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Eine Schlange im Wolfspelz

25
21.9.2019 13:23
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Charaktere

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

Das Grollen kam ziemlich überraschend. Mehr als das. Was nochmal hatte er hier erwartet? Er war nicht mehr sicher, aber das hier sicherlich nicht. Hinter das Geheimnis des Anderen wollte er kommen, aber nie hätte er mit dieser Gefahr gerechnet. Severus Snape merkte nicht einmal, wie er den Atem anhielt. Alles in ihm schrie danach, die Beine in die Hand zu nehmen und zu fliehen, so lange er noch konnte. Doch seine Beine schienen festgewachsen, er konnte sich nicht bewegen. Die Angst lähmte ihn geradezu. Nur eine Handbreit Holz trennte ihn von der Bestie. In Gedanken schalt er sich einen Idioten. Natürlich, jetzt war alles logisch. Wenn er genauer hingesehen hätte, wäre er niemals in Versuchung gekommen, hierher zu schleichen. Da hätte Black sagen können, was er wollte. Natürlich hatte der Andere gewusst, dass er zuhörte. Das war kein Zufall gewesen, merkte Severus nun. Nein, Black hatte gewusst, dass er hinter dem Regal in der Bibliothek stand und lauschte. Er hatte ihn bewusst in die Falle gelockt. Hinter der hölzernen Falltür knurrte es erneut. Bedrohlich, Angst einflößend. Dahinter steckte ein Werwolf. Anders konnte es nicht sein, die Anzeichen erlaubten nur diese eine Schlussfolgerung. Severus‘ Hirn arbeitete auf Hochtouren, doch sein Körper machte nicht mit. Er wusste, er musste fliehen, das bisschen Holz würde den Wolf nicht von seiner Beute abhalten, aber er konnte sich nicht bewegen. In seinen Kniegelenken sammelte sich Pudding an, sie wackelten wie verrückt. Krampfhaft klammerte sich Severus an eine Wurzel, um nicht zusammen zu sacken. Er merkte nicht, wie ihm der Schweiß ausbrach und die restliche Farbe sein Gesicht verließ. Seine ganze Wahrnehmung konzentrierte sich auf das bedrohliche Knurren auf der anderen Seite dieser Falltür, die genau vor seiner Nase war.

Irrte er sich oder klang das gerade nach dem Splittern von Holz? Da, das waren eindeutig Kratzlaute! Die Krallen dieser Bestie schabten über das Holz. Der Werwolf bahnte sich seinen Weg durch das Holz! Erschrocken schrie Severus auf, als das erste kleine Loch entstand. Endlich kam Bewegung in ihn, sein Fluchtreflex setzte ein. Er drehte sich um, rannte so schnell er konnte durch den schmalen Gang. Er musste sich bücken, konnte nicht aufrecht bleiben, so eng und niedrig war der Geheimgang. Innerlich fluchte Severus, aber er sah sich nicht um. Immer wieder hörte er hinter sich, wie Holz splitterte, die Laute des Werwolfes wurden deutlicher. Das Kratzen der Krallen auf dem Holz, das Knurren, ja selbst das Geräusch, wenn der Wolf sich über die Lefzen leckte und schnüffelte. Severus schauderte und versuchte, sein Tempo zu steigern, doch er kam kaum vom Fleck. Mit einem lauten Krachen explodierte das Holz hinter ihm förmlich, als sich der Wolf mit seinem ganzen Körper dagegen warf. Plötzlich war er frei! Freudig heulte der Wolf kurz auf, dann jagte er seiner Beute hinterher. Es schien ihm Spaß zu machen, er spürte, dass seine Beute keine Chance hatte, ihm zu entkommen. Der Werwolf kannte diesen Gang und wusste, der Mensch vor ihm konnte nicht so schnell laufen, dass er ihm entkommen konnte.

Severus rannte und keuchte bereits, aber ihm wurde immer stärker bewusst, dass der Werwolf mit ihm spielte. Ein verzweifelter Laut, beinahe ein Schluchzen, entkam ihm, aber er drängte es zurück, brauchte all seine Energie, um zu entkommen. Oder wenigstens für den Versuch. Dieser Gang war noch so lang, konnte er es schaffen? Seine Gedanken rasten, er wollte eine Möglichkeit finden, den Wolf aufzuhalten. Seinen Zauberstab hatte er in der Hand, aber es gab kaum einen Zauber, der gegen diese Wesen hilfreich war. Er kannte ein paar wenige Sprüche, die das schaffen konnten, wenn sie stark genug waren. Allerdings konnte er derzeit keinen wirken, denn die Luft für einen Zauber fehlte ihm. Sein Atem ging keuchend und er merkte, dass er noch nicht einmal die Hälfte des Ganges hinter sich gebracht hatte. Der Wolf trabte entspannt hinter ihm her, holte immer weiter auf, ohne sich anzustrengen. Severus konnte bereits den heißen Atem in seinem Nacken fühlen, wobei er sich nicht sicher war, ob er sich das gerade einbildete.

Als ihn unverhofft ein Schlag an der Schulter traf, schrie er auf. Angst und Schmerz mischten sich, die Krallen hatten ihm die Schulter und einen Teil des Oberarms aufgeschnitten. Er spürte die Feuchtigkeit und die Wärme, als das Blut aus ihm strömte. Mit seinen Füßen trat er gegen den Kopf des Werwolfes. Jaulend wich der sandfarbene Wolf ein wenig zurück und rieb sich mit der Pfote über die Schnauze. Knurrend und mit angelegten Ohren bleckte er die Zähne, kam langsam auf Severus zu. Mit seinen Klauen schlug er tiefe Wunden in Severus' Beine. Der Jugendliche wich panisch zurück, stieß aber schnell an die Wand. Hektisch sah er sich um, aber er sah keinen Ausweg. Der Wolf knurrte leise und näherte sich vorsichtig seiner Beute. Severus' Gegenwehr erlahmte, als er erkannte, dass er keine Chance mehr hatte. Seine Beine brannten vor Schmerz. Auch der Blutverlust machte ihm zu schaffen, ihm war schwindelig und das Sichtfeld wurde immer enger. Er spürte nicht einmal, wie Tränen über seine Wangen rannen, er wimmerte leise. Wie in Zeitlupe näherte sich die Schnauze des Wolfes. Es wirkte, als wollte er sehen, wo er am besten zubiss. Schnüffelnd bewegte sich die Nase des Wolfes über Severus' Oberkörper. Ergeben schloss der Jugendliche die Augen, er wollte es nicht sehen. Hoffentlich ging es schnell, das war alles, woran er noch denken konnte. Er spürte den heißen Atem auf seinem Gesicht, die tastende Zunge auf seiner Wange, an seinem Hals. Ein erneutes Wimmern entkam ihm, als der Wolf über seinen Hals leckte.

„Bitte!“, wisperte er unwillkürlich. Es klang ziemlich hysterisch. Natürlich reagierte der Wolf nicht darauf. Ein weiteres Mal leckte er über die Stelle an Severus' Hals, dort, wo er in die Schulter überging. Er schien das Blut abzulecken, das dort aus der Wunde quoll. Plötzlich schrie Severus schrill, bäumte sich auf, als er den heißen Schmerz spürte. Die Zähne bohrten sich tief in sein Fleisch, diesen Schmerz hätte sich Severus nie vorstellen können. Alles verschwamm, nur noch Schmerz und Hitze existierten. Die Schreie steigerten sich weiter, als der Wolf erneut zubiss, diesmal am Brustkorb. Gnädige Schwärze erlöste Severus nun endlich. Er bekam nicht mehr mit, wie ein Hirsch auftauchte, der den Wolf von seinem Körper abdrängte, ihn in Schach hielt. Hinter ihm tauchte ein Mann auf, dessen Gesicht besorgt aussah. Die hellen, blauen Augen wirkten angespannt, funkelten nicht amüsiert wie sonst immer. „Mister Potter, gehen sie bitte einen Schritt beiseite.“, bat er, als er seinen Zauberstab in der Hand hatte. „Ich muss Mister Lupin betäuben, denn ich brauche ihre Hilfe, um Mister Snape in den Krankenflügel zu bringen.“

Der Hirsch drängte den Werwolf weiter gegen die Wand, sodass Dumbledore ihn mit einem Zauber betäuben konnte. Er brauchte zwei Versuche, dann lag der sandfarbene Werwolf bewusstlos auf dem Boden. Der Hirsch trat nach einem Moment zurück und verwandelte sich in James Potter. „Professor, was ist mit ihm?“, wollte er direkt nach der Rückverwandlung wissen.

„Bringen wir ihn schnell in den Krankenflügel, er verliert zu viel Blut.“, winkte Dumbledore den Schüler zu sich. „Wir müssen ihn zwischen uns tragen, anders passen wir nicht durch diesen Gang. Mister Potter, sie gehen voraus. Nehmen sie Mister Snapes Beine, ich übernehme den Kopf.“ Schnell schuf er eine Trage und levitierte den Schwerverletzten vorsichtig, aber schnell darauf.

James griff nach der Trage und hob sie auf ein Signal Dumbledores gleichzeitig mit ihm hoch, dann ging er voran durch den schmalen Gang. „Was wird mit Moony? Ich meine Remus?“

„Er wird bewusstlos bleiben bis er sich zurückverwandelt hat. Dann werde ich ihn abholen.“, antwortete der Schulleiter knapp. James konnte hören, dass er unglaublich wütend war, wenn auch nicht auf ihn. Nein, wütend war es nicht alleine. Vor allem enttäuscht. James wurde blass, als er darüber nachdachte, was nun passieren würde. Ihnen war immer klar gewesen, dass sie Moony davon abhalten mussten, jemanden zu beißen. Nicht umsonst war damals die heulende Hütte erbaut worden. Von Anfang an hatte Remus die Vollmondnächte darin verbracht. Das war die Voraussetzung gewesen, dass er überhaupt nach Hogwarts gehen durfte. Remus selbst hatte es ihnen damals erzählt, als sie herausgefunden hatten, warum es ihm immer wieder so schlecht ging und warum er regelmäßig verschwand. Dumbledore war zu den Lupins nach Hause gekommen, kurz vor Remus' 11. Geburtstag. Da das Ministerium von seinem Wesen wusste, waren die Eltern des Jungen damals davon ausgegangen, dass er nicht nach Hogwarts gehen konnte. Doch Dumbledore hatte nicht aufgegeben, sondern alle Hindernisse beiseite geschafft. Er hatte Remus' Eltern überredet, ihren Sohn in die Schule zu schicken. Dafür hatte er die heulende Hütte geschaffen und die peitschende Weide gepflanzt. Madam Pomfrey versorgte ihn schon seit dem ersten Vollmond, und er selbst hatte sich verpflichtet, sicher zu stellen, dass Remus jede Vollmondnacht dort verbrachte. In der sogenannten heulenden Hütte. Das Ministerium hatte verlangt, dass sichergestellt wurde, niemand konnte gebissen, infiziert werden. Aber Schniefelus war gebissen worden. Was würde jetzt mit Remus passieren? James machte sich Sorgen. Vor allem um Remus, aber ein wenig schlich sich sogar der Slytherin in seine Gedanken. Sie alle wussten seit der dritten Klasse, dass dessen größte Angst Werwölfe waren. Der Irrwicht damals hatte ihn verraten.

Hastig, aber so sanft wie möglich, trugen sie die Trage mit dem bewusstlosen Schüler durch die Schule. Es war still, so still, wie es nur mitten in der Nacht sein konnte, wenn beinahe jeder Bewohner des Schlosses schlief. Selbst die Portraits reagierten nicht, hatten die Augen geschlossen. Auf dem Weg in den Krankenflügel schwiegen sie, um die Luft für ihre Aufgabe zu sparen. Mit dem Fuß stieß James schließlich die Tür zum Krankenflügel auf, dann endlich legten sie den inzwischen schweißgebadeten Verletzten in eines der Betten, die alle leer standen. Die Medihexe kam sofort aus ihrem Büro, offensichtlich durch einen Zauber alarmiert. James spürte, dass Snape Fieber haben musste, sein Körper glühte und die Hitze strahlte bis zu ihm. Schnell trat er einen Schritt beiseite, aber ein Blick des Schulleiters ließ ihn verharren. Ganz klar wollte der Weißhaarige noch genauer wissen, was da passiert war und wie es dazu gekommen war. Doch zunächst schien es ihm wichtiger, die Medihexe bei ihrer Arbeit zu beobachten. „Wird er es schaffen?“, fragte er nach einer Weile leise.

Poppy hielt nicht inne in ihrer Tätigkeit, doch im Moment verband sie die tiefen Wunden mit den Händen, ohne ihren Zauberstab. „Er hat viel Blut verloren und das Fieber ist sehr hoch. Ich weiß nicht, ob er es überlebt, direkt nach dem Biss eines Werwolfes helfen Zauber und Tränke zum Heilen nur sehr bedingt. Die Verletzungen müssen auf natürlichem Weg heilen. Mister Snape muss ins St. Mungos, ich kann ihm hier nicht richtig helfen. Erst nach der ersten Verwandlung in einen Werwolf heilen sie leichter und schneller, bis dahin müssen wir abwarten.“, erklärte sie.

Dumbledore nickte betrübt und begab sich zum Kamin, um das magische Krankenhaus zu verständigen. Nur wenige Minuten später traten zwei grün gekleidete Heiler aus dem Feuer und wandten sich sofort dem Patienten zu. Routiniert wirkten sie einige Zauber, während Poppy herunter ratterte, was sie bisher gemacht hatte. Zufrieden nickte einer der beiden Heiler. „Wir werden ihn mitnehmen, er braucht dringend spezielle Tränke und zusätzlich Bluttransfusionen. Sind irgendwelche Unverträglichkeiten oder Allergien bekannt?“

„Keine Allergien, aber er hat eine etwas instabile Knochenstruktur, bedingt durch jahrelange Fehlernährung.“, informierte Poppy. „Er ist auch immer wieder anämisch, aber das haben wir in den letzten Jahren durch Tränke ganz gut in den Griff bekommen.“ Sie reichte den Medizauberern aus dem St. Mungos eine Akte, auf der vorne ‚Severus Snape‘ stand. „Hier sind alle Informationen und die Untersuchungsergebnisse vermerkt.“

„Vielen Dank, Kollegin!“, lächelte der ältere Heiler. Er schuf eine spezielle Trage, worauf sie Severus legten und festschnallten, dann richtete sich die Trage auf. Der jüngere Heiler ging ohne ein weiteres Wort durch den Kamin, dann folgte die Trage mit Severus darauf. Der ältere Heiler machte den Abschluss. Nun war es an ihnen. Poppy war bereits dabei, alles wieder sauber zu machen. Jederzeit konnte ein anderer Patient kommen. In einer Schule bestand diese Gefahr immer. Manche Schüler verdarben sich den Magen, indem sie statt dem normalen Essen immer wieder Süßigkeiten in rauen Mengen in sich stopften. Die jüngeren Mädchen suchten sie­ häufiger auf, wenn sie zum ersten Mal ihre Periode bekamen. Andere kamen, weil sie bei Streitigkeiten den Kürzeren gezogen hatten. Oder weil es bei Zaubern im Unterricht zu Unfällen kam. Hier gab es immer etwas zu tun, daher war es ihr sehr wichtig, immer Ordnung zu haben.

Dumbledore sah noch einige Momente nachdenklich in den Kamin, dann erst wandte er sich James zu. „Und nun, Mister Potter, wüsste ich gerne, was genau da heute passiert ist. Aus ihren kurzen Informationen vor einigen Stunden wurde ich nicht ganz schlau. Gehen wir in mein Büro, dort können wir in Ruhe reden. Wir haben Zeit, bis der Vollmond untergeht, also noch etwa vier Stunden.“ Er ging voran, sah sich nicht um. James folgte ihm, er sah gar keine andere Möglichkeit. Jetzt war die Zeit der Wahrheit gekommen.

„Also, Mister Potter, was ist passiert?“ Dumbledore saß in seinem Büro hinter dem Schreibtisch. Er deutete auf den Stuhl vor dem Tisch, damit James sich setzen konnte. Ihm war bewusst, dass dieser Gryffindor nichts damit zu tun hatte, im Gegenteil. Durch sein beherztes und schnelles Eingreifen wurde das Leben von Severus Snape sicherlich gerettet. Ansonsten hätte der Werwolf, den die Freunde Moony nannten, den Slytherin sicherlich zerrissen.

„Darf … darf ich vorher noch etwas fragen?“, murmelte der dunkelhaarige Gryffindor.

„Mister Black steht derzeit unter Hausarrest.“, erriet der Schulleiter die Frage des Jugendlichen. „Während wir im Krankenflügel warteten, habe ich eine Hauselfe damit beauftragt, Mister Black in ein Einzelzimmer zu bringen, das er nicht verlassen kann, bis ich es ihm erlaube. Das wollten sie doch wissen?“ James nickte beklommen. „Nun gut, und jetzt beantworten sie bitte meine Frage.“

James sah sich um und atmete einige Male tief durch. Rund um den Platz des Direktors waren Portraits an der Wand aufgehängt, die die ehemaligen Schulleiter zeigten. Aufmerksam verfolgten diese das Gespräch, das gerade beginnen sollte. Auf einer Stange an der Seite saß der rot-goldene Phönix, der Dumbledore schon lange begleitete. James wusste nicht, wie lange genau, aber sein Vater hatte ihm erzählt, dass er auch zu seiner Schulzeit bereits dagewesen war. Auch der Feuervogel musterte ihn aufmerksam, mit leicht schief gelegtem Kopf. Als er seinen Blick weiter schweifen ließ, fielen James die verschiedenen Instrumente auf, die auf den unterschiedlichsten Tischen und Regalen standen. Ein Spickoskop erkannte er, aber die meisten der filigranen Instrumente kannte er nicht. Doch irgendwann traf sein Blick wieder auf Dumbledore, der ihn abwartend ansah. James räusperte sich unbehaglich, dann begann er zu erzählen. „Ich denke, ich muss ein wenig ausholen.“, überlegte er. Der Direktor nickte ihm aufmunternd zu. „Bereits in der zweiten Klasse fanden wir Remus' Geheimnis heraus.“

„Wir?“, unterbrach Dumbledore. „Sie sprechen von Mister Black, Mister Pettigrew und sich selbst?“

„Richtig.“, nickte James. „Es war ziemlich auffällig, dass Remus immer wieder fehlte, und irgendwann erkannten wir ein Muster. Wir haben ihn angesprochen und er hat es, nach einer Weile, zugegeben. Naja, ihm gingen letztendlich die Ausreden aus, wir waren ziemlich … äh … hartnäckig.“ Rot geworden brach James ab, er wirkte unsicher.

„Das kann ich mir vorstellen.“, gluckste Dumbledore. Einen kurzen Moment wirkte er so wie sonst, seine blauen Augen blitzten amüsiert. Doch schnell wurde er wieder ernst. „Haben sie bereits damals beschlossen, Animagi zu werden? Sie wissen, wie gefährlich das ist!“

„Ja, das wissen wir.“, nickte der Dunkelhaarige schuldbewusst. „Aber das war noch nicht sofort unser Plan. Ja, wir wollten Remus helfen, aber es begann anders. Anfangs haben wir ihm geholfen, Ausreden zu finden, die nicht auffielen, damit keiner sonst Verdacht schöpfte. Ja, wir haben nach Wegen gesucht, ihm beizustehen, aber Animagi wurden wir erst Anfang dieses Jahres. Seither sind wir in den Nächten mit Remus unterwegs und sorgen dafür, dass er laufen kann.“ Er blickte Dumbledore direkt in die Augen. „Sie müssen wissen, dass der Werwolf sich bewegen will. Wenn er eingesperrt ist, verletzt er sich selbst. Deshalb sind wir mit ihm in den verbotenen Wald gegangen, damit er laufen konnte. Seither ist er wesentlich weniger verletzt, wenn er sich zurückverwandelt.“

„Das meinte Poppy also damit, dass sich etwas geändert hatte.“, nickte der Schulleiter nachdenklich. „Sie sind ein Hirsch, Mister Potter. Ist ihnen nie in den Sinn gekommen, dass sie perfekt in das Beuteschema eines Wolfes passen könnten?“

„Ja, das weiß ich.“, erwiderte James. „Sirius wird zu einem großen, schwarzen Hund, er hat Moony, also Remus' Wolf, im Griff. Anfangs war ich sehr vorsichtig, aber wir haben festgestellt, dass Moony uns als sein Rudel akzeptiert. Selbst Peter, der zu einer Ratte wird, ist nicht in Gefahr. Normalerweise holen wir Moony kurz nach der Verwandlung ab und gehen mit ihm in den Wald, stellen dabei sicher, dass er nicht in Richtung der Schule läuft. Wobei er noch nie wirklich dahin wollte. Der Wald war immer spannender für ihn, darin jagt er. Damit ist Moony bislang immer zufrieden gewesen. Laufen, jagen, fressen und ein wenig spielen, mehr passierte nicht in diesen Nächten. Wir haben immer dafür gesorgt, dass Moony wenigstens in der Nähe der heulenden Hütte ist, wenn er sich zurück verwandelt. Meistens haben wir es sogar in die Hütte geschafft. Wir haben Remus geholfen, sich wieder anzuziehen und ins Bett zu legen, damit er sich ausschlafen kann. Nach diesen Nächten ist er ziemlich kaputt und meistens hat er so schlimmen Muskelkater, dass er sich kaum bewegen kann. Aber er ist froh, und wir auch, wenn er mehr oder weniger unverletzt ist.“

„Das ist eine großartige Leistung, Mister Potter, aber sie wissen, dass wir ihre Fähigkeit melden müssen.“, merkte Dumbledore an. „Sie werden als Animagi registriert. Aber weiter, wie kam es zu dem heutigen Vorfall?“

„Naja, schon seit einer Weile spioniert Sch… Snape hinter uns her.“, begann James unsicher, vorsichtig. Er wollte ehrlich sein, aber seine Freunde trotz allem schützen. „Sirius war sehr besorgt um Remus, wir alle waren das. Wir wollten verhindern, dass Snape herausfindet, welches Geheimnis Remus verbirgt. Sirius war heute in der Bibliothek, gemeinsam mit Peter. Er hat sich mit Peter darüber unterhalten, wie man in den Geheimgang kommt. Er hat mir später, kurz vor Mondaufgang, erzählt, was genau er sagte. ‚Hoffentlich findet niemand jemals heraus, wie Remus' Geheimnis versteckt wird. Wenn jemand dahinter kommt, dass er immer in Vollmondnächten verschwindet, und dann den Knoten am Wurzelgeflecht der peitschenden Weide drückt, dann könnte er in den Geheimgang gelangen und Remus' Geheimnis lüften.‘ Das hat Snape gehört. Daraufhin hat er wohl genau das gemacht, was er gehört hat.“

„Mister Potter, wussten Mister Pettigrew oder Mister Black, dass Mister Snape zuhört?“, wollte Dumbledore sehr ernst wissen.

„Ich bin nicht ganz sicher.“, wand sich James. Obwohl er ziemlich genau ahnte, was dahinter steckte.

Das schien auch der Schulleiter so zu sehen. „Mister Potter, ich wüsste gerne die Wahrheit.“, insistierte er.

James zuckte zusammen. Der durchdringende Blick Dumbledores bohrte sich in seine Augen, er konnte sich nicht abwenden. „Sirius … er wusste, dass Snape dort war.“, hauchte er schließlich. „Er wollte doch nur Remus beschützen und Snape Angst machen!“

„Und Mister Pettigrew? Wusste er es auch?“

„Ich denke nicht.“, zuckte James unsicher die Schultern. „Er hat zumindest nichts gesagt. Ich weiß es nicht.“

„Was ist mit Mister Lupin?“

„Nein. Ganz sicher nicht.“, schüttelte James energisch den Kopf. „Er hätte das nie zugelassen! Außerdem war er zu der Zeit schon mit Madam Pomfrey in die Hütte gegangen. Er kann nichts dafür!“ Entsetzt blickte der Jugendliche auf, als ihm bewusst wurde, wirklich bewusst, was passiert war. „Was … was passiert nun mit Remus?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Dumbledore wirkte plötzlich sehr alt. Er sank in sich zusammen. „Das wird eine Entscheidung des Ministeriums sein, aber ich bin ziemlich sicher, dass es Konsequenzen haben wird, die keinem von uns gefallen. Dadurch, dass Mister Snape ins St. Mungos eingeliefert wurde, wird das Ministerium auf jeden Fall erfahren, was passiert ist. Daran führt nun kein Weg mehr vorbei. Ich gehe davon aus, dass bereits in einigen Stunden jemand kommt. Dann werden wir erfahren, was genau nun passiert.“ Seufzend reichte er James eine Tasse Tee. „Trinken sie, Mister Potter. Sie haben richtig gehandelt, auch wenn es nun eine schwere Zeit für ihre Freunde werden wird. Aber hätte Mister Lupin Mister Snape getötet, wäre alles noch schlimmer geworden. Ihnen ist es zu verdanken, dass es keinen Todesfall gibt. Ich bin froh, dass sie zu mir gekommen sind. Auch oder gerade weil es sehr schwer für sie gewesen sein muss.“

„Professor, werden sie Remus und Sirius helfen?“, hoffte der Schüler.

„Ich weiß nicht, ob das noch in meiner Macht liegt.“, seufzte der Weißhaarige niedergeschlagen. „Damals habe ich viel riskiert, als ich Mister Lupin an diese Schule holte. Ich habe dem Ministerium mein Wort gegeben, dafür zu sorgen, dass niemand seinetwegen in Gefahr sein wird.“

„Heißt das, auch sie sind nun … in Gefahr?“, fragte sich James.

„Ich weiß nicht, was das Ministerium dazu sagen wird.“, zuckte Dumbledore die Schultern. „Aber es ist durchaus möglich, dass dies meine letzte Nacht als Schulleiter hier in Hogwarts ist.“

„Das … das tut mir leid.“, wisperte der Jugendliche. Auch wenn er sich viel mehr Sorgen um seine Freunde machte, so hatte er durchaus Mitleid mit dem Schulleiter. Er schwieg, wusste nicht, was er noch dazu sagen sollte. Auch Dumbledore verharrte schweigend, nachdenklich blickte er in den Kamin. Unbewusst tranken Beide ihren Tee und hingen ihren Gedanken nach. Der Schulleiter versuchte, eine Idee von dem zu bekommen, was nun folgen würde, während James Potter an die letzten Jahre und die Erlebnisse mit seinen Freunden dachte. Würde sich nun alles ändern? Konnte er irgendetwas tun, um Remus und Sirius zu helfen? Was würde nun mit Snape passieren? Ja, selbst an den Slytherin verschwendete er einige Gedanken. Auch er konnte ihn nicht ausstehen, weil er ständig an Lily hing und ihm damit im Weg war, aber das hier hätte er nicht einmal ihm gewünscht. Dieses Schicksal war schlimmer als alles, was sich James vorstellen konnte. Remus machte jeden Monat diese Hölle durch und sie hätten alles getan, um es ihm zu ersparen. Was würde ihn jetzt erwarten? Remus' größte Angst war es, nach Askaban zu kommen, weil er einen Menschen verwandelte. Würde das nun passieren? Remus konnte doch nichts dafür! Er konnte den Wolf nicht steuern! Es war nicht seine Schuld! Wenn, dann war Snape selbst Schuld, er hätte doch einfach nur weglaufen müssen! Er war doch sonst so intelligent, warum hatte er nicht kapiert, was dort in der heulenden Hütte auf ihn wartete?

Eine grüne Flamme im Kamin riss sie aus ihren Gedanken. Ein Mann entstieg dem Kamin, der James mehr als bekannt vorkam. „Dad!“, begrüßte er ihn mit vor Staunen weiten Augen.

„James.“, nickte der Auror, als er aus dem Kamin heraus war. Mit ernstem Blick musterte er seinen Sohn. „Ich bin sehr enttäuscht von euch, wenn das, was ich gehört habe, stimmt.“, setzte er an. „Ich bin in offiziellem Auftrag hier. Das Ministerium wurde informiert, dass hier in Hogwarts ein Schüler von einem Werwolf gebissen wurde. Gerüchte besagen, dass dieser Unglücksfall nicht zufällig stattfand. Deshalb bin ich hier. Direktor Dumbledore, was können sie mir dazu sagen?“

Albus Dumbledore wiederholte in kurzen Worten, was er wusste. Leise schüttelte der Auror den Kopf. „Wo ist Sirius nun? Ich muss ihn mitnehmen, wir werden ihn im Ministerium verhören, dann wird entschieden, wie es weitergeht. Auch du, James, wirst befragt werden, ebenso Remus Lupin, Peter Pettigrew, Professor Dumbledore und Madam Pomfrey. Es wird auf jeden Fall eine Verhandlung mit allen Beteiligten geben, sobald Mister Snape verhandlungsfähig ist, das wurde bereits festgelegt. Dort werden dann alle Beteiligten öffentlich gehört. Professor, ich hoffe, sie haben Sirius nicht geholfen, sich der Befragung zu entziehen, sondern ihn hier im Schloss belassen.“

Der Weißhaarige wirkte ziemlich müde, als er eine Elfe rief und ihr den Auftrag gab, Fleamont Potter, James' Vater, zu Sirius Black zu bringen. Mit einem langen Blick musterte der Auror seinen Sohn, zeigte aber nicht, was in ihm vorging. James sah deutlich, vor ihm stand nicht sein Vater, sondern Auror Potter. Sirius musste sich wirklich in Acht nehmen, Fleamont Potter war ein richtig guter Auror, einer der besten, und er war absolut ehrlich, fair und unbestechlich.

Dumbledore hielt James zurück, als er mitgehen wollte. „Wir sollten nun zu Mister Lupin gehen.“

„Er wird sich Vorwürfe machen.“, war James sicher. „Wenn er wach wird und den Geschmack von Blut im Mund hat. Das war immer seine Angst.“

„Wir werden bei ihm sein, aber ich fürchte, es gibt nichts, was wir tun können, sobald das Ministerium seine Mitarbeiter hierher schickt.“, murmelte der Schulleiter. Er stand auf. „Gehen wir.“

Wortlos folgte ihm James, der von Minute zu Minute besorgter wurde. Erneut liefen sie durch die leere, stille Schule. Zum dritten Mal in dieser Nacht gemeinsam. Die Dämmerung war gerade dabei, eine gewisse Helligkeit zu schaffen, die die absolute Dunkelheit nach dem Untergang des Mondes vertrieb. Am Horizont im Osten verfärbte sich der Himmel leicht rosé, kündigte einen schönen Tag an. Ganz im Gegensatz zu dem, was Dumbledore und James Potter erwarteten. In der Nähe der peitschenden Weide trafen sie auf Madam Pomfrey, die gerade auf dem Weg zu ihrem Schützling war. Sie wirkte ebenso besorgt, wie James sich fühlte. Ihre Lippen waren ein einziger Strich, so fest presste sie sie zusammen, unter den Augen hatte sie dunkle Ringe, die von der durchwachten und teilweise arbeitsintensiven Nacht sprachen.

„Gibt es Neuigkeiten aus London?“, erkundigte sich Dumbledore leise bei ihr.

„Bisher nicht.“, schüttelte sie den Kopf. „Aber das wird sicherlich einige Zeit dauern. Er war schwer verletzt, sie werden wahrscheinlich immer noch behandeln.“ Ein Zauber von ihr stoppte die Bewegung der peitschenden Weide. „Sehen wir nach Mister Lupin, er wird möglicherweise auch Behandlung brauchen.“ Auch wenn die Behandlung bei ihm sicher anders aussah. Körperlich dürfte er unverletzt sein, oder wenigstens nicht sonderlich schwer. Aber sobald er erfuhr, was passiert war – und daran führte kein Weg vorbei – würde er vermutlich zusammenbrechen. Da war sich die Medihexe sicher. Sie kannte ihren Schützling nun seit gut fünf Jahren und wusste, wie sensibel er war.

Sie traten nacheinander in den Gang unter der Weide. Weit mussten sie nicht gehen, bis sie Remus Lupin fanden, der nackt und in menschlicher Form vor ihnen saß. Offenbar war er gerade eben aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, denn er rieb sich verwundert die Augen. Als er den metallischen Geschmack in seinem Mund bemerkte, spuckte er aus und erkannte entsetzt das Blut, das sich mit seinem Speichel mischte. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er auf, als die Drei auf ihn zugingen. „Was …? James? Professor Dumbledore?“, flüsterte er ängstlich. Seine Gedanken rasten und ihm war bewusst, dass etwas passiert sein musste, wenn der Schulleiter und James gemeinsam mit Madam Pomfrey zu ihm kamen. Dazu der Blutgeschmack und das Blut, das er ausgespuckt hatte … Remus wurde blass. „Nein!“, hauchte er, als er realisierte, dass es eigentlich nur Eines bedeuten konnte. „Bitte nicht!“

„Mister Lupin, es tut mir leid, aber es ist etwas Schreckliches passiert.“, begann Dumbledore. Er setzte sich zu Remus und legte ihm die Hand auf die Schulter, ignorierte die Nacktheit des Schülers. „Mister Snape ist heute Nacht in diesen Gang eingedrungen. Er traf auf ihre Wolfsform.“

„Nein!“, entfuhr es Remus entsetzt. „Ist er … ist er tot?“

Der Schulleiter schüttelte den Kopf. „Nicht tot. Schwer verletzt. Wir mussten ihn ins St. Mungos bringen lassen, damit er eine Chance hat. Aber er wurde infiziert.“

„Er … er ist auch ein … Werwolf?“ Man konnte Remus den Schock deutlich ansehen. Poppy erbarmte sich und rief die Kleidung des Dunkelblonden auf, die in der heulenden Hütte lag, hexte sie ihm an. „Was … was passiert jetzt?“ Die ersten Tränen lösten sich aus seinen Augen.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Dumbledore ehrlich. „Mister Potter hat sich an mich gewandt, als er hörte, dass Mister Snape in den Geheimgang kommen wollte. Leider kamen wir zu spät, um die Attacke zu verhindern. Wir konnten nur verhindern, dass er getötet wurde.“

„Nein! Nein! Nein!“, schüttelte Remus ungläubig und vollkommen außer sich den Kopf. „James, wie konnte das passieren? Ihr … ihr wolltet doch immer … Bitte nicht, bitte nicht!“ Er schniefte und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ab.

„Remus, es tut mir leid!“, umarmte ihn James. „Ich bin da, ich helfe dir, egal was kommt.“ Er atmete tief durch, dann erzählte er die Geschichte, die auch Dumbledore bereits kannte.

„Warum?“, wisperte Remus am Ende. „Wie konnte Sirius das nur tun?“

„Ich weiß es nicht.“, war James' leise Antwort. „Ich denke, er wollte ihm Angst machen und dich beschützen, aber das lief komplett aus dem Ruder.“

„Dieser Vollidiot!“, fauchte Remus mit einem Mal. „Mich beschützen? Was wollte er erreichen? Sollte Moony Snape umbringen? Sirius kann das doch nicht ernsthaft geplant haben! Sie … sie werden mich nach … nach Askaban bringen!“ Seine Stimme war nur noch ein Hauch, als er das sagte.

„Kommen sie, Mister Lupin, gehen wir erst einmal in den Krankenflügel, damit ich sie untersuchen kann.“, mischte sich Poppy nun ein. „Außerdem brauchen sie ihre Tränke und ein Bett, später dann etwas zu essen.“ Sie half ihm hoch und führte ihn resolut mit sich. James und Dumbledore folgten ihnen. Ziemlich besorgt.

Eine halbe Stunde später lag Remus endlich schlafend im Bett, wobei er nur aufgrund eines Trankes überhaupt schlafen konnte. Noch immer waren seine Augen rot und geschwollen vom Weinen. Er war vollkommen verzweifelt an der Tatsache, dass er Snape verwandelt hatte. James konnte nicht viel tun, er hielt Remus noch immer im Arm, lag dafür sogar in einem Bett mit ihm. Er würde alles tun, um seinem Freund zu helfen, aber viel gab es gerade nicht. Dumbledore hingegen hatte sich verabschiedet, er wollte mit Peter reden, bevor das Ministerium kam. Dass noch jemand von dort kommen würde, stand unweigerlich fest. Sie wussten nur nicht, wie schnell.

 

Währenddessen kämpften die Heiler in London um das Leben des jungen Slytherin, der mit schweren Verletzungen bei ihnen eingeliefert wurde. Bereits im Krankenflügel in Hogwarts war klar gewesen, wodurch diese Verletzungen und vor allem das hohe Fieber hervorgerufen worden waren. Es gab keine Möglichkeit, die Infektion an sich zu bekämpfen, der Junge würde sich auf jeden Fall verwandeln, sollte er die Verletzungen überleben. Die Heiler fragten sich, was aus ihm werden würde. Aber zunächst einmal war es vorrangig, sein Leben zu retten, also nutzten sie magische und nicht-magische Methoden gleichermaßen. Verschiedene Tränke, die direkt in den Magen gezaubert wurden, kämpften gegen das Fieber und dämmten die Blutungen ein, reduzierten sicherlich auch die Schmerzen und sorgten dafür, dass die gebrochenen Rippen und das zertrümmerte Schulterblatt heilten, während eine Bluttransfusion in die Vene sickerte, um den Blutverlust wenigstens etwas auszugleichen. Ein junger, angehender Heiler, der in der Muggelwelt aufgewachsen war – zufälligerweise als Sohn eines Ärzte-Ehepaares – nähte die Fleischwunden fachkundig und mit viel Fingerspitzengefühl in mühevoller Kleinstarbeit wieder zusammen, da Magie bei frisch gebissenen Werwölfen kaum wirkte. Selbst die Heiltränke entfalteten nicht ihre volle Wirkung, wenn sie nicht deutlich stärker dosiert wurden.

„Mehr können wir nicht tun.“, stellte der Älteste schließlich fest, der die Leitung dieser Behandlung übernommen hatte. „Jetzt ist es an dem Jungen. Ich danke ihnen für ihre Hilfe, Kolleginnen und Kollegen, sie haben sich ihren Feierabend mehr als verdient. Gehen sie nach Hause und schlafen sie, ich werde den Bericht schreiben und dem Ministerium den neuen Werwolf offiziell melden.“ Er seufzte. Das hier machte keiner von ihnen gerne, weil es gegen ihre Schweigepflicht ging, aber die Gesetze wollten es so. Jeder neue Werwolf musste gemeldet werden und sich registrieren, sobald er gesundheitlich dazu in der Lage war. Hier würden wohl die ministerialen Beamten in das Krankenhaus kommen, um den Jugendlichen zu vernehmen, sobald er dazu in der Lage war, Fragen zu beantworten. Bereits bei der Meldung der Medihexe von Hogwarts war eine Information an die Aurorenzentrale gegeben worden, daher war wahrscheinlich bereits ein Auror vor Ort in Hogwarts.

„Was wird nun aus ihm, Heiler Smethwyck?“, wollte der junge Lernheiler wissen, der die Wunden genäht hatte.

„Er kann nur hoffen, dass seine Familie noch am Leben ist und ihn akzeptiert, so wie er ist.“, seufzte Smethwyck erneut. „Ohne Unterstützung wird er es sehr schwer haben. Wahrscheinlich wird er sich irgendwann einem Rudel um Greyback anschließen, weil ihm sonst keine Möglichkeit bleibt.“ Smethwyck fand diese Zustände mehr als schrecklich, aber es gab derzeit nichts, was er dagegen tun könnte. Der Einzige, der eine Veränderung versprach, war der selbsternannte dunkle Lord, aber dem wollte er sich ganz sicher nicht anschließen. Heute würde er den jungen Werwolf jedenfalls nicht alleine lassen, auch wenn der bewusstlos war. Dennoch spürten gerade magische Wesen sehr deutlich, ob sie alleine waren oder nicht.

Ein leises Stöhnen löste sich von Severus' Lippen. Sobald er realisierte, dass er dieses Geräusch verursachte, presste Severus seine Lippen fest zusammen. Nur nicht auffallen, keine Schmerzen zeigen. Das war schon lange ein Zeichen von Schwäche. Ganz früher hätte er das tun können und wäre getröstet worden, aber diese Zeit war schon lange vorbei. Nur langsam kam sein Gehirn wieder in Gang, wie es schien. Die Augen bekam er im Moment nicht auf, es wirkte, als hätte er seit Tagen oder gar Wochen geschlafen, und nun war alles verklebt. Hoffentlich gab sich das, wenn er einfach lange genug wartete. Bis dahin konnte er versuchen, die Fragen zu beantworten, die sich ihm stellten. Nach und nach spürte er seinen Körper wieder, nur um im gleichen Moment zu realisieren, dass sein gesamter Körper brannte. Ein Bild entstand in seinem Geist: Er lag brennend irgendwo auf dem Boden. Er versuchte gar nicht erst, sich zu bewegen. Die Schmerzen, die er gerade hatte, reichten schon aus. Nur mit Mühe konnte er ein weiteres Stöhnen unterbinden. Langsam, konzentriere dich auf eine Sache, dachte er bei sich. Sein Kopf war ein wenig träge, aber interessanter Weise schmerzfrei. Zumindest fast. Ein wenig neblig, aber nicht weiter schmerzhaft. Doch die Erinnerungen waren getrübt. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher gekommen war, wo auch immer dieses ‚Hier‘ sein sollte. Außerdem hatte er keine Ahnung, woher die Schmerzen kamen. Vielleicht war es sinnvoll, herauszufinden, wo genau die Schmerzen waren. Also richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Körper. An den Füßen begann er. Er wackelte kurz mit seinen Zehen, bewegte die Füße und die Beine. Ein wenig steif und fast wie ein vor kurzem überstandener Muskelkater, aber keine wirklichen Schmerzen. Auch im Bauch war alles in Ordnung. Sein Magen fühlte sich ziemlich leer an, aber der Hunger hielt sich in Grenzen. Nährtränke, entschied er nach einem Moment. Beantwortete das seine Frage, wo er war? Vielleicht im Krankenflügel? Probeweise schnupperte er, nur um sofort zurück zu zucken und zu husten. Verdammt, was war das? Wollte ihn jemand vergiften? Die Gerüche erschlugen ihn beinahe. Wieso hatte er das vorher nicht bemerkt? Er war wohl zu beschäftigt gewesen mit anderen Dingen. Zurück zu seiner Nase. Automatisch sortierte er einige von den Aromen verschiedenen Tränken und Trankzutaten zu, aber es blieben noch eine Menge ihm unbekannter Gerüche übrig. Und alles erschien so unglaublich nah, als wäre es direkt unter seiner Nase!

Instinktiv hob Severus seine Hand, um diese Vermutung zu prüfen – und schrie auf. Ein wahnsinniger, scharfer, heißer, brennender Schmerz explodierte in seiner Schulter. Er wand sich, versuchte dem Schmerz zu entkommen, doch er verging einfach nicht, steigerte sich im Gegenteil immer weiter. Severus versuchte, ruhig zu bleiben, aber da er keine Ahnung hatte, was diesen Schmerz auslöste und darüber hinaus nicht wusste, wo er sich befand, stieg panische Angst in ihm auf. Er presste seine andere Hand fest auf die schmerzende Schulter, in dem verzweifelten Versuch, den Schmerz irgendwie zu kompensieren. Seine Schreie hatten sicherlich irgendjemanden geweckt! Was würde nun passieren? Oft genug hatte er sich bereits von verschiedenen Menschen sagen lassen müssen, dass sie es nicht schätzten, durch sein Geschrei aufgeweckt zu werden. Der Jugendliche warf sich in seinem Bett herum, biss in das Kissen, um die Schreie zu ersticken. Er merkte nicht, dass durch die Bewegung seine Verletzungen zum Teil erneut aufrissen und zu bluten begannen. Den Heiler, der herein kam und ihm einen Trank geben wollte, bekam er erst Recht nicht mit. Erst die Berührung an seiner schmerzfreien Schulter spürte er. Sofort erstarrte er, bevor er sich zusammen krümmte und seine Arme so gut es ging anhob, um den Kopf zu schützen.

„Ruhig, junger Mann.“, drang schließlich eine dunkle Stimme zu ihm durch. „Sie sind im Krankenhaus, im St. Mungos. Ich habe hier einen Trank, der gegen die Schmerzen helfen sollte. Und dann muss ich ihre Wunden neu versorgen. Sie sind sicher, keine Angst.“

Doch Severus glaubte ihm nicht. Er roch etwas, das er nicht vollständig zuordnen konnte. Wieso konnte er auf einmal so intensiv riechen? Er war aus irgendeinem Grund sicher, dass der Heiler vor ihm nicht die ganze Wahrheit sprach. Er log nicht direkt, aber es fehlte ein Teil. Woher er das wusste, konnte er nicht sagen, aber es war wie ein Instinkt in ihm. Seine Nasenflügel blähten sich auf, als er alle Gerüche um sich herum wahrzunehmen versuchte. Nicht alle konnte er zuordnen, noch immer nicht, aber einige davon rochen nach Gefahr. Severus zwang seine Augen auf. Es war beinahe dunkel im Zimmer, oder so schien es. Dennoch sah er klar und deutlich. Verunsichert schüttelte er den Kopf, schloss die Augen und öffnete sie erneut, doch nichts änderte sich. Was war hier los? Jetzt, da er sich darauf konzentrierte, spürte er auch, dass die Berührungen der Bettdecke sich anders als früher anfühlten. Intensiver. Er konnte die Struktur des Bettbezuges spüren. Selbst die leise, eigentlich nicht wahrnehmbare Brise, die durch die geschlossene Tür kam, fühlte er auf seinen Armen. Seine Augen weiteten sich. Was bedeutete das alles? Was war passiert?

