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Geister der Vergangenheit

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22.12.20 13:23
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

5 Charaktere

Elrond Peredhel

Auch wenn Elronds leibliche Eltern niemand geringeres als Earendil und Elwing sind, wuchs Elrond zusammen mit seinem Zwillingsbruder Elros im Ersten Zeitalter bei Maglor in Ossiriand auf. Nach dem Untergang Beleriands schloss er sich Gil-galad an und wurde dessen Herold. Seit Imaldris im Zweiten Zeitalter gegründet wurde, ist er der Herr von Bruchtal.

Elros Tar-Minyatur

Elros Tar-Minyatur ist der Zwillingsbruder Elronds und der Sohn Earendils und Elwings. Die Brüder wuchsen jedoch in der Obhut ihres Adoptivvaters Maglor in Ossiriand auf. Elros entschied sich für ein Leben als Mensch und gründete das Königreich von Númenor. Sein Krönungsname bedeutet Erstherrscher.

Ereinion Gil-galad

Ereinion Gil-galad war der letzte Hohe König der Noldor. Nach dem Untergang Beleriands war sein Reich in Lindon, das eines der letzten großen und einflussreichen Elbenreiche des Westens war. Er führte mit Elendil den Krieg des Letzten Bundes an und starb 3441 ZZ im Kampf gegen Sauron. Mit ihm endete das Geschlecht der Hohen Könige der Noldor.

Ceomon

Er ist ein alter Noldo, welcher noch das Licht der zwei Bäume erblickt hatte (und dessen Name zugegebener maßen absolut unelbisch, da nicht einmal Noldosindarin ist). Er diente seit jeher treu den Feanorern, insbesondere Maglor, wofür er nach der Rebellion seines Herrn und dessen Familie von seiner eigenen Verwandschaft verstoßen wurde. Nachdem auch Maglor verloren ging, gab er seine Dienste an Elrond weiter, welchen er seit dessen Kindheit kannte.

Lindwain

Lindwain ist ein Sindarin-Elb aus Ossiriand, der dem Hausvolk Orophers angehört. Er bliebt dessen Familie stets treu und dient mittlerweile als Schatzmeister Thranduils. In jungen Jahren hatte er jedoch in Maedhros' Haus in Ossiriand gedient, wo er Freund Elronds und Elros' wurde. Seine Aufgabe war es, die Krankheiten der Peredhel zu kurieren; die Geschichten, die er ihnen erzählte, wenn sie krank waren, sind legendär.
CN Gewalt, Verlust von Angehörigen, Trauer

Elrond spürte, wie ihm die Kehle eng wurde, als er den Raum betrat. Seine Hände zitterten und seine Augen brannten, doch ihn kümmerte es nicht. Elros folgte ihm zögerlich, beinahe ängstlich, als fürchte er sich vor den Geistern dieser Räumlichkeiten.

Von draußen schien helles Tageslicht hinein und ließ den Staub der Jahre hell aufleuchten, welcher in der Luft tanzte. Eine leichte Brise ließ den losen Fensterladen gegen die Hauswand klappern, doch darüber hinaus war nichts zu hören. Ihr Atem dröhnte ihnen dadurch nur umso lauter in den Ohren.

Elros trat zu einem der Regale. Darin fand er ein altes Holzschiff, umgekippt, aber doch unbeschädigt. Der Damm brach.

Schluchzend schlug er die Hand vor den Mund. Mit der anderen drückte er das kleine Holzschiff, eine Miniaturvariante Vingilots, an seine Brust. Er zitterte am ganzen Leib. Elros hatte schon als Kind nicht von diesem Schiff lassen können, aber nach dem Untergang Beleriands hatte er es verloren geglaubt. Und nun stand es einfach so da, als habe es die ganze Zeit nur auf ihn gewartet.

Auch Elrond wurde nun von seinen Gefühlen übermannt. Kraftlos ließ er sich auf das Bett – sein Bett – sinken, während er um Atem rang und die Tränen ihm über das Gesicht strömten. Er erinnerte sich noch zu gut des Tages, als er dieses Zimmer das erste Mal gesehen hatte. Als Onkel Maglor ihnen versprochen hatte, ihnen daraus ein zu Hause zu machen. Er hatte sein Versprechen gehalten.

Sie waren wieder zu Hause.

Nach dem Untergang Beleriands hatten sie bei Gil-galad Zuflucht finden können. Im Chaos dieser Zeit hatten sie alles zurücklassen müssen, was ihnen einst lieb und teuer gewesen war, und hatten kaum mehr besessen als das, was sie am Leib getragen hatten. Und dann, gut ein Jahr später, war Ceomon bei ihnen aufgetaucht, die treue Seele. Er hatte ihnen berichtet, dass das Haus auf dem Amon Ereb wie durch ein Wunder noch stand und die Schäden sich in Grenzen hielten. Er hatte vorgeschlagen, die Bibliothek zu bergen, da Maedhros und Maglor hier einige wertvolle Schätze gehortet hatten. Gil-galad hatte daraufhin beschlossen, die beiden Halbelben und ihren Diener auf eine kleine Reise mitzunehmen, um sich das einstige Herrenhaus der beiden letzten Feanorer mit eigenen Augen zu besehen.

Noch immer weinend setzte sich Elros zu seinem Bruder und schmiegte sich an seine Brust. Elrond schlang die Arme um ihn, gleichsam Halt spendend und suchend.

»Das ist alles falsch«, schluchze Elros. »Warum sind Onkel Maglor und Onkel Maedhros nicht hier? Warum ist atto nur ohne uns fortgegangen, um diesen verfluchten Stein zu stehlen? Er sollte jetzt hier bei uns sein. Mit Onkel Maedhros. Warum haben sie uns allein zurückgelassen? Warum?«

Elrond wusste keine Antworten darauf. Alles, was er tun konnte, war seinen Bruder zu halten und stumm seine Tränen zu teilen.

Als sie schon eine Weile so dasaßen, bemerkte Elrond eine Bewegung in der Tür. Als er aufsah, sah er Gil-galad dort stehen. Hastig wischte er sich über das Gesicht, auch wenn er wohl kaum die Spuren seiner Tränen damit vertuschen konnte. Als er jedoch Anstalten machte aufzustehen, bedeutete der König ihm innezuhalten.

»Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht. Ich kann verstehen, wenn euch das sehr aufwühlt«, sagte Gil-galad. »Ich warte in der Bibliothek auf euch. Kommt, wenn ihr euch dazu bereit fühlt.«

Mit diesen Worten ging er.

Elros schluchzte noch einige Male. Dann schniefte er und richtete sich wieder auf. Er sah genauso elend aus, wie Elrond sich fühlte.

