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Der Weg aus der Dunkelheit

1.011
7.7.2017 19:38
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

2 Charaktere

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

 

In einem Keller irgendwo lagen ein Junge von vielleicht zehn oder elf Jahren und ein Mann, der wahrscheinlich so um die dreißig Jahre alt war. Beide hatten schwarze, verfilzte und fettige Haare und wirkten, als wären sie schon eine Weile in diesem Keller. Ihre Körper waren kaum von den kümmerlichen Resten ihrer Kleidung bedeckt und sie waren von unzähligen Wunden übersät. Der Mann bewegte sich, als er ein Stöhnen des Jungen wahrnahm. Vorsichtig schloss er den Jüngeren in seine zitternden Arme, versuchte ihm gut zuzureden.

„Halte durch, Kleiner. Irgendwann werden sie kommen und uns hier rausholen.“, wisperte er dem Kind ins Ohr, doch man konnte hören, dass er selber nicht mehr daran glaubte.

Wie hatte er ihn nur jemals hassen können? Der Kleine war so stark, auch wenn er gerade nicht mehr sprechen konnte, aber er gab nicht auf. Wie lange waren sie nun schon in diesem Kerker? Er selbst noch nicht so lange, der Junge sicher schon Monate. Und doch hatte er nicht aufgegeben. Hatte ihm sogar noch von seiner Stärke abgegeben, sonst hätte er selber es nicht so lange überlebt. Wieder öffnete sich die stählerne Tür ihres Gefängnisses und der Jüngere zuckte zurück, wie so häufig in den letzten Wochen. Doch diesmal schien etwas anders zu sein. Die dunkel gekleidete große Figur schob sich herein und bedeutete ihnen, leise zu sein.

„Sch. Nicht reden. Ich bringe euch hier raus, aber ich habe nicht viel Zeit dazu.“, zischte die Stimme.

„Warum?“, fragte der ältere Schwarzhaarige leise.

„Es ist nicht alles, wie es scheint. Tut mir leid, dass ich nicht eher da war, aber ich habe euch erst jetzt gefunden und muss mich beeilen. Allerdings werde ich euer Gedächtnis löschen, zumindest, was dieses Treffen anbelangt. Ich muss sichergehen, dass mein Sohn in Sicherheit ist!“, raunte der Dunkle und hob seinen Zauberstab. „Hier, das ist ein Portschlüssel, er kann nicht verfolgt werden. Er aktiviert sich automatisch in einigen Minuten, ich muss vorher wieder nach oben. Haltet ihn gut fest! Und jetzt, auf Wiedersehen! Amnesia!“

Der dunkel gekleidete Mann – man konnte an der Stimme eindeutig erkennen, dass es ein Mann gewesen war – wiederholte den Spruch zweimal, einmal richtete er seinen Zauberstab auf den Jungen, beim zweiten Mal auf den Erwachsenen. Verwirrt sah ihm der erwachsene Gefangene hinterher. Was hatte das zu bedeuten? Was machten sie hier? Und warum in aller Welt lag der Bengel in seinem Arm und klammerte sich, genau wie er selber, an eine alte Zeitung? Doch noch bevor er loslassen konnte, aktivierte sich der Portschlüssel und sie verschwanden aus dem Kerker.

Sie bekamen nicht mehr mit, wie die Tür nur Minuten später wieder geöffnet wurde und ihr Gefängniswärter die anderen Anwesenden alarmierte, damit sie nach den Gefangenen suchen konnten; oder wie sie einander bestraften, weil sie nicht gut genug aufgepasst hatten. Um die beiden ehemaligen Gefangenen herrschte Dunkelheit, in die sie sich fallen ließen, da sie Schmerzfreiheit und Ruhe versprach.

 

 

 

Einige Monate waren vergangen, in Wellington war gerade Hochsommer und wie in den letzten Monaten begann die junge Ärztin Dr. Wagner ihren Dienst, indem sie nach den beiden unbekannten, männlichen Patienten auf der Intensivstation sah. Am 20. Oktober letzten Jahres, also 1993, waren die beiden bewusstlos in einem Park gefunden worden. Die Wunden, die sie hatten, erinnerten an Folter. Keiner wusste, wie lange sie dort gelegen hatten, aber allzu lange konnte es nicht gewesen sein, denn am Vortag hatte es geregnet und ihre Kleidungsreste waren trocken gewesen. Sie waren hier in der Klinik gelandet und erst einmal stundenlang operiert worden, nachdem die ersten Untersuchungen zahlreiche Knochenbrüche und innere Verletzungen gezeigt hatten.

Die Polizei hatte bisher keinerlei Hinweise auf die Identität der beiden bekommen, sie schienen nicht zu existieren. Jedenfalls war jede Nachforschung bisher im Sande verlaufen. Sie waren nicht in Neuseeland gemeldet, ihre DNA war weltweit unbekannt, zumindest hatte Interpol keine entsprechenden Daten. Die Einwanderungsbehörde oder der Zoll hatten sie nie registriert und weder mit den Passagierlisten der Flugzeuge und Schiffe noch mit den Vermissten stimmten sie überein. Als wären sie nicht existent.

Aufgrund mangelnder Personalien – natürlich hatten sie auch keine Papiere bei sich gehabt – wurden sie hier im Krankenhaus als John und Jake Smith geführt. Das war das Einzige, was die Nachforschungen ergeben hatten: John, wie sie den Erwachsenen nannten, war eindeutig der Vater von Jake. Daher lagen die Beiden auch nahe beieinander, im gleichen Zimmer auf der Intensivstation. Langsam verheilten die Verletzungen von Beiden. Sie waren alle schockiert gewesen, als sie die Verletzten ausgezogen hatten. Das war eindeutig kein Unfall gewesen sondern systematische Folter. Und das über längere Zeit, da auch ältere, schlecht verheilte Knochenbrüche und weitere Verletzungen gefunden wurden.

Die Knochen waren inzwischen verheilt und auch die weiteren Verletzungen sahen nun recht harmlos aus, nur wenige feine Narben waren geblieben; der beste plastische Chirurg von ganz Neuseeland hatte sich ihrer angenommen. Sogar die feine, blitzförmige Narbe auf der Stirn des Jungen hatte er entfernen können.

Wie jeden Tag kontrollierte Dr. Wagner die Vitalwerte ihrer beiden Patienten. Momentan war die Intensivstation ein ruhiger Ort, nur diese zwei Patienten waren hier, wenn man von den frisch Operierten absah, die die Aufwachphase hier verbrachten, aber meist spätestens nach einigen Stunden wieder verlegt wurden. Heute, am 14. Februar 1994, schien sich etwas zu tun. Der Junge bewegte sich unruhig hin und her, die Vitalwerte zeigten ein baldiges Erwachen an. Scheinbar nahm der Junge seine Umwelt langsam wieder wahr, er wimmerte leise, als hätte er Schmerzen. Dr. Wagner erhöhte die Dosis des Schmerzmittels und der Kleine wurde ein wenig ruhiger. Seine Augen bewegten sich unter den Lidern, was für ein baldiges Aufwachen sprach.

Dr. Wagner setzte sich an das Bett des Jungen, nachdem sie den Beatmungsschlauch entfernt hatte, er sollte nicht alleine sein, wenn er aufwachte. Sanft griff sie nach seiner Hand und begann, leise mit ihm zu reden. Der Krankenschwester, die nach ihnen sah, erklärte sie, dass sie dem Jungen beim Aufwachen helfen wollte und sie solle den Vater im Auge behalten. Mehr Patienten hatten sie gerade nicht, erst in einigen Stunden kämen die ersten Aufwacher aus dem OP.

Der kleine Schwarzhaarige wurde immer unruhiger und wimmerte wieder leise, zuckte zusammen und versuchte, sich einzurollen. Die Ärztin dämpfte das Licht ein wenig, der Junge würde wahrscheinlich panisch reagieren, wenn er wach wurde und keine Ahnung hatte, wo er war. Würde er sich erinnern, was passiert war? Dann waren die Unruhe und die Angst, die er ausstrahlte, nachvollziehbar.

Tatsächlich schlug der Junge nach etwas über einer Stunde die Augen auf. Verwirrt sah er sich um, zuckte zurück, als er die Umgebung scheinbar identifizierte. Er sah die Ärztin, die an seinem Bett saß und robbte so weit wie möglich von ihr weg, während Schmerz und Panik in seinem Gesicht abzulesen waren.

„Ruhig. Ich bin Dr. Wagner. Du bist in Sicherheit, hab keine Angst. Hast du Schmerzen?“, begann die Ärztin.

Der Junge schüttelte den Kopf. Nein, Schmerzen hatte er nicht, aber er war völlig verwirrt. Er wusste nicht, wo er war oder wie er hierhergekommen war. Scheinbar konnte die junge, dunkelhaarige Ärztin seine Fragen an seinem Gesicht ablesen.

„Du und dein Vater, ihr seid vor Monaten bewusstlos in einem Park hier in der Nähe gefunden worden und seitdem seid ihr hier im Krankenhaus. Wir konnten eure Verletzungen erfolgreich behandeln und zumindest du bist jetzt auch wieder wach. Dein Vater liegt noch in einem Koma, aber er braucht noch mehr Zeit, so wie es momentan aussieht. Kannst du dich an irgendwas erinnern?“, fuhr die Ärztin ruhig fort.

Wieder ein Kopfschütteln von dem Schwarzhaarigen, der wunderschöne grüne Augen hatte. Die Panik war ein wenig reduziert, aber Angst war immer noch das vorherrschende Gefühl in seinem Gesicht und Verhalten, neben Verwirrung, die auch noch eine Menge Platz einnahm. Außerdem sah der Junge kaum etwas, alles war unscharf. Dr. Wagner seufzte.

„Keine Angst. Nach solchen Verletzungen ist ein teilweiser oder gesamter Gedächtnisverlust nicht selten, aber meistens kommt es mit der Zeit wieder. Wir haben dich, weil wir nichts herausfinden konnten, Jake genannt. Dann behalten wir das erstmal bei, wenn du einverstanden bist.“, entschied sie.

Diesmal nickte der Junge vorsichtig. Er ließ sie nicht eine Sekunde aus den Augen. Sein Geist mochte vergessen haben, aber sein Körper nicht, da war sich die junge Ärztin sicher. Der Kleine hatte eine Menge vor sich.

„Okay, Jake, kannst du mir sagen, wie du dich fühlst?“, fragte Dr. Wagner schließlich.

„Weiß nicht. Müde. Schwach. Durstig.“, krächzte der Junge heiser.

„Das ist verständlich, Jake. Ich hole dir schnell ein Glas Wasser, einverstanden?“

Ein vorsichtiges Nicken veranlasste die Ärztin dazu, aufzustehen und in das kleine Ärztezimmer zu gehen. Dort holte sie ein Glas und eine Flasche Wasser. Damit ging sie zurück zu Jake, der in der Zwischenzeit im Bett saß. Er hatte seine Beine angezogen und den Kopf auf den Knien abgelegt. Die Decke hatte er um seinen schmächtigen Körper geschlungen.

„Hier, Jake, ein bisschen Wasser kannst du jetzt schon trinken, aber erstmal ganz langsam. Du bekommst die nötige Flüssigkeit im Moment noch durch eine Infusion, bis wir sicher sind, dass dein Körper das Wasser wieder so aufnehmen kann.“, erklärte Dr. Wagner und hielt Jake das Glas hin.

Während die Ärztin gesprochen hatte, war der Blick des Jungen auf die Infusionen und die verschiedenen Nadeln in seinen Armen gefallen und einen Moment lang hatten die Augenbrauen sich unwirsch zusammengezogen, doch der Moment war schnell vorbei und er griff nach dem Glas, konnte es aber fast nicht alleine halten. Sanft griff die Ärztin zu und unterstützte den Jungen.

„Leg dich wieder hin, Jake.“, empfahl sie dann. „Dein Körper hat viel Kraft verbraucht, damit du aufwachen konntest. Schlaf eine Weile, dann sehen wir weiter. Die Polizei will dich auch noch befragen, woran du dich erinnerst, aber das hat Zeit, in Ordnung? Du konzentrierst dich erstmal darauf, wieder gesund zu werden, ja?“

„Okay, Dr. Wagner.“, wisperte der Schwarzhaarige und legte sich gehorsam wieder ins Bett. „Ich kann mich nicht erinnern.“

Der letzte Satz war fast lautlos gesprochen worden, doch die Ärztin hatte ihn verstanden. Sie strich ihm vorsichtig über das Haar.

„Das ist okay, Jake. Das braucht eine Weile und dann sehen wir weiter. Es ist völlig in Ordnung, hab keine Angst. Du bist hier in Sicherheit und kannst in aller Ruhe gesund werden, dann hat dein Kopf auch wieder Ruhe, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Jetzt schlaf, wir passen auf dich auf, versprochen!“, beruhigte sie ihn.

Sie blieb bei ihm sitzen, bis er wieder tief und fest schlief, dann sah sie erneut nach seinem Vater. Bei ihm hatten sie inzwischen nur noch wenig Hoffnung. Seine Nieren hatten bereits am Anfang versagt, sie mussten ihn jeden zweiten Tag mit der Dialyse verbinden. Auch die anderen Organe schienen langsam aber sicher zu versagen. Ihm konnte nur noch ein Wunder helfen. Wie würde es seinem Sohn gehen, wenn der Vater starb und ihn alleine zurückließ? Sie waren sicher, dass er wohl keine anderen Angehörigen hatte, denn es gab weltweit keine Vermisstenmeldung, die auf die beiden passte, scheinbar waren sie wirklich alleine. Jakes Englisch klang rein, nach Großbritannien, aber das konnte auch täuschen.

Es dauerte nicht lange, da hörte sie wieder das Wimmern des Jungen. Scheinbar hatte er Alpträume. Vielleicht erinnerte sich sein Unterbewusstsein. Doch die Ärztin war geschockt, als sie ihren kleinen Patienten sah. Die Angst und Panik war offen aus seinem ganzen Körper zu lesen, aber er schrie nicht. Nur das leise Wimmern war zu hören. Was sah er wohl? Instinktiv griff Dr. Wagner nach der Hand von Jake. Die Reaktion darauf war intensiv: Er schrie auf und zuckte zurück, versuchte, so weit wie möglich wegzukommen und fiel dabei fast aus dem Bett. Nur gut, dass sie die Gitter nach oben gemacht hatten. Als sie ihn losließ, rollte er sich in Embryonalstellung ein und legte den Arm beschützend über seinen Kopf.

„Was hast du nur erlebt, Kleiner?“, murmelte die Ärztin mehr zu sich selbst.

Ein schrilles Piepsen riss sie aus ihren Gedanken und sie sprang zum Nachbarbett. Wieder einmal setzte der Herzschlag von Jakes Vater aus. Schnell drückte sie den Notfallknopf am Bett und begann mit der Reanimation.

„Wag es ja nicht, aufzugeben!“, knurrte sie ihren Patienten an. „Dein Sohn braucht dich!“

Es dauerte nicht lange, dann konnte sie wieder aufhören, der Puls ihres Patienten war schwach, aber wieder gleichmäßig. Lange schafften sie das nicht mehr, aber sie wollte nicht aufgeben. Es bräuchte ein Wunder, dass er das schaffte, aber sie wünschte es Jake so sehr, dass er sich nicht auch noch von seinem Vater verabschieden musste. Wenigstens diese kleine Konstante sollte ihm bleiben, auch wenn er sich offenbar nicht erinnern konnte. Aber er war nicht alleine, das sollte bleiben.

„Wieder ein Aussetzer?“, begrüßte sie nun Dr. Fox, ihr Kollege.

„Ja, leider. Aber der Junge ist wach geworden, er erinnert sich an nichts mehr, aber zumindest reagiert er auf Ansprache. Ich vermute eine Sehschwäche. Seine Werte sind verhältnismäßig gut, dennoch denke ich, er wird nicht ganz einfach bleiben, denn er ist extrem schreckhaft. Ich vermute, sein Körper erinnert sich an die Qualen. Er wird eine schwere Zeit vor sich haben.“, berichtete Dr. Wagner.

„Dann sollten wir das Psychologen-Team mit informieren.“, überlegte Dr. Fox.

„Warten wir erstmal ab, ich vermute, Jake ist überfordert, wenn zu viele unbekannte Personen um ihn herum sind. Kümmern wir uns erstmal um seinen körperlichen Zustand und warten ab, wie er mit allem klarkommt.“, erwiderte die Ärztin. „Mir macht sein Vater deutlich mehr Sorgen. Ich glaube nicht, dass er es schafft, das bräuchte schon ein Wunder. Ich habe ihn heute das dritte Mal in dieser Woche reanimiert, seine Organe versagen langsam aber sicher. Aber ich will ihn nicht einfach aufgeben, Jake wird ihn brauchen, wenn er realisiert, was passiert ist.“

„Du hast Recht, aber was wollen wir tun? Wir sind Ärzte, keine Wunderheiler.“, seufzte Dr. Fox. „Ich verliere ungern Patienten, vor allem nach so einem langen Kampf, aber gegen das multiple Organversagen haben wir keine Chance. Wir können nur noch beten und hoffen, dass die Nähe zu seinem Sohn ihm hilft, seine letzten Kräfte zu mobilisieren.“

Gemeinsam verließen sie das Zimmer. Unbemerkt von ihnen hatte der Junge seine Augen geöffnet und das Gespräch der beiden Ärzte belauscht. Unsicher sah er zu dem Nachbarbett. Irgendwie fühlte er sich seltsam, als würde etwas nicht stimmen, aber er konnte nicht sagen, was es war. Im Bett neben seinem eigenen erkannte er einen dunklen Haarschopf und ein blasses, fast weißes Gesicht. Ein Atemschlauch verdeckte das meiste vom Mundbereich, aber er konnte einen Bartschatten erkennen. Die Haare waren deutlich länger als seine eigenen, wahrscheinlich fast bis zum Ellenbogen, aber sie hatten einen Zopf gebunden.

Jake fiel auf, dass er keine Ahnung hatte, wie er selber aussah. Das erschreckte ihn, aber noch mehr als sein Aussehen kennenzulernen wollte er nach dem Mann sehen, der wohl sein Vater war. Vorsichtig setzte er sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Das Nachbarbett war vielleicht drei Schritte entfernt, daneben stand ein Stuhl, auf dem Verbandszeug lag. Ob er das zur Seite legen und sich auf den Stuhl setzen konnte? Nach dem ersten Schritt spürte Jake einen Zug an seinem Arm und sah nach unten. Ein dünner Plastikschlauch steckte darin, führte zu einer Flasche, die an einem Ständer über seinem Bett hing. Der Schlauch war eingerollt und dadurch ein wenig gekürzt worden, also rollte Jake ihn aus. Jetzt konnte er zum Bett seines Vaters gehen.

Dieser Gedanke kam ihm immer noch sehr seltsam vor. Sein Vater. Es klang irgendwie falsch, ungewohnt. Aber dennoch schön. Jake schüttelte irritiert den Kopf. Seine komplette Erinnerung war weg, er wusste nicht einmal seinen Namen, warum also kam ihm das komisch vor? Doch jetzt war sein Vater wichtiger. Wie hatten die Ärzte gesagt, nur ein Wunder konnte noch helfen. Sie müssten beten und das Beste hoffen. Also würde er zumindest bei ihm bleiben.

Die drei Schritte waren unheimlich schwer, die Beine zitterten ihm und drohten, einfach nachzugeben, doch der Junge biss die Zähne zusammen und schaffte es auf den Stuhl. Da er so klein war, brauchte er nicht viel Platz, setzte sich nur halb auf die Sitzfläche, ließ das Verbandszeug einfach liegen. Dann wandte er sich seinem Vater zu, musterte ihn genauer. Sein Gesicht war weißlich-grau, das sah nicht sehr gesund aus. Außerdem von einer feinen Schweißschicht bedeckt. Die Atmung wurde offenbar von der Maschine übernommen und es klang unnatürlich laut in der Stille, die ansonsten nur durch das leise, etwas unregelmäßige Piepsen des Monitors unterbrochen wurde, der den Herzschlag seines Vaters anzeigte. Jake hatte keine Ahnung, was die Werte bedeuteten, die darauf standen, aber er hatte das Gefühl, dass es nicht gut aussah.

Er legte seine Hände auf den Körper seines Vaters, die linke auf den Brustkorb, die rechte auf den Bauch. Seinen Kopf lehnte er an den rechten Arm, in dem ebenfalls eine Nadel steckte, an der eine Infusion hing.

„Nicht sterben, Dad. Bitte nicht!“, wisperte der Kleine, dann schloss er seine Augen und versuchte, seinem Vater so nahe wie möglich zu sein.

Er spürte Wärme in sich aufsteigen und leitete sie instinktiv in den Körper neben sich, der immer wieder zitterte. Immer mehr Wärme schickte er seinem Dad, nicht bemerkend, dass das Piepsen gleichmäßiger und kräftiger wurde. Dr. Fox sah nach seinen Patienten, als er die Veränderung hörte und staunte nicht schlecht. Der Junge hatte es offenbar nicht nur geschafft, aufzuwachen, sondern sich bis zum Nachbarbett gekämpft und schlief nun, an seinen Vater gelehnt. Vorsichtig griff er nach dem kleinen, immer noch viel zu leichten Körper, hob ihn hoch und legte ihn wieder in sein Bett. Anschließend kontrollierte er die Werte des Monitors, weswegen er ursprünglich gekommen war. Puls und Blutdruck waren merklich angestiegen und die Sauerstoffsättigung stieg ebenfalls. Sogar die graue Farbe war fast aus dem Gesicht von John Smith verschwunden.

„Rosalyn!“, rief er leise nach seiner Kollegin.

Dr. Wagner stürzte herein. „Was ist los, Matt?“, wollte sie erschrocken wissen.

Dr. Fox deutete nur auf den Mann, den sie John Smith nannten. Seine Werte schienen im Moment stabil zu bleiben. Sie waren nicht gerade optimal, aber deutlich besser als noch vor einer halben Stunde, als sie sie das letzte Mal kontrolliert hatten. Hatte ihm die Nähe seines Sohnes doch so viel Auftrieb gegeben? Der Kleine musste unbedingt hier bleiben. Auch wenn es vielleicht einfach nur Zufall war.

„Dad?“, murmelte Jake jetzt leise.

„Sch, Jake. Im Moment geht es ihm etwas besser. Schlaf erst einmal.“, beruhigte ihn die Ärztin.

Jake öffnete die Augen ganz und zuckte zurück, als sein Blick auf den Mann hinter Dr. Wagner fiel. Panisch versuchte er, nach hinten weg zu robben.

„Schon gut, Jake. Das ist Dr. Matthew Fox, mein Kollege. Du wirst ihn sicher noch öfter sehen. Er ist unser Anästhesist, das heißt, er macht die Narkosen und die Überwachung von Patienten während einer Operation und auch von Komapatienten.“, stellte die Ärztin ihn vor.

Jake musterte den Arzt nun etwas ruhiger. Er hatte dunkelblondes oder hellbraunes Haar, irgendwas dazwischen. Die Haare waren ziemlich kurz geschnitten, aber er hatte einen Vollbart, der ebenfalls ordentlich geschnitten schien. Sein Lächeln, das er ihm jetzt schenkte, war warm und freundlich, es wirkte ehrlich, seine Augen lächelten mit. Er sah sportlich und kräftig aus, so wie Jake es unter dem Arztkittel erahnen konnte. Die Ärztin stand neben ihm und wirkte plötzlich relativ klein, obwohl sie dem Jungen vorher groß vorgekommen war. Ihre schwarzen Haare waren in einen langen Zopf geflochten, der ihr bis zu Taille ging. Sie hatte dunkle, mandelförmige Augen und auch sie lächelte freundlich.

„Ruh dich aus, Jake.“, beruhigte ihn nun auch Dr. Fox. „Morgen werden wir dich dann einmal komplett untersuchen und sehen, was genau wir noch weiterbehandeln müssen. Und dann sehen wir weiter. Du bist hier sicher, hab keine Angst. Wir sind beide morgen früh wieder hier, versprochen.“

Jake lehnte sich etwas ruhiger zurück und ließ sich von Dr. Wagner noch einmal etwas zu trinken geben, dann kuschelte er sich in sein Bett und schloss die Augen. Kurz darauf war er eingeschlafen. Seine Träume verwirrten ihn, aber jedes Mal, wenn er hochgeschreckt war, konnte er sich nicht mehr erinnern, was genau er gesehen hatte. Er wusste nur noch, dass es ihm Angst machte.

„Dad?“, wimmerte er leise.

Die Nachtschwester sah immer wieder nach ihm, aber entweder er schlief oder er stellte sich schlafend. Er wollte nicht, dass sie ihm Fragen stellte, die er nicht beantworten könnte.

 

 

Der nächste Morgen war gefüllt von den verschiedensten Untersuchungen. Jake ließ es über sich ergehen und wartete am Ende einfach nur noch, was ihm Dr. Wagner oder Dr. Fox erzählen würden. Zu beiden hatte er ein bisschen Vertrauen aufgebaut, sie konnten ihn auch anfassen, ohne dass er schrie. Zwar zuckte er bei jeder noch so feinen Berührung zurück, aber bei ihnen konnte er es akzeptieren. Sie entschieden nun doch, einen Psychologen dazu zu holen, aber Jake weigerte sich, zu reden. Nur in Gegenwart von Dr. Wagner und Dr. Fox ging er ein wenig aus sich heraus und sprach auch ein bisschen. Am Ende waren sie dann wieder alleine mit Jake.

„Alles in Ordnung, Jake?“, wollte Dr. Fox wissen.

Müde nickte Jake. Er war einfach nur absolut erschöpft und wollte schlafen. Vorher sollte er noch etwas essen, aber irgendwie hatte er keinen Hunger. Dr. Wagner brachte ihm ein Tablett mit einer warmen Suppe.

„Versuch es einfach, Jake. Eine leichte Suppe ist genau richtig für den Anfang. Wenigstens ein paar Löffel.“, ermunterte sie ihn.

Jake versuchte es, aber mehr als ein paar Löffel schaffte er einfach nicht. Dann ließ er sich in seine Kissen zurücksinken und schloss die Augen.

„Jake, soll ich dir gleich erzählen, was wir herausgefunden haben oder willst du es morgen wissen?“, fragte Dr. Fox leise.

Jake öffnete die Augen wieder. „Jetzt gleich.“, entschied er.

„Okay. Also, deine Knochen sind wieder ordentlich zusammengewachsen und auch wieder belastbar. Das bedeutet, dass du aufstehen kannst, aber erst einmal nur in Begleitung, bis wir sicher sind, dass du es auch alleine schaffst. Deine Lunge hat einige Narben zurückbehalten, das bedeutet, dass du in Zukunft eventuell leichte Atemprobleme bekommen könntest, wenn du es beim Sport übertreibst oder dich sonst überanstrengst. Wir mussten einen Teil deiner Leber und ein Stück von deinem Darm entfernen, da musst du mit dem Essen ein wenig aufpassen, nicht zu fett oder zu viel auf einmal. Später dann auch nur wenig Alkohol, am besten gar keinen, aber das ist erstmal hoffentlich kein Thema! Es könnte sein, dass du dennoch in den nächsten Wochen große Schwierigkeiten hast, denn dein Körper ist jetzt monatelang nur gelegen und die Muskeln haben abgebaut. Zwar haben unsere Krankengymnasten dich immer wieder bewegt und versucht, dich ein wenig zu kräftigen, aber im Koma ist das nicht so einfach. Sie werden ab morgen mit deinem Training beginnen, damit du bald wieder fit bist. Und du wirst eine passende Brille bekommen, du bist stark kurzsichtig.“, berichtete Dr. Fox.

„Okay.“, wisperte Jake ein wenig verunsichert.

„Keine Angst, das wird schon.“, munterte ihn Dr. Wagner auf. „Jetzt schlaf, Jake. Gute Nacht!“

Jake schmiegte sich wieder in sein Bett und schlief kurz darauf tief und fest. Wieder plagten ihn Alpträume und wieder konnte er sich nach dem Aufwachen nicht daran erinnern.

Am nächsten Tag kam eine junge Therapeutin, um mit Jake die ersten Übungen zu machen. Lange hielt er nicht durch, bevor er schweißgebadet war, aber die Therapeutin beruhigte ihn, dass es normal sei. Jeden Tag trainierte er eisern mit ihr und schaffte es nach einer Woche, alleine ins Bad zu gehen, sodass er auf die Bettschale verzichten konnte, was ihn mehr als erleichterte.

 

 

Einen Monat später ging es Jake schon deutlich besser. Zwar konnte er sich noch immer an nichts vor dem Krankenhaus erinnern, aber seine Therapie war nun fast abgeschlossen, innerhalb des Krankenhauses konnte er sich fast komplett selbständig bewegen. Auch an seine Brille hatte er sich schnell gewöhnt. Zunächst hatten sie ihn auf die Kinderstation verlegt, aber dort war er so unruhig gewesen, dass sie ihn zurück auf die Intensivstation zu seinem Vater gebracht hatten. Auch das Chaos, das normalerweise auf der Kinderstation herrschte, war ihm zu viel geworden und er war froh, wieder in dem gewohnten Raum zu sein. Hier störte er auch niemanden, wenn er wieder Alpträume hatte.

Zunächst hatte der Klinikleiter dagegen protestiert, aber Dr. Wagner und Dr. Fox hatten sich für ihn eingesetzt und so durfte er bei seinem Dad bleiben. Sie hatten argumentiert, dass der Junge durch seinen Gedächtnisverlust nur sehr schwer mit Veränderungen umgehen konnte und die Nähe zu seinem Vater dringend brauchte, um sich erholen zu können. Jeden Tag saß er an dessen Bett und legte ihm die Hände auf den Körper, erzählte ihm, was er sah und hörte, was er in der Therapie machte oder las ihm aus verschiedenen Büchern vor. Durch Zufall waren die beiden Ärzte – die immer noch die einzigen waren, denen Jake wirklich vertraute – darauf aufmerksam geworden, dass der Junge gerne las und hatten ihm einige Bücher mitgebracht. Der Zustand von John Smith war stabil und wurde langsam immer besser. Immer wieder fanden sie Jake schlafend am Bett seines Vaters, es schien ihn psychisch zu erschöpfen, seinen Vater so zu sehen, dennoch war er kaum von dem Bett wegzubewegen. Und dem Vater schien es zu helfen.

Es schien wirklich ein Wunder zu sein, die Ärzte konnten sich diese Genesung nicht erklären. Inzwischen hatten sogar sie die Hoffnung, dass er aufwachen würde. Es war eine Frage der Zeit, wie es schien. Jake schien seinem Vater die Kraft zu geben, die er brauchte und auch umgekehrt. Dr. Wagner erinnerte sich nur zu gut, wie Jake zum ersten Mal ins Bad gegangen war und panisch sein Spiegelbild angestarrt hatte. Im ersten Moment hatte keiner reagiert, bis sie verstanden, dass der Junge bisher keine Ahnung gehabt hatte, wie er selber aussah. Die wirren schwarzen Haare waren deutlich gewachsen, anfangs waren sie etwa zehn Zentimeter lang gewesen, als er eingeliefert wurde, aber in der Zeit, die er im Krankenhaus verbracht hatte, waren sie auf fünfzehn oder fast zwanzig Zentimeter angewachsen, standen aber immer noch ziemlich störrisch ab.

Der Junge hatte sich fasziniert im Spiegel angesehen, als er seine Augen entdeckt hatte, die ein so seltenes, aber wunderschönes smaragdgrün hatten. Ansonsten wirkte er klein und zierlich, fast ein wenig mädchenhaft. Doch langsam aber sicher nahm er Gewicht zu und baute auch ein paar Muskeln auf, das vertrieb das mädchenhafte aus seinem Aussehen.

Auch mit der Polizei hatte er gesprochen, aber keinen Hinweis liefern können. Nun überlegten sie, ob sie es mit Hypnose probieren sollten, da Jake immer noch an Alpträumen litt und da möglicherweise Bilder aus seiner Vergangenheit sah. Könnte er es in einer Hypnose genauer beschreiben, sodass sie vielleicht herausfinden konnten, woher er kam oder wie er hieß? Doch bisher waren sie unschlüssig, da Jake nicht sicher war, ob er das wollte oder eher nicht.

Wie immer saß Jake an diesem Abend Ende März an dem Bett seines Vaters, als sich dessen Hand plötzlich bewegte.

„Dad?“, fragte Jake leise.

Der Ältere stöhnte leise und versuchte angestrengt zu atmen. Schnell rief Jake nach der Ärztin, die sofort ins Zimmer rannte, als sie den alarmierten Unterton in Jakes Stimme wahrnahm. Dr. Wagner überprüfte die Vitalfunktionen und sah dann in Johns Augen, die sie mit dem Finger sanft öffnete. Das wurde mit einem weiteren leisen Stöhnen quittiert.

„Ganz ruhig.“, sagte sie leise. „Versuchen sie, entspannt zu bleiben. Ich werde jetzt den Atemschlauch entfernen. Am besten atmen sie dabei aus. Es wird einen Hustenreiz geben, aber das ist normal. Alles klar? Dann los.“

Während der Mann versuchte, die Anweisungen zu befolgen, zog die Ärztin den Schlauch aus seinem Hals, was in einem Hustenanfall endete. Dr. Wagner gab ihm einen Schluck Wasser zu trinken und hielt ihm dann eine Sauerstoffmaske vor das Gesicht, bis sich der Husten langsam beruhigte. Keuchend lag der Schwarzhaarige nun im Bett, die Augen geschlossen und wieder extrem blass und verschwitzt.

„Sie sind im Krankenhaus in Wellington. Ihrem Sohn geht es gut. Ruhen sie sich aus.“, informierte die Ärztin.

„Sohn?“, hauchte der Mann.

„Woran können sie sich erinnern?“, wollte die Ärztin wissen.

„Ich weiß nicht. Es ist alles irgendwie … verschwommen.“, erwiderte der Patient leise.

„Dad?“, mischte sich Jake ein. „Geht´s dir gut?“

„Wer…?“, fragte der John genannte.

„Das ist ihr Sohn. Da er sich an nichts erinnern kann, haben wir ihn Jake genannt. Bisher waren sie als John Smith geführt, aber falls sie sich erinnern können, werden wir gerne ihren richtigen Namen verwenden.“, erklärte die Ärztin. „Das ist eines der wenigen Dinge, die wir herausfinden konnten, dass sie beide Vater und Sohn sind. Sie kamen schwerverletzt zu uns in die Klinik, das ist nun etwa fünf Monate her. Eine Zeitlang waren wir nicht sicher, ob sie durchkommen würden, aber seit ihr Sohn wach ist, geht es langsam auch mit ihnen bergauf.“

„Mein Sohn?“, wisperte der Mann. „Ich weiß nichts mehr, kann mich an nichts erinnern.“

Angestrengt kniff er die Augen zusammen, wurde aber von der Ärztin ermahnt, sich nicht zu überanstrengen. Sie war sicher, die Erinnerung käme von selber, wenn er sich Zeit nahm. Nach ein paar weiteren Minuten schlief er bereits wieder, zu erschöpft, um die Augen länger offenhalten zu können.

 

Langsam erholte sich auch John in den nächsten Wochen. Es ging langsam, aber die Erfolge waren sichtbar. Einen Monat später konnte auch er alleine ins Bad gehen und beide wurden zusammen von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt, wo sie weiterhin Krankengymnastik machten und verschiedene andere Therapien. Beide mussten lernen, wie sie ihre Ernährung am besten gestalteten, denn auch John hatte deutliche Folgeerscheinungen, durfte ebenfalls keinen Alkohol mehr konsumieren und musste vor allem mit Zucker und Kohlehydraten aufpassen, da seine Nieren weiterhin nur eingeschränkt funktionierten.

Vater und Sohn lernten sich kennen, verbrachten viel Zeit mit gemeinsamen Gesprächen. Sie konnten sich nicht an ihre Vergangenheit erinnern, aber sie lernten sich selber kennen, indem sie einander ihre Gedanken mitteilten. Jake litt weiterhin unter Alpträumen, kroch dann oft zu seinem Dad ins Bett und klammerte sich an ihm fest. John gab ihm den Halt, den er brauchte, murmelte dann immer wieder leise in seine Haare, die sie nun geschnitten hatten. Störrisch waren sie allerdings immer.

Auch gerade war Jake wieder in das Bett seines Vaters gekrochen und hielt sich nun wimmernd an ihm fest.

„Sch, kleiner Löwe. Es ist gut, ich bin hier.“, murmelte sein Dad leise. „Schlaf, Leon, ich beschütze dich.“

„Leon?“, fragte Jake schlaftrunken.

„Ich finde, das passt besser zu dir als Jake. Deine Haare sehen aus wie eine Löwenmähne, deswegen finde ich Leon, also kleiner Löwe, passend.“, antwortete sein Vater leise.

„Leon gefällt mir auch.“, entschied der Junge und schmiegte sich wieder an seinen Dad.

„Dann schlaf gut, Leon.“, lächelte sein Dad.

Plötzlich schluchzte der Junge auf. Er klammerte sich an seinen Vater, der ihn nur festhalten konnte, da er nicht wusste, was genau gerade in seinem Kleinen vor sich ging. Immer noch war der Gedanke, dass der Junge sein Sohn war, seltsam.

„Was ist los, Kleiner?“, fragte er schließlich sanft.

„Dad, was machen wir denn jetzt? Wo sollen wir hin? Wir wissen nicht, wer wir sind oder wo wir herkamen. Was machen wir, wenn sie uns hier nicht mehr haben wollen?“, fasste Leon schließlich seine Ängste in Worte.

„Hey, sie werden uns schon nicht auf die Straße setzen. Erstmal bleiben wir noch hier, du weißt doch, dass ich noch mehrere Operationen vor mir habe, bevor ich auf Reha gehen kann. Danach gehen wir auf Reha und bis dahin wissen wir vielleicht schon mehr. Und wenn nicht, suche ich mir eine Arbeit und dann können wir auch eine Wohnung bezahlen. Dann fangen wir einfach ganz neu an. Hab keine Angst, mein kleiner Löwe. Ich passe gut auf dich auf. Ich will dich nicht verlieren.“, erklärte er sanft und streichelte dabei beruhigend über den Rücken seines Sohnes.

Das leise „Nicht noch einmal.“, das er am Ende lautlos hinzufügte, bekam Leon nicht mehr mit, da war er schon eingeschlafen. Auch er selber machte sich diese Gedanken, wollte aber nicht, dass sein Kleiner sich darüber auch den Kopf zerbrach. Er hatte bereits mit den beiden Ärzten, zu denen sie inzwischen Vertrauen gefasst hatten, gesprochen. Dr. Wagner hatte ihm erklärt, wie sie geplant hatten. Zunächst mussten sie sich um Johns Gesundheit kümmern. Er hatte noch einige Operationen vor sich, damit seine Organe hoffentlich wieder normal arbeiten würden, danach kamen sie auf Reha, und das wahrscheinlich mindestens vier Monate, eher sogar ein halbes Jahr.

Sollten sie bis dahin immer noch nicht herausgefunden haben, wer sie waren, dann gab es die Möglichkeit, Unterstützung vom Staat zu bekommen, damit sie einen neuen Start machen konnten. Bis dahin allerdings würde die Polizei weiterhin versuchen, mehr über ihre Identität herauszufinden, auch wenn es aussichtslos schien.

Leon träumte inzwischen wieder. Wie so häufig in den Nächten sah er unheimliche Bilder in seinem Schlaf. Leider konnte er sich daran nicht erinnern, sobald er wach wurde. Er wusste auch nicht, dass es immer die gleichen Bilder waren. Eine riesige Schlange, die versuchte, ihn zu töten. Ein rothaariges Mädchen, vielleicht in seinem Alter, das reglos auf dem Steinboden lag, kalt und blass. Ein junger Mann, vielleicht sechzehn, der ihn triumphierend ansah. Hände, die ihn griffen, in die Kälte zerrten, seinen Körper anfassten und ihm unwahrscheinliche Schmerzen bereiteten.

Wimmernd fuhr er in dem Moment hoch. Aus irgendeinem Grund schrie er nicht, biss sich jedes Mal die Unterlippe wund, um das Schreien zu unterdrücken. Da er immer noch in die Arme seines Vaters geschmiegt im Bett lag, bemerkte dieser natürlich, dass Leon hochschreckte und er spürte auch das allgegenwärtige Zittern wieder. Vorsichtig setzte er sich auf und schloss den lautlos schluchzenden Jungen in seine Arme. Sanft strich er ihm über den Rücken und murmelte beruhigende Worte in sein Ohr.

„Leon, rede darüber.“, ermutigte er ihn.

„Ich weiß nicht, kann mich nicht erinnern. Nur an Schmerzen. Es … es ist, als würde mein Geist sich an Schmerzen erinnern, die ich mal hatte.“, versuchte der Junge eine Erklärung. „Ich weiß nicht, was ich sehe. Ich glaube, es sind verschiedene Dinge, aber alle machen mir Angst. Ich will nicht mehr einschlafen!“

„Sch, Leon. Wir werden eine Möglichkeit finden. Vielleicht sollten wir noch einmal mit Dr. Wagner über diese Hypnose sprechen.“, überlegte John.

„Bleibst du dann bei mir, Dad?“

„Natürlich, Leon. Ich bleibe bei dir. Ich hab dir versprochen, dich nicht alleine zu lassen. Hab keine Angst.“, versprach sein Dad.

„Können wir gleich zu Dr. Wagner gehen? Ich glaube, sie hat heute Nachtschicht.“, bettelte Leon.

Er hatte zu viel Angst davor, wieder einzuschlafen. Einschlafen bedeutete zu träumen und die Träume machten ihm panische Angst. Sein Vater sah, wie schlimm es für den Jungen war und richtete sich vorsichtig auf. Seine Lunge war noch beeinträchtigt, er kam immer noch nicht ohne Sauerstoff aus, jedoch hatte er für den Weg ins Bad oder mal auf den Balkon ein tragbares Sauerstoffgerät an einem Rollstuhl befestigt bekommen. Laufen konnte er ebenfalls noch nicht alleine. Auch Leon schaffte keine großen Strecken, innerhalb der Station lief er zwar selbständig, aber wenn er für Untersuchungen oder Therapien in einen weiter entfernten Trakt des Krankenhauses musste, brauchte er ebenso Hilfe.

John setzte sich in seinen Rollstuhl, etwas, das ihm überhaupt nicht gefiel. Doch es war notwendig, das hatte sich schnell gezeigt, als er das erste Mal aufstehen wollte. Er war keine drei Schritte weit gekommen, bevor er zusammengebrochen war. Leon war panisch geworden und kaum zu beruhigen gewesen. Seitdem akzeptierte John den Rollstuhl, aber es war sicher keine Dauerlösung. Leon half ihm – wie so oft in den letzten Tagen – die Sauerstoffmaske aufzusetzen. Trug John sie nicht, bekam sein Gehirn innerhalb weniger Minuten nicht mehr genug Sauerstoff und er wurde bewusstlos. Auch das hatte er auf die harte Tour herausgefunden.

John schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu verbannen. Er hatte ein Versprechen gegeben: er würde kämpfen, um gesund zu werden und er wollte für seinen Sohn da sein. Leon war so unkompliziert, so lieb und höflich, alle bewunderten ihn dafür. Es machte John ziemlich stolz, die Komplimente zu hören, auch wenn er nicht genau wusste, ob er das verdient hatte.

Die Nachtschwester ihrer Station wollte sie aufhalten, aber Leon kannte sie nun lange genug und wusste, wie er sie ansehen musste, damit sie ihnen die Erlaubnis gab, zur Intensivstation zu gehen, um Dr. Wagner zu treffen. Jeder im Krankenhaus kannte die beiden Patienten und wusste, dass Dr. Wagner und Dr. Fox die Einzigen waren, denen sie vertrauten. Daher gab sie nun schnell auf der Intensivstation Bescheid, dass die Beiden unterwegs waren. Glücklicherweise war der Weg nicht allzu weit, sodass sie sicher war, dass sie es alleine schafften.

„Guten Morgen Leon, guten Morgen, Mr. Smith.“, begrüßte Dr. Wagner die Patienten.

„Guten Morgen Dr. Wagner!“, lächelte Leon und John nickte nur knapp, da er ein wenig außer Atem war.

„Was kann ich denn für euch beide tun?“, fragte die Ärztin, wissend, dass sie nicht mitten in der Nacht auftauchen würden, wenn es keinen Grund gäbe.

„Dr. Wagner, es geht um Leon. Er schläft fast gar nicht mehr, hat panische Angst vor seinen Alpträumen. Er will die Hypnose probieren.“, informierte John, als er wieder Luft bekam.

„Natürlich, gerne. Ich rede mit meinem Kollegen. Hab keine Angst, Leon, er hat das schon oft gemacht und er ist sehr nett.“, versicherte die Ärztin. „Du kannst dir schon mal überlegen, wo du dich sicher genug fühlst, damit du loslassen kannst. Ich schick dir Dr. Knight nach dem Frühstück. Sein Dienst beginnt erst gegen acht Uhr. Versuch bis dahin noch ein wenig zu schlafen.“

„Danke, Dr. Wagner!“, umarmte Leon sie.

„Weißt du was, nennt mich doch einfach Rosalyn. Ihr gehört doch schon fast zum Inventar hier!“, lachte die Ärztin. „Wenn es für sie okay ist, Mr. Smith?“

„Nur, wenn du mich John nennst. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich eigentlich einen anderen Namen habe.“, erwiderte John.

„Okay, John. Vielleicht sollten wir dir auch einen anderen Namen suchen? Leon hat seinen ja inzwischen gefunden!“, schmunzelte Rosalyn.

„Wie wäre es mit …“, begann Leon, wurde aber unterbrochen.

„Wag es ja nicht, irgendwas Lächerliches vorzuschlagen. Ich bleibe bei John, bis wir wissen, wer ich wirklich bin.“, entschied sein Dad fest.

Leon zog eine Schnute, sagte aber nichts weiter. Ruhiger als zuvor schob er seinen Dad zurück in ihr Zimmer. Die Nachtschwester grinste sie an und brachte ihnen eine Kanne Tee und zwei Tassen. Sie wusste, wie gerne die Beiden Tee tranken, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Sie half ihnen, sich wieder ins Bett zu legen, wobei Leon gar nicht erst in sein eigenes schlüpfte, sondern sich gleich in die Arme seines Vaters kuschelte. Wenn überhaupt, konnte er hier schlafen. Es schien, als ob sein Dad die Alpträume ein wenig reduzierte.

 

Einige Stunden später kam Dr. Knight in ihr Zimmer. Leon hatte kaum etwas gegessen, vor lauter Nervosität hatte er einfach nichts heruntergebracht. Er war froh, dass sein Dad ihn einfach nur im Arm hielt. Leon konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu sein. Klar kümmerten sich alle hier im Krankenhaus rührend um ihn, aber er war unsicher, sobald sein Dad außer Sichtweite war. Er wusste, sein Vater hatte es noch lange nicht geschafft, zwar war sein momentaner Zustand nicht mehr akut lebensbedrohlich, aber außer Gefahr war er noch lange nicht. Immer wieder schnürte Angst Leon die Kehle zu, wenn er seinen Dad nicht bei sich hatte.

Sein Vater schien zu ahnen, wohin die Gedanken seines Sohnes – mal wieder – wanderten. Sanft nahm er ihn in den Arm und spürte, wie der Kleine sich an ihn schmiegte. Ruhig strich er ihm über den Rücken und drückte ihn an sich. Viel konnte er nicht tun, seine Kraft reichte einfach nicht aus. Schwindel hatte ihn fast ständig im Griff, da seine Lunge und sein Herz nicht richtig arbeiteten. Je früher die Operationen stattfanden, umso besser, aber er wollte das seinem Kleinen nicht antun. Die Gefahr, dass er aus der Narkose nicht wieder erwachte, war groß. Was würde aus Leon werden, wenn er es nicht schaffte?

 

Dr. Knight machte es Leon leicht. Der Junge durfte in den Armen seines Vaters bleiben und sich bei ihm ankuscheln, dabei erklärte der Psychologe genau, was nun passieren würde. Langsam schien der Kleine sich zu entspannen und die leise Stimme des blonden Mannes vor ihm ließ ihn immer müder werden. Er schmiegte sich dicht in die Arme seines Vaters und schloss vertrauensvoll die Augen, glitt immer weiter in Richtung seiner Traumwelt. Schließlich spürte John, dass Leon träumte, er zuckte immer wieder zusammen und auch das Wimmern begann erneut.

„Leon, hör weiter auf meine Stimme. Du bist ganz sicher, dir passiert nichts. Erzähl mir, was du siehst.“, bat der Psychologe.

„Schlange. Will mich töten.“, nuschelte Leon undeutlich. „Mädchen ist so ruhig, bewegt sich nicht. Und dann so viele Hände. Nein! Nicht, bitte, nicht wehtun! Argh!“

„Ruhig, Leon. Dir kann nichts passieren. Du bist in Sicherheit, dein Dad hält dich fest und du bist immer noch im Krankenhaus.“, redete der Psychologe immer noch ruhig auf ihn ein.

Tatsächlich wurde Leon ein wenig ruhiger, aber es wirkte, als hätte er echte Schmerzen. John konnte fühlen, dass sein Puls enorm hoch war und der Kleine hatte Schweißperlen auf der Stirn.

„Lassen sie ihn aufwachen!“, forderte er von dem Psychologen.

„Wo bist du in deinem Traum, Leon?“, wollte Dr. Knight nach einem energischen Kopfschütteln wissen.

„Ein Keller. Da sind Gitter, ich kann nicht weg. Sie kommen immer wieder, sie tun mir weh. Sie fassen mich an und es tut weh. Mir ist so kalt, es ist dunkel, wenn sie nicht da sind.“, wimmerte Leon.

„Verdammt, wecken sie ihn auf, sehen sie nicht, dass es zu viel wird?“, fauchte John.

„Er muss es loswerden, damit er anfangen kann, es zu verarbeiten. Ansonsten wird er weiterhin jede Nacht von Alpträumen geplagt. Ich will ihm das nicht noch öfter antun und glauben sie mir, er schafft das.“, flüsterte Dr. Knight, dann wandte er sich wieder an Leon. „Wer sind sie, Leon?“

„Ich weiß nicht. Sie sind alle schwarz gekleidet und tragen unheimliche Masken.“, kam die Antwort. „Sie tun mir so weh, ich will, dass es aufhört!“

„Eine Frage noch, wie heißt du?“

„Ich weiß es nicht! Es soll aufhören!“, schrie Leon.

„Okay, Leon. Stell dir nun etwas Schönes vor. Ein Stück Wald, hell und grün. Dort bist du mit deinem Dad, ihr macht ein Picknick. Siehst du die bunte Decke, auf der ihr beiden sitzt? Und du hast dort eine Kanne Tee und ein paar Kekse. Die Sonne scheint und es ist herrlich warm, überall zirpen die Grillen und die Vögel zwitschern. Lehn dich in die Arme von deinem Dad und schlaf ruhig, wenn du müde bist. Die Vögel und die Blätter singen dir dein Schlaflied und wenn du wieder wach wirst, dann bist du ruhig und ausgeschlafen, weil die Träume ausnahmslos schön waren. Schlaf, Leon.“, beendete der Psychologe die Sitzung und John spürte, wie sich Leon in seinen Armen deutlich entspannte.

Zitternd ließ John seinen Sohn ins Bett gleiten. Seine Arme schafften es nicht mehr, den leichten Körper zu halten. Er war so schwach, dass er sich selber kaum noch im Bett halten konnte. Als er sich ein Stück wegdrehte, um an sein Wasserglas zu kommen, verdrehte er die Augen und fiel in sich zusammen. Entsetzt sah Dr. Knight, wie John zusammenbrach. Sofort rief er nach den behandelnden Ärzten.

„Kreislaufkollaps. Er muss sofort in den OP, wir können es nicht mehr aufschieben. Der Herzbeutel scheint voller Flüssigkeit zu sein und engt das Herz zu sehr ein, es kann den Körper nicht mehr richtig mit Blut versorgen.“, entschied der Stationsarzt. Gemeinsam hoben sie John auf das Nachbarbett und eilten mit ihm aus dem Raum. Zurück blieb sein kleiner Junge, der nichtsahnend und friedlich schlafend auf dem Bett seines Vaters lag.

 

Leon verschlief fast den ganzen Tag, ohne einen einzigen Alptraum. Gegen Abend wurde er wach, weil seine Blase drückte. Immer noch im Halbschlaf registrierte er nicht einmal, dass er alleine war und das Bett neben ihm fehlte. Er ging ins Bad und entschied sich, gleich noch zu duschen, um ein wenig wacher zu werden. Eine halbe Stunde später ging er zurück ins Zimmer und erstarrte, als er das Bild vor sich mit seinem Geist erfasste. Nur das Bett von seinem Vater stand da und es war leer.

„Dad!“, hauchte er. „Nein, bitte nicht! Nein, Dad!“

Zitternd sank er auf den Boden, konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Sein Dad war verschwunden, obwohl er ihm versprochen hatte, ihn nicht alleine zu lassen. Es kam Leon ziemlich bekannt vor, auch wenn er nicht wusste, warum. Er versuchte, die Tränen zurückzuhalten, aber sie wollten nicht aufhören, aus seinen Augen zu kullern. So fand ihn die Schwester, als sie sein Abendessen brachte. Schnell war sie an seiner Seite.

„Leon! Was ist denn?“

„Dad! Er ist weg!“, wimmerte Leon.

„Leon, sie mussten ihn operieren, konnten nicht länger warten.“, klärte sie ihn vorsichtig auf. „Du hast so friedlich geschlafen, da wollten sie dich nicht aufwecken. Ich habe vorhin nach dir gesehen, da hast du auch noch geschlafen. Ich wollte eigentlich da sein, wenn du wach wirst, damit du keine Angst bekommst.“

„Janice, wird er es schaffen?“, fragte Leon leise.

„Du weißt, dass die Ärzte alles tun, was in ihrer Macht steht. Dein Dad ist ziemlich schwach, aber er hat es geschafft, aus dem Koma zu erwachen, auch wenn ihn alle schon aufgegeben hatten. Er kämpft für dich, Kleiner. Gib ihn nicht auf.“, riet Janice.

„Wie lange ist er schon weg?“, wollte Leon wissen.

„Leon, er ist zusammengebrochen, als du eingeschlafen bist.“, sagte die Schwester vorsichtig, sie kannte den Kleinen, er wollte immer die Wahrheit wissen. „Du hast nun zehn Stunden geschlafen und er kam direkt in den OP. Danach werden sie ihn wohl erst einmal wieder auf die Intensivstation verlegen.“

Panisch starrte Leon die Krankenschwester an. Sie bot ihm an, ihn in den Arm zu nehmen, wissend, dass er bei plötzlichen und unerwarteten Berührungen panisch reagieren konnte. Leon ließ sich nur ungern berühren, sie vermuteten, dass er misshandelt worden war. Doch wohl nicht von seinem Vater, da er dessen Berührungen ohne jedes Misstrauen akzeptierte und genoss. Langsam näherte sich Leon der Krankenschwester und klammerte sich schließlich an ihr fest. Sie hielt den schluchzenden Jungen in ihren Armen und versuchte, ihm Kraft zu geben. Der Kleine hatte schon so viel mitgemacht, von dem sie nicht einmal wussten, was würde er noch verkraften müssen? Er tat ihr so leid, aber sie konnte nicht viel tun.

„Komm, Leon, versuch ein bisschen was zu essen, danach rufen wir mal auf der Intensivstation an, ob sie schon etwas wissen.“, versuchte sie ihn schließlich ein wenig abzulenken.

„Hab keinen Hunger.“, maulte Leon.

„Da werden wir nicht diskutieren, junger Mann. Du hast den ganzen Tag nichts gegessen, jetzt wirst du dich hinsetzen und essen, und wenn ich nachher wiederkomme, dann ist das Tablett leer. Verstanden?“, kommandierte Janice.

Sie kannte Leon zu genau. Schließlich lagen er und sein Vater schon lange genug hier auf ihrer Station. Der Junge verweigerte häufig sein Essen oder vergaß schlicht und einfach, dass er essen musste. Ein normales Hungergefühl schien er nicht zu kennen. Auch das hatten sie schon im Team diskutiert, es war ein weiterer Hinweis auf Misshandlung. Das Hungergefühl verlernten Menschen eigentlich nur dann, wenn sie wochen- oder gar monatelang nicht ausreichend Nahrung bekamen. Doch all die Hinweise halfen nicht, die beiden Patienten zu identifizieren.

Leon hatte sich murrend an den kleinen Tisch im Raum gesetzt und machte sich nun lustlos über sein Essen her. Auch er hatte Schwester Janice schon kennengelernt und wusste, sie meinte es genauso ernst wie sein Dad, wenn sie so etwas sagte. Ihm war klar, dass sie erst dann auf der Intensivstation anrufen würde, wenn er aufgegessen hatte, und das wollte er so schnell wie möglich.

Eine halbe Stunde später kam Janice wieder und schmunzelte, als sie das leere Tablett und die leichte Farbe in Leons Gesicht sah. Der Junge war unheimlich blass, nur wenn er gegessen hatte, kam ein wenig Farbe in sein Gesicht. Leider hatten sie nicht genug Zeit, mit ihm in den Krankenhaus-Park zu gehen und alleine konnte er das nicht. Zwar gingen die Krankengymnasten mit ihm nach draußen, aber die halbe Stunde, die sie am Tag für ihn hatten, reichte bei weitem nicht aus.

„Na dann komm, Leon.“, nahm sie ihn mit, als sie die Tabletts zurück zum Aufzug brachte.

Anschließend gingen sie ins Schwesternzimmer und Leon wünschte höflich einen guten Abend, da gerade die Zeit für die Übergabe war, der Tagdienst erzählte dem Nachtdienst, was tagsüber gewesen war und worauf sie achten mussten. Janice nahm ihn mit ins Ärztezimmer, das genau neben dem Schwesternzimmer war und griff dort nach dem Telefon. Routiniert wählte sie die Nummer.

„Hallo, hier ist Schwester Janice von der Internistischen. Ich wollte nachfragen, wie es mit John Smith aussieht. Ist er schon aus dem OP oder ist es absehbar?“, begann sie und lauschte dann der Antwort.

„Leon ist hier bei mir.“, sagte sie nach einer Weile und reichte dann den Hörer an Leon weiter. „Die Ärztin will mit dir reden!“

Panisch griff Leon nach dem Telefon und murmelte leise: „Hallo?“

„Leon? Hier ist Rosalyn. Dein Dad ist noch im OP, aber wahrscheinlich kommt er in der nächsten Stunde hierher. Soll ich dich holen?“, hörte er die Stimme von Dr. Wagner aus dem Telefon.

„Ja, bitte.“, wisperte er leise als Antwort.

„Gut, Leon. Ich gehe noch meine Runde fertig und dann komme ich zu dir rüber. Pack deinen Schlafanzug mit ein, ein paar Tage muss dein Dad sicher hier bleiben.“, versprach die Ärztin.

Als es in der Leitung klickte, reichte Leon den Hörer zurück an Janice. Er konnte nicht verhindern, dass schon wieder Tränen in ihm aufstiegen, aber er wollte nicht weinen. Weinen war schlecht. Er wusste nicht genau, woher der Gedanke gerade gekommen war, aber es erinnerte ihn an Dunkelheit und Enge. Eingesperrt sein. An Hände und Schmerzen. Er merkte nicht, wie er mit schockgeweiteten Augen in die Ecke zurückwich und sich klein machte, den Kopf mit den Händen schützte.

„Leon, hey, Leon!“, riss ihn auf einmal die Stimme von Dr. Wagner aus seiner Erinnerung und Panik.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie fassungslos an. Zitternd hockte er in der Ecke und zuckte bei jeder Bewegung vor sich zusammen.

„Rosalyn!“, erkannte er sie schließlich.

„Ja, Leon, ich bin da. Was ist los? Du warst bestimmt zwanzig Minuten nicht ansprechbar. Komm, setz dich auf den Stuhl hier.“, redete die Ärztin ihm gut zu.

Langsam löste sich die Starre und Leon ging auf den Stuhl zu, den die Ärztin ihm hingeschoben hatte. Er setzte sich hinein, immer noch in einer gewissen Starre, die Ärztin anstarrend.

„Leon, was genau hast du gefühlt oder gesehen?“, wollte Dr. Wagner wissen.

„Ich weiß nicht genau. Es war, als wäre ich woanders, aber ich weiß nicht genau, wo. Weinen bedeutete Schmerz. Ich darf nicht weinen, muss mich verstecken.“, wisperte der Junge zitternd.

„Sch, Leon. Dir passiert nichts. Es ist okay, wenn du weinst. Du musst gerade mit einer Menge fertigwerden, da ist es normal, wenn du ein wenig heftiger reagierst. Wie geht´s dir jetzt?“, wollte Rosalyn am Ende wissen.

„Weiß nicht. Ich will zu Dad.“, antwortete Leon verwirrt.

„Dann komm. Gehen wir erst auf euer Zimmer und holen dir einen Schlafanzug und deine Zahnbürste und dann sehen wir, ob dein Dad schon da ist. Dr. Fox hat die Narkose bei ihm gemacht, er passt bestimmt auf ihn auf.“, nahm Dr. Wagner Leon an der Hand und ging mit ihm zurück in sein Zimmer.

Die Beiden hatten nur wenig Kleidung. Sie selbst hatte bei der Familie ihres Freundes nachgefragt, da seine Schwester auch Kinder in dem Alter hatte und ein paar Dinge bekommen, die Leon sogar relativ gut passten. Für John hatte Matt in einem Second-Hand-Laden einige Dinge besorgt, die er sicher gebrauchen konnte, ein paar bequeme Jogginghosen und T-Shirts, Pullover und Schlafanzüge. Unterwäsche hatten beide neu bekommen, dafür gab es einen Sozialfond in Wellington, der für solche Fälle zuständig war.

Leon war schnell fertig, packte die Sachen in eine Stofftasche und griff noch seine Zahnbürste. Nach kurzem Überlegen packte er auch die seines Vaters ein. Auch wenn er sie vielleicht heute nicht benutzen konnte, Leon musste einfach daran glauben, dass er sie wieder brauchte. Alles andere konnte – und wollte – er sich nicht vorstellen. Gemeinsam mit der Ärztin, die ihn wieder an die Hand genommen hatte, ging er in Richtung Intensivstation. Gerade als sie die Tür öffneten, kam der Aufzug, der neben der Eingangstür war, auf der Station an. Die Türen gingen auf und ein Bett wurde herausgefahren.

„Dad!“, erkannte Leon.

„Er schläft noch, aber er hat es gut überstanden, Leon.“, informierte Dr. Fox ihn sofort.

„Danke, Dr. Fox.“, wisperte Leon.

Er wich nicht mehr von der Seite seines Vaters und beide Ärzte wussten, dass er die Nacht dort verbringen würde. Auch Leon wusste inzwischen, dass die ersten vierundzwanzig Stunden nach so einer OP kritisch waren. Und wirklich gut sah sein Dad ganz sicher nicht aus, er war extrem blass und zig Schläuche steckten in seinem Körper. Außerdem wurde er wieder künstlich beatmet und der Herzmonitor piepste leise. Dr. Fox schien zu erkennen, welche Ängste Leon ausstand.

„Schau, Leon. Damit können wir den Herzschlag und den Blutdruck von deinem Dad überwachen.“ Er zeigte ihm den Herzmonitor. „Der Blutdruck hier sollte optimalerweise auf 120 zu 80 sein, aber die Werte hier sind im Moment auch ganz in Ordnung, er ist ja noch in Narkose. Dann haben wir die Atemmaschine. Die braucht er nur noch, bis die Narkosemedikamente nachlassen, denn in Narkose können Menschen nicht alleine atmen. Weil er nicht trinken kann, bekommt er hier Flüssigkeit und Nährstoffe, mit der anderen Infusion bekommt er Schmerzmittel und das hier ist ein Blasenkatheder, denn er kann ja nicht aufstehen, um auf die Toilette zu gehen.“ Nacheinander deutete Dr. Fox auf die einzelnen Schläuche. „Und weil er bei der Operation sehr viel Blut verloren hat, füllen wir das hier wieder auf.“ Damit zeigte er auf die letzte Infusion. „Und der letzte Schlauch hier, der sorgt dafür, dass die Flüssigkeit, die sich im Gewebe sammeln würde, ablaufen kann, damit die Wunde schneller und leichter heilt.“

Jetzt trat Rosalyn wieder zu ihnen. „Ich habe gerade vom Herzchirurgen gehört, dass alles wunderbar verlaufen ist. Jetzt braucht er Ruhe und Zeit, um wieder aufzuwachen. Aber so eine lange Operation und Narkose brauchen Zeit, um verarbeitet zu werden. Leg dich hin, Leon, du kannst schlafen, ich werde dich wecken, wenn etwas mit deinem Dad ist.“, erklärte sie ihm.

Sie brachte ihn zum benachbarten Bett. Leon weigerte sich, hineinzuklettern, bis Dr. Fox schließlich das Bett nahe an das von John stellte.

„Es kann sein, dass wir dich immer mal ein wenig wegschieben müssen, wenn wir uns um deinen Dad kümmern, weil wir da an sein Bett müssen, aber ansonsten kannst du hier direkt neben ihm schlafen. Einverstanden?“, versuchte Dr. Fox einen Kompromiss zu finden.

„Okay.“, gab Leon nach.

Obwohl er den ganzen Tag geschlafen hatte, war er doch schon wieder müde. Er hatte die letzten Wochen jede Nacht mit Alpträumen gekämpft und viel zu wenig geschlafen. Sein Körper forderte nun den verlorenen Schlaf ein und an der Seite seines Vaters gab Leon dem nach. Schnell war er eingeschlafen, fühlte sich sicher, wenn Dr. Fox und Dr. Wagner da waren.

Die Ärzte kontrollierten John ständig in dieser Nacht. Der Herzmonitor alarmierte sie regelmäßig, aber sie mussten nicht einschreiten. Es schien, als geriete das Herz immer mal wieder ein wenig außer Takt, aber das war nach dieser OP nicht ungewöhnlich. Dr. Fox ging gegen Mitternacht nach Hause, seine Schicht war schon vor Stunden um gewesen. Sein Patient war stabil und wurde engmaschig überwacht. Dr. Wagner blieb die meiste Zeit im Zimmer, musste sich nur um drei andere Patienten kümmern, die gerade auf ihrer Station lagen.

Leon schlief ruhig, erst gegen Morgen hatte er offenbar wieder einen Alptraum und wimmerte leise. Dr. Wagner weckte ihn auf, jetzt hatte er wirklich lange genug geschlafen. Die Schwester brachte ihm ein Frühstück und er konnte zusehen, wie sein Dad untersucht und später gewaschen wurde. Erschrocken starrte er auf die rote Farbe, die seinen ganzen Brustkorb bedeckte und die lange Naht.

„Keine Sorge. Die Farbe wird ins Desinfektionsmittel gemischt, damit man nichts vergisst. Und die Naht sieht auch gut aus, sie wird eine Zeitlang brauchen um zu verheilen, aber am Ende wird sie sehr fein sein, sodass man sie kaum noch sieht.“, versicherte die Schwester dem Jungen.

Nach dem Waschen setzte er sich wieder neben das Bett, hielt Johns Hand, legte seine andere Hand an die Wange. Die Haut fühlte sich kühl an, also holte Leon noch eine Decke und breitete sie über seinen Dad. Er holte sein Lieblingsbuch aus der Tasche und las wieder vor. Die Ärzte bemerkten, dass dabei die Herzfrequenz und der Blutdruck stabiler wurden. Das Atemgerät hatten sie in der Nacht entfernt, als John wieder sicher selbständig atmen konnte, die Sauerstoffbrille hatte er allerdings immer noch umgebunden. Die Infusionen waren auch weniger geworden, er bekam kein Blut mehr.

Erst als sein Mittagessen kam, unterbrach Leon sein Vorlesen. Doch gleich, als er aufgegessen hatte, nahm er wieder sein Buch zur Hand und las weiter. Die freie Hand legte er wieder in die Hand seines Vaters. Plötzlich zuckte er zurück, als seine Hand einen sanften Druck erfuhr.

„Dad?“, fragte er leise.

Vorsichtig strich er seinem Vater über die Stirn, die Wange, die Arme.

„Hay?“, wisperte sein Dad.

„Dad, ich bin´s, Leon. Ich bin so froh, dass du wach bist.“ Erleichterung färbte Leons Stimme dunkler.

„Leon.“, hauchte John und blinzelte müde.

„Hey, sie sind wach, Mr. Smith. Wie fühlen sie sich?“, fragte ein Arzt, der gerade Dienst hatte; Leon kannte seinen Namen nicht.

„Müde.“, kam es von John.

„Ruhen sie sich aus. Sie haben eine ziemlich lange Operation hinter sich, waren den ganzen Tag gestern im OP, sind gerade mal etwa zweiundzwanzig Stunden wieder hier auf der Station. Sie müssen erst einmal wieder zu Kräften kommen. Leon, dein Dad braucht jetzt viel Schlaf, dann kommt er schneller wieder auf die Beine.“

Während er sprach, hatte der Arzt verschiedene kleine Tests mit John Smith gemacht. Er wirkte zufrieden und zeigte Leon einen nach oben gereckten Daumen und ein Grinsen.

„Soll ich dir weiter vorlesen, Dad?“, fragte Leon.

John nickte nur schwach. Leon legte seine Hand wieder in die seines Vaters und las weiter. Das Buch hatte ihm Rosalyn gegeben, ihr Freund hatte es von seiner Schwester für ihn geliehen und es gefiel Leon richtig gut. Es ging um einen Jungen, der zufällig ein Drachenei fand und den Drachen, der daraus schlüpfte, aufzog. Die Drachen faszinierten ihn und irgendwie musste er immer an ein brennendes Feuer in einer großen Hütte denken, wenn er über Drachen las. Leon wusste nicht warum, aber es war, als würde eine Erinnerung aus seiner Vergangenheit darauf lauern, wieder nach außen kommen zu können.

„Du liest wirklich gut!“, komplimentierte ihn Rosalyn, als er eine Pause machte.

„Entschuldige, Rosalyn, ich hab dich nicht kommen hören.“, murmelte Leon schüchtern.

„Kein Problem, Leon. Mir geht es genauso, wenn ich ein spannendes Buch in der Hand habe!“, lachte die Dunkelhaarige. „Weißt du, ich habe mich gefragt, ob wir nicht darüber nachdenken sollten, dass du in die Krankenhausschule gehst. Dort machen sie einen Test, wie weit du in den einzelnen Fächern bist und dann hast du Unterricht, genau wie in jeder anderen Schule. Dann verlierst du nicht zu sehr den Anschluss.“

„Ich… ich weiß nicht.“, erwiderte Leon unsicher.

„Keine Angst, Leon. Wenn es zu früh ist, dann werden wir noch warten, aber es würde dich ein wenig beschäftigen, dir wieder einen gewissen Rhythmus geben. Das hilft dir sicher auch ein wenig.“, versprach Dr. Wagner.

„Okay.“, stimmte Leon zu, obwohl er nicht wirklich überzeugt aussah.

„Gut. Und jetzt solltest du etwas essen und trinken. Dein Abendbrot steht schon eine Weile hier und wartet auf dich. Danach gehst du schlafen, du hilfst deinem Dad nicht, wenn du hier zusammenbrichst.“, riet die Ärztin. „Morgen gehst du dann zur Schule und siehst, wie es läuft. Dr. Knight würde mit dir gehen, hat er mir gesagt, wenn du das möchtest.“

Leon nickte und widmete sich dann seinem Essen. Er hatte zwar keinen Hunger und die Nervosität schnürte ihm den Magen zu, doch er wusste, sie würden darauf bestehen, dass er etwas aß. Nach der Hälfte allerdings ging heute nichts mehr. Das war ab und zu in Ordnung, sollte aber nicht zur Gewohnheit werden, hatte Janice zusammen mit der Oberärztin auf der internistischen Station entschieden. Müde krabbelte er nach dem Zähneputzen in sein Bett und reichte mit der Hand nach dem Arm von John. Hand in Hand mit seinem Dad schlief er letztendlich ein.

 

Müde stand Leon am nächsten Morgen auf. In der Nacht war er wieder mehrmals wach geworden, konnte sich aber nicht an seine Träume, oder besser Alpträume, erinnern. John schlief noch, er war einfach zu geschwächt, um länger wach zu bleiben. Aber zumindest schien es, als hätte er die schwere Operation wirklich gut überstanden. Sein Herz arbeitete nun wieder fast normal. Das Zittern überfiel ihn nicht mehr so schnell und er begann bereits mit der Aufbautherapie. Sogar seine Lunge arbeitete nun wieder besser, es schien, als wäre es eher eine Folge der Herzbeschwerden gewesen als ein wirkliches Lungenproblem. Sie hatten die Sauerstoffmenge schon deutlich reduzieren können.

Wie versprochen holte Dr. Knight ihn nach dem Frühstück ab und brachte ihn in ein kleines Nebengebäude. Leon staunte. Die Wände waren nicht mehr weiß, sondern bunt. Der Flur, durch den sie gerade gingen, war in der Grundfarbe hellblau gestrichen und über eine Wand zog sich ein riesiger Regenbogen. Die Decke war dunkelblau, fast schwarz und von verschiedenen Sternbildern erhellt. Leon blieb stehen und starrte nach oben.

„Der kleine Wagen. Sirius. Orion. Draco.“, hauchte er, die verschiedenen Sternbilder erkennend.

Irgendwie löste das etwas in ihm aus. Kurz blitzten Bilder in ihm auf, aber er konnte sie nicht festhalten. Dr. Knight fragte ihn danach, aber er konnte es nicht fassen. Die Bilder blitzten kurz auf und verschwanden sofort wieder. In dem Moment, als sie verschwanden, konnte er sich nicht mehr an die Gesichter erinnern, er war nur sicher, dass er verschiedene Personen gesehen hatte.

„Nicht erzwingen, Leon. Wenn es so anfängt, dann ist das ein gutes Zeichen, dass eines Tages alles wiederkommt. Aber man kann nie wissen.“, beruhigte Dr. Knight. „Bereit für die Schule?“

Leon nickte nach einem Moment und folgte dem Psychologen in einen Raum an der linken Wand. Dr. Knight stellte ihn dem etwas älteren Mann vor, der darin saß und irgendwas in ein Heft schrieb, das vor ihm lag. Dann erst blickte er auf und strahlende blaue Augen blickten ihn über die Lesebrille hinweg an. Wieder durchfuhr Leon ein Blitz und kurz wurde das Gesicht von einem anderen ersetzt, das ebensolche Augen hatte, bevor wieder nur der Mann vor ihm war. Leon bemerkte, dass der Mann ihm die Hand hinhielt und legte seine hinein.

„Entschuldigung, ich war in Gedanken.“, meinte Leon leise.

„Ich bin Mr. Wolf, ich unterrichte die Kinder, die länger im Krankenhaus bleiben müssen. Normalerweise wissen wir ja, in welcher Klasse die einzelnen Schüler sind, aber bei dir sind wir nicht sicher, daher wollen wir erst einmal testen, was du schon weißt. Keine Angst, das wird nicht benotet, es soll uns nur helfen, dich vernünftig zu unterrichten, ohne dass du über- oder unterfordert bist. Bereit, Leon?“, sprach der Lehrer auf ihn ein.

„Äh, was muss ich machen?“, wollte Leon ein wenig überfordert wissen.

„Such dir einen Platz aus, heute ist keiner da, weil Samstag ist. Ich gebe dir dann verschiedene Aufgaben aus den Bereichen Mathematik, Englisch, Geschichte und einigen anderen Fächern, die ziemlich breit das Wissen abfragen. Du hast Zeit, musst nicht hetzen, es kommt nicht darauf an, schnell zu sein. Ich will nur sehen, wie dein aktueller Stand ist.“, beruhigte ihn Mister Wolf.

Immer noch etwas unsicher setzte Leon sich auf einen Stuhl an der Wand, nahe eines Fensters. Sehnsüchtig blickte er nach draußen. Dr. Knight, der den Blick sah, öffnete das Fenster einen Spalt weit und sah das freudige Aufblitzen auf Leons Gesicht. Der Junge musste mehr nach draußen, vielleicht konnte er da etwas arrangieren.

Konzentriert arbeitete Leon sich kurze Zeit später durch die verschiedenen Aufgaben. Er musste rechnen, verschiedene Fragen zu einem Text beantworten, und vieles mehr. Dr. Knight hatte sich nach ein paar Minuten verabschiedet, als er merkte, dass Leon klarkam. Der Junge arbeitete zügig, aber nicht hektisch, das fiel dem Lehrer auf. Er schien selbständiges Arbeiten gewohnt zu sein. Er konnte erstaunlich lange konzentriert arbeiten. Erst als er alles durchgegangen war, sah er auf.

„Mister Wolf, ich bin fertig.“, verkündete er sicherer als noch am Morgen.

„Gut, dann wollen wir mal sehen. Magst du warten, bis ich es korrigiert habe oder soll ich dir das Ergebnis am Montag sagen?“, erkundigte sich Mr. Wolf.

„Am Montag.“, entschied Leon.

Er wollte schnell zu seinem Dad zurück. Der wartete auch schon auf ihn, als er von einer Schwester wiedergebracht wurde. Der Lehrer hatte auf der Station angerufen und darum gebeten, dass Leon abgeholt wurde, denn er wusste, dass der Junge nicht alleine gehen sollte. Dafür war er noch zu unsicher auf den Beinen.

„Hey, mein Kleiner. Wie lief es?“, fragte John, als Leon sich an sein Bett setzte.

„Ich konnte viele Fragen beantworten, außer in Geschichte. Davon hatte ich keine Ahnung.“, gestand Leon.

„Schön. Ruh dich ein bisschen aus.“, wisperte John.

„Darf ich bei dir schlafen?“, wollte Leon nach einigem Zögern leise wissen.

John überlegte nicht lange. „Komm her, mein Kleiner.“

Auch er selber fühlte sich besser, wenn sein Sohn bei ihm war. Er wollte nicht auf den Kleinen verzichten, hatte ihn lieb gewonnen, auch wenn ihnen keiner sagen konnte, wie sie früher miteinander ausgekommen waren. John hatte mitbekommen, dass die Ärzte und Therapeuten vermuteten, dass Leon als Kind misshandelt worden war. Es mochte sein, dass sie beide sich nicht mehr erinnern konnten, aber er war sich absolut sicher, nie Hand an den Jungen gelegt zu haben. Aber auch er war überzeugt aufgrund von Leons Reaktionen, dass er geschlagen worden war, möglicherweise sogar missbraucht. Doch egal wie wenig er gerade über seine Vergangenheit wusste, da war er sich sicher, das hatte er nie getan. Nur, wo war der Junge dann aufgewachsen und warum?

Mittlerweile lag Leon ruhig schlafend in seinen Armen vergraben. Vage erinnerte sich John an das letzte Mal, als Leon so geschlafen hatte, da war er wohl zusammengebrochen und direkt in den OP gebracht worden. Er hatte gehofft, die OP noch ein wenig hinauszögern zu können, bis Leon wieder sicherer war, aber das Schicksal hatte anders entschieden. Vielleicht war es gut so gewesen, jetzt konnten beide wieder ruhiger schlafen. Alle Gedanken konnte der Erwachsene nicht abschütteln, aber das gleichmäßige Schnaufen seines Sohnes lullte auch ihn nach einer Weile ein und er schlief eine Stunde später ruhig und fest.

Den Sonntag verbrachten sie hauptsächlich im Bett, Leon las seinem Dad weiter vor und kuschelte sich dabei in die starken Arme. Zwischendurch aß und trank er, wenn das Essen gebracht wurde. Auch John bekam schon wieder eine leichte Kost und durfte essen. Zwar rebellierte sein Magen noch ein wenig, aber er behielt die kleine Portion, die er geschafft hatte, bei sich. Nach dem Essen schliefen sie beide ein wenig. John musste noch einige Tage auf der Intensivstation verbringen und Leon war nicht von ihm wegzubekommen, daher behielten sie auch den Jungen dort.

Am Montagmorgen merkte man Leon seine Nervosität deutlich an. Sein erster Schultag an der Krankenhausschule sollte um neun Uhr beginnen. Wieder begleitete ihn Dr. Knight, der im Gegensatz zu den meisten Ärzten einen festen Dienst hatte, jeden Tag um acht Uhr anfing und um fünf Uhr nachmittags nach Hause ging. Einmal im Monat musste er auch Samstag arbeiten, erzählte er Leon im Gehen, das war vor zwei Tagen gewesen.

In der Klasse traf Leon dann auf einige andere Schüler, die meisten davon älter als er selber. Sie stellten sich ihm vor, aber es ging einfach zu schnell, Leon kam nicht mit und konnte sich die meisten Namen nicht merken. Doch sie waren freundlich zu ihm und nach ein paar Minuten ließ seine Anspannung nach. Er setzte sich wieder an einen Fensterplatz, hinten in der Ecke, da er unsicher wurde, wenn jemand hinter ihm war und er nicht wusste, was da geschah. Mister Wolf kam zu ihm und erklärte ihm, dass er auf dem Stand von Elf- bis Zwölfjährigen war, in manchen Bereichen ein wenig weiter, in anderen dafür nicht ganz so weit.

Leon gewöhnte sich schnell an seinen neuen Tagesablauf. Er verbrachte die meiste Zeit immer noch mit seinem Vater, wurde unsicher, wenn er nicht wusste, wo sein Dad war, aber er ging jeden Vormittag in die Krankenhausschule. Während dieser Zeit trainierte John wie besessen, um wieder fitter zu werden. Er hasste die Schwäche, die sich seiner bemächtigt hatte und wollte sobald wie möglich wieder auf eigenen Beinen stehen. Doch es war ein mühsamer und steiniger Weg, der immer wieder Rückschläge beinhaltete. Mehr als einmal übertrieb er sein Training und musste von den Ärzten wieder aufgepäppelt werden, weil sein Herz ihn ausbremste. Nach jeder dieser Attacken lag er mindestens zwei oder drei Tage flach, zitterte und brauchte wieder Sauerstoff. Doch er kämpfte, wollte seinem Sohn ein besseres Umfeld als das Krankenhaus geben. Leon wäre schon lange in eine Reha-Klinik verlegt worden, aber sie sahen die Panik, die er jedes Mal hatte, wenn sein Vater nicht da war, daher verschoben sie seine Reha immer weiter.

Die schulischen Leistungen seines Sohnes machten John sehr zufrieden. Er sah, wie fleißig sein Kleiner lernte und die Hausaufgaben erledigte er konzentriert und schnell, dabei aber immer ordentlich. Für ihn war es wichtig, diese Dinge schnell zu machen, damit er Zeit mit seinem Dad hatte. Leon hatte nicht vergessen, dass sein Vater immer wieder knapp dem Tod entronnen war, mehr als ein Wunder hatte ihn gerettet. Die Angst, dass es das nächste Mal vielleicht nicht klappte, war immer da. Deshalb war er immer wieder froh, wenn der Unterricht vorbei war, auch wenn er das Lernen an sich wirklich gerne machte.

Wie immer saß er auch Mitte August an einem ziemlich kühlen Vormittag in dem kleinen Klassenraum. Obwohl er sich den wärmsten Pullover angezogen hatte, den er besaß, fror er dennoch ziemlich. Trotzdem konzentrierte er sich auf die Aufgabe, die ihm gestellt worden war, er sollte verschiedene Flächen berechnen und die Winkel der Ecken dazu. Geometrie machte ihm Spaß, auch wenn er kaum Erinnerungen an diese Dinge hatte, er lernte schnell. Mister Wolf lobte ihn, als er die Aufgabe zurückgab und alles richtig war.

„Sehr gut, Leon. Dann können wir bald einen Schritt weitergehen!“

In dem Moment öffnete sich die Tür und Janice kam herein, direkt auf Leon zu. Beruhigend lächelte sie den Jungen an, der blass geworden war.

„Keine Sorge, Leon, deinem Dad geht es gut.“, linderte sie seine stetige Angst. „Aber dennoch gibt es etwas, das deine Anwesenheit erfordert, aber das kann man schwer erklären. Komm einfach mit!“

Da der Unterricht sowieso zu Ende war, hatte auch Mister Wolf nichts dagegen, sah aber davon ab, Leon Hausaufgaben zu geben. Er wusste, was geplant war und freute sich für den ruhigen Jungen. Leon war anders als alle Kinder, die er in seiner langen Zeit hier im Krankenhaus unterrichtet hatte. Doch genau konnte er es nicht erklären. Er hatte schon ruhige Kinder gehabt, aber keines davon war so geheimnisvoll wie Leon. Als wäre da etwas, das man nicht greifen konnte, und dennoch war es da. Leon selbst schien das nicht zu bemerken, aber es war genau diese Ausstrahlung, die ihn von den anderen Kindern isolierte. Er wirkte in seinem Verhalten meist deutlich älter und reifer als die zehn oder elf Jahre, die er körperlich zu sein schien. Genau wusste es keiner.

Leon folgte in der Zwischenzeit ängstlich Schwester Janice, die ihm immer wieder beruhigend zulächelte, aber sie verriet nicht, was ihn erwartete. Nur dass alles in Ordnung war, versicherte sie ihm immer wieder. Sie führte ihn zu seinem Zimmer, dort war die Tür geschlossen. Das jagte Leon Angstschauder über die Haut, normalerweise war die Türe immer offen, solange es Tag war, da Leon keine geschlossenen Räume mochte, darin bekam er Panik. Wahrscheinlich auch etwas, das in seiner Vergangenheit begründet war, aber bisher hatte er zwar weiterhin Flashbacks, aber nichts, was ihnen wirklich half, die Vergangenheit deutlicher zu machen.

Zitternd folgte er Janice in das Zimmer. Lächelnde Gesichter schauten ihm entgegen und verkündeten im Chor: „Überraschung!“

Dr. Wagner ergriff das Wort: „Leon, da wir keine Ahnung haben, wann genau du geboren bist, haben wir beschlossen, dir heute einfach mal eine kleine Feier zu geben. Lange werdet ihr beide nicht mehr hier sein, denn die Behandlung von deinem Dad ist fast abgeschlossen und danach kommt ihr auf Reha, aber vorher wollten wir noch ein wenig mit dir, oder besser, mit euch, feiern. Denn dein Dad weiß nicht, dass wir heute auch seinen Geburtstag feiern, wann auch immer sie sind. Also, genieß es und denke mal nicht an Morgen!“

Es hatte eine Weile gebraucht, bis Leon realisierte, was hier gerade stattfand. Hilfesuchend hatte er sich an seinen Dad geschmiegt, der ihn schmunzelnd in den Arm nahm. Doch dann genoss Leon die Feier und lachte fröhlich, als Dr. Fox einige Geschichten aus seiner Kindheit erzählte. Er und seine drei Geschwister hatten offenbar ziemlich viel erlebt und waren immer für einen Spaß zu haben. Sie aßen Kuchen, den Rosalyn gebacken und mitgebracht hatte (sie und Dr. Fox hatten frei, waren aber dennoch gekommen, um Leon und John zu feiern) und tranken heiße Schokolade und Kaffee. Es gab sogar Geschenke für beide, zumeist Kleidung oder Kleinigkeiten, die sie brauchen konnten. Außerdem die ganze Buchserie, die Leon gerade las.

„Das ist doch viel zu viel, das kann ich nicht annehmen!“, stammelte Leon, als er die vier Bücher auspackte.

„Doch, kannst du. Sie sind zwar nicht neu, aber gut behandelt worden. Ich habe sie in einem Second-Hand-Laden gekauft.“, verriet Rosalyn.

Noch ein weiteres Detail erfuhren sie, nämlich dass der geheimnisvolle Freund, den Rosalyn immer wieder erwähnte, kein anderer als Dr. Fox war. Leon strahlte und freute sich so offen für die beiden, dass auch alle Anderen im Raum strahlten. Doch gegen kurz nach dem Abendessen, das heute nicht aus dem Krankenhausessen sondern aus Chicken Nuggets und Pommes bestand, verabschiedeten sich die beiden Ärzte dann, da sie gemeinsam Nachtschicht hatten.

Am nächsten Morgen im Klassenzimmer fragte ihn Mister Wolf, ob er denn die Feier genossen hatte. Leon lächelte strahlend und versank in seiner Erinnerung, bis der Lehrer ihn leise lachend daran erinnerte, dass er sich nun auf den Unterricht konzentrieren sollte. Der Kleine lernte schnell. Heute ging es – eigentlich für einen etwas älteren Schüler – um chemische Reaktionen, aber Leon hörte nur kurz zu und beantwortete dann, ohne Nachzudenken, die Frage. Daraufhin nahm Mister Wolf ihn mit zu Nick, damit sie gemeinsam Chemie pauken konnten.

Schnell hatte Leon das Prinzip begriffen und lernte mit Begeisterung die Prinzipien der chemischen Reaktionen mit Sauerstoff. Mittags berichtete er seinem Vater davon, der schmunzelte über die Begeisterung seines Kleinen. Sie genossen ihr gemeinsames Mittagessen, dann legten sie sich eine Weile hin, das hatten sie sich in den letzten Monaten angewöhnt. Vor allem John brauchte es nach den anstrengenden Vormittagen dringend, zitterte heute wieder stärker als sonst, auch wenn es ihm nun wirklich bedeutend besser ging.

 

Einen Monat später, Mitte September, war es dann soweit und für John und Leon hieß es, Abschied zu nehmen von der Klinik, in der sie nun fast ein ganzes Jahr gelegen hatten. Sie wurden mit einem Krankenwagen zu einer Reha-Klinik in den Norden der Insel gefahren. Ihre wenigen Habseligkeiten hatten sie in je zwei Stofftaschen gepackt und die waren nun unter der Trage verstaut, auf der John lag. Er war immer noch nicht richtig fit, aber dennoch waren die Ärzte mehr als zufrieden mit seinen Fortschritten, hätten diese Verbesserung nicht vorhergesehen. Sie waren überzeugt, dass Leon das Wunder war, das John brauchte, darum hatten sie auch immer wieder darum gekämpft, dass der Junge bei seinem Vater bleiben konnte. Jetzt begann ein neuer Abschnitt für die Zwei. Mit einem lachenden und einem traurigen Auge nahmen sie Abschied vom Personal der Klinik, das sich fast schon wie Familie anfühlte. Vor allem der Abschied von Rosalyn und Matt, wie sie Dr. Fox nun nannten, fiel ihnen schwer. Doch sie hatten die Nummer der Beiden bekommen, damit sie in Kontakt bleiben konnten.

 

 

Nach einer längeren Fahrt durch die Stadt und ein Stück am Meer entlang kamen sie in einem kleinen Ort namens Wanganui an. Dort war die Rehaklinik, sie hatte sogar einen eigenen Strand. Ein älterer Arzt, der ziemlich grimmig aussah, begrüßte sie knapp.

„Mister John Smith und Leon Smith?“, fragte er, woraufhin beide nickten. „Gut, Dann kommen sie beide bitte mit, die Erstuntersuchung werden wir gleich erledigen, danach können sie dann ihre Zimmer beziehen.“

Er ging voran. Die Sanitäter schoben Leon und John hinter ihm her in das Gebäude, die Beutel mit ihren Sachen lagen auf der Trage. Entsetzt starrte Leon den Arzt an, als er realisierte, was er eben gehört hatte. Sie sollten in verschiedene Zimmer? Aber er wollte bei seinem Dad bleiben! Was, wenn die Alpträume kamen? Keiner außer seinem Vater hatte ihm dabei bisher helfen können. Doch keiner bemerkte erst einmal seinen Blick. Die Untersuchung führte der Arzt, der laut seinem Namensschild Dr. Curtis hieß, routiniert durch, sprach dabei nicht ein überflüssiges Wort. Am Ende rief er nach einer Schwester, die die beiden zu ihren Zimmern bringen sollte und verkündete, dass sie am nächsten Morgen nach dem Frühstück ihren Therapieplan bekämen und sich nach diesem richten mussten. Den restlichen Nachmittag konnten sie nutzen, um sich umzusehen und ein wenig einzugewöhnen.

John sah seinem Sohn die Panik an, als er in ein Dreibettzimmer geschoben wurde, in dem zwei ältere Jungen auf den Betten lagen und scheinbar ein Spiel machten, wobei er nicht sagen konnte, was genau es war. Sie starrten in einen kleinen grauen Kasten, der Piep-Töne von sich gab und hoben nicht einmal ihren Blick, als die Schwester verkündete, dass ihr neuer Zimmerkollege hier war. Doch Leon weinte nicht, tapfer ging er in das Zimmer und setzte sich auf das Bett. Seine Sachen legte er erst einmal neben sich und sah sich um. Das Zimmer war zweckmäßig eingerichtet, drei Betten, die an zwei Wänden standen, drei kleine Schränke an der dritten Wand. Neben Leons Bett war die Tür ins Badezimmer, wie er sehen konnte, da sie offenstand. Rechts und links der Zimmertür waren Haken und Ablagen für Jacken und Schuhe. Über jedem Bett war ein kleines Regal. Ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl komplettierte die Ausstattung. Ansonsten gab es nur noch ein Fenster, das geschlossen war und wohl schon länger nicht mehr geöffnet wurde, da sich auf dem Fensterbrett verschiedene Comics und andere Dinge sammelten.

Als die beiden Jungs ihr Spielgerät einen Moment außer Acht ließen, ergriff Leon das Wort.

„Hallo. Ich bin Leon Smith.“, stellte er sich leise vor.

„Alfred Kruger.“, sagte einer der Jungs, ein bulliger blonder Typ, der vielleicht fünfzehn oder sechzehn war. „Hoffe, du machst keinen Ärger, ich will nämlich meine Ruhe haben.“

„Conny Pitts.“, erwiderte der zweite, ein schwarzhaariger, schlaksiger Junge, der sogar noch älter wirkte.

Dann wandten sich die Beiden wieder ihrem Spiel zu und ignorierten Leon komplett. Traurig packte der Jüngste seine wenigen Sachen in den Schrank und brachte seine Zahnputz- und Duschsachen ins Bad. Er hatte kaum Platz, aber er entschied, sich nicht zu beschweren, wahrscheinlich brachte es sowieso nichts. Erst einmal wollte er sehen, ob er es nicht schaffen konnte, mit Alfred und Conny zurechtzukommen. Er wollte nicht gleich mit Streit anfangen. Aus irgendeinem Grund war es ihm wichtig, dass Harmonie herrschte, als hätte er schon zu viel Streit erlebt. Daher war er ziemlich froh, als beide nach etwas über zwanzig Minuten zur Therapie mussten und er das Zimmer für sich alleine hatte.

Erst dann ging Leon ins Bad, duschte sich schnell und zog sich um. Irgendwie hatte er geschwitzt, obwohl es ihm ziemlich kalt vorkam, aber dennoch fühlte er sich nach der Dusche wohler. Auch wenn er mit sehr wenig Kleidung auskommen musste, wollte er nicht verschwitzt sein. Kaum war er wieder im Zimmer klopfte es an der Tür und John schaute herein. Er war scheinbar mit dem Rollstuhl zu ihm gekommen.

„Dad!“, rief Leon und warf sich in die Arme seines Vaters.

„Langsam, mein Großer!“, schmunzelte John, den die Begrüßung einen Meter nach hinten geschoben hatte. „Alles klar bei dir? Sehen wir uns gemeinsam um?“

„Geht schon. Die Jungs sind irgendwie komisch, finde ich. Alfred ist der Blonde, Conny der Schwarzhaarige. Sie haben die ganze Zeit nur mit diesem Ding gespielt und mich nicht einmal angesehen, als ich mich vorgestellt hab.“, antwortete Leon leise. „Aber ich werde das schon hinkriegen, Dad. Gehen wir ein bisschen herum, ich bin gespannt, was es hier alles gibt und wie die Therapie wird.“

„Na dann komm!“, forderte sein Vater ihn auf und sie verließen gemeinsam das Zimmer.

Viel konnten sie dennoch nicht sehen, denn die meisten Therapieräume waren entweder besetzt oder zugesperrt. Doch sie fanden zumindest heraus, wie sie am besten dorthin kamen. Außerdem entdeckten sie einen Pool im Keller, in dem man laut einem Zettel, der dort hing, zu bestimmten Zeiten auch schwimmen konnte, wenn man eine Freigabe von den Therapeuten hatte. Das Außengelände war relativ unspektakulär, einige Spielgeräte für kleinere Kinder (Leon hätte da auch spielen können, aber es reizte ihn nicht) und viele Bänke an verschiedenen Wegen. In der Nähe hörten sie das Meer rauschen, doch solange John noch nicht alleine laufen konnte, war das nicht möglich für sie. Und alleine wollte Leon nicht, wollte die Zeit gemeinsam mit seinem Dad genießen.

Das Abendessen nahmen sie zusammen mit den anderen Patienten im Speisesaal ein. Derzeit war die Klinik, laut einem weiteren Patienten, der mit ihnen am Tisch saß und Connor Sullivan hieß, vollkommen ausgelastet. Es gab hier 90 Therapieplätze und mit John und Leon waren die jetzt komplett besetzt. Vielleicht hatten sie deshalb kein gemeinsames Zimmer bekommen? Aber zumindest beim Essen saßen sie nun zusammen und mit Connor, er hatte ihnen sofort das ‚Du‘ angeboten, und Leah, die auch bei ihnen saßen, unterhielten sie sich sehr angeregt und ausgelassen. Es war eine angenehme Gesellschaft, sodass sie anschließend sogar noch mit beiden eine Zeitlang auf der Terrasse saßen, bis es Leon einfach zu kalt wurde. John brachte seinen Sohn zurück in sein Zimmer, zeigte ihm unterwegs noch, wo er selber schlief. Beide fielen an diesem Abend erschöpft ins Bett und schliefen schnell.

Überrascht wachte Leon am nächsten Morgen auf, als Conny und Alfred mit einem Heidenlärm duschten und sich anzogen. Keine Alpträume! Auch wenn ihm klar war, dass es wohl nicht immer so sein würde, aber Leon freute sich über jede ruhige Nacht. Schnell duschte er nach den anderen beiden und zog sich im Bad um. Dann beeilte er sich, um in den Speisesaal zum Frühstücken zu kommen. Danach würden sie wohl ihren Therapieplan bekommen. Und richtig, John hatte noch nicht einmal seinen Kaffee fertig ausgetrunken, kam eine Krankenschwester auf sie zu.

„John und Leon Smith?“, wollte sie wissen.

„Ja, das sind wir.“, antwortete Leon höflich, da sein Vater gerade den Mund voll hatte und daher nicht antworten konnte.

„Gut. Hier sind ihre Therapiepläne. Leon, du hast gleich Einzeltherapie bei Tonya, unserer Krankengymnastin. Sie wird dich in alles Weitere einweisen. Danach hast du etwa eine Stunde frei, dann bist du draußen bei der Sportgruppe. Keine Sorge, du wirst nach deinem derzeitigen Stand trainiert, aber es findet in der Gruppe statt. Nachmittags hast du dann noch eine Sitzung bei unserem Psychologen Mister Harrison. Steht alles hier auf dem Plan. Hebe ihn dir gut auf, er zeigt dir, wann du wo sein musst. Und sie, Mister Smith, haben jetzt noch eine Stunde Zeit, dann geht es in den Fitnessraum, danach eine Ergotherapiestunde bei Anna und am Nachmittag Krankengymnastik, auch bei Tonya. Hier, ihr Plan. Irgendwelche Fragen? Ein Plan unseres Hauses ist auch dabei, für alle Fälle.“

„Danke, Schwester Nina.“, las Leon von dem Namensschild.

„Gerne, Leon.“, lächelte Nina ihn an.

Sie verabschiedeten sich voneinander und Leon ging gleich zu den Räumen der Krankengymnastik. Tonya war nett, aber sie forderte ihn schon, ließ sich nicht erweichen. Am Ende der halben Stunde, die er laut Plan hatte (ihm kam es wie mindestens dreimal so viel Zeit vor), war Leon völlig fertig und wusste, er würde Muskelkater bekommen. Dennoch spürte er, dass es ihm helfen würde. In seiner freien Stunde ging er an den Strand hinunter, atmete tief durch. Die Luft tat ihm gut und er ging ein wenig spazieren, einfach nur hin und her. Dabei löste sich ein wenig seiner Anspannung und als er zur Gruppe kam, lächelte er sogar ein bisschen.

„Hallo. Du musst Leon sein. Ich bin Coach Tom. Dann wollen wir mal sehen, was wir mit dir machen. Versuche einfach, die Übungen nachzumachen. Wenn etwas nicht klappt, melde dich bei mir. Das ist nicht schlimm, aber ich möchte nicht, dass du es falsch lernst, okay?“, sprudelte es aus dem sportlich gekleideten Trainer heraus.

Die Truppe war bunt gemischt, Leon war offenbar der Jüngste, aber er erkannte zumindest schon einmal Alfred und Connor. Der schien so mit der Älteste zu sein, er hatte ihnen beim Abendessen gestanden, dass er schon fast neunzig Jahre alt war, obwohl man ihm das nicht ansah. Es war anstrengend für Leon, aber er schaffte es und musste nur selten nachfragen. Coach Tom war am Ende sehr zufrieden mit dem Neuling.

Gemeinsam mit Connor ging Leon zurück ins Haus. Er entschied, sich schnell zu duschen, da er noch ein wenig Zeit bis zum Essen hatte und die beiden Therapien hatten ihn gewaltig ins Schwitzen gebracht. Pünktlich saß er am Tisch neben seinem Dad. Der sah auch ziemlich geschafft aus und seine Hände zitterten.

„Alles okay, Dad?“, fragte Leon leise.

„Ja, keine Sorge, Großer. Es war anstrengend, aber ich habe bereits jetzt das Gefühl, dass es mich weiterbringt.“, versicherte John seinem Sohn.

„Äh Dad, wieso sagst du jetzt ‚Großer‘ zu mir?“, wollte Leon wissen.

„Ich dachte mir, du wirkst so viel reifer, da kann ich nicht immer Kleiner sagen. Das passt nicht zu dir, auch wenn du kleiner als ich bist.“, erklärte sein Vater. „Außer du magst es nicht.“

„Mir gefällt beides, Dad. Hauptsache, du bist da.“, entschied der Jüngere.

„Guten Appetit!“, verkündete Connor eben und sie widmeten sich dem Essen.

Den Nachmittag fand Leon beinahe noch anstrengender als die sportlichen Aktivitäten am Vormittag. Der Psychologe hatte einen ausführlichen Bericht aus dem Krankenhaus in Wellington bekommen und ging nun diese ganzen Dinge mit Leon durch. Der sollte seine Empfindungen und die Bilder, die er bei den Träumen hatte und sah, beschreiben und sie damit verarbeiten, damit sie ihn nicht mehr quälen konnten.

Auch an diesem Abend fiel er wieder todmüde ins Bett, ließ sich nicht einmal durch den Lärm von Alfred und Conny stören, die einen kleinen tragbaren Radio laut laufen ließen. Er war so völlig erschöpft, dass er nichts mehr mitbekam und schnell tief und fest schlief. Bis er mitten in der Nacht wieder einen Traum hatte. Laut schreiend wachte er auf und drückte sich panisch in die Ecke des Raumes, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.

„Nicht wehtun, bitte nicht. Bin brav, bin ganz brav!“, wimmerte er leise.

Er schien nichts um sich herum wirklich wahrzunehmen. Alfred und Conny alarmierten die Nachtschwester, die wiederum den Arzt hinzuholte, da keiner etwas ausrichten konnte. Der Arzt versuchte letztendlich, Leon ein Beruhigungsmittel zu spritzen, doch er kam nicht an ihn heran, der Kleine hatte sich inzwischen unter dem Bett verschanzt. Irgendwann öffnete sich die Tür und John kam herein. Er war wach geworden, weil er zur Toilette musste und hatte die Schreie gehört. Ihm war sofort klar gewesen, dass es Leon sein musste, der da so panisch war.

„Zurück!“, herrschte er die aufgeregten Gestalten an, die im Halbkreis um Leons Bett standen.

Erschrocken zogen sie sich zurück und John kniete sich vor das Bett, legte sich dann auf den Bauch und sprach leise auf Leon ein. Es dauerte nicht lange, bis die Schreie verstummten, doch bis er es schaffte, dass Leon seine Hand nahm und gar unter dem Bett hervorkroch, war es bereits Morgen. Schluchzend lag der Junge schließlich doch noch in den Armen seines Vaters, der ihn fest an sich drückte und ihm sanft über Kopf und Rücken strich.

„Ruhig, Leon, es ist vorbei. Du bist in Sicherheit. Ich bin da, du bist nicht alleine. Niemand tut dir weh, das lasse ich nicht noch einmal zu. Hab keine Angst, mein Sohn. Ich bin bei dir.“, flüsterte er ihm immer wieder ins Ohr.

Langsam wurde Leon ruhiger und schlief letztendlich in Johns Armen ein. Sein Vater ließ ihn nicht los, auch als die Ärzte und Schwestern ihn überzeugen wollten, den Jungen in sein Bett zu legen. Auch keine Beruhigungsmittel durften sie ihm geben.

„Soll er wieder wach werden und die nächste Panikattacke haben?“, fauchte John leise. „Ich habe ihm eben wieder und wieder versprochen, da zu sein, ihn nicht alleine zu lassen und sie wollen ihn einfach hier alleine in seinem Bett ablegen, ihn mit Medikamenten ruhigstellen? Im Krankenhaus hat Leon das nie gebraucht, meine Anwesenheit genügte ihm! Der Junge hat Schlimmes mitgemacht, was genau weiß keiner. Und jetzt soll ich ihn einfach sich selbst überlassen? Niemals!“

Zwei Tage später durften die beiden ein gemeinsames Zimmer beziehen. Es hatte eine Menge Organisation gekostet, aber nun waren sie in einem Zimmer mit Connor, der sich bereiterklärt hatte, mit ihnen zusammen zu wohnen. Alfred und Conny waren entlassen worden und dieses Zimmer wurde nun von drei älteren Damen bezogen. Connor hatte ursprünglich in einem Doppelzimmer geschlafen, doch sein Zimmernachbar war ebenfalls entlassen worden. Das Doppelzimmer bekamen nun die beiden Zimmerkollegen von John, die nichts dagegen hatten. Danach lief auch die Therapie wesentlich ruhiger ab, da Leon nachts meist gut schlief, wenn sein Vater da war. Er ging jeden Abend in sein eigenes Bett, aber wenn ein Alptraum ihn weckte, dann kroch er zu seinem Dad und schlief dort wieder weiter.

Beide wurden zusehends kräftiger und ausdauernder. An Weihnachten gingen sie gemeinsam an den Strand, das erste Mal, seit sie hier waren. Leon war bisher immer alleine dorthin gegangen, wenn er eine Pause hatte und John nicht. Doch die drei Monate, die sie nun in der Reha-Klinik verbracht hatten, waren erfolgreich gewesen, John konnte nun wieder etwas größere Strecken laufen, wenn auch noch mit Krücken zur Unterstützung. Sie wussten bereits, dass sie – wenn alles glatt lief – gegen Ende Januar entlassen werden sollten. Das hatten sie vor einigen Tagen erfahren. Leon hatte daraufhin wieder Panik bekommen, weil er nicht wusste, wohin sie dann gehen konnten, doch John hatte ihn schnell beruhigt.

„Leon, ich habe dir schon einmal versprochen, dass ich dich nicht alleine lassen werde. Ich bin dein Vater und kümmere mich um dich. Egal was früher war. Wir gehören zusammen. Und ich habe mich bereits erkundigt. Für den Anfang haben wir Hilfe vom Staat, wir bekommen eine kleine Wohnung in Wellington und das Nötigste können wir uns auch besorgen. Außerdem helfen sie mir, eine Arbeit zu finden. Du, mein Junge, wirst dann ganz normal in die Schule gehen. Kein Internat, keine Privatschule, aber du wirst fleißig lernen und dich darauf konzentrieren, ein Kind zu sein. Du bist ein Kind, musst nicht immer handeln wie ein Erwachsener, mein Junge.“, hatte er ihm gesagt und Leon in den Arm genommen.

Jetzt saßen sie am Strand und genossen die gemeinsame Zeit. Sie wussten beide, dass die nächste Zeit schwer werden würde, weil sie sich ein neues Leben aufbauen mussten, aber da jetzt, nach über einem Jahr, keine Erinnerungen zurückgekommen waren, glaubten sie nicht mehr daran, jemals wieder ihr altes Leben zu bekommen. Vielleicht war ein Neuanfang ja auch kein Fluch sondern eine Chance. Wenn Leons Kindheit bisher so schrecklich gewesen war, dann hatte er einen Neuanfang verdient.

„Dad, was ist los?“, riss Leons Stimme John plötzlich aus seinen Gedanken.

„Alles in Ordnung, Leon, ich hab nur ein wenig Kopfschmerzen.“, erklärte John, der gerade mit beiden Händen seine Schläfen gerieben hatte.

Leon griff in seine Tasche und holte ein Tuch heraus, legte es ins Wasser und dann auf Johns Stirn.

„Danke!“, lächelte John und schloss die Augen.

Gegen Mittag, als es ihnen langsam zu heiß wurde, gingen sie zurück in die Klinik und ließen sich das Weihnachtsmenu schmecken. Nachmittags dann, als sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten und lasen – wenigstens eine kleine Bücherei hatten sie in einem Nebengebäude gefunden und genossen es nun, neue Bücher zu entdecken – klopfte es plötzlich an der Tür.

„Frohe Weihnachten!“, wünschte eine warme Stimme.

„Rosalyn! Matt!“, jauchzte Leon. „Frohe Weihnachten!“

Auch John freute sich und wünschte ihnen ein frohes Weihnachtsfest. Es war ihnen beiden sehr peinlich, dass die beiden Ärzte hier mit Geschenken auftauchten und sie nichts hatten. Bisher bekamen sie auch kein Geld vom Staat, nur Gutscheine hatten sie erhalten, damit sie einige Kleidungsstücke erneuern konnten.

„Jetzt hört endlich auf!“, schimpfte Matt schließlich. „Wir sind nicht hier, damit ihr uns Geschenke macht. Wir kennen doch eure Situation. Und wenn ihr es dann geschafft habt, dann würden wir uns freuen, wenn ihr uns einmal zum Essen einladet und für uns kocht, denn wir haben gehört, dass ihr am Herd beide keine schlechte Figur macht!“

Das wiederum versprachen sie und meinten es auch so. Ja, sie hatten hier einen Kochkurs belegt und sorgten am Wochenende, gemeinsam mit einigen anderen Patienten, für gesundes, abwechslungsreiches Essen. Es war eine Art freiwilliger Therapie, die sie gerne machten. Beide hatten Spaß, in der Küche zu arbeiten und John überlegte bereits, ob er es nicht schaffen könnte, eine Stelle in einer Küche zu bekommen, damit er so ihren Lebensunterhalt verdienen könnte. Er wollte nicht noch länger vom Staat abhängig sein. Sein Körper war zwar nicht komplett wiederhergestellt, aber dafür würde es reichen. Reichen müssen.

Sie genossen einen wunderschönen, fröhlichen Nachmittag und verabredeten sich, dass sie sich in Wellington im Park treffen würden, wenn John und Leon entlassen wurden. Erst gegen kurz nach acht Uhr verabschiedeten sich die Ärzte, da sie am nächsten Morgen wieder in der Klinik arbeiten mussten. Traurig sah Leon ihnen hinterher, für ihn waren sie wie Familie geworden. Sein Vater zog ihn in seine Arme, spürte, was in dem Jungen vorging.

 

„Gute Nacht, mein Sohn. Schlaf gut und träum schön!“, wünschte John am Abend des ersten Februar. „Ich bin nebenan, wenn du was brauchst, die Türen lasse ich offen.“

„Nacht, Dad.“, murmelte Leon schläfrig und umarmte seinen Vater noch einmal, bevor er sich in die Kissen zurücksinken ließ.

Heute waren sie entlassen worden. Da John am eigentlichen Entlasstag vor einigen Tagen eine heftige Kopfschmerzattacke gehabt hatte und nicht einmal aufstehen konnte, war die Entlassung um einige Tage verschoben worden, aber da nichts mehr aufgetaucht war, hatten sie es auf Stress geschoben, und heute waren sie endlich nach Hause gekommen. Ihre Wohnung war nicht besonders groß, zwei Schlafzimmer, ein kleines Bad mit Toilette und Dusche, eine Wohnküche und ein Wohnzimmer mit einem winzigen Balkon. Das Ganze in der vierten Etage, ohne Lift natürlich. John kämpfte mit der Treppe, aber er musste es schaffen. Er hatte weiterhin Krankengymnastik, zweimal die Woche, hier um die Ecke in einem Fitnessstudio. Dort konnten sie beide auch trainieren, die Mitgliedschaft wurde ihnen im ersten Jahr bezahlt. Auch Matt und Rosalyn waren regelmäßig da, Matt gab sogar Kletterkurse, das wollte Leon unbedingt ausprobieren. Doch für heute waren sie beide geschafft.

Rosalyn hatte es sich nicht nehmen lassen und sie aus der Reha abgeholt, um sie in ihre neue Wohnung zu fahren. Als sie gesehen hatte, dass die Fenster kahl waren, hatte sie einige alte Gardinen aus ihrer Wohnung geholt und sie aufgehängt, den Protest von John hatte sie dabei einfach ignoriert. Bettwäsche und ein paar Handtücher hatte sie auch gebracht, ebenso Waschlappen und Geschirrtücher. Auch hier hatte sie den Protest einfach beiseite gewischt.

„Hör mir gut zu, John.“, hatte sie ihn gebremst. „Ich habe diese Sachen nicht gekauft und auch sonst niemand. Ich war bei Matts Eltern, die haben es mir gegeben. Seine Oma hat früher in einem Textilgeschäft gearbeitet und das sind Dinge aus ihrem Nachlass. Die sind alle unbenutzt, Matts Familie hat einen ganzen Schrank voll solcher Sachen gefunden, sie sind froh, wenn jemand etwas damit anfangen kann!“

Da hatte John es angenommen, da er sehen konnte, dass Rosalyn ehrlich war. Jetzt saß er im Wohnzimmer auf dem Sofa und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Sein Gesicht zeigte seine innere Qual deutlich.

„Warum?“, fragte er sich immer wieder leise. „Warum nur? Was bedeutet das alles?“

Er rieb seinen schmerzenden linken Unterarm. Immer wieder in den letzten fast sieben Monaten hatte er gebrannt, ohne dass es eine Ursache dafür gab. Da war nichts, keine Wunde, keine Narbe, einfach nichts auf seinem Arm. Und dennoch hatte er das Gefühl, dass da etwas unter der Haut verborgen war, das versuchte, an die Oberfläche zu kommen, doch keiner konnte es ihm erklären. Er hätte nie etwas gesagt, aber einmal kam der Schmerz während einer Therapiestunde, da hatte es Tonya gemerkt und den Arzt informiert. Natürlich hatte er dem Arzt gesagt, dass er sich die Schmerzen nicht erklären konnte, die nun zum ersten Mal auftauchten. Nicht, dass sie ihn noch für verrückt erklärten. Das wollte er auf keinen Fall, hatte er Leon doch versprochen, bei ihm zu bleiben.

Auch heute plagten ihn wieder Kopfschmerzen, daher legte er sich doch verhältnismäßig früh schlafen. Morgen hatten sie einen vollen Terminplan. Um neun Uhr hatten sie mit dem Direktor einer Schule ausgemacht, dass er sich Leon ansehen würde, um ihn einer Klasse zuzuteilen, denn der Junge musste in die Schule gehen. Mittags dann hatte John selbst ein Vorstellungsgespräch in einer Restaurantküche, die ebenfalls nicht weit von ihrer Wohnung entfernt war. Und am Nachmittag gegen fünf wollte eine Sozialarbeiterin bei ihnen vorbeikommen, da John alleinerziehend war und sich nun – zumindest soweit sie es wussten – zum ersten Mal alleine um seinen Sohn kümmerte. Für all das sollte er ausgeschlafen und fit sein. doch die Kopfschmerzen waren diesmal so heftig, dass er nicht schlafen konnte.

Dementsprechend war seine Laune am nächsten Morgen ziemlich im Keller und er fauchte Leon an, als dieser nicht schnell genug im Bad fertig wurde. Leon ließ sich dadurch verunsichern und kippte glatt seine Müslischale um, woraufhin er angefahren wurde und in Tränen aufgelöst in sein Zimmer lief, um sich umzuziehen. John, der entsetzt zugesehen hatte, wie Leon davongelaufen war, ging ins Bad und hielt seinen Kopf unter den Wasserhahn. Die Kälte half ihm, wieder einigermaßen zu sich zu kommen. Danach ging er ins Kinderzimmer. Ihm war klar, dass er Leon nun nicht anzufassen brauchte, wenn er nicht eine neue Panik auslösen wollte, daher blieb er nahe der Tür stehen und räusperte sich, sodass Leon aufsah.

„Leon, es tut mir leid. Ich habe schlecht geschlafen und heftige Kopfschmerzen. Ich weiß, das ist eine lausige Begründung für mein Verhalten, ich hätte es nicht an dir auslassen dürfen. Ich bin nicht perfekt, und ich habe keine Ahnung, wie wir das alles hinbekommen, dass du keine Angst mehr haben musst, aber glaub mir, ich will dich ganz sicher nicht verletzen, das ist schon viel zu häufig passiert.“, entschuldigte er sich.

„Wie meinst du das, Dad? Dass es schon viel zu häufig passiert ist?“, erkundigte sich Leon verwirrt.

John zögerte kaum merklich. „Auch wenn wir nicht wissen, was genau dir passiert ist, mein Sohn, aber deine Reaktionen deuten auf Kindesmisshandlung oder gar –missbrauch hin. Das meine ich.“, erklärte er leise.

„Okay, Dad, ich nehme deine Entschuldigung an. Ich bin auch nervös und ich verstehe, dass du so heftig reagierst, wenn es dir nicht gut geht. Kann ich was tun?“

„Nein, Leon. Es ist schon etwas besser, ich habe eine Schmerztablette genommen und das kalte Wasser hat auch geholfen. Es wird gehen. Komm, zieh dich um, wir müssen los, damit wir nicht zu spät kommen.“, mahnte der Vater schließlich.

„Bin schon fertig!“, verkündete Leon eine Minute später, als er aus seinem Zimmer kam und sah, dass sein Dad schon beim Schuhe anziehen war.

Er schlüpfte schnell in seine eigenen Sandalen und sie schlossen die Tür hinter sich zu. Unten vor der Haustür angekommen wandten sie sich nach links. Es war nicht weit in die Schule, nur etwas mehr als zehn Minuten zu Fuß, doch John war froh, als er die Schule erreicht hatte und der Direktor, der sich als Mister Gordon Lang vorstellte, ihm einen Sitzplatz anbot. Den Tee, der ihnen angeboten wurde, nahm er ebenfalls an, genau wie Leon. Nach einigen Minuten war klar, dass Leon erneut einen Test machen musste, damit klar wurde, in welche Klassenstufe er kam. Da sie nicht sagen konnten, wie alt er war und wie lange er welche Schule besucht hatte, gab es nur die Erfahrungen aus dem Krankenhaus und der Reha-Klinik, aber das reichte dem Direktor der Schule nicht aus, er wollte – so sagte er selbst – sichergehen, Leon weder unterfordert noch überfordert zu sehen. Daher setzte er den Jungen mit einigen Standardtests in einen Nebenraum, während er sich mit John weiterhin unterhielt und versuchte, mehr über Leon herauszufinden.

„Wissen sie, Mister Smith, wir haben hier relativ kleine Klassen, die meisten der Kinder in der Gegend gehen in private Schulen, die hier nicht besonders teuer sind, den Kindern aber viel mehr bieten können. Wir konnten verhindern, dass unsere Schule geschlossen wird und meine Lehrer sind sehr engagiert, aber wir können dafür eben nicht immer die neueste Ausrüstung bereitstellen. Die beiden Klassen, die für Leon in Frage kommen, sind mit neunzehn und einundzwanzig Schülern mit die größten Klassen, die wir hier haben, die meisten anderen haben nicht mehr als fünfzehn Schüler.“, erklärte der Direktor ruhig.

„Das hat doch sicher auch Vorteile, in so kleinen Klassen lernt es sich für den einzelnen Schüler doch deutlich effektiver und auch die Lehrer können viel intensiver auf die einzelnen Schüler eingehen.“, erwiderte John.

„Da haben sie durchaus Recht, Mister Smith, aber die meisten Eltern sehen das eher kritisch, da wir eben nicht immer alles bieten können. Es gibt hier keine Extras wie Klassenfahrten oder so. Außerdem können wir nicht garantieren, dass unsere Schule auch weiterhin bleibt, wir stehen immer wieder vor dem Risiko, geschlossen zu werden.“, seufzte der Direktor. „Haben sie selbst schon als Lehrer gearbeitet?“

„Das fragen sie jemanden, der sein Gedächtnis verloren hat.“, antwortete John leise.

„Verzeihen sie, das tut mir wirklich leid.“, entschuldigte sich Gordon Lang sofort. „Es war nur so, als sie von den Vorteilen sprachen, klang es so erfahren.“

„Es ist einfach logisch, das war mein Gedanke dahinter.“, widersprach John. „Vielleicht habe ich auch unterrichtet, ich weiß es nur nicht mehr. Aber vielleicht sollten sie wissen, dass, auch wenn Leon sich nicht erinnern kann, sein Körper durchaus noch seine Erfahrungen gespeichert hat. Er muss früher misshandelt worden sein, so wie er in manchen Situationen reagiert. Sollte irgendetwas in diese Richtung passieren, dass er einen Flashback hat, fassen sie ihn um Himmels Willen nicht an. Keiner sollte ihn dann anfassen, da bekommt er Panik. Halten sie Abstand von ihm, geben sie ihm Raum, dass er merkt, ihm passiert nichts. Und holen sie mich. Ich habe heute Mittag noch ein Vorstellungsgespräch, sollte ich irgendwo anfangen zu arbeiten, werde ich ihnen auch diese Nummer geben, dass sie mich erreichen können, sollte etwas passieren.“

„Danke, dass sie mich gewarnt haben.“, entgegnete der Direktor leise. „Ich werde es an meine Lehrkräfte weitergeben müssen, damit Leon nicht versehentlich verletzt wird.“

John nickte, konnte aber nichts mehr erwidern, da sich die Tür zum Nebenraum öffnete und Leon hereinkam. Er hatte alle Aufgaben so gut es ihm möglich war bearbeitet. Schnell überflog Mister Lang die Antworten und entschied, Leon in die sechste Klasse zu stecken. Er hatte zwar auch Fragen aus der siebten Klasse beantworten können, aber dort bestanden noch relativ viele Unsicherheiten, daher wollte er das Erfolgserlebnis am Anfang sicherstellen und lieber einige Wiederholungen für den Jungen in Kauf nehmen. Schnell händigte er ihm seinen neuen Stundenplan aus und eine Liste, was er an Materialien bräuchte.

„Miss Morgan vom Jugendamt hat sich an mich gewendet, sie sagte, sie würde heute auch noch bei ihnen vorbeikommen, dann können sie mit ihr besprechen, wie sie die Sachen für Leon bekommen.“, erklärte er schlicht.

John nickte nur. Er hasste es, von Anderen abhängig zu sein, wollte das so schnell wie möglich beenden. Doch für Leon nahm er es hin, dass es im Moment nicht anders ging. Er wollte nicht, dass sich Leon noch schlechter fühlte. Und das war deutlich, der Kleine hatte ein schlechtes Gewissen, weil er ihm solche Probleme machte. Leon schien es wirklich nicht gewohnt zu sein, dass jemand sich um ihn kümmerte. Wie hatte er nur all die Jahre bisher gelebt?

Sie verabschiedeten sich von Direktor Lang und machten sich auf den Weg zum Restaurant, damit John sich dort vorstellen konnte. Das hatte die Köchin in der Reha-Klinik organisiert, sie war wohl mit dem Chefkoch aus dem Restaurant befreundet. Ein wenig zu früh dran sahen sie sich um und fanden das Ambiente wirklich geschmackvoll und angenehm. Viele Pflanzen machten einen beruhigenden Eindruck und die Farben harmonierten miteinander. Die Dekoration war schlicht, aber mit Stil.

Nach einigen Minuten, in denen sie sich umgesehen hatten, wandte sich John an die junge Frau am Empfang und stellte sich vor. Sie bat ihn, noch einen Moment zu warten und meldete ihn dann telefonisch in der Küche an. Der Chefkoch kam wenige Minuten später und nahm John mit in sein Büro. Er hatte Leon freundlich begrüßt und ihm gezeigt, wo er warten könnte. Außerdem hatte er eine Kellnerin beauftragt, ihm ein Getränk und ein Menü des Tages auf Kosten des Hauses zu bringen. Leon hatte sich höflich bedankt und genoss nun Putenfilet auf kurzgedünstetem Gemüse. Sogar eine Nachspeise brachte ihm die Kellnerin noch, zwei Kugeln Eis mit Schokoladensauce und ein bisschen Sahne.

Kaum hatte er gegessen, kam der Chefkoch mit John zurück. Leon stand auf und bedankte sich noch einmal für das leckere Essen.

„So ein höflicher junger Mann, ihr Sohn!“, lächelte der Koch. „Also, John, wir sehen uns dann am Montag um neun Uhr, da will ich dann sehen, was sie auf dem Kasten haben.“

Und schon war er wieder in der Küche verschwunden. John und Leon gingen langsam nach Hause, während John erzählte, dass der Chefkoch ihm ein Praktikum angeboten hatte, damit er sehen konnte, ob die Zusammenarbeit klappte. Er würde zwei Wochen dort arbeiten, dann wollte der Chefkoch entscheiden, ob er eine Stelle bekäme oder nicht. Glücklich umarmte Leon seinen Vater und war sicher, dass er es schaffen würde. Ein wenig gequält erwiderte John das fröhliche Lächeln seines Sohnes.

„Immer noch Kopfschmerzen, Dad?“, fragte Leon plötzlich besorgt.

„Schon gut, das ist sicher nur die Anspannung.“, wimmelte John ab. „Ich werde mich zuhause eine Stunde hinlegen, dann wird es sicher besser. Miss Morgan kommt ja erst in zwei Stunden, bis dahin bin ich sicher wieder fit.“

Doch Leon machte sich weiterhin Sorgen. Er sah, wie schlimm es seinem Dad wirklich gehen musste. Nie in der ganzen Zeit im Krankenhaus hatte er zugegeben, dass er Schmerzen hatte, egal wie schlecht es ihm gegangen war. Das bedeutete, diese Kopfschmerzen waren mehr als einfach nur Kopfschmerzen. Wenn das öfter auftrat, würde er mit Matt und Rosalyn darüber reden, nahm sich Leon vor. Aber er bemühte sich, dass sein Vater ihm die Besorgnis nicht ansehen konnte, wollte ihm nicht noch mehr Sorgen machen. Daher half er ihm zuhause, sich ins Bett zu legen, schloss die Jalousien vor dem Fenster im Schlafzimmer und brachte ihm ein Kühlkissen aus dem Gefrierfach, legte es ihm auf die Stirn. Ein dankbares Lächeln legte sich kurz auf Johns Lippen, dann schlief er ein.

Leise verließ Leon das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. In der Küche räumte er ihr Frühstücksgeschirr auf und spülte es schnell ab, machte sich dann daran, eine Kanne Tee und eine Kanne Kaffee herzurichten, da in weniger als einer Stunde die Sozialarbeiterin kommen wollte. Sie hatten keine Kekse und keinen Kuchen anzubieten, aber wenigstens Tee und Kaffee konnten sie bieten. Als es nur noch etwa zwanzig Minuten waren, bis Miss Morgan kommen wollte, entschloss sich Leon schweren Herzens, seinen Vater zu wecken. Am liebsten hätte er ihn schlafen lassen, denn er sah genau, dass es ihm richtig schlecht ging, er war extrem blass und schweißgebadet, zitterte und drehte sich unruhig hin und her.

„Dad? Hey Dad, gleich kommt Miss Morgan, du solltest aufstehen!“, raunte Leon seinem Vater ins Ohr.

Mit einem leisen Stöhnen schlug der Ältere die Augen auf und blinzelte. „Ha… Leon? Was´n los?“

„Dad, Miss Morgan kommt in einer Viertelstunde. Ich wecke dich ungern, aber ich weiß, du willst das nicht versäumen.“

„Ich komme, gib mir fünf Minuten.“, seufzte John leise und drehte sich langsam auf die Seite, um sich aus dem Bett zu hieven.

Kaum dass er saß, begann der Raum sich zu drehen und er musste sich festhalten. Besorgt gab Leon ihm Halt. Benommen blieb John einen Moment sitzen, dann raffte er sich auf. Er ging in die Küche und holte sich ein Glas Wasser, legte sich zusätzlich noch einmal ein feuchtes Tuch auf die Augen. Er hatte in den letzten Monaten immer mal wieder Kopfschmerzen gehabt, meist nach anstrengenden Trainingseinheiten, aber so heftig wie heute, das kannte er nicht. Dennoch musste er sich jetzt konzentrieren. Für seinen Sohn, für Leon. Was waren ein paar Kopfschmerzen, wenn es um seinen Kleinen ging? Tief atmete John durch und versuchte, die aufkommende Übelkeit zu verbannen. Erst als er von der Türklingel abgelenkt wurde, schaffte er es. Leon öffnete die Tür.

„Hallo. Sie müssen Miss Morgan sein. Ich bin Leon, nett sie kennenzulernen.“, plauderte der Jugendliche munter.

„Hallo Leon. Du hast Recht, ich bin Tina Morgan. Hier, mein Ausweis, damit du auch siehst, dass ich ehrlich bin. Ist dein Dad auch hier?“, antwortete die Sozialarbeiterin.

„Ich bin hier. Guten Tag, Miss Morgan.“, meldete sich John von der Küchentür. „Bitte, kommen sie herein.“

Tina Morgan folgte Leon in die Küche, nachdem er die Wohnungstür geschlossen hatte. Sie schien recht nett zu sein, wusste aber offenbar genau, was wichtig war, stellten sie nach einer Weile fest. Kurz und knapp fragte sie alles Wichtige ab, dann nahm sie sich Zeit für die vielen Fragen der beiden Männer. Es ging um Dinge wie Ausweise, Arbeitserlaubnis, die Schule von Leon und seine Schulsachen und vieles mehr. Miss Morgan hatte offenbar schon mit dem Direktor der Schule gesprochen, denn sie brachte eine Schultasche mit, die mit allem Notwendigen gefüllt war, dazu noch eine Brotzeitbox und eine Trinkflasche, genauso wie einen Sportbeutel. Turn- und Schwimmsachen hatte er bereits für die Reha bekommen, da er sie dort brauchte.

Nach etwas über zwei Stunden verabschiedete sie sich und versprach, am Montagabend wiederzukommen, wenn Leon seinen ersten Schultag und John seinen ersten Praktikumstag hinter sich hatte. Außerdem konnten sie sie jederzeit anrufen. Leon brachte sie zur Tür, er sah, wie blass sein Dad war und wusste, seine Kopfschmerzen waren immer noch schlimm. Als er zurück in die Küche kam, schrie er auf. Sein Vater kniete auf dem Boden und übergab sich heftig. Da er aber den ganzen Tag nichts gegessen hatte, kam nur Galle, was ihn nur noch mehr würgen ließ. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Dad!“, ächzte Leon.

Schnell griff er nach einem Glas Wasser und half seinem Dad, einen Schluck in den Mund zu nehmen und ihn auszuspülen. Das Würgen ließ ein wenig nach und John lehnte sich schwer auf Leon. Der half seinem Dad, aufzustehen und brachte ihn zurück ins Bett. Dann schnappte er sich den Putzeimer und einen Lappen, wischte damit die Küche sauber. Sicherheitshalber hatte er den zweiten Eimer, der hier war, neben das Bett gestellt, falls John sich noch einmal übergeben müsste. Als er zehn Minuten später nach seinem Vater schaute, wimmerte der vor Schmerzen und wand sich.

„Dad, kann ich dir helfen?“, fragte Leon verängstigt, doch sein Vater reagierte nicht einmal.

Da wurde dem Jungen klar, dass es etwas Ernsteres sein musste. Es war noch nie, seit sie beide wieder wach waren, vorgekommen, dass sein Dad nicht auf ihn reagierte. Schnell lief er ins Wohnzimmer, wo das Telefon stand. Die Nummer von Matt und Rosalyn lag neben dem Hörer, also wählte er die Nummer. Wie es ging, hatte sie ihm im Krankenhaus gezeigt. Nervös wartete er auf eine Antwort. Endlich, nach mehrmaligem Klingeln meldete sich eine verschlafene Stimme. Es war Rosalyn.

„Rosalyn, bitte, komm schnell! Irgendwas stimmt nicht mit Dad!“, rief Leon panisch.

„Leon? Bist du das?“, fragte Rosalyn, plötzlich hellwach.

„Ja. Dad übergibt sich ständig, er hat so heftige Kopfschmerzen, dass er nicht schlafen kann. Er reagiert nicht auf mich.“, berichtete Leon, immer noch völlig neben sich stehend.

„Okay, Leon, bleib ruhig. Ich komme so schnell ich kann und bringe ein paar Sachen mit. Bis dahin musst du dich um ihn kümmern. Dunkle den Raum so gut ab, wie es geht und dann lege ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn, kühl, aber nicht eiskalt. Wenn ihr etwas dahabt, dann mach einen Tropfen Minzöl auf das Tuch, das hilft ihm zusätzlich. Bleib bei ihm und halte seinen Kopf, wenn er sich übergibt, in Ordnung? Er darf das Zeug nicht einatmen. Ich beeile mich.“, versprach Rosalyn und legte auf.