Verwirrt und verunsichert, wie er war, wich er zurück, als der Heiler einen Schritt auf ihn zu machte. „Junge, ich will dir nichts tun, ich habe hier einen Trank für dich.“, murmelte der Heiler in einem beruhigenden Tonfall. Diesmal glaubte Severus ihm, und griff vorsichtig nach der Phiole. Er schnupperte daran und merkte nur, dass es intensiver als sonst roch, aber der Geruch an sich war richtig. War der Schmerztrank stärker als gewöhnlich? Ihm sollte es Recht sein, damit würde er wohl wieder klarer denken können. Mit diesen Schmerzen war es unmöglich.

Zufrieden nickte der Heiler, als Severus die Phiole in einem Zug leerte. „Darf ich nun nach ihren Wunden sehen?“, wollte er wissen. „Sie verlieren ziemlich viel Blut, Mister Snape.“

Blut? Stimmt, er konnte es riechen. Jetzt, da sich die Schmerzen deutlich reduzierten, schaffte es Severus, sich auch auf andere Dinge zu konzentrieren. Wirklich zu konzentrieren. Zögernd nickte er und ließ zu, dass der Heiler sein Shirt weg zauberte. Ein wenig unwohl fühlte er sich dabei schon, aber es hielt sich in Grenzen. Er hatte schon Schlimmeres überstanden. Während der Heiler ruhig und professionell an seiner Schulter arbeitete – Severus weigerte sich, hinzusehen – dachte er darüber nach, wie er denn nun hier im St. Mungos gelandet war. Was war das Letzte, woran er sich erinnern konnte? Die Bibliothek, genau. Er war dort gewesen, um seine Hausaufgaben zu erledigen. Für einen Aufsatz in Verwandlung hatte er nach einem Buch gesucht. Gerade, als er es gefunden hatte, hörte er nur eine Regalreihe weiter Black reden. Gemeinsam mit Pettigrew hatte er dort gestanden und sich über Lupin unterhalten. Bei dem Gedanken schauderte Severus unwillkürlich, auch wenn er gerade nicht genau wusste, weshalb. Worüber hatten die Beiden geredet? Lupins Geheimnis! Er war sicher gewesen, nun einen Schritt weiter zu sein, wollte herausfinden, was hinter dem regelmäßigen Verschwinden steckte, um damit die Rumtreiber endlich in ihre Schranken weisen zu können.

Plötzlich erinnerte sich Severus. Zitternd wich er zurück, als ihn eine Welle aus Angst und Panik überflutete. Hektisch atmete er ein, auch wenn er das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Lupin war ein Werwolf! Er erinnerte sich an die Zähne, an die Klauen, an die gelben Augen, spürte erneut die Atmung in seinem Nacken. Aufschreiend warf er sich zur Seite, in der Hoffnung, den Zähnen dieses Mal zu entkommen, auch wenn er wusste, es war zu spät. Er war bereits gebissen. Jetzt wusste er auch, was die Schmerzen und die veränderten Sinne bedeuteten. Lupin hatte ihn verwandelt, ihn zu einem verfluchten Leben verdammt! Er schlug um sich, als er eine Berührung spürte, konnte nicht mehr unterscheiden, ob etwas gut oder schlecht war. Für ihn waren alles Zähne und Klauen, die Schmerzen und Verwandlung brachten. Er wollte, er musste ausweichen! Die Panik steigerte sich immer weiter, bis ihn gleichzeitig drei Zauber trafen, die ihn lähmen sollten. Ein einzelner Zauber hatte nicht gewirkt, der Heiler hatte Verstärkung gerufen. Die plötzliche Bewegungslosigkeit jedoch steigerte die Panik in Severus nur noch. Seine Fantasie war in der Beziehung sehr lebhaft und spielte ihm immer neue Möglichkeiten vor, wie es nun weitergehen könnte.

Bis mit einem Mal eine ruhige Stimme zu ihm durchdrang. Dunkel, entspannt, beruhigend. Es dauerte eine Weile, bis Severus realisierte, dass sie mit ihm sprach. Obwohl er die Worte nicht verstand, klammerte er sich am Klang dieser Stimme fest. Langsam ließ die akute Panik nach, wenn auch die Angst blieb. Was passierte nun mit ihm? Er war ein Monster, eine Bestie. Seine Atmung beschleunigte sich erneut. „Ruhig, mein Junge.“, waren die ersten Worte, die er verstand. „Du bist in Sicherheit, dir passiert nichts mehr. Ja, du hast eine Menge hinter dir, und wahrlich viel zu verdauen, aber hier im St. Mungos kannst du dir die Zeit nehmen. Hab keine Angst mehr. Niemand wird zu dir kommen, außer den Heilern, außer du wünscht etwas anderes.“ Severus atmete mehrmals tief durch. „So ist es gut, mein Junge. Tief atmen. Ich kann dir nicht versprechen, dass alles gut wird, aber ich verspreche dir, dass ich da sein werde, wenn du mich brauchst. Ich werde jetzt den Zauber von dir nehmen, ich denke, du bist nun ruhig genug, dass du dich nicht mehr selbst verletzt.“

Dankbar schlug Severus die Augen auf, als er die Kontrolle über seinen Körper zurück hatte. Er erblickte einen älteren Heiler, zumindest trug er die Kleidung des Krankenhauses. Der Mann hatte es sich neben dem Bett auf einem Stuhl bequem gemacht. Die weißen Haare erinnerten ein wenig an Dumbledore, aber nur wenig. Sie waren deutlich kürzer und leicht gelockt. Ein kleiner Schnurrbart zierte die Oberlippe des Heilers und versteckte ein leises Schmunzeln, das sich ausbreitete, während er die Musterung seines Patienten über sich ergehen ließ. Severus hatte keine Ahnung, wer der Mann war, aber seine Anwesenheit war seltsam tröstend und beruhigend.

„Ich bin Heiler Hippocrates Smethwyck.“, stellte sich der Ältere vor. „Wir haben ihre Verletzungen versorgt, allerdings ist es durch die Infektion schwer, denn vor der ersten Verwandlung verheilen Verletzungen bei Neu-Werwölfen schlecht. Aber das ist nicht das vordergründige Problem aus meiner Sicht. Mister Snape, ...“

„Bitte, sagen sie Severus zu mir.“, bat der Jugendliche leise. Der Name erinnerte ihn an viel zu viele Dinge, die er eigentlich vergessen wollte.

„Gerne, Severus.“, nickte der Heiler. Immerhin zeigte diese Bitte, dass der Schüler bereits ein gewisses Maß an Vertrauen zu haben schien. „Also, was ich sagen wollte: Vor allem seelisch brauchen sie sicherlich Hilfe, das alles zu verarbeiten. Ich weiß nicht, ob ich der richtige Ansprechpartner bin, aber ich biete ihnen an, zu mir zu kommen, wenn sie reden wollen. Oder kann ich jemanden für sie verständigen? Ein Verwandter vielleicht?“

Kurz dachte Severus an seine beste Freundin. Aber wollte er mit ihr über all das reden? Ansonsten gab es niemanden, nicht mehr. Zögernd sah er zu dem Heiler. „Es gibt niemanden, mit dem ich darüber reden könnte.“, gab er zu. „Aber ich würde gerne jemanden sehen. Lily Evans, eine Mitschülerin aus Gryffindor.“

„Ah, die junge Dame war bereits hier!“, lächelte Smethwyck. „Ihre Hauslehrerin hat sie hergebracht, allerdings war das eine Ausnahme. Erst, wenn das Schuljahr zu Ende ist, kann sie wieder kommen, aber ich vermute, bis dahin sind sie wohl nicht mehr hier. Wir werden erst einmal die Verwandlung abwarten und dann weitersehen. Sie sind seit etwas über einer Woche hier, das bedeutet, noch drei Wochen bleiben sie hier bei uns.“ Er stand auf. „Ich habe jetzt einige Stunden Dienst hier auf der Station. Wenn sie mich brauchen, Severus, zögern sie nicht, nach mir zu fragen.“ Er wusste, dass der Jugendliche nicht sofort sprechen würde, aber er war da, wenn Severus reden wollte. Er schenkte Severus ein beruhigendes, aufmunterndes Lächeln, dann verließ er den Raum. Zurück ließ er einen immer noch beinahe panischen Jugendlichen.

In den nächsten Tagen durchlief Severus weitere, teilweise sehr heftige Panikattacken. Immer war Smethwyck da, sprach ruhig mit ihm. Nach und nach öffnete sich Severus und begann, mit dem Heiler zu reden. Stockend, unsicher, aber er sprach über seine Ängste. Smethwyck war da, seine ruhige und aufmerksame Art half Severus sehr. Von Tag zu Tag wurde er ruhiger. Bis sich, eine Woche nach seinem Erwachen, plötzlich etwas änderte. Was genau es war, konnte im Nachhinein niemand mehr sagen. Im einen Moment sprach Severus noch über seine Angst vor der Verwandlung, im nächsten Moment zogen sich seine Augen zusammen und er sprang auf.

Rasend vor Wut tobte er durch das Krankenzimmer, warf alles, was er in die Hand bekam, gegen die Wände, schrie und fluchte, vor allem auf Lupin und Black. Der Heiler ließ ihn, wartete einfach ab. Er sorgte nur dafür, dass sich sein Patient nicht verletzen konnte.

„Dieses verdammte Monster!“, schrie er. „Dieses Tier gehört eingesperrt, verflucht nochmal! Warum darf so ein dreckiges, verlaustes, stinkendes, gefährliches … Etwas überhaupt in die Schule?“ Mit aller Kraft hieb er gegen die Wand, ohne zu merken, dass es weh tat. Gerade schmerzte es viel stärker, den Verrat zu erkennen. „Und der Alte wusste es! Er wusste es immer, und trotzdem hat er dieses Monster, diesen Freak, in eine Schule voller Kinder gelassen! Er hätte alle töten können, aber er ist ja nicht Schuld, das arme Monster ist ja nur ein Opfer! Es war ja nur ein dummer Slytherin, da macht man nichts. Ist ja halb so schlimm, so lange es keinen Gryffindor trifft! Diese Arschlöcher können machen, was sie wollen, sie werden nie bestraft. NIE!“ Seine Stimme überschlug sich. Das Kissen musste daran glauben, er riss es mit den Worten entzwei. Überall flogen die Federn, aber Severus realisierte es nicht einmal. Seine Magie machte einfach weiter, ließ die Federn immer wieder wie in einem Tornado umher fliegen. Dazu gesellten sich auch Kleidungsstücke, Phiolen, selbst seine wenigen Toilettenartikel. Alles flog in einem wilden Sturm um ihn herum.

„Wen kümmert es, dass mein Leben jetzt verflucht ist? Es ist egal, immerhin bin ich doch nur ein unwürdiger Slytherin, ein dreckiges Halbblut, und jetzt auch noch ein Monster!“, tobte Severus weiter. „Die Gryffindors werden sich schlapp lachen, endlich haben sie mich von der Schule weg. Und dieses Monster und seine Helfer sind immer noch da! Wie immer passiert ihnen einfach nichts, alle Schuld wird auf mich abgewälzt! Ich wünschte, sie würden draufgehen, ich wünschte, sie würden alle das Gleiche erleiden! Stecken wir sie alle in diese beschissene Hütte, und dann zünden wir sie am besten an! Es trifft keinen Falschen!“

Und so ging es immer weiter. Smethwyck war ziemlich erleichtert, dass nur er diesen Ausbruch zu hören bekam – dafür hatte er einen Zauber gewirkt – denn die Auroren würden seinen Patienten dafür sicherlich verhaften. Aber das musste einfach raus, damit der Junge anfangen konnte, alles zu verarbeiten. Erst danach konnten sie sich mit der Zukunft befassen, falls sie die Chance dazu bekamen.

Irgendwann sank Severus erschöpft auf sein Bett. Erst jetzt realisierte er, welches Chaos er verbreitet hatte. „Es tut mir leid.“, entschuldigte er sich bei dem Heiler. Er mochte den ruhigen, verständnisvollen Mann sehr, und es war ihm peinlich, dass dieser seine Wut beobachtet hatte.

Smethwyck winkte ab. „Fühlen sie sich jetzt besser, Severus?“, wollte er wissen. Ziemlich überrumpelt nickte der Jugendliche. „Keine Sorge, das ist vollkommen in Ordnung. Die Wut ist verständlich und muss einfach raus. Ich denke, jetzt kommen wir einen Schritt weiter. Wir werden uns mit ihrer Wut befassen. Aber für heute lassen wir es gut sein. Ruhen sie sich aus, Severus, essen sie etwas, und morgen reden wir darüber.“

„Danke.“, krächzte Severus. Vom vielen Schreien war er ziemlich heiser. Es war ihm, trotz der Versicherung des Heilers, peinlich, so reagiert zu haben. Jetzt schob sich ein Buch in sein Blickfeld.

„Das hier beschäftigt sich mit Psychologie.“, erklärte der Heiler. Man konnte ein Schmunzeln hören. „Lesen sie es, Severus, ich denke, dann werden sie einiges besser verstehen. Wir sehen uns morgen.“ Sein Lächeln verbreitete sich, als er sah, wie Severus das Buch sofort aufschlug und mit dem Lesen begann. Ja, das würde dem Jungen gut tun. Es gab seinem Kopf eine Beschäftigung. Die meiste Zeit beschäftigte er sich mit dem, was passiert war, wobei er sich ziemlich in die ganze Sache hinein steigerte. Offensichtlich hatte der Schüler niemanden, der ihm helfen konnte. Smethwyck war froh, ihm helfen zu können. Er war nicht sicher, ob er Severus verraten sollte, warum er sich so sehr um ihn kümmerte. Sein Bruder war vor etwa dreißig Jahren ebenfalls gebissen worden. Niemand hatte sich um ihn gekümmert. Hippocrates selbst war noch zu jung gewesen, um sich kümmern zu können, aber er hatte sich geschworen, zu helfen, wann immer er konnte. Meist kamen die frisch gebissenen Neu-Werwölfe nicht zu ihnen. Fast alle schlossen sich Greyback – und damit dem Unnennbaren – an. Er hoffte, dass Severus klüger war. Allerdings hatte in seinem Fall auch das Ministerium wohl noch ein Wort mitzureden. Er seufzte und schüttelte den Kopf. Es gab nur wenig, was er tun konnte. Aber das würde er auch tun.

Severus hingegen widmete sich dem Buch, dankbar für die Ablenkung. Die Angst war nun weg, aber die Wut pulsierte spürbar in seinem Körper. Er wollte nicht erneut so ausrasten, das erinnerte ihn viel zu sehr an seinen eigenen Vater. Dabei hatte er nie so impulsiv werden wollen. Schon seit seiner Kindheit kämpfte er um seine eigene Beherrschung. Die Gefühle unter Kontrolle zu halten, unter allen Umständen. Meist gelang ihm das auch ganz gut, doch Momente wie heute zeigten ihm, dass er noch einen langen Weg vor sich hatte. Als er noch kleiner gewesen war, hatte er ab und zu mit Lily ferngesehen. Manchmal hatten sie eine amerikanische Serie angeschaut, Star Trek. Sein Vorbild seit damals: Mister Spock, der Halbvulkanier, der sich eigentlich nie aus der Ruhe bringen ließ, seine Gefühle vollständig unter Kontrolle hatte. Der trotz den Schwierigkeiten in seiner Kindheit – ein Halbblut zu sein ließ einen irgendwie nie richtig dazugehören, egal wann und wo man lebte – eine Heimat, und noch viel wichtiger, eine Familie gefunden hatte. Das gab auch ihm Hoffnung, dass eines Tages alles besser werden konnte. Dafür strengte er sich an, dafür kämpfte er. In den letzten Tagen nicht, aber jetzt, beim Lesen, als er ruhig genug war, erinnerte er sich wieder an diese Ziele.

Doch wozu wäre das alles gut, wenn er am Ende doch nur Ablehnung treffen würde? In der Zauberwelt wurden Werwölfe gleichgestellt mit Abschaum, Todessern, mordenden Bestien. Genauso würden die Menschen über ihn denken. Das Ministerium beobachtete alle bekannten Werwölfe sehr genau, ihnen blieben nur wenige Möglichkeiten. Dass Lupin zur Schule gehen konnte, hatte Dumbledore sicher Einiges gekostet. Immer wieder änderten sich die Gesetze, so schnell, dass kaum jemand mitkam. Mal durften sie Zauberstäbe haben, dann wieder nicht, mal war ihnen Arbeiten gestattet, dann wieder nicht. Jedes Mal, wenn der Gamot sich traf, schufen sie neue Gesetze, so schien es. In Zukunft musste er sich wohl mehr damit beschäftigen.

Resignierend legte Severus das Buch beiseite und schloss die Augen. So wie es aussah, hatte er kaum noch eine Chance, sein Ziel – Tränkemeister zu werden – zu erreichen. Wofür also noch kämpfen? Dazu kam, dass er immer stärker werdende Schmerzen in seiner Schulter spürte, da nun die Tränke nachließen. Apathisch schluckte er, was ein junger Heiler ihm brachte, schlief ein, als die Tränke Wirkung zeigten.

„Ruhe im Gerichtssaal!“, donnerte die Stimme des Vorsitzenden. Der alte Verhandlungsraum im Keller des Ministeriums war voller Menschen. Sie alle waren neugierig, denn heute sollte die Verhandlung gegen mehrere Hogwarts-Schüler stattfinden. Schnell hatte sich vor einigen Wochen herumgesprochen, was in der Schule passiert war. Das hatte ihm Lily bei einem kurzen Besuch am letzten Wochenende erzählt. Sie war in Begleitung von McGonagall gekommen, aber der Besuch war merkwürdig steif deswegen geworden, da keiner von ihnen frei sprechen konnte unter der strengen Beobachtung. Die Professorin war offensichtlich unwillig gewesen, aber sie hatte Lily begleitet. Severus hatte sie bald wieder verabschiedet, weil sie Beide sich unwohl fühlten, so beobachtet zu werden. Eine Eule hatte ihm später einen Brief gebracht. Darin schrieb Lily, dass es ihr leid tat, nur so kurz dagewesen zu sein. Außerdem erzählte sie, dass derzeit die Rumtreiber zwar beobachtet wurden, aber bis zum Prozess tatsächlich weiter den Unterricht besuchen durften. Ansonsten allerdings hatten sie Hausarrest und durften ihre Zauberstäbe nur unter Aufsicht nutzen. Der Schwarzhaarige konnte es noch immer nicht glauben, dass sie nicht strenger bestraft wurden dafür. Aber Lily zufolge galt wohl auch hier das Prinzip der Unschuld, so lange, bis das Gegenteil bewiesen war. Sollten sie – wider Erwarten – frei gesprochen werden, hatten sie dann keine Möglichkeit, auf Schadenersatz zu klagen. Da zwei der Rumtreiber aus alten, reichen Familien stammten und außerdem die Gryffindors die Lieblinge des Schulleiters waren, klang das logisch in Severus' Augen. Lily schien ebenfalls dieser Meinung zu sein. Sie entschuldigte sich bereits jetzt, dass sie ihn nach dem Ende des Schuljahres nicht besuchen konnte, da ihre Eltern direkt am ersten Ferientag mit ihr und ihrer Schwester in den Urlaub wollten. Er solle ihr schreiben, wo er danach war, dann würde sie ihn besuchen.

Da Severus Snape inzwischen auf dem Weg der Besserung war – auch seine erste Verwandlung hatte er im St. Mungos vor wenigen Tagen überstanden – war auch er vorgeladen zur Verhandlung. Er war nicht ganz sicher, ob er nun angeklagt oder Zeuge war, aber es machte keinen Unterschied. So wirklich nahm er alles um sich herum nicht auf, dafür war sein Zustand noch nicht gut genug. Die Heiler, allen voran Smethwyck, hatten energisch protestiert, als sie erfuhren, dass auch Severus heute anwesend sein musste, aber ein Gutachter hatte befunden, er sei prozessfähig, also musste er kommen. Heiler Smethwyck begleitete ihn, um seinen gesundheitlichen Zustand zu überwachen. Severus war froh, wenigstens ein vertrautes Gesicht zu sehen und jemanden zu haben, der an ihn glaubte, auch wenn Smethwyck neutral sein musste, um bleiben zu können. Nach und nach wurde es still im Saal. Endlich setzte sich auch der Vorsitzende auf seinen Platz und eröffnete die Verhandlung. „Sirius Black, setzen sie sich auf den Stuhl!“, befahl er und deutete auf den Platz mitten im Raum. Ein Holzstuhl mit einer hohen Rückenlehne und Armlehnen, an denen Ketten leise klirrten. Sollte man Fluchtgedanken hegen, würden sie zuschnappen. Derzeit rasselten sie zwar, aber sie fesselten den Jugendlichen nicht. Auch die Ketten an den Stuhlbeinen reagierten ähnlich. Nur zögerlich setzte sich Sirius.

„Mister Sirius Black, geboren am 3. November 1959?“, versicherte sich der Sprecher des Gamot.

„Ja, Sir.“, nickte der Gryffindor.

„Mister Black, ihnen wird vorgeworfen, am 25. Mai 1975, also vor fünf Wochen, willentlich einen Mitschüler, namentlich Severus Snape, in den Geheimgang unter die peitschende Weide gelockt zu haben, in dem vollen Wissen, dass er dort auf eine gefährliche Kreatur treffen kann, nämlich einen verwandelten Werwolf, da in besagter Nacht Vollmond war. Sie wussten, dass dieser Werwolf dort sein würde, und auch, dass Mister Snape sich nicht gegen ihn wehren konnte. Mister Snape wurde in dieser Nacht gebissen und in einen Werwolf verwandelt, nur das beherzte Eingreifen von Mister James Potter und Professor Dumbledore verhinderte die Tötung des Slytherin-Schülers. Wollen sie sich zu dieser Anklage äußern?“, wollte ein weiteres Mitglied des Zaubergamot wissen, der heute vollzählig erschienen war. Nur ein Sitz war frei – der von Dumbledore. Der Weißhaarige saß auf der Zeugenbank, in der Nähe von Severus.

„Ich wollte ihn nur erschrecken.“, verteidigte sich Sirius, auch wenn ein Anwalt ihm abriet, sich zu Wort zu melden. „Ich dachte, er würde Angst kriegen und abhauen, und uns danach endlich in Ruhe lassen, ich konnte ja nicht ahnen, dass der Idiot bis zur Hütte geht, obwohl er Moony gehört haben muss.“

Severus verfolgte das Geschehen ziemlich teilnahmslos, noch immer hatte er leichtes Fieber und konnte nicht klar denken, was aber laut den Heilern keine körperliche Ursache mehr hatte. Die Verwandlung hatte er irgendwie überstanden, aber sein Zustand war noch immer kritisch gewesen, als der Vollmond ihn dazu zwang. An die Nacht selbst hatte er keinerlei Erinnerungen, alles war schwarz. Das machte ihm Angst, nicht zu wissen, was da passiert war. Er wusste nur, dass die Heiler ihn dafür ruhig gestellt hatten. Dank der neuen Gene heilte er nun deutlich schneller als zuvor, aber noch immer war er nicht wieder gesund. Die Geschehnisse verfolgten ihn bis in seine Träume und ließen ihn vor Angst zittern und schreiend hochfahren. Erst, als alle aufstehen mussten, riss er sich aus seinen Gedanken. Er hatte nicht mitbekommen, wie gegen Sirius Black verhandelt worden war, direkt nach der ersten Antwort war er völlig abgedriftet. Jetzt konzentrierte er sich wieder auf das Geschehen um ihn herum.

„Sirius Black, wir verurteilen sie zu fünf Jahren Askaban. Nur aufgrund der Tatsache, dass sie noch nicht volljährig sind, bleibt es bei fünf Jahren, ansonsten hätten sie zehn Jahre bekommen. Ihr Zauberstab wird zerbrochen und die Magie wird in ihnen versiegelt. Nach Askaban bekommen sie die Möglichkeit, normal zu leben und zu zeigen, dass sie verantwortungsbewusster sein können, als es bisher der Fall war. Ihre Magie jedoch bleibt versiegelt.“, verkündete der Vorsitzende das Urteil gegen den Schwarzhaarigen aus Gryffindor.

Entsetzt starrte Sirius den Richter an, danach seinen besten Freund James, der als Zeuge wohl bereits ausgesagt hatte. „Nein! Nicht Askaban! Bitte nicht! Ich wollte das doch nicht!“, schrie Sirius auf. Zwei Auroren hielten ihn fest, während ein dritter den Zauberstab des Grauäugigen vor ihm in zwei Teile brach. Anschließend richtete er seinen eigenen Zauberstab auf Sirius. Schreiend krampfte der sich zusammen, als seine Magie in ihm versiegelt wurde. Offenbar war das äußerst schmerzhaft. Schlaff und zitternd hing er nach wenigen Minuten in den Armen der Auroren, die ihn direkt abführten.

Bevor sich jemand so weit erholen konnte, dass er etwas sagen wollte, klopfte der Richter bereits erneut mit seinem Hammer auf sein Pult. „Mister Potter, wir haben ihre Aussage gehört, die uns zeigt, dass sie verhindern wollten, was passierte. Leider waren sie zu langsam. Dennoch haben auch sie sich strafbar gemacht, sie sind ein illegaler Animagus. Normalerweise steht auch darauf Askaban, doch wir sind uns einig, dass das hier nicht die richtige Vorgehensweise wäre. Daher werden sie sich noch heute registrieren und eine Strafe in Höhe von 1.500 Galleonen bezahlen. Sollte nichts mehr in dieser Richtung vorfallen, bleibt es bei dieser Verwarnung, ansonsten werden sie ebenfalls Askaban von innen kennen lernen, und da sie, soweit ich weiß, Auror werden wollen, sollten sie das unterlassen, das macht sich nicht gut in der Bewerbung.“ James nickte nur kurz, aber man sah ihm die Erleichterung an.

Die Menge murmelte wild durcheinander, sodass keiner ein Wort verstehen konnte, aber sie alle schienen beruhigt durch die beiden harten Urteile. Schon lange forderten die Menschen, dass hart gegen Straftäter vorgegangen werden musste und nun waren sie wohl zufrieden. „Ruhe!“, forderte der Vorsitzende erneut. „Die Aussagen von Mister Black und Mister Potter haben gezeigt, dass Mister Pettigrew nichts mit der ganzen Sache zu tun hatte, also wird die Anklage gegen ihn fallen gelassen. Er wurde nur unwissentlich zum Mittäter, was ihm aber niemand zur Last legen kann. Allerdings ist auch er ein nicht registrierter Animagus, wie sich durch die Aussagen gezeigt hat, daher wird auch er eine Strafe von 1.500 Galleonen zahlen müssen und eine Verwarnung erhalten, genauso wird er registriert. Allerdings wird die Geldstrafe nicht in seinem Strafregister landen, genau wie bei Mister Potter. Remus Lupin, sie sind der Nächste, setzen sie sich hier hin.“ Erneut deutete er auf den Stuhl in der Mitte.

Mit zitternden Beinen taumelte Remus dorthin und setzte sich. Im Zuschauerraum konnte man leises Schluchzen einer Frau hören. Der Mann neben ihr sah Remus so ähnlich, dass er sein Vater sein musste. Beide wirkten völlig entsetzt und absolut hilflos, als sie zusehen mussten, wie ihr Sohn vor Gericht stand. Der Mann nahm seine Frau in den Arm, hielt sie fest, damit sie nicht aufsprang und am Ende aus dem Saal geworfen wurde.

„Mister Lupin, ihr voller Name ist Remus John Lupin, sie wurden am 10. März 1960 geboren?“, fragte der Sprecher des Gamot.

„Richtig.“, bestätigte der Dunkelblonde zitternd und leise.

„Sie wissen, dass sie nur unter der Voraussetzung nach Hogwarts durften, wenn sichergestellt ist, niemandem wird Schaden zugefügt durch ihre … Erkrankung? Nicht nur, dass sie ihre Freunde dazu brachten, sich illegaler Weise in Animagi zu verwandeln, nun haben sie auch noch einen Mitschüler gebissen und verwandelt.“, machte der Sprecher weiter.

„Ja, aber … ich wollte das nicht!“, fuhr Remus auf, bevor er wieder in sich zusammen sank. „Es tut mir leid!“, wisperte er noch. Sein Blick suchte den von Severus, konnte ihm aber nicht standhalten.

Es dauerte nicht besonders lange, bis der Gamot entschied, was mit Remus passieren sollte: „Mister Lupin, auch wenn sie nicht bewusst ihren Schulkameraden gebissen und verwandelt haben, so gingen sie doch immer wieder bewusst ein Risiko ein, weil sie nahe an der Schule waren und sich nicht besser versicherten, dass niemand in ihre Nähe kommen kann. Deshalb haben wir entschieden, ihre Magie zu versiegeln. Ihr Zauberstab wird zerbrochen und sie werden ein Jahr und 10 Monate in Askaban sitzen müssen. Danach werden wir überprüfen, wo und wie sie leben, um sicher zu stellen, dass niemand mehr durch ihre Verwandlung gefährdet werden kann.“

„Nein! Nicht nach Askaban, bitte nicht!“, flehte Remus weinend. „Bitte nicht, ich wollte das doch nicht!“ Doch die Auroren kannten kein Pardon, zwei von ihnen nahmen Remus in ihre Mitte und brachten ihn nach draußen. Seine Mutter brach schluchzend zusammen und auch seinem Vater sah man das Entsetzen deutlich an, als er seine Frau nach draußen brachte.

Der Nächste, der sich vor dem Gamot verantworten musste, war Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore. Er schilderte zunächst, wie er von der Situation erfahren und wie er dann darauf reagiert hatte. Er berichtete in kurzen, präzisen Worten, in welchem Zustand er Remus Lupin und Severus Snape vorgefunden hatte und mit welchen Zaubern er den Werwolf schlafen schickte. Außerdem erklärte er, wie sie Severus Snape in den Krankenflügel brachten. Danach beantwortete er Fragen, machte glaubhaft klar, dass er wirklich erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr, wie James Potter, Sirius Black und Peter Pettigrew die Schulregeln brachen, um mit dem Werwolf verbotener Weise im Wald zu laufen. Es dauerte eine Weile, bis der Gamot zufrieden war.

Der Vorsitzende ergriff am Ende das Wort. „Sie haben zugesagt, darauf zu achten, dass keinem der Schüler etwas passiert, auch wenn ein Werwolf nach Hogwarts kommt. Sie haben nicht verhindern können, was passierte, und doch war es ihre Verantwortung.“, bekundete er. „Daher haben wir bereits im Vorfeld dieser Verhandlung entschieden, dass sie nicht weiter der Leiter der Hogwarts Schule für Hexen und Zauberer sein können, da es den Eltern nicht zuzumuten ist, ihre Kinder weiter in ihre Hände zu geben. Zu viel Angst herrscht unter den Eltern, dass erneut etwas passieren könnte. Die Ereignisse haben sich weit herumgesprochen. Den Lehrberuf werden sie ebenfalls nicht mehr ausüben. Allerdings bleiben ihnen die Titel und auch der Sitz im Gamot erhalten, da sie nachweisbar nicht besser oder schneller hätten reagieren können.“

Der nun ehemalige Schulleiter wirkte beinahe erleichtert, wenn auch ein wenig enttäuscht. Es war bekannt, dass er sich – neben der Schule – intensiv um den Kampf gegen den Unnennbaren bemühte. Nun konnte er sich mit voller Kraft dieser Aufgabe widmen, auch wenn ihm die Schule und vor allem die Schüler sicherlich fehlen würden. Er wirkte müde und ziemlich alt, als er jetzt den Stuhl in der Mitte verließ.

Der Vorsitzende sprach weiter: „Madam Pomfrey, bitte nehmen sie in der Mitte Platz.“ Die Medihexe befolgte die Anweisung angespannt. „Bitte schildern sie, was sie in dieser besagten Nacht erlebt haben.“

„Ich habe Mister Lupin wie bei jedem Vollmond gegen späten Nachmittag in die heulende Hütte gebracht und den Zugang versperrt.“, erklärte sie. „In dieser Nacht sollte der Mond gegen neun Uhr abends aufgehen. Mister Lupin war ab etwa halb sechs Uhr abends in der Hütte. Die Tür kann nur durch einen Zauber geöffnet werden. Mister Lupins Zauberstab war in meinem Büro im Krankenflügel. Gegen kurz vor Mitternacht wurde ich von einem Zauber alarmiert. Der liegt auf der Tür des Krankenflügels, damit ich weiß, wenn jemand meine Hilfe braucht. Der Schulleiter und Mister Potter brachten den schwerverletzten Severus Snape. Die Verletzungen waren eindeutig.“

„Wir haben ihre Berichte gesehen, sie haben sehr gute Arbeit geleistet.“, nickte ein Zauberer aus dem Gamot.

„Nun gut, nachdem Mister Snape ins St. Mungos verlegt worden war, habe ich etwas geschlafen, damit ich wieder in der Lage bin, meine Patienten zu versorgen.“, erzählte Madam Pomfrey weiter. „Als der Mond untergegangen war, bin ich in Richtung der heulenden Hütte gegangen, so wie immer. Ich fand Mister Lupin nackt im Geheimgang, mit Ausnahme einiger kleinerer Prellungen war er unverletzt. Er erwachte gerade aus seiner Bewusstlosigkeit, als ich eintraf, gemeinsam mit Professor Dumbledore und Mister Potter. Er war entsetzt, als er erkannte, was genau passiert war.“

„Vielen Dank, Madam Pomfrey.“, nickte der Vorsitzende. Der Gamot beriet sich nur kurz. Dann wurde Madam Pomfrey von dem Vorwurf der Fahrlässigkeit freigesprochen. Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand. Es gab keine Vorwürfe.

Nun war es an Severus, sich in die Mitte setzen zu müssen. Zitternd und leichenblass stand der Schwarzhaarige auf, er taumelte kurz, bevor er sich straffte und sich auf den Stuhl setzte. Noch immer hatte er starke Schmerzen und auch das Fieber war nicht vollkommen überstanden. Allerdings hatten die ministerialen Beamten entschieden, dass er fit genug für die Verhandlung war. Angstvoll wartete Severus auf das, was nun passierte. Wenn Lupin schon so schwer bestraft wurde, was wurde dann aus ihm? Lupin konnte doch nichts dafür, es waren die Instinkte des Wolfes gewesen. Ja, er fand es fürchterlich, dass er nun ein Werwolf war, aber er gab die Schuld nicht dem anderen Werwolf, sondern Black. Der war Schuld, er hatte ihn dorthin gelockt. Wissentlich. In den letzten Wochen hatte er viel darüber gegrübelt und war zu diesem Schluss gekommen. Vielleicht hatte er nur deshalb so gedacht, weil er nun auch ein Werwolf war? Wie so oft schauderte er bei dem Gedanken und zwang sich, dem Vorsitzenden konzentriert zuzuhören.

„Ihr Name ist Severus Snape, geboren am 9. Januar 1960?“, wurde auch bei ihm die erste Frage.

„Ja.“, nickte Severus.

„Bitte erzählen sie genau, was passiert ist.“, bat der Sprecher.

Severus atmete tief durch, er wusste nicht genau, wie er beginnen sollte. „Ich … ich war in der Bibliothek und konnte hören, wie Sirius Black etwas zu Peter Pettigrew sagte.“ Er konzentrierte sich darauf, seine Feindschaft nicht deutlich werden zu lassen. „Mir war nicht bewusst, dass es als Falle für mich gedacht war. Schon seit Jahren versuchte ich, herauszufinden, was hinter dem ständigen Verschwinden von Remus Lupin steckt. Diese Chance wollte ich mir daher nicht entgehen lassen. Im Nachhinein betrachtet war es idiotisch, das ist mir klar, aber ...“ Er brach ab, konnte selbst nicht genau erklären, was er gedacht und gefühlt hatte. Sein Kopf war einfach nicht klar genug dafür. „Ich kann mich nicht genau erinnern, was in dem Geheimgang passiert ist, nachdem der Werwolf die Falltür zerstört hat. Da ist nur noch Schmerz.“ Die Panik kam erneut hoch und Severus‘ Blickwinkel verengte sich, es wurde schwarz am Rande seines Blickfeldes. Doch er schüttelte es ab, wollte sich konzentrieren. Ohne weiteren Gedanken beantwortete er die folgenden Fragen. Er merkte nicht, wie der Heiler hinter ihn trat und nach einer kurzen Bestätigung durch den Gamot einen Diagnosezauber murmelte.

„Der Gamot hat eine Entscheidung getroffen.“ Die Stimme des Vorsitzenden riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. Er hatte nicht wirklich bemerkt, dass sie von ihrer Beratung zurückgekommen waren. „Mister Snape, sie werden von Hogwarts ausgeschlossen. Ihre Magie wird sicherheitshalber versiegelt, damit sie ihre Umwelt nicht gefährden können. Der Ausschluss aus Hogwarts liegt darin begründet, dass die Gefahr für alle anderen Schüler zu groß ist. Wie sich gezeigt hat, ist das Risiko einfach zu groß.“ Severus starrte ihn an, verstand im ersten Moment gar nicht, was das für ihn bedeutete.

Fassungslos sah Severus zu, wie sein Zauberstab zerbrochen wurde. Er reagierte kaum, als Auroren ihn nach draußen brachten. In einem kahlen Raum fand er sich wieder. Erst jetzt bekam er langsam wieder mit, was um ihn herum passierte. Er zuckte zusammen, als ein Zauberstab auf ihn gerichtet wurde. Vor Schmerz aufkeuchend krümmte er sich zusammen, als die Magie in ihm versiegelt wurde. Schwindel erfasste ihn und er klammerte sich an der Stuhllehne fest, als ihm schwarz vor Augen wurde. Er merkte nicht mehr, dass er sich nicht mehr halten konnte und vom Stuhl kippte. Sofort sprang der Heiler zu ihm, konnte jedoch nicht viel tun, also befahl er, dass der Jugendliche zurück ins Krankenhaus kommen sollte. Die Auroren rollten genervt mit den Augen, dann schufen sie eine Trage und brachten ihn zurück ins St. Mungos, damit er gesund werden konnte. Was danach mit ihm sein würde, wussten sie nicht, aber es war auch unwichtig für sie. Das Einzige, was in ihren Augen zählte, war, dass die Gefahr gebannt war und der Neu-Werwolf niemanden beißen konnte.

Zwei Wochen später, Mitte Juli, wurde Severus als geheilt aus dem St. Mungos entlassen. Wobei er das als schlechten Witz empfand. Geheilt würde er wohl nie werden. Dennoch waren seine Verletzungen nun vernarbt, und auch das Fieber war weg. Also gab es keinen Grund mehr für ihn, im Krankenhaus zu bleiben. Niemand, außer Lily, hatte ihn besucht in der ganzen Zeit. Lily hatte ihm noch einmal geschrieben, sie war vollkommen entsetzt über das harte Urteil. Dennoch konnte sie ihn noch nicht persönlich sehen, erst nach dem Urlaub. Sie würde in drei Tagen zurück kommen. Konnte er ihr dann schreiben, wo er war? Die meiste Zeit hatte er mit Grübeln verbracht, da er niemanden mehr hatte, der mit ihm sprach. Anfangs war er, das wurde ihm jetzt erst bewusst, beinahe in eine Depression verfallen, doch der Heiler, der ihn aus Hogwarts geholt hatte, kümmerte sich ein wenig um ihn und sprach viel mit ihm. Severus wusste, dass er noch länger brauchen würde, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, ein Werwolf zu sein, aber aufgeben kam nicht in Frage. Nicht mehr, seit Smethwyck mit ihm sprach. Die ersten Tage hatte er in absoluter Panik und später mit Wut verbracht, doch dank dem Heiler war er inzwischen darüber hinweg. Er hatte angefangen, darüber nachzudenken. Seit seiner Verwandlung richtete sich seine Wut nicht mehr auf Lupin. Der konnte nichts für seine Instinkte, der Wolf reagierte einfach nur. Noch immer würde er wohl kein Freund von Lupin werden, aber er begann zu verstehen, dass Lupin eben keine Schuld traf. Die lag voll und ganz bei Sirius Black. Diesem Gryffindor würde Severus wohl nie vergeben. Aber Smethwyck, der Heiler, hatte ihm klar gemacht, dass er jetzt erst einmal an sich denken und lernen musste, mit seinem veränderten Wesen zu leben. Seit beinahe zwei Wochen hatte er den Heiler nicht mehr gesehen, da dieser im Urlaub war. Die anderen Heiler taten nur das Nötigste, außer ein junger Lernheiler, der allerdings kaum Zeit hatte. Jetzt fragte sich Severus, wohin er gehen sollte. Keiner hatte ihm eine Lösung angeboten, obwohl er die Heiler mehrmals gefragt hatte, doch es schien niemanden zu interessieren. Es machte ihm Angst, vor allem, als der Tag der Entlassung kam und er immer noch nicht weiter wusste.

Kurz vor dem Mittagessen öffnete sich die Tür ohne Vorwarnung und zwei Auroren traten ein. Severus erkannte sie aufgrund ihrer Uniform-artigen Kleidung. „Mister Snape?“, erkundigte sich der Ältere kühl. Severus nickte nur, er bekam kein Wort heraus, da er nicht wusste, was sie von ihm wollten. Die letzten Erfahrungen waren nicht gerade positiv gewesen. „Wir bringen sie nun nach Hause. Da sie noch nicht volljährig sind, fallen sie unter die Vormundschaft ihres Vaters. Dorthin bringen wir sie jetzt. Da ihr Vater nicht magisch ist, mussten wir ihn über einige Dinge aufklären. Haben sie alles? Dann kommen sie, gehen wir.“

Der Auror ließ Severus nicht zu Wort kommen, sondern griff nach seinem Arm. Der jüngere Auror, der bisher noch nichts gesagt hatte, nahm die Tasche mit den wenigen Kleidungsstücken, die Severus besaß. Ohne Vorwarnung apparierten sie mit ihm. Vor dem kleinen Haus in Spinners End tauchten sie wieder auf. Übelkeit und Schwindel erfassten Severus, als er ankam. Lange hatte er nicht Zeit, um sich zu erholen, denn die Auroren gingen sofort auf die Haustür zu. Eilig folgte ihnen Severus, auch wenn er am liebsten irgendwo anders wäre. Zu seinem Vater hatte er kein besonders gutes Verhältnis mehr, obwohl wenn es früher anders gewesen war. Seit Jahren flüchtete Severus bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus dem Haus, um nicht mit seinem Vater zusammen zu treffen. Doch jetzt war er offenbar gezwungen, hier zu leben. Den Launen seines Vaters ausgeliefert. Er schauderte, als die Tür aufging.

„Was wollt ihr hier?“, knurrte Tobias Snape.

„Mister Snape, wir haben uns angekündigt.“, antwortete der Auror. Widerwillig ließ der Hausherr sie eintreten. „Mister Snape, sie wissen, dass ihr Sohn von einem Werwolf gebissen wurde. Seine Magie ist versiegelt, aber er wird sich dennoch verändern. Es ist wichtig, dass sie wissen, wie sie mit ihm umgehen, damit niemandem etwas passiert, gerade, weil sie auch keine Magie haben. Wurden die Arbeiten in ihrem Keller bereits abgeschlossen?“

„Ja, der Keller ist fertig. Und ihre Kollegen waren hier und haben mich aufgeklärt über alles.“, nickte Tobias. Er hatte einen Ausdruck im Gesicht, der Severus nicht gefiel. Im Gegenteil, er machte ihm wahnsinnige Angst.

„Sehr gut.“, grinste der Auror. „Denken sie daran, ihren Sohn rechtzeitig vor Vollmond dorthin zu bringen. Sollten sie Hilfe benötigen, können sie sich jederzeit an uns wenden. Auch bei Fragen sind wir da, sie haben die Nummer, damit sie uns erreichen können.“

„Ja, schon gut, ich hab's kapiert.“, brummte Tobias. „Ich weiß schon, wie ich mit meinem Sohn umgehen muss.“

„Sie sind mit verantwortlich!“, warnte der Auror. Nun wandte er sich direkt an Severus: „Junger Mann, ich warne sie nur einmal. Sie wurden nicht bestraft, aber sollten sie jemanden verletzen oder gar töten, dann wird das passieren!“

„Ja, Sir.“ Severus senkte seinen Blick. Er wollte nicht, dass jemand seine Angst sah.

„Ich werde dafür sorgen, dass er nicht raus kann.“, versprach sein Vater.

„Gut, dann haben wir ja alles geklärt. Auf Wiedersehen.“, verabschiedeten sich die Auroren und gingen so rasch, als würden sie flüchten.

