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| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 484 | |
| Wörter: | 11.904 | |
| Zeichen: | 70.032 |
grey (adj. engl.) grau, undurchsichtig, düster, farblos, neutral, unbestimmt u.a ...
***
Ein freiwilliger Wirt zu sein war ein ziemlich dehnbarer Begriff.
Zumindest damals, in meiner Welt während der Invasion denn davor, bevor ich selbst einer von ihnen wurde und im Käfig gesessen war mit den Anderen, waren Freiwillige der Abschaum des Abschaums für mich gewesen.
Leute die ihren freien Willen aufgegeben und den Yirks die Kontrolle über ihre Körper erlaubt hatten, weil sie sich dadurch eine bessere Behandlung erhofften oder auch einfach nur zu den "Siegern" gehören wollten.
Heute denke ich anders darüber, denn ich habe beide Seiten gesehen und kann dazu nur sagen, wäre es wirklich so einfach gewesen, also dass man nur unterteilen musste in Schwarz und Weiß, in Kollaborateur und Opfer, gute Menschen, schlechte Yirks - wäre ich niemals freiwillig geworden.
Vielmehr spielten mehrere Faktoren eine Rolle, zum einen einfach die Tatsache, dass die Zeit in den Käfigen mich langsam aber sicher mürbe gemacht hatte .
Das ständige Schreien, der Terror in den wenigen zwei Stunden Freiheit die ich hatte.
Die Hoffnungslosigkeit.
Das alles forderte seinen Tribut und oft, viel zu oft hatte ich inzwischen schon drüber nach gedacht was ich getan hätte wenn alles anders gelaufen wäre.
Wenn die Yirks uns einfach gefragt hätten, friedlich.
Wenn sie uns nicht als Sklaven und minderwertige Tiere gesehen hätten, sondern als Gleichberechtigte. Ob ich den Gedanken Wirt zu sein auch dann noch so gehasst hätte wenn da kein Imperium gewesen wäre und keine heimliche Invasion.
Wenn es nicht bedeutet hätte, hilflos in einer Ecke meines Verstandes gefangengehalten zu werden und zusehen zu müssen, wie Issrin und ihre Leute meinen Artgenossen dasselbe antaten.
Oft sehnte ich mich einfach nur nach ein bisschen Freiheit oder zumindest die Möglichkeit mich zu setzen und die Beine ausstrecken zu können, s c h l a f e n zu können, ohne von meinen Mitgefangenen zertrampelt zu werden.
Nicht über eine Stunde mit einer vollen Blase gegen Gitterstäbe gepresst, oder wahlweise von Hork-Bajir-Controllern fast über den Boden geschleift zu werden.
Mir den Poolschleim aus den Haaren waschen zu können ohne Issrin dabei in meinem Kopf zu haben, mit meinen eigenen Händen die ich selbst steuerte.
Etwas zu trinken, wenn meine Kehle vollkommen trocken und die Reinfestation noch mindestens eineinhalb Stunden weit weg war.
Lächerliche Kleinigkeiten und einfach eine etwas... - verzeihen Sie das Wort- m e n s c h l i c h e r e Behandlung.
Das Gefühl wenigstens irgendetwas in meinem Leben kontrollieren zu können, auch wenn es nichts weiter sein würde als eben das.
Ein Gefühl, eine Illusion.
Ich wusste wie dumm diese Wünsche eigentlich waren und dass solche Gedanken mich irgendwo auch zu einem Verräter meiner eigenen Art machten.
Dass es Leute gab, die das ganze schon wesentlich länger ertrugen als ich ohne weich zu werden, einfach weil sie eindeutig stärker waren als ich und schämte ich mich schrecklich dafür, mir diese banalen Freiheiten zu wünschen.
Issrin wusste das natürlich.
Sie wusste alles, kannte jeden einzigen meiner Gedanken .
Trotzdem hatte sie mir niemals diese Freiheiten angeboten und ich hätte damals auch niemals damit gerechnet dass sie es irgendwann tun würde.
Ich hatte keine Ahnung gehabt, was kommen würde und wehrte mich dagegen,als es schließlich so weit war, weil ich mir einfach nicht eingestehen wollte, dass ich am liebsten sofort angenommen hätte , weil ich bereits zu sehr ich am Ende war nach nicht einmal vier Wochen, um noch weiter Widerstand zu leisten.
Issrin nutzte das aus um mich schließlich gefügig zu machen, wie sie bisher alles ausgenutzt hatte.
Das machte sie wiederrum zur Bösen in diesem Spiel und Ich nahm schließich auch das Angebot an.
Das machte mich unvermeidlich zum Verräter, aber es rettete wahrscheinlich auch meine geistige Gesundheit und die damalige, zumindest vorrübergehende Freiheit meiner Familie...
Was war also gut an meiner Entscheidung, was war schlecht?
