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Vögel auf den Dächern

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10.12.2018 14:37
12 Ab 12 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

„Wenn du es lange mit dem aushältst, wäre das ein Wunder!“ hatte Mike noch gemurmelt, als John ihm erzählt hatte, dass er nun wirklich mit Sherlock zusammen gezogen war. Zwar hatte er es mit einem neckischen Augenbraue-Hochziehen als Scherz gekennzeichnet, schließlich hatte er die Wohngemeinschaft ja vermittelt, doch John hatte vermutet, dass sein Gegenüber bestimmt schon längst Wetten abgeschlossen hatte, wie lange er es mit Sherlock Holmes aushalten würde.

Er hatte beschlossen, vorurteilsfrei an die Zweckgemeinschaft heranzugehen. Er war ja selbst kein einfacher Mitbewohner. Seine posttraumatische Störung ließ ihn ab und an in Flashbacks versunken kurzzeitig den Kontakt zur Realität verlieren und ins Leere starren, sein Bein machte seine Fortbewegung umständlich und für einen ständig hastig herumeilenden Sherlock oft nervig. In vielen Nächten war er schon aufgeschreckt, als Sherlock aus unerfindlichen Gründen mitten in der Nacht Türen knallen oder Dinge zu Boden fallen ließ. Ja, zu Anfang hatte es wirklich nach einer Mitbewohnsituation der problematischen Art ausgesehen. Zu Anfang?

Inzwischen teilte er schon einige Wochen das Zuhause mit Sherlock, und noch immer hatte sich die Situation nicht gebessert. Oder er hatte sich noch nicht an sie gewöhnt. Wie auch immer man es sehen wollte, und John wusste nicht genau, wie er es sah. Mal war er wütend auf sich selbst. Auf die verdammte Schreckhaftigkeit bei plötzlichen Geräuschen und Bewegungen, die ihn aus dem Krieg begleitet hatte. Die Verwirrung und das Gefühl des Überfordert-Seins, das auf Schreckmomente folgte. Laut seinen Ärzten war all das „normal“, aber was war an Krieg schon normal, was war überhaupt normal? Laut seinen Ärzten brauchte er Verständnis und Rücksicht, doch diese Worte waren für Sherlock Fremdworte, und John würde nicht mehr darum bitten, nein. Manchmal wollte er ausziehen, dann wieder verfluchte er sich selbst und seine Unfähigkeit, sich zusammenzureissen. Und dann schreckte er wieder des Nachts auf weil Sherlock anscheinend nie schlief, aber immer Geräusche machte. Dann verfluchte er den seltsamen Mitbewohner. 

Es war ein seltener Nachmittag an dem sie sich gleichzeitig in der Küche aufhielten und Tee tranken. John saß da, seine Krücke neben sich an den Tisch gelehnt. Sherlock konnte nicht still sitzen und lehnte am Küchentisch, das ständige klirrende Geräusch, mit dem er fortlaufend in seiner Teetasse rührte, zerrte an Johns Nerven. Er fasste so etwas wie Mut, vielleicht sammelte er auch nur genug Genervtheit zusammen: „Als du mich vor nächtlichen Geigenklängen gewarnt hast, hast du ganz vergessen, dass du nie zu schlafen scheinst.“ Das klang eher ironisch gemeint als wirklich wütend und so verzog Sherlock auch nur den Mund zu einem schmalen Lächeln. „Ich schlafe nur, wenn nichts Spannenderes meine Aufmerksamkeit gefangen nimmt“, entgegnete er, ohne auch nur zu versuchen, entschuldigend zu wirken. John nippte an seinem Tee, überlegte. Er wollte dem Mitbewohner nicht Gelegenheit geben, in seiner arroganten Stimmlage zu dozieren, aber ach, was sollte es schon. „Und was nimmt zur Zeit deine Aufmerksamkeit gefangen?“ 

Statt eine Antwort zu geben lief Sherlock zum Fenster und zeigte hinaus. „Was ist da?“ fragte John, mäßig interessiert, doch als Sherlock immer noch nichts sagte, wurde die Neugierde immer stärker, bis er schließlich auch, auf seine Krücke gestützt, zum Fenster humpelte. Was er sah war die gegenüberliegende Häuserreihe in der Baker Street. Sherlock bemerkte seine Ratlosigkeit und deutete noch ein Mal, vehementer, diesmal in Richtung Himmel, oder nein, in Richtung der Dächer. „Aha, Vögel.“ John konnte sich kaum zurückhalten, die Augen zu verdrehen. „Du betreibst also Vogelbeobachtung, sehr britisch.“

Sherlock hatte für Scherze und Spott nicht viel übrig - in einer Manier, die man schon zickig nennen konnte, wandte er sich wieder vom Fenster und von John ab. „Wenn dich die außergewöhnlichen Vorkommnisse hier in dieser Gegend so wenig interessieren und du sie gar als ‚typisch britisch‘ abstempelst, wo du doch einen Bilderbuch über Großbritannien entnommen sein könntest, dann werde ich mich ganz bestimmt nicht damit aufhalten, dir zu erklären, was mich daran so fesselt.“

