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Ein Ding, das ich Euch zeigen soll

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22.10.18 19:28
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

3 Charaktere

Gandalf / Mithrandir

Olórin, später bekannt als Mithrandir, der Graue Wanderer, oder Gandalf, ist einer der Istari, Maiar, die von den Valar nach Mittelerde gesandt wurden, um im Kampf gegen Sauron beizustehen. Er ist einer der wenigen Weisen, die sich mit Hobbitkunde befassen, und erkannte vor allen anderen ihren Wert. Er ist der Heerführer des Westens im Ringkrieg.

Thorin Eichenschild

Thorin Eichenschild, Thrains Sohn, ist der Erbe des Königreichs unter dem Berge, doch er wurde schon in jungen Jahren vom Drachen Smaug vertrieben. Auf Anraten des Zauberers Gandalf sucht er sich eine Reisegemeinschaft zusammen, zu der auch der Hobbit Bilbo Beutlin gehört, um Erebor zurückzuerobern. Thorin stirbt in der Schlacht der Fünf Heere.

Bilbo Beutlin

Der Hobbit Bilbo Beutlin hat sich in seinem Leben nie etwas zu Schulden kommen lassen. Bis eines Tages der Zauberer Gandalf vor seiner Tür steht und ihn mitten in ein Abenteuer mit den 13 Zwergen rund um Thorin Eichenschild schubst. Es gilt, dem Drachen Smaug den Erebor und seinen Schatz abzureißen und dafür braucht es einen Dieb: niemand geringeres als Bilbo.

Obgleich es schon Mitte Mai war, zögerte das Land westlich des Nebelgebirges noch, sich aus dem eisernen Griff zu befreien, in dem der Winter es festgehalten hatte. Schaute man sich aufmerksam um, sah man Frühlingsblumen durch den stellenweise noch gefrorenen Boden sprießen. Sofern man einen Blick dafür hatte. Doch Bilbo hatte keinen Blick für die Schönheit um sich herum und auch keiner der anderen, die mit ihm ritten, schien sich sonderlich für die Umgebung zu interessieren. Vor einer Woche waren sie von Bruchtal aus aufgebrochen, um auf der großen Oststraße weiter nach Westen zu wandern, wo sie irgendwann auf den Grünweg stoßen würden, der ins Auenland und nach Hobbingen führte.
Nach Hause.
Es war fast, als habe ihre kleine Gemeinschaft – die eigentlich nur aus ihm, Gandalf und Dwalin bestand – verlernt, wie man lachte oder auch nur lächelte. Bilbo war nicht nach Scherzen zumute.
Die Schlacht vor den Toren des Erebor war nun schon ein halbes Jahr her, und dennoch fühlte es sich an, als sei alles erst gestern passiert.

Und Gandalf hatte tatsächlich recht gehabt, als er sagte, diese Reise werde ihn verändern. Fast war es Bilbo zuwider, zu seinem Ohrensessel, dem Kamin und dem pfeifenden Teekessel zurückzukehren. Bevor er mit den Zwergen auf die Fahrt zum Erebor gegangen war, hatte er sich niemals träumen lassen, seine heimelige Höhle einmal länger als für einen Spaziergang zu verlassen, von dem er bei Sonnenuntergang müde, aber glücklich zurückkehrte, vielleicht mit Pilzen, die er unterwegs gesammelt hatte und die ihm dann zu einem leckeren Essen verhelfen würden, wenn er wieder in seiner Höhle vor dem warmen Kaminfeuer saß, eingehüllt in seinen Morgenmantel und mit kleinen, bescheidenen Sorgen, die bei näherer Betrachtung eigentlich gar keine waren.
Aber so war es nicht mehr und so würde es nie wieder sein. Es stimmte, er war ein anderer geworden und er hatte genug Geschichten zu erzählen, um daraus ein Buch zu machen, sofern er jemals die Muße fand, sie alle aufzuschreiben. Und sofern er je wieder nach vorn blicken konnte und nicht zurück. Die Wahrheit war, dass er seine Freunde vermisste. Fast war er geneigt gewesen, Herrn Elronds Angebot anzunehmen und einfach in Bruchtal zu bleiben, und wenn es nur war, weil es nicht so furchtbar weit vom Einsamen Berg entfernt lag. Die Elben waren freundlich zu ihm, sie hatten Verständnis gezeigt, wenn er nicht hatte sprechen oder an den abendlichen Versammlungen mit Harfenspiel und Gesang teilnehmen wollen. Wenn ihm diese Fröhlichkeit zu viel geworden war, hatte es immer einen Platz gegeben, an den er sich hatte zurückziehen können, fort von den Bildern seiner sterbenden Freunde, von dem Geruch nach Blut und Tod, von dem Anblick der vielen Leichen auf dem Schlachtfeld, von seinen Freunden, die fassungslos und weinend an der Seite ihres toten Königs gestanden oder gekniet hatten. Die Haltung bewahrt hatten, als Dáin zum neuen König unter dem Berg gekrönt worden war und man die sterblichen Überreste des Königs und seiner Neffen tief in den Berg gebracht hatte, wo sie in den Grabkammern unter schweren Granitplatten ihre letzte Ruhe fanden.
 

