er sich abrupt um, griff nach seinem Rucksack und disapparierte. Ganz bewusst sah er nicht noch einmal zu Regulus, der Abschied fiel ihm ohnehin schwer genug. Wie sehr hatte sich alles zwischen ihnen verändert, seit er hierher gekommen war? Beinahe zwei Jahre lebte er nun schon mit Regulus unter einem Dach, zwei Jahre, die ihm einerseits wie eine Ewigkeit, andererseits wie ein kurzer Moment vorkamen. Auch wenn vor allem der Anfang schwer gewesen war, er war mehr als dankbar, dass er hier nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern ein wirkliches Zuhause gefunden hatte. Und einen Menschen, der ihn liebte, den er selbst liebte und dem er rückhaltlos vertraute. Er wünschte sich, dass da noch mehr war. Es wäre zu schön, wären sie Gefährten, doch bisher unterdrückte Severus diesen Instinkt, der es ihm sagen könnte, verdrängte jeden Gedanken daran. Gerade Regulus und auch er selbst lebten in ständiger Gefahr, er wollte es nicht noch komplizierter machen. Außerdem hatte er Angst davor, dass es nicht so war.

Doch er konnte nicht weiter darüber nachdenken, da er im Leuchtturm angekommen war. In einem der oberen Stockwerke konnte er einen lautstarken Streit hören. Kurz seufzte er, dann lief er rasch nach oben. Er verschaffte sich einen schnellen Überblick. John und Paul waren offenbar mit Leo aneinander geraten. Wie es klang, wollten die Jugendlichen mehr Freiheiten haben, aber Leo versuchte, an ihre Vernunft zu appellieren.

„Leo hat Recht.“, ergriff Severus nach einigen Momenten Partei für den 47-Jährigen. Er hob die Hand, als die beiden jungen Männer protestieren wollten. „John, Paul, ich weiß, ihr seid dieses Leben nicht gewohnt, aber die Gefahr ist derzeit zu groß, als dass wir euch gehen lassen könnten. Der Lord will, dass ich das Rudel finde und zu ihm bringe. Ich glaube nicht, dass ihr da mitmachen wollt, aber lange habt ihr keine Zeit mehr, euch dem zu widersetzen, sollte der Lord auch nur eine Ahnung bekommen, wo ihr alle seid.“

„Was soll er uns schon tun?“, zuckte Paul die Schultern. Nickend stimmte John zu.

„Er zwingt euch, in eurer Wolfsform Menschen zu beißen oder gar zu töten.“, begann Severus ernst, und sah ihnen fest in die Augen. „Tut ihr nicht, was er verlangt, foltert er euch oder eure Freunde. Eure Familie. Und glaubt mir, ein Cruciatus ist weit schlimmer als eine Verwandlung, wenn man uneins mit seinem Wolf ist und keinen Trank hat.“

„Kann nicht schlimmer sein als das, was unser früherer Alpha gemacht hat.“, trumpfte Paul auf.

„Oh doch, das ist es.“ Schaudernd trat Isaac in den Raum. Er war weiß wie eine Wand in einem frisch gestrichenen Krankenhaus und zitterte. „Ich für meinen Teil bin froh, wenn ich dort nie wieder hin muss. Egal, welche Schmerzen auf mich warten, wenn er das Mal aktiviert, das ist es wert.“ Er sank in einen Sessel und schlug die Hände vor sein Gesicht. Zwar konnten sie es nun nicht mehr sehen, aber alle rochen die Tränen, hörten die unterdrückten Schluchzer.

Entsetzt und hilflos sah Severus diesem Zusammenbruch zu. Ihm war klar, dass alle Augen nun auf ihm ruhten, sie warteten darauf, wie er reagierte. „Lasst uns alleine.“, bat er leise. Gerade die beiden Jugendlichen folgten der Bitte nur unwillig, aber Leo nahm sie mit. Ellen, die mit Eleanor und Sarah im Hintergrund gestanden und das Gespräch ruhig verfolgt hatte, nickte ihm aufmunternd zu, dann schloss sie die Tür hinter sich. Severus kniete sich zu dem dunkelblonden Mann mit den untypisch blauen Augen, die ihn nicht wie ein Werwolf aussehen ließen. Ein wenig hilflos strich er ihm über die Schulter, die Arme. Wie sollte er nun reagieren, wenn er nicht genau wusste, was diesen Zusammenbruch ausgelöst hatte? Er grübelte, während er einfach weiter über den zitternden Körper strich. Und er wartete. Wahrscheinlich war Isaac erst einmal nicht in der Lage, ihm zu sagen, was los war. Er ließ zu, dass sich der Blauäugige an ihn lehnte, dass sich die Finger in seinen Pullover klammerten. Irgendwann zog Severus ihn einfach in die Arme und hielt ihn fest.

„Entschuldige.“, krächzte Isaac schließlich, als das Schluchzen verebbt war. Er wollte sich zurückziehen und wirkte eher beschämt.

„Es gibt nichts zu entschuldigen.“, schüttelte Severus den Kopf und ließ seine Hände auf den Schultern von Isaac. „Was ist passiert?“, erkundigte er sich sanft.

„Ich … ich wollte das alles nie.“, wisperte Isaac. „Ich dachte, dann lässt er Mary in Ruhe, aber es war nie genug. Fenrir hat sie dennoch immer wieder … Er hat sie benutzt, genau wie alle. Wenn er Lust hatte, dann mussten wir …“ Erneut vergrub er sein Gesicht in den Händen. „Auch wenn er nicht alle von uns tatsächlich angerührt hat, es war dennoch schrecklich, er hat uns benutzt, um sich selbst Lust zu verschaffen. Das war einfach nur krank und abartig. Wenigstens die Jüngeren hat er außen vor gelassen, aber ich bin nicht sicher, ob es John und Paul schon erlebt haben.“ Er schauderte heftig.

Severus war klar, was er damit sagen wollte. „Du auch?“

„Wer nicht.“, kam es bitter. „Es war nie genug. Und dann mussten wir draußen mit den Todessern losziehen. Glaub mir, keiner von uns wollte das, aber reagierten wir nicht so, wie der Alpha es wollte, wurde es nur schlimmer. Irgendwann haben wir alle aufgegeben. Wir haben getan, was er wollte, damit er schnell wieder verschwindet.“

„Kann ich etwas tun?“, wollte Severus leise wissen. „Ich bin da, wenn du reden willst, aber ich weiß nicht, ob ich dir helfen kann.“

„Das tust du schon.“ Isaac lächelte ein wenig verunglückt, aber es war ehrlich. „Du hast uns in Sicherheit gebracht, und vor allem, du hast uns von diesem Ungetüm befreit. Und du hast mich gehalten. Ich wollte Mary nie Sorgen machen, sie weiß nichts davon. Wahrscheinlich ahnt sie es, denn immerhin hat Fenrir nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er auf Männer und Frauen steht. Oder besser auf Demütigungen.“

„Ich werde das nicht zulassen.“, versprach Severus. „Greyback ist tot, und ich will euch in Sicherheit wissen. Deshalb habe ich meine Freunde auch gebeten, den Schutz entsprechend zu wirken, dass vor allem die Jüngeren nicht weg können. Mir ist klar, dass das die Rebellion noch fördert, aber ich werde nicht zulassen, dass den Kindern etwas passiert.“

„Danke, Severus.“ Einen Moment drückte Isaac ihn an sich, bevor er wieder los ließ. „Ich gehe wieder zu Mary, ihr geht es nicht besonders.“

„Was ist los?“, fragte Severus alarmiert.

„Sie ist wahrscheinlich schwanger.“, verriet Isaac und strahlte mit einem Mal. „Noch nicht lange, aber sie ist ziemlich sicher. Ich kenne die Zauber nicht, da ich nie in Hogwarts war, sondern nur ein wenig von meinem Vater gelernt habe, bevor ich gebissen wurde. Vielleicht möchtest du nachsehen?“

„Ich fürchte, einen derartigen Zauber kenne ich auch nicht.“, gestand Severus. Dann fiel ihm etwas auf. „Du freust dich richtig. Es ist ein Kind von Mary und dir.“

„Ja, Mary ist absolut sicher, dass nur ich als Vater in Frage komme. Auch wenn Fenrir sie einige Male ziemlich bedrängt hat, er hat nie mit ihr geschlafen. Natürlich wissen wir, dass eine Frau auch schwanger werden kann, wenn sie das Sperma eines Mannes abbekommt. Doch sie ist sicher, es kann nur von mir sein.“, nickte Isaac. „Dafür werden wir ewig dankbar sein.“

„Das verstehe ich.“, nickte Severus. „Geh zu ihr. Ich werde eine Freundin fragen, ob sie mir den Zauber beibringt, wenn ich sie das nächste Mal sehe. Braucht ihr etwas?“

„Derzeit nicht.“ Isaac wirkte nun deutlich ruhiger, sodass Severus sicher war, ihn alleine lassen zu können.

„Gut, aber sollte etwas sein, dann komm zu mir. Ich werde sicher nicht alles lösen können, aber wir werden sehen, dass dieses Kind alles hat, was es braucht. Und die werdende Mutter auch.“, entschied Severus.

„Danke!“ Jetzt lächelte Isaac deutlich erleichtert und verließ das Zimmer.

Severus folgte ihm etwas langsamer und entschied, seine Sachen in sein Zimmer zu bringen. Unterwegs traf er auf Paul, der noch immer murrte, aber den Blick senkte, als Severus in seine Nähe kam. „Mir ist klar, dass dir das hier nicht passt, Paul, aber es ist notwendig, um uns alle zu schützen.“, wandte sich Severus an ihn. „Ich kann nur hoffen, dass ihr an die Sicherheit des Rudels denkt, bevor ihr versucht, aus diesem geschützten Bereich zu entkommen. Ihr gehört zu meinem Rudel und ich werde alles tun, was mir möglich ist, um euch zu schützen, aber seid versichert, ich bin in der Lage, euch rauszuwerfen, wenn ihr die Sicherheit gefährdet. Solltest du, sollte irgendjemand etwas brauchen, dann gebt mir Bescheid, ich werde sehen, was ich tun kann.“

„Und was sollen wir den ganzen Tag hier anfangen?“, knurrte Paul.

„Was habt ihr im Wald getan?“, stellte Severus eine Gegenfrage. So viel hatte er selbst davon nicht mitbekommen.

„Manchmal den Männern geholfen, Holz zu machen. Meistens aber waren wir unterwegs und haben gejagt, in unserer Wolfsform.“, erklärte Paul. „Manchmal mussten wir auch lernen, aber das eher selten.“

„Das werden wir ändern.“, beschloss Severus. „Egal ob ihr magisch seid oder nicht, eine gewisse Grundbildung gehört zum Leben dazu, finde ich. Wir werden sehen, wer euch worin unterrichten kann, aber ihr solltet sehen, dass ihr lernt. Zauberer und Hexen behaupten oft, dass Werwölfe dumm und unzivilisiert sind. Ich gehe davon aus, dass ihr dieses Vorurteil nicht bestätigen möchtet.“ Jetzt sprach eindeutig der Slytherin aus ihm.

„Wir sind nicht dumm!“, protestierte Paul.

Genau das hatte sich Severus erhofft. „Gut, dann sollte es für euch kein Problem sein, etwas zu lernen!“, triumphierte er. Geschlagen nickte der Jüngere und verschwand. Vermutlich zu John, die Beiden waren eigentlich unzertrennlich. Genau wie Luke und der jüngere Paul. Severus ging nun endlich nach unten und entschied, das am nächsten Tag bei einer der gemeinsamen Mahlzeiten anzusprechen. Sie mussten Struktur in die einzelnen Tage bringen. Das half sicher allen, zumindest ein Stück weit.

„Alles in Ordnung?“, wollte Ellen wissen, als er nach seinem Rucksack griff.

„Ich denke, für den Moment ist es soweit in Ordnung.“, antwortete Severus vorsichtig. Er wollte nicht zu viel versprechen, aber auch das Vertrauen nicht zerstören, indem er Dinge erzählte, die Isaac ihm anvertraut hatte.

„Gut. Dann sollten wir schlafen.“, lächelte Ellen.

Bereits jetzt, nach diesen wenigen Stunden, in denen er bewusst mit der Ärztin zu tun gehabt hatte, war Severus froh, sie auf seiner Seite zu wissen. Er erwiderte ihr Lächeln ein wenig müde, dabei fiel ihm auf, dass ihr Lächeln ziemlich aufgesetzt wirkte. „Ist mit dir alles in Ordnung?“, wollte er daher besorgt wissen.

„Ich … ja.“, nickte sie, doch ihm war klar, dass er gerade angelogen wurde. Dennoch hakte er nicht nach. Nicht jetzt. Sie hatte nicht genug Vertrauen zu ihm, das musste erst wachsen. Auf jeden Fall würde er es im Auge behalten, entschied er.

 

Am nächsten Mittag waren alle Werwölfe, bis auf Aaron, der noch unterwegs war, im Wohnzimmer versammelt. Das Essen war bereits größtenteils vorbei, da ergriff Severus das Wort. „Wartet bitte noch, bevor ihr wieder geht.“, bat er. „Ich denke, wir müssen einige Dinge klären. Jenny, würdest du bitte mit Luke, Paul und Samantha nach draußen gehen? Ich fürchte, das hier ist ein wenig langweilig für die Kleinen, aber alleine können wir sie nicht nach draußen schicken.“

„Natürlich.“, nickte Jenny und stand auf. Sie war zuverlässig, das wusste Severus bereits. Die Kleineren gingen zu ihr und mit ihr gemeinsam nach draußen.

Erst, als die Tür geschlossen war, sprach Severus weiter. „Gut. Als erstes möchte ich euch sagen, dass ich mit Albus Dumbledore gesprochen habe. Er wäre bereit, Isaac und Scott vermeintlich gefangen zu nehmen, wenn wir ihn rechtzeitig vor dem nächsten Überfall informieren. Wir müssten dann nur ein entsprechendes Zeichen vereinbaren, damit er euch sicher erkennt. Er wird dann nicht nur euch verhaften, sondern auch weitere Werwölfe, um jeden Verdacht von euch zu nehmen. Allerdings werde ich niemanden sonst aus dem Rudel mit zum Lord nehmen. Ihr habt kein Mal, das haben nur Isaac und Scott, also muss ich euch nicht in Gefahr bringen. Mache ich auch mit Scott und Isaac nur ungern, aber da ihr das Mal habt, könnte euch der Lord darüber bestrafen, ich vermute jedoch, er verzichtet darauf, wenn er weiß, dass ihr gefangen seid. Noch wissen wir nicht, wie wir sicherstellen, dass Dumbledore und seine Leute euch erkennen, ich bin für Vorschläge offen.“ Er machte eine Pause, aber offenbar hatte gerade keiner eine spontane Eingebung. „Außerdem möchte ich mit euch einen Plan erstellen, wie wir die Kinder, und auch uns Erwachsene, beschäftigen. Auch da erhoffe ich mir Vorschläge.“

„Wir haben im Wald bereits Unterricht gehalten.“, erzählte Leo. „Bevor ich gebissen wurde, war ich Lehrer in der nicht-magischen Welt. Im Rudel gebe ich mein Wissen weiter.“

„Was unterrichtest du?“, interessierte sich Severus.

„Mathe und Naturwissenschaften, also Physik, Chemie, Biologie.“, antwortete Leo.

„Ich habe Englisch und Wirtschaft unterrichtet.“, mischte sich Sarah ein, die meist sehr ruhig war. Severus konnte sich nicht erinnern, sie jemals sprechen gehört zu haben. Ihre Stimme war dunkler, als er es erwartet hätte, dabei aber sehr warm und angenehm.

„Und ich habe ihnen Grundlagen in Französisch und Spanisch beigebracht.“, kam es von Eleanor.

„Dann schlage ich vor, wir machen einen Stundenplan, damit der Tagesablauf geregelt ist.“, nickte Severus. „Ist von den Kindern jemand magisch?“

„John und ich.“, grinste Paul.

„Richtig.“, stimmte Leo zu. „Außerdem Luke und vermutlich auch Samantha. Fenrir hat sie bisher unterrichtet. Zoé, was ist nun mit dir? Du machst immer ein Geheimnis daraus, und ich weiß, dass du viel Zeit mit Fenrir verbracht hast. Hat er dich unterrichtet? Bist du magisch?“

„Das geht euch überhaupt nichts an!“, zischte die Sechzehnjährige wütend. „Warum zwingt ihr mich, hier zu sein? Ich wollte nicht weg aus dem Wald, und ich glaube auch nicht, dass mir dort Gefahr droht, wie ihr es behauptet.“

„Du kannst nicht alleine im Wald bleiben.“, widersprach Severus ruhig. „Hier bist du sicher, hast Menschen um dich, die sich kümmern.“

„Ha, die mich einsperren, meinst du wohl!“, fauchte Zoé. „Du denkst, nur weil du Fenrir besiegt hast, bist du jetzt hier der große Macker, oder was? Aber glaube nicht, dass du mir Vorschriften machen kannst! Ich bin kein kleines Kind mehr und ich bin auch kein Dummerchen, das einfach macht, was du dir einbildest!“

„Ich glaube auch nicht, dass du dumm bist, Zoé. Aber dir fehlt Erfahrung, um die Gefahr realistisch einschätzen zu können.“, erwiderte Severus ruhig. Ihm war bewusst, dass er gerade gegen eine pubertierende junge Frau agierte, und sich damit auf sehr dünnes Eis begab. Lily war das einzige Mädchen, mit dem er je zu tun gehabt hatte, aber sie war auch in der Pubertät noch relativ vernünftig gewesen. Zoé hingegen war vollkommen anders. Sie rebellierte, vor allem gegen ihn. Nun, wenn die Gerüchte stimmten und sie Fenrirs Tochter war, dann war er derjenige, der ihren Vater getötet hatte. Auch, wenn es ein fairer Kampf gewesen war, so würde eine Tochter das sicher anders sehen. Ihm selbst wurde erst langsam bewusst, dass er ja einen Menschen getötet hatte. Ja, es war notwendig gewesen, er hatte keine andere Wahl gehabt, aber dennoch fühlte er sich nicht besonders gut mit dem Gedanken, hatte es bisher aber einfach verdrängt. Er durfte jetzt nicht zusammenbrechen, musste stark bleiben. Das Rudel brauchte ihn, und Regulus sollte sich keine Sorgen machen.

„Fenrir hat es gut gemacht, aber du hast ihn umgebracht, und denkst jetzt, dass du einfach alles ändern kannst! Aber ich werde da nicht mitmachen!“, schrie Zoé wütend, sprang auf und stürmte aus dem Zimmer. Türen knallend verschanzte sie sich im ersten Stock, wo ihr eigenes Zimmer war. Wenigstens konnten sie sicher sein, dass niemand einfach so verschwinden konnte, denn die Schutzzauber würde keiner der Jugendlichen lösen können. Wobei Severus ein wenig Bedenken hatte, da er nicht wusste, was Fenrir Zoé beigebracht hatte. Wenn sie seine Tochter war und seine Magie geerbt hatte, wäre sie möglicherweise doch dazu in der Lage. Aber nicht auf die Schnelle, und das würde ihn alarmieren.

„Lass sie.“, bremste jetzt Ellen, als er ihr hinterher wollte. „Du kommst jetzt nicht an sie heran. Sie muss sich erst wieder beruhigen. Gib ihr ein wenig Zeit.“

„Ich sehe später nach ihr.“, bot Mary an. „Vielleicht kann ich mit ihr reden.“

„Danke.“, lächelte Severus kurz, aber er wusste, dass es kein ehrliches Lächeln war. Dafür waren die Schuldgefühle gerade zu groß. Hatte er einer jungen Frau, fast noch einem Mädchen, den Vater genommen? Egal, wie schlimm er Fenrir empfunden hatte, so schien er Zoé doch eine Menge bedeutet zu haben.

„Mach dir keine Vorwürfe.“, bat Tyron, der scheinbar genau wusste, woran Severus dachte. „Du hattest keine Wahl. Sobald du angefangen hattest, Jenny zu verteidigen, war die Entscheidung getroffen. Du hast die richtige Entscheidung gefällt, da sind wir alle einig. Zoé ist die Einzige, die anders denkt, aber ich denke, du weißt, warum.“

„Ich bin froh, dass du so entschieden hast.“, gestand Scott. „Mir wird jetzt noch heiß und kalt, wenn ich daran denke, was meiner Tochter, meiner Kleinen, bevorstand. Du hast sie vor einem grausamen Schicksal bewahrt. Ich denke, inzwischen weißt du zumindest zum Teil, wie er mit uns umging. Unsere Körper waren seinen Händen immer ausgeliefert, wir hatten nur wenig Möglichkeiten, uns zur Wehr zu setzen. Er ging nur sehr selten den letzten Schritt, aber das macht es auch nicht besser. Ich hatte immer gebetet, meine Kleine vor diesem Kerl beschützen zu können, deshalb bin ich auch zum Lord gegangen. Ich dachte, wenn ich ihm bereitwillig folge, lässt er wenigstens Jenny in Ruhe. Aber ich habe mich offenbar getäuscht und bin froh, dass du an diesem Abend die Augen nicht verschlossen hast. Ich mache keinem im Rudel einen Vorwurf, wir haben alle bereits versucht, Widerstand zu leisten und mussten feststellen, dass wir Fenrir nicht gewachsen sind.“

„Ich wollte nie einen Kampf und schon gar nicht der Alpha werden.“, antwortete Severus leise. „Aber ich konnte einfach nicht zulassen, dass er Jenny vergewaltigt. Ich habe nicht nachgedacht, sondern einfach nur reagiert. Mir war schnell klar, dass es für Jenny noch viel schlimmer werden würde, wenn ich verliere, also habe ich alles gegeben, was ich hatte. Auch wenn ich jetzt hier stehe und eigentlich nicht weiß, was ich tun soll.“

„Du machst das gut bisher.“, bestätigten ihm mehrere der Menschen vor ihm.

„In Ordnung. Danke.“ Diesmal lächelte Severus deutlich emotionaler. Er atmete einmal tief durch, um dieses Thema hinter sich zu lassen. „Gut, dann kümmert ihr euch um die Stundenpläne, Leo, Eleanor, Sarah?“ Die drei Genannten nickten zustimmend. „Sehr gut. Vielleicht kann mein Freund James immer mal wieder hierher kommen und Magie unterrichten für diejenigen, die einen Zauberstab nutzen können. Er hat mir vieles von dem beigebracht, was ich kann.“ Er blickte sich um und sah nur Zustimmung. „Dann sollten wir jetzt überlegen, wie wir weitermachen. Der Lord erwartet von mir, das Rudel zu finden, damit er euch“, er sah zu Scott und Isaac, „und die Wölfe weiterhin einsetzen kann. Ich glaube, langsam wird ihm klar, dass Dumbledore und sein Orden ihm gefährlich werden können. Aber ich werde euch nicht ausliefern. Allerdings würde ich gerne vermeiden, dass er denkt, ihr hättet ihn verraten. Zumindest Scott und Isaac, euch könnte er über das Mal bestrafen. Daher wäre es vielleicht sinnvoll, wenn ihr erstmal weiterhin zum Lord geht, sollte er euch rufen. Allerdings müssen wir vorher dafür sorgen, dass ihr das Rudel nicht verraten könnt. Für den Lord gilt: nach Fenrirs Tod, den in der offiziellen Version übrigens jemand, den ich ich nicht kenne, verursacht hat, hat sich das Rudel zerstreut, aber ihr wisst nicht, wohin. Da ihr magisch seid, im Gegensatz zu den anderen Werwölfen, haben sie euch ausgeschlossen. Ihr reagiert auf den Ruf, so er denn an euch geht. Ich werde sehen, dass ich Dumbledore rechtzeitig informieren kann, wenn der Lord euch nach draußen schickt.“

„Kannst du das magisch in unseren Köpfen verstecken?“, wunderte sich Isaac. „Ansonsten würde er es viel zu schnell durchschauen.“

„Ich nicht, aber Regulus.“, beruhigte Severus. „Er will heute oder spätestens morgen Abend kommen. Dann brauchen wir nur noch ein Zeichen, damit Dumbledore oder seine Leute erkennen, wen sie gefangen nehmen sollen.“

„Wir binden uns einfach etwas an eines unserer Beine.“, zuckte Scott die Schultern. „Ich glaube nicht, dass jemand darauf achten würde. Es muss nur so unauffällig sein, dass man es nicht auf den ersten Blick sieht, wenn man nichts davon weiß.“

„Und wenn ihr euch einfach zwischendurch kurz auf den Boden legt und euch in einer bestimmten Art und Weise bewegt?“, schlug Kieran vor, dessen Augen mehr draußen bei den Kindern waren, der aber offenbar aufmerksam zuhörte. „Ich meine, das ist weniger auffällig als ein Band, und die Todesser können uns ohnehin nicht unterscheiden. Solltet ihr in menschlicher Form kämpfen müssen, wäre es sogar noch einfacher, dann müsste Dumbledore nur ein Foto von euch kennen.“

„Das werde ich ihm zeigen.“, versprach Severus. „Ich finde die Idee von Kieran gut, dann wissen es wirklich nur die, die eingeweiht sind. Dumbledore will auf jeden Fall noch einige andere gefangen nehmen, sodass es nicht zu auffällig wird.“

„Und dann hat er auch ein paar Gegner weniger.“, grinste Alice. „Man merkt, er ist ein Kriegsstratege.“

„Das kann mir nur recht sein, Hauptsache, Isaac kommt heil wieder hierher.“, knurrte Mary. „Ich will nicht, dass unser Kind ohne Vater aufwachsen muss.“ Jetzt wandten sich abrupt alle Blicke ihr zu. Alle, bis auf die von Ellen, was aber niemandem auffiel. Die Ärztin schloss die Augen und atmete gezwungen tief. „Ja, ich bin schwanger!“, lachte die 28-Jährige mit den orange-roten Haaren und den grünen Augen, die Severus so sehr an Lily und Harry erinnerten. Von allen Seiten bekamen sie Glückwünsche. Strahlend ließen sie sich umarmen, die Männer klopften Isaac grinsend und anerkennend auf die Schultern. Selbst Severus ließ sich von der offensichtlichen Freude mitreißen und anstecken. Sie feierten noch eine ganze Weile, bis Regulus kam, den Severus über den Spiegel darum gebeten hatte. Schnell war das Wissen in den Köpfen der beiden Männer so gesichert, dass es einer normalen Überprüfung standhalten würde.

„Alles in Ordnung?“, wollte Regulus besorgt wissen, als sie schließlich in Severus' Bett lagen.

Severus zuckte die Schultern. Eine Weile schwieg er, dann aber erzählte er, was ihn bedrückte. „Ich habe ihn getötet. Auch wenn ich weiß, dass ich eigentlich keine andere Wahl hatte, es fühlt sich einfach nur falsch an. Verdammt scheiße!“, fluchte er am Ende.

„Lass es raus.“, empfahl Regulus. „Es wird die Schuldgefühle nicht verschwinden lassen, aber es macht es leichter.“

Erst jetzt wurde Severus klar, dass Regulus ähnlich reagiert hatte, am Anfang, als er die Überfälle der Todesser mitmachen musste. Damals hatte er selbst ihm Halt gegeben. Er schmiegte sich an die starke Schulter, genoss die Hand, die über seinen Rücken strich. Ihm wurde bewusst, wie sehr sie einander brauchten, um das alles durchzustehen. „Danke!“, murmelte er irgendwann.

„Lass uns schlafen, es wird spät.“, antwortete Regulus leise, und zog seinen Freund ins Bett, deckte sie zu.

„Ich liebe dich!“, wisperte Severus, als er Regulus in die Arme schloss. Sie tauschten einen Kuss, dann schlossen sie endlich die Augen und schliefen kurz darauf tief und fest.