Zählt der Schutz derer die man liebt, denn nicht mehr als der eigene Stolz?
Hätte ich wirklich irgendjemand damit geholfen, wenn ich weiterhin im Käfig gesessen wäre und langsam aber sicher den Verstand verloren hätte?
Hätte es die Yirks aufgehalten?
Vermutlich nicht, aber von zehn Milliarden Menschen auf diesem Planeten und den über Acht Millionen Yirks die hier geboren wurden und nichts anderes kennen als Freiheit, Gleichheit und Demokratie, würde das wahrscheinlich jeder ein kleines bisschen anders sehen.
Ein bisschen mehr weiß oder ein bisschen mehr schwarz je nach dem, oder viel einfacher: Grau eben und wie gesagt, ist Grau eine sehr interessante Farbe von der es unendlich viele Abstufungen gibt.
Deshalb ist das auch das erste Wort das mir einfällt, wenn ich heute diesen Abend, ja überhaupt meine gesamte Zeit als unfreiwilliger Wirt beschreiben soll: Es war grau.
Grau in so vielerlei Hinsicht...
(Lou Berenson , 22. Februar 2046, Berlin)
force (noun engl.) Macht ,Stärke, Wucht Druck, Zwang, Gewalt u.a ...
***
Abend.
Es war später Abend um genau zu sein und Issrin machte sich gerade fertig für ein Meeting beim sogenannten Freundschaftsklub.
Duschen, frische Klamotten anziehen, das volle Programm.
Ich versuchte währenddessen ganz verzweifelt einzuschlafen, weil ich absolut darauf verzichten konnte, mehr als unbedingt notwendig bei Bewusstsein zu sein. Ich wollte zumindest noch einwenig dösen und Kraft sammeln, wenn wir wieder ausgerechnet d o r t hin gingen.
Etwas das mit einer Yirk in meinem Kopf, die gerade gefühlten tausend Gedanken nachhing, nicht gerade einfach war.
Am leichtesten schaffte ich es nämlich immer, dann wegzunicken, wenn sie grade abgelenkt war, selbst regenerierte, oder sich um eine ihrer Yirk-Aufgaben kümmerte.
Wenn ihre Aufmerksamkeit aber stattdessen schwer wie ein Bleigewicht auf meinem vor Müdigkeit und Resignation weichen Verstand lag, war das natürlich so gut wie unmöglich.
Mindestens so unmöglich, wie einzuschlafen, während man unter einem Auto eingeklemmt ist und ich hatte auch so eine leise Ahnung was, oder besser gesagt wer ein Grund für die pünktlich alle drei Tage wieder kehrende Grübelei sein könnte: Ich.
Denn noch vor dem Meeting der Vollmitglieder würden wir selbstverständlich wieder den Pool aufsuchen.
Ich würde in den Käfig gesteckt werden zusammen mit einer Menge anderer Leute, während Issrin, aus welchem Grund auch immer, für gute zwei Stunden nicht in meinem Kopf sein würde und Tatsache war, seit ich vor ihrem Sub-Visser und den Augen von zwei anderen Yirks rebelliert hatte, wusste sie durch eben diese zwei anderen auch, wie ich vor anderen Unfreiwilligen über sie sprach.
Dass es meiner Meinung weitaus schlimmere Yirks gab als Issrin und ich unter diesen Umständen sogar "froh" war sie in meinem Kopf zu haben und keinen von den "Anderen".
"Froh", weil sie im Gegensatz zu denen wenigstens ansatzweise fair war und nicht nur zum Spaß an der Freude Psycho-Folter einsetzte, weil sie mit mir sprach und mich nicht ignorierte.
Und, zu guter Letzt: Weil sie in den vier Wochen wo sie mich jetzt schon fremd steuerte nicht ein einziges Mal versucht hatte, meine Familie zu rekrutieren, oder auch nur irgendeinen anderen Menschen.
Bedauerlicherweise waren anscheinend weder ihr Verhalten, noch das Lob eines Wirts besonders erwünscht im yirkanischen Imperium und Issrin hatte um es mal vorsichtig auszudrücken, Ärger deshalb bekommen.
Ziemlich großen Ärger.
Zwar war es ihr irgendwie noch gelungen; ihren Kopf wieder aus der Schlinge zu ziehen und ihr Sub-Visser hatte eine Art Gnadenfrist verhängt.
Eine, die sie auf jeden Fall genutzt hatte, denn seit dem vor-vorletzten Poolbesuch hatte Issrin natürlich fleißig Flyer im Park verteilt und Leute angeworben.
Sogar Milan, den hauseigenen Pechvogel an meinem Arbeitsplatz.
Aber trotzdem hatte sie natürlich Angst, wenn wir wieder in diese unterirdische Alien-Kommandozentrale zurückkehrten, weil sie wusste, dass sie, egal wie sehr sie sich jetzt auch bemühte, keine zweite Chance mehr bekommen würde, wenn sie sich noch einen Fehler erlaubte, oder noch schlimmer: Wenn ich wieder irgend etwelche Details ausplauderte, die außerhalb meines Kopfes einfach nicht existieren durften.