*



Bilbo schaute nach vorn, wo Dwalin auf seinem kleinen braunen Pony saß, den Blick fest auf den Horizont geheftet. Er hatte seit Bruchtal kein einziges Wort mehr gesagt, und Bilbo wusste, warum. Es war ihm nicht leichtgefallen, Gandalfs Vorschlag, bei Elrond Rast zu machen, ein zweites Mal zu folgen. Wenn überhaupt, musste er die Elben nun noch mehr verachten als zuvor. Aber hatte nicht Thorin den Fehler gemacht, diesen einen, unbedachten Satz auszusprechen, der sie alle ins Verderben gestürzt hatte? Hätte er nicht zugestimmt, einen Krieg anzufangen, hätte er es nicht so bereitwillig herausgefordert … Bilbo schluckte und senkte den Blick wieder auf die Mähne seines Ponys, das ihm die Zwerge überlassen hatten. Er wollte die anderen Dinge, die sie ihm gegeben hatten, gar nicht erst aufzählen. Die Satteltaschen des kleinen Tieres quollen über von dem Gold und Silber, das sie aus dem Trollhort geholt hatten. In seinem Rucksack befand sich das Mithrilhemd, das Thorin ihm geschenkt hatte und das er doch so viel besser hätte gebrauchen können. Bilbo wusste nicht, was er jetzt noch damit sollte. Krieg war etwas Entsetzliches. Schlachten waren etwas Entsetzliches. Er würde nie wieder dieses Kettenhemd überstreifen und sich einer Horde Feinde in den Weg werfen.

Er wusste, dass man Geschenke nicht wieder zurückgab, aber am liebsten hätte er Balin das Hemd gegeben oder irgendwem sonst. Er hätte es gegen alle Goldmünzen eingetauscht, die ihm laut Vertrag zustanden, auch wenn die anderen der Meinung waren, dass dieses Hemd viel mehr wert war als das Vierzehntel, das man ihm ursprünglich versprochen hatte. Und an seinen Anteil des Schatzes zu denken, ließ brennende Scham in ihm aufsteigen, bedachte er, was er sich zuerst törichterweise ausgesucht hatte. Aber man hatte ihm am Ende verziehen, oder nicht? Also war es nicht schlimm. Trotzdem ließ sich das nagende Schamgefühl nicht gänzlich aus seiner Brust verbannen.
Bilbo schaute auf, als Dwalin sein Pony anhielt und sich im Sattel ein bisschen gerader aufrichtete. Der Hobbit schaute nach vorn, wohin auch Dwalin und Gandalf nun blickten, und sah sich mit einem Gebirgszug konfrontiert, der so lang war, dass kein Ende in Sicht kam. Er erstreckte sich nach links und rechts wie eine unüberwindliche Barriere, die er vermutlich auch war. Dahinter, mutmaßte der Hobbit, lag das Meer. Er rief sich die Karte ins Gedächtnis, die in seiner Höhle hing und auch all die anderen, die er auf seiner Reise mit den Zwergen jemals zu Gesicht bekommen hatte. Irgendwann waren sie vom Grünweg nach Westen abgebogen, fort vom Auenland. Zuerst hatte Bilbo sich nicht sonderlich wohl dabei gefühlt, als Dwalin verkündete, sie müssten zuerst noch jemand anderen aufsuchen und eine Nachricht überbringen. Der sonst so kriegerische Zwerg hatte angsterfüllt ausgesehen bei dieser Vorstellung, als ginge es darum, etwas noch Grausameres zu überwinden als Smaug. Bilbo hatte, wenn er nachts nicht hatte schlafen können, oft den Gesprächen zwischen Dwalin und Gandalf gelauscht und so erfahren, dass sie sich auf den Weg in die Blauen Berge machen wollten, um den dort ansässigen Zwergen die Nachricht vom Erfolg ihrer Fahrt zu berichten. Aber gleichzeitig würden sie ihnen damit auch sagen müssen, dass …