 

Die nächsten Tage vergingen erstaunlich ruhig, selbst die Jugendlichen schienen für eine Weile vergessen zu haben, dass sie hier nicht sein wollten. Doch Severus war bewusst, dass das nicht lange anhalten würde. Jeden zweiten Tag verbrachte er wenigstens einige Stunden mit Harry, während er wartete. Auf eine Rückmeldung von Aaron, oder auf den Ruf des dunklen Lords, der sich erstaunlich ruhig verhielt. Spätestens an Vollmond, der in einigen Tagen am Himmel stehen würde, kam mit Sicherheit ein Ruf. Nicht umsonst hatte der Lord ihn beauftragt, das Rudel zu finden. Regulus klärte ihn auf, dass er ihn hatte warnen wollen. Er war derjenige gewesen, der den Spiegel genutzt hatte, bevor Severus zum Lord musste. Regulus hatte es geahnt, weil der Lord ihn Veritaserum hatte brauen lassen. Einen unbeobachteten Moment hatte er genutzt, um Severus zu rufen, aber da war es bereits zu spät gewesen. Der Lord hatte offensichtlich den inneren Kreis erst später gerufen, denn Regulus' Mal hatte erst kurz danach gebrannt. Sie waren beide froh, dass es auch so geklappt hatte. Sie hatten den dunklen Lord tatsächlich überlistet. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, wie groß ihr Risiko gewesen war. Severus verbrachte daraufhin einen großen Teil seiner Zeit damit, sich weiterhin mit Okklumentik zu befassen, während er wartete.

So sprang er auf, als das Telefon drei Tage vor Vollmond klingelte. „Severus?“, fragte Aaron, der eine ziemlich schlechte Verbindung hatte. „Ich stehe in einer Telefonzelle in der Nähe von Leeds. Hier ist ziemlich mieses Wetter, ein Gewitter zieht gerade auf. Ich habe einige Informationen über die Kinder, aber das muss warten, bis ich komme. Aber ich bin nicht alleine unterwegs, habe einige Jugendliche dabei, außerdem zwei ausgewachsene Werwölfe. Wir müssen den Zug nehmen, die ganze Strecke laufen schaffen wir nicht schnell genug. Trampen können wir nicht, da wir zu acht unterwegs sind, so viele nimmt niemand mit. Ich denke, wir werden in drei Tagen bei euch sein, spätestens. Schafft ihr es bis dahin, einige Zimmer bereit zu stellen?“

„Aaron, ich denke, ich habe nur die Hälfte verstanden.“, gab Severus zurück, der sich sehr anstrengen musste, um aus dem statischen Knistern die leise Stimme des Älteren herauszufiltern. „Wir richten Zimmer her und reden, wenn du hier bist. Passt auf euch auf!“ Er hörte zwar noch, dass Aaron etwas sagte, aber auf einmal wurde das Knistern und Prasseln immer lauter, bis die Verbindung abbrach. Nachdenklich legte er den Hörer auf und entschied, zu Ellen zu gehen.

Die Ärztin lag auf dem Sofa und las ein Buch. „Störe ich?“, wollte er wissen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Severus fiel auf, dass sie etwas blass schien. „Alles in Ordnung?“

„Ja, es geht mir gut.“, nickte Ellen. „Was hast du auf dem Herzen? Aaron hat angerufen, nicht wahr?“

„Ja, hat er.“, bestätigte Severus. „Er kommt her, aber er hat wohl noch zwei Erwachsene und fünf Jugendliche bei sich, wie es klang. Das bedeutet, wir müssen sehen, dass wir noch sieben weitere Personen unterbringen. Ich schlage vor, John und Paul teilen sich ein Zimmer. Und dann müssen wir sehen, in welchem Alter die Jugendlichen sind. Auch bei den Erwachsenen bin ich nicht sicher, ob wir sie in ein Zimmer ziehen lassen oder ob sie getrennt wohnen wollen.“

„Es wird keine Frage sein, wir müssen enger zusammen rücken, denn wir können kaum noch mehr Zimmer schaffen.“, gab Ellen zurück. „Ich denke, Aaron und Leo verstehen sich gut genug, um ein Zimmer zu teilen, also würde ich Leo nach oben ziehen lassen. In dem Zimmer im ersten Stock, das dann frei wird, können die beiden Erwachsenen einziehen, es ist groß genug. Und wenn Jenny und Zoé zusammenziehen, dann haben wir ein weiteres Zimmer frei. Das wären dann drei Zimmer. Sarah könnte bei mir einziehen, das macht ein viertes Zimmer. Je nach Alter der Jugendlichen, die kommen, könnten wir Raum bei Luke, Samantha oder Paul schaffen.“

„Ich kann auch noch Platz schaffen.“, entschied Severus.

„Du bist gebunden, das ist auf jeden Fall ein Grund, dein Einzelzimmer zu behalten!“, schmunzelte Ellen.

„Gebunden? Nein, ich bin nicht gebunden.“, widersprach Severus.

„Aber du bist mit Regulus zusammen, er ist doch dein Gefährte.“ Ellen schien verwirrt.

„Gefährte?“ Severus war mindestens genauso verwirrt. Ja, er liebte Regulus und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen, aber Gefährten? War sein Gefühl doch richtig gewesen? Aber müsste es dann nicht deutlicher sein?

„Severus, du hast es noch nicht gemerkt?“, wunderte sich Ellen. „Es ist ziemlich deutlich, ihr ergänzt euch wundervoll, ihr orientiert euch aneinander. Spürst du nicht den Zug, der dich zu deinem … Freund zieht? Die Leere, die entsteht, wenn er nicht bei dir ist? Die Art, wie du ihn wahrnimmst? Ich denke, und da dürften mir alle zustimmen, die erfahren genug sind, ihr seid Gefährten.“

Konnte es sein? Severus war nicht ganz sicher, aber sein Gesicht erhellte sich unwillkürlich. Das würde ihn so glücklich machen, denn dann müsste er keine Angst mehr haben, irgendwann Regulus zu vergessen, nur weil ihm sein Gefährte begegnete. Er wollte niemand anderen, er wollte Regulus an seiner Seite. Für immer. Es würde auch erklären, wie sehr er Regulus von Anfang an vertraut hatte. Hoffentlich hatte Regulus nichts dagegen! Er musste mit ihm reden, der Jüngere hatte ein Recht, das zu erfahren. In Gedanken versunken verließ Severus den Raum und ging in sein Zimmer. Morgen musste er die anderen Werwölfe darauf vorbereiten, aber die Umzüge und die Zimmer-Veränderungen mussten warten.

Zwei Tage später herrschte Chaos im Leuchtturm. Severus versuchte, überall zur gleichen Zeit zu sein, aber es war unmöglich. Regulus war nicht gekommen, aber sie hatten sich gesehen. Der Lord hatte eine Versammlung abgehalten. Interessanterweise waren weder Scott noch Isaac gerufen worden, Severus jedoch schon. Aber noch hatte der Lord sie auch nicht nach draußen geschickt. Einige neue Todesser waren aufgenommen worden, niemand, den sie kannten. Und doch machte es ihnen Sorgen, diese Begeisterung, mit der manche Menschen dem Lord folgten. Ein kurzer Blick war alles, was sie teilen konnten. Regulus musste im Anschluss bleiben und im Labor brauen, daher kam er nicht zu Severus. Dieser schlief in der folgenden Nacht kaum, einerseits, weil er alleine war und sich Sorgen um Regulus machte, andererseits, weil erneut die Jugendlichen rebellierten. Ein weiteres Mal schritt er ein und mahnte zur Vernunft, doch gerade John und Paul rebellierten immer mehr. Scheinbar wollten sie am liebsten das Rudel übernehmen, doch sie waren zu jung dafür. Beim nächsten Vollmond mussten sie wirklich Acht geben, denn auch, wenn sie dank ihres Alters kein Rudel führen konnten – dafür mussten sie volljährig sein – so konnten sie dennoch sehr viel Ärger machen. Severus tat alles dafür, dass es nicht so weit kommen würde, er wollte vermeiden, das Rudel zu teilen, immerhin waren sie eine Familie. In den Stunden, in denen er alleine war, grübelte er. Unter anderem darüber, wie es funktioniert hatte, die Gedanken zu verstecken, das Wissen um den Widerstand oder die Informationen über das Rudel. Ihm wurde bewusst, wie gut Regulus' Legilimentik-Kenntnisse sein mussten, wenn er das schaffte. War man ein guter Okklumentiker, konnte man das selbst zumindest ein Stück weit selbst verbergen, doch es würden immer Spuren zurück bleiben. Aber ganz offensichtlich hatte der Lord nichts bemerkt. Das sprach eindeutig für die Fähigkeiten von Regulus, für seine Stärke.

Jetzt aber waren Aaron und die Wölfe, die er mitgenommen hatte, hier. Sie alle brauchten einen Platz zum Schlafen und Leben. John und Paul waren relativ friedlich zusammen gezogen, sie teilten sich nun ein Zimmer. Auch wenn sie gegen alle Erwachsenen rebellierten, sie hielten zusammen und freuten sich sogar darüber, nun ein Zimmer zu teilen. Wobei Severus bereits jetzt, nach einer Nacht, überlegte, ob das nicht doch ein Fehler gewesen war. Nun heckten die beiden Jugendlichen noch mehr Unsinn aus. Zoé hingegen hatte sich einen heftigen Streit mit Severus geliefert, sodass er am Ende seine Alpha-Stimme nutzte. Noch immer konnte er das Phänomen nicht erklären, aber es funktionierte. Zwar brachte er die junge Frau damit noch mehr gegen sich auf, aber es war notwendig, um den Frieden im Rudel zu wahren. Sie konnten keine neuen Räume schaffen, nur die vorhandenen noch besser ausnutzen. Darüber hatten sie lange gegrübelt, doch am Ende festgestellt, dass sie keine Ahnung hatten, wie es ging. Keiner von denen, die über Severus und das Rudel Bescheid wussten, kannten architektonische Zauber. Noch jemand wollten sie nicht einbeziehen, das erhöhte die Gefahr, entdeckt zu werden. Deshalb mussten nun alle näher zusammen rücken. Also zog Jenny zu Zoé nach unten in den ersten Stock, sodass Zoé wenigstens nicht ihr Zimmer aufgeben musste. Jenny war nicht besonders begeistert, sie mochte die ältere Jugendliche nicht gerade, aber sie stimmte sofort zu, als Severus sie, wenn auch widerwillig, darum bat. Seit Severus sie gerettet hatte, tat sie fast alles für ihn. Auch Leo war einverstanden, zu Aaron zu ziehen. Sie waren sich nicht nur vom Alter her nahe, sondern auch Freunde, schon seit sie sich kennen gelernt hatten in den Anfängen dieses Rudels. Aaron nickte nur, als er kam und davon hörte.

Jetzt mussten sie sehen, wie sie die Neuankömmlinge verteilten. Die beiden Erwachsenen entpuppten sich als zwei Frauen, von denen eine ganz offensichtlich schwanger war. Cathy war im sechsten Monat, das bedeutete in ihrem Fall kurz vor der Entbindung, denn das Baby würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein geborener Werwolf sein, diese Schwangerschaften dauerten selten länger als sechs, maximal sechseinhalb Monate. Cathys Mann war gezwungen, an der Seite des Lords zu kämpfen, aber er wollte seine Partnerin in Sicherheit wissen. Es war ihr erstes Kind. Die andere Frau, Rebecca, war etwas älter, sie brachte zwei Kinder mit, Aletha war 6 und Oliver 12 Jahre. Gemeinsam mit Ellen entschied Severus, dass Cathy Leos vorheriges Zimmer bekam, während Rebecca in Sarahs vorheriges Zimmer zog, sodass Aletha Jennys Zimmer bekam. Oliver hingegen zog zu dem jüngeren Paul, mit dem er sich auf Anhieb verstand. Die 13-jährigen Zwillinge Lara und Leonie bekamen das Zimmer von John, während ihr Bruder Liam zu Scott zog, der das spontan anbot. Liam war 16 und magisch, seine Eltern hatten die Chance ergriffen, als Aaron kam, ansonsten hätte der Junge wohl das Mal bekommen. Sie hatten ihm die Verantwortung für seine Schwestern gegeben und ihn zu Severus' Rudel geschickt.

Erst, als nach einigen Stunden schwerer Arbeit endlich alle soweit zufrieden waren, bat Severus Aaron um ein Gespräch. Er wollte wissen, was er über Celia und Jeremy herausgefunden hatte. „Sie sind am Leben und es geht ihnen soweit gut, zumindest so viel konnten mir die Wölfe verraten.“, berichtete Aaron. „Allerdings wird es schwer, sie zu befreien, denn der Lord hat sie wohl in die Obhut von Malfoy gegeben. Das Manor ist gut geschützt, sie können sich dort angeblich frei bewegen, es aber nicht verlassen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Lord dort residiert. Sie werden aber, laut meinem Informanten, weg gebracht oder eingesperrt, wenn eine Versammlung des Lords stattfindet. Eben, damit sie nicht befreit werden können.“

„Verdammt!“, fluchte Severus. Das machte die Sache nicht leichter. „Aber ich werde es weitergeben. Danke, dass du dich darum gekümmert hast.“

„Keine Ursache.“, winkte Aaron ab. „Ich gehe schlafen. Du solltest das vielleicht auch tun, du siehst erschöpft aus.“ Er gähnte ausgiebig. „Es sind nur noch etwas über 24 Stunden bis Vollmond, und die letzten Tage waren anstrengend.“

„Dann schlaf' gut!“, wünschte Severus, als der Ältere das Zimmer verließ. Er selbst griff nach seinem Spiegel und erzählte Albus, was er erfahren hatte.

„Hm, das macht es nicht leichter.“, brummte der Weißhaarige genau das, was Severus zuvor gedacht hatte. „Aber ich werde Heiler Smethwyck informieren, damit er zumindest ein wenig erleichtert sein kann. Wenn wir eine Möglichkeit finden, werden wir sie befreien, aber das wird nicht leicht.“

„Gut.“, antwortete Severus, nicht vollkommen zufrieden. „Und wie sieht es mit der Möglichkeit der Gefangennahme meiner Wölfe aus?“

„Oh, das wird nicht schwer!“, gluckste Albus, als plane er ein Abenteuer. „Und du bist sicher, dass wir dich nicht auch mit gefangen nehmen sollen?“

„Auf keinen Fall!“, schüttelte Severus den Kopf. „Ich kann Regulus nicht alleine beim Lord lassen, wir müssen zusehen, dass es endlich zu Ende geht, das kann er nicht alleine. Ich versuche, so viel wie möglich mit zu bekommen, denn alles hört Regulus auch nicht. Hier helfen meine Ohren sicherlich, wenn es soweit ist.“

„Nun gut, wenn du sicher bist.“, gab Albus schulterzuckend nach.

„Ich bin sicher.“, nickte Severus. „Wie identifizieren deine Leute meine Wölfe? Hast du eine Idee? Uns kam bisher keine vernünftige Lösung.“

Jetzt schmunzelte sein Gegenüber. „Ich habe bei den Muggeln etwas gefunden, ein Spray, das ein leichtes, fluoreszierendes Leuchten abgibt.“, erklärte der Weißhaarige. „Wenn ihr ein wenig davon auf das Fell der Wölfe gebt, die wir gefangen nehmen sollen, fällt das kaum auf, aber wir werden sie erkennen. Außer mir wissen nur James, Alastor und Hestia Bescheid, bei ihnen kann ich sicher sein, dass sie nichts verraten werden. Und sie sind auch durchaus in der Lage, einen Werwolf gefangen zu nehmen, ohne dass es auffällig wäre. Wir werden wohl auch andere Werwölfe mitnehmen, dann schöpft der Lord sicher keinen Verdacht.“

„James? Du willst ihn mitnehmen?“ Severus kniff die Augen zusammen und sein Blick schien Albus zu erdolchen.

„Ich brauche einige Menschen, auf die ich mich absolut verlassen kann.“, argumentierte Albus. „Und James ist einer der wenigen, bei denen ich zu 100 Prozent sicher bin, dass er uns nicht verraten wird. Außerdem ist er ein verdammt guter Kämpfer und hat bereits Erfahrung mit Werwölfen. Der Plan ist, er schnappt sich deine Wölfe und verschwindet sofort mit ihnen. Du solltest sie darauf vorbereiten. Sie sollen sich zwar scheinbar wehren, aber es wäre mir Recht, wenn James nicht verletzt wird.“

„Sie werden ihm nichts tun.“, versprach Severus. Das würden sie auch nicht, wenn er nichts sagte, aber das traf nur auf seine Wölfe zu. Für den Rest konnte er nicht sprechen. „Ich rechne damit, dass er sie zu Vollmond mit einsetzt, denn er hat mich daran erinnert, sie vor dem nächsten Vollmond zu finden. Ach, und wie bekomme ich dieses Spray, das du meintest?“

„Ich habe es Regulus gegeben, er wollte es dir bringen.“, verriet Albus. „Möglicherweise gibt er es auch James, er wirkt ziemlich gestresst.“

„Das ist ja auch kein Wunder!“, zischte Severus. „Er braucht endlich mal Ruhe! Seit seinem Abschluss fordert der Lord ständig irgendwas von ihm, er weiß schon lange nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Immerhin studiert er noch und macht seine Meisterlehre! Er braucht Ruhe, richtige Ruhe, damit er sich erholen kann, aber das wird er erst haben, wenn das hier alles zu Ende ist!“ So ruhig er sonst bleiben konnte, wenn es Regulus betraf, reagierte er ungewohnt emotional.

„Wir werden es beenden, aber nicht unkoordiniert.“, beruhigte Albus. „Je besser wir planen, desto effektiver können wir arbeiten. Und wir dürfen nichts übersehen. Wir haben noch immer nicht alle Horkruxe identifiziert, auch wenn wir eine Ahnung haben, was es noch sein könnte, aber wir müssen sie noch finden und zerstören.“

„Ich weiß.“, seufzte Severus frustriert. Sein Ausbruch tat ihm schon wieder leid, aber irgendwie hatte er sich derzeit kaum unter Kontrolle. „Ich melde mich, wenn ich etwas erfahren sollte. Halte deine Leute bereit für Vollmond.“

„Wir sind bereit und werden reagieren, sobald wir von dir oder Regulus etwas hören.“, versprach Albus ruhig. „Ruh dich aus, Severus, du siehst aus, als hättest du mehrere Nächte nicht geschlafen.“

„Kein Wunder.“, murmelte Severus. „Ich melde mich.“

„In Ordnung. Gute Nacht!“, wünschte der Ältere und deaktivierte den Spiegel. Severus ging ins Bad und anschließend ins Bett. Ohne Regulus schlief er deutlich unruhiger, war angespannter, aber er wusste, das würde noch eine Weile so weitergehen. Er hielt sich an der Hoffnung fest, dass mit dem Ende des Lords alles besser werden würde. Jedenfalls alles, was sie beide betraf. Ihm war durchaus bewusst, dass es nicht mit dem Tod des Lords zu Ende sein würde, aber für Regulus und ihn selbst konnte dann eine wirkliche Zukunft beginnen. Erst dann, vorher hatten sie nicht die Freiheit dafür. Eine Flucht in die Fremde half nicht, so lange sie das Mal trugen. Also mussten sie durchhalten und weitermachen.

 

An Vollmond warteten Severus, Isaac und Scott auf den Ruf des Lords, während Aaron und Leo versprachen, sich in Severus' Namen um das nun vergrößerte Rudel zu kümmern. James hatte das Spray gebracht, da Regulus zu sehr mit seinem Studium beschäftigt war. Nur kurze, oberflächliche Gespräche hatten sie über den Spiegel geführt, aber das ersetzte nicht den persönlichen Kontakt. Jetzt konnte Severus nur hoffen, dass er es schaffte, Albus Bescheid zu geben. Davon hing alles ab.

Als das Mal brannte, hatten sie noch etwa zwanzig Minuten, bis der Vollmond aufging. Die Zeit war definitiv knapp. Würde es reichen, um Albus zu informieren, ohne sich zu verraten? Severus musste mit Isaac apparieren, dieser hatte es nie gelernt. Er war gebissen worden, als er gerade kurz vor Hogwarts war, hatte nie eine schulische Ausbildung bekommen. Zwar hatte Greyback ihm eine Menge Zauber und Flüche beigebracht, als er ihn im Rudel getroffen hatte, aber das Apparieren hatte er nicht gelernt. Der junge Mann hatte Severus gestanden, dass er in die Schule hätte gehen können, da Dumbledore sich für ihn eingesetzt hatte, doch seine Eltern versteckten ihn, um Greybacks Möglichkeiten zu reduzieren, ihn mitzunehmen. Dass er auch der Werwolf war, der ihn gebissen hatte, erfuhr Isaac erst sehr viel später. Isaac war eine Zeitlang von seinen Eltern unterrichtet worden, bis er beinahe getötet worden war. Seither war er mit Leo unterwegs und lebte in der Natur. Scott im Gegenzug war von einem anderen Werwolf gebissen worden, als er seiner Tochter helfen wollte. Sie war zuerst gebissen worden, aber auch Scott hatte es nicht vermeiden können. Seine Frau, Jennys Mutter, hatte ihn daraufhin verlassen, war nicht damit zurecht gekommen. Eine Weile waren sie alleine unterwegs gewesen, hatten sich fern von Menschen gehalten, bis Greyback sie vor etwas über einem Jahr gefunden und ins Rudel geholt hatte. Er konnte apparieren, aber nur sich selbst. Jemanden mitzunehmen schaffte er nicht. Deshalb übernahm es Severus, Isaac zu greifen, bevor er apparierte.

Sie fanden sich am Rand eines Dorfes wieder, das Severus nicht kannte. „Godric's Hollow!“, wisperte Scott entsetzt. „Hier wohnen eine Menge magischer Familien, die nicht hinter dem Lord stehen.“

Severus sah sich um, auch die Potters hatten hier gewohnt, genau wie die Longbottoms, das wusste er. Die Todesser standen in Gruppen herum. Sie formierten sich bereits um das Dorf, aber noch schien es, als wäre der Lord nicht hier. Würde er selbst kommen? Oder überließ er seinen engsten Vertrauten diesen Überfall? Hinter einem kleinen Busch kniete Severus nieder und zog den Spiegel heraus. Ein Blick herum zeigte ihm, dass niemand außer Isaac und Scott nahe genug war, um ihn zu beobachten oder gar zu belauschen. „Albus Dumbledore.“, flüsterte er hastig. Beinahe sofort erschien das Gesicht des Ordensführers im Spiegel. „Godric's Hollow, jetzt!“ Sobald er das Nicken von Albus sah, klappte er den Spiegel zu und steckte ihn ein.

Er wandte sich an Scott und Isaac. „Verwandelt euch, dann kann ich euer Fell markieren. Ich hole euch, sobald ich kann, zurück ins Rudel.“ Die beiden Älteren gehorchten, und Severus sprühte auf beide etwas von dem Spray, das er von Albus bekommen hatte. Einmal quer über jeden Rücken. Der Weißhaarige hatte Recht, es war nicht besonders auffällig, aber wenn man davon wusste, konnte man es nicht übersehen. Die Beiden fluoreszierten leicht, aber für jemand, der nichts davon wusste, sah es aus wie Blütenstaub oder ähnliches. „Gar nicht so dumm!“, kommentierte er, dann sah er seinen beiden Rudelmitgliedern in die Augen. „Passt auf euch auf und versucht, niemanden ernsthaft zu verletzen.“, mahnte er. Sie nickten knapp, dann verwandelte sich auch Severus. Es war nicht so schlimm wie früher, er spürte die Veränderung seines Körpers, hatte aber keinerlei Schmerzen. Ein wenig unangenehm war es, aber nicht annähernd das, was er bisher erlebt hatte.

Aber lange konnte er darüber nicht nachdenken, denn einer der Lestrange-Brüder – in ihrer Todesser-Kleidung konnte Severus sie nicht voneinander unterscheiden – befahl den Angriff. Nun musste er konzentriert bleiben, um keinen Verdacht zu erregen, gleichzeitig aber auch nicht Dumbledores Leuten in die Hand zu fallen. Zusätzlich schaffte er es sogar, Scott und Isaac im Auge zu behalten. Es dauerte nicht besonders lange, bis James den jüngeren der beiden Wölfe fesseln konnte. Er legte etwas auf ihn, und Isaac verschwand. Ein Portschlüssel, wie es aussah. Doch weiter konnte er nicht beobachten, denn einer der Ordensmitglieder hatte es nun auf ihn abgesehen. Midnight sprang aus der Flugbahn eines Zaubers und schlug einen Haken, dann schnellte er vor und überrannte den Zauberer regelrecht. Mit den Zähnen packte er den Zauberstab und zerbrach ihn. Zwar ließ er den Mann damit mehr oder weniger hilflos zurück, aber es musste echt wirken. Aber er biss ihn nicht. Das würde er nicht tun. Für Midnight war es kein Problem, diesen Wunsch seines Wirtes zu erfüllen. Er wollte jagen, aber keine Menschen. Ein Zauber traf ihn von hinten und er jaulte auf. Seine Rute fühlte sich taub an, aber er konnte noch laufen. Hektisch stob er herum und zur Seite, sodass der nächste Zauber ins Leere ging. Midnight schlug weiterhin Haken, achtete dabei darauf, dass wann immer möglich Todesser von dem Zauber getroffen wurden. Das klappte besser, als es Severus erhofft hätte. Vier Todesser wurden auf diese Weise ausgeschaltet. Midnight nutzte einen Moment der Ablenkung, um zu verschwinden. Zwei Wölfe wurden eben von mehreren Ordensmitgliedern gefesselt und mit einem Portschlüssel weggeschickt.

Plötzlich sah er, dass James in einen Hinterhalt geraten war. Mehrere Todesser hatten ihn eingekesselt. Keiner vom Orden war in Sichtweite, also musste Severus etwas tun. Mit Mühe verwandelte er sich zurück – immerhin war es Vollmond, der zwang ihn eigentlich in seine Wolfsform – und griff nach seinem Zauberstab, der wie immer um sein Handgelenk geschlungen war. Von hinten – ja, das war nicht die feine Art, aber so konnte er wenigstens seine Tarnung aufrecht erhalten – griff er die Todesser an und schockte drei von ihnen, bevor er in Deckung gehen musste. Den Rest schaffte James alleine. Severus verwandelte sich zurück und konnte zusehen, wie James die Todesser fesselte und mit einem Portschlüssel verschwinden ließ. Einen kurzen Moment fragte er sich, wohin, bis er entschied, dass es egal war. Er hoffte nur, dass sie Scott und Isaac tatsächlich zurück ins Rudel bringen konnten, ohne dass es auffiel.

Dummerweise hatte er, so in Gedanken versunken, zu wenig auf seine Umgebung geachtet. Einer der Dorfbewohner war offenbar in einem der Häuser in Deckung gegangen, und griff ihn nun aus dem Hinterhalt an. Sein Bein, noch immer nicht ganz verheilt von dem Kampf gegen Greyback, wurde getroffen und knickte weg. Jaulend rollte sich Midnight herum und versuchte, den nächsten Zaubern zu entkommen. Doch mit der Verletzung war es schwierig, ein weiterer Zauber traf ihn. Nicht besonders stark, aber einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Severus ahnte, diesmal schaffte er es nicht. Er hatte sich selbst in eine Position manövriert, aus der er nicht mehr herauskam. Plötzlich stellte sich jemand vor ihn und wehrte den nächsten Zauber ab. Erleichterung durchflutete Severus. Dennoch war er mehr als überrascht, als er erkannte, wer ihn da gerade verteidigte. Lucius Malfoy. War es reines Pflichtgefühl, weil sie Beide dem Lord dienten? Oder steckte mehr dahinter? Aber darauf konnte er sich jetzt nicht konzentrieren.

„Verschwinde, Wolf!“, zischte Lucius. „Der Orden ist zu zahlreich, wir sind nicht genug. Wir ziehen uns zurück, der wichtigste Teil unserer Mission ist erfüllt.“ Er warf noch etwas zu Midnight, das Severus als Portschlüssel identifizierte, dann verschwand er mit einem Plopp. Der schwarze Wolf griff mit den Zähnen nach dem Seil, dann verschwand auch er.

Nur um Sekundenbruchteile später im Salon aufzutauchen, wo der Lord bereits tobte. Offensichtlich wusste er schon, dass sie überrannt worden waren. Völlig unvorbereitet wurde Severus, oder besser Midnight, noch hatte er sich nicht zurück verwandelt, von einem Cruciatus getroffen. Der Wolf jaulte und rollte sich zusammen. Es währte nicht besonders lange, aber Midnight blieb zitternd liegen. Niemand wurde verschont, am Ende bestrafte der Lord sogar seine rechte Hand. Lucius Malfoy schrie zwar nicht, aber auch er wand sich auf dem Boden, ganz in der Nähe von Midnight. Bis der Lord ihm befahl, aufzustehen. Mühsam rappelte sich der Blonde auf und kniete schließlich vor dem tobenden Lord. „Berichte!“, forderte dieser.

