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Das innere Verlangen

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11.01.22 13:09
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Die Sonne stand hoch über den Holy Cross Catholic Cemetery, Los Angeles. Die eigentliche Ruhe, die auf jedem Friedhof vorzufinden war, wurde durch Schluchzen und Weinkrämpfen unterbrochen. Die Trauergäste standen und saßen vor den beiden Särgen. Der Grund warum diese Personen sich heute versammelt hatten, ließ das Blut der Anwesenden gefrieren. Clive und Elisabeth Hargrove saßen in der ersten Reihe und bekamen von dem was um sie herum passierte nur etwas mit. Elisabeth, die ein schwarzes Kostüm trag, hatte ihre grau melierten Haare zu einem strengen Dutt zusammen gebunden. Das Make Up hatte sie sich heute gespart, denn es wäre sowieso verlaufen. Clive, der seinen schwarzen Anzug trag, hielt die Hand seiner Frau und drückte diese immer wieder.

 

Direkt neben Clive und Elisabeth saß eine junge Frau, deren Wimperntusche verlaufen war. Ihr Blick war auf die beiden Särge gerichtet. Ihr schluchzen war kaum zu hören. Kaitlyn Hargrove konnte es immer noch nicht fassen, was passiert war. In den Särgen vor ihr lagen ihr Mann und ihre Tochter. Vor 4 Wochen hatte sie alles in ihrem Leben verloren, was ihr wichtig war. Mit ihrer großen Liebe Erik durfte sie nur fünf Jahre zusammen verbringen. Die junge, blonde Frau wusste nicht was schlimmer war. Ihren Mann zu Grabe zu tragen oder ihre Tochter, die gerade mal vier Jahre alt war.

 

Der Pfarrer hielt seine Ansprache, von der Kaitlyn kaum etwas mitbekam. Als der Moment kam, wo sich die Trauergäste von dem Toten verabschieden konnten, traten zuerst die Eltern von Erik an den Sarg. Die Mutter weinte bitterlich, während der Vater sie in den Arm hielt. Dann warteten alle darauf, dass Kaitlyn an die Särge trat. Es dauerte etwas bis sie die Kraft aufgebracht hatte sich von dem Stuhl zu erheben. Mit langsamen Schritten ging sie zu den Särgen und stellte sich dazwischen. Ihr Kopf senkte sich und sie hielt jeweils eine Hand auf einen Sarg. Ihre Worte konnte man kaum verstehen. Aber jeder konnte sich denken wie schwer es für die blonde Frau war. Der beste Freund ihres Mann eilte zu ihr als ihre Knie nachgaben und hielt sie fest. Die 29-jährige fiel Ryan direkt um die Arme und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.

 

Nachdem sich die drei Personen von ihrem Liebsten verabschiedet hatten, wurde die beiden Särge in die Familiengruft runter gelassen. Das war für die junge Witwe der schlimmste Moment ihres Lebens und ihr Schrei, der von mehreren Schluchzern begleitet wurde, ging durch Mark und Bein. Nach und nach verabschiedeten sich die 150 Trauergäste von den beiden. Als auch der letzte Gast sein Beileid ihr gegenüber bekundete, verließ sie mit Ryan den Friedhof.

 

Die letzten vier Wochen waren schon schwer gewesen, aber zu wissen, dass es endgültig ist, machte es noch schwerer. Zurück in ihrer gemeinsamen Wohnung, schlich Kaitlyn in das Wohnzimmer und ließ sich auf einen großen, breiten Sessel fallen. Auf dem Wohnzimmertisch lag immer noch das Lieblingsbuch ihrer Tochter. Sie hatte es noch nicht über das Herz gebracht es wegzuräumen. Mit angeschwollen Augen griff sie danach und strich mit der rechten, flachen

Hand über das Cover. Ihre Tochter liebte dieses Buch, dass von einem kleinen Pinguin handelte, der die große, weite Welt erkundete.

