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Wanderer im Nebel der Zeit

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28.01.21 22:32
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

11 Charaktere

Dúnedain

Dúnedain, die Menschen des Westens, sind die Menschen Númenors und all ihre Nachfahren. Nach dem Untergang Númenors führte Elendil sie nach Mittelerde, wo er und seine Söhne die Königreiche von Gondor und Arnor gründeten. Gondor blieb bis in das Dritte Zeitalter hinein erhalten, während das Nördliche Königreich zerfiel und Isildurs Linie in den Waldläufern fortgeführt wurde.

Lindir

Lindir ist ein Elb aus Bruchtal, welcher im Dritten Zeitalter lebte. Viel ist nicht über ihn bekannt, sein Name bedeutet jedoch "Mann des Gesangs". Er gibt selbst zu, nicht viel über Sterbliche zu wissen.

Maglor Makalaure

Der zweite von sieben Söhnen Feanors ist Maglor. Er ist unter anderem als einer der mächtigsten Sänger Mittelerdes und als Verfasser der Noldolante bekannt. Zusammen mit seinem älteren Bruder Maedhros überlebte er als letzter der Feanorer auch den dritten Sippenmord von Arvernien, wo er Elrond und Elros adoptierte. Nachdem er seinen silmaril ins Meer warf, ist sein Schicksal unbekannt.

Elrond Peredhel

Auch wenn Elronds leiblichen Eltern niemand geringeres als Earendil und Elwing sind, wuchs Elrond zusammen mit seinem Zwillingsbruder Elros im Ersten Zeitalter bei Maglor in Ossiriand auf. Nach dem Untergang Beleriands schloss er sich Gil-galad an und wurde dessen Herold. Seit Imaldris im Zweiten Zeitalter gegründet wurde, ist er der Herr von Bruchtal.

Aragost

Aragost (natürlich kein eigener Charakter) ist der achte Häuptling der Dúnedain, Sohn von Arahad I und Vater von Aravorn. Er lebte im Dritten Zeitalter und kann wie alle Häuptlinge der Waldläufer seine Abstammung direkt zu Isildur zurückführen. Wie es üblich war, wurde er in Bruchtal aufgezogen, wo auch die Erbstücke des Hauses Isildur aufbewahrt werden.

Arwen Undómiel

Arwen Undómiel ist die Tochter Elronds und Celebríans und wird als Abendstern ihres Volkes bezeichnet. In ihr ist die Schönheit ihrer Vorfahrin Lúthien Tinúviel wiedergekehrt. Sie verliebte sich in den Sterblichen Aragorn und kämpfte lange Jahre darum, ihn ehelichen zu dürfen. Ihr Vater willigte schließlich ein, als Aragorn die Krone Gondors erstritt.

Elladan

Elladan ist der Sohn Elronds und Zwillingsbruder Elrohirs. Nachdem ihre Mutter Celebrían von Orks geschändet wurde, schworen sie blutige Rache und kämpfen seither seit vielen Jahren mit den Dúnedain zusammen. Sie beide waren Teil der Grauen Schar.

Elrohir

Elrohir ist der Sohn Elronds und Zwillingsbruder Elladans. Nachdem ihre Mutter Celebrían von Orks geschändet wurde, schworen sie blutige Rache und kämpfen seither seit vielen Jahren mit den Dúnedain zusammen. Sie beide waren Teil der Grauen Schar.

Gandalf / Mithrandir

Olórin, später bekannt als Mithrandir, der Graue Wanderer, oder Gandalf, ist einer der Istari, Maiar, die von den Valar nach Mittelerde gesandt wurden, um im Kampf gegen Sauron beizustehen. Er ist einer der wenigen Weisen, die sich mit Hobbitkunde befassen, und erkannte vor allen anderen ihren Wert. Er ist der Heerführer des Westens im Ringkrieg.

Bilbo Beutlin

Der Hobbit Bilbo Beutlin hat sich in seinem Leben nie etwas zu Schulden kommen lassen. Bis eines Tages der Zauberer Gandalf vor seiner Tür steht und ihn mitten in ein Abenteuer mit den 13 Zwergen rund um Thorin Eichenschild schubst. Es gilt, dem Drachen Smaug den Erebor und seinen Schatz abzureißen und dafür braucht es einen Dieb: niemand geringeres als Bilbo.

Thorin Eichenschild

Thorin Eichenschild, Thrains Sohn, ist der Erbe des Königreichs unter dem Berge, doch er wurde schon in jungen Jahren vom Drachen Smaug vertrieben. Auf Anraten des Zauberers Gandalf sucht er sich eine Reisegemeinschaft zusammen, zu der auch der Hobbit Bilbo Beutlin gehört, um Erebor zurückzuerobern. Thorin stirbt in der Schlacht der Fünf Heere.
Der Sänger
CN Alkohol, psychische Erkrankung, Essstörung

Der Wanderer hatte schon vor langer Zeit vergessen, wer er war.

Seit Menschengedenken wanderte er einsam durch die Lande und sang von längst vergessenen Zeiten. Er wusste selbst nicht mehr, von was er sang, nur, dass es eine Zeit voller Trauer und Schmerz gewesen war. Eine Zeit, die er weggeschlossen hatte hinter einem eisernen Vorhang. Den Schlüssel dazu hatte er längst weggeworfen. Er wusste nicht, warum er das getan hatte. Aber er wusste: Es war besser so, für ihn und für alle um ihn herum.

»He, Sänger, du solltest jetzt wirklich etwas essen.«

Der Wanderer blickte auf und sah sich Wirt Butterblume gegenüber, der ihm einen Teller mit Brot und Käse gebracht hatte, sowie dem üblichen Krug Gerstenbier, das die Familie Butterblume seit Generationen braute. Jeder, der im Tänzelnden Pony einkehrte, probierte davon, egal ob er wollte oder nicht. Das war jenes eine ungeschriebene Gesetz in Bree, das selbst der Wanderer schnell gelernt hatte.

»Wann hast du das letzte Mal was gegessen?«, fuhr Butterblume fort. »Muss schon Tage her sein. Oder lebt deinesgleichen nur von Luft und Liedern? Iss was und dann sing uns was. Deswegen bist du doch hier.«

Der Wanderer hatte mit dem Wirt die Übereinkunft getroffen, dass er des abends die Gäste mit seiner Musik unterhielt und dafür kostenlos Essen und eine Unterkunft erhielt. Zumindest für eine Weile. Wie lang diese Weile sein würde, hatte Butterblume nicht spezifiziert.

»Du bist zu gütig, guter Mann«, sagte der Wanderer leise. »Ich möchte deine Gastfreundschaft nicht zu lang ausreizen und werde in einigen Tagen aufbrechen, so du das wünschst.«

»Papperlapapp«, erwiderte Butterblume. »Ich mache das Geschäft meines Lebens hier. Alle kommen, um den Elben zu sehen. Ich kann gar nicht so viel Bier brauen, wie ich ausschenke. Dir kostenloses Essen zu geben, ist das mindeste, was ich tun kann. Dafür musst du es aber auch essen.«

»Wenn es das ist, was du wünschst.« Der Wanderer lächelte, doch er wusste genau, dass dieses Lächeln seine Augen nicht erreichte.

Butterblume beugte sich zu ihm herab und senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. Unauffällig deutete er in eine Ecke. »Wenn ich dir einen Rat geben darf: Hüte dich vor dem da. Einer von den Waldläufern. Wanderndes Volk, bringen nichts als Unglück. Äh, nichts für ungut.« Er lächelte verlegen, als ihm aufging, was er gesagt hatte.

»He, Gerstenmann! Wo bleibt unser Bier?«, riefen einige Hobbits vom Tresen.

Butterblume richtete sich wieder auf und wischte sich die Hände an seiner fleckigen Schürze ab, wie er es immer tat, wenn er in Eile war. »Jaja, komme ja schon!«, rief er zurück. »Butterblume, du Bengel, wo bist du? Du sollst schneller ausschenken! Nascht du schon wieder?«

Ein schlaksiger Junge, seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und mit einem Schaumbart auf den Lippen, wuselte aus der Küche und stolperte beinahe über seine eigenen Füße. Butterblume Senior ging zu ihm, um ihm die Ohren lang zu ziehen. Der Wanderer blieb allein zurück.

Er blickte in die Richtung, in die Butterblume gewiesen hatte. In einer dunklen Ecke des Gasthofs saß eine in Schatten gehüllte Gestalt, das Gesicht von einer Kapuze verdeckt. Ein Pfeifenkopf glomm auf, Augen blitzten in den Schatten.

Der Wanderer erkannte, dass dies nur eine Tarnung war, eine Aura der Gefahr, umgelegt wie einen Mantel, um für sich allein zu bleiben. Er respektierte den Wunsch des Mannes und widmete sich dem Essen vor sich.

Ja, wann hatte er das letzte Mal etwas gegessen? Musste Tage her sein. Er neigte dazu, es oft einfach zu vergessen. Eine leise Stimme in ihm warnte, dass dies kein gutes Zeichen war, aber er hatte Jahrhunderte an Erfahrung darin, sie zu ignorieren. Sein Blick fiel auf seine Hände. Lange, schlanke Finger, eingehüllt in lederne Handschuhe, die verhüllten, dass seine Hände nicht nur erschreckend knorrig, sondern auch verbrannt waren.

Erinnerungen. Erinnerungen, die besser verschlossen blieben.

Er aß.

Dann erhob er sich, griff zu seiner Harfe und spielte Musik, weil es das war, was die guten Leute von Bree eben von ihm erwarteten. Sie schwiegen andächtig, nichts ahnend, dass dies nur ein Bruchteil seines eigentlichen Könnens war. Sie wussten eben nicht, welche Musik einst an elbischen Höfen gesungen worden war.

Erinnerungen.

Der Wanderer sang.

 

Fíriel stand am Fenster um drei

und sah die Nacht entschwinden.

Fernher gellte ein Hahnenschrei,

den Morgen anzukünden.

Dunkel die Bäume, der Himmel blass,

Vögel zirpten leise,

Frühwind lief durch das feuchte Gras

auf seiner ersten Reise.

 

Sie sah, wie das Licht allmählich wuchs,

um endlich siegreich zu strahlen,

der Tau selbst spiegelte es flugs

und schimmerte opalen.

Bloßfüßig lief sie über den Flur

und tanzte die Treppe hinunter,

ihr leichter Schritt ließ keine Spur,

die Wiese blühte nun bunter.

 

Wie Schmuck hing Tau am Kleidersaum

nach solchem Wiesengange.

Sie lehnte sich an den Weidenbaum

am Strom und sah ihm lange

aufmerksam nach, der gemächlich floss.

Eisvogel stürzte nieder,

ein Blitz, ein Stein, ein Wurfgeschoss.

Blau leuchtete sein Gefieder.

 

Da schlug ihr plötzlich Musik ans Ohr,

wie sie tief atmend dastand.

Gelösten Haares sah sie empor

und weiter über den Sandstrand.

 

Barke glitt, goldgeschnäbelt und weiß

mitten im Strome vorüber.

Ihr gaben Schwäne stolzes Geleit.

Staunend sah Fíriel hinüber.

Als Ruderknechte im grauen Gewand

saßen Elben darinnen.

Drei aber schienen von hohem Stand –

Könige, Königinnen?

 

Kronen trugen sie auf dem Haar.

Helle Lieder erklangen,

elbische Lieder, rein und klar,

die ihr zu Herzen drangen.

Harfen im Arme sangen sie

zum Takt des Ruderschlages:

»Es grünt die Welt so schön wie nie

im vollen Glanz des Tages!

 

Vögel singen, als gäbt‘s nicht Nacht,

Knospen werden noch springen,

Ernten werden noch eingebracht,

ehe die Lieder verklingen!«

 

»So sagt mir doch, wohin‘s Euch zieht,

holdselige Fahrensleute!

Nimmt Euch der Strom in die Ferne mit?

Verlasst Ihr uns, hier und heute?

Sucht Ihr wohl Unterschlupf und Versteck

in Grotten an steinigen Küsten?

Oder zieht Ihr noch weiter weg

in entlegene öde Wüsten?«

 

»Nein«, riefen sie sanft, »nur weit, weit fort

wird uns die Barke tragen

vom letzten Westlichen Grauen Port.

Wir müssen den Aufbruch wagen

durch Schatten und unbekannte Gefahr

zur Heimat: Dort wartet der Weiße,

der Weiße Baum, wie es früher war.

Dies ist unsre letzte Reise!

 

›Nehmt Abschied von der irdischen Flur,

vom vergänglichen Menschenheute!‹

So mahnt uns die Glocke vom Hohen Turm

mit ihrem klaren Geläute.

›Hier welkt das Gras, das Laub vergilbt,

Sonne und Mond verwittern!‹

Wir hörten den Ruf, ihm folgen wir

ohne Zagen und Zittern.«

 

Sie zogen die Ruder langsam ein

und wendeten zur Seite.

»Höre! Dich Irdische laden wir ein!«,

scholl‘s über des Stromes Breite:

»Wir haben einen Platz noch frei

für Fíriel, die Elbengleiche.

Wir rufen dich – willkommen sei,

willkommen sei im Elbenreiche!«

 

Fíriel stand am Uferrand

und zögerte, eh sie‘s wagte,

tat einen Schritt, und ihr Fuß versank

im Schlick … Und sie verzagte.

Die Barke glitt an ihr vorbei –

verloren, ach verloren!

Die Elben hörten ihren Schrei:

»Ich kann nicht – bin erdgeboren!«

 

Nichts zierte ihren Kleidersaum,

als sie die Wiese querte.

Windschiefes Dach und dunkler Raum

grüßten die Heimgekehrte.

Sie strich sich Rock und Ärmel glatt,

schnürte das braune Mieder,

Ging an die Arbeit. Wolkensatt

verkroch sich die Sonne wieder.

 

Jahr um Jahr treibt so dahin

mit den Sieben Flüssen,

Sonne strahlt und Wolken ziehn,

Regen fällt in Güssen.

Aber niemals, niemals mehr

kommt ein Schiff gezogen.

Alle Wasser bleiben leer,

stumm die grauen Wogen.

 

Die letzten Töne verklangen. Der Wanderer verstummte. Noch immer hing eine blasse Erinnerung seiner Musik im schummrigen Schankraum. Selbst der einfach gestrickte Bauer Farnrich gab keinen Kommentar ab.

»Sänger, sag uns, warum müssen die Elben gehen?«, wollte der junge Dachsbau wissen.

Seine Mutter zog ihm eins über. »Sei still. Das sind die Flausen, die diese Tuks dir ins Ohr setzten. Du sollst dich nicht immer zu denen davonschleichen!«

»Aber es stimmt! Mein Freund Bingo hat die Türme gesehen. Sie stehen im Westen. Elben haben sie gebaut, sagt er.«

»Wenn ihr mich fragt, sind das nur Geschichten, die sich faule Bengel ausdenken, um sich vor der Arbeit zu drücken«, brummte Bauer Tom. »Mein Junge rennt auch immer davon, um irgendwelchen Gespenstern in den Feldern nachzujagen. Niemand glaubt doch wirklich, dass sich Elben mit unsereins abgeben würden.«

Der Wanderer stahl sich davon und ließ die Sterblichen das unter sich ausdiskutieren. Als er zu seinem Platz zurückkehrte, sah er, dass er Gesellschaft bekommen hatte. Der Waldläufer hatte sich zu ihm gesetzt.

Der Wanderer schwieg, als er sich wieder setzte und an seinem Bier nippte. Der Fremde würde schon etwas sagen, wenn er dazu bereit war. Und wenn nicht, dann war es eben so. Der Wanderer war Stille gewohnt.

»Es erstaunt mich, jemanden vom Schönen Volk in dieser Spelunke zu finden«, brach der Dúnadan schließlich die Stille.

»Ein besserer Ort als so manch ein anderer, an dem ich bisher verweilte«, sagte der Wanderer.

»Dabei verweiltest du einst an den edelsten Höfen, habe ich recht?«

Der Wanderer erstarrte. »Du sprichst von einer Person, die im Nebel der Zeit verloren ging. Ich möchte nicht darüber sprechen.«

Der Dúnadan lehnte sich zurück und zog an seiner Pfeife. »Wie du wünschst. Man nennt mich Aragost, Sohn des Arahad. Möchtest du mir deinen Namen verraten? Oder zumindest einen, den zu nennen du bereit bist.«

Der Wanderer entspannte sich wieder. Dieser Mann wusste nicht, wer er war. Warum auch? Hatte er das wirklich gefürchtet? Niemand mehr sprach von ihm, die Menschen hatten schon vor Jahrhunderten vergessen, dass er jemals existiert hatte.

»Ich habe keinen Namen mehr. Er wurde vor langer Zeit von mir genommen«, sagte er. »Aber hier nennen sie mich den Sänger.«

»Mit deiner Erlaubnis nenne ich dich Lindir«, sagte Aragost.

Lindir nickte. »Ein Name wie jeder andere auch. Ich akzeptiere ihn.«

»Dann freut es mich, deine Bekanntschaft machen zu dürfen, Lindir.« Aragost lächelte und reichte ihm die Hand.

Lindir zögerte einen Moment, dann jedoch schlug er ein. »Die Ehre ist ganz meinerseits.«

Für eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Aragost rauchte seine Pfeife und beobachtete den Raum. Die Menschen und Hobbits diskutierten noch immer, ob sich Elben wirklich mit Sterblichen abgeben würden und wenn ja, wohin sie sie entführen würden, wie sie es mit Fíriel vorgehabt hatten.

»Ich frage mich, ob du dein Lied mit einem Hintergedanken sangst«, wollte Aragost schließlich wissen.

»Es ist eine hübsche Geschichte, die ich auf meinen Reisen aufschnappte. Ich dachte, sie würde den Sterblichen hier gefallen«, sagte Lindir.

»Fíriel ist nicht nur ein armes Mädchen, das von einem besseren Leben träumt«, sagte Aragost. »Sie war auch die Tochter König Ondohers – und meine Ahnin.«

Lindir sah den Mann neben sich zum ersten Mal wirklich an. Seine Kleidung war zerrissen und starrte vom Schmutz der winterlichen Straßen. Das Gesicht war bedeckt von einem dichten Bart, der von langen Wochen in der Wildnis zeugte, doch darunter zeichneten sich noble Züge ab. Die grauen Augen des Mannes waren weise und sprachen ihre ganz eigene Geschichte. Eine Geschichte von königlicher Abstammung.

Lindir hatte diese Augen schon einmal gesehen, vor langer Zeit. Einer Zeit, die er weggeschlossen hatte.

Er wandte den Blick ab.

»Ich hörte … Geschichten von den Dúnedain«, sagte er zögernd. »Du bist ihr Häuptling?«

»Nein, dies ist mein Vater Arahad und seine Zeit ist noch lange nicht gekommen«, sagte Aragost mit einem Lachen. »Und ich bin froh darum. Der alte Mann soll sich Zeit lassen, ich muss schon früh genug seine Bürde auf mich nehmen. Aber sag, Lindir, hast du ein Heim? Einen Ort, wo du bleiben kannst?«

»Für den Moment hat mich der Wirt Butterblume mit seiner Gastfreundschaft beehrt. Aber ein Heim? Das habe ich vor unzähligen Jahren verloren. Seitdem wandere ich durch die Lande und singe meine Lieder. Die Sterne allein sind das Dach über meinem Haupt.«

»Ein Wanderer wie ich. Was hältst du davon, wenn du für eine Weile mit mir kommst?«, schlug Aragost vor. »Ich war ohnehin auf dem Heimweg, als ich durch Bree kam.«

Lindir verfiel für eine lange Zeit in Schweigen und dachte darüber nach. »Ich … fürchte, dass ich keine gute Gesellschaft bin«, sagte er schließlich. »Ich bin die Einsamkeit und Stille der Wildnis gewohnt. Bereist jetzt verweile ich zu lang unter den guten Menschen von Bree.«

»Glaub mir, das sind wir alle«, sagte Aragost mit einer trübsinnigen Schwere in der Stimme. »Wir Dúnedain sind ein wanderndes Volk. Du siehst doch, wie mich die ›guten Leute von Bree‹ ansehen, die scheelen Blicke voller Misstrauen. Sie wissen nicht, wer wir wirklich sind. Ich denke, du würdest gut zu uns passen.«

Lindir warf ihm einen Seitenblick zu. »Und wer seid ihr wirklich?«, fragte er mit gedämpfter Stimme. »Was verbirgt sich unter dem Schleier des Waldläufers?«

Ein letztes Mal paffte Aragost an seiner Pfeife. »Das ist eine Geschichte für eine andere Halle.«

Am nächsten Tag in den frühen Morgenstunden brachen sie gemeinsam auf.

Das letzte Schiff von J.R.R. Tolkien in Geschichten aus dem Gefährlichen Königreich.
Die Dúnedain
CN psychische Erkrankung

Der Winter des Jahres 2509 des Dritten Zeitalters war früh hereingebrochen, vor allem hier im Norden. Aragost war davon überrascht worden; eigentlich hatte er geplant, seine Heimreise erst in einigen Wochen anzutreten. Von einer Nacht auf die andere hatte Frost das Land umfangen und dann hatte es zu schneien begonnen und seit Tagen schon nicht mehr aufgehört. Die Menschen verkrochen sich in ihre Häuser, Bastionen gegen die Kälte, sperrten den Winter aus und hofften, dass nichts Böses ihre dünnen Holztüren einriss.

»Die Menschen in Bree ahnen ja nicht, wie gut sie es haben«, sagte Aragost, als sie das Städtchen hinter sich gelassen hatten und es hinter den Hügeln verschwunden war. »Hier in der Wildnis lauern Gefahren, die ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließen, wenn sie nur wüssten.«

»Du klingst verbittert, Aragoþt«, stellte Lindir fest. Anders als der Mensch sank er kaum in den Schnee ein und lief leichtfüßig darüber hinweg. Daher hatte er angeboten, ihm einen Teil seines Gepäcks abzunehmen. Dankbar hatte Aragost angenommen.

»Ich sollte es nicht.« Aragost seufzte. »Manchmal jedoch ist es schwer, sich dessen zu erinnern, während man gleichzeitig weiß, was einst war und nun verloren ist.«

Lindir sagte nichts dazu. Er wollte Aragost nicht drängen, während er selbst über seine eigene Vergangenheit schwieg.

Eine Weile wanderten sie durch die winterliche Schneelandschaft. Sie liefen querfeldein, da es mittlerweile ohnehin keinen Unterschied mehr machte, ob sie die Straße nahmen oder nicht. Hier draußen wanderte zu dieser Jahreszeit niemand mehr und die Wege waren kaum belaufen. Aragost war ein erfahrener Mann der Wildnis, dennoch hatte er seine Schwierigkeiten, durch den Schnee voranzukommen. Sein Gesicht war gerötet.

»Ich bin neugierig, Lindir: Was weißt du über uns Dúnedain?«, wollte Aragost schließlich wissen.

»Ihr seid von königlicher Abstammung, so viel hast du mir bereits selbst verraten«, antwortete Lindir. »Vielleicht sogar von edlerer Abstammung, als ihr selbst ahnt, ihr Menschen des Westens.«

Aragost lachte in sich hinein. »Oh, lass dich nicht von meinem abgerissenen Äußeren täuschen, Freund Elb. Wir Dúnedain des Nordens haben keinesfalls vergessen, dass unsere Ahnen über die See aus dem Westen kamen. Wir haben es nicht vergessen und wir werden es auch nicht. Der Norden mag seit vielen Generationen keinen König mehr gesehen haben, aber dennoch schützen wir noch immer unser Volk. Auch wenn diese Leute uns vergessen haben mögen.«

»Nicht alles, was Gold ist, glänzt«, murmelte Lindir.

»Und nicht alle, die wandern, sind verloren. Ist es nicht so?« Aragost warf ihm einen scharfen Blick zu. »An dir ist weitaus mehr, als du preiszugeben bereit bist. Doch ich akzeptiere dein Schweigen, fürchte dich nicht.«

Lindir wandte den Blick ab und sah zu grauen Horizont. »Manche jedoch wandern, um sich selbst zu verlieren …«

Das Land lag still und gefroren da. Nichts rührte sich. Die Luft war kristallklar und beißend kalt. Selbst Lindir, obgleich ein Elb und daher unempfindlicher gegenüber den Unbilden der Natur, fror. Er wollte nicht wissen, wie es da Aragost ergehen musste. Doch der Mann ertrug es mit stoischer Gelassenheit und einem eisernen Willen. Lindir war beeindruckt.

Während sie wanderten, erzählte Aragost ihm, was er hier draußen machte. Lindirs Respekt für den Mann wuchs. Die Dúnedain des Nordens waren tapfere Männer, die im Verborgenen gegen die Kreaturen des Feindes kämpften und unbescholtene Menschen wie jene in Bree vor der Dunkelheit schützten. Sie nahmen in Kauf, dass sie mit Missgunst gestraft wurden, um sich dem Feind nicht zu verraten.

»Noch immer sucht er nach Isildurs Erbe«, sagte Aragost. »Er hat nicht vergessen, wer ihm den Ring vom Finger schnitt und ihn seines kostbaren Schatzes beraubte.«

Lindir war, als habe er davon gehört, doch es war eine Erinnerung wie an einen Traum, dunkel, verworren und kaum greifbar. Er konnte sich ja kaum daran erinnern, wo er vor einem Jahr gewesen war. Nur die Musik war ihm geblieben. So vieles war verschlossen und weggesperrt. Und es war gut so.

Seine Finger fanden ihren Weg zu den Saiten seiner Harfe. Musik ließ ihn vergessen. Musik nahm ihn vollkommen auf und war wie Balsam für seine zerstörte Seele. Musik war das einzige, was ihm noch geblieben war.

Aragost genoss seine Lieder sichtlich, fragte jedoch nie danach, was sie für Lindir bedeuteten. Er respektierte Lindirs Schweigen, vielleicht ahnte er ja, welche Abgründe sich ansonsten auftun würden. Umgekehrt erzählte er jedoch gern von seiner Familie. Lindir wusste nicht, warum Aragost all das mit ihm teilte, wenn er doch selbst betonte, wie wichtig den Dúnedain Verschwiegenheit war. Vielleicht ahnte er ja, dass Lindir jedes Geheimnis mit ins Grab nehmen konnte, und war einfach froh, ein freundliches Gesicht zu sehen, mit dem er seine Last teilen konnte.

»Ich habe einen Sohn, Aravorn«, sagte er soeben. »Er zählt jetzt zwölf Sommer, aber er weilt derzeit mit meiner Frau Ivorwen in Imladris, wie es Brauch bei uns Dúnedain ist. Also wirst du ihn wohl für eine Weile noch nicht kennenlernen können. Ein wenig bedauere ich dies; ich denke, du würdest meinen Sohn mögen. Er verehrt die Elben und alles, was mit ihnen zu tun hat, und liebt es in Imladris. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich ihn vermisse. Aber noch ist er nicht alt genug, um zu seinesgleichen zurückzukehren, und ich muss warten.«

»Einst, in längst vergessenen Zeiten, war es üblich unter den Menschen des Hauses Hador, ihre Sprösslinge zu den Elben zu geben, um sie ausbilden zu lassen«, sagte Lindir. »Ihr ehrt diese Tradition noch immer?«

»Es ist mehr als nur das«, eröffnete Aragost. »In Gondor mögen sie vergessen haben, wer die Seekönige von Númenor einst waren, doch wir erinnern uns. Fürst Elrond, der Herr von Bruchtal, ist der älteste und weiseste meines Stammes.«

Lindir erstarrte mitten in der Bewegung. Erinnerungen tobten in seinem Inneren und verlangten nach seiner Aufmerksamkeit. Er umklammerte mit aller Macht das Schloss, mit dem er sie weggesperrt hatte. Gefährlich, sehr gefährlich.

Er schlug die Tür zum Gefängnis zu. Ruhe kehrte wieder ein. Der Schnee lag unberührt vor ihm.

»Lindir? Geht es dir gut? Du siehst aus, als habest du einen Geist gesehen.« Sorge lag in Aragosts Stimme. Dann sah er sich mit einem Male alarmiert um. »Oder spürst du eine Gefahr? Deine Sinne sind feiner als meine.«

»Nein, uns nähert sich keine Gefahr, im weiten Umkreis ist alles friedlich«, beruhigte Lindir ihn.

Aragost atmete auf und entspannte sich. »Gut. Aber wisse: Solltest du jemals das Bedürfnis verspüren, deine Bürde zu teilen, so höre ich dir mit Vergnügen zu.«

»Ich danke dir«, sagte Lindir knapp.

Nein, er wollte seine Bürde nicht teilen. Er wollte sie vergessen. Doch es war der Fluch der Eldar, nicht vergessen zu können. Er musste mächtigere Schlösser schmieden.

Sie gingen weiter. Ihr Weg führte sie weiter nach Norden durch ein leeres, wüstes Land. Hier lebte kaum noch etwas, und Lindir fragte sich, wie die Dúnedain es schafften, hier zu überleben. Doch sie taten es, irgendwie.

Immer wieder kamen sie an Ruinen eines untergegangenen Reiches vorbei. Jedes Mal hielt Aragost inne und murmelte einige Worte zu sich selbst. Lindir fragte nicht nach dem Grund dafür, um ihm nicht zu nahe zu treten. Aragost erklärte es ihm dennoch.

»Ich erinnere mich meiner Ahnen und danke ihnen«, sagte er. »Ohne sie würde ich nicht heute dort stehen, wo ich stehe. Und ich verspreche ihnen, ihr Andenken zu ehren und darauf hinzuarbeiten, ihr Erbe eines Tages wieder erstrahlen zu lassen.«

»Ein nobles Ansinnen.« Lindir neigte leicht das Haupt.

Nach gut einer Woche erreichten sie schließlich ihr Ziel, eine Siedlung am Fluss Baranduin auf halbem Wege zwischen den Nordhöhen und den Abendrotbergen. All diese Namen sagten Lindir nichts. Er war ja überhaupt von der Existenz Brees erstaunt gewesen. Das letzte Mal, als er hier gewesen war, war die Siedlung noch nicht gegründet worden. Wie lange mochte das nun schon her sein? Vielleicht zehn Jahre. Oder war es doch länger?

Zeit hatte schon längst ihre Bedeutung verloren.

Die Siedlung bestand aus einer Gruppe von etwa einem dutzend Holzhäusern, die sich um ein Langhaus gruppierten. Rauch stieg aus Schornsteinen auf und zeigte an, dass hier in der Tat Menschen lebten. Ansonsten hätte man wohl vermuten können, dass dieses Dörfchen ausgestorben war. Es schmiegte sich zwischen zwei waldbestandenen Hügeln in eine Senke, geduckt und möglichst viel Schutz suchend vor den harschen Winden des Nordens. Stille lag über allem und somit unterschied es sich kaum von der umliegenden Wildnis.

Aragost rieb sich die kalten Hände. »Komm, rasch ins Warme. Ich bin diese ständige Kälte leid.«

Lindir folgte ihm schweigend.

Auch wenn sich nichts regte, spürte Lindir doch, dass sie schon längst entdeckt worden waren. Aragost schritt weit aus mit seinen langen Beinen und hatte es offensichtlich eilig, endlich wieder daheim anzukommen und seine durchgefrorenen Glieder zu wärmen. Lindir konnte nicht bestreiten, dass es ihm nicht ebenso ging.

Aragost hielt direkt auf das Langhaus zu. Kurz bevor er es erreichte, wurde die Tür aufgerissen und ein kleiner Junge stürmte ihm entgegen.

»Papa! Papa! Du bist wieder heim!«, rief der Junge begeistert.

Aragost fing ihn lachend auf und wirbelte ihn herum. »Aravorn, was für eine Überraschung!«, rief er aus. »Ich dachte, du bist in Bruchtal und lernst bei Meister Elrond.«

»Mama hat die Heimat vermisst, also haben wir einen kleinen Winterurlaub gemacht«, erklärte Aravorn stolz. »Ich muss dir unbedingt zeigen, was ich alles gelernt habe! Seit dem Sommer darf ich endlich mit Herrn Glorfindel den Schwertkampf erlernen. Bald werde ich so groß und stark sein wie du!«

Er präsentierte seinem Vater stolz seine nicht wirklich vorhandenen Muskeln. Aragost prüfte ihre Stärke. »Na ja, bist du einen Balrog erlegst, dauert es noch ein bisschen.«

Aravorn streckte ihm die Zunge raus. »Das hast du selbst nie geschafft. Gib nicht an.«

»Es wird kalt, kommt endlich wieder hinein!«, rief eine weibliche Stimme aus dem Langhaus.

Aragost lächelte und bedeutete Lindir, ihm zu folgen. »Komm rein ins Warme. Du bist herzlich eingeladen.«

Erst da bemerkte Aravorn den Elben. Er strampelte, damit sein Vater ihn wieder herunterließ, und lief dann zu Lindir.

»Hallo, ich bin Aravorn und mein Großvater ist Arahad, der Häuptling unseres Stammes. Und wer bist du?«, plapperte er, während er gleichzeitig Lindir die Hand reichte.

Lindir zögerte einen Moment, bevor er die ihm dargebotene Hand ergriff. Er hatte diesen Brauch noch immer nicht so wirklich verstanden. »Man nennt mich Lindir. Ich bin nur ein einfacher Spielmann, der durch die Lande zieht und Lieder singt.«

Da er aber sah, wie der Junge schon jetzt in seinem einfachen Hemd fror, unterbrach er alle weiteren Nachfragen, indem er ihn sanft nach drinnen dirigierte. Warme Luft schlug ihm entgegen, durchtränkt mit dem Geruch nach Harz und Kohle. Er schloss die Tür hinter sich und sperrte den Winter aus.

»Ivorwen, mein Herz, wie schön, dich wiederzusehen!«, begrüßte in diesem Moment Aragost seine Frau. »Und auch dich, Vater. Und dann auch noch bei bester Gesundheit! Obwohl du Kälte doch nicht magst.«

»Schweig still, Junge«, grummelte ein alter Mann, augenscheinlich Arahad. »Ich mag 144 Winter gesehen haben, aber ich bin noch lange nicht gebrechlich.«

Lindir wunderte sich über die Langlebigkeit dieser Menschen. Das Wissen um ihr Geheimnis hatte er sorgfältig weggeschlossen.

Arahad wandte sich von seinem Sohn ab und trat zu Lindir. »Willkommen, Fremder, in meinem Haus. Ich bin Arahad, Oberhaupt dieser Familie und Stammesführer der Dúnedain. Wie es aussieht, hat mein Sohn wieder einmal ein verlorenes Bündel aufgelesen und zu uns gebracht.«

Lindir verneigte sich. »Ich bin Lindir, ein fahrender Barde. Euer Sohn war so freundlich, mir für eine Weile seine Gastfreundschaft anzubieten. Ich hoffe, ich kann mich dafür erkenntlich zeigen.«

Arahad winkte ab. »Das wird nicht nötig sein. Hier ist jeder willkommen, der ein Dach über dem Kopf sucht.«

»Lindir, erzähl mir von den Elben, deinen Freunden!«, forderte Aravorn.

Lindir sah ihn irritiert an. Freunde?

»Still, Aravorn!«, kam Ivorwen zu Lindirs Rettung. »Lass den armen Elben in Ruhe und hilf mir, den Tisch zu decken.«

Arahad zeigte Lindir, wo er seine Sachen ablegen konnte, und gab ihm dann einen Schlafplatz in einem Seitenbereich des Langhauses. Das Haus selbst bestand überwiegend aus einem großen Raum mit einem kleineren abgetrennten Teil im hinteren Bereich für die Familie.