„Mein Lord, Dumbledore wusste offenbar Bescheid. Er tauchte plötzlich auf und ...“, begann Lucius.

„Er tauchte plötzlich auf?“, unterbrach ihn der Lord überrascht und ein wenig nachdenklich. „Das bedeutet, er wurde erst kurz vorher informiert. Sein Spion wusste offenbar nicht von unseren Plänen, sondern konnte ihn erst kurz vor dem Überfall informieren. Das bedeutet, wir haben offenbar noch immer oder schon wieder Verräter in unseren Reihen!“ Ein weiterer Cruciatus flog in Richtung der Todesser, die sich nicht trauten, jetzt zu verschwinden. „Weiter!“, befahl er Malfoy.

„Dumbledore hatte mehr Anhänger dabei, als wir waren, sie sind gute Kämpfer.“ Er wirkte beinahe, als erwarte er einen weiteren Fluch, doch der Lord beherrschte sich mühsam, schließlich wollte er wissen, was genau passiert war, und dafür musste er seinen Anhänger sprechen lassen. „Sie haben es geschafft, mehrere der Werwölfe gefangen zu nehmen, sie verschwanden einfach, ich vermute Portschlüssel. Ich habe unseren Leuten einen strategischen Rückzug befohlen, die Wölfe soweit möglich mit Portschlüsseln ausgestattet, und bin appariert zu euch, mein Lord. Ich wollte vermeiden, dass Dumbledore weitere Gefangene machen kann und möglicherweise wichtige Informationen bekommt.“

„Und eure Aufgabe?“, zischte der Dunkle. Jetzt spitzte Severus Midnights Ohren, er konnte riechen, dass es eine Bedeutung hatte, die ein Mensch sicher nicht wahrnahm, denn der Stimme war nur Verärgerung anzumerken, die aber bereits, seit sie angekommen waren. Also würde niemand, mit Ausnahme von Lucius, der mehr zu wissen schien, Verdacht schöpfen.

Der Blonde blickte einen Moment irritiert zu seinem Lord, doch auf eine weitere Strafe konnte er heute verzichten, daher berichtete er nach einem minimalen Zögern weiter. „Ich war in der Lage, das zu bekommen, was ihr wolltet, mein Lord.“ Er reichte ihm einen kleinen Beutel. Midnight stellten sich die Nackenhaare auf, das roch nach schwärzester Magie. Severus ahnte, dass es sich um einen Horkrux handeln musste, daher versuchte er, alles aufzunehmen. Seine Gedanken rasten. Den Ring trug der Lord, der konnte es also nicht sein, doch es fühlte sich genauso an. War es der Becher oder gar das Diadem? Oder möglicherweise ein anderer? Wie viele hatte er bereits? Wo bewahrte er diesen auf? Er MUSSTE es einfach herausfinden! Vielleicht waren dort sogar noch mehr. Kam er jetzt endlich einen Schritt weiter?

„Verschwindet!“, fauchte der Lord, dem scheinbar erst jetzt auffiel, dass viele der Todesser und Werwölfe noch hier waren und das Ganze mit angesehen hatten. Severus spürte, wie ein Zauber über sie hinweg wusch. Glücklicherweise waren seine Okklumentik-Schilde oben, denn er merkte genau, dass damit das Gedächtnis der Anwesenden manipuliert werden sollte. Selbst bei Lucius Malfoy schien es zu wirken, offenbar war er gerade abgelenkt gewesen. Natürlich, sie alle überlegten, wohin sie auf die Schnelle gehen konnten.

Midnight spürte offenbar, was sein Mensch wollte. Er duckte sich noch weiter in die Schatten, verschmolz mit der Dunkelheit. Jetzt war sein nachtschwarzes Fell wirklich von Vorteil. Abwartend lag er da, ließ den Lord nicht aus den Augen, gab dabei aber keinen Laut von sich. Rasch huschten sie durch die Tür, als der Lord den Salon verließ, und folgten ihm mit etwas Entfernung. Weit mussten sie nicht gehen. Severus wurde bewusst, dass der Lord sein Arbeitszimmer betrat. Von Regulus wusste er, dass er darin die Todesser empfing, die einzeln berichten mussten. Oder die Tränke entgegennahm, die Regulus ihm bringen musste. Es war am Ende des Flures, daneben war ein Badezimmer, wie es aussah. Hatte der Raum Verbindung mit mehr als diesem Badezimmer? Severus musste es wissen. Aber vorher wartete er ab, das Ohr nahe dem Schlüsselloch in der Tür. So konnte er hören, dass der Lord nach einigen Schritten stehen blieb und zischelte. Er sprach Parsel! Etwas bewegte sich in dem Raum, als würde eine Tür geöffnet. Ein leises Klirren folgte, dann erneut dieses leise, schabende Geräusch, als ob eine Tür sich über den Boden bewegen würde. Nun wurde ein Stuhl verschoben, anschließend hörte Midnight nur noch das leise Kratzen einer Feder auf Pergament. Schritt für Schritt zog er sich zurück, und öffnete mit der Nase lautlos die Tür zum Badezimmer. Es gab nur eine Tür außer der, durch die er gerade blickte, und die führte in das Zimmer, in dem der Lord gerade war. Also war der Horkrux – Severus war sicher, dass es einer war, auch wenn er es nicht beweisen konnte – genau dort, im Arbeitszimmer. Sicherlich mit Parsel gesichert.

Severus spürte, dass der Mond unterging, die Rückverwandlung setzte ein. Doch er unterdrückte sie, wollte noch in der Gestalt von Midnight bleiben. Als Wolf wurde er sicher nicht so schnell erkannt wie als Mensch, sollte ihn nun jemand erwischen. Dennoch huschte er so schnell und so lautlos es ging zurück in den Salon. Erst, als er sicher war, alleine zu sein, verwandelte er sich zurück, dann disapparierte er.

„Sevvus!“ Begeistert stürzte sich Harry auf den Werwolf, als der vollkommen fertig im Wohnzimmer auftauchte. Der Kleine sprang seinen Paten an und warf ihn um, weil der nicht damit gerechnet hatte.

„Harry, nein!“, rief Lily, aber zu spät. Mit einem Ächzen landete Severus auf dem Boden, fing aber geistesgegenwärtig den Jungen auf, der ziemlich verdutzt aussah. Sonst war sein Pate doch auch nicht so wacklig auf den Beinen? Warum fiel er heute einfach um? Vielleicht war es ja ein Spiel?

„Schon gut.“, winkte Severus ab, als Lily mit Harry schimpfen wollte. „Mir ist nichts passiert, ich war nur nicht darauf gefasst.“

„Von wegen.“, widersprach Lily. „Du bist verletzt und offensichtlich auch mit einem verbotenen Fluch traktiert worden. Warte hier, ich hole einige Heiltränke.“ Sie verschwand eilig, kam nur eine Minute später zurück und reichte Severus einen Trank, an dem er kurz schnupperte, ihn dann einfach schluckte. Erleichtert lehnte er sich schließlich an das Sofa, noch nicht in der Lage, mitsamt dem Jungen, der es sich in seinen Armen bequem gemacht hatte, aufzustehen.

„James?“, fragte er in Lilys Richtung.

„Er ist noch nicht da, hat aber einen Patronus geschickt, dass er in Ordnung ist. Alles ist gut gegangen, aber er kümmert sich noch darum, dass alle gefangenen Werwölfe in Sicherheit gebracht werden, nachdem sie befragt sind. Albus will sie eigentlich alle einsperren, aber James ist der Meinung, vielleicht sind sie gezwungen worden, genau wie deine Wölfe, und deshalb nicht automatisch schuldig. Deshalb will er sie befragen, und da Albus scheinbar vorverurteilt, will er dafür sorgen, dass alles ordentlich zugeht. Ich meine, Albus und Moody zusammen, was soll dabei gut gehen, wenn es Werwölfe betrifft?“, schimpfte Lily.

„Merkst du was, Harry?“, wandte sich Severus mit einem leisen Schmunzeln an das Kind auf seinem Schoß. Der schüttelte den Kopf, hob eine Augenbraue in Imitation seines Paten und sah ihn neugierig an. „Leg dich nie mit deiner Mama an, Kleiner!“ Jetzt lachte auch Harry, was Severus unglaublich gut tat. Grummelnd rauschte Lily in die Küche, aber nicht, ohne ihnen einen wütenden Blick zuzuwerfen. Severus wusste genau, sie rastete nur deshalb nicht aus, weil Harry hier war. Der Kleine sollte möglichst wenig davon mitbekommen, Streit war nicht gut, fand Lily.

Eine Weile blieb Severus noch mit Harry auf dem Boden, bis der Trank seine volle Wirkung entfaltet hatte. Als Lily anfing, den Tisch zu decken, stand er auf. Er konnte nicht leugnen, Hunger zu haben. Sobald James hier war, und er selbst gegessen hatte, würde er zurück zum Rudel gehen und sehen, wie es dort aussah. Doch vorher wollte er wissen, wie der aktuelle Stand war, und außerdem von seiner Entdeckung berichten. Seine Mitstreiter sollten es wissen, sodass sie entscheiden konnten, wie es weiterging. Gerade, als er Harry in seinen Hochstuhl setzte, kam Regulus ins Zimmer. „Sev!“ Die Erleichterung war greifbar. Der angehende Tränkemeister war mit zwei langen Schritten bei Severus, schlang die Arme um seinen Partner und küsste ihn. Verlangen und Erleichterung waren deutlich spürbar.

In Severus kribbelte es wohlig, am liebsten würde er jetzt mit Regulus in ihrem Zimmer verschwinden. Er musste ohnehin noch alleine mit ihm reden. „Kommst du heute Nacht?“, wollte er daher leise wissen.

„Nur zu gerne!“, schnurrte der Jüngere ebenso leise, und ließ sein Becken kurz gegen das von Severus kreisen. Severus biss sich auf die Lippen, um ein Stöhnen zu unterdrücken, immerhin war Harry auch noch da. Jetzt, direkt nach Vollmond, war er deutlich stärker von den Wolfsinstinkten beeinflusst und geleitet, daher viel emotionaler als sonst. Jede Berührung nahm er intensiver wahr, was die Gefühle noch verstärkte.

Lily unterbrach sie mit einem deutlichen Räuspern, als sie nun die frischen Eier und Würstchen auf den Tisch stellte. Harry bekam ein Käsebrot, in den letzten Tagen hatte sich das als sein absoluter Favorit herausgestellt. Gemeinsam setzten sie sich nun an den Tisch und aßen eine Weile schweigend. Severus spürte die Blicke seines Partners auf sich, sie schienen ihn nach Verletzungen abzusuchen. „Halb so wild, Lily hat mir bereits einen Heiltrank gegeben. Der Rest braucht nur ein wenig Schlaf. Und ja, ich werde nach dem Frühstück ins Rudel gehen und mich hinlegen, sobald es mir möglich ist.“, winkte er ab und schob die offensichtlichen Bedenken beiseite.

Regulus grinste, sein Freund kannte ihn nur zu gut. Da aber gerade James auftauchte, wurde er einer Antwort enthoben. Der Braunhaarige nickte ihnen kurz zu, auch seine Augen schienen nach Verletzungen bei Severus zu suchen. Der wirkte inzwischen genervt. „Ihr wisst, was ich bin. Ich heile schon, also keine Angst.“, knurrte er. „Und da Lily mir bereits einen entsprechenden Trank gegeben hat, sollte es bis heute Abend oder spätestens morgen früh vorbei sein. Erzähl lieber, was ihr rausgefunden habt und was los ist, James.“

„Deine beiden Wölfe, Severus, sind bereits im Leuchtturm.“, verriet James. „Ich habe sie hingebracht, sobald sie zurück verwandelt waren. Ich konnte durchsetzen, dass sie nicht befragt werden, da du für sie bürgst. Die anderen haben wir unter Veritaserum befragt. Es waren zehn gefangene Werwölfe, zwei sind die aus deinem Rudel. Von den anderen acht waren sechs gezwungen worden, sie sind froh, dass sie nicht zurück müssen. Die letzten zwei sind in die Kerker gesperrt worden, weil sie erstens freiwillig mitmachten, zweitens Spaß am Quälen und Töten hatten. Gerade bei diesen sind wir froh, sie aus dem Verkehr gezogen zu haben. Ich hoffe nur, der Dunkle rastet nicht so aus deswegen. Albus hat bereits einen der Spione mit entsprechenden Informationen ausgestattet, sodass du nicht in Bedrängnis geraten solltest, Severus.“

„Danke.“, nickte Severus. „Wo habt ihr die sechs Werwölfe hingebracht, die gezwungen wurden?“

„Für den Moment sind sie in Gewahrsam, aber es wird ihnen gut gehen.“, beruhigte James. „Die Prewetts haben sie zu sich genommen, sie haben Platz und sind aufgeschlossen, ihnen gegenüber jedenfalls.“

„Gut, denn bei Ellen bringen wir sie einfach nicht mehr unter.“, atmete Severus auf. Auch, wenn sie nicht zu seinem Rudel zählten, sie waren doch irgendwie genau wie er. Er machte sich Sorgen um sie, fühlte sich in gewisser Weise verantwortlich. „Wurde jemand verletzt?“

„Nichts Tragisches, ein paar Schrammen oder so.“, winkte James ab. „Poppy und Smethwyck haben sich gekümmert. Es wird keine bleibenden Schäden geben.“

Da fiel Severus etwas ein. „Weiß er schon …?“

„Ja, er lässt ausrichten, dass er froh ist, etwas gehört zu haben. Er ist sehr dankbar.“, lächelte James. „Diese Information hat ihm und seinem Bruder neue Hoffnung gegeben.“

„Ich habe noch etwas.“, verriet Severus und berichtete, nach einem kurzen Blick auf Harry, der mit einem Buch beschäftigt war und nicht zuhörte, was er herausgefunden hatte. James' Augen weiteten sich immer mehr, bis sie beinahe so schwarz wie die von Severus waren, während er zuhörte. „Ich bin nicht hundertprozentig sicher, ob es ein Horkrux war, aber es fühlte sich genauso an, wie das Medaillon.“, endete Severus.

„Das bedeutet, der Dunkle hat dieses Ding in seinem Arbeitszimmer versteckt und in Parsel gesichert?“, fasste James zusammen.

„Das ist es, was ich vermute. Dieses Zimmer ist an zwei Außenwänden, auf einer Seite ist ein Bad, das nur in den Flur führt, auf der letzten Seite der Flur, also müsste er da drin sein.“, stimmte Severus zu. „Wir werden so leicht nicht daran kommen, aber wir wissen auch nicht, was genau in dem Beutel war.“

„Ja, aber es hilft uns dennoch.“, versuchte Lily, ihnen Mut zu machen. „Immerhin wissen wir, dass er mindestens einen bei sich hat.“

„Zwei.“, entgegnete Severus. „Den Ring trug er heute wieder.“

„Wisst ihr, was ich glaube?“, überlegte James. „Ein Horkrux, und zwar der, den sie heute geholt haben, war im Haus der Longbottoms.“ Er strich über Lilys Arm, die zusammen zuckte, als er den Namen nannte. „Der Angriff schien auf den ersten Blick Godric's Hollow zu gelten, aber das einzige Gebäude, in das Todesser eindrangen, war das leerstehende Haus, das den Longbottoms gehörte. Möglicherweise hat er den Horkrux geschaffen, als er sie umbrachte. Das würde auch zu Albus' Theorie passen, dass er bedeutende Morde dafür nutzt. Immerhin traf diese Prophezeiung auf Nev zu.“ Jetzt schlang er seine Arme um Lily, die aufschluchzte.

„Mama?“, fragte Harry erschrocken, als er den Ausbruch von Lily registrierte.

Severus half ihm aus dem Hochstuhl und hielt ihn fest. „Deine Mama ist traurig, weil ihr Patenkind leider nicht mehr lebt.“, erklärte er dem Kleinen. „Weißt du, Harry, manchmal müssen Menschen sterben, auch wenn sie noch nicht alt sind. Und das macht ihre Freunde und Familien immer sehr traurig. Deshalb weint deine Mama jetzt, weil das bei ihrer besten Freundin und ihrem Patenkind passiert ist.“

„Hawwy auch tlaulig.“, schniefte der Kleine. Zwar verstand er nicht genau, was Severus ihm erklärte, aber er spürte deutlich die Stimmung im Raum.

Lily kniete sich zu ihm. Sie bemühte sich, ein Lächeln zustande zu bringen. „Das musst du nicht, mein Großer.“, murmelte sie. „Du machst mich wieder fröhlich, aber manchmal bin ich eben traurig. Aber deswegen musst du nicht auch noch traurig sein.“

„Mama nicht tlaulig?“

Die Rothaarige musste kurz auflachen. „Doch, ich bin immer noch traurig, Harry, aber das ist ganz in Ordnung. Dank dir kann ich trotzdem wieder lachen. Ich hab dich lieb, mein Engel!“, meinte sie und küsste Harry auf die Stirn.

„Hawwy Mama auch lieb!“, versicherte der Kleine und gab ihr einen Schmatzer auf die Wange.

„Danke, Harry!“, lächelte Lily und hob ihn hoch. „Na dann komm, anziehen.“

Doch Harry wollte bei Severus bleiben und protestierte lautstark. „Harry, ich muss zurück zu meinem Rudel.“, erklärte Severus. „Ich komme, wenn ich Zeit habe, und besuche dich, in Ordnung?“ Wie auch immer er das noch unterbringen sollte, aber Harry war ihm wichtig, er wollte ihn unter keinen Umständen vernachlässigen.

„Nich' suchen, da bleiben!“, forderte Harry.

„Sobald ich kann, mein Kleiner. Versprochen!“ Auch Severus küsste ihn nun auf die Stirn. Egal wie, er würde das schon schaffen. „Sei brav!“ Er küsste auch Regulus noch einmal, wenn auch deutlich intensiver, dann disapparierte er. Regulus würde heute Abend kommen, dessen war er sicher. Egal, was morgen war.

Im Leuchtturm warteten bereits Isaac und Scott auf ihn. Sie bedankten sich, es hatte alles wunderbar geklappt. Die restlichen Werwölfe schliefen, sie hatten die Nacht auf der Halbinsel verbracht. Zwar war das etwas beengt, aber anders ging es nicht. Aaron berichtete kurz, dass alles in Ordnung war, die neuen Mitglieder hatten sich gut integriert, dann zog auch er sich in das Zimmer zurück, das er jetzt mit Leo teilte. Isaac, Scott und Severus gingen nun auch schlafen. Die Tage vor und nach Vollmond waren zumeist sehr ruhig im Rudel. Selbst jetzt, mit den neuen Mitgliedern, schien das zuzutreffen. Severus ahnte, dass es möglicherweise vor allem unter den Jugendlichen einige Rangkämpfe gegeben hatte. Die Erwachsenen reagierten meist deutlich umsichtiger, agierten mit ihrer menschlichen Seite, während die Jugendlichen eher an den Zustand erinnerten, den Severus noch vor kurzem als einzige Möglichkeit kannte. Aber jetzt war alles anders. Nicht nur er selbst hatte sich verändert. Diese Veränderungen erschlugen ihn regelrecht, als er in sein Bett kroch. Die letzten Tage waren mehr als anstrengend gewesen, dazu dann noch die Verletzungen, kurzum, er schlief, noch bevor er richtig lag.

Erst, als der Geruch von gebratenem Fleisch und gedünstetem Gemüse seine Nase kitzelte, erwachten seine Lebensgeister langsam wieder. Immer noch geschafft kroch er aus seinem Bett und wankte ins Bad, wo ihm Leo entgegenkam, der scheinbar auch gerade geduscht hatte. Der rothaarige Mann mit den blau-grauen Augen – entgegen anders lautender Gerüchte hatten nicht alle Werwölfe bernsteinfarbene Augen – wirkte deutlich wacher, als sich Severus fühlte. „Alpha.“, grüßte er respektvoll und hielt die Badtür auf. Dankbar verschanzte sich Severus im Bad und ließ sich vom Wasser die restliche Müdigkeit vertreiben. Wenigstens für eine Weile.

Zum Essen trafen sie sich wenig später alle im Wohnzimmer an der langen Tafel. Erleichtert sah Severus, dass sie alle unverletzt waren. Sie alle schienen müde, geschafft, aber wenigstens brauchten sie keinen Heiler. Ellen war sogar noch blasser als sonst, griff kaum zu beim Essen. Sie wirkte regelrecht krank, fand Severus. Als sie merkte, dass sein Blick auf ihr ruhte, sah sie auf und schüttelte nur den Kopf. Daher sprach Severus sie nicht an, aber er nahm sich vor, mit ihr zu reden, unter vier Augen. Auch Cathy wirkte vollkommen fertig, die Schwangerschaft machte ihr gerade an Vollmond zu schaffen. Offenbar war das Ungeborene bereits jetzt ein Werwolf, zumindest war Cathy sicher, dass sich auch das Baby in ihrem Bauch verwandelte. Für Mary war das noch nicht so tragisch, das würde aber in den nächsten Monaten noch zunehmen, sollte ihr Baby ein geborener Werwolf sein. Leo und Aaron berichteten, dass die Jugendlichen eine erstaunlich ruhige Nacht hinter sich gebracht hatten. Sie waren mehr damit beschäftigt gewesen, das Meer mit ihren Wolfssinnen zu erkunden, als dass sie an der Rangordnung gearbeitet hätten. Was nicht war, konnte aber noch werden, der nächste Vollmond sah sicher anders aus. Zwar hatten sie im Rudel ihren eigenen Platz, aber zumeist fochten auch die Jugendlichen in einem Rudel ihre Kämpfe aus, hatten eine eigene Rangordnung. Und die erwachsenen Werwölfe akzeptierten diese meist auch. Mit Erreichen der Volljährigkeit mussten sie sich dann bei den erwachsenen Wölfen integrieren. Das war in allen Rudeln gleich, so steuerten es die Instinkte der Werwölfe. Normalerweise war der stellvertretende Leitwolf auch derjenige, der die Welpen im Auge behielt, zusätzlich zu ihren Eltern. Vor allem, wenn wie hier nicht alle Eltern anwesend waren. Auch das war leider häufiger, da viele Kinder und Jugendliche, die gebissen wurden, keinen Rückhalt mehr in ihren Familien hatten und verstoßen wurden. Oder aber die Eltern waren überfordert und dankbar, wenn ihre Kinder in einem Rudel aufgenommen wurden.

Ansonsten wurde heute eher wenig gesprochen, alle waren müde und würden bald wieder schlafen gehen. Allerdings fiel nicht nur Severus auf, dass Zoé ihm hasserfüllte Blicke zuwarf. Sie rebellierte nicht mehr offen, seit Severus sie zurechtgewiesen hatte, aber er war sich bewusst, dass es noch lange nicht vorbei war. Die Jugendliche hasste ihn mindestens ebenso sehr, wie sie Greyback geliebt hatte. Doch für diesen Tag ignorierte Severus es, er wollte einfach nur schlafen, fühlte sich vollkommen erschöpft. Er fiel regelrecht ins Bett und schlief, noch bevor er richtig lag. Irgendwann realisierte er, dass er nicht mehr alleine war und schmiegte sich an seinen Partner. Seinen Gefährten. Tief in sich drin spürte er, dass es stimmte. Aber erst einmal wurde er nicht richtig wach, sondern legte nur seinen Kopf an Regulus' Schulter, schlief einfach weiter. Er sah nicht das leise Schmunzeln des Jüngeren, und das glückliche Lächeln, als auch Regulus einschlief, die Arme fest um Severus geschlungen.

Am Morgen wurde Severus wach und lächelte, als er erkannte, dass Regulus noch immer neben ihm lag. Die blauen Augen blickten ihn warm an. „Ich liebe dich!“, murmelte der Jüngere.

„Reg, ich muss mit dir reden.“ Ungewohnt ernst blickte Severus seinen Freund an.

„Was ist los?“ Regulus stützte sich auf seinen Ellbogen und sah erschrocken zu Severus. Er hatte keine Ahnung, worum es gehen könnte.

„Ich … du ...“ Severus brach ab und atmete tief durch, suchte nach den richtigen Worten.

„Was denn? Einfach raus damit, du hast doch nichts ausgefressen, oder?“, stichelte Regulus.

„Nein. Das nicht. Aber ich habe eine Vermutung, das heißt, eigentlich hat Ellen mich endgültig darauf gebracht.“, holte Severus aus. „Sie meinte, du bist mein … mein Gefährte.“ Jetzt war es raus. Seine dunklen Augen fixierten Regulus, ließen sich keine Regung entgehen.

Regulus' Augen weiteten sich in Erstaunen. Gefühle flackerten kurz in seinem Gesicht auf, so schnell, dass Severus sie nicht alle erfassen konnte. Doch mehr und mehr wurde klar, dass Regulus Freude ausstrahlte. Seine Augen leuchteten und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. „Wirklich?“, versicherte er sich leise, heiser. Er räusperte sich. „Ist das dein Ernst? Ich bin wirklich dein Gefährte?“

„Ich denke schon. Es fühlt sich so an. Ellen ist sicher, sie hat eine Menge Erfahrung darin.“, erklärte Severus.

„Und du? Bist du sicher?“

Severus hörte in sich hinein. „Ja, ich bin sicher.“, lächelte er.

„Dann binde mich an dich.“, bat Regulus. „Ich liebe dich so sehr, ich will nie wieder von dir getrennt sein. Ich will dich spüren, auch wenn wir nicht beieinander sein können. Ich will ein Teil von dir sein.“

Ein Feuer wallte in Severus auf, diese Worte heizten ihm ein. Seine Instinkte übernahmen und er legte sich über Regulus, verwickelte ihn in einen intensiven, verlangenden Kuss. Zum ersten Mal überhaupt übernahm er den aktiven Part, aber aufgrund seiner Instinkte wusste er genau, was er tun musste. Er ließ sich Zeit, sehr viel Zeit, wollte dieses Erlebnis unvergesslich machen. Regulus genoss es stöhnend, verlangte immer nur nach mehr, bis Severus' Magie sie nach unendlich scheinenden Stunden schließlich verband, für immer. Schwer atmend sank Severus zurück in das Bett, legte sich neben Regulus und zog ihn in die Arme. „Ich liebe dich.“, wisperte er.

Regulus lächelte träumerisch, sie konnten nun gegenseitig ihre Gefühle wahrnehmen. Für den Moment war alles außerhalb ihres Bettes unwichtig, sie gaben sich ganz diesem neuen Gefühl hin. Selten hatten sie so viel Zeit füreinander, nur zu zweit. In wenigen Stunden musste Regulus wieder bei seinem Meister sein, und Severus würde zum ersten Mal die Jugendlichen im Rudel unterrichten. Dennoch war an Schlaf gerade nicht zu denken, sie waren viel zu aufgewühlt. Liebevoll streichelten sie einander, liebkosten sich immer wieder. Kaum ein Wort war nötig, sie verstanden sich auch so. Sie lagen eng aneinander geschmiegt, um so viel Hautkontakt wie möglich zu halten. Die Gefahr, in die sie sich begaben – begeben mussten – wurde immer größer, sie wussten nie, ob sie einander wiedersahen. Sie würden nicht aufgeben, aber solche Momente waren unglaublich wichtig, um nicht aufzugeben. Diese Nacht erweckte nicht nur intensive Gefühle in den Gefährten, sondern vor allem neue Hoffnung.

Am nächsten Morgen – sie hatten sich den ganzen Tag und die Nacht Zeit füreinander genommen, und keiner der Beiden hatte geschlafen, um jeden Moment genießen zu können – standen sie sehr früh auf, um sich mit Albus und James zu treffen. Sie wollten kurz durchsprechen, was sie wussten, möglicherweise eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen könnte. Severus erzählte, was er entdeckt hatte.