 

Ryan hatte sich derweil auf die Couch gesetzt und beobachtete die Frau seines besten Freundes. Er hatte sich in den letzten vier Wochen um sie gekümmert und war immer für sie da gewesen. Manchmal hatte er stundenlang nicht ein Wort mit ihr gewechselt, aber das störte ihn nicht. Es schien ihr nur wichtig zu sein, dass er bei ihr war. Das war ihr Beistand genug.

 

Als Kaitlyn die Augen langsam öffnete wurde die von etwas hellem geblendet. Die natürliche Reaktion des Menschen, ließ sie ihre Augen wieder schließen. Ein Mann redete mit sanfter Stimme auf die Blondine ein. Kaitlyn versuchte erneut ihre Augen zu öffnen. Diesmal aber nur einen kleinen Spalt breit. Ein Mann beugte sich über ihr und sie konnte im ersten Moment nur Umrisse erkennen.

 

"Schön, dass sie wieder unter uns sind, Miss Hargrove."

 

Das helle Licht verschwand und Kaitlyn öffnete ihre Augen ganz. Sie schaute den Mann, der immer noch über die gebeugt war, genauer an. Er trug einen weißen Kittel, hatte einen Kugelschreiber in der Kitteltasche auf der Brust und schien schon älter zu sein, denn seine grauen etwas längeren Haaren fielen ihm ins Gesicht.

 

Als Kaitlyn sich aufrichten wollte, verspürte sie einen stechenden Schmerz im Bauch. Reflexartig griff sie mit beiden Händen zu der Stelle, die höllisch schmerzte und beugte sich etwas nach vorn.

 

"Sie bekommen sofort ein Schmerzmittel."

 

Er sagte etwas leise zu einer weiteren Person, die anscheinend im Zimmer war. Die Witwe schaute sich um und sah eine recht junge brünette Frau, die aus dem Zimmer eilte. Während sie sich in dem Zimmer umschaute, realisierte Kaitlyn, dass die in einem Krankenhaus war.

 

"Was ist passiert?"

"Sie wurden angeschossen. Aber es ist nur eine Fleischwunde."

 

Der Schmerz ließ etwas nach und Kaitlyn legte sich zurück in ihr Bett. Sie schaute den Arzt an und da kam die Erinnerung wieder.

 

"Zum Glück wurden Sie rechtzeitig gefunden."

 

Kaitlyn schien wirklich Glück gehabt zu haben, doch es änderte nichts an der Tatsache, dass Sie ihrem Ziel nicht einen Schritt näher gekommen war.

 

"Danke."

 

Sie bedankte sich nicht bei dem Arzt, weil er ihr das erzählte, sondern weil es so schien, dass er ihr Leben gerettet hatte. Noch bevor der Arzt etwas antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen und ein großer Mann, mit dunklen Haaren und kräftigen Körperbau, trat in das Zimmer.

Kaitlyn sah ihn an und verdrehte direkt die Augen. Der Arzt starrte den Mann wütend an.

 

"Das ist ein Krankenhaus, Mister Percy."

 

"Und das da ist meine Schwester, Herr Doktor."

 

James Percy war nicht unbedingt für seine Manieren bekannt und wo er es nur konnte, legte er einen Auftritt hin, der zeigte wie ungehobelt er sein konnte.

 

"James, bitte halte sich dich zurück."

"Wie soll ich das, wenn meine Schwester angeschossen wurde?"

 

Und wieder wurde die Tür geöffnet. Diesmal war es die Krankenschwester die mit einer Spritze auf einem Tablett zurück kam.

 

"Ich gebe Ihnen noch eben die Injektion und dann können Sie sich mit Ihrem Bruder unterhalten."

 

Da Kaitlyn einen Zugang im Arm gelegt hatte, konnte er Arzt ihr die Schmerzmedikamente direkt in die Vene spritzen. Mit einem Lächeln legte er die Spritze wieder weg und verabschiedete sich.

 

"Was tust du hier?", fragte sie ihn als der Arzt mit der Krankenschwester das Zimmer verlassen hatte.