Dinge wie zum Beispiel die privaten Gespräche und Diskussionen zwischen uns.
Details darüber wie sehr Issrin Menschendinge mochte oder unser Essen oder...
Oder, dass sie mich nach ihrem Anschiss durch den Sub-Visser und die anderen Beiden nicht gefoltert hatte.
Kurz und bündig: Plötzlich hatte ich auch eine Art Macht über die Yirk.
Ein falsches Wort von mir in den Käfigen, bestenfalls sogar in Gegenwart der Wirtin von diesem Yaplin und sie könnte auf der Stelle einpacken.
Ihre Mit-Yirks würden ihr das Leben zur Hölle machen oder sie vielleicht sogar töten.
Sie wusste es und natürlich war ihr auch absolut klar, das ich es wusste.
Das gefiel ihr nicht.
Ganz und gar nicht!
((Macht ist relativ, Mensch.))
Sagte Issrin plötzlich ungefragt mitten in die Stille meiner Gedanken hinein -Sie sagte es einfach so, mit derselben ruhigen kühlen Stimme, mit der sie meistens mit mir sprach, während sie im Badezimmer vor dem Spiegel stand und mit dem Zeigefinger einen kleinen Pickel an meiner Wange untersuchte.
Ihr dabei ins Gesicht zu sehen, in mein Gesicht während sie mit mir redete, und zu sehen, wie sie meinen Mund zu einem kaum sichtbaren spöttischen Grinsen verzog, war auf eine ganz neue Art seltsam und irgendwo auch unheimlich.
Es verdeutlichte umso mehr, dass ich nichts weiter als ihr Gefangener war.
Nichts weiter als eine Stimme in meinem eigenen Kopf.
Eingesperrt.
Wehrlos.
Trotzdem fasste ich mich recht schnell wieder.
((Ach ja? ))
Gab ich teils belustigt, teils verärgert zurück.
((Ich könnte ihnen erzählen, wie sehr du das Lied von Eis und Feuer magst))
((I c h könnte mich vollkommen unbekleidet zu denen Sippenmitgliedern an den Abendtisch setzen.))
((Ich könnte ihnen sagen, dass du vor einer Woche nur deshalb so übermüdet beim Meeting warst, weil Emily wieder mal bei mir im Zimmer schlafen wollte und du mit ihr geredet hast, über M e n s c h e n d i n g e , die ganze N a c h t !))
((Ich könnte deine wenigen Freunde zu dem Picknick einladen... Oh ja, Mensch, zu d i e s e m Picknick))
Issrin gluckste und merkte natürlich sofort, wie ich bei der Erwähnung des "Picknicks" mental zusammenfuhr, während sie meine Haare durch kämmte.
Amüsierte sich darüber, denn eigentlich hatte sie schon vor über zwei Wochen die Order bekommen, möglichst viele Leute dafür aufzugabeln, natürlich nicht ohne Grund.
Die Yirks erwarteten sich davon einen ordentlichen Zuwachs an jungen Mitgliedern für den Freundschaftsklub.
Möglichst viele gesunde kräftige Wirte im besten Alter.
Da es, aber wenn überhaupt, nur halb ernst gemeint war und Issrin bisher nicht mal einen einzigen meiner Freunde gefragt hatte, entspannte ich mich sofort wieder und kam auf unser "Spiel" zurück.
((Ich könnte aber auch darüber plaudern, dass du nicht gerade toll findest, wie Yaplin und Carlan mit ihren Wirten umgehen))
((Wenn du das tust, würde ich degradiert werden. Das bedeutet keinen, oder zumindest einen weit weniger effizienten Wirt für mich. Dieser Körper würde natürlich sofort an einen anderen Yirk weitergereicht werden .Einen der weniger Geduld mit dir hätte als ich. Du hättest nicht lange Freude an deinem Triumph.))
Ärger kam auch in Issrin hoch, aber nur leicht.
Vergleichbar mit dem Ärger eines Menschen über eine lästige Fliege und er vermischte sich mit ihrer Belustigung.
Trotzdem machte es mich irgendwie langsam echt sauer, dass sie über alles was ich sagte, nicht mal ein bisschen mit der mentalen Wimper zu zucken schien.
((Ich könnte ihnen aber auch sagen, dass du mich nicht gefoltert hast, weil du M i t l e i d mit mir gehabt hast und dass du meine Familie verschonst. Dass du mir teilweise sogar die Kontrolle gegeben hast, zumindest am Anfang. Sympathisieren mit Wirten, darauf steht die Todesstrafe richtig? ))
((Und ich könnte ihnen deine Erzeugerin bringen, samt allen anderen Menschen, die dir wichtig sind. ))
Issrin knallte die Bürste auf die Ablage über dem Waschbecken.