Sobald die Tür geschlossen war, änderte sich Tobias' Miene. „Wie kannst du es wagen, so dumm zu sein? Wie kann man nur? Zuerst sagen sie mir, dass du magisch bist, genau wie deine Mutter, und jetzt auch noch ein Werwolf!“, wütete er. „Und ich bin wieder mal der Idiot, der für dich sorgen muss, weil du es vermasselt hast! Aber nicht mit mir! Ich werde dafür sorgen, dass du niemandem gefährlich wirst!“

Wütend trat er zu Severus und griff nach seinem Oberarm, riss ihn hoch und mit sich in den Keller. Für einen Moment vergaß Severus seine Angst, als er erkannte, was genau hier vorbereitet worden war: Ein Käfig. Vielleicht vier mal vier Meter, nicht größer, kein Fenster außer einer kleinen Luke, durch die ein wenig Luft kam. Drei nackte, kahle Wände und vorne Gitter aus Silber. Er spürte das Prickeln auf seiner Haut, als sein Vater ihn durch die Tür hinein schob. Eine alte Matratze auf dem Boden, eine löchrige Decke und ein Eimer reihten sich an der hinteren Wand auf, weiter vorne stand ein Futternapf auf dem Boden. Tobias stieß seinen Sohn hinein und warf die Gittertür zu. „Schrei ruhig!“, lächelte er hämisch. „Deine Zauberfreunde haben ein wenig gezaubert, niemand wird dich hören.“ Mit diesen Worten ließ er Severus alleine.

Der Jugendliche sah fassungslos zu, wie die Tür hinter seinem Vater ins Schloss fiel. Erst das Klicken, als der Schlüssel umgedreht wurde, riss ihn aus seiner Erstarrung. Er sprang auf und lief Richtung Gitter. Das Prickeln auf seiner Haut wurde unangenehmer, als er näher an das Silber kam. Näher als eine Handbreit konnte er nicht ran, dann wurde es schmerzhaft. Er wickelte seinen Pullover um die Hand und griff damit nach der Tür. Obwohl er daran rüttelte, bewegte sie sich nicht von der Stelle. „Lass mich raus!“, schrie er wütend. „Du kannst mich doch nicht einfach hier einsperren! Lass mich raus! Komm hier runter und mach die Tür auf!“ Aber egal, wie viel er schrie und brüllte, oben im Haus blieb es still. Severus war sich ziemlich sicher, dass sein Vater nicht mehr im Haus war. Irgendwann ließ er sich erschöpft auf die Matratze fallen, denn er merkte, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu machen. Was würde nun passieren? Eine Weile grübelte er darüber, doch er kam auf keinen grünen Zweig. Als es draußen langsam dunkel wurde, dämmerte auch Severus weg.

Stunden später wurde er durch einen stechenden Schmerz unsanft aus dem Schlaf gerissen. Er schreckte hoch und krümmte sich, als Tobias einen silbernen Reif um sein Handgelenk legte. Der Schmerz ließ ihn zischen, er biss die Zähne zusammen. Es war kein reines Silber, aber der Anteil an dem Edelmetall war so hoch, dass es brannte auf der Haut. Eine Kette daran führte zu einem Haken in der Wand. „Das haben mir diese … wie heißen sie noch gleich? … Auroren gebracht. Wenn du dich verwandelst, werden diese Ketten verhindern, dass der Wolf sich selbst verletzt. Es soll ja nicht so sein, dass du einfach davon kommst, außerdem will ich nicht noch mehr Kosten für dich übernehmen müssen.“ Er überprüfte die Ketten nochmal. „Es dient alles nur deiner Sicherheit!“ Er lachte dreckig. „Keine Angst, ich kümmere mich um dich!“ Der Ton ließ Severus Schauer über den Rücken laufen.

Tobias verließ den Keller erneut. Severus riss und zerrte verzweifelt an den Ketten, doch sie lösten sich natürlich nicht von der Wand. Noch immer brannten sie, wo sie die Haut berührten, daher schob Severus die Ärmel seines Hemdes darunter. Zum ersten Mal in seinem Leben war er froh, dass seine Kleidung zu groß war, denn nun hatte er genug Stoff, den er unter den Fesseln hindurch schob, was ihm gewisse Erleichterung brachte. Er probierte aus, wie weit er sich in seiner Zelle bewegen konnte. So lange er sich langsam genug bewegte, gaben die Ketten nach, wurden die Bewegungen schneller, zogen sich die Ketten zusammen und zwangen ihn zurück an die Wand. Da seine Blase immer stärker drückte, musste er nun den Eimer benutzen. Es widerte ihn an, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht. Er hatte das Gefühl, gleich zu platzen und doch konnte er sich kaum genug entspannen, um endlich seine Blase zu entleeren. Offenbar hatten die Auroren einen Zauber auf den Eimer gelegt, denn er leerte sich, sobald Severus aufstand, von selbst. Die Anspannung in ihm war enorm hoch, aber er wusste nicht, wie er sie lösen konnte. Die Situation machte ihm sehr zu schaffen, vor allem seine gedanklichen Versuche, einen Ausweg zu finden.

Kaum, dass er vom Eimer wieder runter war, kam sein Vater zurück in den Keller. Severus' Nase erkannte, dass er nun etwas zu Essen bekam. Optisch machte es nicht viel her, aber Severus hatte seit fast vierundzwanzig Stunden nichts mehr bekommen und sein Magen knurrte laut, sobald seine Nase den Geruch des Essens aufnahm. Angewidert füllte Tobias den Eintopf in den Napf, bevor er wortlos wieder verschwand. Severus starrte auf die unappetitliche Masse in dem Napf. Alleine schon die Tatsache, dass das Essen in einem Futternapf serviert wurde. Es ekelte ihn an, aber der Hunger nahm immer weiter überhand. Zwei Stimmen stritten in ihm, einerseits sein Hunger, auf der anderen Seite sein Stolz. Wütend stieß er letztlich doch den Napf von sich weg, verweigerte sich. Nein, er war noch immer ein Mensch, er ließ sich nicht so erniedrigen! Und er würde nicht aufgeben, sondern kämpfen! Schon immer hatte er kämpfen müssen, das war etwas, was er konnte. Sehr lange und sehr intensiv. Das hatten ihm nicht nur die Rumtreiber beigebracht, sondern auch sein eigener Vater. Früher war er mal ein wahrer Vater gewesen, aber das hatte sich geändert, als sie hierher gezogen waren. Seither musste Severus schnell lernen, wie er seinem Vater am besten aus dem Weg ging. Um sich vom Hunger abzulenken, dachte Severus noch weiter zurück.

Hier ist wieder einer, Dad!“, rief er im Alter von etwa vier Jahren. Stolz zeigte er den Pilz, den er entdeckt hatte.

Ein Steinpilz, und was für ein schöner!“, grinste Tobias, als er den Fund begutachtete. „Hier, schau, Severus, du erkennst ihn an dem Muster auf dem Stiel und der Farbe des Hutes. Den schneiden wir vorsichtig ab, dafür bekommen wir sicher gutes Geld. Aber wir müssen ihn ganz vorsichtig tragen, damit er keine Druckstellen bekommt.“

Darf ich schneiden, Dad?“, bettelte der Vierjährige.

Tobias nickte. „Aber schön weit unten und ganz gerade.“, mahnte er.

Severus machte sich konzentriert und vorsichtig an die Arbeit und schnitt den Pilz wirklich sehr gerade ab. Sie legten ihn zu etwa einem halben Dutzend anderer Steinpilze in einen Korb. Ein anderer Korb war voller kleinerer Pilze, verschiedene Röhrlinge und einige Champignons, die nicht gut genug waren, um verkauft zu werden. Die Familie musste mit wenig Geld auskommen, aber wenn sie solche Pilze im Wald fanden, verkauften sie sie an ein gutes Restaurant in der Nähe und besserten so ihre Kasse auf. Severus liebte es, mit seinem Vater in den Wald zu fahren. Bereits jetzt kannte er viele Pilze, auch wenn er immer noch seinen Dad rief, damit sie sicher gingen. Meistens sammelten sie auch Holz, damit sie es im Winter schön warm hatten. Tobias arbeitete hart in einer Fabrik, aber trotzdem war das Geld knapp. Vor allem jetzt.

Ein Klirren riss Severus aus den Gedanken und er stöhnte kurz auf. Sein Magen schmerzte bereits vor Hunger. Tobias kam in die Zelle und sah, dass das Essen überall verteilt war, weil der Napf weggestoßen worden war. Seine Augen verengten sich und der Kopf lief rot an vor Wut. „Du wagst es? Ich habe dir etwas gekocht, habe die Arbeit auf mich genommen, und du wirfst es einfach weg? Das wirst du büßen!“, tobte der Ältere. Er riss seinen Gürtel heraus und prügelte wie von Sinnen auf seinen Sohn ein. Severus hob die Arme, versuchte, seinen Kopf zu schützen. Er rollte sich klein zusammen, wie er es bereits als Kind gelernt hatte, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Sein Geist schaltete ab, um wenigstens ein bisschen Frieden zu finden, und er driftete dankbar in die Schwärze ab.

Stunden später weckte Severus sein quälender Hunger. Auch Durst hatte er nun sehr stark. Die Haut am Rücken brannte, wenn er sich bewegte, und er spürte die klamme Feuchtigkeit, roch die metallische Komponente seines Blutes. Zitternd, sein Arm hatte Einiges abbekommen, griff er nach dem Wasser, das in einer Flasche auf ihn wartete. Gerade noch innerhalb seiner aktuellen Reichweite, denn er spürte seine Beine nicht, sie waren taub. Kein Wunder, so wie er gelegen hatte. Nach dem Trinken probierte er, sich etwas bequemer hinzulegen und zischte mit zusammengebissenen Zähnen, als das Blut zurück in die Beine schoss und ein mehr als unangenehmes Kribbeln hinterließ, das nur sehr langsam nachließ. Severus umklammerte sich mit den Armen, da sein Bauch schmerzte und krampfte vor Hunger. Mit angezogenen Beinen saß er auf der Matratze, den Kopf auf den Knien. Immer wieder stöhnte er auf, wenn es schlimmer wurde, doch es gab nichts, was er tun konnte, also versuchte er, es zu ignorieren. Seine Gedanken suchten nach einer Erinnerung, in die er sich flüchten konnte. Schon früher hatte er so reagiert, wenn sein Vater ihn mal wieder tagelang in seinem Zimmer einsperrte, weil er nicht so gehandelt hatte, wie der es sich vorstellte. Es ließ ihn vergessen, dass er Weinen wollte, ließ ihn vergessen, dass er Schmerzen oder Hunger hatte. In seiner Traumwelt war alles in Ordnung. Sein Vater trank nicht, seine Mutter war am Leben, und sie waren glücklich. Eine Familie. So, wie sie es damals waren, bevor das alles passiert war, bevor sie hierher gezogen waren. Er schloss die Augen und dachte sich selbst zurück in diese glückliche Zeit, als er vier Jahre alt gewesen war, bevor alles anfing, schlimm zu werden.

Mama!“, rief er laut, kaum dass sie aus dem Auto waren. „Mama! Wir haben gaaaaaanz viele gute Pilze gefunden und Dad konnte sie verkaufen! Wir haben dir was Schönes mitgebracht!“ Severus strahlte und blickte ungeduldig zurück zu seinem Vater, der seiner Meinung nach viel zu langsam mit dem Ausladen des gefundenen Holzes war. Jetzt war Spätsommer, es war herrlich warm, da dachte der Vierjährige nicht an den Winter und die Kälte, wenn sie nicht genug Holz hatten.

Langsam, Lad!“, lachte Tobias und fuhr fort, das Holz in den Keller zu bringen. „Bring schon mal unsere Pilze nach drinnen und hilf Mama, sie zu putzen, damit wir sie trocknen können. Ein paar gibt es sicher heute zum Essen!“

Widerstrebend, weil er doch die Überraschung an seine Mama geben wollte, folgte Severus der Frau, die ihm so ähnlich sah, ins Haus. Schnell war sein Ärger vergessen, als sie gemeinsam in der Küche arbeiteten. Eileen Snape ließ ihrem Sohn das kleine Messer, damit er auch Pilze schneiden konnte. Konzentriert machte sich der Kleine an die Arbeit, schmunzelnd von seiner geliebten Mama beobachtet. Die Zunge im Mundwinkel eingeklemmt schnitt er die Pilze fein säuberlich, putzte die von Schnecken oder Würmern angefressenen Stellen aus und warf den Rest in eine Schale. Wie so oft wirkte er wie ein zu klein geratener Erwachsener. Ungehört seufzte Eileen auf, sie konnte ihm diese Unbeschwertheit nicht geben, die andere Kinder auszeichnete. Zu viele Sorgen bekam er mit, er war ein sehr feinfühliges Kind. Und bald würde noch mehr auf ihn zukommen.

Severus wusste nicht mehr, wie lange er bereits hier im Keller seines Vaters lebte. Die meiste Zeit zog er sich geistig in seine Erinnerungen zurück, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Schmerz und Hunger waren seine stetigen Begleiter in all dieser Zeit. An die Vollmond-Nächte erinnerte er sich nicht, aber er wachte jedes Mal nach der Verwandlung auf, konnte kaum atmen vor Schmerz, zusätzlich hatte er immer neue, tiefe Wunden, die sich der Wolf offenbar selbst zufügte. Ohne die Ketten, die ihn immer noch an die Wand fesselten, wäre es wohl noch schlimmer geworden. Severus weigerte sich allerdings, seinem Kerkermeister dankbar dafür zu sein. Obwohl er in seinen Erinnerungen immer noch den liebevollen Vater vor sich sah, konnte er den Mann, der ihn nur mit dem Allernötigsten versorgte, nicht damit in Verbindung bringen. Er wusste, er hatte drastisch abgenommen, war nur noch Haut und Knochen. Seine Haare waren inzwischen hüftlang und vollkommen verfilzt, voller Staub und fettig, viel schlimmer, als es je in der Schule gewesen war. Diese Zeit erschien ihm so weit weg, so unwirklich, wie ein Traum. Wie sehr er sich gerade wünschte, wieder in Hogwarts zu sein, einfach duschen zu können! Selbst die Rumtreiber taten diesem Wunsch keinen Abbruch, viel zu sehr wünschte er sich diese Freiheit oder die Annehmlichkeit einer heißen Dusche, um sich den Schmutz der letzten Monate abzuwaschen. Aber davon konnte er derzeit höchstens träumen, Wasser hatte er hier nur zum Trinken gesehen.

Doch trotz allem kämpfte er noch immer. Er weigerte sich, aufzugeben. Mit allen Mitteln leistete er seinem Vater Widerstand, auch wenn es nur wenige Möglichkeiten dafür gab. Niemals würde er sich unterwerfen, auch wenn Tobias ihm dafür gewisse Freiheiten versprach. Aber Severus wollte sich nicht verbiegen. Sein Stolz war alles, was ihm geblieben war. Freiwillig gab er das nicht auf. Egal, was es ihn kostete. Immer wieder versuchte er, aus dem Käfig, in dem er seit seiner Ankunft hier gefangen war, zu fliehen. Wieder und wieder riss er an den Fesseln, versuchte, seine Hände aus den Schellen zu bekommen. Seine Handgelenke waren vom Silber vollkommen verbrannt und vernarbt. Genau wie viel von seinem restlichen Körper, sein Erzeuger bestrafte ihn regelmäßig, wenn Severus nicht so reagierte, wie er es sich vorstellte. Und dabei spielte Silber sehr häufig eine Rolle. Severus wusste nicht, wie viele Male er in den letzten Monaten vor Schmerzen geschrien hatte. Wie oft hatte er sich in den Schlaf geweint, weil er nicht mehr konnte? Egal wie oft er sich schwor, seinem Vater nicht diese Genugtuung zu geben, manchmal kam er nicht dagegen an. Seit Tagen war er hier alleine, erst vor einer Woche in etwa war Vollmond gewesen. Immer, wenn er alleine war, arbeitete er wie verrückt daran, die Ketten an seinen Händen loszuwerden. Obwohl sie von einem Zauberer eingerichtet worden waren, weigerte er sich zu glauben, dass er nicht weg kam. Leider konnte ihm seine eigene Magie nicht helfen, da sie gebannt war. Dieses Kribbeln, das früher für ihn vollkommen normal gewesen war, vermisste er heute noch. Es war, als fehle ein Teil von ihm. Das würde wohl nie normal werden.

 

Wie immer schaffte es Severus auch heute nicht, seine Hände aus den Schellen zu ziehen. Verzweifelt riss er daran und ignorierte die Schmerzen und das Blut. Erneut schossen ihm Tränen in die Augen, doch er blinzelte sie weg. Es war ein Zeichen von Schwäche, das er nicht zulassen wollte. Niemand sollte, niemand durfte ihn schwach sehen. Das führte nur zu Problemen, hatte er gelernt. Schon lange vor Hogwarts hatte er das gelernt, seit sie hier lebten eigentlich. Bis dahin war er ein entspannter Junge gewesen, der offen auf andere Kinder zuging, aber alles hatte sich verändert. Severus riss sich aus den Gedanken, daran wollte er nie wieder denken. Alles war so schlimm geworden, sie waren hierher gezogen und er war zum Opfer der Nachbarskinder geworden und nie wieder aus dieser Opferrolle entkommen. Nur Lily war anders. War sie hier gewesen? Hatte sie ihm geschrieben? Severus wusste es nicht, hatte nur die beiden Briefe im Krankenhaus bekommen, und dann der kurze, nichtssagende Besuch. Hatte sie irgendwann aufgegeben, als sie nichts mehr von ihm hörte? Wusste sie überhaupt, wo er war? Wie lange war er nun hier? Er versuchte nachzurechnen, wie viele Vollmondnächte er hier bereits zugebracht hatte. Es waren mindestens vierzehn, aber ganz sicher war er nicht. Wie auch, wenn jeder Tag annähernd gleich war.

Schritte auf der Treppe zeigten, dass jemand nach unten kam. Severus' Ohren verrieten ihm auch, dass es Tobias war. Wer sonst? Aber dennoch erkannte Severus die Schritte. Seine Ohren waren empfindlicher als früher, auch wenn gerade kein Vollmond war. Sekunden später öffnete sich die Tür und Tobias brachte einen Teller mit Essen. Auch wenn es nicht besonders schmackhaft war, Severus machte sich hungrig darüber her. In den letzten Monaten hatte er gelernt, dann zu essen, wenn er etwas bekam, denn Tobias war durchaus in der Lage, ihn mehrere Tage ohne Essen zu lassen, wenn er eine Mahlzeit verweigerte. Doch inzwischen bekam er es wenigstens in einem Teller, nicht mehr im Napf. Diese Demütigung hatte er mehr als eine Woche verweigert, seither bekam er einen Teller. Heute kam Tobias sogar in die Zelle, oft genug schob er den Teller und auch Wasserflaschen nur durch die Gitterstäbe zu ihm hinein. In Severus wallte Wut auf und er sprang auf, stieß seinen Vater beiseite, so gut er es mit den Ketten konnte. Irgendwie agierte er gerade wie ferngesteuert, er dachte nicht darüber nach und handelte instinktiv. Tobias fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf gegen die Wand, sackte bewusstlos zu Boden. Überrascht sah Severus auf den bewegungslosen Körper. Einige Momente war Severus starr, doch dann übernahmen erneut seine Instinkte. Hastig durchsuchte er die Taschen des Älteren, bis er einen Schlüssel fand. Mit zitternden Händen fummelte er an dem Schloss herum, bis er seine linke Hand endlich frei hatte. Rasch nahm er den Schlüssel in die andere Hand, doch es brauchte mehrere Versuche, bis auch hier das Schloss klickte. Erleichtert ließ er die Luft zischend aus seiner Lunge, die er angehalten hatte.

So wie er war, rannte er auf unsicheren Beinen nach oben. Er wusste nicht, wie lange sein Vater bewusstlos bleiben würde. Vielleicht hätte er die Tür verschließen sollen, aber das brachte er trotz allem nicht über sich, das wäre ein brutaler Mord, denn niemand würde Tobias schnell genug finden. Kleidung war erst einmal das Wichtigste, also suchte er im Schlafzimmer nach etwas Passendem. Viel fand er nicht, das er auch anziehen konnte. Doch das nahm er einfach und streifte es sich über. Da er aus dem Fenster blickend erkannte, dass es draußen herbstlich war, griff er sich eine weitere Schicht Kleidung. Dicke Socken, zwei Paar übereinander, das hielt die Füße auch in Richtung Winter warm. Eine auf dem Bett liegende Decke schlang er sich um die Schultern. Im Bad überlegte er kurz, ob er sich duschen sollte, aber da er nicht wusste, wie lange er Zeit hatte, entschied er sich dagegen. Trotzdem griff er nach einer Schere und schnitt den Großteil seiner Haare ab. Schulterlang waren sie einfach praktischer. Mit einem Gummiband – das musste noch von seiner Mom sein – band er sie zu einem unordentlichem Zopf zusammen. Den Kamm steckte er ein, darum konnte er sich später kümmern. Unten im Flur suchte er noch nach Schuhen. Nur die seines Vaters standen dort. Sie waren ihm zu groß, aber er musste eine Entscheidung treffen. Ohne Schuhe oder mit den zu großen Stiefeln. Mit den zwei Paar Socken übereinander ging es einigermaßen. Die alten Armeestiefel seines Vaters würden ihm sicher gute Dienste tun, genau wie der Parka und das gute Schweizer Messer, das auf der Anrichte lag. Die Sachen waren unverwüstlich.

Nach nur wenigen Minuten verließ Severus das Haus und ging, ohne zurück zu blicken. Er wollte weit weg sein, wenn sein Vater wieder wach wurde. Die letzten Monate waren nichts, was er noch einmal erleben wollte. Er musste wohl über ein Jahr gefangen gewesen sein, wenn er die Jahreszeit als Maßstab nahm. Wohin er nun sollte, konnte er nicht sagen. Einfach nur weg. Ohne einen bewussten Gedanken zu fassen, lief er ständig weiter, immer geradeaus. Orientierte sich ein bisschen in Richtung London, wenn auch nicht bewusst. Nur weg, so weit wie möglich. Erst als es anfing, dunkel zu werden, realisierte er, dass er nicht wusste, wo er schlafen sollte. Er war aus Cokeworth weg und nun unterwegs in Richtung London. Gerade war er in einem kleinen Dorf, das hauptsächlich aus Bauernhöfen bestand. In einem unbeobachteten Moment schlüpfte er durch eine halb offen stehende Tür in eine Scheune. Er hatte Glück, es gab eine Menge Heu und Stroh hier. Nur leider kein Essen. Wasser hingegen schon, denn er fand einen Wasserhahn an der hinteren Wand. Dort war auch ein Durchgang in den Stall, in dem Schweine und Kühe standen. Dadurch war es angenehm warm in der Scheune. Severus trank gierig an dem Hahn, hatte er doch den ganzen Tag nichts gehabt. Unterwegs hatte er zwar auch nicht gegessen, aber der Hunger machte ihm inzwischen nicht mehr ganz so viel aus. Er konnte dieses nagende Gefühl ignorieren. Im Heu rollte er sich zusammen, wühlte sich tief hinein, legte die Decke über sich und schlief kurz danach tief und fest. Endlich frei. Das war sein letzter bewusster Gedanke.

Am Morgen trank er erneut, so viel er konnte. Anschließend brach er auf, weiter in Richtung London. Unterwegs überlegte er, wie es nun weitergehen sollte. Heute war er nicht ganz so betäubt, gestern hatte er nur funktioniert. Langsam klärte sich sein Kopf und er wurde sich bewusst, dass er nun einige Entscheidungen treffen musste. Zwar war er seinem Vater entkommen, aber dort war er wenigstens sicher gewesen, dass sein Werwolf niemanden beißen oder gar töten konnte. Momentan hatte er noch genug Zeit, um sich eine Lösung zu überlegen, denn der Mond war gerade am Abnehmen, aber er musste darüber nachdenken. Severus lief bis zum Abend, nutzte unterwegs sein Wissen aus der Kindheit, als er durch einen Wald kam. Schnell brannte ein kleines Feuer, nachdem er ein Feuerzeug im Parka gefunden hatte, über dem er einige Pilze briet. Dazu legte er Steine in die Glut und die Pilze in Scheiben darauf, bis sie gar waren. In der Zeit versuchte er mit dem Kamm, die Knoten aus seinen Haaren zu lösen, was sich als ziemlich hartnäckig erwies. Sobald er gegessen hatte, löschte er das Feuer und ging weiter. Langsam wurde er ruhig genug, um seine Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Er musste einen Weg finden, wie es nun weiterging. Wohin könnte er nun gehen? Ihm fiel auf, dass er inzwischen erwachsen sein müsste. Er war mit sechzehn Jahren eingesperrt worden von seinem Vater, und jetzt war ein gutes Jahr vergangen. Zumindest ging er davon aus, war sicher, dass es keine zwei Jahre gewesen sein konnten. Also war er nun siebzehn, in der Zauberwelt erwachsen.

Das Problem war nur, seine Magie war versiegelt, war er überhaupt noch ein Mitglied der Zauberwelt? Das Ministerium hatte es sich leicht gemacht, ihn einfach zu seinem Vater gebracht. Gehörte er jetzt noch dazu, oder war er ein Muggel, rein gesetzlich gesehen? In der Muggelwelt war er noch nicht erwachsen, dafür müsste er noch ein wenig älter sein. Wo sollte er wohnen? Er hatte kein Gold, würde wohl auch so schnell keines verdienen. Wie auch, dafür brauchte man normalerweise eine Ausbildung, und die konnte man nur mit einem Schulabschluss machen. Also würde er wohl in der Muggelwelt versuchen müssen, eine Arbeit zu finden. Etwas, wo niemand nachfragte, wie alt er war, wo er wohnte oder sonst etwas. In der Zauberwelt hätte er keine Chance, es war immerhin bekannt, was er war. Als Werwolf durfte er nicht arbeiten. Was würden sie mit ihm machen, wenn sie herausfanden, dass er in der Muggelwelt arbeitete? Aber was sollte er sonst machen? Und was passierte an Vollmond? Es machte Severus Angst, aber dennoch wollte er auf keinen Fall zurück. Nie wieder.

Er wanderte über Felder, an kleinen Dörfern und Städten vorbei. Ab und zu suchte er sich Kleinigkeiten zum Essen, eine Rübe aus einem Garten, Gurken oder Tomaten aus einem anderen, Kartoffeln und Maiskolben von Feldern. Am Abend fand er erneut eine Scheune, in der er übernachten konnte. Diesmal ohne Magenknurren, er fühlte sich besser als in den letzten Monaten. Zum ersten Mal seit vor dem Biss war er wirklich satt. Schnell war er eingeschlafen, nachdem er sich ins Heu gelegt hatte. Der volle Bauch bescherte ihm eine ruhige, entspannte Nacht. Erst, als am Vormittag ein Traktor in die Scheune kam und frisches Heu auf dem Hänger hatte, fuhr er hoch. Rasch versteckte er sich an der hinteren Wand, aber der Bauer kümmerte sich nicht weiter, ließ nur den Hänger stehen und war nach wenigen Minuten wieder verschwunden. Severus‘ rasendes Herz beruhigte sich nur langsam. Vorsichtig schlich er aus der Scheune, nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war und ihn sehen konnte. Im Laufschritt rannte er bis zu einem nahen Waldstück, um darin zu verschwinden. Da er heute nicht weiter über seine Zukunft grübeln wollte – immerhin würde er keine Antwort auf seine Fragen finden, die er nicht gestern auch gehabt hatte – ließ er seine Gedanken zurück in die Vergangenheit wandern. In die Zeit, als alles schief ging. In die Zeit, als seine Mutter starb und sein Vater mit dem Trinken anfing. In die Zeit, die er bis zur Schule als seine persönliche Hölle betrachtet hatte.

Tobias, Severus, kommt doch bitte mal in die Küche!“, rief Eileen in Richtung Hof, wo sie ihre beiden Männer vermutete. Tatsächlich waren Severus, der gerade fünf Jahre alt war, und sein Vater unten im Hof des Mehrfamilienhauses. Dort war ein kleiner Spielplatz für kleine Kinder, den er liebte. Tobias schob die Schaukel an, damit sein Sohn immer höher hinaus kam. Beim Ruf seiner Frau fing Tobias die Schaukel auf, hielt sie an, damit der Kleine herunter springen konnte. Hand in Hand gingen sie die Treppe nach oben in den vierten Stock, wo ihre kleine Wohnung war. Sofort sahen sie Eileen an, dass etwas passiert war.

Was ist los?“, wollte Tobias wissen und nahm seine Frau fürsorglich in den Arm. „Du warst beim Arzt? Was hat er gesagt?“ Seine Frau fühlte sich seit einigen Tagen nicht gut, war gestern sogar zusammen geklappt, daher wollte sie heute zum Arzt gehen.

Ja, ich war dort.“, nickte Eileen. Sie wirkte unsicher. „Er hat den Grund gefunden, warum mein Kreislauf schlapp gemacht hat.“ Zögernd blickte sie ihren Mann an. Der nahm sie fest in den Arm, küsste sie beruhigend auf die Wange. „Ich … ich bin schwanger.“, wisperte die Schwarzhaarige.

Einen Moment war es still. Eileen traute sich nicht, aufzusehen. Eigentlich hatten sie entschieden, nach Severus kein Kind mehr zu bekommen, da Tobias' schmales Gehalt kaum für sie drei reichte. Wovon dann noch ein zweites Kind ernähren und kleiden? Nun wusste sie nicht, wie Tobias reagieren würde. Er liebte seinen Sohn sehr, das konnte jeder sehen. Aber was würde er nun sagen? Würde er von ihr verlangen, das Baby abzutreiben?

Wir bekommen noch ein Baby?“, versicherte sich Tobias, als er seine Sprache wiederfand.

Baby?“, fragte Severus. Er verstand nicht ganz, was da gesprochen wurde.

Ja, du bekommst ein Geschwisterchen.“, nickte Tobias und strahlte mit einem Mal voller Glück. Er sah seine Frau an und hob sie hoch, drehte sich einmal mit ihr im Kreis. „Wir bekommen ein Baby!“

Du … du bist nicht böse?“, wisperte Eileen.

Böse? Nein, natürlich nicht!“, grinste Tobias. „Ich wollte immer mehr Kinder, auch wenn ich im Moment nicht weiß, wie wir das finanzieren sollen. Aber wir werden eine Lösung finden. Noch haben wir etwas Zeit, wie weit bist du denn?“

Ende dritter Monat.“, gestand Eileen. Sie hatte es lange verdrängt, wollte es nicht wahrhaben.

Gut, dann haben wir Einiges vor uns im nächsten halben Jahr.“, entschied Tobias. „Ich werde sehen, dass ich in diese neue Fabrik, in die Spinnerei in Cokeworth, kommen kann, dort verdient man deutlich besser und es gibt kleine Häuser, die die Angestellten günstig kaufen können. Auch wenn ich es schon mehrmals probiert habe, ich versuche es weiter.“

Es hatte eine Weile gedauert, aber tatsächlich hatte es Tobias kurz vor der Entbindung geschafft, nicht nur einen guten Arbeitsplatz in der Spinnerei zu bekommen, sondern auch ein Haus für die Familie zu kaufen. Severus half, so gut er konnte, als sie umzogen. Eileen war in der Zeit im Krankenhaus zur Entbindung, der ganze Stress hatte Wehen ausgelöst. Da sie aber bereits kurz vor dem errechneten Termin war, machten sie sich keine großen Sorgen. Leider konnte Tobias nicht bei der Geburt dabei sein, da sie bis zum Abend die Wohnung komplett geräumt haben mussten. Aber sie waren eine glückliche Familie, zusammen mit der kleinen Suavita, wie Severus' kleine Schwester hieß. In Severus' Gesicht schlich sich ein Lächeln, als er an das Mädchen dachte. Er hatte sie geliebt, ihr Geschichten erzählt, sie gefüttert und gewickelt. Sein Vater hatte damals viel gearbeitet, um Geld zu verdienen, damit sie weiter im Haus bleiben konnten. Es war nicht groß, sie hatten gerade genug Zimmer, dass Severus und Suavita jeder ein eigenes hatte, auch wenn die Kleine erst einmal bei ihren Eltern im Schlafzimmer blieb. Severus half seinen Eltern, wo er nur konnte, vor allem seine Mutter lobte ihn immer, wie gut er das machte und wie reif er in der Zeit war. Ja, damals war alles wirklich gut gewesen.

Der Jugendliche wusste, dass seine Art in dieser Zeit entstanden war. Aber vor allem aufgrund dessen, was danach passiert war. Daran wollte er eigentlich nicht denken, aber am Abend, als er sich zum Schlafen unter einem Baum einrollte, konnte er es nicht mehr verhindern. Er erinnerte sich an den furchtbaren Morgen, als es so unheimlich still gewesen war. Und dann hatte seine Mutter geschrien, panisch und entsetzt. Suavita lag leblos in ihrem Bettchen. Plötzlicher Kindstod, hatten die Ärzte gesagt. Die Kleine war nicht einmal ein Jahr alt geworden. Eileen brach zusammen, als sie realisierte, dass ihre Tochter gestorben war. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und Severus sah sie nie wieder. Tobias kam nach Hause und versuchte, sich um seinen Sohn zu kümmern, doch die Trauer um seine geliebte Tochter überwältigte ihn. Severus war die nächsten Wochen fast nur sich selbst überlassen, seine Mutter lag im Krankenhaus – heute wusste er, dass es die Psychiatrie gewesen war – und sein Vater versuchte, den Schmerz in sich zu ertränken. Der Tod seiner Tochter war der Auslöser für die Alkoholsucht von Tobias. Nun, nicht ganz, damals hatte er zumindest noch versucht, sich um Severus zu kümmern. Dann, fünf Monate später, war auch noch Eileen gestorben. Ab da war Tobias kaum noch aus der Kneipe gekommen. Schließlich hatte er auch noch seine Arbeit verloren. Severus war etwas über sieben Jahre alt gewesen und hatte es einfach nicht verstanden. Sein Vater war fast nur noch betrunken, seine Stimmung aggressiv. In dieser Zeit begannen auch die Schläge. Aber auch Lily hatte er damals kennen gelernt. Das war das einzig Positive, woran er sich in Bezug auf diese Zeit erinnern konnte. Es tat heute noch weh, wenn er an die Veränderung seines Vaters dachte.

Energisch schob er diese Gedanken von sich. Er konnte es nicht ändern. Tobias trank noch immer, er war ein Alkoholiker wie er im Buch stand. Das Haus hatte er wie ein Wunder tatsächlich abbezahlt, wie auch immer er das geschafft hatte. Als damals der Schulbrief aus Hogwarts gekommen war, hatte er sich ganz alleine darum gekümmert. Von Tobias hatte er keine Hilfe erhoffen können. Das Schulgeld kam aus einem Fonds, daraus bekam er auch ein wenig Gold, um Bücher und alles andere zu kaufen, was er brauchte, auch wenn er es gebraucht kaufen musste. Er hatte gelernt, sich durchzubeißen. Schon alleine aus diesem Grund kämpfte er auch jetzt. Auch wenn er nicht wusste, wie es nun weitergehen sollte, aufgeben kam nicht in Frage. Er hatte schon so viel geschafft, er machte weiter. Sein nächstes Ziel war es, London zu erreichen. Dort hatte er die Hoffnung, wenigstens einen Aushilfsjob zu bekommen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Allerdings musste er aufpassen, dass das Ministerium nichts davon mitbekam, arbeiten war ihm nicht erlaubt. Keinem Werwolf. Andererseits erhoffte er sich Hilfe in den Vollmondnächten, damit niemandem etwas passierte. Auf keinen Fall wollte er morgens aufwachen mit dem Geschmack von menschlichem Blut im Mund. Mit diesen Gedanken driftete er langsam in einen unruhigen Schlummer. Mit nur einer Decke, ohne jeden Schutz, lag er unter dem Baum. Daran hatte er bei seiner überstürzten Flucht nicht gedacht, nun musste er so klarkommen. Immer wieder schreckte er aus seinem Schlaf, wenn etwas um ihn herum passierte. Am frühen Morgen, es dämmerte gerade, stand er auf und wusch Gesicht und Hände in einem nahen Fluss. Das Wasser war eiskalt, aber es erfrischte ihn und ließ ihn sich besser fühlen. Er hoffte, dass er tatsächlich unterwegs nach London war, kannte nur etwa die Richtung, in der die Stadt lag. Noch nie war er dort gewesen, aber früher hatte er immer wieder Landkarten angesehen, von Reisen geträumt. Daher war er sicher, dass er es nach London schaffen würde.

Im Weitergehen gingen seine Gedanken zu Remus Lupin. Der Werwolf war zu einem Jahr und zehn Monaten Askaban verurteilt worden. Die waren sicherlich schon bald vorbei. In den vielen Wochen und Monaten der Gefangenschaft bei seinem Vater hatte er viel darüber nachgedacht. Inzwischen sah er die ganze Geschichte ein wenig anders. Lupin hatte keine Schuld. Als Werwolf folgte er seinen Instinkten, erinnerte sich nicht an die Nächte. Man hatte keine Kontrolle darüber, was der Wolf tat. Sicherlich würde er kein Freund des Dunkelblonden werden, aber er gab ihm keine Schuld mehr. Die lag eindeutig und alleine bei Sirius Black. Der war sicher noch in Askaban. Dort konnte er auch bleiben, wenn man Severus fragte. Diesen Kerl wollte er nie wieder sehen. Er hatte ihn zu einem verfluchten Leben verurteilt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie es ihm damit gehen könnte. Auch seinen Tod hatte er in Kauf genommen. Anfangs hatte Severus geflucht, lieber wäre er gestorben, aber dennoch kämpfte er. Er weigerte sich, einfach aufzugeben. Der Kampf wurde mit jedem Tag ein wenig schwerer, aber er machte einfach weiter. Einen Schritt nach dem anderen. Und so kämpfte er sich tatsächlich innerhalb von zwei Wochen bis nach London durch. Über hundert englische Meilen Luftlinie, aber er war immer wieder größeren Orten ausgewichen, wollte vermeiden, dass jemand ihn erkannte oder gar zurück brachte. Doch London hatte zwar eine gewisse Sicherheit für ihn, aber auch viele neue Herausforderungen.

Gegen Abend erreichte Severus den Randbereich Londons. In einem Park wollte er schlafen, er fühlte sich vollkommen erschöpft. Jeden Tag war er gelaufen, so weit seine Füße ihn tragen wollten. Nach den langen Monaten auf kleinem Raum war er es nicht mehr gewohnt, und doch hatte er immer weiter gemacht. Jetzt war er froh, dieses Ziel erreicht zu haben, aber es war nur ein Zwischenziel. Auf Dauer wollte er ein geregeltes Leben haben, mit Arbeit und einer Wohnung. Aber zuvor musste er schlafen und sich ausruhen. Also sah er sich um, im Park erhoffte er sich eine Möglichkeit, ungesehen schlafen zu können. Doch er war wohl nicht der Einzige mit diesem Gedanken. Die ersten Bänke waren bereits besetzt, obwohl es noch nicht lange dunkel war. Müde stolperte Severus weiter, doch sobald er sich setzte oder gar legen wollte, erntete er entrüstete und teilweise wütende Kommentare. Es gab hier viele Obdachlose, wie es schien, die in diesem Park lebten.

Einer hatte offenbar ein wenig Einsehen mit ihm. „Geh zur Brücke.“, brummte er und wies ihm eine Richtung. „Nich' weit, da kannste schlafen.“ Danach drehte er sich um und deckte sich mit einigen Lagen Zeitung zu. Dankbar folgte Severus diesem Rat und legte sich letztendlich in eine kleine Ecke neben der Brücke, da unter der Brücke kein freier Platz war. Schnell schlief er tief und fest, die Erschöpfung machte sich deutlich bemerkbar. Er bemerkte nicht, was um ihn herum passierte. Erst, als ihn gegen kurz vor Mittag ein Polizist rüttelte, schrak er hoch. Sich umsehend erkannte er, dass viele Menschen hier im Park waren, Kinder ließen Drachen steigen, Einige liefen Runden mit ihren Hunden, Mütter schoben Kinderwägen und Andere genossen die Strahlen der Sonne. Der Polizist sah nicht gerade begeistert aus, wie er ihn so musterte.

„Junge, was machst du hier?“, wollte er wissen.

„Verzeihung, ich kam gestern hier an und war sehr müde, fand kein Hotel auf die Schnelle, deshalb bin ich hier geblieben.“, antwortete Severus vorsichtig. Er wollte nicht verraten, dass er nicht einmal das Geld hatte, sich ein Hotel zu suchen. Aber offenbar genügte es dem Polizisten. Jedenfalls ließ er ihn nach einer kurzen Verwarnung alleine. Severus knurrte der Magen, daher beschloss er, auf die Suche nach etwas Essbarem zu gehen. Seinen Durst stillte er am Wasserhahn in einer öffentlichen Toilette, wo er sich auch erleichterte und zumindest das Gesicht wusch. Viel mehr ging nicht, wenn jederzeit jemand hereinkommen könnte. Auf seiner Suche nach etwas Essbarem lief er ziellos durch die Straßen, bis er hinter einem Supermarkt jemanden im Container wühlen sah. Der Mann sah aus, als lebte er auf der Straße, und als Severus sah, dass er Toast und Käse aus dem Container zog, entschied der junge Mann, sein Glück ebenfalls zu versuchen. Er erkannte, dass die Sachen zwar in Ordnung, aber abgelaufen waren. Auch wenn er es eklig fand, aber er hatte Hunger. Schnell setzte er sich auf eine Bank an der Themse, wo er essen konnte. Seine Füße schmerzten vom vielen Laufen, sicherlich waren sie wund und voller Blasen, da die Schuhe nicht richtig passten. Daher blieb er relativ lange sitzen, ruhte sich aus. Letztendlich lief er noch die letzten Schritte bis zum Fluss und suchte sich eine Stelle, wo er seine Füße ins Wasser halten konnte. Erleichtert seufzte er auf, endlich fühlte er sich entspannter, jetzt mit den Füßen aus den Schuhen heraus. Seit zwei Wochen war er in den Schuhen gesteckt, ohne sie wirklich auszuziehen. Davor war er die ganzen Monate barfuß gewesen, die Schuhe hatte ihm sein Vater nicht gelassen. Bei der Flucht hatte er sie nicht gefunden, deshalb die Stiefel seines Vaters angezogen.

Am Abend suchte er sich erneut einen Schlafplatz, dabei überlegte er, dass er gerade in Bezug auf den kommenden Winter einen festen, sicheren Platz suchen musste. Außerdem würde er wohl sehen müssen, dass er einen Platz fand für den Vollmond. Zusätzlich wollte er auch versuchen, Arbeit zu finden, um ein geregeltes Leben zu beginnen. Severus brauchte ein Ziel, damit er einen Grund hatte, weiter zu machen. Mit einem Ziel vor Augen gelang es ihm, nicht aufzugeben. So vergingen die nächsten Tage und der Vollmond rückte immer näher. Der Werwolf machte sich immer stärker bemerkbar und Severus bekam langsam Panik, weil er noch immer nicht wusste, wohin. Egal, was er versuchte, es gab immer einen Grund, der dagegen sprach. Immer war die Angst dabei, dass sein Wolf jemanden verletzen könnte. Oder gar verwandeln und töten. Was ihn wieder dazu brachte, an Lupin zu denken. Würde er jemals etwas erfahren? Ohne Zauberstab kam er nicht in die Winkelgasse, und außerhalb erfuhr er wohl eher nichts. Andererseits wollte er eigentlich nicht in die Zauberwelt, wo möglicherweise jeder ihn erkennen könnte. Auf diese Blicke, die dann folgten, konnte er verzichten.

Am Tag des Vollmondes war er vollkommen verzweifelt. Er hatte noch immer keinen Platz gefunden und nun wurde die Zeit knapp. In zwei Stunden ging der Vollmond auf, dann würde er unweigerlich Jagd auf Menschen machen. Das wollte er auf gar keinen Fall, lieber würde er dem Ganzen selbst ein Ende setzen. Alles in ihm sträubte sich dagegen, aber bevor er ungeschützt in die Verwandlung ging, würde er diese Lösung ergreifen. Ruhelos irrte er durch die Straßen, fand sich schließlich in einer Ecke wieder, die er kannte. Hier müsste das St. Mungos sein. Ob sie ihm dort helfen konnten? Vielleicht Heiler Smethwyck, auch wenn der sich nie wieder gemeldet hatte. Aber sicher würde er dort Hilfe bekommen, auch ohne Gold. Oder im Ministerium? Severus atmete auf, als er daran dachte. Warum war er nicht eher darauf gekommen? Wie hatte sein Vater das früher genannt? Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Genau so war es. Erleichtert machte er sich auf den Weg zum Ministerium. Zumindest theoretisch wusste er, wo es war, aber wie man hinein kam, da hatte er keine Ahnung. Er hoffte, jemanden zu finden, der ihm da weiterhelfen konnte.

„Severus Snape?“, wurde er schließlich angesprochen. Einerseits erleichterte es ihn, denn vielleicht konnte ihm derjenige helfen, andererseits hatte er Angst, was derjenige dachte. Sich umdrehend erkannte er, dass ein rothaariger Zauberer ihn ansah. Fragend, ein wenig neugierig. Der Mann wirkte etwa dreißig Jahre und ruhig, aber sehr aufmerksam. Leise sprach er weiter: „Ich bin Arthur Weasley. Ich bin ein Bekannter von Dumbledore und arbeite im Ministerium, ich weiß von den Ereignissen. Kann ich dir helfen?“

„Ich … ich weiß nicht, wohin.“, wisperte Severus. Seine Energie war wie weggewischt. Er sackte in sich zusammen. „Der Mond ...“

„Komm, Junge.“, lächelte der Ältere beruhigend. „Ich selbst kann dir zwar dabei nicht helfen, aber ich denke, es gibt jemanden im Ministerium, der das kann. Ich bringe dich rein und hole jemanden. Danach muss ich allerdings weiter, ich war schon auf dem Heimweg!“ Gesagt, getan, Arthur nahm einfach die Hand von Severus und zog ihn mit sich. Er zeigte ihm, wie er ins Ministerium kommen könnte, sollte er mal wieder Hilfe brauchen. Drinnen angekommen rief der Rothaarige nach jemandem. „Kevin ist ein Auror, der gerade Dienst hat. Er kann dir sicher helfen.“, versicherte er Severus. Er stellte die Beiden einander vor und erklärte dem Auror kurz Severus' Dilemma. Dann verabschiedete er sich.