„Hmm.“, überlegte Albus. „Im Moment hilft uns das nicht weiter. Zumindest wissen wir nun etwas mehr. Aber an die Horkruxe, die Voldemort bei sich hat, kommen wir derzeit nicht heran. Auch wenn ich froh bin, dass wir nun wissen, wo wir nach diesen Horkruxen suchen müssen. Ich schlage vor, wir versuchen weiterhin, die Pläne Voldemorts zu durchkreuzen und konzentrieren uns auf die Suche nach den Horkruxen. Lily und du, James, ihr kümmert euch um die Bücher. Allerdings wäre ich dankbar, wenn du, James, mit den Ordensmitgliedern trainierst, denn sie müssen so gut wie möglich vorbereitet werden, wenn sie gegen die Todesser kämpfen. Severus, versuche, noch mehr Werwölfe auf deine Seite zu holen, denn jeder, der Voldemort nicht unterstützt, hilft uns. Selbst, wenn er nicht auf unserer Seite kämpft. Regulus, jede Information, die du uns liefern kannst, hilft uns ebenfalls.“ Der Weißhaarige unterbrach sich und lächelte mit einem Mal. „Wisst ihr, wie froh ich bin, euch auf meiner Seite zu haben? Nie hätte ich das erwartet, aber ihr seid wirklich wie ein Geschenk. Ohne euch wäre ich noch lange nicht an diesem Punkt. Ohne euch gäbe es nur noch wenig Hoffnung für die englische Zauberwelt.“

Diese Worte gaben auch Severus neue Hoffnung. Egal, wie verfahren es im Moment schien, sie würden nicht aufgeben. Gemeinsam würden sie es schaffen. Und wenn es noch Jahre dauerte. Für Harry, für Lilys ungeborenes Baby, für Marys und Cathys Babys. Für sie alle. Severus wusste, noch fühlte sich Regulus nicht bereit für Nachwuchs. Aber er hatte es nicht ausgeschlossen. So wie er selbst auch. Lange Jahre hatte er Kinder abgelehnt, weil es seiner kleinen Schwester nicht vergönnt gewesen war, mehr als ein paar Monate zu erleben. Inzwischen hatte er gelernt, dass Suavitas Schicksal nicht bedeuten musste, er durfte Kinder nicht lieben. Im Gegenteil. Seine kleine Schwester würde sich bestimmt freuen, wenn er wieder Hoffnung hatte, wenn er Harry liebte und irgendwann vielleicht selbst Kinder hatte. Kleine Nichten oder Neffen für sie. Diese Gedanken ließen Severus lächeln.

„Dafür kämpfe ich!“, murmelte Regulus und lächelte ebenfalls. „Dafür, dass du immer so glücklich lächeln kannst. Ich liebe dich!“

Severus zog ihn an sich und küsste ihn. „Pass auf dich auf, versprich mir das.“

Regulus nickte. „Das werde ich. Du aber auch.“ Sie küssten sich erneut, besiegelten so ihr Versprechen. James schmunzelte nur, inzwischen hatte er sich an den Anblick gewöhnt. Albus hingegen staunte, er hatte nichts davon geahnt. Und doch freute er sich für sie. Solche Momente des Glücks und der Liebe ließen ihn weiterhin kämpfen, auch wenn es aussah, als würde es nie enden.

Der Morgen schritt voran, und Regulus musste gehen. Seufzend und widerwillig verabschiedeten sie sich voneinander, dann disapparierte der Jüngere direkt aus dem Zimmer. Severus ging in die Küche und frühstückte mit Leo, Aaron und Ellen, die sich zu ihnen gesellte. Sie wollte noch einige Dinge mit Severus besprechen, bevor dieser sich um den Unterricht der Jugendlichen kümmerte. Nicht alle von ihnen waren magisch, aber mit diesen würde er verschiedene Zauber üben. In Gedanken ging er die Einheiten mit James, Regulus und Lily durch, um zu entscheiden, womit er heute beginnen würde.

„Severus?“ Ellens fragende Stimme riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. Er sah auf und hob fragend eine Augenbraue. „Ich sagte eben, achte auf Zoé, ich bin ziemlich sicher, sie ist noch lange nicht darüber hinweg. Jenny sagte mir, sie spricht im Schlaf und fragt nach Fenrir, wo er ist. Auch wenn sie sich derzeit ruhig verhält, ich denke nicht, dass es bereits zu Ende ist. Im Gegenteil, es scheint mir die Ruhe vor dem Sturm zu sein.“

„Ich denke, genau wie du, dass Fenrir wohl tatsächlich ihr Vater war. Natürlich ist sie jetzt wütend auf mich.“, erwiderte Severus. „Ich verstehe sie sogar. Ich habe ihren Vater getötet, wenn unsere Vermutungen stimmen. Selbst wenn nicht, er war ein Vertrauter für sie.“ So genau wussten sie nicht, ob Fenrir tatsächlich Zoés Vater war, auch wenn alles dafür sprach. Sie hatten bereits vorhin zum wiederholten Mal darüber diskutiert. „Egal, wie die Umstände waren, für sie ist das ein Drama. Ihr gegenüber hat er sich schließlich immer liebevoll und aufmerksam verhalten. Versteht mich nicht falsch, ich bereue meine Entscheidung nicht, es war richtig, Jenny zu schützen, aber ich wünschte, ich hätte eine andere Lösung gefunden.“ Severus vergrub sein Gesicht einen Moment in den Händen, dieser Kampf beschäftigte ihn noch immer sehr.

„Es gab keine andere Lösung.“, schüttelte Aaron den Kopf. „Du weißt, ich bin schon seit fünfzehn Jahren der Beta unter Fenrir gewesen, war vorher bereits Beta unter Elliot, dem vorherigen Alpha. Es gab vereinzelte Kämpfe in diesen fünfzehn Jahren, aber er hat sie alle gewonnen. Für ihn ging ein Kampf immer, wirklich immer, um Leben und Tod. Er hätte niemals aufgegeben. Höchstens, um dich in die Falle zu locken. Sobald du ihm den Rücken zugewandt hättest, wäre er dich angegangen. Dann wärst du getötet worden. Du hast alles richtig gemacht in diesem Kampf. Ja, auch ich verstehe Zoé, natürlich ist sie wütend, aber sie wird es akzeptieren müssen.“

„Aber das wird nicht leicht.“, gab Leo zu bedenken. „Sie ist noch so jung, in diesem Alter handelt eher das Gefühl als der Verstand.“ Er sah Severus an. „Du machst dir Vorwürfe. Es ist verständlich, immerhin hast du einen Menschen getötet. Aber ich versichere dir, du hast dennoch keine Schuld auf dich geladen. Du hast ein junges Mädchen geschützt, und am Ende auch dich selbst und uns alle. Das läuft unter Nothilfe und Notwehr. Mir ist klar, das macht es nicht leichter für dich, aber versuche, dir selbst zu vergeben.“

Severus schenkte dem Älteren ein dankbares Lächeln. Im Moment konnte er sich nicht vergeben, aber Leos Worte hatten ihm gut getan. Eine Weile frühstückten sie in Ruhe, dann ging Severus nach oben. Die letzten Tage hatten Sarah, Eleanor und Leo die Kinder und Jugendlichen unterrichtet, aber heute kamen alle, die eine magische Begabung hatten, zu ihm. James trainierte mit dem Orden, konnte daher nicht genug Zeit erübrigen. Mit einigen Zaubern richtete er den Unterrichtsraum so her, wie er meinte, ihn zu brauchen. Federn und Kissen für Schwebe- und Aufrufezauber, einige Becher und andere Dinge für Verwandlungen. Mehr würden sie heute wohl nicht brauchen, immerhin plante er, zunächst zu testen, was die Jugendlichen bereits konnten. John und Paul waren die ersten Schüler, die hereinkamen. Ihnen folgten die Zwillinge Lara und Leonie mit ihrem Bruder Liam. Sie hatten sich erstaunlich schnell im Rudel eingelebt. Scott und Isaac schlossen sich ihnen an, auch wenn sie erwachsen waren, fehlte ihnen viel von der magischen Ausbildung. Sie brachten Luke mit, der mit seinen sieben Jahren zwar eigentlich noch sehr jung war, doch auch er hatte unter Fenrir bereits vor etwa einem Jahr einen Zauberstab bekommen und einige Dinge gelernt. Es konnte nicht schaden, und da alle Zauberstäbe nicht registriert waren, konnten sie ungehindert zaubern.

Als die Jugendlichen hereinkamen, stichelten sie ziemlich untereinander. Es gab ein heftiges Gerangel und wurde laut, weil gerade die älteren, männlichen Schüler versuchten, ihre Rangordnung auch jetzt zu verändern. Als sie nicht aufhörten, pfiff Severus schrill auf seinen Fingern und befahl ihnen dann, sich endlich zu setzen. Murrend folgten sie dem eindeutigen Befehl des Alpha. „Guten Morgen!“, begrüßte Severus seine Klasse, als alle saßen. Er ließ sich nicht anmerken, wie geladen er gerade eben noch gewesen war. Er erwartete Disziplin im Unterricht und versuchte, das auch vorzuleben. „Heute würde ich gerne einen Überblick bekommen, was ihr bereits gelernt habt. Ich habe einige Zauber aufgelistet“, er deutete auf die Tafel hinter sich, „die ich gerne von euch sehen will. Vermutlich werde ich euch anschließend in Gruppen einteilen, um den unterschiedlichen Wissensstand zu berücksichtigen.“

Er beobachtete, wie sich alle darüber machten, die geforderten Zauber zu wirken. Mit unterschiedlichsten Ergebnissen. Gerade Luke hatte deutliche Schwierigkeiten mit vielen Zaubern. Severus setzte sich einen Moment zu ihm. „Was hast du bei Fenrir gelernt, Luke?“, wollte er leise wissen. Der Junge zählte es auf und führte die Zauber aus. „Ah, ich verstehe.“ Jetzt lächelte Severus beruhigend. „Er hat dir schwarz-magische Zauber beigebracht, diese hier sind weiß-magisch. Ich werde das gleich allen erklären, was der Unterschied ist.“ Interessiert setzte sich Luke an seinen Tisch und wartete, bis Severus vorne stand und alle sich setzten. „Gut. Ich habe erfahren, dass ihr viele schwarz-magische Zauber gelernt habt. Wer von euch kennt die Unterschiede zwischen schwarzer und weißer Magie?“

„Also, das ist doch einfach.“, kam es von der Treppe.

„Zoé!“, erkannte Severus. Einladend winkte er ihr zu und deutete auf einen Stuhl. „Komm, setz dich und erkläre es.“

Die Jugendliche blieb an der Treppe stehen. „Für uns Werwölfe ist schwarze Magie natürlicher, denn fast alle magischen Wesen haben mehr schwarze Magie in sich. Weiße Magie ist schwach, aber diejenigen, die keine schwarze Magie in sich tragen, verteufeln sie, weil sie Angst davor haben.“

„Das ist teilweise richtig.“, nickte Severus ihr zu. Es war eindeutig, dass Fenrir ihr Lehrer gewesen war, aber er wollte Zoé nicht vorverurteilen. Immerhin kannte sie es nicht anders, vielleicht lernte sie noch, eine neutrale Beurteilung zuzulassen. „Aber das ist nicht alles. Die meisten Zauberer und Hexen, egal ob sie ein magisches Wesen sind oder nicht, können beide Arten wirken. Je nachdem, was sie in sich tragen, fällt ihnen das Eine oder Andere sicher leichter, aber mit etwas Übung bekommt man normalerweise beides hin. Weiße Magie braucht weniger Kontrolle, das bedeutet, sie ist gerade für Anfänger leichter zu erlernen. Es ist fast immer egal, wie viel oder wenig seiner Magie man hineinsteckt. Bei schwarzer Magie hingegen spielt es eine entscheidende Rolle, wie gut man seine Magie dosieren kann. Das ist der Grund, warum man sagt, schwarze Magie sei schwerer. Man muss konzentrierter sein, seine eigene Magie gut kennen. Wenn das der Fall ist, kann man beide Arten der Magie ohne Probleme nutzen. Kennt man seine Magie hingegen noch nicht, sollte man mit der weißen Magie beginnen, einfach, weil man damit viel schneller zu einem Ziel kommt.“

„Das mag ja für die meisten Zauberer und Hexen stimmen, aber wir als Werwölfe können schwarze Magie ohne Probleme nutzen.“, widersprach Zoé. Man merkte ihr an, sie wollte bewusst provozieren.

„Als Werwölfe ist es für uns leichter, da die Meisten von uns tatsächlich mehr schwarze Magie in uns tragen, aber dennoch müssen auch wir die Magie genau dosieren.“, erklärte Severus, noch immer ruhig. „Ich möchte, dass ihr immer zu zweit oder zu dritt zusammen geht und die angeschriebenen Zauber gemeinsam übt. Liam, Scott, John, ihr scheint sie am besten zu können. Sucht euch immer einen oder zwei von den anderen, und übt diese Zauber mit ihnen. Macht euch Notizen zu den Zaubern, was ihr beachten müsst, welche Zauberstabbewegung und welche Formel notwendig sind. Ich gehe herum, solltet ihr Fragen haben, dann nur zu.“

„Und warum soll ich jetzt zu den schlechteren?“, knurrte Zoé.

„Bisher habe ich noch nicht gesehen, ob du sie beherrschst oder nicht.“, zuckte Severus die Schultern. Er ließ sich nicht provozieren, auch wenn Zoé es darauf anlegte.

„Du willst dich hier doch nur aufspielen, hältst dich für was Besseres!“, fauchte Zoé. „Aber eigentlich bist du nichts Besseres, sondern ein Mörder! Ein mieses Schwein, du hast einfach so Fenrir umgebracht! Er war der beste Alpha, den wir haben konnten, aber dein beschissener Egoismus hat das ja nicht akzeptieren können, deshalb hast du ihn einfach umgebracht! Du feiger Mörder!“ Wütend stand sie vor ihm, atmete heftig und ihre Augen funkelten vor Zorn. Ihre Stimme überschlug sich am Ende in Hysterie.

„Zoé, es reicht!“, brummte Scott. Er war ein sehr ruhiger und gutmütiger Mann, der Severus ab und zu an Remus Lupin erinnerte, weil er so harmoniebedürftig war. „Ich weiß, dass Fenrir dir viel bedeutet hat, aber er war dabei, meine Tochter zu missbrauchen. Severus hat richtig gehandelt, auch wenn die Folgen für dich drastisch sind. Aber du kennst die Regeln im Rudel. Gerade der Alpha wird immer wieder herausgefordert. Und du kennst auch Fenrir. Er hat immer auf Leben und Tod gekämpft, Severus hatte keine andere Möglichkeit.“

„Ach nein?“, antwortete Zoé schnippisch. „Bevor er kam, war alles in Ordnung.“

„Nein, war es nicht.“, schüttelte Leo den Kopf. „Zoé, ich lebe schon viele Jahre im Rudel. Auch, wenn ich nicht alles weiß, was vorging, so weiß ich genug, um froh zu sein, dass Fenrir nicht mehr der Alpha ist. Es sind viele Dinge passiert, die nie hätten passieren dürfen. Es gibt wohl keinen im Rudel, der nicht eine Menge zu verarbeiten hat. Einige von uns sind wirklich traumatisiert und bräuchten eigentlich professionelle Hilfe. Es tut mir leid, dass du einen Vertrauten verloren hast, aber er war für dich etwas vollkommen anderes als für uns.“

„Ihr habt doch alle keine Ahnung!“, schrie Zoé. „Mein Dad hat mich geliebt, er hat alles für mich getan!“ Schneller, als alle schauen konnten, riss sie ein Messer aus ihrem Stiefel und stach damit auf Severus ein. Mit voller Wucht traf der scharfe Stahl auf Severus' Schulter, glitt bis zum Heft hinein. Es war ein Fleischmesser aus einer der Küchen und steckte daher wohl ziemlich tief in Severus. Er spürte den Schmerz kaum, es fühlte sich eher heiß an. Niemand war nahe genug, um eingreifen zu können, doch Isaacs Zauber schleuderte Zoé wenigstens von Severus weg. Ihr Schimpfen unterband er allerdings nicht.

Aufkeuchend stolperte Severus zurück und ging in die Knie, presste beide Hände auf die Wunde, um zu verhindern, dass sich das Messer bewegte. „Nicht!“, bat er, als Isaac ausholte, um sie zu schlagen. Seine Stimme klang angestrengt und schmerzhaft verzerrt. „Zimmerarrest. Sie soll nachdenken, was das bedeutet. Ob sie wirklich zur Mörderin werden will.“

Scott stützte Severus, der schwankte, während Isaac grimmig nach der 16-jährigen griff und sie mit festem Griff nach unten brachte. So richtig bekam Severus nicht mehr mit, wie Scott ihn eine Etage tiefer in eines der Krankenzimmer brachte. Luke lief nach unten, um Ellen zu holen, damit Severus versorgt werden konnte. Der Alpha bekam inzwischen kaum noch Luft und hustete Blut.

„Die Lunge ist getroffen.“ Entsetzt starrte Ellen ihn an. „Ich kann hier kaum etwas tun, er muss in ein Krankenhaus und operiert werden!“

„Was ist los?“ Ellen und Scott fuhren herum, als sie die Stimme erkannten. Regulus hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte, und war sofort zu Severus appariert. Als Gefährte konnte er deutlich spüren, wohin er musste, die Bindung war eine Art Leitwerk. Irritierenderweise war es genau wie beim Mal, aber darüber wollte Regulus sicher nicht weiter nachdenken.

„Er wurde mit einem Messer getroffen, aber ich kann es nicht entfernen, ohne ihn weiter zu gefährden!“, berichtete Ellen.

Regulus hob seinen Zauberstab. „Expecto Patronum.“ Nichts. „Verdammt!“, fluchte er zitternd. Sein Blick fiel erneut auf seinen Gefährten, der gerade ein weiteres Mal Blut hustete. Er sah fürchterlich aus, das Gesicht schneeweiß, die Lippen und der Bereich um die Nase herum bläulich angelaufen, überall kleine Blutspritzer. Regulus schaffte es nicht, eine glückliche Erinnerung abzurufen, konnte somit auch keinen Patronus erschaffen. „Ich muss Poppy holen, sie ist Heilerin!“, wusste er. „Aber wie? Verdammt, Regulus, denk nach!“ Völlig kopflos rannte er umher, versuchte, endlich eine Entscheidung zu treffen. Noch immer blutete die Wunde an Severus' Schulter stark, er war nicht sicher, wie viel Blut Severus bereits verloren hatte. Ellen versuchte, einen Verband anzulegen, aber mit dem Messer in der Wunde klappte es nicht so richtig. „Nein, bitte, Sev, halte durch!“, schluchzte Regulus auf.

Ellen stellte sich direkt vor ihn, blockierte seinen Blick auf Severus. „Stopp!“, wies sie ihn an. „Beruhige dich, sonst kannst du ihm nicht helfen. Was hast du eben versucht?“

„Einen Patronus.“, wisperte Regulus. „Aber ich schaffe es nicht. Er kann Nachrichten übermitteln.“

„Du meinst, telefonieren?“, riet die Ärztin.

Regulus' Augen weiteten sich. „Das ist es, danke!“ Er riss den Spiegel aus seiner Tasche. „Albus!“, schrie er. Es dauerte nur wenige Sekunden, aber selbst die erschienen ihm wie Stunden, da erschien das Gesicht des Weißhaarigen. „Ich brauche Poppy im Leuchtturm. Schnell!“, sprudelte es aus Regulus heraus. „James kann sie herbringen, aber wenn es nicht sofort passiert, verblutet Sev!“

Albus nickte nur, dann klappte er den Spiegel zu. Weinend setzte sich Regulus zu seinem Gefährten, strich ihm über die Wange. Mühsam öffnete Severus seine Augen. „Nich' weinen.“, bat er. „Du … musst … weiter … machen. Versprechen.“

„Sev, bleib bei mir.“, flehte Regulus. „Verlass mich nicht!“

„Bin da.“, gurgelte Severus. „Kämpfe … weiter … wenn … ich nicht … kann.“

„Du wirst es schaffen.“, versprach Scott. „Du bist ein Kämpfer. Halte noch ein bisschen durch, bis die Heilerin kommt. Für Regulus.“

„Reg.“, hauchte Severus.

Der setzte sich einfach auf das Bett, zog Severus vorsichtig in seine Arme. „Ich bin da. Ich liebe dich.“ Severus hustete angestrengt, spuckte erneut helles, rotes Blut aus. Er lehnte schwer an Regulus, der ihn aufrecht hielt, damit er wenigstens ein bisschen atmen konnte.

„Meine Güte, du musst aber auch alles mitnehmen.“, seufzte Poppy, als sie hereinkam. Sofort wirkte sie einige Zauber. „Das Messer hat die Lunge getroffen und die Vena subclavia gestreift, deshalb blutet es in die Lunge. Regulus, nimm deine Hände dort weg, und halte bitte Severus' Hände auch fest, damit es keine weiteren Verletzungen gibt, wenn ich das Messer entferne. Erst danach kann ich die Blutung stillen und die Verletzungen verschließen. Keine Sorge, er wird wieder.“ Sie verstummte, um genau das zu machen, was sie vorher angekündigt hatte. Mit einem Ruck entfernte sich das Messer magisch. Ein Schwall Blut kam hinterher, bis die Medihexe einen weiteren Zauber wirkte und damit die Blutung stoppte. Einige weitere Zauber später atmete Severus deutlich leichter und tiefer.

„Danke!“, wisperte er und schenkte Poppy ein Lächeln. Noch immer lehnte er schwer an Regulus, der ihn fest im Arm hielt. Er war dankbar für den Halt, den er von seinem Gefährten bekam. Deutlich spürte er, dass Regulus seine Panik mit Mühe unterdrückte, um ihm helfen zu können. „Es ist gut, Reg, hab keine Angst.“, beruhigte er seinen Partner und schob seine eigenen Gefühle erst einmal beiseite. „Ich bin hier und es geht mir bald wieder gut.“

„Es hat mich voll erwischt, ich habe deine Angst und die Schmerzen gespürt und musste einfach kommen.“, gestand Regulus leise. „Ich wusste erst einmal nicht, was genau da passierte. Es war schrecklich. Was genau ist eigentlich passiert?“

Mühsam drehte sich Severus in der Umarmung, ignorierte den kurzzeitig aufflackernden Schmerz. „Es ist vorbei, mein Lieber. Zoé hat gestanden, dass sie Fenrirs Tochter ist. Sie hat ihn geliebt und ist nun verständlicherweise zornig, da ich ihren Vater getötet habe. Sie wollte ihn rächen. Sie ist außer sich, sie trauert und versucht nun, irgendwie darüber hinweg zu kommen.“ Er gab ihr tatsächlich nicht die volle Schuld, sie war ein Kind, das gerade seinen Vater verloren hatte. Sie konnte wahrscheinlich kaum einen klaren Gedanken fassen. Severus wollte vermeiden, dass sie deshalb verletzt wurde.

„Ihr solltet schlafen.“, entschied Poppy. Sie kramte in ihrer Tasche und holte drei Phiolen heraus. „Ein Schmerztrank, einer der beim Heilen hilft und ein Blutbildungstrank. Damit müsste Severus nach einer ordentlichen Portion Schlaf wieder auf den Beinen sein.“ Sie verabschiedete sich und verschwand, um in Hogwarts nicht aufzufallen. Immerhin sollten gerade diejenigen, die für den dunklen Lord spionierten, nichts mitbekommen.

James, der sie hergebracht hatte und danach ruhig an der Tür stehen geblieben war, trat nun an das Bett. „Braucht ihr etwas?“, wollte er wissen. Die beiden ehemaligen Slytherins schüttelten die Köpfe. Regulus legte sich ins Bett und zog Severus in seine Arme. Der Alpha war bereits ziemlich benebelt und hielt sich nur mit Mühe wach. Mit einem Zauber ließ James die Blutflecken im Bett und an Severus verschwinden, legte das Messer zur Seite. „Dann schlaft. Hier seid ihr sicher. Ich werde mit Hilfe von Lily die Tränke brauen, Reg, die der Dunkle von dir will. Bleib hier und kümmere dich um Severus.“

„Danke.“, nuschelte Regulus, während Severus bereits schlief. Kein Wunder, bei der Kombination an Tränken. Gemeinsam mit Ellen, die die Heilung wortlos verfolgt hatte, verließ James das Zimmer und schloss die Tür.

In den nächsten Tagen ging Severus es ruhiger an. Zoé betreffend entschied er, sie zunächst unter Zimmerarrest zu lassen. Sie durfte ins Bad und in die Küche zum Essen, ansonsten hatte sie in ihrem Zimmer zu bleiben. Die Frauen versprachen, darauf zu achten. Ansonsten wollte Severus erst einmal darüber nachdenken, wie es weiterging. Er überredete Regulus, ganz normal weiter zu machen. Auch wenn das nicht leicht war, denn Regulus machte sich große Sorgen. Aber Severus fühlte sich gut. Die Wunde war geschlossen, er hatte keine Schmerzen, und konnte sich normal bewegen. Dank seines inneren Wolfes heilte er deutlich schneller als ein Mensch, selbst der Blutverlust war bereits nach drei Tagen vollkommen ausgeglichen. So konnte Severus seine Aufgaben im Rudel wieder wahrnehmen. Regulus durfte nicht auffallen, also ließ er sich überzeugen, zurück in die Uni und zu seinem Meister zu gehen. Allerdings entschied er, gemeinsam mit seinem Bruder, Telefon im Haus in Broadstairs einzubauen. Severus kam dazu, damit der Techniker, ein Muggel, auch ins Haus konnte. Lily war begeistert, sie telefonierte von da an täglich mit Severus, viel auch mit ihrer Mutter. Es tat ihr gut, endlich wieder Kontakt mit ihren Eltern halten zu können, vor allem, da sie nun seit mehreren Monaten im Haus von Sirius eingesperrt waren und sich nicht melden konnten. Briefe waren ihnen zu gefährlich erschienen, da sie nicht sicher waren, ob Lilys Eltern beobachtet wurden. Aber dass die Todesser das Telefon abhörten, war eher unwahrscheinlich.

„Wie geht's dir?“, wollte Lily von Severus wissen.

„Ich bin in Ordnung.“, versicherte Severus zum gefühlten tausendsten Mal. „Was macht dein Baby?“ Er wusste, damit würde er Lily effektiv von Fragen nach seinem eigenen Zustand abhalten.

„Poppy meint, es ist alles in Ordnung!“ Severus konnte ihr Lächeln hören. „Ich hoffe, es wird ein Mädchen. Aber ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen. Lieber will ich mich überraschen lassen. Genau wie bei Harry, da wussten wir es auch nicht vorher. Harry fragt übrigens nach dir, er mag dich sehr.“

„Der Kleine ist mir ans Herz gewachsen.“, gab Severus ungewohnt offen zu.

„Wie kommt das? Anfangs wolltest du nichts mit ihm zu tun haben, und jetzt genießt du jeden Moment mit ihm.“, wunderte sich Lily.

„Anfangs hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen Suavita, aber irgendwie habe ich in den Gesprächen mit Regulus und dir erkannt, dass sie bestimmt nicht will, dass ich mich von ihm fernhalte, eher im Gegenteil.“, erklärte Severus. „Und wenn ich ehrlich sein soll, ich möchte ihn nicht mehr missen.“

„Irgendwann werden du und Regulus auch Kinder haben, und dann seid ihr sicher tolle Väter.“ Lily schien absolut überzeugt.

„Irgendwann.“, stimmte Severus zu. „Aber erst, wenn der Krieg zu Ende ist, und wenn wenigstens Regulus seine Ausbildung beendet hat. Wer weiß, ob ich eine Ausbildung machen kann.“

„Deinen UTZ-Prüfungen steht jedenfalls nichts im Weg. Du kannst sogar mehr, als du können musst.“, erklärte Lily. „In vielen Bereichen kannst du das, was auch James kann, und der ist kurz vor Ende der Ausbildung zum Auror in Deckung gegangen. Also, wer dich später mal ablehnt, ist selbst Schuld. Ich wünsche es dir auf jeden Fall. Aber was machst du dann mit dem Rudel?“

„Ich weiß es noch nicht.“, zuckte Severus die Schultern. „Es ging alles so schnell in den letzten Wochen. Ich weiß überhaupt noch nicht, wie es weitergeht.“ Er seufzte.