»Wenige Zimmer weiter sind Onkel Maglors Räume«, wisperte Elros. »Atto …«

»Wollen wir hingehen?«, fragte Elrond leise, obwohl er selbst nicht wusste, ob er das wollte.

Doch Elros schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Noch nicht.« Dann stand er auf, streckte den Rücken durch und atmete tief ein. »Komm, der König wartet auf uns«, sagte er mit nun deutlich festerer Stimme.

Elrond wischte die letzten Tränen fort und trat an die Seite seines Bruders. Sie würden auch diesen Schmerz durchstehen können, gemeinsam wie alles, was sie taten. Dann machten sie sich auf zur Bibliothek. Dort fanden sie Gil-galad in ein Gespräch mit Lindwain vertieft, einen Sinda, der früher gelegentlich für Maglor gearbeitet und ein Auge auf die Gesundheit der Zwillinge gehabt hatte. Als Ceomon zum Amon Ereb zurückgekehrt war auf der Suche nach Elrond und Elros, hatte er ihn hier angetroffen, wie er offenbar ebenfalls nach den Zwillingen gesucht hatte. Er hatte Lindwain gebeten, im Haus nach dem Rechten zu sehen, während er selbst weiter nach den Halbelben gesucht hatte. Lindwain war in der Tat geblieben und hatte sich ganz allein der Schäden angenommen, die während des Untergangs Beleriands am Gebäude entstanden waren.

Noch immer waren Spuren davon zu sehen. Risse in den Wänden waren nicht versiegelt worden und noch immer fanden sich etliche zerbrochene Möbel und andere Einrichtungsgegenstände. Fenster waren zerbrochen und Laub hereingeweht worden. Feuchtigkeit hatte etliche Schimmelflecken verursacht, und an anderen Stellen hingen Spinnweben dick in den Ecken der Räume. Dennoch war das Haus in einem erstaunlich gut erhaltenen Zustand, Lindwain war unermüdlich gewesen.

»Du hast außergewöhnliche Dienste geleistet, Lindwain«, sagte in diesem Moment Gil-galad. »Ich möchte dich auf jeden Fall dafür entlohnen. Was du hier getan hast, hätte niemand von dir verlangen können, und doch hast du es getan.«

Lindwain verbeugte sich. »Ich bin nur froh, dass es nicht um sonst war und sich jetzt doch alles irgendwie zum Guten gewendet hat, Majestät.«

In dem Moment bemerkte er die Zwillinge, wie sie sich ihnen näherten. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. »Elrond, Elros! Habt ihr euren Rundgang beendet?«

Sie waren so froh gewesen, ihren alten Freund aus Kindheitstagen wiedergefunden zu haben. Ceomon hatte ihnen freilich von ihm erzählt, aber als er dann tatsächlich wieder vor ihnen gestanden hatte, war es doch noch einmal etwas anderes gewesen.

Lindwain war nie offiziell einer der Angestellten des Herrenhauses gewesen. Er hatte draußen im Wald gelebt und seine spärlichen Kenntnisse über Kräuter all jenen angeboten, die seiner Hilfe bedurften. Die Zwillinge waren eines Tages mehr oder weniger zufällig über ihn gestolpert und irgendwie hatte sich eines zum anderen gesellt und Maglor hatte ihn mit dem Wohlergehen seiner Kleinen beauftragt. Lindwain hatte nie hier im Haus gewohnt und war nur gelegentlich gerufen worden, wenn die beiden Halbelben sich wieder einmal eine Erkältung eingefangen hatten – was häufig genug vorgekommen war. Umso bemerkenswerter war es, wie er sich dennoch dem Erhalt des Hauses gewidmet hatte.

»Für‘s erste, ja«, sagte Elrond. »Hier hängen so viele Erinnerungen für uns. Es ist schwer, alles auf einmal zu erfassen.«

Lindwain nickte verständnisvoll. »Das kann ich mir gut vorstellen.«

»Was wirst du jetzt machen?«, wollte Elros wissen. »Immerhin ist deine Aufgabe hier erfüllt.«

»Kommst du mit uns?«, fragte Elrond hoffnungsvoll. Ein weiteres vertrautes Gesicht in seiner Nähe zu wissen, würde ihm Halt geben.

»Ich bedauere, dass ich das nicht kann«, sagte Lindwain jedoch. »Mein Herr ist immer noch Fürst Oropher, und ich habe meine Loyalität zu ihm schon sehr weit ausgedehnt, als ich hier blieb. Aber wir können uns gern nachher noch einmal zusammensetzen und ausführlich über alles erzählen, was in der Zwischenzeit geschah, als wir uns das letzte Mal sahen.«

Elrond ließ die Schultern hängen. »Oh …« Aber Lindwain hatte ja eigentlich Recht.

»Mit Eurer Erlaubnis werde ich nun gehen, Majestät. Ihr habt sicher viele wichtige Dinge mit den beiden zu besprechen«, sagte Lindwain an Gil-galad gewandt. Dieser nickte und entließ damit den Sinda, der daraufhin die Bibliothek verließ.

»Bitte entschuldigt unseren Gefühlsausbruch vorhin«, sagte Elrond, als Lindwain gegangen war.

»Gefühle sind dazu da, um gefühlt zu werden«, sagte Gil-galad nur. »Nach allem, was ich über eure Vergangenheit weiß, hätte es mich sehr gewundert, wenn euch das alles kalt gelassen hätte.«

»Was ist es, was Ihr mit uns besprechen wolltet, Majestät?«, wollte Elros wissen.

»Ihr sollt mich bei meinem Namen nennen«, erinnerte Gil-galad sie.

Elrond wand sich innerlich. Ihm war es unangenehm, so vertraulich mit dem König umzugehen und ihm auf Augenhöhe zu begegnen, als seien sie Freunde. Allerdings war das genau das, was Gil-galad wollte.

»Ist das … ein Befehl?«, fragte er vorsichtig.

Gil-galad seufzte, lächelte dabei aber. »Wenn du darauf bestehst, ja. Kommt, geht mit mir ein wenig. In Bewegung lässt es sich angenehmer plaudern.«

Sie traten zum König und schritten gemeinsam zwischen den Regalreihen entlang.

»Lindwain hat mir gezeigt, wie er das Haus und besonders die Bibliothek gepflegt hat«, begann Gil-galad. »Es wäre wirklich eine Schande gewesen, diese Bücher einfach verrotten zu lassen.«

»Habt Ihr, ich meine, hast du entschieden, was du damit anfangen willst?«, fragte Elrond. »Sie den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben?« Viele der Bücher waren Plündergut aus Doriath und Arvernien, die die Feanorer aus den Feuern gerettet hatten, die sie selbst gelegt hatten.