Nur mit Mühe unterdrückte John ein Seufzen. Was für ein aufgeblasener, arroganter Mensch Sherlock doch war. Da konnte er noch so intelligent sein, daran bestand ja keinen Zweifel, aber mit einer derartigen Unhöflichkeit behandelt zu werden brauchte John sich nicht gefallen zu lassen. Allerdings … irgendwie interessierte es ihn doch, was Sherlock an den Vögeln so faszinierte. Dass sein neuer Mitbewohner ungemein talentiert darin war, in nur scheinbar alltäglichen Situationen die vielsagendsten Details herauszupicken, das hatte John rasch gemerkt, und ein bisschen weniger Alltag käme ihm sehr gelegen. „Also gut. Erklär‘ es mir: Was ist denn mit den Vögeln?“

Er musste gar nicht darum bitten, Sherlock hatte offensichtlich nur darauf gewartet, dass er Interesse zeigte. Wie aufgezogen hüpfte er aus seiner vorgespielten Lethargie und begann heftig gestikulierend auf John einzureden: „Schau doch mal genauer hin, und wenn du hingesehen hast, dann überlege dir – nein, schließ am besten sogar die Augen und erinnere dich daran, wie der Anblick, der sich dir aus diesem Fenster bietet, sonst so aussieht.“ 
Auch wenn er sich dabei etwas dämlich vorkam, tat John wie geheißen. Er schloss die Augen, überlegte kurz: „Gerade sind hier unglaublich viele Vögel, sehr, sehr viel mehr als sonst!“
Sherlock nickte und John durchfuhr, auch wenn seine Beobachtung ihm wohl nicht gerade den Nobelpreis einbringen würde, ein Gefühl von Stolz. „Ja, aber was bedeutet denn das?“ fragte er sogleich. „Ich meine, du wolltest nicht als Vogelbeobachter dastehen, doch hat das außer einer potentiellen ornithologischen noch irgendeine andere Bedeutung?“
„Ja.“ Sherlock machte eine dramatische Pause. „Eine okkulte.“
„Eine was?“ John konnte es nicht glauben, wollte das Wort nicht einmal wiederholen.
„Okkult. Okkult bedeutet so etwas wie ‚paranormal‘, ‚übersinnlich‘, im allgemeinen Sprachgebrauch wird es auch degradierend für ‚esoterisch‘ verwendet.“
Nur schwerlich konnte John seine Ungeduld unterdrücken. „Ja, was das Wort bedeutet weiß ich doch. Aber was haben die Vögel damit zu tun? Und vor allem, was hast du damit zu tun? Ich dachte, du währest wissenschaftlich interessiert und strikt rational.“
Sherlock zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Du machst es dir hier sehr einfach. Was deiner Einschätzung meiner Person und die der Welt an sich betrifft. Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden als eure Schulweisheit sich träumen lässt“, zitierte der Detektiv.
„Oh, ein Shakespeare-Kenner bist du auch noch“, murmelte John. „Jetzt sag‘ mir doch einfach, was es mit den Vögeln auf sich hat, okkult oder nicht!“
„Das werde ich. Aber ich kann dir schon mal versprechen, dass es dein Gehirn und deine Vorstellung der Realität auf die Probe stellen wird. Mach‘ lieber noch mal einen Tee!“
Und das tat John. Wenn sich schon sein Bild von der Welt von Grund auf ändern sollte, mit einer Tasse heißen Schwarztees in den Händen war das doch halb so schlimm. 

So saßen sie sich die beiden Männer wieder am Küchentisch gegenüber, diesmal jedoch nicht in aufgeladenem Schweigen, sondern in ein Gespräch vertieft. Das heißt, Sherlock war in einen ausufernden Monolog übergegangen und John hing an seinen Lippen, ab und an einen Schluck Tee nehmend, und nicht einmal merkend, dass er sich die Zunge verbrannte. Denn was Sherlock erzählte, zog ihn so in seinen Bann, dass er den Mitbewohner plötzlich nicht mehr als einen arroganten Schnösel wahrnahm, der ihn wahlweise ignorierte oder rumkommandierte, sondern für einen exzentrischen Mann, der leidenschaftlich für etwas brannte. Und dieses Etwas war ein Sachverhalt, der über alle Vorstellungen hinausging, die sich John je über die Welt im Allgemeinen und London im Besonderen gemacht hatte.
Zunächst war John voller Bewunderung davon gefesselt, wie sachlich Sherlock sich gebärdete, während er die ganze abstruse Geschichte entfaltete. Doch gerade Sherlocks vollkommen ernsthafte – und ja, immer noch überhebliche – Aufrichtigkeit, war es, die jeden Zweifel an seiner Erzählung nahezu im Keim erstickte. Nahezu.