„Komm.“, forderte der Auror ihn auf, sobald Arthur Weasley verschwunden war. Er brachte ihn zu einer Treppe, die nach unten führte. Unsicher folgte Severus dem Mann, der kühl und unnahbar wirkte. „Solltest du nicht eigentlich bei deinem Vater in Cokeworth sein?“, wollte er schließlich wissen.

„Dahin gehe ich nie wieder!“, antwortete Severus vehement. Doch so wirklich glücklich war er hier auch nicht, er hatte ein sehr ungutes Gefühl. Und das trog ihn leider nicht, der Auror brachte ihn zu einer Zelle. Widerwillig ließ sich Severus einsperren, eine andere Möglichkeit hatte er nicht mehr, denn in spätestens einer Viertelstunde würde er sich verwandeln. Er zog sich aus, versuchte die anzüglichen Blicke des Aurors zu ignorieren. Es war gerade rechtzeitig, die Schmerzen kündigten den Beginn der Verwandlung an. Severus biss sich auf die Innenseite der Wange, um nicht zu schreien. Diese Genugtuung wollte er den Auroren nicht auch noch geben. Er spürte, wie sich die Knochen verschoben und umwandelten, dann wurde es schwarz.

 

„Schönen Tag noch!“, kicherte der Auror, der Severus nach der Nacht aus dem Ministerium begleitete. Wie so oft. Jetzt war er schon seit über einem Jahr hier in London. Beinahe zwei. Von den Auroren hatte er erfahren, dass sein Vater ihn verstoßen hatte. Ob das stimmte, wusste er nicht. Aber eines war klar: Er wollte nie wieder etwas mit ihm zu tun haben. Die Vollmondnächte verbrachte er alle in dieser Zelle im Ministerium, eine andere Möglichkeit sah er noch immer nicht. Es war mehr als demütigend, aber zumindest konnte er niemanden angreifen. Ab und zu schnappte er etwas auf, wusste seit einigen Monaten, dass Lupin tatsächlich aus Askaban entlassen worden war, aber sein Vater war mit ihm weggegangen. Sie lebten nun wohl irgendwo in Kanada, wo der Werwolf in den Vollmondnächten laufen konnte, ohne jemanden zu gefährden. Einmal hatte er James Potter von weitem gesehen; wie es schien, machte der gerade eine Auroren-Ausbildung.

Der Aufprall auf dem Boden traf ihn unvorbereitet und Severus konnte ein Stöhnen nicht verhindern. Er spürte jeden Muskel, sein ganzer Körper schmerzte. Wie nach jeder Verwandlung. Muskelkater und verschiedene Biss- und Kratzwunden. Dazu die schmerzenden Knochen. Mit jedem Mal wurde es schlimmer. Noch schlimmer waren die Demütigungen durch die Auroren. Nicht alle waren so, aber es gab ein paar, die es ausnutzten, dass er von ihrer Hilfe abhängig war. Wenigstens konnte er sich selbst über Wasser halten. Am Hafen wurden immer wieder kräftige Männer gesucht, die halfen, die Schiffe zu entladen. Die Tätigkeit war anstrengend, aber dabei kam ihm die Kraft seines inneren Wolfes zu Gute. Viel bekam man nicht dafür, aber es wurde bar auf die Hand bezahlt, damit konnte er sich dann Essen kaufen. Für eine Wohnung reichte es nicht, Severus lebte noch immer auf der Straße. In einem alten, leerstehenden Haus schlief er häufiger, aber er musste aufpassen, dass die Polizei ihn nicht erwischte. Aber die nächsten Tage würde er wohl nichts arbeiten können, er war viel zu fertig. Das bedeutete aber auch, kein warmes, frisches Essen zu haben. Ihm knurrte jetzt schon der Magen, aber er schaffte es nicht, sich aufzuraffen, um hinter einem Supermarkt im Müll zu wühlen. Er blieb einfach liegen, gab der Schwärze nach.

Als er aufwachte, wusste er sofort, dass er woanders als zuvor war. Die Umgebung roch vollkommen anders, er war in einem Haus. Einem richtigen Haus, keinem halb kaputten. Der Raum war nicht besonders groß, aber gut gepflegt, Severus roch Putzmittel und Meeresluft, offenbar war vor kurzem gelüftet worden. Um sich tastend erkannte er, dass er in einem weichen Bett lag, mindestens ein Doppelbett, es war ziemlich breit. Und so weich, wie er es noch nie erlebt hatte. Eindeutig teuer. Außerdem fühlte er Verbände und Heilsalbe auf seinen Verletzungen. Jemand hatte ihn mitgenommen und versorgt, wie es schien. Wer? Warum? Was würde es ihn kosten? Zitternd wickelte sich Severus tiefer in die weiche Decke, die ihm Wärme spendete, ihn aber nicht aufwärmen konnte. Angst machte sich in Severus breit. Seit er hier in London war, lief er regelmäßig Gefahr. Schnell hatte er gelernt, diesem Typ Mann aus dem Weg zu gehen. Beinahe hätte er es zu spät gemerkt. Seine Erinnerung brach sich Bahn, obwohl er es verhindern wollte.

Zitternd vor Kälte – obwohl er als Werwolf nicht so leicht fror – suchte Severus seit Stunden einen Schlafplatz. Es schien, als hätten sich die Obdachlosen gegen ihn verschworen, sie hatten alle Plätze bereits besetzt. Endlich nahm sich einer des Jugendlichen an. Komm, ich habe noch ein bisschen Platz, Lad.“, lud er ein und deutete auf eine Karton-Baracke. „Da drin haben wir es warm und gemütlich.“

Vertrauensvoll folgte der Jugendliche der Einladung, froh darüber, dass endlich jemand für ihn da war. Es war eng in dem Unterschlupf, der war vielleicht knapp zwei mal zwei Meter. Aber eine zerschlissene, alte Matratze war auf dem Boden, auf der ein kuschelig warm aussehender Schlafsack lag. Davon konnte Severus in den letzten Monaten nur träumen. Daher folgte er auch der nächsten Einladung, schlüpfte gemeinsam mit dem Mann, von dem er nicht einmal den Namen wusste, in den Schlafsack. Es war eng, sie mussten zusammen rücken, das war eine Notwendigkeit in dieser Zeit. Schnell waren beide warm und Severus schlief beinahe sofort ein. Bis er einen seltsamen Traum hatte. Erschrocken fuhr er hoch, als er eine Hand auf seiner Haut spürte. Sein ‚Gastgeber‘ hatte ihn im Schlaf ausgezogen, wie auch immer er das im Schlafsack geschafft hatte, und rieb nun seine Erregung an Severus‘ Po, während seine Hand Severus' Penis umschloss. Entsetzt erstarrte Severus einen Moment, dann versuchte er panisch, aus dem Schlafsack zu entkommen, während der Typ hinter ihm erregt stöhnte und ihn an sich presste. Mit letzter Kraft riss Severus sich los und den Schlafsack auseinander, durchbrach die Kartonwände und rannte, was seine Beine hergaben. Sein Herz pochte rasend schnell und schmerzhaft gegen den Brustkorb. Er spürte weder die Kälte auf seiner Haut noch die Steine unter seinen Füßen. Nackt wie er war, krümmte er sich schließlich in einer öffentlichen Toilette zusammen. Sein Magen rebellierte und Severus würgte, aber da er seit beinahe eineinhalb Tagen nichts zu Essen gehabt hatte, war da nichts. Trocken würgte er weiter.

Wie lange er in der Toilette alleine war, konnte Severus nicht sagen, aber gegen Morgen holte ein Polizist ihn aus der Kabine. Noch immer würgte der Jugendliche und sah insgesamt nicht gut aus, daher ließ der Polizist ihn ins Krankenhaus bringen. Severus schwieg über die Ursache, zu sehr schämte er sich.

Einige Tage nach diesem Vorfall hatte er es zumindest geschafft, wieder am Hafen zu arbeiten, ohne bei jedem Geräusch zusammen zu zucken. Seine Sachen hatte er nie wieder gesehen. Aber die Wohlfahrt hatte ihm einen Satz Kleidung und alte Armeestiefel in seiner Größe gegeben, damit er wenigstens etwas hatte. Oft genug hatte er Dinge wie Decken oder sonstige Kleinigkeiten, die er in den Vollmondnächten nicht bei sich hatte, verloren, sie waren ihm gestohlen worden. Seither besaß er nichts mehr außer dem, was er am Leib trug. Selbst seine Decke, die er ebenfalls von der Wohlfahrt hatte, trug er immer um die Hüfte, was ihm den Straßennamen ‚der Schotte‘ eingebracht hatte, da sie ein Muster wie Kilts hatte. Gerade aber fühlte er sich einfach nur sterbenselend. Die Narben vom Silber brannten wie Feuer und die frischen Wunden pochten unangenehm, beraubten ihn jeglicher Kraft. Erschöpft schloss er erneut die Augen und ließ sich treiben. Wann hörte dieser Wahnsinn denn endlich auf? Er merkte nicht, wie seine Verletzungen ein weiteres Mal versorgt und frisch verbunden wurden. Der Schmerz ließ nach und sein Schlaf wurde tiefer und ruhiger.

Als Severus das nächste Mal erwachte, fühlte er sich viel besser. Die Schmerzen waren, bis auf ein leises Pochen, das er ignorieren konnte, verschwunden. Selbst das Brennen der Narben vom Silber, das in der ganzen Zeit nie verschwunden war, störte ihn nicht, da es so wenig war. Er war eindeutig behandelt worden. Darauf deutete auch das Bett hin, aber es roch nicht nach Krankenhaus, weder magisch noch nicht-magisch. Severus hatte keine Ahnung, wo er sich befand, die Gerüche um ihn herum kamen ihm zwar vage bekannt vor, aber er konnte sie keiner Person zuordnen. Das Zimmer verriet ihm nichts darüber, wer hier lebte. Es war halbdunkel, da der schwere, dunkelrote Vorhang vor dem Fenster geschlossen war. Draußen schien es helllichter Tag zu sein, da es hinter dem Vorhand blendend hell war. Daher konnte er auch etwas erkennen, wobei er das nur seinen Werwolf-Genen zu verdanken hatte. Mit menschlichen Augen hätte er keine Chance, mehr als Umrisse zu sehen. Das Bett war wirklich groß, ein Doppelbett. Severus war ziemlich sicher, dass die Füllung des Bettes aus weichen Daunen bestand, bezogen war es mit Seide. Dunkelgrüne Seide. Die Farbe passte nicht besonders zum restlichen Zimmer, das in rot und gold eingerichtet zu sein schien. Die Möbel allerdings waren aus dunklem Holz. Irgendwie schien es alles nicht zusammen zu passen. Als hätte jemand versucht, es umzugestalten, aber nur einen Teil gemacht. Nicht ein einziges Bild hing an den Wänden, sie wirkten irgendwie leblos und kahl. Aber man konnte Schatten erkennen, das bedeutete, dort hatten Bilder gehangen. Was bedeutete das?

Severus beschloss, dieses Rätsel erst einmal beiseite zu schieben, denn die Natur verlangte ihr Recht. Vorsichtig schob er die Bettdecke zurück und stand auf. Jetzt war es nur die Frage, wo das Bad hier im Haus war. Auf gut Glück versuchte er eine der beiden Türen im Raum. Die führte in einen Flur. Also die andere. Tatsächlich fand er dahinter ein Badezimmer und trat hinein. Die Tür hinter sich und auch die gegenüber versperrte er. Hier wollte er ganz sicher nicht herausfinden, wer ihn hierher gebracht hatte. Im Moment war er einfach nur dankbar. Doch mit einem Mal bekam er Angst. Was würde derjenige von ihm verlangen für seine Rettung? Zitternd sank er unter der Dusche zusammen. Das warme Wasser, das vorher so entspannend für ihn war, hatte nichts Heimeliges mehr. Wie oft hatte er in den letzten vielleicht eineinhalb Jahren derartige Angebote bekommen? Die Männer auf der Straße waren nicht nur einmal zu nahe an ihn heran getreten. Sie boten ihm Schutz und Unterkunft, wollten dafür aber Sex mit ihm. Severus wimmerte leise, was sollte er nun tun? Was konnte er tun?

Gellend schrie er auf, als er eine Berührung an der Schulter spürte. Panisch robbte er zurück, bis er an eine Wand stieß. Er saß in der Falle! Wimmernd schlang er die Arme um sich, versuchte, sich klein zu machen und seinen Körper zu schützen. Er wusste nicht, wer vor ihm stand, bekam die Worte nicht mit, die gesprochen wurden. „Nein, bitte nicht!“, schluchzte er immer wieder auf. Alles konnte er ertragen, Schläge, Schmerzen, selbst die Silberverbrennungen und die Verachtung, die ihm entgegen schlug, aber seinen Körper schänden lassen, das würde er nicht überstehen. Er wippte hin und her, bekam nichts um sich herum mehr mit. Der Jugendliche, der bei ihm im Bad war, drehte einfach nur das Wasser ab und setzte sich neben ihn. Leise murmelte er nichtssagende Worte, in der Hoffnung, dass sich Severus irgendwann beruhigen würde. Es störte ihn nicht, dass er mitten im Wasser saß, er ignorierte es einfach. Obwohl seine teuer aussehende Kleidung klitschnass wurde. Er hatte schulterlange, schwarze Haare, helle, blaue Augen und wirkte nicht älter als vielleicht siebzehn. Seiner Stimme hörte man an, dass er erst vor kurzem den Stimmbruch hinter sich gelassen hatte, aber er schien ruhig und besonnen.

Es dauerte lange, bis Severus wirklich merkte, dass ihm nichts passierte. Er wurde ruhiger und hörte nach und nach, was gesprochen wurde. Die Stimme kam ihm merkwürdig bekannt vor, doch noch schaffte er es nicht, seinen Blick zu heben. Er lauschte einfach auf die Worte, die nach einer Weile sogar Sinn ergaben. „Ich werde dir nichts tun, Severus.“, versprach die Stimme. „Ich habe dich von der Straße aufgelesen und deine Verletzungen versorgt. Hier kannst du erstmal bleiben. Das Haus gehört meinem Bruder, aber er … ist nicht da. Wird auch nicht so bald kommen. Ich habe das Haus bisher genutzt, wenn ich meine Ruhe haben wollte. Meine Eltern kommen sicher nicht her, und sonst weiß niemand von diesem Haus. Also keine Angst. Und ich verspreche bei meiner Magie, dass ich dich nicht berühren werde, wenn du es nicht willst! Aber jetzt solltest du aufstehen, damit du dich abtrocknen und anziehen kannst. Anschließend würde ich dir gerne deine Wunden neu verbinden, damit sie sich nicht entzünden.“

Severus' Herzschlag hatte sich langsam aber sicher wieder normalisiert, und jetzt, als der junge Mann verstummte, sah er vorsichtig auf. Seine Atmung beschleunigte erneut, als er den jungen Mann ihm gegenüber erkannte. „Regulus Black?“

Der nickte. „Allerdings.“, lächelte er. Dann wurde sein Gesicht ernst. „Geht's wieder, Severus?“

„Ich … ich … tut mir leid.“, wisperte Severus. Ihm fiel auf, wie viel der Jüngere für ihn getan hatte. „Danke.“

„Keine Ursache.“, winkte Regulus ab. „Wie fühlst du dich?“

„Besser als in den letzten Jahren. Danke.“ Severus versuchte ein Lächeln. Es war eher kläglich. Und ungewohnt, schon lange hatte er nicht mehr gelächelt.

„Na dann komm.“, stand Regulus auf und hielt Severus die Hand hin. Bewusst wartete er, ob der Ältere danach greifen würde. „Ich habe Kleidung gesucht, die dir passen könnte. Sie gehörte Sirius. Ich hoffe, das macht dir nichts aus. Meine Kleidung ist zu klein, du bist immerhin einen Kopf größer als ich. So weit kann man sie nicht einmal mit Magie anpassen!“

Zögernd sah Severus von Regulus' Gesicht zu der ausgestreckten Hand. Er brauchte eine ganze Weile, um zu entscheiden, ob er zugreifen sollte oder nicht. Noch immer war da eine Menge Angst, auch wenn er beinahe sicher war, dem Jüngeren vertrauen zu können. Doch bereits seit Jahren hatte er gelernt, niemandem zu vertrauen. Vor allem die letzten zwei oder drei Jahre hatten ihm nur das Schlechte im Menschen gezeigt. Regulus wartete einfach ab, ganz geduldig. Schließlich gab sich Severus einen Ruck und griff nach der Hand. Regulus zog ihn in den Stand und reichte ihm ein Handtuch, um sich zu bedecken. Sein Blick verließ nie Severus' Gesicht. Er führte den Werwolf zurück in das Zimmer und zeigte auf den Kleiderschrank. „Hier drin findest du alles, was ich von Sirius' Kleidung noch habe. Das Zimmer und das andere neben dem Bad kannst du haben. Ich habe das Master-Schlafzimmer auf der anderen Seite des Flures bezogen und mein eigenes Bad dort drüben. Also keine Sorge, normalerweise komme ich nicht in dein Bad. Ich habe mir vorhin nur Sorgen gemacht, weil du nicht mehr raus gekommen bist. Du hast sicher eine Menge hinter dir in den letzten Monaten. Ruh dich aus und erhol' dich. Ich muss in ein paar Tagen zurück nach Hogwarts für meine letzten Monate. Bald habe ich Prüfungen.“

Severus starrte ihm hinterher, als er die Tür hinter sich zumachte. Er war dankbar, aber er war noch immer voller Angst. Seine Erfahrungen beinhalteten so etwas nicht und nun musste er erst lernen, wie er damit klar kommen konnte. Wie er darauf reagieren sollte. Seufzend setzte er sich auf das Bett. Er wusste nicht einmal mehr, wie sich ein Bett anfühlte. Regulus schien wirklich helfen zu wollen, aber Severus konnte einfach nicht mehr vertrauen. Er hatte gesagt, dieses Haus hier gehörte seinem Bruder. Aber er hatte auch gesagt, dass der in nächster Zeit wohl nicht kommen würde. Hass wallte in Severus auf. Sirius Black war Schuld, dass er selbst zu diesem Leben verdammt war. All die Jahre hatte dieser Mistkerl keine Gelegenheit ausgelassen, um ihn zu demütigen oder zu verletzen. Zu Recht saß er in Askaban. Wütend knurrte Severus, dann schlug er mit der Faust auf das Bett. Egal, wie lange der Kerl in Askaban saß, es wäre nie genug. Severus war für sein Leben gezeichnet, nie würde er eine Chance in der Zauberwelt haben. Und in der Muggelwelt genauso wenig, da er zu wenig Ahnung hatte, um eine Ausbildung zu machen. Ihm fehlte nicht nur der Schulabschluss, sondern auch das nötige Grundwissen, um einen Schulabschluss nachzuholen. Sein Leben war verdammt. Zum zweiten Mal seit dem Biss gab er seinen Gefühlen nach und sank weinend auf das Bett. Wut, Angst, Verzweiflung mischten sich und er konnte einfach nicht mehr.

Ein Klopfen riss ihn aus seiner Verzweiflung. „Severus?“, rief Regulus von außen fragend. „Alles in Ordnung? Essen ist fertig.“

„Komme gleich.“, antwortete Severus heiser. Er strich sich fahrig über das Gesicht und wischte die Tränenspuren weg. Er ging zum Schrank und griff planlos hinein, holte das Erste heraus, was er in die Hand bekam. Damit ging er erneut ins Bad, wusch sich kurz das Gesicht. In den Spiegel sah er nicht, er wollte sich nicht sehen. Aber er spürte zumindest, dass Regulus ihn rasiert haben musste, denn seine Wangen und sein Kinn fühlten sich glatt an. Mehr als ungewohnt, denn seit seiner Verwandlung hatte er keinen Rasierer genutzt. Auch seine Haare schienen wieder in Form gebracht worden zu sein. Dennoch wollte er keinen Blick darauf werfen. Rasch schlüpfte er in die Kleidung, die ihm viel zu weit war. Er wusste, er hatte abgenommen, aber dass er so schmal war, hätte er nicht geglaubt. Sirius Black war nicht dick gewesen, sondern sehr schlank, aber seine Kleidung hing an ihm. Im Schrank fand er wenigstens noch einen Gürtel, damit er die Hose nicht unterwegs verlor. Er wagte sich in den Flur und die Treppe nach unten. Dort folgte er seiner Nase, die ihn in einen lichtdurchfluteten Raum führte. Er sah sich um. Links von der Tür waren zwei Sofas und ein Sessel, rechts davon ein Esstisch mit sechs Stühlen. Die gesamte Wand ihm gegenüber bestand aus einer Fensterfront mit Schiebetür. Die war ein Stück weit offen und Severus hörte das Meer rauschen. Der Salzgeruch in der Luft wurde ihm erst jetzt so richtig bewusst.

„Hunger?“, fragte Regulus, der gerade durch einen Durchgang hinter dem Tisch trat. Er stellte zwei Schüsseln auf den Tisch. „Spaghetti und Sauce. Mehr kann ich nicht. Aber mein Hauself ist gerade bei meinen Eltern, die denken, ich bin in Hogwarts geblieben zum Lernen. Ich wollte sie nicht aufmerksam machen.“

„Riecht gut.“, antwortete Severus vorsichtig und sah zu, wie Regulus Teller und Besteck aus einer Vitrine nahm. Er setzte sich zu Regulus, wenn auch mit größtmöglichem Abstand.

„Ah, Moment, ich habe den Käse vergessen!“, sprang Regulus nochmal auf und lief in die Küche, nur um einen Moment später mit einer kleinen Schale voll geriebenem Käse wieder zu kommen. „So, jetzt haben wir alles. Guten Appetit!“

„Danke.“, murmelte Severus. „Guten Appetit.“

Severus aß langsam und vorsichtig, blickte immer wieder skeptisch zu Regulus. Er fühlte sich dem Jüngeren nicht gewachsen, wissend, dass er ohne Magie auskommen musste. Körperlich war er ihm überlegen, das war der Wolf in ihm, aber Severus scheute davor zurück, ihn an die Oberfläche zu lassen. Die Kontrolle abzugeben. Doch Regulus blieb auf Abstand, ließ ihn einfach in Ruhe. Schweigend aßen sie, dann räumte Regulus wortlos den Tisch ab. Automatisch griff Severus mit zu, trug die Teller und das Besteck in die Küche. Gemeinsam spülten sie das Geschirr, dann zeigte Regulus seinem neuen Mitbewohner das Haus.

„Wir sind hier in der Nähe von Broadstairs, ein reines Muggelstädtchen.“, erklärte er. „Der Strand, den du von hier aus sehen kannst, gehört zum Haus, das bedeutet, die Leute dürfen zwar darüber laufen, aber nicht bleiben. Direkte Nachbarn haben wir nicht. Hier unten im Erdgeschoss gibt es neben der Küche und dem Wohnzimmer noch ein Gäste-WC, gleich neben der Haustür, und ein Arbeitszimmer. Im Keller ist ein kleines Labor für Tränke, dazu der Waschkeller und ein Weinlager. Im ersten Stock sind dann drei Schlafzimmer und die Bibliothek. Du kannst entweder in dem Zimmer bleiben, wo du warst, oder auf die Südseite gehen, also vom Bad aus auf der anderen Seite. Über jedem Schlafzimmer ist ein Türmchen, darin kannst du es dir gemütlich machen.“

Severus fühlte sich überfordert. „Das … heißt das, du willst, dass ich hier bleibe?“

„Natürlich.“ Regulus sah ihn verwirrt an. „Ich will dir helfen. Severus, du bist hier willkommen. Aber ich will dich nicht einsperren, wenn du es nicht willst. Ich habe keine Ahnung, was in den letzten Jahren mit dir war, aber ich vermute, das war nicht besonders angenehm. Deshalb will ich dir helfen.“

„Warum?“ Severus verstand es einfach nicht.

„Warum? Weil ich dir einfach helfen will.“, zuckte Regulus die Schultern. „Vielleicht, weil ich die Schuld meines Bruders ein bisschen wieder gut machen will. Vielleicht auch, weil ich gesehen habe, wie sehr du in der Schule schon kämpfen musstest und möchte, dass du auch ein wenig Glück hast in deinem Leben. Vielleicht auch, weil du mir sympathisch bist. Severus, ich weiß es nicht genau. Ich habe dich in der Winkelgasse liegen sehen und konnte dich nicht so liegen lassen. Meine Eltern würden mich dafür hassen, aber … ich hatte Mitleid.“

„Und ...“, begann Severus krächzend. Er räusperte sich und versuchte, sicherer zu klingen, als er sich fühlte. „Und was verlangst du als Gegenleistung?“ Angespannt wartete er auf die Antwort.

Regulus' Kopf ruckte hoch. Mit weiten Augen sah er ihn entsetzt an, als er realisierte, was Severus damit andeutete. „Nichts.“, war die schlichte Antwort. „Absolut nichts. Ich weiß, das ist untypisch für einen Slytherin, aber ich habe wirklich keinen Hintergedanken. Ich will dir einfach helfen.“

Nachdenklich schwieg Severus. Dank seiner Sinne wusste er, Regulus hatte die Wahrheit gesprochen, dennoch verstand er es nicht. Andererseits war er froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Regulus war etwa zwei Jahre jünger als er selbst und gerade offenbar in der Abschlussklasse. Nie hatte er intensiven Kontakt zu ihm gehabt, aber sie waren auch nicht verfeindet gewesen. Neutralität beschrieb ihr bisheriges Verhältnis wohl am ehesten. Im Moment konnte er einfach keine Entscheidung treffen. „Was machst du eigentlich hier?“, erkundigte er sich, nur um etwas zu sagen, als das Schweigen drückend wurde.

„Offiziell lebe ich bei meinen Eltern, wenn ich nicht in Hogwarts bin.“, begann Regulus mit abwesendem Blick. „Seit Sirius in Gryffindor gelandet ist, hat sich alles geändert. Das Ansehen in der Öffentlichkeit war immer das Wichtigste für unsere Eltern. Es war ein Schlag ins Gesicht, dass Sirius nicht in Slytherin war. Aber das wäre vielleicht noch erträglich gewesen, wenn er sich nicht mit seinem Verhalten noch zusätzlich abgegrenzt hätte. Aber erst, als er verurteilt wurde, haben meine Eltern ihn enterbt. Für sie ist er nicht mehr ihr Sohn. Ein Onkel, der ebenfalls verstoßen wurde, hat ihm kurz vorher dieses Haus vererbt. Sirius hat einen Sommer hier verbracht, ein wenig sieht man seinen Einfluss in den Zimmern, aber er ist nie fertig geworden. Eigentlich sollte ich nicht hier sein, aber das ist der einzige Ort, wo ich sicher sein kann, dass niemand herkommt. Sirius muss noch einige Zeit in Askaban absitzen, ich denke nicht, dass er danach noch in der Lage ist, hier zu leben. Man verliert den Verstand dort. Ich weiß nicht, wie es ihm dort geht. Auch wenn er bestraft werden muss, irgendwie tut er mir trotzdem leid. Immerhin ist er doch trotz allem mein Bruder. Ich hoffe, du verstehst das.“

„Ich weiß es nicht.“, gestand Severus. „Ich kann mir das nicht vorstellen, ich habe keinen Bruder.“ Er schluckte und dachte an Suavita. Wie würde er reagieren, wenn sie überlebt und nun etwas angestellt hätte? Würde er sie immer noch lieben? Vermutlich. Zumindest ein Stück weit konnte er nun nachvollziehen, was Regulus gerade gesagt hatte. Allerdings erinnerte ihn das auch noch an diesen Vorfall. „Weißt du, was mit Lupin ist?“

Regulus' Augen weiteten sich. „Du verurteilst ihn nicht?“, erkannte er.

„Er hat keine Kontrolle über den Wolf in sich. Mir ist in den letzten ich-weiß-nicht-wieviel Jahren klar geworden, dass er nichts dafür kann.“, wisperte Severus zitternd.

„Schon gut, Severus.“, beruhigte Regulus. „Bleib einfach hier und ruh' dich aus. Wenn ich zurück in Hogwarts bin, kann ich sicher etwas herausfinden.“

„Danke.“, nuschelte Severus.

„Du siehst echt fertig aus.“, erkannte Regulus. „Vielleicht solltest du dich hinlegen. Darf ich deine Verletzungen nochmal ansehen?“

Nach einem Moment nickte Severus und ging mit Regulus nach oben. Nur sehr widerwillig zog er sich aus, um Regulus Zugang zu den Biss- und Kratzwunden zu ermöglichen. Er zitterte, als Regulus' Hand auf ihn zukam. Nur mit Mühe hielt er sich davon ab, weg zu zucken, als Regulus ihn mit Heilsalbe eincremte. Es tat gut, aber Severus hatte andere Berührungen vor Augen.

„Sch.“, machte Regulus. „Keine Angst. Es wird gut.“ Aber der Jüngere wusste, dass er ein Versprechen gab, das er nicht halten konnte. Und er wusste, dass auch Severus das wusste. „Du bist hier sicher. Bleib einfach hier.“

„Und Vollmond?“

„Kreacher, mein Hauself, kann den Wald, der zum Haus gehört, sichern, sodass du darin laufen kannst. Kein Mensch wird hinein können und du als Werwolf nicht hinaus.“, versprach Regulus. „Er wird kommen, wenn es unauffällig ist. Bis zum nächsten Vollmond haben wir noch knapp vier Wochen. Dann bin ich zwar schon lange wieder in Hogwarts, aber Kreacher wird dir helfen. An den Hogsmeade-Wochenenden kann ich mich raus schleichen und dich besuchen, damit du nicht so alleine bist!“ Jetzt grinste Regulus jungenhaft und erinnerte damit sehr an seinen älteren Bruder. „Aber ich fürchte, jetzt muss ich dich alleine lassen, ich muss noch eine Weile lernen, damit ich am Ende gute Noten habe. Immerhin will ich Tränkemeister werden.“

Ein Stich durchfuhr Severus. Das war auch sein Wunsch gewesen. Er drehte sich weg und verbarg sein Gesicht vor dem Jüngeren. Der sollte nicht sehen, wie sehr es schmerzte, einen zerplatzten Traum vor Augen zu haben. Regulus schien zu merken, dass etwas nicht stimmte, und verließ das Zimmer mit den Worten, er wäre unten im Arbeitszimmer. Severus legte sich in das Bett, aber diesmal konnte er nicht schlafen. Sein Kopf ließ sich nicht davon abhalten darüber nachzudenken, was wäre, wenn er nicht gebissen worden wäre. Völlig utopische Gedanken, das war ihm klar, aber er konnte es nicht mehr kontrollieren. Nach einer Weile stand er deshalb auf und ging nach unten. Er brauchte Ablenkung. Leise setzte er sich zu Regulus ins Arbeitszimmer und griff wahllos nach einem Buch, um darin zu lesen. Regulus sah nur kurz auf und lächelte ihm aufmunternd zu, dann beugte er sich wieder über seine Aufzeichnungen. Severus genoss die Ruhe, die sich zwischen ihnen ausbreitete, und las in einem Buch über Verteidigung. Es gab noch so viel, was er hätte lernen können, aber dieser Weg war ihm versperrt. Daher legte er nach einiger Zeit das Buch auf die Seite und suchte sich lieber eines über magische Wesen. Das war weitaus weniger deprimierend. Und informativ.

„Regulus?“, wagte es Severus schließlich, das Wort an den Jüngeren zu richten. Der sah auf und blickte ihn aus seinen hellen, blauen Augen fragend an. „Kennst du dich mit Haarschneidezaubern aus? Ich … als ich von meinem Vater weggegangen bin, habe ich sie einfach nur abgeschnitten, aber ...“

„Du willst einen Neuanfang.“, erkannte Regulus lächelnd. „Ich bin zwar kein Friseur, aber ich denke, ich kann sie zumindest ein wenig in Form bringen.“ Er stand auf und wandte sich nach oben. „Komm, versuchen wir es.“

Gemeinsam gingen sie nach oben. Severus setzte sich vor den Spiegel in seinem Bad und Regulus trat hinter ihn, zückte den Zauberstab. „Halt still.“, warnte er den Älteren, bevor er einen Zauber murmelte, der die Knoten aus den Haaren schaffte. Einen weiteren Zauber später waren die Haare kinnlang. Sie fielen ein wenig strähnig zu beiden Seiten von Severus' Gesicht herunter, aber es sah deutlich besser aus als zuvor. Zufrieden bedankte sich Severus. Regulus lächelte nur leise und strich ihm kurz über die Schulter.

 

In den nächsten Tagen ging es ähnlich zu. Ab und zu sprachen sie, aber nur wenig. Regulus lernte und Severus las. Die Arbeit in der Küche machten sie gemeinsam und langsam lernte Severus, dem Jüngeren wenigstens ein Stück weit zu vertrauen. Noch immer zuckte er zurück, wenn sie sich zu nahe kamen, aber Regulus hielt sich an sein Versprechen, ihn nicht ohne seine Erlaubnis zu berühren. Severus ging nur kurz nach draußen, ihm war es einfach zu viel, aber er saß zumindest auf der Terrasse oder dem Balkon und atmete tief durch. Die Nächte genoss er besonders. Ein Dach über dem Kopf und ein eigenes Bett schienen ihm wahrer Luxus, aber vor allem fühlte er sich absolut sicher hier im Haus. Er spürte die Anwesenheit von Regulus, aber sie machte ihm keine Angst. Im Gegenteil, sie zeigte ihm, dass er beschützt wurde. Dadurch schlief er auch deutlich besser und erholte sich schneller. Früher als erwartet war er alleine im Haus, Regulus war zurück in Hogwarts. Langsam wurde Severus ruhiger, sah nicht mehr hinter jedem Baum einen Verfolger. Kreacher war kurz da gewesen, Regulus hatte ihm Anweisung gegeben, auch auf Severus zu hören, doch der Werwolf war überzeugt, es alleine zu schaffen. Er wollte nicht noch tiefer in der Schuld des Jüngeren stehen. Außerdem war er froh, etwas zu tun zu haben. Auf der Straße bestand sein Tag darin, entweder Arbeit oder Essen zu suchen. Jetzt hatte er Muße, aber er wusste nichts mit sich anzufangen. Also stürzte er sich in die Hausarbeit, um etwas zu tun zu haben. Er blieb weiterhin entweder direkt im Haus oder zumindest in der Nähe, mied die Menschen in der Umgebung.

Regulus kam kurz vor Vollmond ins Haus und sah nach Severus. Einerseits wollte er sicherstellen, dass es Severus gut ging, andererseits wollte er dafür sorgen, dass Kreacher seine Aufgabe, den Wald für einen Werwolf zu sichern, auch ordentlich ausgeführt hatte. Beides fiel zu seiner Zufriedenheit aus und so saßen die beiden Jugendlichen am Abend vor dem Kamin. Es war nicht kalt, dennoch brannte ein Feuer, einfach weil es gemütlicher war. „Severus, wie fühlst du dich?“, fragte Regulus in die Stille.

„Es geht.“, gestand Severus sehr ehrlich. „Ich spüre den Vollmond sehr deutlich, aber dank dir fühle ich mich deutlich besser als früher.“ Und das stimmte, denn zumindest Hunger und Durst musste er hier nicht leiden, und das half ihm auch. Der Körper reagierte nicht so extrem wie früher. Seine Reserven halfen ihm offensichtlich.

„Kreacher hat den Wald gesichert, du kannst unbesorgt dort hinein, um dich zu verwandeln.“, versprach Regulus. Er wirkte zufrieden mit dem, was er sah.

„Und du? Was macht das Lernen?“, erkundigte sich Severus.

„Läuft ganz gut.“, grinste Regulus. „Die Lehrer sind mit dem regulären Stoff durch, jetzt sind Wiederholungen angesagt. Bisher bin ich zufrieden. Ein paar Dinge muss ich noch intensiver ansehen, aber insgesamt klappt es. Ich denke, bis Juni schaffe ich es.“

„Und danach?“

„Wenn die Noten passen, habe ich bereits einen Platz für ein duales Studium.“, verriet Regulus. „Ich will Tränkemeister werden, so schnell wie möglich. Dank meiner Eltern ist das zumindest finanziell kein Problem. Sie wären sicher stolz, einen Tränkemeister in der Familie zu haben. Dieses wirtschaftliche Zeug, was Dad macht, interessiert mich überhaupt nicht. Er hat mehrere Unternehmen, eigentlich wollte er sie irgendwann in meiner Hand sehen, aber wenn ich Tränkemeister werde, sind sie dennoch stolz. Die Unternehmen kann ich trotzdem erben, sagt Dad, dann muss ich eben einen guten Manager einstellen. Jetzt müssen nur noch die Noten in den Abschlussprüfungen stimmen, dann kann ich weitermachen. Und dann finde ich raus, ob an den Gerüchten was dran ist. Es soll nämlich einen Trank geben, der Werwölfen bei der Verwandlung hilft und die Kontrolle bei dem menschlichen Geist lassen soll.“

Severus schenkte ihm ein Lächeln. Ein wenig neidisch war er schon, aber er gönnte es Regulus. Wenigstens er konnte offenbar seinen Traum verwirklichen. Regulus konnte nichts für die Taten seines Bruders. Was den Trank betraf, diese Hoffnungen, die in ihm aufstiegen, drückte er sofort zurück, er glaubte nicht daran, dass an den Gerüchten etwas Wahres war.

„Hey, ich habe übrigens ein paar Bücher mitgebracht, aus meinem persönlichen Vorrat. Kreacher hat sie geholt. Ich hoffe, sie gefallen dir.“, durchbrach Regulus nach einer Weile das Schweigen. „Sie sind drüben im Arbeitszimmer. Damit kannst du dir die Zeit vertreiben.“

„Danke.“, lächelte Severus. Ihm fiel auf, dass er deutlich häufiger lächelte, seit er hier lebte. Und er genoss es. Endlich konnte er mal ein normales Leben führen. Einigermaßen normal wenigstens. Regulus ermöglichte es ihm und Severus war mehr als dankbar. Hier fühlte er sich wohl und er war froh, dass Regulus ihn normal behandelte. Dankbar wie er war, half er Regulus beim Lernen, fragte ihn ab.

 

Der Vollmond war diesmal deutlich problemloser als jeder vorherige. Zwar konnte sich Severus auch diesmal nicht an die Nacht erinnern, aber er erwachte am Morgen beinahe unverletzt. Einige Kratzer, mehr nicht. Muskelkater und schmerzende Knochen waren nervig, aber auszuhalten. Im Auftrag von Regulus kümmerte sich Kreacher in den Tagen vor und nach Vollmond um Essen und die Arbeiten im Haus, damit Severus sich erholen konnte. Regulus schickte einen Brief mit seiner Eule, wollte wissen, wie es seinem Hausgast ging. Severus antwortete direkt. Zwischen Regulus und ihm entwickelte sich eine enge Freundschaft, und der ehemalige Slytherin war tief in seinem Inneren froh darüber. Nie hatte er Freunde gehabt, außer Lily ganz früher, aber zu ihr hatte er keinen Kontakt mehr. Immer wieder überlegte er in den letzten Tagen, das zu ändern. Sollte er einfach an sie schreiben? Sicher war sie inzwischen verheiratet. Regulus hatte ihm erzählt, dass sie wohl mit James Potter ausgegangen war, nach dem Vorfall mit ihm. Seit er ihn gerettet hatte, dachte Severus immer wieder über Potter nach. Ja, auch er hatte ihn immer wieder gedemütigt und verletzt, aber letztlich hatte er ihm das Leben gerettet. Er hatte seine Freunde verraten und sich selbst als Animagus entlarvt. Das rechnete er ihm hoch an. Severus war sich bewusst, dass er sich zumindest noch bedanken sollte bei seinem ehemaligen Mitschüler. Bisher allerdings hatte er noch nicht den Mut gefunden, sich den Potters zu stellen. In einer alten Zeitung hatte er von der Hochzeit gelesen, Lily war nun Mrs. Potter. Außerdem hatte er gelesen, dass die Eltern von Potter bei dem Kampf gegen den dunklen Lord ermordet worden waren. Das hätte er selbst vor dem Biss nicht gewollt. Bald musste er sich den Potters zuwenden, das wusste er. Er grübelte, aber noch war er nicht bereit.

Es knallte. Severus schreckte aus dem Schlaf hoch. Das war eindeutig ein Apparier-Geräusch. Heute, oder besser gestern, war der letzte Schultag von Regulus und er hatte eigentlich auf ihn gewartet. Allerdings war erst vor wenigen Tagen Vollmond gewesen, und so war Severus eingeschlafen. Durch den Knall aus dem Schlaf gerissen fiel er beinahe vom Sofa, auf dem er lag, konnte sich gerade noch so abfangen. Ein dumpfer Schlag und ein herzhafter Fluch folgten. Die Stimme gehörte Regulus, da war Severus sicher, aber diese Art Sprache hatte er noch nie von dem Jüngeren gehört. Er fluchte immer schlimmer, schien ziemlich wütend zu sein, schlug immer weiter auf Wände und Türen ein, trat gegen eine Bodenvase und ein Regal, sodass sie zerbrachen.

„Reg?“, fragte Severus vorsichtig in den Flur, wo der Hausherr noch immer tobte.

„Diese miesen, dreckigen, verfluchten Schweine!“, schrie Regulus statt einer Antwort. „Sie haben mich gebrandmarkt, wie Vieh!“ Erneut schlug er um sich, warf Geschirr an die Wand und riss eine Vitrine zu Boden. Ein Fenster ging zu Bruch und Severus in Deckung. Er fragte sich, was in aller Welt passiert sein könnte, aber Regulus war nicht ansprechbar. „Ich dachte immer, ich sei ihr Kind, ihr Stolz, ihr Ein und Alles! Nichts, überhaupt nichts. Alles gelogen! Miese Schweine, diese Arschlöcher! Sie haben mich verkauft!“ Er rammte seine Faust so hart gegen die Wand, dass ein Stück Ziegel heraus brach, und Severus hörte ein unangenehmes Knirschen und Knacken. Regulus sank schluchzend zu Boden.

Entsetzt sah Severus zu, wie die Stimmung von Wut in Verzweiflung umschlug. Langsam trat er zu Regulus heran, überlegend, was er nun tun sollte. Er hatte keine Ahnung, was passiert war oder wie er nun reagieren sollte. Konnte er Regulus helfen, so wie der ihm seit Monaten half? Ein wenig hilflos strich er mit der Hand über die bebende Schulter. Das Schluchzen verstärkte sich erst einmal. Severus ließ sich ächzend neben Regulus auf den Boden sinken und streichelte ein wenig unkoordiniert über seinen Rücken, zog ihn zu sich. Verzweifelt klammerte sich der Jüngere an ihm fest. Obwohl er zurück zuckte, ließ Severus zu, dass sich Regulus bei ihm anlehnte, streichelte weiterhin über seinen Rücken, murmelte leise, sinnlose Worte in dessen Ohr. Ganz so, wie Regulus es vor einigen Monaten bei ihm gemacht hatte, nur mit deutlich mehr Nähe. Die schien er gerade zu brauchen.

„Was ist passiert?“, fragte Severus gegen Morgen, als Regulus ein wenig ruhiger wurde.

Erneut ziemlich wütend sprang Regulus auf und zerrte an seinem Ärmel, bis er ihn offen hatte. „Das hier!“, fauchte er und zeigte Severus den linken Unterarm. Ein schwarzer Totenkopf war darauf zu sehen, aus dessen Mundöffnung sich eine Schlange ringelte. „Meine Eltern waren bei der Zeugnisverleihung. Ich dachte, sie wären stolz auf mich, weil ich als Bester abgeschnitten habe! Danach wollten sie mit mir feiern, sagten sie zumindest, und ich bin mitgegangen. So blöd, ich war so blöd! Sie haben mich direkt zu einer Todesser-Versammlung gebracht und ich habe diese nette Verzierung bekommen!“ Erneut wollte er um sich schlagen.

Severus fing seine Hand auf. „Das ändert nichts.“, bestimmte er hart. „Wir werden sehen, wie wir dich da raus kriegen, aber wenn du dich verletzt, änderst du nichts.“

„Halt mich!“, bat Regulus schluchzend.

