Fanfictions > Bücher > Harry Potter > Prongs' Sohn

Prongs' Sohn

132
9.7.2019 13:19
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

3 Charaktere

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Albus Dumbledore

Albus Dumbledore ist der Schulleiter von Hogwarts, Harrys Mentor und der Kopf des Phönixordens, der Geheimorganisation, die sich dem Kampf gegen Voldemort verschworen hat. In seiner Jugend war Albus Dumbledore mit dem späteren schwarzen Magier Gellert Grindelwald befreundet. In einer Auseinandersetzung wurde seine Schwester Ariana getötet, was sich Dumbledore nie verzieh.

Es steht jedem frei, dieses Vorwort zu lesen oder zu ignorieren ;)

Vorwort der Autorin
„Bitte nicht noch eine Harry-Snape-Vater-Geschichte!“
Das waren immer so meine Reaktionen, wenn ich nach Harry-Snape Geschichten geschaut habe, die kein Slash und keine Vater/Sohn Geschichte sein sollten. Ich weiß nicht, ob es euch genau so geht, und vielleicht sind diese Fics auch nur im englischsprachigen Raum so häufig vertreten, aber ich hatte keine Lust, immer Geschichten zu lesen, die sich dann doch nur nach dem gleichen Schema richten: Harry soll nicht mehr bei den Dursleys leben – Snape übernimmt Vaterschaft für ihn.

Ich habe wirklich viele dieser Fanfictions gelesen – in manchen war Snape total OOC, in manchen war Harry einfach anstrengend, wieder andere hatten keine Logik oder waren schlecht geschrieben. Doch es gab auch gute Exemplare. Geschichten, die mich umgehauen haben, und bei denen ich vergessen konnte, dass ich  Alternative Universen eigentlich gar nicht mag.
Ich habe gelernt, diese Geschichten lieben zu lernen – wenn Snape gut dargestellt wird. Und jetzt schreibe ich eben mein eigenes AU, mit praktisch genau dem oben genannten Schema über die beiden. Es ist nicht unbedingt etwas Neues, aber es gibt tolle Geschichten zu den beiden. Ich hoffe, dass meine irgendwann zu ihnen gehören wird und gebe mir beste Mühe ;)
(Ich finde übrigens keineswegs, dass Szenarien wie Snape-wird-Harrys-Erziehungsberechtigter in irgendeiner Weise realistisch sind, aber deshalb heißt es ja Fanfiction. Was ich finde ist, dass in de n Büchern die Situation in Harrys Zuhause zu wenig problematisiert wurde. Mag sein, dass Harry ein dickes Fell hat, aber welches Kind lebt bitte unter einem Schrank und geht da ohne psychische Probleme/Traumata raus?)

Und wo ich jetzt schon extra ein Vorwort schreibe: Ich bin jedem Leser dankbar, und wenn ich könnte, würde ich ihnen meinen Dank in Form von regelmäßigen Uploads zurückgeben. Die harte Wahrheit ist aber, dass ich in der Oberstufe an einem Gymnasium bin, Haustiere habe, die meine Aufmerksamkeit brauchen habe, und regelmäßig Phasen bekommen, in denen ich ausschließlich englische Fanfiction schreibe. Dann habe ich auch noch so etwas wie ein Real-life und daraus folgt dann, dass ich absolut nicht vorhersehen kann, wie schnell diese Geschichte voranschreiten wird. Das nur fairerweise als Warnung.

Und all denen, die ich jetzt nicht abgeschreckt habe, denen wünsche ich viel Spaß mit meiner Geschichte. Es wird ein langes Projekt, und in einer Ewigkeit dann auch mal fertig sein.
Eure Liz

Prolog

Wenn Harry ein Fenster gehabt hätte, aus dem er schauen könnte, würde er das jetzt tun. Die Gedanken nach draußen schweifen lassen, sie in die Freiheit schicken, während er hier drinnen saß und sich kaum umdrehen konnte.
Leider gab es aber kein Fenster und das einzige Licht, dass in den kleinen Raum fiel kam von den Lüftungsritzen an der Tür. Die Glühbirne war mal wieder ausgefallen, aber Harry hütete sich davor, seine Tante darauf anzusprechen. Besonders, wenn sie so schlechte Laune hatte wie heute schon den ganzen Tag.
Er zog die Decke über den Körper. Ihm war kalt, und langweilig. Zum Schlafen war er noch nicht müde genug, und überhaupt fiel es ihm schwierig, einzuschlafen. Entweder weil er Hunger hatte, oder es zu kalt war, oder er Angst hatte – oder alles zusammen.
Er legte das Ohr an die Tür, um zu horchen, was sich draußen so tat. Er hatte heute Morgen noch nichts gefrühstückt, und noch vorm Mittagessen war er in den Schrank gesperrt worden. Aber er wagte es nicht, dass Schloss zu knacken und nach draußen zu gehen, solange noch irgendjemand im Haus wach war. Draußen waren noch Schritte zu hören.
Jetzt fing seine rechte Hand wieder zu pochen an, und er drückte sie fest an seinen Körper. Onkel Vernon hatte ihm mit dem Tablett, dass Harry angeblich nicht richtig sauber gemacht hatte eins übergebraten und ihm anschließend fast die Hand zerquetscht. Es würde Harry nicht wundern, wenn  sie gebrochen wäre, aber wenn dem so war, würde es sowieso nie herauskommen. Harry Potter hatte noch nie eine Arztpraxis von innen gesehen.
Geblutet hatte er auch wie ein Schweinchen, und weil er hier nichts richtiges zum Verbinden gehabt hatte, hatte er das Blut notdürftig mit drei Taschentüchern und schließlich mit seiner Bettdecke abgehalten. Besonders viel geholfen hatte das aber nicht, seine Hand schmerzte noch immer und war zu allem Überdruss auch noch voll mit getrockneten Blutflecken.
Harry streckte seinen Rücken durch. Er schmerzte lange nicht so sehr wie seine Hand, aber das verdammte Tablett hatte ihm trotzdem ganz schön zugesetzt.
Er zog sich die Decke über den Kopf. Gegen seinen Willen kamen jetzt doch einige Tränen, und er versuchte vergebens, sie zurückzuhalten.
Es dauerte eine Weile, aber Harry schlief ein, sogar noch bevor seine Tante und sein Onkel ins Bett gegangen waren. Was der verzweifelte Junge nicht wissen sollte, war, dass sich am nächsten Tag sein Leben verändern sollte. Und längere Zeit wusste er nicht einmal mehr, ob zum Besseren, oder zum Schlechteren.

Kapitel 1

Als Harry  im Abteil des Hogwarts Expresses saß, tat sein  Rücken immer noch weh. Onkel Vernon hatte seine Art sich von seinem Neffen zu verabschieden, und ihm hatte Harry es zu verdanken, dass er kaum auf seinem Hintern sitzen konnte.
Und das, obwohl die Sitze im Zug gepolstert waren. Wie sollte es erst in der Schule werden? Hogwarts mochte magisch sein, aber das hieß ja noch lange nicht, dass die Schulbänke nicht aus gewöhnlichem Holz gebaut wurden. Harrys Erfahrung nach würde er die Tracht Prügel wahrscheinlich auch noch in einer Woche spüren, vielleicht sogar noch länger.
Er stöhnte und versuchte, eine bequeme Position zu finden, als die Tür des Abteils aufgeschoben wurde. Ein rothaariger Junge sah hinein.
Schnell versuchte Harry, sich gleichzeitig normal hinzusetzen und den Jungen anzulächeln. Wahrscheinlich sah sein Gesicht noch immer etwas verzogen aus, denn der Junge schaute ihn ein wenig komisch von der Seite an. Harry schluckte.
„Is hier noch frei?“, fragte der Junge, und Harry beeilte sich, zu nicken, und endlich mal ein normales Gesicht zu machen.
Der Junge schob sich in das Abteil und setzte sich gegenüber von Harry. Er starrte Harry so penetrant, dass Harry peinlich berührt auf den Boden schaute. Dabei fiel ihm sein Haar aus dem Gesicht, und er hörte, wie der Junge scharf die Luft einzog.
Erschrocken sah Harry auf. „Alles okay?“, fragte er.
Der rothaarige Junge starrte ihn an. „Deine Narbe“, sagte er leise und fast schon ehrfürchtig.
Harry zuckte zusammen und fasste sich automatisch an die Hand. Hatte der Junge womöglich das Blut und die Kratzer gesehen? Aber er schaute gar nicht auf seine Hand.
Als Harry nicht reagierte, schaute der Junge ihn wieder etwas verwirrt an. „In deinem Gesicht“, flüsterte er. Diesmal war Harry sich ganz sicher, so etwas wie Ehrfurcht herauszuhören, und er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Die Kratzer in seinem Gesicht waren nun wirklich nicht so schlimm! Peinlich berührt griff er sich an die Wange, um die Spuren von Vernons Ohrfeigen versteckt zu  halten.
Der Junge sah ihn immer noch etwas perplex an, und Harry fragte sich, was los mit ihm war.
„Auf deiner Stirn“, sagte der Junge, und schluckte kurz, bevor er sich vorbeugte. „Du bist Harry Potter!“ Diesmal sprach er wirklich so leise, dass Harry ihn kaum verstand.
Harry starrte ihn mit weit geöffneten Augen an und Erleichterung machte sich in ihm breit. Der Junge hatte nur von seiner Blitznarbe gesprochen! Harry hatte sich schon nach Erklärungen ringen sehen, woher seine Verletzungen kamen, und jetzt ging es nur um die Blitznarben-Geschichte! Vor Erleichterung lachte er kurz auf, und der Junge runzelte die Stirn. „Oder?“, fragte er.
Harry beeilte sich zu nicken. „Oh ja“, meinte er, „oh ja, das bin ich.“ Er verschluckte sich fast. Der Junge starrte ihn an. „Ich habe keine Ahnung, was daran so komisch sein soll. Aber… wow. Krass.“ Wenn er ihn vorher interessiert gemustert hatte, dann änderte sein Blick sich jetzt zu bloßem Erstaunen.
Harry schluckte kurz seine letzten Lacher herunter. „Tschuldigung. Ja, ich bin Harry Potter. Aber ich bin wirklich nicht besonders.“
Er schluckte kurz und sah zu Boden. In Augen seiner Verwandten war er besonders, aber nicht im positiven Sinne. Wie oft hatten sie ihm schmerzhaft klar gemacht, was für ein Freak er war, und dass er keinen Platz in dieser Welt hatte? Vielleicht würde Ron das gleiche von ihm denken? Und Hagrid, und die Lehrer…
Wann immer ihn jemand gemocht hatte, oder zumindest nicht fertig gemacht hatte, so hatten die Dursleys sich darum gekümmert, dass Harry das Leben zur Hölle gemacht wurde. Das war ihr Sinn von Gerechtigkeit. Dass niemand Harry mögen sollte.
Mit der Zeit hatte Harry begonnen, sich nicht nur damit abzufinden, sondern ihnen in stillschweigenden Sekunden sogar Recht gegeben. Manchmal hatte er sterben wollen.
Und warum sollte sich das jetzt ändern, nur weil er nach Hogwarts ging? Er war immer noch eine verachtenswerte Person, er hatte kein Recht -
Die Stimme des Jungen ihm gegenüber riss ihn aus seinen Gedanken und erinnerten ihn daran, wo er gerade war.
„Ich bin Ron Weasley. Ich komme aus einer Zaubererfamilie, und meine Brüder sind auch alle nach Hogwarts gegangen.“
Harry lächelte ihn schräg an, aber seine Gedanken waren schon ganz woanders. Ron schien zu merken, dass ihm der Sinn nicht nach einer Unterhaltung stand, und schwieg. Harry sah aus dem Fenster und schaute zu, wie die Bäume vorbeizischten.
Sein Körper begann wieder an allen Stellen seines Körpers weh zu tun, und auf einmal wünschte er sich, die Reise würde immer weitergehen. Er würde Ron gerne fragen, ob sie auf Hogwarts die Schüler schlagen durften, aber etwas hielt ihn zurück. Vielleicht wollte er die Wahrheit nicht erfahren, aber vor allem graute es ihm davor, dass Ron ihn fragen würde, ob er zu Hause geschlagen wurde, und wie sein zu Hause war.
Harry schloss die Augen, aber nicht einmal Schlaf nachholen konnte er. Harry ging nicht davon aus, dass sich in Hogwarts alles mit einem Handumdrehen bessern konnte. Er hatte 11 Jahre gelitten, aber er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er in den 11 Jahren schon alles Leid erlitten hatte, das ein Junge erleiden konnte.
Und diese Sorgen konnte er noch nicht einmal jemanden anvertrauen.

Es tat gut, nach der langen Zugfahrt aufzustehen und seine schmerzenden Knochen von der Sitzbank zu befreien, auch wenn ihn der Fußmarsch hoch hinauf in die Bank trotz der Süßigkeiten, die er im Zug gekauft hatte, kräftemäßig so auszerrte, dass er sich wünschte, zurück im Express zu sitzen.
Nichtsdestotrotz war es für ihn der schönste Moment in seinem Leben - nicht dass es viele andere gegeben hätte, als er das Schloss erblickte. Die Steinmauern und -türme sahen in Verbindung mit den goldenen Lichtern so schön aus, und zum ersten Mal hatte Harry das Gefühl, einen Hoffnungsschimmer am Ende des Tunnels zu sehen.

Harry lehnte sich schwer atmend gegen das Treppengeländer. Keiner der anderen Schüler war von Aufstieg so fertig wie er, und er spürte, wie er schon wieder rot wurde und zu Boden sah. Einige hatten ihn auf dem Weg hier hoch mit neugierigen Blicken betrachtet, aber Harry war es kaum aufgefallen. Auch jetzt achtete er nur mit halben Ohr auf das, was die alte Hexe ihnen erklärte. Er war mehr darauf konzentriert, dass ihm die Beine nicht zur Seite wegknickten. Ihm wurde schwarz vor Augen.
„Folgen Sie mir.“
Harry riss die Augen wieder auf und folgte den anderen langsam in die große Halle. Um ihn herum ertönten „Oooh-“ und „Aaaah“-Schreie, aber Harry konnte sich kaum umsehen. Ihm war so schlecht, dass er Angst hatte, sich hier und jetzt übergeben zu müssen.
Er konnte es sich gar nicht erklären, schließlich hatte er etwas auf dem Weg hierher gegessen, und zwar mehr, als er sonst an einem Wochenende bei den Dursleys bekam. Er zitterte, obwohl es hier im Schloss nicht so kalt war wie im Schrank unter der Treppe.

Irgendwie schaffte Harry es, das Sortieren des Sprechenden Huts hinter sich zu bringen, ohne dabei umzukippen. Als er mit seinen neuen Klassenkameraden am Tisch saß und das Essen hereingebracht wurde, ging es ihm sogar schon wieder so gut, dass auch er es sich schmecken ließ. Mit halben Ohr hörte er den anderen bei ihren Gesprächen zu, aber vor allem war er müde, spürte überall Schmerzen und war in den Gedanken verloren, wie wohl alles auf Hogwarts werden sollte.

Kapitel 2
 
Als Harry am nächsten Morgen die Augen öffnete, hatte er Muskelkater. Das Bett war zwar um einiges weicher als sein Bett im Ligusterweg, aber der Fußmarsch in Verbindung mit der Zugfahrt gestern hatte ihm doch ganz schön zugesetzt.
Noch immer war ihm schlecht und er beschloss, das Frühstück heute Morgen doch lieber ausfallen zu lassen.
Es war ein komisches Gefühl, überall hingehen zu können, wo er wollte, und sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, ob das Frühstück für die Dursleys pünktlich auf den Tisch kam oder nicht. Er rieb sich die Augen und ging ins Bad. Während er sich das Gesicht wusch, dachte er über den gestrigen Tag nach, angefangen von der Zugfahrt bis er schließlich nach dem Festessen müde ins Bett gestolpert war und innerhalb der nächsten Sekunden eingeschlafen war.
Die anderen hatten ihn bewundert, zum Teil ehrfürchtig oder erstaunt begutachtet, aber das war Harrys kleinste Sorge. Hagrid hatte ihm gesagt, dass ihn die Narbe besonders machte und er als Baby gegen einen großen Zauberer gewonnen hatte, aber er hatte nie spezifiziert, wie das alles vonstatten gegangen war, nur, dass jemand anderes ihm Genaueres dazu sagen sollte.
Es war ja aber auch egal. Was war diese kleine Blitznarbe schon im Vergleich zu der Tatsache, dass er hier in Hogwarts jetzt frei von den Dursleys leben konnte!
Jedenfalls mehr oder weniger. Vernon hatte ihm schon angekündigt, dass er, wenn er über die Ferien nach Hause kam, mit einer Tracht Prügel rechnen durfte, und dass er ihnen ja keine Unannehmlichkeiten bereiten sollte, während er hier war.
Was auch immer das bedeuten sollte. Harry kamen nicht mal mehr die Namen seiner Verwandten über die Lippen.
Abgelenkt von seinen eigenen Gedanken gestern hatte Harry jedenfalls den Instruktionen von Professor McGonagall kaum Aufmerksamkeit geschenkt, sondern sich stattdessen gefragt, wie er mit sechs Jungen in einem Schlafsaal schlafen sollte, ohne dass einer von ihnen die tiefen Narben auf seiner Haut bemerkte. Dass bisher noch niemand etwas gesagt hatte, war ein reines Wunder.
Er zog sich sein Schlafshirt aus, nicht ohne noch einmal zu kontrollieren, ob die Badezimmertür geschlossen war, und drehte sich vorm Spiegel, um die Wunden zu begutachten.
Im Tageslicht betrachtet sahen sie noch einmal viel schlimmer aus. Lange rote Streifen zogen sich über seine Wirbelsäule und er war übersät mit blauen Flecken, die bis über seine Arme reichten. Aber er fand nichts, was die Schuluniform nicht überdecken sollte. Er griff nach seiner Uniform und Robe und streifte sie über. Als der Stoff die Narben berührte, zuckte er kurz zusammen und biss die Lippen zusammen.
Es würde schon wieder werden. Er konnte sich zwar nicht daran erinnern, jemals so stark verletzt worden zu sein, aber andererseits hatte er ja jetzt auch erst einmal eine Weile Pause von seinem Onkel. Egal, wie es auf Hogwarts werden konnte, er bezweifelte stark, dass er jemals so zugerichtet werden würde, wie zu Hause im Ligusterweg.
Er schaute noch einmal in den Spiegel, strich über die Narben über seiner Wange und richtete sich sein Haar, so gut es ging. Dann nahm er einen tiefen Atemzug und, gewappnet für seinen ersten Schultag, verließ das Badezimmer.
 
Seine Schritten hallten über den Korridor, als er sich auf den Weg nach unten in die Kerker machte. Der Verwandlungsunterricht war ganz schön anstrengend gewesen. McGonagall hielt offenbar nichts von langen Begrüßungsreden und Einführungsstunden. Nachdem sie die Schüler knapp im Verwandlungsunterricht begrüßt hatte, hatte sie ihnen erklärt, wie schwer die Kunst des Verwandelns war, und dass man, wenn man sie gut beherrschte, kaum Probleme mit anderen Fächern haben sollte. Die Kompliziertheit dieser Magie hatte sie ihnen dann auch gleich dargelegt und ihnen die Aufgabe gegeben, ein Streichholz in eine Nadel umzuwandeln.
Es klang einfach, aber tatsächlich hatte kaum ein Schüler überhaupt die kleinste Veränderung hinbekommen. Dabei hatte es so einfach ausgesehen, als McGonagall ihren Tisch in ein Schwein verwandelt hatte!
Beim Unterricht hatte Harry versucht, größtenteils zuzuhören und sich zu konzentrieren, was ihm mehr oder weniger geglückt war. Er war einfach zu müde und hatte, zusätzlich zu seinen Bauchweh, jetzt auch noch Kopfschmerzen. Zumal immer noch jede Minute, die er auf einem Stuhl verbrachte, eine Qual war. Dann hatte er sich auch noch einen Rüffel von McGonaggal eingehandelt, weil er zu langsam von der Tafel abgeschrieben hatte.
Das war nun wirklich nicht seine Schuld gewesen! Mit Feder und Tinte zu schreiben unterschied sich so sehr von dem Füller, den er von seiner alten Schule gewohnt war, dass es Ewigkeiten gedauert hatte, bis er die Worte auf das Pergament übertragen hatte. Zumal er auch noch in der vorletzten Reihe saß, mehrere Meter weit weg von der Tafel, und McGonagalls kleine Schrift kaum hatte lesen können.
Das hatte er ihr natürlich nicht gesagt. Er hatte nur entschuldigend gelächelt und versucht, schneller abzuschreiben, sodass seine sowieso schon unordentliche Schrift nun kaum zu lesen war.
Verwandlung hatten die Gryffindors mit den Ravenclaws zusammen, und alle anderen Schüler hatten schon begonnen, sich zu unterhalten und ihre Interessen auszutauschen. Harry hingegen hatte die meiste Zeit nur daneben gestanden. Es war nicht so, dass er nicht mit den anderen reden wollte, aber er war unsicher, was er zu ihnen sagen sollte und wie er sich verhalten sollte – er hatte noch nie wirklich mit Menschen geredet, die ihn nicht von Grund auf verabscheuten.
Nur mit Ron hatte er ein paar Worte gewechselt. Der Junge war Harry von Anfang an sympathisch gewesen, und zu seiner eigenen Überraschung schien diese Sympathie gegenseitig zu sein.
Auch jetzt, als sie sich auf den Weg zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde – Zaubertränke – machten, liefen die beiden nebeneinander her. Harry hoffte im Stillen, dass der Unterricht praktischer ablaufen würde als Verwandlung, nicht nur, weil er keine Lust hatte, noch weitere ellenlange Tafelanschriften mit einer Feder abzuschreiben, sondern auch, weil es ihm lieber wäre, nicht noch eine Stunde auf seinem schmerzenden Hintern zu sitzen.
Zaubertrankunterricht hatten sie mit den Slytherins zusammen. Ron hatte gestern erwähnt, dass jeder Zauberer, der irgendwann mal auf die Seite der dunklen Magie gewechselt war, in Slytherin war, und Harry wusste deshalb nicht, ob er voreingenommen war, aber so, wie er die anderen einschätzte, schienen sie alle recht grimmige Gesichtsausdrücke zu haben. Mit denen wollte er lieber nicht aneinandergeraten, und er lehnte sich unauffällig an die Steinwand. Es tat gut, für einige Minuten einfach nur stehen zu können.
Als die anderen Schüler so langsam eintrudelten, ging wieder das altbekannte Getuschel los, und Harry musste schon fast amüsiert grinsen. Was sie nur alle mit ihm hatten…
Einer der Slytherins kam jetzt näher. Er hatte blonde Haare und genau denselben missmutigen und überheblichen Gesichtsausdruck wie seine Klassenkameraden, aber als er sich vor Harry hinstellte, wandelte sich sein Gesicht zu einem Lächeln, und er streckte die Hand aus.
„Draco Malfoy“, sagte er. Seine Stimme schien ein wenig zu freundlich, und Harry war sich unsicher, was er von ihm halten sollte.
Er lächelte schräg. „Ähm, ich bin Ha -“
„Ich weiß, wer du bist.“ Der Junge lächelte wieder, aber jetzt wirkte es doch ein wenig überheblich. Harry wusste nicht so recht, was er darauf antworten sollte, und machte unbehaglich einen Schritt nach rechts, wo Ron stand und ihn mit gerunzelter Stirn beobachtete.
„Okay, nett, dich kennenzulernen, Draco, mein Kumpel wartet auf mich“, meinte er mit einem gezwungen Lächeln. Seine Stimme klang ein wenig gepresst. Er wusste selbst nicht, warum dieser Junge ihm so unsympathisch vorkam, aber irgendetwas lag in seinem Lächeln, das falsch wirkte.
Sofort verschwand das Lächeln aus Dracos Gesicht, und er schnellte mit seinem Fuß vor, sodass Harry fast stolperte.
„Pass auf, Potter“, zischte er. Von seiner Freundlichkeit von eben war nichts mehr zu merken. „Vielleicht hast du mir eben nicht richtig zugehört. Ich bin ein Malfoy, und einen Malfoy versetzt man nicht einfach für einen Weasley.“
Harry starrte ihn an. „Komisch“, sagte er kühl, „von dieser Regel wusste ich noch gar nichts.“ Er wusste, dass er in Gefahr lief, sich unbeliebt zu machen, aber das war ihm in diesem Moment egal. Draco wirkte nicht nur unsympathisch – er war unsympathisch. Er erinnerte ihn mit einem Mal stark an Dudley, und was hätte er dafür gegeben, Dudley mal die Meinung sagen zu können. Oft hatte er es natürlich nicht getan – Dudley ging dann immer direkt petzen, und dann hieß es für Harry, einen Tag nichts zu essen zu bekommen. Und Schlimmeres. Bei dem Gedanken an Schmerz zuckte er kurz zusammen, bis er sich wieder daran erinnerte, wo er war.
Draco Malfoy konnte nicht einfach zu einem Lehrer rennen, wenn Harry praktisch nichts gemacht hatte. So viel Gerechtigkeit musste es in Hogwarts wohl geben.
Draco kniff seine Augen wütend zusammen und gab Harry einen kurzen, festen Tritt ans Schienbein, „Ich warn dich, Potter“, sagte er, „wenn du noch einmal -“
Aber in diesem Moment öffnete sich die Tür, zu Harrys Erleichterung. Zwar musste er zugeben, dass er sich mit seinem Kommentar nicht gerade passiv verhalten hatte, aber einen Streit anzetteln, gleich am ersten Tag, das wollte er auch nicht.
Zumal Malfoy leicht aggressiv wirkte, und Harry keine Lust hatte, sich mit jemanden so sehr anzulegen, dass es in eine Prügelei ausarten konnte.
Sofort verstummte Draco und sah Harry nur noch wütend an.
Ein Mann mit schwarzen Umhang und ebenso schwarzen, halblangen Haaren stand im Türrahmen und sah auf die Schüler herab.
„Kommen Sie herein“, sagte er mit öliger Stimme. Dann schwang er die Tür noch ein Stück weiter um, drehte sich auf dem Absatz um und ließ seine Robe hinter ihm herwehen.
Draco gab seinen Slytherinkumpels einen Stubs und drehte sich dann um, um das Klassenzimmer zu betreten. Dabei trat er Harry wie aus Versehen auf den Fuß. Harry presste die Lippen zusammen.
Mistkerl.
Ron lächelte ihn ermutigend an, und gemeinsam betraten sie die Stunde.
 
Harry wusste nicht, woran es lag. An der Art, wie der Blick des Professors auf ihm lag, oder vielleicht auch nur, wie er sprach, sobald Harry in seine Sichtweite kam – aber Harry konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass Snape ihn nicht mochte.
Er wusste, wie es war, von Leuten mit Hass angeschaut zu werden – Onkel Vernon hatte es ihm elf Jahre lang demonstriert – und er wusste auch, wie sich Menschen verhielten, die die eigene Person von tiefstem Herzen verabscheuten. In dem Moment, in dem Snape begann, ihm Fragen zu stellen, die Harry bei bestem Wille nicht beantworten konnte, war für ihn die Sache klar.
Snape hatte etwas gegen ihn. Und wahrscheinlich nicht nur etwas, sondern sehr viel, so wie er sich verhielt.
„Und wo, Mr. Potter, würden Sie suchen, wenn ich Ihnen auftragen würde, einen Bezoar zu suchen?“
Harry sah von seinen Händen auf. Wenn er wüsste, was das Bezo-Teil überhaupt war, hätte er vielleicht noch eine sinnvolle Antwort zusammenbasteln können. Aber es konnte alles sein, woher sollte er überhaupt etwas darüber wissen?
Sein Blick fiel auf Hermine, die ihren Finger gehoben hatte und fast von ihrem Sitz fiel. Harry schluckte. „Ich weiß es nicht, Sir.“
Snape starrte ihn an. Für einen Moment lang lagen nur ihre Blicke aufeinander. „Potter“, sprach der Mann dann wieder, „können Sie mir vielleicht wenigstens beantworten, warum ich mir die Mühe machen sollte, einen so desinteressierten Schüler zu unterrichten?“
Harry starrte in die schwarzen Augen, und fragte sich, was das für ein Mensch war, dass er Unwissen mit Desinteresse gleichsetzte. Müde rieb er sich die Schläfen. Wenn nur sein Kopf nicht so schmerzen würde.
„Ähm“, meinte er, „weil Sie dafür bezahlt werden?“
Die Antwort war ihm so rausgerutscht, er hatte nicht vorgehabt, so zurückzuschießen, aber nun standen die Worte im Raum, und Harry sah Snape herausfordernd an, wenngleich ihm sein Herz bis zum Hals schlug. Neben ihr entfuhr Seamus ein Kichern und auch Ron gluckst kurz.
Snape warf einen kurzen Blick auf die beiden Jungs, und sie verstummten.
Snape machte einen Schritt auf Harry zu. „Sie halten sich wohl für besonders wichtig, Potter? Nur weil die Welt Ihren Namen kennt, heißt das noch lange nicht, dass Sie sich alles erlauben können.“
Harry rutschte auf seinem Stuhl herum, aber er würde sich nicht bei dem Professor entschuldigen. Schließlich hatte er sich auch so einiges erlaubt.
Er fragte sich, was in dem Kopf dieses Menschen vorging. „10 Punkte von Gryffindor“, meinte der Professor nach einem Moment der Stille, bevor er sich zur Tafel umdrehte. „Holen Sie Ihre Federn und Pergament heraus“, sagte er zu der Klasse, „in Anbetracht der geringen Grundkenntnisse in diesem Kurs halte ich es für effizienter, zunächst das theoretische Wissen zu vermitteln – bis auch Potter auf dem Stand der Dinge ist.“
Einige der Slytherins kicherten leise.
Harry warf Hermine einen kurzen Blick zu, und fragte sich, ob alle anderen das Verhalten von Snape auch so unmöglich fanden. Aber Hermine kramte schon eifrig in ihren Unterlagen und hatte keinen Blick für Harry.
Beim Abschreiben konnte Harry nicht anders, als ab und an zu Hermine zu schielen und zu sehen, wie sie mit der Feder zurecht kam. Sie hatte gestern erzählt, dass sie bisher auf eine Muggelschule gegangen war. Sicher hatte sie die gleichen Probleme wie er?
Aber Hermines Schrift war problemlos zu lesen und sie war schon beim letzten Absatz. Konzentriert kopierte sie den Tafelanschrieb. Hastig beugte Harry sich vor und steckte seine Feder schnell wieder in das Tintenfass. Bei dieser Bewegung kippte das Tintenfass um und die Tinte kippte auf dem Tisch aus. Es klirrte kurz, und Snape sah auf, und begann, durch die Gänge zu laufen.
Schnell versuchte Harry, die verschüttete Tinte mit seinem Umhang wegzuwischen, aber machte damit alles nur noch schlimmer. Snape blieb vor seinem Tisch stehen, und Harry sah erschrocken auf, als der Mann sich leise räusperte.
„Potter“, sagte er, „sind Sie nicht mal mehr in der Lage, einen Tafelanschrieb ruhig und ordentlich auf eine Rolle Pergament zu übertragen?“ Er warf einen Blick auf Harrys Pergamentrolle. „Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finden soll“, meinte er, und kräuselte seine Lippen. „Die Unordnung auf Ihrem Tisch oder Ihre Schrift! Haben Sie nirgends gelernt, zu schreiben?“
Harry sah den Lehrer an. „Doch“, meinte er dann, „aber die Tinte -“
Snape hob die Hand. „Abscheulich“, sagte er, „die Art, wie Sie um Aufmerksamkeit betteln, ist abscheulich. Nun, Mr. Potter, wenn Ihnen das Schreiben eine solche Mühe bereitet, dann wäre es wohl ratsam, einige Übungsstunden nachzuholen, nicht wahr?“
Harry sah ihn perplex an.
„Heute Abend, 7 Uhr, in meinem Büro. Herzlichen Glückwunsch, Potter… Gleich am ersten Tag Nachsitzen, das steht Ihnen so schnell keiner nach. Und jetzt schreiben Sie endlich ab, was an der Tafel steht, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit für Ihre Spielchen. Wenn Sie meinen Unterricht noch einmal stören...“ Er beendete den Satz nicht, sondern drehte sich zum Pult um.
Harry öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Also lag es nicht nur an seinem Onkel und seiner Tante. Die Welt hasste ihn einfach.
Er war dazu gemacht, gehasst zu werden.
Und auf einmal schmerzte ihm wieder alles.

Kapitel 3

Ron warf Harry einen nachdenklichen Blick zu, als sie in der großen Halle zu Abend aßen, aber Harry bemerkte es nicht einmal richtig. Er war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und stocherte nur halbherzig in seinem Essen herum. Am Ende hatte er fast gar nichts gegessen, und wunderte sich über sich selbst. Gestern hatte er fast schon Wagenladungen von Süßigkeiten verspeist, und heute brachte er keinen Bissen herunter.
Bauchschmerzen hatte er an beiden Tagen gehabt.
Und ob er sich hier wohl fühlen konnte, das wusste er auch nicht. Die Unterrichtsstunden waren toll – bis auf Zaubertränke - die anderen Schüler nett – bis auf Draco - und die Lehrer größtenteils sympathisch – bis auf Snape. Aber irgendwie waren es diese negativen Dinge, die ihm auf den Magen schlugen. Ein kleiner Seufzer entkam ihm, und er beschloss, positiv zu denken. Es war hier nicht so schlimm wie bei den Dursleys, er war schon über 24 Stunden hier und hatte keine weiteren Verletzungen ertragen müssen – bis auf einen Tritt von Draco – und zu essen hatte er auch bekommen.
Alles würde gut werden. Jetzt musste er nur erst einmal das Nachsitzen bei Snape rumkriegen.

Als er die Treppe zu den Kerkern hinunterlief, traf er niemand anderen als ausgerechnet Draco Malfoy.
„Hey, Potter!“
Harry zwang sich, nicht stehen zu bleiben, sonder weiterzulaufen. Er war sowieso schon später losgegangen, als er geplant hatte, und wenn er eines nicht wollte, dann war es, zu spät zu kommen. Draco joggte hinter ihm her und holte ihn schnaufend ein. Von der Seite her grinste er ihn feixend an. „Potter, weißt du, wo ich grade auf den Weg hin bin? Ich will zu Flint, dem Kapitän vom Slytherin Quidditch Team, und mit ihm darüber sprechen, ob man nicht um diese Besenregel für Erstklässer herum kommt. Warum kommst du nicht mit? Oh, richtig – du musst Nachsitzen.“
Harry ignorierte ihn, und versuchte, an ihm vorbeizukommen. Draco stellte sich breitbeinig hin und nahm fast den gesamten Gang ein.
„Potter, du hast dich immer noch nicht dafür entschuldigt, dass du einen Weasley über mich gestellt hast.“
„Lass mich durch, Malfoy.“
Draco hob die Augenbraue hoch. „Potter hat Angst, zu spät zu kommen“, bemerkte er spöttisch. „Kann ich verstehen. Bei dir fehlt ja nicht viel, dass sie dich der Schule verweisen. Ich wette, sie halten den Brief zu dir nach Hause schon bereit, Potter.“
Harry versuchte, sich an der Wand entlangzuschieben, um weitergehen zu können. Draco hielt ihn mit seinem Arm auf. „Wart, nein, deine Eltern sind tot, oder?“ Er grinste.
Harry schubste seinen Arm weg und mit einigen schnellen Schritten war er an Draco vorbei. „Halt die Klappe, Malfoy.“
Draco lachte. „Übrigens, du hast da ein paar Narben in deinem Gesicht, Potter. Hast du dir gedacht, eine reicht nicht, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erreichen?“
Harry ignorierte ihn. Sein Gesicht brannte, und unwillkürlich begann er wieder, sich über die Kratzer in seinem Gesicht zu streichen. Er lief in eine kleine Ecke und sah sich um, Draco war verschwunden. Schnell schaute er an sich herunter, um zu kontrollieren, ob man irgendwelche schlimmen Wunden oder blaue Flecken zu sehen waren, aber es war alles in Ordnung.
Er atmete erleichtert aus und machte sich auf den Weg zu Snapes Büro. Jetzt würde er wahrscheinlich wirklich zu spät kommen. Alles nur wegen Malfoy.
Er klopfte an die Tür.
„Herein.“ Snape sah nicht mal von seinem Schreibtisch auf. „Sie sind spät, Potter.“
„Verzeihung“, murmelte er. „Wurde aufgehalten.“
„Würde es Ihnen vielleicht etwas ausmachen, deutlich zu sprechen?“, fragte Snape gereizt. „Wie soll ich dieses Genuschel verstehen?“
Harry nickte schnell. „Verzeihung, Sir.“
„Einen Punkt Abzug für Gryffindor für Ihre Nachlässigkeit. Setzen Sie sich, und holen Sie Ihr Schreibzeug heraus.“ Er deutete auf den Stuhl vor sich. Harry beeilte sich, Platz zu nehmen, und holte seine Feder aus seinem Umhang heraus. Er könnte spüren, wie Snapes Augen auf ihm lagen und jede Bewegung von ihm verfolgten.
„Also gut, Potter“, sagte er, als Harry so weit war. „Nachdem Sie ja heute Morgen so Probleme hatten, einen simplen Arbeitsauftrag auszuführen, können wir Ihre Fähigkeiten dahingehend ja noch ausbauen.“ Seine Lippen kräuselten sich. Harry errötete vor Wut und sah seinen Lehrer erwartungsvoll an.
„Sie werden Zeilen schreiben, Potter. 'Den Anweisungen meiner Lehrer im Klassenzimmer sind Folge zu leisten und der Unterricht nicht zu stören.' 200 Mal, und in einem angemessen Tempo diesmal.“ Er lehnte sich zurück. „Fangen Sie an.“
Fast schon erleichtert beugte Harry sich vor und tauchte seine Feder ins Tintenfass. Er hatte schon viel Schlimmeres erwarten, Kessel schrubben oder eine richtige Strafe… Zeilen schreiben war ja fast schon lächerlich gegen das, was er bei den Dursleys bekam, das Einzige, was schmerzen würde, war vielleicht sein Rücken und Gesäß, von den alten Wunden… Nichts weiter Schlimmes.

Allerdings änderte sich seine Meinung diesbezüglich, nachdem er eine Weile auf dem harten Holzstuhl gesessen hatte und schon die zweite Pergamentrolle anfing. Ein ganzer Schultag auf den harten Bänken war unangenehmer, als man sich vielleicht vorstellen konnte, und jetzt auch noch hier sitzen, und nichts tun, außer zu schreiben… Er hatte das Gefühl, gleich vor Schmerz durchzudrehen.
Er verlagerte sein Gesicht auf die andere Seite und versuchte irgendwie, eine angenehmere Sitzposition zu finden, aber es wollte ihm nicht so richtig gelingen. Snape sah von seiner Arbeit auf.   Harry schrieb schnell weiter, aber er spürte, wie seine Hand schon nicht mehr wollte. Nach drei weiteren Sätze setze er kurz ab, um sich wenigstens für ein paar Sekunden erholen zu können. Snape sah auf und legte nun auch seine Feder hin. „Haben Sie ein Problem, Potter?“
Harry schüttelte kurz den Kopf und sah auf die Uhr. „Äh, Sir? Wie lange machen wir noch?“
Snape zog eine Augenbraue hoch. „Das kommt wohl darauf an wie weit sie sind, nicht wahr, Potter?“
Er stand auf, um Harry über die Schulter zu sehen, und runzelte die Stirn. „Von Lesbarkeit haben Sie auch noch nichts gehört, oder?“, raunzte er. „Haben Sie schon vergessen, wie Sie sich das Nachsitzen überhaupt eingehandelt haben?“
Harry sah auf. „So lange ich es lesen kann, ist es doch okay, oder?“, meinte er, und rieb sich seine Augen. Langsam wurde er müder.
Snape holte mit der Hand aus, um die Pergamentrolle vom Tisch zu fegen, aber bevor er den Tisch überhaupt erreichte, hatte Harry sich schon gebückt und verbag seinen Kopf in seinen Händen.
Die Pergamentrolle segelte zu Boden, aber Snapes Blick war schon, sehr verblüfft, auf den Jungen gerichtet, der jetzt auf einer Kante seines Stuhls kauerte.
„Mr. Potter?“, fragte er scharf.
Harry sah auf, und auf einmal schien sah er sehr erschrocken aus. Snape sah den Jungen verstört an. Er hatte eigentlich vorgehabt, ihn jede einzelne Zeile neu schreiben zu lassen, aber jetzt, wo er den Blick des Jungen sah, wusste er nicht so recht, was er aus der Situation machen sollte. Er ließ seine Hand sinken.
„Potter, setzen Sie sich richtig hin“, meinte er barsch. Harry rutschte nervös auf seinen Stuhl, und Snape fragte sich, was zur Hölle wohl mit dem Kind los war. In der einen Sekunde war er unverschämt und in der nächsten sah er einen mit seinen Unschuldsaugen so ängstlich an, dass man selber ganz unsicher wurde.
Er rieb sich über die Nase. Das war schließlich Potters Sohn. Wahrscheinlich war das ganze Unschuldsgetue nur, um sich vor der Strafe zu drücken. „Potter, Nachlässigkeit wird in Hogwarts bestraft“, meinte er mit kalter Stimme. „Also setzen Sie sich hin und schreiben die Zeilen noch einmal neu, und fügen sie hinzu, 'Ich soll meinen Lehrern mit Respekt begegnen'.“
Dem Jungen entfuhr ein kleines Stöhnen, fast schon ein schmerzvoller Aufschrei, und Snape sah ihn verwundert an. Was war nur falsch mit dem Kind?
„Und setzen Sie sich gerade hin“, fügte er noch hinzu. Über die Haltung des Jungen konnte man nur den Kopf schütteln, und Snape fragte sich, ob er bei den Dursleys keinerlei Erziehung genossen hatte.
Dabei war es doch gerade bei diesem Jungen essentiell, dass er sich zu benehmen musste, und dass er zu einem intelligenten Menschen mit Bewertungsvermögen heranwuchs! Ob er das bei den Muggeln vermittelt hatte, das war fraglich. Snape hatte von Anfang an versucht, Dumbledore davon zu überzeugen, dass Lilys Sohn, der Junge, der überlebt hatte, bei Petunia und ihrem Mann nicht gut aufgehoben war, aber Dumbledore war mal wieder stur gewesen. Das Baby Harry wurde zu den Dursleys gebracht, und sollte dort bleiben.
Die ganze Zeit hatte Snape die Entscheidung für sich persönlich damit gerechtfertigt, dass Harry schließlich auch James' Sohn war und nichts Besseres verdient hatte, aber jetzt, wo er das Kind vor seinen Augen sah fragte er sich, ob der Junge, auf dessen Schultern die gesamte Zauberergemeinschaft ruhte, der Verantwortung gewachsen war.
Er hatte seine Zweifel, und das würde er Dumbledore auch noch schonungslos mitteilen.
Als er nun auf Potter hinunterschaute, fiel ihm auf, dass er immer noch nicht weitergeschrieben hatte. Er runzelte die Stirn. „Potter? Brauchen Sie eine Extraeinla-“
Als er auf den Jungen blickte, stellte er fest, dass er die Augen geschlossen hatte und scheinbar gerade dabei war, einzuschlafen.
Er gab Harry einen kurzen Stoß in den Rücken, woraufhin er direkt zusammenfuhr und leise aufschrie. Die Augen aufgerissen, starrte er den Professor an, und Snape starrte zurück.
„V-Verzeihung, Professor, ich war nur -“ Er griff nach seiner Feder. „Ich schreibe gleich weiter.“ Snape sah Harry ein wenig zweifelnd an. Sein Blick fiel auf Harrys rechte Hand, die er unter dem Tisch hielt, als ihm langsam begann, ein Licht aufzugehen. Er warf dem Jungen einen nachdenklichen Blick zu. Potters Verhalten war mehr als bizarr, aber war das auf etwas anderes zurückzuführen als die Tatsache, dass er James' Sohn war? Konnte es womöglich noch einen schwerwiegenderen Grund für sein merkwürdiges Auftreten geben? Seine rechte Hand wirkte rot und geschwollen, seine weit aufgerissenen Augen… Und jetzt, wo Snape Potter ins Visier nahm, stellte er Narben fest, die ihm zuvor nicht aufgefallen waren.
Narben, die nicht aus einem Unfall zu resultieren schienen.
Vielleicht war Potter einfach nur ein seltsames Kind… ganz wie sein Vater, in Unverschämtheiten stand er ihm schon einmal nichts nach. Aber das erklärte nicht, warum er in manchen Momenten so ängstlich wirkte, ganz im Gegenteil.
Snape raufte sich kurz die Haare und setzte sich Harry gegenüber. Er wünschte sich, das Wohl des Jungen könnte ihm ganz egal sein. Aber im Interesse des Ordens und der Zauberergemeinschaft, und vor allem in Lilys, musste er sich um den Jungen sorgen. Es gab nichts, was er dagegen tun konnte.
„Potter“, meinte er, „legen Sie Ihre Feder hin.“
Harry sah auf und hörte auf, zu schreiben. Unsicher betrachtete er seinen Professor. „Potter, ich frage mich, woher Sie diese Narben in Ihrem Gesicht haben.“
Harry griff sich an seine Wange und Snape wusste sofort, dass der Junge wusste, was er meinte. „Ähm… die habe ich bekommen, in der Nacht, in der meine Eltern gestorben sind, Sir. Ich habe sie schon immer.“
Snape schnalzte ungeduldig mit der Zunge. Idiotisches Kind! Er wusste genau, wovon er sprach. „Potter, die meine ich nicht. Brauchen Sie einen Spiegel, um zu wissen, wovon ich spreche?“
Harry sah Snape erschrocken an. Nicht für eine Sekunde war er versucht, die Wahrheit zu sagen. Nicht nur, dass es ihm peinlich war, wegen ein paar kleiner Narben über sein zu Hause zu jammern, Vernon würde ihn auch windelweich schlagen, wenn er irgendwas dazu sagte. „Die habe ich beim Spielen bekommen, Sir.“
Snape sah zuerst ihn an, dann sah er auf den Tisch, auf dem Harrys Pergamentrolle mit den geschriebenen Sätzen lag und dann sah er wieder Harry an. „Potter, ziehen Sie Ihren Umhang aus“, meinte er, und als Harry sich nicht rührte, wurde seine Stimme ein wenig lauter, und erhob sich von seinem Platz. „Sofort.“
Harrys Blick änderte sich von Erschrocken zu Entsetzem. Er hatte Ron immer noch nicht gefragt, ob der Rohrstock aus Hogwarts verbannt war oder nicht, und jetzt gerade bereute er, nicht zu wissen, worauf er sich einstellen musste. In seiner Schule zuhause wurde nur in Ausnahmefällen geschlagen, auch wenn diese Ausnahmefälle häufiger vorkamen, als man sich vielleicht dachte.
Aber welchen Grund hatte Snape bitte, ihn jetzt so zu bestrafen?
Trotzdem zögerte Harry nicht eine Sekunde, er stand von seinem Stuhl auf und öffnete mit zitternden Fingern die Knöpfe seines Umhangs. Dass Snape womöglich die Wunden auf seiner Haut sehen konnte, machte ihm nicht so viel Angst, wie die Möglichkeit, Snape noch wütender zu machen.
Auch wenn Harry nicht ganz verstand, womit er den Professor nun in Rage gebracht hatte. Er hatte ja nur seine Frage beantwortet, vielleicht nicht ganz wahrheitsgemäß, aber woher sollte Snape das denn wissen? Zumal das immer noch kein Grund war, ihn deswegen zu schlagen.
Für Onkel Vernon wäre es Grund genug gewesen, aber hier an Hogwarts hätte Harry nicht damit gerechnet, nicht mal mehr bei Snape.
Die Tatsache, dass Snape nur da stand und sich nicht rührte, trug auch nicht positiv zu Harrys Verwirrung bei. Harry hing den Umhang über seinen Stuhl und beäugte den Professor aus dem Augenwinkel, unsicher, was jetzt passieren sollte.
Snape schien völlig in Gedanken versunken zu sein; er stand nur da und starrte Harry, der steif vor ihm stand, an. Dann sprach er plötzlich wieder. „Potter, wenn Sie ihre Ärmel hochschieben würden.“
Harry sah ihn mit großen Augen fragend an, und Snape erwiderte den Blick mit einem ungeduldigen Gesichtsausdruck. „Na los, Potter.“
Harry schluckte. Er hatte keine Ahnung, was das hier werden würde, nur, dass er es nicht mochte. Langsam zog er den Ärmel seines Pullovers hoch. Der Stoff der Schuluniform kratzte unangenehm auf seinen Wunden, als sie sie streifte, und langsam das enthüllte, was Harry die letzten zwei Tage zu verstecken versucht hatte: drei rote Kratzer, die schon langsam begannen, zu langwierigen Narben zu verheilen, und mehrere unübersehbare blaue Flecke.
Jetzt, wo er vor Snape stand, schienen die Wunden noch mal ganz anders auszusehen, viel schlimmer, als wenn er alleine im Badezimmer stand. Langsam schaute er nach oben. Er traute sich nicht mal mehr, dem Professor in die Augen zu sehen. Er hatte keine Ahnung, was Snape beabsichtigen wollte, oder was er erwartet hatte, aber selbst aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass Snape die Lippen zusammenkniff, und fast schon geschockt aussah. Seine Augen ruhten einige  Momente auf Harrys Arm, dann sah er auf, um Harry in die Augen zu sehen.
„Nehmen Sie Platz, Potter.“