Gil-galad schmunzelte. »Aber das ist heute doch bereits geschehen.«

Sowohl Elrond als auch Elros sahen ihn fragend an.

»Das einfachste wäre gewesen, einfach jemanden herzuschicken, die Bücher bergen zu lassen und dann mit der Sache abzuschließen«, fuhr Gil-galad fort.

»Warum du stattdessen wolltest, dass wir gemeinsam hierher gehen, habe ich in der Tat noch nicht wirklich begriffen«, räumte Elros ein. »Das Reich befindet sich noch immer im Aufbau und eigentlich haben wir keine Zeit für solche Ausflüge.«

»Oh, aber genau deswegen sind wir hier«, sagte Gil-galad. »Ich hatte eine Idee und wollte mich persönlich davon überzeugen, ob sie auch so umsetzbar ist, wie ich mir das dachte. Wie mir scheint, ist sie das.«

»Und worum handelt es sich bei dieser Idee?« Elrond verstand noch immer nicht, wie all das zusammenhing.

»Mein Reich ist jung, und mir fehlt es an allen Ecken und Enden an geeigneten Leuten«, erklärte Gil-galad. »Vor allem kann ich aber mein Reich nicht allein regieren. Zwar habe ich bereits meine Mutter und Túrhael an meiner Seite, und wahrscheinlich wird auch bald Celebrimbor zu uns stoßen, aber das reicht noch lange nicht. Ich habe überlegt, euch zu aranduri zu ernennen. Eure Position in meinem Reich ist noch immer unklar, das würde endlich eindeutige Verhältnisse schaffen. Ich kann Earendils Söhne nicht wie einfaches Fußvolk behandeln. Das Problem, wenn man es denn als solches bezeichnen will, ist, dass der Titel des arandur aber nicht ohne eigenen Landbesitz vergeben werden kann. Wie praktisch, dass dieses Haus noch steht und keine komplette Ruine mehr ist.«

Langsam dämmerte es Elrond, worauf der König hinaus wollte. »Das … das geht nicht«, protestierte er schwach.

»Natürlich geht das, ich bin der König«, sagte Gil-galad, als sei nichts dabei. »Alles Land in Lindon, das noch nicht beansprucht wurde, gehört der Krone, also mir, und ich kann damit machen, was ich will. Ich gebe euch dieses Fleckchen hier und ernenne euch zu Fürsten des Amon Ereb. Was euch zu den rechtmäßigen Besitzern dieser Bücher hier macht. Eine schöne Sammlung, in der Tat.«

Elrond schwirrte der Kopf. »Aber … warum? Warum wir? Warum ausgerechnet deine aranduri?« Das würde sie zu den einflussreichsten Personen im Reich machen, die direkten Einfluss auf den König und seine Entscheidungen nehmen konnten.

Er sah hilfesuchend zu seinem Bruder, der verdächtig still war. »Elros, sag doch auch etwas!«

Elros hatte mit gerunzelter Stirn gelauscht. »Ich glaube, das ist dein Pfad, nicht meiner, Bruder«, sagte er schließlich. »Mir ist etwas anderes beschieden.«

Gil-galad nickte. »Das denke ich auch, du hast Recht. Nun, dann eben nur Elrond, aber das ist auch vollkommen in Ordnung. Und um deine Frage zu beantworten, Elrond: Weil ihr beide nicht nur Stroh zwischen den Ohren habt. Ihr wart mir im vergangenen Jahr eine größere Hilfe als so manch ein anderer, der schon mein Leben lang an meiner Seite stand. Uns wurde die unglaublich schwere Aufgabe auferlegt, aus Ruinen etwas Neues zu erschaffen. Ich brauche jeden an meiner Seite, der mir dabei helfen kann.«

»Aber … aber warum dann nicht, was weiß ich, eine Position unter deinen Heilern?«, stammelte Elrond seinen Protest. Er fühlte sich förmlich überrollt. »Ich habe bereits so viel von Palandíriël lernen können!«

»Und ich ermuntere dich, auch weiterhin von ihr zu lernen«, sagte Gil-galad. »Aber wie ich es bereits sagte: Ich kann Earendils Söhne nicht einfach ignorieren. Der Adel scharrt bereits mit den Hufen, weil sie nicht wissen, wie sie mit euch umgehen sollen. Tun wir ihnen den Gefallen und schaffen klare Fronten.«

Elrond hasste es, mit diesem Mann in Verbindung gebracht zu werden, aber Gil-galad hatte Recht. Ihre unklare Position hatte Spannungen hervorgerufen. Der noldorische Adel war ein Haufen von Aristokraten, der fest an seinen einstudierten Ritualen festhielt. Die beiden Peredhil waren ein unklares Element, das aus dem Nichts in den ruhigen See geworfen worden war und nun weite Wellen schlug. Sie, die Söhne Earendils, die den Stern Feanors trugen. Elrond war nie vorher so direkt mit noldorischer Aristokratie in Berührung gekommen, aber seine Ziehväter hatten dennoch dafür Sorge getragen, dass sie alles darüber lernten, was sie wissen mussten. Ihm waren die Spannungen, die ihr plötzliches Auftauchen hervorgerufen hatte, natürlich nicht entgangen.

»Ihr wisst, dass ich akzeptiere, wen ihr euch als eure Familie erwählt habt«, fuhr Gil-galad fort. »Ihr wisst aber noch besser als ich, dass das bei weitem nicht alle tun. Dass ihr den Stern der Feanorer noch immer so offen tragt, hat mir, ganz offen gesagt, schon einige Schwierigkeiten beschert.«

Unwillkürlich sah Elrond an sich herab. Sowohl auf seiner als auch Elros‘ Robe prangte groß und stolz auf der Brust der achtzackige Stern Feanors. Viele Freunde hatte es ihnen in der Tat nicht eingebracht.

»Ich schlage euch daher vor, dass ihr euch euer eigenes Banner wählt. Das macht man so, wenn man ein eigenes Haus gründet.« Das letzte sagte Gil-galad mit einem schelmischen Glitzern in den Augen.

Damit ließ er die beiden verwirrten Halbelben zurück und ging.

»Was ist hier gerade passiert?«, fragte sich Elros.

Elrond stellte sich dieselbe Frage. Arandur. Fürst von Amon Ereb. Das war zu viel auf einmal, um es greifen zu können.