Severus schlang die Arme um ihn. Jetzt konnte er etwas zurück geben. „Immer.“, versprach er. Ein wenig unbeholfen wiegte er den Jüngeren eine Weile, doch Regulus schaffte es nicht, sich zu beruhigen. Leises, verzweifeltes Schluchzen wechselte sich mit wütenden Schimpftiraden vor allem gegen seine Eltern ab. Severus wusste nicht mehr weiter, was sollte er tun? Regulus war ein Freund, ein Vertrauter für ihn geworden, und er wollte so sehr helfen. Es tat ihm selbst weh, die große Verzweiflung zu sehen. Aber all seine Bemühungen schienen umsonst, er kam einfach nicht an ihn heran. Regulus schien ihn nicht einmal zu hören, klammerte sich aber an ihm fest. Severus' Hand strich ihm über die Wange, wischte die Tränen weg, aber immer neue folgten. Irgendwann verzweifelte auch Severus, weil er nicht helfen konnte. Einem Impuls folgend hob er Regulus' Kopf etwas an und legte seine Lippen kurz auf die des Freundes. Regulus schnappte aus seiner Stimmung und erstarrte. Seine Augen weiteten sich und der Mund stand vor Überraschung weit offen, als Severus sich zurückzog. Erst jetzt realisierte Severus, was er gerade getan hatte, und er sprang auf. „Es tut mir leid!“, wisperte er und verließ fluchtartig den Raum, rannte regelrecht in sein Zimmer.

Vollkommen durcheinander ging er unruhig auf und ab. Seine Gedanken wirbelten, aber er bekam keinen richtig zu fassen. Hatte er gerade tatsächlich Regulus geküsst? Sein erster Kuss. Nie hatte er daran gedacht, ausgerechnet einen Jungen zu küssen. Er konnte nicht abstreiten, dass es sich angenehm angefühlt hatte. Aber was war jetzt? Hatte er nun ihre Freundschaft zerstört? Seit er ein Werwolf war, hatte Severus nicht mehr daran geglaubt, sich zu verlieben. Wenn er jetzt an den Kuss dachte, kribbelte es in ihm. War er verliebt? Oder lag es nur daran, dass er jetzt darüber nachdachte? Vor allem, sollte er es mit Regulus bereden? Oder lieber ignorieren? Wie konnte er jetzt mit ihm befreundet sein? Würde es alles ändern? Würde Regulus ihn rauswerfen? Was sollte er dann machen? Wohin sollte er gehen? Hier fühlte er sich so wohl wie noch nie in seinem Leben, er wollte nicht gehen. Aber jetzt hatte er alles verändert. Er wusste nicht einmal, ob Regulus eine Freundin hatte. Über so persönliche Dinge hatten sie nie gesprochen. Severus wusste nicht einmal von sich selbst, ob er mehr auf Frauen oder Männer stand. In der Schule hatte er sich immer zurück gezogen, um möglichst wenig Kontakt mit den Anderen zu haben, vor allem mit den Rumtreibern. Da hatte er nicht darauf geachtet, was um ihn herum geschah. Und danach … darüber wollte er nicht nachdenken. Seine Gedanken glitten erneut zu den Vorfällen auf der Straße. Er spürte die Hände auf sich, roch erneut diese Mischung aus Schweiß, Dreck, Erregung. Übelkeit wallte in ihm auf und er ging in die Knie, würgte.

„Sev?“, rief Regulus von draußen, doch der Ältere reagierte nicht. Vorsichtig öffnete Regulus nach einigen weiteren, unbeantworteten Rufen, die Tür. Er fand einen haltlos zitternden Severus vor, der auf dem Boden saß, apathisch ins Leere starrte. Vor ihm war Erbrochenes, auch auf Severus' Gesicht waren noch Spuren. Instinktiv wollte Regulus die Spuren wegwischen, doch im letzten Moment hielt er sich selbst davon ab. Er erinnerte sich daran, wie Severus bei der ersten Berührung reagiert hatte. Also ließ er mit einem Schlenker seines Zauberstabes das Erbrochene verschwinden, öffnete das Fenster, um den Geruch zu vertreiben. Das, was zuvor passiert war, schob er erst einmal beiseite, um Severus zu helfen. Beruhigend sprach er auf den Älteren ein.

„Es tut mir leid.“, wisperte Severus schließlich. „Ich wollte das nicht.“

„Sev, was genau meinst du?“, erkundigte sich Regulus, erleichtert darüber, dass Severus sich offenbar wieder ein wenig beruhigt hatte.

„Ich habe alles kaputt gemacht. Dabei wollte ich dir nur helfen, aber ich wusste nicht, wie.“, erklärte Severus leise. „Du warst so verzweifelt, hast nicht mehr reagiert, du hast geweint, und ich wollte dir helfen. Irgendwie kam es dann dazu, dass ich … dich geküsst habe. Ich wollte es nicht, wollte unsere Freundschaft nicht kaputt machen. Ich bin doch gerne hier, ich wollte das nicht zerstören.“

„Sev, nicht.“, bat Regulus. „Wir sind Freunde, daran ändert das nichts. Du bleibst natürlich hier, ich habe dir versprochen, dass du hier ein Zuhause hast. Du hast auf jeden Fall geschafft, dass ich mich nicht mehr in meiner Verzweiflung verloren habe, auch wenn es eine … ungewöhnliche Methode war. Ich bin froh, dass du da bist, ich weiß immer noch nicht, wie es bei mir weitergehen soll. Der Lord will mich als seinen Tränkemeister haben, er hat mich in seinen inneren Kreis aufgenommen.“

„Was bedeutet das für dich?“, wollte Severus wissen. Er war dankbar um die Ablenkung, wollte nicht weiter über den Vorfall eben nachdenken.

„Ich habe den Vorteil, nicht direkt mit zu sogenannten ‚Einsätzen‘ zu müssen.“, schnaubte Regulus abwertend. Severus gegenüber war er erstaunlich offen. „Er braucht mich, ich darf mir nichts zu Schulden kommen lassen, damit keiner was gegen mich in die Hand bekommt. Er hat niemanden an seiner Seite, der gute Tränke brauen kann, deshalb braucht er mich so dringend. Er ist begeistert von meinen guten Noten im Abschluss, denn dadurch ist es mir möglich, das duale Studium zu absolvieren. Ab dem ersten August bin ich bei einem Tränkemeister und im September dann abwechselnd dort und an der Uni zum Studieren. Bis ich fertig bin, muss ich mich regelmäßig bei meinen Eltern sehen lassen, damit sie keinen Verdacht schöpfen. Offiziell wohne ich weiterhin bei ihnen. Außerdem wird mich der Lord wohl immer wieder rufen.“ Am Schluss wurde er ziemlich leise.

Severus sah auf und legte Regulus die Hand auf den Arm. „Du hast Angst.“, erkannte er. „Aber ich bin da, ich werde dir helfen.“ Unbeholfen zog er ihn in eine Umarmung, spürte, wie sich Regulus festklammerte. Zitternd und bebend hing Regulus an seinem Gast, versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen. Bald musste er nach Hause zu seinen Eltern, die durften ihm nichts anmerken. Der Ältere sprach beruhigend auf ihn ein, hielt ihn fest.

Nur langsam ging es Regulus besser und erst zur Abendessenszeit war er wieder in der Lage, sich seinen Eltern zu stellen. Er war sich bewusst, dass er es ohne Severus nicht so gut geschafft hätte. Wahrscheinlich gar nicht. Schließlich lächelte er Severus ein wenig missglückt an. „Danke.“

„Schon gut.“, zuckte Severus die Schulter. „Du hast so viel für mich getan, ich bin froh, dass ich dir helfen kann. Kommst du klar?“

„Es muss gehen.“, zuckte Regulus unbehaglich die Schulter. „Sie werden nichts merken.“

„Du schaffst das!“, versuchte Severus ihn aufzumuntern.

„Ich denke einfach an dich, an das, was du alles bereits geschafft hast.“, grinste Regulus. Er klopfte Severus noch einmal auf die Schulter. „Danke, mein Freund.“ Mit einem letzten Lächeln disapparierte er.

 

Die nächsten Wochen wurden ziemlich unruhig, sobald Regulus da war. Er achtete mehr als gut darauf, dass niemand auch nur einen Verdacht bekam, wo er war. Deshalb konnte er sich nicht oft losreißen, aber wenn er da war, sprach er mit Severus über das, was er erlebte. „Meine Eltern lassen mich kaum aus den Augen.“, jammerte er nur eine Woche später, als er zum ersten Mal seit seinem Zusammenbruch im Haus war. „Sie sind so stolz darauf, einen Todesser aus dem inneren Kreis aus mir gemacht zu haben.“ Regulus spuckte angewidert aus. „Sie haben dem Lord eine Menge Galleonen bezahlt. Ist das nicht dermaßen bescheuert? Sie zahlen ihm Gold dafür, dass er mich brandmarkt, und sind dann auch noch glücklich darüber! Ich stehe fast die ganze Zeit im Labor, weil der Lord eine Menge Tränke fordert. Ich wünschte, meine Eltern hätten nicht so gute Beziehungen, sie besorgen alles an Zutaten, was ich dafür brauche, auch wenn sie verboten sind. Es verursacht mir Übelkeit, wenn ich daran denke, wozu diese Tränke genutzt werden.“ Er nahm dankbar den Tee, den Severus ihm reichte. „Ist bei dir alles in Ordnung? Ich habe Kreacher beauftragt, dir weiterhin Lebensmittel zu bringen.“

„Alles gut, Reg, mach dir keine Sorgen.“, beruhigte Severus. „Ich bleibe im Haus oder wenigstens im Garten, gehe nicht in den Ort. Den Vollmond verbringe ich weiter im Wald, das funktioniert gut. Ich bin froh, dass du mich hierher gebracht hast.“

„Ich auch.“, lächelte Regulus. „Bei dir kann ich meine Masken fallen lassen. Du hast keine Ahnung, was mir das bedeutet. Einfach ich selbst sein zu können. Mich nicht verstecken oder verstellen zu müssen.“

Severus nickte ihm nur zu. Er war froh, dass sich sein Kuss nicht negativ auswirkte. Sie schwiegen sich darüber aus, taten so, als wäre es nie passiert. Severus war es am liebsten so. Er genoss es, so entspannt mit Regulus reden zu können. Das hatte er nicht einmal mit Lily jemals geschafft, außer in ihrer frühen Kindheit. Und selbst die Rothaarige wusste nur wenig über seinen Vater und dessen Ausraster, nur das, was sie gesehen hatte. Aber keiner von Beiden wusste etwas über die Zeit, bevor sein Vater so geworden war. Über Suavita hatte er nie ein Wort verloren. So viel Vertrauen hatte er nie gehabt. Obwohl er schon mehrmals darüber nachgedacht hatte, Regulus darüber zu erzählen. Aber noch war es nicht soweit. Sie waren auf einem guten Weg, aber Severus vertraute ihm nicht vollständig. Noch nicht.

 

„Bin ich froh, dass er mich nicht nach draußen schickt!“, atmete Regulus beim nächsten Treffen Mitte Juli auf. „Heute Nacht war ein Überfall auf Muggelgeborene und Muggel. Ich war auf der Versammlung danach, wo berichtet wurde. Mir ist immer noch schlecht.“ Er atmete mehrmals tief durch. „Sev, versprich mir, dass du nicht nach draußen gehst. Ich werde dieses Haus mit dem Fidelius schützen, du sollst der Geheimniswahrer sein. Bitte, ich muss wissen, dass es dir gut geht!“

„Ich bleibe hier.“, versprach Severus. Seine Augen waren weit, als er realisierte, wie viel Vertrauen der Jüngere in ihn hatte. „Du willst wirklich, dass ich dein Geheimniswahrer bin?“

„Wer sonst?“, fragte Regulus. „Niemand außer Kreacher weiß, dass du hier bist.“ Er schloss die Augen und atmete erneut durch. „Sev, der Lord hat vor einigen Tagen von einer Prophezeiung erfahren. Rodolphus war unter Vielsafttrank in Hogsmeade und hat zumindest zum Teil gehört, wie sie gemacht wurde. Es geht um ein Kind, das ihm angeblich ebenbürtig sein soll. Es wird Ende Juli geboren, und zwar von Eltern, die ihm dreimal gegenüber gestanden haben. Er will die Potters finden und ihr Kind vernichten, sollte es noch im Juli geboren werden.“

„Lily ist schwanger?“, schlussfolgerte Severus. Regulus nickte. „Sie müssen es erfahren!“

„Deshalb habe ich es dir gesagt, Sev.“, nickte Regulus erneut. „Du musst Kontakt zu ihr aufnehmen und sie warnen.“

„Und was soll ich ihr sagen, woher ich es weiß?“

„Sag einfach nichts.“, zuckte Regulus nach längerem Schweigen die Schultern. „Es gibt keine sinnvolle Begründung. Wenn sie dir vertraut, dann versteckt sie sich. Ich meine, was ist ihr Risiko dabei? Es gibt keines. Potter hat genug Gold geerbt, um ohne zu arbeiten gut leben zu können. Seine Familie ist genauso alt und steinreich wie meine oder die Malfoys. Schreib einen Brief, dann schicken wir eine Eule aus der Winkelgasse. Ich bringe ihn weg, wenn ich Zutaten einkaufe. Aber beeil' dich bitte, ich bin offiziell bereits beim Einkaufen.“

Severus nickte und schrieb eine kurze Warnung. Weil er ahnte, dass Lily nach dem Warum fragen würde, schickte er als Begründung mit, dass er dann mit Potter quitt sei. Ein Leben für ein Leben. Auch wenn er selbst nicht ganz sicher war, ob er es nicht vorgezogen hätte, getötet zu werden. Noch immer war er nicht im Einklang mit sich und seinem Werwolf-Dasein. Aber Lily sollte nicht darunter leiden. Sobald er den Brief hatte, verschwand Regulus wieder, aber erst, nachdem er Severus kurz aufmunternd in den Arm genommen hatte.

In der folgenden Nacht kam er zurück, gemeinsam mit Kreacher, der ihm half, den Fidelius-Zauber zu wirken und das Geheimnis in Severus zu versiegeln. Erneut umarmte er den Älteren kurz, bevor er wieder verschwand. Severus stand noch eine ganze Weile am gleichen Platz, starrte grübelnd auf den Punkt, an dem Regulus verschwunden war. Was bedeutete dieses Kribbeln, das bei solchen Berührungen in ihm entstand? Grummelnd riss Severus sich selbst aus diesen Gedanken, er wollte nicht darüber nachdenken. Also suchte er sich stattdessen ein Tränkebuch. Zwar würde er ohne Magie und als Werwolf wohl nie in dieser Richtung weitermachen können, aber noch immer waren Tränke seine Passion. Leider konnte er viele Tränke ohne Magie nicht herstellen, daher musste er sich auf die Theorie beschränken. Immer wieder dachte er, dass er eigentlich schlafen sollte, aber ihm war klar, dass er erneut über Regulus und sein eigenes Verhältnis zu ihm grübeln würde, also las er lieber weiter. Inzwischen hatte er das theoretische Wissen für die UTZ-Prüfungen, oder sogar darüber hinaus. Das würde er natürlich nie beweisen können, denn immerhin war seine Magie blockiert und er von Hogwarts ausgeschlossen worden.

 

„Severus!“, stürzte Regulus nach der nächsten Vollmondnacht auf den völlig erschöpften Werwolf zu. Der war nach der Rückverwandlung vollkommen fertig und kroch auf allen Vieren auf das Haus zu. Regulus hob ihn hoch und trug ihn vorsichtig ins Haus, legte ihn auf das Sofa. Mit einem kurzen Blick überzeugte er sich, dass Severus unverletzt war. Außer einigen Kratzern fand er nichts, und diese heilten bereits. Dennoch war Severus vollkommen fertig, die Verwandlung war körperlich sehr anstrengend. Regulus gab ihm einen Stärkungstrank und half ihm, sich in der Wanne zu entspannen. Sanft strich er über die Schultern und die Arme, während Severus mit geschlossenen Augen im Wasser lag. Severus schien es zu genießen, jedenfalls wirkte er vollkommen entspannt. In Gedanken versunken machte Regulus immer weiter, während er über Nichtigkeiten sprach. Erst, als Severus aus der Wanne war und auf dem Sofa lag, wurde es ernster.

„Der Lord will einen Trank von mir. Einen, den es noch nicht gibt.“, erzählte Regulus. „Der Trank soll demjenigen, der ihn trinkt, die schlimmsten Ängste zeigen. Er soll Durstgefühl auslösen, unstillbaren Durst. Am liebsten ist es dem Lord, wenn es auch noch Schmerzen dazu gibt, aber der Trank soll auf jeden Fall den Trinkenden völlig ausschalten. Ich habe Zeit bis Weihnachten allerspätestens. Ich fürchte, er wird ihn vorher verlangen. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll.“

„Ich werde dir helfen.“, versprach Severus müde.

„Schlaf erstmal, Sev.“, schüttelte Regulus den Kopf. „Du bist völlig fertig. Wir müssen nicht heute anfangen, ich muss sowieso wieder in den Grimmauldplatz. Wollte nur nach dir sehen. Ab morgen bin ich bei meinem ausbildenden Meister, das bedeutet, ich werde nur selten kommen können. Sei bitte sehr vorsichtig, Sev.“

„Versprochen.“, nickte Severus mit geschlossenen Augen. Nur mit Mühe bekam er sie nochmal auf, um sich von Regulus zu verabschieden. Noch bevor Regulus disapparierte, schlief Severus bereits.

„Hier, ich habe etwas entdeckt, das wir als Grundlage nehmen können.“, zeigte Severus ein Buch. „Ein Trank, der als Nebenwirkung Halluzinationen auslöst. Nicht ganz das, was der Lord von dir verlangt, aber eine Grundlage, mit der wir arbeiten können.“

„Wir?“, erkundigte sich Regulus erstaunt. Er stellte sich dicht neben Severus, um in das Buch sehen zu können. Ihre Schultern berührten sich, doch darauf achteten sie gerade nicht.

Severus nickte. „Ich helfe dir.“, versprach er. „Wenigstens das, was ich tun kann.“

„Du bist ein Genie in Tränken, Sev, ich bin froh, wenn du mir hilfst.“, gestand Regulus.

„Warum will er es überhaupt von dir haben? Ich meine, nichts gegen deine Fähigkeiten, Reg, aber du bist gerade eben mit der Schule fertig geworden. Wieso verpflichtet er nicht einen ausgebildeten Meister, das wäre doch effektiver für ihn.“, wandte Severus ein.

„Ich fürchte, er hat keinen Meister, der für ihn arbeitet, deshalb will er ja, dass ich möglichst schnell zum Meister werde. Und jemandem, der unabhängig von ihm ist, kann er diesen Auftrag nicht geben. Aber mit diesem Ding auf meinem Arm“, Regulus deutete angewidert auf seinen linken Unterarm, „kann ich nirgendwo hingehen.“ Er atmete mehrmals tief durch, um sich wieder zu beruhigen. „Der Lord hat mir tatsächlich die Zeit bis Weihnachten zugestanden, da ich weder in der Uni noch bei meinem Meister um Hilfe bitten kann, außerdem soll ich ja so schnell und so gut wie möglich zum Meister werden, damit er noch mehr von mir hat.“

„Was genau hat er mit dem Trank eigentlich vor?“, wollte Severus wissen. „Wenn er ihn verbreitet, dann gibt es eine Katastrophe!“

„Er will etwas damit schützen.“, erklärte Regulus. „Der Trank soll irgendwo rein, und man darf nicht einfach reingreifen können, das hat er mir vor zwei Tagen noch zusätzlich aufgetragen. Also muss unser Trank das auch noch schaffen. Ich weiß noch nicht genau, was er darin verstecken will. Nicht zu groß, aber für ihn offensichtlich mehr als wertvoll. Ich halte meine Ohren offen, ob ich mehr darüber herausfinden kann, denn vielleicht hilft es, den Lord zu stürzen. Ich will, dass er vernichtet wird.“

„Das wäre gut.“, stimmte Severus zu. Vor allem, wenn er an Lily dachte. Aber sie beide wussten auch sehr genau, dass dies sehr gefährlich werden würde. „Weißt du was von Lily? Oder von Lupin?“

„Der Lord tobt, weil er die Potters nicht finden kann. Sie haben sich wohl ebenfalls mit Fidelius versteckt.“, berichtete Regulus. „Genau weiß er es nicht, aber die Vermutung ist da. Über Lupin gibt es keine Informationen mehr, zumindest konnte ich nichts rausfinden.“

„Ich habe in meiner Zeit auf der Straße gehört, dass Lupin nach seiner Entlassung mit seinem Vater nach Kanada gegangen ist.“, erzählte Severus. „Ich bin ihm nicht böse, nicht mehr. Es war nicht seine Schuld, der Werwolf ist rein instinktgesteuert. Seit ich selbst verwandelt bin, habe ich viel darüber nachgedacht. Anfangs wollte ich, dass er dafür büßen muss, aber irgendwann habe ich erkannt, dass er nichts dafür kann. Nicht er ist Schuld.“

„Nein, er nicht. Das war mein Bruder.“, nickte Regulus. Er klang hart, aber sein Gesicht verriet ihn. Leise fügte er hinzu: „Aber trotzdem kann ich ihn nicht vergessen.“

Severus schwieg. Was sollte er dazu auch sagen? Selbst wenn Regulus seinen Bruder irgendwann wiedersehen würde, was würde dann sein? So lange Zeit in Askaban überstand man sicher nicht unversehrt. Er selbst würde Sirius Black wohl nie verzeihen, aber Regulus litt ganz offensichtlich. Eine unangenehme Stille breitete sich aus.

„Ich muss wieder los.“, stand Regulus irgendwann auf. „Meine Vorlesung fängt in zehn Minuten an. Wahrscheinlich schaffe ich es erst wieder am Wochenende, hierher zu kommen. Pass auf dich auf, Sev.“ Der Jüngere strich Severus noch einmal über die Wange, dann disapparierte er. Zurück ließ er einen vollkommen verwirrten Werwolf. Grübelnd saß er stundenlang an der gleichen Stelle, versuchte sich darüber klar zu werden, was er fühlte. Seine Wange, über die Regulus gestrichen hatte, brannte. Sobald er seine Augen schloss, sah er das Lächeln des Jüngeren vor sich. Dieses Bild ließ ihn selbst unwillkürlich lächeln.

Auch die nächsten Tage träumte Severus immer wieder vor sich hin. Jedes Mal riss er sich gewaltsam aus diesen Gedanken. Er war ein Werwolf, er war verdammt für sein Leben. Regulus war ein Freund, doch mehr würde wohl nie daraus werden. Regulus hatte etwas Besseres verdient, er sollte eine Familie bekommen. Er wusste, wie sehr der Jüngere sich eine liebevolle Familie wünschte. Er wollte es besser machen als seine eigenen Eltern. Aber mit ihm war das nicht möglich. Severus erschrak vor seinen eigenen Gedanken. Wieso dachte er das? War er verliebt? Stand er doch auf Männer? Oder war das der Wolf in ihm? Bestimmte er nun auch sein menschliches Leben? Verwirrung machte sich breit, nur um von Wut abgelöst zu werden. Wut auf die Verwandlung, Wut auf Sirius Black, Wut auf den Wolf in sich, Wut auf die Hexen und Zauberer, die es ihm nötig machten, sich hier zu verstecken. Zornbebend schlug er um sich, warf Bücher gegen die Wand und prügelte auf das Sofa ein. Irgendwann sackte er in sich zusammen, vollkommen erschöpft. Er drängte die Tränen zurück, die in seine Augen schossen. Es änderte ohnehin nichts. Sein ganzes beschissenes Leben lang hatten Tränen ihm kein Glück gebracht, sondern ihn immer nur noch tiefer reingeritten. Aber er konnte gerade nicht mehr. Alles schlug über ihm zusammen wie Wellen im Meer. Er hatte das Gefühl, zu ertrinken. Nach Luft schnappend griff er nach allem, was in seiner Nähe war, suchte Halt. Als er eine Hand erwischte, griff er zu.

„Master Severus?“, fragte Kreacher besorgt. Der Hauself wusste, dass dieser Werwolf seinem Meister sehr viel bedeutete. Nicht umsonst hatte Meister Regulus ihn hierher geholt, ihm selbst befohlen, sich um ihn zu kümmern. Kreacher wusste außerdem, dass Master Severus der Geheimniswahrer seines Meisters war. Er war froh, dass sein Meister jemanden hatte, dem er vertrauen konnte.

„Kreacher?“, erkannte Severus schließlich den Hausgeist.

„Master Severus? Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Kreacher.

„Ich … ich weiß nicht.“ Severus atmete tief durch. „Tut mir leid.“ Wieso entschuldigte er sich jetzt bei einem Hauselfen? Andererseits hatte der ihn gerade irgendwie gerettet. „Es geht schon wieder. Ist mit Regulus alles in Ordnung?“

„Meister Regulus hat Kreacher geschickt, weil er es am Wochenende nicht schaffen wird.“, berichtete Kreacher. „Meister Regulus muss zu einem Sommerball, denn seine Eltern wollen ihn in der Gesellschaft vorstellen.“

Severus sank in sich zusammen. Natürlich, Regulus war der Sohn und wohl auch Erbe dieser alten, reichen und aristokratischen Familie. Sein älterer Bruder war wohl verstoßen worden von den Eltern, auch wenn Regulus ihn nicht vergessen konnte. Aber dadurch wurde er zum Alleinerben und musste nun als Aushängeschild dienen. Vielleicht würde er dort auch auf eine Frau treffen und sich verlieben. Oder er würde verheiratet von seinen Eltern, auch sehr häufig in diesen alten Familien, um den Stand aufrecht zu erhalten und gute, reinblütige Erben zu bekommen. Vielleicht bekam Regulus da seine Familie, die er sich so sehr wünschte. Dieser Gedanke versetzte Severus einen Stich, aber er hielt sich zurück, ihm war bewusst, dass der Jüngere sich wohl nie so intensiv für ihn interessieren würde.

„Aber Kreacher hat noch eine Botschaft für Master Severus.“, machte der Hauself weiter. Severus‘ Kopf ruckte hoch und er konnte nicht verhindern, dass Hoffnung in ihm aufwallte. Kreacher nickte, als die Augenbraue fragend hochschoss. „Meister Regulus möchte, dass Master Severus weiß, er konnte herausfinden, um welches Stück es geht. In dem Trank soll eine Kette mit einem Anhänger versteckt werden.“ Der Hauself zog sich an den langen Ohren. „Kreacher konnte nicht verhindern, dass Meister Regulus dafür vom dunklen Lord bestraft wurde. Kreacher ist ein schlechter Diener für seinen Herrn!“, jammerte er.

„Nein, Kreacher, hör auf!“, befahl Severus, als Kreacher begann, seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. „Was genau ist passiert?“ Er konnte nichts dagegen tun, dass ein Eisklumpen in seinem Bauch entstand.

„Kreacher kann nicht!“, wimmerte der kleine Kerl. „Die Herrin und der Herr haben Kreacher verboten, schlecht vom dunklen Lord zu reden.“

„Aber … was ist mit Regulus?“ Das Eis in seinem Bauch breitete sich aus, hinderte Severus daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Auch wenn er den Hauselfen nicht darüber befragen konnte, was passiert war, so konnte der ihm zumindest sagen, ob es seinem Herrn gut ging. Hoffte Severus jedenfalls.

„Meister Regulus ruht sich aus.“, berichtete Kreacher, nun wieder ruhiger. „Kreacher hat keine Verletzungen gesehen, aber Meister Regulus hat sehr gezittert und konnte kaum sprechen. Ein Heiler war da und hat ihn behandelt, danach hat der Meister lange geschlafen. Als Meister Regulus wieder wach wurde, hat er Kreacher zu Master Severus geschickt.“

„Gut, Kreacher. Dann geh zurück zu Regulus.“, entschied Severus, auch wenn er ungern wieder alleine sein wollte. Aber Regulus brauchte seinen Diener dringender. Sobald der Hauself verschwunden war, raffte sich Severus auf und machte sich daran, das Haus zu putzen. Immerhin hatte er hier ziemliches Chaos veranstaltet. Anschließend kochte er ziemlich lustlos eine Suppe mit Fleischeinlage, so alleine hatte er keinen Hunger. Aber er musste essen, ansonsten würde er in der Vollmondnacht Probleme bekommen.

In der Nacht schlief er mehr als unruhig, wachte immer wieder auf, weil er im Traum sah, wie Regulus vom dunklen Lord gefoltert wurde. Jedes Mal sah Regulus ihn flehend an, doch Severus konnte einfach nicht zu ihm. Daher stürzte er sich am nächsten Tag auf die Arbeit, damit er nicht zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Dennoch konnte er nicht umhin darüber nachzudenken, was genau mit Regulus passiert sein könnte. Weshalb hatte der Lord ihn bestraft? Regulus wollte doch auf sich aufpassen! Jetzt war Warten angesagt, und das war für Severus gerade das Schwerste, was er jemals tun musste. Er versuchte, sich abzulenken, schrieb sogar einen Brief an Lily, aber er schickte ihn nicht ab. Einerseits, weil er keine Eule hatte, andererseits weil er nicht wusste, wie er mit ihr reden sollte. So lange hatte er nichts von ihr gehört, auch auf seine Warnung hatte er keine Antwort bekommen, jetzt fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Er zerknüllte Pergamentbogen um Pergamentbogen, weil er wusste, so konnte er es nicht lassen. Dazwischen lernte er wie ein Besessener, die Theorie für die UTZ-Prüfungen konnte er bald im Schlaf. Aber er machte immer weiter, zog immer mehr Bücher aus den Regalen im Arbeitszimmer. Er fand auch ein Buch über die Geschichte der Familie Black. Da fand er heraus, dass ein Onkel, der aus der Familie ausgestoßen wurde, dieses Haus an Sirius Black vermacht hatte. Zudem noch einen Batzen Gold. Regulus konnte das Haus wohl nur deshalb nutzen, weil er seinen Bruder nicht verleugnete.

 

Es dauerte fast zwei Monate, bis Regulus wirklich wieder Zeit hatte. Bis dahin grübelte Severus alleine darüber, wie sie den Trank realisieren könnten. An manchen Wochenenden schaute Regulus kurz rein, hatte aber nie mehr als eine Stunde Zeit. In diesen Minuten debattierten sie gemeinsam über den Trank, den Regulus für den Lord brauen sollte. Sie waren ein ganzes Stück weiter, aber die praktische Arbeit musste er in seinem Elternhaus durchführen, damit niemand Verdacht schöpfte. Deshalb hatte er auch so wenig Zeit, denn neben Studium und Ausbildung musste er für den Lord brauen und den Trank entwickeln. Severus ahnte, dass der Jüngere kaum Schlaf abbekam. Aber Anfang Oktober waren seine Eltern nicht da und der Trank konnte derzeit ruhen, deshalb kam Regulus am frühen Samstagmorgen zu Severus. „Hey.“, grüßte er müde.

„Regulus!“ Severus atmete erleichtert auf, als er sah, dass es ihm verhältnismäßig gut ging. „Wie geht's dir?“

„Geht schon.“, gähnte Regulus. „Ich kann bis morgen Nachmittag bleiben.“

„Schlaf erstmal.“, empfahl Severus und schob Regulus zu dessen Schlafzimmer. „Wir reden später.“

„Nein, Sev. Ich … ich will jetzt nicht schlafen. Bitte, lass mich jetzt nicht allein.“, bettelte Regulus.

Alarmiert setzte sich Severus zu seinem Gastgeber auf das Bett. „Was ist los?“

Regulus setzte sich hin, zog die Beine an und schlang die Arme darum. Eine Weile schwieg er, verbarg den Kopf in den Armen. Severus wartete ab, wissend, dass er reden würde, wenn er soweit war. „Ich will das alles nicht.“, murmelte der Jüngere schließlich. „Obwohl ich nicht nach draußen, zu den Einsätzen, muss, ist alles furchtbar. Die Anderen bringen Gefangene mit, wir müssen sie vor den Augen des Lords foltern. Ich will das nicht, verdammt!“ Er schrie auf und warf wütend das Kissen gegen die Wand. Severus fing die Hand ab und hielt ihn fest, zog den Jüngeren instinktiv in die Arme, strich ihm über den Rücken. Nach einer Weile beruhigte der sich wieder. „Ich habe einige Andeutungen vom Lord gehört und nachgelesen. Ich weiß noch nicht, was er vorhat, aber wir müssen ihn aufhalten! Sev, ich glaube, wir sind die Einzigen, die etwas tun können. Er will unsterblich sein.“

„Zuerst einmal musst du sehen, dass du zur Ruhe kommst.“, mahnte Severus. „Ich weiß, dass du Okklumentik beherrscht, aber wenn du übermüdet bist, wirst du es irgendwann nicht mehr schaffen, und dann verrätst du dich an den Lord.“ Das ‚und mich dazu‘ verkniff er sich gerade lieber. „Außerdem kannst du nur helfen, wenn du am Leben bleibst. Ich verstehe, dass du etwas tun willst, aber du bist noch so jung, hast dein Leben noch vor dir. Mach es nicht kaputt.“

„Sehr witzig.“, murrte Regulus gegen Severus' Schulter. „Mein Leben ist kaputt, seit dieser dämliche Freak mir sein Mal eingebrannt hat! Selbst wenn die andere Seite gewinnt, ich bin ein Todesser, was glaubst du, welche Chancen ich bekomme? Keine. Ich werde in Askaban landen. Vielleicht sehe ich ja meinen Bruder wieder, wenn sie denken, mir damit ans Bein pissen zu können!“

„Du darfst jetzt nicht aufgeben, Reg!“, bat Severus. Er musste den Jüngeren irgendwie da rausholen. „Alleine schaffe ich das nicht.“

„Du bist so stark, Sev. Ich wünschte, ich könnte das auch.“, nuschelte Regulus.

„Du bist nicht schwach, Reg. Im Gegenteil.“, schüttelte Severus den Kopf. „Du hast mir ein Leben gegeben, als ich kurz vor dem Aufgeben war. Ich hatte keine Perspektive mehr, du hast mir eine gegeben. Jetzt bin ich für dich da. Gemeinsam schaffen wir das. Ich überlege mir eine Lösung, damit wir dich da wieder rausholen können.“

Regulus ließ sich fallen und schmiegte sich an Severus, schöpfte Kraft. Irgendwann schlief er ein, noch immer in den Armen des Älteren. Auch Severus schloss die Augen, er war müde, in wenigen Tagen war erneut Vollmond und er spürte bereits die Auswirkungen. Eng aneinander geschmiegt schliefen sie ruhig, tief und fest. Erst Stunden später öffneten sie beinahe gleichzeitig die Augen. Ein wenig beschämt lösten sie sich voneinander und wandten sich ab. „Entschuldigung.“, murmelten sie gleichzeitig und mussten kurz lachen, wurden aber schnell wieder ernst.

„Wie weit bist du mit dem Trank?“, erkundigte sich Severus, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen.

„Am liebsten würde ich ihn nicht liefern.“, gab Regulus zu. „Damit kann so viel Schlimmes angerichtet werden.“

„Das stimmt zwar, aber dann musst du darunter leiden. Also bitte, mach das nicht. Wir finden eine andere Lösung!“, beschwor ihn Severus.

„Na gut.“, brummte der Jüngere. „Ich bin auf einem guten Weg, aber es wird noch eine Weile dauern. Ich weiß noch nicht, wie ich es schaffen soll, dass man nicht hineingreifen kann, sondern ihn nur ausschöpfen. Die einzige Möglichkeit, die ich kenne, verträgt sich nicht mit den Zutaten, die die Halluzinationen auslösen.“

„Dann setzen wir da an.“, entschied Severus. „Ich habe viel gelesen in den letzten Wochen und vielleicht eine Idee. Komm, ich zeige es dir.“ Er brachte Regulus ins Arbeitszimmer und schlug zielsicher eines der vielen Bücher auf. Gemeinsam beugten sie sich darüber.

„Das könnte tatsächlich eine Lösung sein.“, nickte Regulus anerkennend. „Wenn wir dazu noch geriebene Wellhornschnecken geben, dann müsste es sich eigentlich verbinden.“

„Und mit einer Unze gemahlener Drachenschale solltest du erreichen, dass die Schmerzen sich auf das Durstgefühl auswirken.“, ergänzte der Ältere. „Damit hast du dann genau das, was der Lord von dir will.“

„Das einzige Problem dürfte der Zeitfaktor sein.“, rechnete Regulus. „Ich muss den Trank ziemlich lange kochen lassen, damit die Wellhornschnecken-Partikel sich vollständig auflösen, genau wie die Drachenschale. Das bedeutet, er braucht etwa drei Monate, bis er komplett fertig ist. Der Lord will ihn bis Weihnachten. Das wird nicht klappen, ich schaffe es frühestens Mitte Januar, fertig zu sein.“

„Du schaffst es, wenn du die Schalen einfrierst, bevor du sie mahlst, dann werden sie brüchig, ohne die Wirkung zu verlieren, und sie lösen sich schneller auf.“, konterte Severus. „Die Wellhornschnecken kannst du in ein wenig Wasser auf höherer Temperatur vorkochen, das sollte machbar sein, ohne das Ergebnis zu verfälschen.“

„Du hast Recht. Und da vor allem die Dracheneier reglementiert sind, ist sichergestellt, dass er nur eine kleine Menge bekommen kann. Also kann er nicht anfangen, Menschen im großen Stil damit zu vergiften!“, atmete Regulus auf. „Du bist genial, Sev!“ Er umarmte seinen Gast euphorisch und küsste ihn flüchtig auf die Wange vor lauter Dankbarkeit. „Und vielleicht finde ich dann sogar heraus, was es mit dem Medaillon auf sich hat! Ich weiß zwar noch nicht, was wir dann machen, aber dir fällt sicher was ein. Danke, Sev! Ich muss los, damit ich gleich anfangen kann. Ich melde mich. Wenn du was brauchst, dann ruf nach Kreacher, er wird dir helfen. Bis dann!“ Und weg war er mal wieder. Zurück ließ er einen erneut grübelnden Severus.

Er machte sich ein weiteres Mal an die Hausarbeit. Währenddessen erinnerte er sich zurück an die ersten Wochen hier im Haus. Es war verwirrend gewesen, sich wieder an ein normales Leben in einem Haus zu gewöhnen. Jeden Tag Essen, Trinken, Kleidung und die Möglichkeit einer Dusche zu haben, war so ungewohnt für ihn, dass er Probleme damit gehabt hatte. Erst sehr langsam gewöhnte er sich an diesen Luxus. Jetzt war es normal für ihn und er betete darum, dass es so bleiben konnte.

 

Als Regulus das nächste Mal kam, wirkte er vollkommen aufgedreht. Sie hatten sich Monate nicht gesehen, da Regulus zu sehr von Studium, Meisterlehre und dem dunklen Lord vereinnahmt wurde. Ab und zu brachte Kreacher Nachrichten, aber ansonsten war Severus vollkommen auf sich alleine gestellt. Noch immer hielt er sich nur im oder am Haus auf. Zu groß seine Angst, erkannt zu werden. Außerdem wusste er, dass der Lord und vor allem seine Todesser sehr aktiv waren. Ihnen wollte er unter keinen Umständen begegnen, weil er auch ahnte, dass diese ihn als nicht nützlich einstufen würden und ihn höchstens als Opfer sahen. Kurz vor Weihnachten stolperte Regulus in Severus' Zimmer, weckte ihn damit aus dem Schlaf, immerhin war es weit nach Mitternacht. „Ich habe es geschafft! Der Trank ist fertig!“, jubelte er. „Der Lord ist zufrieden und hat um einen Hauselfen gebeten. Damit er nicht noch mehr Anhänger einweihen muss, wollte er Kreacher haben. Der ist mitgegangen und wird kommen, sobald er vom Lord entlassen wird. Ich habe den Trank in ein Gefäß, das in einer Säule eingebaut war, geben müssen. Die Hälfte des Trankes passte rein. Der Lord hat alles mitgenommen.“

Völlig wach aufgrund dieser Informationen richtete sich Severus auf. „Es hat funktioniert?“, staunte er.

„Dank deiner Tipps hat es geklappt!“, umarmte ihn Regulus enthusiastisch. „Du bist genial, Sev!“ Völlig überdreht küsste er ihn auf die Stirn, die Wangen, schließlich sogar auf die Lippen. Severus' Herz geriet ins Stolpern, seine Wangen brannten und sein Magen kribbelte wie verrückt. Doch noch bevor sie weiter machen oder darüber reden konnten, tauchte ein leichenblasser Kreacher auf, der schwankte, die Augen verdrehte und zusammen brach.

„Kreacher!“, sprang Regulus auf und war mit einem Schritt bei seinem Hauselfen. Hilflos hob er ihn hoch und legte ihn mangels Alternativen auf das Fußende von Severus' Bett. Er rüttelte an seiner Schulter, versuchte, ihn irgendwie wach zu bekommen.

„Nutz' einen Diagnosezauber.“, riet Severus.

„Ja, richtig.“, nickte Regulus fahrig und griff nach seinem Zauberstab. Er brauchte drei Anläufe, bis er ein Ergebnis hatte. „Verdammt! Er muss ihn gezwungen haben, den Trank zu nehmen! Kreacher hat eine Vergiftung erlitten!“

„Du hast doch einen Bezoar.“, erinnerte Severus. „Er wird nicht die gesamte Wirkung aufheben, aber genug helfen, damit die Elfenmagie ihn heilen kann.“

Der Jüngere rannte in sein Labor, griff zielsicher in ein Regalfach und nahm den Bezoar heraus, sprintete zurück in Severus' Zimmer, wo er den Stein in Kreachers Mund drückte. Sie konnten zusehen, wie der wieder Farbe bekam und letztlich die Augen aufmachte. „Meister Regulus!“, hauchte er erleichtert.

„Kreacher, wie geht's dir?“, wollte sein Herr wissen.

„Kreacher ist froh, dass Meister Regulus ihn gerettet hat.“

„Was ist passiert?“

Kreachers Bericht, ergänzt durch Regulus' Erzählung, klang nach einem richtigen Abenteuer. Gespannt lauschten die beiden jungen Männer. Der Lord rief nach der Versammlung Regulus zu sich. „Regulus Black, ich hatte dir eine Aufgabe gegeben. Was kannst du mir berichten?“, zischte der Dunkle, als sie alleine in seinem Arbeitszimmer waren.

Regulus spürte die schlechte Stimmung und kniete sich nieder, küsste den Saum des Umhangs und verharrte am Boden, als er zu Sprechen begann. „Mylord, ich habe einen Trank entwickelt, der euren Anforderungen entsprechen sollte. Leider konnte ich ihn nicht testen, ohne aufzufallen.“ Er griff in seinen Umhang und reichte dem Lord mit zitternden Fingern zwei Phiolen, die sorgsam verkorkt waren. „Mehr konnte ich nicht herstellen, ohne dass ich im Ministerium aufgefallen wäre, da einige der Zutaten streng reglementiert und auch in der Nokturngasse nicht ohne Weiteres zu haben sind.“

„Sehr gut, mein treuer Diener.“, nickte der Lord. Scheinbar sollte es anerkennend wirken. Er nahm eine Phiole und entkorkte sie. Mit einem Wink seiner Hand stand eine Art Säule vor ihm, die oben ein Becken hatte. Dort hinein legte der Lord ein Medaillon an einer Kette, dann goss er den Trank darüber und versuchte erfolglos, nach dem Medaillon zu greifen. Er wirkte sehr zufrieden. „Dann werde ich mein … Artefakt sofort in Sicherheit bringen. Nur dein Trank fehlte mir bislang.“ Er ging einige Schritte auf und ab, schien etwas zu Überlegen, denn er runzelte die Stirn, so gut es eben ging, und wirkte gedanklich komplett abwesend. Regulus verharrte, hielt sogar die Luft an, um unauffällig zu bleiben. „Meine Unsterblichkeit darf nie bekannt werden.“, murmelte der Lord vor sich hin. Er bemerkte scheinbar nicht einmal, dass er sprach. „Ich, der ich bereits so viel weiter gegangen bin als jeder vor mir, werde in die Geschichte eingehen als der unsterbliche Lord und Herrscher! Ich, der Erbe Slytherins, werde sehen und hören können, wie die Menschen meinen Namen voller Ehrfurcht aussprechen. Schon bald werden sie Dumbledore vergessen, er wird sterben, aber ich werde ewig leben, selbst wenn er mich töten sollte!“ Der dunkle Lord lachte zischend.

Regulus zuckte zusammen, als er das hörte. Diese Bewegung ließ den Lord wieder auf ihn aufmerksam werden. Schnell beugte sich Regulus noch tiefer. „Mein treuer Diener, du besitzt doch sicher einen dir ergebenen Hauselfen?“

„Natürlich, Mylord.“, antwortete Regulus, verwirrt vom plötzlichen Themenwechsel.

„Ruf ihn, junger Black, ich brauche einen treuen Hauselfen. Da ich niemanden weiter einweihen werde, soll dein Diener mich begleiten.“, entschied der Lord. Seine Augen glühten feuerrot und er wirkte beinahe fiebrig auf Regulus, so voller Tatendrang und unterdrückter Eile.