»In Palästen leben wir schon lange nicht mehr, Fornost liegt seit vielen Jahren in Ruinen«, sagte der alte Mann entschuldigend. »Ich hoffe, es genügt dir dennoch.«

»Ich habe seit langem nicht mehr so gut genächtigt«, beschwichtigte Lindir ihn. »Aber bitte sag mir: Was meintest du, als du sagtest, dein Sohn habe schon wieder ein verlorenes Bündel gefunden?«

Arahad lachte und klopfte ihm auf den Rücken. »Nun, genau das! Du musst wissen, dass mein Sohn schon immer ein Herz für alles Verlorene hatte. Fand er ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, musste er es unbedingt heimbringen und gesundpflegen. So hat er auch Ivorwen gefunden, ein verlorenes Vögelchen allein in der Wildnis. Im Gegenzug zu den meisten anderen ist sie jedoch geblieben.«

»Dein Sohn ist ein sehr edler Mann«, stellte Lindir fest und verbeugte sich erneut. »Ich bin euch nur zu noch mehr Dank verpflichtet.«

Arahad winkte ab. Dann deutete er auf die Harfe. »Ich würde mich über etwas Musik in meinem Haus freuen, und dieses Instrument wirkt sehr kostbar. Du weißt sicher damit umzugehen.«

»Wenn ich eure Gastfreundschaft auf diese Weise zurückgeben kann, dann werde ich dem freudig nachkommen.«

Ivorwen hatte ihnen einen kräftigen Eintopf vorbereitet. Aragost wurde von seinem Sohn belagert, der von ihm spannende Geschichten all seiner Heldentaten verlangte. Ivorwen schimpfte, dass ihr niemand mit dem Essen half, lächelte aber. Arahad erlöste sie und stellte die Schüsseln mit dem dampfenden Eintopf auf den Tisch.

Lindir lächelte. Dann gefror sein Lächeln. Einst hatte auch er eine Familie besessen. Er sperrte den flüchtigen Gedanken schnell wieder weg.

Sie setzten sich und aßen. Aragost musste sich sichtlich zurückhalten, um seine Schüssel nicht förmlich zu inhalieren. Lindir hatte wie immer Mühe, auch nur einen Bissen herunter zu bekommen. Er fühlte sich schlecht, denn der Eintopf schmeckte wirklich vorzüglich und ihm war nicht entgangen, dass Ivorwen in seine Portion extra viel Fleisch getan hatte.

»Ich frage mich, wie es kommt, dass mein Sohn einfach so einen der edlen Hochelben aus dem Westen in der Wildnis gefunden hat«, sagte Arahad, nachdem sie schon eine Weile ihren Eintopf löffelten.

Lindir sah ihn fragend an.

»Das Licht in deinen Augen«, erklärte der alte Mann. »Das haben nur jene, die aus dem Westen kommen, und von denen gibt es kaum noch welche hier in diesen leeren Landen. Die meisten von euch sind schon vor Urzeiten von uns gegangen.«

»Für mich gibt es kein Schiff mehr«, murmelte Lindir und widmete sich seinem Essen. »Die sind alle verbrannt.«

Arahad lehnte sich zurück. »Ich sehe. Nun denn, deine Geheimnisse sollen weiterhin dir gehören, ich respektiere das.«

Wie er es versprochen hatte, spielte Lindir nach dem Essen etwas Musik, auch wenn ihm dieses Mal nicht nach Singen zumute war. Er spiele eine lockere, fröhliche Melodie, um die Gedanken, an den dunklen Winter zu vertreiben. Die Familie lauschte andächtig.

»Du bist wahrlich ein Meister«, sagte Ivorwen ehrfürchtig, als er sein Spiel beendete. »Ich kenne nur einen, der die Harfe so spielt wie du, doch er teilt seine Musik nicht so freigiebig.«

Lindir lächelte, während er die Schlösser prüfte. Alles fest verschlossen, gut. »Das muss ein Zufall sein«, sagte er. »Jeder kann lernen, die Harfe zu spielen.«

»Aber nicht jeder hat eine Ewigkeit, um sie zu meistern«, hielt Ivorwen dagegen. »Darf ich dich um noch etwas bitten?«

»Es ist das geringste, das ich tun kann, um eure Gastfreundschaft zurückzugeben.«

»Sing uns etwas von den Zwergen«, bat Ivorwen. »Ich träumte schon immer davon, zu ihnen zu reisen, aber jetzt wird sich wohl nie mehr die Gelegenheit dazu bieten.«

Lindir überlegte einen Augenblick. Dann nickte er und stimmte ein weiteres Lied an.

 

Die Welt war jung, die Berge grün,

Als fleckenlos der Mond noch schien,

Nicht Berg noch Tal, nicht Strom noch Land

War da zu Durins Zeit benannt.

Er gab den Dingen Nam und Stand,

Trank ersten Trunk vom Quellenrand

Und sah im Spiegel Widerschein

Von Sternen, Gold und Edelstein,

Sah sich zu Häupten eine Kron

Aufblinken und verschatten schon.

 

Die Welt war jung, die Gipfel frei

Zu jener Zeit, die längst vorbei.

Die mächtigen Herrn von Nargothrond

und Gondolin sind längst entthront

Und leben westlich, fern und weit,

Die Welt war schön zu Durins Zeit.

 

Die Felsengründe waren sein,

Mit Gold verziert und Edelstein

Und silbern köstlich ausgelegt,

Das Tor von Runenkraft geprägt,

Und tausend Lampen aus Kristall

Verströmten Licht allüberall,

Ein helleres fließt nicht in die Welt

Von Sonne, Mond und Sternenzelt.

Der Hammer auf den Amboss hieb,

Der Stichel grub, der Meißel trieb,

Geschärfte Schwerterklinge sang,

Der Reichtum wuchs bei jedem Gang.

Von Amethyst, Beryll, Opal,

Metall, geschuppt, war voll der Saal,

Von Panzerhemden, Schild und Speer

Die Borde in den Kammern schwer.

 

Tief unter Tage, nimmermüd,

Sang Durins Volks so manches Lied

Zu Harfen, Flöten ohne Zahl,

Am Tore grüßt Trompetenschall.

 

Die Welt ist grau, der Berg ist alt,

Die Essen leer, die Aschen kalt,

Kein Harfner singt, kein Hammer fällt;

Das Dunkel herrscht in Durins Welt,

Sein Grab liegt unter Schatten da

In Khazad-dûm, in Moria.

Die Sternenkrone glänzt vom Grund

Des Wassers noch zur Tagesstund.

Tief ist der See, der sie begräbt,

Bis Durin sich vom Schlaf erhebt.

 

Ivorwen hatte mit verzücktem Blick gelauscht. Er sah in ihren Augen einen Schein des Reichtums von Moria, wie es in ihnen blitze, als sie von den schwarzen Tiefen träumte.

»Und? War die Welt schön zu Durins Zeit?«, wollte sie wissen. »Du hast sie mit eigenen Augen gesehen, nicht wahr? Hast du vielleicht für die Herren von Nargothrond gesungen? Gar den verborgenen König Turgon selbst? Solch edle Leute hatten sich sicher nur mit den feinsten und besten Musikern umgeben.«

Doch daraufhin verfiel Lindir in Schweigen und sagte auf für den Rest des Abends nichts mehr.

Moria-Lied von J.R.R. Tolkien in Der Herr der Ringe
Die Zwillinge
CN selbstverletzendes Verhalten

Lindir saß schon eine Weile draußen im Schnee und ließ sich von der Musik der Nacht erfüllen. Es war einfach zu viel geworden. Er hatte gedacht, dass seine Schlösser fest genug geschmiedet worden waren. Warum begannen sie ausgerechnet jetzt zu bröckeln? Jetzt nach all den Jahrhunderten des glückseligen Vergessens?

Aragost war ebenfalls nach draußen getreten. Er hatte anscheinend einen Raben rufen gehört, welcher zu ihm geflogen kam, als er vor die Tür gekommen war. Nun kraulte er dem Tier den Schnabel und wisperte ihm leise Nettigkeiten ins Ohr. Lindir regte sich nicht, um die beiden nicht zu stören.

Aragost wäre jedoch kein Waldläufer, hätte er den Elben nicht doch früher oder später bemerkt. Er runzelte die Stirn, als er Lindir im Schatten an die Hauswand gelehnt sitzen saß, und kam zu ihm. Der Rabe blieb auf seiner Faust sitzen. Das Tier war wild, so viel konnte Lindir erkennen, dennoch schien es Aragost gegenüber sehr zutraulich zu sein.

Ohne ein weiteres Wort setzte sich Aragost zu Lindir. Sein Rabe gab leise, gluckernde Laute von sich und knabberte an Aragosts Haaren, um sich weitere Streicheleinheiten zu erbetteln. Aragost lachte leise.

»Das alte Mädchen hier ist Cora«, erklärte er. »Ich fand sie, als ich noch ein junger Mann war. Sie war am Flügel verletzt und konnte so nicht mehr selbstständig auf Nahrungssuche gehen. Ich pflegte sie gesund und ließ sie dann wieder frei, aber sie kommt immer wieder, weil sie genau weiß, dass ich immer einen Leckerbissen für sie habe.«

»Hallo, Cora«, sagte Lindir leise.

Cora krächzte heiser. Dann hüpfte sie auf Lindirs Schoß und zupfte an seinen Kleidern.

»Ich habe nichts für dich und an mir ist auch nichts dran, das du essen könntest«, sagte Lindir sanft, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.

Cora krächzte erneut. Dieses Mal klang es empört.

»Sie ist sehr intelligent und hat einige Tricks von mir gelernt«, fuhr Aragost fort. »Einmal hat sie mich beim Jagen beobachtet und einen Hirsch imitiert. Sie konnte mich überraschend lange zum Narren halten.«

Cora hüpfte wieder zu ihm zurück, als sie sah, dass bei Lindir nichts zu holen war.

»Wie lange sitzt du schon hier draußen in der Kälte?«, fragte Aragost schließlich.

»Eine Weile«, erwiderte Lindir wage. Es war beinahe die gesamte Nacht und er war mittlerweile bis auf die Knochen durchgefroren. Er scherte sich nicht darum. Er war allerdings auch Aragost dankbar dafür, ihm lästige Fragen zu ersparen.

Sie sahen schweigend zu den Sternen auf. Fern im Westen schien Gil-Estel, sein Licht schien Lindir zu verhöhnen. Ein Stern der Hoffnung, die ihm auf immer verwehrt bleiben würde. Für ihn schienen keine Sterne mehr.

Eine einzelne Sternschnuppe huschte über den Himmel. Aragost regte sich.

»Lass mich dir eine Geschichte erzählen«, sagte er. »Ich bin nicht so geschickt mit Worten wie du und kann sie dir nicht in Versform vortragen. Aber es ist eine alte Geschichte, die die Seekönige von einst mit sich brachten.«

»Ich würde sie sehr gern hören«, sagte Lindir.

Aragost nickte. Dann begann er: »Am westlichen Abendhimmel, nur unweit von Gil-Estel entfernt, scheinen zwei helle Sterne. Wir nennen sie Ellaran und Elistyar. Einst waren sie Brüder, der eine sterblich, der andere unsterblich. Sie verliebten sich in die Schwestern Ištar und Šamaš, doch diese waren bereits den Brüdern Tammuz und Belšazar versprochen. Also raubten sie die Schwestern, doch darüber gerieten sie mit Tammuz und Belšazar in Streit. Es gelang ihnen, Tammuz und Belšazar zu erschlagen, doch dabei wurde auch Ellaran getötet. Elistyar wurde ebenfalls verwundet, doch weil er unsterblich war, konnte er seinem Bruder nicht nachfolgen. Er flehte Ilúvatar an, ihm seine Unsterblichkeit zu nehmen, damit er wieder mit Ellaran vereint sein konnte. Ilúvatar war berührt von der großen Liebe, die zwischen den Brüdern herrschte, und gewährte es ihnen, wieder vereint zu sein. Er trug sie als Sterne in den Himmel hinauf, wo sie noch heute Seite an Seite stehen.

Viele Dúnedain glauben, dass das Licht unserer Seelen als Sterne in der Nacht scheint. Wenn eine Sternschnuppe herabfällt, sehen sie das als Zeichen, dass eine besonders reine Seele auf die Erde zurückkehrt und in einem Kind geboren wird, dem Großes beschienen ist.«

Lindir hatte stumm gelauscht und ebenso stumm rannen ihm nun die Tränen über das Gesicht. Wie stark mussten die Schlösser denn noch werden, damit sie all den Schmerz zurückhielten, der sich hinter dem Schleier verbarg?

»Was auch immer es war, das deine fea so gründlich zerstörte, es muss etwas schreckliches gewesen sein«, murmelte Aragost. Dann erhob er sich. Cora krächzte und flog in einen nahestehenden Baum. »Komm, gehen wir wieder nach drinnen. Du erfrierst sonst noch.«

Lindir ließ sich nach drinnen führten.

In den kommenden Tagen sprach er nicht und aß noch weniger als ohnehin schon. Er nahm kaum wahr, was um ihn herum geschah. Auch wenn die Familie ansonsten sein Schweigen akzeptierte, zwang Ivorwen ihn zumindest sanft dazu, mehr zu essen, und kämmte ihm die Haare.

»Schlimm genug, dass mein Mann mit diesen Zotteln herumläuft«, schimpfte sie. »Da musst du es ihm nicht nachmachen. Dafür ist dein Haar viel zu schön.«

Lindir wusste nicht, wann er das letzte mal ordentlich geflochtenes Haar hatte. Aber da er sich ohnehin kaum an etwas erinnern konnte, das länger als eine Woche zurücklag, hatte dies vermutlich nicht viel zu sagen. Oder eine ganze Menge.

Eigentlich hatte Lindir in jener Nacht, als Aragost ihn gefunden hatte, vorgehabt, aus dem Dorf zu verschwinden. Er war es gewohnt, Jahrzehnte, gar Jahrhunderte allein die Küsten entlang zu wandern. Dass ihn seine Füße nach Bree getragen hatten, wo alles begonnen hatte, war ohnehin nur ein Zufall gewesen. All die Jahre hatten seine Schlösser gehalten und plötzlich zerbröselte ihm alles unter seinen Fingern. Die Anwesenheit anderer war ihm eine Qual. Und doch blieb er.

In den kommenden Wintermonaten lehrte Lindir Aravorn das Quenya. Aragost musste seinen altertümlichen Akzent bemerkt haben, doch er schien sich nichts weiter dabei zu denken. Aravorn jedenfalls war ein aufmerksamer Schüler, der eifrig alles in sich aufnahm, das Lindir ihm lehrte – das meiste davon freilich in gebundener Sprache.

Auch Aravorns Schwertübungen wurden fortgesetzt. Aragost fragte Lindir, ob er etwas von seinem Wissen teilen wollte, immerhin trug er ein Schwert bei sich, doch der Elb weigerte sich strickt. Er wunderte sich gar, warum er überhaupt ein Schwert bei sich führte. Er hätte es schon vor Jahrhunderten ins Meer werfen sollen. Man sollte ihm keine Waffen anvertrauen …

Der Winter ging und Lindir war noch immer bei den Dúnedain. Es war nicht nur das Wetter, das ihn hier hielt, er hatte schon weit schlimmeres durchstanden. Aber was es war, das ihn plötzlich seine Jahrtausende alten Gewohnheiten durchbrechen ließ, wusste er auch nicht.

Dann kam der Frühling und Ivorwen ging mit Aravorn wieder zurück nach Imladris. Sie bot Lindir an, dass er sie begleiten konnte, doch er lehnte ab. Stattdessen schloss er sich Aragost an, als dieser erneut begann, die Wildnis zu durchstreifen und die Kreaturen des Feindes zu jagen. Lindir weigerte sich zwar weiterhin, eine Waffe auch nur zu berühren, und »vergaß« gern einmal sein Schwert im Langhaus, aber seine feinen Sinne machten ihn zu einem wertvollen Gefährten auf Aragosts Wanderungen. In den vergangenen Jahren waren die Orks wieder zahlreicher geworden und die vergessenen Pfade in der Wildnis gefährlicher. Auch wenn Lindir meist unbewaffnet auszog, war Arahad doch erleichtert, seinen Sohn nicht mehr allein zu wissen.

Sie beide waren es nicht gewohnt, in Gesellschaft zu reisen. Aber gleichzeitig waren sie beide an lange Wochen der Stille gewöhnt und brauchten keine Worte. Lindir genoss es, nicht zu belanglosen Gesprächen gezwungen zu werden. Und irgendwie war es auch schön, nicht mehr allein zu sein, selbst oder gerade dann, wenn sie bereits wieder in einvernehmlichen Schweigen tagelang kein Wort miteinander gewechselt hatten.

Aber hatte es nicht einen Grund gegeben, warum er zuvor stets allein wanderte? Er hatte ihn weggesperrt wie so vieles. Aber es war wichtig gewesen. So viel wusste er noch. Eine Gefahr. Für sich? Für andere?

Er sollte gehen.

Er blieb.

Der Frühling ging und der Sommer kam und mit ihm kamen die Geister der Vergangenheit, die Lindir so sorgfältig weggesperrt geglaubt hatte.

Als er mit Aragost von einem ihrer Streifzüge zurückkehrte, sah er, dass zwei Elben in das Dorf gekommen waren. Sie waren hochgewachsen und von edler Gestalt. Ihre Kleidung war fein, wenn auch vom Staub der Straßen befleckt, und zeugte von ihrer noblen Abstammung. An ihrer Seite trugen sie zwei Schwerter, identisch, wie auch die Elben identisch waren; sie waren Zwillinge. Und als Lindir diese Schwerter sah, blieb er wie vom Schlag getroffen an Ort und Stelle stehen und erstarrte.

Nein! Nein, das konnte nicht sein!

Erinnerungen eines längst verlorenen Lebens strömten auf ihn ein. Sie konnten es nie und nimmer sein! Unmöglich!

Mit aller Macht klammerte er sich an die Wirklichkeit. Er war Lindir, ein Elb ohne Heim und Vergangenheit. Mehr war er nicht. War er niemals gewesen.

Die beiden Elben standen vor dem Langhaus und redeten mit Arahad. Sie wirkten grimmig und hatten die Hände an den Schwertern.

»Elladan! Elrohir!«, rief Aragost, als er zu ihnen trat. »Es freut mich, euch zu sehen. Doch sagt, was führt euch her?«

Die Namen. Nein, es waren nicht sie. Aber sie waren ihnen so fürchterlich ähnlich. Wie konnte das sein? Lindir wollte davon rennen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Er hätte in jener Nacht einfach gehen sollen! Stattdessen war er ein Narr, der geblieben war.

»Sei gegrüßt, Aragost«, sagte einer der Zwillinge. »So sehr es mich freut, dich bei guter Gesundheit vorzufinden, so sehr betrübt es mich auch, dir düstere Kunde bringen zu müssen.«

Ein Schatten legte sich auf Aragosts Gesicht. »So ernst kenne ich dich nicht, Elrohir. Was ist vorgefallen?«

»Im letzten Herbst wollte unsere Mutter wie so oft ihre Sippe in Lórien besuchen, doch sie kam nie dort an«, sagte Elrohir.

Elladan ballte die Hände zu Fäusten. »Stattdessen wurde sie von Orks überfallen und …«

»Ich will gar nicht darüber sprechen, welch schändlichen Taten diese widerlichen Kreaturen begangen haben!«

»Nicht einmal unser Vater konnte ihre Wunden heilen. Sie segelte in den Westen …«

»Und jetzt haben wir blutige Rache geschworen an jedem Ork, der uns vor die Klingen kommt!«

»Sie sollen büßen für das, was sie Mutter antaten!«

»Und die Dúnedain stehen hinter euch«, bekräftigte Arahad ruhiger. »Was euch angetan wurde, ist auch gleichsam uns angetan worden und darf nicht ungesühnt bleiben.«

Aragost hob die Hand. »Ihr wisst, dass ihr meine Unterstützung in jedweder Sache habt«, sagte er. »Aber doch komme ich nicht umhin, mich zu wundern, was Meister Elrond dazu sagt. Er ist niemand, der so bereitwillig den Pfad des Schwertes wählt. Oder … seid ihr etwa ohne das Einverständnis eures Vaters hier?«

Vater … Waren dies etwa Elronds Söhne? Lindir hatte Schwierigkeiten, dem Gespräch zu folgen, während er mit aller Macht und doch vergeblich versuchte, die rostenden Schlösser zusammenzuhalten.

Elrohir lachte grimmig auf. »Sorge dich nicht. Vater weiß davon. Auch wenn wir vielleicht etwas voreilig von schwören sprachen.«

»Das war der Teil, wo er böse wurde«, fügte sein Bruder ein. »Aber dann ließ er uns doch gehen.«

»Es ist eine furchtbare Sache, die der Herrin Celebrían zustieß«, sagte Arahad. »Ich sichere euch jede Hilfe zu, derer ihr bedürft, um eure Mutter zu rächen, und binde all meine Nachkommen an diese Sache. Sprecht nur das Wort und die Dúnedain stehen an eurer Seite. Sohn, ich möchte, dass du mit den Prinzen nach Bruchtal gehst und an meiner statt Meister Elrond mein tief empfundenes Mitgefühl für diese Tragödie aussprichst.«

»Wir danken dir für deine Unterstützung, Arahad«, sagte die Zwillinge. »Vater wird sicher froh sein, das zu hören.«

Lindir ertrug es nicht mehr. Seine Beine gaben unter ihm nach. Die Menschen, die um ihn herum standen und dem Gespräch gelauscht hatten, gaben erschrockene Laute von sich, als er zusammenbrach. Aragost schien erst jetzt wieder einzufallen, dass es ihn ja auch noch gab. Als er sich umwandte und ihn am Boden knien sah, eilte er zu ihm.

»Lindir, geht es dir gut?«, fragte er besorgt.

Die Zwillinge folgten ihm. Lindir starrte auf den Boden unter seinen Händen und duckte sich. Warum konnte er nicht einfach seine Harfe nehmen und davonlaufen, wie er es die vergangenen sechstausend Jahre ebenfalls getan hatte?

»Ein Schatten liegt auf seiner fea, tiefe Wunden wurden geschlagen«, sagte einer der beiden Brüder.

»Wunden, die nie verheilt sind«, fügte der andere an.

»Lindir, sprich mit uns. Was ist geschehen? Fühlst du dich nicht gut?« Aragost klang besorgt.

Ihre Stimmen drangen nur aus weiter Ferne und gedämpft zu ihm. Lindir hörte kaum hin, während er mit bloßen Händen gegen einen Wasserfall ankämpfte. Lindir. Er war Lindir. Lindir. Lindir. Er wiederholte es immer und immer wieder, während er in die Leere starrte. Warum war es nur so schwer, daran festzuhalten? Er war Lindir. Das war er doch, oder? So schwer war das doch nicht. Ein Elb ohne Heimat und ohne Vergangenheit. Alles andere gehörte zu einem anderen Leben, das nie seines gewesen war.

Warum wollte er dann fliehen?

Einer der Brüder gab einen nachdenklichen Laut von sich. »Hm, das sieht nicht gut aus. Unterernährt, mattes Haar und dazu auch noch seine zerstörte fea. Vielleicht kann Vater ihm helfen.«

Und wenn er keine Hilfe wollte? Wenn er einfach nur davonlaufen wollte? Doch Lindir fand keine Kraft mehr in sich. Sechstausend Jahre Vergessen. Es war einfach zu viel. Er ließ sich fallen.

Ellaran – Stern-König; Qu.

Elistyar – Stern-Gelehrter; Qu.

Ištar und Šamaš sowie Tammuz und Belšazar– Tolkien gab an, dass das Adunaische an das Hebräische angelehnt sei. Also hatte ich kurzerhand hebräische Namen gesucht und landete bei Esther. Der Name gefiel mir, zumindest Wikipedia gibt aber an, dass die Herleitung vom altirakischen Ischtar nicht plausibel sei. Ich blieb dennoch dabei. Ištar und Šamaš sind akkadische Gottheiten und Geschwister, Ištar wird mit Sternen assoziiert und ihr Bruder Šamaš (der jetzt hier einfach als weiblicher Name verwendet wird) war der Sonnengott. Tammuz war eine weitere babylonische Gottheit, Geliebter der Ištar und Vegetationsgott. Belšazar war ein babylonischer König. Alle vier Namen werden hier als adunaische Namen verwendet, die nicht in das Quenya übertragen wurden (bzw ich zu faul dafür war, mir was aus den Fingern zu saugen).

Die Geschichte von Ellaran und Elistyar ist stark an die Geschichte der Dioskuren Castor und Pollux angelehnt, die wiederum mich sehr an Elrond und Elros erinnert hatte. Elrond war zumindest in meinem HC, als Elros noch lebte, hin und wieder bei ihm in Númenor, kehrte nach Elros‘ Tod jedoch nie wieder dorthin zurück. Anscheinend hatten die Brüder jedoch genug Eindruck geschindet, dass sich in späteren Zeiten unter den Númenorern diese Sage bildete.
Der Fürst
CN depressive Symptomatik, Essstörung, Katatonie

Lindir starrte regungslos zur Decke.

»Manchmal passiert das mit ihm, aber dieses Mal ist es besonders schlimm«, sagte Aragost. »Als ob sein Geist seinen Körper verlassen hat.«

»Nein, ich glaube nicht, dass ihm das gestattet ist. Das wäre wohl eine Gnade für ihn«, sagte einer der Zwillinge. »Ein schwerer Schicksalsspruch liegt auf ihm, der ihn an sein Leid bindet, so viel kann ich sagen. Doch darüber hinaus …«

»Wahrscheinlich kann nur unser Vater ihm noch helfen. Ich bin ratlos. Aber erzähl uns noch einmal alles, Aragost. Wer weiß, vielleicht haben wir ein Detail übersehen.«

»Ich fand ihn zu Beginn des letzten Winters in Bree. Aufgesammelt wie ein verlorenes Kleidungsstück trifft es wohl tatsächlich. Ich bot ihm an, mit hierher zu kommen, und er nahm an. Aber ich muss ehrlich sein: Er wirkte eher wie ein Hund, der dem Befehl seines Meisters folgte. Damals war er kaum mehr als Haut und Knochen, da ist das jetzt schon eine Verbesserung, nachdem meine Frau ihn wieder etwas aufpeppeln konnte. Es ist kaum zu fassen, aber ich muss wirklich darauf achten, dass er regelmäßig isst, weil er es sonst einfach für Tage vergisst. Er geht nicht wirklich sorgsam mit sich um. Einmal fand ich ihn nachts draußen im Schnee sitzen. Ich glaube, er saß dort bereits über mehrere Stunden hinweg und war völlig unterkühlt. Aber ihn schien es nicht zu stören. Er saß einfach da und starrte in die Sterne. Ich erzählte ihm die Geschichte von den Sternen Ellaran und Elistyar. Er weinte und war auf Tage hinaus nicht ansprechbar. So wie jetzt.«

»Katatonie …«

»Aragost, kennst du die Ursprünge dieser Geschichte?«

»Es ist eine númenorische Sage. Sagen haben immer einen wahren Kern, heißt es, aber ich habe nie weiter darüber nachgedacht.«

»Dann halte dich fest: unser eigener Vater und sein Bruder! Das ist der wahre Kern. Eine hübsche Geschichte, die sich die Númenorer da ausdachten, auch wenn Vater immer darüber gelacht hat, dass irgendwer wirklich denken könnte, er würde irgendwem die Frau ausspannen. Er, der tausendsiebenhundert Jahre gebraucht hat, um unsere Mutter zu heiraten.«

»Lass das bloß nicht Vater hören. Das gibt wieder eine Tirade.«

»Jaja, sei still, Bruder.«

Sie verfielen in Schweigen. Lindir starrte weiter zur Decke.

»So, und was machen wir jetzt mit unserem Sorgenpatienten?«, fragte Aragost schließlich. »Ach, vergebt mir, dass ich euch das auflaste. Ihr habt eure eigenen Sorgen im Moment.«

»Ach, mach dir um uns keine Sorgen. Vater wird sich freuen, wenn wir ihm Lindir unter die Nase halten. Wie früher, als du noch klein warst. Erinnerst du dich an die Mäuse, die die Katzen gefangen haben?«

»Wie lange muss ich mir das von euch noch vorhalten lassen?«

»Bis du alt und grau und verschrumpelt bist!«

»Ihr beiden werdet nie erwachsen, oder?«

»Jetzt hörst du dich schon wie Vater an.«

Sie lachten, doch fanden sie rasch wieder zum Ernst zurück.

»Also: Wenn es dir nichts ausmacht, würden wir so bald als möglich aufbrechen. Ich weiß, du kommst gerade erst von einer mehreren Wochen andauernden Reise durch die Wildnis wieder, aber wir wollen unserem Vater die Neuigkeiten so schnell es geht überbringen. Und auch, damit Lindir rasch die Hilfe bekommt, die er benötigt.«

»Und ich freue mich, meine Familie wiederzusehen. Aravorn war so begeistert, als er letzten Winter davon erzählte, was er alles gelernt hat.«

»Sein Quenya hat sich bemerkenswert verbessert.«

»Oh, das war Lindir. Er scheint ein Herz für Kinder zu haben. Es war wirklich herzlich mit anzusehen, wie viel Spaß er und Aravorn miteinander hatten.«

»Lindir ist alt, nicht wahr? Er hat deinem Sohn einen Akzent beigebracht, der dieser Tage nicht mehr gesprochen wird. Selbst bei Vater kommt er nur noch selten durch, und er ist nun wirklich ein sturer alter Elb, der verbissen an längst überholten Gewohnheiten festhält.«

»Du weißt, Aragost, die Sterne überall …«

»Oh, es klang in der Tat etwas archaisch, aber ich habe mir da keine Gedanken darum gemacht. Lindir hat nie über sich gesprochen. Ich weiß ja noch nicht einmal seinen wirklichen Namen. Aber ich glaube, dass er Valinor vor seiner Verdunklung gesehen hat.«

»Hat er irgendetwas bei sich getragen, das einen Hinweis geben könnte?«

»Nun, seine Harfe. Ach, und sein Schwert. Aber ich habe nie nachgefragt und akzeptiert, dass er nicht über sich sprechen möchte. Es scheint ihn sehr aufzuwühlen und ich wollte ihn nicht weiter verletzen, also habe ich nie nachgefragt.«

»Dürfen wir das Schwert einmal sehen?«

»Ich denke, dass dem nichts widerspricht. Es steht dort drüben und staubt vor sich hin.«

Schritte erklangen. Dann das Geräusch eines Schwerts, das aus seiner Scheide gezogen wurde. Der Elb atmete scharf ein. »Diese Klinge wurde wie auch unsere Schwerter von Feanor selbst geschmiedet.«

»Jetzt möchte ich wirklich wissen, wen du da gefunden hast, Aragost.«

Stille senkte sich über sie.

Lindir leerte seinen Geist und gab sich der Schreie hin, die in ihm wüteten.

 

Wenige Tage später brachen sie auf. Lindir hatte sich die ganze Zeit nicht aus seiner Starre gelöst und ins Leere gestarrt. Gegessen hatte er nur, wenn Aragost es ihm aufgezwungen hatte. Er hatte die Zwillinge gemieden, wo es nur ging, aber so wirklich war es ihm nicht gelungen. Sie hatten ihm auch keine Wahl gelassen.

»Unser Vater ist sehr bewandert in der Heilkunst und lehrte uns vieles von seinem Wissen«, sagten sie. »Er wird dir besser helfen können als wir, aber wir sind schon einmal ein Anfang.«

Ja, dass Elrond vieles über die Heilkunst wusste, glaubte Lindir sofort. Aber warum freute es ihn gar, das zu hören? Warum konnte er nicht einfach wieder vergessen? Einfach nur ein Wanderer ohne Namen sein? Ein Geist, der durch die Lande zog und seine Lieder sang.

Musik …

Musik hatte ihn immer schon gerettet. Auch vor sich selbst. Also sang Lindir. Auf viele Tage hinaus war es das einzige, was sie von ihm hörten, während sie durch die leeren Nordlande ritten.

 

Am Meere ging ich, der Sand war feucht,

da blendete mich ein weißes Geleucht,

so dass ich mich bückte und hob vom Sand

eine Muschel auf mit nasser Hand.

Befremdlich lag sie und bebend da,

als ich sie stumm vor Staunen besah.

Sie glich einem Trichter, der sich wand

und einen inneren, tönenden Kern,

Nachhall der Brandung, unendlich fern -

ich nahm ihn wahr, als er kaum begann,

er schwoll, er nahm ab, er fing wieder an.

 

Dann sah ich ein Schiff, das im Nebel schwamm

bei Flut, es war grau und leer.

Laut rief ich, als es mir näher kam:

»Was warten wir? Bring mich ins offene Meer,

Es ist später als spät!« Und ich sprang durch den Gischt

an Bord: »Es ist spät und das Licht erlischt!«

Es trug mich fort, nass von Spritzern und Schaum,

reglos lag ich, von Schlaf übermannt.

Von dannen trug‘s mich, ich merkte es kaum,

an den seltsamen Strand im Vergessenen Land.

Im Zwielicht vernahm ich den Muschelton,

den Klang wie zuvor, er schwebte davon,

und die Wogen rollten wie eh und je

und zerbarsten am Riff in der brüllenden See.

 

Mich verschlug‘s an Land, an die Küste lag breit

und schimmerte weißlich im Meerschaumkleid.

Sacht ging die See nun und spiegelte wiegend

die Sterne wider, im Wasser liegend,

Klippen, glatt geschliffen und nass,

vom Monde beschienen, funkelten blass.

Durch die Finger lief mir glitzernder Sand

wie Edelsteinsplitter und glimmernder Tand:

Muscheln wie Hörner, gedreht aus Opal,

grünliche Flöten, gerade und schmal,

winziges Wendeltreppengerüst,

Trompeten aus Bronze und Amethyst.

 

Aber schaurige Höhlen lagen auch da,

dem Anblick entzogen, dem Abgrund nah,

Schlingkraut verbarg sie und schirmte sie ab.

Es lief mir kalt den Rücken hinab.

Ein bitterer Zugwind fuhr mir durchs Haar,

ich lief davon und floh die Gefahr.

Vom Hügel sprang munter ein grün-grüner Bach.

Nach Herzenslust trank ich und wurde hellwach.

Ich erklomm sein Bett über Stufe und Stein,

kam in ein Traumland und drang da ein.

Es lag im Glanze ewigen Lichts,

von brandenden Meeren wusste es nichts.

Wiesen breiteten sich wie Matten,

überspielt von huschenden, leichten Schatten.

Von Blumen besät, als trügen sie Sterne,

herabgefallen aus himmlischer Ferne;

und ein blauer Weiher, gläsern und kühl,

diente dem Mond als Spiegel und Pfühl.

 

An einem trägen Flusse säumten

Schwertlilien die Ufer, wo Erlen träumten

und Weiden trauerten über den Spitzen

schilfiger Speere und Binsenlitzen.

 

Lieder drangen als Echo herauf

aus dem Tal tief unten. Ich sah im Lauf

schneeweiße Haare vorüberflitzen,

Ratten in heimischen Höhlen sitzen,

Stielaugenfalter schaukeln und flattern,

Dachse vor ihren Bauen und Gattern

staunend starren. Ich höre Musik,

trippelnde Füßen auf grünendem Boden,

doch wo ich hintrat, stockte mein Odem:

Alles verstummte im Augenblick!

Niemals schlug mir ein Gruß entgegen.

Keiner ließ sich zu kommen bewegen.

Aus schimmernden Blättern und grünem Röhricht

knüpfte ich, unverdrossen und töricht,

einen Mantel mir und brach einen Stab,

dem ich zum Schmuck einen Wimpel gab,

eine Ranke aus Gold. Mein Auge schien klar

wie ein Stern zu sein und nahm alles wahr.

 

Mit Blumen gekrönt stand ich königlich da,

Herrscher des Hügels, des Lands, das ich sah.

Und ich rief so schrill wie ein Gockel kräht:

»Antwortet endlich und zeigt, wo ihr steht!

Warum dieses Zaudern und Zögern? Warum

bleibt ihr alle vor mir, eurem König, stumm?

Hier stehe ich mit dem Schwertliliendegen,

Rüstung aus Blattwerk zum friedlichen Segen!

Sprecht endlich Worte und seht mich an!«

 

Aber nichts geschah. Eine Wolke zog dann

drohend und nachtschwarz zu mir herauf.

