Fanfictions > Filme > Matrix > Die Schattenprinzessin

Die Schattenprinzessin

5
12.8.2017 14:03
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

In dieser Fanfic spielen nicht Neo und Co. die Hauptrollen, sondern andere Charaktere des Films. Und wundert euch nicht, wenn dabei Namen und Figuren aus der griechischen Mythologie auftauchen. Da, wo es eine Persephone gibt, gibt es auch einen Hades (=Aides) und ein paar andere ihrer Gefährten.

5 Charaktere

Sophia

Das ist ein von mir selbst ausgedachter Charakter.

Der Merowinger

Der Merowinger, auch "Franzose" genannt, ist ein sehr altes, mächtiges Programm innerhalb der Matrix, das wie ein Gangsterboss erscheint. Er ist der Erste der sog. "Exilanten", d. h. Programmen, die man löschen will, die jedoch in die Matrix flüchten. Zu diesem Zweck betreibt er eine Art Schmugglerring. Außerdem handelt er laut eigener Aussage mit Informationen und scheint vieles zu wissen.

Persephone

Persephone ist ein Programm innerhalb der Matrix und außerdem die überaus attraktive Ehefrau des Merowingers, die stets an seiner Seite thront. Sie ist sehr zurückhaltend und spricht nur selten. Vor langer Zeit floh sie zusammen mit ihrem Mann in die Matrix. Sie wirkt geheimnisvoll und durchtrieben, sehnt sich jedoch nach Liebe und körperlicher Zärtlichkeit.

Seraph

Seraph ist der Beschützer des Orakels innerhalb der Matrix, da dieses viele Feinde hat, die sein Leben bedrohen. Er tritt in Gestalt eines chinesischen Jünglings auf und beherrscht asiatische Kampftechniken. Bei seiner ersten Begegnung mit Neo fordert er jenen zum Zweikampf heraus, bevor er ihn zum Orakel führt. Später hilft er im Auftrag des Orakels den Rebellen von Zion auf der Suche nach Neo.

Das Orakel

Das Orakel ist ein intuitives, weibliches Programm innerhalb der Matrix, das sich dazu entschlossen hat, den Rebellen von Zion zu helfen. Das Ziel der Wahrsagerin ist, einen Frieden zwischen Menschen und Maschinen zu erreichen. Letztendlich erweist sie sich jedoch als weiteres Kontrollsystem, das den "Auserwählten" den Weg zum Architekten und damit zur Quelle der Matrix weisen soll.

***

Die am meisten Zwietracht säen sind jene,

die am lautesten nach Frieden schreien!

~ Thomas S. Lutter ~

***

 

Familienzwistigkeiten, insbesondere zwischen Mutter und Tochter, können oft der Auslöser für den völligen Bruch von einst innigen Beziehungen sein; besonders tragisch wird es dann, wenn ein unschuldiges Kind darin verwickelt wird und die Folgen tragen muss.

 

***

Es waren bereits drei Stunden nach Sonnenuntergang vergangen und ein kühler Wind strich durch den Hain. Doch das schien der älteren, weißhaarigen Frau, die dort auf einer Bank saß, nichts auszumachen. Sie schien auf etwas oder jemanden zu warten, denn sie blickte sich immer wieder in alle Richtungen um und schaute auch des Öfteren zum Himmel hinauf. Als sie endlich etwas dort oben auszumachen glaubte, erhob sie sich und blieb stehen, bis das geflügelte Wesen, das zu ihr herabschwebte, mit beiden Beinen auf dem Boden vor ihr landete.

"Es ist alles nach Plan verlaufen, Herrin Demeter", sagte das engelhafte Geschöpf, das in einen dunkelblauen Mantel gekleidet war. "Ich habe das Kind bei mir und es schläft tief und fest."

"Hat dich niemand bemerkt, als du es mit dir forttrugst?", fragte die weißhaarige Frau.

"Nein, gewiss nicht. Ich gaukelte dem Kindermädchen vor, dass die Kleine immer noch in ihrem Bettchen liegt und schläft. Und bis Herr Aides mit der Frau Gemahlin von der Feier heimkehrt, wird es sicherlich noch ein paar Stunden dauern."

"Gut, die Zeit dürfte reichen, um das Baby von hier fortzubringen."

"Aber wohin? Es gibt doch keinen Ort, wo Herr Aides seine Tochter nicht auffinden würde. Besitzt er nicht die Schlüssel zu jedem Platz auf der Welt?"

 "Nun, es gibt einen Schlüssel, den er nicht besitzt!", erklärte Demeter lächelnd und öffnete eine Hand, auf der ein kleiner, silberner Schlüssel lag. "Hephaistos schmiedete ihn mir, als ich ihn herausforderte, dass nicht einmal er das Zeitportal zu öffnen vermag. Und heute Nacht ist der Zeitpunkt gekommen, um herauszufinden, ob dieser Schlüssel tatsächlich das Zeitportal aufschließt."

"Ein Zeitportal?", fragte das engelhafte Geschöpf überrascht. "Ich wusste nicht einmal, dass so etwas existiert."

"Ein Zufall führte mich hin... ein Zufall, als ich überall nach meiner Tochter suchte. Ich kam an einen kalten Ort dieser Welt, wo sich ein seltsames Lichtspiel ereignete. [1] Und an einem besonders magnetischen Punkt bemerkte ich ein Flirren. Als ich näher heranging und meine Hand nur einen winzigen Moment lang in die starken Schwingungswellen hielt, die von dem besonderen Magnetpunkt ausgingen, öffnete sich mein inneres Auge und ich sah viele Bilder verschiedener historischer Epochen, die vor uns liegen. Auf dem Boden des Magnetpunktes befindet sich eine Tür mit einem Schloss - und dieser kleine Schlüssel wird es uns ermöglichen, in eine andere Zeit zu fliehen."

Die Augen des engelhaften Geschöpfes weiteten sich.

"Ihr hattet mir nie gesagt, dass wir uns auf ein so riskantes Unternehmen einlassen würden", wandte es ein, alles anderes als begeistert.

"Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als so rasch wie möglich von hier zu verschwinden", erklärte Demeter entschlossen. "Mein Schwiegersohn errät gewiss gleich, dass du ihn verraten hast, Seraph. Und ich gedenke nicht länger an einem Ort zu verweilen, wo man mich demütigte."

"Reagiert ihr nicht ein bisschen zu heftig darauf, dass Eure Tochter entgegen Eurem Wunsch die Frau von Herrn Aides wurde?"

"Ich hatte ihr den Umgang mit diesem Kerl verboten, aber Persephone musste ja mit ihm durchbrennen."

"Die beiden scheinen sehr glücklich miteinander zu sein und ihr Kind war überaus erwünscht", widersprach Seraph unsicher. "Der Herr ist ganz vernarrt in seine Tochter."

"Dieses Kind ist ein Geschöpf der Unterwelt", entgegnete Demeter hart. "Und wenn wir sie der Erziehung ihres Vaters überlassen, wird großes Unheil über die Welt kommen. Möchtest du dafür verantwortlich sein?!"

"Nein, natürlich nicht, Herrin, aber von Sophia scheint keinerlei Gefahr auszugehen."

"Ich habe in einer Vision gesehen, wie gefährlich sie werden kann, Seraph! Sie darf auf keinen Fall bei ihren Eltern bleiben!"

"Was habt Ihr mit dem Baby vor, Demeter?"

"Wir müssen es an einen Ort bringen, wo Aides es niemals vermutet. Ich muss dieses Kind vor seinem eigenen Vater schützen, um es selbst und uns vor Unheil zu bewahren."

"Seid Ihr sicher, dass wir das Richtige tun, Herrin?"

"Ja, davon bin ich überzeugt. Und nun komm!"

#[]#

=~=~=

 

Sophia wusste kaum noch, was Familie wirklich bedeutete. Es war einfach zu lange her, seit sie bei ihren griechischen Adoptiveltern gelebt hatte, die immer sehr liebevoll zu ihr gewesen waren. Und wenn nicht jenes Unglück vor zehn Jahren geschehen wäre, dann hätte sie sich sicherlich damit abgefunden, nicht zu wissen, wo ihre Wurzeln lagen.

Niemand wusste, woher Sophia kam oder wer ihre leiblichen Eltern waren. Alles, was man dem Mädchen erzählte, war, dass sie in die Babyklappe eines Krankenhauses gelegt wurde, zusammen mit einer kurzen, schriftlichen Nachricht, dass ihr Name  'Sophia'  lautete. Nachdem die Ärzte sie untersucht hatten und feststellten, dass ihr nichts fehlte, übergab man sie in die staatliche Fürsorge eines Waisenhauses. Und ein paar Wochen später, als man trotz intensiver Suche keinen Hinweis auf Sophia's Eltern fand, wurde das Kind zur Adoption freigegeben. Man ging davon aus, dass Sophia's Mutter möglicherweise ein Teenager war, der so verzweifelt gewesen sei, dass er keinen anderen Ausweg wusste, als das Baby fortzugeben.

Es dauerte auch gar nicht lange, bis das griechische Ehepaar Marina und Alexandros Karadimas sie adoptierte und ihr ihren Familiennamen gab. Sophia lebte drei Jahre lang bei ihnen und betrachtete sie als ihre wirklichen Eltern. Sie wurde geliebt, verwöhnt und man beschäftigte sich viel mit ihr. Das kleine Mädchen lernte Griechisch und Deutsch und wurde allmählich darauf vorbereitet, in den Kindergarten zu gehen. Alles war sehr harmonisch und die kleine Sophia sehr glücklich.

Doch dann brach eines Nachts ein Feuer in dem Mietshaus aus, in dem die Familie Karadimas lebte, und da es überraschend kam, konnte die Feuerwehr nicht rechtzeitig da sein, um alle Bewohner aus dem brennenden Gebäude zu retten. Sophia wurde von ihrer Adoptivmutter aus dem Bettchen gerissen und sofort einem Mann in die Arme gedrückt, der gerade die Wohnung der griechischen Familie betrat, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Wie ihr Retter dann später zu Protokoll gab, eilte Marina Karadiou [2] zurück in das Schlafzimmer, um ihrem Mann zu helfen, und wurde dabei von einem herabstürzenden Holzbalken erschlagen. Man versuchte zwar später nochmals, Marina und ihren Mann aus den Flammen zu holen, aber es war zu spät.

Sophia verstand all das überhaupt nicht und weinte nach ihren Eltern. Sie weinte immer noch, als man sie in ein Heim brachte und den Behörden mitteilte, dass die Adoptiveltern des Kindes bei dem Brand ums Leben kamen. Niemand war imstande, das kleine Mädchen zu beruhigen, das ständig nach seinen Eltern rief. Man musste ihr ein leichtes Beruhigungsmittel verabreichen, damit es überhaupt schlief.

Aber dieser Schicksalsschlag hatte sich tief in Sophia's Seele eingegraben und sie weinte eine lange Zeit nachts immer nach den Eltern, weil sie nicht verstand, dass diese niemals wiederkehren würden. Das Jugendamt erlaubte auch keinem der Erzieherinnen, mit Sophia an dem Gottesdienst zum Gedenken an die verbrannten Menschen des Mietshauses teilzunehmen und begründete dies damit, das Kind nicht noch mehr zu belasten. Ansonsten machte sich das Jugendamt aber keine weiteren Gedanken um Sophia und wie es ihr ging. Nur einige der Betreuer versuchten, sie zu trösten und mit ihr über das Geschehene zu sprechen, aber das Kind verschloss sich noch mehr und es war schwierig, an es heranzukommen. Sophia bereitete ansonsten aber keinerlei Probleme, war ein ruhiges, ernstes Kind und fiel nicht besonders auf. Man ließ sie zufrieden und sie verarbeitete das Geschehene mit Hilfe von Knetmasse oder im Malen von Bildern.

Als Sophia älter wurde und zur Schule kam, begann sie sehr viel zu lesen und flüchtete sich aus der Realität in eine Welt aus Wissenschaft, Kunst oder fiktionalen Geschichten. Aufgrund dessen und weil sie ein verschlossenes Wesen besaß, hatte sie auch keine wirklichen Freunde, weder im Heim noch in der Schule. Sie wurde von den Mitschülern zwar manchmal als  'Streberin'  bezeichnet, weil sie fleißig lernte, aber das war auch schon alles, womit man sie ärgerte. Die anderen fanden sie zwar nett und hübsch, aber auch sehr langweilig. Sophia war das überaus recht, denn sie liebte es, in Ruhe gelassen zu werden.

=~=~=

***

Seraph beobachtete entsetzt, wie das Haus, in dem das Mädchen, das er im Auftrag Demeter's vor drei Jahren aus ihrer Wiege entführt hatte, unter der Obhut ihrer neuen Eltern lebte, in Flammen aufging. Er verlor keine Zeit, um in die nächste Telefonzelle zu eilen und die Feuerwehr zu informieren. Danach eilte er zu dem Haus hin und hechtete die Treppen hinauf, schrie dabei so laut, dass es durch den ganzen Flur hallte: "Feuer! Feuer! Alles raus aus den Betten!"

Ohne einen Gedanken an etwas anderes als die Rettung Sophia's und ihrer Eltern zu verschwenden, trat er gewaltsam die Tür zur Wohnung der Karadimas'  ein. Er spürte bereits, dass Alexandros mit dem Leben rang und Marina mit letzter Kraft das Kind aus dem Zimmer trug. Sie sah ihn und rannte auf ihn zu.

"Bitte! Retten Sie mein Kind!", schrie Marina und drückte ihm das brüllende Mädchen in die Arme.

"Kommen Sie mit mir, Frau Karadiou, wir können es zusammen nach draußen schaffen!", rief Seraph zurück und streckte eine Hand nach ihr aus. Doch Marina wandte sich von ihm ab und rannte ins Schlafzimmer, in dem sich noch ihr Mann befand.

"Ich hole Alexandros! Bringen Sie Sophia hier heraus, um Gottes Willen!"

Seraph wollte sie einfach zwingen, mit ihm zu kommen, und trat schon entschlossen auf Marina zu, als unvermittelt ein Holzbalken sich von der Decke löste und auf dem Kopf von Sophia's neuer Mutter landete. Sie fiel getroffen zu Boden und war sofort tot. Auch Alexandros hatte aufgegeben, wie Seraph genau spürte. Es galt jetzt nur noch, Sophia in Sicherheit zu bringen, die herzzerreißend weinte. Rasch verbarg er das Mädchen unter seinem dichten Gewand, damit ihr nichts passierte, und machte sich auf dem Weg hinunter. In all der Aufregung bemerkte niemand, dass er kaum einen Wimpernschlag brauchte, um hinunterzuschweben. Zwar besaß er keine Flügel mehr, aber er war immer noch in der Lage, durch die Luft zu schweben, wenn auch nicht mehr so hoch und so weit wie früher.

"Babbas, Mama", schrie das Kind in seinen Armen weinend und wand sich.

"Ruhig, Sophia, ist ja schon gut", murmelte er, doch das Mädchen schien ihn nicht zu beachten, sondern weinte immer noch nach den Eltern. Er seufzte und strich ihr beruhigend über den Rücken, während er mit ihr nach draußen lief, weit weg von dem brennenden Haus. Inzwischen war auch die Feuerwehr eingetroffen und holte noch mehr Menschen aus dem Gebäude, während ein anderer Trupp damit beschäftigt war, die Löscharbeiten vorzubereiten.

Dies war wieder einmal einer jener Momente, wo er es bereute, auf Demeter gehört und in ihrem Auftrag ihr Enkelkind entführt zu haben. Eigentlich hatte ihm Persephone's Mutter kurz vor ihrem Eintritt in das Zeitportal befohlen, Sophia im 19. Jahrhundert in einem Armenhaus im Norden Großbritanniens auszusetzen. Zunächst hatte er diesen Befehl auch befolgt, aber als er dann sah, wie man damals die ausgesetzten Kinder behandelte, holte er Sophia gleich in der nächsten Nacht aus dieser grässlichen Einrichtung, in der man elternlosen Säuglinge kaum etwas zu essen gab und in der ein Kind, sobald es laufen konnte, zu Hausarbeiten herangezogen wurde. Falls eines der Waisen überhaupt die Pubertät erreichte, blühte ihm schwere Arbeit in einer der Fabriken. So etwas wollte er der Tochter seines früheren Herrn nicht zumuten. Die Kleine hatte es einfach nicht verdient, egal, ob Demeter sie für einen gefährlichen Sprössling seines früheren Herrn hielt oder nicht.

Auch jetzt, als er die Kleine im Arm hielt, spürte er nicht das geringste Unheil von ihr ausgehen. Sie schien ihm ein ganz normales Mädchen zu sein, geschockt und voller Angst, das nach seinen Eltern schrie.

Einen Moment lang spielte Seraph mit dem Gedanken, Sophia einfach zu seinem früheren Herrn zurückzubringen und die Strafe für seinen Verrat an Aides auf sich zu nehmen. Doch dann erinnerte er sich wieder daran, was Demeter ihm prophezeit hatte: Unter dem Einfluss ihres Vaters würde Sophia zu einer großen Gefahr für sich und andere werden. Dass Herr Aides mittlerweile zu einem der mächtigsten Männer dieser Welt zählte, was viele Ausgestoßene zu ihm trieb, die seine Hilfe erbaten und diese auch im Tausch gegen etwas erhielten, schien die Aussage von Demeter nur zu bestätigen. Vom Hörensagen wusste er auch, dass  'der Merowinger' , wie man seinen früheren Herrn nun betitelte, immer noch zornig auf ihn war, weil er ihm sein Kind gestohlen hatte. Darum achtete Seraph peinlich genau darauf, Herrn Aides nicht in die Finger zu fallen. Der Herr der Unterwelt konnte überaus grausam in seinem Zorn sein. Er war schon immer ein harter Mann gewesen, der sich dafür rächte, wenn man ihn betrog. Die Strafen überstiegen bei weitem die schrecklichsten Phantasien eines Sadisten. Nein, Demeter hatte sicherlich recht, wenn sie davor warnte, Sophia bei ihrem Vater aufwachsen zu lassen.

Voller Mitleid strich Seraph über den Rücken des weinenden, kleinen Mädchens, das sich einfach nicht beruhigen wollte.

"Es tut mir leid, Sophia", murmelte er traurig. "Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen."

Er sah zu dem brennenden Gebäude und bedauerte zutiefst, dass die neuen Eltern seines kleinen Schützlings ums Leben gekommen waren. Nun musste Sophia erneut ins Waisenhaus zurück und er konnte nur hoffen, dass sich bald wieder ein nettes Ehepaar bereit erklären würde, sie zu sich zu nehmen...

***

=~=~=

Die mittlerweile fünfzehnjährige Sophia saß auf der breiten Fensterbank ihres Zimmers, das sie sich mit zwei anderen Mädchen teilte, und las gerade in einem Buch, als die Heimleiterin ins Zimmer trat, Sophia's  Zimmergenossinnen kurz zunickte und entschlossen auf das lesende Mädchen zuging.

"Sophia, ich habe sehr gute Neuigkeiten für dich", verkündete sie in einem freudigen Ton, als sie vor ihr zum Stehen kam. Die Angesprochene schaute überrascht auf.

"Gute Neuigkeiten?"

"Oh ja, stell dir vor: Du wirst zu einer Familie kommen. Einem Ehepaar, das letztes Jahr bereits eine Pflegetochter bei sich aufgenommen hat."

"Was wollen sie dann noch mit mir?", fragte das Mädchen, das bei dieser Mitteilung ein ungutes Gefühl beschlich.

"Es sieht ganz so aus, als ob sie gute Erfahrungen mit ihrer ersten Pflegetochter gemacht hätten", antwortete die Heimleiterin aufmunternd. "Und jetzt wollen sie eben noch einem anderen Waisenkind ein Zuhause geben."

"So wie man einem herrenlosen Hund oder einer herrenlosen Katze ein Zuhause gibt?", erkundigte sich Sophia spöttisch und verzog ihre Mundwinkel leicht nach oben.

"Also bitte, warum sprichst du so? Was ist denn das für ein Vergleich?!"

Die Erzieherin war offensichtlich sehr irritiert.

"Was denn? Stimmt es etwa nicht, dass man mich ausgesetzt hat... in einem Krankenhaus?", entgegnete Sophia heftig. "Und jetzt soll ich wohl noch dankbar sein, wenn sich irgendwelche Leute dazu bereit erklären, mich bei sich aufzunehmen?"

"Bitte, Sophia, du bist doch schon einmal bei einer Familie gewesen."

"Ja, aber sie haben mich als ihr eigenes Kind angenommen, nicht nur als Pflegekind. Das ist etwas ganz anderes! Und außerdem war ich da noch ein Baby und ich hätte Mama und Babbas immer als meine wahren Eltern angesehen, wenn mich meine wirklichen Eltern schon nicht haben wollten."

"Aber, Sophia, du kennst doch die Gründe nicht, warum man dich in die Babyklappe legte. Vielleicht waren deine Eltern, deine Mutter sehr verzweifelt, vielleicht konnten sie dich nicht ernähren und haben es nur gut gemeint, wollten, dass man sich anständig um dich kümmert."

"Tut mir leid, aber ich kann dieses Gewäsch nicht mehr hören! Wenn Eltern ihr Kind lieben, schieben sie es nicht einfach ab! Es gibt immer eine Lösung!"

"Schluss jetzt, Sophia! Pack deine Sachen zusammen. In einer Stunde kommt Herr Wolff, um dich abzuholen. Ich erwarte von dir dann, dass du dich ihm gegenüber benimmst."

Sophia verzog missmutig das Gesicht, während die Heimleiterin sich von ihr abwandte und den Raum verließ. Sobald die Mädchen wieder allein waren, erhob sich Anna vom Bett und kam auf Sophia zu.

"Hey, das sind doch gute Nachrichten!", meinte sie. "Sei froh, dass du aus dieser Bude hier herauskommst."

"In dieser Bude habe ich immerhin meine Ruhe gehabt", entgegnete Sophia, schlug verärgert ihr Buch zu und stand von der Fensterbank auf. "Und jetzt soll ich zu irgendwelchen fremden Leuten kommen, die ich nicht kenne. Warum sollte ich da froh sein? Vielleicht sind sie gar nicht nett. Und warum haben sie das andere Mädchen, das sie seit einem Jahr in Pflege haben, nicht adoptiert? Warum wollen sie jetzt ein zweites Mädchen bei sich aufnehmen? Da stimmt doch was nicht!"

"Du bist viel zu misstrauisch, Sophia", erwiderte Anna. "Weißt du denn nicht, dass die Behörden viele Probleme machen, wenn es darum geht, ein Kind zu adoptieren?"

"Ja, bei Babys mag das so sein, aber bei Jugendlichen stellen sie sich nicht so an. Die sind doch froh, wenn sie uns los sind", bemerkte Sophia trocken und ging an den Teil des Schrankes, in dem sich ihre Sachen befanden.

"Da scheint ja jemand großes Vertrauen in unser Jugendamt zu besitzen", mischte sich nun auch Sandra ein, die bisher an ihren Hausaufgaben gesessen hatte. "Aber wenn du nicht von hier fort willst, dann gehe ich jetzt gleich zu der Meyer und sage ich, dass ich an deiner Stelle zu diesen Pflegeeltern will. Ich würde sonst etwas darum geben, um von hier wegzukommen!"

"Dann geh'!", forderte Sophia ihre Zimmergenossin auf und sah sie herausfordernd an. "Los! Verlier' bloß keine Zeit, um es Frau Meyer vorzuschlagen. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir tauschen."

Sandra starrte sie fassungslos an, dann drehte sie sich weg und beugte sich wieder über ihre Hausaufgaben, dabei  "...dumme Schnepfe..."  vor sich hinmurmelnd.

Mit einem verächtlichen Lächeln wandte sich Sophia wieder dem Schrank zu, holte einen Koffer dort hervor und begann, ihre wenigen Kleidungsstücke zu packen.

"Kann ich dir helfen?", bot Anna an.

"Nein, danke! Ich komm schon allein zurecht", erwiderte Sophia. "Und vielleicht bleibe ich auch gar nicht lange weg."

"Ich kann eigentlich nicht verstehen, warum du hierbleiben willst", meinte Anna.

"Nun, bisher hat die Heimleitung mir keine Steine in den Weg gelegt, was meine schulische Ausbildung betrifft. Sie haben mir sogar erlaubt, vom ersten Schuljahr an nachmittags den griechischen Unterricht zu besuchen, um das Schreiben und Lesen der Sprache meiner Heimat zu erlernen. Wer weiß, ob diese neuen Pflegeeltern damit einverstanden sein werden?"

"Du weißt gar nicht, woher du kommst", giftete Sandra sie von ihrem Schreibtisch aus an. "Nur weil du als Baby von einem griechischen Ehepaar adoptiert worden bist, heißt das noch lange nicht, dass du eine Griechin bist. Du bist eigentlich ein Niemand."

"Möglich", gab Sophia unbeeindruckt zurück. "Und genau deshalb besitze ich die Freiheit, mir die Herkunftskultur zu wählen, die mir gefällt - und das ist nun einmal die griechische. Meine Eltern waren immer sehr gut zu mir, sie haben mich geliebt."

"Ist zwölf Jahre her, nicht? Und du trauerst immer noch einer Vergangenheit nach, die lange vorbei ist", entgegnete Sandra. "Wach auf, Sophia, hier ist die Wirklichkeit! Diese Griechen, die dich adoptiert hatten, waren nicht deine wirklichen Eltern - weiß du, du solltest aufhören, dich in die Phantasiewelt deiner Romane zu flüchten! Sie werden dir nicht helfen, wenn es hart auf hart kommt."

"Jetzt lass sie endlich in Ruhe, Sandra", sagte Anna. "Warum soll Sophia denn nicht an sie denken, wenn sie so gut zu ihr waren? Du bist ja nur neidisch, dass dich niemand adoptiert hat."

"Lass gut sein, Anna", ermahnte Sophia sie in ruhigem Ton. "Vielleicht hat Sandra ja recht und ich verliere mich wirklich viel zu sehr in meinen Sehnsüchten nach einer heilen Welt. Aber anders... nein, anders hätte ich das Leben nach dem Tod meiner Eltern nicht ertragen können. Doch jetzt bin ich viel älter und sollte vernünftiger sein."

Sie blickte ihre beiden Mitbewohnerinnen an und in ihre Augen trat ein Ausdruck von Trauer.

"Es war ganz okay mit euch", sagte sie dann. "Wenn wir auch nicht die besten Freundinnen waren, so haben wir uns doch gegenseitig in Ruhe gelassen. Es tut mir wirklich leid, dass ich jetzt gehe. Ich glaube, ich werde euch tatsächlich vermissen."

"Hört, hört", spottete Sandra und grinste.

"Lass das!", fuhr Anna sie an. "Sophia hat uns wenigstens nie verpetzt."

Dann wandte sie sich an Sophia: "Schade, dass du uns jetzt verlassen musst. Wer weiß, wen wir jetzt ins Zimmer kriegen. Aber ich gönne es dir, hier herauszukommen und wünsch dir alles Gute."

"Danke, ich glaube, ich kann das gut gebrauchen."

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

[1] Polarlicht

[2] Im Griechischen gibt es bei Familiennamen eine männliche und eine weibliche Form. Der Mann heißt Karadimas, während die Frau Karadiou heißt.

 

"Ah, es geht doch nichts über einen guten Schluck Samos", seufzte Hephaistos und lehnte sich entspannt in dem bequemen Barocksofa zurück. "Nach all der Aufregung ist das eine richtige Wohltat."

"Mir wird dieses Spielchen allmählich langweilig", meinte Aides, der vor den offenen Fenstern zur Terrasse stand und die Aussicht über die Gebirgslandschaft genoss. "Dir nicht auch?"

"Ach, egal, jetzt herrscht erst mal Frieden zwischen Menschen und Maschinen", erwiderte Hephaistos.

"Wer weiß, wie lange er diesmal anhält", spottete der Herr der Unterwelt. "Bist du es nicht leid, immer die Figur des  'Schlüsselmachers'  spielen zu müssen, noch dazu in einer derart lächerlich Hülle? Zeus könnte sich ruhig mal etwas Neues ausdenken."

"Seit zwei Perioden sieht es ganz so aus, als ob er dies lieber der Wahrsagerin überlässt", seufzte sein Gesprächspartner und trank einen Schluck Rotwein aus seinem Glas. "Und sie gibt dem Menschenretter die Aufgaben auf."

"Offensichtlich hängt Zeus sein Spielchen selbst längst zum Hals raus, sonst hätte er diese unerträgliche Figur nicht konstruiert. Ein überaus dreistes Programm, das mir diesen dämlichen Spitznamen  'Merowinger'  verlieh und ihn auch an seine Anhänger und Bewunderer weitergab, so dass er mir jetzt ewig anhaften wird. Außerdem war es ziemlich impertinent von der Wahrsagerin, mich in meinem eigenen Refugium durch den sogenannten Retter der Menschheit angreifen zu lassen. Was glaubt dieses unverschämte Programm eigentlich, mit wem sie es bei mir zu tun hat?!"

"Möglicherweise war dies von Zeus so beabsichtigt, um das Spiel interessanter zu gestalten."

"Wenn mein kleiner Bruder nicht aufpasst, werde ich mit seinem sogenannten Orakel das nächste Mal etwas weit Schlimmeres anstellen, als den Code für die äußerliche Hülle der doppelzüngigen Matrone zu deaktivieren. Zu schade, dass sie danach einen Weg fand, um sich in einer anderen Gestalt erneut zu materialisieren."