 

"Die Frage ist doch wohl eher, was tust du hier?"

 

"Ich wollte euch überraschen."

 

James schaute seine jüngere Schwester an. Das konnte er anscheinend nicht so recht glauben, schließlich war sie seit acht Jahren nicht mehr in Miami gewesen.

 

"Und anstatt direkt zu uns kommen, lässt du dich lieber in einem üblen Viertel anschießen?"

 

"Glaubst du wirklich, dass ich das mit Absicht gemacht habe?"

 

"Nein Kaitlyn, aber du solltest noch wissen, wo man nachts lang gehen sollte."

 

"Spar dir deine Worte, James."

 

"Ich hatte Angst um dich. Aber glaube mir, ich werde den Schuldigen finden."

 

Na, super. Jetzt wollte ihr großer Bruder mal wieder den Retter in der Not spielen. Das konnte sie nicht gebrauchen.

 

"James, vergiss das. Schließlich bin ich wegen Laura und dir hier."

 

Auch wenn James das nur schwer glauben konnte, so ließ er sich erst mal nichts anmerken.

 

"Ich freue mich auch dich zu sehen und wenn du hier raus kommst, dann wohnst du bei mir.", stellte er direkt klar.

 

Was hatte sie nur angerichtet? Das war das Letzte was sie wollte. Klar, James war ihr Bruder, aber die Beiden hatten in der Vergangenheit so einige Meinungsverschiedenheiten gehabt und diese endeten immer in einem Streit.

 

"Ich kann auf mich selbst aufpassen. Ich wohne lieber weiterhin im Hotel. Aber ich komme gerne mal zum Essen bei dir vorbei."

 

Der Kiefer von James bewegte sich hin und her und die Witwe konnte ihrem Bruder ansehen, dass ihn das nicht recht war. Doch er wusste auch, dass er sie nicht umstimmen würde. Also nickte er nur zustimmend.

 

"Ganz wie du möchtest."

Seine Worte kamen zwar sanft über seine Lippen, doch die Betonung lag auf dem Du und das sagte der Schwester einiges.

 

Kaitlyn lächelte ihn triumphierend an und James musste mal wieder erkennen welch großen Dickkopf seine Schwester hatte.

 

"Danke Bruderherz. Aber woher wusstest du das ich hier bin?"

Eine berechtigte Frage, doch die Blondine hätte es sich denken können, dass James alles erfährt, was in den Straßen von Miami vor sich geht. Vor allem wenn jemand in seinem Viertel angeschossen wird.

 

"In dem Viertel wo du gefunden wurdest, erfahre ich in der Regel als Erster was da vor sich geht.", begann er und schaute kurz auf dem Boden. "Vor allem wenn die eigene Schwester angeschossen wird."

 

Von Kaitlyn folgte ein nicken. Das hatte sie wohl verdrängt.

"Ich hatte wohl vergessen, wo man sich nicht aufhalten sollte."

 

Ob James es ihr glaubte, wusste sie nicht, aber er schien ihr das vorerst abzunehmen. Doch sie wusste auch, dass James weiter forschen würde, was sie da wirklich wollte.

 

Vor fünf Tagen wurde die 29-jährige aus dem Krankenhaus entlassen. Die Wunde war bisher gut verheilt, aber sie machte ihr immer noch zu schaffen. Bei jeder Bewegung bemerkte sie ein ziehen. Ihr behandelnder Arzt hatte ihr geraten, das Verband öfters zu wechseln und regelmäßig zum Arzt zu gehen, damit sich die Wunde nicht entzünden würde. Kaitlyn hatte sich bis jetzt daran gehalten und hatte heute den Verband zum ersten Mal alleine gewechselt. Sie wollte nicht wieder ins Krankenhaus dafür fahren.

 

Mit ihrem Bruder saß sie in dem Boxclub, der ihrem Bruder gehörte. Heute sollte ein Showkampf stattfinden und er wollte seine Schwester unbedingt dabei haben.