„Es begann alles mit den Vögeln. Sie sind mir zu Beginn des Monats zum ersten Mal aufgefallen. Selbstverständlich sind auch in einer Großstadt wie London Vögel unterwegs, doch zumindest im Stadtinneren sind das meistens Tauben. Und auch, wenn man gerade in den Parks auch auf Raben stößt, nicht in diesem Ausmaß, wie sie gerade uns gegenüber auf den Dächern lauern. Zunächst dachte ich noch, es beträfe vielleicht ganz London oder sogar die ganze Insel. Aber da ich weder in Zeitungen noch in den eher verschwörungstheoretisch angehauchten Ecken des Internets entsprechende Hinweise fand, genauso wenig, wie ich oder Leute, die ich damit beauftragte, Ausschau zu halten, an irgendeiner anderen Stelle dieser Stadt solche Mengen dieser Vögel entdeckten, erkannte ich, dass es wirklich etwas sein muss, das spezifisch mit der Baker Street zu tun hat.“
„Naja“, John zuckte mit den Schultern um gleichsam auch das unheimliche Gefühl, das ihn beschlichen hatte, abzuschütteln. „Vielleicht wohnt in der Gegend ein Vogelfreund, der sie auch füttert. Das wäre doch eine naheliegende Erklärung!“
Sherlock rollte mit den Augen, doch ausnahmsweise war John von seiner herablassenden Art nicht genervt, zu sehr fesselte ihn das seltsame Vogelphänomen. „Das habe ich natürlich auch zunächst vermutet, aber so ist es nicht. Die Vögel werden hier nicht gefüttert, nähern sich auch keinem spezifischen Gebäude. Sie sitzen einfach nur da und schauen unsere Seite der Baker Street an. Sie beginnen sich immer gegen drei Uhr nachmittags zu versammeln, dann werden es immer mehr. Gegen sechs ist die Dunkelheit zwar schon hereingebrochen, doch habe ich mit meinem Nachtsichtgerät grob einschätzen können, dass sich ihre Zahl bis dahin ungefähr verdoppelt hat. Um neun Uhr abends ist das Bild, das sich mir durch die Gläser bietet zwar viel zu gedrängt, noch viel erkennen zu können, doch würde ich darauf wetten, dass es sich um dreimal so viele Vögel handelt, wie sich am Nachmittag eingefunden haben. Dann beginnt sich die mysteriöse Versammlung wieder aufzulösen, gegen Mitternacht ist wieder alles wie gewohnt. Keine Vogelschwärme, nur ab und an eine vereinzelte Taube auf den Dächern.“

John stand auf und humpelte wieder auf das Fenster zu. Tatsächlich, die Anzahl der Vögel schien sich inzwischen beträchtlich erhöht zu haben; in der einbrechenden Dunkelheit wirkten die schwarzen Tiere bedrohlich. Wenn er sich anstrengte, konnte er auch über den Straßenlärm hinweg ihr Krächzen durch die Fenster dringen hören. Eine Unbestimmte Furcht stieg in ihm hoch und er umklammerte seine Krücke fester als er sich wieder zu Sherlock herumdrehte. „Und du sagst, das geht schon den ganzen Monat so?“
„Ja – wie passend für den Oktober. Es würde mich nicht wundern, wenn alles am 31. auf eine Ende oder einen Klimax irgendeiner Art zustrebt.“
„An Halloween, also?“
„An Samhain.“
Das seltsame alte Wort klang bedrohend und viel zu real in Sherlocks tiefer, rauer Stimme.

In dieser Nacht schlief John mal wieder schlecht – aber es war ein besseres ‚schlecht‘ als zuvor. Während ihn bisher immer Albträume an Afghanistan geplagt hatten und ihn jedes Geräusch, das von Sherlocks nächtlichen Aktivitäten herrührte, in hysterische Hyperventilation stürzte, schauten nun in seinem Traum unzählige starre Vogeläuglein auf ihn herab, und als er schweißgebadet und heftig atmend erwachte, nahm er Sherlocks Violinenspiel nicht als Störung, sondern als Trost wahr. 

Sie hatten am Abend zuvor noch lange geredet. John hatte zwischen Unglauben und Furcht geschwankt. Einerseits hielt er Sherlock nicht für einen Phantasten, andererseits, die Dinge, von denen er sprach … Magie, die Beschwörung und Gefügig-Machung von Tieren, all dies waren Sachen, die er noch nie ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Er konnte aber nicht leugnen, dass die Belagerungssituation mit den Raben keineswegs normal war, und, wenn man die flatternde Masse genau betrachtete, nahmen sie nicht deutlich die Baker Street 221B ins Visier? Von der steigenden Nervosität, vor allem angesichts der Tatsache, dass Halloween, nein, Samhain, nun nur noch eine Woche entfernt war, hatte ihn nur Sherlocks Versicherung, er wüsste, wer ihnen helfen konnte, ein wenig erlösen können. Woher kam nur dieses plötzliche Vertrauen in den Mitbewohner?

Er schwang beide Beine aus dem Bett und atmete die kalte Morgenluft ein. Er schob sich hoch, um eine warme Dusche zu nehmen, und zum ersten Mal seit langem war er zu abgelenkt, beim Aufstehen als erstes nach seiner Krücke zu greifen.

Als John die Küche betrat registrierte er mit Verwunderung, dass Sherlock am Tisch auf ihn wartete. Augenscheinlich, wie der krümelige und mit Marmelade beschmierte Teller vor ihm verhieß, hatte er schon gefrühstückt, aber abgesehen davon hatte er gewartet.

