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Vorstellung: Patentanwaltsfachangestellte

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04.07.19 22:11
Fertiggestellt

Wahrscheinlich ist es seltsam sowas hier zu posten, aber da ich mich vor ein paar Tagen mit ehemaligen Klassenkameraden aus der Berufsschule getroffen habe und dort erfahren habe, dass die zum Teil Samstags arbeiten müssen, weil sie so unterbesetzt sind, dachte ich, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, mal den Beruf „Patentanwaltsfachangestellte“ vorzustellen. In diesem Bereich werden wie verrückt Leute gesucht.

Ich denke mal, dass viele von euch den Beruf „Rechtsanwaltsfachangestellte“ kennen und der ein oder andere hat auch schon mal was von „Notar-/Steuerfachangestellte“ gehört. Und ich denke Mal, viele wissen auch, dass es sowas wie Patente gibt. Tja, und für Patente gibt es auch Anwälte – an dieser Stelle möchte ich betonen, dass der Werdegang eines Rechtsanwalts und eines Patentanwalts verschieden sind und ein Patentanwalt kein „richtiger“ Anwalt ist. Ein Patentanwalt kümmert sich um die Einreichung von Patenten, Marken, Gebrauchsmustern und Designs (Geschmacksmustern) sowie um die Beantwortung von möglichen (Mängel-)Bescheiden.

Was macht eine Patentanwaltsfachangestellt? Einfach ausgedrückt, hilft sie dem Patentanwalt dabei. Wie sie das macht? Das hängt ein bisschen damit zusammen, wie die Kanzlei aufgebaut ist. Hier aber ein paar mögliche Arbeitsaufgaben:

  •            Posteingang: Notieren von Fristen, Weitergabe der Post an den zuständigen Bearbeiter/Anwalt
  •            Weiterleiten von Bescheiden an den Mandanten / Berichterstattung an den Mandanten
  •            Datenkontrolle/ -pflege (Stimme die auf dem Bescheid angegeben Daten? Stimmen die im System hinterlegten Daten? Stimmen die Angaben auf der Veröffentlichenungsschrift/Offenlegungsschrift/Patentschrift? Etc.)
  •            Firstenüberwachung (Wann ist eine Frist fällig? Muss der Mandant erinnert werden? Muss der Anwalt erinnert werden? Kann eine Frist gestrichen werden? Etc.)
  •            Erstellen von Vorlagen/Vorbereiten von Eingaben (als Eingabe wird das Schreiben, mit dem man auf einen Bescheid des Amts antwortet, bezeichnet) für den Anwalt (hier kann es je nach Kanzlei auch vorkommen, dass ihr die Eingabe komplett allein schreiben müsst, wenn es sich um eine Kleinigkeit handelt und es keine Vorlage für diesen Fall gibt)
  •            Gebührenzahlung (Jahres-, Verlängerungs-, Aufrechterhaltungsgebühr, Prüfungsgebühr, Recherchengebühr usw.)
  •            Einreichen von Anmeldungen (Normalerweise ist es der Anwalt, der die Anmeldefassung ausarbeitet oder die vom Mandanten erhaltene Fassung prüft, als PaFa muss man diese Fassung dann aber in das vom Amt gewünschte Format bringen und mit dem jeweiligen Onlineformular ans Amt schicken)
  •            Beantworten von Mandantenanfragen
  •            Kommunikation mit ausländischen Kanzleien
  •            Postausgang

Je nachdem wie die Kanzlei aufgestellt ist, kann es sein, dass ihr bspw. keine Fristen notieren müsst, da es eine Fristenstelle gibt. Die meisten Kanzleien haben eine TAX-Stelle, die sich um die Jahresgebühren kümmern, daher werdet ihr im Regelfall – sofern ihr nicht in einer sehr kleinen Kanzlei landet – auch damit nichts zu tun haben.

Da es so wenig PaFas gibt, werden auch gerne Quereinsteiger eingestellt, die man dann als Externe an der PaFa-Prüfung teilnehmen lässt – aber als Externe ist die Prüfung doch recht schwer, da man sich die ganzen Gesetze selbst beibringen muss. In machen Kanzleien hat man die Möglichkeit an den nötigen Schulstunden teilzunehmen, andere bieten hingegen interne Schulungen an.
Während der Ausbildung wird man es insbesondere in der Schule selbst mit sehr vielen Gesetzten zu tun kriegen, da es viele verschiedene Patente, Gebrauchsmuster, Marken, Designs gibt.

  •            Europäische Patente, internationale Patente, deutsche Patente
  •            Deutsche Gebrauchsmuster
  •            Europäische Marken, internationale Marken, deutsche Marken
  •            Europäische Designs, internationale Designs, deutsche Designs

Für alles gibt es ein eigenes Gesetz. Hinzu kommen dann noch Gesetze sowie Gebührenordnungen für mögliche Rechtstreitigkeiten vor dem Patentgericht.
In der Praxis kommt es, wie so oft schon erwähnt, auf die Kanzlei an. Bei ganz kleinen Kanzleien trägt man mehr Verantwortung und muss wesentlich eigenständiger arbeiten, was auch bedeutet, dass man die Gesetze besser kennen muss. Bei größeren Kanzleien kann es durchaus sein, dass man das ein oder andere Gesetz vernachlässigen kann, da man damit nichts zu tun hat. (Warum sich mit dem deutschen Patentrecht auskennen, wenn man in der EP-Abteilung ist?)
Aber schlussendlich muss jeder das gleiche in der Abschlussprüfung können.