»Ich möchte darüber jetzt nicht nachdenken«, sagte er daher. »Lass uns Lindwain suchen.«

Weit kamen sie jedoch nicht. Im Atrium sahen sie, wie Gil-galad soeben mit Rodarben sprach, dem Anführer seiner turmacundor. Rodarben hatte Gil-galad Aeglos gereicht, den er bisher verwahrt hatte, und schien über irgendetwas besorgt zu sein. Gil-galad schien über das Gesagte nachzudenken, doch als er Elrond und Elros sah, winkte er sie zu sich.

»Mein Großvater erzählte mir gerade, dass einige Orks nicht weit von hier gesichtet wurden«, sagte er, als sie zu ihm getreten waren.

Orks waren noch immer ein Problem. Nun, wann waren Orks jemals kein Problem? Die allermeisten, die dem Krieg des Zorns entkommen waren, waren in alle Winde zerstreut worden, doch die Grenzen Lindons waren noch lange nicht genügend gesichert und das Gebirge bot viele Versteckmöglichkeiten. So lange diese Orks jedoch nicht unter einem einzigen boshaften Willen vereint waren, stellten sie jedoch kein allzu großes Problem dar. Morgoth war nicht mehr und Sauron auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

»Ich halte das für eine hervorragende Gelegenheit, mich von euren kämpferischen Fähigkeiten zu überzeugen«, fuhr Gil-galad fort. »Maedhros hat euch die Schwerter sicher nicht nur zur Zierde geschmiedet, wie ich ihn kenne. Ich will sehen, was ihr damit könnt.«

Die Brüder warfen sich einen Blick zu.

»Wir haben noch nie einen echten Kampf gefochten«, dachte Elrond nervös.

»Aber Onkel Maedhros hat dafür gesorgt, dass wir es können«, erwiderte sein Bruder.

»Theoretisch.«

»Auch praktisch.«

Elrond war nicht überzeugt. Die Idee, sein Schwert für das zu benutzen, für das er es erhalten hatte, behagte ihm nicht.

»Lasst mich an eurem Gespräch teilhaben«, bat Gil-galad. Er wusste, dass Elrond und Elros zu ósanwe in der Lage waren und es oft nutzen, wenn sie eigentlich nicht wollten, dass irgendwer sonst mitbekam, was sie besprachen.

Während Elrond noch überlegte, wie er seine Gedanken am besten in Worte kleidete, ergriff sein Bruder das Wort: »Wir haben noch nie einen richtigen Kampf gefochten abseits des Übungsgeländes.«

Gil-galad winkte ab. »Für alles gibt es ein erstes Mal. Seid nur froh, dass eure erste Kampferfahrung nicht der Untergang Eglarests war.«

Elrond spürte Rodarbens Blick auf sich ruhen. Einstmals war er Teil von Maedhros‘ Schildwache gewesen, als seine Tochter Elloth jedoch Fingon heiratete, hatte er um die Erlaubnis gebeten, mit ihr nach Dor-lómin zu gehen. So war es gekommen, dass er nun seinem Enkel diente. Elrond wusste nicht wirklich, was er von diesem Elben halten sollte. In einem Moment sprach er stolz von seinem einstigen Herrn Maedhros, und im nächsten beobachtete er die Zwillinge voller Misstrauen. Dachte er gar, Maedhros hätte ihnen beigebracht, wie sie mit ihren Schwertern andere Elben töteten?

»Das ist vielleicht ganz normal für einen Leibwächter«, dachte Elros. »Und außerdem ist der König sein Enkel und wir … sind halt wir.«

»Ich finde ihn dennoch unheimlich«, erwiderte Elrond. »Denkt er wirklich, Onkel Maedhros hätte uns so etwas beigebracht? Er konnte ja keiner Fliege etwas zuleide tun!«

Bilder aus seiner frühesten Kindheit blitzten vor seinem Auge auf. Erinnerungen an ein feanorisches Schwert an seiner Kehle.

»Du weißt, dass das nicht ganz stimmt«, erinnerte ihn Elros überflüssigerweise.

»Es schmerzt dennoch, dass alle denken, sie seien nichts weiter als gemeine Mörder.«

Elros legte ihm mitfühlend eine Hand auf den Arm. »Ja.«

»Kommt«, unterbrach Gil-galad ihr stummes Gespräch. »Wir wollen doch nicht, dass uns die Orks entkommen. Das wird eine wunderbare Jagd!«

Er ging nach draußen, gefolgt von Rodarben.

»Wir haben noch nicht einmal Rüstungen, nur unsere Schwerter«, ging es Elros auf.

»Ich bitte um Verzeihung, aber das stimmt nicht.«

Wie aus dem Nichts war Ceomon aufgetaucht, der sich bisher irgendwo in einem anderen Teil des Herrenhauses herumgetrieben hatte.

Elrond sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. »Was meinst du damit?«

»Ich habe mir die alte Schmiede hinter dem Haus angesehen«, berichtete Ceomon. »Prinz Maitimo hatte zuletzt an Rüstungen für Euch gearbeitet, junge Herren. Ich glaube, er wollte sie Euch geben, wenn er wieder zurückkehrte. Dazu kam es leider nie, aber sie sind noch da.«

Elrond spürte, wie ihm erneut Tränen in die Augen stiegen, als er daran dachte, was hätte sein können. Er schluckte schwer. »Zeige … zeige sie uns bitte.«

Ceomon nickte und führte sie dann zur Schmiede. Als Kinder waren sie selten hier gewesen, weil Maedhros es ihnen nicht erlaubt hatte. Das sei ein gefährlicher Ort für Kinder, hatte er gesagt. Da sie, als sie erwachsen wurden, noch immer kein Interesse am Schmiedehandwerk zeigten, hatte sich auch dann kaum eine Gelegenheit ergeben, dass sie Maedhros‘ Werkstatt betraten. Es war ihnen nicht angemessen erschienen. Dies war Maedhros‘ kleines Reich gewesen, das ihm ganz allein gehörte und wohin er hatte fliehen können, wenn seine Geister ihn zu sehr gequält hatten. Sie zögerten, als sie an der Schwelle zur Schmiede standen. Weiterzugehen, würde bedeuten, diese Grenze zu Maedhros‘ höchstpersönlichen Lebensbereich zu überschreiten. Ceomon musste ihr Zögern bemerkt haben, doch er sagte nichts.

Sie folgten ihm in die Schmiede, als sie bereit dazu waren.

Ceomon trat zu zwei Rüstungsständern, auf denen identische Rüstungssets drapiert waren. Er musste sie bereits entstaubt und gepflegt haben, denn sie sahen aus wie neu. Wie als wären sie gerade erst aus der Esse gezogen worden. Das Metall glänzte rotgolden im Licht der hereinfallenden Sonne. Die Rüstungsteile griffen elegant wie Bänder ineinander über und boten somit sowohl Schutz als auch Bewegungsfreiheit. Auf der Brust war mit mithril der Stern der Feanorer eingearbeitet, und rote Umhänge, die ebenjenen Stern in Gold zeigten, waren an den Schulterteilen befestigt. Diese Rüstungen waren ein Vermögen wert.