Ohne ein „guten Morgen“ oder eine andere Begrüßung begann er gleich damit, zu reden. „Hör zu – wir müssen heute einiges erledigen. Aber wenn alles klar geht, werden wir uns diese Woche optimal auf das vorbereiten, was uns Samhain erwartet.“ In der Erwartung eines längeren Vortrags hatte John damit beginnen wollen, sich Tee aus der Kanne, die noch auf dem Herd stand, einzuschenken, doch ohne sich zu ihm umzuwenden unterbrach Sherlock ihn: „Den Tee hab‘ ich getrunken, bis du endlich aufgewacht bist, und Milch ist auch keine mehr da. Komm‘ jetzt, du kannst im Taxi frühstücken!“

Mehr Informationen hatte Sherlock ihm nicht gegeben und man hatte ihm die Ungeduld angemerkt, als John sich bei Speedy’s noch schnell ein Sandwich kaufte. Nun saßen die beiden im Taxi, John essend und Sherlock herumhibbelnd. John wusste immer noch nicht, wo es hinging, doch das ihm, wie er vor sich selbst widerwillig zugeben musste, irgendwie auch egal. Hauptsache, er hatte etwas zu tun, an diesem Samstagvormittag, den er sonst wohl in seinem Zimmer und in trübe Gedanken versunken verbracht hätte.
 

Die Gebäude, die an den Taxifenstern vorbeizogen, wurden immer beeindruckender und man hatte sich nicht einmal bemüht die hochmodernen Überwachungskameras zu verstecken. Vor einem besonders imposanten Bauwerk, das über eine ordentlich gestutzte Hecke hinwegragte, hielt das Taxi an. Sherlock sprang heraus, kaum, dass das Auto stehen geblieben war, John folgte etwas langsamer, mal wieder innerlich die schwer aus dem Inneren zu manövrierende Krücke verfluchend. An ein schmiedeisernes Tor gelehnt stand ein schlanker Mann in einem sichtlich teuren Anzug, der mit nur schwerlich unterdrückter Nervosität an einer Zigarette zog. Sherlock verlangsamte seinen Schritt, als er sich ihm näherte, und lächelte süffisant. „Mycroft! Meine Nachricht muss dich ja wirklich sehr aufgewühlt haben, wenn du uns hier draußen erwartest. Hättest du die Spannung ohne eine Beruhigungszigarette nicht ertragen?“ Der so Angesprochene neigte grüßend den Kopf und ließ den aufgerauchten Stummel zu Boden fallen, wo er ihn nachdrücklicher als nötig austrat. 
„Dein Begleiter ist dieser Watson, mit dem du nun zusammen wohnst, nehme ich an. Kann man ihm vertrauen?“ – „Natürlich. Sonst hätte ich ihn nicht mitgebracht.“
Wut darüber, dass so über seinen Kopf hinweg über ihn gesprochen wurde, schoss wie eine Stichflamme durch Johns Körper. „Hey, kein Grund unhöflich zu werden! Wer sind Sie denn überhaupt? Mich scheinen Sie ja schon zu kennen …“ 
Nun streckte der Fremde ihm ausgesucht höflich die Hand entgegen. „Mycroft Holmes mein Name, Sherlocks Bruder. Erfreut, Sie kennen zu lernen, John Watson.“ Perplex von der ernsthaften Seriösität dieser Begrüßung schüttelte John die dargebotene Hand. 
„Ich wusste gar nicht, dass Sherlock einen Bruder hat!“, rutschte es ihm heraus, bevor ihm einfiel, dass dieser Kommentar vielleicht kränkend für den älteren Holmes sein könnte. Der lächelte jedoch nur.
„Sherlock erzählt seinen Mitmenschen gerne genauso viel, wie sie wissen müssen, nicht mehr und nicht weniger. Eine Angewohnheit, die auch ich sehr befürworte.“ Damit wandte er sich auch schon wieder an Sherlock. „Weiß er genug?“
Sherlock nickte. „Ja. Wir können ihm vertrauen. Er ist interessiert und noch skeptisch, letzteres aber nicht mehr lange.“
„Um was geht es denn bitte? Hat es was mit den Vögeln zu tun?“
„Natürlich,“, entgegnete Sherlock fast schon genervt. „Was soll uns denn sonst gerade umtreiben?“
Mit diesen Worten ging er auf das große Gebäude zu, das nun, da es nicht mehr von einer Hecke verdeckt wurde, noch viel beeindruckender aussah. Mycroft nickte dem Portier grüßend zu und sie wurden durchgewunken. Bevor sie eintraten, drehte er sich noch einmal zu John um: „Sie sagen kein Wort, bis ich es ihnen erlaube, verstanden?“
John war viel zu perplex um seine Empörung zu zeigen, so nickte er nur.

Im Gebäude war es so totenstill, dass er sich des leisen Klackens, das seine Krücke trotz des Gummiaufsatzes von sich gab, überdeutlich bewusst wurde. Die Blicke, die der kleinen Gruppe zugeworfen wurden, waren dennoch nicht unhöflich – es war klar, dass Mycroft einen Ruf genoss, der ihm allseits Respekt entgegen brachte. Zunächst wirkte das Innere des Hauses wie ein ganz normaler Club im Herzen Londons – reich, und elitär, ja, aber ansonsten war hier nichts Besonderes, und John fragte sich, weshalb Sherlock und Mycroft so geheimnisvoll getan hatten. Dann jedoch blieben sie in einem kleinen, leeren Raum stehen, vor einem Zeitschriftenständer, der die letzten Jahrgänge literarischer und kultureller Magazine enthielt. Zunächst wunderte sich John darüber, ob Mycroft ihnen einfach nur einen Artikel in einer Zeitschrift zeigen wollte, den man doch sicher auch hätte einscannen können, doch als er sah, wie der elegante Mann am an der Wand befestigten Ständer zu schieben begann, besann er sich eines Besseren, als nachzufragen. Als der hölzerne Ständer schließlich Mycrofts Schieben nachgab und in der Wand verschwand erfuhr John ein kurzer Laut des Schreckens. 