"Vergiss doch diesen ganzen Mist für's  Erste, Aides. Wir werden eine sehr lange Zeit Ruhe haben, bis sich irgendjemand wieder berufen fühlt, einen Retter für die Menschheit zu suchen."

Hephaistos ließ seinen Kopf auf die Rücklehne des Sofas gleiten und räkelte sich genüsslich, so dass er noch mehr Platz auf der Couch einnahm.

"Jedenfalls bin ich froh, dass der ganze Spuk erst einmal vorbei ist", erklärte der Schmied, wobei er wieder etwas aus seinem Glas trank und sein Blick dabei auf die Uhr fiel. "Ist schon später Nachmittag. Wird Zeit, dass ich nach Hause gehe, bevor meine Frau Gemahlin mir erneut auf der Nase herumtanzt."

"Mir ist ohnehin schleierhaft, warum ihr beide geheiratet habt", brummte Aides. "Ihr passt gar nicht zusammen."

"Zeus'  Wille geschehe", gab Hephaistos daraufhin ironisch zurück. "Er meinte, dass Gegensätze sich wunderbar ergänzen würden."

"Und? Teilst du seine Ansicht?"

"Nein, eigentlich nicht! Mir geht Aphrodite ziemlich auf die Nerven! Ich war ganz zufrieden mit den Androidenpüppchen, die ich mir selbst gebastelt habe und die so programmiert sind, dass sie mir jeden Wunsch von den Augen ablesen."

Hephaistos seufzte, setzte sich wieder gerade hin und stellte sein Glas, in dem noch ein winziger Schluck des süßen Samos-Weines schwamm, auf den Marmortisch vor sich ab.

"Meine Gattin hintergeht mich ständig. Es ist zum Kotzen, Aides, glaub mir! Ich beneide dich wirklich darum, dass du eine Frau hast, die dich liebt. Und sie ist immer noch sehr, sehr schön."

"Ja, das ist sie", gab Aides zu und ließ den Blick ein weiteres Mal über die Landschaft vor sich gleiten. Der Schmied bemerkte nicht, dass sich die Augen des Herrn der Unterwelt vor Trauer verdunkelten.

Hephaistos erhob sich, streckte sich noch einmal nach allen Seiten aus und meinte: "Die Verfolgungsjagd war dieses Mal war schlimmer als sonst. Könntest du Castor und Pollux [1] mal eindringlich ermahnen, mich beim nächsten Mal nicht allzu sehr in die Mangel zu nehmen? Ich glaube, Pollux hat mir das Kreuz ein wenig verrenkt, als er mir im Auto den Kopf zurückriss und das Messer an die Kehle hielt."

"Es lag gewiss nicht in seiner Absicht", antwortete Aides und trank einen Schluck aus seinem Glas. "Aber bei so einer schnellen Jagd ist es nicht immer möglich, Rücksicht zu nehmen. Dieses Rebellentrio hat den Zwillingen diesmal auch sehr zu schaffen gemacht. Ich hab sie zur Erholung für vierzehn Tage nach Kreta geschickt. Im Moment werden sie ja nicht gebraucht."

"Vielleicht solltest du auch mal eine Auszeit nehmen und mit Persephone irgendwo hinfahren, wo ihr zwei Mal allein für euch seid. Das täte euch sicherlich gut."

"Ich hätte wirklich nichts dagegen, aber meine Frau hegt nicht den geringsten Wunsch, mit mir irgendwo allein zu sein. Da hat meine Schwiegermutter wirklich großartige Arbeit geleistet. Wenn ich sie jemals in die Finger bekomme, kann sie was erleben!"

"Du glaubst also immer noch, dass Demeter etwas mit der Entführung eures Babys zu tun hat, Aides?"

"Davon bin ich felsenfest überzeugt. Als Sophia verschwand, war auf einmal auch Demeter wie vom Erdboden verschluckt. Und Seraph ebenfalls. Verflucht sei der Tag, als ich diesem Verräter mein Kind anvertraute!"

"Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er euer Baby entführte. Er konnte doch keiner Fliege etwas zuleide tun", bemerkte Hephaistos.

"Ja, das haben meine Frau und ich auch gedacht - und es erwies sich als Irrtum!", knurrte Aides ärgerlich. "Es ist wirklich zu schade, dass der Seraph-Androide, den Zeus als Beschützer für die Wahrsagerin und Helfershelfer der Rebellen konstruierte, nicht wirklich jener Verräter ist. Wenn ich dieses Mistvieh jemals erwische, rupfe ich ihm jede Feder seiner Flügeln einzeln aus! Nur durch seine Hilfe konnte Demeter meine Tochter in die Hände bekommen. Ich bin sicher, dass sie sie ermordet hat."

"Ich kann das eigentlich nicht glauben", meinte Hephaistos. "Demeter war stets eine sehr liebevolle Mutter für Persephone und sie hegte große Zuneigung zu den Menschen, die sie verehrten. Sie tat alles, um ihre Anhänger zu schützen; und sie mochte Kinder immer besonders gern. Warum also sollte sie euer Baby, ihr eigenes Enkelkind, denn umbringen, Aides?"

"Weil sie mich hasst und weil sie Persephone dafür bestrafen wollte, dass sie meine Frau wurde!"

Mit zornverzerrtem Gesicht drehte sich Aides vom Fenster weg und warf sein leeres Glas voller Wucht an die Wand, wo es zersprang und sich scherbenweise auf dem Boden verteilte.

"Diese dumme, alte Vettel! Als ob ich die Personifikation des Bösen sei! Aber das bin ich nicht! Wer Hilfe von mir erbittet, muss nun einmal einen bestimmten Preis dafür bezahlen - nicht mehr und nicht weniger! Das ist ein faires Geschäft! Außer ihr hat auch niemand je etwas daran auszusetzen gehabt. Meine Forderungen entsprechen immer den Möglichkeiten des Bittstellers!"

"Na ja, sie wollte eben ihre Tochter nicht verlieren."

"Das hätte sie nicht! Ich habe genug Platz in meinem Palast, um auch meine Schwiegermutter aufzunehmen. Sie hätte ihre eigenen Gemächer bei mir haben können, hätte niemals allein sein müssen. Wenn sie nicht so eine verbiesterte, alte Schachtel wäre, würde sie jetzt in meinem Wohnzimmer  im Kreise einer Enkelschar sitzen, denen sie Märchen erzählt. Aber all das wollte sie ja nicht, sondern hat es vorgezogen, mir mein einziges Kind rauben zu lassen und zu ermorden! Erzähl' mir also nichts von Demeter's  angeblicher Mutterliebe und Güte! Sie ist eine bigotte, hasserfüllte, alte und verbitterte Frau, die ihre schöne Tochter für immer dazu zwingen wollte, bei ihr zu bleiben. An ihrer Seite wäre Persephone zu einer alten Jungfer verblüht, ohne jemals erfahren zu haben, was Liebe und Leidenschaft vermögen. Doch ihre eigene Mutter missgönnte ihr dieses Glück, das sie bei mir fand! Mir fehlen die Worte, um meinem Hass auf meine Schwiegermutter  angemessen Ausdruck zu verleihen!"

Hephaistos bedachte Aides mit einem mitfühlenden Blick und fragte nach einer Weile zaghaft: "Weiß Persephone, welchen Verdacht du gegen ihre Mutter hegst?"

"Nein, ich habe ihr nichts davon gesagt. Dass man uns Sophia raubte, zerriss ihr schon genügend das Herz. Und ich kann ihr nicht verdenken, dass sie mir deshalb Vorwürfe macht."

Aides senkte seinen Blick zu Boden und murmelte: "Ich mache mir ja selbst die größten Vorwürfe. Warum nur habe ich Seraph vertraut? Warum habe ich meine kleine Prinzessin nicht besser geschützt?"

"Niemand konnte ahnen, was passieren würde, Aides", versuchte Hephaistos ihn zu trösten.

"Papperlapapp!", grummelte der Herr der Unterwelt. "Ich hätte meine Tochter eben von noch mehr Wächtern außer ihrer Kinderfrau und Seraph beschützen lassen müssen! Aber ich habe es nicht getan und genau das nimmt mir meine Frau übel!"

"Aber Persephone muss doch einsehen, dass..."

"Persephone sieht gar nichts ein!", schnitt ihm Aides das Wort im Munde ab. "Als ich vor Jahren einmal zaghaft andeutete, dass Sophia möglicherweise nicht mehr am Leben sei, hätte sie mir beinahe das Gesicht zerkratzt! So, mein Freund, sieht der Schmerz einer echten Mutter aus!"

"Du zeigst sehr viel Verständnis für deine Frau", meinte Hephaistos.

"Ich liebe sie eben immer noch."

"Und was sollen dann deine ständigen Spielchen mit diesen Desserts für hübsche Damen?"

"Sie dienen einzig und allein dem Zweck, Persephone daran zu erinnern, dass ich noch ein Mann bin!"

Der Schmied schwieg peinlich berührt. Sein Freund Aides schien heute in sehr melancholischer Stimmung zu ein, sonst hätte er ihm niemals eingestanden, dass es in seiner Ehe Probleme gab. Hephaistos bedauerte das sehr, erinnerte er sich doch noch genau daran, dass diese Verbindung einst aus Liebe entstanden war und welchen Skandal es auslöste, als Persephone seinerzeit mit Aides durchbrannte und es sie nicht im Mindestens interessiert hatte, dass ihre Mutter gegen die Beziehung war. Die schöne, junge Göttin blieb einfach bei dem Mann, dem ihr Herz gehörte, wurde Aides' Gemahlin und schenkte ihm eine Tochter. Das Glück des Paares schien vollkommen zu sein, bis Sophia und Seraph spurlos verschwanden und es ganz danach aussah, als ob der Engel das kleine Mädchen entführt hätte. Nur der Grund blieb rätselhaft, jedenfalls für ihn. Aides jedoch schien in all den Jahrtausenden eine Theorie darüber entwickelt zu haben, wonach Demeter dem Engel irgendetwas versprochen haben musste, um ihn dazu zu bewegen, das Baby des Unterwelt-Paares zu entführen. Aber dass Demeter die Kleine umgebracht haben könnte... nein, das konnte Hephaistos einfach nicht glauben...

 

=~=~=

 

Gegen 16.00 Uhr kam eine der Betreuerinnen aus dem Heim, um Sophia abzuholen.

"Hast du alles?", erkundigte sich die Erzieherin.

Sophia nickte.

"Schön, dann komm jetzt. Herr Wolff wartet bereits im Büro von Frau Meyer auf dich."

Das Mädchen warf noch einen letzten Blick zu seinen beiden Zimmergenossinnen, dann fiel ihr Anna um den Hals und auch Sandra erhob sich jetzt von ihrem Platz am Schreibtisch, um Sophia die Hand zu geben.

"Nichts für ungut", sagte Sandra. "Ich wünsch dir alles Gute."

"Danke, ich wünsche es euch beiden auch."

Dann verabschiedeten sich die Drei voneinander und Sophia folgte der Erzieherin auf den Flur hinaus . Auf dem Weg zum Büro der Heimleiterin meinte die Betreuerin aufmunternd: "Du kommst zu anständigen Leuten, die sicherlich nett zu dir sind. Wirst schon sehen."

Sophia verbiss sich den Kommentar, dass sie genau daran zweifelte. Es schien ohnehin niemanden zu interessieren, was sie wollte oder nicht wollte. Sie musste das tun, was das Jugendamt vorschrieb.

Als sie gemeinsam mit der Betreuerin das Büro von Frau Meyer betrat, saß die Heimleiterin an ihrem Schreibtisch. Auf dem Stuhl davor befand sich ein breiter, bulliger Mann, der sich bei ihrem Eintritt zu ihr herumdrehte. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, während Frau Meyer das Mädchen mit einem wohlwollenden Blick bedachte.

"Das ist Sophia Karadimas [2], ihre neue Pflegetochter", erklärte die Heimleiterin dann. "Tritt näher, Sophia."

Gehorsam tat ihr das Mädchen den Gefallen, während sich Frau Meyer an den bulligen Mann wandte. "Sie werden bestimmt keinerlei Schwierigkeiten mit ihr haben. Sie ist ein sehr ruhiges Kind."

Dann richtete die Heimleiterin das Wort wieder an das dunkelhaarige Mädchen.

"Dies hier ist Herr Gero Wolff, dein neuer Pflegevater."

Die Fünfzehnjährige ließ ihre dunklen Augen erneut zu dem fremden Mann gleiten, der sie von oben herab musterte, und fand ihn auf den ersten Blick unsympathisch.

"Sehr gesprächig ist das Mädchen ja nicht gerade", bemerkte Herr Wolff unzufrieden.

"Nun, Sophia ist ein wenig schüchtern", erwiderte Frau Meyer. "Aber ich bin sicher, wenn sie Sie und Ihre Frau erst einmal besser kennengelernt hat, wird sich das schon verlieren. Wir hatten nie Probleme mit dem Kind."

"Freut mich zu hören", antwortete der bullige Mann, bedachte Sophia jedoch mit einem Blick, als ob er an den Worten der Heimleiterin zweifeln würde. "Dann werden wir es mal mit dem Mädchen versuchen. Hoffentlich verträgt sie sich mit unserer anderen Pflegetochter."

"Oh, da bin ich sicher", flötete Frau Meyer liebenswürdig und erntete daraufhin von Herrn Wolff ein schmieriges Lächeln.

Wenig später saß Sophia auf dem Rücksitz des Wagens, der dem bulligen Mann gehörte, und wünschte nichts sehnlicher, als zurück in das Zimmer zu dürfen, das sie sich mit Anna und Sandra geteilt hatte. Wolff sprach auf der Fahrt kein einziges Wort mit ihr, was die ganze Situation für das Mädchen noch sehr viel unangenehmer machte.

Etwa eine halbe Stunde später fuhr Sophias neuer Pflegevater in die Einfahrt eines kleinen Einfamilienhauses ein und teilte dem Teenager dann mit, dass sie zu Hause seien. Doch Sophia fühlte sich alles andere als willkommen, was durch den Empfang verstärkt wurde, den Frau Wolff ihr bereitete. Sie erwartete das Mädchen an der Tür und machte dabei keinen sympathischeren Eindruck als ihr Mann, ganz im Gegenteil. Mit einem zerschlissenen, schmutzig-gelben Frottee-Bademantel bekleidet und große Lockenwickler im Haar tragend, musterte sie die Fünfzehnjährige von oben bis unten mit einem abschätzigen Blick.

"Unsere neue Pflegetochter", erklärte Gero Wolff.

"Schon klar", giftete sie ihren Mann an, wobei ihr die halb ausgerauchte Zigarette beinahe aus dem Mundwinkel fiel. "Meinst du, ich bin blöd?!"

Sie sah Sophia erneut mit einem taxierenden Blick an, bei dem sich das Mädchen alles andere als wohl fühlte. Am liebsten wäre sie weggelaufen.

"Schon wieder so ein mageres Ding", lautete dann Frau Wolffs Kommentar. "Wo hast du nur deinen Verstand?! Konntest du kein kräftigeres Mädchen kriegen?"

Sophia fand diese Bemerkung höchst merkwürdig, verstand aber, dass sie den Vorstellungen ihrer Pflegemutter überhaupt nicht entsprach. Demnach musste deren Mann offenbar etwas falsch gemacht haben, denn sie bedachte Gero mit einem wütenden Blick.

"Du weißt, dass wir nehmen müssen, was sie uns anbieten, und momentan war nur dieses Mädchen zu haben", begann der bullige Mann sich zu rechtfertigen. "Außerdem hat die Heimleiterin die Kleine in den höchsten Tönen gelobt. Wir sollten es mit ihr wenigstens ein paar Tage versuchen, Emma."

Sophia hielt den Zeitpunkt für günstig, um sich einzumischen.

"Wirklich bedauerlich, dass ich Ihren Ansprüchen nicht genüge", sagte sie, doch in ihrer Stimme schwang wieder ein leicht spöttischer Ton mit, den sie einfach nicht unterdrücken konnte. "Es wäre bestimmt besser, wenn Ihr Mann mich wieder ins Heim zurückbringt."

Sowohl Frau Wolff als auch ihr bulliges Ehegespons starrten Sophia fassungslos an. Offensichtlich hatten sie nicht erwartet, dass das Mädchen es überhaupt wagen würde, sich zu äußern.

"Nichts da!", keifte die Pflegemutter dann und öffnete die Tür noch einen Spalt weiter. "Da wir dich jetzt auf dem Hals haben, werden wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Und jetzt beweg deinen Hintern endlich herein! Ich habe keine Lust, stundenlang an der offenen Tür zu stehen!"

In Sophia wuchs der Widerwille gegen das unfreundliche Ehepaar und sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. In der nächsten Sekunde wurde sie mit einem festen, schmerzhaften Griff von Gero Wolff am Oberarm gepackt.

"Wirst du wohl gehorchen, du kleines Biest?!", knurrte der bullige Mann und schob sie Richtung Haustür, während seine Frau diese Geste mit zufriedenem Grinsen zur Kenntnis nahm. Nachdem Gero Wolff das widerspenstige Mädchen gewaltsam in den Flur seines Hauses gedrängt hatte und dann hinter sich die Tür lautstark zumachte, drehte sich seine Gattin in Richtung Küche und schrie: "Flora!"

Einen Moment später erschien ein dünnes, blondes Mädchen, das im gleichen Alter wie Sophia zu sein schien und sehr eingeschüchtert wirkte, neben Frau Wolff. Unsicher starrte sie zur Pflegemutter, die sie anschnarrte: "Sag guten Tag zu deiner neuen Schwester und zeig ihr dann, wo sie schläft, bevor du wieder an die Arbeit gehst."

"Ja, Frau Wolff", haucht die Angesprochene gehorsam, bevor sie sich mit leiser Stimme an Sophia wandte. "Guten Tag, bitte, folge mir."

Betroffen über die devote Art des anderen Mädchens folgte ihr Sophia ohne Widerspruch, war aber nunmehr restlos davon überzeugt, dass es sich bei dem Ehepaar Wolff um zwei widerwärtige Subjekte handelte, die nur nach außen hin das menschenfreundliche Paar spielten und vorgaben, aus reinem Mitgefühl Pflegekinder bei sich aufzunehmen.

Flora brachte Sophia in ein etwa 30 qm großes Zimmer, in dem sich ein Etagenbett, ein Kleiderschrank und ein Schreibtisch mit zwei Stühlen befanden.

"Hier wohnen wir ", erklärte das blonde Mädchen.

"Ein bisschen eng", meinte Sophia. "Und ich denke, ich bin auch zu groß, um noch in einem Etagenbett zu schlafen."

"Dir wird nichts anderes übrig bleiben", antwortete Flora entschuldigend und sah ihre neue Mitbewohnerin beschämt an. "Herr und Frau Wolff haben es nun einmal so entschieden."

"Herr und Frau Wolff? Sollen wir die wirklich so anreden?", fragte Sophia stirnrunzelnd.

"Ja, sie wünschen es!", bestätigte ihr Flora und nickte, dabei ihren Blick zu Boden senkend.

"Sehr merkwürdig, wo sie doch vorgeben, für uns wie Eltern zu sein und uns ein behagliches Heim bieten zu wollen", entgegnete Sophia ironisch und ließ ihre Reisetasche, in dem sich ihre wenigen Habseligkeiten befanden, neben sich zu Boden gleiten. "Ich frage mich, was wohl die Leiterin des Waisenhauses, in dem ich bisher lebte, dazu sagen würde. Sie ist davon überzeugt gewesen, dass ich es bei den Wolffs sehr gut haben werde."

Endlich sah Flora wieder zu Sophia auf und sagte leise: "Oh ja, sie verstehen es glänzend, die Mitarbeiter des Jugendamtes zu täuschen. In Wirklichkeit..."

"FLORA!", drang da die schrille Stimme von Frau Wolff durch das Haus, worauf das blonde Mädchen erschreckt zusammenzuckte.

"Entschuldige bitte", wandte sich Flora an Sophia und eilte dann rasch aus dem Zimmer.

"Glänzende Aussichten", murmelte das dunkelhaarige Mädchen spöttisch, während sie der anderen nachsah und sich dann wieder in dem kleinen Raum umschaute. Sie wusste mit Sicherheit, dass sie hier nicht alt werden würde...

 

=~=~=

 

Aides saß in seinem bequemen, breiten Lieblingssessel in der Bibliothek, ein aufgeschlagenes Buch lag auf seinen Oberschenkeln, doch sein Blick ruhte nachdenklich auf der gegenüberliegenden Wand. Das Gespräch mit Hephaistos hatte alte Erinnerungen in ihm wachgerufen: an die schöne Zeit, als Persephone und er noch jung und verliebt waren. Wie oft hatten sie sich heimlich hinter dem Rücken ihrer eifersüchtigen Mutter getroffen und geküsst. Es war eine wundervolle Zeit gewesen und er war überglücklich, als Persephone seinen Heiratsantrag annahm. Nachdem er ihr Einverständnis hatte, sprach er auch bei Demeter vor und bat sie um die Hand ihrer Tochter. Doch die damals schon weißhaarige Göttin, die trotz ihres Alters ein liebliches Antlitz besaß, lehnte dieses Ansinnen rundheraus ab, obwohl er ihr erklärte, dass Persephone und er sich liebten. Demeter interessierte es einfach nicht. Sie erklärte ihm, dass ihre Tochter zu ihr gehöre, nannte ihn einen niederträchtigen Verführer und Schürzenjäger und verbot ihm, je wieder ihr Haus zu betreten oder sich ihrer Tochter zu nähern. Und als Persephone später noch einmal vernünftig mit ihr zu reden versuchte, schrie die Alte sie an, dass sie keine Tochter mehr hätte, falls diese es sich einfallen ließe, seine Frau zu werden.

Diese erpresserische Redeweise, hinter der zweifellos die Absicht steckte, Persephone wieder an die Mutter zu binden, verfehlte jedoch ihr Ziel: Noch am selben Abend schickte ihm seine damalige Verlobte eine Nachricht, dass er sie abholen solle, und verließ gegen Mitternacht, als Demeter fest schlief und glaubte, ihrer Tochter die Heirat ausgeredet zu haben, das Haus ihrer Mutter.

Persephone hatte ihn zur Ebene von Nysa bestellt, wo er sie in seinem vierspännigen Wagen bereits erwartete. Überglücklich fielen sie sich in die Arme und sie versprach, auf ewig seine Gemahlin zu sein. Danach fuhren sie in seinen Palast und in jener Nacht liebten sie sich das erste Mal...

Die Tür der Bibliothek öffnete sich und Persephone trat ein.

"Ah, hier steckst du also", meinte sie an ihren Mann gewandt, der - aus seinen Erinnerungen gerissen - zu ihr aufsah. Sein Blick ruhte voller Wohlgefallen auf ihr, auch wenn sie unverkennbar etwas älter geworden war. Er fand sie nach wie vor überaus begehrenswert.

"Was gibt es, Cherie?", fragte er.

"Aphrodite hat angerufen und wollte wissen, ob ihr Mann sich heute noch einmal zu Hause sehen lässt", erwiderte Persephone kühl. "War er nachmittags nicht bei dir und ihr habt euch mal wieder mit Wein berauscht?"

"Wir haben nur einen guten Tropfen aus unserer schönen Heimat genossen, Liebste, und über alte Zeiten geplaudert, weiter nichts. Danach ist er gegangen."

"Hat er gesagt, wohin er wollte?"

"Er sprach davon, nach Hause zu seiner besseren Hälfte zu wollen", gab Aides süffisant zurück und grinste ein wenig. "Offen gesagt, wundert es mich, dass er noch nicht dort angekommen ist und dass Aphrodite Sehnsucht nach ihm zu haben scheint."

"Und mich wundert, dass sie ihn nicht längst verlassen hat!", entgegnete Persephone verärgert und funkelte ihren Mann mit einem bösen Blick an, worauf sein Lächeln jedoch noch breiter wurde.

"Weißt du, dass du besonders schön aussiehst, wenn du wütend bist?"

Sie schnaubte laut hörbar auf, drehte sich dann auf dem Absatz um und rauschte hinaus. Leise seufzend starrte Aides ihr nach. Ihr hitziges Temperament hatte ihm schon immer gefallen und es machte ihm Spaß, sie zu reizen. Ihr Zorn war jedenfalls besser zu ertragen als ihre traurige Verbitterung, weil sie ihr Baby verloren hatte. Doch von diesen Spielchen wurde seine Ehe natürlich nicht besser. Vermutlich würde ihre Beziehung nie mehr so sein wie am Anfang, denn die Aussicht darauf, Sophia jemals wiederzufinden, waren gleich Null. In all den Jahrhunderten hatte er nicht die geringste Spur von der Kleinen oder ihrem Entführer finden können. Deshalb war er auch davon überzeugt, dass Demeter seine Tochter umgebracht hatte. Vielleicht hatte sie danach auch Seraph umgebracht, wer wusste das schon? Jedenfalls verhieß die Tatsache, dass seine Schwiegermutter sich seit Tausenden von Jahren erfolgreich vor ihm verbarg, nichts Gutes.

Oh, wie er Demeter hasste!

Aber er brachte es dennoch nicht über sich, seiner Frau von seinem Verdacht zu erzählen. Es lag nicht in seiner Absicht, Persephone noch mehr zu schockieren, als sie es ohnehin schon war. Und wer weiß? Vielleicht wäre gerade sein Verdacht, dass Demeter ihr Enkelkind umgebracht hatte, das endgültige Aus ihrer Ehe. Und er wollte nicht, dass ihn Persephone verließ, auch wenn ihre Ehe seit dem Verschwinden ihrer Tochter in einer tiefen Krise steckte und seine Frau seitdem kaum mehr das Bett mit ihm geteilt hatte.

Eigentlich bedeutete ihm keine andere Frau außer seiner Gemahlin etwas, aber man konnte von einem Mann wie ihm schwerlich verlangen, jahrtausendelang wie ein Mönch zu leben. Persephone duldete deshalb seine kleinen Affären oder seine Besuche in einschlägigen Etablissements stillschweigend und tat so, als ob sie davon nichts bemerkte. Aber er wusste, dass sie es wusste...und da sie nicht mehr mit ihm schlafen wollte und dies auch nur tat, wenn ihr Verlangen nach ihm zu groß wurde, machte sie ihm keine Vorwürfe. Es war nett von ihr, sie war eine verständnisvolle Frau - und dennoch wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie vor Eifersucht getobt hätte. Ob sie ihn überhaupt noch liebte?

Jedenfalls war sie seit Sophia's Verschwinden nicht mehr schwanger geworden, was vermutlich daran lag, dass sie verhütete. Er verstand Persephone nur allzu gut. Wie konnte sie sich über ein neues Baby freuen, wenn sie nicht wusste, was mit ihrem ersten Kind geschehen war?

Er empfand genau dasselbe und hegte deshalb ebenso wenig wie seine Frau den Wunsch nach weiteren Nachkommen, obwohl er sich inzwischen resigniert damit abgefunden hatte, dass Sophia wahrscheinlich schon lange tot war. In der Regel kehrten auch tote Kinder in sein Reich ein, aber Demeter verfügte über außergewöhnliche Hexenkräfte und hatte wahrscheinlich auf den Leichnam seiner Tochter einen Bann gelegt, der verhinderte, dass ihr junger Geist den toten Körper verlassen konnte und auch nach seiner Verrottung an die Grabstätte gebunden blieb.

"Mein armes, kleines Mädchen", dachte Aides und eine Träne trat aus einem seiner Augen. "Wenn ich dir doch wenigstens helfen könnte, Frieden zu finden. Wenn ich nur wüsste, wo dich deine fürchterliche Großmutter begraben hat."

Nein, er war in dieser Geschichte nicht der Böse - Demeter war es! Aber sie konnte sich ja nicht für alle Ewigkeit verborgen halten. Und wenn er sie fand, dann würde sie den Preis für ihre Untat bezahlen müssen...

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

[1] Die "Twins" brauchen unbedingt Namen und ich habe mir erlaubt, sie nach den Dioskuren zu benennen.

[2] Die weibliche Form des griechischen Familiennamens wird in der Gesellschaft, in der Sophia zu diesem Zeitpunkt lebt, nicht berücksichtigt. Man benutzt nur die männliche Form.

 

 

 

 

Sophia hatte Ruhe, bis Flora wieder in ihrem Zimmer erschien, um sie zum Abendessen zu holen.

"Hast du schon eingeräumt?", erkundigte sich das blonde Mädchen.

"So weit, wie ich es für nötig hielt", antwortete Sophia.

Flora runzelte verständnislos die Stirn.

"Was willst du damit sagen?", fragte sie verwundert.

"Ich denke nicht, dass ich lange hier bleiben werde", erklärte Sophia selbstsicher. "Die Wölfin ist von mir offensichtlich nicht besonders angetan und ihr Mann hat nicht viel zu melden. Aber ich glaube, er mag mich auch nicht."

"Darauf kommt es nicht an", flüsterte Flora und schaute sich ängstlich um, ehe sie fortfuhr: "Die haben dich und mich nur bei sich aufgenommen, weil sie Geld für uns bekommen. Wir sind denen völlig egal."

"Etwas anderes hätte ich nach diesem frostigen Empfang auch nicht erwartet", meinte Sophia, die sich zu ihr umgewandt hatte. "Und außerdem zwingen sie dich dazu, ihre Putzfrau zu sein oder sowas, nicht?"

"Ja, ich muss alle Arbeit im Hause verrichten und einkaufen gehen", gab Flora zu und nickte. "Alles, wozu Frau Wolff keine Lust hat."