Sonderlich genau hatte der Hobbit darüber nicht nachdenken wollen. Aber selbst, wenn es schien, als sei das unmöglich, war Dwalin noch schweigsamer geworden, je näher sie den Bergen gekommen waren. Und nun lag der Gebirgszug vor ihnen wie ein monströser, versteinerter Drache, mit schneebedeckten Zacken und das schwere Tor, das groß und breit genug war, um einem Drachen Zutritt zu gewähren, war fast wie das Maul eines solchen, allerdings noch fest verschlossen. Als die Wachen auf den Wehrgängen ihrer gewahr wurden, ertönte ein Hornsignal, das weithin zu hören war. In einigem Abstand zum Tor hielt ihre kleine Gruppe an.
Die steinernen, mit Metallbändern verstärkten und runenverzierten Torflügel schwangen zurück und machten Platz für einen einzelnen Zwerg. Er sah nicht sonderlich freundlich aus, zumindest auf den ersten Blick.
Aber die anderen haben dich weder sonderlich freundlich angesehen, noch zu Anfang freundlich behandelt, Bilbo Beutlin, vergiss das nicht, wisperte ein Stimmchen in seinem Inneren. Er sollte nicht so vorschnell urteilen. Der Zwerg schien noch relativ jung zu sein. Jünger vielleicht noch als Fíli und Kíli, wurde ihm mit einem Stechen in der Brust bewusst. Er hatte schulterlanges, rotbraunes Haar, welches stellenweise kunstvoll geflochten war und trotz der Tatsache, dass sie keine Bedrohung darstellten, war er voll gerüstet. Er trug einen schweren Helm auf dem Kopf, ein silbern schimmerndes Kettenhemd über einer dunkelroten Tunika, dunkelbraune Lederhosen und schwere, eisenbeschlagene Stiefel. Komplettiert wurde die Erscheinung durch eine scharf aussehende Kampfaxt in seinen Händen. Doch er steckte sie augenblicklich zurück in die Halterung auf seinem Rücken, als er sah, wer sie da besuchen kam und lief mit langen Schritten auf die drei Besucher zu. Dwalin stieg von seinem Pony, Bilbo tat es ihm nach. Gandalf saß von seinem Pferd ab und hielt es am Zügel fest, während der fremde Zwerg freudestrahlend auf Dwalin zuging.

„Ihr seid zurück! Wie schön. Wart ihr erfolgreich? Wo sind die anderen? Wie geht es meinem Vater? Du musst mir alles erzählen!“ Doch der Gesichtsausdruck des anderen Zwerges wandelte sich schnell von Freude zu Ernst. Dwalin hielt ihn eine Armlänge von sich weg und sah ihm fest in die Augen.
„Den anderen geht es gut, deinem Vater ebenfalls. Alles andere möchte ich bitte mit Dís besprechen. Wo ist sie?“
Der jüngere Zwerg mochte in Dwalins Blick gesehen haben, dass Nachfragen unangebracht war und zu nichts führen würde. Er rief nach einigen Zwergen, die sofort herbeigeeilt kamen und die Pferde übernahmen, um sie zu versorgen.
„Kommt. Sie ist in ihren Gemächern und schon ganz krank vor Sorge, weil wir so lange nichts von euch gehört haben. Wir dachten schon …“
Bilbo, der hinter Dwalin ging, konnte sehen, wie der ältere Zwerg zusammenzuckte.
Doch er bemühte sich um ein beruhigendes Lächeln, als er dem jüngeren Zwerg auf die Schulter klopfte.
„Wie ich schon sagte, es ist alles in Ordnung.“
Nun, das war eine Lüge, aber sie schien notwendig zu sein. Sicher wollte Dwalin dieser Zwergin persönlich sagen, was …
Dann fiel ihm der Denkfehler auf, den er törichterweise begangen hatte und er verlangsamte seine Schritte. Die Verzierungen an den Säulen, die er eben noch staunend bewundert hatte, sahen mit einem Mal weniger prächtig aus. Stellenweise wirkte das verschlungene Runenmuster, als hätte man versucht, schon einmal dagewesene Verzierungen zu überdecken, oder als wäre dem Steinmetz ein Fehler unterlaufen, den er hatte ausbügeln müssen. Ein Fehler, wie er Bilbo soeben unterlaufen war, aber dieser ließ sich nicht dadurch beheben, dass man ein bisschen an dem Stein herumkratzte.