Die drei standen vor einer rechteckigen Öffnung in der Wand. Fast hätte John gekichert. Ein Geheimgang in einem alten, englischen Haus, er fühlte sich wie in einem Gothic Novel. Allerdings sah der Gang überhaupt nicht aus, wie man sich einen solchen vorstellte – statt dunkel und dreckig war er, auch wenn man sah, dass er alt war, äußerst sauber, und die Lampen an den Wänden leuchteten unpassend modern vor sich hin. „Du glaubst doch nicht, mein Bruder würde durch einen dunklen, funzelig beleuchteten Gang kriechen?“, kommentierte Sherlock, als hätte er Johns Gedanken erraten.
Mycroft schnaubte. „Geht ihr beide vor, ich darf euch  nicht sehen lassen, wie ich die Tür von innen schließe“, erklärte er und für ihn ganz ungewohnt gehorchte Sherlock ohne einen weiteren Kommentar.

Der Gang, der zunächst geradeaus wegführte, machte schon bald einen Knick und führte in einem stetigen Abfall unter das Gebäude zurück. Sherlock ging rasch voran, John bemühte sich, mitzukommen, und hinter sich hörte er, wie Mycroft sich näherte. Trotz der guten Beleuchtung fühlte der Gang sich beengend und luftleer an, und John war erleichtert, als sie vor einer Tür Halt machten, die so groß war, dass sie dem Eingang oberhalb der Erde Konkurrenz machte. Jetzt musste Mycroft sich wieder an den anderen beiden vorbei drängen, um die Tür zu öffnen. 
Nach Mycroft betraten beide den Raum, der sich ihnen nun auftat. Die trockene Luft roch muffig, doch erlöste der überwältigende, großartige Anblick, der sich ihm bot, John von sämtlichen klaustrophobischen Anwandlungen. Er stand in der größten Bibliothek, die er je gesehen hatte – und das unteriridisch! „Wow“, flüsterte er und der ältere der Holmes-Brüder ließ ein stolzes Lächeln erkennen. „In der Tat, ‚wow‘ ist eine angemessene Reaktion.“

„Kommt, wir müssen ins Zentrum.“ Sherlock hatte keine Zeit für Andächtigkeit sondern lief voraus, die Art, wie er seinen Weg zwischen den nach keinem erkennbaren System mal parallel mal senkrecht zueinander verlaufenden Regalen fand, zeigte, dass er schon häufiger hier gewesen war. Mycroft zwinkerte John zu. „Mein kleiner Bruder denkt, er hat das Labyrinth durchschaut. Ich denke, ich sollte ihm zeigen, dass es immer noch ich bin, der sich in dieser Bibliothek am besten auskennt. Folgen Sie mir.“ Und sie liefen in den Gang hinein, der dem, den Sherlock gewählt hatte, direkt gegenüber lag. Obwohl sie nicht besonders schnell liefen – John bemerkte, wie er unwillkürlich sein Humpeln betonte, als wolle er dem Mitbewohner eine größere Chance geben – gelangten sie einige Minuten früher an einen runden Tisch, der wohl in der Mitte der Bücherei stand. Als Sherlock schließlich zwischen den Regalen hervortrat bemühte er sich, seinen Ärger nicht zu zeigen, aber John konnte sehen, wie er hinter dem ausdruckslosen Gesicht die Zähne zusammenbiss. Es war klar, dass Sherlock es hasste, sich seinem Bruder unterlegen zu fühlen, und John schwebte in einer Mischung aus Mitleid und Faszination – einerseits tat es ihm Leid, dass Sherlocks Selbstbewusstsein durch das Zusammensein mit seinem Bruder einen Dämpfer erfuhr, andererseits fand er es ungemein spannend, dass Mycroft scheinbar noch intelligenter war, als das ‚verrückte Genie‘, als das er Sherlock schon längst respektvoll aber befremdet eingestuft hatte. 

„Also dann, setzt euch, und ich erkläre euch, was zu tun ist.“ Mit einer herrschaftlichen Geste deutete Mycroft auf die Stühle, und es war unschwer zu erkennen, dass er seinen Heimvorteil gegenüber Sherlock einfach noch ein wenig ausspielen wollte. Wortlos nahm der Platz und John tat es ihm gleich. „Als Sherlock mir von den Raben erzählte, dachte ich zunächst, es sei einer von uns,“, begann Mycroft und trotz der Beklemmung, die John im unterirdischen überkommen hatte, nahm er seinen Mut zusammen und unterbrach sofort, da er schon ahnte, dass Mycroft genau wie sein jüngerer Bruder einen Hang zu langen Reden die wenig erklärten hatte. „Was heißt ‚einer von uns‘? Wer seid ihr? Wo bin ich hier? Und sagt jetzt nicht, dass ich das nicht wissen muss – ich bin euch durch einen verdammten Geheimgang gefolgt, ich habe jedes Recht, zu erfahren, was hier eigentlich los ist!“ Aufgewühlt war John ausgesprungen, als die Brüder jedoch nicht sonderlich beeindruckt wirkten und sich nur mit hochgezogenen Augenbrauen einen Blick zuwarfen, ließ er sich etwas beschämt wieder niedersinken.
„Na gut,“, seufzte Mycroft dann. „Wenn er dir nicht vertrauen würde, hätte dich Sherlock nicht zu mir gebracht, und Zeit genug für eine kleine Geschichtsstunde haben wir auch. Wir sind nicht in Eile, bis zum 31. werden wir bereit sein.“ Zufrieden lehnte John sich zurück. Was auch immer diese beiden offensichtlich hochintelligenten aber doch so seltsamen Brüder für ein Geheimnis hatten, er würde es jetzt erfahren und könnte dann immer noch entscheiden, was er davon hielt.