Kapitel 4:

Snape konnte ihn Potters Gesichtsausdruck absolut nichts lesen. War die einfache Aufforderung, seinen Umhang auszuziehen, schon zu kompliziert für den Jungen, der überlebte?
Diesen Anschein hatte es jedenfalls. Oder war es der Widerwille, weil er seine Wunden nicht zeigen wollte? Weil er genau wusste, worauf er aus war, und zu stolz war, um es zuzugeben?
Wenn dem so war, dachte Snape, dann war Harry wirklich ein idiotisches Kind. Natürlich konnte Snape sich mit nichts sicher sein, aber er hatte Gewalt am eigenen Leibe erfahren und glaubte, die Anzeichen ganz gut zu kennen.
Der Bitte, seinen Ärmel hochzuschieben, kam Harry jedenfalls widerspruchslos nach, und für einen Moment hegte Snape die Hoffnung, dass er doch nur Anzeichen dort gelesen hatte, wo keine waren, und dass er wieder dazu übergehen konnte, von Harry nichts anderes zu denken, als dass er ein verwöhntes Kind war, der sich selber über allen anderen sah.
Doch dann erblickte er die – mehr als offensichtlichen – Wunden des Jungen, und konnte nicht anders, als kurz geschockt zu sein.
Das waren keine Spielplatz-Kratzer und die blauen Flecken konnten auch schwer möglich von einem Sturz von der Treppe resultieren. Was noch schlimmer war, war der Gedanke, das dies womöglich, oder ziemlich sicher sogar, nicht die einzige Wunden waren.
Snape seufzte innerlich. Er würde Potter wann anders beibringen müssen, Respekt vor seinen Lehrern zu haben und ordentlich zu schreiben. Hier ging es schließlich nicht nur um den Jungen, sondern darum, sicherzustellen, dass der einzige, der dem Dunklen Lord die Stirn bieten konnte, nicht von Muggeln zertrümmert wurde.
„Setzen Sie sich, Potter.“
Er selbst ließ sich auch wieder in seinen Stuhl zurücksinken. Snape verzog sein Gesicht, und er fragte sich, warum er eigentlich derjenige sein musste, der dieses Gespräch mit Potter führen sollte. Warum nicht Minerva, oder gleich der Schulleiter? Es wunderte Snape, dass McGonagall noch nichts aufgefallen war, sie war doch sonst immer so scharfsinnig.
Harry sah seinen Lehrer mit großen Augen an und wartete darauf, dass er etwas sagte. Es dauerte eine Weile, bis Snape sich die Worte zurechtgelegt hatte. „Mr. Potter“, begann er, „es ist offensichtlich, dass Ihre Verletzungen nicht von einem Unfall her rühren. Ich frage Sie noch einmal – wer hat Sie so zugerichtet?“
Harry runzelte die Stirn und sah erst Snape, dann wieder seinen Arm an. Automatisch wanderte seine rechte Hand schon wieder schützend über die Haut. Er hatte keine Ahnung, was in Snape vorging. Der Mensch schien unter Stimmungsschwankungen zu leiden, und noch dazu einen grundsätzlichen Groll gegen Harry zu hegen – letzteres war zwar nicht angenehm, aber auch nicht überraschend.
Aber, und dieser Gedanke erleichterte Harry, es schien nicht so, als wollte er ihn schlagen.
Noch nicht. Vielleicht sollte Harry ihm die Fragen besser wahrheitsgemäß beantworten, aber sein Inneres sträubte sich. Immer wieder tauchte sein Onkel vor seinem inneren Auge auf, der ihn anschrie und zu Boden schmetterte, wenn herauskam, dass die „Freaks“ aus seiner Schule etwas wussten. Aber Snape wollte er auch lieber nicht sauer machen, der Mann hasste ihn ja sowieso schon.
Harry biss sich auf die Lippe. „Ich… Das ist schwer zu erklären, Sir.“ Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Wenn nur nicht alles so schmerzen würde, könnte er vielleicht auch etwas klarer denken.
Snapes Augen verengten sich und Harry sank noch tiefer in seinen Stuhl, um sich so klein wie möglich zu machen. „Mr. Potter“, zischte er, „wenn Sie mir jetzt nicht augenblicklich verraten, woher Sie diese Narben haben…“
Er schluckte und sah Snape in die Augen. Den Tonfall kannte er von seinem Onkel, und er wusste, dass man dann besser nicht mit einer Antwort zögerte. Aber er schaffte es einfach nicht, die Worte auszusprechen. Seine Verwandten würden vor Wut schäumen… Er schwieg und erwartete schon, dass Snape  beginnen würde, ihn anzubrüllen, aber zu seiner Überraschung war seine Stimme ruhig und fast schon freundlich.
„Haben Ihre Verwandten etwas damit zu tun?“
Es waren sieben einfache Worte, aber in Harry lösten sie eine Welle von Gefühlen aus. Es war eine Sache an seine Verwandten zu denken, aber etwas ganz anderes, wenn er von Snape – ausgerechnet von Snape! - auf sie angesprochen wurde. Onkel Vernon tauchte vor seinem inneren Auge auf, er begann gegen seinen Willen zu zittern und seine Augen füllten sich mit Tränen. Gleichzeitig wusste er, dass Snape eine Antwort erwartete, und dass er sowieso schon wütend auf Harry war, also hob er langsam den Kopf und nickte, ohne den Professor anzusehen.
Snape sah den Jungen an, der auf dem Stuhl vor ihm kauerte und schluchzte, und verstand die Welt nicht mehr. Sicher, so wie es aussah, hatten seine Verwandten ihm übel mitgespielt und Harry hatte seinen Schaden davongetragen, aber das änderte nichts daran, dass er trotzdem der unverschämte Junge war, der Sohn von James… Potter hatte schließlich heute Morgen noch freche Bemerkungen gemacht, und jetzt sollte Snape auf einmal Mitleid haben?
Und dennoch, gegen seinen Willen, und sehr tief im Unterbewusstsein regte sich ein Gefühl, ein wenig Mitleid, für den Jungen, der da vor ihm saß, sich nicht mal traute, aufzuschauen, und in seinen Umhang schluchzte. Snape griff in seine Schreibtischschublade und reichte wortlos ein Taschentuch über den Tisch.
Harry sah auf und nahm es mit zitternden Fingern entgegen. „D-Danke.“ Aber statt seine Nase zu schnäuzen und sich wieder zu fassen, begann er nur, dass Taschentuch in seinen Fingern zu kneten.
Snape runzelte ungeduldig die Stirn. „Potter, beherrschen Sie sich“, meinte er, vielleicht eine Spur zu barsch. Aber die Worte zeigten ihre Wirkung. Harry schniefte noch einmal kurz und sah Snape dann wieder an. Seine Augen waren gerötet.
Snape lehnte sich im Stuhl zurück und dachte für einen Moment nach. Offensichtlich hatte Potter mehr unter der Situation gelitten, als man erahnt hätte, aber wenn der Junge nicht einmal mit ihm sprach, konnte man ihm auch nicht helfen. Er betrachtete ihn und fragte sich, wie Potter auch nur einen einzigen Angriff des Dunklen Lords oder seiner Anhänger überleben sollte, wenn ihn schon die kleinsten Dinge mental so fertig machten.
„Mr. Potter“, sagte er in bestimmten Tonfall, „erzählen Sie mir jetzt, was sich bei Ihnen zu Hause abgespielt hat. Oder wir gehen direkt zum Schulleiter.“
Der Junge biss die Lippen zusammen und sah schon wieder so aus, als würde er gleich losheulen. Nichtsdestotrotz kam er der Aufforderung nach, wenn auch mit sichtlichem Widerwillen. „Meine Verwandten… sie… halten nicht besonders viel von mir, Professor“, sagte er, und wischte sich über die Augen.
Snape schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Das heißt?“
„Naja, sie hätten mich am liebsten nicht bei sich aufgenommen, und das zeigen sie mir auch manchmal.“
„Indem sie Sie schlagen?“
Harry zuckte leicht mit dem Kopf und sah auf den Boden.
„Sieht Ihr linker Arm genauso aus wie Ihr rechter?“
Er zuckte mit den Schultern und nickte schließlich.
Snape zog die Augenbrauen zusammen. Es war wirklich nicht einfach, aus Potter irgendetwas herauszubekommen. Entweder er war zu stolz, seine Verletzungen zuzugeben, oder seine Verwandten hatten ihn zu sehr verdorben, und er hatte Angst vor ihnen.
„Was hat Ihre Schule zu Ihren Verletzungen gemeint?“
Harry zuckte mit den Schultern. „Wussten nichts.“
Snape rollte mit den Augen. Muggel!
„Und wie genau kam es zu diesen Kratzern am Arm?“
Potter sah auf seine Hände und murmelte etwas von „Treppe runtergestoßen“
Snape musste sich Mühe geben, ihn überhaupt zu verstehen. „Potter, würde es Ihnen vielleicht etwas ausmachen, mir in ganzen Sätzen zu antworten?“
„Verzeihung, Sir.“
„Könnten Sie mir jetzt bitte meine Frage beantworten?“
Harry murmelte etwas und Snape beugte sich über den Tisch. „Habe ich Sie nicht eben gebeten, deutlich mit mir zu sprechen?“
Harry sah auf, und auf einmal blitzte ein wenig Trotz aus seinen Augen hervor, immer noch vermischt mit Unsicherheit. „Das geht Sie doch gar nichts an“, meinte er.
Snape fuhr zurück in seinen Stuhl und sah den Jungen an. Er gab sein Bestes, Potter zu helfen, obwohl er durchaus Wichtigeres zu tun hatte, und der Junge meinte, er müsste ihn zurechtweisen.
„Potter“, schnarrte er. Er musste sich Mühe geben, seine Stimme einigermaßen ruhig zu halten.
Snape kniff die Augen zusammen. „Durchaus geht es mich eine Menge an, und wenn Sie nicht mit mir sprechen wollen – glauben Sie nicht, ich hätte nichts Besseres zu tun. Dann bringe ich Sie jetzt zum Schulleiter und Ihr Nachsitzen holen wir ein anderes Mal nach.“
Harry riss seine Augen schon wieder erschrocken auf, und Snape musste sich Mühe geben, nicht laut aufzustöhnen. Er hatte keine Ahnung, was Dumbledore gemacht haben könnte, dass der Junge so verschreckt war – eigentlich hatte er Harry mit seinem Angebot nur ermöglichen wollen, mit jemanden zu sprechen, der wahrscheinlich, das musste Snape Dumbledore zugestehen, mehr Kompetenz aufzeigen konnte. Dann hätte er sich auch wieder seiner Arbeit widmen können. Für morgen musste er noch vier Stunden vorbereiten, und er hatte nicht vor, die die ganze Nacht wach zu bleiben.
Harry aber schüttelte den Kopf. „Nein, Professor. Verzeihung. Sie brauchen mich nicht zu Dumbledore bringen.“
Snape lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah auf die Uhr. „Dann schlage ich Ihnen vor, dass Sie mir jetzt endlich erklären, was sich bei Ihnen zu Hause abgespielt hat. Lassen Sie sich gesagt sein, dass ich seit Jahren Tränkemeister bin und immer einen Vorrat an Veritaserum bereit habe.“
Harry hatte keine Ahnung, was Veritaserum war, aber er wagte nicht nachzufragen. Er nickte schnell und setzte sich gerade in seinen Stuhl. Seine Finger umklammerten die Tischkante so fest, dass die Knöchel weiß wurden. „Onkel Vernon – und Tante Petunia auch, manchmal – schlagen mich, wenn ich mich nicht benehme. Oder wenn ich etwas falsch gemacht habe. Normalerweise nur mit der Hand oder“, seine Lippe fing an zu zittern, „manchmal auch mit seinem Gürtel, aber manchmal wird er auch so wütend, dass er mich die Treppe runter schubst. Oder auf den Boden. Das ist letzte Woche passiert.“
Eine Träne glitzerte in Harrys Auge, aber er gab sich Mühe, seinem Lehrer trotzdem in die Augen zu schauen. Sein Kinn zitterte ein wenig, als er weiter sprach. „Und normalerweise ist es auch nicht so schlimm… Meistens sind es nur kleinere blaue Flecken oder Kratzer, und nach ein paar Tagen hört es auf, wehzutun, aber als ich gestern hierher gefahren bin, wollte mein Onkel mich noch mal daran erinnern, dass...“ Seine Stimme erstarb und er brauchte eine Weile, um sich zu fassen. „Dass immer noch seine Regeln gelten, und dass ich für sie immer noch ein wertloser… Freak bin.“
Snape sah Harry mit unbestimmter Miene an.
Normalerweise ist es nicht so schlimm…
nur ein paar Kratzer und blaue Flecke…
tut nur ein paar Tage weh…

Snape wusste aus eigener Erfahrung, wie hart zugeschlagen werden musste, damit es „nur ein paar Tage“ wehtat. Wenn das bei Potter der Normalzustand war, wollte Snape gar nicht wissen, was die Ausnahme war.
„Das heißt, Sie haben noch andere Narben?“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Harry. Seine Hand fühlte langsam an sein Handgelenk und sein Gesicht verzog sich ein wenig. Dann konzentrierte er sich wieder auf seinen Schüler.
Harry nickte langsam. „Überall… Aber sie sind wirklich nicht so schlimm.“
Snape zog die Augenbrauen zusammen. „Überall?“
„Naja, auf meinem Rücken und Arme, und so.“
Die Augen des Professors waren zusammengekniffen und Harry war sich unsicher, was er aus Snapes Reaktion ablesen sollte. Snape wirkte wütend, keine Frage, aber dieses Mal schien es sich gar nicht auf Harry beziehen. Aber Harry wagte gar nicht zu hoffen, dass er Snape auf seiner Seite hatte. Noch immer schaute er ihn so komisch und …unzufrieden an. Auch jetzt ließ er sich wieder viel Zeit mit seiner Antwort. „Ich möchte einen Blick darauf werfen.“
Harry blinzelte und spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. Ein Blick? Auf seine Wunden? Snape? Der Lehrer drehte sich zu ihm um. Er war kein  besonders geduldiger Mensch, das hatte Harry schon gemerkt, und auch jetzt blitzten seine Augen wieder etwas wütender. „Potter, ziehen Sie Ihren Pullover aus.“ Als Harry sich nicht bewegte, rollte er kurz mit den Augen. „Bitte. Ich möchte lediglich Ihre Wunden anschauen und Ihnen einen Trank oder eine Salbe verschreiben. Wir können auch zu Madam Pomfrey gehen, wenn Ihnen das lieber ist.“
Harry schüttelte den Kopf und begann, an seinem Oberteil herumzufummeln.
Snape hatte schon seine Schublade geöffnet und eine Salbe herausgeholt, aber als er jetzt hinter Harry stand und die roten Striemen über seinem Rücken sah, packte er sie zurück in seine Tasche. Die Narben waren tief, viel tiefer, als Snape erwartet hatte, und sie zogen sich über seinen ganzen Oberkörper. Manche der Narben hatten so sehr geblutet, dass das getrocknete Blut noch an der Haut klebte. Noch mehr erschreckte ihn aber die Tatsache, dass man jede einzelne seiner Rippen klar erkennen konnte. Snape verzog das Gesicht schmerzerfüllt, dann hob er Harrys Umhang vom Stuhl auf und reichte ihn dem Jungen.
„Kommen Sie, Potter“, sagte er, und schaute noch einmal kurz auf die Uhr. „Ich heile Sie nicht jetzt direkt.“
Harry drehte sich zu ihm um. Er war immer noch rot im Gesicht. „Sondern?“
Snape ging schon zur Tür und legte seine Hand auf die Klinke. „Wir gehen zum Schulleiter.“

Kapitel 5

Ihre Schritte hallten durchs Schloss, als Harry und Snape die Korridore entlang marschierten. Harry wünschte sich auf einmal, er hätte gar nichts gesagt. Warum hatte Snape ihn nicht einfach in Ruhe gelassen?
Harry war sich sicher, dass er dem Lehrer durchweg unsympathisch war, Snape hatte das klar gemacht. Und es überraschte Harry nicht. Warum aber war Snape dann gleichzeitig so um ihn besorgt? Obwohl Harry den Lehrer in keinster Weise ausstehen konnte, und dieses Gefühl mit Sicherheit auf Gegenseitigkeit beruhte, schien Snape sich mehr um ihn zu kümmern als überhaupt jemand in seinem Leben.
Snape nahm ziemlich große Schritte und Harry musste sich Mühe geben, überhaupt mit ihm Schritt halten zu können. Dazu hatte Harry das Gefühl, dass sie einmal quer durchs ganze Schloss laufen mussten, um Dumbledores Büro zu erreichen. Er drehte sich die ganze Zeit um, und hoffte, dass kein Schüler  um diese Zeit draußen herum lief. Wenn Malfoy ihn mit Snape hier entlang laufen sah…
Schließlich hatten sie eine große Steintür erreicht. Vor ihr stand die Statue eines kleinen Wasserspeiers, und obwohl Harry jetzt schon zwei Tage hier war, zuckte er bei seiner Bewegung immer noch zusammen.
Snape wandte sich der Statue zu. „Himbeermarmelade.“
Harry sah erstaunt zu, wie der Wasserspeier zur Seite glitt und eine lange Wendeltreppe freigab. Für einen Moment vergaß er sogar, warum er hier war. Snape schob ihn ungeduldig Richtung Treppe und Harry beeilte sich, die Stufen zu besteigen.
Snape klopfte an die Tür, zu der die Treppe führte. Nervös begann Harry, mit seinen Fingern zu kneten. Er hatte keine Ahnung, was Snape dazu bewogen hatte, zum Schulleiter zu gehen, aber er konnte ahnen, dass es nichts Gutes war. Allein bei dem Gedanken, Dumbledore von seinen Problemchen erzählen zu müssen, wurde ihm schlecht. Er wollte nicht als weinerlicher Harry gelten. Und er wollte keine Schwierigkeiten. Er wollte einfach nur ins Bett, schlafen und wie ein normaler Junge behandelt werden. Keine nervigen von Draco anhören müssen, kein Getuschel hinter seinem Rücken, keine Lehrer, die ihn hassten und dann doch mit Mitleid behandelten.
Snape betrat den Raum vor Harry und baute sich vor dem Schreibtisch auf. Harry lugte hinter seinem schwarzen Umhang auf den Mann, der am Tisch saß. Aus der Nähe sah Dumbledore noch älter aus als gestern in der großen Halle. Er lächelte, und zum ersten Mal fühlte Harry so etwas wie Sicherheit.
Dumbledore sah von Snape zu Harry und sprach dann mit tiefer, ruhiger Stimme. „Was gibt es, Severus?“
Snape verzog das Gesicht. „Das schauen Sie sich vielleicht besser selber an.“ Er drehte sich um und schob Harry Richtung Tisch. Harry zuckte bei der forschen Bewegung kurz zusammen und stellte sich steif vor den Tisch.
Dumbledore hob eine Augenbraue. „Guten Abend, Harry“, sagte er, ohne Harry überhaupt anzuschauen. Seine Augen ruhten auf Snape und sein Gesicht wirkte fragend.
Es wurde unangenehm still im Büro, als niemand mehr sprach. Schließlich räusperte Dumbledore sich. „Gibt es einen Grund für diesen Besuch?“ Noch immer schaute er Snape an.
Snape schnaubte. „Oh ja, den gibt es.“ Dann sagte er nichts mir, und Schweigen kam auf. Harry spürte, wie sein Magen wieder unangenehm zuckte.
Dumbledores Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Harry, Professor Snape und ich würden gerne unter vier Augen sprechen. Wenn du so nett wärst, draußen zu warten?“
Harry nickte erleichtert und drehte sich um. Es würde angenehm sein, einige Minuten alleine zu sein und der unbequemen Situation zu entkommen.
Wobei ihn dieses Gespräch „unter vier Augen“ unsicher machte. Jeder Idiot konnte sich denken, worüber oder vielmehr, über wen, die zwei da drin jetzt sprachen und es trug nicht zu Harrys Selbstvertrauen bei, ganz im Gegenteil. Was würde Snape Dumbledore erzählen?

Dumbledores Augen verfolgten Harry, als er aus dem Raum ging. Erst als die Tür wieder geschlossen war, wandte er sich Snape wieder zu, der gedankenverloren auf den Tisch starrte. Die Narben auf Potters Haut hatten ihn an seine Kindheit erinnert, eine Zeit, an die er ungern zurückdachte.
„Severus?“ Snape zuckte zusammen und sah Dumbledore an. „Was ist mit Harry?“
Snape runzelte die Stirn. Waren alle außer ihm blind? Minerva, Dumbledore… Dass die anderen Kinder in seinem Schlafraum noch nichts gemerkt hatten, wunderte ihn auch. „Haben Sie das nicht gesehen?“, sagte er etwas schroff. „Der Junge hat Narben im Gesicht – nein, ich spreche nicht von der Blitznarbe im Gesicht – er ist viel zu dünn und er sieht immer so aus, als würde man ihn mit geladener Schrotflinte bedrohen.“
Zu Snapes Überraschung sah Dumbledore fast schon erleichtert aus. Was hatte der Mann denn erwartet?
„Ich dachte, dieser Gesichtsausdruck rührt daher, dass Sie ihm gleich am ersten Schultag haben Nachsitzen nachlassen.“
Snape zog überrascht eine Augenbraue hoch.
„Oh ja, Minerva hat es erwähnt“, bemerkte Dumbledore. „Ich dachte, Sie wären gekommen, um sich über Harry zu beschweren. Offensichtlich lag ich falsch. Sorgen Sie sich womöglich um den Jungen?“
Snape sah Dumbledore irritiert an. „Hören Sie“, meinte er kühl. „kein Mensch kann sehen, was ich bei Potter gesehen habe, ohne eine gewisse Verantwortung zu spüren. Der Junge wurde scheinbar jahrelang von seinen Verwandten misshandelt – von denselben Verwandten, vor denen ich Sie vor zehn Jahren gewarnt habe – vernachlässigt und ist vermutlich psychisch komplett geschädigt. Nicht dass ich bei seinem Vater nicht einen gewissen Charakter erwartet hätte, aber die Art, wie er sich gibt, ist nicht seines Alters angemessen. Er kann unverschämt sein, und demonstriert das gerne, oh ja, aber er ist auch nervlich am Ende.“
Snape setzte sich auf einen Stuhl. Dumbledore schob eine Schüssel mit Zitronenbonbons hinüber, und Snape schüttelte ablehnend den Kopf.
„Heute Abend beim Nachsitzen ist mir seine bizarre Sitzhaltung aufgefallen. Er hat auch mehrere Narben im Gesicht, auf den Armen, am Rücken – eigentlich überall. Als ich ihn befragt habe, hat er die meiste Zeit nur knappe Antworten zusammengestottert und versucht, das Offensichtliche vor mir geheim zu halten.“
Dumbledore stöhnte und sagte nichts. Snape fuhr nach einem Moment des Schweigens fort. „Scheinbar verprügeln ihn die Dursleys regelmäßig. Die Wunden, die ich gesehen habe, sind zum Teil schon älter. Aber vor seiner Abfahrt muss er von ihnen regelrecht zusammengeschlagen worden sein.“
Dumbledore sprach immer noch nicht.
„Ich habe Sie vor diesen Leuten gewarnt“, meinte Snape mit Nachdruck. „Ich hielt es für besser, Harry bei einer Zaubererfamilie unterzubringen. Ich kannte Petunia schon lange. Sie haben nicht auf mich gehört.“
Dumbledore sah auf und nickte. „Ich sage Ihnen das Gleiche, was ich auch vor zehn Jahren zu Minerva gesagt habe. Harry war am besten bei seinen Verwandten aufgehoben.“
Snape musste sich Mühe geben, nicht von seinem Stuhl aufzuspringen. „Haben Sie mir eben zugehört? Das Kind ist übersät mit Narben, viel zu dünn und klein für sein Alter. Mit Ihren Entscheidungen verderben Sie nicht nur einen Jungen – Sie setzen die ganze Zaubererwelt aufs Spiel. Wenn der dunkle Lord zurückkehrt, wird Harry keine Chance haben, mag es jetzt sein oder in ein paar Jahren! Wahrscheinlich würde er bei seinem bloßen Anblick zusammenbrechen, entweder aus physischen Gründen, oder aus psychischen!“
„Beruhigen Sie sich“, sagte Dumbledore. „Ich habe nie gesagt, dass ich meine Fehler nicht zugebe. Fehler können ausradiert werden.“
„Ich möchte sehen, wie!“, grollte Snape. „Potter ist jetzt schon so verdorben, sogar sein Vater würde sich wahrscheinlich besser schlagen – und es tut mir weh, das zu sagen.“
„Harry ist erst elf Jahre alt. Fehler können behoben werden.“
Dumbledore steckte sich ein Bonbon in den Mund und begann zu kauen. „Also sorgen Sie sich nicht um den Jungen, sondern um die Zaubererwelt.“
„Natürlich“, sagte Snape, „Sie kennen meine Haltung zu seiner Familie, und trotz seiner – Probleme – ist Harry noch immer das Ebenbild seines Vaters. Aber tun Sie doch nicht so, als ginge es Ihnen anders, Dumbledore! Scheren Sie sich etwa um das Wohl des Jungen?“
„Natürlich. Das Wohl meiner Schüler ist mir immer wichtig.“
Snape zog die Augenbrauen zusammen und seine Stimme war plötzlich sehr kalt. „Interessant“, sagte er mit zusammengekniffen Lippen, „wenn das so ist, frage ich mich, wie vor zwanzig Jahren ein Junge nach Hogwarts ging, der in einer ähnlichen Situation steckte wie Harry und der zu allem Überdruss auch noch von … Schülern gepeinigt wurde.“ Er sprach das Wort mit Hass aus.
Dumbledore seufzte. „Es tut mir leid, Severus.“
Snape starrte nur auf den Tisch und brauchte eine Sekunde, um Dumbledore wieder auf das Thema zurücklenken zu können. „Zurück zu Potter“, sagte er, „so, wie es ausschaut, haben seine Verwandten ihn misshandelt. Wie ist Ihr Plan?“
„Haben Sie Harrys Wunden schon behandelt?“
„Nein, ich wollte warten, damit Sie sich auch noch … ein Bild machen können.“ Snape zögerte. „Desweiteren halte ich es für notwendig, noch einmal mit Potter zu sprechen, notfalls unter Einfluss von Veritaserum, denn ich bezweifle, dass er mir schon alles erzählt hat.“
„Ich werde sowieso noch einmal mit ihm reden. Sie halten die Situation für so schlimm, dass er nicht mehr zu seinen Verwandten zurückkehren kann?“
Snape nickte. „Nicht nur, dass ich es nicht ausschließen würde, dass sie ihn gravierend verletzen, in dieser Umgebung kann Potter unmöglich zu einem starken Zauberer heranwachsen.“
Dumbledore wog nachdenklich seinen Kopf. „Die meiste Zeit wäre er in Hogwarts“, sagte er, „nur für die Sommerferien würde er zurück gehen in den Ligusterweg...“
„Nur für die Sommerferien ist schon genug. Sehen Sie sich seine Wunden an, und dann reden wir weiter.“
„Ich misstraue Ihrem Urteilsvermögen nicht, Severus. Die Sache ist nur viel komplexer, als sie scheint… Wir werden alles genau überdenken müssen. Nun, holen Sie den Jungen erst einmal rein, ich möchte ihn mir anschauen und mit ihm sprechen, bevor wir überlegen, wie wir weiter vorgehen.“
Snape erhob sich und ging zur Tür.
Harry betrat den Raum mit dem gleichen verschreckten Gesichtsausdruck, mit dem er ihn verlassen hatte. Dumbledore lächelte den Jungen an, und er lächelte scheu zurück.
„Harry, macht es dir etwas aus, mit mir zu sprechen und meine Fragen ehrlich zu beantworten? “
Snape konnte nicht anders, als bei dieser gewählten Formulierung kurz die Augen zu rollen.
Harry schüttelte den Kopf. „Nein, Sir.“
Dumbledore lächelte und hob die Schüssel mit Süßigkeiten an. „Zitronenbonbon?“
Harry schüttelte den Kopf. „Danke, Sir.“
„Sie schmecken aber ganz vorzüglich.“
„Danke, aber mir ist ein wenig schlecht.“
Severus hob den Kopf ein wenig alarmt und wechselte einen Blick mit Dumbledore. Dieser steckte sich erst noch ein Zitronenbonbon in den Mund. „Warum ist dir schlecht, Harry?“
Harry zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, Sir.“
„Hast du gefrühstückt?“
„Nein, ich habe heute gar nichts gegessen, weil ich so Bauchweh hatte.“
„Und gestern beim Fest?“
„Da habe ich viel gegessen, Sir. Zu viel, glaube ich.“
Dumbledore nickte langsam. „Nun gut“, meinte er, „wir können später zu Madam Pomfrey gehen und sie kann dir einen Trank verabreichen, der deinen Magen beruhigen sollte. Bereitet dir sonst noch etwas Schmerzen?“
Harry sah von Dumbledore hinauf zu Snape, dessen Miene unbewegt auf den Tisch gerichtet war. Dann schaute er wieder Dumbledore an. „Also, ich habe Professor Snape von meinen Wunden erzählt, und er meinte -“
Harry sprach nicht weiter und sah stattdessen wieder Snape an.
„Es ist in Ordnung, Harry. Professor Snape hat mir auch erzählt, was ihr heute besprochen habt.“
Harry nickte langsam und knetete mit seinen Fingern unter dem Tisch.
„Würde es dir etwas ausmachen, mir deine Wunden zu zeigen?“ Der Schulleiter sprach immer noch freundlich, aber seine Stimme hatte einen bestimmten Unterton bekommen. Harry rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum und betrachtete aus dem Augenwinkel Snape.
„Ähm, okay“, meinte er schließlich, als keiner der beiden Männer noch etwas sagte.
Dumbledores Gesichtsausdruck war ähnlich geschockt wie Snape, wenngleich er sich etwas schneller wieder fasste. Er ging einmal um Harry herum, bis er wieder vor ihm stand und schnippte mit seinen Fingern, sodass Harry seinen Pullover wieder am Körper trug.
„Wie oft passiert es, dass deine Verwandten dich so schlimm zurichten, Harry?“, fragte er dann, und jetzt schwang ein scharfer Unterton mit.
Harry zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht, Sir, es ist immer unterschiedlich schlimm. Normalerweise sind es nur ein paar Schläge...“ Er biss sich auf die Lippen.
Dumbledore wog seinen Kopf hin und her. „Weißt du, warum sie das machen, Harry?“, fragte er, und ignorierte das Schnauben seitens Snapes.
Harry sah Dumbledore mit großen Augen an. „Natürlich. Sie machen das, wenn ich mich nicht benehme oder irgendwas Schlimmes passiert ist.“
„Machen sie das bei deinem Cousin auch?“, fragte Dumbledore mit erhobener Augenbraue.
Harry zuckte mit den Achseln. „Bei Dudley passieren keine schlimmen Sachen, also müssen sie ihn auch nicht bestrafen. Er ist ja kein Freak.“
Jetzt zog Dumbledore die Augenbrauen zusammen. „Freak?“
„Na ja, das haben sie ein paar Mal zu mir gesagt, wenn seltsame Sachen passiert sind.“
„Aber diese 'seltsamen Sachen' hat Hagrid dir noch erklärt, oder? Deswegen bist du ja hier“, erinnerte Dumbledore ihn freundlich  lächelnd. Aber seine nette Miene schien jetzt ein wenig angestrengt.
Harry zuckte mit seinen Achseln. „Das ändert nichts für meine Tante und meinen Onkel. In ihren Augen bleibe ich ein Freak, und ich werde bestraft.“
In seiner Stimme schwang Gleichgültigkeit und Akzeptanz mit. Dumbledore sah wieder zu Snape. „Danke, Harry“, meinte Dumbledore. „Wir werden uns um deine Situation kümmern, aber erst mal kümmern wir uns um diese Verletzungen. Wir bringen dich gleich in den Krankenflügel.“
Aber statt sich zu bewegen, riss Harry alarminiert die Augen auf, „Was heißt, um die Situation kümmern?“, fragte er, und seine Stimme zitterte ein wenig.
Dumbledore sah ihn verwundert an. „Hör zu, Harry“, meinte er, mit einem Blick zu Snape, „du kannst nicht bei deinen Verwandten bleiben. Die Art, wie sie dich behandeln, ist grausam und verantwortungslos. Was genau wir für dich tun  können, kann ich dir noch nicht direkt sagen – jetzt ist es erst einmal wichtiger, dass wir uns darum kümmern, dass du wieder richtig sitzen kannst.“ Er lächelte ermutigend.
Harry sah aber nicht beruhigt aus. „Ich weiß nicht“, sagte er, „so schlimm ist es auch nicht… Sie müssen keine Umstände wegen mir machen, Sir, das würden meine Verwandten nicht wollen.“
Snape verdrehte die Augen. Komplett verdorben, er hatte es ja gewusst. Nur auf eine andere Art verdorben. Das hätte er wirklich nicht von dem Jungen, der überlebt hatte, erwartet. Dumbledore aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Mach dir keine Gedanken, Harry“, sagte er – freundlich, aber bestimmt. „Geh erst einmal in den Krankenflügel und ruh dich aus.“
Harry sah noch immer verängstigt aus. Snape musste sich Mühe geben, seine Lippen nicht zu einem Lächeln zu verziehen. Das Kind schaute ihn an wie ein verschrecktes Reh. Das zumindest schien er mit seiner Mutter gemeinsam zu haben.
„Was ist mit dem Nachsitzen?“, fragte er jetzt, und sah Snape unsicher an. Dieser konnte nicht anders, als die Augen zu verdrehen – was zum Glück weder Harry noch Dumbledore bemerkten.
„Ein andernmal, Potter“, meinte Snape mit kühler Stimme. Dumbledore warf ihm einen langen, nachdenklichen Blick zu, bevor er wieder sprach.
„Harry, Professor Snape wird dich in den Krankenflügel begleiten. Mach dir keine Sorgen, Madam Pomfrey bringt dich so schnell und schmerzfrei wie möglich wieder in Ordnung.“ Er lächelte sowohl Snape als auch Harry an.
Snape konnte nicht anders, als zur Uhr zu schielen. Der Schulleiter schien unter dem falschen Eindruck zu sein, Snape hätte abends nichts besseres zu tun, als sich die ganze Zeit um den goldenen Jungen zu kümmern. Sichtlich genervt griff er Harrys Arm und führte ihm aus dem Büro. Dumbledore hielt ihnen die Tür auf. „Severus, kommen Sie dann bitte noch einmal zu mir“, sagte er. Diesmal hielt er die Lautstärke gesenkt. Snape nickte kurz und marschierte mit Harry den Korridor herunter. Er wollte gar nicht an die Arbeit denken, die ihn in seinem Büro erwartete, und er konnte nicht anders als den Jungen neben sich im Stillen zu verfluchen.
Aber schließlich hatte er nur das Beste für das Kind zu wollen. Lilys Gesicht tauchten vor seinem inneren Auge auf, und er atmete tief durch. Das hier war Lilys Sohn. Er versuchte, nicht an James zu denken. Nur an Lily.

Kapitel 6

Harry folgte seinem Professor schweigend durch die Korridore. Ab und zu sah er ihn von der Seite an, aber Snape schien keinerlei Interesse an ihm zu haben.
Dumbledore war nett gewesen – eine Tatsache, die Harry gar nicht ganz nachvollziehen konnte, aber die ihn voll und ganz mit Glück erfüllten. Trotzdem fürchtete er die Konsequenzen, die dieses Gespräch von sich tragen konnte, mehr als alles andere. Snape stieß die Tür auf und betrat mit großen Schritten den Krankenflügel.
Harry sah sich neugierig um. Die weißen Betten waren leer und die Wände kahl. Trotzdem wirkte der Raum nicht ungemütlich – vielleicht war es nicht ganz so kuschelig wie der Gryffindor-Gemeinschaftsraum, aber immerhin.
Er war ein wenig unsicher, was Snape jetzt von ihm erwartete. Der Mann sah sich im leeren Raum um. „Madam Pomfrey!“
Eine schlanke, ältere Frau trat aus einer kleinen Ecke des Raumes hervor. Ihr Mund war dünn, aber sie lächelte. „Was gibt es, Snape?“, fragte sie, mit einem kritischen Blick auf Harry.
Snape packte ihn an den Schultern und schob ihn in Richtung eines Bettes. „Anweisung vom Schulleiter, ihn hier herzubringen“, meinte er, als wollte er sich von vornherein von Harry distanzieren. „Er hat einige Narben, die behandelt werden müssen. Auf seinem Rücken und seinen Armen. Außerdem sollten Sie ihm etwas gegen einen unruhigen Magen geben und etwas Kräftigendes.“
So wie Snape über ihn sprach, konnte man meinen, Harry wäre ein Haustier. Unsicher setzte der Junge sich aufs Bett und sah von Madam Pomfrey zu Snape. Als er hierher gekommen war, hatte er sich fest vorgenommen, dass niemand von seinen Narben erfahren würde. Und nun das.
„Narben?“, fragte die Frau und betrachtete Harry kritisch. „Woher hat er die denn?“ Etwas Vorwurfsvolles lag in ihrer Stimme.
„Weder der Schulleiter noch ich haben etwas damit zu tun“, meinte Snape scharf, „falls Sie das denken.“
Madam Pomfrey schüttelte sofort den Kopf. „Nein, natürlich nicht!“ Aber sie war ein wenig rot geworden und Harry fragte sich, ob sie wirklich geglaubt hatte, einer der Lehrer hätte ihn verletzt. „Ich weiß ja nicht, was ihr so mit dem Jungen anstellt“, murmelte sie leise in sich hinein.
Snape räusperte sich und es war klar, dass er die Bemerkung gehört hatte. „Dumbledore hätte mich gerne zurück in seinem Büro. Ich bin sicher, Sie brauchen mich nicht mehr?“
Madam Pomfrey schüttelte den Kopf. Ohne ein weiteres Wort drehte Snape sich um, der lange Umhang wehte hinter ihm her. Die Dame wandte sich wieder Harry zu.
„Was für eine Ankunft in Hogwarts“, meinte sie mit einem warmen Lächeln, „kaum hier und schon im Krankenflügel!“
Harry lächelte entschuldigend. Madam Pomfrey drehte sich um und wirbelte in das Nebenzimmer. „Bin gleich wieder da. Lauf nicht weg!“
Harry sah ihr neugierig nach und dachte, dass weglaufen wahrscheinlich nicht mal mehr schlecht wäre. Aber wohin?
Obwohl er sich in Hogwarts noch nicht wirklich wohl fühlte, so war es hier doch immer noch besser als zu Hause.
Madam Pomfrey kam wieder herbei, in ihren Händen trug sie mehrere Fläschchen und Dosen. Sie legte alles auf dem Bett ab und betrachtete den Jungen nachdenklich. „Auch nett, dass Snape und Dumbledore mich hier einfach allein lassen“, sagte sie, wieder mehr zu sich selbst.
„Verzeihung“, murmelte Harry und sah auf seine Hände.
Sie sah ihn überrascht an. „Oh nein, Harry, dir gebe ich keine Schuld, mach dir da keine Sorgen!“
Er biss sich auf die Lippe. „Es ist auch gar nicht so schlimm“, sagte er dann, „Snape übertreibt nur ein bisschen, ich -“
„Oh, nein, keine Widerrede“, meinte sie, und hob streng eine Augenbraue. „Der Schulleiter hat mich gebeten, nach Ihnen zu schauen, und das mache ich natürlich. Hier“, bevor Harry noch etwas sagen wollte, tröpfelte sie etwas braunen Saft auf einen Löffel, „nimm das, das ist gut für den Magen. Ist dir schlecht?“
Harry nahm den Löffel entgegen. „Ein wenig“, murmelte er. Langsam hob er den Löffel an den Mund. Fast hätte er sich an der bitteren Medizin verschluckt. Sie brachte seine Augen zum Tränen; müde begann er, sie zu reiben und reichte den Löffel zurück. „Danke.“
Madam Pomfrey verschloss die Flasche wieder und begann, in ihrer anderen Medizin zu wühlen. Harry sah ihr mit müden Augen zu. Bevor er es überhaupt bemerkte, fielen sie ihm zu, und er war eingeschlafen.

Snape lief in Dumbledores Büro auf und ab. „Sehr schön“, schnarrte er. „Sie sagen also, der Junge soll bei den Dursleys bleiben, wegen einem Zauber? Ist Ihnen klar, was für einen Schaden das noch anrichten wird?“
Dumbledore rieb sich das Kinn. „Er würde doch fast das ganze Jahr in Hogwarts sein.“
„An Weihnachten und Ostern alleine im Schloss. Sie haben das Kind noch nicht kennengelernt, er verhält sich nicht wie andere Jungs in seinem Alter.“
„Severus, Ihnen muss klar sein, dass Sie durch James -“
„Ich bilde mir das nicht ein, Albus! Fragen Sie Minerva, wenn Sie meinem Urteil nicht trauen. Er ist  ängstlich, zurückhaltend -“
„Ein wenig introvertiert vielleicht, ja.“
„Genau diese Eigenschaften können wir bei ihm nicht gebrauchen!“
„Sie vergessen, dass er erst elf Jahre alt ist. Das gibt sich mit der Zeit.“
Snape runzelte die Stirn. „Und Sie glauben, dass sich alles von alleine gibt? Er weiß nichts von der Zaubererwelt – er besitzt keinerlei Qualitäten, die in einem Kampf nützlich sein könnten – wahrscheinlich würde er jeglichen Kampf von vornherein vermeiden! Wie soll dieser Junge gegen den Dunklen Lord stehen?“
„Es ist noch Zeit bis dahin.“
„Zeit, Zeit. Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Elf Jahre lang haben ihn diese … Muggel zu diesem Menschen herangezogen. Er ist komplett geschädigt.“
„Immerhin ist er ein Gryffindor. Der sprechende Hut hat ihn nicht grundlos in dieses Haus gesteckt.“
Severus schnaubte. „Und wir wissen alle, was das bedeutet, nicht wahr?“, meinte er. „Schauen Sie sich doch die Gryffindors an – Sirius Black, ein Verräter, James Potter, der vor Arroganz das Wesentlich vergisst, Peter Pettigrew, dessen Unfähigkeit ihn in den Tod gestü-“
„Genug, Severus. Sie vergessen, dass all diese Männer auf ihre Art gegen Voldemort Mut bewiesen. Und Sie vergessen einige andere Gryffindors – Minerva, Lily – und meine Wenigkeit.“
Lilys Name reichte schon aus, um Severus Gedanken wieder aufs Wesentliche zu lenken. „Jedenfalls braucht Harry Hilfe, und Unterstützung. Er muss zu einem selbstbewussten Menschen heranwachsen, braucht das nötige Wissen über Voldemort, und die nötige...“
Er brach ab. Albus warf ihm einen Blick zu. „Ja, Severus?“
„Die nötige Liebe“, sagte Severus mit zusammengepressten Lippen. „Sie sind doch derjenige, der immer auf Liebe pocht. Nun, es mag Ihnen immer wieder entfallen, aber fehlende Sicherheit im Elternhaus kann zu… ernsthafteren Problemen führen.“
Dumbledore lächelte aus dem Mundwinkel. „Es ist schön zu sehen, dass Sie sich um Harry sorgen.“ Severus öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Dumbledore hob schon abwehrend die Hand. „Oh, mir sind Ihre Motive durchaus bewusst, Severus. Sie spielen aber eine kleinere Rolle für mich. Nun, was schlagen Sie vor?“
Snape sah den Schulleiter mit gekräuselten Augenbrauen an. Warum musste er es sein, der sich näher mit dem Jungen befasste? Er wollte einfach nur, dass Potter in Sicherheit war. Warum kümmerte Dumbledore sich nicht darum? „Potter sollte eine neue Familie bekommen, Dumbledore. Vergessen wir die Dursleys; er sollte Kontakt zu Zauberern haben, engen Kontakt, am besten das ganze Jahr über, damit sie den Schaden reparieren, der getan ist. Und verhindern, dass dem Jungen noch mehr passiert. Seine Verwandten würden ihn wahrscheinlich bis zu seiner Volljährigkeit so misshandelt haben, dass er ein Krüppel ist.“  
Dumbledore wog seinen Kopf hin und her. Nach einiger Zeit des nachdenklichen Schweigens trat er an seinen Kamin und steckte den Kopf hinein. „Minerva, würden Sie bitte mal in mein Büro kommen?“
Severus runzelte die Stirn. Es war typisch für Dumbledore, dass er seinem Urteil – mal wieder – nicht traute. Was wusste Minerva schon mehr über Harry? Sie hatte nicht mal mehr seine Narben gesehen.
Die Hexe stieg aus dem Feuer und sah Dumbledore  und Snape überrascht an. „Was ist es, Albus?“
„Es geht um Harry Potter. Setzen Sie sich und nehmen Sie sich ein Zitronenbonbon.“

Minerva sah genau so ratlos aus wie Snape sich fühlte. Mit gerunzelter Stirn saß sie am Tisch und trommelte mit den Fingern auf der Kante. Ihr Blick wanderte unschlüssig zwischen Snape und Dumbledore her.
Aus irgendeinem Grund fand Snape es höchst befriedigend, dass Minerva genau so hilflos wie er da stand, und dass seine Gryffindor-Kollegen ihn einmal nicht übertrumpften. Zufrieden lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete Dumbledore und Minerva.
„Und?“, fragte sie jetzt verwirrt. „Wie ist Ihr Plan, Dumbledore?“
Schweigen kam über den kleinen Raum. Dumbledore hatte wieder sein nachdenkliches Gesicht. „Ja“, sagte er mit einem Seufzen, „was ist der Plan?“
Severus hob eine Augenbraue und sah zur Uhr. „Wenn ich etwas beitragen könnte...“
„Ich bitte darum, Severus.“
„Ich denke wir sind uns alle einig, dass Potter nicht zu seinen Verwandten zurück kann“, begann Snape. Minerva nickte mit Nachdruck und sah Snape zum ersten Mal mit so etwas wie Anerkennung an.
Snape warf Dumbledore einen scharfen Blick zu. Er hatte das Kinn in den Händen und sah überlegend aus. Auch Minerva merkte sein Zögern.
„Albus, wenn ich Ihren Erzählungen glauben kann, sollte Mr. Potter in jedem Falle aus dieser Familie entfernt werden!“, sagte sie, „das sollte wohl kaum in Frage stehen.“
„Es ist nicht so einfach, Minerva. Der Schutzzauber wirkt nur, wenn Harry den Ligusterweg noch sein zu Hause nennen kann.“
„Ein feines Zuhause“, murmelte Minerva.
„Ich stimme Minerva zu, Albus“, sagte Snape. „Die Frage ist wohl, was schlimmer ist – den Schutzzauber aufzugeben, wenn der Dunkle Lord noch fern von einer Wiederkehr ist, und Potter dafür in sicherer Umgebung auszubilden, oder ihn im geschützten Haus zu lassen und zu riskieren, dass er keine Chance gegen den Dunklen Lord haben wird. Was heißt riskieren – er würde mit Sicherheit keine Chance haben.“
Als Dumbledore immer noch keine Antwort gab, fuhr Snape fort. „Wir alle haben es zu unserer Aufgabe gemacht, Potter zu beschützen, bis er vorm Dunklen Lord steht.“
McGonagall sah ihn von der Seite an, aber es war Snape egal, was sie von ihm dachte. Er wusste, dass sie ihm nicht traute, aber er hatte in keinster Weise Interesse, ihr seine Motive näher zu erläutern. Diese Sache ging niemanden etwas an.
Zwischenzeitlich bereute er es sogar, Dumbledore eingeweiht zu haben.
„Also gut“, meinte Dumbledore schließlich. „Ich stimme euch zu. Harrys Sicherheit geht vor. Also, was schlagen Sie vor?“
Snape verzog sein Gesicht. „Wir drehen uns im Kreis. Ich halte es nicht für ratsam, Potter in der Schule aufwachsen zu lassen.“
Zu seiner Überraschung stimmte Minerva ihm auch hier zu, und Snape konnte nicht anders, als ihr einen verwunderten Blick zuzuwerfen. Sie waren selten einer Meinung.
„Eine Zaubererfamilie wäre eine Lösung“, meinte sie nach einer Zeit des Überlegens, „wenn sein Pate nur nicht ausgerechnet Sirius Black wäre… Aber ich bin mir sicher, es wird sich mehr als eine Zaubererfamilie finden, die bereit wäre, Harry zu adoptieren.“
„Das stimmt sicher“, sagte Dumbledore mit Zweifel in der Stimme, „aber welcher Familie könnte man Harry Potter anvertrauen? Lilys Sohn?“
Snape wusste genau, dass der letzte Satz an ihn allein gerichtet war, und er ärgerte sich, dass Dumbledore dieses Thema vor Minerva ansprechen musste. Er ließ diese Tatsache außer Acht und sprach mit fester Stimme, während er versuchte, Lilys Gesicht aus seinem Kopf zu kriegen. „Potter scheint sich gut mit den Weasleys zu verstehen. Sicher würden sie ihn herzlich bei sich aufnehmen.“
Da macht ein Kind mehr oder weniger auch nichts aus, dachte er für sich, aber er sprach den Gedanken nicht aus.
Dumbledore runzelte die Stirn. „Ich bezweifele, dass die Weasleys noch genug Raum für ein weiteres Kind haben, Severus.“
Snape massierte sich die Schläfen. „Dann eben eine andere Familie. Können wir das vielleicht morgen weiter besprechen? Es ist spät. Einige von uns haben noch andere Dinge zu tun.“
Dumbledore ignorierte den letzten Kommentar und sah stattdessen McGonagall an. „Minerva, vielleicht möchten Sie nach Ihrem Schüler sehen“, sagte er freundlich.
Ein wenig verwirrt nickte sie. Dumbledore lächelte sie kurz an und wandte sich dann voll und ganz Snape zu, kaum dass die Tür geschlossen war. „Severus, mir ist bewusst, dass Sie die Vorstellung bekommen, dass ich das Problem nicht sehe. Ich sehe das Problem ganz deutlich. Wir brauchen ein Zuhause für Harry, und es scheint unmöglich ein geeignetes zu finden. Es ist weniger das Problem, eine Zaubererfamilie zu finden, als vielmehr eine geeignete Erziehung zu bewerkstelligen. Sie mögen glauben, dass mir das Wohl des Jungen nicht am Herzen liegt, aber anders als Ihnen ist Harry mir wichtig und ich wünsche ihm das beste.“
Snape nahm eins der Gläser vom Tisch und füllte es mit Wasser. „Das ist nicht der Punkt, Dumbledore. Wer und warum sich um Potter sorgt, ist nicht wichtig. Die Frage ist, was getan werden muss.“
Snape lehnte sich zurück. „Dies ist, worüber wir uns klar und einig sein müssen, Dumbledore. Erstens braucht Harry eine starke Persönlichkeit.  Zweitens braucht er eine liebende, aber feste Hand, die ihn auch während der Schulzeit begleitet. Und drittens brauche ich meinen Schlaf, wenn ich morgen einen Haufen Gören – Entschuldigung, Kinder, durch den Unterricht führen soll.“ Er stieß einen Seufzer aus und sah auf die Uhr.
Dumbledore hatte wieder sein nachdenkliches Gesicht und es brauchte eine Weile, bis er wieder sprach. „Also gut, Severus. Ich habe da eine Idee… Aber sie wird einiges an Nachdenken brauchen, und vor allem eine Mütze Schlaf. Sie haben Recht. Wir belassen es für heute Abend damit, dass wir uns darüber einig sind, dass Harry geheilt werden soll und nicht zu seinen Verwandten zurückkehrt. Kann ich Sie morgen wieder sprechen?“
Snape seufzte und nickte.
Dumbledore lächelte und begleitete Snape zur Tür. Bevor er den Raum verließ, zog Dumbledore noch etwas aus seiner Tasche. „Zitronenbonbon?“