Schnell machte Leon, wie sie ihm gesagt hatte. Das Minzöl fand er im Badezimmer im Medikamentenschrank und tropfte etwas davon auf ein Tuch, das er dann mit Wasser tränkte. Damit ging er zu John und legte es ihm auf die Stirn. Leise und beruhigend sprach er auf den Erwachsenen ein, wobei ihm nicht ganz klar war, wen er damit beruhigen wollte, seinen Dad oder eher sich selbst. Egal wie, es half tatsächlich, John entspannte sich ein wenig und auch Leon wurde ruhiger. Froh war er trotzdem, als es wieder an der Tür klingelte und er Rosalyn vor sich stehen sah.

„Komm!“, sagte er nur und rannte ihr voran ins Schlafzimmer.

Leon hielt sich im Hintergrund, als Rosalyn sich um seinen Vater kümmerte, ihm ein Schmerzmittel und etwas gegen die Übelkeit spritzte. Johns Gesicht entspannte sich leicht und er wurde deutlich ruhiger, schlug nach einigen Minuten sogar die Augen wieder auf. Verwirrt sah er sich um.

„Ruhig, John. Du hattest wahrscheinlich eine Migräneattacke, und die ziemlich heftig. Ich hab dir was gegen die Schmerzen und die Übelkeit gespritzt, aber du solltest das auf jeden Fall abklären lassen. Wie geht´s dir jetzt?“, erklärte die Ärztin in ihrer ruhigen und professionellen Art.

„Besser. Ich kann mich kaum noch erinnern, was genau passiert ist, seit Miss Morgan da war.“, gestand John.

„Bleib liegen und schlaf dich aus, und morgen gehst du alles etwas langsamer an. Sieh zu, dass du regelmäßig isst. Und mach einen Termin aus, damit dein Kopf untersucht wird. Wenn du magst, sag ich im Krankenhaus Bescheid, dass sie dich früher drannehmen.“, bot Rosalyn an.

„Ich würde gerne erst mal ein paar Tage abwarten und mein Praktikum nicht gleich mit einem Arzttermin beginnen.“, erwiderte John leise. „Ich melde mich, wenn ich genauere Arbeitszeiten habe. Dann mache ich einen Termin.“

„In Ordnung. Wenn bis dahin noch etwas sein sollte, dann ruf wieder an. Du hast sehr gut reagiert, Leon.“, lobte sie den Jungen.

„Danke, Rosalyn.“, sagte John leise. „Und dir auch, Leon. Rosalyn, ich hätte eine Bitte an dich, oder besser an euch, dich und Matt. Wenn mir etwas zustoßen sollte, würdet ihr euch um Leon kümmern? Er hat nur mich, und ich will nicht, dass er ganz alleine dasteht.“

„Nein, Dad!“, schluchzte Leon.

John nahm ihn in die Arme. „Sch, mein Kleiner. Ich will nicht, dass etwas passiert, aber ich möchte einfach sichergehen, dass für dich gesorgt ist, sollte doch etwas sein. Du bist mir zu wichtig, als dass ich mich einfach blind ins Abenteuer stürze.“

„Ich will nicht, dass dir was passiert!“, wisperte Leon.

„Das will dein Dad auch nicht. Aber es ist immer besser, vorzusorgen, da hat er schon Recht. Ich werde mit Matt darüber reden, John. Wir beide mögen den Jungen sehr und würden ihn sicher nicht alleine stehen lassen, doch mit unserem Beruf ist es auch nicht immer leicht.“, überlegte Rosalyn. „Jetzt ruht euch aus, ich komme morgen nochmal und sehe nach euch. Vielleicht kommt dann auch Matt mit! Gute Nacht!“

Sie ließ die beiden allein, Leon schmiegte sich, immer noch leise weinend, an seinen Vater und beide wirkten, als ob sie eine Nacht voll Schlaf gut gebrauchen könnten. Es dauerte nicht lange, bis John schlief und nur ein paar Minuten später war auch Leon eingeschlafen.

Die nächsten Tage verliefen relativ ruhig, John und Leon lernten die Umgebung ihrer Wohnung kennen, gingen zusammen einkaufen und verbrachten viel Zeit in Ruhe. John hatte einen Gymnastik-Termin und sie verbrachten anschließend noch eine Stunde im Fitness-Studio und trainierten an den Geräten, wie sie es aus der Reha bereits kannten. Es waren die letzten ruhigen Tage, denn ab dem folgenden Montag ging das ‚normale Leben‘ wieder los. Auch wenn es für die beiden alles andere als normal war, so hofften sie doch, dass es das werden würde.

Am Montagmorgen machte John Leons Brotzeit fertig, während der Junge müde sein Müsli in sich hineinschaufelte. Sie hatten beide nicht besonders gut geschlafen, nervös wie sie waren. Dennoch freuten sie sich auf diesen neuen Abschnitt in ihrem Leben, der ihnen ein gewisses Maß an Normalität verschaffte. John brachte Leon bis zur Schule, aber der Junge wollte den Rest alleine schaffen. Er wünschte seinem Dad viel Spaß und Erfolg und sagte ihm, dass er sich auf den Abend freute, wenn sie sich wiedersehen würden. Dann atmete er einmal tief durch und ging in das Gebäude hinein.

 

 

Direktor Lang erwartete ihn schon und brachte Leon zu seinem Klassenzimmer. In der ersten Stunde hatten sie Englisch, der Lehrer kam gleich auf Leon zu und stellte sich vor.

„Hallo, du musst Leon sein. Ich bin Mister Bittner. Möchtest du dich selbst der Klasse vorstellen oder soll ich ein paar Worte dazu sagen?“

„Hallo. Ich bin Leon, Leon Smith. Mein Dad und ich waren die letzten eineinhalb Jahre im Krankenhaus und auf Reha. An alles, was davor war, können wir uns nicht erinnern.“, sagte Leon knapp.

Unruhe kam in der Klasse auf und der Lehrer wollte die Schüler zurechtweisen, doch Leon kam ihm zuvor.

„Ich weiß, ihr habt sicher eine Menge Fragen. Ich würde euch bitten, sie jetzt zu stellen. Ich will nicht immer wieder darauf eingehen müssen.“, entschied er.

Daraufhin prasselten Fragen auf ihn ein, die er so gut er konnte beantwortete. Zwar schafften sie dann in der ersten Stunde keinen Unterricht mehr, aber zumindest hoffte Leon, dass sie ihn nun in Ruhe ließen. Es störte ihn gewaltig, so im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen, aber ihm war klar, dass er da so und so stehen würde, er, der Neue mitten im Jahr.

„Hey, Leon, willst du neben mir sitzen? Ich bin Mia.“, fragte ein braunhaariges Mädchen, die alleine in der ersten Reihe saß.

„Gerne. Danke, Mia.“, lächelte Leon und nahm Platz.

Der restliche Unterricht an diesem Tag war ruhig und Leon fühlte sich relativ wohl. Er konnte einige Fragen, die ihm gestellt wurden, tatsächlich beantworten und verlor seine Nervosität nach und nach. In der Pause stand er bei Mia und hörte ihr zu, wie sie von ihren Wellensittichen erzählte. Ein kurzer Impuls blitzte auf, das Bild einer weißen Eule, aber er konnte nichts damit anfangen, schob es beiseite. Einen Flashback konnte er nicht brauchen, nicht jetzt, wo er sich wieder auf den Unterricht konzentrieren musste, da die Pause zu Ende war.

Da die Lehrer bereits Bescheid wussten, was Leon betraf, stellte sich jeder neue Lehrer nur kurz vor, die meisten von ihnen gaben ihm auch die Hand, damit war die Sache erledigt. Dafür forderten sie ihn im Unterricht heraus, wollten sehen, was er konnte. Leon war froh, als der Tag zu Ende war, aber er freute sich auch auf den nächsten Tag. Die Mitschüler hatten ihn – nach der Fragerunde am Morgen – tatsächlich mit Fragen verschont und ihn dennoch aufgenommen. Einige hatten sich sogar schützend vor ihn gestellt, als Schüler aus den höheren Klassen auf ihn zugekommen waren. Jetzt aber freute sich Leon darauf, seinen Dad wiederzusehen, auch wenn der wahrscheinlich noch nicht wieder zuhause war. Leon hatte den Schlüssel für solche Fälle. Weder John noch Miss Morgan waren zufrieden, aber es ging nicht anders. Solange John keinen Arbeitsplatz hatte, konnte er sich keinen Hortplatz leisten, und den Staat konnte er deswegen auch nicht fragen, denn wenn er keine Arbeit hatte, wozu brauchte er dann einen Hortplatz? Deswegen ging er nun nach Hause in eine höchstwahrscheinlich leere Wohnung.

Leon hatte deswegen keine Angst, es störte ihn nicht, alleine zu sein. Zumindest wenn er wusste, wo sein Dad war. Er bekam nur dann Panik, wenn er nicht wusste, wo sein Dad war, wenn er nicht wusste, ob es ihm gutging. Diese Angst, die er gehabt hatte, als er im Krankenhaus den Ärzten zugehört hatte, die keine Hoffnung mehr für seinen Vater gehabt hatten. Seither überkam ihn die Panik, sein Vater könnte sterben, und er blieb alleine zurück. Zuhause angekommen machte er sich an seine Hausaufgaben, soweit er es alleine schaffte. Als er damit fertig war, ging er in die Küche und richtete alles für ein Risotto mit Gemüse und Speck her. Sein Dad stand zwar den ganzen Tag in einer Küche, aber ob er dort essen konnte, das bezweifelte Leon schon. Und er selber hatte zwar keinen Hunger, aber das hatte er selten. Er hatte mitbekommen, dass die Ärzte eine Vermutung dahingehend hatten: Wahrscheinlich war ihm als Kind häufiger das Essen verweigert worden, dadurch konnte er kein normales Hungergefühl entwickeln.

 

John kämpfte sich den ganzen Vormittag durch Berge von Gemüse und Kartoffeln, die geschält und geschnitten werden mussten. Es störte ihn nicht, diese Arbeit zu erledigen, nicht einmal die ganzen Zwiebeln machten ihm viel aus. Dahingehend befragt, konnte er nicht sagen, wie er das machte, zuckte nur die Schultern. Unermüdlich schnippelte er weiter. Auch als seine Hände wieder einmal anfingen zu zittern, gab er nicht nach, schnitt konzentriert weiter. Erst gegen vierzehn Uhr, als das Restaurant für drei Stunden schloss, kam der Chefkoch zu ihm und erlöste ihn für eine Weile.

„Machen sie Pause, John, essen sie ein paar Bissen. Sie haben gute Arbeit geleistet bis hier, aber überfordern sie sich nicht am ersten Tag. Ich habe von meiner Kollegin ein paar Worte bekommen, dass sie eine Weile brauchen werden, um den Arbeitsstress komplett meistern zu können, aber diese Chance sollte ich mir nicht entgehen lassen.“, meinte er schmunzelnd.

John aß nur zwei Sandwiches, ihm war wieder ein wenig übel. Da er wusste, dass er nun ein wenig Zeit hatte, ging er ein paar Schritte durch den nahen Park, atmete tief durch, um seine Übelkeit zu bekämpfen. Er brauchte einen Arbeitsplatz, wollte diese Chance nicht in den Sand setzen. Ohne Vergangenheit und vernünftige Zeugnisse einen Job zu bekommen, war so gut wie unmöglich, das wusste er. Sein altes Leben war weg, ausgelöscht. An der Luft ging es mit der Zeit wieder besser und mit neuem Elan kam er nach einer Stunde zurück in das Restaurant. Erneut musste er schneiden, diesmal war es Obst für diverse Desserts und Eiscremes, die frisch hergestellt wurden. Er beschwerte sich nicht, wusste, dass er eigentlich mehr konnte, aber hier musste er beweisen, dass er Anweisungen ohne Nachzufragen befolgen konnte. Und das konnte er, auch wenn es ihm schwerfiel.

Dennoch machte es ihm Spaß, die Atmosphäre in der Küche war zwar konzentriert, aber ausgelassen und alle waren für fast jeden Spaß zu haben. Es wurde viel gelacht, aber die Anweisungen des Chefs wurden alle sofort und exakt befolgt, da gab es keine Fragen. Der Chefkoch war der Chef, wie es der Name sagte. John lernte die Küchencrew kennen, die wie ein eingespieltes Team agierte. Die meisten von ihnen arbeiteten schon seit der Eröffnung vor einigen Jahren hier, verstanden sich blind und ergänzten sich perfekt. Es erinnerte John irgendwie an etwas, aber er konnte nicht sagen, woran. Scheinbar war die Vergangenheit doch nicht ganz verschwunden. Unter der Oberfläche war sie da.

Beim Schneiden dachte John an Leon. Seinen Sohn. Der Junge war etwas Besonderes. Was nur war früher mit ihm passiert? Der Kleine war so schreckhaft und geriet so leicht in Panik, wenn etwas Unerwartetes passierte. Die Anhänglichkeit freute ihn und machte ihn gleichzeitig besorgt. Sie wussten nicht, wie alt Leon war. Zwar hatten sie gewisse Anhaltspunkte, wie sein Wissen und seine körperliche Entwicklung. Dennoch reichte das nur für eine grobe Orientierung. Er konnte irgendwas zwischen elf und fünfzehn sein. Daher hatten sie sich für die goldene Mitte entschieden und Leons dreizehnten Geburtstag auf den 21. Juni festgelegt. Wintersonnenwende in Neuseeland. Das hatte Leon irgendwie fasziniert.

Plötzlich durchzuckte ihn wieder dieser Schmerz, doch er verdrängte ihn. Das konnte, durfte jetzt nicht sein. Er musste hier arbeiten. Einen Job bekommen, damit sein Junge, sein Leon, ein besseres Leben hatte als gerade eben. Abhängig von der Gnade Anderer, von Entscheidungen des Staates. Sie mussten um alles betteln, was sie brauchten. Es störte ihn gewaltig, deshalb musste er diese Chance unbedingt nutzen, durfte sich nicht von ein paar Kopfschmerzen irre machen lassen.

Gegen kurz nach sieben Uhr kam der Chefkoch zu ihm.

„Gute Arbeit, John. Mach Schluss für heute, wir sehen uns morgen wieder um neun.“, verabschiedete er seinen Praktikanten.

„Alles klar, Chef. Bis morgen.“, antwortete John müde.

Er war völlig erschöpft, aber zufrieden. Die Arbeit befriedigte ihn, auch wenn er weniger leistete, als er vielleicht konnte, aber er verdiente hoffentlich bald sein eigenes Geld, damit er sich und Leon durchbringen konnte. Der Kleine wartete sicher schon auf ihn. Dieser Gedanke beschleunigte seine Schritte und voller Elan lief er die vier Etagen nach oben. Vergessen waren die Schmerzen, als Leon ihn strahlend begrüßte.

„Hallo, mein Großer!“, schmunzelte er. „Wie war dein Tag?“

„Hey, Dad!“, strahlte Leon. „Früh haben sie mich ausgefragt, aber dazu hatte ich sie auch angestiftet, dann habe ich es auf einmal hinter mir, dachte ich. Mia, ein Mädchen aus meiner Klasse, hat mich gefragt, ob ich neben ihr sitzen will und ich hab mich in der Pause auch mit ihr unterhalten. Im Unterricht komm ich auch gut mit, nur bei zwei Aufgaben in Mathe bräuchte ich dann noch deine Hilfe, das wusste ich nicht, wie es geht. Und dein Tag?“

„Ich sehe gleich danach.“, antwortete John. „Ich habe bergeweise Gemüse, Kartoffeln und Obst zerkleinert, damit könnte man wahrscheinlich halb Wellington ernähren. Aber es fühlt sich gut an, etwas zu tun.“

„Ich hab ein Risotto auf dem Ofen, während das kocht könnten wir schnell nach meiner Aufgabe sehen.“, überlegte Leon.

„Manchmal frage ich mich echt, ob wir dich nicht einfach zu einem Erwachsenen machen sollten, Leon. Du wirkst so … erwachsen. Vorausschauend, überlegt, ruhig. Keine Angst, das ist nicht schlecht, nur ungewöhnlich!“, dachte John laut. „Dann machen wir es so.“

John schaltete den Herd ein und Leon brachte seine Aufgaben in die Küche. Schnell begriff John, wo Leons Problem lag und er erklärte es ihm, sodass der Junge seine Aufgaben schließlich doch noch lösen konnte. Zwischendurch rührte sein Vater das Risotto um, damit es nicht anbrannte. Kaum hatte Leon seine Hefte zurück in die Schultasche gebracht, konnten sie auch essen.

„Ich schätze, morgen wird es genauso spät werden, bis ich nach Hause komme.“, verkündete John schließlich. „Iss ruhig schon, wenn du vorher Hunger hast, Leon.“

„Es macht mir nichts aus, auf dich zu warten, Dad. Lieber esse ich dann mit dir zusammen, da schmeckt es besser, als wenn ich alleine hier sitze.“, beschloss Leon. „Ach ja, Miss Morgan und Rosalyn waren da. Miss Morgan ist froh, dass du dabei bist, eine Stelle zu bekommen, wir sollen uns bei ihr melden, wenn wir was brauchen und Rosalyn wollte nach dir sehen. Ich hab ihr gesagt, dass du heute Morgen wieder fit warst und in dein Praktikum gegangen bist. Sie hat gesagt, du sollst dich bei ihr melden, wenn es nochmal auftritt. Und du sollst auf jeden Fall zu der Untersuchung gehen, sie hat dir eine Karte dagelassen, an wen du dich wenden musst.“

„Mir geht´s gut. Jetzt lass mich nur mein Praktikum erstmal erfolgreich abschließen, dann habe ich auch festere Arbeitszeiten als jetzt. Im Moment kommt es darauf an, wofür ich gebraucht werde, sie testen mich scheinbar in alle Richtungen, damit sie am Ende wissen, wo und wie sie mich am Besten einsetzen können. Und jetzt ab ins Bad mit dir, mach dich bettfertig, dann können wir noch eine Weile lesen.“, ordnete John schließlich an.

Er selber machte sich daran, die Küche sauber zu machen. Das war ihnen beiden wichtig, abends Ordnung zu schaffen. Dann ging er ins Wohnzimmer und griff sich ein Buch aus dem Bücherregal. Es war nur sehr spärlich gefüllt, aber sie konnten es demnächst vielleicht etwas besser ausstatten, sobald er sein eigenes Geld verdiente. Heute im Park hatte er ein Plakat gesehen, das für einen Bücherflohmarkt in drei Wochen warb. Das klang nach einem Paradies für sie beide. Bisher hatten sie dafür kein Geld übrig, sie bekamen wirklich nur das Nötigste, es reichte gerade für Essen und Kleidung aus zweiter Hand.

Auch Leon kam bald zu ihm, kuschelte sich an ihn. Beide saßen auf dem Sofa, John hatte die Füße auf einen kleinen Schemel gelegt – das lange Stehen heute hatte seine Beine geschafft – und Leon saß seitlich, lehnte seinen Rücken an den Brustkorb seines Dads. Die Ruhe fanden beide sehr angenehm, vor allem nach dem ereignisreichen Tag. So könnte jeder Tag ausklingen, dachte John gerade, als er bemerkte, dass Leon schon fast schlief.

„Leon, mein Großer, du solltest ins Bett gehen. Du schläfst ja schon im Sitzen ein. Komm, ich bring dich ins Bett.“

„Brauchst du nicht, Dad.“, gähnte Leon. „Ich find den Weg auch alleine! Gute Nacht, Dad.“

„Gute Nacht, Leon. Schlaf gut.“

„Du auch. Hab dich lieb, Dad.“

Mit den letzten Worten verschwand Leon in seinem Zimmer und es wurde noch stiller in der Wohnung. Sie hatten ein kleines Radio, aber kein Fernsehen, wobei sie das nicht wirklich störte. John stand auf, sonst würde auch er einschlafen. Er trat auf den Balkon und sah in Richtung Ozean. Das war der Vorteil, hier oben zu leben – man hatte einen weiten Blick und sie hatten tatsächlich die Möglichkeit, das Meer zu sehen. Gerade fuhr ein Schiff aus dem Hafen in Richtung Australien. Ein Containerschiff, wie John nebenbei registrierte. Er blickte dem Schiff nach, wie es sich langsam in Richtung Horizont entfernte. Dieser Anblick beruhigte ihn irgendwie, auch wenn er nicht wusste, warum er so unruhig war. Vielleicht waren es die Kopfschmerzen, die ihn erneut plagten, oder die immer wiederkehrenden, brennenden Schmerzen in seinem linken Unterarm, die genauso plötzlich endeten wie sie erschienen.

Als das Schiff verschwunden war, ging John zurück in die Wohnung. Die Tür ließ er offen, hier oben war die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch, dass eingebrochen wurde und bei ihnen gab es nichts zu holen, das wussten sicher auch die Einbrecher, da das ganze Haus aus Sozialwohnungen bestand. Jeder hier im Haus hatte nur das Nötigste, aber alle, die sie bisher getroffen hatten, waren ausnahmslos freundlich gewesen. Doch weder Leon noch er selber waren wirklich gesellige Menschen, suchten gerade nicht nach Anschluss. Sie waren rastlos, so ohne Vergangenheit.

John war gerade auf dem Weg ins Bad, als es passierte. Der Schmerz zuckte unvermittelt heftig durch seinen Kopf, zwang ihn in die Knie. Er biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien, damit Leon schlafen konnte. Nein, er wollte ihn nicht noch mehr beunruhigen, der Junge sah sowieso mehr als er sollte. Mit seinen Flashbacks hatte der Kleine selbst genug um die Ohren. Doch der Schmerz flaute nicht ab, im Gegenteil. Mühsam rappelte der Mann sich hoch und schaffte es gerade noch ins Badezimmer, wo er sich erbrach und das Abendessen landete in der Toilette. Stöhnend hielt sich John am Waschbecken fest und spülte seinen Mund aus, griff dann in den Medikamentenschrank, der dank der beiden Ärzte mit den notwendigen Dingen gefüllt war. Dort holte er sich ein starkes Schmerzmittel und etwas gegen Übelkeit, schluckte es und legte sich danach völlig erschöpft in sein Bett.

Wie erhofft hatte Leon nichts von den Schwierigkeiten seines Vaters mitbekommen, dafür sah er wieder die gleichen Bilder in seinen Träumen. Sie schienen deutlicher zu sein, er konnte mehr Details sehen, doch es reichte nicht, um etwas davon wirklich wiederzuerkennen. Unruhig begann er, vor sich hinzumurmeln. Immer lauter wurde er, je beängstigender das Ganze wurde, bis er schließlich aufschrie, als die Hände anfingen, ihn anzufassen und ihm Schmerzen zu bereiten.

John schüttelte die eigene Benommenheit ab und eilte in Leons Zimmer. Ruhig sprach er auf den verängstigten und verstörten Jungen ein, bis er ihn in die Arme ziehen konnte.

„Es wird deutlicher, Dad.“, wisperte Leon. „Ich weiß nicht mehr so genau, was ich gesehen habe, aber ich bin mir sicher, dass es deutlicher wird. Vielleicht kann ich mich doch eines Tages noch erinnern.“

„Was weißt du noch?“, wollte John wissen, wie er es mit Dr. Knight besprochen hatte.

„Da waren Menschen. Ein Mädchen, ich glaube, sie war tot. Männer in schwarzen Umhängen und mit Masken, die haben mir so wehgetan.“, wimmerte Leon, selbst die blasse Erinnerung ließ ihn zittern.

„Sch, es ist vorbei. Ich bin da, mein Kleiner.“, raunte John in Leons Ohr.

„Danke Dad.“, nuschelte der Junge müde. „Ach, Dad, meinst du, du kannst mir die Haare schneiden? Ich will sie ab haben. Unser neues Leben hat angefangen, ich will da jetzt auch was Neues.“

„Gerne, Leon. Ich weiß nicht, ob das gut geht, aber wir können es versuchen. Jedoch nicht mehr heute.“, bestimmte John ruhig. „Versuch, wieder zu schlafen, du musst morgen fit sein für die Schule. Gute Nacht, schlaf gut.“

„Danke Dad. Gute Nacht.“, gähnte Leon wieder und kuschelte sich in sein Bett.

John blieb noch bei ihm sitzen, bis er wieder fest schlief, dann erst ging er zurück in sein Bett. Langsam begann die Schmerztablette zu wirken, sein Kopf wurde freier. Auch er schlief bald tief und fest.

 

Der nächste Tag war kaum anders als der Montag. John ging in seiner Mittagspause kurz im Krankenhaus vorbei und fragte nach Rosalyn. Er hatte Glück, sie war da. Er bedankte sich noch für die Behandlung, sie hatte ihm sehr geholfen. Außerdem fragte er sie, ob es irgendwo einen günstigen Friseur gab, falls er selbst doch nicht mit Leons Haaren zurechtkam. Lachend bot ihm Rosalyn eine andere Lösung an. Matt hatte eine Maschine, mit der man die Haare auf eine bestimmte Länge kürzen konnte. Wenn Leon sie wirklich richtig kurz haben wollte, dann würde er sie ihnen sicher leihen. Kurzerhand entschieden sie, es Leon anzubieten. John sagte Rosalyn, wann er am Abend zuhause war und fragte sie, ob sie Lust hätten, vorbei zu kommen. Aber nur, wenn es Matt nichts ausmachen würde, das Gerät zu verleihen. Beim Bedienen bräuchten sie sicher auch Hilfe.

So klappte es dann auch. Rosalyn und Matt kamen kurz vor John zu Leon. Er freute sich sehr, die Beiden zu sehen und lud sie ein, ob sie eine Tasse Tee wollten. Beide sagten gerne ja, es war ziemlich kalt draußen und sie freuten sich, etwas Warmes zu bekommen. Stolz erzählte Leon von der Schule, wie viel Spaß es ihm machte und dass er schon fast alle seine Klassenkameraden mit Namen kannte. Matt präsentierte mehrere Kartons, die Leon nichts sagten, aber als John hereinkam und sie begrüßte, hob er eine Augenbraue.

„Pizza?“, fragte er.

„Ja, ich hatte Hunger und ich dachte mir, ihr vielleicht auch.“, erklärte Matt schulterzuckend. „Es sind vier verschiedene, sucht euch aus, was ihr am liebsten mögt.“

„Das … Ich … danke.“, stotterte John.

Eigentlich hatte er es nicht annehmen wollen, aber ein böser Blick von Matt hatte ihn ins Stocken geraten lassen. Er konnte nicht leugnen, hungrig zu sein. Und Leon schien es bereits zu schmecken, er und Rosalyn griffen beherzt zu. Die nächsten Minuten waren ruhig, nur von gelegentlichem Schmatzen unterbrochen. Erst, als die Pizzen restlos vernichtet waren, kam wieder ein Gespräch zustande.

„Also, Leon, du willst die Haare geschnitten haben, hat meine Freundin mir gesagt.“, begann Matt.

Leon nickte eifrig. „Am liebsten so kurz wie du, Matt.“, entschied er.

„Okay. Ich habe meine Haarschneidemaschine schnell geholt, damit geht es einfach und vor allem gleichmäßig. Wollt ihr es selber probieren oder soll ich helfen?“, fragte Matt.

„Wie genau geht das?“, wollte John wissen.

Matt packte die Maschine aus. „Also, hier stellst du die Haarlänge ein. Ich nehme meistens Stufe drei im Sommer und Stufe fünf oder sechs im Winter. Dann setzt du es mit dem Stück hier“, er deutete auf die Schutzkappe, „auf den Kopf und wenn du dann eingeschaltet hast, dann fährst du einfach Stück für Stück damit über den Kopf, bis du alle Haare erwischt hast. Musst nur ab und zu hier auseinander nehmen und ausleeren, sonst geht´s nicht richtig. Danach aber aufpassen, dass du in der gleichen Stufe weiterschneidest, sonst wird’s kritisch. Ist mir mal passiert, ganz am Anfang… Ich sag nur, ups.“

Am Ende grinste Matt ziemlich schelmisch. Sie konnten sich vorstellen, wie kurz es dann geworden war. John entschied, es zu versuchen und verschwand mit Leon im Bad. Schnell verstand er die Handhabung der Maschine und es dauerte nur Minuten, bis Leons lange Mähne in einen akkuraten Kurzhaarschnitt verwandelt worden war. Leon fuhr andächtig mit der Hand über die jetzt extrem kurzen Haare und lächelte versonnen.

„Danke, Dad. Das ist wirklich der Neubeginn!“, freute sich Leon.

Kurzerhand bat John Rosalyn, ob sie ihm die Haare kürzen könnte. Seit er aus dem Koma erwacht war (und davor wohl auch), waren sie mehr oder weniger unkontrolliert gewachsen. Er konnte es sich einfach nicht leisten, zu einem Friseur zu gehen und selber traute er sich nicht, mit der Schere etwas zu machen, das hatte er, seines Wissens nach, noch nie gemacht. Er wollte sie nicht so kurz wie Leon, irgendwie fühlte sich das nicht richtig an, aber momentan waren sie fast hüftlang und ziemlich kaputt und er band sie meist zu einem Zopf zusammen, doch in der Küche war das eher hinderlich. Daher wollte er sie lieber nur schulterlang, dann konnte er sie immer noch zurückbinden, damit sie nicht im Essen landeten. Auch er brauchte diesen Neuanfang, das wurde ihm gerade klar und er war sehr dankbar, Freunde wie Rosalyn und Matt zu haben.

 

 

Am nächsten Tag kam ein gut gelaunter Leon in die Schule. Erstaunt sahen seine Klassenkameraden ihn an, er hatte sich mehr verändert, als nur die Haare zu schneiden. Es schien, als wäre er irgendwo angekommen, er wirkte offener und sicherer auf sie, ging von sich aus auf sie zu. Ja, Leon hatte wirklich neu angefangen. Der Direktor hatte heute eine Überraschung für sie – ein Zauberer sollte nach der Pause kommen und er gab in der Aula eine Vorstellung. Es war wohl ein ehemaliger Schüler, der sich so dankbar zeigen wollte. Jedenfalls saßen Leon und Mia in der ersten Reihe, als es losging. Fasziniert beobachtete Leon das Schauspiel und rätselte, weil er irgendwie das Gefühl hatte, das wäre falsch, es müsste anders sein. Immer wieder kam dieses Gefühl in ihm hoch und er wandte seine Aufmerksamkeit von dem Zauberer ab.

Als er wieder aufsah, zeigte der Zauberstab auf ihn und plötzlich überrannte ihn eine Erinnerung. Schwarze Gestalten, die mit Zauberstäben auf ihn zeigten und dann nur noch Schmerz. Unendlicher, fürchterlicher Schmerz. Leon schrie sich die Seele aus dem Leib und rollte sich klein auf dem Boden zusammen. Chaos brach um ihn herum aus, keiner wusste im ersten Moment, was passierte, bis Direktor Lang sich an die Worte von Leons Vater erinnerte.

„… Sollte irgendetwas in diese Richtung passieren, dass er einen Flashback hat, fassen sie ihn um Himmels Willen nicht an. Keiner sollte ihn dann anfassen, da bekommt er Panik. Halten sie Abstand von ihm, geben sie ihm Raum, dass er merkt, ihm passiert nichts. Und holen sie mich…“, hatte John Smith gesagt.

„Ruhe!“, rief er daher laut und tatsächlich herrschte plötzlich Stille, bis auf Leons Schreie.

„Leon hat einen Flashback. Keiner fasst ihn an. Es ist eine schlimme Erinnerung, aber ihm passiert nichts. Die Schüler folgen bitte ihren Lehrern in die Klassenzimmer. Miss Green, bitte versuchen sie, John Smith zu erreichen, er ist wohl der Einzige, dem Leon genug vertraut, dass er sich helfen lässt.“, bestimmte der Direktor.

Innerhalb von nur zwei Minuten war die Aula leer. Leons Schreie waren weniger geworden, aber immer noch lag er zusammengerollt und wimmernd auf dem Boden. Der Direktor versuchte, ruhig auf ihn einzureden. Seine Sekretärin, Miss Green, kam nach einigen Minuten zurück und erklärte ihm leise, sie hätte Glück gehabt, in dem Restaurant, in dem John Smith gerade arbeitete, hatte sie jemanden erreicht und Leons Vater käme sofort. Sie hatte noch nicht einmal richtig fertiggesprochen, rannte John bereits in die Schule.

„Was ist passiert?“, verlangte er zu wissen.

„Ein Zauberer war hier und Leon lachte erst mit den anderen Kindern, doch plötzlich schrie er auf, als hätte er fürchterliche Schmerzen. Ich habe mich erinnert, was sie mir sagten und alle Schüler weggeschickt, Miss Green hat sie verständigt. Keiner hat ihn angefasst.“, berichtete der Direktor ein wenig hilflos.

„Gut, das war das Beste, was sie tun konnten, Direktor Lang. Haben sie vielleicht eine Decke für ihn?“, fragte John, dann wandte er sich seinem Sohn zu.

Während der Direktor sich auf die Suche nach einer Decke machte, hockte John sich neben Leon und sprach leise und beruhigend auf ihn ein, bis sein Kleiner die Augen öffnete und scheinbar wieder realisierte, wo er war. Jedoch konnte er sich nicht erinnern, was genau passiert war, was es wohl schwierig machen würde, solche Situationen in Zukunft zu vermeiden. John wickelte den zitternden Jungen in die herbeigebrachte Decke ein und schloss ihn in die Arme. Schluchzend klammerte sich Leon fest an Johns Jacke. Sanft wiegte der Ältere ihn hin und her, bis er langsam ruhiger wurde.

„Bringen sie ihn nach Hause, Mister Smith. Wenn es ihm gut geht, dann kann er morgen wieder kommen, ansonsten rufen sie mich bitte morgen früh kurz an. Alles Gute, Leon.“, wandte sich der Direktor schließlich an den Vater.

Der hob seinen Sohn kurzerhand hoch und trug ihn aus der Schule. Er versprach, die Decke zu waschen und wiederzubringen, dann verließ er das Gebäude.

„Ich kann laufen, Dad.“, protestierte Leon ein wenig schwach.

„Wirst du auch müssen, denn den ganzen Weg schaffe ich es nicht, dich zu tragen.“, konterte sein Vater ein wenig außer Atem.

„Dann lass mich runter, Dad. So klein bin ich nicht mehr.“, forderte Leon und wurde abgesetzt.

Gemeinsam gingen sie nach Hause. Der Chefkoch hatte John gesagt, er solle sich um seinen Sohn kümmern und am nächsten Morgen wiederkommen. Es sah nicht so aus, als würde es ihm die Chancen verschlechtern, doch selbst wenn, Leon war ihm wichtiger, entschied John. Zuhause schickte er seinen Sohn unter die Dusche, das heiße Wasser würde ihm sicher gut tun, und ging selber in die Küche, kochte eine heiße Suppe. Doch als er sie auf den Tisch stellte, krampfte sich sein Arm plötzlich zusammen und er verlor die Kontrolle darüber. Glücklicherweise war der Topf schon fast auf dem Untersetzer gestanden, so knallte er nur die letzten paar Zentimeter nach unten, aber es reichte, dass die Suppe überschwappte und ihm die Hand verbrühte. Der Schmerz zwang ihn wieder zu Boden und diesmal begann sein Körper zu krampfen.

Genau in diesem Moment betrat Leon die Küche und sprang sofort zu seinem Dad. Der zuckte nur krampfhaft und stöhnte gleichzeitig vor Schmerz. Geistesgegenwärtig schob Leon den Tisch und die Stühle beiseite, ihm war klar, dass er seinem Vater gerade nicht helfen konnte. Er stürzte zum Telefon und wählte die Nummer von Matt und Rosalyn, aber da ging nur der Anrufbeantworter dran.

„Nein, nein. Das darf doch nicht wahr sein!“, zitterte Leon. „Notruf, Notruf. 111, genau, das war‘s.“

Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer und zwang sich, ruhig zu bleiben, als er wartete, dass jemand seinen Anruf annahm. Es klingelte nur zweimal, aber für Leon verging eine gefühlte Ewigkeit.

„Notrufzentrale, wie kann ich ihnen helfen?“, fragte schließlich eine dunkle Männerstimme.

„Hallo. Ich bin Leon Smith, mein Dad, er … es … er liegt da und …“, schluchzte Leon nun doch.

„Ganz ruhig, Leon. Wo wohnst du denn?“, wollte der Mann wissen.

Leon sagte es ihm.

„Okay, Leon, ich bin Tony. Also, was ist mit deinem Dad genau passiert? Ich habe schon einen Rettungswagen zu dir geschickt, bis die bei dir sind, dauert es aber ein paar Minuten und je genauer sie wissen, was los ist, umso besser können sie helfen.“

„Ich war gerade im Bad und als ich in die Küche kam, lag er auf dem Boden. Ich glaube, er hat schlimme Schmerzen und er zuckt so komisch.“, berichtete Leon ein wenig ruhiger.

„Gut, Leon. Hat dein Dad das öfter?“, fragte Tony.

„Die Schmerzen hatte er schon mal, da habe ich Rosalyn geholt, sie ist Ärztin. Aber ich hab sie gerade nicht erreicht. Aber so gezuckt hat er noch nie.“

„Du machst es super, Leon. Also, dein Dad liegt auf dem Boden. Ist in seiner Nähe etwas, woran er sich verletzen kann? Dann musst du sehen, dass du das wegschiebst. Kannst du dich mit dem Telefon bewegen?“

„Ja, Tony. Ich bin in der Küche. Den Tisch und die Stühle hab ich schon weggeschoben, da ist nichts mehr.“

„Sehr gut, Leon. Sag mal, wie alt bist du denn?“

„Zwölf. Was soll ich denn jetzt machen?“

„Leon, dein Dad hat wahrscheinlich einen Krampfanfall. Zuckt er noch?“, hakte Tony nach.

„Nein. Es hat aufgehört. Aber er reagiert nicht auf mich.“, weinte Leon.

„Bleib ruhig, Leon. Sieh nach, ob er richtig atmen kann. Hat er sich übergeben?“

„Nein, ich glaube nicht, dass er sich übergeben hat. Aber seine Lippen sind ganz blau.“

„Leon, hör mir zu. Du musst jetzt ruhig bleiben, damit wir deinem Dad helfen können. Also, schau in seinen Mund, ob etwas drin ist. Wenn ja, dann musst du es vorsichtig rausholen, aber dabei musst du unbedingt deine Finger schützen. Hör mir erst zu und dann machst du es genau, wie ich sage. Du drückst mit einem Finger deiner starken Hand seine Wange so in seinen Mund, dass seine Zähne auseinander gedrückt werden und dann holst du mit deiner anderen Hand alles aus seinem Mund, was ihn am Atmen hindern kann, dabei hältst du aber immer seine Wange zwischen seinen Zähnen, sonst kann es passieren, dass er dich beißt und das wollen wir nicht. Dreh dabei seinen Kopf zur Seite, dann geht es besser.“

Leon klemmte sich das Telefon zwischen Schulter und Ohr und befolgte die Anweisungen genau. „Okay, Tony, das hab ich gemacht, jetzt atmet er wieder stärker.“

„Gut, dann legst du ihn jetzt in die stabile Seitenlage. Kannst du das?“

„Ich hab das im Krankenhaus schon mal gemacht, das kann ich. Ich leg das Telefon schnell weg.“

Leon legte das Telefon neben sich und drehte mit geübten Griffen seinen Dad in die stabile Seitenlage. Etwas, das er einmal im Krankenhaus gesehen hatte und sich dann zeigen ließ. Damals hatte es einfach nur Spaß gemacht, jetzt war er froh, dass er das dort gelernt hatte. Anschließend griff er wieder zum Hörer.

„Tony, ich habs geschafft.“, keuchte Leon.

„Sehr gut. Der Rettungswagen ist gerade angekommen. In welchen Stock müssen sie kommen?“, wollte Tony noch wissen.

„In den vierten.“

„Okay, das habe ich weitergegeben. Sie kommen jetzt zu dir, mach bitte die Tür auf und zeig ihnen, wo dein Dad liegt. Der Notarzt kommt auch gleich, er ist schon unterwegs. Du hast wirklich toll reagiert, Leon.“

„Danke, Tony. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Sie sind da, ich lasse sie jetzt rein.“

„Alles klar, Leon. Mach‘s gut und alles Gute für deinen Dad. Bye.“

„Bye Tony. Und danke!“, verabschiedete sich Leon, während er den Sanitätern den Weg in die Küche zeigte.

Sofort kümmerten die beiden sich um John. Nicht einmal zwei Minuten später musste Leon dann den Notarzt hereinlassen und auch in die Küche bringen. Unsicher stand er schließlich in der Nähe, so nah wie es ging, ohne dass er den Helfern im Weg stand, und beobachtete die geübten Griffe der Retter. Der Arzt hatte schnell zwei Kanülen in Johns Arme gelegt und Infusionen hingen daran.

„Hey, wie heißt du denn?“, wandte er sich schließlich an den Jungen.

„Leon.“, wisperte er. „Was ist mit Dad?“

„Das kann ich noch nicht genau sagen, Leon. Dafür müssen wir ihn ins Krankenhaus bringen. Kannst du erstmal hier die Infusionsflaschen halten?“

Leon nickte und nahm die Flaschen entgegen, hielt sie in seinen zitternden Händen, froh darüber, etwas tun zu können. Nur wenige Minuten vergingen, dann legten sie John auf die Trage und machten sich daran, ihn wegzubringen.

„Kann ich mit?“, fragte Leon leise.

„Im Rettungswagen ist kein Platz, Leon. Aber mein Fahrer kann dich mitnehmen, ich sage ihm Bescheid. Komm mit.“, entschied der Notarzt.

Bis er mit dem Notarztwagen im Krankenhaus ankam, war sein Vater schon verschwunden. Doch Rosalyn erwartete ihn. Sie hatte mitbekommen, wer in die Notaufnahme eingeliefert worden war und hatte erfahren, dass Leon mitkam. Sie konnte sich vorstellen, wie sehr er nun jemanden brauchte. Außerdem hatte sie John erst vor wenigen Tagen versprochen, sich um Leon zu kümmern. Hatte er da schon gewusst oder geahnt, dass es so schnell notwendig wurde? Leon warf sich schluchzend in die offenen Arme der Ärztin, brauchte lange, bis er sich wieder soweit beruhigt hatte, dass er sprechen konnte.

„Was ist mit Dad?“, war dann seine erste Frage.

„Ich weiß es noch nicht, Leon. Aber es sieht so aus, als ob die Schmerzen, die er vor ein paar Tagen hatte, doch ein Hinweis auf etwas Größeres waren. Sie untersuchen ihn noch, aber keine Angst, Matt ist in seiner Nähe. Er war gerade in der Notaufnahme, als er eingeliefert wurde. Komm, ruh dich ein bisschen aus. Magst du mir erzählen, was passiert ist?“, entgegnete Rosalyn.

Alles, was seit heute Morgen passiert war, sprudelte nun aus Leon heraus. Er war froh, alles loszuwerden. So lange er darüber sprach, gewann auch nicht die Angst so viel Macht über ihn. Die Angst, was nun werden würde. Er war jetzt ganz alleine, hatte niemanden. Doch Rosalyn schien diese Gedanken zu ahnen und versprach ihm, dass er nun bei ihnen unterkommen könnte, sie würden ihn nicht alleine lassen. Sie schickte ihn nach Hause, einige Sachen für seinen Vater zu besorgen, der sicher mindestens die nächsten Tage hierbleiben musste und er sollte auch Sachen für sich packen, ebenso seine Schultasche. Der Weg war nicht sehr weit, den konnte Leon zu Fuß gehen. Dann war er zumindest eine Weile beschäftigt. Hier im Krankenhaus würde er wahrscheinlich nur noch mehr Angst entwickeln.

Leon rannte fast nach Hause, wollte so schnell wie möglich wieder zurück zu seinem Dad. Wieder hatte er die Angst, dass sein Vater sterben könnte, während er nicht da war. Er merkte nicht einmal, dass Tränen über seine Wangen strömten, während er rannte. Nach nur zehn Minuten stand er vor dem Haus und fummelte mit seinem Schlüssel herum, bis er ihn schließlich doch ins Schloss brachte. So schnell wie heute war er noch nie im vierten Stock gewesen. Er packte Unterwäsche, Socken, Trainingshosen, T-Shirts und Pullover für seinen Dad ein, dazu noch die Zahnbürste und das Duschzeug. Alles hatte in dem kleinen Rucksack Platz, der seinem Dad gehörte. Ein alter von Matt, der für ihn einfach zu klein war. Dann packte er seine Schultasche und auch für sich einige Kleidungsstücke und sein Waschzeug zusammen, steckte es in seine Sporttasche. Er schulterte seine Schultasche, hängte sich den Rucksack vorne an den Bauch und seine Sporttasche über die Schulter. Es war nicht leicht, aber er wollte es zusammen schaffen, auch wenn Rosalyn gesagt hatte, er könnte seine Sachen in der Wohnung lassen, sie würde nachher mit ihm hinfahren und alles holen. Aber sie sollte doch seinetwegen keinen Umweg fahren müssen.

Der Rückweg ging nicht mehr so schnell, aber eine Stunde, nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte, war er wieder dort. Rosalyn erwartete ihn mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht.

„Leon, komm her.“, bat sie ihn in ihr Arztzimmer. „Hör zu, sie haben jetzt die Ursache für die Schmerzen und auch den Krampfanfall deines Dads gefunden. Er hat einen Tumor im Kopf. Deshalb liegt er jetzt auf der onkologischen Station. Sie haben ihm ein Beruhigungsmittel gegeben und testen nun, welche Medikamente sie ihm am besten geben müssen. Es wird unangenehm für ihn werden. Die Behandlung wird kein Spaziergang, vor allem, da er sich gerade erst wieder von allem davor erholt hat. Du kannst kurz zu ihm, aber dann braucht er erst einmal viel Ruhe. Er weiß selber noch nicht, was genau los ist, war bisher kaum ansprechbar. Aber deine Anwesenheit wird ihm sicher gut tun.“

Sie brachte Leon zu dem Zimmer, in dem sein Dad lag. Er hatte ein Einzelzimmer, zumindest im Moment. John blinzelte, schien dann aber zu erkennen, wer da neben seinem Bett war, wusste aber offenbar nicht genau, wo er war.

„Dad!“, kam es erleichtert von Leon.

„Leon! Was ist passiert?“, wisperte John.

„Du hattest einen Krampfanfall. Leon hat den Notarzt geholt und jetzt bist du im Krankenhaus. Die Untersuchungen sind noch nicht endgültig abgeschlossen.“, informierte ihn Rosalyn.

Leon bewunderte sie dafür, dass sie so schnell wusste, wie sie seinen Dad aufklären konnte, ohne die volle Wahrheit zu sagen und doch ohne eine Lüge. Ihm selber machte der Anblick seines Vaters sehr zu schaffen. So schwach hatte er ihn seit dem Koma nicht mehr erlebt, nicht einmal nach der Herz-Operation hatte er so eine Schwäche ausgestrahlt. Irgendwas stimmte hier nicht, da war sich Leon absolut sicher, sein Dad wirkte anders. Als wäre ihm klar, wo er war. Und wieso. Es waren nicht die verschiedenen Infusionen, die an seinen Armen angeschlossen waren oder die unnatürliche Blässe in seinem Gesicht. Das kannte Leon bereits. Es war die stumpfe Hoffnungslosigkeit in seinen Augen, die Leon zu schaffen machte.

„Dad, bitte werde bald gesund!“, bat Leon leise.

„Leon, mein Kleiner. Ich hab dich lieb!“, schloss John seinen Sohn vorsichtig in die Arme.

„Ich kümmere mich um ihn.“, versprach Rosalyn. „Komm, Leon, dein Dad braucht Ruhe und er muss noch weiter untersucht werden. Ich bring dich jetzt zu uns nach Hause und dann machen wir was zu essen für dich und morgen gehst du in die Schule und danach kannst du wieder herkommen. Sag deinem Dad gute Nacht.“

„Nacht, Dad. Ich hab dich lieb!“, wisperte Leon zitternd.

„Gute Nacht, Leon. Schlaf gut. Ich hab dich auch lieb.“, umarmte John seinen Sohn noch einmal.

Dann sank er zurück in sein Bett. Was würde nun werden? Er konnte nicht mehr, hatte keine Kraft mehr, sich aufrecht zu halten. Die letzten Monate hatte er für Leon gelebt. Er hatte es geschafft, seine Maske aufrechtzuerhalten, aber das ging jetzt bald nicht mehr. John sehnte sich nach einem normalen Leben ohne diese ständigen Ängste. Sobald es schien, als ob es nun aufwärts gehen würde, kam wieder ein Rückschlag. Mit geschlossenen Augen lag er in den Kissen. Er hatte durchaus mitbekommen, dass er auf der Onkologie lag und wusste, was das bedeutete. Krebs. Ein Tumor. Und da er solche Kopfschmerzen gehabt hatte und nun noch einen Krampfanfall, war der wahrscheinlich in seinem Kopf. Und wenn Leon damals wirklich dieses kleine Wunder bewirkt hatte, dann gab es für ihn wahrscheinlich keine Hilfe mehr. Es würde nur alles hinauszögern. Und dennoch musste er kämpfen, für Leon. Der Kleine hatte etwas Besseres verdient. Eine einzelne Träne erkämpfte sich ihren Weg aus seinem geschlossenen Auge heraus und rann über die linke Wange, tropfte ungesehen auf das Kissen, während John langsam einschlief, benommen von den ganzen Medikamenten und von der Erkenntnis, die ihn getroffen hatte. Die Rettung war keine Rettung gewesen, nur eine weitere Verzögerung. Zumindest für ihn.

 

Von diesen Gedanken hatte Leon keine Ahnung. Er war mit Rosalyn und Matt, deren Schicht um sechs Uhr abends endete, nach Hause gefahren und sie hatten sich schnell einen Eintopf gemacht. Leon hatte nur im Essen gepickt, die Angst schnürte ihm den Magen zu und er brachte einfach nichts in sich hinein. Er war froh gewesen, als sie ihn ins Bad geschickt hatten, damit er sich bettfertig machte. Nur bei Miss Morgan hatte er noch kurz angerufen, die wollte heute eigentlich zu ihnen kommen. Leon hatte sie angerufen, dann aber hatte Rosalyn das Telefon übernommen und der Sozialarbeiterin erklärt, was los war und dass Leon nun bei ihnen war, ihr die Adresse gegeben und einen Termin am nächsten Abend ausgemacht.

Die nächsten Tage liefen ziemlich an Leon vorbei. Er ging in die Schule, versuchte sich dort zu konzentrieren. Dank des Direktors stellten die Schüler ihm keine Fragen, ignorierten den Flashback komplett. Nach der Schule ging er ins Krankenhaus, wo Rosalyn aufgrund der Situation momentan nur Tagschicht arbeitete. An den Wochenenden war er oft mit Matt klettern oder ging mit Rosalyn in ein Museum oder zum Schwimmen. Miss Morgan war einverstanden, dass er bei den Ärzten blieb, vor allem, als sie in Johns Unterlagen noch ein Schreiben fanden, wo er genau diese Bitte äußerte. Leon machte seine Hausaufgaben in Johns Zimmer an dem kleinen Besuchertisch, danach las er seinem Vater wieder vor, da dieser aufgrund des Tumors, der tatsächlich in seinem Kopf saß, immer wieder unscharf sah und sich nicht auf die Buchstaben konzentrieren konnte. Die Ärzte versuchten, den Tumor mit Hilfe einer Chemotherapie zu schrumpfen, waren aber bisher nicht sehr erfolgreich damit.

Johns Haare gingen ihm aus und ihm war ständig übel. Er wollte nicht, dass Leon mitbekam, wie schlecht es ihm wirklich ging, verlangte daher auch von den Ärzten, Leon im Unklaren über seinen Zustand zu lassen. Er wollte nicht, dass Leon sich noch mehr Sorgen machen musste. Daher bat er auch die Krankenschwester eines Tages, ob sie ihm nicht nur das Gesicht rasieren könne, sondern auch den Kopf. Entsetzt sah ihn die Schwester daraufhin an, nicht ganz genau erkennend, ob er es ernst meinte oder nicht.

„Bitte, tun sie es einfach.“, bat John mit zusammengebissenen Zähnen. Es gefiel ihm nicht, zu betteln. „Meine Haare verliere ich sowieso, dann ist es leichter.“

Schließlich erklärte sie sich einverstanden und rasierte ihm vorsichtig den Kopf. Leon war völlig entsetzt, als er das am Nachmittag entdeckte – er aß nun erst in der Kantine, bevor er zu seinem Dad durfte. Auch wenn John es ihm verheimlichen wollte, Leon bemerkte, wie stark die Übelkeit war, wenn er im Zimmer aß. Schon alleine der Geruch machte seinem Vater zu schaffen. Nur deshalb war er einverstanden, als Rosalyn ihn täglich in die Kantine schleppte, damit er ordentlich aß. Doch sein Vater erklärte ihm nun, dass die Glatze hier im Krankenhaus einfach nur praktischer war. So ganz schien Leon es nicht zu glauben, aber er ließ es auf sich beruhen. Er wusste genau, dass es seinem Vater viel schlechter ging, als sie ihm sagten. Eines hatte er schon lange gelernt: genau zuzuhören und auch das zu hören, was nicht gesagt wurde. Außerdem schlief er nicht besonders gut und hörte manchmal, wie sich Rosalyn und Matt unterhielten, wenn sie glaubten, dass er schlief. Alles hatte er zwar nicht verstanden, aber es war klar, dass es seinem Vater deutlich schlechter ging, als sie ihn glauben ließen. Und an dem Zustand änderte sich so schnell leider auch nichts. Keiner wusste, dass sich Leon Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.

 

 

Die Tage gingen ineinander über und Leon hatte irgendwie den Faden verloren, als sie eines Freitags am Mittag in die Ferien verabschiedet wurden. Es war kurz vor Ostern. Das bedeutete, sein Dad lag nun schon seit etwa zwei Monaten im Krankenhaus und kämpfte gegen diesen blöden Tumor. Die Ärzte hatten ihn aggressiv behandelt und es tatsächlich geschafft, ihn ein wenig zu verkleinern. Nun sollte er bald soweit sein, dass er operiert werden konnte. Vor dieser Operation hatte Leon panische Angst, und doch war es der einzige Weg, wie John wieder gesund werden könnte. Auch wenn es dazu wieder einmal mehr als Glück brauchte. Außerdem hatte es bisher keiner geschafft, die Hoffnungslosigkeit aus Johns Augen zu verbannen. Leon merkte, dass sein Vater nur noch für ihn seine Maske aufrechterhielt.

Mit gesenktem Kopf und den Gedanken ganz weit weg trottete Leon langsam in Richtung Krankenhaus, wie jeden einzelnen Tag seit Anfang Februar. Er achtete nicht auf seinen Weg, den kannte er inzwischen im Schlaf, daher sah er auch nicht, dass er auf jemanden zulief, der nicht auf seinen Weg achtete. So kam es, wie es kommen musste – die beiden liefen ineinander. Beide gingen zu Boden. Leon rieb seinen schmerzenden Kopf, seine Stirn war gegen etwas Hartes geprallt, und sah auf.

„Verzeihung, ich war in Gedanken.“, entschuldigte er sich bei dem blonden Jugendlichen, der ihn überrascht anstarrte.

Es dauerte einen Moment, bis der Blonde sich von seiner Überraschung erholte und Leon musterte ihn in dieser Zeit genau. Irgendwie löste der Anblick des etwa Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen etwas in ihm aus. Lange, sehr hellblonde Haare rahmten ein edel geschnittenes Gesicht ein, das sehr blass wirkte und von eisgrauen Augen dominiert wurde, die jetzt geweitet waren, vor Überraschung oder Schock, so genau wusste Leon es nicht.

„Harry Potter?“, sprach der Blonde nun doch noch, aber es war mehr ein Wispern.

„Was?“, antwortete Leon verwirrt.

„Das müsste heißen: Wer? Aber du siehst aus wie Harry Potter. Nur die Narbe fehlt.“, stellte der Blonde nun mit sicherer Stimme fest.

„Ich bin Leon Smith. Nie von Harry irgendwas gehört.“, entgegnete Leon nun ruhiger.

„Hm. Komisch. Du könntest sein Zwilling sein. Ich bin Draco. Draco Malfoy.“, rappelte sich der Ältere nun auf. Bei seiner Vorstellung hielt er Leon die Hand hin und beobachtete ihn genau. Auch Leon stand nun auf, zeigte aber keinerlei Reaktion auf den Namen.

„Nett, dich kennenzulernen, Draco. Schöner Name.“, schüttelte der Jüngere ihm nun die Hand.

„Bist du von hier? Kennst du dich aus?“, wollte Draco wissen.

„Naja, ich lebe seit einiger Zeit hier. Was suchst du?“, erwiderte Leon ein wenig ausweichend.

„Ich suche nach diesem eben erwähnten Harry Potter. Nicht nur ich, aber das nur nebenbei. Ich habe Hinweise darauf, dass er hierhergekommen ist, nachdem er … Aber so genau musst du das nicht wissen. Er ist vor fast zwei Jahren spurlos verschwunden und ich suche nun, zusammen mit Anderen, nach ihm. Wie gesagt, ich habe Hinweise, dass er hierhergekommen sein müsste. Jetzt versuche ich mein Glück in den Krankenhäusern. Darum bin ich gerade auf der Suche nach dem Krankenhaus.“, erklärte Draco.

„Okay. Dann komm mit, ich bin auch gerade auf dem Weg dahin. Mein Dad ist krank.“, antwortete Leon leise. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich bei dem Blonden nicht unwohl. Sein Gefühl sagte ihm, er könne ihm vertrauen.

„Was hat dein Dad?“, erkundigte sich Draco nach ein paar Minuten Schweigen, während derer sie nebeneinander hergingen.

„Einen Tumor. Im Kopf.“

„So schlimm? Das tut mir leid.“, versicherte Draco leise. „Harry Potter kannst du also nicht sein, der ist ein Waise, seine Eltern sind gestorben, als er noch fast ein Baby war. Und doch siehst du ihm so ähnlich.“

Es schien fast, als könne der Blonde es noch immer nicht fassen. Leon erwiderte nichts darauf, wollte einem völlig Fremden nicht gleich alles erzählen. So gingen sie weiter schweigend nebeneinander her.

„Hast du ein Bild von deinem Dad?“, fragte Draco schließlich neugierig.

Leon nickte und zog seinen Geldbeutel heraus. Viel war nicht drin, auch wenn er Taschengeld von Matt und Rosalyn bekam. Aber sie hatten ihm ein Foto von seinem Dad gemacht. Das trug er jetzt immer bei sich. Er zeigte es dem Blonden. Dessen Reaktion war unerwartet. Draco blieb stehen und starrte fassungslos auf das Bild.

„DAS ist dein Dad?“, kiekste er schließlich.

„Ja, wieso?“

„Ich muss schnell mit meinem Vater reden, er ist … im Hotel. Wie kommt man in das Krankenhaus? Mein Vater … ich glaube, er muss mit deinem Dad reden.“, stammelte der Blonde wirr.

Leon war jetzt völlig verwirrt, beschrieb Draco aber genau, wie er am besten in das Krankenhaus kam. Kaum hatte er ausgesprochen, rannte der Blonde davon, rief ihm nur kurz über die Schulter hinweg zu, dass sie sich wohl bald wieder sehen würden, dann war er verschwunden. Der Schwarzhaarige schüttelte den Kopf. Das war nun wieder seltsam, aber er wollte jetzt zu seinem Dad. Vielleicht würde er den Blonden wiedersehen, dann könnte er ihn fragen, was genau das eben war. Ansonsten würde er es einfach versuchen zu vergessen. Auch wenn das sicher nicht leicht wurde, denn es war schon sehr seltsam gewesen.

Später am Abend wartete er im Eingangsbereich des Krankenhauses, denn Rosalyn hatte etwas in ihrem Spind vergessen, das sie brauchte. Sie wollte es schnell holen und hatte ihn gebeten, hier zu warten. Der Pförtner kannte ihn schon, war aber heute beschäftigt. Plötzlich erhob sich die Stimme des Mannes, mit dem er gerade sprach.

„Was soll das heißen, sie haben keinen Patienten namens Severus Snape hier? Mein Sohn hat heute bestätigt bekommen, dass er hier liegt.“

„Ja, sein Sohn hat es mir gesagt.“, erkannte Leon die Stimme von Draco.

Hin- und hergerissen stand Leon neben der Tür. Schließlich ging er doch auf die Beiden zu. „Mein Dad heißt John Smith.“, sagte er fest.

„Leon! Da bist du ja!“, freute sich Draco. „Das ist mein Vater, Lucius Malfoy. Vater, das ist Leon Smith.“

Scheu gab Leon dem älteren Blonden die Hand. Er fragte sich immer noch, was diese Beiden von seinem Dad wollten. Kannten sie ihn wirklich? Wie hatten sie ihn eben genannt? Severus Snape? War das der richtige Name seines Vaters? Und wie hieß er selber? War er doch dieser Harry Potter? Aber was war dann mit dem, was Draco gesagt hatte? Ihm fehlte die Narbe? Leon schwirrte der Kopf und er war froh, dass Rosalyn gerade auftauchte und ihn beschützend in die Arme schloss.

„Sie kennen Leon?“, fragte sie ruhig.

„Was wollen sie damit sagen, Miss…?“, erkundigte sich der Ältere.

„Dr. Wagner.“, stellte sie sich vor. „Vielleicht sollten wir das Ganze etwas privater besprechen. Kommen sie bitte mit in unser Ärztezimmer.“

Sie ging voran, Leon immer noch im Arm und sah nicht einmal zurück, ob die Blonden ihr auch folgten. Leon war ein wenig verwirrt, da sie nicht den Weg zum Ärztezimmer nahm, sondern mit ihnen in die Onkologie ging.

„Bevor wir mehr besprechen, sollten sie unseren Patienten John Smith sehen.“, entschied sie und öffnete die Tür.

John war wach und sah auf, mit einem ziemlich gequälten Ausdruck im Gesicht, als er Leon erkannte. Doch er konnte nicht verhindern, was gerade passierte und übergab sich ein weiteres Mal ziemlich heftig in die bereitgehaltene Schale, bevor er zurück in sein Kissen sank. Seine Augen waren geschlossen und er atmete keuchend.

„Onkel Sev?“, kam es da entsetzt von Draco, der Schwierigkeiten hatte, den kahlgeschorenen Schädel und die eingefallenen Wangen mit seinem Paten in Einklang zu bringen. Als er die Stimme erkannte, riss John die Augen auf. „Draco?“

Entsetzt wurde ihm im selben Moment klar, dass nun alle wussten, er erinnerte sich. In dem Moment brach er völlig zusammen. Seine Kraft war am Ende, er konnte nicht mehr. Er wandte sich ab, wollte nicht, dass jemand ihn so sah. Rosalyn reagierte als Erste.

„Gehen wir in mein Büro. Er braucht erst einmal ein bisschen Ruhe. Schwester Linda, geben sie ihm ein Beruhigungsmittel, das wird er jetzt brauchen.“, ordnete sie an.

Im Büro verteilten sie sich auf die vorhandenen Stühle. Leon schien unter Schock zu stehen, er nahm alles nur noch durch einen dicken Schleier wahr. Rosalyn bugsierte ihn auf das Sofa und legte ihm eine Decke um.

„Am besten ist es wohl, ich fange an.“, entschied sie schließlich.

Sie berichtete in kurzen Worten, wie Leon und John bei ihnen eingeliefert wurden, welche Schwierigkeiten ihre Genesung machte und auch von dem Gedächtnisverlust. Sie sprach über die Reha und den Neuanfang, dass sie glaubten, es endlich geschafft zu haben, als der Tumor auftauchte. Sogar den Verdacht, dass John sich schon länger wieder erinnerte, sprach sie an.

„Ich kann nicht alles sagen, da auch ich nicht genau weiß, was passiert ist.“, begann Lucius Malfoy nach einer Weile, in der alle schweigend darüber nachdachten, was die Ärztin eben gesagt hatte. „Was ich weiß ist folgendes: Leon, wie er gerade wohl genannt wird, war ein Klassenkamerad meines Sohnes namens Harry Potter. Severus Snape, den ihr John nennt, ist ein alter Freund von mir und der Patenonkel von Draco. Außerdem arbeitete er als Lehrer an dem Internat, in das beide, Harry und Draco, gingen. Im Juni vor zwei Jahren verschwand Harry Potter plötzlich von der Bildfläche, keiner wusste, wo er war. Mitte September verschwand dann auch Severus, der sich zusammen mit vielen Anderen auf die Suche nach Harry gemacht hatte. Lange habe ich nach Hinweisen gesucht und irgendwann herausgefunden, dass sie – wie auch immer – hier in Wellington gelandet sein müssten. Daher habe ich gemeinsam mit meinem Sohn angefangen, hier zu suchen. Die Verletzungen, die sie beschrieben haben, sprechen für Folter, vermutlich waren sie gefangen. Sie standen einigen mächtigen Leuten ziemlich im Weg. Die haben sie wahrscheinlich in ihre Hände gebracht, vermute ich.“

Wieder herrschte Stille.

„Woher kommen sie eigentlich?“, wollte Rosalyn schließlich wissen.

„Großbritannien.“, war die knappe Antwort. „Und ich würde sie auch gerne dahin zurückbringen. Severus ist mit einem Arzt in einem Londoner Krankenhaus befreundet, vielleicht hilft ihm die gewohnte Umgebung, gesund zu werden. Und Harry, ich meine Leon, kann sich dort vielleicht wieder erinnern.“

„Dad ist nicht mein Vater?“, kam es nun von Leon.

„Doch, er ist mit Sicherheit dein Vater, das kann ich garantieren, Leon. Die Tests waren eindeutig.“, antwortete Rosalyn fest.

„Dr. Wagner, was waren das für Tests?“, erkundigte sich Lucius Malfoy. „Meines Wissens nach hatte Severus nie ein Kind, ich weiß nicht einmal davon, dass er jemals eine Freundin gehabt hätte. Harry Potter ist der Sohn von James Potter und seiner Frau Lily gewesen. Lily war wohl eine Nachbarin von Severus, als sie kleiner waren, sie kannten sich schon vor der Schule, kamen dann in das gleiche Internat, das mein Sohn auch besucht. Aber da war nie mehr als Freundschaft, da bin ich mir sehr sicher.“

„Nun, die Gentests sind sehr zuverlässig. Sie wurden sogar gegengecheckt. Also egal was sie von ihrem Freund wissen, er ist der Vater von Leon. Ganz sicher.“, kam Rosalyns Antwort sofort. „Die Beziehung der Beiden ist sehr eng. Leon braucht seinen Vater, genauso umgekehrt. Leons Anwesenheit hat ihm geholfen, aus dem Koma zu erwachen, als keiner von uns mehr Hoffnung hatte, dass er es überhaupt schaffen würde. Leon saß fast ständig an seinem Bett und es schien, als würde er etwas von seiner Kraft in ihn übertragen. Jedenfalls ging es von dem Moment an bergauf. Genauso jetzt. Ich glaube nicht, dass John, oder auch Severus, bis jetzt überlebt hätte ohne Leon. Der Tumor wächst so schnell, wir haben so etwas noch nie gesehen. Normalerweise geben wir die Hälfte der Dosis, die er jetzt bekommt. Und im Gegensatz zu den anderen Patienten hängt er jeden Tag an der Chemo und bekommt zusätzliche Bestrahlung. Daher auch die heftige Reaktion von seinem Magen. Aber darauf können wir keine Rücksicht nehmen, ansonsten hat der Tumor bereits gewonnen.“

Leon hörte das alles und erst jetzt wurde ihm klar, dass sein Dad in größerer Gefahr war, als er bisher auch nur ahnte. Zitternd klammerte er sich an die Decke, in die er eingewickelt war, ließ die Tränen laufen, konnte sie nicht mehr zurückhalten. Er biss sich auf die Lippe, um das Schluchzen zu unterdrücken, doch Rosalyn kannte ihn mittlerweile gut genug. Auch wenn sie ihn nicht direkt angesehen hatte, sie spürte seine Panik und kam zu ihm, nahm ihn in den Arm.

„Leon, lass es raus. Ich bin da, mein Kleiner.“, tröstete ihn Rosalyn.

„Er ist nicht mein Dad.“, schluchzte Leon auf.

„Er ist dein Dad, Leon. Er liebt dich sehr. Egal was früher war. Ich bin sicher, er erinnert sich schon länger, aber er liebt dich. Vergiss das nie, Leon. Das ist es doch, was zählt. Nicht das, was war, das was jetzt ist. Ihr seid Vater und Sohn und niemand kann euch beide trennen. Glaub mir, das kann jeder sehen, der euch zusammen erlebt.“, versicherte die Ärztin dem Jungen.

„Wer bin ich wirklich?“, wollte der Schwarzhaarige wissen.

„Für mich wirst du immer Leon sein, der kleine Kämpfer, der seinen Dad so sehr liebt, dass er ein Wunder nach dem anderen bewirkt hat. Leon, der Junge, der sein Lachen nie verlernt hat. Der Leon, der niemals aufgibt. Gib auch jetzt nicht auf.“, war Rosalyns Antwort.

„Vielleicht warst du einmal Harry Potter, aber ich denke, du bist jetzt Leon. Und Onkel Sev, dein Vater, braucht dich. Es ist egal, wie deine Vergangenheit aussieht, du kannst deine Zukunft beeinflussen.“, überlegte Draco laut. „Harry Potter hat damals meine Freundschaft ausgeschlagen, aber jetzt frage ich dich, Leon, willst du mein Freund sein?“

Leon starrte ihn eine Weile aus tränennassen Augen an, dann nickte er langsam. Draco stand auf und trat zu ihm. Ihre Blicke verhakten sich ineinander und sie reichten sich die Hände. Ein leises Lächeln schlich sich in Leons Gesicht.

„Danke, Draco. Mein Freund.“

„Dann komm und zeig mir mal, wo es hier was zu essen gibt. Ich hab Hunger, und du siehst auch aus, als könntest du einen Bissen oder zwei vertragen.“, entschied Draco und zog den kleineren Jungen mit sich, der nicht wusste, wie ihm geschah.

Schmunzelnd beobachtete der ältere Blonde das Ganze und wartete ab, bis die beiden außer Hörreichweite waren. Dann wandte er sich wieder an die Ärztin.

„Was denken sie, Dr. Wagner, können wir ihn transportieren? Ich will Severus nach Hause holen. Vielleicht schafft er es dort, seine letzten Kräfte zu mobilisieren und gesund zu werden. Und wenn er sterben sollte, dann ist es für ihn sicher angenehmer, wenn er zuhause ist, umgeben von Freunden. Leon würde ich dann auch mitnehmen. Vielleicht hilft ihm die gewohnte Umgebung, seine Erinnerungen wiederzufinden.“, überlegte Lucius Malfoy.

„Wenn Severus das will, und Leon auch, dann habe ich nichts dagegen, sollte es unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.“, antwortete die Ärztin nach einigem Überlegen.

„Dann werde ich mich mit unserem gemeinsamen Freund verständigen, sobald ich mit Severus gesprochen habe. Ich würde gerne noch einmal mit ihm reden.“, bat der Blonde.

„Kommen sie.“, stand die Ärztin auf und ging ihm voran.

Unterwegs traf sie auf Matt, der offensichtlich nach ihr suchte. Sie erklärte ihm das Nötigste in Kürze und brachte dann den Blonden zu John. Der Name Severus war ihr noch zu wenig geläufig. John lag auf seinem Bett, zitternd und mit geschlossenen Augen. Man sah ihm an, dass er geweint hatte. Der kahlgeschorene Schädel war von Schweißtropfen übersät und leicht grau. Das Beruhigungsmittel schien zu wirken. Jedenfalls atmete er langsam und gleichmäßig und auch der Würgreiz schien im Moment vergessen. Als Rosalyn die Türe schloss, öffnete er die Augen.

„Lucius.“, wisperte er.

„Ruhig, Severus. Nicht sprechen. Warte erstmal ab, was ich dir sagen will.“, setzte sich der Blonde neben sein Bett. „Ich habe lange nach euch gesucht. Draco hat Harry, oder eher Leon, zufällig entdeckt und ich bin froh, euch beide lebend zu sehen. Auch wenn es dir im Moment nicht besonders geht, oder soll ich besser sagen, du siehst beschissen aus. Ich würde gerne mit Devon Kontakt aufnehmen, wenn du einverstanden bist, und dich nach Hause holen.“

„Leon.“

Es war nur dieses eine Wort, das Severus leise von sich gab, aber es zeugte von seiner Verzweiflung. Er wollte nicht weinen, nicht noch einmal, aber er wusste nicht, wie er weitermachen sollte. Er konnte nicht mehr. Wo sollte er noch Kraft hernehmen? Er musste es doch schaffen, für Leon. Der Kleine war sein Sohn, auch wenn er nicht wusste, wie das zugehen sollte, aber er zweifelte nicht an den Tests, die von den Ärzten durchgeführt wurden. Er hatte doch nie etwas mit Lily gehabt, auch wenn sie sich am Ende wieder angenähert hatten. Nach seinem damaligen Ausbruch, den er sich bis heute nicht verziehen hatte, war eine Weile kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt worden, aber dann hatte Lily wieder Kontakt aufgenommen. Sie hatten sich ausgesprochen. Oder war es in dieser einen Nacht passiert, als Lily zu ihm gekommen war, weil sie Streit mit James gehabt hatte. Sie hatten ein Glas Feuerwhiskey nach dem anderen getrunken und waren mit einem Kater aufgewacht. Seitdem hatte er das Zeug nicht mehr angerührt. Hatten sie in dieser Nacht miteinander geschlafen?

„Leon. Weiß er…?“, flüsterte er.

„Wir haben ein wenig gesprochen. Ich habe ihm gesagt, wie er früher hieß, aber Draco hat ihm gesagt, dass er Leon bleiben kann, denn Harry Potter ist Vergangenheit. Er alleine ist für seine Zukunft verantwortlich.“, berichtete Lucius.

„Der Drache ist erwachsen geworden.“, kommentierte Severus lächelnd.

„Und du? Bleibst du bei John, oder bist du Severus?“, wollte Lucius wissen.

„Severus.“, war die fast lautlose Antwort.

„Ruh dich aus, mein Freund.“, beruhigte Lucius. „Wir kümmern uns um dich. Und Draco kümmert sich um deinen Kleinen.“

„Danke. Für alles.“

Severus konnte nicht mehr. Es war zu viel. Er schluchzte lautlos auf, als die Anspannung in sich zusammenbrach. Den Kopf drehte er zur Seite, wollte nicht, dass ihn jemand so sah. Lucius kannte seinen Freund und schloss ihn einfach in die Arme, ließ ihn weinen. Nur das Beben seiner Schultern verriet ihn, er gab keinen Laut von sich. Die Ärztin verließ leise das Zimmer, gab ihnen ein wenig Privatsphäre. Erst, als er sich beruhigt hatte, wollte Lucius noch etwas wissen.

„Seit wann erinnerst du dich? Und an was erinnerst du dich?“

„Die ganze Zeit, aber Leon durfte es nicht wissen. Sie haben mir die perfekte Ausrede geliefert. Ein paar Mal hätte ich ihn beinahe Harry genannt, wie ich es in dem Kerker machte. Sie wollten mich zwingen, ihn zu … Das konnte ich nicht. Aber er hat nie aufgegeben, hatte so eine unheimliche Kraft, einen wahnsinnigen Überlebenswillen. Er hat mich aufrechterhalten. Ich konnte ihn nicht mehr als Potter sehen. Er wurde zu Harry. Aber das war zu auffällig, deswegen habe ich ihn Leon genannt, weil seine Frisur wie eine Löwenmähne aussah. Ich wollte nicht, dass er sich erinnert. Es ist ein Segen für ihn.“

„Du liebst ihn wirklich.“, staunte Lucius.

„Er ist mein Sohn.“

„Dann werden wir euch nach Hause bringen. Du brauchst mehr als Ärzte, du brauchst einen Heiler. Ihr habt eine Menge verpasst zuhause. Aber eines nach dem anderen. Erst einmal wirst du wieder gesund. Und wir müssen sehen, dass wir Harrys Magie in den Griff bekommen. Gehe ich Recht in der Annahme, dass du sie unter Kontrolle gehalten hast?“, vermutete Lucius.

„So gut es ging. Er ist stark, hat aber keine Ahnung, was es bedeutet.“

„Schlaf jetzt, Severus. Ich werde vom Hotel aus Devon kontaktieren. Wir müssen den Muggelweg nehmen und einen – wie heißt das? – Ambulanzjet organisieren. Devon wird der begleitende Arzt sein. Ich habe eine Menge zu organisieren. Und du brauchst Ruhe. Gute Nacht.“, verabschiedete sich Lucius.

„Gute Nacht.“, nuschelte Severus völlig erschöpft.

Er schlief schon, bevor Lucius die Tür hinter sich geschlossen hatte. Der Blonde machte sich nun auf die Suche nach seinem Sohn und Harry, nein Leon. Harry Potter gab es nicht mehr, der Junge war Leon. Nun wohl Leon Snape. Darum musste er sich auch noch kümmern, dass er wirklich so hieß. Das bedeutete für ihn, dass er wohl keinen Schlaf bekam, bis Devon hier war. Innerlich seufzte er, ließ sich aber nichts anmerken. Er war viel zu froh, die beiden gefunden zu haben, und das auch noch lebend. Diese Hoffnung hatte er nun beinahe aufgegeben. Sich an den Wegweisern orientierend fand er die Cafeteria schnell und dort saßen Leon und Draco, als wären sie schon seit Jahren befreundet. Schmunzelnd betrat er den Raum und ging auf den Tisch zu, an dem sie saßen. Draco schien sein Abendessen zu genießen, während Leon nur herumpickte.

„Guten Appetit!“, wünschte er. „Also, Draco, wir müssen dann mal los in unser Hotel, wir haben eine Menge zu organisieren. Leon, dein Vater ist einverstanden, dass wir nach Hause, nach England fliegen. Ich kümmere mich darum, dass alles organisiert wird. Ich denke, spätestens in zwei Tagen ist der Flieger hier und wir können los. Überleg bis morgen, was du vorher noch erledigen willst oder musst. Wo lebst du momentan?“

„Bei Rosalyn und Matt. Dad hat sie gebeten, auf mich zu achten, wenn was ist.“, flüsterte Leon.

Er war gerade völlig verwirrt, wusste nicht mehr, was er von all dem halten sollte, was in den letzten vielleicht zwei Stunden passiert war. Es überforderte ihn völlig, er wollte nichts mehr, als zu seinem Dad, brauchte nun Erklärungen. Doch er wusste auch, dass das wohl ein unerfüllbarer Wunsch war, denn auch für seinen Vater war es ein langer Tag gewesen. Mit den beiden Blonden am Tisch war er unsicher, auch wenn er sich durchaus wohl in deren Gesellschaft fühlte, aber es gab so viel, was er nicht wusste, sie ihm heute wohl auch nicht sagen würden. Daher war er mehr als froh, als Matt und Rosalyn auftauchten, um ihn abzuholen. Sie besprachen mit Dracos Vater noch, dass sie sich am nächsten Tag wieder hier im Krankenhaus treffen wollten. Außerdem müssten sie noch überlegen, was sie mit der Wohnung der Smiths machen wollten. Lucius Malfoy versprach, sich darum zu kümmern. Als guter Freund von Severus fühlte er sich dafür verantwortlich.

Leon schlief noch im Auto auf dem Weg zum Haus von Matt und Rosalyn ein. Er war am Ende, brauchte eine Pause. Matt trug ihn in sein Bett im Gästezimmer und zog ihm nur schnell Schuhe, Pullover und Hose aus, dann deckte er ihn zu. Beiden Ärzten war klar, dass eine unruhige Nacht vor ihnen lag. Es wäre jedenfalls kein Wunder, wenn Leon wieder Alpträume hätte. Doch erstaunlicherweise schlief er relativ ruhig, erst gegen Morgen wand er sich hin und her. Rosalyn, die schon wach war, da sie meist als Erste aufstand, ging zu ihm und weckte ihn.

„Alles in Ordnung, Leon?“, wollte sie wissen.

„Ich … ich weiß nicht.“, begann Leon, der keine Ahnung hatte, wie er seine Verwirrung in Worte fassen sollte. „Es ist so verwirrend. Ich meine, ich wusste immer, dass da eine Vergangenheit sein muss, aber nach all der Zeit hatte ich nicht geglaubt, dass sie wieder auftaucht. Und dass Dad sich erinnert… Und all das, was ich sonst noch erfahren habe, ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich bin froh, dass Draco mir gestern nicht mehr erzählt hat. Ich denke, das hätte ich nicht mehr geschafft.“

„Lass dir Zeit, Leon. Eines nach dem Anderen. Du musst nicht zwei Jahre auf einmal nachholen. Und schon gar nicht dein bisheriges Leben. Die beiden Malfoys haben gestern signalisiert, dass du neu anfangen kannst, nicht dein altes Leben weiterführen musst. Überlege in Ruhe, was dir wichtig ist. Geh mit deinem Dad nach Hause und dann redet miteinander.“, beschwichtigte Rosalyn.

„Und die Schule? Die Wohnung? Und…“, begann Leon, wurde aber von Rosalyn unterbrochen: „Mach dir keine Gedanken darüber, Leon. Mister Malfoy hat versprochen, sich darum zu kümmern, er ist ein Freund von deinem Vater. DU bist nicht der Erwachsene, musst dich nicht auch noch darum sorgen. Außerdem sind wir auch noch da. Ich werde heute mit der Schule telefonieren und auch mit Miss Morgan, damit die sich dann um alles kümmern kann. Du kümmerst dich nur um dich und darum, mit allem klarzukommen. Und wenn du das nicht alleine schaffst, wir sind hier und ich denke, Mister Malfoy ist auch da, wenn du ihn brauchst. Lass deine Gefühle entscheiden, Leon.“

Dankbar umarmte Leon Rosalyn, die er wie eine große Schwester oder Tante sah. Sie hatte Recht, das war ihm klar, aber es war schwer, das auch praktisch umzusetzen. Eines war klar, heute würde sich sehr Vieles ändern. Hoffentlich zum Guten.

 

 

 

 

Lucius Malfoy schaffte es tatsächlich, innerhalb von zwei Tagen alles in die Wege zu leiten. Als der Ambulanzjet eintraf, hatte er alles, was Leon oder Severus gehörte, zusammengepackt, die Wohnung war sauber übergeben, er hatte Ausweise für Severus und Leon Snape besorgt, mit Miss Morgan, dem Chef des Restaurants und dem Direktor der Schule gesprochen. Im Krankenhaus in London war alles für Severus vorbereitet und die Ärzte hier in Wellington bereiteten Severus auf die Reise vor. Sein Zustand war weiterhin kritisch, vor allem, weil er einfach keine Kraft zum Kämpfen mehr mobilisieren konnte. Er war apathisch, meist schlief er, reagierte kaum noch, nicht einmal auf Leon. Das schürte Leons Panik, doch Lucius versuchte, ihn – zusammen mit den beiden Ärzten – zu beruhigen. Doch es war nicht leicht. Vor allem, da Leon so sehr auf seinen Vater bezogen war, der wohl lange Zeit die einzige Konstante für ihn war.

Lucius sorgte sich sehr um den jungen Leon, der ebenfalls am Rande seiner Leistungsfähigkeit war, kurz vor einem emotionalen Zusammenbruch stand. Sie verbrachten die beiden Tage gemeinsam, damit Leon sich an sie gewöhnen konnte, denn er hatte vor, den Jungen zu sich zu nehmen, so lange Severus behandelt werden musste. Auch danach, wenn Severus einverstanden war. Die beiden brauchten nun eine Menge Ruhe, damit sie nach und nach die Ereignisse der letzten beiden Jahre durchsprechen konnten. Leon würde sicher die beiden Ärzte vermissen, würde bestimmt mit ihnen in Kontakt bleiben wollen. Da musste sich Lucius noch etwas einfallen lassen, Muggelpost erreichte ihn bisher nicht. Aber da konnte man sicher etwas organisieren. Er selbst hatte es geschafft, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Die Gedanken des Blonden gingen zurück zu der Zeit, als Leon noch Harry war, während sie an Severus´ Bett saßen und warteten, dass er wieder wach wurde. Er hatte nicht geglaubt, dass er Severus jemals wiedersehen würde, geschweige denn Harry. Dann war er durch Zufall bei der Familie Nott gelandet und hatte ein Gespräch zwischen Nott senior und Crabbe senior, der auch im Haus war, belauscht. Erst da hatte er erfahren, dass Gefangene im Haus waren und hatte weiterhin die Augen und Ohren offengehalten. Es war ihm gelungen, ein Schlafmittel in den Wein zu mischen, der zum Abendessen serviert werden sollte, und er hatte selber das Gegenmittel genommen. Als alle schliefen, war er hastig in den Keller geeilt, hatte die Gefangenen gefunden und per Portschlüssel weggeschickt. Vorher hatte er ihre Gedächtnisse gelöscht, oder es wenigstens versucht, bei Severus hatte es wohl nicht geklappt. Aber der Junge hatte ihm so leid getan, man sah ihm die monatelangen Foltern und Vergewaltigungen deutlich an. Der Kleine hatte einen Neuanfang verdient. Es war eine spontane Aktion gewesen und er hatte sie nie bereut. Schließlich hatte er noch ein Glas Wein getrunken, als das Gegenmittel nicht mehr wirkte, damit sie auch ihn schlafend vorfanden. Die Notts, Crabbes und Goyles hatten nie herausgefunden, dass er die Gefangenen befreit hatte.

„Lucius?“, riss Severus´ Stimme ihn aus seinen Gedanken.

„Ich bin hier, Severus.“, antwortete Lucius.

„Bitte kümmere dich um Leon, wenn ich es nicht kann.“, bat er leise. „Sei sein Pate.“

„Versprochen, das ist mir eine Ehre. Aber du wirst es schaffen. Devon müsste in spätestens einer Stunde hier sein. Verlass dich auf uns, wir kümmern uns um dich und um Leon. Er und Draco sind gerade in der Cafeteria, essen mit den beiden Ärzten noch etwas. Der Kleine wird die beiden vermissen, sie tun ihm wirklich gut. Aber sie dürfen nichts von unserer Welt wissen. Bisher weiß auch Leon nicht, was er ist. Er wird es nicht leicht haben in nächster Zeit, aber wann hatte er das schon. Ich hatte gehofft, es euch beiden leichter zu machen, ihr solltet nur vergessen, was in der Gefangenschaft passierte und wer euch befreit hat. Ich wollte mit meinem Gedächtniszauber Draco schützen.“, sinnierte Lucius.

„Du hast an meiner Loyalität gezweifelt.“, stellte Severus leise fest.

Lucius nickte. „Es tut mir leid, mein Freund. Ich hätte dich besser kennen müssen.“

Er stützte Severus, als der würgen musste, doch sein Magen gab nichts mehr her. Innerlich fluchte Lucius, aber mit den ganzen Muggeln um sie herum, konnte er nicht viel ausrichten, außerdem hatte er von Heilzaubern nur sehr wenig Ahnung. Es wurde Zeit, dass der Heiler kam. Wie viel leichter wäre das alles mit einem Portschlüssel gewesen, aber da waren so viele Muggel in die Geschichte verwickelt, dass es einfach nicht möglich war, allen das Gedächtnis zu verändern. Außerdem konnte auch mit einem Portschlüssel noch eine Menge passieren, wie er an der Befreiung gesehen hatte. Wellington war eigentlich nicht geplant gewesen, sie sollten in Perth vor dem Zauberkrankenhaus landen. Deshalb hatte er auch so lange gebraucht, sie zu finden, er musste erst herausfinden, dass der Portschlüssel sie in die Muggelwelt gebracht hatte und wohl irgendwo in Neuseeland gelandet war. Genauer hatte er es nie herausgefunden. Und die Gedächtnismanipulation war ja auch gründlich schiefgegangen. Severus zitterte vor Kälte, obwohl er bereits in mehrere Decken eingewickelt war. Lucius versicherte sich, dass niemand in der Nähe war und zog seinen Zauberstab, legte einen Wärmezauber auf den Patienten. Dankbar sah der ihn an, bevor er die Augen wieder schloss, zu erschöpft durch das Erbrechen und die Behandlungen.

 

Leon verabschiedete sich in der Zwischenzeit von Matt und Rosalyn. Sie waren ihm ans Herz gewachsen und er würde sie vermissen. Die beiden hatten ihm die Ruhe geschenkt, die er gebraucht hatte, sowohl in der Zeit im Krankenhaus, wenn es seinem Dad schlecht gegangen war, als auch jetzt, seit er wieder im Krankenhaus lag. Dazwischen auch, aber da war es mehr um soziale Kontakte gegangen. Sie waren Freunde. Würde er in England auch Freunde haben? Konnte er mit seinen alten Freunden neu anfangen oder würden sie immer noch Harry in ihm sehen? Hatte er überhaupt Freunde gehabt? Und wenn er damals Dracos Freundschaft nicht wollte, jetzt aber sehr eng mit ihm befreundet war, würden seine alten Freunde dann noch mit ihm klar kommen, wenn er sich augenscheinlich so verändert hatte? Diese Sorgen konnte ihm keiner nehmen, da er nicht darüber sprach. Mit niemandem. Mit seinem Vater hätte er wahrscheinlich darüber gesprochen, aber der war momentan nicht in der Lage dazu. Als die junge Frau in der Cafeteria ans Telefon ging und dann Rosalyn Bescheid gab, dass der Ambulanzflieger da war, spielten Leons Gefühle völlig verrückt.

Er konnte sie nicht mehr ordnen, ja nicht einmal mehr benennen. Alles ging völlig chaotisch durcheinander und er trottete einfach nur hinter den anderen her. Draco griff nach seiner Hand und drückte sie kurz, lächelte ihn aufmunternd an. Er sagte nichts, aber das war Leon auch lieber so. Als sie in Severus´ Zimmer ankamen, war Devon bereits an seiner Seite. Lucius stellte Leon und Devon einander vor, doch es ging erst einmal völlig an dem Jungen vorbei. Rosalyn und Matt umarmten ihn noch einmal liebevoll und versprachen ihm, immer da zu sein, wenn er sie brauchte, er konnte ihnen schreiben oder sie anrufen, sie hatten ihm alles mitgegeben, was er brauchte. Nach nur einer Stunde waren sie bereits in der Luft. Staunend beobachtete Leon die Veränderung. Devon zog plötzlich seinen Zauberstab und richtete ihn auf Severus. Da kam wieder die nackte Panik in Leon hoch.

„Nein, nicht wehtun! Du darfst Dad nicht wehtun!“, schrie er und seine Magie, die Severus nun nicht mehr unter Kontrolle hatte, schleuderte Devon an die Wand der Kabine, hielt ihn dort fest. Auch Lucius und Draco konnten sich nicht mehr bewegen.

„Leon, ruhig!“, kam es von Lucius. „Devon ist Heiler, er braucht seinen Zauberstab um deinem Dad zu helfen.“

„Er darf Dad nicht wehtun!“, bestimmte Leon.

„Leon, er tut ihm nicht weh. Lass ihn los.“, sprach Lucius weiterhin ruhig auf ihn ein. „Dein Dad braucht ihn, damit er heilen kann. Lass Devon wieder runter, damit er seine Arbeit machen kann.“

„Nein, er will ihm wehtun. Das tut immer weh!“, schluchzte Leon verzweifelt.

„Leon, es ist gut.“, mischte sich Severus nun leise ein. „Er tut mir nichts, versprochen.“

Weinend sackte Leon in sich zusammen, die Magie verebbte und Devon konnte sich wieder bewegen. Draco hielt Leon fest im Arm, gab ihm Halt und murmelte ihm beruhigende Worte zu, während Lucius dem Heiler aufhalf und ihm seinen Zauberstab zurückgab. Devon kümmerte sich zunächst um Severus, half ihm so gut wie es derzeit möglich war, denn es war offensichtlich, dass der Tränkemeister Probleme mit der Atmung hatte. Sie mussten relativ hoch fliegen, hatte der Pilot erklärt, damit sie nicht so durchgeschüttelt wurden. Da war der Druck dann dementsprechend niedrig und der Sauerstoffgehalt der Luft geringer. Und die Herzprobleme traten dadurch wieder hervor, was dazu führte, dass der Körper von Severus mit zu wenig Sauerstoff versorgt wurde. Devon war bewusst, dass es sicher einige Zeit in Anspruch nehmen würde, bis Severus wieder auf dem Damm war. Ihm war durchaus klar, dass das schnelle Wachstum des Tumors wahrscheinlich damit zusammenhing, dass der junge Snape ihn mithilfe von wilder Magie aus dem Koma geholt und soweit geheilt hatte, wie es damit möglich war. Er hatte mit seinen ‚Kollegen‘ gesprochen und die Berichte gelesen: die Wunder, von denen darin die Rede war, das war die Magie von Leon Snape gewesen. Und das ungerichtet, daher wuchs der Tumor vermutlich so unkontrolliert und schnell. Es war dringend notwendig, dass der Junge seine Magie unter Kontrolle bekam, da er ein sehr starker Zauberer war.

Während Draco noch beschäftigt war, den Jungen zu beruhigen, informierte Devon Lucius leise über diese Erkenntnisse. Der Blonde stimmte mit ihm überein, dass der Junge unterrichtet werden musste, damit er lernte, seine Magie zu kontrollieren. Noch ein Grund mehr, ihn ins Malfoy-Manor zu holen, dort konnte das Ministerium seine Magie nicht nachvollziehen, da das Anwesen von starken Schutzzaubern geschützt wurde. Severus war erschöpft, aber er hörte aufmerksam zu. Als er die Versicherung von Lucius hörte, sich darum zu kümmern, drückte er dessen Hand. Er hasste diese Schwäche, die seinen Körper gerade im Griff hatte, wusste aber, dass er nichts daran ändern konnte. Wenigstens die Übelkeit war inzwischen weg. Und auch die Illusion, die er über sein Mal gelegt hatte, offenbar sogar unbewusst im Koma, denn niemand hatte ihn je darauf angesprochen. Aber jetzt war es deutlich erkennbar, wenn auch sehr blass.

Leon klammerte sich inzwischen an Draco, hoffend, dass er bald aufwachen würde aus diesem Alptraum. Jedenfalls hoffte er, dass das alles einfach nur ein Alptraum war. Er hoffte, dass er aufwachen würde und sein Dad an seinem Bett saß und ihm zuflüsterte, dass alles nur ein Traum war. Doch ihm war irgendwie klar, dass es eben kein Traum war, sondern die Wirklichkeit. Er spürte, dass seine Angst in Hysterie umschlug, konnte es aber nicht mehr stoppen. Auch Draco konnte es nicht verhindern, vor allem, weil er es nicht bemerkte. Lucius und Devon waren zu sehr mit Severus beschäftigt, um es zu bemerken, der gerade kaum noch Luft bekam. Oder besser, er bekam jede Menge Luft, aber der Sauerstoff reichte ihm nicht. Devon gab ihm etwas zur Beruhigung und legte ihm dann eine Sauerstoffsonde in die Nase, drehte sie erst einmal relativ hoch auf, bis Severus wieder gleichmäßiger atmete. Dann erst reduzierte er die Sauerstoffmenge und entspannte sich ein wenig. Jetzt registrierte Severus die Nöte von Leon.

„Leon, komm her.“, rief er ihn leise.

Er versuchte, sich aufzusetzen, brauchte dafür aber Hilfe von Lucius. Dann konnte er Leon in die Arme schließen, der sich an ihn schmiegte. Der Kleine war völlig fertig.

„Dad! Ich hab Angst.“, gestand er leise. „Was ist das alles?“

„Du hast mitbekommen, dass ich mich erinnere, oder?“, versicherte sich Severus und Leon nickte an seiner Brust. „Es tut mir leid, dass ich dich im Unklaren ließ, aber ich fand, dass es besser für dich war und ist. Es geht nicht darum, dir etwas zu verheimlichen, sondern darum, dich vor Dingen zu beschützen, die niemandem passieren sollten, vor allem nicht in so jungen Jahren. Ich wollte dir einen neuen Anfang ermöglichen und es tut mir leid, wenn das schiefgegangen sein sollte. Ich kann dir jetzt nicht alles erzählen, das wäre einfach zu viel auf einmal, aber du solltest wissen, wir sind Zauberer. Du bist sogar ein sehr starker Zauberer, stärker als die Meisten. Deswegen wirst du bald lernen müssen, damit umzugehen, damit es nicht unkontrolliert übersprudelt. So wie vorhin, als du mich beschützen wolltest. Aber du musst keine Angst haben, mein Großer. Devon und Lucius würden mir nie etwas tun.“

„Sicher?“, wollte Leon wissen.

„Ganz sicher. Sie sind Freunde, ich vertraue ihnen. Und du kannst das auch tun. Ich habe Lucius gebeten, dein Pate zu sein.“

„Okay, Dad. Aber warum tut es mir dann weh, wenn ich einen Zauberstab sehe?“

„Leon, das liegt daran, dass du eine Zeitlang mit Zaubern gefoltert wurdest, bevor wir nach Neuseeland kamen. Sie haben dir damit Schmerzen zugefügt und das ist offenbar das Einzige, woran dein Körper sich unbewusst erinnert.“, versuchte Severus eine Erklärung.

„Werde ich mich irgendwann auch erinnern?“, wisperte Leon.

„Das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich es dir wünschen soll. Die letzten Wochen im Leben von Harry Potter jedenfalls sind nichts, woran du dich erinnern willst, da bin ich sicher. Aber auch dieses Leben hatte sicher einige schöne Seiten. Auch wenn die Erinnerung an mich bestimmt nicht gerade erwähnenswert sein dürfte.“, schloss der Tränkemeister sarkastisch.

„Warum?“, fragte Leon mit großen Augen.

„Er glaubte, dass du der Sohn von James Potter warst und der war sein schlimmster Alptraum. Und er hat dich ziemlich mies behandelt deswegen.“, mischte sich nun Draco ein.

„Aber das ist vorbei, war es schon, bevor ich erfuhr, dass du mein Sohn bist. Ich habe inzwischen viel über dich gelernt und mir ist klar geworden, dass ich ein völlig falsches Bild von dir hatte, die Wahrheit nicht sehen wollte. Das tut mir ehrlich leid.“, flüsterte Severus.

„Du bist mein Dad, ich hab dich lieb.“, antwortete Leon und sah ihm dabei fest in die dunklen Augen.

„Danke, Leon. Ich liebe dich auch.“

Aneinandergeschmiegt schliefen die beiden nun ein, der Eine körperlich und emotional am Ende, der Andere wahrscheinlich auch. Mit einem ungesagten Zauber vergrößerte Lucius die Liegefläche von Severus und deckte beide zu. Sie hatten noch einige Stunden Flugzeit und eine Zwischenlandung zum Tanken vor sich. Wie sollten sie Leon nur alles erklären? Der Kleine hatte eine harte Zeit vor sich, obwohl er jetzt eigentlich erst einmal Ruhe bräuchte. Aber er würde sicher nicht nachgeben, bis er wusste, wer er gewesen war und seine Geschichte kannte. Und das war nur fair, denn es würde sicher genug Zauberer und Hexen geben, die ihn erkannten, auch wenn er sich verändert hatte. Und dann sollte er wissen, was auf ihn zukam. Er musste auch lernen, mit seiner Magie umzugehen, und das so schnell wie möglich. Sollte er zurück nach Hogwarts oder besser Privatunterricht bekommen? Wenn er nach Hogwarts gehen wollte, dann musste er auch wissen, was vor seiner Gefangenschaft passiert war. Naja, das musste er sowieso. Und in welche Klasse sollte er dann kommen? Er war etwa so alt wie Draco, hatte die Schule aber bisher nur zwei Jahre besucht, konnte er das fehlende Wissen aufholen oder sollte er lieber mit der dritten Klasse anfangen? Das war vielleicht besser, wenn er sich nicht erinnerte, dann musste er es bis zum Sommer schaffen, die ersten beiden Jahre aufzuholen. Zwei, nicht vier Jahre. Vielleicht war dieses Wissen auch noch da, tief vergraben. Sein Vergessenszauber hatte bei Severus gar nicht gewirkt und bei Harry, nein Leon, zu stark.

„Vater, alles in Ordnung?“, unterbrach Draco leise seine Gedanken.

„Natürlich, mein Sohn. Ich muss nur eine Menge bedenken.“, antwortete Lucius betont locker.

„Onkel Sev und Leon. Sie werden eine harte Zeit haben.“, stellte Draco fest.

„Das steht fest. Und wir wohl auch.“

„Vor allem, wenn wir versuchen, Onkel Sev die Ereignisse der letzten beiden Jahre schonend beizubringen.“, kam es trocken von Draco.

Lucius erlaubte sich ein kurzes, amüsiertes Lächeln, bevor er wieder seine Maske einfrieren ließ. Zeige nie deine Gefühle, hatte ihm sein Vater schon früh beigebracht, und er hatte es mit Draco ebenso gemacht. Auch wenn Devon sich weiterhin um Severus kümmerte, er war hier mit ihnen. Nur wenn sie wirklich ganz alleine waren, ließen die beiden Malfoys ihre Masken auch einmal fallen. Das waren die wenigen Gelegenheiten, bei denen Draco erfuhr, dass sein Vater stolz auf ihn war, ihn liebte.

„Er wird sich gedulden müssen, bis er aus dem Mungo entlassen wird, dann holen wir ihn zu uns ins Manor und erzählen ihm alles nach und nach.“, entschied Lucius.

„Wetten, das schaffst du nicht, Vater? Ich setze 1000 Galleonen, dass Severus dich dazu bringt, dass du ihm zumindest einen Teil im Krankenhaus erzählst.“, grinste Draco.

„Draco Lucius Malfoy, hast du denn gar nichts gelernt? Ein Malfoy wettet nicht!“, schalt Lucius.

„Oh doch, ich habe so Einiges von dir gelernt, Vater, vor allem, mir eine eindeutige Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, ein gutes Geschäft zu machen.“, konterte Draco ernsthaft.

„Du findest es also geschäftstüchtig, eine Wette auf deinen Patenonkel abzuschließen?“, fragte sich Lucius.

„Ja, denn das ist sicher, dass ich die gewinne.“, entgegnete Draco sofort.

„Dann kennst du mich schlecht, Draco Malfoy. Ich werde ihm nichts sagen, bevor er nicht wieder ganz gesund ist und ins Manor eingezogen. 1000 Galleonen. Einverstanden.“, hielt Lucius nun selbstsicher dagegen.

Sie reichten sich die Hände und spürten die Magie, die die Wette besiegelte. Keiner von ihnen konnte nun aussteigen. Devon hatte das Gespräch mitbekommen und lächelte leise vor sich hin. Es tat gut, die beiden Blonden mal wieder entspannt zu sehen. Seit fast zwei Jahren versuchten sie, genau wie einige Mitglieder des Phönixordens, Severus und Harry zu finden und waren mit der Zeit immer angespannter und verzweifelter geworden. Dracos schulische Leistungen hatten darunter ebenfalls gelitten, aber das würde sich nun deutlich bessern, da war Devon sicher. Draco war nun – genau wie sein Sohn Blaise, Dracos bester Freund – kurz vor dem Ende der vierten Klasse, nächstes Jahr waren die ZAGs dran, da würde Draco sicher wieder zulegen mit seiner Leistung.

Die restliche Reise verlief ruhig und friedlich. Devon schlief eine Weile, als er sicher war, dass er seinen Patienten in dieser Zeit aus den Augen lassen konnte, danach schliefen Draco und Lucius. Leon wurde nach der Zwischenlandung wieder wach, aß und trank, dann unterhielt er sich eine Weile mit Draco, bevor er wieder einschlief. Severus wachte nicht auf, die Tränke forderten ihren Tribut und da die allgemeine Verfassung nicht die Beste war, ließen sie ihn schlafen. Essen konnte er im Moment sowieso noch nichts; bis die Reste der Chemotherapie aus seinem Körper waren, würde sich die Übelkeit wohl nicht vermeiden lassen. Sie landeten am späten Abend in London und reisten dann mit einem Krankenwagen ins St. Mungo. Lucius hatte das organisiert, der Wagen war ‚ausgeliehen‘ vom örtlichen Rettungsdienst (die würden sich allerdings nicht mehr daran erinnern, bekamen aber eine großzügige Spende, ein Arrangement, das zum beiderseitigen Vorteil war) und ein Kollege von Devon fuhr ihn. Sie wollten nicht riskieren, Severus mit Magie zu transportieren in seinem Zustand und Leon war sicher auch froh, wenn er noch ein bisschen Normalität hatte. So kamen sie gegen kurz nach Mitternacht im Zauberkrankenhaus an und ließen Severus in den fähigen Händen zurück, als sie mit Flohpulver ins Manor reisten. Leon schlief schon wieder fast und bekam es nicht richtig mit, was in dem Moment vielleicht auch besser war.

 

 

Als Leon am anderen Morgen erwachte, brauchte er eine Weile, bis er wieder wusste, wo er war. Irritiert blickte er sich in den riesigen Raum um, den er in der Nacht nicht richtig wahrgenommen hatte. Er erinnerte sich, dass Lucius ihn hereingetragen und umgezogen hatte. Dabei war er aufgewacht und der Blonde hatte ihm erklärt, dass sie in seinem Haus waren und dieses Gästezimmer nun für ihn zur Verfügung stand. Laut Lucius war Leons Dad in den besten Händen und es ging ihm schon besser. Das bezweifelte Leon zwar ein wenig, aber auf jeden Fall glaubte er, dass er in guten Händen war. Der Heiler wirkte vertrauensvoll auf ihn. Das Zimmer war fast so groß wie ihre ganze Wohnung in Wellington, staunte Leon. Sein Bett war riesig, das war mindestens ein Doppelbett, und es hatte einen grün-silbernen Betthimmel. Die Bettwäsche war seidig-weich und kuschelig warm, obwohl die schwarze Farbe auf den ersten Blick kühl wirkte. Der Boden war mit einem hellen Teppich belegt, der ein grün-silbernes Muster aufwies, das sich an der weißen Wand wiederholte. Der Schrank gegenüber von Leons Bett war genauso überdimensioniert wie das Bett und der Junge fragte sich, wie viele Personen dieses Zimmer normalerweise bewohnten. Neben dem Schrank war eine kleine Tür, die entweder nach draußen oder ins Bad führen müsste. Die Wand rechts von ihm war von einem großen Bücherregal dominiert, das gut gefüllt war, und auch hier war eine Tür. Auf der anderen Seite des Raumes, also links von ihm, stand ein Schreibtisch unter einem großen Fenster, daneben war eine Glasschiebetür, die auf einen Balkon führte. Außerdem gab es eine gemütliche Sitzecke und einen Kamin im Raum.

Da Leon ein dringendes Bedürfnis hatte, entschied er, aufzustehen und zu sehen, welche der Türen ins Bad führte. Er ging zumindest davon aus, dass eine der beiden Türen in ein Bad führte, glaubte sich erinnern zu können, dass Lucius ihm etwas Derartiges gesagt hatte, bevor er eingeschlafen war. Vielleicht auch erst danach, aber das war gerade nicht so wichtig. Er probierte die Tür neben dem Schrank und hatte Glück. Er trat in ein großes Bad, das schachbrettartig gefliest war, in schwarz-weiß. Eine große Dusche mit Wasserfall war da, sogar eine Badewanne hatte er. Außerdem Waschbecken und natürlich eine Toilette, die er nun wirklich dringend brauchte. Nachdem er sich erleichtert hatte, entschied er, eine Dusche zu nehmen, genoss das Gefühl unter dem Wasserfall sehr. Handtücher hatte er in einem Regal bereitliegen sehen und wickelte sich danach ein. Erst jetzt dachte er darüber nach, ob seine Kleidung wohl hier war und wurde rot. Was, wenn nichts da war? Musste er dann nur mit Handtuch bekleidet nach Draco suchen? Oder noch schlimmer: nach Lucius? Doch er hatte Glück, seine Sachen lagen ordentlich im Schrank und noch jede Menge andere Dinge. Die ignorierte Leon, schnappte sich seine beste Hose und sein schönstes T-Shirt, zog sich schnell an. Jetzt fühlte er sich einigermaßen bereit, sich der neuen Welt zu stellen.

Vorsichtig schob er seinen Kopf aus der Tür und sah einen langen Flur mit vielen Türen. Wohin sollte er nun gehen? Rechts oder links? Leise rief er nach Draco und war überrascht, als die Tür neben seinem Zimmer aufging und der Blonde ihn angrinste.

„Ausgeschlafen?“, stichelte er.

„Mhm, und geduscht.“, bestätigte Leon.

„Dann komm, frühstücken. Du musst Hunger haben, und mein Vater lässt uns sicher nicht nach London, bevor wir, vor allem du, gegessen haben.“, wusste Draco.

Der Blonde führte seinen neuen Freund nach unten in das kleine Speisezimmer, wo er seinen Vater vermutete. Seit sie nur noch zu zweit waren, aßen sie meistens hier. Und richtig, Lucius saß mit der Zeitung in der Hand am Tisch, nur Kaffee in seiner Tasse verriet, dass er schon eine Weile hier war. Leon starrte die Zeitung an, als er realisierte, dass die Bilder sich bewegten. Lucius legte die Zeitung beiseite, als die Jungen eintraten.

„Guten Morgen, oder besser guten Tag.“, begrüßte er sie. „Hast du gut geschlafen, Leon?“

„Ja, danke. Es war sehr gemütlich. Wieso bewegen sich die Menschen auf den Bildern?“, entgegnete Leon.

„Es ist eine magische Zeitung mit Zauberfotos.“, erklärte Lucius. „Setzt euch erst einmal und frühstückt. Wir haben Zeit für deine Fragen, Leon. Devon sagte mir gestern noch, dass Severus heute erst einmal eine Menge Untersuchungen hat und wir sollten nicht vor drei Uhr am Nachmittag kommen, dann könnte er uns schon mehr sagen. Also haben wir nach dem Essen auch noch Zeit für deine Fragen, Leon.“

Leon setzte sich mit Draco an den Tisch und sie ließen es sich schmecken. Und es war sehr gut, befand der Schwarzhaarige. Doch nach dem Essen war er dann wirklich neugierig, mehr zu erfahren. Er wollte gerade beginnen, den Tisch abzuräumen, wie er es gewohnt war, da ploppte es laut und ein kleines Wesen tauchte direkt neben ihm auf. Leon schrie auf.

„Ruhig, Leon. Das ist Tippsy, eine unserer Hauselfen. Sie kümmern sich um diese Arbeiten. Sie halten das Haus sauber, machen die Wäsche und die Betten, sorgen für das Essen und so weiter. Wenn du etwas brauchst, dann musst du sie nur rufen, ich habe bereits angeordnet, dass sie auch dir helfen müssen. Du bist hier nicht zum Arbeiten.“, bestimmte Lucius. „Komm, setzen wir uns in die Bibliothek, da können wir reden. Du hast sicher eine Menge Fragen.“

Lucius ging voran, Draco lief neben ihm und Leon trottete hinterher, versuchte, seine Gedanken zu ordnen, damit er die wichtigen Fragen stellen konnte. Kaum dass sie saßen, begann er mit der Frage, die ihm am Wichtigsten war. „Wer bin ich?“

„Das ist wohl eine der schwierigsten Fragen, Leon. Ich werde versuchen, dir ein wenig über dein früheres Ich zu erzählen, auch wenn das keine richtige Antwort auf deine Frage ist, aber das ist es, was die meisten magischen Menschen in dir sehen.“, begann Lucius. „Also, eigentlich muss ich ein wenig ausholen. Vor einigen Jahren hat ein junger Zauberer versucht, mächtiger zu werden als alle Anderen. Er nannte sich Lord Voldemort. Die meisten Zauberer allerdings haben Angst, seinen Namen auszusprechen und nennen ihn den ‚Unnennbaren‘ oder ‚Du-weißt-schon-wer‘. Nun, er hielt die englische Zauberwelt ziemlich in Atem, er verbreitete Angst und Schrecken. Es gab einige, die sich ihm entgegenstellten, ihm und seinen Anhängern, Todesser genannt. Deine Eltern, oder diejenigen, die wir bisher für deine Eltern hielten, James und Lily Potter, waren führend im Widerstand. Der Anführer dieses Widerstandes war Albus Dumbledore, auch ein sehr mächtiger Zauberer. Jedenfalls gab es dann wohl eine Prophezeiung. Den genauen Inhalt kenne ich nicht, aber aufgrund dieser Prophezeiung hat der Lord deine Eltern getötet. Er wollte auch dich töten, aber es gelang ihm nicht. Viele glaubten damals, dass er vernichtet war. Du kamst zu der Schwester deiner Mutter und hattest dort wohl kein allzu schönes Leben, aber die Todesser konnten dich dort nicht finden. Deine Verwandten sind Muggel, nicht-magische Menschen. Dort bist du aufgewachsen, seit du etwas über ein Jahr alt warst. Mit elf kamst du dann nach Hogwarts, die Schule für Hexerei und Zauberei, die auch Draco besucht. Laut Draco hast du in deinen ersten beiden Jahren auch Einiges erlebt und Voldemort zweimal gegenübergestanden. Beim zweiten Mal hast du ihn wieder vernichtet. Kurz danach bist du verschwunden. Viele glaubten, du hättest dich zurückgezogen, um die endgültige Vernichtung der Todesser vorzubereiten oder aber auch, um dich selber auf die Machtübernahme vorzubereiten. So ein ausgemachter Blödsinn wurde und wird von den Medien verbreitet. Viele Todesser sind immer noch auf freiem Fuß. Severus war schon seit vor deiner Geburt Spion für Dumbledore bei Voldemort, und auch ich habe meine Gefolgschaft nur vorgespielt. Ich war nie ein überzeugter Todesser, da ich gesehen habe, was Voldemort wirklich tut, und habe von Anfang an spioniert. Wie genau es zuging, weiß ich nicht, aber Severus hat scheinbar herausgefunden, dass du nach diesen Ereignissen am Ende deines zweiten Schuljahres entführt wurdest und er hat versucht, dich herauszuholen, wurde aber ebenfalls gefangen. Ich habe eine lange Zeit gebraucht, bis ich euch gefunden habe, dann habe ich euch mit einem Portschlüssel in Sicherheit gebracht. Eigentlich solltet ihr in Australien neben einem Zauberkrankenhaus landen, aber das hat offensichtlich nicht geklappt. Daher haben wir auch so lange gebraucht, euch zu finden. Dumbledore hat immer weiter gekämpft, denn er hat herausgefunden, warum Voldemort nicht einfach starb. Er hatte Horkruxe geschaffen. Das ist ein sehr dunkler Zauber, bei dem die Seele gespalten und ein Stück davon in einem Behälter aufbewahrt wird. Dumbledore hat herausgefunden, dass Voldemort mehrere dieser Horkruxe geschaffen hat und konnte Einige vernichten, doch einer davon hat ihm selber das Leben gekostet. Dennoch ist der Kampf sehr weit fortgeschritten. Ich habe mit dem kläglichen Rest des Widerstandes noch einen vernichtet, jetzt suchen wir nach den Letzten. Wenn wir sie finden, bevor Voldemort darankommt, dann können wir seine erneute Wiederauferstehung verhindern. Dann ist er endgültig Geschichte, aber bisher haben wir keine Ahnung, wo diese letzten Horkruxe sind und ich kann nicht so arbeiten, wie ich es gerne wollte, um meine Rolle als Spion beizubehalten. Sollte Voldemort es schaffen, braucht der Widerstand einen Spion, der nahe an den Lord herankommt und ich war früher schon seine rechte Hand. Ebenso wie Severus, doch ich vermute, dass er aufgeflogen ist. Das wird er sicher noch erzählen.“

Der Blonde beendete seine Zusammenfassung und sah den nachdenklichen Jungen lange an.

„Die Leute erwarten, dass ich diesen Zauberer töte? Aber ich weiß doch nicht einmal, wie ich zaubern soll und … und ich will niemanden töten.“, wisperte Leon am Ende.

„Die Leute glauben, dass du irgendwas Besonderes kannst, weil du ihm schon mehrmals gegenübergestanden bist und immer überlebt hast. Aber du bist nicht mehr Harry Potter; was die Leute angeht, ist Harry Potter tot. Du bist Leon Snape, außer du möchtest etwas Anderes. Du bist ein Kind wie jedes Andere, aber mit mächtiger Magie. Das müssen wir in den Griff bekommen, bevor du noch jemanden versehentlich verletzt, denn das würdest du sicher nicht so leicht wegstecken. Daher biete ich dir an, deine Magie mit mir zusammen zu erkunden, kennenzulernen. Wenn wir heute in London sind, werden wir sehen, dass wir dir einen neuen Zauberstab besorgen, denn deiner existiert wahrscheinlich nicht mehr. So, und ich denke, das war genug Information für heute, wir wollten doch nach London, oder?“, entschied Lucius.

„Einen Zauberstab? Wirklich? Aber, ich habe doch gar kein Geld.“, protestierte Leon.

„Erstens, du hast Gold. Die Potters haben dir volle Verliese hinterlassen und dein Dad ist auch nicht gerade arm. Zweitens wäre es auch kein Problem, wenn du keines hättest, denn ich würde dir aushelfen und da brauchst du auch kein schlechtes Gewissen haben. Severus ist für mich wie ein Bruder, er ist der Patenonkel von Draco und ich bin deiner, das bedeutet, wir sind Familie. Also komm und mach dir keine Sorgen.“, bestimmte der Blonde.

Leon fügte sich und war froh, dass Draco mit ihm zusammen durch den Kamin reiste. Er hatte keine Ahnung, was da auf ihn zukam und wollte es auch nur ungern alleine herausfinden. Sie landeten in einem schäbigen kleinen Schankraum, der zu einem Wirtshaus gehörte, das die Verbindung der Muggel- und der Zauberwelt darstellte. So erklärten es die beiden Blonden jedenfalls. Sie brachten ihn hinten raus und Lucius tippte einige Steine über einer Mülltonne an, danach wichen die Mauersteine zur Seite und bildeten einen Durchgang. Leon kam aus dem Staunen beinahe nicht mehr raus. Überall sah er etwas, was ihn staunen ließ. Dort gab es Besen zu kaufen, auf denen man fliegen konnte. Ein Laden verkaufte Kessel, ein anderer versprach mitwachsende Kleidung, selbstschrumpfende Koffer, ein Buchladen und vieles mehr. Leon konnte sich nicht sattsehen, wurde aber von Lucius erst einmal zu einem großen, leuchtend weißen Gebäude gebracht.

„Gringotts, die Zauberbank.“, erklärte er dem Schwarzhaarigen. „Wir werden nun mit den Kobolden, das sind die Besten, wenn es um Gold geht, alles bereden, damit das Verlies von Harry Potter auf Leon Snape geändert wird. Starr sie am besten nicht an, das mögen sie nicht besonders.“

Leon hatte keine Zeit, sich zu besinnen, schon waren sie im Inneren. Alles wirkte so fremd und gleichzeitig so vertraut. Während Lucius leise mit einem Kobold sprach, sah Leon sich um und war überrascht, als Lucius ihn darauf aufmerksam machte, dass er mit ihm mitgehen sollte, da der Kobold sie nun zu seinem Verlies bringen würde. Dort sah Leon, dass der Blonde nicht übertrieben hatte, sein Verlies war wirklich gut gefüllt und er steckte sich etwas von dem ganzen Gold ein. Lucius schmunzelte kurz und reichte ihm einen Beutel, in dem er sein Gold aufbewahren konnte. Sobald er geschlossen wurde, schrumpfte der Beutel ein wenig zusammen und wurde deutlich leichter, sodass Leon ihn leicht in der Hosentasche tragen konnte. Lucius versprach ihm, er würde ihn nicht verlieren, denn das verhindere ein Zauber. Schnell waren sie anschließend wieder draußen und gingen zu Ollivanders, damit Leon einen neuen Zauberstab bekäme. Der Zauberstabmacher musterte ihn ein wenig überrascht, sagte aber nichts, nachdem ihn ein eisiger Blick von Lucius getroffen hatte. Er ließ Leon nur freie Hand, meinte, er solle sich umsehen und seinen Zauberstab erfühlen. Er würde wissen, welcher der richtige sei.

So ging Leon durch den Laden und versuchte, seine Gedanken auszublenden. Nach einiger Zeit folgte er seinem Gefühl zu einer verstaubten Schachtel und griff hinein. Wärme ging von diesem Zauberstab aus und als er ihn in der Hand hielt, kribbelte es angenehm in seinem Arm, Wärme durchflutete ihn und eine ungeahnte Macht erwachte in ihm. Goldene Funken sprühten aus dem Zauberstab und ein leichter Duft nach Kräutern erfüllte den Laden, ebenso wie eine sanfte Brise. Laut dem Zauberstabmacher hatte der Zauberstab sich nun seinen Besitzer ausgesucht. Es war einer, den er schon seit vielen Jahren hatte, der aber bisher zu niemandem passen wollte. Ollivander erklärte, dass die meisten Zauberer Stäbe aus verschiedenen Holzarten hätten, aber dieser war aus Obsidian gefertigt. Holzstäbe hatten einen magischen Kern, zum Beispiel Drachenherzfasern, Haar von einem Einhorn oder Phönixfedern, aber dieser hier hatte keinen magischen Kern, sondern war durch und durch magisch. Nur selten gab es so starke Magier, die solche Stäbe beherrschen konnten und er war sich sicher, dass man große Leistungen von Leon erwarten konnte. Das war Leon eher unheimlich und er war froh, als sie den Laden verlassen konnten, nachdem er für den Stab 57 Galleonen bezahlt hatte. Lucius hatte ihn kaufen wollen, aber Leon wollte das selbst machen, es sollte wirklich seiner sein.

Daher bestand Lucius nun darauf, ihn neu einzukleiden. Er wurde vermessen und nach seinen Lieblingsfarben gefragt, dann begann Lucius ein Gespräch mit der Ladenbesitzerin über Stoffe und Schnitte und was Leon alles bekommen sollte. Eine halbe Stunde später verließen sie den Laden, die Besitzerin hatte versprochen, alles in einer Woche zu liefern. Einige Dinge hatte sie ihm direkt mitgegeben, damit Leon gleich etwas zum Anziehen hatte. Lucius konnte es nicht ausstehen, dass jemand in seinem Haus mit gebrauchter Kleidung herumlaufen musste. Für Severus hatte er heute Morgen, als Draco und Leon noch schliefen, etwas aus seinem Haus geholt. Nach einem kurzen Mittagessen wollten sie dann zu Severus ins Krankenhaus. Leon ging schon vor nach draußen, er wollte noch schnell einen Blick auf die Besen werfen, die im benachbarten Geschäft im Schaufenster lagen. Lucius und Draco blieben zurück, sprachen noch einige Worte mit einem Bekannten. Der Schwarzhaarige stand staunend vor dem Fenster und hörte zu, wie die Umstehenden über die neuesten Besenmodelle diskutierten. Irgendwann drehte er sich um, weil er die Stimmen von Draco und Lucius hörte, da sah er sich einer blonden Frau mit gelockten Haaren gegenüber, die eine seltsam gemusterte Brille trug. Im ersten Moment glitt ihr Blick über ihn hinweg, dann stockte sie und sah ihn genauer an.

„Harry Potter! Du bist wieder da! Wie wäre es mit einem Interview für den Tagespropheten? Darüber, wie du den Unnennbaren besiegt hast und was du nun planst? Mit dir zusammen schaffe ich es heute Abend noch auf die Titelseite!“, sprudelte es aus ihr heraus.

„Äh, Entschuldigung, ich bin Leon. Wer sind sie und was wollen sie von mir?“, entgegnete der Junge verwirrt.

„Oh, verzeih mir. Ich bin Rita Kimmkorn, ich schreibe für den Tagespropheten, aber den kennst du sicher. Und du kannst mir glauben, ich weiß, dass du Harry Potter bist. Jeder hier, der genau hinsieht, kann das erkennen, auch wenn du deine Haare gekürzt hast und eine andere Brille trägst.“, kam es wieder so schnell von der Blonden.

„Ich bin nicht Harry Potter, ich bin Leon.“, bestand Leon.

„Hey, Leon! Da bist du ja. Probleme?“, kam es da plötzlich von links.

„Draco!“, freute sich Leon. „Diese Reporterin glaubt, ich wäre Harry Potter.“

„Miss Kimmkorn.“ Dracos Stimme war eisig. „Sie werden doch nicht allen Ernstes glauben, dass ein Malfoy mit einem Potter unterwegs ist. Das hier ist Leon Snape, der Sohn von meinem Patenonkel und kein Potter. Und jetzt lassen sie uns in Ruhe.“

Draco griff nach Leons Hand und zog ihn mit sich durch die Menge. Eine Menge Zauberer starrten ihnen verunsichert hinterher. Sie konnten immer wieder einzelne Stimmen hören, die über die Ähnlichkeit von Leon und Harry Potter diskutierten, aber Vielen fiel auf, dass Leon keine Narbe an der Stirn hatte. Und inzwischen wusste die Zauberwelt sicherlich über die Feindschaft zwischen Draco Malfoy und Harry Potter Bescheid, daher war dieses Verhalten des jungen Malfoy-Erben für die Meisten nur dadurch zu erklären, dass es wohl doch nicht Harry Potter war. Sie trafen hinter der Menschenmenge, die sich um sie gebildet hatte, auf Lucius, der den beiden nur ein knappes Nicken gab und sie dann mit seinem Blick vor sich her scheuchte. Schließlich wartete im St. Mungo ein Patient auf seine Besucher.

Und wirklich, Severus wartete bereits auf sie. Er sah deutlich besser aus, man konnte ihm ansehen, dass die Schmerzen und die Übelkeit nun wohl endgültig weg waren und er hatte offenbar auch gut geschlafen. Leon musste sich zusammenreißen, um ihn nicht zu stürmisch zu begrüßen, sich daran zu erinnern, dass sein Vater immer noch krank war. Er war so glücklich, ihn wieder aufrecht sitzend zu sehen, aus eigener Kraft. Severus schien sich über die liebevolle Begrüßung zu freuen, nahm anschließend auch Lucius und Draco kurz in die Arme.

„Danke, Lucius. Für alles. Das werde ich dir nie vergessen.“, begann Severus emotionaler, als sie ihn je erlebt hatten. „Wie hast du uns gefunden? Und seit wann stehst du nicht mehr auf seiner Seite?“

Draco schmunzelte nur in Richtung seines Vaters. „Ich habe es dir gesagt!“

Lucius ignorierte den Kommentar. „Severus, du durftest nicht wissen, dass wir auf der gleichen Seite stehen. Hier reden wir besser nicht, das ist zu offen. Wenn du wieder entlassen wirst, dann kommst du mit ins Manor, dort können wir uns unterhalten.“, beschwichtigte er seinen alten Freund und warf gleichzeitig einen absichtlich überheblichen Blick in Richtung seines Sohnes.

„Du willst mir also nichts sagen, weil jemand zuhören könnte? Sag mal, Lucius, was ist aus dem guten alten ‚Muffliato‘-Zauber geworden?“, erwiderte Severus sarkastisch.

„Auch der kann umgangen werden.“, wandte Lucius ein.

„Ja, von einigen wenigen Zauberern, einer davon wurde vor etwa zwei Jahren von Harry Potter besiegt, der andere steht auf unserer Seite. Und mehr kenne ich nicht hier in der Gegend.“, konterte Severus. „Wo ist Dumbledore eigentlich? Hätte nicht erwartet, dass er sich von hier fernhält, wenn ich im Mungo liege. Der Mann weiß alles.“

„Er ist tot.“, platzte Lucius heraus. „Gestorben im Kampf gegen die erneute Wiederauferstehung von IHM.“

„Nein.“, hauchte Severus und sank in sein Kissen zurück.

Leon verfolgte den Wortwechsel mit angstgeweiteten Augen und Draco grinste nur leise vor sich hin.

„Leider doch. Er hat – nach Harrys Begegnung mit Riddle in der Kammer des Schreckens – herausgefunden, warum der Lord nicht sterblich war, warum er wiederkam. Horkruxe. Ja, Mehrzahl. Harry konnte ihn damals nur vernichten, weil er den Horkrux mit Hilfe von Basiliskengift zerstört hat. Albus hat noch mehr herausgefunden und schließlich einen entdeckt, doch ein Fluch darauf hat ihn erwischt und er starb ein halbes Jahr nachdem ich euch befreit habe an den Folgen dieses Fluches. Er hat sein Wissen mit Kingsley, Bill, Moody und mir geteilt. Seither sind wir auf der Suche nach den restlichen Horkruxen. Seine Schlange ist einer, aber wir wissen nicht, wo sie ist. Wir haben einen Becher im Verlies meiner Schwägerin entdeckt und Narzissa hat ihn herausgeholt, wurde aber kurz danach von ihrer Schwester umgebracht, weil sie in ihrem Verlies war.“

Lucius unterbrach seine Erklärung und verbarg sein Gesicht in den Händen. Auch Draco sah man an, dass es ihm sehr nahe ging, daher stand Leon von seinem Platz neben Severus auf und ging zu ihm, zog ihn in die Arme. Lautlos weinte Draco an Leons Schulter. Auch wenn er nie den Eindruck gemacht hatte, seine Mutter hatte ihm viel bedeutet und ihr Verlust schmerzte ihn heute noch genauso wie zu dem Zeitpunkt, als seine Tante den tödlichen Fluch sprach.

„Zissa ist tot?“, wisperte Severus entsetzt.

Lucius hob den Blick, um den Tränkemeister anzusehen. Seine Wangen waren feucht, aber in den Augen schimmerte nur eine einzelne Träne. Er nickte.

„Zissa brachte uns den Horkrux. Da das Verlies auf Bella lief und nicht auf Rodolphus, hatte sie Zutritt, nur eine Kopie ist noch dort. Wir haben ihn sofort zerstört, was nicht ganz einfach war, da wir das Schwert von Gryffindor eigentlich nicht haben können, es gehört nach Hogwarts. Aber Albus hat zum Glück noch mit Dobby gesprochen vor seinem Tod. Dobby bringt das Schwert, wann immer wir einen Horkrux vernichten wollen und nimmt es dann wieder mit. Einige Tage später kam Bella zu uns und wollte von Zissa wissen, was sie in ihrem Verlies wollte, doch sie hat nichts gesagt. Bellatrix wurde wütend und hat den Avada auf ihre eigene Schwester gesprochen. Draco und ich haben sie überwältigt. Es war Weihnachten, wir wollten eben Geschenke auspacken. Sie ist jetzt in Askaban, wartet auf den Kuss.“, berichtete Lucius mit stockender Stimme.

„Es tut mir leid.“, sagte Leon nun.

„Danke, Leon.“, antwortete Lucius schlicht.

Eine Weile schwiegen alle. Draco beruhigte sich wieder, genoss aber weiterhin das Gefühl, in Leons Armen zu liegen. Jetzt verstand er, was Severus meinte, als er sagte, dass Leon so eine unheimliche Stärke hatte. Er konnte es fühlen, die Kraft, die in dem Jungen steckte und nur darauf wartete, freigelassen zu werden. Sie beruhigte ihn und half ihm, sich wieder auf den Moment zu konzentrieren. Morgen müsste er zurück nach Hogwarts, da die Ferien schon wieder zu Ende waren, bis dahin musste er seine Maske wieder tragen. Leon gegenüber wollte er sich nicht verstecken. Das fühlte sich falsch an. Irgendwann löste Leon seine Arme und ging zurück zu seinem Vater, während Draco neben Lucius sitzen blieb.

„Warum hat mein Mal immer mal wieder gebrannt, wenn er nicht wiederkam?“, wollte Severus wissen.

„Ich vermute, es hat zu gleichen Zeit gebrannt wie mein eigenes und das aller anderen Gezeichneten. Jedes Mal, wenn wir mit einem Horkrux zu tun hatten, hat sich das auf das Mal ausgewirkt. Leider konnten wir das nicht nutzen, um sie zu suchen, nur wenn man versucht, dem Horkrux zu schaden, dann hat es diese Reaktion gegeben.“, informierte Lucius.

„Und wie kommt es, dass niemand unsere Identität herausfand? Arbeiten nicht überall in den wichtigen Muggelbehörden auch Zauberer, um eben solche Dinge zu bearbeiten?“, überlegte Severus.

„Nun, ich habe mich erkundigt, als wir noch in Neuseeland waren, und meine Kontakte darauf angesetzt. Es scheint, als wärt ihr durchs Raster gefallen, weil ihr nicht gezaubert habt, jedenfalls nicht mit einem Stab. Die wilde Magie, die Leon verwendete und die Magie, mit der du seine Magie unterdrückt hast, ist nicht registriert worden, daher hielten sie euch für Muggel und haben nicht weiter nachgesehen.“, klärte Lucius ihn auf.

Severus schloss die Augen, ihm war schwindelig, weil die Informationen nur so durch seinen Geist wirbelten. „Bring mich nach Hause.“, hauchte er.

„Severus, ruh dich aus. Wenn Devon dich entlässt, dann kommst du erst einmal eine Weile zu mir. Spinners End muss zunächst wieder hergerichtet werden, sie haben es auf der Suche nach dir ziemlich verwüstet, aber meine Hauselfen haben schon ein Stück weit wieder aufgeräumt. In Prince-Manor konnten sie allerdings nichts mehr retten, das Anwesen deiner Großeltern ist komplett zerstört. Die Todesser haben keinen Stein auf dem anderen gelassen. Es tut mir leid.“, antwortete Lucius leise.