„Dann sieh zu, dass du ein wenig Ruhe rein bringst.“, entschied Lily. „Klar, du musst reagieren, wenn der Lord ruft, aber ansonsten kümmerst du dich nur um das Rudel. Wir kommen hier schon klar. Und Regulus schicken wir zu dir, dann kann er bei dir schlafen. Ich denke, das tut euch beiden gut.“ Sie plauderten noch eine Weile über Nichtigkeiten, dann verabschiedeten sie sich.

Am nächsten Morgen setzten Cathys Wehen ein, und sie brachte ihr Baby im Zimmer auf die Welt, unterstützt von Mary, Ellen und Alice. Severus hatte nicht viel damit zu tun, das schafften die Frauen alleine, vor allem mit der Unterstützung von Ellen. Er hielt sich im Hintergrund, wollte nur, dass sie ihm Bescheid gaben, wenn sie Hilfe von einem Heiler brauchten, dann könnte er Poppy holen. Lily kam, als er sie zur Sicherheit darum bat, und unterstützte die Frauen. Sie war noch keine ausgebildete Heilerin, konnte aber mehr tun als die Frauen sonst schafften. Zur Not würde Poppy sicher helfen, aber sie hofften, dass sie sie nicht brauchten. Tatsächlich ging alles gut und nach nur vier Stunden war ein kleiner, gesunder Junge auf der Welt und vergrößerte das Rudel. Severus ging kurz hinein und gratulierte der frisch gebackenen Mutter. Anschließend hielt Cathy sich mit dem Kleinen zumeist im Zimmer auf, brauchte sicher noch einige Tage, um wieder richtig fit zu sein. Aber wenn sie eines hatten, dann Zeit. Sehr viel Zeit. Cathy konnte sich in Ruhe an ihr neues Leben gewöhnen.

Severus kümmerte sich in den nächsten Tagen fast ausschließlich um den Unterricht und versuchte, mit Ellen und Aaron gemeinsam einen Überblick zu bekommen, was sie brauchten. Zwar konnten sie die Lebensmittel, die sie einkauften, mit Zaubern vermehren – das machte Severus, da er den entsprechenden Zauber von Kreacher gelernt hatte – aber diese Vermehrung funktionierte nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn sie den Zauber zu oft anwendeten, wurden die Lebensmittel ungenießbar. Also mussten sie immer wieder einkaufen. Dafür lernte Severus einen weiteren nützlichen Zauber von Lily. Sie nannte ihn einen „Bemerk-mich-nicht-Zauber“, auch wenn er eigentlich anders hieß. Doch Lilys Name passte sehr gut. Hatten sie den Zauber auf sich gesprochen, vergaßen die Menschen, denen sie begegneten, sofort nach der Begegnung wieder, dass sie sie getroffen hatten.

So gesichert gingen Severus und Aaron in die nächste Stadt. Zu Fuß und nur mit je einem Rucksack. Darauf hatte Lily selbst unaufspürbare Ausdehnungszauber gesprochen, sodass sie alles einpacken konnten, was sie brauchten, ohne dass sie dabei schwerer oder größer wurden. Im Morgengrauen verließen sie das Haus. Zu Fuß brauchten sie beinahe drei Stunden in die nächste Stadt. Zwar gab es zwei Dörfer, die näher am Leuchtturm waren, aber dort würden ihre Einkäufe auffallen, deshalb hatten sie entschieden, die Dörfer zu ignorieren. Schweigend liefen sie nebeneinander her, genossen die Ruhe. Im Leuchtturm war es nie still, vor allem jetzt, nachdem das Rudel größer geworden war. Zoé hatte noch immer Zimmerarrest. Zwar schimpfte sie immer wieder vor sich hin, doch sie blieb tatsächlich in ihrem Zimmer. Jenny flüchtete sich eigentlich täglich zu ihrem Dad oder den Zwillingen, denn die ältere Jugendliche verbreitete nicht gerade eine positive Stimmung. Die Erwachsenen konnten das bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehen, aber dennoch musste Zoé lernen, dass sie nicht alle Probleme mit Gewalt lösen konnte.

„Was macht deine Schulter?“, erkundigte sich Aaron auf dem Rückweg.

„Alles in Ordnung.“, versicherte Severus. Mal wieder. Jeder schien sich deswegen Sorgen zu machen. „Es fühlt sich an, als wäre nie etwas gewesen.“

„Ich bin froh über eure Zauber.“, gestand Aaron. „Ansonsten wäre dieser Rucksack extrem schwer.“

„Stimmt!“, schmunzelte Severus. „Ich bin froh, meine Magie wieder zu haben. Weißt du, sie haben meine Magie in mir versiegelt, als ich gebissen wurde. Weil es zu gefährlich ist, wenn ich in Hogwarts bin, haben sie gesagt. Das ist wohl das Einzige, wofür ich dem Lord jemals dankbar sein werde. Er hat mir meine Magie zurück gegeben. Das ist genauso ein Teil von mir wie Midnight.“

Aaron stutzte einen Moment, dann weiteten sich seine Augen. „Du hast dem Wolf einen Namen gegeben?“

„Ja. Eigentlich ein Tipp von Regulus, aber auch Greyback drängte mich dazu, als ich versuchte, eins mit meinem Wolf zu werden. Ehrlich gesagt, es hat geholfen.“, erzählte Severus. „Es tut gut, eine Einheit mit ihm zu bilden. Jetzt fühle ich mich komplett.“

„Und daran ist nicht zufällig die Bindung mit deinem Freund Schuld?“, stichelte Aaron gutmütig.

„Vielleicht zum Teil.“, grinste Severus. Er war viel zu glücklich darüber und wusste, das Rudel konnte es spüren. Eigentlich wollte er sich nicht verstecken, aber er musste es. So lange der Lord am Leben war, hatte er keine andere Wahl. Danach würde er sehen, ob sich etwas änderte, ansonsten würden sie wohl die Insel verlassen und woanders neu anfangen, darüber hatten er und Regulus bereits geredet. Bis dahin würden sie allerdings den Kampf fortsetzen. Aber im Moment konnten sie nicht viel tun, denn der Lord hatte mindestens zwei Horkruxe in seiner Hand, und sie hatten keine Möglichkeit, den einen, den sie hatten, zu zerstören. Außerdem wussten sie noch immer nicht, was da noch war, oder wo. Für den Moment konnten sie also nichts tun.

Was aber nicht hieß, dass der Lord ihn nicht rufen würde. Eher im Gegenteil, immerhin hatte Albus' Orden dem Lord einen herben Rückschlag verpasst. Vermutlich würde der Lord nun verbissen zurückschlagen. Die magische Bevölkerung Englands lebte inzwischen in Angst und Schrecken. Immer wieder gab es brutale Angriffe von Todessern auf Zauberer, die sich ihm nicht angeschlossen hatten. Der Lord versuchte, die Kontrolle über das Ministerium und Hogwarts zu bekommen, denn wer hier die Oberhand hatte, hatte die magische Welt Großbritanniens in der Hand. Und das war das Ziel des dunklen Lords. Oder besser, eines der Ziele, denn Albus hatte auch herausgefunden, dass er einen Weg finden wollte, nicht sterben zu können. Ewig zu leben. Nun, auf eine ziemlich verquere Art hatte er dieses Ziel bereits erreicht. Wobei Severus nicht sicher war, ob man das als Leben bezeichnen konnte.

Erst, als es bereits dunkel wurde, kamen sie an diesem Tag, dem vierten nach dem Angriff auf Severus, zurück in den Leuchtturm. Dort war der Tag entspannt verlaufen, es schien, als würden sich gerade die Jüngeren langsam an das neue Leben gewöhnen. Die Meisten waren bereits im Bett, als sie ankamen, daher brachten sie die Einkäufe nur schnell in die Vorratskammer, dann legten sie sich ebenfalls schlafen. Erst am Morgen berichteten sie, dass alles gut gelaufen war. Sie saßen gemeinsam mit Ellen, Sarah und Leo am Tisch, die von einem ruhigen Tag erzählten. Allerdings fiel Severus erneut auf, wie blass Ellen war. Sie schüttelte nur den Kopf, als er sie darauf ansprach. Ihre Sorge galt Mary, die in dieser Nacht Blutungen bekommen hatte. Sie hatte der werdenden Mutter absolute Bettruhe verordnet. Cathy hingegen ging es recht gut, mit ihrem Baby war alles in Ordnung. Auch der Rest des Rudels war gesund, das hatte Ellen gestern überprüft. Jedoch war die kleine Samantha am Nachmittag beim Spielen gestürzt und hatte sich wohl ein Bein gebrochen. Severus sah nach den beiden Patienten, die von Ellen in der Krankenstation untergebracht worden waren. Mary war blass, ihre Sommersprossen leuchteten regelrecht, sie lag aber halb aufrecht im Bett und las in einem Buch. Samantha hingegen war quengelig und ließ sich auch von ihrer Mutter nicht beruhigen.

„Ich hole Madam Pomfrey.“, entschied Severus in diesem Moment. Vielleicht konnte die Medihexe mehr tun als die Ärztin, der die Ausrüstung eines Krankenhauses fehlte. Sie musste mit geringen Mitteln auskommen, das waren Dinge, die sie nicht einfach so kaufen konnten. Medikamente waren schwer zu bekommen, da sie meist rezeptpflichtig waren. Verbandsmaterial gab es mehr als genug, aber es gab kaum Schienen für Brüche, Nahtmaterial, oder gar Sauerstoff. Regulus und Lily hatten einige Tränke gebraut, die hilfreich sein könnten, aber das waren hauptsächlich allgemeine Heiltränke. Spezielle Tränke würden sie brauen müssen, wenn sie gebraucht wurden.

Poppy musste ihn leider vertrösten, da an diesem Morgen einige Schüler verletzt im Krankenflügel gelandet waren und sie sich darum kümmern musste, sie konnte wohl auch in der kommenden Nacht nicht einfach weg. Aber sie würde sobald wie möglich kommen. Jetzt war Severus froh, dass James damals keinen Fidelius gewirkt hatte. Wer hätte Geheimniswahrer sein und sie alle einweihen können? Lily kam sofort, als er sie bat, um in der Zwischenzeit nach den Patienten zu sehen. Sie brachte Harry mit, der offensichtlich Sehnsucht nach Severus hatte. Die letzten Male war der Kleine bei Sirius geblieben, aber heute hatte er sie offenbar überredet, ihn mitzunehmen. Jedenfalls stürzte er sich mit Freudengeheul auf seinen Paten. Der fing ihn lachend auf und wirbelte ihn herum. Jubelnd und kreischend bettelte Harry um mehr, er liebte es, wenn Severus ihn hoch in die Luft warf und wieder auffing. Lächelnd beobachteten die Erwachsenen ihren Alpha, während die Jugendlichen überrascht starrten. So hatten sie Severus noch nie erlebt, sonst war er viel verschlossener und kontrollierter. Zum ersten Mal sahen sie nun einen ausgelassenen Severus. Der hingegen ignorierte die Blicke, hatte nur Augen für Harry und genoss das Lachen des Jungen. Für das hier kämpfte er.

„Alles wieder gut!“, hörte er schließlich Lilys Stimme. Sie war nach unten gekommen. „Die Kleine ist geheilt, es war eine Grünholzfraktur, das passiert öfter bei Kindern. Harry hatte das auch schon mal, da war er nicht ganz ein Jahr. Ich konnte sie problemlos heilen. Die junge Frau hingegen sollte weiterhin Bettruhe halten. Der Stress der letzten Tage und Wochen hat zu vorzeitigen Wehen geführt. Da hilft kein Zauber, sondern nur Ruhe. Ich kümmere mich darum, dass sie entsprechende Tränke bekommt, die sie beruhigen und gleichzeitig die Wehen eindämmen.“

„Danke, Lily!“, lächelte Severus. Er war froh, dass sie gekommen war. Die Rothaarige würde sicher eine gute Heilerin werden, sobald dieser Krieg zu Ende war. Dann erst konnte sie weiterhin lernen. „Bleibt ihr zum Essen?“

„Gerne.“, nickte Lily. „Harry würde ohnehin noch nicht gehen.“

Severus lachte. „Davon gehe ich aus!“ Er fing Harry ein und hob ihn in die Arme. Obwohl er selbst das Gefühl hatte, nicht mehr zu wissen, wo vorne und hinten war, so bemühte er sich doch, ruhig zu bleiben. Harrys Gegenwart half ihm dabei. „Dann kommt, es ist sicher schon fertig.“

„Ist es.“, nickte Sarah, die sie offenbar gehört hatte. „Ich bringe Mary eine Portion. Sie kann doch alles essen?“

„Ja, das ist kein Problem.“ Lily war entspannt. „Sie sollte nur so wenig aufstehen wie möglich, ansonsten kann sie weitermachen wie bisher. Viel Obst und Gemüse sind schon wichtig, aber sie kann eigentlich alles essen, bis auf ein paar Kleinigkeiten, worauf alle Schwangeren verzichten sollten. Aber das weiß sie.“

„Darauf werden wir auch noch ein zusätzliches Auge haben.“, versprach Sarah. Sie nickte Severus noch einmal zu, dann ging sie nach oben. Severus hingegen führte Lily ins Wohnzimmer, wo die große Tafel für die gemeinsamen Mahlzeiten stand. Jenny stand sofort auf und holte ein weiteres Gedeck, als sie die Gäste erkannte. Anerkennend nickte Severus ihr zu, dann setzten sie sich und das Essen wurde aufgetragen.

Harry setzte sich durch und blieb auf Severus' Schoß sitzen. Vom Steak schnitt ihm Severus kleine Stücke ab, dazu zerdrückte er eine Kartoffel. Der Eineinhalbjährige bekam einen kleinen Löffel, womit er essen konnte. Das klappte inzwischen immer besser, auch, wenn er noch immer mehr mit den Fingern aß. Daher fütterte ihn Severus auch immer wieder mit einem Happen Gemüse. Schmunzelnd beobachtet von Ellen, Sarah, Alice und Eleanor. Die Männer ignorierten es eher, während die Jugendlichen staunten. Sie kannten Severus vor allem aus dem Unterricht als strengen Lehrer, während er als Anführer ebenfalls ruhig, ernst und konsequent war. So liebevoll, wie er gerade mit Harry umging, hatten sie ihn noch nie gesehen. Der Alpha hingegen genoss einfach nur die Unbekümmertheit seines Patenkindes. Der Kleine machte sich höchstens Sorgen, wenn jemand vergaß, ihm etwas von den Süßigkeiten abzugeben oder keine Zeit hatte, ihm vorzulesen. Diese Sorglosigkeit wollte er dem Kleinen erhalten. Severus hingegen wuchsen die Sorgen langsam über den Kopf. Das Rudel, ihre Spionage, die Geschichte mit Sirius, Lilys Schwangerschaft in dieser schweren Zeit, die Angst um Regulus, der Unterricht, die rebellierenden Jugendlichen.

„Was ist mit Zoé?“, erkundigte er sich nach einer Weile.

„Sie schimpft, aber sie ist in ihrem Zimmer.“, antwortete Sarah, die inzwischen wieder hier war. „Du hast ihr Zimmerarrest befohlen, also hat sie dort zu bleiben, dafür sorgen wir. Aber ich glaube nicht, dass sie von selbst einsehen wird, falsch gehandelt zu haben.“

„Das bezweifle ich auch.“, stimmte Aaron zu. „Sie ist ein Teenager, wir können keine Einsicht von ihr erwarten, die viele Erwachsene nicht zeigen. Dazu hat sie gerade ihren Vater verloren, das macht sie eher emotionaler als sachlicher. Und Fenrirs Erziehung ist sicher nicht einfach so abzulegen, obwohl sie meist eigentlich ganz umgänglich war bisher.“ Er lächelte Sarah zu. „Dank dem Einfluss von dir ist sie fast immer erträglich!“, lobte er.

„Sie weint nachts.“, erzählte Jenny leise. „Wenn sie glaubt, dass ich schlafe. Manchmal redet sie auch im Schlaf und ruft nach ihrem Dad.“

„Danke, Jenny, dass du mir das erzählt hast.“, lächelte Severus ihr zu. Er wusste noch nicht genau, was er aus diesen Informationen machen sollte, aber eines war klar: Er musste mit Zoé sprechen, damit es im Rudel wieder ruhiger wurde. Die Werwölfe saßen hier gemeinsam fest, auf engstem Raum. Jeder Konflikt, und war er auch noch so klein, wirkte sich auf alle aus. Also musste er zusehen, dass es zwischen Zoé und ihm selbst wieder in Ordnung kam. „Ich werde nach dem Essen mit Zoé reden.“, versprach er dem Rudel.

Das tat er dann auch, aber vorher verabschiedete er sich von Harry, der gemeinsam mit Lily zurück nach Broadstairs apparierte. Immer wieder überlegten sie, den Kamin ans Flohnetzwerk anzuschließen, aber gerade weil der Lord immer wieder versuchte, das Ministerium zu übernehmen, unterließen sie es, denn wenn er die Kontrolle über das Ministerium hatte, dann auch über das Flohnetzwerk. Deshalb wollten Regulus, Sirius und James auch den Kamin in Broadstairs versiegeln, sodass die Gefahr minimiert wurde, sobald das Ministerium nicht mehr sicher war. Eine Entdeckung wäre das Ende des Kampfes, und ihr Tod. Das wollte keiner riskieren.

Im ersten Stock klopfte Severus am frühen Nachmittag an die Tür von Zoé, er musste diese Geschichte nun endlich klären. Jenny wollte mit den kleineren Kindern in den Garten gehen, sie gab ihnen so Zeit, miteinander zu reden. „Kann ich reinkommen? Ich will mit dir reden.“, bat er.

„Lass mich in Ruhe!“, lehnte Zoé ab, ohne die Tür zu öffnen.

„Nein, das funktioniert so nicht.“, schüttelte Severus den Kopf. „Bitte, lass mich rein.“

„Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ Zoé versuchte, aggressiv zu klingen, doch Severus hörte das unterdrückte Schluchzen.

„Nein, kann ich nicht.“, erwiderte er daher. „Wir müssen reden. Mach die Tür auf, Zoé. Ich werde nicht gehen, bevor wir diesen Konflikt aus dem Weg geräumt haben. Es ist mir egal, wie lange es dauert.“ Auf keinen Fall wollte er sie zwingen, das war keine Basis für das, was er wollte. Er machte sich auf eine lange Wartezeit gefasst, doch überraschenderweise öffnete Zoé bereits nach wenigen Minuten die Tür. Widerwillig ließ sie ihn ein und deutete ihm an, auf ihrem Schreibtischstuhl Platz zu nehmen, während sie sich wieder auf ihr Bett setzte. Severus zog den Stuhl zum Bett und setzte sich rittlings darauf, um wenigstens noch eine gewisse Abgrenzung zu bieten. Zoé sollte sich nicht überrumpelt und überrannt vorkommen. Nicht so, wie es ihm früher ergangen war. Er wollte auf einer Ebene mit ihr sprechen, nicht von oben herab.

„Du hast ihn umgebracht.“, klagte die junge Frau ihn schließlich an.

„Es tut mir leid, dass ich dir deinen Vater genommen habe.“, begann Severus. „Auch, wenn ich den Kampf an sich nicht bereue.“ Er hob die Hand, um ihren Einwand zu stoppen. „Fenrir hatte, wie viele Menschen, nicht nur eine Eigenschaft und nicht nur ein Gesicht. Den liebevollen, väterlichen Fenrir hast wohl nur du jemals erlebt. Niemand im Rudel kannte ihn so, wie du ihn kanntest. Aber er hatte auch eine andere Seite. Die Seite, die das Rudel und ich kennen lernten. Ich weiß nicht, ob du ihn nicht so gesehen hast, weil er es dir nie zeigte, oder aber, weil du es nicht sehen wolltest. Es ist nicht an mir, das zu entscheiden oder dich deshalb zu verurteilen. Dennoch müssen wir über diese Seite deines Vaters sprechen. Ich möchte, dass du weißt, was ich gesehen habe, als ich ihn herausforderte.“

„Du lügst mich doch einfach nur an.“, klagte Zoé ihn an.

„Nutze deine Sinne, du kannst erkennen, ob ich lüge.“, wies Severus sie auf eine Tatsache hin. Er wartete einen Moment, bis sie schließlich nickte. „Ich kam an diesem Abend zurück in den Wald. Eigentlich war ich nicht so gerne da, denn Fenrir“, bewusst nutzte er den Vornamen Greybacks, „trat mir immer wieder zu nahe. Er hat mir nichts getan, aber er hat ein … ziemlich ungutes Gefühl in mir ausgelöst. Anfangs musste ich in einem Bett mit ihm schlafen, weil ich kein eigenes hatte. Vielleicht war es nur seine Art, aber mir war es mehr als unangenehm, dass er mir so nahe kam. Deshalb habe ich damals im Wald geschlafen. Dorthin wollte ich auch an diesem Abend, als ich einen Hilferuf hörte. Es war Jenny. Ich bin in die Hütte, da stand dein Vater neben dem Bett, drückte Jenny auf die Matratze und versuchte, sie auszuziehen. Was sollte ich davon halten? Ich habe ihm gesagt, er solle sie loslassen, aber er tat es nicht. Er sah es als Herausforderung, deshalb kam es zu dem Kampf.“

„Er hätte nie jemandem etwas getan.“, schüttelte Zoé den Kopf. Allerdings konnte Severus ihre Zweifel riechen.

„Zoé, dein Vater war sicher nicht nur so, wie ich ihn erlebt habe.“ Severus sprach ruhig und sachlich, versuchte, jede Verurteilung aus seiner Stimme zu verbannen. Zoé war emotional aufgewühlt, nur mit Sachlichkeit hatte er vielleicht eine Chance, sie zu erreichen. Würde er nun auch emotional reagieren, schaukelte sich der Konflikt schnell auf und die Chance war vertan. Das wollte er auf keinen Fall. Doch im Moment hatte er nicht die Möglichkeit, Zoé zu erreichen, sie blockierte vollkommen. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht konnte er sie aus der Reserve locken, wenn er ihr etwas verriet, was niemand sonst wusste. „Weißt du, auch mein Vater ist so ein Mensch. Oder er war es, ich weiß es nicht. Als ich klein war, verbrachten wir viel Zeit miteinander. Wir hatten nie viel Geld, aber das störte mich nicht, denn Dad nahm sich immer Zeit für mich. Dann starb … Mama.“ Von Suavita wollte er nun nicht reden. „Da hat er sich verändert, er hat getrunken. Er war nie wieder der Gleiche. Ich konnte nichts richtig machen, er hat mich geschlagen. Kein freundliches Wort, keine Umarmung mehr. Die Ferien verbrachte ich, wann immer es möglich war, in Hogwarts, nur im Sommer musste ich nach Hause. Ich wurde gebissen, am Ende der fünften Klasse. Sie haben mich zu ihm gebracht, er hat mich mehr als ein Jahr im Keller eingesperrt. Eineinhalb Jahre in etwa. Mit silbernen Ketten gefesselt und an die Wand gebunden. Nur einen Eimer, um mich zu erleichtern, eine Matratze auf dem Boden. Das Essen hat er mir anfangs in einem Napf serviert, wie einem Tier. Ich verstehe bis heute nicht, wie dieser Mensch der Gleiche sein kann wie der, den ich als Kind gekannt habe.“

Zoé hatte ohne Unterbrechung aufmerksam zugehört, schwieg weiterhin. Severus ließ ihr Zeit, sie musste darüber nachdenken. Sicher eine halbe Stunde lang schwiegen beide, aber Zoé schien tatsächlich nachzudenken. Severus' Gedanken hingegen verweilten in der Vergangenheit. Ein weiteres Mal fragte er sich, ob er etwas hätte tun können, um zu verhindern, dass sein Vater zum Alkoholiker wurde. Es war utopisch, er war damals vielleicht sechs Jahre alt gewesen. Fast sieben. Da konnte man nicht beeinflussen, wie ein Erwachsener sich entwickelte. Und doch konnte Severus nicht anders, als darüber zu grübeln. Lange hatte er nicht mehr so intensiv an seinen Vater gedacht. Der Alkohol hatte ihn zerstört, und Tobias Snape hatte beinahe ihn zerstört. Und doch konnte Severus sich nicht endgültig von ihm lossagen, da er noch immer hoffte, den Mann in ihm wieder zu finden, den er von frühester Kindheit her kannte. Irgendwo tief in sich drin wünschte er sich, diesen Mann tatsächlich wieder zu finden. Er vermisste seinen Vater.

„Vielleicht hast du Recht.“, kam es irgendwann von Zoé. Sie wirkte verzweifelt. „Mein Dad … er fehlt mir.“

„Das verstehe ich.“, versicherte Severus. Er drehte seinen Stuhl, um die Barriere zwischen ihnen verschwinden zu lassen. Wortlos bot er ihr an, sie in die Arme zu nehmen. Zoé zögerte, auch wenn deutlich erkennbar war, dass sie sich nach Nähe sehnte. Doch schließlich ließ sie sich in die Arme ziehen. Sie klammerte sich an Severus fest, versteckte ihr Gesicht an seiner Schulter. Sanft strichen Severus' Arme über ihren Rücken, aber er sagte nichts. Hier trauerte eine Tochter um ihren Vater. Es war ihr gutes Recht. Sie konnte nicht einfach so zum Alltag übergehen.

„Wo … wo ist er jetzt?“, schniefte Zoé schließlich.

„Scott hat seinen Körper im Wald gesichert, dort müsste er also noch sein.“, erwiderte Severus leise. „Ich gebe zu, in den Tagen seit dem Kampf ist zu viel passiert, ich habe nicht mehr daran gedacht, aber ich werde sehen, dass wir ihn hierher holen, dann kannst du deinen Vater beerdigen. Wenigstens das. Es tut mir leid, dass ich daran nicht gedacht habe.“

„Du hast ihn getötet und dann einfach vergessen?“, klagte Zoé an, und löste sich abrupt von ihm.

„Verdrängt trifft es wohl eher.“, gab Severus zu. „Ich … ich wollte doch auch nie jemanden töten. Sobald der Kampf begann, konnte ich nichts anderes tun, entweder dein Vater tötet mich oder ich ihn, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Bisher hatte ich noch keine Zeit, mich intensiv damit zu beschäftigen, aber glaub mir, es fühlt sich falsch an, ihn getötet zu haben. Das wollte ich niemals. Egal, wie ich zu ihm stand. Für dich tut es mir leid, für Jenny bin ich froh, so gehandelt zu haben.“ Einen Moment überlegte er, wie er nun weitermachen sollte. Konnte er von den Rudelmitgliedern sprechen, was sie mitgemacht hatten? Nein, das durfte er nicht, es war nicht fair, ihre Intimsphäre derart zu verletzen, auch, wenn es vielleicht hilfreich wäre. Aber das mussten die Betroffenen selbst machen, wenn sie es wollten. Severus entschied, es auf eine andere Weise zu versuchen. Er atmete mehrmals tief durch. „Ich war vor einiger Zeit in einer ähnlichen Situation wie Jenny. Ich hatte wahnsinnige Angst, ich wusste genau, was passieren würde, wenn ich dort nicht weg komme. Aufgrund meines inneren Wolfes habe ich mich befreien können, denn der Mann, der mich vergewaltigen wollte, war nicht magisch und schon gleich kein Werwolf. Aber in dem Moment hatte ich so viel Panik, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Nur die Instinkte meines Wolfes haben mich gerettet, auch wenn ich damals noch keinen Kontakt hatte. Niemals würde ich zulassen, dass jemand in so eine Lage kommt. Ich weiß nicht, warum Fenrir das getan hat, aber ich konnte nicht einfach nichts tun.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas tun würde.“, schüttelte Zoé noch immer ungläubig den Kopf. „Aber ich kann riechen und fühlen, dass du die Wahrheit sprichst. Warum? Warum hat er das getan?“

„Ich weiß es nicht, Zoé.“, murmelte Severus und verstärkte seine Umarmung noch einmal, bevor er die Jugendliche los ließ. „Ich fürchte, diese Frage wird wohl nie beantwortet werden.“

„Ich verstehe es einfach nicht.“, wisperte Zoé verzweifelt.