Kapitel 7

Als Harry die Augen öffnete, dauerte es eine Weile bis er realisierte, dass er eingeschlafen war. Mit erröteten Wangen setzte er sich auf und sah sich um. Madam Pomfrey sah er zunächst nicht. Die Flaschen und Gläser mit der Medizin waren verschwunden. Draußen war es jetzt richtig dunkel.
Als er sich im Raum umsah, entdeckte er Madam Pomfrey am anderen Ende, nahe an der Tür. Neben ihr stand Professor McGonagall, und sie unterhielten sich angeregt.
Harry wurde noch ein wenig roter im Gesicht. Was machte seine Hauslehrerin hier? Würde sie jetzt bald auch noch über ihn Bescheid wissen? Er konnte den Blick der Professorin förmlich auf ihm spüren, und sah auf seine Bettdecke hinab.
Madam Pomfrey und McGonagall kamen jetzt näher. Madam Pomfrey lächelte zu seiner Überraschung noch immer. „Du bist aufgewacht“, sagte sie mit zufriedener Stimme.
McGonagall sah ihn komisch von der Seite an, und er versuchte, es zu ignorieren. Was ihm auch gelang; er wandte sich Madam Pomfrey zu. „Verzeihen Sie, Ma'am.“
„Du warst sicher müde“, meinte sie herzlich.
Harry schluckte. „Ein wenig“, sagte er, „tut mir Leid.“
„Was tut Ihnen Leid, Potter?“, fragte McGonagall. Ihre Stimme war schärfer als die von Madam Pomfrey und Harry wurde sofort ein paar Zentimeter kleiner.
„Dass ich eingeschlafen bin, Professor“, sagte er entschuldigend.
McGonagall zog nur die Augenbrauen zusammen und wechselte einen Blick mit der Heilerin. Diese hatte ihr Lächeln immer noch nicht verloren. „Du warst müde, Harry, das kann doch leicht passieren.“
Harry wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, und schwieg.
„Es gibt nichts, wofür Sie sich entschuldigen müssten, Potter“, sagte Professor McGonagall mit Nachdruck.
Harry wusste wieder keine passende Antwort darauf, aber er konnte sich vorstellen, dass McGonagall eine erwartete. „Ja, Professor.“
Sie begutachtete ihn immer noch kritisch und Harry wurde ein wenig unruhig. McGonagalls Gesicht war immer schwer zu lesen, aber wenn er ihren Ausdruck richtig deutete, war sie verärgert. Er fragte sich, was er falsch gemacht haben konnte. Am liebsten hätte er sich unter der Bettdecke versteckt. McGonagall mochte fair sein, aber sie konnte genauso schroff sein wie Snape.
„Kann ich zurück in den Gemeinschaftsraum gehen?“, fragte er unsicher, als keine der Frauen eine weitere Reaktion zeigte. McGonagall und Madam Pomfrey tauschten einen Blick, und Madam Pomfrey schüttelte den den Kopf. „Er sollte jede Stunde etwas von dem Immun-Trank bekommen, für den Kreislauf.“ Sie beugte sich zu McGonagall hinüber und senkte die Stimme. „Es ist ein Wunder, dass er noch nicht zusammengebrochen ist, bei der Mangelernährung.“
McGonagall nickte langsam. Sie wirkte leicht säuerlich.
„Hier“, Madam Pomfrey reichte Harry einen Löffel mit dem Saft. Er beeilte sich, ihn zu nehmen und die Flüssigkeit hinunterzuschlucken. Der Blick der beiden Frauen lag auf ihm und Harry war unsicher, was er mit der ganzen Situation anfangen sollte. McGonagall hatte seine Verwandten noch nicht erwähnt, was eine Erleichterung war, aber die Art, wie sie ihn anschaute, verunsicherte ihn.
„Der Schulleiter wird Sie morgen früh noch einmal sehen wollen, Potter“, meinte sie ernst.
Harry fuhr zusammen und er sah seine Lehrerin erschrocken an. Was auch immer Dumbledore noch wollte, es konnte nichts Gutes sein. Er verschluckte sich fast beim Sprachen.
„Ich habe morgen früh doch Unterricht, Professor.“
„Er wird warten müssen“, meinte sie knapp.
Harry öffnete den Mund. „Aber -“
„Das steht nicht zur Diskussion, Potter“, sagte sie scharf. „Jetzt legen Sie sich hin, sind ruhig und schauen, dass Sie endlich etwas Schlaf nachholen.“
Harry schluckte. „Entschuldigen Sie, Professor.“
McGonagalls Miene wurde weicher und für einen Moment schien sie fast zu lächeln. „Es gibt keinen Grund zur Entschuldigung, Potter. Schlafen Sie jetzt.“
Harry nickte schnell und zog sich die Bettdecke wieder bis ans Kinn.
Madam Pomfrey warf McGonagall einen Blick zu. „Ich bin mir sicher, ein Treffen mit Dumbledore kann warten!“
Harry schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Am Rande bekam er mit, wie McGonagall einen missmutigen Laut von sich gab. Dann hörte er weggehende Schritte.
„Danke, Poppy“, meinte McGonagall leise mit einem Blick auf Harry. Madam Pomfrey nickte nur. „Richten Sie dem Schulleiter meine Grüße aus“, sagte sie, aber sie klang nicht glücklich. Eher besorgt.
Harry nagte auf seiner Lippe herum, bevor er einschlief. Sein Schuljahr in Hogwarts fing ganz anders an, als er es erwartet hatte.

Als Snape am nächsten Morgen ungeduldig vor dem Büro des Schulleiters stand und seine Taschenuhr aus dem Umhang hervor holte, waren ihm von der Nacht gerade mal drei Stunden Schlaf geblieben. Obwohl es erst der zweite Schultag war, hatte Snape nicht vor, irgendeine Stunde planlos zu beginnen. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die vorbeiziehenden Minuten auf seiner Uhr. Die Zeit, die Albus sich nahm, um ihm endlich die Tür zu öffnen, ging von seinem Frühstück ab!
Dumbledore lächelte, als er ihn hereinbat. Mit schnellen Schritten trat Severus an den Tisch. „Ihnen ist bewusst, dass wir in Eile sind?“
„Ich weiß, dass Sie Unterricht geben müssen“, meinte Dumbledore verständnisvoll, „aber jeder kann sich die Zeit einteilen, wie er denn möchte. Harry Potter hat vorerst unsere höchste Priorität.“
„Wie auch immer. Lassen Sie uns zur Sache kommen.“
Es wunderte Snape, dass der Schulleiter nicht Minerva hinzugerufen hatte, aber wirklich stören tat es ihn nicht. Die Diskussion wurde mit noch einem Gryffindor mehr nicht einfacher, das stand fest. Zu seiner Überraschung sah Dumbledore zufrieden aus. „Severus, wie Sie sicher auch, habe ich mir gestern Abend noch hinreichend Gedanken zu unserer Problematik gemacht…“
Severus hob eine Augenbraue hoch und schnaubte innerlich. Wie Sie sicher auch… Dumbledore glaubte allen Ernstes, er hatte nichts außer Harry Potter im Kopf.
„...und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich glaube, einer Lösung nahe zu sein.“ Dumbledore setzte sich zufrieden auf seinen Stuhl.
Snape nickte ungeduldig mit dem Kopf und kniff die Augen zusammen.
„Zwei Dinge wurden mir klar. Erstens, dass Harry ein neues Zuhause braucht, und zweitens, dass er in eine qualifizierte Zaubererfamilie kommen sollte, in die Vertrauen gesetzt werden kann und die nicht allzu fern von Hogwarts wohnt. Und drittens wurde mir klar, dass es nicht ausreichend Auswahl an Zaubererfamilien gibt, die diesen Kriterien entsprechen. Ich habe ja gestern schon erwähnt, dass ich eine Idee habe. Sie schien ein wenig weit hergeholt, und doch... Eine Zaubererfamilie zu finden schien so schwierig -“
Snape wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, aber Dumbledore hob die Hand und sprach weiter. „Aber“, sagte er, „nach einiger Zeit des Grübelns habe ich die Lösung gefunden.“
Als Dumbledore nicht weitersprach, machte Snape eine ungeduldige Handbewegung. Wenn er eines an dem Mann nicht mochte, dann war es seine Art, Dinge hinauszuzögern.
Dumbledores Augen blitzten. „Die perfekte Zaubererfamilie für Harry – sind natürlich Sie.“
Snape glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Er runzelte die Stirn und stand protestierend vom Tisch auf.
Er? Er musste sich verhört haben. Das war die einzige Möglichkeit.
Gerade wollte er etwas zu Dumbledore sagen, als ihm dieser zuvor kam.
„Bitte“, meinte er, „hören Sie mir erst zu. Sie wohnen hier in Hogwarts. Sie sind mehr als nur qualifiziert, was das Zaubern angeht, Sie kennen Harrys Geschichte, seine Eltern...“
Snape gab ein fassungsloses Schnauben von sich. „Ich kannte seine Eltern! Mehr schlecht als recht.“
Dumbledore ließ sich nicht beirren. „Sie waren es, der mich gestern Abend noch von einem neuen Zuhause für Harry überzeugt haben. Sie sind es, denen ich in Bezug auf Lilys Sohn vertrauen kann.“
Es war nicht fair, in seiner Argumentation für Harry Lily zu erwähnen, das wussten sowohl Snape als auch Dumbledore. Snape biss sich auf seiner Lippe herum, als er merkte, dass es Dumbledore ernst war – und das es schwierig sein würde, gegen Dumbledore zu argumentieren. „Ich verabscheue den Jungen“, meinte er schließlich, „und wenn Sie ihn fragen, er würde Ihnen bestätigen, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Desweiteren mögen Sie sagen, was Sie wollen, ich halte mich nicht für geeignet, einem Kind – besonders Potter – ein Zuhause zu geben. Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, Kinder sind nicht meine Lieblingsmenschen.“ Er verzog das Gesicht. „Mag sein, dass die Wahrheit weh tut, für jemanden, der so genial ist wie Sie – aber ich muss Ihnen sagen, dass Ihre Idee schwachsinnig ist.“
Er drehte sich um in Richtung Tür. „Ich nehme an, dass das Thema jetzt beendet ist“, meinte er kühl. „Sie und ich wissen beide, dass es geeignetere Personen für den Job gibt.“
Dumbledore sprang von seinem Stuhl auf und hielt die Tür zu. „Bitte, Severus“, sagte er ruhig, „lassen Sie uns das kurz besprechen.“
„Besprechen Sie es mit Minerva. Oder wie wäre es mit Hagrid? Harry versteht sich mit ihm, er wohnt ebenso nahe wie ich...“
„Seien Sie kein Narr, Severus. Hagrids Hütte ist wohl kaum geeignet, und er ist zu beschäftigt...“
Snape zog scharf die Luft ein. „Und ich bin nicht beschäftigt?“
„Severus, bitte, hören Sie mir zu. Harrys Lage ist doch nun nicht allzu fremd für Sie. Und wenn Sie sich dem Jungen annähmen, würden Sie merken, dass er Lily nur allzu ähnlich ist – Sie selber haben doch festgestellt, dass Harry Potter aus seinem Schneckenhaus kommen muss, dass er lernen muss, zu kämpfen, sich zu verteidigen, Mut zu haben, sich zu opfern… Er braucht jemanden, der ihn leitet.“
„Ich sagte, dass jemand ihn leiten soll, nicht, dass ich dieser Mensch sein sollte!“
„Aber dass Sie die ideale Person sind, das können Sie nicht leugnen -“
„Wie sollte ein Haushalt mit mir und Potter funktionieren?“
„Besser als bei den Dursleys“, meinte Dumbledore. „Und schließlich wären Sie beide tagsüber mit Unterricht beschäftigt. Harry würde ja im Gemeinschaftsraum schlafen, nur an den Wochenenden -“
Snape starrte ihn an. Für eine Sekunde erlaubte er, sich den Gedanken vorzustellen, dann schüttelte er den Kopf. „Nein“, sagte er, „Nein, Dumbledore.“
Dumbledore sah ihn an und seufzte. „Sie sind getränkt von Vorurteilen gegenüber dem Jungen, Severus“, sagte er, „aber das darf nichts zur Sache tun. Sie sind der einzige Mensch, den wir Harry anvertrauen können.“
„Niemals werde ich mich um James' Sohn kümmern!“
„Würden Sie das auch zu Lily sagen?“
Snape stockte und schluckte. Dumbledore nahm einen tiefen Atemzug und führte Snape zurück an den Tisch. „Es geht nicht darum, ob die Lösung die beste ist, es geht darum, dass sie die einzige ist, die uns bleibt.“
Snape kniff die Augen zusammen und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Ich weigere mich, dieser Lösung zuzustimmen. Es wird doch noch andere geben, die in Frage kommen.“
„Gibt es nicht, Severus. Und haben Sie das Versprechen vergessen, dass Sie mir die Jahre zuvor gegeben haben? Dass Sie Lily gegeben haben? Wenn Sie wollen, dass Harry in Sicherheit ist, haben Sie keine Wahl.“
Snape rieb sich die Schläfen und versuchte, einen anderen Schlupfwinkel zu finden. „Potter würde nicht zustimmen.“
„Oh, ich glaube nicht, dass der Junge so mit Vorurteilen behaftet ist wie Sie, Severus. Mein Eindruck war, dass er gar nichts gegen Sie einzuwenden hatte.“
Snape starrte auf die Tischplatte und er bemerkte, dass ihm so langsam die Argumente ausgingen. „Dann...“, sagte er ein wenig verzweifelt, „dann fragen Sie den Jungen. Ich bin mir sicher, er wird Ihren Vorschlag ablehnen.“
„Wir werden sehen“, meinte Dumbledore freundlich.
„Und lassen Sie mir etwas Bedenkzeit!“
„Dazu wird nicht viel Zeit bleiben, Severus. Sie haben Recht, wir sind schon zu spät dran. Und ich fürchte, das Schicksal für Sie und Harry Potter ist besiegelt.“
Er lächelte freundlich. „Es wird sich mit der Zeit alles fügen.“ Er nahm eine Handvoll Lakritze aus seiner obersten Schreibtischschublade und reichte sie dem Professor. „Ich sehe Sie doch heute Abend wieder?“
Grimmig nahm Snape die Süßigkeiten entgegen und verließ das Büro, verwirrt und wütend – und ein wenig verzweifelt.

Kapitel 8

Die Schüler standen in den Kerkern und warteten auf ihren Lehrer. Es herrschte allgemeine Verwirrung. Ron sah Harry an. „Komisch“, meinte er, „Snape kommt normal nie zu spät.“ Er verzog sein Gesicht zu einem Grinsen. „Vielleicht hat die Fledermaus verschlafen.“
Harry lächelte schwach. Ihn beschäftigten ganz andere Sachen. Heute Morgen hatte ihn jeder zweite Gryffindor gefragt, warum er nicht im Schlafsaal geschlafen hatte. Harry hatte keine Ahnung gehabt, was er darauf antworten sollte und nur vor sich hingestammelt. Sie hatten ihn sehr komisch angeschaut. Und obwohl Harry es gewohnt war, komisch angeschaut zu werden, war ihm die Situation doch mehr als unangenehm.
Und während des Frühstücks hatte er sich, statt zu essen, die ganze Zeit Gedanken darüber gemacht, wie er Snape entgegentreten sollte. Die Unterhaltung gestern hatte ihn doch mehr aufgewühlt, als er gedacht hätte. Seine Gedanken kreisten nur um Snape und Dumbledore – und die Angst, dass die Dursleys etwas erfahren könnten. Und noch schlimmer als die Angst war die Ungewissheit. Er hatte keine Ahnung, was in seinen Lehrern vorging oder was sie für ihn planten. Da hatte auch das Gespräch mit Dumbledore nichts gebracht. Es hatte ihn vor allem beunruhigt.
Heute Morgen hatte Madam Pomfrey ihn mit der Anordnung, ein ordentliches Frühstück zu sich zu nehmen und am Nachmittag noch mal wiederzukommen, entlassen. Harry starrte nur auf seinen Teller. Die Medizin, die Madam Pomfrey ihm verabreichte hatte, schien auf jeden Fall ihre Wirkung zu tun. Seine Bauchschmerzen waren fast verschwunden, genau wie der Schwindel. Nur Kopfschmerzen hatte er noch immer.
Er hatte die Nacht auch schlecht geschlafen. Gegen seine noch immer pochenden Wunden hatte auch die Salbe von Madam Pomfrey nichts geholfen, auch wenn sie gemeint hatte, dass er in ein paar Stunden gar nichts mehr spüren würde. Noch tat es weh und Harry hoffte, dass Snape sich noch mehr verspäten würde. Jede Minute, die sie hier standen, musste Harry nicht auf einem der harten Holzstühle verbringen. Mal abgesehen davon, dass er nicht sicher war, ob er Snape in die Augen schauen konnte.
Wie sollte man mit jemanden umgehen, der einen verabscheute, aber der einem auch geholfen hatte? Snapes hasserfüllte Augen hatten ihm noch im Schlaf verfolgt, und er konnte nicht aufhören, sich immer wieder zu fragen, was er dem Mann angetan hatte. Vielleicht hatte er nicht zu begeistert in seinem Unterricht gesessen, aber war das ein Grund, ihn so zu verachten?
Nun, für manch einen war es vielleicht genug Grund. Für Onkel Vernon und Tante Petunia reichte sogar noch weniger, um ihre Verachtung zu verdienen. Wahrscheinlich war es mit Snape nicht anders.

Als der Professor schließlich mit wehendem Umhang den Gang hinunter marschierte, sah er keine Spur fröhlicher aus als am Abend zuvor. Harry versuchte es mit einem schüchternen Lächeln, aber Snape sah ihn nicht mal mehr. Harry biss sich auf die Lippe. Snape sah grimmig aus, und das änderte sich auch nicht im Verlauf der Stunde.
Er versuchte sich einzureden, dass es nicht an ihm lag, aber irgendetwas in ihm sagte ihm, dass er sehr wohl der Grund für Snapes miese Laune war. Wenn der Professor ihm doch mal einen kurzen Blick zuwarf, dann war er eiskalt. In der ganzen Stunde sagte er kein Wort zu Harry. Dieser versuchte sein Bestes, um Snape zu gefallen. Obwohl er seinen Lehrer nicht mochte, wusste er, dass Snape und Dumbledore wahrscheinlich etwas Dankbarkeit erwarteten. Sie würden es gar nicht mögen, wenn Harry ihre Hilfe als selbstverständlich annahm. Das war etwas, was er bei den Dursleys gelernt und verinnerlicht hatte.
Erwachsenen immer Dankbarkeit zeigen. Oder man würde es bereuen.

„Als Hausaufgabe bitte bis zur nächsten Stunde von jedem einen Aufsatz zur rotfarbenen Lotusblume.“. Mit diesen Worten beendete Snape die Stunde fünf Minuten früher als sonst und er verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. Hinter ihm knallte die Tür. Ron und der Rest der Klasse sahen ihm sprachlos hinterher.
Ron drehte sich zu Harry. „Snape ist komisch drauf, oder?“
Harry zuckte nur mit den Schultern. Ron sah ihn einen Moment lang an und drehte sich dann zu Dean und Seamus um. Harry packte seine Sachen rasch zusammen und verließ den Raum.

Auch beim Verwandlungsunterricht am Nachmittag war Harry kaum bei der Sache, aber wenigstens hatte er das Gefühl, dass Professor McGonagall heute recht freundlich zu ihm war. Anders als Snape lächelte sie ihn ab und zu aufmunternd an, und er erwiderte ihr Lächeln ein wenig schüchtern. Am Ende der Stunde hielt sie ihn zurück. „Potter, könnte ich Sie kurz sprechen?“
Ron und Dean sahen ihn neugierig von der Seite an, aber Harry tat so, als bemerkte er es nicht. Er spürte, dass seine Knie schon wieder wackliger wurden. „Sicher, Professor“, sagte er mit zitternder Stimme.
McGonagall wartete, bis alle Schüler den Raum verlassen hatten. Harry hatte sich vor ihr Pult gestellt und die Hände hinter seinem Rücken verknotet. Obwohl er es nicht wollte, klopfte sein Herz ein wenig lauter. Professor McGonagall rückte ihre Brille zurück. „Potter, haben Sie heute schon mit dem Schulleiter gesprochen?“, fragte sie.
Harry sah sie an und schluckte. Die ganze Zeit hatte er sich Sorgen gemacht, dass Dumbledore wieder mit ihm sprechen wollte. Obwohl er froh war, dass er von den Dursleys weg sollte, so bereitete ihm der Gedanke gleichzeitig großes Unbehagen. Zudem der Schulleiter ein einschüchternder Mann sein konnte. Wollte Harry wirklich noch mal mit ihm reden?
Er schüttelte den Kopf, „Nein, Professor.“
Sie nickte langsam und tippte sich ans Kinn. Nachdenklich betrachtete sie ihren Schüler. „Haben Sie heute Nacht gut geschlafen?“, fragte sie dann.
Harry nickte. „Ja, danke.“
Was für eine Lüge. Er hoffte, dass die Augenringe von heute Morgen verschwunden waren. Sie kniff die Augen zusammen, und Harry fragte sich, was sie wohl von ihm hören wollte.
„Und was haben Sie heute Morgen gefrühstückt?“
„Äh“, begann er „Nichts, Professor. Ich hatte keinen Hunger.“
Sie runzelte die Stirn. „Heute Mittag waren sie nicht in der Großen Halle.“
Das stimmte. Harry hatte in der Mittagspause am See gesessen und aufs Wasser geschaut. Dabei konnte man gut nachdenken.
McGonagall sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Potter“, sagte sie, „ich weiß nicht, inwiefern Sie anderes von Ihren Verwandten gelernt haben, aber der Mensch muss essen, um zu leben. Dies mag eine neue Information für Sie sein“ - sie hob sarkastisch eine Augenbraue - „aber Essen ist notwendig. Die ganze Nacht haben Sie ihm Krankenflügel verbracht, und nun stehen Sie hier vor mir und erklären mir, dass Sie keinen Hunger hatten? Ist Ihnen klar, wie sehr wir alle um Ihre Gesundheit besorgt sind? Madam Pomfrey hat letzte Nacht kein Auge zu gemacht.“
Harry wurde rot und schluckte. „Es tut mir Leid, Professor“, sagte er schnell. „Ich weiß, dass Sie alle Ihr Bestes gegeben haben letzte Nacht – Verzeihung, wenn ich undankbar wirke...“ In seinem Kopf stellte er sich schon die nächsten Horrorszenarien vor – McGonagall, die ihn anschrie aus Wut über seine Unfähigkeit, das richtige zu tun. McGongall und Dumbledore, die ihn aus der Schule warfen, weil er eine zu große Last war und die Dursleys, die ihn alles andere als erfreut begrüßten. Seine Unterlippe begann zu zittern und McGonagall sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Als sie sprach, war Harry mehr als überrascht von der Sanftheit in ihrer Stimme.
„Sie müssen mehr auf sich achten, Potter.“
Harry starrte sie an, und beeilte sich zu nicken. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. „Danke, Professor“, sagte er unsicher, „das werde ich.“
Sie nickte nur kurz. „Gibt es noch etwas, worüber Sie mit mir sprechen wollen?“, fragte sie und sah ihn eindringlich an.
Harry dachte an seine Angst vor einem weiteren Gespräch mit Dumbledore – eine Angst, die nicht mal er richtig begründen konnte. Er dachte an die Angst vor der Reaktion der Dursleys wenn sie erfuhren, wie alles hier vonstatten gegangen war. Er dachte an Snapes verachtende Augen. Er dachte daran, was wohl passieren würde, wenn er zurück in den Ligusterweg musste. Er dachte an seine Klassenkameraden, die alle – außer Ron, wie es schien – lieber über ihn redeten als mit ihm.
Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, Professor“, sagte er.

Harry saß alleine an dem langen Tisch, der Platz links neben ihm war frei. Gestern hatte dort Ron gesessen, aber als Harry heute nach dem Unttericht in die Große Halle gekommen war, hatte Ron sich schon zwischen Dean und Seamus gesetzt. Harry war sich nicht sicher, ob sie ihn dabei haben wollten, ob er ihnen Gesellschaft leisten sollte.
Rechts neben ihm saß Hermine. Sie schien auch nicht in der Stimmung für eine Unterhaltung zu sein und hatte neben sich ein Buch liegen.
Harry stocherte ein wenig in seinem Essen herum, und weil er genau wusste, dass McGonagall am Lehrertisch saß und ihn womöglich beobachtete, aß er auch ein wenig, auch wenn er keinen richtigen Appetit hatte.
Als er nach dem Essen in Richtung Gemeinschaftsraum marschierte, hielt Hagrid ihn auf. Er erwartete ihn vor der Tür zur Großen Halle und als Harry ihn sah, lächelte er zum ersten Mal nicht nur nach außen hin.
„Hagrid!“
Der Mann strahlte ihn an. „Harry! Wurde mal Zeit, dass wir uns wieder sehen.“
Harry und Hagrid gingen zur Seite, um den Schülerstrom passieren zu lassen.
„Hast du auf mich gewartet, Hagrid?“, fragte Harry. Gestern hatte er den Wildhüter überhaupt nicht im Schloss gesehen und angenommen, dass er den ganzen Tag in seiner Hütte verbrachte.
Hagrid nickte. „Hab 'ne Nachricht für dich. Von Professor Dumbledore. Er meint, du sollst heut' Abend in sein Büro kommen. Möglichst bald nach dem Abendessen.“
Hagrid bemerkte Harrys erschrockene Miene. „Nichts Schlimmes, glaub ich. Dumbledore meinte, du sollst dir keine Sorgen machen.“ Er gluckste kurz. „Im ersten Moment dacht' ich schon, du hättest dir gleich am ersten Tag Ärger eingehandelt.“
Harry schüttelte stumm den Kopf.
„Das hätt' dein Vater gemacht“, fuhr Hagrid fort. „Am ersten Tag Hauspunkte verlieren, um sie im Laufe des Jahres bei Wettkämpfen wieder reinzuholen. Dein Vater war ein großer Quidditchspieler, habe ich das schon erwähnt?“
Harry schüttelte den Kopf. Er lächelte ein wenig. Wenn doch nur seine Eltern noch leben würden. Wie anders doch alles sein würde… Er schob den Gedanken beiseite.
„Tolle Menschen, deine Eltern“, meinte Hagrid. „Du bist genau wie sie, Harry, das kann merkt man.“
Harry lächelte. So etwas hatte noch nie jemand zu ihm gesagt. Es bedeutete ihm eine Menge „Danke, Hagrid“, murmelte er.
„Und du lebst dich gut ein?“, fragte Hagrid. „Hast wahrscheinlich auch keine Ahnung, was Dumbledore von dir will, oder?“
Harry wurde ein wenig rot und er schüttelte den Kopf. Sein Blick war gesenkt.
„Ah, ich weiß was, Harry“, meinte Hagrid. „Kannst am Freitag zu mir auf 'ne Tasse Tee kommen, wenn du willst. Dann kannst du mir alles über deine Woche erzählen, und über Dumbledore. Und ich erzähl' dir was über deine Eltern. Kannst dann auch mal Fang kennenlernen. Was meinst du?“
Harry hatte keine Ahnung, wer oder was Fang war, und er hatte auch nicht wirklich vor, von Dumbledore zu erzählen, aber ein Besuch bei Hagrid klang gut. Erfreut nickte er. „Klingt gut, Hagrid.“
„Also dann. Halt' ich dich nicht länger auf. Wir sehen uns am Freitag.“
„Ja, bis Freitag“, meinte Harry mit einem Lächeln.
Hagrid nickte ihm kurz zu und stapfte dann mit schweren Schritten davon.
Harry wandte sich zum Gehen. Während er beschloss, dass er besser direkt zu Dumbledore ging, verschwand sein Lächeln langsam von seinem Gesicht.

Snape stand gegen Dumbledores Schreibtisch gelehnt. „Wann genau habe ich ihrem 'Plan' jetzt zugestimmt, Dumbledore?“, fragte er, während er die Finger aufeinander schlug.
Dumbledore richtete einige Tassen mit kochendem Wasser an. „Vor zwölf Jahren, als Sie auf unsere Seite gewechselt sind“, meinte er freundlich. „Wollen Sie Zucker in Ihren Tee?“
„Nein, danke“, raunzte Snape. „Der Junge wird übrigens nicht zustimmen.“
„Wir werden sehen“, meinte Dumbledore ruhig. „Deswegen haben wir ja dieses Gespräch, nicht wahr?“
„Wenn er zustimmt – und wenn es zu dieser… Notlösung kommt, so liegt das Scheitern Ihres Versuchs nicht in meiner Verantwortung. Das muss Ihnen klar sein. Sie sind verantwortlich für diese Entscheidung.“
Dumbledore hob eine Augenbraue. „Severus, wenn ich Ihnen die Verantwortung für das Kind übertrage, tragen Sie natürlich Verantwortung. Das muss Ihnen klar sein.“
Snape schnaubte.
„Lily hat sich für Ihren Sohn geopfert, und Sie wollen ihm kein Zuhause schenken?“
Snape verzog das Gesicht schmerzhaft. „Doch, natürlich“, sagte er mit zusammengepressten Zähnen. „Wenn er denn zustimmt, was ich bezweifele.“
Dumbledore wollte etwas sagen, aber in diesem Moment klopfte es an der Tür. Er war Snape einen Blick zu. „Tun Sie mir einen Gefallen, Severus“, meinte er, „lassen Sie mich zuerst reden.“
Snape nickte düster, auch wenn er sich fragte, wie Dumbledore sich ein Zusammenleben von ihm und Potter vorstellen konnte, wenn er seine Diplomatie jetzt schon in Frage stellte.
Dumbledore betrachtete die Tassen. „Was für einen Tee, glauben sie, trinkt der Junge?“
„Wenn er so verzogen ist wie sein Vater ist, wird ihm Tee wahrscheinlich nicht gut genug sein“, meinte Snape griesgrämig.
Dumbledore seufzte und machte eine rasche Handbewegung. In der nächsten Sekunde roch es nach Pfefferminztee, und Dumbledore erhob sich, um die Tür zu öffnen.
„Guten Abend, Harry.“
Der Junge schob sich schüchtern zur Tür herein. „Guten Abend, Sir.“
Snapes Blick war starr auf den Tisch gerichtet.
Dumbledore bot Harry seinen Stuhl an und reichte ihm die Tasse Tee.
„Wie geht es dir, Harry?“
Harrys Blick wanderte zwischen den beiden Professoren hin und her. „Schon besser“, sagte er.
„In ein paar Tagen wird es dir sicher gehen wie jedem anderen.“
Harry nickte zögerlich.
Dumbledore rührte mit seinem Löffel im Tee herum. „Harry, wir reden heute noch einmal über deine schwierige Situation. Du verstehst sicher, dass deine Verwandten dich völlig inakzeptabel behandelt haben.“
Snape drehte den Kopf zu Harry. Dieser nickte nicht und starrte Dumbledore nur unschlüssig an.
„Harry?“, fragte Dumbledore freundlich, als keine Antwort erfolgte.
Snape verdrehte innerlich schon wieder die Augen. Er wollte sich gar nicht vorstellen, dass Harry womöglich zu ihm ziehen würde. Wahrscheinlich würde er alle zwei Minuten vor Ungeduld fast an die Decke gehen.
„Ähm“, meinte der Junge jetzt, „ja, ich… ich denke schon“, sagte er ein wenig lasch.
Snape runzelte die Stirn. Es schien eher so, als würde Harry überhaupt nichts denken, Da lag wahrscheinlich das Problem.
Dumbledore sah ebenfalls überrascht aus.
„Ich meine“, meinte Harry schnell als er Dumbledores Blick sah, „Ich will sie nicht so schlecht reden - Sie sind vielleicht nicht immer nett, aber sie haben mich schließlich bei sich aufgenommen und meine Schule bezahlt und mir zu essen gegeben -“
Snape schnaubte. „Wenn ihnen danach war.“
Harry verstummte. Dumbledore war Snape einen Blick zu. „Bitte, Severus.“
Snape zuckte nur mit den Schultern und nahm schweigend einen Schluck Tee. Dumbledore ergriff wieder das Wort. „Harry, du musst niemanden verteidigen. So wie deine Verwandten mit dir umgegangen sind, war es falsch. Du bist ihnen nichts schuldig. Sie hätten dich nicht so schlagen dürfen.“
„In der Schule schlagen sie doch auch manchmal.“
Snape glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Es überraschte ihn nicht unbedingt, dass die Muggelschule, die Harry besucht hatte, die Schüler disziplinierte – er selber hatte sich schon für schärfere Strafen in Hogwarts ausgesprochen – aber wie konnte Harry einige Stockschläge mit der Behandlung der Dursleys vergleichen? Wie konnte er Petunia und ihren Mann verteidigen?
Er hätte seine Eltern niemals so verteidigt. Wenn jemand ihm angeboten hätte, das Haus zu verlassen – mit Kusshand hätte er angenommen.
Er warf Dumbledore einen Blick zu. Dieser seufzte leise.
„Harry, ich kenne deine alte Schule nicht, aber ich weiß, wie die Resultate einer Schulstrafe aussehen, und ich weiß, dass die Wunden, die du auf deinem Rücken und Armen hast, diesen nicht im Geringsten ähneln.“
Harry schwieg. Snape fragte sich, was in ihm vorging.
„Deine Verwandten haben dir Dinge angetan, die niemand ertragen sollte. Das ist ein Fakt.“ Dumbledores Stimme war eindringlich. „Aus diesem Grund haben wir letzte Nacht beschlossen, dass du in jedem Fall nicht zu den Dursleys zurück kannst. Wir haben schon ein neues Zuhause für dich gefunden“ - er warf Snape einen kurzen Blick zu - „und wir sind uns sicher, dass es dir dort besser gehen wird.“
Snape kniff die Lippen zusammen und sagte nichts. Er betrachtete nur Harrys Reaktion. Der Junge rutschte auf seinem Stuhl hin und her.
„Danke, Sir“, sagte er schließlich. Seine Stimme zitterte.
„Hast du Fragen dazu, Harry?“, meinte Dumbledore mit einem nachdenklichen Blick auf Harry.
Harry murmelte leise etwas. Snape zog die Augenbrauen zusammen. Wenn dieser Junge nicht bald lernte, deutlich zu sprechen, würde er noch durchdrehen.
„Entschuldigung, Harry?“, sagte Dumbledore höflich.
Harry knetete seine Hände. „Das würde Onkel Vernon nicht gefallen“, meinte er.
„Das ist nicht wichtig, Harry. Wichtig ist, dass es dir gut geht. Du wirst ihn nicht wiedersehen.“
Bei dem letzten Satz leuchteten die Augen des Jungen einen kurzen Moment auf. „Nie wieder?“
„Natürlich nicht. Das ist doch der Sinn der ganzen Aktion.“ Dumbledore lächelte zufrieden.
Harry streckte seine Hand aus und nahm einen Schluck Tee.
„Wo – wo werde ich hinziehen, Dumbledore?“, fragte er und sah jetzt wieder ein wenig unsicher aus.
Dumbledore warf Snape einen langen Blick zu, bevor er wieder sprach. „Zu Professor Snape.“

Kapitel 10

Als Harry freitags zu Hagrids Hütte herunterlief, fühlte er sich zum ersten Mal ein wenig glücklich. Den Rest der Woche hatte er genutzt, um sich in Hogwarts einzuleben und sich an den Stundenplan und die Lehrer zu gewöhnen. Seine Wunden waren mit den Tagen verheilt und irgendwie zwang er sich auch, jeden Tag seine drei Mahlzeiten einzunehmen – alleine schon, weil McGonagalls Augen bei jedem Essen auf ihm lagen. Es war angenehm, nicht ständig hungern zu müssen.
Doch trotzdem gab es noch genügend Dinge, die ihm Sorge bereiteten und die ihn beunruhigten. Konzentrieren konnte er sich im Unterricht noch immer nicht richtig und Freunde hatte er auch noch nicht wirklich gefunden.
Die anderen Gryffindors waren nicht unfreundlich. Aber wann immer Harry mit ihnen zusammen stand, wusste er nicht, was er sagen sollte und wie er sich verhalten sollte. Also sagte er nichts, und nach ein paar Tagen stellte er sich auch nicht mehr zu ihnen.
Umso froher war er, dass er heute zu Hagrid gehen konnte. Ron hatte ihn interessiert gefragt, wohin er gehen würde. Für eine Sekunde hatte Harry fast gedacht, dass sich ein längeres Gespräch entwickeln könnte, aber als er dann nichts weiter gesagt hatte, hatte Ron ihm nur viel Spaß gewünscht und war eine Runde Schach spielen gegangen.
Während Harry den Weg entlang lief, dachte er noch einmal über die vergangene Woche nach. Die ganze Zeit hatte er nicht gewusst, ob er wollte, dass endlich Wochenende war. Denn mit dem Treffen mit Hagrid rückte auch das Gespräch mit Snape immer näher, und Harry wollte dieses Gespräch gerne so weit wie möglich herauszögern.
Wenn Snape sich doch in den letzten Tagen nur netter gezeigt hätte! Vielleicht hätte Harry dann das Gefühl bekommen, dass er ihn doch gerne bei sich aufnahm. Aber Snape hatte ihn jede Stunde nur ignoriert.
Gut, gemessen an dem Verhalten, das Snape in der ersten Stunde an den  Tag gelegt hatte, war es vielleicht schon ein Fortschritt, dass er ihn nun einfach in Ruhe ließ.
Harry betrachtete die kleine Holzhütte und klopfte an. Unwillkürlich fragte er sich, ob er nicht stattdessen bei Hagrid hätte wohnen können.
Aber kaum, dass er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, verbannte er ihn auch schon aus seinem Kopf. Es war Snape gegenüber nicht fair, sich jemand anderen zu wünschen. Schließlich tat Snape das alles nur für ihn – griesgrämig, wie er vielleicht war, aber er half Harry. Und dank ihm musste Harry nicht mehr zu den Dursleys.
Das zumindest war eine Sache, über die er sich mit vollster Gewissheit freuen konnte. Endlich weg von den Dursleys – er konnte es immer noch nicht glauben. Und so entsetzt, wie Snape sich gegenüber Harrys Narben geäußert hatte, konnte Harry wohl davon ausgehen, dass er es bei seinem Professor bedeutend besser haben würde.
Schlimmer konnte er wohl nicht sein.
Harry hörte schwere Schritte und im nächsten Moment öffnete ihm Hagrid die Tür. Er strahlte Harry an. „Hereinspaziert!“
Neugierig trat Harry ein und sah sich um. Die Hütte war von innen ebenso klein, wie sie von außen aussah, aber trotzdem sehr gemütlich.
Hagrid ging an den Tisch und zog einen Stuhl für Harry zurück. Harry setzte sich hin. Sein Blick wanderte noch immer über die schräg angebrachten Regale und die Behälter, die zum Teil auf dem Boden standen, bis er schließlich auf den Hund fiel, der neben der Tür lag.
„Das is' Fang“, meinte Hagrid liebevoll. „Hat schnell die Hosen voll und tut keiner Fliege was zu leide, aber gern hab' ich ihn trotzdem. Hab' ihn von 'nem Zauberer bekommen, als Welpe, weil er nicht bellen wollte. Der hat sich dann einen Crup gekauft.“
Hagrid stellte zwei Tassen auf den Tisch und einen Teller mit Keksen.
„Was ist ein Crup?“, fragte Harry neugierig, während Hagrid ihm ein wenig von dem Tee einschenkte.
„Sehen so aus wie Hunde, sind ein bissl kräftiger und die Zauberer fühlen sich schlauer, wenn sie sich 'nen Crup statt 'nem Hund kaufen.“ Die letzten Worte klangen ein wenig abfällig. Es war offensichtlich, dass Hagrid es dem ehemaligen Besitzer von Fang übel nahm, dass er ihn ersetzt hatte.
Harry beugte sich zu Fang und tätschelte vorsichtig seinen Kopf. Hagrid lächelte zufrieden. „Is' ein lieber Kerl. Hier,“ er schob den Teller mit Keksen zu Harry. „Felsenkekse. Selbst gebacken.“
Harry streckte seine Hand nach einem der Kekse aus und wollte ihn sich in den Mund stecken, aber Hagrid schüttelte den Kopf. „Musst du in den Tee tunken.“ Er machte es Harry vor und schob sich den triefenden Keks dann in den Mund. „Sind mir ein bisschen hart geworden“, sagte er ein wenig beschämt. „Die kriegst du nur durch, wenn du sie tunkst. Aber sie schmecken trotzdem, probier' mal.“
Harry schob sich den Keks in den Mund. Er war tatsächlich so hart, dass er ihn kaum mit den Zähnen durchbeißen konnte. Hagrid sah ihn erwartungsvoll an, und Harry zwang sich zu einem Lächeln. „Schmeckt gut“, nuschelte er mit vollem Mund. Er nahm einen Schluck Tee, um den Brocken herunterzuspülen.
Hagrid sah zufrieden aus und nahm sich selber noch einen Keks. „Nun“, sagte er, „erzähl' mal bisschen was.“
Während Harry noch überlegte, womit er anfangen sollte, sprach Hagrid schon weiter. „Ich hab' schon was von den Lehrern gehört“, meinte er, „mit dir und Snape. Dumbledore meinte, du müsstest von den Dursleys weg. Hat sich Sorgen gemacht.“
Harry nahm unsicher einen Schluck Tee. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
Hagrid schüttelte fassungslos seinen Kopf. „Bin fast vom Stuhl gefallen, als ich das gehört hab'. Und ich hab' dich den Sommer über noch dagelassen! Hätt' dich doch gleich mitnehmen können. Hätt' merken müssen, dass es dir da nicht gut ging. Da setzt Dumbledore mal sein Vertrauen in mich… Meine Güte, was dir alles hätt' passieren können, und ich merk' nichts.“ Hagrid schüttelte stumm seinen Kopf. „Tut mir leid, Harry. Tut mir wahrhaftig leid. Hätt' nach dir schauen sollen. Deine Verwandten kam mir gleich komisch vor, aber ich hab' mir nichts weiter gedacht. Dachte, es sind ja Muggel und sie können nichts dazu.“
Er reichte Harry noch einen Keks. „Wenn Lily das wüsste“, murmelte er, „wenn Lily und James Potter das wüssten...“
„Ist schon okay, Hagrid“, meinte Harry. „Mir geht es gut.“
Hagrid sah ihn an. „Nein“, sagte er, „nein, natürlich nicht. Aber dir wird’s gut gehen. Hoffe ich.“
Nachdenklich kratzte er sich am Kinn. „Kommst du mit Snape aus?“
Harry biss sich auf seine Lippe und zuckte mit den Schultern. „Ich kenne ihn ja noch nicht richtig“, murmelte er.
Hagrid kniff die Augen zusammen. „Aber im Unterricht kommt ihr zurecht?“
Harry zuckte wieder nur mit den Schultern.
Hagrid seufzte leise.
„Ich glaube, er hasst mich“, sagte Harry leise.
Hagrid sah auf. „Unsinn“, meinte er, aber er sah Harry nicht in die Augen.  
Harry nagte auf seiner Lippe an. „Er schaut mich immer so böse an“, sagte er.
„Snape schaut jeden böse an“, meinte Hagrid, „das hat nichts mit dir zu tun.“
„Aber bei mir ist es besonders schlimm. In der ersten Stunde hat er mich gleich angemotzt.“
„Hat er?“
Harry nickte. Er wollte Snape eigentlich nicht bei Hagrid anschwärzen, aber der Lehrer ging ihm nicht aus dem Kopf.
„Ich glaube, viele Menschen mögen mich nicht“, sagte er leise, den Blick auf den Boden gerichtet.
Hagrid sah ihn überrascht an. „Wie kommst du denn darauf?“
„Snape, meine Verwandten. Die anderen Gryffindors.“
„Warum sollten die dich nicht mögen?“
Harry zuckte nur mit den Schultern.
„Hör zu, Harry“, meinte Hagrid. „Ich glaub' nicht, dass die andern dich nicht mögen. Und Snape is' sowieso noch mal 'ne Geschichte für sich. Ich mag dich, und Dumbledore hält auch große Stück auf dich. Du bist ein ganz toller Kerl, Harry, das hab' ich schon gemerkt, als ich dich das erste Mal gesehen hab'. Jeder kann sich mal 'ne Zeit lang allein fühlen. Ich hab' mich auch mal so gefühlt. Aber genau hier, in Hogwarts, hier findet man seine Leute. Wirst du schon noch sehen. Das versprech' ich dir. Mich hast du schon gefunden.“
Harry sah ihn dankbar an. „Meinst du das ernst, Hagrid?“
„Natürlich, Harry.“ Hagrid lächelte. „Mach' dir keine Sorge. Alles wird gut.“
Sie schwiegen für einen Moment.
„Iss' noch ein paar Kekse“, meinte Hagrid, und schenkte Tee nach. „Bist dünn. Das haben die anderen Lehrer auch gesagt. Solltest mehr essen.“
Harry nickte und bediente sich. Wenn man sich mal an die Härte der Brocken gewöhnt hatte, ließen sie sich ganz gut essen. Fast würde er sagen, dass sie gut schmeckten.
Den Rest des Nachmittags sprachen sie nicht mehr über Snape und Harrys Familie. Die meiste Zeit sprach Hagrid, und Harry hörte ihm interessiert zu, während er von Hunden, Acromantulas und Drachen erzählte. Noch lange nachdem die Kekse und der Tee leer gefuttert waren saßen sie zusammen und plauderten. Harry bemerkte erst, wie spät es in der Zwischenzeit geworden war, als sein Blick zum Fenster schweifte und er sah, dass es schon dunkel wurde. Erschrocken sprang er von seinem Stuhl auf.
„Es  ist ja schon spät! Ich muss noch zu Snape, meine Sachen holen und – meinst du, er ist sauer, wenn ich so spät komme?“
Hagrid wog seinen Kopf und runzelte die Stirn. „So spät is' es ja noch nicht. Wann habt ihr denn ausgemacht, wann du kommen sollst?“
„Er hat nur von Freitagabend gesprochen.“
„Dann kann er dir auch keine Vorwürfe machen, wenn du nicht auf die Minute pünktlich bist“, sagte Hagrid zufrieden. „Aber vielleicht solltest du dich wirklich auf den Weg machen.“
Harry nickte. Als er hastig von seinem Stuhl aufstand, stieß er mit seinem Bein fast den Tisch um. Die Tassen klirrten. Harry zog schnell seine Jacke über und beeilte sich, aus der Hütte zu kommen. Hagrid lief ihm nach. „Wart!“, rief er und stapfte hinter dem Jungen her, „ich komm' mit und begleit' dich bis ins Schloss!“
Ungeduldig wartete Harry, bis Hagrid aufgeholt hatte. Er spürte, wie sein Herz schon wieder schneller klopfte. Dass Snape Unpünktlichkeit nicht ausstehen konnte, hatte er schon am dritten Schultag mitbekommen, als Neville Longbottom zwei Minuten nach allen anderen ins Klassenzimmer getrottet kam. Auch wenn Snape ihm für heute Abend keine Uhrzeit genannt hatte, wollte Harry ihn nicht unnötig reizen.
Als sie schließlich am Schloss ankamen, war es schon fast komplett dunkel. „Danke für den Tee und alles“, sagte Harry zu Hagrid, noch ein wenig außer Atem von dem Weg hinauf. Hagrid nickte zufrieden.
„Gerne, Harry. Jederzeit wieder.“ Er klopfte Harry kurz aufmunternd auf die Schulter, lächelte ihm zu und winkte zum Abschied. „Hab 'nen schönen Abend.“
Harry lächelte und hob seine Hand ebenfalls, aber innerlich bezweifelte er, dass der Abend mit Snape besonders schön werden konnte.