"FLORA!", ertönte da wieder die keifende Stimme der Pflegemutter. "Verdammt noch mal, wo bleibt ihr denn? Wenn ihr nicht sofort am Tisch seid, dann gibt es für euch heute kein Abendessen mehr."

"Pah, ich hab sowieso keinen Hunger", zischte Sophia wütend und blickte mit Augen, in denen kleine Zornesflammen tanzten, in die Richtung, aus der Frau Wolffs Stimme zu hören gewesen war. "Mir ist die Gesellschaft solcher Leute äußerst zuwider."

"Bitte, Sophia, mach bloß keinen Ärger", bat das andere Mädchen ängstlich. "Wir bekommen sonst nichts mehr zu essen und ich hab Hunger. Bitte, komm doch, bitte..."

"Die dürfen dir keine Nahrung verweigern!", empörte sich Sophia.

"Bitte, mach heute Abend bloß keinen Ärger", bat Flora erneut. "Bitte, tue es mir zuliebe."

Das blonde Mädchen sah ihre neue Zimmergenossin so flehentlich an, dass Sophia nachgab und schweigend mit Flora im Esszimmer erschien, das von der Küche nur durch eine kleine Schrankgruppe abgeteilt war.

"Wurde ja auch endlich Zeit, dass ihr kommt!", fuhr Frau Wolff die beiden Mädchen an.

"Entschuldigung", murmelte Flora kleinlaut und setzte sich rasch an den Tisch, die Augen gesenkt.

Sophia nahm auf dem Stuhl neben ihr Platz, ohne ihre neuen Pflegeeltern eines Blickes zu würdigen.

"Und? Hast du uns nicht auch etwas zu sagen?!", fragte Emma Wolff.

Sophia schüttelte den Kopf und vermied es weiterhin, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar und ihren Ehemann anzuschauen.

"Das ist doch wirklich die Höhe!", begann Frau Wolff erneut zu keifen.

"Antworte gefälligst meiner Frau, wenn sie mit dir spricht!", befahl Herr Wolff streng. Nachdem er einen Moment vergeblich gewartet hatte, dass Sophia darauf reagierte, fuhr er in ärgerlichem Ton fort: "Frau Meyer hat sich geirrt, als sie davon sprach, dass du uns keine Probleme bereiten würdest. Im Heim haben sie deine Verstocktheit bestimmt toleriert, aber bei uns kommst du damit nicht durch. Dieses Verhalten werden wir dir schon austreiben!"

"Wir sollten für heute mal ein Auge zudrücken", sagte seine Frau. "Unser neues Mädchen ist ja erst vor ein paar Stunden gekommen und vielleicht wirklich noch ein wenig schüchtern, so wie diese Heimleiterin es sagte. Flora wird ihr später die Verhaltensregeln in diesem Hause erklären und ich bin sicher, dass Sophia sich in Zukunft danach richten wird."

Unzufrieden widmete sich ihr Mann daraufhin seinem Essen, während sie dem dunkelhaarigen Mädchen einen bösen Blick zuwarf. Flora, die das sah, schwante nichts Gutes. Gewiss würde das Verhalten ihrer neuen Mitbewohnerin noch ein Nachspiel haben, egal, was die Pflegemutter gerade von sich gegeben hatte. Das blonde, schüchterne Mädchen ließ ihre Augen zu Sophia wandern, die keinen Bissen zu sich nahm, obwohl der Tisch gedeckt war und man sich bedienen konnte. Vermutlich, so fürchtete sie, würde es nicht lange dauern, bis der nächste Krach kam...

=~=~=

 

Seit Jahren, nachdem er Sophia wohlbehalten wieder der Fürsorge des Jugendamtes übergeben und sich davon überzeugt hatte, dass man sich im Heim gut um das Mädchen kümmerte, war Seraph auf der Suche nach Demeter. Kurz nach ihrem Eintritt in das Zeitportal und ihrer Ankunft im 19. Jahrhundert hatten sie sich aus den Augen verloren, da er den Auftrag von Persephone's Mutter ausführte, Sophia vor einem Armenhaus auszusetzen. Demeter hatte ihm zudem den Zeitschlüssel anvertraut, damit er sie - falls er sie nicht mehr im 19. Jahrhundert wiederfand - in einem anderen Zeitalter aufspüren konnte.

"Ich werde eine andere Gestalt annehmen", hatte sie ihm beim Abschied gesagt. "Wir müssen aufpassen, denn Aides ist sicherlich auch in späteren Epochen immer noch ein mächtiger Mann. Achte darauf, dich wie ein Mensch zu kleiden und zu geben, um nicht aufzufallen."

"Glaubt Ihr denn, dass er uns immer noch sucht?", fragte Seraph.

"Mit Sicherheit ist er auf der Suche nach mir, da wir ja von derselben Art sind", antwortete Demeter. "Und da du gleichfalls kein Mensch bist, rate ich dir dringend, dich ebenfalls verborgen zu halten. Du weißt ja, dass mein Schwiegersohn sehr nachtragend ist, und wenn dich seine Häscher finden, dann musst du mit dem Schlimmsten rechnen. Aides wird kein Erbarmen zeigen."

Diesen Rat hatte er beherzigt und war bis jetzt nicht erwischt worden. Nur dumm, dass er Demeter bisher nicht wiedergefunden hatte. Woran sollte er sie auch erkennen, wenn sie eine andere Gestalt besaß und sicherlich auch einen neuen Namen?

Da jetzt Friede herrschte und sich das Orakel nicht mehr verbarg, hatte er beschlossen, die Wahrsagerin aufzusuchen und sie nach dem Aufenthaltsort von Persephone's  Mutter zu fragen. Zu diesem Zweck hatte er sich als College-Student getarnt und sich auf den Weg gemacht. Demeter hatte ihm damals versprochen, ihn von der Bindung an Sophia, die er Aides zu verdanken hatte, zu lösen. Aber sie wollte es erst dann tun, wenn er ihren Auftrag erledigt hatte.

Seraph hoffte wirklich sehr, dass das Orakel ihm helfen konnte. Denn so lange ihn Demeter nicht befreit hatte, würde er sich immer an Sophia gebunden fühlen, auch wenn er sich schon lange nicht mehr in der Nähe des Mädchens aufhielt.

Gezielt lenkte Seraph seine Schritte in die Seitengasse, in der sich einige kleine Mietshäuser befanden, bis er vor Hausnummer 3 stehenblieb und nach oben sah. Das Orakel sollte hier im 3. Stock links wohnen. Eigentlich seltsam, dass eine Frau, die von so vielen Menschen um Rat gebeten wurde, in einer dermaßen schäbigen Gegend wohnte, anstatt in einem besseren Viertel. Doch sie hatte gewiss ihre Gründe dafür und es war nicht seine Sache, sich in die Angelegenheiten einer anderen Person einzumischen.

Als er das Haus betrat, hielt er kurz inne, um zu spüren, ob eventuell irgendwelche Gefahr für ihn drohte. Aber da war nichts. Keine Agenten und auch nicht der Hauch einer Andeutung, dass Leute von Aides sich in der Nähe aufhielten. Offenbar hatte sich die Lage seit dem Ausgleich der Anomalie weitgehend entspannt. Es war wirklich ein überaus angenehmes Gefühl und Seraph kam es beinahe so vor wie früher, als er noch nicht in den Diensten von Aides stand - damals, bevor die Brüder sich die Welt untereinander aufteilten und lange bevor der Göttervater sich dazu entschloss, Fabelwesen und Geschöpfe mit außergewöhnlichen Kräften (die nicht zu den Göttern zählten) aus der Welt, die die Menschen ihre  "Realität"  nannten, zu verbannen. Er drohte ihnen mit Löschung, ließ ihnen aber genügend Zeit und Spielraum, damit sie seinen Bruder Aides aufsuchen konnten, um ihn um Hilfe zu bitten. Zeus wusste und duldete es, dass diese Geschöpfe sich in das sogenannte  'Exil'  flüchteten, was nichts anderes hieß, als dass sie sich im Reich der Unterwelt aufhielten. Manche zogen es aber auch vor, sich innerhalb der Matrix zu verstecken. So lange sie dabei nicht den Plänen von Zeus in den Weg kamen oder durch ihr Erscheinen die Illusion dieser Welt aufzudecken drohten, störte es den Göttervater nicht im Geringsten. Natürlich trug ein solches Vorgehen dazu bei, dass der Machtbereich von Aides seit damals stark zugenommen hatte und dass viele der sogenannten  'Exilanten'  ihm treu ergeben waren. Mochte sein früherer Herr auch nicht gerade der freundlichste Patron sein, so konnte man ihm einen starken Gerechtigkeitssinn nicht absprechen.

Aufgrund der neuen Bestimmungen des Göttervaters also geriet auch er damals in den Machtbereich der Unterwelt, da er sich nicht einfach vernichten lassen wollte. Doch ein Geschöpf wie er eignete sich nun einmal nicht dazu, plötzlich ein unfreies Leben führen und aufpassen zu müssen, wann er unbemerkt durch den Himmel fliegen konnte. Es war eigentlich auch nicht die Schuld von Aides' gewesen, der ihn relativ freundlich empfangen hatte, nachdem er einem der Agenten von Zeus entkommen konnte. Und war es nicht ein ausgesprochener Vertrauensbeweis von Aides und Persephone gewesen, als sie ihm die Aufgabe übertrugen, über ihre neugeborene Tochter zu wachen? Doch unzufrieden, wie er damals gewesen war, hatte er es nicht zu schätzen gewusst, sondern sich von Demeter davon überzeugen lassen, dass alle Kinder, die Persephone von ihrem Mann empfing, potenziell gefährliche Wesen werden würden.

Seraph seufzte. All dies lang viele Jahrtausende zurück und war nicht mehr ungeschehen zu machen. Vielleicht würde er diese Erinnerungen endlich loswerden, sobald er Demeter gefunden und sie ihn von der Bindung an Sophia, die bis zu diesem Zeitpunkt immer seine Schutzbefohlene bleiben würde, befreit hatte.

Er hatte den dritten Stock erreicht, wandte sich nach links und klingelte. Einen Moment später öffnete ihm eine junge Frau, führte ihn in einen Raum der Wohnung, in dem sich außer ihm niemand befand, und bat ihn, dort zu warten. Es dauerte keine zehn Minuten, bis die junge Dame wieder erschien und ihn in ein Wohnzimmer führte, in dem er bereits von einer dunkelhäutigen, älteren Frau erwartet wurde, die auf einem geblümten Sofa saß und genüsslich eine Zigarette rauchte.

"Sind Sie das Orakel?", fragte Seraph erstaunt, hatte er sich die Wahrsagerin doch gänzlich anders vorgestellt.

"Ja", erwiderte die Angesprochene und nickte. Dann wandte sie sich an die junge Frau. "Danke, Anne, du kannst jetzt gehen. Ich werde heute niemanden mehr empfangen, da mein Gespräch mit diesem jungen Mann länger dauern wird. Es ist sehr wichtig, dass wir uns ungestört unterhalten können."

Seraph beobachtete, wie die junge Frau namens Anne nickte und dann die Tür hinter ihm schloss, ehe er sich wieder der Wahrsagerin zuwandte. Diese schenkte ihm ein breites Lächeln und sagte dann: "Bitte, setz dich doch, Seraph. Ich habe dich seit langem erwartet."

"Sie kennen mich?", fragte der Engel verwundert und ließ sich auf einem Sessel ihr gegenüber nieder, sie dabei neugierig musternd. Das Orakel antwortete nicht sofort, sondern lächelte ihn einen längeren Augenblick an. Schließlich fuhr sie fort: "Jetzt können wir offen miteinander reden, falls du dir sicher bist, dass du unerkannt hier gelangt bist."

"Wer sollte mich schon verfolgen?"

"Du weißt wer."

Seraph blickte die Wahrsagerin schweigend an, während er das Gefühl bekam, dass sie alles von ihm wusste... alles, sogar den Verrat an seinem Herrn... den Verrat an dem Mädchen, für das er sich immer noch verantwortlich fühlte und dessen Nähe er absichtlich so lange nicht mehr gesucht hatte.

"Niemand konnte mich bis jetzt aufspüren", erklärte er dann. "Vielleicht wurde ich inzwischen vergessen."

"Nein, das trifft nicht zu", antwortete das Orakel und schüttelte den Kopf. "Der Merowinger ist immer noch voller Zorn auf dich und wenn er dich jemals zu fassen kriegen sollte, wirst du seinen ganzen Hass zu spüren bekommen."

Seraph schluckte, obwohl die alte Frau vor ihm genau das aussprach, was er selbst wusste. Er konnte es Herrn Aides nicht einmal verdenken. Vermutlich würde er sich genauso verhalten, wenn man sein Kind entführt hätte und er nicht wusste, was mit ihm geschehen war. Er schämte sich so sehr für seine Tat.

"Würde mir ganz recht geschehen", meinte er dann und senkte den Kopf. "Ich habe ein großes Unrecht begangen."

"Nein, Seraph!", widersprach das Orakel und ihre Stimme klang nun ein wenig energischer. "Was du getan hast, war richtig."

"Wie können Sie das sagen?"

"Du bist wirklich sicher, dass dir keiner der Häscher des Merowingers auf der Spur ist?"

"Seit Jahren verberge ich mich erfolgreich vor ihnen und Sie brauchen doch gewiss keine Furcht vor ihm und seinen Leuten zu haben."

"Oh, da irrst du dich, mein Lieber. Es ist ihm ein Dorn im Auge, dass ich auf Seiten der Menschen stehe und versuche, ihnen zu helfen."

"Wie ich ihn kenne, dürfte ihm das ziemlich egal. Der Merowinger steht auf keiner Seite, ihn interessieren die Freiheitskämpfer nicht, aber er hat auch nichts gegen die Menschen oder die Maschinen, so lange er nicht von ihnen behelligt wird."

"Nein, da hast du recht. Ihn interessieren nur seine Geschäfte und dass diejenigen, die etwas von ihm erbitten, den Preis dafür bezahlen, den er von ihnen verlangt", gab ihm das Orakel recht. "Er hat sich seit Tausenden von Jahren nicht geändert. Nur die Art und Weise, wo und wie die Bittstellung jetzt erfolgt, ist anders. Man betritt zwar noch immer einen seiner Tempel, wenn man zu ihm geht, aber niemand bemerkt es. Sie sehen nur Clubs, Büros, Firmen oder Restaurant und dergleichen mehr, die sich überall auf der Erde befinden. Und deshalb wird auch keinem Menschen bewusst, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie den Merowinger aufsuchen und ihn um seine Hilfe bitten."

"Und Sie wissen es, Orakel?"

"Ja, genauso wie du, Seraph", erwiderte die Wahrsagerin, drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, der sich auf einem kleinen Tisch neben ihrem Sofa befand, und erhob sich. "Und genauso wie du verberge ich mich seit meiner Flucht vor ihm."

Der Engel sah stirnrunzelnd zu der alten Frau auf.

"Was haben Sie ihm denn getan?", fragte er verblüfft.

"Erinnerst du dich wirklich nicht mehr daran, dass wir einst durch das Zeitportal gereist sind, Seraph?", gab die Wahrsagerin zurück und lächelte ihn wissend an. "Weißt du noch, dass wir das Kind vor seinem Vater in Sicherheit bringen mussten?"

Nun erhob sich auch der Engel von seinem Sessel, starrte dabei die alte, dunkelhäutige Frau mit offenem Mund an. Es dauerte einen Moment, bis er die Sprache wiederfand.

"Ihr seid es?", fragte er dann verblüfft.

"Ja", bestätigte sie ihm und lächelte.

"Warum spüre ich dann nicht die mächtige Energie von Euch ausgehen, die Euch stets zu eigen war, Demeter?"

"Erstens würde mich das sofort verraten und zweitens ist es kein menschlicher Körper, den ich jetzt bewohne", erklärte sie. "Das sogenannte Orakel ist ein Programm, in dessen äußerliche Hülle ich geschlüpft bin und seitdem die Rolle spiele, für die dieses Programm geschaffen wurde."

"Es wurde von Zeus konstruiert, um den Retter der Menschen auf den richtigen Weg zu führen", murmelte Seraph, immer noch sichtlich verwirrt. "Es ist ein Instrument, weiter nichts. Und Ihr bewohnt es und werdet somit ein Teil des Spiels zwischen Göttern, Menschen und Maschinen?"

"Ja, das ist leider so", seufzte das Orakel und blickte ihren Besucher mit einem wehmütigen Blick an. "Zugegeben ist es ein wenig demütigend für mich, die ich einst doch so mächtig war. Aber andererseits bin ich, so lange ich dieses Programm besetzt halte, in Sicherheit. Niemand, nicht einmal Zeus, ahnt, dass ich sein Orakel kontrolliere und auf diese Weise tatsächlich versuche, den Menschen zu helfen, sich zu befreien."

"Ihr wisst, dass es sich dabei um eine Illusion handelt", erinnerte sie Seraph eindringlich.

"Zumindest möchten Zeus und seine Brüder, dass es dabei bleibt", erwiderte Demeter. "Aber ich glaube, ich kann den Menschen wirklich helfen, aus diesem Spiel herauszukommen und es zu beenden. Der letzte Retter Zions schlug beispielsweise einen anderen Pfad ein, als Zeus es wünschte, und brachte auf diese Weise das Spiel ein wenig durcheinander... Nun ja, am Ende lief es plangemäß ab und er opferte sich für den Frieden zwischen seinen Artgenossen und den Maschinen auf. Für eine lange Zeit werden wir wieder gemeinsam leben können und uns gegenseitig in Ruhe lassen. Wenigstens so lange, bis Zion wieder auf eine zu große Anzahl von Menschen angestiegen sein wird und sich die Maschinen erneut bedroht fühlen. Dann beginnt das Spiel von Neuem."

Sie seufzte.

"Aber du bist sicher nicht gekommen, um mit mir über das Spiel zu plaudern, nicht wahr?", wandte sie sich dann erneut Seraph zu.

"Nein, eigentlich kam ich hierher, um Euch zu finden."

"Ja, ich habe mir schon gedacht, dass es schwierig für dich sein würde", meinte sie und setzte sich wieder. "Aber früher oder später hoffte ich, dass du das Orakel aufsuchst. Ich freue mich wirklich, dich wiederzusehen."

Seraph nickte ihr schweigend zu.

"Ich nehme an, du hast den Auftrag, den ich dir gab, erledigt?", erkundigte sich Demeter dann.

"Was meint Ihr genau?", fragte er nach, obwohl er ahnte, was sie wissen wollte.

"Du solltest dafür sorgen, dass Sophia eine neue Bleibe im 19. Jahrhundert findet. Ich sagte dir doch, dass Waisen damals in England in der Regel einem Armenhaus überlassen wurde, das sich dann um sie kümmerte. Hast du Sophia in ein solches Haus gebracht?"

"Ja, Demeter, genau wie Ihr es wünschtet", antwortete Seraph. Doch er verspürte nicht den geringsten Wunsch, Persephone's  Mutter davon zu berichten, dass er das kleine Mädchen nicht in dieser Einrichtung ließ, in der sie wahrscheinlich über kurz oder lang gestorben wäre.

"Damit gehört Sophia also der Vergangenheit an", stellte Demeter mit kühler Sachlichkeit fest. "Ich bedaure es zwar, aber diese Handlungsweise war notwendig und richtig. Dieses Mädchen wäre sonst viel zu gefährlich geworden."

Seraph erinnerte sich daran, wie er die kleine Sophia in den Armen gehalten hatte und sich zu keinem Zeitpunkt von ihr bedroht gefühlt hatte - weder als Baby noch als Dreijährige. Vielmehr dachte er daran, wie hilflos und verzweifelt sie geweint hatte, nachdem Frau Karadiou sie ihm in die Arme gedrückt hatte... sie hatte auch noch geweint, als er sie einem der Mitarbeiter des Krankenhauses übergab, die mit mehreren Wagen an den Brandort kamen, um sich um die Menschen zu kümmern, die aus dem brennenden Mietshaus entkommen waren. Und auch später, als die Kleine sich wieder in einem Kinderheim befand, weinte sie und vermisste ihre Adoptiveltern. Sophia hatte die beiden Menschen wirklich geliebt, hatte in ihnen ihre wahren Eltern gesehen. Sie war ganz sicherlich kein Ungeheuer und auch keine Gefahr für irgendjemanden auf der Welt.

"Sophia war noch ein kleines Kind", wandte Seraph ein. "Was, wenn Ihr Euch geirrt habt, Demeter? Vielleicht stellte Eure Enkelin für niemanden eine Gefahr dar? Hätten wir dann nicht bitteres Unrecht begangen?"

Die in Gestalt der Wahrsagerin befindliche Göttin zog ärgerlich ihre Augenbrauen zusammen.

"Wie du weißt, besitze ich die Gabe, Visionen aus der Zukunft zu empfangen, Seraph!", sagte sie mit strenger Stimme. "Und ich habe gesehen, was ich gesehen habe. Dieses Kind war gefährlich. Sie war die Tochter von Aides, vergiss das nicht! Es geschah auch zu ihrem Besten, dass wir sie ihren Eltern fortgenommen haben. Glücklicherweise sind der Ehe meiner Tochter und meines Schwiegersohnes keine weiteren Nachkommen entsprossen, sonst hätte ich mich auch noch um diese kümmern müssen."

"Ihr hättet also alle Eure Enkelkinder entführen lassen?", fragte der Engel ungläubig.

"Was glaubst du, was für Geschöpfe Aides mit meiner Tochter zeugt?"

"Götterkinder, die sicherlich nicht anders sind als die Kinder seiner beiden Brüder."

"Zeus hat schon seit langem das Interesse daran verloren, mit irgendeiner Frau das Bett zu teilen, und Poseidon... nun ja, ein großer Frauenheld ist er nie gewesen. Aber Aides, ja, der wusste das Leben zu genießen, auch wenn er es verstand, seinen Ruf makellos zu halten. Bevor er meine arme Tochter verführte, hatte er zahlreiche Affären gehabt - und er soll auch heute kein Kostverächter sein, was das weibliche Geschlecht angeht. Doch davon spricht keiner. Mich wundert es, dass Persephone dennoch bei ihm bleibt. Ich hatte gehofft, dass er es irgendwann zu weit treibt und sie ihn endlich verlässt."

"Aides liebt Persephone wirklich", wagte Seraph zu bemerken.

"Glaub alles, nur das nicht", entgegnete Demeter. "Mein Schwiegersohn liebt vor allem sich selbst und die Macht, die er besitzt. Meine Tochter stellt für ihn nur ein Prunkstück dar, etwas, womit er angeben kann. Sie bedeutet ihm gar nichts! Er würde sie doch sonst nicht mit anderen Weibern hintergehen, oder?!"

"Nun, ich bin nicht gekommen, um mich mit Euch über die Ehe Eurer Tochter zu unterhalten", meinte Seraph. "Und da ich Euch nun gefunden habe, bitte ich Euch, endlich die Bindung zwischen Sophia und mir zu lösen, die Euer Schwiegersohn auf mich legte, als er mich zum Leibwächter seiner Tochter ernannte."

"Aber das ist doch nicht mehr nötig, Seraph", gab das Orakel zurück. "Du hast Sophia ins 19. Jahrhundert gebracht und das ist schon sehr lange her. Sie dürfte inzwischen nicht mehr unter den Lebenden weilen, womit automatisch deine Bindung an das Mädchen erloschen ist. Du bist also frei."

Seraph wusste nicht, was er zu dieser Eröffnung sagen sollte. Diese einfache Erklärung hatte er nicht erwartet - andererseits wollte er Demeter nicht eingestehen, dass ihre Enkelin noch lebte und die Bindung zwischen ihr und ihm damit weiterhin Bestand behielt. Irgendetwas in seinem Inneren hielt ihn davon ab, Demeter die Wahrheit zu sagen.

"Weißt du, Seraph, du könntest eigentlich bei mir bleiben und als mein Beschützer fungieren", schlug ihm da Demeter vor. "Das von Zeus konstruierte Orakel besitzt nämlich zufällig auch ein Schutzprogramm namens  'Seraph', das dir nachempfunden ist. Es handelt sich um einen Androiden, den du ruhig besetzen könntest. Es gibt einfach kein besseres Versteck vor dem Merowinger als diesen Körper."

"Nun, ich weiß nicht recht..."

"Hast du denn eine andere Aufgabe? Etwa einen Job irgendwo, dem du nachgehen musst?"

"Nein, bis jetzt noch nicht."

"Was spricht also dagegen, dass du bei mir bleibst und mich beschützt? Manchmal würde ich mich gerne mal mit jemandem über die alten Zeiten unterhalten. Doch außer dir habe ich niemanden."

"Und was ist mit Euren Bewunderern, Euren Verehrern und Anhängern?"

"Ja, davon gibt es viele und sie haben mich gern und sind mir dankbar für meine Hilfe. Aber sie entstammen doch nicht der Epoche, aus der wir beide kommen. Und hin und wieder sehne ich mich nach der Zeit zurück, als ich jung war, als meine Tochter heranwuchs und ich mich so gut mit ihr vertrug, bis... aber lassen wir das! Es ist nicht mehr zu ändern."

"Klingt nicht gerade so, als ob Ihr einen Beschützer benötigen würdet, Demeter."

"Da irrst du dich! Mag sein, dass wir uns momentan in einer Periode befinden, die uns für lange Zeit Frieden bringt, aber das wird sich auch wieder ändern. Bis jetzt haben sich sechs Menschenretter aufgeopfert und der siebente kommt eines Tages. Da heißt es für uns, gewappnet zu sein."

"Gut, ich denke über Euer Angebot nach, Demeter. Lasst mir ein wenig Zeit."

Sie nickte und wirkte zufrieden.

"Wir werden gut miteinander auskommen, Seraph, das sehe ich."

"Das sehen Sie?", fragte der Engel verblüfft.

"Oh ja, schließlich bin ich das Orakel..."

 

Nach dem Abendessen half Sophia Flora freiwillig beim Tischabräumen und abwaschen, während es sich Emma und Gero Wolf vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatten und sie nicht weiter beachteten.

"Ich habe gehört, dass du es schon ein Jahr mit den Wölfen aushältst?", begann Sophia neugierig, wobei sie gleichzeitig damit anfing, das Geschirr abzutrocknen.

"Ja, das stimmt, und ich war am Anfang so froh, dass mich überhaupt jemand haben wollte", antwortete Flora. "Zuerst waren die beiden auch ganz nett zu mir. Frau Wolff hat früher sogar mal für die Familie gekocht und wenn ich von der Schule nach Hause gekommen bin, stand das Essen auf dem Tisch. Zu der Zeit habe ich ihr auch gern geholfen und sie hat mich gelobt. Aber nach und nach kam immer mehr Hausarbeit dazu, es wurde mir einfach zu viel und das sagte ich dann auch Frau Wolff. Da zeigte sie mir plötzlich ein ganz anderes Gesicht von sich und erklärte mir, dass ich froh sein soll, dass ihr Mann und sie mich bei sich aufgenommen haben. Doch wenn es mir nicht passt, würden sie mich sofort zurück ins Heim bringen und dafür ein anderes Mädchen zu sich nehmen. Ein Mädchen, das dankbarer wäre."

"Warum hast du den Vorschlag denn nicht angenommen?"

"Weißt du...", Flora biss sich auf die Lippen und senkte den Blick. "Ich... ich bin schon mal negativ aufgefallen..."

"Das kann ich mir gar nicht vorstellen", meinte Sophia und runzelte die Stirn.

"Aber es ist so. Ich habe geklaut, weil..."

"Weil?"

"Meine Mutter ist Alkoholikerin und... na ja, das meiste Geld, das sie von der Stütze bekam, investierte sie in Hochprozentiges - wenn du verstehst, was ich meine."

"Ja, durchaus. Und?"

"Ich habe schon mal hin und wieder ein paar Lebensmittel geklaut, weil nichts zu essen im Hause war... und eines Tages wurde ich dann beim Klauen erwischt", erzählte Flora leise und stockend.

"Aber wenn du Hunger hattest, kann dir doch niemand daraus einen Vorwurf machen."

"Vielleicht nicht, aber...", erneut biss sich Flora auf die Lippen und wagte es nicht, Sophia anzusehen. "Nach einer gewissen Zeit habe ich nicht nur Lebensmittel geklaut, sondern auch andere Dinge, die ich brauchte oder haben wollte. Erst dabei wurde ich erwischt, vorher nicht."

"Hast du ihnen denn nicht erzählt, wie es dazu kam?"

"Doch, aber das nützte nichts."

"Haben sie dir denn nicht geglaubt?"

"Weiß nicht, vielleicht ein bisschen. Jedenfalls konnte sich das Jugendamt selbst davon überzeugen, dass meine Mutter alkoholische Getränke für ihre besten Freunde hält und mich vernachlässigt hat. Der Jugendrichter befand deshalb, dass ich wegen der Diebstähle 120 Stunden Sozialdienst abzuleisten hätte, wobei mir ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt wurde, bei dem ich mich einmal in der Woche melden musste. All das steht in meiner Akte beim Jugendamt. Darüber hinaus wurde ich der staatlichen Jugendfürsorge übergeben, da der Richter entschied, dass meine Mutter nicht in der Lage sei, in angemessener Weise für mich zu sorgen."

"Und wie hat deine Mutter darauf reagiert?", wollte Sophia wissen.

"Es war ihr egal", antwortete Flora. "Ich war ihr egal und bin es immer noch. Sie hat sich bisher kein einziges Mal gemeldet, seit man mich ihr weggenommen hat."