Wie sieht es mit Arbeitsplätzen aus?
Nun, als PaFa kann man entweder in eine Patentanwaltskanzlei oder in eine größere Firma, die eine Patentabteilung hat, oder man geht ans DPMA (Deutsches Patent und Marken Amt) oder das EPA (Europäisches Patent Amt).

Was das Gehalt angeht, hängt es davon ab, wie groß die Kanzlei ist, ob sie ein einen Tarifvertrag gebunden ist und in welcher Region man sich befindet.
Ich habe meine schulische Ausbildung in München absolviert und mich nach der Abschlussprüfung mal bei meinen Klassenkameraden durchgefragt was die so angeboten bekommen haben.
In der Regel haben sie 3000 Euro + 13. Gehalt + 30 Tage Urlaub (40 Std. Woche) angeboten bekommen. Bei den kleineren Kanzleien hat es zwischen 2400 – 2800 Euro variiert. (Ich habe meine Ausbildung im Sommer 2017 abgeschlossen, daher kann ich nicht sagen, ob bzw. wie sich diese Angaben geändert haben.)
Während der Ausbildung habe ich in meinem ersten Jahr (ich habe verkürzt, daher ist mein erstes Jahr, sozusagen das zweite Lehrjahr) ca. 950 Euro (Brutto) bekommen und in einem zweiten Jahr ca. 1020 Euro (Brutto). Das war auch in etwa das, was andere Kanzleien ihren Auszubildenden geboten haben. (Bei machen Kanzleien wurde etwas mehr gezahlt, wegen der Fahrkosten, während andere die Fahrkosten komplett übernommen haben. Da muss man sich ein wenig informieren.)

Übernahme Möglichkeiten? Aufstiegsmöglichkeiten?
Nun, in meiner Klasse wurden alle 25 Schüler von ihrer Ausbildungskanzlei übernommen. Nicht alle haben angenommen. Solange ihr euch nicht, wie der erste Mensch benehmt, stehen die Chancen übernommen zu werden sehr gut! Eben weil man so dringend Leute braucht.
Und selbst wenn ihr nicht übernommen werden solltet oder es euch dort einfach nicht mehr gefällt, werdet ihr in nur wenigen Wochen bereits eine neue Stelle gefunden haben. (Als ich mich bei meiner Ausbildungskanzlei beworben habe, habe ich meine Bewerbung an einem Donnerstagabend verschickt, am Freitagvormittag den Anruf erhalten, ob ich zum Vorstellungsgespräch kommen könnte, am gleichen Tag mein Vorstellungsgespräch gehabt, am drauffolgenden Montag habe ich den Anruf erhalten, dass man mich nehmen würde. Am Dienstag habe ich mit meiner Ausbildung angefangen. Und nein, ich habe kein besonders gutes Zeugnis! Als ich meine Kanzlei gewechselt habe, hat es etwas länger gedauert, aber ich habe nur eine Bewerbung geschrieben. Sie verschickt, wenige Tage später kam der Anruf mit der Vorladung zum Vorstellungsgespräch. In der anschließenden Woche dann das Vorstellungsgespräch. Wieder in der kommenden Woche die Bestätigung, dass man mich möchte (zu dieser Zeit waren auch einige der Partner im Urlaub, weshalb man auch noch mit der Entscheidung warten wollte, da mein jetziger Chef zu dieser Zeit auch im Urlaub war), dann eine Woche später, war der Vertrag da und ich habe mir dann noch mal eine Woche oder so Zeit gelassen, ihn zu unterschreiben – ich wollte noch ein paar Punkte klären, ob die so in Ordnung sind und was sie genau bedeuten. Insgesamt hat es so 4 – 5 Wochen gedauert, bis ich eine neue Stelle hatte.)

Aufstiegsmöglichkeiten gibt es keine direkten. Wenn ihr PaFa seid, seid ihr PaFa. Je nach Kanzlei kann es sein, dass ihr die Verantwortung für eine Abteilung oder einen Teilbereich bekommt, was könnte man dann wohl als Aufstieg ansehen, aber das war es dann auch schon wieder.