Nervös öffnete Harry die Tür. Snape saß am Schreibtisch und als er Harry hinein kommen sah, hob er den Kopf und runzelte er die Stirn.
Harry lächelte unsicher.
Snape verzog sein Gesicht. „Potter. Ist es Ihnen nicht in den Sinn gekommen, anzuklopfen?“, raunzte er.
Harry zuckte zusammen. „Verzeihung“, sagte er und schluckte. Langsam machte er einen vorsichtigen Schritt zurück.
Snape legte seine Feder auf den Tisch. „Jetzt kommen Sie schon rein“, sagte er mit barscher Stimme. „Sie sind spät genug dran.“
Harry schluckte, senkte den Kopf und schloss die Tür hinter sich. Unschlüssig blieb er vor Snapes Schreibtisch stehen.
Ungeduldig deutete Snape auf den Stuhl vor dem Tisch. Harry setzte sich hin und hielt sich mit den Händen an der Stuhlkante fest.
„So“, meinte Snape, und es klang fast schon so unsicher und leidend wie Harry. „Nachdem der Schulleiter es wohl so am besten fand, müssen wir uns wohl arrangieren -“
„Sagte er nicht, es wäre Ihre gemeinsame Entscheidung gewesen?“, fragte Harry.
Diese Frage schien Snape kurz aus der Fassung zu bringen. Schmerzvoll verzog er sein Gesicht. „Natürlich“, sagte er dann. „Natürlich hielt auch ich es für… eine gute Entscheidung.“ Aber aus seinem Gesicht konnte man das Gegenteil ablesen. „Jedenfalls wohnen Sie jetzt hier und daher -“
„Sir“, unterbrach Harry wieder mit leiser Stimme, „meinen Sie nicht, Sie sollten mich duzen, wenn ich schon bei Ihnen wohne?“
Wieder brauchte es eine Sekunde, bis Snape sich wieder gefasst hatte. Er griff sich mit der Hand an den Kopf und massierte sich die Schläfen. „Doch“, sagte er stöhnend, „natürlich. Also, was ich sagen wollte, du wohnst ja jetzt hier zumindest am Wochenende, insofern sollten wir einige deiner Kleidungsstücke hier deponieren, genau wie dein anderes Zeug -“
„Hier?“, fragte Harry verwirrt und sah sich im Büro um.
Snapes Zunge schnellte ärgerlich über seine Lippen und Harry zog den Kopf ein, als der Professor in genervter Stimme zu sprechen begann. „Natürlich nicht hier. Auf meinem Zimmer. Glaubst du, ich schlafe in meinem Büro?“, fragte er unwirsch.
Harry schüttelte schnell den Kopf. „Verzeihung.“
Snape tippte mit den Fingern auf der Tischkante herum. „Wenn du dir ein angenehmes Zusammenlebe vorstellst, Potter, schlage ich vor, du lässt deine unüberlegten Kommentare und Fragen.“
Harry umklammerte den Stuhl mit den Fingern fester. „Natürlich, Sir.“
„Natürlich“, äffte Snape ihn nach, „ich hoffe, du hältst dich daran, sonst kriegen wir ganz schnell Probleme. Ich habe Besseres zu tun, als mir deine frechen Antworten anzuhören, davon kriege ich ja schon genug im Unterricht mit.“
Harry erblasste. Wahrscheinlich würde Snape ihm ihr erstes Kennenlernen auf ewig vorhalten. Hoffentlich war er nicht so sauer, wie er wirkte.
Snape sah den Jungen, der vor ihm saß, mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Bei dem Gedanken, ein ganzes Wochenende oder länger mit ihm zu verbringen, ihn zu erziehen, wurde ihm schlecht. Langsam erhob er sich von seinem Stuhl. „Also, Potter“, sagte er ruhig, „Sie- Du gehst in deinen Schlafsaal, holst schnell dein Zeug und ich gehe schon mal vor auf mein Zimmer.“ Er deutete kurz auf die zweite Tür des Büros.
Harry nickte, sprang vom Stuhl auf und huschte aus der Tür ohne ein weiteres Wort. Nachdenklich blickte Snape ihm nach. Nicht einmal „Tschüß“ konnte Potter sagen. Scheinbar war alles, was er bei den Dursleys gelernt hatte, Befehlen sofort Folge zu leisten.

Snape stand vor seiner Kommode. Er wusste genau, wessen Gesicht ihn anlächeln würde, wenn er die oberste Schublade aufzog. Er hatte das Foto von Lily, als er heute Nachmittag das Zimmer für Harrys Einzug vorbereitet hatte, zuerst abgehängt, dann wieder herausgeholt, dann wieder in die Kommode gelegt. Seit er angefangen hatte, hier zu arbeiten, hatte er nicht eine Nacht ohne sie verbracht. Jeden Abend sah er noch einmal in ihre grünen Augen.
Er seufzte und ließ die Kommode geschlossen. Es war ja nur für die Wochenenden, erst einmal…
Es klopfte. Snape kontrollierte noch mal, ob die Kommode geschlossen war, bevor er „Herein“ rief.
Die Tür wurde aufgestoßen. Hinter ihr stand Harry, mit einem Haufen Klamotten im Arm. Neben ihm flatterte die Schneeeule, die Snape auch schon am ersten Tag aufgefallen hatte.
Harry schleppte die Sachen in das Zimmer, während die Eule begann, auf und ab zu fliegen. Irritiert  blinzelte Snape mit den Augen. „Die kann aber nicht hier bleiben“, sagte er nachdrücklich, als sie sich auf seiner Kommode niederließ.
„Sie schläft in der Eulerei“, meinte Harry schnell. „Sie ist nur mitgekommen, und ich dachte -“
Snape verzog sein Gesicht. Für seinen Geschmack dachte der Junge zu viel. Er öffnete das Fenster und machte einige unbeholfene Armbewegungen, damit die Eule den Raum verließ. Sie zeigte sich nicht besonders beeindruckt und Snape stöhnte innerlich auf. Er hatte noch nie ein Händchen für Tiere gehabt.
„Komm“, meinte er mit bestimmter Stimme, „raus hier.“
„Sie heißt Hedwig“, sagte Harry erklärend, und ging hinüber zu seiner Eule. „Komm, Hedwig, zurück zu den anderen Eulen, wie jede Nacht.“
Sie sah ihn einen Moment lang an, bevor sie sich erhob und mit schwingenden Flügeln aus dem Fenster hinaus in die Nacht glitt. Snape schloss das Fenster und drehte sich zu Harry um. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er erst den Kleidungsstapel, dann Harry. Das Kind hatte wieder seinen Bitte-friss-mich-nicht-Blick und für einen Moment fragte Snape sich kurz amüsiert, ob die Muggel ihm das Märchen vom bösen Wolf vielleicht zu oft vorgelesen hatte. Dann erinnerte er sich daran, dass Harry wahrscheinlich genau so viele Märchen kannte wie er selbst, und seufzte.
„Komm“, meinte er, „ich zeige dir dein Bett, und dann schläfst du. Wir besprechen morgen alles Weitere.“
Harry warf einen Blick auf die Uhr, die über Snapes Bett  hing. Es war eigentlich noch lange nicht müde, aber er traute sich nicht, irgendwas zu sagen. Weil er durch den Besuch bei Hagrid das Essen in der großen Halle verpasst hatte, hatte er bis auf die Felsenkekse, die jetzt doch schwerer im Magen lagen als gedacht, nichts gegessen. Aber auch davon sagte er nichts. Er konnte sich denken, dass Snape nicht begeistert sein würde, wenn er ihm sagen würde, dass er die Zeit und das Essen vergessen hatte.
Er schob sich hinter Snape in den kleinen Nebenraum, in dem noch ein Bett stand. Obwohl der Raum klein war, war er immer noch viel größer, als der Schrank unter der Treppe, und das Bett sah viel gemütlicher aus. Zum ersten Mal hatte Harry doch das Gefühl, dass er hier willkommen war. Er drehte sich mit leuchtenden Augen zu Snape um, aber der hatte ihm bereits wieder den Rücken zugedreht und ging Richtung sein Büro. Er löschte das Licht und nickte Harry noch einmal kurz zu.
„Gute Nacht.“
Harry schluckte. „Gute Nacht“, sagte er leise, und kletterte in sein Bett. Er konnte hören, wie Snape nebenan an seinem Schreibtisch saß und mit der Feder über das Papier kratzte. Er fragte sich immer noch, wie jemand mit diesem Teil vernünftig schreiben konnte.
Vielleicht würde er Snape mal danach fragen. Aber erst einmal musste er sich noch an den Menschen gewöhnen – und an diesen Ort hier. Er war nicht ungemütlich, aber doch … kalt. Harry kuschelte sich unter die Decke und schloss die Augen, aber es dauerte noch lange, bis er eingeschlafen war. Keine Nacht in Hogwarts hatte er bisher schlechter geschlafen – schon wieder ein neues Bett, ein neuer Zimmernachbar. Und obwohl Harry sich wünschte, es wäre anders – er hatte vor Snape fast so viel Angst wie vor Vernon. Im Vergleich zum Gryffindor Gemeinschaftsraum fühlte er sich unsicher, und alleine.

Kapitel 11

Harrys Rücken tat am nächsten Morgen weh, als er langsam blinzelnd die Augen öffnete und sich den Schlaf aus den Lidern rieb. Durch den kleinen Spalt unter der Tür schien Licht herein. Langsam setzte Harry sich auf und rieb sich über den Rücken. Das Bett hier schien noch harter zu sein als das im Gryffindor Gemeinschaftsraum, besonders gut tat seiner Wirbelsäule das nicht. Er nahm sich seine Schuluniform von seinem Stapel Klamotten und betrachtete sie unsicher.
An den Wochenenden war Freizeitkleidung erlaubt. Aber Harry war sich nicht sicher, ob das auch hier bei Snape gelten würde. Mal abgesehen glaubte er nicht, dass Snape seine alten Klamotten gutheißen würde. Er schlüpfte schnell in die Uniform und strubbelte sich durch die Haare. Einen Kamm hatte er im Schlafsaal vergessen – etwas, was er jetzt sehr bereute. Ein Blick in den Spiegel, der am Schrank hing, zeigte ihm, dass es unmöglich war, sie ohne Hilfsmittel zu bändigen. Er seufzte. Er hatte sich so sehr vorgenommen, am ersten Tag bei Snape einen guten Eindruck zu machen.
Vielleicht hätten sie dann ihre 'Anfangsschwierigkeiten' übersehen können. Langsam ging er zur Tür und legte die Hand auf die Türklinke, ohne sie hinunter zu drücken. Während er auf seine Finger hinabschaute, auf denen immer noch die schwindenden Narben zu erkennen waren, fragte er sich, was ihn wohl erwarten würde.
Dumbledore hatte gesagt, dass Snape und er sich 'aneinander gewöhnen mussten', aber was genau meinte er damit? Wie war Snape, wenn er nicht gerade Unterricht gab? Und viel wichtiger, was erwartete er von Harry? Dumbledore hätte ihm mehr Instruktionen geben können. Das Leben bei Snape würde sich so sehr von den Dursleys unterscheiden, dass es schwer werden konnte, alles richtig zu machen.
Aber er wollte alles richtig machen! Er musste jetzt mit Snape zusammen leben, und das hieß, er musste mit ihm klar kommen. Er wollte sich nicht ausmalen, wie Snape drauf war, wenn er richtig sauer auf Harry war.
Harry lugte durchs Schlüsselloch, um herauszufinden, ob der Mann noch schlief. Wecken wollte Harry ihn an einem Samstagmorgen auf keinen Fall! Aber er konnte nichts erkennen und nach einer weiteren zögernden Minute drückte er schließlich die Türklinke herunter.
Snapes Bett war leer, aber als Harry den Blick nach rechts drehte, stellte er fest, dass er am Küchentisch saß, mit einer dampfenden Tasse in der Hand. Er schien Harry nicht zu bemerken und sah verdrießlich aus.
Harry schluckte und machte unsicher einen Schritt nach vorne. Snape sah auf.
„Guten Morgen“, sagte Harry und trat von einem Fuß auf den anderen.
Snape nickte langsam. „Guten Morgen“, brummelte er. Als Harry sich nicht bewegte, hob er nur eine Augenbraue und nickte auf den Stuhl, der gegenüber von seinem stand. Harry beeilte sich, sich hinzusetzen. Mit seinen Fingern krallte er sich an die Stuhlkante während er versuchte, das mulmige Gefühl in seinem Magen zu ignorieren.
Snape betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn. „Potter“, sagte er dann langsam, „ist dir bewusst, dass heute Samstag ist?“
Harry sah an sich herunter. „Ja“, sagte er dann unsicher.
Snape drehte seinen Löffel in der Tasse. „Warum genau trägst du dann deine Schuluniform, anstatt sie an den freien Tagen zu waschen?“
Harry schluckte. „Verzeihung“, sagte er, „Gewohnheit.“
Snape zog seine Augenbrauen, falls das überhaupt möglich war, noch enger zusammen. „Potter“, sagte er dann und sein strenger Ton ließ Harry zusammenzucken, „ich dachte, ich hätte dir vielleicht inzwischen klar gemacht, dass du wie ein vernünftiger Mensch und in ganzen Sätzen mit mir sprichst. Ist das so kompliziert?“
Harrys Zähne nagten an seiner Lippe herum. „Nein, Sir“, sagte er, „Entschuldigung.“
„Nimm's dir zu Herzen“, grummelte Snape. „Und jetzt tausch die Uniform gegen deine normalen Klamotten, bevor sie schmutzig wird.“
„Ja, Sir“, sagte Harry leise und stand vom Tisch auf.


Snape sah Harry kritisch an, als dieser einige Minuten später in Jeans und grauem T-Shirt aus seinem Zimmer zurück kam. Die paar Minuten hatte Snape genutzt, um eine Scheibe Brot und Käse auf einen Teller zu legen und Harry bereitzustellen.
Harry fummelte am Stoff seiner Klamotten herum. Snape fiel auf, dass sie ihm viel zu groß waren, und er fragte sich, ob der Junge absichtlich seine hässlichsten Klamotten angezogen hatte, um ihn zu provozieren. Es würde zu ihm passen.
Falls dem so war, so würde er jedenfalls nicht darauf anspringen. Er deutete nur kurz auf Harrys Teller. „Guten Appetit“, sagte er. Sowohl sein Tonfall als auch seine Gestik machten klar, dass über Harrys Frühstück nicht diskutiert wurde. Harry rutschte auf seinen Stuhl.
„Danke, Sir“, sagte er, bevor er sich sein Brot belegte und zu essen begann.
Snape sah ihm zu, während er Schluck für Schluck seinen Kaffee nippte. Wenigstens folgte der Junge Anweisungen, wenn man sie bestimmt genug aussprach.
Vielleicht war bei seiner Erziehung doch noch nicht alles verloren.
Während Snape den ungekämmten Haarbüschel vor sich sah, nahm er sich fest vor, nicht nachsichtig mit Potter zu sein. Aber die blitzend grünen Augen bewahrten ihn davor, zu vergessen, dass er Harry mit Liebe begegnen sollte.


Als Harry zu Ende gefrühstückt hatte, schob Snape seine Kaffeetasse beiseite und legte die Hände auf den Tisch. Er öffnete den Mund und wollte gerade zu sprechen beginnen, als Harry ungefragt vom Tisch aufstand, mit der einen Hand die Kaffeetasse und mit der anderen den Teller griff und Anstalten machte, zum Spülbecken zu gehen.
„Potter“, sagte Snape, und Harry blieb auf der Stelle stehen. Snape deutete auf den Stuhl und konnte seine Gereiztheit nicht verbergen. „Ich wollte gerade etwas mit dir besprechen.“
Harry sah ein wenig verwirrt aus, und Snape fragte sich genervt, warum er nicht Lilys Gehirn hatte erben können.
„Setz dich“, sagte er ungehalten.
Das Geschirr klapperte, als Harry sich zurück zum Tisch bewegte. Snape konnte sehen, dass seine Finger zitterten und bekam verstärkt das Gefühl, dass Harry mehr Geduld brauchte, als er jemals aufbringen konnte.
Harry sagte nichts und Snape tippte sich überlegend ans Kinn. Harry musste Regeln lernen, und er musste sie befolgen. Wenn er jetzt keine klare Strukturen hatte, würde nie etwas aus ihm werden, vor allem aber niemand, der dem Dunklen Lord die Stirn bieten konnte!
Den ganzen Abend hatte er damit verbracht, über Potter nachzudenken. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er Harrys Leben so gestaltet, dass es für ihn am angenehmsten war, aber ihm war klar, dass er dann Ärger mit Dumbledore bekommen würde – und mit seinem eigenen Gewissen. Schließlich sollte es Lilys Sohn nicht schlecht gehen.
Obwohl er dafür sorgen wollte, dass Potter sich bei ihm wohlfühlte, so wollte er dennoch, dass der Junge sein Leben nicht auf den Kopf stellen sollte. Und dass er gut erzogen war.
Gleichzeitig sollte nichts, aber auch gar nichts, ihn an sein Leben bei den Dursleys erinnern. Das hatte Snape sich gestern Abend geschworen.
Er war nicht so dumm, nicht zu wissen, dass das Kind traumatisiert war und es war an ihm, dieses Trauma zu beseitigen. Und so ungern er diesen Job hatte – nun war es seine Aufgabe, und er würde sie bravourös meistern.
„Also“, sagte er mit möglichst neutraler Stimme. „Jetzt wo wir zusammenleben, gibt es ein paar Regeln, an die du dich halten musst.“
Harry nickte und sah ihn mit großen Augen an. Snape seufzte innerlich. Es war mehr als anstrengend, dass Harry scheinbar nicht mal „Ja“ sagen konnte. Aber er beschloss, ihn jetzt nicht noch mal zurechtzuweisen. Dazu würde er wahrscheinlich ohnehin noch genug Gelegenheit haben. „Erstens“, sagte er, „verlässt du den Tisch nur, wenn wir fertig mit dem Essen essen sind, kommst nicht ungefragt in mein Büro und machst nichts kaputt. Zweitens bringst du dich nicht in unnötige Gefahr, dazu zählt auch, dass du die Finger von meinen Utensilien und Zutaten lässt – und generell mein Büro nicht ohne meine Erlaubnis betrittst. Und nein, diese Regel zählt nicht nur an Wochenenden, sondern immer. Verstanden?“
Harry nickte schnell. „Ja, Sir.“
„Drittens hältst du dich an das, was ich dir sage.“
Harry nickte und sah ihn dann mit noch größeren Augen an. Einen Moment sprach niemand. Snape sah auf seine Hände. Er konnte sich vorstellen, dass es Potters Sohn nicht zu lange brauchen würde, um diese Regeln zu brechen. Andererseits hatte Harry sich bisher erstaunlich höflich gezeigt. Nervig, aber noch hatte er nichts getan, was Snape ihm vorhalten konnte. Und Snape war mehr als erleichtert darüber.
Harrys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Und – Und weiter?“, fragte er und blickte Snape verunsichert an.
Snape sah auf und zog seine Hände vom Tisch. „Was, und weiter?“, fragte er irritiert.
„Was sind die anderen Regeln?“
Snape sah ihn verwirrt an. „Das war's erst mal“, sagte er und starrte den Jungen vor sich grummelig an. Es hatte gestern Stunden gedauert, sich zu überlegen, was er Harry wie vermitteln musste, und alles, was der Junge zu seinen Mühen zu sagen hatte war, ob es noch mehr Regeln gab.
Du meine Güte.
Harry rutschte auf seinem Stuhl herum. „Kann ich jetzt aufstehen?“, sagte er leise und sah sich unruhig in der Wohnung um. Snape nickte, warf dem Kind aber einen misstrauischen Blick zu. „Hast du noch etwas vor?“, fragte er argwöhnisch.
Harry blickte wieder erschrocken. „Nein“, sagte er zögerlich, „aber… Sir… Die Wohnung...“
„Was soll mit ihr sein?“
„Wer macht sie sauber?“
Snape runzelte die Stirn und sah sich um. „Potter“, sagte er gereizt, „wenn es dir hier nicht passt -“
Aber Harry schüttelte schon wieder den Kopf. „Nein, das meinte ich nicht“, schob er schnell nach, „Verzeihung… Aber ich…“ Er schluckte. „Ich kann sie sauber machen, wenn ich mit dem Geschirr fertig bin, ich kann mich auch beeilen, ich wollte nur wissen, ob -“
Er sah aus, als würde er gleich anfangen zu weinen und Snape hob beschwichtigend die Hand.
Selber ein wenig unsicher sah er sich in seiner Wohnung um. Sie war bei weitem nicht so unordentlich, dass es einem Jungen von elf Jahren als erstes in den Sinn kam, sie aufzuräumen und zu putzen. Das musste eine weitere Spur sein, die die Dursleys hinterlassen hatten.
„Potter“, sagte er ruhig, „setz dich noch mal.“
Harry blickte unsicher auf das Geschirr in seinen Händen. Genervt stand Snape auf, entriss Harry Teller und Tasse und warf es achtlos in das Waschbecken. Es schepperte. Harry zuckte erschrocken zusammen, Snape packte ihn an den Schultern und drückte ihn zurück in seinen Stuhl.
Dann setzte er sich selber wieder hin. Harry starrte auf das Geschirr in der Spüle, als schaute er einem kleinen Hund beim Sterben zu. Snape verdrehte die Augen. Das Geschirr hatte nicht mal Kratzer bekommen. „Potter“, sagte er, und Harry wandte sich schnell wieder ihm zu, „hör mir zu. Dumbledore und ich haben deinen Einzug hierher nicht geplant, damit du wie bei den Dursleys lebst und für mich den Hauselfen machst. Um meine Wohnung kümmere ich mich in erster Linie. Du bist nur für deine Hausaufgaben verantwortlich.“
Zu seiner Überraschung schien Harry aber durch seine Worte nicht wirklich erleichtert zu sein. „Aber“, sagte er mit ein wenig Verzweiflung in der Stimme, „wie kann ich dann für mich aufkommen, Sir?“
Snapes Augen blitzten. „Wie meinst du das?“
„Wie kann ich mir mein Essen verdienen, wenn ich nicht bei der Wohnung helfe?“
Snape starrte ihn an. Na, Herzlichen Glückwunsch, die Dursleys hatten ganze Arbeit geleistet, sich einen Sklaven heranzuziehen, den er jetzt richtig biegen durfte.
„Unsinn“, schnarrte er, „wieso solltest du dir dein Essen verdienen? Du lebst hier bei mir, das heißt, dass ich für dich sorge. Du nimmst jeden Tag drei Mahlzeiten zu dir, das ist noch eine Regel.“
„Aber -“, begann Harry.
„Kein Aber! Wenn ich noch ein Wort über die Dursleys höre, bleibst du den ganzen Vormittag in deinem Zimmer und besinnst dich darauf, wo du jetzt wohnst. Ihre Regeln und Vorschriften tun hier nichts zur Sache. Ab jetzt zählt, was ich sage, und du vergisst jedes einzelne Wort, das deine Verwandten zu dir gesagt haben.“
„Aber -“
„Jedes einzelne Wort, oder wir kriegen Ärger.“
Harry verstummte.
Snape lehnte sich müde in seinem Stuhl zurück und sah auf die Uhr. Gerade mal halb zehn, und er wünschte sich jetzt schon, das Wochenende wäre vorüber. Er brauchte dringend ein wenig Harry-freie Zeit.
„Geh in dein Zimmer“, sagte er, „und mach Hausaufgaben. Den Abwasch erledige ich.“
Harry biss sich auf seiner Lippe herum. „Sicher?“, fragte er zögerlich.
Snape verdrehte die Augen. „Glaubst du, ich schaffe es nicht, das bisschen Geschirr sauber zu kriegen? Wenn du mir nicht bald mit Respekt begegnest, Potter...“
„Verzeihung“, sagte Harry, bevor Snape überhaupt fertig sprechen konnte. „Verzeihung, Sir.“
Er sprang von seinem Stuhl auf. „Ich bin in meinem Zimmer. Ich werde auch nicht stören.“
Harry nickte Snape kurz zu und schlüpfte dann durch die Tür. Dieser sah ihm nur nach und stieß einen langen Seufzer aus.

Harry beugte sich über sein Pergamentpapier. Er hatte beschlossen, mit dem Zaubertrankaufsatz zu beginnen, das würde Snape sicher gefallen. Leider fiel es ihm immer noch genau so schwer wie am ersten Tag, mit der Feder zu schreiben. Zwar war er ein wenig schneller geworden, aber seine Buchstaben waren schwer leserlich und die Hälfte des Pergaments war von seiner Hand verschmiert. Vielleicht sollte er versuchen, mit der rechten Hand zu schreiben, aber das schaffte er noch weniger als links. Ab und zu lugte er zur Tür, aber Snape störte ihn nicht.
Unwillkürlich begann Harry, zu lächeln. Er hatte ein Zimmer bekommen, etwas zu essen, und rumgebrüllt hatte Snape bisher auch nicht. Nicht mal mehr die Wohnung sollte er putzen! Auch wenn Harry es kaum glauben konnte, aber vielleicht würde es ihm bei Snape nicht nur besser als bei den Dursleys gehen. Vielleicht würde es ihm gut gehen.
Wenn es nur nicht ausgerechnet Snape wäre. Konnte man bei guten Umständen Persönlichkeit und Charakter vergessen? Harry wusste es nicht. Im Moment war er einfach nur erleichtert. Es hätte schlimmer kommen können.

Kapitel 12

Es dauerte lange, bis Harry mit den Hausaufgaben fertig war. Einerseits war er froh darüber – er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn er fertig war, aber andererseits gab es auf Dauer auch Spannenderes zu tun, als Aufsätze zu schreiben. Man hätte meinen können, dass das ewige Schreiben auf einer Zaubererschule weniger schlimm sein würde, aber hinter der Magie steckte doch mehr Theorie, als sich vermuten ließ.
Gegen Mittag klopfte es an die Tür. Harry ließ die Feder sinken, als Snape eintrat, und drehte sich zu ihm um.
Snape sah fast schon unbeholfen aus, als er so im Türrahmen stand. Aber seine Unsicherheit verflog sofort und mit großen Schritten ging er auf Harry zu, der reflexartig den Kopf einzog. Snape warf einen kurzen Blick auf den Schreibtisch und sagte dann: „Hast du Hunger?“
„Nein“, sagte Harry automatisch. Sein Magen aber grummelte leise, und Snape hob eine Augenbraue.
„Vielleicht doch“, sagte Harry zögerlich.
Snape nickte. „Es gibt gleich Mittagessen“, sagte er, und beugte sich über Harrys Aufgaben. Während er mit gerunzelter Stirn das Pergament betrachtete, sank Harry auf seinem Stuhl ein wenig kleiner zusammen. Snape drehte sich zu ihm. Er sah grantig aus. „Sag mal, bringen sie euch auf der Muggelschule gar nichts bei oder hältst du es nicht für nötig, ordentlich zu schreiben?“
Harry warf einen Blick auf seinen Aufsatz. „Ich… Ich habe mir Mühe gegeben“, sagte er leise.
Snape starrte ihn an und lachte dann kalt auf. „Mühe gegeben“, rief er. „Willst du mich zum Narren halten? Wenn du dir schon keine Arbeit mit der Schrift machen willst, dann gib es wenigstens zu!“
Harry rutschte tiefer in seinen Stuhl. Sein Gesicht war knallrot. „S-Sir“, sagte er zitternd, „ich will Sie nicht zum Narren halten… Ich…“
„Die Schrift ist eine Zumutung“, unterbrach Snape ihn. „Du schreibst jetzt alles noch einmal ab. So, dass deine Lehrer es auch lesen können.“
Harry nickte und griff mit seiner zitternden Hand nach der Feder. Er hatte erwartet, dass Snape sich umdrehen und gehen würde, aber der Mann stand mit verschränkten Armen hinter ihm und sah ihm genau zu. Harry nahm sich eine neue Rolle Pergament und begann zögerlich, die ersten Zeilen seines Verwandlungsaufsatzes abzuschreiben. Er hatte gerade den ersten Satz beendet, als Snape ihn schon wieder unterbrach.
„Potter“, sagte er scharf.
Harry sah erschrocken auf. Snape rieb sich nachdenklich das Kinn. „Erzähl mir nicht, dass du nicht besser schreiben kannst“, sagte er. Harry nickte, und Snape sah ihn fassungslos an. Bevor er wieder etwas sagen konnte, sprach Harry.
„Sir… Wir haben in meiner alten Schule nicht mit Feder und Tinte geschrieben“, meinte er, immer noch mit wackeliger Stimme. „Wir hatten Füller, und es geht viel leichter… Ich gebe mir wirklich Mühe beim Schreiben!“ Jetzt war er wieder fast den Tränen nah.
Snape sah ihn verwirrt und etwas unbeholfen an. Für einen Moment war er nicht sicher, ob Potter ihn auf den Arm nehmen wollte. Mit Füller schreiben!
Aber so, wie er jetzt aussah, glaubte er nicht, dass er Witze machte. Harrys Gesichtsausdruck war ängstlich. Stöhnend richtete Snape sich auf.
„Hör zu“, sagte er, „ich richte uns etwas zu Essen, und du machst Pause. Wir klären das später.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
Während Snape in der Küche stand und das Essen zubereitete, kreisten seine Gedanken noch immer um Potters Probleme. Jetzt sollte er dem Kind auch noch schreiben beibringen! Aber was tat man nicht alles für die Frau, die man geliebt hatte und niemals verlassen wollte…
Er seufzte. Mit Harry umzugehen war genau so schwierig, wie er sich vorgestellt hatte, mit dem Unterschied, dass der Junge keinerlei Selbstsändigkeit besaß und scheinbar nichts alleine hinbekam. Er hörte die Tür quietschen und drehte sich um. Schüchtern schob Harry sich aus seinem Zimmer.
„Soll ich… Soll ich helfen?“, sagte er leise, den Blick auf den Boden gerichtet.
Für einen Moment war Snape dazu geneigt, entweder aus Prinzip abzulehnen oder Harry die ganze Arbeit zu übergeben und sich ins Büro zu setzen und zu arbeiten. Aber weder die eine noch die andere Möglichkeit schien ihm pädagogisch sinnvoll und wahrscheinlich wäre Dumbledore auch nicht damit einverstanden. Er betrachtete Harry kritisch. „Kannst du denn kochen?“
Jetzt richtete Harry sich ein wenig auf und sah fast schon stolz aus. „Natürlich“, antwortete er. „Bei meinen Verwandten habe ich immer Frühstück gerichtet, Mittagessen gekocht und Abendessen zubereitet.“
Snape hob eine Augenbraue. „Und nichts von dem Essen abbekommen, richtig?“, meinte er sarkastisch.
Harry hob unsicher seine Schultern und sah wieder auf den Boden. „Freaks kriegen nichts zu essen.“
Snape ließ fast das Messer fallen. „Wie bitte?“, sagte er mit scharfer Stimme.
Harry knetete seine Hände. „Freaks kriegen nichts zu -“
„Ich habe sehr wohl verstanden, was du gesagt hast!“, rief Snape gereizt. „Wiederhol das ja nicht noch mal. Diese unsinnige Schlussfolgerung deiner Verwandten vergisst du sofort, genau wie alles andere, was sie dir gesagt haben.“
Harry wirkte unsicher. „Aber Sir -“, begann er, und Snape schüttelte verärgert den Kopf.
„Nichts aber“, sagte er. „Nur aus Interesse, was genau definiert dich denn als Freak?“
Er nahm eine Karotte aus dem Küchenschrank und schnippelte sie klein. Harry konnte sicher einige Vitamine gebrauchen. Bei dieser Unterernährung erstaunte es Snape immer wieder, dass Potter bisher so gut überlebt hatte.
Harry sah ihn überrascht an. „Ich bin anders als die anderen“, sagte er dann erklärend, „ich bin dumm, zu nichts zu gebrauchen, ein Klotz am Bein… und eben ein Freak.“
Snape runzelte die Stirn. Jetzt zu sagen, dass er Harry tatsächlich nicht für besonders intelligent hielt, wäre wohl taktlos. Es schockte ihn immer wieder, was für Schwachsinn die Dursleys ihm immer wieder eingebläut hatten – im wahrsten Sinne des Wortes auch noch! Harry hinterfragte ihre Meinungen ja nicht mal mehr. Gedankenverloren schmiss er die Karotten in den Topf, zusammen mit ein wenig Salat und warf einen Blick in seinen Ofen. Darin begann der Kürbisauflauf braun zu werden.
Interessiert betrachtete Harry den Herd. „Soll ich jetzt helfen?“, fragte er zögerlich.
Snape nagte an seiner Lippe herum. In keinster Weise sollte Potter das Gefühl bekommen, dass er hier auch als Sklave fungierte, aber andererseits konnte ein wenig Mithilfe auch sicher nichts schaden. „Ich bin schon so gut wie fertig“, sagte er, und nahm einen Kochlöffel von der Ablage, um das Gemüse zu verrühren. „Du kannst den Tisch decken, bitte.“
Harry nickte und trat an den Küchenschrank. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den Kochtopf. Snape warf ihm einen Blick zu. Was passte dem Jungen denn jetzt schon wieder nicht?
„Was denn?“, fragte er gereizt, und seine Lippen zuckten amüsiert, als Harry zusammenzuckte.
„Verzeihung, Sir“, sagte Harry und deutete auf den Kochtopf. „Aber wollen wir den Salat nicht roh essen?“
Snape warf einen Blick in das brodelnde Wasser, indem Karotten, Pastinake und jetzt eine grau-grüne Salatpampe schwammen.
„Doch, natürlich“, sagte er, und zum ersten Mal seit langem, musste er sich Mühe geben, nicht rot zu werden. „Schmeckt so besser“, sagte er zähneknirschend.
Harry nickte langsam und fragte nicht weiter nach. Snape nahm ein Sieb, schüttete die Gemüsepampe ab und nahm seinen Zauberstab aus der Tasche. Innerhalb von Sekunden war der Salat wieder roh, und, etwas lieblos, begann Snape, ihn mit etwas Soße anzurichten. Harry hatte inzwischen gedeckt und sah Snape mit kritischem Auge zu.
„Setz dich schon mal hin“, sagte Snape zu ihm, und Harry gehorchte sofort. Snape betrachtete unglücklich seine Salatpampe. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es doch etwas anderes wahr, alleine zu wohnen, wenn man während der Schulzeit in der großen Halle und in den Ferien im Lokal essen konnte. Oder sich eben einfach schnell das zurechtmachte, das man brauchte. Nudeln bekam auch er gerade noch hin.
Aber natürlich konnten er und Harry nicht jedes Wochenende Nudeln essen.
Hoffentlich war wenigstens der Auflauf etwas geworden. Snape knallte die Salatschüssel auf den Tisch und bückte sich, um in den Ofen zu sehen. Wirklich etwas sehen konnte man unter der – sehr krossen – Kruste nicht wirklich. Aber es würde schon irgendwie schmecken. Er nahm sich einen Topflappen, öffnete den Ofen und schob die Form auf den Tisch. Harry betrachtete das Essen interessiert.
Snape setzte sich an den Tisch und füllte erst sich selbst, dann Harry Salat auf. Harry rutschte unsicher auf seinem Stuhl herum, und Snape warf ihm einen genervten Blick zu.
„Was hast du denn schon wieder?“ Dann fiel es ihm ein möglicher Grund für Potters Verhalten ein. „Tut dir Sitzen immer noch weh?“
Harry schüttelte den Kopf.
„Dann ist ja gut“, sagte er, und nahm seine Gabel in der Hand. „Iss“, meinte er, und nickte auf den Salat. Harry starrte ihn nur mit großen Augen an, als hätte er chinesisch gesprochen.
„Sir“, sagte er zögerlich, „meinen Sie… ich soll hier essen? Wir zusammen, an einem Tisch?“
Jetzt war es an Snape, zu starren. „Natürlich“, sagte er mit Nachdruck. „Wo hättest du denn essen wollen? Im Küchenschrank? Unter der Treppe, vielleicht?“
Es war eine ironische Bemerkung gewesen, aber Ironie schien für Harry ein Fremdwort zu sein. Er nickte.
Snape knallte die Gabel auf den Tisch. „Potter“, sagte er scharf, „erzähl mir nicht, du hättest bei deinen Verwandten im Küchenschrank gegessen!“
„Nicht im Küchenschrank“, sagte Harry schnell, „ich habe im Schrank unter der Treppe gegessen.“
Snape sah ihn ungläubig an.
„Da war ja auch mein Zimmer, Sir“, fügte Harry erklärend hinzu.
Es brauchte einen Moment, bis Snape sich gefasst hatte.
Lilys Sohn unter einer Treppe in einem Schrank! Der Auserwählte eingepfercht auf kleinstem Raum! Du meine Güte. Er würde noch ein Wörtchen darüber mit Dumbledore zu reden haben.
„Nun“, sagte er dann, „was habe ich dir zu den Regeln von den Dursleys gesagt?“
„Vergessen, Sir.“
Snape nickte zufrieden. Wenigstens das hatte der Junge verstanden. „Und darunter fällt auch diese merkwürdige Angewohnheit. Wir essen zusammen. In der Küche. Verstanden?“
Harry nickte. „Natürlich, Sir.“

Und das taten sie auch. Beide schwiegen das ganze Essen über – Harry, weil er sich nicht traute, einen Ton von sich zu geben, und Snape, weil er wenig Lust verspürte, mit Harry weitere Gespräche zu führen. Nachdem sie alles abgeräumt hatten – Snape hatte Harry gezwungen, zwei Teller zu essen und das Wegräumen ihm zu überlassen, „du machst mir sonst noch Unordnung“ - standen sie auf und gingen in Harry Zimmer. Snape brachte einige leere Blätter Pergamentpapier mit und eine spezielle Schreibfeder. Diese war so konzipiert, dass junge Zauberer das Schreiben schneller erlernten. Für gewöhnlich wurden sie in den Vorschulen für Hogwarts gebraucht, oder zu Hause von den Eltern an die Kinder gegeben.
Harry betrachtete die Feder interessiert. „Hör zu“, sagte Snape, „das ist etwas, was ich normal allen meinen Schülern am ersten Tag erkläre. Das Schreiben mit der Feder ist eigentlich keine große Kunst, wenn man jeden Tag ein wenig übt und sich eine Hilfsfeder besorgt. Wie diese hier.“ Er drückte sie Harry in die Hand und legte ihm das Pergamentpapier zurecht. „Nimm dir einen Text aus deinem Zaubertrankbuch“, ordnete er an, „und schreib ihn ab.“
Harry nickte und tunkte die Feder ins Tintenfass. „Wie oft?“
Snape betrachtete den Jungen nachdenklich. Am liebsten würde er sagen „das ganze Wochenende.“ Potter hatte es nötig, richtig schreiben zu lernen – und er hätte dann wenigstens seine Ruhe.
Aber er konnte sich lebhaft vorstellen, was Dumbledore und Minerva dazu sagen würden, und er hatte keine Lust, von einem der beiden zurechtgewiesen zu werden.
„Drei Mal“, sagte er schließlich. Harry nickte, und Snape drehte sich zur Tür.
„Professor?“, fragte der Junge leise. Snape sah ihn an.
„Ja?“
„Werde ich das Schreiben genau so gut können wie alle anderen?“ Harrys Stimme war leise, fast schon kaum hörbar und für einen Moment war Snape versucht, in für seine undeutliche Sprache zurechtzuweisen. Aber etwas hielt sich zurück – die Art, wie Harry ihn mit seinen Rehaugen – mit Lilys Rehaugen! - anblickte, wie ängstlich er aussah…
Und auf einmal erinnerte Harry ihn nicht an Lily und auch nicht an den großspurigen James. Harry erinnerte ihn an einen Jungen mit schwarzen Haaren, der nach Hogwarts gekommen war, ohne dass ihm jemand jemals eine Schreibfeder in die Hand gedrückt hatte. Ein Junge, ähnlich abgemagert und alleine gelassen wie Harry, von allen niedergemacht, weil er nicht mal mehr schreiben konnte…
Habt ihr Snape gesehen und seine schmierige Schrift? Genau so schmierig wie seine Haare...
He, Snivelly, was machst du mit Evans? Lass sie bloß in Ruhe, sonst endet sie so eklig wie du!

Snape schluckte und versuchte, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren. „Natürlich“, sagte er. Dann ging er zur Tür, bevor Harry sehen konnte, dass sich eine Träne in sein Auge geschlichen hatte.
In seinem Schlafzimmer angekommen, öffnete er mit zitternden Fingern die Nachttischschublade und strich über Lilys Gesicht. Er nahm einen tiefen Atemzug.
Es war nur Potter. Nur Potter. Potter war nicht wie er und er war nicht wie seine Mutter. James kam ihm ins Gedächtnis, und er verzog das Gesicht schmerzerfüllt. Wer war der Junge gewesen, der mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte, weil seine Klamotten dreckig und seine Haare fettig waren? Wer war der Junge, der gesagt hatte, dass man seine Schrift nicht entziffern konnte, und dass er lieber auf einer Müllhalde, als auf Hogwarts leben sollte?
Und wenn Harry nicht in der Lage war, selber nicht alles zu können, wäre er dann nicht auch wie sein Vater? Würde er nicht auch unsichere Menschen hänseln, um sich besser zu fühlen? Wäre er nicht genau wie James, wenn er nicht selber noch ein wenig unsicher wäre?
Snape stöhnte auf. Warum musste er sich mit dem verzerrten Spiegelbild von James Potter befassen?

Der Rest des Tages verlief friedlich. Harry schrieb seinen Text ab und anschließend seine Hausaufgaben. Snape bemerkte kurz, dass man sie immer noch schwer lesen konnte, aber das nach dem dritten Abschreiben seine Aufsätze sicher akzeptabel sein würde. Diese Worte brachten Harry dazu, den Rest des Tages in seinem Zimmer zu sitzen und weiterhin Texte abzuschreiben. Es tat Snape für einen Moment Leid, aber wann sollte Potter schreiben lernen, wenn nicht jetzt? Er setzte sich in sein Büro, um endlich mal wieder zur Arbeit zu kommen, und der Tag neigte sich einem friedlichen Ende zu.

Harry lag in seinem Bett. Er hatte einen Krampf in der Hand von dem vielen Schreiben und sein Kopf tat ein wenig weh.
Er wusste nicht, was er von dem Tag halten sollte. Snape war ja die meiste Zeit nett gewesen – sehr viel netter als Onkel Vernon! - aber trotzdem fühlte er sich noch unbehaglich. Egal, was Snape auch sagte – Harry übersah den tiefen Hass in seinen Blicken und in seiner Stimme nicht, wenn er mit ihm sprach oder ihn ansah.
Und dann das endlose Schreiben von Texten! Harry war klar, dass er das Schreiben lernen musste, aber er hätte sich seinen Samstag schöner vorstellen können.
Sollte so jetzt jedes Wochenende mit Snape ablaufen? Essen, Hausaufgaben machen, Schlafen? Natürlich, es war besser als bei den Dursleys. Das war keine Frage. Aber Harry wäre lieber in Hogwarts herumgeschweift, zusammen mit Hedwig… Er hatte sie heute noch gar nicht gesehen, und er fragte sich, ob sie beleidigt war, dass er sie gestern Abend fortgeschickt hatte.
Über diese Gedanken schlief er ein und träumte wirre Träume.
Er trug Quirrels Turban, der ihm ins Ohr flüsterte. „Slytherin… Slytherin… Gehe zu den Schlangen… Es ist dein Schicksal…“
„Nein, nein, ich will nicht, bitte… zwing mich nicht...“
„Es wird dich immer verfolgen...“
Der Turban wurde schwerer, Harry konnte ihn kaum noch halten… Sein Kopf schmerzte und dröhnte, und er versuchte, den Turban abzuziehen, aber er wurde nur noch schwerer und drückte ihm seinen Kopf ab, drückte ihm Luft ab. Harry sah Malfoy, der eine Schlange in der Hand hielt und ihm zuwinkte… Die Schlange verwandelte sich in Snape, der kalt und hoch lachte.
„Potter bereitet nur Probleme. Er ist keine Schlange. Er ist kein Löwe. Er gehört nicht nach Hogwarts.“
Dumbledore erhob sich von seinem Stuhl, und auf einmal wurde alles schwarz, bis vor Harrys Augen ein greller, grüner Lichtblitz aufleuchtete…

Harry erwachte zitternd. Er rollte sich zusammen, zog die Decke bis ans Kinn und schlief ein.
Am nächsten Morgen erinnerte er sich an nichts mehr aus dem Traum.

Am Sonntag war niemand in der Wohnung, als Harry erwachte und Richtung Küche ging.
Auf dem Tisch stand eine Scheibe Brot mit Käse, aber Harry war sich nicht sicher, ob sie für ihn bestimmt war. Er steckte seinen Kopf in Snapes Büro, aber weil dieser nicht da, zog er ihn direkt wieder zurück. Er setzte sich an den Küchentisch, um zu warten.
Nach einigen Minuten betrat Snape den Raum. Er sah müde aus. Harry sah ihn neugierig an. „Guten Morgen“, sagte er freundlich.
Snape warf ihm einen Blick zu. „Morgen. Hör zu, Harry, ich habe heute einige Besprechungen mit Dumbledore. Sie können nicht aufgeschoben werden, aber du kannst den Tag ja genauso gut mit den Gryffindors verbringen, nicht wahr? Das Kennenlernen kann am nächsten Wochenende weiter geführt werden.“ Vielleicht kam es Harry nur so vor, aber es wirkte so, als wäre Snape selber froh darüber, dass er nicht weiter Zeit mir Harry verbringen musste. Harry nickte.
Snape warf einen hektischen Blick auf den Küchentisch. „Du hast nichts gegessen!“, rief er verärgert.
Harry wurde sofort wieder etwas kleiner. „Ich war mir nicht sicher, ob das Brot für mich -“
„Für wen soll es denn sonst sein? Jetzt iss was, und dann zurück in den Gemeinschaftsraum. Ich habe wirklich nicht viel Zeit.“
Harry nickte und würgte schnell das Brot herunter. Snape sah fortlaufend auf die Uhr und Harry spülte das Brot schnell mit einem Glas Wasser herunter. Snape öffnete ihm die Tür, und schob ihn fast schon raus.
„Tschüß“, murmelte Harry, und sah Snape hinterher, der ohne ein weiteres Wort den Korridor entlang marschierte.
Etwas verloren trottete Harry den Gang hinunter. Er hatte wieder mal seine Orientierung verloren. Verwirrt und müde machte er sich auf die Suche nach seinem Gemeinschaftsraum.

„Harry!“ „Du bist wieder da!“ „Wo warst du?“ „Potter, warum warst du letzte Nacht nicht da?“ „Harry Potter!“
Harry schob sich durch seine Klassenkameraden hindurch und ließ sich auf seinem Bett nieder.
„Harry!“ Ron, Dean und Seamus sprangen auf ihn zu. Sie alle sahen ihn neugierig an.
„Wo bist du gewesen?“, fragte Seamus.
„Wir dachten schon, man hätte dich gekidnappt!“, rief Dean. „Nach diesem Einbruch in Gringotts...“
Harry hob überrascht den Kopf. „Gringotts?“, sagte er. Der Name kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht, woher.
„Die Zaubererbank“, meinte Ron, und sah ihn nachdenklich von der Seite an.
„Wo warst du, Harry?“, wiederholte Seamus.
„Jetzt lasst ihn doch mal atmen!“, sagte Ron. Er sah Harry immer noch von der Seite an. Harry schenkte ihm ein erleichtertes Lächeln.
„Ich war bei Snape“, sagte er dann kurz, „und jetzt bin ich müde, und will schlafen.“
Er rollte sich auf seinem Bett zusammen, schloss die Augen, und trotz lärmender Fragen war er kurz darauf eingeschlafen.