"Und dein Vater?"

"Den kenne ich kaum noch. Er ist vor Jahren gegangen und hat nie wieder etwas von sich hören lassen. Vermutlich hat er längst vergessen, dass Mutter und ich existieren."

Sophia schwieg betroffen. Sie hatte sich, seit ihre Adoptiveltern bei dem Brand umgekommen waren, immer nach einer Familie gesehnt, hatte sich immer vorgestellt, dass man dann behütet und geborgen sei und niemals allein. Doch nachdem, was Flora ihr gerade erzählte, gab es keine Garantie darauf, dass jemand mit Familie ein glücklicheres Los besaß als sie. Im Falle ihrer Pflegeschwester schien es gerade so zu sein, als wäre diese ohne ihre Eltern besser dran - wenn man mal davon absah, dass sie bei den Eheleuten Wolff gelandet war.

"Und weil du früher mal einen Fehler gemacht hast, lässt du dich von den Wolffs ausnutzen?", fragte Sophia, nachdem ihr dieser Gedanke gekommen war.

"Mein Ruf ist ohnehin nicht gerade der Beste, doch wenn mich meine Pflegeeltern wieder ins Heim zurückbringen und gegenüber dem Jugendamt irgendeine erfundene Geschichte erzählen, dann kann ich echte Schwierigkeiten bekommen", erwiderte Flora. "Sie haben mir gegenüber schon so etwas angedroht, falls ich mich ihnen nicht füge. Und da ich nicht unbedingt scharf darauf bin, den Rest meiner Jugend in einem Heim für schwer Erziehbare zu verbringen, werde ich tun, was die Wolffs wollen."

"Das darf doch einfach nicht wahr sein!", empörte sich Sophia. "Du solltest wirklich versuchen, mit einer deiner früheren Betreuerinnen in Kontakt zu treten und ihr erzählen, was die Pflegeeltern von dir verlangen und dich sogar erpressen!"

"Das hat wirklich keinen Sinn, Sophia", erwiderte Flora und schüttelte den Kopf. "Für mich interessiert sich einfach keiner. Weder meine Eltern noch irgendwelche Betreuer vom Jugendamt. Sie sahen echt glücklich aus, als ich sie verließ. Wenn die Wolffs mich jetzt zurückbringen und zum Beispiel als Grund dafür angeben, dass ich sie ständig beklaue und es nicht besser wird, dann bestätigt das dem Jugendamt nur, was sie sowieso schon glauben."

"Aber du beklaust sie doch gar nicht, oder doch?"

"Nein, tue ich nicht. Seit man mich erwischte, bin ich anständig geblieben - ich möchte doch auch nur ein ruhiges Leben führen, weiter nichts. Und so lange ich mache, was die Wolffs von mir fordern, ist alles gut. Aber sobald ich 18 bin, verlasse ich dieses Haus."

"Doch bis dahin sind es noch ein paar Jahre, nicht wahr? Das heißt, dass es schlimmer werden könnte! Willst du dich wirklich so lange von dieser Schlampe und ihrer Bulldogge ausbeuten lassen?"

"Schlampe und Bulldogge klingt gut", murmelte Flora und begann dann zu kichern. Doch sie wurde gleich wieder ernst und fuhr leise fort: "Sehr viel schlimmer kann es gar nicht kommen. Ich mache doch schon die gesamte Hausarbeit und da die beiden jetzt dich zu sich geholt haben, wirst du mir bestimmt dabei helfen müssen."

"Ich denke nicht daran, der Schlampe die Hausarbeit abzunehmen", gab Sophia trotzig zurück. "Sie ist unsere Pflegemutter und eigentlich sollte sie für uns sorgen, nicht umgekehrt."

"Sie tut es nicht. Sobald ich von der Schule heimkomme, muss ich mit dem Kochen anfangen."

"Das ist doch viel zu spät."

"Nein, nein, pünktlich um 14.00 Uhr steht das Essen auf dem Tisch, sonst gibt es Ärger mit Frau Wolff und ihrem Mann."

"Ach, die Schlampe hat auch noch Sonderwünsche? Das wird ja immer besser!"

"Bitte, Sophia, du solltest nicht so offensichtlich gegen sie opponieren. Sie können wirklich sehr unangenehm werden."

"Pah, was können die mir schon tun? Ich wollte ohnehin nicht hierher kommen und habe daher auch keine Angst, wenn die Wolffs mich ins Heim zurückbringen."

"Aber sie werden dir dann irgendetwas zur Last legen, auch wenn es nicht stimmt!"

"Dann werde ich sagen, dass sie lügen!"

"Man wird den Wolffs eher glauben als dir, Sophia", meinte Flora erschrocken. "Sei doch bloß nicht so naiv. Die beiden genießen den besten Ruf beim Jugendamt."

"Wahrscheinlich nur, weil du niemandem erzählst, wie gemein sie zu dir sind."

"Es nützt ja nichts, das sagte ich dir bereits."

"Also ich habe nicht vor, mich damit abzufinden", erwiderte Sophia entschlossen und zog ihre Augenbrauen zusammen. "Wenn die mich schlecht behandeln, dann werde ich ins Heim zurückgehen. Besser dort als hier unter den Wölfen."

"Leg dich lieber nicht mit ihnen an, Sophia", warnte Flora und sah sie ängstlich an. "Du solltest die beiden nicht unterschätzen. Du bist doch nur ein Heimkind, weiter nichts. Oder hast du etwa noch Eltern, die sich um dich sorgen?"

Das dunkelhaarige Mädchen senkte ihren Blick und spürte erneut den tiefen Schmerz über den Verlust der geliebten Adoptiveltern, die sie vor Jahren verloren hatte.

"Nein, meine Eltern sind tot", murmelte sie und schluckte die Tränen hinunter, die ihr in die Kehle gestiegen waren. Dann schaute sie wieder zu Flora hoch und erklärte: "Aber trotzdem werde ich niemandem erlauben, mich schlecht zu behandeln! Auch ein Waisenkind hat Rechte, weißt du! Die Schlampe und ihre Bulldogge dürfen sich nicht alles erlauben!"

Flora war entsetzt und dennoch empfand sie eine gewisse Hochachtung für Sophia, die sehr selbstsicher wirkte. Sie fragte sich, woher das dunkelhaarige Mädchen so viel Stolz hernahm, da sie doch offensichtlich keinen mehr auf der Welt hatte, der ihr helfen könnte.

"Warten wir erst mal ab, wie es laufen wird", beschwichtigte Flora. "Und da wir jetzt fertig sind, lass uns in unser Zimmer gehen. Ich muss noch Hausaufgaben machen."

"Oh, ich weiß ja gar nicht, wie ich von hier in meine Schule komme!", fiel es da Sophia ein. "Darüber wurde auch im Büro von Frau Meyer nicht gesprochen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Hm... sieht ganz so aus, als ob ich doch noch einmal mit der Bulldogge sprechen muss."

"Warte mal, du gehst sicherlich mit mir zur Schule, oder?"

"Ah ja, vielleicht", Sophia wandte sich lächelnd Flora zu. "Gehst du auf das Gagern-Gymnasium?"

"Gymnasium?", wiederholte Flora verblüfft. "Du besuchst ein Gymnasium? Die vom Heim haben dir erlaubt, eine höhere Schule zu besuchen?"

"Aber ja, warum denn nicht? Ich bin ziemlich gut in der Schule", antwortete das dunkelhaarige Mädchen voller Stolz. "Bei dir scheint es nicht der Fall zu sein, wenn ich deine erstaunten Fragen richtig interpretiere?"

"Nein, ich gehe nur zur Hauptschule und werde nächstes Jahr fertig."

"Und was willst du dann machen?"

"Am liebsten würde ich eine Ausbildung im Büro machen, aber ich fürchte, dass mein Abschluss dazu nicht ausreicht. Da braucht man mindestens Mittlere Reife."

"Es gibt doch weiterführende Berufsfachschulen, das wäre eine Möglichkeit", meinte Sophia. "Ich an deiner Stelle würde nicht so schnell aufgeben."

"Die Wolffs werden mir diese Option nicht einräumen", gab Flora zurück. "Jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Ach, wenn ich doch schon 18 wäre."

"Geh zum Jugendamt und rede dort mit einer Mitarbeiterin. Ich bin sicher, dass sie dir hilft", riet ihr ihre Gesprächspartnerin. "Warum länger als nötig bei Pflegeeltern verharren, die dich schlecht behandeln? Und ich werde jetzt mal ins Wohnzimmer gehen, um mit der Bulldogge zu sprechen. Bis später."

"Sophia, nicht...", warnte Flora, aber das Mädchen mit den dunklen Haaren war bereits aus der Küche gegangen...

 

=~=~=

 

Seraph hatte sich nach seiner Wiederbegegnung mit Demeter in eine kleinen Tee-Stube in China-Town verzogen, um über das Gespräch mit ihr nachzudenken. Er fand es seltsam, dass eine einst so mächtige Göttin es als notwendig erachtete, sich in einem konstruierten Programm zu verstecken. Sie musste wirklich sehr große Angst vor ihrem Schwiegersohn haben, obwohl sie unsterblich war. Aber wahrscheinlich fürchtete sie die sadistischen Foltermethoden und Strafmaßnahmen, die Gang und Gäbe im tiefsten Bereich des Tartaros waren, wohin Aides sie zweifellos einsperren lassen würde, wenn er ihrer habhaft wurde.

"Diese große Machteinbuße und Unfreiheit sind ein sehr hoher Preis für die persönliche Rache an Tochter und Schwiegersohn", sinnierte Seraph, der längst nicht mehr an die angebliche Vision Demeters, wonach die kleine Sophia ein gefährliches Geschöpf werden würde, glaubte. Persephone's Mutter hatte einfach nicht akzeptieren wollen, dass ihre Tochter sich an einen Mann band, der ihr schon immer verhasst war. Vermutlich nur deshalb, weil Aides nicht zu denjenigen gehörte, der anderen schmeichelte. Nein, er nahm eigentlich kein Blatt vor den Mund, wenn ihm etwas wichtig war, doch diese rigorose Ehrlichkeit vertrug nun einmal nicht jeder. Seraph vermutete, dass der Herr der Unterwelt Demeter zuvor schon einmal unangenehme Dinge ins Gesicht sagte - wahrscheinlich auch, als er bei ihr um Persephone's  Hand anhielt und die Schwiegermutter in spe in beleidigte. So etwas ließ sich Aides nun einmal nicht gefallen!

"Wenn ich doch meine damalige Untat ungeschehen machen könnte", dachte Seraph voller Scham. Sophia war ein unschuldiges Kind gewesen, gezeugt aus Liebe, von ihren Eltern gewünscht und willkommen geheißen... und durch seine Schuld wuchs sie nun in dem Bewusstsein auf, von den leiblichen Eltern verstoßen worden zu sein, und sie litt innerlich darunter. Vielleicht hätte sie mit der Zeit gelernt, diesen bitteren Schmerz zu überwinden, wenn ihre Adoptiveltern nicht bei dem Wohnungsbrand umgekommen wären. Doch durch dieses Unglück verdoppelte sich das Leid des Mädchens, das er deutlich spüren und kaum ertragen konnte. Deshalb verließ er die Dreijährige damals, im festen Glauben, dass sie im Kinderheim gut aufgehoben sein würde, und war nach Amerika geflohen. Diese weitere, räumliche Entfernung half ihm dabei, sein Inneres vor demjenigen Sophia's zu verschließen, um ihren Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Bis vor kurzem hatte es ja auch gut geklappt, aber gerade heute musste er immer wieder an die Tochter von Persephone und Aides. Doch das hing wahrscheinlich mit seiner Wiederbegegnung mit Demeter zusammen.

Wie es Sophia wohl gerade ging? Was sie wohl machte?

Vor seinem inneren Auge tauchte plötzlich ein schäbig aussehendes Wohnzimmer auf, zwei unangenehme Menschen und ein junges Mädchen, das seiner früheren Herrin Persephone wie aus dem Gesicht geschnitten war und sehr wütend aussah...

Das konnte nur Sophia sein! Bei allen Göttern! Was hatte seine kleine Schutzbefohlene mit diesen merkwürdigen Erwachsenen zu schaffen! Wie kam sie an einen dermaßen elenden Ort?!

Seraph erhob sich und straffte die Schultern. Es wurde Zeit, diesem Alarm zu folgen, denn Sophia schien sich in ernsthaften Schwierigkeiten zu befinden und es war seine Pflicht, sie zu schützen...

 

=~=~=

 

Sophia ging zur halbgeöffneten Tür des Wohnzimmers, in dem noch der Fernseher lief, klopfte entschlossen an den Türrahmen und trat dann einfach ins Zimmer.

"Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich störe", sagte sie ohne eine Spur von Demut in der Stimme und grinste ein wenig, als sie die perplexen Gesichter von Emma und Gero Wolf sah.

Die Frau fing sich als Erste wieder und fragte verärgert: "Was willst du?"

"Ich möchte nur wissen, wie ich morgen zur Schule kommen soll", erwiderte Sophia und wandte sich direkt an den Mann. "Haben Sie eine Monatskarte für mich gekauft?"

"Eine Monatskarte?", echote Gero Wolff erstaunt.

"Ja, meine Schule dürfte ein ganzes Stück von hier entfernt sein", gab das Mädchen zurück.

"Wir werden dich morgen in der Schule anmelden, in die auch Flora geht", entschied Emma Wolff.

"Nein, das glaube ich kaum!", widersprach Sophia und schüttelte den Kopf. "Ich besuche ein Gymnasium und werde das auch weiterhin tun!"

"Ein Gymnasium?", fragte Gero Wolff. "Was willst du auf einem Gymnasium?"

"So viel wie möglich lernen und mein Abitur machen", antwortete Sophia.

"Schmink dir das ab", entgegnete der Pflegevater. "Für ein Mädchen ist es vollkommen unnötig, Abitur zu machen. Du bist ganz hübsch und wirst sicherlich irgendwann heiraten. Dazu braucht man kein Gymnasium zu besuchen. Konzentriere dich lieber darauf, kochen und Haushaltsführung zu lernen. Mehr wirst du im Leben nicht brauchen."

"Aha, na da bin ich ja mal gespannt, was das Jugendamt dazu sagt, dass Sie mich einfach vom Gymnasium nehmen und in eine Hauptschule stecken wollen", meinte das Mädchen süffisant.

"Du wagst es, mir zu drohen?!", gab Gero Wolff lauernd zurück.

"Nein, das ist keine Drohung", erklärte Sophia. "Aber es interessiert das Jugendamt bestimmt, aus welchem Grund Pflegeeltern, die angeblich das Beste für ihre Schützlinge wollen, es für angebracht halten, zum Beispiel eine gute Schülerin wie mich aus dem Gymnasium zu nehmen, um sie in eine Schulform zu stecken, die nicht ihrem Niveau entspricht."

"Du bist wirklich ein freches, kleines Ding!", ereiferte sich Emma Wolf, warf dem Mädchen einen bösen Blick zu und erhob sich vom Sofa. "Was fällt dir ein, uns zu drohen?!"

"Ich drohe nicht, ich mache Sie nur darauf aufmerksam, dass es gewiss die Aufmerksamkeit des Jugendamtes erregt, wenn ich plötzlich zu einer anderen Schule wechsle, ohne dass sich meine bisherigen Leistungen verschlechtert haben", meine Sophia kühl. "Ich brauche noch nicht einmal zum Jugendamt zu gehen, die werden sich ganz von selbst bei Ihnen melden, wenn Sie mich tatsächlich an der gleichen Schule anmelden wie Flora. Dann sollten Sie besser eine plausible Erklärung bereit haben... ach, und mich wird man dann natürlich auch befragen."

"Dir gehört ordentlich der Hintern versohlt!", schrie Emma auf. "Was für ein freches, kleines Miststück! Da holt man sich so ein verstoßenes Kind ins Haus, weil man es gut mit ihm meint, und bekommt dafür ein freches Maul angehängt! Du solltest uns dankbar sein, statt uns mit dem Jugendamt zu drohen."

"Erstens drohe ich Ihnen nicht, sondern mache Sie nur auf die Konsequenzen aufmerksam, die eine willkürliche Ummeldung meinerseits an eine andere Schule unweigerlich nach sich ziehen wird. Das kann man wohl kaum als Frechheit bezeichnen", entgegnete Sophia kühl. "Zweitens sehe ich keinen Grund, Ihnen in irgendeiner Weise dankbar zu sein. Schließlich habe ich nicht darum gebeten, zu Ihnen zu kommen. Man hat es einfach so entschieden, ohne mich zu fragen. Ich habe mich im Heim ganz wohlgefühlt!"

"Das hör' sich einer an", schnaubte Gero Wolff wütend. "Noch die Eierschalen hinter den Ohren und redet schon sehr geschwollen daher! Aber das werde ich dir austreiben, du Früchtchen, na warte!"

Er erhob sich vom Sofa, kam mit grimmigem Gesicht auf Sophia zu und holte mit seiner Hand aus, um ihr ins Gesicht zu schlagen. Doch ein Blick in ihre dunklen Augen ließ ihn innehalten, er vermeinte darin ein loderndes Feuer zu sehen, das ihn zu verbrennen drohte, wenn er sich ihm näherte. So war er plötzlich außerstande, seine Hand zu bewegen und sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wie hypnotisiert ließ er sie sinken und starrte das jungen Mädchen vor ihm, welches den Kopf stolz erhoben hatte und ihn verächtlich betrachtete, fassungslos an.

"Was ist los?", keifte seine Frau ihm ins Ohr. "Willst du dieser frechen Göre nicht eine Lektion erteilen?!"

"Ich... ich glaube, die Kleine hat recht...", murmelte er wie gebannt. "Wir müssen ihr ein Monatsticket kaufen, damit sie morgen in die Schule fahren kann."

"Wie bitte?!", entfuhr es Emma zornig.

"Dem Jugendamt würde es tatsächlich negativ auffallen, wenn wir das Mädchen ohne Grund von ihrer bisherigen Schule nehmen", erklärte Gero, der immer noch leicht paralysiert wirkte. "Wir sollten keine unnötige Aufmerksamkeit auf uns lenken."

"Vielen Dank", sagte Sophia und zog ihre Mundwinkel leicht spöttisch hoch. "Eine Gute Nacht noch. Bis Morgen."

Sie verließ den Raum und zog die Tür hinter sich zu, um dann in das Zimmer zu verschwinden, welches sie mit Flora teilte. Diese wartete schon mit klopfendem Herzen dort auf sie und fragte, als Sophia eintrat: "Wie ist es gelaufen?"

"Die Bulldogge wird mir morgen das Monatsticket für die Schule kaufen", erklärte ihre neue Mitbewohnerin lächelnd, worauf Flora vor Erstaunen den Mund leicht öffnete. "Bist du jetzt wohl so freundlich, mir zu zeigen, wo ich mich waschen kann?"

 

=~=~=

 

Seraph schloss resigniert die Augen. Er konnte kaum glauben, was er gerade von draußen durch das Fenster des Einfamilienhauses beobachtet hatte: Sophia besaß die Fähigkeit, den Willen eines Menschen zu beeinflussen. Zwar war sie sich dessen nicht bewusst, sondern handelte instinktiv aus einer Art Notwehr heraus, weil der große, kräftige Mann sie zu schlagen beabsichtigte, aber dennoch beunruhigte Seraph das Ganze. Er fragte sich, warum man Sophia überhaupt der Obhut solch grässlicher Menschen anvertraute, die ihr doch ganz offensichtlich alles andere als wohlgesonnen waren. Darüber hinaus befand sich noch ein anderes Mädchen in diesem Hause. Ob das etwa die Tochter des widerlichen Ehepaares war?

Der Engel richtete seine Aufmerksamkeit auf die Frau und den Mann, die sich nach Sophia's Verschwinden aus dem Wohnzimmer zu streiten begonnen hatten. War das vielleicht der Anfang von dem Unheil, das die Tochter von Persephone und Aides über die Menschheit bringen sollte, so wie Demeter es in einer Vision gesehen haben wollte?

Doch da spürte Seraph erneut die Präsenz seiner jungen Schutzbefohlenen. Er konnte sie sehen, wie sie im Badezimmer dieses Hauses war, sich am Waschbecken festhaltend vor dem Spiegelschrank stand und weinte. Er konnte spüren, welch tiefer Schmerz in ihr saß und dann empfing er ihre Gedanken:  >Warum haben mich meine Eltern verstoßen? Warum wollten sie mich nicht?<

Das klang so gar nicht nach einem gefährlichen Ungeheuer, sondern nach einem verzweifelten Mädchen, das sich nach einer liebevollen Familie sehnte, nach einem Elternhaus voller Geborgenheit. Sie hatte es auch gehabt, doch er - Seraph - musste es ihr ja nehmen.

Erneut fühlte er sich schuldig, weil er damals den Worten einer zornigen Göttin geglaubt hatte, die es ihrer Tochter persönlich übelnahm, sich selbst einen Gemahl gewählt zu haben. Warum nur war er so empfänglich für die Einflüsterungen Demeter's  gewesen? Waren Persephone und ihr Mann nicht stets fair zu ihm gewesen? Die beiden konnten schließlich nichts dafür, dass Zeus beschlossen hatte, alle mythologischen Wesen aus seiner rationellen Matrix-Welt zu eliminieren.

Ja, heute war ihm klar, wie alles zusammenhing - doch er konnte seine Tat nicht mehr ungeschehen machen. Wenigstens wollte er dafür sorgen, dass Sophia nicht allzu sehr litt. Aber auch in dieser Hinsicht besaß er nur eingeschränkten Spielraum, da er ja kein Gott, sondern lediglich ein Beschützer war. Heute Nacht würde er ihr jedoch schöne Träume schenken, um ihr ein wenig Trost in all ihrem Leiden zukommen zu lassen...

 

=~=~=

 

Nachdem sich auch Flora im Bad fertig gemacht und endlich zurück in das Zimmer gekommen war, das sie nun mit Sophia teilte, schloss ihre neue Mitbewohnerin hinter ihr die Tür ab. Verwundert sah Flora sie an.

"Ist nur zur Sicherheit", erklärte das dunkelhaarige Mädchen und stellte dann noch einen Stuhl so vor die Tür, dass sich die Lehne direkt unter dem Türgriff befand.

"Zur Sicherheit?", fragte Flora und runzelte verständnislos die Stirn.

"Na ja, ich will einfach verhindern, dass die Schlampe oder ihre Bulldogge nachts zu uns kommen und uns verprügeln oder etwas in der Art."

"Das haben sie bisher nicht getan."

"Dann hast du großes Glück gehabt", behauptete Sophia und bedachte das blonde Mädchen mit einem ernsten Blick. "Ich traue den beiden einfach nicht. Sie sind keine guten Menschen, sondern ziemlich gemein. Weißt du, wir sollten zusammen zum Jugendamt gehen und erzählen, wie die Wolffs uns behandeln."

"Nein, ich sagte dir doch bereits, dass das keinen Sinn hat", widersprach Flora und schüttelte den Kopf. "Man wird uns nicht glauben, wir sind doch nur Kinder, von denen niemand mehr etwas wissen will. Wir müssen lernen, uns selbst durchzuboxen. Sobald wir 18 sind, werden wir frei sein."

"Bis dahin kann jedoch viel geschehen! Die Wölfe könnten uns wer weiß was antun. Sie werden dich bestimmt keinen Beruf lernen lassen!"

"Wie kommst du denn darauf?"

"Ich hab so ein merkwürdiges Gefühl bei den beiden, ich kann es nicht erklären", sagte Sophia. "Wir dürfen nicht hierbleiben, Flora, sie meinen es nicht gut mit uns."

"Ja, das ist mir auch klar", seufzte ihre Zimmergenossin und setzte sich mit hängenden Schultern auf den unteren Bereich des Etagenbettes, die Augen zu Boden gerichtet. "Aber ich möchte nicht mehr ins Heim zurück."

"Du willst also lieber bei den Wölfen bleiben?", fragte Sophia und zog erstaunt ihre Augenbrauen hoch. "Das kann doch nicht dein Ernst sein. Das sind böse Leute."

"Die zweieinhalb Jahre kriege ich auch noch rum, dann bin ich hier weg", antwortete Flora.

"Ich will gleich hier weg! Morgen nach der Schule fahre ich in mein altes Kinderheim zurück und werde mit Frau Meyer sprechen!"

"Tue, was du nicht lassen kannst, Sophia. Ich wünsch dir viel Glück", sagte das blonde Mädchen und schaute wieder zu ihrer Zimmergenossin hoch. "Du hast doch nichts dagegen, dass ich weiter hier unten schlafe, oder?"

"Nein, ich wollte ohnehin lieber nach oben", erwiderte Sophia, kletterte dann an der kurzen Leiter hinauf und legte sich hin. Flora tat es ihr gleich und löschte dann die kleine Lampe, die auf dem Nachttischchen neben dem Bett stand.

"Gute Nacht, Sophia."

"Gute Nacht, Flora."

Wenige Minuten später hörte das dunkelhaarige Mädchen die regelmäßigen Atemzüge ihrer Mitbewohnerin, doch sie selbst war alles andere als müde. Die Auseinandersetzung mit dem unleidlichen Ehepaar, das vorgehabt hatte, sie vom Gymnasium zu nehmen, hatte ihr Gemüt sehr aufgewühlt. Wie konnten Menschen dermaßen gemein sein? Sie hatte den beiden gar nichts getan und Flora bestimmt auch nicht. Doch im Gegensatz zu ihrer devoten Pflegeschwester wollte sie sich nicht einfach damit abfinden, bei den Wolffs zu bleiben.

"Wenn meine lieben Eltern doch bloß nicht beim Brand umgekommen wären", dachte Sophia traurig und weinte wieder ein bisschen. "Und warum nur wollten mich meine eigenen Eltern nicht? Warum haben sie mich ausgesetzt. Was habe ich euch getan, Mama und Babbas?"

Sie legte sich auf die Seite und zog die Beine an den Bauch, während sie sich heimlich und leise ihren Tränen hingab.

"Babbas, Mama, was habt ihr mir nur angetan? Babbas, Mama, warum überlasst ihr mich grausamen Leuten? Warum helft ihr mir nicht? Ich bin doch eure Tochter, euer Kind - Mama, Babbas... Mama, Babbas... ich brauche euch... Mama... Babbas... Mama... Babbas..."

Mit diesen vorwurfsvollen Gedanken, die in Sophia's Kopf permanent herumwirbelten, schlief das unglückliche Mädchen schließlich doch ein...

 

=~=~=

 

Persephone stand am offenen Fenster ihres Zimmers und blickte melancholisch in die Nacht hinaus. Es war eine schöne, klare Sommernacht und der volle Mond prangte am Himmel und tauchte die Landschaft vor ihr in ein unwirkliches, phantastisches Licht.

"Eine Nacht für Verliebte", dachte sie traurig und erinnerte sich daran, dass es in einer Nacht wie dieser war, als sie sich das erste Mal heimlich mit Aides auf einer Lichtung im Wald, nahe der Stadt Thespeia, traf. Doch das war lange her und ihre Gefühle für den Gemahl lagen schon lange auf Eis. Vielleicht war das ihm gegenüber ungerecht, aber sie konnte ihm einfach nicht verzeihen, dass er ihre gemeinsame Tochter nicht besser geschützt hatte und nach ihrer Entführung nicht intensiv genug nach ihr gesucht hatte bzw. suchen ließ. Sie wusste, wie sehr Aides sein kleines Mädchen geliebt hatte und wie schmerzlich ihr Verlust auch für ihn war, doch ihrer Meinung nach hätte er niemals aufgeben dürfen, nach ihr zu suchen. Er bestritt zwar, dass es sich so verhielt, aber sie wusste längst, dass er innerlich resigniert hatte. Für ihn stand längst fest, dass ihre kleine Sophia tot war, doch sie konnte das einfach nicht glauben.

Ihre Tochter war ein unsterbliches Kind, wie konnte sie also umgebracht worden sein und von wem? Wer konnte schon ein Interesse daran haben, Sophia zu vernichten?

Sie sog scharf die Luft ein und kräuselte die Stirn, während sie in die Nacht hinaus sah. Natürlich kam ihr bei dieser Frage wie immer ihre eigene Mutter in den Sinn. Sie wusste, dass diese ihr niemals ihre Hochzeit mit Aides verziehen hatte. Sie weigerte sich sogar, sie zu besuchen, als Sophia geboren worden war, und ließ ihr durch Lady Diana ausrichten, dass sie keine Tochter mehr habe. Diese rigorose Ablehnung schmerzte Persephone immer noch, wenn sie daran zurück dachte. Sie verstand einfach nicht, dass ihre Mutter, mit der sie sich früher immer so gut verstanden hatte, ihre Entscheidung für Aides nicht akzeptieren wollte. Schließlich musste sie ja nicht mit ihrem Schwiegersohn zusammenleben.

"Ich müsste es auch nicht mehr", dachte Persephone niedergeschlagen. "Aber ich kann ohne ihn einfach nicht leben."

Doch was sie jetzt noch für ihren Gemahl empfand, war ihr im Grunde genommen schleierhaft. Früher hatte sie ihn sehr geliebt und wäre niemals auf die Idee gekommen, dass dieses intensive Gefühl mit den Jahren zu einem grauen Nichts verblassen könnte. In der Anfangszeit ihrer Ehe konnten sie beide nicht genug voneinander bekommen und als sie ihr erstes Kind erwarteten, waren sie überglücklich gewesen. Sophia war die Frucht dieser leidenschaftlichen Liebe, von der nun kaum mehr etwas übrig geblieben zu sein schien. Die Verbundenheit zwischen ihrem Mann und ihr hatte seit dem Verschwinden ihres geliebten Kindes starke Risse bekommen und wenn sie nicht aufpasste, würde das Band eines Tages ganz zerreißen, obwohl sie es nicht wünschte. Doch sie war daran zum größten Teil selbst schuld.