Die ersten beiden Kämpfe waren vorbei und die Stimmung in dem Club wurde immer besser. Noch ein weiterer Kampf und dann würde ihr Bruder selbst in den Ring steigen. Kaitlyn fand das zwar nicht so gut, aber daran konnte sie nichts ändern.

 

Nach diesem Kampf verließ sie ihren Platz direkt vor dem Ring und ging in eine der hintersten Ecke, um sich dort auf einen breiten, schwarzen Ledersessel zu setzen. Der war viel bequemer als die Stühle am Ring. Die Hände lagen auf den Armlehnen und ihren Kopf hatte sie an die hohe Rückenlehne gelegt. Mehrfach musste sie durch atmen, denn das stille sitzen machten ihr teilweise noch etwas zu schaffen.

 

Gerade als sie einen Schluck aus ihrem Wasserglas nahm, stand ein Mann vor ihr, denn sie nicht kannte. Vorsichtig stellte sie das Glas auf den Tisch vor sich und schaute dann zu dem Mann auf.

 

"Kennen wir uns?", fragte sie ihn.

 

"Ich denke nicht. Freut mich aber sehr sie kennen zu lernen." Er hielt ihr die Hand hin.

 

"Freut mich auch sehr. Ich bin Kaitlyn."

Sie schüttelte ihm die Hand, denn sie wollte nicht unfreundlich wirken.

 

"Ich bin Finneas. Du musst die Schwester von James sein."

 

Diesen Namen hatte Kaitlyn noch nie gehört. Aber er schien sie, zumindest vom Namen her, zu kennen.

 

"Ja, ich bin die Schwester von James. Bist du auch hier zum kämpfen?", erkundigte sie sich.

"Könnte man so sagen. Ich werde gleich gegen deinen..."

 

"Da ist er ja. Dachte schon du hast Muffe bekommen.", sagte James als er auf Finneas und seine Schwester zuging.

 

Ihr Bruder klopfte Finneas auf die Schultern und nahm ihn brüderlich in den Arm. Die junge Witwe beobachtete die beiden Männer genau und es schien so als würden sie sich ewig kennen.

 

"Finn, darf ich dir meine Schwester Kaitlyn vorstellen?"

 

"Wir hatten gerade schon das Vergnügen."

 

James schaute erst seine Schwester und dann Finn an.

 

"Wie schön. Du solltest dich vorbereiten, wir sind als nächstes dran."

 

"Ich bin vorbereitet, mein Freund."

 

Finneas verabschiedete sich von Kaitlyn und zeigte James die Metallhand. Dann verschwand er.

 

"Was wollte er von dir?"

 

"James, ich bin groß und kann wohl alleine entscheiden mit wem ich rede. Er wollte sich nur vorstellen und jetzt bereite du dich besser vor."

 

"Gut. Bis gleich und drück mir die Daumen."

 

James ließ dann auch Kaitlyn alleine und ging sich umziehen.

 

Nach weiteren fünf Minuten ertönte die Musik von Survivor 'Eye of the Tiger'. Kaitlyn blieb auf dem schwarzen Ledersessel sitzen und schaute zu wie James zum Ring lief. Als er im Ring stand ging er umher und ließ sich feiern. Kurz darauf ertönte 'Hells Bells' von AC/DC und Finneas stieg in den Ring.

Die beiden Männer gaben sich die Hände und dann begann der Kampf. Kaitlyn konnte von ihrem Platz aus fast alles sehen. Sie sah auch, dass sowohl James als auch Finneas ein paar harte Treffer einstecken mussten. Nach sechs Runden wurde der Kampf mit einem eindeutigen Sieger nach Punkten beendet. Der Richter hielt jeweils eine Hand der beiden Gegener in seinen Händen und versuchte Spannung aufzubauen. Das Publikum jubelte und alle waren gespannt, wer den Kampf gewonnen hatte.

 

"Aaaaand the winnnnnnnner is..."