„Kreacher!“, rief Regulus nach seinem Hauself. Sofort tauchte dieser auf. Leise befahl er: „Kreacher, der Lord braucht deine Hilfe. Geh mit ihm, folge seinen Befehlen, und danach komm' zurück zu mir. Du weißt, wo du mich findest?“

„Das weiß Kreacher.“, nickte der Kleine. „Kreacher wird zu Meister Regulus kommen, sobald der dunkle Lord ihn entlässt. Bis dahin wird Kreacher die Befehle des dunklen Lords ausführen, als wäre dieser sein Meister.“

Zufrieden nickte Regulus ihm zu, dann griff der dunkle Lord mit einer Hand nach ihm, mit der anderen nach der Säule, und disapparierte. Während Regulus das Haus verließ und unbeobachtet verschwand, tauchte Kreacher mit dem dunklen Lord in einer kleinen Höhle auf. „Deinen Arm!“, befahl der Lord harsch. Kreacher hob seinen Arm an. Er zuckte nicht zurück, als der dunkle Lord mit einem Messer darüber fuhr und eine blutende Wunde verursachte. Diese drückte er an das beinahe schwarze Gestein, woraufhin sich ein Durchgang bildete. Der Hauself zog seine Hand zu sich und strich kurz über den Arm, wodurch seine Verletzung verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ein leises, aber sehr schnell wieder verschwundenes Grinsen zierte sein Gesicht. Alle, auch der dunkle Lord, unterschätzten die Magie der Hauselfen. Lautlos und aufmerksam folgte er dem Lord, ahnend, dass es noch schlimmer kommen würde.

An einer Stelle, die sich durch nichts von der restlichen Höhle unterschied, blieben sie stehen. Erst jetzt konnte Kreacher sich umsehen. Die Höhle war fast komplett in Dunkelheit getaucht, nur ein kleines Licht, erschaffen vom Zauberstab des Lords, spendete ein wenig Helligkeit. Die dunklen Steine schienen zu glühen, wenn das Licht auf sie fiel. Scharfkantig und ungleichmäßig ragten sie vom Boden, von den Wänden und auch von der Decke in den Luftraum. Bei jedem Schritt musste man genau darauf achten, wohin man seine Füße setzte, denn ansonsten bestand die Gefahr, von den scharfen Kanten geschnitten zu werden. Außerdem war nur ein schmaler Grat, auf dem man laufen konnte, denn der Großteil des Höhlenbodens lag unter Wasser. Das Wasser wirkte schwarz, beinahe ein wenig zähflüssig auf Kreacher, und die Magie des Hauselfen konnte spüren, wie dunkel es war. Im magischen Sinne dunkel. Etwas Böses steckte im Wasser und Kreacher hütete sich davor, das Wasser zu berühren. Auf keinen Fall wollte er herausfinden, was dort drin steckte.

Während Kreacher sich umsah, holte der dunkle Lord ein kleines Boot aus dem Wasser. Er streckte einfach seine Hand aus und verharrte in dieser Position, bis das Boot vor ihm hielt. Mit einem Wink befahl er Kreacher, zu ihm ins Boot zu steigen. Der Hauself erkannte, dass der Lord diese Höhle bereits präpariert haben musste, woher sonst sollte er all die Geheimnisse kennen? Er sagte nichts, beobachtete aber sehr genau, wissend, dass sein Meister möglicherweise einen Bericht fordern würde. Nein, nicht möglicherweise. Ganz sicher. Kreacher wusste, sein Meister hatte sich verändert, seit er Master Severus aufgenommen hatte. Er war der Einzige, der wusste, wie viel sein Meister für den Werwolf empfand, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Aber so lange Meister Regulus dem dunklen Lord diente, würde er wohl weiterhin nur heimlich zu Master Severus gehen. Vermutlich war er auch jetzt dort. Kreacher machte sich darüber keine Gedanken, er würde seinen Meister finden, wo auch immer dieser war. Das war Hauselfen-Magie. So lange er an ihn gebunden war, würde er ihn finden.

Mittlerweile waren sie ein ganzes Stück vom Ufer entfernt und hielten auf eine kleine Felsinsel inmitten des Wassers zu. Kreacher saß zusammengekauert im Boot und wagte nicht, sich zu rühren, da er Angst hatte, sonst ins Wasser zu fallen. Doch sie kamen heil an der Insel an und stiegen aus. Der Lord stellte die Säule an die höchste Stelle der Insel und wirkte einen Zauber, der sie mit dem Boden verband. Schaudernd erkannte Kreacher, dass er in Parsel, der Sprache der Schlangen, zauberte. „Komm.“, ergriff der Lord erneut das Wort und Kreacher beeilte sich, zu ihm zu gehen. Er bekam eine Schale in die Hand. „Schöpf' den Trank ab und leere ihn.“

Zitternd gehorchte Kreacher, er hatte keine andere Möglichkeit. Sofort spürte er die Wirkung, als er den ersten Schluck getrunken hatte. Panisch wimmerte Kreacher, doch der Lord zwang ihn unbarmherzig dazu, immer weiter zu trinken. Kreacher glaubte, von Regulus verstoßen zu werden. Er sah ihn, wie er ihm Kleidung schenkte. Dazu kamen starke Schmerzen, die seinen gesamten Körper erfassten, und quälender Durst. „Wasser, bitte!“, flehte Kreacher immer wieder, doch er wurde ignoriert. Im Gegenteil, der Dunkle zwang ihn, immer weiter zu machen. Erst, als er das Becken geleert hatte, entließ der dunkle Lord ihn aus seinen Fängen, zufrieden mit dem Ergebnis. Er leerte die zweite Phiole hinein und wirkte einen mächtigen und komplizierten Zauber, dass sich der Trank immer wieder auffüllte, sollte er jemals geleert werden, dann stieg er in das Boot und verschwand in der Dunkelheit.

Kreacher jammerte und schrie nach seinem Meister, flehte um Wasser, doch niemand hörte ihn. Mühsam rappelte er sich auf und schleppte sich zum Ufer, weil er glaubte, verdursten zu müssen. Doch sobald er eine Hand ins Wasser hielt, um daraus zu trinken, griff etwas nach ihm. Mit einem gellenden Schrei stürzte Kreacher ins Wasser, wo er sofort in die Tiefe gezogen wurde. Hände griffen nach ihm und ließen ihn nicht mehr los. Gurgelnd und strampelnd versuchte Kreacher, sich zu befreien. Er kratzte, biss und trat, doch da waren immer neue Hände, die nach ihm griffen und ihn in die Tiefe zogen. Langsam wurde es schwarz vor den Augen des Hauselfen, doch tief in seinem Unterbewusstsein erinnerte er sich an den Befehl seines Meisters, zu ihm zurück zu kehren, sobald der Lord ihn entließ. Kreacher mobilisierte seine letzten Reserven und nutzte seine Magie, um aus dem Wasser direkt zu seinem Herrn zu apparieren.

Eine Weile schwiegen alle, als der Bericht des Hauselfen zu Ende war. „Wir müssen herausfinden, was er meinte.“, durchbrach Severus schließlich die Stille. „Ist er wirklich unsterblich? Wie hat er es gemacht? Was hat dieses Medaillon damit zu tun?“

„Vielleicht sollte ich es einfach aus der Höhle holen.“, überlegte Regulus.

„Nein, Meister Regulus, bitte nicht. Kreacher will nicht, dass dem Meister etwas geschieht.“, bettelte der Hauself.

„Ich bin auch der Meinung, dass wir erstmal mehr darüber herausfinden müssen.“, stimmte Severus zu. Er stoppte Regulus mit einer Handbewegung, als der widersprechen wollte. „Denk nach, Reg, wenn es wirklich um die Unsterblichkeit des Lords geht, denkst du, er verlässt sich nur auf deinen Trank? Da wird sicher noch mehr sein, was dieses Medaillon beschützt. Vielleicht sollten wir erst wissen, was genau dieses Medaillon ist, bevor wir es holen.“

„Du hast Recht, Sev.“, gab Regulus widerstrebend nach. „Aber wie finden wir das raus?“

„Wir nutzen die Bibliothek hier, und die aus deinem Elternhaus.“, zuckte Severus die Schultern. „Da stehen viele Bücher über dunkle Magie. Ich denke, die weiße Magie können wir außen vor lassen. Aber viele der Bücher sind verboten, darin werden wir am ehesten Informationen finden.“ Auch wenn er selbst zweifelte, dass genau das, was sie suchten, darin stand.

„Na gut.“, stimmte Regulus zu. „Du hast sicher Recht. Dann machen wir uns an die Bücher. Kreacher, du ruhst dich aus.“ Er deckte den Hauselfen zu und löschte das Licht im Salon. Inzwischen war es beinahe Morgen, aber die beiden jungen Männer waren viel zu aufgewühlt, um zu schlafen. Im Arbeitszimmer setzte sich jeder an einen Schreibtisch, und sie griffen nach den ersten Büchern. Konzentriert blätterten sie, markierten sich relevante Stellen, um später genauer nachzulesen. Severus ging kurz in die Küche und machte Tee und einige Sandwiches, dann konzentrierte er sich erneut auf die Bücher.

Kreacher, der sich wieder erholt hatte, unterbrach sie gegen Mittag, weil er etwas zu Essen brachte. Ihm war durchaus bewusst, dass er seinen Herrn wohl nicht aus dem Arbeitszimmer bekam, bis der seine Frage beantwortet hatte. Ohne einen Blick darauf aßen sie Steak und Kartoffeln, während sie weiterhin blätterten. Der Stapel, auf den sie die Bücher legten, in denen sie später noch einmal nachlesen wollten, war nicht besonders groß, aber er bedeutete Hoffnung für sie. Auch wenn sie derzeit verdrängten, dass sie nicht wussten, wohin mit diesen Informationen. Ihnen war irgendwie bewusst, dass sie es wohl nicht alleine schaffen würden.

„Wir sollten schlafen.“, murmelte Regulus gegen Abend. „Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen und ich kann mich kaum noch konzentrieren. Außerdem sollten wir überlegen, wie wir das, was wir herausfinden, an Dumbledore weitergeben können. Alleine schaffen wir es wohl nicht.“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“, nickte Severus und unterdrückte ein Gähnen. „Und ich bin leider überzeugt, dass es nur eine Möglichkeit gibt. Dumbledore wird uns nicht anhören, nicht einfach so. Wenn du einverstanden bist, schreibe ich an Lily und bitte sie, mit Potter zusammen zu einem Treffpunkt zu kommen.“

„Du würdest mit James Potter sprechen?“, staunte Regulus. „Du hast dich verändert.“

„Wie könnte ich der Gleiche bleiben?“, sinnierte Severus. „Potter hat mein Leben gerettet, er hat sich selbst als Animagus enttarnt, um mich zu retten. Ja, er war nicht besonders nett zu mir in der Schule, aber ich sehe das inzwischen nicht mehr so eng. Natürlich würde ich mich über eine Entschuldigung freuen, aber ich habe ihm bereits verziehen. Er kämpft an Dumbledores Seite. Ich denke, er würde zuhören.“

„Na gut, dann machen wir das.“, stimmte Regulus zu. Nicht vollkommen überzeugt, aber ihm fiel nichts anderes ein. Dumbledore würde ihnen nicht glauben, nicht einmal unter Veritaserum. Er war so verbohrt, wenn es um Slytherins ging. Und er hatte auch noch das Mal. Das hatte Severus zwar nicht, aber seine Ideale stimmten doch überhaupt nicht mit denen des Alten überein. Er nickte erneut. „Machen wir das, aber erst schlafen wir. Ich kann nicht bleiben, meine Eltern vermissen mich sicher schon.“ Er umarmte Severus und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich komme sobald wie möglich wieder. Kreacher lasse ich erstmal hier, schick' ihn zu mir, wenn du eine Antwort von Potter bekommst, okay?“

„Mach ich.“, versprach Severus und atmete tief ein. Der Geruch von Regulus war ihm vertraut und beruhigte ihn, aber er ließ auch seinen Magen flattern. Severus konnte nicht genug davon bekommen, auch wenn er es nicht zugeben würde. So genoss er einfach nur die Nähe, so lange er sie hatte.

Regulus merkte das und gab ihm einen weiteren, sanften Kuss auf die Wange. „Schlaf gut.“

„Du auch. Und pass' auf dich auf.“, erwiderte Severus. „Der Lord darf auf keinen Fall etwas merken.“

„Ich habe schon von klein auf Okklumentik gelernt.“, versicherte Regulus. „Ich kann ihm das zeigen, was er sehen darf, ohne dass er merkt, dass ich ihn draußen halte. Okklumentik und Tränke waren immer meine besten Disziplinen.“ Er hielt einen Moment inne. „Verdammt, das hätte ich dir schon längst beibringen müssen! Ohne Magie ist es zwar schwer, aber nicht unmöglich. Pass auf, Sev, bis ich wiederkomme, versuchst du bei jeder Gelegenheit, deinen Kopf zu leeren, einfach an nichts zu denken.“

„Gut, ich mache das.“, bestätigte Severus. Auch ihm war bewusst, wie wichtig das sein konnte, wenn er hier raus musste. „Und jetzt geh, damit deine Eltern nicht nach dir suchen und möglicherweise Verdacht schöpfen.“

Nach einer letzten Umarmung trennten sie sich. Regulus verschwand mit dem charakteristischen Ploppen einer Apparation und Severus entschied, zuerst duschen und dann ins Bett zu gehen.

Am Morgen begann er, die Markierungen durchzusehen. Die ersten Bücher legte er wieder beiseite, bei näherer Betrachtung war es nicht das, was sie suchten. Ein Begriff tauchte auf, den er noch nie gehört hatte, aber er wurde nicht näher erklärt. Severus schrieb ihn auf, da er das Gefühl hatte, er würde etwas bedeuten. ‚Horkrux‘ stand auf dem Pergament. Es wirkte dunkel, der Begriff alleine ließ ihn schaudern. Fieberhaft versuchte er, eine Erklärung zu finden. Erst, als Kreacher ihm Mittagessen brachte, legte er die Bücher eine Weile zur Seite. Er erinnerte sich an das, was Regulus ihm aufgetragen hatte, und schloss seine Augen. Tief atmend löste er sich von seinen Gedanken. Es war nicht leicht, aber Severus hatte noch nie einfach so aufgegeben, also konzentrierte er sich darauf, seine Gedanken wegzuschieben. Einen nach dem anderen. Mit jedem Gedanken, den er wegschloss, wurde er ruhiger. Ganz schaffte er es nicht, den Geist wirklich zu leeren, aber er merkte, wie er es machen musste. Es tat ihm gut, das spürte er. Mit neuem Elan beugte er sich wieder über die Bücher.

Einige Wochen später war er mit den Büchern im Haus fertig. Leider hatte er die passende Antwort nicht gefunden. Auch zum Thema Horkrux fand er nichts weiter. Er schickte Kreacher mit diesen Nachrichten zu seinem Meister, hoffend, dass es Regulus zu ihm bringen würde. Er vermisste ihn sehr. Die Sehnsucht nach Nähe wurde immer größer. Es war das erste Mal seit Lily, dass er einen Menschen so nah an sich heran gelassen hatte. Ganz sicher war Severus nicht, ob er nun verliebt war oder ob es freundschaftliche Gefühle waren, die er hegte, aber eines wusste er: Er wollte Regulus nicht verlieren. Er wollte ihn in seiner Nähe haben. Diese Art, die der Jüngere hatte, so unbekümmert mit ihm umzugehen, war etwas, das Severus nicht kannte, aber er genoss es sehr. Hier musste er sich nicht verstellen, musste niemandem etwas vorspielen. Auch wenn er seine Gefühle nicht zeigen konnte, Regulus schien es dennoch zu spüren, wann er Nähe brauchte. Diese flüchtigen Küsse, die warmen Umarmungen, das offene Sprechen, alles Zeichen, dass sich auch Regulus mit ihm zusammen wohlfühlte. Severus seufzte leise. Er konnte Lilys Stimme in seinem Kopf hören, die ihm sagte, dass er verliebt war. Wahrscheinlich hatte sie Recht.

Regulus konnte nicht sofort kommen, da er im Labor war und einen Trank brauen musste. Außerdem arbeitete er mit seinem Meister an einem Experiment, und er sollte noch eine Ausarbeitung für die Uni fertig stellen. Daher schickte er Kreacher, der Severus Bescheid gab. Er bat ihn, geduldig zu bleiben, weiterhin das Leeren seines Geistes zu üben und einen Brief an die Potters zu schreiben, falls er das noch nicht getan hatte. Laut Kreacher hatte Regulus gesagt, er habe Neuigkeiten, die ein Treffen unbedingt erforderlich machten. Außerdem hatte Kreacher einige Bücher aus der Bibliothek der Blacks dabei, in denen Severus weiter recherchieren konnte. Mit einem Dank schickte er Kreacher zurück, bevor er sich erneut ins Arbeitszimmer setzte und das erste der Bücher öffnete. Das erste von Vielen in den nächsten Monaten. Bis er auf eines stieß, das ihn schaudern ließ.

Bereits nach wenigen Seiten war er froh darüber, seinen Geist leeren zu können. Die Informationen in dem Buch waren mehr als anschaulich geschrieben und Severus wusste sofort, warum es auf dem Index der verbotenen Bücher stand. Das hier war grauenvoll, durch und durch schwarz-magisch. Er schauderte bei der Darstellung des Cruciatus-Fluches und der Beschreibung der Opfer, die zu lange und zu oft darunter leiden mussten. Schnell blätterte er weiter, damit wollte er sich gerade nicht beschäftigen. Er schob die Bilder aus seinem Kopf, erstaunt, wie leicht es ihm trotz allem fiel, und blätterte weiter, ignorierte die für ihn gerade nicht relevanten Dinge. Weit hinten, als er schon nicht mehr daran glaubte, etwas zu finden, stieß er auf einen Abschnitt, den er genauer las.

Der Horkrux ist der ultimative dunkle Zauber. Nur ein Zauberer, der durch und durch schwarz-magisch ist, wird ihn wirken können. Allerdings kann man nur davon abraten, diesen Zauber tatsächlich zu nutzen, denn er bewirkt, dass die Seele des Anwenders gespalten wird. Sie bricht auseinander, unwiderruflich. Bei der Nutzung spaltet sich ein Stück der Seele ab, das man durch den Zauber in einem Gegenstand einschließen kann. Für frühere Zauberer war das eine Art Unsterblichkeit, denn man kann zwar den Körper des Anwenders töten, aber seine Seele, oder besser gesagt das abgespaltene Stück, kann weiterleben. Doch ist das eine Existenz, die man anstreben sollte? Körperlos am Leben? Unendlich, wenn niemand diesem Bruchstück einen neuen Körper verschafft. Die Anwendung des Zaubers bewirkt außerdem, dass sich der Anwender verändert, eine Veränderung, die den Körper und den Geist betrifft. Die Menschlichkeit geht verloren, wie es heißt. Aber da die Menschlichkeit eines Zauberers durch die Seele bestimmt wird, ist das eine logische Folge. Noch nie ist jemand weiter gegangen, als eine Teilung zu wagen, zumindest soweit man weiß. Diese Menschen wurden schnell erkannt, da die deutlichste Veränderung die Augenfarbe ist: Bei ausnahmslos jedem, der diesen Zauber angewendet hat, wurden die Pupillen zu einem aggressiven Rot. Bei weiteren Teilungen geht man davon aus, dass sich der Körper immer weiter verändert, weniger menschlich wird.

Severus hielt inne. Hatte Regulus nicht davon gesprochen, dass der Lord unheimlich aussah? Er musste ihn unbedingt danach fragen. Natürlich könnte es auch andere Erklärungen geben. Deshalb mussten sie noch mehr herausfinden. Also beugte sich Severus erneut über das Buch und las weiter.

Auch, wenn wir vor der Anwendung dieses Zaubers warnen, so ist es uns dennoch ein Anliegen, den Leser gründlich und ausführlich zu informieren. Als Anwender muss man bereit sein, Böses zu tun. Um den Zauber zu aktivieren, muss man die ultimative böse Tat vollbringen. Ohne einen Mord aus niederen Beweggründen wird der Zauber nichts als einfache Worte sein. Neid, Habgier oder Hass spielen eine Rolle. Je stärker diese Gefühle, desto sicherer wird die Seele brechen und ein Stück abspalten. Deshalb auch die Verminderung der Menschlichkeit des Anwenders. Der Zauber an sich ist schwarz-magisch, deshalb auch nicht von jedem Zauberer anwendbar. Die Formel jedoch werden wir an dieser Stelle nicht aufführen, denn es soll ein informatives Werk bleiben, keine Anleitung für ein unendliches Leben werden. Wir wissen durchaus, wie leicht man dieses Werk für böse Absichten nutzen kann, aber es soll ausschließlich dem Informationsgewinn dienen. Es gibt im Übrigen nur zwei bekannte Wege, einen geschaffenen Horkrux zu vernichten: Dämonsfeuer und Basiliskengift. Alles Andere wird einem Horkrux keinen dauerhaften Schaden zufügen können.

Severus hörte mit dem Lesen auf. Diese Information reichte ihm. Er war sicher, dass sein Gefühl ihn nicht betrogen hatte. Der Lord hatte Horkruxe geschaffen. Ja, Mehrzahl. Davon war Severus absolut überzeugt. Ob Regulus das hier auch gelesen hatte? Lag es deshalb auf dem Stapel ganz oben? Vermutlich, wurde Severus klar, deshalb hatte er auch darum gebeten, einen Brief an die Potters zu schicken. Nur, würden sie den bekommen, wenn sie sich mit Hilfe des Fidelius versteckten? Severus' Gedanken rasten. Er musste sich einen anderen Weg einfallen lassen, denn soweit er wusste, war der Fidelius auch bei Posteulen wirksam, außer er wurde so gewirkt, dass er Tiere ausnahm. Aber davon war bei den Potters nicht auszugehen, immerhin schwebten sie in steter Gefahr. Würde Lily weiterhin Kontakt mit ihren Eltern haben? Konnte er es wagen, per Muggelpost einen Brief an sie zu schicken? Aber was konnte er darin schreiben, ohne etwas zu verraten, wenn er in falsche Hände geriet? Ohne einen allzu offensichtlichen Hinweis auf sich selbst oder seinen Aufenthaltsort zu geben? Er musste sie um ein Treffen bitten, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, aber so, dass nur Lily es identifizieren konnte. Und dann? Sie würde Potter mitbringen, sofern sie überhaupt kam. Wie konnte er sie überzeugen? Aber das schob er erst einmal von sich, erst musste er sich auf das Problem des Briefes konzentrieren. Oder noch davor auf den Ort und die Zeit, damit sie sich treffen konnten.

Genau deshalb hatte er sich vor dem Brief gedrückt bisher. Seufzend stand Severus auf und lief in die Küche. Er hatte beinahe den ganzen Tag über das Buch gebeugt verbracht. Wahrscheinlich sollte er die anderen auch noch lesen, aber für heute reichte es ihm. Sein Instinkt sagte ihm, dass er das Richtige gefunden hatte. Doch um gründlich zu sein, nahm er sich für morgen die anderen Bücher vor. Er legte ein halbes Hähnchen in die Pfanne, richtete dazu Gemüserisotto und eine Pilzsauce. Ihm war egal, wie seltsam diese Kombination sein könnte, es erinnerte ihn an seine frühe Kindheit, an die Zeit, als seine Eltern diese Bezeichnung noch verdienten. An die Zeit, als alles noch gut war. Das Gemüse hatte seine Mama auf den Fensterbrettern oder im kleinen Garten selbst gezogen, die Pilze hatten sie aus dem Wald. Schon immer hatten sie ein paar Hühner gehalten, damit sie Eier, Federn und Fleisch hatten. Eine kurze Zeit hatten sie sogar eine Ziege gehabt, weil Severus keine Kuhmilch trinken konnte. Noch immer bekam er davon Magenschmerzen, aber seit er ein Werwolf war, interessierten ihn derartige Nahrungsmittel nicht mehr. Außer vielleicht Schokolade, aber da bevorzugte er die dunklen Sorten. Damit war es nicht so schlimm. Viel davon konnte er dennoch nicht essen.

Mit einem großen Glas Cola, etwas das Kreacher für ihn auf Umwegen besorgen musste, setzte er sich anschließend an den Schreibtisch. Eine ganze Weile saß er unbeweglich vor dem leeren Papier, bis er schließlich den Bleistift aufnahm.

Liebe Lily,

seit kurz nach meinem Unfall habe ich nichts mehr von Dir gehört, aber ich vermisse Dich. Ich würde Dich gerne wiedersehen, nicht nur, um über alte Zeiten zu plaudern. Ich denke, ich kann Dir ein paar Neuigkeiten mitteilen! Triff mich doch bitte dort, wo alles angefangen hat. An dem Tag, wenn mein Fluch mich am wenigsten beeinflusst. Ich werde zu der Zeit auf Dich warten, zu der ich geboren bin. Bitte komm!

Severus unterschrieb den Brief nicht. Er war sicher, dass Lily den Inhalt ihm zuordnen konnte, außerdem kannte sie seine Handschrift. Früher hatten sie sich ständig Briefe geschrieben, in den Ferien oder auch während der Schulzeit, wenn sie sich länger als einige Stunden nicht gesehen hatten. Zusätzlich hatten sie sich lange Zeit immer wieder gegenseitig bei den Hausaufgaben geholfen. Träumend starrte Severus ins Leere, wünschte sich, dass er damals nicht so neugierig gewesen wäre. Wäre Lily noch immer seine beste Freundin? Oder wären sie sogar ein Paar geworden? Wären sie das? Ruckartig setzte sich Severus auf. Die Gedanken an Lily hatten ihm ein warmes Gefühl beschert, aber es kribbelte nicht. Anders als bei den Gedanken an Regulus. Da wurde ihm richtig heiß. Lilys Lachen schlich sich in seine Gedanken. Die Rothaarige würde ihn freundschaftlich auslachen und ihm an den Kopf werfen, er solle sich endlich eingestehen, dass er schwul war. Verliebt in Regulus.

Abrupt stand Severus auf und schüttelte den Kopf. Er musste ihn klären und auch den Brief wegschicken. Bis Neumond waren es noch acht Tage, das sollte reichen, damit Lily den Brief tatsächlich bekam. Nur die Rothaarige und er selbst wussten, dass er um Punkt elf Uhr elf in der Nacht geboren war. Gut, sein Vater wüsste es sicher auch, aber der bekam den Brief wohl eher nicht in die Hand. Selbst wenn, er könnte nicht nachvollziehen, dass er ihn geschrieben hatte. Nein, er war sicher, dass nur Lily herausfinden konnte, wer geschrieben hatte, wo sie sich wann treffen wollten. Hastig steckte er ihn in einen Umschlag – ihm fiel ein, er musste Regulus fragen, warum solche Dinge hier im Haus waren – und griff nach seinem Geldbeutel. Ein paar Pfund hatte er noch von seinem letzten Job am Hafen. Das war schon lange her, aber heute brauchte er es. Er zog seine Straßenkleidung an, die zwar gereinigt und repariert war, aber ansonsten dafür sorgte, dass er kaum erkennbar war. So lief er in den nahen Ort. Broadstairs, wie er sich erinnerte. Bis Ladenschluss war noch etwa eine Stunde, er hoffte, bis dahin die Post zu finden. Aber wenn nicht, konnte er sicher auch eine Briefmarke aus einem Automaten bekommen. Leider wusste er nicht genau, wie viel Porto er brauchte, daher wollte er lieber in der Post seinen Brief frankieren lassen.

Auf dem Weg sah er ständig um sich. Er fühlte sich einerseits verfolgt, andererseits an sein Leben auf der Straße erinnert. Da war man nie sicher, denn Obdachlose kannten meist nur sich selbst und ihren eigenen Vorteil. Ihm gegenüber zumindest. Es gab durchaus einige Gruppen, die zusammen hielten, aber er selbst zählte nie dazu. Für diesen Schutz hätte er zahlen müssen. Etwas, wogegen er sich immer gewehrt hatte. Sein Leben war dadurch sicher nicht leichter geworden, aber er hatte sich seinen Stolz bewahrt. Es gab wenig genug, worauf er wirklich stolz sein konnte. Er war immer ehrlich gewesen (bis auf die Halbwahrheiten, die er den Bobbys erzählt hatte), hatte nie gestohlen, und er war noch immer unberührt, hatte sich nicht verkauft. Zwar hatte dieser eine Kerl ihn damals angegrapscht, aber er war rechtzeitig geflohen und danach nie wieder in eine derartige Situation gekommen, immer hatten seine Instinkte ihn vorher gewarnt. Und er hatte auf sie gehört.

Es wurde leichter als gedacht. Schnell hatte er die Post gefunden und sein Geld reichte leicht, um den Brief zu verschicken. Auf dem Rückweg kreuzte er in einer von Lily gelernten Geste die Finger, dass alles gut gehen würde. Er wusste nicht, ob Lilys Eltern überhaupt noch dort lebten, wo sie früher gewohnt hatten. Ob sie Kontakt zu Lily hatten. Ob sie den Brief weitergaben oder doch eher gleich vernichteten, weil sie ihn für eine Bedrohung hielten. Aber eine andere Lösung wusste er nicht. Außer, sich direkt an Dumbledore zu wenden, doch das hatten sie gemeinsam ausgeschlossen. Sie müssten ihm mehr bieten, als das, was sie hatten, um von ihm ernst genommen, gehört zu werden. Und das konnten sie nicht.

 

In den folgenden Tagen konzentrierte sich Severus auf drei Dinge: Er ging die restlichen Bücher durch (in denen er keine weiteren relevanten Informationen fand), lernte, seinen Geist zu leeren und überlegte, wie er Lily überzeugen konnte, ihm zuzuhören. Jeden Gedanken an James Potter verdrängte er, denn dann würde er wohl einen Rückzieher machen. Ihm war klar, dass Potter seine Frau nicht alleine kommen lassen würde, aber dennoch überlegte er nur, wie er mit Lily sprechen konnte. Bei ihr wusste er, worauf er sich einließ. Er musste ehrlich sein. Absolut ehrlich. Kein Hintergedanke, nichts auslassen. Schon immer hatte sie bei Menschen, die sie kannte, ein Gespür dafür gehabt, wenn sie angelogen wurde. Dann würde sie sich umdrehen und gehen. Nie wieder zurückkehren. Nein, das durfte er nicht riskieren. Am späten Nachmittag des Neumond-Tages packte er seinen kleinen Rucksack mit den Dingen, die er für wichtig hielt. Regulus konnte erst später kommen, er wollte sie zu dem Spielplatz apparieren. Ansonsten würde Severus nicht rechtzeitig ankommen. Das Buch mit den Informationen über Horkruxe landete im Rucksack, genauso wie eine Phiole mit einem kleinen Rest Veritaserum, das Regulus vor einigen Tagen gebracht hatte. Vielleicht konnte er James Potter damit überzeugen. Dazu eine Decke – wer wusste schon, wie lange sie warten mussten – und ein Messer. Severus wollte nicht ganz unbedarft losziehen, es war immer gut, gewappnet zu sein. Erneut zog er seine Straßenkleidung an, fühlte sich damit sicherer, wenn er aus dem Schutz dieses Hauses ging. Sein Zuhause. Ja, das war es inzwischen. Noch nie seit seiner frühesten Kindheit, hatte er sich irgendwo wirklich zuhause, erwünscht gefühlt. Regulus schenkte ihm diese Geborgenheit. Severus vergrub sein Gesicht in den Händen, als er erneut bei dem jungen Mann landete. Immer wieder gingen seine Gedanken zu den blauen Augen, die ihn so anstrahlen konnten, wenn Regulus lachte oder lächelte. Die kleinen Grübchen, die sich dabei bildeten. Severus konnte in Gedanken jede einzelne davon sehen, und er wollte sie berühren. Nicht glattstreichen, denn sie machten das Gesicht noch schöner, vollkommener. Nein, er wollte sie spüren, über sie streichen, um Regulus' Lachen mit allen Sinnen zu erfassen.

„Alles okay?“, riss ihn mit einem Mal Regulus' Stimme aus den Gedanken. Ruckartig fuhr Severus hoch und starrte ihn an. „Hey, Sev, alles in Ordnung?“, wiederholte der Jüngere seine Frage. Mechanisch nickte Severus, nicht sicher, ob er weiterhin träumte. „Na, dann sollten wir los, es ist kurz vor neun.“

„Äh, ja.“, murmelte Severus, immer noch ziemlich verwirrt.

Besorgt musterte Regulus ihn. „Was ist los? Irgendwas stimmt doch nicht mit dir?“ Mit seiner Hand strich er probeweise über Severus' Stirn, als wolle er fühlen, ob er Fieber hatte.

Das riss Severus endgültig aus seinen Träumen. Er stand auf. „Es geht mir gut, nur ein wenig nervös.“ Zumindest die halbe Wahrheit. Oder eigentlich die ganze, er war nervös, aber weniger wegen des Gesprächs mit den Potters, sondern eher wegen der Anwesenheit des jungen Mannes, der der Kern seiner Träume war. Er räusperte sich. „Wir können los, ich habe alles.“ Mit diesen Worten hängte er sich seinen Rucksack mit einer Schlaufe über die linke Schulter und griff mit der rechten Hand nach Regulus, damit der sie apparieren konnte. Er unterdrückte ein Schaudern, als seine warme Hand den beinahe kalten Arm von Regulus berührte, der die Ärmel gerade ein Stück nach hinten geschoben hatte. Hautkontakt machte das Apparieren sicherer, das hatte Regulus bereits festgestellt. Vor allem vertrugen es die meisten Menschen aus unbekannten Gründen besser.

„Konzentrier' dich bitte auf dein Ziel, Sev, ich kenne euren Treffpunkt nicht.“, mahnte Regulus. „Ich kann uns apparieren, aber du musst mich leiten.“ Severus nickte unsicher. Regulus sah ihn nachdenklich an. „Vielleicht sollte ich besser in deinen Geist eindringen, damit wir auch da ankommen, wo wir hin wollen. Wäre das in Ordnung für dich?“ Einen Moment starrte Severus ihn an, dann konzentrierte er sich, leerte seinen Geist – Regulus sollte nichts von den Gedanken vorhin mitbekommen – und nickte zustimmend. Der Jüngere lächelte, und schickte damit einen Schauder über Severus' Rücken. „Also gut, legilimens!“

Es fühlte sich seltsam an, die fremde und doch bekannte Präsenz plötzlich im eigenen Kopf zu spüren, fand Severus. Doch schnell konzentrierte er sich wieder auf ihr Ziel. Alles andere schob er beiseite. Er hörte ein leises, amüsiert klingendes Glucksen von Regulus, dann spürte er nur noch dessen Konzentration. Severus dachte ganz fest an ihr Ziel und fühlte die Enge des Apparierens um sich. Sekundenbruchteile später waren sie auf dem Spielplatz. Regulus löste sich von ihm und schob den Ärmel zurück nach unten.

„Äh, das sieht aber ein wenig anders aus als in deiner Erinnerung. Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“, wollte Regulus nach einem Blick um sich herum wissen.

Auch Severus ließ seinen Blick schweifen. Der Spielplatz war verfallen, eine Schaukel fehlte, die andere hing an nur einer Kette. Die Kette sah so rostig aus, dass sich wohl keiner darauf sitzen traute, aus Angst, sie könnte reißen. Der Sandkasten war nicht mehr als solcher zu erkennen, eine Menge Müll und Unrat lagen darin und außen herum verstreut. Die Rutsche war verschwunden, nur der Turm stand noch, wenn auch ziemlich windschief. Es sah aus, als würde er gleich zusammenfallen. Dennoch war er sicher, am richtigen Ort zu sein. Das hier war der Spielplatz, auf dem er sich als Kind immer mit Lily getroffen hatte. Offenbar war er nicht mehr in Stand gehalten worden. Ob das nun gut oder schlecht war, wusste Severus nicht genau. Er merkte, dass Regulus ihn noch immer beobachtete. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er wohl auf eine Antwort wartete. „Ja, doch, wir sind richtig.“, stotterte er schließlich.

„Na, wenn du es sagst.“, zuckte Regulus die Schultern. Auch er wirkte ein wenig verunsichert. Er nickte in Richtung des einzigen Baumes in der Umgebung. „Setzen wir uns dort hinten hin, da haben wir alles im Blick, werden aber nicht sofort gesehen.“ Severus nickte nur und ging voran. Als sie unter dem Baum saßen, angelehnt an den Stamm, wandte sich Regulus ihm zu. „Du hast tatsächlich geübt.“, lächelte er.

„Natürlich.“, erwiderte Severus. „Du hattest Recht, es IST wichtig. Ich hoffe, ich brauche es nie, aber inzwischen weiß ich sehr viel, was nicht bekannt werden darf. Deshalb bin ich froh, wenn du es mir beibringst.“

„Du bist weit gekommen, das hätte ich nicht geglaubt.“, gab Regulus leise zu. Er sah Severus intensiv an. „Als nächsten Schritt solltest du dir eine Mauer vorstellen, die deine Gedanken schützt. Mach sie stark und fest, rund um deine Gedanken herum. Wenn wir wieder zuhause sind, werde ich sehen, ob ich in deine Gedanken eindringen kann, dann kann ich dir helfen, sie noch stärker zu machen. Übe es. Jetzt, nachher, immer. Versuche, gleichzeitig mit mir zu reden, aber deine Gedanken dabei hinter der Mauer zu halten. Die Mauer soll ein Teil von dir werden, sodass du nicht mehr darüber nachdenken musst, sie automatisch aufbaust.“

Severus schloss die Augen für einige Minuten. Natürlich versuchte er es sofort, hörte dabei aber dem Jüngeren zu, der ihm leise von der Ausbildung und dem Studium erzählte. Er wusste, Regulus machte das auch, um ihn abzulenken, aber es sollte ihn weiter bringen, daher versuchte Severus, sich auf beides zu konzentrieren. Nicht einfach, stellte er fest, als er zum dritten Mal eine Frage gestellt bekam und nicht gleich antworten konnte.

Regulus kicherte verhalten. „Nicht leicht, ich weiß.“, murmelte er. „Aber ich bin sicher, du schaffst es wieder innerhalb kürzester Zeit. Ich habe beinahe ein Jahr gebraucht, bis ich so weit wie du jetzt war.“

„Leise, jemand kommt!“, hauchte Severus, der aufgrund seiner etwas schärferen Sinne Schritte hörte. Derzeit waren sie nur wenig besser als seine menschlichen früher, aber je näher Vollmond kam, umso intensiver wurden sie. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass es kurz vor elf Uhr abends war. Er richtete seinen Blick auf den Spielplatz, von dort aus hatte er das Geräusch gehört. Nur ein Hauch, aber er war sicher, dass jemand auf dem Gelände war. Dort, bei der Schaukel. Es war stockduster, nicht nur der Mond fehlte, auch die Sterne waren von den Wolken verdeckt. Eine wahre Halloween-Nacht, wie ihm gerade auffiel. Plötzlich blitzte an der Schaukel ein kleines Licht auf. Eine Taschenlampe. Severus spürte, wie Regulus' Hand seinen Arm griff, bereit, sie jederzeit von hier weg zu bringen. Doch er schüttelte den Kopf, da er James Potter erkannt hatte.

Langsam stand Severus auf und ging auf das kleine Licht zu. „James Potter, bist du alleine?“, fragte er und sah mit heimlichen Vergnügen, dass der Auror zusammenzuckte.

„Snape! Also hatte Lily Recht.“, erkannte James Potter sein Gegenüber.

„Natürlich hatte ich Recht.“, mischte sich nun Lilys Stimme ein. Sie trat aus dem Schatten zu ihrem Mann. Mit weiten Augen erkannte Severus, dass sie ein Kind auf dem Arm trug, das ihn aus grünen Augen ansah. Lilys Augen. „Sev!“, rief sie – und warf sich ihm um den Hals. „Ich dachte, du bist tot!“

Ziemlich überfordert legte Severus seine Arme um ihre schmale Taille, bemüht, das Kind nicht zu berühren. Der Kleine, zumindest ging Severus davon aus, dass es ein Junge war, sah nicht so aus, als ob ihm das unbekannt oder gar unangenehm wäre. Scheinbar hatte sich Lily in der Hinsicht nicht geändert.

„Was willst du?“, fragte James Potter sehr unterkühlt.

„Ich … ich habe Informationen, die euch helfen können.“, begann Severus. Er sah nur Lily an, sprach zu ihr. „Du bist an Dumbledores Seite?“ Sie nickte. „Ich weiß etwas vom Lord, das entscheidend sein dürfte im Kampf gegen ihn.“

„Und warum sagst du es dann nicht Dumbledore selbst?“, wollte James wissen.

„Ich bin nicht sicher, ob er mich anhören würde, und ob er ...“, er sah sich zu Regulus um, wollte ihn hier haben, „… meiner Quelle trauen würde.“ Severus erkannte die Furcht in den Augen Potters, als Regulus zu ihnen trat. In Lilys Augen lag eher Erstaunen, als sie sah, wie vertraut der jüngere Bruder von Sirius mit Severus zu sein schien.

„Es ist eine lange Geschichte.“, ergriff Regulus das Wort. „Ich weiß, dass ihr mir nicht traut, aber ich schwöre bei meiner Magie, dass ich euch keinen Schaden zufügen werde. Ich bin hier, um euch Informationen zu geben. Ich bin bereit, einen unbrechbaren Schwur abzulegen, dass euch keine Gefahr von mir, von uns, droht. Aber ich schlage vor, dass wir woanders weiter reden, hier ist es zu offen.“

„Wir nehmen euch nicht mit zu uns nach Hause!“, fuhr James auf. „Ihr glaubt wohl, dass ihr dann wisst, wer der Geheimniswahrer ist, und den zieht ihr dann zu eurem Lord!“

„Dann kommt zu uns.“, zuckte Regulus die Schultern. „Ich lebe mit Severus in einem Haus am Meer, auch das steht unter Fidelius, nur wir beide kennen es.“

„Und wer sagt uns, dass wir dann nicht in die Falle laufen?“, zischte James aggressiv.

„Ich habe hier Veritaserum.“, bot Severus an. „Es ist nicht viel, aber für eine Frage reicht es. Als Auror kannst du es sicher erkennen.“

James Potter überlegte. Lily schüttelte unwillig den Kopf. „Das ist doch ...“

„… kein Quatsch, falls du das gerade sagen wolltest.“, unterbrach James seine Frau.

„Er hat Recht.“, nickte auch Regulus. „Ich habe nicht erwartet, dass ihr uns einfach so vertraut, aber wir meinen es ehrlich.“

„Slytherins sind hinterlistig.“, klagte James an. „Man kann ihnen nicht trauen.“

„Ich glaube Sev, er hat mich noch nie belogen.“, knurrte Lily.

„Lily, er hat Recht, er muss misstrauisch sein.“, beruhigte Severus. „Er will dich schützen. Es wäre leichtsinnig, wenn er das nicht tut.“

„Nimm das Zeug.“, traf James mit einem Mal eine Entscheidung. „Und du“, er deutete auf Regulus, „gib deinen Stab an Lily. Du kriegst ihn wieder, sobald wir sicher sind, dass ihr es ehrlich meint. Man hört viel über dich, Regulus Black. Und das ist beileibe nicht viel Gutes.“

Regulus gab seinen Stab an Lily. Widerwillig zwar, aber er verstand, warum Potter so reagierte. Äußerlich ungerührt schob er seinen Ärmel nach oben. „Du redest hiervon, Potter.“ Er ließ sie kurz das Mal sehen, dann schloss er seinen Ärmel wieder. „Ich erzähle euch, wie ich dazu kam, und nein, es war ganz sicher nicht freiwillig. Wenn der Lord das allerdings mitbekommt, was ich getan habe und noch tun will, dann ist das mein Todesurteil. Deshalb ziehe ich es vor, das nicht hier in der Öffentlichkeit auszuplaudern. Man weiß nie, wer noch zuhört.“

Severus zog indessen die kleine Phiole aus seinem Rucksack. „Okay, Potter, du hast eine Frage, länger wird dieser Rest nicht wirken.“ Er ließ zu, dass Potter den Korken herauszog und daran roch, es im Licht seiner Taschenlampe genau inspizierte. Als er es zurück bekam, setzte Severus das Fläschchen an und trank den Inhalt.

James wartete nicht lange. „Werden wir, Lily, Harry und ich, bei euch sicher sein, oder lockt ihr uns in einen Hinterhalt?“

„Ihr seid sicher, es ist kein Hinterhalt. Wir wollen euch nichts tun, wir wollen euch helfen, den Lord zu stürzen.“, war Severus' Antwort. „Niemand weiß von dem Haus, in das wir euch bringen werden. Es gehört eigentlich Sirius, daher wird niemand auf die Idee kommen, dort zu suchen.“

Der Auror wurde blass. „Sirius' Haus?“, hauchte er.

Regulus nickte. „Er sagte mal zu mir, ich könne es nutzen, wenn er nicht da ist.“, meinte er mit belegter Stimme. „Als ich Sev auf der Straße gefunden habe, fiel es mir als Zuflucht ein. In den ersten Tagen hat Sev geschlafen, da habe ich alles besorgt, was wir brauchen. Seither lebt er dort. Ich komme nur ab und zu hin, will meine Eltern nicht darauf aufmerksam machen.“

Noch immer skeptisch wechselte James einen Blick mit Lily, die ihm zunickte. „James, sie meinen es ehrlich, ich bin sicher.“

„Okay.“, gab James schließlich seine Zustimmung.

Severus sah Regulus an, der ihm ein kurzes Lächeln schenkte. Also atmete er tief durch, dann beugte er sich zu den Potters. „Wir leben im Haus von Sirius Black, Broadstairs, Grafschaft Kent.“, verriet er.