Sie waren Maedhros‘ letztes Geschenk an die Zwillinge, sein letzter Versuch sie zu schützen.

Elrond konnte und wollte die Tränen nicht länger zurückhalten. Allein schon der Gedanke daran, dass Maedhros diese Rüstungen für die Zwillinge angefertigt hatte, versetzte ihm einen Stich ins Herz. Es sollte Maedhros sein, der jetzt hier stand und ihnen sein Geschenk überreichte! Warum nur war er nicht hier? Warum durften sie ihn nicht mehr an ihrer Seite wissen?

»Ich kann den jungen Herren beim Anlegen behilflich sein, wenn Ihr dies wünscht«, bot Ceomon an. »Ich weiß, ich bin nicht er, aber …«

Elrond wischte die Tränen fort. »Bitte. Hilf uns. Wir würden uns freuen.«

Einige Zeit später traten sie vollständig gerüstet wieder aus der Schmiede. Das Metall war bemerkenswert leicht, Ceomon vermutete, dass Maedhros einen beträchtlichen Anteil mithril hineingearbeitet hatte. Woher er das Geld genommen hatte, um sich das leisten zu können, wusste er allerdings nicht; in den letzten Jahren ihres Lebens hatten die Feanorer nur noch einen Bruchteil ihrer einstigen Reichtümer besessen und waren wahrlich enteignet gewesen. Elrond wusste nicht, ob er abgesehen von Aeglos und Gil-galads eigener Rüstung jemals etwas wertvolleres als diese Rüstungen gesehen hatte.

Gil-galad wartete im Innenhof auf sie, wo er bereits den Trupp versammelt hatte, der sie hierher begleitet hatte. Er hatte bereits selbst seine silbern schimmernde Rüstung angelegt und sein Banner wehte von der Spitze seines Speers. Als er die Brüder sah, weiteten sich seine Augen. Dann nickte er anerkennend.

»Ich frage mich, was Maedhros vermocht hatte, als er noch beide Hände hatte«, sagte er und klopfte Elros gegen die Brustpanzerung. »Diese Rüstungen sind eines Königs würdig.«

Elronds Wangen brannten. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, als wolle er sich mit Gil-galad auf eine Stufe stellen und in die Fußstapfen seine Ziehväter treten, aber er fürchtete, dass er genau das tat.

Gil-galad wirkte nachdenklich, als er sie musterte. »Trotz allem …«, murmelte er, sodass nur sie ihn hören konnten. »Beinahe tut es mir leid, dass ich ihn so ausgepresst hatte. Das musste ihn ein Vermögen gekostet haben, ein Vermögen, das er nicht mehr hatte.«

Dann jedoch wandte er sich ab. »Kommt, wir reiten«, befahl er den Umstehenden. »Lasst uns Orks jagen!«

»Ich hasse Pferde!«, dachte Elros voller Inbrunst.

»Ich passe auf, dass du nicht gefressen wirst«, erwiderte Elrond, schickte seinem Bruder aber einen tröstenden Gedanken. Anders als er hatte sein Bruder nie Gefallen am Reiten gefunden und es stets als notwendiges Übel angesehen.

»Ha ha, wirklich sehr lustig, liebster Bruder«, grummelte Elros und fügte sich seufzend in sein Schicksal.

Die Pferde standen bereits bereit. Gil-galad stieg als erstes in den Sattel, sein Gefolge tat es ihm gleich. Elrond und Elros ritten an seine Seite und Ceomon, ebenfalls gehüllt in seine Rüstung, hielt sich nahe bei ihnen. Er war ihr Diener, aber auch ihr Wächter. Es war Maglors letzter Befehl an ihn gewesen, auf die Zwillinge acht zu geben, und er nahm diesen Befehl sehr genau.

Gil-galad hatte sich bereits von seinem Kundschafter sagen lassen, wo die Orks gesichtet worden waren, und führte den Trupp nun dorthin. Offensichtlich scherte er sich nicht um Heimlichkeit und ließ die Rüstung, die ihm seinen Namen eingebracht hatte, deutlich sichtbar über das Land strahlen.

»Wir müssen feststellen, was von den Besitztümern Maedhros‘ und Maglors noch übrig ist«, sagte er irgendwann an die Zwillinge gewandt. »Das ist immerhin euer Erbe. Das Land, das zum Amon Ereb gehört, sollte ebenfalls ein bisschen etwas abwerfen können, dann müsst ihr nicht mehr von meinem Taschengeld leben. Außerdem wird es ohnehin von dir als arandur erwartet, dass deine Ländereien eine gewisse Summe erwirtschaften, Elrond. Steuern und dergleichen, du weißt schon.«

Elrond warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass keiner ihrer Begleiter Gil-galads Worte vernommen hatte. »Sprich nicht davon, als stünde das bereits fest, ich bitte dich.«

Gil-galad lächelte. »Aber es steht doch bereits fest. Ich habe sogar schon ein entsprechendes Schreiben aufgesetzt; ich muss nur noch mein Siegel darunter setzen.«

Elros seufzte. »Du bekommst doch ohnehin immer deinen Willen. Was soll dich da mein Bruder überhaupt beraten?«

Gil-galad überging dies. »Ich weiß, dass ihr nicht gern über eure Eltern sprecht, aber ich habe euch noch etwas zu geben. Maedhros hatte die Häfen nicht plündern lassen, also hatte ich alles bergen lassen, was von Wert war, darunter auch die Erbschaft, die Earendil und Elwing euch hinterlassen hatten. Ich habe sie bis jetzt für euch verwahrt, aber mit euren eigenen Ländereien und einem Titel wird es nun Zeit, dass ich sie euch offiziell überlasse.«

Elros runzelte die Stirn. »Narsil hattest du schon vor etlichen Jahren Onkel Maglor zu Verwahrung gegeben, und er hatte es mir überlassen, als die Zeit reif war, wie du gesagt hattest. Darüber hinaus besaßen unsere Eltern nichts von Wert – bis auf das Nauglamír und das haben sie mit sich genommen.«

»Ach, nur einige Juwelen und etwas Geschmeide«, sagte Gil-galad. »Ich denke, dass ihr das auch einfach verkaufen und ein paar zusätzliche Münzen daraus heraus schlagen könnt. Nichts von solcher Bedeutung wie Narsil.«

Warum Elwing darauf bestanden hatte, Elros dieses Schwert zu vererben, wusste keiner so wirklich. Sie hatte darüber nie im Detail mit Gil-galad, mit dem sie einst befreundet gewesen war, gesprochen. Gil-galad wusste jedoch, dass Elwing die Gabe der Voraussicht besaß, ebenso ausgeprägt wie bei ihren Söhnen, und daher vermutet, dass sie irgendetwas gesehen hatte, das sie mit niemandem hatte teilen wollen.