Ich stürzte zu Boden – ich raffte mich auf

und lief um mein Leben! Die Finsternis

umschloss mich erstickend im nächtigen Vlies.

Ich tastete mich, gebückt und krumm,

blindlings voran und erreichte den Wald,

einen abgestorbenen Aufenthalt,

entblättert, reglos und abermals stumm.

Dort hockte ich lange, ging dann verwirrt

immer tiefer hinein, wo Eulen schnarrten

im öden Holz, und fand mich verirrt

als ein Narr, den andere weiter narren.

Ein Jahr ging hin und mehr als ein Jahr.

Der Holzwurm tickte in allen Bäumen,

die Spinnen spannen in Zwischenräumen

ihr Netz, ihre Fäden durchflochten mein Haar.

 

Endlich durchbrach ein Licht die Nacht,

und ich sah mein Haar: Es war grau geworden,

gekrümmt mein Rücken von quälender Wacht.

»Zurück muss ich wieder – ans Meer! In den Norden!

Verloren habe ich mein eigenes Ich,

kenn nicht den Weg und muss ihn doch gehen,

ohne die Schattenverfolger zu sehen.

Aber ich fühl es: Sie jagen mich!«

Ich stolperte weiter und weiter fort,

sie lauerten fledermausgleich

über mir und dem Weg und dem toten Ort

und dem ganzen verfluchten Bereich.

Mit dornigen Ranken schützte ich mich

vor dem Wind, dem eisigen Wind,

kroch trappend weiter, tastete, schlich

ertaubten Gefühles und blind.

Und eines Tages verspürte ich doch

den Geschmack von Wasser und Salz.

Ein Regen fiel, der nach Dünung roch,

und ich stand am Ende des Walds!

 

Schreiende, klagende Möwen flogen

über die Klippen, wo Seehunde lagen;

Wogen rollten in Brechern und zogen

schäumend heran, und wurden zerschlagen.

Winter brach ein. Ich verlor mich im Nebel,

er schluckte mich und verschluckte die Zeit,

drückte mir Schnee in den Mund als Knebel

und stieß mich zurück in die Einsamkeit.

 

Doch an der Küste lag noch mein Boot,

gewiegt von der Flut. Da ließ ich mich fallen,

und wurde geschaukelt, getragen von allen

Wellen, hinweg aus der Not und dem Tod!

Möwen drängten sich eng auf den Riffen,

wir aber drängten ins offene Meer,

wo riesige Frachter im Sonnenlicht schiffen,

die Segel gebläht und von Lichtfracht schwer.

Wir legten zuletzt im Hafen an,

das Wasser schwappte, der Tag zerrann

und wandelte sich in Nacht und Schnee.

Wabernder Vorhang verdeckte die See.

 

Ringsum standen die Häuser verschlossen,

finster und nass. In Straßen und Gassen

troff es. Alles war menschenleer.

Da warf ich alles von mir, was ich trug.

Die letzten Sandkörner rieselten leise

aus meiner Faust – keine Muschel schlug

mir wie einst entgegen tönenderweise.

Den Klang wird mein Ohr nie wieder vernehmen.

Mein Fuß wird nie wieder das Land betreten.

Zu allen Stunden, frühen und späten,

wandre ich blindlings einher wie ein Schemen.

Wohl seh ich Menschen vorübereilen,

spricht mich doch keiner jemals an,

scheut mich ein jeder, ich scheue jeden,

kann nur mehr mit mir selber reden.

Aussätzig bin ich, ein Bettelmann.

 

Er spürte die Blicke der Zwillinge auf sich ruhen. Er wich ihnen aus. Sie schwiegen vorerst, doch am Abend, als sie Rast machten, kamen sie doch darauf zu sprechen.

»Weißt du, Lindir, deine Musik erinnert uns an etwas«, sagte Elladan – Lindir hatte schnell herausgefunden, wie er die beiden unterschied. Es war nicht allzu schwer. »Unser Vater spielt ebenfalls die Harfe auf eine ganz bestimmte Weise. So wie du. Er kann es nur von einer einzigen Person gelernt haben …« Er ließ den Rest unausgesprochen.

»Aber nein, das kann nicht sein«, murmelte Elrohir. »Der Zufall wäre doch zu groß.«

Beschämt senkte Lindir den Blick und sang nicht mehr.

Sie ritten durch die Sommerhitze und durchquerten weite, saftige Wiesen. Wieder hielt Aragost an jeder Ruine, die er am Wegesrand ausmachte und zollte seinen Ahnen Respekt. Elladan und Elrohir schlossen sich ihm an. Der Norden Mittelerdes war auch im Sommer noch leer und weit, doch zumindest konnte sich das Auge nun an saftigen Grün sattsehen. Es war schwer zu glauben, dass hier einst ein mächtiges Reich erblüht war. Von ihm waren nichts als zerbrochene Steine im hohen Gras übrig geblieben.

Elladan und Elrohir erzählten ihm vom verborgenen Tal und wie die Magie ihres Vaters es vor allem Bösen beschützte. Lindir fragte sich, ob er zu Asche zerfallen würde, würde er die Grenze zum Tal überschreiten. Die Zwillinge ließen sich von seiner düsteren Stimmung nicht aufhalten und versuchten, ihn mit Geschichten ihrer Missetaten zu unterhalten. Gelegentlich warf Aragost eine Bemerkung ein, wenn sie ihm wieder einmal eine ihrer Schandtaten anlasten wollten. Lindir nickte und lächelte, weil es das war, was von ihm erwartet wurde.

In ihm schrien die Stimmen nach Gerechtigkeit.

Konnten die Zwillinge nicht einfach Ruhe geben? Mussten sie die ganze Zeit reden? Mit Aragost war es angenehmer gewesen. Sie beide hatten gemeinsam schweigen können, aber die Zwillinge schienen nie still stehen zu können. So anders als … als ihr Vater.

Lindir versperrte seinen Geist konsequent vor dem Gedanken, was am Ende dieses Weges liegen würde. Eine Ewigkeit war er davor geflohen und dann war er zufällig nach Bree gestolpert und alles war um sonst gewesen. Seine Schlösser bröckelten mehr und mehr und er kam kaum noch gegen den Verfall an. Er war Lindir, immer und immer wieder musste er sich dessen erinnern. Es war von äußerster Wichtigkeit, dass er das tat.

In der Ferne tauchten allmählich die Nebelberge auf, zunächst noch blau und verschleiert. Doch über die nächsten Tage hinweg zeichneten sie sich immer klarer ab. Das Land stieg allmählich an, erst zu sanften Hügeln und dann Bergen, als sie das Vorgebirge erreichten.

»Jetzt ist es nicht mehr weit!«, sagte Elladan begeistert, als sie der Oststraße folgend die Brücke über den Mitheithel querten. Er trieb sein Pferd an und die anderen folgten ihm.

Lindir überlegte, wie er sich am besten davon stehlen konnte. Es wäre das beste für alle, wenn er einfach wieder ins Nichts verschwinden würde. Aber er fand nicht die Kraft dazu und er verfluchte sich dafür. Morgens zwang er sich unter der strengen Beobachtung Aragosts sein Essen hinein, dann stieg er auf sein Pferd und auf einmal war schon wieder Abend. Jedes Mal lang er noch lange wach und fand nur wenige, kaum erholsame Stunden Schlaf. Aber auch in den dunklen Stunden der Nacht ergab sich nie eine Gelegenheit, ungesehen davonzukommen. Es war beinahe, als ahnten Aragost und die Zwillinge, was er vorhatte. Sie hielten abwechselnd Wache, angeblich, um nach nächtlichen Gefahren Ausschau zu halten, aber auch, um ihn im Blick zu behalten. Er war nie allein.

Und so kam es, dass sie einige Tage später schließlich dem Lauf der Bruinen in ein gut verborgenes Tal folgten. Der Zugang zum Tal erfolgte nur über wenige schmale Pfade, die kaum zufällig zu entdecken waren. Lindir schauderte, als sie den Fluss querten und er die schützende Magie spürte, die auf der Furt lag.

In der Ferne hob der Fürst den Blick von den Dokumenten, die vor ihm lagen, als er eine allzu vertraute Präsenz das Tal betreten spürte. Er runzelte die Stirn. Aber nein, das konnte nicht sein. Das musste er sich einbilden. Oder doch?

Lindir fühlte sich willenlos und trottete mit hängendem Kopf hinter den anderen her. Ein kleiner Teil in ihm bewunderte die Ruhe und Schönheit des Tals. Der weitaus größere Teil war starr vor Angst vor dem, was ihn hier erwarten würde.

Sie würden sehen, wer er war. Niemand konnte Elrond täuschen, und am allerwenigstens er. Und Elrond würde sich erinnern, er hatte mit Sicherheit nicht all das Unrecht vergessen, das ihm angetan worden war. Und wer wenn nicht er hatte alles Recht dieser Welt, um Lindir dafür zu strafen? Es wäre doch noch immer keine angemessene Strafe für die entsetzlichen Dinge, die er getan hatte.

Lindir leerte seinen Geist und erlaubte keinen weiteren Gedanken.

»Aragoþt«, sagte er leise. »Bitte nimm mein Schwert.«

Es wäre ein Fehler, ihn bewaffnet das Haus betreten zu lassen, auch wenn er das nicht sagte. Aragost runzelte fragend die Stirn, kam dem aber nach. Als Lindir ihn jedoch auch bat, ihm die Hände zu binden, weigerte er sich. Lindir krallte seine Hände in seine Kleidung. Das war nicht gut. Ganz und gar nicht. Die Zwillinge hatten das Geschehen schweigend verfolgt, aber ihnen brannten sicher hundert Fragen auf der Zunge. Fragen, die Lindir ihnen nicht beantworten konnte.

Lindir hielt noch immer den Blick gesenkt, als sie das Haus betraten, und so sah er nicht den flammenden, achtzackigen Stern über der Tür.

Es stellte sich heraus, dass sie bereits erwartet wurden, denn Elrond war kaum die Rückkehr seiner Söhne und seines einstigen Pflegekindes Aragost entgangen. An seiner Seite wartete Ivorwen mit ihrem Sohn, um ihren Mann zu begrüßen. Doch was auch immer sie alle hatten sagen wollen, die Worte wurden nie gesprochen. Grabesstille dröhnte in der Halle, als Elrond Lindir sah.

Lindir hob den Blick. Er erinnerte sich eines kleinen Jungen, der des nächtens weinte, weil draußen ein Sturm tobte. Er erinnerte sich, wie er diesem Jungen tröstende Lieder sang und ihn wiegte, bis er wieder eingeschlafen war. Er erinnerte sich, mit diesem Jungen und seinem Bruder durch die Wälder Ossiriands zu streifen. Er erinnerte sich, mit diesen Kindern die Küsten Beleriands entlang gewandert zu sein und Muscheln zu sammeln.

Dieser Junge war nicht mehr. Nun war er ein Fürst. Ein König.

Lindir warf sich vor ihm in den Staub. Er war seiner nicht mehr würdig. Das war er nie gewesen.

»Raus! Alle!«, hörte er Elrond befehlen. »Nein, ihr nicht. Ceomon, Rethtulu, ihr bleibt.«

Lindir zitterte, während Erinnerungen über ihn hinweg rollten, die er so sorgsam weggesperrt geglaubt hatte. Eine kurze Zeit des Glücks, das er nie hätte erfahren dürfen. Nicht nach allem, was er getan hatte. Er war doch Lindir, ein Niemand. Ein Geist.

War er das?

»Atto?«, wisperte Elrond, als er sich vor ihn kniete. Seine Stimme zitterte.

Lindir? Nein. Eine Lüge.

»Atto.« Elrond packte ihn am Hemdkragen und zwang ihn so, zu ihm aufzusehen. Seine Augen schwammen in Tränen.

»Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst«, wisperte Maglor.

»Atto!« Mit einem Schluchzen schlang Elrond die Arme um ihn und presste ihn fest an sich, als wolle er sicher gehen, dass er sich nicht einfach so in Luft auflöste. Maglor ließ es geschehen.

»Warum jetzt, atto?«, verlangte Elrond unter Tränen zu wissen. »Warum jetzt, wo ich alles verloren habe? Onkel Maedhros, Elros, Galad. Meine Frau. Das ist ein böser Traum, das muss es sein. Gleich wache ich auf und sehe, dass du nie hier gewesen bist. Dass du nicht echt bist und mein Geist mir nur einen grausamen Streich spielt. Es ist zu viel. Einfach zu viel.«

Zögernd hob Maglor die Arme und legte sie um seinen Ziehsohn, um ihm tröstend über den Rücken zu streichen. Es kam alles wieder. Es war nie weg gewesen. Die Erinnerungen an eine Zeit, als er sich vorgemacht hatte, ein guter Vater sein zu können. Besser als Earendil. Es war beinahe schon ein Reflex, als er eine sanfte Melodie zu summen begann, von der er wusste, dass sie Elrond schon immer getröstet hatte. Auch in den dunkelsten Stunden, als Alpträume, hervorgerufen von den Geschehnissen in Arvernien, ihn geplagt hatten. Ob er sie mittlerweile hatte hinter sich lassen können oder quälten ihn noch immer Erinnerungen an Maglors blutige Schandtaten?

Elrond weinte hemmungslos, als er kraftlos in Maglors Umarmung sank und sich an ihn klammerte wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz. Maglor war froh, seinem Ziehsohn Halt in dieser Stunde bieten zu können. Und gleichzeitig war alles falsch. So falsch. Warum hasste Elrond ihn nicht? Warum hatte er ihn nicht angeschrien? Ihn nicht weggesperrt? Oder besser noch: Ihn vom höchsten Gipfel des Gebirges gestoßen und ihm dann noch ein Messer durchs Herz getrieben, um wirklich sicher sein zu können.

Stattdessen weinte der mächtige und weise Fürst des Tales wie ein kleines Kind in den Armen seines verloren geglaubten Vaters.

Über Elronds Schultern hinweg sah Maglor, wie sich Ceomon und Rethtulu langsam näherten. Noch immer trugen sie den Stern Feanors, das Zeichen des Hauses, dem sie so lange treu gedient hatten.

»Herr?«, begann Ceomon zögernd, als könne er nicht glauben, dass sein einstiger Herr plötzlich einfach so vor ihm wieder aufgetaucht war. »Herr, wir haben auf Eure Kleinen aufgepasst, so gut es uns eben möglich war.«

»Du hast meinen letzten Befehl zu meiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt«, sagte Maglor leise.

»Herr.« Ceomon verbeugte sich, dann fiel er vor Maglor auf die Knie. Rethtulu tat es ihm gleich.

Irgendwie war es tröstend, die beiden hier zu sehen. Maglor kannte sie bereits sein ganzes Leben lang, sie hatten ihn aufwachsen sehen und waren mit ihm durch jeden Sturm gewandert, den die Feanorer heraufbeschworen hatten.

Elrond hatte sich indes wieder etwas fassen können. Er richtete sich wieder auf und wischte die Tränen fort, auch wenn noch immer neue nachkamen. In diesem Moment war er kein Fürst mehr. Maglor sah in ihm nur das kleine Kind, das er damals aus Arvernien gerettet hatte.

»Wenn du willst, gehe ich wieder und wir können diesen Tag hier einfach vergessen«, sagte Maglor.

»Nein, atto. Bitte verlass mich nicht. Ich könnte es nicht ertragen. Bleib bei mir«, wisperte Elrond. Und dann … lächelte er. Die Person, die das höchste Anrecht von allen hatte, Maglor zu hassen, lächelte ihn an, als sei all das Unrecht nie geschehen.

»Rethtulu, bitte hole meine Kinder«, bat Elrond. »Es wird Zeit, dass sie ihren Großvater kennen lernen.«

»Und bring Aragoþt«, fügte Maglor an. »Er verdient die Wahrheit.«

Rethtulu verneigte sich und ging. Noch immer trug er die altbekannte Rüstung, die anscheinend mit ihm verwachsen war. Manche Dinge änderten sich nie.

Maglor half Elrond auf die Beine, auch wenn er sich auf seinen entsetzlich schwach fühlte. Elrond war gewachsen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Damals hatte er gerade einmal fünfundfünfzig Sommer gezählt. Und jetzt … Maglor traf die Erkenntnis wie einen Schlag, dass er nahezu Elronds gesamtes Leben verpasst hatte, weil er zu sehr in seinem eigenen Selbstmitleid versunken gewesen war. Er taumelte. Was für ein Idiot er doch war!

Besorgt griff Elrond nach seinem Arm und musterte ihn. Es war seltsam, ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Es war doch noch gar nicht lang her, da hatte er ihn und seinen Bruder lachend geschnappt und in den See geworfen.

In dem Moment kehrte Rethtulu wieder. Ihm folgten Aragost und die Zwillinge, sowie … Lúthien? Doch nein, nicht Lúthien, aber ihr Ebenbild. Eigentlich war es doch auch nicht verwunderlich, dachte Maglor mit einem gewissen Stolz bei sich, immerhin war sein Elrond ihr Vater.

Die Augen der Zwillinge leuchteten, und sie konnten sich kaum zurückhalten.

»Das glaube ich einfach nicht!«, platzte es aus Elladan heraus.

»Wir haben uns zwar schon eins und eins zusammenzählen können«, fügte Elrohir an.

»Aber trotzdem!«

»Solch eine unwahrscheinliche Schicksalsfügung!«

»Mit so etwas rechnet doch niemand!«

»Trotz dieser wirklich sonderbaren Familiengeschichte!«

Aragost hob die Hand. »Holt bitte einmal kurz Luft und dann erklärt mit bitte irgendwer, was hier vor sich geht. Ich werde nicht gern hochkant wieder hinausgeworfen, nachdem ich gerade erst ankam.«

Die elleth war inzwischen zu Maglor getreten und musterte ihn von oben bis unten. Dann stahl sich ein schelmisches Glitzern in ihre Augen. »Darf ich dich Opa nennen?«

»Arwen«, mahnte Elrond. »So dreist habe ich dich nicht erzogen.«

Sie machte ein langes Gesicht. »Wir sind hier unter uns, nicht wahr? Familie.«

Maglor beschloss, dass es Zeit war, Aragost von seiner Verwirrung zu erlösen. »Bitte vergib mir, dass ich dir nicht die Wahrheit gesagt habe, aber ich hatte … meine Gründe«, sagte er. »Ich bin Kanafinwe Makalaure Feanárion. Und jetzt sagt mir: Was hat mich verraten?«

»Deine Musik«, sagte Elrohir und fügte mit einem süffisanten Grinsen an: »Opa.«

»Und dein Schwert«, fügte Elladan an.

»Aber vor allem deine Musik.«

»Nur Vater spielt so.«

»Und wir wissen, dass er es von dir gelernt hat.«

»Außerdem hast du unsere Schwerter erkannt, nicht wahr?«

Ja, das hatte er in der Tat. Einst hatten sie Amrod und Amras gehört, doch später hatte er sie Elrond und Elros gegeben, bis Maedhros beschlossen hatte, ihnen eigene Schwerter zu schmieden. Elrond hatte sie an seine Söhne weitergegeben. Klingen, geschmiedet in Aman, die das Blut anderer Elben gekostet hatten. Es erschien so unwirklich, dass Elrond sie als Erbstück behalten hatte.

Aragost fuhr sich durch die Haare. »Du … was?«, stammelte er. »Man findet nicht einfach so eine Legende aus grauer Vorzeit in einer dreckigen Spelunke irgendwo im Nirgendwo!«

Etwas an der Empörung des Mannes ließ Maglor schmunzeln. »Du kannst mich gern weiter Lindir nennen, wenn du das möchtest. Ein netterer Name als so manch ein anderer, der mir schon gegeben wurde. Ich denke ohnehin, dass es nicht gut wäre, wenn meine Anwesenheit hier über diesen Kreis hinaus bekannt werden würde.«

Da war dieses warme, heimelige Gefühl in seiner Brust, das er nicht haben sollte. Er hätte nie hierher kommen sollen. Er hätte einfach weiter die Küsten entlang wandern sollen. Es war ein Fehler gewesen, nach Bree zu gehen.

Dann sah er zu Elrond und irgendwie wurde diese Stimme leiser uns leiser, die ihn von hier fortlocken wollte.

Konnte er sich vielleicht doch ein klein wenig Glück erlauben?

atto – Vater, Papa; Qu.

elleth – Elbenfrau; Qu.

Muschelklang von J.R.R. Tolkien in Die Abenteuer des Tom Bombadil
Das letzte Heimelige Haus
CN Essstörung, depressive Symptomatik, Dissoziation

Lindir. Maglor. Der Wanderer. Wer war er? Er war sich da schon lange nicht mehr sicher. War er der Vater Elronds und Elros‘? Oder war er ein Sippenmörder und Kindsräuber? Seit Stunden schon – nein, seit Tagen – lag er in seinem Bett und grübelte darüber nach, was geschehen war. Jahrtausende lang war er einsam durch die Wildnis geirrt und nun stolperte er zufällig nach Imladris und fand eine Familie, die er nie hätte haben dürfen. Es war falsch und gleichzeitig fühlte es sich so richtig an.

Ihm war schlecht.

Die Tür zu seinem Zimmer wurde geöffnet und der Duft einer kräftigen Suppe wehte herein.

»Atto, du hast schon wieder dein Frühstück nicht gegessen«, mahnte Elrond ihn. Er klang erschreckend nach Maedhros. Er stellte das Tablett mit der Suppe auf den Nachttisch, dann setzte er sich zu Maglor auf das Bett. Eine steile Falte zeichnete sich zwischen seinen Brauen ab, die von seiner Sorge sprach.

»Schon wieder?«, murmelte Maglor. »Mittag? So spät kann es nicht sein.«

»Du bist in Imladris, in meinem Haus«, erinnerte Elrond ihn. »Und nein, das ist kein Traum. Du bist seit fünf Tagen hier und in diesen fünf Tagen hast du gerade einmal zwei Mahlzeiten gegessen.«

Das war verdächtig viel, dachte Maglor bei sich. Wann hatte er so viel gegessen?

Elrond versuchte die Sorge aus seiner Stimme zu halten, aber es gelang ihm nicht wirklich. »Wenn du so weiter machst, füttere ich dich. Ich meine das ernst.«

Als Maglor noch immer nichts dazu sagte, ergriff Elrond seine Hand. Maglor wusste nicht mehr, wann oder wer ihm seine Handschuhe abgenommen hatte, aber nun trug er Bandagen, und Elrond hatte eine stark nach Kräutern riechende Salbe auf seine Brandwunden aufgetragen. Maglor bezweifelte, dass es etwas bringen würde. Dennoch war er stolz. Sein kleiner Elrond hatte wirklich viel gelernt und ehrgeizig seine Interessen verfolgt. Wann hatte er das alles gelernt?

Maglor blinzelte. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken im Hier und Jetzt zu behalten. Alles war so verschwommen und immer wieder entglitt ihm seine Aufmerksamkeit. In einem Augenblick wachte er gerade erst auf und im nächsten war schon wieder Abend.

Als Elrond lächelte, wirkte es jedoch frei von Sorgen. »Wir flicken dich schon wieder zusammen, du wirst sehen. Jetzt bist du hier.«

Für einen kurzen Moment jedoch huschte ein Schatten über sein Gesicht, und Maglor sah, dass er an seine Frau dachte. Zweifel beschlichen Elrond, doch er wischte sie beiseite. Maglor lächelte aufmunternd. Wenn gesund werden das war, was er für Elrond tun konnte, dann würde er das tun.

Noch immer konnte er in Elrond lesen wie in einem offenen Buch, auch wenn Elrond über all die Jahre seine Begabung für ósanwe perfektioniert hatte und nun sogar ein hübsches Schmuckstück trug, das seine Fähigkeiten verstärkte. Maglor tippte auf den Finger, an dem Elrond den Ring trug.

»Erzähl mir davon«, bat er. Dieser Ring war etwas besonderes. Hatte er da nicht etwas gehört?

Elrond sah ihn erstaunt an. »Du weißt, dass ich Vilya trage?«, fragte er verwundert.

»Als ob der kleine Tyelpe irgendetwas erschaffen könnte, das er vor seiner Familie verstecken kann; ich erkenne seine Handschrift.« Maglor schmunzelte.

Aus irgendeinem Grund wirkte Elrond erleichtert. Dann seufzte er. »Eine lange Geschichte. Ich glaube, es ist besser, wenn wir damit warten, bis ich dir all das erzähle, was geschehen ist, seit wir uns das letzte Mal sahen. Hast du irgendetwas davon mitbekommen?«

Maglor wandte den Blick ab und sah aus dem Fenster. »Ich weiß doch kaum, was gestern war«, murmelte er.

»Ein Grund mehr, dass du jetzt deine Suppe isst.« Elrond sah ihn scharf an.

Ah, schade. Er hatte geglaubt, dem entkommen zu können.

Für eine Weile schwiegen sie, während Maglor langsam die Suppe löffelte. Gescholten wie ein kleines Kind von seinem eigenen Sohn. Sohn? Er sollte schleunigst wieder aufhören, so von Elrond zu denken!

Aber wäre es denn wirklich so schlimm, wisperte eine leise Stimme in ihm. Elrond nannte ihn seinen Vater und anders als früher ließ er sich auch nicht mehr davon abbringen. Und er hatte das Banner gesehen, das Elrond für sich gewählt hatte. Es war das Wappen Earendils, doch mit dem Stern der Feanorer. Maglor hatte geweint, als er es gesehen hatte. Und dann waren ihm all die Sterne ins Auge gefallen, die sich in die Architektur des Hauses geschlichen hatten, ganz klammheimlich und wie zufällig, damit niemand auf sie zeigen und Elrond ganz offen heraus einen Feanorer nennen konnte. Für die Welt war Elrond Earendils Sohn, doch in seinem Herzen war er immer ein Feanorer geblieben. Er hatte einen waghalsigen Balanceakt zwischen diesen beiden Welten gewagt und gemeistert.

Oder war das alles nur Wunschdenken? Bisher hatten sie nicht darüber gesprochen, was alles geschehen war, und so viel hatte sich verändert. Vielleicht hatten diese Sterne ja auch gar keine Bedeutung. Oder referierten gar doch auf Earendil. Und da blieb natürlich noch dieser andere Fakt …

»Du lässt mich bewachen«, sagte Maglor leise. »Du denkst, ich bin eine Gefahr für alle hier. Und du hast Recht …«

Elrond sah ihn streng an. »Nein«, sagte er. »Das denke ich nicht, und das weißt du auch. Du bist höchstens eine Gefahr für dich selbst, und deswegen lasse ich dich nicht aus den Augen. Aragost hat mir von deinen Eskapaden erzählt, deinem kleinen Ausflug im Schnee, deiner Angewohnheit nichts zu essen … Atto, das sind ernste Warnzeichen. Ich will nicht, dass dir etwas geschieht. Und … ich will nicht, dass du dich wieder davon schleichst. Streite es nicht ab. Du denkst darüber nach, ich sehe es.«

Aus einem Reflex heraus wollte Maglor schon widersprechen, doch dann ließ er es bleiben. Er wusste es besser. Elrond hatte Recht.

Mit einem Male wirkte Elrond unsicher. Er mochte der Fürst der letzten Noldor in Mittelerde sein, doch tief in sich drin war er noch immer der kleine Junge von damals. Irgendwie tröstete Maglor das.

»Atto, bitte, bleib. Für mich. Kannst du das?«, bat er. »Wenn schon nicht um deinetwillen, dann wenigstens für mich. Meinethalben nennen wir dich Lindir, wenn du darauf bestehst. Gildor und Erestor werden wir damit täuschen können, denke ich, wenn auch nicht Glorfindel. Und Galadriel und Celeborn sowieso nicht. Aber bei den anderen könnte es funktionieren.«

»Glorfindel?« Maglor runzelte die Stirn. »Glorfindel aus Gondolin?«

»Einen Balrog getötet zu haben, reichte ihm anscheinend nicht«, scherzte Elrond. »Er bestand darauf, mir zu folgen. Zumindest nennt er mich nicht mehr König.«

Es war nichts Unerhörtes, aber doch etwas sehr, sehr seltenes. Nur wenige Geister kehrten aus Mandos zurück. Und nun folgte er Elrond. Maglor konnte gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ihn das machte. Sein kleiner Junge hatte es wirklich weit geschafft. Das war mehr, als er jemals zu hoffen gewagt hatte.

»Elrond, ich bin sehr stolz auf dich«, sagte er leise.

Elrond strahlte förmlich. »Danke, atto. Für alles.«

 

Maglor kam wieder zu sich, als er gegen jemanden stieß. Er blinzelte. Warum war es Nacht? Warum war er nicht auf seinem Zimmer? Sein Verstand musste wieder ausgesetzt haben, anders konnte er sich nicht erklären, wieso er sich nicht an die letzten Stunden erinnern konnte. Oder waren es wieder Tage?

»Was …«, setzte der andere Elb an, unterbrach sich dann aber.

Maglor sah zuerst die prächtigen goldenen Locken und dann das Licht Amans, das aus diesem Elben schien. Er wusste sofort, wen er vor sich hatte.

»Du!«, zischte Glorfindel und packte ihn am Kragen. »Was machst du hier, Sippenmöder? Du solltest tot sein!«

Maglor leerte seinen Geist und bereitete sich darauf vor, nun endlich sein gerechtes Ende zu erhalten.

»Warum schleichst du mitten in der Nacht durch Imladris? Was hast du hier zu suchen? Sprich!«, fuhr Glorfindel fort und schüttelte ihn. Maglor ließ es geschehen. Als er immer noch nicht antwortete, stieß Glorfindel ihn in die Richtung, aus der er gekommen war, die Klinge eines Dolches drohend in seinen Rücken gepresst.

»Du kommst mit mir, damit du endlich für deine Verbrechen von meinem Herrn zur Verantwortung gezogen wirst!«, drohte Glorfindel. »Nur eine falsche Bewegung und ich fälle den Richtspruch selbst.«

Maglor wehrte sich nicht gegen die grobe Behandlung. In seinem jetzigen Zustand konnte er ohnehin kaum etwas gegen Glorfindel ausrichten. Vielleicht sollte er die Sache auch einfach beschleunigen und sich selbst in den Dolch stürzen, dann musste sich Glorfindel die Hände nicht schmutzig machen …

Energisch klopfte Glorfindel an die Tür zu Elronds Gemächern. Als keine Antwort kam, stieß der ach so noble Fürst von Gondolin einen ganz und gar nicht noblen Fluch aus und schleifte Maglor einige Türen weiter. Wieder klopfte er, kräftiger dieses Mal.

Ceomon öffnete ihm und blinzelte ihm verschlafen entgegen. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, drängte sich Glorfindel an ihm vorbei und in sein Gemach.

»Fürst Elrond, ich muss Euch unverzüglich sprechen!«, verlangte Glorfindel.

Maglor starrte ins Leere. Keine Gedanken, einfach ein leerer Geist. Das war das beste. Geschehen lassen, was auch immer mit ihm geschehen sollte.

Elrond trat aus dem angrenzenden Zimmer und sah noch müder aus als Ceomon. Als er jedoch Glorfindel mit Maglor sah, wurde er sofort wach. Und als er dann noch Glorfindels Messer an Maglors Seite sah, zeichnete sich Zorn auf seinem Gesicht ab.

»Nehmt sofort die Waffe weg, bevor Ihr etwas tut, das ihr bereut, Glorfindel!«, befahl er.

»Das ist ein gesuchter Verbrecher und Mörder!«, begehrte Glorfindel auf. Sein Dolch blieb, wo er war. »Ich fand ihn, wie er im Dunkeln durch das Haus schlich. Wer weiß, was er hier trieb, aber es kann nie und nimmer etwas Gutes sein. Wir müssen ihn wegsperren.«

»Nehmt. Sofort. Die. Waffe. Weg«, wiederholte Elrond mit gefährlicher Ruhe. Sein Blick bohrte sich förmlich durch Glorfindel, als er auf ihn zu trat und ihn nieder starrte. Glorfindel konnte seinem Blick standhalten, senkte jedoch den Dolch.

»Herr, er ist gefährlich …«, setzte Glorfindel an, unterbrach sich dann jedoch selbst.

»Ihr wisst nicht, was Ihr sagt«, sagte Elrond. »Ich dulde nicht, dass so über Maglor gesprochen wird, schon gar nicht in meinem Haus.«

»Aber warum?«, fragte Glorfindel. »Ihr wisst so gut wie ich, was seinesgleichen angerichtet hat. Warum nehmt Ihr ihn in Schutz und führt ihn nicht seiner gerechten Strafe zu?«

»Die hat er schon vor langem erfahren und das nicht von meiner Hand. Wenn Ihr das wirklich fragen müsst, Fürst Glorfindel, dann seid Ihr nie wirklich aufmerksam durch dieses Haus gegangen.« Elrond hatte sich indes schützend vor Maglor gestellt. Glorfindel wich vor der Intensität seines Blicks zurück.

»Der Stern …«

»… ist der Stern meiner Familie, ganz Recht.«

Daraufhin schwieg Glorfindel für eine ganze Weile. Finster starrte er zu Maglor, dann sah er zurück zu Elrond. Nun endlich steckte er den Dolch weg und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Die Valar schickten mich aus einem Grund zurück nach Endor«, murmelte er. »Ich hätte nicht gedacht, dass meine Treue jemals so sehr auf die Probe gestellt werden würde.«

»Ich wünsche Euch eine geruhsame Nacht, Fürst«, sagte Elrond betont ruhig. »Dies ist nichts, das ich zwischen Tür und Angel diskutieren will. Und schon gar nicht zu dieser Zeit.«

Für einen Moment schien Glorfindel unentschlossen zu sein, was er tun solle. Doch dann schlug er die Hacken zusammen, verbeugte sich steif und verließ das Zimmer. Elrond atmete hörbar auf, seine Schultern sackten herab.

Maglor starrte immer noch vor sich hin, einfach weil er nicht wusste, was er sonst mit sich anfangen sollte. Er war nicht in der Lage, den simplen Entschluss zu fassen, ebenfalls den Raum zu verlassen und einfach zu gehen. Wohin sollte er gehen? Einen Fuß vor den anderen zu setzen, war eine zu große Willensanstrengung.

»Atto?«, sagte Elrond sanft. »Atto, wie geht es dir?« Als Maglor immer noch nicht reagierte, trat er zu ihm und griff ihn sacht bei den Schultern. »Atto, bitte, sag etwas. Starr nicht einfach so vor dich hin, als hätte deine fea deine hroa verlassen. Das … das macht mir Angst.«

Maglor blinzelte. »Mir geht es gut«, murmelte er die altbekannte Lüge.

»Nein, das stimmt nicht«, hielt Elrond dagegen. Er wirkte erschöpft, als er das sagte. Sorgenvoll musterte er Maglor. »Du warst wieder nicht bei dir, habe ich Recht? Du kannst dich wieder nicht erinnern, was geschehen ist. Sprich mit mir darüber, atto, bitte. Dann kann ich dir helfen. Dann wird es dir wieder besser gehen und alles wird gut.«

Maglor nahm all seine Kraft zusammen, um seine Gedanken in gerade Bahnen zu lenken. Es war eine beinahe unmögliche Aufgabe. Dann musterte er Elrond. Er wirkte müde und erschöpft, tiefe Schatten lagen unter seinen Augen und sein Gesicht war ausgezehrt von zu vielen Sorgen. Eine davon war Maglor selbst. Nach allem, was geschehen war, musste er sich auch noch um einen alten, zerbrochenen Elben sorgen. Es war falsch, so falsch.

Etwas in Maglor fügte sich wieder an seinen Platz. Elrond brauchte ihn jetzt. Er brauchte seinen Vater an seiner Seite und nicht noch eine Bürde auf seinen Schultern. Seit Maglor in sein Leben gestolpert war, war es immer nur um ihn gegangen, nicht um Elrond, wie es hätte sein sollen. Es wurde Zeit, dass Maglor die Scherben seiner Selbst zusammenkehrte und wieder zu dem Elb wurde, der er einst gewesen war.

Er nahm Elrond in den Arm und drückte ihn an sich. »Onya«, wisperte er. »Schlafe jetzt und sorge dich nicht um mich. Ich verspreche dir, alles wird gut.«

Elrond seufzte.

