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Denn es leiden die anderen

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4.7.2017 11:03
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Etwas ist falsch. Irgendwas fehlt, ist nicht an seinem Platz. Doch ich bin zu müde, um herauszufinden, was falsch ist. Zu müde, und trotzdem lassen sich meine Augen nicht schließen. Sie fixieren durch das Halbdunkel hindurch die Zimmerdecke, während es neben mir leise schnarcht.
Andere beschrieben mir dieses Gefühl, dass etwas falsch ist, als dumpfes Grollen, als etwas unangenehmen Druck in ihrer Magengegend.

Mir legt es sich in den Nacken, wie kalte Hände. Frostig, schmerzhaft, kriecht es meine Schultern hinunter, meinen Hals hinauf, in meinen Kopf. Es schiebt sich mein Gehirn hinauf, legt sich darum und bleibt hinten, etwas oberhalb meiner Ohren stehen. Dort drückt es langsam zu, saugt hungrig an meinem Verstand, zieht mir die Gedanken aus dem Schädel.
Etwas läuft falsch. Etwas stimmt nicht und ich kann nicht aufhören, daran zu denken.
Am nächsten Morgen, als ich mich mit schmerzenden Augen und steifen Nacken aus dem Bett schiebe, trifft es mich wie der Schlag. Die neu angeschaffte Wäschetonne ist weg.
Vielleicht steht sie in der Einbuchtung in der Wand, auf der anderen Seite des Schlafzimmers. Das wäre okay. Immer noch ein Bruch meiner Ordnung, aber er wäre noch da. Ich könnte ihn einfach zurückschieben, an seinen angestammten Platz und alles wäre wieder in Ordnung. Wie ein Pflaster, dass man über einen Bruch in der Realität klebt. Der Schmerz wäre noch eine Weile da, aber man käme damit zurecht. Es würde schnell verheilen. War ja auch nur ein Kratzer.
Doch die Tonne ist nicht mehr da, und so reißt der kleine Kratzer immer weiter auf.
Ich versuche diesen Schmerz zu ignorieren, versuche zu funktionieren, gehe die Treppe hinunter, um mich mit meinem steifen Morgenritual zu beruhigen. Kaffee aufsetzen, Katzen füttern, ins Bad, Frühstück vorbereiten. Jeder einzelne Morgen läuft nach diesem Muster ab. Nicht an die Tonne denken. Oben klingelt der vierte Wecker. Ein kurzes Poltern und ein darauffolgendes Murren verraten mir, dass er wach ist. Ich fülle unsere Tassen mit Kaffee und Milch. Die Tassen sind sich zwar ähnlich, aber ich kann sie, durch leichte Abweichungen in den Mustern und kleineren Macken am Rand, trotzdem unterscheiden. Jeden Morgen trinkt jeder aus der ihm zugewiesenen Tasse. Alles andere wäre falsch. Wie die verschwundene Tonne.
Ich platziere das Brot auf den Tellern. Er öffnet die Packung Leberwurst auf die falsche Weise und ich spüre erneut, wie fragil meine Ordnung doch ist, wenn eine offenbar falsch geöffnete Packung Aufschnitt sie zum Einsturz bringen kann. Oder eine verschwundene Tonne.
Ich beiße mir auf die Zunge, widerstehe dem Drang, hin und her zu wippen. Denn das verstört die anderen, wirkt skurril, und macht mich nur noch sonderbarer. Stattdessen bewegen sich meine Schultern kaum merklich vor und zurück, meine Hände schieben sich, Druck ausübend, über meine Beine. Von den Oberschenkeln hinunter zu den Knien und zurück.
Irgendwann frage ich doch nach. Das Brot auf meinem Teller ist noch unangetastet. Ich bin hungrig, kann aber nichts essen. Nicht, solange die Ordnung nicht wiederhergestellt ist. Mein Magen grummelt lautstark bei dem Gedanken und ich weiß genau, wenn ich jetzt esse, werde ich mich übergeben. Zerbricht das System, erbricht mein Körper.
Solange ich mich zurückerinnern kann war das so. Wenn ich in meiner Kindheit meine Großmutter besuchte, die mir rigide und ohne Chance auf Widerspruch, ihre eigene Ordnung aufzwang, übergab ich mich. Nie bewusst. Nie absichtlich. Aber das spielte keine Rolle. Mein Verhalten, meine Reaktionen waren eine Belastung.
Als ich verspätet laufen lernte, lief ich zu schnell, meistens auch davon, und man legte mich an die Leine. Jetzt gerade würde ich auch gerne davonlaufen. Alles wegen dieser verdammten Tonne.
Sie ist im Keller, erklärt er mir, wobei sich meine Fingernägel schmerzhaft in das Fleisch oberhalb meiner Knie bohren. Er hat sie am Vorabend hinunter gebracht, weil er keine Wäschewanne gefunden hat.