Seit Jahren hatte sie kein Bedürfnis mehr danach, mit Aides das Bett zu teilen, und verweigerte sich ihm meistens. Damit trieb sie ihren Ehemann geradezu in die Arme anderer Frauen und dürfte ihm deshalb eigentlich weder Vorwürfe machen noch Eifersucht empfinden. Trotzdem kränkte es sie, wenn sie mitbekam, dass er mit einer anderen Frau flirtete. Meistens war Aides ja diskret, was seine Affären anging, aber nicht immer. Seine dämlichen  "Dessert-Spiele"  trieb er zum Beispiel nur dann, wenn sie zugegen war und er ihr damit zu verstehen gab, dass er eigentlich mit ihr schlafen wollte. Das war seine Art, ihr Vorwürfe zu machen, weil sie sich ihm als Ehefrau verweigerte. Doch sie ließ sich nicht erpressen! Nein, das letzte Mal, als ihr Mann eines dieser  "Dessert-Spielchen"  trieb, hatte sie sich auf perfide Art an ihm gerächt, indem sie Neo und seinen Freunden dabei half, den sogenannten  'Schlüsselmacher'  zu befreien, hinter dem sich jedoch niemand anderes als Aides' alter Freund Hephaistos versteckte. Den Freiheitskämpfern zu helfen war eigentlich nicht ihr Part in diesem dummen Theaterstück, aber da Aides sich an besagtem Tag vor ihr so schamlos verhalten hatte, war es ihr ein Bedürfnis gewesen, es ihm einmal mit gleicher Münze heimzuzahlen. Es erfüllte sie mit grimmiger Befriedigung, dass ihr Mann bis zum heutigen Tag nicht genau wusste, was sich da eigentlich zwischen den drei Menschen und ihr in der Herrentoilette des Restaurants abgespielt hatte, was ihn wiederum vor Zorn kochen ließ. Jedenfalls hatte danach zwischen ihnen beinahe ein ganzer Monat lang Funkstille geherrscht und bisher war sie vor weiteren  "Dessert-Spielen" verschont geblieben. Offenbar hatte ihr Mann seine Lektion gelernt.

Es klopfte an ihre Tür und sie wandte sich erstaunt um.

"Herein!", rief sie.

Die Tür öffnete sich und ihr Mann trat lächelnd ein.

"Guten Abend, meine Liebe", sagte er. "Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen."

Sie verzog ihr Gesicht missbilligend und wandte sich von ihm ab, um erneut in die Nacht hinauszusehen. Aides näherte sich ihr und legte behutsam seine Hände um ihre Oberarme.

"Welch eine wundervolle Nacht, nicht wahr?", flüsterte er ihr ins Ohr. "Sie lädt einen geradezu zu einem Spaziergang ein. Was meinst du, Liebling?"

"Bist du etwa gekommen, weil du Lust dazu hast, eine Nachtwanderung zu machen?", fragte sie kühl.

"Unter anderem auch das, aber ich bin durchaus für andere Vorschläge deinerseits offen, mein Liebling", wisperte er, näherte sein Gesicht dem ihren und küsste sie sanft auf die Schulter. Sie schloss kurz die Augen und genoss diese unvermutete Zärtlichkeit. Doch dann fing sie sich wieder, schüttelte seine Arme von sich ab und bewegte sich drei Schritte von ihm weg, ohne ihn anzusehen.

"Was ist los, Persephone?"

"Ich bin nicht Stimmung, Aides, bitte lass mich in Ruhe."

"Ach, komm schon, es ist doch so eine herrliche Nacht. Ein Spaziergang wird uns gut tun."

"Wie gesagt, ich bin nicht in Stimmung."

Er zog ärgerlich seine Augenbrauen zusammen und fragte: "Wann bist du denn schon mal in Stimmung, Madame? Meinst du nicht, dass du es mit deiner Launenhaftigkeit übertreibst?"

Sie wandte sich mit wütender Miene um.

"Ich habe keine Launen, Monsieur, ich bin nur nicht in Stimmung", erklärte sie vehement.

"Ein Spaziergang kann ungemein dazu beitragen, die Laune zu verbessern", gab er zurück. "Früher sind wir öfter in Nächten wie diesen spazieren gegangen, erinnerst du dich? Und ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht auch heute tun sollten. Offenbar kannst du nicht schlafen und ich wäre gerne mit dir zusammen. Einverstanden, ma Cherie?"

"Früher...", begann sie mit gepresster Stimme und blitzte ihn mit ihren Augen zornig an. "Früher hatte ich auch noch ein Baby und nun habe ich es nicht mehr... es wird nie wieder so sein wie früher. Gute Nacht, Aides!"

Sie drehte sich auf dem Absatz um, verließ das Zimmer und schlug die Tür lautstark hinter sich zu. Er starrte ihr nach, wenig überrascht. Nun ja, er hatte es probiert...

Resigniert wandte sich Aides nun dem offenen Fenster zu, lehnte seine Ellenbogen auf die Fensterbank und starrte in den Nachthimmel hinaus. Wie sollte es nur mit ihnen weitergehen? Er liebte Persephone, aber sie gab ihm kaum den Hauch einer Chance, sich ihr zu nähern. Vielleicht sollte er sie mal wieder eifersüchtig machen... nein, das war wohl keine so gute Idee. Das letzte Mal, als er es versuchte, hatte er einige seiner besten Leute eingebüßt.

"Ich verfluche dich, Demeter, du alte Hexe", murmelte er hasserfüllt in die Nacht hinaus. "Wo immer du bist, mein Fluch soll dich ereilen. Ich wünsche dir ebenso viel Leid, wie du meiner Familie und mir zugefügt hast. Und du wirst mir dafür bezahlen, was du meiner kleinen Tochter antatest, das schwöre ich! Ewig kannst du dich nicht vor mir verstecken, bösartiges, altes Weib."

Zornig ballte er seine Hände zu Fäusten und bedauerte es, sie nicht zum Einsatz bringen zu können. Es machte ihn beinahe wahnsinnig, dass er nicht wusste, was mit Sophia geschehen war und wo sich seine verdammte Schwiegermutter versteckt hielt.

"Sophia, mein Kind, wo bist du nur? Wie kann ich dir helfen?", murmelte er traurig.

Plötzlich war es ihm, als ob er aus weiter Ferne das Weinen eines jungen Mädchens hörte. War es ihre gequälte Seele, die sich endlich bemerkbar machen konnte?

"Sophia, mein Kleines...?"

>Babbas... Mama...<

"Sophia, hörst du mich?"

>Warum habt ihr mich allein gelassen? Mama... Babbas...<

Es klang wie die Stimme eines Kindes und danach hörte er leises Schluchzen. Es schnitt ihm ins Herz. Was sein kleines Mädchen jetzt auch immer war und wo sie war, sie brauchte offensichtlich Hilfe. Er musste sie finden...

 

 

 

 

 

 

 

 

Seraph, der großes Mitleid mit Sophia empfand, wartete, bis das Mädchen endlich eingeschlafen war. Dann konzentrierte er sich auf ihre Gedanken, um ihr ein paar schöne Traumbilder zu senden, aber irgendwie wurde seine Konzentration von einer stärkeren Kraft blockiert. Verwundert sah er sich um, doch außer ihm und den schlafenden Menschen in den vielen Häusern der Wohnsiedlung befand sich niemand in der Gegend. Und dann spürte er es, erschrak über den Klang der ihm wohlvertrauten, männlichen Stimme, der für menschliche Ohren unhörbar durch die Nacht schwang und den er deutlich vernahm:

~ Sophia, mein Kind... Sophia, ich habe dich nicht vergessen. ~

Er hatte nie zuvor gehört, dass sein einstiger, strenger Herr mit einer so warmen Stimme sprach. Das war für Seraph etwas völlig Neues. Aber wie kam es, dass Aides' Stimme überhaupt hierher gefunden hatte, dass sie die Wände des Einfamilienhauses durchdrang, in dem Sophia nun wohnte, und seine Versuche, gedanklich zu dem Mädchen vorzudringen, abblockte?  Hatte der Herr der Unterwelt etwa seine verlorene Tochter aufgespürt und würde bald selbst erscheinen, um sie zu sich zu holen?

~ Sophia, wo bist du? ~

Nun, diese Frage verriet immerhin, dass Herr Aides nicht wusste, wo sich Sophia aufhielt. Aber dass er überhaupt nach ihr rief, ließ den Schluss zu, dass er niemals aufgegeben hatte, nach ihr zu suchen. Und eines Tages würde er sie gewiss finden, wenn sie für längere Zeit hier blieb.

Zu allem Überfluss spürte Seraph nun auch, dass das schlafende Mädchen auf die Stimme ihres Vaters zu reagieren begann.

"Babbas...?", murmelte sie im Schlaf und plötzlich war die Verbindung zwischen Seraph und ihr wieder da, denn der Engel wurde in ihre Träume hineingezogen:

 

Ein helles freundliches Licht erfüllte den Raum, in dem sie sich befand. Aus halb geöffneten Lidern starrte Sophia nach oben, sah weiße Rüschen und spürte einen angenehmen, warmen Wind. Und dann erschienen zwei freundliche Gesichter über ihr: das einer schönen, jungen Frau mit dunklen Augen und das eines jungen Mannes, der grüne Augen besaß und dessen Gesicht von einem dunklen Vollbart geziert wurde. Die beiden sahen sie voller Wärme an und sie wusste, dass dies ihre Eltern waren.

Ihr kleines Herz hüpfte vor Freude und sie streckte die Arme nach ihnen aus, strampelte vergnügt und begrüßte sie. Doch statt der Worte 'Mama' und 'Babbas'  kamen nur glucksende Laute aus ihrer Kehle.

"Oh, mein kleiner Schatz", sagte die dunkelhaarige Schönheit, hob sie zu sich hoch und küsste sie zärtlich auf die Stirn und die Wangen. Sophia griff nach der Hand ihrer Mutter, bekam einen Finger zu fassen und drückte ihn, ohne den Blick von ihr zu wenden.

"Sophia, mein Liebling, nun schau mich doch auch mal an", hörte das Mädchen die Stimme des Mannes und drehte neugierig ihren Kopf zu ihm, der neben der Mutter stand. Der Vater schenkte ihr ein warmes Lächeln, seine Augen blickten sie sanft an. Sie streckte unwillkürlich die Hand nach ihm aus und griff ihn in den Bart. Er lachte.

>*Nein, Sophia, all das ist nur eine Illusion!*< , ertönte da eine andere Stimme aus dem Nichts.

Ein Schmerz durchfuhr das Mädchen und plötzlich fand sie sich in einer weiten, einsamen Landschaft wieder, ohne einen anderen Menschen auf der Welt.

"Ich bin wieder allein", dachte Sophia und spürte, wie ihr Herz schwer wurde. Wo waren ihre Eltern, warum waren sie auf einmal verschwunden und warum war sie jetzt kein Baby mehr?

"Mama! Babbas!", schrie sie, so laut sie konnte. "Wo seid ihr? Warum habt ihr mich verlassen?!"

~ Sophia! Sophia, mein Kind. Wir haben dich niemals verlassen! ~ , hörte sie eine sonore, männliche Stimme, von der sie wusste, dass sie ihrem Vater gehörte.  ~ Wo bist du nur, mein Kleines? Sag mir, wo du bist? ~

"Hier, Babbas! Ich bin hier!"

~ Ich werde alles tun, um dich zu finden, Kleines, nur keine Angst. ~

"Babbas! Babbas! Wo bist du?"

~ Auf der Suche nach dir, Sophia. Ich habe dich niemals vergessen und ich werde dich finden. ~

Und dann mischte sich auf einmal wieder diese andere Männerstimme ein, die sehr besorgt klang: >*Sophia, schenk diesen falschen Versprechungen keinen Glauben! All das ist eine Illusion, nichts als eine Illusion, hörst du?*<

Sophia empfand erneut den tiefen Schmerz in ihrem Inneren und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte das Gefühl, dies alles nicht mehr länger ertragen zu können, und ohne es bewusst entschieden zu haben, begann sie in die weite Landschaft hineinzulaufen, vor sich eine Wüste...

 

Mit einem Ruck erwachte Sophia und registrierte einen Moment später, dass sie wieder in ihrem neuen Zuhause war, das diese Bezeichnung kaum verdiente. Ihr Kissen war nass von Tränen und der Schmerz in ihrem Inneren saß immer noch fest. Sie weinte einfach weiter, voller Bedauern, dass der schöne Traum vorbei war.

"Ja, es war wohl nichts weiter als ein Traum", dachte sie verbittert, während ihr die heißen Tränen ungehindert übers Gesicht liefen. "Und es wird ein Traum bleiben. Die Erfüllung von etwas, das niemals wahr gewesen ist. Es gibt keinen Vater, der mich vermisst und nach mir sucht, denn meine echten Eltern haben mich nie geliebt. All das ist nur etwas, was ich mir wünschte.  - Oh, Sophia, du musst endlich damit aufhören zu träumen und allmählich anfangen, dich mit der Realität abzufinden."

Sie schluckte, denn ihr fiel ein, dass sie jetzt bei Pflegeeltern lebte, die sie nicht mochte und zudem verachtete. Bestimmt konnte sie von ihnen nichts Gutes erwarten und ganz gewiss würde vor allem die Schlampe versuchen, sie kleinzukriegen. Aber an ihr sollte sie sich ruhig die Zähne ausbeißen. Sie war nicht so leicht einzuschüchtern wie Flora.

Sophia empfand Mitgefühl für ihre Zimmergenossin, die so wenig Selbstvertrauen besaß und es nicht wagte, sich zu wehren. Vermutlich war Flora früher schon leicht einzuschüchtern gewesen.

"Sie hat zwar Eltern, aber die interessieren sich auch nicht für sie", dachte das Mädchen mitleidig. "Eigentlich ist sie nicht besser dran als ich. Warum nur setzten Menschen überhaupt Kinder in die Welt, wenn sie sich dann nicht um sie kümmern wollen? In dem Fall sollten sie es besser gleich sein lassen. Uns bliebe auf diese Weise viel Kummer erspart. Denn wenn wir nicht existieren, können wir auch nicht leiden. - Aber warum zerbreche ich mir eigentlich den Kopf darüber? Die Leute werden auch weiterhin gedankenlos Kinder kriegen, die sie dann einfach abschieben, ohne sich dafür zu interessieren, was mit ihnen geschieht - daran kann auch ich nichts ändern!"

Sie biss sich auf die Lippen, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und lugte vorsichtig hinunter zu Flora. Auch wenn sie die Menschheit nicht ändern konnte, vielleicht gelang es ihr wenigstens, Flora davon zu überzeugen, sich nicht mehr alles von den Wölfen gefallen zu lassen. Sie würde jedenfalls versuchen, ihrer Pflegeschwester zu helfen, denn der Gedanke, Flora allein bei diesem dubiosen Ehepaar zurückzulassen, beunruhigte sie. Irgendetwas lag in der Luft, das ganz und gar nicht in Ordnung war und das blonde Mädchen unter ihr betraf. Sie war entschlossen, ihr zu helfen...

 

=~=~=

 

Als Seraph das zweite Mal versuchte, Sophia vor ihrem Vater zu warnen, wurden seine Gedanken sofort von einer machtvollen Energie blockiert und festgehalten. Und die zornige Stimme seines einstigen Herrn dröhnte laut in seinem Kopf:

~ Verdammter Verräter! Du lebst also noch?! ~

> Ja, Herr.<

~ Elende Kreatur! Was hast du mit meiner Tochter gemacht? Wo ist sie? ~

> Es geht ihr gut, Herr, ich habe sie immer geschützt, so wie es meiner Aufgabe entspricht.<

~ Wo ist meine Tochter? Sag mir sofort, wo meine Tochter ist! ~

> Sie ist in Sicherheit, Herr, darauf gebe Ihnen mein Wort.<

~ Was ist das Wort eines Verräters schon wert?! ~

> Ich kann verstehen, dass Sie mir nicht vertrauen. Aber Sophia ist nichts geschehen. Es geht ihr gut.<

~ Wenn das der Wahrheit entspricht, dann sag mir endlich, wo sie ist! ~

> In Sicherheit, Herr, in Sicherheit.<

~ Wo ist sie, du mieses Stück Dreck?! WO?! ~

> Es ist besser, wenn Sie es niemals erfahren. Sie würden Ihrer Tochter nicht gut tun.<

~ So eine Unverschämtheit! Aber warte nur, dich kriege ich noch zu fassen! Bereite dich schon einmal mental auf deinen ewigen Aufenthalt im Tartaros vor, elender Verräter! Ich verspreche dir, dich persönlich zu foltern! Es sei denn, du sagst mir endlich, wo meine Tochter ist! Dann erlasse ich dir vielleicht einen Teil der Strafe. ~

> Verzeihen Sie, Herr, aber ich kann es nicht sagen. Es ist mir unmöglich.<

~ Ah... Aha, ich glaube, ich verstehe... ~ , klang es höhnisch in Seraph's Kopf.

 ~ Meine Schwiegermutter hält sie gefangen, stimmt's? ~

> Wie? Nein, das ist nicht wahr, Herr. Sophia ist nicht bei Herrin Demeter.<

~ Und du hast ihr geholfen und bist immer noch auf ihrer Seite... ~

> Nein, das ist nur zum Teil wahr...<

~ Lügner! Sie hat dir irgendetwas versprochen, wenn du meine Tochter entführst. Aber wenn dir deine Seele lieb ist, dann sag mir jetzt auf der Stelle, wo Sophia ist! Was hat die alte Vettel mit meinem Kind gemacht? Wo hält sie es gefangen?! ~

>Nirgends, Herr. Frau Demeter hält Sophia nicht gefangen. Ihre Tochter hat ganz andere Probleme...<

~ Verdammter Verräter! ~ , dröhnte es so laut in Seraph's Kopf, dass er glaubte, sein Schädel platze gleich. Mit aller Kraft, die er noch besaß, versuchte der Engel, sich aus den machtvollen Schwingungen des Herrn der Unterwelt, die seine Gedanken gefangen hielten, zu befreien. Doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. Ihm blieb als letzter Ausweg nur die List.

> Bitte, Herr Aides, geben Sie mich frei. Ihre Tochter braucht meine Hilfe.<

~ WAS?! ~

>Sie wollen doch gewiss nicht, dass Sophia etwas geschieht. Sie ist in Schwierigkeiten und ich muss sie beschützen.<

~ Du bist ein Verräter! Warum sollte ich dir vertrauen?! ~

>Weil Sie gewiss nicht riskieren möchten, dass ihrer Tochter etwas Schlimmes zustößt, wenn ich nicht da bin, um sie zu beschützen.<

Offenbar war Aides' Liebe zu seiner Tochter größer als seine Rachegelüste, denn im nächsten Augenblick spürte Seraph, dass die machtvolle Energie seine Gedanken freiließ. Doch er wusste gleichzeitig, dass er sich am besten so rasch wie möglich aus dieser Gegend hier verziehen sollte, denn Aides'  sandte sicherlich seine Schergen aus, um ihn zu finden. Darum durfte er nicht in der Nähe von Sophia bleiben, sonst würde sie bald in die Hände ihres Vaters fallen. Vermutlich war genau das die Gefahr, von der Demeter gesprochen hatte: Die Kleine allein war ein ganz normales Mädchen, wenngleich auch mit ein paar ungewöhnlichen Kräften versehen, aber unter dem Einfluss von Aides konnte sie sich möglicherweise zu einem gefährlichen Wesen entwickeln. Vielleicht war es doch richtig gewesen, sie zu entführen. Dann hätte ihn Demeter wenigstens nicht angelogen.

Seraph warf noch einmal einen besorgten Blick zu dem Einfamilienhaus, in dem Sophia derzeit lebte. Sie musste in nächster Zeit allein klarkommen, doch sie war ein starkes Mädchen und durchaus in der Lage, sich gegen das grässliche Ehepaar zu wehren. Sie konnte die Gedanken eines Menschen beeinflussen, was ihr sicherlich in ihrer derzeitigen Situation nützlich sein könnte.

"Alles Gute, Sophia", murmelte der Engel und dann rannte er, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, davon...

*

Aides kochte innerlich vor Wut. Da hatte er endlich den Verräter aufgespürt und musste ihn dennoch ziehen lassen, um seine Tochter nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Möglicherweise war diese Behauptung Seraph's ja eine Lüge, aber er wollte auf keinen Fall riskieren, dass seinem Kind etwas Schlimmes widerfuhr. Sei's drum, seine Männer würden den verräterischen Engel schon aufspüren. Wo jener war, da musste auch Sophia sein.

Wenigstens wusste er jetzt, dass seine Tochter noch in irgendeiner Form existierte. Er hatte ihre Stimme gehört, sie rief nach seiner Frau und ihm und sie brauchte Hilfe. Sophia klang völlig verzweifelt und nach der Tonlage zu urteilen, die er in ihren Gedanken wahrgenommen hatte, schien das Mädchen tatsächlich noch ein Kind zu sein, und das, obwohl sie vor etwa 3.000 Jahren entführt worden war. Seine Schwiegermutter, die missgünstige, alte Hexe, musste einen infamen Zauber auf Sophia gelegt haben. Bestimmt hielt sie das Mädchen an irgendeinem unzugänglichen Ort gefangen, von dem es nicht fliehen konnte, und vielleicht fungierte Seraph, dieser elende Verräter, als Wächter seiner Tochter. Es würde ihn nicht wundern, wenn Demeter die Verbindung zwischen den beiden zu diesem Zweck ausnutzte. Immerhin schien sich der Engel nach wie vor für Sophia verantwortlich zu fühlen. Das war gut, denn auf diese Weise würden sie das Mädchen endlich finden können.

"Egal, in welcher Form du jetzt existierst, mein Kind, ich werde dir helfen", dachte Aides, in dem eine irrationale Hoffnung aufzukeimen begann, dass seine Tochter womöglich noch lebte...

 

=~=~=

 

Den Rest der Nacht hatte Sophia unruhig geschlafen und fühlte sich noch dementsprechend müde, als der Wecker klingelte. Sie wartete aber, bis Flora aus dem Bad zurückkam, ehe sie aufstand, um selbst dorthin zu gehen.

"Guten Morgen", sagte Sophia, als sie etwa eine Viertelstunde später das Esszimmer betrat, wo Flora und die neuen Pflegeeltern bereits am Tisch saßen und frühstückten. Die Letzteren bedachten sie mit einem strengen, missbilligenden Blick.

"Na, ist das feine Fräulein endlich fertig?", fragte Emma Wolff, statt den Morgengruß zu erwidern. "Wird auch Zeit, dass du endlich kommst. Für ein Frühstück reicht es jetzt natürlich nicht mehr, höchstens für eine Tasse Tee."

"Ich hab sowieso keinen Hunger", erwiderte Sophia kühl und wandte sich dann an Gero Wolff. "Begleiten Sie mich zur Haltestelle? Schließlich kenne ich mich hier nicht aus und Sie müssen ja ohnehin ein Monatsticket für mich kaufen."

"Mein Mann wird nichts dergleichen tun", antwortete Emma Wolff statt ihres Mannes, worauf Sophia sie stirnrunzelnd ansah. "Es ist herrliches Wetter draußen, die Sonne scheint und es ist warm. Im Geräteschuppen neben der Garage steht noch ein altes Fahrrad, das funktionieren dürfte. Damit kannst du ab heute in die Schule fahren, was dir sicher gut tun wird, Fräuleinchen. Am besten schnappst du dir deine Schultasche und gehst gleich raus, um dir das Fahrrad anzusehen. Vielleicht musst du es noch aufpumpen, aber das bekommst du sicher hin."

"Fahrrad?"

"Ja, ein altes Fahrrad, das noch in Ordnung ist. Das ist gut genug für dich, um zur Schule zu fahren. Warum sollten wir das Geld für ein teures Monatsticket zum Fenster hinauswerfen?"

Sophia wechselte rasch einen Blick mit Flora, die ängstlich aussah, dann zuckte sie die Schultern und meinte an Emma gewandt schnippisch: "Na schön, dann werde ich mich gleich auf den Weg machen."

Das dunkelhaarige Mädchen nahm ihren Rucksack, den sie im Flur abgestellt hatte, stolzierte hinaus zum Schuppen und öffnete ihn. Im Halbdunkeln erblickte sie hinter den Gartengeräte etwas, dessen Umrisse an ein Fahrrad erinnerten. Sophia stellte ihren Rucksack neben dem Gebäude ab, ging hinein und holte den Drahtesel heraus. Draußen sah man ganz deutlich, dass es sich hierbei um ein schmutziges, klappriges Gefährt handelte, das mit Spinnweben versehen und an einigen Stellen bereits verrostet war.

Angeekelt schaute sich Sophia um, ob es in der Nähe einen Gartenschlauch gab, aber sie konnte keinen entdecken.

"Die Wölfin hat jetzt also den Kampf eröffnet", dachte das Mädchen verächtlich. "Doch so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen!"

Entschlossen schritt sie zurück zum Haus und stieß an der Tür beinahe mit Flora zusammen, die erschrocken zusammenfuhr.

"Entschuldige", sagte Sophia. "Es war nicht meine Absicht, dich zu erschrecken. Aber bitte, verrate mir doch, wo ich einen Lappen herbekomme, mit dem ich das Fahrrad abwischen kann."

"Im Schrank unter der Spüle in der Küche befinden sich ein paar grobe Lappen", antwortete Flora. "Warte, ich hole dir rasch einen und helfe dir."

"Nichts da!", bellte Gero Wolff, der gehört hatte, wie die beiden Mädchen sich unterhielten, und dazukam. "Unser feines Fräulein wird die Drecksarbeit schon selbst tun. So etwas soll ja enorm zur Charakterbildung bei Teenies beitragen."

"Aber...", wandte Flora ein, doch der Pflegevater schnitt ihr das Wort im Mund ab: "Mach, dass du weg kommst, sonst setzt es was!"

"Ja, Herr Wolff", hauchte das blonde Mädchen, warf Sophia im Vorbeigehen einen entschuldigenden Blick zu und eilte davon. Ihre Pflegeschwester sah ihr nach, bedachte dann Gero mit einem missbilligenden Blick und lief anschließend in die Küche, wo sie sich einen Lappen besorgte und ihn unter den Wasserhahn hielt. Danach machte sie sich mit dem nassen Feudel auf den Weg nach draußen, um das klapprige Fahrrad damit von Dreck und Spinnweben zu reinigen. Der Pflegevater beobachtete diese Aktion von der Türschwelle aus und grinste. Zwei Minuten später gesellte sich seine Frau an seine Seite und zischte ihm leise zu: "Dieses kleine Miststück gefällt dir wohl, was?!"

"Unsinn!", wehrte Gero diese Unterstellung seiner besseren Hälfte ab. "Sie ist ein freches, kleines Ding."

"Und hübsch", ergänzte Emma. "Ich wette, wenn das Luder es darauf anlegt, kann sie dich um den Finger wickeln und du wirst alles tun, was sie wünscht."

"Jetzt hör endlich auf, so dummes Zeug zu reden!", gab ihr Mann verärgert zurück. "Eigentlich dachte ich, sie wäre genauso leicht zu lenken wie Flora, nachdem ich hörte, dass sie in der Babyklappe entsorgt wurde und niemand weiß, wer ihre Eltern sind. Aber offenbar hat sie trotzdem Selbstvertrauen entwickelt. Vielleicht liegt das daran, dass sie drei Jahre bei Adoptiveltern lebte."

"Und warum haben die sie nicht behalten?"

"Sie sind bei einem Brand umgekommen, als die kleine Klugscheißerin drei Jahre alt war. Danach wuchs sie im Heim auf..."

"Mich wundert es wirklich, weshalb man dem Gör erlaubt, ein Gymnasium zu besuchen. Darauf scheint sie sich ja viel einzubilden."

"Mir geht das Mädchen ebenso auf die Nerven wie dir, Emma. Sollten wir sie nicht besser ins Heim zurückbringen, bevor sie uns richtig Ärger macht?"

"Oh, ich würde sie liebend gern loswerden, Gero, aber wie wollen wir das begründen? Sie ist ja nicht einmal einen Tag hier gewesen. Wie sähe das denn beim Jugendamt aus, hm? Man könnte daraus schließen, wir würden mit dem Gör nicht fertigwerden. Und wenn das kleine Miststück noch seinen Senf dazugibt, denken die Leute vom Jugendamt am Ende, wir würden uns nicht dazu eignen, Kindern ein schönes Zuhause zu geben."

"Das tun wir ja auch nicht."

"Schon, aber beim Jugendamt soll man das glauben. Es ist doch recht angenehm, wenn ich mich nicht immer selbst um alles kümmern muss. Flora ist eine hervorragende Haushaltshilfe geworden und kochen kann sie auch immer besser", meinte Emma zufrieden. "Ich glaube, ich werde ihr zur Belohnung ein kleines Geschenk machen und dann darf sie sich ein bisschen ausruhen. Wird Zeit, dass Sophia lernt, Pflichten im Haushalt zu übernehmen."

"Davon wird unser feines Fräulein aber gar nicht begeistert sein."

"Nein, mein Schatz, mit Sicherheit nicht."