 

Für diese Nacht ließ Maglor Elrond in seinem Bett schlafen. Vorbei waren die Zeiten, in denen der kleine Elrond zu ihm getapst kam, weil ihn wieder einmal ein Alptraum geplagt hatte. Dennoch kuschelten sie sich zusammen in das Bett und Maglor hielt ihn und sang ihm leise Lieder, bis er eingeschlafen war und noch lange danach. Auch wenn es eng war im Bett, schlief Maglor so gut wie schon seit viel zu langer Zeit nicht mehr.

Dennoch war er schon nach wenigen Stunden wieder wach und fand keinen Schlaf mehr. Er schlich sich aus dem Bett, um die beginnende Morgendämmerung zu beobachten, und ließ Elrond so lange schlafen, wie er nur wollte. Sein kleiner Junge hatte es nötig.

Als Elrond schließlich doch erwachte, ging es bereits auf Mittag zu. Maglor saß noch immer im Fenstersims und beobachtete das Treiben in Imladris.

»Guten Morgen, kleine Schlafmütze«, wünschte Maglor neckend. Auch das hatte sich nicht geändert, Elrond war schon immer ein Langschläfer gewesen.

Elrond rieb sich über die Augen. »Las die letzte Nacht bitte einen Alptraum gewesen sein.«

»Ich fürchte, dass dem nicht so ist.«

Elrond starrte schweigend zur Decke.

»Onya, während du noch schliefst, hatte ich reichlich Zeit zum Nachdenken«, eröffnete Maglor. »Es wird Zeit, dass du mir erzählst, was alles geschehen ist, seit wir uns das letzte Mal sahen. Ich habe meine Pflichten als Vater sträflich vernachlässigt, und es gibt nichts, um das zu entschuldigen. Doch jetzt wird es Zeit, dass ich es besser mache.«

»Vater …«, murmelte Elrond. »Früher hast du uns immer verboten, dich so zu nennen.«

»Früher war ich auch ein ziemlich närrischer Elb, der dachte, dass es das beste für alle sei, das kostbarste, das ich je in meinem Leben hatte, allein zurückzulassen, um Steinen nachzujagen.«

»Atto …« Elrond kamen die Tränen.

Mit einem Lächeln setzte sich Maglor zu ihm ans Bett und strich ihm über das Haar. »Aber das ist die Vergangenheit. Jetzt bin ich hier.«

Elrond schmiegte sich in seine Arme. »Es tut gut, wieder so gehalten zu werden. So wie damals. Einfach vergessen können, was alles passiert ist seit damals.«

»Glaub mir, es ist besser, sich zu erinnern«, murmelte Maglor. »Ich habe versucht, mich selbst zu vergessen und sieh, wohin es mich brachte.« Doch dann schüttelte er diesen Gedanken ab und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Sohn. »Sag mir, warum hast du bei Ceomon geschlafen? Und warum wusste Glorfindel das?«

»Weil es jeder weiß«, sagte Elrond ausdruckslos. »Weil jeder weiß, wie ich versagt habe. Wie ich sie nicht hatte retten können. Weil es einfach unerträglich ist, morgens aufzuwachen und allein zu sein.«

Maglor sah die Last, die auf Elronds Schultern ruhte, und sie war enorm. Doch was nützte es ihnen, wenn Maglor sich nur weiter dafür steinigte, Elrond mit all dem allein gelassen zu haben. Jetzt war er hier und nur das zählte.

»Erzähl mir davon«, bat er.

ósanwe – Gedanklicher Austausch, Telepathie; Qu.

Endor – Mittelerde; Qu.

fea – Geist; Qu.

hroa – Körper; Qu.

onya – mein Kind/Sohn; Qu.

Relikte einer längst vergangenen Zeit
CN Erwähnung des Tods von Angehörigen, Erwähnung von suizidalen Gedanken und selbstverletzendem Verhalten, Erwähnung von Vergewaltigung (warum ist Elronds Leben nur so! D: )

Später am Tag fanden sie sich in der Galerie ein. Elrond hatte sich in der Zwischenzeit Glorfindels angenommen und sehr nachdrücklich betont, dass er wünschte, dass Maglor mit allem gebührenden Respekt behandelt werden würde. Sowie dass er für die Öffentlichkeit weiterhin Lindir blieb. Zumindest darin waren sie sich alle einig, dass es besser sei, wenn niemand erfuhr, wer Lindir wirklich war.

Nachdenklich betrachtete Maglor die Krone, die vor ihm auf einem Podest lag. Ebenfalls ausgestellt waren hier Gil-galads Panzer und sein Speer Aeglos sowie sein Banner. Maglor erinnerte sich zu gut des Tages, als ebenjene Krone an ihn herangetragen worden war. Er hatte sie abgelehnt, sich geweigert anzuerkennen, dass sein Bruder tot war.

»Gil-galad ist also tot«, sagte er schließlich. »Ohne Erben, wie es scheint. Telerinquar hat kein Anrecht auf dieses Erbe, mein Bruder sorgte vor langer Zeit dafür. Nur noch du bleibst, Elrond, denn du stammst in direkter Linie von meinem Vetter Turukáno ab. Warum also nennst du dich nicht Hoher König?«

»Alles zu seiner Zeit«, sagte Elrond. »Ich sagte doch, dass es eine lange Geschichte ist.

Du musst wissen: Elros und ich hatten schon länger vermutet, was ihr vorhattet, wir hatten jedoch gehofft, dass ihr bleibt. Eine närrische Hoffnung, ich weiß. Und dann … seid ihr einfach so verschwunden. Wir wussten sofort, wohin ihr gegangen seid, und waren euch gefolgt. Bitte sei Ceomon und Rethtulu nicht allzu böse deswegen, ja? Wir sind ihnen davongeschlichen, weil wir genau wussten, dass sie uns zurückhalten würden.«

Ganz unwillkürlich musste Maglor schmunzeln. »Dann hat Ceomon meinen letzten Befehl doch nicht zu meiner vollsten Zufriedenheit erfüllt. Dass er sich solch einen Fehltritt erlaubt, na so etwas.«

Elrond knuffte ihn in die Seite. »Sei nett, habe ich gesagt.« Dann fuhr er fort, nun wieder in ernsterem Ton. »Wir folgten euch nach Norden, dort wo noch immer das Heer des Westens lagerte. Zu der Zeit begann das Land bereits auseinanderzubrechen, und wir wussten, dass die Zeit drängte. Als wir jedoch unser Ziel erreichten, fanden wir das Lager in Aufruhr wieder. Es stellte sich heraus, dass wir zu spät kamen und ihr schon geflohen seid. Eonwe … wusste irgendwie, was mit euch geschehen war, auch wenn er die Details ausließ. Du warfst deinen silmaril ins Meer und Onkel Maedhros, er … er … «

Maglor starrte auf seine verbrannten Hände. Es war das letzte, dessen er sich klar erinnern konnte. Danach … nichts mehr. Nur Schmerz und Bitternis.

»Ich will dich damit nicht belasten«, sagte er leise.

»Doch, sag es mir. Ich muss es wissen«, bat Elrond. »Wie starb Onkel Maedhros?«

Maglor schob die Gefühle weit von sich. »Er hielt seinen þilmaril in seiner Hand, schützend, als wolle er sichergehen, dass er ihn nicht wieder loslassen würde. Dann sah er mir in die Augen und sagte, dass es ihm leidtun würde. Und dann … sprang er, den þilmaril immer noch gegen sich gepresst, in eine Erdspalte. So starb Nelyafinwe Maitimo Ruþþandol. Er warf sein Leben fort und ließ mich allein. Der letzte meines Hauses …«

Elrond schwieg für eine ganze Weile.

Maglor starrte zu Boden, um seinem Blick auszuweichen. »Ich hätte für euch da sein sollen, für euch stark sein müssen. Aber ich war es nicht. Der þilmaril brannte in meinen Händen und da wusste ich, dass wirklich alles verloren war. Ich warf ihn fort und mit ihm auch mein Leben. Fortan wanderte ich die Küsten entlang und nichts als meine Musik war mir geblieben. Ich wollte mich vergessen und für eine schrecklich lange Zeit ist es mir auch gelungen.«

»Bis Aragost dich in Bree fand.«

»Ich hätte für euch da sein sollen …«

»Bereue nicht, was geschehen ist«, sagte Elrond mit Nachdruck und ergriff seine Hand. »Es lässt sich ohnehin nicht mehr ändern. Was du erleiden musstest, sollte niemand erleiden müssen. Was zählt, ist einzig und allein, dass du jetzt wieder bei mir bist.«

Maglor schwieg dazu.

»Wir suchten nach euch«, fuhr Elrond in seiner Erzählung fort. »Viele, viele Jahre lang. Ich glaube, uns ist es zu verdanken, dass ein Großteil des Nordens kartographiert ist. Wir fanden sogar Himring, der nun natürlich eine Insel ist.«

»So?« Maglor hob eine Braue. »Ein andermal musst du mir unbedingt erzählen, was für Abenteuer ihr alles erlebt habt.«

Elrond lächelte in sich hinein. »Auf einem davon fanden wir eine kleine Ansiedlung, welche in späteren Zeiten Annúminas werden sollte, aber zu dem Zeitpunkt noch nur aus einigen einfachen Häusern und einer Taverne bestand. Diese Menschen waren Flüchtlinge wie alle damals, die dem Untergang Beleriands entkommen waren und dort ein neues Leben begonnen hatten. Die Tochter des Schankwirts war Lómelinde und entstammte dem Haus Hadors. Und Elros, nun … Er verliebte sich in sie!«

Maglors Augen wurden groß. »Du musst mir alles von ihr erzählen! Wann haben sie geheiratet? Haben sie Kinder? Das heißt ja … ich habe noch mehr Enkel. Oh!«

»Lómelinde liebte das Bierbrauen und alle schworen auf ihr Bier. Ich muss zugeben, dass ich Bier nie viel abgewinnen konnte, aber ihres war doch ganz passabel. Sie braute auch dann noch gelegentlich Bier, als sie ein Reich zu regieren hatte. Sie heirateten im zweiunddreißigsten Jahr des Zweiten Zeitalters. Im selben Jahr ging Elros nach Númenor.«

Mit einem Male klang Elrond niedergeschlagen. Eine alte Wunde, nie gut verheilt und vernarbt. Darüber zu sprechen, brachte den alten Schmerz wieder hervor.

»Die Valar hoben den Edain eine Insel aus der Belegaer und gaben sie ihnen als Lohn für ihre Mühen im Kampf gegen Morgoth. Elros war ihr König.«

König … Maglor kamen die Tränen vor lauter Stolz. Dass es sein kleiner Elros so weit gebracht hatte. König. König der … Edain.

»Elrond, wo ist dein Bruder jetzt?«, fragte er. Mit einem Male umfing Furcht sein Herz. Eigentlich wollte er die Antwort darauf nicht wissen. Dann konnte er weiter die Illusion leben.

»Du weißt es, atto«, wisperte Elrond. »Zwing mich nicht, es auszusprechen.«

Tot. Gestorben den Tod der Sterblichen. Auf immer verloren.

Welch Glück, dass Maglor schon vor tausenden von Jahren in unzählige kleine Splitter zerbrochen war.

»Wie?«, hauchte er.

»An unserem fünfhundertsten Geburtstag in meinen Armen. Ich war bei ihm, bis zum Ende. Und danach … Ich kann ermessen, wie es dir ergangen sein musste, als du Onkel Maedhros springen sahst. Galad hat mich mehr als nur einmal vor mir selbst retten müssen.« Gedankenverloren rieb Elrond seine Handgelenke.

»Ai! Apþene úcarenya!« Maglor zog Elrond in seine Arme.

»Es gibt nichts zu verzeihen, atto«, murmelte Elrond. »Du hast keine Schuld auf dich geladen. Wenn dann waren es jene, die uns diese Wahl auferlegten. Als wir damals vor Eonwe traten, sagte er uns, dass wir wählen mussten, welchem Schicksal wir uns zugehörig fühlten. Elros entschied … anders als ich. Ich flehte und bettelte, doch es war unumstößlich. Apþene loitië, atar. Ich ließ meinen Bruder sterben.«

»Nein, onya, das hast du nicht. Es gibt kein Heilmittel gegen Sterblichkeit.«

Eine Weile standen sie schweigend da, Arm in Arm, und Maglor strich Elrond über das Haar.

»Komm«, sagte Elrond schließlich. »Ich möchte dir noch etwas zeigen.«

Er führte Maglor ein Stück die Galerie entlang und hielt vor einer Statue. Sie zeigte Elros mit einer Flügelkrone auf dem Haupt und einer herrschaftlichen Pose. Maglor konnte sich gut vorstellen, wie sein kleiner Junge stolz sein Reich überblickt hatte. Er wünschte sich, er hätte ihm sagen können, wie stolz er auf ihn war. Er seufzte.

Vor der Statue stand ein Podest, auf dem Raumomacil lag, die Zwillingsklinge zu Elronds eigenem Schwert Nahtanar. Maedhros hatte ihnen die Klingen einst geschmiedet, nachdem er entschieden hatte, dass sie besser zusätzlich zu Amrods und Amras‘ Klingen auch eigene Schwerter besaßen. Irgendwie blieb am Ende alles in der Familie.

»Anders als Narsil und Aranrúth wollte Elros, dass ich Raumomacil bekomme und es kein Erbe seines Hauses wurde«, sagte Elrond.

Noch etwas war hier ausgestellt, ein weißer, sternenförmiger Juwel, ein Zepter sowie Finrods Ring. Wie interessant.

»Und diese Dinge?«, wollte Maglor wissen und deutete auf sie.

»Das Zepter von Annúminas, eine Nachbildung des Elendilmir sowie Barahirs Ring. Zusammen mit den Bruchstücken Narsils die Erbstücke des Nördlichen Königreichs. Dessen Erbe hast du bereits kennen gelernt.«

»Aragoþt. Das ist eine lange Zeit seit damals. Viel muss geschehen sein.«

Elrond nickte. »Sehr viel und nicht immer alles war gut. Die Erblinie Númenors spaltete sich in zwei Linien auf, das Nördliche und das Südliche Königreich. Beide sind nur mehr Schatten ihres einstigen Selbst. Elros‘ Krone wird in Gondor aufbewahrt, doch kein König sitzt mehr auf dem Thron in Minas Tirith.

Elros hatte vier Kinder. Vardamir Nólimon war der älteste. Mein Lieblingsneffe, muss ich zugeben. Als Kind war er ein schreckliches Energiebündel und hatte nur Blödsinn im Kopf. Aber später begann er sich für die Wissenschaften zu interessieren und ich habe kaum jemals wieder einen so intelligenten Geist getroffen. Dann gab es noch Tindómiel, die ganz nach ihrer Mutter schlug, sowie Manwendil und Atanalcar. Sie begründeten die Dynastie der Könige und Fürsten von Númenor und von ihnen stammen auch die Könige von Gondor und Arnor ab sowie die Truchsessen in Minas Tirith und die Häuptlinge der Dúnedain des Nordens.«

»Dann ist Elroþ nicht verloren«, sagte Maglor. »Dann lebt noch immer etwas von ihm in dieser Welt fort.«

»Aber zu welchem Preis …« Elrond seufzte. »Nach seinem Tod habe ich nie wieder einen Fuß auf Númenor gesetzt. Ich kann dir über den Untergang kaum mehr sagen, als was Elendil in seiner Akallabêth schrieb. Das Original ist in meiner Bibliothek verwahrt, Erestor hütet es wie ein Drache seinen Schatz.

Aber ich greife voraus. Gleich zu Beginn des Zweiten Zeitalters, noch bevor Elros nach Númenor ging, nahm Gil-galad uns bei sich auf. Er entkam mit vielen seines Volkes über die Ered Luin und hatte danach große Anstrengungen unternommen, all jene zu finden, die auf der Flucht verloren gegangen waren. Die allermeisten von uns hatten kaum mehr als das, was sie am Leibe trugen, und wir sahen uns mit der unmöglich erscheinenden Aufgabe betraut, aus Nichts etwas Neues zu erschaffen. Es stellte sich jedoch heraus, dass weite Teile Ossiriands unversehrt geblieben waren – übrigens auch der Amon Ereb – und Gil-galad beschloss, dort sein Reich zu begründen.

Elros und ich fielen auf wie ein bunter Hund. Wir waren einfach so aus dem Nichts aufgetaucht, nachdem uns viele totgeglaubt hatten. Es hatte sich anscheinend nicht zu allen herumgesprochen, was damals nach Arvernien geschah. Und da waren wir also, die Söhne Earendils mit dem Stern der Feanorer auf unserer Kleidung.«

»Warum habt ihr das getan, Elrond? Dieser verfluchte Eid hat mein Haus dem Untergang geweiht, und ich hatte euch da nie mit hinein ziehen wollen. Ich wollte euch davor beschützen.«

»Weil das unsere Familie ist, ganz einfach. Du warst es, der uns Elenyafinwe nannte. Es gab natürlich Spannungen und einige Elben bildeten eine harte Front gegen uns, aber Gil-galad unterstützte uns. Er meinte, er könne Earendils Söhne nicht wie gemeines Fußvolk behandeln, und gab uns daher einen Platz in seinem jungen Reich, als er uns zu Fürsten des Amon Ereb ernannte.«

Maglor hätte beinahe aufgelacht.

Auch Elrond musste schmunzeln. »Er hatte noch mehr solcher verrückter Ideen. Den Titel habe ich bis heute behalten, einfach weil es zu viel Papierkram gewesen wäre, irgendetwas daran zu ändern. Wir waren ohnehin nur noch selten dorthin zurückgekehrt und hatten einen Verweser, welcher dieses Fleckchen Land für uns verwaltete. Gil-galad meinte außerdem, mich zu seinem arandur ernennen zu müssen, erhob mich bald darauf zum tíriloþt und vertraute mit seine eþþeali an.«

Maglor legte Elrond die Hände auf die Schultern. »Du kannst gar nicht ermessen, wie stolz es mich macht, das zu hören. Wir gaben euch die beste Ausbildung, die wir euch bieten konnten, aber ich hatte nie zu hoffen gewagt, dass ihr das Gelernte auch wirklich jemals anwenden würden könntet. Und nun sagst du mir, dass dein Bruder ein König war und du ein enger Vertrauter des Hohen Königs. Meine kleinen Jungen haben es so weit gebracht. Das ist so viel mehr, als ich mir jemals hätte erträumen dürfen.«

»Das ist nur der Anfang der Geschichte. Wir bauten das Reich auf und Gil-galad konnte seine Regentschaft festigen. Celebrimbor war übrigens auch bei uns, auch wenn er gelegentlich … etwas schwierig war. Ich lernte bei Palandíriël, Gil-galads Ärztin, und sie lehrte mich vieles über die Heilkunde. Weißt du noch, wie ich Lindwain jedes bisschen Wissen aus dem Kreuz leierte, das er besaß? Palandíriël wusste so viel mehr und es war einfach eine wunderbare Zeit.

Celebrimbor ging schließlich nach Eregion und gründete dort die Gwaith-i-Mírdain. Er wurde ein guter Freund mit den Zwergen von Moria, und seine Gilde war weithin bekannt und angesehen.«

Maglor lächelte bitter. Es wart hart für sie alle gewesen, als sein Neffe sich von ihnen losgesagt hatte, aber schlussendlich doch abzusehen, dass es so weit kommen würde. Maglor war ja selbst entsetzt gewesen über das, was Celegorm und Curufin getan hatten. Es war zu weit gegangen.

»Wir sprachen manchmal über dich und deine Brüder«, fuhr Elrond fort. »Celebrimbor bereute, dass alles so weit hatte kommen müssen. In seinem Herzen war er bis zum Schluss ein Feanorer geblieben und er nannte mich seinen kleinen Vetter.«

»Bis … zum Schluss?«

Elrond wich seinem Blick aus. »Er ließ sich täuschen. Wie wir alle. 1200 kam ein ›Botschafter der Valar‹ zu uns nach Lindon, der sich Annatar nannte. Weder Gil-galad noch ich trauten ihm, aber wir konnten nicht sagen, wer er war. Als er sah, dass er uns nicht für seine Pläne benutzen konnte, ging er nach Eregion und hatte mit Celebrimbor mehr Erfolg. Er lehrte ihn viele geheime Künste und schlussendlich auch das Schmieden von Ringen der Macht.«

Er trat zurück, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und rezitierte dann:

 

Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,

Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,

Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,

Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,

Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

 

»Es war Sauron, der nach Eregion gekommen war, doch als wir das erkannten, war es bereits zu spät«, fuhr Elrond fort. »Zumindest hatte Celebrimbor Annatar nie vollends vertraut und die Drei im Verborgenen geschmiedet; sie sind nie vom Feind besudelt worden. Doch dann war Sauron nach Mordor gegangen und hatte im Verborgenen den Einen geschmiedet, seinen Meisterring, und da wussten wir dass wir betrogen worden waren. Wir verbargen die Drei vor ihm, und Gil-galad gab mir Vilya und schickte mich als sein tercáno nach Eregion. Doch alles, was ich tun konnte, war das Unvermeidliche herauszuzögen.

Ost-in-Edhil wurde geschliffen und Celebrimbor fiel in Verteidigung seiner Schmieden. Er nahm seine Geheimnisse mit sich.«

Maglor senkte den Blick. Ja, es hatte geschmerzt, dass Celebrimbor sich von ihnen abgewandt hatte, aber er hatte sich stets mit dem Gedanken getröstet, dass er so nicht mit in das Schicksal hineingezogen werden würde, das die Feanorer selbst heraufbeschworen hatten. Er hatte gehofft, dass es nie so weit kommen würde.

»Wie ist er gestorben? Hast du es gesehen? Bitte, sag es mir, lass nichts aus.«

»Ich … Ja, das habe ich.« Elrond erschauderte. »Sauron folterte ihn, zog ihm die Haut ab und knüpfte ihn auf, um ihn seinem Heer wie ein Banner voranzutragen. Zu diesem Zeitpunkt lebte er noch, am Leben gehalten von Saurons verderbter Magie. Ich schoss ihm einen Pfeil durchs Herz, um ihn zu erlösen.

Zu dem Zeitpunkt hatte Sauron bereits meine Armeen zerschlagen und uns zur Flucht gezwungen. Wir flohen nach Norden, in dieses Tal. Einer meiner Späher fand es wie durch einen Zufall und ich erkannte seinen strategischen Wert. Wir flohen hierher und begannen sofort mit der Befestigung. Für eine Weile entkamen wir Sauron, Vilya war mir dabei eine große Hilfe. Aber dennoch wurden wir belagert. Das war ein schlimmes Jahr, ich dachte, wir würden hier alle verhungern. Aber dann, an yestare des Jahres 1700, wurde ich mit dem Klang silberner Trompeten geweckt und sah Gil-galads Banner im Tal wehen. Er war zusammen mit Ciryatur gekommen und schlug Sauron endgültig zurück. Gil-galad erkannte die strategische Lage Bruchtals, vertraute mir Vilya dauerhaft an und ernannte mich zu seinem Vizeregenten hier in Eregion.«

Maglor nickte anerkennend. »Dass es solch ein schreckliches Ende mit Tyelpe nehmen musste. Aber ich danke dir für das, was du für ihn getan hast. Und … mehr als mich zu wiederholen, wie stolz ich auf dich bin, kann ich nicht, fürchte ich.«

Elrond lächelte matt. »Eregion war leider nur der Anfang. Wir wussten um den Einen, aber wir verstanden noch nicht vollends seine Macht. Vieles wäre anders gekommen, hätten wir es getan. Nach dem Untergang Númenors kamen Elendil und seine Erben nach Mittelerde und gründeten die Reiche von Gondor und Arnor. Elendil schloss ein Bündnis mit Gil-galad, um Sauron ein für alle Mal zu besiegen.«

»Was passierte in Númenor?«, fragte Maglor nach.

»Das Lebenswerk meines Bruders, zugrunde gerichtet von Tyrannen und Despoten.« Elrond ballte die Hände zu Fäusten und ein Schatten legte sich auf sein Gesicht. »Sauron, wer sonst, hatte seine Finger im Spiel. Bitte, ich möchte nicht im Detail darüber sprechen. Elendils Bericht fasst es gut zusammen.«

Maglor nickte. »Und dieser Bund? Wie ging das aus?«

»Wir zogen nach Mordor, in das Land des Feindes, und belagerten ihn vor seinen eigenen Toren. Komm.« Elrond führte ihn wieder ein kleines Stück fort zu einem weiteren Ausstellungsstück in seiner Sammlung. Es waren die Bruchstücke eines Schwertes, das Maglor nur allzu bekannt vorkam.

»Narþil.«

Elrond nickte. »Bruchtal ist ein Haus des Erinnerns und des Innehaltens. Deswegen bewahre ich all diese Dinge auf, bis vielleicht eines Tages jemand hervortritt, der würdig ist, Elros‘ Krone zu tragen.

Die Belagerung dauerte sieben schreckliche Jahre an und wir verloren viel. Als erstes starben Oropher und Amdír, als sie voreilig angriffen, noch bevor Gil-galad den Befehl dazu gab. Thranduil ist jetzt König im Düsterwald, erinnerst du dich an ihn?«

»Wie könnte ich diesen aufgeblasenen Wichtigtuer vergessen? Um Oropher ist es wirklich nicht schade.« Und doch hatte er ihn damals in Doriath verschont, als er sich schützend vor seinen Sohn gestellt hatte. Er hatte den Schwertern der Noldor nichts entgegen zu setzen und war doch bereit gewesen, sein Leben zu opfern, um Thranduil zu schützen. Maglor hatte ihn ziehen lassen.

»Anárion, Elendils jüngerer Sohn, starb im sechsten Jahr der Belagerung, und um ihn war es schade«, fuhr Elrond fort. »Zu diesem Zeitpunkt dachte ich bereits, dass keiner von uns Mordor jemals wieder lebend verlasen würde. Sechs Jahre lang nur Asche und Feuer. Tagtäglich gab ich Befehle, die anderen das Leben kosteten. Es war nicht auszuhalten.«

»Ich wollte nie, dass du das Kämpfen lernst«, sagte Maglor bedauernd. »Doch es musste wohl sein. Es tut mir leid, dass du solche Erfahrungen machen musstest. Ich hatte gehofft, dass du niemals erleben musst, wie Krieg ist.«

»Ich hatte gute Lehrer. Die besten. Onkel Maedhros Schwert und Rüstung haben mich immer gut beschützt.«

Maglor lächelte traurig. »Er wollte euch die Rüstungen geben, nachdem wir zurückgekehrt waren.«

»Wir fanden sie auch so, als wir nach Hause zurückgekehrt waren. In der Schmiede, wo Onkel Maedhros sie zurückgelassen hatte. Es war immer sehr tröstend, auf diese Weise einen Teil von ihm bei mir zu haben. Mich beschützt zu fühlen von ihm.«

»Aber jetzt bin ich ja da, um dich zu beschützen.« Mit einem Schmunzeln fügte Maglor an: »Auch wenn du jetzt ein großer Junge bist.« Dann deutete er auf das Schwert. »Fahr fort.«

Elrond schwieg zunächst, während er die Klinge betrachtete. »Mein Freund starb«, sagte er leise. »Viele Kameraden starben in diesem Krieg, zu viele. Aber der schlimmste Verlust war der Gil-galads.«

Er stimmte eine sanfte Melodie an.

 

Gil-galad hieß er, der die Kron

Der Elben trug, vor Zeiten schon

Als letzter Herr auf freiem Land

Zwischen Gebirg und Meeresstrand.

 

Sein Schwert war scharf und spitz sein Speer,

sein Helm erglänzte von weither;

des Himmels Sterne, Bild an Bild,

strahlten von seinem Silberschild.

 

Seit langem klagt um ihn das Lied,

doch niemand weiß, wohin er schied.

Sein Glanz erlosch, sein Stern ward blind

in Mordor, wo die Schatten sind.

 

Maglor erkannte sofort, dass Elrond dieses Lied geschrieben hatte, einfach weil es so sehr seinen eigenen Kompositionen ähnelte. Elrond und Elros waren solch eifrige Schüler gewesen.

»In einem letzten Ansturm forderten wir Sauron heraus«, fuhr Elrond fort und hob das Heft Narsils. »Weiß du noch, was Gil-galad dazu sagte? Dass Elwing wollte, dass Elros dieses Schwert erhält, auch wenn er nicht wusste, warum. Ich glaube, ich kenne ihren Grund jetzt. Es war diese Klinge, die Sauron den Ring vom Finger schnitt. Elendil starb zusammen mit Gil-galad, als sie zusammen Sauron angriffen. Dabei zerbrach Narsil unter ihm. Isildur, sein Sohn, ergriff das Heft und warf Sauron nieder.

Saurons Macht ist an diesen Ring gebunden, das weiß ich nun. Aber damals … Damals hatte ich noch immer nicht wirklich die Zusammenhänge verstanden und trauerte zudem um Gil-galad. Isildur nahm den Ring an sich, statt auf meinen Rat zu hören, ihn zu zerstören. Ich hätte ihn mehr bedrängen sollen.

Isildur starb im Verhängnis auf den Schwertelfeldern. Orks lauerten ihm auf. Er benutzte den Ring, um zu entkommen, doch er verriet ihn und so entdeckten die Orks ihn und erschossen ihn.«

»Und der Ring? Hat der Feind ihn?«

»Nein, glücklicherweise nicht. Er ging verloren in den Fluten des Anduin und niemand weiß, was aus ihm geworden ist.«

So wirklich beruhigte Maglor diese Kunde jedoch nicht. Er verstand zumindest so viel von dieser ganzen Sache, um zu ahnen, dass Sauron den Ring niemals wieder bekommen durfte.

»Ich bedauere, was geschehen ist, doch ich denke, dass Findekáno stolz wäre zu hören, was aus seinem Sohn geworden ist. Und dass du bis zum Schluss an seiner Seite standest, onya. Aber jetzt sag mir, warum trägt niemand mehr die Krone des Hohen Königs?«

»Wen sollte ich denn auch regieren, atto?«, sagte Elrond. »Lindon war Gil-galads Regentschaft, nicht meine. Ich habe ihm lediglich helfend unter die Arme gegriffen. Die Eldar schwinden aus Mittelerde, immer mehr Schiffe brechen auf von Mithlond, deren Segel allein in den Westen gerichtet sind. Dies ist das Zeitalter der Edain, und ihre Zeit wird kommen. Doch unsere ist zu Ende. Wer nach dem Krieg nicht zu Círdan oder gar in den Westen ging, ging mit mir. Aber es waren nur wenige. Dies hier ist das letzte Reich der Noldor in Mittelerde, und ja, ich bin in allem außer dem Namen nach ihr König. Aber ich will mich einfach nicht so nennen.

Ich ging nie wieder nach Amon Ereb zurück, weil das Haus dort voller Geister der Vergangenheit war. Und nun stehe ich hier, in einem weiteren Haus voller Geister. Es ist beinahe, als sei ich dazu bestimmt, als Relikt einer längst vergangenen Zeit zu bleiben und die Erinnerungen an all das, was war und nun verloren ist, zu bewahren.«

»Du hast noch immer nicht von deinen Kindern gesprochen«, bemerkte Maglor, um Elrond auf andere Gedanken zu bringen. »Ich weiß nun von Lómelinde, doch du hast mir immer noch nicht von deiner Frau erzählt. Wer ist Celebrían?«

Elrond musste schmunzeln. »Celeborns und Galadriels Tochter.«

Maglor sah ihn groß an. »Artaniþ? Dass sie sich diesen Sinda-Prinzen angelacht hat, fand ich schon immer etwas eigenwillig. Aber wenn Celebrían auch nur ein bisschen wie ihre Mutter ist, dann hat sie dich sicher ordentlich auf Trab gehalten.«

Elrond lachte. »Oh ja, das hat sie! Sie ist eine unglaubliche Frau. Komm, ich zeige sie dir.«

Dieses Mal führte er Maglor zu einem Wandgemälde. Er erkannte Maedhros‘ Stil, was nur bedeuten konnte, dass Elrond es gemalt hatte; er hatte es von Maedhros gelernt. Das Bild zeigte eine Elbin mit silbernem Haar und unverkennbarer Ähnlichkeit zu Galadriel, aber auch zu Arwen. Elronds Blick wurde sanft, als er das Bild betrachtete.

»Sie stolperte einfach so in mein Leben«, sagte er. »Kurz nachdem Imladris gegründet worden war, kam sie mit ihrer Mutter hierher auf der Suche nach ihrem Vater. Celeborn hatte Seite an Seite mit mir in Eregion gekämpft, und ich glaube, allein deswegen hatte er es mir später erlaubt, seine Tochter zu ehelichen; du weißt ja, der Akzent.«

Maglor musste schmunzeln. »Wie genau ›stolperte‹ sie in dein Leben?«

»Sie stand einfach so in meinem Kräutergarten. Es war vom ersten Moment an um mich geschehen.«

Elrond wirkte so glücklich, als er von ihr sprach. Er hatte so viel durchleiden müssen, so viel verloren, aber trotz allem war ihm doch dieses Glück vergönnt gewesen. Und dann auch noch Galadriels Tochter! Eine Königin, seiner würdig.

»Wann habt ihr geheiratet?«, wollte er wissen.

Elrond räusperte sich verlegen. »Anfang dieses Zeitalters ...«

Maglor musste schmunzeln. »Das ist ein halbes Zeitalter später.«

»Bist du Celeborn einmal begegnet?«, begehrte Elrond auf. »Er ist furchtbar, wenn es um seine Tochter geht. Nur das beste für sie! Ich dachte, er reißt mir den Kopf ab, als ich um die Hand seiner kostbaren Tochter anhielt. Schlimmer als Galadriel, und sie hat diese furchtbare Angewohnheit, im Kopf anderer herumzuschnüffeln.«

»Was du natürlich überhaupt nicht machst, dafür habe ich dich zu gut erzogen«, neckte Maglor. »Du hast dich Þauron entgegengestellt und kuschst dann vor einem Þinda? Das hätte ich nicht erwartet.«

Elrond tat beleidigt. »Dann bist du Celeborn nie begegnet.«

»Doch, das bin ich. In Doriath …«

Elrond sagte nichts dazu. Maglor verfluchte sich stumm. Jetzt hatte er wieder einmal alles ruiniert.

»Verzeih«, murmelte er. »Ich will dich nicht mit meiner Bitternis belasten. Bitte erzähle mir mehr von Celebrían.«

»Sie liebt den Winter, weshalb wir auch an einem Wintertag heirateten«, begann Elrond. »Aber auch die mellyrn ihrer Heimat und die Sterne. Leider ist es uns nie gelungen, einen mallorn im Tal wachsen zu lassen, aber dafür ist sie oft nach Lórien gereist, um ihre Mutter zu besuchen. Außerdem habe ich den Verdacht, dass sie meine Musik mehr liebt als mich, was nicht ganz gerecht ist.«

»Aber warum denn?«, wunderte sich Maglor. »Du hast von mir gelernt. Jeder, der das nicht zu würdigen weiß, ist ein Banause und weiß gute Kunst nicht zu schätzen.«

Elrond lachte leise. »So kenne ich dich, atto. Es tut gut, dich wiederzuhaben.«

»Wenigstens hat deine Frau Geschmack. Artaniþ hatte unserem Vater nie verziehen, dass er sie um eine Strähne ihres Haares bat. Dabei hatte er sich wirklich selbst erniedrigt, als er sie darum anbettelte.«

»Ich habe furchtbare Lieder verbrochen, seit ich Celebrían damals das erste Mal in meinem Garten sah. Daerons Lieder für Lúthien sind nichts dagegen. Ich habe mich wie ein Trottel benommen. Ich glaube, Celebrían wusste schon lange, bevor ich etwas gesagt habe, was ich für sie empfinde, aber hatte eine teuflische Freude daran, mich zappeln zu lassen.«

»Ich will diese Lieder alle hören, das weißt du, onya

»Atto, nein. Bitte nicht. Tu mir das nicht an.«

»Aber ich muss doch wissen, inwiefern du dich künstlerisch weiterentwickelt hast. Das ist von äußerster Wichtigkeit.«

»Atto, bitte.«

»Bin ich nun dein Vater oder nicht?«

Elrond wand sich und gab einen kläglichen Laut von sich. Dann musste er dennoch lachen. Maglor stimmte mit ein.