Mit geschlossenen Augen kämpfte Severus gegen seine Gefühle, wollte nicht schon wieder weinen. „Lucius, bitte erzähle, was ich sonst noch verpasst habe.“, bat er schließlich.

 

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, Severus.“, wandte Lucius nach einer Weile ein. „Es ist viel, und du solltest auch auf Leon achten. Unser Kleiner hier ist gerade ein wenig überfordert, würde ich meinen.“

Schuldbewusst senkte Severus den Blick auf Leon, der zitternd an seiner Seite saß. Er schloss ihn in die Arme und legte die Decke über ihn.

„Leon, es tut mir leid. Ich habe völlig vergessen, dass du dich nicht erinnerst und das alles furchtbar für dich sein muss, wenn du nicht weißt, worüber wir reden.“, entschuldigte er sich leise.

„Vor allem, da uns in der Winkelgasse auch noch Rita Kimmkorn begegnete.“, fügte Draco eisig hinzu.

„Kimmkorn? Was wollte sie?“, fauchte Severus.

„Ein Interview mit dem berühmten Harry Potter.“, erwiderte Lucius. „Aber Draco hat ihr eine wunderbare Abfuhr erteilt. Ich muss sagen, mein Sohn, das war geschickt! Draco hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass es sich für einen Malfoy nicht schickt, mit einem Potter zusammen unterwegs zu sein.“

„Danke, Vater. Ich wollte sie von Leon ablenken und klarstellen, dass er nicht Harry Potter ist.“, lächelte Draco leise.

„Ich denke, Harry Potter ist und bleibt tot.“, entschied Lucius. „Wenn es dir Recht ist, Leon.“

Leon sah auf und nickte nur. Ihm war es durchaus Recht, er wollte nicht berühmt sein, wollte nicht, dass alle ihn anstarrten so wie heute in der Winkelgasse. Auch wenn er sich nicht erinnern konnte, er wusste inzwischen genug über Harry Potter um sicher zu sein, dass der nicht das schönste Leben gehabt hatte. Er war Leon Snape, Sohn von Severus Snape. Auch von Lily Potter, aber das brauchte zumindest im Moment niemand wissen. Aber würde das nun immer so weitergehen? Würde immer jeder denken, dass er Harry Potter sein könnte? Er wollte einfach nur noch seine Ruhe haben, zusammen mit seinem Dad irgendwo in Ruhe leben. War das wirklich so schwer? Und was bedeutete das alles, was Lucius vorhin erzählt hatte? Leon hatte nicht alles verstanden, aber ihm war klar, dass er diesen Voldemort zwar erledigt hatte, vor seiner Gefangenschaft und dem Gedächtnisverlust, aber es war offenbar noch nicht zu Ende. Lucius kämpfte immer noch, dass dieser Zauberer nicht wiederkommen konnte. Dabei waren schon seine Frau und Dumbledore gestorben, der nach Leons Wissen wohl der Anführer der Gegner Voldemorts gewesen war.

„Du hast Recht, Lucius. Wir reden in Ruhe darüber. Danke, dass du dich um Leon kümmerst.“, gab Severus zurück, als Leon sich wieder beruhigt hatte. „Leon, mach dir nicht so viele Gedanken. Wir werden dir deine Fragen beantworten. Aber bis dahin versuch einfach, die Zeit zu genießen. Du musst keine Angst haben, weder um mich noch um irgendetwas Anderes. Devon hat heute schon mit mir gesprochen, er ist zufrieden mit dem Verlauf meiner Heilung und wird mich wohl in ein paar Tagen entlassen. Und dann komme ich zu dir ins Manor. Bis dahin passt Lucius auf dich auf.“

„Das werde ich.“, bestätigte der Blonde.

„Vater, du weißt schon, dass du mir nun 1000 Galleonen schuldest.“, bemerkte Draco trocken. „Die Karte hättest du deutlich früher ausspielen müssen, damit hast du Onkel Sev, aber es ist zu spät, du hast ihm schon viel zu viel verraten.“

„Ich habe meinen Sohn erzogen, ein guter Geschäftsmann zu sein und ihm auch ein wenig in Rechtsfragen unterrichtet, und jetzt setzt er seinen Geschäftssinn sogar gegen seinen eigenen Vater ein!“, seufzte Lucius theatralisch.

Leon lachte befreit auf und Severus sah mit hochgezogener Augenbraue zwischen den Dreien hin und her.

„Draco hat mir erzählt, dass er seinen Vater dazu gebracht hat, mit ihm zu wetten. Draco war überzeugt, dass sein Dad dir hier schon zumindest einen Teil der Geschehnisse erzählt, aber Lucius war überzeugt, dass er es hinauszögern kann, bis du entlassen bist!“, klärte Leon lachend seinen Dad auf.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du so dumm sein kannst um gegen Draco zu wetten. Der kennt mich besser als ich mich selber und dich wahrscheinlich dazu.“, kam es trocken von Severus.

„Ich war überzeugt, dass ich es schaffen würde.“, grummelte der Blonde. „Nun gut. Morgen bringen wir Draco zum Bahnhof, er muss zurück nach Hogwarts, die Ferien sind zu Ende. Und dann werden wir mal sehen, wie dein neuer Zauberstab zaubert, oder?“

Erst jetzt erinnerte sich Leon daran, dass er einen Zauberstab gekauft hatte und holte die Schachtel aus seiner Tasche. Vorsichtig packte er sie auf und zeigte den Stab seinem Dad. Severus griff nicht danach, sah ihn nur ehrfürchtig an.

„Ein Obsidian?“, vermutete er dann und Leon nickte. „Das bedeutet, dass du noch stärker bist, als ich bisher dachte. Du musst eine Menge dunkler Magie in dir tragen. Aber keine Angst, das ist nichts Schlimmes. Lucius kann dir sicher helfen, deine Fähigkeiten zu entwickeln.“

„Ich werde tun, was ich kann. Und dann sehen wir weiter, Leon.“, versprach Lucius. „Und wenn du Lust hast, dann kannst du Briefe an Draco schreiben und wir schicken ihm eine Eule. Du kannst auch an die beiden Ärzte schreiben und wir bringen den Brief zur Muggelpost.“

„Danke.“, lächelte Leon.

„Gerne mein Kleiner!“, antwortete Lucius und strich Leon über den Kopf.

„Du hast dich verändert.“, wunderte sich Severus.

„Du dich auch.“, erwiderte Lucius leise. „Aber ich schätze, das gehört dazu, wenn man solche Dinge erlebt.“

Sie saßen eine Weile in Stille beieinander und genossen die Ruhe, die sich zwischen ihnen ausbreitete. Schließlich entschied Lucius, dass sie nun gehen sollten. Severus brauchte immer noch eine Menge Ruhe, um sich zu erholen und je eher er wieder fit war, umso eher kam er hier raus. Außerdem war er selber inzwischen sehr neugierig auf Leons Zauberkraft. Auch wenn er das nie laut aussprechen würde, denn Neugierde war sicher keine Eigenschaft, die einem Malfoy zustand. Leon schmollte ein wenig, er wollte noch länger bei seinem Dad bleiben, aber er sah, wie blass dieser war und verabschiedete sich daraufhin wieder von ihm. Lucius versprach ihm, dass sie ihn morgen wieder besuchen würden, wenn sie Draco zum Zug gebracht hatten.

„Bis morgen, Dad! Schlaf gut.“, umarmte Leon seinen Vater. „Hab dich lieb.“

„Du auch, Leon. Bis morgen.“, murmelte Severus in die schwarzen, kurzen Haare.

„Mach´s gut, Onkel Sev. Wir sehen uns im Sommer!“, verabschiedete sich nun Draco und umarmte den Tränkemeister auch, als Leon ihn freigab.

„Bis morgen, mein Freund.“, legte Lucius seine Hand auf Severus´ Schulter.

Sie verließen das Zimmer nach einem letzten Blick von Leon, und Lucius brachte sie in Devons Büro. Von dort aus reisten sie über den Kamin zurück nach Hause, wobei Draco Leon mitnahm. Der Jüngere mochte diese Art zu reisen nicht besonders, so wie es aussah, aber er hatte sich nicht beschwert. Dennoch schien er sehr erleichtert, dass er nicht alleine gehen musste. Lucius schickte Draco in sein Zimmer, damit sein Koffer am Morgen fertig war und entschied, dass sie in einer Stunde essen würden. Leon ging mit Draco, wollte noch mehr über Hogwarts hören. Draco erzählte ihm lustige Geschichten, vor allem von den letzten beiden Jahren. Es war ruhig gewesen in Hogwarts, zumindest ruhiger als in seinen ersten beiden Jahren. Dennoch gab es ziemlich viele Geschichten, über die sie herzlich lachten. Draco erzählte von seinen Freunden und beschrieb sie so gut, dass Leon sich sicher war, er würde sie erkennen. Er mochte Blaise, Dracos besten Freund und Sohn von Devon, jetzt schon sehr. Draco versprach, dass Leon ihn im Sommer sicher kennenlernen würde, denn in diesen Ferien war er in Hogwarts geblieben, würde also morgen nicht am Bahnhof sein. Während er erzählte, suchte Draco sich seine Sachen zusammen, die er mit nach Hogwarts nehmen wollte. Schließlich wurde er ernst.

„Leon, es kann sein, dass du morgen auf Ron Weasley und Hermine Granger triffst am Bahnhof. Sie waren, oder besser sind, die besten Freunde von Harry Potter. Nun, mich können sie nicht besonders ausstehen. Gryffindor und Slytherin. Naja. Egal, darum geht es nicht. Aber ich bin mir sicher, sie werden dich erkennen. Sie kennen dich am Besten, oder besser, die beiden kennen Harry Potter besser, als jeder Andere ihn kannte. Sie haben nie aufgegeben, ihn zu suchen, auch wenn es ihnen als minderjährige Schüler kaum möglich war. Sie haben immer an ihn geglaubt. Ich weiß, du bist nicht mehr Harry Potter, aber sie sind wahre Freunde, so viel muss ich ihnen zugestehen. Sie würden sicher auch dein neues Leben akzeptieren, aber sie haben eine Chance verdient. Gib ihnen die Chance, dich neu kennenzulernen.“

„Aber wenn du sie nicht ausstehen kannst und es andersrum genauso ist, werden sie mich dann noch als Freund haben wollen, wenn wir beide jetzt Freunde sind?“, fragte Leon leise.

„Leon, ich bin bereit, mich auf sie einzulassen, wenn du es willst. Ich denke nur, sie haben eine Chance verdient, denn sie sind dir treu, auch wenn du jetzt Leon bist.“, überlegte Draco. „Du wirst dich nie zwischen mir und ihnen entscheiden müssen. Das verspreche ich dir.“

„Danke, Draco. Du bedeutest mir sehr viel und ich will dich als Freund nicht verlieren.“, gestand Leon.

Draco umarmte ihn. „Das wirst du nicht!“, flüsterte er in das Ohr von Leon.

 

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück schnappte sich Draco seinen Koffer und sie apparierten nach London. Sie landeten in einem abgesperrten Bereich auf dem Gleis 9 ¾ und brachten sofort Dracos Koffer in den Zug. Danach gingen sie nach draußen, wo Draco auf seine Freunde warten wollte. Die meisten Schüler waren in Hogwarts geblieben, aber dennoch füllte sich der Bahnsteig langsam und ließ Leon ein wenig nervös werden, nur zu deutlich erinnerte er sich an den gestrigen Tag in der Winkelgasse. Doch die Meisten ließen ihn in Ruhe, da er zwischen den beiden Malfoys stand, starrten ihn nur überlegend an. Scheinbar hatte heute Morgen jeder die Zeitung gelesen. Kimmkorn hatte es tatsächlich auf die erste Seite geschafft, ein Foto von Leon neben Draco wurde von der Überschrift begleitet: Ist das Harry Potter??? Leon hatte es nicht gelesen, ihm hatte der Teil schon gereicht. Lucius war ziemlich angesäuert und hatte einen bösen Brief an den Tagespropheten geschrieben, in dem er drohte, von seinem Anwaltspatent Gebrauch zu machen und sie wegen übler Nachrede zu verklagen. Auch wenn er schon lange nicht mehr aktiv praktizierte, so hatte er doch nach seinem Abschluss studiert und war Anwalt geworden, bevor er sich ganz den Familiengeschäften gewidmet hatte. Leon war niemals ein Potter gewesen. Und damit hatte er nicht einmal gelogen, denn um ein Potter zu sein, hätte er von James Potter abstammen müssen, aber das war bewiesenermaßen nicht der Fall.

„Nicht erschrecken, Leon. Die beiden, die da kommen, sind Ronald Weasley und Hermine Granger.“, warnte ihn Draco.

Leon richtete seinen Blick auf die beiden besten Freunde von Harry Potter, die gerade auf sie zukamen. Ron fiel mit seinen feuerroten Haaren auf. Er war groß und schlaksig, sogar noch größer als Draco, und der war nach Leons Meinung schon riesig. Hermine neben ihm war mehr als einen Kopf kleiner, wirkte aber energisch. Ihre braunen Haare waren lockig und buschig, als würde sie nicht viel Zeit in sie investieren wollen. Ein wenig unsicher wurden sie nun, als sie Leon zwischen den beiden Blonden stehen sahen, aber Rons Gesicht färbte sich dunkel, als er sah, dass Draco in Leons Ohr flüsterte.

„Hey, Frettchen, willst du ihm einreden, dass du besser bist als wir?“, rief er laut.

„Das brauche ich niemandem einzureden.“, konterte Draco ruhig. „Darf ich euch Leon vorstellen? Leon, das sind Ronald Weasley und Hermine Granger. Beide Gryffindor. Wiesel, Granger, das ist Leon Snape, Sohn von Severus Snape. Er hat bisher in Neuseeland gelebt und kam erst vor ein paar Tagen zu uns.“

„Hallo.“, kam es von Leon.

Ron und Hermine sagten erst einmal nichts. Ab dem Moment, als Draco Leons Nachnamen ins Spiel gebracht hatte, waren sie sprachlos. Waren sie sich vorher noch ziemlich sicher gewesen, dass der Junge Harry war, so waren sie nun fast vom Gegenteil überzeugt.

„Seit wann hat Professor Snape einen Sohn?“, wollte Hermine schließlich wissen. „Und ist er wieder da?“

„Seit dem 21. Juni 1982.“, kam es von Lucius. „Auch wenn er es noch nicht so lange weiß. Und nein, im Moment ist er nicht wieder zurück.“

„Oh.“, war Hermines einziger Kommentar.

Mehr konnte keiner dazu sagen, denn der Pfiff, der sie nun unterbrach, deutete an, dass der Zug in einer Minute abfuhr.

„Mach´s gut, Leon! Wir sehen uns im Sommer!“, umarmte ihn der Blonde und nickte seinem Vater dann zu.

Und schwupp waren alle weg. „Komm, Leon, gehen wir nach Hause.“, griff Lucius nach der Schulter des Schwarzhaarigen und disapparierte mit ihm.

Sie besuchten Severus noch im Krankenhaus, dann waren sie am frühen Nachmittag wieder im Manor. Leon entschied, dass er mit dem Zaubern noch warten wollte, bis sein Vater auch dabei war und ließ sich lieber Geschichten erzählen. Lucius erzählte Leon ein wenig mehr aus der Zauberwelt, sprach über verschiedene politische Einstellungen, über seine eigene Stellung in der Zauberwelt und die Möglichkeiten, die Leon hier hatte, aber auch die Einschränkungen. Auch Severus entstammte einer alten Familie und sie hatten bestimmte Traditionen und Gepflogenheiten, die schwer abzustellen waren. Leon lernte viel an diesem Abend und ihm schwirrte der Kopf, als er gegen neun Uhr ins Bett ging. Eigentlich hatte er an Matt und Rosalyn schreiben wollen, aber er fand es schwer, etwas zu erzählen, ohne ihre Welt preiszugeben. Daher entschied er, mit dem Brief noch ein wenig zu warten. In den folgenden Tagen machte Lucius mit seinem Unterricht weiter, Geschichte der Zauberei, Politik und Etikette standen für Leon auf dem Stundenplan, wenn sie nicht gerade im Mungo waren.

 

Eine Woche später war Severus dann endlich entlassen worden. Der Tumor war völlig geheilt und auch die meisten Folgen der Folter und des Komas waren verschwunden. Eine leichte Herzschwäche würde ihm jedoch bleiben, aber damit konnte er gut leben, solange er kein Leistungssportler werden wollte. Er musste auf seine Ernährung achten, genau wie sein Sohn, da auch bei Leon einige Reste verblieben, die die Heiler nicht heilen konnten. Severus bezog das Zimmer gegenüber von Leon, das neben Lucius. An ihrem ersten gemeinsamen Abend saßen sie gemütlich vor dem Kamin im Salon und die beiden Snapes tranken Tee, während Lucius ein Glas Cognac schwenkte. Leon saß auf dem Boden, auf einem kuschlig weichen Fell, das sein Lieblingsplatz geworden war in den letzten Tagen. Sein Kopf lehnte auf Severus´ Knie und er lauschte der leichten Unterhaltung der beiden Erwachsenen. Diese wandte sich nach und nach ernsteren Themen zu.

„Wie hast du uns eigentlich gefunden?“, wollte Severus schließlich wissen.

„Wenn ich damals schon geglaubt hätte, dass du auf der gleichen Seite stehst wie ich, wäre es sicher anders gekommen. Ich habe Albus die Informationen geliefert, die ich bekommen habe, aber es wurde nichts bekannt, wohin Harry Potter verschwunden ist. Albus hatte immer den Verdacht, dass er von Todessern entführt wurde, aber ich habe nichts gefunden. Da warst du scheinbar schneller. Erst im Oktober habe ich durch Zufall ein Gespräch zwischen Nott senior und Crabbe senior belauscht, als ich bei der Familie Nott zum Essen eingeladen war. Dabei habe ich herausgehört, dass es zwei Gefangene im Keller gibt. Ich habe es geschafft, ein starkes Schlafmittel in den Wein zu geben und habe selber das Gegenmittel geschluckt. Als alle geschlafen haben, bin ich in den Keller und habe euch den Portschlüssel gegeben. Anschließend bin ich wieder nach oben, damit die Hauselfen nichts mitbekommen, habe gewartet, bis das Gegenmittel seine Wirkung verliert und meinen Wein ausgetrunken. Sie haben nie auch nur einen Verdacht gehabt, dass ich derjenige gewesen sein könnte, der euch befreit hat.“, berichtete Lucius leise. „Sobald ich es unauffällig arrangieren konnte, bin ich dorthin, wo der Portschlüssel hingehen sollte, aber ihr beiden wart nicht dort. Seither suche ich euch. Ich bin froh, dass Draco euch gefunden hat.“

„Dad, was genau ist mit mir passiert?“, forderte Leon nun.

„Leon, ich weiß nicht, ob ich es dir wirklich komplett erzählen soll. Ich will dir das nicht antun und auch mir fällt es schwer, darüber zu reden. Bist du mit einer Zusammenfassung einverstanden?“, fragte Severus. Leon nickte nach einem Moment. „In Ordnung. Ich weiß, Draco hat dir die Erlebnisse von Harry Potter in seinen ersten beiden Jahren in Hogwarts geschildert. Nun, du – oder besser Harry – hat in der Kammer nicht nur einen Basilisken getötet, wie allgemein bekannt ist, sondern der Lord hat es geschafft, wieder einen Körper zu bekommen. Ein magisches Ritual hat es geschafft. Du hast ihm den Körper wieder genommen, seinen Horkrux vernichtet. Ein Horkrux ist ein Stück von einer Seele, das außerhalb des Körpers aufbewahrt wird. Dadurch wurde Dumbledore scheinbar erst darauf aufmerksam, wie der Lord unsterblich wurde. Jedenfalls habe ich herausgefunden, dass es einige Todesser gab, die dich leiden lassen wollten für den Tod ihres Lords. Einer hat seinen Sohn mit einem Portschlüssel ausgestattet. Der hat ihn dir in der Schule untergeschoben und du bist direkt im Kerker der Familie Nott gelandet. Das war Ende Juni, nur zwei Tage nach den Ereignissen in der Kammer. Zunächst dachten alle, du bist weggelaufen wegen der Ereignisse in der Kammer, doch als du nach den Ferien nicht aufgetaucht bist, machten sich alle Sorgen. Dumbledore hat mich losgeschickt, Informationen einzuholen. Erst konnte ich nichts finden, aber Mitte September habe ich durch Zufall Theodore Nott in mein Büro bestellt. Dabei machte er eine Bemerkung, die mich stutzig werden ließ und ich habe sein Gedächtnis untersucht, dabei herausgefunden, dass er für dein Verschwinden verantwortlich war. Unter einem Vorwand bin ich zu seinem Vater und er dachte, er täte mir einen Gefallen, als er mir dich zeigte. Ich konnte mein Gesicht nicht wahren, konnte dich nicht noch weiter verletzen. Das hat mich verraten, als Spion tauge ich nun wohl nicht mehr. Daraufhin hat er mich überwältigt. Nicht er alleine, Crabbe und Goyle waren auch dabei, ebenso Bellatrix. Sie haben mich zu dir in den Keller gesperrt und mit mir die gleichen … Spielchen durchgezogen. Es tut mir leid, dass ich dich nicht schützen konnte. Deshalb bin ich eigentlich froh, dass du dich nicht mehr erinnerst.“

Severus´ Stimme brach am Ende. Leon hatte Tränen in den Augen, als er aufstand und seinen Vater umarmte.

„Ich hab dich lieb, Dad.“, murmelte er gegen Severus´ Brust.

Er spürte, wie sein Vater zitterte, als er in dieser Erinnerung gefangen war. Ja, wahrscheinlich war es besser so, wenn er nichts mehr davon wusste, aber warum traf es seinen Dad so sehr?

„Alles okay, Dad?“, fragte er daher leise.

„Es geht schon.“, war die leise Antwort. „Ich … Leon, ich habe dich früher wirklich mies behandelt. Ich habe mich leiten lassen vom Hass auf James, deinem Vater wie wir alle dachten, der mich in meiner Schulzeit gequält hat. Ich schätze, ich habe nie gesehen, dass du nicht er bist, mir alles zu Recht geredet. Ich hatte einen Hass auf James, nicht nur, weil er mich quälte, sondern weil er mir auch noch Lily weggenommen hat. Sie war immer wie eine kleine Schwester für mich. Ich kannte sie von klein auf, habe ihr erklärt, was es mit ihren Fähigkeiten auf sich hatte. Ihre Eltern waren Muggel. Und dann habe ich im Zorn auf James einen Fehler begangen, der sie mir genommen hat. Wir haben uns später wieder angenähert und sie kam eines Tages zu mir, als sie Streit mit James hatte. Wir haben getrunken und ich vermute, das muss die Nacht gewesen sein, in der du gezeugt wurdest. Ich kann mich nicht erinnern und ich hätte auch nie etwas mit einer verheirateten Frau angefangen, wenn ich es bewusst hätte steuern können, aber ich bereue es nicht, denn du bist das Beste, was mir je passiert ist, Leon. Als die Todesser mich in diesen Kerker brachten, brach die ganze Fassade für mich zusammen, mein Hass – den ich mir immer zwanghaft eingeredet hatte – war weg, einfach verpufft. Du warst verletzt, dein Körper zeigte die Spuren wochenlanger Foltern und doch hast du mit einem Blick zu mir gesehen, den ich nicht vergessen kann. Du hast gekämpft, hättest dich von mir quälen lassen. Sie haben dich präsentiert wie ein neues Spielzeug, gaben mir die Möglichkeit, dich zu foltern und … Ich konnte es nicht. Du hast leise den Kopf geschüttelt, hast mir in die Augen gesehen und ich konnte deine Gedanken in diesem Moment deutlich erkennen. Du wolltest nicht, dass ich deinetwegen meine Tarnung aufgebe. Du hättest all das ertragen, um mich zu schützen, obwohl du schon so viel durchmachen musstest. Ich habe zu lange gezögert, da hat Bellatrix erkannt, dass ich nicht auf ihrer Seite stehe und sie haben mich entwaffnet und ebenfalls gefoltert, zu dir gesperrt. Du musstest zusehen, wie sie mich folterten, nur um dich zu quälen, da sie merkten, dass es für dich viel schlimmer war, weil sie dir einredeten, für meine Qualen verantwortlich zu sein. Deine innere Stärke hat uns beide am Leben gehalten. Darum will ich nicht, dass du dich erinnerst. Du hast ein neues Leben verdient.“

Stockend hatte Severus gesprochen, fast tonlos, immer wieder durch ein Schluchzen unterbrochen. Leon hielt ihn fest, oder er hielt sich an ihm fest, das war nicht zu erkennen. Die beiden gaben einander Kraft, die Erlebnisse zu überstehen.

„Du auch. Du hast auch ein neues Leben verdient, Dad.“, wisperte Leon schließlich.

„Leon, Severus. Ich denke, das reicht erst einmal. Ich hole euch einen Beruhigungstrank, dann geht ihr schlafen. Ihr beide habt ein neues Leben mehr als verdient. Dafür werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Wenn ihr etwas braucht, dann sagt Bescheid.“, meldete sich Lucius am Ende zu Wort.

Er rief nach einem Elfen und ließ sich zwei Beruhigungstränke holen, die er den beiden gab.

„Danke, mein Freund.“, flüsterte Severus und schluckte den Inhalt der Phiole.

„Danke, Onkel Luc!“, umarmte Leon ihn und nahm ebenfalls einen Schluck.

 

 

In dieser Nacht schlief Leon zum ersten Mal, seit sie aus Neuseeland zurück waren, wieder mit Alpträumen. Lucius bemerkte das leise Wimmern, als er selber etwa zwei Stunden später ins Bett gehen wollte. Leise öffnete er die Zimmertür von Leon und weckte den Jungen auf, als er sah, wie er sich unruhig durch seinen Traum quälte. Er nahm den kleinen Schwarzhaarigen in seinen Arm und hielt ihn fest. Wie immer konnte Leon sich nicht genau erinnern, was er geträumt hatte, es waren nur einzelne Erinnerungsfetzen vorhanden. Während Lucius ihn hielt und Leon langsam wieder in den Schlaf glitt, dachte der Blonde über seine Gefühle nach. Er war völlig überrumpelt gewesen, als Leon ihn früher am Abend als ‚Onkel‘ angesprochen hatte. Hatte der Junge das von Draco übernommen, der Severus schon immer als Onkel angesprochen hatte? Bedeutete es, dass er selber Leon schon so wichtig war? Es hatte ihn glücklich gemacht, und gleichzeitig traurig. Der Kleine hatte so viel durchgemacht und außer Severus war eigentlich niemand da, der dem Jungen nahestand. Er selber wollte es gerne, aber er wusste auch, wenn der Junge sich nicht so sehr verändert hätte, wäre das hier absolut unmöglich. Potter hatte ihn immer gehasst, seit er ihn gesehen hatte. Damals hatte er seine Rolle spielen müssen, genau wie Severus, um als Spion nicht aufzufliegen. Sie hatten immer gewusst, dass der Lord wiederkommen würde. Da durften sie sich keine Schwäche erlauben. Auch jetzt eigentlich nicht, aber Leon war nicht Harry Potter. Doch wenn der Junge sich erinnern sollte, würde sich dann alles ändern? Lucius wusste, dass es immer wieder vorkam, dass Menschen, die unter einer Amnesie litten, sich wieder erinnern konnten und dann alles vergaßen, was dazwischen passiert war. Es würde Severus umbringen, falls das passierte. Wenn Leon wieder zu Harry wurde.

Innerlich seufzend legte er den tiefschlafenden Jungen eine halbe Stunde später wieder in sein Bett und deckte ihn zu, ließ aber die Türe offen, damit er ihn hören konnte, sollte etwas sein. Dann warf er noch einen Blick zu Severus, der einen ähnlichen Anblick bot wie Leon vor einer Stunde. Der Tränkemeister warf sich im Bett herum und zitterte, presste die Lippen aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben. Selbst im Schlaf war er absolut beherrscht. Wahrscheinlich war er wieder in dem Keller der Notts. Das würde ihn so schnell sicher nicht loslassen. Wieder seufzte Lucius auf, trat dann aber zum Bett und rüttelte an der Schulter seines Freundes. Schreiend fuhr Severus hoch und starrte den Blonden mit schreckgeweiteten Augen an, bevor er zitternd zusammensackte, eine Hand auf seinen Brustkorb gelegt.

„Severus!“, rief der Hausherr erschrocken.

Der öffnete die Augen. „Erschrick mich nie wieder so.“, hauchte er.

„Alles in Ordnung? Ich war eben bei Leon, der hatte Alpträume, dann dachte ich, ich seh‘ mal nach dir und finde dich ebenso. Deshalb wollte ich dich wecken.“, erklärte der Blonde.

„Es geht schon, aber einen Moment lang war ich wieder da.“, gestand Severus.

„Soll ich Devon holen?“, wollte Lucius wissen.

„Nein. Es geht schon wieder. Aber kümmere dich bitte um Leon, ich schaffe das gerade nicht.“, wisperte Severus.

„Ich hatte vor, morgen, oder wohl eher heute, mit ihm seine Magie kennenzulernen. Sollte er zurück nach Hogwarts wollen, muss er zumindest die Grundlagen der ersten beiden Jahre beherrschen und er sollte auch lernen, seine Magie zu kontrollieren, ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn wir sie blockieren. Das hast du lange genug gemacht. Ruh dich aus und nimm dir Zeit, Severus. Ich bin da und kümmere mich um den Kleinen.“, versprach Lucius. „Und Severus, du solltest diejenigen anzeigen, die dich gefoltert haben, dann kannst du auch öffentlich aussagen, dass Harry Potter tot ist. Das wird Leon sicher Einiges ersparen.“

„Vielleicht hast du Recht, Lucius. Ich werde zu Kingsley gehen damit.“, flüsterte der Schwarzhaarige.

„Ich werde da sein. Aber wir sollten Leon raushalten, das wird zu viel für den Kleinen.“, bestimmte Lucius und Severus nickte leise, bevor er seine Augen wieder schloss.

Lucius beobachtete den Tränkemeister noch einen Moment, dann verließ er den Raum und ging nun auch in sein Bett, immerhin war es inzwischen zwei Uhr morgens. Er hatte, nachdem die beiden Snapes ins Bett gegangen waren, noch eine Weile in seinem Arbeitszimmer verbracht und versucht, die liegengebliebene Arbeit aufzuholen. Leon und Severus waren ihm wichtig, sehr wichtig sogar, aber er konnte seine Arbeit auch nicht komplett vernachlässigen, er war Geschäftsmann, wenn er auch nur im Hintergrund tätig war. Auch politisch war er sehr engagiert, doch seine Ambitionen in diese Richtung konnte er momentan nicht ausleben, nicht solange noch eine Möglichkeit bestand, dass der dunkle Lord zurückkehren könnte. Ihnen fehlten noch drei Horkruxe. Zu ihrem Glück hatte Dumbledore vor seinem Tod wenigstens noch herausgefunden, um was es sich dabei handelte: die Schlange, ein Medaillon von Slytherin und das verschollene Diadem von Rowena Ravenclaw. Wo sich diese befanden, das wussten sie allerdings nicht. Er hatte angefangen, Erkundigungen einzuziehen, doch er musste sehr behutsam vorgehen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Das Mal schmerzte immer wieder und zeigte damit deutlich, dass der Lord dabei war, wieder zu erstehen. Etwas, das er vermeiden wollte, aber wohl nicht konnte, so wie es momentan aussah. Bis es soweit war, wollte er seinem Sohn ein möglichst normales Leben ermöglichen, Draco sollte nicht in Angst aufwachsen. Inmitten dieser Gedanken übermannte ihn der Schlaf und er träumte auch nicht besonders gut in dieser Nacht, der Lord beherrschte seine Träume und verlachte seine Versuche, die Horkruxe zu vernichten.

 

Am nächsten Morgen war ihm davon nichts mehr anzumerken. Wie immer saß er gegen acht Uhr am Frühstückstisch und las den Tagespropheten. Er trank nur seinen Kaffee, während er auf seine Gäste – oder vielleicht eher Mitbewohner – wartete. Wenigstens mit ihnen gemeinsam frühstücken wollte er. Danach würde er sehen, was bei Leon noch an Zaubern vorhanden war, wenn auch unbewusst. Sie mussten einen Weg finden, dass der Kleine seine Magie unter Kontrolle bekam, bevor etwas passierte, was ihm Schuldgefühle einbrachte. Das war Harry Potter und Leon Snape gemeinsam, so wie es Lucius einschätzte.

Zwei Stunden später waren sie zu dritt im Trainingsraum. Lucius ließ die Waffen verschwinden, man musste Unfälle ja nicht heraufbeschwören.

„Gut, Leon. Dann wollen wir mal sehen, wie deine Magie arbeitet. Nimm deinen Zauberstab und richte ihn auf diese Feder. Dann konzentriere dich darauf und sag: ‚Wingardium leviosa‘. Lass dich nicht irritieren, wenn erstmal nichts passiert. Das ist in Ordnung, wir fangen gerade erst an. Bereit? Dann los.“, kommandierte Lucius und legte eine Pfauenfeder vor Leon auf den Boden.

Leon schloss kurz die Augen, sah dann zu seinem Vater, der ihm zunickte. Dann erst konzentrierte er sich auf die Feder, deutete mit dem Zauberstab auf sie. „Wingardium leviosa.“

Es gab einen kurzen Knall und die Feder war oben an der Decke. Erschrocken schnappte Leon aus seiner Konzentration und die Feder segelte sanft zu Boden.

„Sehr gut. Du hast es wirklich gut gemacht. Nur hast du ein bisschen zu viel Energie verwendet, aber das lernst du mit der Zeit schon, die Zauber zu dosieren!“, lächelte Lucius.

Auch Severus nickte ihm aufmunternd zu. Man sah ihm an, dass er stolz war, sein Sohn brauchte noch nicht einmal eine gerichtete Bewegung für einen so starken Zauber, aber ebenso deutlich sah man die Anspannung in dem ausgemergelten Körper. Den ganzen Vormittag machten sie immer weiter und mit der Zeit schaffte es Leon mit Leichtigkeit, die Magie zu dosieren. Danach hatte er dann auch Spaß an den Zaubern und traute sich immer komplexere Zauber. Lucius bremste seinen Enthusiasmus irgendwann, damit sie etwas essen konnten. Leon selber war kein großer Esser und hatte auch keinerlei Hungergefühl und Severus hatte ebenfalls Schwierigkeiten seit der Gefangenschaft und vor allem seit der Chemotherapie. In der Zeit, die er zuletzt im Krankenhaus verbracht hatte, war alles, was er gegessen oder getrunken hatte, erbarmungslos wiedergekommen. Sein Körper hatte es loswerden wollen, eine Nebenwirkung der der Chemotherapie. Seitdem hatte auch er kaum Appetit und wollte nicht gerne essen. Lucius hatte es sich zur Aufgabe gemacht, darauf zu achten, dass sich beide gesund und regelmäßig ernährten. Während sie aßen, machte er Leon auf etwas aufmerksam.

„Hör zu, Leon, so lange du noch nicht volljährig bist, wird deine Magie registriert. Das passiert automatisch, sobald du dich hier in England aufhältst, egal ob vorübergehend oder dauerhaft. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie lange das auf dir bleiben wird, da dein Körper eigentlich älter ist, aber normalerweise bis du siebzehn bist. Hier im Haus kannst du zaubern, ebenso im Garten, da mein Anwesen geschützt ist und das Ministerium die Magie hier nicht registrieren kann, aber das gilt nicht außerhalb meines Grundstückes. Daher will ich dich bitten, nur zu zaubern, wenn du hier bist. In Hogwarts darfst du natürlich auch zaubern, da sollst du es ja lernen. Das ist auch noch so eine Frage: möchtest du ab Herbst mit nach Hogwarts gehen? Du musst das nicht sofort entscheiden, aber denk darüber nach. Wenn du es willst, dann müssen wir dich dort anmelden.“

„Lucius hat Recht, Leon. Überleg dir, ob du das willst oder ob wir dich privat unterrichten sollen.“, unterstützte Severus seinen Freund. „Ich schätze, ich werde auch wieder nach Hogwarts gehen, das Unterrichten fehlt mir.“

„Ich würde gerne dahin gehen. Draco hat mir viel erzählt und er ist da, und wenn du, Dad, auch da bist, dann will ich dahin.“, entschied Leon.

„Überlege es dir noch ein paar Tage und entscheide dich dann. Mach das, was du für dich am besten empfindest. Was für dich richtig ist, ist auch für uns in Ordnung.“, bremste Lucius, der das Gefühl hatte, Leon sagte das gerade nur, damit er seinen Vater glücklich machen konnte.

Leon nickte, aber er war sicher, dass es seine Entscheidung bleiben würde. Er wollte wieder ein normales Leben und dazu gehörte für einen Jugendlichen nun einmal die Schule. Sie aßen gemeinsam und in Ruhe zu Ende, setzten sich dann in den Salon. Lucius hatte seine Elfen beauftragt, den Kamin anzufeuern und brennen zu lassen, da er gesehen hatte, wie schnell Severus kalt wurde. Kein Wunder, so abgemagert wie der Tränkemeister war. Die nächsten Stunden brachten sie nun damit zu, Leon ein wenig Grundlagen über Kräuterkunde und Zaubertränke zu geben.

So vergingen die nächsten Wochen, in denen Leon von Lucius und Severus unterrichtet wurde. Leon erlernte die ersten beiden Schuljahre komplett neu und sie wussten, er würde es nie schaffen, mit Draco zusammen in die fünfte Klasse zu gehen. Die Magie könnte er leicht schaffen, aber das Grundwissen dazu fehlte ihm einfach und das schaffte er nicht in den verbleibenden zweieinhalb Monaten. Leon schrieb Draco regelmäßig, berichtete von seinem Unterricht und von Ausflügen, die er mit Lucius und Severus machte. Sie waren nach Godrics Hollow appariert und Leon hatte das Grab von Lily und James Potter besucht. Einige Besuche in der Winkelgasse hatten dafür gesorgt, dass er inzwischen wahrscheinlich ebenso viel Kleidung wie Draco hatte. Auch seine Bücher für Hogwarts hatte er bereits, zumindest von den ersten beiden Jahren. Damit konnte er selbständig lernen, da Lucius seine eigene Arbeit schon lange vernachlässigt hatte wegen ihm und Severus war damit beschäftigt, Tränke zu brauen. Außerdem richtete er sein Haus wieder her, damit er und Leon auch ein Zuhause bekamen. Auch wenn Lucius sie gerne weiter beherbergte, Severus fühlte sich auf Dauer nicht wohl damit.

Dann kam der 21. Juni und damit Leons dreizehnter Geburtstag. Wie meistens schlief Leon bis kurz vor acht Uhr, stand dann auf und ging in das Bad, das zu seinem Zimmer gehörte, duschte sich und zog sich an. Da es ein Mittwoch war, konnte Draco nicht kommen, vor allem, weil er in dieser Woche Prüfungen hatte. Aber er hatte ein Paket geschickt, Süßigkeiten und Bücher, die er wohl bei seinem letzten Besuch in Hogsmeade besorgt hatte. Leon freute sich sehr darüber, als er das Paket am Frühstückstisch fand. Auch Lucius und Severus hatten ihm Geschenke hingestellt und die Hauselfen hatten einen leckeren Kuchen gebacken. Während sie noch am Tisch saßen und den Kuchen aßen, klopfte es an der Tür. Die Hauselfen meldeten einen Muggel, daher ging Lucius selbst die Türe öffnen.

„Entschuldigung, Sir, wohnt hier vielleicht ein Leon Snape?“, wollte der Mann in Uniform wissen. „Ich habe ein Paket für ihn.“

Lucius nickte ihm freundlich zu und drehte sich halb um. „Leon, Post für dich!“, rief er in Richtung Speisezimmer.

Der Schwarzhaarige streckte neugierig seinen Kopf aus der Tür und kam dann zu Lucius. Der Postbote fragte ihn noch einmal, ob er Leon Snape sei, was er natürlich bestätigte. Da bekam er ein buntes Päckchen. Er warf einen Blick auf den Absender und jubelte.

„Von Rosalyn und Matt!“, freute er sich.

In den letzten Wochen hatte er auch immer wieder nach Neuseeland geschrieben und Lucius hatte sich einen Muggelbriefkasten zugelegt, damit die Antworten auch ankamen. Jetzt wusste er, dass es eine gute Idee gewesen war, als er Leons freudestrahlende Augen sah. Er bedankte sich bei dem Postboten und folgte einem aufgedrehten Leon in das Speisezimmer zurück. Schmunzelnd beobachteten die beiden Erwachsenen, wie sich Leon zum ersten Mal altersgerecht benahm und das Papier von den Geschenken fetzte. Lucius hatte ihm einen Festumhang geschenkt, den er sicher noch brauchen würde, dazu eine eigene Eule, ein Käuzchen, damit er auch seine Post verschicken konnte, wenn er im Herbst nach Hogwarts ging, denn das hatte er inzwischen fest vor. Von seinem Vater bekam er einen Besen, einen Feuerblitz, denn Leon flog sehr gerne, hatte dafür bisher Dracos alten Besen genutzt. Die beiden Ärzte schickten ihm einige Bilder aus ihrer Zeit in Neuseeland, die sie in ein Album geklebt und mit kleinen Anmerkungen versehen hatten, dazu ein Bild von sich in einem hübschen Rahmen, das Leon auf seinen Schreibtisch stellen konnte. Inzwischen wussten die beiden auch, dass es Severus wieder gut ging, dass die Behandlung anschlug und er wieder mehr Zeit zuhause verbringen konnte.

„Danke, Onkel Luc, danke Dad!“, umarmte Leon beide Männer nacheinander.

„Gern geschehen, Leon.“, antworteten beide fast gleichzeitig, was Leon kichern ließ.

So ausgelassen hatten sie ihn noch nie gesehen. Er wirkte einfach nur wie ein glücklicher Dreizehnjähriger, daran konnte heute nichts etwas ändern, wie es schien. Das Training und der Unterricht entfielen heute, Leon durfte sich vormittags austoben auf seinem neuen Besen. Danach hatte Lucius einen Tisch in einem exklusiven Restaurant in London bestellt, da er wusste, wie gerne Leon Lamm aß, das er in Neuseeland kennengelernt hatte. Außerdem wusste er, dass sie dort Pavlova als Dessert servierten, auch typisch für Neuseeland. Für den nächsten Tag hatte sich Besuch angekündigt, aber der heutige Tag gehörte ganz und gar Leon. Der Junge schien das Essen so richtig zu genießen und griff deutlich besser zu als sonst immer. Auch Severus aß zum ersten Mal seit Monaten wieder mit Appetit. Es war richtig gewesen, Leon zwar zu sagen, was passiert war, aber die Details auszusparen. Davon war Severus nun überzeugt. Man konnte es Leon ansehen.

In der Zauberwelt hatte es sich nun auch herumgesprochen, dass Lucius Malfoy ziemlich allergisch reagierte, wenn Leon Snape mit Harry Potter verwechselt wurde, daher wurden sie nun nicht mehr belästigt. Auch wenn es immer wieder neugierige Blicke in ihre Richtung gab, aber das konnte selbst Leon inzwischen ignorieren. Es schien, dass er immer mehr in sich selbst ruhte, je besser er seine Magie in den Griff bekam. Er war viel selbstsicherer und ruhiger geworden in den letzten Wochen. Er würde sicher nie so werden wie Draco und auf jeden zugehen, aber er wirkte nun angekommen. Leon schien nun entspannt, was seine Vergangenheit betraf. Es störte ihn nicht mehr, dass er sich nicht erinnern konnte. Vielleicht würde es eines Tages wiederkommen, aber dieses Wissen belastete ihn im Moment nicht, er nahm es, wie es war. Auch seine Alpträume waren nun deutlich weniger geworden, auch wenn er immer noch hin und wieder diese Bilder aus seiner, nein aus Harrys, Vergangenheit sah. Es war, als wären Harry Potter und Leon Snape zwei völlig verschiedene Menschen, die nur zufällig den gleichen Körper nacheinander benutzten. Die Ähnlichkeit zu James Potter war nicht mehr sichtbar, seit der Jugendliche seine Haare kurz hielt und eine Brille trug, die deutlich besser zu ihm passte. Die schwarzen Haare und die runde Brille hatten die Ähnlichkeit ausgemacht, ansonsten hatte auch Harry nicht viel mit seinem angeblichen Vater gemeinsam gehabt.

Aber Leon hatte auch Severus Snape verändert. Der Tränkemeister war lange nicht mehr so kalt und abweisend wie früher. Er würde nie so anschmiegsam werden, wie Leon es war, aber er freute sich über Leons Umarmungen und ging auch von sich aus auf seinen Sohn zu. Lucius freute sich heimlich, wie zufrieden nun auch sein Freund wirkte. Man konnte ihm die Ereignisse zwar immer noch ansehen, er hatte bisher kaum zugenommen und war immer noch schreckhaft, wenn er plötzlich angesprochen oder angefasst wurde, aber ansonsten wirkte er gelassen und hatte offenbar seine Erlebnisse hinter sich gelassen. Nur die Herzschwäche würde ihm wohl bleiben, genauso wie die Schwierigkeiten, Zucker, Fett und Alkohol zu verarbeiten, da seine Leber schwer geschädigt gewesen war. Das hatte nicht einmal Devon heilen können. Das galt auch für Leon, zu fettes Essen oder Alkohol waren für ihn tabu, das würde seinem Bauch nicht gut bekommen. Doch da waren beide sehr vernünftig und sie hielten sich strikt an ihre Diät.

Nach dem Essen schlenderten sie durch den Hyde-Park und hörten einem Open-Air-Konzert zu, genossen die sanften Klänge von Mozart, Bach und Beethoven. Selbst Leon, der sonst nichts mit klassischer Musik anfangen konnte, fand Gefallen daran. Als Abschluss aßen sie schließlich noch ein Eis, bevor sie sich einen Platz suchten, von wo sie apparieren konnten, wobei Lucius Leon mitnehmen würde, da Severus genug mit sich selbst zu tun hatte. Sein Körper war immer noch geschwächt, auch wenn es ihm nun schon sehr viel besser ging.

Lucius kannte einige Stellen in dem Park, von wo aus sie apparieren konnten, doch soweit kamen sie nicht. Er merkte nicht einmal, dass Severus zurückblieb, da er gerade eine intensive Diskussion mit Leon über die momentane Politik von Fudge führte. Der blieb weiterhin auf dem Standpunkt, dass Harry Potter den Unnennbaren (der Minister weigerte sich immer noch strikt, ihn beim Namen zu nennen) endgültig besiegt hatte. Lucius ging davon aus, dass er seine Wähler nicht verärgern wollte, doch Leon war anderer Meinung, er glaubte, dass Fudge schlicht und einfach Angst hatte und daher die Tatsachen verleugnete. Angst, weil weder Dumbledore noch Harry Potter zur Stelle wären, sollte er tatsächlich zurückkommen. Erst, als sie hinter sich einen Aufprall hörten, bemerkten sie, dass Severus nicht mehr neben ihnen ging. Er war erschöpft zusammengebrochen.

„Dad!“, rannte Leon zu ihm.

Severus war erneut extrem blass und schweißgebadet. Seine linke Hand lag verkrampft auf dem Brustkorb und er bekam kaum Luft, seine Lippen waren schon blau angelaufen. Hektisch versuchte er zu atmen, dabei wurde es aber extrem oberflächlich. Leon half ihm, sich aufzurichten und setzte sich hinter ihn, damit er sich anlehnen konnte. Beruhigend redete er auf seinen Vater ein, damit sich die Atmung langsam stabilisierte. Einige Muggel standen bereits um sie herum und redeten hektisch auf sie ein. Das machte die Sache auch nicht besser, denn je mehr los war, umso hektischer wurde Severus´ Atmung.

„Treten sie zurück und geben sie ihm Raum!“, wandte sich Lucius ziemlich eisig an die Neugierigen, die jedoch keinerlei Anstalten machten, dem Befehl Folge zu leisten.

Im Gegenteil, es wurde immer enger und Severus bekam kaum noch Luft. Wütend sah Leon auf die Menge und fauchte leise. Plötzlich verfinsterte sich der Himmel genau über ihnen und die Leute standen in einem eiskalten Platzregen, der aber nur über der Menge war, die drei Zauberer blieben trocken. Schnell waren die Leute verschwunden und Leon wurde wieder ein wenig ruhiger, bis er das Gesicht seines Vaters sah. Lucius bat ihn, bei Severus zu bleiben, er wollte Devon holen. Nach wenigen Momenten war der Blonde mit dem Heiler zurück. Sie sahen sich um, niemand war mehr zu sehen, es regnete immer noch um sie herum. Der Heiler hielt Severus fest am Arm und Lucius schnappte sich Leon, dann disapparierten beide.

 

 

Devon hatte Severus schnell wieder auf die Beine bekommen, aber dieser Vorfall hatte Severus gezeigt, dass er sich mehr schonen musste. Severus hasst diese Schwäche, aber er konnte nichts daran ändern. Niemand konnte das. Er war stolz auf Leon, der ruhig geblieben war, und seine Art, die Menge zu vertreiben, war im Nachhinein betrachtet, recht amüsant gewesen. Es hatte eine kleine Meldung in einer Muggelzeitung gegeben, aber da sie in England waren, fand es niemand sonderlich seltsam. Doch erneut hatte sich gezeigt, wie stark Leons Magie war, er hatte sogar Einfluss auf das Wetter, und das völlig unbewusst. Während Severus sich ausruhte, nutzte Leon die Chance und trainierte wieder mit Lucius. Zaubern machte ihm Spaß und die meisten Zauber fielen ihm sehr leicht. Selbst die dunkle Magie, die er von Lucius lernte, war nicht sehr viel schwerer als die helle. Wobei Leon der Meinung war, die Trennung der beiden Magiearten sei absoluter Quatsch, denn die Magie an sich war weder gut noch böse. Man konnte auch mit weißmagischen Zaubern foltern und töten, und es gab auch schwarzmagische Heilzauber. Also war eigentlich alles absoluter Blödsinn. Aber es war vom Ministerium festgelegt und nur weißmagische Zauber wurden in Hogwarts gelehrt. Auch in den anderen europäischen Zauberschulen wurde das fast ausschließlich so gehandhabt, nur Durmstrang machte eine Ausnahme, dort wurde in den beiden letzten Jahren auch dunkle Magie unterrichtet.

Am Tag nach Leons Geburtstag kam die Schulleiterin, Minerva McGonagall, zu Besuch ins Manor. Lucius hatte sie eingeladen, damit sie den Schulbesuch von Leon besprechen konnten. Der Junge war inzwischen angemeldet, aber Lucius hatte der Rektorin gegenüber angedeutet, dass es gewissen Gesprächsbedarf deswegen gab, da hatte sie einem Besuch zugestimmt. Vor allem, als sie den Nachnamen ihres neuen Schülers erfuhr. Lucius und Severus hatten lange diskutiert, inwieweit McGonagall eingeweiht werden sollte. Bis zu einem gewissen Punkt musste sie eingeweiht werden, ebenso Poppy, da es durchaus denkbar war, dass Leon den einen oder anderen Flashback bekam. Gerade in Hogwarts, das er zwei Jahre lang als Zuhause angesehen hatte. Aber sollte sie wissen, dass Leon früher Harry Potter war? Oder nur, dass er eine schwere Zeit hinter sich hatte und unter Gedächtnisverlust litt? Leon war unentschlossen, da er nicht wusste, wie er die Rektorin einschätzen sollte. Sein Vater hatte ihm ein paar Dinge erzählt, wie er ihr Verhältnis gesehen hatte, aber da er damals eine andere Sichtweise auf den Jungen gehabt hatte, war er sich nicht sicher, inwieweit das Ganze zutraf.

Leon war ziemlich nervös. Severus war noch nicht richtig fit, lag im Salon auf dem Sofa und Devon hatte ihm zusätzlich Sauerstoff gegeben. Es schien, als würde sein Herz immer noch nicht richtig arbeiten, aber erst jetzt schonte er sich auch. Er hatte die Warnung, den Zusammenbruch, offenbar ernst genommen. Devon hatte ziemlich deutliche Worte gesprochen und ihm klar gemacht, dass er nicht so weitermachen konnte, wenn er noch mehr Zeit mit Leon haben wollte. Erst danach akzeptierte Severus, dass sein Körper nicht die Leistung bringen konnte wie früher. Jetzt warteten sie darauf, dass Professor McGonagall auftauchte. Sie hatte sich um zwei Uhr nachmittags angemeldet, jetzt war es etwa zehn Minuten vor zwei. Immer wieder wanderte Leons Blick zum Kamin und dann zurück auf den Boden vor seinen Füßen. Er hatte Angst, weil er nicht wusste, was ihn erwartete. Auch wenn die Erwachsenen es nicht wussten, er hatte mitbekommen, worüber sie diskutierten, konnte aber beide Seiten verstehen. Ihm selber hatte Lucius nur gesagt, dass es die beiden Möglichkeiten gab und sie nicht sicher waren, wie weit sie gehen sollten. Nun hatten sie immer noch keine Entscheidung getroffen und würden es wohl spontan machen. Wahrscheinlich war es, dass sie erst einmal nur einen Teil erzählten und dann sehen, wie die Rektorin reagierte. Mehr konnten sie zu einem späteren Zeitpunkt immer noch sagen.

Severus nahm Leon in den Arm, als er sah, dass sein Sohn Angst hatte. Mehr konnte er gerade nicht tun. Devon hatte ihm gesagt, er müsse wohl noch einmal operiert werden, damit er wieder ein einigermaßen normales Leben führen konnte. Ansonsten könnte die kleinste Anstrengung das Herz überlasten. Und jetzt hatte Severus Leon, diese Verantwortung nahm er sehr ernst, und auch wenn er es nicht zugab, es war ihm wichtig, für Leon da zu sein. Er hielt seinen Sohn in seinen Armen, konnte es teilweise noch immer nicht fassen. Der Junge war ihm so wichtig geworden wie … ja, es gab nichts, womit er es vergleichen konnte. Nicht einmal das Tränke brauen war ihm so wichtig. Ein Leben ohne Leon konnte er sich nicht mehr vorstellen. Severus wusste tief in seinem Inneren, wenn Leon sich erinnerte und ihn ablehnen sollte, war das sein Ende. Ein Leben wie er es früher hatte, war undenkbar.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als sich das Feuer einige Minuten später grün färbte und die Rektorin von Hogwarts heraustrat. Lucius als Hausherr begrüßte sie freundlich und bot ihr Tee an. Kekse standen auf dem kleinen Tischchen, das neben dem Sofa stand. Sie setzten sich, Lucius in seinen Lieblingssessel und die Schulleiterin auf das zweisitzige Sofa, das gegenüber dem großen Sofa stand, auf dem Severus und Leon saßen.

„Severus! Ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Was ist passiert?“, fragte sie nach einem Moment entsetzt.

„Ich war gefangen, lag fünf Monate im Koma, wurde am Herz operiert und hatte am Ende noch einen Tumor. Eine Herzoperation liegt noch vor mir, dann hofft Devon, dass ich wieder einigermaßen normal leben kann.“, fasste der Tränkemeister leise zusammen.

„Tut mir leid, wir haben dich überall gesucht, als du verschwunden bist. Was ist passiert?“, wiederholte sie ihre vorherige Frage.

Leon, der bisher an seinen Vater gelehnt war, drehte sich zu ihr um. Erschrocken schnappte sie nach Luft, als ihr Blick auf sein Gesicht fiel. „Harry?“, hauchte sie.

„Das ist Leon, Leon Snape.“, stellte Lucius vor.

„Das … das kann nicht… das ist doch… unmöglich.“, stammelte McGonagall.

Leon atmete tief durch und traf seine Entscheidung. „Professor, ich bin Leon. Auch wenn ich vielleicht früher Harry war, aber Harry ist tot. Ich kann mich an nichts erinnern, es ist alles weg. Manchmal kommen Bilder in meinen Träumen, aber ich weiß nicht, was oder wen ich sehe. Ich bin wirklich der Sohn von Severus Snape, das ist eindeutig, sie haben es im Krankenhaus herausgefunden, als wir beide im Koma lagen. Heiler Zabini hat es bestätigt, er hat auch einen Test gemacht. Wie genau das passiert ist, wird wohl nie geklärt werden.“

„Dieses Gespräch muss aber unbedingt hier in diesen Wänden bleiben, ich will nicht, dass noch mehr Menschen wissen, dass Leon und Harry eine Person sind.“, forderte Severus. „Leon hat sich ein ruhiges Leben verdient. Es war nie richtig, dass ein Kind gegen den Lord kämpfen muss. Die Menschen würden ihn wieder als ihren Retter sehen, und das darf nicht sein. Leon hat sich eine Kindheit verdient. Ich habe keine Ahnung, wie er im Haus seiner Tante behandelt wurde, aber die Anzeichen sprechen dafür, dass er misshandelt wurde. Ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn dem wieder ausgesetzt wird. Ich bin ehrlich froh, dass er sich nicht erinnern kann. Es war reiner Zufall, dass ich Harry gefunden habe, aber ich konnte ihn nicht befreien, wurde selbst gefangen. Lucius hat uns befreit, aber sein Portschlüssel hat uns nicht dahin gebracht, wo er wollte, daher brauchte er so lange, um uns zu finden. Ohne sein Eingreifen wäre ich nicht mehr am Leben.“

„Ich werde nichts sagen und du hast absolut Recht, Severus. Ein Kind sollte nicht als Retter gesehen werden, egal was irgendeine Wahrsagerin sagt. Und ich will ehrlich sein, ich hatte damals schon den Eindruck, dass es keine gute Idee war, Harry zu den Dursleys zu geben, aber Albus hat darauf bestanden. Ich dachte, er wüsste etwas, von dem ich keine Ahnung habe. Ich hätte darauf bestehen müssen, dass er nicht zu diesen Muggeln gegeben wird, aber das kann ich nicht mehr ändern. Jedenfalls könnte ich es mir vorstellen, dass sie Harry misshandelt haben. Und ihr wollt ihn jetzt dann in die dritte Klasse schicken?“, versicherte sich McGonagall.

„Ja. Vom Körperbau her entspricht er eher einem Dreizehnjährigen wie einem Fünfzehnjährigen. Und den Stoff der ersten beiden Jahre eignet er sich gerade an, das schafft er mit Leichtigkeit, aber mehr ist nicht möglich.“, stellte Lucius klar. „Sein Magielevel ist sehr hoch, die Zauber fallen ihm leicht. Er hat einen Obsidian-Stab.“

McGonagalls Augen weiteten sich. „Einen Obsidian-Stab? Nicht einmal Albus hat einen derartigen Stab kontrollieren können!“

„Ollivander hätte beinahe einen Herzinfarkt bekommen, als Leon nach dem Stab griff.“, schmunzelte Lucius. „Aber er hatte ihm gesagt, er solle seinem Gefühl folgen, als er seinen Stab suchte und sein Gefühl hat ihn dorthin geführt.“

Verwirrt huschten Leons Augen zwischen McGonagall und Lucius hin und her. Er zitterte erneut, war unsicher, was das nun wieder bedeutete. Severus spürte es und zog ihn zurück in seine Arme.

„Alles in Ordnung, Leon. Es ist nur sehr selten, dass jemand so viel Macht hat. Aber keine Angst, das ist nicht schlimm. Du bist derjenige, der entscheidet, wofür du diese Macht nutzen willst.“, beruhigte er ihn.

„Was werden die anderen in der Schule sagen?“, wisperte Leon.

„Die meisten Schüler werden nicht einmal erkennen, dass der Stab anders ist.“, versicherte McGonagall. „Man muss wissen, was es mit Zauberstäben aus Edelsteinen auf sich hat, damit man etwas damit anfangen kann und die wenigsten Schüler haben dieses Wissen. Und Obsidian ist schwarz, er sieht aus wie Ebenholz, wenn man nicht sehr genau hinsieht.“

Eine Weile herrschte Schweigen, die Schulleiterin und Lucius knabberten an den bereitgestellten Keksen, Leon an dem, was er eben erfahren hatte. Er war froh, die Arme seines Vaters zu spüren. Das Wissen, dass er nicht alleine war, erleichterte ihn. Ihn durchfuhr der Gedanke, dass Harry das alles alleine hätte durchmachen müssen und schauderte. Das wiederum spürte Severus und festigte seinen Halt. Leon entspannte sich und genoss die Wärme, die von seinem Vater ausging. Dann räusperte sich McGonagall und forderte damit wieder die Aufmerksamkeit.

„Wer soll aufgeklärt werden und wie weit?“, wollte sie wissen.

„Meine Meinung ist, die Heilerin sollte Bescheid wissen, zumindest dass Leon eine schwere Zeit hinter sich hat und unter Gedächtnisverlust leidet, weil immer mal wieder Flashbacks auftreten, dann braucht er Hilfe und er lässt sich kaum anfassen, ohne panisch zu werden. Severus ist wohl der Einzige, der ihn dann ohne Bedenken anfassen kann.“, kam es von Lucius.

„Ich denke, die Lehrer sollten ebenso Bescheid wissen, denn wenn ein Flashback im Unterricht auftreten sollte, dann müssen sie wissen, wie sie reagieren sollen.“, fügte Severus an. „Aber außer dir, Minerva, braucht niemand mehr über Leon zu wissen. Harry Potter ist tot und bleibt es auch.“

Zustimmendes Nicken kam von Lucius und McGonagall. Leon schien in Gedanken weit weg zu sein. Ihn übermannte nun die Angst vor dem Unbekannten und vor neuen Flashbacks. Harry Potter war nie im Malfoy-Manor gewesen, da gab es kaum Dinge, die an sein früheres Leben erinnerten, aber in Hogwarts wäre das anders. Würden die Flashbacks schlimmer werden? Und wo war dann sein Dad? Diese Frage stellte sich nicht nur Leon.

„Severus, wie sind deine weiteren Pläne?“, fragte die Rektorin. „Momentan unterrichtet Horace wieder, aber er will eigentlich zurück in seinen Ruhestand und sonst gibt es kaum qualifiziertes Personal. Ich hätte dich gerne wieder an der Schule, aber nur, wenn es dir gesundheitlich gut genug geht.“

„Devon meinte, ich müsste noch einmal operiert werden. Vorher kann ich nicht sagen, wie es weitergeht.“, erklärte Severus. „Wenn es gut geht, dann würde ich gerne zurück nach Hogwarts gehen. Aber dir muss klar sein, wenn der Lord zurückkommt, dann wird er möglicherweise die Jagd auf mich eröffnen. Die Todesser alleine sind im Moment nicht ganz so gefährlich, denn sie wissen nicht, ob der Lord wiederkommt und wann. Daher werden sie im Moment eher abwarten.“

„Das ist richtig, im Moment sind sie eher im Hintergrund, ohne den mächtigen Schutz vom Lord werden sie nichts oder nicht viel unternehmen, sie fürchten sich zu sehr vor dem Ministerium und den Auroren.“, bestätigte Lucius.

„Das ist mir klar, Severus. Aber Hogwarts wird den besten Schutz haben, der möglich ist.“, versprach Minerva. „Aber erst einmal solltest du dich darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden. Du siehst wirklich nicht besonders gut aus.“

„Und das ist noch nett ausgedrückt.“, schmunzelte Severus, bevor ihn ein Hustenanfall quälte.

„Ich werde euch dann mal alleine lassen. Danke, Leon für dein Vertrauen. Ich freue mich, dich am ersten September begrüßen zu dürfen. Dein Schulbrief wird dann mit den anderen verschickt. Auch das Formular, das dein Vater unterschreiben muss, damit du mit nach Hogsmeade gehen darfst. Wenn noch Fragen sein sollten, ich werde die meiste Zeit in Hogwarts sein. Vielen Dank für den Tee. Einen schönen Abend!“, verabschiedete sich die Schulleiterin. „Dir gute Besserung, Severus, und melde dich bitte bei mir!“

Severus nickte nur, ließ aber seine Augen geschlossen, zu erschöpft, um seine Fassade noch länger aufrechterhalten zu können. Sein Kopf lag auf Leons Schoß und seine Hände zitterten leise. Er kämpfte darum, wach zu bleiben, damit sich Leon nicht noch mehr Sorgen machte. Kaum war McGonagall weg, kniete sich Lucius neben den Kamin und rief nach Devon. Er machte sich also auch große Sorgen um Severus. Devon kam sofort und zückte seinen Zauberstab, als er Severus sah.

„Wir können es nicht hinauszögern, Severus. Dein Zustand verschlechtert sich stündlich, ich nehme dich mit ins Mungo und werde dich heute noch für die OP vorbereiten. Morgen früh liegst du auf dem Tisch.“, bestimmte der Heiler.

Der Tränkemeister hatte nicht mehr die Kraft, zu widersprechen. Wäre Leon nicht, hätte er jetzt aufgegeben. Es war ihm einfach zu viel, er konnte nicht mehr. Er bekam kaum noch mit, dass Devon ihn auf eine schwebende Trage zauberte und dann mit durch den Kamin nahm. Lucius versprach ihm, sich um Leon zu kümmern und sie würden da sein, wenn er aufwachte. In dieser Nacht kam Lucius nicht zum Schlafen, da Leon immer wieder schreiend aus dem Schlaf schreckte und dann lange brauchte, bis er wieder ruhiger wurde. Nach dem dritten Mal, dass Lucius aus dem Bett springen musste, weil Leon schrie, holte er den Jungen zu sich. Der Kleine würde heute kaum alleine schlafen können. Ein wenig unwohl fühlte er sich schon, weil Leon nicht sein Sohn war, aber es war notwendig und half dem Kleinen, wenigstens noch ein wenig zu schlafen. Außerdem grübelte Lucius, wie er Leon am nächsten Tag ablenken könnte. Obwohl das wahrscheinlich nicht möglich war, da Leon wusste, dass sein Vater operiert wurde. Auch für Lucius war der Gedanke erschreckend, sein Freund war nie schwach gewesen, jedenfalls hatte er es nie gezeigt. Und jetzt auf einmal kam es so plötzlich, dass es auch ihm, Lucius Malfoy, den sonst nichts erschütterte, den Boden unter den Füßen wegzauberte.

Den ganzen Tag waren sie beide unruhig. Das Essen, das von den Hauselfen serviert wurde, würdigten sie nicht eines Blickes. Devon hatte gesagt, dass die Operation sicherlich sechs bis acht Stunden dauern würde. Nicht alles war mit Zauberei möglich, es war eine Menge ‚Handarbeit‘ nötig und die brauchte eine Menge Zeit. Endlich, am späten Nachmittag kam die erlösende Meldung über den Kamin: Severus war aus dem OP-Saal und hatte es gut überstanden. Sofort traten Lucius und Leon gemeinsam in den Kamin, um bei ihm zu sein. Devon empfing sie.

„Hallo, ihr beiden. Es geht ihm soweit gut. Die Operation ist gut verlaufen, aber es war richtig, sie heute schon durchzuführen. Es wird sicher noch ein paar Stunden dauern, bis er wieder wach wird und dann noch einige Stunden, bis er richtig ansprechbar ist. Das ist völlig normal, der Körper muss erst einmal die ganzen Tränke abbauen, und da wird Severus sicher eine Weile brauchen, da er schon geschwächt war, als wir angefangen haben. Ich lasse euch zu ihm, aber wie gesagt, gebt ihm erst einmal noch ein paar Stunden Schlaf, die braucht er jetzt.“, erläuterte der Heiler.

„Danke, Devon.“, hauchte Leon, dem der Heiler inzwischen die persönliche Anrede angeboten hatte.

Sie saßen die ganze Nacht an Severus´ Bett. Als Leon einschlief, nahm Lucius ihn in die Arme, damit er wenigstens ein bisschen bequem lag. Erst gegen Morgen erwachte der Tränkemeister kurz, bevor er noch einmal einschlief. Am Nachmittag war er dann wieder ansprechbar und fühlte sich schon deutlich besser. Sie blieben bis zum späten Abend bei ihm, dann schlief Severus ein und Lucius ging mit Leon zurück ins Manor, der Junge brauchte seinen Schlaf und jetzt würde er sicher auch wieder besser schlafen können. Leon war so erschöpft, dass er sofort ins Bett fiel und bis zum nächsten Mittag schlief. Alptraumfrei, soweit Lucius das beurteilen konnte, jedenfalls hörte er nicht einen Laut aus dem Zimmer. Als Leon wieder wach war, ließ Lucius noch etwas zu essen auftragen, damit sie sich stärken konnten, dann gingen sie wieder ins Krankenhaus. Severus war wach, als sie ankamen, und freute sich, sie zu sehen, auch wenn man es kaum erkennen konnte, aber seine dunklen Augen leuchteten.

„Dad!“, fiel ihm Leon um den Hals.

„Leon, mein Kleiner. Geht´s dir gut?“, fragte Severus leise.

„Das fragst du mich? Müsste ich nicht normalerweise dir so eine Frage stellen?“, lächelte Leon.

„Vielleicht, aber normal waren wir beide doch noch nie, oder?“, kam es trocken von seinem Vater.

„Hm, ich kann mich nicht erinnern!“, erwiderte Leon grinsend. „Mir geht´s gut, und dir?“

„Deutlich besser. Devon war heute schon hier, er scheint sehr viel zufriedener zu sein als bisher.“, stellte Severus fest. „Das bedeutet wohl, dass es mir wirklich besser geht.“

„Das tut es auch.“, bestätigte Devon von der Tür aus. „Du sprichst sehr gut auf die Tränke an und ich vermute, dass wir dich in drei oder vier Wochen entlassen können. Und diesmal wirst du mich nicht noch einmal dazu überreden, dich früher rauszulassen. Ich will nicht noch einen Rückfall.“

„Ich auch nicht, Dad.“, wisperte Leon.

„Gut, dann werden wir es dieses Jahr ruhig angehen lassen und keinen Urlaub machen.“, entschied Lucius. „Du wirst dich ausruhen, wenn du im September in Hogwarts anfangen willst.“

„Das würde ich auch raten. Wenn du es wirklich ruhig angehen lässt, dann spricht nichts dagegen, dass du wieder unterrichtest. Blaise würde sich freuen, er findet, Slughorn hat – im Vergleich zu dir – kaum Ahnung von Tränken.“, schmunzelte Devon.

„Draco sagt etwas Ähnliches.“, stimmte Lucius zu. „Und wenn Slughorn noch immer so ist, wie zu meiner Zeit, dann wundert mich das nicht.“

„Ich kann da nicht mitreden.“, meinte Devon.

„Wie auch, warst ja nie in Hogwarts. Wo bist du eigentlich auf die Schule gegangen?“, wunderte sich Lucius.

„Ich war in einer kleinen Schule in Italien. Ich bin ja Italiener, aber nun, meine Frau wollte lieber hier nach England und Blaise fühlte sich auch wohl, also bin ich geblieben. Ich habe hier im Mungo meine Ausbildung zum Heiler gemacht, wollte danach eigentlich wieder nach Rom zurück, aber naja, das Leben hat manchmal andere Pläne!“

 

Die nächsten Tage verbrachten Leon und Lucius hauptsächlich in Severus´ Krankenhauszimmer. Sie waren beide froh, als Severus langsam wieder ein wenig Farbe bekam, die unnatürliche Blässe in seinem Gesicht weniger wurde. Nach einer Woche konnte man auch sehen, dass er wohl auch wieder zunahm, er wirkte nicht mehr ganz so ausgemergelt und die Haut war insgesamt wieder gleichmäßiger, nicht mehr trocken und rissig wie noch kurz vor der Operation. Lucius ließ Leon im Krankenhaus, als er Draco abholte und kam dann zusammen mit seinem Sohn wieder. Er war erleichtert, dass es Severus schon so offensichtlich besserging, es hatte ihm viel mehr zu schaffen gemacht, als er es für möglich gehalten hatte. Am Abend, als die beiden Jungs schon im Bett waren – wahrscheinlich noch mit einem Buch beschäftigt oder miteinander am Reden – ging Lucius nach draußen. Er brauchte nun ein wenig frische Luft und ein Gespräch mit Narzissa. Seine Beine trugen ihn fast automatisch zu dem Schmetterlingsflieder, unter dem er ihre letzte Ruhestätte geschaffen hatte. Es war ihr Lieblingsplatz gewesen, sie hatten eine Bank hingestellt, damit sie gemütlich dort sitzen konnte. Neben der Bank war nun der Grabstein. Weißer Marmor mit einem Hauch Rose. Schmetterlinge waren in den Stein gemeißelt, denn Narzissa hatte diese Tierchen immer geliebt, sich gefreut, wenn sie im Flieder um die Blüten geflattert waren. Wie so oft seit ihrem Tod saß Lucius auch an diesem Abend auf der Bank.

„Ach Zissa. Ich weiß einfach nicht, was los ist. Noch nie habe ich mir um einen Menschen so viele Sorgen gemacht wie um Severus in den letzten Tagen und Wochen. Ich mache mir solche Vorwürfe, ihn nicht eher gefunden zu haben, er hat so viel durchmachen müssen. Natürlich ist mir klar, dass ich nichts dafür kann, aber … Ich sehe doch, wie schwer es ihm fällt, wenn er so sehr auf Hilfe angewiesen ist, wenn er es nicht schafft, alleine zu trinken oder ins Bad zu gehen. Ich will ihm helfen, aber er lässt es nicht zu. Er verwirrt mich. Ich weiß langsam nicht mehr, was das alles bedeutet. Ich wünschte, du wärst hier, meine Liebste. Du wüsstest sicher, was das bedeutet und was ich tun soll.“

Noch lange saß Lucius an jenem Abend im Garten und sprach mit seiner Frau, auch wenn sie ihm keinen Rat mehr geben konnte. Dennoch tat es ihm gut, seine Gedanken loszuwerden, sie selber zu hören und dadurch ein wenig Ordnung in sein Chaos zu bringen. Deutlich ruhiger ging er gegen Mitternacht in sein Bett und schlief entspannt. Als wäre er eine Last losgeworden. Diesen Sommer würde er nicht zulassen, dass Severus nach Spinners End ging, er würde ihn hier behalten, damit er sich erholen konnte. Da würde dem Tränkemeister auch seine Sturheit nicht helfen. Nicht diesmal. Doch es war nicht nötig. Severus war dankbar, bleiben zu können. Er wurde nach einem Monat entlassen und verbrachte die restlichen Ferien bei Lucius und Draco, genoss die Zeit mit Leon und ruhte sich tatsächlich aus. Devon sah anfangs täglich nach ihm, später dann nur noch einmal wöchentlich, wobei er dann auch öfter seinen Sohn mitbrachte, der Dracos bester Freund war. Auch Leon schloss schnell Freundschaft mit dem ruhigen und überlegten Schwarzhaarigen, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie gingen schwimmen in dem Teich im Garten der Malfoys oder spielten Schach. Leon hatte das Spiel schnell begriffen, aber ein taktisches Genie war er eher nicht. Meist verlor er, aber er hatte dennoch Spaß, genoss das Spiel. Draco spielte auch oft gegen Severus, die beiden waren etwa gleich gut, was spannende Spiele bedeutete, die sich schon mal über Stunden hinziehen konnten.

Lucius kümmerte sich nun wieder mehr um seine Arbeit, verbrachte aber immer noch die meiste Zeit mit den drei Menschen, die ihm im Haus Gesellschaft leisteten. Draco trainierte mit Leon, meist unter Aufsicht von Severus, während Lucius sich um seine Geschäfte kümmerte. Als die Hogwarts-Briefe Mitte August kamen, blieb Severus freiwillig zurück, gab Lucius aber eine Einkaufsliste mit, was er selber brauchte, um unterrichten zu können. Er hatte die Freigabe von Devon und mit der Schulleiterin war bereits alles besprochen, sodass er am ersten September beginnen konnte. Er reiste bereits eine Woche vor Schulbeginn ab, da es noch Einiges vorzubereiten galt und er sich nicht überfordern wollte. Leon blieb bei Draco und Lucius, fühlte sich in deren Gesellschaft sehr wohl. Dennoch sandte er fast täglich sein Käuzchen, dass er liebevoll ‚Wuschel‘ nannte, wegen der flauschigen Federn, mit Briefen nach Hogwarts. Diese letzte Woche war schnell vorbei und plötzlich war der Morgen des ersten September und Draco und Leon packten alles in ihre Koffer, Leon ziemlich chaotisch, Draco dagegen sehr ordentlich.

 

Am Bahnhof war heute deutlich mehr los als am Ende der Osterferien. Leon war ein wenig überfordert mit dem ganzen Chaos, er war froh, dass Draco an seiner Seite war und schnell kam auch Blaise hinzu. Draco stellte ihm dann auch noch Gregory Goyle und Vincent Crabbe vor, zwei seiner Freunde, die wie Schränke aussahen, groß und breit. Sie sprachen nicht viel, schirmten sie aber ab. Draco wusste, dass sie in den Ferien wohl gearbeitet hatten, um ihr Taschengeld aufzubessern, da ihre Familien zwar nicht arm waren, aber auch nicht besonders wohlhabend. Schnell stiegen sie in den Zug und suchten sich ein leeres Abteil.

„Hey, Leon, kommst du eine Weile alleine klar?“, wollte Draco wissen, als der Zug abfuhr. „Ich bin doch Vertrauensschüler und muss erstmal in ein anderes Abteil. Blaise ist hier, und Vince und Greg werden sicher auch ein Auge auf dich haben, wenn es nötig ist. Ich komme wieder, sobald ich kann.“

Leon nickte, er würde es wohl schaffen. In Hogwarts musste er es auch alleine schaffen. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass Harry Potter in Gryffindor gewesen war – über die verschiedenen Häuser und ihre Gründer wusste Leon inzwischen ziemlich viel – und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass er wieder dort landete. Aber er hatte auch betont, dass es egal wäre, wo Leon landete, denn Leon war und blieb sein Sohn. Nun gut, Leon hatte gehört, dass es seinem Vater schwerfiel, so zu reden, aber er hatte inzwischen auch genug mitbekommen, wie es ihm früher mit einigen Gryffindors gegangen war und verstand, wenn er von dieser Vorstellung, sein Sohn in Gryffindor, nicht besonders begeistert war. Und wenn er in Gryffindor landete, dann wäre er weit weg von Draco. Sie würden sich sehen, auf jeden Fall, das hatte auch Draco mehr als einmal betont, aber dennoch wäre die Häusertrennung da.

So saß Leon nun mit Blaise im Abteil und unterhielt sich. Vince und Greg waren auf die Suche nach der Süßigkeiten-Hexe gegangen, da sie Hunger hatten. Plötzlich ging die Abteiltür auf und zwei Jugendliche, ein Junge und ein Mädchen, standen im Durchgang. Leon erinnerte sich an sie.

„Ron und Hermine, oder?“, hakte er nach. Sie nickten.

„Du bist Leon. Zumindest hast du das nach den Osterferien gesagt. Können wir mit dir reden?“, fragte Hermine.

„Setzt euch.“, bot Leon an. Blaise sah ein bisschen schockiert aus, aber er hatte den Sohn des Tränkemeisters schon kennen gelernt und hatte so seine Erfahrungen mit ihm. Er war offen und ohne Vorurteile, was ihm gut gefiel. Dennoch irritierte es ihn, dass nun plötzlich zwei Gryffindors in seinem Abteil sitzen sollten.

„Wir würden gern mit dir alleine reden.“, betonte Hermine. „Nichts gegen dich, Zabini, aber es ist privat.“

„Schon gut, ich warte draußen. Ruf mich, wenn was ist, Leon.“, stand Blaise auf und ging hinaus.

Ron schloss die Tür hinter sich und Hermine wirkte einen Zauber, den Leon kannte; er verhinderte, dass sie belauscht wurden.

„Also. Wir hatten ja bei unserer letzten Begegnung schon die Frage gestellt: Bist du Harry? Unser bester Freund Harry? Du siehst aus wie er, auch wenn die Narbe fehlt und die Haare kürzer sind. Die Nase, die Augen, die Mundpartie sind gleich oder zumindest sehr ähnlich. Aber wir glauben, dass du es dennoch bist.“, sagte Hermine mit einer gewissen Verzweiflung in der Stimme.

„Warum wollt ihr das wissen?“, fragte Leon.

„Wir vermissen Harry. Er war unser Freund in der ersten und zweiten Klasse. Dann ist er plötzlich verschwunden. Alle haben behauptet, er nimmt sich eine Auszeit und wird wiederkommen, aber wir wussten, es war etwas passiert, nur leider wollte keiner auf uns hören. Wir hatten nicht viele Möglichkeiten, schließlich sind wir noch nicht volljährig und dürfen außerhalb von Hogwarts nicht zaubern. Aber wir wollten immer, dass sie weitersuchen.“, gestand Hermine unter Tränen.

Leon überlegte eine Weile. Er sah beiden in die Augen, konnte dort nur Sorge erkennen. Dann traf er seine Entscheidung.

„Ich bin Leon Snape. Bis vor knapp zwei Jahren war ich Harry Potter, aber Harry Potter ist jetzt tot. Niemand darf das wissen, daher bitte ich euch zu schweigen. Mein Vater ist Severus Snape, und das ist genetisch bewiesen. Ich kann mich nicht erinnern, wer ich früher war, meine Erinnerung beginnt erst am 14. Februar 1994, als ich aus einem monatelangen Koma erwacht bin. Dad war bei mir, auch er lag im Koma. Aber jetzt geht es uns wieder gut, er wird unterrichten und ich gehe in die dritte Klasse. Ich bin Dreizehn. Ich habe euch das gesagt, weil ich von Draco weiß, dass ihr Harrys beste Freunde wart und ich möchte, dass ihr die Wahrheit kennt. Außer euch weiß es mein Dad, Draco und sein Vater und dann noch Professor McGonagall. Und der Vater von Blaise. Und das soll bitte auch so bleiben. Es tut mir leid, weil ihr euren besten Freund nun verloren wisst. Harry Potter ist tot und bleibt auch tot, er wird nicht wiederkommen.“

„Danke, Leon.“, sagte Ron leise und stoppte Hermine, die etwas sagen wollte. „Lass gut sein, Mine. Lass Harry in Frieden ruhen. Vielleicht wird Leon auch eines Tages ein Freund sein, aber erst einmal muss er uns kennen lernen. Also Leon, ich bin Ron. Ronald Weasley. Aber bitte sag nicht Ronald zu mir, das macht nur meine Mutter, wenn ich was angestellt habe.“

Leon und er schüttelten sich die Hand. Hermine kaute eine Weile auf ihrer Unterlippe herum, offenbar nicht so glücklich mit dem Verlauf dieses Gespräches, doch dann gab sie sich einen Ruck.

„Hermine Granger, von Ron oft auch Mine genannt. Ich bin mit Ron in Gryffindor, ich bin die Vertrauensschülerin dort. Du kannst dich gerne auch an uns wenden, wenn etwas sein sollte. Es würde mich freuen, wenn wir uns öfter sehen.“, schüttelte nun auch Hermine Leons Hand.

Sie hob den Zauber auf und Ron öffnete die Tür. „Also dann, Leon. Man sieht sich. Und hab einen schönen Start ins Schuljahr!“, verabschiedeten sie sich.

„Macht’s gut, ihr beiden. Und danke.“, lächelte Leon ihnen hinterher.

„Na, alles klar, Kleiner?“, fragte Draco. „Hab mir Sorgen gemacht.“

„Musst du nicht, Draco, die zwei sind echt nett.“, wiegelte Leon ab, da er vor Blaise nicht offen sprechen konnte.

Leon hoffte nur, dass Draco sie wirklich richtig eingeschätzt hatte und sie nun nichts ausplauderten. Die restliche Fahrt verlief recht entspannt, sie spielten ein paar Runden Karten (ein Spiel namens ‚Dumbledore explodiert‘), wobei Leon erst einmal zusah, um das Spiel zu lernen. Später lernte Leon noch einige weitere Slytherins aus der fünften Klasse kennen, als sie vorbeikamen und Draco begrüßten. Die meisten von ihnen ignorierten Leon völlig, nachdem sie ihm einmal kurz die Hand gegeben hatten. Doch Leon wusste von Draco, dass Slytherins so waren. Noch war er nicht eingeteilt und die Schlangen zeigten ihre Gefühle nicht nach außen hin.

Am Bahnhof angekommen folgte er den Erstklässlern, wie sein Vater es ihm gesagt hatte. Ein riesiger Mann führte sie zu einigen Booten, mit denen sie über den See fahren sollten. Er stellte sich vor als Hagrid, Wildhüter und Hüter der Schlüssel von Hogwarts, außerdem Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe, ein Fach, das Leon ausgewählt hatte. Er hatte eine Weile über die verschiedenen Wahlfächer für die Drittklässler gegrübelt, aber damit war er sich sofort sicher gewesen. Magische Geschöpfe faszinierten ihn und es wäre sicher spannend, etwas über sie zu lernen, praktisch und nicht nur aus Büchern. Unter Arithmantik konnte er sich – trotz der Erklärungen seines Vaters – nichts vorstellen und hatte es daher schnell beiseitegeschoben. Dann hatte Wahrsagen auf der Liste gestanden, aber als Lucius ihm gesagt hatte, wie es zu seiner Zeit dort zuging – und er hatte die gleiche Lehrerin gehabt – legte er es auch ad acta. Am Ende hatte er das Los zwischen Muggelkunde und Alte Runen entscheiden lassen und deshalb stand jetzt Runenkunde auf seinem Stundenplan.

Hagrid machte sie eben darauf aufmerksam, dass sie nun einen ersten Blick auf Hogwarts werfen konnten. Leon war erstaunt, wie schön es wirkte. Viele kleine, hell erleuchtete Fenster spiegelten sich im schwarzen Wasser des Sees. Mehrere große und viele kleine Türmchen gaben der Schule ein märchenhaftes Aussehen. Es gab Leon ein warmes Gefühl, er wusste, hier würde er sich wohlfühlen. Am Portal wurden sie von Professor McGonagall begrüßt, die sie schnell in einen kleinen Raum bugsierte.

„Sie werden gleich in ihre Häuser, ihre Familien hier in Hogwarts, eingeteilt. Wenn sie mir bitte nachher in die Halle folgen würden. Hier gibt es jeden Tag Essen und sie werden dort mit ihren Hauskameraden gemeinsam sitzen. Wenn sie eingeteilt wurden, dann gehen sie bitte zu ihrem Haustisch. Dann gibt es das Festessen und anschließend werde ich noch einige wichtige Dinge ansagen. Mister Snape, da sie der Älteste hier sind, werden sie beginnen.“, verkündete die Schulleiterin. „Ein paar Worte noch vorher. Bitte halten sie sich an die Regeln, sie dienen ihrer eigenen Sicherheit. Die Vertrauensschüler ihrer neuen Häuser sind immer ansprechbar, ebenso die Hauslehrer, sie werden sie heute Abend noch kennenlernen. Sollte es Probleme geben, werden diese ihre Ansprechpartner sein, egal worum es geht. So, und jetzt folgen sie mir bitte.“

Leon, der von Draco alles über die Auswahl gehört hatte, ging direkt hinter der Rektorin. Sie brachte sie alle nach vorne und bedeutete ihnen, sich in einer Reihe aufzustellen. Dann verlas sie die Namen und die Schüler mussten sich nacheinander auf den kleinen Stuhl setzen, der neben ihr stand und dann bekamen sie den sprechenden Hut auf den Kopf, der entschied, wohin sie kamen. Leon setzte sich als Erster. Kaum hatte er den Hut auf dem Kopf, wurde es dunkel, da ihm der Hut über die Augen rutschte. Er hörte eine piepsige Stimme in seinem Kopf.

„Hmm, dich kenn ich doch. Aber du kennst dich selber gerade offenbar nicht mehr. Wie sieht es jetzt aus? Soll ich dich immer noch wider besseren Wissens nach Gryffindor stecken? Oder bist du bereit, dein wahres Ich anzuerkennen?“, fragte der Hut.

Leon war verwirrt von der Frage und fand keine wirkliche Antwort.

„Nun denn“, piepste der Hut weiter, „dann also Slytherin!“

Das letzte Wort rief er laut in die Halle und Jubel brach rechts von Leon aus, wo Draco und seine Freunde saßen. Leon stand auf, als McGonagall den Hut von seinem Kopf genommen hatte und setzte sich zu Draco. Begleitet wurde er von einem Raunen, das durch die Schüler ging. Immer wieder hörte er sie „Harry“ oder „Harry Potter“ wispern. Er warf einen Blick auf den Lehrertisch und ahnte ein Lächeln von seinem Vater. Glücklich lächelte er zurück und hielt den Blickkontakt noch eine Weile aufrecht, bevor Draco ihn anstupste.

„Willst du nichts essen?“, fragte er grinsend.

„Äh, doch, schon.“, antwortete Leon, der nicht mitbekommen hatte, dass die Auswahl vorbei war und das Essen auf den Tischen stand.

Leon nahm sich ein wenig Hähnchen und Gemüse, später dann noch Obst als Nachtisch. Dieses Überangebot überforderte Leon geradezu. Richtigen Hunger hatte er wie immer nicht, aber er genoss das Essen. Jetzt war die erste Anspannung von ihm abgefallen, er fühlte sich wohl. Draco und sein Vater waren da und die beiden Schüler, die ihm so viele Grübeleien beschert hatten, waren nett gewesen, sie schienen seine Entscheidung gutzuheißen und zu akzeptieren. Er warf einen Blick in Richtung Gryffindortisch und fing Hermines Blick auf, die ihn scheinbar nachdenklich beobachtete. Als sie sah, dass er ihren Blick erwiderte, lächelte sie ihm aufmunternd zu. Wie war das gewesen, überlegte Leon, was hatte Lucius ihm erzählt? Rons kleine Schwester war gestorben, als sie in der ersten Klasse war, es war wohl Voldemort gewesen, bevor Harry ihn vernichten konnte. Hoffentlich war Ron nicht böse, weil Harry seine Schwester nicht retten konnte. War Harry Schuld gewesen an dem Tod? Der Appetit war Leon nun vergangen, als er sich darüber Gedanken machte. Auch wenn er immer wieder betonte, dass Harry Potter nicht er war, so konnte er dennoch nicht loslassen und die Gedanken ließen ihn sich schuldig fühlen, obwohl er nicht einmal genau wusste, was passiert war. Lucius hatte gesagt, nur Harry Potter wusste es und er hatte Dumbledore zwar alles erzählt, aber der hätte einen Großteil für sich behalten, es nie jemandem erzählt.

Daher war der neue Slytherin sehr froh, dass das Festmahl nun offenbar beendet war. Die Schulleiterin stand auf und sofort herrschte Stille im Raum.

„Willkommen in Hogwarts an unsere neuen Schüler, willkommen zurück unseren älteren Schülern. Ich hoffe, alle werden sich wieder wohl fühlen und ihren Häusern viele Punkte einbringen. Der Wald ist wie immer für alle Schüler verboten, ich bitte alle Schüler, sich daran zu halten, es ist einfach zu gefährlich. Aber ich denke, das wissen die Meisten hier, die Anderen sollten es sich zu Herzen nehmen.“, begann sie mit strenger Miene und blickte dabei zu den rothaarigen Zwillingen, die neben Ron saßen und offenbar seine Brüder waren. „Unsere älteren Schüler dürften den Neuzugang am Lehrertisch bereits kennen: Professor Snape ist zurück und wird Zaubertränke unterrichten, ebenso ist er wieder Hauslehrer für Slytherin. Außerdem konnte ich Professor Lupin überreden, ein weiteres Jahr Verteidigung zu unterrichten, er bleibt Hauslehrer für Gryffindor. Ich hoffe ja, dass er sich endlich entscheidet, länger als nur ein Jahr zuzusagen. Ich denke, er hat hinlänglich bewiesen, dass es keinen Fluch auf diesem Fach gibt, wie es gerüchteweise lange Zeit hieß, schließlich ist er nun schon das dritte Jahr hier. Nun, unser Hausmeister bat mich, sie alle daran zu erinnern, dass es verboten ist, auf den Fluren zu zaubern. Und jetzt wünsche ich allen eine ruhige Nacht und einen guten Start in das neue Schuljahr.“

Als die Rektorin sich wieder setzte, brach Trubel in der Halle aus. Alle schienen gleichzeitig durch die jetzt klein erscheinende Doppeltür zu wollen, um in ihre Schlafsäle zu gelangen. Leon sah seinen Vater an, der nickte ihm kurz zu und bedeutete ihm, mit Draco zu gehen. Gemeinsam mit Millicent brachte der gerade die Erstklässler nach draußen und führte sie nach unten. Leon schloss sich ihnen an, wieder wisperten die Leute in seiner Nähe ‚Harry‘ oder ‚Harry Potter‘. Er versuchte, es zu ignorieren, aber es machte ihm dennoch zu schaffen. Was wenn jemand dahinter kam, dass er früher Harry Potter gewesen war? Fing dann alles von vorne an? Er hatte inzwischen genug Geschichten gehört um sicher zu sein, dass er dieses Leben nicht wollte.

„Ignorier sie.“, riet ihm Draco. „Die machen sich wichtig, mehr nicht. Du bist Leon, der Sohn von meinem Patenonkel. Sev wird nicht zulassen, dass sie dich belästigen. Warte es ab.“

Dankbar lächelte Leon Draco an. Er fühlte sich wohl in Gegenwart des Blonden, auch wenn der nun nicht mehr so offen war wie in den Ferien zuhause. Er hatte ihm erklärt, dass er in der Öffentlichkeit ungern Gefühle zeigte und das würde sich auch nicht ändern, aber Leon war sicher genug, um darüber hinwegsehen zu können. Draco zeigte sich ihm gegenüber offen, so lange niemand dabei war und Leon wusste, dass sie enge Freunde waren, fast wie Brüder. Wohl eher Cousins, schließlich nannte er selber Dracos Vater ja inzwischen auch ‚Onkel‘, so wie Draco Leons Vater. Severus machte es ebenso, in der Öffentlichkeit gab es keine Umarmungen für Leon, das waren Gefühle und die gehörten in einen privaten Bereich. Doch Leon konnte inzwischen in den Augen seines Vaters lesen und wusste, wie sehr er ihn liebte. Das sah er in jedem Blick. Jetzt hatten sie den Eingang zum Gemeinschaftsraum erreicht, der tief in den Kerkern lag und Draco verriet ihnen das Passwort. „Serpens“ öffnete die Tür. Der Raum war zweckmäßig, aber dennoch gemütlich eingerichtet, viele kleine Tische mit Stühlen, Sessel und Sofas in einem angenehmen Grünton, dazu ein Kamin mit einem prasselnden Feuer. Hinten gab es einen langen Flur mit vielen Türen, hinter denen sich die Schlafsäle befanden, wie Draco eben erläuterte.

„Die Türen sind mit Namen beschriftet, also werdet ihr sicher euren Schlafsaal schnell finden. Haltet sie ordentlich, Professor Snape wird das regelmäßig kontrollieren und er zögert nicht, seinem eigenen Haus Punkte abzuziehen, er ist deutlich strenger als Professor Slughorn es war, für alle, die glauben, es ginge so weiter wie in den letzten beiden Jahren. Wir sind ein Haus, eine Gemeinschaft, und das zeigen wir auch nach außen. Streitereien werden hier ausgetragen, niemals in der Öffentlichkeit. Wir gehen gemeinsam zu den Mahlzeiten und verlassen die große Halle gemeinsam, außer am Wochenende, da steht es euch frei, ob und wann ihr Essen geht. Ihr bekommt in den nächsten Tagen alle einen Termin bei Madam Pomfrey und ich rate euch, diesen Termin wahrzunehmen und mit ihr zu kooperieren, ansonsten wird Professor Snape sich mit euch beschäftigen. Milli und ich haben je ein Einzelzimmer, ihr könnt jederzeit zu uns kommen, wenn etwas sein sollte, aber auch Professor Snape ist ein Ansprechpartner, wenn ihr Sorgen habt, er wird nachher noch kommen. Und jetzt geht und packt eure Koffer aus. Sperrstunde ist um neun Uhr, dann sind alle hier im Gemeinschaftsraum.“, endete Draco.

Leon ging durch den Flur und suchte nach seinem Namen. Der Schlafsaal der Drittklässler war die dritte Tür auf der linken Seite und er ging hinein. Vier Augenpaare starrten ihn an. Zwei der Jungen sahen absolut gleich aus, Zwillinge wahrscheinlich. Unbehaglich ging Leon zu dem einzigen freien Bett, neben dem sein Koffer stand und setzte sich darauf.

„Hallo. Ich bin Leon. Leon Snape.“, sagte er schließlich leise.

„Schön für dich.“, kam die Antwort von einem der blonden, großen Jungen, der auf dem Bett neben ihm saß.

Alle Vier sahen ihn abschätzig an. Eine Zeitlang versuchte Leon, die Blicke zu erwidern, doch irgendwann wurde es ihm zu blöd. „Was?“, fragte er.

„Denkst du, dass du eine besondere Behandlung bekommst, weil du der Sohn von unserem Hauslehrer bist?“, wollte der gleiche Junge wissen.

„Nein, das dachte ich nicht. Ich hatte nur gehofft, dass ich auch erfahre, mit wem ich mir ein Zimmer teile. Er ist vielleicht mein Vater, aber als Lehrer wird er mich nicht anders als alle anderen behandeln, sagte er. Draco meint, von mir würde er wohl eher noch mehr verlangen.“, antwortete Leon.

„Okay, Leon. Das hier sind Kevin“, er deutete auf einen schlaksigen Jungen mit langen braunen Haaren und gelblichen Augen, „Daniel“, ein schwarzhaariger, etwas pummeliger Junge, „und Corvin, mein Zwillingsbruder, wie man unschwer erkennen kann.“ Das war der Junge, der genauso aussah, wie der Sprecher. „Ich bin Robyn. Da du mit uns in die Klasse gehst, werden wir sehen, dass wir miteinander auskommen. Wie Draco bereits sagte, Streitigkeiten gibt es nur hier drinnen, niemals außerhalb des Gemeinschaftsraumes. Aber verlange nicht, dass wir sofort deine besten Freunde sein werden. Warum kommst du eigentlich erst jetzt?“

„Ich will nicht bevorzugt behandelt werden und ich will vor allem keinen Streit. Natürlich werde ich nicht immer nachgeben, aber ich denke, wir werden klarkommen. Und warum ich jetzt erst komme, ich habe bis Ostern in Neuseeland gelebt, zusammen mit meinem Dad, der erst vor etwa zwei Jahren herausgefunden hat, dass ich sein Sohn bin.“, erklärte Leon.

„War er deshalb nicht da die letzten beiden Jahre?“, wollte Daniel wissen. „Professor Snape, meine ich.“

„Naja, in Neuseeland leben und in Hogwarts unterrichten dürfte sich ein wenig widersprechen.“, überlegte Corvin ernsthaft.

Kevin, Daniel und Robyn lachten, und auch Corvin und schließlich Leon stimmten mit ein. Leon griff in seinen Koffer und holte eine Tüte mit Schokofröschen heraus. „Jemand Lust auf was Süßes?“, bot er sie an. Alle griffen zu und bedankten sich.

Schnell waren sie nun in ein Gespräch über die Sommerferien vertieft, während Leon noch seinen Koffer ausräumte und die Sachen ordentlich, naja zumindest für seine Verhältnisse, im Schrank verstaute. Allen klappte die Kinnlade auf den Boden, als sie Leons Besen sahen. Schulterzuckend gestand er, dass er diesen von seinem Vater zum Geburtstag bekommen hatte.

„Willst du dich für unsere Quidditch-Mannschaft bewerben?“, wollte Daniel wissen.

„Ja, ich denke schon. Ich hab im Sommer viel mit Draco gespielt und er meint auch, dass ich mich bewerben sollte.“, gestand Leon.

„Also stimmt es, dass du und Draco zusammen seid?“, fragte Robyn.

„Wer sagt denn sowas? Dad und ich waren im Sommer im Manor zu Gast. Dad und Onkel Lucius sind schon lange befreundet und verstehen sich gut. Draco und ich sind wie Cousins oder fast wie Brüder. Mehr nicht.“, wunderte sich Leon.

Bevor noch jemand etwas dazu sagen konnte, klopfte es an der Tür und der Hauslehrer der Slytherins kam herein.

„Meine Herren. Ich bin Severus Snape, ihr neuer Hauslehrer. Vielleicht haben ihre älteren Hauskameraden schon etwas über mich erzählt. Ich dulde keine Unordnung und keinen Streit in der Öffentlichkeit. Ausreden gelten nicht und ich erwarte, dass sie ihre Hausaufgaben sorgfältig und zuverlässig erledigen. Früher wurde mir nachgesagt, dass ich mein eigenes Haus bevorzuge und sie besser behandle, aber seien sie sich versichert, das ist nicht mehr der Fall. Die Ordnung hier ist akzeptabel, aber lassen sie es nicht schlimmer aussehen oder sie werden Strafarbeiten bekommen. Gibt es Fragen?“, schnarrte er leise.

„Nein Sir, keine Fragen.“, erwiderte Robyn nach einem kurzen Blick auf die anderen Vier.

„Wenn etwas sein sollte, wenn sie krank werden oder etwas brauchen, dann können sie jederzeit zu mir kommen, mein Büro steht ihnen tagsüber immer offen, nachts können sie an meinen Privaträumen klopfen; wenn sie den Gemeinschaftsraum verlassen, links und dann die dritte Tür auf der rechten Seite, das Portrait mit den Schlangen. Die Stundenpläne bekommen sie morgen beim Frühstück. Gute Nacht.“, kam es ruhiger von Snape.

„Gute Nacht Professor.“, kam es fünfstimmig.

Leon war klar, das hier war der Professor, nicht sein Dad. Darüber hatten sie intensiv gesprochen, als er sich entschieden hatte, wieder hier zu arbeiten. Ihm war klar, dass es für ihn selber auch nicht angenehm wäre, wenn sein Vater ihn bevorzugte. Nur er selber sah den kurzen, liebevollen Blick aus den Augen von Severus, bevor dieser den Raum verließ. Sie alle waren müde und gingen nun in ihr Bad, machten sich fertig für die Nacht. Eine Weile lagen sie noch plaudernd in den Betten, Leon schien nun akzeptiert zu sein. Zumindest vorerst, ganz traute Leon dem Frieden noch nicht.

Er schlief ruhig in dieser Nacht, wachte nur einmal kurz auf und war einen Moment desorientiert, bis ihm wieder einfiel, dass er in Hogwarts war. Am Morgen erwachte er, als der Wecker von Robyn losging. Noch nicht richtig wach schleppte er sich ins Bad und unter die Dusche, um den Schlaf zu vertreiben. Er zog seine Schulroben an und warf sich den Umhang über, denn ihm war ziemlich kalt. Hier war gerade der Sommer zu Ende, aber es war kälter als im Winter in Neuseeland, fand Leon. Lange mussten sie im Gemeinschaftsraum nicht warten, bis alle bereit waren, zum Frühstück zu gehen. Leon stand bei seinen Klassenkameraden und Draco führte die Slytherins an auf dem Weg in die große Halle. Leon freute sich auf ein heißes Getränk, ob Schokolade oder Tee war ihm gerade egal, aber er fror ziemlich. Draco winkte ihn zu sich und fragte ihn ein wenig aus, ob er sich wohl fühlte und wie er geschlafen hatte. Außerdem achtete er darauf, dass Leon nicht nur seine heiße Schokolade trank, sondern auch etwas aß.

Severus Snape rauschte einige Minuten später in die Halle und verteilte die Stundenpläne an seine Schüler. Draco war einer der ersten, die den Plan bekamen und er stöhnte auf. „Na toll, Verteidigung mal wieder mit Gryffindor. Und das gleich in der ersten Stunde.“

„Ich erwarte vollste Konzentration und ordentliche Leistungen, du wirst dich doch nicht ein paar Gryffindors geschlagen geben, oder, Draco?“, stichelte der Tränkemeister leise.

Dann bekam auch Leon seinen Stundenplan. Seine erste Stunde war Verwandlung bei Professor McGonagall und er beeilte sich, gemeinsam mit Robyn, Daniel, Corvin und Kevin zum Verwandlungsklassenzimmer zu gehen. Sie hatten Unterricht mit den Gryffindors, laut Draco eine ziemlich typische Kombination. Draco hatte die Vermutung, dass es nur wenige Lehrer gab, die diese Kombination im Griff hatten. Und genau bei diesen Professoren gab es diese Kombination auch: Snape, McGonagall und Lupin. McGonagall setzte in dieser Stunde auf Wiederholung. Sowohl Leon als auch Corvin holten die ersten Punkte für Slytherin, da sie es als Erste schafften, ein Streichholz in eine Nadel zu verwandeln, dicht gefolgt von einigen Gryffindors. Auch die restlichen Zauber waren für Leon kein Problem, ab und zu musste er ein wenig über die Formel nachdenken; da er sich so viele verschiedene Zauber in so kurzer Zeit hatte aneignen müssen, vergaß er manchmal die Worte, die er sprechen musste. Am Ende der Stunde war Leon durchaus zufrieden mit sich und McGonagall scheinbar auch, denn sie gab ihnen nur wenige Hausaufgaben auf und Leon wurden sie erlassen, weil er alle Zauber hinbekommen hatte.

Die nächste Stunde war Geschichte der Zauberei. Draco hatte ihn gewarnt, dass Professor Binns ziemlich einschläfernd wirken konnte, aber Leon hatte sich vorgenommen, so gut wie möglich aufzupassen und sich Notizen zu machen. Er merkte schnell, was Draco meinte mit der einschläfernden Wirkung, der Geist, der dieses Fach unterrichtete, sprach mit einer leiernden Stimme im immer gleichen Tonfall, sodass die Fakten komplett untergingen. Leon nahm sich vor, beim nächsten Mal seinen Block und einen Kugelschreiber mitzunehmen, dann könnte er nebenbei einen Brief an Rosalyn und Matt schreiben. Für heute versuchte er sich im Zeichnen, war aber nicht besonders zufrieden, doch es lenkte ihn von seiner Müdigkeit ab und er schaffte es, sich dennoch das Wichtigste zu notieren. Lucius konnte das ganz eindeutig spannender und klarer erzählen, das hatte sich Leon immer merken können.

Auch Robyn schaffte es, sich der leiernden Stimme zu entziehen und Notizen zu machen. Am Ende der Stunde nahm Robyn ihn zur Seite.

„Hör mal, Leon, wir haben eine Abmachung. Jeder schreibt mal mit und gibt den anderen dann die Aufzeichnungen. Kevin, Corvin, Daniel und ich haben uns bisher immer abgewechselt, aber wir hätten nichts dagegen, dich mit einzubeziehen. Die Mädels machen es ebenso, heute hat Rebecca mitgeschrieben, Janice und Astoria durften ausruhen. In unserem Jahrgang sind nur die drei Mädchen in Slytherin. Und, was meinst du?“, schlug er vor.

„Gerne, warum nicht.“, ging Leon auf das Angebot ein.

„Dann komm, gehen wir. Was hast du jetzt? Ich gehe in alte Runen, Kevin und Daniel in Arithmantik. Corvin kommt mit zu Runen.“, fragte Robyn.

„Ich hab auch alte Runen.“, antwortete Leon und warf noch einen kurzen Blick auf seinen Stundenplan.

Der restliche Tag verging ziemlich schnell und Leon fand sich unvermittelt im Gemeinschaftsraum wieder, wo er über den Hausaufgaben saß. Für seinen Aufsatz in Geschichte der Zauberei hatte er nicht die richtigen Bücher, daher entschied er, in die Bibliothek zu gehen. Dort traf er auf Hermine, die ihn freundlich anlächelte.

„Hallo Leon! Wie war dein erster Schultag?“, wollte sie wissen.

„Hallo Hermine. Ganz gut. Ich muss nur einen Aufsatz über die Trollkriege schreiben und habe in meinen Büchern nichts gefunden, deshalb suche ich nun hier passende Bücher.“, erklärte Leon.

„Und wie geht´s dir in Slytherin?“

„Auch gut. Meine Klassenkameraden scheinen ganz nett zu sein und ich konnte gut schlafen letzte Nacht. Irgendwie ist es seltsam, ich habe das Gefühl, das alles hier zu kennen, und doch erkenne ich nichts.“, gestand Leon.

„Komm zu mir, wenn du reden willst. Du kannst jederzeit kommen.“, bot Hermine an. „Wenn du magst, dann kann ich dir noch ein wenig vom Schloss und dem Gelände zeigen.“

„Das wäre schön, aber erst will ich meinen Aufsatz fertigschreiben. Ich denke, ich brauche vielleicht noch eine halbe Stunde, dann ginge es.“, überlegte Leon.

„Gut, dann treffen wir uns in einer Stunde in der Eingangshalle, einverstanden?“

„Ja, gerne! Bis dann!“

Die nächste interessante Stunde hatte Leon am nächsten Morgen, als sein Vater zum ersten Mal als Professor vor ihm stand. Hermine und Ron hatten ihm erzählt, wie Professor Snape in ihren ersten beiden Schuljahren war und Leon hatte ziemliche Angst bekommen. Doch erstens war er nicht Harry Potter und zweitens war er in Slytherin, also lief es ganz gut. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass viel von seiner früheren Art eine Folge seiner Spionagetätigkeit war. Sie hatten sich unterhalten und Leon hatte verstanden, dass sein Vater wieder eine Maske aufhatte. Trotz allem war Leon mehr als nervös, als sie die erste Stunde Zaubertränke hatten. Doch es lief erstaunlich gut, schließlich hatte sein Vater ihm den Stoff der ersten beiden Jahre beigebracht und gleichzeitig erklärt, worauf er achten musste. Leon war kein Genie in Zaubertränke, aber er war auch nicht so schlecht, wie er befürchtet hatte. Sie bereiteten einen einfachen Heiltrank vor, der bei leichten Prellungen und Schürfwunden zur Anwendung kam und am Ende war Leons Trank einer derer, die tatsächlich in den Krankenflügel gebracht wurden, da sie perfekt gelungen waren. Leon war dankbar, dass sein Dad ihm gezeigt hatte, worauf es ankam.

Am gleichen Tag war dann noch die Erstuntersuchung bei Madam Pomfrey. Sie bestätigte, was Devon bereits festgestellt hatte. Leon war soweit gesund, aber seine Leber und seine Milz arbeiteten nicht optimal, daher musste er seine Diät, die er in Neuseeland begonnen hatte, wohl weiterführen. Aber sie hatte keine Einschränkungen für ihn was sportliche Aktivitäten anbelangte.

 

In der ersten Schulwoche kam Leon kaum zur Ruhe, der Unterricht strengte ihn nicht so sehr an wie befürchtet, seine Magie machte es ihm leicht, neue Zauber zu meistern, aber die Hausaufgaben forderten ihn deutlich mehr als in Neuseeland, sodass er meist erschöpft ins Bett fiel und traumlos schlief. Doch er fühlte sich wohl, war inzwischen in Slytherin angekommen und traf sich auch immer wieder mit Hermine, mit der verband ihn schon nach dieser Woche eine innige Freundschaft. Auch mit Ron verstand er sich gut, aber sie waren sich nicht so nahe. Einige der anderen Gryffindors hatten versucht, ihn zu verhexen, weil sie der Meinung waren, da der Professor, sein Vater, sie so unfair behandelt hatte, hätte er es nicht anders verdient. Doch Leon hatte dem schnell einen Riegel vorgeschoben, indem er sich erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte. Einige der Flüche, die Lucius ihm beigebracht hatte, waren dabei sehr nützlich gewesen, manche Schüler liefen mit pinken Haaren herum, andere hatten plötzlich Hasen- oder Eselsohren oder einen Schwanz. Die Zauber hielten alle mindestens 48 Stunden an. Schnell hatte es daher ein Ende mit der offenen Anfeindung. Hagrid, den er erst am Freitag hatte, nahm Leon am Ende des Unterrichtes auf die Seite.

„Hör ma´, es gibt Gerüchte, dass du eigentlich Harry Potter bist. Harry´s mein Freund und du erinnerst mich sehr an ihn.“, sprach er ihn an.

„Tut mir leid, Professor, aber ich bin nicht Harry Potter, auch wenn ich ihm wohl sehr ähnlich sehe.“, erwiderte Leon ruhig.

„Dann stimmt´s wohl tatsächlich, dass mein kleiner Harry tot sein muss. Er würde niemals einfach verschwinden ohne seine Hedwig mitzunehmen. Ich hatte immer gehofft, dass er eines Tages wieder auftaucht, aber geglaubt hab ich es eigentlich nie, seit er verschwunden ist.“, seufzte Hagrid mit Tränen in den Augen.

„Tut mir wirklich leid, Professor.“, wiederholte Leon und ging langsam zurück ins Schloss.

 

Am Abend spazierte Leon langsam über das Gelände, brauchte ein wenig Zeit für sich. Die Begleitung, die Draco, Blaise, Ron und Hermine ihm angeboten hatten, lehnte er ab, er wollte wirklich alleine sein. Doch er wusste, dass jemand ihm folgte. Sollten sie, er wollte einfach nur keine Fragen. Am See entlang spazierte er und atmete tief durch, um den Tag hinter sich zu lassen. Plötzlich rauschte es über ihm und eine weiße Schneeeule kam zu ihm. Sie wirkte vertraut, und doch irgendwie fremd.

„Das ist Hedwig, Leon.“, hörte er Hermines leise Stimme hinter sich. „Störe ich?“

„Nein, Hermine. Ich wollte nur ein wenig Luft schnappen und ein bisschen durchatmen. Es war eine anstrengende Woche und so Vieles ist neu für mich, auch wenn manches vertraut wirkt.“, versuchte Leon eine Erklärung.

„Lass dir Zeit, Leon. Du musst nicht alles auf einmal erledigen, aber gib nicht auf. Vergiss nicht, auch mal durchzuatmen, so wie gerade eben. Dann wird das schon!“, munterte Hermine ihn auf.

„Danke, Hermine.“, lächelte Leon.

Er streichelte die weiße Eule, die auf seiner Schulter saß und zärtlich sein Ohr knabberte. Er mochte sie auf Anhieb und hoffte, sie würde sich mit Wuschel verstehen. Nach einer Weile flog Hedwig wieder davon und Leon ging zurück in den Gemeinschaftsraum, da schon fast Sperrstunde war. Er war müde und legte sich daher bald schlafen, las noch ein bisschen und machte dann die Augen zu. Wieder kam die riesige Schlange auf ihn zu und versuchte, ihn zu beißen. Schreiend wich Leon zurück, aber egal, wohin er auswich, die Schlange war schon da. Plötzlich erwischte sie ihn am Arm. Er schrie und schrie, rollte sich zusammen, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Leon bemerkte nicht, dass er inzwischen aufgewacht war und seine Zimmerkameraden versuchten, ihn zu beruhigen. Sie drangen nicht zu ihm durch.

„Leon, hey, Leon. Ruhig, Kleiner. Es ist vorbei, du hast geträumt.“, hörte er auf einmal Dracos Stimme, doch er glaubte nicht daran, dass sein Draco da war, klammerte sich dennoch an ihn.

„Gehen sie raus.“, kam es plötzlich leise und eisig und es wurde ruhiger um Leon. „Scht, Leon, es ist vorbei. Komm her, mein Kleiner.“

Severus zog seinen Sohn in seine Arme und spürte, wie die Anspannung nachließ. Die Hand des Jungen war immer noch in Dracos Pyjama verkrallt. Draco strich ihm beruhigend über den Rücken während Severus ihn im Arm hielt. Da die anderen Jugendlichen die Möglichkeit bekommen sollten, weiter zu schlafen, hob Severus Leon schließlich hoch und trug ihn in seine Wohnung. Draco begleitete ihn nach draußen und schickte Daniel, Kevin, Corvin und Robyn wieder ins Bett.

„Was ist mit Leon?“, fragte Robyn besorgt.

„Er hat in seiner Vergangenheit Schlimmes erlebt und reagiert nun manchmal mit heftigen Alpträumen.“, erklärte Draco. „Professor Snape kümmert sich um ihn, schlaft ruhig. Es wird ihm gut gehen.“

Severus legte seinen Sohn in sein eigenes Bett und dann seine Arme um den zitternden Jungen. Die Jugendlichen, die mit Leon im Schlafsaal waren, hatten gut reagiert, zuerst hatten sie selbst versucht, Leon zu helfen, dann Draco und ihn selber dazu geholt. Besser hätte es nicht laufen können, aber dennoch war Leon nun am Ende. Er wimmerte leise, konnte aber nicht genau sagen, was er eigentlich geträumt hatte, es war wie weggeblasen. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, Leon sollte ruhige Nächte haben, ebenso wie die anderen Schüler in seinem Schlafsaal. Das würde nicht gehen, wenn er immer wieder mit Alpträumen kämpfte oder gar Flashbacks hatte. Doch er wollte auch vermeiden, dass Leon sich ausgegrenzt fühlte oder die anderen glaubten, er werde bevorzugt. Aber zunächst musste Leon schlafen und er selber auch, diese Woche hatte ihm seine Grenzen aufgezeigt und er war froh darüber, dass Wochenende war. Als Leon endlich ruhig und gleichmäßig atmete, fiel auch er wieder in einen tiefen Schlaf.

Der Morgen begann für die beiden Snapes mit einem lauten Klopfen an der Tür. Severus schälte sich aus dem Bett und warf sich nur schnell einen Morgenmantel über, in der Nacht war er im Pyjama in die Slytherin-Räume gelaufen und das war ziemlich kalt gewesen. Draußen stand Draco, gemeinsam mit Robyn, Kevin, Daniel und Corvin.

„Wie geht´s Leon?“, wollten sie wissen.

„Er schläft noch, hoffe ich jedenfalls.“, knurrte der Tränkemeister.

„Entschuldigung, wir wollten euch nicht wecken.“, erwiderte Draco selbstbewusst. „Die Jungs haben sich Sorgen um Leon gemacht und ich dachte mir, ich mache einen Vorschlag. Leon kann nicht in dem Schlafsaal bleiben, da kommt keiner richtig zum Schlafen. Bei mir fühlt er sich sicher genug, warum zieht er nicht in mein Zimmer? Groß genug für uns beide ist es und …“

„Und was?“, fauchte Severus ungeduldig.

„Naja, Leon ist wie mein kleiner Bruder, ich würde ihn gerne bei mir haben.“, gestand Draco, der unter dem strengen Blick seines Paten sichtlich geschrumpft wirkte.

„Wir werden sehen, was Leon sagt, aber ich vermute, es wäre eine akzeptable Lösung.“, brummte Severus nun versöhnlicher.

„Ich würde gerne bei Draco bleiben.“, meldete sich Leon zu Wort.

„Dann ist das ja geklärt!“, freute sich Draco, schnappte nach Leons Hand und zog ihn mit sich. „Dann räumen wir deine Sachen gleich zu mir. Und danach gehen wir frühstücken, falls wir noch etwas abbekommen, Greg und Vince sind schon vor einer Weile in die Halle gegangen.“

Alle lachten, aber bei dem Appetit, den die beiden an den Tag legten, war es wirklich ein Wunder, dass der Rest von Slytherin noch etwas abbekam. Das erinnerte Severus wieder daran, was demnächst anstand und dass Leon noch nichts davon wusste.

„Nichts da, Leon bleibt erstmal hier, er frühstückt heute bei mir.“, entschied er. „Ich bringe ihn nachher zu dir, Draco.“

Leon und Draco sahen sich an und zuckten die Schultern. Severus schloss die Tür und drehte sich zu Leon um. Er winkte ihn in sein Bad, damit er sich wenigstens schnell frischmachen konnte und führte in der Zeit ein kurzes Gespräch mit der Schulleiterin über seinen Kamin. Danach setzten sie sich in der kleinen Küche gemeinsam an den Tisch und begannen mit dem Frühstück.

„Wie fühlst du dich?“, wollte Severus schließlich wissen.

„Besser. Danke, Dad.“, murmelte Leon.

„Ich muss mit dir reden. Nächste Woche werde ich zwei Tage nicht hier sein und ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Lucius hat mir in einer der ersten Nächte im Manor den Rat gegeben, diejenigen anzuzeigen, die uns gefangen hielten. Ich bin zu Kingsley gegangen und habe mit ihm gesprochen, er hat sie verhaftet und in dieser Woche wird die Verhandlung sein. Ich habe ausgesagt, dass Harry Potter in dieser Zelle in meinen Armen gestorben ist. Bisher haben sie das erfolgreich unter Verschluss gehalten, Fudge hat seinen Einfluss geltend gemacht, aber das wird nach der Verhandlung nicht mehr möglich sein, da sie öffentlich sein wird.“, erklärte Severus.

„Ich will mit dir gehen, Dad, du sollst das nicht alleine durchmachen müssen.“, entgegnete Leon.

„Ich werde nicht alleine sein, Lucius ist bei mir, er bleibt an meiner Seite und sitzt im Gamot. Ich will nicht, dass du das alles mit anhören musst, Leon. Und du hast Schule.“, bestimmte Severus.

„Wirst du bei Onkel Lucius schlafen?“

„Er hat mir zumindest angeboten, im Manor zu übernachten, aber ich weiß es nicht. Vielleicht gehe ich auch in mein Haus, wenn ich lieber alleine sein will. Aber er wird mich wahrscheinlich nicht lassen.“

„Das hoffe ich, du sollst nicht alleine sein, wenn du Alpträume hast.“, wisperte Leon.

„Keine Sorge, es wird schon gut gehen.“, lächelte Severus kurz. „Und du willst wirklich zu Draco ziehen? Dir ist schon klar, dass er sehr anstrengend sein kann, oder?“

„Dad, ich mag ihn und fühle mich sicher bei Draco. Auch wenn ich gerne bei dir bin, aber auf Dauer ist das sicher nicht die beste Idee, wenn ich hier einziehe, das gibt nur böses Blut.“, grinste Leon.

„Böses Blut? Du meinst, es wird jede Menge Gerede geben und keiner von uns wird seine Ruhe haben?“, überlegte Severus.

„Ja, genau, das trifft es gut.“, antwortete Leon. „Übrigens, Professor Hagrid hat mich gestern angesprochen, ob ich Harry bin, weil ich ihm so ähnlich sehe. Er ist wohl ziemlich traurig, dass Harry nicht wiedergekommen ist. Und Hedwig ist zu mir gekommen, Harrys Eule. Hermine war bei mir, als sie auftauchte, und hat es mir erklärt. Sie kann ich nicht täuschen. Professor Lupin hat mich auch komisch angesehen im Unterricht und immer wieder den Kopf geschüttelt als er dachte, keiner sieht es.“

„Du musst vorsichtig sein mit der Eule, die ist ziemlich auffällig. Jeder kennt sie als Harrys Eule.“, warnte Severus. „Und was Lupin betrifft, ich fürchte, er wird es früher oder später herausfinden.“

„Hey, Dad, SIE kam zu mir! Sie ist wunderschön, aber ich glaube ich werde sie Hermine schenken, das würde Harry doch sicher gut finden, oder? Dann weiß ich, es geht Hedwig gut und sie kann auch zu mir kommen, denn alle wissen, dass Hermine und ich befreundet sind und es fällt daher nicht so auf.“, überlegte Leon.

„Das klingt vernünftig. Und ja, ich denke, Harry würde das gutheißen.“, versicherte Severus. „Und jetzt lauf und zieh dich an, wenn du mit dem Frühstück fertig bist. Du hast sicher noch Hausaufgaben, die auf dich warten!“

„Nein, eigentlich nicht, Dad. Ich hab meine Aufgaben immer gleich erledigt. Aber ich habe vorgestern ein interessantes Buch in der Bibliothek entdeckt, das werde ich vielleicht lesen. Und dann mit den Anderen eine Runde spazieren gehen, vielleicht spielen wir auch eine Weile draußen, keine Ahnung. Außerdem muss ich ja noch umziehen.“, kam es von Leon.

Severus nahm seinen Sohn in die Arme und hielt ihn kurz fest, bevor er ihm einen kurzen Kuss auf seinen Haarschopf drückte und ihn dann gehen ließ. Der Kleine war wirklich etwas Besonderes, das spürte er immer wieder. Er hoffte, dass Leon wirklich ein neues Leben vor sich hatte und ihn nicht irgendwann die Vergangenheit einholte. Doch so viel Glück hatte er wahrscheinlich nicht, befürchtete Severus. Doch er selber würde alles tun, um seinem Sohn ein schönes Leben zu ermöglichen. Alles. Der Kleine war jetzt schon viel zu erwachsen, aber er sollte seine Kindheit noch ein wenig genießen.

Leon lief fröhlich durch den Flur und schnell in den Gemeinschaftsraum hinein. Draco war scheinbar schon wieder vom Frühstück zurück, denn er wartete bereits auf den Schwarzhaarigen. Gemeinsam gingen sie in den Schlafsaal der Drittklässler und packten Leons Sachen. Corvin half mit, und so waren die Sachen schnell verpackt und in das Zimmer des Vertrauensschülers gebracht. Draco hatte eine Notiz in seinem Zimmer gefunden, dass der Schrank magisch vergrößert wurde und ein zweites Bett stand nun auch bereit, ebenso ein zweiter Schreibtisch. Fast genauso schnell wie sie eingepackt waren, hatten sie die Sachen auch wieder ausgepackt und nun saßen sie auf den beiden Betten und schwiegen. Corvin verabschiedete sich, nachdem Leon ihm für die Hilfe gedankt hatte. Sie verabredeten sich nach dem Mittagessen vor dem Portal, von dort aus würden sie dann gehen und etwas gemeinsam unternehmen.

„Alles okay, Leon?“, wollte Draco wissen.

„Ja, mir geht’s gut. Danke, dass ich hier bei dir bleiben kann.“

„Ist doch kein Problem.“, lächelte der Blonde.

Jetzt, nur mit Leon alleine, war er wieder der Draco, den Leon so gerne mochte, offen und herzlich. Wenn Andere dabei waren, dann war er so kalt und wirkte abweisend. Leon verstand, dass es für Draco normal war und er es einfach nicht mochte, seine Gefühle so offen zu zeigen, aber es verwirrte ihn immer wieder. Genauso wie bei seinem Vater, aber er sagte nichts dazu, wissend, dass er sie nicht ändern konnte. Ihm war außerdem bewusst geworden, dass er ähnlich reagierte, auch er ließ nicht zu, dass jeder sah, wie er sich gerade fühlte.

Den Nachmittag verbrachte Leon mit seinen neuen Freunden draußen auf dem Gelände und er kam ziemlich müde zum Abendessen. Die Nacht war unruhig, wenn auch nicht so schlimm wie die davor, Draco schaffte es, Leon zu beruhigen und sie schliefen bald wieder. Erst als der Mittwoch kam und Severus die Schule verließ, ging es Leon wieder schlechter. Er wusste, was seinem Vater bevorstand, oder ahnte es zumindest, und das war der Grund für neue Alpträume. Draco legte sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zu Leon und hielt ihn fest im Arm, nur so war überhaupt an ein wenig Schlaf zu denken. Leon ahnte nicht, dass es seinem Vater ähnlich ging.

Severus hatte seine Aussage vor dem Zaubergamot gemacht. Sie zog sich Stunden hin, zunächst musste er möglichst jede einzelne Begebenheit erzählen, dann wurden ihm noch unzählige Fragen gestellt. Er musste schließlich sogar unter Einfluss von Veritaserum aussagen, da keiner glauben wollte, dass Harry Potter tatsächlich tot war. Der Tränkemeister war am Ende seiner Kraft, als er das Serum schluckte. Nach einigen belanglosen Dingen, die die Wirkung überprüfen sollten, kam die entscheidende Frage.

„Mister Snape, bitte erzählen sie noch einmal in kurzen Worten, was mit Harry Potter geschah in diesem Kerker.“, kam es von Fudge.

„Wie lange wir schon eingesperrt waren, das kann ich ihnen nicht genau sagen. Sie kamen immer wieder, nie in regelmäßigen Abständen. Jedes Mal folterten sie wenigstens einen von uns, mal mit Schlägen und Peitschen, dann wieder mit verschiedenen Flüchen. Und derjenige, der nicht gefoltert wurden, wurde dafür vergewaltigt. Harry Potter hat in all der Zeit nicht aufgegeben, er hat mir immer wieder Kraft gegeben, selber nicht aufzugeben. Immer wieder hat er mir gesagt, ich müsse durchhalten, Dumbledore würde uns finden. Doch der Junge konnte nicht mehr, sein Körper wurde zusehends schwächer. Eines Tages lag er in meinen Armen und rührte sich nicht mehr. Die Befreiung kam zu spät.“, berichtete Severus stockend.

Er zitterte, als ihn die Erinnerung übermannte und brach fast zusammen. Nur der Fakt, dass er in einem Stuhl mit Lehnen saß, verhinderte den völligen Kollaps. Fudge hatte ein Einsehen und verkündete eine einstündige Pause. Lucius nahm sich seines Freundes an, brachte ihn in ein ruhiges Zimmer, damit er sich wieder fangen konnte. Er hielt den Schwarzhaarigen fest und gab ihm Halt.

„Lass es zu, Severus. Nur wir beide sind hier, lass es raus.“, redete er ihm gut zu.

Trockene, lautlose Schluchzer schüttelten den immer noch viel zu dünnen, zerbrechlich wirkenden Körper des Tränkemeisters, als er stumm an der Schulter von Lucius weinte. Der hielt ihn einfach nur in seinen Armen und strich ihm sanft über den Kopf und den Rücken. Severus fühlte sich ausgelaugt, aber es tat ihm gut, aufgefangen zu werden von dem Blonden. Lucius hatte Recht, er musste es herauslassen, damit er wieder neue Kraft schöpfen konnte. Am Ende der Pause hatte er seine Fassung zurückerlangt und konnte erhobenen Hauptes wieder in den Verhandlungsraum gehen. Der Rest der Verhandlung war reine Formsache, da Severus unter Veritaserum ausgesagt hatte. Am Ende des Tages wurde die Entscheidung für den nächsten Vormittag angesetzt. Wie nicht anders erwartet bestand Lucius darauf, dass Severus mit zu ihm ins Manor kam und nicht alleine blieb. Und als Severus nachts panisch und schreiend aus einem Alptraum erwachte, war er froh darüber, nicht alleine zu sein, sondern die starken Arme seines besten Freundes um sich zu haben, die ihm zeigten, dass er in der Wirklichkeit war, alles andere nur Träume gewesen waren.

„Du hast viel mitgemacht, Severus. Hast du jemals darüber gesprochen und es verarbeitet?“, murmelte Lucius, doch beiden war klar, dass er nie eine Antwort bekommen würde, da beide die Antwort kannten.

Severus schlief in Lucius´ Armen ein, nicht wissend, dass er genau wie sein Sohn gerade in den Armen eines Malfoy Trost fand. Die beiden Malfoys hielten die Alpträume fern von den Snapes in jener Nacht.

 

Der Donnerstag brachte die Urteilsverkündung. Theodore Nott, der Sohn, wurde zu fünfzehn Jahren Askaban verurteilt wegen Entführung und Beteiligung an Folter. Sein Vater, Mister Crabbe, Mister Goyle und Bellatrix Lestrange wurden zum Kuss des Dementors verurteilt, da sie alle vier für schuldig befunden wurden, die Entführung geplant und durchgeführt zu haben, indem sie Theodore einen Portschlüssel gaben mit dem er Harry entführen konnte, außerdem mehrfache Vergewaltigung, Freiheitsentzug in zweifachem Fall, Folter und Mord an Harry Potter. In Bellatrix´ Fall kam noch der Mord an ihrer Schwester hinzu. Die Bestrafung wurde sofort durchgeführt, doch Lucius brachte Severus hinaus, das sollte er nicht mit ansehen müssen. Die Bilder, die sicherlich in der Abendausgabe des Tagespropheten landeten, waren genug, um die würden sie sicher nicht herumkommen. Lucius brachte Severus direkt durch einen Kamin zurück nach Hogwarts und bestand darauf, dass der Tränkemeister einen Beruhigungstrank nahm, um ein wenig schlafen zu können. Er selbst würde Draco und Leon über die Verhandlung aufklären, sie sollten es nicht aus der Zeitung erfahren.

Beim Abendessen an diesem Tag waren zwei Artikel im Tagespropheten Gesprächsthema an den verschiedenen Tischen: Der eine Artikel ging über die Verhandlung und die Bestrafung der Entführer und Mörder von Harry Potter, der andere Artikel beschäftigte sich mit dem Leben und Sterben von Harry Potter. Leon hatte beide gelesen und zitterte immer noch leise, aber da alle wussten, dass sein Vater einer der Entführten und Gefolterten war, nahmen alle an, dass es darum ging. Vince und Greg waren ziemlich wortkarg, bis Draco sie im Gemeinschaftsraum ansprach. Sie waren entsetzt, wozu ihre Väter in der Lage gewesen waren, hatten keine Ahnung davon gehabt und hofften nun, dass sich das nicht negativ auf sie auswirken würde. Severus Snape erschien nicht zum Essen, Madam Pomfrey hatte – auf Wunsch der Schulleiterin – nach ihm gesehen und ihm ein paar Tage Bettruhe verordnet, achtete auch darauf, dass er sie einhielt. Leon war bei ihm gewesen und sie hatten lange gesprochen, danach schien es dem Jugendlichen ein wenig besser zu gehen und auch Severus wirkte sehr erleichtert. Doch die Alpträume blieben ihnen noch einige Wochen, bis sie langsam anfingen, über alles zu sprechen, Leon mit Draco und Hermine, Severus mit Lucius.