Hilflos schwieg Severus, weil er nicht wusste, was er nun sagen sollte. Es gab keine richtige Antwort, nicht einmal tröstende Worte waren jetzt angebracht. Das Mädchen begann zu verstehen, auch wenn manche Dinge wohl immer unverständlich blieben. Er strich nur einige Male mit den Fingern über ihre Wangen, wischte die Tränen weg.

„Schickst du mich jetzt weg?“, fragte Zoé schließlich ängstlich.

„Nein.“, beruhigte Severus. „Ich bin sicher, du versuchst nicht nochmal, einem von uns zu schaden. Wir lassen dich nicht allein, du gehörst zum Rudel, bist Familie. In der Familie lässt man sich nicht im Stich. Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du reden willst, aber auch zu jedem anderen, denke ich. Du bist nicht allein, Zoé.“

„Danke.“ Zoé schluckte, dann sah sie auf. „Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe.“

„Ist schon vergessen.“ Severus hob ihr Kinn an, damit sie seine Augen sehen konnte. Sie sollte mit allen Sinnen erfassen, dass er die Wahrheit sprach. „Mir war klar, dass du in Trauer handelst, deshalb wollte ich nicht, dass sie dich bestrafen. Zimmerarrest musste allerdings sein, du wärst eine Gefahr für alle anderen gewesen. Ich hoffe, das können wir jetzt wieder ändern. Was denkst du? Wirst du versuchen, dich zu integrieren?“

„Das werde ich. Und ich werde niemanden mehr verletzen.“, schwor die 16-Jährige. Es war ehrlich.

„Gut, dann komm, du willst sicher noch ein bisschen nach draußen. In einer Stunde gibt es Essen.“ Severus stand auf und zog sie mit sich in den Stand. Lächelnd nickte Zoé, wischte sich über die Augen und folgte ihm nach unten.

Der Rest des Rudels schenkte ihnen nur einen kurzen Blick, es war deutlich, dass der Alpha dem Mädchen vergeben hatte und so war es in Ordnung. Und auch in den folgenden Tagen schien es, als versuche Zoé, sich besser als zuvor zu integrieren.

 

Am nächsten Morgen apparierte Severus gemeinsam mit Scott und Aaron, den er mitnahm, in den Wald, wo das Rudel vorher gelebt hatte. Mit gezücktem Zauberstab drang Severus langsam auf die Lichtung vor. Ohne die Schutzzauber konnte prinzipiell jeder hierher kommen, und er wollte nur ungern von Todessern überrascht werden. Doch es war niemand hier, daher eilten sie zu den Bäumen, unter denen der Kampf stattgefunden hatte. Fenrirs Leiche lag noch genauso da, wie sie sie verlassen hatten. Severus nutzte den gleichen Portschlüssel, den er nach dem Kampf geschaffen hatte. Wie lange konnten sie noch so reisen, bevor der Lord das Ministerium unter seine Kontrolle gebracht hatte? Portschlüssel zu überwachen war zwar nicht ganz so leicht wie das Flohnetzwerk, aber es war möglich. Nun, sie konnten leicht feststellen, dass ein Portschlüssel genutzt wurde, aber von wem, das war weit schwerer, als eine Flohreise zu verfolgen. Deshalb nutzte Severus bislang diese Möglichkeit noch immer, obwohl es immer gefährlicher zu werden schien. Schnell waren sie zurück im Leuchtturm, wo Zoé bereits auf sie wartete. „Was wünscht du dir?“, wollte Severus von der Jugendlichen wissen.

„Können wir ihn verbrennen und die Asche über dem Meer und dem Boden ausstreuen? Er wollte immer seine Freiheit, ich denke, das würde ihm gefallen.“, entschied Zoé leise.

Severus nickte, er würde ihr diesen Wunsch erfüllen. Hinten, am Ende der Landzunge, bauten sie einen Feuerplatz, wo sie die Leiche aufbahrten und schließlich in Brand setzten. Es dauerte viele Stunden, bis sie endgültig verbrannt war, doch Zoé blieb die ganze Zeit daneben stehen. Ihr Gesichtsausdruck war undeutbar, doch sie schien dankbar, dass Severus an ihrer Seite blieb. Noch immer war er nicht sicher, wie er sich fühlte, wenn er an den Kampf dachte. Im Kopf wusste er, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hatte, aber sein Gefühl sagte ihm noch immer, dass es falsch gewesen war, jemanden zu töten. Die ganze Nacht hindurch standen sie schweigend nebeneinander am Feuer. Zoé ließ zu, dass Severus ihr die Hand auf die Schulter legte, lehnte sich irgendwann an den größeren Körper neben sich. Immer wieder rann eine Träne aus ihren Augen über die Wangen. Severus hielt sie fest im Arm, gab ihr Halt. Erst im Morgengrauen waren die Überreste soweit verbrannt, dass nur noch einige Knochen übrig waren, die in diesem Feuer wohl nicht verbrennen würden. Mit einem Zauber ließ Severus auch diese zu Asche werden. Das Feuer ging aus. Nun warteten sie, bis die Asche soweit abgekühlt war, dass sie sie verstreuen konnten. Das übernahm schließlich Zoé, sie wollte dabei alleine sein. Severus nickte ihr zu und ging nach drinnen, bat auch das Rudel, nicht nach draußen zu gehen, sodass sich Zoé alleine von ihrem Dad verabschieden konnte.

Zum Abendessen stieß Zoé wieder zu ihnen, aber da war ihr nichts mehr anzumerken. Sie schien abgeschlossen zu haben und sich nun als Teil des Rudels zu fühlen. Im Unterricht zeigte sich, dass sie magisch äußerst begabt war, bald trainierte sie gemeinsam mit Severus in den späten Nachmittagsstunden, wenn der Unterricht vorbei war.

Der Rudelführer war sich mehr als bewusst, dass der Lord ihn nicht mehr lange in Ruhe lassen würde. Eigentlich hatte er deutlich früher mit einem Ruf gerechnet, aber Albus erzählte ihm, dass er nicht nur einige Werwölfe inzwischen in Gefangenschaft hatte. Es war dem Orden gemeinsam mit Auroren gelungen, einen Vorstoß ins Ministerium aufzuhalten, dabei hatten sie die Lestrange-Brüder und zwei weitere Mitglieder des inneren Kreises erwischt. Diese fehlten dem Lord ungemein, jetzt plante er scheinbar, wie er diese wieder in Freiheit bekommen konnte, denn sie waren seine Befehlshaber. Regulus erzählte, dass Lucius Malfoy nun endgültig zur rechten Hand des Lords aufgestiegen war, denn er hatte es nicht nur geschafft, der Gefangennahme zu entkommen, sondern war auch Mitglied im Zaubergamot und dem Schulrat, obwohl sein Sohn nur wenig älter als Harry war und somit noch einige Jahre nicht nach Hogwarts gehen würde. Sie grübelten am Telefon – das würden die Todesser so schnell wohl nicht abhören – darüber, warum Lucius Malfoy diesen Sitz innehatte. Es musste einen Grund geben, der ihm persönlich dienlich war, denn solche Umstände nahm er sicher nicht in Kauf, nur um beim Lord aufzusteigen. Oder doch? Sicher konnten sie nicht sein, aber der Blonde plante nun gemeinsam mit dem Lord die Befreiung der gefangenen Todesser. Als Werwolf war Severus derzeit uninteressant, wie es schien.

Also kümmerte er sich um die kleineren und größeren Sorgen seines Rudels, unterrichtete die Jugendlichen und trainierte, vor allem mit Scott, Isaac, Zoé, Regulus und James. Die beiden Letzteren kamen regelmäßig, denn sie alle wollten so viel wie möglich lernen. Regulus schlief beinahe jede Nacht bei Severus, auch von hier aus konnte er apparieren. Und es tat ihm gut, er entspannte wieder ein wenig. Dennoch wurde viel von ihm gefordert und er war kurz vor dem Ende seiner Leistungsfähigkeit. Obwohl er regelmäßig aß, nahm er ab, fast immer hatte er dunkle Ringe unter den Augen. Lily übernahm so viel wie möglich, wenn es darum ging, Tränke für den Lord zu brauen, aber alles andere musste Regulus selbst machen. Meist schlief er völlig erschöpft ein, sobald er im Bett lag, und jeden Morgen tat es Severus ein wenig mehr weh, ihn wecken zu müssen. Und doch blieb ihnen keine Wahl, er durfte keinen Verdacht erregen. Hielt er gerade keinen Unterricht, apparierte Severus oft zu seinem Patenkind oder half Lily mit den Tränken. Die Rothaarige war aufgrund der Schwangerschaft schneller erschöpft als sonst. Auch die Schutzzauber, die sie auf sich legte, um ihr Baby nicht zu gefährden, kosteten sie immer mehr Kraft. Aber sie weigerte sich, Severus alles brauen zu lassen, denn auch er hatte nicht unendlich Reserven. Alles in allem spielte sich bald eine neue Routine ein, die zwar niemanden so richtig zufrieden stellte – immerhin konnten sie derzeit nichts gegen den Lord unternehmen, weil ihnen die Informationen fehlten – aber dennoch half, den äußeren Schein zu wahren.

Ende März unterrichtete Severus gerade die Jugendlichen, als seine Ohren Lärm von unten hörten. Auch die Jugendlichen spitzten die Ohren, doch nach einem scharfen Blick senkten sie die Augen wieder auf ihre Blätter. Wenn auch äußerst widerwillig.

„Severus!“, hörte er nach einigen Sekunden einen entsetzt klingenden Ruf von unten.

„Ihr lest weiter und fasst das Gelesene zusammen.“, bremste Severus die Jugendlichen, die aufgesprungen waren. „Ich will eure Arbeiten auf dem Tisch finden, wenn ich zurück komme. Wer fertig ist, kann gehen.“ Murrend beugten sich die Schüler wieder über ihre Bücher.

Severus hingegen lief die Treppe nach unten. Er atmete scharf ein, als er etwas zu schnell einige Stufen übersprang. Vor einigen Tagen hatte der Lord ihn bestraft, weil er nicht in der Lage war, die flüchtigen Werwölfe zu finden. Dabei hatte ihn ein ziemlich fieser, vermutlich schwarz-magischer Zauber in Parsel getroffen, dessen Folgen noch immer zu spüren waren. Leider hatte niemand den Zauber identifizieren können, somit mussten sich Poppy und Smethwyck, den sie dazu gerufen hatten, darauf beschränken, die Symptome zu behandeln. Der Schwarzäugige riss sich aus den Gedanken, es brachte nichts, darüber zu grübeln, er konnte nichts ändern.

Unten angekommen wartete Leo bereits auf ihn. „Was ist passiert?“, erkundigte sich Severus.

„Ellen!“, entfuhr es Leo. „Eleanor ist bei ihr, im Wohnzimmer, sie ist bewusstlos!“ Er deutete auf die Tür hinter sich, war wohl nur herausgekommen, um ihn zu rufen.

Mehr als besorgt rannte Severus hinein. Ellen war schon lange eine Vertraute für ihn, inzwischen würde er sie sogar als eine Freundin bezeichnen. Eleanor, eine schwarzhaarige Frau mit braun-gelben Augen und gebräunter Haut, die vor einigen Tagen ihren 32. Geburtstag gefeiert hatte, kniete neben Ellen auf dem Boden. Sie hatte die Ärztin bereits in eine stabile Seitenlage gebracht, etwas, das sie im Erste-Hilfe-Kurs von Ellen gelernt hatten. Immerhin sollten sie alle in der Lage sein, so gut wie möglich zu helfen. Severus zückte seinen Zauberstab, auch wenn er von Heilzaubern nicht viel verstand. „Was genau ist passiert?“, wollte er von Eleanor wissen.

„Sie fühlte sich nicht gut und wollte sich hinlegen.“, berichtete Eleanor, der man den Schreck ansehen konnte, sie war deutlich blasser als sonst. „Aber sie kam nicht weit. Als sie aufgestanden ist, hat sie die Augen verdreht und ist umgekippt. Leo war da, er hat dann gleich nach dir gerufen.“

Severus wirkte den einzigen Diagnosezauber, den er kannte, während sie sprach. Nichts. Keine Verletzungen. Verdammt! Hier kam er alleine nicht weiter. „Ich hole Lily.“, versprach er. Inzwischen kannte jeder im Rudel seine beste Freundin. Poppy war in der Schule zu sehr eingespannt, sie konnte nicht immer kommen, ohne aufzufallen. Und Smethwyck war im St. Mungos angestellt, auch er konnte nicht einfach so kommen, wenn sie unauffällig bleiben wollten. Bei wirklichen Notfällen riefen sie nach ihnen, ansonsten hatte Lily versprochen, zu helfen. „Immerhin ist sie angehende Heilerin, bestimmt kann sie helfen.“

„Bleib bei ihr, ich rufe an.“, bot Leo an. Dankbar nickte Severus und beugte sich wieder über Ellen, überprüfte ihre Atmung und ihren Puls. Glücklicherweise atmete sie tief, und auch das Herz schlug regelmäßig. Ihre Augenlider flatterten, was Severus als Zeichen nahm, dass sie hoffentlich bald wieder aufwachte.

Lily kam nach wenigen Minuten und drückte Harry in die Arme von Zoé, die inzwischen auch nach unten gekommen war. Eigentlich hatte sich beinahe das gesamte Rudel im Wohnzimmer versammelt, da es kurz vor der Essenszeit war. Sie alle waren besorgt um Ellen, jeder mochte sie gerne, da sie immer ein offenes Ohr für alle hatte. Lily kniete neben Severus, der inzwischen Ellens Kopf auf seinem Schoß hatte. Die Ärztin blickte unsicher herum, sie wusste scheinbar nicht, was genau passiert war.

„Geht bitte raus.“, bat Lily mit Blick auf das Rudel. „Eure Sorge in allen Ehren, aber damit macht ihr Ellen gerade ziemlich verrückt. Gebt ihr und mir etwas Ruhe, damit ich herausfinden kann, was genau los ist.“

Severus sah das Rudel an. Die meisten Mitglieder blickten skeptisch auf die Rothaarige, doch er wusste, dass Lily Recht hatte, daher nickte er auffordernd. Sarah übernahm es, die Werwölfe nach draußen zu bugsieren und die Tür zu schließen. Sie konnten Harrys Protest hören, aber schnell fing er an zu lachen über etwas, das Samantha sagte. Lily beugte sich nun über Ellen und nutzte einen komplizierteren Diagnosezauber als den, den Severus vorher benutzt hatte. Der Alpha wusste nicht genau, was die verschiedenfarbigen Lichter bedeuteten, die kurz an unterschiedlichen Stellen von Ellens Körper aufleuchteten, aber sie schienen Lily etwas zu sagen. Ihr Blick wurde besorgt. Und nicht nur ihrer. Mit einem Blick nach unten stellte Severus fest, dass Ellen offenbar mehr wusste, als sie sagte. Mit einem Mal fielen ihm wieder die vielen Momente ein, die er in den letzten Wochen mehr oder weniger ignoriert hatte. Wie blass Ellen gewesen war, hatte er öfter angemerkt, genauso die angespannte Stimmung oder die Erschöpfung, die sie zu verbergen suchte.

„Du weißt, was dir fehlt?“, riet Severus, als Ellen seinen Blick erwiderte. Sie schloss die Augen in Resignation. Severus konnte die Verzweiflung riechen und sah kurz zu Lily, die ziemlich mitleidig wirkte. Plötzlich schluchzte Ellen auf und drehte sich weg. Entsetzt zog Severus sie nach einem Moment der Starre in die Arme. Nur kurz dachte er darüber nach, dass er das noch vor einem halben Jahr niemals zugelassen hätte. Und jetzt fühlte es sich einfach nur richtig an. Zoé war die Erste gewesen, die er hier in den Arm genommen hatte, aber es war richtig gewesen, und das war es jetzt auch. Er ließ Ellen eine Weile weinen, dann schob er sie ein wenig von sich, um die Tränen abzuwischen. „Was ist los?“, hakte er erneut nach. Ruhig, aber fest.

„Ich … ich bin schwanger.“, wisperte sie. „Ich habe es schon lange geahnt, aber ich vermute, deine Freundin kann es bestätigen.“ Beide Köpfe wandten sich Lily zu, die nur nickte. „Ich hatte gehofft, mich zu täuschen, aber inzwischen kann ich mir nichts mehr vormachen, alle Anzeichen sprechen dafür.“ Sie vergrub ihren Kopf erneut an Severus' Schulter. Dessen Gedanken rasten, bis es klickte in seinem Kopf. Er atmete zischend ein. „Greyback.“, bestätigte Ellen heiser seine Vermutung.

„Scheiße!“, kam es leise von Lily. Severus hatte ihr von dieser Seite Greybacks erzählt, und Ellens Reaktion zeigte sehr deutlich, dass sie nicht gerade freudig überrascht war.

„Sch, Ellen.“, beruhigte Severus die aufgelöste Ärztin. „Ich bin da. Wir alle sind da. Wir helfen dir, egal, was du nun tust.“

„Ich kann nicht mehr viel tun, ich bin schon viel zu weit.“, schüttelte Ellen den Kopf. „Das Gesetz erlaubt nur noch einen Abbruch, wenn mein Leben in Gefahr wäre, aber das ist es nicht. Und … das Kind kann nichts dafür. Ich … ich kann nicht töten. Aber … ich ...“ Sie schluchzte immer heftiger, sodass Severus nichts mehr verstand.

Also zog er sie fest an sich, ließ zu, dass sie sich festklammerte. Seine Hand streichelte ihren Hinterkopf, während er beruhigend in ihr Ohr murmelte. „Ellen, wir sind da. Hab keine Angst, wir helfen dir. Wir lassen dich nicht alleine und wir helfen dir auch, wenn du es nicht schaffst, dich um das Kind zu kümmern. Aber rede mit uns, mit mir. Ich bin da, egal, was es ist.“

„Ich … ich wollte dich nicht damit belästigen.“, schniefte Ellen.

„Belästigen? Oh, Ellen.“, seufzte Severus. „Und deswegen frisst du es in dich hinein? Das ist doch keine Lappalie, meine Liebe. Ich bin da, das habe ich euch allen versprochen. Und wenn du mitten in der Nacht kommst, dann bin ich auch da.“

„Aber … aber Regulus.“, widersprach Ellen schwach.

„Regulus weiß, dass ihr meine Familie seid und ich mich um euch kümmern will.“, schüttelte Severus den Kopf. „Zoé kam anfangs öfter mitten in der Nacht, Regulus hat es meist nicht einmal mitbekommen. Er schläft eigentlich immer tief und fest, so leicht wacht er nicht auf. Also, bitte versprich mir, dass du ab jetzt zu mir kommst und mit mir redest, wenn du Sorgen hast. Egal wann.“ Ellen nickte zögernd. „Gut. Und jetzt sollten wir Lily fragen, was sie alles herausgefunden hat.“ Er sah auffordernd zu seiner besten Freundin.

Lily wartete, bis auch Ellen sich ihr zuwandte. „Die Schwangerschaft, die ihr richtig vermutet, ist bereits relativ weit fortgeschritten. Ich kenne mich mit magischen Wesen zu wenig aus, um sagen zu können, in welcher Woche du genau bist.“ Wie es im Rudel üblich war, duzte auch Lily alle im Leuchtturm. Als beste Freundin von Severus gehörte sie irgendwie dazu. „Wie ich von Cathy weiß, war ihr Baby nach etwas über sechs Monaten vollkommen gesund auf die Welt gekommen. Bereits zwei Tage nach der Geburt hat er sich beim ersten Vollmond seines Lebens problemlos verwandelt. Allerdings weiß ich nicht genau, ob das von der Zeit her nur für geborene Werwölfe gilt, oder für alle Kinder von Werwölfen. Vom Reifegrad des Kindes her würde ich sagen, du hast maximal noch vier Wochen, dann wird es geboren. Dir fehlen Nährstoffe, vor allem Eisen, deshalb bist du so müde. Ich werde dir einige Tränke bringen, damit sollte es dir in ein paar Tagen besser gehen.“

Severus erinnerte sich, kurz nach dem Zwischenfall mit Zoé war bei Cathy die Fruchtblase geplatzt, und nur wenige Stunden später hatte sie einen gesunden kleinen Jungen in den Armen gehalten. Severus hatte einige Tage später den Vater aus dem anderen Rudel geholt, damit er wenigstens ein paar Stunden mit seinem neugeborenen Sohn verbringen konnte. Er war magisch und trug das Mal. Um sicher zu stellen, dass Cathy nichts passierte, hatte dieser sie mit Aaron geschickt, war aber selbst im Rudel geblieben. Sie waren ursprünglich auch unter der Führung von Fenrir Greyback gewesen, aber ihr eigener Alpha weigerte sich, sich Severus zu unterstellen. Und da Severus ganz sicher keinen weiteren Kampf wollte, waren die anderen Rudel nun eigenständig, denn das galt für fast alle Rudel auf der Insel. Auch Mary sah man die Schwangerschaft inzwischen deutlich an, aber sie hatte sicherlich noch einige Wochen, bis dieses Kind geboren wurde. Gerade Harry, aber auch Samantha waren begeistert von Cathys Baby. Erstaunlicherweise hatte sich gerade Zoé als hervorragender Babysitter herausgestellt. Auch Jenny machte es gerne, doch gerade mit Ryan, Cathys Baby, war sie ein wenig überfordert. Andererseits war sie auch noch sehr jung, da konnte man noch nicht alles von ihr verlangen. Sie hielt den Kleinen auch gerne, aber spätestens, wenn die Windel voll war, gab sie ihn sehr gerne wieder ab. Wenn Harry, der inzwischen tagsüber nur noch selten eine Windel trug, auf die Toilette musste, hatte sie hingegen kein Problem damit.

„Na komm, Ellen, ich bringe dich in dein Bett, dann kannst du dich ausruhen.“, entschied Severus nach einer Weile, in der sich die Ärztin schwer auf ihn gelehnt hatte. Er stand auf und griff unter ihre Knie und ihre Schultern, hob sie mühelos auf die Arme. Rasch trug er sie in ihr Zimmer und legte sie ins Bett. „Ich bringe dir nachher eine Portion vom Essen rauf.“, versprach er. „Bis dahin solltest du eine Weile schlafen. Soll ich den Anderen Bescheid sagen, oder soll ich es noch verschweigen?“

„Sag du es ihnen, ich kann es nicht.“, flüsterte Ellen, die erneut Tränen in den Augen hatte. Severus ahnte, dass er gut auf sie aufpassen musste, sie war emotional in keiner guten Verfassung. Also umarmte er sie noch einmal tröstend, dann deckte er sie zu und küsste sie auf die Wange, wie er es bei ihr schon öfter gemacht hatte. Er blieb bei ihr, bis ihr gleichmäßiges, tiefes Atmen anzeigte, dass sie eingeschlafen war, dann verließ er leise das Zimmer. Langsam ging er zurück nach unten, wo er aus dem Wohnzimmer bereits wirres Gerede hörte. Jeder schien seine Vermutung zu haben.

Mary, die inzwischen zumindest zum Essen wieder aufstehen durfte und nun am Tisch saß, sah ihn als Erste. „Severus, was ist passiert?“, wollte sie wissen.

Das lenkte die Aufmerksamkeit aller auf den Schwarzhaarigen. Severus räusperte sich unbehaglich. „Ellen hat mich gebeten, euch zu informieren. Sie … sie ist schwanger. Und das schon länger.“

Erneut wurde Gemurmel laut. „Deshalb die weite Kleidung die letzten Wochen!“ - „Aber sie ist doch Single!“ - „Wer wohl der Vater ist?“ - „Geht es ihr wieder besser?“ - „Ausgerechnet Ellen, das hätte ich nicht gedacht.“ - „Kein Wunder, dass sie die letzten Monate so müde war.“ - „Das erklärt auch die Stimmungsschwankungen der letzten Wochen.“

Isaac war blass geworden. Man konnte ihm seine Gedanken ansehen. Als er Severus ansah, wurde es stiller, sie alle spürten, dass etwas Schwerwiegendes in der Luft lag. „Severus, wer ist der Vater? Ist es das, was ich denke?“

„Fenrir ist der Vater, und nein, es war nicht freiwillig.“, beantwortete Severus die Frage so, dass die Kinder nicht zu sehr mitbekamen, worum es ging. Wenigstens die Jüngeren sollten das nicht wissen, sie würden es ohnehin nicht verstehen.

„Nein!“, hauchte Zoé.

Severus hielt die junge Frau fest, die mit weißem Gesicht aus dem Raum stürzen wollte. Noch immer hatte sie gehofft, dass ihr Vater nicht so schlimm war, wie alle ihr sagten, aber das hier schien alle ihre Illusionen zerstört zu haben. Im Rudel konnten sie einander nichts vormachen, sie rochen, ob jemand die Wahrheit sprach. „Zoé, es ist nicht deine Schuld.“, murmelte Severus, als sie in Tränen ausbrach. „Niemand macht dir einen Vorwurf. Auch Ellen nicht, das kann ich mir nicht vorstellen. Du bist die Halbschwester dieses Kindes, vielleicht kannst du Ellen unterstützen, wenn es da ist.“

„Kann … kann ich mit ihr reden?“, bat Zoé.

„Lass sie ein wenig ausruhen, sie ist gerade eingeschlafen. Du kannst ihr nachher das Essen bringen, wenn du magst.“, versprach Severus. „Aber bedränge sie nicht, sie ist ziemlich fertig.“

„Okay.“, stimmte sie zu. Severus wurde erneut bewusst, wie sehr sich Zoé verändert hatte in den letzten Tagen. Sie war viel ruhiger, umgänglicher und liebevoller geworden. Ihr Gespräch hatte den Beginn gemacht, aber vor allem war es die stille Akzeptanz des Rudels, die ihr geholfen hatte. Natürlich gab es Reibereien, vor allem unter den Jugendlichen, aber nichts Ungewöhnliches. Junge Menschen in diesem Alter stritten sich in allen möglichen Belangen, das war normal. Als sie hier einzogen, hatte Zoé ständig Streit vom Zaun gebrochen, inzwischen wurde sie zumindest ab und zu sogar Streitschlichterin. Jetzt war sie eine völlig normale 16-Jährige. Wobei, nicht mehr lange, sie hatte morgen Geburtstag, am gleichen Tag wie James. Sie feierten jeden Geburtstag, wenn auch nicht besonders groß, aber Zoés würden sie wohl ein wenig aufwändiger gestalten, immerhin wurde sie volljährig. Das war etwas Besonderes, und wenn sie schon hier eingesperrt war, sollte sie doch wenigstens eine ordentliche Feier bekommen. Dafür hatte sich Severus ein besonderes Geschenk einfallen lassen, das hatte sie sich verdient.

Tatsächlich brachte Zoé das Essen zu Ellen, als alle fertig waren. Severus ging mit ihr, aber er merkte schnell, dass die beiden Frauen einen Draht zueinander hatten, daher verließ er das Zimmer leise wieder. Harry freute sich, dass er mit ihm nach draußen ging, wo es eine Schaukel gab. Es war nicht leicht gewesen, diese aus einem Stück altem Metall zu erschaffen, aber Lily hatte es schließlich geschafft, als sie hier war. Verwandlung war wirklich ihr bestes Fach, schon immer gewesen. Nur in Zaubertränke war sie auch genauso gut. Viele der Dinge, die sie nun hier hatten, stammten aus Lilys Zauberstab. Isaac und Scott hatten ebenfalls ihren Teil beigetragen, genau wie Severus. Sie alle sahen den Leuchtturm nun als ihr Zuhause an, sogar Ellen, die sich anfangs überhaupt nicht wohlgefühlt hatte. Sie hatten so viel verändert, dass es wie ein anderes Haus wirkte. Draußen liefen Hühner und Gänse herum, dazu gab es Schweine, Ziegen, Hasen und sogar zwei Kühe. Nach und nach konnten sie sicher ihren Fleischbedarf selbst decken, Eier und Milch mussten sie schon gar nicht mehr kaufen. Das erleichterte Vieles für sie.

„Mehr!“, schrie Harry begeistert, als die Schaukel immer höher schwang.