Jetzt war sie wirklich zornig.
Ihre Freude an unserem kleinen Frenemy-Spiel endete abrupt.
und ich war zu weit gegange, war unvorsichtig gewesen. Das wusste ich sowie ich ihre Emotionen spürte, denn sie meinte das ernst.
Absolut und vollkommen, ich konnte es spüren.
Sofort wurde mein Ärger zu verzweifelter Wut.
((Nein! Das kannst du nicht tun, du... Du hast mir dein W o r t gegeben, dass du sie in Ruhe lässt wenn...-))
((Wenn du nicht gegen meine Kontrolle rebellierst, ja. Aber Tatsache ist, dass seit deinem Widerstand vor Subvisser Zweihundertdreiundfünfzig unsere Vereinbarung deine Familie zu verschonen, ungültig ist. Ich kann mit ihnen tun was ich will.))
((Wenn...wenn du das tust dann... Dann..-))
((Was dann, Mensch ?))
Fragte Issrin kalt und lauernd.
Fragte, obwohl sie natürlich schon lange wusste, was ich dachte.
Wollte, dass ich den Gedanken direkt an sie richtete.
Wollte sehen, ob ich es wirklich wagte, weil ich zögerte, aber nur für eine Sekunde.
((Dann werde ich alles dafür tun damit deine yirkanischen Kollegen dich einen Kopf kürzer machen. Yaplin wird dich melden, mit einem dicken fetten Grinsen im Gesicht und dann...-))
((Und dann endet deine kleine Fantasie , Mensch. Gib es auf! Du bist eine feige Kreatur,aber nicht dumm. Mich zu töten würde deine Situation mit großer Wahrscheinlichkeit verschlechtern. Wir beide wissen, dass du es allein deshalb niemals tun würdest.))
Ich schwieg.
Sagte nichts, zumindest nicht bewusst und an Issrin gerichtet.
Aber sie hatte natürlich Recht.
Wieder einmal.
Immer.
Meine Situation war aussichtslos und ich konnte nichts tun, auch wenn ich für einen Moment und blind vor Wut gedacht hatte, ich hätte tatsächlich genug Mut, um meinen Bluff in die Tat umzusetzen.
In Wahrheit konnte es nicht.
Konnte niemanden beschützen.
((Bitte tu es nicht, Issrin. Lass sie zufrieden, ich bitte dich!))
((Das werde ich. Es gibt keinen Grund etwas an der aktuellen Situation zu ändern. Die einzigen Lebensumstände die ich heute ändern werde, sind deine eigenen. Du bist unberechenbar. In Kontrolle schwierig, emotional und redselig. Deshalb kann ich es nicht riskieren, dich weiter in den Käfigen zu lassen wie bisher.))
Ich antwortete nicht auf Issrins Worte,doch mein Erstaunen war ihr bestimmt Antwort genug.
Immerhin hatte ich mittlerweile jegliche Hoffnung aufgegeben, jemals wieder als unbesetzter Mensch aus diesen verdammten Käfigen herauszukommen und jetzt das.
Trotzdem wusste ich natürlich nicht was genau die Alternative dazu war, oder was Issrin von mir erwartete.
In den ganzen Wochen die sie jetzt schon in meinem Kopf lebte, hatte sie immerhin noch nie irgendetwas für mich getan, ohne etwas dafür von mir zu verlangen.
Ihre kleinen "Gefallen" mir gegenüber verlangten immer eine Gegenleistung, es sei denn....
((Du...du willst mich nicht mehr einsperren lassen aber... Aber was dann? Bedeutet das vielleicht sogar du willst ...))
Meine Gedanken rasten.
Euphorie löste sich mit Panik ab, während mein Verstand mögliche Szenarien vor meinem geistigen Auge ablaufen ließ, eine schlimmer als die andere.
((Du fragst dich, ob ich dich töten lassen würde... Ob ich dich f r e i g e b e ?))
Issrin lachte.
Es war kein böses Lachen, auch wenn ich es im Moment so empfand, weil sie durch den Umstand, dass sie sich allem Anschein nach so köstlich über meine kleinen Gedankenfilme amüsierte, all meine Hoffnungen auf Freiheit mit einem Schlag zunichtemachte.
((Nein. Dieser Körper ist zu wertvoll um ihn leichtfertig zu entsorgen und dich f r e i z u l a s s e n wie du es nennst, liegt weit jenseits meiner Kompetenz.
Abgesehen davon wäre es ein zu großes Sicherheitsrisiko. Kein Nessirk der an seinem Leben hängt, würde es freiwillig eingehen.))
Nessirk?! ...