»Ich hatte schon befürchtet, dass es noch ein Schwert werden würde«, bemerkte Elrond halb im Scherz.

»Oh! Aber ein Schwert ist durchaus darunter«, eröffnete Gil-galad. »Aranrúth, Thingols eigenes Schwert.«

Elrond blinzelte. »Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch. Elwing hatte es einmal erwähnt, jedoch nicht dazu gesagt, was sie damit vor hatte«, sagte Gil-galad. »Ich gebe euch einfach Aranrúth, handelt unter euch aus, was ihr damit anstellt.«

»Dann lass uns Strohhalme ziehen, wer es bekommt«, schlug Elros vor.

Gil-galad war natürlich sofort dafür zu haben. Als er an einem Baum mit einem niedrig hängenden Ast vorbei ritt, langte er nach oben und brach einen Zweig ab. Er brach ihn in ein längeres und ein kürzeres Stück und hielt sie so, dass die Zwillinge nicht sehen konnten, welches Stückchen welches war.

»Der, der den kürzeren zieht, bekommt das Schwert«, bestimmte er.

»Das ist ein schlechter Scherz«, kommentierte Elrond und griff wahllos eines der beiden Zweigchen. Elros zog das andere. Es war das kürzere.

»Was soll ich mit vier Schwertern anfangen?«, jammerte er.

Elrond lachte. »Das ist nicht mein Problem.«

Elros sah ihn finster an. »Vom eigenen Bruder ausgelacht. Pah!«

»Das heißt also, dass ihr jetzt eure eigenen Schwerter Nahtanar und Raumomacil besitzt, sowie die Klingen Amrods und Amras‘ und jetzt auch noch Narsil und Aranrúth«, zählte Gil-galad auf. »Eine beachtliche Sammlung.«

In dem Moment näherte sich einer der Kundschafter, die Gil-galad vorausgeschickt hatte. »Die Orks sind nicht mehr weit«, berichtete er, als er sie erreicht hatte. »Sie wissen um unseren Anwesenheit und sind entsprechend alarmiert.«

»Gut«, kommentierte Gil-galad und eine ungekannte Härte schlich sich in seinen Blick.

Elrond spürte den Hass, der in dem König unter der ruhigen, gefassten Oberfläche brodelte. Gil-galad hatte wie so viele andere zu viel an den Feind verloren und war begierig darauf, jeden Ork zu töten, der ihm vor die Klinge kam.

Elrond selbst fühlte sich bei weitem nicht so begierig, den Orks entgegen zu treten. Maedhros und Maglor waren stets ausgesprochen beschützend gewesen, wenn es um ihre kleinen Peredhil ging, und hatten lange gezögert, bis sie überhaupt gewillt waren, ihnen Waffen in die Hand zu geben. Maglor hatte der Gedanke, dass seine Kinder jemals würden kämpfen müssen, nie behagt, aber schlussendlich hatte er doch die Notwendigkeit eingesehen, dass sie sich zumindest selbst verteidigen konnten.

Er spürte die tröstende Nähe von Elros‘ fea, und das beruhigte ihn wieder. Er lächelte seinem Bruder dankbar zu.

Als sie auf die Kuppe eines kleinen Hügels ritten, konnten sie vor sich im Grasland eine Gruppe von etwa zwanzig Orks ausmachen, die sich in die Talsenke kauerten und vergebens nach Deckung suchten. Sie waren den Elben zwei zu eins überlegen, jedoch waren die Elben beritten und besaßen den Vorteil der erhöhten Position. Die Orks hatten wohl nicht damit gerechnet, hier auf Feinde zu treffen, sonst hätten sie sich nicht so weit in offenes Gelände gewagt. Dieser Fehler würde nun ihr Tod sein.

Sie schossen einige Pfeile in die Richtung der Elben, doch in der Eile waren sie schlecht gezielt. Keiner wurde ihnen gefährlich.

Gil-galad reckte Aeglos in die Luft. Die Speerspitze blitzte auf. »Schicken wir diese Kreaturen zurück in die Hölle, aus der sie gekrochen sind!«

Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt voran, dicht gefolgt von seinen Rittern. Sie ritten in dichter Formation, der Hang gab ihren Pferden noch einmal zusätzlichen Schwung. Die Orks waren nur leicht gepanzert, ein Spähtrupp also, der nicht auf einen offenen Kampf vorbereitet war. Nur eine Handvoll von ihnen besaß grob gearbeitete Speere. Diese Orks wurden nun von ihren Kameraden nach vorn geschubst, um den herannahenden Reitern zu begegnen, ihre Hände zitternden jedoch und sie hielten ihre Waffen unsicher.

Aeglos angelegt wie eine Lanze traf Gil-galad als erster auf seine Feinde. Sein Speer spießte gleich zwei Orks mit einem Male auf, die Hufe seines Pferdes zertrümmerten den Brustkorb eines dritten. Elrond folgte ihm dicht auf. Er konnte dem Speer, der auf ihn gerichtet war, ausweichen und tötete den Ork, der die Waffe hielt, mit einem Rückhandschlag. Es ging erstaunlich leicht.

Sein Bruder hatte weniger Glück. Sein Pferd schrie grausig auf, als sich ein Speer in seine Brust bohrte, und ging zu Boden. Elros wurde aus dem Sattel geworfen.

»Bruder!«, schrie Elrond erschrocken auf.

Gil-galad rief ihm etwas zu, doch er achtete nicht darauf, als er in blinder Panik sein Pferd herumriss und zu der Stelle eilte, an der er seinen Bruder hatte fallen sehen. Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang er aus dem Sattel, atmete aber auf, als er Elros wohlbehalten vorfand. Elros rappelte sich bereits wieder auf und bis auf ein paar Prellungen war ihm nichts weiter geschehen.

»Ich hasse Pferde!«, stieß er aus.

»Keine Zeit dafür jetzt!«, sagte Elrond, als er sich zu seinem Bruder stellte und Nahtanar hob.

Der Angriff der Reiter hatte die Orks in alle Richtungen zerstreut und sie in völlige Panik versetzt. Etwa die Hälfte der Kreaturen war bereits tot, der Rest orientierungslos und verwirrt. Als sie jedoch die beiden Peredhil sahen, erkannten sie in ihnen leichte Beute und näherten sich ihnen.