„Wie dein Daddy.“, bemerkte Severus. Hinter ihm kicherte Lily. Dennoch gab er nach und ließ den Jungen noch höher schaukeln. Das fröhliche Jauchzen ließ ihn jede Anstrengung vergessen und er merkte nicht einmal, wie sich ein glückliches Lachen auf seinem Gesicht ausbreitete. Jedoch verblasste es bald wieder, weil er an Regulus dachte. Sein Gefährte war am Ende mit seiner Kraft, er konnte einfach nicht mehr. Severus spürte es durch ihre Verbindung, aber er konnte einfach nichts tun. Gerade war Regulus bei seinem Meister, während er den gesamten Vormittag in der Uni verbracht hatte, weil er eine wichtige Prüfung geschrieben hatte. Sie hofften, dass er sie bestand, waren aber nicht sicher. In den letzten zwei Monaten war Regulus häufig unkonzentriert gewesen, immer wieder klagte er über Schwindel und war eigentlich ständig erschöpft. Er brauchte dringend eine Pause, aber die bekam er einfach nicht. Auch jetzt spürte Severus die Müdigkeit von Regulus, aber auch die immer stärkere Hoffnungslosigkeit. Doch der Jüngere riss sich zusammen, ihm war klar, dass seine Leistung nicht mehr lange dieses konstant hohe Niveau haben würde. Aber was sollte er tun? Dem Lord sagen, dass er Urlaub brauchte? Keine gute Idee. Nein, ihm blieb nichts anderes übrig, als weiter zu machen.

Er spürte es offenbar im gleichen Moment wie Regulus. Das Mal brannte. „Verdammt!“, fluchte er und hielt sich den Arm. Lily erkannte sofort, was los war, und kümmerte sich um Harry, sodass Severus seine Sachen holen und disapparieren konnte. Immer wieder musste er zum Lord, aber in den letzten Wochen war es nicht mehr so häufig wie davor. Meist waren es nur Versammlungen, doch immer wieder mussten sie auch nach draußen. Severus schaffte es inzwischen, alle glauben zu lassen, dass er mitmachte, während er gleichzeitig versuchte, Portschlüssel an unschuldige Opfer zu verteilen. Seine Wolfssinne halfen ihm dabei, unentdeckt zu bleiben. Albus' Hoffnung, er könne die Wölfe vom Lord weg holen, hatte sich nicht erfüllt, die Meisten hatten einfach zu viel Angst, als dass sie zurück blieben. Einige wenige, die kein Mal hatten, waren verschwunden, aber diejenigen, die das Mal am Arm hatten, durften nicht zögern. Noch hatten weder Scott noch Isaac etwas gespürt, aber ob es so bleiben würde, war fraglich. Zur Sicherheit hatten sie starke Schmerztränke im Leuchtturm, für genau diesen Fall. Doch daran durfte Severus jetzt nicht denken, er trat in diesem Moment in den Salon, wo bereits die meisten Todesser versammelt waren. Der Lord kam nur Minuten später und schickte Regulus ins Labor.

„Lucius, Bericht!“, forderte er.

Der Blonde gehorchte. „Ich habe es geschafft, zwei der Auroren in den oberen Rängen unter Imperius zu stellen. Jedoch half es nicht viel. Ich konnte von ihnen erfahren, dass Dumbledore selbst derjenige ist, der Rodolphus, Rabastan, Avery und MacNair festhält. Keiner der Auroren weiß, wo sie sind. Moody möglicherweise, aber es ist unmöglich, an ihn heran zu kommen, außerdem ist bekannt, dass er einen Imperius abwerfen kann. Dennoch habe ich einen Erfolg zu berichten, wir konnten mehrere hohe Mitarbeiter des Ministeriums und ein Ordensmitglied aus Dumbledores engstem Kreis gefangen nehmen.“ Er winkte einem Todesser, der mit ihm unterwegs gewesen war. Dieser verließ kurzzeitig den Raum, dann kam er mit fünf Gefangenen zurück. Severus erkannte nur einen von ihnen. Kingsley Shacklebolt, ein junger Auror und Mitglied im Orden. Die Anderen hatte er noch nie gesehen. Glücklicherweise kannte Shacklebolt ihn nicht, so konnte er auch nichts verraten. Aber Severus' Gedanken überschlugen sich bereits, er hoffte, die Gefangenen befreien zu können. Vor allem diesen jungen Mann, den er wenigstens ein bisschen kannte. Er hatte Mut und war sehr listig, konnte bereits jetzt, in seinem Alter – nur wenig älter als Severus selbst – geniale Strategien und eine beeindruckende Laufbahn bei den Auroren vorweisen. Sicherlich würde er in ein paar Jahren Seite an Seite mit Moody arbeiten und irgendwann dessen Nachfolger werden.

Doch Shacklebolt war auch erstaunlich widerstandsfähig. Er sagte kein Wort, stand aber aufrecht und stolz vor dem Lord. Selbst die Foltern lockerten seine Zunge nicht. Irgendwann schickte der Lord seine rechte Hand, die anderen Gefangenen – sie hatten schnell geredet, wussten aber nichts – in die Zellen im Kerker zu bringen. Malfoy neigte kurz seinen Kopf, dann ließ er die Gefangenen, die inzwischen bewusstlos waren und sicher noch eine Weile bleiben würden, in die Kerker schweben.

„Snape!“, zischte der Lord mit einem Mal.

„Mein Lord.“, verneigte sich Severus, aus seinen Gedanken gerissen. Sein Herz raste, auch wenn man ihm nichts anmerkte. Er hatte keine Ahnung, was das nun werden würde.

„Geh ins Labor und hol Regulus.“, befahl der Lord. „Er soll die Tränke mitbringen, die fertig sind. Wir brauchen sie hier und jetzt.“

„Wie ihr wünscht, mein Lord.“ Severus verneigte sich erneut, dann verließ er eilig den Salon und hastete zum Labor. „Reg, der Lord will dich im Salon haben, du sollst die fertigen Tränke mitbringen.“

„Sev, verdammt, du hast mich erschreckt!“, entfuhr es Regulus. Er spürte, dass Severus alleine war, hatte sich aber vorher verschlossen, um sich auf das Brauen konzentrieren zu können. Zum Glück war fast alles fertig, ein Trank köchelte noch, aber der brauchte noch einige Stunden, das wusste der Lord sicherlich auch. Hastig stopfte er die Phiolen in eine Tasche seines Umhanges. „Komm, gehen wir, er ist sicher nicht gerade geduldig.“

Gemeinsam eilten sie in Richtung Salon, als Severus mit einem Mal stockte und auf eine Tür deutete, gleichzeitig ein Zeichen machte, dass Regulus still sein sollte. Die Tür stand halb offen, als ob es jemand eilig gehabt hatte. Severus, und über ihn auch Regulus, konnte spüren, dass sich hier ein Horkrux befand. Vorsichtig warfen sie einen Blick in das Zimmer. Erschrocken sahen sie einander an. Was hatte das zu bedeuten? Ein weiterer Blick zeigte das Gleiche: Lucius Malfoy stand schweißgebadet über den Tisch gebeugt, der in der Mitte des Raumes stand, ein Arbeitszimmer, wie es aussah. Angestrengt versuchte er, eine Phiole in seiner Hand so zu kippen, dass der Inhalt über ein Buch, das auf dem Tisch lag, laufen konnte. Severus erkannte die Flüssigkeit im gleichen Moment wie Regulus. Basiliskengift. Genau das, was sie brauchten. Jetzt warfen sie einen genaueren Blick auf das, was auf dem Tisch lag. Ein Buch, das irgendwie unscheinbar wirkte. Ein brauner Lederumschlag ohne Beschriftung, soweit sie es sehen konnten, Seiten aus Papier. Und doch wusste Severus, dass es etwas Bedeutendes sein musste, denn es war ein Horkrux, er war absolut sicher. Einer, von dem sie bisher nicht einmal etwas geahnt hatten, und wenn er ihn so ansah, dann wären sie sicher auch nicht darauf gekommen, denn was sollte ein einfaches Buch Besonderes sein? Er verstand es nicht und wusste, er würde noch viel darüber nachdenken.

Genau in diesem Moment schaffte Lucius Malfoy es, die Flüssigkeit darüber zu schütten. Ein fürchterlicher Schrei durchbrach die angespannte Stille, bevor er genauso plötzlich abbrach, wie er begonnen hatte. Severus spürte, dass der Horkrux vernichtet war, und ließ es Regulus wissen. Sie zogen ihre Zauberstäbe und öffneten die Tür vollständig.

Lucius Malfoys Blick huschte zur Tür und er wurde noch deutlich blasser, als er ohnehin schon war. Schweiß bedeckte sein Gesicht, und die Haare waren wirr, der Blick irrte unruhig hin und her. Erkenntnis breitete sich in seiner ganzen Haltung und der Mimik aus. Er hob die Hände in einer ergebenen Geste, gab seine Niederlage zu. „Und nun? Liefert ihr mich aus?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang unwahrscheinlich ruhig im Vergleich zu seinem Äußeren.

Severus war daher absolut sicher, dass der Blonde noch einen Trumpf in der Hinterhand hatte, vermutlich würde er sich lieber töten, als sich zum Lord bringen zu lassen. „Nein.“, erwiderte er nach einigen Sekunden ruhig. „Aber wir haben gerade keine Zeit, der Lord wartet auf uns. Geh, verhalte dich unauffällig und triff uns nach der Versammlung. Hier.“ Er kritzelte einige Zahlen auf ein Stück Pergament. „Das sind die Koordinaten, dort werden wir auf dich warten. Kommst du  nicht … nun, ich denke, du weißt, was ich meine. Wir müssen reden. In Ruhe.“

„Ihr … ihr liefert mich nicht aus?“, wunderte sich Lucius.

„Ich denke, wir können mehr davon profitieren, wenn wir dich vorerst nicht ausliefern.“, antwortete Severus kühl.

„Wir werden sehen.“, kam es gleichzeitig von Regulus. Ruhig, überlegen.

Lucius zögerte einen Moment, dann ließ er das Pergament in seiner Tasche verschwinden. „Ich werde kommen.“, versprach er schließlich. Er griff nach dem Buch, dem vernichteten Horkrux, und nach der leeren Phiole, sperrte beides in einem Safe ein, dann wandten sie sich zur Tür und verließen nacheinander das Arbeitszimmer, gingen zurück in den Salon.

Der Lord wandte sich ihnen nur kurz zu, bis Regulus sich vor ihn kniete und ihm die Phiolen reichte. „Mein Lord, das Veritaserum muss noch einige Stunden ziehen, bevor es fertig ist, alle anderen Tränke habe ich hier.“

„Gut, du kannst an deinen Platz!“, zischte der Lord. Lucius und Severus hatten sich ohne Aufforderung auf ihre Plätze begeben. „Nun, Auror Shacklebolt“, der Lord betonte den Titel ziemlich sarkastisch, „ich nehme an, ihr wisst, was ich hier habe, immerhin rühmt sich das Ministerium, nur die Besten zu nehmen.“ Er schwenkte eine Phiole mit einem charakteristisch perlmutt schimmernden Trank, der eine seltsam flüchtige Konsistenz zu haben schien, im einen Moment flüssig, im nächsten gasförmig, und doch mehr wie eine Flüssigkeit. Der dunkelhäutige Auror warf einen flüchtigen Blick darauf, dann froren seine Züge erneut ein, er starrte stur vor sich auf die Wand, ignorierte den Lord scheinbar. „Das hier ist Skele-Wachs, aber natürlich wissen das alle hier. Aber wisst ihr auch, was passiert, wenn man den Trank zu hoch dosiert, obwohl keine Knochenbrüche vorliegen?“

Nacktes Grauen spiegelte sich im Gesicht des Aurors wider, als er realisierte, was der Lord plante. Er wusste, was gemeint war. In kleinen Dosen half dieser Trank, gebrochene Knochen wieder zusammen, oder auch neue Knochen wachsen zu lassen, doch in der Menge, die hier war, würde der ganze Körper nach und nach verknöchern, sodass er schließlich nicht mehr atmen konnte. Aber bis dahin warteten wahnsinnige Schmerzen auf ihn, sowie das Wissen, was mit ihm passierte. Und doch presste er die Lippen eisern zusammen. Es war deutlich, er würde nicht reden. Egal, was mit ihm passierte.

Mit einer Handbewegung überließ der Lord den jungen Mann seinen Anhängern. Der Reihe nach brachten sie ihn zum Schreien, doch er sprach nicht ein Wort, flehte nicht um Gnade. Bewunderung machte sich in Severus breit, der nicht darüber nachdenken wollte, dass auch er mitmachen musste. Sicher wäre sein Fluch nicht so schlimm wie der von beispielsweise Bellatrix, die ohnehin schlechte Laune hatte, da der Lord sie in letzter Zeit ignorierte, doch er musste schmerzen, ansonsten fiel er auf. Nicht zum ersten Mal war er in dieser Situation, aber zum ersten Mal kannte er das Opfer. Es fiel ihm schwer, wie immer in so einem Fall. Lange musste er es nicht aushalten, denn jeder sollte auch einmal dran kommen. Mitleid zog das Herz des Schwarzäugigen zusammen, doch er durfte sich nichts anmerken lassen. Er spürte, dass es Regulus ebenso ging. Sie wagten es nicht, einander anzusehen, aber sie konnten die Gefühle des jeweils anderen spüren. Es schien unendlich so weiter zu gehen, jeder Schrei bohrte sich wie spitze Nadeln in Severus.

Irgendwann erlöste der Lord sie. Er ließ den Gefangenen in die Kerker bringen, ohne ihm den Trank zu verabreichen. Wie so oft setzte er auf die Angst. Die meisten Gefangenen hatten irgendwann so eine Panik, dass sie anfingen zu reden, auch wenn nichts geschehen war. Obwohl ‚nichts‘ wohl eher weit gefasst war. Die Foltern, die eben stattgefunden hatten, gehörten immer dazu. Viele Gefangene redeten bereits da. Nicht so Shacklebolt, er war erstaunlich resistent. Aber irgendwann würde auch er reden. Die Todesser wurden entlassen. Severus disapparierte und tauchte gleich danach am Strand in der Nähe von Broadstairs wieder auf. Hierhin hatte er Malfoy bestellt. Hier hatten sie auch mit Smethwyck gesprochen. Da Regulus noch ins Labor gehen musste, ging Severus davon aus, dass er alleine mit Malfoy sprechen würde, doch erstaunlicherweise kam Regulus sogar noch vor Lucius an. Mit einem kurzen Kuss begrüßte er seinen Gefährten, bevor sie etwas Abstand zwischen sich brachten, um Lucius Malfoy keine Hinweise zu geben.

Der erschien einige Minuten später. Er hob die Hände, als er zwei auf sich gerichtete Zauberstäbe vor sich sah. Ein wortloser Zauber ließ seinen Zauberstab zu Severus fliegen, was Lucius dazu brachte, eine Augenbraue zu heben. „Ich habe die Hauselfen noch angewiesen, den Gefangenen Wasser und wenigstens etwas Brot zu bringen.“, erklärte er. „Mehr kann ich nicht machen, ohne aufzufallen. Aber jetzt bin ich hier. Worüber wollt ihr mit mir reden?“

„Was hast du in dem Arbeitszimmer getan und warum?“, fragte Severus bewusst direkt. Kein Herumdrucksen, kein Taxieren. Je direkter die Kommunikation, desto besser konnten seine Sinne erkennen, was dahinter steckte. Die slytherin-typische Art, um alles herum zu reden, half ihm nicht wirklich. Außerdem wollte er wissen, wie viel der Blonde ahnte oder gar wusste.

„Dazu muss ich ein wenig ausholen.“, begann Lucius. „Ich hoffe, ihr habt Anti-Abhör-Zauber aktiv?“ Severus nickte nur, und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, weiter zu sprechen. „Das alles begann bereits vor einigen Jahren. Mein Vater hat mich in den inneren Kreis des Lords gebracht. Ja, ich stimme mit vielen Zielen des Lords überein, aber ich hätte einen anderen, friedlichen Weg vorgezogen. Von Anfang an war mir bewusst, dass mit dem Lord etwas … seltsam war. Es hat lange gedauert, aber schließlich habe ich herausgefunden, dass er einen Teil seiner Seele in seinem Tagebuch eingeschlossen hatte. Dieses Tagebuch war in meinem Haus, in meinem Safe versteckt, ich sollte es für ihn sicher aufbewahren. Aber es schien mich zu verfolgen, ich konnte bald nicht mehr schlafen. Immer mehr Aufmerksamkeit schien bei diesem Tagebuch zu liegen, es tauchte plötzlich auf, ohne dass ich es in der Hand gehabt hätte. Auch Zissa berichtete immer öfter, dass sie ein seltsames Gefühl hatte. Sie bekam Angst, vor allem um unseren Sohn Draco. Sie wollte nicht mehr hier bleiben, also brachte ich sie und Draco in Sicherheit. Der Lord weiß bis heute nichts davon, und so sollte es auch bleiben. Zudem habe ich mich in Positionen gesetzt, die mich wichtig für den Lord machen, zum Beispiel im Schulrat, damit ich so unersetzbar wie möglich bin. Bisher ist dieser Plan aufgegangen und er hat auch nicht nach Zissa oder Draco gefragt. Ich habe die Zeit genutzt und recherchiert, was es mit diesem Tagebuch auf sich hatte, immerhin ist es einfach nur ein leeres Buch, wenn man es ansieht. Schließlich fand ich heraus, dass es ein Horkrux war, und wie ich ihn zerstören konnte. Ich habe mir Basiliskengift besorgt und ihn heute zerstört, als ich die Chance hatte. Alle anderen Versuche, die ich vorher unternahm, schlugen fehl, hinterließen nicht einmal Spuren. Bis ich endlich erkannte, was ich vor mir hatte.“

„Dir ist bewusst, dass du dich nun vollkommen in unsere Hände begeben hast?“, brach Regulus schließlich das Schweigen, das sich nach Lucius' Erzählung zwischen ihnen ausgebreitet hatte.

„Ja, das ist es. Aber ich habe nicht mehr viel zu verlieren.“, zuckte Lucius die Schultern. „Wenn ihr mich ausliefern wolltet, hättet ihr das schon lange getan. Wobei euch sicher klar ist, dass ich mich nicht hätte ausliefern lassen, nicht lebend. Und wenn der Lord dann annehmen muss, dass ihr mich getötet habt ...“ Er hielt einen Moment inne, als würde er ihnen Zeit geben, sich den Rest auszumalen. „Außerdem seid ihr nicht wirklich überrascht von dem, was ich euch eben erzählt hatte. Also wusstet ihr bereits von dem Horkrux. Und wenn ihr das wusstet, und nichts gegen mich unternommen habt, dann muss ich daraus schließen, dass auch ihr gegen unseren Lord kämpft. Somit haben wir uns gegenseitig in der Hand und können davon ausgehen, dass wir einander wenigstens ein Stück weit vertrauen können.“

Severus hob anerkennend eine Augenbraue. „Und was planst du nun?“, wollte er wissen. Ihm war bewusst, wie schnell der Blonde logische Schlussfolgerungen ziehen konnte, vor allem in einer solchen Situation, wo er derart in Bedrängnis war. Und doch war er ruhig geblieben und hatte seine eigenen Vorteile gesucht.

„Ich wollte sehen, ob das Tagebuch der einzige Horkrux war.“, erklärte Lucius. „Und dann versuchen, alles zu tun, um den Lord zu vernichten.“ Damit hätte er sein Todesurteil endgültig unterschrieben, wenn Severus und Regulus nicht auf seiner Seite wären. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, da ich noch nicht viel herausgefunden habe.“

Severus und Regulus wechselten einen kurzen Blick, tauschten sich wortlos aus. Nach wenigen Sekunden, in denen sie sich über ihre Gefühle verständigten, wandten sie sich erneut Lucius zu. „Das Tagebuch ist nicht der Einzige, aber einer, von dem wir bislang noch nichts wussten.“, verriet Severus. „Wir haben einen in unserer Hand, konnten ihn aber noch nicht vernichten, da uns die Mittel fehlen. Wir wissen außerdem, dass der Ring, den der Lord trägt, einen Horkrux enthält. Vermutlich ist einer auch der Becher von Hufflepuff. Möglicherweise hat er auch das verschollene Diadem von Ravenclaw gefunden und benutzt. Wir wissen auch, dass etwas aus dem Haus der Longbottoms geholt wurde, und zwar ein Horkrux. Nur nicht, welcher. Er ist im Arbeitszimmer des Lords, und dort mit Parsel gesichert.“

Die blau-grauen Augen des Blonden weiteten sich entsetzt. „So viele? Und jetzt? Wie kommen wir daran? Ich hatte das mit dem Haus der Longbottoms vermutet, als wir vom inneren Kreis den Befehl erhielten, etwas Schwarz-Magisches aus diesem Haus zu holen. Gerade von den Longbottoms, die vollkommen auf der anderen Seite stehen, oder besser standen. Aber ich konnte nicht einmal einen Blick darauf werfen, was genau in dem Beutel steckte. Soweit ich weiß, hatte der Lord einen ähnlichen oder gar den gleichen Beutel dabei, als wir damals erst zu den Potters und dann zu den Longbottoms sollten. Ich hatte gehofft, irgendwann heraus zu finden, was darin steckt und wo es nun ist. Nachsehen habe ich nicht geschafft, ich war nie allein mit dem Beutel. Wir müssen etwas tun!“

„Lucius, beruhige dich!“, forderte Regulus. „Wir müssen klar bleiben, damit wir handeln können. Nur dann haben wir eine Chance. Also, wir werden Folgendes machen: Wir lassen uns nichts anmerken, gehen zurück zum Lord. So lange wir nicht an die Horkruxe kommen, können wir nichts tun. Wir brauchen jede Information, die wir bekommen können, also werden wir so weitermachen wie bisher.“

„Um wie viele genau geht es? Der Ring, das Diadem, ein Becher, dazu das Tagebuch, das sind ja mindestens vier!“, wisperte Lucius, noch immer ziemlich entsetzt.

„Genau wissen wir es nicht, die Vermutung ist, es könnten sieben Seelenteile sein, sprich, sechs Horkruxe. Wenn wir also davon ausgehen, dass unsere Theorien stimmen, wissen wir von fünf, fehlt uns also immer noch einer.“, erklärte Regulus. Severus und er waren sich einig, dass sie Lucius soweit vertrauen konnten. Mussten. Er konnte ihnen wirklich helfen.

„Hast du noch Basiliskengift?“, fragte Severus.

„Nein, ich habe nur diesen kleinen Rest besorgen können, der ist komplett mit dem Tagebuch verbraucht worden.“, schüttelte Lucius den Kopf. Regulus nickte, er war sicher, dass er gesehen hatte, wie die Phiole geleert worden war. Nachdenkliche Stille breitete sich aus.

„Was ist mit den Kindern, mit Celia und Jeremy?“, wollte Severus mit einem Mal wissen.

„Sie sind in meinem Wohnbereich. Zwar dürfen sie das Anwesen nicht verlassen, und sie werden eingesperrt, wenn die Todesser kommen, aber es geht ihnen gut. Sie weinen immer wieder nach ihren Eltern, aber sie sind unverletzt. Ich versuche, sie so weit wie möglich zu schützen, aber natürlich wollen sie zurück nach Hause. Der Lord hat selbst die Zauber gesprochen, sodass niemand sie einfach mitnehmen kann. Zissa hat sich um sie gekümmert, bis sie mit Draco gegangen ist. Ich wollte sie befreien, aber das hätte die Aufmerksamkeit des Lords auf uns gerichtet, das konnten wir auch nicht. Dann wären sie ganz allein mit dem Lord, wahrscheinlich würde sich dann Bella um sie kümmern.“, wisperte Lucius.

„Natürlich.“, nickte Severus ruhig. „Kannst du mich zu ihnen bringen, ohne dass es auffällt?“

„Ja.“, bestätigte Lucius. „Ich binde dich in den Schutz des Manors ein. Dann kannst du nach dem nächsten Treffen in meinen persönlichen Bereich apparieren. Niemandem wird etwas auffallen. Vorher geht es nicht, dem Lord würde auffallen, wenn auf einmal jemand in die Schutzzauber appariert, er spürt es über das Mal und aufgrund der Schutzzauber, die anschlagen. Nach einem Treffen ist es weniger auffällig, da du dann bereits innerhalb der Zauber bist. Allerdings fürchte ich, du kannst die Kinder auch nicht mitnehmen, der Lord würde es sofort merken. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Gefangenen. Sie müssen durchhalten, aber vielleicht kann Dumbledore sie gegen gefangene Todesser austauschen.“ Er hielt kurz inne, dann sah er Severus in die Augen. „Ich schwöre, dass alles, was wir hier besprochen haben, von mir nicht weiter erzählt wird. Niemand wird es von mir erfahren.“

„Danke.“ Zum ersten Mal lächelte Severus leicht. Seine Sinne konnten nur die Wahrheit erfassen und seine Instinkte schlugen nicht an. Er streckte Lucius die Hand entgegen, darin lag dessen Zauberstab. Dankbar griff der Blonde danach. Dann reichten sie einander die Hände. Sie waren nun Verbündete. Vorerst würden sie nicht von ihrer Verbindung zu den Potters oder Albus sprechen. So viel Vertrauen hatten sie noch nicht zu Lucius, auch wenn Severus beinahe sicher war, dass er die reine Wahrheit gesprochen hatte. Doch aus Erfahrung wusste er, dass man auch die Sinne des Werwolfes umgehen konnte. Auch ein Werwolf hätte nie mitbekommen, dass er angelogen wurde, als Severus und später auch Regulus vom Lord befragt wurden. Es beruhte auf der Tatsache, dass sie diese Dinge sicher in ihrem Kopf verwahrt hatten, sodass sie nichts verraten konnten. Allerdings waren sie sicher, dass auch Lucius zu so etwas in der Lage war. Das Risiko war groß genug, auch ohne dass sie davon sprachen.

Sobald der Blonde sich verabschiedet hatte und disappariert war, eilten die beiden Gefährten in Sirius' Haus. Harry schlief bereits, so spät war es schon. Sie riefen Albus hinzu, um zu erzählen, was sie eben erlebt und erfahren hatten. James war der Erste, der zur Vorsicht mahnte, während Lily von Severus wissen wollte, was seine Instinkte ihm rieten. Sirius hörte zu, er war sehr ruhig geworden, seit er hier war. Alpträume plagten ihn Nacht für Nacht, oft wachte er schreiend auf. Sicher würde es noch Monate dauern, bis er den Aufenthalt in Askaban hinter sich lassen konnte. Sein Blick durchbohrte seinen Bruder, als wollte er wissen, was Regulus dachte. Albus hingegen wirkte sehr nachdenklich. „Ihr traut ihm?“, wollte er wissen.

„Nicht vollkommen, aber ich konnte keinerlei Täuschung spüren oder riechen.“, antwortete Severus. „Allerdings konnte das bei uns auch niemand, als der Lord uns testete.“

„Was ist mit dem Schwur?“, fragte James. „Du hast doch eben erzählt, dass er geschworen hat, nichts zu verraten.“

„Es war kein magischer Schwur. Dafür hätte er den Zauberstab gebraucht, den hatte ich zu dem Zeitpunkt noch. Und doch konnte ich nichts Falsches daran erkennen.“, gab Severus zurück. „Er hat sich ein großes Stück weit in unsere Hände begeben, allerdings gilt das auch umgekehrt. Ich schätze, wir haben keine andere Wahl, als einander zu vertrauen. Ich bin sicher, Lucius steht auf unserer Seite.“

„Ich auch.“, schloss sich Regulus an.

„Ich vertraue ihm nicht, er steht zu dicht an der Seite des Dunklen.“, schüttelte James den Kopf.