((Aber ich kann deinen Status ändern. Immerhin verhältst du dich mittlerweile ruhig am Poolbereich und bist einfach zu händeln. Im Grunde genommen verschwende ich Platz, der bald für andere Yirks gebraucht wird. Was ich tun will ist zwar riskant, weil man mich zur Rechenschaft ziehen wird für dein Verhalten aber...))
Eine eindeutig gewollte Pause entstand.
Verdammt, diese Yirk spannte mich absichtlich auf die Folter. Beobachtete mich!
((Okay, das heißt auf gut deutsch du wirst mich nicht umbringen, aber freilassen willst du mich auch nicht. Gut, ich freue mich nämlich, dass ich zumindest am Leben bleiben darf, aber wenn ausserhalb der Käfige nicht automatisch sowas wie Freiheit für mich bedeutet,was dann? Was hast du mit mir vor, Issrin?))
((Ich werde dich zu einer Freiwilligen machen.))
Zu einer Freiwilligen?!
Obwohl ich ganz genau gehört hatte, was sie sagte, hatte ich damit natürlich nicht gerechnet und erfasste erst den Sinn der Worte nicht ganz.
Freiwillige...
Das waren doch diese Menschen, die ihre Körper freiwillig an die Yirks abgetreten hatten.
Die Leute außerhalb der Käfige, die aßen und lachten und Zeitung lasen oder fernsahen, während ihre Yirks im Pool schwammen. Verräter an der menschlichen Rasse, keine Opfer.
Nicht so wie ich.
((Nein))
Ich sagte es lang bevor ich Issrins Angebot auch nur ansatzweise überdacht, oder verdaut hatte.
Obwohl Issrins Aufmerksamkeit immer noch voll und ganz auf mir lag.
((Das...das mache ich nicht, du kannst mich nicht dazu zwingen))
((Nein, das nicht.))
Die Yirk seufzte.
Sie hatte anscheinend mit einer völlig anderen Reaktion gerechnet und war dementsprechend enttäuscht und frustriert.
((Aber ich habe bereits e i n m a l deinen Widerstand ignoriert.Noch einmal werde ich das nicht tun.))
((Aha und das heißt was? Was willst du tun, wenn ich nicht mitspiele, Issrin? Willst du ihnen meine Familie bringen? Mir wieder d a m i t drohen? VERSTEHT IHR DAS UNTER F R E I W I L L I G K E I T?!))
((Nein. Ich würde auf das D r o h e n verzichten, wenn du dich weigerst und wir verstehen unter Freiwilligkeit dasselbe wie ihr.))
Erstaunlicherweise blieb Issrin vollkommen ruhig, obwohl ich in Gedanken fast schrie, während sie meinem Kragen richtete und danach endlich das Bad verließ.
Ihre Emotionen fühlten sich an wie die kühle, spiegelglatte Oberfläche eines ruhigen Sees an einem Herbstabend als sie meine Jacke vom Haken im Vorraum nahm und nach dem sie meiner Mutter durch die geschlossene Wohnzimmertür ein hastiges "Tschüss zugerufen hatte, endlich das Haus verließ.
Erst draußen in der kalten Abendluft als sie mein Rad aus der Garage holte, sprach sie wieder mit mir
((Wie auch am Anfang hast du wieder die Wahl Mensch. Ich biete dir die Freiheit deiner Familie an, solange du kooperierst. Ihr Wohl liegt nach wie vor in deiner Hand und nicht nur ihres. Abgesehen davon bist du bereits geschwächt und würdest nicht noch mehr ertragen.
Beende den Widerstand. Er ist unvernünftig und keine Alternative. Nicht d i e s e s Mal))))
((Wie bitte, ich würde nicht mehr e r t r a g e n ? Nicht mehr ertragen von was? Von eurer absolut unterirdischen Behandlung am Pool? Von deiner Anwesenheit in meinem K o p f um die ich nie gebeten habe und dass du mich zu deinem Sklaven machst? Willst du mich etwa zur Freiwilligen machen, weil ich sonst bald zusammenklappe oder durchdrehe? Weil ich dir l e i d tue? Oh wie schön, noch mehr Mitleid und Verräter-Aktivitäten von unserer braven Yirk-Soldatin, hm da wird sich unser Freund der Subvisser aber überhaupt nicht darüber freuen))
Spottete ich voll Hass, obwohl ich am liebsten geweint hätte, wenn ich es gekonnt hätte, weil ich vor allem verletzt war, schockiert und am Ende meiner Kräfte.
Eigentlich viel zu sehr um noch sarkastisch zu sein.
Issrin wusste wie es um mich stand.
Wusste alles.
Ich hatte nichts mehr.
Keine Privatsphäre, keinerlei Macht.
Nichts, das einzig und allein ganz und gar meins war, solange s i e es nicht wollte!
Wie von weitem fühlte ich die Gänsehaut in meinem Nacken als der Wind darüber strich und mir in die Haare fuhr, während Issrin in die Pedale trat.
Ich fühlte mich nackt, entmenschlicht und auf einen seelenlosen Gegenstand reduziert.