Der Schwung ihres Angriffes hatte die Reiter ein gutes Stück davongetragen, und so dauerte es einen Moment, bis sie ihre Pferde gewendet hatten und auf die neue Situation reagieren konnten.

Die Brüder mochten zwar noch nie einen echten Kampf gefochten haben, aber sie hatten einen hervorragenden Lehrer. Maedhros hatte gewusst, dass ihre größte Stärke darin lag, dass sie alles gemeinsam taten, und hatte ihnen beigebracht, auch auf diese Weise zu kämpfen.

Elrond und Elros brauchten keine Worte, um sich zu verständigen. Sie wussten auch so, was der jeweils andere tun würde. Sie bewegten sich im Einklang durch die Reihen der Orks. Blockte der eine einen Angriff, tötete der andere den Ork, der es gewagt hatte, sich ihnen zu nähern. Schlug der eine nach rechts, deckte der andere die linke Seite. Schnell hatten die Orks gelernt, dass sie keine so leichte Beute waren wie gedacht.

In dem Moment waren auch Gil-galads Ritter wieder zum Angriff bereit und ritten die Kreaturen nieder. Der letzte Ork, der sich den Zwillinge entgegen stellte, wurde von Ceomons Pferd zermalmt.

Gil-galad ritt zu den Peredhil, stieg vom Pferd und nahm seinen Helm ab. »Ich weiß nicht, ob ich beeindruckt sein oder euch einen Narren schimpfen soll«, sagte er, jedoch mit einem Lachen in der Stimme. »Und das war wirklich euer erster Kampf, sagt ihr? Das hätte ich nach dem, was ich gesehen habe, nicht vermutet. Aber nun gut, ihr habt von einem der besten gelernt. Wie ihr euch wie eine Einheit bewegt habt, das war wirklich bemerkenswert. Ósanwe

Elrond nickte. »Ja, aber es ist mehr als nur das. Wir wissen einfach, was der andere als nächstes tun wird, was vielleicht schlicht daran liegt, dass wir unser ganzes Leben zusammen verbracht haben. Onkel Maglor sagte einmal, dass seine jüngsten Brüder uns darin recht ähnlich waren. Das ist vielleicht einfach etwas, das bei Zwillingen normal ist.«

Dann bemerkte er jedoch, wie Elros zitterte und alarmierend fahl im Gesicht war. »Ist alles gut, Bruder?«, fragte er besorgt.

»Mir ist schlecht«, presste Elros zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Elrond legte ihm eine Hand auf den Rücken. »Hast du dich doch verletzt bei deinem Sturz? Wo tut es weh?«

»Nein, das nicht. Es ist nur …« Elros deutete mit einer Hand auf ihre Umgebung. Dann erbrach er sich, wo er stand.

Elrond hielt ihm die Haare aus dem Gesicht und legte eine Hand auf die zitternden Schultern seines Bruders, während er sich umblickte. Er sah, was Elros gemeint hatte. Der Kampfplatz war ein widerlicher Anblick. Der Boden war aufgewühlt und getränkt vom schwarzen Blut der Kreaturen. Viele von ihnen hatten grausame Wunden davon getragen, abgetrennte Gliedmaßen und aufgeschlitzte Bäuche. Doch der schlimmste Anblick boten die Orks, die von den Pferden zertrampelt worden waren.

Elrond bemerkte, wie auch ihm die Galle hochkam.

Gil-galad sagte nichts dazu, sondern löste lediglich den Weinschlauch von seinem Sattel und reichte ihn Elros. Als dessen Magen endlich leer war, nahm er ihn dankend an, um sich den Mund auszuspülen.

»Es sind Orks, vergesst das nicht«, sagte Gil-galad schließlich. »Sie verdienen nichts als unseren Hass. Aber dennoch ist es gut, dass ihr nicht zu leichtfertig kämpft.«

»Onkel Maedhros hat uns gesagt, was blinde Kampfeswut mit einem machen kann«, sagte Elrond leise. Und Maedhros hatte wirklich kein Detail ausgespart. Als Kind war Elrond lange von Alpträumen geplagt gewesen, obwohl er sich nie wirklich daran hatte erinnern können, was in Arvernien geschehen war. Die Erinnerungen daran waren hinter einem gnädigen Schleier von Vergessen verborgen. Als Maedhros jedoch beschlossen hatte, dass sie alt genug waren, um das Kämpfen zu lernen, hatte er ihnen als erstes erzählt, was er damals in Arvernien wirklich getan hatte. Elrond hatte danach viele Nächte nicht mehr ruhig schlafen können, geschweige denn Maglor und Maedhros in die Augen blicken. Es war undenkbar, dass die Elben, die sie als ihre Familie liebten und die ihnen stets nur Gutes getan hatten, zu solchen Grausamkeiten in der Lage sein sollten.

Ein Schatten legte sich auf Gil-galads Gesicht. Vielleicht ahnte er ja, woran Elrond soeben dachte, er sagte jedoch nichts. Stattdessen stieg er wieder auf sein Pferd.

»Kommt, wir reiten zurück«, sagte er.

Elros‘ Pferd war der einzige Verlust, den sie zu beklagen hatten, ansonsten waren sie alle unbeschadet aus dem Kampf gekommen. Elros saß hinter Elrond auf dessen Pferd, war jedoch in trübsinnige Stille verfallen und teilte wie auch sein Bruder nicht Gil-galads gute Stimmung über den ausgefochtenen Sieg.

»Ich weiß jetzt, warum attat so lange gezögert hatten, uns das Kämpfen beizubringen«, sagte er irgendwann leise zu Elrond. »Es ist ein grässliches Gefühl.«

Elrond nickte nur und fühlte sich genauso elend wie sein Bruder.

Der Abend war bereits hereingebrochen, als sie zum Haus zurückkehrten. Ein einzelnes Licht brannte in der Küche; offenbar hatte Lindwain sie bereits erwartet und ein Mahl vorbereitet. Elrond stellte sich auf überdurchschnittlich viele Pilze ein.

Einer von Gil-galads Rittern nahm sich der Pferde an, der Rest von ihnen ging nach drinnen. Lindwain hatte ihnen aus dem Proviant, den sie mitgebracht hatten, und seinen eigenen Vorräten in der Tat ein Abendmahl zubereitet. Während die Ritter ihr Essen in der Küche zu sich nahmen, speisten Elrond und Elros zusammen mit Gil-galad im Esszimmer. Die Brüder hüllten sich noch immer in Schweigen und stocherten recht lustlos in ihrem Essen herum. Lindwain hatte in der Tat seine eigene Note hinzugetan und es sehr gut gemeint mit Pilzen. Gil-galad war natürlich nicht ihre Stimmung entgangen und verzichtete dankenswerterweise auf jegliche Aufmunterungsversuche.