»Celebrían war der Sonnenschein in meinem Leben«, fuhr Elrond fort, als sie sich die Lachtränen aus den Augen gewischt hatten. »Sie liebte es zu lachen und sah in allem immer auch das Gute. Die Zwillinge haben ihre schelmische Art von ihr. Nimm dich vor ihren Scherzen in Acht. Und lass dich nicht von Arwens unschuldigen Blick täuschen. Sie ist kaum besser.«

»Elrond, sag mir, was ist letztes Jahr passiert?«, bat Maglor ernst. »Ein Schatten liegt auf diesem Haus, und jeder vermeidet, darüber zu sprechen. Vor was konntest du sie nicht retten?«

»Atto, ich …« Elrond erschauderte. Als er weitersprach, zitterte seine Stimme: »Sie wollte ihre Mutter besuchen, wie so oft. Es gab Berichte, dass Orks wieder vermehrt auftraten, weshalb ich zunächst besorgt war, sie gehen zu lassen, aber dann tat ich es doch. Hätte ich doch nur auf meine Intuition gehört … Die Eskorte, die ich ihr mitgab, wurde überfallen, und Celebrían … Sie wurde gefangen genommen. Diese Kreaturen taten ihr Unaussprechliches an … schändeten sie und …«

Seine Stimme versagte. Wortlos zog Maglor ihn in seine Arme und ließ ihn sich ausweinen. Sein Herz weinte mit ihm. Musste denn alles Gute in Elronds Leben wieder von ihm genommen werden? Womit hatte er das verdient?

»Alles wird wieder gut«, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Elrond. »Am Ende wird alles wieder gut.«

»Atto, du verstehst nicht. Ich konnte ihr nicht helfen. Was ihr widerfahren ist, hat sie so zerbrochen, dass nicht einmal ich sie wieder zusammenfügen konnte. Man nennt mich einen Weisen und den größten Heiler dieses Zeitalters. Aber nicht einmal ich konnte ihr noch helfen! Ich habe versagt. Verstehst du? Sie segelte in den Westen, aber ich weiß nicht, ob sie dort wirklich die Heilung findet, auf die sie hofft …«

Maglor ergriff sein Gesicht und zwang ihn so, zu ihm zu blicken. »Elrond, sieh mir in die Augen und sag mir, was du dort siehst.«

»Licht …«

»Das Licht der Alten Welt. Das Licht der Zwei Bäume. Du musst mir glauben, wenn ich dir sage, dass alles wieder gut wird. Aman ist das Reich der Valar, und wenn sie auch nur einen Funken Gerechtigkeit in sich tragen, dann müssen sie Celebrían helfen. Du hast es nicht verdient, so viel erdulden zu müssen, und sie erst recht nicht. Wenn die Valar einen strafen müssen, dann soll ich es sein. Aber nicht du, nicht deine Familie.«

»Atto, ich habe Angst«, wisperte Elrond unter Tränen. »Alles, was mir lieb und teuer ist, wird mir irgendwann genommen. Jetzt fürchte ich, dass dasselbe mit meinen Kindern geschieht, dass ihnen irgendetwas zustößt und ich sie für immer verliere. Oder dich.«

Maglor schloss ihn fest in seine Arme. »Ich beschütze euch mit allem, was ich habe. Das schwöre ich.«

Elrond erschauderte.

Ai! Apþene úcarenya! – Ach! Vergib mir meine Schuld; Qu.; Tolkien hatte einmal das Vater Unser ins Quenya übersetzt, worin sich die Zeile „ámen apsene úcaremmar“ findet. Zu bemerken ist außerdem, dass Maglor den Thorn-Laut benutzt, der Akzent, der für die Feanorer so charakteristisch war.

Apþene loitie, atar – Vergib mir mein Versagen, Vater; Qu.; Elrond spricht natürlich denselben Akzent.

arandur – Königsdiener, Minister; der Amtstitel der Truchsessen von Gondor, als ich ein Äquivalent für einen römischen Senator suchte, fand ich ihn jedoch sehr passend, weshalb das jetzt auch der Titel für Gil-galads Berater ist; Qu.

tírilost – Bewacher der Stadt, synonym für den römischen Stadtpräfekten; enthält tírila - Bewachender; der, der bewacht; PPA v. tír- - bewachen, ein eigen erstelltes elbisches Synonym für den römischen Präfekt, sowie -ost (von osta) – Stadt, ummauerter Ort, Festung; Qu.

esseali – Kollektiv von essea, erst oder primär, synonym zu den römischen Prätorianern, Qu.

Palandíriël – weithin blickend, bestehend aus palan (weithin) dem PPA von tir- (blicken), S.

Lindwain – Junger Gesang; S.

Raumomacil – Sturmklinge; Qu.

Nahtanar – Feuerbiss; Qu.

tercáno – Herold; Qu.

Ringvers von J.R.R. Tolkien in Der Herr der Ringe

Gil-galads Ende von J.R.R. Tolkien in Der Herr der Ringe

Ein Kapitel voller Headcanon, den ich teilweise auch ausgeschrieben habe. Vieles von dem, was am Ende des EZ eine Rolle spielt, stammt aus meiner Longfic Kindheitserinnerung (bzw. wird dort noch eine Rolle spielen gegen Ende). Elros' Tod stammt aus dem OS Bis zu unserem letzten Atemzug. Über die Zeit unmittelbar nach Elros Tod schreibe ich derzeit an einem OS. Wie Elrond und Elros zu Fürsten des Amon Ereb wurden, schrieb ich in Geister der Vergangenheit. Über Elronds Werdegang in Gil-galads Reich und vor allem wie es zum Krieg in Eregion kam, schreibe ich derzeit in einer anderen Longfic, die ich aber noch nicht veröffentlicht habe, Arbeitstitel Schatten im Osten (aka Ohta 2.0). Über die Gründung Bruchtals habe ich ebenfalls einen OS geschrieben, der soll aber später Teil von Ohta 2.0 werden: Yestare. Über Gil-galads Tod schrieb ich in Brenne!, allerdings werke ich auch da gerade an einer überarbeiteten Version (von der ich fürchte, dass sie ausufert wie dieser Text hier) und über das Letzte Bündnis allgemein in Mordors Schatten. Über Elrond und Celebrían habe ich ebenfalls eine Menge geschrieben: All die kleinen Dinge (kurz nach der Hochzeit) oder Der Herr von Imladris (sie begegen sich das erste Mal) zum Beispiel. Über Celebríans Ende habe ich drei OneShots geschrieben (alle schon etwas älter): Vilya, Eiseskälte und Memories.

Die Idee, Elrond noch ein paar Namen mehr zu geben, darunter Elenyafinwe, geht auf JazTheBard zurück.

Der Harfenist

Maglor öffnete eine Tür zu seiner Vergangenheit.

Der wohlvertraute Duft von alten Büchern schlug ihm entgegen, als er die Bibliothek betrat. Wie lange hatte er ihn nicht mehr genießen können? Er wusste es nicht. Zögernd ging er durch die Tür und sah sich um. Nahe bei der Tür war ein Tresen, hinter dem ein Elb saß, bei dem es sich wohl um den Bibliothekar handeln musste. Er schrieb etwas in ein Buch, doch als Maglor eintrat, hob er den Kopf.

»Kann ich dir helfen?«, wollte er wissen.

Maglor trat an den Tresen. »Mir wurde gesagt, ich finde hier etwas über die Geschichte Númenors.«

Der Elb musterte ihn von oben bis unten. »Du bist der Neuzugang?«

Maglor nickte. »Lindir ist mein Name.«

»Gut, Lindir, dann lass dir folgendes sagen: Ich bin Erestor, und obwohl diese Bibliothek Fürst Elrond gehört, ist sie mein Reich. Und jetzt folge mir.«

Maglor schmunzelte, als er Erestor folgte. Wie ein Drache seinen Hort, Elrond hatte nicht übertrieben. Erestor führte ihn zielstrebig zwischen den Regalen entlang, aber schon nach einem kurzen Blick sah Maglor, dass diese Bibliothek in der Tat mit einigen kostbaren Werken bestückt war. Nicht wenige davon kamen ihm bekannt vor. Er hatte sie einst aus den Flammen Doriaths und Arverniens gerettet. Dann sah er genauer hin und erkannte, dass es Abschriften waren. Ob die Originale noch existierten?

Schließlich blieb Erestor vor einem bestimmten Regal stehen. »Bitte sehr. Keine Ausleihe, nur Präsenznutzung. Wenn du Tinte und Pergament benötigst, musst du dir selbst welches mitbringen.«

»Ich danke dir.«

Erestor ließ ihn allein, und Maglor wandte sich den Büchern zu. Er betrachtete die Titel und wählte sich schließlich eine Handvoll Bücher aus, die vielversprechend klangen. Keines davon war die Akallabêth, die Elrond erwähnt hatte, aber diese war wahrscheinlich ohnehin zu kostbar, um sie einfach so in ein Regal zu stellen.

Mit den Büchern unter dem Arm setzte Maglor sich in eine Nische nahe eines Fensters und begann zu lesen. Er hatte viel aufzuholen, in dieser kurzen Zeit hatte Elrond ihm nie und nimmer einen vollumfänglichen Bericht geben können über all die Dinge, die seit damals geschehen waren. Außerdem hatte er selbst wichtige Dinge zu tun.

Maglor begann natürlich mit einer Aufzählung der Könige von Númenor. Mit einem bittersüßen Lächeln strich er über die Seiten. Tar-Minyatur stand dort ganz oben in kunstvoll verzierten Lettern. Sein kleiner Elros. Nie wieder würde er ihn sehen dürfen, nie wieder mit ihm lachen und ihn in den Schlaf singen können. Alles, was ihm blieb, war ein trockener Bericht in einem angestaubten Geschichtsbuch.

Dann schüttelte er diese Gedanken ab und begann zu lesen.

Irgendwann wurde die Stille der Bibliothek unterbrochen, als die Tür geöffnet wurde und Arwen hereintrat. Statt jedoch zu den Regalen zu gehen, trat sie an den Tresen und verwickelte Erestor in ein Gespräch.

»Hallo, Erestor«, grüßte sie ihn.

»Herrin, es ist immer wieder eine Wohltat, Euch hier zu sehen«, erwiderte er. »Schickt Euch Euer Vater, um zu lernen?«

Sie kicherte. »Erestor, du vergisst, dass ich kein kleines Mädchen mehr bin.«

»Natürlich.«

Maglor schmunzelte in sich hinein und widmete sich wieder seinem Buch. Dann bemerkte er, dass sich noch jemand in der Bibliothek befand und ganz offensichtlich bestrebt war, sich an ihn heranzuschleichen. Er blieb ruhig sitzen und ließ sich nicht anmerken, dass er Elladan und Elrohir entdeckt hatte. Die beiden waren leichtfüßig und ganz offensichtlich geübt darin, sich an ihre Opfer heranzuschleichen, doch für Maglor reichte es nicht. Er spürte ihre Schadenfreude, regte sich aber immer noch nicht, als sie etwas in die Tasche seines Umhanges gleiten ließen.

»Ich hoffe doch, dass ihr den armen Frosch bald wieder zurück zu seinen Freunden bringt«, sagte er trocken, als sie sich gerade wieder davon schleichen wollten.

»Frosch? Welcher Frosch?«, fragte Elladan unschuldig.

»Ich weiß von keinem Frosch. Du, Bruder?«

»Nein, ich weiß absolut nicht, von was Großvater da redet.«

Nun endlich wandte sich Maglor zu ihnen um, ein Lächeln auf den Lippen. »Es bedarf schon etwas mehr, um mich zu täuschen.«

»Freut uns auch, dich zu sehen, Großvater«, beteuerte Elrohir, offenbar etwas aus dem Konzept geworfen, dass Maglor ihnen so einfach auf die Schliche gekommen war.

»Und ja, wir bringen den Frosch zurück«, versprach Elladan.

»Aber denkt nicht einmal daran, das ›Ich bin mein Bruder‹-Spiel mit mir zu spielen«, warnte Maglor sie neckend. »Das haben sowohl euer Vater und sein Bruder mit mir versucht als auch meine jüngsten Brüder. Keiner von ihnen hatte Erfolg.«

»Wir würden nie im Traum daran denken. Nicht wahr, Elladan?«, beteuerte Elladan.

»Auf keinen Fall, Elrohir! Niemals!«, fügte Elrohir an.

Natürlich versuchten sie es dennoch. Maglor schmunzelte. »Was sagte ich gerade?«

Die Zwillinge schmollten. »Das ist gemein«, protestierte Elrohir. »Kaum jemand kann uns auseinanderhalten, und die, die es können, sind überwiegend mit uns verwandt. Wie machst du das?«

»Übung«, war Maglors simple Antwort. »Sagt, was führ euch her? Doch sicher nicht nur, um mir einen Frosch in die Tasche zu stecken.«

Elladan grinste. »Du bist eine harte Nuss, Großvater. Gut! Dann wird es nur umso spaßiger.«

Elrohir nickte. »Vater schickt uns«, beantwortete er dann Maglors Frage. »Er sagt, wir sollen dir das hier geben. Außerdem wollten wir dir sagen, dass es uns freut, dass es dir anscheinend besser geht.«

Er reichte Maglor eine Karaffe und einen Kelch. In der Karaffe befand sich eine klare, nach Honig riechende Flüssigkeit mit dem leisesten Hauch von Alkohol.

»Miruvórë«, stellte er erstaunt fest.

»Nein, miruvor«, sagte Elladan. »Aber Vater sagt, dass er den Wein der Valar im Sinn hatte, als er das hier ersonnen hat. Es ist ein Stärkungstrunk, sehr potent. Da gibt es diese eine unterhaltsame Geschichte, als Mutter einmal betrunken war, weil sie zu viel davon getrunken hatte.«

Maglor goss sich einen Schluck ein und probierte vorsichtig. Es war lange, wirklich sehr lange her, seit er das letzte Mal miruvórë hatte probieren dürfen. Damals war er noch jung gewesen und die Welt war so, wie sie hätte sein sollen. Er wusste nicht, wie Elrond es geschafft hatte, aber irgendwie kam sein miruvor dem Original sehr nahe.

»Ich danke euch«, sagte er zu den Zwillingen.

Da ihr Ablenkungsmanöver nun nicht mehr von Nöten war, hatte sich Arwen von Erestor verabschiedet, auch wenn sie noch immer so tat, als hätten sich ihre Brüder nie und nimmer heimlich hereingeschlichen, um Maglor einen Streich zu spielen. Sie kam zu ihnen und setzte sich zu Maglor in die Nische.

»Wie immer exzellente Arbeit, kleine Schwester«, lobte Elrohir.

»Es ist schön, noch immer auf dich zählen zu können!«, beteuerte Elladan.

Arwen lächelte. Dann wandte sie sich an Maglor. »Wie schön, dass du wieder zu Kräften kommst, Großvater. Ich habe dir ein kleines Geschenk mitgebracht. Nein, keinen Frosch.«

Sie überreichte ihm ein Paar Handschuhe aus feinstem Leder, das sie mit einem zarten Sternenmuster bestickt hatte. Wenn man genau hinsah, erkannte man in ihnen den Stern seines Vaters. Das Leder fühlte sich ausgesprochen weich und anschmiegsam an.

»Das ist sehr gütig von dir, Arwen«, bedankte er sich. Er legte seine alten Handschuhe ab, die er über den Bandagen getragen hatte, und probierte die neuen an. Sie trugen sich so angenehm, wie er vermutet hatte. Schon sehr lange hatte er nicht mehr etwas so Feines getragen.

»Dieser Ring an deinem Finger«, bemerkte Arwen. »Vater hat nie erwähnt, dass du verheiratet bist.«

Elladan sah ihn fragend an. »Und dabei hat er wirklich viel von dir erzählt.«

Maglor wandte den Blick ab und legte seine Hand auf seine Finger, als wolle er den Ring, den er verborgen unter dem Handschuh trug, vor unbefugten Augen schützen. »Weil ich es ihm nie gesagt habe«, sagte er leise.

Elrohir nickte. »Gut, dann … behalte deine Geheimnisse.«

Der Frosch quakte. Ungünstigerweise klang es sehr laut in der Bibliothek.

»Oh-oh«, bemerkte Elladan, musste jedoch grinsen. Sein Bruder erwiderte es.

Am anderen Ende des Raumes hob Erestor den Kopf. »War das ein Frosch?«

»Ich halte ihn auf, dann könnt ihr fliehen«, sagte Maglor mit gedämpfter Stimme. »Und nehmt den armen Frosch mit.«

»Wird gemacht!«, sagten die Zwillinge wie aus einem Mund.

Wie ähnlich sie Elrond und Elros doch waren!

Während die Zwillinge mit dem Frosch davonhuschten, stand Maglor auf und kam Erestor entgegen, als sei nichts geschehen. Erestor schien anscheinend Verdacht zu schöpfen, denn er sah sich zwischen den Regalreihen um und bewies dabei ein gutes Gespür für das, was hier eigentlich vor sich ging.

»Ereþtor, gut, dass du kommst«, sagte Maglor daher rasch. »Hättest du einen Moment Zeit für mich?«

»Ist es wegen dieses Frosches?«

»Welcher Frosch?«

Erestor musterte ihn misstrauisch. »Wie dem auch sei. Was brauchst du?«

»Ich lese immer wieder Referenzen auf diese Akallabêth und würde gern das Original studieren, wenn dies möglich ist.«

Anscheinend war der Frosch sogleich vergessen. »Das ist natürlich nicht so einfach möglich«, sagte Erestor. »Wir verwahren hier viele alte Werke auf, einige sind sogar bis ins Erste Zeitalter zurückzudatieren. Öffentlich zugänglich sind sie natürlich nicht, nur deren Abschriften, die wir von Zeit zu Zeit anfertigen. Aber ich kann dir Einsicht in das Original geben, wenn es für deine Studien wichtig ist. Unter Aufsicht natürlich.«

Maglor nickte. »Das wäre sehr hilfreich, ja.«

»Komm.« Erestor führte ihn in den hinteren Teil der Bibliothek. Eine schwere Eichentür trennte einen weiteren Bereich ab. Erestor holte ein Schlüsselbund aus seinem Gewand und öffnete die Tür. Als sie eintraten, befanden sie sich in einem lichtgeschützten Raum, in dem sich der Staub der Jahrhunderte gesammelt zu haben schien. Die Luft war trocken und roch nach altem Pergament.

»Hier verwahren wir die Originale«, erklärte Erestor mit gedämpfter Stimme, wie als wolle er diese alten Schriftstücke nicht aus ihrem Schlaf wecken.

Er zündete keine Kerze an, das wenige Licht, das durch die Tür fiel, musste ihnen reichen. Erestor griff nach einem Paar Stoffhandschuhe, die nahe der Tür auf einer Anrichte lagen, und führte Maglor durch das Archiv. Maglor holte tief Luft und genoss den Geruch des Wissens.

»Das hier ist ein ganz besonderer Schatz«, wisperte Erestor und deutete auf einige Pergamentrollen. »Originale aus der Feder Daerons von Doriath, lediglich ein wenig angesengt. Ich kann ihre Echtheit bestätigen. Es ist ein Wunder, dass sie die Zeit so gut erhalten überdauert haben!«

Maglor musste an sich halten, um nicht einen verräterischen Kommentar fallen zu lassen. Er hätte dieses Verbrechen an der Kunst damals einfach verbrennen lasen sollen! Aber nein, er hatte es ja unbedingt retten müssen.

»Und hier haben wir das Original der Narn i Hîn Húrin«, fuhr Erestor fort. »Leider nicht ganz so gut erhalten, einige Teile sind nur noch schwer zu entziffern. Dírhaval starb in Verteidigung seines Werkes, sein Blut auf den Seiten zeugt davon.«

Maglor presste die Lippen fest aufeinander, als er sich jenes Tages erinnerte, als er mit seinen Brüdern nach Arvernien gekommen war. Dírhaval war auf seinem Schwert gestorben. Er hatte gebettelt und gefleht und Maglor seine kostbare Narn geopfert im Tausch gegen Gnade für seine Herrin Elwing. Maglor hatte ihn dennoch kaltblütig ermordet und ihm die Seiten aus den toten Fingern gerissen. Wenn Erestor doch nur wüsste. Doch Maglor hütete seine Zunge und sagte nichts dazu.

»Zeige mir bitte die Akallabêth«, sagte er stattdessen.

»Natürlich.«

 

Später an diesem Tag fand Maglor Aragost in einem der Arkadengänge des Hauses. Der Mann hatte ordentlich gekämmtes Haar und trug feine Roben. Irgendwie schaffte er es, darin sowohl wie ein Prinz als auch ein Waldläufer auszusehen.

»Ich habe dich kaum wiedererkannt, Freund Aragoþt«, sagte Maglor leichthin, als er sich neben ihn an das Geländer lehnte und den Blick über das Tal schweifen ließ.

Aragost räusperte sich verlegen. »Nun ja. Nicht meine bevorzugte Kleidung, muss ich gestehen.«

Eine etwas unangenehme Stille legte sich zwischen sie. Aragost regte sich.

»Ihr seid also Maglor Feanorion…«, begann er verlegen.

»Es besteht kein Grund für diese Formalitäten«, versicherte Maglor ihm. »Du kannst mich gern weiter Lindir nennen, wenn du das wünschst. Mit diesem Namen habe ich meinen ersten Freund seit … seit wirklich sehr langer Zeit kennengelernt.«

Aragost lächelte. »Na gut. Dann eben Lindir. Das ist ohnehin leichter zu begreifen. Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich dich einfach so in dieser Spelunke aufgelesen haben soll wie ein verlorenes Gepäckstück.«

»Aber bin ich das nicht? Verloren im Nebel der Zeit.«

»Geht es dir mittlerweile besser?«, wollte Aragost wissen. »Du wirkst so … realer. Als würdest du nicht mehr jeden Augenblick zerbrechen, wenn ich dich nur ein klein wenig berühre.«

Maglor lächelte bitter. »Ich habe die Scherben meines Selbst zusammengekehrt und wieder zusammengefügt. Doch es bedarf nur eines leichten Windhauchs, um sie wieder umzustoßen.«

»Ich will nicht sagen, dass ich deinen Schmerz verstehe. Das kann vielleicht niemand. Aber zumindest manche Dinge verstehe ich mittlerweile besser.«

»Bist du mir böse, dass ich dir verheimlicht habe, wer ich wirklich bin?«

Energisch schüttelte Aragost den Kopf. »Nein, auf keinen Fall! Ich kann mir vorstellen, warum du das getan hast.«

Maglor richtete seinen Blick wieder auf das Tal. »Ich weiß nicht, ob ich froh bin, dass alles so kam, wie es kam. Aber doch war es irgendwie eine schöne Zeit, als niemand wusste, wer ich wirklich bin.«

»Ich habe dich als Lindir kennengelernt, als einen guten Freund, der den Wert von Schweigen zu schätzen weiß«, sagte Aragost. »Und der wirklich, wirklich gute Musik spielt. Maglor hingegen, das ist für mich eine sagenumwobene Gestalt aus grauer Vorzeit, die so unfassbar lang her ist, dass sie genauso gut den Mythen und Legenden entsprungen sein kann. Für mich wirst du immer Lindir bleiben.«

»Aber das ist eine Lüge. Lindir ist eine Lüge …«, wisperte Maglor.

»Nein, ist er nicht. Du bist dieser Elb, der melancholische Lieder singt und ein Herz für kleine Kinder hat.«

»Ich bin aber auch ein Sippenmörder. Ich habe mit diesen Händen das Blut Unschuldiger vergossen im vergeblichen Versuch, unseren Eid zu erfüllen. Und dann hielt ich meinen þilmaril in den Händen und er verbrannte mir das Fleisch, und ich wusste: All diese Elben waren umsonst gestorben. Du kannst diese immense Schuld nicht ermessen.«

»Nein, das kann ich nicht. Du hast recht. Aber ich weiß, dass wir alle mehr als nur unsere Taten sind. Jeden Tag, den ich da draußen verbringe und die Ruinen Arthedains sehe, erinnere ich mich meiner Herkunft. Die Schatten meiner Ahnen ragen wie Riesen über mir auf und die Last der Vergangenheit drückt meine Schultern nieder. Aber das einzige, was zählt, ist das Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist vergangen. Das alles ist schon längst vorbei. Nichts davon passiert jetzt und in diesem Moment. Jetzt zählt nur, dass wir den nächsten Schritt gehen. Und danach noch einen und immer weiter.«

Maglor schwieg und sagte nichts dazu. Er starrte lediglich weiter auf das Tal hinaus.

»Was wirst du jetzt machen?«, wollte Aragost wissen.

Eine plötzliche Idee überkam Maglor. »Vielleicht baue ich Harfen. Ich habe früher alle meine Harfen selbst gebaut, auch die der Zwillinge. Elrond hat seine immer noch, auch wenn Elroþ‘ leider verloren ging. Aber was auch immer ich mache, ich werde bleiben. Elrond braucht seinen Vater.«

Aragost warf ihm einen Seitenblick zu. »Aber ich werde dich nicht Opa nennen.«

»Was?« Maglor sah ihn fragend an.

Der Mann lachte. »Tar-Minyatur war mein Urahn, und du hast ihn und Meister Elrond adoptiert; so viel haben mir Elladan und Elrohir verraten.«

Maglor lachte in sich hinein. »Schlimm genug, als ich eines Tages Onkel Makalaure war. Opa ist schlimmer! Sieh, ich bekomme schon graue Haare.«

Aragost knuffte ihn in die Seite. »So gefällst du mir. Aber sag, hättest du etwas dagegen, ein Stück mit mir zu gehen? Mein Sohn trainiert mit Glorfindel und ich habe ihm versprochen, dabei zuzusehen.«

Maglor nickte, und sie beide begaben sich zum Übungsgelände weiter unten im Tal. Eine in den Fels geschlagene Serpentinentreppe führte das Plateau hinab, auf dem das Haus stand, und verband es mit der Siedlung im Tal. Die Architektur war bemerkenswert, Elrond musste wirklich gute Baumeister haben. Denn dafür, dass dieser Ort einst als befestigte Zuflucht vor dem Feind gegründet worden war, sah man davon erstaunlich wenig, so subtil waren die Verteidigungsanlagen in die Architektur eingebunden. Hinzu kam, dass Elronds Magie das Tal beschütze, wahrscheinlich weitaus effektiver, als jede Mauer es vermocht hätte. Sein kleiner Junge hatte so viel erreicht.

Sie erreichten die Garnison, wo bereits Glorfindel den armen Aravorn umher scheuchte.

»Ein Krieger benötigt Ausdauer, Junge!«, instruierte er soeben, als Aravorn hechelnd eine weitere Runde am ihm vorbei rannte.

Aragost lehnte sich an ein Geländer und winkte seinem Sohn zu. Aravorn strahlte und schien von irgendwoher neue Kraft zu nehmen. Er rannte schneller.

»Gnadenlos wie immer«, bemerkte Aragost und deutete auf Glorfindel. »Kennst du ihn aus seinem früheren Leben?«

»Eitler Gockel«, bemerkte Maglor mit einem Grinsen. »Turukáno mochte es, sich mit Exzentrikern zu umgeben, da wundert es mich nicht, dass auch Laurefindele darunter war. Ja, Turukáno war mir nicht der liebste meiner Vettern, aber das beruht immerhin auf Gegenseitigkeiten.«

In der Zwischenzeit hatte Glorfindel sie bemerkt. Als er Maglor sah, verfinsterte sich sein Gesicht. Er bedeutete Aravorn weiterzulaufen und kam auf sie zu.

»Was hast du hier zu suchen?«, verlangte er zu wissen. Sein Blick bohrte sich in Maglor. »Spionierst du?«

Maglor mahnte sich zur Ruhe, obgleich Glorfindel seine Geduld sehr auf die Probe stellte. »Ich begleite lediglich einen Freund zu seinem Sohn.«

»Ich behalte dich im Auge, Sippenmörder.«

»Lindir«, erinnerte Maglor ihn trocken.

Wenn Blicke töten könnte, würde er sicher in diesem Moment vom Blitz getroffen werden. Mit einem Schnauben wandte Glorfindel sich ab. Mit sichtlichem Unbehagen sah Aragost ihm nach.

»So kenne ich ihn gar nicht«, bemerkte er.

»So sind die meisten, die mir begegnen und die wissen, was ich tat«, sagte Maglor emotionslos.

»Er wird darüber hinweg kommen, da bin ich sicher.«

»Nein, wird er nicht.«

Daraufhin schwieg Aragost.

Auf dem Platz scheuchte Glorfindel Aravorn eine weitere Runde über die Laufbahn.

Nach einer Weile kamen Elladan und Elrohir zu ihnen. Sie lehnten sich zu ihnen an die Absperrung und beobachteten, wie Glorfindel Aravorn schindete.

»Zumindest mussten wir alle da durch«, bemerkte Elladan.

»Gleiches Recht für alle«, fügte sein Bruder an.

»Sag einmal, Großvater, würdest du mit uns die Klingen kreuzen?«

»Du warst einst ein großer Krieger und …«

»Nein!«, unterbrach Maglor sie scharf. »Ihr führt die Klingen meiner Brüder, das muss genug sein. Ich rühre keine Waffe mehr an, nie wieder.«

Elrohir trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Entschuldige bitte, sollten wir dir zu nahe getreten sein.«

Die Stimmung wurde gerettet von Aravorn, der zu ihnen kam. Anscheinend hatte Glorfindel ihn aus seinen Klauen entlassen. Der Junge atmete schwer und sein Gesicht war gerötet von der Anstrengung, aber dennoch fand er noch immer genug Energie, um seinem Vater in die Arme zu springen.

»Papa, jetzt kann ich dir zeigen, wie gut ich schon mit dem Schwert bin! Ich fordere dich zum Duell heraus!«, platze er heraus.

»Das hat er von uns«, wisperte Elrohir Maglor zu. Ein schelmisches Glitzern lag in seinen Augen.

Maglor schmunzelte und hob spöttisch eine Augenbraue. Elladan und Elrohir schnappten nach Luft.

»Diese Augenbraue!«, rief Elladan aus.

»Das hat Vater von dir

»Grundgütiger!«

Maglor sah sie fragend an. »Ich verstehe nicht so recht …«

»Vater starrt jeden zu Grund und Boden!«

»Absolut jeden.«

»Glorfindel mit eingeschlossen.«

»Dieser Blick ist unheimlich.«

»Papa, ich habe dich herausgefordert!«, unterbrach Aravorn sie. »Nimmst du an wie ein Ritter oder bist du feige wie ein Ork?«

»Wie ein Ork?«, sagte Aragost gespielt drohend. »Na, das kann ich mir doch nicht bieten lassen!«

Gemeinsam mit seinem Sohn betrat er das Übungsgelände und holte zwei kurze Übungsschwerter aus Holz. Aravorn protestierte, weil er mit scharfen Klingen kämpfen wollte, kam damit jedoch freilich nicht durch. Die Ausdauer des Jungen war bemerkenswert.

Aravorn machte großes Gewese um seine bisher erlernten Fähigkeiten und überschätzte sich maßlos, aber Aragost spielte mit, um seinem Sohn eine Freude zu machen. Lächelnd beobachtete Maglor sie.

»Danke für das Ablenkungsmanöver in der Bibliothek«, sagte Elladan. »Erestor hatte sicher schon den Braten gerochen, aber dank dir konnten wir entkommen.«

»Und wir haben den Frosch wieder zurück zu seinen Freunden gebracht«, fügte Elrohir an. »Er war ein wirklich tapferer Komplize.«

»Vielleicht sollten wir ihn nach dir benennen.«

»Oh, bitte nicht!«, sagte Maglor, jedoch mit einem Lachen auf den Lippen. »Wenn ihr das tut, dichte ich Spottlieder über euch.«

»Ich erzittere in Furcht.« Elrohir grinste.

»Hat dir Erestors Schatzkammer gefallen?«, wollte Elladan wissen.

»Er ahnt nicht, dass die meisten Bücher darin einst mir gehörten«, sagte Maglor. »Auch wenn ich ganz offen sagen muss, dass Daerons ›Dichtkunst‹, wenn man es denn so nennen will, nun wirklich nicht das Pergament wert ist, auf dem es geschmiert wurde. Statt es zu retten, hätte ich es in Doriath verbrennen lassen sollen.«

Elladan sah ihn spöttisch an. »Ist da jemand neidisch?«

Maglor hob stolz den Kopf. »Diesen Wichtigtuer als besten Barden zu bezeichnen, war einzig und allein Propaganda Thingols gegen die Noldor. Jeder weiß, dass mir dieser Respekt gebührt.«

»Ohh, Bescheidenheit ist auf keinen Fall deine Zierde«, bemerkte Elrohir. »Das hat Vater also nicht von dir.«

»Wir Feanorer sind in allem, was wir tun, die besten, und wir wissen es«, betonte Maglor. »Aber wie war das letzte?«

»Vater ist furchtbar geizig mit seiner Musik«, beschwerte sich Elladan. »Er spielt so gut wie nie vor anderen als seiner Familie, und selbst wir müssen ihn jedes Mal wochenlang bearbeiten, bis er sich erweichen lässt.«

»Nun, jetzt habt ihr ja mich«, sagte Maglor. »Ihr werdet keine bessere Musik hören als meine.«

Im Hintergrund rangen Aragost und Aravorn mittlerweile lachend und mit bloßen Fäusten am Boden. Beinahe war es wieder wie damals in Tirion, als die Welt noch in Ordnung gewesen war.

Wer mehr über Maglors Frau lesen will, darf gern in Liebe ist närrisch hineinlesen!
Die Zwerge

Maglor blieb in Bruchtal und irgendwie wurde es sein Heim. Wie er es Aragost gesagt hatte, eröffnete er eine kleine Werkstatt und begann Harfen zu bauen. Schnell sprach sich sein Geschick herum und alsbald waren seine Harfen gefragte Kunstobjekte. Niemand erriet, wer Lindir wirklich war.

Was Glorfindel anging, wich Maglor ihm einfach die meiste Zeit aus. Irgendwie kamen sie schon miteinander aus, auch wenn es wohl hauptsächlich daran lag, dass Elrond sehr deutliche Worte gesprochen hatte. Außerdem war Glorfindel dem Herrn, den er sich erwählt hatte, treu bis zum letzten Atemzug, und das war nun Elrond; immerhin war er in der Tat ein Nachfahre Turgons.

Von Zeit zu Zeit verließ Maglor mit Elladan und Elrohir das Tal, um gemeinsam mit Aragost Orks zu jagen. Noch immer rührte er keine Waffe an und würde es auch nie wieder tun, dennoch stellte er sich den Gefahren der Wildnis.

Eines Tages legte sich Arahad zur Mittagsruhe hin und wachte nicht mehr auf. Aragost wurde der Häuptling der Dúnedain und nun war es an seinem mittlerweile erwachsenen Sohn Aravorn, gemeinsam mit den Elben auszuziehen und unbescholtene Menschen vor den Schrecken des Feindes zu bewahren. Er hatte nie erfahren, dass Lindir in Wahrheit Maglor war, und so blieb es ein Geheimnis unter den Dúnedain. Sie schienen ihn ohnehin als guten, wenn auch verschwiegenen Freund akzeptiert zu haben, der gelegentlich zu ihnen zurückkehrte.

So gingen die Jahre ins Land. Maglor sah Aravorn aufwachsen und zu einem stolzen und starken Mann heranreifen. Gleichzeitig wurde Aragost alt und grau und folgte eines Tages seinem Vater nach. Maglor betrauerte seinen Tod, doch irgendwie war es ein bittersüßer Schmerz und keiner, der die Seele zerschmetterte. Die Dúnedain kamen und gingen, doch Maglor und die Zwillinge blieben.