Das Ehepaar lachte verhalten, während es Sophia nicht aus den Augen ließ. Das Mädchen hatte inzwischen das Fahrrad einigermaßen gesäubert und pumpte gerade beide Reifen mit einer schäbig aussehenden Luftpumpe auf, die sich am alten Rad in einer Halterung unter dem Sattel befand . Als sie damit fertig war und ihren Rucksack schulterte, schritt Gero Wolff rasch die Treppen hinunter, bis er neben Sophia zum Stehen kam.

"Du hast etwas vergessen", behauptete er.

Das Mädchen schaute erstaunt zu ihm auf, das alte Rad mit beiden Händen am Lenker festhaltend.

"Ja, ja, glaub es ruhig", beharrte Gero auf seiner Aussage, dann deutete er mit dem Finger auf eine Stelle hinter Sophia. "Sieh mal genauer hin."

Sie folgte seiner Geste mit den Augen.

"Nein, da ist nichts", erwiderte sie und wollte sich wieder zu dem Pflegevater umwenden, als sie unvermittelt einen kräftigen Schubs erhielt und nach vorn zu Boden fiel, das Fahrrad landete schmerzhaft auf ihr, so dass sie einen leichten Wehlaut von sich gab.

"Jetzt bist du genau da, wo du hingehörst, kleines Miststück", hörte sie hinter sich die höhnische Stimme Gero Wolff's. "Und in Zukunft wirst du uns ohne Widerworte gehorchen und es auch unterlassen, uns mit deinen neunmalklugen Sprüchen belehren zu wollen. Und wenn du uns noch einmal mit dem Jugendamt drohst, dann kannst du was erleben!"

In der am Boden liegenden Sophia kroch der Zorn hoch und ihr lag bereits die Frage auf der Zunge, was sie denn erleben würde, doch sie konnte sich in letzter Minute gerade noch beherrschen und schwieg. Ohne Gero eines Blickes zu würdigen, schob sie sich unter dem Fahrrad hervor, stand dann langsam auf und hob danach das Rad hoch. Kurz sah sie an sich herunter: Ihre hellblauen Jeans und ihr weißes Hemd waren beschmutzt und normalerweise hätte sie sich umgezogen oder wenigstens versucht, die Sachen einigermaßen sauberzukriegen, bevor sie weggefahren wäre. Aber sie wollte keine Minute länger als nötig in der Gegenwart ihrer abscheulichen Pflegeeltern bleiben. Deshalb schwang sie sich auf's Fahrrad und trat in die Pedalen, um so schnell wie möglich von diesem Ort und diesen gehässigen Menschen fortzukommen. Zwar wusste sie nicht genau, in welche Richtung sie fahren musste, um zu ihrer Schule zu kommen, aber sie würde sich schon durchfragen...

 

Sophia traf erst gegen 9.15 Uhr im Schulhof des Gagern-Gymnasiums ein, wo sie das Fahrrad an einem der dafür vorgesehenen Ständer abstellte und es mit dem wenig vertrauenserweckenden Schloss, das am Lenker hing, sicherte.

"Eigentlich ist es unnötig", dachte sie, während sie das tat, und warf dem alten Rad danach noch einen letzten verächtlichen Blick zu, bevor sie sich auf dem Weg in ihre Klasse machte. Diese befand sich in dem nächst gelegenen Gebäude. Doch bevor Sophia in den Klassenraum ging, suchte sie die Mädchentoilette auf, um sich und ihre Kleidung so gut wie möglich zu säubern.

Ein paar Minuten später öffnete sie vorsichtig die Tür des Klassenzimmers und lugte schüchtern herein. Als die Lehrerin sie erblickte, sagte sie: "Nun komm schon rein, Sophia."

Das Mädchen betrag zaghaft den Raum.

"Entschuldigen Sie die Verspätung, Frau Bechtel. Seit gestern Abend wohne ich bei Pflegeeltern und wusste den Weg zur Schule nicht genau."

Die Lehrerin nickte und meinte: "Schon gut. Setz dich auf deinen Platz, damit wir weitermachen können."

"Ja, danke", erwiderte Sophia und ging in die mittlere, linke Reihe, unweit des Fensters. Auf dem Weg dahin bemerkte sie, dass einige Tische hinter ihr ein ihr unbekannter, braunhaariger Junge saß, der sie anlächelte und ihr zuzwinkerte. Irritiert ließ sie sich auf den Stuhl neben ihrer Sitznachbarin gleiten und schaute, welche Seite des Biologiebuches Doris aufgeschlagen hatte. Rasch stellte sie ihren Rucksack neben dem Tisch ab, holte ihr eigenes Buch heraus und schlug es ebenfalls  auf, bevor sie auch Heft und Schreibzeug daneben beförderte. Dann konzentrierte sie sich auf den Unterricht, dabei die neugierigen Blicke ihrer Klassenkameraden ignorierend. Es war ihr ohnehin peinlich genug, dass sie zu spät gekommen war und dass ihre Kleidung immer noch leichte Spuren von Schmutz aufwies.

*

Als das Pausenzeichen ertönte und Frau Bechtel rausgegangen war, kamen gleich ein paar Mitschüler an den Tisch, an dem Sophia und Doris saßen, und bestürmten die Erstere mit Fragen:

"Du hast neue Pflegeeltern?"

"Wie sind die denn so?"

"Wohnst du weit weg von der Schule?"

"Warum sind deine Klamotten schmutzig?"

"Bist du hingefallen?"

Sophia schaute genervt zu ihnen hoch, bis es um sie herum ruhig wurde. Dann antwortete sie: "Ja, ich wohne jetzt bei einem Ehepaar, etwas außerhalb der City. Aber sie sind nicht besonders nett. Sie waren nicht einmal dazu bereit, mich zur Schule zu fahren oder mir eine Monatskarte für den Bus zu kaufen. Nicht einmal den Weg zur Schule haben sie mir erklärt."

"Das sind aber komische Pflegeeltern", meinte Doris.

"Wie bist du denn jetzt hergekommen, ohne Fahrkarte?", erkundigte sich ein anderes Mädchen. "Bist du schwarz gefahren?"

"Nein, meine Pflegeeltern haben mir ein altes Fahrrad gegeben", antwortete Sophia. "Ich musste es erst aufpumpen und saubermachen und dann damit hierher fahren. Und weil ich mich in der Gegend, in der meine Pflegeeltern wohnen, nicht auskenne, bin ich aufs Geratewohl losgefahren... natürlich zuerst in die falsche Richtung. Ich musste mich mehrmals durchfragen, wie ich hierher komme. Deshalb bin ich auch heute zu spät."

"Die hätten dich wirklich am ersten Tag herfahren können", mischte sich nun der neue Schüler ein, der Sophia vorhin zugezwinkert hatte. Das dunkelhaarige Mädchen blickte neugierig zu ihm hoch.

"Wer bist du eigentlich?", fragte sie.

"Ich heiße Konstantin und bin der Neue hier", erwiderte er grinsend. "Wenn du pünktlich da gewesen wärst, dann hättest du mitbekommen, wie Frau Bechtel mich vorgestellt hat."

Sophia nickte und erhob sich dann.

"Entschuldigt mich jetzt bitte", erklärte sie. "Aber ich muss jetzt wirklich fort. Mein Hemd ist noch nicht richtig sauber."

"Wie ist das eigentlich passiert?", begann erneut jemand aus der Klasse zu fragen.

"Bin hingefallen", sagte Sophia knapp, schnappte sich ihren Rucksack und verließ eilig die Klasse. Sie hatte keine Lust mehr, über ihre Pflegeeltern und deren Gemeinheiten heute Morgen zu reden. Schlimm genug, dass man sie und Flora diesen widerlichen Leuten überlassen hatte und ihre Leidensgefährtin zu ängstlich war, um den Mund beim Jugendamt aufzumachen. Aber sie hatte nicht vor, sich ebenso passiv und devot wie Flora zu verhalten...

 

=~=~=

 

Die dunkelhäutige Frau, gemeinhin  'das Orakel'  genannt, saß auf dem Sofa und rauchte eine Zigarette, als Anne in ihr Wohnzimmer trat und meldete, dass jemand gekommen sei, um mit ihr persönlich zu sprechen. Das Orakel lächelte und nickte.

"Sag Seraph, dass er reinkommen soll, und dann sorg dafür, dass wir ungestört sind. Ich habe mit dem jungen Mann etwas sehr Wichtiges zu bereden."

"Selbstverständlich", versprach Anne und verschwand. Kurz darauf erschien Seraph im Wohnzimmer und blickte das Orakel mit einem Ausdruck der Verzweiflung an.

"Schließ die Tür hinter dir und setz dich", forderte die dunkelhäutige Frau ihn auf und nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Der Engel tat, was sie verlangte, worauf sie ohne Umschweife fragte: "Es ist dem Merowinger also gelungen, dich aufzuspüren?"

"Ja, wenigstens zum Teil", gab Seraph zu. "Gestern Nacht war er plötzlich in meinen Gedanken und versprach mir, dass er sich an mir rächen wird. Er ist voller Hass gegen Sie und mich, Herrin Demeter."

"Pst! Nenn mich bloß nicht bei meinem richtigen Namen", entgegnete das Orakel mit verhaltener Stimme und begann, ihre Augen aufmerksam im Raum umherschweifen zu lassen. Dann atmete sie etwas auf. "Momentan haben seine Männer dich jedoch noch nicht gefunden."

"Aber er hat sie bestimmt bereits gestern Nacht losgeschickt, um mich zu suchen."

"Ja, das nehme ich auch an. Doch seine Männer sind nicht er und nicht alle seine Schergen verfügen über besondere Kräfte. Manche besitzen einfach nur körperliche Stärke, manche lassen sich einfach nur schwer löschen oder sind besonders gerissen. Wir sollten dich am besten gleich verstecken, um sie zu verwirren."

"Herr Aides wird sich vermutlich nicht so leicht täuschen lassen", wandte Seraph ein. "Wir sollten ihn nicht unterschätzen."

"Jetzt hör mir gut zu, mein Junge", begann Demeter in strengem Ton. "Wenn du überleben willst, dann musst du es in Zukunft unterlassen, ihn oder mich bei unseren richtigen Namen zu nennen. Ich bin das Orakel und mein Schwiegersohn wird allgemein als  'der Merowinger'  bezeichnet. So rede ich über ihn und so redet mein Beschützer im Androidenkörper von ihm. Und dieser künstliche Seraph ist das allerbeste Versteck für dich, wenn du diese kleine Regel befolgst. Falls der Instinkt die Männer des Merowingers zufällig doch zu dem Androiden führen sollte, werden sie glauben, sie hätten sich geirrt - oder ihr Herr hätte sich geirrt."

"Aber ihr Herr lässt sich nicht so leicht...", begann der Engel einzuwenden, doch Demeter schnitt ihm das Wort im Munde ab: "Meinen Herrn Schwiegersohn sollen Probleme wegen seiner Ehe mit Persephone plagen - jedenfalls wird darüber hinter vorgehaltener Hand geredet. Er wird nicht die Muße haben, sich großartig an der Suche nach dir zu beteiligen. Denn es scheint so, als ob er sich nicht von meiner Tochter trennen will."

"Das überrascht mich nicht. Er hat seine Frau schon immer geliebt... und er liebt auch sein Kind."

"Unterlass es bitte in Zukunft, das Wort Liebe und meinen Schwiegersohn in Zusammenhang zu bringen. Er liebt nur sich selbst und niemanden sonst!", empörte sich Demeter und sah Seraph verärgert an. "Ich kann nur hoffen, dass meine Tochter endlich seinen wahren Charakter erkannt hat und die Kraft findet, ihn zu verlassen."

"Das ist sehr bedauerlich", bemerkte der Engel traurig und senkte seinen Blick zu Boden.

"Oh nein, ganz im Gegenteil!", widersprach ihm Demeter vehement. "Der Tag, an dem Persephone ihn verlässt, wird für mich ein Freudentag sein. Und vielleicht gelingt es mir im Laufe der Zeit, mich wieder mit meiner Tochter zu versöhnen."

"Aber haben Sie nicht selbst erklärt, dass Ihre Tochter für Sie gestorben sei?", fragte Seraph irritiert.

"Sobald sie ihren grässlichen Ehemann offiziell verlässt und die Scheidung von ihm verlangt, wird sie wieder auferstanden sein", antwortete das Orakel mit grimmigem Lächeln. "Dann kehrt sie aus dem Schattenreich ins Leben zurück und mein Schwiegersohn wird für sie nur noch Geschichte sein - genau wie das Kind, das sie von ihm empfing. So fügt sich alles zum Besten."

"Persephone soll sehr unter dem Verlust ihrer Tochter gelitten haben", wandte der Engel mitleidig ein. "Sie wird das Mädchen niemals vergessen. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass sie ihren Mann verlässt. Die beiden haben sich aus Liebe zueinander verbunden und sind seit Ewigkeiten zusammen. Sicher finden sie einen Weg, um ihre Probleme zu lösen."

"Du kannst doch nicht im Ernst wollen, dass meine Tochter bei diesem Ekelpaket von Ehemann bleibt, oder?"

"Ich mische mich grundsätzlich nicht in die Angelegenheiten anderer ein, Orakel, ich kann mir nur nicht vorstellen, dass die beiden sich trennen. Wenn Herr Ai..."

"Seraph...!"

"Also, wenn der Merowinger seine Frau noch liebt, ist es eher unwahrscheinlich, dass die beiden sich trennen. Er wird alles tun, damit Persephone bei ihm bleibt."

Wieder glitt ein grimmiges Lächeln über die Züge der dunkelhäutigen Frau und sie nickte langsam.

"Ganz genau, Seraph, ganz genau. Mein Schwiegersohn wird damit beschäftigt sein, Persephone zu halten, und deshalb werden seine Männer dich auch nicht aufspüren. Ohne die Führung ihres Meisters sind sie dazu nicht in der Lage. Du hättest gar keinen besseren Zeitpunkt auswählen können, um den Körper des Seraph-Androiden zu übernehmen. Wir werden großartig miteinander auskommen und uns über die Verwirrung von Merowingers Schergen amüsieren."

"Sie gehen also davon aus, dass ich Ihren Vorschlag annehme?", fragte der Engel, der alles andere als glücklich dreinschaute.

"Ich dachte, deshalb seist du zu mir gekommen", erwiderte Demeter und blickte ihr Gegenüber befremdet an.

"Ja... ja, eigentlich bin ich das...", gab Seraph zögernd zu. "Also schön, wo befindet sich Ihr künstlicher Beschützer denn gerade?"

Über das Gesicht des Orakels glitt ein breites Lächeln und sie erhob sich.

"Folge mir", forderte sie den Engel auf und bewegte sich dann auf eine andere Tür zu, die sich hinter dem Sofa befand...

 

=~=~=

 

Sophia schwieg sich die restlichen Schulstunden über ihre Pflegeeltern aus, obwohl einige ihrer Klassenkameraden sich immer wieder neugierig nach ihnen erkundigten und ihr ihre Hilfe anboten. Sie wunderte sich ein wenig darüber, hatte sie doch nie den Eindruck gehabt, dass ihre Mitschüler sich für sie interessierten; andererseits fand sie es auch irgendwie rührend. Am seltsamsten kam ihr jedoch vor, dass ihr während des Mathe-Unterrichts ein Zettel von Konstantin, dem Neuen, zugespielt wurde, in dem er ihr ebenfalls seine Hilfe anbot. Sie warf ihm neugierig einen Blick nach hinten zu und erntete ein breites Lächeln von ihm.

"Was für ein merkwürdiger Junge", dachte sie, lächelte aber dennoch schüchtern zurück. Dieser Konstantin wirkte irgendwie sehr nett und sie hätte nichts dagegen, ihn besser kennenzulernen. Doch zuerst wollte sie ihre Angelegenheiten klären, was für sie so aussah, dass sie ein ernsthaftes Gespräch mit Frau Meyer führen musste. Daher beeilte sie sich hinauszukommen, als der Gongschlag am Ende der letzten Schulstunde für diesen Tag ertönte, und dorthin zu laufen, wo sich der alte Drahtesel natürlich immer noch befand. Einige ihrer Mitschüler, die ebenfalls mit dem Fahrrad gekommen waren, beäugten Sophia voller Mitleid, als sie ihr Gefährt vom Schloss befreite.

"Das Ding ist ja wirklich eine Zumutung", bemerkte ein Mädchen, worauf Sophia ihr nur mit einem bitteren Gesichtsausdruck zunickte, sich auf ihr Rad schwang und dann schnurstracks in Richtung ihres alten Kinderheimes davonfuhr. Etwa 20 Minuten später betrat sie das Gebäude, in dem sie zuvor ein paar Jahre gelebt hatte, und schritt entschlossen zum Büro der Heimleiterin, wo sie fest an die Tür pochte.

"Herein!", hörte sie die Stimme von Frau Meyer und folgte dieser Aufforderung umgehend.

"Guten Tag", sagte das Mädchen und begegnete dabei dem überraschten Ausdruck auf dem Antlitz der Heimleiterin.

"Sophia", erwiderte Frau Meyer perplex. "Was führt dich hierher?"

"Ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen", gab sie zurück und setzte sich unaufgefordert vor dem Schreibtisch der Heimleiterin auf einem Stuhl, dabei ihre ernste Miene wahrend.

"Ist etwas passiert, mein Kind?"

"Ja, allerdings. Ich will nicht bei meinen neuen Pflegeeltern bleiben. Bitte, kann ich nicht wieder ins Heim zurück?"

"Aber warum denn, Sophia? Was ist denn nur vorgefallen?", fragte Frau Meyer besorgt.

"Die Leute sind gar nicht nett und außerdem gemein", kam das Mädchen sofort zur Sache. "Herr Wolff hat mich heute mit Absicht so stark geschubst, dass ich hingefallen bin. Außerdem behandeln sie das andere Mädchen, das auch dort wohnt, wie eine Dienstmagd."

"Es fällt mir schwer zu glauben, was du mir da erzählst, Sophia."

"Aber es ist die Wahrheit!"

Die Heimleiterin sah ihren ehemaligen Zögling besorgt an, dann meinte sie mit sanfter Stimme: "Nun beruhige dich erst einmal, Sophia. Wir werden diese Angelegenheit in aller Ruhe klären, okay?"

"Ich will nicht mehr zurück zu den Wolffs! Ich geh nicht mehr zurück!"

"Bitte, beruhige dich, Kind. Du solltest nicht gleich alles so dramatisieren. Ich bin sicher, dass wir die Angelegenheit vernünftig klären können."

"Oh, da stimme ich Ihnen zu, Frau Meyer. Und am Vernünftigsten wäre es, wenn ich einfach hier bleibe und wieder zu Anna und Sandra ins Zimmer ziehe, nicht wahr?"

"Nun... nun, ja. Bis sich alles geklärt hat, dürfte das wirklich eine vorläufige Lösung sein", antwortete die Heimleiterin. "Hast du eigentlich schon zu Mittag gegessen, Kind?"

"Nein, ich bin direkt von der Schule zu Ihnen gekommen."

"Dann bist du ganz bestimmt hungrig. Am besten wird es sein, wenn du jetzt in den Speisesaal gehst und dir auch eine Mahlzeit geben lässt."

"Danke, Frau Meyer, das mache ich!", sagte Sophia lächelnd und erhob sich mit sichtlich zufriedener Miene, bevor sie das Büro der Heimleiterin verließ. Diese schaute ihr verwundert nach, dann blickte sie auf ihren Schreibtisch, wo unter einer durchsichtigen Unterlage die wichtigsten Telefonnummern für ihren Bereich standen, und wählte kurz darauf entschlossen die Nummer eines Mitarbeiters des Jugendamtes...

 

=~=~=

 

Seraph fühlte sich nicht besonders wohl in dem künstlichen Körper des Androiden, der ihm nachempfunden war. Aber ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als sich daran zu gewöhnen. Vor einer Stunde erst trug man  'dem Orakel'  zu, dass sich einige unangenehm ausssehende Typen, die zweifellos Schergen des Merowingers waren, in der Innenstadt herumtrieben und sich nach einem jungen Mann erkundigten, dessen Beschreibung haargenau der Gestalt des Studenten glich, in der er sich bisher der sogenannten  'Welt'  präsentiert hatte. Schleierhaft blieb Seraph allerdings, woher Aides wusste, wie er zuletzt ausgesehen hatte. Doch bei einem so mächtigen Gott sollte es ihn eigentlich nicht mehr wundern. Schließlich sagte man dem Merowinger nach, dass er mit Informationen handelte - vermutlich hatte irgendjemand aus dem Umfeld des Orakels ihn - freiwillig oder unfreiwillig - verraten. Schließlich wusste er ja bereits von Demeter, dass das  'Programm' , in dessen Hülle sie sich verbarg, viele Feinde besaß. Und der gefährlichster Feind des Orakels war ausgerechnet der Merowinger. In Seraph's Augen entbehrte das nicht einer gewissen Ironie, da Demeter sich ja vor ihrem Schwiegersohn versteckte. Jedoch meinte sie, dass Aides nicht ahnte, wer in dem  'Orakel'  steckte. Er war einfach nur sauer über die ihr von Zeus zugedachte Aufgabe, dem menschlichen  'Auserwählten'  zu helfen. Genauso musste es auch einigen der anderen Götter ergehen, denn Aides war nicht der einzige dieser machtvollen Herrschaften über die Matrix, dem das Orakel ein Dorn im Auge war. Sie hatte einfach zu vielen Menschen gute Tipps gegeben, den einen oder anderen der Götter oder Göttinnen über's Ohr zu hauen. Und die Agenten des Systems hielten sich aus Fällen, in die die Mächtigen verwickelt waren, heraus. Das war ihnen von Zeus so einprogrammiert worden. Darum fand es unter der Mehrheit der Götter allgemein großen Beifall, als es dem Merowinger gelang, den letzten Körper des Orakels zu zerstören.

Seraph schluckte und erinnerte sich daran, dass Aides in den alten Zeiten unter seinesgleichen keineswegs beliebt gewesen war. Zum einen lag das gewiss an seinem Herrschaftsbereich, galt die Unterwelt doch selbst vielen der Göttinnen und Götter als unheimlicher Ort, an dem die Toten und andere, nicht beherrschbare und teilweise sehr angsteinflößende Wesenheiten wohnten. Zum anderen jedoch trug die spitze Zunge des Herrn der Unterwelt, der sich nicht scheute, anderen die Wahrheit oder zumindest das, was er für die Wahrheit hielt, ins Gesicht zu sagen, zu seiner einstigen Unbeliebtheit bei. Die Wahrheit war nämlich keinesfalls immer angenehm und nicht jeder wollte sie hören. Vermutlich galt das auch heute noch, denn man scheute sich, öffentlich sehr viel über den Merowinger zu reden. Und wenn man es dennoch tat, dann schwang immer ein Hauch von Angst mit. Es war genauso wie in den alten Zeiten, auch wenn die Menschen gar nicht mehr wussten, mit wem sie es bei dem Merowinger wirklich zu tun hatten. Aides war und blieb der "unsichtbare" Gott, der nur heimlich und im Verborgenen wirkte - still, aber effektiv ; und es tat vor allem seine Feinden bzw. den Feinden oder Widersachern derjenigen weh, die den Merowinger um Hilfe baten.

"Ich hoffe nur, Demeter hat recht damit, dass sie und ich in diesen künstlichen Körpern von seinen Männern und ihm unentdeckt bleiben werden", sinnierte Seraph mit einigen Zweifeln weiter, während er sich darin übte, sich in seiner neuen, äußeren Hülle zu bewegen. Doch da der Engel genau wusste, dass Aides gewitzt und hinterlistig war und außerdem noch einige außergewöhnliche Kräfte besaß, die ihn äußerst gefährlich machten, konnte er sich eigentlich nicht vorstellen, dass diese künstlichen Leiber für immer ein gutes Versteck waren. Irgendwann würde Aides sie aufspüren und dann...

Seraph schloss die Augen und wollte sich diese Situation lieber nicht vorstellen. Er würde mit Demeter darüber sprechen müssen... aber nicht unbedingt heute. Nein, heute musste er darauf achten, durch seine Gedanken nicht ungewollt doch die Aufmerksamkeit seines einstigen Herrn oder eines anderen, intuitiven Gottes, der möglicherweise mit Aides befreundet war, zu erregen.

Sein bester Freund war zweifellos der kreative Schmied Hephaistos. Doch Seraph glaubte nicht, dass von diesem eine besondere Gefahr ausging, da jener eher ein praktischer als ein empfindsamer Typ war. Anders sah es da schon mit Lady Diana aus, die ihren Onkel Aides schon immer sympathisch gefunden und ihn bewundert hatte. Möglicherweise war sie ihm vor allem deshalb zugetan, weil er sie so akzeptierte, wie sie nun einmal war, und sich nicht im Geringsten daran störte, dass sie sich nur zu anderen Frauen hingezogen fühlte. Im Gegenzug hielt Diana immer zu Aides, selbst nachdem Demeter die Lüge verbreitete, er hätte Persephone entführt. Sie hatte als eine der wenigen Mächtigen dieser Behauptung widersprochen, so dass auch ihr der Hass von Persephone's  Mutter entgegenschlug. Diana war es aber egal gewesen. Sie wurde zu einer sehr guten Freundin von Aides' Gemahlin und Sophia's Patin.

"Wer weiß, welche Begabung ihr Diana geschenkt hätte", überlegte Seraph, den bei diesen Überlegungen wieder einmal das Schuldbewusstsein überkam. Aber nachdem er mitbekommen hatte, wie Sophia den Willen eines erwachsenen Mannes beeinflusste, schloss er nicht mehr aus, dass Demeters Befürchtungen, was dieses Mädchen betraf, eine reelle Grundlage hatte. Die Kleine war Aides' Tochter und die von ihm beobachtete Fähigkeit hatte sie gewiss von ihrem Vater geerbt. Möglicherweise schlummerten in ihr noch andere Kräfte, die man besser nicht erwecken sollte.

"Aber Sophia ist trotz allem ein gutes Mädchen", dachte der Engel und fühlte in sich wieder den Drang, in ihrer Nähe zu sein, um sie beschützen zu können. Aber das durfte er im Augenblick auf gar keinen Fall tun. Aides sollte seine Tochter nicht finden, er würde sie sicherlich verderben - ein junges Mädchen war so beeinflussbar, so formbar... nein, er musste sich von Sophia fernhalten...

> WO IST SOPHIA?<  donnerte es plötzlich wieder mit der furchtbaren Stimme des zornigen Herrn der Unterwelt in seine Gedanken hinein.

Erschrocken fuhr Seraph zusammen, dann fing er sich wieder, schlug die Augen zu und konzentrierte sich darauf, seinen Geist zu verschließen. Innerhalb weniger Sekunden war es in ihm still und dieses Schweigen dauerte auch ein paar Minuten an, bis plötzlich ein unflätiger, lauter Fluch auf Altgriechisch durch seinen leeren Geist dröhnte. Doch im Zustand völliger Kontemplation konnte das den Engel nicht mehr erschüttern. Aides'  Verwünschungen hörten irgendwann auf und der Mächtige zog sich aus den Gedanken Seraph's zurück und verschwand. Dennoch behielt der Engel den meditativen Zustand bei. Sicher war sicher...

 

=~=~=

 

Nachdem Sophia zusammen mit ihren früheren Mitbewohnerinnen zu Mittag gegessen und danach mit ihnen in ihr altes Zimmer zurückgegangen war, machte sie entspannt ihre Hausaufgaben und vergaß das Ehepaar Wolff völlig. Schließlich war sie davon überzeugt, nicht mehr zu ihnen zurück zu müssen, und glaubte tatsächlich, dass man ihnen auch Flora wegnehmen würde.

Doch gegen 16.00 Uhr erschien eine der Erzieherinnen und teilte Sophia mit, dass Frau Meyer mit ihr sprechen wolle. In Erwartung der positiven Nachricht, dass sie wieder im Heim wohnen würde, ging das Mädchen mit raschen Schritten zum Büro der Heimleiterin.

"Komm, setz dich", forderte Frau Meyer sie auf, als sie hereinkam. Sophia folgte diesem Wunsch und sah danach gespannt zu der Erwachsenen vor ihr auf. Diese kam auch gleich zur Sache. "Nach deinem heutigen, überraschenden Auftauchen hier habe ich mehrere Telefonate geführt, um mir ein umfassendes Bild von dem zu machen, was du mir berichtet hast. Natürlich bin ich davon überzeugt, dass du selbst alles so wahrgenommen und empfunden hast, wie du es mir erzähltest. Und ich wies deine Pflegeeltern noch einmal mit allem Nachdruck darauf hin, dass du ein empfindsames, stilles Mädchen bist, welches sich nicht so rasch in eine neue Umgebung eingewöhnen kann, weshalb man viel Geduld mit dir haben muss."

"Meine Pflegeeltern?", fragte Sophia erstaunt und runzelte die Stirn. "Warum haben Sie denn überhaupt mit denen gesprochen? Die mögen mich gar nicht! Und zu Flora sind sie auch gemein!"

"Bitte, Sophia, du siehst das alles viel zu dramatisch", ermahnte sie die Heimleiterin in ruhigem Ton. "Frau Wolff war untröstlich und meinte ebenfalls, dass du alles, was vorgefallen ist, falsch verstanden haben musst."

"Falsch verstanden?!", echote das Mädchen fassungslos und starrte Frau Mayer mit großen Augen an. "Nein! Nein, ich habe gar nichts falsch verstanden. Meine Pflegeeltern waren nicht nett zu mir und ich will weder zu ihnen zurück noch bei ihnen bleiben!"