Er riss den Arm von Finneas in die Höhe und krönte ihn als Sieger. Die Menge schien geteilt zu sein, denn man hörte Jubelschreie und Buhrufe.

 

James gratulierte sportlich seinem Gegner und dann verließen sie den Ring.

Ihr Bruder ging zu Kaitlyn rüber während er sich mit einem Handtuch durch das Gesicht wischte und sich das Handtuch schließlich um den Hals legte.

 

"Du hast schon mal besser gekämpft."

 

"Reine Taktik, Kaitlyn. Aber danke."

 

Jetzt kam auch Finneas wieder auf die beiden zu.

 

"Guter Kampf. Es war knapp."

 

"Ja, das war es. Aber du hast dir den Sieg verdienst, Finn."

"Darf ich euch zu einem Drink einladen?"

 

James winkte einen Kellner zu sich und lächelte Finn an. Als der Kellner bei ihnen war bestellte er zwei Bier und ein Wasser.

Kaitlyn richtete sich vorsichtig auf, um Finn zu gratulieren, aber sie musste kurz innehalten, denn sie hatte vergessen, dass nicht jede Bewegung ohne Probleme ging.

Finneas entging das nicht und runzelte die Stirn.

 

"Gratulation zum Sieg, Finn.", sagte sie sanft.

 

Auf eine Umarmung verzichtete die Blondine, aber sie hielt ihm lächelnd die Hand hin. Welche Finneas ebenfalls mit einem Lächeln entgegen nahm.

 

Der Kellner kam mit den Getränken zurück und stellte sie auf den Tisch. Die drei Personen setzen sich hin und James musterte Finn.

 

"James, wir sollten das wiederholen, damit du auch mal eine Chance hast."

Dabei hielt er die Flasche Bier hoch und stieß mit James und Kaitlyn an.

 

Die Stimmung war angespannt und Kaitlyn beobachtete die beiden Männer. Sie schienen sich n l zwar zu kennen, aber irgendwas stand zwischen ihnen. Das hätte selbst ein Blinder sehen können.

 

"Beim nächsten Mal gehst du zu Boden.", lachte James.

Kaitlyn hingegen nahm seine Worte sehr ernst und glaubte auch nicht, dass es ein Scherz war.

 

"Das werden wir ja sehen. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum du Kaitlyn erst jetzt zu einem Kampf einlädt?"

 

Ihr Kopf schnellte zu Finn und sie schaute ihn mit großen, verwunderten Augen an. Was ging hier vor sich?

 

"Kaity ist selten in Miami und es hat sich nie ergeben. Aber sie ist eine Nummer zu groß für dich."

 

Was ging denn jetzt zwischen den beiden vor sich? Hatten sie vergessen, dass sie auch hier saß?

 

"Ich kann für mich alleine sprechen, James." Ihr Blick wandte sich dann zu Finneas. "Ich war einige Jahre nicht mehr hier und bin erst seit neun Tagen wieder hier."

 

Das waren zu viele Informationen, wenn es nach James ging. Aber das behielt er für sich. Kaitlyn musste nicht alles sofort erfahren.

 

"Lass sie da raus, Finn."

"Entschuldige bitte, Kaitlyn. Aber mein Job lässt mich selbst privat nicht los. Ich danke dir für deine Gesellschaft." Dann schaute er zu James. "Danke für den Sieg. Wir sehen uns."

 

Mit diesen Worten erhob er sich und ließ die beiden Percy Geschwister allein. Es dauerte einige Momente ehe die junge Witwe ihren Blick von Finneas abwendete und ihren Bruder dann anschaute.

 

"Was geht hier vor sich?"

 

"Nichts. Nichts was du wissen musst."

 

"James, das ist keine Antwort."

 

"Ich sollte dich besser ins Hotel bringen, du siehst nicht gut aus."

 

Das war der Moment, wo Kaitlyn einlenkte. Ihr Bruder schien darüber nicht reden zu wollen, zumindest nicht jetzt. Aber sie würde ihn nochmal fragen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war. So einfach würde er sie nicht los werden.