Wie oft hatte er Kíli dabei beobachtet, wie er mit diesem Stein herumspielte? Er musste ihn hunderte Male dabei gesehen haben, wie er ihn in den Händen wog, ihn polierte, bis seine schwarze Oberfläche abgesehen von den hineingravierten Runen spiegelnd glänzte, und wie er ihn immer wieder liebevoll betrachtete, als sei er sein kostbarster Besitz. Was vielleicht auch der Wahrheit entsprochen hatte. Bilbo griff in eine Tasche seines Mantels. Wie viele Taschen mit wie vielen Gegenständen, die ihm eigentlich gar nicht gehörten, wollte er denn noch anlegen? Der Ring, der Arkenstein – in dieser Tasche befand sich nun die Eichel, die er Thorin in blanker Not entgegengestreckt hatte, als dieser herrisch zu wissen verlangt hatte, was sich in seiner Tasche befand, als habe er gewusst, dass er den Arkenstein bei sich trug.
Was hat es in seinen Taschen, mein Schatz? Was hat es in seinen garstigen kleinen Taschen?
Vorsichtig holte er den schwarzen Stein hervor und strich über die polierte Oberfläche, kalte, stechende Angst im Magen, die sich dort ausbreitete, als habe er einen Igel verschluckt, der seine Stacheln aufstellte. Meine Mutter hat ihn mir gegeben. Als Versprechen, dass ich heil zu ihr zurückkehre…

Bilbo schluckte hart und versenkte den Stein in seiner tiefsten Tasche. Schon wieder fühlte er sich wie ein Dieb. Aber genau das bist du doch, oder nicht? Deshalb nahm man dich mit auf diese Fahrt!
Er hätte den Stein lassen sollen, wo er hingehörte, in der Grabkammer des Erebor. Aber Balin war – vielleicht zu Recht – der Meinung gewesen, wenn sie eventuell auf andere Zwerge trafen, die ihre Geschichte hören wollten, dass sie wenigstens etwas haben sollten, um ihre Geschichte glaubwürdig zu machen. Und sollten sie wider Erwarten auf Thorins Schwester … Bilbo biss sich auf die Lippe, um das Zittern zu unterdrücken, das aus seinem Innersten nach oben stieg. Er wusste, dass es sein musste, aber er hatte überhaupt keine Ahnung, was er in diesem Fall tun sollte. Bei Hobbits war es nicht gerade üblich, Angehörigen die schlechte Nachricht zu überbringen, dass ihre Verwandten in einer Schlacht gefallen waren. Natürlich kam es vor, dass Hobbits eines unnatürlichen Todes starben. Aber Bilbo hatte – und er hoffte, dass das auch so blieb – noch nie einem seiner Freunde oder Verwandten eine solche Nachricht überbringen müssen.