Leon merkte außerdem, wenn er tagsüber mit schulischen Belangen und neuen Zaubern beschäftigt war, dann konnte er nachts besser schlafen. Lucius war in diesen Wochen häufig in Hogwarts, wenn auch zumeist ohne von jemandem bemerkt zu werden. In dieser Zeit lernte Leon immer mehr, auch die dunkle Seite seiner Magie zu kontrollieren. Lucius brachte ihm komplexere Zauber bei, als er merkte, dass Leon begriff, wie er seine Magie einsetzen konnte. Keiner von ihnen war verboten, auch wenn alle die dunkle Magie nutzten. Für Leon war es ein Leichtes, die Zauber zu meistern und er brauchte diese Art der Herausforderung, da ihm die Zauber im Unterricht schon manchmal langweilig wurden. Vince und Greg wurden für eine Weile ziemlich ausgegrenzt, aber als Draco, Leon und sogar Professor Snape keine Anstalten machten, sie zu verurteilen, wurde es langsam besser. Draco bestand darauf, dass die beiden in der Quidditch-Mannschaft blieben, sie waren viel zu gut als Treiber, um auf sie verzichten zu können, vor allem, da bald das Spiel gegen Gryffindor anstand.

Inzwischen war es bereits Ende Oktober und sie saßen wieder einmal zu Viert beim Abendessen in Severus´ kleiner Küche. Leon beobachtete schon seit einer Weile seinen Vater und Lucius. Irgendwie kamen sie ihm heute anders vor, verändert, doch er kam nicht darauf, was anders war. Draco bemerkte diese Blicke schließlich und sprach ihn an.

„Hey, Leon, was ist los? Du starrst Vater und Onkel Sev schon die ganze Zeit so an. Was denkst du?“, wollte er wissen.

„Entschuldigung Dad, Onkel Lucius. Ich war in Gedanken und mir ist es nicht aufgefallen, dass ich euch dabei angestarrt habe.“, antwortete Leon, aus seinen Gedanken gerissen.

„Alles in Ordnung, Leon?“, wollte Severus wissen.

„Mir geht´s gut, Dad. Ich habe nur ein wenig nachgedacht.“, lächelte Leon.

„Und worüber?“, wollte Lucius wissen.

„Verschiedenes. Nichts Bestimmtes.“, gab Leon ausweichend Auskunft.

„Lüg mich nicht an.“, erwiderte Severus eisig. Er konnte es nicht ausstehen, angelogen zu werden und Leon wusste das.

„Verzeihung, Dad, aber es… ich… ich habe überlegt, was anders ist. Ihr beiden wirkt so anders heute, aber ich kann es nicht beschreiben.“, stammelte Leon schließlich.

„Mach dir keine Gedanken, es geht uns gut. Wir hatten heute Nacht eine … Diskussion und sind uns noch nicht ganz einig. Du scheinst unterbewusst diese Spannung zu spüren.“, beruhigte ihn sein Vater. „Aber es ist alles in Ordnung, auch wenn wir einmal streiten, wir sind Freunde. Auch Freunde können nicht immer einer Meinung sein.“

„Okay, Dad.“, lächelte Leon, das verstand er. „Es war nur verwirrend. Aber mal was Anderes, was ist eigentlich mit den Sachen von Harry passiert?“

„Du lenkst ab, aber gut. Albus hat sie in Verwahrung genommen.“, wusste Lucius. „Er hat sie wohl in seinem Büro aufbewahrt, wahrscheinlich sind sie immer noch da. Vielleicht sollten wir mit Minerva reden, damit Leon sehen kann, ob er etwas davon behalten will und der Rest kann dann seinen Freunden oder ich weiß nicht wem gegeben werden. Harry Potter ist endgültig tot, das wissen nun alle. Sein Name wird dem Grabstein seiner Eltern hinzugefügt werden. Auch wenn es keine Leiche gibt, die beerdigt werden kann, aber er soll eine letzte Ruhestätte haben.“

Eine Weile schwiegen sie und dachten an Harry Potter, dann fragte Draco: „Vater, wie hast du es eigentlich geschafft, deine Tarnung zu erhalten in dem Prozess?“

„Ich bin Mitglied des Zaubergamot und als solcher zu wertvoll für den Lord, um wegen der Vergehen einzelner Anhänger meine Tarnung aufgeben zu können. Das wissen die Todesser.“, erklärte Lucius.

„Der Lord hat einmal in unser aller Beisein befohlen: ‚Lucius, was auch immer mit mir passieren sollte, sieh zu, dass deine Tarnung erhalten bleibt. Sollte einer meiner Pläne zunichte gemacht werden, dann wartet auf mich, ich werde wiederkommen. Dann brauche ich Männer wie Lucius, die ihre Positionen behalten. Daher will ich, dass du und Severus vor allem darauf achtet, immer in Deckung zu bleiben. Das gilt auch für alle, die eine wichtige Position innehaben, wie Mitglieder des Gamot oder Angestellte im Ministerium oder in Hogwarts, auch wenn einer das in Zukunft schaffen sollte. Tut, was ihr tun müsst, um eure Position beizubehalten.‘ Das war der eindeutige Befehl des Lords, kurz bevor er ging, um Harry Potter und seine Eltern zu töten.“, erzählte Severus. „Lucius war einer der wichtigsten Männer für den Lord, er braucht seine Macht und seinen Einfluss und das wissen auch alle seine Anhänger. Wenn sie ihm schaden, indem sie ihn auffliegen lassen, dann können sie auch gleich ‚Verräter‘ über ihren Kopf schreiben. Es wäre ihr Todesurteil, und das würde sicher sehr lange dauern bis dahin.“

Die Jugendlichen schwiegen, sie realisierten, was Severus ihnen da sagte. Er selber und Lucius standen unter einem wahnsinnigen Druck und mussten immer auf jeden Schritt und jedes Wort achten, so lange sie unter Beobachtung waren. Und dennoch versuchten sie, ihren Söhnen ein entspanntes und glückliches Leben zu bieten.

„Danke, Dad.“, murmelte Leon in Severus´ Schulter, als er ihn überraschend umarmte.

„Danke Vater.“, machte es Draco genauso bei seinem Vater.

 

 

 

Sie gingen am nächsten Tag zu der Direktorin und fragten sie direkt nach den Sachen von Harry. McGonagall lächelte verständnisvoll und brachte ihnen einen Koffer und einen Besen, einen Nimbus 2000. Leon öffnete den Koffer vorsichtig, nicht ganz sicher, wie er sich dabei fühlte. Außer einem Haufen alter Kleidung, die nie im Leben Harry gepasst haben konnte, fanden sie die Schulkleidung mit dem Gryffindor-Wappen, ein Fotoalbum und einen Umhang, der sich seltsam anfühlte, leicht und fast wie Wasser. Leon zog ihn heraus und hörte, wie Severus zischend einatmete.

„So ist er mir also immer entwischt.“, murmelte er leise, wie zu sich selbst, bevor er sich an die anderen Anwesenden wandte. „Das ist ein Tarnumhang, sehr selten und heute unbezahlbar. Ich vermute, er hat schon James gehört, zumindest würde das erklären, warum sie damals nie erwischt wurden.“

Leon warf ihn über sich und konnte sehen, dass er auf einmal verschwand. Dracos Augen wurden immer größer. Lucius hob seine Augenbraue an, sagte aber nichts dazu. Leon legte den Umhang wieder ab und wandte sich dem Fotoalbum zu. Es zeigte verschiedene Menschen, die er nicht erkannte.

„Das ist Lily, deine Mutter und neben ihr James, den alle immer für deinen Vater hielten.“, erklärte Severus leise. McGonagall und beide Malfoys zogen sich zurück, wollten ihnen ein wenig Privatsphäre lassen. „Auf dem nächsten Bild sind sie gemeinsam mit Sirius Black, er war der beste Freund von James, sein Trauzeuge und dein Pate. Naja, Harrys Pate, entschuldige, das verwirrt mich gerade auch ein wenig. Das hier sind die Rumtreiber, James Potter, Sirius Black, Peter Pettigrew und Remus Lupin.“

„Professor Lupin?“, unterbrach Leon ihn fragend.

„Ja, der Professor war ein Freund von James. Wahrscheinlich beobachtet er dich deswegen so genau, er will immer noch herausfinden, ob du wirklich mein Sohn bist.“, erklärte Severus.

„Sieht er deswegen so schlecht aus in den letzten Wochen?“, wollte Leon wissen. „Er sah immer mal wieder aus, als hätte er geweint.“

„Er hing an Harry Potter. Er durfte damals nicht Pate werden, weil es ein Gesetz gab und gibt, das es ihm verbietet. Aber im Grunde war auch er Harrys Pate. Er ist ein sehr … emotionaler Mensch. Ich denke, das dürfte der Grund sein, warum er so schlecht aussieht, ja.“, antwortete Severus überlegend.

Nachdenklich blätterten sie weiter durch das Album. „Das ist ein Bild vom Orden des Phönix aus der Zeit, in der James und Lily noch dabei waren.“, kommentierte Severus ein Bild, auf dem eine Menge Zauberer und Hexen abgebildet waren. „Viele davon sind dem ersten Krieg zum Opfer gefallen.“

„Hört das nie auf?“, fragte Leon leise.

„Nein, vermutlich nicht, die Menschen lernen einfach nicht dazu.“, entgegnete Severus ebenso leise.

„Ich würde das hier gerne behalten, Dad. Ich kenne die Menschen zwar nicht, aber es scheint, als hätte jemand viel Mühe darauf verwandt, es für Harry zu füllen. Den Tarnumhang nehme ich auch und die Uniform gebe ich Ron und Hermine, die wissen das sicher zu schätzen. Den Besen werde ich Ron schenken, der, den du mir geschenkt hast, ist immer noch besser. Die Kleidung hier drin ist nur Müll, warum hatte Harry keine passenden Sachen?“, überlegte Leon.

„Es ist nur eine Vermutung, aber ich denke, seine Verwandten haben ihm keine anständige Kleidung gekauft.“, meinte Severus.

„Aber warum hat er sich dann nicht selbst etwas gekauft? Ich meine, sein Verlies, also jetzt mein Verlies, ist voll mit Gold. Harry hätte nicht mit diesem … Müll herumlaufen müssen.“

„Überleg mal, Leon, was du bisher über ihn weißt, vielleicht kommst du selbst darauf. Ich weiß nicht, ob ich die Frage wirklich beantworten kann, aber ich habe eine Vermutung und ich denke, diesen Schluss kannst du auch ziehen.“, forderte Severus seinen Sohn heraus.

„Hmm.“, brummte Leon nachdenklich. „Also, seine Verwandten konnten ihn nicht ausstehen und haben ihm das Leben zur Hölle gemacht, wie es aussieht. Alle Zauberer und Hexen sahen in ihm nur eines: den Retter ihrer Welt. Vielleicht wollte er damit zeigen, dass es ihm nicht so gut ging, wie alle glaubten. Oder er wollte verhindern, dass es ihm bei seinen Verwandten noch schlechter ging, weil er sich mehr leisten konnte als sie.“

„Nicht schlecht, aber ich habe noch eine dritte Vermutung. Er konnte vermutlich nicht einschätzen, was teuer und günstig war, hatte kein Verhältnis zu Geld. Nie in den beiden Jahren, in denen er hier war, habe ich mitbekommen, dass er irgendetwas gekauft hat, was nicht unbedingt nötig war. Ich glaube nicht, dass er jemals eigenes Geld zu seiner Verfügung hatte, bevor er mit Hagrid damals in die Zauberwelt ging. Er konnte nicht damit umgehen und hatte möglicherweise Angst, dass es nicht reichen würde, bis er mit der Schule fertig war.“, fügte Severus hinzu.

„Und doch hatte er die Kraft, mit dir gemeinsam im Kerker zu kämpfen.“, wunderte sich Leon.

„Ja, das hat mich auch erstaunt. Harry Potter war ein Meister der Verschleierung.“ Anerkennend neigte Severus seinen Kopf und schwieg eine Weile.

„Alles in Ordnung bei euch?“, schob Lucius nun seinen Kopf ins Büro. „Ihr seid schon ziemlich lange hier drin.“

„Ja. Alles in Ordnung.“, antwortete Severus.

„Ich behalte nur das Album und den Umhang. Die Uniform gebe ich Hermine und Ron, der Besen geht an Ron, alles Andere ist Müll, das kann weg.“, entschied Leon.

 

Hermine freute sich, Harrys Uniform zu bekommen. Ron strahlte, als er den Besen bekam, hatte aber noch eine Bitte an Leon: „Da waren wahrscheinlich zwei Strickpullover, die hat meine Mom für Harry gemacht. Die würde ich gerne aufheben.“

„Natürlich Ron. Du kannst sie haben. Ich könnte sie nicht anziehen, es würde auffallen. Ich will dabei bleiben, Harry ist tot und ich bin nicht er. Danke, dass ihr schweigt.“, lächelte Leon.

„Kein Problem. Wir sind froh, dass du so viel Vertrauen zu uns hast und uns die Wahrheit anvertraust. Wir haben gelesen, was Harry alles durchmachen musste und ich denke, es ist besser, wenn er nicht wiederkommt.“, beschwichtigte Hermine.

„Hermine, ich würde dir gerne noch etwas schenken. Eigentlich euch beiden, aber es kann nicht geteilt werden. Hedwig. Dad meinte, ich solle vorsichtig sein, da alle wissen, dass sie Harrys Eule ist. Ich möchte Hedwig nicht wehtun, aber ich habe Wuschel und wenn Harrys Eule auf einmal an mir hängt, dann ist das zu auffällig. Bei euch weiß ich sie gut aufgehoben, Harry hätte das sicher genauso entschieden.“, erklärte Leon.

„Danke, Leon. Wir werden gut auf sie aufpassen. Ron und ich, nun, wir sind zusammen. Noch nicht lange und du bist der Erste, der es erfährt.“, gestand Hermine.

„Das freut mich für euch! Ehrlich!“, lächelte Leon. „Dann ist es ja gut, Hedwig bleibt bei euch beiden!“

„Rons Ratte Krätze ist langsam alt, er wird nicht mehr ewig leben. Und auch wenn mein Liebster die ganze Zeit an ihm rummäkelt, wird er doch sehr traurig sein, wenn Krätze nicht mehr sein sollte.“, warf Hermine ein.

„Du hast eine Ratte?“, fragte Leon. „Das wusste ich noch gar nicht.“

„Naja, sie ist eigentlich immer in meinem Schlafsaal, denn Krummbein ist ständig hinter ihm her. Du weißt schon, Hermines Kater, dieses orangene Monster, was hier immer durch die Schule streicht. Der Kater hat eine ziemlich kranke Fixierung auf meine Ratte.“, jammerte Ron.

„Krummbein ist eine Katze, und die jagen nun mal Ratten, es liegt in ihrer Natur. Und er hat keine ungesunde Fixierung auf Krätze, er denkt halt nur, dass Ratten nicht in einen Schlafsaal gehören und will euch helfen! Krummbein versteht das nicht!“, fauchte Hermine.

„Ach so, er denkt das! Dann bring ihm doch bitte bei, daran zu denken, dass Krätze mein Haustier ist und ihn nichts angeht!“, schnappte Ron zurück.

„Äh, entschuldigt, nehmt ihr Hedwig dann mit? Ich werde ihr sagen, dass sie nun zu Euch gehört!“, unterbrach Leon den Streit.

Ron und Hermine ignorierten ihn, schienen ihn über ihren Streit vergessen zu haben. Leon konnte sich nicht vorstellen, wie die beiden als Paar sein würden, aber es erschien ihm irgendwie unmöglich.

„Stopp, aufhören!“, rief er schließlich, was den gewünschten Erfolg hatte, denn beide sahen ihn nun irritiert an. „Hört bitte auf zu streiten, das ist … nicht besonders schön. Ich glaube, ihr habt beide irgendwie Recht. Aber ihr werdet sicher eine Lösung finden, wenn ihr in Ruhe miteinander redet.“

„Du hast Recht, Leon. Entschuldige.“, murmelte Hermine zerknirscht.

„Wieder etwas, das du mit Harry gemeinsam hast, er hat es auch gehasst, wenn wir beide uns gestritten haben.“, sagte Ron traurig.

„Tut mir leid!“, wisperte Leon und verließ den Platz am See, an dem sie gesessen hatten.

Er rannte zur Eulerei so schnell er konnte, wollte nicht, dass sie ihn aufhielten. Aus irgendeinem Grund musste er nun alleine sein, fühlte sich erdrückt. In eine Ecke der Eulerei setzte er sich und Hedwig kam zu ihm, ebenso Wuschel. Er strich beiden liebevoll über ihr Gefieder und versuchte, seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Ach, Wuschel. Es war alles so einfach, als Dad und ich alleine in Neuseeland waren. Warum ist hier alles so kompliziert?“, murmelte er mit zitternder Stimme. „Hedwig, ich weiß, du warst mir früher eine treue Begleiterin, das hat mir Hermine erzählt, aber ich bin nicht mehr dein Harry. Ich möchte, dass du zu Hermine und Ron gehst. Hör auf Hermine, sie wird gut auf dich aufpassen und sich um dich kümmern. Es hat nichts mit dir zu tun, du süße und treue Hedwig, aber ich bin nicht Harry Potter und niemand soll daran zweifeln. Dich kennen sie als Harrys treue Begleiterin, daher kann ich dich nicht behalten. Geh zu Hermine, Hedwig. Sei ihr genauso treu wie du Harry warst.“

Leon hob den Arm, auf dem Hedwig saß und sah sie bittend an. Sie knabberte noch einmal liebevoll an seinem Ohr, dann erhob sie sich in die Luft und flog aus dem Fenster der Eulerei. Es machte Leon ein wenig traurig. Aber Wuschel war seine Eule, sein Botenvogel, Hedwig gehörte Harry und damit nun Hermine und Ron. Harry Potter war tot. Langsam erhob sich Leon und gab Wuschel noch einen zerkrümelten Eulenkeks, den er in seiner Umhangtasche fand. Er musste auf das Quidditchfeld, ein Training war angesetzt. Ende September hatte er sich in den Auswahlspielen als Sucher durchgesetzt, was Draco, Lucius und Severus nicht verwunderte. Draco spielte als Jäger, er war nicht böse, dass Leon nun seinen alten Posten hatte, denn eigentlich wollte er lieber Tore machen als einem Ball hinterherfliegen, den er kaum sah. In einer Woche war das erste Spiel angesetzt, gegen Gryffindor. Die hatten kaum eine Chance, war sich Draco sicher, der seit diesem Schuljahr auch Kapitän war, da der alte Kapitän letztes Jahr die Schule abgeschlossen hatte. Mit Leon als Sucher waren sie optimal formiert. Sie hatten Vince und Greg als Treiber, die es durchaus mit den Weasley-Zwillingen aufnehmen konnten; Draco, Jenny, eine Sechstklässlerin, und Linda aus der Vierten spielten als Jäger perfekt zusammen und Corvin war als Hüter einsame Spitze. Ron war der Hüter für Gryffindor, er war auch nicht schlecht, meinte Draco, aber er war leicht aus der Ruhe zu bringen, das schaffte bei Corvin so schnell niemand.

Am Ende war Draco mehr als zufrieden mit seiner Mannschaft und sicher, dass sie das Spiel am Samstag gewinnen würden. Es ärgerte ihn immer wieder, wenn Hermine in den Prüfungen besser als er abschnitt, aber im Quidditch wollte er sich nicht auch noch den Gryffindors geschlagen geben. Seine Mannschaft stand ihm da in nichts nach, auch wenn Leon gegen seinen Freund Ron antreten musste, er wollte doch gewinnen. Immer wieder kabbelten sich die beiden freundschaftlich wegen dem Spiel, waren aber nie wirklich böse zueinander. Aber nur die beiden, alle anderen aus beiden Mannschaften gingen mit der üblichen Härte aufeinander los, versuchten alles, um den Gegner zu verunsichern.

Am Abend vor dem Spiel kam ein Erstklässler und klopfte an die Zimmertür von Draco und Leon. „Leon soll so schnell wie möglich zu Professor Snape kommen.“

Blass geworden sprang der Schwarzhaarige auf. Draco folgte ihm und gemeinsam liefen sie zu den Privaträumen ihres Hauslehrers, da es schon kurz vor der Sperrstunde war. Leon kannte das Passwort, genau wie Draco, und sie stürmten in die Wohnung.

„Dad?“, rief Leon panisch, als er seinen Vater nicht sah.

„Leon, alles in Ordnung?“, fragte Severus aus seinem Labor.

„Nick hat gesagt, ich sollte so schnell wie möglich zu dir kommen, ich dachte, dir ist was passiert.“, schnaufte Leon.

„Entschuldige, ich wollte dir keine Angst machen. Ich war im Labor und konnte nicht weg. Ich habe nur eben einen Brief bekommen, der per Muggelpost bei Lucius gelandet ist, er ist für dich.“, beruhigte ihn Severus.

„Rosalyn und Matt?“, hoffte Leon.

Schmunzelnd reichte Severus ihm den Brief, der tatsächlich von den beiden Ärzten kam. Freudestrahlend setzte sich Leon in seinen Lieblingssessel und riss ihn auf. Er merkte nicht, dass Draco und Severus ihn beim Lesen beobachteten, war in seiner eigenen Welt. Die beiden Ärzte bedeuteten ihm viel, auch für Severus waren sie wie Freunde geworden, aber er war immer viel distanzierter gewesen als Leon. Der Junge war so offen und freundlich, manchmal naiv, und dabei doch so überlegt, beherrscht und vernünftig wie es nur wenige Erwachsene je schafften. Und das alles ohne sich zu verstellen. Trotz seiner Vergangenheit hatte er es geschafft, sich zu so einem positiven jungen Menschen zu entwickeln, der an das Gute im Menschen glaubte. Das musste Lilys Erbe sein, wurde Severus klar, denn von ihm hatte er das sicher nicht. Schließlich sah Leon wieder auf.

„Ich soll dir liebe Grüße sagen, Dad. Sie freuen sich, dass es dir wieder viel besser geht und drücken die Daumen, dass du keinen Rückfall bekommst. Matt ist jetzt fertig mit seiner Facharztausbildung und auch sein Doktortitel wurde ihm inzwischen verliehen. Sie planen bald einen Urlaub und überlegen, ob sie uns auch einmal besuchen, wenn wir Zeit haben und zuhause sind.“, fasste Leon zusammen.

„Nun, vielleicht in den Weihnachtsferien.“, schlug Severus vor. „Oder nächsten Sommer. In den Frühjahrsferien bin ich hier, das steht schon fest. Ich habe die Weihnachtsferien frei bekommen, dafür habe ich dann über Ostern Aufsicht und bin dann sicher auch mit der Vorbereitung für die ZAG- und UTZ-Prüfungen beschäftigt.“

„Okay, Dad. Danke!“, strahlte Leon und verschwand wieder mit Draco.

 

Am nächsten Vormittag versammelte sich die gesamte Schule im Stadion, keiner wollte das Spiel verpassen. Auch die Lehrer waren vollzählig anwesend, wollten dafür sorgen, dass kein Tumult ausbrach. Leon und der Rest der Mannschaft zogen sich um, während Draco versuchte, noch eine Rede zu halten, doch die ging unter im allgemeinen Trubel. Schließlich standen sie alle noch einen Moment beieinander, schweigend und hochkonzentriert.

„Gemeinsam für Slytherin!“, rief Draco schließlich.

Alle legten ihre Hände zusammen. „Gemeinsam für Slytherin! Alle für einen, einer für alle!“, antworteten sie und flogen aufs Feld. Draco und Oliver Wood, der Kapitän der Gryffindors, schüttelten sich die Hände – Leon glaubte, es war kein Schütteln sondern ein Versuch, sich gegenseitig die Hände zu zerquetschen – dann pfiff Madam Hooch das Spiel an und ließ den Schnatz und die Klatscher los. Als alle in der Luft waren, warf sie den Quaffel hoch und das Spiel begann. Leon ignorierte das Spiel um sich herum und konzentrierte sich auf die Suche nach dem Schnatz. Der Sucher von Gryffindor war schmal und drahtig, auch sein Besen war nicht gerade schlecht, er flog einen Nimbus 2001, wie die Mannschaft von Slytherin. Er kam nicht gegen den Feuerblitz von Leon an, aber dennoch musste Leon gut aufpassen. Lucius hatte ihm einen Zauber beigebracht, mit dem seine Brille wasserabweisend wurde, den brauchte er heute zum Glück nicht, da das Wetter trocken war. Allerdings war es eiskalt, er hatte das Gefühl, auf dem Besen festzufrieren. Immer wieder warf er einen Blick auf die Anzeigetafel, um den Spielstand zu erfahren. Momentan schien das Spiel recht ausgeglichen zu sein, nach etwa dreißig gespielten Minuten stand es 60 zu 50 für Slytherin. Leon bekam nichts mit, was um ihn herum passierte. Vince und Greg achteten darauf, dass ihm keine Klatscher zu nahe kamen, auch wenn die Zwillinge diese immer wieder in Leons Richtung schleuderten. Doch Leon kannte das inzwischen und wich ihnen instinktiv aus.

Leon spürte einen intensiven Blick auf sich, als er nahe über die Zuschauer flog und riskierten einen Blick. Sein Dad sah ziemlich blass aus, ließ ihn aber keine Sekunde aus den Augen. Er wusste, sein Vater hasste Fliegen. Neben dem Tränkemeister saß Lucius, der offenbar mitfieberte, auch wenn man genau hinsehen musste, um es zu erkennen. Leon grinste, winkte kurz, dann konzentrierte er sich wieder auf seine Aufgabe. Er zog Kreise um das Stadion und hatte seine Augen überall. Auch der Sucher von Gryffindor schien die gleiche Taktik zu verfolgen, er flog in der Gegenrichtung und sie begegneten sich immer an der langen Seite des Stadions.

Da stürzte der Gryffindor plötzlich los. Ein Täuschungsmanöver? Leon suchte die Flugbahn des rot Gekleideten ab, konnte aber nichts entdecken. Also doch eine Ablenkung. Er blieb, wo er war. Mit einem Mal sah er aus dem Augenwinkel etwas Goldenes blitzen und schoss in diese Richtung, beschleunigte seinen Besen auf die Maximalgeschwindigkeit. Diese Beschleunigung gab ihm einen Adrenalinstoß, genau das liebte er am Fliegen. Doch er musste konzentriert bleiben, der Gryffindor war durch sein Täuschungsmanöver viel näher dran und nur Geschwindigkeit oder ein Wechsel der Flugbahn vom Schnatz konnte Leon jetzt noch helfen, ansonsten würde Gryffindor gewinnen. Leon holte den gegnerischen Sucher auf, jetzt waren sie gleichauf, da wechselte der Schnatz die Richtung. Der Grünäugige tauchte ab und ging auf einen Abfangkurs, streckte die Hand aus und schaffte es, den Schnatz zu greifen. Triumphierend streckte er den Arm in die Höhe. Erst jetzt hörte er wieder die Kommentare, die ein Gryffindor machte.

„Leon Snape fängt den Schnatz und holt 150 Punkte für Slytherin. Leider muss ich sagen: gut gemacht, Slytherin. Die Schlangen gewinnen dieses Spiel mit 310 zu 120. So ein Match hat Hogwarts seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Nicht mehr, seit Harry Potter Sucher für Gryffindor war. Ich weiß nicht, wie es euch allen geht, aber ich denke, eine Schweigeminute hätte er sich von uns verdient. Für Harry Potter, einen der tapfersten Gryffindors, die wir je hatten.“, tönte Lee Jordan.

Und es wurde tatsächlich still. Selbst die Slytherins schwiegen und hatten ihre Köpfe gesenkt. Sie alle hatten im Tagespropheten gelesen, was Harry Potter und Severus Snape durchgemacht hatten und dass ihr Hauslehrer nur am Leben war, weil eben jener Harry Potter ihm die Kraft gegeben hatte, zu überleben, zu kämpfen. Viele Gryffindors hatten Tränen in den Augen, manche, wie Hermine, weinten offen. Auch einige Ravenclaws und Hufflepuffs, vor allem aus der fünften Jahrgangsstufe, schienen wirklich traurig zu sein. Wer genau hinsah, konnte sehen, dass Severus Snape, der früher als gefühllos verschriene Lehrer, ebenfalls Tränen in den Augen hatte und von seinem Sitznachbarn, einem Slytherin wie er im Buche stand, gestützt werden musste, da er zitterte vor Rührung. Doch gerade achtete niemand auf die Beiden, außer vielleicht die Schulleiterin, und die wusste genauer als alle Anderen, wie sehr der Tränkemeister immer noch litt. Auch Leon sah es und nahm sich vor, erst einmal zu seinem Vater zu gehen, bevor er mit den Anderen im Gemeinschaftsraum feierte.

„Danke, Leute. Das war echt großartig von euch!“, bedankte sich Lee nach etwa einer Minute.

Jetzt jubelte Slytherin erneut und auch Severus Snape hatte sein ausdrucksloses Gesicht wieder aufgesetzt. Draco verkündete, dass es eine Party im Gemeinschaftsraum geben würde und sie flogen zurück in die Umkleide. Schnell waren sie unter der Dusche und dann liefen sie zurück in die Schule. Wahrscheinlich war die Party schon voll im Gange, sie hatten eine Weile gebraucht, bis alle fertig waren mit Duschen und Umziehen, und Slytherins gingen gemeinsam. Leon warf Draco nur einen Blick zu und der nickte, er wusste, was Leon sagen wollte.

„Komm nach!“, forderte er, dann grinste er kurz. „Und lass dir nicht zu viel Zeit! Vince und Greg sehen hungrig aus, nachdem sie super gespielt haben.“

„Bis später! Lasst mir was übrig!“, grinste Leon, dann lief er am Gemeinschaftsraum vorbei zur Wohnung seines Vaters.

„Hey Dad, alles okay?“, fragte er, als er hineinging.

Er erhielt keine Antwort. Nanu, sein Vater war doch sicherlich hier, ansonsten wäre das Portrait anders gesichert, das kannte Leon schon. Leon sah in die Küche und ins Labor, keiner da, auch im Büro war sein Vater nicht. Das wusste kaum jemand, aber sein Lehrerbüro war mit seinen Privaträumen verbunden durch eine verborgene Tür. Auch bei einem Blick ins Bad konnte er niemanden sehen, daher öffnete Leon schließlich die Tür zum Schlafzimmer. Augenblicklich hörte er, dass offensichtlich jemand da war und wohl einen Stillezauber darüber gelegt hatte. Der Anblick schockte Leon, aber er schaffte es, die Tür leise von außen zu schließen und verließ ziemlich blass und verwirrt die Räume des Tränkemeisters.

 

 

Nach der Entdeckung im Schlafzimmer seines Vaters war Leon in das Tränke-Klassenzimmer geflohen. Er brauchte ein bisschen Zeit für sich, wollte nachdenken. Natürlich, sein Vater war auch nur ein Mann mit bestimmten Bedürfnissen, aber irgendwie hatte Leon das bisher erfolgreich verdrängt. Es jetzt so überraschend zu sehen, das hatte ihn überrumpelt. Aber er fand es nicht schlimm. Es war nur ziemlich unvorbereitet gewesen. Daher er atmete ein paar Mal tief durch und stand dann wieder auf. Erstens war der Boden zu kalt, um bequem zu sitzen und zweitens würde Draco ihn sicher schon vermissen auf der Feier. Der Blonde sollte sich keine Sorgen machen, also verließ Leon den Klassenraum und ging in Richtung Gemeinschaftsraum. Kaum dass er dort die Tür geöffnet hatte, erschlug ihn der Lärm beinahe und jemand zog ihn mitten in den Raum.

„Leon, Leon!“, riefen die ersten und viele griffen es auf.

Jemand drückte Leon eine Flasche in die Hand und da merkte er, wie durstig er eigentlich war und nahm einen Schluck. Er kannte den Geschmack nicht, aber es war lecker. Schnell hatte er die Flasche geleert und bediente sich am Büffet. Jeder wollte ihm gratulieren und er kam kaum zum Essen, doch es war ihm egal, dieser Trubel lenkte ihn ab von dem, was er vorher gesehen hatte. Viele, die gerade mit ihm redeten, kannte er bisher nur vom Sehen, wusste nicht einmal deren Namen, aber heute waren sie eine Familie, ein Haus, und Leon war ihr Held, er hatte das Spiel für sie gewonnen. Und das wirklich gekonnt, mehrmals hörte er Bemerkungen, die ihn mit Harry Potter verglichen, die gerne ein Spiel zwischen ihnen beiden gesehen hätten. Draco beobachtete ihn mit leuchtenden Augen, war zufrieden, dass Leon angekommen war, sich ganz offensichtlich wohlfühlte. Und da er so glücklich lächelte, schien es auch Severus gut zu gehen, ansonsten wäre er nicht so gelöst. Irgendwer schaffte es, Musik zu machen und einige Schüler tanzten schließlich sogar. Die Stimmung war ausgelassen und keiner dachte ans Schlafen. Butterbier, Kürbissaft und Punsch floss in Strömen, dementsprechend steigerte sich die gute Laune, je später der Abend wurde. Gegen halb zwei Uhr morgens wurde die Party abrupt von einem ziemlich knurrigen Tränkemeister beendet, der sie alle in ihre Betten schickte.

Leon fühlte sich schwebend, als könnte er fliegen. Draco hatte zu tun, ihn ins Bad zu bekommen und schließlich ins Bett. Immer wieder kicherte Leon ausgelassen ohne auch nur einen Grund dafür zu haben. Draco gönnte es ihm, Leon hatte hart trainiert und sich – nach allem was in seinem Leben bisher passierte – ein bisschen Glück wahrlich verdient. Grinsend lag der Schwarzhaarige nun im Bett und ließ sich von Draco zudecken.

„Gute Nacht, Kleiner!“, schmunzelte Draco.

„Nacht, großer Bruder!“, kicherte Leon.

Es dauerte noch eine Weile, bis Leon schließlich einschlief, immer wieder musste er kichern und hielt sich damit selber vom Schlafen ab. Doch um kurz nach zwei Uhr morgens war es auch in ihrem Schlafraum ruhig. Draco war gerade tief und fest eingeschlafen, als ihn ein ungewohntes Geräusch wieder weckte. Er setzte sich auf, es war nicht hier im Raum. Leons Bett war leer. Das Bad! Draco stand auf und verfluchte sich, er hatte ganz sicher einen Punsch zu viel getrunken. Der Boden fühlte sich uneben an, aber es klang, als bräuchte Leon Hilfe. Draco riss dir Tür auf und stürzte zu Leon. Der übergab sich gerade heftig in die Toilette und wirkte sehr blass, schon fast gräulich im Gesicht. Er zitterte und stöhnte vor Schmerzen, sobald er seinen Mund wieder geleert hatte.

„Hey, Kleiner, was ist los?“

„Schmerzen!“, stöhnte Leon und hielt sich den Bauch.

„Komm, leg dich wieder hin, ich hole Severus.“, beruhigte Draco und half Leon auf.

Doch kaum waren sie zwei Schritte gegangen, verdrehte Leon die Augen, stöhnte noch einmal auf und brach in Dracos Armen zusammen.

„Scheiße!“, fluchte Draco.

Er hob Leon hoch und versuchte, ihn zu tragen, scheiterte aber, denn Leon war, aufgrund der Bewusstlosigkeit, ziemlich schwer. Er fluchte weiter, während er versuchte, eine Entscheidung zu treffen. Sollte er jemanden rufen, oder sollte er Leon alleine lassen und selber Hilfe holen? Doch er brauchte keine Entscheidung zu treffen, da die Tür aufging.

„Hey, Draco, was ist los mit dir mein Liebster?“, säuselte Pansy.

„Pansy, hol Snape, jetzt sofort! Leon braucht Hilfe!“, schrie Draco sie an.

Gerade hatte er keine Lust auf ihre Anzüglichkeiten, genauso wenig wie den Nerv, in Ruhe mit ihr umzugehen. Viel zu sehr sorgte er sich um Leon, seinen Kleinen. Der brauchte schnell Hilfe, er krampfte sich immer wieder zusammen, obwohl er bewusstlos war. Eine gefühlte Ewigkeit später rauschte Severus herein und kniete sofort neben seinem Sohn.

„Was ist passiert?“, fragte er Draco, während er seinen Stab über Leons Körper bewegte.

„Ich weiß es nicht!“, wimmerte Draco. „Ich hab geschlafen und wurde wach, weil ich hörte, wie er sich übergab im Bad. Ich bin rüber und wollte ihm zurück ins Bett helfen, da ist er zusammengebrochen.“

„Er muss in den Krankenflügel, ich kann ihm nicht helfen.“, entschied Severus und hob seinen Sohn hoch.

Draco lief voran und öffnete die Türen, schrie nach der Heilerin, als sie im Krankenflügel ankamen. Sofort eilte sie an das Bett, in das Severus Leon gelegt hatte und begann mit Diagnosezaubern. Eine Weile zauberte sie ohne Kommentar vor sich hin, dann wandte sie sich an den Tränkemeister.

„Ich brauche einige Tränke für seine Leber, für heute und morgen habe ich genug, aber ich werde ihn sicher ein paar Tage länger hierbehalten, damit sein Körper sich erholen kann. Die Feier ist wohl ein wenig außer Rand und Band geraten und da Leon mit seiner Leber Probleme hat, rächt sich das nun. Aber er wird schon, keine Sorge, Severus. In ein paar Tagen ist er wieder fit.“, lächelte sie beruhigend. „Aber da ist noch etwas.“

„Was?“, knurrte der Tränkemeister.

„Ich kenne diesen Jungen, wenn ich seine Untersuchungsergebnisse so ansehe. Es fiel mir im September schon auf, aber ich habe nie etwas gesagt. Aber jetzt ist es noch deutlicher. Das hier ist Harry Potter.“, konkretisierte die Heilerin ihre Beobachtungen.

„Er ist mein Sohn, Leon Snape. Egal wer er früher war.“, kam es eisig von Snape.

„Schon gut, von mir hört es keiner.“, beschwichtigte Madam Pomfrey.

Severus nickte knapp und versprach, die Tränke gleich am Morgen zu liefern. Er blieb noch eine Weile an Leons Bett sitzen und verließ die Krankenstation erst, als Leon wieder ruhig schlief. Der Professor schickte auch Draco ins Bett, obwohl ihm klar war, dass der Blonde wahrscheinlich ebenso wenig Schlaf wie er selber abbekommen würde. Selber machte er sich auf in sein Labor, die Heilerin hatte ihm genau gesagt, was sie für Leon brauchte, daher bereitete er zwei Kessel vor und begann, Zutaten zu schneiden. Schnell hatte er alles kleingeschnitten und zerstoßen, konnte die Kessel aufs Feuer setzen. Gegen halb sechs hatte er den ersten Trank fertig und füllte ihn in die bereitstehenden Phiolen, bevor er sich wieder am zweiten Kessel zu schaffen machte, der gerade eine Kochphase hinter sich hatte und nun wieder Aufmerksamkeit benötigte. Zwei Stunden später war auch dieser Trank fertig und wurde in die Phiolen abgefüllt. Sofort machte er sich auf in den Krankenflügel und brachte die Tränke der Heilerin, sah gleichzeitig nach seinem Sohn, der immer noch schlief. Er wirkte deutlich ruhiger und entspannter als in der Nacht. Severus setzte sich neben das Bett und wartete, dass sein Sohn wach wurde. Doch es dauerte noch fast drei Stunden, bis Leon erste Anzeichen eines baldigen Erwachens zeigte. Auch Draco saß in der Zwischenzeit an seinem Bett, Corvin, Daniel, Kevin und Robyn hatten sich nach Leon erkundigt, denn scheinbar hatte Pansy erzählt, was nachts losgewesen war. Doch Madam Pomfrey hatte sie weggeschickt, Leon brauchte Ruhe. Nur Draco hatte sie erlaubt, zu bleiben.

„Dad?“, nuschelte Leon, als er seine Augen schließlich aufmachte und den Schemen neben seinem Bett versuchte, zu identifizieren.

Draco reichte Leon seine Brille, er hatte sie von Leons Nachttisch mitgebracht. Der Jüngste setzte sie auf und konnte wieder klar sehen.

„Leon, wie geht´s dir?“, wollte Severus wissen.

„Was´n passiert?“, murmelte der.

„Du bist heute Nacht zusammengebrochen.“, informierte Draco.

„Poppy hat festgestellt, dass deine Leber und deine Milz überlastet waren. Deshalb hattest du Schmerzen und Krämpfe, musstest dich übergeben. Hast du bei der Feier Alkohol getrunken oder zu fett gegessen?“, überlegte Severus.

„Ich weiß nicht, jemand hat mir gestern eine Flasche in die Hand gedrückt, ich habe nicht weiter nachgedacht und getrunken, ich kannte das aber nicht. Die eine Flasche, glaube ich. Aber gegessen habe ich nur ein paar Sandwiches mit Pute und Gurken. Was war in der Flasche?“, wunderte sich Leon.

„Wahrscheinlich Butterbier. Davon gab es jede Menge gestern Abend. Es hat zwar nur wenig Alkohol, aber ich denke, das muss es gewesen sein, denn ich habe nicht gesehen, dass du Punsch getrunken hättest, und das war der einzige andere Alkohol gestern. Wobei auch der nicht besonders stark war und eigentlich nur an Viert- bis Siebtklässler ausgeschenkt wurde. Da haben Michael und Janine darauf geachtet.“, berichtete Draco.

„Frühstück, Leon.“, kam es jetzt von der Heilerin, die mit einem Tablett in den Saal kam.

Es gab Obstsalat, Brot mit Schinken, dazu Tee. Außerdem reichte sie ihm eine Phiole, die er zuerst trinken sollte. Leon verzog das Gesicht, als er den Geruch wahrnahm, trank aber dennoch. Er wusste, sein Vater würde nie zulassen, dass er etwas potenziell Gefährliches bekam. Es schmeckte fürchterlich, aber er fühlte sich danach sofort besser. Das Frühstück, das er bisher skeptisch beäugt hatte, zog er nun zu sich hin und spießte mit seiner Gabel Obststücke auf, schob sie sich in den Mund. Zwischendurch trank er Kräutertee, die Heilerin hatte ihm keinen schwarzen Tee erlaubt. Später vielleicht, er vertrug sich nicht mit dem Trank, den er bekommen hatte.

Auch in den nächsten Tagen kam Leon kaum dazu, darüber nachzudenken, was er in der Wohnung, besser im Schlafzimmer seines Vaters gesehen hatte. Zwar hatte er Bettruhe verordnet bekommen, aber Draco kam direkt nach dem Unterricht vorbei, auch Hermine besuchte ihn regelmäßig, meistens mit Ron, obwohl der gerade stinksauer auf seine Freundin war. Sie erzählten, dass sie Krummbein im Jungenschlafsaal erwischt hatten. Seither war Krätze verschwunden. Natürlich war Krätze schon alt gewesen und Ron hatte viel über seine ‚blöde Ratte‘ geschimpft, doch jetzt war er sehr traurig, dass sein Haustier verschwunden war. Es schien, als hätte jemand die Türe zum Schlafsaal nicht richtig zugemacht und damit Krummbein die Chance gegeben, hineinzugelangen. Keiner wusste, ob der Kater die Ratte gefressen hatte oder nicht, aber eine andere Erklärung hatten sie nicht. Dennoch kamen Ron und Hermine gemeinsam, um Leon zu besuchen. Corvin kam täglich und brachte Leon seine Hausaufgaben, zusätzlich kopierte er ihm seine Mitschriften aus dem Unterricht, damit Leon den Anschluss behielt. Bis auf ‚Pflege magischer Geschöpfe‘ hatte Corvin den gleichen Stundenplan wie Leon, er hatte aber ‚Wahrsagen‘ gewählt.

 

Am Freitag durfte Leon den Krankenflügel endlich wieder verlassen und hatte sich in der Zwischenzeit geschworen, nie wieder Butterbier zu trinken. Wäre ihm an dem Abend klar gewesen, dass er Alkohol in der Hand hatte, hätte er die Flasche nie getrunken. Er war sich nicht sicher, aber es könnte auch mehr als eine Flasche gewesen sein. Der Abend war irgendwie verschwommen in seiner Erinnerung. Er ging früh mit seinem Haus zum Frühstück und dann in den Unterricht. Am Vormittag in Verteidigung sah Professor Lupin ihn wieder so komisch an, sagte aber nichts. Hagrid hielt ihn nach dem Unterricht erneut zurück und gratulierte ihm zu seiner fantastischen Leistung im Quidditch. Es war deutlich, dass er um Harry Potter trauerte, aber er sah Leon nun nicht mehr so seltsam an. Die Ähnlichkeit zu Harry Potter war immer noch da, aber für ihn war Leon nur ein Schüler, der seinem Freund sehr ähnlich war. Draco wartete auf ihn, als er wieder in die Eingangshalle kam.

„Alles klar, Leon?“, fragte er und Leon nickte. „Gehst du morgen mit nach Hogsmeade?“

„Ja, klar. Du hast mir schon so viel davon erzählt, das lass ich mir doch nicht entgehen!“, grinste Leon. „Gehst du denn nicht mit deinen Freunden?“

„Du bist mein kleiner Bruder, ich lass dich doch nicht alleine!“, erwiderte Draco gespielt entsetzt. „Oder willst du nicht mit mir dahin gehen?“

„Klar komm ich mit dir!“, lachte Leon. „Und du zeigst mir dann alles.“

Sie gingen gemeinsam zurück in ihr Zimmer und setzten sich an ihre Hausaufgaben, damit sie das Wochenende wirklich genießen konnten. Nach dem Abendessen legte sich Leon dann mit einem Buch, einem Roman aus der Muggelwelt, auf sein Bett und war erstmal nicht mehr ansprechbar. Das kannte Draco bereits von ihm, wenn er in einem Buch versunken war, dann reagierte er nicht mehr. Der Schwarzhaarige bekam nicht einmal mit, dass Pansy und Millicent zu Draco kamen und mit ihm plauderten oder dass später Blaise mit seinem besten Freund Schach spielte. Erst als Severus in ihr Zimmer platzte und beide bat, mit zu ihm zu kommen, setzte er sich auf.

„Was ist los?“, wollte er wissen.

„Nicht hier.“, beschied Severus abweisend.

In Severus´ Wohnzimmer saß Lucius, auch er wirkte beunruhigt. Severus bedeutete ihnen, sich zu setzen und reichte beiden eine Tasse Tee. Das bedeutete, etwas war passiert, etwas Größeres.

„Ich komme eben von einem Treffen von Todessern. Sie versuchen, Wege zu finden, dem Lord die Rückkehr zu erleichtern.“, begann Lucius. „Aber darum geht es gerade nicht wirklich, sie sind nicht besonders erfolgreich bisher. Heute war ein Todesser dabei, der bisher als tot galt. Keinem von uns ist bewusst gewesen, dass Peter Pettigrew noch lebt. Und selbst wenn, das hätte keine Auswirkungen gehabt, bis ich gehört habe, womit dieser Mann prahlte. Ich habe ihn im Anschluss an das Treffen abgefangen und zu Kingsley gebracht. Der hat ihn verhört und Pettigrew ist eingeknickt. Er hat gestanden, dass er derjenige war, der James und Lily Potter damals verraten hat. Pettigrew war der Geheimniswahrer, nicht Black. Er hat gesagt, dass Black so argumentierte, dass der Lord ihn ins Visier nehmen würde, wenn die Potters sich verstecken, keiner würde annehmen, dass sie Pettigrew zum Geheimniswahrer machten. Und das war der Fehler, sie haben es niemandem gesagt, nur die Potters, Black und Pettigrew wussten es. Der rannte fast sofort zum Lord, um in dessen Gunst aufzusteigen. Er hat James und Lily Potter auf dem Gewissen. Kingsley hat bereits veranlasst, dass Black aus Askaban entlassen wird.“

Geschockt saßen sie nun schweigend beisammen, die Gedanken überschlugen sich. Jeder versuchte zu analysieren, was das nun bedeutete. Für sie selber eher nicht viel, außer dass ein weiterer Todesser ausgeschaltet war.

„Bedeutet das, dass du aufgeflogen bist, Onkel Lucius?“, wollte Leon wissen.

„Nein, das wohl eher nicht. Ich habe darauf geachtet, dass keiner mitbekam, dass ich Pettigrew schnappte. Auch Kingsley wird mich nicht verraten, und sonst weiß keiner, dass ich ihn hingebracht habe. Da Pettigrew gestanden hat, wird er wohl direkt mit dem Kuss bestraft, er sagt es also nicht weiter, vor allem, weil sein Gedächtnis dahingehend manipuliert wurde. Es geht ja nicht nur um den Verrat an den Potters, sondern auch um den Mord an den Muggeln, als Black ihn gestellt hatte. Denn Black wusste natürlich, dass er der Verräter gewesen sein musste.“, antwortete der ältere Malfoy ruhig.

„Und was bedeutet das nun für uns?“, stellte Draco die entscheidende Frage.

„Wenn Black wirklich so fit ist, wie es den Anschein hatte, als ich ihn das letzte Mal in Askaban gesehen habe, dann ist er eine wertvolle Unterstützung für den Orden.“, antwortete Severus.

„Wann warst du in Askaban?“, fragte Leon neugierig.

„Schon eine Weile her, war im Auftrag von Dumbledore, als ich auf der Suche nach Harry war.“, entgegnete Severus knapp. „Ich habe Black dort gesehen, er wirkte ziemlich normal, wenn man ihn mit den anderen Gefangenen verglich. Die meisten Insassen starren nur stumpfsinnig vor sich hin, aber Black hat mich angesehen. Einfach nur angesehen, aber da war Leben in seinen Augen. Irgendwann hat er dann gefragt, ob die Gerüchte stimmten, dass sein Harry verschwunden sei, nachdem er den Lord erneut vernichtet hatte. Ich meine, er war da drin, tagtäglich den Dementoren ausgeliefert, aber alles worüber er sich Sorgen machte, war Harry Potter, sein Patensohn.“

„Er wird sicher bald hier auftauchen, wenn er hört, dass Lupin hier ist.“, stellte Lucius fest.

„Das vermute ich auch, die beiden waren immer eng befreundet.“, stimmte Severus zu. „Wir sollten mit ihm reden. Es gab ja lange Zeit Gerüchte, die seinen Bruder mit geheimen Aktivitäten des Lords in Verbindung brachten. Möglicherweise ging es um die Horkruxe und Black kann uns helfen. Es ist nur eine kleine Chance, aber wir müssen sie nutzen, haben nun schon lange keine Hinweise mehr auf weitere Horkruxe gefunden.“

„Dann ist das entschieden. Aber für heute ist es genug, wir sollten schlafen gehen. Es ist schon weit nach Mitternacht.“, gab Lucius zu bedenken.

„Du hast Recht, Lucius. Geht ins Bett, Draco, Leon. Schlaft gut, wir sehen uns in der Früh. Ich werde mit Lupin reden, dass wir mit ihm und Black sprechen müssen.“, konstatierte Severus.

„Gute Nacht!“, wünschten Leon und Draco gleichzeitig, als sie in Richtung ihres Zimmers gingen.

„Ach, wenn ihr wollt, dann geht ruhig nach Hogsmeade, ich denke nicht, dass Black vor dem späten Nachmittag kommt, er wird sicher nicht in die ganzen Schüler laufen wollen. Wenn er nicht sogar über den Kamin kommt, aber vor dem Abend kommen wir nicht dazu, miteinander zu reden.“, lächelte Severus den beiden kurz zu.

 

Wieder plagten Leon Alpträume in der restlichen Nacht und Draco legte sich schließlich zu ihm, zog ihn in seine Arme, damit er ruhig schlafen konnte. Leon war froh, als er Draco bei sich hatte und wünschte sich, diese Arme immer um sich zu haben, sie versprachen ruhige Nächte mit wenig oder gar keinen Alpträumen. Er fühlte sich wohl mit diesem Arrangement. Und auch Draco fühlte sich durchaus wohl in dieser Lage, wenn Leon sich so in seine Arme schmiegte. Am Morgen schliefen sie entspannt bis gegen zehn Uhr, die Nacht war kurz gewesen. Leons Alpträume hatten erst gegen drei Uhr aufgehört, als Draco zu ihm ins Bett gekrochen war. Der junge Snape hatte nun gar keine Lust mehr, nach Hogsmeade zu gehen, er wollte einfach nur seine Ruhe haben. Draco bestellte ein Frühstück für beide bei den Hauselfen, das sie im Zimmer aßen. Blaise hatte gegen acht Uhr kurz hereingeschaut, aber Draco hatte ihn alleine losgeschickt, mit dem Hinweis auf die unruhige Nacht. Auch er hatte keine Lust mehr, ins Dorf zu gehen. So meldeten sie sich nach dem Frühstück bei Severus, kaum überrascht, Lucius dort zu finden.

„Ich war bei Lupin. Black hat sich bei ihm gemeldet und wird heute Nachmittag hierher kommen, durch den Kamin. Auch wir werden dort sein, aber Lupin wollte ihn erst vorbereiten, er meldet sich bei mir.“, erklärte Severus. „Wir sollten etwas essen. Ich bestelle etwas bei den Hauselfen. Leon, worauf hast du Lust?“

 

Professor Lupin meldete sich erst gegen Abend. Eine ganze Weile diskutierten sie bis dahin, ob und inwieweit sie die Beiden einweihen sollten, konnten sich aber – erneut – nicht einigen, wie sie vorgehen sollten. Einerseits wollten sie den Personenkreis, der über Harry / Leon Bescheid wusste, so klein wie möglich halten, um Gefahren für Leon zu vermeiden, andererseits war ihnen durchaus klar, dass sie es schaffen mussten, das Vertrauen von Lupin und Black zu bekommen, und das wäre der sicherste Weg. Vor allem schien Lupin sowieso schon zu ahnen, dass mit Leon etwas nicht stimmte. Nach einer besonders heftigen Diskussionsrunde stand Lucius auf und verließ mit Draco die Wohnung, sie brauchten einen Moment, um sich wieder zu beruhigen, genauso wie Severus und Leon. Severus starrte die Tür eine geraume Weile an, nachdem Lucius sie hinter sich geschlossen hatte.

„Dad? Alles in Ordnung?“, fragte Leon schließlich zögernd.

Severus atmete tief durch. „Ich will dich beschützen.“, antwortete er leise.

„Ich weiß, Dad. Aber Onkel Lucius hat Recht, es ist der einzige Weg, um sicherzugehen, dass sie uns vertrauen.“, fasste Leon die einstündige Diskussion zusammen.

„Das ist mir auch klar!“, fauchte Severus. „Aber es gefällt mir dennoch nicht. Wir, Lucius und ich, diskutieren schon eine Weile, ob wir Lupin einweihen sollen in unsere Mission. Er ist treu und zuverlässig, aber es wissen schon so viele Menschen Bescheid, das Risiko steigt mit jedem Mitwisser. Deshalb waren wir an dem einen Morgen vor etwa zwei Wochen auch so angespannt.“

„Dad, was ist zwischen euch passiert? Zwischen dir und Professor Lupin. Ich habe den Eindruck, dass es nicht nur um mich geht.“, stellte Leon fest.

Severus fixierte seinen Sohn, sie starrten sich eine Weile in die Augen. Leon wusste, sein Vater wollte nicht reden, wollte ihn nicht belasten, aber er wusste auch, dass er wohl den Punkt erwischt hatte. Den wunden Punkt im Leben des Severus Snape. Am Ende gab Severus nach, etwas, das Leon nicht so erwartet hatte.

„Leon, du weißt, ich bin nicht der geselligste Mensch. Das war ich nie. Daher war ich auch in meiner Schulzeit ein Einzelgänger. James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew waren in meinem Jahrgang in Gryffindor. Sie wurden die ‚Rumtreiber‘ genannt und nun, die Weasley-Zwillinge sind harmlos gegen sie. Meist war ich das Opfer ihrer sehr zweifelhaften ‚Scherze‘. James hat mich von Anfang an gehasst, seit wir uns im Hogwarts-Express das erste Mal begegneten, und seine Freunde hat er dementsprechend angestachelt. Lupin hat zwar nie direkt mitgemacht, aber immer weggesehen. Es dauerte nicht besonders lange, bis der Hass gegenseitig wurde.“, erklärte der Tränkemeister leise.

„Waren sie der Grund, dass du zu den Todessern gegangen bist?“, fragte Leon vorsichtig.

„Der Hauptgrund. Lucius war, außer deiner Mutter, der Einzige, der mich anfangs in Schutz nahm. Er war einige Jahre über mir, über uns, war bereits Vertrauensschüler als ich nach Hogwarts kam, später Schulsprecher. Er hat sich für mich eingesetzt und hat mich dann mitgenommen zu meinem ersten Todessertreffen. Als ich es dann noch geschafft habe, Lily zu beleidigen, so sehr, dass sie mich nicht einmal mehr angesehen hat, bin ich hin und habe mich aufnehmen lassen. Der Lord bot mir die Möglichkeit, in eine Gruppe integriert zu sein, zu jemandem zu gehören.“, gestand Severus.

Leon schlang seine Arme um Severus, spürte, wie er zitterte ob der Erinnerung. Jetzt verstand er auch, warum er so vehement dagegen war, den beiden ehemaligen Gryffindors die Wahrheit zu sagen. Und doch wusste Leon instinktiv, dass es wohl die einzige Möglichkeit war, ihr Ziel zu erreichen. Severus genoss die Ruhe, die Leon ihm bot. Gerade mal war er wieder so erwachsen, so reif, dass niemand glauben konnte, dass er erst dreizehn Jahre war. Einige Momente blieb Severus noch an Leon gelehnt, dann richtete er sich wieder auf.

„Danke.“

Leon lächelte ihn strahlend an. „Gerne, Dad.“ Severus rief einen Hauselfen und bestellte etwas Obst für sie, Leon sollte eine Kleinigkeit essen. Viel konnte und durfte er gerade nicht essen, sollte seine Verdauung immer noch schonen, aber der Junge liebte Obst und wenigstens das durfte er auch essen. Dabei fiel ihm der Blick auf, mit dem Leon ihn musterte. Automatisch wanderte Severus´ linke Augenbraue nach oben in Richtung Haaransatz. Inzwischen waren die Brauen wieder so wie früher, die Kopfhaare allerdings deutlich kürzer. Nach der Chemotherapie war es offenbar nicht möglich, sie mit einem Zauber wachsen zu lassen. Leon hielt seine Haare freiwillig kurz, seit er sie in Neuseeland hatte schneiden lassen. Aber die Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden war betonter, seit beide kurze Haare hatten. Immer noch musterte Leon seinen Vater, als versuchte er etwas herauszufinden. Oder aber Mut zu finden, etwas anzusprechen, was ihn offensichtlich schwer beschäftigte.

„Rede, Leon. Was ist los?“, schnappte Severus letztendlich.

„Dad, es ist … ich …“, stammelte der Jüngere. Dann straffte er seine Schultern, sein Vater war immer ehrlich zu ihm, da konnte er das nun auch. „Ich habe dich gesehen, nach dem Spiel. Du … ihr … Liebt ihr euch?“

Sprachlos starrte Severus ihn einen Moment an. Leon fühlte sich unbehaglich und redete einfach weiter. „Ich wollte dir nicht nachspionieren. Ehrlich. Ich … ich habe gesehen, wie sehr du mitgenommen warst bei der Schweigeminute und wollte nach dir sehen. Wollte nicht, dass du alleine bist. Ich hab dich überall gesucht, und dann ins Schlafzimmer gesehen.“

Der Tränkemeister gewann seine Fassung zurück. „Warte, Leon. Ich bin dir nicht böse. Ich wollte nicht, dass du es so erfährst. Ich … ja, wir lieben uns. Es war für uns beide nicht einfach. Es ist nicht einfach. Ich …“

„Schon gut, Dad. Es ist okay. Ich wollte nur, dass du es weißt. Wie lange?“, fragte Leon noch.

„Seit September.“, gestand Severus. „Nach der Verhandlung, es hat sich irgendwie so ergeben.“

„Bist du glücklich, Dad?“

Der Tränkemeister sah auf und blickte seinem Sohn in die Augen. „Ja.“, wisperte er.

„Dann ist es gut!“, lachte Leon und umarmte seinen Vater erneut. „Hab dich lieb, Dad!“

„Stören wir?“, fragte Lucius von der Tür.

Severus sah zu Lucius. „Entschuldige, Lucius. Du hattest Recht, auch wenn es mir nicht gefällt. Wir werden so ehrlich sein, wie es notwendig ist.“

Damit legten sie die Diskussion beiseite und warteten, nun wieder in harmonischer Ruhe, wann sich Lupin melden würde. Leon holte sich sein Buch aus ihrem Schlafsaal und lehnte sich gegen seinen Vater, um zu lesen. Draco und Severus spielten Schach gegeneinander und Lucius beobachtete das Spiel eine Weile, spielte dann im Anschluss gegen Severus, der knapp gegen Draco gewonnen hatte. Zwei Stunden später färbte sich dann das Feuer grün und sie konnten zum Lehrer für Verteidigung gehen. Lupin wirkte relativ entspannt, doch Blacks Augen sprühten Funken. Leon starrte den Mann an, der der beste Freund von James Potter gewesen war. Der Mann, der vor ihm stand, hatte keine Ähnlichkeit mit dem Mann, der auf dem Hochzeitsfoto von James und Lily Potter abgebildet war. Er wirkte ausgemergelt, seine Haare waren hüftlang und verfilzt, wobei sie wenigstens frisch gewaschen schienen. Seine Kleidung schlackerte um den dürren Körper und die Unterarme, die nackt waren, weil er die Ärmel nach oben gekrempelt hatte, wirkten wie zwei Stöcke, die mit Haut überzogen waren. Doch seine Augen machten Leon ein wenig Angst. Sie hatten das gleiche Grau wie die von Draco, waren aber zusammengezogen und wirkten abweisend und kalt. Bis sich ein Funke von etwas in sie schlich, als er Leon genauer ansah.

„Harry?“, wisperte er. Leon zuckte ein wenig zurück und stellte sich hinter seinen Vater.

„Vielleicht sollten wir uns lieber setzen.“, schlug Lucius vor, bevor jemand etwas darauf sagen konnte.

Die Emotionen waren greifbar im Raum. Hoffnung, Angst, Verwirrung, Verzweiflung. Lupin wollte auffahren, wieso Lucius sich in seinen Räumen anmaßte, Anweisungen zu erteilen, aber der bittende Blick aus den Augen des Blonden ließ ihn verstummen. Sie setzten sich auf die beiden Sofas und den Sessel. Lupin orderte Kaffee, Tee und ein paar Sandwiches bei den Hauselfen.

„Mister Malfoy.“, begann Lupin, doch der Blonde unterbrach ihn. „Lucius, einfach nur Lucius. Ich denke, das was wir hier besprechen, braucht eine Menge Vertrauen, daher würde ich gerne anfangen, wenn es Recht ist.“

Lupin und Black nickten nach einem kurzen Blickwechsel.

„Gut. Also, sie beide kennen Severus und auch mich und meinen Sohn.“, begann Lucius. „Ich weiß, dass man gerade mir nachsagt, ein absoluter Anhänger des dunklen Lords zu sein, aber das stimmt so nicht, war nie so. Dumbledore hat mich schon in meiner eigenen Schulzeit auf seine Seite gezogen. Ich bin in den Dienst des Lords getreten auf seine Aufforderung hin. Er brauchte einen Spion und ich war bereit, das auf mich zu nehmen. Da ich ein Malfoy bin, zweifelte der Lord nie an meiner Gesinnung und es gab kaum jemand, der das getan hat. Auch dass ich damals Severus mitgenommen habe, war ausgeheckt. Der Lord hatte mir befohlen, ihn zu einem Todesser zu machen. Ich habe mit Albus gesprochen und Severus eingeführt, er war sicher, dass er ihn wieder auf seine Seite holen konnte. Der Lord brauchte Severus´ Können als Tränkemeister und als Spion. Es war ein abgekartetes Spiel, sehr riskant und nie einfach, vor allem, weil Severus es nicht wissen sollte, aber notwendig. Er hatte noch nicht viel Erfahrung mit Okklumentik damals und danach war ich mir nie sicher, wie seine Loyalität wirklich war, daher habe ich mich ihm nie offenbart. Kingsley Shacklebolt und Alastor Moody waren eingeweiht, inzwischen weiß auch Bill Weasley Bescheid; auch wenn Moody uns beiden nie wirklich getraut hat. Doch auch das war notwendig, wenn Moody uns zu sehr getraut hätte, wären wir wieder auffällig geworden. Nun, Severus wird einen schweren Stand haben, sollte er wieder zum Lord gehen.“

Hier unterbrach ihn Sirius Black. „Aber der ist doch vernichtet, ich habe gehört, Harry hat ihn vor über zwei Jahren zum zweiten Mal getötet.“

„Ja, Harry hat ihn getötet, aber seine Existenz nicht komplett vernichtet.“, entgegnete Lucius ruhig. „Der Lord hatte uns früher schon angedeutet, dass er nicht so leicht sterben könne und falls etwas schief gehen sollte, dann war seine Anweisung, alles dafür zu tun, dass er wiederkommen kann. Das bedeutete auch, dass gerade seine Spione sehen sollen, ihre Positionen beizubehalten. Ich weiß nicht, wie er es aufnehmen wird, dass Severus einige seiner engsten Anhänger angezeigt hat, die nun mit dem Kuss bestraft wurden, aber es könnte auch sein, dass er zufrieden ist. Es ist schwer zu sagen. Aber darum soll es gerade nicht gehen. Albus hat herausgefunden, wie er sich das Überleben sicherte.“

Wieder wurde Lucius unterbrochen, diesmal von Lupin. „Was ist denn nun mit Harry?“

Seufzend begann Severus. „Es ist kompliziert. Harry hat in der Kammer, am Ende seines zweiten Jahres Voldemort gegenüber gestanden. Er hat nicht nur einen Horkrux“, hier atmeten Lupin und Black zischend ein, unterbrachen ihn jedoch nicht, „vernichtet, sondern auch den neu erstandenen Riddle, wie Voldemort mit bürgerlichem Namen heißt. Er wurde kurz danach von Theodore Nott, dem Sohn eines Todessers aus dem innersten Kreis, entführt und monatelang gefoltert und gefangen gehalten. Ich habe ihn erst nach fast drei Monaten entdeckt und konnte ihm nicht helfen. Er ist in meinen Armen gestorben.“

Er unterbrach sich, schluckte einige Male schwer und trank ein paar Schlucke aus seiner Tasse, bevor er weitermachte. „Das ist die offizielle Version, die ich sogar unter Veritaserum aussagen konnte, dass für ihn jede Hilfe zu spät kam. Bitte, hört weiter zu.“, bat er, als er merkte, dass sie ihn unterbrechen wollten. „Ich glaube tatsächlich daran, dass Harry Potter in dieser Zelle gestorben ist, daher konnte ich es aussagen, sogar unter Wahrheitsserum. Sein Körper hat überlebt, Lucius hat uns befreit. Wir beide lagen monatelang im Koma, dabei haben sie, die Ärzte, herausgefunden, dass wir Vater und Sohn sind. Ich bin aufgewacht und konnte mich erinnern, aber da der Junge schon wach war und keinerlei Erinnerungen mehr hatte, mich mit Dad ansprach, hatte ich beschlossen, dass ich ebenfalls an Amnesie litt. Ich habe ihn Leon genannt, Jake, wie sie ihn im Krankenhaus nannten, erinnerte mich zu sehr an James. Ich war verwirrt, dass sie überzeugt waren, ich sei sein Vater, aber Devon hat es inzwischen bestätigt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas mit Lily gehabt zu haben, aber es muss wohl passiert sein. Wir waren in einem Muggelkrankenhaus in Neuseeland, ohne Kontakt zur Zauberwelt. Leon hat mir unbewusst mehrmals das Leben gerettet, er hat wilde Magie mehr oder weniger gezielt eingesetzt und mich geheilt. Wir wurden entlassen und versuchten, ein neues Leben anzufangen, aber ich landete erneut im Krankenhaus, hatte einen Tumor im Kopf. Draco hat Leon zufällig gefunden, er und Lucius waren unterwegs, um uns zu suchen. Lucius ist beim Erschaffen des Portschlüssels wohl ein Fehler unterlaufen und wir sind nicht da angekommen, wo er uns hinschicken wollte, daher hat er so lange gebraucht, um uns zu finden. Er hat Devon geholt, der mich halbwegs heilen konnte und uns hierher gebracht. Leon ist mein Sohn, das wurde bestätigt. Die Ärzte haben ihn auf zehn oder elf Jahre geschätzt, er ist daher nun ein wenig jünger, als Harry Potter war. Sein Geburtstag ist festgelegt auf den 21. Juni 1982. Harry Potter ist tot und bleibt es auch.“

„Er ist dein Sohn?“, hakte Lupin verwirrt nach und sah Severus dabei an.

„Ja. Das wurde zweifelsfrei nachgewiesen. Ich kann mich, wie gesagt, nicht erinnern, etwas mit Lily gehabt zu haben, aber es gab diese eine Nacht, als sie nach einem Streit mit James zu mir kam. Wir haben uns betrunken, ich kann mich nicht an diese Nacht erinnern.“, gestand Severus.

„Dann hatte Lily also doch Recht.“, überlegte Lupin laut. „Sie war sicher, dass Harry James nicht ähnlich sah, nur die schwarzen Haare schienen von ihm zu kommen. Sie hat nie einen Test gemacht, auch sie konnte sich nicht erinnern, jemals fremdgegangen zu sein. Ich finde auch, die Ähnlichkeit mit James waren immer nur die Haare und die Brille. Ist mir die ganze Zeit schon durch den Kopf gegangen, ich habe immer wieder Bilder von ihm bekommen, Albus hat sie mir geschickt. Aber jeder sagte immer, wie ähnlich er seinem Vater sei. Ich schätze, jeder hat gesehen, was er sehen wollte.“

Alle schwiegen eine Weile und mussten die Informationen erst einmal verdauen.

„Du erinnerst dich immer noch nicht?“, fragte Lupin dann an Leon gewandt, wobei es eher einer Feststellung glich.

„Nein. Ich habe manchmal Flashbacks, aber ich kann mit den Bildern, die ich sehe, nichts anfangen.“, ergriff Leon zum ersten Mal das Wort.

„Danke.“, flüsterte Black und sah auf. Die ganze Zeit hatte er auf den Boden gestarrt. Er begegnete fragenden Blicken. „Für eure Ehrlichkeit.“, fügte er hinzu. „Ich denke, ich hätte euch kein Wort geglaubt, wenn ihr das nicht erklärt hättet. Was habt ihr nun vor?“

„Ich will ehrlich sein. Ich wollte erst nichts sagen, aber nicht, weil ich euch nicht traue, sondern weil ich Leon schützen will.“, wisperte Severus. „Leon ist alles, was ich habe. Ich will nicht, dass ihm etwas passiert. Daher verlange ich von euch, dass all das hier in diesem Raum bleibt. Nur Minerva, Devon Zabini, Poppy, Miss Granger und Mister Weasley wissen Bescheid, wenn man von den Personen in diesem Raum absieht.“

„Versprochen. Wir werden schweigen.“, erwiderte Lupin fest. „Also, was habt ihr nun vor?“

Lucius ergriff wieder das Wort. „Wir sind dabei, die Horkruxe zu finden und zu zerstören. Dank Albus haben wir wenigstens eine Idee, was zu tun ist. Er hat das alles herausgefunden und mit uns das Wissen geteilt. Voldemort hat, bevor er das erste Mal versuchte, Harry zu töten, Horkruxe geschaffen. Drei davon sind bereits vernichtet, zuerst das Tagebuch von Harry, dann ein Ring aus dem Erbe Slytherins, den Albus zerstört hat, allerdings nicht ohne von einem Fluch getroffen zu werden, der ihn letztendlich tötete. Der dritte war ein Becher aus dem Erbe von Hufflepuff, der im Verlies von Bellatrix versteckt war. Da Zissa ihre Schwester ist, hatte sie unter bestimmten Umständen Zutritt zu dem Verlies und sie hat den Becher geholt und eine Kopie hinterlassen. Wir haben ihn im Anschluss sofort vernichtet, Zissa, Kingsley und ich, Dumbledore war dazu schon zu geschwächt, er starb nur kurze Zeit später. Bella kam dahinter, dass Zissa den Becher aus dem Verlies holte und hat sie an Weihnachten angesprochen. Sie hat Zissa getötet.“

Der Blonde brach ab, versteckte sein Gesicht in seinen Händen, war völlig erschüttert. Kein Laut verließ seine Lippen, aber seine Schultern bebten. Severus stand auf und trat zu ihm, zog ihn in seine Arme. Lucius schmiegte sich an ihn, hielt sich fest, als wäre Severus sein Anker, der ihn in dieser Welt hielt. Draco und Leon strichen ihm über den Rücken. Erschüttert schwiegen alle im Raum. Erst als Lucius´ Zittern langsam nachließ, ergriff Draco das Wort.

„Vater und ich haben Bella überwältigt und ins Ministerium gebracht. Dort wurde sie verurteilt und nach Askaban geschickt. Als Severus sie dann auch noch beschuldigte, an den Foltern und dem Mord an Harry Potter beteiligt gewesen zu sein, wurde sie von den Dementoren geküsst, ebenso wie Nott, Crabbe und Goyle senior.“, ergänzte Draco.

„Aber das waren nicht alle Horkruxe, wenn man eure Worte bedenkt.“, überlegte Lupin laut.

Lucius nickte und löste sich von Severus. „Nein. Es gibt, laut Albus, noch drei weitere. Einer ist die Schlange, die der Lord damals schon als Schoßtier nutzte. Wir waren immer der Meinung, es lag an seiner Verwandtschaft zu Slytherin und weil er mit Schlangen sprechen konnte, aber Nagini hatte ein zusätzliches Geheimnis und deswegen ließ er sie so gut wie nie aus den Augen. Dann ist da ein Medaillon, ebenfalls von Slytherin, genau wie der Ring, und ein Diadem von Ravenclaw.“

„Das verschollene Diadem? Er hat es gefunden?“, staunte Lupin.

„Ja.“, bestätigte Severus schlicht. „Das hat er, er hat damals sogar mir gegenüber damit geprahlt. Allerdings hat er nie erwähnt, wo es versteckt ist.“

„Hatte Albus eine Ahnung, wo es sein könnte?“, wollte Lupin wissen, als er sein Erstaunen wieder im Griff hatte.

Lucius schüttelte den Kopf. „Er hat viele Theorien aufgestellt, aber er konnte es nie herausfinden. Eines scheint klar, er versteckte seine Horkruxe an Stellen, die etwas für ihn aussagten. Den Ring fand Albus im Haus von Tom Riddles Großvater, dem Vater seiner Mutter; mit ihm endete die Blutlinie von Slytherin. Das Tagebuch war in meinen Händen, ich hatte Anweisung, es zu einem bestimmten Zeitpunkt nach Hogwarts zu bringen. Mir war nicht klar, was ich da in der Hand hatte, sonst hätte ich es nicht getan. Ich war nur insofern informiert, dass das Tagebuch, wenn es zum richtigen Zeitpunkt nach Hogwarts käme, es dem Lord erleichtern würde, zurückzukehren. Albus war der Meinung, dass wir das riskieren sollten, denn ansonsten wüssten wir nicht, wo er auftauchte. Dass damals Harry in die Schusslinie geriet, war jedoch nicht geplant und Albus hat sich schwere Vorwürfe gemacht. Allerdings wären wir auch nie in die Kammer gekommen, da keiner von uns Parsel spricht. Das Tagebuch sollte nach Hogwarts, an den Ort, dem sich Riddle immer tief verbunden fühlte. Deshalb hat Albus auch immer vermutet, dass ein Horkrux hier versteckt sein könnte. Wir konnten es bislang nicht beweisen, haben nie einen gefunden. Albus hat noch einen anderen Ort entdeckt, den Tom als Kind gerne nutzte, um anderen Kindern im Waisenhaus Angst zu machen. Dort hat er etwas gefunden, aber es war nicht der Horkrux, jemand kam ihm zuvor, hat dem Lord eine Nachricht hinterlassen, dass er den echten Horkrux hat, ihn vernichten will. Wir wissen nicht, ob es je gelungen ist.“

„Wer war das? Wer hat die Nachricht hinterlassen?“, fragte Black. „Ich habe gerade das Gefühl, dass ihr uns genau deswegen mit einbezieht.“

„Dein Gefühl trügt dich nicht.“, knurrte Severus.

„Lass gut sein, Severus.“, besänftigte Lucius. „Ja, darum geht es. Derjenige, der den Horkrux entfernt hat, hinterließ eine Nachricht an den Lord, diese haben wir gefunden. Sie war unterschrieben mit drei Buchstaben: R.A.B.“

Black wurde noch blasser, als er vorher gewesen war und hielt sich krampfhaft an den Sessellehnen fest. „Regulus Arcturus Black.“, hauchte er.

„Das war auch mein Gedanke.“, stimmte Lucius zu. „Dein Bruder war möglicherweise doch kein so treuer Anhänger des dunklen Lords, wie es den Anschein hatte.“

Sirius Black brach in dem Moment zitternd zusammen. Er schluchzte haltlos. Lupin war an seiner Seite und hielt ihn fest, gab ihm Halt. Leon verstand, was in dem Mann vorgehen musste. Wie in Trance erhob er sich und trat neben seinen Lehrer, kniete sich zu dem verzweifelten Mann und strich ihm sanft mit der Hand über die Wange, wischte die Tränen weg, die immer weiter aus den grauen Augen strömten. Severus und die Malfoys hielten den Atem an, als Black seine Arme um Leon legte und sein Gesicht in dessen Schulter vergrub, doch Leon zuckte nicht zurück, hielt den Mann fest und strich ihm sanft über den Rücken, immer und immer wieder, bis der langsam ruhiger wurde und erschöpft einschlief.

„Danke, Leon.“, flüsterte Lupin. „Du bist wahrscheinlich der Einzige, den er momentan an sich heranlässt. Ich bringe ihn in mein Bett.“

Und mit einer Leichtigkeit, die Leon und Draco in Erstaunen versetzte, hob er den Schlafenden auf seine Arme und trug ihn in sein Schlafzimmer. Die Snapes und Malfoys verabschiedeten sich leise und gingen nach draußen, ließen Lupin und den schlafenden Black alleine. Sie würden morgen weiterreden.

 

Severus hielt die Jugendlichen davon ab, in den Gemeinschaftsraum der Slytherins zu gehen. Er wollte jetzt mit ihnen reden, erstens um herauszufinden, wie es seinem Sohn ging und zweitens wollte er seine Liebe nicht mehr länger verstecken. Leon hatte es herausgefunden und Severus war sicher, dass er Glück hatte, dass sein Sohn so vernünftig war und es gut aufgenommen hatte, aber Draco sollte es ebenfalls wissen, Leon sollte nicht gezwungen werden, etwas zu verschweigen. Das tat ihm nicht gut, wusste Severus, der Junge war so leicht zu verletzen, so unsicher in dieser Hinsicht. Zwar hätte er es gerne vorher abgesprochen, aber dann hätte er Leon damit wegschicken müssen. Der Kleine hatte es eine ganze Woche verborgen und das machte ihm offenbar zu schaffen, denn er wirkte wieder einmal übermüdet, obwohl er die ganze Woche im Krankenflügel verbracht hatte. Er bat Leon und Draco, sich zu setzen und ging mit Lucius kurz in die Küche. Nur Minuten später kamen sie mit Tee und einigen Keksen wieder ins Wohnzimmer und setzten sich dazu.

„Leon, alles in Ordnung?“, wollte er wissen.

„Ja, ich denke schon. Es ist irgendwie … ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen, aber nicht so, sondern nur dieses Gefühl, das er ausstrahlt. Das habe ich schon einmal gehabt, als ich in Wellington die Sternbilder gesehen habe. Mich hat beim Anblick von dem Stern Sirius ein wohliges Gefühl eingenommen und gleichzeitig traurig gemacht, aber das konnte ich damals nicht zuordnen. Aber vorhin hatte ich das gleiche Gefühl.“, erklärte Leon.

„Das wird daran liegen, dass er Harrys Pate war und ihn in der Zeit, als er bei seinen Eltern lebte, häufig besuchte, soweit ich informiert bin. Wenn dein Gefühl dir sagt, dass es in Ordnung ist, dann gib dem ruhig nach, du musst nicht meine Erfahrungen übernehmen. Aber nun zu etwas Anderem. Leon, ich weiß, es ist dir schwergefallen, mein Geheimnis zu bewahren. Ich bin froh, dass du es bisher für dich behalten hast, aber ich weiß, du lügst nicht gerne und wärst früher oder später entweder dazu gezwungen oder müsstest mich verraten, was du ebenso ungern machst.“, begann Severus.

Draco sah zwischen Severus und Leon hin und her, kniff dabei die Augen zusammen. „Also hatte ich Recht im Krankenflügel? Du weißt etwas und willst es mir nicht sagen!“, rief er anklagend.

„Ich …“, begann Leon, wurde aber von Severus unterbrochen. „Nein, Leon. Lass mich reden. Draco, Leon wollte mich nicht verraten, dich aber auch nicht anlügen. Er hat durch Zufall herausgefunden, dass ich … mit jemandem zusammen bin. Es ist noch relativ frisch, daher habe ich es erst einmal für mich behalten und ich werde sicher auch nicht an die Öffentlichkeit gehen damit, denn das wäre nicht ich. Aber hier, in dieser Gesellschaft, brauche ich mich nicht zu verstellen. Wir sind eine Familie, und Leon hat mir eines beigebracht: in einer Familie sollte man offen zueinander sein. Ehrlichkeit war mir schon immer sehr wichtig, und das ist es immer noch.“

Lucius räusperte sich und unterbrach Severus damit. „Und ich dachte, ich wäre der Politiker hier.“ Alle lachten, bis Lucius wieder ernst wurde. „Du redest und redest, ohne etwas zu sagen. Draco, Severus und ich sind zusammen. Es ist passiert, als ich ihn zu der Verhandlung begleitet habe, auch wenn ich schon seit Neuseeland Gefühle für ihn habe. Ich wollte es mir nicht eingestehen, habe viel mit mir selbst am Grab deiner Mutter gesprochen, aber irgendwann war es klar und nach der Verhandlung … wir haben uns entschieden, es zu versuchen. Ihr seid schon fast wie Brüder, wir sind eine Familie.“

Draco starrte ihn ziemlich geschockt an, brachte aber kein Wort heraus. Die Offenheit seines Vaters schockierte ihn und gab ihm gleichzeitig ein wenig Hoffnung. Und doch zerbrach gerade etwas in ihm, immer wieder hatte er seine Eltern zusammen gesehen und sie hatten ihm immer wieder gezeigt, wie sehr sie einander vertrauten und einander liebten, auch wenn es untypisch war. Seine Eltern waren erzogen worden, dass Gefühle keine Rolle spielten und es darauf ankam, wie man in der Öffentlichkeit wirkte. Das Wichtigste war, einen Nachkommen zu zeugen, der den Namen – und die Geschäfte – weiterführen konnte. Homosexualität war kein Thema, das wurde in diesen Kreisen totgeschwiegen, die Devise war, sich nicht erwischen zu lassen. Niemand durfte davon wissen, wenn es denn schon mal der Fall war, dass jemand das eigene Geschlecht vorzog. Und jetzt sagte ihm sein Vater eben mal nebenbei, dass er einen Mann liebte, mit ihm eine Familie war. Was war mit seiner Mutter? Hatte er immer nur etwas vorgespielt? Draco konnte es nicht verhindern, dass eine Träne sein Auge verließ. Er schaffte es nicht, seine Maske aufrecht zu erhalten.

„Draco, es tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen. Ich habe Zissa geliebt, sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben, mit einer Ausnahme: Du. Ich habe lange mit mir gerungen, wollte diesen Gefühlen nicht nachgeben, weil ich das Andenken an Zissa ehren wollte. Aber wir waren uns damals immer einig, dass jeder von uns ein neues Leben beginnen kann und soll, wenn einer eher gehen muss. In der Zeit, als wir dich bekommen haben, war es so unsicher, keiner wusste, ob er sein Zuhause wiedersah, wenn er morgens das Haus verließ. Gerade weil ich in den Reihen des dunklen Lords war – und bin – war es immer gefährlich. Zissa wusste von meiner Spionage für Dumbledore, sie war immer auf meiner Seite und hat mich unterstützt, so gut sie konnte. Sie hat nie verlangt, dass ich es beende. Ihr einziger Befehl an mich war, dich so gut wie möglich zu schützen, als sie dich geboren hatte. Wir beide haben einander geschworen, weiterzuleben, auch wenn einer von uns stirbt. Glaub mir, Draco, ich habe es mir nicht leicht gemacht, aber ich liebe Severus auf eine Weise genauso wie ich deine Mutter geliebt habe und immer noch liebe. Ja, ich weiß, ich habe dich anders erzogen, aber glaub mir, das ist mir nicht immer leicht gefallen, es war aber notwendig, um dich zu schützen. Du bist mir so wichtig, ich kann es nicht in Worte fassen, aber auch Severus bedeutet mir sehr viel. Ich liebe dich als meinen Sohn, Severus als meinen Partner. Ich will keinen von euch verlieren.“

„Du hast sie geliebt? Es war ehrlich?“, versicherte sich Draco.

„Ja, ich habe sie geliebt, liebe sie immer noch. Von Anfang an. Sie wird immer einen Platz in meinem Herzen haben, aber jetzt hat auch Severus einen. Genau wie du.“, erwiderte Lucius.

„Ich glaube, du brauchst ein bisschen Zeit.“, meldete sich Leon nun zu Wort. „Komm, Draco, gehen wir schlafen. Morgen sieht alles anders aus.“

Leon nahm Dracos Hand und zog ihn hoch, wünschte seinem Vater und Lucius eine gute Nacht und verließ mit dem Blonden im Schlepptau die Wohnung. Wie betäubt ließ Draco sich mitziehen. Sein Gehirn schien sich verabschiedet zu haben, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wobei er gerade auch gar nicht nachdenken wollte, denn ansonsten kamen diese Bilder in ihm hoch, auf die er eigentlich verzichten konnte. Leon zog ihn durch den Gemeinschaftsraum hindurch in ihr Zimmer. Er wimmelte alle ab, die Fragen stellen wollten, sagte ihnen nur, dass er gerade Zeit brauchte, um gewisse Informationen zu verdauen. Viel war nicht mehr los, da es schon weit nach der Sperrstunde war, die Meisten waren in ihren Zimmern, aber gerade Blaise, Millicent und Pansy waren sehr aufmerksam. Draco schien völlig erstarrt, Leon musste ihm helfen, sich umzuziehen und drückte ihn dann ins Bett, deckte ihn zu. Der Blonde hatte nicht ein Wort gesagt und starrte nur blicklos vor sich hin. Leon schmiegte sich an ihn, war einfach zu ihm ins Bett gekrabbelt. Es hielt bei ihm selber die Alpträume fern, vielleicht funktionierte das auch umgekehrt.

„Hey, Draco. Rede darüber.“, murmelte er.

Langsam fokussierte Dracos Blick wieder und er sah Leon an. „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ob ich es in Worte fassen kann. Es ist so … verwirrend. War das wirklich mein Vater? Der überkorrekte, immer vorzeigbare Lucius Malfoy? Der nie etwas außer der Reihe macht und sich an alle Konventionen hält?“ Wieder schwieg er, lehnte sich haltsuchend bei Leon an.

„Ich denke, dein Vater hat allen jahrelang etwas vorgespielt, genau wie meiner.“, überlegte Leon, während seine Finger über Dracos Rücken strichen. „Man schafft das nicht ewig, immer allen etwas vorzumachen. Harry Potter ist daran wohl zerbrochen, wenn ich das richtig verstanden habe. Dad war auch kurz davor, unter dieser Last zusammenzubrechen, oder vielleicht war er es auch. Auch dein Vater hatte es nie leicht und dann ermordet auch noch seine Schwägerin ihre eigene Schwester vor euren Augen. Wahrscheinlich sieht dein Vater dieses Bild heute noch jede Nacht vor seinen Augen. Du bestimmt auch, aber er hat schon viel mehr mitgemacht, deshalb trifft es ihn schwerer. Er hat sich ein bisschen Glück verdient und sieh ihn dir an, er ist glücklich. Genau wie Dad. Letzte Woche, als die Schweigeminute für Harry Potter ausgerufen wurde, hatte er Tränen in den Augen. Es war zu viel, ich glaube, er war wieder da. Dein Vater hat ihm aufgeholfen, war für ihn da. Die brauchen einander, unsere Väter. Nach dem Spiel wollte ich nach Dad schauen und habe die beiden im Schlafzimmer gesehen. Deshalb wusste ich es. Sag jetzt nichts, Draco, denk einfach ein bisschen darüber nach und schlafe. Hab keine Angst, ich bin hier.“

Leon fuhr fort, Dracos Rücken zu streicheln und der Blonde schlief wirklich kurze Zeit später ein. Nach einer Weile fielen auch Leon die Augen zu und er schmiegte sich dicht an Draco, wo er sich geborgen fühlte. Beide schliefen erstaunlich ruhig in dieser Nacht. Am Morgen gingen sie direkt zu Severus, da sie wissen wollten, ob Lupin sich schon gemeldet hatte. Noch nicht, wie sie erfuhren. Lucius musterte seinen Sohn ein wenig unsicher, aber dieser hatte seine Maske wieder aufgebaut, seine Emotionen wieder unter Kontrolle und ließ nicht durchblicken, was los war. Einerseits war Lucius froh, sich nun nicht mehr verstecken zu müssen, aber andererseits war da ein wenig Angst, dass sich sein Sohn nun von ihm abwenden würde. Er wollte keinen verlieren, weder Draco noch Severus. Und die Gefahr, wenn Draco sich gegen ihn wenden sollte, war groß, denn er wusste sehr viel, zu viel. Über diese Gefahr hatte er letzte Nacht noch lange mit Severus gesprochen. Sie wären gezwungen, Dracos Gedächtnis zu verändern, und diesmal durfte nichts schief gehen, so wie bei Harry und Severus. Der Tränkemeister war sicher, Draco trauen zu können, aber letztendlich hatte er zugestimmt, im Notfall Dracos Gedächtnis zu manipulieren, auch wenn es ihm nicht gefiel.

„Guten Morgen!“, grüßten die beiden Jugendlichen.

„Guten Morgen ihr beiden!“, lächelte Lucius.

„Vater, kann ich mit dir reden? Alleine?“, fragte Draco leise.

Lucius nickte. Severus deutete ihnen an, in sein Büro zu gehen und setzte sich mit Leon bereits an den Küchentisch. Sie bestellten Frühstück bei den Hauselfen. Severus war sicher, es würde wohl eine Weile dauern, bis die beiden Malfoys wiederkamen und forderte Leon auf, gleich anzufangen. Der Kleine konnte es sich nicht leisten, Mahlzeiten zu verpassen, vor allem, da er Vieles nicht essen konnte, was ihm helfen würde, Gewicht zuzulegen.

„Wie hat es Draco aufgenommen?“, fragte Severus schließlich.

„Er war ziemlich geschockt, wusste selber nicht, wie es ihm geht. Ich bin bei ihm geblieben, er hat in meinen Armen geschlafen. Es hält die Alpträume fern.“, antwortete Leon. „Ich denke, Onkel Lucius hat ihm jahrelang etwas beigebracht und nun wird seine ganze Welt durcheinander geworfen, da darf Draco auch mal ein bisschen geschockt sein. Aber ich glaube, er wird es akzeptieren. Er liebt seinen Vater, auch wenn er es selten zeigt. Für ihn ist es wichtig zu wissen, dass er immer noch seinen Vater an seiner Seite hat, vor allem nach dem, was wir in den letzten Wochen alles erfahren haben.“

„Leon, du beeindruckst mich, wie du mit der Situation umgehst. Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich keine Ahnung hatte, wie du reagieren würdest. Du solltest nicht überfordert werden und vor allem keine Angst haben, allein gelassen zu werden.“, zollte Severus seine Achtung.

„Dad, ich hatte solche Angst, dich zu verlieren. Im Krankenhaus immer wieder, und als ich dann erfahren habe, dass du die ganze Zeit wusstest, wer du bist und auch wer ich bin. Und dann, als du und Onkel Lucius mir erzählt habt, wer ich war und was passiert ist, da dachte ich, du gehst und lässt mich alleine, weil ich … nun, weil du mich wohl immer gehasst hast. Aber du hast mir so oft nun schon gezeigt, wie sehr du mich liebst und hast mir Sicherheit gegeben, du kämpfst an meiner Seite. Ich bin froh, dass du nicht nur mich glücklich machst, sondern auch selber glücklich bist.“, umarmte Leon seinen Vater.

Der schmunzelte und erwiderte die Umarmung. „Viele Schüler erkennen mich nicht wieder. Du, junger Mann, hast mich sehr verändert, auch wenn du es nicht weißt. Ich habe dich an mich herangelassen und du hast mein Herz im Sturm erobert. Schon als du noch Harry warst und mir in diesem Kerker Kraft gegeben hast, und als du dann im Krankenhaus an meiner Seite warst. Über Jahre hinweg habe ich eine Mauer um mich gebaut, du hast sie eingerissen. Und dann stehst du hier und sagst mir, du bist froh, wenn ich glücklich bin. Danke, Leon.“

Severus schwieg eine Weile, er musste sich selbst erst wieder unter Kontrolle bekommen, etwas, das ihm nicht mehr leicht fiel. Leon hatte ihn weit mehr verändert, als er selbst bisher wahrgenommen hatte. Auch im Unterricht fiel es ihm immer wieder auf, er war nun deutlich fairer, zog die Slytherins nicht mehr so sehr vor, zog Gryffindor nicht mehr unberechtigt Punkte ab. Schließlich fiel ihm ein, was er eigentlich gestern noch von ihm wollte.

„Leon, ist bei dir alles in Ordnung? Du warst nicht wirklich vorbereitet auf das, was gestern passiert ist.“

„Dad, ich weiß nicht. Es fühlte sich einfach richtig an, Black zu helfen. Es ist alles irgendwie so … kompliziert.“, versuchte Leon, seine Gefühle in Worte zu fassen.

„Es war einfacher in Neuseeland, oder?“, fragte Severus leise.

„Da wusste ich, was richtig und falsch war. Jetzt ist es nicht mehr so leicht. Damals war ich einfach nur der Junge ohne Gedächtnis, der versuchte, ein neues Leben zu beginnen. Heute sehen viele immer noch Harry Potter in mir, aber ich habe keine Ahnung, was das wirklich bedeutet. Ja, ich habe eine gewisse Vorstellung, aber auch nur das. Und irgendwie erscheint es nun so, als ob ich ein Teil dieser Aufgabe bin, du und Onkel Lucius, ihr bekämpft diesen Voldemort, so wie Harry es getan hat, und Draco und ich, wir sind trotzdem ihr uns raushalten wollt, doch mittendrin. Du kannst nichts dafür, Dad, das weiß ich. Du kannst uns nicht außen vor lassen, das weiß ich, und du auch. Ich weiß, dass du uns beschützen willst. Aber wir werden an eurer Seite sein, immer.“

In diesem Moment kamen Draco und Lucius in die Küche. Draco wirkte deutlich ruhiger und kam an der Seite seines Vaters herein. Es war nicht alles wieder in Ordnung, aber Draco akzeptierte, dass Lucius mit Severus glücklich war. Ja, eigentlich gönnte er es seinem Vater, aber es war nicht leicht, denn immer noch wirkte es für den Jugendlichen, als würde das Andenken seiner Mutter vergessen. Sie setzten sich an den Tisch und genossen ein stilles Frühstück, während sie warteten, dass Black wach wurde und Lupin ihnen Bescheid gab. Es dauerte nicht allzu lange, bis Lupin sich über den Kamin meldete und Momente später mit Black im Wohnzimmer stand. Severus zauberte noch zwei Gedecke und bat sie, sich zu setzen.

„Warum sollte ich mich mit dir an den Tisch setzen, Schniefelus?“, fragte Black mit einem hämischen Grinsen.

„Vielleicht weil wir schon immer auf einer Seite stehen, Black.“, schnarrte Severus.

„Davon träumst du wohl nachts!“, lachte Black.

„Schluss damit!“, knurrten Lupin und Lucius gleichzeitig und Lucius fuhr nach einem gewechselten Blick fort: „Es stimmt, wir stehen alle auf einer Seite. Ich weiß, es fällt ihnen, Mister Black, möglicherweise schwer, das zu glauben, aber ich kann nur schwören, dass wir ehrlich sind. Wir brauchen ihre Hilfe, um Albus´ Aufgabe zu vollenden und für Frieden zu sorgen.“

Black verbiss sich ganz offensichtlich einen Kommentar, seine Lippen waren fest aufeinander gepresst. Lupin hatte ihm nur einen Blick zugeworfen, den die Anderen für warnend hielten. Ein paar Minuten war es still und alle griffen am Tisch zu. Dann sah Black zu Severus.

„Remus hat mir erzählt, was du für Harry getan hast, er hat es im Tagespropheten gelesen. Danke, Snape.“, sagte er schließlich leise. „Der Junge bedeutete alles für mich, aber ich durfte ihn nicht nehmen. Ich war da, in der Nacht, als James und Lily ermordet wurden. Hagrid hatte Harry schon mitgenommen und Dumbledore hat sich geweigert, ihn mir zu geben, weil nur das Blut seiner Mutter ihn schützen würde vor den Todessern. Deshalb wollte ich Peter stellen. Aber der hat eine Explosion verursacht, nachdem er sich einen Finger abgeschnitten hatte und ist in seiner Animagusform verschwunden. Ich wusste, es war aus. Keiner würde mir glauben.“

„Pettigrew ist ein Animagus?“, entfuhr es Lucius.

„Ja, eine Ratte.“, antwortete Black. „Wusstet ihr das nicht? Ich frage mich nur, wo er sich all die Jahre versteckt hat, um auf dem Laufenden zu bleiben.“

„Ich habe es nie verraten.“, wisperte Lupin. „Es gab keinen Grund mehr, dachte ich. Tut mir leid, Tatze, mein Freund, ich habe an dir gezweifelt, ich hätte es besser wissen müssen.“

„Moment mal, eine Ratte? Und ihm fehlte ein Finger?“, kiekste Leon.

„Ja, warum? Was ist los?“, fragte Black alarmiert.

„Ich glaube, ich kann ihre Frage beantworten, Mister Black.“, begann Leon, wurde jedoch unterbrochen. „Nenn mich Sirius.“, bat Black.

„Oh, okay.“, stammelte Leon. „Also, Sirius, um deine Frage zu beantworten: Ich glaube, er hat sich bei den Weasleys versteckt. Krätze, Rons Ratte, ist vor einigen Tagen verschwunden, er glaubte, dass Krummbein, Hermines Kater, dafür verantwortlich ist. Ich glaube, es stimmt ungefähr mit der Zeit überein, als Onkel Luc Pettigrew auf dem Treffen gesehen und geschnappt hat. Krätze ist seit etwa vierzehn Jahren bei den Weasleys und ihm fehlt eine Zehe. Wie alt werden normale Ratten für gewöhnlich?“

„Verdammt, du hast Recht!“, fluchte Remus, was alle zusammenzucken ließ, denn normalerweise fluchte dieser Mann nicht. „Ich habe diese Ratte so oft gesehen bei den Ordenstreffen, wenn Ron zuhause war. Ich hatte immer ein Gefühl, als hätte ich die schon mal gesehen, wäre aber nie auf die Idee gekommen, es könnte Peter sein. Und bei den Weasleys war er auch relativ sicher, sollte die Macht an Voldemort gehen, konnte er sie verlassen, wenn Voldemort jedoch endgültig vernichtet würde, dann könnte er dort sicher leben.“

„Er war schon immer gerissen und auf seinen eigenen Vorteil bedacht.“, stimmte Sirius zu. „Aber er ist jetzt in guten Händen! Um ihn brauchen wir uns nicht mehr zu kümmern. Doch was war nun mit meinem Bruder?“

„Ich weiß es nicht genau.“, überlegte Lucius. „Ich habe nur an ihn gedacht, als ich diese Buchstaben unter dem Hinweis sah. Es war ein Pergament, das in einem falschen Horkrux steckte, den wir fanden. Albus hatte es, ich habe es nie bekommen. Darauf stand, dass derjenige, der den echten Horkrux hat, versuchen will, ihn zu vernichten, aber wir wissen nicht, ob das glückte. Gibt es einen Hinweis, dass er die Seiten gewechselt haben könnte?“

„Nicht dass ich wüsste. Aber ich bin ja mit sechzehn zu den Potters gezogen und hatte keinen Kontakt mehr mit meiner Familie. Damals wurde ich auch enterbt, deswegen habe ich momentan auch kein Haus, denn keiner weiß genau, ob die Enterbung nun bestimmte Fallen ausgelöst hat und ich überhaupt noch Zugang zu den Häusern meiner Familie habe. Theoretisch bin ich der Erbe, da das Testament nie geändert wurde. Meine Eltern haben es damals nur lautstark verkündet, dass sie mich enterben und das Erbe dann an Narzissa und Bellatrix ginge, aber auch die beiden sind nicht im Testament erwähnt.“, antwortete Black.

„Hat Regulus sich nie bei dir gemeldet?“, wollte Lupin wissen. Sirius Black schüttelte seinen Kopf. „Nie. In der Schule hat er mich ignoriert und kurz nachdem ich meine Ausbildung angefangen habe, verschwand er und wurde nie wieder gesehen. Er soll angeblich von Voldemort persönlich umgebracht worden sein.“

„Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, aber ich weiß nicht, ob es stimmt.“, warf Lucius ruhig ein.

„Ich auch nicht.“, meldete sich Severus zu Wort.

„Was ist mit den Hauselfen? Da gab es doch diesen einen, der Regulus so sehr liebte, wie ich mich erinnere.“, überlegte Lucius.

„Kreacher. Ich habe keine Ahnung. Kingsley hat mir geraten, erstmal nicht ins Haus zu gehen und auch die Hauselfen besser nicht zu rufen, da er nicht wusste, ob es eine Falle ist. Bis auf Weiteres werde ich mich an seine Bitte halten, ich habe keine Lust, gleich wieder irgendwo in einer Zelle zu landen und dort zu vermodern. Die Gefahr ist ziemlich groß. In Askaban wurde ich wenigstens mit Essen und Wasser versorgt.“, schüttelte sich Black.

„Moment mal, wenn Pettigrew die Ratte von Ron war, kann es sein, dass er weiß, dass Leon Harry ist?“, fiel es Draco ein.

Entsetztes Schweigen folgte. „Leon? War die Ratte dabei, als du es den beiden erzählt hast?“, wollte Severus wissen. Man konnte sehen, dass er gerade darum kämpfte, die Fassung zu bewahren.

„Nein. Krätze war sicher nicht dabei, ich habe erst später von der Ratte erfahren.“, schüttelte Leon den Kopf.

„Was nicht heißt, dass die beiden nicht später in seiner Gegenwart darüber gesprochen haben könnten.“, sinnierte Lucius.

„Ich werde Ron Weasley und Hermine Granger heute noch befragen. Wir müssen es wissen.“, entschied Severus.

„Gut. Wenn er es wusste, dann können wir davon ausgehen, dass so manche Todesser inzwischen auch davon wissen. Dann müssen wir uns etwas einfallen lassen.“, fügte Lucius ruhig hinzu.

„Das bedeutet, wir sind keinen Schritt weiter.“, fasste Severus zusammen. „Wir haben keinen Hinweis darauf, wo das Medaillon und das Diadem stecken, und auch wo die Schlange sein könnte, wissen wir nicht, aber dafür müssen wir nun noch herausfinden, ob eine Ratte die frühere Identität meines Sohnes kennt.“

„Hoffen wir das Beste. Wobei ich ziemlich sicher bin, wenn Pettigrew schon mit seiner Tat geprahlt hat, dann hätte er damit wohl auch geprahlt, denn für Voldemort ist die Info gerade nichts wert, da er nicht existent ist und es ist auch nicht absehbar für die Todesser momentan. Aber was Anderes, ihr meintet, dass er vielleicht etwas hier in Hogwarts versteckt haben könnte.“, sagte Black nachdenklich. „Vielleicht kann ich danach suchen. Ich kenne das Schloss ziemlich gut, auch wenn ich lange nicht alle Geheimnisse entdeckt habe. Damit könnte ich euch vielleicht helfen.“

„Albus und ich haben das Schloss bereits mehr als einmal durchsucht und nichts gefunden.“, schnaubte Severus. „Aber bitte, nur zu. Wenn du meinst, dass du klüger bist als Albus Dumbledore.“

„Ihr beide seid auch nicht allwissend!“, fauchte Sirius.

„Nein, aber im Gegensatz zu Anderen haben wir das auch nie von uns behauptet.“, schnarrte Severus.

„Severus.“, mahnte Lucius leise. „Sie sind auf unserer Seite.“

„Das weiß ich, aber es muss mir nicht gefallen!“, knurrte der Tränkemeister.

„Okay, Sirius, such danach. Am besten getarnt. Vielleicht ist es besser, wenn es sich nicht herumspricht, dass du hier bist.“, entschied Lucius ruhig.

„Dann ist es wohl an der Zeit, dass ein bestimmter Professor sich einen Hund zulegt!“, grinste Sirius.

„Und an wen hast du da gedacht, Tatze? Professor Snape?“, stichelte Remus Lupin.

„Ich habe selbst als Hund einen besseren Geschmack!“, spottete Sirius. „Nein, ich dachte eigentlich an den Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste.“

„Wehe, du folgst nicht auf Kommando!“, warnte Lupin, als Sirius sich vor ihrer aller Augen in einen großen schwarzen Hund verwandelte. „Sirius ist auch ein Animagus, genau wie Peter und James. Sie haben das geschafft, damit ich nicht alleine bin in diesen Nächten.“

„Äh, Professor?“, erhob nun Draco fragend seine Stimme, erst zum zweiten Mal an diesem Morgen. „Was meinen sie damit?“

„Ich bin ein Werwolf, seit Greyback mich im Alter von fünf Jahren gebissen hat.“, gab Lupin zu. „Das sollte nach Möglichkeit hier unter uns bleiben. So wie das Andere auch. James, Peter und Sirius waren mein Rudel. In ihrer Animagus-Form konnten sie mit mir im verbotenen Wald laufen, sie waren nie in Gefahr. Und sie hatten mich im Griff, James und Sirius, dass ich nichts tat, was ich hinterher bereut hätte.“

 

So kam es, dass ab November ein großer schwarzer Hund im Schloss herumstreunte. Professor Lupin hatte ihn Mitte November zum Abendessen mit in die große Halle gebracht und erklärt, dass Schnuffel, so nannte er den Hund, sein neues Haustier wäre, er sei ihm zugelaufen. Schnell hatten sich die Schüler an den braven Hund gewöhnt, der gerne überall herumschnuffelte. Daher auch der Name. Tatze wäre zu auffällig geworden, denn es gab einige Todesser, die möglicherweise wussten, dass Lupin Sirius Black Tatze nannte. Und wenn deren Kinder zuhause etwas erzählten, dann war das Risiko groß, dass jemand die richtigen Schlüsse ziehen konnte. Dieses Risiko waren sie nicht bereit einzugehen. Der Hund wurde an allen Ecken und Enden des Schlosses gesehen, immer wieder erschien er sogar vor einer verblüfften Gruppe von Schülern plötzlich aus einer massiv aussehenden Wand. Gerne lag er auch im Klassenraum von Verteidigung und ließ sich von Schülern kraulen oder mit Leckerbissen füttern. Jeden Abend kratzte er an der Tür von Professor Lupins Privaträumen und wurde eingelassen.

Sie trafen sich meistens in Lupins Wohnzimmer, Sirius, Remus, Severus und Lucius. Draco war zu sehr mit Lernen für die Schule beschäftigt und Leon hatte ebenfalls einen Berg an Hausaufgaben, den er bewältigen musste, daher fehlten die beiden meist bei diesen kurzen Besprechungen, aber da Schnuffel bisher nichts gefunden hatte, gab es nicht viel zu besprechen. Lucius, der ein Anwaltspatent innehatte, aber nur ausgewählte Klienten vertrat, war tagsüber meist im Ministerium oder in Malfoy-Manor und ging seinen Geschäften nach, nachts jedoch war er häufig bei Severus. Draco schien sich mit dem Gedanken angefreundet zu haben, dass sein Vater in einer Beziehung mit Severus war, wobei die beiden seit jenem klärenden Gespräch kein Wort mehr darüber verloren hatten, und man sah sie auch nicht händchenhaltend oder Zärtlichkeiten austauschend. Wenn Leon und Draco es nicht wüssten, hätten sie nichts geahnt.

Direkt nach ihrem Gespräch hatte Severus die beiden Vertrauensschüler von Gryffindor in sein Büro bestellt und wollte von ihnen wissen, ob sie – nach dem Gespräch mit Leon im Zug – jemals wieder darüber gesprochen hatten, dass Leon Harry war.

„Nein, Professor.“, erwiderte Hermine sofort. „Wir haben Leon versprochen, sein neues Leben zu akzeptieren und wollten nicht riskieren, dass jemand etwas erfährt. Das einzige Gespräch war wirklich das mit Leon im Zug.“

Unbemerkt drang der Professor währenddessen in ihre Köpfe ein. Er hasste es, das tun zu müssen, aber es hing sehr viel davon ab und er wollte vermeiden, dass diese Jugendlichen mehr erfuhren, als gut für sie war. Zugleich versteckte er auch noch das Wissen, damit sie es nicht versehentlich verraten konnten. Nun konnten sie nicht mehr darüber sprechen. Das hätte er vielleicht schon eher machen sollen, aber er wollte Leons Vertrauen nicht missbrauchen. Aber da er jetzt sowieso schon in die Köpfe der Schüler eindringen musste, machte er es gleich gründlich. Am Ende war er sicher, dass die Ratte wohl tatsächlich nichts davon gewusst hatte.

Es ging inzwischen mit großen Schritten auf Weihnachten zu und Leon wurde immer aufgeregter. Erstens, weil sie die Ferien nicht im Manor verbringen würden sondern in Severus´ Haus in Spinners End und zweitens, weil Matt und Rosalyn über Silvester einen Besuch bei ihnen planten. Nur Weihnachten waren sie bei Draco und Lucius im Manor, aber Severus hatte entschieden, dass Leon sein Haus auch kennenlernen sollte, und sie hatten sich ein bisschen Ruhe verdient. Leon hatte sich mit der Animagusform von Sirius angefreundet, ging aber dem Menschen eher aus dem Weg. Sirius schien immer noch Harry in ihm zu sehen und das war Leon unangenehm. Doch als Schnuffel war er einfach nur ein Hund und bald ein Vertrauter von Leon. Schnuffel erfuhr nicht alles, aber doch deutlich mehr als Sirius. Oft ging Leon mit ihm am See spazieren oder sogar nach Hogsmeade, da Anfang Dezember noch ein Wochenende in Hogsmeade war. Draco hatte sich eine heftige Grippe eingefangen und musste an diesem Wochenende das Bett hüten unter der Aufsicht von Madam Pomfrey. Corvin und Robyn gingen mit Leon, Daniel hatte auch eine Grippe erwischt und Kevin musste Nachsitzen bei Snape, weil er es aus Unachtsamkeit geschafft hatte, mehrere Kessel zu schmelzen im Zaubertrankunterricht.

Auf dem Weg nach Hogsmeade erinnerte sich Leon an den Unterricht: Sie sollten einen Schrumpftrank brauen und der Professor hatte ihnen gesagt, auf welcher Seite im Buch das Rezept stand. Leon hatte sich daran erinnert, dass es Markierungszauber gab und sich die wichtigsten Hinweise angestrichen, damit er keine Fehler machte. Das war anfangs sein Problem gewesen, er las die Rezepte nicht gründlich genug und hatte sich direkt in der zweiten Stunde des Jahres Nachsitzen eingehandelt. Das hatte sogar zwei Probleme gelöst: seine Klassenkameraden glaubten nun nicht mehr, sein Vater bevorzuge ihn und dabei hatte Severus ihm diesen Markierzauber beigebracht, damit er sich die wichtigen Stellen aufhellen konnte. Mehrmals hatte er Kevin gestern davon abgehalten, eine Zutat zu früh in seinen Kessel zu werfen, aber es half nichts, am Ende schmolz der Kessel und einige Schuhe waren ruiniert, weil die Besitzer nicht schnell genug aus dem Weg gingen, als der Zaubertrank auf den Boden geflossen war. Kevin war ermahnt worden und sollte noch einmal von vorne beginnen, machte aber die gleichen Fehler noch einmal, sodass der Tränkemeister schließlich entschied, dass Kevin, statt nach Hogsmeade zu gehen, den Boden und die Kessel schrubben musste. Außerdem musste er einen Aufsatz über die Wichtigkeit von Konzentration beim Tränke brauen schreiben.

So kam es, dass Leon, Robyn und Corvin mit Schnuffel in Richtung Dorf gingen und ausgelassen im Schnee tobten. Schnuffel hörte brav auf Leons Kommandos, daher hatte er keine Leine um. Severus war froh gewesen, dass der Hund mit ihnen ging, denn er hatte immer wieder Bedenken, wenn die Schüler alleine ins Dorf gingen, da es noch genug Todesser gab, die auf freiem Fuß waren, denn sie waren schwer zu fassen, benutzten keine registrierten Zauberstäbe und waren schnell verschwunden. Doch er wollte seinem Sohn den Ausflug auch nicht verbieten. In den letzten Wochen hatte er Sirius, und damit auch Schnuffel, von einer neuen Seite kennen gelernt. Sie gingen sich immer noch bei jeder Gelegenheit an den Hals, aber es waren verbale Gefechte, die weitaus weniger bösartig waren als früher. Es schien, als würde Leon eine gemeinsame Basis für sie schaffen. Dennoch war Severus an diesem Samstag unruhig und nervös. Sein Instinkt sagte ihm, dass etwas geschehen würde und es ihm wohl nicht gefiel. Aber er musste das Nachsitzen beaufsichtigen, konnte daher nicht ins Dorf. Remus, inzwischen waren sie alle bei der persönlichen Anrede in ihrer kleinen Verschwörergruppe, würde im Dorf sein, das beruhigte Severus ein wenig; der Werwolf hatte versprochen, ein Auge auf die Schüler und Leon im Besonderen zu haben.

Die drei Jugendlichen sahen erst einmal im Honigtopf vorbei und besorgten eine Menge Süßigkeiten für Draco, das würde ihn sicher aufmuntern. Außerdem kaufte Leon noch einige Süßigkeiten, die er zu Weihnachten verschenken konnte. Die offensichtlich magischen Dinge konnte er Rosalyn und Matt nicht schenken, aber es gab genug Süßes, das er auch Muggeln schenken konnte. Ron freute sich bestimmt auch darüber. Danach gingen sie zu Zonkos, Robyn und Corvin wollten einige neue Scherzartikel besorgen. Nachdem sie in den Drei Besen etwas gegessen hatten – diesmal verzichtete Leon auf Butterbier – wollte Leon noch einige weitere Geschenke besorgen und ging zum Buchladen, wo er hoffte, etwas für Hermine und Draco zu finden, vielleicht auch für seinen Vater. Er brauchte keine halbe Stunde, da der Ladenbesitzer die drei Personen und ihren Geschmack gut kannte. Da Lucius im Sommer dafür gesorgt hatte, dass das Potter-Verlies auf seinen Namen geschrieben wurde – wie auch immer er das geschafft hatte, ohne die Presse zu involvieren – konnte er es auch leicht bezahlen. In einem anderen Geschäft gab es Schmuck. Er wollte Rosalyn etwas Besonderes schenken, hatte aber keine Ahnung.

„Was darf es denn sein, junger Mann?“, fragte der Verkäufer.

„Hmm, ich weiß nicht genau. Ich suche etwas Besonderes.“, begann Leon. „Es soll für eine Muggel-Ärztin sein, die mir und meinem Dad das Leben gerettet hat. Sie kommen uns kurz nach Weihnachten besuchen. Eigentlich leben sie in Neuseeland, daher wollte ich etwas, das sie an mich und an hier erinnert.“

„Wie wäre es dann mit einer Kette, da hätte ich verschiedene Anhänger, die schottische Symbole darstellen.“, schlug der Verkäufer vor. „Passende Ohrringe dazu gäbe es auch. Oder soll es eher ein Armband sein? Auch da hätte ich etwas mit keltischen Mustern, alles nicht-magisch.“

Leon sah es sich mit kritischem Blick an. Ihm gefiel ein goldener Anhänger, der wie ein Knoten ansah. „Ich hätte gerne eine Kette mit dem Anhänger, dazu passende Ohrringe und auch das Armband.“, entschied er. „Außerdem noch diese Kette dort mit dem silbernen Eulenanhänger, die gefällt einer Freundin von mir bestimmt.“

„Guter Geschmack, den du hast, junger Mann. Soll ich es gleich einpacken?“, wollte der Verkäufer wissen.

„Ja, gerne.“, bedankte sich Leon und bezahlte die knapp hundert Galleonen für die Schmuckstücke. Das waren ihm seine Freunde wert, Rosalyn hatte ihn bei sich aufgenommen, als er nicht wusste, wohin und Hermine hielt zu ihm, war ihm eine wahre Freundin.

„Und, hast du alles?“, wollte Robyn wissen.

„Ich wollte noch neue Quidditch-Handschuhe für Ron. Dann habe ich alles. Hoffe ich zumindest. Den Rest muss ich dann mit Dad in der Winkelgasse besorgen, da wollen wir noch hin vor Weihnachten.“, erklärte Leon.

„Na dann komm, ich zeig dir, wo du Quidditch-Sachen bekommst!“, grinste Corvin und zog Leon mit sich.

„Jungs, ich muss noch schnell etwas besorgen, treffen wir uns in einer halben Stunde vor den Drei Besen?“, rief Robyn ihnen nach.

„Okay, bis dann!“, schrie Corvin über die Schulter zurück.

Schnuffel folgte Leon und Corvin geduldig. Er folgte wirklich aufs Wort. Professor Lupin hatte nie eine Leine besorgt, aber er hatte ihm ein Halsband umgelegt. Leon erinnerte sich, dass Sirius Black nicht sonderlich begeistert gewesen war, aber es war Vorschrift, dass alle Haustiere in Hogwarts eine Marke oder so etwas tragen mussten, damit sie ihrem Besitzer zugeordnet werden konnten. Da sie es nicht öffentlich machten, dass er ein Animagus war – weiterhin wussten nur Lupin, die Snapes und Malfoys Bescheid – zählte er als Haustier und musste somit ein Halsband tragen. Es war rot-gold und hatte den Namen ‚Schnuffel‘ eingestickt. Außerdem hing eine Plakette daran, auf der stand: ‚Ich gehöre Remus Lupin‘. Severus Snape zog ihn jedes Mal damit auf und Sirius ging immer wieder darauf ein, sodass es jedes Mal in einem heftigen Wortgefecht endete. Meistens reichte es, wenn Lucius Severus mahnend ansah, dass er aufhörte, aber einige Male hatte er nicht nachgegeben, sich nicht zurückgehalten, danach hatte Leon meist mit heftigen Alpträumen reagiert. Es schien, als würde sein Unterbewusstsein sich an Sirius erinnern und ihn als Vertrauten ansehen.

Lachend und scherzend liefen die beiden zu dem Quidditch-Laden. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Leon fertig war, doch als er wieder aus dem Laden trat, erstarrte er. Schnuffel war weg. Keine Spur von dem großen Hund. Als die Jungs in den Laden gegangen waren, hatte der sich gemütlich vor die Tür gesetzt und nur mit seiner Rute gewedelt, als Leon ihn fragte, ob er draußen warten wollte.

„Schnuffel?“, rief Leon laut. „Schnuffel, wo bist du?“

Vielleicht war er ja nur schnell um die Ecke gelaufen. Doch keine Reaktion auf die Rufe. Auch Corvin rief jetzt gemeinsam mit Leon nach dem Hund. Aber der Hund blieb verschwunden. Gemeinsam liefen sie in alle Richtungen, sahen sich um, ob es einen Hinweis auf den Hund gab, doch er blieb unauffindbar. Leon wurde panisch, merkte nicht einmal, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Corvin versuchte, ihn zu beruhigen. Vielleicht war er einer interessanten Spur gefolgt? Er kam auch auf die Idee, die Spuren im Schnee anzusehen. Immerhin hatte es die letzten Tage immer mal wieder geschneit und zumindest ein Teil des Weges war schneebedeckt. Sie fanden einige Spuren, die aber wohl von ihrem Herweg waren. Ansonsten war nichts zu sehen.

„Wir müssen ins Schloss zurück und Professor Lupin Bescheid geben.“, überlegte Corvin schließlich.

In dem Moment kam Robyn angelaufen, der seit einer Viertelstunde auf seinen Bruder und seinen Freund wartete, die nicht aufgetaucht waren. Da hatte er beschlossen, ihnen entgegen zu gehen.

„Hast du Schnuffel gesehen?“, fragte Leon aufgeregt.

„Nein, wieso?“, erwiderte Robyn.

„Er ist weg. Wir waren nur ein paar Minuten im Laden und als ich wieder raus kam, war Schnuffel verschwunden.“, schniefte Leon.

„Komm, wir fragen in den Geschäften nebenan, vielleicht hat ihn jemand gesehen.“, schlug Robyn vor.

Leon stimmte zu und so fragten sie sich durch die Läden in der unmittelbaren Umgebung, doch niemand hatte einen Hund gesehen, der auf Schnuffels Beschreibung passte. Er blieb verschwunden. Nach einer Stunde vergeblicher Suche liefen sie doch in die Schule zurück. Sie rannten fast den ganzen Weg, Leon voran, und stürzten dann ins Büro von Professor Lupin, der seine Tür offen gelassen hatte.

„Schnuffel ist weg!“, weinte Leon. „Er ist spurlos verschwunden!“

Lupin drückte den verzweifelten Slytherin und seine beiden Begleiter auf je einen Stuhl und ließ von einem Hauselfen drei Becher heiße Schokolade bringen. Dann forderte er sie auf, genauer zu erzählen. Corvin übernahm es, dem Professor genau zu schildern, was passiert war und was sie unternommen hatten, um den Hund zu finden. Lupin beruhigte sie, er machte ihnen keine Vorwürfe. Er war kaum eher aus dem Dorf zurückgekehrt als die Jugendlichen, hatte aber auch nichts Verdächtiges bemerkt.

„Ich werde mit einigen anderen Professoren nach Schnuffel suchen. Macht euch keine Sorgen, Jungs. Wir finden ihn bestimmt und ich vermute, dass er wohl nur ein süßes Hundeweibchen entdeckt hat und euch dabei vergaß. Es würde zu ihm passen.“, grinste der Professor beruhigend.

Er schickte die Schüler in ihren Gemeinschaftsraum, sie sollten dort etwas zu essen bekommen, da sie das Abendessen inzwischen verpasst hatten. Kaum hatten die Drei die Tür hinter sich gelassen, stürzte Lupin zu seinem Kamin und warf eine Handvoll Flohpulver in die Flammen. „Severus?“, rief er. Einen Moment später stieg der Tränkemeister aus den Flammen. Er hatte an der Stimme seines Kollegen gehört, dass etwas passiert war.

„Was ist los? Ist etwas mit Leon?“, wollte er wissen.

„Ja. Nein.“, stammelte Lupin.

„Lupin!“, knurrte Severus warnend.

„Leon war eben hier, es geht ihm gut. Schnuffel ist verschwunden.“, berichtete der Werwolf aufgelöst.

„Na und?“, entgegnete Severus ungerührt. „Black wird eine hübsche Frau gesehen haben und seine Hormone sind mit ihm durchgegangen. Ich schätze, er wird in ein paar Stunden hier auftauchen und jammern, weil das Leben so unfair ist. Vermutlich versucht er gerade, bei einer verheirateten Frau zu landen.“

„Severus!“, rief Lupin entrüstet.

„Was denn, wäre nicht das erste Mal, dass der Flohbeutel von Black so etwas macht.“, spottete Severus.

„Du hast keine Ahnung! Er hat, seit er hier bei mir ist, mehr als genug Drohbriefe bekommen!“, schrie der Honigblonde, der inzwischen rot vor Wut war.

„Drohbriefe?“, fragte Severus, nun wieder vollkommen ernst.

„Ja, Drohbriefe. Es gibt genug Leute, die meinen, er müsse weggesperrt bleiben, auch wenn er unschuldig sein sollte an dem eigentlichen Verbrechen. Wer vierzehn Jahre Askaban hinter sich hat, gehört weggesperrt, meinen manche Leute.“, klärte Lupin auf.

„Gehen wir.“, entschied Severus knapp.

Mit einem Aufrufezauber holte er sich seine warmen Sachen aus seiner Wohnung und lief mit dem Kollegen zusammen los. Unterwegs baten sie Hagrid um Mithilfe. Vielleicht konnte Fang eine Spur aufnehmen, er verstand sich gut mit Schnuffel. Schnell waren sie in Hogsmeade und gingen zu der örtlichen Filiale von ‚Qualität für Quidditch‘, wo Schnuffel zuletzt gesehen wurde. Dort schickte Hagrid Fang los, damit er nach Schnuffel suchte. Sie umgingen vorerst, Hagrid über die wahre Natur von Schnuffel aufzuklären. Der Wildhüter wusste nur, dass der Hund von Lupin verschwunden war. Es dauerte nicht lange, da fand der Saurüde eine vielversprechende Spur. Sie folgten ihm zügig, aber dennoch vorsichtig. Es schien, als ob die Spur in Richtung der heulenden Hütte führte. Schließlich waren sie auf einem Stück Weg abseits der Hauptstraße und sahen auch wieder Spuren. Keine Hundeabdrücke, nur zwei Paar Stiefelabdrücke und Schleifspuren. Sie würden nun wohl Hagrid aufklären müssen, so wie es aussah. Entsetzt erkannte Remus, dass derjenige, der mitgeschleift worden war, geblutet haben musste, denn genau über den Schleifspuren war regelmäßig Blut getropft, und das nicht selten. Große, dicke Tropfen färbten den Schnee in kurzen Abständen rot. Er lief schneller.

Severus packte ihn an der Schulter und bedeutete ihm, vorsichtig zu sein. Die Spuren führten zur heulenden Hütte hin, aber nicht weg. Sie zogen ihre Zauberstäbe und wichen ein wenig seitlich aus, wollten nicht frontal zur Hütte laufen und möglicherweise als Zielscheibe dienen. Severus lief rechts, Remus links. Hagrid hielt sich nach einem Wink von Severus eher im Hintergrund, gegen Zauberer hatte er nur wenig Chancen, aber wenn er sie von hinten erwischte, kam ihm seine Kraft zugute. Mit größter Vorsicht näherten sie sich der Hütte. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt waren, konnten sie hören, dass jemand im Inneren war. Derjenige schrie gerade, scheinbar hatte er starke Schmerzen.

„Sirius!“, hauchte Remus lautlos und wurde blass.

„Ruhig. Du hilfst ihm nicht, wenn du nun durchdrehst.“, wisperte Severus zurück.

Seine Gedanken rasten, er versuchte, einen Plan zu fassen. Sie brauchten ein Ablenkungsmanöver, und das schnell. Etwas, das die Aufmerksamkeit von der Tür lenken würde. Moment mal, das war es, er hatte doch vor einigen Tagen den Weasley-Zwillingen einige Dinge abgenommen, die hatte er immer noch in seiner Tasche. Vielleicht war etwas Brauchbares dabei. Leise zog er das Päckchen aus seiner Tasche und erinnerte sich, wie die Zwillinge vor einigen Tagen im Unterricht so irritierend unschuldig gewirkt hatten. Sofort war ihm klar gewesen, dass sie etwas planten und er hatte verlangt, dass sie ihre Taschen leerten. Dabei hatte er das Päckchen konfisziert und sich bisher nicht weiter darum bekümmert. Er hatte ihnen gedroht, dass sie den Rest des Schuljahres bei ihm Nachsitzen würden, wenn er auch nur den Hauch eines Hinweises bekam, dass einer ihrer Scherze in Hogwarts hochging. Jetzt öffnete er die Schachtel und begutachtete den Inhalt. Innerlich gratulierte er dem Erfindungsgeist der Zwillinge und griff nach einigen Bluffknallern. Er warf sie durch das offene Fenster und schlich sich zur Tür. Dort traf er mit Remus zusammen. Er bedeutete ihm zu warten, hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis die Knaller hochgingen. Erst nach einer Minute hörte er im hinteren Teil der Hütte einige Knaller hochgehen. Im Inneren fluchte jemand und zwei Paar Füße polterten nach hinten, eine Tür klappte.

„Jetzt!“, kommandierte Severus beinahe lautlos.

Sie öffneten die Tür so leise wie möglich und traten ein. Severus wusste, dass es nicht lange dauern konnte, bis die beiden zurückkamen und winkte daher Remus, auf der linken Seite der hinteren Tür Stellung zu nehmen, während er selber zu rechten Seite ging. Sie mussten zuerst die Entführer überwältigen, bevor sie sich um Sirius kümmern konnten. Wie gedacht dauerte es nicht allzu lange, bis die Schritte ankündigten, dass die beiden Entführer zurückkamen. Sie schienen sich absolut sicher zu fühlen. Kaum dass sie durch die Tür waren und an den beiden Versteckten vorbei, schossen die Flüche ab, die entwaffneten und unschädlich machten. Severus ließ Seile erscheinen und fesselte sie noch zusätzlich, während Remus zu Sirius eilte, der blutüberströmt und bleich auf dem Boden lag.

„Er lebt, aber er braucht einen Heiler. Ich bringe ihn in den Krankenflügel.“, entschied Remus.

„Ich kümmere mich um die beiden hier, das sind Todesser. Ich wette, Pettigrew hat sie aufgeklärt über seine Animagusform. Wahrscheinlich, als Lucius nicht dabei war. Du solltest Hagrid einschärfen, dass er nicht ein Wort darüber verlieren darf, dass Schnuffel nicht das ist, was er zu sein scheint. Da er Riesenblut in sich hat, kann ich seinen Geist nicht beeinflussen.“, nickte Severus und Remus bestätigte ihm das kurz.

Er schnappte sich beide, apparierte direkt nach London vor das Ministerium mit ihnen. Dort verlangte er, Kingsley zu sprechen. Er hatte Glück, der Chefauror war noch da und kam sofort zu ihm. Er sperrte die beiden Todesser ein; Severus kannte nicht einmal ihre Namen, sie waren nicht im inneren Kreis gewesen. Der Tränkemeister machte seine Aussage und verschwand wieder nach Hogwarts. Wahrscheinlich würden er und Remus, höchstwahrscheinlich auch Sirius, bei einem Prozess aussagen müssen. In Hogwarts ging er direkt in den Krankenflügel und war nicht wirklich überrascht, Lucius, Leon und Draco zu finden, die gemeinsam mit Remus warteten, was die Heilerin sagen würde.ie konnten froh sein, dass sie so neutral und absolut verschwiegen war, da Lucius so oft mit ihnen auftauchte. Sollte das weiter bekannt werden, wäre seine Stellung als Spion gefährdet, aber der Heilerin vertrauten sie unwillkürlich. Die wandte sich schließlich an sie.

„Er hat eine Menge mitgemacht, aber er wird es schaffen. Er ist ziemlich schwach, woran sicher auch seine mangelhafte Ernährung in Askaban mit Schuld ist, auch wenn er nun schon seit Wochen frei ist, aber das wird sicher noch einige Monate dauern. Ich werde ihn ein paar Tage hierbehalten, bis er wieder fit genug ist, um aufstehen zu können. Alles was er im Moment braucht ist Ruhe. Sehr viel Ruhe. Ich habe ihm Traumlos-Schlaftrank gegeben, damit er mindestens zwölf Stunden durchschläft. Dann kann er Besuch haben, aber einzeln.“, bestimmte die Heilerin. „Er wird sicher die nächsten Tage hauptsächlich schlafen. Das sollten sie alle jetzt auch tun.“

 

Sirius Black erholte sich relativ schnell, aber er konnte sich nicht erinnern, was passiert war. Das Letzte, was er wusste, war, wie er sich vor den Laden gesetzt hatte, um zu warten, dass Leon wieder herauskam. Danach war alles dunkel. Severus versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, aber Lucius spürte es. Einige Tage nach diesem Vorfall war der Blonde wieder einmal in Hogwarts. Im Moment verbrachte er viel Zeit im Ministerium, da der Zaubergamot ständig irgendwelche wichtigen Sitzungen hatte und Lucius als Mitglied anwesend sein musste. Doch er versuchte, so oft wie möglich in Hogwarts zu sein. Gerade war er durch den Kamin in Severus´ Wohnzimmer gekommen, wo der Schwarzhaarige auf dem weichen grünen Teppich auf und ab lief. Der Blonde trat ihm in den Weg und stoppte ihn somit effektiv.

„Was ist los?“, wollte Lucius wissen.

„Black.“, schnappte der Tränkemeister. „Er hat keinerlei Erinnerung an die Vorfälle. Und er reagiert noch kindischer als bisher. Mehrmals hat er versucht, mich mit irgendwelchen idiotischen Sprüchen zu verhexen. Und er weigert sich, meinen Sohn als ‚Leon‘ anzusprechen, nennt ihn immer ‚Harry‘. Leon ist völlig durcheinander, letzte Nacht hat Miss Parkinson mich geholt, weil Leon hysterisch weinend in seinem Bett lag. In diesem Zustand war er schon lange nicht mehr!“

Lucius legte seine Arme beruhigend um Severus. „Du weißt, wie es mit Gedächtnisverlust ist. Ich kenne dich, du hast dich informiert und sicher alles gelesen, was du zu diesem Thema gefunden hast. Er wird wohl noch eine Weile so kindisch reagieren, dann normalisiert es sich wieder, so viel weiß sogar ich darüber.“, murmelte er beruhigend, während er seine Stirn an die von Severus lehnte.