Wie ein körperloser Geist irgendwo eingesperrt im hintersten Winkel meines Verstandes.
Issrin hatte mich dazu gemacht und ich hasste sie dafür.
Aber trotzdem hörte ich sie.
((Nein. Es bedeutet, dass du jetzt Widerstand leistest, aber lernen wirst, dass es Vorteile mit sich bringt freiwillig zu sein. Bald wirst du nicht mehr in die Käfige zurückwollen))
Ihre Worte.
Sie waren eine Qual.
Folter wie alles andere, weil ich mich nicht dagegen wehren konnte.
Weil ich sie nicht ausblenden konnte.
Weil es die Wahrheit war.
Weil Issrin Recht hatte
Ich war am Ende, hatte keine Wahl.
Es hatte keinen Sinn mich noch länger dagegen zu wehren.
Zuviel stand auf dem Spiel...
((In Ordnung Issrin, du hast gewonnen, ich gebe auf. Was muss ich tun?))
Issrin sagte zwar nichts, ihre Aufmerksamkeit lag voll und ganz auf dem dunklen Weg vor uns, aber ich fühlte dafür nur zu überdeutlich ihre Zufriedenheit und Erleichterung in mir hochkommen.
Ihre Genugtuung zu fühlen war widerlich, aber gleichzeitig auch Antwort genug...
bond (noun engl.) Bindung, Übereinkunft, Verpflichtung, Pakt, Fessel
***
Erst kurz bevor wir den Pool erreichten, sprach Issrin wieder mit mir.
Allerdings beruhigte mich das nicht im Geringsten und verbesserte auch keines wegs meine Situation oder die Art von Rolle die ich ab jetzt in dem Ganzen spielen sollte, denn Einschüchterung und Erpressung waren leider wirklich beliebte Mittel unter den Yirks um die die unter ihnen standen, klein zu halten.
Tanzte beispielsweise einer von ihnen aus der Reihe und ein Vorgesetzer bekam Wind davon, musste nicht der Schuldige selbst, sondern ein anderer Yirk dafür bezahlen.
Issrins kurzer Besuch bei ihrem Sub-Visser in der Containerstadt in Gesellschaft von Yaplin und Carlan hatte mir das hautnah am lebenden Beispiel gezeigt, denn fast wären die zwei Anderen wegen meiner Yirk bestraft worden.
Weil sie kein guter yirkanischer Soldat gewesen war, meine Familie in Ruhe gelassen hatte und auch meine Freunde.
Jetzt sah die Sache allerdings anders aus.
Issrin würde mich zur Freiwilligen machen und nicht sie oder ein anderer Yirk würden als allererstes zur Rechenschaft gezogen werden, wenn ich mich nicht an die "Regeln" hielt, sondern zwei andere Menschen .
Man hatte sie ausrufen lassen , sowie Issrin der erstbesten Poolwache gesagt hatte, was sie mit mir vorhatte und kurz darauf waren sie aufgetaucht:
Ein Junge und ein Mädchen, beide ausser Atem und mit seltsamen roten Bändern quer über der Brust.
Das Mädchen war ziemlich groß und nicht wirklich dick, aber auf jeden Fall stämmig.
Sie hatte eine helle Haut und markante ausgerissene,wenn auch längst verheilte Ohrläppchen.
Die Haare waren glatt, und in einem hellen Violett gefärbt. Sie reichten ihr bis zum Kinn.
Auf ihren Händen entdeckte ich ebenfalls unzählige merkwürdig kreisförmige Narben, die wie alte Brandwunden aussahen.
Die Fingernägel waren schwarz lackiert und sehr kurz geschnitten.
Etwas wohingegen die dunkelblaue ,an den Knien zerrissene Jeans und das rotweiße Ringeltop fast erschreckend normal aussahen.
Ausserdem war sie jung. Sicher zwei Jahre jünger als ich.
Aber trotzdem, und das schockierte mich sogar mehr als Issrins Erklärung noch vor wenigen Minuten, oder die merkwürdigen Verletzungen des Mädchens- war sie zumindest nach aussen hin völlig ungerührt.
Sie starrte geradeaus ohne irgendetwas bestimmtes anzusehen und verzog dabei keine Miene.
Der Bursche hingegen war eindeutig jünger und optisch genau das Gegenteil von ihr mit seinen extrem dunklen, halblange Locken und den großen dunkelbraunen Augen die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt wurden.
Die Haut war ebenfalls dunkel und sein Körperbau wirklich aussergewöhnlich schmal für einen Jungen, beinahe schon zerbrechlich.
Rein vom Gefühl schätzte ich ihn auf zwölf Jahre, vierzehn vielleicht, wegen dem leichten Ansatz von Bartflaum auf der Oberlippe und er sagte oder tat genauso wenig wie sie, aber seine Hände waren zu Fäusten geballt .