„Wahrscheinlich hast du die Räumlichkeiten, durch die ich dich gerade noch oberirdisch führte nicht erkannt“, nahm Mycroft an. John war gekränkt, widersprechen konnte er jedoch nicht. „Es handelt sich hier um den Sitz des Diogenes-Clubs, eines Gentleman-Clubs der schon im 19. Jahrhundert existierte. Männer der gehobenen Gesellschaft treffen sich hier in aller Stille um zu lesen, zu trinken, abzuschalten. Außer in bestimmten dafür ausgezeichneten Räumlichkeiten ist das Reden nicht gestattet, was mich besonders freut. Natürlich wäre es Naivität, den Club nur als Entspannungsresort für die Oberschicht zu sehen. Es geht um mehr. Auf einer Ebene reicht schon das Sehen und Gesehen-Werden, doch werden hier auch mehr politische und wirtschaftliche Vereinbarungen getroffen als irgendwo sonst in London. Doch auch das ist nur die Oberfläche – im wörtlichsten Sinne. Worum es wirklich geht, das siehst du hier.“ 
John blickte sich um. „Um Bücher?“
Mycroft lachte. „Die Bücher sind wichtig, ja, aber es geht um den Kern der Sache, das, was die Bücher enthalten. Auch wenn ich seit meiner späten Jugend mit dieser Sicht auf die Welt umzugehen gelernt habe, fällt es mir immer noch schwer, es auszusprechen, aber was soll’s: Es geht um Magie.“
John schluckte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Klar, Sherlock hatte schon derartiges angedeutet, doch hier, in einem verborgenen unterirdischen Raum, umgeben von all den alten Büchern, die nach Staub und Leder rochen, fühlte sich alles noch einmal ganz anders an. 
„Ja, so wie du gerade aussiehst habe ich mich damals auch gefühlt. Ich hatte gerade begonnen, in London zu studieren. Die Großstadt mit ihren Menschenmassen war mir geliebt und verhasst zugleich. So viele Menschen, so wenig Ruhe, es war unerträglich nervig – doch genauso spannend war es auch. Doch während ich so die Menschen beobachtete, war mir nicht klar, dass auch ich beobachtet wurde. Bis mich eines Abends in einem Pub ein Mann ansprach, dessen Namen zu erfahren sich für dich noch nicht schickt. Er erzählte mir, dass er mich schon lange beobachtete, und glaubte, dass ich der Richtige sei, in ein Geheimnis eingeweiht zu werden. Zunächst ging ich noch von einer allzu plumpen Anmache aus, und als der vollkommen nüchterne Mann Dinge über mich wusste, meinen Namen, Informationen über meine Familie und mein Studium, fürchtete ich schon, in das Visier eines Stalkers geraten zu sein. Mit einem Selbstbewusstsein, das fast schon an Selbstüberschätzung grenzte, wie ich gestehen muss, willigte ich jedoch ein, ihn in die Räumlichkeiten des bekannten Diogenes-Clubs zu begleiten. Ich war mir sicher, mich im Falle eines körperlichen Übergriffes wehren zu können, außerdem war meine Neugierde darauf, mich dort aufzuhalten, wo sich die Größten der britischen und internationalen Politik herumtrieben, größer als jegliche Vorsicht. Hier begann mein Begleiter dann, mir die Geschichte des Diogenes-Clubs zu erzählen – des wahren Diogenes-Clubs! In Hinterzimmern betriebene Politik ist die glänzende Oberfläche einer noch viel machtvolleren Unterwelt. Hier wird ein Wissen bewahrt, das sich seit jeher durch die Geschichte und Geographie Londons zieht. London ist eine Stadt der Finsternis und des Verborgenen. Eine dunkle Stadt, eine untergründige Stadt. Sie ist weltbekannt für ihr Untergrundbahnsystem, das man auf jeglichem touristischen Kitsch, von Kühlschrankmagneten bis T-Shirts, kaufen kann. Das ist nicht verwunderlich – auch solche Menschen, die wenig davon wissen, was sich hinter Londons bunter Fassade verbirgt, spüren instinktiv, dass die wichtigen Dinge im Untergrund geschehen. Doch haben sie keine Ahnung, was unterhalb Londons wirklich vor sich geht. Du bist vielleicht beeindruckt, von dem was du hier siehst, der riesigen Bibliothek, den unzähligen Büchern,“ – er beobachtete Johns Gesicht genau, sprach erst weiter, als er ein zufriedenstellendes Maß an Bewunderung registriert hatte – „doch dies ist nur ein Bruchteil des Wissens, das an geheimen Orten Londons versammelt ist. Die wirklich Eingeweihten des Diogenes-Clubs verwahren das Wissen um den Zugang zu magischen Städten, zu Ritualen, die die Grenzen zwischen den Jahrhunderten oder den Universen der Lebenden und Toten verschwimmen lassen. Wir wissen von Bauwerken in London, die durch jahrtausendealte Energielinien verbunden sind, von Straßenecken, die einen, sollte man zur falschen Uhrzeit um die Ecke biegen, in Shakespeares Zeit zurück schicken.“ Das war zu absurd. John konnte sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen, das in dem stillen altehrwürdigen Raum fehl am Platz und furchtbar laut klang. 
„Ja, so habe ich auch reagiert.“ Mycroft verzog spöttisch die Lippen. „Bis ich es selbst erlebte.“
„Halt, warte, heißt das – du … du hast eine Zeitreise gemacht?“ John strengte sich an, nicht zu lachen, doch es war schwer. Waren die Holmes-Geschwister verrückt?
„Ja – nicht freiwillig. Sherlock hat es verschuldet. Es hätte mir klar sein müssen, dass ich in meinem neuen Leben in London nicht in etwas Geheimnisvolles verwickelt sein könnte, ohne, dass mein kleiner Bruder davon Wind bekäme. Auch wenn er, wie ich nicht müde werde, zu betonen, nicht für den Diogenes-Club außerwählt worden ist.“