„Ich denke auch, es ist gefährlich, zu sehr zu vertrauen.“, überlegte Albus. „Aber zumindest in dem Bereich, den er bereits erfahren hat, haben wir keine andere Wahl, als ihm zu vertrauen. Vielleicht sollten wir ihn nach dem Basiliskengift fragen, damit wir wenigstens das Medaillon vernichten können. Aber es hilft uns nicht, an die anderen zu gelangen. Und so lange wir diese nicht zerstören können, ist auch Riddle nicht aufzuhalten. Hier könnte die Hilfe von Mister Malfoy wirklich sehr nützlich sein.“

„Was wird mit Kingsley?“, wollte James wissen. „Ich kenne ihn, er ist Auror, ein sehr guter Mann. Wir können ihn nicht einfach den Todessern und ihrem Anführer überlassen!“

„Ich fürchte, im Moment können wir nichts tun.“, schüttelte Albus bedauernd den Kopf. „Aber ich werde sehen, ob wir ihn tatsächlich austauschen können. Die anderen Gefangenen sind wohl bereits tot, jedenfalls habe ich entsprechende Post bekommen.“ Er schüttelte sich und wirkte dabei ziemlich grün im Gesicht. „Sie wussten nichts, was für Voldemort interessant gewesen wäre, auch als Geiseln waren sie ihm nicht genug wert. Sie waren Neulinge im Orden, sollten Kingsley gerade treffen, um zu trainieren. Für uns wäre ihre Erfahrung wertvoll gewesen, sie haben im Krieg gegen Grindelwald bereits gekämpft. Ich vermute, Voldemort hat einen Spion, der Informationen aus dem Orden weitergibt, anders kann ich mir nicht erklären, wie er sie gefunden hat. Vielleicht kann Mister Malfoy etwas herausfinden, er steht Riddle näher als ihr.“ Sein Blick ging zu Regulus und Severus, die nickten. Sie würden es weitergeben.

„Wir werden also vorsichtig sein, aber die Hilfe von Lucius Malfoy annehmen.“, fasste Lily zusammen. „Ich fürchte nur, er wird nicht so selbstlos helfen, sondern irgendwann seine eigenen Forderungen stellen.“

„Das denke ich auch.“, nickte Severus, und Regulus stimmte ihm zu.

„Was denkst du, Sirius?“, wandte sich James an seinen besten Freund.

Erschrocken zuckte Sirius zusammen. Noch immer war er extrem schreckhaft, aber sie alle waren einig, dass sie ihm nicht halfen, wenn sie immer nur Rücksicht nahmen. Unsicher blickte er um sich, bevor er schließlich zu James sah. „Ich weiß es nicht.“, flüsterte er. „Ich vertraue niemandem mehr, außer dir und Lily. Langsam lerne ich, auch Regulus und sogar Severus zu vertrauen. Aber Lucius Malfoy? Das kann ich nicht. Sein Vater war dabei, er war einer derer, die mich verurteilt haben. Ich glaube nicht, dass ich eine vernünftige Entscheidung treffen kann.“

Severus, der die Angst, aber auch die Entschlossenheit riechen konnte, hob erstaunt seine Augenbraue. Die letzten Wochen und Monate hatte er kaum mit dem Bruder seines Gefährten zu tun gehabt, Sirius war ihm aus dem Weg gegangen, wenn er hier gewesen war. Zwar hatte der Animagus ihn um Verzeihung gebeten, aber wirklich ausgesprochen hatten sie sich noch nicht. Zu viel stand noch zwischen ihnen, selbst wenn man den Vorfall mit der heulenden Hütte außer Acht ließ. Vorher war schon sehr viel passiert, das konnte er nicht einfach vergessen. Und doch beeindruckte ihn diese Sichtweise, die zeigte, dass Sirius seit seiner Ankunft hier im Haus deutlich erwachsener geworden war. Das lag wohl auch an den Gesprächen mit Poppy, die sich regelmäßig um ihn kümmerte. Er nickte Sirius anerkennend zu. „Wir werden vorsichtig bleiben, aber sehen, was Lucius uns bieten kann. Ohne seine Hilfe werden wir es wohl nicht in den nächsten Jahren schaffen.“

„Wir müssen es beenden. Für Harry, für unser ungeborenes Baby, aber auch für die anderen Kinder. Sie sollen nicht im Krieg aufwachsen müssen.“, entschied Lily. „Und wenn Lucius Malfoy uns helfen kann, dann müssen wir diese Hilfe annehmen. Aber wir werden uns absichern, so gut es geht.“

„Ich denke, Lily hat Recht.“, stimmte Albus zu. „Wir brauchen seine Hilfe, aber wir dürfen nicht leichtsinnig werden. Er wird erst beweisen müssen, dass er auf unserer Seite steht.“

Sie alle stimmten dieser Entscheidung zu. Albus verabschiedete sich und verschwand. Regulus und Severus hingegen blieben zum Essen. „Kann ich mit dir reden?“, bat Sirius am Ende und sah Severus an.

„Natürlich.“, nickte Severus nach einen Moment. „Setzen wir uns ins Arbeitszimmer.“ Er ging voran und spürte gleichzeitig, wie zufrieden Regulus mit dieser Entscheidung war. Der Jüngere sollte sich nicht irgendwann entscheiden müssen. Severus liebte ihn, vor allem deshalb wollte er dieses Gespräch auch. Es würde Regulus glücklich machen, und das war alles, was Severus wollte.

„Severus, ich habe darüber nachgedacht, was damals in Hogwarts passierte.“, begann Sirius. „Ich habe falsch gehandelt, das ist mir inzwischen klar, aber damals … Du warst genau das, was meine Eltern sich von mir erhofften. Ich habe rebelliert, und du musstest darunter leiden. Es tut mir leid.“

„Ich weiß nicht, ob ich jemals vergessen kann, was damals passierte.“, schüttelte Severus den Kopf. „Ich habe James inzwischen vergeben, schon vor allem deswegen muss ich dir eine Chance geben. Dazu kommt, dass dein Bruder nicht zwischen uns stehen soll. Wir beide sind ihm sehr wichtig, also sollten wir sehen, dass wir miteinander auskommen. Du wirst allerdings beweisen müssen, dass du dich geändert hast. Wobei ich durchaus sehe, dass es bereits Veränderungen gibt. Du bist ruhiger und überlegter geworden.“

„Ich wollte nie, dass … dass Remus so benutzt wird. Ich wollte nie, dass er verraten wird.“, wisperte Sirius. „Ich wusste nicht, warum ich das getan habe, aber ich konnte nichts dagegen tun. Danach habe ich mich nicht einmal erinnert, dass ich es nicht wollte. In Askaban hatte ich kaum einen anderen Gedanken. Ich hatte Remus verraten und dich … Es tut mir leid.“

„Das glaube ich dir sogar.“, beruhigte Severus. „Und doch kann ich nicht einfach vergessen. Ich werde etwas Zeit brauchen.“

„Das glaube ich.“, nickte Sirius. „Aber danke, dass du mir zugehört hast. Pass gut auf meinen kleinen Bruder auf.“

Jetzt lächelte Severus. „Das habe ich vor.“

Auch Sirius grinste nun und erinnerte damit ein wenig an früher. „Ich weiß!“ Er wurde ernst. „Ich habe ihn noch nie so glücklich gesehen. Bitte, lass nicht zu, dass er an diesem elenden Krieg kaputt geht.“

„Ich verspreche, alles dafür zu tun, dass Regulus ein glückliches Leben hat.“, schwor Severus.

„Du liebst ihn sehr.“, staunte Sirius, als würde ihm diese Tatsache erst jetzt bewusst.

„Er ist mein Gefährte.“, verriet Severus. „Ohne ihn könnte ich niemals richtig glücklich sein. Ich tue alles für ihn.“

„Das kann man sehen.“, gestand Sirius. „Ich hoffe, dass ihr beide glücklich sein dürft.“

„Ich auch.“, wisperte Severus. „Ich auch.“

„Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, dear Zoé, happy birthday to you!“, sang das Rudel, als Zoé am 27. März nach unten kam.

Severus nahm die nun 17-Jährige, die Tränen in den Augen hatte, in die Arme. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“, murmelte er in ihre Ohren. Er drückte ihr ein Päckchen in die Hand. „Es ist nicht viel, das geht leider nicht, aber es kommt von Herzen.“

Überrascht und mit weiten Augen öffnete Zoé vorsichtig das Papier. Eine Schleife gab es nicht, aber das passte einfach nicht zu Severus. An der Wand stand ein Tisch, auf dem weitere Päckchen lagen, doch er wollte es ihr persönlich geben. „Das … ich …“, stammelte Zoé. Eine einzelne Träne rann über ihre Wange, doch sie lächelte Severus an. „Danke!“ Stürmisch fiel sie ihm um den Hals, bevor sie ihre neue Armbanduhr vorsichtig an ihrem Handgelenk befestigte. Sie verstand offenbar sehr genau, was Severus ihr damit sagen wollte. Eine Uhr war das Geschenk, das volljährige Zauberer und Hexen traditionell von ihren Eltern bekamen. Severus zeigte ihr damit, dass er ihr nicht nur verziehen hatte, sondern sie zu seiner Familie zählte, sie wie eine Tochter sah. Auch wenn sie vom Alter her nicht so weit auseinander waren, aber als Alpha übernahm er die Vaterrolle vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die niemanden im Rudel hatten. Seit dem Tod ihres Vaters, und vor allem nach dem Angriff auf Severus, hatte Zoé offenbar Zweifel gehabt, ob das auch für sie noch galt. Jetzt nicht mehr, wie es schien. Sie trauerte noch immer um ihren Vater, aber sie fing inzwischen wieder an, zu leben. Und das war auch gut so.

„Na komm, setz dich!“, lud Sarah nun ein. Sie war, gemeinsam mit Ellen, so etwas wie die Mutter des Rudels. Ellen hatte sich noch nicht wieder gefangen, aber sie hoffte, dass das Baby nicht viel mit seinem Erzeuger gemein hatte. Lange hatte sie sicher nicht mehr, das Baby war eindeutig ein geborener Werwolf, wechselte wohl bereits jetzt, im Mutterleib, immer wieder die Gestalt, wie sie Severus gestanden hatte. Ihre Kreislaufprobleme würden bald Geschichte sein, sie bekam seit gestern Tränke von Lily, die sich auch sonst rührend kümmerte. Das Baby würde sicher noch vor dem nächsten Vollmond geboren werden, der in etwa zweieinhalb Wochen am Himmel stehen würde. Sie saß bereits am Tisch, da sie nicht lange stehen konnte. Zoé setzte sich neben sie und strich kurz über den Bauch. Gerade zu Ellen hatte Zoé seit gestern ein enger werdendes Verhältnis, das Mädchen liebte bereits jetzt sein Halbgeschwisterchen. Bei Ellen würde es wohl noch dauern, aber sie ließ zu, dass Zoé immer wieder mit ihrem Bauch sprach und darüber streichelte. Das Baby konnte nichts dafür, wie es entstanden war, das war ihre Meinung. Und sie würde es das Kind auch nicht absichtlich spüren lassen. Severus hatte gestern Abend noch mit ihr gesprochen, aber vor allem Aaron wollte sich darum kümmern, dass Ellen ihre Erlebnisse verarbeiten konnte. Er war ein erstaunlich guter Zuhörer, mit dem sogar Severus bereits ein wenig über seine Vergangenheit gesprochen hatte. Dem Älteren war seine Reaktion auf den Kosenamen Lad aufgefallen und er hatte nicht zugelassen, dass Severus sich zurückzog.

Gemeinsam frühstückte heute das ganze Rudel, auch wenn sie sich sonst meist erst zum Mittagessen im Wohnzimmer trafen. Das hatten sie sich für die Geburtstage so angewöhnt. Es gab Kuchen, sogar Torte, dazu Semmeln mit Marmeladen, Honig, Wurst und Käse, Eier, Speck, Würstchen und Pfannkuchen. Zufrieden sah Severus, wie sich Zoé mit allen entspannt unterhielt. Fast entspannt. Zwischen den Jugendlichen, vor allem John, Paul und Zoé, gab es schon länger eine unterschwellige Spannung. Aaron, Scott, Leo und Sarah hatten Severus beruhigt und ihm bestätigt, dass das unter Jugendlichen in diesem Alter völlig normal war, sich in einem Rudel eher noch verstärkte. Er musste es ihnen glauben, da er selbst kaum Erfahrung damit hatte. In diesem Alter war er schon lange nicht mehr nach Hogwarts gegangen, er war nur wenig älter als Zoé jetzt gewesen, als er begann, in London auf der Straße zu leben. Damals hatte er eindeutig andere Sorgen, genau wie die Jugendlichen, die er dort getroffen hatte. Paul und John zeigten das typische Balzverhalten, das Severus tatsächlich auch aus Hogwarts kannte, vor allem von James Potter und Sirius Black. Wobei, auch aus anderen Häusern, selbst in seinem Schlafsaal hatten die Hormone willige Opfer gefunden.

„Wetten, ich halte es länger im Wasser aus?“, prahlte der inzwischen 16-jährige Paul gerade. Seinen Geburtstag hatten sie vor gut einem Monat gefeiert.

„Das kannst du vergessen, du Warmduscher!“, grinste Liam, der in etwa vier Monaten ebenfalls volljährig wurde. Zwar war er meist der ruhigste der drei Halbstarken, wie sie Paul, John und ihn nannten, aber auch Liam hatte es faustdick hinter den Ohren. Wobei er sich rührend um seine drei Jahre jüngeren Zwillingsschwestern kümmerte. „Du hast dich vor gut fünf Wochen nicht mal als Wolf ins Wasser getraut. Also kann ich mir nicht vorstellen, dass du es jetzt länger aushältst als wir.“

„Das will ich sehen!“, lachte Zoé. Johlend stürmten die Jugendlichen hinaus, als Zoé ihre Geschenke, zumeist Kleidung und einige selbstgemachte Kleinigkeiten, in ihr Zimmer gebracht hatte. Selbst Jenny, der jüngere Paul, Oliver und Luke liefen mit den Größeren nach draußen.

„Mom, auch will!“, forderte Samantha, die bald fünf Jahre alt wurde. Alice lachte und schickte sie nach oben, um sich anzuziehen. Samantha war kein geborener Werwolf, daher war sie auch nicht so kälteunempfindlich wie die anderen Kinder. Auch Aletha, die sich mit ihr angefreundet hatte, rannte mit nach draußen. Alice versicherte Rebecca, auf die Kinder zu achten, und folgte ihnen nach draußen, wo sie hinter der kleinen Düne direkt zum Meer gingen.

Severus ging zu Cathy, die gerade Ryan stillte. „Alles in Ordnung bei euch?“, erkundigte er sich leise, um das Baby nicht zu sehr zu stören. Doch der Kleine war den Trubel des Rudels gewohnt und saugte hungrig weiter.

„Dank euch geht es mir gut!“, lächelte Cathy etwas wehmütig. „Ich würde Marc, meinen Partner, gerne öfter sehen, aber das ist nicht möglich, das weiß ich.“

„Partner?“, fiel es Severus auf. Er setzte sich zu ihr, als sie ihn mit einer Kopfbewegung dazu aufforderte.

„Ja, Partner. Wir sind keine Gefährten.“, nickte Cathy. „Er ist seiner Schwester ins Rudel gefolgt, wollte sich um sie kümmern. Sie ist mit elf Jahren gebissen worden, er selbst wurde dabei verletzt, aber nicht verwandelt. Dennoch ist er mitgegangen, um sie zu beschützen. Er ist zehn Jahre älter als sie und hat sie mehr oder weniger aufgezogen, da sich ihre Eltern nur wenig kümmerten. Sie haben Sunny, eigentlich heißt sie Sandra, aber das sagt niemand zu ihr, verstoßen und Marc, ihren Bruder und Ryans Vater, gleich mit, weil er sich nicht von ihr lossagen wollte. Ich habe mich in ihn verliebt, auch wenn er nicht mein Gefährte ist. Er weiß, dass ich möglicherweise irgendwann meinen Gefährten finde, aber ich hoffe, wir finden dann eine Lösung, wie wir uns zu dritt arrangieren können. Eine Idee von Marc im Übrigen.“

Severus schwieg eine Weile nachdenklich. Er versuchte, sich vorzustellen, Regulus mit noch jemanden zu teilen, aber das konnte er nicht. Er bewunderte Cathy für diesen Optimismus. Er sah auf. „Wenn du etwas brauchst, sag bitte Bescheid.“

„Danke, Severus. Aber im Moment haben wir alles, was wir brauchen.“, schüttelte Cathy lächelnd den Kopf. Sie fasste ihn ins Auge. „Du hast eine einmalige Art, dieses Rudel zu leiten, weißt du das eigentlich?“ Severus sah sie erstaunt an. Sie lachte hell auf über sein verdutztes Gesicht. „Ja, das ist so. Natürlich haben alle Rudel eine Art Familiengefühl, vor allem durch die Strukturen, die sich automatisch durch die Rangordnung ergeben. Aber erst hier habe ich wirklich das Gefühl, dass es nicht ein Rudel, sondern eine Familie ist. Und das liegt an dir. Du bist kein typischer Alpha, aber du machst deine Sache sehr gut. Anders als alle Alphas, die ich bisher erlebt habe, und glaube mir, das waren einige. Ich lebe in einem Rudel, seit ich denken kann, meine Mutter war ebenfalls ein Werwolf. Das Leben hier ist ungewöhnlich, aber du schaffst es, alle zusammen zu halten. Ehrlich gesagt, ich bin sehr froh, dass Marc mich überredet hat, mit Aaron zu gehen.“

„Stimmt.“, mischte sich Andrew ein, der mit Jessica gerade den Tisch abräumte und sie gehört hatte. „Ich bin ein geborener Werwolf und in einem Rudel aufgewachsen, aber nie habe ich etwas wie hier erlebt. In allen Rudeln ist man mehr oder weniger eine Familie, aber dieses Gefühl von Familie habe ich erst mit dir als Alpha erlebt. Darauf kannst du wirklich stolz sein!“ Er lächelte beruhigend und auch zustimmend.

Sprachlos saß Severus auf dem Sofa neben Cathy und war froh, als Lily auftauchte. Sie wollte nach Ellen sehen. Mit einem Jubelschrei stürzte sich Harry auf ihn und erlöste ihn auf diese Art, sodass er keine Antwort mehr geben musste. „Hey, mein kleiner Racker!“, begrüßte er sein Patenkind lachend.

„Daddy Burtstag hat!“, erzählte Harry ernst. „Sevvus kommen?“

„Ja, ich komme heute Nachmittag!“, versprach Severus schmunzelnd. „Aber heute hat auch Zoé Geburtstag, deshalb bleibe ich noch eine Weile hier.“

„Wo Zoé?“, sah sich der kleine Grünäugige suchend um. „Hawwy auch guttulieren.“

„Du willst auch gratulieren?“, riet Severus. Harry nickte heftig. „Sie ist draußen am Meer, aber sie kommt sicher bald wieder rein.“

„Hawwy warten.“, bestimmte der Kleine.

„Na dann komm, sehen wir mal nach Ellen.“, winkte Severus Harry mit sich. Lily hatte er inzwischen bei Cathy und Ryan entdeckt. „Ihr Baby wird sicher auch bald geboren, aber für sie ist es richtig anstrengend, mit dem großen Bauch herum zu laufen.“

Harry schien ein wenig zu überlegen, dann nickte er ernst und folgte seinem Paten. Zwar war Ellen zum Frühstück hier gewesen, aber sie hatte sich nochmal hinlegen wollen. Langsam stieg Severus die Treppe nach oben, denn Harry fühlte sich inzwischen zu groß, um getragen zu werden, und klopfte an ihr Zimmer. So leise, dass er sie nicht wecken würde, sollte sie schlafen.

„Komm rein, Severus.“, antwortete Ellen müde von innen. Vorsichtig betrat Severus das Schlafzimmer. Harry lugte hinter ihm in den Raum, etwas unsicher, da er noch nie eines der Zimmer – außer das von Severus – von innen gesehen hatte. „Hallo, Harry!“, lächelte Ellen mit einem Mal. „Komm her, mein Liebling!“ Sie mochte den kleinen, aufgeweckten Jungen, seit sie ihn das erste Mal getroffen hatte.

Harry strahlte und rannte zu ihr. Wie immer hatte sie eine Kleinigkeit zum Naschen für ihn, diesmal ein Stück getrocknete Banane. „Danke!“, grinste Harry und knabberte begeistert an dem Trockenobst. „Lecka!“

„Alles in Ordnung?“, wollte Severus von der Ärztin wissen, als Harry abgelenkt war.

„Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern.“, schnaufte Ellen. „Ich habe bereits seit einiger Zeit Senkwehen. Das Baby liegt richtig, so weit ich es tasten und Lily mit ihrem Zauberstab sehen kann, und auch sonst scheint alles in Ordnung. Aber es drückt auf die Blase, und die Wehen tun meinem Rücken nicht besonders gut. Wie gesagt, bald müsste das Kleine da sein.“

„Das wäre dann beinahe eine Überraschung für uns alle geworden. Und wie fühlst du dich?“ Severus hatte sich den kleinen Sessel, der in ihrem Schlafzimmer stand, zum Bett gezogen und sich zu ihr gesetzt.

Sie wusste genau, wovon Severus sprach. „Dank der Tränke deutlich besser. Aaron hat vorhin mit mir gesprochen, er will weiterhin da sein. Auch Zoé hat mir sehr geholfen. Sie wird mir auch mit dem Baby helfen, so gut sie es kann, hat sie versprochen. Ich werde dieses Kind nicht verstoßen, es kann nichts dafür, wie es entstand. Ich hoffe jedoch immer noch, dass es nicht so sehr an seinen Erzeuger erinnert. Vielleicht finde ich eines Tages auch einen Vater für das Baby, aber ich weiß nicht, ob ich mich so weit öffnen kann.“

„Du hast schon einen großen Schritt getan.“, war Severus sicher. „Ich denke, du solltest es einfach auf dich zukommen lassen. Gestern hätte ich nicht gedacht, dass du das Kind am Ende bei dir behältst. Oder dass du es überhaupt bekommst. Ich habe mir Sorgen gemacht, du könntest dir etwas antun.“

„Nein, das nicht, dafür liebe ich das Leben zu sehr.“, schüttelte Ellen ernst den Kopf. „Auch wenn ich nur sehr kurze Zeit tatsächlich im Krankenhaus gearbeitet habe, so habe ich zu viele sinnlos weggeworfene Leben gesehen. Nein, das mache ich sicher nicht. Aber ich hatte eigentlich geplant, das Kind heimlich zu bekommen und dann an ein anderes Rudel zu geben, damit es unbelastet aufwachsen kann. Aaron hat mir wirklich geholfen, viele Dinge anders zu betrachten. Und das, obwohl wir erst ein einziges Mal gesprochen haben. Ich bin froh, dass er darauf bestanden hat.“

„Ich bin froh darüber, auch wenn es hier langsam immer enger wird.“, gestand Severus. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich so eine wundervolle Familie bekommen würde. Erst hier, mit euch – und zum Teil auch mit Regulus und den Potters – habe ich gelernt, was Familie wirklich bedeutet. Obwohl ich früher dachte, so etwas nicht zu brauchen, möchte ich es jetzt nicht mehr missen.“

„Oh, ich bin sicher, es gibt Momente, wo du lieber mit Regulus allein wärst!“, stichelte Ellen, der der Schalk aus den Augen blitzte.

Severus schmunzelte, er wusste, worauf sie anspielte. Nicht selten überkam die Lust ihn und Regulus, auch schon vor ihrer Bindung, und das Rudel wusste meist, trotz Stillezauber, sehr genau, was sie getan hatten. Und da kamen jede Menge dummer Sprüche. Nicht nur bei ihnen, das betraf alle, die in einer Beziehung hier lebten. Jessica und Andrew, Tyron und Eleanor, Isaac und Mary, Kieran und Alice, und jetzt eben noch Regulus und Severus. Das war der Nachteil der Wolfssinne, sie konnten es riechen, was da in den Schlafzimmern passierte. Da es sonst sehr wenig Ablenkung gab, bekamen die Paare eben den Spott ab. Sie nahmen es selten krumm, aber sie mussten sich schon Einiges anhören. Aber dennoch würde Severus nichts daran ändern, viel zu sehr genoss er die wenigen gemeinsamen Stunden mit Regulus. Dieser brauchte das auch, um zwischendurch abzuschalten.

„Wie geht es Regulus?“, fragte Ellen in dem Moment, als hätte sie Severus' Gedanken gelesen. Das konnte sie zwar nicht, aber sie kannte ihn sehr gut. Wobei, das war diesmal nicht schwer gewesen.

„Ich bin erstaunt, dass er diese Belastung noch immer durchhält.“, antwortete Severus. „Er steht ständig unter Strom, die Uni fordert viel, demnächst sind Prüfungen, dann sein Meister, der von ihm Höchstleistungen erwartet, und der Lord, der ständig Tränke von ihm will. Zumindest muss er selten mit nach draußen, wobei er davon ausgeht, dass es nicht mehr lange so bleiben wird, denn immer mehr Todesser werden vom Orden gefangen genommen.“

„Dank eurer Information.“, stimmte Ellen nachdenklich zu. „Ihr lebt beide in ständiger Gefahr. Seid vorsichtig, ich habe das Gefühl, dass demnächst etwas passieren wird.“

„Wir sind so vorsichtig, wie es geht.“, zuckte Severus ein wenig hilflos die Schultern. „Aber wir können nicht einfach nichts tun.“

„Verständlich. Aber ihr helft nicht, wenn ihr euch selbst kaputt macht.“, gab Ellen zu bedenken. „Andererseits kann ich euch auch verstehen, ihr wollt es beenden, weil ihr das Wissen habt, wie es geht. Passt einfach auf euch auf.“

„Das werden wir.“, versprach Severus und stand auf. „Kann ich dir noch was bringen? Oder sonst etwas tun?“

„Nein, alles in Ordnung, das hat auch Lily bestätigt.“, lächelte Ellen. „Ich werde einfach ein wenig schlafen und es genießen, so lange es geht. In ein paar Tagen werden die Nächte sicher unruhig.“

„Damit könntest du Recht haben.“, stimmte Severus zu und küsste sie auf die Wange. „Ruf, wenn du etwas brauchst. Ich bin später bei James, aber es ist immer jemand da, der dich hört.“

„Ich weiß. Viel Spaß beim Feiern!“

„Danke. Bis später!“ Er sah sich nach seinem Patenkind um, der gerade fasziniert mit dem Stethoskop von Ellen spielte. „Komm, Harry, lassen wir Ellen schlafen.“

Brav legte der Junge sein Spielzeug zurück auf die Kommode, dann reichte er seinem Paten die Hand. Gerade die Treppen nach unten schaffte er noch nicht alleine. Außerdem wollte er doch jetzt Zoé gratulieren, das rief Severus ihm in Erinnerung. Also verabschiedete er sich nur knapp bei Ellen, damit er schnell nach unten kam.

 

Einige Stunden später saß Severus in Broadstairs am Tisch, wo es erneut Kuchen und Torte gab. Allerdings hatte jemand an ihn gedacht und ein paar Speck- und Käse-Muffins gebacken. Auch wenn es vielen Werwölfen nachgesagt wurde, dass sie auf Schokolade standen, Severus selbst bevorzugte deftige Kost. James hingegen genoss die süßen Leckereien sehr, genau wie sein Sohn. Sehr zum Leidwesen von Lily, die es lieber sehen würde, wenn sich die Beiden etwas gesünder ernährten. Auch Sirius schlemmte mit zunehmendem Appetit, aber ihm tat es im Moment eher gut. Severus fand, der Animagus bekam langsam wieder etwas Farbe. Allerdings hatte er sich sehr verändert im Vergleich zu ihrer gemeinsamen Schulzeit. Kein Wunder, er war beinahe fünf Jahre in Askaban gewesen, da kam keiner unverändert heraus. Viel hatten sie in den letzten Wochen nicht miteinander zu tun gehabt, aber sie bemühten sich beide, eine friedliche Basis zu finden. Für Regulus.

„Wo Reg?“, wollte Harry mit vollem Mund wissen.

„Harry, iss bitte erst runter, dann kannst du reden.“, mahnte Lily.

Der Kleine schluckte hastig. „Wo Reg?“, wiederholte er dann seine Frage.

„Er ist bei seinem Meister.“, wusste Severus. Fragend sah Harry ihn an. Man könnte meinen, er zog seine Augenbraue nach oben. „Weißt du, er will Tränkemeister werden. Dafür geht er an die Uni, das ist wie Schule, nur noch schwerer. Aber er ist auch bei einem schon fertigen Tränkemeister, der bringt ihm viele Sachen bei, die er in der Schule nicht lernen kann. Da muss er ganz viel lernen, ist aber auch schneller fertig und bekommt seinen Meistertitel. Dann kann er arbeiten und Gold verdienen.“

„Hm.“, brummte Harry