Er zitterte sogar gut sichtbar trotz der schwülen Wärme am Pool.
Wahrscheinlich, ging mir durch den Kopf, wusste er genauso gut wie das Mädchen und ich, dass es für sie Beide wenn ich schrie oder sonst irgendwie für Unruhe sorgte, sobald die Yirk aus meinem Kopf war, sehr ungemütlich werden könnte.
Das war es nämlich auch was Issrin gemeint hatte mit ihrem "nicht nur ihre Leben" im Bezug auf meine Familie:
Wenn ich nämlich versuchen sollte zu fliehen, würde man die Beiden dafür bestrafen.
Wenn es mir irgendwie gelang, mich bis zur Oberfläche durchzukämpfen, würden sie wahrscheinlich sogar sterben.
Danach würde man mich wieder einfangen und das nachholen, was mein Yirk bisher nicht getan hatte.
Die Leben der Beiden, meiner Familienangehörgen und Freunde lag also in meiner Hand, sobald Issrin nicht mehr in meinem Kopf war.
Sie hatte mir das in aller Deutlichkeit erklärt.
Ich kannte also die neuen "Spielregeln" und auch wenn der Blick dieses Jungen fast schon krampfhaft auf den Boden gerichtet war und er sich wirklich große Mühe gab, Issrin nicht anzustarren, sah ich trotzdem eine allzu vertraute Emotion die sich in seinen weitaufgerissenen Augen spiegelte und sie war absolut unmissverständlich, eben gerade weil ich sie so gut kannte : Angst.
Der Junge hatte schreckliche Angst!
"Freiwillige, neu. Nae gash. Yu shek ne. Alles zeigen!"
Grollte das cirka zwei meter hohe Klingenmonster neben mir nach ein paar Minuten ungeduldig, so als wäre es nicht ganz zufrieden damit, dass Issrin nicht gleich zur Sache kam.
Aber Yirks in Menschen-Wirten standen rangmäßig über den Alien-Wachen am Pool.
Ich wusste das inzwischen und meine Yirk ließ sich gerne Zeit um ihrem leicht gestressten Artgenossen das in aller Ruhe zu demonstrieren.
"Issrin Neun-Acht-Fünf Ya-Terash, Sechshundertsiebenundneuzig-Zwei-Dreihundertsiebzehn-Hundertzweiundzwanzig-Achtzehn-Zwei -Fünfunddreißig-Eins-Acht-Drei . Ihr kennt den Ablauf?"Fragte sie.
"Ja. Ekktar Vier-Zwei-Zwei, Ya-Hett-Simplat Sechshundertfünfundachzig- Drei-Einundzwanzig-Hunderteins-Acht-Vier-Sieben-Acht und Elish Acht-Sieben-Sieben, Ya-Noor-Esol. Sechshundertachtundachtzig-Sechs-Sechs- Zwei. Wir kennen unsere Aufgaben."
Antwortete das Mädchen und zählte dabei diese ganzen Yirk-Nummern in einer Geschwindigkeit auf, dass mir der Mund offen stehen geblieben wäre, wäre ich in Kontrolle gewesen.
Issrin schien das aber nicht im Geringsten zu beeindrucken, viel mehr war sie wegen etwas anderem verwirrt.
"Elish Acht-Sieben-Sieben? Es ist unüblich für einen Freiwilligen sich die Identifikationsnummer eines anderen Yirks zu merken."
Meine Stimme klang ungewohnt hart unter ihren Worten, gleichzeitig warf sie dem Mädchen einen scharfen Blick zu und runzelte missbilligend die Stirn.
Aber falls meine Yirk damit versucht hatte, die Freiwillige vor ihr einzuschüchtern, hatte sie entweder keinen Erfolg damit gehabt, oder das Mädchen war einfach nur eine gute Schauspielerin, denn sie lächelte sogar ein bisschen als sie antwortete :
"Ja, aber ich kenne ihn und er hat mich ausgewählt. Heute ist seine erste Einweisung .Deswegen ist er nervös."
"Verstehe. Für dich hoffe ich, dass du es nicht bist, Mak "
" Nein. Ich hab das schon öfter gemacht und weiß genau was ich tun muß."
"Gut. Aber es ist seine Aufgabe und nicht deine. Man wird nicht zufrieden damit sein, dass er sich auf dich verlässt... Ich wäre es nicht an Elishs Stelle."
Jetzt war Issrin nicht mehr nur verwirrt,sondern eindeutig schlecht gelaunt.
Es lief ihr so richtig gegen den Strich mich diesen zwei Kindern zu überlassen und sie traute es ihnen anscheinend auch nicht wirklich zu mit mir fertig zu werden, ganz egal was für einen selbstsicheren Eindruck das Mädchen machte, ich konnte es nur zu deutlich fühlen.
Leider hatte sie aber schon viel zu lange gewartet.