„Er wird nie erwachsen werden.“, widersprach der Tränkemeister, aber seine Stimme war nicht mehr so fest und überzeugt.

„Black wurde in so jungen Jahren nach Askaban gesperrt, er hatte nie die Chance, erwachsen zu werden.“, gab Lucius zu bedenken. „Er ist in seiner Entwicklung nicht weitergekommen, während er gegen die Dementoren kämpfte. Wir müssen Geduld mit ihm haben.“

„Geduld? Das bringt nichts mehr.“, knurrte Severus. „Er wird immer ein Kind bleiben. Leon ist erwachsener als dieser Hund!“

„Das wiederum stimmt, aber das liegt daran, dass Leon nie Kind sein durfte.“, stimmte Lucius seinem Partner zu. „Und jetzt komm, lass uns schlafen gehen, ich werde die nächsten Nächte wieder in London verbringen müssen und will die Zeit mit dir nicht vergeuden, indem ich über einen zu groß geratenen Kindskopf diskutiere.“

Severus ließ sich besänftigen und folgte Lucius ins Schlafzimmer, das er ein wenig heller eingerichtet hatte, seit sein Partner häufiger bei ihm schlief. Früher war es in schwarz, grün und silber eingerichtet gewesen, jetzt herrschten helle creme-Töne und weiß, ab und zu unterbrochen von goldenen Blickfängen, das passte zwar nicht zu Severus, aber Lucius hatte sich unwohl gefühlt, als alles so dunkel war, und Severus war bereit, dies zu akzeptieren, damit Lucius blieb. Auch er genoss die Nächte, wenn der Blonde bei ihm bleiben konnte, das war viel zu selten. Hoffentlich konnte Leon heute Nacht ruhig schlafen, aber er würde ihm keine Vorwürfe machen wenn nicht. Der Junge machte das nicht mit Absicht. Im Gegenteil, er versuchte, ihm nicht zur Last zu fallen. Heute in der Lehrerkonferenz war auch die Sprache auf seinen Sohn gekommen.

„Er sieht aus wie Harry und ähnelt ihm auch vom Wesen her.“, hatte Filius Flitwick festgestellt.

„Ich frage mich, wie bei seinem Vater so ein sanftes und ruhiges, harmoniebedürftiges Wesen bei dem Jungen herauskommen konnte.“, hatte Aurora Sinistra, die Professorin für Astronomie, überlegt.

„Er hat viel vom Wesen seiner Mutter.“, hatte Severus eingeworfen, ohne sich darüber Gedanken zu machen.

„Wer war seine Mutter?“, war es von Pomona Sprout gekommen und auch alle anderen waren neugierig geworden, wollten wissen, wer es geschafft hatte, dem zugeknöpften Tränkemeister den Kopf zu verdrehen.

Doch Severus hatte beharrlich geschwiegen; das Einzige was er verraten hatte war, dass die Mutter des Jungen schon lange tot war und Leon lange Zeit nicht wusste, dass es einen Vater gab, ebenso wie er selber keine Ahnung von Leons Existenz gehabt hatte. Er verriet ihnen, dass es purer Zufall gewesen war, da sie im gleichen Krankenhaus gelegen hatten. Doch mehr bekamen die Kollegen nicht aus Severus heraus. Weder wo Leon bis dahin gelebt hatte, noch warum er unter einer Amnesie litt. Das hatte er anfangs bekannt machen müssen, da es sonst für Leon zu unangenehm hätte werden können. Der Junge hatte bereits einige Flashbacks im Unterricht gehabt, aber da die Kollegen wussten, dass sie ihn dazu holen konnten, war es nicht ausgeartet. Natürlich war es für die Schüler immer interessant, weil sie hofften, hinter das Geheimnis von Leon zu kommen, aber da hatten sie wohl kaum Chancen, wenn Leon es selbst nicht schaffte.

„Severus?“, riss ihn Lucius´ Stimme aus seinen Erinnerungen.

„Entschuldige, ich war in Gedanken.“, murmelte Severus.

„Das war offensichtlich.“, schmunzelte Lucius. „Immer noch wegen Black?“

Severus schüttelte den Kopf. „Leon.“, erklärte er knapp.

„Mach dir nicht zu viele Gedanken.“, hauchte Lucius gegen den Hals des Tränkemeisters. „Er ist ein ganz normaler Teenager. Lass die Vergangenheit ruhen, der Kleine wird es dir danken!“

Der Blonde knabberte am Hals von Severus, der den Kopf mit geschlossenen Augen nach hinten legte, um ihm besseren Zugang zu gewähren. Lucius folgte der stummen Aufforderung und intensivierte seine Bemühungen. Ein leises Stöhnen belohnte ihn, als er mit der Zunge in der kleinen Mulde zwischen beiden Schlüsselbeinen spielte. Der Blonde begann, die Knöpfe von Severus´ Hemd langsam mit seinen Lippen und Zähnen zu öffnen und bedachte jedes kleine Stückchen Haut, das er dadurch freilegte, mit kleinen Küssen, knabberte auch zwischendurch ein wenig, wodurch er jedes Mal ein genussvolles Stöhnen auslöste. Anfangs war er ein wenig irritiert gewesen, dass Severus so wenig dominant in ihrer Beziehung war, aber inzwischen genoss er es. Ebenso hatte er zu Beginn viel mehr Vorsicht walten lassen, da er Angst hatte, das Herz des Tränkemeisters zu überfordern oder einen Flashback auszulösen, aber Devon hatte ihn für gesund erklärt und mit jedem Mal, bei dem nichts passiert war, waren beide sicherer geworden.

Als Lucius beim Nabel angekommen war spürte er, dass sich etwas rührte bei dem sonst so berechnend und kalt wirkenden Tränkemeister. Zwischen dessen Beinen war eine erhebliche Beule zu spüren, die gegen den Brustkorb des Blonden drückte. Lucius rutschte wieder ein wenig nach oben, wobei er wie unabsichtlich mit seinem Körper über die Beule rieb und schloss dann seine Lippen um die Brustwarze, die sich ihm bereits entgegenreckte. Stöhnend bog Severus seinen Körper durch, drückte sich gegen Lucius. „Mehr!“, verlangte er keuchend. Lucius grinste nur und machte genüsslich weiter. Plötzlich spürte er eine Veränderung.

Severus spannte sich an und drehte Lucius mit einem Ruck auf den Rücken, sodass der Schwarzhaarige über dem Blonden zu liegen kam. Mit einem unheilverkündenden Grinsen im Gesicht schnappte sich Severus die Arme von Lucius und mit ein paar Handgriffen hatte er sie am oberen Bettende festgebunden. Verwundert hob Lucius die Augenbrauen hoch, er liebte solche Spielchen, aber bisher war der Schwarzhaarige nicht darauf eingegangen, zu sehr hatte es ihn an die Gefangenschaft erinnert. Mit einem leisen Grollen zauberte Severus die restlichen Kleidungsstücke weg und machte sich nun seinerseits daran, den Körper des Blonden zu erkunden, ließ seine Zunge über die Haut fahren oder knabberte sanft an den Brustwarzen. Lucius hatte solche Gefühle noch nie erlebt, sie drohten gerade überzuschwappen. Stöhnend wand er sich auf dem Bett und wollte mehr. Etwas war anders heute mit Severus, er hatte bisher nie die Initiative ergriffen, aber heute brachte er Lucius damit fast um den Verstand. Dem Blonden erschien es, als ob sein Hirn sich in der Hitze, die sich in seinem Körper ausbreitete, verflüssigte, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Diese Hilflosigkeit, da er gefesselt war, turnte ihn so sehr an, wie er es sich nie hätte vorstellen können, dabei waren die Fesseln so sanft, dass er sich jederzeit befreien könnte, wenn er es wollte.

Der Tränkemeister war der feinen Spur aus blonden Haaren gefolgt, die ihm den Weg vom Bauchnabel aus nach unten wiesen und leckte nun einmal vorsichtig mit der Zunge über die Erektion seines Partners, kostete die ersten Lusttropfen, die auf der Eichel glänzten. Es wirkte unerfahren, aber so erotisch auf Lucius, dass er sich beherrschen musste, um nicht gleich zu kommen. Doch als Severus seine Lippen öffnete und ihn ganz aufnahm, war es um Lucius´ Beherrschung geschehen und er kam mit einem Aufschrei, konnte Severus nicht einmal mehr warnen. Der schluckte alles und leckte ihn dann noch sauber. Lucius hatte nicht einmal mitbekommen, dass Severus einen Finger mit Gleitmittel befeuchtet und in ihm versenkt hatte. Erst als er den Finger sanft bewegte und diesen einen Punkt in ihm traf, stöhnte Lucius kehlig auf und drückte sich seinem Partner entgegen. Er konnte weiterhin keinen klaren Gedanken fassen oder gar aussprechen, aber er wollte mehr. Jetzt.

„Sev, bitte!“, wimmerte er leise.

Der Angesprochene lächelte nur kurz, aber zärtlich, dann ließ er einen weiteren Finger in seinen Geliebten gleiten. Lange hatte er mit sich gerungen, war unsicher gewesen, ob er es schaffen würde, Lucius mit den gleichen Gefühlen zu beschenken, die dieser bei ihm jedes Mal auslöste, doch jetzt war ihm klar, der Blonde genoss es und wollte mehr. Sanft weitete er ihn, nahm schließlich noch einen dritten Finger hinzu, als Lucius nur noch unzusammenhängend stöhnte und um mehr bettelte. Die Erregung des Blonden war schon lange wieder erwacht und bereit für mehr. Severus zog seine Finger zurück und bereitete sich mental darauf vor, was er jetzt tun würde. Seine eigene Erregung schmerzte bereits, dennoch nahm er sich die Zeit und bereitete sie mit genügend Gleitmittel vor, bevor er langsam in den Blonden eindrang.

„Sev!“, keuchte Lucius.

Der Tränkemeister verharrte kurz, er brauchte einen Moment, um sich an dieses Gefühl der Enge zu gewöhnen. Dann begann er, einen vorsichtigen Rhythmus aufzubauen, geführt von den Füßen des Blonden, die sich um seine Hüften geschlungen und ihn noch tiefer hineingezogen hatten. Severus spürte das Feuer in sich, das immer heißer wurde und sich zwischen seinen Lenden konzentrierte. Er griff mit seinen Fingern nach der Erregung von Lucius und rieb ihn, schloss die Faust um ihn. Er bemühte sich, mit der Hand den gleichen Rhythmus aufzunehmen, den er mit seinen Stößen hatte und wurde mit einem Aufschrei des Blonden belohnt, der zum zweiten Mal an diesem Abend kam, dabei seinen Samen auf seinem Bauch verteilte. Die Muskelkontraktionen in Lucius rissen dann auch Severus mit, weil sie ihn so sehr einengten, dass er nicht mehr anders konnte als zu kommen. Auch Severus schrie auf, als er einen Samen in Lucius verströmte. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen und er sackte auf seinem Geliebten zusammen, der seine Hände aus den Fesseln wand und die Arme um Severus legte, ihn an sich drückte.

Erst als er Severus´ Beben bemerkte, wurde ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Er säuberte sie mit einem kurzen, stablosen Zauber und zog die Decke über ihre verschwitzten Körper, bevor er den immer noch sehr mageren Tränkemeister an sich drückte. Das Beben verstärkte sich, doch Severus gab keinen Laut von sich. Er versteckte sein Gesicht an Lucius´ Schulter und konnte sich nicht aufraffen, seinen Geliebten anzusehen.

„Severus, was ist passiert?“, wollte Lucius schließlich wissen.

Der Tränkemeister antwortete nicht, aber sein Schluchzen konnte er nicht mehr verbergen. Er wandte sich ab, wollte aus dem Bett flüchten, doch Lucius hielt ihn fest.

„Rede darüber. Du weißt selber, dass du dich so kaputt machst.“, murmelte der Blonde beruhigend.

„Ich war wieder da, bin wieder da.“, wisperte Severus fast lautlos.

Lucius hielt ihn fest, nicht sicher, ob er ihm nur die Sicherheit geben wollte, die Severus momentan brauchte oder auch, ob er ihn immer noch davon abhalten musste, zu flüchten anstatt sich seinen Emotionen zu stellen. Der Tränkemeister hatte zwar von der Vergangenheit erzählt, aber er hatte die Erlebnisse in dem Kerker nie verarbeitet, immer nur verdrängt. Lucius hatte ihm schon mehrfach angeboten, da zu sein, wenn er reden wollte, doch bisher war er immer zurückgewiesen worden. Aber etwas sagte ihm, dass er nun hartnäckig bleiben musste, nicht aufgeben durfte. Körperlich war er geheilt worden, seine Wunden wurden versorgt, aber seine Psyche, da hatte er nur selten jemanden an sich herangelassen. Doch Lucius war genauso hartnäckig wie sein neuer Partner und er spürte, heute war etwas anders. Anfangs hatte er Severus nur zögernd berührt, mit dem Wissen darum, dass er vergewaltigt worden war, doch der Tränkemeister hatte sich ihm immer wieder entgegengedrängt, mehr gewollt. Heute hatte er zum ersten Mal den aktiven Part übernommen, das schien etwas ausgelöst zu haben. Geduldig wartete Lucius ab, hielt Severus einfach im Arm, der sich mittlerweile an ihm festkrallte.

„Ich … Es …“, begann Severus und schmiegte sich unbewusst noch dichter an den Blonden, der ihn festhielt, ihm Kraft gab. „Ich kann nicht.“, hauchte er schließlich.

„Severus, du gehst daran kaputt, das kann ich spüren. Nur wir beide sind hier. Lass es raus.“, flehte der Blonde.

„Sie wollten mich zwingen, den Kleinen zu vergewaltigen. Um zu testen, ob ich auf ihrer Seite bin.“, flüsterte Severus in die Stille der Nacht, froh darüber, dass es dunkel war. „Mir war nicht klar, dass ich zu Gefühlen in der Lage war, ich dachte, ich hätte keine mehr. Aber als ich ihn da liegen sah; ich hatte Mitleid. Mitleid mit Potter. Und dann sah er mich an, mit diesen Augen. Ich konnte seine Gedanken richtiggehend hören. Er wollte, dass ich es mache, um mich nicht zu verraten, denn ihm war klar, was mit mir geschehen würde, wenn ich mich verrate. Es war ihm vollkommen klar, und doch … Ich konnte es einfach nicht. Später habe ich ihn für seine enorme innere Stärke bewundert. Wir konnten nie länger als zwei oder drei Stunden am Stück schlafen, sie haben uns offenbar überwacht. Kaum haben wir geschlafen, sind sie über uns hergefallen. Harry hat mich angesehen mit diesem Blick, er hat mir die Kraft gegeben, alles zu ertragen. Die Schmerzen konnten noch so groß sein, er hat einfach nicht aufgegeben. Ich habe alles ertragen, nur damit ihm nicht noch mehr wehgetan wurde, aber es hat nicht aufgehört. Sie haben mir immer gesagt, es würde aufhören, wenn ich mitmache. Ich hätte ihn nur foltern und vergewaltigen müssen, dann wäre alles für mich vorbei gewesen, Bellatrix hat einen unbrechbaren Schwur geleistet, dass mir danach kein Haar mehr gekrümmt würde und ich frei wäre zu gehen. Ich konnte es nicht, den Jungen, den ich hassen wollte, alleine lassen. Ich konnte es nicht.“

Severus zitterte inzwischen so stark, dass er nicht weitersprechen konnte, da seine Zähne unkontrolliert aufeinanderschlugen. Lucius sprach einen Wärmezauber und hüllte ihn fest in die Decken, während er ihn an sich schmiegte, doch es war keine äußere Kälte, gegen die der Tränkemeister kämpfte.

„Hat es damit zu tun, dass du mich heute genommen hast?“, fragte Lucius schließlich leise. „War es dir lieber, wenn ich dich genommen habe? Ich hätte dir mehr Zeit lassen müssen, es tut mir leid.“

„Nein, Lucius. Nicht.“, wisperte Severus. „Du hast es für mich so schön gemacht, du warst so sanft zu mir, es war nie … Ich habe es immer genossen. Ich wollte auch einmal den aktiven Part übernehmen, das habe ich noch nie. Du solltest auch so fühlen können, wie ich. Aber dann … ich hatte plötzlich Angst, dir wehzutun und dann … dann hatte ich plötzlich diese Situation gesehen, als würde ich jemanden vergewaltigen. Ich kann das nicht!“

„Severus, sieh mich an.“, forderte Lucius ruhig und wartete, bis Severus sich tatsächlich so weit zurückbewegte, dass er ihm in die Augen sehen konnte. Die Augen des Tränkemeisters schienen umwölkt zu sein. „Hör zu, Severus. Du hast mir nicht ein einziges Mal wehgetan heute Abend. Überhaupt nicht. Ich habe es genossen, sehr sogar. Du hast mich in den Himmel geschickt, Severus, und ich habe jede einzelne Sekunde mit dir geliebt. Aber wenn du dich nicht wohlfühlst damit, dann werden wir es nicht mehr tun. Du hast Dinge erlebt, die ich mir nicht einmal vorstellen kann. Bitte, Severus, rede mit mir darüber, ich will dir nicht wehtun und ich will auch nicht, dass du etwas vorspielst. Ich kann das nur genießen, wenn du es auch genießt. Wirklich genießt.“

„Ich will dich nicht verlieren.“, murmelte Severus.

„Das wirst du nicht, wenn du ehrlich bist.“, versicherte Lucius. „Ich will dich auch nicht verlieren. Ich hätte nie geglaubt, dass ich nach Narzissa noch einmal so empfinden könnte. Schlaf jetzt, du brauchst Ruhe. Ich bin hier, bei dir. Ich liebe dich.“

Es dauerte lange, bis Severus in dieser Nacht einschlief. Lucius hielt ihn fest im Arm und raunte ihm immer wieder beruhigende Worte zu, wenn er aus seinem unruhigen Schlummer hochschreckte. Am Morgen sah man Severus die Nacht an, doch nach der Dusche wirkte er wie immer. Nur seine Augen waren noch immer umwölkt, aber kaum jemand sah dem Tränkemeister in die Augen, also würde es wohl nicht auffallen. Lucius fühlte sich nicht wohl dabei, ihn jetzt alleine lassen zu müssen, aber er musste in sein Büro, hatte heute einige wichtige Geschäftstermine und am Abend dann eine Sitzung im Zaubergamot. Severus hatte den ganzen Tag Unterricht. Daher verabschiedete sich Lucius mit einer innigen Umarmung von ihm und versprach ihm, er könne jederzeit in sein Büro kommen. Severus wirkte unsicher, etwas, das er von dem Schwarzhaarigen überhaupt nicht kannte. Doch es dauerte nur einen Moment an, dann straffte Severus seinen Rücken und war wieder der unnahbare Tränkemeister. Beruhigt, dass Severus sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, verließ Lucius die Wohnung durch den Kamin. Der Tränkemeister ging in die große Halle zum Frühstücken.

Lucius konnte seine Gedanken kaum bei dem Geschäftstermin lassen, den er hatte, er war mit einem seiner Geschäftspartner zum Frühstück in London verabredet, sie wollten einen neuen Deal abschließen. Doch immer wieder geisterten Lucius die Worte von Severus durch den Kopf. Es schien, als hätte Severus sein erstes Mal mit einem Mann gestern gehabt. Er selber hatte immer gewusst, dass er sich sowohl zu Frauen als auch zu Männern hingezogen fühlte, war Narzissa aber immer treu geblieben. Auch wenn ihre Ehe arrangiert gewesen war, sie hatten sich trotz allem sehr geliebt. Deshalb war es ihm auch schwer gefallen, sich auf Severus einzulassen. Doch er fühlte sich rundum wohl und war sicher, dass Narzissa es ihm nicht übelnehmen würde. Jedoch machte er sich Sorgen um seinen neuen Gefährten, denn das war Severus für ihn, keine einfach Affäre, sonst hätte er Draco nie etwas davon gesagt. Severus war traumatisiert, würde wohl nie wieder der gleiche Mann wie früher werden, auch wenn er sich genau darum bemühte. Aber konnte er, Lucius, ihm helfen, wenn sich Severus nicht helfen lassen wollte? Lucius wusste nicht, wie, aber er würde nicht aufgeben, er wollte um seine Liebe kämpfen.

Severus saß in der Zwischenzeit am Lehrertisch in der großen Halle und sandte finstere Blicke auf die Schüler, die es wagten, laut zu werden. Er fing Leons besorgten Blick auf und lächelte ihm kurz zu, doch sein Lächeln erreichte die Augen nicht. Ob Leon das sah, wusste er nicht sicher, denn er saß heute mit seinen Freunden relativ nahe an der Tür und damit weit weg vom Lehrertisch. Auch Draco saß am Tisch, war wieder gesund und fit für die Schule. Der Tränkemeister ignorierte die Versuche von Flitwick, der links von ihm saß, und Remus, der auf seiner rechten Seite Platz nahm, mit ihm zu reden. Auf Remus´ rechter Seite frühstückte Sirius Black. Inzwischen hatte es sich herumgesprochen, dass er in Hogwarts war, daher machte es keinen Sinn mehr, das zu verheimlichen. Minerva war sogar am Überlegen, ihm eine Stelle anzubieten als Assistent von Remus, was Severus an ihrem Verstand zweifeln ließ. So schnell er konnte ohne absolut unhöflich zu sein (außer zu Black, den ignorierte er geflissentlich), verließ er den Tisch und ging hinunter in die Kerker, um seinen Unterricht heute fertig vorzubereiten. In der ersten Stunde hatte er Dracos Kurs, dann kamen die Siebtklässler und am Nachmittag war dann Leons Klasse bei ihm. Seine Laune sank in den Keller, als er das erste Mal durch das Klassenzimmer ging und in Longbottoms Kessel eine dunkle Masse ausmachte, obwohl der Trank zu diesem Zeitpunkt eigentlich klar und flüssig sein sollte.

„Mister Longbottom, wollen sie mir gnädiger Weise verraten, warum sie das Rezept nach Gutdünken abändern? Das ist unglaublich, wir wiederholen gerade einen Trank aus der dritten Klasse und es ist ihnen nicht möglich, die ersten vier Arbeitsschritte korrekt auszuführen? Sie haben Froschaugen durch Fischaugen ersetzt und die Stachelschweinborsten vor der Affodillwurzel eingeworfen, außerdem offenbar entgegen dem Uhrzeigersinn gerührt, obwohl hier ganz deutlich steht: ‚im Uhrzeigersinn rühren‘. Lassen sie die Überreste am Besten verschwinden und packen sie alles zusammen, die Zeit reicht nicht, um noch einmal anzufangen. Als Hausaufgabe schreiben sie einen Aufsatz über die korrekte Herstellung dieses Trankes und analysieren die Fehler, die sie begangen haben. Und das nicht weniger als 25 Zoll Pergament.“, schnarrte er. „Und bevor ich es vergesse: 20 Punkte Abzug für grobe Vernachlässigung der Aufmerksamkeit!“

Am Ende war er froh, als die Klasse verschwunden war; sogar, dass Draco mit seinen Freunden gegangen war, erleichterte ihn heute, er wollte nicht mit ihm darüber reden, warum er schlechte Laune hatte. Die Siebtklässler arbeiteten wie üblich konzentriert und aufmerksam, aber das war auch ein Elitekurs; er hatte nur Schüler, die in den ZAGs ein ‚Ohnegleichen‘ geschafft hatten, aufgenommen. Langsam wurde er wieder ruhiger, was vielleicht auch daran lag, dass er diese Schüler heute ein Euphorie-Elixier brauen ließ und die Dämpfe selber auch abbekam. Aber dieses Elixier war häufig in den Prüfungen gefragt, daher sollten sie es im Schlaf beherrschen. Früher hätte er den Unterricht aufgrund seiner Laune einfach umgestaltet, inzwischen hatte er sich etwas besser im Griff, zog zwar immer noch ungerechtfertigt Punkte ab, aber er ließ seine Laune nicht mehr komplett an den Schülern aus. Auf der Beliebtheitsskala stieg er dennoch nicht an.

Auf dem Weg zum Mittagessen – damit Leon regelmäßig aß, ging er selber auch zuverlässig hin, als gutes Beispiel – war er gerade unten an der Treppe angekommen, als jemand aus einer Nische trat.

„Hey Verräter!“, war die einzige Vorwarnung, die Severus bekam, bevor ein Stolperfluch auf ihn gesprochen wurde. Severus schaffte es nicht mehr, ihn abzuwehren oder auszuweichen. Seine Augen weiteten sich erschrocken und entsetzt, als er bemerkte, dass er rückwärts stolperte und die drei Stufen, die er bereits erklommen hatte, hinunterstürzte. Er nahm noch einen stechenden, scharfen Schmerz wahr, dann wurde es schwarz um ihn.

 

Leon lief fröhlich plaudernd von Verwandlung in Richtung großer Halle zum Mittagessen. Er hatte es heute Vormittag schon geschafft, 50 Punkte für Slytherin zu holen und war ziemlich stolz darauf. In Zauberkunst und Verwandlung hatte er jeweils fünfzehn Punkte bekommen, weil er einen neuen Zauber am schnellsten hinbekommen hatte und in Pflege magischer Geschöpfe hatte ihm Professor Hagrid zwanzig Punkte gegeben, weil er so gut über Einhörner Bescheid wusste. Corvin gratulierte ihm für die gelungenen Zauber und die geholten Punkte und fragte ihn, ob er den Zauber bereits früher gelernt hatte, was Leon verneinte, denn Lucius und sein Vater hatten ihm wirklich nur Zauber beigebracht, die er in der ersten und zweiten Klasse gelernt hätte und ein paar, die es niemals in den Unterrichtsstoff schaffen würden, solange dunkle Magie nicht unterrichtet wurde. Sie setzten sich an den Tisch und Draco ließ sich neben Leon fallen. Einige Minuten später herrschte fast komplettes Schweigen in der Halle, da so gut wie alle Schüler mit Essen beschäftigt waren.

„Hey, Draco, weißt du, wo Dad ist?“, fragte Leon schließlich, dem der leere Stuhl am Lehrertisch aufgefallen war.

„Nö, keine Ahnung.“, gab Draco zurück, nachdem er den Bissen geschluckt hatte, der noch in seinem Mund steckte. „Er war ziemlich mies drauf heute, wahrscheinlich musste Dad ihm letzte Nacht absagen.“, grinste er am Ende, wobei er so leise sprach, dass ihn niemand außer Leon hören konnte.

„Was hat das damit … oh!“, wurde Leon am Ende rot. Er wisperte ebenfalls.

Draco kicherte leise vor sich hin. „Jaja, die Hormone! Manchmal sind die beiden wie Teenager!“

„Und ich dachte schon, es wäre was passiert!“, grinste Leon zurück.

„Er kommt bestimmt noch, will doch sichergehen, dass du ordentlich isst.“, zuckte Draco die Schultern und widmete sich wieder seinem Hühner-Risotto.

„Genau wie du und Blaise und Ron und Hermine und wer weiß ich noch alles.“, rollte Leon mit den Augen und auch er griff wieder zu und ließ sich seine Würstchen und den Kartoffelsalat schmecken.

Unruhig wurde er erst, als sein Vater auch am Ende des Mittagessens nicht aufgetaucht war. Manchmal kam er später, wenn er noch etwas erledigen musste oder wenn Schüler ihn nach der Stunde sprechen wollten. Aber dass er gar nicht auftauchte, beunruhigte Leon sehr. Daher stand er ein wenig früher vom Essen auf – auch wenn Draco ihn deswegen böse ansah, denn Slytherin kam und ging gemeinsam – und eilte Richtung Kerker, wo er nun Unterricht hatte. Er lief die Treppe hinunter und rutschte am Ende beinahe aus. Erschrocken sah er nach unten, auf den Stufen war Blut! Schnell sah er sich weiter um und erstarrte einen Moment. Unten lag jemand, ein großer Schemen, in schwarze Roben gekleidet.

„Dad!“, schrie Leon auf, als seine Starre sich löste, und er rannte zu ihm.

Als er neben der Person kniete und nach dem Puls tastete, erkannte er, dass seine Angst sich bewahrheitete. Es war sein Vater, Blut tropfte aus einer Wunde am Hinterkopf. Leon konnte einen leisen Puls ertasten und schrie laut um Hilfe. Es dauerte nicht lange, da kam jemand zur Treppe gerannt. Hysterisch schrie Leon, dass die Heilerin kommen müsse. Wieder nutzte er unbewusst seine Magie, um seinen Vater stabilisieren zu können. Madam Pomfrey brauchte nur wenige Minuten, um zu ihm zu gelangen. Sofort sprach sie verschiedene Diagnosezauber und begann anschließend mit der Behandlung. Die Blutung stoppte und die Atmung regulierte sich nach und nach. Die Heilerin beschwor eine Trage und ließ Severus darauf schweben, dann verschwand sie – gefolgt von Leon – in den Krankenflügel.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Heilerin sich Leon zuwandte und ihm versicherte, sein Vater sei in Ordnung und brauche nur noch ein paar Tage Ruhe. Sie hatte ihn in einen leichten Heilschlaf versetzt, damit er die Ruhe auch bekam und wollte Leon deswegen zurück in den Unterricht gehen lassen. Doch der Junge ließ sich nicht von seinem Vater wegschicken. Er setzte sich an die Seite von Severus und hielt seine Hand fest. Gegen Abend kam Lucius zu ihm, nahm ihn kurz in den Arm und schickte Leon zum Essen.

„Ich bleibe bei ihm.“, versprach Lucius. „Geh etwas essen und schlaf eine Runde, du kannst ihm nicht helfen, wenn du aus lauter Müdigkeit zusammenbrichst.“

„Danke, Onkel Luc.“, lächelte Leon schwach und ließ sich noch einmal von dem Blonden in den Arm nehmen.

In dieser Nacht kämpfte Leon wieder gegen Alpträume und kroch zu Draco ins Bett. Der Blonde legte seinen Arm um den Schwarzhaarigen und beide schliefen wieder ein. Am Morgen rannte Leon kurz in den Krankenflügel und sah nach seinem Vater, der ihn beruhigte. Er war wieder wach und legte sich schon wieder mit der Heilerin an, da er nicht einsah, warum er dort liegen musste. Liegen könnte er schließlich auch in seinem eigenen Bett, doch Madam Pomfrey blieb stur und würde ihn die nächsten beiden Tage sicher nicht entlassen. Jedoch konnte sich Severus nicht erinnern, was genau passiert war und warum er die Treppe hinuntergestürzt war. Viel entspannter kam Leon wieder zurück in den Gemeinschaftsraum und ging mit seinem Haus gemeinsam zum Frühstücken. Danach hatte er Verteidigung bei Professor Lupin. Leon war einer der ersten Schüler im Klassenzimmer und der Professor kam kurz zu ihm.

„Wie geht es deinem Vater?“, wollte er leise von dem Schüler wissen.

„Besser. Er ist wach und streitet mit Madam Pomfrey, die ihn nicht entlassen will.“, antwortete Leon.

„Was ist genau passiert?“

„Dad kann sich nicht erinnern, aber Madam Pomfrey sagt, dass es normal ist, weil er eine leichte Gehirnerschütterung hat.“, erklärte Leon.

„Dann sag ihm gute Besserung, wenn du ihn siehst!“, lächelte der Honigblonde.

Da inzwischen die Klasse vollständig im Klassenzimmer war, ging der Professor nach vorne und bedeutete den Schülern, leise zu sein. Er erklärte ihnen, was er heute mit ihnen vorhatte. Sie hatten die letzten Male über Irrwichte gesprochen und nun hatte Lupin einen gefunden, mit dem sie üben konnten. Dazu gingen sie in einen leeren Klassenraum in den Kerkern, dort hatte Lupin den Schrank mit dem Irrwicht untergestellt. Leon wurde unsicher, denn so genau konnte er seine größte Angst nicht bestimmen. Einerseits wusste er, eine große Angst für ihn war es, seinen Vater doch noch zu verlieren, doch auch diese riesige Schlange, von der er immer wieder träumte, löste Panik in ihm aus, genau wie dieser Jugendliche, der eigentlich recht harmlos aussah, aber dennoch wahnsinnige Angst in ihm schürte. Und wie sollte er diese Ängste, die er nicht richtig fassen konnte, lächerlich machen?

Noch einmal erklärte Lupin kurz, wie es nun ablaufen sollte und sie bildeten eine Reihe, um nacheinander gegen den Irrwicht antreten zu können. Leon bekam nichts mehr mit, seine Panik steigerte sich immer weiter und er zog sich in sich selbst zurück. Er war ziemlich weit hinten in der Reihe und versuchte, wieder Luft zu bekommen. Immer weniger Schüler standen vor ihm, noch hatte Leon nicht eine einzige Form gesehen, in die sich der Irrwicht verwandelt hatte. Plötzlich war der Schwarzhaarige ganz vorne und er hob den Blick an, um seiner Angst zu begegnen. Alles schien wie in Zeitlupe zu passieren. Die vorherige Form löste sich auf und plötzlich zischelte eine riesige Schlange vor Leon, stürzte sich auf ihn. Hinter sich hörte Leon entsetzte Schreie und er versuchte, an das zu denken, was Lupin ihnen gesagt hatte, doch er konnte sich nicht erinnern. Es war alles weg. Er sah nicht, wie Lupin blass wurde. Tränen liefen über Leons Gesicht und noch bevor er sich überlegen konnte, wie er nun reagieren könnte, wechselte der Irrwicht nur Sekunden später die Gestalt, zeigte den Jugendlichen, den er auch in seinen Träumen immer wieder sah. Wieder dieses hämische, überhebliche Lachen, doch Leon reagierte nicht einmal mehr. Erstarrt blickte er mit weiten Augen auf das, was vor ihm passierte. Erneut wechselte der Irrwicht die Form nach einigen Sekunden und vor ihm lag ein blasser und eindeutig toter Tränkemeister, der aus leblosen Augen an die Decke blickte. Leon brach schreiend und zitternd zusammen, noch bevor Lupin vor ihn sprang und damit den Irrwicht auf sich nahm. Vor ihm schwebte plötzlich eine silberne Kugel, die mit einem lässigen Schwenk seines Zauberstabes von Lupin in einen Luftballon verwandelt, dem die Luft ausging und zurück in den Schrank gedrängt wurde. Der Professor schickte die Klasse in die Pause und ging neben Leon in die Knie.

„Leon, hey, Leon. Es ist vorbei. Ganz ruhig. Komm, ich bring dich in den Krankenflügel zu deinem Vater.“, versprach Lupin.

Leon reagierte nicht, seine Augen waren weit aufgerissen und er sah dennoch nichts. Das Zittern schüttelte seinen Körper und hielt ihn auf dem Boden fest. Lupin wusste, er durfte ihn nun nicht anfassen, doch er versuchte weiterhin, ihm gut zuzureden und ihn zu beruhigen. Er versicherte ihm, dass sein Vater sicher in Madam Pomfreys Obhut war und er sich keine Sorgen machen müsse. Nach etwa zehn Minuten öffnete sich die Tür und Corvin kam mit Draco herein. Sofort ging der Blonde neben Leon in die Knie und legte ihm eine Hand auf den Arm. Der Jüngere zuckte zurück, schrie aber nicht. Seine Augen fokussierten sich auf Draco und ganz langsam flackerte Erkennen in ihnen auf.

„Dray?“, wisperte Leon fragend.

„Ja, Leon. Komm her, Kleiner.“, antwortete Draco und Leon schmiegte sich in die offenen Arme. „Was ist passiert?“, wollte er leise von dem Professor wissen.

„Wir haben Irrwichte durchgenommen und heute praktisch gearbeitet. Mir ist nicht aufgefallen, dass Leon Schwierigkeiten haben könnte, bis der Irrwicht sich in einen Basilisken verwandelt hat. Zumindest vermute ich, dass es ein Basilisk war. Doch dann wechselte er die Form, ein junger Mann erschien, eher ein Jugendlicher, der nur grinste, eigentlich überhaupt nicht furchteinflößend, aber Leon zitterte immer stärker. Dann hat er noch einmal die Form gewechselt und sein Vater lag tot vor ihm, da ist Leon zusammengebrochen. Es ging so schnell, dass ich nicht eingreifen konnte, bis es zu spät war.“, berichtete Professor Lupin.

„Ich bringe ihn zu Professor Snape.“, entschied Draco leise.

Er half Leon, aufzustehen und führte ihn langsam nach oben in den Krankenflügel. Dort war Madam Pomfrey schon informiert, da Corvin vorausgegangen war. Leon wurde in das Bett neben seinem Vater gebracht und dort reichte die Heilerin ihm einen Beruhigungstrank. Minuten später schlief er.

„Danke, Draco!“, flüsterte Severus.

Draco berichtete seinem Paten leise, was genau passiert war. Severus lauschte konzentriert und wünschte, er könnte sich die Irrwichte ansehen, denn er ahnte, was Leon möglicherweise gesehen hatte. Er nahm sich vor, mit Lupin zu reden, vielleicht gab es eine Möglichkeit. Außerdem wollte er wissen, was genau passiert war, dass er gestürzt war, denn seine Erinnerung endete am Ende des Unterrichtes und begann erst wieder mit dem Erwachen im Krankenflügel, als Lucius an seinem Bett saß. Der war gerade wieder im Ministerium, die Sitzungen des Zaubergamot waren für alle Mitglieder verpflichtend. Und da sie beide ihre Beziehung nicht öffentlich machen wollten, konnte er auch nicht einfach im Krankenflügel bleiben. Doch lange konnte Severus in Gedanken nicht bei seinem Partner bleiben, da Leon wieder unruhiger wurde. Schreiend wachte Leon schließlich auf und Severus holte ihn zu sich. Er wusste, sein Kleiner würde jetzt nur ruhig schlafen, wenn er ihn spürte.

Nach dem Unterricht kam Lupin in den Krankenflügel, um sich nach Leon und auch nach seinem Kollegen zu erkundigen. Leon schlief noch und so unterhielten sich die Kollegen leise über beide Vorfälle, nachdem sie sichergestellt hatten, dass sie nicht belauscht werden konnten.

„Und du hast keine Ahnung, was genau passiert ist? Du stürzt doch nicht einfach so eine Treppe hinunter.“, überlegte Lupin.

„Meine Erinnerung endet mit dem Verlassen meines Klassenzimmers und beginnt wieder, als ich hier aufwachte.“, berichtete Severus knapp. „Kann ich sehen, wie Leons Irrwicht aussah?“

„Du hast eine Vermutung?“, wunderte sich Lupin.

„Einen Verdacht. Aber dazu muss ich es sehen.“, bestätigte Severus.

„Von mir aus gerne. Ich weiß auch, dass Minerva Albus´ Denkarium geerbt hat. Ich werde sie fragen, ob wir es ausleihen können.“, versprach Lupin.

Severus nickte dankbar. Dann wechselte er das Thema. „Hat Black weiterhin gesucht?“

„Ja, aber bisher ohne Erfolg. Da er hierher gebracht wurde nach dem Angriff in Hogsmeade, hat er sich ein paar Tage immer wieder sehen lassen und sich gestern Mittag offiziell verabschiedet, er ist sicher gegangen, dass er auch gesehen wurde, als er die Schule und das Gelände verließ, kam dann aber als Schnuffel wieder zurück und ist nun wieder unterwegs. Ich habe die Schüler wissen lassen, dass er wohl in Hogsmeade eine Freundin gefunden hat und nun ist er wieder da. Er hat inzwischen alles abgesucht, was er kannte und kennt und nichts gefunden. Doch nun ist er am Raum der Wünsche dran, doch da dieser unendliche Möglichkeiten bietet, ist die Hoffnung nicht besonders groß.“, erzählte Lupin.

„Raum der Wünsche?“, fragte Severus verwirrt.

„Kennst du den nicht? Die Hauselfen bezeichnen ihn als den ‚Da-und-fort-Raum‘. Ich zeige ihn dir, wenn du hier rauskannst. Er formt sich nach den Wünschen desjenigen, der ihn braucht. Er ist oben im siebten Stock gegenüber von dem Wandteppich mit Barnabas dem Bekloppten.“, erklärte Lupin. „Wenn du hier raus darfst, dann bringe ich dich hin und zeige dir, wie die Magie des Raumes funktioniert.“

Da Leon nun langsam wieder wach wurde und außerdem Hermine den Krankenflügel betrat, um ihn zu besuchen, löste Lupin die Zauber und verabschiedete sich, nachdem er noch gute Besserung gewünscht hatte.

Leon durfte den Krankenflügel bereits am Abend wieder verlassen, Severus musste noch drei weitere Tage dort bleiben, um seine Gehirnerschütterung auszukurieren, gegen die half kein Trank oder Zauber, nur Ruhe. Doch auch er wurde dann am übernächsten Tag entlassen, einen Tag früher als geplant, da die Heilerin ziemlich genervt von ihrem Patienten war und ihn unter Auflagen in seine Wohnung ließ, aber erst, nachdem Lucius ihr versprach, darauf zu achten, dass er sich an die Bettruhe hielt und in den nächsten beiden Tagen nicht aufstand. Danach durfte er dann, wenn alles gut ging, wieder unterrichten. In der Zwischenzeit übernahm es Draco, die jüngeren Schüler zu unterrichten und Professor Sprout, die zwar kein Meister war, aber auch relativ gute Noten vorweisen konnte, übernahm die Älteren.

 

Nach seiner Entlassung bat Severus Lupin, zu ihm zu kommen. Der Werwolf hatte sich das Denkarium von Minerva leihen können und brachte es mit, wissend, was sein Kollege wollte. Er legte seine Erinnerung in das Denkarium und Lucius, Severus sowie er selber sahen sich die Erinnerung an. Es war nicht viel, die drei Formen hatten sehr schnell gewechselt, aber erst hier fiel Lupin auf, dass es sogar noch eine vierte Form gegeben hatte, die allerdings nur Sekundenbruchteile manifestiert gewesen war.

„Oh mein Gott, das ist Ginny!“, hauchte Remus, als er das rothaarige Mädchen sah.

„Miss Weasley! Was ist passiert? Ich habe mich bereits gewundert, dass sie nicht mehr an der Schule ist.“, erwiderte Severus.

„Sie war die Schülerin, die in die Kammer entführt wurde.“, wusste Remus. „Sie hat so viel von ihrer eigenen Lebensenergie in das Tagebuch gesteckt, dass sie es Riddle damit ermöglichte, zurückzukommen. Sie hat es nicht überlebt, auch wenn Harry alles versucht hat, er konnte sie nicht retten. Ihre Familie hat Harry niemals einen Vorwurf gemacht, aber sie sind seither nicht mehr die gleichen Menschen. Sie haben sich aus dem Orden zurückgezogen, leben geschützt. Bill und Charlie leben wieder im Fuchsbau, konnten es nicht ertragen, ihre Eltern so sehr leiden zu sehen. Ron und die Zwillinge kamen nach dem Sommer wieder nach Hogwarts, aber es hat lange gedauert, bis sie wieder lachen konnten, ich denke, es war erst gegen Ende des letzten Jahres. Fred und George haben fast zwei Jahre lang nichts angestellt, keine Strafarbeiten kassiert, das war unheimlich, ich bin ehrlich froh, dass sie nun wieder damit angefangen haben.“

„Ich habe sie umgebracht.“, hauchte Lucius entsetzt.

„Riddle hat sie umgebracht.“, korrigierte Remus sanft.

„Und ich war beteiligt, was mich ebenso schuldig macht.“, beharrte Lucius auf seinem Standpunkt.

„Ich hatte keine Ahnung.“, wisperte Severus.

„Was?“, fragte Lupin verständnislos.

„Ich hatte keine Ahnung.“, wiederholte Severus. „Ich habe Anfang September damals mitbekommen, dass Miss Weasley nicht da war und auch, dass ihre vier Brüder nicht besonders … glücklich waren, aber ich hatte keine Ahnung von diesem Drama. Ich wusste nicht, dass sie gestorben ist. Ich dachte, sie wäre in Beauxbatons, das hatten die Weasleys früher schon überlegt, als sie noch im Orden waren. Warum haben wir Lehrer nichts erfahren am Ende des Jahres?“

„Sie sind nicht mehr im Orden?“, hakte Lucius nach.

Remus schüttelte den Kopf. „Nein. Sie wollten kein Risiko mehr eingehen, der Tod von Ginny hat sie zu sehr geschockt. Dennoch sind sie auf unserer Seite und helfen, wo sie können, aber eben nicht mehr als Mitglieder. Nur Bill ist weiterhin ein Ordensmitglied, da er so eng mit Kingsley befreundet ist. Albus war damals von Ginnys Tod mehr als geschockt, er brauchte selber eine ganze Weile, um damit klarzukommen, deshalb hat er erstmal nichts gesagt gehabt. Am Anfang des folgenden Schuljahres hatte er es erklärt, als ich auch angefangen habe zu unterrichten, aber es könnte sein, dass du genau da gerade Wolfsbann gebraut hast.“, erklärte er. „Severus, weißt du etwas mit den anderen beiden Formen anzufangen? Ich meine, dass du tot da liegst, das braucht niemand zu erklären, aber was ist mit dem Basilisken? Das ist doch einer? Und der Jugendliche?“

Automatisch beantwortete Severus die Fragen, auch wenn seine Gedanken immer noch bei Ginny Weasley waren. „Ja, es ist ein Basilisk und ich vermute, dass es der ist, der in der Kammer war, gegen den Harry angetreten ist, um Miss Weasley zu retten. Und bei dem Jugendlichen habe ich keine Ahnung. Es ist jedenfalls niemand aus dem Krankenhaus, vielleicht aus der Schule in Wellington, aber ich habe ihn nie zuvor gesehen.“

„Das kann ich beantworten. Es ist Tom Riddle, wie er als Schüler aussah.“, meldete sich Lucius nun zu Wort.

„Voldemort!“, entfuhr es Remus.

„Zu dem Zeitpunkt noch nicht so richtig, es muss in der sechsten Klasse etwa gewesen sein, wenn ich das Jahr von dem Tagebuch richtig in Erinnerung habe. Er hatte unter seinen Freunden, oder besser, den ersten Anhängern, bereits den Namen Lord Voldemort angenommen, aber bekannt wurde das erst, als er aus der Schule war.“, erklärte Lucius leise.

„Und Albus hat das zugelassen, dass das Tagebuch in die Schule kam?“, wunderte sich Severus.

„Es ist aus dem Ruder gelaufen, als Miss Weasley das Tagebuch gefunden hat. Eigentlich war es in Albus´ Büro, doch ich habe inzwischen herausgefunden, dass es ein paar Todesser-Kinder geschafft haben, das Tagebuch an sich zu bringen und es landete auf Umwegen bei Miss Weasley. Sie hat es genutzt und hineingeschrieben, daher war sie so anfällig für Riddle und er konnte ihren Körper übernehmen, um die Kammer zu öffnen. Geplant war eigentlich, dass er Albus´ Körper übernehmen sollte, der hätte zumindest eine gewisse Kontrolle beibehalten können und gemeinsam hätten wir beide, Albus und ich, dann die Kammer betreten wollen und die Wiederauferstehung verhindern. Vielleicht hätten wir das Tagebuch doch vernichten sollen, aber wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, welche Macht tatsächlich darin steckte, nur dass es dem Lord helfen sollte, wieder zu erstehen.“, antwortete Lucius. „Erst, als Harry nach den Ereignissen in der Kammer zu Albus kam und ihm berichtete, erkannte er, was genau das bedeutete, was das Tagebuch eigentlich gewesen war. Damals hat Harry mich gesehen, ich musste ziemlich Theater spielen, damit er meine Rolle nicht enttarnt. Aber das zumindest hat geklappt, wenn auch alles andere komplett schief ging.“

„Albus hat sich das nie vergeben.“, wusste Remus. „Er war der Meinung, es sei seine Schuld gewesen, da er darauf bestanden hat, dass es so gemacht wurde. Auf dem Totenbett hat er etwas in diese Richtung gesagt, auch wenn ich es erst jetzt verstehen kann.“

Eine Weile schwiegen die drei Männer, die noch immer in der Erinnerung standen. Schließlich fasste sich Remus ein Herz und brachte sie alle aus dem Denkarium. Zurück in Severus´ Wohnzimmer setzten sie sich auf das Sofa und tranken den Tee, der von den Hauselfen gebracht wurde. Remus und Lucius tranken einen Feuerwhiskey auf den Schreck, nur Severus musste verzichten, sein Organismus würde wahrscheinlich nicht besonders gut auf den Alkohol reagieren und er wollte nicht gleich wieder im Krankenflügel landen.

„Wir müssen sehen, dass wir es bald beenden, damit es nicht noch mehr Tote gibt.“, entschied er nach einem langen Schweigen.

„Aber wie? Wir wissen noch immer nicht, wo das Diadem oder das Medaillon sind, und die Schlange ist auch nicht aufgetaucht.“, seufzte Remus.

„Severus hat Recht, wir müssen weitersuchen und sehen, dass wir es beenden.“, stimmte Lucius seinem Freund Severus zu. „Ich werde sehen, ob ich bei den Lestrange-Brüdern etwas herausbekomme. Mich wundert, dass sie nicht mit Bella gemeinsam für die Entführung und die Folter verantwortlich waren, aber Bella ist, oder besser war, intelligent genug, das auch alleine durchzuführen. Vielleicht haben sie eine Ahnung, wo die Schlange sein könnte.“

„Und wie willst du diese Fragen begründen? Sie werden dich als Spion enttarnen!“, knurrte Severus.

„Nein, werden sie nicht, schließlich will ich nur unserem Meister helfen, wieder zu uns zurückzukommen!“, entgegnete Lucius mit einem eiskalten Lächeln.

Dagegen konnten weder Severus noch Remus etwas sagen, denn die Begründung würde Lucius absolute Narrenfreiheit geben. Sie beschlossen, dass er nach Weihnachten die Gelegenheit nutzen würde, da sich die verbliebenen Todesser aus dem inneren Kreis immer noch am Tag vor Silvester trafen.

 

 

Am folgenden Wochenende bekam Leon die Sondergenehmigung, mit seinem Vater in die Winkelgasse zu reisen. Das Wetter war nicht besonders gut, es schneite und der Wind wirbelte den nassen Schnee durch die Gegend. Alle, die unterwegs waren, hatten sich in ihre Umhänge gewickelt und beeilten sich, ihre Besorgungen zu erledigen. Auch Leon und sein Vater hielten sich nicht unnötig auf, da sie genau wussten, was sie wollten. Viel hatte Severus bereits per Eule bestellt, hatte seinen Raben, der die Zeit seiner Abwesenheit in der Eulerei in Hogwarts verbracht hatte, immer wieder in die Winkelgasse geschickt. Leon musste das Geschenk abholen, das er und Draco für Lucius in Auftrag gegeben hatten und besorgte noch etwas in der magischen Menagerie. Außerdem kauften sie noch etwas für Matt, und Severus holte einige Dinge ab, die er im Januar für die Schule wieder brauchte und zwei weitere Geschenke, die bereits verpackt waren. Daher waren sie schnell fertig und schafften es, innerhalb einer Stunde zurück im Tropfenden Kessel zu sein, um durch den Kamin wieder nach Hogwarts zu reisen.

Der letzte Tag vor den Ferien war angebrochen und Hermine lud Leon ein, mit in den Gryffindor-Turm zu kommen, da er auch dort einige Freunde hatte und sie eine kleine Weihnachtsfeier planten. Seit McGonagall die Leitung der Schule übernommen hatte, war es nicht mehr ganz so eng mit der Trennung der Häuser, Freundschaften waren geschlossen worden und die Feindschaften nicht mehr so schlimm wie früher. Neugierig folgte Leon Hermine an dem Abend. Sie hatte Severus versprochen, darauf zu achten, dass Leon keinen Alkohol bekam, egal in welcher Form, doch auch Leon hatte dazugelernt und würde nichts Unbekanntes mehr einfach so trinken oder essen. Außerdem wollte er morgen früh fit sein, damit sie nach Malfoy-Manor reisen konnten.

Ron erwartete sie bereits. Leon hatte noch keine Möglichkeit gehabt, seinem Freund zu erklären, was mit seiner Ratte gewesen war, aber zumindest vertrugen sich Ron und Hermine inzwischen wieder. Severus hatte sogar die Meinung vertreten, er solle Ron am Besten nicht sagen, dass er jahrelang einen Animagus in seinem Zimmer gehalten hatte. Daher war Leon auch nicht sonderlich erpicht darauf, eine Gelegenheit zu finden. Sein Vater hatte ihn außerdem gewarnt, dass es möglicherweise zu Flashbacks kommen konnte, da Harry schließlich ein Gryffindor gewesen war. Dennoch freute sich Leon auf den Abend. Neugierig blickte er sich um, als sie in den Gemeinschaftsraum kamen. Es fühlte sich vertraut an, aber er erkannte es nicht wieder. Überall standen gemütliche Sessel und Sofas, alles war in Rot und Gold gehalten und wirkte warm und gemütlich. Das Feuer knisterte im Kamin und schaffte zusätzliche Wärme und Licht. Die meisten Schüler des Hauses waren im Gemeinschaftsraum und spielten Karten oder Brettspiele, lasen oder unterhielten sich. Hermine und Ron führten Leon nach oben in einen der Schlafsäle, wissend, dass der Slytherin kein Freund von großen Menschenmengen war, vor allem mit dem Wissen, dass es Flashbacks geben könnte. Auch wenn er sich mit den Gryffindors in seinem Jahrgang sehr gut verstand, so waren dennoch eigentlich nur Ron und Hermine seine Freunde. Der Einzige, der ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu ihm hatte, war Neville Longbottom, doch Hermine hatte Leon beruhigt, dass es nur mit seinem Vater zusammenhing, vor dem er ziemliche Angst hatte.

Hermine hatte Plätzchen gebacken und Ron einen kleinen Weihnachtsbaum geschmückt. Sie setzten sich auf Rons Bett und tauschten ihre Geschenke aus. Hermine freute sich sehr über die Kette von Leon, ebenso Ron über die Quidditch-Handschuhe. Dann bekam auch Leon seine Geschenke, Süßigkeiten von Ron und zwei Bücher von Hermine. Er war glücklich, dass sie an ihn gedacht hatten und zu ihm hielten, obwohl er nicht Harry war, das sagte er ihnen schließlich auch.

„Kein Problem, Leon. Du bist nicht Harry, das hast du uns immer wieder gezeigt, auch wenn du ihm in Vielem gleichst, aber du bist doch eine eigene Person.“, gab Hermine zurück.

„Ihr wisst so viel über mich, ich habe keine Ahnung, wer ihr beiden eigentlich seid, weiß nicht einmal, wo ihr herkommt, wer eure Familien sind. Naja, wenn man mal von Fred und George absieht, ich weiß, dass sie deine Brüder sind, Ron.“, seufzte Leon.

„Du kannst uns alles fragen!“, lächelte Hermine. „Aber ich erzähle dir gerne ein wenig über mich. Ich bin muggelgeboren, meine Eltern sind Zahnärzte. Ich hatte keine Ahnung von meiner … Begabung, bis ich den Brief aus Hogwarts bekam. Professor McGonagall hat uns damals besucht und meinen Eltern alles erklärt. Ich war am Anfang ziemlich blöd, habe auf alle herabgesehen, wenn sie nicht so eifrig waren wie ich beim Lernen, aber habe schnell gemerkt, dass das nicht alles ist. Ron, Harry und ich waren Freunde ab Halloween im ersten Schuljahr. Gemeinsam einen Troll zu besiegen schweißt wohl zusammen. Da ich ein Einzelkind bin, werde ich von meinen Eltern ziemlich verwöhnt, wie Ron findet.“

„Ist auch so.“, fiel Ron ihr ins Wort. „Ich bin der Jüngste von sechs Brüdern. Meine Eltern haben Harry immer als achtes Kind gesehen, seit er das erste Mal bei uns war. Leider ist er nicht oft gekommen, nur in den Sommerferien zwischen den ersten beiden Jahren."

„Moment, du sagtest sechs Brüder und Harry wäre wie ihr achtes Kind gewesen. Was ist mit dem siebten Kind?“, unterbrach Leon verwirrt.

Hermine zuckte zusammen und Rons Gesicht wurde schmerzverzerrt. „Meine Schwester wurde von Du-weißt-schon-wem getötet.“, wisperte er.

„Das tut mir leid.“, hauchte Leon entsetzt.

„Du kannst nichts dafür, aber wir alle haben sie sehr geliebt. Sie war etwas mehr als ein Jahr jünger als ich.“, schluchzte Ron.

Hermine nahm ihn in den Arm, auch sie hatte Tränen in den Augen. Leon war entsetzt, wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Schuldgefühle wallten in ihm auf, er ahnte, dass Viele wohl Harry Potter für diesen Tod verantwortlich machen würden. Hätte er es geschafft, Voldemort zu vernichten, dann hätte Rons Schwester nicht sterben müssen. Er wollte sich verabschieden, fühlte sich fehl am Platz.

„Bitte bleib.“, krächzte Ron und ließ sich von Hermine einen Becher Kakao geben. „Du kannst nichts dafür und auch Harry hatte keine Schuld. Er hat versucht, sie zu retten, kam aber zu spät. Keiner von uns hat ihm je einen Vorwurf gemacht, nur er selber hat sich die Schuld gegeben. Ich wünschte, ich hätte es ihm damals sagen können, dass er keine Schuld hat, dass es nicht er war. Er hat so viel getan, hätte sich selber geopfert. Und dann, nur ein paar Tage später, wurde er entführt. Ich habe meine Schwester und meinen besten Freund verloren.“

„Es tut mir so leid.“, wiederholte Leon noch einmal.

„Lass gut sein, Leon. Das weiß ich doch.“, bat Ron und wischte seine Tränen ab. „Ich bin froh, dass du ein neues Leben hast und einen Vater, der dich liebt. Auch wenn ich Snape nie zugetraut hätte, dass er so … menschlich sein kann.“

„Oh ja, er war früher wirklich schlimm!“, schmunzelte Hermine. „Ungerecht, kalt, abweisend, hat seine Launen an den Schülern ausgelassen. Seine Anweisungen verstand kaum jemand und wenn dann die Tränke ruiniert waren, hat er den Schülern die Schuld gegeben. Er hat mich eine neunmalkluge Besserwisserin genannt, weil ich es gewagt habe, zu sprechen ohne aufgerufen worden zu sein. Naja, er hat mich nicht drangenommen, obwohl ich mich als Einzige gemeldet habe. Seit er wieder hier ist, erkenne ich ihn kaum wieder. Ich schätze, du hast ihn sehr verändert!“

„Aber ich hab doch gar nichts gemacht.“, protestierte Leon.

„Wer weiß? Manchmal muss man nicht viel tun, um etwas zu verändern.“, philosophierte Hermine. „Ich für meinen Teil bin froh, dass er so verändert ist. Er kann uns dadurch viel mehr beibringen, er lässt uns wirklich an seinem Wissen teilhaben und erklärt, was er will, sodass man es auch versteht. Gut, die meisten Schüler haben immer noch eine Heidenangst vor ihm, aber zumindest lernen sie nun etwas und er behandelt uns viel gerechter als früher. Auch seine Benotung scheint nun vorurteilsfrei zu sein.“

In diesem Moment klopfte es an der Tür und Neville Longbottom steckte seinen Kopf herein. „Oh, hi Leon. Ich wollte nur sehen, ob wir langsam mal ins Bett können, es ist schon weit nach elf Uhr und wir müssen morgen früh raus, damit wir den Hogwarts-Express erwischen. Meine Oma reißt mir den Kopf ab, wenn ich verschlafe und den Zug verpasse.“

Erschrocken sprangen die drei Freunde auf und Leon verabschiedete sich. Sie hatten überhaupt nicht auf die Zeit geachtet, immerhin war Leon direkt nach dem Abendessen hier herauf gekommen. Schnell lief er mit Hermine, die, im Gegensatz zu Leon, als Vertrauensschülerin um diese Zeit noch auf den Fluren sein durfte, in die Kerker hinunter. Wieder plagten ihn Alpträume in der Nacht, die ihn in Dracos Bett trieben, dieser nahm ihn einfach nur in den Arm und murmelte ihm beruhigende Worte ins Ohr, bis er wieder einschlief. Draco wurde nicht einmal mehr vollkommen wach, wenn Leon einen Alptraum hatte, half ihm im Halbschlaf. Der Schwarzhaarige war einfach nur froh, die beschützenden Arme um sich herum zu spüren, wenn er vor lauter Angst nicht mehr einschlafen konnte. Doch er schaffte es so gut wie nie, die Bilder aus den Träumen zu behalten. Er erinnerte sich nur an die riesige Schlange und die Hände, die ihn greifen wollten.

Draco weckte ihn am Morgen ziemlich früh, denn sie fuhren zwar nicht mit dem Hogwarts-Express, aber Severus wollte früh weg. Draco hatte ziemlich gestichelt, dass es wohl an Lucius lag, den er seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte, weil der geschäftliche Termine auf dem Festland gehabt hatte. Doch ab heute hatte auch Lucius sich freigenommen und würde wohl im Manor auf sie warten. Schnell zogen sich die beiden Jugendlichen an und griffen nach ihren Koffern, die sie bereits gestern gepackt hatten. Severus wartete schon mit dem Frühstück auf sie, das er auch nur deshalb bestellt hatte, damit Leon aß. Auch wenn das Gewicht von dem Jungen nun deutlich besser war, es war immer noch nur knapp über dem, was als untergewichtig galt. Severus selber nahm auch erst jetzt langsam wieder zu, nach der Chemotherapie hatte es lange gedauert, bis er wieder einigermaßen normal essen konnte.

 

Eine Stunde später kamen sie im Manor an und wurden von Lucius mit Umarmungen empfangen. Sie brachten ihr Gepäck in die Zimmer, die sie bereits im Sommer bewohnt hatten und trafen sich dann im Salon, wollten den Baum gemeinsam schmücken. Draco hatte Leon erzählt, dass früher seine Mutter immer heimlich den Baum geschmückt hatte und sie ihn erst am Weihnachtsmorgen sehen durften. Seit dem Tod von Narzissa hatten es dann Lucius und Draco immer gemeinsam gemacht. Draco gestand, dass er sich seiner Mutter dabei sehr nahe fühlte, als wäre sie neben ihm. Die Hauselfen stellten ihnen einen Teller mit Plätzchen hin und räumten die leeren Schachteln wieder weg, schneller als Leon schauen konnte. Am Ende stand ein riesiger Baum vor ihnen, geschmückt mit silbernen und grünen Kugeln, dazu Schokoladen-Anhänger und Pfefferminzstangen. Sie hatten sogar Strohsterne gefunden, die Narzissa früher mit Draco gebastelt hatte, um seine Feinmotorik zu schulen, die hingen nun auch an der Tanne. Die Hauselfen würden dann die Geschenke unter den Baum legen.

Gemeinsam besuchten sie anschließend den Weihnachtsmarkt in einem Muggeldorf ganz in der Nähe, kauften noch einige Kleinigkeiten zum Dekorieren und warme Socken für Leon, der irgendwie immer fror und ziemlich oft mit eiskalten Füßen in Dracos Bett kletterte. Außerdem tranken sie Punsch, Leon und Severus alkoholfrei, und aßen Plätzchen und sogar Steaks und Bratwürstchen vom Grill. Völlig übermüdet schlief Leon auf dem Heimweg in den Armen von Lucius ein, der ihn hochgenommen hatte, als er merkte, dass der Jüngste schwankte und sich kaum noch aufrecht halten konnte. Er lehnte es ab, zu apparieren, wollte diesen Ausflug genauso beenden, wie er ihn begonnen hatte, doch er legte einen Zauber auf Leon, damit er nicht so schwer wurde. Im Manor legte er ihn ins Bett, Draco zog ihm Schuhe und Jacke aus und Severus zauberte ihm einen Schlafanzug an, bevor er ihn zudeckte und ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn hauchte.

Draco weckte Leon am nächsten Tag ziemlich früh auf, es war erst kurz nach sechs Uhr morgens. „Komm schon, Leon, Geschenke!“, trieb er seinen Freund an.

„Bin müde!“, maulte Leon und drehte sich um, doch Draco gab nicht auf und zog ihm die Bettdecke weg. „Leon, du kannst morgen schlafen und die ganzen restlichen Ferien, aber heute ist Weihnachten, es gibt Geschenke!“, drängelte er.

Schließlich gab Leon nach und erhob sich, taumelte ins Bad, um sich wenigstens ein bisschen Wasser ins Gesicht zu spritzen, damit er wach wurde, bevor er sich anzog. Draco rannte derweil in das Zimmer seines Vaters, um diesen aufzuwecken. Er riss die Tür auf und wollte lauthals einen ‚Guten Morgen‘ wünschen, doch als sein Blick auf das Bett fiel, blieb ihm das Wort im Hals stecken. Severus und Lucius drehten sich zu ihm um und der Schwarzhaarige hob ein wenig amüsiert die Braue.

„Guten Morgen und frohe Weihnachten, Draco.“, wünschte er. „Vielleicht solltest du dir in Zukunft angewöhnen, an die Tür zu klopfen, bevor du einfach hereinplatzt, dann muss dir der Anblick nicht peinlich sein.“

Draco stand in der Tür wie ein begossener Pudel, er war feuerrot im Gesicht und brachte kein Wort mehr heraus. Zwar wusste er von der Beziehung zwischen seinem Vater und seinem Patenonkel, aber erst jetzt wurde ihm bewusst, was das wirklich bedeutete. Sie lagen beide in eindeutiger Pose im Bett, zu Dracos Glück unter der Decke. Lucius sah sich das Elend noch einige Augenblicke an.

„Draco, vielleicht solltest du nun die Tür schließen und zwar hinter dir, wenn du draußen bist. Wir werden sicherlich bald aufstehen, denn wie du sehen kannst, sind wir bereits wach. Wir kommen dann zum Frühstücken in den Salon, du kannst den Hauselfen bereits befehlen, das Frühstück herzurichten.“, befahl er seinem Sohn danach.

„Ja Vater.“, stammelte Draco und verschwand mit immer noch glühendem Gesicht aus dem Schlafzimmer. Deutlich ruhiger als zuvor ging er nun in den Salon und ließ dort das Frühstück anrichten. Leon kam bald danach und sah Draco fragend an, als er seine Aufregung bemerkte.

„Ich weiß jetzt, wie es dir gegangen sein muss, als du die Beiden erwischt hast.“, gestand Draco, als er nicht mehr auskam. „Ich wollte Dad eben wecken, aber er war schon wach und sehr beschäftigt.“

Leon kicherte leise vor sich hin und als Draco ihn böse anstarrte, wurde das Lachen immer nur lauter. Irgendwann lag der Schwarzhaarige dann auf dem Boden vor lauter Lachen. In dem Moment kamen Severus und Lucius in den Salon und zogen beide gleichzeitig die rechte Augenbraue in die Höhe, was Leons Lachanfall nur noch verstärkte.

„Was ist denn mit Leon los? Hast du ihm einen Kitzelfluch auf den Hals gejagt?“, wollte Lucius von seinem Sohn wissen.

„Nee, ich hab mich nur beschwert, dass ihr nicht aufstehen wolltet, obwohl ihr eindeutig wach und aktiv wart.“, maulte Draco.

Jetzt schmunzelte auch Severus. „Dann geht es dir nicht besser wie ihm. Wobei ich sagen muss, er hat es deutlich leichter verkraftet als du.“

„Was soll das heißen?“, fragte Lucius.

„Leon hat uns nach dem Quidditch-Spiel gesehen.“, informierte Severus ihn kurz.

„Oh.“, machte Lucius nur.

Jetzt lachte auch Draco, als er seinen Vater so sprachlos sah. Er vergaß, dass er eigentlich sauer auf Leon war, weil dieser ihn ausgelacht hatte, und lachte gemeinsam mit ihm. Die Gesichter, die Severus und Lucius gerade machten, waren etwas, das Draco sein Lebtag noch nicht in diesem Ausmaß gesehen hatte.

„Wolltest du nicht eigentlich frühstücken und dann die Geschenke auspacken?“, fragte Lucius nach einigen Minuten schließlich trocken.

Schlagartig wurde Draco ernst und setzte sich auf. Auch Leon beruhigte sich langsam wieder und sie gingen an den Tisch, auf dem inzwischen ein reichhaltiges Frühstück wartete. Weil weder Leon noch Severus zu süß oder zu fett essen durften, hatten die Hauselfen leichte Kost bereitgestellt mit viel frischem Obst aus dem Garten der Malfoys, der durch einen Zauber auch jetzt im Winter frische, reife Früchte lieferte. Dennoch ließen es sich alle schmecken und Draco würde sich wohl nachher an den Naschereien vom Baum bedienen, wenn er jetzt so wenig Süßes bekam, denn der Blonde war ein absolutes Schleckermaul, was er, laut Lucius, wohl von seiner Mutter geerbt hatte, die auch nie widerstehen konnte, wenn sie etwas Süßes sah. Der Gedanke an seine verstorbene Frau ließ Lucius nachdenklich werden. Doch Draco riss ihn aus seiner Melancholie, da er nun endlich zum Weihnachtsbaum wollte, um Geschenke auszupacken.

Sie überließen den Hauselfen den Tisch und setzten sich zum Baum. Da die Elfen bereits wussten, wie Draco reagierte, hatten sie die Geschenke sortiert unter den Baum gelegt, damit ihr junger Meister gleich wusste, was für ihn war. Der riss auch gleich das erste Geschenk auf und freute sich riesig, darin einen Haufen Süßigkeiten von Leon zu finden. Darunter lag das eigentliche Geschenk, denn Leon hatte ihm noch mehr besorgt. Das Buch war über Waffenkampf, sowohl magisch als auch aus der Muggelwelt und war – laut dem Ladenbesitzer – etwas, mit dem Draco schon länger liebäugelte. Der Blonde freute sich auch riesig darüber und dankte Leon strahlend. Nun packte auch Leon sein erstes Geschenk aus und erstarrte beinahe, als er ein gemaltes Bild von sich und seinem Vater in dem Papier fand. Er wusste genau, von wem das kam.

„Danke, Onkel Luc!“, wisperte er mit Tränen in den Augen. „Das ist wunderschön!“

Es war kein magisches Portrait, sondern von einem bekannten Maler der Muggel geschaffen worden. Das alleine machte es für Leon sehr wertvoll, da er sehen konnte, dass Lucius sich Gedanken gemacht hatte und wohl auch bemerkte, dass es Leon immer wieder irritierte, wenn Personen aus magischen Portraits einfach verschwanden. Auch Severus bekam ein Gemälde, das aber Draco und Leon zeigte. Es war ebenfalls von diesem Maler.

„Wie…?“, wollte Severus wissen.

„Ich habe mir von Bill eine Muggelkamera geliehen und bin dann in eine meiner Erinnerungen gegangen, wo ich verschiedene Fotos gemacht habe. Die habe ich dem Maler gegeben und er hat das daraus geschaffen.“, schmunzelte Lucius.

„Danke, Lucius.“, kam es gerührt von Severus.

Lucius beugte sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Gerne!“, lächelte er dann.

Sie packten weiter aus, Draco bekam noch weitere Bücher und dazu einen Ring, der, wie Lucius Leon erklärte, ein Familienerbstück war und ihn als den Erben der Malfoy-Dynastie auszeichnete. Gleichzeitig gab er ihm auch eine gewisse Macht, eigene Verträge abzuschließen und Zugang zu den Verliesen in Gringotts. Am Ende packte er noch eine Schreibfeder aus, die einen versilberten Kiel hatte, damit er leichter und feiner schreiben konnte. Severus bekam seltene Trankzutaten, von Leon ein altes, als verschollen geltendes Tränkebuch aus der Zeit der Gründer, das der Ladenbesitzer des Buchladens in Hogsmeade zufällig bei einer Haushaltsauflösung gefunden hatte, kurz bevor Leon zu ihm gekommen war. Lucius packte einen zeremoniellen Dolch aus, dazu Manschettenknöpfe und eine Krawattennadel mit dem Bild von einem Löwen und einem Drachen. Leon und Draco hatten sich dafür zusammengetan. Auch Leon wurde beschenkt, er bekam eine eigene Armbanduhr, auch wenn es traditionell eigentlich erst zur Volljährigkeit geschenkt wurde, außerdem eine Buchserie aus der Muggelwelt, da er ähnliche Bücher mit Begeisterung gelesen hatte, und eine neue Tasche aus feinem Leder für seine Schulsachen. Sie war mit Zaubern versehen, dass sie nicht reißen konnte und außerdem nie das volle Gewicht des Inhaltes zu tragen war. Auch er bekam eine Schreibfeder, wie Draco sie hatte.

Nach dem Auspacken der Geschenke vertrieben sie sich die Zeit mit Geschichten. Leon erfuhr viel aus der Zeit seines Vaters, was er in Hogwarts erlebt hatte und verstand immer weniger, wieso seine Mutter diesen James geheiratet hatte, den alle für den Vater von Harry hielten. Lucius gab einige Anekdoten aus seiner Zeit mit Narzissa zum Besten, die Draco immer wieder die Tränen in die Augen trieben (er weinte nicht, aber man sah seine Traurigkeit deutlich) und die Leon zeigten, wie herzensgut diese Frau gewesen war, auch wenn die Öffentlichkeit ein anderes Bild von ihr erhalten hatte. Draco erzählte von verschiedenen Begegnungen zwischen Harry Potter und ihm selber. Leon konnte nicht viel beitragen, aber er sprach von der Zeit im Krankenhaus in Wellington und von der Schule, die er nur relativ kurz besuchte, aber es hatte gereicht, um sich mit Mia anzufreunden. Sie waren ganz in Gedanken versunken und lauschten gerade den Worten von Leon, der mit leuchtenden Augen von Rosalyn und Matt berichtete, als eine Hauselfe sich bemerkbar machte und verkündete, dass das Weihnachtsessen serviert werden konnte. Es gab Fasan, da der so zartes und fettarmes Fleisch hatte, damit auch Leon und Severus das Festessen genießen konnten. Lucius verzichtete auf den Wein, den er sonst zum Essen getrunken hätte, da Severus ihn ablehnen musste.

Am Nachmittag gingen sie gemeinsam spazieren und tauschten weiterhin Geschichten aus. Severus beobachtete Leon, der seltsam still war und ihm irgendwie bedrückt vorkam, wollte ihn aber nicht vor den Malfoys ansprechen. Erst als der Jüngste nach dem Abendessen ins Bett ging, folgte ihm sein Vater und sprach ihn an. „Alles in Ordnung, Leon?“

„Ich weiß nicht, Dad.“, begann Leon zögernd. „Eigentlich sollte ich mich freuen, wir haben ein schönes Fest gefeiert, haben tolle Geschenke bekommen und waren wie eine Familie, und doch … Ich muss immerzu daran denken, dass es Dracos zweites Weihnachten ohne seine Mutter ist und sie vor genau zwei Jahren gestorben ist. Er hat es nicht zeigen wollen, aber ich kann seine Trauer spüren, seinen Schmerz. Auch Onkel Luc ist immer wieder kurz davor gewesen, zu weinen. Und das alles nur, weil dieser Voldemort meinte, ein Baby wäre gefährlich für ihn. Ich bin daran Schuld.“

„Stopp, Leon, hör auf damit.“, unterbrach ihn sein Vater barsch. „Du hast ganz sicher keine Schuld daran. DU bist nicht Harry Potter und selbst wenn, auch er hatte keine Schuld. Voldemort hatte seine Horkruxe bereits viel eher geschaffen, den ersten noch in seiner Schulzeit, wie sollte das also Potters Schuld sein? Er wollte unsterblich sein, mächtiger als alle anderen Zauberer und Hexen. Das war seine Motivation. Die Prophezeiung, die er nur zum Teil kennt, zeigte ihm nur auf, dass er wohl nicht unangreifbar war und das wollte er ändern, als er Potter und Lily tötete und es bei Harry versuchte. Rede dir nicht ein, dass du etwas dafür kannst, denn das stimmt nicht. Natürlich sind Draco und Lucius traurig über Zissas Tod, sie haben sie beide sehr geliebt, auch wenn sie das in der Öffentlichkeit nie gezeigt haben. Das Meiste fand hinter verschlossenen Türen statt, selbst ich habe nur wenig davon gesehen, aber man konnte es spüren, sogar sehen, als Draco noch kleiner und nicht so beherrscht war. Seine Blicke, die er seinen Eltern als Kind zugeworfen hat, sprachen Bände. Ich war damals … neidisch, könnte man wohl sagen, auch wenn ich es nie so interpretiert habe. Erst seit ich dich an meiner Seite habe weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn einen das eigene Kind so ansieht und glaub mir, ich freue mich über jeden dieser Blicke von dir, auch wenn ich es dir vielleicht nicht so zeigen kann, wie es andere Eltern tun.“

Leon stand von seinem Bett auf, wo er die ganze Zeit gesessen hatte und ging die drei Schritte zu seinem Vater, der in der Tür stehen geblieben war. Er wand seine Arme um den Körper des viel größeren Mannes und vergrub sein Gesicht an seinem Brustkorb. „Hab dich lieb, Dad!“, nuschelte er in den Stoff des dunkelblauen Hemdes, das sein Vater trug. Nach einigen Momenten erwiderte Severus die Umarmung und drückte seinen Sohn an sich. „Ich dich auch, Leon.“, murmelte er.

 

Am nächsten Morgen schlief Leon erst einmal aus, genoss es, dass niemand ihn weckte. Draco war früh nach draußen gegangen, da er von seinem Vater gehört hatte, dass eine ihrer Stuten ein Fohlen hatte, das später Leon gehören sollte, wobei der noch nichts davon wissen durfte, es sollte eine Überraschung zu seinem Geburtstag werden. Dennoch war Draco neugierig und da er wusste, dass der Jüngere, wenn man ihn ließ, gerne auch mal bis Mittag schlief, hatte er sich nach draußen geschlichen. Bei seinem Vater war es auch unnatürlich still gewesen, was er mit einem Kopfschütteln quittierte und für sich beschloss, nicht genauer darüber nachzudenken. Alles musste ein Sohn nicht von seinem Vater wissen. Erst als Lucius ihn hereinholen ließ, weil das Mittagessen bald auf dem Tisch stehen würde und ihn schickte, Leon zu wecken, merkte Draco, wie viel Zeit vergangen war. Er ging in Leons Zimmer und setzte sich zu seinem Kleinen auf das Bett, bevor er ihn sanft an der Schulter rüttelte und ihm zuraunte: „Aufstehen, Leon. Mittagessen ist gleich fertig und dann ist Onkel Sev schon ganz wild darauf, dir sein Haus zu zeigen. Na los, komm schon.“

Unwillig maulte Leon vor sich hin, wusste aber, dass er nun tatsächlich aufstehen musste, denn Frühstück und Mittagessen ausfallen zu lassen war keine Option. Er kämpfte darum, sein Gewicht zu halten und das ging nun einmal nur dann, wenn er regelmäßig und ordentlich aß. Halb schlafend ging er in das Bad, das zu seinem Zimmer gehörte, und duschte sich. Deutlich wacher kam er nach einer halben Stunde angezogen zurück in sein Zimmer, wo Draco immer noch wartete und grinste, als er mit nassen Haaren und zerstrubbelt vor ihm stand. Der Blonde zog seinen Zauberstab und trocknete – wie fast jeden Morgen, seit sie sich ein Zimmer teilten – die schwarzen Haare, bevor er versuchte, sie zu bürsten. Obwohl sie so kurz waren, sträubten sie sich immer noch, ordentlich zu liegen. Wie immer gab Draco mit einem Seufzen auf und strubbelte sie noch einmal ordentlich durch, damit es wenigstens gewollt aussah.

„Bei dir ist wirklich nichts zu machen, nicht einmal das Haargel, das dein Vater extra entwickelt hat, kriegt deine störrischen Haare in den Griff.“, schimpfte er. „Von wem hast du das nur geerbt? Jetzt komm, gehen wir essen.“

Leon wusste, dass Draco keine Antwort erwartete, dennoch grübelte er immer wieder. Er hatte die Haare seines Vaters gesehen, als sie im Krankenhaus erwachten, da waren sie ihm bis zur Taille gegangen, aber obwohl die Pfleger und Schwestern sich nicht groß darum kümmerten, waren sie meist ordentlich gewesen. Später dann hatte sie ihm Rosalyn gekürzt, sodass sie etwa schulterlang waren, auch da hatte er nur kurz mit der Bürste durchfahren müssen, um Ordnung hineinzubringen. Und seit der Chemo waren sie genauso kurz wie seine eigenen und doch viel ordentlicher und leichter zu bändigen. Von seiner Mutter kannte er nur wenige Bilder, die aus Harrys Fotoalbum und eines, das sein Vater in seinem Büro hatte. Die restlichen Bilder von ihr waren in Spinners End, hatte Severus ihm erklärt. Da wollten sie heute hinreisen. Sein Vater hatte in den fast vier Monaten seit Schulbeginn immer wieder einzelne Samstage dort verbracht, um es wieder bewohnbar zu machen und auch Lucius hatte ihm unter die Arme gegriffen und zwei Hauselfen zu ihm geschickt, die sich darum kümmerten, dass alles sauber und ordentlich war. Leon hatte es noch nicht gesehen und war dementsprechend neugierig. Auch Draco wollte es sehen, aber Lucius hatte ihm verboten, mit den Snapes zu gehen, dieser erste Moment sollte Vater und Sohn gehören. Dafür waren sie an Silvester eingeladen, wenn auch die beiden Ärzte aus Neuseeland kamen. Nach dem Mittagessen stellten sich Severus und Leon neben den Kamin und Severus blickte seinen Sohn an. „Bereit?“, fragte er und Leon nickte.

 

 

 

Ohne Zögern trat Leon gemeinsam mit Severus in das Feuer. Alleine reiste er nur sehr widerstrebend mit Flohpulver, daher nahm Severus ihn mit, wann immer es möglich war. Er trat zurück, sobald sie aus dem Kamin kamen, damit Leon sich umsehen konnte. Sie waren im Wohnzimmer gelandet, das mit einem dunkelgrünen Teppich ausgelegt war, der silberne Muster aufwies und sich sehr weich und warm anfühlte, sodass Leon sofort seine Schuhe auszog. Das Herz des Raumes war eine Sitzlandschaft aus einem großen Sofa, auf dem bestimmt fünf oder sechs Erwachsene sitzen konnten, dazu mehrere passende Sessel, alles in einem hellen Gelb. Dabei stand ein niedriger, bananenförmiger Tisch aus dunklem Holz mit einer Glasplatte. Die Wände rechts und links von dem Kamin waren mit Fotos behangen, die zumeist Leon zeigten, aber auch Draco, Lucius und Lily waren zu sehen. Eine lange Wand auf der rechten Seite vom Kamin war mit Bücherregalen bestückt, mit zwei Ausschnitten für die Fenster, die sehr hoch waren und mit breiten, gepolsterten Fensterbrettern zum Hinsetzen einluden. Leon wusste sofort, dass sein Vater dort gerne saß zum Lesen und auch er selbst würde sich dort mehr als wohl fühlen. Die Wand gegenüber des Kamins war von zwei großen Schränken dominiert, was darin war, konnte Leon nur vermuten, er hatte keine Zeit, nachzusehen, denn sein Vater wollte ihm nun den Rest des Hauses zeigen. Daher gingen sie zu der Tür an der zweiten langen Wandseite, neben der weitere Schränke standen.

Sie verließen das Wohnzimmer durch die Tür und standen in einem schmalen Flur, der mit Holzfußboden ausgelegt war. Direkt gegenüber war eine zweckmäßig eingerichtete Küche mit einer kleinen Vorratskammer, die direkt neben der Treppe lag, die Leon an seiner rechten Seite erkennen konnte. Severus wandte sich mit ihm nach links und zeigte ihm den kleinen Speiseraum. Er selber stellte fest, dass Lucius´ Hauselfen ganze Arbeit geleistet hatten, denn alles wirkte hell und freundlich. Anschließend gingen sie über eine enge Wendeltreppe in den ersten Stock, wobei Leon noch einen kleinen Blick in das Gäste-Bad werfen konnte, das wohl hinter der Wand mit dem Kamin im Wohnzimmer angeschlossen war. Im ersten Stock standen sie ebenfalls in einem Flur, von dem mehrere Türen abgingen. Auf der linken Seite waren die Schlafzimmer von Severus und Leon, die relativ identisch eingerichtet waren, beide hatten ein Kingsize-Bett unter einem Doppelfenster stehen und einen abgetrennten Ankleidebereich, der bei Severus von einem schwarzen und bei Leon von einem blauen Vorhang abgetrennt war. Severus´ Zimmer, welches das erste war, in das man von der Treppe aus kam, war deutlich dunkler gehalten als das von Leon. Rechterhand war zuerst ein großes Arbeitszimmer, das auch die meisten von Severus´ Büchern enthielt und bereits mit einem zweiten Schreibtisch für Leon ausgestattet war, danach kam das Gästezimmer. Am Ende des Flures war ein größeres Bad mit Badewanne, Dusche und WC.

Im fensterlosen Keller zeigte Severus seinem Sohn noch das Labor, in dem ein weiterer Kamin versteckt war, der ebenfalls ans Flohnetzwerk angeschlossen war, allerdings nur eingeschränkt, man brauchte ein Passwort, um bei Severus ankommen zu können. Als sie die Besichtigung abgeschlossen hatten, brachten sie ihre Koffer nach oben in ihre Schlafzimmer. Lucius hatte einen Teil von Leons Kleidung bereits hierher gebracht, wie Leon feststellte, als er die Schränke und Kommoden öffnete. Leon fühlte sich sofort wohl in dem Haus, das kaum einsehbar hinter einer hohen und dichten Hecke stand. Der Garten war nicht besonders groß, aber er gefiel dem Jungen dennoch. Dicht am Haus standen zwei Bänke, die zum gemütlich in der Sonne sitzen und lesen einluden, ein kleiner Teich plätscherte leise vor sich hin und eine alte, knorrige Eiche spendete Schatten. Außerdem duftete es nach Kräutern, die der Tränkemeister scheinbar selber anbaute. Bis zum Abendessen sah sich Leon noch im Haus und im Garten um, dann holte ihn sein Vater in ihr kleines Esszimmer. Den Abend verbrachten sie in aller Ruhe im Wohnzimmer und lasen, Leon begann die Buchserie, die er gestern geschenkt bekommen hatte und Severus blätterte in einem neuen Tränke-Magazin.

Die erste Nacht in seinem neuen Bett schlief Leon relativ unruhig, aber er schlief. Alpträume hatte er keine, doch alles war neu und ungewohnt, daher wachte er mehrmals auf und brauchte meist eine Weile, um wieder einschlafen zu können. Doch als er am Morgen seinen Vater im Bad hörte, stand er dann auch auf und fühlte sich zwar ein wenig unausgeschlafen, aber doch aufgeregt, denn heute wollten sie einkaufen gehen, damit sie dann genug zu Essen im Haus hatten, wenn in zwei Tagen die Ärzte kamen, um bis Neujahr bei ihnen zu bleiben. An Neujahr mussten sie wieder zurück nach Neuseeland, und auch er und sein Vater reisten dann zurück nach Hogwarts. Glücklicherweise reisten die Ärzte mit einem Mietauto, da sie schon einige Zeit auf der Insel waren und erst die letzten Tage ihres Aufenthaltes in Großbritannien mit Severus und Leon verbrachten. Es wäre schwierig geworden, sie ohne Auto vom Flughafen abzuholen.

In der Nähe ihres Hauses gab es einen kleinen Muggel-Supermarkt, den suchten sie nach dem Frühstück auf und kauften alles ein, was sie in nächster Zeit brauchten. Severus brachte die Sachen am Ende nach draußen und als er sicher war, dass sie nicht beobachtet wurden, verkleinerte und erleichterte er die Taschen, sodass jeder von ihnen nur noch zwei leichte Taschen tragen musste. Ganz ohne konnten sie auch nicht gehen, das wäre in dieser Gegend zu auffällig, da genug Menschen mitbekommen hatten, dass sie einkauften. Am Nachmittag zeigte Severus Leon noch ein bisschen die Gegend, sie machten einen längeren Spaziergang und genossen die Ruhe in dem Wald, der direkt hinter der Grundstücksgrenze begann. Auch die nächsten Tage verbrachten sie ruhig, Leon machte seine Hausaufgaben, die er im Malfoy-Manor vernachlässigt hatte, da sie Weihnachten feierten. Aber jetzt hatte er Zeit dazu und nutzte sie, damit er dann fertig war, wenn Matt und Rosalyn kamen. Severus beobachtete ihn und man konnte immer wieder Stolz aus seinen Augen funkeln sehen, wenn er sich vor Augen hielt, wie sehr sich der Junge verändert hatte. Oder hatte sich nur seine eigene Wahrnehmung geändert? Severus wusste es nicht, aber wenn er ehrlich zu sich selber war, dann ging er davon aus, dass es wohl eher daran lag, wie er seinen Sohn jetzt ansah.

 

Rosalyn und Matt kamen wie geplant am Vormittag des 28. Dezember. Am frühen Morgen hatte Severus mit einem Zauber die Bilder ruhiggestellt, die an den Wänden im Wohnzimmer hingen. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sich eine der Personen auf den Fotos bewegte, während Rosalyn oder Matt hinsahen. Oder gar aus dem Bild verschwand. Leon konnte sein gemaltes Bild an der Wand hängen lassen, da es aus Muggelhand war und sich daher niemand bewegte. Er hatte es in seinem Zimmer an die Wand gehängt, wo er es vom Bett aus betrachten konnte. Auch einige der Bücher hatte Severus verschwinden lassen, denn sich bewegende Zeichnungen in einem Buch waren sicher auch nicht die beste Methode, um Muggeln die Zauberwelt vorzuenthalten. Beide gingen noch eine Runde durch das Haus und versuchten, es durch Muggelaugen zu betrachten, um eventuelle Fehler noch korrigieren zu können. Gerade hatten sie ihre Runde beendet, als es klingelte. Gemeinsam öffneten sie die Haustür.

„Hallo ihr beiden!“, grüßte Rosalyn fröhlich. „Ihr seht gut aus!“

Leon umarmte die beiden Ärzte, während Severus sich auf einen Handschlag beschränkte, der aber genauso herzlich war. „Es geht uns auch ziemlich gut.“, bekundete er. „Herzlich willkommen in unserem bescheidenen Zuhause.“

„Danke!“, erwiderte Matt, ebenfalls lächelnd. „Wir freuen uns, dass ihr uns eingeladen habt.“

Leon und Severus traten beiseite, um ihre Gäste einzulassen. Die Ärzte traten ein und wurden erst einmal durch das Haus geführt. Severus hatte ein paar Zauber gewirkt, damit das Gästebett groß genug war für beide Gäste. Gemeinsam hatten sie eine Lasagne hergerichtet, die nun im Ofen stand und darauf wartete, eingeschaltet zu werden. Sie wollten noch einen frischen Salat dazu machen und als Nachspeise wartete eine Spezialität aus der Muggelwelt, die Leon entdeckt hatte, fettarm und mit wenig Zucker, dafür aber lecker: Götterspeise. Damit auch die Lasagne nicht zu fett für sie wurde, hatten sie das Fleisch durch Fisch ersetzt und nutzten Hartkäse, der weniger fetthaltig war, wenn er auch keine so schönen Fäden zog.

Nach dem Mittagessen gingen sie eine Weile spazieren. Dabei kam die Sprache natürlich auch auf ihre schnelle Abreise aus Neuseeland und Leons Gedächtnisverlust.

„Und Leon kann sich weiterhin nicht erinnern?“, wollte Matt wissen.

„Nein. Wir bleiben bei Leon, auch wenn wir wissen, wie er ursprünglich hieß, aber wir wollten ihm einen Neuanfang ermöglichen, und das scheint gut zu klappen.“, antwortete Severus.

„Wie ist das dann in der Schule? Da fehlen ihm doch eigentlich zwei Jahre; wenn ich das richtig mitbekommen habe, war er doch etwa zwei Jahre älter als gedacht.“, überlegte Rosalyn.

„Wir haben den Geburtstag, den wir damals so willkürlich festlegten, beibehalten. Den Stoff, der ihm von den ersten beiden Schuljahren fehlte, hat Leon schnell nachgeholt, die Grundlagen scheint er bei Bedarf abrufen zu können. Und jetzt ist er ziemlich gut in der Schule. Ich denke, es war die richtige Entscheidung.“, entschied Severus.

Natürlich hatte auch Leon immer wieder geschrieben, wie es ihm in der Schule ging, aber ganz so ausführlich hatten sie es noch nicht erfahren. Eine Weile liefen sie schweigend weiter, nur Severus erklärte ab und zu etwas zur Umgebung seines Hauses. Nach etwas über zwei Stunden waren sie wieder im Haus der Snapes und machten es sich mit Bratäpfeln und Plätzchen im Wohnzimmer gemütlich. Zwar hatten sie keinen Weihnachtsbaum stehen, da sie ja im Manor gefeiert hatten, aber Leon hatte einen schönen Tannenzweig gefunden, den hatte er in eine Vase gestellt und mit einigen Kugeln behängt, die er in einer der vielen Kisten im Keller gefunden hatte. Neben der Vase lagen nun die Geschenke für die beiden Ärzte.

„Rosalyn, Matt, ich, oder besser wir beide, wollten uns noch einmal herzlich bei euch bedanken.“, fing Leon an. „Ihr habt viel mehr für uns getan, als ihr hättet tun müssen und das hat uns beiden sehr gut getan. Bisher konnten wir uns nur mit Worten bedanken, aber jetzt wollen wir ein wenig davon zurückgeben. Uns ist wichtig, dass ihr wisst, wie dankbar wir sind. Das kann man nie bezahlen, selbst wenn man der reichste Mensch der Welt wäre, was ihr für uns getan habt. Dennoch wollen wir mit unseren Geschenken zeigen, was ihr uns wert seid.“

Er reichte Rosalyn und Matt je ein Päckchen. Rosalyn erhielt den Schmuck, den er in Hogsmeade gekauft hatte und freute sich sehr darüber, Matt bekam einen guten schottischen Whisky und ein Schreibset, das sehr hochwertig verarbeitet war, denn Leon hatte bemerkt, dass Matt nicht mit Kugelschreiber sondern lieber mit Füller schrieb, auch die Karteien der Patienten. Daher hatte er seinen Namen hineingravieren lassen, dass auch alle anderen Ärzte wussten, wem die Stifte gehörten. Severus hatte ihnen Bücher aus der Zauberwelt besorgt, die sich mit Kräuterheilkunde befassten, außerdem ein Zaubermärchenbuch, denn er hatte einmal mitbekommen, dass Rosalyn Märchenbücher aus aller Welt sammelte. Schließlich gab Leon ihnen noch die Süßigkeiten, die er in Hogsmeade besorgt hatte.

„Aus dem Honigtopf?“, fragte Severus entgeistert.

„Ja, aber ich hab schon geschaut, was ich mitnehme!“, versicherte Leon.

Auf die verwirrten Blicke der beiden Ärzte ergänzte Severus: „Nicht alles, was es im Honigtopf gibt, ist auch wirklich empfehlenswert. Der Honigtopf ist ein Süßwarenladen in dem Dorf nahe der Schule, in das die Schüler immer wieder gehen dürfen.“

Auch Rosalyn und Matt hatten Geschenke mitgebracht, für die beiden Snapes gab es neue Bücher, da sie immer wieder gezeigt hatten, wie gerne sie lasen. „Wir haben lange überlegt, was wir euch schenken können, vor allem weil man viele Dinge nicht mitnehmen darf. Daher haben wir die Bücher erst hier in Großbritannien gekauft.“, gestand Rosalyn. Leon und Severus bedankten sich, sie kannten die Bücher noch nicht und freuten sich ehrlich darüber.

In den beiden folgenden Tagen machten sie einen Ausflug auf die Isle of Man mit der Fähre und wanderten einige Stunden auf der Insel, und besuchten den Chester Zoo in Liverpool. Leon wirkte so entspannt, wie Severus ihn noch nie gesehen hatte und beide genossen es sichtlich, einfach mal nur den Tag zu genießen ohne an all das Böse zu denken, das irgendwo auf sie wartete. Im Zoo kamen sie dank Leon kaum voran, der die Tiere mit seinen strahlenden, grünen Augen beobachtete und sich teilweise nicht losreißen konnte. Bei den Löwen blieb er lange stehen, nachdem Severus hinter ihn getreten war und ihm zuraunte: „Verstehst du nun, warum ich dich Leon, kleiner Löwe nannte? Deine Frisur sieht so ähnlich aus, und Mut und Kraft wie ein Löwe hast du auch.“

Auch die Schlangen faszinierten Leon und er fühlte sich einfach nur wohl mitten unter den Reptilien. Daher blieben sie lange im Schlangenhaus und Leon wurde nicht müde, die eigentlich recht trägen Tiere zu beobachten, die sich immer wieder in seine Richtung zu orientieren schienen. Severus wusste, dass Leon mit Schlangen sprechen konnte, wartete aber einfach nur ab, wollte es ihm in Gegenwart von Muggeln nicht sagen, war aber bereit, einzugreifen, sollte Leon es zufällig entdecken und in Panik geraten. Doch obwohl Severus sich sicher war, immer mal wieder ein Zischeln von Leon zu hören, nahm der Junge es als selbstverständlich hin. Aber das konnte daran liegen, dass er wohl nicht merkte, dass er Parsel sprach. Doch Severus würde demnächst mit ihm darüber reden müssen. Aber erst, wenn sie wieder alleine waren.

 

Zu Silvester erwarteten sie dann auch die beiden Malfoys. Rosalyn und Matt hatten Sorgen, dass sie den Malfoys das Gästezimmer wegnahmen, aber Severus erklärte ihnen, dass die beiden nicht weit hatten und zu Fuß kommen würden. Davon, dass sie erst einmal hier in die Nähe apparieren mussten, um zu Fuß kommen zu können, sagte er aber nichts.

Sie genossen den letzten Abend des Jahres, indem sie verschiedene Spiele herausholten, die Severus noch aus seiner Kindheit hatte. Schnell hatten Leon, Lucius und Draco verstanden, worum es ging, auch wenn Severus es offiziell nur Leon erklärte, der aufgrund seines Gedächtnisverlustes keinen Verdacht bei den Ärzten auslöste. Zu sechst spielten sie ‚Mensch-ärgere-dich-nicht‘ und versuchten sich an Bridge, wobei das außer Severus noch keiner gespielt hatte. Der Abend war kurzweilig, bis Lucius auf die Uhr sah und feststellte, dass sie nun vielleicht nach draußen gehen sollten, wenn sie vom Feuerwerk etwas sehen wollten. Daher zogen sie sich schnell warme Kleidung an und liefen nach draußen. Lucius, Draco und die beiden Ärzte tranken Sekt, den Lucius mitgebracht hatte, während Leon und Severus Orangesaft bekamen, um anzustoßen auf das neue Jahr. Vor allem auf die Genesung von Severus und auf seine Gesundheit, dass er so fit bleiben sollte. Die Ärzte konnten es kaum glauben, dass er in dieser kurzen Zeit schon wieder in so einem guten gesundheitlichen Zustand war.

Sie verabschiedeten sich gegen halb zwei Uhr morgens von Draco und Lucius, wobei Severus und Leon den jüngeren Malfoy schon am Abend wiedersehen würden, wenn sie zurück nach Hogwarts kamen. Müde stand Leon am nächsten Morgen auf, als Severus ihn weckte, denn auch die beiden Ärzte mussten heute wieder losfahren, um nach London zum Flughafen zu kommen. Sie flogen zurück nach Neuseeland. Davor frühstückten sie aber noch gemeinsam mit Severus und Leon. Beim Abschied sprachen sie eine Gegeneinladung aus, Severus und Leon waren jederzeit gern gesehen in Neuseeland. Severus versprach, darüber nachzudenken, wenn es wohl auch in dem neuen Jahr nicht klappen würde, da er bereits mit Draco und Lucius Pläne geschmiedet hatte für einen gemeinsamen Urlaub.

„Das ist wirklich schade.“, seufzte Rosalyn. „Aber wir bleiben in Kontakt und dann denkt ihr ein andermal an uns!“

„Das werden wir. Und ich meine es ernst, wir werden sicher eine Gelegenheit finden, euch zu besuchen. Nur eben nicht im folgenden Sommer.“, versprach Severus.

„Ich freu mich schon darauf!“, lächelte Leon und umarmte beide noch einmal zum Abschied. „Kommt gut heim und grüßt mir bitte Janice und Mister Wolf und Dr. Knight!“

„Machen wir!“, versicherte Matt. „Und ihr beiden bleibt schön gesund!“

Traurig sah Leon dem Mietauto hinterher, mit dem die beiden Ärzte, die er so gern hatte, wieder verschwanden. „Es war viel zu kurz.“, murmelte er, als Severus ihn in den Arm nahm.

„Wir werden sie wiedersehen, mein Kleiner.“, war sich Severus sicher. „Das willst nicht nur du! Und jetzt komm, wir müssen noch packen. Heute Abend beim Essen sollten wir wieder in Hogwarts sein. Und ab Morgen ist wieder Unterricht.“

Widerstrebend nickte Leon und ging in sein Zimmer, um seine Sachen zu packen. Wuschel war in Hogwarts geblieben, sodass er nur ein paar Kleidungsstücke und seine Schulsachen einpacken musste, was relativ schnell ging. Daher waren sie am späten Nachmittag wieder in Hogwarts. Im Gemeinschaftsraum hielten Robyn und Corvin ihn auf.

„Leon! Danke für die Vögel!“, jubelten sie. „Aber das können wir doch nicht annehmen. Ein Buntfalke und eine Zwergeule sind doch viel zu teuer!“

„Lasst gut sein, ihr habt mich hier willkommen geheißen und seid treue Freunde, das ist mit Geld nicht zu bezahlen. Jetzt können wir immer in Kontakt bleiben, auch in den Ferien. Und danke euch für die Bücher!“, lächelte Leon fröhlich. „Ich gehe nach Wuschel sehen und dann noch ein wenig spazieren. Bis dann!“

Leon lief in die Eingangshalle und von dort aus weiter zu Wuschel, für den er Eulenkekse dabei hatte. Auch Hedwig bekam einige ab und knabberte zärtlich am Ohr des Schwarzhaarigen. Nach einer Weile kam dann noch jemand nach oben, daher verabschiedete er sich von den beiden Eulen und schlenderte in die Nähe des Portals, wo er von Hermine und Ron bereits erwartet wurde, die sich noch einmal für ihre Weihnachtsgeschenke bedanken wollten. Sie liefen noch eine Weile hinunter zum See und gingen ein bisschen spazieren, da sie sich in der Schule nicht so unbesorgt unterhalten konnten. Draußen mussten sie keine heimlichen Lauscher befürchten, denn sie konnten sehen, ob jemand in ihrer Nähe war. Auch wenn ihr heutiges Gespräch eher belanglos war, da keiner von ihnen irgendwas Neues oder Wichtiges wusste. Erst als sie zum Festessen in die große Halle gingen, trennten sich die Drei, Hermine und Ron gingen zum Gryffindortisch, während Leon zu den Slytherins hinüberging und sich neben Draco setzte.

„Hi, Leon!“, wurde er begrüßt. „Wie waren die Ferien?“

„Hallo Blaise!“, grinste Leon. „Super! Wir waren in Dad´s Haus. Das habe ich zum ersten Mal gesehen und wir hatten Besuch aus Neuseeland. Mit den beiden Ärzten, die uns dort geholfen haben, waren wir auf der Isle of Man und im Chester Zoo!“

„Wow, da hattest du aber aufregende Ferien. Ich war mit meinen Eltern bei so einem extrem langweiligen Empfang.“, maulte Pansy Parkinson, eine Freundin von Draco. „Salazar sei Dank ist Draco dann mit seinem Vater aufgetaucht, dann hatte ich wenigstens jemanden, mit dem ich reden konnte.“

„Reden?“, konterte Draco. „Du wolltest mit mir knutschen und was weiß ich was noch alles. Ich geb´s dir gerne schriftlich: Ich habe kein Interesse an dir.“

„Ach Dracilein!“, schmachtete Pansy ihn an, wurde aber unterbrochen.

„Lass es sein!“, fauchte Draco. „Ich will kein Wort mehr von dir darüber hören, sonst probiere ich einen von Leons Sprüchen an dir aus. Was meint ihr, Hasen- oder Eselsohren?“

Rund um sie herum kicherten ein paar Slytherins, die meisten aber hatten das Gespräch nicht mitbekommen, da sie sich mehr dem Essen widmeten. Auch Leon und Draco wandten sich nun den Köstlichkeiten zu, die auf dem Tisch lagen und darauf warteten, verspeist zu werden. Müde fielen beide an diesem Abend ins Bett, war die Nacht zuvor doch recht kurz gewesen.

 

 

 

Beim Abendessen setzte sich Remus am Lehrertisch neben Severus. Sie wechselten nur wenige Worte, da die meisten Anwesenden, Schüler und Lehrer, nicht wussten, dass sie sich inzwischen einigermaßen vertrugen und sogar gemeinsame Sache machten. Severus musste seine Tarnung unter allen Umständen aufrechterhalten und mied daher seine Kollegen, die als Ordensmitglieder und Anhänger von Dumbledore bekannt waren. Er hoffte zwar, dass sie es schafften, bevor der Lord eine Möglichkeit fand, zurückzukehren, aber da ihnen immer noch die Informationen zu drei Horkruxen fehlten, schien es wahrscheinlicher zu werden, dass sie es nicht rechtzeitig beenden konnten. In diesem Fall wusste Severus, er würde wieder ein Spion sein für den Orden, der nun von McGonagall, Moody und Bill geführt wurde. Wahrscheinlich auch Kingsley. Diese vier hatten die meiste Erfahrung und auch die Treue der Mitglieder.

„Severus, hättest du heute oder morgen Abend Zeit, dass ich dir das zeige, wovon wir vor den Ferien gesprochen haben?“, wollte Remus wissen, als rund um sie herum rege Unterhaltungen in Gange waren. Schnuffel, der sich unter dem Tisch zusammengerollt hatte, hob seinen Kopf und legte ihn auf Remus´ Schoß, offenbar aufmerksam lauschend.

„Benimm dich mehr wie ein Hund!“, zischte Severus aufgebracht.

Schweifwedelnd und mit Hundeblick legte Schnuffel den Kopf nun auf den Oberschenkel von Severus, der ihn ungehalten von sich schob. „Ich will mein Essen ohne Flöhe oder Hundehaare genießen, nerv jemand anderen.“, bestimmte er, dann wandte er sich Remus zu. „Morgen Abend würde passen, ich muss noch Einiges für den Unterricht herrichten, das wollte ich heute noch erledigen. Sagen wir um neun Uhr? Und wir treffen uns vor deinem Büro.“

„Gut, dann morgen Abend um neun vor meinem Büro.“, bestätigte Remus.

 

Der erste Schultag nach den Ferien verlief außerordentlich ruhig für Severus. Er sammelte die Hausaufgaben ein und ließ einige Tränke brauen, aber da er die fünfte Klasse nicht unterrichtete, und damit keinen Neville Longbottom, klappte es auch einigermaßen. Am Abend machte er sich auf den Weg in den zweiten Stock, wo Remus´ Klassenzimmer und Büro lagen. Plötzlich spürte er, dass er nicht alleine war und zog seinen Zauberstab, doch noch bevor er realisierte, wer mit ihm in dem dunklen und leeren Flur war, traf ihn ein Fluch. „Sectumsempra!“, hörte er die Stimme zischen und schaffte nur einen schwachen Schutzschild, der die Wucht nur unzureichend abmilderte. Die Wunde war nicht sehr tief, aber dennoch hatte ihm der Zauber den Oberkörper fast komplett aufgeschnitten. Severus sah an sich hinunter und im ersten Moment realisierte er nur, dass seine Robe und sein Hemd zerschnitten waren. Dann kam das Blut, es färbte das zunächst fast weiße Fleisch dunkelrot, tränkte in Sekundenschnelle den Stoff der Kleidung. Mit einem Ächzen sank Severus in sich zusammen. Im Fallen fiel ihm ein, dass es nur eines bedeuten konnte, wenn er von diesem Fluch getroffen wurde. Todesser. Gehetzt ging sein Blick durch den Flur. Wer war da noch mit ihm?

 

Remus wartete. Er machte sich Gedanken, warum Severus nicht pünktlich war. Normalerweise war der Tränkemeister immer einige Minuten zu früh dran, heute war es bereits neun Uhr und er hatte sich nicht gemeldet. Der Werwolf entschied, nach draußen in den Flur zu gehen und nachzusehen, ob Severus schon auf dem Weg war. Vielleicht war er ja unterwegs aufgehalten worden und sprach gerade noch mit einem der Vertrauensschüler oder einem Kollegen? Auf dem Flur war es ruhig, aber Lupin hatte ein komisches Gefühl. Er spürte, wie der Wolf in seinem Inneren an die Oberfläche kam und dann roch er es. Blut, und das nicht wenig. Schnell rannte er in die Richtung, wo er es roch und kniete neben dem blutbedeckten Körper. Es war Severus, aber sein Puls war kräftig spürbar. Remus rief seinen Patronus auf und schickte ihn zum Krankenflügel, er brauchte Poppy dringend, denn obwohl es nicht sehr tief war, blutete Severus aus einer großen Wunde und sein Herz war nicht so belastbar, dass es dem lange standhalten würde.

Der Werwolf hatte nur wenig Erfahrung mit Heilzaubern, versuchte es aber dennoch, einfach weil er nicht wusste, wie er sonst helfen konnte. Die Heilerin brauchte nur zwei Minuten, um zu ihm zu kommen und begann sofort, einige Zauber zu murmeln, die Lupin an ein beschwörendes Lied denken ließen, so melodisch waren sie. Er konnte zusehen, wie sich die Wunde langsam schloss und der Blutfluss nachließ. Aufatmend beschwor er eine Trage aus dem Nichts und half Poppy, den Körper des Tränkemeisters darauf zu legen. Als der Umhang vom Boden abhob, atmete Remus zischend ein.

„Da steht etwas auf dem Boden, mit Blut geschrieben!“, murmelte er.

„Das ist ihr Job, Remus, ich muss mich um Severus kümmern, wenn er es bald wieder fit sein soll.“, entgegnete die Heilerin und rauschte mit dem verletzten Tränkemeister auf der Trage davon.

Remus ließ seinen Zauberstab leuchten, um die Schrift genauer zu untersuchen und zuckte erneut zurück. ‚Sirius Black‘ war deutlich zu lesen. Nur, was wollte Severus damit sagen? Hatte Sirius ihn angegriffen? Oder war Sirius ein weiteres Opfer und vielleicht wieder entführt worden? Oder wollte Severus, dass Sirius sich um Leon kümmerte? Wobei letztere Überlegung von Remus wieder gestrichen wurde, das konnte er sich nicht vorstellen. Severus würde sicher nicht seinen Sohn in die Hände von Sirius Black geben. Nicht einmal, wenn sein Leben davon abhinge. Der Werwolf überlegte, wann er Schnuffel das letzte Mal gesehen hatte. Es musste kurz nach dem Abendessen gewesen sein, da wollte der Hund nochmal raus. Remus war davon ausgegangen, dass er wohl eine Spur hatte, was die Horkruxe betraf und hatte ihm die Tür geöffnet. Seitdem war er weg. Wenn er ganz ehrlich war wusste Remus, dass die anderen zwei Theorien beide zutreffen könnten. Sirius hasste Severus, nicht nur einmal hatte sich der Werwolf anhören müssen, dass der Tränkemeister Sirius seinen Patensohn weggenommen hatte. Er konnte nur hoffen, dass Sirius auftauchte oder aber Severus wach wurde und Antworten geben konnte.

Daher ging Remus nun erst einmal zurück zu seiner Wohnung, vielleicht war Sirius oder Schnuffel ja dort, doch die Wohnung war leer. Also machte er sich auf den Weg in den Krankenflügel, in der Hoffnung, vielleicht eine Antwort von Severus zu erhalten. Auch wenn sie sich nicht besonders gut verstanden, aber sie waren auf der gleichen Seite und kämpften für ein gemeinsames Ziel, hatten dafür ihre Streitigkeiten zumindest erst einmal beiseitegelegt. Auf dem Weg grübelte der Werwolf darüber, wie er es schaffen könnte, dass Sirius seinen Hass abbauen konnte, den er immer noch gegen den Tränkemeister hatte. Severus bemühte sich wirklich, Sirius neutral zu behandeln, solange dieser nicht anfing, gegen ihn zu agieren. Er wehrte sich, wenn er sich angegriffen fühlte, aber er begann keinen Streit. Genauer betrachtet kam Remus zu dem Schluss, dass der Tränkemeister viel ruhiger und gelassener geworden war, seit er wieder in Hogwarts war. Seit er Leon hatte, so schien es. Und Sirius hasste ihn dafür umso mehr, weil er es nicht schaffte, Leon zu sehen. Für ihn war er immer noch Harry, und der sollte bei ihm sein, nicht bei dem Tränkemeister. Konnte es sein, dass Sirius tatsächlich diesen Anschlag auf Severus verübt hatte? Was war dann vor Weihnachten gewesen? War es nur ein Sturz oder hatte jemand nachgeholfen? Solche Streiche würden zu Sirius passen, musste sich der Werwolf eingestehen.

Seufzend öffnete Remus Lupin die Tür zum Krankenflügel. Die Heilerin war immer noch mit der Behandlung von Severus beschäftigt. „Er wird durchkommen.“, bestätigte sie dem Werwolf auf dessen fragenden Blick hin. Erleichtert atmete Remus auf. „Aber befragen können sie ihn nicht vor übermorgen. Ich werde ihn bis dahin in einem Heilschlaf halten, er hat viel Blut verloren und ist körperlich immer noch nicht ganz wiederhergestellt von den letzten beiden Jahren. Sie sollten Minerva informieren und am besten auch Leon Snape, sie wissen, wie schnell die Geister und die Bilder hier in Hogwarts Neuigkeiten verbreiten.“, fügte sie noch hinzu.

Der Werwolf bedankte sich bei der Schulheilerin und verließ den Krankenflügel. In Gedanken versunken ging er zum Schulleiterbüro. In zehn Tagen war Vollmond, spätestens in zwei Tagen brauchte er die erste Portion Wolfsbann. Severus hatte ihn seit Beginn des Schuljahres immer zuverlässig damit versorgt, wie sollte das nun werden? Für den Notfall gab es immer noch die Möglichkeit, sich in der heulenden Hütte oder in den Kerkern einschließen zu lassen, am liebsten natürlich mit Tatze, aber allein die Schmerzen während der Verwandlung waren dann die Hölle. Darum nahm er auch immer den Wolfsbann, wenn er eine Möglichkeit dazu hatte, egal wie grauenvoll dieser schmeckte. Geistesabwesend murmelte er das Passwort, damit der Wasserspeier ihn passieren ließ, und ging die Treppe nach oben. Ihn wunderte es nicht einmal, dass Minerva ihn bereits zu erwarten schien, Poppy hatte ihn daran erinnert, wie schnell sich Neuigkeiten in Hogwarts verbreiteten.

„Remus, wie geht es Severus?“, fragte die Schulleiterin auch sofort.

„Er wird durchkommen, sagt Poppy, aber sie will ihn bis übermorgen in einem Heilschlaf halten.“, informierte Remus.

„Merlin sei Dank, ich hatte schon das Schlimmste befürchtet, als ich davon hörte. Leider hat scheinbar niemand gesehen, wer dafür verantwortlich ist.“, seufzte Minerva McGonagall leise.

Der Werwolf zögerte, überlegte, ob er von dem Schriftzug berichten sollte. Dann ließ er es sein, er wollte zunächst mit Sirius sprechen. Inzwischen war er – leider – davon überzeugt, dass es wohl auf das Konto von Sirius ging. Doch der sollte wenigstens eine Chance haben, sich zu verteidigen.

„Dann werde ich sehen, wie wir den Unterricht weiterführen können. Wenn er nur ein paar Tage ausfällt, können wir es durchaus kompensieren, da morgen ja Freitag ist, aber wenn er länger ausfällt, brauchen wir einen Ersatz.“, entschied die Schulleiterin.

Sie wechselten noch einige Worte, dann verabschiedete sich Remus, da er noch die Aufgabe vor sich hatte, Leon zu informieren. Minerva verriet ihm das aktuelle Passwort zum Slytherin-Gemeinschaftsraum und er ging zielstrebig in die Kerker. Es war erst kurz nach zehn Uhr abends, da konnte es durchaus sein, dass Leon noch wach war und die Gerüchte ihn vielleicht schon erreicht hatten. Auch wenn Remus lieber nicht derjenige sein wollte, der dem Kleinen die Nachricht überbrachte, aber er war es ihm schuldig. Seltsame Blicke trafen ihn, als er den Gemeinschaftsraum der Schlangen betrat, irritiert, verwirrt, teilweise richtiggehend böse sahen ihn die Schüler an. Es war mucksmäuschenstill, als er schließlich fragte: „Wo ist Leon Snape?“

Blaise Zabini gab ihm schließlich die erwünschte Auskunft. „In Dracos und seinem Zimmer. Kommen sie, Professor, ich zeige es ihnen.“

Der Schwarzhaarige ging voran, quer durch den gut gefüllten Gemeinschaftsraum in den Gang, der zu den einzelnen Zimmern führte. Gleich das erste Zimmer auf der linken Seite war Dracos Vertrauensschülerzimmer, in dem auch Leon schlief. „Wahrscheinlich liest er gerade.“, überlegte der ruhige Schüler, als er an die Tür klopfte und keine Antwort erhielt. „Draco ist auf seinem abendlichen Kontrollgang, der kommt sicher erst in einer Stunde oder so wieder.“ Noch einmal klopfte Blaise laut an die Tür, als dann wieder keine Antwort kam, trat er einfach ein. „Leon? Professor Lupin ist hier.“

Es war dunkel im Zimmer und nichts rührte sich. „Leon?“, fragte Lupin nun selber leise.

„Hmm?“, nuschelte Leon aus seinem Bett heraus.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken, aber ich muss dringend mit dir reden.“, entschuldigte sich der Werwolf.

„Was ist los? Ist etwas mit Dad?“, fragte Leon, als er sich aufgerichtet hatte.

Blaise verließ leise das Zimmer und ging nach draußen, um Draco zu suchen, er war sicher, der Kleine würde seinen besten Freund nach dieser Nachricht dringend brauchen. Er schloss die Tür hinter sich, um den beiden die nötige Privatsphäre zu geben. Ihm war klar, dass Leon nicht das war, was er zu sein schien. Vielleicht war er tatsächlich der Sohn von ihrem Hauslehrer, aber etwas war seltsam an dem Verhalten des Jungen. Und auch an Dracos Beschützerinstinkt dem Kleinen gegenüber, so kannte er seinen besten Freund nicht. Und er kannte Draco schon, seit sie noch nicht einmal laufen konnten. Der Blonde war nie so gewesen, bis Leon aufgetaucht war. Der schwarzhaarige Sohn des Tränkemeisters war so ruhig und in sich gekehrt, Blaises Instinkte sagten ihm, dass da mehr war. Vielleicht auch, weil Draco so extrem beharrlich schwieg, was den Jungen und seine Vergangenheit betraf. Innerlich seufzend – als Slytherin zeigte man schließlich keine Gefühle – machte er sich auf die Suche nach seinem besten Freund, der noch nie so viel vor ihm verheimlicht hatte wie jetzt.

 

In der Zwischenzeit versuchte Remus, dem Jungen möglichst sanft zu erklären, was passiert war. „Leon, dein Vater wurde von einem Fluch getroffen und verletzt. Poppy kümmert sich um ihn und sagt, dass es ihm gut gehen wird, aber sie will ihn bis Samstagmorgen in einem Heilschlaf halten, damit er sich erholen kann. Er wollte eigentlich zu mir kommen und als er nicht pünktlich erschienen ist, habe ich mich auf die Suche nach ihm gemacht und ihn nicht weit von meinem Büro gefunden. Er lag bewusstlos am Boden, hatte viel Blut verloren. Es sieht so aus, als hätte ihn ein Sectumsempra erwischt, aber nicht voll, er muss es geschafft haben, einen schwachen Schutzschild zu erschaffen. Wahrscheinlich hatte er keine Vorwarnung.“, berichtete der Werwolf.

„Ein Sectumsempra? Heißt das, dass Todesser in der Schule sind?“, wollte Leon erschrocken wissen.

„Ich denke nicht, darauf hätten die Schilde von Hogwarts reagiert. Der Fluch ist zwar etwas wie ein Markenzeichen der Todesser, aber auch andere Zauberer und Hexen kennen ihn. Woher weißt du…?“, wunderte sich Remus.

„Dad hat es mir in den Ferien erklärt. Ich habe ihn ziemlich gelöchert, was die Todesser betrifft, wollte wissen, was die Zauberwelt erwartet, wenn Voldemort zurückkommt.“, gestand Leon, der Tränen in den Augen hatte.

Erst jetzt bemerkte Lupin, dass Leon zitterte und sich an seiner Bettdecke festklammerte. Vorsichtig legte er ihm die Hand auf den Arm. „Leon, er wird wieder. Willst du nach ihm sehen?“ Leon bejahte wortlos.

In dem Moment öffnete sich die Tür und Draco kam herein. „Was ist passiert? Es gibt Gerüchte, dass Onkel Sev im Krankenflügel liegt.“

„Das stimmt leider. Ich wollte Leon eben hinbringen, damit er sehen kann, dass es Severus soweit gut geht, auch wenn er noch bis Samstag in einem Heilschlaf liegt.“, bestätigte Remus das Gerücht.

Draco nahm Leon in den Arm und strich ihm ein paar Mal über den Rücken. „Keine Sorge, dein Dad wird wieder. Er hat schon Schlimmeres überstanden. Gehen wir zu ihm?“

Leon schniefte einmal kurz und nickte dann. Er krabbelte aus dem Bett und zog sich schnell wenigstens einen Umhang über seinen Schlafanzug. Gemeinsam mit dem Professor gingen sie nach oben in den ersten Stock und von dort aus in den Krankenflügel. Madam Pomfrey, die Heilerin, stand noch immer am Bett des Tränkemeisters, dem sie inzwischen eine Infusion an den Arm angeschlossen hatte. Remus stellte fest, dass Severus schon wieder deutlich besser wirkte, er war nicht mehr so leichenblass wie zuvor und atmete tiefer und regelmäßiger. Die Heilerin sah auf, als sich die Tür öffnete. Sie war gerade damit beschäftigt, einen Verband auf der Wunde anzulegen. Die Wunde war immer noch rot und klaffte leicht auf, war aber nicht mehr blutüberströmt, nur noch einzelne Blutstropfen fanden ab und zu einen Weg an die Hautoberfläche.

„Hallo, Mister Snape, Mister Malfoy.“, lächelte sie beruhigend. „Es geht ihm deutlich besser, aber da er viel Blut verloren hat, werde ich ihn erst einmal in einem Heilschlaf belassen, damit sein Körper sich erholen kann. Sie haben zehn Minuten, dann müssen sie wieder gehen, er braucht Ruhe und keine ständigen Besuche. Sie können ihn morgen auch kurz besuchen, aber nicht länger als ein paar Minuten und am Samstag, wenn ich ihn wecke, dürfen sie gerne dabei sein.“

Leon und Draco setzten sich rechts und links neben Severus´ Bett und hielten seine Hände. Keiner von ihnen wusste, was er sagen sollte, so streichelten sie nur über die Unterarme des schlafenden Tränkemeisters, versuchten ihm zu zeigen, dass sie da waren. Nach genau zehn Minuten schickte die Heilerin sie zurück in ihre Betten, damit sie sich ausschlafen konnten. Draco zog Leon an sich, als sie im Zimmer waren. Er wusste, der Kleine würde heute Nacht in sein Bett krabbeln, weil er aus einem Alptraum erwachte. Das war so sicher wie Punktabzug bei Snape, wenn man Potter oder Longbottom hieß. Dann sollte er doch einfach gleich mit in Dracos Bett kommen, das erleichterte die Sache gewaltig, dann mussten sie nachts nicht aufstehen. Nur etwa eineinhalb Stunden später wusste Draco, dass seine Überlegung richtig gewesen war, denn Leon warf sich unruhig hin und her, wimmerte dabei leise. Er zog den Kleineren an sich und gab ihm Halt. Schnell wurde Leon ruhiger und sah Draco schließlich an.

„Glaubst du, das waren Todesser?“, wollte er wissen.

„Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, Leon. Denn die Schilde der Schule sind sehr gut. Black konnte auch erst hier herein, als Lupin ihn gelassen hat, und Onkel Sev musste den Kamin für meinen Vater freigeben. Sie können auch nicht durch jeden beliebigen Kamin hier auftauchen. Black ist den Schilden inzwischen hinzugefügt worden, sonst könnte er nicht kommen und gehen, wie er will. Er würde nicht mehr durch den Schild zurückkommen und einen Alarm auslösen. Aber wenn sie Komplizen in Hogwarts haben…“ Draco beendete seinen Satz nicht, aber Leon hatte verstanden.

„Dann könnten sie herein.“, wisperte er.

Draco nickte. „Aber mach dir keine Sorgen. Das, was ich gesehen habe, sagt mir, dass es kein Fluch in der vollen Stärke war, der Onkel Sev getroffen hat. Also hat er entweder noch einen Schildzauber wirken können oder der Fluch wurde von jemandem ausgesprochen, der keine volle Kontrolle darüber hatte. Er war nicht so stark, wie er sein könnte, meine ich damit.“

Dankbar schmiegte sich Leon in die Arme des Blonden und schloss die Augen. Sie mussten versuchen, zu schlafen. Wenigstens versuchen. Auch wenn Leon das Bild seines Vaters nicht vergessen konnte, zu sehr erinnerte es ihn an die Zeit in Neuseeland, wie er im Koma lag und die Ärzte die Hoffnung aufgegeben hatten. Obwohl alle ihm sagten, dass sein Vater es schaffen würde, hatte Leon ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache, und sein Gefühl hatte ihn in den letzten etwa zwei Jahren selten getrogen.

 

Leon wusste nicht, dass sein schlechtes Gefühl nicht verkehrt war. Eine dunkle Gestalt schlich sich langsam in den Krankenflügel. Immer in den Schatten bleibend, blieb die Gestalt immer wieder stehen und lauschte. Sehr vorsichtig näherte sie sich dem Krankenflügel. Die Tür stand einen Spalt breit offen und das nutzte der Schemen, um einen Blick hinein zu werfen. Der Raum war leer, was bedeutete, die Heilerin hatte den Tränkemeister nach hinten gebracht, in das kleine Zimmer hinter ihrem Büro. Gerade war niemand zu sehen, daher schlich die Gestalt in den Raum, schloss die Tür hinter sich. Geduckt schlich sie in die Nähe des Büros, um auf eine günstige Gelegenheit zu warten. Die Augen schienen umwölkt zu sein, nahmen aber alles um sich herum genau auf. Unter einem Tisch verborgen richtete sich der Unbekannte darauf ein, eine Weile zu warten. Er wollte Snape, aber das möglichst unauffällig. Erst wenn die Heilerin tief und fest schlief, dann würde er zuschlagen, nicht eher. Er brauchte nur ein paar Minuten, war aber sicher, dass auf dem Professor ein Überwachungszauber lag, sodass die Heilerin informiert wurde, wenn er sich dem Schlafenden näherte. Wenn sie schlief, hatte er ein bisschen mehr Zeit, da sie dann nicht so schnell reagieren würde. Er konnte warten.

 

 

 

Remus schlief unruhig, wie so häufig kurz vor Vollmond. Gerade jetzt, wo Severus auch noch bewusstlos im Krankenflügel lag und ihm den Banntrank wohl nicht rechtzeitig liefern konnte, konnte er nicht besonders gut schlafen. Dazu kamen dann noch die Gedanken um Severus. Wer hatte ihn angegriffen? War das vor Weihnachten auch ein Angriff gewesen oder doch ein Unfall? Aber solche Unfälle passierten Severus nicht. Oder war er einfach noch zu mitgenommen von all dem, was er in den letzten zwei Jahren durchmachen hatte müssen? Remus fand keine Antworten, und ein drängendes Gefühl kam immer wieder in ihm hoch. Schließlich, es war nun fast vier Uhr morgens, stand er auf und zog sich wieder an, nun würde er nicht mehr schlafen können. Er entschied, nach Severus zu sehen. Leise schlich er aus der Wohnung, wollte Sirius nicht wecken, der sicherlich im Gästezimmer schlief. Im Prinzip sollte er hier in der Schule zwar nur in seiner Animagusform herumlaufen, aber oft genug verwandelte er sich zumindest so lange, dass er das Portrait an der Wohnung öffnen konnte.

Draußen wandte er sich in Richtung Krankenflügel. Ihm war bewusst, dass er wohl die Heilerin aufwecken würde, wenn er sich einschlich, aber sein Gefühl riet ihm, zu dem Tränkemeister zu gehen. Alles in ihm schrie: Gefahr. Remus wusste, dass er sich auf seine Instinkte verlassen konnte. Unterwegs traf er auf Flitwick, der Nachtschicht hatte und das Schloss überwachte.

„Guten Morgen, Remus!“, wurde er freundlich begrüßt.

„Guten Morgen, Filius.“, erwiderte Remus leise, aber nicht minder freundlich.

„Kannst du nicht schlafen?“, fragte der Zauberkunst-Professor mitfühlend.

„Nicht wirklich, so kurz vor Vollmond sind meine Nächte selten ruhig.“, antwortete Remus.

„Und dann der Angriff auf Severus. Weiß man schon Genaueres?“, wollte Flitwick wissen.

„Nein, leider nicht. Ich wollte nach ihm sehen, ich weiß nicht, warum. Mein Instinkt sagt mir, ich sollte hingehen. Irgendwas passiert demnächst.“, sagte Remus ein wenig wirr.

„Dann geh. Hier war bisher alles ruhig.“, beruhigte Flitwick.

„Hoffen wir, ich irre mich.“, murmelte Remus im Gehen. Er lenkte seine Schritte weiter zum Krankenflügel und ging leise hinein.

Stille empfing ihn und er erkannte, dass Severus wohl nach hinten verlegt worden war. Der Zauber auf der Eingangstür schien heute nicht zu greifen. Hatte Poppy ihn vergessen oder war er lahmgelegt worden? Lautlos ging er zu Poppys Büro und öffnete die Tür zu dem kleinen Nebenzimmer. Was er sah, ließ sein Blut in den Adern gefrieren. Ein großer, dunkel gekleideter Schatten beugte sich mit gezücktem Zauberstab über das Bett. War er zu spät?

„Nein!“, schrie Remus. Der Andere zuckte erschrocken zusammen und fuhr herum, den Fluch noch auf den Lippen. Der blaue Blitz raste auf Remus zu und traf ihn frontal. Mit einem Ächzen brach der Werwolf zusammen. Sein Angreifer sprang behände über ihn hinweg und verschwand. Gerade als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, kam Poppy aus ihren Privaträumen hereingestürmt. Entsetzen weitete ihre Augen, als sie die Situation vor sich sah, der Tränkemeister blasser als zuvor und der Werwolf lag leblos in der Tür. Sie zückte ihren Zauberstab und begann, Diagnosezauber zu murmeln. Severus schien soweit in Ordnung zu sein, wie sie mit einem ersten Check feststellte, aber bei Remus sah es nicht besonders gut aus, den Honigblonden hatte ein Fluch getroffen, der in der Regel tödlich wirkte. Nur aufgrund seines inneren Wolfes lebte er im Moment noch. Hier konnte sie selber nicht helfen, er brauchte einen Spezialisten. Sie kniete sich vor ihren Kamin und nahm Kontakt mit dem St. Mungos auf, die ihr sofort einen Heiler schickten, um Remus Lupin in das Krankenhaus zu verlegen.

Nur Minuten später war Lupin in London in erfahrenen Händen und sie konnte sich wieder um Severus kümmern. Sie erneuerte den Verband und trug gleich neue Heilsalbe auf. Dabei entdeckte sie blaue Flecke, die vorher nicht dagewesen waren. Hatte der Angreifer versucht, den Tränkemeister zu erwürgen? Die Hämatome an dessen Hals schienen das auszusagen, sie waren ringförmig und erinnerten an Handabdrücke. „Wer hasst dich so, Severus?“, fragte sie leise, keine Antwort erwartend.

„Poppy?“, kam es leise und fragend von der Tür.

„Minerva.“, erwiderte die Heilerin, als sie aufsah.

„Was ist passiert? Ich habe mitbekommen, dass jemand vom Mungos hier war.“

„Jemand hat Severus angegriffen und scheinbar hat Remus den Anschlag vereitelt, wurde aber von dem Mitis necare getroffen.“, erklärte Poppy.

„Dem sanften Tod? Remus ist tot?“, hauchte Minerva und ließ sich auf einen Stuhl sinken.

„Nein, er lebt. Dank seines Wolfes ist er stärker und stirbt nicht gleich daran. Aber ich konnte ihm nicht helfen, da müssen die Spezialisten ran. Severus wurde gewürgt, aber er hat keinen weiteren Schaden erlitten, nur einige heftige Hämatome am Hals, die aber mit der entsprechenden Salbe schnell abheilen sollten.“, informierte die Heilerin McGonagall.

„Merlin sei Dank!“, seufzte Minerva.