Über die Jahre kamen viele junge Dúnedain zu Elrond, um von ihm zu lernen. Maglor hütete sich, eine allzu starke emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen, denn kaum dass sie in die Welt gekommen waren, gingen sie auch schon wieder. Eines Tages erreichte sie die Nachricht, dass Arathorn lange vor seiner Zeit von einem Orkpfeil getötet worden war. Seine Frau Gilraen kam mit ihrem zu jungen Sohn Aragorn nach Bruchtal, um hier Schutz vor dem Feind zu suchen. Es wurde beschlossen, die Identität des Jungen geheim zu halten und ihn Estel zu nennen. Maglor spürte, dass etwas an diesem Jungen besonders war. Etwas, das ihn besonders stark an Elros erinnerte. Estel war anders als seine Vorfahren.

Maglor sang seine Lieder und baute seine Harfen und die Zeit außerhalb des Tals schien keine Rolle mehr zu spielen. Irgendwie hatte er seinen Frieden gefunden. Doch er sah die Bruchstellen, wo seine fea zersplittert war, und er wusste, dass er sie nie wieder würde zusammenfügen können, wie sie einst in Valinor gewesen war. Es bedurfte nur eines leisen Hauchs, um das Kartenhaus zusammenfallen zu lassen und ihn wieder zu dem Geist werden zu lassen, der er gewesen war.

Und dann, eines Tages, kamen Zwerge in das Tal.

Maglor wollte an diesem Tag seine neue Lyra ausprobieren und war mit ihr das Tal hinabgegangen, weg von der Siedlung. Er bevorzugte es, neue Instrumente und Lieder abseits von aller Zivilisation auszuprobieren. Hier hatte er Ruhe und war ganz allein mit sich und der Musik. Manchmal brauchte er diese Momente einfach, oftmals wenn er sich wieder einmal überwältigt fühlte von der Gesellschaft anderer. So ganz hatte er sich noch immer nicht daran gewöhnt, wieder unter Elben zu sein.

Er hörte sie schon von weitem durch die Natur trampeln. Hastig verbarg er sich hinter einigen Bäumen und beobachtete die Gruppe. Er zählte dreizehn Zwerge, einen Hobbit und, zu seinem größten Erstaunen, einen der Ainur, gekleidet in die Gestalt eines alten Mannes mit Bart und grauer Robe. Er trug einen der Drei bei sich, verborgen, doch nicht für Maglor. Elrond hatte ihm davon erzählt, von den Istari, die nach Mittelerde gekommen waren. Dies musste Gandalf sein, den er vor langer Zeit in Valinor gesehen hatte. Welch sonderbare Begegnung.

»Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist, Gandalf?«, fragte einer der Zwerge, der wohl ihr Anführer war. »Die Ponys finden kaum einen sicheren Tritt hier.«

»Ich bin sicher, Thorin!«, betonte Gandalf, offenbar nicht zum ersten Mal. »Natürlich bin ich das, schließlich war ich schon oft hier.«

»Erzähl mir noch einmal von diesem Ort«, bat der Hobbit.

»Gemach, Herr Beutlin«, mahnte Gandalf. »Du wirst bald schon den Meister dieses Tales kennenlernen. Lege deine besten Manieren auf, Bilbo, denn er ist ein sehr weiser und mächtiger Herr. Das gilt für euch alle.«

»Du führst uns zu Elben, Gandalf«, gab ein Zwerg mit weißem Bart und roter Kapuze zu denken. »Ich habe Elben nie getraut.«

»Mein Bruder hat Recht«, fügte ein anderer an. »Elben kann man nicht trauen. Die hecken immer irgendetwas aus. Wer sagt uns, dass dieser ›weise Hausherr‹ uns tatsächlich hilft und uns nicht einfach wieder davonjagt?«

»Ich sage das«, sagte Gandalf mit Nachdruck. »Und wenn ihr wirklich so von den Elben dieses Tals denkt, dann seid ihr selbst nicht allzu weise, Balin und Dwalin.«

Die Zwerge schwiegen beleidigt, doch der Hobbit sah sich mit leuchtenden Augen um. Maglor beschloss aus einem spontanen, nicht wirklich durchdachten Gedanken heraus, ihnen einen gebührenden Empfang zu bieten.

Er schlich sich davon und erklomm einen Baum nahe einer Lichtung, über die der Weg der Zwerge führte. Dann wartete er. Als sie soeben die Lichtung betraten, stimmte er ein Lied an, das er sich noch während des Singens ersann. Improvisation war schon immer eine seiner besten Fähigkeiten gewesen.

 

Was sehen wir denn da, wer kommt da zu Pferde

Mit wehenden Bärten herab bis zur Erde?

Die Kurzen und die Breiten!

Ja, könnt ihr denn reiten?

 

Wohin denn so eilig, und was wollt ihr suchen?

Es riecht schon erfreulich nach Braten und Kuchen.

Eure Ponys sind müde,

Nun lauscht unserem Liede!

 

Was gibt‘s zu berichten an Dichtung und Wahrheit?

Erzählt uns Geschichten, dass sich das Haar sträubt!

Ihr könnt heut nicht weiter,

drum steigt ab, ihr Reiter!

 

Die Zwerge suchten nach ihm in den Bäumen und schüttelten empört ihre Fäuste, doch fanden sie ihn nicht. Indes waren auch andere Elben hinzugekommen und griffen Maglors Spottverse auf, sehr zum Missfallen der Zwerge. Gandalf schien bei Maglors Lied aufzumerken, doch Maglor huschte davon, um nicht entdeckt zu werden.

Er wusste nicht, was er davon halten sollte, dass ein Ainu nach Imladris gekommen war. Elrond hatte ihm freilich vom Weißen Rat erzählt, und bisher hatte er dessen Angehörige effektiv meiden können. Und hatte Elrond nicht auch erwähnt, dass ein Treffen des Rats anstand? Maglor war so versunken in seine Musik gewesen, dass er die Zeit aus den Augen verloren hatte. Nun, wann hatte er sich schon jemals in den letzten Jahrtausenden um Zeit geschert?

Er musste mit Elrond reden!

Maglor eilte zum Haus zurück. In der Tat wurde hier bereits eine Speisung für die Neuankömmlinge vorbereitet; Elrond wusste natürlich, wer in sein Tal gekommen war. Er fand Elrond in der Feuerhalle.

»Lindir, was ist? Ist etwas geschehen?«, fragte er, als er Maglor auf sich zueilen sah. In der Öffentlichkeit nannte er ihn immer bei diesem Namen.

»Ich muss hier weg und du musst mir dabei helfen!«, sagte Maglor sogleich.

Elrond sah ihn fragend an. »Wieso? Es besteht kein Grund dazu.«

»Du weißt von dem Istar, der soeben das Tal betreten hat«, sagte Maglor mit gedämpfter Stimme. »Und dann fiel mir wieder ein, was du über deinen Weißen Rat erzählt hast. Sie werden wissen, wer ich bin! Und Artaniþ wird ganz bestimmt nicht erfreut sein, ihren totgeglaubten Vetter wiederzusehen.«

Was zumindest auf Gegenseitigkeiten beruhte, überlegte Maglor für sich. Er hatte Galadriel nie leiden können und ganz bestimmt nicht, nachdem sie seinen Vater auf diese höchst unangebrachte Weise abgewiesen hatte.

»Beruhige dich«, sagte Elrond sanft. Maglor spürte, dass er ihm einen kleinen mentalen Schubs mit Vilya gab. »Was fürchtest du, was passieren könnte?«

Maglor sah ihn scharf an und hob seine behandschuhten Hände. »Das weißt du genau. Manwes Fluch lastet noch immer auf mir.«

»Und doch bist du hier«, erwiderte Elrond.

Maglors Gedanken überschlugen sich. Wie hatte er nur so nachlässig sein können? Der Frieden des Tals hatte ihn eingelullt! »Ich hätte nie herkommen dürfen«, schimpfte er leise. »Ich hatte dich nie mit in diese Sache hineinziehen wollen, und nun das. Unverzeihlich!«

Elrond wollte schon etwas darauf erwidern, wurde jedoch von Rethtulu unterbrochen, als dieser die Halle betrat. »Herr, Eure Gäste sind eingetroffen. Ceomon führt sie her.«

Maglor fühlte sich in die Ecke gedrängt und er hasste dieses Gefühl. Es weckte seine alten Kämpferinstinkte. Er witterte die Gefahr und er wollte sich ihr erwehren, indem er ihr mit dem Angriff zuvorkam. Aber Gandalf war ein Ainu und er, obgleich ein Sohn Feanors, doch nur ein einzelner Elb.

Gandalf betrat, gefolgt von den Zwergen und Bilbo dem Hobbit, die Feuerhalle. Er sah Maglor und erkannte ihn. Erstaunlicherweise ging Maglor daraufhin nicht sofort in Flamen auf. Und was noch viel verblüffender war: Gandalf sagte kein Wort zu Maglors Anwesenheit. Stattdessen tat er, als sei er ein Elb wie jeder andere auch und beachtete ihn nicht weiter, als er zu Elrond trat und sich leicht vor ihm verneigte. Die Manieren der Zwerge waren trotz ihrer Abneigung Elben gegenüber gut genug, um es ihm gleich zu tun. Ihre Bärte wischten über den Boden.

»Le suilon, heron Elrond. Ich bin erfreut, erneut Eure Gastfreundschaft genießen zu können«, begrüßte Gandalf Elrond.

»I mâr nîn i mâr dhîn«, erwiderte Elrond. »Wie immer stehen Euch meine Türen offen, Mithrandir. Und auch Euch und Eure Begleiter heiße ich in meinem Haus willkommen, Thorin Thráinthrórssohn. Euer Name ist in diesem Haus wohlbekannt.«

Thorin wirkte verblüfft, dass Elrond anscheinend über ihn Bescheid wusste. Dennoch trat er vor und verbeugte sich erneut. »Gandalf hatte vielleicht doch Recht mit dem, was er über diesen Ort sagte. Ihr scheint gut unterrichtet über den Grund unseres Kommens.«

Maglor bemerkte den gedanklichen Austausch zwischen Gandalf und Elrond, der unbemerkt von den Sterblichen zwischen ihnen vonstatten ging. Jetzt wusste Elrond in der Tat Bescheid.

»Durchaus«, sagte Elrond lediglich. »Kommt, Ihr hattet eine beschwerliche Reise und sollt nun ruhen. Euch soll eine Unterkunft sowie Speise und Trank gewährt werden.«

Ceomon und Rethtulu führten die Sterblichen fort, doch Gandalf blieb. Nun wandte er seine Aufmerksamkeit auf Maglor, welcher sich im Hintergrund gehalten hatte. Maglor stählte sich für das Kommende. Er hatte weitaus Schlimmeres überstanden, und auch wenn Gandalf ein Gesandter Manwes war, so war er doch nur ein Maia. Maglor reckte das Kinn.

»Es erstaunt mich, Euch hier zu sehen«, war jedoch alles, was Gandalf zu sagen hatte. »Es hieß, Ihr seid vor langer Zeit verschwunden.«

»Dinge, die verloren gehen, können wiedergefunden werden«, sagte Maglor trocken und lieferte sich ein Blickduell mit Gandalf. Keiner von ihnen gab nach.

»Ein hübscher Vers war das«, bemerkte Gandalf schließlich mit gekünstelter Höflichkeit. »Zumindest Eure scharfe Zunge habt Ihr nicht verloren.«

Maglors Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Manche Dinge gehen eben nie verloren.«

Gandalf sagte daraufhin nichts. Stattdessen verbeugte er sich erneut vor Elrond, dann ging er. Maglor atmete auf und spürte erst jetzt, wie angespannt er war. Er ballte die Hände zu Fäusten, schloss die Augen und atmete tief durch. Zumindest war er nicht sofort in Flammen aufgegangen.

Er wünschte Elrond eine gute Nacht und flüchtete sich dann in seine Werkstatt. Elrond ließ ihn wissen, dass er nichts zu befürchten hatte, aber Maglor war nicht überzeugt. Er hatte sich in seiner Vergangenheit schrecklicher Verbrechen schuldig gemacht, und Elrond wusste dies nur zu gut. Nicht einmal er konnte alles entschuldigen von dem, was Maglor getan hatte. All die Jahre war Maglor vor seiner Vergangenheit geflohen, doch das war nun nicht mehr möglich. Nun hatte sie ihn endgültig eingeholt und sein Richtspruch erwartete ihn.

Am Nachmittag des nächsten Tages kam Ceomon zu ihm in die Werkstatt. »Herr Elrond schickt mich, Herr. Er wünscht, dass Ihr heute Abend beim Essen mit den Gästen anwesend seid.«

Bei geselligen Anlässen hatte Maglor in der Vergangenheit oft die Musik gespielt und war mehr oder weniger offiziell der Harfenist Bruchtals. Elrond hatte ihm einmal gesagt, dass er ganz froh darum war, weil nun niemand mehr von ihm erwartete, die Harfe zu spielen. Maglor war empört gewesen, dass sein Sohn so sehr mit seinem Können hinter dem Berg hielt, hatte ihn aber nicht erweichen können. Diese Sturheit hatte er ganz sicher von Maedhros.

Dieses Mal jedoch verspürte Maglor keine sonderlich große Motivation, seine Musik erklingen zu lassen.

»Dann sag ihm, dass ich das nicht wünsche«, erwiderte er.

Ceomon räusperte sich. »Herr, er meinte auch, dass Ihr das wohl sagen würdet, und lässt daher ausrichten, dass es ihm ein ganz besonderer Herzenswunsch sei, wenn Ihr heute Abend die Harfe spielt. Und außerdem … Darf ich offen sprechen?«

Maglor nickte. »Du darfst. Das weißt du.«

Ceomon suchte nach den richtigen Worten. »Mithrandir ist … anders, als Ihr denkt«, sagte er dann. »Ihr fürchtet den Richtspruch der Valar zu Unrecht. Herr, ich stand in nahezu allem, was Ihr getan habt, an Eurer Seite. Was auch immer Euch zulasten gelegt wird, kann auch mir angelastet werden. Mithrandir weiß das, und doch hat er nie über Rethtulu oder mich geurteilt.«

»Ihr seid nur Gefolgsleute, doch ich gab die Befehle.«

»Mord ist Mord, egal wer den Befehl gab und wer das Messer führte.«

Erstaunlicherweise fand Maglor sich daraufhin sprachlos wieder. Er starrte Ceomon an. Wie konnte er nur weitermachen, als sei nichts geschehen? Als hätten sie nicht gemeinsam die Welt dem Untergang preisgegeben? Was war es, das Ceomon nie hatte brechen lassen? Es war Maglor ein Rätsel.

»Wir taten, was wir taten, und nun bleibt uns nur, damit zu leben. Doch wir können entscheiden, wie wir damit leben«, fuhr Ceomon fort. »Mithrandir hätte schon längst ein Urteil gefällt, wenn er denken würde, wir hätten eine Strafe noch immer verdient.«

Maglor sagte daraufhin nichts. Ceomon verbeugte sich und ging. Einige Zeit später verstaute Maglor seine große, siebenundvierzigsaitige Harfe sicher in ihrer Tragetasche und ging hoch zum Haus. Es war nicht das antike Stück, das er all die Jahre seiner Wanderschaft bei sich getragen hatte, sondern eines jener Instrumente, die er in Bruchtal gebaut hatte. Dieses hatte er ganz für sich allein angefertigt, ein Kunstwerk aus verschlungenen Ornamenten und goldenen und silbernen Beschlägen. Eine Nachbildung seiner liebsten Harfe, die er damals in Fornost hatte zurücklassen müssen. Fuß, Säule und Kopf bildeten zusammen die Zwei Bäume Laurelin und Telperion.

Elrond erwartete ihn natürlich bereits, zeigte sich aber dennoch äußerst erfreut, dass Maglor seiner Bitte nachgekommen war.

»Es ist wohl ein gutes Zeichen, dass ich noch nicht in Flammen aufgegangen bin«, sagte Maglor.

»Machst du dir Sorgen wegen Mithrandir?«, wollte Elrond wissen.

»Du weißt, dass ich Ainur nicht traue. Immer, wenn sie sich einmischen, passiert etwas Schlimmes.«

»Ich weiß nicht, was deine Erfahrungen mit Mithrandir sind. Aber ich kann dir versichern, dass du vor ihm nichts zu befürchten hast. Du sagtest es doch selbst: Du bist noch nicht in Flammen aufgegangen.«

»Nicht, dass du es zulassen würdest.«

»Nein.«

Und das war der Teil, der Maglor am meisten Sorge bereitete. Sollte wirklich ein Urteil über ihn gefällt werden, würde sich Elrond mit Sicherheit auf seine Seite stellen und sich damit selbst in große Schwierigkeiten bringen. Maglor konnte das nicht zulassen. Der Eid war eine Sache, die allein Feanor und seine Söhne betraf. Es war tragisch genug, dass es bereits mit Celebrimbor solch ein schlimmes Ende hatte nehmen müssen. Es durfte nicht auch noch Elrond treffen.

»Ich glaube, du wirst Bilbo mögen«, wechselte Elrond das Thema. »Er ist sehr interessiert an Geschichte, aber auch Musik. Und vielleicht findest du die Zwerge ja auch nicht allzu unausstehlich. Thorin spielt die Harfe.«

»Bestimmt malträtiert er die Saiten, als hätte er einen Hammer in der Hand«, ging Maglor darauf ein. »Zwerge haben keinen Funken Eleganz in sich. Warum sind sie überhaupt hier, wobei sollst du ihnen helfen?«

»Thorin entstammt der Linie Durins und will Erebor für sich beanspruchen als König unter dem Berge. Er hat eine Karte Thrórs bei sich, die angeblich einen geheimen Weg in den Berg weist.«

»In einen Berg, in dem ein Drache schläft«, gab Maglor zu bedenken. »Es gibt einfachere Wege, sich das Leben zu nehmen.«

»Mithrandir hat andere Pläne mit dem Drachen. Ich stimme mit ihm darüber überein, dass Smaug eine Gefahr darstellt, so lange er lebt und sich mit Sauron zusammentun könnte. Und wir wissen nicht, wo Sauron sich derzeit verbirgt.«

»Was ist mit diesem Schatten im Düsterwald?«

Elrond senkte die Stimme. »Eben das befürchten Mithrandir und ich.«

»Also hat er diese Zwerge dazu angestiftet, sich ihr Königreich zurückzuholen und dabei den Drachen für ihn zu beseitigen«, schloss Maglor. Es bestätigte ihm nur, was er ohnehin über die Ainur dachte. Sie benutzten stets andere, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Sie gingen gemeinsam zu einer der Terrassen des Hauses, wo bereits das Festmal für die Gäste des Hauses vorbereitet wurde. Sie fanden Bilbo vor in Begleitung Estels, welcher anscheinend einen Narren an dem Hobbit gefressen hatte. Elrond erlöste Bilbo von seiner Rolle als Kindermädchen und nahm sich des Jungen an, während Maglor sich zur Seite der Terrasse begab. Hier befand sich ein leicht erhöhtes Podest, das er nutze, um von dort seine Harfe zu spielen. Er begann das Instrument zu stimmen. Er bemerkte, wie Bilbo ihn beobachtete, sich ihm aber nicht näherte.

Kurze Zeit später traf auch Gandalf ein, welcher sich zu Elrond begab. Bald darauf folgte die lärmende Truppe der Zwerge. Ceomon und Rethtulu wiesen ihnen ihre Plätze an der langen Tafel zu.

Gandalf saß zur Rechten Elronds. »Ich kann nur erneut betonen, wie dankbar wir für Eure Gastfreundschaft sind, Meister Elrond«, sagte er und warf dabei Thorin einen scharfen Blick zu, welcher ihm gegenüber saß.

»Wirklich sehr zuvorkommend«, sagte Thorin etwas kurz angebunden.

»Ich hoffe, alles ist zu Eurer Zufriedenheit gereicht worden«, sagte Elrond. »Ansonsten zögert nicht, Eure Wünsche zu äußern, und ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Für Musik ist auch gesorgt, wie ich sehe«, sagte Gandalf und deutete auf Maglor. »Auch außerhalb des Tales hört man Geschichten von Lindir, dem begnadeten Harfenisten von Imladris.«

Maglor ließ sich nicht anmerken, was er dachte und nahm dies lediglich kommentarlos als Hinweis, nun seine Musik anzustimmen. Er schlug die Saiten an und wob goldene Töne, Erinnerungen an das, was einst in Valinor gewesen war, als selbst die Valar um seine Musik baten. Der Glanz der alten Tage würde für immer unerreicht bleiben, doch seine Musik weckte ein Echo dessen, was er vor so langer Zeit mit eigenen Augen gesehen hatte.

Es war der Beginn seiner Noldolante und sie sang vom einstigen Glanz der Noldor in Aman. Eine Musik, die seit zwei Zeitaltern nicht mehr in Mittelerde zu hören gewesen war.

Selbst die Zwerge waren verblüfft verstummt und lauschten seinem Lied. Sie wussten nicht, welche Zeiten die Noten wieder zum Leben erweckten, doch sie schienen zu ahnen, dass seine Kunst ihresgleichen selbst unter den Eldar suchte.

Als sein Lied endete, erhob sich Thorin und verbeugte sich vor ihm. »Gandalf hat wahrlich nicht übertrieben, als er von dir sprach.«

Maglor lächelte schmallippig. Zumindest verstand dieser Zwerg in der Tat etwas von Musik, auch wenn er immer noch bezweifelte, dass Thorin den Saiten auch nur einen sauberen Ton entlocken konnte.

Im weiteren Verlauf des Abends spielte er unbefangenere Lieder und hin und wieder die eine oder andere Improvisation. Elrond schien sehr zufrieden zu sein und froh darüber, dass Maglor seine Kunst so freizügig mit seinen Gästen teilte.

»Meister Elrond, ihr seid kundig in den Geschichten der alten Welt«, sagte Gandalf. »In den Trollhöhen westlich von hier fanden wir einen Hort und darin einige interessante Beutestücke. Ich weiß nicht, wie die Trolle an sie gelangt waren, doch darunter waren auch diese Schwerter. Ich hoffe, dass Ihr sie identifizieren könnt. Sie sind von außergewöhnlicher Machart.«

Er reichte Elrond sein Schwert, welches Elrond entgegen nahm und untersuchte. Als er die Klinge zog, sah er die Runen, die nahe des Hefts in das Metall eingearbeitet worden waren. Er hob eine Augenbraue.

»Dies ist Glamdring, die Klinge König Turgons von Gondolin«, sagte er schließlich. »Wie sie in den Besitz von Trollen kam, vermag ich in der Tat nicht zu sagen. Eine bemerkenswerte Klinge, und noch bemerkenswerter, dass sie den Untergang der Verborgenen Stadt überdauerte.«

Maglor legte die Hände an die Saiten, um sie verstummen zu lassen, und sah zu Elrond. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte Glamdring das letzte Mal in der Nirnaeth Arnoediad gesehen.

»Und was ist mit diesem Schwert?«, wollte Thorin wissen.

Elrond besah sich auch dieses, doch dieses Mal kam Maglor ihm zuvor. Er erhob sich und trat zu ihnen.

»Dies ist Orcriþt«, sagte er. »Einst wurde es von Glorfindel von Gondolin geführt, und es heißt, dass er damit den Balrog erschlug, als Gondolin fiel. Dies sind namhafte Waffen, die einst von mächtigen Herren geführt worden waren.«

»Gondolin!«, rief Bilbo aus. »Ich habe davon gehört. Aber das ist so lang her. Können diese Schwerter wirklich so alt sein?« Schüchtern fügte er an: »Und was ist mit meinem?« Er befingerte einen Dolch, der auf seinem Schoß lag. Für ihn war der Dolch groß genug, um als Schwert zu dienen.

»Ein Brieföffner«, sagte Maglor nur mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Bilbo wirkte aus irgendeinem Grund erleichtert.

Maglor kehrte zu seiner Harfe zurück und schlug nun eine sanfte Melodie aus Gondolin an. Welch sonderbare Fügungen das Schicksal doch kannte.

»Meister Elrond, wir benötigten auch Eure Hilfe bei der Entschlüsselung dieser Karte«, fuhr Gandalf fort.

Elrond betrachtete die Karte lange und überlegte. Er hielt sie in das Mondlicht, und da sah auch Maglor das silberne Schimmern von Ithildin.

»Mondrunen«, stellte Elrond fest. »Direkt neben den normalen Runen hier, die anscheinend eine geheime Tür beschreiben.«

Bilbo merkte auf. »Was sind denn Mondrunen?«, wollte er wissen. »Ihr müsst wissen, ich interessiere mich sehr für Karten, aber davon habe ich noch nie gehört.«

»Sie sind eine Erfindung der Zwerge, wie mir mein Vetter Celebrimbor einst berichtete«, erklärte Elrond. »Sie werden mit silbernen Federn und Ithildin geschrieben und sind nur im Licht des Mondes zu sehen, wenn er durch sie hindurch scheint. Mit einigen ist es gar so, dass es derselbe Mond zur selben Zeit sein muss wie an dem Tag, an dem sie geschrieben worden waren.«

»Und was besagen sie nun?«, grummelte Thorin. Anscheinend wurmte es ihn, dass Elrond dies vor ihm entdeckt hatte.

»Stellt euch an den grauen Stein, wenn die Drossel schlägt«, las Elrond vor, »und der letzte Sonnenstrahl am Durinstag auf das Schlüsselloch fällt.«*

»Durin!«, rief Thorin. »Das ist des Rätsels Lösung!«

Elrond reichte ihm die Karte zurück. »Überlegt Euch wohl, wie Ihr dieses Unterfangen angehen wollt. Mit Drachen ist nicht zu scherzen, und Euer Taschendieb mag noch so geschickt sein, doch auch er kann nicht einen ganzen Hort unter einem schlafenden Drachen stehlen.«

»Lasst das nur unsere Sorge sein«, erwiderte Thorin. »Aber ich kann nicht länger dulden, dass dieses Untier meinen Schatz besudelt, und am allerwenigsten den Arkenstein.«

Die Erwähnung dieses Arkensteins löste irgendetwas aus. Maglor bemerkte Elronds Sorge, als er ihm einen raschen Blick zuwarf, und auch Gandalf regte sich unruhig. Maglor runzelte die Stirn.

»Was ist dieser Arkenstein?«, wollte er wissen.

»Das Königsjuwel, das Herz des Berges«, sagte Thorin stolz. »Ein großer Juwel, der während der Regentschaft meines Ahnen Thráin I entdeckt wurde und als Erbe der Könige unter dem Berge weitergereicht wurde. Er ist mein rechtmäßiger Besitz und kostbarer als alle anderen Schätze zusammengenommen. Der Arkenstein scheint in seinem eigenen weißen Licht und ist ein großer, schwerer Edelstein, der das Licht der Sterne in tausend Facetten bricht. Es gibt in dieser Welt nichts dergleichen.«

Maglors Herz begann zu rasen. Das konnte nie und nimmer sein! Es konnte einfach nicht wahr sein. Ja, in der Tat, in dieser Welt gab es nichts Vergleichbares mehr. Ein anderer Edelstein war in den Fluten der Belegaer versunken und der dritte schien hoch am Himmel als Stern. Thorin hatte Maedhros‘ silmaril beschrieben.

Er sah die Sorge auf Elronds Gesicht und wie er kaum merklich den Kopf schüttelte. Maglor versuchte, seine Gedanken zu beruhigen. Seine Vergangenheit hatte ihn wahrlich eingeholt. Was tat er nun mit diesem Wissen? Zu was würde der Eid ihn treiben? Würde er ihn gar erneut zwingen, zur Waffe zu greifen und Blut zu vergießen?

»Atto«, wisperte Elrond in seinen Gedanken. »Bitte nicht.«

Maglor wich seinem Blick aus. Wie sehr er sich wünschte, all das einfach ruhen lassen zu können. Wie sehr er sich wünschte, all das wäre nie geschehen. Wie sehr er sich Frieden und Ruhe wünschte, um die Wogen der Geschichte hinter sich lassen zu können. Wie damals in Tirion, als die Welt noch in Ordnung schien und Morgoth in Ketten lag. Doch diese Zeiten waren lange vorbei und für ihn auf immer verloren. Er sang.

 

Ai! laurië lantar laþþi þúrinen,

yéni unótimë ve rámar aldaron!

Yéni ve lintë yuldar avánier

mi oromardi liþþe-miruvóreva

Andúnë pella, Vardo tellumar

nu luini yaþþen tintilar i eleni

ómaryo airetári-lírinen.

 

Þí man i yulma nin enquantuva?

 

An þí Tintallë Varda Oioloþþëo

ve fanyar máryat Elentári ortanë,

ar ilyë tier undulávë lumbulë;

ar þindanóriello caita mornië

i falmalinnar imbë met, ar híþ

untúpa Calaciryo míri oialë.

Þí vanwa ná, Rómello vanwa, Valimar!

 

Namárië! Nai hiruvalyë Valimar.

Nai elyë hiruva. Namárië!

 

Doch Valinor war verschlossen für ihn. Für ihn gab es keinen Weg zurück.

Le suilon, heron Elrond – Ich grüße Euch, Meister Elrond; S.

I mâr nîn i mâr dhîn – Mein Heim ist Euer aller Heim; S.

Spottvers der Elben von Bruchtal von J.R.R. Tolkien im Hobbit

Namárië von J.R.R. Tolkien in Der Herr der Ringe

*ein Zitat aus dem Hobbit; ich habe mich dagegen entschieden, die ganze Szene eins zu eins abzuschreiben

Der Weiße Rat

 

Am nächsten Tag besuchte ihn Bilbo in seiner Werkstatt, Estel an seiner Seite. Wie immer arbeitete Maglor gerade an einer seiner Harfen, als er die Glocke an der Ladentür bimmeln hörte. Als er den Kopf hob und das Schleifwerkzeug zur Seite legte, sah er die beiden eintreten.

Bilbo sah sich mit großen Augen um. Die Werkstatt war vollgestellt mit Harfen aller Größe und Form, teils in verschiedensten Stadien der Fertigstellung. An den Wänden standen hohe Regale voller Werke über Musik. Die meisten davon hatte Maglor selbst geschrieben.

»Kann ich euch helfen?«, wollte Maglor wissen.

»Hallo, Opa Lindir«, begrüßte Estel ihn. »Mein Freund Bilbo wollte wissen, wo er dich finden kann, und da habe ich ihn hergeführt. Ich hoffe, das war in Ordnung?«

»Natürlich, Großer«, erwiderte Maglor. »Aber hast du jetzt nicht Unterricht bei Ereþtor?«

»Ist verschoben«, log Estel glatt.

Maglor hob wortlos eine Braue.

Estel quengelte. »Das ist langweilig! Er lässt mich nur wieder alte Bücher aufsagen und die Namen von längst gestorbenen Leuten auswendig lernen. Können wir nicht einfach sagen, dass du mir unbedingt Musikunterricht geben musstest?«

Bilbo sah den Jungen fragend an. »Lindir ist dein Großvater? Aber du bist doch ein Mensch, oder?«

Estel kicherte. »Bin ich, ja. Aber ich nenne ihn trotzdem so, weil er so alt ist.«

Wahrscheinlich hatten Elladan und Elrohir ihm das eingegeben, nachdem Elrond ihn offiziell adoptiert hatte. Streng genommen machte das Maglor in der Tat zu Estels Großvater, auch wenn der Junge das nicht wusste. Er hielt es wahrscheinlich einfach nur für witzig.

»Noch habe ich keinen Bart«, warf Maglor ein.

»Wie alt bist du denn, Lindir?«, wollte Bilbo wissen. »Gestern wirktest du, als würdest du die Schwerter schon einmal gesehen haben. Aber Gondolin existierte vor so langer Zeit!«

»Ich komme aus dem Westen. In mir scheint die Kraft der Alten Welt und ich sah das Licht der Zwei Bäume. Ich kenne Aman vor seiner Verdunkelung«, sagte Maglor.

Bilbos Augen leuchteten. »Dann hast du all die Wunder der alten Zeit miterlebt. Warst du in Gondolin und hast es gesehen?«

Was war es, das alle an Gondolin fanden? Es war Turgons Hybris gewesen und sein Untergang. Voller Stolz hatte sein Vetter daran festgehalten und war lieber mit seiner Stadt untergegangen, als sein Leben zu retten. Was für ein Narr. Er hatte bekommen, was er verdient hatte.

»Nein«, sagte Maglor knapp. »Ich sah Glamdring und Orcriþt nur einmal in der Nirnaeth Arnoediad. Aber darüber möchte ich nicht sprechen.«

»Ich verstehe.« Bilbo nickte, ohne wirklich zu verstehen. »Aber eigentlich kam ich, weil ich ein paar Fragen zu deiner Musik habe. Gandalf hatte uns von dir erzählt, bevor wir in das Tal kamen, und er hat wirklich nicht übertrieben. Ich hielt elbische Musik schon immer für etwas Besonderes, aber ich glaube, du bist auch unter deinesgleichen besonders. Ich verstehe auch ein bisschen Elbisch, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mein Wissen nur aus Büchern habe und mir natürlich die praktische Anwendung fehlt. Aber dein Akzent, er ist irgendwie sonderbar.«

»Es bin nicht ich, der mit Akzent spricht, sondern alle anderen«, erklärte Maglor. »Ich spreche, wie König Finwe einst sprach, bevor er fehlgeleitet wurde, denn allein so ist es richtig. Wir im älteren Haus halten diese Form in Ehren. Die anderen können es nicht besser.«

»Adar spricht auch manchmal so«, warf Estel ein. »Aber meist nur, wenn er wütend ist. Ceomon und Rethtulu lispeln auch. Ich glaube, das machen alle alten Elben.«

»Wenn du so weiter machst, dichte ich ein Spottlied über dich, frecher Bengel«, drohte Maglor neckend. »Da, schau. Ich habe bereits eine ganze Sammlung über deine Brüder.« Er deutete auf ein Büchlein mit all seinen Liedern über Elladan und Elrohir.

Estel streckte ihm die Zunge raus.

Bilbo zog etwas aus seiner Tasche. »Nun, wie dem auch sei. Ich habe versucht, das Lied, das du gestern Abend gesungen hast, zu übersetzen, und würde gern wissen, was du davon hältst.«

Maglor besah sich die Übersetzung. Testweise schlug er einige Noten auf einer der Harfen an und sang die entsprechende Zeile. Er schrieb einige Bemerkungen an den Text, dann reichte er Bilbo den Zettel zurück.

»Du beherrschst das Quenya gut für jemanden, der es nur aus Büchern lernte«, sagte er.

Bilbo lächelte verlegen. »Danke. Ich hatte überlegt, ob ich nicht vielleicht mehr Lieder aus dem Elbischen übersetze. Es gefiel mir und ich würde gern eine Sammlung an Liedern zurück nach Beutelsend mitnehmen.«

Maglor überlegte für einen Moment. Dann griff er nach einem Stapel Pergamente und wählte eines davon aus. Er reichte es Bilbo. »Versuche dich daran. Dies ist ein Lied über den Fall Gil-galads, geschrieben von einem meiner Schüler.«

Bilbo überflog die Zeilen. »Das ist ein schönes, aber trauriges Lied. Er war der letzte Elbenkönig, nicht wahr?«

»Du findest die letzten Reste seines Reiches hier in Imladriþ, Elrond verwahrt seine Krone und seine Insignien auf, mehr ist vom Erbe der Hohen Könige der Linie Finwes nicht geblieben.«

Bilbo seufzte. »Irgendwie macht mich das traurig, musst du wissen. Ich bin erst wenige Tage hier in Bruchtal, aber doch spüre ich, dass hier die Erinnerungen an längst vergangene Ruhmestage aufbewahrt werden. Erinnerungen an eine glanzvolle Zeit, die nun aus der Welt verschwunden ist.«

Maglor sagte nichts dazu.