Voraussetzungen:

  •            Gute Englischkenntnisse (Ich würde behaupten, dass man auch mit eine 3 in Englisch den Job ausführen kann, da vieles wirklich reine Lernsache ist – man sollte aber bedenken, dass es durchaus sein kann, dass man nicht nur englisch lesen/schreiben muss, sondern ggf. auch mit Mandanten/Ämtern auf Englisch telefonieren muss)
  •            Mindestens Mittlere Reife (Ich habe das Gefühl, dass Leute mit Abitur oder einer Ausbildung zum/zur Fremdsprachenkorrespondent/in bevorzugt werden – zumindest sind sehr viele Quereinsteiger Fremdsprachenkorrespondenten)
  •            Man sollte mit Word und Excel klar kommen/es kennen und nutzen können
  •            Man kommt mit Gesetzestexten klar
  •            Man kann gut mit Stress umgehen (viele Mandanten melden sich erst kurz vor Ablauf einer Frist und man muss dann schnell reagieren bzw. wissen wie man/was man priorisiert)
  •            Man muss organisieren können (damit meine ich, dass man eben in der Lage ist, zu erkennen, was wichtig ist und dann eben auch priorisiert können – abgesehen von den Mandanten, kann es auch sein, dass der Anwalt an einem Tag nicht anwesend ist, weil er einen Termin hat oder einfach weil er krankt ist. Das muss man auch im Blick haben und entsprechend Eingaben vorbereiten etc.)
  •            Es wäre von Vorteil, wenn man gut darin ist hässliche Handschriften zu entziffern oder auch gut darin ist fragwürdiges/brüchiges Englisch zu verstehen/entziffern – ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was man da teilweise zu lesen bekommt.

Das ist jetzt nur das, was ich meine, dass man mitbringen sollte, um den Beruf auszuüben. Was sich jede Kanzlei im Einzelnen wünscht, könnt ihr dann auf deren Seiten (Stellenangeboten) anschauen.

Kommen wir dann mal zu den Vor- und Nachteilen des Berufs.

Nachteile:

  •             Viel Stress
  •            Kaum bis keine Aufstiegsmöglichkeiten
  •            Es gibt (angeblich) nur zwei Berufsschulen in Deutschland, die die schulische Ausbildung anbieten (hat man mir zumindest so erzählt)
  •           Sehr viele Gesetze zum Auswendiglernen
  •            Man wird schnell als vollwertiges Mitglied angesehen (damit meine ich, dass man auch in der Ausbildung schnell alleine arbeiten und entscheiden muss. Natürlich wird man noch mal gegenkontrolliert, damit nichts passiert, aber man muss einfach schnell selbständig arbeiten.)
  •            Ich weiß nicht, ob man es wirklich als Nachteil werten kann, aber es kann immer wieder etwas kommen, dass man noch nicht hatte – auch nach über 10 Jahren in diesem Beruf und oft kann man sich auch nicht auf Erfahrungsbericht von Kollegen verlassen, da diesen den gleichen Fall noch nicht hatten

Vorteile:

  •            Die Arbeit ist immer die gleiche, nie dasselbe (jeder Bescheid ist anders, auch wenn er im Grunde immer gleich ist und jeder Mandant wird anders behandelt – hängt aber auch ein wenig mit der Kanzlei zusammen), wodurch es nicht langweilig/eintönig wird
  •            Es wird händeringend gesucht! (Hat den Vorteil, dass man sich seine Arbeitsstelle aussuchen kann und schnell eine neue Stelle finden kann, wobei das sicherlich auch an der Region, in der man lebt, liegt)
  •            Man kann sich auch Selbstständig machen
  •            Man kann sich auf einen Bereich spezialisieren (bspw. EP-Patente oder TAX), sofern es die Kanzlei zulässt (und wenn nicht, sucht man sich einfach was anderes)
  •            Meiner Meinung nach ist PaFa ein Beruf, der auch noch lange Bestand haben wird und bei dem man sich (noch) nicht fürchten muss weg rationalisiert/durch Technik ersetzt zu werden
  •            Gute Bezahlung
  •            Verschiedene „Anbieter“ (wie oben schon erwähnt, könnt ihr in eine Kanzlei gehen oder ein Amt oder ein Unternehmen, das eine Patentabteilung hat)

Ich glaube, das waren jetzt erst einmal genug Informationen.

Im Internet kann man sich noch mehr Informationen heraussuchen bzw. wenn ihr Fragen habt, gebe ich mein bestens sie so gut es geht zu beantworten. Ich hoffe, der ein oder andere konnte etwas gefallen an diesem Beruf finden bzw. Interesse für ihn entwickeln. Würde mich jedenfalls freuen. (Und auch wenn es für euch nichts ist, vielleicht gibt es ja jemanden in euren Bekannten-/Freundes-/Familienkreis, der auf der Suche nach einer Ausbildung/Beruf ist. Auch Quereinsteiger sind herzlich willkommen!)

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Kurzbeschreibung

Ich mag meinen Job als Patentanwaltsfachangestellte, aber er kann sehr stressvoll sein, da es leider nur sehr, sehr wenig PaFas gibt. Das liegt meiner Meinung nach mit unter daran, dass kaum jemand diesen Beruf kennt. Aus diesem Grund möchte ich ihn euch hiermit vorstellen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Politik, Wirtschaft, Arbeit auch im Genre Bildung, Schule gelistet.

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