„Das hilft uns aber nicht wirklich, da hier kein Kamin in der Nähe ist. Wir müssen apparieren, und dazu muss man sein Ziel genau kennen.“, motzte James. „Und für Harry wird das nicht reichen, den muss der Geheimniswahrer hinein tragen.“

Lily hingegen starrte ihn überrascht an. „Du bist der Geheimniswahrer, Sev?“, staunte sie. Er nickte nur.

„Ich kann uns apparieren.“, bot Regulus an. „Nicht gleichzeitig, nacheinander. Zuerst Lily und Harry, das schaffe ich, danach dich, James, und am Ende hole ich Severus.“

James schüttelte er den Kopf. „Zuerst mich.“, verlangte er. „Danach Severus und am Ende Lily.“

„Aber dann ist Lily hier in Gefahr!“, protestierte Severus.

„Und wenn dort doch jemand wartet?“, fauchte James. Auf einen Blick von Lily atmete er durch und fügte ruhiger hinzu: „Ich zuerst, danach Lily mit Harry, und am Ende Severus. Ich muss einfach sicher sein, dass Lily und Harry nichts passiert.“

„Gut.“, willigte Regulus ein. Lily reichte ihm seinen Zauberstab, sie vertraute ihm zumindest soweit. Er hielt James seinen Arm hin und verschwand, als er zugegriffen hatte. Kurz danach kam er zurück und holte Lily mit ihrem Sohn. Am Ende dann noch Severus. „Gut gemacht!“, küsste er ihn kurz auf die Wange, bevor er sie apparierte.

Als sie ankamen, musste Severus erst einmal tief durchatmen, sein Bauch kribbelte, genau wie die Wange, auf die Regulus ihn geküsst hatte. Er warf einen Blick um sich. Lily beruhigte Harry, der das Apparieren scheinbar nicht mochte, dann drückte sie Severus den Kleinen in die Arme. Unsicher griff Severus zu und ging voran, trug den Jüngsten ins Haus. Lily und James folgten, Regulus machte den Schluss. Kreacher hatte einige Sandwiches gerichtet, dazu Tee, Kaffee und kalte Getränke. Da Harry quengelte, war Severus froh, ihn wieder seiner Mutter geben zu können. Zu sehr erinnerte der Kleine ihn an seine Schwester und das, was seither alles kaputt gegangen war. Ihr Tod alleine war schon schrecklich gewesen, aber er hatte zusätzlich die ganze Familie zerstört.

„Kann ich ihn hier irgendwo hinlegen?“, bat Lily. „Harry schläft um diese Zeit normalerweise schon lange, aber wir konnten ihn nicht alleine lassen.“

„Kreacher?“, rief Regulus. Der Hauself tauchte sofort auf. „Haben wir hier irgendwo ein Babybett? Oder kannst du eines vom Dachboden vom Grimmauldplatz besorgen?“

Kreacher nickte nur und verschwand mit einem Ploppen. Noch bevor er wieder auftauchte, fasste sich Regulus entsetzt an den linken Unterarm. „Scheiße!“, fluchte er. „Der Lord ruft, ich muss gehen!“

„Pass auf dich auf!“, wisperte Severus, während Regulus bereits verschwunden war. Er war mehr als besorgt, um diese Zeit hatte der Lord wohl noch nie gerufen. Jedenfalls soweit er es wusste. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es in zehn Minuten Mitternacht wurde. Er hatte ein ziemlich mieses Gefühl. Kreacher, der mit einem Babybett auftauchte, lenkte ihn ab. Lily legte ihren Sohn hinein und sie stellten es in eine etwas dunklere Ecke des Raumes, dann setzten sie sich auf das Sofa. James ging noch einmal zu seinem Sohn, der etwas unruhig war.

„Sev, ich bin neugierig, wie kommst du hierher? Nach der Verhandlung habe ich mich nach dir erkundigt und wollte dich besuchen, als es hieß, du bist bei deinem Vater, aber erst kam ich nur mit Mühe hin und er hat nicht aufgemacht, und irgendwann warst du dann nicht mehr dort.“, sprudelte es aus Lily heraus.

Severus zuckte die Schultern. „Die Auroren haben mich vom Mungos zu meinem Vater gebracht. Dort hatten sie einen Raum im Keller eingerichtet für Vollmond und wohl auch einige Schutzzauber gesprochen, zumindest klang es so. Mein Vater hat mich sofort dort eingesperrt, bis ich irgendwann fliehen konnte. Ich war mindestens vierzehn Vollmonde dort eingeschlossen. Danach habe ich eine Weile in London gelebt. Zu Vollmond war ich immer im Ministerium, die Auroren haben mich danach einfach in der Winkelgasse abgelegt, damit ich bei den Muggeln nicht auffalle. Nach einiger Zeit hat mich Regulus dort aufgesammelt und hierher gebracht.“ Er hielt den Bericht bewusst kurz, wollte nicht weiter darüber nachdenken.

„So wie ich dich kenne, hast du nicht einmal die Hälfte von dem erzählt, was passiert ist.“, schüttelte Lily den Kopf. „Ich bin froh, dass du hier ein Zuhause gefunden hast und dass es dir gut geht. Und vielen Dank für die Warnung vor eineinhalb Jahren, wir hatten bis zu deinem Brief keine Ahnung.“

„Schon gut.“, winkte Severus ab. „Regulus hat mich gewarnt und ich habe es weitergegeben.“

„Ist ja alles schön und gut, aber was genau wolltest du denn nun eigentlich von Lily?“, schnappte James. Noch immer hatte er seinen Zauberstab in der Hand, der teilweise sogar Funken sprühte. „Du hast wohl nicht deswegen so einen geheimnisvollen Brief geschrieben. Kannst übrigens von Glück sagen, dass Lilys Eltern ihn nicht einfach entsorgt haben.“

„Nein, darum ging es nicht.“, nickte Severus. Bewusst versuchte er, mit ruhiger, neutraler Stimme zu antworten. „Regulus wurde vor einigen Monaten vom Lord beauftragt, einen bestimmten Trank zu entwickeln.“

„Das ist doch idiotisch.“, unterbrach James. „Regulus hat gerade erst seinen Abschluss gemacht. Warum soll er brauen? Und dann noch entwickeln, das ist Meisterarbeit. Egal, wie gut er sein mag, er ist kein Meister, sondern ein Schüler.“

„Du hast Recht, James.“, stimmte Severus zu. Gerade musste er sich zwingen, ruhig zu bleiben. Dennoch nutzte er bewusst den Vornamen seines früheren Feindes. „Aber ich möchte von Anfang an erzählen. Vielleicht sollte ich noch etwas weiter ausholen.“ Und so berichtete Severus, diesmal wurde er nicht unterbrochen, von Anfang an. Von Regulus, wie er direkt nach seinem Abschluss gezwungen war, das Mal anzunehmen, von dem Trank, bis schließlich die Lösung kam.

„Horkrux? Nie gehört.“, verneinten die beiden Potters, als Severus sie am Ende fragte, ob sie wussten, was das war. Somit erklärte er das auch noch, zeigte ihnen das Buch. Und hinterließ zwei geschockte ehemalige Gryffindors.

„Das ist ja Wahnsinn!“, hauchte Lily. Sie wandte sich zu ihrem Mann. „James, das muss Albus unbedingt wissen!“

„Und was sagen wir, woher wir das wissen?“, überlegte James.

„Die Wahrheit.“, entschied Lily. „Wir nennen ihm keinen Namen, aber wir erzählen ihm, dass wir Kontakt zu einem Todesser haben, der gerne aussteigen würde, das aber nicht kann. Der uns hilft.“

„Du vertraust ihnen also?“, erkundigte sich James.

„Sev hat mich noch nie belogen.“, war Lily sicher. „Und auch Regulus wirkte aufrichtig auf mich. Ich denke, es kann nicht schaden. Vielleicht sollten wir sehen, dass wir an dieses Medaillon kommen, dann wissen wir es sicher. Wenn wir Albus das geben, dann glaubt er uns.“

„Da gibt es nur ein Problem, wir haben noch keinen Gegentrank.“, mischte sich Severus nun ein. „Ich habe Berechnungen angestellt und Theorien entwickelt, aber brauen muss ihn Regulus, mir fehlt die Magie. Ein Bezoar kann zwar die Wirkung danach neutralisieren, wenigstens zum größten Teil, aber ich fürchte, vorher klappt das nicht. Kreacher hat es nur mit viel Glück folgenlos überstanden. Und dieses Risiko wollen wir nicht eingehen, deshalb versuche ich, einen Gegentrank zu erdenken.“

„Sehr witzig.“, mischte sich James sarkastisch ein. „Du hast nicht einmal einen Abschluss, wie willst du so einen Trank entwickeln? Ich weiß, dass du gut in Zaubertränken warst, aber das hier übersteigt das Schulwissen gewaltig.“

Severus atmete mehrmals sehr tief durch, um sich zu beruhigen, am liebsten wäre er aufgesprungen und Potter an den Hals gegangen, um diese unterschwelligen Beleidigungen zu unterbinden. Erst, als er sicher war, nicht zu schreien, begann er zu sprechen. „Die Theorie ist nicht so schlimm, aber du hast in einer Hinsicht Recht. Es übersteigt Schulwissen. Allerdings habe ich hier Zugriff auf Bücher, die weit über das hinausgehen, da Regulus einerseits studiert, andererseits bereits bei einem Meister lernt. Ich habe damit gelernt und versucht, mich abzulenken in den letzten Monaten. Trotzdem werde ich Hilfe brauchen, wenn es an die Praxis geht, und auch in der Entwicklung bin ich mir nicht immer ganz sicher.“

„Ich kann helfen.“, meinte Lily.

„Natürlich, wenn du willst.“, lächelte Severus, der sich langsam ein wenig entspannte. Nun blieb nur noch die Sorge um Regulus. „Dann machen wir uns daran, sobald wir ausgeschlafen haben.“

„Dann gehen wir jetzt nach Hause.“, entschied James und wollte nach seinem Sohn greifen.

„Davon würde ich euch abraten.“, erwiderte Regulus, der leichenblass in der Tür stand. Er zitterte haltlos und klammerte sich am Türrahmen fest. Niemand hatte sein Auftauchen bemerkt. „Euer Geheimniswahrer ist bereits seit Monaten Todesser, er hat dem Lord verraten, wo ihr seid. Heute Nacht hat er euch alle töten wollen und ist ausgerastet, als niemand da war.“ Regulus musste innehalten, weil ein Hustenanfall ihn schüttelte. Severus half ihm, sich auf das Sofa zu legen, und Lily zückte ihren Zauberstab, murmelte Diagnosezauber. „Er wusste von einer Prophezeiung, dass ein Kind ihm gefährlich werden kann. Das haben wir bereits vor eineinhalb Jahren erfahren, deshalb die Warnung damals. Es gab zwei Kinder, auf die die Angaben zutrafen. Er wollte beide töten. Bei euch hat er niemanden angetroffen, aber die Longbottoms sind tot. Alle.“

„Nein!“, schluchzte Lily auf.

James hielt sie fest, stützte sie, als sie herzzerbrechend weinte. „Alice war Lilys beste Freundin und Neville ihr Patenkind.“, erklärte er leise. Auch er wirkte geschockt. „Was genau ist passiert?“

„Der Lord wollte die Kinder töten. Ursprünglich nur die Kinder.“, erklärte Regulus weiter. Er sprach leise, aber immer wieder hielt er keuchend und hustend inne. Er ließ zu, dass Severus seine Hand hielt. „Als er die Potters, als er euch“, sein Blick ging zu James und Lily, „nicht antraf, wurde er wütend. Er hat euer Haus in Schutt und Asche gelegt, dann ist er zu den Longbottoms. Wir mussten ihm folgen. Er ist wie ein Racheengel über sie hergefallen, hat niemanden verschont. Wahrscheinlich waren sie tot, noch bevor sie merkten, was passierte. Vielleicht war es ihr Glück, sein Plan war ursprünglich, die Kinder langsam und qualvoll vor den Augen der Eltern zu töten.“ Erneut schüttelte ihn ein Hustenanfall, aber sobald er wieder genug Luft bekam, sprach er weiter: „Lucius hatte tatsächlich den Schneid, den Lord darauf hinzuweisen, dass er vielleicht hätte warten sollen bei euch.“ Da er die Potters ansah, war klar, wen er meinte. „Er hätte das Haus in eine Falle für euch verwandeln können, aber der Weg ist ihm jetzt versperrt, da er das Haus in Trümmern hinterlassen hat. Das dunkle Mal am Himmel darüber nicht zu vergessen. Ich bin mir nicht sicher, ob Lucius diese Bestrafung überlebt, der Lord ist ausgerastet. Er hat keinen von uns verschont, aber Lucius hat es am schlimmsten erwischt.“

Severus ging neben Regulus in die Knie. Der Jüngere zitterte noch immer sehr stark und schien Schmerzen zu haben. „Was ist passiert?“, wollte er leise wissen.

„Cruciatus und Schneidzauber.“, erklärte Regulus ebenso leise. „Ich glaube, deine Freundin hat die Wunden bereits geheilt, fühlt sich jedenfalls so an. Die Nerven brauchen eine Weile, bis sie sich regenerieren. Hast du mit ihnen geredet?“

Severus nickte. „Sie glauben uns.“, versicherte er.

„Gut. Dann werden sie erstmal hier bleiben. Hier sind sie in Sicherheit.“, wisperte Regulus. „Geben wir ihnen das Zimmer gegenüber der Bibliothek im ersten Stock, und du nimmst das mit dem Balkon.“

„Okay, ich richte es gleich her. Aber vorher bringe ich dich ins Bett.“, entschied Severus und hob Regulus mühelos auf seine Arme. Widerstandslos ließ sich Regulus ins Bett legen. Severus deckte ihn zu und küsste ihn flüchtig auf die Stirn. „Schlaf gut.“

„Nacht!“, nuschelte Regulus noch, aber eigentlich schlief er schon.

Severus huschte ins Zimmer nebenan, um sein Bett herzurichten. Bisher hatte er diesen Raum mehr als Aufenthaltsraum genutzt und auf der Nordseite geschlafen, aber dort sollten nun die Potters unterkommen. Mit Kreachers Hilfe hatte er es innerhalb weniger Minuten geschafft. „Ich habe ein Zimmer für euch fertig.“, machte er auf sich aufmerksam. Lily schluchzte noch immer und James versuchte, sie zu beruhigen. Severus erkannte, dass sie miteinander beschäftigt waren, also schob er sie einfach nach oben in das Zimmer. Kleidung hatten sie gerade keine, aber das mussten sie am Morgen klären. Anschließend ließ er sich von Kreacher helfen und schaffte Harry samt Babybett nach oben. Er war froh, als er selbst im Bett lag, dieser Tag war mehr als lang und anstrengend gewesen.

Absolut ausgelaugt schlief Severus am nächsten Tag bis fast Mittag, erst dann weckte ihn ein ungewohntes Geräusch: Babygeschrei. Sofort fielen ihm die Ereignisse der Nacht wieder ein, und er sprang aus dem Bett. Vorsichtig lugte er ins Bad, aber es war leer, also duschte er schnell und zog sich an, bevor er nach unten ging, wo Harry schrie. „Was ist los?“

„Er ist völlig übermüdet.“, seufzte Lily. „Die ganze Aufregung gestern ist wohl nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Ich habe ihm vorhin einen Brei gemacht, ich hoffe, das war in Ordnung?“

„Natürlich.“, versicherte Severus. „Ich fürchte, ihr müsst erstmal hier bleiben. Kreacher kann sicher ein wenig Kleidung für euch besorgen, und alles, was ihr sonst unbedingt braucht.“

„Danke, Sev!“, lächelte die Rothaarige erleichtert. „Ich hasse es, ständig versteckt zu leben, aber scheinbar war es die richtige Entscheidung. Wenn auch der falsche Geheimniswahrer. Für Harry nehme ich das alles gerne auf mich, der Kleine soll sicher sein.“ Sie unterbrach sich und legte Harry auf eine Decke, verwandelte einige Papierstückchen in Spielzeuge. Damit war der Junge erst einmal zufrieden und so konnte sich Lily ganz ihrem früheren Freund zuwenden. „Ich habe vorhin nach Regulus gesehen. Zwar habe ich meine Ausbildung zur Heilerin nicht abgeschlossen, aber ich denke, ich konnte ihm soweit helfen. Allerdings wird er noch einige Zeit zittrig sein, die Folgen eines Cruciatus kann man nicht behandeln, da hilft nur Ruhe und Zeit. Ich habe ihm geraten, heute im Bett zu bleiben.“

„Vielen Dank, Lily.“ Severus war sehr erleichtert. Er sah kurz nach Regulus, aber der schlief tief und fest. Eigentlich hätte er gerade Vorlesungen, aber die hätte er heute nicht geschafft. Zumindest war sichergestellt, dass seine Eltern ihn nicht vermissten.

Als er wieder nach unten kam, traf er auf James, der unruhig auf und ab ging. Lily und Harry saßen auf der Terrasse, wo sie den Kleinen fütterte, wie es aussah. Severus schluckte. Er wusste, er schuldete dem Gryffindor noch einen Dank. Mehr als das eigentlich. „James?“, machte er auf sich aufmerksam. Der Braunhaarige sah ihn an, die Arme verschränkt und ein kalter Blick in seinen braunen Augen. Abweisend, aber wenigstens sah es aus, als würde er zuhören. „Ich möchte dir danken. Du hast mein Leben gerettet, damals in der heulenden Hütte. Du hast dich selbst verraten, du hast deine Freunde verraten, um mir das Leben zu retten. Ich kann dir nur immer wieder danken.“

„Ich habe es getan, damit Remus nicht zum Mörder wird.“, knurrte James. „Es hatte nichts mit dir zu tun. Du musstest ja unbedingt dahin rennen. Deine verdammte Neugierde ist schuld, dass alles schiefgegangen ist! Sirius war wie mein Bruder, aber deinetwegen ist er in Askaban und verliert dort langsam aber sicher seinen Verstand! Remus ist wegen all dieser Scheiße jetzt irgendwo in Kanada, sein Vater hat ihn abgeholt, als sie ihn aus Askaban raus ließen, und ist mit ihm verschwunden. Remus ist für sein Leben gezeichnet, er hat ständig Panikattacken, kann nicht mehr alleine bleiben und nicht einmal mehr in einem Raum mit geschlossenen Türen sein! Alles nur, weil du deine verdammte Neugierde nicht zügeln konntest! Und jetzt ist auch noch unser Zuhause zerstört, weil der einzige meiner Freunde, den ich noch habe, mich an Voldemort verraten hat! Hättest du damals Remus nicht nachspioniert, wäre Sirius wahrscheinlich mein Geheimniswahrer geworden, und er hätte uns NIE verraten! Dann müssten wir jetzt nicht mit dir und deinem Schlangenfreund hier in diesem beschissenen Haus festsitzen!“

Severus hatte einen Moment gebraucht, bis er realisierte, was genau James Potter ihm da an den Kopf warf. Enttäuschung und Wut machten sich in ihm breit, und seine Augen wurden gelblicher. Gefährlich ruhig ergriff er das Wort. „Du wagst es, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben?“ zischte er. „Ausgerechnet du mir? Du und deine selbstherrlichen Freunde, ihr habt mir vom ersten Tag an das Leben in Hogwarts zur Hölle gemacht. Ihr habt mich verletzt und gedemütigt, wann immer es ging. Ohne einen wirklichen Grund, und die Begründung, ich bin in Slytherin, zählt dabei nicht. Und dann, als ich die Chance wahrnehmen wollte, endlich etwas gegen euch in die Hand zu bekommen, wurde ich beinahe getötet. Wage es nicht noch einmal, mir die Schuld dafür zu geben, dass ich mich endlich wehren wollte! Ich weiß, dass du viel geopfert hast, um mein Leben zu retten, und dafür bin ich dir wirklich dankbar, aber ich weigere mich, die Schuld auf mich zu nehmen, dass dein Freund in Askaban sitzt. Das hat sich Black selbst zuzuschreiben, und er hat es verdient!“

„Du bist kein Unschuldslamm, Schniefelus!“, konterte Potter wütend. „Du hast doch von Anfang an Lily gegen mich aufgebracht! Und du hast ständig schwarze Magie benutzt!“

„Dass Lily etwas gegen dich hatte, das kannst du dir selbst zuschreiben!“, fauchte Severus nun. „Und die schwarze Magie, die ich benutzt habe, das waren einfache Verwandlungen, Schwebezauber und solche Dinge. Als Auror solltest du inzwischen eigentlich wissen, dass schwarze Magie nicht gleich böse ist! Aber scheinbar setzt dein Gehirn aus, sobald du Slytherins gegenüber stehst.“

„Schluss jetzt!“, schimpfte Lily. „Ihr steht doch eigentlich auf der gleichen Seite! Ihr müsst euch nicht mögen, aber versucht wenigstens, einen Waffenstillstand zu schließen. Wir sind hier unter einem Dach, und James, wir sollten Severus und Regulus dankbar sein, immerhin haben sie uns davor bewahrt, in die Falle zu gehen.“

„Da gab es keine Falle, wir wären in dem Moment verschwunden, wenn wir das Haus gesehen hätten.“, widersprach James. „Außerdem war es purer Zufall, dafür muss ich ihnen nicht danken.“ Zornig verließ er den Raum und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen.

Auch Severus verließ den Wohnraum und ging in die Küche. Auf Formeln oder Berechnungen konnte er sich gerade nicht konzentrieren, daher kochte er für alle. Lily hatte scheinbar nur für Harry etwas gerichtet, denn die restliche Küche sah so aus, wie am gestrigen Abend. Für Lily würde er versuchen, ruhig zu bleiben und nicht mit Potter zu streiten. Leicht würde das sicher nicht. Um möglichst lange beschäftigt zu sein, entschied er, eine Lasagne selbst zu machen. Gerade das Kneten des Pastateiges und das Schichten der Zutaten in der Form beruhigte ihn auch wunderbar. So erschrak er richtiggehend, als plötzlich jemand hinter ihm stand. Er fuhr herum.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“, lächelte Lily ihn an. „Ich war eben bei Regulus, es geht ihm deutlich besser. Er würde gerne mit dir sprechen. Kann ich dir hier was abnehmen?“

„Ich muss es nur noch in den Ofen schieben.“, wehrte er ab. In Gedanken versunken stellte er die Lebensmittel zurück an ihre Plätze, schaltete den Ofen ein. Was würde Regulus von ihm wollen?

„Reg?“ Fragend trat Severus in das Zimmer seines Retters. Sein Magen klumpte sich zusammen. Irgendwie hatte er kein gutes Gefühl, was dieses Gespräch hier betraf. Regulus saß auf seinem Bett, vollständig angezogen, und wirkte, als wolle er gleich gehen. Severus konnte nicht umhin festzustellen, wie gut dem Jüngeren der Anzug stand. Wie alles, was Regulus besaß, war er ihm auf den Leib geschneidert und betonte die schmale Taille und die breiten Schultern des jungen Mannes. Er schluckte, als er merkte, dass sich eine verdächtige Wärme in seine Wangen schlich. Verdammt, sicher war er knallrot wie ein verliebter Teenager.

Regulus hingegen schmunzelte leise, bevor er wieder ernst wurde. „Ich wollte mit dir reden, Sev.“, begann er. Unsicher brach er ab, atmete einige Male tief durch. „Eigentlich wollte ich dich nicht so überfallen, aber mir wurde durch gestern bewusst, wie schnell alles zu Ende sein könnte. Und da wurde mir klar, dass ich es dir sagen muss.“ Erneut hielt er inne. „Sev, du hast sicher bemerkt, dass ich dich häufiger berührt habe in letzter Zeit.“ Jetzt lief er ebenfalls rot an. Ein weiterer, tiefer Atemzug folgte und er schloss kurz die Augen, wie um sich für etwas zu wappnen. „Ich habe mich in dich verliebt, Sev. Ich glaube, es war schon, bevor ich dich in der Winkelgasse mitgenommen habe. Nein, ich bin mir sicher, dass ich unbewusst schon etwas für dich empfunden und dich deswegen mitgenommen habe. Ich habe dich beobachtet und denke, dass du auch etwas für mich empfindest. Nein, sag jetzt nichts. Heute Nacht wurde mir bewusst, dass es über eine einfache Verliebtheit hinausgeht. Severus, ich liebe dich.“

Severus war gegen die Wand gesackt, als er den Inhalt von Regulus' Botschaft erfasste. Schwindel überfiel ihn, als die Gefühle in ihm verrückt spielten. Erleichterung, Unsicherheit, tiefe Zuneigung, Vertrauen, aber auch Überraschung und ein wenig Angst mischten sich, überwältigten ihn. Erschrocken zuckte er zusammen, als er eine Berührung fühlte. „Sch!“, machte Regulus und legte ihm einen Finger auf die Lippen, während er mit dem anderen Arm um Severus' Taille griff und ihn stützte. Diese Nähe holte Severus wieder in die Gegenwart, riss ihn aus seinen Gedanken. Mit einem Mal schien sein Körper einfach nur noch zu reagieren, ohne dass er einen bewussten Gedanken daran hatte. Er überbrückte den letzten, kleinen Abstand zwischen ihnen, legte seine Lippen auf die von Regulus. Ganz sanft nur, und doch explodierte ein kleines Feuerwerk in ihm. Er keuchte auf, was Regulus als Aufforderung nahm, um mit seiner Zunge vorsichtig in Severus' Mund einzudringen, ihn zu erkunden.

Unwillkürlich vergrub Severus seine Hand in den kinnlangen, schwarzen Haaren von Regulus, zog ihn noch näher an sich. Er wollte, musste ihn spüren. Sein ganzer Körper kribbelte vor Verlangen, er vergaß, was um ihn herum war, vergaß seine Erfahrungen, vergaß, wer er war und wo er war. Schnell wurde er selbst aktiver, verwickelte Regulus' Zunge in ein liebevolles, intensives Spiel. Er merkte, dass Regulus eindeutig mehr Erfahrung als er selbst hatte, aber es machte nichts. Nicht in diesem Moment. An seiner Seite spürte Severus, wie Regulus' Finger sich unter sein Hemd schoben und die Haut am Bauch zum Brennen brachten. Aufkeuchend drückte er sich noch näher an den Jüngeren, rieb sich an ihm. Alles, um dieses Feuer, das in ihm brannte, noch weiter anzufachen. Seine freie Hand lag auf einmal an Regulus' Brust, irgendwie hatte er wohl das Hemd aufgeknöpft, und die Finger spielten mit der Brustwarze. Stöhnend zuckte Regulus mit seinem Becken, was ihre Glieder dazu brachte, sich durch den Stoff der Hosen hindurch aneinander zu reiben. Severus keuchte und stöhnte, legte seinen Kopf in den Nacken, als die Gefühle in ihm Achterbahn fuhren. Ihm war schwindelig, aber es war ein wunderschönes Gefühl. Blitze schossen durch seinen Unterleib und die Hitze konzentrierte sich mehr und mehr in seinen Lenden. Immer wieder bäumte er sich auf, suchte den Kontakt zu Regulus, der ihm das Hemd vom Körper riss, mit Lippen und Zähnen seinen Oberkörper erkundete, während er niemals den Kontakt ihrer Becken unterbrach.

„Reg!“, stöhnte Severus, als die Hitze ihn sich aufbäumen ließ. Er kam so heftig wie noch nie in seinem Leben, obwohl es nicht eine direkte Berührung an seinem Penis gegeben hatte. Er verbiss sich vor Lust in Regulus' Schulter, um nicht zu schreien, was der Jüngere mit einem gutturalen Stöhnen quittierte. Ein letztes Mal zuckte er zusammen, dann sackte er keuchend gegen Severus, der ihn festhielt. Schwer atmend lehnten sie sich gegen die Wand und küssten sich träge, bis sich ihr Herzschlag langsam wieder normalisierte.

„Sev, das … das war der Hammer!“, wisperte Regulus schließlich. „Ich liebe dich!“

„Ich … ich … Reg ...“, stotterte Severus, der gerade keine Worte mehr fand. Lieber legte er all seine Gefühle in einen langen, liebevollen und zärtlichen Kuss. Noch immer zitterten seine Beine und er war sicher, ohne Regulus und die Wand hinter ihm wäre er schon lange auf dem Boden.

Regulus lehnte sich gegen Severus, umschlang ihn mit den Armen. Die Geste wirkte ein wenig verzweifelt. Mit einem stablosen Zauber säuberte er sie beide. „Verdammt, ich würde so gerne bleiben.“, hauchte er schließlich. „Aber ich darf nicht auffallen, das würde dich in Gefahr bringen. Ich will, dass du sicher bist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas passiert!“

„Deine Eltern warten bereits auf dich, nicht wahr?“, erriet Severus. Er spürte Regulus' Nicken an seiner Schulter, wo der Jüngere sein Gesicht vergraben hatte und tief den Geruch von Severus in sich aufnahm. „Ich hasse es jedes Mal, dich gehen lassen zu müssen. Nie weiß ich, wann und in welchem Zustand ich dich wiedersehe. Ich will nicht, dass dir etwas passiert.“

„Ich weiß, Sev.“, murmelte Regulus. „Wir werden das schaffen. Gemeinsam.“

„Gemeinsam.“, bestätigte Severus und küsste Regulus ein weiteres Mal. Das hier fühlte sich so richtig, so perfekt an. Severus wollte es nie wieder missen. Und mit einem Mal spürte er es tief in sich. „Ich liebe dich, Regulus.“

Die blauen Augen des Jüngeren weiteten sich erstaunt. „Ich verspreche dir, ich komme wieder, sobald ich kann.“

„Und dann brauen wir den Gegentrank zu dem, den du für den Lord brauen musstest.“, nickte Severus.

„Du hast …?“ Regulus war so überrascht, dass er nicht weitersprechen konnte. Die Erkenntnis, was Severus da andeutete, machte ihn sprachlos.

„Ich habe ihn in der Theorie fast fertig entwickelt, aber ich kann ihn nicht brauen, dafür braucht man Magie.“, zuckte Severus die Schultern. Irgendwie war er gerade froh, abgelenkt zu sein. Abgelenkt von dem, was sie kurz vorher getan hatten. Auch wenn er es sehr genossen hatte, nüchtern betrachtet war es ihm peinlich, so schamlos reagiert zu haben. „Ich könnte ihn auch mit Lily brauen.“, bot er an. „Aber selbst dann können wir ihn nicht testen.“

„Ich vertraue dir!“, schnurrte Regulus und stahl sich einen weiteren Kuss. „Sobald ich den Trank habe, gehe ich mit Kreacher in die Höhle.“

„Nein.“, schüttelte Severus vehement den Kopf. Er hob die Hand, als Regulus widersprechen wollte. „Nein, Reg. Du weißt nicht, ob der Lord weitere Zauber auf der Höhle hat, die ihn warnen, wenn sich jemand seinem Horkrux nähert. Du musst warten, bis er entweder weit genug weg ist, um nicht gleich reagieren zu können, oder aber bis er so abgelenkt ist, dass er nicht reagieren kann. Außerdem solltest du sicherstellen, dass er dich nicht verdächtigt.“

„Du hast Recht.“ Ein leises Lächeln schlich sich in Regulus' Gesicht. „Ich habe einen sehr intelligenten, genialen Freund!“ Mit einem breiten Grinsen legte er seine Lippen besitzergreifend auf die von Severus. „Meine Schlange im Wolfspelz!“

Severus hob eine Augenbraue. „Schlange im Wolfspelz?“

„Ein wahrer Slytherin und ein wilder Werwolf, ich muss sagen, ich habe Geschmack!“, kicherte Regulus ein wenig selbstgefällig. „Lauter böse Kreaturen, aber ich zähme sie!“

„Zähmen? Du bist doch kein Gryffindor!“, ging Severus auf das Geplänkel ein. „Als Slytherin würdest du doch eher listig vorgehen, bis du mich irgendwann in deinem Netz gefangen hast und mir die Alternativen vorschlagen, sodass ich gar keine andere Möglichkeit sehe, als mit dir zu kooperieren.“ Mit einem Mal fiel ihm auf, dass das, was er sagte, auch genau für ihre Situation passen könnte. Verunsichert trat er einen Schritt beiseite.

Regulus schien zu ahnen, was da gerade passierte. Er folgte Severus und hielt ihn fest. „Ich liebe dich.“, versicherte er erneut. „Ich spiele nicht mit dir. Aber dennoch muss ich jetzt gehen. Bitte, vertrau mir. Du kennst mich nun schon länger, ich lüge dich nicht an. Niemals.“ Er sah Severus in die Augen, hielt dem prüfenden Blick stand. „Ich komme zurück zu dir. Ich könnte gar nicht anders.“ Er trat nun einen Schritt zurück, auch wenn man sehen konnte, dass es ihm schwer fiel. „Ich sollte jetzt besser duschen gehen und dann zu meinen Eltern, damit sie keinen Verdacht schöpfen.“

Schweren Herzens riss Severus sich los. „Du hast Recht, das solltest du.“ Er konnte nicht anders, als mit dem Finger über die Wange zu streichen. Sehr zögerlich ging Regulus rückwärts in Richtung Bad. Nach einem langen, intensiven Blick schloss er widerstrebend die Tür. Heftig schnaufend lehnte sich Severus an die Wand neben der Tür. Was war das gewesen? Solch intensive Reaktionen kannte er von sich selbst überhaupt nicht und es überforderte ihn sichtlich. Gewaltsam riss er sich aus diesen Gedanken, zog sich wieder ordentlich an und lief zurück in die Küche, um sich abzulenken. Das Essen war beinahe fertig, also schnitt er schnell noch Salat, um keine Zeit zum Grübeln zu haben.

Bis Regulus mit dem Duschen fertig war, stand die Lasagne auf dem Tisch. „Ich muss los.“, verabschiedete sich Regulus mit einem Kuss auf Severus' Wange. „Vielleicht solltest du einfach in mein Zimmer umziehen, dann hast du dein eigenes Bad.“

„Aber ...“, begann Severus, wurde jedoch rigoros unterbrochen. „Nimm es an, ich schlafe sowieso fast nie hier, und wenn doch, dann ...“ Regulus brach ab und grinste nur zweideutig. Severus schauderte, aber es war kein unangenehmes Gefühl. „Lass dich nicht von den Gryffindors ärgern! Ich komme, sobald ich kann.“

„Pass auf dich auf.“, forderte Severus leise. Regulus nickte, aber da Lily mit Harry auf dem Arm gerade in die Küche trat, sagte er nichts. Mit einem Nicken verabschiedete er sich von der Rothaarigen und schob sich an ihr vorbei. Ein Knallen verriet ihnen, dass er disappariert war. „Setz' dich, Lily. Essen ist fertig.“, brummte Severus und ging zum Tisch, wo inzwischen ein Hochstuhl für Harry stand. „Wo ist dein Mann?“

„Lasagne?“, staunte die Rothaarige. „Du weißt es noch?“

„Natürlich weiß ich noch, dass du Lasagne liebst.“, zuckte Severus die Schultern. Wie könnte er vergessen, wie sie als Erstklässler in den Sommerferien bei Lilys Eltern versucht hatten, Lasagne zu kochen. Es war im absoluten Chaos geendet, und dann hatte Severus auch noch heftigste Magenschmerzen bekommen, weil sie günstigen, laktosehaltigen Käse verwendet hatten.

Lily küsste ihn freundschaftlich auf die Wange. „Danke. Für alles.“, meinte sie ernst. Severus spürte, dass sich dieser Kuss ganz anders anfühlte als der von Regulus nur ein oder zwei Minuten vorher.

„Lass die Finger von meiner Frau!“, knurrte James, der gerade das Wohnzimmer betrat. Besitzergreifend legte er Lily den Arm um die Taille und küsste sie in den Nacken.

Lily zog die Augen zusammen und drehte sich um. „Ich bin nicht dein Eigentum!“, zischte sie. „Severus ist wie ein Bruder für mich, er ist keine Konkurrenz für dich.“

Mit zusammengepressten Lippen hielt sich Severus von einer saftigen Erwiderung ab. Er ging in die Küche und holte den Salat, stellte ihn auf den Tisch. Dieses Geräusch riss das Paar aus ihrem Zwist. Grummelnd setzte sich James auf einen Stuhl, der so weit wie möglich von Severus entfernt war. Harry saß in seinem Stühlchen und versuchte, mit den Händen an das Essen zu kommen. „Du hast aber auch immer Hunger!“, schmunzelte Lily. „Wie dein Dad. Warte, Harry, es ist noch zu heiß.“ Sie nahm eine kleine Portion von der Lasagne und schnitt sie in winzige Stücke, damit es schneller auskühlte. Damit fütterte sie dann Harry, der hungrig seinen Mund öffnete. Fasziniert sah Severus zu, wie begeistert der Kleine das aß, was er selbst gekocht hatte. Auch James griff hungrig zu, konnte nicht verhindern, dass man sah, wie gut es ihm schmeckte. Ein unangenehmes Schweigen machte sich zwischen den Erwachsenen breit. Nur Harry schien unbeeindruckt von der angespannten Stimmung, gluckste leise vor sich hin und brabbelte zufrieden, als er satt war. Lily gab ihm noch ein Stück Gurke in die Hand, damit sie selbst in Ruhe essen konnte. Genießerisch ließ sie sich die Bissen auf der Zunge zergehen. „Lecker!“, schnurrte sie und lächelte in Severus' Richtung.

„Machst du ihm jetzt auch noch schöne Augen?“, schimpfte James.

„James, nun hör' schon auf.“, schüttelte Lily den Kopf. „Severus war noch nie eine Konkurrenz für dich und wird es auch nie sein. Für mich ist er schon lange der Bruder, den ich nie hatte. Denke endlich an deinen Sohn, der sollte diese Streitereien besser nicht mitbekommen. Du wolltest doch ein Vorbild für ihn sein!“

Mit Schwung stand James auf, sodass der Stuhl hinter ihm auf den Boden polterte, dann ging er schnurstracks nach draußen. Er schloss die Terrassentür hinter sich, ein deutliches Zeichen, dass er alleine sein wollte. Kopfschüttelnd räumte Severus den Tisch ab, während Lily mit Harry ins Bad ging, um ihn zu waschen. So, wie er aussah, war das nicht die schlechteste Idee. Danach wollte sie versuchen, ihn zum Schlafen zu bringen.

Eine Stunde später war Severus gerade mit dem Abwasch beschäftigt, als James in die Küche trat. „Wie, du machst das alles hier mit der Hand, ganz ohne Magie?“, fragte er zuckersüß, bevor er sich selbst die Antwort gab: „Ach, ich vergaß, der arme kleine Schniefelus hat ja keine Magie mehr!“

Wütend fuhr Severus herum, packte James und drückte ihn gegen einen Schrank. „Ich habe dir bereits gesagt, was ich von dir halte, ich werde mich nicht wiederholen. Genausowenig werde ich das hier wiederholen: Du bist hier nur so lange in Sicherheit, wie ich es für richtig halte. Also hast du jetzt genau zwei Möglichkeiten. Entweder, du machst so weiter und fliegst raus, dann kannst du sehen, ob du den Todessern entkommst, oder du reißt dich zusammen und behandelst mich respektvoll, dann kannst du hier bleiben. Wie auch immer du dich entscheidest, Lily und Harry können hier bleiben, ich werde sie nicht deinetwegen rauswerfen.“

„Ja, klar, damit du dich an sie ranmachen kannst!“, schnaubte James. Auch wenn er dem Werwolf körperlich deutlich unterlegen war, er zeigte keine Angst.

„Nochmal: Ich sehe in Lily eine Schwester, mehr nicht.“, entgegnete Severus ruhig. Seine Gedanken gingen zu Regulus und er wusste, das, was er für den Jüngeren empfand, war viel intensiver und inniger, als das, was ihn mit Lily verband. „Wenn, dann müsste eher Lily Bedenken haben, denn ich bin schwul.“ Ups, das hatte er eigentlich nicht sagen wollen, da war sein Mund schneller gewesen als seine Gedanken. Doch ganz offensichtlich stoppte es James' Attacke. Der Gryffindor öffnete und schloss den Mund mehrmals, ohne ein Wort zu sagen. „Du musst mich nicht mögen, das werde ich nicht erwarten, aber ein wenig Kompromissbereitschaft solltest du zeigen, dann können wir hier in Ruhe leben.“ Er ließ ihn los und trocknete seine immer noch vom Spülen feuchten Hände ab, dann drehte er sich um und ging aus der Küche. Ohne einen Blick zurück ließ er James Potter einfach stehen.

Um beschäftigt zu sein, machte sich Severus daran, seine Sachen zusammen zu suchen, die sich in seinem bisherigen Zimmer verteilten. Eigentlich erstaunlich, wie viel er trotz allem besaß, fand er. Als Regulus ihn vor Monaten von der Straße aufgesammelt hatte, besaß er nichts als die Kleidung, die er am Leib getragen hatte. Nun war sein Kleiderschrank voller als damals, bevor er selbst zum Werwolf wurde. Regulus hatte ihm eine Menge von der Kleidung seines Bruders gebracht, die ihm ganz gut passte. Dazu kamen inzwischen einige Bücher und Toilettenartikel. Sein Rucksack war ihm heilig, den brachte er zuerst in das benachbarte Zimmer. Einige Minuten stand er einfach nur in der Tür, konnte sich nicht aufraffen, diesen Raum wirklich zu betreten, ihn quasi in Besitz zu nehmen. Er war nicht ganz sicher, ob es wegen der Tatsache war, dass sie sich hier geküsst hatten, bis er den heftigsten Orgasmus seines bisherigen Lebens erleben durfte, oder ob es allgemein daran lag, dass er hier in fremdes Territorium eindrang. Dieses Zimmer hatte er in all der Zeit, die er hier bereits lebte, nicht betreten. Es war immer Regulus' Reich gewesen und er hatte eine gewisse Scheu gehabt, nicht eindringen wollen. Und doch fühlte er sich beinahe sofort wohl in dem Raum. Dunkle, grüne Wände mit silbernen Applikationen gaben dem Zimmer eine Atmosphäre, die ihn an einen Wald im Mondlicht denken ließ. Die Kleidung von Regulus lag in der einen Schrankhälfte, auf der anderen Seite war leer. Hatte der Jüngere das gemacht, bevor er nach unten gekommen war? Oder war der Schrank von Anfang an nur zur Hälfte gefüllt gewesen? Obwohl Severus es nicht wusste, fühlte er sich dadurch nicht mehr als Eindringling, sondern willkommen. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht.

Rasch legte er die Kleidung in den Schrank. Er musste mehrmals gehen, bis er alles nach nebenan gebracht hatte. Erst dann ging er ins Bad, um seine Hygiene-Artikel zu holen. So gute Dinge hatte er vorher auch noch nie besessen. Doch all das fiel Regulus' Eltern überhaupt nicht auf, obwohl er regelmäßig neues Shampoo, Duschbad, Creme, Zahnpasta und vieles mehr kaufte. Früher hatte Severus einfache Seife für alles genutzt, jetzt hatte er eine spezielle zum Rasieren, dazu eine richtig gute Klinge, außerdem Shampoo, damit sein Haar nicht so fettig aussah, und vieles mehr. Er steckte alles in seinen Rucksack, um nicht mehrmals ins Bad zu müssen. In den nächsten Stunden wollte er nicht auf Potter treffen. Viel lieber wollte er die Ruhe genießen und noch einmal die Theorie zu dem Gegentrank durchgehen. Regulus hatte ihm das Rezept des Tranks hier gelassen, den er für den Lord hatte brauen müssen. Anhand dessen hatte Severus die Theorie für einen Gegentrank entwickelt, aber ganz sicher, dass er funktionieren würde, war er nicht. Nur eines war absolut sicher: Ein Bezoar alleine würde nicht helfen, da der Trank einige Komponenten in sich hatte, gegen die auch ein Bezoar machtlos war. Auch wenn der gegen die meisten bekannten Gifte half. Aber eben nur gegen die Meisten. Kreacher hatte noch einige Tage an Nachwirkungen gelitten, obwohl der Bezoar sein Leben gerettet hatte. Vor allem konnte ein Bezoar erst im Nachhinein eingesetzt werden, wenn man bereits unter der Wirkung des Trankes litt, der Gegentrank hingegen konnte theoretisch vorher genommen werden und würde die Gefahr neutralisieren, bevor es brenzlig werden konnte. Deshalb konzentrierte sich Severus auf die Notizen. Immer wieder kritzelte er zusätzliche Bemerkungen an den Rand, malte Fragezeichen oder besserte Kleinigkeiten aus. Was die Zutaten betraf, war er sicher. Doch das Rühren war hier von entscheidender Bedeutung, das könnte alles zum Scheitern verurteilen.

Erst gegen kurz vor neun Uhr am Abend ging er nach unten. Von Harry hatte er schon eine Weile nichts mehr gehört, nachdem er vor über zwei Stunden ein wenig gequengelt hatte. Lily und James saßen mit einem Glas Wein auf der Terrasse, die Küche war ordentlich aufgeräumt. Scheinbar hatte Lily eingegriffen, denn von Potter konnte sich Severus das nicht vorstellen. „Ihr könnt beide Zimmer auf der Westseite haben.“, informierte er die Beiden. Sie fuhren herum, doch noch bevor sie etwas sagen konnten, sprach Severus weiter: „Regulus hat mir sein Zimmer überlassen, da er ohnehin so gut wie nie hier schläft. Dann müsst ihr nicht mit Harry in einem Raum schlafen, außerdem habt ihr das Bad für euch alleine.“

„Danke!“, lächelte Lily und stieß ihren Mann an, der irgendetwas Unverständliches murmelte.