 

"Ich glaube auch, dass es Zeit wird ins Hotel zu gehen. Der Abend war etwas anstrengend für mich.", lenkte sie ein.

 

James nickte. "Ich ziehe mich eben um und dann bring ich dich zurück."

 

Nach zwanzig Minuten stand James wieder vor ihr und machte sich schließlich mit ihr auf den Weg zu ihrem Hotel.

 

 

Am nächsten Morgen wachte Kaitlyn Schweiß gebadet auf. Ihr Herz raste und die Blondine brauchte einen Moment ehe sie sich orientieren konnte. Sie hatte mal wieder einen Alptraum gehabt. Mal wieder erlebte sie den Tag, an dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben kamen. Diese Alpträume verfolgten sie seit Monaten, doch bisher hatte sie niemanden davon erzählt. Auch hatte sie bisher jegliche Hilfe von Psychotherapeuten abgelehnt.

 

Kaitlyn stand aus ihrem Bett auf und ging erst mal duschen. Das heiße Wasser umhüllte ihren Körper. Den Schmerz, den sie dabei spürte sorgte dafür, dass sie sich lebendig vorkam.

 

Als sie nach über einer halten Stunde unter der Dusche hervor kam klingelte das Telefon in ihrem Hotelzimmer. Nur mit einem Handtuch bekleidet ging sie zurück in den Wohnbereich ihres Zimmer und griff zu dem Hörer.

 

"Hargrove."

 

"Miss Hargrove wir haben ein Gespräch für Sie. Möchten Sie es entgegen nehmen? Der junge Mann sagte, es würde um ihren Überfall gehen."

 

"Ja, stellen sie es ruhig durch."

 

"Miss Hargrove?"

 

"Ja."

 

"Ich bin Agent O'Donnell vom FBI. Es geht um ihren Überfall vor zehn Tagen. Würden sie bitte ins FBI Headquarter kommen, damit wir ihre Aussage aufnehmen können?"

 

"Ähm... Ja, aber seit wann übernimmt das FBI solche Fälle?"

 

"Wir kümmern uns um kriminelle Banden, die in Verbindung mit Morden oder Mordversuchen gebracht werden."

 

"Ich verstehe. Dann soll ich zu Ihnen kommen?"

 

"Wann immer es Ihnen recht ist."

 

"Okay."

 

Dann wurde das Gespräch beendet und Kaitlyn setzte sich erst mal auf ihr Bett. So ganz geheuer war ihr das nicht, aber das FBI schien zu glauben, dass sie per Zufall in diese Situation geraten war und das war ihr nur recht gewesen.

 

Nachdem Kaitlyn sich fertig gemacht und etwas gegessen hatte, machte sie sich auf den Weg zum FBI Gebäude.

 

Es war Dezember und auch wenn die Winter in Miami recht mild waren, so hatte Kaitlyn sich einen dicken Mantel angezogen. Bewusst ging sie zu Fuß zum FBI. Sie musste einen klaren Kopf haben und der Alptraum von heute morgen saß ihr noch tief in den Knochen.

 

Der kalte Wind fegte durch die Straßen und die Blondine stellte den Kragen ihres Mantel auf, das der Wind nicht in den Mantel zog. Ihre Hände hatte sie tief in die Taschen gesteckt und ging die Straße weiter entlang. Wie lange sie bisher unterwegs war wusste die 29-jährige nicht.

 

Als sie das Gebäude erreichte, in dem das FBI saß, schaute sie daran empor. Das Gebäude sah wie ein riesiger Spiegel aus und es hatte etwas beeindruckendes. Kaitlyn holte ein letztes Mal tief Luft und betrat dann das Gebäude.

 

Natürlich gab es eine Sicherheitskontrolle, durch die jeder Mitarbeiter oder Besucher musste. Erst hinter der Kontrolle befand sich eine Anmeldung. Kaitlyn erklärte dem Mann, hinter dem Tresen zu wem sie wollte. Der Mann schaute in seinen Computer nach und nach einigen Augenblicken erklärte er ihr wo sie hin müsste.