"Bitte, Sophia, du darfst nicht alles glauben, was Flora Lehmann dir über Herrn und Frau Wolff erzählt hat. Dieses Mädchen neigt leider dazu, vieles zu verdrehen und Lügengeschichten zu erfinden. Sie war gewiss nicht ehrlich zu dir."

"Wie bitte? Warum sollte Flora mich anlügen? Das ergibt doch gar keinen Sinn!"

"Oh doch, Sophia, und es spricht durchaus für dich, dass du nicht verstehst, aus welchen Gründen manche Menschen lügen. Bei Flora Lehmann verhält es sich bedauerlicherweise so, dass sie aufgrund von Vernachlässigung, schlechten Erfahrungen und einem fatalen Hang, sich gerne fremde Dinge anzueignen, dazu neigt, Tatsachen so darzustellen, wie es ihr gerade am besten zu passen scheint", führte Frau Meyer in ruhigem Ton aus. "Nichtsdestotrotz sind Frau Wolff und ihr Mann dazu bereit, Flora auch weiterhin als ihre Pflegetochter zu behalten, da sie noch nicht die Hoffnung aufgegeben haben, dass dieses Mädchen sich zum Positiven verändern kann, wenn man ihr nur genügend Verständnis und Freundlichkeit entgegenbringt."

"Verständnis und Freundlichkeit?", fragte Sophia erneut und glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. "Frau Wolff zwingt Flora dazu, als ihr Hausmädchen zu arbeiten und sie zu bedienen."

"Nun übertreib mal nicht! Es schadet diesem Mädchen bestimmt nicht, wenn Frau Wolff sie zu einigen häuslichen Pflichten heranzieht. In diesem Punkt hat dich deine Pflegemutter übrigens sogar gelobt und mir erzählt, dass du Flora freiwillig beim Abwaschen geholfen hast."

"Sie hat mich gelobt?"

"Ja, Sophia, denn Frau Wolff hat wirklich nichts gegen dich. Sie meinte selbst, Flora habe dir bewusst Lügengeschichten erzählt, um dich gegen ihren Mann und sie einzunehmen."

"Blödsinn! Warum sollte Flora so etwas tun? Was hat sie denn davon?!"

"Aus Eifersucht. Vermutlich will Flora Lehmann ihre Pflegeeltern mit niemandem teilen."

"Aber, Frau Meyer, das können Sie doch nicht wirklich glauben!", rief Sophia aufgebracht aus. "Bitte, Sie sollten selbst mit Flora sprechen - oder sich am besten persönlich ein Bild von den häuslichen Zuständen bei den Wolffs machen!"

"Oh ja, das werde ich", versprach die Heimleiterin und schenkte dem Teenager vor ihrem Schreibtisch ein Lächeln. "In einer halben Stunde fahre ich dich selbst wieder zurück zu Ihnen."

"Nein! Das ist doch nicht Ihr Ernst?!"

"Aber natürlich, mein Kind. Frau Wolff ist untröstlich darüber, dass du aufgrund von Floras Lügen und den Missverständnissen von gestern Abend nicht mehr bei ihrem Mann und ihr wohnen möchtest. Sie will jedoch alles tun, damit die Angelegenheiten zwischen euch geklärt werden. Schließlich wünscht sie, dass du dich in deinem neuen Zuhause wohl fühlst."

"Sie lügt, Frau Meyer, sie lügt!", rief Sophia aus. "Wenn Sie doch nur einsehen würden, wie falsch diese Frau ist - und ihr Mann tut alles, was sie von ihm will. Er hat mich heute in den Dreck geworfen! Und die beiden wollten mich auch vom Gymnasium abmelden! Bitte, Frau Meyer, glauben Sie mir! Die Wolffs lügen. Das sind keine guten Menschen!"

"Jetzt ist es aber genug, Sophia!", entgegnete die Heimleiterin in strengem Ton. "Bei allem Verständnis bitte ich dich doch sehr darum, dein Temperament zu mäßigen. Du bist voreingenommen, weil du an Flora Lehmanns Lügenmärchen glaubst, ohne deinen Pflegeeltern eine Chance einräumen zu wollen, die Missverständnisse zwischen euch zu klären. Frau Wolff hat mir versichert, dass sie nur das Beste für dich will."

"Und Sie glauben ihr?"

"Mein liebes Kind, das Ehepaar Wolff genießt den allerbesten Ruf und seit Flora bei ihnen ist, hat sie sich in der Schule sehr verbessert und ist bisher nirgendwo mehr negativ aufgefallen. Meinst du nicht auch, dass dies zum Großteil dem Ehepaar Wolff zu verdanken ist?"

"Flora ist aber sehr unglücklich bei ihnen und total verängstigt", wandte Sophia noch einmal eindringlich ein und warf der Heimleiterin einen bittenden Blick zu.

"Nun, jedenfalls ist es der kleinen Lehmann gelungen, dich von ihren Lügengeschichten zu überzeugen", erwiderte Frau Meyer in sachlichem Ton. "Aber ich bitte dich noch einmal, Sophia: Gib Frau und Herrn Wolff doch eine Chance und lass sie gute Eltern für dich sein."

"Gute Eltern... die beiden?", fragte das Mädchen zweifelnd und warf erneut einen erstaunten Blick zu der Heimleiterin. Doch als sie in deren unerbittliches Gesicht sah, wusste Sophia, dass es keinen Sinn mehr hatte, mit ihr noch weiter zu diskutieren. Frau Meyer war gegen Flora eingenommen und mehr als bereit dazu, den Lügen der Wölfe zu glauben...

 

 

Als Frau Meyer Sophia mitsamt ihrem Fahrrad kurz nach 16.00 Uhr zu ihren Pflegeeltern zurückbrachte, sah das Mädchen alles andere als glücklich aus. Zu allem Überfluss erwarteten die Wolffs sie bereits mit besorgt aufgesetzten Mienen vor der Haustür und begrüßten die Heimleiterin überaus freundlich, wobei sich Emma Wolff nicht entblödete, Sophia spontan in die Arme zu schließen, sich ein paar Krokodilstränen aus den Augen zu quetschen und in jammervollem Ton zu lamentieren: "Oh, Kind, was machst du denn nur für Sachen? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und dachte schon, dir sei etwas passiert."

"Oh nein, Sie haben es gehofft", entgegnete Sophia giftig und wand sich mit angeekelter Miene aus den Armen ihrer Pflegemutter.

"Sophia!", rief Frau Meyer empört aus. "Wie kannst du nur so etwas sagen!"

"Sehen Sie?", wandte sich Emma Wolff in gespielter Verzweiflung an die Heimleiterin. "Das Kind ist total gegen uns aufgehetzt."

"Wir sollten uns besser drinnen weiter unterhalten", schlug Frau Meyer vor, worauf das Ehepaar zustimmend nickte und begann, sich in Richtung Haustür zu bewegen. Nur Sophia verharrte mit trotzigem Gesichtsausdruck auf der Stelle. Als die Heimleiterin das bemerkte, drehte sie sich zu ihr um und sagte streng: "Komm mit rein, Sophia!"

"Nein, ich will da nicht reingehen und ich will nicht hierbleiben!"

"Schluss jetzt mit diesem Unsinn!", schimpfte Frau Meyer und zog ihre Augenbrauen verärgert zusammen. "Komm mit uns ins Haus und dann werden wir alle zusammen ganz vernünftig miteinander sprechen. Du wirst sehen, dass deine Vorurteile nur das Ergebnis der Lügen von Flora Lehmann und der sich daraus ergebenden Missverständnisse sind."

"Flora hat nicht gelogen!"

"Wenn du nicht kooperativ bist, dann kann ich auch ganz andere Saiten aufziehen, Sophia! Du willst doch nicht etwa ein Vierteljahr in einem Heim für schwer Erziehbare verbringen, oder?"

"Besser dort als bei diesem Ehepaar!"

"Mein liebes Kind, offenbar ist dir nicht klar, dass das Leben in einem Heim für schwer Erziehbare nach festen Regeln verläuft, denen man sich fügen muss. Jugendliche stehen dort unter absoluter Kontrolle. In dieser Einrichtung wird man dir keinerlei Freiheiten einräumen; und falls du dich da so bockig aufführst wie jetzt hier, erwartet dich eine strenge Bestrafung, ohne dass du die Gelegenheit erhältst, dein Verhalten irgendjemandem zu erklären. Denn das Ziel eines solchen Heimes ist es, Jugendliche zum Gehorsam zu erziehen, ohne dass sie auch nur den Sinn und Zweck einer Anweisung hinterfragen dürfen. Würde dir das gefallen, Sophia?"

"Nein!", gab das Mädchen zurück und senkte den Blick.

"Du hast also die Wahl: Entweder gehst du jetzt mit mir ins Haus und wir werden zusammen mit deinen Pflegeeltern alle Missverständnisse zwischen euch klären oder ich nehme dich auf der Stelle mit zurück ins Heim, wo ich gleich danach einen Bericht über dein Verhalten schreiben und die Empfehlung aussprechen werde, dich in eine Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche einzuweisen. Und bis du dorthin kommst, wirst du im Heim unter strengen Gewahrsam genommen!"

"Aber, Frau Meyer, das wollen Sie doch nicht wirklich tun?!", rief Sophia aus und starrte ihre ehemalige Heimleiterin mit fassungsloser Miene an.

"Nein, das ist tatsächlich keinesfalls meine Absicht, weil ich weiß, dass du im Grunde ein gutes Mädchen bist", antwortete die Angesprochene. "Wenn du dich jedoch auch weiterhin einem vernünftigen Gespräch mit deinen Pflegeeltern verweigerst, dann bleibt mir gar nichts anderes übrig. Also bitte, Sophia, erspare uns allen diese Unannehmlichkeit."

Über das Antlitz des dunkelhaarigen Mädchens glitt ein Schatten der Enttäuschung und in ihre Augen trat der Ausdruck einer Erkenntnis, der sie sich bisher verweigert hatte: Floras Befürchtungen bewahrheiteten sich. Niemand glaubte ihnen.

Resigniert ließ Sophia ihren Blick wieder zu Boden gleiten und nickte. Frau Meyer jedoch sah zufrieden aus.

"Gut, dann komm jetzt bitte", forderte sie das Mädchen freundlich auf und begann erneut, sich in Richtung Haustür zu bewegen. Langsamen Schrittes folgte ihr Sophia.

*

Emma Wolff hatte den Tisch im Esszimmer in eine Kaffeetafel verwandeln lassen und behauptete gegenüber der Heimleiterin, dass sie es selbst getan habe. Sophia kannte allerdings die Wahrheit, hielt es jedoch für besser zu schweigen, nachdem sie feststellen musste, dass Frau Meyer ihr einfach nicht glauben wollte. Allerdings fragte sich das Mädchen, wo Flora denn nur sei.

"Bitte, nehmen Sie Platz", bot Emma Wolff der Mitarbeiterin des Jugendamtes freundlich an und schenkte dabei auch Sophia ein Lächeln. "Setz dich doch, Kind. Du musst hungrig sein. Ein Stück Apfelkuchen?"

"Nein, danke, ich habe bereits im Heim gegessen", lehnte Sophia kühl ab, ohne das Lächeln ihrer Pflegemutter, das sie ohnehin für falsch hielt, zu erwidern.

"Na, das beruhigt mich aber", behauptete Emma und lachte gekünstelt. Nur Frau Meyer schien nicht bemerken zu wollen, dass die Wölfin und ihr Mann, der sich ebenfalls zu ihnen an den Tisch gesetzt  hatte, vor ihr eine Show abzogen, in der sie sich als liebevolle Pflegeeltern präsentierten.

"Ich bin wirklich froh, dass das Kind zu Ihnen gegangen ist, anstatt sich irgendwo zu verstecken", richtete nun Gero das Wort an die Heimleiterin. "Ich weiß ja auch nicht so genau, welche Lügen Flora ihr erzählt hat."

"Nun, offenbar glaubt Sophia, dass Flora Lehmann hier als eine Art Haushälterin fungiert", erwiderte Frau Meyer. "Und dann berichtete sie mir noch, dass Sie beide dagegen seien, dass Sophia auch weiterhin das Gymnasium besucht."

"Das Letztere ist ganz offensichtlich ein furchtbares Missverständnis", versicherte Emma rasch und brachte ein verlegenes Lachen zustande. "Mein Mann und ich haben uns nur bei Sophia erkundigt, in welche Schule sie geht und uns gewundert, dass die Kleine so klug ist. Ich denke, es kommt wohl nicht so häufig vor, dass Kinder, die der staatlichen Fürsorge unterstehen, ein Gymnasium besuchen?"

"Nein, nicht sehr oft. Sophia ist jedoch eine Ausnahme, sehr neugierig und wissensdurstig. Sie hat schon immer viel gelesen, müssen Sie wissen", erklärte Frau Meyer und ließ dabei ihren Blick wohlwollend über das dunkelhaarige Mädchen gleiten, das schweigend mit den Erwachsenen am Tisch saß und sie alle misstrauische beäugte. Dann wandte sich die Heimleiterin wieder Emma zu: "Im Grunde ist sie immer ein ruhiges Kind gewesen. Umso mehr erstaunt es mich, dass sie jetzt derart bockig ist. Es entspricht überhaupt nicht ihrem Wesen."

"Du musst nicht alles glauben, was Flora dir erzählt", wandte sich daraufhin Gero Wolff an das Mädchen, wobei sich seine Lippen leicht anhoben. "Wir meinen es doch nur gut mit dir."

"Ach ja?!", gab Sophia trotzig zurück und bedachte den bulligen Mann mit einem bösen Blick. "Warum haben Sie mich dann heute morgen in den Dreck geschubst und mir gedroht?"

"Ich habe dich gar nicht geschubst, Kind", entgegnete Gero und schüttelte den Kopf. "Du warst ein bisschen ungeschickt, als du das Fahrrad aus dem Schuppen holtest. Erinnerst du dich wirklich nicht mehr daran, dass du gestolpert und hingefallen bist?"

"Nein, Sie haben mich mit Absicht geschubst!"

"Nicht doch! Nun bleib aber bitte bei der Wahrheit, Sophia", sprang Emma sofort ihrem Mann bei. "Ich war selbst dabei und habe gesehen, dass du gestolpert und bedauerlicherweise unglücklich gefallen bist. Doch bevor mein Mann oder ich dir helfen konnten, bist du ohne ein Wort davon geradelt. Dabei hätte ich mir vorher gern angeschaut, ob du dir weh getan hast, damit ich dich verarzten kann. Außerdem wäre es auch gut gewesen, wenn du dich umgezogen hättest."

"Wie bitte?!", Sophia starrte ihre Pflegemutter an und fragte sich, wie ein Mensch nur so dreist lügen konnte. Ganz sicherlich hatte sie diese Geschichte mit ihrem Mann abgesprochen. Und wo war eigentlich Flora? Warum war sie nicht hier?

"Wir meinen es nur gut mit dir, Kind", versicherte ihr Emma mit besorgt aufgesetzter Miene. "Du solltest uns wenigstens eine Chance geben, ehe du uns ablehnst."

"Ja, schließlich möchten wir nur dein Bestes", bekräftigte Gero die Worte seiner Frau und richtete dann wieder das Wort an Frau Meyer. "Obwohl wir unsere neue Pflegetochter erst knapp einen Tag kennen, haben wir sie schon richtig ins Herz geschlossen."

"Ach, und warum kaufen Sie mir dann keine Monatskarte für die Schule?", fragte Sophia aufgebracht.

"Sobald es zu kühl wird, um mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, bekommst du sie", antwortete Emma anstelle ihres Mannes. "Aber jetzt ist es schön warm und die Bewegung tut dir sicherlich gut. Radfahren soll sehr gesund sein."

"Na, siehst du, Sophia", meinte Frau Meyer mit breitem Lächeln. "Herr und Frau Wolff hatten nur gute Absichten mit dir."

Das Mädchen biss sich auf die Lippen und schwieg, bedachte jedoch ihre ehemalige Heimleiterin und die Pflegeeltern mit einem finsteren Blick, während es in ihrem Inneren vor Zorn brodelte. Warum nur glaubte Frau Meyer diesem verlogenen Ehepaar mehr als ihr? Sie kannte die Wolffs doch kaum.

"Wo ist Flora?", brachte Sophia schließlich mit nur mühsamer Beherrschung über die Lippen.

"Sie ist bei einer Schulfreundin, die ihr bei den Hausaufgaben hilft", antwortete Emma Wolff sofort. "Bedauerlicherweise ist Flora nicht so begabt wie du. Ihre Qualitäten liegen in anderen Bereichen."

"Zum Beispiel in der Hauswirtschaft?", erkundigte sich das Mädchen lauernd.

"Es macht Flora nun mal Freude, mir bei der Hausarbeit ein wenig zur Hand zu gehen", behauptete die Pflegemutter und sah dabei lächelnd Frau Meyer fest in die Augen. "Das Mädchen kocht und backt auch sehr gern. Warum also sollte ich ihren Enthusiasmus in dieser Hinsicht bremsen?"

"Da haben Sie völlig recht", pflichtete die Heimleiterin ihr bei und nickte. "Wie es scheint, entwickelt sich Flora Lehmann unter Ihrer Obhut doch zum Positiven. Umso schleierhafter ist mir daher, warum sie Sie gegenüber Sophia schlecht gemacht hat."

"Ach wissen Sie, Flora hängt nun einmal sehr an mir und meinem Mann", erwiderte Emma. "Vermutlich hat sie uns als Eltern akzeptiert, will jedoch keine anderen Kinder neben sich dulden. Sie war sicherlich eifersüchtig, dass wir Sophia gestern mehr beachtet haben als sie. Mein Mann und ich hätten eben sehr viel umsichtiger sein sollen."

"Flora Lehmann muss lernen, dass sich nicht alles nur um ihre Person dreht", sagte Frau Meyer daraufhin ein wenig streng. "Sie wird lernen müssen, sich Ihre Aufmerksamkeit mit Sophia zu teilen."

"Wir werden in Zukunft verstärkt darauf achten, dass Flora sich nicht vernachlässigt fühlt", versprach Emma Wolff. "Wissen Sie, das arme Mädchen hat es ja auch nicht einfach gehabt mit ihrer alkoholkranken Mutter. Wir sollten mit Flora ebenso nachsichtig sein wie mit Sophia."

"Sie können in dieser Angelegenheit ganz nach Belieben verfahren", gab Frau Meyer zurück. "Ganz sicher werden Sie den richtigen Weg finden, um das Verhältnis zwischen den beiden Mädchen zu verbessern."

Die Heimleiterin wandte sich danach wieder Sophia zu und meinte: "Wie es scheint, bist du hier sehr gut aufgehoben, Sophia, so dass ich dich jetzt ruhigen Gewissens bei deiner neuen Familie lassen kann."

Nach diesen Worten drehte sich Frau Meyer zu Emma und Gero Wolff um und fuhr fort: "Es hat mich sehr gefreut, Sie näher kennenzulernen. Ich bin sicher, dass Sie den beiden Mädchen gute Eltern sind und hoffe, dass auch Sophia das bald einsehen wird. Fall sie Hilfe brauchen oder es Probleme gibt, können Sie sich jedoch jederzeit gerne an mich wenden. Nun muss ich aber gehen, denn ich habe noch einige Sachen zu bearbeiten."

"Natürlich", antwortete Emma Wolff und erhob sich zusammen mit der Heimleiterin und ihrem Mann. "Es war sehr freundlich von Ihnen, uns Sophia persönlich zurückzubringen. Ebenso möchte ich mich bei Ihnen für Ihr Angebot bedanken. Möglicherweise komme ich darauf zurück, falls ich wirklich nicht mehr weiterweiß."

"Das können Sie ruhig", versprach Frau Meyer und lächelte. Dann richtete sie das Wort an Herrn Wolff: "Wären Sie wohl so freundlich, Sophias Fahrrad aus meinem Kofferraum zu nehmen?"

"Kein Problem, gnädige Frau", gab Gero zurück und erwiderte  ihr Lächeln. Dann gingen sie zusammen aus dem Zimmer. Kaum hörte man jedoch, wie die Haustür ins Schloss fiel, wandte sich Emma Wolff an Sophia, die immer noch mit trotziger Miene schweigend auf einem Stuhl saß, und es klang überhaupt nicht mehr freundlich: "Deine Intrigen haben dir nützt genützt, du kleines Biest! Hoffentlich ist dir jetzt klar, wem die Mitarbeiter des Jugendamtes glauben werden, falls du noch einmal so etwas versuchst!"

Die Fünfzehnjährige schaute hinauf, ihrer Pflegemutter direkt ins Gesicht, und sagte sarkastisch: "Na, na, sind das denn die Worte einer Frau, die nichts als mein Wohlergehen im Sinn hat?"

"Deine Frechheiten werden wir dir schon austreiben, kleine Giftspritze! Und wenn du nicht aufpasst, dann sorgen mein Mann und ich dafür, dass du auch von deinem Gymnasium fliegst. Du solltest dich also besser nicht mit uns anlegen, sondern dich fügen!"

"Und wenn ich das nicht tue?!", fragte Sophia lauernd und sah Emma herausfordernd an.

"Du hast ja gesehen, dass Frau Meyer, die dich doch sehr gut kennen sollte und dich bisher immer in Schutz nahm, uns mehr glaubt als dir. Deine Vorwürfe hält sie für bedauerliche Missverständnisse, die nur auf den Lügen von Flora beruhen", entgegnete Emma und lachte dann höhnisch. Am liebsten hätte Sophia ihr ins Gesicht geschlagen. Diese Schlampe widerte sie einfach nur an. Aber sie dachte an ihre Zimmergenossin, um die sie sich ein wenig sorgte.

"Wo ist Flora wirklich?!", fragte das Mädchen daher, ohne auf die Worte der Pflegemutter einzugehen.

"Nur ein bisschen Geduld, Baby-Natter. Mein Mann müsste jeden Moment wieder hier sein und dann wirst du deine Pflegeschwester sehen dürfen."

Zwei Minuten später kam Gero zurück und grinste breit.

"Frau Meyer ist gerade abgefahren und dein Fahrrad steht im Schuppen, wo es hingehört", erklärte er Sophia, die ihn böse anfunkelte. "Deine ehemalige Heimleiterin hat sich überaus freundlich von mir verabschiedet und gab mir noch einmal deutlich zu verstehen, wie sehr sie es bedaure, dass du uns solche Scherereien machst."

"Nun, ich denke, Sophia wird bald einsichtig werden", meinte Emma süffisant zu ihrem Mann. "Sie kann es kaum erwarten, Flora wiederzusehen."

"Dann komm, du kleine Giftspritze", forderte der bullige Mann Sophia auf, packte sie hart am Arm und zog sie vom Stuhl hoch. Dann zerrte er sie hinter sich her aus dem Esszimmer hinaus, während Emma ihnen mit spöttischer Miene folgte. Sie bewegten sich auf eine Tür zu, die unter der Treppe eingebaut war.

"Haben Sie Flora etwa in dieser Kammer eingesperrt?", fragte Sophia empört, obwohl sie der harte Griff ihres Pflegevaters am Arm sehr schmerzte. Aber sie wollte auf keinen Fall einen Laut von sich geben.

"Dahinter verbirgt sich keine Kammer, freche Klugscheißerin, sondern unser Keller", berichtigte Gero Wolff das Mädchen. "Und wir werden jetzt schön da runtergehen. Schließlich wollen wir doch die liebe Flora nicht länger als unbedingt nötig im Vorratsraum warten lassen, nicht wahr?"

Nach dieser Ansage schloss der bullige Mann die Kellertür auf, schaltete das Licht ein und zog Sophia immer noch hinter sich her, als er die Treppe hinab ging, dicht gefolgt von Emma Wolff. Unten angekommen schritten sie geradeaus und bogen nach zwei Regalen schließlich nach rechts ab, wo sie in einen schmalen Gang kamen, der zu einer angerosteten Tür führte, vor der Gero stehen blieb. Sophia spürte, wie ihr Herz schneller zu klopfen begann.

"Befindet sich Flora da drinnen?", fragte sie.

"Ganz recht, Fräulein Schlaumeier", entgegnete der bullige Mann mit einem bösen Grinsen und ließ sie endlich los. Seine Frau trat von hinten dicht an Sophia heran und ergänzte zynisch: "Ja, und es ist allein deine Schuld, dass wir Flora hier eingesperrt haben."

Dann gab sie ihrem Mann ein Zeichen, die rostige Tür zu öffnen. Er tat es sofort, wobei es unangenehm quietschte, als er den Schlüssel umdrehte. Als er die Tür dann leicht aufstieß, erblickte Sophia ihre Leidensgenossin mit verweintem Gesicht am Boden kauernd und die Handgelenke mit Handschellen an ein schmales Rohr, das an der Wand entlanglief, gekettet.

"Oh mein Gott, was haben Sie ihr nur angetan?", schrie das Mädchen entsetzt auf, eilte zu Flora hin und ließ sich neben ihr auf die Knie nieder.

"Wie gesagt ist dies ganz allein deine Schuld, Sophia", erklärte Emma spöttisch und trat auf die beiden Teenager zu. "Eigentlich kann sie nichts dafür, dass du so eine intrigante, kleine Giftnatter bist. Natürlich sahen wir uns gezwungen, Flora kurzfristig verschwinden zu lassen, nachdem uns Frau Meyer ankündigte, dich persönlich zu uns zurückbringen und ein Gespräch mit uns führen zu wollen. Ich muss sagen, dass ich dir nicht zugetraut hätte, dich so schnell bei einer Mitarbeiterin des Jugendamtes über uns zu beschweren. So viel Dreistigkeit muss man erst mal aufbringen. Doch mir ist dabei klar geworden, dass ich dich unterschätzt habe. Jetzt weiß ich, wie man mit dir umgehen muss."

"Aber Flora hat doch damit nichts zu tun!", erwiderte Sophia.

"Mag sein, ich weiß es nicht", antwortete Emma. "Jedenfalls wollten wir nicht riskieren, dass Flora und Frau Meyer sich begegnen. Das hätte unsere erste Tochter vermutlich zu sehr aufgeregt und sie möglicherweise vergessen lassen, wie gut sie es doch bei uns hat - verglichen mit ihrem früheren Leben bei ihrer versoffenen Mutter. Denn ich nehme stark an, dass du dein Gift bereits verspritzt und auch Flora gegen uns aufgehetzt hast."

"Flora weiß selbst, was sie bei Ihnen erdulden muss!"

"Oh, das muss sie nicht. Wenn sie es wünscht, rufe ich gleich morgen das Jugendamt an und..."

"Nein, bitte, Frau Wolff, tun Sie das nicht!", rief Flora ängstlich aus und starrte ihre Pflegemutter furchtsam an. "Sophia hat mich nicht gegen Sie aufgehetzt. Es war einfach nur alles so neu für sie hier."

"Lieb von dir, dass du deine neue Mitbewohnerin in Schutz nimmst", erwiderte Emma wohlwollend und wirkte zufrieden. "Okay, ich glaube dir, dass du mit den Aktionen der kleinen Baby-Natter nichts zu tun hattest. Bestimmt hat sie sich das bereits gestern Nacht ausgedacht."

Die Pflegemutter ließ ihren Blick wieder verärgert zu Sophia wandern. Dann warf sie einen Schlüssel vor ihr auf den Boden. Sophia nahm ihn, um Flora endlich von den Handschellen zu befreien. Dabei murmelte sie "selber Natter" vor sich hin.

"Was hast du da gerade gesagt?!", fuhr Emma sie an.

"Nichts!", entgegnete Sophia, ohne ihre Pflegemutter anzusehen. Sie tauschte vielmehr einen Blick mit Flora aus, in deren Augen immer noch Tränen schwammen.

"Freches Miststück!", schrie Emma. "Du wirst mir sofort sagen, was du da gerade von dir gegeben hast!"

"Es tut mir leid", antwortete Sophia.

"Was tut dir leid?!", fauchte die Pflegemutter.

"Es tut mir leid, dass Flora wegen mir hier eingesperrt worden ist."

Verärgert wandte sich Emma an das blonde Mädchen und fragte: "Stimmt das?!"

Flora nickte stumm.

"Na gut", meinte Frau Wolff dann und wurde etwas ruhiger. "Wenigstens zeigst du ein wenig Einsicht. Trotzdem musst du natürlich für deine Frechheiten die Konsequenzen tragen. Wer seine Eltern öffentlich anschwärzt, kommt nicht ohne Strafe davon. Und deshalb, kleine Giftnatter, haben mein Mann und ich beschlossen, dir Gelegenheit zu geben, gründlich über dein Verhalten nachzudenken. Wir beide hoffen wirklich, dass du dadurch endlich einsiehst, wie viel besser es für dich ist, uns zu gehorchen."

"Sie sind nicht meine Eltern!", protestierte Sophia wütend. Sie stand vom Boden auf und half auch Flora dabei, sich zu erheben. Dann postierte sie sich vor Emma, wobei sie das Kinn etwas anhob und ihrer Pflegemutter einen herausfordernden Blick zuwarf. "Und ich bin nicht ihre Dienerin, basta!"

Frau Wolff lächelte spöttisch, wandte sich dann an Flora und befahl: "Geh jetzt nach oben in dein Zimmer. Du musst sicher noch Hausaufgaben machen."

Das blonde Mädchen zögerte, sah unsicher zu Sophia und dann wieder zu Emma: "Sie werden ihr doch nichts antun, oder?"

"Das hat dich nicht zu interessieren, Flora!", entgegnete Emma streng.