„Freu dich nicht zu früh, Remus fällt mit Sicherheit länger aus, er wird wahrscheinlich zumindest einige Monate im Koma liegen, und danach dann auch noch eine ganze Zeit brauchen, bis er wieder fit ist.“, warnte Poppy.

„Hauptsache, er wird wieder gesund.“, entschied die Schulleiterin.

„Ich hoffe es, ich habe noch keine Nachricht aus dem Mungo.“, gähnte die Heilerin.

„Ich werde nachher zum Frühstücken gehen, die Schüler sollten wissen, dass zwei ihrer Lehrer krank sind. Severus´ Stunden werden von Draco Malfoy und Pomona übernommen, der junge Malfoy hat das nötige Wissen und kann es den jüngeren Schülern beibringen, und Pomona wird mit den älteren Schülern eine Wiederholung machen müssen. Für Remus kann ich auf die Schnelle niemanden einspringen lassen, seine Stunden werden wohl heute entfallen und ich muss sehen, dass ich bis Montag Ersatz finde.“, seufzte die Direktorin. „Wenn alles erledigt ist, werde ich wieder hierher kommen und auf Severus achten, damit du auch ein wenig schlafen kannst. Keine Widerrede, Poppy, wir brauchen dich ausgeschlafen! Wir hätten Severus gleich bewachen lassen sollen. Es war naiv von uns, anzunehmen, dass Severus hier sicher ist. Wer auch immer etwas gegen ihn hat, er oder sie wird wiederkommen.“

Ergeben nickte die Heilerin, sie war letzte Nacht kaum zum Schlafen gekommen und die Nächte davor waren auch nicht sonderlich erholsam gewesen, da mehrere Schüler sich den Magen verdorben hatten und nachts zu ihr kamen, weil sie mit starker Übelkeit und Erbrechen kämpften. Die Schulleiterin legte ihr kurz die Hand auf die Schulter und verließ dann den Krankenflügel, um zum Frühstücken zu gehen, die ersten Schüler waren sicher schon in der Halle und sie wollte wissen, welche Gerüchte die Runde machten. Mit einem kurzen Schwenk ihres Zauberstabes war sie in ihre übliche Kleidung gehüllt, ein langes, dunkles Kleid mit Schottenmuster und ihr Umhang, der nun nicht mehr das Wappen von Gryffindor trug wie früher, sondern das von Hogwarts, da sie als Schulleiterin neutral sein sollte. Und diese Vorgabe nahm sie ernst, sehr ernst sogar. Das hatte sie selber Albus immer vorgeworfen, dass er die Gryffindors zu nachlässig behandelte, während er die Slytherins benachteiligte, wo es nur ging. So etwas gab es unter ihrer Führung nicht, auch wenn sie damit das Ansehen ihres Vorgängers nicht unbedingt verbessert hatte. Sein Portrait war jedenfalls nicht so sehr begeistert, die meisten anderen ehemaligen Schulleiter aber waren zufrieden mit ihrer Art, die Schule zu leiten. Die Häuserrivalitäten waren nicht mehr so stark wie noch vor zwei Jahren. Inzwischen war es durchaus alltäglich, wenn sich Freundschaften häuserübergreifend entwickelten, auch wenn die Slytherins immer noch ein wenig außen vor waren. Naja, Leon Snape und Draco Malfoy schienen das nun ändern zu wollen, denn Leon wurde immer häufiger mit Hermine Granger und Ronald Weasley gesehen. Er war sogar schon im Gryffindorturm gewesen.

 

Leon erwachte an diesem Morgen relativ spät, genau wie Draco. Nämlich erst, als Blaise in ihr Zimmer stürmte und sie fragte, warum sie noch nicht aufgestanden waren. „Draco, du warst immer derjenige, der darauf gepocht hat, dass wir alle gemeinsam zum Frühstück gehen. Und jetzt liegst du hier und pennst noch, obwohl in einer halben Stunde der Unterricht beginnt! Schon vergessen, du sollst heute deinen Paten vertreten bei den Jüngeren?“, raunzte Blaise.

„Oh verdammt!“, fluchte Draco, etwas, das er auch nur dann machte, wenn niemand zuhörte, doch Blaise und Leon kannten ihn gut genug. „Komm schon, Leon, raus mit dir! Wir gehen heute gemeinsam ins Bad, nacheinander schaffen wir nicht mehr. Und du, Blaise, sieh zu, dass es beim Essen ordentlich zugeht, wir beide schaffen das sicher nicht mehr.“

Blaise nickte und verschwand. Er nahm sich vor, an diesem Wochenende Klartext mit Draco zu reden, der Blonde sollte endlich mit der Sprache rausrücken. Ihm war aufgefallen, dass er häufiger mit Leon in einem Bett schlief, aber war da etwas zwischen den Beiden? Hatte Draco deshalb sofort den Vorschlag gemacht, dass Leon bei ihm einziehen konnte, obwohl er vorher alles dafür getan hatte, endlich ein Einzelzimmer zu bekommen? War etwas an den Gerüchten dran, dass Leon und Draco ein Paar waren? Dann sollte zumindest er, Blaise, der beste Freund von Draco, Bescheid wissen. Aber jetzt gingen sie erst einmal zum Frühstück. Da Draco nicht da war, ging er heute mit Millicent voraus, da sie die zweite Vertrauensschülerin war. Beim Frühstück erfuhren sie, dass nicht nur ihr Hauslehrer krank war, sondern auch Professor Lupin, und dass dessen Stunden heute entfallen würden. Blaise grinste ein wenig in sich hinein, das verschaffte ihm eine unerwartete Freistunde und damit ein verlängertes Wochenende, da er nur drei Stunden vormittags hatte. Draco würde wohl in der Zeit die dritte Klasse, Ravenclaw und Hufflepuff, in Zaubertränke unterrichten, da konnte er seinen Vorsatz nicht in dieser Zeit ausführen, aber er würde eine Gelegenheit finden, um mit Draco zu reden, und wenn er keine fand, würde er eine schaffen.

Leon und Draco waren mittlerweile beide im Bad, Draco unter der Dusche und Leon beim Zähneputzen. Als Draco nass und nackt aus der Dusche stieg, konnte Leon nicht anders, als den muskulösen Körper des Älteren zu bewundern und sich selbst mit ihm zu vergleichen, dünn und knochig wie er immer noch war. Das Quidditch hatte ein paar Muskeln aufgebaut, aber immer noch konnte man jede einzelne Rippe erkennen und die Hüftknochen stachen heraus. Schnell verzog sich Leon unter die Dusche, damit Draco nicht auch noch starrte. Der Blonde kümmerte sich in der Zeit um seine Haare, deswegen hatte er auch darauf bestanden, als Erster zu duschen, da Leon nur einmal kurz über die Haare fuhr und fertig war, so kurz wie er sie hielt. Dracos blonde Haare reichten ihm mittlerweile knapp über die Taille und er legte sehr viel Wert darauf, dass sie immer perfekt saßen, dafür nahm er es auch in Kauf, dass er heute keine Zeit zum Frühstücken hatte. Pünktlich zu Unterrichtsbeginn brachte Draco Leon zu seinem Klassenzimmer, da der Jüngere Verteidigung hatte und Draco hielt Tränke, nahm sich aber die Zeit, Leon zum Verteidigungsklassenzimmer zu bringen.

„Keiner da? Was ist denn hier los?“, wunderte sich Leon. Sonst war die Klasse immer frühzeitig da, denn der Unterricht bei Professor Lupin machte allen Spaß.

„Keine Ahnung? Wollte er heute etwas Praktisches mit euch machen und ist schon los?“, fragte Draco.

Leon schüttelte den Kopf, da war ihm nichts bekannt. Sie waren ja nicht beim Frühstück gewesen und keiner hatte daran gedacht, ihnen Bescheid zu geben. Kurz entschlossen nahm Draco Leons Hand und zog ihn mit ins Klassenzimmer, das hinten eine Tür in Lupins Büro hatte. Doch auch dort fanden sie keinen Hinweis. Sie wollten gerade wieder gehen, als sie ein Geräusch aus den Privaträumen des Lehrers hörten, das sie stocken ließ.

„Weint da jemand?“, fragte Leon und Draco nickte. „Klingt so.“, antwortete er. „Sehen wir nach, nicht dass Lupin verletzt ist.“

Sie gingen durch die offene Tür in das Wohnzimmer des Werwolfes, in dem es stockdunkel war. Gedankenlos ließ Leon es ein wenig heller werden, da er im Dunklen Angst bekam. Die Ursache des Weinens war schnell gefunden, Sirius Black saß an der Wand auf dem Boden, die Beine angezogen, den Kopf auf die Knie gebettet und die Arme um sich geschlungen. Er zitterte heftig und schluchzte vor sich hin. Leon stockte nur einen kurzen Moment, dann ging er neben dem Paten von Harry Potter in die Knie, legte ihm die Hand auf die Schulter. Black schrie kurz auf, dann sah er, wer vor ihm saß und schluchzte nur noch heftiger.

„Sirius, was ist passiert?“, wollte Leon leise wissen.

„Ich … ich weiß es nicht genau, aber ich habe sie umgebracht!“, krächzte Sirius Black.

„Was soll das heißen?“, wollte Draco wissen. „Wo ist Lupin?“

„Ich weiß es nicht!“, schniefte Sirius. „Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich war auf einmal im Krankenflügel und Remus … ich glaube, er war tot!“

Leon und Draco sahen sich an, wurden nicht schlau aus dem Gestammel. Draco entschied, dass sie Unterstützung bräuchten und lief los, um McGonagall zu holen. Normalerweise hätte er seinen Paten geholt, aber der war im Krankenflügel und sollte noch bis morgen in einem Heilschlaf sein. Den anderen Lehrern traute er nicht besonders, aber McGonagall war auf ihrer Seite, wusste Bescheid. Das hier war verwirrend, mehr als seltsam und es schien eine Bedeutung zu haben. Er hatte Leon nur schnell zugeraunt, dass er Hilfe holen würde, dann war er losgerannt. Da er nicht genau aufpasste, wohin er lief, übersah er Professor Flitwick und rannte ihn über den Haufen. Draco rappelte sich auf und hielt dem Professor eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen.

„Verzeihung, Professor, ich bin auf dem Weg zu Professor McGonagall.“, keuchte Draco.

„Nun, Mister Malfoy, da sind sie in der falschen Richtung unterwegs, ich weiß, dass die Schulleiterin nach dem Frühstück in den Krankenflügel gegangen ist.“, informierte ihn der Professor für Zauberkunst.

„Danke, Professor. Sie haben mir sehr geholfen!“, rief Draco über die Schulter zurück, er war schon losgerannt, um so schnell wie möglich zu Leon zurückzukommen, wollte den Kleinen nicht alleine mit Black lassen, der so völlig neben sich stand.

 

Leon hatte sich zu Black gesetzt und ihn einfach in den Arm genommen. Er spürte, dass der Ältere gerade völlig von der Rolle war und hoffte nur, dass Draco bald mit Hilfe wiederkam. Immer wieder brabbelte der Animagus unverständlich vor sich hin. Leon versuchte, etwas davon zu verstehen, doch alles, was er ausmachen konnte, war ‚Remus‘ und ‚Moony‘ und etwas von ‚tot‘. Der Rest war nicht einmal zu erraten. Nur Minuten später kam Draco mit McGonagall zurück. Sie hatte die Heilerin, die noch wach gewesen war, bei Severus gelassen, wollte vermeiden, dass noch etwas passierte.

„Was genau ist passiert?“, fragte sie ruhig.

Draco berichtete knapp, während Leon den immer noch zitternden Black beruhigte. Der hob schließlich den Kopf und sah Leon an. Dabei fiel es dem Jugendlichen auf. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Blick, den er zugeworfen bekam. Das, was er in Blacks Augen sah, machte ihm Angst. Es waren nicht die freundlich-schelmisch blitzenden grauen Augen, die er von dem Mann kannte, sie waren irgendwie … anders. Leon wusste nicht, wie er es beschreiben sollte, aber es war, als würde etwas darin fehlen. Draco, der Leon genau beobachtete, fiel auf, dass der Jüngere sich plötzlich versteifte, als Black ihn ansah.

„Leon, was ist?“, wollte er wissen.

„Die Augen.“, hauchte Leon. „Sie sind anders.“

McGonagall und Draco reagierten gleichzeitig, Draco entwaffnete Sirius Black und die Rektorin ließ ihn erstarren. Mit schockgeweiteten Augen verfolgte Leon diese Aktionen, die viel zu schnell gingen, um sie aufzuhalten.

„Was…?“, stammelte Leon.

„Imperius?“, vermutete Draco.

„Das dachte ich auch.“, bestätigte McGonagall. „Wir sollten Kingsley dazu holen.“ Sie schickte ihren Patronus zu dem Chefauror, der außerdem mehr oder weniger die Leitung des Ordens übernommen hatte.

Leon ignorierte, dass er Unterricht hatte, genau wie Draco keinen Gedanken daran verschwendete, dass er eigentlich den Unterricht von Severus übernehmen sollte. Der Blonde bemerkte erst jetzt, dass Leon wieder einmal ein Häufchen Elend war. Zitternd kauerte er immer noch auf dem Boden, während Draco und die Schulleiterin neben dem Sofa standen, auf das sie Black hatten schweben lassen, nachdem sie ihn ausgeschaltet hatten. Draco nahm eine Decke und wickelte sie um Leon, nahm ihn gleichzeitig in den Arm und redete beruhigend auf ihn ein.

Kingsley brauchte nicht lange, um zu ihnen zu kommen; da Minerva ihm gesagt hatte, wo sie waren, kam er durch den Kamin von Lupin. Er brachte Neuigkeiten aus dem St. Mungo mit, Remus würde zwar noch eine Weile außer Gefecht sein, sich aber vollständig erholen. Dafür konnte er sich bei dem inneren Werwolf bedanken, denn nur deshalb hatte er überlebt. Sie gaben ihm den Wolfsbann auch in bewusstlosem Zustand, eine Heilerin im Krankenhaus braute ihn, damit er nicht gefährlich sein konnte, wobei die Gefahr sich in Grenzen hielt, wenn die Theorie stimmte, denn dann würde sich Remus zwar verwandeln, aber auch der Wolf wäre bewusstlos. Dennoch gingen sie auf Nummer sicher und gaben ihm den Trank, falls sie sich irren sollten. Dann wandten sie sich Sirius Black zu. Der Auror musste ihn aufwecken, um den Imperius – sollte das stimmen – erkennen und dann auch lösen zu können. Sicherheitshalber fesselte er ihn zunächst und weckte ihn danach erst auf. Wie erwartet tobte der Black-Erbe, als er wieder bei sich war. Der dunkelhäutige Auror ließ sich davon nicht beeindrucken und führte verschiedene Zauber aus.

„Wie befürchtet, er steht unter dem Einfluss eines starken Imperius. Er kämpft, schafft es aber nicht, ihn komplett abzuschütteln.“, informierte Kingsley die drei Wartenden schließlich. „Kein Wunder, er war so lange in Askaban, das wird sicher noch Monate dauern, bis er solche Dinge wieder schafft. Ich kann den Fluch brechen, aber es wird eine Weile dauern. Bitte greift nicht ein, wenn er schreien sollte. Wer auch immer den Fluch gesprochen hat, ist ein starker Zauberer, das wird nicht ganz sanft sein, wenn ich ihn löse, aber ich will nicht unterbrechen müssen, daher bitte ich euch, lasst mich machen.“

Die Schulleiterin und die beiden Slytherins nickten und gaben ihm Raum. Kingsley atmete einige Male tief durch, dann richtete er seinen Zauberstab auf den Animagus und begann. Erst sah es so aus, als würde nichts passieren, dann plötzlich versteifte sich Black und schrie gellend auf. Die folgenden Minuten wand er sich in seinen Fesseln, bis er mit einem Mal erschlaffte und liegen blieb. Kingsley atmete auf.

„Geschafft, ihr könnt die Fesseln lösen.“, keuchte er, als wäre er eine weite Strecke gerannt.

Leon holte ihm ein Glas Wasser, was er dankbar annahm, dann setzten sie sich auf das zweite Sofa, während Sirius noch auf dem anderen lag. Nach einer Weile regte sich der Animagus wieder und stöhnte leise. Sie gaben ihm ein wenig Zeit, dann reichte ihm Leon ebenfalls ein Glas Wasser. Gierig stürzte Sirius es hinunter, dann richteten sich seine Augen auf den Boden.

„Ich hab ihn umgebracht.“, wisperte er mit hörbarer Verzweiflung in der Stimme. Leon legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn stumm zu unterstützen.

„Nein, hast du nicht.“, widersprach Kingsley. „Aber von vorne, woran erinnerst du dich? Lass dir Zeit und erzähle so genau wie möglich. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich eine Flotte-Schreibe-Feder benutze.“

„Nur zu.“, stimmte Sirius zu. „Ich wollte das nicht. Aber ich konnte mich nicht wehren, ich sollte Severus verletzen, damit er stürzt, damals vor Weihnachten. Und dann, nach den Ferien, als er wieder hier war, zwangen sie mich, ihn mit einem Fluch zu verletzen. Er sollte verbluten. Als das nicht geklappt hat, musste ich in den Krankenflügel gehen und sollte ihn dort mit dem Mitis necare töten. Auf einmal hat er die Augen aufgemacht, da wurde ich gezwungen, ihn zu würgen, bis er wieder bewusstlos war und dann hatte ich die Formel auf den Lippen. Aber da war jemand hinter mir und ich habe mich umgedreht, da stand Remus und er hat den Fluch voll abbekommen. Ich habe gesehen, wie er ihn an der Brust getroffen hat, und Moony ist zusammengebrochen. Ich habe ihn umgebracht!“

„Sirius, hör zu!“, bestimmte Kingsley. „Remus lebt. Er ist ein Werwolf, der Fluch hat ihn zwar schlafen geschickt, ihn aber nicht getötet. Er wird sich erholen, aber es dauert einige Wochen oder Monate. Kannst du dich erinnern, wer dich unter den Imperius gestellt hat?“

„Nicht richtig, es ist, als ob diese Erinnerung nicht greifbar wäre.“, schüttelte Sirius seinen Kopf. „Das letzte, an das ich mich erinnere, ist, wie ich in Hogsmeade vor dem Quidditch-Laden auf Leon warte. Danach wird alles irgendwie undeutlich. Ich glaube, da waren zwei Maskierte, Todesser wahrscheinlich, die haben mich mitgenommen und gefoltert. Da war noch jemand, ist aber schnell wieder verschwunden, und seitdem kann ich mein Handeln nicht mehr kontrollieren.“

„Beruhige dich, Sirius, ich glaube dir.“, beruhigte ihn Kingsley. „Ich werde dich mitnehmen, damit wir sichergehen, dass wir alle Beweise festhalten. Ich möchte, dass sich jemand dein Gedächtnis ansieht, vielleicht finden wir heraus, wer dich unter den Imperius gestellt hat. Und dann sollten wir sehen, dass wir dich in Sicherheit bringen, genauso wie Severus. Offensichtlich war er das Ziel, du nur das Werkzeug. Und ich weiß auch, wo wir dich verstecken.“

 

„Und wo?“, wollte Sirius schließlich wissen. Kingsley hatte ihn offenbar erfolgreich von seinem Kummer abgelenkt.

„In deinem Haus in London. Wir haben die Untersuchungen gestern abgeschlossen und die Flüche unschädlich gemacht. Es gibt nur noch einen Hauselfen, Kreacher, und er muss tatsächlich dir gehorchen. Ich denke, wir sollten es unter den Fidelius stellen, damit du sicher bist.“, erklärte Kingsley lächelnd.

„Du willst es als Hauptquartier für den Orden?“, fragte Minerva.

„Wenn Sirius einverstanden ist, dann wäre das eine bessere Lösung als der Fuchsbau.“, überlegte Kingsley. „Wobei ich nur den Teil des Ordens dorthin mitnehmen würde, der über Lucius und Severus Bescheid weiß, dann können wir von dort aus agieren. Malfoy Manor ist einfach zu auffällig.“

„Das hieße dann, Severus und Mister Malfoy, Remus und Mister Black, Alastor und Bill und am Ende wir beide. Mehr nicht, wenn ich richtig informiert bin.“, konstatierte McGonagall.

Kingsley nickte ihr zu, behielt dabei aber Sirius Black im Auge. Der schien einen Moment zu brauchen, um alles, was er in der letzten Stunde oder so erfahren hatte, zu verarbeiten. Er schien dankbar zu sein, dass Leon da war. Die Schulleiterin bestellte Tee bei den Hauselfen, dann setzten sie sich zusammen und sprachen weiter über die Ereignisse der letzten Wochen. Der Chefauror brauchte die Informationen und je mehr ihm Sirius erzählen konnte, umso eher hatte er die Hoffnung, eine Spur zu finden. Die beiden Todesser, die Severus und Remus erwischt hatten, saßen in Askaban und hatten ihren Verstand bereits größtenteils eingebüßt, von denen würde er keine vernünftige Aussage bekommen, wer noch daran beteiligt war. Der Prozess war ihnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht worden, weder Sirius noch Severus oder Remus hatten aussagen müssen, da es genug Beweise gegeben hatte und zusätzlich ein Geständnis. Hatte das von dem Imperius ablenken sollen? Aber dass diese beiden ihn unter den Imperius gestellt hatten, war äußerst unwahrscheinlich, denn dann wäre die Wirkung lange nicht mehr so intensiv, da die Kontrolle fehlte. Nein, da steckte jemand Anderer dahinter, da war sich Kingsley absolut sicher. Diese Hintermänner waren gefährlich, die kleinen Lichter erwischten sie relativ schnell.

Als Sirius Black wieder ruhiger war, nahm Kingsley ihn mit ins Ministerium, damit sich einer seiner Kollegen, der ein sehr guter Legilimentiker war, um Sirius kümmern konnte. Auf diese Art und Weise hatten sie zumindest eine Chance, weitere Hinweise zu finden. Sie verabschiedeten sich und verschwanden gleich durch den Kamin im Büro. McGonagall wandte sich an die beiden Schüler.

„Mister Malfoy, ich würde es nun sehr begrüßen, wenn sie den Tränke-Unterricht der zweiten Klasse übernehmen könnten, der in einigen Minuten beginnt. Ich verstehe, dass sie den Unterricht heute Morgen ausfallen haben lassen aufgrund der Ereignisse in diesem Büro, aber wir müssen sehen, dass wir den Schülern einen geregelten Ablauf bieten können. Und sie, Mister Snape, sehen sie sich in der Lage, den Unterricht zu besuchen? Ich werde mit dem Ministerium Kontakt aufnehmen müssen, da wir dringend einen Ersatz für Professor Lupin brauchen.“

„Ich werde den Unterricht leiten, solange es nötig ist.“, versicherte Draco der Schulleiterin.

„Ich gehe in den Unterricht.“, entschied Leon.

Gemeinsam verließen sie das Büro und gingen dann in verschiedene Richtungen davon. Leons Gedanken wirbelten, als er im Unterricht saß und er war sehr unkonzentriert, aber zumindest war der Unterricht schon am Mittag vorbei. Danach eilte er in den Krankenflügel zu seinem Vater. Überrascht sah er, dass jemand an dessen Bett saß, den er nicht kannte. Der Mann saß mit dem Rücken zu ihm und hatte lange, rote Haare, die in einem Pferdeschwanz zusammengefasst waren. In seinem Ohr blitzte ein Ohrring. Obwohl er saß, schien er relativ groß zu sein. Als Leon die Türe hinter sich schloss, fuhr er herum und zog seinen Zauberstab. Leon nahm die Hände hoch, um zu zeigen, dass er nichts zu verbergen hatte.

„Äh, ich bin Leon. Leon Snape.“, stellte er sich vor. „Was machen sie mit meinem Dad?“

„Oh, entschuldige, aber das kann jeder sagen. Ich bin hier um ihn zu beschützen.“, entgegnete der Rothaarige ruhig aber vorsichtig.

„Und wer sind sie?“, fragte Leon.

„Entschuldige. Ich bin Bill Weasley. Kingsley hat mich hergeschickt, damit ich ein Auge auf Professor Snape habe.“, erklärte der Fremde.

„Weasley? Ein Bruder von Ron, Fred und George?“, überlegte Leon.

„Der Älteste. Okay, Leon, wann bist du geboren? Und wo ist Professor Snape die Zeit gewesen, in der er als verschwunden galt?“

„Am 21.Juni 1982. Er war in Wellington, Neuseeland, die meiste Zeit davon im Krankenhaus.“, antwortete Leon, der wusste, dass Bill Weasley nur sichergehen wollte, dass niemand seinem Vater gefährlich werden konnte.

„Gut, junger Mann. Dann komm her.“, grinste Bill Weasley.

„Danke, Mister Weasley.“, lächelte Leon schüchtern zurück.

„Nenn mich um Himmels Willen nicht Mister Weasley. Einfach nur Bill.“, jammerte der Rothaarige gespielt entsetzt. „Du bist immerhin mit meinem Bruder befreundet. Übrigens das erste Mal seit Jahrhunderten, wie es scheint, dass ein Weasley sich mit einem Slytherin angefreundet hat. Ich bin neugierig, wie habt ihr euch kennen gelernt?“

„Naja, ich war nach den Osterferien mit Draco am Bahnhof, weil Draco zurück in die Schule fuhr. Am Gleis haben mich dann Ron und Hermine angesprochen, weil ich ihrem früheren Freund so ähnlich sehe. Und als wir am ersten September zusammen im Zug waren, haben wir geredet und sie haben mir angeboten, ich kann immer zu ihnen kommen, wenn etwas ist. Anfangs war es nicht ganz leicht, weil ich in Slytherin gelandet bin und die beiden in Gryffindor sind, aber wenn wir nicht gerade Quidditch spielen, dann ist es eigentlich nicht schwer.“, gestand Leon.

„Du spielst? Als was?“, wollte Bill wissen.

„Sucher. Draco meinte im Sommer, ich hätte Talent und dann habe ich es geschafft, in die Mannschaft zu kommen.“, murmelte Leon.

„Also hast du mehr Ähnlichkeit mit Harry als nur dein Äußeres.“, stellte Bill fest. „Na, dann lasse ich dich und deinen Vater mal alleine, ich bin aber in Sichtweite, für alle Fälle.“

„Danke Bill!“, lächelte Leon noch einmal, als Bill mit einem Schmunzeln zu Poppys Büro ging und sich an den Schreibtisch setzte, der daneben stand.

Leon erzählte seinem Vater in leisen Worten, was heute passiert war und sprach auch ganz offen über seine Gefühle, soweit er sie einordnen konnte. Er brauchte dieses ‚Gespräch‘, um sich selber klar darüber zu werden, wie es ihm ging. Einerseits hatte er wieder einmal Angst um das Leben seines Vaters, aber noch viel mehr beschäftigte ihn die Verwirrung und diese Anziehung, die er Sirius Black gegenüber verspürte. Als wäre da etwas tief in ihm drin, das den Animagus erkannte, aber nicht direkt, sondern mehr ein Gefühl. Nähe, Zuneigung, Vertrauen. Seine Instinkte sagten ihm, dass er bei Sirius Black sicher war, aber sein Kopf riet ihm dennoch zur Vorsicht. Bisher hatten seine Instinkte ihn nicht im Stich gelassen, keiner von denen, die seine Vergangenheit kannten, wirklich kannten, hatte ihn verraten.

 

Währenddessen nahm Blaise seinen besten Freund Draco beiseite: „Draco, ich muss mit dir reden. Jetzt. Alleine.“, sagte er ungewohnt ernst.

Draco nahm ihn mit in sein Zimmer, wissend, dass Leon sicher noch einige Zeit bei Severus verbringen würde. Nachdem er es mit mehreren Zaubern versiegelt hatte, ließ er sich auf das Bett fallen und blickte Blaise an, der am Schreibtisch lehnte, die blauen Augen durchdringend auf ihn gerichtet. "Also, was ist los?“, fragte Draco nach einer Weile, da sein Freund ihn nur musterte.

„Was läuft da zwischen dir und Leon?“, platzte es – untypisch für einen Slytherin aber relativ typisch für Blaise – aus dem Schwarzhaarigen heraus.

„Laufen? Was bitte denkst du von mir? Leon ist dreizehn, ich bin fünfzehn! Sag mal, spinnst du? Er ist mein kleiner Bruder, das habe ich dir doch immer wieder gesagt.“, fauchte Draco wütend. „Und das stimmt jetzt noch mehr wie damals.“, fügte er noch leise hinzu.

„Draco, wir beide waren immer die besten Freunde, seit wir krabbeln können. Wir waren immer ehrlich zueinander. Aber niemals wäre ich auf die Idee gekommen, nachts in dein Bett zu kriechen und du hättest das auch niemals zugelassen. Also ist bei Leon etwas anders. Du behandelst ihn anders, aufmerksamer und vorsichtiger, als wäre er zerbrechlich. Und du benimmst dich auch anders, offener, liebevoller, wenn er mit dabei ist.“, stellte Blaise klar. „Und auch mit Leon ist irgendwas anders. Und damit meine ich nicht seine Alpträume, obwohl ich glaube, dass er nicht nur einfache Alpträume hat. Er wirkt so erwachsen, viel älter als die meisten Schüler hier, obwohl er so jung aussieht. So verloren, manchmal zumindest.“

„Blaise, wir sind immer noch die besten Freunde, aber ich kann – und darf – nicht einfach Leons Vergangenheit preisgeben.“, seufzte Draco bedauernd. „Unter dem Siegel der Verschwiegenheit kann ich dir sagen: er hatte es bisher nicht leicht. Severus wusste nichts davon, dass er einen Sohn hatte, bis er durch Zufall in Neuseeland auf ihn traf. Leons Mutter starb, als er noch sehr klein war und danach glich sein Leben scheinbar einem Alptraum, auch wenn Leon sich nicht erinnert. Sein Gedächtnis geht nur bis zu einem Krankenhausaufenthalt zurück, an alles davor kann er sich nicht erinnern. Mein Vater hat seine Magie geschult und ihm das Wissen der ersten beiden Klassen beigebracht, damit er hier mit Gleichaltrigen in die Schule gehen kann.“

Blaise hatte sich hingesetzt, als Draco zu sprechen begann. Jetzt stützte er nachdenklich sein Kinn in seine Faust. „So wie ich dich kenne, hast du mir noch nicht einmal die Hälfte erzählt.“, murmelte er. „Aber ich respektiere es, dass du mir nicht alles erzählen kannst. Aber was genau ist dann zwischen euch? Und was meintest du vorhin mit ‚jetzt noch mehr wie damals‘?“

Draco funkelte ihn wütend an. „Du weißt, dass dich das nichts angeht!“, knurrte er, gab aber schließlich doch nach, er wusste, Blaise würde nicht aufhören zu fragen und er konnte ihm vertrauen. „Ich kann und darf dir nicht mehr erzählen, habe dir schon viel zu viel erzählt und Onkel Sev würde mir dafür den Kopf abreißen. Mein Vater wahrscheinlich auch, er hat einen Narren an Leon gefressen. Ich weiß nicht, was zwischen uns ist. Ich gebe ihm die Nähe, die er zu brauchen scheint und es ist ihm nicht unangenehm, aber ich weiß nicht genau, wie es mir dabei geht. Leon … er bedeutet mir eine Menge, ich will ihn lachen sehen, will, dass er glücklich ist. Ich habe ihn in Wellington über den Haufen gerannt und von dem Moment an wollte ich ihn lachen sehen. Er wirkte so traurig, so verloren und verzweifelt und das konnte ich nicht ausstehen. Da wusste ich noch nicht, dass er der Sohn von Professor Snape, von Onkel Sev ist. Wenn er einen Flashback bekommt, dann braucht er seinen Vater. Oder auch mich, er kriecht dann in mein Bett, wenn es nachts passiert, ansonsten kann er nicht schlafen. Ach Blaise, ich fühle mich irgendwie zu ihm hingezogen, aber nicht so, dass ich etwas von ihm will. Ich weiß nicht. Es ist verwirrend.“

Es erleichterte Draco, mit Blaise sprechen zu können, und wenn er dessen Gesichtsausdruck richtig deutete, dann wusste der das auch und hatte ihn unter anderem deswegen beiseite genommen. Dankbar lächelte er dem Schwarzhaarigen kurz zu, bevor er wieder ernst wurde. Die Sorge um Severus – und damit auch Leon – war immer noch sehr präsent. Genau wie die Angst, was passieren würde, wenn sie nicht schnell genug waren und Voldemort einen Weg fände, um zurückzukehren. Er schauderte kurz. Blaise war das nicht entgangen.

„Draco, du weißt, ich bin auf deiner Seite und du kannst mir vertrauen. Wenn du Hilfe brauchst, dann komm zu mir. Egal wann und egal weswegen.“, versprach er ihm leise.

„Danke, Blaise. Ich werde vielleicht darauf zurückkommen.“, wisperte Draco. „Aber jetzt werde ich mal nach meinem Vater suchen, er weiß wahrscheinlich nichts von der neuesten … Entwicklung der Ereignisse.“

„Wieso dein Vater?“, wunderte sich Blaise.

„Ähm, eigentlich sollte ich das wahrscheinlich nicht sagen, aber ich weiß, ich kann dir vertrauen. Mein Vater und Severus sind zusammen.“, platzte es aus Draco heraus.

„So wirklich, richtig zusammen?“, staunte Blaise und Draco nickte. „Wow. Kein Wunder, dass du durch den Wind bist, wenn du mit niemandem darüber reden kannst. Weiß es Leon?“

Draco lachte kurz auf. „Ja, er hat sie erwischt, nach dem Quidditch-Spiel gegen Gryffindor!“

„Oh.“, war alles, was Blaise dazu sagte. Eine Weile schwiegen beide, dann entschied Draco, er müsse nun wirklich sehen, dass er seinem Vater Bescheid geben konnte, außerdem musste er noch eintragen, was er mit Severus´ Schülern heute durchgenommen hatte. Also löste er die Zauber und ging mit Blaise nach draußen, nur um von Pansy Parkinson in Beschlag genommen zu werden.

„Draci, alles in Ordnung?“, quietschte sie mit ihrer Fistelstimme. „Hat Zabini dich bedrängt? Muss ich mich um dich kümmern?“

„Blaise ist mein bester Freund, falls es dir nicht aufgefallen sein sollte und seine Gesellschaft ist mir durchweg angenehmer als die von gewissen Möchtegern-Freunden.“, kam es blasiert von Draco zurück, der es hasste, dass sie seinen Namen so verhunzte. „Außerdem sollte ich nun in das Büro von Professor Snape, da ich meinen Unterricht noch protokollieren muss. Ab Montag oder spätestens  Dienstag wird er wieder selbst unterrichten und braucht meine Aufzeichnungen. Also geh und kümmere dich um deine Aufgaben, denn die hast du sicher auch noch nicht erledigt und du kannst es dir nicht leisten, noch mehr Punkte für unser Haus zu verlieren.“

Ihm selber waren die Hausaufgaben für diesen Tag erlassen worden, er musste nur den Unterrichtsstoff nachholen, den gab ihm Blaise sicher später, damit er ihn heute Abend noch kurz abschreiben konnte. Jetzt aber musste er sich erst einmal um andere Dinge kümmern. Er verließ den Gemeinschaftsraum und betrat kurze Zeit später das Büro seines Paten. Er wusste genau, wo dieser seine Unterlagen aufbewahrte, hatte sich darin auch einen kurzen Überblick verschafft, was er mit den Schülern durchnehmen musste. Aber vorher kniete er sich noch vor den Kamin und warf eine Handvoll Flohpulver ein. „Malfoy Manor“, sagte er und steckte seinen Kopf hinein. Der wirbelte eine Weile hin und her, was wie immer übelkeitserregend war, dann aber sah er den Salon vor sich, wie er ihn schon immer kannte. Sein Vater saß mit dem Rücken zu ihm und schien in etwas vertieft zu sein.

„Vater?“, räusperte sich Draco.

Lucius Malfoy fuhr herum und starrte seinen Sohn einen Moment irritiert an. „Was ist passiert?“, fragte er dann, wissend, dass Draco sich nicht einfach so über den Kamin melden würde.

„Onkel Sev wurde verletzt. Er wird wieder, ist aber im Moment in einem Heilschlaf. Morgen früh will Madam Pomfrey ihn aufwachen lassen. Sirius Black stand offenbar seit dem Überfall in Hogsmeade unter dem Einfluss eines Imperius und hat ihn angegriffen. Lupin hat einen Anschlag heute Nacht verhindern können, liegt aber nun auch im St. Mungo. Nur weil er ein Werwolf ist, hat er überlebt.“, berichtete Draco knapp.

„Geh beiseite, Draco, ich komme.“, entschied Lucius.

Zustimmend neigte Draco den Kopf und zog sich aus dem Kamin zurück, damit sein Vater zu ihm kommen konnte. Momente später stand der neben ihm und ging in den Krankenflügel. Draco blieb zurück, musste erst einmal die Eintragungen machen, denn das würde ihn eine Menge Punkte kosten, wenn er es nicht ordentlich erledigte, da kannte er seinen Patenonkel ziemlich gut. Also schrieb er exakt alles auf, was er gemacht hatte und ging dann in Richtung großer Halle, da es bald Abendessen geben sollte. Vor der Tür wartete er auf sein Haus und war mehr als froh, dass auch Leon mit ihnen kam. Blaise war an seiner Seite, ebenso die Klassenkameraden und Freunde von Leon.

„Darf ich kurz um ihre Aufmerksamkeit bitten?“, erhob sich die Schulleiterin, als alle Schüler in der Halle waren. „Die Gerüchte, die in der Schule unterwegs sind, stimmen zwar nicht vollständig, aber Tatsache ist es, dass Professor Lupin krank ist und im St. Mungo behandelt werden muss, für die nächsten Wochen oder gar Monate ausfallen wird. Seinen Hund, den viele von ihnen sehr mögen, hat ein Freund von ihm zu sich genommen. Wir haben nun einen kurzfristigen Ersatz für Professor Lupin gefunden. Bitte begrüßen sie mit mir Professor Dolores Umbridge, die Untersekretärin von Minister Fudge, die sich freundlicherweise dazu bereiterklärt hat, die Vertretung von Professor Lupin zu übernehmen.“

Höflicher Applaus kam auf, aber keiner wusste so Recht, was sie von dieser neuen Lehrerin halten sollten. Leon war der Meinung, sie sah wie eine Kröte aus, eine pinke Kröte. Ihr Rock und ihre Strickweste waren pink, genauso ihr kleines Handtäschchen, das sie neben ihren Teller gestellt hatte. Gerade hielt sie eine Rede, aber Leon hörte nicht wirklich zu, hatte bereits nach dem ersten komplizierten Satz aufgehört. Er war sicher, Hermine würde ihn morgen über das Wichtigste dazu informieren. Lieber beobachtete er die Reaktionen auf sie, seine Instinkte rieten ihm zur Vorsicht.

„Sie spioniert für das Ministerium, wird sich bestimmt bald hier einmischen.“, flüsterte Draco ihm ins Ohr. „Hat mein Vater jedenfalls vermutet. Er wird sich nicht sehen lassen, Fudge hält nichts von uns Malfoys, bei ihm hat Vaters Tarnung immer sehr gut funktioniert. Sprich, er kauft ihm die Todesser-Rolle ab, aber da er dennoch zum Teil auf unser Geld und Vaters Großzügigkeit angewiesen ist…“

„Er sitzt zwischen den Stühlen und will es sich mit den Wählern nicht verderben.“, kam es leise von Leon.

„Man merkt, dass er dich unterwiesen hat.“, grinste Draco kurz, bevor er wieder ernst wurde. „Nimm dich in Acht, Kleiner, sie hat sicher noch mehr gegen deinen Vater und wird es bestimmt auch an dir auslassen.“

„Danke, Dray, ich pass auf.“, versprach Leon.

Draco verzog nur kurz das Gesicht, als Leon seinen Namen verkürzte, ließ es aber so stehen. Blaise, der der Unterhaltung gelauscht hatte, grinste leise und zufrieden in sich hinein. Er war sicher, dass Draco in Leon verliebt war, sich darüber aber noch nicht selber im Klaren war. Nun, die beiden hatten Zeit, aber wenn sie es nicht schafften, sich darüber klar zu werden, dann konnte er in ein oder zwei Jahren immer noch nachhelfen.

 

Am Samstag trafen sie sich nach dem Frühstück im Krankenflügel, sie wollten an Severus´ Seite sein, wenn er erwachte. Leon, Draco und Lucius saßen am Bett, als Madam Pomfrey den Zauber löste, der ihn schlafend hielt, und er langsam erwachte. Leon hielt seine Hand und strich sanft darüber. Es dauerte nicht lange, bis Severus die Augen aufschlug und sofort wieder schloss, mit einem gequälten Ausdruck im Gesicht. Lucius dimmte das Licht mit seinem Zauberstab, damit Severus nicht geblendet wurde und dieser öffnete langsam seine Augen. Bis sie wieder richtig fokussieren konnten, dauerte es eine Weile, aber dann schlich sich ein leises Lächeln in das Gesicht des Tränkemeisters. Leon erwiderte es. Poppy, die realisierte, dass ihr Patient wach war, untersuchte ihn und stellte fest, dass er auf dem Weg der Besserung war und wohl morgen entlassen werden konnte, wenn er sich danach schonen würde. Lucius übernahm es schließlich, Severus aufzuklären, der keine Erinnerung mehr an den Vorfall hatte.

„Black stand seit dem Vorfall in Hogsmeade unter dem Imperius, wobei Kingsley bisher nicht herausgefunden hat, wer dahinter steckt. Leider wissen wir auch nicht, was derjenige dadurch von ihm erfahren hat, es könnte also sein, dass jemand bei den Todessern weiß, dass wir hinter den Horkruxen her sind und auch, wer mit uns arbeitet. Dennoch werde ich mich davon nicht aufhalten lassen, aber noch vorsichtiger sein als bisher. Leon und Draco haben Sirius gestern gefunden, er war am Ende, da er zumindest zum Teil mitbekommen hatte, was er tat. Er kam hierher, in den Krankenflügel, um das zu vollenden, was er angefangen hatte, wurde aber von Lupin gestört. Remus liegt nun im St. Mungo, aber er wird sich wieder erholen. Dich hätte der Fluch, der Mitis necare, getötet, aber der Werwolf in Lupin hat die Wirkung abgeschwächt, auch wenn er nun wohl einige Wochen im Koma liegen wird und für den Rest des Schuljahres ausfällt.“

„Black?“, knurrte Severus. „Wenn der mir nur noch einmal unter die Augen tritt, dann…“

Lucius unterbrach ihn. „Severus!“, schnappte er. „Black stand unter dem Imperius, den kannst auch du nicht vollständig abwerfen, soweit ich weiß. Und Sirius ist immer noch nicht wieder auf dem Damm nach seinem langen Aufenthalt in Askaban. Kingsley hat ihn untersucht und alle Beweise gesammelt, er ist sich absolut sicher. Es tut ihm leid.“

„Das sollte es auch.“, schnarrte Severus unversöhnlich.

„Hast du in Hogsmeade irgendwas beobachtet, was auf mehr als diese beiden Todesser hindeutet, die ihr erwischt habt?“, lenkte Lucius ihn ab.

Severus überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. Es war niemand in der Nähe gewesen außer einigen Leuten, die er von früheren Besuchen als Bewohner des Dorfes kannte. Allerdings waren sie erst deutlich nach der Entführung angekommen, also wäre das durchaus im Rahmen des Möglichen. Doch für heute beendeten sie die Grübelei, da Severus Ruhe brauchte und Leon noch ein wenig Zeit mit ihm verbringen wollte. Lucius und Draco verabschiedeten sich nach einer Weile, ließen die beiden Snapes alleine. Leon schmiegte sich an seinen Vater, froh darüber, dass es diesem wieder besser ging.

„Was ist los, Leon?“, fragte Severus nach einer Weile.

„Ich hatte solche Angst.“, gestand Leon. „Wir waren vorgestern noch bei dir hier im Krankenflügel, deswegen haben Draco und ich gestern verschlafen, Blaise hat uns geweckt. Das Frühstück haben wir nicht geschafft und Draco hat mich dann bei Remus´ Klassenzimmer vorbeigebracht, weil er zum Unterrichten musste. Und da war niemand. Professor McGonagall hat wohl beim Frühstück gesagt, dass die Stunden von Professor Lupin ausfallen und Draco sollte deine Stunden bei den jüngeren Schülern übernehmen. Wir sind in das Büro von Professor Lupin, weil niemand da war, und dann haben wir Sirius Black gehört, er war im Wohnzimmer. Er hat immer wieder gesagt, dass er Remus umgebracht hätte.“

Leon schluchzte leise auf und ließ sich von seinem Vater in eine feste Umarmung ziehen. Schnell beruhigte er sich wieder, als er spürte, wie Severus ihm beruhigend über den Rücken strich. Viel Zeit hatte er allerdings nicht mehr, denn Draco holte ihn ab zum Training. Lucius war bereits wieder nach London zurück, da er geschäftliche Termine hatte und dann einmal nach Sirius Black sehen wollte. Severus schickte die beiden Jungs los, sie sollten schließlich den Pokal für Slytherin gewinnen. Leon war heute so gut drauf wie schon lange nicht mehr und steckte die Mannschaft mit seiner guten Laune an, sodass sie alle fehlerfrei flogen, was hoffentlich kein schlechtes Omen für das Spiel gegen Ravenclaw in ein paar Wochen war. Doch Draco war zuversichtlich, sie konnten die Mannschaft schlagen, wenn sie so spielten wie heute im Training.

Der Sonntag verlief ruhig, Severus durfte den Krankenflügel nach dem Mittagessen verlassen und traf Leon und Draco in seinem Wohnzimmer an. Beide Jungs waren froh darüber, ihn zu sehen und wollten nun ein wenig Zeit mit ihm verbringen. Sie spielten Schach, Draco gegen Severus, während Leon zusah, und später ließen sie sich von den Hauselfen Tee und Gebäck servieren. Kurz vor dem Abendessen stieß dann auch Lucius zu ihnen, der Neuigkeiten aus London mitbrachte.

„Severus, Sirius Black möchte sich bei dir entschuldigen. Er hatte niemals vor, dich so sehr zu verletzen, auch wenn er dich vielleicht immer noch nicht besonders gerne mag.“, begann der Blonde.

„Was ganz sicher auf Gegenseitigkeit beruht.“, warf Severus grantig ein.

„Davon gehe ich aus.“, erwiderte Lucius trocken. „Aber davon abgesehen. Er macht sich daran, Hinweise auf den Horkrux zu suchen, möglicherweise ist er tatsächlich im Haus, aber da ist ein Haufen schwarzmagisches Zeug, das Haus ist dunkler eingerichtet als mein Manor. Er gibt uns Bescheid, sollte er etwas finden oder zumindest Hinweise erhalten. Kreacher, der Hauself der Blacks, ist nicht mehr zurechnungsfähig, der war so lange in dem Haus alleine, dass er nicht mehr weiß, wer er ist, er redet die ganze Zeit wirres Zeug. Black geht davon aus, dass er wohl demnächst stirbt, aber bis dahin wird der Hauself ihm das Leben schwer machen, so wie es aussieht. Er verweigert den Gehorsam und will einfach nicht Sirius gehören. Aber so hat Black wenigstens zu tun, um das Haus auf Vordermann zu bringen. Der Orden wird sich dort treffen, jedenfalls der innere Kern. Also wir beide, Remus, Sirius, Minerva, Kingsley und Bill. Wobei Remus wohl noch eine Weile aussetzen muss, aber solange wir keine Informationen haben, können wir sowieso nichts machen.“

Sie trennten sich nach dem Abendessen, Leon und Draco gingen zurück in ihren Gemeinschaftsraum und Lucius entschied, die Nacht in Hogwarts zu verbringen. Severus würde am Montag bereits wieder unterrichten, daher trennten sich dann auch die Wege der beiden Männer nach dem gemeinsamen Frühstück in Severus´ Küche.

 

Leon ging mit den Slytherins zum Frühstück, nicht gerade begeistert darüber, dass sie ab heute Unterricht bei Umbridge hatten. Hermine hatte ihn in ein paar ruhigen Minuten gewarnt, dass er vorsichtig sein solle, denn es schien, als hätte Professor Umbridge etwas gegen die dunklen Künste und gerade Professor Snape war ihr sicher ein Dorn im Auge, sodass Leon sich in Acht nehmen musste, um nicht als Drohung für seinen Vater verwendet werden zu können. Corvin und Robyn, die sich zu echten Freunden entwickelten, gingen neben ihm und sie unterhielten sich darüber, was sie glaubten, das sich ändern würde, wobei das am Meisten von Robyn ausging, der Vater der Zwillinge hatte im Ministerium bereits mit Umbridge zu tun gehabt.

„Sie ist ziemlich extrem, meint Dad. Ich habe ihm geschrieben, dass sie unsere Lehrerin sein wird ab heute und er meinte, ich solle mich in Acht nehmen, sie mag es nicht, wenn man sie nicht ernst nimmt, und Fudge stehe unter ihrer Fuchtel, nicht umgekehrt.“, warnte Robyn.

„Mine hat mich auch gewarnt.“, erwiderte Leon. „Und ich hab auch Dad versprochen, mich zurückzuhalten. Ob sie genauso gut unterrichten kann wie Professor Lupin?“

„Das bezweifle ich.“, meinte Corvin.

Alle Schüler mochten die Art, in der Professor Lupin unterrichtete, viel Praktisches und die Theorie gespickt mit lustigen Erzählungen, die verdeutlichten, was sie beachten mussten. Wie üblich ging es in der großen Halle zu wie in einem Bienenstock, alles summte und brummte und viele Schüler liefen hin und her. Leon hatte an diesem Vormittag auch Verteidigung und ging mit Robyn, Corvin, Daniel und Kevin in das Klassenzimmer. Im ersten Moment glaubten sie, falsch zu sein, da alles irgendwie rosa wirkte, sogar die Wände schienen diese Farbe bekommen zu haben. Die Vorhänge waren pink, auf dem Pult lag eine rosafarbene Tischdecke, darauf ein pinkfarbenes Tee-Service. Sie sahen einander an und schüttelten sich synchron, bevor sie sich auf ihre Plätze setzten und ihre Bücher herausholten, die Zauberstäbe legten sie daneben. Pünktlich schloss Professor Umbridge die Tür hinter sich.

 

 

 

 

Der Unterricht bei Umbridge erinnerte die meisten Schüler an einen Kindergarten. Die neue Professorin wollte, dass ihre Schüler sie im Chor begrüßten und verabschiedeten. Sie durften in ihrem Unterricht nicht zaubern und mussten in einem Buch lesen, das gewisse magische Wesen für minderwertige Kreaturen hielt und überhaupt nichts mit der Verteidigung gegen die dunklen Künste zu tun hatte. Scheinbar hatte diese Frau es auf Leon abgesehen, sie rief ihn immer wieder auf und stellte ihm Fragen, die er aufgrund seines Ausbildungsstandes nicht beantworten konnte. Immer wieder sagte sie ihm lächelnd ins Gesicht, dass es nicht nur davon abhinge, der Sohn eines Lehrers zu sein. Leon erinnerte sich immer wieder daran, dass er sowohl seinem Vater als auch Draco versprochen hatte, vorsichtig zu sein und sich zurückzuhalten. Doch Umbridge ließ auch in den nächsten Stunden nicht locker. Nach zwei Wochen war Leons Geduld am Ende.

„Professor, wieso soll ich ihre Fragen beantworten können, wenn sie es uns nicht beibringen?“, wollte er genervt wissen.

„Mister Snape, was erlauben sie sich? Das ist eine Frechheit, so mit mir zu sprechen, das werde ich nicht dulden. Fünfzig Punkte Abzug von Slytherin, dazu schreiben sie einen Aufsatz über genau diese Frage, die ich eben gestellt habe, fünfzig Zoll Pergament mindestens, und das bis übermorgen. Und natürlich Nachsitzen, heute Abend um acht Uhr in meinem Büro.“, lächelte die Professorin ihr falsches Lächeln.

Leon wollte etwas erwidern, doch Corvin und Robyn, die rechts und links von ihm saßen, hielten ihn auf seinem Platz und schafften es, dass er ruhig blieb. Sie wollten verhindern, dass es noch schlimmer für den Schwarzhaarigen wurde, als es sowieso schon war. Nach dem Abendessen schimpfte Leon noch eine Weile vor sich hin, ging dann aber pünktlich zum Nachsitzen. Draco brachte ihn hin und wollte danach zu Severus gehen, gemeinsam mit Leons Klassenkameraden, das konnte nicht sein, dass Leon wegen diesem Vorfall so streng bestraft wurde. Severus hörte sich die Erzählung der Schüler an und wanderte schließlich erregt in seinem Büro auf und ab, als Draco Corvin und Robyn, die ihn begleitet hatten, hinausgeschickt hatte.

„Sie hat es auf mich abgesehen und will mich provozieren, indem sie Leon bestraft. Sie ist der Meinung, ein ehemaliger Todesser hat in einer Schule nichts verloren. Sie hat Minerva schon mehrmals darauf angesprochen, dass ich nicht der passende Umgang für Schüler bin, vor allem, da ja bereits mehrere Anschläge auf mich verübt wurden. Das könnte auch Schüler gefährden und deshalb sollte ich am besten gleich eingesperrt werden.“, schnappte Severus.

„Ich habe Leon geholfen mit dem Aufsatz, denn das, was sie von ihm verlangte, ist sogar noch über meinem Unterrichtsstoff.“, erklärte Draco. „Es kommt eigentlich erst im Lehrplan der siebten Klasse dran, aber ich habe es von Vater schon gelernt. Er hat eine gute Arbeit geschrieben, ich habe sie kopiert und werde alles dokumentieren.“

„Du bist eindeutig der Sohn deines Vaters.“, schmunzelte Severus kurz, bevor er wieder ernst wurde. „Wir müssen auf Leon aufpassen, ich vermute, dass ihre Strafarbeiten sicher nicht ganz harmlos sein werden. Minerva hat die Gryffindors nun erstmal wieder selber übernommen, sie machte eine Andeutung, dass sie einen Verdacht hat, es aber bisher noch nicht beweisen kann. Mehrere Gryffindors scheinen in Kontakt mit einer Blutfeder gekommen zu sein.“

„Das ist illegal, warum ist sie nicht schon festgenommen?“, regte sich Draco auf.

„Weil es ihr bisher nicht nachgewiesen werden kann, sie scheint die Schüler einzuschüchtern. Außerdem hält Fudge seine schützende Hand über sie.“, knurrte Severus.

„Verdammt, und Leon ist jetzt bei ihr!“, fluchte Draco. „Ich hole ihn ab und bringe ihn direkt hierher.“

Severus nickte nur und Draco rannte nach oben, bis er direkt vor der Tür von Umbridges Büro stand. Dort wartete er auf seinen kleinen Bruder. Sorge zog seinen Magen zusammen und er begann, unruhig auf und ab zu gehen. Erst kurz vor Mitternacht öffnete sich die Tür und Leon kam heraus, zitternd und leise schwankend. Draco fing ihn auf, als er kurz vor dem Zusammenbruch war und führte ihn hinunter in die Kerker. Severus erwartete sie bereits und untersuchte Leon.

„Körperlich ist er in Ordnung, sie hat zumindest bei ihm keine Blutfeder benutzt.“, atmete er erleichtert auf. „Ansonsten kann ich nur feststellen, dass er sehr erschöpft ist. Leon, was hat sie dich machen lassen?“

„Sätze schreiben. Fünfhundert Mal ‚Ich darf keine frechen Antworten geben, wenn meine Professoren mir eine Frage stellen.‘ und genauso oft ‚Ich muss mich intensiv und ausschließlich mit dem Schulstoff befassen.‘ Mein Arm und meine Hand tun so weh.“, jammerte Leon.

„Hier, leg deinen Arm darin ein. Es ist etwas, das muskelentspannend wirkt.“, kam Severus nach einem Moment mit einer etwas größeren Phiole in der Hand aus dem Labor. „Und jetzt geht schlafen, ihr braucht beide ein wenig Ruhe. Komm zu mir, wenn etwas ist, Leon. Umbridge will mich loswerden, sie wird dich weiterhin provozieren, um mich in Misskredit zu bringen oder mich sogar zu unüberlegten Aktionen zu zwingen. Sei vorsichtig, mein Kleiner.“

Leon nickte nur müde und konnte die Augen kaum offenhalten. Severus nahm ihn kurz in den Arm und überließ es dann Draco, den Jüngsten ins Bett zu bringen. Der fiel todmüde hinein und schlief beinahe sofort. Draco legte einen Verband um Leons Unterarm und tränkte ihn mit der Essenz, die Severus ihnen gegeben hatte, damit sie wirken konnte, sonst hätte Leon morgen Schwierigkeiten, seinen rechten Arm zu benutzen.

Die nächsten Tage schaffte es Leon, sich zu beherrschen, auch wenn er weiterhin Punkte abgezogen bekam, weil er Umbridges Fragen nicht beantwortete, doch niemand nahm ihm das übel. Leon konzentrierte sich in diesen Momenten auf die Erinnerungen an die letzten Trainingseinheiten, da bald ihr letztes Spiel anstand. Gegen Ravenclaw, was eigentlich kein Gegner für sie war, zumindest laut Draco. Vor allem, wenn Leon es wieder schaffte, den Schnatz so schnell zu fangen. Da es immer noch ziemlich verschneit und kalt war, wäre niemand böse, wenn es ein kurzes, aber dennoch erfolgreiches, Spiel sein würde. Inzwischen ging es wieder rund zwischen den Häusern, die gegnerischen Spieler sollten verunsichert werden. Oft genug wurden auch irgendwelche Hexereien eingesetzt, Linda wurde von einem Fluch getroffen, der sämtliche Haare an ihrem Körper schnell und ausdauernd wachsen ließ. Sie musste ihn im Krankenflügel aufheben lassen, weil es niemand schaffte, das Wachstum zu beenden.

Corvin und Robyn waren eines Abends auf dem Rückweg aus der Bibliothek in die Kerker, als es wieder losging. Verschiedene Flüche schossen auf sie zu und sie konnten gerade noch ausweichen. Einer war ein Wabbelbein-Fluch gewesen und ein anderer war wohl der gleiche, der Linda getroffen hatte, da der Statue hinter ihnen Haare an allen möglichen und unmöglichen Stellen wuchsen. Da sie die Angreifer nicht sehen konnten, hielten sie es für das Beste, ihnen keinen Angriffspunkt mehr zu bieten und entschlossen sich für einen strategischen Rückzug. Sie verschwanden hinter einer massiv aussehenden Wand in einem Geheimgang und landeten schließlich im siebten Stock in einem verwaisten Flur. Doch es dauerte nicht lange, da hörten sie jemanden in ihre Richtung kommen und liefen aufgeregt hin und her, um ihre Möglichkeiten abzuwägen, da sie in einer Sackgasse gelandet waren. Plötzlich erschien eine Tür in der Wand und sie stürzten beide darauf zu, schlossen sie hinter sich und drehten sich um.

„Wow!“, entfuhr es Robyn.

„Das kannst du laut sagen.“, erwiderte Corvin.

Der Raum war groß, vielleicht zehn mal zehn Meter und total vollgestellt. Regale und Schränke standen wirr durcheinander, allesamt mit Büchern und anderen Dingen vollgestopft. Auch dazwischen standen und lagen verschiedene Dinge. Besen, Schachteln, Blumentöpfe mit seltsam aussehenden, komplett vertrockneten Pflanzenresten, Umhänge, andere Kleidungsstücke, Käfige mit Skeletten, eine Leiter, mehrere Sessel, Bälle, sogar Betten konnten sie erkennen. Da sie nicht wussten, ob ihre Verfolger mitbekommen hatten, wohin sie gegangen waren, entschieden sie, ein wenig nach hinten zu gehen und sich zu verstecken. Hinter einem großen Schrank gingen sie in Deckung. Die Tür, die auf ihrer Seite war, stand leicht offen und Corvin warf einen Blick hinein. Irgendetwas darin zog seinen Blick magisch an. Es glitzerte, obwohl es im Innern des Schrankes fast stockfinster war. Wie in Trance öffnete Corvin die Tür ein Stück weiter und griff hinein, den Protest seines Bruders Robyn ignorierend.

Er zog ein schmales, silbernes Diadem heraus, das mit verschiedenen Edelsteinen besetzt war, und hielt es ehrfürchtig in seiner Hand. Staunend sah er es an, reagierte nicht mehr auf seine Umwelt.

„Das ist wunderschön, und so angenehm warm.“, murmelte Corvin vor sich hin.

„Nicht aufsetzen!“, warnte Robyn.

„Ich bin doch kein Mädchen!“, schnaubte Corvin empört. „Aber es ist trotzdem wunderschön. Es fühlt sich gut an, es lebt irgendwie. Ich kann es spüren!“

Das verängstigte Robyn. „Wir sollten es zu Professor Snape bringen.“, überlegte er.

„Nein, ich lasse es mir nicht wegnehmen!“, schrie Corvin empört.

Robyn entschied, Hilfe zu holen, Corvin reagierte gerade ziemlich seltsam, er erkannte seinen einzigen Bruder gerade nicht wieder. Hastig rannte er zu der Tür, öffnete sie und schlug den Weg Richtung Kerker ein. So schnell er konnte, rannte er und bog um die Ecke, hinter der die Treppe sein sollte. Nicht auf seinen Weg achtend, lief er voll in jemanden und stürzte mitsamt dieser Person zu Boden. Robyn rappelte sich wieder auf und wollte schon weiterrennen, als er von einer Hand an seinem Handgelenk gepackt wurde.

„Mister Scott, wohin so eilig? Es ist weit nach der Sperrstunde, sie haben hier nichts mehr verloren!“, schnarrte es eisig.

„Professor Snape, Corvin, er ist da vorne und er hat einen Haarreif oder so aus einem Schrank gezogen. Jetzt ist er ganz komisch!“, keuchte Robyn.

„Bringen sie mich hin.“, bestimmte Snape.

Robyn nickte und lief voran. Ein wenig irritiert folgte ihm der Tränkemeister, diesen Abstellraum kannte er nicht. Aber gerade hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken, da sie bei Corvin angekommen waren, der immer noch das Diadem in den Händen hielt und mit verklärten Augen ins Leere starrte. Snape zischte erschrocken, als er erkannte, was der Junge da in der Hand hielt, wickelte seine Hand in seinen Umhang und griff zu. Jetzt verstand er auch, warum sein Mal seit etwa einer halben Stunde brannte. Die beiden Schüler waren durch Zufall auf einen Horkrux gestoßen. Jetzt war ihm auch klar, dass das hier keine Abstellkammer war, sondern der Raum, von dem Lupin gesprochen hatte. Der Raum der Wünsche. Er scheuchte die Jugendlichen vor sich her in sein Büro. Dort brachte er erst das Diadem in Sicherheit, sie mussten es so schnell wie möglich vernichten, bevor er zu einer Standpauke ansetzte, die jedoch nach einem genauen Blick auf Corvin schnell vergessen war, denn der Junge war immer noch nicht bei sich. Also musste er sich erst einmal darum kümmern.

Severus zog seinen Zauberstab und murmelte leise Beschwörungen vor sich hin, die die Reste der schwarzen Magie aus dem Jungen holen sollten. Erst, als die Augen von Corvin wieder klar waren, hörte er auf und schickte beide in ihr Bett mit der Auflage, mit niemandem darüber zu reden. Jetzt einen Gedächtniszauber anzuwenden, könnte fatale Folgen haben, da die dunkle Magie stark auf Corvin Scott eingewirkt hatte. Noch einen Schüler mit Gedächtnisverlust konnte er nicht brauchen. Und er wusste, dass die beiden Zwillinge, die einzigen, die er je gemeinsam in seinem Haus gehabt hatte, sehr verschwiegen und zuverlässig waren.

Der Tränkemeister fühlte sich erschöpft, die Entfernung der schwarzen Magie aus dem Jungen hatte ihm viel Kraft gekostet. Dennoch musste er nun erst einmal mit Lucius reden. Der Blonde war ihr Anführer im Kampf gegen die Horkruxe. Also kniete er sich vor den Kamin und warf eine Handvoll Flohpulver hinein. Ihm war klar, dass Lucius wohl schon im Bett lag, immerhin war es inzwischen schon fast ein Uhr morgens, er hatte die Zwillinge erst gegen kurz nach zehn Uhr abends getroffen und die ‚Behandlung‘ von Corvin Scott, dem etwas lebhafteren der Zwillinge, hatte weit über eine Stunde gedauert. Als sein Kopf endlich im Manor angekommen war, rief er nach seinem Lebenspartner. Es war still im Haus. Schließlich entschied Severus, dass Lucius wohl nicht reagieren würde, weil er seine Rufe nicht hören konnte.

„Tippsy?“, rief er eine der Elfen. Sofort ploppte es und die Elfe erschien vor dem Kamin.

„Meister Snape, Sir?“, fragte sie mit großen Augen, als sie seinen Kopf zu dieser ungewöhnlichen Zeit im Kamin sah.

„Ich muss dringend mit Lucius sprechen, bitte wecke deinen Meister und sag ihm, dass ich weiß, was das Brennen vor einigen Stunden bedeutet.“, bat Severus, der seine Position bereits jetzt unbequem fand.

Die Elfe verschwand mit einem zustimmenden Nicken und Severus positionierte seine Beine ein wenig anders. Vielleicht sollte er, genau wie Lucius, ein weiches Fell vor seinen Kamin legen. Er sprach nur sehr selten mit anderen Zauberern über das Flohnetzwerk, daher hatte er bisher von solchen Ideen Abstand genommen. Endlich, nach über fünf Minuten erschien ein leicht bekleideter Lucius, der sich offenbar nur schnell einen Morgenmantel über seine Boxer geworfen hatte, da er immer fast nackt schlief. Er wirkte, als wäre er aus dem Tiefschlaf gerissen worden, war aber dennoch sehr aufmerksam, als er Severus´ Bericht lauschte.

„Geh beiseite, Severus, ich komme rüber. Über das Netzwerk ist es zu unsicher, auch wenn unsere beiden Kamine gut gesichert sind.“, entschied er.

Severus nickte und zog sich zurück. Es dauerte nur eine Minute, dann stieg ein elegant gekleideter Lucius heraus und umarmte ihn kurz. „Wie geht es dem Jungen?“

„Ich denke, er schläft jetzt. Ich konnte die dunkle Magie aus ihm entfernen. Was machen wir nun?“, entgegnete Severus.

„Wir zerstören den Horkrux, und zwar so schnell wie möglich. Und dann sehen wir, ob es in diesem Raum noch Hinweise auf das Medaillon gibt. Wer weiß, ich bin inzwischen gewillt, jede Möglichkeit zu überprüfen, auch wenn sie noch so unwahrscheinlich ist. Wo hast du das Diadem?“, wollte Lucius wissen.

„In meinem Wandsafe. Ich werde es rausholen, wenn wir alles haben, um den Horkrux zu zerstören.“, informierte Severus.

„Aber nur mit Handschuhen. Du hast doch deine Drachenlederhandschuhe noch?“, fragte Lucius. Severus nickte nur. „Gut. Ich informiere Bill, Kingsley und Moody. Wir sollten auch Black dazu holen und Minerva. Ein Horkrux hat meist starke Abwehrbanne auf sich, wir brauchen eine Menge Magie, um ihn vernichten zu können. Es ist mir ein Rätsel, wie Potter das mit zwölf Jahren alleine geschafft hat.“

Lucius rief seinen Patronus auf und schickte ihn nacheinander zu Bill, zu Moody, zu Kingsley, zu Sirius und zur Schulleiterin. Dann rief er Dobby und bat ihn, das Schwert zu bringen.

„Ihr habt einen weiteren Horkrux gefunden, Master Malfoy?“, staunte der Hauself.

„Ja, Dobby, haben wir. Er ist bei Severus im Safe und wir wollen ihn gleich zerstören.“, schmunzelte Lucius.

Dobby verschwand und Severus sah ihm mit großen, erstaunt geweiteten Augen hinterher. „Ich dachte, du hasst ihn?“

„Das sollten auch alle denken. In Wahrheit habe ich ihn, auf Anraten von Albus, damals auf Harry Potter angesetzt. Gut, Dobby hat es nicht gerade geschickt angestellt, er sollte den Jungen warnen, nichts Unüberlegtes zu tun, aber du kennst ihn ja. Als die Ereignisse in der Kammer so schlimm endeten, bat mich Albus, mitzuspielen. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber da Potter mit im Raum war, konnte er wohl nicht deutlicher werden, er ist nur kurz in meine Gedanken eingedrungen und hat angedeutet, dass er einen Plan hat. Harry kam mir kurz danach hinterher, aus irgendeinem Grund wusste er, dass das Tagebuch ursprünglich bei mir war und er glaubte, dass es meines war. Er gab es mir und ich reichte es an Dobby weiter. Der hat es aufgemacht und Potter hatte eine Socke hineingelegt. Das interpretierte der Elf so, dass ich ihm Kleidung geschenkt habe. Den Rest kennst du.“, berichtete Lucius.

Der Tränkemeister schüttelte ungläubig den Kopf. „Du warst wirklich immer auf der Seite von Albus. Und ich habe es nie auch nur geahnt.“

„Anfangs durftest du nichts wissen, da du dich nicht so gut verschließen konntest und dann war ich mir nicht sicher, auf welcher Seite du stehst. Es tut mir leid, ich hätte nicht zweifeln dürfen.“, gestand Lucius traurig. Gedankenverloren nahm er das Schwert von Dobby entgegen, der aufgetaucht war und es ihm wortlos reichte.

„Es ist vergangen. Vergessen wir es, wir müssen an die Zukunft denken.“, entgegnete Severus müde und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Wie gerne würde er nun in den starken Armen des Blonden schlafen. Severus war so erschöpft, doch es war noch nicht Zeit zu schlafen, im Gegenteil. Das Brechen der Banne um den Horkrux würde ihn noch einmal eine Menge Energie kosten. Er setzte sich auf das Sofa und verbarg sein Gesicht einen Moment in seinen Händen, versuchte, seine Kräfte zu mobilisieren. Unbemerkt von ihm ging Lucius in das private Labor seines Partners und holte einen Stärkungstrank, reichte ihn dem Tränkemeister. „Du wirst ihn brauchen.“, bestimmte er leise.

„Danke.“, wisperte der Schwarzhaarige und trank das Fläschchen in einem Zug aus. Sofort spürte er, dass er wieder energiegeladen war und stand auf. Gemeinsam warteten sie nun darauf, dass ihre Verbündeten im Kampf gegen Voldemorts Wiederauferstehung auftauchten. Minerva kam als Erste, sie klopfte an die Tür von Severus´ Privaträumen. Wo sie waren und um was es ging, hatte ihr der Patronus von Lucius verraten. Noch bevor sie mehr als einige Worte zur Begrüßung wechseln konnten, färbte sich das Feuer im Kamin im benachbarten Büro grün und Moody trat heraus. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er die beiden Slytherins vor sich, skeptisch wie eh und je. Doch außer einem knurrigen „Morgen“ sagte er nichts, lehnte sich nur an die Wand und beobachtete. Kingsley kam als Nächster, direkt gefolgt von Bill und Sirius Black. Lucius räusperte sich und zog damit die Aufmerksamkeit auf sich.

„Guten Morgen. Es tut mir leid, dass ich euch mitten in der Nacht geweckt habe, aber ich denke, wir sollten den gefundenen Horkrux direkt vernichten.“, begann er. Hier unterbrachen ihn fragende und erstaunte Zwischenrufe. Er hob leicht die Hand, damit Ruhe einkehrte und er weitersprechen konnte. „Severus hat bei seinem Kontrollgang einen Schüler getroffen, der ihm berichtete, dass einer seiner Klassenkameraden sich komisch verhalte. Er folgte dem Schüler und traf auf einen Drittklässler, der das Diadem in den Händen hielt. Der Junge war von der Magie des Horkruxes stark betroffen. Severus hat ihn hierher in seine Räume gebracht und die negative Magie aus ihm entfernt, ihn danach ins Bett geschickt. Er ist sicher, dass die Jungen schweigen. Der Horkrux ist sicher verwahrt hier im Büro. Dobby hat das Schwert bereits gebracht. Wir können ihn sofort zerstören.“

„Dann los. Worauf warten wir noch?“, brummte Moody.

Severus trat an seinen Safe heran und öffnete ihn. Lucius reichte ihm seine Drachenlederhandschuhe, die er normalerweise nutzte, wenn er mit gefährlichen Zutaten im Labor hantierte. Der Tränkemeister zog sie über und griff in den Safe, holte das Diadem heraus. Optisch wirkte es unscheinbar, wenn auch wunderschön. Zierlich und mit vielen Edelsteinen besetzt funkelte es im Schummrigen Licht der Nacht in den Kerkern. Doch noch bevor sie gehen konnten, klopfte es an der Tür und zwei Stimmen riefen nach Professor Snape.

„Geh.“, bestimmte Lucius. „Wir warten.“ Er nahm ihm die Handschuhe und den Horkrux ab und setzte sich auf das Sofa, winkte den Anderen, es ihm gleichzutun.

Severus öffnete die Tür einen Spaltbreit und sah Kevin Baker und Daniel O´Connor im Schlafanzug vor sich stehen. Sie wirkten völlig verängstigt. „Was ist passiert?“, wollte er wissen.

„Es geht um Corvin, Professor Snape. Es geht ihm nicht besonders und wir bekommen ihn nicht wach. Robyn ist bei ihm geblieben. Ich glaube, er hat hohes Fieber.“, berichtete Daniel zitternd.

„Ich komme.“, erwiderte ihr Hauslehrer und folgte ihnen auf dem Fuße. Sie eilten durch den Gemeinschaftsraum und in den Schlafsaal der Schüler, wo ein schweißgebadeter, zitternder Corvin Scott im Bett lag und sich wimmernd wand. Sein Bruder saß zitternd und tränenüberströmt neben ihm. Hoffnungsvoll blickte er auf, als er den Professor hörte. Der hatte seinen Stab bereits gezogen, konnte aber, bis auf das Fieber, nichts feststellen. Daher griff er nach dem Schüler und hob ihn in seine Arme.

„Ich bringe ihn in den Krankenflügel. Sie sollten nun wieder schlafen, ich bin sicher, es ist nichts allzu Ernstes. Morgen früh können sie sich nach ihm erkundigen.“, erklärte er ruhig.

„Kann ich mitkommen?“, wollte Robyn wissen.

Der Tränkemeister nickte nach kurzem Überlegen, er wusste in etwa, wie eng die beiden Brüder miteinander waren. Die anderen beiden Schüler legten sich wieder in ihr Bett, sie wussten, dass Snape schon sehr gnädig mit Robyn umgegangen war, untypisch für ihn. Sie selber würden sicherlich seinen Zorn auf sich ziehen, wenn sie widersprachen. Doch beruhigt waren sie nicht wirklich, hatten sie doch gesehen, wie panisch die Zwillinge gewesen waren, als sie sehr spät in den Schlafsaal gekommen waren. Doch mehr als dass sie von irgendwem verfolgt und mit Zaubern gejagt worden waren, hatten sie nicht gesagt, nur dass ihr Hauslehrer ihnen geholfen hatte. Sie waren aber sicher, dass da noch mehr gewesen und das Fieber nun die Folge davon war.

Severus eilte indessen mit dem Jungen im Arm in Richtung Krankenflügel, dicht gefolgt von dessen Bruder, der ihm unaufgefordert die Türe öffnete und nach der Heilerin rief. Madam Pomfrey kam nur Momente später aus ihrem Büro und zückte ihren Zauberstab, sobald sie neben dem Bett stand, in dem der Junge nun lag. „Was ist passiert?“, fragte sie zwischen zwei Zaubern.

„Mister Scott kam am späten Abend mit dunkler Magie in Kontakt, die ihn beeinflusste. Ich habe die Magie in ihm bekämpfen und entfernen können und ihn zu Bett geschickt. Aber gerade haben mich seine Kameraden geweckt, da er hohes Fieber hatte und nicht mehr ansprechbar war.“, berichtete Severus.

Die Heilerin beendete ihre Diagnose. „Es ist nichts Schlimmes. Das Fieber bekämpft die Folgen des Kontaktes mit dem dunklen Objekt. Was war es, das er in den Händen hatte?“

Severus nickte mit seinem Kopf zu dem Schüler, der ihnen aufmerksam zuhörte und Madam Pomfrey verstand. Sie deutete auf ihr Büro und sprach den Jugendlichen an. „Mister Scott? Sie können hier bleiben, wenn sie das wollen. Ihrem Bruder wird es morgen schon besser gehen, aber ich werde ihn wohl zwei oder drei Tage hier behalten, nur um sicher zu gehen. Wollen sie das Bett neben ihm beziehen und noch ein wenig schlafen?“, fragte sie.

Müde nickte der Blonde und schlüpfte unter die Decken, nachdem er das Bett nahe an das seines Bruders geschoben hatte. Er griff nach der Hand des Zwillings und schloss dann die Augen, war Minuten später eingeschlafen. Severus folgte der Heilerin in das Büro.

„Es ist gefährlich, wenn dieses Wissen bekannt wird, Poppy.“, mahnte er. „Wenn du es nicht unbedingt für die Diagnose wissen musst, dann würde ich es vorziehen, wenn du keine Ahnung hast, womit er in Kontakt kam. Wir wollten gerade sicherstellen, dass es niemandem mehr gefährlich werden kann, als sie mich alarmiert haben.“

„Für eine Diagnose brauche ich es nicht, aber die Gefahr, die davon ausgeht, muss gebannt werden, damit es nicht noch mehr Schüler trifft.“, warnte die Heilerin. „Wenn du nicht so schnell reagiert hättest oder nicht wüsstest, was du tun sollst, hätte er kaum eine Chance gehabt. Ich kenne nur wenige Dinge, die so gefährlich sind. Stelle sicher, dass kein Schüler mehr an so etwas gerät.“

„Das werde ich.“, versprach Severus und wandte sich zum Gehen. „Und sag mir Bescheid, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.“

„Natürlich, Severus. Gute Nacht.“, lächelte die Heilerin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Weg zurück in seine Räume spürte Severus, dass die Wirkung des Stärkungstrankes bereits wieder nachließ, auch eine Folge der dunklen Magie, mit der er heute zu tun hatte, und ein Zeichen dafür, wie stark diese gewesen sein musste. Dennoch mussten sie heute, jetzt sofort, sichergehen, dass der Horkrux unschädlich gemacht wurde. Severus straffte sich, bevor er in seine Räume trat. Fragende Blicke trafen ihn.

„Der Junge hat Fieber als Folge davon, dass er mit dem Horkrux in Kontakt kam, aber er wird sich wieder erholen. Poppy will ihn zwei oder drei Tage bei sich behalten, aber sie geht davon aus, dass das Schlimmste bereits überstanden ist.“, klärte er die Anwesenden auf.

„Gut, dann können wir jetzt?“, brummte Moody.

„Ja, ich denke schon.“, erwiderte Lucius ruhig. Er hatte den Horkrux noch immer in seinen behandschuhten Händen und stand auf. Severus, der immer noch in der Tür stand, musterte ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Wohin?“, wollte er wissen.

„In mein Büro.“, warf Minerva ein. „Es gibt dort einen Raum, den hat Albus schon genutzt, um den Ring zu vernichten. Eigentlich ist es der persönliche Trainingsraum des Schulleiters, aber er ist dafür gut geeignet.“

Die Männer folgten Minerva ruhig, aber zügig. Alle wollten es nun beenden. Sie führte sie durch zwei Geheimgänge und so kamen sie innerhalb weniger Minuten an den Wasserspeier, der beiseite rückte, als die Schulleiterin darauf zuging, und den Weg in ihr Büro freimachte. Oben angekommen führte sie sie direkt durch eine verborgene Tür rechts hinter ihrem Schreibtisch in einen etwa zwanzig Quadratmeter großen, annähernd leeren Raum. An einer Wand waren verschiedene Waffen befestigt und der Boden war fest, aber dennoch weich. Er musste magisch sein, überlegte Severus, damit man gut darauf laufen und sich bewegen konnte, sich aber nicht verletzte, wenn man bei einem Trainingskampf stürzte. An der Wand unter dem Fenster, das der Tür gegenüber war, stand ein relativ kleiner Tisch aus dunkelgrauem Stein. Diesen ließ Kingsley nun mit einem Zauber in die Mitte des Raumes schweben. Lucius deutete ihnen an, sich um den Tisch herum zu stellen und legte das Diadem in die Mitte.

„Wir müssen gemeinsam die Banne brechen. Bill hat die meiste Erfahrung damit, aber bei einem Horkrux reicht die Kraft eines einzelnen Zauberers meist nicht aus. Die Ausnahme hiervon ist wohl Harry Potter. Daher werden wir ihn unterstützen. Moody und Kingsley haben nach ihm die meiste Erfahrung mit dem Brechen dieser Banne, sie stehen rechts und links. Severus und ich daneben, dann Sirius und Minerva. Unsere Aufgabe ist es, die drei Bannbrecher mit Magie zu unterstützen. Severus, du nimmst das Schwert und vernichtest den Horkrux, sobald die Banne gefallen sind. Nutz die Spitze dafür, sie ist am stärksten mit dem Gift getränkt. Bill wird dich ansehen und dir zunicken, wenn du ihn zerstören kannst, aber sei gewarnt, auch dann, wenn die Banne gebrochen sind, wird sich der Horkrux wehren, er will nicht zerstört werden. Denk an Leon und Draco, du willst die Welt sicher für die beiden machen.“, befahl Lucius.

Noch während er sprach, hatten sich alle so aufgestellt, wie er es angeordnet hatte. Severus sah ihn überrascht an. „Ich soll ihn vernichten?“

„Ja, ich denke, du hast dir das verdient. Du hast diesem Schüler offenbar das Leben gerettet, das macht dich am gefährlichsten für den Horkrux. Frage nicht, woher wir das wissen, aber wir haben herausgefunden, dass ein Horkrux nur dann vernichtet werden kann, wenn derjenige, der das versucht, eine gewisse emotionale Beziehung zu dem Seelenbruchstück hat. Keiner von uns hat das, daher musst du ihn vernichten.“, erklärte der Blonde ruhig.

Sirius Black hatte auffahren wollen, hielt sich aber, nach einem Blick von Kingsley, zurück. Er wusste, er musste noch mit dem Tränkemeister reden, aber nun war nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

„Alle bereit?“, fragte Lucius nun und sah herum. Er bekam von allen ein Nicken und Severus hielt das Schwert fest in der Hand. Bill schloss die Augen, ebenso Kingsley und Moody. Sie sammelten ihre Magie und konzentrierten sich. Lucius legte die Hand auf Moodys Schulter und deutete den anderen an, ebenfalls Körperkontakt herzustellen, um die Magie leichter übertragen zu können. Als der Kreis geschlossen war, begann Bill. Er richtete seinen Zauberstab auf das Diadem und sprach die ersten Zauber. Alle konnten spüren, wie viel Energie das verbrauchte, doch sie spürten auch, wie mit jedem Zauber der Schutz um das Diadem schwächer und der Einfluss des Horkruxes geringer wurde. Dennoch brauchten die drei Fluchbrecher über zwanzig Minuten, bis Bill aufblickte und Severus zunickte. Der nahm das Schwert und erhob es. Widerstand regte sich in ihm, er wollte das wunderschöne Stück nicht vernichten, es nicht zerstören.

Es wirkte so unschuldig, und es war ein Stück Geschichte, das durfte doch nicht einfach zerstört werden, oder? Es hatte Rowena Ravenclaw persönlich gehört, hatte ihr zu Weisheit und Umsicht verholfen, indem es ihre Wahrnehmung geschärft und den Verstand in präzisen Bahnen gelenkt hatte. Und jetzt sollte er es einfach mit dem Schwert zerstören? Es musste doch eine andere Möglichkeit geben! Er spürte nicht, wie das Schwert langsam zur Seite wich, hörte nicht, wie Lucius ihm zuredete, zuzustoßen. Er nahm nichts mehr wahr außer dem Pulsieren des Diadems. Dieses kleine, unschuldige Schmuckstück könnte die Welt revolutionieren. In den richtigen Händen würde es den Menschen helfen, eine neue Welt zu erschaffen, eine Welt, in der Frieden, Freiheit und Zufriedenheit herrschten, eine Welt, in der die Menschen gesund wären und glücklich. Eine Welt, in der Leon keine Angst haben müsste. Leon, sein Kleiner, der schon so viel Schlimmes erlebt hatte, könnte damit glücklich sein. Könnte er das? Wenn die Möglichkeit, dass der Lord zurückkam, weiterhin Bestand hatte? Nein, er musste es vernichten, durchfuhr es den Tränkemeister mit einem Mal. Mit einem wütenden Aufschrei katapultierte er sich zurück in die Wirklichkeit, hob das Schwert wieder an und stieß es mit voller Wucht in die Mitte des Diadems.

Das Schmuckstück explodierte und zerbrach in tausend Teile, als das Schwert es zerteilte. Die Splitter flogen mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum und die ersten scharfkantigen Stücke trafen auf die Zauberer und die Hexe, die um den Tisch standen. Blitzschnell schuf Moody einen Schild um den Tisch, sodass die weiteren Splitter pulverisiert wurden und gefahrlos auf den Tisch zurückfielen, doch alle hatten bereits etwas abbekommen. Severus brach lautlos zusammen, ebenso Bill. Die anderen Kämpfer hatte es nicht so schlimm erwischt, Lucius hatte einige Splitter in seinem Arm und seinem Brustkorb stecken, die aber nicht sehr tief saßen, Moody, Kingsley und Sirius hatten Kratzer im Gesicht und an den Armen, Minerva hatte sich umgedreht und blutete nun an der Schulter aus einer kleinen Wunde.

Lucius eilte zu Severus, der bewusstlos auf dem Boden lag und sah, dass ihn ein etwas größeres Stück scheinbar direkt an der Schulter getroffen hatte. Der Tränkemeister atmete gleichmäßig und auch sein Puls ging kräftig und regelmäßig, das linderte die Sorge des Blonden ein wenig. Die dunkle Magie hatte ihm wahrscheinlich mehr zugesetzt, das war vermutlich der Grund für den Zusammenbruch. Kingsley hatte in der gleichen Zeit Bill untersucht und etwas Ähnliches festgestellt. Sie versorgten ihre Wunden gegenseitig, dann beschworen Lucius und Moody zwei Tragen herauf und ließen die beiden Bewusstlosen darauf schweben, um sie in den Krankenflügel zu bringen.

Die Heilerin war wenig begeistert, als sie die beiden neuen Patienten bekam, untersuchte sie dennoch gründlich. „Absolute psychische und physische Erschöpfung, dazu fast leere Magiereserven.“, stellte sie fest. „Was in aller Welt haben die Beiden getrieben?“

„Das Objekt vernichtet, das diesen jungen Mann“, Lucius deutete auf Corvin, „so sehr beeinflusst hat. Und nein, ich werde ihnen nicht sagen, was es für ein Objekt war, es darf nicht bekannt werden, was wir wissen oder tun.“

Madam Pomfrey schüttelte missgelaunt ihren Kopf. „Sie werden einige Tage viel schlafen, dann können sie wieder nach Hause, aber keine anstrengenden Zauber in nächster Zeit. Das gilt auch für alle Anderen, die da mitgeholfen haben.“, bestimmte sie nachdrücklich. Dann scheuchte sie alle, die noch auf ihren eigenen Beinen stehen konnten, aus dem Krankenflügel, da ihre Patienten Ruhe brauchten.

Lucius verabschiedete sich von seinen Mitstreitern und ging zurück in Severus´ Büro. Von dort aus nahm er den Kamin und ging nach Hause. Die Schulleiterin nahm die anderen Männer, Sirius, Kingsley und Moody, mit nach oben, wo sie sich ebenfalls verabschiedeten, um nach Hause zu gehen. Sie versprach ihnen, sie auf dem Laufenden zu halten, was die Gesundheit von Bill und Severus anbelangte. Nach einem Blick auf die Uhr beschloss sie, nicht mehr schlafen zu gehen, da es fast Zeit für sie war, aufzustehen. Für solche Fälle hatte sie bestimmte Tränke in ihrem Vorratsschrank, die sie wach machten und fit hielten. Severus hätte sie ihr vermutlich nicht gegeben, aber von Poppy hatte sie einige bekommen. Für Notfälle, und das hier war sicher ein Notfall. Auch wenn heute Samstag war und kein Unterricht, aber ein Quidditch-Spiel stand an. Slytherin gegen Ravenclaw. Nun, die Schlangen mussten heute ohne ihren Hauslehrer auskommen. Möglicherweise auch ohne ihren Hüter, aber sie hatten hoffentlich Ersatz. Als Schulleiterin war sie bei solchen Spielen grundsätzlich anwesend, um zu verhindern, dass es aus dem Ruder geriet.

Beim Frühstück in der großen Halle erhob sie sich, als die meisten der Schüler anwesend waren. „Guten Morgen.“, sprach sie mit ihrer nur leicht verstärkten Stimme und es wurde still in der Halle, alle Augen waren auf sie gerichtet. „Ich vermute, die ersten Gerüchte gehen schon um in der Schule. Professor Snape und einer seiner Schüler sind krank, es ist nichts Ernstes, aber sie werden wohl noch einige Tage im Krankenflügel unter der Obhut von unserer Heilerin bleiben müssen. Das Spiel heute findet dennoch statt, ich hoffe, Slytherin hat einen Ersatz-Hüter, da Corvin Scott nicht spielen kann.“

Sie warf dem blonden Kapitän, der dieses Jahr deutlich ruhiger und unauffälliger war als bisher, einen fragenden Blick zu. Draco Malfoy nickte nur knapp, sie hatten für jede Position einen Ersatz und die unterschiedlichen Schüler waren auch aufeinander eingespielt, da er sie in verschiedensten Besetzungen miteinander trainieren ließ. Er nickte Pansy zu, diese sollte heute als Hüterin einspringen. Auch wenn er es nicht ausstehen konnte, wie sehr sie ihm immer hinterherlief und ihn als ihr Eigentum ansah, sie war eine gute Hüterin und er wäre dumm, sie nicht einzusetzen. Und eines war Draco ganz sicher nicht: dumm. Er legte einen Arm um Leon, der zitternd neben ihm saß und in seinem Essen herumpickte.

„Geh zu ihm. Ich komme später und hole dich zum Spiel.“, raunte er seinem Kleinen zu. Blaise hatte ihn beobachtet und grinste nur leicht. „Was?“, raunzte Draco den Blauäugigen an, den er als seinen besten Freund bezeichnete. „Nichts.“, zuckte der nur die Schultern und drehte sich weg, um ein Gespräch mit Linda zu beginnen, die als Jägerin im Team spielte. Draco starrte ihn einen Moment noch böse an, erinnerte sich dann aber an ihre Hausregeln und verschob den Streit auf später. Nicht in der Öffentlichkeit, und hier in der großen Halle waren derzeit sowieso schon alle Augen auf sie gerichtet.

Leon hatte davon nichts mitbekommen, er war direkt aufgestanden und aus der Halle gelaufen. Minuten später stand er am Bett seines Vaters, der ihn erschöpft anblickte. „Alles in Ordnung, Leon.“, bestätigte der Tränkemeister. „Ich bin nur ein wenig …“ Hier unterbrach ihn die Heilerin: „Ich würde eher sagen komplett erschöpft und die magischen Reserven so gut wie leer.“

„Was war los, Dad?“, wollte Leon wissen, einen bezeichnenden Blick hinter sich auf Corvins Bett werfend. Robyn hatte er beim Frühstück gesehen, er hatte übermüdet und besorgt gewirkt.

„Nicht jetzt und hier.“, flüsterte Severus. Lauter fügte er hinzu: „Dein Freund ist nur ein wenig erschöpft und hatte letzte Nacht Fieber, aber nichts Ernstes. Am Montag oder Dienstag wird er entlassen. Ich werde am Montag wieder unterrichten. Und nun geh und fang den Schnatz!“

Er umarmte seinen Sohn kurz und küsste ihn auf den Scheitel. Draco kam im selben Moment durch die Tür und wirkte erleichtert, auch wenn es wohl außer Severus und Leon keiner mitbekam, da es nur eine minimale Veränderung seiner Mimik gab, die ihnen nur auffiel, weil sie ihn so gut kannten.

„Ruh dich aus, Onkel Sev, wir werden gewinnen!“, versprach er zuversichtlich und griff nach Leons Hand. „Komm, wir müssen los. Deinen Besen hat Vince mitgenommen.“

Die beiden so unterschiedlichen Jugendlichen verließen den Krankenflügel und eilten zum Stadion hinaus. In der Umkleide waren sie die Letzten, aber es dauerte nicht lange, da waren auch sie bereit für das Spiel. Draco hielt keine lange Rede.

„Lasst uns das Spiel gewinnen, für Professor Snape und Corvin!“, feuerte er sie an.

Sie sammelten ihre Gedanken für ein oder zwei Minuten. „Gemeinsam für Slytherin!“, rief Draco schließlich.

Alle legten ihre Hände zusammen. „Gemeinsam für Professor Snape, für Corvin und für Slytherin! Alle für einen, einer für alle!“, antworteten sie und flogen aufs Feld.

Wieder begrüßten sich die Kapitäne mit einem Handschlag, bevor sie nach Hoochs Pfiff abhoben und das Spiel begann. Leon war unkonzentriert, seine Gedanken drifteten immer wieder vom Spiel weg zu seinem Vater und er überlegte, was wohl passiert war, dass er wieder so erschöpft war. Einmal verfehlte daher ein Klatscher seinen Besen nur knapp und Draco fauchte ihn im Vorüberfliegen an, er solle sich konzentrieren. Leon zuckte zurück, aber nun war er aufmerksam. Das Spiel dauerte schon fast zwanzig Minuten an und er hatte noch nicht einmal Ausschau nach dem Schnatz gehalten, dabei hatte sein Vater es ihm doch aufgetragen. Der Jugendliche atmete tief durch und konzentrierte sich nur noch auf seine Aufgabe. Der Spielstand war gut, Slytherin führte souverän mit fünfzig zu zehn. Nun kam es auf ihn an, er musste sehen, dass er den Schnatz erwischte. Wenn er unkonzentriert war und Cho Chang, die als Sucher für Ravenclaw spielte, den kleinen goldenen Ball vor ihm erwischte, dann würden sie verlieren, und das wollte Leon seiner Mannschaft nicht antun. Auch nicht seinem Vater.

Er achtete nun ausschließlich auf das Spiel und die gegnerische Sucherin. Der schien mehr auf ihn zu achten, daher stürzte sich Leon mit einem Mal in die Tiefe, auf den Boden zu und zog den Besen erst im letzten Moment wieder nach oben. Hinter sich hörte er, wie die hübsche Spielerin mit Mühe und Not einen Aufprall verhinderte, aber dabei gewaltig ins Schlingern kam und erst einmal kurz aussetzen musste. Schnell gewann Leon wieder an Höhe und erspähte dabei ein goldenes Funkeln in der Nähe der Lehrertribüne. Er lehnte sich nach vorne und holte alles an Geschwindigkeit aus seinem Besen heraus, wissend, dass er es nun wohl gewinnen würde. Im letzten Moment zischte der kleine geflügelte Ball nach links, aber Leon rechnete damit und war sofort hinterher, sein Feuerblitz reagierte fast schon auf seine Gedanken, die sanfteste Gewichtsverlagerung reichte aus, um den Kurs zu ändern. Leon streckte seine Hand aus und schloss die Finger um den Schnatz, dessen Flügel noch einmal kraftlos flatterten und dann gab der Ball auf. Triumphierend reckte Leon die Hand in die Höhe und hörte den Pfiff, der das Ende des Spiels verkündete.

„Gut gemacht, Kleiner!“, murmelte Draco ihm zu, der gerade an ihm vorbeiflog.

Auch die anderen Spieler umringten ihn und die Zuschauer jubelten, zumindest die in grün-silber Gekleideten. Auch das gegnerische Team gratulierte ihnen, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen, aber das gehörte zum Fairplay dazu, die Schlangen hatten ehrlich und fair gewonnen.

„Heute Abend wieder Party im Gemeinschaftsraum?“, wollte Jenny wissen.

„Aber sicher. Wir sind momentan führend in der Gesamtwertung, Gryffindor ist uns zwar dicht auf den Fersen, aber diesen Sieg werden wir dennoch feiern!“, entschied Draco schmunzelnd.

„Ich gehe vorher in den Krankenflügel.“, informierte ihn Leon.

„Hab ich nicht anders erwartet.“, kam es trocken von dem Blonden. „Ich denke, wir sollten alle kurz hingehen, unser Hauslehrer will sicherlich wissen, wie es ausgegangen ist und Corvin und Robyn auch.“

Damit war es entschieden, sie duschten sich und zogen sich um, dann liefen sie geschlossen in den Krankenflügel, wo die Heilerin zwar schimpfte, sie aber dennoch einließ. Die drei Slytherins, die dort waren, freuten sich über das unverhofft eindeutige Spielergebnis von 240 zu 30 Punkten und die Führung in der Gesamtwertung. Doch nach etwas über fünf Minuten warf Madam Pomfrey die Mannschaft resolut aus ihrem Krankenflügel, da sowohl Severus Snape als auch Corvin Ruhe brauchten. Daher gingen sie zu siebt in den Gemeinschaftsraum, wo sie von einer feiernden Menge empfangen wurden. Alle bekamen sofort Essen und Getränke in die Hand, doch diesmal wusste Leon, dass er das Butterbier besser nicht trank und holte sich einen Becher Tee, denn ihm war ziemlich kalt geworden. Damit setzte er sich auf einen freien Sessel und genoss dann die kleinen Häppchen, die Blaise ihm brachte.

„Alles in Ordnung, Leon?“, fragte der Ältere leise.

„Ja, mir ist nur ein bisschen kalt und ich bin müde.“, lächelte Leon. „Ich … mir ist nicht so nach Feiern. Am liebsten würde ich einfach in mein Bett verschwinden.“

„Geh ruhig, ich denke, es wird nicht auffallen.“, antwortete Blaise. „Sie haben dir alle gratuliert und jetzt feiern sie einfach, die Meisten von ihnen haben schon genug Butterbier getrunken, dass sie es nicht mehr merken!“

Dankbar lächelte Leon ihm zu und ging dann zu den Schlafsälen. In dem Moment machte Blaise die Musik an und drehte das Licht herunter, daher bekam niemand mit, dass ihr Held verschwand. Nur Draco registrierte es, da er eigentlich immer ein Auge auf den Kleinen hatte. Doch bevor er ihm nachgehen konnte, kam Blaise zu ihm.

„Lass ihn.“, riet der Schwarzhaarige. „Er braucht ein bisschen Ruhe, dann geht es ihm bestimmt wieder besser.“

„Was ist mit ihm?“, wollte Draco mit zusammengezogenen Augenbrauen wissen.

„Ich denke, er ist einfach nur erschöpft.“, überlegte Blaise. „Ich meine, da ich zu wenig über ihn weiß, kann ich es nicht beschwören, aber er wirkt so auf mich, als wäre ihm gerade einfach alles zu viel. Was ist mit ihm?“

„Blaise, selbst wenn ich wollte, ich darf dir nichts sagen, das habe ich Leon und Onkel Sev geschworen.“, murmelte Draco. Sie saßen gerade alleine in einer Ecke des Gemeinschaftsraumes und niemand war in Hörweite, vor allem, weil die Musik alles übertönte. „Er hat eine schwere Zeit hinter sich und das verfolgt ihn ziemlich. Er kennt seinen Vater erst seit etwa zwei Jahren und hat immer wieder Angst haben müssen, ihn zu verlieren, das prägt ihn.“

„Okay, ich werde nicht weiter nachfragen. Aber er ist wirklich der Sohn von Professor Snape?“

„So viel zu ‚ich werde nicht weiter nachfragen‘.“, schmunzelte Draco. „Ja, er ist der Sohn von Onkel Sev, dein Vater hat es nachgewiesen. Und jetzt werde ich nach ihm sehen.“

„Du liebst ihn, oder?“, stellte Blaise fest.

„Fang nicht wieder damit an, wir sind wie Brüder!“, fauchte Draco. „Gute Nacht!“

Damit ging er, ohne seinen besten Freund noch eines Blickes zu würdigen. Blaise grinste in sich hinein. „Sicher, du liebst ihn nicht, und ich bin Babbelhäschen!“

Der Schwarzhaarige war sicher, dass er Recht hatte, er musste nur genug Geduld aufbringen, bis es auch Draco selber erkannte. Leon würde es wohl nicht erkennen, auch wenn er oft sehr erwachsen wirkte, in dieser Hinsicht verstand er keinerlei Anspielungen. Selbst Vince und Greg hatten bereits eine gewisse Ahnung, hatte Blaise mitbekommen, als sie sich in seiner Nähe darüber unterhalten hatten. Sie drei kannten Draco einfach schon sehr lange und die Veränderung in seinem Verhalten war für sie deutlich zu erkennen. Nur er selber erkannte es wohl nicht. Blaise nahm sich vor, weiter zu beobachten und notfalls einzuschreiten, denn die beiden passten einfach gut zusammen und Draco war so zufrieden und glücklich, wenn er mit Leon zusammen war.

 

 

 

Draco ging gedankenversunken in das Zimmer, das er sich seit einigen Monaten mit Leon teilte. Einerseits war er wütend auf Blaise, wie kam sein bester Freund dazu, solche Behauptungen aufzustellen? Andererseits konnte er nicht aufhören, über das nachzudenken, was er ihm gesagt hatte. War etwas dran, dass er Leon andere Gefühle entgegenbrachte als die brüderlichen, wie er immer geglaubt hatte? Wie der Vater so der Sohn, schoss es ihm durch den Kopf. Grummelnd schüttelte er den Kopf, vertrieb die Gedanken damit und öffnete die Tür. Leon war nirgends zu sehen, aber Draco hörte Wasser rauschen. Also war Leon wohl im Bad. Nun, sie alle hatten ziemlich gefroren bei dem heutigen Spiel, wahrscheinlich wärmte er sich auf. Er klopfte an die Badezimmertür und steckte dann seinen Kopf soweit hinein, dass er fragen konnte, ob er erwünscht war.

„Komm ruhig rein, Dray!“, stimmte der Schwarzhaarige zu.

Draco presste kurz die Lippen zusammen, er mochte es nicht, wenn jemand seinen Namen abkürzte oder verniedlichte. Doch komischerweise war es mehr Gewohnheit als dass es ihn wirklich störte. Er ging zu Leon hinüber, der in der Wanne in einem Berg aus Schaum lag, und setzte sich auf den Rand.

„Alles klar?“, wollte er wissen.

„Mir war kalt und nicht wirklich nach Feiern zumute.“, gestand Leon. „Aber ich bin okay.“

„Onkel Sev geht´s gut, er wird sich erholen, und ich wette mit dir, morgen kommt er aus dem Krankenflügel, er lässt nicht zu, dass die Heilerin ihn länger dabehält als er für notwendig hält.“, grinste Draco.

„Mit dir wette ich nicht!“, erwiderte Leon. „Das kann ich mir nicht leisten.“

Draco lachte leise. „Ich schätze, den Fehler macht mein Vater auch nicht noch einmal. Schade eigentlich, es war sehr einträglich!“

Leon stimmte in das Lachen mit ein und fühlte sich seltsam erleichtert. Es war, als wäre es deutlich wärmer in seinem Inneren geworden und die Sorgen überwogen nicht mehr so sehr. Sie hatten zwei von drei Spielen gewonnen und lagen nun vorne, seinem Vater ging es relativ gut und schulisch war fast alles in Ordnung, wenn man mal von Verteidigung absah, denn Umbridge hatte es scheinbar auf ihn abgesehen. Sie drangsalierte ihn regelmäßig, aber auf eine subtile Art, sodass er nichts gegen sie ausrichten konnte, daher hatte er seinem Vater und Onkel Lucius auch nichts gesagt. Draco wusste auch nicht viel. Solange er nicht nachsitzen musste, war alles im grünen Bereich für ihn. Leon entschied, die Wanne zu verlassen und sich mit einem Buch ins Bett zu legen. Vielleicht auch ohne Buch, denn er genoss es, so locker mit Draco reden und scherzen zu können, wenn sie alleine waren. Also stand er auf und griff nach seinem Handtuch. Er bemerkte nicht, wie Draco ihn unverhohlen musterte. Dem Blonden gefiel, was er sah, Leon hatte inzwischen Gewicht zugelegt, aber hauptsächlich Muskeln aufgebaut und man sah ihm die sportlichen Aktivitäten an. Draco schluckte ein paar Mal hart und zwang sich dann dazu, den Blick abzuwenden. ‚Es ist nur, weil er nicht mehr so zerbrechlich und krank aussieht‘, dachte er sich.

Der Blonde trocknete die Haare von Leon und versuchte, eine ordentliche Frisur zu schaffen, wobei das ein Unterfangen war, das zum Scheitern verurteilt war. Kaum dass Leon einmal mit der Hand durchfuhr, war alles wie vorher, obwohl die Haare kaum drei Zentimeter lang waren. Seufzend gab Draco auf und warf Leon seinen Schlafanzug hin. Die Haare machten doch sowieso, was sie wollten. Sie legten sich jeder in sein Bett und unterhielten sich noch eine Weile über die vergangenen Wochen. Seit Lupin und Black Bescheid wussten, war alles anders geworden, hatte Leon den Eindruck. Sein Vater arbeitete hart an sich, den Hass zu vergessen, doch gerade seit November fiel es ihm wieder sehr schwer. Er hatte immer den Verdacht gehabt, dass Black für den Unfall verantwortlich gewesen war, vor allem, weil dieser ihn wieder wie früher behandelt hatte. Nur Leon gegenüber hatte Severus eine derartige Andeutung gemacht und Draco fiel aus allen Wolken, als er das hörte.

„Warum hat er nie etwas zu Vater gesagt?“, fragte er entsetzt.

„Dad konnte es nicht beweisen, daher wollte er keine falsche Verdächtigung aussprechen, da das Verhältnis eh schon so angespannt war.“, wusste Leon.

„Aber dann hätte Vater sicherlich eine Idee gehabt, wie wir ihn überprüfen können und wir hätten den zweiten ‚Unfall‘ vielleicht vermeiden können!“, schimpfte Draco.

„Lass gut sein, Dray, das ist vorbei, es bringt uns nichts, wenn wir darüber grübeln.“, beschwichtigte Leon.

„Okay.“, gab Draco nach. „Was machen wir dann? Lesen? Schlafen? Weiterreden?“

„Ich glaube, ich würde gerne schlafen, ich bin müde.“, gestand Leon.

„Gute Nacht!“, wünschte Draco, den Wunsch seines kleinen Bruders erfüllend, und dimmte das Licht. Er selber wollte noch ein wenig lesen.

„Gute Nacht, Dray!“, murmelte Leon und schloss die Augen, war fast sofort eingeschlafen.

 

Auch Severus schlief tief und fest durch die Nacht, fühlte sich am nächsten Morgen wieder fit genug, um selbständig aufzustehen und ins Bad zu gehen. Bill war ins Mungo verlegt worden, es sollte sich nicht herumsprechen, dass er hier in Hogwarts gewesen war. Weder das Ministerium noch der Orden sollten informiert werden über ihre Tätigkeit. Sie waren nun genug Zauberer, die sich um das Problem der Unsterblichkeit des selbsternannten Lords kümmerten, und je mehr Menschen Bescheid wussten, umso größer die Gefahr, dass etwas nach außen drang. Das durfte unter keinen Umständen passieren. Als der Tränkemeister aus dem Bad kam, erwartete ihn die Heilerin mit in die Hüfte gestützten Händen und zusammengezogenen Augenbrauen, was für ihre Wut sprach. Severus ahnte, was folgen würde und wappnete sich innerlich.

„Severus Snape, was soll das denn nun schon wieder bedeuten?“, schnappte sie. „Ich habe Bettruhe verordnet, das bedeutet, dass du im Bett zu liegen hast! Kein selbständiges Aufstehen und schon gar nicht einfach so verschwinden! Wo kommen wir denn hin, wenn sich hier jeder selbst gesundschreiben könnte? Ich bin die Heilerin und bestimme, wie fit meine Patienten sind! Und jetzt ab ins Bett, das Frühstück wird gleich serviert und es wird auch gegessen werden, dass wir uns gleich richtig verstehen!“

„Sind sie nun fertig, Poppy?“, entgegnete Severus ruhig. „Ich werde hier frühstücken und dann werden sie mich untersuchen, damit ich in meine Wohnung gehen kann. Dort werde ich mich heute weiter ausruhen, aber ab morgen wieder unterrichten; ich werde auf Zauber verzichten, soweit es möglich ist. Wenn es sein muss, werde ich auch sämtliche Anweisungen per Hand an die Tafel schreiben, aber sie werden mich nicht hierbehalten können, denn ich bin gesund.“

Sie wollte etwas erwidern, doch Severus sah sie nur mit einer hochgezogenen Braue an, sein Gesicht zeigte ihr deutlich, dass er sich auf jede Diskussion einlassen würde, und zwar so lange, bis sie nachgab. Schnaubend drehte sie sich um und holte das Frühstück, das in dem Moment in ihr Büro gebracht worden war. Mit großen Augen hatte Corvin Scott das Spektakel beobachtet, verhielt sich aber still, als er einen vernichtenden Blick von seinem Hauslehrer einfing. Beide aßen in Schweigen, und nach dem Frühstück ließ sich die Heilerin dann tatsächlich davon überzeugen, Severus zu untersuchen und festzustellen, dass ihm außer der Erschöpfung seiner magischen Reserven nichts fehlte. Er sollte nur noch etwas mehr Ruhe als sonst einhalten, dann könne er morgen tatsächlich wieder unterrichten. Sofort im Anschluss an diese Feststellung verließ der Tränkemeister mit wehendem Umhang den Krankenflügel und eilte in Richtung Kerker. Dort traf er auf seine Schüler, die gerade vom Frühstück in der großen Halle zurückkamen, das sie heute scheinbar alle etwas später genossen hatten.

„Guten Morgen, Professor. Geht es ihnen wieder besser?“, fragte Millicent Bulstrode, die Vertrauensschülerin.

„Sie werden morgen nicht auf meine Anwesenheit verzichten müssen.“, gab Severus eisig bekannt und wandte sich um, damit er seine Wohnung betreten konnte. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Leon und Draco ihn musterten. Er nickte minimal mit dem Kopf und zeigte ihnen die erhobene rechte Hand, alle fünf Finger gestreckt. Draco erwiderte das kurze Nicken, er hatte verstanden.

Nach genau fünf Minuten standen die beiden dann in seinem Wohnzimmer. Leon umarmte ihn, man konnte dem Jungen die Erleichterung ansehen. „Was ist passiert, Dad?“, wollte er wissen.

„Setzt euch. Dein Vater, Draco, wird sicher auch gleich hier sein, aber er weiß Bescheid, daher kann ich euch gleich einweihen. Die Herren Scott wurden am Freitagabend von jemandem angegriffen, sie vermuten, es war das übliche Gezanke vor dem Spiel. Sie haben niemanden gesehen und die Zauber an sich waren harmlos, auch wenn es unangenehm geworden wäre. Daher haben sie sich für einen strategischen Rückzug entschieden und sind in den siebten Stock gelaufen, dort hat sich plötzlich eine Tür gebildet und sie haben sich in dem Raum versteckt. Der war ziemlich groß und vollgestellt. Sie sind hinter einem Schrank in Deckung gegangen und Corvin Scott hat in dem Schrank das Diadem entdeckt. Da er es herausgeholt hatte, mit bloßen Händen angefasst, wirkte es auf ihn ein. Sein Bruder ist gelaufen, um Hilfe zu holen und in mich gerannt. Ich habe das Diadem an mich genommen, die beiden Jugendlichen mit in mein Büro gebracht und die dunkle Magie aus Corvin Scott entfernt. Als sie weg waren, habe ich Lucius, Black, Kingsley, Moody und Bill geholt, ebenso Minerva. Nachdem ich Corvin Scott in den Krankenflügel gebracht habe, das Fieber ist eine Folge der dunklen Magie, die auf ihn eingewirkt hatte, haben wir das Diadem zerstört, deshalb sind meine magischen Reserven so leer. Bill, Moody und Kingsley haben die Banne mit Unterstützung durch unsere Magie gebrochen und ich habe das Schwert genutzt, um das Diadem zu zerstören.“, berichtete Severus.

„Du hast es zerstört, Dad?“, staunte Leon.

„Lucius meinte, es müsse von jemandem gemacht werden, der einen emotionalen Bezug zu dem Horkrux hat und da ich vorher Corvin von dessen Einfluss befreit hatte, war ich derjenige, der ihn zerstören musste.“, erklärte der Tränkemeister.

„Das ist richtig, wir haben es bei unserer Recherche zu den Horkruxen herausgefunden.“, mischte sich Lucius ein, der schon eine Weile in der Tür stand. „Albus hat diese Information aus einigen schwarzmagischen Büchern, die zu der Zeit Riddles leider noch frei zugänglich in der verbotenen Abteilung der Bücherei waren, daher wusste Voldemort so viel über dieses Thema. Inzwischen sind die Bücher unter Verschluss, aber Albus hatte Zugriff darauf.“

Sie begrüßten Lucius, der angespannt wirkte. „Was ist passiert?“, wollte Severus wissen.

„Pettigrew ist verschwunden.“, informierte der Blonde. „Es scheint, als wäre er direkt nach den Verhören aus Askaban entkommen. Er muss Hilfe gehabt haben, und zwar von weit oben im Ministerium, aber ich habe bisher nichts herausfinden können. Dem Zaubergamot ist heute die Tatsache unterbreitet worden, dass ein Gefangener aus dem Hochsicherheitstrakt fehlt. Kingsley hat mir dann gesagt, um wen es sich handelt. Die Wachen wissen nicht einmal mehr, dass er da sein sollte.“

„Scheiße.“, fluchte Severus.

„Das hilft uns nicht weiter, Severus, auch wenn du Recht hast.“, bremste ihn Lucius. „Wir müssen sehen, dass wir die letzten beiden Horkruxe vernichten. Ich vermute, Pettigrew finden wir so schnell nicht mehr, er kann sich immerhin verwandeln und so untertauchen. Wenigstens kann er sich nicht an mich erinnern, da Kingsley ihm das Gedächtnis manipuliert hat. Ich werde mit Sirius Black sprechen, er muss auch wissen, was passiert ist. Ich denke, wir sollten ihn herholen.“

Severus dachte einen Moment nach, dann nickte er zustimmend. Er war nicht besonders gut auf den Animagus zu sprechen, aber er wusste auch, dass es notwendig war, dass sie zusammenarbeiteten. Lucius ging ins Büro hinüber und machte sich daran, Black zu rufen. Leon und Draco drängten Severus dazu, sich zu ihnen zu setzen, denn bisher war er stehen geblieben. Doch er wirkte ziemlich blass, was wohl einerseits eine Folge der Vernichtung des Horkruxes, aber andererseits auch die Reaktion auf die Flucht von Pettigrew war. Sie konnten hören, dass Lucius im Büro bereits mit Black sprach, ihn darüber aufklärte, was sie erfahren hatten. Gemeinsam betraten sie anschließend das Wohnzimmer.

„Was machen wir nun?“, stellte Draco die entscheidende Frage.

„Wir sehen zu, dass wir herausfinden, wo die Schlange und das Medaillon sind.“, schnarrte Severus.

„Vielleicht habe ich einen Hinweis.“, ergriff Sirius Black das Wort. „Ich hatte nicht viel Zeit in meinem Haus, aber zumindest scheint alles so zu sein, wie es meine ‚Familie‘ hinterlassen hat. Da der Hinweis auf meinen Bruder zu deuten scheint, habe ich sein Zimmer durchsucht und eine kleine Spur gefunden. Er hat sich mit Büchern zu dem Thema Horkruxe beschäftigt, was zu bestätigen scheint, dass er wusste, worum es geht. Ich habe versucht, aus meinem Hauselfen Informationen herauszubekommen, aber der vergöttert Regulus noch immer und will mir keine Informationen geben, und ich bin mir über seine Loyalität nicht ganz klar, daher habe ich keine direkten Fragen gestellt. Ja, er muss mir gehorchen, aber ich weiß nicht, wieweit er sich auch daran hält. Ich weiß, dass Hauselfen auch gegen Befehle verstoßen können. Sie müssen sich anschließend selbst bestrafen, aber das würde diesen Elfen sicher nicht weiter stören, wenn er mir damit schaden kann.“

„Bleibt also nur, selbst danach zu suchen.“, stellte Lucius fest. „Ich werde dir helfen, wenn ich ein wenig freie Zeit habe, aber wir dürfen es nicht zu auffällig machen. Du räumst das Haus auf und ich komme dann hinzu, wenn dein Elf nicht da ist.“

„Und was ist mit einem Aufrufezauber?“, wagte Leon zu bemerken.

„Nun, das habe ich bereits versucht, wenn ich auch damit gerechnet habe, dass es nicht funktioniert.“, antwortete Black schmunzelnd, sein Auge ruhte leuchtend auf dem Jungen ihm gegenüber. „Die meisten schwarzmagischen Objekte sind vor solchen Zaubern geschützt, dennoch habe ich es probiert, nur um nichts unversucht zu lassen.“

„Gut, dann hoffen wir, dass das Medaillon dort auftaucht. Wenn Regulus es woanders hingebracht oder gar bereits zerstört hat, dann werden wir das wohl nicht herausfinden.“, schnaubte Severus.

Sirius Black sah den Tränkemeister an. „Severus, ich möchte mich entschuldigen.“ Er hob die Hand, als Severus ihn unterbrechen wollte. „Lass mich bitte ausreden. Ich stand zwar unter dem Imperius, doch ich habe wohl nicht mit all meiner Kraft dagegen angekämpft, weil es gegen dich ging. Ich wollte dich nicht töten, aber die kleinen Stiche gegen dich … Ich muss zugeben, es war eine Art Rache. Ich war sauer, weil du mir mein Patenkind genommen hast. Remus hat mir ein bisschen was erzählt und mir die Berichte gegeben, die im Propheten standen. Seit ich in meinem Haus bin, Kingsley hat direkt am Freitag dafür gesorgt, dass ich aus dem Mungos entlassen werden, habe ich es gelesen und nachgedacht. Du hast alles getan, was in deiner Macht stand. Ich fühle mich fürchterlich, dass ich dir das angetan habe und möchte mich ehrlich entschuldigen. Ich kann nur für mich sprechen, aber auch für das, was wir dir in der Schule angetan haben, möchte ich mich entschuldigen, auch wenn es wahrscheinlich unentschuldbar ist, wie wir dich behandelt haben. Mir ist inzwischen klar geworden, dass es falsch war, aber ich kann es nicht rückgängig machen, auch wenn ich das gerne möchte. Es tut mir leid.“

Severus war geschockt. Das war etwas, womit er nicht gerechnet hatte, niemals hätte er gedacht, dass einer der Rumtreiber sich entschuldigen würde. Er war starr, wusste nicht, was er sagen sollte. Einfach verzeihen konnte er das nicht, was über so viele Jahre vorgefallen war, aber er spürte, dass Black es ehrlich meinte. Mehrmals setzte er zum Sprechen an, brachte aber keinen Ton heraus. Black lächelte traurig.

„Hätte nie gedacht, dass ich dich sprachlos kriege, wenn ich mich entschuldige.“, murmelte er mit nur leisem Spott in der Stimme.

„Gib mir ein wenig Zeit, Black … Sirius.“, bat Severus.

„Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“, bot Sirius an. „Ich hoffe, wir können irgendwann noch einmal neu anfangen, die Vergangenheit begraben. Auf mich kannst du zählen.“

Leon, der sehen konnte, wie aufgewühlt sein Vater war, stand auf und griff nach der Hand seines Vaters. „Komm, gehen wir ein bisschen spazieren.“, forderte er ihn auf. Lucius nickte, auch er fand, es wäre eine gute Idee. Missmutig stand der Tränkemeister auf und sie zogen sich warm an, wozu Leon schnell in seinen Schlafsaal ging. Dann gingen sie nach draußen und wandten sich in Richtung des großen Sees. Dort fand Leon immer wieder zu sich selbst und wurde ruhiger, wenn er aufgewühlt war und er hoffte, dass es seinem Vater ebenso ging. Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander her, erst, als sie weit genug von allen anderen Schülern weg waren, ergriff Leon wieder das Wort.

„Wie geht´s dir, Dad?“, wollte er wissen.

Severus schwieg noch eine ganze Weile, bevor er seinen Blick auf Leon richtete, der stumm und abwartend neben ihm durch den tiefen Schnee stapfte. „Ich weiß es nicht.“, seufzte er leise. „Wie hast du einmal festgestellt, in Neuseeland war alles einfacher. Ich habe Black jahrelang gehasst, für das, was er mir in meiner Schulzeit angetan hat, aber auch dafür Lily verraten zu haben. Als ich erfuhr, dass er Lily nicht verraten hat, wurde es schon schwieriger. Und jetzt hat er sich entschuldigt und ich bin mir sicher, dass es ehrlich war, ich konnte es spüren. Ich kann nicht vergessen, aber wir arbeiten nun zusammen und kämpfen für das gleiche Ziel. Das macht es gerade nicht leichter.“

„Gehen wir einfach noch eine Weile, die Luft tut uns beiden gut und vielleicht wirst du dir über alles klarer, wenn wir ein bisschen Abstand gewinnen.“, schlug Leon vor.

„Gerade habe ich wieder das Gefühl, einen Erwachsenen neben mir zu haben.“, schmunzelte Severus leicht. „Aber du hast Recht, wie meistens. Gehen wir ein Stück. Wie läuft es bei dir in der Schule?“

„Bis auf Verteidigung ist alles super.“, begann Leon. „Aber Umbridge ist eine Katastrophe. Sie lässt uns nicht zaubern, weil es – ihrer Meinung nach – reicht, wenn wir uns theoretisch mit den Zaubern befassen. Da sind einige dabei, die ich von Onkel Luc gelernt habe und die sind alles andere als leicht. Keiner von uns wird eine vernünftige Prüfung hinlegen können. Doch wehe jemand sagt etwas, dann hat man sich sofort Nachsitzen eingehandelt. Manche kommen mit Schmerzen zurück, habe ich gesehen. In unserem Haus noch nicht, aber die Weasley-Zwillinge und diese Blonde aus der Vierten von Ravenclaw, ich glaube, sie heißt Luna, sie alle hatten nach dem Nachsitzen einen Verband um die Hand und sind zusammengezuckt, wenn sie an etwas gestoßen sind.“

„Wie sicher bist du dir?“, fragte Severus, der plötzlich sehr aufmerksam war.

„Es ist nur eine Vermutung, keiner redet darüber.“, schüttelte Leon den Kopf. „Aber ich bin mir trotzdem ziemlich sicher.“

„Sei bitte extrem vorsichtig, Leon. Sie will etwas gegen mich in die Hand bekommen, sie will mich als Todesser denunzieren. Das Ministerium hat nur Dumbledores Aussage, dass ich als Spion arbeite, und ich kann es ihnen nicht beweisen, ohne mich zu verraten. Die meisten Hexen und Zauberer stehen immer noch auf Dumbledores Seite, auch wenn dieser nicht mehr am Leben ist, aber er war der Gegner, der ihnen Voldemort lange Zeit vom Leib gehalten hat. Diese haben zumindest ein wenig Vertrauen in mich und Fudge braucht die Unterstützung von ihnen, weil er wiedergewählt werden will. Aber dennoch bin ich ihm ein Dorn im Auge, weil er nicht sicher sein kann, auf welcher Seite ich stehe. Umbridge ist seine erste Untersekretärin, das bedeutet, alles was du sagst, wird bei Fudge landen. Und da du mein Sohn bist, wird es ganz sicher auf die Goldwaage gelegt.“, warnte Severus.

„Was passiert mit dir, wenn wir nicht schnell genug sind und Riddle wieder aufersteht?“

„Ich bin nicht ganz sicher. Einerseits gab es den Befehl, alles in meiner Macht stehende zu tun, um meine Position zu behalten, aber ob es ebenfalls beinhaltet, vier seiner besten Leute vor das Zaubergamot zu stellen und zum Kuss des Dementors verurteilen zu lassen, weiß ich nicht. Andererseits kann er nicht auf mich verzichten, so schnell bekommt er keinen neuen Tränkemeister, der vergleichbar mit mir ist, und ich bin bereits in Hogwarts, genau da, wo er mich haben will.“

„Also wird er dich bestrafen, aber am Leben lassen.“, konkretisierte Leon.

„Wahrscheinlich.“, gab Severus zu. „Aber wir werden alles dafür tun, dass es nicht so weit kommt.“

„Aber wenn Pettigrew Hilfe hatte, und davon ist ja auszugehen, dann hat er vielleicht auch Informationen, wo ein Horkrux steckt und kann Riddle helfen.“, überlegte Leon.

„Das wiederum ist unwahrscheinlich, denn wenn er es wüsste, oder jemand anders es wusste, warum wurde dann nicht schon früher etwas unternommen?“, hielt Severus dagegen. „Wenn der Lord herausfindet, dass jemand ihm schon viel früher hätte helfen können, dann wird derjenige schwerstens bestraft, und das nimmt keiner freiwillig auf sich.“

„Also bleibt uns nur, zu hoffen, dass wir schneller sind.“, murmelte Leon bedrückt.

Severus blieb stehen und sah seinen Sohn an, hob vorsichtig dessen Kinn, damit der ihn auch ansehen musste. „Du musst gar nichts tun. Lucius, Minerva, Kingsley, Moody, Bill, Sirius und ich werden uns darum kümmern, wenn er wieder fit ist, dann auch Remus. Du und Draco, ihr seid Schüler und solltet euch darüber keine Gedanken machen müssen. Wir werden euch nicht komplett ausschließen, aber nur bei den theoretischen Überlegungen. Ich will, dass ihr sicher seid. Das wollen wir alle. Genieß dein Leben, es wird früh genug ernst. Hab ein bisschen Spaß, mein Sohn.“

„Das werde ich, Dad, aber ich will auch, dass du vorsichtig bist. Ich hab dich lieb.“

Der Tränkemeister schloss seinen Sohn in seine Arme, nicht wissend, dass sie von der Schule aus beobachtet wurden. Er genoss diesen Frieden, den sein Kleiner ausstrahlte. „Wir sollten das öfter machen.“, lächelte er. „Einfach mal ein bisschen spazieren gehen und zur Ruhe kommen. Es tut wirklich gut.“

„Au ja, das machen wir!“, strahlte Leon als Antwort. Schmunzelnd drückte Severus Leon noch einmal an sich, bevor sie ihren Weg um den See fortsetzten.

 

 

 

Nur wenige Tage später weckte Draco seinen Bettnachbarn ziemlich früh auf, deutlich eher als sonst. Leon grummelte, aber er stand auf, schließlich hatte er darum gebeten, dass Draco ihn früher aufwecken sollte, denn er wollte der Erste sein, der seinem Vater gratulierte. Noch im Schlafanzug schlüpften die beiden Jugendlichen aus ihrem Schlafsaal und huschten durch den Gemeinschaftsraum, den Flur hinunter und zu dem Portrait, das die Tür zur Wohnung des Tränkemeisters bewachte. Leon murmelte das Passwort und betrat die Räume. Er wusste, sein Vater würde in ein paar Minuten aus dem Bad kommen, sie kannten seinen Tagesablauf ziemlich gut. Beide waren der Meinung, es sei besser, ihn nicht aufzuwecken, erstens konnte er dann ziemlich unleidlich werden und zweitens war es durchaus möglich, dass er nicht alleine im Bett war, das Risiko wollten sie nicht eingehen. Jeder hatte ein kleines Päckchen in der Hand und sie warteten, als sie im Bad Wasser rauschen hörten. Severus war offensichtlich wach und duschte gerade.

Minuten später trat er, angezogen und mit einem Handtuch seine Haare trocken rubbelnd, ins Wohnzimmer und erstarrte, als er die beiden Jungs dort erblickte. Einen Moment war er sprachlos, dann wollte er fragen, was passiert war, doch er kam nicht dazu, Draco und Leon waren schneller: „Alles Gute zum Geburtstag!“, wünschten sie gemeinsam.

„Danke ihr zwei!“, schmunzelte Severus. Ihm war klar, dass Leon eigentlich ein Langschläfer war und wohl extra für ihn so früh aufgestanden war. Leon umarmte ihn fest und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dann drückte er ihm sein Päckchen in die Hand. Severus musste es weglegen, denn auch Draco umarmte ihn nun kurz und gab auch ein Geschenk an ihn weiter. Der Tränkemeister setzte sich, auch wenn er nicht viel Zeit hatte, da heute Unterricht war, aber zumindest wollte er sehen, was die Beiden für ihn hatten. Da er Dracos Geschenk noch in der Hand hatte, öffnete er es zuerst. Der Blonde hatte einen exquisiten, aber alkoholfreien Wein aus Frankreich besorgt, von dem er wusste, dass Severus ihn genießen würde, dazu Käse aus der Schweiz. Kaum jemand wusste, dass Severus so etwas sehr zu schätzen wusste. Er bedankte sich und wandte sich dann dem Päckchen von Leon zu. Ein Buch, das konnte er spüren. Kaum war es ausgepackt, schlug Severus es auf und blätterte es durch. Die Rezepte wirkten sehr alt und waren allesamt in Leons Handschrift geschrieben.

„Du weißt, dass ich in den letzten Wochen immer mal wieder verschwunden bin für ein paar Stunden.“, begann Leon eine Erklärung. „Ich habe mit Ron und Hermine geredet und bin mit ihnen in Slytherins Kammer gegangen. Ich weiß, du hast dich gewundert, dass es mich nicht irritiert hat, dass ich im Chester Zoo mit den Schlangen sprechen konnte. Sie haben es mir schon lange erklärt, dass ich Schlangensprache kann, dass es aber eine seltene Gabe ist. Ich hab das schon in Neuseeland bemerkt, als ich mit Matt und Rosalyn in einem Zoo war, aber erst einmal nichts gesagt, weil mir klar war, dass mich alle für verrückt halten, aber Hermine gegenüber habe ich mich dann getraut. Sie hat mir, als wir über Harry gesprochen haben, von Gerüchten erzählt, dass neben der Kammer noch ein privates Arbeitszimmer von Salazar Slytherin sein soll. Die Geister haben es ihr erzählt und es steht wohl auch eine Vermutung dahingehend in einem Buch, das sie gelesen hat. Auf jeden Fall sind wir runter und haben das Arbeitszimmer gefunden. Da stehen viele seiner eigenen Aufzeichnungen herum, die sind in Parsel geschrieben. Wir haben die Bücher in Mines Vertrauensschülerzimmer geschafft und dort habe ich das hier übersetzt. Ich hoffe, es ist etwas Neues für dich.“

„Du bist verrückt.“, entkam es Draco.

„Draco!“, knurrte Severus leise.

„Schon gut, Dad, das haben Ron und Mine auch gesagt, wahrscheinlich stimmt es sogar so ein bisschen.“, lachte Leon. Der Junge wollte nicht, dass Draco seinetwegen Ärger bekam. Severus wandte sich an seinen Sohn. „Danke, Leon. Das sieht nach einem alten Tränkebuch aus, aber die Zusammensetzungen kommen mir nicht bekannt vor. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, wenn du mir etwas gesagt hättest, dass du in die Kammer gehen willst, dort ist es wahrscheinlich immer noch gefährlich. Wer weiß, was Slytherin da unten noch alles versteckt hatte. Und was, wenn du dort einen Flashback bekommst?“

„Entschuldige, Dad. Ich wollte dir eigentlich eine Freude machen.“, murmelte Leon zerknirscht.

„Das ist dir auch gelungen.“, versicherte Severus ernsthaft. „Nichtsdestotrotz mache ich mir sogar im Nachhinein noch Sorgen, was alles hätte passieren können. Wenn du nochmal dort hinein willst, dann sag bitte Bescheid, damit ich mitkommen kann. Da würde ich mich besser fühlen.“

„Okay, Dad.“, versprach Leon. Severus nahm ihn in den Arm, als er sah, wie geknickt er wirkte. „Ich will nicht, dass dir was passiert, mein Kleiner.“, raunte er in Leons Ohr. „Aber ich freue mich sehr über dein Geschenk!“

„Hab dich lieb, Dad.“, lächelte Leon. „Ich dich auch, Kleiner.“, antwortete Severus. „Aber ihr Beide solltet jetzt zurück in euren Gemeinschaftsraum, damit ihr rechtzeitig zum Frühstück kommt.“

Grinsend verabschiedeten sich die beiden Jugendlichen von Severus und liefen zurück in ihren Schlafraum, um sich zu duschen und anzuziehen. Sie versicherten ihren Hauskameraden, dass Professor Snape gute Laune hatte. Die Schlangen hatten vor, ihren Hauslehrer am Abend mit einer kleinen Feier zu überraschen, wenn er seine allabendliche Runde drehte. Jeden Abend kontrollierte er die Zimmer seiner Schüler und sorgte für Ordnung, indem er Strafarbeiten und Nachsitzen verteilte, wenn jemand nicht aufgeräumt hatte. Dennoch mochten die Slytherins ihren Hausvorstand. Und heute Abend wollten sie ihm eine Freude machen.