Kapitel 13

Snape eilte den Gang entlang, auf dem Weg zu Dumbledores Büro. Hektisch sah er sich von links nach rechts um. Da war man mal ein Wochenende lang beschäftigt, und dann passierte so etwas! Und warum hatte Dumbledore ihn nicht früher benachrichtigt? Diese Frage stellte er dem Schulleiter, kaum dass er im Büro stand.
„Sie hätten mich Freitagabend informieren sollen“, sagte er ärgerlich, „wir hätten uns direkt darum kümmern können.“
Dumbledore wog seinen Kopf. „Und das Wochenende von Ihnen und Harry zerstören? Übrigens, wie war es?“
„Das spielt jetzt keine Rolle“, rief Snape ärgerlich. „Und unterbrechen hätten Sie das Wochenende ruhig.“ Manchmal fragte er sich wirklich, ob er mit dem alten, weisen Dumbledore sprach und nicht etwa mit einem komischen Kauz.
Dumbledore zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Ich hielt Harry in diesem Augenblick wichtiger als einen Stein.“
„Ein hochgefährdetes Alchemistenstück ordnen Sie Potter unter!“
„Es ist immerhin nur ein Stein.“
„Wir beide wissen, wer diesen 'nur ein Stein' für sich will“, rief Snape. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich mal aufführen wie ein solcher Narr.“
Dumbledore tippte mit den Fingern auf dem Tisch herum. „Hören Sie, Severus“, sagte er ruhig, „wir haben uns schließlich schon ausführlich über Harry unterhalten und wie bereits gesagt war mir sein Wohl wichtiger, als eine langfristige Bleibe für den Stein zu finden. Zudem“, er zuckte mit den Augenbrauen, „trauen Sie es mir nicht zu, weitere zwei Nächte auf ein Artefakt eines guten Freundes aufzupassen?“
„Jedenfalls wäre es Wahnsinn, den Stein nicht weiter zu schützen“, sagte Snape. „Nur aus Neugier, wo hatten Sie ihn bisher?“
„Unter meinem Kopfkissen“, sagte Dumbledore schlicht. „Es schien mir ein sicherer Ort… aber, aus gegebenem Anlass… sollte ich mich nicht auf mich selber verlassen.“
Snape nickte nachdrücklich. „Das scheint mir ratsam“, sagte er, „wer in Gringotts einbricht, wird auch vor Ihnen keinen Halt machen.“
Dumbledore nickte langsam. „Ich fürchte nicht“, sagte er düster. Snape sah ihn an.
„Und? Was haben Sie sich für den Stein überlegt?“
„Deswegen spreche ich ja mit Ihnen. Ich alleine kann den Stein nicht schützen – dazu brauche ich Sie. Sie und mein Kollegium.“
Snape nickte nachdenklich.
„Nun, jetzt wo das geklärt ist, Severus, wollen Sie mir doch sicher etwas zu Ihrem Wochenende erzählen.“
Geklärt, dachte Snape, womöglich ist der Dunkle Lord auf der Suche nach dem Stein und für Dumbledore ist alles geklärt.
Er zuckte mit den Schultern. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Potter hat sich bis auf Ausnahmen gut verhalten und ich habe ihn heute frühzeitig entlassen, nachdem Sie mich zu sich geholt hatten.“
„Und glauben Sie, dass er sich macht?“
Snape runzelte die Stirn. „Wie meinen Sie das? Er hat sich noch nicht groß verändert, ist noch immer das verschreckte Kind, unter dessen Hamsteraugen die Verdorbenheit seines Vaters lauert.“
„Severus...“
„Sie haben ja gefragt.“ Schulterzuckend wandte Snape sich ab. „Wir werden sehen, wie er sich morgen im Unterricht verhält. Schreiben kann er übrigens auch nicht gescheit, aber laut ihm ist das der Muggelschule verschuldet.“
„Sie lassen kein gutes Haar an Harry, oder, Severus?“
Snape überlegte einen Moment. „Nein“, sagte er dann kurz.
Dumbledore nickte, und Snape erwartete, dass er noch etwas dazu sagte, aber er zuckte nur ergeben mit den Schultern. „Also dann, das wäre es dann. Lassen Sie sich wegen des Steins etwas einfallen.“
Snape nickte und drehte sich zur Tür. „Ich habe da schon eine Idee...“

Dieser Montag begann für Harry mit Flugunterricht, und zum ersten Mal freute er sich so richtig auf eine Unterrichtsstunde. Beim Frühstück hatte er wieder alleine gesessen, aber vor allem, um den Fragen der anderen und ihren löchernden Blicken auszuweichen. Flugunterricht war neben Zaubertrankunterricht das zweite Fach, dass Gryffindors mit Slytherins gemeinsam hatten, und diese Tatsache vermieste Harry die gute Laune ein wenig.
Mit großen Schritten betrat Madam Hooch den Rasen und gab die ersten Instruktionen. Am Rande bekam Harry mit, wie sie – zu seiner Freude – Malfoy zurechtwies, aber noch mehr konzentrierte er sich darauf, selber alles richtig zu machen. Wenn es eine Sache gab, die er gerne richtig können wollte, war es, auf einem Besen Runden in der Luft zu drehen.
Umso aufgeregter war er, als Madam Hooch ihnen ankündigte, dass sie nun tatsächlich in die Lüfte abheben durften und umso geschockter war er, als er zusehen musste, wie Nevilles Besen ins Schwanken gerat und sein Klassenkamerad zu Boden fiel. Anders als seine Klassenkameraden lachte Harry nicht, sondern riss erschrocken die Augen auf.
Das musste wehgetan haben!
Madam Hooch eilte zu dem Jungen hinüber, und betrachtete seinen Arm. „Ich bringe Mr. Longbottom in den Krankenflügel“, sagte sie mit lauter Stimme zu der Klasse. „Und ich warne Sie, jeden Einzelnen warne ich, wer auch nur einen Zoll vom Boden abhebt, wird aus Hogwarts ausgeschlossen, schneller, als Sie gucken können.“
Mit diesen Worten und einem letzten, warnenden Blick, erhob sie sich und kehrte den Erstklässlern den Rücken zu. Kaum dass sie außer einer Hörweite war, hörte Harry hinter seinem Rücken Malfoy schon wieder lachen.
„Der Idiot“, kicherte Malfoy. „Wenn er sich wenigstens richtig verletzt hätte bei der Aktion, wären wir ihn wenigstens los.“
Harry spürte, wie er knallrot vor Wut wurde.
„Der Kerl hat echt nicht mehr alle Tassen im Schrank“, fuhr Malfoy abfällig fort. „Typisch Gryffindor.“
Gegen seinen eigenen Willen drehte Harry sich um, und er war jetzt nicht der einzige, der Draco einerseits entgeistert und andererseits wütend anschaute.
„Halt die Klappe, Malfoy“, zischte Ron wütend. Malfoy grinst ihn spöttisch an.
„Von dir muss ich mir gar nichts sagen lassen, Wiesel. Nicht von jemandem, der aus so einer Familie kommt.“
Rons Gesicht färbte sich rot wie seine Haare und er ballte seine Faust wütend.
„Aber natürlich besser, als gar keine Familie zu haben“, ergänzte Draco mit einem Seitenblick auf Harry, in dessen Körper das Blut jetzt ebenfalls zu kochen begann. „Weißt du Potter, wenn ich dich so sehe, kann ich verstehen, dass deine Eltern lieber den Löffel abgegeben haben, statt sich um dich zu kümmern…“
Jetzt sprang Seamus auf. „Wie kannst du es wagen, so mit Harry zu sprechen!“, rief er. „Von ihm haben wir alle schon gehört, als du noch in die Windeln gemacht hast!“
„Mit dir hat keiner geredet“, zischte Malfoy. Dann warf er Harry einen herausfordernden Blick zu. „Kann sich der kleine Potter nicht mal selber verteidigen? Ohne Mami und Papi, und ohne Freunde, die ihn beschützen?“
Harry umklammerte seinen Besenstiel fester. „Halt die Klappe, Malfoy“, sagte er.
„Uuuh, jetzt habe ich Angst.“ Malfoy gab ein abfälliges Lachen von sich. Dann beugte er sich plötzlich vor, ließ seine Hand vorschnellen und griff nach Harrys Umhang. Bevor Harry überhaupt realisierte, was geschah, hielt Draco seinen Zauberstab in der Hand. Wütend funkelte Harry den Slytherin an.
„Gute Reflexe, Potter“, sagte Draco spöttisch. Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Gib mir meinen Zauberstab, Malfoy!“ Harry streckte die Hand aus, aber Draco hielt den Stab hoch in die Luft, sodass Harry nicht drankommt.
Verärgert fiel Harry auf, dass Dudley das auch immer getan hatte, und daran erinnerte er sich nicht gerne.
„Gib ihn her“, wiederholte er, mit möglichst fester Stimme.
Malfoy lachte auf. „Weißt du, Narbengesicht“, sagte er, „vielleicht ist es mal an der Zeit, dass du weißt, was du drauf hast.“ Mit diesen Worten packte er seinen Besen und stieß sich vom Boden ab. Mit der rechten Hand hielt er sich am Stiel fest, mit der linken wedelte er Harrys Zauberstab in der Luft herum. „Komm, Potter“, spöttelte er, „hol ihn dir doch.“
Er drehte eine Pirouette in der Luft, bevor er wieder Harry und seine Klassenkameraden ansah. „Oder ist dir das zu hoch?“
Harry biss sich auf seiner Lippe herum und sah einmal kurz von seinem Besen auf Malfoy, wie er da mit seinem Zauberstab in der Luft herumstolzierte. Und schließlich siegte die Wut über die Angst. Harry kletterte auf seinen Besen, stieß sich kraftvoll vom Boden ab und nach einer kurzen Schreckenssekunde fand er sich neben Draco in der Luft wieder. Seine Hände hielten den Besenstiel noch immer fest umklammert, aber er bemerkte jetzt, zu seiner Überraschung, dass das Fliegen nicht halb so schlimm war, wie er gedacht hätte. Sicher, es war eine wackelige Angelegenheit und ein wenig musste man auf seine Balance achten, aber im Großen und Ganzen hätte er sich es schlimmer vorgestellt.
Er lehnte sich nach vorne und wollte mit der Hand seinen Zauberstab aus Malfoys Hand reißen, aber der Besen hatte andere Pläne. Sein Nachvornebeugen brachte den Besen dazu, die Geschwindigkeit rasant zu erhöhen und nach vorne zu schnellen. Harry kam kurz ins Schaukeln und griff schnell mit beiden Fingern fest um das Holz. Er hörte Malfoy lachen.
„Pass auf, sonst geht’s dir wie Longbottom, Potter.“
Harry hörte ein Zischen in der Luft und im nächsten Moment war Malfoy neben ihm. Aber als Harry ihm jetzt ins Gesicht schaute, stellte er fest, dass der blonde Junge schon längst nicht mehr so selbstsicher wirkte wie noch auf dem Boden. Sein Gesicht war etwas blasser und Harry beobachtete, wie Draco einen kurzen, unsicheren Blick zu Boden warf.
„Ist es dir zu hoch, Malfoy?“, fragte Harry, und genoss in diesem Augenblick die Tatsache, dass er Malfoy genau damit ärgern konnte, womit Malfoy ihn die ganze Zeit runter machte.
Malfoy sah wütend auf. Sein Gesicht war knallrot. „Natürlich nicht!“
Aber sein Besen kam in ein unsicheres Schwanken als er auf ihm hin- und herrutschte.
Harry grinste. Er selber fühlte sich zu einhundert Prozent sicher auf dem Besen und konnte gar nicht nachvollziehen, dass der großspurige Malfoy auf einmal solche Angst verspürte. Aber er genoss es in vollen Zügen.
Er beugte sich noch mal nach vorne und streckte seine Hand nach seinem Zauberstab aus, aber trotz seiner Unsicherheit schienen Malfoys Reflexe nicht zu schlafen. Er machte einen Salto in der Luft und richtete sich dann wieder auf. Herausfordernd sah er Harry an, aber gleichzeitig spähte er sehnsüchtig zu Boden.
„Ich warn dich, Malfoy, ich werf dich gleich von deinem Besen“, sagte Harry und achtete darauf, dass seine Stimme nicht zu zittern begann.
Malfoy hob eine Augenbraue und sah von Harry Richtung Schloss. „Du willst deinen Zauberstab, Potter?“, fragte er.
Harry nickte mit Nachdruck.
Draco feixte. „Dann hol ihn dir doch!“ Mit diesen Worten holte er mit seinem Arm weit aus, holte Schwung und warf den Zauberstab weit durch die Lüfte. Er grinste Harry noch einmal kurz zu, bevor er sich gelassen Richtung Boden machte.
Harry aber bekam schon gar nicht mehr mit, wie Malfoy verschwand. Aus Angst, seinen Zauberstab vielleicht nie wieder zu sehen, beugte er sich auf seinem Besen nach vorne, so weit es ging, und jagte dem Stab hinterher.
Es war ein verrücktes Gefühl. Der Wind pfiff ihm in die Ohren und verwuschelte seine Haare. Harry hätte sich auf dem Besen eigentlich fürchten müssen, aber in diesem Augenblick spürte er nichts als Freiheit, und den Ehrgeiz, seinen Zauberstab möglichst schnell zu erreichen.
In Sekundenschnelle bewegte er sich von einem Ort zum anderen, es schien nur ihn zu geben, den Besen, und das Ziel…
Vergessen war Malfoy, der ihn hier raufgelockt hatte, und vergessen war Madam Hooch, die ihm das bloße in die Luft abheben ausdrücklich verboten hatte. Harry streckte die Hand aus – er war nur noch Zentimeter entfernt von seinem Zauberstab – Millimeter – und er packte ihn. Er hielt sich erst wieder an seinem Besen fest, um zu stoppen, als er seinen Stab fest in beiden Händen hielt, und ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Für einen Moment war er so glücklich und stolz wie noch nie in seinem Leben.
Dann blickte er auf.
Und mit einem Mal realisierte er, wo er war, was passiert war und dass er gegen die Regeln verstoßen hatte.
Am Fenster stand McGonagall, die ihn mit großen Augen anstarrte. Harry spürte, wie er knallrot wurde und wie sein Herz schneller klopfte. Seine Finger begannen zu zittern und er fiel fast zu Boden. Unsicher umklammerte er den Zauberstab fester, als McGonagall ihm mit einer wütenden Handbewegung zu verstehen gab, dass er sich auf den Weg nach unten machen sollte und dass sie sich auf dem Weg zu ihm machen würde.
Während Harry den Besen langsam auf den Boden zusteuerte wurde ihm schlecht vor Aufregung. Er presste seinen Zauberstab schützend vor die Brust und ignorierte die Jubelrufe der Gryffindors – und die angesäuerten Blicke der Slytherins. Malfoy hatte seinen Besen auf den Boden gelegt und stand neben seinen Freunden mit beiden Füßen fest am Boden. Harry dachte darüber nach, dass er nicht mal zwei Wochen hier war, und sich schon Ärger eingehandelt hatte. Und darüber, dass Snape ihm gesagt hatte, dass er sich an die Regeln zu halten und keinen Ärger machen sollte. Jetzt hatte er Snape, kaum dass sie ein einziges Wochenende zusammen verbracht hatte, schon einen Grund zum Ärger gegeben. Und auch Madam Hooch ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie hatte sich klar ausgedrückt: Wer ohne Erlaubnis auf dem Besen flog, der wurde aus Hogwarts rausgeworfen.
Harrys Magen verkrampfte sich. Warum hatte McGonagall ihn sehen müssen? Sie würde sicher keine Gnade walten lassen.
Wo würde er hingeschickt werden, wenn er nicht mehr in der Schule bleiben durfte? Wahrscheinlich würden sie ihn zurück zu den Dursleys schicken. Obwohl sowohl Dumbledore als auch seine Lehrer sehr abgeneigt den Dursleys gegenüber eingestellt waren, so glaubte Harry nicht, dass nach so einem Fiasko diese Tatsache noch viel ausmachen würde. Alle hier in Hogwarts hatten sich um ihn bemüht – und er hatte sich schon wieder nicht richtig verhalten. Wenn Snape erfuhr, dass Harry entgegen der Vorschrift einer Lehrerin geflogen war, würde er es wahrscheinlich auf Tiefste bereuen, ihn überhaupt bei sich aufgenommen zu haben.
Harry hatte Angst. Dass Snape ihn nach so einer Sache nicht mehr bei sich haben wollte, war für ihn schon außer Frage, aber was würde danach passieren? Er wollte nicht wieder geschlagen werden. Nicht von den Dursleys und auch nicht von Snape.
Aber es war Harry auch bewusst, dass er sich falsch verhalten hatte. Wie hatte er so dumm sein können, für einen Moment die Warnung von Madam Hooch außer Acht zu lassen und auf den Besen zu steigen?
Er hätte wissen müssen, dass er nicht ungestraft aus der Sache herauskam. Er wurde immer bei allem erwischt, das war auch schon früher so gewesen. Die Erwachsenen waren schon immer gut gewesen, ihn für Dinge schuldig zu befinden – ob er sie nun tatsächlich gemacht hatte, oder nicht.
Einmal ein Freak, immer ein Freak, hatte sein Onkel ihm immer wieder gesagt.
McGonagall betrat mit großen Schritten den Rasen und Harry versuchte, als ob das etwas nützen würde, den Besen hinter seinem Rücken zu verstecken.
Die Erstklässer stoben auseinander als sie die Lehrerin anrücken kam. McGonagall ging direkt auf Harry zu, der sich ganz klein machte.
„Potter“, sagte sie mit strenger Miene, „folgen Sie mir.“
Ängstlich lief Harry hinter ihr her.

„Und, Potter?“, hörte Malfoy rufen, als Harry sich zum Mittagessen in die große Halle setzte. „Solltest du jetzt nicht packen?“
Harry ignorierte ihn und konnte nicht anders, als zu grinsen. Ron tauchte neben ihm auf. „Hier ist frei, oder?“, fragte er und deutete auf den Platz neben Harry.
Er nickte, und Ron setzte sich hin. Er sah abwechselnd zwischen Draco und Harry hin und her, sagte aber nichts.
„Jetzt sag schon“, hörte er eine Stimme neben sich. „Stimmt es, was Ronnie erzählt hat, dass du vielleicht von der Schule fliegst?“
Harry sah überrascht auf. Neben ihm standen Rons Brüder, Fred und George. Er hatte sie schon ein paar Mal im Gemeinschaftsraum gesehen, aber noch nie hatten sie ihn angesprochen.
Ron wurde knallrot im Gesicht und warf Harry einen entschuldigenden Blick zu. „Ich habe gar nicht viel erzählt“, meinte er verteidigend, aber Harry lächelte ihn schüchtern an.
„Schon okay.“
Ron knetete seine Finger und schob ihm den Brotkorb rüber. „Hier, nimm dir ein bisschen Brot“, sagte er etwas nervös. Harry bediente sich. „Danke“, sagte er.
Einer der Zwillinge setzte sich neben Harry und grinste. Harry war erleichtert zu sehen, dass es in keinster Weise dem Grinsen von Draco Malfoy glich. Die Zwillinge waren freundlich. „Los, erzähl, Harry“, drängte er, „verlieren wir einen unserer besten Männer? Was hat die alte McGonni gesagt?“
Unwillkürlich warf Harry einen Blick zum Lehrertisch um zu sehen, ob seine Hauslehrerin diese Bezeichnung aufgeschnappt hatte. Aber sie unterhielt sich zu angeregt mit Snape, um auf den Tisch mit den Schülern zu achten.
„Sie hat mich nicht rausgeworfen“, sagte Harry. „Sie hat mich zum Gryffindor-Sucher gemacht.“
Er hörte, wie Ron neben ihn nach Luft schnappte. Fred und George machten große Augen.
„Sie hat was?“, sagte Ron schwer atmend. „Das ist fantastisch, Harry! Ha! Er ist noch vor euch in der Suchmannschaft!“ Er knuffte seine Brüder in die Seite. Auch Fred und George sahen ihn bewundernd, und gleichzeitig überrascht an. „Gut gemacht, Harry.“
„Danke“, meinte Harry zufrieden. Ron grinste noch immer.
„Das soll Malfoy mal hören.“ Er schob ihm noch ein wenig Brot rüber. „Hier, probier mal das mit den Kürbiskernen, das schmeckt köstlich.“
Harry griff zu, und auf einmal merkte er, dass er umringt von netten Menschen war. Das erste Essen in Hogwarts, das er nicht alleine verbrachte. Harry lächelte.
Er war nicht rausgeworfen worden und niemand hatte ihm irgendetwas angetan. Alles war glatt gegangen, mehr als glatt sogar. Er konnte es kaum fassen.
Und er konnte es kaum abwarten, Hagrid alles zu erzählen.

Snape starrte seine Kollegin mit großen Augen an. „Aber“, begann er mit tiefer, ruhiger Stimme, „Sie haben Potter doch sicher noch angemessen bestraft?“
„Bestraft!“ Ihre Augen zuckten. „Als ob ich den besten Sucher, den Gryffindor jemals hatte, jetzt bestrafen würde! Er muss fit für sein erstes Training sein. Dieses Jahr gewinnen wir den Quidditchpokal. Gegen Potter käme nicht mal sein Vater an, ich sag's Ihnen!“
Die Erwähnung von James Potter brachte Snapes Blut endgültig zum Kochen.
Mit einem Lächeln sah sie Snape von der Seite an. „Zumal“, sagte sie, „es einer deiner Schüler war, der Potter angestachelt hatte.“
Snape hob eine Augenbraue. Also hatte Harry keine Sekunde gezögert, bei seiner Verteidigung einen anderen Schüler in den Dreck zu ziehen. Darüber würde er noch mit ihm sprechen. „Laut Potters Erzählung“, sagte er kühl. „Erwarten Sie jetzt von mir, dass ich Draco Hauspunkte abziehe, dafür, dass Potter behauptet, er wäre auch geflogen?“
McGonagall zuckte mit den Schultern. „Tun Sie, was Sie für richtig halten“, sagte sie mit fröhlicher Stimme, „und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss einen Besen kaufen.“
Sie drehte sich um und verschwand; Snape sah ihr mit offenen Mund hinterher.
'Tun Sie, was Sie für richtig halten…'  Nun, das hatte McGonagall ja offensichtlich auch getan. Er überlegte, ob er den Jungen noch heute mit der Sache konfrontieren sollte. Unabhängig von McGonagalls Handlungen wollte er ein Machtwort sprechen.
Das war schließlich seine Aufgabe!
Aber Snape beschloss, bis zum Wochenende damit zu warten, und Harry die Gelegenheit zu geben, seine Fehler selber zuzugeben. Er bezweifelte, dass der Junge es tun würde.

Kapitel 14

Die restlichen Tage bis Freitag vergingen ruhig, auch, weil sie keine Flugstunde mehr hatten und Harry Malfoy somit nur im Zaubertrankunterricht sah – und bei Snapes Stunden hielt sogar Draco Malfoy sich ein wenig zurück. Erst am Freitag beim Essen in der großen Halle fiel Harry auf, dass er dieses Wochenende ja wieder bei Snape verbringen würde. Bei dem Gedanken wurde er ein wenig unsicher. In keiner der Unterrichtsstunden hatte Snape mit ihm geredet oder überhaupt richtig in die Augen gesehen. Inzwischen wussten auch Ron und Harrys Freunde von seinem neuem Zuhause. Ron hatte große Augen gemacht, als Harry es erzählt hatte.

„Bei der Fledermaus? Und das ist ernsthaft besser als da, wo du früher gewohnt hast?!“ Ansonsten aber war Ron sehr verständnisvoll gewesen. Harry hatte keine Lust gehabt, ihm alle Details zu erzählen und sein neuer Freund hatte sich damit zufrieden gegeben.

„Bestimmt weil du Harry Potter bist“, hatte er nachdenklich gemeint, „ich meine, wenn meine Familie mich mal fies behandeln würde“, er sah zu Fred und George hinüber, „wäre es wahrscheinlich allen egal, weil ich nicht berühmt bin. Aber bei dir wollen sie sicher gehen, dass -“

„Ron“, unterbrach Harry ihn. „Deine Familie ist wohl kaum so schlimm wie meine.“

Ron sah ihn kurz an und betrachtete Harry nachdenklich. „Nein, wahrscheinlich nicht“, sagte er. „Es war ja auch nur eine Überlegung. Ich liebe meine Familie!“

Ansonsten hatten sie kein weiteres Wort über die Sache verloren. Ron schien zu merken, dass Harry keine große Lust hatte, über die Dursleys zu sprechen, und Harry rechnete es ihm hoch an, dass er nicht weiter nachfragte.

Als Harry auffiel, dass dieses Wochenende nicht nur ein Besuch bei Snape anstand, sondern auch sein erstes Quidditchtraining, wurde er wieder ein wenig fröhlicher. Er kratzte seinen Teller aus und sprang dann auf.

„Ron, ich muss los. Ich geh noch mal schnell rauf zur Eulerei und sag Hedwig Tschüß, Snape mag es nicht, wenn sie in seiner Wohnung rumschwirrt.“

Ron nickte. „Is gut“, sagte er. „Soll ich dir morgen beim Quidditchtraining zuschauen, oder lieber nicht?“ Er grinste.

„Ich denke, Wood will es wahrscheinlich sowieso eher geheim halten“, bemerkte Harry.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Ron nachdenklich. Seine Brüder hatten ihm schon von dem Ehrgeiz ihres Kapitänes erzählt, und sich mehr als einmal darüber beschwert. „Also dann, bis Montag, Harry. Hab ein schönes Wochenende.“

„Danke, du auch.“

Harry drehte sich um und machte sich auf den weiten Weg hoch zur Eulerei.

 

Als Harry anklopfte, saß Snape wieder einmal an seinem Schreibtisch. Harry setzte ein Lächeln auf. „Hallo“, sagte er.

„Hallo“, brummelte Snape mit einem Blick zur Uhr. „Du bist früh.“

„Letztes Mal war ich zu spät.“ Als Harry Snapes Blick sah fügte er noch schnell hinzu: „Sir.“

Snape nickte. „Also gut. Komm rein.“

Es überraschte Harry, wie missmutig Snape schon wieder wirkte. Er hatte letztes Wochenende eigentlich den Eindruck bekommen, dass er die weichere Seite des Zaubertrankmeisters kennengelernt hatte.

Snape sah ihm zu, wie er sich die Schuhe auszog und fragte dabei beiläufig: „Und wie war deine erste Schulwoche?“

„Gut, Sir.“

Für einen Moment erwartete Harry fast, dass Snape ihm ebenso wie alle anderen zu seinem Platz in der Mannschaft gratulieren würde, aber dann fiel ihm auf, dass es Snape war, der vor ihm stand. Selbst wenn er Harry nicht so hassen würde, wie Harry es vorkam, würde er wohl kaum dem gegnerischen Team gratulieren. Aber vielleicht hatte McGonagall ihm gegenüber auch geschwiegen.

„Macht der Unterricht Spaß?“

„Ja, Sir.“

„Verstehst du dich mit deinen Klassenkameraden und den Erstklässern aus den anderen Häusern?“

„Ja, Sir“, meinte Harry und dachte mit gerunzelter Stirn an Malfoy.

„Tatsächlich?“, bemerkte Snape. „Ich hatte das Gefühl, dass Draco dich regelmäßig vor meinen Stunden aufzieht.“

Harry sah ihn an und zuckte mit den Schultern. Es stimmte, Draco hatte einige Bemerkungen darüber gemacht, wann er wohl endlich die Schule verlassen würde. Am liebsten hätte er Draco erzählt, dass er in die Hausmannschaft gekommen war, aber McGonagall und Wood hatten es ihm verboten. Sie wollten ein Geheimnis um ihr neues Team machen, und nachdem seine Lehrerin so gnädig mit ihm gewesen war, verspürte Harry nicht wirklich Lust, sie aufzuregen. Auch wenn Draco ihn ziemlich aufgeregt hatte.

Aber wo war der Sinn, Snape davon zu erzählen? Er hatte im Unterricht bereits mitbekommen, dass Draco scheinbar zu seinen Lieblingen zählte, und Harry hatte wirklich keine Lust, von ihm Ärger zu bekommen wegen der Sache mit dem Fliegen.

Schließlich war die Sache jetzt schon gegessen.

„Potter, ich habe dir eine Frage gestellt“, sagte Snape gereizt.

Harry zuckte zusammen. „Verzeihung, Sir.“

„Warum spricht Malfoy davon, dass du der Schule verwiesen wirst?“

Harry biss sich so hart auf die Lippe, dass es wehtat. Also wusste Snape mehr, als Harry gedacht hatte. Unsicher knetete er seine Hände. In Snapes missmutiger Laune wollte er eigentlich nicht von seinen unerlaubten Flugversuchen erzählen.

Snape hob eine Augenbraue hoch. „Ich warte“, sagte er. „Gibt es vielleicht irgendetwas, was ich wissen sollte? Irgendwelche Regeln, die du gebrochen hast?“

Harry trat von einem Bein aufs andere. Es war nicht das erste Mal, dass er in einer Situation war, in der er gefragt wurde, was er falsch gemacht hatte. Meistens war er nicht besonders glimpflich davongekommen, egal, ob er die Wahrheit erzählte, oder nicht. Aber wie wollte Snape die Wahrheit erfahren? Wenn er ihm verriet, dass er geflogen war, würde er mit Sicherheit Ärger bekommen. Wenn er es für sich behielt… gab es die Chance, dass Snape die Sache auf sich beruhen ließ.

„Nein, Sir“, sagte er und bemühte sich, Snape in die Augen zu sehen.

Snape hob eine Augenbraue. „Sicher?“, bohrte er weiter.

Harry nickte.

Snape starrte ihn an, und seine anfangs nur leicht verärgerte Miene wurde wütend. Er merkte, wie sich der Hass ihn im anbahnte. Wie konnte Potter es wagen, ihn so schamlos zu belügen! Erst letztes Wochenende hatte er das Kind noch für einen kurzen Moment mit sich selbst verglichen – und ein paar Tage später stand er hier und hatte nicht nur gleich gegen ein paar Regeln verstoßen sondern besaß auch noch die Dreistigkeit, ihm ins Gesicht zu lügen.

Verachtenswert, und außerdem genau das, was sein Vater gemacht hätte. Snapes Zunge schnellte wütend über seine Lippen. „Interessant“, sagte er mit gefährlich ruhiger Stimme, „Professor McGonagall und Madam Hooch haben mir etwas anderes erzählt.“
Zufrieden beobachtete Snape, wie Harry zusammenzuckte und einen Schritt zurück machte. Er musste sich mir aller Kraft daran erinnern, dass er dem Kind kein Leid zufügen durfte.

Wäre Harry nicht so etwas wie sein Pflegesohn, sondern ein normaler Schüler, und wäre er in seinem Haus, würde Snape ihm jetzt wahrscheinlich eine Standpauke halten und ihn anschließend für einige Tage suspendieren. Und wäre Potter sein Sohn, würde er wahrscheinlich nicht zögern und ihn direkt übers Knie legen.

Aber er riss sich zusammen und atmete tief durch. „Sag mir, was passiert ist.“

Harry schluckte und sagte nichts. Snape hob eine Augenbraue. „Potter, weder du noch ich wollen, dass ich die ganze Geschichte aufrollen muss. Jetzt sag schon.“

Harry nagte auf seiner Lippe herum, aber er sagte nichts. Snape wartete noch einen Moment, bis er wieder sprach. „Meinetwegen. Ich wollte das eigentlich nicht, aber dann werde ich dein Gedächtnis ein wenig in Schwung bringen.“ Ärgerlich betrachtete er den Jungen. Er hätte nicht gedacht, dass Harry nicht mal mehr den Mut besaß, zu seinen Taten zu stehen. Und das sollte ein Gryffindor sein! Nun, dann hatte er eben keine Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu erklären. Das war seine eigene Schuld und Snape hatte nicht im Geringsten Mitleid.

„Montags“, sagte er, „die Flugstunde. Madam Hooch hat gesagt, dass keiner den Boden verlassen soll. Weckt das irgendeine entfernte Erinnerung?“ Er betrachtete den Jungen mit kaltem Blick. Harry sah zu Boden.

„Ich habe dir eine Frage gestellt“, sagte Snape gereizt. „Jetzt antwortete schon.“

Aber zu seinem Ärger sprach Harry immer noch nicht. Snape hatte keine Ahnung, was mit dem Jungen los war, aber er würde ihm schon beibringen, dass alles nur schlimmer wurde, wenn er die Sache leugnete.

„Gut“, fauchte er, und ging einmal um den Tisch herum, um Harry genau in die Augen zu sehen. „Hattest du gedacht, ich wäre nicht über dein Verhalten unterrichtet worden, Potter? Und warst du so töricht, anzunehmen, dass ich nachdem keiner der anderen Lehrer gehandelt hat, die Sache auf sich beruhen lassen würde?“

Harry zuckte nur mit den Schultern, sein Blick auf den Boden.

„Wie kannst du es wagen, mir so ins Gesicht zu lügen?“

Harry gab keine Antwort.

„Ich dachte, dir wäre klar, dass wir in diesem Haus ehrlich zueinander sind. Anscheinend habe ich mich geirrt.“
Harry hob seinen Kopf. In seinen Augen hingen Tränen. „Snape...“, flüsterte er.

„Für dich immer noch 'Professor' Snape“, unterbrach Snape ihn.

Harry schluckte. „Ja, Sir“, flüsterte er und wischte sich sein Gesicht an seinem Ärmel ab.

Angewidert sah Snape ihn an. „Du brauchst gar nicht auf die Tränendrüse zu drücken, falls du glaubst, dass das was bringt“, zischte er. „Ist dir wenigstens klar, was du falsch gemacht hast?“

Harry zitterte ein wenig, als er aufsah.

„Antworte jetzt!“

„Ich… ich habe nicht auf Madam Hooch gehört“, sagte Harry leise.

„Genau. Und ist dir klar, was daran falsch ist?“
Harry sah ihn verständnislos an. „Ich habe mich nicht an die Regeln gehalten“, sagte er.

Snape musste sich Mühe geben, nicht mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Seine Finger verkrampften sich ein wenig. „Und warum gibt es diese Regeln?!“

Harry antwortete nicht, und Snape wurde laut. „Diese Regeln sind dazu da um euch zu SCHÜTZEN! Um sicher zu gehen, dass euch NICHTS PASSIERT! Und ich habe erst letztes Wochenende gesagt, dass du dich nicht unnötig in Gefahr bringen sollst! Und TROTZDEM hast du Madam Hooch und mich ignoriert! Ist dir klar, was hätte passieren können?!“

Harry hatte den Kopf eingezogen und sah den wütenden Mann von unten herab an.

„Es tut mir leid“, sagte er leise.

„Ach, jetzt tut es dir leid! Wie wäre es, wenn du mal vorher nachdenkst, anstatt hinterher große Entschuldigungen zu machen? Und wie – WIE konntest du es wagen, mir nicht die Wahrheit zu erzählen?!“

Harry zitterte am ganzen Körper und Snape wurde mit einem Mal schlagartig daran erinnert, dass er hier immer noch ein traumatisiertes Kind vor sich hatte, und dass er in gewisser Weise nachsichtig sein musste. Er musste aufpassen, nicht zu sehr wie die Dursleys auf ihn zu wirken.

Und gleichzeitig musste dem Jungen klar gemacht werden, dass er sein Leben nicht einfach so aufs Spiel setzen konnte! Müde rieb er sich die Augen.

Er war nicht nur wütend, dass Harry ihn frech angelogen hatte, sondern auch, wie leicht dem Kind etwas passieren konnte. Was würde erst passieren, wenn er im verbotenen Wald eine Mutprobe nach der anderen entdeckte? Wenn es ihn in den verbotenen dritten Stock verschlug, wo inzwischen ein mörderischer Hund auf ihn wartete?

An den Dunkler Lord, dachte er sich in seinem Kopf, Ihr müsst euch keine Gedanken mehr um den Mord des Jungen machen. Er hat es geschafft, sich selber umzubringen und Euch somit eine Menge Arbeit abgenommen.

Lily, es tut mir leid, ich muss dich enttäuschen, dein Sohn ist tot.

Wütend schnaubte er und betrachtete Harry nachdenklich. Was sollte er jetzt mit dem Jungen machen? Natürlich musste er bestraft werden. Jedes andere Kind würde bestraft werden, und gerade bei Potter war es wichtig, dass er lernte, dass Regeln nicht zum Spaß gemacht worden waren. Wenn er sich selber in eine Gefahr nach der anderen ritt, schwand die Hoffnung, dass er nicht am Ende dieses Jahres dem Dunklen Lord höchstens querschnittsgelähmt entgegentreten konnte.

Und der Dunkle Lord würde zurückkommen, dessen war Snape sich sicher. Und wer wusste schon, wann?

Gleichzeitig konnte er Potter jetzt nicht einfach in sein Zimmer schicken. Er wusste, dass er bei den Dursleys regelmäßig eingesperrt wurde, und er hatte keine Intentionen, das zu wiederholen. Genau so wenig wollte er ihm Kessel schrubben lassen. Snape stöhnte, und Harry sah ihn erschrocken an.

„Hör zu“, sagte Snape, „verstehst du, was du falsch gemacht hast?“

Harry nickte. „Es tut mir Leid“, sagte er mit gebrochener Stimme.

Snape betrachtete ihn zweifelnd.

„Ich hätte nicht übel Lust, dir das Quidditchtraining morgen zu verbieten“, sagte er grimmig. Harry sah ihn erschrocken an. „Nein! Bitte!“

„Still, junger Mann! Ich bezweifele, dass das deine Entscheidung ist.“

Harry sah auf seine Hände herab und eine Träne rollte ihm die Wange hinunter.

Toll, dachte Snape, gerade mal das zweite Wochenende, und das Kind heult. Aber dann erinnerte er sich mit grimmiger Miene daran, dass es schließlich nicht seine Schuld war, dass Potter jetzt hier bei ihm war. Er hatte Dumbledore oft genug gesagt, dass er die Idee nicht für umsetzbar hielt. Und war das nicht der Beweis? Er wusste nicht, was er mit Potter anstellen sollte (ganz zu schweigen von seiner mangelnden Lust, sich mit ihm zu befassen) und Harry gefiel es kein bisschen besser. (Auch wenn Potter in dieser Situation wirklich kein Recht besaß, sich zu beschweren)

„Verzeihung“, flüsterte Harry, und sah Snape zum ersten Mal heute in die Augen. „Es tut mir Leid. Verbieten Sie mir das Quidditchtraining, wenn Sie wollen. Aber bitte“, er sah jetzt sehr verzweifelt aus, „bitte schicken Sie mich nicht zurück zu den Dursleys. Bitte.“ Es fehlte nicht viel, und er würde Snape auf den Knien anbetteln.

Snape sah ihn verwirrt an. „Natürlich gehst du nicht zurück zu den Dursleys“, sagte er mit gereizter Stimme, „wie kommst du darauf?“

„Ich mache nur Ärger -“

„Und du glaubst, ich hätte mich darauf nicht vorbereitet?“ Snape verzog seinen Mund und presste die Lippen zusammen. „Hör zu“, sagte er ruhig, „du hast dich letzten Montag in Gefahr gebracht und natürlich bin ich entsprechend – aufgebracht. Du hättest dich umbringen können, ist dir das klar?“
Harrys Augen waren feucht. „Es tut mir Leid, Sir...“

„Das hast du bereits mehrmals gesagt. Gibt es sonst noch etwas, womit du dein Verhalten erklären möchtest?“

Harry schluckte und starrte auf seine Hände.

Snape stöhnte auf. „Potter, entweder ich bestrafe dich so, wie ich es für richtig halte, von dem, was ich weiß, oder du öffnest jetzt den Mund und erklärst mir deine Sichtweise.“

Nervös trat Harry auf der Stelle.

„Ich warte“, sagte Snape.
Zögerlich begann Harry. „Es war Malfoy“, sagte er. Seine Stimme war wackelig und leise, sein Blick auf den Boden gerichtet.

„Schau mich an, wenn du mit mir sprichst,“ meinte Snape.

Harry sah auf. „Er hat mich getriezt, Sir. Er hat meinen Zauberstab genommen und ist nach oben geflogen, und hat gesagt, ich wäre ein Feigling...“

Snape wartete, aber als nichts mehr von Harry kam, hob er fragend eine Augenbraue. „Du versuchst es also, Malfoy in die Schuhe zu schieben?“
„Nein, Sir! Aber er – was hätten Sie gemacht, wenn Sie jemand geärgert hätte?“

Meine beste und einzige Freundin beleidigt und mich den Todessern angeschlossen, dachte Snape, und räusperte sich kurz. Das war nicht der Weg, den er sich für Harry wünschte. „Du darfst dich nicht wegen so etwas aufregen lassen“, sagte er stattdessen. „Du musst dein Temperament unter Kontrolle bringen. Ist dir wenigstens klar, dass Draco dich nur provozieren wollte?“

Harry zuckte mit den Schultern. „Mein Zauberstab war trotzdem weg“, sagte er leise.

Snape stöhnte. „Dann hättest du zu einem Lehrer gehen sollen. Auf Madam Hooch warten. Aber nicht auf einen Besen steigen und hinter Malfoy herfliegen!“

Harry nickte, aber es war in seinem Gesicht abzulesen, dass er an Snapes Worten zweifelte. Verärgert runzelte Snape die Stirn und drehte sich dann um und ging aus dem Raum.

Harry sah ihm nach. Er konnte sein Herz klopfen hören, während er sich fragte, was Snape jetzt wohl machte. Er hatte Angst vor der Strafe, die sich der Professor für ihn ausdachte. Vernon hätte jetzt schon angefangen, zu schlagen, aber schließlich hatte Snape ihm versichert, dass so etwas hier in Hogwarts nicht passieren würde…

Ängstlich lugte Harry vom Büro in Snapes Wohnung. Snape sah sich suchend um und unwillkürlich fragte Harry sich, ob er wohl seinen Gürtel oder Lederstriemen suchte.

Was ihn aber überraschte, war die Tatsache, dass Snape über all seine Wut hinaus besorgt gewirkt hatte. In Harrys Ohren hatte es sich so angehört, als würde er nicht sauer auf Harry sein, weil er die Regeln gebrochen hatte, sondern weil er sich in Gefahr gebracht hatte. Das berührte Harry. Es war noch nie vorgekommen, dass jemand bei dem Gedanken an Harrrys Missetaten Sorge verspürt hatte.

Das änderte aber nichts daran, dass Harry den Mann und seine Bestrafung fürchtete und als er Snapes schwere Schritte näherkommen hörte, machte er einen nervösen Schritt rückwärts.

Aber alles, was Snape in den Händen hielt, war eine Feder und ein Stück Pergament. Es war nicht die Hilfsfeder, mit der Harry in letzter Zeit geschrieben hatte, sondern eine ganz normale. Snape legte alles auf seinen Schreibtisch und ordnete an, dass Harry sich auf den Stuhl setzte.

„500 Mal“, sagte Snape mit zusammengebissenen Zähnen und Harry merkte, dass er immer noch sauer war, „500 Mal schreibst du 'Ich darf mich nicht in Gefahr bringen und die Anweisungen meiner Lehrer missachten.'“

Harry nickte. Er zitterte ein wenig, aber vor allem war er erleichtert.

Sätze schreiben tat nicht weh.

„Und zwar ordentlich“, raunzte Snape. „Du hattest ja eine Woche Zeit, deine Schrift zu üben, und ich hoffe für dich, dass du die Zeit genutzt hast. Wenn ich ein Wort nicht lesen kann, fängst du von vorne an.“

Harry nickte wieder. „Ja, Sir“, sagte er leise, und tunkte seine Feder ins Tintenfass.

Snape stand auf und drehte sich im Türrahmen noch einmal zu Harry um. „Wenn du bis morgen fertig bist, darfst du zum Quidditchtraining gehen“, sagte er mit ruhiger Stimme. Für einen kurzen Moment leuchteten die Augen des Jungen auf, dann schrieb er wieder konzentriert weiter.

 

Snape saß am Küchentisch, den Kopf in seine Hände gestützt. Von seinem Büro hörte er das Kratzen der Feder. Harry hatte bisher nicht einmal abgebrochen. Seufzend stand Snape auf, um sich eine Tasse Kaffee zu machen. Er hatte sie dringend nötig.

Zeilen schreiben.

Nicht wirklich die sinnvollste Bestrafung für das, was Harry getan hatte.

Wenn auch sinnvoller als alles, was Minerva angestellt hatte. Snape lief in der Küche auf und ab und ging schließlich aus der Tür. Sein Kaffee stand ungeachtet auf der Tischplatte.

Er warf einen Blick auf den Jungen, der mit gesenktem Blick über seiner Pergamentrolle saß. Snape versuchte abzuschätzen, wie viel er schon geschrieben hatte.

Harry schrieb langsam, offensichtlich hatte er keine Lust, wegen seiner Schrift noch mal von vorne beginnen zu müssen. Andererseits, wenn er in dem Tempo weiterschrieb, erledigte sich das Quidditchtraining sowieso. Leid tat es Snape nicht. Wenn es nach ihm ginge, würde Potter vom Flugunterricht suspendiert werden, aber er wusste, dass er dann Ärger mit Minerva kriegen würde.

„Ich muss zum Schulleiter“, sagte er, und Harry schaute auf. „Wehe, du bewegst dich einen Zentimeter in Richtung meiner Utensilien. Du schreibst weiter und tust nichts anderes, ist das klar?“

Harry nickte. Er sah wieder ängstlich aus, aber zum ersten Mal machte es Snape ganz und gar nichts aus. Nur mit Mühe rief er sich ins Gedächtnis, dass er Harry nicht an seine Misshandlungen erinnern sollte.

Allmählich verstehe ich, warum die Dursleys ihn so behandelt haben, dachte er, während er den Gang hinunterlief. Im nächsten Moment aber schämte er sich aber schon für sich selbst. Schließlich wusste er genau, wie es war, geschlagen und gedemütigt zu werden… Und obwohl er es James gegönnt hätte, das durchzumachen, was er durchgemacht hatte – Harry war nicht James. Eine Sache, die er zu oft und zu gerne übersah.

 

Überraschenderweise war Dumbledore nicht alleine im Büro. Minervas Stimme war durch die Türen zu hören, und sie klang aufgeregt und erfreut.

„Besser als James, Sie werden begeistert sein… Ich konnte es kaum glauben -“

Snape stieß die Tür auf, und seine Kollegin verstummte.

„Guten Tag“, sagte Snape ruhig und betrat das Büro.

Dumbledore lächelte ihn breit an. „Severus! Minerva erzählte mir gerade von dem Talent Ihres Pflegesohnes! Ist es nicht fantastisch?“

„Fantastisch, ja“, sagte Snape mit kalter Stimme, „vor allem, wenn man bedenkt, dass Potter bei seiner Aufschneiderei fast draufgegangen wäre.“

Verwirrt sah Dumbledore von einem Lehrer zum anderen.

„Verzeihung, Severus?“

„Oh, hat sie in ihrer Erzählung die Details vergessen?“, meinte Snape mit einem Seitenblick auf McGonagall, „zum Beispiel, dass Potter ohne Erlaubnis und ohne Aufsicht geflogen ist?“

Dumbledores Augenbrauen zuckten, und McGonagall räusperte sich. „Fast draufgegangen ist wohl etwas übertrieben, Severus“, sagte sie.

Snape hob eine Augenbraue. „Ach, wirklich? Als mir die Geschichte berichtet wurde, hat es so geklungen, als sei es 'ein bloßes Wunder, dass er auf dem Besen geblieben und sicher am Boden angekommen ist', etwas, 'was kein Erstklässer schaffen würde.'“

Darauf wusste Minerva nichts zu antworten.

„Nun“, ergriff Dumbledore das Wort, „natürlich geht es nicht, dass Harry sich in Gefahr bringt. Aber solange Sie ihm das klar machen, Severus -“

„Wobei wir bei meinem Problem und meinem Grund, Sie aufzusuchen, wären“, meinte Snape. „Wie stellen Sie sich eine Disziplinierung des Jungen vor? Egal, was ich mit ihm machen würde, er würde am Ende doch an sein altes Zuhause erinnert werden. Ich kann ihn wohl schwer Zimmerarrest geben, wenn das die Erinnerung an seinen Schrank – oh ja, Minerva, er hat in einem Schrank geschlafen – weckt. Ich kann ihn keine Kessel schrubben lassen, weil er sich dann wieder wie ein Sklave vorkommt.“ Ich kann ihm nicht den Hintern versohlen, weil das genau der Grund ist, warum wir ihn da weggeholt haben. Snape sprach den letzten Satz nicht laut aus, aber als er Dumbledore ansah, wusste er, dass der Schulleiter wusste, was er dachte.

Nachdenklich blickte Dumbledore auf seine Hände. „Ich sehe Ihr Dilemma“, sagte er mit ruhiger Stimme.

McGonagall sah von einem zum anderen. „Egal, was Sie mit ihm machen würden?“, wiederholte sie mit besorgter Stimme. „Snape, ich hoffe, Ihnen ist klar, dass, auch wenn Potter Ihnen anvertraut wurde, Sie kein Recht haben, zu tun und lassen, was Sie wollen?“

Snape ignorierte ihren kritischen Unterton. „Erzählen Sie mir nicht, dass Sie ihn einfach gehen lassen würden“, sagte er verärgert. „Geben Sie es zu, Sie sind doch selber gerne der Schrecken unter Ihren Schülern.“

McGonagall machte einen Schritt zurück. „Wie können Sie es wagen, Severus“, sagte sie mit kalter Stimme, die Snape auf einmal an seine Schulzeit erinnerte, „nur weil ich meinen Schülern nichts durchgehen lasse, heißt das noch lange nicht, dass es mir Spaß macht, Strafen zu verteilen – etwas, was ich bei Ihnen schon lange in Frage stelle -“

„Bitte.“ Dumbledore hob die Hände, ehe Snape antworten konnte. „Das führt doch zu nichts. Severus, es ist ja nicht so, dass Sie Harry nicht bestrafen können, solange Strafe und Liebe in gesundem Maße verteilt sind.“

Snape runzelte ärgerlich die Stirn. Vielleicht sollte Dumbledore ihm mal erklären, wie er das anstellen konnte, statt immer nur schwammige Ratschläge zu verteilen.

„Minerva, es ist wichtig, dass Harry seine Grenzen lernt“, fuhr Dumbledore fort, „und ich bin mir sicher, es gibt für niemanden einen Grund, Severus in der Hinsicht nicht zu trauen.“

Sie sah skeptisch aus, sagte aber nichts.

„Wir alle hier wollen nur das beste für Harry, und Severus noch mehr als wir beide“, sagte Dumbledore so leise, dass die Lehrer es kaum hörten. Überrascht hob Minerva ihren Blick. Snape merkte, wie seine Lily-Wunde wieder zu schmerzen begann. Und mehr noch, bei dem Gedanken an Lily traten ihm fast wieder Tränen in die Augen.

Tränen, die er niemandem zeigen wollte, vor allem nicht McGonagall.