"Nein, ich lasse nicht zu, dass Sie Sophia weh tun!", gab das blonde Mädchen zurück. In ihren Augen stand zwar immer noch Furcht, aber ihre Stimme klang entschlossen und sie stellte sich jetzt vor die Jüngere.

"Das ist ja unglaublich!", entfuhr es nun Gero Wolff und er starrte Flora fassungslos an. "Jetzt fängt die auch noch an, uns zu widersprechen!"

"Der beste Beweis dafür, dass die kleine Giftnatter sie schon erfolgreich gegen uns aufgehetzt hat", antwortete seine Frau. "Außerdem scheint unsere liebe Flora einen ausgeprägten Mutterinstinkt zu besitzen, sonst würde sie sich doch nicht dermaßen schützend vor jemanden stellen, den sie kaum kennt. Wir sollten das nicht persönlich nehmen, Gero. Flora kann gar nicht anders, als ihrem Instinkt zu gehorchen."

Emma wandte sich wieder dem blonden Mädchen zu und setzte ein gönnerhaftes Lächeln auf.

"Du musst keine Angst um Sophia haben, Kind. Wir werden ihr nichts tun. Sie soll doch nur ein paar Stunden über ihr Verhalten nachdenken, und zwar ganz allein!"

Sie griff Flora am Arm und zog sie zu sich nach vorn. Dann übergab sie sie ihrem Mann, der den blonden Teenager aus dem Raum schob und ihr folgte. Emma jedoch sandte Sophia jetzt einen Blick voller Hass zu und zischte: "Denk gut darüber nach, wie du dich in Zukunft verhalten willst, kleines Luder, und mach dir klar, dass alles, was du tust, Konsequenzen nach sich ziehen wird!"

Danach drehte sie ihr den Rücken zu, verließ den engen Raum und zog die Tür hinter sich zu, die sie gleich darauf abschloss. Sophia fand sich allein im Dunkeln wieder und merkte erst jetzt, dass diese Kammer keine Fenster besaß. Resigniert kauerte sie sich auf dem Boden nieder, zog die Beine an ihren Körper und vergrub den Kopf darinnen, damit niemand von draußen hören konnte, dass sie weinte. Denn Sophia hielt es durchaus für möglich, dass die Wölfin vor der Tür stand und darauf wartete, einen Schluchzer zu hören. Doch trotz ihrer vorläufigen Niederlage wollte das dunkelhaarige Mädchen ihrer Pflegemutter diesen Triumph nicht gönnen...

 

=~=~=

 

Seraph hatte sich hinausgewagt auf die Straße, um ein wenig spazierenzugehen, was eine gute Übung darstellte, sich in dem Androidenkörper zu bewegen. Es fiel ihm jetzt nicht mehr so schwer wie noch ein paar Stunden zuvor. Außerdem wollte er sich gern in der Gegend, in der das Orakel lebte, etwas umsehen. Schließlich würde er in Zukunft hier wohnen.

Und plötzlich, ehe er es sich versah, hatten ihn fünf große, in Ledermäntel gekleidete, muskulöse Männer umringt und starrten ihn eindringlich an. Seraph bewegte sich nicht und wagte kaum zu atmen, während er diese Männer beobachtete. Einer von ihnen trug eine Sonnenbrille und eine lilafarbene Krawatte. Er schien der Anführer dieser unangenehm wirkenden Typen zu sein, denn nach einer Weile wandte er sich an einen seiner anderen vier Kumpane: "Das soll also der Verräter sein?"

"Ja, er befindet sich genau in den Koordinaten, die der Boss uns mitteilte", antwortete der Angesprochene, wirkte jedoch unsicher.

"Mag ja sein, aber bei dem hier handelt es sich doch nur um einen Androiden", gab der Krawattenmann zurück und bedachte danach Seraph mit einem verächtlichen Blick. "Das ist nichts weiter als der Schutzmann für die Wahrsagerin. Eine sehr gute Kopie, bei der an alles gedacht wurde, sogar der Aktivierungs-Code ist mit demjenigen des Verräters identisch. Der Boss konnte das ja nicht wissen."

"Aber die Wahrsagerin müsste doch in der Lage sein, uns den genauen Standort des Verräters zu nennen", meinte einer der anderen Männer. "Sie muss auch irgendwo in der Nähe sein, wenn sich ihr Schutzprogramm schon hier aufhält."

"Der Androide scheint übrigens momentan nicht richtig zu arbeiten", erwiderte der Krawattenmann. "Er bewegt sich kaum, starrt nur vor sich her und sagt kein Wort. Den würde ich persönlich niemals zu meinen Schutzmann wählen."

"Das Orakel hat keine Wahl, sondern muss sich mit dem abfinden, was ihr der Architekt zukommen lässt. Und das ist nun einmal dieser Androide hier, der ausgerechnet dem Verräter Seraph nachempfunden wurde. Was hat sich der Schöpfer nur dabei gedacht?"

Ein weißes Taxi hielt neben der Gruppe an, dessen Tür öffnete sich und eine in einem hochgeschlossenen, hellgrauen Kostüm gekleidete Frau mit langem, schwarzen Haar entstieg ihm. Seraph erkannte sie sofort. Himmel, Madame Persephone hatte ihm gerade noch gefehlt!

Mit einem strengen Blick bedachte die schöne Göttin die fünf lederbekleideten Männer, die sofort etwas vor ihr zurückwichen, um ihr Platz zu machen. Sie näherte sich dem Androiden und blickte ihn sekundenlang eindringlich an, dann wandte sie sich in verächtlichem Ton an die Männer, die offensichtlich für ihren Angetrauten arbeiteten: "Was wollt ihr von diesem Roboter? Habt ihr nichts Besseres zu tun?! Meine Tochter zu suchen, beispielsweise?!"

"Das tun wir, Herrin", versicherte ihr der Mann mit der Krawatte. "Euer Gemahl meinte, dass wir Ihre Tochter finden, sobald wir den Verräter Seraph aufgespürt haben."

"Ach, tatsächlich?!", fragte Persephone spöttisch und sah die Männer der Reihe nach mit finsterem Blick an. "Nun, dies hier ist ganz offensichtlich nicht der echte Seraph, n'est-ce pas?"

"Nein, Madame", gab der Anführer der Lederbemantelten kleinlaut zu.

"Dann verzieht euch unverzüglich und macht euch auf die Suche nach meinem Kind!", fuhr Persephone die fünf Männer an. Augenblicklich verschwanden die Typen so schnell, wie sie gekommen waren. Seraph fühlte sich etwas erleichtert, aber er hatte sich zu früh gefreut. Kaum waren die bedrohlich aussehenden Schergen des Merowingers weg, richtete Persephone ihre Augen hasserfüllt auf den Androiden.

"Sehr bedauerlich, dass du nicht der echte Seraph bist", zischte sie ihm leise zu. "Dieser Dreckskerl hat mir mein Kind gestohlen."

Unvermittelt spuckte sie dem Androiden ins Gesicht, der sofort die Augen schloss, aber den Wutanfall der Göttin über sich ergehen ließ. Der Engel, der den künstlichen Körper bewohnte, verstand ihre Reaktion nur zu gut. Sie musste sehr verzweifelt sein und ihre Tochter schmerzlich vermissen... er konnte beinahe fühlen, wie alles in der schönen Frau nach Rache für den Verlust ihres Kindes schrie. Zweifellos war auch Persephone zu allem bereit, wenn es sich um ihren Sprössling handelte, sie würde sogar töten... Demeter hatte keine Ahnung, wie rigoros ihre einst so brave Tochter werden konnte. Sie war bereits als junges Mädchen überaus leidenschaftlich, aber das blieb so lange verborgen, bis sie Aides begegnete und sich in ihn verliebte. Er konnte sich deshalb nicht vorstellen, dass sich Persephone jemals mit ihrer Mutter versöhnen würde, wenn sie erfuhr, dass diese die Entführung Sophia's  initiiert hatte.

"Tante Persephone!", drang da die Stimme einer jungen Frau an das Ohr des Engels. Seraph glaubte, dass es sich um diejenige von Lady Diana handelte, und als er seine Augen wieder öffnete, fand er diese Annahme bestätigt. Aber wie sehr hatte sich Diana seit damals verändert: Ihre einst zu einer straff nach oben frisierten blonde Lockenpracht hatte sich in eine kinnlange, glatte Bobfrisur verwandelt, was ihr ein etwas burschikoses Aussehen verlieh. Und sie trug jetzt einen tiefgrünen, eleganten Hosenanzug, der gut zu ihrer Persönlichkeit passte.

"Tante Persephone, was tust du denn da?"

Die jugendlich aussehende Diana kam von der anderen Seite des Taxis auf ihre Tante zugelaufen und sah sie besorgt an.

"Ich lasse gerade meinen Zorn an diesem Roboter aus!", erklärte Persephone grimmig, ohne ihren hasserfüllten Blick von dem Androiden zu nehmen. "Wenn ich diese Visage nur sehe, überkommt mich ein unbändige Wut und ich würde am liebsten..."

"Bitte, Tante Persephone, beruhige dich", redete Diana mit sanfter Stimme auf die hochgewachsene, schöne Göttin ein. "Es ist doch nur eine Maschine und nicht der echte Seraph. Ich bin sicher, wenn Onkel Aides ihn findet, wird er ihm schon die ihm gebührende Strafe angedeihen lassen!"

"Ich will doch nichts weiter als mein Kind zurück!", fauchte Persephone und legte unvermittelt ihre Hände um den Hals des Androiden. Und auch, wenn es nicht sein eigener Körper war, so spürte Seraph dennoch, wie ihm unter dem immer fester werdenden Druck der Hände seiner einstigen Herrin langsam die Luft knapp wurde.

"Bitte...", hauchte er mühsam und sah sie flehentlich an. "Bitte, Herrin, nicht..."

"Bitte, Tante Persephone, er ist doch nur ein Androide und nicht der echte Seraph", ermahnte sie Diana sanft. "Er weiß nicht, was mit Sophia geschehen ist."

"Aber dein Vater hat ihn doch so programmiert, dass er wie Seraph denkt, nicht wahr?", erwiderte Persephone lauernd, ohne ihre Hände vom Hals des künstlichen Wesens zu nehmen. "Und wenn es sich so verhält, dann kann er doch zumindest eine Hypothese darüber aufstellen, was dieser verdammte Verräter mit meiner Tochter gemacht hat."

Sie sah Seraph eindringlich in die Augen und fragte mit drohender Stimme: "Wo ist meine Tochter?"

"Sie... sie...", wisperte der Engel.

"Was ist mir ihr? Was hat Seraph mit meinem Kind gemacht? Hat er es getötet?"

"Nein...", hauchte der im Androidenkörper gefangene Engel mit letzter Kraft. "Nein... Sophia lebt..."

Überrascht von dieser Antwort lockerte Persephone tatsächlich den Druck ihrer Hände, zog die Augenbrauen hoch und fragte eine Sekunde später: "Wo ist sie?"

"Weit weg von hier, Herrin, ganz weit weg..."

"Wo?!"

"Ich... ich kann es nicht sagen... ich... ich..."

"Wo, Elender, sprich!", schrie Persephone das künstliche Geschöpf an und begann erneut, fester zuzudrücken.

"Tut... mir... leid... ich kann es nicht sagen..."

"AUFHÖREN!"

Erstaunt blickten Persephone und Diana bei diesem Aufruf zur Seite. Aus einem der Häuser war eine ältere, dunkelhäutige Frau getreten, die vor der Tür verharrte und die beiden Göttinnen anstarrte. Dann fuhr sie in einem strengen Ton fort: "Lassen Sie von dem Androiden ab, Madame Aidelos. [1] Er wird Ihnen nichts über Ihre Tochter sagen können, da er nichts darüber weiß."

Tatsächlich ließ Persephone von dem Androiden ab und wandte sich nun der älteren Frau zu, die ihr furchtlos in die Augen sah.

"Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?", wollte die Herrin der Unterwelt wissen.

"Vermutlich ist es das sogenannte Orakel", meinte Diana in ironischem Ton und verzog ihre Lippen zu einem süffisanten Grinsen. "Welch seltsame Verdrehung: Das Orakel sieht sich dazu genötigt, ihren Beschützer zu beschützen."

Die junge Göttin lachte laut auf, während Persephone immer noch leicht verärgert wirkte.

"Sind Sie wirklich das Orakel, so wie meine Nichte es vermutet?"

"Ja, das ist richtig."

Jetzt verzog auch die Herrin der Unterwelt ihren Mund zu einem ironischen Lächeln.

"Man trug mir zu, dass Sie alles sehen können - einfach alles", fuhr Persephone fort. "Stimmt das?"

"Nicht ganz, aber ich sehe eine Menge", antwortete die dunkelhäutige Frau in ernstem Ton.

"Können Sie auch sehen, was mit meiner Tochter geschehen ist und wo sie sich jetzt aufhält?"

"Ihr Kind ist seit langem tot, Madama Aidelos, damit sollten Sie sich endlich abfinden!"

"Lügnerin!", schleuderte ihr Persephone entgegen. "Mein Kind ist unsterblich und es lebt, das fühle ich!"

"Sie machen sich selbst etwas vor", erwiderte das Orakel mit ruhiger Stimme. "Ich verstehe ja durchaus, dass es schmerzlich ist, sich mit der Tatsache abzufinden, sein Kind verloren zu haben, aber..."

"Niemand kann mir einreden, dass Sophia tot ist. NIEMAND! Und vor allem nicht so ein dahergelaufenes, dreistes Programm, das meinen Mann beleidigt und angreift, wo es nur kann!"

"Der Schmerz lässt sie zornig sein, Madame, das verstehe ich durchaus. Aber eine Verleugnung von Tatsachen ändert nichts an einem feststehenden Sachverhalt."

"Sophia ist ein unsterbliches Kind, eine kleine Göttin. Wie kann sie da gestorben sein?!"

"Wir beide wissen, dass ein göttliches Kind erst im Alter von sieben Jahren die Unsterblichkeit erlangt. Vorher ist es genauso gefährdet, verletzt und getötet zu werden, wie ein Menschenkind. Davor können Sie die Augen nicht verschließen, Madame."

"NEIN! NEIN! Ich weigere mich zu glauben, dass Sophia tot ist. Sie sind eine infame Lügnerin, weiter nichts. Ich spüre, dass mein Kind noch lebt. Es ist irgendwo in der Matrix versteckt... manchmal habe ich sogar von Sophia geträumt... mein Baby..."

"Ja, es ist überaus schmerzlich, wenn eine Mutter ihr Kind verliert", bekräftigte das Orakel und nickte. "Und jetzt können Sie sicherlich ermessen, wie viel Schmerz Sie Ihrer eigenen Mutter bereitet haben, als Sie sie verließen, um einen Mann zu heiraten, der Ihrer nicht würdig ist, Madame Aidelos."

"Wagen Sie es ja nicht, etwas gegen meinen Mann zu sagen!", fuhr Persephone sie an.

"Wir sollten unsere Zeit nicht länger mit dieser verlogenen Wahrsagerin verplempern", mischte sich jetzt wieder Diana ein und bedachte die dunkelhäutige Frau mit einem verächtlichen Blick. "Sie mag sich ja selbst für das Orakel von Delphi halten, aber das ist sie nicht. Das Orakel von Delphi wurde vor langer Zeit bei dem Krieg zwischen Menschen und Maschinen zerstört und mein Bruder trauert noch heute um den Verlust des Orakels."

"Ach ja, Ihr Bruder, Lady Diana", wandte sich die dunkelhäutige Frau nun in spöttischem Ton an die junge Göttin. "Wie geht es Apoll denn so? Hat er inzwischen seine Hippie-Phase überwunden oder raucht er immer noch mit Vorliebe Joints?"

Die blonde Göttin grinste breit und gab dann ironisch zurück: "Warum fragen Sie, Orakel? Können Sie es denn nicht selbst sehen?"

Danach tauschte Diana einen Blick mit Persephone aus und tatsächlich lachte nun auch die Herrin der Unterwelt etwas verhalten.

"Du hast ganz recht, liebe Nichte, dieses unbegabte Subjekt ist es nicht wert, dass wir ihr einen Teil unserer Zeit schenken. Schließlich haben wir noch zu tun!"

"Wenn Sie mich für unbegabt halten, unterliegen Sie einem Irrtum, Madame Aidelos", ließ sich da nun das Orakel wieder in selbstsicherem Ton vernehmen. "Ihre Tochter ist tot und mit Ihrer Ehe geht es immer weiter bergab. Ihr Mann nimmt es mit der Treue nicht so genau und Sie fragen sich bestimmt schon, ob er es tatsächlich wert gewesen ist, dafür die eigene Mutter zu hintergehen."

"Wenn du nicht augenblicklich dein vorlautes Mundwerk hältst, dann rufe ich auf der Stelle die Handlanger meines Mannes zurück!", drohte Persephone und blickte das Orakel voller Hass an. "Die Kerle mögen zwar nicht gerade die hellsten sein, aber sie gehorchen mir und werden dir gewiss gerne das Maul stopfen, wenn du weiterhin damit fortfährst, meinen Ehemann zu beleidigen. Er ist ein guter Gemahl und ein guter Vater und ich liebe ihn! Ja, verdammt noch mal, das tue ich!"

Nach diesen Worten wandte sich Persephone abrupt vom Orakel ab und stieg rasch wieder in das Taxi. Nur Diana verharrte noch einen Augenblick länger auf der Stelle und starrte die dunkelhäutige Frau verärgert an.

"Du magst dich im Moment ja noch recht sicher fühlen, weil du im Auftrag meines Vaters, des Architekten dieser künstlichen Welt, handelst, aber vergiss nicht, dass mein Onkel Aides dir schon einmal deine körperliche Hülle genommen hat und ich wette, es könnte ihm auch ein weiteres Mal gelingen", erklärte die blonde Göttin hochmütig. "Wenn du also überleben willst, solltest du es vermeiden, dich mit uns Göttern anzulegen. Das würde mich Sicherheit auch ein zweites Mal in die Hose gehen. Onkel Aides ist nämlich nicht der Einzige von uns, der dich hasst."

"Glaubst du, ich lasse mich von dir einschüchtern, du verwöhntes Gör?", gab das Orakel zurück. "Geh lieber heim und spiel' mit den Püppchen, die dich anbeten. Zusammen könnt ihr dann unter Palmen sitzend die Texte von Sappho deklamieren, euch liebkosen und jeden Mann verjagen, der euch auch nur zu nahe kommt."

"Nun ja", meinte Diana sarkastisch und bedachte die Wahrsagerin von oben bis unten mit einem abschätzigen Blick. "Mir scheint, dass Sie auch nicht gerade übermäßige Männerbekanntschaften unterhalten - mal abgesehen von dem geschlechtsneutralen Androiden da, der als Schutzmann gar nichts taugt. Die Männer meines Onkel hätten ihn sehr leicht überwältigen können und meine Tante war drauf und dran, ihn mit eigenen Händen zu erwürgen. Also ich an Ihrer Stelle würde mich nicht allzu sicher fühlen. Sie sollten lieber meinen Vater kontaktieren und um ein besseres Schutzprogramm bitten. - Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe mit meiner Tante noch eine wichtige Besprechung. Guten Tag!"

Und danach verschwand auch Diana umgehend ins Taxi, das gleich darauf losfuhr.

Das Orakel sah dem Wagen mit traurigem Blick nach, während Seraph sich langsam wieder erholt hatte.

"Wir sind überhaupt nicht sicher", meinte er dann an die dunkelhäutige Frau gewandt. "Die Schergen des Merowingers haben mich anhand von Koordinaten gefunden, die ihnen ihr Herr übermittelt hat, und wenn Madame Persephone nicht aufgetaucht wäre, wüsste ich nicht, was die Typen mit mir angestellt hätten."

"Sie wären auch ohne das Auftauchen meiner Tochter gleich verschwunden, nachdem sie meinten, es handele sich bei dir lediglich um den Androiden. Hast du denn nicht mitbekommen, wie Sie darüber sprachen, dass ihr Boss sich geirrt haben muss?"

"Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob sie mich wirklich unbehelligt gelassen hätten, Orakel. Immerhin hielt nicht einmal Madame Persephone mich für echt und dennoch wollte sie mich umbringen, weil ihr Hass auf den Entführer ihrer Tochter unglaublich stark ist."

"Ja, mein armes, verblendetes Kind empfindet immer noch viel zu viele für den Merowinger und das Mädchen, das sie von ihm empfing. Bedauerlich, dass sie einfach nicht glauben will, dass die Kleine tot ist", meinte Demeter traurig. "Ein seltsames Gefühl, Persephone nach so langer Zeit wiederzusehen. Und trotz aller Kränkungen, die sie mir zufügte, bleibt sie dennoch meine Tochter, deren Wohlergehen mir am Herzen liegt. Es ist überaus schmerzlich für mich, dass sie bei diesem Ekelpaket von Mann bleiben will! Wie kann man nur so ignorant und blind sein?! Jedermann weiß von den Affären meines Schwiegersohnes!"

"Orakel, die Ehe des Merowingers geht uns nichts an!", ermahnte Seraph sie.

"Dich vielleicht nicht", gab die dunkelhäutige Frau patzig zurück. "Aber da Persephone trotz allem meine Tochter ist, habe ich wohl das Recht, mir Sorgen zu machen."

"Sie machen sich also Gedanken um Ihre Tochter, obwohl Sie sie seinerzeit verstießen?"

"Natürlich, sie ist schließlich mein Fleisch und Blut!"

"Aber von Ihrer Tochter verlangt ihr, das eigene Kind zu vergessen!"

"Seraph, bitte! Das kann man doch nicht miteinander vergleichen!"

"Oh doch, Orakel! Persephone ist Ihre Tochter, weshalb es verständlich ist, dass Sie sich um sie Gedanken machen. Und genau so wie Sie empfindet Persephone für Sophia. Wie können Sie nur von ihr verlangen, ihr Kind zu vergessen?!"

"Dieses Kind war ein Ungeheuer, kein normales Mädchen, das man einfach liebhaben kann!"

"Verzeihen Sie mir, Orakel, aber es fällt mir schwer, das zu glauben."

"Nun, das ist deine Sache! Doch ich versichere dir, dass du dich glücklich schätzen kannst, dich nicht selbst von der Gefährlichkeit dieses kleinen Untiers überzeugen zu müssen. Wie dem auch sei, das Mädchen ist tot und damit ist die Sache für mich erledigt."

"Wie können Sie nur so herzlos sein?", fragte Seraph fassungslos. "Sophia war Ihre Enkelin, noch ein Baby, weiter nichts."

"Glaub mir, mein Junge, ich habe dir diesen Auftrag nicht gerne erteilt", versicherte ihm das Orakel und legte behutsam eine Hand auf seinen Arm. "Natürlich war das Biest damals nichts weiter als ein hilfloses Baby, sonst wären wir doch niemals in der Lage gewesen, es aus der Unterwelt zu rauben und seinem Schicksal in einer anderen Zeit unter Menschen, die mit Kindern nicht gerade zimperlich umgehen, zu überlassen. Auf diese Weise wurde Sophia eines der vielen englischen Waisenkinder, die früh den Tod fanden. Sie ist Geschichte und ich möchte jetzt einfach nichts mehr über dieses Mädchen hören! Dieses Thema geht mir allmählich wirklich auf die Nerven!"

"Ich fürchte, Sie werden sich damit noch einige Male auseinandersetzen müssen, Orakel. Denn der Merowinger hat wieder damit begonnen, verstärkt nach seiner Tochter zu suchen."

"Dann ist er wirklich überaus töricht", meinte Demeter verächtlich. "Doch nun komm, lass uns reingehen und zusammen eine Tasse Tee trinken. Der Würgegriff  Persephones war bestimmt nicht besonders angenehm und ich wette, du hast immer noch das Gefühl, ihre Hände um deinen Hals zu haben."

"Ja, das stimmt."

"Das habe ich mir gedacht", sagte die dunkelhäutige Frau und nickte. Dann ließ sie ihren Blick noch einmal in dir Richtung schweifen, in der das Taxi weggefahren war. "Es hat mir weh getan zu sehen, in was für ein grausames Geschöpf sich meine Tochter aufgrund ihres langen Beisammenseins mit dem Merowinger verwandelt hat. Früher wäre ihr niemals eingefallen, jemanden zu bedrohen oder gar anzugreifen. Sie war so ein liebes, umgängliches Mädchen gewesen und nun..."

"Persephone ist doch nur eine unglückliche Mutter, die ihr Kind um jeden Preis wiederfinden will", nahm Seraph die Herrin der Unterwelt sofort in Schutz. "Gerade Sie müssten das gut verstehen können."

"Natürlich tue ich das... aber wenn Persephone wüsste, was sie da in die Welt gesetzt hat..."

"Das dürfte egal sein, sie ist die Mutter von Sophia und wird sie lieben, egal, wie das Mädchen sich entwickelt. Warum können Sie das denn nicht einsehen? Persephone ist genauso wie Sie einst waren."

"Persephone ist eine kinderlose Frau, die törichterweise einen Mann liebt, der das überhaupt nicht verdient hat. Doch ich werde schon einen Weg finden, sie und Aides auseinanderzubringen. Meine Tochter ist unglücklich, das war nicht zu übersehen... man muss nur noch einen draufsetzen, damit sie ihren Mann verlässt..."

"Hören Sie endlich auf, Intrigen zu spinnen! Sie haben gegen den Merowinger keine Chance! Nicht die geringste. Und Sie haben doch gehört, was Lady Diana gesagt hat - er oder ein anderer der Götter wird nicht zögern, auch Ihren neuen Körper zu zerstören, wenn Sie die Mächtigen nicht endlich in Ruhe lassen!"

"Die Mächtigen?! Ich bin auch eine von ihnen!"

"Das waren Sie vielleicht früher einmal, aber jetzt? Sehen Sie sich an, Herrin: Sie verstecken sich im Körper eines Programmes, anstatt endlich wieder als eigenständige Gottheit aufzutreten und zu dem zu stehen, was sie getan haben."

"Damit mein Schwiegersohn mit dem Einverständnis seines Bruder mich umgehend in die tiefsten Tiefen des Tartaros verfrachtet, um mich dort genüsslich foltern zu können?! Nein, Seraph, so verrückt bin ich noch nicht! Und trotz meiner eingeschränkten Fähigkeiten im Körper dieser Wahrsagerin habe ich dennoch genügend Macht, um etwas bewirken zu können."

"Sie sollten Ihre Energie lieber darauf richten, den Menschen mit Ratschlägen beizustehen", ermahnte Seraph sie.

"Na schön, du hast ja recht", gab die dunkelhäutige Frau endlich nach und nickte erneut. "Bitte entschuldige, mein Junge, aber die Wiederbegegnung mit meiner Tochter hat mir doch sehr zugesetzt. Nach all den Jahren ist es schwer zu akzeptieren, welche Entfremdung zwischen uns besteht. Dennoch habe ich nicht die Hoffnung aufgegeben, dass Persephone eines Tages wieder zu mir zurückfindet."

"Nun, jeder von uns hat wohl einen Traum, nach dessen Erfüllung er sich sehnt", murmelte Seraph verständnisvoll und erinnerte sich an Sophia, die sich nichts sehnlicher wünschte als liebevolle Eltern und ein geborgenes Heim. Und dann dachte er an die verzweifelte Persephone, die sich danach sehnte, ihre Tochter wieder in die Arme schließen zu dürfen. Er empfand Mitleid mit den beiden, hielt es aber dennoch für besser, Sophia auch weiterhin von ihren Eltern fernzuhalten, weil ihr Vater ein überaus gefährlicher Mann war...

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

[1] Aidelos = einer der vielen Beinamen des Gottes Hades (Aides), der hier als Familienname verwendet wird. Er bedeutet  "der Unsichtbare"  oder  "der Verborgene" . Dieser Beiname rührt daher, dass Hades eine Tarnkappe besitzt, die ihn unsichtbar macht, wenn er sie aufsetzt. - In der Antike vermieden selbst die Anhänger des Hades, den Namen des Gottes auszusprechen, da sie ihn fürchteten. Dennoch wurden auch ihm Opfer dargebracht und man erbat sich von ihm Hilfe. Doch bei den Gebeten an Hades wurde üblicherweise nicht einmal sein Name ausgesprochen, sondern er wurde nur bei seinen Beinahmen angerufen. Zu den populärsten gehörte die Bezeichnung "unsichtbarer Gott".

 

 

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

StoryHub Awards 2017

Diese Fanfiction anonym für die StoryHub Awards 2017 nominieren

Autor

Hermias Profilbild Hermia

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:7
Sätze:1.088
Wörter:15.668
Zeichen:92.653

Kurzbeschreibung

Das Baby von Persephone und ihrem Mann wird entführt. Auftraggeberin ist ausgerechnet ihre Mutter Demeter, die dafür sorgt, dass ihr Schwiegersohn seine Tochter lange Zeit nicht findet. Die unschuldige Sophia muss somit den Zwist zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter ausbaden, ohne dass ihr Vater sie davor schützen kann. Wenigstens taucht hin und wieder Seraph auf, um das Mädchen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Demeter jedoch, die die Rache ihres Schwiegersohnes fürchtet, versteckt sich in einer neuen körperlichen Hülle und gibt vor, den Menschen helfen zu wollen. Aber es kommt der Tag, da Vater und Tochter sich begegnen werden...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Familie, Science Fiction, Mystery und Mythologie getaggt.

Ähnliche Fanfictions

Abrechnung
Von Hermia
5 7 3 18