Schließlich hielten die beiden Zwerge vor einer weiteren Tür an. Diese war aus eisenbeschlagenem Holz gefertigt, dessen breite Bohlen Risse zeigten, als seien sie schon sehr, sehr alt.
Bilbo wandte sich um. Gandalf lief schweigend hinter ihm, aber er meinte, die Andeutung eines aufmunternden Lächelns erkennen zu können, doch es heiterte Bilbo überhaupt nicht auf, im Gegenteil.
Der jüngere Zwerg zog sich zurück. Bilbo fiel auf, dass er sich nicht vorgestellt hatte, aber nach dem, was er am Tor gesagt hatte, musste es sich bei ihm wohl um Gimli, Glóins Sohn handeln. Natürlich hatte er von der Fahrt gewusst, denn sein Vater war Mitglied derselben gewesen. Auch Gandalf blieb stehen, als Dwalin die Faust hob, um gegen das Holz zu klopfen. Doch dann hielt er nur Zentimeter davon entfernt inne und rührte sich nicht, bis auf ein beständig heftiger werdendes Zittern.
„Ich kann das nicht“, murmelte er gepresst und ließ die Faust wieder sinken. Selbst jetzt, wo Dwalin mit dem Rücken zu ihnen stand, konnte Bilbo sehen, dass er den Kopf in den Nacken legte und blinzelte. Wieder hier zu sein, hier, wo mehr oder weniger alles seinen Anfang genommen hatte, das ganze Verhängnis der Fahrt, musste wieder die Wunden aufreißen, die in dem halben Jahr, das sie nun schon unterwegs waren, nicht hatten heilen können. Nicht einmal ansatzweise.

Erneut griff der Hobbit in seine Manteltasche und tastete nach dem Stein, strich über die polierte Oberfläche. Die kühle Schwere in seiner Hand gab ihm wieder etwas Kraft zurück, sodass er sich ein wenig gerader aufrichtete. Es war fast so wie jedes Mal, wenn er den goldenen Ring berührte. Es beruhigte ihn, zu wissen, wo er sich befand. Es nicht zu wissen, machte ihn nervös. Bilbo schluckte und räusperte sich. Dwalin zuckte zusammen und fuhr zu den hinter ihm stehenden herum, als habe er vergessen, dass er nicht allein hier her gekommen war.
„Könnte ich … könnte ich es vielleicht versuchen?“, hörte der Hobbit sich selbst sagen und wunderte sich, wie fremd seine Stimme in seinen eigenen Ohren klang. Er hatte es erneut geschafft, sich selbst zu überraschen. Es war, als unterschreibe er erneut den Vertrag, als werfe er sich erneut Azog und seinem Warg in den Weg, als denke er sich erneut eine List aus, um den Trollen zu entkommen, als bezwinge er erneut Gollum beim Rätselspiel.
Irgendetwas im Blick des Zwergenkriegers flackerte. War das Anerkennung? Bilbo wusste es nicht zu sagen. Vielleicht war es auch Anerkennung gemischt mit einer gehörigen Portion Erleichterung, weil jemand anderes freiwillig diese scheußliche, undankbare Aufgabe übernahm. War nicht auch das der Grund gewesen, warum Bilbo mit auf diese Fahrt gekommen war? Toll, ein anderer macht die dreckige Arbeit? Aber diesen Gefallen würde er Dwalin tun, auch wenn er nicht wusste, was genau er eigentlich sagen sollte. Der Zwerg trat zur Seite und Bilbo schob sich an ihm vorbei, senkte den Kopf und hob den Arm, um vernehmlich gegen die hölzerne Tür zu klopfen, dabei mit der anderen Hand in der Tasche immer noch den Stein umfassend.
Von drinnen kam ein leises, aber bestimmtes „Herein!“, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Er holte noch einmal tief Luft, dann drehte er den Türknauf und die Tür schwang knarrend nach innen. Bevor einer der anderen ihm folgen konnte, schob er die Tür wieder hinter sich zu. Das Geräusch des ins Schloss fallenden Riegels ließ ihn innerlich erzittern, aber mehr noch war es der Anblick, der sich ihm bot. Dís stand in dem breitesten Durchlass eines steinernen Bogenganges, der auf einen schmalen Balkon hinausführte. Draußen ging die Sonne langsam auf der Ebene unter und tauchte alles in ein rotgoldenes Licht. Sein Herz machte einen Sprung beim Anblick der Silhouette mit den langen, dunklen Haaren, die aufrecht an der Brüstung stand und das Land zu Füßen des Berges betrachtete. Erst, als die Gestalt in der Tür sich auf das Geräusch der zufallenden Tür hin umdrehte, zerplatzte das Trugbild wie eine Seifenblase. Für einen Augenblick war er sicher gewesen, dort stünde … Aber dann fiel ihm mit einem bitteren Stechen ein, dass das unmöglich war.