Ohne noch ein Wort zu verlieren, drehte sich Snape um und verließ den Raum, fast schon fluchtartig. Er brauchte frische Luft.

Kein Potter, kein Dumbledore und keine McGonagall. Snape wollte alleine sein.

 

Als er langsam in Richtung Peitschende Weide lief, kreisten seine Gedanken um alles, was sich im Innerem der Schule abspielte. McGonagall, die nur an ihr Quidditchteam dachte. Harry, der in seinem Büro saß und Zeile um Zeile schrieb. Dumbledore, der ihm vertraute… Und er selber? Welche Rolle spielte er?

Dicke Tropfen begannen, von der Wolkendecke zu fallen. Sie klatschten laut auf die Blätter der Bäume und durchnässten seinen dunklen Umhang. Das Wasser färbte ihn tiefschwarz.

 

 

 

Kapitel 15:

 

Harry starrte auf den Bogen Pergament vor sich, der immer wieder vor seinen Augen verschwamm. Jetzt, wo Snape gegangen war, hatte er zumindest aufgehört zu zittern, aber konzentrieren konnte er sich trotzdem nicht auf seine Aufgabe. Zum einen weil er befürchtete, dass seine Schrift Snape immer noch zu ordentlich war, zum anderen, weil die Sätze ewig dauerten. Wenn er in dem Tempo weiter schrieb, würde er wahrscheinlich noch um Mitternacht hier sitzen, wenn nicht sogar noch länger.

Inzwischen war es draußen dunkel gewesen, und Harry stellte fest, dass ein kompletter Tag ohne Quidditch oder fliegen verstrichen war. Trotzdem war Harry in keinster Weise wütend auf Snape. Eher auf sich selbst, schließlich hatte er sich in diese Lage gebracht. Und obwohl Snape gesagt hatte, dass er ihn nicht zu seiner Tante und seinem Onkel zurückschicken würde, hatte Harry Angst, dass genau das passieren würde. Madam Hooch hatte schließlich die Warnung ausgesprochen, dass niemand fliegen sollte, und nur weil McGonagall es durchgehen ließ... Es war dumm gewesen, anzunehmen, dass er schon aus der Sache raus war. Snape war sicherlich nicht aus Spaß jetzt auf dem Weg zu Dumbledore... Bei dem Gedanken erschauderte es Harry.

Vielleicht hätte Snape ihn doch besser schlagen und dann wegschicken sollen, dann hätte Harry wenigstens mit Gewissheit gewusst, woran er war. So saß er hier, und wartete auf sein Urteil.

Und das Schlimmste war, dass er sich fest vorgenommen hatte, sich Mühe mit Snape zu geben. Nein, er war ihm nicht sympathisch, aber Harry hatte zumindest versuchen wollen, das beste aus der Situation zu machen. Jetzt hatte er diese Möglichkeit verspielt.

Snape hatte so wütend ausgesehen. Bis auf seinen Onkel hatte Harry noch nie jemand so hasserfüllt angeschaut, und es erfüllte den Jungen mit Angst und Schrecken, er konnte nichts dagegen tun.

Harry blinzelte. Seine Augen wurden ein wenig feucht, und obwohl er nicht weinen wollte, tropfte eine Träne auf das Pergament. Harry wischte sich schnell über die Augen, aber jetzt, wo die Tränen erst einmal flossen, schienen sie gar nicht mehr aufhören zu wollen. Viel zu spät fiel ihm auf, dass seine Tränen das Pergament durchnässten und die Tinte zum Schwimmen brachte. Er wischte sich hektisch über die Augen und strich dann über das Pergament. Damit machte er die Tintenflecken aber nur noch schlimmer. Gerade, als er über seinem Pergament verzweifelte, öffnete sich die Tür.

Harry erstarrte. Snape betrat den Raum mit festen Schritten und zog die Tür hinter sich zu. Dann fiel sein Blick auf Harry.

„Warum schreibst du nicht?“, fragte er barsch.

Harry griff schnell nach seiner Feder, aber Snape kam schon um den Tisch herum und warf einen Blick auf Harrys Arbeit. Mit ängstlichem Blick beobachtete Harry Snapes Reaktion.

Seine Miene war kalt und unergründlich. Er nahm ohne ein weiteres Wort seinen Zauberstab aus der Tasche und deutete mit ihm auf das Stück Pergament.

„Tergeo“, sagte er mit kühler Stimme. Die unteren Sätze, die Harry geschrieben hatte, und die jetzt nur noch eine Masse an Tinte waren, verblassten, bis sie schließlich verschwunden waren. Snape steckte seinen Zauberstab ein und ging aus dem Raum, ohne ein weiteres Wort zu Harry zu sagen.

Harry setzte seine Feder an, und fuhr fort, seine Zeilen zu schreiben, aber er war nicht im Geringsten bei der Sache. Er hatte Angst, dass er die ganze Zeit hier sitzen musste und es verunsicherte ihn, wie Snape mit ihm umging. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Snape in der Küche herum hantierte, und er hörte seinen eigenen Magen knurren.

Er versuchte. Das aufsteigende Gefühl des Hungers zu ignorieren und schrieb stattdessen weiter, Satz für Satz. Sein Handgelenk schmerzte, aber Harry rief sich in Erinnerung, dass ein schmerzendes Handgelenk immer noch besser war, als Narben am Rücken.

Als Snape auf einmal wieder hinter ihm auftauchte, zuckte er zusammen. Er sah ihn immer noch kalt an.

„Wie viele hast du?“, fragte er. Harry brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass er von den Sätzen sprach. Er begann stumm, sie zu zählen.

„135, Sir“, sagte er. Snapes Mund war dünn wie ein Strich.

„Nun gut“, sagte er, „jetzt essen wir erst einmal. Du kannst gleich weitermachen.“

Er verließ das Zimmer und Harry folgte ihm unsicher. Sein Magen war über diese Ankündigung mehr als erleichtert,aber in seinem Kopf meldete sich ein schlechtes Gewissen.

Snape war sauer auf ihn. Sie hatten Streit, und jetzt sollte Harry trotzdem bei ihm essen dürfen? Das fühlte sich falsch an.

Aber Harry war selber klar, dass er Snape jetzt besser keine Ratschläge geben sollte. Stumm setzte er sich an den Tisch, an dem bereits zwei Teller, Gläser und Besteck gerichtet war.

„Es gibt nur kaltes Essen heute“, meinte Snape zu ihm. „Da ich anderweitig beschäftigt war.“

Harry nickte und rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her.

Statt zu essen, starrte er nur auf den Teller vor sich, mit dem Messer in der Hand. Erst nach einer Weile merkte er, dass Snape ihn anschaute. Als er seinen kritischen Blick bemerkte, griff er schnell zum Brotkorb und belegte sich sein Brot mit Käse – gut fühlte er sich nicht dabei.

Die Atmosphäre war eisig. Selbst die erste Unterrichtsstunde mit Snape und das darauffolgende Nachsitzen hatte Harry angenehmer in Erinnerung. Keiner von beiden sprach ein Wort, bis Snape alles abräumte und in die Spüle stellte. Dann setzte er sich wieder zu Harry an den Tisch und räusperte sich. „Du schreibst noch eine halbe Stunde weiter, und dann gehst du ins Bett.“

Harry starrte auf die Tischplatte und nickte „Ja, Sir.“

„Und morgen machst du dort weiter, wo du aufgehört hast.“

Harry schluckte. „Ja, Sir.“ Die Frage, ob er wohl Quidditch spielen durfte, brannte ihm auf der Zunge, aber er hütete sich davor, sie zu stellen.

„Ist dir inzwischen wenigstens klar, was du falsch gemacht hast?“, fragte Snape mit scharfer Stimme. Harry nickte schnell. Das war ihm auch schon klar gewesen, bevor es 135 mal geschrieben hatte. „Ja, Sir“, sagte er.

Snape sah ihn grimmig an.

„Es tut mir leid“, sagte Harry leise.

Snape zog die Stirn in Falten und stand auf. Harry nahm das als Aufforderung, dass er ins büro gehen und weiter an seiner Strafarbeit schreiben sollte. Wenn er sich beeilte, schaffte er das Quidditchtraining ja noch. Vielleicht.

 

Als Harry am nächsten Morgen aufwachte, stand er ohne Umschweife auf und setzte sich an den Schreibtisch. Gestern Abend hatte er Pergament und Tinte in sein Zimmer geholt, um direkt weiter schreiben zu können. Snape hatte ihn nur noch wortkarg ins Bett geschickt. Er hatte nichts zu seinem Besuch bei Dumbledore verloren, und Harry wusste nicht, ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.

Das Frühstück verlief ähnlich kühl und distanziert wie das Abendessen, mit dem einzigen Unterschied, dass diesmal Harry die Teller wegräumte. Snape saß am Tisch und starrte nachdenklich auf die Platte, und erneut spürte Harry das schlechte Gewissen in sich hochkommen.

Ich mache ihm nur Arbeit.

Bevor er wieder in seinem Zimmer war, hielt Snape ihn noch auf. „Wann ist heute das Quidditchtraining?“

Harry drehte sich zu ihm um und konnte seiner Überraschung nicht ganz verbergen. Der Professor sprach in einem neutralem Tonfall, fast schon freundlich. „Heute Nachmittag, Sir“, meinte er, „15 Uhr.“

„Hm“, machte Snape. „Bis dahin solltest du ja mit deiner Aufgabe fertig sein.“ Er sagte es wie eine Frage und Harry war sich nicht sicher, ob er eine Antwort erwartete.

„Ich – ich denke schon, Sir“, sagte er. Er war inzwischen bei 316.

„Gut“, meinte Snape, „wie steht es mit deinen Hausaufgaben?“

„Ich habe noch nicht angefangen.“ Harry sah auf seine Hände.

Snape schwieg einen Moment, dann sagte er. „Gut, Potter. Ich bleibe bei dem, was ich gestern gesagt habe. Wenn die Sätze geschrieben sind, darfst du zum Training. Aber wehe dir, wenn du deine schulischen Aufgaben vernachlässigst!“

Harry schluckte und nickte.

„Und ich warne dich, wenn du dich noch einmal in Gefahr bringst...“

„Werde ich nicht, Sir.“

Snape sah Harry an, der ihn aus großen Augen anschaute. Jetzt schien er wieder so unschuldig, nicht wie das Kind, das am Anfang der Woche einen gefährlichen Stunt hingelegt hatte. Aber Snape ließ sich nicht von Harrys Augen einwickeln. Er wusste genau, wessen Blut Harry in sich trug, und der Geist seines Vaters schien gerade dabei zu sein, sich zu entfalten.

Nun gut. Der Junge hatte seine Strafe erhalten, vielleicht würde er sich bessern. Aber Snape war kein Idiot und außer James Potter hatte er schon eine Menge Schüler gesehen, sie waren alle gleich. Die Reue hielt so lang an, bis das Verlangen nach Regelbrechen und Aufmerksamkeit größer wurde. Dann war alles vergessen, was man ihnen beigebracht hatte. Und Harry war wahrscheinlich durch seine Verwandten so abgehärtet, dass er Snape bald auf der Nase herumtanzen würde...

Anderseits, abgehärtet hatte Potter eigentlich nicht auf ihn gewirkt, eher verschreckt. Es blieb wohl, abzuwarten, wie der Junge sich entwickeln würde.

„Ich muss heute Vormittag weg“, sagte er zu Harry, „aber das heißt nicht. Dass du dich nicht benehmen musst. Wenn du mit den 500 Sätzen fertig bist, machst du mit deinen Hausaufgaben weiter. Ich weiß noch nicht, wie lange meine Besprechung dauert.“

Harry nickte, mal wieder ohne ihn anzusehen.

Snape drehte sich um, stöhnte leise in sich hinein und verließ die Wohnung.

 

Dumbledore begrüßte ihn mit einem freundlichem Lächeln, das Snape steif erwiderte. Etwas erleichtert stellte er fest, dass McGonagall heute nicht anwesend war.

„Kann ich dir etwas zum Frühstück anbieten, Severus?“, fragte Dumbledore. Snape schüttelte den Kopf.

„Danke, aber ich habe bereits gefrühstückt.“ Er nahm am Schreibtisch Platz.

Dumbledore bereitete etwas Tee auf und stellte seinem Kollegen eine Tasse hin, dann setzte er sich ebenfalls. „Severus“, begann er, „es tut mir leid, dass gestern unser Gespräch eine etwas – unglückliche Richtung einschlug.“
Eine unangenehme Stille trat ein. Snape nippte ein wenig von seinem Tee.

„Ich nehme an, du hast Harry inzwischen seine Fehler vollends aufgezeigt?“, fragte Dumbledore.

Snape nickte. „Zu Ihnen komme ich wegen einer anderen Sache“, sagte er, froh, dass Thema wechseln zu können.

„Ich höre.“

Snape zog ein Blatt Pergament aus seiner Tasche. „Bezüglich des Steines“, sagte er, „ich habe dies gestern Abend ausgearbeitet.“ Und er begann zu erklären, was er sich unter seinen Zeichnungen und Notizen vorstellte. Als er geendet hatte, sah er Dumbledore erwartungsvoll an. Er war mehr als nur zufrieden mit seiner Fertigstellung. Um das Zaubertrankrätsel lösen zu können, musste man sehr viel gewitzter sein, als die Banne Gringotts zu überwinden, jedenfalls seiner Meinung nach. Dumbledore wirkte ebenfalls zufrieden. „Ich bin beeindruckt“, sagte er, „nicht, dass ich an Ihren Fähigkeiten gezweifelt hätte... Nun, jetzt müsste unser Widersacher schon eine gehörige Portion Glück, Verstand und Können aufzeigen, nicht wahr?“

„Das schon“, sagte Snape zweifelnd, „aber dennoch glaube ich nicht, dass es hilfreich ist. Sollte man das Erlangen des Steines nicht besser unmöglich machen? Mit dem gehörigen Verstand und Können -“
„Machen Sie sich keine Sorgen, der Stein ist sicher.“

„Aber ein Feind kann ihn noch immer -“

„Nein, kann er nicht.“
Snape sah ihn verwirrt an.

„Sie vergessen meinen eigenen, kleinen Beitrag zum Schutz des Steines“, sagte Dumbledore lächelnd. „Ich ziehe es vor, ihn nicht mit Ihnen zu teilen, aber seien Sie sicher, dass er außerordentlich ist.“
„Hm“, machte Snape. „Dann – na gut. Dann verabschiede ich mich hiermit.“

„Eine Frage noch. Was macht Harry?“
Snape verdrehte die Augen. Und schon wieder ging es um Potter!

„Seine Hausaufgaben“, sagte er, „jedenfalls hoffe ich das für ihn, wenn er heute Quidditch spielen möchte.“

„Sie haben ihm das Training nicht verboten?“

„Nein“, sagte Snape ruhig, „bin ich lebensmüde? Wenn Minerva das erführe...“

Dumbledores Mundwinkel zuckte leicht. „Da haben Sie wohl Recht. Aber dann gehe ich davon aus, dass dieser Vorfall kein Beil zwischen Ihrer und Harrys Beziehung bedeutet?“

Snape starrte ihn an und brauchte eine Weile, um seine Worte zu sortieren. „Sofern man bei mir und Potter überhaupt von einer 'Beziehung' sprechen kann“, murmelte er leise.

Dumbledore seufzte.

„Um genau zu sein, schweigen wir uns die meiste Zeit an“, ergänzte Snape. „Aber das ist ja nichts, wovor ich Sie nicht gewarnt hätte, Dumbledore. Ich habe von Anfang an gesagt, dass Potter und ich nicht auf einen Nenner kommen werden. Sie haben noch immer die Möglichkeit, einen anderen zum Erziehungsberechtigten zu machen.“
„Die Möglichkeit hatte ich nie“, sagte Dumbledore ruhig. „Und schließen sie nicht von sich selbst auf mich – Ich zweifele nach wie vor nicht an meiner Entscheidung.“

Snape verabschiedete sich von Dumbledore und ging mit gemischten Gefühlen in sein Zimmer zurück. Zum einen fragte er sich, was für Schutzmaßnahmen Dumbledore sich womöglich für den Stein ausgedacht hatte. Aber noch mehr fragte er sich, wie er die nächsten Monate und jahre ausstehen sollte – würde es jetzt immer so weiter gehen, an den Wochenenden mit Potter aufeinander sitzen und mit Dumbledore immer wieder dieselben Gespräche führen?

 

Harry sprang von seinem Besen. Er war völlig außer Atem, knallrot im Gesicht und seine Muskeln schmerzten. Aber er strahlte. Ron und seine Brüder hatten nicht übertrieben: Quidditch war fantastisch! Es war eine Sache, auf einem Besen zu fliegen. Es war aber ein völlig überwältigendes Gefühl, mit dem Rest der Mannschaft durch die Luft zu jagen und Spielzüge zu trainieren. Und das beste von allem war, Wood war begeistert von ihm gewesen!
Bis zur letzten Sekunde hatte Harry noch die Befürchtung gehabt, dass der Kapitän es bereuen könnte, ihn als Sucher ausgesucht zu haben. Aber Wood hatte ihn mehr als einmal gelobt, und dass, obwohl er, so viel hatte Harry schon über ihn herausgefunden, nur spärliches Lob verteilte. Die ganze Mannschaft war sehr nett zu ihm gewesen, und Harry hatte das erste Mal das Gefühl gehabt, zu einer Gruppe zu gehören – und nicht nur ungewollt nebendran zu stehen. Die anderen Schüler waren alle viel älter als er, und trotzdem behandelten sie Harry wie jeden anderen.

So langsam wurde es schon dunkel, und die Gryffindors machten sich zurück auf den Weg in ihren Gemeinschaftsraum. Als Harry im ersten Stock nach rechts abbog, um zu Snapes Gemächern zu gelangen, sahen ihn die anderen verwirrt und fragend an.

„Ich wohne das Wochenende über bei Snape“, sagte er nach einem Moment der Stille.

„Oh, ach so“, meinte Angelina. Aber in ihren Gesichtern konnte man lesen, dass sie diese Tatsache mehr als kurios fanden. Harry machte sich schon auf weitere Fragen bereit, vor allem, weil die Weasley-Zwillinge einen Blick wechselten, aber seine Teamkameraden zuckten nur mit den Schultern und sagten: „Na dann, gute Nacht, Harry.“

Erleichtert, das er keine Fragen beantworten musste, drehte Harry sich um und ging den Korridor hinunter. Er war müde und hungrig, aber er beschloss, heute Abend noch möglichst viel von seinen Hausaufgaben zu machen. Er wollte auf keinen Fall hinterherhinken.

Als er um die Ecke bog, traf er auf Draco Malfoy.

Innerlich stöhnte er auf, nach außen hin tat er so, als bemerke er den blonden Jungen nicht einmal. Aber das wurde schwer, als Draco ihm sich in den Weg stellte.

Harry lief weiter und trat Malfoy dabei auf seinen Fuß.

„Pass auf wo du hingehst, Potter“, hörte er Malfoy hinter sich sagen. Kurz darauf hatte der Junge ihn am Arm gepackt und zog ihn herum.

Harry versuchte sich zu befreien – erfolglos. „Was ist, Malfoy?“, zischte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Draco grinste spöttisch. „Nur nicht so unfreundlich, Potter. Du bist also immer noch hier.“
„Lass mich in Ruhe“, sagte Harry, obwohl er wusste, dass das zwecklos war. Bei Dudley hatte das auch nichts geholfen. Draco grinste noch immer.

„Hast du Angst vor mir, Potter?“
„Komisch, als wir in der Luft waren hatte ich das Gefühl, du hattest Angst“, sagte Harry kühl. Ihm war klar, dass er diese Aussage wahrscheinlich noch bereuen würde, aber jetzt war sie ausgesprochen. Er funkelte Draco an und wartete auf seine Reaktion.

„Ich hatte keine Angst“, zischte Draco. „Wag es ja nicht, mit mir so zu sprechen. Ich würde es jederzeit mit dir aufnehmen.“

„Ach ja?“, sagte Harry, jetzt weniger selbstbewusst.

„Ja“, sagte Draco und sah ihn abfällig von oben an. „Wenn du nicht so ein Schisser wärst, der keine Ahnung vom Zaubern hat, hätte ich dich schon längst zum Duell herausgefordert.“

Harry sah ihn an und wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Dracos Worte hatten ihn verletzt, wahrscheinlich mehr, als der Junge gewollt hatte.

Ich kann nichts, ich gehöre nicht dazu, ich bin ein Freak.

Draco sah ihn abwartend an. „Siehst du“, sagte er dann mit leiser Stimme, „du traust dich nicht. Tust so, als wärst du ein Star, aber wenn es drauf ankommt... So viel Mut verleiht dir deine lächerliche Narbe dann doch nicht, wie's aussieht. Dann hättest du auch verrecken können wie deine -“
„Halt die Klappe“, sagte Harry.

Draco grinste nur.

„Gut“, zischte Harry, „meinetwegen, wir werden ja sehen, wer gewinnt.“ Diesmal war er sich sicher, dass er seine Aussage bereuen würde, und bei dem bloßen Gedanken an ein Duell mit Draco begann er zu zittern, aber er hätte alles dafür getan, das Grinsen aus Malfoys Gesicht zu wischen.

Tatsächlich hörte Draco auf, spöttisch zu gucken und streckte stattdessen seine Hand aus. „Wie wäre es mit nächster Woche, Freitag?“, fragte er, und lehnte sich etwas zu Harry vor. „Um Mitternacht?“

Harry zuckte bei dem Gedanke unwillkürlich zusammen, aber jetzt gab es wohl kein Zurück vor. Er nickte und griff ohne weiteres Zögern Dracos Hand. „Einverstanden.“

 

Als Harry die Tür zu Snapes Büro erreichte, hätte er am liebsten seinen Kopf gegen das Holz geschlagen. Er wusste, dass Snape alles andere als begeistert wäre, wenn er schon wieder eine Regal brach, und sowohl das Duellieren als auch der Aufenthalt auf den Gängen außerhalb der Ausgangssperre war strengstens verboten. Aber an Snape hatte Harry gar nicht mehr gedacht, und jetzt war es wohl zu spät. Er würde niemals zu Draco gehen und sagen, dass er es sich anders überlegt hatte. 11 Jahre lang hatte Dudley ihm das Leben zur Hölle gemacht, er hatte keine Lust, dass sich das gleiche mit Draco wiederholte.
Außerdem war es ja nicht gesagt, dass Snape es überhaupt herausfinden würde. Wenn sie vorsichtig waren, würde sie niemand erwischen und dann würde Snape keine Ahnung davon haben, was Harry getan hatte. Und ab dann, das schwor er sich, würde er sich mustergültig verhalten.

Und wenn sie erwischt wurden, so gab es immer noch einen guten Effekt: Dieses Mal würde auch Malfoy Ärger kriegen.

Aber soweit würde es schon nicht kommen. Und er hatte ja auch noch Zeit, eine ganze Schulwoche noch...

Kapitel 16

 

Harry hatte die kleine, aber feine Hoffnung, dass Draco bis Freitag das geplante Duell vielleicht vergessen haben konnte. Aber als er nach dem Essen in der großen Halle hinunter in die Kerker ging, hielt der blonde Junge ihn auf. Draco steckte ihm in einer schnellen Bewegung eine kleine, handgeschriebene Notiz zu, und ging dann weiter, als sei nichts geschehen.

Harry biss die Zähne zusammen und warf einen Blick auf das kleine Stück Pergament. Heute um Mitternacht im Pokalzimmer.

Harry steckte den Zettel ein und stöhnte leise auf. Von hinten kam Ron. „Was hat Draco da gemacht?“, wollte er wissen, und warf einen Blick auf Harrys Hand, die den Zettel tiefer in seine Umhangtasche schob.

Für einen Moment wollte Harry sagen, dass er nicht wusste, wovon Ron sprach, aber dann warf er ihm einen nachdenklichen Blick zu. Er vertraute Ron, und vor allem kannte sein Freund sich viel besser im Zaubern aus als Harry selber. Warum also sollte er ihm nicht von Dracos Herausforderung erzählen?

Ron machte große Augen. „Zeig mal den Zettel“, bat er. An ihnen vorbei liefen die anderen Schüler auf den Weg zum Zaubertrankunterricht. Harry zog Ron in eine kleine Nische und holte das Pergament raus.

„Ich weiß nicht mal, wo das Pokalzimmer ist.“

„Dritter Stock, glaube ich“, meinte Ron.

Harry steckte das Pergament wieder ein. „Heute um Mitternacht“, sagte er, „hast du eine Ahnung, wie ich es schaffen soll, mich rauszuschleichen, ohne dass Snape etwas bemerkt?“

Ron hob die Schultern. „Jedenfalls kannst du Draco nicht die Befriedigung geben, nicht zu kommen. Er würde sich wahrscheinlich jahrelang darüber amüsieren.“
Harry nickte niedergeschlagen. Selbst wenn es Snape nicht gab, Filch und seine Katze schlichen nachts immer im Schloss herum – wie sollte er es vom ersten in den dritten Stock schaffen, ohne bemerkt zu werden?

Ron stubste ihn in die Seite. „Kopf hoch“, meinte er, „wir schaffen das schon. Wir treffen uns an der Treppe neben dem Gemälde der alten Lady mit dem rosanen Hut, weißt du, wo ich meine?“

Harry starrte ihn an. „Meinst du damit, du willst mitkommen?“, fragte er ungläubig. Ron nickte, als sei das selbstverständlich. „Klar, du brauchst doch jemand, der dir Rückendeckung gibt.“ Seine Augen blitzten. „Außerdem wollte ich schon immer mal nachts im Schloss herumschleichen.“

Harry wollte gerade etwas erwidern, aber Ron warf einen Blick in den Korridor, der inzwischen komplett leer war, und sagte: „Ich glaube, wir sollten mal lieber in den Unterricht gehen.“

Harry zuckte zusammen. Für einen Moment hatte er die Stunde komplett vergessen. Er folgte Ron in das Klassenzimmer, in dem es ganz still war. Alle Köpfe drehten sich zu ihnen herum, als sie den Raum betraten. Harry sah zu Draco und konnte sehen, dass er grinste.

„Potter, Weasley“, hörten sie Snapes eisige Stimme von vorne. „Brauchen Sie vielleicht eine Extraeinladung?“

Harry wandte sich schnell zur Tür und zog sie zu, dann gingen er und Ron mit schnellen Schritten zu ihren Plätzen. „5 Punkte Abzug für Gryffindor für Nachlässigkeit“, sagte Snape kühl, und wandte sich dann wieder der Klasse zu. „Nachdem Potter und Weasley sich auch dazu bequemt haben, sich zu uns zu gesellen, kann mir vielleicht jemand sagen, wo genau die Unterschiede zwischen einem Schrumpfzauber und einem Schrumpftrank liegen? Potter, nachdem Sie und Weasley den Anfang der Stunde zu tiefen Gesprächen genutzt haben, vielleicht können Sie die Vorteile eines Trankes im Vergleich zu einem Zauber erläutern?“

Harry starrte Snape an. Das restliche Wochenende über war die Stimmung zwischen ihm und Snape sogar noch erträglich gewesen, genauso wie die ganze Woche über. Snape hatte, nachdem er seine Sätze geschrieben hatte, den Vorfall in der Flugstunde mit keinem Wort mehr erwähnt und Harry zu verstehen gegeben, dass die Sache für ihn abgehakt war. Er hatte ihn sogar kurz gefragt, wie das Quidditchtraining gewesen war. Und jetzt schaute er ihn wieder mit diesen verhassten Augen an.

„Ich – Ich weiß es nicht, Sir“, sagte Harry, als er seine Sprache wieder gefunden hatte.

Snape wandte sich Ron zu. „Weasley, haben Sie eine Ahnung?“

Sein Freund schüttelte ebenfalls den Kopf. „Nein, Sir.“

Neben ihnen konnte Harry hören, wie Hermine sich die Hand vor die Augen schlug. Draco kicherte kurz auf, und Harry drehte sich verwirrt um.

Snape sah ihn immer noch mit kalten Augen an. „Hm“, machte er. „Dann gehe ich davon aus, dass Sie die Hausaufgaben zu dieser Stunde nicht beendet haben?“

Ron wurde rot, aber Harry starrte Snape nur mit großen Augen an. „Ich – ich habe die Hausaufgaben gemacht, Professor!“

Snape sah ihn wütend an. „Reden Sie keinen Unsinn, Potter“, zischte er, „wenn Sie ihren Aufsatz geschrieben hätten, würden Sie jetzt nicht mit dieser unwissenden Miene vor mir sitzen.“
Harry sah seinen Lehrer mit großen Augen an, und drehte sich dann zu Hermine um. „Hermine, was sollten wir als Hausaufgabe schreiben?“, flüsterte er leise.

„Schrumpftränke“, wisperte Hermine ihm aus dem Mundwinkel zu.

„Haben Sie etwas zu sagen, Potter?“

Harry konnte förmlich spüren, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Er musste etwas missverstanden haben. Die Schrift an der Tafel war so klein gewesen, und Snape hatte die Aufgabe nicht noch mal wiederholt... Harry war sich ganz sicher gewesen, 'Sumpftränke' gelesen zu haben. Er wurde knallrot im Gesicht. „Professor, ich, ich habe einen anderen Text geschrieben -“ Er zog seine Pergamentrolle heraus. Snape kam zu ihm an den Tisch und sah erst das Pergament, dann Harry an. Für einen Moment schien er etwas fassungslos, dann wandte er sich zu Draco. „Mr. Malfoy, vielleicht möchten Sie Ihren Aufsatz vorlesen. Mr. Potter, wir sprechen uns noch.“

Harry schluckte. Nur mit halbem Ohr hörte er zu, wie Malfoy seinen Text vorlas und wie Snape ihm 1 Punkt an sein Haus verlieh. Es war ihm sogar egal, dass Snape Hermine widerwillig 1 Punkt für ihre makellose Aufzählung der Unterschiede zwischen Tränken und Zaubern verlieh. Was machten Punkte schon, wenn er Ärger mit Snape hatte? Schon wieder.

 

Ron zwinkerte Harry zu, als sich dieser nach dem Essen auf den Weg zu Snape machte, aber Harry konnte seine Vorfreude auf die Nacht nicht teilen. Im Gegenteil, er überlegte sogar, jetzt nicht doch lieber in seinem Zimmer zu bleiben. Wenn er sich zwischen Dracos Spott und Snapes Wut entscheiden müsste, würde er wohl immer noch Dracos Spott nehmen.

Doch nachdem er Draco auf den Weg zu Snape traf, und dieser ihm einen herablassenden Blick zuwarf, beschloss Harry, dass es Zeit war, Draco zu beweisen, dass er nicht nur der berühmte Junge mit einer Narbe am Kopf war. Wenn er heute Nacht erschien, würde das Draco wohl ein für allemal das Maul stopfen.

Ron vermutete, dass Malfoy wahrscheinlich selber Angst hatte, erwischt zu werden, und das Duell nur vorgeschlagen hatte, in der Hoffnung, Harry würde ablehnen. Das konnte Harry schlecht einschätzen, aber er hoffte, dass Ron Recht behalten würde und er Draco tatsächlich gar nicht erst begegnen würde. Dann wäre er es, der das Duell ausgeschlagen hatte, und müsste endlich aufhören, Harry zu sticheln.

Am schwierigsten war es wohl, heute Nacht an Snape vorbei zu kommen. Aber selbst dafür hatte Ron eine Lösung gefunden. „Ich klopfe an sein Büro und frage wegen des Aufsatzes, den wir schreiben sollten“, sagte er, „dann kommt er raus, und du schleichst dich auf den Gang. Du musst nur aufpassen, dass er denkt, du würdest schon lange schlafen.“

„Aber du wirst Ärger bekommen“, meinte Harry zögerlich.

Ron zuckte die Schultern. „Glaub nicht, dass ich auf dieses Gespräch scharf bin, aber wenn die Wahl zwischen dem Schleimgesicht und der Fledermaus ist...“

„Aber er wird Punkte abziehen“, gab Harry zu bedenken.

„Das wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen“, gab Ron zögerlich zu. Sie beide schwiegen eine Weile, um zu überlegen, ob Malfoy ein Punkteverlust für Gryffindor wert war, Schließlich schlug Ron vor: „Hör zu, ich weiß, was wir machen. Fred und George haben mindestens ein Dutzend von diesen Stinkbomben. Ich schmeiße eine direkt an die Tür von Snapes Büro, renne weg, Er wird mich nicht sehen, keine Sorge. Die Bombe braucht ein paar Sekunden, bis sie zu stinken beginnt, das gibt mir genau die Zeit, die ich zum Wegrennen brauche.“ Er grinste. „Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Spaß es mir machen wird. Snape wollte ich schon immer mal eine Stinkbombe anhängen.“
Harry war versucht gewesen, Snape zu verteidigen, schließlich war er das Wochenende einigermaßen nett zu ihm gewesen, zumindest die letzten Stunden des Wochenendes, doch dann fiel ihm Snapes Verhalten heute Nachmittag wieder ein.

„Also gut“, hatte er schließlich zugestimmt.

Harry hatte Snapes Büro schon fast erreicht, als Professor McGonagall an ihm vorbeiging. Als sie Harry sah, leuchteten ihre Augen auf. „Potter! Ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen.“ Sie sah äußerst zufrieden aus. „Ich hörte, das Training am Samstag war zufriedenstellend?“

Harrys Augen leuchteten ebenfalls auf. „Oh ja, Professor“, sagte er.

„Wood war ganz außer sich vor Freude über Ihr Talent“, meinte McGonagall mit blitzenden Augen, „wir haben uns ein wenig unterhalten, und -“ Sie stoppte, als Schritte auf dem Gang zu hören waren. Aber es war kein neugieriger Slytherinschüler, sondern kein anderer als Snape, der sich nun zu Professor McGonagall und Harry stellte. McGonagall schenkte ihm ein Lächeln, aber Harry fiel auf, dass es etwas kühl würde. „Guten Abend, Professor Snape“, sagte sie.

Snape nickte kurz. „Guten Abend, Professor.“

Er sah von Harry zu McGonagall. „Es wird Zeit, dass Potter und ich in mein -“

„Nur einen Moment Snape, wir sind gleich fertig.“ McGonagall wartete darauf, dass Snape verschwand, aber als er nicht wegging, wandte sie sich wieder Harry zu. „Wood und ich waren uns einig, dass Sie einen guten Besen benötigen, um als Sucher die besten Erfolge zu erzielen, und ich habe bereits mit dem Schulleiter gesprochen. Professor Dumbledore ist einverstanden, dass wir für Sie eine Ausnahme der Regel machen können. Ich hatte an einen Nimbus2000 gedacht, sie sind einer der besten -“

Harry hatte mit offenem Mund zugehört und starrte seine Lehrerin jetzt mit großen Augen an. „Tatsächlich?“, brachte er schließlich hervor. Er hatte den Nimbus in der Winkelgasse gesehen, und er hatte auch gehört, wie bewundernd die anderen von diesem Besen gesprochen hatten. McGonagall lächelte ihn zufrieden an. „Nun, wenn Sie einverstanden sind, wovon ich ausgehe, dann werde ich auf der Stelle eine Bestellung aufgeben – auf Kosten der Schule, versteht sich -“

„Einen Moment“, unterbrach Snape mit ruhiger Stimme, „ich denke, dass ich hier ein Wörtchen mitzureden habe -“

McGonagalls Gesichtsausdruck wandelte sich in Ärger um. „Ich glaube kaum, dass Sie sich in Dumbledores Entscheidungen einmischen sollten, Severus.“

Harry sah Snape mit hoffnungsvollen Augen an. Dieser rollte kurz die Augen.

„Minerva, das hatte ich nicht vor“, sagte er kühl, „ich nehme nur an, dass es die Aufgabe des Vormunds sein sollte, einen Besen zu beschaffen.“

Minerva öffnete den Mund, und schloss ihn dann wieder, um ihn dann wieder zu öffnen. „Sie meinen – Oh.“ Sie wirkte überrascht, und Harry war ebenfalls verwirrt. Er wollte fragen, was Snape meinte, traute sich aber nicht.

„Sie wollen den Besen für Harry kaufen?“, fragte McGongall, mit ungläubiger Stimme.

Harry meinte, seinen Ohren nicht zu trauen, als Snape sagte: „Das habe ich tatsächlich vor.“
„Hm“, machte McGonagall. Sie schien nicht halb so glücklich mit Snapes Entscheidung wie Harry, der am liebsten auf und ab gesprungen wäre.

„Einen Nimbus2000?“, fragte sie zweifelnd.

Harry wandte sich Snape zu und sah zu seiner Überraschung, dass er noch immer nickte.

McGonagalls Miene entspannte sich wieder und sie lächelte, wenn auch ein wenig zweifelnd.

„Nun gut... Dann ist das ja geklärt“, sagte sie mit zufriedener Stimme, „am besten geben Sie direkt jetzt die Eule mit der Bestellung auf, Severus. Unser Sucher soll ja für das kommende Spiel trainieren können!“

Bei diesen letzten Worten verdunkelte Snapes Miene sich wieder ein wenig, aber nichtsdestotrotz machte er sich auf den Weg in Richtung Eulerei. „Geh schon mal in mein Büro, ich komme gleich“, meinte er zu Harry. Der Junge nickte und konnte nicht anders, als vor Glück zu strahlen. Er grinste seine Hauslehrerin an, die ihm ebenfalls ein Lächeln zuwarf. „Nun, Mr. Potter, wir sehen uns am Montag“, sagte sie, und mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedete sie sich wieder.

Snapes Fußschritte hallten durch die Korridore. Er fühlte sich... seltsam. Keineswegs hatte er nun Minerva auf seiner Seite, aber gleichzeitig fragte er sich, ob es eine gute Idee war, dem Jungen ein solches Geschenk zu kaufen. Nicht nur, weil es ihm finanziell einige Probleme machen würde. Wenn man James Potter einen solchen Besen bereitgestellt hätte, hätte man wohl dafür gesorgt, dass seine Arroganz ins Unermessliche anstieg, und das war das letzte, was Snape für Harry erreichen wollte.

Snape schluckte und seine Augen wurden seltsam feucht. Er wusste genau, was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hatte. Er dachte an die Geburstage und Weihnachtsfeste in seiner Kindheit zurück – all die Geschenke, die er Lily nicht gemacht hatte – nicht hatte machen können. Sie hatte ihm immer etwas gekauft, und immer gesagt, es sei kein Problem, dass er nichts für sie hatte...

Und dann war eines Tages Potter gekommen und hatte angefangen, ihr Präsente zu kaufen. Als Snape endlich wenigstens ein wenig Geld verdient hatte, war es zu spät.

 

Snape wischte sich über die Augen und stieg die Treppen hoch zur Eulerei.

Erst als Harry sich auf dem Stuhl in Snapes Büro niedergelassen hatte, fiel ihm ein, was ihm heute Abend noch bevorstand. Das Lächeln verblasste aus seinem Gesicht ebenso schnell wie es gekommen war. Ihm wurde klar, dass Snape gerade auf dem Weg war, einen Besen zu kaufen, extra für ihn. Dabei war er nicht mal mehr in seinem Haus, spielte im gegnerischen Quidditchteam... Und er hatte letzte Woche noch so böse gewirkt...

Snape kaufte ihm trotz aller Gründe, sauer auf Harry zu sein, einen so teuren Besen und was hatte Harry vor? Heute Nacht wieder gegen die Regeln zu brechen. Harry hatte sich die ganze Woche Gedanken gemacht, ob es theoretisch erlaubt sein konnte, nachts herumzuschleichen, und sogar Percy gefragt, ob es denn irgendwo niedergeschrieben war, dass man die Nacht nicht außerhalb des Schlafsaals verbringen durfte. Percy hatte ihn ziemlich komisch angeschaut. „Natürlich ist das verboten“, hatte er in seiner Vertrauensschüler-Stimme gesagt. „Nach der Ausgangssperre darf niemand mehr draußen sein, das gibt mindestens Punktabzug und Nachsitzen.“ Dann hatte er Harry mit einem kritischem Blick bedacht. „Sag mal, du hast doch nicht so etwas in der Art vor?“

Harry hatte schnell den Kopf geschüttelt. Percy hatte ihm noch geraten, auch Ron dringend an diese Regel zu erinnern. „Fred und George sind schon manchmal draußen herumgeschlichen. Ich fände es nicht gut, wenn Ron sich zu viel von ihnen abschaut.“

Darauf hatte Harry nichts erwidert. Seitdem konnte er auch Percy nicht mehr richtig in die Augen sehen.

Harry starrte auf den Tisch und wartete auf Snape. Er fragte sich, ob er noch wegen der Sache mit dem falschen Aufsatz Ärger bekommen würde, oder ob Snape über den Besen alles andere vergessen würde.

Harry war hin und hergerissen. Noch könnte er behaupten, er habe etwas im Gryffindor-Gemeinschaftsraum vergessen, könnte zu Ron gehen und ihm sagen, dass er lieber nicht zum Mitternachtsduell gehen wollte. Wahrscheinlich wäre sein Freund enttäuscht von ihm, und an Dracos Reaktion wollte Harry gar nicht denken.

Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, wurde die Tür geöffnet und Snape kam herein, sein Gesichtsausdruck unleserlich.

Harry lächelte ihn an.

„Der Besen ist bestellt“, sagte Snape, mit seltsam belegter Stimme. Dann zögerte er einen Moment. „Morgen gehe ich nach Hogsmeade, um ihn abzuholen. Willst du mitkommen?“

Harry machte große Augen, und obwohl er sich sofort noch schlechter fühlte, nickte er. „Aber, warum müssen wir ihn abholen? Liefert ihn keine Eule?“

Wenn Harry sich nicht täuschte, wurden Snapes Lippen gerade ein wenig dünner. „Eine Eule nach Hogwarts kostet mich – nun ja, ich dachte, du würdest gerne mal nach Hogsmeade.“

Das kleine Lächeln war aus Snapes Gesicht schon wieder verschwunden, und Harry beschloss, nicht weiter nachzuhaken.

„Danke sehr“, sagte er stattdessen nur. Aber statt Snape anzusehen, schaute er auf seine Hände.

Snape erwiderte nichts, sondern setzte sich gegenüber von Harry an seinen Schreibtischstuhl. Für einen Moment schwiegen sie beide. Harrys Gedanken kreisten nur um eine einzige Sache, und auch Snape schien jetzt für einen Moment aus der Fassung gebracht worden zu sein.

„Wir müssen über heute im Unterricht reden“, sagte er dann. Harry sah auf. Zu seiner Überraschung fehlte in Snapes Stimme der gewöhnliche strenge Unterton. Doch das änderte sich nichts daran, dass Harry, wenn er an den heutigen Mittag dachte, knallrot im Gesicht wurde und nervös begann, seine Finger zu verknoten. Er hätte am liebsten direkt begonnen, sich zu erklären, aber er war sich nicht sicher, ob Snape jetzt gerade in der Stimmung für lange Erklärungen war.

Zögerlich begann er zu sprechen. „Es ist so gewesen, Sir... Ich wollte die Hausaufgaben machen – ich habe sie gemacht – aber ich dachte, wir sollten über Sumpftränke schreiben. Ich habe die ganze Bibliothek nach Büchern durchsucht, und mir wirklich Mühe gegeben und -“ Er hörte auf zu sprechen und sah auf. Er suchte in Snapes Augen die Wut, die im Unterricht noch vorhanden gewesen war – und fand sie nicht wirklich. Wenn überhaupt, sah Snape verwirrt aus.

„Ich muss mich verlesen haben, meine Augen sind manchmal -“ Er stockte. Seine Tante hatte ihm die Brille vor einigen Jahren gekauft, nachdem er immer wieder gegen den Küchenschrank gestoßen war.

„Verdammt großzügig von uns, dir die Brille zu kaufen“, hatte sein Onkel gemeint, und Harry erinnerte sich noch genau an seine böse blitzenden Augen, „wehe, du beschwerst dich noch einmal, Junge.“

„Was ist mit deinen Augen?“, fragte Snape und unterbrach Harrys Erinnerungen. „Warum trägst du überhaupt diese lächerliche Brille, wenn sie dir nicht hilft, richtig zu sehen?“

Harry schluckte und griff sich unwillkürlich an sein Brillengestell. Onkel Vernons Blick ging ihm nicht aus dem Kopf, aber er schob ihn beiseite und konzentrierte sich auf Snape vor ihm. „Wenn ich sie ausziehe, sehe ich ja noch weniger, S-Sir.“

Snapes Augenbrauen zogen sich zusammen und Harry krallte sich an seinem Stuhl fest. Am liebsten würde er sich unter dem Tisch verstecken, wenn Snape diesen Blick machte.

„Du hast also die Instruktionen nicht richtig lesen können?“, fragte Snape mit scharfer Stimme.

Harry nickte, ohne ein Wort zu sagen.

Snape sah nachdenklich aus und studierte Potters Blick. Das Kind schien wieder einmal verschreckt, ohne dass er überhaupt etwas gemacht hatte. Er hatte ihn nicht mal für seine Idiotie gerügt. Und trotzdem kam Potter sich wahrscheinlich wieder ungerecht behandelt vor. „Du hättest zu mir kommen können“, sagte er barsch, „oder Weasley fragen, oder Fräulein Neunmalklug neben dir...“

Harry sah ihn mit großen Augen an. „Aber ich dachte ja, ich hätte es richtig gemacht. Wirklich!“ Seine Stimme zitterte wieder ein wenig.

Snape musste zugeben, dass das Sinn ergab. Wenn Potter die Aufgabe nur falsch übernommen hatte, woher sollte er wissen, dass ein völlig anderer Aufsatz geschrieben werden sollte? Dennoch würde er es Potter zutrauen, sich auf diese Weise vor den Hausaufgaben drücken zu wollen. „Gib mir deinen Aufsatz“, befahl er, „damit ich ihn auf Fehler untersuchen kann. Und dann vergessen wir die Sache.“

Harry nickte und griff sofort zu seiner Schultasche. Snape packte die Rollen Pergament in seine Schublade – vor Sonntag wollte er sich damit nicht befassen. Sumpftränke! Wie Potter nur auf die Idee gekommen war... „Und gib mir deine Brille“, fügte er hinzu. Potter reichte sie ihm mit beschämten Blick. Snape zückte seinen Zauberstab und murmelte ein paar Worte, dann reichte er sie an den Jungen zurück. Potter zog sie an.

„Besser?“, fragte Snape.

Potter lächelte, und schien sehr erleichtert, auch wenn Snape meinte, ein wenig schlechtes Gewissen in seinen Augen lesen zu können. „Besser“, sagte der Junge.

 

Harry und Ron schlichen durch den Korridor. Ron sah sich mit wachsamen Augen um; anders als Harry schien er keinerlei schlechtes Gewissen zu haben. Nervös griff sich Harry an die Brille. Erst der Besen, dann die Brille. Und nun schlich er hier draußen herum.

Aber was hätte er schon groß tun können? Nachdem Ron schon extra die Stinkbomben besorgt und geworfen hatte, gab es für Harry keinen Weg zurück mehr, er hatte sich aus seinem Zimmer geschlichen und fort von Snape.

„Er ist und bleibt eine alte Fledermaus“, hatte Ron gesagt, als Harry ihm flüsternd von Snapes spendablem Geschenk erzählt hatte, „das macht nicht mal ein Nimbus wett... Mach dir keine Gedanken, Harry.“ Aber Harry hatte genau den Neid in Rons Augen gesehen, als Harry ihm von dem Rennbesen erzählt hatte. Fast schon hatte Harry sich schlecht gefühlt, dass er nun auch noch einen Besen bekam.

Harry sah sich ein paar Mal nervös um, aber Snape schien keinen Verdacht zu schöpfen, weder er, noch sonst jemand. Es war nichts zu hören.

Sie erreichten die Treppen problemlos und auch in den dritten Stock gelangen sie schnell und unbemerkt. Während Harry sich noch suchend umsah, schlug Ron direkt den Weg nach links ein. „Komm, ich weiß, wo lang“, flüsterte er. Tatsächlich führte sein Freund ihn ohne Umschweife ins Pokalzimmer.

Harry wollte die Türklinke hinunterdrücken, aber Ron hielt ihn auf und schüttelte stumm den Kopf. Er legte vorsichtig den Kopf an die Tür, um zu lauschen.

„Da drin ist jemand“, flüsterte er leise. Harry stellte sich neben Ron und jetzt hörte er die leisen Schritte auch.

„Draco ist wohl schon da“, sagte Ron leise, und Harry nickte. Sein Magen drehte sich um. Bis zum letzten Moment hatte er gehofft, dass Draco gar nicht erscheinen würde. „Dann los“, flüsterte Ron, und drückte die Tür auf.

Aber drinnen war weder Draco, noch einer seiner Freunde. Gar kein Mensch war drinnen. Es dauerte einen Moment, bis Harry realisierte, woher die trippelnden Schritte kamen, aber dann bemerkte er den Schatten an der Wand. Er zuckte zusammen und musste sich zusammenreißen, um nicht loszuschreien, als er Mrs. Norris erblickte.

Er und Ron machten beide gleichzeitig einen Satz nach hinten. Harry sah Ron mit panischen Augen an. „Meinst du, Filch ist in der Nähe?“

Die Katze drehte sich auf dem Absatz herum und fauchte die beiden Jungs an. Harry konnte nicht anders, er schrie auf, und auch Ron schien auf die plötzliche Regung der Katze nicht vorbereitet gewesen zu sein. Auch ihm entfuhr ein Schrei, bevor er die Tür zum Pokalzimmer zuknallte und davonlief.