Severus hingegen war nicht besonders begeistert von der Vorstellung, wie Dumbledore seinen Geburtstag jedes Mal zelebriert hatte. Dieses ganze Getue war ihm immer zu viel gewesen. Aber Dumbledore war nicht mehr verantwortlich in der Schule und Minerva war ganz anders. Sie wusste, wie ungern Severus feierte und gratulierte ihm daher nur kurz persönlich. Das Essen war wie immer, kein Firlefanz, mit dem Severus sowieso nichts anfangen könnte. Die Slytherin-Schüler hatten sie um Erlaubnis gebeten, heute Abend eine kleine Feier in ihrem Gemeinschaftsraum zu geben und sie hatte ihnen einige Elfen anvertraut, die ihnen bei den Vorbereitungen helfen wollten. Mehr würde es nicht geben. Damit taten sie alle Severus einen größeren Gefallen, als wenn sie ihn groß feiern würden.

Das wiederum überraschte den Tränkemeister und er genoss den Frieden, nicht immerzu Freude heucheln zu müssen. Auch wenn er dank Leon schon sehr viel offener und freundlicher war, so war er doch immer noch er selber und wollte keine große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Noch immer war Krieg, wenn auch momentan nicht offen und ohne den Lord, aber es war noch nicht vorbei, was gab es also zu feiern?

Abends begann er wie immer seine Runde um kurz vor der Sperrstunde. Er betrat den Gemeinschaftsraum seiner Slytherins und erstarrte. Wieso war es hier dunkel? Er hob seinen Zauberstab, den er aus seinem Umhang geholt hatte, und wollte eben Licht machen, als es von selbst anging. „Überraschung! Alles Gute zum Geburtstag, Professor Snape!“, klang es ihm vielstimmig entgegen. Die meisten Schüler grinsten ihn an, nur einige wenige schienen ein wenig besorgt zu sein.

Nicht ganz sicher, wie er sich dabei nun fühlte, starrte Severus seine Schüler an, die offenbar nicht ganz wussten, wie sie nun mit der Situation umgehen sollten. Unsicher erwiderten ein paar seine Blicke, die meisten Jugendlichen hatten sich abgewandt und starrten nun auf den Boden. Ein unangenehmes Schweigen entstand, bis Draco nach vorne trat. „Herzlichen Glückwunsch von allen Slytherins. Wir wissen, dass sie nicht gerne feiern, Professor Snape, aber dennoch wollten wir ihnen zeigen, dass wir sie nicht vergessen haben und dass wir uns mit ihnen als Hauslehrer sehr wohl fühlen. Im Namen von allen Slytherins haben wir auch eine Kleinigkeit für sie.“, sagte der Blonde, der als Vertrauensschüler das Wort übernommen hatte. Er reichte dem Professor ein Paket.

Überrascht nahm Severus es an und schaffte es nun, wenigstens ein paar Dankesworte zu sprechen. „Vielen Dank, sie haben mich gerade ein wenig überrumpelt. Ich hoffe, die Ordnung wird bis morgen früh wiederhergestellt.“, knurrte er gespielt böse. Bevor er noch mehr sagen konnte, hatte Blaise Zabini ihm eine Flasche Butterbier in die Hand gedrückt und wollte mit ihm anstoßen. Severus gab sie ihm zurück. „Tut mir leid, Mister Zabini, kein Alkohol. Niemals für mich, genauso wenig für Leon. Wir beide dürfen aus medizinischen Gründen keinen Alkohol konsumieren.“, erklärte er dem besten Freund seines Patenkindes leise.

„Hier, nimm das, Onkel Sev.“, murmelte Draco und reichte ihm eine andere Flasche. „Orangensaft.“ Damit konnten sie dann endlich anstoßen. Es dauerte nicht lange, bis die Schüler ein wenig auftauten und auf ihn zugingen, damit sie mit ihm ein paar Worte wechseln konnten. Auch die Scott-Zwillinge traten auf ihn zu. „Nochmals alles Gute, Professor!“, wünschte Corvin. „Und vielen Dank für die schnelle und gute Hilfe. Madam Pomfrey sagte mir, wenn sie nicht so schnell und so effektiv reagiert hätten, wäre ich sicher im St. Mungo gelandet und wohl lange dort geblieben. Sie hat mich gestern entlassen und mir nur ans Herz gelegt, in Zukunft ein wenig vorsichtiger mit schwarzmagischen Objekten umzugehen.“

„Das würde ich ihnen auch raten.“, schnarrte Severus. „Aber sie haben mir dennoch einen Gefallen damit getan, dieses Objekt habe ich lange gesucht und konnte nun endlich einen Erfolg verbuchen. Trotzdem würde ich sie bitten, kein Wort über dieses Ereignis zu verlieren, mit ihrer Erlaubnis würde auch gerne dafür sorgen, dass sie nicht darüber sprechen können außer mit ihrem Bruder und mir selbst. Es ist zu ihrer eigenen Sicherheit. Das Gleiche gilt natürlich für sie beide. Es wäre äußerst ungünstig, wenn die falschen Personen erführen, dass ich Kenntnis von diesem Objekt habe. Um sie zu schützen, kann ich ihre Gedächtnisse entsprechend manipulieren.“ Die beiden Brüder überlegten nicht lange, sie vertrauten dem Professor. Beide nickten und bekamen dann einen Termin mit ihm am nächsten Nachmittag in seinem Büro.

In einer ruhigen Minute wickelte er das Geschenk seiner Schüler aus dem Papier und staunte: Sie hatten Bilder von sich in ein Album gesteckt, als Erinnerung. Severus war gerührt, überspielte es aber erfolgreich. Gegen kurz nach elf Uhr schickte Severus seine Schüler ins Bett und zog sich selber zurück. Lucius erwartete ihn in seinem Wohnzimmer, auch er hatte ein Geschenk in den Händen und wünschte dem Tränkemeister alles Gute. Er zog ihn in seine Arme, spürte, welche Anspannung in dem schmalen Körper steckte.

„Komm, lass los. Ich bin da!“, murmelte er leise.

Der Blonde spürte, dass Severus sich an ihn schmiegte. Es war viel gewesen in den letzten Tagen und Wochen. Doch heute wollte er, dass sein Partner loslassen konnte, seinen Geburtstag genießen und wenigstens für eine Weile vergessen, was sonst noch los war. Er fing die Lippen des Schwarzhaarigen mit seinen eigenen ein und liebkoste sie. Nach einem kurzen Moment spürte er, wie Severus den Kuss erwiderte und leise stöhnte. Es war viel zu lange her, fand auch Lucius. Schnell begann er, den Schwarzhaarigen auszuziehen, ließ die Lehrerroben einfach fallen und begann, das blütenweiße Hemd aufzuknöpfen, das Severus immer darunter trug. Als er das auch von den Schultern des Tränkemeisters gleiten ließ, löste er seine Lippen und wanderte am Hals von Severus langsam tiefer.

„Sollte ich nicht derjenige sein, der die Geschenke auspackt?“, murmelte Severus schmunzelnd.

„Du kannst das gerne weiter verfolgen!“, erwiderte Lucius gegen Severus´ Brustwarze, bevor er seine Zähne darum schloss und sanft knabberte, bis sie sich ihm entgegenreckte. Severus´ Stöhnen belohnte ihn und er intensivierte seine Bemühungen. Er drängte Severus auf das Sofa, damit er sich weiter um ihn kümmern konnte. Der Tränkemeister sollte sich entspannen können, wenigstens heute seine Sorgen vergessen.

Severus folgte der Aufforderung seines Geliebten und knöpfte dessen Hemd auf, ließ seine Fingerspitzen über die glatte, gepflegte Haut von Lucius gleiten, während er ihm den Stoff von den Schultern schob. Die Seide fühlte sich angenehm warm und weich an, und Severus erahnte, dass der Preis dafür zwar hoch war, aber sehr viel Komfort versprach. Doch für den Moment war all das unwichtig, das Hemd glitt unbeachtet zu Boden, wo es als kleines, silbergraues Häufchen liegen blieb. Lucius hatte die Augen geschlossen und gab sich ganz den kundigen Händen hin, die ihm immer wieder kleine Stromschläge zu verpassen schienen, wenn sie über die vor Lust prickelnde Haut glitten. Auch seine eigenen Hände blieben nicht untätig und so heizten sich die beiden Männer immer weiter gegenseitig auf. Lucius zog Severus schließlich vom Sofa hoch und drängte ihn in Richtung Schlafzimmer. Hier im Wohnzimmer waren sie einerseits zu sehr auf dem Präsentierteller, falls jemand über das Büro hereinschneite, andererseits war es einfach zu unbequem auf dem schmalen Sofa hier. Und heute war es nicht nur eine kurze Nummer, er wollte Severus verwöhnen.

Daher drängte er ihn, sich bäuchlings auf das Bett zu legen, nachdem er ihm die Hose ausgezogen hatte, und setzte sich auf seine Beine. Mit kraftvollen, ausladenden Bewegungen begann Lucius, den Rücken des vor ihm liegenden Severus zu kneten und zu massieren. Wohlig stöhnte Severus und ließ die Spannung fallen, gab sich völlig hin. Lucius merkte, wie sich Severus unter seinen Händen entspannte und massierte noch eine Weile weiter, bevor er ihn sanft auf den Rücken drehte. Er genoss es, die Wärme in den halboffenen Augen zu sehen.

„Lust auf mehr? Oder soll ich weitermassieren?“, raunte Lucius.

„Mehr!“, bestimmte Severus und griff nach Lucius, zog ihn zu sich hinunter, um ihn in einen verlangenden Kuss zu verwickeln. Seine Finger verwöhnten nun Lucius´ Brustwarzen, bis sie sich aufrichteten. Lucius stöhnte und keuchte, seine Erregung war deutlich für beide zu spüren, da er auf Severus´ Oberschenkeln saß.

Mit einem stablosen Zauber ließ Lucius nun auch die letzten Kleidungsstücke verschwinden und küsste sich seinen Weg nach unten, bis Severus sich vor Lust in den Kissen wand und außer Keuchen und Stöhnen keinen Laut mehr von sich geben konnte. Dann erst leckte er einmal über die ganze Länge des vor ihm aufragenden Schaftes, bevor er ihn komplett in den Mund nahm. Severus schrie auf vor Lust und klammerte sich an ein Kissen, um nicht sofort zu kommen, so sehr heizte Lucius ihm ein. Der Blonde spürte, dass Severus bereit für mehr war und griff in die Schublade des Nachtkästchens, wo, wie er wusste, das Gel liegen musste. Er benetzte seine Finger mit dem Gel und ließ einen davon in Severus gleiten, der sich ihm stöhnend entgegenreckte. Er war zu keinem klaren Gedanken mehr in der Lage, wollte nur immer noch mehr.

„Nimm mich!“, keuchte Severus. „Ich will dich spüren. Jetzt!“

Lucius schmunzelte. Severus hatte erstaunlich wenig Geduld in diesem Bereich. Lag das an seiner jahrelangen sexuellen Abstinenz oder war das der Ausgleich für das sonst so geduldige Wesen des Tränkemeisters? Aber darüber wollte er gerade nicht nachdenken, er wollte genauso mehr wie sein Partner. Seine Erregung stand stramm wie ein Soldat vor dem Buckingham Palace, in dem die Königin der Muggel residierte. Die ersten Lusttropfen perlten hervor und Lucius verstrich noch zusätzlich etwas von dem Gel darüber, bevor er mit einem langsamen, gleichmäßigen Stoß in Severus eindrang, der sich ihm entgegendrückte. Einen Moment verharrte er, um die Reaktion des Schwarzhaarigen abzuwarten, doch der begann bereits, sich zu bewegen. Lucius zog sich ein wenig zurück, um gleich darauf wieder tief in ihn zu stoßen. Schnell hatten sie einen Rhythmus gefunden, der für beide anregend war und trieben sich immer höher hinauf. Da Severus seinen Geliebten wieder an sich gezogen hatte, um ihn zu küssen, wurde seine Erregung zwischen ihren beiden Oberkörpern gerieben.

Es dauerte nicht allzu lange, bis das Feuer in Severus so heiß brannte, dass er sich nicht mehr beherrschen konnte und seine Erregung mit einem Schrei entlud. Die Muskelkontraktionen in seinem Unterleib engten auch Lucius ein und er kam mit einem weiteren Schrei tief in Severus. Der Tränkemeister schloss die Arme um Lucius und hielt ihn an sich gepresst, wollte ihn erst einmal nicht loslassen.

„Alles in Ordnung, Sev?“, murmelte Lucius nach einer Weile.

„Es geht mir gut, aber ich will jetzt nicht die Kälte spüren, die in meinen Räumen im Winter herrscht.“, antwortete Severus ein wenig belustigt.

„Na, da kann ich Abhilfe schaffen!“, versprach der Blonde und griff nach seinem Zauberstab. Er wirkte erst einen Wärme- dann einen Reinigungszauber und schmiegte sich anschließend an seinen Gefährten. Er griff nach der Decke und zog sie über ihre Körper, sodass Severus nicht der Kälte ausgesetzt war. „Alles Gute für dein neues Lebensjahr! Ich liebe dich!“, murmelte er dann noch im Einschlafen in Severus´ Ohr.

„Danke, Luc. Ich … ich …“, stammelte Severus. Auch wenn er sicher war, so zu empfinden, er konnte es nicht aussprechen.

„Sch, schlaf gut. Ich weiß!“, beruhigte Lucius ihn. Er zog ihn in seine Arme und schlief ein. So liebte er es, nur leider war es viel zu selten möglich.

 

Die nächsten Wochen vergingen ruhig. Leon hielt sich an sein Versprechen, dass er vorsichtig sein würde, und geriet nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit von Umbridge, sprach in ihrer Gegenwart kein einziges, unnötiges Wort, spürte aber immer wieder ihren lauernden Blick auf sich. Ein paar Tage nach dem Geburtstag seines Vaters ging er zu Hermine und bat sie um ein Gespräch. Sie nahm ihn mit in den Gryffindorturm, in ihren Schlafsaal, den sie alleine bewohnte, und er fragte nach, ob sie etwas von den Verletzungen wusste, die einige Schüler hatten, wenn sie vom Nachsitzen bei Umbridge kamen. Hermine wusste nichts Genaues, war aber ziemlich sicher, dass Leons Vermutung stimmte. Auch wenn beide keine Ahnung hatten, woher die Verletzungen stammten. Keiner der Bestraften hatte bisher darüber gesprochen. Die braunhaarige Gryffindor wusste nur, dass Fred und George, die Zwillinge, überlegten, die Schule abzubrechen und sich eine Arbeit zu suchen. Sie waren wohl recht erfinderisch und könnten daraus Kapital schlagen, aber sie hatten nichts, womit sie anfangen konnten, daher betrieben sie es derzeit als Hobby.

„Was machen sie denn?“, wollte Leon mit großen Augen wissen.

„Sie erfinden Scherzartikel.“, stöhnte Hermine. „Mit ihrem Intellekt könnten sie in die Forschung gehen und Großartiges leisten, aber dafür bräuchten sie einen Schulabschluss und ein Studium, und darauf haben sie aktuell keine Lust. Hauptsächlich wegen Umbridge, aber auch, weil Molly, ihre Mutter, ihnen immer wieder vorhält, dass sie nicht die Leistungen liefern, die sie bringen könnten in der Schule. Sie haben nur ihre Scherzartikel im Kopf.“

„Aber Hermine, das brauchen die Leute doch, jemanden, der sie zum Lachen bringt.“, entgegnete Leon. „Sie brauchen die Hoffnung, sollte Voldemort wiederkommen, und das ist durchaus möglich. Ich hoffe, du schweigst darüber, denn eigentlich darf ich es dir nicht erzählen. Dumbledore und Harry, die beiden Hoffnungsträger, sind tot. Nimm ihnen nicht auch noch die Freude.“

„Also stimmt es doch.“, murmelte Hermine. Als sie Leons fragenden Blick sah, ergänzte sie: „Bill und Kingsley arbeiten an etwas für den Orden des Phönix, eine Gruppe Widerstandskämpfer, die von Dumbledore ins Leben gerufen wurde, um Vol … den Unnennbaren zu bekämpfen. Molly, also die Mutter der Weasleys, hat es erzählt, dass sie früher mitgekämpft haben, aber nach Ginnys Tod haben sie sich zurückgezogen, konnten es nicht mehr. Bill ist dabei geblieben, er ist Rons ältester Bruder. Wir haben einmal gehört, dass er mit Kingsley weitermacht, wo Dumbledore aufhören musste.“

„Du weißt, dass ich es dir nicht sagen dürfte, auch wenn ich es wüsste.“, grinste Leon.

„Kann ich helfen?“, fragte Hermine und zappelte dabei auf ihrem Stuhl herum.

„Ich denke nicht. Wenn ich auch nicht helfen kann…“, antwortete Leon leise.

„Aber … ich bin echt gut im Recherchieren und Schlussfolgerungen ziehen.“

„Mine, ich werde damit nicht zu meinem Vater gehen. Er ist schon nicht einverstanden, dass ich so viel weiß, er wird sicher keine anderen Schüler mit reinziehen.“, stoppte Leon ihren Enthusiasmus.

Hermine hatte das Thema gewechselt, aber Leon war sich ziemlich sicher, dass sie es nicht aus den Augen verlieren würde. Dennoch war er froh gewesen, dass er es auf sich beruhen lassen konnte. Sie hatten sich noch eine Weile über die Schule unterhalten und über Umbridge hergezogen, dann war Leon mit ihr zum Abendessen gegangen, was ihm später einen Rüffel von Draco eingebracht hatte, da er nicht gemeinsam mit seinem Haus gegangen war.

 

Severus und Leon behielten es bei, gemeinsame Spaziergänge zu unternehmen, meist auf Hogwarts-Gelände, manchmal auch ins Dorf. In Begleitung seines Vaters durfte Leon auch ins Dorf, wenn kein Hogsmeade-Wochenende war. Jeden Sonntag hielten sie sich den Nachmittag füreinander frei und genossen die gemeinsame Zeit. Bei einem der ersten Ausflüge bat Leon seinen Vater darum, ihm etwas von seiner Mutter und seinen Großeltern zu erzählen.

„Lily war etwas Besonderes. Ich kannte sie schon lange vor Hogwarts, wir lebten als Kinder im gleichen Viertel.“, begann Severus mit sanfter Stimme. „Du musst wissen, mein Vater hat getrunken. Dann war er immer ziemlich aggressiv. Er war ein Muggel, meine Mom hat sich in ihn verliebt, obwohl sie nach ihren Eltern einen Reinblüter heiraten sollte. Sie stammte aus einer alten, reinblütigen Zauberfamilie. Sie waren stolz auf ihre Abstammung. Doch Mom hat sich von diesen Traditionen abgewandt und ihre große Liebe geheiratet. Mein Vater war immer … neidisch auf die Fähigkeiten meiner Mom. Er hat ihr das Zaubern verboten und aus irgendeinem Grund hat sie sich daran gehalten, auch wenn er sie verprügelt hat. Er hat auch mich verprügelt, wenn ich im Weg stand, aber ich habe schnell gelernt, ihn nicht zu provozieren. Lily war immer da, wenn er mal wieder ausgerastet war. Als Mom herausfand, dass ich magisch war, hat sie mich zu ihren Eltern gebracht, die davor nichts von mir wissen wollten. Doch dann haben sie mir einen Zauberstab gekauft und mir viele Zauber beigebracht. Damals gab es das Gesetz zur Beschränkung der Zauberei nicht, die Eltern waren verantwortlich dafür, wie ihre Kinder mit Magie umgingen. Es gab nur die Regel, dass die Muggel nichts mitbekommen durften und dass es in einem vernünftigen Rahmen sein musste, sodass niemand ernsthaft verletzt wurde. Daher kannte ich so viele schwarzmagische Zauber, als ich in Hogwarts anfing.“

„Leben sie noch?“, wollte Leon wissen.

Severus schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Mom hat ihre Magie einfach zu lange unterdrückt, sie brach eines Tages unkontrolliert aus ihr heraus, das hat sie nicht überlebt. Da war ich zwölf und kurz vor dem zweiten Schuljahr. Mein Vater hat daraufhin noch mehr getrunken und bald war alles weg, bis auf das Haus, eigentlich ein Wunder, dass er das nicht auch versoffen hat. Er war fast nur noch betrunken und starb kurze Zeit später, Mitte meines zweiten Jahres. Den nächsten Sommer habe ich bei meinen Großeltern verbracht, aber sie waren alt geworden, nachdem Mom gestorben war. Sie erhofften sich, dass ich mich dem dunklen Lord, der damals schon auf dem Vormarsch war, anschließen würde, sobald ich alt genug war, aber das haben sie nicht mehr erlebt. Nach der dritten Klasse kam ich in ein Waisenhaus der Muggel während der Sommerferien. Ich hatte nichts, nur Kleidung aus zweiter Hand und war auf Almosen angewiesen, um meine Schulsachen kaufen zu können. Meine Großeltern haben ihr gesamtes Vermögen dem Lord zur Verfügung gestellt, auch ihr Manor. An mich haben sie offenbar nicht gedacht, sodass ich gezwungen war, jeden Sommer zu den Muggeln zu gehen. Erst als ich mit achtzehn auch in ihrer Welt volljährig war, konnte ich dort weg und in Spinners End wohnen. Nur weil ich mich dem Lord angeschlossen habe, hatte ich die Möglichkeit, Zaubertränke zu studieren. Ansonsten hätte ich irgendwo einen schlecht bezahlten Job annehmen müssen, um mich über Wasser zu halten. Der Lord hat mein Studium finanziert, vom Vermögen meiner Großeltern wohlgemerkt.“

Severus´ Stimme klang am Ende ziemlich verbittert. Leon schlang seine Arme um ihn und hielt ihn fest, gab ihm Nähe und Ruhe. „Danke mein Kleiner!“, murmelte Severus. Er war froh, dass Leon nichts dazu sagte. Es gab nichts, womit man sich das schön reden konnte. Um seinen Traum erfüllen zu können, hatte er seine Seele verkauft. Er löste Leon von sich und sie gingen weiter.

„Du hast alles getan, damit du diesen einen Fehler wieder gut machen kannst.“, stellte Leon nach einer Weile fest.

„Ich werde es nie wieder gut machen können.“, erwiderte Severus bitter. „Egal was ich tue, die Menschen werden immer das Mal an meinem Arm sehen.“

„Das ist doch egal, was da an deinem Arm ist. Ich weiß, dass du ein guter Mensch bist und ich liebe dich. Genauso wissen es Lucius, Draco, Professor McGonagall, Bill und Mister Shacklebolt, Mister Moody, Sirius, Professor Lupin, Matt und Rosalyn. Was die Anderen denken, das sollte dir egal sein.“, widersprach Leon.

Diesmal hielt Severus an und zog seinen Sohn in seine Arme. „Du bist ein toller Junge, Leon. Ich bin stolz auf dich!“, wisperte er mit rauer Stimme. Die Worte des Jugendlichen hatten ein wenig Licht in das Dunkel seiner Seele gebracht, ihm war plötzlich viel wärmer geworden. In diesem Moment fiel es Severus leicht, seine Gefühle zu zeigen, etwas, das er sonst kaum schaffte. Doch Leon gab ihm gerade die Sicherheit, die er dafür brauchte. Wieder war er froh, diesen tollen Jungen seinen Sohn nennen zu dürfen.

Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her. Beide dachten nach über das, was Severus erzählt hatte. Der Tränkemeister versuchte, es mit Abstand zu betrachten, Leon stellte fest, dass sein Vater offenbar einen ziemlich schweren Start in sein Leben gehabt hatte. Und doch war er ein so umsichtiger und liebevoller Mensch geworden. Er hatte seine Fehler, wie jeder andere Mensch auch, aber gerade bei ihm war er immer geduldig und einfühlsam. Ja, er kannte die Geschichten, vor allem von Hermine und Ron, wie Harry von ihm behandelt worden war, aber er kannte nun auch die andere Seite, wie schwer sein Vater es gehabt hatte, und dann noch die ständigen Provokationen durch die Rumtreiber, und der schlimmste von diesen war auch noch der Vater dieses Harry Potter gewesen. Naja, der vermeintliche Vater, aber das war damals nicht bekannt gewesen. Harry würde möglicherweise anders darüber denken, aber Leon verstand, wieso sein Vater so viel Hass entwickelt hatte.

„Dad?“, ergriff Leon schließlich erneut das Wort. Severus wandte sich ihm zu. „Weißt du, bei wem ich dann aufgewachsen bin? Ich meine, nachdem meine Mom und James…“

„Albus hat dich damals zur Schwester deiner Mom gegeben. Du hast ja gehört, was Black … Sirius und Minerva von ihr hielten. Lucius und ich wollten sie zur Rede stellen, aber Albus hat offenbar dafür gesorgt, dass Todesser nicht an sie herankommen können. Wir kamen nicht einmal in die Straße, es liegen mächtige Schutzzauber auf dem Haus. Sie sollten wohl eigentlich Harry schützen.“, erklärte Severus.

„Ihr wolltet sie bestrafen?“, unterstellte Leon.

„Bestrafen? Nicht direkt. Zumindest nicht gleich.“, antwortete Severus. „Wir wollten sehen, ob unsere Vermutungen bestätigt werden. Ich weiß nicht, ob sie Harry als Kind misshandelt haben. Es deutet Vieles darauf hin, aber es sind eben nur Vermutungen und wir können nicht gegen etwas vorgehen, was wir nicht beweisen können.“

„Und was wolltet ihr dann tun, wenn ihr Gewissheit habt?“, fragte der Jugendliche.

Severus´ Augen wurden hart. „Sie bestrafen.“ Er schüttelte den Kopf, als Leon etwas einwenden wollte. „Nein, Leon. Ich ahne, was du sagen willst, aber Kindern so sehr zu schaden, das ist undenkbar. In unserer Welt werden Kinder als das größte Geschenk gesehen, man tut alles, um sie zu schützen. Was Harry, was dir passiert ist, das ist ein schlimmes Verbrechen und diejenigen, die sich schuldig gemacht haben, müssen bestraft werden. Aber da wir momentan nicht in der Lage sind herauszufinden, wer es war, wird nichts passieren. So lange unser Plan nicht endgültig ausgeführt wurde, werden wir nichts in dieser Hinsicht unternehmen, haben Lucius und ich beschlossen. Und danach werden wir es mit dir absprechen.“

Inzwischen waren sie wieder am Tor von Hogwarts angekommen und gingen gemeinsam durch das Portal.

„Ah, die Herren Snape!“, wurden sie von einer mädchenhaft hohen Stimme begrüßt. „Hatten sie einen schönen Nachmittag?“

„Bisher verlief er durchaus angenehm, Dolores, danke der Nachfrage.“, antwortete Severus formell.

„Guten Abend, Professor Umbridge.“, grüßte auch Leon höflich.

„Gut, dass ich sie treffe, Severus.“, zwitscherte Umbridge nun fröhlich, Leon ignorierend. „Ich hätte da ein paar kleine Ideen, wie man den Unterricht für die Schüler effektiver gestalten könnte. Wie wäre es, wenn ich sie ihnen heute Abend vorstelle? Sagen wir um neun Uhr in meinem Büro?“

„Nun, ich glaube, mein Unterricht verläuft durchaus effektiv, die Schüler kennen nach kürzester Zeit den Schmelzpunkt der Kessel, und auch die Zutaten, die eine Explosion verursachen können, sind allen Schülern sehr geläufig.“, erwiderte Severus in gelangweiltem Ton. „Wenn sie mich jetzt entschuldigen, ich muss nach meinen Hausschülern sehen, da ich nun Sprechstunde habe.“

Er wandte sich um und zog Leon mit sich, der breit grinste. Der Junge hatte durchaus verstanden, was sein Vater gesagt hatte, auch wenn die rosa gekleidete Professorin noch immer über die Bedeutung der Worte des Tränkemeisters grübelte. Als sie im Wohnzimmer von Severus´ Wohnung standen, platzte Leon heraus: „Die ist ja noch dümmer als ich dachte!“ Der Jugendliche lachte Tränen, das steckte schließlich sogar den Tränkemeister an, der ebenfalls breit grinste und sogar einmal kurz auflachte. „Nun, Intelligenz ist eben nicht jedem gegeben.“, kommentierte er trocken.

 

 

 

Hermine bettelte in den nächsten Tagen immer wieder bei Leon, helfen zu dürfen, doch der Slytherin weigerte sich, seinen Vater oder Lucius zu fragen. Die Vertrauensschülerin von Gryffindor, die auch Leons Vertrauen hatte, wusste noch nicht viel, und so sollte es auch bleiben, Leon wollte nicht, dass sie in Gefahr war. Und das wäre sie ganz sicher, falls jemand herausbekommen würde, dass sie von der ganzen Sache wusste. Er hatte sie gebeten, Stillschweigen zu bewahren und das hatte sie ihm versprochen, nicht einmal Ron hatte eine Ahnung. Der Januar war still und heimlich in den Februar übergegangen und man konnte diese Tatsache nur daran erkennen, dass an einem Dienstag die große Halle übervoll mit rosa war. Leon kam morgens mit seinem Haus hinein und hätte am liebsten sofort kehrt gemacht. Nicht nur ihm war klar, dass wohl ihre Lehrerin für Verteidigung dafür verantwortlich sein musste. Diese strahlte nur so vor sich hin, was möglicherweise an ihrer seltsamen Leidenschaft für eben jene Farbe lag, denn sie liebte rosa sehr. Es gab bisher keinen Tag, an dem sie nicht in dieser Farbe gekleidet gewesen war und Leon wusste, dass in ihrem Büro sogar die Wände rosa gewesen waren. ‚Pinke Pest‘ war sie von den Schülern genannt worden.

Offensichtlich missfiel diese Dekoration nicht nur den Slytherins, die sich missmutig über ihr Frühstück hermachten. Selbst auf den Tischen wurde man von der Farbe rosa erschlagen. Leon verging der Appetit.

„Wie Lockhart.“, schnaubte Draco neben ihm.

„Nein.“, konterte Blaise von der anderen Tischseite leise. „Viel schlimmer.“

Pansy schmiegte sich an Draco, da sie auf dessen linker Seite saß, während Leon wie immer rechts neben Draco Platz genommen hatte. „Dracilein, das ist so romantisch!“, hauchte sie. „Willst du auch ein Stück von dem Herzkuchen? Oder lieber ein herzförmiges Brötchen?“

Draco wandte sich angewidert von ihr ab und rutschte so, dass sie nicht mehr an ihm lehnen konnte. „Pansy, lass mich endlich in Ruhe!“, fauchte er leise. Er wollte keinen Streit, nicht in der großen Halle vor allen anderen Schülern. Zu ihrem eigenen Glück gab sie nun nach und widmete sich ihrem Frühstück. Leon nahm sich vor, mit Draco zu reden. Er wollte wissen, was da zwischen den beiden war, irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Doch vorerst versuchte er, wenigstens etwas Essbares zu finden, das nicht rosa und in Herzform war, was sich als unmöglich herausstellte. Wütend und hilflos starrte er auf den Tisch vor sich. Er wusste, er musste etwas essen, aber das, was vor ihm lag, würde er nicht hinunterbekommen. Nicht einmal seine heiße Schokolade, selbst die war heute rosa und schmeckte überhaupt nicht nach Schokolade sondern nach Erdbeeren. Leon hatte nur einen Schluck getrunken und rührte die Tasse danach nicht wieder an. Als er nach oben blickte, traf er auf die schwarzen Augen seines Vaters, in denen er Verständnis ablesen konnte.

„Mister Snape, ich will sie heute vor dem Unterricht noch in meinem Büro sprechen.“, befahl der Tränkemeister ein paar Minuten später, als er gerade am Gehen war und am Tisch stehen geblieben war. „Kommen sie mit.“

Draco sah auf, in seinen Augen konnte man Erstaunen erkennen, aber er sagte nichts. Leon stand auf und folgte dem Professor aus der Halle, gefolgt von Blicken einer Professorin, die ihre Augenbrauen dabei zusammenkniff. Der Professor, der ein Todesser war, wenn auch von Dumbledore entlastet, war ihr ein Dorn im Auge. Nicht nur ihr, sondern auch vielen Eltern, aber die Meisten waren begeistert von der Tatsache, dass er sich in seiner Gefangenschaft auf Harry Potters Seite gestellt hatte und somit sahen sie seine Unschuld als erwiesen an. Außerdem der Fakt, dass er deswegen erst gefangen genommen worden war, weil er sich weigerte, Harry Potter zu foltern. Er war nicht einfach aus der Schule zu entfernen, nicht dass sie es nicht versucht hätte. Bisher aber leider ohne Erfolg, er war umsichtig und vorsichtig genug, sie hatte nichts über ihn gefunden. Die Art und Weise, wie er sich um seinen Sohn kümmerte, der irritierenderweise Harry Potter so ähnlich sah wie ein Zwilling dem anderen, hatte ihm die Sympathie vieler Hexen und Zauberer eingebracht, daher war es schwer, gegen ihn vorzugehen. Aber irgendwann würde sie ihn bekommen, da war sich Dolores Jane Umbridge absolut sicher. Er hatte keine Ahnung, worauf er sich einließ.

Leon und Severus waren mittlerweile im Büro des Tränkemeisters angekommen und der Ältere bedeutete seinem Sohn, sich hinzusetzen. „Dobby?“, rief Severus in den Raum. Sofort ploppte es und der Hauself mit der seltsamen Kleiderauswahl erschien. „Ich brauche für Leon ein vernünftiges Frühstück, ihm ist in der Halle oben der Appetit abhandengekommen.“, befahl der Tränkemeister.

Diensteifrig nickte Dobby und verschwand, nur um Sekunden später mit einem vollen Tablett wieder zu erscheinen. Leon warf einen vorsichtigen Blick darauf – keine Herzen und kein rosa. Erleichtert machte er sich über das Müsli und die heiße Schokolade her und warf seinem Vater einen dankbaren Blick zu. Nun aß er mit Genuss, vor allem, als Severus sich zu ihm setzte und ebenfalls zugriff. Mit einem leisen Schmunzeln gestand der Tränkemeister: „Es hat nicht nur dir den Appetit verdorben.“ Einträchtig schweigend genossen sie ein ruhiges Frühstück, bis Severus Leon in den Unterricht schickte und sich daran machte, selber seine Schüler in sein Klassenzimmer zu lassen. Solche Momente wie eben zeigten ihm, dass es etwas in seinem Leben gab, wofür es sich lohnte zu kämpfen. Weder er noch Lucius hatten ihren Söhnen gegenüber erwähnt, dass ihr Mal wieder aktiver war, es brannte immer wieder, als würde jemand mit einem Horkrux umgehen, doch sie konnten es nicht lokalisieren. Lucius versuchte alles, um herauszufinden, wo die Schlange sein könnte, wenn er nicht gerade mit Black … nein, Sirius, verbesserte er sich in Gedanken, im Black-Haus nach dem Medaillon suchte.

Es war immer noch verwirrend für den Tränkemeister, sich mit Sirius Black zu befassen, ohne in alte Muster zu verfallen. Der Animagus hatte sich bei ihm entschuldigt und es offenbar wirklich ernst gemeint. Dennoch war zu viel in ihrer Vergangenheit passiert, als dass er einfach verzeihen könnte. Aber für Leon war er bereit, darüber nachzudenken. Sein Sohn war so offen und hegte keinen Groll lange. Egal wie sehr er sich über etwas ärgerte, sobald er eine ehrlich gemeinte Entschuldigung hörte, war es vergeben und vergessen. Der Kleine hatte Vertrauen zu Black gefasst, schneller als jemand es für möglich gehalten hatte. Severus erinnerte sich, wie geschockt er selber an jenem Abend gewesen war, als Black den Kleinen in die Arme geschlossen hatte. Leon hatte nicht wie erwartet mit Panik reagiert, sondern die Umarmung verstärkt und Sirius damit Halt gegeben. Als Draco und Leon weg gewesen waren, hatte er sich mit Lucius darüber unterhalten.

„Ich glaube, dass sich möglicherweise ein kleiner Teil in Leon unbewusst an Sirius erinnert, er war immerhin Harrys Pate.“, hatte Lucius überlegt. „Soweit ich weiß, hat er viel Zeit mit den Potters verbracht. Möglicherweise hat er eine sehr enge emotionale Bindung zu Harry aufgebaut. Auch wenn er sich nicht bewusst erinnern kann, sein Unterbewusstsein scheint etwas davon wiederzuerkennen.“

Ja, das wäre möglich, überlegte Severus, während er aufmerksam durch die Reihen schritt und beobachtete, wie seine Schüler den heutigen Trank zubereiteten. Bisher sah alles gut aus, daher ließ er zu, dass seine Gedanken weiterhin abschweifen konnten. Sein Mal brannte wieder, wenn auch nur geringfügig, daher wusste er, dass es kein Ruf war, sondern dass jemand sich an einem Horkrux zu schaffen machte. War das bewusst? Oder hatte jemand durch Zufall einen gefunden und nahm ihn nun immer wieder in die Hand, ließ sich von ihm besitzen? Es konnte sich dabei eigentlich nur um das Medaillon handeln, denn wer würde freiwillig eine Schlange anfassen, noch dazu eine so große wie Nagini. Gedankenverloren rieb er sich den linken Unterarm. Obwohl er wusste, dass nichts darauf zu sehen war, wurde der Drang, genau diese Tatsache zu überprüfen, immer größer. Dennoch würde er dem jetzt nicht nachgeben, es wäre zu auffällig, immerhin war er hier in einem Klassenraum voller Schüler.

Nach einer erneuten Runde, bei der er zwei Schüler davon abhalten konnte, die Zutaten in einer falschen Reihenfolge in den Trank zu geben – es hatte Hufflepuff einige Punkte gekostet – wanderten seine Gedanken zu seiner rosa Kollegin. Da war etwas, das ihn irritierte, das seine Instinkte weckte, obwohl er es nicht festmachen konnte. Sie schien ihn immer wieder zu beobachten, aber jedes Mal, wenn er seinen Blick zu ihr wandte, schien sie in ein Gespräch vertieft und achtete nicht auf ihn. Trotzdem warnten ihn seine Instinkte und er hatte nicht vor, seine Wachsamkeit zu vernachlässigen. Zu oft hatten seine Instinkte ihm schon das Leben gerettet. Und falls sie diesmal doch falsch liegen sollten, nun, es war nicht verkehrt, vorsichtig zu sein. Sie schien zu versuchen, ihn zu provozieren. Das störte ihn nicht, er war nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Aber sie hatte auch Leon im Visier und das missfiel ihm sehr. Bisher hatte es Leon geschafft, aus der Schusslinie zu bleiben, aber der Kleine hatte Temperament und irgendwann würde er sich nicht zurückhalten können. Hoffentlich kam bei seinem Verdacht nichts heraus, doch Severus war nicht naiv. Er war sich sicher, dass an den Gerüchten jede Menge Wahres dran war, leider.

Doch keiner seiner anderen Kollegen konnte ihm helfen, die Schüler hatten nichts gemeldet. Obwohl Leon auch die junge Miss Lovegood im Verdacht hatte, die sich eigentlich nicht so leicht einschüchtern ließ, wie er selber bereits mehrmals im Unterricht feststellen musste. Minerva tat alles, um ihre Schüler zu schützen, und das waren nicht nur die Gryffindors, doch da der Minister fest hinter Umbridge stand, konnte sie inzwischen nicht mehr viel ausrichten, wenn sie ihren Posten nicht verlieren wollte. Der Schulrat, Lucius saß darin und berichtete ihm immer wieder darüber, war vom Minister mehr oder weniger außer Kraft gesetzt worden, da er Gesetze geschaffen hatte, die die Kompetenzen des Schulrates stark eingeschränkten. Daher konnten sie nun nichts tun, um den Rektorenposten sicher bei Minerva zu halten.

Es frustrierte auch Lucius, das merkte Severus regelmäßig, wenn der Blonde bei ihm schlief, was in den letzten Wochen nur sehr selten klappte. Lucius arbeitete mindestens sechzehn bis achtzehn Stunden jeden Tag, häufig sogar noch länger. Seine Aufgaben als Geschäftsmann erledigte er so weit wie nötig, das kostete ihn nur wenige Stunden am Tag. Die meiste Zeit verbrachte er mit der Recherche über Riddle und die Möglichkeiten, wo er möglicherweise die Schlange verborgen haben könnte. Außerdem half er Sirius dabei, dessen Haus zu durchsuchen, in der Hoffnung, auf den Horkrux zu stoßen. Sie beide spürten, dass sie nicht viel Zeit hatten. Es musste bald ein Ende finden, ehe der Lord eine Möglichkeit fand, zurückzukehren. Vor allem, da nun auch Pettigrew verschwunden war. Er war ein treuer Anhänger Voldemorts, auch wenn es nicht auf Machthunger sondern auf Angst basierte.

 

Leon ging gar nicht erst zum Mittagessen, ihm war klar, dass der Tag noch nicht vorbei war und es würde sicher wieder sehr rosa werden. Er klopfte an die Tür seines Vaters und ging ins Büro, seinen Blick zu Boden gerichtet. Ihm war klar, dass es Severus nicht gefallen würde, wenn er jetzt nicht beim Essen war. Doch wider Erwarten schmunzelte Severus nur kurz und deutete Leon an, mit in seine privaten Räume zu gehen, wo in der Küche bereits für zwei Personen gedeckt war. Jetzt grinste auch Leon. „Bin ich so durchschaubar?“, fragte er.

„Was das betrifft, ja.“, antwortete Severus. „Guten Appetit.“

Erneut aßen sie schweigend und genossen die Ruhe. Nach dem Essen umarmte Leon seinen Vater nur kurz und murmelte ein „Danke“ in seinen Brustkorb, bevor er zum Unterricht ging.

„Hey, Leon, wo warst du? Wir haben dich beim Essen vermisst.“, raunte Corvin.

„Bei meinem Vater, es war uns einfach zu rosa!“, murmelte Leon als Antwort.

„Diese Granger hat sich nach dir erkundigt.“, flüsterte Robyn auf Leons anderer Seite. „Sie will dich nach dem Unterricht in der Bibliothek treffen, soll ich dir ausrichten.“

„Danke!“, antwortete Leon, bevor er sich auf den Unterricht konzentrierte.

Am Nachmittag führte ihn sein erster Weg in die Bibliothek. Hermine war nirgends zu sehen, also setzte sich Leon an seine Hausaufgaben und konzentrierte sich. Schnell hatte er das Meiste geschafft und wollte eben ein Buch holen, als er Hermine lächelnd hinter sich stehen sah. Erschrocken fuhr er zurück.

„Entschuldige, Leon, ich wollte dich nicht erschrecken.“, lächelte die Braunhaarige, die ihre Haare heute in einem Pferdeschwanz gebändigt hatte.

„Schon gut. Mir war nicht klar, wie lange ich hier schon sitze.“, erwiderte Leon, als er sich von seinem Schreck erholt hatte. „Robyn hat mir gesagt, dass du mich sprechen willst?“

„Ja, das wollte ich, aber mach erstmal fertig. Dann gehen wir ein wenig spazieren.“, antwortete Hermine und sah sich um, bevor sie flüsternd hinzufügte: „Am liebsten in den Kerkern!“

Neugierig blickte Leon seine Freundin an, die aber lächelte und schwieg. Auch sie selber holte ein Heft aus ihrer Tasche und machte sich an ihre Hausaufgaben. „Ron hat mich nach Hogsmeade nächstes Wochenende eingeladen!“, berichtete sie zwischendurch. „Er will irgendwas Romantisches vorbereiten!“

„Oh, das hab ich vollkommen vergessen, wir haben ja wieder ein Hogsmeade-Wochenende.“, durchfuhr es Leon. „Hoffentlich passiert nichts.“

Hermine legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du kannst doch nichts dafür, dass Schnuffel weggelaufen ist, als du mit ihm in Hogsmeade warst.“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen. „Gehst du mit jemandem ins Dorf?“

„Wahrscheinlich mit Robyn, Corvin, Draco, Vince, Greg und Blaise. Die Mädchen wollen auch alle etwas Romantisches machen, aber keiner von uns hat Lust darauf, und so ohne Verabredung brauchen wir auch keine Rücksicht darauf nehmen, dass es das Valentins-Wochenende ist.“, grinste Leon.

„Jungs.“, kommentierte Hermine theatralisch seufzend, dann wandte sie sich wieder ihren Hausaufgaben zu. Schließlich gingen sie nach draußen, durch die Flure in Richtung Kerker.

„Du warst heute nicht beim Essen.“, stellte Hermine fest, als sie aus der Bibliothek waren. Ein unverfängliches Thema war sicher gut für den Anfang, so lange sie möglicherweise noch belauscht werden konnten.

„Zu viel rosa und Herzen.“, erwiderte Leon mit Abscheu in der Stimme. „Es war appetithemmend.“

Hermine schmunzelte leise. „Also hat dein Vater heute Morgen und Mittag dafür gesorgt, dass du isst.“ Es war keine Frage, dennoch bejahte Leon stumm.

Er klopfte und öffnete, nach einer entsprechenden Aufforderung, das Büro seines Vaters, ließ Hermine passieren, bevor er selbst hineinging.

„Miss Granger?“, fragte der Tränkemeister mit hochgezogener Augenbraue verblüfft. „Was kann ich für sie tun? Ihren Aufsatz habe ich noch nicht korrigiert, so schnell bin nicht einmal ich.“

„Professor, ich habe möglicherweise Informationen für sie.“, erwiderte Hermine ruhig. „Leon hat mich vor kurzem angesprochen auf die Bestrafungen von Professor Umbridge. Sie sollten sich mit Luna Lovegood und den Weasley-Zwillingen unterhalten. Die drei wollten nicht mit mir reden, aber vielleicht bekommen sie etwas heraus.“

Einen Moment verharrte der Professor überrascht, dann nickte er ihr zu. „Vielen Dank, Miss Granger, ich werde sehen, wie ich sie am besten erwische. Vielleicht sollte ich sie einmal bei mir zum Nachsitzen bestellen.“

„Danke, Professor Snape.“, strahlte Hermine, der man ansehen konnte, dass ihr eine Last von der Seele genommen wurde. Nach einem letzten Nicken von Severus verließ sie sein Büro zusammen mit Leon, der sich mit den Worten „Bis nachher beim Abendessen!“ verabschiedet hatte.

Doch Severus schaffte es nur einmal vor dem Wochenende, die rothaarigen Zwillinge zu erwischen, und ließ sie am Freitagabend nachsitzen. Die Beiden schienen ihrem Professor jedoch nicht vollständig zu trauen, denn sie wollten nichts über die Bestrafungen von Umbridge sagen. Aber so schnell gab ein Severus Snape sicher nicht auf, er würde weiterhin nachhaken und allen Hinweisen nachgehen, die er bekam. Gegen sich aufbringen wollte er die Weasleys nicht, daher wünschte er ihnen viel Spaß in Hogsmeade und bestellte sie am Montagabend wieder zu sich. Erstaunt, dass sie kein Hogsmeade-Verbot bekamen, verließen Fred und George das Büro und die Kerker.

 

Leon brach am Samstag nach dem Frühstück mit seinen Klassenkameraden auf nach Hogsmeade. Draco, Vince, Blaise und Greg wollten vorher noch ein wenig lernen, da bald ihre ZAG-Prüfungen anstanden und sie hatten vor, so gut wie möglich zu bestehen. Außerdem wollten sie wohl vermeiden, dass Pansy, Millicent und Daphne Greengrass irgendwelche romantischen Anwandlungen in ihrer Gegenwart bekamen. Aber zum Mittagessen hatten sie sich in einem kleinen Lokal außerhalb des Zentrums verabredet, Draco hatte Leon, Robyn und Corvin eingeladen, sich zu ihnen zu gesellen. Daniel und Kevin waren erkältet und mussten das Bett hüten. Rebecca, Astoria und Janice waren mit den Mädchen aus der Fünften unterwegs, da Daphne und Astoria Schwestern waren und sich gut verstanden, was sich auf die anderen Mädchen in den beiden Jahrgangsstufen auswirkte.

„Wo wollt ihr hin?“, fragte Leon die Zwillinge, als sie im Dorf waren.

„Honigtopf, Zonkos und der Quidditch-Laden.“, schlug Corvin vor. Robyn und Leon nickten zustimmend und sie machten sich auf den Weg. Zuerst in den Quidditch-Laden, dann mussten sie die Scherzartikel und die Süßigkeiten nicht so lange mit sich herumtragen. Sie plauderten fröhlich über die Schule, über Quidditch, über Mädchen. Robyn schwärmte für Astoria, Corvin dagegen eher für Rebecca.

„Und, für dich auch was dabei?“, wollte Corvin schließlich von Leon wissen.

„Nicht wirklich.“, murmelte Leon. Er war sich nicht ganz klar darüber, aber so wirklich interessierten ihn die Mädchen nicht.

„Was meinst du damit?“, fragte Robyn.

„Naja, ich weiß nicht, ich finde sie alle irgendwie gleich. Keine hat mich bisher interessiert.“, stammelte Leon.

„Ist doch nicht schlimm. Vielleicht kommt es noch.“, lächelte Robyn beruhigend.

„Oder stehst du auf Jungs? Da was für dich dabei?“, stichelte Corvin.

Leon lief knallrot an und verstummte. War es das? Stand er auf Jungs? Waren die Mädchen deswegen so uninteressant? Es wäre vielleicht ein wenig ungewöhnlich, aber nicht schlimm, so wie es bei den Muggeln teilweise immer noch verachtet war. Bisher hatte er sich darüber keine Gedanken gemacht, aber jetzt fielen ihm die vielen kleinen Dinge wieder ein, die er festgestellt hatte, wenn er mit Draco im Bett gelegen hatte, wenn der Blonde seine starken Arme um ihn gelegt hatte. Oder bei der einen Gelegenheit, als sie gemeinsam das Bad nutzten, Dracos Körper hatte seine Augen wie magisch angezogen. Stand er wirklich auf Männer? Stand er auf Draco?

„Hey, Leon! Alles klar?“, riss Robyns Stimme den Schwarzhaarigen jetzt aus seinen Gedanken.

„Äh, ent … entschuldige. Was … was hast du gesagt?“, stotterte Leon.

„Gehst du mit in den Honigtopf? Du warst geistig völlig abwesend!“, grinste Corvin.

Leon sah auf und bemerkte, dass er wohl schon eine ganze Weile völlig gedankenversunken gelaufen war, denn vom Quidditch-Laden, an den er sich nicht einmal erinnern konnte, bis zum Honigtopf waren sie wohl fast eine halbe Stunde unterwegs gewesen. Und Corvin trug eine Tasche mit dem Logo des Quidditch-Ladens mit sich, die gut gefüllt schien. Er schüttelte den Kopf, um seine Verwirrung loszuwerden, dann nickte er den Zwillingen an seiner Seite zu und ging mit ihnen in den mollig warmen Laden, um seinen Süßigkeiten-Vorrat aufzufüllen. Es dauerte fast eine Stunde, bis sie den Laden mit prall gefüllten Taschen wieder verließen und sich auf den Weg zum ‚Goldenen Einhorn‘ machten, das Restaurant, in dem sie mit Draco verabredet waren. Die vier Fünftklässler hatten bereits einen Tisch bekommen, an dem noch drei Plätze frei waren. Draco winkte Leon an seine rechte Seite, auf seiner linken saß wie immer Blaise. Corvin und Robyn setzten sich zwischen Greg und Blaise. Vince saß damit zwischen Leon und Greg.

Während dem Essen grübelte Leon wieder darüber nach, wie seine Gefühle zu Draco waren. Er fühlte sich sicher, behütet. Er vertraute dem Blonden mit seinem Leben. Aber bedeutete das, dass er in ihn verliebt war? Oder dass er auf Jungs stand? Es verwirrte Leon über alle Maßen und er beteiligte sich nicht an dem angeregten Gespräch am Tisch. Irgendwann spürte er eine Hand auf seinem Arm und sah auf, direkt in besorgte graue Augen.

„Was ist los, Kleiner?“, fragte Draco leise.

„Muss über einige Dinge nachdenken. Nichts Schlimmes, aber es beschäftigt mich.“, erwiderte Leon ebenso leise. „Und nein, ich will nicht darüber reden. Nicht jetzt jedenfalls.“

„Okay. Ich bin da.“, versicherte Draco, bevor er sich wieder am allgemeinen Gespräch beteiligte. Sie ließen Leon in Ruhe, musterten ihn nur ab und zu ein wenig besorgt, aber Draco erklärte, dass Leon nur ein wenig Zeit für sich brauche und nachdenken wollte. Daher ignorierten sie die Stille des Grünäugigen, bis es an der Zeit war, zurück nach Hogwarts zu gehen.

 

Severus nutzte den Samstag, den er frei genommen hatte, um die Aufsätze zu korrigieren und die Tränke zu bewerten, die sich auf seinem Schreibtisch türmten, bis ihn gegen kurz nach zwei Uhr ein Patronus von Minerva aufscheuchte.

„Severus, komm bitte so schnell wie möglich zu mir in mein Büro!“, forderte die silbrige Katze mit Minervas Stimme.

 

„Was ist passiert?“, fragte Severus, als er in das Direktorenbüro stürmte.

Minerva stand am offenen Fenster. Ein Uhu stand auf dem Fensterbrett und benahm sich seltsam. Es war keine der Schuleulen und auch keine, die einem Schüler gehörte. Der hellbraune Uhu trippelte von einem Bein aufs andere und bewegte den Kopf unruhig hin und her, klackerte mit dem Schnabel. Die Direktorin wandte sich zu dem Professor um.

„So benimmt sich der Vogel schon die ganze Zeit, das ist kein normaler Vogel. Ich vermute, da steckt etwas Anderes dahinter. Kannst du in die Gedanken dieses … Wesens eindringen und sehen, was los ist? Ich weiß sonst nicht, wie wir kommunizieren könnten, oder zumindest herausfinden, was hier los ist.“, bat Minerva.

„Du glaubst, es ist ein Animagus? Ich kann es versuchen, aber versprich dir nicht zu viel davon, Minerva.“, warnte Severus. Er wandte sich dem Vogel zu. „Wenn sie mich verstehen können, dann kommen sie bitte herein, damit wir das Fenster schließen können. Hier ist eine große Eulenstange, auch der Schreibtisch wäre notfalls geeignet.“

Der Uhu flatterte ungelenk mit den großen Schwingen und schaffte es taumelnd auf den Schreibtisch, wobei die Landung eher unglücklich wirkte. Der halbe Schreibtisch wurde leer geräumt, weil der Uhu seine Flügel so unkoordiniert bewegte, dass er beinahe eine Bauchlandung hinlegte.

„Das ist ganz sicher kein normaler Uhu, du hast Recht, Minerva.“, stellte Severus fest. Dann sah er dem Uhu so gut es ging in die Augen. Der Vogel bewegte die Ohren unruhig hin und her. „Ich werde nun versuchen, per Legilimentik Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Bitte wehren sie sich nicht dagegen, das ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um zu helfen. Bereit?“

Severus musste ein Lachen unterdrücken, es war zu seltsam. Gerade unterhielt er sich mit einem zu groß geratenen Vogel und fragte ihn, ob er bereit war, mit Hilfe von Legilimentik mit ihm zu kommunizieren. Doch der Vogel neigte seinen Kopf. Es sah aus, als wollte er nicken. Severus hob seinen Zauberstab und richtete ihn auf den Uhu. Die Farbe seines Gefieders erinnerte ihn an eine Haarfarbe, aber das war für diese Tiere nicht unbedingt ungewöhnlich. Er atmete noch einmal tief durch. „Legilimens.“

In dem Geist des Vogels traf er auf keinerlei Barrieren, aber die Gedanken wirbelten wie wild durcheinander. Er konnte Furcht und Panik spüren, Verwirrung und ein dringendes Bedürfnis sich zurück zu verwandeln. Doch genauer konnte er es nicht ausmachen, die Gedanken wirbelten zu sehr. Er musste den Kontakt unterbrechen, es war zu komplex und er wusste, die Gefahr, sich darin zu verlieren und selber den Verstand einzubüßen, war groß.

„Wir brauchen Hilfe.“, keuchte er, als er sich wieder auf die Realität konzentrieren konnte. „Ich konnte nur bestimmte Gefühle wahrnehmen, aber keinen wirklichen Kontakt herstellen, es wirbelt zu sehr in diesen Gedanken. Aber diese Person, die in dem Uhu-Körper feststeckt, möchte uns etwas mitteilen, kann sich jedoch nicht zurückverwandeln. Da ich kein Animagus bin, kann ich hierbei auch nicht helfen.“

„Fawkes könnte helfen, doch seit Albus´ Tod ist er nicht mehr aufgetaucht.“, überlegte Minerva. „Der Phönix gehört im Prinzip zu Hogwarts, hat schon hunderte Jahre hier verbracht, aber durch seine besondere Verbundenheit zu Albus hat er sich zurückgezogen, vermute ich. Vielleicht kann ich helfen, der Uhu scheint uns ja zu verstehen.“

Wieder machte der Uhu diese Bewegung, die ein wenig an ein Nicken erinnerte. Minerva sammelte sich und sprach dann direkt zu dem Vogel.

„Das war ihre erste Verwandlung?“ Ein Nicken folgte. „Haben sie sich darauf vorbereitet, darauf trainiert?“ Der Uhu bewegte seinen Kopf seitlich, was wohl eine Verneinung war. „Es ist spontan passiert?“, staunte die Rektorin. Wieder ein Nicken. „Wahnsinn, so etwas hat es meines Wissens nach das letzte Mal vor über dreihundert Jahren gegeben. Ein intuitiver oder instinktiver Animagus, der seine Verwandlung aufgrund intensiver Emotionen ohne Vorbereitung schafft. Das bedeutet, sie sind sehr aufgewühlt. Sie müssen versuchen, sich zu beruhigen, ansonsten können sie sich nicht zurück verwandeln.“

„Lösen sie sich von allen Gefühlen, leeren sie ihren Geist.“, begann Severus in einer ruhigen Stimme, die entspannend wirkte. „Schieben sie erst einmal alle Gedanken beiseite, wir können nach ihrer Rückverwandlung darüber reden. Sie vergessen nichts davon, aber zunächst muss alles beiseitegeschoben werden. Nur wenn sie das schaffen, ist eine Rückverwandlung möglich.“

Die ruhige Stimme des Tränkemeisters schien zu wirken. Der Uhu schloss die Augen und schien sich zu konzentrieren. Minerva wartete angespannt neben einem äußerlich ruhigen Severus. Doch in ihm wirbelte es, er hatte eine Vermutung, wer in dem Uhu stecken könnte. Aber was war wohl passiert, das so eine extreme Reaktion ausgelöst hatte? Nun, das würde warten müssen, bis der Uhu wieder seine menschliche Form hatte. ‚Fawkes, hilf uns.‘, dachte er unwillkürlich, als er merkte, der Uhu schaffte es nicht alleine. Wieder sprach er beruhigend auf den Vogel ein, während seine Gedanken abschweiften. Früher war er nie so ruhig geblieben, wenn etwas nicht sofort geklappt hatte. Es war ein Wunder, dass er selber in der Lage war, Okklumentik zu lernen, denn auch er war ein unruhiger Geist und hatte selten die Ruhe gehabt, alle Gedanken von sich zu weisen. Doch es war notwendig gewesen und er hatte es schließlich gemeistert, wobei er sehr viel Disziplin gebraucht hatte, um diese Kunst zu erlernen. Jetzt war er ruhig genug, auch noch Andere zu beruhigen. Leon gab ihm diese Ruhe, da war sich Severus sicher.

Von einem spontanen oder instinktiven Animagus hatte er bisher nur Andeutungen gehört und gelesen, das war zu selten. Daher konnte er nun auch weiterhin nicht helfen, nur beruhigend auf den Vogel einwirken, in der Hoffnung, dass es dann mit der Rückverwandlung klappte. Aber der Vogel konnte sich offenbar nicht beruhigen. Wieder dachte Severus an den Phönix und dieses Mal rauschte es im Anschluss an diesen Gedanken vor dem Fenster und das rot-goldene Gefieder von Fawkes tauchte auf. Ruhig segelte er zum immer noch offenen Fenster herein und ließ sich auf der Stange neben dem Schreibtisch nieder. Mit schiefgelegtem Kopf schien er den Uhu eingehend zu studieren. Minerva ergriff das Wort und erklärte dem Feuervogel knapp, was passiert war und welches Dilemma nun auf eine Lösung wartete. Fawkes begann, leise Töne von sich zu geben, die sehr harmonisch und ruhig wirkten. Man konnte sehen, wie sie den Uhu beruhigten, der die Augen schloss und seine Schwingen entspannte. Schließlich hüpfte der große Vogel auf den Boden und verwandelte sich langsam in einen Menschen zurück. Severus stand hinter dem Rücken, hörte aber das erschrockene Einatmen von Minerva. Da der Umhang über dem Kopf lag, sah Severus nur schwarz und wusste weiterhin nicht, wer sich darunter verbarg, doch nun griffen Hände nach oben und schoben die Kapuze zurück. Severus wusste sofort, wer vor ihm stand. Sein Verdacht hatte sich soeben bestätigt.

„Miss Granger, wie es scheint, schaffen sie es auch ohne die Hilfe von Mister Potter, sich in Schwierigkeiten zu bringen.“, spöttelte er.

„Professor McGonagall, Professor Snape.“, keuchte Hermine. „Ron wurde entführt. Wir waren auf der Wiese hinter der Gasse, in der Madam Puddifoots Café liegt. Ron hat dort ein Picknick vorbereitet. Plötzlich waren wir von Dementoren umringt und Todesser haben Ron geschnappt. Ich denke jedenfalls, dass es Todesser waren, sie hatten die gleichen Umhänge und Masken an wie diejenigen, die letzten Sommer bei dem Endspiel der Quidditch-Weltmeisterschaft für Trubel sorgten. Jedenfalls haben sie Ron geschnappt und plötzlich konnte ich fliegen und war bereits auf dem Weg hierher. Wieso kann ich mich in eine Eule verwandeln? Ich schwöre, ich habe nie einen Animagus-Zauber erlernt.“

„Stopp, Miss Granger, seien sie verdammt nochmal ruhig!“, schnarrte Severus. „Sie sind ein spontaner Animagus, jemand der so belesen wie sie ist, sollte davon zumindest schon gehört haben. Aber darum können wir uns auch später kümmern. Sie sagten, Mister Weasley wurde von Todessern entführt? Wann und wo genau? Und ich will einen möglichst exakten Bericht.“

Hermine setzte an, doch Minerva stoppte sie mit einer erhobenen Hand. „Vielleicht wäre es besser, ihre Erinnerungen anzusehen. Ich habe Albus´ Denkarium hier. Bitte konzentrieren sie sich auf die Erinnerung, Miss Granger, und ich werde sie in das Denkarium legen, damit wir sie ansehen können.“, bestimmte sie.

Schnell war die silbrige Substanz im Denkarium abgelegt und sie stellten sich rund um das steinerne Becken. Jeder tauchte einen Finger hinein, sogar Hermine, was bei Severus ein knappes Kopfschütteln auslöste, aber er sagte nichts, da er Minervas warnenden Blick sehen konnte. Sie fielen ins Leere, bis sie plötzlich auf einer Wiese standen.

„Wieso kein Schnee?“, wunderte sich Severus. „Hat Ron weggezaubert, damit wir das Picknick im Grünen halten können.“, erklärte Hermine kurz. Beide Schüler saßen auf einer Decke und küssten sich gerade, als die Dementoren sich im Kreis um sie herum aufstellten. Die Schüler sprangen auf und zogen ihre Zauberstäbe, reagierten sehr schnell und sprachen verschiedene Zauber aus, die bei Dementoren nur leider nicht wirksam waren, gegen diese Wesen half nur ein starker Patronus. Severus zählte rasch ab, es waren zwanzig Dementoren, die hier vor Ort waren. Dagegen hatten zwei Schüler keine Chance, doch er konnte nicht umhin, ihren Mut anzuerkennen, wenn auch nicht laut. Jetzt änderte sich etwas, zwei dunkel gekleidete, maskierte Gestalten sprangen aus dem Wald heraus auf den Rothaarigen zu und packten ihn, entwaffneten ihn mit Leichtigkeit, da die Dementoren ihn so stark beeinflussten. Nur, warum waren die beiden Todesser nicht auch betroffen von den Dementoren? Sie hatten keine Patroni geschaffen, die wenigsten Todesser schafften es, einen Patronus zu erschaffen, da die dunkle Magie, die sie so häufig wirkten, die Gefühle so sehr beeinflusste, dass sie nicht mehr in der Lage waren, genug positive Energie dafür zu gewinnen.

Der Tränkemeister ging näher an das Geschehen heran und beobachtete die beiden Todesser genauer. „Das sind Rabastan und Rodolphus Lestrange.“, stellte er fest. „Bist du sicher?“, wollte die Rektorin wissen. Severus nickte. „Ja, aber ich kann es nicht beweisen.“ Sie beobachteten weiterhin das Geschehen, doch viel passierte nicht mehr, Hermine Granger verwandelte sich in einen Uhu und flog panisch davon in Richtung Schloss, während die Todesser gemeinsam mit einem bewegungslosen Ronald Weasley verschwanden. Severus vermutete einen Portschlüssel, denn sie waren nicht appariert. An diesem Punkt endete die Erinnerung und sie tauchten wieder auf. Hermine war in Tränen aufgelöst und wurde von der Direktorin zu dem kleinen Sofa neben dem Kamin gebracht, wo sie sich setzen musste.

„Severus, ich brauche einen Beruhigungstrank für sie.“, bestimmte Minerva und der Tränkemeister nickte knapp. Er warf eine Portion Flohpulver in den Kamin und ging mit den Worten „Labor von Severus Snape“ in das grüne Feuer. Nur Momente später war er zurück und reichte Hermine eine Phiole.

„Austrinken, Miss Granger. Sie helfen Mister Weasley nicht, wenn sie jetzt durchdrehen.“, kommandierte er.

Mit zitternden Fingern griff die Vertrauensschülerin nach dem Fläschchen, konnte es aber nicht öffnen. Severus nahm es aus ihrer Hand und entkorkte es, bevor er es an ihre Lippen hielt. Sie legte den Kopf nach hinten und leerte die Phiole in einem Zug. Man konnte zusehen, wie der Trank zu wirken begann. Hermine war merklich ruhiger und Minerva brachte sie in ihren Schlafsaal, sie brauchte Ruhe. Der Trank würde dafür sorgen, dass sie eine erholsame Nacht hatte, und dann konnte man weitersehen. Wieder zurück in ihrem Büro wandte sich die Schulleiterin an Severus.

„Wenn die beiden Lestrange-Brüder den Jungen haben, dann müsste Lucius etwas herausfinden können. Kannst du dich an ihn wenden?“, wollte sie wissen. Severus nickte zustimmend. „Und ich werde in den Fuchsbau gehen, so eine Nachricht werde ich nicht per Eule oder Kamin überbringen. Sprich mit Lucius und vielleicht auch mit Sirius, Moody und Kingsley. Ich schätze, Bill treffe ich um diese Zeit im Fuchsbau. Wir treffen uns heute Abend noch kurz und besprechen, wie wir weiter vorgehen.“

Erneut nickte Severus zustimmend und verließ das Büro. Es dauerte einige Zeit, bis er in den Kerkern ankam, doch noch bevor er in sein Büro ging, machte er einen Abstecher in den Gemeinschaftsraum seiner Schlangen. Draco und Leon waren nicht dort, daher ging er in ihren Schlafsaal. Schnell kontrollierte er die anderen Schlafräume auf Sauberkeit und Ordnung, doch die Drohungen schienen zu wirken, er fand nur aufgeräumte Schlafsäle vor. Am Ende ging er in den Schlafraum seines Sohnes und seines Patenkindes. Auch dieser war sehr ordentlich, was er auch nicht anders erwartete, gerade Draco war sehr akribisch und Leon versuchte, mit seinem besten Freund gleichzuziehen, obwohl das nicht immer gelang. Doch heute kam er aus einem anderen Grund. Draco saß offenbar noch an einer Hausaufgabe, sah nur kurz auf und lächelte Severus zu. Leon hingegen lag lesend im Bett und war in seine eigene Welt versunken. Severus setzte sich zu ihm und strich ihm über die Wange, um die Aufmerksamkeit seines Sohnes zu erhalten. Überrascht blickten ihn grüne Augen an und begannen zu strahlen, als sie erkannten, wer da bei ihm war.

„Hey, Dad!“, begrüßte Leon den Tränkemeister.

„Guten Abend, mein Kleiner!“, lächelte Severus. „Wie war Hogsmeade?“

„Schön, ein wenig verwirrend, aber darüber will ich gerade nicht reden.“, gab Leon zu.

Irritiert runzelten die beiden Älteren im Raum die Stirn, fragten aber nicht nach. Es schien nicht gefährlich zu sein, ansonsten würde Leon darüber reden, da war sich Severus inzwischen sicher. Sie hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander und verschwiegen sich nichts Wichtiges. Und wenn Leon im Moment nicht darüber reden wollte, würde er vielleicht später kommen. Jetzt war etwas Anderes wichtig.

„Leon, es gab einen Vorfall in Hogsmeade.“, begann er vorsichtig. Sein Sohn sah ihn mit großen, weit aufgerissenen Augen an. „Ronald Weasley wurde entführt, von Todessern, die Dementoren dabei hatten. Miss Granger konnte ihm nicht helfen, beide können keinen gestaltlichen Patronus, nicht einmal einen gestaltlosen, da eure Professorin es nicht für nötig hält, euch vernünftig zu unterrichten. Jedenfalls hat Miss Granger es geschafft, sich in ihre Animagusform zu flüchten, von der sie nicht wusste, dass sie sie hat. Sie ist ein intuitiver oder auch spontaner Animagus und kam als Uhu zu Minerva ins Büro. Erst mit Hilfe von Fawkes, der im rechten Moment zurückkam, hat sie es geschafft. Sie hat uns Bericht erstattet und ihre Erinnerung an den Vorfall gezeigt. Ich habe ihr einen Beruhigungstrank gegeben und sie ist nun in ihrem Zimmer. Du bist ein Freund für sie, ein guter Freund, vielleicht kannst du ihr helfen. Wenn du bereit dazu bist.“

Leon überlegte nicht lange. „Ich gehe.“, entschied er.

„Nimm deinen Tarnumhang, das Passwort zum Gryffindorturm ist ‚Mimbulus Mimbeltonia‘. Wenn es nötig sein sollte, dann kannst du die Nacht bei ihr verbringen, ich weiß, ihr beide seid vernünftig.“, riet Severus.

Der Jugendliche hatte schon seinen Umhang in der Hand und wollte los eilen, da stoppte ihn Draco. „Warte, Leon. Es geht noch einfacher. Ein Hauself könnte dich dorthin bringen.“

„Du hast Recht, Draco.“, stimmte Severus ein wenig überrumpelt zu. Das hätte ihm auch einfallen können. „Das ist wirklich deutlich einfacher. Dobby?“

Sofort ploppte es und der wunderlich gekleidete Hauself erschien. Wie immer trug er zwei verschiedene Socken, wobei keiner genau wusste, warum, ein verkleinertes T-Shirt, von dem Severus fast sicher war, dass es früher Harry gehört hatte, und einen unförmigen Hut, der nach Selbstgestricktem aussah.

„Wie kann Dobby Professor Snape Sir behilflich sein?“, wollte der Hauself wissen.

„Bring bitte Leon zu Miss Granger in den Gryffindorturm.“, bat Severus. Ihm war bewusst, dass er sich nun deutlich höflicher den Dienstboten gegenüber ausdrückte als früher. Doch nicht deshalb riss Dobby die Augen weit auf, wodurch sie noch mehr als sonst zu groß für sein Gesicht wirkten. „Du hast mich schon richtig verstanden, Dobby. Miss Granger geht es nicht gut, sie braucht Leons Beistand und es würde unnötige Fragen aufwerfen, wenn er auf dem normalen Weg dorthin gelangt.“

Immer noch irritiert nickte der Hauself und griff nach Leons Hand. Mit einem leisen Plopp verschwanden sie. Draco sah seinen Patenonkel nun fragend an. „Was hast du nun vor?“

„Ich werde unsere Verbündeten kontaktieren und dann werden wir eine Entscheidung treffen.“, erwiderte Severus leise.

„Du kannst nichts dafür, Onkel Sev.“, mahnte Draco, der genau zu wissen schien, dass Severus sich Vorwürfe machte.

„Ich hätte eigentlich Aufsicht gehabt, habe sie aber abgegeben, an Umbridge. Mir war klar, dass dies ein Fehler war, aber dass er derartige Auswirkungen haben könnte, hätte ich nicht einmal geahnt. Ich befürchte, Mister Weasley wird es nicht sehr gut ergehen.“, warf sich Severus selbst vor.

„Ron ist zäh. Er hält Einiges aus, auch wenn ich ihm das nicht wünschen würde, was er sicherlich nun durchmachen muss.“, schauderte Draco. „Kann ich mitkommen?“

Nickend erlaubte es Severus, dann gingen sie gemeinsam in sein Büro. Dort trat er sofort an den Kamin und verband sich mit dem Malfoy-Manor, wo er hoffte, Lucius anzutreffen. Er hatte Glück und sein Partner sagte zu, gleich zu kommen, sodass er alle gemeinsam auf den neuesten Stand bringen konnte. Er informierte noch Kingsley, Moody und Sirius, die nacheinander in sein Büro kamen. Auch Minerva war in der Zwischenzeit eingetroffen und hatte Bill mitgebracht, der weiß wie die Wand war. Auf die Bitte von Severus setzten sich alle, nur er selber blieb stehen und ging auf und ab, während er berichtete, was heute in Hogsmeade passiert war. Keiner unterbrach ihn während seiner Schilderung. Am Ende schwiegen alle betroffen.

„Was denkst du, Severus?“, ergriff Lucius als Erster das Wort.

„Eine Sache ist: Wir haben Dementoren, die offensichtlich nicht unter der Kontrolle des Ministeriums stehen, warum sonst sollten zwanzig dieser Wesen zwei Jugendliche hier im Dorf überfallen. Die andere Sache ist: Es waren sicher Todesser, ich vermute, die beiden Lestrange-Brüder. Beweisen kann ich es nicht, die Erinnerung von Miss Granger war zu schwach und ungenau in Bezug auf die Entführer, aber ich bin mir relativ sicher.“, begann Severus. „Mir ist nur nicht ganz klar, was sie damit bezwecken. Ich meine, was ist an Mister Weasley, das sie angelockt hat, oder war es Zufall, dass sie ihn erwischten? Hätten sie jeden Schüler mitgenommen? Als Harry noch lebte, war er als Geisel viel wert, aber jetzt? Er ist ein Schüler unter vielen, kein spezielles Ziel, meiner Meinung nach. Auch seine Eltern sind nicht mehr im Orden, dass man damit etwas erreichen könnte. Es ergibt einfach keinen Sinn.“

„Und wenn es einfach nur um Rache geht? Was, wenn Ron erst der Anfang ist und sie es auf Hogwarts-Schüler abgesehen haben? Oder auf die Weasleys? Oder jemand hat mitbekommen, dass Leon Harry war.“, meldete Draco seine Bedenken an.

„Wir können viele Theorien aufstellen, aber wir werden wohl nicht weiterkommen.“, knurrte Moody. „Wir sollten uns den Tatort ansehen. Severus, kannst du Kingsley, Lucius und mich hinbringen?“

„Natürlich.“, stimmte Severus zu.

„Ich komme auch mit.“, entschied Sirius.

Nach einem zustimmenden Nicken von Moody machten sich die Fünf auf den Weg, während Bill durch den Kamin nach Hause ging und Minerva und Draco das Büro durch die Tür verließen. Auf dem Flur hielt Minerva den Jugendlichen noch einmal auf.

„Mister Malfoy, liege ich richtig mit der Annahme, dass Leon Snape bei Miss Granger ist?“, fragte die Schulleiterin.

„Ja, Professor McGonagall. Professor Snape hat ihn zu ihr geschickt, er war der Meinung, Leon könnte ihr helfen und Beistand leisten.“, antwortete Draco.

„Gut, dann weiß ich Bescheid, ich werde noch nach Miss Granger sehen. Schlafen sie gut, Mister Malfoy.“, wünschte McGonagall.

„Gute Nacht, Professor.“, verabschiedete sich der Blonde.

 

 

 

Severus führte die anderen Vier nach Hogsmeade und dann hinter das Café auf den Grasplatz. Ein Stück weiter begann der Wald, aus dem die Dementoren und schließlich die Todesser gekommen waren. Severus zeigte ihnen die entsprechenden Stellen und sie überprüften alles gewissenhaft. Da drei Auroren anwesend waren und die beiden Anderen auch genau wussten, worauf es ankam, ging es trotz der Dunkelheit sehr schnell voran. Doch sie fanden nur wenige Hinweise, und keiner davon konnte ihnen wirklich weiterhelfen. Sie hatten nicht herausfinden können, wer genau die beiden Todesser waren, aber es waren wohl wahrhaftig Todesser gewesen, denn einer von ihnen hatte das dunkle Mal in die Rinde eines Baumes geschnitzt, wohl während sie warteten. Es musste also ein Todesser sein, der immer ein Messer bei sich hatte, doch auch dafür kamen die Meisten in Frage, also wieder nichts, womit sie arbeiten konnten. Die magischen Signaturen waren schwach, kaum vorhanden, was darauf hindeutete, dass derjenige, oder besser diejenigen, die hier waren, kaum Magie benutzt hatten. Und das, was an Spuren vorhanden war, deutete auf nicht registrierte Zauberstäbe hin.

„Wieder nichts Greifbares.“, schimpfte Moody am Ende.

„Das wiederum zeigt, dass sich jemand sehr wohl darum bemüht hatte, keine Spuren zu hinterlassen, also intelligent und vorausschauend geplant hat.“, überlegte Kingsley.

„Und das engt den Kreis der Verdächtigen ein, denn so viele intelligente Anhänger hatte Voldemort nicht.“, fügte Lucius an.

„Aber es sind immer noch zu viele Möglichkeiten.“, dämpfte Severus die Vorfreude. „Und wenn ein Intelligenter das geplant hat, dann können auch Leute wie Pettigrew das durchziehen, ohne dabei größere Fehler zu machen.“

„Verschwinden wir von hier.“, entschied Moody. „Wir haben alles gesichert, was zu finden war, mehr können wir hier nicht tun.“

„Also jagen wir weiterhin einem Phantom hinterher.“, fasste Sirius bedrückt zusammen, der heute erstaunlich still war.

„Gehen wir.“, stimmte Lucius zu. „Hier können wir nichts mehr tun, aber ich habe noch Neuigkeiten, die vielleicht interessant sein dürften, gehen wir zurück in Severus´ Büro? Ich werde sehen, dass ich in den nächsten Tagen unauffällig Kontakt zu den beiden Lestrange-Brüdern aufnehmen kann, vielleicht finde ich etwas heraus, womit wir Mister Weasley helfen können.“

Eine knappe halbe Stunde später waren sie wieder in den Kerkern. Severus ließ Kaffee und Tee von den Hauselfen bringen. Dobby war dabei und berichtete dem Tränkemeister, dass Leon bei Miss Granger schlief. Schließlich waren alle mit heißen Getränken versorgt und Lucius berichtete.

„Devon hat mich kontaktiert, kurz bevor Severus sich bei mir gemeldet hat. Remus zeigt erste Anzeichen dafür, bald zu erwachen, wobei ‚bald‘ durchaus noch zwei oder drei Wochen sein könnten. Aber alle Untersuchungen sprechen dafür, dass er ohne Folgeschäden davonkommen wird.“

Man konnte das erleichterte Aufatmen von Sirius deutlich hören. Er hatte sich immer noch nicht vergeben, dass er beinahe seinen besten Freund getötet hätte. Obwohl er zu dem Zeitpunkt unter dem Einfluss des Imperius stand, fühlte er sich schuldig. Sirius war der Meinung, er hätte es schaffen müssen, den Imperius zu brechen. Jetzt spürte er eine Hand auf der Schulter. Er sah auf und blickte in Lucius´ ernstes Gesicht.

„Es ist vorbei, Sirius. Du hattest keine Chance. Der Imperius war stark, selbst wenn du dich mit aller Kraft gewehrt hättest, du hättest ihn nicht brechen können.“, informierte er ihn ruhig.

„Aber ich hätte beinahe Severus umgebracht, und Remus nur deshalb nicht, weil er ein Werwolf ist.“, wisperte Sirius, immer noch völlig entsetzt. „Es tut mir so leid, Severus. Ich wollte das nicht. Auch wenn ich dich nie ausstehen konnte, aber ich wollte dich nicht umbringen. Es tut mir leid!“

„Ich habe dich nicht beschuldigt.“, mischte sich Severus nun ein. „Auch wenn ich es nicht verstehen werde, wie sie dich überwältigen konnten, außer sie kannten deine Animagusform. Und da vermute ich, ist der Schlüssel. Pettigrew wurde gezielt aus Askaban befreit und hat im Gegenzug mal wieder einen seiner Freunde verraten. Und wahrscheinlich noch ein paar mehr Leute. Nur gut, dass er keine Ahnung mehr hatte, wer ihn an die Auroren ausgeliefert hat, sonst wäre Lucius nun wahrscheinlich schon tot.“

„Ich reime es mir auch so zusammen: Pettigrew wurde bewusst befreit, und zwar schon direkt nach der Verhaftung. Wir müssen die Unterlagen sichten, denn spätestens, wenn sie den Dementor bringen, der ihn küssen soll, und da war kein Gefangener, hätte es auffallen müssen. Das bedeutet, dass jemand auf höchster Ebene manipuliert hat. Die Wachen hätten ja wissen müssen, dass da ein Gefangener ist, und wenn der sich nicht rührt, hätten sie aufmerksam werden müssen. Außerdem bringen sie jeden Tag das Essen zu den Zellen, auch da sollte ein fehlender Gefangener auffallen. Dass dem nicht so war, bedeutet in meinen Augen, es gibt jemanden in einer hohen Position im Ministerium, der mit Pettigrew gemeinsame Sache macht, und das klingt gefährlich. Ich meine sogar, das klingt nach einem Kopf, der auch hinter der Entführung von Ron und dem Imperius an Sirius steckt.“, fasste Kingsley ruhig zusammen.

„Ich stimme dir zu, King.“, brummte Moody. „Also gehen wir los und sichten die Unterlagen?“

„Gehen wir.“, stimmte Kingsley zu. „Am besten jetzt gleich, denn nachts sind nicht so viele neugierige Augen im Ministerium unterwegs. Lucius, was ist mit dir? Soll ich dir einige Unterlagen in dein Büro bringen, dann kannst du unauffällig mithelfen.“

„Mach das. Aber ich werde erst morgen früh kommen, es wäre zu auffällig, wenn ich zu nachtschlafender Zeit in meinem Büro auftauche. Das Passwort, das meine Tür sichert, ist ‚Osterglocke‘.“, informierte der Blonde.

Sie tauschten noch ein paar Höflichkeiten, dann trennten sich ihre Wege. Kingsley, Sirius und Moody gingen durch den Kamin nach London ins Ministerium, Lucius blieb bei Severus. Sirius hatte vor einigen Tagen angefangen, wieder als Auror zu arbeiten, wenn er auch noch nicht voll eingesetzt wurde, da er immerhin seit etwa fünfzehn Jahren nicht gearbeitet hatte. Es brauchte eine gewisse Zeit, um sich wieder zurechtzufinden, und die bekam Sirius nun. Seinen Beruf wollte er nicht aufgeben, er hatte ihn geliebt und wollte nicht den ganzen Tag nur herumsitzen, sondern etwas Sinnvolles mit seinem Leben anstellen, jetzt, wo er frei war.

„Alles in Ordnung, Severus?“, wollte Lucius wissen, als sie alleine waren.

Severus ging erregt auf und ab, bis sein Partner ihn aufhielt und ihn zwang, ihm in die Augen zu sehen. Er wiederholte seine Frage nicht, aber er wusste, dass Severus klar war, dass er auf eine Antwort wartete. „Ich habe ihn immer gehasst, für das, was er mir angetan hat. Er hat nie auch nur ein wenig Reue gezeigt. Sein Anblick erinnert mich immer wieder an alles, ich kann es nicht verhindern. Leon hat Vertrauen zu ihm, auch wenn er sich lange geweigert hat, Leon zu sehen. Es war unter dem Einfluss des Imperius, ich weiß, das bedeutet vor allem, dass die Gefahr besteht, dass jemand weiß, Leon ist Harry. Und das bedeutet, Leon ist wieder einmal in Gefahr. Ich habe ihm doch versprochen, ihn zu beschützen!“

„Was ist da noch, Sev?“, fragte Lucius mit einem Mal ernst. „Ich kenne dich. Deswegen alleine verlierst du nicht so komplett dir Fassung. Rede mit mir!“

Entsetzt sah er zu, wie das letzte bisschen Farbe aus Severus´ Gesicht wich. Er musste den etwas kleineren Tränkemeister stützen, dem plötzlich die Knie einknickten. Lucius half dem Schwarzhaarigen, sich auf das Sofa zu setzen, wo der seine Arme auf die Knie stützte und das Gesicht in den Händen vergrub. „Im Schreibtisch, oberste Schublade.“, gab Severus einen vagen Hinweis.

Der Blonde sah irritiert auf seinen Gefährten, dann wandte er sich dem Schreibtisch zu und öffnete die oberste Schublade. Eine Menge Pergament stach ihm ins Auge, Briefe. Vorsichtig nahm er sie heraus und überflog sie. „Drohbriefe, gegen dich und Leon. Das erklärt jedenfalls deinen Zustand.“, stellte er fest. „Seit wann bekommst du sie?“

„Kurz nach den Ferien. Es sind auch immer wieder Bilder dabei, von Leon hier im Schloss, aber auch auf unseren Spaziergängen und sogar von Leon mit den beiden Ärzten, die in den Weihnachtsferien entstanden sein müssen. Immer wieder spüre ich, dass jemand mich beobachtet, aber ich sehe niemanden.“, hauchte Severus. „Ich konnte auch nicht herausfinden, woher die Briefe kommen, sie liegen immer, wenn ich vom Unterricht komme, vor meinem Kamin im Büro. Ich habe alle Zauber versucht, die ich kenne und auch einige, die ich bisher nicht kannte. Nichts.“

Lucius spürte, wie sehr das seinen Partner aufwühlte. Er nahm ihn in die Arme und versuchte, ihn zu beruhigen. Leon bedeutete dem Tränkemeister so viel, das konnte man vor allem in Situationen wie dieser sehen. Er war völlig aus der Ruhe gebracht, konnte nicht mehr objektiv den Fall betrachten. Vielleicht hing es auch mit den letzten fast zweieinhalb Jahren zusammen, die dem Schwarzhaarigen sehr zugesetzt hatten, sowohl physisch als auch psychisch. Doch Lucius konnte kaum helfen, nur da sein. Und das würde er. „Komm, gehen wir schlafen. Du brauchst Ruhe. Leon ist hier sicher. Die Schilde wurden neu ausgerichtet, man kann ihn nicht einfach entführen. Momentan ist er bei Miss Granger und morgen früh kannst du ihn sehen, und dann sprichst du mit ihm, damit er selber auch noch mehr auf der Hut ist.“, murmelte Lucius. „Ich muss morgen, oder besser heute, in mein Büro und die Sachen für Kingsley durchgehen, aber am Montag werde ich hier bleiben und sehen, ob ich etwas herausfinde. Am besten leihe ich mir dafür Leons Umhang. Für heute Nacht ist Leon sicher, und dann sehen wir weiter.“

Er drängte Severus in Richtung Bett, ein Reinigungszauber würde es für jetzt tun, duschen konnte er morgen früh immer noch, dann wurde er wenigstens wach. Lucius fühlte das Zittern, das den Körper des Tränkemeisters erfasst hatte, zog ihn daher an sich. Hielt ihn fest, gab ihm Halt. Nach und nach wurde Severus ein wenig ruhiger, schlief schließlich gegen drei Uhr morgens ein. Lucius wachte über den Schlaf seines Partners. Sie mussten sehen, dass es bald ein Ende hatte, Severus arbeitete sich gerade auf, weil er sich so viele Sorgen um Leon machte. Und nun war auch noch ein Schüler bei einem Hogsmeade-Ausflug entführt worden, der ein Freund von Leon war. Er selber musste dringend herausfinden, wer dahinter steckte. Auch wenn heute Sonntag war, würde er in sein Büro gehen. Kingsley hatte sicher einige Unterlagen bei ihm hinterlassen, die er dort in Ruhe durchgehen konnte. Vielleicht fanden sie auch eine Möglichkeit, Leon in Sicherheit zu bringen, damit Severus wenigstens eine Sorge weniger hatte.

Das Problem war wahrscheinlich auch, dass keiner einschätzen konnte, wie der Lord reagieren würde, falls er zurückkam. Severus hatte in der Öffentlichkeit einige seiner engsten Anhänger denunziert. Würde der Lord das als Verrat ansehen oder als notwendig, um seine Stellung zu wahren? Diese Frage beschäftigte Severus mit Sicherheit, vor allem weil momentan auch noch ihr Mal immer wieder brannte, was darauf hin deutete, dass jemand einen Horkrux in die Hand nahm. Lucius grübelte, was er noch tun könnte, um einen Schritt weiterzukommen. Schließlich fiel er gegen Morgen in einen unruhigen Schlaf, aus dem er nur wenig später geweckt wurde, weil Leon in die Wohnung kam, da er mit seinem Vater reden wollte.

Lucius verschwand kurz im Bad, bevor er sich verabschiedete und direkt in sein Büro ging. Er würde sich dort die Akten vornehmen, die Kingsley sicherlich schon dorthin gebracht hatte und anschließend so schnell wie möglich zurück zu Severus gehen. Der brauchte ihn gerade dringend. Sie mussten sehen, dass er wieder zurück zu seiner undurchschaubaren Maske fand, ansonsten wäre er extrem gefährdet, das war Lucius klar. Er zwang sich, die Unterlagen rasch aber konzentriert abzuarbeiten, prüfte sie mit allen erdenklichen Zaubern, die zum Aufspüren von Manipulationen geeignet waren. Die Ergebnisse notierte er akribisch und ließ Kingsley sofort eine Kopie zukommen. Sie mussten wohl noch mehr Akten wälzen, so wie es aussah. Das nahm deutlich größere Ausmaße als befürchtet an und sie konnten wohl kaum mehr jemandem in dieser Sache trauen. Über die Dementoren außer Kontrolle hatte er gewisse Verdachtsmomente, konnte aber nichts beweisen, nur den Kreis der Verdächtigen ein wenig einschränken, denn nicht sehr viele Ministeriumsangestellte hatten Befehlsgewalt.

Leon frühstückte unterdessen mit seinem Vater. Er konnte sehen, dass diesem die Ereignisse sehr nahe gingen und schaffte es, ihn zu überreden, genauer zu erzählen, was vorgefallen war. Hermine ging es nicht besonders gut, aber sie hatte akzeptiert, dass sie nichts hätte tun können. Nachdenklich lauschte Leon, wie sein Vater erzählte und letztendlich sogar von den Drohbriefen sprach und von dem Gefühl, beobachtet zu werden.

„Hmm.“, überlegte Leon. „Warte kurz, Onkel Luc hat mir da etwas beigebracht. Mach die Augen zu und bleib ruhig sitzen, es könnte sich ein wenig unangenehm anfühlen.“

Der Jugendliche hob seinen Zauberstab und richtete ihn auf Severus, der mit geschlossenen Augen und erwartungsvollem Ausdruck auf dem Stuhl saß.

„Custodia temptare.“, murmelte er und spürte, wie die Magie die Überprüfung seines Vaters startete. Es dauerte nicht lange, und eine erste Reaktion zeigte sich, als der Tränkemeister schmerzhaft zuckte und einen kurzen Moment ein gelbliches Leuchten über seinem Körper lag, doch es dauerte nur einen Moment. Noch war die Prüfung nicht komplett fertig, aber bis zum Ende zeigte sich keine weitere Reaktion. Leon wirkte noch einen weiteren Zauber, dann setzte er sich wieder.

„Du hattest einen Überwachungszauber auf dir, der demjenigen, der ihn gelegt hat, verriet, wo du dich befindest. Ich habe ihn entfernt.“, erklärte Leon. „Du solltest den Zauber auch bei mir anwenden, ich vermute, nicht nur du bist betroffen. Sprich den Zauber und lass die Magie fließen, gelbes Licht bedeutet örtliche Überwachung, rotes Licht Überwachung des Gesprochenen und Gehörten, bei violettem oder blauen Licht muss man damit rechnen, dass jemand direkt zu einem apparieren kann. Ich frage mich, warum Onkel Luc dich nicht getestet hat?“

Severus sah seinen Sohn schmunzelnd an. „Ich schätze, er hatte zu viel damit zu tun, mich zu beruhigen.“, gestand er. „Einen führenden Todesser als Vertrauten für seinen Sohn zu haben scheint Vorteile zu bieten!“

Leon lachte auf, wurde dann aber wieder ernst, er wollte wissen, ob sein Verdacht stimmte. Eine Eigenüberprüfung klappte bei so einem Zauber leider nicht. Mit geschlossenen Augen setzte er sich ruhig hin und bedeutete seinem Vater, anzufangen. Auch bei ihm fand sich das gelbe Licht und Leon entfernte den Zauber schließlich selbst, da es deutlich mehr Magie brauchte, als Severus zur Verfügung hatte. Leider konnten sie damit nicht herausfinden, wer den Zauber gesprochen hatte, auch nicht, wann. Sie widmeten sich noch einer Weile den Vermutungen, doch letztendlich konnten sie nicht erraten, wer und warum diese Zauber gesprochen hatte und wandten sich daher anderen Themen zu.

„Dad?“, fragte Leon schließlich, es ging schon auf Mittag zu. Severus zog eine Augenbraue nach oben, als er den Tonfall seines Sohnes wahrnahm. Dieser erkannte die Aufforderung und fuhr fort: „Da Umbridge uns nicht unterrichtet, könnt ihr beide, Onkel Luc und du, mir und Draco beibringen, wie wir uns verteidigen können? Vielleicht auch noch Hermine, sie würde auch gerne mit lernen. Sie bekommt auch Animagus-Training, hat Professor McGonagall heute Morgen zu ihr gesagt, sie hat wohl schon mit Sirius darüber gesprochen.“

„Ich denke, es wäre sicher nicht verkehrt, wenn ihr lernt, euch zu verteidigen, auch wenn es im Ernstfall oft nicht hilft, die Zauber zu beherrschen. Aber ich werde es euch beibringen. Lucius sicher auch, wir beide machen uns Sorgen um eure Sicherheit. Ich will dich nicht aus Hogwarts rausreißen, vor allem, weil ich keine Ahnung habe, wohin ich dich bringen soll. Zu Lucius wäre sicher eine Möglichkeit, das Manor ist gut geschützt, aber Luc ist selten zuhause, da hätte ich noch mehr Angst um dich.“, gestand Severus.

„Ich will hier bei dir bleiben, Dad.“, protestierte Leon. „Schick mich nicht weg!“

„Werde ich nicht, mein Kleiner.“, versprach Severus. „Ich werde mit dir trainieren und alles tun, damit du sicher bist. Ich würde gerne eine Kette für dich besorgen, die einen Ortungszauber hat und als Notfallportschlüssel dient, einfach zur Sicherheit. Aber nur, wenn du einverstanden bist.“

Leon umarmte seinen Vater und nickte an dessen Schulter. „In Ordnung.“, nuschelte er. „Geht´s dir jetzt besser?“ Severus schmunzelte leise und erwiderte die Umarmung. „Viel besser.“, antwortete er. „Dir ist schon klar, dass ich das früher nie zugegeben hätte, oder? Du hast mich verändert, viel mehr, als du dich selber verändert hast.“

Leon sah zu ihm auf. „Ist das schlimm?“

„Nein, ich glaube nicht.“, lachte Severus kurz auf. „Ungewöhnlich, und manchmal schwer zu begreifen, vor allem für mich selber. Aber nicht schlimm. Doch es wird schwer werden, falls wir nicht erfolgreich sind.“

In dem Moment wurden sie unterbrochen, da sich das Feuer im Kamin grün färbte. Da es der Wohnzimmerkamin war, wussten sie, es konnte sich nur um Lucius handeln, jeder Andere kam im Büro an, da der Wohnzimmerkamin nur für Lucius freigegeben war. Einen Moment später stand der Blonde vor ihnen, doch noch bevor er etwas sagen konnte, klopfte es an der Bürotür. Sofort verschwand der Neuankömmling im Schlafzimmer und Severus ging nach nebenan. Leon lauschte an der angelehnten Tür. Er hörte, wie sein Vater die Bürotür öffnete.

„Guten Tag, Mister Snape.“, vernahm er eine mädchenhaft hohe Stimme. Ihm wurde schlecht. „Ich bin im Auftrag des Ministers hier, denn er hat gehört, dass einer unserer Schüler gestern von Todessern entführt wurde. Und sie können sich sicher denken, warum wir da sofort an sie denken müssen, nicht wahr?“

Leon riskierte einen Blick. Die rosa gekleidete Professorin, die diesen Titel sicher nicht verdiente, stand mitten im Büro, während sein Vater neben der Tür stand. Offenbar hatte sie sich selbst hereingelassen. Severus presste die Lippen zusammen, um seinen Unmut nicht sofort kundzutun und sah sie herausfordernd an. Umbridge redete einfach weiter.

„Der Minister hat mich befugt, die Ermittlungen hier in Hogwarts zu leiten, während seine ausgesuchten Auroren nun Hogsmeade absuchen, um Beweise zu sichern.“, klärte die ‚Pinke Pest‘ süffisant grinsend auf. „Bitte beantworten sie mir die Frage, warum sie gestern ihren Aufsichtspflichten nicht genügten und mich als Vertretung, oder sollen wir eher sagen, als Alibi, dorthin schickten?“

„Wie ich ihnen vorgestern beim Abendessen bereits mitteilte, war der Grund dafür, dass ich die Zeit brauchte, um die Aufgaben meiner Schüler zu korrigieren, da ich eine Weile unerwartet ausgefallen bin vor Weihnachten. Eine Menge Arbeit blieb in dieser Zeit liegen und ich musste sie nun endlich nacharbeiten.“, erwiderte Severus steif.

„Das bedeutet, sie haben offenbar keinen Zeugen dafür, dass sie hier waren und nicht an der Entführung von diesem Schüler beteiligt waren. Ich werde sie mit ins Ministerium nehmen müssen, damit wir sie weiter befragen können.“, grinste die Untersekretärin hämisch.

„Ich werde eine Aussage unter Veritaserum machen, aber ich mache ebenfalls von meinem Recht auf einen Beistand Gebrauch.“, entgegnete Severus ruhig. „Leon, komm bitte her.“

Der Jugendliche zuckte kurz zusammen, betrat dann aber äußerlich ruhig das Büro. „Vater?“, fragte er, den Tonfall und die Ausdrucksweise von Draco übernehmend.

„Informiere bitte Mister Malfoy, er soll mich ins Ministerium begleiten. Dich nehme ich ebenfalls mit, denn du hast unsere Unterredung gehört.“, bestimmte Severus.

Leon nickte knapp und wandte sich um, ging ins Wohnzimmer und machte einige Geräusche, die Umbridge als Flohgespräch im Kamin interpretieren würde, rief dann nach Lucius im Malfoy-Manor. Der Blonde kam aus dem Schlafzimmer und sah ihn fragend an, war aber geistesgegenwärtig genug, kein Wort zu sagen. Wieder sprach Leon in Richtung Kamin: „Mein Vater möchte dich bitten, sofort zu ihm zu kommen, Professor Umbridge will ihn mit ins Ministerium nehmen, um ihn dort zu befragen wegen der Entführung gestern.“

Sie warteten einen Moment, machten dann ein wenig Lärm, als würde Lucius eben aus dem Kamin treten. Anschließend führte Leon seinen Patenonkel ins Büro. Der wechselte nur einen kurzen Blick mit Severus und nickte knapp, nur eine minimale Bewegung des Kopfes, aber sie hatten sich verständigt. Die Untersekretärin des Ministers forderte Severus auf, seinen Zauberstab abzugeben und mit ihr zu gehen. Der Tränkemeister kooperierte nicht, behielt seinen Stab, wie es ihm zustand, und ging neben ihr her. Sie gingen vor das Schulgelände, dort griff Umbridge nach Severus´ Arm, doch das ließ er sich nicht gefallen. Er trat einen Schritt zurück.

„Ich habe zugesagt, mit ins Ministerium zu kommen, aber ich werde mich nicht von ihnen vorführen lassen, Miss Umbridge.“, zischte er aufgebracht. „Ich werde zum Besuchereingang apparieren. Mister Malfoy, mein Beistand, wird meinen Sohn mitnehmen. Ich bin nicht ihr Gefangener, sie haben nicht das Recht, mich derartig zu behandeln.“

Kaum ausgesprochen, disapparierte er. Lucius griff nach Leon und verschwand ebenfalls. Sie tauchten in London neben dem Eingang zum Ministerium wieder auf. „Beruhige dich, Severus.“, mahnte Lucius. Der Tränkemeister atmete einige Male tief durch, während neben ihnen Umbridge materialisierte und ihn giftig anstarrte. „Folgen sie mir.“, forderte sie auf. Die beiden Männer und der Jugendliche hoben synchron ihre rechte Augenbraue, taten aber wie verlangt. Umbridge deutete ihnen an, die Telefonzelle zuerst zu betreten, kam dann mit ihnen. In eisigem Schweigen fuhren sie ins Atrium. Leon wollte sich eigentlich umsehen, da alles so anders und faszinierend auf ihn wirkte, aber die Angst, was mit seinem Vater wäre, überdeckte alles Andere. So folgten sie Umbridge wortlos nach oben, direkt zum Büro von Minister Fudge. Triumphierend schob Umbridge ihren Verdächtigen in das Vorzimmer und direkt weiter, ohne auf den Protest der Sekretärin zu achten, die verkündete, dass der Chefauror eben beim Minister war.

„Misses Umbridge!“, wurde sie von einem erstaunten Minister empfangen. „Was soll dieser Auftritt?“

„Guten Tag Minister.“, grüßte Umbridge säuselnd. „Ich habe einen dringend Verdächtigen im Entführungsfall Ronald Weasley. Mister Snape ist bekannt als Todesser und hat zugegeben, kein Alibi für den gestrigen Tag zu haben.“

„Einspruch.“, kam es ruhig von Lucius. „So wie Misses Umbridge es hier formuliert, kann man von einer Vorverurteilung aufgrund der Tatsache ausgehen, dass auf dem Arm meines Mandaten das dunkle Mal ist. Professor Snape“, die Anrede betonte Lucius extra, „wurde bereits von Albus Dumbledore vor dem Minister und dem Gamot glaubwürdig entlastet, da er als Spion tätig ist.“

„Schon gut, Mister Malfoy, wir sind hier nicht vor Gericht.“, versuchte Minister Fudge die Gemüter zu beruhigen.

„Ich habe zugestimmt, unter Veritaserum befragt zu werden, damit meine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft werden kann.“, erklärte Severus. „Ich habe keinen Zeugen dafür, dass ich gestern den Großteil des Tages Aufsätze korrigiert und Tränke bewertet habe. Diese Aussage werde ich gerne unter Veritaserum wiederholen.“

„Damit bin ich durchaus einverstanden, werde aber darauf achten, dass nur diese Tatsache geprüft wird.“, mischte sich Lucius wieder ein.

Kingsley und Leon beobachteten das Ganze nur ruhig, im Fall des Jugendlichen auch ein wenig ängstlich. Doch als sein Blick auf den Chefauror fiel, blinzelte der ihm kurz zu. Das beruhigte Leon ein wenig, aus irgendeinem Grund vertraute er dem dunkelhäutigen, kahlköpfigen Mann mit dem goldenen Ohrring. Fudge hingegen war ihm vom ersten Anblick an unsympathisch. Der Minister wirkte unsicher, inkonsequent und leicht beeinflussbar auf Leon. Es waren keine Äußerlichkeiten, davon ließ sich der Grünäugige selten beeinflussen. Nein, es waren die Blicke, die hin und her huschten, die Hände, die seinen grünen Bowler herumwirbelten.

„Nun, Mister Shacklebolt, würden sie bitte ein Fläschchen von unserem Veritaserum bringen? Und noch meine Sekretärin, dass sie die Aussage schriftlich festhält. Sie bleiben als Zeuge.“, bestimmte nun Fudge.

Kingsley nickte knapp und verließ das Büro. „Und sie, Mister Snape, setzen sich doch bitte hier auf den Stuhl.“, deutete der Minister auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch. Severus nahm Platz und Lucius stellte sich an seine rechte Seite. Leon stand ein wenig verloren mitten im Raum, bevor er entschied, sich auf die linke Seite seines Vaters zu stellen. Er fragte sich, warum sein Hauslehrer darauf bestanden hatte, ihn mitzunehmen. Es hatte sicher einen Grund dafür gegeben, auch wenn der Leon schleierhaft war. Eine unangenehme Stille breitete sich aus, bis Kingsley drei Minuten später mit dem Serum zurück war. Er hatte ein Glas Wasser dabei, das er vor Severus stellte, dann ließ er drei Tropfen von dem Wahrheitsserum hineinfallen. Severus roch kurz, kippte dann das Wasser-Gemisch hinunter und sah den Minister auffordernd an. Lucius stand neben ihm, gespannt wie eine Feder, bereit, sofort einzugreifen, sollte die Befragung aus dem Ruder laufen.

Die Sekretärin hielt sich im Hintergrund, saß an einem kleinen Tisch ein wenig seitlich von Fudges großem Schreibtisch und hatte eine Feder in der Hand. Sie würde jedes Wort mitschreiben, das nun fiel. Umbridge räusperte sich und begann: „Mister Snape“, wurde jedoch sofort von Lucius unterbrochen. „Professor Snape, wenn ich bitten darf. Immerhin hat mein Mandant eine Lehrstelle in Hogwarts, und das schon seit Jahren.“, forderte er.

„Nun gut, wenn sie darauf bestehen, Mister Malfoy.“, säuselte Umbridge. „Professor Snape, wo waren sie gestern zwischen neun Uhr vormittags und vierzehn Uhr nachmittags?“

„In meinem Büro in Hogwarts.“, kam es sofort von Severus.

„Was haben sie dort gemacht?“, fragte wieder Umbridge.

„Aufsätze korrigiert, Tränke beurteilt und den Unterricht bis zu den Frühjahrsferien vorbereitet.“, war die Antwort.

„Er hat etwas genommen, um das Veritaserum zu umgehen!“, keifte Umbridge, als sie nicht die Antworten hörte, die sie erwartete.

Kingsley mischte sich ein. „Professor Snape, haben sie etwas eingenommen, um die Anwendung von Veritaserum zu umgehen?“

„Nein, Auror Shacklebolt.“, versicherte Severus.

„Dann beantworten sie mir doch bitte die Frage, warum Albus Dumbledore ihnen immer getraut hat, dass sie auf seiner Seite stehen.“, bestimmte Minister Fudge.

Gequält verzog sich Severus´ Gesicht, aber er konnte nicht schweigen: „Er wusste, dass ich Lily liebe. Ihretwegen habe ich die Seiten gewechselt, ich wollte sie vor dem Lord beschützen.“

Einen Moment herrschte Schweigen. Diese Aussage hatte niemand erwartet und es schien, als würden nun alle glauben, dass das Veritaserum tatsächlich wirkte. Die Untersekretärin fasste sich als Erste wieder.

„Warum haben sie dann die Aufsicht mit mir getauscht? Sie wollten doch nur freie Hand haben!“, zeterte Umbridge.

„Bitte mäßigen sie sich, Misses Umbridge.“, warf Lucius ein.

„Ich habe die Aufsicht getauscht, da ich vor Weihnachten einige Zeit verpasst habe und nun mit meiner Arbeit hinterher war. Ein ruhiger Samstag, um durchzuarbeiten, erschien mir sinnvoll. Außerdem habe ich kein großes Interesse, die überschießenden Hormone meiner Schüler zu beobachten.“, erklärte Severus.

„Haben sie den Jungen entführt?“, wollte Fudge klipp und klar wissen.

„Nein.“

„Waren sie am Tatort?“, fragte Umbridge.

„Ja.“

„Warum?“, kam es von Kingsley, ehe jemand Anderer etwas sagen konnte.

„Weil Minerva mich um Hilfe gebeten hatte, als Miss Granger den Fall schilderte. Ich sollte den Tatort gemeinsam mit den Auroren Black, Shacklebolt und Moody untersuchen, um eventuelle Spuren oder Hinweise zu finden, die wir in Miss Grangers Erinnerung nicht sehen konnten.“, war die Auskunft von Severus.

„Haben sie etwas gefunden?“, fragte Kingsley.

„Ein dunkles Mal, mit einem Messer in die Rinde eines Baumes geschnitzt. Flüchtige Magie-Reste, die keinem Zauberstab zugeordnet werden konnten. Sie können möglicherweise auch von den beiden Schülern stammen, die sich gegen die Dementoren verteidigten.“, informierte Severus.

 

„Dementoren? In Hogsmeade?“, kiekste Fudge erschrocken.

„Ja, Minister. In Miss Grangers Erinnerung waren zwanzig Dementoren, die die beiden Schüler umringten. Miss Granger und Mister Weasley versuchten, sich mit Zaubern zu wehren, können aber keine Patroni wirken. Deshalb konnten die zwei Todesser Mister Weasley so leicht überwältigen. Sie wurden offenbar nicht beeinflusst.“

„Kennen sie die beiden Todesser?“, fragte Kingsley.

„Nein. Ich denke, es waren Rabastan und Rodolphus Lestrange, aber das ist nur eine Vermutung.“

„Haben sie Pläne, den Unnennbaren zu neuem Leben zu verhelfen?“, kam es lauernd von Umbridge.

„Nein, das habe ich nicht.“, musste Severus antworten.

„Das reicht.“, stoppte Lucius. „Mein Mandant hat alle relevanten Fragen beantwortet und dadurch seine Unschuld im vorliegenden Fall bewiesen. Wir werden nun gehen.“

„Natürlich.“, stimmte der Minister zu, der sichtlich schockiert von der letzten Frage seiner Untersekretärin und wohl auch der Antwort des Tränkemeisters war. „Vielen Dank für ihre Kooperation.“

Severus, Lucius und Leon verließen das Büro und das Ministerium. Das Serum würde noch eine ganze Weile bei Severus wirken, daher wollten sie noch ein wenig in Muggellondon bleiben, damit der Tränkemeister nicht in Bedrängnis geriet. Sie machten einen Abstecher ins St. Mungo, um nach Remus zu sehen, doch außer, dass er weiterhin erste Anzeichen des Erwachens zeigte, gab es keine Fortschritte. Eine Weile gingen sie im Hyde-Park spazieren, bis Severus sicher war, dass die Wirkung abgeklungen war, dann machten sie noch einen kurzen Abstecher in die Winkelgasse, wo Severus eine Kette für seinen Sohn kaufte, die entsprechende Schutzzauber innehatte und apparierten im Anschluss zurück nach Hogwarts. Der Tränkemeister erklärte seinem Sohn, dass er als möglicher Zeuge mitkommen sollte, weil Umbridge ihn offensichtlich vorverurteilt hatte und ihm nicht einmal einen Beistand angeboten hatte. Doch letztendlich hatte er ihn nicht noch weiter mit hineinziehen wollen.

 

 

Zurück in der Wohnung des Tränkemeisters legte Severus seinem Sohn die Kette um. Das Gegenstück trug er selber um den Hals. „Leon, wenn du bewusstlos bist, wirst du damit automatisch zu mir gebracht, es ist ein Zwei-Wege-Portschlüssel. Umgekehrt werde ich, wenn ich bewusstlos werden sollte, zu dir kommen. Außerdem können wir mit einem Ortungszauber feststellen, wo sich der jeweils Andere aufhält. Sie kann dir von niemandem einfach abgenommen werden, nur wir beide können das. Bitte trage sie, ich will nicht, dass dir etwas passiert.“, hatte er dazu erklärt. Leon hatte nur genickt und ihn umarmt. Danach hatte Leon von dem Ortungszauber erzählt und Lucius gleich geprüft, der frei gewesen war. Er würde auch noch nach seinem Sohn sehen und diesen testen, entschloss sich der Blonde.

Lucius berichtete noch, dass er in den Unterlagen zwar Hinweise auf Manipulation gefunden hatte, aber leider keinen Hinweis auf denjenigen, der die Akten verändert hatte. Er würde weitersuchen, aber hatte nur wenig Hoffnung, derjenige, oder auch diejenige, der die Akten manipuliert hatte, war aufmerksam genug gewesen, alle Hinweise auf sich selbst zu vernichten. Dennoch machte er Kopien, um Beweise zu haben, sollten sie herausfinden, wer dahinter steckte. Die nächste Nacht würde er in London verbringen müssen, da er es geschafft hatte, die Lestrange-Brüder aus geschäftlichen Gründen zum Frühstück einzuladen. Vielleicht konnte er dabei etwas herausfinden, was Ronald Weasley betraf.

Leon und Severus gingen gemeinsam zum Abendessen in die große Halle. Auch Umbridge war wieder da. Dass Ron fehlte und Hermine verweinte Augen hatte, fiel den meisten Schülern auf. Die Vertrauensschülerin von Gryffindor und ihr Freund waren bei fast allen Schülern beliebt, vor allem weil Hermine jedem half, der zu ihr kam, ohne auf die Hauszugehörigkeit zu achten. Ron war durch seine sportlichen Leistungen allen bekannt, den älteren Schülern auch noch als der beste Freund von Harry Potter, der mit ihm gemeinsam zwei große Abenteuer in den ersten beiden Schuljahren erlebt hatte. Gerüchte machten die Runde, doch die Schulleiterin machte diesen schnell ein Ende. Noch bevor das Essen auf den Tischen erschien, erhob sie sich und sofort war es ruhig in der Halle.

„Liebe Schüler.“, sprach sie ernst. „Sie haben sicher das Fehlen eines unserer Schüler bemerkt. Mister Weasley wurde gestern auf dem Ausflug in Hogsmeade entführt. Nicht nur Auroren sind auf der Suche nach ihm und werden alles tun, um ihn so schnell wie möglich aus den Händen der Entführer zu bekommen, aber bis dahin, und auch darüber hinaus, so lange Gefahr besteht, werden Ausflüge nach Hogsmeade gestrichen. Kein Schüler verlässt das Gelände der Schule, und seien sie auch innerhalb von Hogwarts auf der Hut, wir wissen nicht, ob jemand die Möglichkeit hat, hier einzudringen. Wir werden alles tun, um sie sicher zu wissen, aber ich bitte sie dennoch, sehr vorsichtig zu sein. Gehen sie nicht alleine irgendwohin, am besten sind sie immer in Gruppen unterwegs. Die Portraits und Geister werden ebenfalls darauf achten, dass ihnen nichts geschieht oder im Notfall schnell Hilfe holen. Vielen Dank.“

Sie setzte sich wieder und das Essen erschien auf den Tischen. Viel ruhiger als sonst machten sich die Schüler über die Speisen her, nur leises Gemurmel an allen Tischen zeugte davon, dass die Schüler hier waren. Man spürte, dass sie alle schockiert waren über die Ereignisse. Gewohnheitsmäßig sah Severus herum und versuchte, die Mienen der einzelnen Personen zu analysieren und traf dabei auf Umbridge, die offenbar ihn beobachtet hatte. Sie grinste ihn überheblich an und wandte sich dann wieder ihrem Teller zu. Der Tränkemeister hatte ein mieses Gefühl bei ihr, aber er konnte es nicht belegen, vielleicht war es auch nur seine persönliche Abneigung, die an Hass grenzte. Sein Blick fiel auf Leon, der sehr nachdenklich, wenn nicht sogar grüblerisch wirkte. War er zu spontan gewesen, ihm das Zusatztraining zu versprechen? Er wollte ihn sicher wissen, aber wo war er wirklich geschützt? Und jetzt, wo er sich hier in Hogwarts so wohl fühlte, konnte er ihn dann einfach wieder herausreißen? Sollte er das tun, um ihn sicher zu wissen? Aber wohin sollte er den Jungen bringen? Wenn er ehrlich zu sich selber war, wollte er ihn immer in seiner Nähe haben, damit er sehen konnte, dass es ihm gut ging. Aber momentan ging es ihm nicht so besonders gut, das konnte Severus erkennen. Die Entführung seines Freundes ging ihm nahe, aber da war wohl noch mehr. Sich an den gestrigen Abend erinnernd, fiel ihm ein, dass Leon eine seltsame Bemerkung gemacht hatte. Vielleicht sollte er noch einmal mit ihm reden.

Leon ging gemeinsam mit den anderen Slytherins in die Kerker nach dem Essen. Schnell hatte er seine Schulsachen für den nächsten Morgen gepackt und an seinem Schreibtisch bereitgestellt. Das hatte ihm Draco bereits in der ersten Woche hier in Hogwarts eingetrichtert. Er räumte noch schnell seine anderen Sachen ordentlich in den Schrank und erfuhr dabei von seinem Zimmerkameraden, dass auch bei ihm der Zauber negativ war, dann gingen sie in den Gemeinschaftsraum. Draco und Blaise hatten sich zu einer Partie Zauberschach verabredet, Leon spielte endlich wieder mit seinen Klassenkameraden Karten. Nach und nach gesellten sich alle aus seiner Klasse dazu, zuerst hatte er mit Corvin und Robyn, seinen besten Freunden nach Draco und Hermine, begonnen, dann waren Daniel und Kevin dazu gestoßen und nun waren auch noch Rebecca, Janice und Astoria dabei. Sie lachten viel und waren überrascht, als auf einmal ihr Hauslehrer vor ihnen stand und die Zimmerkontrolle durchführen wollte. Schnell packten sie die Karten zusammen und begleiteten den Professor in ihre Zimmer. Normalerweise nahm der Hausvorstand der Schlangen seine Schüler immer mit in die Zimmer, die er kontrollierte, um im Notfall sofort Strafen aussprechen zu können. Es war selten nötig, die Schüler hatten schnell verstanden, dass er es ernst meinte, wenn er ihnen nahelegte, Ordnung zu halten.

Leon ging nicht mehr zurück in den Gemeinschaftsraum, grübelnd lag er auf dem Bett und starrte ins Leere. Sein Vater kam schließlich auch in ihr Zimmer. Draco war auf seinem Rundgang, wie es schien, denn er war nicht hier und Severus sagte nichts dazu. Der Tränkemeister war zufrieden mit der herrschenden Ordnung, aber nicht mit seinem Sohn, der mit seinen Gedanken weit weg schien.

„Alles in Ordnung, Leon?“, wollte er wissen.

Er musste seine Frage noch zweimal wiederholen, bevor sein Sohn reagierte. „Ich weiß nicht.“, gestand der Grünäugige. Severus setzte sich zu ihm. „Rede mit mir.“, bat er. „Ist es wegen Mister Weasley?“

„Ja, auch. Ich mache mir Sorgen um ihn. Und dann … Ich weiß nicht.“, brach Leon ab. Er schloss die Augen und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Ihm war klar, sein Vater würde nicht gehen, bevor er keine zufriedenstellenden Antworten hatte. „Dad, als du dich in Onkel Luc verliebt hast, woher wusstest du, dass er der Richtige für dich ist? Woher weiß man, dass man verliebt ist?“

Severus war überrascht, brachte im ersten Moment kein Wort mehr heraus. Das war es? Sein Sohn war verliebt? Wobei, damit hätte er rechnen müssen, rein körperlich war er nur ein wenig jünger als Draco, was sich wohl auch bei den Hormonen bemerkbar machte. Er räusperte sich und atmete noch einmal tief durch, um sich für das Kommende vorzubereiten. Irgendwie hatte er diese Fragen immer gefürchtet, wenn seine Schüler damit zu ihm gekommen waren, und jetzt, bei seinem Sohn, war es noch schwerer.

„Du bist verliebt, Leon? Und bist dir nicht sicher, ob es erwidert wird?“, wollte er sich Klarheit verschaffen.

„Ja, nein. Ach, ich weiß es nicht, Dad. Woher weiß ich denn, dass ich verliebt bin? Wie war das bei dir und Onkel Luc?“, erwiderte Leon leise.

„Ich fühlte und fühle mich in Lucius´ Gegenwart sicher, beschützt, kann alle Mauern fallen lassen. Ich vertraue ihm vollkommen. Als er seine Arme um mich gelegt hat nach dem ersten Prozesstag im September, wusste ich, dass ich diese Geborgenheit nie wieder missen wollte. Wenn er mich berührt, dann wird mir warm und ich will mich nicht aus seinen Armen lösen, wenn ich sie um mich habe.“, beschrieb Severus seine Gefühle so gut es ihm gelang. „Leon, du kennst mich nicht so, wie andere Menschen mich von früher kennen. Bevor ich dich kennen lernte, hätte ich abgestritten, dass ich andere Gefühle als Hass besitze. Ich dachte, ich hätte sie alle verloren, als Lily starb. Nie wieder wollte ich jemanden an mich heran lassen. Es fällt mir schwer, Gefühle in Worte zu fassen. Erwarte nicht, dass ich dir erkläre, wie man fühlt, wenn man verliebt ist. Das kann ich nicht.“

Eine Weile war es still. Leon dachte darüber nach, was sein Vater ihm gesagt hatte. Severus spürte, dass sein Sohn Zeit brauchte und nahm ihn kurz in den Arm. „Komm zu mir, wenn du mich brauchst. Und jetzt versuch zu schlafen. Ich bin da, jederzeit.“

Leon erwiderte die Umarmung. „Danke, Dad. Gute Nacht.“, nuschelte er in Severus´ Schulter.

„Gute Nacht, mein Großer!“, lächelte Severus und verließ das Zimmer. Er kam noch einmal zurück, weil ihm etwas einfiel. „Leon? Kann sich Lucius deinen Umhang ausleihen? Er will versuchen, herauszufinden, wer uns beobachtet.“

Leon nickte, kramte kurz in seinem Schrank und gab seinem Vater dann das weiche Stück Stoff. Dann ging Severus endgültig und Leon legte sich hin, um zu schlafen.

 

Der Morgen kam wie immer viel zu früh. Doch Leon beschwerte sich nicht, als Draco ihn aus dem Bett warf. Wieder hatte er in der Nacht das Bett gewechselt, weil er in seinen Alpträumen gesehen hatte, wie Ron gefoltert wurde. Dracos Arme hatten ihn beschützt und die Alpträume fern gehalten. Die Unruhe hatten sie ihm aber nicht nehmen können. Der Unterricht würde ihn hoffentlich vom Grübeln abhalten und heute Abend war das erste Training angesetzt. Severus und Lucius würden ihn und Draco, wahrscheinlich auch Hermine, unterrichten. Sie würden es als Projekt in Zaubertränke tarnen, bei dem sie am Wolfsbann forschen wollten. Natürlich mussten sie dabei auch gewisse Tränke brauen, aber das nahmen alle in Kauf, wenn damit Umbridge getäuscht wurde.

Leon seufzte, es kamen anstrengende Wochen auf ihn zu. Zweimal die Woche Zusatztraining bei seinem Vater und Lucius, dazu die Berge an Hausaufgaben, die sie bewältigen mussten, und das Quidditch-Training wurde auch wieder intensiviert, da demnächst ihr letztes Spiel des Schuljahres anstand. Anfang Mai war das allerletzte Spiel, bei dem dann Gryffindor auf Ravenclaw traf. Aber Slytherin und Hufflepuff trafen bereits Mitte März aufeinander. Mine hatte noch viel mehr zu tun, hielt sich Leon vor Augen, als er unter der Dusche stand. Sie trainierte zwar kein Quidditch, musste aber für ihre ZAG-Prüfungen lernen, genau wie Draco, und hatte noch zusätzlich Animagus-Training. Sirius und McGonagall würden mit ihr trainieren, ihre Fähigkeiten bewusst zu nutzen. Die Rektorin hatte Severus auch die Aufgabe abgenommen, die Gerüchte um die Bestrafungen von Umbridge zu prüfen und die Weasley-Zwillinge zu sich bestellt.

Da er sich auf das Training freute, machte sich Leon direkt nach dem Unterricht über seine Hausaufgaben und schaffte es gerade so, bis zum Abendessen fertig zu werden. Umbridge hatte ihn heute extrem provoziert im Unterricht, aber er hatte es geschafft, die Ruhe zu bewahren. Doch es ging ihm nicht aus dem Kopf. Sein Vater hatte ihn gestern noch einmal gewarnt, vorsichtig zu sein, da sie alles nutzen würde, um sie beide – vor allem aber den Tränkemeister – in Misskredit zu bringen. Diesen Triumph wollte er ihr nicht gönnen. Darüber würde er später noch mit seinem Vater sprechen müssen. Lange konnte er sich nicht mehr beherrschen, da war sicher. Nach dem Abendessen gingen Draco und er nicht mehr mit in den Gemeinschaftsraum sondern weiter zum Büro des Tränkemeisters. Hermine war bereits da und unterhielt sich mit Severus über die Tarnung, das Zaubertrank-Projekt. Es sollte schließlich alles wasserdicht sein. Dafür hatte Severus sogar einen Kessel auf dem Feuer stehen. Auch wenn es sicherlich keine Ergebnisse geben würde, zumindest ein Kessel war vorhanden, für alle Fälle. Mine und Draco waren die schulbesten Tränkebrauer, daher war die Tarnung schon mal gut gewählt, und Leon als Sohn des Tränkemeisters erklärte sich auch selbstredend.

Im benachbarten Klassenzimmer, das Severus gesichert hatte, damit niemand hereinplatzte und auch keiner draußen hören konnte, was sie drinnen machten, begannen sie um halb Acht mit dem Training. Zunächst wiederholten sie einige Zauber aus den ersten Jahren, damit Leon auch den Anschluss bekam, und Severus und Lucius, der inzwischen auch angekommen war, einen Überblick erhielten, wie ihre Schüler die Zauber ausführten. Lucius bemerkte, dass Leon deutlich schneller war, die Zauber auszuführen als im letzten Sommer. Wahrscheinlich, weil er seine Magie inzwischen schon länger trainierte und sie dadurch besser kannte. Schnell war er auf dem gleichen Stand wie Hermine und nur noch knapp hinter Draco, der den Vorteil hatte, auch in den Ferien zuhause ungehindert zaubern zu können. Mehr als das ging an einem Abend nicht und die beiden Lehrer waren sehr zufrieden mit ihren Schülern. In einer kurzen Pause hatte Leon seinen Vater angesprochen, was er wegen Umbridge tun konnte. Severus war bisher nicht bewusst gewesen, wie sehr die ‚Pinke Pest‘ auf seinen Sohn losging. Er hatte ihm versprochen, mit ihm Okklumentik zu lernen. Die Kunst, den Geist zu verschließen, beinhaltete auch, eine gewisse Kontrolle über die eigenen Emotionen zu bekommen. Vielleicht half das Leon, die Sticheleien auszublenden. Viel mehr konnten sie nicht tun. Nur hoffen, dass Remus bald wiederkam. Schließlich war Umbridge nur als Vertretung für ihn hier. Severus musste ein Schmunzeln unterdrücken, als ihm klar wurde, wie sehr er sich seinen ehemals verhassten Kollegen zurück an die Schule wünschte.

Er schickte die Schüler zurück in ihre Gemeinschaftsräume. Es schien ihm, als würde Hermine Granger wieder etwas hoffnungsvoller aussehen. Doch sie hatte sich gefasst und ließ nicht mehr durchblicken, wie es ihr wirklich ging. Leon schien sich um sie zu kümmern, er hatte die beiden heute beim Essen in der Halle gesehen, Draco und Leon hatten sie zu den Schlangen an den Tisch geholt, etwas, das früher nicht möglich gewesen wäre. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, spürte er die starken Arme von Lucius um sich und ließ sich in die Umarmung ziehen. Er genoss die Wärme, die der Blonde ausstrahlte, spürte den Hauch von Lucius´ Atmung auf seiner Wange und schloss die Augen. Es überwältigte ihn immer wieder, wie sehr er diesen Mann begehrte. Etwas, das ihm noch vor einem Jahr unmöglich erschienen war und jetzt war es für ihn das vollkommene Glück. Kein Felix felicis konnte damit mithalten, auch wenn dieser Glück versprach. Aber das war nur ein schaler Abklatsch von dem, was sie hier hatten.

„Ich liebe dich!“, murmelte der Blonde leise an Severus´ Nacken.

Severus erstarrte einen Moment. Lucius hatte diese Worte bereits mehrmals zu ihm gesagt, aber er selber schaffte es einfach nicht, obwohl er wusste, dass er so empfand. Leon gegenüber hatte er es schon gesagt, da war es ihm nicht so schwer gefallen, warum konnte er es zu Lucius nicht sagen? Doch Lucius schien ihn zu verstehen, er hielt ihn einfach weiter und strich über die angespannten Schultern. Severus ließ ein leises Stöhnen entkommen, ein wonniger Laut, als der Blonde seine verspannten Muskeln massierte.

„Ich habe mit den Lestrange-Brüdern gesprochen. Sie trauen mir nicht so richtig.“, berichtete Lucius. „Aber dennoch habe ich herausgefunden, dass sie daran arbeiten, den Lord wiedererstehen zu lassen. Ich habe ihnen meine Hilfe zugesagt, aber sie haben mich abgeschmettert, damit ich meine Tarnung nicht verliere. Ein Argument, das leider in beide Richtungen funktioniert, auch ich wollte damit arbeiten, aber sie waren ziemlich fest in ihrer Meinung. Ich vermute, dass sie wissen, wo Nagini ist, aber ich werde sicher nichts davon erfahren. Das haben sie mir mehr als deutlich zu verstehen gegeben. Wie gesagt, ich darf meine Tarnung unter keinen Umständen verlieren, hat der Lord entschieden.“

„Verdammt!“, fluchte Severus. „Also habe ich ebenso keine Chance.“

Lucius schüttelte den Kopf. „Das wäre jetzt sowieso zu auffällig.“, entschied er. „Ich habe ein paar Andeutungen wegen Ronald Weasley gemacht, aber sie haben nicht angebissen.“

„Angebissen?“, fragte Severus irritiert.

„Eine Muggelredensart.“, zuckte Lucius die Schultern. „Habe ich im Ministerium aufgeschnappt. Es bedeutet, dass sie den Köder nicht geschnappt haben, sie sind nicht auf meine Anspielungen eingegangen. Vorher habe ich euch eine Weile beobachtet, konnte aber erst einmal nicht feststellen, dass jemand besonders auf euch achtet. Wenn ich es schaffe, werde ich weitermachen.“

„Also wissen wir nicht mehr wie vorher.“, stellte Severus seufzend fest. „Leider nicht.“, stimmte Lucius zu. „Lass die Beobachtung sein.“, entschied Severus. „Es bringt uns nicht wirklich weiter. Leon weiß Bescheid und wird aufpassen, außerdem hat er die Kette. Du hast andere Aufgaben, die wichtiger sind.“

Lucius nickte bedächtig. „Wie fühlst du dich?“

„Etwas besser.“, gestand der Tränkemeister schließlich. „Leon hat versprochen, vorsichtig zu sein und er trägt die Kette. Der Schutz um Hogwarts wurde noch einmal verbessert. Ich hoffe, er ist so sicher, wie man momentan sein kann.“

„Du wirst dir immer Sorgen machen.“, klärte Lucius ihn auf. „Das gehört zum Vater-Sein dazu.“

„Leon hat mir gestanden, verliebt zu sein.“, erzählte Severus. „Ich weiß nicht, in wen, aber er schien sich nicht klar über seine eigenen Gefühle zu sein, wollte von mir wissen, wie man weiß, dass man jemanden liebt.“

„Mhm.“, brummte Lucius amüsiert. „Und du denkst, dass du das weißt?“

Der Schwarzhaarige drehte sich in den Armen um, die Lucius immer noch um ihn gelegt hatte, und sah dem etwas Größeren in die Augen. „Ich liebe dich, Lucius.“, hauchte er. Bevor er noch mehr sagen konnte, hatten Lucius´ Lippen die seinen mit einem innigen Kuss verschlossen.

 

Leon ging mit Draco bis zum Gemeinschaftsraum der Slytherins. Vor dem Eingang entschied der Blonde, Hermine noch nach oben zu begleiten. Die Gryffindor war gerade nicht in einem guten Zustand und er wollte sichergehen, dass Leons bester Freundin nichts passierte. Sein Kleiner war schon so niedergeschlagen, seit Ron Weasley entführt worden war, er wollte vermeiden, dass es ihm noch schlechter ging. Moment mal, überlegte Draco, seit wann war Leon sein Kleiner? Er hatte ihn häufiger ‚Kleiner‘ genannt, aber seit wann hatte er Besitzansprüche auf ihn? Blaises Worte gingen wieder und wieder durch seinen Kopf. ‚Du behandelst ihn anders, aufmerksamer und vorsichtiger, als wäre er zerbrechlich. Und du benimmst dich auch anders, offener, liebevoller, wenn er mit dabei ist.‘, hatte Blaise ihm nachgesagt. Und ihn gefragt, ob da etwas liefe. Nein, es lief nichts, aber war das etwas, das er selber gerne ändern würde, fragte sich Draco nun. Ihm war nicht bewusst, dass er den Weg zurück zu seinem Gemeinschaftsraum gerade um Längen verfehlte. Erst als er gedankenverloren eine Tür öffnete und ihm frische Luft um die Nase wehte, erkannte er, dass er oben auf dem Astronomie-Turm stand. Wie war er nur hierhergekommen? Er hatte Granger, nein Hermine, verbesserte er sich in Gedanken, zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors gebracht und ihr eine Gute Nacht gewünscht, dann war er losgelaufen in Richtung seines eigenen Gemeinschaftsraumes, doch seine Beine hatten ihn offenbar nach oben getragen anstatt nach unten.