Jetzt war es an Sherlock, zu lachen. „Wobei ich mir immer noch sehr sicher bin, ich hätte mich nicht so in Gefahr gebracht, wenn du mir mehr Informationen gegeben hättest. Dann hätte ich mich wohl nicht einfach auf die Suche gemacht, um dann Hals über Kopf im viktorianischen Zeitalter zu landen …“
Auf Mycrofts Gesicht schlich sich ein Lächeln, das ihn fast freundlich aussehen ließ. „Nun, hätte ich dich nicht zurückholen müssen, hätte ich Oscar nicht kennengelernt, und unsere gemeinsamen Augenblicke möchte ich keinesfalls vermissen … Allerdings hätte mich deine Neugierde fast sämtlichen erarbeiteten Respekt der langjährigen Clubmitglieder gekostet!“
„Äh, ist ja schön, dass ihr so in Erinnerungen schwelgt, aber“, unterbrach John, „nehmen wir einfach mal an, ich glaube euch. Es gibt Magie. London ist … verzaubert. Oder so. Egal. Ich sag‘ jetzt einfach mal, dass ich euch galube – was hat es denn nun mit den Vogelschwärmen auf sich, die täglich durch unser Fenster starren?“
„Die Raben … ja, die Raben hätten mir eigentlich von Anfang an verraten sollen, mit wem wir es zu tun haben.“ Sherlock seufzte. Man sah ihm an, dass er sich darüber ärgerte, etwas scheinbar Offensichtliches übersehen zu haben. 
„Du konntest ja nicht ahnen, dass er nochmal Kontakt aufnehmen würde. Ich habe es auch nicht geahnt“, gab Mycroft zu. Auch er sah etwas beschämt aus.
John sitzt sprachlos da. Keinem der Brüder hätte er einfach so zugetraut, einen Fehler zuzugeben, und jetzt taten es beide zur gleichen Zeit? Das war ja fast noch unglaubwürdiger als die Sache mit der Magie!
„Wie auch immer. Was geschehen ist, ist geschehen, und wenn er es noch einmal mit dir aufnehmen möchte, bist nicht du es, der sich fürchten muss“, fasst Mycroft sich wieder und zeigt zum ersten Mal an diesem Tag tiefen und ehrlichen Respekt vor seinem Bruder. „Jim Moriarty ist ein überragender Zauberer, aber er ist zu sehr von sich eingenommen und zu überschwänglich. Du bist planvoller. Ganz abgesehen davon, stehen ich und den Rest des Clubs hinter dir – Jim arbeitet, nach dem was ich so höre, immer noch alleine. Verkauft seine Dienste an Kriminelle, die mit Magie spielen, sich ihr jedoch nicht wirklich verpflichten wollen.“ Die Verachtung in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Wer ist denn dieser Jim?“ Vor Spannung war John bis an die Stuhlkante gerutscht, konnte seine Ungeduld nicht verbergen als die Brüder mal wieder über seine Kopf hinweg über Dinge redeten, die sie ihm nicht erklärten.
„Jim wurde, einige Zeit nach dem ich mich als Clubmitglied etabliert hatte, ebenfalls angeworben. Er ist Intelligent, an allem scheinbar unerklärlichen interessiert, aber auch, wie soll ich sagen … absolut ohne jegliche Moral“, erklärte Mycroft. „Damit meine ich nicht, dass er im herkömmlichen Sinne ‚böse‘ ist. Das würde ja eine Fähigkeit zumindest zur groben Unterscheidung der Begriffe ‚gut‘ und ‚böse‘ voraussetzen, diese fehlt ihm aber vollkommen. Er tut, was ihm in den Sinn kommt, was gerade interessanter erscheint. Und interessanter für ihn ist eben oft das, was anderen Menschen schadet. Als offensichtlich wurde, dass er seine beeindruckenden Fähigkeiten in den Dienst der Kriminalität stellt, wurde er noch vor Ablauf seiner Bewährungsphase aus dem Diogenes-Club verbannt, was ihn wohl mehr gekränkt hat, als wir damals ahnten.“
„Hm. Okay. Es erleichtert mich ja schon, dass ihr zumindest in diesem Club keine schwarze Magie zu betreiben scheint …“ Nervös tippte John die Fingerspitzen der rechten Hand aneinander, eine Angewohnheit die er sich während unangenehmer Schweigephasen in seinen Therapiesitzungen angewöhnt hatte. „Doch wenn sein Problem ja mit dem Diogenes-Club besteht, wieso lässt er dann Sherlocks und meine Wohnung von seinen Vögeln beschatten? Glaubst du, er möchte über Sherlock an dich herankommen?“
Auflachend schüttelte Mycroft den Kopf. „Ich glaube nicht, dass Jim Moriarty den Fehler machen würde, meine Sentimentalität zu überschätzen. Nein, sein Zwist mit Sherlock liegt darin-“
„… dass ich es war, der sein kriminelles Treiben überhaupt erst erkannte und dem Club offenbarte!“, unterbrach ihn Sherlock. „Mycroft war damals vollkommen in die okkulten Zusammenhänge Londons versunken und hatte für die profane Alltagswelt keine Aufmerksamkeit mehr übrig. Ich hingegen hatte begonnen, mich der Aufklärung von Verbrechen zu widmen und bin auf dieses Weise auf Jim aufmerksam geworden. Zu schade, dass wir auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen – er ist ein enorm kluger Mann der enorm dumme Entscheidungen trifft“, stellte er mit ehrlicher Bewunderung fest und John spürte zu seinem Ärger wie ihn eine plötzliche schmerzhafte Eifersucht durchzog. Wer könnte das nur sein, der Mann, der von Sherlock Holmes als „enorm klug“ bezeichnet wurde?
„Und weil Sherlock, indem er ihn als Verbrecher offenbarte, seine Mitgliedschaft im Diogenes-Club vereitelte, möchte Moriarty sich nun anscheinend an ihm rächen“, fasste Mycroft die Lage zusammen.
 