Sie rasten, bis sie ein paar gute Meter von der Katze weg waren, dann erst sahen sie sich um. Schritte kamen näher, und diesmal waren sie viel lauter, viel menschlicher – und schienen aus allen Richtungen zu kommen.

„Wo entlang?“, fragte Harry verzweifelt, als sowohl vom Pokalzimmer als auch vom Korridor hinter ihnen Geräusche zu hören waren.

Er und Ron fuhren herum, und stießen mit einem Büschel brauner Haare zusammen, die sich als Hermines Schopf entpuppten. Sie starrte die Jungs erst überrascht, dann böse an. Aber ihr Blick war nichts im Vergleich zu Rons entgeisterten Augen.

„Was macht ihr hier?“, fragte sie, in ihrer belehrenden Stimme, die Harry extrem an McGonagall erinnerte.

„Was machst du hier?“, gab Ron bissig zurück. „Hau ab und lass uns in Ruhe.“

Hermine verschränkte die Arme. „Falls du's dir nicht denken kannst, ich bin hier, um dich Spatzenhirn zu warnen. Anders als du kann ich nämlich eins und eins zusammenzählen, und weiß, dass Filch hier herumschleicht. Malfoy hat heute Abend etwas zu laut mit seinen Kumpels besprochen, wie er euch drankriegen will, und ich will keine Punkte verlieren -“

Weder Ron noch Harry achteten auf die kleine Rede, die klang, als hätte Hermine sie auswendig gelernt, um sie nun vorzusagen. Stattdessen sahen sie sich nach hinten um und zu ihrem Erschrecken hörten sie jetzt nicht nur Schritte, sondern auch Filchs Stimme – die gar nicht mehr so weit entfernt klang...

Harry dachte nicht länger nach. Der Gedanke daran, was Snape mit ihm anstellen würde, reichte schon aus, um seine Muskeln zu beflügeln. Er wandte sich zur nächstbesten Tür und rüttelte an der Klinke. „Verschlossen“, stieß er hervor, und warf Ron einen verzweifelten Blick zu. Dieser sah Hermine wütend an, als sei sie an allem Schuld. „Wenn du uns nicht aufgehalten hättest“, zischte er, wurde aber von Filchs Worten, die jetzt sehr nah klangen, unterbrochen.

„Wo sind sie langgegangen, kannst du es mir zeigen?“

„Filch ist da“, bemerkte Hermine, völlig überflüssigerweise.

Ron rüttelte an der Klinke, wurde aber von Hermine beiseite geschubst. Er funkelte sie wütend an, aber sein Blick wurde neutraler, als sie ihren Zauberstab hob...

Gerade in dem Moment, in dem Filch um die Ecke kam, flüchteten Harry, Ron und Hermine in den Korridor.

Kapitel 17:

 

Als Harry am nächsten Morgen in seinem Bett aufwachte und sich müde die Augen wachrieb, wusste er selber nicht genau, wie er es geschafft hatte, nach dem Chaos gestern unbemerkt in Snapes Büro zurück zu gelangen. Es war nur Hermine zu danken gewesen, dass sie im richtigen Moment die Tür geöffnet hatte – oder das war genau der Fehler.

Harry schüttelte sich. Für einen Moment hoffte er, das Biest wäre ein Ursprung seiner Fantasie gewesen und nichts als ein Albtraum, aber ein Blick auf seine Klamotten sagte ihm, dass dem nicht so war. Mehrere Hundehaare klebten an dem Stoff.

Aber immerhin, Filch hatte sie nicht entdeckt. Jedenfalls war er verschwunden gewesen, als sie den verbotenen Korridor wieder verlassen hatten, und auch das Zurückschleichen in sein Zimmer war kein Problem gewesen. Harry hatte nicht gegen Draco kämpfen müssen, und alles in allem könnte man sagen, er hatte Glück im Unglück gehabt, aber so fühlte es sich für ihn nicht an. Seine Knie wurden weich bei dem Gedanken an das Hundemonster oben im dritten Stock, und er hatte auch das ungute Gefühl, dass Filch sie womöglich doch gesehen und erkannt hatte.

Er öffnete seine Zimmertür, um zu sehen, ob Snape schon wach war, und in der Tat stand der Professor an der Küchentheke und bereitete das Frühstück zu. Harry erwartete schon, dass er sich jeden Moment umdrehen und ihn auf letzte Nacht ansprechen würde, aber das geschah nicht.

„Guten Morgen“, sagte er schüchtern.

Snape drehte sich um und sah Harry zum ersten Mal mit einem einigermaßen neutralem Gesichtsausdruck an. „Guten Morgen“, sagte er. „Setz dich, ich will möglichst schnell aufbrechen, sonst ist es so voll im Dorf.“

Jetzt erst fiel Harry auf, dass sie heute den Besen abholen wollten, und seine Augen leuchteten direkt auf. Er setzte sich an den Tisch und nahm das Brot entgegen, das Snape ihm hinhielt.

 

Snape betrachtete den Jungen, der neben ihm lief, mit kritischem Blick. Konnte das wirklich sein? Ging er gerade mit Harry Potter hinunter nach Hogsmeade und hatte nicht einmal etwas dagegen, dass es Harry Potter war, den er mitnahm?

Nicht dass er den Jungen auf einmal gern hatte. Aber wenn er nicht die übliche Gryffindor'sche Naivität und den Hang zum Brechen vom Regeln hätte, so könnte er sich eventuell vorstellen, über die Tatsache hinwegzusehen, dass er James' Sohn war.

Wenn mir irgendjemand erzählt hätte, dass ich irgendwann mal James' Sohn einen Rennbesen kaufe, dann hätte ich gedacht, derjenige stünde unter einem Verwechslunszauber.

Er beschloss, nicht allzu viel darüber nachzudenken und stattdessen erleichtert darüber zu sein, dass er dieses Wochenende noch keinen Ärger mit Harry gehabt hatte.

Den Besen abzuholen, dauerte nur wenige Minuten, und eigentlich hatte Snape sich direkt auf den Weg zurück ins Schloss machen wollen, aber jetzt, wo sie schon einmal hier waren, war der Gedanke, einmal kurz durch das Dorf zu schlendern, zu verlockend. Auf der anderen Seite hatte er gerade einen Haufen Gold für einen Besen bezahlt, den er sich nicht eigentlich nicht leisten konnte. Zwar hatte er noch ein paar Sickel in der Tasche, aber dafür war auch schon sein gesamtes Gehalt für zwei Monate weg.

Harry sah sich neugierig um und betrachtete neugierig das wilde Schneetreiben. Die Frage, warum hier im Herbst schon Schnee lag, brannte ihm auf der Zunge, aber er wollte nicht, dass Snape ihn für dumm hielt. Immer wieder schielte er auf den Besen, den Snape in seiner Hand trug. Vom Nahen betrachtet sah er noch viel glänzender und scheinender aus als durch das Schaufenster. Und er würde bald sogar auf ihm fliegen. Bei dem Gedanken wurde er ganz hibbelig. Wenn es nach ihm gehen würde, würde er sich jetzt schon auf den Besen schwingen und hoch zum Schloss fliegen.

Hier in Hogsmeade war es, wie er feststellte, viel schöner als in der Stadt, in der er aufgewachsen war. Ob es daran lag, dass es ein Dorf und keine Stadt war, oder daran, dass hier Zauberer und keine Muggel lebten, ließ sich natürlich schwer feststellen, aber Harry vermutete letzteres. Die Häuser waren geschmückt, in den Gassen standen kleine Stände und – anders als in Hogwarts – überall sah man irgendjemanden, der zauberte. Es war fast so wie in der Winkelgasse, aber nicht so voll.

Auf dem Weg nach Hogwarts trafen sie auf Dumbledore, der neben Professor Flitwick ins Dorf hinein marschiert kam. Der kleine Professor sah neben dem Schulleiter noch winziger aus, als sowieso schon.

„Ah, Severus, Harry“, sagte Dumbledore mit einem Lächeln. Snape zwang sich dazu, seine Lippen zu einem halbwegs freundlichem Gesicht zu formen. Er kam sich unheimlich dumm vor, hier mit Potter durch den Schnee zu marschieren.

Harry lächelte schüchtern statt eines Grußes.

„Wir gehen noch in die Drei Besen, aber so wie ich das sehe, seit ihr schon auf dem Heimweg?“, fuhr Dumbledore fort.

Snape biss die Lippen zusammen. „Ganz recht“, sagte er.

„Schade“, meinte Dumbledore. „Darf ich euch nicht einladen? Harry hatte noch nie ein Butterbier, stimmt's?“

Harry schüttelte den Kopf.

Snape zog die Augenbrauen zusammen. Kurz erwog er, das Angebot anzunehmen, aber dann entschied er sich dagegen. Er würde sich nicht von dem Mann einladen lassen, den er gestern noch um einen Gehaltsvorschuss gebeten hatte. Ein wenig von seinem Stolz wollte er noch bewahren. „Danke, aber nein.“

„Na dann“, meinte Dumbledore und setzte sich wieder in Bewegung, „dann noch einen guten Weg.“

„Ebenso“, brummte Snape.

Dann ging er mit etwas missmutiger Miene weiter. Der Schulleiter hatte ihn gerade – wahrscheinlich ungewollt – daran erinnert, dass es einem das Leben schwer machte, wenn man nicht wie die meisten seiner Kollegen regelmäßig ein dickes Polster an Galleonen in der Tasche hatte. Er bereute seine Entscheidung, den Besen gekauft zu haben, zwar nicht, aber dennoch wünschte er sich, es hätte ihn nicht seine ganzen Ersparnisse gekostet. Schweigend machten sie sich auf den Weg nach oben; Snape war in Gedanken versunken und bemerkte die leuchtenden Augen des Jungen neben sich nicht einmal.

 

Zurück in Snapes Wohnung stellte Harry vorsichtig den Besen an der Wand ab, um ihn sich dann noch einmal von nahem anzusehen. Hier schien der Besen noch einmal viel mehr zu glänzen. Am schönsten war wohl der kleine, goldene Schriftzug am unteren Ende des Besenstiels. Harry spähte zu Snape hinüber und fragte sich, ob er ihm wohl erlauben würde, ihn jetzt direkt, noch vor den Quidditchtraining auszuprobieren. Snape hatte sich gerade in der Küche niedergelassen und fragte: „Willst du auch was essen oder trinken?“

Harry schüttelte den Kopf. „Danke, Sir“, meinte er. Die Augen konnte er kaum von seinem Besen lassen. Er wollte nichts essen, er wollte fliegen! „Ähm“, meinte er schüchtern, „könnte ich vielleicht rausgehen und den Besen ausprobieren? Nicht lange, nur ein bisschen?“

Hoffnungsvoll sah er Snape an und tatsächlich nickte dieser. „Unter einer Bedienung“, meinte er.

Harrys Augen wurden noch ein wenig größer. „Ja?“

„Du nimmst dir einen älteren Schüler aus deinem Quidditchteam mit, damit er aufpasst. Und keine gefährlichen Stunts.“

Harry strahlte und nickte. „Okay, danke, ich passe auf!“

Er wollte sich seinen Besen schnappen und aus der Tür rennen, aber da schien Snape noch etwas einzufallen. „Nicht die Weasley-Zwillinge“, sagte er mit zusammengezogenen Augenbrauen, „frag lieber Oliver Wood oder jemand anderen.“

Harry fragte nicht weiter nach, und nickte. „In Ordnung.“ Vor der Tür zögerte er noch einmal kurz. „Äh, Professor... Vielen Dank. Ich...“ Er strich mit der Hand über das glatt geschliffene Holz. „Danke.“

Wenn Harry sich nicht täuschte, sah Snape für einen Moment kurz zu Boden und hob dann wieder seinen Blick. „Gern geschehen“, sagte er mit seltsamer Stimme. Harry lächelte kurz und legte die Hand auf die Türklinke, als Snape noch sagte: „Und Harry, spar dir das Professor. Nenn mich doch einfach Snape.“

Harry drehte sich zu ihm um und sah dem Mann in die Augen. Er versuchte, ein Lächeln in Snapes Gesicht zu finden, aber es gab keins. Er nickte. „Okay... Snape.“ Und mit einem Grinsen verließ er das Zimmer.

 

Woods Grinsen war, wenn das überhaupt möglich war, noch breiter als Harrys als er sah, wie dieser mit dem neuen Besen auf ihn zukam. „McGonagall hat es mir erzählt. Prima, Harry. Slytherin kann einpacken.“ Harry nickte grinsend.

„Na, dann, lass uns keine Zeit verlieren. Wir trainieren später noch mit der versammelten Mannschaft, aber ich bin mir sicher, du willst vorher in Ruhe üben, oder? Bist du den Besen schon einmal geflogen.“

Harry verneinte und erzählte, dass Snape und er den Besen erst heute Morgen überhaupt abgeholt hatten. Wood nickte nachdenklich. „Snape... Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Er hat ihn doch hoffentlich nicht manipuliert, oder? Damit sein Haus verliert?“ Er grinste, als er es sagte, aber es war ein ernster Unterton herauszuhören.

„Keine Sorge, Wood. Ich habe diesen Besen nicht aus den Augen gelassen.“

„Ich bin stolz auf dich, Harry. Na los. Zeig mir, was der Besen kann.“

 

 

Harry flog ihm Sturzflug zu Boden, um den Tischtennisball, den sie zum Üben nahmen, zu fangen. Er streckte seine Hand aus und umschloss mit seinen Fingern das Plastik. Grinsend brachte er den Besen zum Halten und drehte sich triumphierend zu Wood um, den Ball hoch nach oben haltend.

„Hab ihn!“

Wood flog zu ihm herüber. „Fantastisch, Harry! Das waren vielleicht 5 Sekunden. Wir -“

Sie wurden abgelenkt von einer dunklen Silhouette, die sich auf sie zubewegte. Als die Person näher kam, konnte Harry erkennen, dass es Snape war. Auf einmal fiel ihm auf, dass sie schon eine ganze Weile draußen waren. Und er hatte Snape gesagt, dass er „kurz“ weg sein würde. Das letzte, was er wollte, war Snape zu verärgern.

Wood sah ihn verwirrt an. „Was will der denn jetzt?“

Je näher Snape kam, desto besser konnte man seine Gesichtszüge erkennen. Er sah wütend aus, und Harrys ungute Gefühl bestätigte sich, als er vor ihnen stehen blieb. „Harry James Potter“, sagte Snape mit gefährlich ruhiger Stimme, „runter von dem Besen und ab in mein Büro. So-fort.“

 

Harry war schlecht, als Snape ihn auf den Stuhl vor dem Schreibtisch drückte und die Tür zuknallte. Den Besen hatte er Harry abgenommen und in die Ecke gelegt. Während sie hier hoch gelaufen waren, hatte sich Harry der Verdacht aufgedrängt, dass es um mehr gehen könnte, als dass er zu spät zurück im Schloss gewesen war, und diese Vermutung schien sich jetzt zu bestätigen. Snape setzte sich ihm gegenüber. Seine Augen blitzen böse, und seine Stimme war kalt.

„Potter“, sagte er, „gibt es irgendetwas, was du mir sagen möchtest?“

Harry schluckte und verknotete seine Finger. Seine Stimme krächzte, als er antwortete. „Ich – Nein, Sir.“

„Wo warst du letzte Nacht, Potter?“

Harry öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er schaffte es nicht. Er konnte Snape nicht ins Gesicht sagen, was er getan hatte, nicht nachdem sie sich heute Morgen so gut verstanden hatte.

„Vielleicht ist es besser, wenn du den Mund hältst“, zischte Snape, „damit nicht noch mehr Lügen rauskommen. Filch hat euch gesehen und mich sofort informiert. Glaubst du, ich bin ein Idiot, Potter? Ist es für dich witzig, mich zu belügen und zu täuschen?“

Harry schluckte und schüttelte den Kopf. „Nein“, flüsterte er.

„Dann ist es vielleicht der Reiz, die Regeln, die hier in der Schule und in meinen vier Wänden herrschen, zu ignorieren? Ich habe dir genau gesagt, was du zu tun und zu lassen hast. Wir hatten genau vor einer Woche ein Gespräch über ebendiese Regeln.“ Snapes Augen verengten sich.

Harry schluckte. „Ich – es tut mir leid, ich -“

Snape stand auf und packte den Besen in den Schrank. „In dein Zimmer“, sagte er in eisigem Ton. Harry bewegte sich nicht sofort, und Snape fuhr ihn an: „Jetzt, Potter.“

Harry stand auf. Als er nach draußen sah, fiel ihm noch etwas ein. Wood würde sauer auf ihn sein, wenn er heute Nachmittag nicht kam. Noch mehr Leute, die sauer auf ihn waren, könnte er wirklich nicht ertragen. Mit rotem Gesicht wandte er sich an Snape „Heute Nachmittag ist noch Training“, sagte er schüchtern. „Könnte ich vielleicht -“

Aber bevor er weitersprechen konnte, packte Snape ihn am Arm. Harry schrie vor Schreck kurz auf, als sich die feste Hand um sein Hangelenk klammerte.

Für einen Moment sah Snape so aus, als müsste er sich zusammenreißen, Harry keine Ohrfeige zu geben. Ängstlich wich Harry zurück.

„In dein Zimmer“, sagte Snape schwer atmend, „und komm ja nicht raus, bevor ich es dir erlaubt habe.“

Mit diesen Worten schleppte er Harry in seinen kleinen Schlafraum, Harry folgte auf zitternden Knien. Snape schloss die Tür und sie fiel mit einem Knallen zu. Harry taumelte zurück und ließ sich aufs Bett fallen. Er erwartete schon, den Schlüssel im Schloss knacken zu hören, aber Snapes Schritte entfernten sich. Harry schlang seine Arme um seine Beine und begann, möglichst leise, damit niemand ihn hörte und Snape nicht noch böser werden konnte, zu schluchzen.

 

Kapitel 18:

 

Snapes Herz schlug sehr schnell. Er saß am Küchentisch, den Rücken zu Harrys Zimmer gedreht und den Blick auf den Küchentisch. Das änderte aber nichts daran, dass seine Gedanken um den Jungen hinter der Tür kreisten.

Er wusste, dass er sich nicht richtig verhalten hatte. Er hätte einen kühleren Kopf behalten müssen. Aber wer hätte das schon? Verärgert sah er zu Harrys Zimmertür. Für einen Moment hatte er wirklich geglaubt, der Junge würde sich machen. Fast schon hätte er ihm viel Glück fürs Training gewünscht, dann war ihm eingefallen, für welche Mannschaft Potter spielte. Und nun zeigte sich doch nur wieder das, was er bei diesem Kind erwartet hätte. Wahrscheinlich hatte er seinen Freunden gestern Nacht strahlend erzählt, wie er nun sogar einen Besen bekam. Und diese Geste hatte Harry dennoch nicht davon abgehalten, die Regeln zu brechen. Verstand er denn gar nichts?

Und nicht nur, dass er Snape missachtet hatte. Es war verdammt gefährlich, sich da oben rumzutreiben. Dumbledore hatte nicht übertrieben, als er von Todesgefahr gesprochen hatte. Wem wollte Harry nur etwas beweisen?

Er hätte es verdient gehabt, wenn der Hund ihn in tausend Stücke zerfetzt hätte. Dann zog sein Magen sich zusammen. Lily hätte das sicher anders gesehen.

Nachdenklich stützte er den Kopf in die Hände. Er dachte an den Tag zurück, an dem er Dumbledore erklärt hatte, dass Harry eine „liebende, aber feste Hand“ brauchte. Hatte er das damit gemeint? Dass er das Kind im Grunde in sein Zimmer schubsen musste, und dass er ihn anschrie?

Das hätte er sich vorher überlegen müssen. Der Hund hätte ihm sehr viel schlimmeren Schaden zufügen können.

Was hätte Lily getan? Wäre sie sauer gewesen, oder hätte sie ruhig mit Harry gesprochen? Der Gedanke an Lily tat weh, aber trotzdem zwang Snape sich, sich in sie hineinzuversetzen. Wie hätte Lily reagiert?

Nicht so.

Aber wie dann?

Sein Kopf schmerzte. Er wusste nicht, was er hätte machen sollen. Was richtig und was falsch war. Er hatte keine Kinder, und er hatte nie welche gewollt. Nur eines wusste er: Dass kein Kind sein Leben haben sollte. Und diese Gewissheit half einem bei dem Thema Erziehung auch nicht wirklich weiter.

Noch immer lief ihm bei den Gedanken an seinen Vater ein Schauer über den Rücken, er schloss die Augen, und versuchte, die Erinnerungen aus dem Kopf zu jagen.

Erst Lily, und nun sein Vater. Der Tag wurde ja immer besser.

Zu allem Überfluss klopfte es auch noch an der Tür, als Snape sich gerade in sein Büro gesetzt hatte, und zur Ablenkung beginnen wollte, Aufsätze zu korrigieren. Genervt stand er auf und öffnete. Seine Mundwinkel fielen noch ein wenig weiter nach unten, als er den Jungen in der Gryffindorrobe sah.

„Was gibt es, Wood?“, fragte er gereizt.

„Entschuldigen Sie die Störung, Sir, aber man sagte mir, Harry Potter wäre hier.“

Snape kniff die Augen zusammen. „Das ist korrekt.“

„Könnten Sie ihn vielleicht holen? Wir warten mit dem Quidditchtraining auf ihn.“

Schon wieder Quidditch. Hatten Gryffindors keine anderen Sorgen? Snapes Miene wurde noch ein wenig kälter. „Potter wird nicht zum Training erscheinen.“

Wood sah verwirrt aus. „Warum das denn, Professor? Wir hatten fest ausgemacht, und er meinte -“

„Vielleicht sollten sich die Gryffindors weniger aufs Quidditch, sondern lieber auf das Benehmen und die Schulleistungen ihrer Spieler kümmern. Soweit ich Ihren Aufsatz bisher gelesen habe, kann ich nicht mehr als ein Mies vergeben.“

Wood ließ sich nicht beirren. „Ich weiß nicht, was das mit dem Thema zu tun hat, aber vielleicht können Sie Harry einfach ausrichten -“

Snape unterbrach ihn wieder. „Sie sehen Potter am Montag in der Großen Halle. Auf Wiedersehen, Wood.“

„Ich -“, setzte Wood an und überlegte es sich dann doch anders. „Nun gut, Professor. Auf Wiedersehen.“

Mit grimmigen Gesicht schloss Snape die Tür und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Wenn es nach ihm ginge, würde Harry hochkant aus der Mannschaft fliegen. Aber wenn er das veranlasste, würde Minerva mit Sicherheit Einspruch erheben – und Dumbledore würde ihr Recht geben.

Snape öffnete die Schublade und hievte einen Stapel Aufsätze heraus, dann nahm er sich eine Feder und öffnete die erste Rolle Pergament.

Zaubertränke und ihre Eigenschaften: Sumpftränke

Im ersten Moment wollte er das Pergament schon wieder zusammenrollen, aber dann siegte seine Neugier. Mal sehen, was der Junge geschrieben hatte.

Sumpftrank ist ein Überbegriff für allerlei Tränke, die mithilfe von Pflanzen gebraut wurden, die in Sümpfen oder Sumpfnähe wachsen. Zu diesen Pflanzen gehören unter anderem die Sumpfdotterblume, Röhrichtpflanzen wie Schilf oder Rohrkolben (Beizutaten einer Schluckauf-Lösung) oder auch Baldrian, welcher in vielen Tränken genutzt wird. Allgemein haben Sumpfpflanzen aber wenig Relevanz beim Brauen von Zaubertränken. Viele Sumpfplanzen können auch durch landlebende Pflanzen ersetzt werden. Essentiell für den Trank der Lebenden Toten sind aber Wurzeln von Baldrian. Dieser kann aber gegebenenfalls auch an Land angebaut werden.

Belustigt legte Snape das Pergament zurück auf seinen Tisch. Tatsächlich waren Sumpftränke kein spannendes Gebiet der Zaubertrankbrauerei, aber es war umso interessanter, zu sehen, wie Potter trotzdem ein paar Informationen gesammelt hatte. Er musste auch zugeben, dass zumindest Harrys Schrift sich um einiges verbessert hatte, wenn man sie mit seinem anfänglichem Gekrakel verglich. Auch wenn das natürlich nichts daran änderte, dass sein Benehmen inakzeptabel war.

Seufzend nahm er sich den nächsten Aufsatz vor.

 

Harry saß noch immer zitternd auf seinem Bett, wenn auch sein Atem langsam ruhiger wurde. Seine Augen hatte er auf die Türklinke fixiert, als erwartete er jeden Moment, dass sie geöffnet wurde. Aber nichts rührte sich.

Er begann, an den Fäden seines Bettes herumzuspielen. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde. Er hatte es gewusst, und trotzdem war es ihm egal gewesen. Vielleicht hatte Snape Recht und er war wirklich nur unverschämt.

Onkel Vernon und Tante Petunia würden ihm dabei bestimmt zustimmen... Bei dem Gedanken lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Dabei hatte Snape ja selber gesagt, er solle nicht mehr an seine Verwandten denken... Harry lugte wieder zur Tür und fragte sich, wann Snape ihn wohl wieder rauslassen würde. Er hatte seit dem Frühstück nichts gegessen und allmählich meldete sich trotz seiner Angst der Hunger. Aber vor der Tür war es still, bis auf ab und an leise Fußtritte oder das Klacken der Bürotür war nichts zu hören.

Harry war selber klar, dass Fehler bestraft wurden, und dass er Snape eigentlich dankbar sein musste, dass er ihm nichts Schlimmeres antat. Warum zitterte er dann trotzdem vor Angst? Warum klopfte sein Herz dann bis zum Hals, als hätte Snape ihn drei mal um das Quidditchfeld gejagt? Es war ja nicht so, dass es schlimm war, hier im Zimmer zu sitzen, sein Zimmer war viel größer als der Schrank unter der Treppe, und gefrühstückt hatte er ja immerhin auch. Hier war er wenigstens vor weiteren Wutausbrüchen sicher.

Nicht dass Snapes Wutausbruch nicht gerechtfertigt gewesen war. Harry schluckte. Er nahm sich fest vor, seinem Vormund keinen Ärger mehr zu machen. Er würde sich benehmen. Snape sollte nicht das Gefühl bekommen, er schätze nicht alles, was er für ihn tat.

 

Für einen Moment fürchtete Harry schon, Snape würde ihn bis zum nächsten Morgen in seinem Zimmer lassen, und als dann auch noch die Gerüche aus der Küche an ihm vorbeizogen, verkrampfte sich sein Magen immer mehr und erinnerte ihn daran, dass er hungrig war. Aber die Tür öffnete sich, und Snape machte eine Handbewegung zum Esstisch. „Setz dich, es gibt gleich Essen.“

Er sieht immer noch grimmig aus, dachte Harry, zögerte aber keinen Moment und setzte sich an den Tisch. Snape hantierte am Herd rum und servierte anschließend das Essen, das nach Spinat und Eiern aussah. Hungrig griff Harry zur Gabel.

Nachdem sie gegessen hatten, lehnte Snape sich im Stuhl zurück. „Bleib hier“, sagte er – obwohl

Harry keine Anstalten gemacht hatte, zu gehen – „wir müssen uns noch unterhalten. Ist dir klar, warum ich dir Zimmerarrest gegeben habe?“

„Weil ich mich nicht an die Regeln gehalten habe.“

Snape schnalzte ungeduldig mit der Zunge, sodass Harry zusammenzuckte. „Welche Regeln?“

„Ich bin nachts auf den Korridoren gewesen und habe mich hier rausgeschlichen.“

„Und?“

„Ich war im verbotenem dritten Stock“, flüsterte Harry, „aber -“

„Kein Aber“, zischte Snape verärgert. „Es gibt keine Entschuldigung für das Herumwandern im dritten Stock. Wenn dich noch einmal jemand dort oben sieht, dann wird dir das sehr, sehr leid tun, ist das klar?“

Harry nickte. Er wollte von Draco erzählen, wie er ihn da hochgelockt hatte, aber er konnte schon ahnen, was Snapes Antwort darauf wäre.

Du hättest ja nicht auf Malfoy hören müssen.

„Ja, Sir“, flüsterte er stattdessen.

„Morgen bleibst du noch in deinem Zimmer“, sagte Snape.

Harry nickte.

„Und ich will, dass du nächste Woche jeden Tag nach der Schule in mein Büro kommst, statt in den Gryffindorgemeinschaftsraum zu gehen. Verstanden?“

Harry nickte wieder. „Verstanden“, sagte er leise. Fast fing er schon wieder an zu weinen; diesmal aber vor allem vor Wut. Warum war es nie Malfoy, der Ärger bekam? Warum immer nur er?

Draco hat keine Regeln gebrochen, und er ist Snapes Liebling, darum.

Harry schluckte seinen Ärger hinunter. Es würde keinen Sinn machen, wenn er jetzt wütend wurde: Er musste seine Ruhe bewahren, er wollte Snape nicht sauer machen.

Warum hatte Filch sich auch da oben herumtreiben müssen? Er hätte überall sein können. Aber er hatte sie natürlich erwischen müssen.

Gleichzeitig war Harry aber vor allem auf sich selbst wütend: Er war es gewesen, der das Zimmer verlassen hatte, er war in den dritten Stock gegangen, er war bei dem Hund gewesen und er hatte Snape angelogen.

Nur er war Schuld an dieser ganzen Sache.

Snape betrachtete ihn mit unzufriedenem Gesichtsausdruck. Vielleicht würde es dem Jungen die Flausen austreiben, wenn er gezwungen war, bei ihm etwas für die Schule zu machen. Aber irgendwie bezweifelte er das. Er schien ihm von Grund auf verdorben zu sein. Und wenn er ehrlich war, sah er nicht ein, dieses Verdorbene wieder zu richten.

Gleichzeitig wusste er, dass er so nicht denken durfte – er musste denken wie Lily. Handeln wie Lily. Das war das Mindeste, was er für sie tun konnte.

„Hilf mir noch beim Abwasch und geh dann in dein Zimmer zurück“, sagte er, und erhob sich.

 

Der nächste Tag verging ereignislos; Harry zog für einen Moment in Betracht, Snape zu fragen, wann er seinen Nimbus wiederbekommen und trainieren durfte, aber er beschloss, das Thema lieber noch ruhen zu lassen und zu warten, bis Snape ihm die Sache mit dem dritten Stock verziehen hatte. Snape verabschiedete sich am Sonntagabend mit einem „Denk dran, morgen Nachmittag hier bei mir“ und sprach ansonsten nur wenig mit Harry. Aber das war diesem immer noch lieber, als permanent seine kalten Blicke ertragen zu müssen.

Harry seufzte. Für einen Moment hatte er tatsächlich geglaubt, Snape und er würden sich etwas besser verstehen. Aber das hatte er sich wohl selber kaputt gemacht.

Ron begrüßte ihn freudestrahlend. „Harry! Wie war dein Wochenende? Hat die Fledermaus dich gut behandelt?“

Harry ließ sich auf einen der Sessel sinken. „Er wusste es“, sagte er ohne Umschweife, „er hat von unserem Ausflug mitbekommen.“

Ron nickte. „Filch hat uns verpetzt. McGonagall kam schon und hat uns Nachsitzen und Punktabzug gegeben. Wenn Snape auch nur halb so wütend war wie sie, kann ich mir vorstellen, dass dein Wochenende nicht das angenehmste war.“

„Allerdings nicht“, murmelte Harry. Neben sich hörte er ein Buch zuklappen. Überrascht sah er auf und bemerkte erst jetzt Hermine, die im Sessel neben ihm gesessen hatte und sich nun, nachdem sie ihm noch einen eiskalten Blick zugeworfen hatte, erhob und aus dem Gemeinschafstraum rauschte.

„Sie ist sauer“, sagte Ron, als er Harrys verwirrten Blick bemerkte, „sie ist sauer, dass Gryffindor Punkte verloren hat und das McGonagall jetzt denkt 'sie gäbe sich mit solchen Leuten ab und habe nichts als Regelnbrechen im Sinn.' Deswegen spricht sie nicht mehr mit mir, und mit dir wahrscheinlich genauso wenig - kein Verlust, wenn du mich fragst.“

Harry zuckte die Achseln und sah zu Boden. „Sie hat Recht“, meinte er dann leise, „wir hätten nicht in den dritten Stock gehen dürfen. Wir hätten gar nicht erst rausgehen dürfen.“

„Sie soll sich nicht so haben. Niemand hat sie gezwungen, mitzugehen.“

„So wie ich das verstanden habe, wollte sie uns nur warnen. Vielleicht sollten wir uns bei ihr bedanken.“

Ron lachte auf. „Bedanken? Nie im Leben. Nicht, nachdem sie mir diese stundenlange Vorträge gehalten hat.“

Harry zuckte die Achseln.

„Sie sind verrückt“, fuhr Ron fort, „die Schule, meine ich. Das Biest ist gemeingefährlich.“

Harry nickte.

„Wir hatten Glück, dass uns nichts passiert ist. Glaubst du, Hermine hat Recht?“

„Womit?“

„Was sie gesagt hatte. Dass der Hund etwas bewacht.“

„Ach so.“ Harry hatte dem Gespräch der beiden anderen Freitagabend kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Er war mehr damit beschäftigt gewesen, sich darüber Sorgen zu machen, ob Filch sie gesehen hatte oder nicht. Sorgen, die scheinbar auch berechtigt gewesen waren. „Keine Ahnung. Kann schon sein.“

„Frag doch mal Snape. Weiß er von dem Hund?“

„Ich gehe mal davon aus, dass alle Lehrer von ihm wissen.“

„Ja, wahrscheinlich. Glaubst du, er würde dir Auskunft geben, wenn du ihn dazu fragen würdest?“

„Wahrscheinlich würde er ausflippen, wenn ich das Thema anspreche. Das letzte, was ich will, ist alles wieder hochzuholen, er hat sich gerade abgeregt.“

„Ja, kann ich verstehen. Snape kann ziemlich fies sein, oder?“

Harry zuckte mit den Achseln. Er wollte nicht über Snape sprechen. Ja, vielleicht konnte er fies sein, aber er tat ihm Unrecht, wenn er sich jetzt bei Ron über ihn beschwerte. Immerhin kümmerte er sich freiwillig um Harry. Und irgendwie hatte Harry Angst, mit jedem Fehltritt, den er sich erlaubte, Snape zu verlieren. Von dieser Angst konnte er Ron natürlich nichts erzählen, er würde wahrscheinlich sagen, dass Harry froh sein sollte, ihn loszuwerden. Harry hatte Ron sehr gerne, aber so richtig verstehen konnte er ihn wohl nicht.

Harry seufzte leise auf. „Wir sehen uns morgen“, sagte er zu Ron, „ich lese noch ein bisschen.“

Ron sah ihn etwas enttäuscht an. „Wollen wir nicht noch Schach spielen oder so? Oder ein bisschen herumlaufen, es ist so schönes Wetter. Hey, was ist eigentlich mit deinem Nimbus?“

Harrys Augen leuchten kurz auf. „Er ist fantastisch“, meinte er, dann verschwand sein Lächeln auch schon wieder aus seinem Gesicht. „Snape hat ihn. Ich weiß nicht, wann ich wieder fliegen darf.“

„Ah ja. Wood hat erwähnt, dass du nicht beim Training warst.“
Harry stöhnte. „War er sehr sauer?“

„Ich glaube, mehr auf Snape als auf dich, aber am besten sprichst du mal mit ihm.“

Harry nickte. „Bis dann, Ron.“

 

Die Tage bis zum Wochenende schienen nur so zu schleichen. Wie abgemacht erschien Harry nach der Schule vor Snapes Bürotür, und jedes Mal hatte Snape eine Aufgabe für ihn – Aufsätze schreiben, Zaubertrankzutaten sortieren oder Kessel säubern. Aber mit jedem Tag schien Snape ein wenig freundlicher zu werden, sodass Harry sich am Donnerstag schließlich traute, nach seinem Besen zu fragen.

„Äh, Professor“, fing Harry an.

„Ja?“ Snape sah von seiner Arbeit an.

„Ich – morgen ist Quidditchtraining, Sir, und Wood meinte, ich soll hingehen... Ich wollte nur fragen, ob ich vielleicht mitfliegen könnte? Ich komme auch direkt danach hierher.“ Harry stellte sich ganz gerade hin und sah hoffnungsvoll in Snapes Augen.

Dieser überlegte. Auf der einen Seite hatte Harry sich die ganze Woche mustergültig verhalten und er sollte auch die Gelegenheit bekommen, zu beweisen, dass man ihm vertrauen konnte. Andererseits jedoch hielt Snape nichts von Inkonsequenz.

Er zögerte. Es war wichtig, dass er Harry nicht einsperrte. Genau deswegen hatte er ja Dumbledore davon überzeugt, ihn von den Dursleys wegzuholen. Und Harry hatte die ganze Woche nur drinnen gesessen. Schließlich nickte er. „Also gut, wenn du direkt nach Trainingsende herkommst.“

Harry nickte eifrig. „Natürlich, Sir!“

„Ich meine es ernst. Wenn du mein Vertrauen missbrauchst, war es das letzte Mal, dass ich so nachsichtig war, ist das klar?“

Harry nickte und sah schon wieder ein wenig verschreckt aus, wenn auch seine Augen strahlen. „J-Ja, Sir. Versprochen. Und danke.“

„Gut.“ Als Potter aus der Tür war, zweifelte Snape immer noch daran, ob es die beste Entscheidung war. Aber nun würde es sich ja zeigen, ob er sich an Regeln halten konnte.

 

„Gut gemacht, Leute.“ Es war Freitagabend und das Quidditchtraining zu Ende. „Wir sind jetzt schon richtig gut im Form“, meinte Wood zufrieden. „Slytherin kann einpacken, so wie ich das sehe, haben sie nicht halb so viel trainiert wie wir, sie haben keinen Sucher wie Harry und sie haben keinen Nimbus2000.“ Er grinste Harry an, und dieser erwiderte das Lächeln schüchtern.

Als sie sich wieder auf den Rückweg mache, sagte Wood noch: „Aber, Harry, bitte denk dran, es dir mit Snape nicht zu verscherzen. Wenn wir nicht trainieren, weil er dich nicht lässt, nützt auch dein Talent nichts.“

Harry nickte, fest entschlossen, seine Teamkameraden nicht mehr zu enttäuschen. Er verabschiedete sich und ging ohne Umwege in die Kerker.

Snape erwartete ihn schon und als Harry seinen Besen in die Ecke gestellt hatte, deutete er auf den Stuhl vor seinem Tisch. Verwirrt setzte Harry sich.

„Wir müssen uns noch unterhalten“, meinte Snape, und als er Harrys erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er trocken hinzu: „Über deinen Aufsatz. Die Sumpftränke.“

Harry nickte, die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er hatte schon befürchtet, er hatte wieder etwas falsch gemacht.

„Also erst Mal hoffe ich, dass dir bewusst ist, dass 'Sumpftränke' als solche keine feste Untergruppe der Zaubertränke bilden.“

Harry nickte. Das hatte er bei seiner Recherche schon gemerkt, sonst hätte man die Informationen wohl problemloser finden können.

Als Snape weitersprach, sah er fast schon belustigt aus. „Zweitens war ich von der Qualität deines Aufsatzes überrascht. Das Thema war zweifellos lächerlich gewählt, aber dafür... Hier.“ Er reichte Harry das Pergament. „Ich habe nur hier und da ein paar Verbesserungen vorgenommen. Schau sie dir an, und dann kein Wort mehr über Sumpftränke.“

Harry nahm das Pergament und lächelte ein wenig. „Ja, Sir.“

„Ansonsten...“ Snape zögerte und die nächsten Worte kamen nur stockend aus seinem Mund, als sei es eine Qual, sie auszusprechen, „ansonsten hoffe ich, dir ist klar, warum ich letztes Wochenende gewisse Maßnahmen ergreifen musste.“

Bei der Erinnerung an das letzte Wochenende rutschte Harry nervös auf seinem Stuhl hin und her. „Ja, Sir.“

„Ich will sichergehen, dass wir uns nicht falsch verstehen. Ich will dich nicht einsperren oder bestrafen -“ Jetzt war Harry sich sicher, einen gequälten Unterton zu hören, „aber ich trage jetzt Sorge dafür, dass dir nichts passiert, und es kann nicht sein, dass du dich in Gefahr bringst.“

Harry nickte. „Das verstehe ich, Sir.“

Snapes verzog sein Gesicht nachdenklich. „Dann ist ja gut“, meinte er. „Bist du hungrig?“

Harry nickte. Snape erhob sich, aber Harry blieb noch auf seinem Stuhl sitzen. Er musste nachdenken. Obwohl Snape nicht mit ihm verwandt war, sorgte er sich um ihn – zumindest sagte er, dass er sich sorgte. Was brachte den Mann dazu, sich so um Harry zu kümmern? Es ließ in Harry die Frage aufflammen, ob er seine Verwandten nicht doch missverstanden hatte. Hatten sie nicht ähnlich wie Snape reagiert, wenn sein Temperament übergeschlagen hatte? Vielleicht waren sie drastischer in ihren Maßnahmen gewesen, aber im Großen und Ganzen...

Er schob den Gedanken beiseite. Es war seltsam, all die Jahre hatte er sich nie große Gedanken über Familie oder Eltern gemacht – er hatte die Dinge einfach angenommen, wie sie waren. Das lag womöglich auch daran, dass jegliche Fragen über seine Eltern im Haushalt der Dursleys verboten war. Und jetzt, wo er zwei verschiedene Familienverhältnisse kennengelernt hatte, drängte sich die Frage auf, wie es wohl bei seinen tatsächlichen Eltern gewesen wäre. Was hätten seine Eltern getan, wenn er sich in Gefahr gebracht hätte? Wären sie besorgt gewesen, oder sauer? Und wozu hätte das resultiert?

Zum ersten Mal verspürte Harry so etwas wie Sehnsucht – Sehnsucht, nach Leuten, die er nicht einmal mehr kannte, beziehungsweise an die er sich nicht erinnern konnte. Was wusste er schon von seinen Eltern? Hatte er überhaupt ein Recht, ihnen nachzutrauern, wenn er sich doch nicht mal an ihre Gesichter erinnern konnte?

Das einzige, was er von seinen Eltern wusste, war, dass sie Zauberer waren, und dass sein Vater hier Quidditch gespielt hatte. Und selbst das wusste er nur, weil andere es ihm erzählt hatten. Er fragte sich, ob sein Vater wohl auch so gerne geflogen war wie er, und ob er auch solche Probleme gehabt hatte, das Haar aus den Augen zu halten. Ob er seinem Vater wohl ähnlich sah? Oder seiner Mutter?

Harry bemerkte gar nicht, dass Snape ihn anstarrte. „Was ist?“, fragte er jetzt. „Warum kommst du nicht?“

Langsam rutschte Harry von seinem Stuhl. „Sir... Snape – ich habe mich eben nur gefragt – ich habe herausgefunden, dass mein Vater auch mal für Gryffindor gespielt hat. Quidditch, meine ich.“

Snape drehte sich zu ihm um. „Ja“, sagte er schließlich mit abgehackter Stimme, „das hat er. Und?“

„Ich habe mich nur gefragt... Naja, ob es Fotos von ihm gibt oder so. Wissen Sie – weißt du – wann er hier zur Schule gegangen ist?“

Snape sah an Harry vorbei. Harry bemerkte, dass er versuchte, seinem Blick auszuweichen.

„Kanntet ihr euch?“, fragte Harry.

Snape fuhr herum.

„Ich dachte nur“, sagte Harry, „aber...“

Wie alt war Snape wohl? Konnte er im selben Alter wie seine Eltern sein? Harry starrte den Mann vor sich an und fragte sich, ob dieser seine Eltern vielleicht gesehen hatte, als sie noch gelebt hatten, hier auf Hogwarts.

„Ja“, sagte Snape jetzt, mit seltsamer Stimme. „Ja, wir kannten uns. Wir waren zusammen hier in Hogwarts.“

„Oh“, sagte Harry, und musterte Snape. „Dann war meine Mutter auch -“

„Ja, war sie.“ Snape drehte sich um. „Komm, wir essen etwas.“

Es entging Harry nicht, dass er das Thema wechseln wollte, aber trotzdem fragte er noch einmal, mit vorsichtiger Stimme: „Snape? Gibt es – gibt es Fotos? Ich würde sie gerne einmal sehen. Nur sehen.“

Als der Professor sich zu ihm umdrehte, lag in seinem Blick eine Spur von Trauer. Aber als er zu sprechen begann, hatte er schon wieder die gewöhnlich grummelige Stimme. „Wir hatten damals nicht so viel miteinander zu tun, sie waren in Gryffindor und ich in Slytherin.“ Harry sah enttäuscht aus, und Snape fügte nach kurzem Zögern hinzu. „Aber ich kann schauen, ob ich Fotos finde. Jetzt komm in die Küche, Harry.“

Kapitel 19:

 

Es dauerte eine ganze Woche, bis Snape sich dazu durchringen konnte, das Foto von Lily aus seiner Kommode zu holen und Harry zu zeigen. Vorher führte er noch ein Gespräch mit Dumbledore. Er wollte in Erfahrung bringen, was Harry wusste.

„Hagrid hat ihm nur das Nötigste gesagt“, meinte Dumbledore. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass Harry so unwissend wäre. Es ging in erster Linie darum, ihm zu erzählen, dass er ein Zauberer war, nicht, was mit seinen Eltern passiert war.“

„Ich verstehe“, sagte Snape stumpf, „also ist es meine Aufgabe, ihm von dem Dunklen Lord zu berichten.“

„Hagrid hat Voldemort schon angesprochen; Harry weiß, dass seine Eltern ermordet wurden.“

„Hm“, machte Snape und dachte nach.

„Hat es einen bestimmten Grund, dass Sie diese Problematik jetzt ansprechen?“, erkundigte sich Dumbledore.

Snape schüttelte den Kopf. „Keinen besonderen Grund“, sagte er. „Wo wir gerade beim Thema sind – was macht der Schutz des Steines?“

„Wir sind fertig“, sagte Dumbledore zufrieden. „Es ist alles geregelt.“

„Na. Ihre Gewissheit kann man sich nur wünschen“, murmelte Snape.

Dumbledore hob die Schultern. „Ich habe keinen Grund, ungewiss zu sein. Ich vertraue in eure Fähigkeiten – und meine, natürlich. Wichtiger ist mir, Neues von Harry zu hören. Wie macht sich der Junge?“

„Kein Kommentar“, murmelte Snape.

Dumbledore hob eine Augenbraue. „Wie war das?“

Snape sah auf. „Wir kommen zurecht“, sagte er zögerlich, „aber es wird Sie interessieren, zu hören, dass er Bekanntschaft mit dem Hund gemacht hat.“

„Wie bitte? Mit Fluffy?“

Snape nickte. „Anscheinend waren er, Granger und Weasley im dritten Stock. Hat man Ihnen noch nichts dazu berichtet?“

Überrascht schüttelte Dumbledore den Kopf. „Nicht im Geringsten. Die drei Gryffindors im verbotenen Flügel, hm?“

„Jetzt seien Sie nicht auch noch stolz“, sagte Snape gereizt. „Wenn sie nicht solches Glück gehabt hätten, wäre Gryffindor jetzt drei Schüler los. Wenn ich Schulleiter wäre, würde ich zu drastischeren Maßnahmen greifen als Nachsitzen und Strafarbeiten aufzugeben!“

„Aber Sie sind kein Schulleiter“, sagte Dumbledore freundlich, „Sie sind Lehrer, und, selbstverständlich, Harrys Vormund. Was haben Sie mit ihm gemacht?“

„Ihm Zimmerarrest gegeben“, sagte Snape, „und bei mir im Büro nachsitzen lassen. Eine glimpfliche Strafe für das, was er getan hat.“

„Möglich.“

„Was hätte ich denn aber auch tun können?“, fragte Snape unwirsch. „Schließlich hatten wir besprochen -“

„Ich habe ja nie gesagt, dass ich Ihre Maßnahmen als falsch erachte. Solange Sie nur Harry klarmachen, was er falsch gemacht hat...“

„Natürlich habe ich das.“

„Dann merkt er sich das, hoffentlich. Es ist natürlich immer fraglich, inwiefern es förderlich ist, seine grundlegenden Eigenschaften dermaßen einzuschränken.“

„Wie meinen Sie das?“ Snape war verwirrt.

„Ich spreche von seinem Mut. Nicht wenige würden so gefasst auf einen dreiköpfigen Hund reagieren – es scheint so, als wäre Harry in allen Facetten der 'Auserwählte.'“

Snape schnaubte. „Mut nennen Sie das“, sagte er, „Dummheit und Naivität trifft es wohl eher. Mit Mut hat das gar nichts zu tun.“

„Wie Sie meinen, Severus, aber schränken Sie Harry in jedem Falle nicht zu sehr ein. Zu viel lenken ist nicht gut für das, was noch auf Harry wartet.“

„Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass es Regeln geben muss.“ Snape zog die Augenbrauen zusammen. „Sagen Sie bloß, Sie befürworten dieses Verhalten.“

„Natürlich nicht, Severus, aber ich sehe trotzdem einige günstige Aspekte.“ Er blinzelte ihm zu. „Anders als Sie sehe ich nicht grundsätzlich das Schlechte in Harry.“

Snape war für einen Moment lang versucht, zu widersprechen, aber dann überlegte er sich es anders. „Bei mir geht Sicherheit vor, Albus. Und ich bin eben nicht verblendet von Begeisterung über seine 'Fähigkeiten'.“

„Nein, aber dafür von Hass“, murmelte Dumbledore.

Snape erhob sich von seinem Stuhl. „Sie kennen meine Ansichten dazu“, sagte er.

„Und Sie kennen meine. Ich bezweifele, dass wir uns darüber je einig werden“, seufzte Dumbledore.