Unschlüssig nahm der Hobbit sein Gegenüber in Augenschein. Dís war vielleicht eine Idee kleiner als ihr Bruder, aber die Ähnlichkeit war unverkennbar. Die dunklen Haare, das fein geschnittene Gesicht, das Kíli so ähnlich sah, der selbstsichere Gang, der forschende Blick, der nun eher freundlich interessiert wirkte.
Sagt mir, Herr Beutlin, welche Waffe ist die Eure?
Bilbo schluckte und verbannte die höhnisch klingende Stimme aus seinem Kopf, die nicht mehr zu dem passen wollte, was Thorin im Verlauf der Fahrt für ihn dargestellt hatte. Aus Abneigung und Misstrauen war Freundschaft geworden, die selbst einen solchen Verrat, wie Bilbo ihn begangen hatte, überstanden hatte. Was konnte er sich mehr wünschen? Vielleicht abgesehen von der Tatsache, dass die Tür hinter ihm wieder aufging und die drei Toten quicklebendig hineinstürmten, um den Sieg über Smaug und die Rückeroberung ihrer Heimat gebührend zu feiern. Aber das geschah nicht. Natürlich tat es das nicht.
Dís‘ Miene spiegelte Verwirrung.
„Mir war, als hätte ich Dwalins Stimme vor der Tür vernommen. Ihr seid nicht Dwalin“, stellte sie fest, legte den Kopf schief und kam durch den Bogengang zu ihm hinüber, während die Sonne hinter ihr durch die Öffnung im Felsgestein lugte und sie in einen flammenden Schein tauchte. Bilbo schüttelte den Kopf.
„Der bin ich tatsächlich nicht.“
Er zögerte, dann verneigte er sich.
„Bilbo Beutlin, zu Euren und Eurer …“ Er biss sich auf die Zunge und spürte, wie er errötete. „Zu Euren Diensten“, endete er lahm und richtete sich wieder auf, dabei ihren Blick meidend.