Ich will ihn anschreien. Am Vortag hatte ich ihn gebeten, die Finger von der verdammten Wäsche zu lassen. Die Wäsche ist meine Aufgabe. Meine! Nicht seine! Und die verdammte Tonne hat in dem verdammten Keller nichts zu suchen! Außerdem stehen noch leere Wäschewannen im Büro.
Er ignoriert meine verzweifelte Tirade. Kein Wunder. Schließlich ist er noch müde und ich wettere hier wegen einer verdammten Wäschetonne. Die Teil deiner Ordnung ist. Du brauchst deine Ordnung.
Wortlos stehe ich auf, hocke mich im Wohnzimmer auf die Couch und wickel mir die Sofadecke fest um die Beine. Die Hand an meinem Gehirn drückt wieder fester zu. Ich hatte ihn doch gebeten, die Finger von meinen Aufgaben zu lassen. Langsam wippe ich vor und zurück und schäme mich im selben Moment dafür.
Letztlich bin ich selber Schuld. Ich bin zu langsam. Lasse mich zu schnell aus dem Konzept bringen. Bin zu schnell müde. An der Küchentür hängt mein minutiös festgehaltener Tagesplan. Genügend Zeit für die zu erledigenden Aufgaben, dazwischen die notwendigen Pausen. Doch der Plan ist passé, weil ich hier hocke und nutzlos bin. Weil meine Tagesordnung von einer Wäschetonne zerschmettert wurde, wie eine Glasscheibe von einem Betonklotz.
Plötzlich spüre ich seine Hand auf meinem Kopf, seine Lippen auf meiner Stirn. Fass mich nicht an!
Er wartet, bis ich von selbst nach seiner Hand greife. Sein rauer Daumen streicht über meinen Handrücken und es fühlt sich an, als wäre es sehr raues Sandpapier. Ich bitte ihn, still zu halten. Er lächelt und macht Witze über seinen Handwerkerdaumen, die ich nicht so ganz verstehe. Dann holt er die Tonne wieder aus dem Keller, stellt sie an ihren Platz, bevor er zur Arbeit geht.
Die Ordnung ist wiederhergestellt. Das Universum ist wieder heile und alles ist richtig. Alles ist da, wo es hingehört. Ich kann zufrieden sein. Könnte...
Ich bin müde. So unglaublich müde. Was mich mehr angestrengt hat, der Overload selbst oder mein krampfhafter Versuch, nicht völlig verrückt zu erscheinen, weiß ich nicht.
In diesem Moment fühle ich mich, als wäre ich Pinocchio. Die Frau aus Holz, die nur sein will, wie alle anderen. Wenigstens ein bisschen. Ein bisschen normaler. Ein bisschen funktionaler. Wenigstens soweit, dass eine verschwundene Wäschetonne keinen Zusammenbruch der Welt bedeutet. Soweit, dass er nicht ratlos, hilflos, vor mir steht und sich schlecht fühlt, weil etwas, das er nicht einmal registriert hat, mich völlig aus dem Tritt bringt.
Irgendwann habe ich mich soweit gesammelt, dass ich aufstehen kann. Meine Knie sind weich, die Oberschenkel schmerzen. Während sich das Schuldgefühl sich langsam zwischen meine Schulterblätter setzt, streichen meine Fingerkuppen über die CDs, die alphabetisch sortiert im Regal stehen. Zwischendurch steht eine falsch und wandert sofort an den richtigen Platz zurück. Nur eine Kleinigkeit, aber befriedigend. Zumindest für den Moment.
Ich drehe die Musik laut auf. Lauter, als ich es für gewöhnlich ertrage. Aber an solchen Tagen hilft mir dieser Lärm. Er ist wie ein Ausschalter. Für viereinhalb Minuten höre ich die Welt nicht mehr. Stehe da, Barfuß auf den kalten Fließen. Die Musik um mich herum wird greifbar. Ich wiege mich im Rhythmus hin und her. Wie Wasser spült sie das Schuldgefühl fort, reinigt mich von der Angst und für diese viereinhalb Minuten ist alles gut.

 

 

In the shuffling madness
Of the locomotive breath,

Runs the all time loser,
Headlong to his death
Jethro Tull – Locomotive Breath

Autorennotiz

Weil Autismus eine äußerst komplexe Angelegenheit ist, die sich bei verschiedenen Autismusinhabern sehr verschieden äußern kann, und weil ich über einen Kamm scheren für ziemlich doof finde, möchte ich hier noch einmal deutlich machen, dass die sich hier ansammelnden Texte ausschließlich meinen Alltag, mein Leben mit Autismus beschreiben und ich nicht für andere Autisten sprechen kann und will.

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Kurzbeschreibung

Kleine Ausschnitte aus meinem Alltag mit Autismus