„Gute Nacht.“, wünschte Severus, und drehte sich um.

Er floh regelrecht nach oben, als Lily hinter ihm zischte: „James, benimm' dich endlich nicht mehr wie ein Kleinkind!“ Mehr wollte der Schwarzhaarige nicht wissen. Oben entschied er, sich kurz zu duschen und dann schlafen zu gehen. Ein dumpfes Pochen hinter seiner Stirn kündigte eine Migräne-Attacke an. Leider hatte er keine Tränke dagegen, die hatte Regulus eigentlich brauen wollen, war aber nicht dazu gekommen. Also musste es so gehen. Normalerweise kein Problem, aber mit Potter im Haus konnte er wohl vergessen, genug Ruhe zu haben. In der Nacht schlief er erstaunlich gut, obwohl Regulus ständig durch seine Träume geisterte. Vor allem die Berührungen von ihm erlebte Severus wieder und wieder. Jedes Mal schauderte er. Dennoch wachte er morgens durchaus erholt auf, und selbst die Migräne war auf ein erträgliches Maß reduziert. Mit neuem Elan griff er nach seinen Notizen und ging in die Küche, um sie bei einer Tasse Kaffee noch einmal durchzugehen.

„Warum dreimal im Uhrzeigersinn?“, riss ihn auf einmal Lilys Stimme aus seinen Gedanken. Er hatte sie nicht einmal mitbekommen. Sie deutete auf eine Stelle. „Wären nicht vier Umdrehungen gegen den Uhrzeigersinn besser geeignet?“

„Nein, denn ich will die Wirkung der Calrupp-Sporen umkehren.“, schüttelte Severus den Kopf. „Würde ich gegen den Uhrzeigersinn rühren, würden sie sich nicht so mit dem Flussgras verbinden, dass sie die Wirkung von Dreihorn-Schuppen aufheben, aber genau das ist das Ziel in diesem Schritt.“

„Ach so, deshalb auch zuerst die Aalaugen, ansonsten müssten die erst nach den Sporen eingerührt werden.“, nickte Lily.

„Richtig.“, stimmte Severus zu.

Lily setzte sich an den Tisch, und während sie Harry fütterte, diskutierte sie weiter mit Severus über bestimmte Schritte im Brauvorgang. Fachsimpelnd vergaßen sie ihren Kaffee und die Butterhörnchen, die auf dem Tisch warteten. Grummelnd ließ sich James an den Tisch fallen. Von Minute zu Minute verdüsterte sich sein Gesicht weiter, weil Lily ihn nicht beachtete. Und weil er keine Ahnung hatte, wovon die Beiden sprachen. Obwohl Severus doch die Schule kurz nach den ZAG-Prüfungen verlassen hatte und er selbst sogar einen UTZ in Zaubertränke hatte. Zwar war er über ein ‚Erwartungen übertroffen‘ nicht hinausgekommen – Lily hatte ein ‚Ohnegleichen‘ gehabt – aber er sollte doch eigentlich mehr wissen als dieser Werwolf. Er war eifersüchtig, aber das würde er nie zugeben.

Erst nach einer guten Stunde – Harry knabberte inzwischen an einem Hörnchen – wandte sich die Rothaarige an ihren Mann: „Kannst du dich bitte um Harry kümmern? Wir müssen im Labor brauen.“

„Ach, dafür bin ich gut genug?“, schnaubte James wütend. „Dabei habe ich die Schule beendet und sogar einen UTZ in Zaubertränke!“

„James, jetzt hör' verdammt nochmal auf!“, zischte Lily.

„Stopp.“, hob Severus die Hände. Ihm war klar, dass dieser Streit hier geschlichtet werden musste, damit er nicht eskalierte. Sowohl Potter als auch Lily waren eigensinnig und stur, das gäbe eine heftige Explosion. Sie saßen hier fest, wenn sie in Sicherheit bleiben wollten, also mussten sie sehen, dass es einigermaßen friedlich blieb. Die beiden ehemaligen Gryffindors blickten ihn an. „Wir stehen auf der gleichen Seite, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Derzeit sind wir die Einzigen, die wissen, wie der Lord vernichtet werden kann, daher sollten wir zumindest versuchen, zusammen zu arbeiten. Wir brauchen diesen Gegentrank, damit wir das Medaillon aus der Höhle holen können.“

„Aber wozu?“, schüttelte James den Kopf. „Ein Bezoar tut es doch auch.“

„Leider nicht.“, schüttelte der Schwarzäugige den Kopf. Er nahm das Rezept von Regulus' Trank und deutete auf eine bestimmte Stelle. „Hier, diese Kombination macht den Einsatz eines Bezoars unmöglich, denn dagegen hilft dieser leider nicht. Kreacher ging es danach auch nicht besonders gut, er hat Wochen gebraucht, bis er wieder der Alte war. Das würde zwar auch bei einem Menschen nicht tödlich enden, aber es wäre ziemlich unangenehm für eine ganze Weile. Aber ohne Neutralisation des Trankes kommen wir nicht ungefährdet an das Medaillon. Und das wollen wir holen, wenn wir eine Gelegenheit dazu haben. Wir sind nicht sicher, ob der Lord dazu eine Verbindung hat. Also haben Regulus und ich überlegt, dass wir eine Möglichkeit finden müssen, dann in die Höhle zu gehen, wenn der Lord gerade abgelenkt ist und nicht gleich dort auftaucht, falls er Überwachungszauber aktiv hat. Leider wird es gerade hier schwierig, denn Regulus wird sicher bei den Versammlungen dabei sein. Auch wenn er meistens keine Überfälle mitmachen muss, so ist er zu der Zeit eigentlich immer im Labor beim Lord. Ich selbst kann nicht gehen, da man womöglich Magie braucht, die mir fehlt. Kreacher will helfen, aber alles kann ich ihm auch nicht überlassen. Also will ich wenigstens den Trank entwickeln, den wir brauchen, damit Regulus gehen kann, sobald es eine Chance gibt. Aber dafür brauche ich Hilfe. Beim Brauen muss Magie genutzt werden. Das hier ist nicht einfach nach Rezept etwas zusammen zu rühren. Die Entwicklung dieses Trankes erfordert eigentlich Meister-Fähigkeiten, aber wir haben keinen Meister. Lily ist die beste Tränkebrauerin, die ich kenne, deshalb brauche ich ihre Hilfe.“ Er atmete tief durch. „James.“ Bewusst nutzte er den Vornamen des Dunkelhaarigen. „Ich habe dir gestern gesagt, dass ich nichts von Lily will. Ich weiß, dass du sie liebst, und ich werde sie dir sicher nicht wegnehmen.“

Nun war es an James, tief durchzuatmen. „Dann macht.“, stimmte er widerwillig zu. Auch wenn er eigentlich nicht zulassen wollte, dass seine Frau und der Slytherin alleine waren, so sah er doch die Notwendigkeit ein, wenn sie einen Schritt weiter im Kampf gegen Voldemort kommen wollten. Er wandte sich seinem Sohn zu. „Harry, komm zu Daddy, machen wir uns einen schönen Tag.“ Harry streckte ihm begeistert die Arme entgegen. James wirkte sofort ruhiger und entspannter, als er seinen Sohn auf dem Arm hatte. Sie gingen gemeinsam in den Garten, wo James einen Sandkasten und eine Rutsche schuf. Glücklicherweise war das gesamte Anwesen geschützt, hier bekam niemand etwas mit.

Severus und Lily hingegen gingen in den Keller und setzten ihre Diskussion im Labor fort. Erst gegen Mittag waren sie sicher, so gut wie alle Möglichkeiten optimiert zu haben. Jetzt begannen sie mit dem Brauen. Leider konnten sie den Trank, gegen den sie nun ein Gegenmittel brauten, nicht neu brauen, da er Zutaten enthielt, die sie nicht bekamen. Einen Teil davon hatte der Lord auf mysteriösen Wegen beschafft, und sie konnten ihn natürlich nicht darum bitten, noch mehr davon zu besorgen. Also mussten sie hoffen, dass der Trank am Ende wirken würde. Sie konnten auch niemanden fragen, da sie niemanden einweihen konnten. Nach dem Mittagessen, das aus einigen belegten Broten bestand, brachte Lily den Kleinen ins Bett. Als er schlief, gingen sie zurück ins Labor. Ein letztes Mal gingen sie Schritt für Schritt das Rezept durch, dann sahen sie nach den benötigten Zutaten. Es war nicht alles da, was sie brauchten, also schrieb Severus eine Liste, die er Kreacher mitgeben wollte. Sicher konnte Regulus diese Dinge besorgen, es war nichts, was man nur als Meister bekam. Dennoch konnten sie mit dem Trank bereits beginnen, denn er brauchte fast drei Wochen. Das bedeutete, er würde erst nach dem nächsten Vollmond fertig werden.

Entspannter als zuvor arbeiteten sie nebeneinander, so wie früher. In den ersten drei Schuljahren hatten sie als Team in Zaubertränke gearbeitet. Danach hatte Severus versucht, sich in seinem Haus ein wenig zu integrieren, sich deshalb nicht mehr so offen mit Lily gezeigt. Wie sehr er das hier vermisst hatte, merkte er erst jetzt. Schon nach kurzer Zeit lachte Lily auf, als er eine seiner sarkastischen Bemerkungen machte. Auch Severus schmunzelte.

„Hey, Essen ist fertig.“, unterbrach James sie schließlich. Er bedachte Severus mit einem eisigen Blick und legte demonstrativ den Arm um Lily, küsste sie besitzergreifend. Er markierte eindeutig sein Revier. Severus schüttelte nur den Kopf. Der Werwolf in ihm machte ihn unruhig, aber er gab ihm auch eine gewisse Sicherheit, etwas, das ihm früher gefehlt hatte. Seine Selbstsicherheit war nicht selbstverständlich, nicht immer gleich, aber er schaffte es, James' Eifersucht ruhig und gelassen gegenüber zu treten. Ihm war bewusst, dass die Eifersüchteleien nur schlimmer würden, wenn er auf die Anspielungen von James reagierte. Auch wenn es ihm teilweise schwer fiel, blieb er äußerlich ruhig und gelassen.

Das schaffte er in den nächsten Tagen nicht immer. Sobald er aus dem Labor kam, begann James, gegen ihn zu sticheln, vor allem, wenn Lily mit Harry aus dem Raum war. Offenbar war sich der ehemalige Gryffindor bewusst, dass die Rothaarige solche Attacken gegen ihren früheren besten Freund – der er hoffentlich noch immer war – nicht akzeptieren würde.

Im Labor kamen sich die beiden Kindheitsfreunde langsam wieder näher. „Sev?“, murmelte Lily am dritten Tag. Der Schwarzhaarige brummte nur ermutigend. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr versucht habe, zu dir zu kommen. Es war irgendwie seltsam. Jedes Mal, wenn ich zu dir wollte, hat mich irgendwas davon abgehalten. Als ich dann doch Verdacht schöpfte und Fleamont, meinen Schwiegervater, um Hilfe bat, fand er heraus, dass ein Zauber über dem Haus lag. Er sollte Zauberer und Hexen fernhalten vom Haus. Einer der Auroren, die dich hingebracht haben, hat ihn wohl gewirkt. Ich hätte mich nicht einfach so abweisen lassen dürfen.“

„Lass gut sein, Lily.“, wiegelte Severus ab. „Mein Vater hätte dich nie zu mir gebracht.“

„Wieso ist er so zu dir?“, fragte sich Lily.

Severus atmete tief durch. Blitzschnell huschten verschiedene Gedanken durch seinen Kopf. Sollte er darüber sprechen? Wie viel konnte er Lily erzählen? „Es hat nichts mit mir zu tun.“, wisperte er letztlich. „Er ist so, seit … Mama gestorben ist. Er hat seine Arbeit verloren und Mama auch, und seither ist es immer schlimmer geworden. Er hat Trost im Alkohol gesucht und sich immer mehr verändert.“

„Aber das ist doch trotzdem kein Grund, dich so sehr zu verletzen!“, klagte Lily an.

„Vielleicht hast du Recht.“, zuckte Severus die Schultern. „Aber es ist vorbei, ich bin jetzt hier und werde nicht mehr zurück gehen.“

„Was ist mit dir und Regulus?“, wollte Lily neugierig wissen.

„Er hat mir ein Zuhause gegeben.“, antwortete Severus vorsichtig. Seine Gedanken gingen zurück zu dem letzten Gespräch. Er spürte, wie seine Wangen brannten, und wandte sich ab, kramte im Zutatenschrank. Um Lily nicht aufmerksam zu machen, sprach er weiter: „Anfangs war ich skeptisch, aber er ist ein guter Freund geworden. Ich vertraue ihm. Gemeinsam wollen wir etwas tun, um den Lord zu stoppen. Ich hoffe nur, Regulus übersteht es unverletzt.“

„Das heißt, er muss richtig gut in Okklumentik sein.“, folgerte Lily. „Im Orden ist bekannt, wie gut Voldemort in Legilimentik ist, er holt sich seine Informationen aus den Köpfen. Wir lernen alle Okklumentik, um im Notfall gerüstet zu sein. Ich habe Albus übrigens eine Nachricht geschickt. Keine Sorge, niemand bekommt davon etwas mit, ich habe einen Patronus geschickt, der nur mit Albus reden wird. Aber er muss gewarnt sein, wenn Peter ein Todesser ist, und da er uns offensichtlich verraten hat, glaube ich Regulus das auch, dann könnte der Dunkle weitaus mehr über den Orden wissen, als wir bisher glaubten. Albus hat geantwortet, dass er mehr als froh ist, uns am Leben zu wissen. Er war fast sicher, dass wir zuhause gewesen waren.“ Sie schauderte.

„Du hast Recht, er musste es erfahren.“, stimmte Severus nachdenklich zu. „Weiß er bereits von unseren Erkenntnissen?“

„Bisher nicht, das wollte ich ihm nicht so mitteilen. Zu brisant ist dieses Wissen, möchte ich behaupten.“, schüttelte die Rothaarige ihren Kopf. „Ich werde ihn bald treffen müssen. James oder ich, vielleicht sogar wir beide sollten gehen, damit Albus sicher sein kann, dass wir es wirklich sind. Dann geben wir ihm dieses Wissen weiter. Sicher weiß er, wie wir am besten weitermachen.“

„Wenn er es glaubt.“, schnaubte Severus. „Von uns Slytherins hält er nicht besonders viel.“

„Ich denke schon, dass er uns glauben wird.“, prophezeite Lily. „Immerhin erklärt es genau das, was er selbst sich nicht erklären kann. Und es klingt absolut schlüssig, ich bin sicher, er wird eine Weile darüber nachdenken, einige Nachforschungen anstellen, und dann wird er es glauben.“

„Glaubst du wirklich, dass es so einfach wird?“, zweifelte Severus.

„Ja, davon bin ich überzeugt.“ Lily nickte heftig. Einige Minuten schwieg sie und konzentrierte sich auf die Zerkleinerung der Schlafbohnen, die doch ein wenig trickreich war. Severus war ebenfalls beschäftigt, er schnitt Ingwerwurzel in zwei Millimeter dünne Scheiben. Hier kam es auf exaktes Arbeiten an, ansonsten würde der Trank nicht die entsprechende Wirkung haben.

„Das heißt, du hast hier in London auf der Straße gelebt?“, fragte Lily nach einer ganzen Weile.

Severus seufzte. Eigentlich war ihm klar gewesen, dass seine frühere beste Freundin nicht nachgeben würde. Auch wenn sie eine Weile abgelenkt worden war, sie kam zurück zu dem, was sie wissen wollte. Er war dankbar, dass sie anfangs nicht gebohrt hatte und es erst jetzt tat, da sie alleine waren. „Ja, einige Zeit.“, antwortete er daher. Sie würde ohnehin nicht nachgeben. „Ich habe zwar immer wieder am Hafen gearbeitet, aber eine Wohnung konnte ich mir damit nicht leisten, daher habe ich erst im Park unter einer Brücke und später in einem Abbruchhaus geschlafen.“

„Das ist ja grauenvoll!“, schauderte Lily. „Ich bin froh, dass Regulus dich gefunden hat.“

„Ich auch.“, lächelte Severus kurz. „Wobei es mir am Anfang richtig schwer fiel, wieder so … normal zu leben. Ich kannte es einfach nicht mehr. Ich musste mir nicht mehr ständig Gedanken machen, wo ich etwas zu essen her bekomme, wo ich schlafen kann, wie ich meine wenigen Habseligkeiten verstecke, oder mich ständig umsehen, ob jemand mich ausrauben will.“ Er schüttelte sich.

Eine Weile arbeiteten sie wieder schweigend. Severus ahnte, dass Lily versuchte, sich sein Leben auf der Straße vorzustellen, aber er konnte es sich selbst kaum noch vorstellen, obwohl es so lange Realität für ihn gewesen war. Unwillkürlich kreuzte er die Finger, dass es Regulus gut ging. Als James sie zum Essen holte, waren sie ein gutes Stück weiter und hatten die Hoffnung, dass der Trank am nächsten Tag fertig sein würde.

„Und ihr seid sicher, der funktioniert dann auch?“, erkundigte sich James, als Harry im Bett war und schlief.

„Ziemlich sicher.“

„Was heißt das?“, fuhr James auf.

„Wir können ihn nicht testen.“, erklärte Lily und sah ihren Mann ziemlich böse funkelnd an. „Aber derzeit können wir ihn sowieso nicht nutzen, wenn ich Severus richtig verstanden habe.“

Der nickte. „Regulus und ich sind nicht sicher, ob der Lord eine Verbindung zu dem Horkrux hat oder nicht. Falls er eine Verbindung hat, wäre es tödlich, sich zu lange dort aufzuhalten, um das Medaillon zu entwenden. Aber egal ob er die Verbindung hat oder nicht, wir sind überzeugt, dass er weitere Fallen oder Zauber eingebaut hat, um gewarnt zu sein, sollte sich jemand dem Horkrux nähern. Also kann nur dann jemand hingehen, wenn der Lord abgelenkt ist oder auf keinen Fall weg kann.“

„Also wenn er eine Versammlung hält.“, schlussfolgerte James. „Aber dann kann Regulus nicht in die Höhle, weil er sich sonst enttarnt.“

„Richtig.“, nickte Severus. „Darüber haben wir auch bereits diskutiert. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Eine Versammlung ist keine ausreichende Ablenkung, da könnte er jederzeit kurz verschwinden. Wir müssten warten, bis er irgendwo draußen unterwegs ist, auf einer Mission, die er nicht einfach so abbrechen kann. Das gibt uns deutlich mehr Sicherheit.“

„Aber wer geht in die Höhle?“, wunderte sich Lily. „Du, Sev, kannst nicht gehen, weil du keine Magie hast, Regulus muss in der Nähe des Lords bleiben, um nicht aufzufallen. Wie wollt ihr das denn hinbekommen?“

„Wir wissen es noch nicht.“, zuckte Severus hilflos die Schultern. „Wir hatten gehofft, dass wir eine Eingebung bekommen. Oder dass sich das Problem einfach von selbst auflöst.“ Seine Stimme wurde immer leiser und verklang schließlich. „Ich weiß, das ist ziemlich naiv.“

„Nein, ehrlich.“, schüttelte Lily energisch den Kopf. „Nicht jeder kann zugeben, dass er für ein Problem noch keine Lösung hat.“ Sie überlegte eine Weile. „Vielleicht findet Albus eine Lösung.“

„Nein!“, entschied Severus hart. „Ich will nicht, dass ...“

„Sev.“, unterbrach Lily ihn ruhig. „Wir müssen ihn einweihen. Er ist derjenige, der dem Lord entgegentreten kann. Ich glaube, er ist der Einzige, der das kann. Er muss wissen, was ihr rausgefunden habt. Fragt sich nur, wo wir ihn treffen können. Und wann. Ich finde, Regulus sollte dabei sein.“

„Okay, dann überlegen wir, wo. Ich spreche mit Regulus über den Zeitpunkt.“, gab Severus nach. „Und dann schicken wir Dumbledore eine Nachricht.“

„In Ordnung.“, entschied Lily und selbst James nickte schließlich. „Also machen wir erstmal den Trank fertig.“

Schweigend und grübelnd saßen sie beieinander. Letztlich stand Severus auf und murmelte einen Gute-Nacht-Gruß, bevor er sich in sein Zimmer zurückzog. Er fühlte sich wie erschlagen. Die letzten Tage, vor allem die Konfrontationen mit James Potter, schlauchten ihn zusehends. Außerdem stand bald Vollmond an, was ihm zusätzlich zu schaffen machte. Also duschte er sich nur kurz ab und legte sich anschließend ins Bett. Schnell schlief er tief und fest, bis er plötzlich eine Berührung spürte und mit einem panischen Schrei erwachte.

„Ruhig, Severus.“, sprach Regulus ihn an. Heftig atmend sank Severus zurück auf das Bett. Der Jüngere lächelte beruhigend. „Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte nach dir sehen. Meine Eltern schlafen, ich kann hier bleiben, wenn ich früh genug nach Hause gehe, sodass sie nichts merken.“ Er hielt einen Moment inne, damit Severus es aufnehmen konnte. „Nur, wenn du magst.“

„Ich würde mich freuen!“, lächelte Severus. Er rutschte ein Stück zur Seite, sodass Regulus Platz hatte. Komischerweise machte es ihm überhaupt nichts aus. Normalerweise bekam er Panik, wenn jemand ihm zu nahe kam, aber bei Regulus sehnte er sich die Nähe richtig herbei. Der angehende Tränkemeister zauberte sich ein eigenes Kissen und eine zweite Decke herbei, dann legte er sich zu Severus ins Bett, achtete dabei genau darauf, ihn nicht einzuengen oder zu berühren. Schnell ruckelte er sich zurecht.

„Lily und ich haben den Trank beinahe fertig.“, verriet Severus.

Überrascht setzte sich Regulus erneut auf. „Ihr seid sicher?“, staunte er.

„Nicht hundertprozentig.“, gab Severus zu. „Ich zeige dir unsere Theorie.“

„Gib die Aufzeichnungen Kreacher mit.“, nickte Regulus. „Jetzt möchte ich die Zeit mit dir genießen.“ Er schenkte Severus ein strahlendes Lächeln. Der überlegte nicht lange, sondern kuschelte sich in die Decken und legte seinen Kopf an Regulus' Schulter. Regulus blickte überrascht auf den Älteren, dann schmunzelte er zufrieden und legte vorsichtig seinen Arm um Severus' Schulter. Beide schlossen die Augen und schliefen kurz darauf tief, fest und sehr ruhig.

Leider kam der Morgen viel zu früh, Regulus musste rechtzeitig wieder zuhause sein, damit er bei seinen Eltern nicht auffiel. Mit einem kurzen, aber liebevollen Kuss verabschiedete er sich von Severus, noch bevor dieser richtig wach war. So kurz vor Vollmond war es schwer für Severus, meist war er müde und gleichzeitig rastlos, schaffte es nicht, lange auf eine Sache konzentriert zu bleiben. So dauerte es dann doch bis zum Abend, aber dann war der Trank soweit fertig, dass er erstmal nur noch kochen musste, wofür Lily einige Zauber wirkte, sodass er bei gleicher Temperatur blieb. Gegen Mittag war Kreacher aufgetaucht, dem hatte Severus eine schön geschriebene Kopie seiner Aufzeichnungen mitgegeben, sodass Regulus sie auswerten konnte. Die Hoffnung, dass Regulus erneut die Nacht bei ihm verbrachte, erfüllte sich nicht. Severus schlief unruhig, als ahnte sein Unterbewusstsein, dass sich bald etwas ändern würde.

Den Tag vor Vollmond verbrachte Severus größtenteils in seinem Zimmer. Unruhig ging er auf und ab, wollte laufen, aber gleichzeitig nicht unbedingt James begegnen. Gerade, weil Harry sehr quengelig war. Lily meinte, er würde zahnen. Severus kannte sich da nicht aus, aber der Kleine schrie fast ständig. Da seine Sinne wie immer vor Vollmond intensiver waren, wurde ihm der Kleine einfach zu viel. Das Geschrei hörte er trotz geschlossener Türen noch, und er ahnte, dass er vor allem auch die vollen Windeln mehr als deutlich riechen könnte, würde er nun nach unten gehen. Nur zum Mittagessen ging er tatsächlich nach unten, wissend, dass er die Energie brauchte. Ansonsten käme er nach der Nacht kaum noch aus dem Wald zurück ins Haus. Besorgt musterte Lily ihren besten Freund und sah James mit einem scharfen Blick an, als wollte sie ihm sagen, er solle sich zusammen reißen. Tatsächlich blieb der angehende Auror still und fütterte seinen Sohn mit etwas, das Severus nur mit Hilfe seines Geruchssinnes als Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse interpretieren konnte. Das Aussehen des Essens war mehr als unappetitlich. Aber Harry schien das nicht zu stören, er riss immer wieder seinen Mund auf und mampfte alles in sich hinein, das sein Vater ihm gab. Am Ende lutschte er zufrieden an einem Stück Gurke, das Lily ihm in die Hand gab. „Wie wird das heute Nacht?“, wollte die Rothaarige vorsichtig von Severus wissen.

„Ich gehe in den Wald.“, erklärte Severus. James wollte auffahren, wie es aussah, aber Severus sprach bereits weiter: „Kreacher hat ihn so verzaubert, dass ich als Wolf nicht raus kann. Andersherum kann kein Mensch hinein, wenn der Vollmond am Himmel steht. Es ist sicher.“

„Gut. Kann ich was für dich tun?“, fragte Lily weiter.

Severus schüttelte den Kopf. „Es gibt nichts, was man tun kann.“ Abrupt stand er auf und wollte gehen.

Harry wurde durch die Bewegung aufmerksam und blickte den Schwarzhaarigen mit seinen grünen Augen an. „Sevvus klank?"

Lily lächelte ihren Sohn an. „Nein, mein Kleiner.“, schüttelte sie den Kopf. „Severus ist nicht krank, aber er fühlt sich nicht besonders gut. Deshalb legt er sich jetzt ein bisschen hin und schläft. Du musst ihm ein wenig helfen, nämlich schön leise sein, damit er schlafen kann.“

„Kay, Mummy.“, nickte Harry ernst und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen, als Zeichen dafür, dass er leise sein wollte. Severus schenkte ihm einen dankbaren Blick – auch wenn er nicht glaubte, dass die Versicherung lange vorhalten würde – und zog sich in sein Zimmer zurück. Tatsächlich schaffte er es, etwa drei Stunden zu schlafen. Als er aufstand, spürte er bereits die kommende Verwandlung. Er griff nach einer Decke und ging nach unten. Im Wohnzimmer traf er auf Lily und James, die mit Harry spielten. Relativ leise, sodass er es von oben nicht gehört hatte.

„Du gehst jetzt schon in den Wald?“, staunte Lily. „Der Mond geht doch erst in zwei Stunden auf.“

„Ich gehe immer schon eher, einfach um sicher zu gehen.“, zuckte Severus die Schultern. Was er nicht sagte, er wollte eine Konfrontation mit James Potter vermeiden. Auch wenn sie nun schon seit zwei Wochen unter einem Dach miteinander lebten, so würden sie wohl keine Freunde werden. Zu sehr rieben sie sich aneinander. Und gerade jetzt, kurz vor Vollmond, reagierte er besonders aggressiv, vor allem auf Potter. Also ging er lieber frühzeitig in den Wald, dort hatte er Ruhe.

Lily strich ihm einmal kurz über den Arm, lächelte ihm aufmunternd zu und reichte ihm noch eine Phiole. „Ein leicht veränderter Stärkungstrank, der sollte dir helfen, die Verwandlung besser zu überstehen.“

„Danke!“ Severus lächelte überrascht. Er nahm den Trank an, roch einmal kurz daran, nickte bestätigend und schluckte die Flüssigkeit. „Du hast Wolfswurz hinzu gegeben und die Menge von Flussgras halbiert?“, analysierte er.

„Richtig. Außerdem ist das Flussgras an Neumond gepflückt, damit sollte es den Werwolf ein wenig beruhigen.“

„Es fühlt sich jedenfalls gut an.“, bestätigte Severus. „Morgen berichte ich dir, was ich noch weiß.“

„Das wäre gut.“, nickte Lily lächelnd. „Gute Nacht!“

Severus nickte kurz, dann ging er hinaus und in den Wald. Er fühlte sich erstaunlich gut, obwohl er weiterhin den kommenden Vollmond spüren konnte. Mit neuer Energie lief er ein ganzes Stück in den Wald hinein, dann erst setzte er sich, nackt und in die Decke gewickelt, unter einen Baum. Er ließ seine Gedanken treiben, dachte immer wieder an Suavita und die kurze Zeit, die sie als Familie glücklich waren. Warum hatte sich alles verändern müssen? Hätten sie nicht einfach so bleiben können? Die Armut hatte ihn nie so sehr gestört, aber die Ereignisse ließen ihn noch immer schaudern. Sein Vater hatte sich so sehr verändert durch den Tod von Suavita und ihrer Mom, dass er ihn nicht wieder erkannte. Dabei hatte er ihn damals wirklich geliebt. Erst, als die Verwandlung begann, stoppten Severus' Gedanken. Sein Geist zog sich zurück, als der Wolf sich manifestierte. Doch dieses Mal war etwas anders. Severus bekam zumindest verschwommen mit, was um ihn herum passierte. Er spürte die Freude des Wolfes, laufen zu können. Auf die Jagd zu gehen. Und schließlich die tiefe innere Befriedigung, als er Beute erlegt hatte. Einfache Gefühle, aber mehr, als Severus je erlebt hatte. Seit dem Biss konnte er sich nicht an die Nächte erinnern, hatte sie – seines Wissens nach – noch nicht bewusst mitbekommen. Dieses Mal schon. War das die Wirkung von Lilys verändertem Trank? Das mussten sie unbedingt mit Regulus besprechen!

Doch plötzlich zuckte er zurück, als sein Werwolf eine neue Präsenz in seinem Wald, seinem Revier, erkannte. Ein normaler Wolf? Oder ein anderer Werwolf? Severus' Wolf – bisher hatte er keinen Namen, obwohl Regulus immer wieder darauf drängte, einen zu finden – legte die Ohren an und knurrte leise, als eine leichte Brise den Geruch des Anderen zu ihm brachte. Das hier war sein Revier! Doch der Andere kam direkt auf ihn zu! Der schwarze Wolf mit dem glänzenden Fell hatte keine Ahnung, wie man sein Revier verteidigte, aber seine Instinkte ließen ihn heulen, bevor er dem Anderen entgegen lief. Das Fell war gesträubt und die Rute so buschig, dass sie dreimal so groß erschien wie sonst. Der andere Wolf war relativ groß und grau-schwarz. Er knurrte leise und lief um den schwarzen Wolf herum. Severus drehte sich, um immer in Verteidigungsposition zu bleiben. Dieser Werwolf reagierte nicht so, wie Severus es sich vorgestellt hatte. Zwar hatte er keine Erinnerung an die Vollmonde seit seiner Infizierung, aber das hier wirkte zu … bewusst, zu geplant. Der Schwarz-Graue schien ihn zu analysieren. Severus ahnte, dass an den Gerüchten von dem Wolfsbann-Trank etwas dran war.

Mit einem Mal sprang der größere Wolf vor, packte Severus mit seiner Schnauze, hielt ihn fest. Knurrend versuchte Severus zu entkommen, doch der Andere ließ nicht los. Plötzlich spürte Severus ein Ziehen. Ein Portschlüssel! Jetzt war es eindeutig, dieser Werwolf vor ihm wusste, was er tat, reagierte zu … menschlich. Panisch versuchte Severus, sich loszureißen, aber er hatte keine Chance, der Andere war viel stärker und schien zu wissen, wie man kämpfte. Als sie ankamen, drehte sich alles um Severus, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Kraftlos sackte der schwarze Wolf zusammen. Er lag auf Waldboden, aber nicht mehr im Wald bei Regulus. Dieser hier roch deutlich älter und wilder, hier war sicher kein Mensch in der Nähe. Um ihn herum war ein ganzes Rudel Wölfe, die rannten und tobten, jagten oder fraßen gerade. Es wirkte so … normal auf Severus. Sein Wolf schien diese Ansicht zu teilen, denn sobald er sich von dem Schreck des Portschlüssels erholt hatte, stand er auf und erkundete freudig seine neue Umgebung. Er beschnupperte alles, rannte überall herum und schien wirklich begeistert. Severus konnte es spüren, aber er hatte keinerlei Einfluss auf das Verhalten des Wolfes. Die Wölfe um ihn herum schienen unterschiedlichen Alters zu sein. Einige kleiner, fast noch Welpen, andere, die deutlich erwachsener waren. Vor allem die großen Wölfe, die wohl eher männlich waren, reagierten untypisch für Wölfe, zu zielgerichtet.

Einer dieser Wölfe drängte ihn zu einem frisch gerissenen Reh, dort konnte sich Severus' Wolf satt fressen. Auch wenn dem jungen Mann das nicht besonders zusagte, dem Wolf gefiel es. Er genoss diese Mahlzeit, gemeinsam mit den anderen Werwölfen. Danach rannte er mit dem Rudel durch den Wald, tobte sich regelrecht aus. Er spürte, dass er ein Stück weit dazu gehörte, aber zu sagen hatte er nichts. In der Rangordnung war er ganz unten. Dennoch war er ein Teil dieses Rudels. Sein Wolf fühlte sich sehr wohl, wollte gar nirgendwo anders sein. An einem See hielt er, um Wasser zu trinken. Severus erhaschte einen Blick auf den Wolf – wunderschönes, glänzendes, im Mondlicht blauschwarzes Fell, ein wenig zierlich, aber kräftig. Ein Wolf wie jeder andere hier. Severus machte sich Sorgen, wie es nun weitergehen sollte. Was wollten die Wölfe von ihm? War es Greybacks Rudel? Dieser hatte sich dem dunklen Lord angeschlossen, war das nun auch seine Zukunft? Wie hatte dieser Wolf ihn gefunden? Warum hatte er ihn mitgenommen? Konnte er hier wieder weg? Oder ahnte der Lord sogar, wie er zu Regulus stand? Wollte er über ihn an Regulus herankommen? Er drängte diese Gedanken zurück und leerte seinen Geist. Viel konnte er noch nicht, was Okklumentik betraf, aber Regulus hatte ihm erklärt, dass der geleerte Geist bereits ein sehr großer Schritt war. Der Eindringende musste dann im Geist erst langwierig suchen nach den Informationen. Vielleicht waren seine Sorgen auch völlig umsonst, aber es konnte nicht schaden, vorbereitet zu sein. Und im Moment konnte er sowieso nichts anderes tun, da der Wolf noch etwa drei bis vier Stunden draußen sein würde. Erst danach bekam Severus wieder seinen eigenen Körper zurück. Bis dahin würde er wohl einfach weiter seinen Geist leeren und versuchen, seine Erinnerungen zu verstecken.

 

Als der Mond unterging, verwandelte sich Severus zurück. Er fühlte sich erschöpft, aber auf eigentlich ganz angenehme Weise. Wie nach einem ausgiebigen Sport-Programm. Die Verwandlung selbst ging unspektakulär von Statten. Es war unangenehm, was kein Wunder war, bei der extremen Veränderung des Körpers, aber deutlich weniger schmerzhaft als früher. Er musste Lily unbedingt danken. Um ihn herum liefen Männer, Frauen und einige Kinder. Sie wirkten völlig entspannt, als wären sie gerade auf einem Spaziergang. Severus hingegen konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er fühlte sich extrem zittrig und erschöpft. Ein Mann kam auf ihn zu, seine schwarz-grauen Haare wirkten wirr und ungepflegt, genau wie der Bart, der eher nach einer Woche nicht rasiert aussah. Seine bernsteinfarbenen Augen verrieten deutlich, dass er ein Werwolf war. Die Haarfarbe erinnerte Severus an den Wolf, der ihn entführt hatte. „Hey, langsam!“, warnte er, als er direkt vor Severus stand und ihn festhielt. Severus schwankte, weil seine Beine ihn nicht mehr tragen wollten. Die Körpernähe war ihm unangenehm, auch wenn ihm die Unterstützung durchaus hilfreich war. Der Ältere half ihm, ein Stück zu gehen, bis zu einer Lichtung, auf der einige provisorische Hütten standen. In eine davon führte der Mann ihn.

„Was wollen sie von mir?“, erkundigte sich Severus, wobei er versuchte, seine Stimme fest zu halten.

„Du bist wie wir, du solltest auch so leben, wie es deine Natur verlangt.“, gab der Ältere zurück. „Ich sammle alle einzelnen Werwölfe ein, hole sie in mein Rudel. Du bist kaum mehr als ein Welpe, du solltest nicht dir selbst überlassen werden. Die Menschen wollen uns nicht haben, sie halten uns für Bestien, für bösartige Kreaturen, deshalb halten wir uns von ihnen fern. Wir kämpfen für unsere Rechte, denn wir wollen normal leben, so wie es unserem Instinkt entspricht. Inzwischen hat ein Tränkemeister einen Trank entwickelt, der uns hilft. Wir testen ihn, damit er am Ende auch zugelassen werden kann. Du wirst sicher bemerkt haben, dass wir uns kontrollieren können. Beim nächsten Vollmond bekommst du diesen Trank sicher auch.“

„Und jetzt?“

„Jetzt kannst du erstmal schlafen. Bis Mittag ist es recht ruhig hier, dann gibt es Essen.“, erklärte der Werwolf. „Wir reden dann nach dem Essen weiter, ich schätze, du hast viele Fragen, was deine Verwandlungen betrifft. Aber vorher musst du ausruhen, du siehst fertig aus.“

Severus gab nach, etwas Anderes blieb ihm auch nicht übrig, er war viel zu kaputt, um jetzt noch geradeaus denken zu können. Kaum, dass er lag, schlief er bereits. Für die nächsten Stunden grübelte er nicht, auch wenn sein Schlaf unruhig war. Doch er war so erschöpft, dass er sich nicht einmal durch die fröhlich spielenden Kinder stören ließ. Gegen Mittag wachte er auf und roch sofort, dass das Essen fertig war. Sein Magen knurrte und er stand ungelenk auf. Der gesamte Körper war steif und unbeweglich, er hatte starken Muskelkater. Dennoch fühlte er sich besser als sonst nach Vollmond. Eine Folge des Trankes von Lily? Oder Zufall? Sobald er die Gelegenheit hatte, musste er mit Lily darüber reden. Aber würden die Wölfe ihn gehen lassen? Das musste er dringend herausfinden. Aber vorher griff er dankbar nach der Kleidung, die neben ihm auf dem Bett lag und offensichtlich auf ihn wartete.

Draußen traf er wieder auf den Mann, der ihn als Wolf entführt hatte. „Ausgeschlafen, Welpe?“, erkundigte sich der Grau-Schwarze.

Severus besann sich auf seine Manieren, auch wenn er wütend über seine Entführung war. „Ja, danke.“, nickte er. „Ich bin Severus, Severus Snape.“

„Greyback. Fenrir Greyback.“, erwiderte der Mann brummig.

Severus zuckte zurück. Er kannte die Gerüchte und Geschichten um den Werwolf. Hier hatte er niemals landen wollen, denn er wollte auf keinen Fall in die Nähe von Voldemort kommen. Würde er das verhindern können? Regulus hatte gesagt, die Werwölfe standen zwar hinter dem Lord, aber sie hatten fast alle kein Mal. Greyback war der einzige, den Regulus bereits gesehen hatte, aber es gab wohl noch ein paar andere. Die Theorie seines Freundes war, dass der Lord nur die Werwölfe aufnahm, die genug Magie in sich hatten. Das wiederum wäre wohl gut für ihn, denn das Mal wollte er auf keinen Fall.

„Komm, iss.“, forderte Greyback auf. Erstaunt sah Severus um sich, er saß bereits an einem Feuer und eine große Schale mit Eintopf lag auf seinen Knien. Gemüse, Kartoffeln und Fleisch. Es duftete hervorragend, daher ergriff Severus den Löffel, den ihm Greyback hinhielt, und begann mit dem Essen. Es war richtig lecker.

Erst nach der zweiten Schale sah er auf. „Was passiert jetzt? Was erwartet ihr von mir?“

„Du bleibst erst einmal hier, damit du lernst, wie du als Werwolf lebst.“, bestimmte Greyback schroff. „Die Menschen unterdrücken unsere Natur, das ist nicht gut. Hier leben wir im Einklang mit unserer Natur, unsere Instinkte können sich frei entfalten. Wir haben jemand, der sich für unsere Rechte einsetzt. Jetzt gehörst du zu uns. Wir werden dir beibringen, wie du dich hier im Rudel verhältst. Du hast hier eine Familie.“

„Wie hast du mich gefunden?“, wollte Severus wissen. Instinktiv nutzte er die persönliche Anrede, alles Andere kam ihm falsch vor. „Der Wald war geschützt!“

„Wir Werwölfe können einander spüren, zumindest wenn wir eine gewisse Beziehung zueinander haben.“, erklärte Greyback. „Lupin hat dich verwandelt, ich habe Lupin verwandelt. Der Wald war zwar geschützt, aber für Werwölfe kein Problem. Menschen konnten und können nicht hinein, jedenfalls in Vollmondnächten. Die Hauselfen-Magie ist gut, aber spürbar. Erst, als ich mich verwandelt hatte, konnte ich hinein. Den Schutz konnte ich nicht verändern. Wem gehört der Hauself, der das getan hat?“

Severus schüttelte den Kopf. Er würde nicht verraten, bei wem er lebte. Offensichtlich hatte Greyback nicht die Absicht, ihn so schnell wieder gehen zu lassen. „Und wer lebt sonst noch hier? Was macht ihr den ganzen Tag?“, lenkte er ab.

Greyback zuckte die Schultern. „Das Rudel hier besteht aus etwa acht Männern, sechs Frauen und sieben Kindern und Jugendlichen, und ich. Und jetzt du. Wir leben hier im Wald, in den Hütten, die wir selbst gebaut haben. Da wir uns vollkommen selbst versorgen, gibt es genug Aufgaben für alle. Holz sammeln, damit die Feuer nicht ausgehen und die Hütten gebaut oder ausgebessert werden können, außerdem bauen wir die notwendigen Möbel daraus. Wir gehen auf die Jagd und bauen Gemüse an, um Nahrung zu haben. Die Häute und Felle verarbeiten wir zu Kleidung und Schuhen.“ Severus schnappte nach Luft, erst jetzt bemerkte er, dass die Männer, Frauen und Kinder alle Lederkleidung und -schuhe trugen. Greyback grinste kurz, dann sprach er weiter: „Die Kinder unterrichten wir selbst in dem, was sie können müssen. Wir werden sehen, was deine Stärken sind, wo du uns helfen kannst. Du bist magisch?“

Der Jüngere zuckte zusammen. „Nein.“, stieß er scharf heraus. Tief durchatmend versuchte er, seine Beherrschung zurück zu bekommen. „Nein.“, wiederholte er ruhiger, wenn auch ziemlich bitter. „Nicht mehr. Sie haben meine Magie versiegelt, direkt nach der Verhandlung.“

„Hm, dann sehen wir, wie geschickt du mit Holz bist.“, entschied Greyback.

„Ich will aber nicht hier bleiben.“, knurrte Severus. „Ich habe ein Zuhause.“

Greyback schüttelte den Kopf. „Nein, du bleibst hier. Der Lord kümmert sich darum, dass wir in Zukunft mehr Rechte haben, er gibt uns die Chance, die Verbrechen gegen uns zu vergelten. Die Menschen müssen lernen, dass sie nicht einfach alles mit uns machen können. Wir lassen nicht zu, dass sie Jagd auf uns machen und uns wie Tiere abschlachten.“ Er klang wütend und ziemlich böse. Severus schauderte unwillkürlich, das hier war genau der Werwolf, vor dem sich die britische Zauberwelt fürchtete. Ihm selbst ging es gerade nicht anders. „Wir sind gefährlich, aber wir verteidigen uns nur.“, grollte Greyback.

Severus erwiderte nichts, was sollte er auch sagen? Er war vom Regen in die Traufe gekommen. Und nun?

Autorennotiz

Die Charaktere - bis auf einige Ausnahmen - und die Handlungsorte gehören J.K. Rowling. Ich habe sie ausgeliehen und verdiene kein Geld damit.

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Autor

Phoenixs Profilbild Phoenix

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Kapitel:16
Sätze:4.621
Wörter:53.187
Zeichen:313.211

Kurzbeschreibung

Zurück in die Zeit der Rumtreiber - was passiert, wenn James zu spät in den Geheimgang zur heulenden Hütte kommt? Wie geht es für die einzelnen Beteiligten, vor allem Severus, weiter? Erst einmal nicht besonders, doch dann findet er einen Freund, den er so nicht vermutet hätte, verliebt sich und findet ein neues Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Außerdem lernt er, was Familie bedeutet und entwickelt sich in eine Richtung, die er selbst nie zu träumen gewagt hätte. Auch Harry wird eine Rolle in seinem Leben spielen. Wie groß? Das wird Severus sicher noch herausfinden! Viel Spaß beim Lesen! ~~Hauptsächlich aus Severus' Sicht, aber nicht in der Ich-Form geschrieben. Auf jeden Fall James/Lily; evtl. Chara-Death