»Also? Schon irgendwelche Ideen für ein Banner?«, sagte er schließlich nach einer ganzen Weile des Schweigens.

Elrond nickte. Dann wandte er sich an Ceomon: »Bitte bring mir Tinte und etwas Papier. Und dann holst du dir selbst etwas zu essen.«

Ceomon stand schon wieder die ganze Zeit im Hintergrund und wartete auf Befehle, statt sich nach so einem langen und ereignisreichen Tag etwas Ruhe zu gönnen. Nun nickte er, verbeugte sich kurz und ging. Kurz darauf kam er mit dem Gewünschten wieder, blieb dann jedoch.

»Du sollst essen gehen«, erinnerte Elros ihn.

»Ich habe auf dem Weg ein Stück Käse gegessen«, protestierte Ceomon.

Die Zwillinge warfen ihm einen langen Blick zu.

»Jaja, ich gehe ja schon«, schimpfte er vor sich hin und ging dann.

Gil-galad schmunzelte, als er ihm nachblickte. Dann besah er sich, was Elrond skizzierte.

»Oh, das ist natürlich interessant. Sehr gewagt«, sagte er, als er schließlich erkannte, was der Entwurf darstellte.

Es war das Wappen Earendils, doch mit dem Stern der Feanorer in der Mitte.

Elros hatte bereits gewusst, was Elrond im Sinn hatte, und war angetan von der Idee.

»Ich hätte gedacht, dass du es für zu offensichtlich hältst«, sagte Elrond an Gil-galad gewandt.

»Sterne sind immer eine gute Wahl«, sagte Gil-galad mit einem Augenzwinkern. »Und niemand hätte wohl ernsthaft erwartet, dass ihr einfach das Wappen eures Vaters kopiert. Dem Stern zwei Zacken mehr zu geben, ist nun wirklich nur eine Kleinigkeit. Nicht wahr?«

Elrond schmunzelte. »Wenn man es so sehen will …«

»Gut, dann wäre das also auch geklärt«, schloss Gil-galad. »Habt ihr schon Pläne für dieses Haus und die dazugehörigen Ländereien? Mein erster Gedanke war Weinanbau, aber obwohl die Hänge dafür geeignet wären, sind wir wohl doch zu weit nördlich dafür, fürchte ich.«

Elrond lächelte schmallippig. »Hattest du gehofft, nicht mehr aus Dorwinion importieren zu müssen?«

Elros hingegen seufzte und versuchte nicht, seine Gefühle mit einem schlechten Scherz zu überspielen. »Lass mich dir etwas sagen, Gil-galad. Dort, wo du sitzt, saß einst Onkel Maedhros, Onkel Maglor zu seiner rechten und wir zu seiner linken. Jeden Morgen und Abend saßen wir hier und aßen gemeinsam und sprachen über das, was der Tag uns brachte. Anfangs war es nicht so leicht für uns alle, die Stimmung war … angespannt. Mein Bruder und ich waren verwirrt und wussten nicht, was wir davon halten sollten und wollten eigentlich nur nach Hause, obwohl Onkel Maglor gesagt hatte, dass das nicht möglich sei. Aber ich weiß auch noch, wie er eines Morgens, kurz nachdem wir hierher kamen, hereinplatzte und stolz den Teller mit den ruinierten Pfannkuchen vor uns abstellte. Damals waren wir im höchsten Maße irritiert davon, aber im Nachhinein war es doch ganz erheiternd.

Ereinion, dieses Haus ist voller Geister. An jeder Ecke werden wir daran erinnert, was einst war und nun für immer verloren ist. Maedhros ist tot und Maglor verschwunden. Sie beide waren das einzige, was wir je an Familie kannten. Wir wollen hier nicht sein. Wenn du darauf bestehst, uns zu Fürsten dieses Felsens zu machen, dann lass dich nicht von uns abhalten. Doch es wird auf immer nur ein Titel auf einem Stück Papier sein.«

Gil-galad nickte schwach. »Du hast Recht. Vergebt mir, dass ich nicht darüber nachgedacht habe, was dies wirklich für euch bedeutet. Es wird sich schon jemand finden, der für euch diese Ländereien verwaltet.«

Elrond lächelte seinem Bruder dankbar zu. Er war sich nicht sicher gewesen, wie er Gil-galad diese Sache am besten vortrug, doch Elros hatte wie immer die richtigen Worten gefunden. Amon Ereb war ein Geist aus einer Zeit, die nicht mehr war. Eine Zeit, die viele schöne Erinnerungen barg, aber auch viel Schmerz. Er wollte nicht mehr zurückblicken.

Autorennotiz

atto – Vater, Papa; die Dual Form ist attat; Q.
Túrhael – weiser Herr, S.; ein Elb aus Gondolin, welcher Tuor ins Exil folgte und sich in Balar Gil-galad anschloss
Lindwain – Junger Gesang; S.; ein Elb, der ab dem 11. Kapitel meiner Longfic Kindheitserinnerungen eine Rolle spielen wird
arandur – Königsdiener, Minister; der Amtstitel der Truchsessen von Gondor, als ich ein Äquivalent für einen römischen Senator suchte, fand ich ihn jedoch sehr passend, weshalb das jetzt auch der Titel für Gil-galads Berater ist; Qu.
Palandíriël – weithin blickend, bestehend aus palan (weithin) dem PPA von tir- (blicken), S.; Gil-galads Leibärztin, bei der Elrond in die Lehre geht
Rodarben – Edler Ritter, S.
turmacundo – Schildwächter, Pl. turmacundor, Qu.
ósanwe – Gedanklicher Austausch, Telepathie; Qu.
Nahtanar – Feuerbiss; Qu.
Raumomacil – Sturmklinge; Qu.

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Kurzbeschreibung

Als Gil-galad hört, dass das Haus auf dem Amon Ereb noch steht, beschließt er, zusammen mit Elrond und Elros einen Ausflug dorthin zu unternehmen im Glauben, ihnen damit einen Gefallen zu tun. Die Zwillinge jedoch werden von Geistern der Vergangenheit erwartet, einer Vergangenheit, auf die sie nicht zurückblicken wollen.

Crossover

Diese Fanfiction wird neben Der Herr der Ringe auch im Fandom Das Silmarillion gelistet.
Sie wurde außerdem mit Zweites Zeitalter, Gen, Schmerz und Trost, Familie, Freundschaft, canon aware und Trauer getaggt.

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