 

Drei der fünf Aufzüge waren in anderen Etagen gewesen und als sich gerade eine Aufzugtür öffnete, ließ sie die Menschen heraus und stieg in den Aufzug. Sie musste in die sechste Etage. Nachdem sie den Knopf gedrückt hatte, setzte er sich in Bewegung und kurze Zeit darauf hatte sie ihr Ziel erreicht.

 

Die Aufzugtüren öffneten sich und als sie auf dem Flur stand, gingen einige Männer an ihr vorbei ohne sie zu beachten. Als eine junge Frau auf die zukam, lächelte sie freundlich.

 

"Können Sie mir sagen wo ich Agent O'Donnell finde? Er erwartet mich."

 

"Gehen Sie rechts rum bis zum nächsten Gabelung. Da gehen Sie links und die dritt letzte Tür ist sein Büro."

 

"Vielen Dank."

 

Kaitlyn ging den Flur entlang, wie es ihr die junge Frau erklärt hatte. Sie kam ein einem Großraumbüro vorbei und da schien es hektisch zuzugehen. Nur kurz beachtete sie das Geschehen ehe sie weiter ging. An der Gabelung angekommen ging sie nach links. Der Flur schien endlos lang zu sein. Hier gab es kein Großraumbüro. Wenn mal eine Tür aufstand sah sie maximal vier Agents in den Büros sitzen.

 

Das Ende des Flurs näherte sich und Kaitlyn achtete zudem auf die Namensschilder an den Türen.

 

"Das dritt letzte Büro.", sprach sie mit sich selbst und hatte es dann gefunden.

 

Auf dem Schild stand der Name von Agent O'Donnell und Agent Kavanau.

Zögerlich hob sie die Hand und bevor sie klopfen konnte öffnete sich die Tür und ein junger Mann stand vor ihr, der sie fragend anschaute.

 

"Ich möchte zu Agent O'Donnell. Er erwartete mich."

 

"Oliver, dein Termin ist da.", sprach er mit der anderen Person in dem Büro und ließ Kaitlyn eintreten, ehe er das Büro verließ.

 

"Miss Hargrove, freut mich sehr."

Natürlich hatte er sich von seinem Schreibtisch erhoben und ging auf die junge Witwe zu.

 

"Agent O'Donnell."

 

Noch immer verstand sie es nicht was sie hier sollte, aber das würde sie sicherlich gleich erfahren.

 

"Kommen sie rein und setzen sie sich."

 

Kaitlyn ging etwas zögerlich zu dem Stuhl, der sich vor dem Schreibtisch befand und setzte sich. Ihre Hände legte die Blondine ineinander und schaute den Agent erwartungsvoll an.

 

"Danke, dass sie so schnell gekommen sind."

 

"Gerne. Aber bitte erklären Sie mir, was das FBI mit dem was mir passiert ist, zu tun hat."

 

"Sie kommen gerne direkt auf den Punkt. Das erleichtert uns einiges.",begann er und lächelte leicht. "Mein Boss ist der Überzeugung, dass eine kriminelle Organisation dahinter steckt. Bislang gab es keine Zivilisten, die verletzt wurden."

 

"Kriminelle Organisation? Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor.", unterbrach sie den Agenten.

 

"Nein, Miss Hargrove. Diese Bande schreckt momentan vor nichts zurück und wir gehen davon aus, dass sie deutlich machen wollten wie weit sie gehen."

 

"Und was soll das mit mir zu tun haben?"

 

Bevor er antworten konnte klingelte sein Telefon.

 

"Entschuldigen Sie bitte kurz."

Agent O'Donnell nahm den Hörer in die Hand.

 

"Ja... Natürlich... Ja... Okay... Werde ich machen Boss." Dann legte er auf.