»Was ist deine Geschichte, Lindir?«, wollte Bilbo nun wissen. »Wo hast du gelernt, solche Wunder mit der Musik zu bewirken?«

Maglor lächelte. »Keine Wunder, nur ein wenig Übung. Ich hatte viel Zeit. Einst baten sogar die Valar selbst, dass ich für sie in Valimar spiele.«

»Die Valar!«, sagte Bilbo ungläubig. »Wieso bist du dann hier?«

»Du scheinst dich doch ein wenig mit der Geschichte meines Volkes auszukennen«, sagte Maglor ausweichend. »Dann weißt du von unserer Rebellion gegen die Valar. Wir träumten von unseren eigenen Reichen hier in den Hinnenlanden und waren mächtige und stolze Herren. Doch schlussendlich wurde dieser Traum bitter. Und ich … ich wanderte.«

Bilbo schien zu spüren, dass er dieses Thema nicht weiter vertiefen wollte. »Kannst du mir von Earendil erzählen?«, fragte er stattdessen. »Ich habe schon einiges über ihn gelesen und interessiere mich für seine Geschichte.«

Maglor sah ihn durchdringend an. Der Hobbit wand sich unter seinem Blick. »In diesem Haus sprechen wir nicht von ihm. Du tust besser daran, ihn nicht mehr zu erwähnen.«

Bilbo räusperte sich verlegen. »Oh … Nun, in dem Fall …« Dann deutete er hastig auf Maglors große Harfe. »Das ist ein wahres Kunstwerk. Sie muss ein Vermögen wert sein. Haben die Baummotive eine Bedeutung?«

Maglor strich liebevoll über das Holz. »Laurelin und Telperion, die Zwei Bäume von Valinor. Ich habe schon so oft versucht, ihren Glanz in meine Musik zu bannen, aber es ist unmöglich. Es gibt keine Sprache in dieser Welt, die sie beschreiben könnte. Und nun ist ihr Licht für immer verloren für diese Welt.«

»Haben all deine Harfen solch fantastische Motive?«

»Nein. Die meisten sind einfach nur hübsch. Die hier ist aber auch etwas besonderes, eine Nachbildung meiner alten Harfe, für die ich damals in Valinor berühmt gewesen war.«

Er hatte sie Makalaure getauft, nach ihm selbst, aber das verriet er Bilbo freilich nicht.

Bilbo trat an die Regale heran und studierte die Bücher, die darin standen. »Die hast du auch alle geschrieben, wie ich sehe. So viel!«

»Ich hatte ja auch viel Zeit.« Maglor schmunzelte.

Bilbo zog eines der Werke aus dem Regal und blätterte durch die Seiten. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. »Kinderlieder über zwei kleine Sterne, wie herzerweichend. Hast du Kinder, Lindir?«

Maglor dachte an Elros und den Schmerz, den er wohl nie würde überwinden können. »Ja und nein«, sagte er leise. »Sie waren Zwillinge, doch einer von ihnen starb vor langer Zeit.«

»Oh, wie furchtbar. Mein Beileid«, sagte Bilbo. »Und wie geht es dem anderen?«

Maglor wurde in seiner Antwort unterbrochen, als erneut die Türglocke erklang und Elrond eintrat. Er sah Estel und warf ihm einen strengen Blick zu. Der Junge besaß immerhin genug Anstand, um verlegen mit dem Fuß am Boden zu scharren. Bilbo verbeugte sich eilig. Elrond erkannte das Buch, das der Hobbit in Händen hielt, konnte seine Verlegenheit aber sehr gut überspielen.

»Estel, sei so lieb und führe Meister Beutlin zurück zum Haus«, sagte er stattdessen. »Und danach will ich dich unverzüglich bei Erestor sehen.«

»Ja, adar«, nuschelte Estel und schlich mit gesenktem Kopf davon, gefolgt von Bilbo, nachdem dieser das Buch zurück auf den Tresen gelegt hatte.

Als sie gegangen waren, deutete Elrond auf das Buch. »Lass das doch nicht so offen herumliegen. Das ist peinlich!«

Maglor konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Es weiß doch niemand, dass ich die Lieder für euch geschrieben habe, als ihr noch klein wart. Aber sprich. Was brauchst du, onya

Elrond wurde ernst. »Der Rat wird bald hier sein und sie wollen über dich urteilen. Es tut mir leid, atto, aber ich konnte sie nicht vom Gegenteil überzeugen.«

Maglor spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Aber irgendwie konnte er doch Haltung bewahren. Er trat auf Elrond zu und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Nicht dir muss es leidtun, sondern mir, denn ich habe dich da mit hinein gezogen.«

»Ich werde für dich tun, was ich kann, atto

Maglor zog ihn in seine Arme. »Sei kein Narr, onya. Du hast nichts mit meinen Verbrechen zu schaffen. Riskiere nicht alles für einen alten Elben wie mich.«

»Aber du bist mein Vater!«, sagte Elrond mit Nachdruck. »Wir sind Familie, wir halten zusammen. Ich lasse nicht zu, dass sie dich mir wieder wegnehmen. Das müssen sie wissen.«

Maglor versuchte, seine Sorgen hinten anzustellen. Es war von äußerster Wichtigkeit, dass er verhinderte, dass Elrond zwischen die Fronten geriet. Er hatte nie etwas mit dem Eid zu schaffen gehabt, er sollte nicht unter dessen Folgen zu leiden haben. Alles andere war nebensächlich.

»Komm, gehen wir. Schieben wir es nicht hinaus«, sagte er und verließ stolz erhobenen Hauptes seine Werkstatt.

Er war noch immer Maglor Makalaure Kanafinwe Feanárion, Erbe des mächtigsten Hauses der Noldor und größer Sänger, der je in Arda seine Stimme erhoben hatte. Gemeinsam mit seinen Brüdern hatte er die Valar selbst herausgefordert und sich dem Schwarzen Feind gestellt. Er hatte sich mit ihnen Mittelerde Untertan gemacht und es viele Jahre lang gegen Morgoth verteidigt. Er hatte in zahlreichen Schlachten gekämpft und Ruhm erlangt, als er Uldor den Verräter erschlug.

Da würde er ganz sicher nicht vor seiner Base sowie einem alten Elben und zwei Istari kuschen.

Das Treffen fand im östlichen Söller statt. Zu Maglors Missfallen ließ man ihn warten, bis die Diskussion, wie mit ihm zu verfahren sei, an der Reihe war, und als es dann endlich soweit war, ging es bereits auf den Abend zu. Er trat durch die Tür.

Galadriel erhob sich, als sie ihn sah, und trat auf ihn zu. Unglauben zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. »Makalaure. Ich hätte nie gedacht, ausgerechnet dich wiederzusehen.«

»Die Freude ist ganz meinerseits, Artaniþ«, erwiderte er kühl.

Er kannte sie gut genug, um ihr Missfallen über seinen Akzent zu erkennen. Manche Dinge änderten sich in der Tat nie.

»Dies ist kein fröhliches Familientreffen, sondern eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit«, erinnerte Círdan den Rat.

Elegant wie eh und je glitt Galadriel zurück zu ihrem Platz und setzte sich wieder. Ihr Gesicht zeigte nicht, was sie dachte, und auch ihre Gedanken waren gut verhüllt.

Maglor sah in die Runde. Elrond wirkte, als wünschte er sich, diese Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Círdan sah Maglor offen feindselig an. Nur was er von Gandalf und Saruman halten sollte, wusste Maglor nicht so wirklich. Erstaunlicherweise hatte auch Galadriel ihn noch nicht mit Celebrimbors dritten Ring zu einem Häufchen Asche werden lassen. Vielleicht hatte Elrond ja doch Recht und er schätzte die Situation nicht vollkommen korrekt ein. Aber dass Ainur anwesend waren, konnte dennoch nie ein gutes Zeichen sein.

»Prinz Makalaure, Ihr seid hier, damit über Euch und Eure vergangenen Verbrechen geurteilt wird«, eröffnete Saruman. »Zwar hätte Fürst Elrond uns schon längst von Eurer Anwesenheit hier erzählen müssen, doch das sei zunächst hinten an gestellt.«

»Ihr habt Euch gegen das Wort Manwes gestellt. Ebenso macht Ihr Euch des Diebstahls schuldig, des Mordes und der Entführung«, zählte Círdan auf. »Bekennt ihr Euch schuldig?«

»Ich bin der einzige, der darüber urteilen darf, ob er sich wirklich der Entführung schuldig machte«, warf Elrond sogleich ein, »und damit auch der einzige, der ihn in diesem Punkt anklagen kann.«

»Was Ihr nicht tun werdet«, schloss Círdan. Es war keine Frage.

»Natürlich nicht.«

»Nun denn. Die anderen Punkte der Anklage bleiben dennoch bestehen«, sagte Círdan und wandte sich wieder an Maglor.

»Auch Diebstahl?«, fragte dieser spottend. »Ich glaube, dass ich meinen Eid nicht wiederholen muss, er sollte im Wortlaut allen Anwesenden bekannt sein. Die Definition von Diebstahl beinhaltet die unlautere Aneignung fremden Eigentums. Ich nahm lediglich, was mir ohnehin gehörte.«

»Da stellt sich doch die Frage, warum der silmaril dennoch Eure Hände verbrannte, wenn er angeblich noch immer Euer Eigentum sei«, erwiderte Círdan. »Anscheinend war in dieser Sache das Urteil bereits gesprochen worden und es widerspricht Eurer Ansicht.«

»Wenn das Urteil bereits gefällt wurde, erübrigt sich diese Farce hier doch ohnehin«, bemerkte Maglor beiläufig.

Elrond warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Atto, bitte. Vergiss wenigstens dieses eine Mal deinen Stolz.«

»Die Gesetze der Eldar verbieten Mord«, sagte Círdan eiseskalt. »Ihr habt Euch dieses Verbrechens gleich dreimal schuldig gemacht.«

Maglor konnte einfach nicht an sich halten, als er ihn korrigierte: »Viermal. So viel Genauigkeit muss sein. Zu Olwes Entschuldigung muss gesagt sein, dass er noch nicht ermessen konnte, wie bindend der Eid ist. Dior war ein Kind, das nicht wusste, was es tat. Und die Närrin Elwing … Nun, sie erhielt eine Warnung und gab dennoch nicht ihr Diebesgut heraus, obwohl sie sich der Konsequenzen sehr wohl bewusst war. Was ich über Eonwe zu sagen habe, ist ebenfalls nicht unbedingt erfreulich.«

»Dies ist nicht die Zeit für falschen Stolz und Spott«, ergriff nun das erste Mal Gandalf das Wort. »Makalaure, Ihr wisst, was für Euch auf dem Spiel steht. Die Gesetze sprechen eindeutig.«

Nun stand Elrond auf und trat an Maglors Seite. »Das tun sie in der Tat«, begann er. »Ich werde Maglors Taten nicht beschönigen, denn ich weiß sehr wohl um sie, und ich stimme darin überein, dass so etwas nicht ungestraft bleiben darf. Jedoch bin auch ich ein Fürst der Eldar, manche würden gar sagen, Gil-galads Erbe, und in diesem Haus gilt mein Wort. Und daher sage ich, dass er seine gerechte Strafe erhalten hat. Sechstausend Jahre Wanderschaft und Einsamkeit sind eine Strafe, die hart genug ist. Keine Strafe dieser Welt bringt die Leben zurück, die er genommen hat. Er hat genug gelitten für das, was er tat.«

Maglor legte ihm eine Hand auf den Arm, um ihn aufzuhalten, doch Elrond sah ihn nur streng an. Was war nur aus dem kleinen ängstlichen Jungen geworden, der nicht verstand, was um ihn herum geschah? Er war in der Tat zu einem mächtigen Fürsten geworden.

»Mein Herr Elrond, ich fürchte, dass Euer Urteil durch Eure Geschichte mit dem hier Angeklagten vorbelastet ist«, sagte Saruman geradeheraus. »Ich zweifle daher Eure Urteilsfähigkeit an.«

»Nein, Elrond hat Recht«, sagte zu aller Erstaunen Galadriel. »Niemand hier kann wirklich ermessen, was Makalaure in der Zeit seit dem Ersten Zeitalter durchlitten hatte, und sein Gewissen allein ist Strafe genug für das, was er tat. Es ist unentschuldbar, was er tat, doch er allein kennt wohl die beste Strafe dafür. Wer wären wir, wenn wir nicht hin und wieder auch nur ein wenig Gnade walten lassen? Herzlose Kreaturen, nicht besser als der Feind, das wären wir. Dafür rief ich nicht diesen Rat ins Leben.«

Maglor sah sie sprachlos an. Das war das letzte, womit er gerechnet hätte: dass ausgerechnet Galadriel Partei für seine Seite ergriff.

»Erstaunt, Vetter?«, fragte sie in seinen Gedanken. »Du hättest doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, dass ich meine Tochter einen von euch heiraten lasse, wenn ich nicht wüsste, dass ihr bei all eurer Arroganz doch noch einen Funken Anstand in euch bewahrt habt.«

»Dann habe ich dir Unrecht getan, Artaniþ. Bitte vergib mir.«

»Das ist schon längst geschehen.«

»Dennoch lastet noch immer Manwes Schicksalsspruch auf Makalaure«, sagte Saruman. »Dies können wir nicht ignorieren, und er ist der König aller Könige. Er steht über den Gesetzen Mittelerdes. Daher ist es schlussendlich nicht Angelegenheit dieses Rates, über ihn zu urteilen, sondern ihn in den Westen zu schicken, damit er vor Manwe tritt und sich für seine Schandtaten verantwortet.«

Círdan nickte. »Dies ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Ich stimme dem zu.«

Maglor spürte etwas. Es war kaum merklich und beinahe wäre es ihm entglitten. Eine subtile Magie war hier am Werk, eine Macht, die zu überzeugen versuchte, nicht zu täuschen. Und sie lag in Sarumans Stimme. Er wollte Elrond warnen, doch dieser schien es ebenfalls bemerkt zu haben.

»Mein Herr Saruman, ich habe den Eindruck, dass Ihr versucht, diesen Rat von Euren persönlichen Ansichten zu überzeugen, statt beide Seiten zu hören und ihre Argumente gegeneinander abzuwiegen, wie es Aufgabe des Rates wäre«, sagte Elrond. »Es mag stimmen, dass der Richtspruch nie aufgehoben wurde, doch ist er längst in Erfüllung gegangen. Und der Fakt, dass er nie auf mich zutraf, obgleich der Spruch auch von all jenen sprach, die den Feanorern folgten, sollte doch zeigen, dass er eventuell nicht mehr so bindend ist, wie Ihr uns glauben machen wollt.«

»Es ist natürlich verständlich, dass Ihr zum Wohle Makalaures sprecht«, räumte Saruman großzügig ein, »jedoch steht auch Ihr nicht über dem Wort des Königs im Westen, als dessen Sendbote ich nach Mittelerde kam.«

Gandalf regte sich. »Saruman, Ihr verstrickt Euch in Euren eigenen Worten«, sagte er ruhig. »Ihr wendet Eure Trick bei dem Falschen an. Fürwahr, Ihr sprecht keine Unwahrheiten, aber Ihr messt Euren Worten mehr Gewicht bei, als sie besitzen. Wie es scheint, liegt das Urteil nun in meinen Händen, und ich sage, dass es in der Tat nicht an diesem Rat liegt, ein Urteil zu fällen. Dies wurde schon vor langer Zeit getan und die Strafe hat ihr Ende gefunden. Ich sage gar, dass wir es Prinz Makalaure gestatten sollten, wieder etwas Gutes für diese Welt zu tun. Makalaure, Ihr seid zu mächtigen Zaubergesängen fähig, vielleicht gar mächtiger als die Findarátos. Sauron fürchtete ihn zurecht, was ist da erst mit Euch?«

»Gandalf, Ihr überlegt tatsächlich, ihn mit nach Dol Guldur zu nehmen?«, erwiderte Saruman. »Noch nie war etwas Gutes aus seinen Taten erwachsen, stets hatten sie nur dem Feind genützt. Dies wird wieder geschehen. Er wird mit dem Feind zusammenarbeiten. Und vergesst nicht den Schatz in Erebor. Wir können nicht erlauben, diesen Sippenmörder in seine Nähe zu lassen. Die Geschichte hat oft genug gezeigt, was dann geschieht.«

Maglor spürte die Magie in Sarumans Stimme, wie sie wogte und kämpfte. Doch je stärker sie sich aufbäumte, umso schwächer wurde sie. Maglor lachte auf. Die Magie zerstob.

»Wenn Ihr das wirklich glaubt, dann habt Ihr mich nie gut gekannt!«, rief er aus. »Niemand hasst den Schwarzen Feind mehr als wir Feanorer. Er nahm uns alles! Er säte Lügen und Misstrauen unter uns, erschlug unseren König, meinen Großvater, und stahl uns unseren kostbarsten Schatz. Selbst Morgoth fürchtete unseren Zorn und erzitterte vor uns, und Þauron ist nur ein schwacher Schatten seines Meisters. Und was diesen Schatz angeht: Erst gestern tönte Thorin, er allein habe ein Anrecht auf den þilmaril meines Bruders, ohne zu wissen, von was er sprach. Wäre ich in der Tat noch immer so versessen darauf, meinen Eid zu erfüllen, hätte ich ihn wohl auf der Stelle erschlagen, noch ehe er zu Ende gesprochen hätte. Oder zumindest ist es das, was Ihr uns glauben lassen wollt. Aber mir scheint, dass Ihr wohl doch nicht so listenreich seid, wie Ihr aller Welt weismacht, Curumo. Ihr werft wissentlich eine mächtige Waffe gegen den Feind weg, einfach weil ich für Euch unbequem bin. Deswegen seid Ihr so versessen darauf, mich in den Westen abzuschieben. Euer Plan hat nur einen Haken: Dieser Weg ist für mich verschlossen. Es gibt für mich keinen Weg zurück, so gnädig sind die Valar ganz gewiss nicht mit mir.«

Círdan blinzelte, wie als würde er eine lange Müdigkeit abschütteln. »Es verwundert mich, dass ich dies sagen muss. Aber ich stimme Euch zu. Wenn es sich als korrekt herausstellt, dass der Nekromant in Dol Guldur Sauron ist, dann täten wir gut daran, jede Macht gegen ihn ins Feld zu führen, derer wir habhaft werden können.«

Sie planten also tatsächlich einen Angriff auf diesen verfluchten Ort. Egal was Saruman sagte, Maglor musste Elrond begleiten, wenn er vorhatte, sich dorthin zu begeben, alles andere konnte warten! Selbst der silmaril.

Maglor wunderte sich, woher dieser Gedanke kam. Er war neu und er fühlte sich gut an.

»Dann sei es so«, sagte Saruman. »Es sind Mächte in dieser Welt am Werk, die über uns stehen. Sollen sie über Prinz Makalaure richten.«

Maglor brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Saruman da gesagt hatte. Trotz allem hatte er irgendwie doch damit gerechnet, dass ihn hier und heute sein Schicksal ereilen würde. Er hatte so fest damit gerechnet, dass er nicht sogleich begreifen konnte, dass es so einfach vorbei sein sollte. Dass er in der Tat frei war.

Elrond lächelte ihn an.

Mittsommerabend

Maglor starrte sein Schwert an, als sei es Morgoth Bauglir persönlich, der soeben damit Finwe erschlagen hatte.

»Nun nimm es endlich, atto«, drängte Elrond ihn erneut. »Ich werde dich ganz gewiss nicht mit bloßen Händen dorthin gehen lassen.«

»Warum hast du dieses verfluchte Ding nicht schon längst vernichtet?«, verlangte Maglor zu wissen. »Wirf es weg, ich werde ganz gewiss nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen.«

»Und was willst du dann machen? Den Feind mit Steinen bewerfen? Die Orks fallen bestimmt tot um vor Lachen.«

»Singen. Das ist es doch, weshalb Olórin mich unbedingt mit dabei haben will. Þauron wird sich bestimmt freuen, dass ich ihm ein Ständchen bringe.«

Elrond sah ihn streng an und hielt ihm weiterhin das Schwert entgegen. Wie Maglor diesen Blick hasste. Als würde Maedhros wieder vor ihm stehen und seinen kleinen Bruder schelten. Maglor seufzte und nahm das Schwert mit spitzen Fingern entgegen.

»Niemand sollte mir mehr Waffen anvertrauen«, sagte er leise.

»Und ebenso kann niemand von dir erwarten, dass du dich unbewaffnet dem Feind stellst«, hielt Elrond dagegen.

»Teilst du denn Curumos Bedenken bezüglich des þilmaril nicht? Als Thorin ihn nichtsahnend erwähnte, wirktest du besorgt.«

»Du bist klüger als das«, erwiderte Elrond und wollte selbstsicherer klingen, als er war. »Ich weiß es. Du wirst denselben Fehler nicht zweimal begehen. Und außerdem: Niemand außer den Zwergen hat den Arkenstein gesehen. Es ist nur eine Vermutung.«

»Da täuscht du dich, onya«, sagte Maglor bitter. »Ich muss es wissen. Ich muss Gewissheit erlangen. Ich werde mit euch nach Dol Guldur gehen, doch dann werde ich mir diesen Arkenstein ansehen.«

Elrond sah ihn besorgt an. »Und dann? Was wird dann geschehen? Lässt du mich wieder zurück wie damals?«

Die Verletztheit in seinem Blick versetzte Maglor einen Stich. Er wusste doch, wie sehr Elrond unter Trennungen litt. »Ich weiß es nicht …«, murmelte er. »Ich weiß nicht, was dann geschehen wird.«

Er starrte auf seine behandschuhten Hände. In all den Jahren und trotz aller Bemühungen Elronds hatte sich doch nichts verändert. Noch immer schmerzten ihn seine Wunden jedes Mal, wenn er seine Hände benutzte, der alte Schmerz, der ihm der treueste aller Begleiter geworden war. Doch darunter … Darunter brannte nichts mehr. Darunter trieb ihn nichts mehr mit brutaler Gewalt voran.

Das war sonderbar.

»Ich vertraue Curumo nicht«, wechselte er das Thema. »Er verfolgt seine eigenen Ziele, auch wenn ich nicht weiß, welche dies sein könnten.«

»Normalerweise würde ich dir widersprechen, aber nach dem, was gestern geschah, bin ich mir da ebenfalls nicht mehr so sicher«, sagte Elrond. »Saruman hat den Vorsitz über den Rat, doch mir scheint, dass er eigene Pläne im Sinn hat, die nicht unbedingt mit unseren übereinstimmen. Es dauerte lang, bis er mit uns darüber übereinstimmte, gegen die Macht in Dol Guldur vorzugehen.«

»Erzähle mir davon. Ich weiß, solche Räte haben den Hang zur Verschwiegenheit, aber wenn Olórin darauf besteht, mich dorthin zu bringen, sollte ich doch zumindest auf demselben Wissensstand sein wie ihr.«

»Viel ist es nicht«, räumte Elrond ein. »Vor beinahe zweitausend Jahren legte sich ein Schatten über Eryn Galen und trieb Thranduils Waldelben in den Norden. Die Bewohner des Waldes begannen die Macht, die sich in Dol Guldur niederließ, den Nekromanten zu nennen, denn er scheint Macht über die Geister der Toten zu besitzen. Wir fürchteten schon lange, dass sich dahinter niemand anderes als Sauron verbergen könnte. Mithrandir ging bereits einmal nach Dol Guldur, doch er konnte nichts finden. Auch Galadriel wirkte von Lórien aus gegen den Schatten im südlichen Düsterwald, doch bisher hatte Saruman uns stets überstimmt, wenn wir darüber berieten, ob wir dagegen vorgehen sollten oder nicht.«

»Warum ist das jetzt anders? Was hat sich geändert?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht hat es ja etwas mit den Zwergen und ihrer Reise zu tun. Mithrandir will verhindern, dass der Schatten im Düsterwald und Smaug sich zusammentun, auch wenn ich nicht weiß, wie er das bewerkstelligen will.«

Für Maglor klang das alles zu wage. »Und du traust ihm?«

»Ihm ja. Saruman … Das ist wohl eine andere Sache.«

»Und dieser Schatten ist sehr wahrscheinlich Þauron.«

»Nun, absolut sicher können wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht sein, aber ich gehe davon aus. Mithrandir und Galadriel stimmen mir darin zu.«

Daraufhin schwieg Maglor und sah erst auf das Schwert in seinen Händen und dann zu Elrond. »Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dich dorthin gehen zu lassen.«

Aus irgendeinem Grund musste Elrond lächeln und legte Maglor eine Hand auf die Schulter. »Muss ich dich daran erinnern, dass ich kein Kind mehr bin? Ich habe den Großteil meines Lebens damit zugebracht, gegen den Feind zu arbeiten. Und außerdem hatte ich zwei sehr gute Lehrmeister.«

Natürlich sträubte sich Maglor dennoch dagegen. Er würde wohl nie damit aufhören, sich um seinen kleinen Peredhel zu sorgen. Doch dann musste er schmunzeln. So klein war Elrond in der Tat nicht mehr.

»Wir werden Þauron das Fürchten lehren«, sagte Maglor mit einem grimmigen Lächeln.

Elrond erwiderte es. »So gefällst du mir. Und nun komm. Wir wollen den Mittsommer feiern.«

Maglor stellte sein Schwert in eine Ecke in seinen Gemächern, dann gingen sie gemeinsam hinab zum Fluss, wo sich bereits zahlreiche Elben eingefunden hatten. Es wurde getanzt und gesungen und gelacht. Das Sternenlicht glitzerte wie unzählige Diamanten im Wasser der Bruinen. Maglor hatte freilich seine alte Harfe mitgebracht, die ihn über all die Jahre seiner Wanderschaft begleitet hatte. Er schlug einige Noten an und begann zu singen.

 

A Elbereth Gilthoniel

þilivren penna míriel

o menel aglar elenath!

Na-chaered palan-díriel

o galadhremmin ennorath,

Fanuiloþ, le linnathon

nef aear, þí nef aearon!

 

Er bemerkte, dass Gandalf mit den Zwergen und Bilbo ebenfalls anwesend war. Der Hobbit beobachtete voller Begeisterung die tanzenden Elben, während die Zwerge etwas zu offensichtlich versuchten, sich nicht darüber zu freuen. Als Gandalf Maglors Lied hörte, winkte er ihn zu sich.

Gandalf rauchte eine Pfeife. Maglor hatte diese Angewohnheit bereits bei den Dúnedain kennengelernt, es aber nie nachvollziehen können. Als er näher kam, reichte Gandalf ihm jedoch seine Pfeife.

»Hier, probiert einmal«, bot er an.

Maglor sah skeptisch auf die Pfeife und winkte dann ab. »Vielen Dank, aber nein. Ich glaube nicht, dass es meiner Stimme zuträglich wäre.«

Gandalf ließ nicht locker. »Ich bestehe darauf.«

Mittlerweile hatte auch Bilbo bemerkt, dass Maglor gekommen war, und kam zu ihm. »Hallo, Lindir. Schön, dass du auch gekommen bist! Das ist Alter Tobi, Gandalf hat ihn von mir. Kann ich nur empfehlen!«

Maglor sah nun auch skeptisch auf den Hobbit herab. Da Gandalf immer noch nicht lockerließ, griff er schließlich doch nach der Pfeife. Wie hatte Aragost das gemacht? Er hatte irgendwie an dem Stiehl gepafft. So vielleicht?

Ein beißender Rauch geriet in seine Lunge, trieb ihm die Tränen in die Augen und ließ ihn würgend husten. Gandalf lachte in seinen Bart hinein. Maglor warf ihm einen empörten Blick zu und reichte ihm pikiert die Pfeife zurück.

»Eindeutig meiner Stimme nicht zuträglich«, sagte er im vergeblichen Versuch, seine Würde zurückzuerlangen.

Hinter ihm lachte Elrond.

Als Thorin Musik auf seiner Harfe anspielte, fand Maglor eine wunderbare Gelegenheit, dieser unangenehmen Situation zu entkommen.

»Nein, nein, nein!«, rief er und eilte zu den Zwergen. »Keinerlei Eleganz! So geht das nicht! Seht her.«

Kurzerhand setzte er sich mit seiner eigenen Harfe neben Thorin und spielte die Melodie, die der Zwerg begonnen hatte. Thorin beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen.

»Und?«, sagte der Zwerg schließlich. »Was ist daran jetzt so toll?«

»Die Bewegungen müssen fließend sein«, erklärte Maglor und lehnte sich betont in seine Bewegungen hinein, als er seiner Harfe eine Abfolge von wohlklingenden Noten entlockte. »Ihr reißt an den Saiten, als wären sie einen Fischerleine. Die Kunst des Harfenspiels besteht nicht darin, die richtigen Saiten zur richtigen Zeit zu zupfen, sondern die Musik im ganzen Körper zu spüren. Erst dann wird sie lebendig. Seht her.«

Maglor stimmte erneut das aerlinn an. Seine Stimme trug weit durch das Tal, und ihr goldener Klang wetteiferte mit dem silbernen Glanz der Sterne. Er achtete darauf, dass Thorin ihm auch ja gut zusah, schließlich gab er ihm hier eine wichtige Lektion.

Als er endete, regte sich einer der anderen Zwerge. Es war der Weißhaarige, Balin, wenn sich Maglor richtig erinnerte.

»Ein hübsches Ständchen«, sagte Balin. »Aber wir Zwerge singen unsere Lieder etwas anders.«

Er räusperte sich und stimmte dann eine langsame, getragene Melodie an. Nach und nach stimmten auch die anderen Zwerge ein. Maglor lauschte ihnen einige Strophen lang und als er ein Gefühl für die Melodie hatte, setzte er mit seiner Harfe ein.

 

Über die Nebelberge weit

Zu Höhlen tief aus alter Zeit,

Da ziehn wir hin, da lockt Gewinn

An Gold und Silber und Geschmeid.

 

Wo einst das Reich der Zwerge lag,

Wo glockengleich ihr Hammerschlag

Manch Wunder weckt, das still versteckt

Schlief in Gewölben unter Tag.

 

Das Gold und Silber dieser Erd

Geschürft, geschmiedet und vermehrt,

Sie fingen ein im edlen Stein

Das Licht als Zierat für das Schwert.

 

An Silberkettchen Stern an Stern,

Des Sonn- und Mondlichts reiner Kern,

Von Drachenblut die letzte Glut

Schmolz ein in Kronen großer Herrn.

 

Über die Nebelberge weit

Zu Höhlen tief aus alter Zeit,

Dahin zieh ich in aller Früh

Durch Wind und Wetter, Not und Leid.

 

Aus goldenen Bechern, ganz für sich,

Da zechen sie allabendlich

Bei Harfenklang und Chorgesang,

Wo manche Stunde schnell verstrich.

 

Und knisternd im Gehölz erwacht

Ein Brand. Von Winden angefacht,

Zum Himmel hoch die Flamme loht.

Bergwald befackelte die Nacht.

 

Die Glocken läuteten im Tal,

Die Menschen wurden stumm und fahl.

Der große Wurm im Feuersturm

Sengt‘ ihre Länder schwarz und kahl.

 

Die Zwerge traf das Schicksal auch,

Im Mondschein stand der Berg in Rauch.

Durch Tor entflohn, sanken sie schon

Dahin in seinem Feuerhauch.

 

Über die Nebelberge hin

Ins wilde Land lockt der Gewinn.

Dort liegt bereit seit alter Zeit,

Was unser war von Anbeginn.

 

Maglor ließ die Noten ausklingen. Nun war es an ihm einzuräumen: »Ein hübscher Vers. Vielleicht kann ich ja von den Zwergen das eine oder andere lernen.«

»Wir werden bald gehen«, erwiderte Thorin. »Unsere Rast hier neigt sich dem Ende entgegen; sie war ohnehin lang genug.«

»Doch zumindest für diese Mittsommernacht sollt ihr noch ruhen«, beschloss Maglor und stimmte ein weiteres Lied an.

 

Am nächsten Morgen brach Gandalf zusammen mit den Zwergen auf. Es kehrte wieder Ruhe ein im Haus. Maglor beobachtete ihren Fortgang von seinem Balkon aus und summte dabei die Melodie ihres Liedes vor sich hin. Ihre Schwere und Getragenheit hatte es ihm angetan, auch wenn der Inhalt ihm nicht allzu zusagte; er war kein Freund von Zwergen und ihrer Liebe zu Reichtümern und hatte Caranthir nie verstehen können, was er an diesen kleinen bärtigen Männchen fand.

Es klopfte leise an der Tür zu seinen Gemächern und noch bevor er seinen Besucher hereinbitten konnte, trat Galadriel durch die Tür. Maglor beobachtete sie schweigend und fragte sich, warum sie wohl gekommen sei.

»Wir hatten leider noch keine Gelegenheit miteinander zu sprechen«, begann Galadriel.

Der Glanz ihres Haares hatte in all den Jahren nichts von seiner Schönheit verloren. Maglor erwischte sich dabei, wie er überlegte, diesen Anblick in ein Lied zu bannen.

»Wie geht es Arwen?«, wollte er wissen. »Gedenkt sie, bald zurück zu kommen?«

»Sie hat mir einiges von dir erzählt«, eröffnete sie. »Oh, schau mich nicht so erstaunt an, Vetter. Natürlich hat sie das. Du bist ihr Großvater, so wie ich ihre Großmutter bin. Sie hätte es ohnehin nicht vor mir verheimlichen können, und das weiß sie.«

»Und doch hast du niemandem etwas gesagt. Warum?«

»Warum sollte ich? Du hast ja gesehen, wie der Rat ist. Jeder verfolgt seine eigene Agenda und am meisten Curumo. Das ist nicht das, was ich im Sinn hatte, als ich diesen Rat gründete. Da ist mir dieser kleine Spaß doch sicher erlaubt, die alten Herren zu überraschen.«

»Diese Überraschung ist dir auf jeden Fall gelungen. Aber sag, Artaniþ, warum hast du mich unterstützt? Das letzte Mal, als wir uns sahen, war es nicht unbedingt unter allzu erfreulichen Bedingungen.«

Galadriel winkte ab. »Ach, reden wir nicht mehr über Doriath. Vielleicht bin ich ja einfach ein wenig sentimental.«

»Aus irgendeinem Grund kann ich das nicht glauben, du, Artaniþ, die du stolz mitten unter uns standest, als wir gegen die Valar rebellierten, und nur allzu bereit warst, Aman hinter dir zu lassen, um dir dein eigenes Reich untertan zu machen.«

»Und hier stehe ich nun, die Hexe des Goldenen Waldes, und all die Jahre lasten schwer auf meinen Schultern. Laurelindórenan ist doch nur noch ein schwaches Echo der Gärten Irmos und Estes. Ich weiß, du spürst es auch.«

Maglor nickte. »Wenn es doch nur die Last der Jahre wäre.«

»Und da hast du deine Antwort. Du hast noch immer ein Gewissen, und dieses Gewissen plagt dich mehr als alle Strafen, die dieser Rat sich für dich hätte ersinnen können.«

Maglor verbeugte sich. »Du erweist mehr Güte, als ich verdient habe, Artaniþ.«

Sie reckte das Kinn. »Wenn du jetzt noch aufhören könntest, meinen Namen so zu verunstalten, dann könnte ich dich vielleicht sogar ein klein wenig mögen.«

Er lächelte. »Ich fürchte, dass ich in dieser einen Sache nicht nachgeben kann. Erlaubst du mir als Trost, ein Lied über deine Haare zu dichten?«

»So lange du dir keine Probe ergaunern willst wie dein Vater, kann ich dich ohnehin nicht davon abhalten.«

Sie hatte wie immer Recht. »Das würde ich nie wagen. Atar hat sich einmal die Hände verbrannt, ich werde seinen Fehler bestimmt kein zweites Mal begehen.«

Galadriel lachte. »Das hoffe ich sehr für dich. Aber nun entschuldige mich bitte. Es war schön, wieder mit dir zu sprechen, Vetter.«

Ohne ihm die Gelegenheit zu geben, etwas drauf zu erwidern, wandte sie sich zum Gehen. Maglor sah ihr fragend nach. Galadriel hatte die Feanorer nie leiden können. Dieses Gespräch hatte nicht gerade dazu beigetragen, seine Fragen zu beantworten. Was hatte sie im Sinn? Er konnte nicht glauben, dass sie in der Tat einfach nur Sentimentalität gepackt hatte.