Falls ihr die kleine Unterbrechung aufgefallen war, so ging die Zwergin nicht näher darauf ein. Stattdessen wuchs das Interesse in ihrem Blick.
„Ihr seid der Meisterdieb, den Gandalf meinem Bruder für die Unternehmung vorgeschlagen hat?“ Ein Funkeln trat in die wasserblauen Augen, die denen ihres Bruders so ähnlich waren, voller Hoffnung und Zuversicht, die er gleich auf einen Schlag vernichten würde.
„Ist es gelungen? Ist der Drache vernichtet?“, wollte sie wissen. Bilbo biss sich auf die Lippe und schwieg einen Augenblick, ehe er sich dazu entschied, zu nicken. Das war immerhin nicht einmal gelogen.
„Nur Euretwegen, dessen bin ich mir sicher. Gandalf sprach in den höchsten Tönen von Euch.“
Irgendetwas in Bilbos Brust verkantete sich schmerzhaft zwischen seinen Rippen.
„Nein. Eigentlich … habe ich alles nur noch schlimmer gemacht.“
Doch Dís hörte ihm schon nicht mehr zu. Sie lief an ihm vorbei zur Tür, einen so euphorischen Ausdruck auf dem Gesicht, dass Bilbo übel wurde.
„Wo sind die anderen? Mein Bruder, meine Söhne, sind sie hier? Sind sie mit Euch gekommen?“, sie wandte sich zu ihm um und funkelte ihn so begeistert an, dass es sich anfühlte, als gleite ihm ein Packen Steine in den Magen.
„Nein. Und das ist der Grund, warum ich Euch aufsuchte.“ Bilbo holte tief Luft, als die Euphorie auf dem Antlitz der Zwergin schlagartig wieder von Misstrauen verdrängt wurde. Misstrauen, unter das sich eine Prise Furcht schlich, und – und das war viel schlimmer als ihre Hoffnungen zu zerstören – eine Ahnung. Eine Ahnung, warum er hier hergekommen war und was er ihr zu sagen hatte.
Erneut langte seine Hand in die Tasche und berührte den glattpolierten schwarzen Stein, doch diesmal behielt er die Hand nicht in der Tasche, sondern zog sie hervor. Er machte einen Schritt auf die Zwergin zu und hielt ihr die geöffnete Hand hin, sodass sie sehen konnte, was sich darin befand. Bilbo hoffte, dass es keiner weiteren Worte bedurfte.
Doch als sie sah, was sich in seiner Hand befand, stolperte sie zurück, bis sie gegen das breite Bett stieß, das hinter ihr stand und sich darauf setzte.
„Wo… Woher habt Ihr das?“
Ihr Blick flehte ihn förmlich an, ihr zu sagen, Kíli habe den Stein unterwegs verloren und er habe ihn sicher verwahrt. Aber das war Unsinn und tief in ihrem Innern schien sie zu wissen, dass es so war. 
„Mein Sohn hätte dies nie freiwillig aus der Hand gegeben. Woher…“
Er sah in ihrem Blick, dass sie es wusste. In dem Moment, in dem sich ihre Augen gleichzeitig mit bitterer Erkenntnis und Tränen füllten, wusste er, dass ihr klar war, weshalb er hier war.
Er brachte kein Wort hervor, weil ihm selbst die Kehle eng wurde.
„Habt Ihr je einen Verwandten auf diese Weise verloren, Meister Beutlin?“, wollte sie eine gefühlte Unendlichkeit später wissen, den Blick fest auf den Stein in ihren Händen gerichtet, den sie behutsam hin und herdrehte, als könne er zerbrechen. Bilbo spürte, wie er den Kopf schüttelte.
„Ich schon. Meinen Großvater, meinen ältesten Bruder, meinen Mann … und nun meinen zweiten Bruder und meine Söhne. Ich habe immer versucht, mir zu sagen, dass es … einfacher wird, je öfter man so etwas erlebt. Aber das stimmt nicht. Es tut jedes Mal genauso weh wie beim allerersten Mal und der Schmerz hält jedes Mal genauso lange an. Er hört niemals auf.“
Sie schluckte mühsam, während er wie betäubt noch einen Schritt auf sie zumachte.
„Sagt mir, wart Ihr bei ihnen, als sie starben?“, wollte sie wissen, als verlange sie von ihm, sie erneut mit Details zu foltern, die er an ihrer Stelle nicht hätte wissen wollen. Wieder nickte Bilbo.
„Ich war bei Eurem Bruder, als er starb“, hörte er sich selbst murmeln und in derselben Sekunde wünschte er sich, er hätte einfach den Kopf geschüttelt. So wie er sich zu Anfang gewünscht hatte, Gandalf einfach vor seiner Haustür stehengelassen zu haben. Er hatte es nicht getan und damals wie heute musste er mit den Konsequenzen seines Handelns allein fertig werden.
„Hat er … noch etwas gesagt, bevor …“
Und plötzlich war er wieder dort auf dem zugefrorenen Fluss, bei dem Wasserfall und versuchte, Thorins Leben zu retten. Auch als ihm klar gewesen war, dass er eine Verletzung dieses Ausmaßes nicht würde heilen können … vielleicht hätte Gandalf es vermocht, aber der hatte sich zu dieser Zeit ganz woanders aufgehalten.
Zu der zugeschnürten Kehle gesellte sich ein Brennen hinter den zusammengekniffenen Augenlidern, als er tief Luft holte.
„Er hat mir gesagt, diese Welt wäre eine fröhlichere, gäbe es mehr Personen wie mich in ihr.“
Ihr Kopf hob sich und sie schaute ihn an, ein bisschen verschwommen durch den Schleier aus Tränen, der sich vor seine Augen schob.
„Dann müsst Ihr ihm viel bedeutet haben …“
Und mit einem Mal war es, als schlage man mit einer Axt in ein zum Bersten gefülltes Wasserfass. Bilbo wehrte sich nicht, als sie ihn in eine Umarmung zog und er das Echo seines eigenen Schluchzens an seinem Ohr vernehmen konnte.

FINIS

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Autor

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Sätze:198
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Kurzbeschreibung

Der Weg zurück nach Hause ist für Bilbo schwerer, als er je zu träumen gewagt hätte. Und er wird auch dadurch nicht leichter, dass er Gandalf und Dwalin noch ein Stück weiter begleitet als bis ins Auenland – denn der Zwerg hat eine Nachricht zu überbringen, die ein weiteres Mal eine kleine, nicht mehr ganz so heile Welt zum Einsturz bringen wird.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre) und Schmerz und Trost getaggt.