Er lehnte sich auf das Geländer, das entlang des Turmes verlief, und atmete tief die klare Nachtluft ein. Sein Blick schweifte in die Ferne. Es war kurz vor Vollmond und daher relativ hell draußen. Doch seine Gedanken konnten sich nicht von einem gewissen Slytherin lösen. Hatte er den gleichen Jungen nicht früher gehasst? Oder war er nur eingeschnappt gewesen, weil der sein Freundschaftsangebot ausgeschlagen hatte, so wie es Blaise all die Jahre behauptet hatte? Seine Gefühle für Leon waren ganz klar anders als die für Harry Potter, dabei war er eigentlich immer noch der Gleiche. Oder nicht? Außer dem Aussehen hatte Leon nicht viel mit Potter gemeinsam. Oder hatte Potter damals einfach eine Rolle gespielt, so wie der Tränkemeister oder sein Vater? Von seinem Vater hatte er es schon relativ früh erfahren, welche Rolle er spielte. Als Kind hatte er sich häufig gewundert, warum sein Vater zuhause so anders war. In der Öffentlichkeit müsse er eine gewisse Rolle spielen, den alten Aristokraten geben, hatte sein Vater ihm erklärt, da war er gerade mal vier oder fünf Jahre alt gewesen und hatte seine ersten gesellschaftlichen Auftritte hinter sich gebracht. Schon vor dieser Zeit war er von seinen Eltern auf seine Rolle vorbereitet worden. Irgendwie spielte doch jeder in der Öffentlichkeit eine Rolle, trug eine Maske, warum nicht auch Potter? Gerade er, der wahrscheinlich erst zu Schulbeginn von seiner wichtigen Rolle erfahren hatte. Und dann war er, Draco, mit dem völlig falschen Verhalten auf ihn zugegangen.

Sein Patenonkel hatte ihm erzählt, welche Vermutung er gemeinsam mit den Ärzten in Neuseeland aufgestellt hatte. Leon war als Kind misshandelt worden. Wenn er das mal als Tatsache annahm, dann kam also ein misshandelter Harry Potter mit elf Jahren zum ersten Mal nach Hogwarts und erfuhr, dass er derjenige war, von dem sich alle erhofften, dass er die magische Welt endgültig retten würde. Und dass Voldemort eines Tages zurückkommen könnte, war schon damals eine Angst von vielen Zauberern und Hexen gewesen. Dann hatte er sich im Zug mit dem Wiesel angefreundet und ein gewisser blonder, damals wohl ziemlich arrogant erscheinender, Schüler hatte diesen Freund beleidigt und ihm gleichzeitig die Freundschaft geradezu aufgedrängt. Jetzt, mit Abstand betrachtet, war Draco klar, dass Potter – Harry – damals nur ablehnen konnte. Aber Leon hatte zugegriffen und fühlte sich offensichtlich wohl in seiner Gegenwart. Nicht umsonst kam er fast jede Nacht in sein Bett, wenn Alpträume ihn weckten.

Draco merkte nicht, wie sich ein leises Lächeln auf seine Lippen schlich, als er an die vielen Nächte dachte, die Leon nun in seinem Bett verbracht hatte. Nie hatte der Schwarzhaarige mit den wunderschönen grünen Augen sich gegen die Arme gewehrt, die er um ihn gelegt hatte. Gefiel es Leon vielleicht auch so gut wie ihm, Draco? Oder interpretierte er da nun zu viel hinein? Draco seufzte lautlos. Eigentlich wollte er sich darüber klar werden, wie er fühlte, aber alles, was er schaffte, war, sich selbst noch mehr zu verwirren. Er sollte zurückgehen, es war schon spät, kurz vor Mitternacht. Nicht, dass Leon einen Alptraum hatte und keiner war da. Der Kleine schien erschöpft gewesen zu sein nach dem Training, er hatte viel geleistet in den knapp zwei Stunden, die sie mit verschiedenen Zaubern verbracht hatten. Sicherlich würde Severus sie bald mit Duellen trainieren lassen. Draco freute sich auf die Herausforderung, denn eines war sicher für ihn: Leon würde es ihm schwer machen, und auch Hermine war nicht ungeschickt. Und wenn der Tränkemeister seinem Sohn Okklumentik beibrachte, vielleicht konnte er selber seine Kenntnisse dabei auch vertiefen? Er müsste seinen Patenonkel danach fragen. Sein Vater hatte in den Ferien immer wieder mit ihm gelernt, aber hier in der Schule sahen sie sich zu wenig regelmäßig, daher hatten sie bisher nicht weitergemacht. Vielleicht konnte er selber Leon auch die Grundkenntnisse beibringen, das half sicher auch gegen die Alpträume.

Der Blonde seufzte noch einmal lautlos, dann straffte er sich und ging durch die Tür und die Treppe wieder hinunter. Unterwegs traf er auf niemanden, es war ruhig im Schloss. Da er Vertrauensschüler war, hatte er die Erlaubnis, um diese Zeit noch in den Gängen zu sein, aber er musste maximal bis Mitternacht patrouillieren. Jetzt war es bereits weit nach Mitternacht und er beeilte sich, in sein Bett zu kommen, auch er war müde. Sogar der Gemeinschaftsraum der Schlangen war schon leer, alle Schüler lagen in den Betten. Leise huschte er in ihr Bad, um Leon nicht zu wecken, wusch sich kurz und zog sich um. Als er in sein Bett krabbeln wollte, schmunzelte er leise, es war schon besetzt. Er legte sich hinter Leon und schlang den Arm um ihn. Draco spürte, wie sich Leon im Schlaf an ihn schmiegte. Schnell schlief auch er ein, als er die gleichmäßige Atmung des Jüngeren vernahm.

 

Die nächsten Tage und Wochen brachten in Bezug auf Ron oder die Horkruxe keine Neuigkeiten, nur eine gute Nachricht brachte die Schulleiterin am Donnerstag zum Abendessen mit: Professor Lupin war wieder aufgewacht. Die meisten Schüler jubelten, der Werwolf war sehr beliebt, obwohl sein Wesen längst kein Geheimnis mehr war. Auch Severus wurde ruhiger, er hatte keine Drohbriefe mehr bekommen und fühlte sich nur noch selten beobachtet. Der Minister hatte die verbliebenen Dementoren in Askaban magisch an das Gefängnis gebunden, sodass niemand mehr in der Lage war, sie einfach abzuziehen. Die vermissten Dementoren blieben verschwunden, obwohl der Minister viele Kräfte darauf angesetzt hatte, sie zu finden. Auf Severus´ Bitte hin verließ die Offenbarung, dass er auf der Seite von Dumbledore stand und immer gestanden hatte, nicht das Büro des Ministers, damit er seine Rolle als Spion behalten konnte, sollte der Lord wiederkommen, was immer wahrscheinlicher wurde, je länger es dauerte, die Horkruxe zu vernichten.

Leon klagte immer wieder über stechende Kopfschmerzen, die jedoch meist schnell vorbei waren. Die Heilerin fand keine Ursache dafür, vermutete eine leichte Überlastung, da Leon nun neben der Schule nicht nur Quidditch trainierte, sondern auch Okklumentik und Verteidigung lernte, und somit jeden Abend beschäftigt war, kaum noch entspannen konnte. Dazu die Sorgen, die er sich um einen seiner Freunde machte, da Lucius keine Hinweise darüber fand, wo Ron versteckt sein könnte. Er war sich ziemlich sicher, dass die Lestrange-Brüder den Rothaarigen hatten, aber er fand keine Hinweise, und auch als er sie – aus geschäftlichen Gründen – zuhause besuchte, bekam er nichts heraus.

Auch Sirius Black war nicht sehr erfolgreich, er musste momentan sehr viel alleine suchen, aber das Haus der Black-Familie war groß und enthielt zahlreiche geheime Verstecke. Lucius hatte seine Aktivitäten ein wenig verlagert in der Hoffnung, Ron Weasley zu finden. Daher vernachlässigte er die Suche nach dem Horkrux ein wenig, da er einfach nicht alles schaffte. Doch in den kommenden Frühjahrsferien wollten Leon und Draco ihn besuchen, um ihm zu helfen. Sie hofften nur, dass sie Ron vorher fanden. Nach den Ferien war es bald Zeit für die ZAG-Prüfungen von Draco, Ron und Hermine. Da würden sie dann auch ihr Zusatztraining einschränken. Ein paar Tage vor den Ferien kam Hermine an einem Dienstagabend zum Gemeinschaftsraum der Slytherins und klopfte. Blaise öffnete ihr und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an. Auf ihre Bitte hin holte er Leon und Draco zu ihr. Sie sahen ihr an, dass etwas passiert war, sie war völlig hin und weg. Schnell gingen sie in das leere Klassenzimmer, in dem sie sonst trainierten und sprachen Stille- und Schutzzauber.

„Ich hab´s geschafft!“, sprudelte es schließlich aus Hermine raus. „Ich hab mich zum ersten Mal bewusst verwandelt!“

Leon umarmte sie stürmisch und gratulierte ihr. Auch Draco beglückwünschte sie herzlich. Sie waren sich sehr nahe gekommen in den letzten Wochen durch ihr gemeinsames Training. Neugierig sahen beide Slytherins die Gryffindor an und sie tat ihnen den Gefallen und schloss die Augen. Mit ein wenig Konzentration schaffte sie es zum dritten Mal an diesem Abend, sich in ihre Animagusform zu verwandeln: ein großer, brauner Uhu. Leon und Draco machten ihr Komplimente, da sie ein wirklich schönes Tier war. Hermine breitete die Schwingen aus und erhob sich, flog eine Runde durch das Klassenzimmer, das fast ein wenig klein dafür war, denn sie musste aufpassen, dass sie nirgends anstieß. Immerhin hatte sie eine geschätzte Flügelspannweite von mindestens 1,50 Meter. Dennoch wirkte der Flug ruhig und überlegen auf die beiden Jungen. Hermine beendete ihre Runde, landete auf dem Boden vor Leon und Draco, dann verwandelte sie sich zurück.

„Beeindruckend Miss Granger.“, ließ sich nun die Stimme vom Tränkemeister vernehmen.

Erschrocken fuhren die Jugendlichen zu ihm herum. Da sie seitlich zur Tür standen, hatten sie ihn bisher nicht bemerkt, doch er zerstreute ihre Bedenken sofort. „Deine Schutzzauber waren gut, Draco, aber mich kannst du so schnell nicht aussperren, immerhin habe ich dir das alles beigebracht!“, schmunzelte er. „Ich habe mitbekommen, dass Schutzzauber aktiv sind und wollte nachsehen, was ihr treibt. Lust auf eine Runde duellieren?“

Alle drei waren mit Begeisterung dabei. Seit etwa zwei Wochen hatten sie die Verteidigungsstunden geändert. Anfangs hatten sie Abwehrzauber und auch Angriffe gelernt, Schutzschilde, Entwaffnung oder Ausschalten des Gegners. Danach waren sie dazu übergegangen, die Zauber ungesagt zu wirken, Leon sogar manchmal stablos. Und nun duellierten sie sich abwechselnd miteinander, teils alleine, teils in Teams gegen Severus oder Lucius. Fragend sahen sie ihren Lehrer an, welche Kombination würde er heute von ihnen verlangen?

„Da es schon deutlich später ist als wir sonst beginnen und heute auch kein normaler Trainingsabend ist, denke ich, wir machen etwas Neues. Draco, Hermine, ihr beide gegen Leon.“, bestimmte der Tränkemeister nach einem Moment. „Leon, deine Magie ist stark genug dafür, aber reicht auch deine Konzentration aus? Für euch alle gilt: alle Zauber ungesagt, entschärft sie, wie wir es euch beigebracht haben. Und los.“

Severus und Lucius hatten den Schülern einen Zauber beigebracht, der die Sprüche in Farbstrahlen verwandelte; je nachdem, welcher Zauber verwendet wurde, kamen die verschiedensten Farben zustande. Nur Schildzauber blieben unverändert. So konnten sie genau prüfen, wer von welchem Zauber getroffen war, ohne dass jemand gefährdet wurde. Während die Schüler Aufstellung nahmen und sich voreinander verneigten, ging Severus einige Schritte zur Seite und sprach einen Schildzauber über sich, nicht dass er noch von Flüchen getroffen wurde, wenn sie abprallten.

Einen Moment standen sich die drei so unterschiedlichen Schüler lauernd gegenüber. Hermine und Draco verständigten sich mit einem kurzen Blick. Als Hermines Schild aktiv war, griff Draco an, doch auch Leon hatte einen Schutzzauber wirken. Im gleichen Moment, als der Zauber an seinem Schild abprallte, sprach er selbst einen Zauber und schleuderte ihn gegen Hermine, um sie aus ihrer Konzentration zu reißen. Momentan standen beide nebeneinander, das musste Leon ausnutzen. In einer atemberaubenden Schnelligkeit wirkte er Zauber, die er abwechselnd auf Hermine und Draco schleuderte, machte sie so stark, dass Hermine den Schild mit ihrer kompletten Magie aufrechterhalten musste und nicht angreifen konnte. Draco schaffte es kaum, aus ihrer Deckung heraus ordentlich zu zielen, aber Leon hatte aus der Vergangenheit gelernt und schaffte es, seinen Schild stablos zu halten, sodass einzelne Zauber, die in seine Richtung gingen, abprallten. Da murmelte Draco etwas in Hermines Ohr und sie nickte. Leon kniff die Augen zusammen, was planten die beiden nun?

Hermine sprang in Deckung und Draco rannte nach links, versuchte offenbar, hinter Leon zu kommen. Aus ihrer Deckung heraus feuerte Hermine nun Zauber um Zauber auf Leon, doch der vertraute auf seinen Schild und drehte seine Stabhand ein wenig, erwischte Draco mit einem starken ‚Stupor‘, der den Schild voll durchbrach. Die dunkelrote Farbe an Dracos Brustkorb zeugte davon, dass er aus dem Spiel war. Kurz hob er die Hände und deutete an, dass er seine Niederlage anerkannte, dann stellte er sich zu seinem Paten und beschwor ebenso einen Schutzschild, während sie den Kampf zwischen Leon und Hermine weiter beobachteten. Farbschlieren schleuderten durch den Raum. Gut, dass sie nach einer halben Stunde automatisch verschwanden, sonst hätte das Zimmer eine Renovierung gebraucht, so bunt war es gerade. Zufrieden stellte Severus fest, dass Leon nun sein gesamtes Repertoire an Zaubern einsetzte, nicht nur die wenigen Flüche, auf die er anfangs zurückgegriffen hatte, was ihn angreifbar gemacht hatte, weil er leicht zu durchschauen war. Er hatte sich nun taktisch klug zurückgezogen und versuchte, seitlich an Hermine heranzukommen, doch die Gryffindor hatte seine Absicht erkannt und ihm den Weg abgeschnitten, indem sie einen – glücklicherweise ebenso abgeschwächten – Sprengfluch genutzt hatte. Der Weg war unpassierbar für Leon. Dieser machte es nun ebenso und warf einen Sprengzauber auf den Tisch, hinter dem sie in Deckung gegangen war. Das trieb Hermine heraus und sie verdoppelte ihre Anstrengungen, um Leon in Bedrängnis zu bringen, doch seine Schutzzauber hielten. Aber auch Leons Angriffe gingen erst einmal ins Leere, doch dann entdeckte er eine Schwachstelle in ihrem Schild und nutzte genau diese Stelle, um einen ‚Petrificus totalus‘ auf sie zu schießen und damit seine zweite Gegnerin auszuschalten.

Mit einem „Gut gemacht!“, stoppte Severus das Duell und holte sie zu sich. Schnell hatten sie das wenige Chaos, das entstanden war, beseitigt. Leon und Hermine atmeten noch ein wenig schneller als sonst, aber dennoch nicht zu hektisch. Sie hatten ihre Kräfte eingeteilt. Er rief nach einem der Elfen und ließ Tee und Saft bringen, damit setzten sie sich um einen kleinen Tisch zur Lagebesprechung.

„Draco: gute Taktik, du hast mit Hermine sehr gut gearbeitet, trennt euch in Kampfsituationen schneller, dann könnt ihr den Gegner in die Zange nehmen, bevor er damit rechnet. Und wenn du dem Gegner in den Rücken fallen willst, dann achte besser auf deine eigene Deckung, auch wenn dein Partner den Gegner gerade erfolgreich ablenkt. Hermine: gut gekämpft, sehr einfallsreich, du hast Leon erfolgreich davon abgehalten, dir in den Rücken zu fallen, aber du musst an deiner Konzentration arbeiten, wenn du trotz aktivem Schutzschild angreifen willst. Dein Schild hatte Löcher, daher konnte Leon dich ausschalten. Leon: Deine Zauber sind flexibel geworden, du bist nicht mehr durchschaubar und dein Schild hält. Aber geh in Deckung, wenn du die Möglichkeit hast und schone deine magischen Reserven, du weißt nie, wie lange du im Ernstfall durchhalten musst. Ich werde sehen, dass wir demnächst eventuell im Manor im Freien trainieren können, zu Fünft, jeder gegen jeden. Ich denke, ihr seid soweit.“

Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er Hermine nun ebenfalls geduzt hatte. Sie trainierten seit Wochen mindestens zwei- oder dreimal die Woche miteinander und waren sich so vertraut, dass die Distanz, die er sonst zu seinen Schülern hielt, zusammengebrochen war. Jetzt, als es ihm auffiel, weil ihn die Schüler anstarrten, rasten seine Gedanken, wie sollte er diese Situation lösen? Noch nie hatte er einen Schüler geduzt oder ihm die persönliche Anrede angeboten, aber wenn er schon so anfing, sollte er dann konsequent sein und ihr ebenfalls die vertraute Ansprache gestatten? Eine Entscheidung war schwer, aber er traf sie innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne.

„Ich hoffe, es stört dich nicht, Hermine, wenn ich dich so persönlich anspreche. Das gilt natürlich nur für unsere Zusatzstunden. Ich denke, wir sind hier eine Einheit, das würde ich gerne zum Ausdruck bringen. Hermine, ich bin Severus.“, hielt er ihr die Hand hin.

 

 

 

 

Das Duell zwischen Leon, Hermine und Draco war nun einige Tage her. Heute war der letzte Schultag vor den Osterferien. Seit der Entführung von Ron waren beinahe zwei Monate vergangen, doch sie hatten weiterhin keinen Hinweis gefunden. Remus ging es besser, aber unterrichten durfte er bis zum Ende des Schuljahres nicht mehr, da er immer wieder in einen tiefen Schlaf fiel, der als Nachwirkung des Zaubers nicht ungewöhnlich war, ihm aber im Unterricht gefährlich werden könnte. Daher war er immer noch im St. Mungo. Erst wenn die Anfälle kontrollierbar waren oder gar verschwanden, durfte er das Krankenhaus verlassen, hatten die Heiler bestimmt. Sirius hatte sich inzwischen wahrscheinlich tausend Mal bei ihm entschuldigt, doch Remus, der wusste, unter welchen Umständen alles passiert war, hatte ihm längst vergeben. Er hatte Hoffnung, dass er vielleicht in ein paar Wochen zu Sirius ins Haus konnte, wenn es ihm wieder besser ging. Der Black-Erbe hatte ihn eingeladen, damit er nicht alleine war.

Die Weasley-Zwillinge hatten in den letzten Wochen immer wieder am Training teilgenommen, als sie mitbekommen hatten, dass Professor Snape Hermine unterrichtete. Auch sie profitierten von dem Training und der Tränkemeister hatte zugestimmt, als er mit Lucius gemeinsam entschieden hatte, dass die beiden älteren Rothaarigen zuverlässig und vertrauenswürdig waren. Sie hatten bereits ihre Schwester verloren, jetzt war ihr jüngerer Bruder verschwunden. Nun wollten sie etwas tun, sich irgendwie nützlich fühlen. Da es zu auffällig war, wenn sie regelmäßig in die Kerker kamen, ließen sie sich immer wieder von Professor Snape bei verschiedenen Dingen erwischen, die Nachsitzen erforderten, damit sie unauffällig in das Klassenzimmer kommen konnten um zu trainieren. Sie waren eine Bereicherung der Stunden geworden, da sie sehr erfinderisch waren und unkonventionelle Wege einschlugen, um ihr Ziel zu erreichen. Alle Anderen konnten von ihnen lernen. Über das Nachsitzen bei Umbridge schwiegen sie sich weiterhin aus, sie wollten ihren Vater schützen, der im Ministerium arbeitete, so viel hatte Minerva herausbekommen.

Ihr Quidditch-Spiel gegen Hufflepuff hatten sie knapp gewonnen, weil es Leon geschafft hatte, Summerby, dem Sucher der Hufflepuffs, den Schnatz vor der Nase wegzuschnappen. Aber es war knapp gewesen, denn die Jäger und Treiber hatten ihnen gewaltig eingeheizt. Der Pokal war ihnen aber noch nicht sicher, das letzte Spiel der Gryffindors stand noch aus und es würde knapp werden. Die Schule fieberte dem Ergebnis entgegen.

Leon hatte in der letzten Stunde vor den Ferien Verteidigung bei Umbridge. Seit diese … , Leon war sich nicht sicher, wie er die Frau betiteln sollte, da war, hatten sie keinen einzigen Zauber zur Verteidigung gelernt. Wie immer provozierte sie geradezu einen Wutausbruch von Leon, doch der war mit Okklumentik inzwischen sehr weit und konnte seine Gefühle gut kontrollieren. Sein Geist war leer und ruhig, so konnte sie reden, so viel sie wollte. Er sah stur auf sein Buch, das sie ihnen zum Lesen aufgab. Er überlegte nur, ob es genug Kapitel gab, dass sie bis zum Jahresende damit beschäftigt waren, jede Stunde ein Kapitel zu lesen und dann als Hausaufgabe schriftlich aufzuarbeiten. Jetzt jedoch freute er sich auf die Ferien. Sein Vater würde die Prüfungen vorbereiten müssen, aber er zog es vor, das im Manor zu machen. Minerva hatte ihm die Aufsicht erlassen und selbst übernommen. Hermines Eltern hatten zugestimmt, dass ihre Tochter mit zu den Malfoys durfte, und so würden sie nach dem gemeinsamen Essen in Severus´ Wohnung abreisen. Auch Lucius würde kommen.

„Mister Snape, würden sie mir freundlicherweise meine Frage beantworten?“, zischte Umbridge nun.

Leon zuckte zusammen, er hatte eben nicht bemerkt, dass sie ihm eine Frage gestellt hatte. Corvin neben ihm trat ihm auf den Fuß und deutete dann auf eine Zeile in seinen Notizen. „Der ‚Protego‘?“, beantwortete Leon fragend.

„Das ist richtig, aber gibt es noch eine stärkere Form davon?“, fragte sie nach.

„Den ‚Protego maximo‘?“, antwortete Leon wiederum fragend.

„Gibt es Flüche, gegen die auch dieser nicht hilft, Mister Snape?“

„Die Unverzeihlichen, Professor Umbridge. Also der ‚Imperius‘, der ‚Cruciatus‘ und der ‚Avada kedavra‘. Diese drei können von keinem bekannten Schildzauber aufgehalten werden, weder weiß- noch schwarzmagisch, deshalb nennt man sie auch die Unverzeihlichen.“, fasste Leon zusammen.

„Wer hat ihnen diese Flüche beigebracht, Mister Snape?“, fragte Umbridge lauernd.

„Niemand hat sie mir ‚beigebracht‘, Professor Umbridge.“, erwiderte Leon ruhig. „Sie haben mir eine Frage gestellt und ich habe sie beantwortet. Diese Antwort habe ich aus dem Buch der zweiten Klasse, das mir mein Vater vor diesem Schuljahr zu lesen gab, es enthielt den ‚Protego‘ und die Theorie zu der ‚maximo‘-Variante, dabei wurde dann erwähnt, dass eben einzig die Unverzeihlichen dadurch nicht aufgehalten werden.“

In diesem Moment ertönte die Klingel, die das Ende der Stunde verkündete. „Über die Ferien schreiben sie alle bitte einen Aufsatz über die Schutzzauber und ihre Grenzen, mindestens 25 Zoll Pergament. Auf Wiedersehen, Klasse.“, beendete Umbridge die Stunde.

„Auf Wiedersehen, Professor Umbridge.“, leierte die Klasse gemeinsam. Im Anschluss verließen sie das Klassenzimmer so schnell wie möglich. Corvin und Robyn gingen neben Leon.

„Danke, Corvin! Du hast was gut bei mir!“, lächelte Leon. „Ich habe versucht, mich nicht provozieren zu lassen durch ihre verdrehten Ansichten, dabei aber offenbar ein wenig den Faden verloren.“

„Wir Slytherins müssen zusammenhalten!“, grinste Corvin. „Was machst du in den Ferien?“

„Dad und ich besuchen Draco und Onkel Lucius im Manor, Hermine kommt auch mit, sie braucht ein bisschen Ablenkung.“, erzählte Leon. „Und ihr?“

„Mom und Dad wollen mit uns nach Südspanien in den Urlaub, da kann man schon baden!“, schwärmte Robyn. „Das wird unser erster richtiger Urlaub, seit wir nach Hogwarts gehen, irgendwie kam bisher Dads Arbeit immer dazwischen und wir mussten den geplanten Urlaub immer wieder absagen. Dad arbeitet als Auror, bildet die Jungauroren aus. Aber bisher haben unsere Eltern wohl nichts gehört und wenn wir heimkommen, geht es sofort weiter!“

„Wow, dann viel Spaß!“, wünschte Leon.

„Dir auch. Und schnapp dir den Blonden endlich!“, riet Corvin. „Genau, bevor dir jemand zuvorkommt!“, ergänzte Robyn grinsend.

Irritiert sah Leon seine Freunde an. „Was meint ihr?“

„Also echt, sag bloß, du bemerkst das nicht? Es ist deutlich zu sehen, dass du und Draco umeinander schleicht und keiner traut sich, den ersten Schritt zu machen. Du bist doch ein Löwe, also mutig voran!“, wurde Robyn deutlich. „Seit ihr beide hier an der Schule seid, schleicht ihr umeinander herum. Draco hat sich verändert, das sehen wir alle deutlich. Blaise hat sogar schon mit ihm darüber gesprochen und es ihm ins Gesicht gesagt. Eigentlich dachten wir, ihr würdet irgendwann selber mal kapieren, dass ihr ein Traumpaar seid. Aber scheinbar muss man euch tatsächlich mit der Nase draufstoßen. Man sieht in jedem Blick, den ihr aufeinander werft, in jeder Geste, wie sehr ihr euch mögt und es wirkt, als wärt ihr zwei Pole eines Magneten, ihr zieht euch gegenseitig an und orientiert euch aneinander. Es ist absolut unbewusst, aber so deutlich spürbar. Ganz Slytherin hat schon Wetten auf euch laufen! Also macht endlich mal!“

Leon schüttelte den Kopf und verschwand in seinem Schlafraum. Draco war noch nicht da, er hatte eine Stunde länger Unterricht als Leon. Der Grünäugige versank wieder in Gedanken. Schon häufiger hatte er über Draco und sich nachgedacht. Vor allem, seit er damals mit seinem Vater geredet hatte. Er hatte versucht, sich über seine Gefühle klar zu werden, doch so einfach war es nicht. Draco bedeutete ihm viel, aber wie nahe waren sie sich? War es eine brüderliche Liebe, die er für den Blonden empfand, oder war es doch eher eine Liebe wie bei seinem Vater und Lucius? Leon konnte es einfach nicht zuordnen und war daher sehr unsicher, wie er weitermachen sollte. Und wie weit konnte er gehen? Er hatte immer wieder schon von seinen Klassenkameraden Gesprächsfetzen aufgefangen, wo sie sich über Selbstbefriedigung unterhielten und überlegten, wie es wohl sein könnte, wenn man Sex hatte. Doch davon wollte Leon nichts wissen, es machte ihm Angst, aus irgendeinem Grund hatte er immer das Gefühl, Schmerzen zu leiden, wenn seine Gedanken in diese Richtung wanderten. Selbstbefriedigung kannte er, nicht selten wachte er morgens mit einem kleinen Problem in der Hose auf und war froh, wenn er das Bad für sich hatte. Aber als er jetzt darüber nachdachte und es versuchte, mit Draco zu verknüpfen, war er nicht sicher, was er dabei empfand.

Lieber konzentrierte er sich darauf, seinen Koffer zu füllen. Schnell hatte der Grünäugige seine Sachen fertig gepackt. Leider musste er nun die Sachen für Verteidigung mitnehmen, um seinen Aufsatz zu schreiben. Das würde eine Menge Arbeit, überlegte er, Verteidigung 25 Zoll Pergament, Verwandlung, Zauberkunst, Zaubertränke und Geschichte der Zauberei jeweils 20 Zoll Pergament, dann noch ein Buch, das er für Alte Runen lesen und einige Zeichnungen, die er für Pflege magischer Geschöpfe machen musste. Außerdem der Kampf, den sein Vater angekündigt hatte und Okklumentik. Er würde keine Zeit haben, sich Gedanken über Draco zu machen. Als er seine Sachen fertig hatte, brachte er den Koffer gleich zu seinem Vater, der schon auf ihn wartete, auch er hatte einen kurzen Tag. Lucius erschien ein paar Minuten nach Leon und sie richteten gemeinsam den Tisch her, als plötzlich Dobby auftauchte und gefährlich schwankte. Instinktiv fing Leon ihn auf, als er fiel.

„Dobby? Was ist passiert?“, fragte Lucius besorgt.

„Master Weasley hat nach Dobby gerufen, doch Dobby kann nicht zu ihm, die Schutzzauber verhindern es.“, wisperte der Elf mit geschlossenen Augen.

„Welcher Weasley?“, hakte Severus nach.

„Ronald Weasley, Harry Potters Freund, Professor Snape Sir.“, war Dobbys Antwort. „Er ist in einem schwarzmagischen Haus gefangen und hat nach Dobby gerufen. Dobby wollte ihm helfen, er hat gehört, dass der Freund von Harry Potter Sir gefangen ist, als Master Leon und Miss Hermine darüber sprachen. Dobby wollte helfen, aber er kommt nicht durch den Schutz.“

„Wo ist er genau?“, wollte Lucius wissen.

„Das kann Dobby nicht sagen.“, gestand der Elf. „Dobby hat auf den Ruf reagiert, der aber sehr schwach war.“

„Also lebt Ron?“, versicherte sich Leon. Dobby bejahte wortlos. „Und wie kriegen wir ihn nun da raus?“

Severus und Lucius schwiegen konzentriert. Während sie noch überlegten, trafen Draco und Hermine ein und wurden leise von Leon aufgeklärt. „Das einzige Wesen, das ich kenne, welches sämtliche Schutzzauber durchbrechen könnte, ist ein Phönix.“, überlegte Draco laut.

Lucius zuckte zusammen, er hatte nicht einmal bemerkt, dass sein Sohn und Hermine hereingekommen waren. „Danke, Draco!“, rief er im Gehen.

„Wo willst du hin?“, forderte Severus, bevor er sich selber die Antwort gab. „Zu Minerva. Natürlich. Warte, ich frage an, ob sie alleine ist und wir durch den Kamin kommen können.“

Zustimmend nickte Lucius und Severus ging zum Kamin in sein Büro. „Vielleicht sollten wir ihn einfach rufen?“, warf Leon ein und fügte etwas lauter hinzu: „Fawkes, könntest du bitte kommen?“

Severus schüttelte seinen Kopf. „Ein Phönix ist kein Hund.“ Doch Lucius wirkte nachdenklich. „Fawkes hatte ein Faible für Harry Potter.“, gab er zu bedenken. Als eine Feuersäule zwischen ihnen erschien, aus der Fawkes materialisierte, hatte die beginnende Diskussion ein abruptes Ende. Leon ging furchtlos auf den magischen Vogel zu.

„Hallo Fawkes, danke, dass du gekommen bist.“, begann er und strich über die rot-goldenen Brustfedern. „Ein Freund von uns, Ron Weasley, wird von Todessern gefangen gehalten. Er hat Dobby gerufen, doch der konnte die Schutzzauber nicht durchdringen. Kannst du mit ihm gemeinsam gehen, wenn Ron das nächste Mal ruft, und ihm helfen, die Schilde zu durchbrechen?“

Fawkes neigte seinen Kopf und rieb sich an Leons Hand. Es wirkte zustimmend, fanden sie. Der Phönix trillerte einige zuversichtliche Töne vor sich hin und lockerte damit die angespannte Stimmung ein wenig auf. Nun mussten sie warten, dass Ron es noch einmal versuchte; ohne den Ruf des Gefangenen hatte Dobby keine Chance, ihn zu lokalisieren. Fawkes könnte zwar suchen, aber ohne Anhaltspunkt war das auch nur wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Daher brauchten sie beide, Dobby und Fawkes, damit Ron befreit werden könnte. Die Abreise aus Hogwarts schoben sie vor sich her, sie wollten erst abwarten, was mit dem Gryffindor war. Ein anderer Hauself hatte ihnen etwas zu Essen gebracht, aber kaum einer hatte wirklich Appetit gehabt, sodass der Großteil unberührt zurück in die Küche ging. Dobby saß auf einem Sessel und ruhte sich aus, der Versuch, Ron zu erreichen, hatte ihn ausgelaugt, aber glücklicherweise nicht verletzt. Aus lauter Verzweiflung hatten die drei Schüler sich schließlich an ihre Hausaufgaben gesetzt. Leon hatte seinen Aufsatz für Zaubertränke fast fertig, als Dobby sich aufrichtete.

„Fawkes!“, piepste er und der Phönix flatterte zu dem Hauselfen, ließ sich von ihm greifen. Dobby verschwand mitsamt dem Feuervogel. Nun mussten sie warten und hoffen, dass die beiden magischen Wesen es gemeinsam schafften.

„Das ist wohl die erste Zusammenarbeit zwischen einem Hauselfen und einem Phönix.“, überlegte Lucius laut. Severus stimmte zu. „Die beiden hier sind keine typischen Vertreter ihrer Art, ansonsten hätten wir sie nie dazu bekommen, dass sie gemeinsame Sache machen.“

„Hoffen wir, dass es erfolgreich ist.“, wisperte Draco. Auch wenn er Ron nicht als engen Freund ansah, verfeindet waren sie nicht mehr und das, was der Gryffindor nun wohl durchgemacht hatte, wünschte er niemandem. Zwar konnten sie nur raten, aber er kannte seinen angeheirateten Onkel und dessen Bruder ziemlich gut, alleine das ließ ihn schaudern. Lucius sah es.

„Wir müssen nun stark sein, für den jungen Weasley.“, sprach er seinem Sohn zu. „Er braucht kein Mitleid, sondern Mitgefühl und jemanden, der da ist, mit dem er reden kann.“

„Du hast Recht, Vater.“, stimmte Draco zu. „Wir werden da sein. Wir werden die Fehde zwischen den Weasleys und den Malfoys endgültig beenden.“

Lucius nickte seinem Sohn zu. „Aber wir sollten es in der Öffentlichkeit noch eine Weile beibehalten. Erst wenn unsere Mission erfüllt ist, können wir es öffentlich machen.“ Draco machte eine zustimmende Geste, bevor er sich wieder seinem Aufsatz widmete. Wenn sie schon warten mussten, dann konnten sie die Zeit auch sinnvoll nutzen. Sie konnten die Befreiung weder beschleunigen noch irgendwie sonst beeinflussen, nur hoffen blieb ihnen. Die Zeit verbrachten sie schweigend, einzig das Kratzen der vier verschiedenen Federn war zu hören. Leon, Draco und Hermine machten ihre Hausaufgaben, Severus bereitete die Prüfungen vor. Lucius hatte sich neben ihn gesetzt und seinen Arm um die Schultern des Tränkemeisters gelegt. So offen hatten die beiden Jungen ihre Väter noch nie miteinander gesehen, und das, obwohl auch noch Hermine im Raum war. Die hatte allerdings nur einmal kurz aufgesehen, ein wissendes Lächeln hatte ihr Gesicht erhellt, dann hatte sie sich wieder über ihre Aufgaben gebeugt.

Je länger die Stille andauerte, umso unruhiger wurden die Fünf. Die Zeit schien unendlich lange zu dauern, auch wenn noch nicht einmal dreißig Minuten vergangen waren. Doch noch immer rührte sich nichts, es wurde später und später und sie begannen, sich Sorgen zu machen. Leon war der Erste, der vor Sorge nicht mehr wusste, wohin mit sich. Gegen zehn Uhr stand er auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Nach einigen Minuten fuhr Severus ihn ungehalten an, da er sich nicht konzentrieren konnte. Draco nahm Leon in Schutz, was dem Tränkemeister absolut missfiel, und er raunzte nicht mehr nur seinen Sohn sondern auch sein Patenkind an. Draco pampte zurück und es wurde schnell laut. Lucius und Hermine, die schlichten wollten, stießen auf taube Ohren, denn Leon wollte nicht zulassen, dass sein Vater seinen Draco beschimpfte und konterte stinksauer. Ein Wort gab das Andere und schnell warfen sie sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf. Der ältere Malfoy sah die Gryffindor an und schüttelte nur den Kopf. Ihm war klar, dass der Stress aus ihnen sprach, aber gerade Severus hatte bisher immer eine gute Selbstbeherrschung gehabt und von Leon hatte er ein derartiges Verhalten ebenso wenig erwartet. Der Einzige, der agierte, wie er es gewohnt war, war Draco, sein Sohn. Der machte seinem Ärger meist Luft, wenn er in familiärer Runde war.

Erst als es an der Tür klopfte, wurden die drei Streithähne still und sahen schockiert auf die Tür. Lucius übernahm es, zu öffnen, denn die Anderen waren gerade bewegungsunfähig. Minerva stand draußen und musterte ihn verwirrt. „Was ist denn hier los? Wolltet ihr nicht längst im Manor sein?“, fragte sie, als Lucius die Tür hinter ihr geschlossen hatte.

„Ronald Weasley hat meinen ehemaligen Hauself gerufen. Alleine konnte der nichts ausrichten, die Schutzzauber waren undurchdringlich für ihn. Aber ein gewisser Phönix hat sich von Leon rufen lassen. Gemeinsam sind die Beiden vor einigen Stunden los und haben sich auf die Suche nach dem jungen Weasley gemacht. Jetzt warten wir, dass sie zurückkommen und die drei waren wohl ein wenig … besorgt. Ihr Temperament ging mit ihnen durch.“, fasste Lucius zusammen.

Beschämt sahen sich Leon, Severus und Draco an. Sie sprachen kein Wort, aber die Sache war vergessen. Severus zog Leon und Draco an sich und umarmte beide kurz. Hermine beobachtete das alles staunend, so hatte sie den Tränkemeister noch nie erlebt, auch wenn sie nun schon seit knapp zwei Monaten mit ihm trainierte. Sie hatte eine Ahnung, dass Leon und Draco wohl ebenso Gefühle füreinander hatten wie ihre Väter, aber es nun so zu sehen, war überraschend für sie. Gerade als Lucius ein paar klärende Worte an sie richten wollte, blendete sie eine riesige Feuersäule, die mitten im Wohnzimmer auftauchte. Sekundenbruchteile später schrien sie gemeinsam auf, als sichtbar wurde, was der Phönix ihnen brachte.

 

 

Sekundenbruchteile später schrien sie gemeinsam auf, als sichtbar wurde, was der Phönix ihnen brachte.

Das Feuer verschwand, so schnell es gekommen war und hinterließ einen grauenhaften Anblick. Der Phönix verschwand in einer weiteren Feuersäule, Dobby brach erschöpft zusammen. Ron lag auf dem Boden, nur halb bei Bewusstsein. Noch bevor sie etwas tun oder sagen konnten, brachte eine weitere Feuersäule den Phönix zurück, der hatte die Heilerin im Schlepptau. Warum er den Jugendlichen nicht in den Krankenflügel gebracht hatte, war ihnen ein Rätsel, aber das war gerade unwichtig. Severus und Poppy erholten sich als Erste von ihrem Schock und begannen mit Diagnose- und Heilzaubern. Der Tränkemeister schickte Lucius und Draco, verschiedene Tränke zu holen und jetzt wurde ein Grund klar, warum Fawkes den Jungen möglicherweise hierher gebracht hatte, denn Lucius wusste sicher, dass einige der Tränke im Krankenflügel kein Standard waren. Der Phönix sah ihn durchdringend an und legte den Kopf schief, als Lucius mit einem bestimmten Heiltrank an ihm vorbeilief.

„Mach die Phiole auf, Onkel Luc.“, bat Leon leise.

Lucius war zwar überrascht, aber er tat dennoch wie gebeten. Der Phönix ließ eine, zwei Tränen in den Hals des Fläschchens fallen. Der Trank im Inneren schimmerte plötzlich golden und alleine der zarte Duft stärkte alle. Severus hob eine Augenbraue und bedankte sich mit einem knappen Nicken bei dem Phönix. Vorsichtig hob er den Kopf des Rothaarigen und sprach ihn an, damit er den Mund aufmachte. Beim Schlucken musste er dem Jugendlichen helfen. Leon setzte sich ans Kopfende des Verletzten und bettete dessen Haupt vorsichtig in seinen Schoß, strich ihm beruhigend über die Stirn, die glühte vom Fieber. Ein dankbarer Blick aus müden, schmerzverzerrten Augen traf ihn, bevor sie sich wieder schlossen. Nach einer guten halben Stunde zauberte Severus ein Bett aus seinem Sofa und sie ließen Ron vorsichtig darauf schweben.

„Wir haben getan, was wir konnten, jetzt liegt es an ihm.“, berichtete die Heilerin leise. „Er leidet an den Nachwirkungen von unzähligen Cruciatus-Flüchen, mehrere Rippen, das Brustbein, beide Beine, der linke Oberarm und das rechte Handgelenk waren gebrochen, Gehirnerschütterung, unzählige Wunden von verschiedenen Folterinstrumenten, Muskelrisse, Schäden an inneren Organen. Nahrungsmangel, zu wenig und verschmutztes Trinkwasser haben seinen Zustand auch nicht gerade verbessert. Aber er wird heilen, wenn er den Kampfwillen nicht verloren hat. Die nächsten zwei Tage sollte er nicht bewegt werden, dann können wir ihn in den Krankenflügel oder besser noch ins St. Mungo bringen. Ich würde gerne seine Eltern informieren, dass sie beruhigt sein können.“

Severus nickte nur müde. Seine Wohnung würde die nächsten zwei Tage wohl Aufenthaltsraum für eine Menge Weasleys sein. Hermine saß zitternd und weinend am Bett ihres Freundes. Sie hatte sich – bis auf den ersten Tag, als er entführt wurde – gut gehalten, aber jetzt war sie am Ende. Leon saß neben ihr und hielt sie im Arm, tröstete sie durch seinen Beistand wortlos. Minerva bemerkte, wie stark Severus zitterte.

„Severus, alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt. Er nickte nur und hielt sich an der Wand fest. Sein Gesicht war weiß mit einer Spur grau und schweißbedeckt. Lucius griff nach seinem Arm und führte ihn in sein Schlafzimmer, sein Partner brauchte Ruhe und Erholung. Er half ihm, Hemd, Hose und Schuhe auszuziehen und drückte ihn ins Bett. Erschöpft schloss der Schwarzhaarige die Augen und versuchte, ruhig durchzuatmen, doch er hatte das Gefühl, zu ersticken. Seine Atmung wurde immer hektischer und nun wurde auch Lucius unruhig. Er setzte sich zu Severus aufs Bett und zog ihn zurück in eine sitzende Position, lehnte ihn an seinen Oberkörper und umfasste ihn mit seinen Armen. Severus lehnte sich schwer auf ihn, das allein zeigte Lucius schon, dass es ihm nicht gut ging. Die Atmung war immer noch extrem hektisch und oberflächlich.

„Ruhig atmen, Sev. Ganz langsam und tief. Ich bin hier, Liebster, ich helfe dir. Atme mit mir zusammen.“, beruhigte Lucius. „Ich … kriege … keine … Luft!“, keuchte Severus zwischen schnellen, flachen Atemzügen. Die Panik aus seinen Worten sprach Bände. Beunruhigt änderte Lucius seine Position ein wenig und sah Severus ins Gesicht. Dessen Lippen waren inzwischen blau angelaufen und er schien immer hektischer zu atmen. Mit einem Zauber öffnete Lucius das Fenster unter der Decke, um frische Luft hereinzulassen. Seine Hände legte er seitlich an den Bauch des Tränkemeisters.

„Severus, du musst ruhiger atmen. Komm schon, atme in meine Hände. Ganz ruhig und tief.“, mahnte Lucius mit ruhiger Stimme, aber innerlich geriet auch er nun in Panik. Verdammt, wie könnte er Severus nun helfen? „Hilf mir!“, hauchte Severus, der spürte, dass er gegen seine Panik nicht mehr ankam. Lucius fühlte sich absolut hilflos, wusste nicht, wie er seinem Gefährten helfen konnte. Hier war er nutzlos. Hier konnte nur ein Heiler helfen. Gedanklich schlug er sich mit der Hand gegen die Stirn. Im Nebenzimmer war eine Heilerin. „Poppy?“, rief er laut.

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür und die Heilerin eilte in den Raum. Sie hatte den alarmierenden Ton in Lucius´ Stimme gehört. Sie sah sofort, warum sie gerufen worden war und zog ihren Zauberstab. Nach einigen Zaubern spürte Lucius, dass Severus wieder ein wenig ruhiger atmete und die Panik langsam nachließ. Deutlich ruhiger, aber völlig ausgelaugt lehnte Severus nun an ihm. Seine Lippen bekamen langsam wieder Farbe und seine Augen schlossen sich. „Schlaf, Severus. Es ist vorbei. Ich bin hier. Entspann dich.“, murmelte der Blonde und strich Severus sanft über die Wangen und den Kopf. Nur Momente später war der Tränkemeister eingeschlafen. Die Heilerin setzte ihm noch eine Maske auf. „Damit bekommt er etwas zusätzlichen Sauerstoff, die Anstrengung, Mister Weasley zu helfen, war zu viel für sein Herz, es hat ihn überlastet und dadurch bekam er zu wenig Sauerstoff. In seiner aufkommenden Panik hat er zu hektisch geatmet und dadurch reduzierte sich der Sauerstoffgehalt weiter und er hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen.“, erklärte Madam Pomfrey. „Er braucht ein paar Tage Ruhe und sollte endlich lernen, Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand zu nehmen. Sein Herz hält diese ständigen Extreme nicht aus und wird es ihm nicht immer verzeihen.“

„Ich weiß.“, flüsterte Lucius. „Aber dazu müssen wir erst dafür sorgen, dass die Welt ein wenig sicherer ist.“

„Dann beeilen sie sich besser damit. Severus wird solche Belastungen nicht mehr lange aushalten. Sein Herz ist an der Grenze seiner Belastbarkeit angekommen. Devon Zabini hat sehr gute Arbeit geleistet, ich kenne den Bericht des Krankenhauses, das ihn damals versorgt hat. Bei den Muggeln hätte er nicht mehr lange überlebt. Er muss es ruhiger angehen in Zukunft.“, mahnte die Heilerin.

„Ich werde sehen, was ich tun kann.“, versprach Lucius. „Aber behalten sie das bitte für sich, ich möchte nicht, dass sich unsere Söhne Sorgen machen.“

„Sorgen sie dafür, dass er mindestens zwei Tage ausruht und am besten im Bett bleibt. Ein paar ruhige Spaziergänge an der frischen Luft tun ihm sicher auch gut.“, erwiderte Madam Pomfrey.

Nickend stimmte der Blonde zu. Neugierig blickte die Heilerin ihn an. Sie schien sich nicht ganz klar zu sein, was sie von ihm halten sollte. Lucius unterdrückte ein Schmunzeln. „Ich stehe auf seiner Seite. Ich weiß, sie sind verschwiegen. Ich habe von Anfang an für Albus spioniert.“, gestand er leise. „Es wissen nur wenige Menschen, was wir tun und auf welcher Seite ich stehe, und das soll auch so bleiben. Wir sind dabei, alles dafür zu tun, dass der dunkle Lord nicht mehr wiederkommen kann. Leider geht es nicht so schnell, wie wir es erhoffen.“

„Kann ich helfen?“, wollte die Heilerin wissen. Lucius schüttelte den Kopf. „Sie sollten neutral bleiben und sich diesem Risiko nicht aussetzen. Helfen sie Severus ohne Fragen zu stellen und sehen sie zu, dass Draco und Leon nichts davon“, er deutete auf Severus, „mitbekommen. Ich möchte eine Panik vor allem bei Leon vermeiden. Ich werde nun gehen, bitte bleiben sie bei Severus oder schicken sie Minerva herein, sie weiß Bescheid und Sev vertraut ihr. Ich habe eine Idee, wie wir vielleicht weiterkommen.“

Er verließ das Schlafzimmer. Im Wohnzimmer lag der blasse Rothaarige auf dem verwandelten Sofa. Seine Mutter saß neben ihm und sprach leise auf ihn ein, während Tränen über ihre Wangen liefen. Sie bekam ihn nicht einmal mit. Hermine schlief im Sessel zusammengerollt, Leon saß auf dem Boden davor und schlief mit dem Kopf an Draco gelehnt, der ebenfalls zu schlafen schien und dabei an den Sessel gelehnt saß. Es sah sehr unbequem aus, er war völlig verdreht Die Schulleiterin stand in der Tür zum Büro und schien nachzudenken. Lucius ging auf sie zu.

„Wie geht es ihm?“, fragte er leise und deutete mit dem Kopf in Rons Richtung.

„Er wird es schaffen.“, erklärte Minerva. „Aber wir wissen noch nicht, was sie aus ihm herausbekommen haben. Er weiß Einiges, was in den falschen Händen gefährlich für uns werden kann.“

„Ich habe eine Idee. Dafür muss ich mit Albus sprechen, er hatte bereits vor drei Jahren eine Theorie, was Harry betrifft. Ich muss ihm ein paar Fragen dazu stellen und wenn meine Vermutungen stimmen, dann muss ich mit Leon zu Sirius.“, bestimmte Lucius.

„Komm.“, ging Minerva voran und führte ihn in das Schulleiterbüro, wo das Portrait von Albus hing. Der Blonde wandte sich direkt an ihn. „Albus?“, weckte er das schlafende Bild.

„Lucius, mein Junge!“, begrüßte Albus ihn mit seinem typischen Lächeln, bei dem die blauen Augen munter blitzten. „Wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht gesehen! Du hast Severus befreit, habe ich gehört, aber leider kam für Harry die Rettung zu spät.“ Trauer schien sein Gesicht altern zu lassen.

„Albus, du hattest damals eine Theorie, Harry betreffend. Du meintest, dass er versehentlich ein Seelenbruchstück abbekommen haben könnte, als der Lord ihn töten wollte. Wie kann ich das erkennen und könnte man das nutzen, um die Horkruxe zu finden?“, kam Lucius sofort zum Kern.

„Ich denke, dass ich richtig lag, konnte es aber nie beweisen, aber was soll das alles, Lucius? Du weißt, dass es sinnlos ist, darüber nachzudenken, wenn Harry tot ist.“, wunderte sich der ehemalige Schulleiter.

„Ja, Harry ist tot, aber Leon lebt.“, antwortete Lucius geheimnisvoll. „Bitte, beantworte mir meine Fragen, es ist immens wichtig. Severus packt das alles nicht mehr allzu lange, wir müssen es beenden. Und wenn Harry den Horkrux finden könnte, dann muss ich das jetzt wissen.“

„Leon ist Harry? Wie kommt das?“, staunte Dumbledore.

„Albus, ich brauche die Antworten. Jetzt!“, knurrte der Blonde.

„Harrys Narbe war der Punkt, an dem er von dem Fluch getroffen wurde. Wenn es korrekt ist, dann enthält Harrys Körper einen Horkrux. Der Seelenteil ist in Harry eingeschlossen. Teste Harry auf dunkle Magie, und wenn du weißt, wo sie sich konzentriert, dann leg dein Mal direkt darüber, der Horkrux müsste reagieren, ebenso dein Mal, da es die Anwesenheit eines Teiles seines Erschaffers spürt, die Magie ist die Gleiche. Wenn das Seelenstück da ist, dann könnte Harry es spüren und mit ein wenig Konzentration auf die Magie auch andere Teile der Seele wahrnehmen, wenn sie in seiner Nähe sind. Der räumliche Abstand darf aber nicht zu groß sein, du müsstest dich innerhalb von vielleicht zehn Metern um den Horkrux befinden, den du suchst.“, erklärte Albus.

„Danke, ich muss los. Leon und ich müssen nach London!“, verabschiedete sich Lucius und war schon auf dem Weg nach unten. „Lucius, warte!“, rief Minerva hinterher. „Du kannst doch nicht zu ihm, der Fideliuszauber!“, erinnerte sie ihn.

„Nun, das stellt kein Problem dar.“, grinste der Blonde. Einen Moment brauchte sie, bis sie verstand, was er damit sagte. Als er die Erkenntnis in ihrem Gesicht sah, warnte er: „Kein Wort. Niemand darf davon wissen!“ McGonagall nickte. Gemeinsam eilten sie weiter in die Kerker. Dort war es ruhig, Molly Weasley schlief an Rons Bett, die Jugendlichen schliefen und Lucius entschied, sie in Betten zu legen. Zuerst trug er seinen Sohn in dessen Zimmer, dann Leon. Er legte die beiden Jungen in Dracos Bett, wobei er schmunzelnd beobachtete, dass sein Sohn automatisch den Arm beschützend um Leon legte; brachte dann Hermine Granger in Leons Bett. Dort schliefen sie sicherlich ruhiger und entspannter. Leon brauchte den Schlaf gerade dringend, die paar Stunden, bis er wieder erwachte, konnten sie nun auch noch warten. Schnell zog er die drei Jugendlichen mit einem Zauber um. Er selber ging zurück zu Severus und versprach der Heilerin, bei dem Tränkemeister zu bleiben und dafür zu sorgen, dass er die nächsten Stunden schlief. Kaum war sie aus der Tür, zog er selber seine Kleidung bis auf die Unterwäsche aus und legte sich zu Severus, der sich unbewusst an ihn schmiegte. Minuten später schlief auch Lucius tief und fest.

 

Am nächsten Morgen erwachte Draco mit höllischen Kopfschmerzen. Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie er in sein Bett gekommen war und was eigentlich passiert war, dass er nun hier lag. Er sollte doch in seinem Bett im Manor aufwachen und nicht im Schlafraum in Hogwarts? Doch der Blonde kam nicht weit, die Kopfschmerzen vernebelten jeden vernünftigen Gedanken. Seine Augen ließ er einfach geschlossen, das Licht blendete auch durch die geschlossenen Lider. Hatte er gestern getrunken? Das musste ja eine Höllenparty gewesen sein, wenn er so aufwachte. Als neben ihm ein Stöhnen hörbar wurde, wusste er, dass Leon mal wieder in seinem Bett übernachtet hatte. Leon stöhnte ein wenig gequälter, bevor er sich ruckartig zur Seite drehte und mit einem ekelerregenden Geräusch übergab. Er würgte weiter und hörte sich derart gequält an, dass Draco seine eigenen Schmerzen für einen Moment vergaß, die Augen aufmachte und sich nach Leon umsah. Nur nebenbei registrierte er, dass er nicht der Einzige war, der Leon zu Hilfe eilte. Hermine kniete bereits neben Leon auf dem Boden, hatte das Erbrochene schon verschwinden lassen. Der Jüngste hielt sich mit der linken Hand verzweifelt an ihr fest, zitternd und leichenblass. Die rechte Hand presste er auf seine Stirn, dahin, wo früher die Narbe gewesen war.

„Leon?“, fragten Hermine und Draco gleichzeitig sehr besorgt.

Der Schwarzhaarige gab keine Antwort, nur ein leises Wimmern war zu hören. Offenbar biss er sich auf seine Lippe, um Schreie zu unterdrücken. Er würgte immer wieder, doch sein Magen war leer, es kam nichts mehr, aber die Schmerzen ließen scheinbar nicht nach.

„Hol Madam Pomfrey!“, forderte Draco.

„Nein, ich komm hier nicht mehr rein! Du musst sie holen!“, wisperte Hermine.

Die Logik war für Draco nachvollziehbar, Hermine würde trotz Passwort nicht in den Gemeinschaftsraum kommen, dafür sorgte das Portrait von Salazar mit Sicherheit. Ihm fiel nicht auf, dass die Heilerin sich Zutritt verschaffen konnte, da er vor lauter Kopfschmerzen kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Also sprang er aus dem Bett und rannte – barfuß und im Schlafanzug – los. Im Gemeinschaftsraum traf er auf einige Hauskameraden, die die Ferien hier in Hogwarts verbrachten, die ihn vollkommen verdattert anstarrten, ihn aber nicht ansprachen. Bis sich ihre Überraschung gelegt hatte, war Draco schon verschwunden, daher hatten sie keine Chance, ihn anzusprechen. Er rannte erst hinüber zu der Wohnung des Tränkemeisters, doch Mrs. Weasley, die noch immer am provisorischen Krankenbett saß, sagte ihm, die Heilerin wäre im Krankenflügel. Also rannte er nach oben und stürmte durch die Tür.

„Madam Pomfrey!“, keuchte er atemlos. „Schnell, Leon!“

Ohne ein weiteres Wort rannte er wieder in die Kerker hinunter, dicht gefolgt von der Heilerin. Nur Minuten später waren sie zurück im Vertrauensschülerzimmer, wo Leon noch genauso da saß wie vorher, aber er schien noch blasser zu sein als vor einigen Minuten, fiel Draco auf. Der sonst so heimelige, dunkle Raum hatte jeden Komfort für Draco verloren, jetzt wo Leon hier saß und litt. Die Heilerin kümmerte sich sofort um ihn und Leon bekam nach einigen Momenten wieder ein wenig Farbe und schien erleichtert, doch erneut überkam ihn eine Schmerzwelle, die heftiger als zuvor zu sein schien. Hermine legte Draco die Hand auf den Arm. Obwohl Draco das sonst nie zugelassen hätte, empfand er es jetzt als beruhigend. Er mochte es nicht, von anderen Menschen berührt zu werden, vor allem von Muggelgeborenen. Die Erziehung seines Großvaters hatte ihn stark geprägt und so sehr er sich diesem Einfluss entziehen wollte, er kam nicht vollkommen davon los. Von klein auf hatte sein Großvater Abraxas Malfoy dafür gesorgt, dass Draco sein ganzer Stolz werden würde und die Familienehre aufrechterhielt. Er hatte sich dabei immer wieder gegen Lucius durchgesetzt, der wollte, dass sein Sohn toleranter aufwuchs, auch, wenn er ihm die alten Werte vermitteln wollte, wenn auch weit weniger aggressiv. Dennoch stieß er Hermines Hand nicht von sich.

„Holt seinen Vater her.“, meldete sich Poppy nun zu Wort.

Sofort eilte Draco wieder hinüber in die Wohnung seines Paten, diesmal brauchte es keine Aufforderung von der braunhaarigen Gryffindor, nur er konnte einfach so in die Wohnung. Er öffnete das Portrait und lief nach einem kurzen Umsehen direkt ins Schlafzimmer. Sein Vater empfing ihn mit einem säuerlichen Ausdruck im Gesicht, und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den schlafenden Severus.

„Vater, Leon geht es nicht gut. Madam Pomfrey schickt mich, ich soll Onkel Sev holen.“, berichtete Draco ruhig.

„Was ist mit ihm?“, fragte der Tränkemeister. Er hörte sich extrem erschöpft an und sah auch so aus, fand Draco.

„Ich weiß nicht genau, Onkel Sev. Ich bin vorhin aufgewacht und er hat offensichtlich Schmerzen, außerdem hat er sich übergeben. Ich habe die Heilerin geholt, während Hermine bei ihm geblieben ist, und jetzt hat sie mich geschickt.“, erwiderte Draco.

Severus schwang die Beine aus dem Bett und erhob sich, wobei alle Farbe sein Gesicht verließ und er sich festhalten musste. Lucius stützte ihn und sie gingen zu dritt zurück zu Leon. Die Heilerin empfing sie mit einem besorgten Blick auf Severus, doch der winkte ab. „Was ist mit Leon?“, verlangte er zu wissen.

„Ich weiß es nicht genau. Es gibt keine Ursache für die Schmerzen und die Übelkeit, die ich feststellen kann, aber ich vermute schwarze Magie dahinter.“, antwortete die Heilerin etwas ratlos.

„Poppy, Draco, Hermine. Wartet bitte draußen. Draco, lass dich untersuchen, du siehst nicht besonders gut aus.“, kam es befehlend von Lucius. Hermine machte den Mund auf, doch ein Blick von dem Blonden ließ sie verstummen. Gemeinsam mit Draco und der Heilerin ging sie nach draußen. Lucius wartete, bis die Tür hinter ihnen geschlossen war und wirkte einige Zauber, die dafür sorgen würden, dass sie nicht belauscht werden konnten.

„Du weißt, was mit ihm ist?“ Severus blickte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Es war kaum eine Frage, eher eine Feststellung.

„Albus hatte eine Theorie. Ich habe heute Nacht mit ihm darüber gesprochen und er ist sicher, dass sie zutrifft.“, begann Lucius. „Der Lord hatte sechs Horkruxe geschaffen, als er zu den Potters ging, wollte in jener Nacht seinen siebten und letzten Horkrux schaffen. Es ging schief, wie du weißt, eigentlich sollte der Mord an Harry der sein, der den Horkrux erschafft. Laut Albus hat sich dennoch ein kleines Seelenbruchstück gelöst und hat sich an das einzige Leben geheftet, das es finden konnte – Harry Potter. Ich kann es nicht endgültig beweisen, aber ich vermute, dieses Seelenbruchstück funktioniert ähnlich wie unser Mal, es reagiert auf Riddles Magie. Die Narbe hingegen ist wohl nur ein Überbleibsel des Fluches gewesen und konnte daher entfernt werden.“

Lucius verstummte und Severus brauchte einen Moment, um die Worte zu verstehen. Als ihm auffiel, dass auch sein Mal leicht brannte, wurde ihm eines klar. „Er spürt genau wie wir, dass jemand versucht, den Lord wiederauferstehen zu lassen.“, hauchte er entsetzt. Lucius nickte.

„Seit wann weißt du das?“, forderte Severus eine Antwort. „Seit heute Nacht.“, beruhigte ihn Lucius. „Ich hatte vor, heute nach dem Aufstehen mit Leon und dir darüber zu reden.“ Er stoppte und sah seinen Geliebten an. „Severus.“

„Was?“, fauchte der Tränkemeister. Er war extrem gereizt, wissend, dass das eben nicht alles gewesen sein konnte.

„Leon könnte uns helfen, die letzten beiden Horkruxe aufzuspüren.“, klärte Lucius auf.

„Nein. Niemals!“, rief Severus entsetzt. „Du wirst meinen Sohn da raushalten, Lucius!“

„Severus, er ist unsere einzige Chance. Sirius und ich können das Medaillon nicht finden, auch wenn wir inzwischen sicher sind, dass es das Haus wohl nicht verlassen hat. Kingsley hat Kreacher befragt und hält ihn nun in Gewahrsam. Der Elf schwört, dass der Horkrux im Haus sein muss, weigert sich aber, ihn zu finden. Albus ist sich sicher, dass Leon ihn spüren kann, wenn er lernt, die Magie des Lords von seiner zu unterscheiden.“, flehte Lucius.

„Nein! Ich werde nicht zulassen, dass du meinen Jungen da mit reinziehst! Du kannst das nicht von ihm verlangen, er ist dein Patenkind!“, zischte Severus.

„Severus, ich …“, begann Lucius, wurde aber unterbrochen.

„Dad.“, ruhig sprach Leon und sah seinem Vater in die Augen. „Ich werde es tun. Ich will helfen, dass dieser Alptraum für dich und Onkel Luc endlich ein Ende hat. Vorher werden wir keine Ruhe haben.“

„Nein, Leon!“, flehte Severus. „Du darfst das nicht tun!“

„Dad, ich weiß, du sorgst dich um mich. Ich werde nichts tun, was ein zu großes Risiko darstellt, aber wenn ich derjenige bin, der alles beenden kann? Ihr habt mir von der Prophezeiung erzählt, was, wenn nicht nur Harry damit gemeint war, sondern auch ich? Wenn wirklich ich der Einzige bin, der etwas tun kann? Dürfen wir zulassen, dass es immer so weitergeht, auch wenn wir die Chance haben, es zu beenden?“, argumentierte Leon ruhig.

„Ich will dich nicht verlieren.“, hauchte Severus. „Das schaffe ich nicht!“

Lucius legte seinen Arm um Severus´ Schultern und stützte ihn. „Du wirst ihn nicht verlieren, Sev. Das verspreche ich bei meinem Leben.“

„Ich bin dabei.“, entschied Severus hart.

Lucius nickte, er wusste, wann er nachgeben musste. „Dann sollten wir loslegen. Ich vermute, dass Riddle wieder auferweckt werden soll und wir deshalb die Magie spüren. Jemand hat die Schlange, wenn wir davon ausgehen, dass das Medaillon noch in Blacks Haus ist.“

„Was muss ich tun?“, wollte Leon wissen.

 

 

„Was muss ich tun?“, wollte Leon wissen.

„Okay, Leon. Wir werden nun erst einmal herausfinden, wo genau der Horkrux in dir steckt. Ich werde einige Zauber wirken, die dunkle Magie aufdecken. Laut Albus müsstest du es deutlich spüren, wenn ich mein Mal in die Nähe des Horkruxes bringe. Dann musst du lernen, deine Magie und die von Riddle auseinanderzuhalten, damit du sie erkennen kannst. Wenn du dann innerhalb von zehn Metern um den Horkrux bist, kannst du ihn aufspüren.“, erklärte Lucius.

Severus setzte sich zu seinem Sohn auf das Bett von Draco. Leon lehnte sich gegen ihn, wollte offenbar Sicherheit aus der Berührung schöpfen, denn der Tränkemeister spürte das leichte Zittern des jugendlichen Körpers. Lucius blickte ihn durchdringend an, bis Leon nickte. Dann erst richtete er seinen Stab auf den Grünäugigen und wirkte einige wortlose Zauber. Er wiederholte sie immer wieder, bis Leon etwas spürte, kribbelnde Wärme nahe seines Herzens. Gerade wollte er etwas sagen, als Lucius näher kam und seinen linken Unterarm nahe an die Stelle brachte, an der es bei Leon kribbelte. Plötzlich wurde es heiß und fing an zu brennen. Der Jugendliche schrie kurz auf, doch eher vor Schreck, denn so stark war der Schmerz nicht, es kam nur sehr überraschend. Daher stoppte er seinen Schrei auch sofort wieder und beruhigte seinen Vater. „Alles okay, Dad, hat mich nur überrascht.“

„Was ist los?“, wollte Severus wissen.

„Dieser Test eben hat gezeigt, dass der Seelenteil genau hier liegt.“ Lucius deutete auf Leons Brust. „Leon, kannst du die Magie spüren, die genau hier fließt, wenn ich meinen Arm darauf lege?“

„Ja, Onkel Luc.“, nickte Leon. „Es fühlt sich fremd und bekannt gleichzeitig an.“

„Das liegt daran, dass es nicht deine Magie ist, aber sie ist seit Jahren ein Teil von dir.“, erklärte Lucius. „Versuche, die Magie zu erspüren, bis du sie genau von deiner eigenen trennen kannst und sie auch außerhalb deines Körpers fühlst. Erst dann können wir nach dem Medaillon suchen. Wir müssen uns einen Weg überlegen, das zu trainieren.“

„Bis dahin sollten wir sehen, ob wir Mister Weasley befragen können. Wir müssen wissen, wer dahinter steckte und was sie möglicherweise aus ihm herausbekamen.“, überlegte Severus.

„Ron hat bestimmt nichts verraten!“, protestierte Leon.

„Ich glaube nicht, dass er freiwillig etwas verraten hat, aber unter Folter und Anwendung verbotener Geistmagie hatte er möglicherweise keine Chance.“, gab der Tränkemeister zu bedenken.

Leon nickte, sein Vater hatte sicher Recht. Gerade weil er in den letzten Wochen Okklumentik gelernt hatte, wusste er, wie schwer es war, sich gegen geistige Angriffe zu wehren. Der Tränkemeister war ein Meister in solchen Dingen, aber auch er hatte viele Jahre gebraucht, um das zu schaffen. Er schmiegte sich in die Arme seines Vaters, konnte nun die Magie des Mals an seinem linken Arm spüren. Wenn er genau überlegte, hatte er das früher auch schon gespürt, diese Wärme, die der Arm von seinem Vater auslöste. Nur dass es immer die Magie gewesen war, die er spürte.

„Zieh dich an, mein Großer.“, mahnte Severus schließlich. Leon verschwand im Bad und kam nach nur wenigen Minuten zurück. Inzwischen waren auch Poppy, Draco und Hermine wieder im Raum. Draco griff eben nach seinen Sachen, um sich ebenfalls anzuziehen.

„Draco geht es gut, es sind Spannungs- und Erschöpfungskopfschmerzen, ich habe ihm etwas gegeben. Er soll sich ein wenig ausruhen, nicht so intensiv lernen in den nächsten Tagen.“, beruhigte Poppy, die den Blick des älteren Blonden auffing.

„Miss Granger, es tut mir leid, ich habe heute Nacht ihre Kleidung in einen Pyjama verwandelt.“, entschuldigte sich Lucius.

„Schon gut, das ist in Ordnung. Danke, dass sie mich in ein Bett gebracht haben.“, erwiderte Hermine leise.

Als Draco angezogen aus dem Bad wiederkam, gingen sie gemeinsam zurück in die Wohnung des Tränkemeisters. Im Gemeinschaftsraum folgten ihnen sehr verwirrte Blicke. Severus und Lucius waren nicht gerade angezogen. Der Blonde hatte sich nur schnell eine Hose übergezogen und lief mit nacktem Oberkörper herum. Man sah ihm sein Alter nicht an, er wirkte sportlich und durchtrainiert. Severus trug einen Morgenmantel über seinem T-Shirt und seiner Boxershorts. Hermine war ebenfalls im Schlafanzug und dazu eine Gryffindor, wenn nicht sogar DIE Gryffindor. Seit Harry Potter nicht mehr war, hatte sie sich zu einer Anführerin in ihrem Haus entwickelt. Und jetzt kam sie im Schlafanzug aus dem Schlafraum ihres Anführers, das irritierte die Slytherins komplett. Doch sie wagten es nicht, Fragen zu stellen.

Im Wohnzimmer des Tränkemeisters sahen sie, dass Ronald Weasley wach und ansprechbar war. Es ging ihm nicht besonders gut, aber er war bereit, zu helfen. Er lag auf dem verwandelten Sofa und sah sie an, als sie ins Zimmer traten.

„Professor, Mister Malfoy!“, sprach er sie heiser an. „Professor McGonagall hat mir erzählt, wie sie gemeinsam mich gerettet haben. Vielen Dank.“

„Mister Weasley, es ist schön, sie wieder wach und ansprechbar zu wissen.“, antwortete Severus. „Wir müssen wissen, was genau passiert ist. Können wir ihnen einige Fragen stellen?“

Ron nickte. Seine Mutter, die bis eben an seinem Bett gesessen hatte, stand auf und funkelte den Tränkemeister an. „Das kann sicher noch ein paar Tage warten!“, fauchte sie.

„Nein, Misses Weasley, kann es nicht.“, entgegnete der Professor ruhig. „Ich würde es nicht machen, wenn es nicht wirklich dringend wäre. Aber wir brauchen gewisse Informationen, und das so schnell wie möglich.“

„Mom, schon okay.“, krächzte der Rothaarige. „Ich will es hinter mich bringen und dann vergessen.“

„Darf ich dann alle außer Leon und Draco bitten, die Räume zu verlassen?“, mischte sich Lucius ein. „Es ist absolut notwendig, dieses Gespräch und meine Anwesenheit geheim zu halten. Die Informationen sind gefährlich.“

„Ich werde Ron nicht ohne jemanden aus der Familie lassen.“, bestimmte Misses Weasley.

Severus wollte auffahren, aber Lucius sah ihn nur an und schüttelte andeutungsweise seinen Kopf. „Dürfte ich sie dann bitten, ihren ältesten Sohn zu schicken? Er ist bereits eingeweiht und arbeitet mit uns zusammen.“

Überrascht und verwirrt stimmte sie zu und es dauerte nur Minuten, bis Bill bei ihnen war. Er setzte sich ruhig zu seinem Bruder, der sich an ihn lehnte, denn er wollte nicht im Liegen befragt werden, konnte aber nicht ohne Hilfe sitzen, dafür war er noch zu schwach. Bill legte ihm den Arm um den Oberkörper, der von frisch verheilten Folterspuren gezeichnet war. Severus und Lucius hatten sich die letzten Minuten einfach nur angesehen, es sah aus, als würden sie nur durch Blicke miteinander kommunizieren. Leon und Draco beobachteten das fasziniert. Jetzt nickte Lucius und Severus erwiderte die leichte Bewegung des Kopfes.

„Mister Weasley, wären sie einverstanden, wenn ich mir alles in ihrem Kopf ansehe?“, fragte Severus unvermittelt. Ron überlegte einen Moment und nickte dann. „Ich kriege es sowieso nicht aus meinen Gedanken, will es aber im Moment nicht aussprechen.“, wisperte er.

„Du solltest aber darüber reden. Nicht unbedingt jetzt, aber nicht zu reden macht es schlimmer.“, ermahnte Bill ihn sanft.

„Ich werde Vieles aus ihrem Kopf holen können, aber vermutlich werde ich ihnen dennoch einige Fragen stellen müssen. Ich werde einen Zauber wirken, dass alle hier im Raum die Informationen sehen, die ich bei ihnen finden werde, wenn sie einverstanden sind, Mister Weasley.“, warnte Severus.

Erneut nickte Ron und versuchte, sich zu entspannen. Severus beobachtete ihn eine Weile, während er den Zauber wirkte, der es Lucius, Bill, Draco und Leon ermöglichen würde, mit zu sehen. Es würde anstrengend werden, doch er spürte Lucius´ Magie, die ihn unterstützte und warf ihm einen dankbaren Blick zu. Der Blonde war leider nicht besonders gut in Legilimentik. Gemeinsam tauchten sie nun in den Geist von Ron ein und sahen, wie er die letzten zwei Monate gequält wurde.

Ron saß mit Hermine auf der Wiese beim Picknick. Sie spürten, wie glücklich er mit Hermine war, wie sehr er sie liebte. Plötzlich wurde es eiskalt, jedes Glück war von einer Sekunde zur anderen verschwunden. Der Einfluss der Dementoren. Von da an wurde es wirr in Rons Kopf. Einzelne Ereignisse traten klar und deutlich hervor, andere waren eher schemenhaft und wirr. Schnelle, aufeinanderfolgende Szenen von Foltern und Befragungen, manchmal klar und deutlich, manchmal wie durch einen Schleier. Immer wieder die Worte von Ron Weasley: „Ich werde nichts sagen.“ – „Harry Potter ist tot.“ – „Ich verrate nichts!“ – „Fahrt zur Hölle!“ Der Jugendliche hatte sich mit aller Kraft gewehrt. Die Todesser kamen immer in Maske zu ihm, waren nicht erkennbar, doch Severus hatte die gleichen Assoziationen wie in der Erinnerung von Hermine, war überzeugt, dass die Lestrange-Brüder dahinter steckten. Allerdings kannte er den Keller nicht, in dem sie Ron Weasley gefangen hatten. Es war keines der Häuser, in denen Todesser ein und aus gegangen waren. Doch wie es schien, hatte der Gryffindor tatsächlich nichts gesagt. Erst, als sie bei der Befreiung angelangt waren, wurden die Erinnerungen wieder deutlicher.

Ron grübelte über Fluchtmöglichkeiten. Da er gefesselt und stablos war, konnte er nicht einfach verschwinden, apparieren lernten sie erst in etwa einem Jahr. Sie hatten schon über stablose Zauber gesprochen im Unterricht, aber er konnte sich nicht genug konzentrieren. Aufgrund seiner Verletzungen durch die Foltern konnte er sich auch nicht richtig bewegen und überhaupt nicht laufen. Die Todesser waren nicht gerade sparsam mit den verschiedenen Flüchen umgegangen. Der Cruciatus war häufiger zum Einsatz gekommen, aber auch andere Flüche, die Peitschenhieben glichen, oder winzigen Nadeln, die sich durch den Körper bohrten. Auch Muggelmethoden waren zum Einsatz gekommen, er war geprügelt worden, seine Knochen gebrochen. Und doch hatte der Junge nicht geredet. Severus, Bill und Lucius bewunderten die Stärke des Sechzehnjährigen. Plötzlich sahen sie, wie sich eine Idee in dem Kopf bildete.

„Dobby?“, rief er krächzend. „Dobby? Kannst du mich hören? Hol mich raus!“

Doch nichts passierte. Die Enttäuschung war nicht nur zu spüren, sondern auch im Gesicht des Rothaarigen zu sehen. Die Todesser kamen zurück. Wieder wurde er gefoltert und es wurde immer wieder schwarz, wahrscheinlich waren das die Zeiten, in denen er bewusstlos war. Als er wieder klar sehen konnte, rief er erneut nach Dobby, doch noch bevor er ausgesprochen hatte, kamen die Vermummten zurück. Erneute Folter folgte, wieder schwieg er beharrlich. Am Ende ließen sie ihn blutend liegen und verschwanden, da tauchten Dobby und Fawkes auf. Der Elf legte einen Zauber auf ihn, der verhindern sollte, dass beim Transport noch mehr passierte. Dann flatterte Fawkes direkt über ihm, sodass Ron nach den Federn greifen konnte. Er hielt sich an den Schwanzfedern fest und auch Dobby griff danach. In einer Feuersäule verschwanden sie und tauchten in Severus´ Wohnzimmer wieder auf. Der Tränkemeister zog sich aus dem Geist des Jugendlichen zurück, der inzwischen kreideweiß war. Er hatte keinen Hinweis auf Legilimentik gefunden.

„Danke, Mister Weasley, sie haben uns sehr geholfen!“, sagte Lucius mit warmer Stimme. „Ruhen sie sich jetzt aus. Und mein Kompliment, das hätten die Wenigsten geschafft, ohne etwas zu sagen!“

Ron lächelte müde. Lucius nickte Bill zu, der ließ ihn wieder auf das Bett sinken und sie zogen sich zurück. Molly Weasley kam gemeinsam mit Poppy und Hermine wieder herein. Beim Anblick seiner Freundin wurde Ron ein wenig rot im Gesicht, was alle Anwesenden erleichterte. Hermine ließ sich an seiner Seite auf das Bett sinken und ergriff seine Hand, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Mine!“, hauchte Ron. „Sch, nicht sprechen.“, forderte Hermine ihn leise auf.

 

Die Malfoys und die Snapes zogen sich mit Bill zurück. Severus brauchte eine Pause, heute war er nicht mehr dazu in der Lage, Magie zu wirken. Es ging ihm etwas besser als am gestrigen Tag, aber fit war er dennoch nicht. „Gehen wir ins Manor.“, entschied Lucius. „Da wollten wir sowieso hin, ihr beiden habt gepackt?“ Draco und Leon nickten. „Gut, dann holt die Koffer und wir verschwinden. Bill, kommst du mit?“ Der Rothaarige nickte ebenfalls. „Informieren wir noch Minerva und Kingsley, dann besprechen wir uns kurz und sehen, wie wir weitermachen.“

Die Jugendlichen holten ihre Koffer und sie reisten durch den Kamin im Büro ins Malfoy-Manor. die beiden Snapes und Draco brachten ihre Koffer in ihre Zimmer, dann trafen sie sich mit dem Hausherren wieder im Salon. Dort waren auch die Schulleiterin und Kingsley inzwischen angekommen. Sie setzten sich an den Tisch und Lucius übernahm es, alle auf den aktuellen Stand zu bringen. Erst erzählte er knapp über Ronald Weasleys Gefangenschaft und Befreiung, dann sprach er über die Theorie, die er und Albus hatten.

„Wir haben inzwischen eine Vermutung bestätigen können. Ein Teil eines Horkruxes steckt in Leon. Wir konnten ihn lokalisieren. Dadurch ist Leon in der Lage, uns bei der Suche nach den anderen Horkruxen zu helfen, aber wir müssen uns etwas einfallen lassen, wie wir das Bruchstück aus Leon entfernen, ohne ihn zu gefährden, aber das hat noch ein wenig Zeit, der Horkrux ist schon Jahre in seinem Körper, da kommt es auf ein paar Tage oder Wochen mehr nicht an, wir können in Ruhe überlegen. Ich möchte mit Leon trainieren, wie er Riddles Magie erkennt und wenn er das schafft, dann gehen wir zu Black und sehen, ob wir dort das Medaillon finden. Dann sehen wir weiter. Leider mehren sich die Anzeichen, dass jemand die Schlange dazu nutzen will, dem Lord die Wiederauferstehung zu ermöglichen. Wir spüren an unseren Armen, wenn jemand mit einem Horkrux hantiert. In den letzten Wochen haben wir das Mal deutlicher als sonst gespürt, was darauf hindeutet, dass jemand sich an dem Horkrux zu schaffen macht. Und zwar nicht nur, dass er ihn in die Hand nimmt, der Unterschied ist deutlich spürbar. Auch Leon scheint es zu spüren, habe ich den Eindruck, seine Kopfschmerzen, die er gerne vor allen Menschen verbirgt, sind in zeitlicher Übereinstimmung mit unseren Armschmerzen aufgetreten.“, berichtete der Blonde.

Leon sah verlegen zur Seite. Draco grinste ihn an. „Du bist ein miserabler Schauspieler, Kleiner.“, murmelte er. „Dein Unbehagen war immer klar erkennbar, zumindest wenn man dich kennt.“

„Da hat er Recht.“, stimmte Severus zu. „Ich weiß, dass du nicht willst, dass wir ständig auf dich achten und uns um dich kümmern. Aber du kannst mit allem zu uns kommen. Das weißt du.“

„Ja, Dad, ich weiß.“, gab Leon verlegen zu. „Aber es war nie schlimm, bis auf letzte Nacht. Es war meistens eher so ein unangenehmes kurzes Stechen, mehr nicht. Ich wollte euch deswegen nicht beunruhigen. Und ich war auch bei Madam Pomfrey, sie hat meinen Kopf untersucht, da ist nichts.“

„Na gut, mein Großer. Aber bitte, sei vorsichtig.“, bat Severus leise.

„Und du gehst dich jetzt ausruhen, Severus.“, bestimmte Minerva. „Heute kommen wir zu nichts mehr, also schlaf. Und wir überlegen, wie wir weitermachen.“

Severus widersprach, doch da alle der gleichen Meinung waren, musste er sich schließlich geschlagen geben. Er zog sich auf sein Zimmer zurück und legte sich hin. Wenn er ehrlich war, dann war er froh, jetzt schlafen zu können, er war völlig erschöpft. Die Magie in ihm war an einem Punkt angekommen, der extrem niedrig war. Im Augenblick könnte er wohl nicht einmal einen einfachen ‚Lumos‘ schaffen. Wie hatte er es geschafft, einen Sohn zu bekommen, dessen Magie so unerschöpflich stark zu sein schien? Und das war nicht nur die Folge der fremden Magie in ihm, da war sich Severus sicher. Auch Lily war eine starke Hexe gewesen, aber Leon hatte ein Magielevel, der dem des legendären Merlin entsprechen musste. Das hatte Lucius herausgefunden. Langsam glitt Severus in einen unruhigen Schlaf.

Währenddessen erläuterte Lucius dem Grünäugigen, wie er sich das Training vorstellte. „Also, Leon. Du hast die Magie gespürt, die zusätzlich zu deiner eigenen in dir steckt. Das können wir nutzen, wenn du diese auch lokalisieren kannst. Deswegen bitte ich dich, die Augen zu schließen und geschlossen zu halten. Ich werde mich im Raum bewegen und du versuchst, die Magie in meinem Mal zu erspüren. Es ist nicht leicht, da sie nicht aktiv ist, aber wenn du das zuverlässig schaffst, dann findest du auch den Horkrux.“

„Okay, Onkel Luc.“, antwortete Leon und schloss seine Augen. Die Anderen im Raum beobachteten still. „Lauft auch herum. Ansonsten kann sich Leon anhand der Schritte orientieren.“, fügte Draco hinzu und lief bereits los, ging einfach im Raum hin und her. Minerva, Kingsley und Bill taten es ihm gleich. Leon blieb, wo er war und erspürte die magischen Strukturen im Raum. Zunächst empfand er ein wirres Durcheinander, doch er atmete einmal tief durch und suchte dann nach etwas, das er kannte. Er spürte einen kurzen Anstieg an Magie, jemand hatten einen wortlosen Zauber gewirkt, um ihn zu verwirren. Dem Drang, die Augen zu öffnen und nachzusehen, widerstand er. Plötzlich fühlte er die bekannte Wärme und hob die Hand, deutete in die Richtung, aus der sie kam. Sein Finger, den er ausstreckte, zeigte direkt auf Lucius.

„Gut gemacht, Leon. Nochmal!“, forderte der Blonde.

Wieder und wieder fand Leon die Position seines Patenonkels heraus, egal, wie viel Magie sonst noch im Raum war. Er konnte es sicher erkennen, würde auch den Horkrux finden. Zufrieden strich Lucius dem Jüngsten über den Kopf. Er orderte ein Abendessen bei seinen Hauselfen und bat alle zu Tisch. Beim Essen stellte Leon die Frage, die ihn schon seit gestern beschäftigte: „Wieso ist Dad so erschöpft?“

„Er hat gestern eine Menge Magie gebraucht, um deinem Freund zu helfen und heute, um die Erinnerungen von Mister Weasley anzusehen. Sein Körper wird nie wieder so fit sein wie früher und daher erholt sich seine Magie langsamer als damals. Aber keine Sorge, morgen früh ist er wieder auf den Beinen und man wird nichts mehr merken.“, beruhigte Lucius.

 

Am nächsten Morgen war Severus tatsächlich wieder der Alte. Sie frühstückten zu Viert – Bill, Kingsley und Minerva waren nach dem Abendessen gegangen – und wollten anschließend zu Sirius gehen.

„Und wie kommen wir bitteschön dorthin?“, wollte Draco wissen. „Das Haus ist mit dem Fidelius geschützt.“

„Nun, da kann ich helfen.“, schmunzelte Lucius.

Überrascht sah Severus auf. „Du bist der Geheimniswahrer?“ Lucius nickte. „Kingsley kam auf die Idee, und ich würde sagen, es ist brillant. Niemand würde auf die Idee kommen, dass Sirius Black ausgerechnet Lucius Malfoy als Geheimniswahrer auswählt.“

Der Blonde schmunzelte und weihte sie nacheinander in das Geheimnis von Sirius Blacks Zuhause ein. Erst danach konnten sie zum Grimmauldplatz. Freudig begrüßte sie der Hausherr. Er war ziemlich einsam, so wie es schien. Sirius führte sie durch das Haus. Unterwegs versuchte Leon bereits, die Magie zu spüren, doch es fiel ihm schwer.

„Dad, Onkel Luc?“, fragte er schließlich. „Könntet ihr vielleicht woanders hingehen? Ich spüre immer die Magie, die in euren Malen ist. Das lenkt mich ab, ich kann nicht erkennen, ob da vielleicht irgendwo der Horkrux ist.“

Severus wollte etwas erwidern, aber Lucius stoppte ihn mit einem Blick. Der Junge hatte Recht, auch wenn seinem Vater das nicht gefiel. Gemeinsam zogen sie sich in die Küche zurück, die unten lag, da Leon oben im Zimmer von Sirius´ Bruder beginnen wollte. Leon erspürte die Magie um sich, doch er fand nichts, was sich so warm anfühlte wie die Magie im Arm von seinem Vater oder Onkel Luc. Das Zimmer fühlte sich kalt an. Er schüttelte den Kopf. „Hier ist er nicht.“ Sie gingen systematisch weiter, doch in den Zimmern der Familie war nichts. Eine Etage tiefer im Salon war etwas Warmes, das war aber nicht die Magie, die er suchte. Dennoch ging er darauf zu und öffnete den Schrank, in dem es sein musste.

„Nicht anfassen!“, warnte ihn Sirius. „Das ist ein schwarzmagisches Objekt, aber nicht das Medaillon, wonach wir suchen. Ich wusste nicht, dass es noch hier ist, das ist der Kamm, der in dem Muggelmärchen ‚Schneewittchen‘ eine Rolle spielt.“

Leon suchte weiter, ließ sich nicht ablenken. Zum Mittagessen unterbrach Lucius die Suche und bestand darauf, dass Leon etwas aß. Nach dem Essen gingen er und Severus in die Bibliothek, da Leon dort bereits gesucht hatte, und der Jugendliche nahm sich die erste Etage vor, in der die Gästezimmer lagen. Dort konnte er schnell abschließen, es war absolut kalt von der Magie her gesehen. Einen Stock tiefer ging er zunächst in die Küche, auch dort fand er nichts. Dann wandte er sich dem Eingangsbereich zu. Plötzlich öffnete sich ein zerschlissener alter Vorhang und eine Frauenstimme begann zu kreischen.

„Schlammblutkinder in meinem Haus! Raus, alle raus, besudeln das Ansehen des ehrenwerten Hauses Black! Und mein Nichtsnutz von Sohn, du hast hier nichts verloren!“

„Leon, darf ich bekannt machen? Meine Mutter.“, stellte Sirius sie mit sarkastischem Unterton vor. „Die alte Sabberhexe ist mit einem Dauerklebefluch an der Wand angebracht, man kriegt sie nicht weg und zum Verstummen kriegt man sie nur, wenn man es schafft, den Vorhang zu schließen. Sobald sie etwas hört, keift sie los.“

„Dann kann ich verstehen, dass du kein Interesse daran hattest, in diesem Haus zu leben.“, grinste Leon.

Sie schäkerten noch ein bisschen, dann konzentrierte sich Leon wieder auf seine Aufgabe. Es schien Sirius gut zu tun, mit den beiden Jugendlichen ein wenig zu lachen und so seine eigenen Sorgen für einen Moment vergessen zu können. Leon hatte die Augen bereits wieder geschlossen und blendete alles aus, was um ihn herum vorging, das fröhliche Lachen von Sirius, das leise Kichern von Draco, das Keifen vom Portrait von Misses Black. Langsam ging er in der Eingangshalle umher, begann neben der Küchentür. Sie hatten getestet, in welchem Radius um die Magie sich Leon befinden musste, das waren drei bis vier Meter, wenn sie sichere Ergebnisse wollten. Da die Eingangshalle groß war und es offenbar zahlreiche kleine Geheimverstecke mit schwarzmagischen Objekten gab, war es für Leon nicht ganz einfach. Er hatte Sirius schon einige Punkte markieren lassen, an denen sich etwas verbarg, was aber der Magie von Riddle nicht im Geringsten ähnelte. Sirius und Draco standen noch immer in der Nähe des Portraits und unterhielten sich, als Leon wieder näherkam. Etwas zog ihn an und je näher er zu den Beiden kam, umso wärmer wurde es. Leon schloss konzentriert die Augen und ging auf das Gefühl zu. Automatisch hob sich sein Arm und streckte sich in Richtung der Wärmequelle.

„Dort ist er.“, sagte er fest und sah auf. Sein Finger zeigte direkt auf Misses Blacks Bildnis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verdattert starrten Draco und Sirius Leon an. Wieso sollte der Horkrux …? „In dem Bild?“, stotterte der Hausherr. „Nein, ich denke, dahinter.“, entgegnete Leon verwirrt. Er konnte sich selbst nicht erklären, wie das zuging, aber er spürte genau, dass der Horkrux dahinter war. Aber noch etwas Anderes. „Er bewegt sich.“, staunte Leon und ging der Bewegung mit der Hand nach. Sein Finger zeigte auf die Wand, wanderte parallel zur Treppe entlang, dann nach unten. „Aber da ist nichts.“, beteuerte Sirius.

„Was ist los?“, kam es von oben. Lucius und Severus standen am oberen Treppenabsatz und beugten sich über das Geländer; sie hatten bemerkt, dass etwas vorgefallen war. „Leon hat etwas gefunden.“, berichtete Draco aufgeregt. Schnell kamen die beiden über die Treppe herunter. Nun standen sie zu Fünft vor dem Portrait. „Es ist dahinter?“, fragte Lucius.

„Ja, ist es.“, antwortete Leon fest. „Und wie kommen wir daran?“, wagte Draco einzuwenden.

„Ich habe keine Ahnung. Ich kenne viele geheime Verstecke hier im Haus, aber hier im Eingangsbereich wusste ich nicht, dass es etwas gibt. Aber möglicherweise ist das Portrait meiner Mutter deswegen hier aufgehängt worden, um den Eingang zu bewachen.“, mutmaßte Sirius.

Er selber und Lucius versuchten verschiedene Zauber, die mögliche Geheimverstecke öffnen konnten. Doch es passierte nichts, außer dass Walburga Black gehässig lachte. Severus schlug weitere Zauber vor, die von den Beiden probiert wurden, da Severus seine Magie nicht nutzen konnte, sie war zu sehr geschwächt, auch wenn er spürte, dass sie sich bereits erholte. Aber damit konnte er sie im Moment nicht belasten, das würde die Speicher erneut leeren. Doch auch diese Zauber lösten keine nennenswerte Reaktion aus. Leon und Draco standen neben Severus und dachten nach, vielleicht fiel ihnen noch etwas ein, woran die Erwachsenen nicht dachten.

Doch auch eine Stunde später waren sie nicht weiter. Sirius´ Mutter lachte sie aus und kreischte vergnügt vor sich hin. Sie ignorierten sie, auch wenn es schwerfiel. Leon konzentrierte sich auf das Gefühl der Wärme, das ihn auf die Magie des Lords hinwies. Diese bewegte sich inzwischen unter ihnen hin und her. Der Grünäugige fühlte sich sehr merkwürdig. Mit geschlossenen Augen setzte er sich auf den Boden und erspürte die Magie um sich herum. Es fühlte sich an, wie viele verschiedene Farben, die um ihn herum pulsierten. Sein Vater war dunkelblau, fast schwarz. Lucius´ hingegen war hellgrün. Draco verband er mit der Farbe gelb und Sirius hatte ein dunkles orange. Doch da war noch mehr, ein pulsierendes rot, das von unten kam. Doch außer ihnen war niemand im Haus. Noch nicht, Kingsley und Moody waren von Lucius gerufen worden, er ging gerade, sie abzuholen. Er konnte nach und nach sogar verschiedene Zauber ausmachen.

„Probiert mal einfach Öffnungszauber.“, murmelte Leon.

Es dauerte einige Sekunden, bis Severus und Sirius reagierten. „Wie bitte?“, fragten sie synchron. „Ich glaube, da ist eine Tür.“, erläuterte Leon.

Sirius zuckte die Schultern. Er hob seinen Zauberstab, wedelte achtlos damit herum und sagte: „Alohomora.“ Einen Moment passierte nichts, dann quietschte es leise und die Wand mitsamt dem Portrait klappte zur Seite, unter großem Protest von Walburga Black. Dahinter war es schwarz. Tiefschwarz. Nichts schien diese Dunkelheit durchdringen zu können. Severus hielt sie auf, als Leon und Draco darauf zugingen. „Wartet bis Lucius mit den beiden Auroren zurück ist. Wir wissen nicht, was dahinter ist und ich kann gerade keine Magie wirken.“, warnte er.

Die beiden nickten, wenn auch widerstrebend, und blieben am Rand stehen, versuchten, mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Leon fühlte sich ein wenig unbehaglich, als er die Schwärze zu durchdringen versuchte. Irgendwie löste das etwas in ihm aus, doch er konnte es nicht benennen. Er versuchte, das leise Zittern zu unterdrücken, das ihn überfiel, sobald er da hinunter schaute. Lange Zeit zum Nachdenken hatte er nicht, denn Lucius kam gerade mit Kingsley und Moody zur Tür herein, offenbar waren sie nun auch in das Geheimnis des Fidelius eingeweiht. Gemeinsam überdachten sie ihr weiteres Vorgehen. Nach einigem Hin und Her brummte Moody: „Wir gehen jetzt da rein und sehen, was sich verbirgt, denn mein Auge sieht nichts. Ich gehe voran, Kingsley sichert von hinten. Nehmt die Jungs in die Mitte, sie dürfen hier nicht zaubern, aber so wie ich sie einschätze, kommen sie uns hinterher, wenn wir sie alleine lassen, also nehmen wir sie lieber gleich mit.“

Ohne auf eine Antwort zu warten ging Moody voran. Sirius folgte ihm, dann kamen Draco und Leon. Severus und Lucius hielten sich dicht an ihre Söhne, am Ende lief Kingsley, der zuvor noch einen Sessel in die offene Tür schob, um sicherzugehen, dass sie offen blieb. Er rechnete mit allem. Kaum war Kingsley in dem schmalen Gang, der direkt hinter der Tür über Stufen in die Tiefe führte, knarrte es hinter ihnen und plötzlich war der Lichtschimmer weg, der von der Eingangshalle gekommen war. Die Tür war zugefallen. Erschrocken drehte sich Kingsley um und versuchte, die Türe wieder zu öffnen, doch es war keine Tür mehr da, nicht einmal eine Ritze in der Wand. Nur zwei kleine Lichtpunkte konnte er ausmachen. Als er seine Augen daran hielt, merkte er, dass er durch Walburga Blacks Augen in die Eingangshalle sah. Der Sessel stand genau dort, wo er zuvor gestanden hatte und es gab keinen Hinweis darauf, wo sie waren. Also mussten sie sehen, dass sie dieses Rätsel lösten, um zurückgehen zu können.

„Lumos!“, hörte man Sirius und ein kleiner Lichtschein entstand, der die Dunkelheit nur minimal lichtete. Ihm folgten Lucius und Moody, Kingsley war noch mit dem Portrait beschäftigt. Langsam tasteten sie sich in dem schwachen Lichtschimmer weiter vor, die Treppe hinunter. Leon atmete tief und versuchte die aufkommende Panik zu unterdrücken. Doch seine Atmung wurde immer hektischer und seine Knie immer zittriger. Er hielt sich krampfhaft an der Wand fest, als ihn die Erinnerungen überfluteten. Hände, die nach ihm griffen, ein kleiner, dunkler Raum mit Gittern, und Schmerzen, höllische Schmerzen. Schweiß perlte von seiner Stirn, während er versuchte, die Panik zu unterdrücken. Er konnte keinen Schritt mehr gehen, verlor die Realität mehr und mehr aus den Augen, während die Vergangenheit immer deutlicher wurde. Er keuchte auf und erst da wurde Draco auf ihn aufmerksam.

„Leon?“, fragte er leise. Der Grünäugige antwortete nicht, klammerte sich an der Hand fest, die nach ihm griff. Ein erstes leises Wimmern löste sich von seinen Lippen, das nun auch die Anderen aufmerksam machte, dass etwas nicht stimmte. Sofort kniete Severus vor seinem Sohn.

„Ruhig, Leon, ich bin da.“, murmelte er bestätigend. „Ruhig atmen. Ganz ruhig, mein Kleiner. Du bist in Sicherheit.“ Doch er drang nicht mehr zu Leon durch, der in seiner Panik nur noch eine dunkle Zelle sah, in der er gefangen war.

„Nein, bitte nicht!“, wimmerte Leon leise. „Nicht wehtun! Lasst mich raus! Hilfe, bitte!“

„Ein Flashback.“, erkannte Severus. „Keiner rührt ihn an!“ Alle wichen einen Schritt zurück und waren still. Das Rätsel um den Horkrux war in den Hintergrund getreten, Leons offensichtliche Not erschütterte sie zutiefst. Severus griff vorsichtig nach seinem Sohn und strich ihm über die Arme. „Ich bin hier, Kleiner. Komm her, alles ist gut. Wir sind in Sicherheit, hab keine Angst.“, sprach er beruhigend auf den Jugendlichen ein. Doch Leon reagierte kaum. Er wimmerte leise und stammelte unzusammenhängende Satzfetzen vor sich hin. Severus war klar, dass Leon im Geist in dem Keller war, in dem sie gefangengehalten worden waren. Er sprach leise und beruhigend auf ihn ein, bis er in der Lage war, den Jungen in seine Arme zu ziehen. Langsam beruhigte sich Leon und atmete ein wenig tiefer und gleichmäßiger. Einige Minuten später schlug er die Augen wieder auf und sah sich besorgten, dunklen Augen gegenüber.

„Dad!“, schluchzte Leon auf und warf sich in die offenen Arme. Severus hielt ihn fest und schloss ihn in die beschützende Umarmung, die sein Sohn gerade so dringend brauchte. Leon wurde von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt und zitterte am ganzen Körper. Der Tränkemeister blieb ruhig und beruhigte so seinen Sohn nach und nach, bis dieser schließlich fast einschlief vor lauter Erschöpfung. Lucius ging neben seinem Lebenspartner in die Hocke.

„Komm her, Leon, ich nehme dich auf den Arm und trage dich.“, versprach Lucius.

„Ich hab Angst.“, hauchte Leon. „Das verstehe ich, Kleiner. Wir sind bei dir.“, entgegnete Lucius leise und beruhigend. Sirius sah ihn abschätzend an und überlegte eine Weile, dann blitzten seine grauen Augen auf und er ging einen Schritt zurück. Dann verschwand er und einen Sekundenbruchteil später stand der große, schwarze Hund neben ihnen. „Schnuffel!“, begrüßte ihn Leon leise. Lucius setzte ihn ab und Leon vergrub sein Gesicht im schwarzen Fell des Hundes. Er spürte, wie er ruhiger wurde und die Panik wich, während er seine Hände durch das warme Fell gleiten ließ. Schließlich hob er den Kopf an. „Tut mir leid.“, murmelte er.

„Das muss es nicht.“, versicherten Severus und Lucius gleichzeitig. Severus fuhr fort: „Kein Wunder, bei dem, was du erleben musstest. Du hältst dich wirklich gut. Bleib bei mir, halt dich fest, wenn du magst. Soll Schnuffel bei dir bleiben?“ Leon nickte leicht. Schnuffel drückte sich dicht an den Jungen, der eine Hand in seinem Fell vergrub und sich mit der anderen an seinem Vater festhielt. „Okay.“, sagte er leise. „Zerstören wir das Ding!“

„Das ist der Enthusiasmus, den wir brauchen!“, grinste Draco. „Machen wir dem Lord ein Leben kaputt, dann ist er bald endgültig vernichtet!“ Leon lachte, wenn auch noch ein wenig zittrig. Aber das Schlimmste schien vorbei. Moody und Kingsley verstärkten ihren ‚Lumos‘, damit es möglichst hell war und sie gingen weiter. Nach nur wenigen weiteren Stufen war die Treppe zu Ende. Ein ebenso schmaler Gang folgte, der nach wenigen Schritten mit einer Tür geschlossen wurde. Moody konnte – trotz seines magischen Auges – nicht viel erkennen, ein Zauber schien auf den Räumlichkeiten zu liegen. „Jemand scheint dahinter zu sein, aber mehr kann ich nicht erkennen.“, warnte er. Sie drückten sich eng an die Wände rechts und links der Tür, bevor Kingsley die Tür vorsichtig öffnete.

Ein helles Licht blendete sie. Sie blinzelten gegen die plötzliche Helligkeit, brauchten ein bisschen Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Dann entdeckten sie ein behaglich eingerichtetes, kleines Wohnzimmer, das wohl gleichzeitig auch ein Esszimmer war, hinten sahen sie eine Art Küchenzeile. Alles war in erdigen, dunklen Tönen gehalten, wirkte dabei aber warm und gemütlich. Wenn auch ein wenig einsam. Es gab offensichtlich zwei weitere Türen, die von dem Raum abgingen, eine an der rechten und eine an der linken Wand. Auf dem kleinen Tisch neben dem dunkelgrünen, etwas abgewetzten Sofa, lagen eine Menge Bücher, die meisten davon aufgeschlagen. Pergamente lagen daneben, auf denen jemand sich Notizen gemacht hatte. Ein Becher mit einer roten Flüssigkeit, wahrscheinlich Wein, stand dabei. Auf dem etwas höheren Tisch ein wenig dahinter konnten sie noch Essensreste erkennen. Gedeckt war für eine Person. Auf dem Sofa lag eine Decke, die andeutete, dass dort auch geschlafen wurde. Eine Tür stand offen, sie führte ins Bad, die andere war angelehnt, dahinter war es dunkel, doch Leon konnte die pulsierende, rote Magie genau von dort spüren, und auch die Wärme, die wahrscheinlich den Horkrux anzeigte, kam von dort. Er hob seinen Arm und zeigte auf die Tür. „Er ist dort!“, wisperte er.

„Halt, stopp!“, bremste sie Moody. „Wir müssen vorsichtig sein. Es könnte eine Falle sein.“

Kingsley stimmte ihm zu und sie beratschlagten, wie sie vorgehen sollten. „Desillusionierung.“, schlug Severus vor. Die drei Erwachsenen stimmten ihm mit einem Nicken zu. Kingsley sah sie an. „Alastor, Lucius und ich desillusionieren uns und gehen da rein. Alastor, du nimmst die Route an der hinteren Wand am Bücherregal vorbei, Lucius, du bleibst hier an der Wand und ich gehe in der Mitte. Wir überraschen den Bewohner dieses liebenswerten Appartements. Sirius, bleib in deiner Animagusform und schütze Severus und die beiden Jungs, sie dürfen nicht zaubern. Alles klar?“ Ein Nicken folgte, als Kingsley ihnen reihum in die Augen sah. „Dann los!“

Er hob seinen Zauberstab gleichzeitig mit Moody und Lucius und nacheinander verschwanden die Drei. Leon klammerte sich an seinem Vater und Schnuffel fest und zitterte wieder stärker. „Hab keine Angst, Leon!“, wisperte sein Vater bestätigend. „Sie wissen, was sie tun, versprochen.“ Dennoch beobachtete Leon voller Angst, was sich tat. Sehen konnten sie nichts, da der Desillusionierungszauber die drei Erwachsenen komplett verschleiert hatte, sie waren unsichtbar. Draco war ebenfalls besorgt, da keiner von ihnen wusste, was auf sie wartete. War derjenige, der hier lebte, auf ihrer Seite oder steckten sie in der Falle? Auch Severus beobachtete aufmerksam, ob er etwas sehen konnte. Nur Schnuffel wirkte entspannt, durch seine Hundenase nahm er mehr wahr, konnte riechen, wo sie sich befanden. Er schnupperte in Richtung der Tür, konnte den Geruch aber nicht zuordnen, auch wenn er ihm vage bekannt vorkam. Er drückte sich an Leon, dessen Angst er deutlich wahrnehmen konnte, ertrug es auch, dass der Kleine sich so fest in sein Fell krallte, dass es wehtat.

Plötzlich erstarrten alle, als ein ungesagter Zauber aus dem Dunkel hinter der Tür kam und direkt auf eine Stelle zuraste, an der Lucius stehen musste. Ein zweiter und dritter Zauber folgten sofort und ein paar Sekundenbruchteile später standen alle Drei ungetarnt im Raum. Weitere Zauber folgten, denen sie versuchten, auszuweichen. Doch es waren zu viele, plötzlich erwischte einer davon Lucius und schleuderte ihn über das Sofa. Sein Kopf kollidierte mit dem Tisch und er sackte in sich zusammen. Kingsley und Moody hatten nun auch ihre Stäbe gezogen, verschanzten sich hinter dem Tisch und dem Sofa, feuerten selber zurück. Moody ließ die Tür verschwinden und Kingsley schoss einen Stupor nach dem anderen direkt hinterher. Als ein lautes Poltern ertönte, wurde es wieder still. Alle warteten ab, war der Unbekannte getroffen? Oder wollte er sie nur in Sicherheit wiegen? Moody deutete an, dass er nicht sehen konnte, was dort war, sein magisches Auge schien hier nicht richtig zu funktionieren.

Schnuffel löste sich mit einem Mal von Leon und sprang mit großen Sätzen auf die Tür zu und verschwand dahinter. Einen Moment später hörten sie Sirius´ Stimme: „Er ist betäubt, ihr könnt rauskommen.“

Severus und die beiden Jugendlichen eilten sofort zu Lucius, der sie ansah. Eine kleine Platzwunde am Hinterkopf blutete stark und er wirkte ein wenig benommen. Als Severus vorsichtig mit seinen Händen die Wunde betastete, zuckte der Blonde zusammen und verzog sein Gesicht aufgrund des Schmerzes. „Warte, ich sehe mal schnell danach.“, murmelte Kingsley, der zu ihnen kam. Mit wenigen Zaubern war die Wunde geheilt und die Schmerzen in einem erträglichen Rahmen.

Moody gesellte sich zu Sirius und sie zogen den bewusstlosen Körper aus dem dunklen Raum ins Wohnzimmer. Sie wollten ihn auf das Sofa legen. Doch kaum fiel das Licht auf das Gesicht des Mannes, denn dass es ein Mann war, hatten sie sofort gespürt, ließ Sirius erschrocken los und keuchte auf. „Das … das ist nicht möglich! Wie …? Was …?“, stammelte er.

Alle anderen wandten sich ihm zu und zumindest die Erwachsenen starrten auf den jungen Mann. Draco und Leon verfolgten das Ganze ein wenig irritiert, konnten die Mienen der Erwachsenen nicht richtig deuten. Verwirrt, entsetzt, ungläubig, erstaunt. Sie blickten den Mann an, der bewusstlos zu Füßen von Sirius lag. Keiner war gerade in der Lage, sich um ihn zu kümmern. Leon betrachtete ihn genau. Er wirkte ein wenig jünger als die anderen Männer im Raum, hatte lange, schwarze Haare und einen ziemlich struppigen Bart. Seine dunkle Kleidung wirkte, als wäre sie einmal sehr teuer gewesen, jetzt aber abgetragen und relativ alt. Als hätte er sie schon Jahre. Sein Blick wanderte zu Draco. Der beobachtete den Bewusstlosen ebenso, wie er selbst es gerade getan hatte, dann wanderte sein Blick von dem Mann am Boden zu Sirius und zurück. Wieder und wieder. Der Grünäugige ließ seinen Blick ebenso wandern, wollte sehen, was Draco sah. Und plötzlich wurde ihm eines klar: Der Fremde glich Sirius wie ein Ei dem anderen. Nicht ganz, aber dennoch so ähnlich, dass sie eigentlich nur Brüder sein konnten. Aber wie konnte das sein?

„Sirius?“, wisperte er, seine Stimme versagte ihm beinahe. Dennoch wusste der Animagus offenbar, was Leon von ihm wollte.

„Das sieht aus wie Regulus, aber ich dachte, er ist seit Jahren tot. Meines Wissens nach verschwand er kurz vor dem Tod von James und Lily spurlos, es gab Gerüchte, dass der Lord ihn getötet hat.“, hauchte Sirius kraftlos.

Moody fasste sich als Erster wieder und räusperte sich. „Legen wir ihn auf das Sofa und wecken wir ihn auf. Vielleicht kann er uns ja aufklären.“, schlug er in seiner rauen Art vor. Da Sirius offenbar nicht in der Lage war zu reagieren, hob Kingsley den jungen Mann hoch und legte ihn auf das Sofa. Sie legten seinen Zauberstab knapp außer Reichweite auf den Tisch und weckten ihn anschließend auf. Lucius blieb in einem Sessel sitzen, umringt von Leon und Draco, die rechts und links von ihm auf den Armlehnen saßen, und Severus, der hinter ihm stand und eine Hand auf seine Schulter gelegt hatte. Moody stellte sich zwischen den Mann, in dem sie Regulus vermuteten, und seinen Zauberstab. Sirius stellte sich neben ihn und Kingsley stand am Fußende. Er blickte einmal rundum und als er sah, dass sie alle bereit waren, hob er seinen Stab: „Enervate.“

Mit einem Ruck fuhr Regulus hoch und blickte sich um. Geschockt nahm sein Auge wahr, wie viele Menschen auf einmal um ihn herum waren. Er schien Lucius zu erkennen, ebenso Severus. Als sein Blick auf Moody fiel, zuckte er zusammen und rückte ein wenig von ihm ab. Dann sah er, dass jemand hinter ihm stand und seine Augen weiteten sich noch mehr, sodass es schien, als hätte er genauso schwarze Augen wie Severus. Er griff ein sein Hemd, zuckte aber sofort zurück, als er seinen Zauberstab nicht spürte. Sein Blick irrte umher und er erkannte, dass der gesuchte Zauberstab auf dem Tisch lag, außerhalb seiner Reichweite und hinter Moody. Entsetzt sackte er in sich zusammen und blickte wieder zu dem Animagus. „Sirius?“, hauchte er.

Der Angesprochene nickte zaghaft. „Regulus?“, fragte er leise zurück. Der nickte. „Wie kann das …?“, fragten beide gleichzeitig. „Du zuerst.“, entschied Regulus. Der Animagus nickte langsam. Sein Bruder brauchte ein gewisses Vertrauen, damit er offen reden konnte. „Was weißt du?“, wollte er wissen.

„Kreacher hat mir im Lauf der Jahre einiges erzählt, was draußen vorgegangen ist, aber er kam nur selten ins Haus und kann hier nicht rein, nur durch Mutters Portrait konnte er mit mir reden. Ich weiß, dass du in Askaban warst und von deiner Freilassung. Ich weiß auch, dass der Lord von Harry Potter vernichtet wurde, aber er ist nicht endgültig weg.“, fasste Regulus kurz zusammen und sah seinen Bruder auffordernd an.

„Ich weiß.“, gab Sirius zu. „Wir sind auf der Suche nach den Horkruxen. Deshalb sind wir hergekommen. Leon ist in der Lage, die Magie Voldemorts zu spüren, er hat uns in diese Räume geführt. Du hast das Medaillon?“

„Woher …?“, staunte Regulus.

„Albus Dumbledore hat viel darüber herausgefunden.“, gestand Lucius. „Ich habe mit ihm zusammengearbeitet, von Anfang an.“

„Du bist ein Spion?“, flüsterte Regulus entsetzt. Lucius bejahte wortlos. Moody starrte ihn grimmig an, daher fügte der Blonde noch hinzu: „Er hat die Wahrheit verdient, er muss wissen, dass er uns vertrauen kann. Wir wissen, dass er auf unserer Seite ist.“ Er wandte sich wieder an Regulus. „Albus hat es damals eingefädelt, der Lord wäre nie auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet ich ein Spion sein könnte. Aber ich war immer auf Albus´ Seite. Er hat das Geheimnis des Lords aufgedeckt und wir haben bereits Erfolge gehabt, sind aber noch nicht am Ende. Einen Horkrux hat Harry Potter vernichtet. Das war nicht geplant, da ging gewaltig was schief, aber er ist vernichtet worden. Das hat Albus dazu verholfen, die Theorie zu bestätigen. Zwei weitere haben er und ich vernichtet, einen anderen hat Severus zerstört. Jetzt fehlen noch das Medaillon, die Schlange und ein Bruchteil, das hier in Leon steckt.“

„Leon?“, hakte Regulus nach.

„Oh, Verzeihung. Wir hätten uns vorstellen sollen.“, erinnerte sich Lucius an seine Manieren. „An mich erinnerst du dich offenbar, genauso an deinen Bruder. Auch Severus und Moody scheinst du zu erkennen. Dann bleibt noch Kingsley Shacklebolt, Chefauror und Mitkämpfer an unserer Seite.“ Er deutete auf den dunkelhäutigen Mann neben Regulus. „Draco, mein Sohn.“ Lucius deutete auf den Blonden neben sich. „Und schließlich noch Leon Snape, der Sohn von Severus.“ Regulus folgte mit seinen Augen den Fingern und sah Leon an. Der Jüngste lächelte schüchtern.

„Erzählst du uns nun deine Geschichte?“, wollte Sirius wissen und setzte sich zu seinem Bruder. Der nickte.

„Ich wollte unsere Eltern zufriedenstellen, als du dich von ihnen losgesagt hast.“, begann er langsam. „Daher bin ich mit knapp sechzehn Jahren in den Dienst des Lords getreten und habe das Mal angenommen. Doch schnell war mir klar, dass nicht alles so war, wie es schien. Dem Lord waren wir, seine Anhänger, vollkommen egal, ihm war nur wichtig, dass er selber Macht hatte, und davon nicht zu wenig. Nach und nach kam ich hinter sein Geheimnis, aber an wen sollte ich mich wenden? Dumbledore hätte mir nicht geglaubt, da war ich sicher. Schließlich war ich immer ein Anhänger der dunklen Künste gewesen und wollte immer ein Anhänger des Lords werden. Jemand Anderen von der weißen Seite kannte ich nicht, konnte daher keinen Kontakt aufnehmen. Dann kam mir der Zufall zu Hilfe. Der Lord brauchte einen Hauselfen für etwas. Ich ahnte, dass es mit den Horkruxen zu tun hatte, davon habe ich nach langer Recherche eine Ahnung erhalten. Ich wusste, dass der Lord nach einem Weg suchte, unsterblich zu sein und hatte bei einem Überfall den Zauber mitbekommen. Lange habe ich geforscht, bis ich herausbekam, dass es ein Horkrux war, was er geschaffen hatte. Jetzt war meine Chance gekommen. Ich bot ihm meinen Hauselfen an. Kreacher ging mit ihm und musste einen Trank zu sich nehmen, damit der Lord seinen Horkrux verbergen konnte. Nur aufgrund meines Befehles konnte Kreacher entkommen. Er hat mich dorthin gebracht und ich habe das Medaillon an mich genommen, es durch ein Anderes ersetzt und eine Nachricht an den Lord hinterlassen.“

Regulus griff nach einem Glas Wasser, das auf dem Tisch stand und trank einen Schluck.

„Albus hat das falsche Medaillon gefunden, er hätte es beinahe nicht überlebt. Er hat nie herausgefunden, von wem die Nachricht war, er ist bereits verstorben.“, berichtete Lucius in der Pause. „Ich habe die Nachricht in meiner Hand gehabt und Sirius gezeigt, als er freigelassen wurde. Er kam zu dem gleichen Schluss wie ich auch, dass du der Autor dieser Nachricht warst. Deshalb haben wir hier im Haus danach gesucht.“

Regulus nickte langsam, als schien es Sinn für ihn zu ergeben. „Kreacher hat uns beide hierher gebracht.“, erzählte er weiter. „Ich habe – weil ich wusste, wie gefährlich ein Horkrux sein kann – ihm befohlen, mich hier mit dem Medaillon so lange einzusperren, bis der Horkrux vernichtet ist. Leider war ich bisher nicht in der Lage dazu und ich vermute, ich könnte es auch nicht mehr, wenn ich an Basiliskengift käme. Ich habe ihn zu lange bei mir getragen. Kreacher war nie in der Lage, Basiliskengift für mich zu besorgen und das Einzige, was sonst noch helfen würde, ist Dämonenfeuer, doch ich konnte das nicht heraufbeschwören. Dafür reicht meine Magie nicht aus. Ich kann es nicht beschwören, geschweige denn beherrschen. Also sitze ich seitdem hier und warte, ob Kreacher nicht doch noch an das Gift herankommt. Er versorgt mich mit Lebensmitteln und Wasser, hat Bücher hierhergeschafft. Hereinkommen konnte er nie, denn sobald man hier in diesen Räumen ist, ist man in den Zauber eingebunden und kann sie nicht mehr verlassen. Es tut mir leid, aber ihr seid nun hier mit mir gefangen.“

Seine Worte lösten ein Schweigen aus, das mehrere Minuten anhielt. Alle mussten sich darüber klarwerden, was Regulus ihnen gerade erzählt hatte. Der Schwarzhaarige war seit vielen Jahren hier eingesperrt, weil er wusste, welche Gefahr das Medaillon darstellte, das er dem dunklen Lord entwendet hatte. Er hatte seinem Hauselfen befohlen, ihn wegzusperren, damit er keine Gefahr darstellte. Es war ein Akt der Selbstaufgabe, den niemand dem jungen Mann zugetraut hätte.

„Wir können es vernichten.“, meldete sich schließlich Lucius zu Wort. „Wir haben Zugriff auf das Schwert von Gryffindor, das dank Harry Potter mit Basiliskengift getränkt ist. Ich werde meinen Patronus an Minerva schicken, dass sie Dobby vorwarnt, bevor ich ihn rufe.“

Gesagt, getan. Lucius rief seinen Patronus auf und schickte ihn mit einer Nachricht an Minerva. Dann warteten sie, denn es würde sicher eine Weile dauern, bis der freie Hauself soweit unterrichtet war, dass er nicht blind darauf los stürmte, wenn er gerufen wurde. Regulus bot ihnen Essen und Getränke an. Im Gegenzug erzählten sie ihm, was er außerhalb seiner Räume in den letzten Jahren verpasst hatte. Die beiden Brüder, die nun wohl doch auf der gleichen Seite standen, hatten sich viel zu erzählen und zogen sich in den Raum zurück, in dem Regulus zunächst Schutz gesucht hatte. Er entpuppte sich als Schlafzimmer.

Lucius lehnte das Essen ab. Sie wandten ihm besorgte Blicke zu, da seine Sprache ein wenig verwaschen klang und sahen, dass er blass und kaltschweißig war. Kingsley hob seinen Stab erneut und diagnostizierte eine leichte Gehirnerschütterung von seinem Aufprall auf dem Tisch. Er zwang Lucius dazu, sich auf das Sofa zu legen und auszuruhen. Mehr konnten sie im Moment sowieso nicht tun, sie hatten entschieden, einige Stunden zu warten, um sicherzugehen, dass alles klappte, wenn sie nach Dobby riefen. Sie konnten nicht riskieren, ihn hier mit einzusperren, wenn er das Schwert nicht hatte. Moody war die Treppe nach oben gegangen und versuchte, die Türe zu öffnen, aber bisher hatte er keinen Erfolg damit. Lucius legte sich hin und ließ zu, dass sein Sohn ihn in die Decke wickelte. Er schloss die Augen und driftete in einen unruhigen Schlaf, der erst ruhiger wurde, als Severus sich neben ihn setzte und ihm die Hand auf die Schulter legte. Kingsley beobachtete das Ganze ruhig.

„Wie lange seid ihr schon zusammen?“, wollte er dann von Severus wissen, der erschrocken zusammenzuckte. „Keine Sorge, ich denke nicht, dass jemand etwas merkt, nach außen hin benehmt ihr euch wie immer, wie sich gute Freunde eben verhalten. Aber die Krisensituationen in den vergangenen Tagen zeigen mir, dass da mehr ist.“

„Seit September.“, beantwortete Severus nach einer Weile leise die Frage. Kingsley lächelte ihm aufmunternd zu. „Bleib so glücklich. Aber seid vorsichtig!“ Der Tränkemeister nickte und legte seinen zweiten Arm um Leon, der sich an seine Seite schmiegte. „Du solltest auch ein wenig schlafen, mein Kleiner.“, murmelte er ihm zu. Leon kuschelte sich in seinem Arm nur ein wenig zurecht und schloss dann die Augen. Draco hatte es sich im Sessel gemütlich gemacht und zu einem Buch gegriffen, das auf dem Tisch gelegen hatte.

„Er hat nach einer anderen Lösung gesucht.“, erklärte er flüsternd. „Das sind alles Bücher über Horkruxe und die Möglichkeiten, sie zu vernichten.“

„Wir werden ihn vernichten, es dauert noch ein paar Stunden, aber dann wird ein weiterer Horkrux der Vergangenheit angehören.“, schwor Kingsley ebenso leise.

„Und was wird aus Leon?“, wisperte Severus und man konnte seine Angst hören. „Wenn er ein Seelenbruchstück in sich hat, und leider befürchte ich, dass Albus Recht damit hat, denn müssen wir auch das zerstören. Was wird dann aus Leon?“

Tränen liefen aus Severus´ Augen, die er nicht aufhalten konnte. Sein Sohn, den er liebte wie er nie geglaubt hatte, lieben zu können, war gerade verurteilt worden, zu sterben.

„Wir werden eine Lösung finden.“, versprach Kingsley und legte ihm eine Hand auf die Schulter, die verdächtig bebte, während Severus sein Schluchzen nicht mehr verbergen konnte.

 

 

 

Severus zwang sich, ruhig durchzuatmen, auch wenn er schreien wollte. Er musste nun stark sein, für Leon. Und auch für Lucius und Draco. Sie waren eine Familie. Noch nie war Severus das so bewusst gewesen wie in diesem Moment. Nie hatte er auch nur geahnt, dass so viel Liebe in ihm stecken könnte. Er dachte an den Kerker zurück, in dem er Harry kennen gelernt hatte, richtig kennen gelernt. Immer wieder hatte der Junge bewiesen, was in ihm steckte, wie viel innere Kraft er hatte. Die wochenlangen Folterqualen hatte er nur dank ihm überstanden. Damals war ihm bewusst geworden, wie nahe er dem Jungen stand. Er hatte ihn schon gern gehabt, bevor er erfahren hatte, dass er sein Sohn war. Und seitdem war dieses Gefühl immer stärker und intensiver geworden. Harry hatte ihn schon verändert, aber Leon hatte aus ihm einen neuen Menschen gemacht.

„Onkel Sev?“, wurde er von Draco aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte nur geflüstert, um die Schlafenden nicht zu wecken, aber Severus hatte ihn gehört.

„Draco?“, wandte er sich ihm zu.

„Wie geht´s dir?“, wollte der Blonde wissen. Irritiert starrte Severus ihn an, wusste nicht genau, was er von dieser Frage halten sollte. „Was meinst du?“

„Naja, mir ist klar, dass es dir nicht gut geht, wenn du an Leon denkst. Ich habe durchaus verstanden, was du vorhin sagtest, ich meine, wegen dem Horkrux in ihm. Aber ich weiß, dass wir eine Lösung finden werden, er wird nicht sterben. Das lassen wir nicht zu. Du bist nicht alleine, Onkel Sev, Vater und ich werden dir helfen“, versicherte Draco leise, aber intensiv. „Aber was macht deine Gesundheit? Dir ging es die letzten Tage nicht besonders, oder?“

„Es liegt an meinem Herz, es wird nie wieder so gut arbeiten wie früher.“, gestand Severus nach einem längeren Schweigen. Kingsley war ins Bad gegangen und Lucius und Leon schliefen scheinbar tief und fest. „Leon hat mir mit seiner Magie das Leben gerettet, als wir im Krankenhaus waren. Er hat mich aus dem Koma geholt, meine Organe waren dabei, zu versagen. Dabei hat er durch seine ungerichtete Magie den Tumor verursacht. Deshalb ist er so schnell gewachsen. Ich will nicht, dass er davon erfährt, denn er würde sich Vorwürfe machen, und das wäre falsch. Ich bin ihm dankbar, dass er mir eine Chance gegeben hat, auch wenn es schwer war und manchmal immer noch ist. Daher werde ich ihn jetzt auch nicht aufgeben, wir werden eine Lösung finden, um den Lord ein für alle Mal zu vernichten, ohne dass Leon dabei getötet wird. Es muss einfach eine Lösung geben; ein Leben ohne Leon ist für mich nicht mehr vorstellbar. Genauso geht es mir mit deinem Vater und dir, Draco. Auch du bist wie ein Sohn für mich.“

„Ich werde nichts sagen.“, versprach Draco. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

Severus schüttelte den Kopf. „Nein. Es gibt nichts, was man tun kann, das Herz ist geschädigt und kann nicht mehr komplett wiederhergestellt werden, hat Devon gesagt. Auch meine Nieren werden immer eingeschränkt arbeiten, genau wie Leons Darm und seine Leber. Deshalb ist meine Magie auch schneller erschöpft, sie hat einen Anteil daran, dass ich lebe und verbraucht sich dadurch schneller. Leons Magie ist stark genug, dass es bei ihm nicht ins Gewicht fällt.“

„Und wenn du dann so komplexe Dinge machst, wie Weasley heilen …“, überlegte Draco und Severus nickte. „Aber was soll ich machen? Ich konnte den Jungen nicht sterben lassen und Poppy alleine hätte es wahrscheinlich nicht geschafft.“, fügte er leise hinzu.

Draco legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte kurz zu. „Wir werden das schaffen und dann kannst du ausruhen.“, versicherte er. Ein dankbarer Blick aus schwarzen Augen traf den Blonden und er spürte zum ersten Mal, wie viel er seinem Paten wirklich bedeutete. In dem Moment öffneten sich die Badezimmertür und auch die zur Treppe hinführende. Kingsley und Moody waren zurück. Der alte Auror gab mit einem kurzen Blick zu verstehen, dass auch er keinen Ausweg gefunden hatte.

„Ich denke, wir alle sollten uns ein wenig ausruhen und den Elfen dann erst nach dem Schlafen rufen. Bis dahin hat Minerva ihn sicher unterwiesen und wir brauchen unsere Energie für die Zerstörung.“, entschied Kingsley leise. Er und Moody verwandelten das Sofa in ein breiteres Bett, sodass Draco bei seinem Vater liegen konnte, einen Sessel in ein Bett, in das Severus seinen Sohn legte und es sich dann selbst darin bequem machte. Für sich selbst verwandelte Kingsley einen Stuhl und Moody setzte sich in den zweiten Sessel und entschied, Wache zu halten. Es dauerte nicht lange, bis es ruhig war in dem kleinen Appartement. Leon hatte sich an seinen Vater geschmiegt und schlief tief und fest, auch Severus wurde bald vom Schlaf übermannt. Kingsley konnte immer und überall schlafen, sobald er eine Gelegenheit bekam. Nur Draco brauchte lange, um zur Ruhe zu kommen, zu viel ging ihm durch den Kopf. Doch letztendlich schlief auch er ein, neben seinem Vater liegend, wie er es zuletzt vor vielen Jahren in der Kindheit getan hatte. Ein Gefühl von Geborgenheit kam in ihm auf, das er vermisst hatte, ohne es zu ahnen. Trotz allem war er dankbar für das, was er hier erlebte, da es ihm zeigte, wie sehr sie inzwischen eine Familie waren. Beim Einschlafen waren seine Gedanken wieder einmal bei Leon und seinen eigenen Gefühlen dem Grünäugigen gegenüber. Noch immer weigerte er sich, zuzugeben, dass er mehr für Leon empfand als die brüderliche Liebe, die er Blaise gegenüber bereits eingestanden hatte. Blaise hatte ihn nur angegrinst. Hatte sein bester Freund doch Recht? War da mehr?

 

Der Morgen kam und Regulus stand auf, machte gemeinsam mit seinem Bruder Frühstück für alle. In dieser Nacht hatten sie zueinander gefunden und waren sich in ein paar Stunden näher gekommen, als sie es je für möglich gehalten hatten. Der Duft von frischgebrühtem Kaffee und Tee weckte die Schlafenden nach und nach, wobei Lucius leicht grün im Gesicht wirkte und auf das Frühstück verzichtete. Nur einen Stärkungstrank nahm er, den Regulus in seinen Vorräten hatte. Danach wirkte er ein wenig fitter, doch Essen wollte er nichts, blieb lieber noch ein wenig liegen, was für seinen schlechten Zustand sprach, denn diese Blöße würde er sich nicht geben, wenn es einigermaßen erträglich wäre. Gutes Benehmen war ihm sehr wichtig, darauf legte er großen Wert. Als sich alle gestärkt hatten, entschied er, nun nach Dobby zu rufen. Unbewusst drückten sie alle die Daumen, dass die Botschaft angekommen war und es nun klappen würde.

„Dobby!“, rief Lucius in den Raum.

Der Name war noch nicht richtig verklungen, ploppte es und der Hauself stand vor ihm, in der Hand das Schwert von Gryffindor. Die Erleichterung im Raum war greifbar.

„Master Malfoy hat einen gefunden?“, fragte Dobby staunend.

„Nein, habe ich nicht.“, erwiderte Lucius ernst. Dann schmunzelte er ein wenig. „Leon hat ihn gefunden. Und noch jemanden. Erinnerst du dich an Regulus Black? Er versuchte seit Jahren, den Horkrux zu zerstören.“

Dobbys Augen wurden immer größer vor Staunen und am Ende nickte er. Natürlich erinnerte er sich an den Cousin seiner verstorbenen Herrin, hatte er diese doch trösten müssen, als er verschwand und für tot erklärt wurde.

„Wir sollten uns beeilen.“, mahnte Moody knurrig. „Vernichten wir das Ding und dann raus hier. Ich würde gerne wieder was sehen.“

Sie stimmten ihm zu. „Ich schlage vor, wir gehen in den Flur, der Boden könnte es aushalten. Einen passenden Tisch haben wir hier nicht.“, schlug Kingsley in seiner ruhigen Art vor. „Meiner Meinung nach ist Regulus derjenige, der das Schwert führen muss. Er hatte am Meisten mit dem Medaillon zu tun.“ Auf Regulus´ fragenden Blick fügte er hinzu: „Wir haben herausgefunden, dass nur jemand, der eine emotionale Bindung an einen Horkrux hat, in der Lage ist, ihn zu vernichten. Je stärker die Bindung umso intensiver die Zerstörung, und wir wollen sichergehen. Allerdings ist für diese Personen auch die Gefahr größer, von dem Horkrux in Besitz genommen und beeinflusst zu werden. Es wird also nicht einfach. Wir müssen außerdem die Banne brechen, die darauf liegen. Es wird anstrengend. Ach, es kann auch sein, dass wir hinterher weggeschleudert werden oder das Ding zersplittert und uns um die Ohren fliegt.“

„Gehen wir.“, stimmte Moody zu.

Regulus griff unter sein Hemd, er hatte das Medaillon immer bei sich get