Als sie schon die Tür geöffnet hatte, hielt sie noch einmal inne. Sie zögerte, als überlege sie, was sie tun sollte. Dann wandte sie sich um.

»Die ganze Wahrheit ist«, begann sie, »dass es nicht nur Sentimentalität war. Und ich tat es auch nicht um deinetwillen. Es war für Elrond.« Dann ging sie.

A Elbereth Gilthoniel von J.R.R. Tolkien in Der Herr der Ringe

Über die Nebelberge weit von J.R.R. Tolkien in Der Hobbit

Der Nekromant

In den kommenden drei Wochen bereiteten sie ihre Abreise vor. Der Fürst verließ das Tal, und das war etwas, das seit vielen Jahren nicht mehr vorgekommen war. Elladan und Elrohir vertraten ihn in seiner Abwesenheit und Glorfindel setzte alle Hebel in Bewegung, um die Sicherheit des Tals zu gewährleisten. Die Zwillinge versprachen, kein allzu großes Chaos zu verursachen, aber Maglor wusste, dass sie Dinge mit dem nötigen Ernst angehen konnten, wenn es darauf ankam. Wahrscheinlich würden sie dennoch den einen oder anderen Streich aushecken.

Elrond fand eine Rüstung für Maglor in seiner Rüstkammer und ließ sie für ihn anpassen. Maglors eigene Rüstung, die ihm einst sein Vater geschmiedet hatte, war schon vor langer Zeit verloren gegangen, und nichts in dieser Welt würde jemals wieder an diese Qualität heranreichen, doch in dieser kurzen Zeit war es das beste, was Elrond organisieren konnte. Er bestand sogar darauf, den Stern in die Brustpanzerung eingravieren und mit Ithildin ausgestalten zu lassen.

Elrond selbst entstaubte seine alte Rüstung. Maglor war froh, dass sie Elrond noch immer erhalten geblieben war. Er erinnerte sich gut der letzten Wochen auf dem Amon Ereb, als Maedhros tagelang in seiner Schmiede gestanden hatte, um an dieser Rüstung und ihrem Zwilling zu arbeiten. Es hatte ihn ein Vermögen gekostet, all das Mithril aufzutreiben, das dafür nötig gewesen war. Elrond hatte selbstverständlich die Sternengravur beibehalten, die Maedhros eingearbeitet hatte.

Sie hatten sich für die Route über den Rothornpass und durch Lórien entschieden. Maglor war nervös bei dem Gedanken, Galadriels Reich zu betreten, aber er sah auch ein, dass dies der beste Weg wäre.

Also brachen sie in Richtung Süden auf. Maglor bemerkte die angespannte Stimmung der Gruppe, besonders Saruman, der ihm stets mit Misstrauen begegnete. Zumindest das beruhte auf Gegenseitigkeiten. Maglor beschloss, dass er den Istar besser im Auge behielt, da er noch immer nicht seine wahren Motive kannte. Zu früheren Zeiten hatte er gelegentlich mit seinen Brüdern Aules Schmieden besucht, damals, als sie alle noch nicht geahnt hatten, dass Mairon, Aules Meisterschüler, schon längst mit dem Schwarzen Feind im Bunde stand. Curumo, ebenfalls ein Schüler Aules, war oft in Mairons Schatten zu sehen gewesen. Er musste ihn gut kennen, seine Stärken und Schwächen und seine Art zu denken.

Warum also hatte Maglor das Gefühl, dass Saruman ein falsches Spiel mit ihnen spielte?

Maglor vertrieb sich die Zeit, indem er seine goldene Harfe spielte und versuchte, den Glanz von Galadriels Haaren in seine Musik zu bannen, auch wenn er sich mit keinem seiner Lieder zufrieden gab. Insgeheim sann er jedoch über Saruman nach.

Das Land um sie herum war leer und weit. Ungewöhnlich, wie Maglor fand. Aber vielleicht war es auch ihre Präsenz, die feindliche Kreaturen verscheuchte; sie waren nicht gerade unauffällig, ein Istar, zwei Noldor aus Aman sowie Círdan und Elrond, welcher Vilya trug. Diese Stille wollte Maglor dennoch nicht gefallen. Er blieb wachsam.

Und noch etwas bemerkte Maglor. Elrond versuchte es zwar zu verbergen und die anderen mochte er damit sicher täuschen können, doch nicht seinen Vater. Er fürchtete, was am Ende ihres Weges lag. Nicht etwa, was sie in Dol Guldur finden mochten, sondern das, was danach geschehen würde. Immer wieder versuchte er Maglor unauffällig von seinem Vorhaben abzubringen, doch Maglor wich dem Gespräch aus. Er konnte den verletzten Blick Elronds nicht ertragen und gleichzeitig ließ ihm diese Sache keine Ruhe.

Der Sommer war mild und ihre Reise nach Süden angenehm. Schließlich wandten sie sich nach Osten und begannen den Aufstieg in die Berge. Schnee lag dieser Tage nur noch auf den höchsten Gipfeln des Nebelgebirges, und so war es ein leichter Weg. Maglor war definitiv schlimmeres vom Himring gewohnt.

Die Sonne schien hell und warm an jenem Tag, als der Pass sie wieder aus den Bergen hinaus führte und der wilde Osten Mittelerdes vor ihnen lag. Der Goldene Wald schien in der Ferne. Maglor zog die Kapuze seines Umhanges tiefer in das Gesicht.

Sie eilten sich und erreichten noch am selben Abend Lórien. Maglor spürte die Magie, die auf diesen Wäldern lag, und musste an Melian denken. Galadriel hatte in der Tat viel von ihr gelernt.

Es kam zum unweigerlichen Eklat, als Celeborn sie in Empfang nahm und Maglor erkannte. Ihm hatte Arwen also nichts von ihrem Großvater erzählt. Celeborn besaß immerhin genug Anstand, um keine Szene zu machen, dennoch sah Maglor ihm seinen Zorn an. Er starrte den Sinda nieder.

»Du bist weise, Herrin Galadriel, dennoch stimme ich nicht darin überein, ihn in unser Reich zu lassen«, verkündete Celeborn. »Dazu auch noch gerüstet wie zum Kampfe. Er stellt eine Gefahr dar. Warum wurde ich nicht darüber unterrichtet?«

Maglor erkannte ihm an, dass er unter seinem Blick nicht nachgab. Er selbst verzichtete darauf, etwas zu sagen.

»Dies ist kein Ort, um dies zu besprechen«, erwiderte Galadriel. »Der Rat hat beschlossen, gegen den Schatten im Düsterwald vorzugehen, und er soll uns dabei unterstützen. Es wäre nicht weise, solch eine Möglichkeit ungenutzt zu lassen.«

»Und dennoch ist er ein Mörder, der bewaffnet in mein Reich tritt.«

Elrond trat vor. »Ich bürge für ihn.«

Celeborn schwieg dazu lange. Doch schließlich nickte er und verbeugte sich vor Galadriel. Maglor glaubte nicht, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit bereits gesprochen worden war, doch für den Moment gab Celeborn in der Tat Frieden. Maglor gab sich Mühe, sich anständig zu verhalten.

Arwen freute sich, ihren Vater und Großvater wiederzusehen. Elrond sagte nicht viel darüber, warum sie gekommen waren und Arwen schien sich damit zufrieden zu geben. Stattdessen zeigte sie ihnen stolz ihre neuesten Stickarbeiten. Sie war ausgesprochen begabt mit ihrer Nadelarbeit, und Elrond war ganz der stolze Vater.

Auch wenn sie nicht lang in Lórien verweilten, blieb Maglor in dieser Zeit für sich und spielte nicht einmal seine Lieder. Er wollte auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen, da er fürchtete, dass es noch immer einige Elben geben könnte, die ihn damals in Doriath überlebt hatten. Es war schlimm genug, dass er bereits den Zorn Celeborns auf sich geladen hatte, welcher zusätzlich verstimmt war, weil Galadriel und Arwen dieses Geheimnis vor ihm verborgen gehalten hatten. Maglor hoffte nur, dass er es nicht an Arwen auslassen würde, weil er dann nicht mehr versprechen konnte, nichts Unüberlegtes zu tun.

Doch die Zeit drängte und der vereinbarte Treffpunkt mit Gandalf kam näher. Schon wenige Tage später verließen sie erneut Lórien. Maglor konnte nicht bestreiten, dass er froh war, nicht mehr permanent Celeborns Zorn verspüren zu müssen. Er war eindeutig nicht so nachsichtig wie Galadriel.

Vor ihnen lag der Düsterwald und er hatte seinen Namen in der Tat verdient. Maglor erinnerte sich Taur-nu-Fuins in Dorthonion und der Schrecken, die in den Schatten der Bäume ihre Netze gewoben hatten, nachdem Sauron dort eingezogen war. Dies hier hatte große Ähnlichkeiten mit den Ereignissen im Ersten Zeitalter.

Einst war dies ein grüner, lichtdurchfluteter Wald voller Leben gewesen. Elrond berichtete ihm, dass hier die Gärten der Entfrauen gewesen waren, bevor Sauron sie am Ende des Zweiten Zeitalters verbrannt hatte. Sie waren häufige Besucher in den Wäldern gewesen und hatten den Nandor, die hier gelebt hatten, die Früchte ihrer Felder gebracht. Amon Lanc war einst das Zentrum von Orophers Reich gewesen, nun war es ein Ort voller Schatten und Schrecken.

Dol Guldur verbarg sich hinter einem Schleier aus Dunkelheit. Ewige Nacht schien hier zu herrschen. Alles Leben im weiten Umkreis war schon lange geflohen und die Bäume waren angefüllt von der Bosheit, die aus diesen Gemäuern sickerte wie Gift. Über all die Jahre hinweg war das Gift in den gesamten Wald eingedrungen und hatte ihn verderbt und wild werden lassen. Elrond sagte, dass es im Norden, wo noch immer Thranduils Einfluss herrschte, nicht so schlimm sei, doch hier im Süden sickerte die Bosheit aus jeder Pore des Waldes.

Alles war still und das war überhaupt das alarmierendste.

»Wo ist Mithrandir?«, sprach Círdan aus, was sie alle dachten.

»Er ist bereits vorausgegangen«, sagte Saruman schlicht. Dann betrat er die Brücke, die eine tiefe, dunkle Schlucht überspannte, und stieß seinen Stab auf den Boden.

»Náhaman cala!«, rief er aus und ein heller Lichtblitz fuhr aus seinem Stab. Fledermäuse stoben in der Ferne über Dol Guldur aus. Die Nebelschleier waberten und erzitterten, doch sie rissen nicht auf.

Galadriel trat vor und mit einem Mal sprang ein helles Licht von ihrer Hand. Ein Sturmwind wehte herbei und gemeinsam rissen sie den giftigen Dunst auf und vertrieben ihn.

Maglor schlug seine Harfe an und ihr goldener Ton vermischte sich mit dem Licht und dem Wind. Wie Bänder strahlenden Sonnenlichts trug seine Musik hoch hinauf in die Lüfte bis zu den höchsten Türmen Dol Guldurs. Sie wand sich um die Schatten und trieb sie zurück.

»Auta i lóme! Aure entuluva!«, sang er.

Doch es war nicht genug. Die Schatten waren stark, weit stärker als seine Musik. Sie bäumten sich gegen ihn auf, umkreisten ihn und bedrängten ihn. Maglors Finger glitten flink über die Saiten, doch er allein würde nicht bestehen können, egal wie meisterhaft er spielte. Eine Disharmonie kam aus der Harmonie seiner Melodie, verdrehte die Noten und machte sie zu etwas Dunklem, das gegen seinen Schöpfer rebellierte. Maglor spürte, wie ihm seine Musik mehr und mehr entglitt. Ein starker Wille, stärker als seiner und durchdrungen von mitternachtsschwarzer Bosheit, stand hinter der Dissonanz und drängte langsam aber unerbittlich Maglors goldene Musik zurück.

In diesem Moment sprang Elrond an seine Seite, das gezückte Schwert in den Händen, und mit ihm kam der Sturm. Er stimmte in Maglors Gesang ein. »Uryá cala! Ruca morna!«

Und siehe, da antwortete ihnen eine Stimme aus den Tiefen Dol Guldurs.

»Utúlië‘n aure!«

Und die Dunkelheit zerriss.

Die Schatten stürzten auf Maglor ein. Er ging zu Boden, fasste sich an den Kopf und schrie auf. Sauron war in seinen Gedanken.

»Makalaure«, wisperte er. »Der letzte deines Blutes. Verflucht und verdammt. Ich werde dir alles nehmen. Dir ist keine Freude in diesem Leben vergönnt. Dich erwartet allein die Ewige Dunkelheit. Mittelerde ist mein und ich werde alles an mich reißen, was dir lieb und teuer ist. Nichts wird mehr bleiben als meine Feuer, die auch das letzte verbrennen, was dir geblieben ist. Finsternis wird Mittelerde umfangen.«

Maglor sah die Feuer, die Imladris verschlangen. Er sah Elrond in Ketten, gefoltert und gebrochen. Er sah Arwen in ihrem eigenen Blut, die Zwillinge niedergestreckt. Und Maglor sah ihr Blut an seinen Händen.

Er schrie.

Sauron lachte.

»Utúlië‘n aure!«, befahl Gandalf erneut.

Gleißendes Licht strömte über Dol Guldur hinweg und fegte die letzten Schatten davon. Ein schriller Schrei ertönte und eine riesige schattenhafte Gestalt erhob sich aus den Ruinen von Dol Guldur und floh nach Süden.

»Atto!«, schrie Elrond auf und stürzte zu ihm. »Atto, geht es dir gut? Was ist passiert?«

Maglor atmete schwer, doch abgesehen davon war er wieder ganz er selbst. Er schüttelte die letzte Schwäche seiner Glieder ab. Ein scheußliches Gefühl. Noch immer raste sein Herz, doch alsbald beruhigte es sich wieder.

»Ja, es geht mir wieder gut«, sagte er leise und richtete sich wieder auf. Als er über die Brücke blickte, sah er Gandalf auf sie zukommen. »Es war, wie ihr befürchtet hattet. Þauron.«

Gandalf wirkte müde und abgerissen. Es schien, als habe er gekämpft, und er lehnte sich schwer auf seinen Stab. Aber dennoch hielt er sich noch immer aufrecht.

»Sauron in der Tat«, bestätigte er und betrachtete dabei Saruman scharf. »Wie ich es bereits all die Jahre sagte.«

»Es war riskant, dass Ihr allein vorausgegangen seid«, erwiderte Saruman gelassen.

»Und doch tat ich es und jetzt drängt die Zeit«, sagte Gandalf und trat an ihm vorbei. Er blickte nach Norden. »Ich fürchte, dass meine Freunde mich bald wieder brauchen werden. Hier mögen wir den Sieg davon getragen haben, doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei.«

»Mithrandir, gönnt Euch einen Moment Ruhe«, drängte Elrond.

Gandalf schüttelte den Kopf. »Dafür ist keine Zeit. Krieg steht dem Norden bevor und ich werde gebraucht. Jeder Moment ist kostbar.«

Elrond reichte ihm einen Wasserschlauch. »Dann nehmt zumindest dies hier. Miruvor

Gandalf neigte den Kopf. »Ich weiß dies zu schätzen. Doch die Arbeit des Rats ist hier noch nicht vollendet. Sauron mag geflohen sein, doch seine Diener weilen noch immer hier. Der Schleier ist durchbrochen, sie können sich nicht mehr verbergen. Ich jedoch muss zurück in den Norden. Lebt wohl!«

Er ließ sich durch kein Wort davon abbringen, als er sich abwandte und im Wald verschwand. Maglor sah ihn mit gerunzelter Stirn nach.

»Kommt!«, forderte Saruman sie auf. »Saurons Unrat beschmutzt noch immer den Wald.«

Sie folgten ihm in die Ruinen Dol Guldurs. Maglor spürte die Anwesenheit der Diener Saurons, doch sie verbargen sich. Mit ihnen war jedoch auch das Licht gekommen, das in jeden Winkel der Ruinen drang und die Schatten vertrieb. Lange konnten die Kreaturen sich nicht verbergen. Sie jagten sie unerbittlich.

Es fühlte sich seltsam an, wieder ein Schwert zu führen. Maglor hatte seine Klinge nicht mehr seit dem Ersten Zeitalter geschwungen, aber irgendwie hatte er es nie vergessen. Das Töten lag ihm und das machte ihm Angst.

Maglor konzentrierte sich darauf, nahe bei Elrond zu bleiben, um ihn zu beschützen. Wie sich herausstellte, brauchte Elrond jedoch keinen Beschützer. Gemeinsam lehrten sie die Orks das Fürchten, dass sie schon bald vor ihnen flohen.

Sie fegten durch die Ruinen Dol Guldurs und vernichteten jede Kreatur Saurons, die ihnen vor die Klingen kam. Der Sturm, den Elrond mit Vilya heraufbeschworen hatte, erschütterte die alten Mauern bis in ihre Grundfesten, und alsbald kam auch Galadriel hinzu. Gemeinsam schliffen sie Dol Guldur, bis am Ende nur noch Trümmer übrig waren.

Sauron war vertrieben. Und doch war es nur der Anfang.

»Wie werden wir nun weiter vorgehen?«, fragte Círdan, als sie sich nach getaner Arbeit wieder versammelt hatten.

»Sauron wird lange brauchen, um sich von diesem Schlag zu erholen«, war sich Saruman sicher. »Wir werden uns so schnell nicht mehr um ihn sorgen müssen.«

»Er ist uns entkommen«, hielt Galadriel dagegen. »Seine Existenz ist an den Ring gebunden, und so lange dieser nicht gefunden wurde, werden wir ihn nie gänzlich vertreiben können.«

»Der Ring!«, rief Saruman aus. »Herrin, wir sprachen bereits darüber. Der Ring ist verloren und längst den Anduin hinabgespült worden.«

»Dies ist weder der Ort noch die Zeit, um darüber zu diskutieren«, warf Elrond ein. »Dies war ein langer und ermüdender Tag und wir sollten alle rasten.«

Zumindest darin stimmten sie überein. Maglor steckte noch immer das Echo von Saurons Worten in den Knochen. Er versuchte, die Erinnerung daran abzuschütteln, aber dennoch lief es ihm kalt den Rücken hinab. Es war nur ein letzter Versuch Saurons gewesen, eine Spitze gegen ihn zu schleudern. Leere Worte, nichts weiter.

Warum also hatten sie Maglor nur so sehr getroffen?

Weil Sauron spielend leicht seinen wunden Punkt getroffen hatte. Sauron war ein Meister der Lügen und des Betrügens und Maglor sein alter Feind. Sauron kannte ihn und er hatte viel von seinem Meister gelernt, um die Schwächen seiner Feinde gegen sie zu verwenden. Maglor durfte nicht den Fehler machen ihn zu unterschätzen, nur weil er nicht Morgoth war.

Sie entfernten sich von den Ruinen Dol Guldurs und suchten sich einen nicht allzu verderbten Ort, um ihr Nachtlager aufzuschlagen. Elrond erkundigte sich erneut nach Maglors Wohlbefinden, doch er konnte ihm erfolgreich versichern, dass ihm nichts fehlte. Er wollte Elrond nicht sagen, was Sauron ihm gezeigt hatte. Er wollte selbst nicht mehr darüber nachdenken.

Noch lange, nachdem die anderen sich zur Ruhe begeben hatten, lag Maglor wach und sann über das nach, was noch vor ihm lag. Er hatte seinen Teil erfüllt, seine Arbeit war getan und Elrond in Sicherheit. Eine Sache blieb jedoch noch aus. Er sah nach Norden.

Dann stimmte er ein leises Lied an, sodass niemand sein Gehen bemerken würde, erhob sich und ging in den Wald.

»Vergib mir, onya, doch ich sagte es dir bereits: Ich muss es wissen«, wisperte er.

Náhaman cala! - Ich rufe Licht herbei!; Qu.

Auta i lóme! - Die Nacht vergeht! (Zitat aus dem Silmarillion)

Aure entuluva! - Es soll wieder Tag werden! (Zitat aus dem Silmarillion)

Uryá cala! Ruca morna! - Licht flamme auf! Nacht entfliehe!; Qu. (ein Zitat aus den Nachrichten aus Mittelerde ins Quenya übersetzt)

Utúlië‘n aure! - Der Tag ist gekommen!; Qu. (Zitat aus dem Silmarillion)

Der Geist des Feuers

In all den Jahren seiner Wanderschaft hatte Maglor die Kunst perfektioniert, unbemerkt zu bleiben und selbst nicht gefunden zu werden. Er sang seine Lieder und weder bemerkte Gandalf, dass Maglor ihm folgte, noch fand Elrond seine Spur. Denn freilich wollte er verhindern, dass Maglor nach dem Arkenstein suchte. Doch Maglor verschleierte seine Spur und seine Lieder führten Elrond in die Irre, sodass er sich schließlich von Galadriel überzeugen ließ, Maglor ziehen zu lassen.

Maglor blutete das Herz, seinem Sohn das antun zu müssen, doch er hatte keine Wahl. Er würde keinen Frieden finden können, wenn er nicht wirklich und wahrhaftig Gewissheit erlangen konnte. Er hoffte nur, dass Elrond das irgendwann würde verstehen können.

Geführt von Gandalf durchquerte Maglor den Düsterwald. Dol Guldur mochte nun gereinigt sein, doch der Wald war noch lange nicht befreit vom Hauch des Bösen. Galadriel mochte Recht haben: So lange der Ring nicht gefunden wurde, würde Mittelerde keinen Frieden finden. Doch was, wenn der Ring in der Tat wieder auftauchen würde? Was dann? Maglor wusste es nicht und wollte jetzt auch nicht darüber nachdenken. Er hatte Wichtigeres im Sinn.

Die Erinnerung an Elronds verletzten Blick quälte ihn. War er wirklich so närrisch, denselben Fehler zweimal zu begehen? Und was würde geschehen, wenn der Arkenstein in der Tat der silmaril seines Bruders war?

Würde Maglor der Welt beweisen, dass sie alle Recht hatten? Dass er doch nichts weiter als ein gemeiner Mörder war?

Er ging weiter.

Gandalf legte ein straffes Tempo vor. Maglor wusste nicht, was Gandalf im Sinn hatte, aber auch er spürte, dass etwas in der Luft lag. Die Tiere des Waldes wisperten davon und Maglor spürte es im Gefüge der Welt. Etwas Großes stand ihnen bevor. Was auch immer es war: Es trieb Gandalf zur Eile an.

Maglor war noch nie so weit in den Osten Mittelerdes gewandert. In den Jahren seiner Einsamkeit hatte er sich stets an den Küsten gehalten, vielleicht in Sehnsucht dessen, was jenseits des Meeres lag und ihm für immer verwehrt bleiben würde. Er erinnerte sich dessen, was über die Nebelberge gesagt wurde.

Einst, in grauen Vorzeiten, die selbst für die Eldar unfassbar weit zurücklagen, hatte Morgoth diese Berge erschaffen, um die Wanderungen Oromes aufzuhalten. Später, als Orome die Quendi von Cuiviénen nach Westen führte, hatte sich ein Teil vom Zug der Teleri in Furcht vor den Bergen abgewandt und war nach Süden gegangen. Dies waren die Nandor, deren Nachfahren noch heute in diesen Wäldern lebten und deren König Thranduil war.

Als er sich dem Ende seines Weges näherte, beschloss Maglor, dass er dem Istar lang genug gefolgt war und trieb sein Pferd an. Er wollte nicht, dass Gandalf ihm in die Quere kam, und war daher bestrebt, Erebor vor ihm zu erreichen.

Maglor hatte nicht wirklich darüber nachgedacht, was ihm am Ende seines Weges erwarten würde. Ganz sicher hatte er jedoch nicht eine zerstörte Stadt und mitten in ihren Ruinen einen toten Drachen erwartet. Er starrte auf die Ruinen Esgaroths hinaus, welche noch immer schmorten und rauchten. Smaugs Körper lag verdreht inmitten der Häuser, die er in seinen Todeszuckungen vernichtet hatte. Die Juwelen an seinem Bauch schimmerten, doch niemand würde kommen, um sie zu erbeuten.

Wer auch immer das Untier zur Strecke gebracht hatte, musste wahrlich ein mächtiger Held sein.

Am Ufer drängten sich die Flüchtlinge, die der Zerstörung der Stadt entkommen waren. Allzu lang konnte dies nicht her sein, sie hatten gerade erst begonnen, Zelte zu errichten. Maglor sah ihre Not. Der Winter stand bevor und diese Menschen hatten nichts als das, was sie am Leib trugen. Sie froren und hungerten und waren ohne Heim.

»Heyho, Herr Elb!«, rief ihm einer der Männer zu. »Hast du deinen König verloren?«

Maglor ließ sein Pferd halten und sah den Mann fragend an. »Wieso sollte ich ihn verloren haben?«

Der Mann deutete nach Norden zum Erebor. »Der Waldkönig kam erst vor kurzem hier vorbei mit seinen Soldaten und zog zum Einsamen Berg. Er muss gehört haben, dass der Drache tot ist, und ist nun auf den Schatz der Zwerge aus. Das musst du doch wissen.«

»Thranduil ist nicht mein König.« Maglor musste an sich halten, um nicht aufzulachen. Wie es aussah, war dieser närrische Sinda töricht genug, um für einen Schatz einen Krieg zu riskieren. Und alle Welt zeigte mit dem Finger auf die Feanorer, dabei hatten sie lediglich zurückverlangt, was ihnen ohnehin gehört hatte.

»Aber ich danke dir für diese Information, guter Mann«, sagte Maglor, dann trieb er sein Pferd an.

Krieg lag in der Luft. Etwas ging dort vor sich an den Hängen des Erebor, er spürte es. Er hatte das Erste Zeitalter überlebt, er kannte die Anspannung, die bei einem anstehenden Kampf in der Luft lag.

Daher überraschte es ihn wenig, als er bei seiner Ankunft ein Heer von Elben und Menschen vorfand, das sich zwischen den Ausläufern des Bergs versammelt hatte. Er erkannte das Wappen Orophers, ein gekrönter Hirsch auf grünem Grund, das über dem Heer wehte. Maglor zog die Kapuze tief ins Gesicht und begab sich im Schutz der Nacht in das Lager.

Auch wenn er nicht wusste, wo er suchen sollte, zog ihn etwas zum Kommandozelt. Seine Hände zitterten und er ballte sie zu Fäusten. Es war wie damals, als er mit Maedhros losgezogen war, um Eonwe zu bestehlen. Dieses Mal jedoch ahnte niemand, dass er kam, und ihm stand kein Ainu im Weg. Maglor biss die Zähne zusammen. Der silmaril war sein.

Maglor hielt sich in den Schatten und niemand schien so wirklich Notiz von ihm zu nehmen. Er schlich zwischen den Zelten entlang. Das Lager war angefüllt von der Musik der Elben, doch dieses Mal schenkte Maglor ihr keine große Aufmerksamkeit. Er hatte das Zelt des Königs ausgemacht und etwas sagte ihm, dass er dort fündig werden würde.

»Erfülle den Eid«, wisperte die Stimme seines Vaters in sein Ohr.

Als Maglor zwischen zwei Zelten hervortrat, sah er, wie Bilbo vor Thranduil und einen Mann trat, der der Anführer der Menschen zu sein schien. Bilbo hielt etwas in der Hand, und als er das Tuch zur Seite schlug, mit dem er es eingewickelt hatte, gab es keinen Zweifel mehr.

»Dies ist Thrains Arkenstein«, sagte Bilbo, »das Herz des Berges, und er ist auch Thorins Herz. Er ist ihm mehr wert als ein Fluss voller Gold. Ich gebe ihn euch. Er wird euch die Verhandlungen leichter machen.«*

Maglor blickte mit einem Mal in die Augen seines Bruders und sah in ihnen den gleichen Wahn, der auch ihn verzehrt hatte. Er spürte das Feuer ihres Vaters, das in den silmarilli brannte und seine Hände ruinierte. Und dann sah er Maedhros fallen und das Licht mit ihm.

Wie es sein silmaril in den Schatz der Zwerge geschafft hatte, wusste Maglor nicht. Aber nun bestand kein Zweifel mehr.

Doch in ihm brannte nichts mehr. Da war kein Verlangen mehr nach seinem Eigentum, kein Zwang, es zurückzuerlangen. Er sah das Licht der Zwei Bäume in seinem silmaril und er sah seine Schönheit. Doch seine Seele verzehrte sich nicht mehr danach, es an sich zu reißen.

Maglor konnte es nicht fassen.

Und dann, ganz unwillkürlich, musste er lachen. Es war vorbei! Es war wahrlich vorbei. Einfach so.

Thranduil sah in seine Richtung und trat auf ihn zu. »Was gibt es da zu lachen, Soldat?«, verlangte er zu wissen.

Maglor hätte beinahe Thranduil ins Gesicht gelacht. Er sah sich einer Miniaturversion Orophers gegenüber, von dem kleinen verängstigten Jungen war wahrlich nichts mehr geblieben. Und genauso wie Oropher wusste Thranduil doch nicht, mit welchen Mächten er es zu tun hatte und wie leicht sie seinen Untergang bedeuten konnten.

»Gebt Acht, König«, riet Maglor. »Spielt nicht mit dem Geist des Feuers. Er kann Euch allzu leicht verbrennen.«

Thranduil runzelte die Stirn. Dann sah er den Stern auf Maglors Rüstung und wurde kreidebleich. »Nein, das ist unmöglich …«

Maglor verbeugte sich spöttisch. Dann ging er ohne ein weiteres Wort. Er ging einfach so und kehrte seinem silmaril den Rücken zu. Er konnte es selbst nicht glauben. Maglor stimmte frohgemut ein Lied an, denn dies war in der Tat ein Moment des Feierns.

Erstaunlicherweise ließ Thranduil ihn in Frieden ziehen. Maglor verließ das Lager und suchte sich einen abgelegenen Ort an den Hängen, um von dort aus das Geschehen zu verfolgen. Er wollte sich in die Sache nicht einmischen, denn dies war nicht mehr seine Geschichte.

Die Nacht war angefüllt mit der Musik der Elben und den Stimmen der Menschen. Maglor war so fokussiert auf den silmaril gewesen, dass er nicht wirklich darauf geachtet hatte, warum Thranduil sein Heer hatte aufmarschieren lassen. Es ging wohl um den Schatz im Erebor, so viel wusste er. Aber dahinter musste noch mehr stehen. Sicher würde Thranduil nicht so närrisch sein und in der Tat für ein paar Schätze Blut vergießen wollen. Oder hasste er die Zwerge in der Tat so sehr, dass er so weit gehen würde?

Maglor hatte Oropher nie leiden können und anscheinend schlug der Sohn ganz nach dem Vater.

Der Morgen kam und mit ihm der Krieg. Ganz überraschend war ein drittes Heer aufgezogen, die Zwerge unter Daín Eisenfuß, die Thorin zur Hilfe gekommen waren. Es sah ganz danach aus, als ob die Sache hässlich werden würde, bereits flogen die ersten Pfeile. Doch da erschien Gandalf auf dem Schlachtfeld und er warnte sie alle vor einem weiteren Heer aus Orks und Wargen.

Der Himmel verdunkelte sich.

So begann die Schlacht der Fünf Heere. Maglor beteiligte sich nicht an ihr, doch er stand auf dem Hang und sang seine Noldolante. Er sang von seinem Eid und vom Bannspruch Manwes und der Flucht der Noldor, als sei er ein düsterer Bote des Schicksals.

Eine ganze Weile sah es nicht gut aus für die Elben und Menschen und Zwerge, doch dann ertönte plötzlich ein Schrei. »Die Adler! Die Adler! Die Adler kommen!«

Maglor hob den Blick, und es war ihm, als würde Thorondor selbst aus alten Zeiten herabsteigen und über die Orks herfallen. Die großen Adler des Gebirges fegten durch die Reihen der Orks und zerschlugen sie. Maglor veränderte sein Lied und sang nun zur Ehre und Ruhm der Adler Manwes, die mit sich brachten das Licht der Sonne. Die Wolken rissen auf und die Orks flohen.

Stille legte sich über alles. Viele waren an diesem Tag gestorben, viele, die noch ein langes Leben vor sich gehabt hätten. Unter ihnen war auch Thorin Eichenschild. Für eine Weile war er König unter dem Berge gewesen und als solcher wurde er in seinem Königreich zur Ruhe gebettet, den Arkenstein an seiner Brust. Viele kamen, um von ihm Abschied zu nehmen und ihm die letzte Würde zu erweisen. Unter ihnen war auch Maglor.

Die Zwerge sahen ihn verwundert an, warum ausgerechnet ein Elb gekommen war, doch Maglor beachtete sie nicht weiter. Er betrachtete den silmaril, das Herz des Berges.

»Lebe wohl, Bruder«, wisperte er. »Unser Leid hat ein Ende gefunden, unsere Geschichte ist nun vorüber. Ich liebe dich, Nelyo, und wünsche dir Frieden da, wo du nun bist.«

Er weinte, und doch lächelte er. Als er ging, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin.

Aus einer Laune heraus schloss er sich auf seinem Rückweg Gandalf und Bilbo an. Der Hobbit zeigte sich erstaunt, Lindir hier anzutreffen, doch Maglor lächelte lediglich und sagte, dass er in einer Familiensache gekommen sei. Gandalf wusste natürlich, was dies sein mochte, doch er sagte nichts. Gemeinsam reisten sie zurück über das Gebirge nach Bruchtal.

Sobald sie das Tal betraten, spürte Maglor Elronds Sorgen. Ein Vater wusste solche Dinge über sein Kind. Elrond kam ihm entgegen, sobald er bemerkte, dass Maglor wieder zurück war, und gab sich gar nicht erst die Mühe, seine Erleichterung zu verbergen. Er schloss Maglor in die Arme.

»Tu mir das nicht noch einmal an«, wisperte er. »Ich lasse dich nicht noch einmal gehen!«

Maglor erwiderte die Umarmung, doch dann hielt er Elrond auf Armeslänge vor sich. »Onya, sieh her.« Er zog seine Handschuhe aus und zeigte ihm seine Hände. Sie waren vollkommen verheilt. »Es ist vorbei, onya. Wirklich und wahrhaftig. Ich werde dich nie wieder verlassen, das schwöre ich.«

 

*Zitat aus dem Hobbit
Ende gut, alles gut. Wie versprochen das Happy End. Und natürlich segeln sie auch zusammen in den Westen. Vielen Dank an alle, die bis hierher gelesen und mich beim Schreiben begleitet haben. Ihr seid der Hammer!

Autorennotiz

Ich habe meinen eigenen HC, was Elrond betrifft. In dem spielt Maglor im Zweiten und Dritten Zeitalter keine Rolle. Dennoch wollte ich etwas zu der Theorie schreiben, Lindir sei Maglor, einfach weil ich sie so mag. Theoretisch ist dieser Text also nicht Teil meines HCs, ich bediene mich dennoch dessen. Ein paar alte Bekannte wie Ceomon und Rethtulu werden also dennoch auftreten.

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Autor

Elenyafinwes Profilbild Elenyafinwe

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Kapitel:12
Sätze:3.292
Wörter:40.652
Zeichen:236.220

Kurzbeschreibung

Nicht alle, die wandern, sind auch verloren. An einem Winterabend trifft der Waldläufer Aragost in Bree auf einen schweigsamen Elben mit einer bemerkenswerten Begabung für Musik. Er bietet Lindir an, mit ihm zu den Dúnedain zu kommen und für eine Weile bei ihnen zu leben, nichts ahnend, wer Lindir wirklich ist.

Multicrossover

Diese Fanfiction wird neben Der Herr der Ringe auch in den Fandoms Das Silmarillion und Der Hobbit gelistet.
Sie wurde außerdem mit Longfiction, Familie, Drittes Zeitalter, Gen, Alternativuniversum, Psychische Krankheit(en), Schmerz und Trost und Happy End getaggt.