Er begleitete Snape zur Tür. „Ist Harry denn wenigstens zufrieden mit seinem Besen?“

„Das sollte er wohl sein“, sagte Snape. „Der Besen ist ausgezeichnet.“

„Das habe ich mir berichten lassen. Ich kann jetzt schon kaum das Spiel abwarten.“

Snape verließ das Büro mit dem Gedanken, dass der gekaufte Nimbus2000 an der Schule hoffentlich nicht in aller Munde sein würde. Sein Haus würde es ihm wohl nicht verzeihen, wenn er damit ihre Niederlage heraufbeschwörte. Und er konnte es ihnen auch nicht verübeln.

 

Als er zwei Wochen später am Freitagabend in seinem Schlafzimmer saß und gedankenversunken das Bild von Lily aus seiner Kommode betrachtete, ließ er die letzten Wochen Revue passieren.

Es waren zwei ruhige Wochenenden gewesen. Harry hatte ihm ein paar neue Gerichte gezeigt und ansonsten in seinem Zimmer gesessen und Hausaufgaben gemacht. Dennoch sehnte Snape sich nach der Zeit zurück, in der er die Wochenenden mit sich selber und seinen Tränken verbringen konnte.

Er bemerkte nicht, wie es an der Tür klopfte und sah überrascht auf, als sich die Schlafzimmertür öffnete und Harrys dunkler Schopf zu erblicken war.

„Snape?“, fragte der Junge schüchtern.

„Komm rein“, meinte dieser, und umklammerte das Foto von Lily fester, als er sich dazu zwang, es nicht zurück in die Schublade zu stecken.

Neugierig sah Harry sich um, aber Snape lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Bild in seiner Hand.

„Hier“, sagte er, und merkte zu seinem Unbehagen, dass seine Stimme zitterte, „das ist sie. Deine Mutter.“

Interessiert beugte Harry sich zu Snape, und betrachtete die Frau in dem Foto. „Sie ist – sie war hübsch“, stellte er fest.

Snape sagte nichts und legte stattdessen das Foto zurück auf die Kommode. „Komm“, sagte er, während er versuchte, sich zusammenzureißen, „wir machen uns etwas zu essen.“

„Hast du auch ein Foto von meinem Dad?“

Snape war versucht, kalt aufzulachen. Ein Foto von James Potter – das fehlte ihm gerade noch! „Nein“, sagte er, „habe ich nicht.“

„Oh“, meinte Harry, und folgte Snape. „Schade.“

Snape hoffte, dass der Junge die Sache nun auf sich beruhen lassen würde, aber das tat er leider nicht. Im Gegenteil, er quasselte wie ein Wasserfall – mehr, als er jemals zuvor mit Snape gesprochen hatte.

„Ich finde nämlich, ich sehe ihr nicht besonders ähnlich – meiner Mutter, meine ich. Deshalb muss ich ja eigentlich aussehen wie er, oder? Sah er mir ähnlich?“

Snape drückte Harry ein Bündel Karotten in die Hand. „Abwaschen.“

Harry ließ Wasser auf das Gemüse fließen. „Sie sah nett aus“, sagte er, „ich glaube, ich hätte sie gerne kennengelernt.“

Snape ließ auch das unkommentiert und holte stattdessen Kartoffeln aus dem Küchenschrank.

Waren sie denn nett?“, fragte Harry.

Snape schob Harry zur Seite, um die Kartoffeln abzuspülen. „Ja“, sagte er schließlich.

„Und sie waren mutig“, meinte Harry. „Hagrid hat mir erzählt, sie sind gestorben, weil sie gegen Voldemort -“

„Benutz nicht diesen Namen“, sagte Snape scharf.

Beschämt sah Harry zu Boden. „Tut mir leid“, murmelte er. „Weil sie gegen Du-Weißt-Schon-Wen gekämpft haben.“

„Das ist richtig“, sagte Snape und griff zum Messer, um die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, dann drückte er Harry eine Pfanne in die Hand. „Kannst du die bitte abspülen?“

Harry nahm die Pfanne entgegen, gab aber immer noch keine Ruhe. „Niemand hat mir das jemals richtig mit Du-Weißt-Schon-Wem erklärt“, fuhr er fort. „Gibt es ihn jetzt noch? Ist er immer noch böse?“

„Darüber musst du dir jetzt keine Sorgen machen, Harry“, meinte Snape und begann, die Karotten klein zu schnippeln.

„Hast du auch gegen ihn gekämpft?“

Snape rutschte das Messer ab und er schnitt sich in den Daumen. „Verdammt.“ Er eilte zur Ablage, auf der sein Zauberstab lag und bewegte ihn ein paar Mal. Die Wunde schloss sich wieder, es blieb nur eine kleine Naht und ein Blutfleck, den er mit einem Tuch wegwischte.

„Keine Fragen mehr, Harry“, sagte er in einem bestimmten Ton, und nahm das Messer wieder in die Hand.

Harry nickte und legte die Pfanne beiseite. „Ich bin fertig.“
„Gut, dann deck schon mal den Tisch“, murmelte Snape abwesend.

Während er die Kartoffeln in die Pfanne und das Gemüse in einen Topf warf, merkte er, wie ihm die Lust auf ein Abendessen mehr und mehr verging. Ohne es zu wissen, hatte Harry Salz in die brennende Wunde gestreut. Snape setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

Musste die Welt ihn immer wieder daran erinnern, was er alles falsch gemacht hatte?

Er versuchte sich, zu sagen, dass er alles wieder gut machen würde, allein die Tatsache, dass er hier mit Harry saß, zeugte doch davon, dass er seine Fehler wieder ausbügelte... Doch der Gedanke half ihm nicht viel weiter. Er hatte Lily ihr Leben genommen, und das konnte er ihr nicht zurück geben. Mehr noch, er hatte ihr die Familie entrissen, die Menschen, die sie geliebt hatte – als Kind hatte er immer davon geträumt, selber diese Familie für Lily sein zu können, und nun?

Überhaupt, wenn Harry nicht auf den Kopf gefallen war, würde er, wenn er älter wurde, alles über Snape herausfinden – und seine Vergangenheit. Wie würde er Lilys Sohn erklären, wie sich alles abgespielt hatte? Warum sollte Harry ihm vertrauen, wenn schon Lily das nicht mehr getan hatte? Wie konnte er sich überhaupt trauen, Harry noch in die Augen zu sehen?

„Ich glaube, das Essen ist fertig“, hörte er Harrys schüchterne Stimme.

Snape stand auf und stellte alles auf den Tisch. Er füllte Harrys Teller mit dem Essen, das heute Abend sogar ziemlich gut roch, aber selber rührte er nichts an. Der Appetit war ihm vergangen.

 

Harry entging nicht, dass Snape mit einem Mal wieder viel kühler war. Nicht, dass es etwas Neues war; nachdem er und Snape fast einen Monat zusammengelebt hatten war Harry gar nichts anderes als die abweisende Miene des Professors gewöhnt, aber jetzt wirkte er mehr als nur abweisend, sondern auch abgelenkt. Harry hätte schwören können, dass das mit den Fragen zu tun hatte.

Warum wollte niemand, mit dem er zusammenlebte, Fragen zu seinen Eltern beantworten? Die Dursleys waren ebenfalls sauer gewesen, wenn die Potters zur Sprache gekommen waren, mehr noch, sie waren immer durchgedreht. Aber was hatte Snape gegen seine Eltern zu sagen? Anders als die Dursleys hatte er ja nichts gegen Zauberer.

Vielleicht lag es also doch an meinen Eltern.

Der Gedanke machte Harry traurig. Seine Mutter sah nett aus. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man sie nicht mögen konnte. Und Hagrid hatte so gut über sie gesprochen! Wenn Harry dem Urteil eines anderen traute, dann wohl Hagrids.

Noch mehr als sonst wünschte er sich, er könnte sich an seine Eltern erinnern. Oder noch einmal mit ihnen sprechen.

 

Es war Hermine, die ihn von seinen Gedanken über Snape ablenkte. Anders als Ron prophezeit hatte, ignorierte sie die beiden Jungen nicht gänzlich, sondern sprach zumindest mit Harry fast noch mehr als sonst.

„Ich warne euch, noch einmal dahinzugehen, aber wir sollten uns wirklich ein wenig Gedanken machen, warum dieser Hund da oben gehalten wird. Er ist nicht aus Zufall da, und wenn er etwas bewacht, dann -“

„Hermine“, sagte Ron genervt. „Niemand außer dir hat Interesse an diesem Vieh.“

Harry sah sie an und stellte fest, dass sie verletzt aussah, als sie sich umdrehte und wegging.

„Sie ist einsam“, sagte er leise.

Ron zuckte die Achseln. „Kein Grund, uns voll zu schwafeln. Im Ernst, interessiert dich ihr Gerede etwa?“

Harry hob die Schultern. Es machte zwar keinen wirklichen Spaß, Hermines Theorien zum dritten Stock anzuhören, zumal sie in ihren endlosen Monologen immer subtil andeutete, wie kindisch und leichtsinnig es von Ron und ihm gewesen war, überhaupt in die Nähe des verbotenen Flügels zu gehen, aber anders als Ron hatte er auch nichts gegen das Mädchen, wenn sie auch etwas nerven konnte, das musste er zugeben. Im Allgemeinen fand er es aber fast schon amüsant, mit ihr zusammen zu sein.

Zumal es außer ihr und Ron an dieser Schule nur zwei Sorten Schüler geben zu schien: Diejenigen, die sich gemeinsam mit Draco und den Slytherins über ihn lustig machten und Harry zu spüren bekommen ließen, was sie von ihm hielten – nämlich gar nichts. Und diejenigen, die dazu neigten, Schnappatmungen zu bekommen, wenn sie Harry auch nur sahen. Obwohl er jetzt schon so lange in Hogwarts war und es mehrere Gelegenheiten gegeben hatte, bei denen er bewiesen hatte, dass er nicht besser als der Durchschnitt im Zaubern war, schienen ihn einige noch immer für einen Wundermacher zu halten.

Selbst die Lehrer ließen es sich nicht immer nehmen, nicht ab und an einen langen, nachdenklichen Blick auf Harry zu werfen. Auch wenn sie sich nicht so auffällig verhielten wie manche Schüler, war die Bewunderung, die manche der Erwachsenen für ihn hegte, nicht zu übersehen. Professor Sprout hatte ihm schon drei Mal durchgehen lassen, als er einen Pflanzentopf zerbrochen hatte, Professor Flitwick erwartete immer, dass Harry die neuen Zauber schneller als anderen beherrschten – auch wenn es stets Hermine war, die die Erwartungen der Lehrer übertraf – und Professor Quirrell war noch einmal ein ganz anderer Fall. Was er Harry entgegenbrachte, war mehr als unbewusste Bewunderung; manchmal hatte Harry das Gefühl, der Lehrer hatte Angst vor ihm. Er schien sich kaum zu trauen, Harry in die Augen zu blicken. Allerdings war Quirrell ohnehin ein komischer Typ, das fanden sie alle.

„Man weiß nicht, was er denkt“, hatte Ron es mal auf den Punkt gebracht. „Ich würde ja sagen, er mag dich, Harry, aber andererseits hat er sich noch nicht auf näher als zwei Meter an dich herangetraut. Ist dir aufgefallen, was für einen Sicherheitsabstand er zu unserem Tisch einhält?“

Ja, das war Harry in der Tat bereits aufgefallen. Anfangs hatte er noch gedacht, es sei Einbildung, aber jetzt, wo Ron es auch bemerkt hatte, gab es wohl keinen Zweifel mehr: Quirrell hatte irgendein Problem mit ihm.

Die einzige Lehrerin, die ihn normal behandelte, war wohl Professor McGonagall, und es dauerte nicht lange, und sie hatte sich zu seiner Lieblingslehrerin etabliert – ja, sie war streng, aber vor allem war sie eins: Fair.

Und die Gerechtigkeit und Ruhe, die seine Hauslehrerin ausstrahlte, war genau das, was Harry in seinem chaotischem Leben brauchte.

 

Mit jedem Wochenende, das Harry bei Snape verbrachte, schien die Zeit bei Snape zuhause schneller und vor allem unbefangener vorbeizuziehen. Ihre Gespräche wurden weniger erzwungen und Harry ertappte sich dabei, sich auf die schulfreie Zeit bei Snape zu freuen. Snape war nicht halb so streng wie die Dursleys und ließ ihm die Freizeit, die er brauchte. Fast jeden Samstag war Quidditchtraining, manchmal besuchte Harry auch Hagrid. Die übrige Zeit verbrachte er entweder lesend in seinem Zimmer oder in Snapes Büro. Während der Lehrer Aufsätze kontrollierte, Zaubertrankzutaten sortierte oder Papierkram erledigte, machte Harry seine Hausaufgaben. Nach seinen Eltern fragte Harry nicht mehr, obwohl im die Frage auf der Zunge brannte. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass Snape diese Fragen nicht mochte, und er wollte nicht wieder die unangenehme Atmosphäre heraufbeschwören, die zwischen ihnen schon oft genug herrschte. Trotzdem hoffte Harry insgeheim, dass Snape von selbst das Thema ansprechen würde.

Doch das tat er nicht.

Das nächste Mal, dass Snape die Potters erwähnte, war an Halloween. Und dieses Gespräch war alles andere, als was Harry sich gewünscht hätte.

Kapitel 20:

 

Als Ron das erste Mal das Halloween-Fest in Hogwarts erwähnte, war Harry mehr als überrascht zu hören, dass mit diesem Ereignis erneut ein großes Festbankett stattfinden würde. Ron konnte nicht glauben, dass Harry noch nie Halloween gefeiert hatte.

„Du musst doch wenigstens einmal was Süßes bekommen haben“, meinte er.

Harry schüttelte den Kopf. Er hatte mitbekommen, dass die anderen Kinder aus seiner Schule oftmals um die Häuser zogen, aber ihm war das natürlich nicht erlaubt gewesen. Was Dudley anging – er hatte an Halloween noch mehr Süßigkeiten bekommen, als sowieso schon, und abends hatte die Familie am Tisch gesessen und gegessen, während Harry in seinem Schrank saß.

„Es wird großartig“, versprach Ron.

Noch mehr freute Harry sich auf das Fest aber aus einem anderen Grund: Kurz nach Halloween stand das langersehnte Quidditchmatch an. So gerne Harry trainierte, er konnte es kaum abwarten, ein richtiges Spiel zu spielen – und am besten, zu siegen.

Dass Snapes Stimmung immer mieser wurde, je näher sich der Oktober dem Ende neigte, merkte Harry erst am Wochenende kurz vor Halloween.

Er fand ihn Freitagabend am Küchentisch sitzend vor, mit dem Kopf in den Händen. Zögerlich begann Harry den Tisch für das Abendessen zu decken; dann erst schien Snape ihn so richtig zu bemerken. Schweigend richtete er Brot und stellte einen Krug mit Wasser auf den Tisch. Als sie aßen, fragte Harry: „Die Lehrer kommen auch alle zum Festessen, oder?“

Snape hob den Kopf. Mit seinen Gedanken schien er ganz woanders zu sein. „Welches Festessen?“

„Das zu Halloween.“

„Ach so.“ Snape nahm sich rasch eine Scheibe Toast und biss ab. „Das ist doch erst nächsten Donnerstag. Und ja, natürlich kommen die Lehrer.“

„Freust du dich? Die anderen meinten, es gibt dort alles Mögliche.“

„Es gibt bei jedem Bankett in Hogwarts alles Mögliche“, meinte Snape abweisend. „Und ich werde wahrscheinlich gar nicht lange beim Festessen dabei sein.“

„Warum?“, fragte Harry.

Snape zog scharf die Luft ein. Weil ich vorher einen Abstecher nach Godric's Hollow mache, und es ganz sicher nicht ertrage, einen Abend lang in demselben Raum mit James Potters Ebenbild zusammen zu sein?

„Ich habe noch etwas anderes vor“, sagte er stattdessen.

„Ach so.“ Harry fragte nicht weiter nach, aber er schien etwas enttäuscht zu sein.

Als Harry fertig gegessen hatte und sich daran machte, die Teller aufzuräumen, hielt Snape ihn noch einmal kurz zurück. „Harry, vielleicht können wir kurz reden?“

Harry sah auf und nickte.

„Wir hatten noch nicht wirklich viel Gelegenheit, darüber zu reden, aber du weißt ja, dass deine Eltern – “ Snape stockte, und schluckte einmal kurz. „Dass deine Eltern – “

„Dass meine Eltern ermordet wurden, ja“, sagte Harry.

„Genau. Also, weißt du auch wann – wann sie gestorben sind?“

Harry schüttelte den Kopf und sah auf den Boden.

Snape suchte nach den richtigen Worten. Warum musste er dieses Gespräch mit Harry führen? Er hatte keine Ahnung, wie der Junge sich fühlte oder was er dachte. Was er wissen sollte und was nicht. Es interessierte ihn auch eigentlich gar nicht. Er hatte genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Seine Gedanken schweiften ab.

„Wann denn?“, fragte Harry zögerlich, als Snape nicht weitersprach. „Sir?“

„Am 31. Oktober, Harry. 1981.“

Harry schwieg für einen Moment, bevor er sagte: „Also sind es dieses Halloween genau zehn Jahre.“

Snape nickte nur.

Ein unangenehmes Schweigen trat ein, dann wandte Harry sich von seinem Lehrer ab. „Danke, dass du es mir gesagt hast“, sagte er. „Wenn möglich würde ich jetzt gerne in meinem Zimmer sein, einen Moment.“

„Natürlich.“ Snape ging in sein Arbeitszimmer; er hörte nur noch, wie Harrys Zimmertür ins Schloss fiel.

 

Harry saß am Schreibtisch und wusste nicht, was er denken und fühlen sollte. Auch wenn er schon immer gewusst hatte, dass seine Eltern nicht mehr lebten, war es etwas anderes, auf einmal zu wissen, wann sie gestorben waren. All die Jahre bei den Dursleys hatte er sich kaum Gedanken um ihr Sterbedatum gemacht – es war so normal gewesen, keine Fragen zur eigenen Familie zu stellen, dass er sich mit der Zeit auch von der Hoffnung verabschiedet hatte, jemals mehr als die Namen seiner verstorbenen Eltern zu kennen. Und nun erfuhr er, dass mit jedem Halloweenfest, das er selber im Schrank verbrachte, ein weiteres Jahr verstrich, das sie tot waren. Der Gedanke ließ ihm keine Ruhe.

Auch der Freude auf das Fest war ein gehöriger Dämpfer versetzt worden. Auch wenn es doch nur gestörte Freaks waren, denen er an diesem Tag gedenken sollte...

Bevor der Gedanke fertig gedacht war, schmerzte er schon in seinem eigenem Herzen und er krallte sich mit seinen Fingernägeln in die Haut. Seine Eltern waren keine Freaks. Er durfte das nicht mehr denken. Das hatte Snape gesagt, und Hagrid auch. Was zählte die Meinung der Dursleys schon hier in Hogwarts?

Harry durfte seine Eltern lieben, wenn er wollte. Und das war neu. Er musste nur noch lernen, damit umzugehen.

Was ihn noch überraschte, war der niedergeschlagene Gesichtsausdruck von Snape, wann immer er von Lily und James Potter sprach. So, wie Harry es verstanden hatte, hatte er gar nicht viel mit seinen Eltern zu tun gehabt. Harry brachte es aus dem Konzept, dass Snape mehr Trauer zeigte, als er selbst.

 

Es war Mittwoch, der Tag vor Halloween. Obwohl Harry eigentlich zu viel mit Hausaufgaben zu tun hatten – die Feiertagsstimmung und Vorfreude auf den nächsten Tag wurde von den Lehrern gänzlich ignoriert – beschloss er, Hagrid einen Besuch abzustatten. Es war schon drei Wochen seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte ihn öfter besuchen wollen, aber irgendwie war doch immer etwas dazwischengekommen.

Ron kam nicht mit. Er blieb ihm Gemeinschaftsraum und versuchte gemeinsam mit Dean, ihre Zaubertrankaufsätze zu retten. Irgendjemand hatte ein Tintenfass ausgeschüttet und alles verwischt, was Dean und Ron geschrieben hatten. Ron hatte erwähnt, dass er Fred und George fragen wollte, was zu tun war – Harry konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob die Zwilling den Schaden nicht eher noch größer machen würden. Jedenfalls machte er sich nun alleine auf den Weg hinunter zu Hagrids Hütte.

Das Wochenende bei Snape war dieses Mal seltsam gewesen. Harry kam nicht hinter diesen Menschen. Wann immer er einen Tag lang freundlicher und fast schon normal war, war er danach wieder noch kühler und distanzierter als je zuvor. Harry klopfte an die Holztür. Bei Hagrid konnte er sich wenigstens immer sicher sein, dass er ihn wirklich sehen wollte. Manchmal fragte er sich, was er getan hätte, wenn er wirklich keine Freunde in Hogwarts gefunden hätte, so wie Dudley es prophezeit hätte. Wahrscheinlich hätte er es nicht ausgehalten.

Hagrid war tatsächlich erfreut, als er Harry vor der Tür stehen sah. „Harry! Schön, dich mal wieder zu seh'n! Komm rein!“

Harry betrat die Hütte. Hagrid bot ihm einen Sessel an. „Wenn ich gewusst hätt', dass du kommst, hätt' ich was vorbereitet“, sagte er, „Kekse oder irgendetwas. Jetz' kann ich dir nur Tee anbieten.“

„Kein Problem, Hagrid“, versicherte Harry, „Tee ist fantastisch, ich hatte sowieso schon Abendessen.“

„Na, dann is' ja gut.“ Hagrid sah ihn prüfend an. „Du siehst auch besser aus als noch vor 'n paar Wochen. Das ist wirklich 'ne Erleichterung.“

Harry lächelte schüchtern und nippte von seinem Tee. Wenn er ehrlich war, war es sogar besser, mal kein steinhartes Gebäck vorgesetzt zu bekommen. So gern er Hagrid mochte, irgendwie musste er noch lernen, die Kekse und Kuchen rechtzeitig aus dem Ofen zu holen, nicht erst, wenn sie schwarz waren. Aber er brachte es nicht übers Herz, Hagrid das zu sagen.

Schweigend tranken sie Tee. Erst nach einer Weile bemerkte Harry Hagrids prüfenden Blick. „Is' alles okay, Harry?“

Harry hob die Schultern, unsicher was er sagen sollte. Es überraschte ihn immer wieder, wie schnell Hagrid es merkte, wenn etwas nicht mit ihm stimmte. „Es ist nur... Snape hat mir da was erzählt.“

„Snape, hm?“, meinte Hagrid und sah etwas alarmiert aus. „Wie kommt ihr zwei eigentlich inzwischen zurecht?“

„Ganz gut eigentlich“, murmelte Harry und sah auf den Tisch. „Aber... er ist komisch.“

„Komisch in welchem Sinne?“

„Ich weiß nicht, es ist schwer zu erklären. Er hat etwas Seltsames an sich. Ich kann damit nicht umgehen.“

„Aber er is' gut zu dir?“

„Ja, ich denke schon“, sagte Harry und starrte wieder nachdenklich auf den Tisch.

„Was hat er denn jetzt gesagt?“, hakte Hagrid nach. „Nur, dass meine Eltern am 31. gestorben sind“, murmelte Harry, und blickte auf seine Hände.

„Oh“, meinte Hagrid. „Ja, da hat er wohl Recht.“ Hagrid rührte mit dem Teelöffel in seiner Tasse. „Das wühlt einen auf, nicht wahr?“, fragte er.

Harry zuckte die Schultern. „Ja, irgendwie schon – und irgendwie auch nicht. Was ich meine ist – ich kannte sie doch eh nicht. Es kann mir doch egal sein.“

„Ist es aber nicht“, meinte Hagrid, „wenn ich dich so ansehe, beschäftigt dich das ganze ganz schön. Und das ist auch normal so. Das is' gut so.“

Harry begann, am Tisch herumzukratzen. „Snape wirkt aufgewühlter“, gab er dann zu. „Er kann gar nicht darüber sprechen. Dabei sind es doch meine Eltern, ich bin derjenige, der trauriger sein sollte.“

„Snape, traurig?“, Hagrid sah ihn verwirrt an. „Seit wann kümmert der sich denn um die Potters?“

Harry sah ihn verständnislos an.

„Was meinst du?“, fragte er mit gerunzelter Stirn.

Hagrid sah auf einmal ertappt aus, und er begann, zu stottern. „Äh... Ich glaube wir brauchen noch mehr Tee – ich setze gleich noch Wasser auf.“

„Hagrid, was meintest du mit Snape und meinen Eltern?“

„Ach, gar nichts“, warf Hagrid schnell ab. „Das hätt' ich nicht sagen soll'n. War dumm von mir. Mach dir keine Gedanken, Harry. Es is' nur komisch, wenn überhaupt jemand in unserer Welt am 31. Oktober trauern – natürlich denken manche an den Tod von Lily und James, aber für die meisten bedeutet Halloween das Verschwinden von Du-Weißt-Schon-Wem.“

„Dem dunklen Zauberer?“

„Ja. Das ist natürlich für alle ein freudiges Ereignis. Und alles nur wegen dir.“ Hagrid deutete mit dem Finger auf Harry, und dieser wurde rot.

Harry hätte Hagrid gerne noch mal nach Snape gefragt, aber er merkte schon, dass das zu nichts führte. Es gab etwas, was Hagrid ihm über Snape nicht erzählen wollte, aber es würde auch nichts bringen, wenn er nachbohrte, dann würde Hagrid nur noch sauer werden und gar nichts mehr sagen.

Harry sah nach draußen. „Es ist schon fast dunkel“, stellte er fest, „ich muss zurück ins Schloss.“

„Soll ich mitkommen? Es is' schon ziemlich spät.“

Harry schüttelte den Kopf. „Danke, aber nein. Wir dürfen noch draußen sein. Für ungefähr eine halbe Stunde mindestens, glaub ich.“

„Nicht, dass du wieder Ärger kriegst. Filch hat mir von der Sache im dritten Stock erzählt.“

Harry wurde rot und sah zu Boden. Es war eine Sache, wenn Snape sauer auf ihn war, weil er die Regeln gebrochen hatte, aber Hagrid... „Ja, ich weiß“, murmelte er. „Das ist schon einen Monat her. Seitdem –“

„hast du dich mustergültig verhalten, ich weiß“, sagte Hagrid, und gluckste leicht. „Wird aber nicht lange halten, oder? Wenn ich mir deinen Vater so anschaue...“ Harry biss sich auf die Lippe und sah immer noch nicht auf. Hagrid piekste ihn in den Bauch. „Hey, ich sag' ja nicht, dass das was Schlechtes is'. Sag vielleicht nicht den Lehrern, dass ich das gesagt habe, aber ich hab' mich auch nie groß um die Regeln gekümmert. Viele Getue um nichts, wenn du mich fragst.“

Harry lächelte kurz und drückte Hagrid zum Abschied die Hand. „Danke für den Tee.“

 

Snape stand in Dumbledores Büro und wartete auf den Schulleiter. Er wollte ihn fragen, ob er ihm – wie jedes Jahr – gestatten würde, einige Minuten später zum Festessen zu erscheinen. Während er auf Dumbledore wartete, dachte er darüber nach, wie sehr Harry sein Leben auf den Kopf gestellt hatte. Letztes Jahr um diese Zeit war er zwar unglücklich gewesen, aber bei weitem nicht so verwirrt, wie er sich jetzt fühlte. Es hatte sich so einiges geändert. Snape wusste, dass ihm der morgige Tag noch schwerer fallen würde als die üblichen Tage. Es war immer schwer, am Todestag von Lily mit den anderen Lehrern in der großen Halle zu essen, aber es würde noch mal etwas ganz anderes sein, wenn auch ihr Sohn anwesend war. Und anders als er selbst schien Harry sich ja auch noch auf das Festessen zu freuen.

Dumbledore schien überrascht, ihn zu sehen. „Severus! Was kann ich für Sie tun?“

„Dumbledore, morgen ist Halloween“, kam Snape ohne Umschweife gleich zur Sache. „Ich wollte nur sagen, dass es sein könnte, dass ich für einige Stunden das Schloss verlasse. Ist das möglich?“

Dumbledore betrachtete den Lehrer. „Ja, natürlich, Severus“, sagte er leise.

„Danke“, sagte Snape steif, und machte sich langsam auf den Weg zu Tür.

„Warten Sie kurz, Severus.“ Dumbledore sah ihn nachdenklich an. „Sie sind nicht nur hier hergekommen, um mich zu fragen, ob ich den kurzen Trip an Halloween gestatte. Das habe ich bisher jedes Jahr gemacht. Sie haben noch etwas auf der Seele, oder nicht?“

Snape wich seinem Blick aus und seufzte leise. Langsam ging er zurück an den Tisch und nahm Platz. „Ja“, sagte er schließlich, „ja, habe ich in der Tat, Dumbledore.“ Er zögerte und fuhr dann fort: „Was ist mit Harry? Es sind seine Eltern. Meinen Sie nicht, man sollte ihm die Möglichkeit geben –“ er stockte, „das Grab zu sehen?“

Dumbledore wartete lange mit seiner Antwort. Snape stellte überraschend fest, dass er Tränen in den Augen hatte. „Sie würden Harry mit nach Godric's Hollow nehmen?“

Snape hob die Schultern. „Irgendjemand muss das ja tun, oder?“, fragte er tonlos. „Es ist nur – ich weiß nicht, ob ich es möchte, Dumbledore. Sie wissen, dass ich mit dem Jungen nicht so gut umgehen kann wie alle anderen.“

„Das ist mir aufgefallen“, meinte Dumbledore. „Woher rührt dann ihre Fürsorge, wenn ich fragen darf?“

„Es ist keine Fürsorge“, sagte Snape abwehrend. „Es ist nur... Lily Potter sollte doch von ihrem Sohn gedenkt werden? Es wäre mir unangenehm, vor ihrem Kind zu stehen, ohne dass er sich wenigstens Mal verabschieden konnte... Oder was auch immer.“

„Rührend“, sagte Dumbledore, und es war Snape unmöglich, herauszufinden, ob er es ironisch oder ernst meinte.

„Was meinen Sie?“, fragte Snape. „Sollte ich ihn fragen?“

„Ich bin mir nicht sicher, Severus. Vielleicht ist es für ihn besser, das Fest mit seinen neuen Freunden zu verbringen - für ihn und für Sie. Denn so wie ich das sehe, würden Sie es bevorzugen, alleine nach Godric's Hollow zu gehen?“

Snape nickte. „Ja, würde ich“, sagte er ruhig. Es hatte nicht mal mehr so viel mit der Antipathie gegenüber Harry zu tun; es war einfach ein Ort, an dem er alleine sein wollte, besonders zu dieser Zeit des Jahres. Lediglich der Gedanke, dass er nicht der Einzige war, der Lily – und James – gedenken wollte, hatte ihn dazu bewogen, Harry mitzunehmen, wenn es nicht anders ging.

„Weiß Harry denn von dem Jahrestag?“, fragte Dumbledore.

Snape nickte wieder. „Ich habe mit ihm darüber gesprochen.“

Dumbledore sah erfreut aus. „Sie überraschen mich doch noch immer wieder, Severus“, sagte er. „Nun gut, wie hat er Junge es denn aufgenommen?“

„Um ehrlich zu sein – ich weiß es nicht“, sagte Snape. „Ich habe keine Ahnung, was in dem Kind vorgeht, woher sollte ich auch?“ Er stöhnte und dachte an die Neugier des Jungen zu allem, was mit seinen toten Eltern zu tun hatte. „Wenn ich ihn frage, will er bestimmt mit“, sagte er, „da bin ich mir fast sicher.“

Dumbledore wog seinen Kopf hin und her. „Sie müssen sich auch überlegen, was Sie wollen, Severus.“

Snape hob eine Augenbraue. „Auf einmal? Auf einmal darf ich meine eigenen Wünsche äußern?“ Er atmete tief durch. „Es geht nicht um mich bei dieser Sache, es geht um Harry.“

„Ja, aber für Harry wäre es auch unangenehm, das Grab mit Ihnen aufzusuchen, wenn Sie ihn nicht dort haben wollen.“ Dumbledore dachte einen Moment nach. „Wollen Sie meinen Rat hören? Sagen Sie nichts zu Harry. So wie ich es verstanden habe, ist Harry voller Vorfreude auf das Fest. Das kaputt zu machen, nur weil wir glauben, dass es das Richtige sein könnte, ist falsch. Es ist wahrscheinlich ohnehin noch zu früh für ihn, dorthin zu gehen. Das kann er immer noch nächstes Jahr tun. Wenn sich alles normaler für ihn anfühlt. Er wird ja im Moment von einer Szenerie in die nächste geworfen.“

Erleichtert stand Snape von dem Tisch auf. „Danke für Ihre Einschätzung“, sagte er.

„Guten Abend noch Ihnen. Wir sehen uns morgen beim Fest.“ Dumbledore zog Feder und Pergament aus der Schublade.

„Vielen Dank“, sagte Snape mit zusammengekniffenen Lippen. Mit gemischten Gefühlen verließ er das Büro.

 

Am Donnerstag wurde der Unterricht verkürzt, damit alle den Feiertag genießen konnten. Kaum, dass er etwas gegessen hatte, zog Snape sich seinen Umhang über und verließ das Schloss. Er ging absichtlich nicht in Richtung Hogsmeade. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass es am Feiertag dort voller Lehrer war, und heute durften auch die Schüler einen Ausflug ins Dorf machen. Große Lust, bekannte Gesichter zu treffen, hatte Snape nicht. Stattdessen ging er soweit, bis er das Schloss und die Anti-Disapparier-Bänne hinter sich gelassen hatte, und zog dann seinen Zauberstab heraus. Es machte einmal Kracks und er fand sich direkt unmittelbar vor ihrem Haus wieder.

Er starrte auf die Fassade. Es schien so unwirklich, dass es ein Jahr her war, dass er das letzte Mal hier war. Oder dass sie bereits zehn Jahre tot war. Vollkommen unwirklich. Noch immer kam es ihm wie gestern vor, dass er von Dumbledore erfahren hatte, dass der Dunkle Lord einen Weg gefunden hatte, die Schutzzauber zu durchbrechen... Schweren Herzens drehte er sich von dem Haus weg und ging auf den Friedhof zu. Er konnte es sich nicht ansehen, weder die kaputte Steinwand, noch die kleine Gedenktafel, die vor dem Haus angebracht war oder die mit Steinen eingeritzten Botschaften von der Zauberergemeinschaft. Er ertrug den Anblick nicht.

Zu seiner Erleichterung war auf dem Friedhof nicht viel los. Eine ältere Frau saß kniend vor einem der Gräber, ansonsten war alles leer. Langsam stapfte Snape durch die Reihen bis in die hintere Ecke – bis er den Stein fand. Lilys Stein. Er setzte sich hin und berührte das Marmor mit seiner Hand. Obwohl er versuchte, sich zusammenzureißen, rollte jetzt eine Träne über sein Gesicht. Er nahm seinen Zauberstab heraus und trocknete sich sein Gesicht, bevor er einen Strauß mit Blumen heraufbeschwörte und vor den Grabstein legte, so, dass man die Inschrift gerade noch lesen konnte.

Eine ganze Weile saß er so da und schaute einfach nur auf den Stein.

Wenn du nicht wärst, würde sie noch leben.

Snape schluckte. Egal, wie lange der Tod von Lily her war, diesen Gedanken würde er wohl nie losbekommen. Aber warum sollte er auch? Er hatte die Schuld an Lilys Tod, das mindeste, was er tun konnte, war, sich schuldig zu fühlen. Als die Frau am hinteren Ende des Friedhofes schon lange aufgestanden und weggegangen war, saß Severus noch immer vor dem Grab der Potters. Inzwischen waren einige seiner Tränen auf den Grabstein gefallen. Als er aufstand und sich mit einem Schwenk mit dem Zauberstab das Gesicht sauber machte, zitterten seine Hände und Knie. Langsam stand er auf und verließ den Friedhof. Bevor er wieder disapparierte, brauchte er einige Minuten für sich selbst, die er gegen die Mauer gelehnt am Friedhof stand. Dann verschwand er genauso still und heimlich, wie er gekommen war.

 

Harry sah sich begeistert um. Ron hatte keineswegs untertrieben: Hier gab es wirklich alles Erdenkliche an Essen. Alle redeten fröhlich durcheinander. Harry sah sich nach Snape um, konnte ihn aber nirgends entdecken. „Wahrscheinlich ist die Fledermaus ferngeblieben“, mutmaßte Ron, „zu viel gute Laune an einem Ort. Das erträgt der nicht.“

Harry konnte nicht anders, als zu grinsen. Dann meinte er: „Er hat mir gesagt, dass er noch was vorhat. Wahrscheinlich braucht es länger.“

„Was kann man denn bitte an Halloween vorhaben“, murmelte Ron, und sah sich um. „Hermine ist auch nicht da. Na ja, ich kann auf sie verzichten.“
Neville, der sich auf Hermines Platz gesetzt hatte, hatte den Kommentar gehört. „Laut Parvati hat sie sich auf dem Mädchenklo eingeschlossen, und weint. Sie will nicht rauskommen.“

Harry sah Ron mit gerunzelter Stirn an. „Warum sollte sie sich – “

„Hey, willst du mal von dem Hühnchen probieren?“, unterbrach Ron ihn und schob ihm die Schüssel hin.

Harry nahm sich ein wenig Hühnchen und sah seinen Freund fragend an. „Weißt du was über Hermine?“

Ron wurde rot im Gesicht. „Also gut, es kann sein, dass ich sie ein wenig verärgert habe heute Nachmittag – aber es war wirklich nicht böse gemeint, und es ist ja wohl nicht meine Schuld wenn sie auf ein wenig freundschaftliches Necken so sensibel reagiert!“

Freundschaftliches Necken. Harry zog die Augenbrauen zusammen. Das kannte er von Dudley. „Ich muss wirklich besser auf dich aufpassen“, murmelte er, und stupste seinen Freund in die Seite. Ron hob nur die Schultern. „Ich weiß ja nicht, ob sie sich deswegen so aufgeregt hat. Hey, Neville, hat Parvarti gesagt – “

In diesem Moment wurde die Tür zur Großen Halle mit lautem Krachen aufgestoßen und hereingerannt kam Professor Quirrell. Er hatte einen entsetzten Gesichtsausdruck und während er durch den Gang auf die Lehrertische zurannte, rief er, wild gestikulierend:

„Troll! Ein Troll, im Kerker!“ Er krallte sich mit den Händen an der Tischplatte fest, bevor er auf auf dem Boden zusammenbrach.

 

Harry fand sich zwischen Neville und Ron wieder, als sich die Gryffindors, angeführt von Percy auf den Weg zum Gemeinschaftsraum machten. Die gesamte Schule war in Aufruhr. Nervös sah Harry sich um. Er hatte nicht die geringste Vorstellung eines Trolls, aber er konnte sich vorstellen, dass er furchterregend aussah.

Neville zog ihm am Arm. „Harry?“

„Was?“ Harry drehte sich um.

„Was ist mit Hermine? Ich glaube, sie ist immer noch auf der Toilette...“

Harrys Augen weiteten sich. „Oh, verdammt.“ Er sah sich nach allen Seiten um.
„Wir sollten einem Lehrer Bescheid geben, oder?“, fragte Neville unsicher.

„Das dauert zu lange“, meinte Harry, und drehte sich zu Ron. „Ron, Hermine ist in der Toilette und kein Mensch weiß etwas. Meinst du, wir sollten Percy Bescheid geben?“

„Bist du verrückt? Damit er fragt, was sie da macht?“ Ron drehte sich um. „Das machen wir auf keinen Fall.“

„Was schlägst du dann vor, sie einfach da sitzen lassen?“

Neville sah nervös von einem zum anderen. „Ich würde ja Percy Bescheid –“

„Nein“, sagte Ron an ihn gerichtet, „wir gehen einfach zu ihr und sagen ihr, dass sie mit uns kommen soll.“

Neville machte ein ängstliches Gesicht. „Die Lehrer haben gesagt –“

„Der Troll ist im Kerker“, sagte Ron, „nicht im zweiten Stock. Daran ist überhaupt nichts Gefährliches. Und so kriegen wir Hermine am schnellsten in den Gemeinschaftsraum.“

Neville sah nicht überzeugt aus. „Sollten wir nicht doch lieber –“

Ron nahm Harry am Arm. „Du kommst mit, oder?“

„Ja, klar“, murmelte Harry mit einem Blick zu Neville. „Das ist wirklich nicht gefährlich. Wir treffen uns gleich im Gemeinschaftsraum.“

Unglücklich sah Neville seinen Mitschülern nach.

 

Harry hätte nicht damit gerechnet, dass sie auf den Troll stoßen würden, sonst hätte er wohl Neville zugestimmt und einen Lehrer gesucht. Seine Knie wackelten noch immer, auch wenn der Troll jetzt fürs Erste ausgeknockt am Boden lag. Hermine kam auf ihn und Ron zu.

„Danke“, sagte sie mit zitternder Stimme.

„Kein Thema“, flüsterte Ron und starrte den Troll am Boden mit großen Augen an. Harry sagte gar nichts.

Ron und Hermine drehten sich zur Tür, aber Harry war sich nicht sicher, ob er es schaffen würde, ihnen nachzugehen. Seine Beine fühlten sich an, als würden sie gleich nachgeben. Außerdem war ihm schlecht. Er konnte seinen Blick nicht von dem Troll nehmen, und das war kein sonderlich appetitlicher Anblick.

In diesem Moment kamen die Lehrer durch die Tür – oder das, was noch von ihr übrig war – hinein.

„Grundgütiger!“, rief Professor McGonagall aus, als sie die drei Schüler und den Troll am Boden erblickte. Sie sah zuerst Hermine, Ron und Harry an, und dann den Troll. Zu Harrys Erschrecken sah er hinter McGonagall nicht nur Professor Quirrell und Flitwick, sondern auch Snape stehen. Er versuchte, sich möglichst klein zu machen und trat einen Schritt zurück.

„Granger, Weasley und Potter, Sie sind mir eine Erklärung schuldig!“

Harry wagte es gar nicht, Snape in die Augen zu sehen. Er wollte nicht wissen, was sein Vormund nun von ihm dachte.

„Hören Sie, Professor McGonagall“, fing Hermine an, „Ron und Harry haben damit gar nichts zu tun, das war meine Schuld.“

Während Hermine zur Überraschung aller weder Rons Sticheleien noch die Tatsache, dass sie auf der Toilette geweint hatte und deshalb nicht beim Fest gewesen war erzählte, sondern alle Schuld auf sich nahm, hob Harry vorsichtig den Kopf und sah Snape an. Dieser schaute ihn gar nicht an. Snape hatte die Augen wütend zusammengekniffen und schien in Gedanken zu sein. Harry schluckte und konzentrierte sich auf das, was McGonagall sagte.

Ihre Lehrerin war alles andere als begeistert; umso überraschter war es, dass sie Rons und Harrys Handlungen mit 5 Hauspunkten belohnte. Aber Harry wäre es lieber gewesen, Punktabzug statt Zusatzpunkte zu bekommen, wenn Snape dafür nichts mitbekommen hätte. Kaum, dass McGonagall aufgehört hatte, zu sprechen, machte Snape einen Schritt auf ihn zu und packte ihn am Arm. Überrascht sah Professor McGonagall auf.

„Mr. Potter und ich unterhalten uns noch in meinem Büro“, sagte Snape. Seine Stimme war nicht wie gewohnt ruhig, sondern zitterte vor Wut. Er zog Harry aus dem Raum, vorbei an den anderen Lehrern, die ihnen alle aus einer Mischung von Wut und Besorgnis nachschauten.

 

Snape ließ Harrys Arm auf dem Weg zu seinem Büro nicht los, obwohl Harry sowieso keine Anstalten machte, stehen zu bleiben. Er folgte Snape den Korridor hinunter wie ein Hündchen. Nebenbei fiel ihm auf, dass Snape eher humpelte als ging, aber wie seine anderen Gedanken rauschte auch dieser einfach nur an Harry vorbei.

Die Schule war still; bis auf ihn, Ron und Hermine waren alle in den Gemeinschaftsräumen. Nicht mal Mrs. Norris ließ sich blicken. Die Ruhe machte Harry Angst. Snape sagte kein Wort, bis sie das Büro erreicht hatten. Er schmiss die Tür zu, sodass sie laut krachend ins Schloss fiel, und schob Harry unsanft ins Zimmer. Harry stolperte zurück und hielt sich an der Tischkante fest.

Snape war knallrot im Gesicht. Er beugte sich zu Harry nach vorne und sprach, nein, schrie los. „Was habt ihr euch dabei gedacht? Wie bist du auf die hirnverbrannte Idee gekommen, einem Troll nachzugehen? Einem Bergtroll, der fast 10 Fuß größer ist als du?“

Harry öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, aber Snape ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

„Du hast dich in Gefahr gebracht, du hättest tot sein können –“ Snape holte tief Luft, und während er weiter brüllte, holte er mit seiner Hand aus und schlug Harry wütend mit der flachen Hand ins Gesicht. „Hast du vergessen, welcher Tag heute ist?“

Harry taumelte zurück und knallte gegen die Tischkante. Gleichzeitig schrie auf und griff sich an die Wange. Zitternd rieb er sich mit den Fingen über die rote Haut.

Er bemerkte nicht mal, dass Snape aufgehört hatte zu schreien, und ihn stattdessen geschockt ansah. Als Harry wieder aufsah, bekam er nur noch mit, wie Snape zur Tür ging und das Zimmer verließ. Verwirrt sah Harry ihm nach und vergaß dabei ganz, dass sein Gesicht schmerzte.

Daran wurde er aber innerhalb der nächsten Sekunde wieder erinnert. Snape hatte ziemlich fest zugeschlagen. Harry ließ sich zu Boden sinken und hielt sich den Kiefer. Er hätte von Snape keinen solchen Schlag erwartet. Es fühlte sich so an, als hätte jemand seine Wange in Brand gesetzt und seine Zähne herausgeschlagen. Vorsichtig fühlte Harry sich an den Kiefer. Doch, seine Zähne waren noch alle da.

Eine Träne lief ihm übers Gesicht. Er wischte sie weg; er hatte Angst, dass Snape kam und ihn weinend sah, aber es sammelten sich immer mehr Tränen an. Er war müde, ihm war schlecht vom Essen und sein Gesicht schmerzte wie verrückt. Außerdem fürchtete er den Moment, in dem Snape zurück kam. Was würde er dann mit ihm tun? Wo war er überhaupt hingegangen?

Eine Weile saß Harry zitternd am Boden, dann öffnete sich die Tür; Harry zuckte zusammen und sprang auf, aber es war nicht Snape, der hineinkam. Es war Professor McGonagall. Sie trat ein und sah sich um. Als sie Harry blickte, der sich immer noch sein Gesicht hielt, rief sie erschrocken: „Potter! Ist alles in Ordnung?“

Sie machte einen Schritt auf Harry zu und begutachte sein Gesicht. Er sah zu Boden. Sie legte einen Finger unter sein Kinn und hob seinen Kopf an, sodass er sie ansah. „Was ist passiert?“ Sie war blass im Gesicht geworden und sah sich um. „Wo ist Professor Snape?“

Harry hob die Schultern.

„Potter, sagen Sie mir jetzt, was passiert ist.“

Harrys Augen füllten sich mit Tränen.

Als er nichts sagte, strich McGonagall ihm mit einem Finger prüfend über das Gesicht. „Sie sehen nicht gut aus, Potter. Was hat Professor Snape getan?“

Harry sah auf seine Hände. „Er...“ Harry biss sich auf die Lippe.

„Hat er Sie etwa geschlagen?“ McGonagall sah alarmiert aus.

Harry schluckte. „Nein... Nicht so richtig“, murmelte er.

„Potter, was heißt nicht so richtig?“

„Er war ein bisschen – nein eigentlich ziemlich wütend – und da hat er mir eine Ohrfeige gegeben – aber nichts Schlimmes, Professor. Es war nur ein Schlag mit der flachen Hand und – “

„Ich fasse es nicht“, unterbrach McGonagall. Sie drehte sich um und ging zur Tür. „Kommen Sie mit.“

Harrys Herz schlug schneller. Er wollte nicht, dass etwas passierte. Er wusste nicht, was McGonagall vorhatte, aber er befürchtete, dass es nichts war, was ihm gefallen würde.

„Kommen Sie“, sagte McGonagall ungeduldig, „wir gehen in mein Büro. Ich will, dass Sie dort warten, während ich mit Professor Dumbledore spreche.“

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

LizTonkss Profilbild LizTonks

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:20
Sätze:4.278
Wörter:57.440
Zeichen:334.579

Kurzbeschreibung

Wie reagiert Hogwarts, wenn ein fast schon abgemagerter Junge mit Verletzungen in der Schule auftaucht? Und welche Folgen hat es, dass es ausgerechnet der Zaubertrankmeister ist, der dies bemerkt? "Es dauerte eine Weile, aber Harry schlief ein, sogar noch bevor seine Tante und sein Onkel ins Bett gegangen waren. Was der verzweifelte Junge nicht wissen sollte, war, dass sich am nächsten Tag sein Leben verändern sollte. Und längere Zeit wusste er nicht einmal mehr, ob zum Besseren, oder zum Schlechteren."/Snape als Harrys Mentor und Vaterrolle/kein Slash/wird alle 7 Jahre abhandeln/AU mit Kanon-Elementen/mehr Informationen im Vorwort

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit in character, Alternativuniversum, Familie und Schmerz und Trost getaggt.