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Noch bis in die Nacht waren die drei im unterirdischen Bereich des Clubs gesessen und hatten Pläne geschmiedet. Eigentlich waren es nur Sherlock und Mycroft, die geredet und Bücher gewälzt hatten. John hatte, immer noch zwischen Unglauben und einem unerklärlichen tiefen Vertrauen schwankend, den Gesprächen gelauscht. Hätten die beiden über gewöhnliche Dinge geredet, wäre es schon schwer gewesen, ihnen zu folgen, so rasch war das Redetempo der Brüder, so plötzlich und komplex die Verbindungen, die sie schlugen, doch da es bei dieser Unterhaltung um fremde Worte, Konzepte und Rituale ging, hatte sich John teils wie in einem surrealen Traum gefangen gefühlt, bis er endlich wirklich weggedämmert war. Und, zu seiner Überraschung, endlich einmal albtraumlos geschlafen hatte, bis Sherlock ihn geweckt hatte und sie sich ein Taxi zur Baker Street zurück genommen hatten.

Die Woche bis zum 31. Oktober verging wie in einem Fiebertraum. Im Auftrag Sherlocks eilte John durch die Stadt, holte Päckchen mit Kräutern, Steinen und nicht näher definierbaren Gegenständen an allen möglichen Orten ab; er hinterfragte Sherlocks Anweisungen auch dann nicht, wenn sie so unerklärlich waren, wie, dass er sich zu bestimmten Uhrzeiten an bestimmte Plätze in London begeben sollte und lateinische Zitate vor sich hin murmeln, was ihm verwirrte Blicke einiger Touristen einbrachte. Sich unter dem skeptischen Blick vom Securitypersonal unglaublich unauffällig gebend versteckte er in der British Library Botschaften an ausgewählten Exponaten. All dies nur, weil Sherlock es sagte. Auch wenn er sich immer noch nicht sicher war, inwieweit er die seltsamen Erzählungen der Geschwister Holmes glauben konnte, hatte er gemerkt, dass Sherlock ihm, indem er ihn mit zu seinem Bruder genommen hatte, sein Vertrauen gezeigt hatte, und instinktiv konnte er dieses Vertrauen nur erwidern. Und, wie er sich täglich bei der Rückkehr in die Wohnung einzureden pflegte, war der Vogelschwarm auf dem Dach durchaus ausgedünnt.

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solidaribees Profilbild solidaribee

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Kapitel:2
Sätze:322
Wörter:5.808
Zeichen:35.018

Kurzbeschreibung

"Hier wird ein Wissen bewahrt, das sich seit jeher durch die Geschichte und Geographie Londons zieht. London ist eine Stadt der Finsternis und des Verborgenen." John Watson fällt es schwer, sich an seinen neuen Mitbwohner zu gewöhnen. Doch als Sherlock ihm einen Blick auf London, wenn nicht gar die gesamte Realität, zeigt, den er so nie für möglich gehalten hatte, verändert sich auch sein Verhältnis zu ihm, den er doch anfänglich nur als arrogant und rücksichtslos eingestuft hatte. [eine Art übernatürliches AU | Johnlock (ganz dezent)]

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Mystery und Krimi getaggt.