 

"Mein Boss. Entschuldigen Sie. Also wo waren wir? Ach ja.", fuhr er fort. "Da sie sich anscheinend dort per Zufall aufgehalten haben, sah diese Bande ihre Chance ihre Botschaft deutlich zu machen."

 

"Ich sollte von denen umgebracht werden?", fragte sie entsetzt.

 

"Das vermuten wir, ja."

 

Kaitlyn hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass man glaubte sie wäre ein zufälliges Opfer gewesen. Von dieser Bande hatte sie keine Ahnung gehabt, aber das würde so einiges erklären.

 

"Bin ich noch in Gefahr?"

 

"Das können wir ihnen nicht genau sagen. Aber wir würden ihnen raten, die Straßen nachts zu meiden und wir würden ihnen Personenschutz geben, damit sie nicht weiter in Gefahr sind."

 

"Sie wollen, dass ich mich bewachen lasse? Das können Sie vergessen. Was soll mir schon passieren? Ich werde nachts nicht mehr raus gehen und die werden mich wohl kaum am helllichten Tag nochmal versuchen umzubringen."

 

Dem Gesichtsausdruck zu folge, hatte der Agent damit wohl nicht gerechnet.

 

" Miss Hargrove..."

 

"Ich kenne diese Stadt. Ich habe hier gewohnt und ich brauche niemanden der auf mich achtet."

 

"Es soll doch nur ihrer Sicherheit dienen."

 

"Falls Sie noch wissen möchten ob ich jemanden erkannt habe, so antworte ich Ihnen nein. Ich würde dann gerne wieder in mein Hotel gehen um mich auszuruhen."

 

Kaitlyn erhob sich langsam von dem Stuhl und wartete nicht darauf, dass er Agent noch etwas sagte. Sie ging zielstrebig auf die Türe zu.

 

"Schönen Tag noch."

 

Dann verließ sie das Büro und ging den Flur zurück zum Aufzug.

 

Kurz nachdem Kaitlyn das Büro verlassen hatte, rief Agent O'Donnell seinen Boss an und erzählte ihm von dem Gespräch. Erfreut war der Boss nicht und machte das auch sehr deutlich.

 

Draußen angekommen holte die Witwe Luft. Die kalte Luft füllten ihre Lungen. Sie musste unbedingt jetzt auf andere Gedanken kommen.

 

Kaitlyn wusste, dass der nächste Starbucks nur circa 20 Minuten zu Fuß entfernt. Also machte sie sich auf den Weg dahin. Nach keinem fünfhundert Metern hörte sie jemanden hinter sich nach ihr rufen.

 

Die Blondine drehte sich um und sah Finneas auf sie zu kommen. Ihre Stirn legte sich in Falten.

 

"Was machst du denn hier?", fragte er sie als er sie erreichte hatte.

 

"Ich brauchte etwas Luft."

Eine klare Lüge und auch wenn sie es hasste zu Lügen, wollte sie ihm nicht sagen, wo sie gerade war.

 

"Darf ich dich ein Stück begleiten?"

 

Kurz überlegte die Witwe und stimmte schließlich zu. Schweigend liefen die beiden zusammen die Straße hinunter.

 

Kurz bevor Kaitlyn ihr Ziel erreicht hatte, blieb sie stehen und schaute Finneas an.

 

"Warum sagte James gestern, dass du mich daraus halten sollst?"

 

"Ich denke er will dich nur beschützen."

 

Ohne ein weiteres Wort ging Kaitlyn weiter. Finneas lief ihr nach und als Kaitlyn vor dem Starbucks stehen blieb, blieb er neben ihr stehen.

 

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Mones Profilbild Mone

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Kapitel:4
Sätze:409
Wörter:4.395
Zeichen:24.973

Kurzbeschreibung

Wie weit würde jemand gehen, der nichts mehr zu verlieren hat? Kaitlyn hat alles in ihrem Leben verloren, was ihr jemals wichtig war. Angetrieben von ihrem inneren Verlangen wird zu einer Person, die sie nie sein wollte.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Krimi, Drama und Trauriges gelistet.

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