Die Schlange hinter ihr wurde immer länger statt kürzer und ihr waren die Hände gebunden.
Wenige Minuten später sah ich deshalb Issrin dabei zu, wie sie sich mit meinen zu einer wütenden schmalen Linie zusammen gepressten Lippen schließlich zögernd aber doch von den Beiden wegdrehte, mich auf die Knie sinken ließ und sich mit seitlich geneigtem Kopf über die graue Brühe beugte.
Wie schon sooft merkte ich, wie von weitem das das Gefühl für meinen Körper Schritt für Schritt zurückkehrte, als sie langsam die Verbindung zu meinem Gehirn löste.
Wie sooft fühlte ich, wie die Welt mir wieder näher kam mit all ihren Farben, Formen, Geräuschen und Gerüchen.
Wieder spürte ich, wie sich dieser eklige schleimige , von meiner eigenen Körperwärme aufgeheizte Schneckenkörper stückchenweise aus meinem Ohr schob und schließlich mitsamt einem Schwall dünnflüssigem Sekrets in den Pool plumpste.
Trotzdem blieb ich auf den Knien hocken.
Vielleicht, weil ich es inzwischen schon so gewohnt war dass die Alien-Monster am Pool mich auf die Beine zogen und anschließend zu den Käfigen brachten.
Vielleicht aber auch, weil ich unter Schock stand und die Auswirkungen davon erst jetzt spürte, während ich gleichzeitig damit beschäftigt war, mit meinem eigenen Emotionschaos klar zu kommen.
Mit dem Gedanken, frei zu sein.
Frei, durch eine falsche Entscheidung die Leben anderer Menschen zu zerstören...
Mein Herz raste, sobald ich daran dachte.
Die Stimmen und Schreie um mich herum verschmolzen zu einem einzígen zusammenhanglosen Gemurmel und gleichzeitig wurde mir klar, dass ich das Spiel unweigerlich verlieren und versagen würde...
Versagen!...
Ich wusste zwar, dass alle gerade darauf warteten dass ich aufstand , und auch wie ich mich verhalten sollte, aber war gleichzeitig vollkommen überfordert mit der Situation.
Adrenalin flutete meinen Körper.
Unbeschreibliche Panik überrollte meinen Verstand.
Mein gesamter Körper wurde seltsam steif,
Ich fühlte mich schwach und am Ende.
Niemals hätte ich alleine aufstehen können .
Am liebsten wäre ich in diesem Moment noch am Pier liegend gestorben, aber das Schicksal hatte andere Pläne.
"Ya -Noor, Aniss ! Schaff sie endlich aus dem Weg. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit hier unten rumzustehen, nur weil einpaar verblödete filshig-nan-makdshari nicht wissen wie man Befehle ausführt. Die Nessirki sollten lieber mehr Käfige genehmigen, als wertvolle Zeit mit sowas hier zu verschwenden. Freiwillige. Kiz ya-varnax wenn man mich fragt!"
Schimpfte plötzlich ein anderer Yirk gleich hinter mir und tippte mich ungeduldig mit der Schuhspitue an um nicht zu sagen t r a t mich.
Sein Wirtskörper war ein Mann um die dreißig, kleingeraten und rundlich.
Schon beim Betreten des Poolareals hatte er sich mit einem anderen Controller über den Platz in der Schlange gestritten, weil er meinte vor ihm da gewesen zu sein. Issrin hatte verächtlich den Kopf über die Beiden geschüttelt, besonders weil der andere gleich nachgegeben hatte und sich auch nur halbherzig nach ihnen umgedreht.
Aber ich erkannte die gemeine, penetrant-näselnde Stimme sofort wieder, auch wenn ich alles noch immer nur wie durch Watte hörte und das Gefühl hatte, jeden Moment ohnmächtig zu werden.
Zu meinem wie wild klopfendem Herz kam jetzt auch noch ein Klos in meinem Hals dazu der innerhalb von Sekunden auf eine schmerzhafte Größe anschwoll und mir die fast die Luft nahm.
Panisch rang ich nach freiem ungehindertem Atem.
Würgte und wimmerte abwechselnd, während ich versuchte mich zu bewegen, aber meine Knie versagten mir wieder und wieder den Dienst.
"Hitnef shellah, loglafach! Ekktar-Mak haff!"
Grob und ohne Vorwarnung packte mich der Poolwächter am Arm und riss mich in die Höhe als wäre ich nichts weiter als eine übergroße, leblose Puppe. Der plötzliche heftige Schmerz in meiner Schulter ließ mich aufschreien und presste mir das letzte bisschen Sauerstoff aus den Lungen. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen und sorgte dafür dass mir kurzzeitig schwarz vor Augen wurde.
Gottseidank hatte Issrin an diesem Tag aber noch nicht viel gegessen und ich musste mich wenigstens nicht übergeben.
" S h e l l a h ! NoorgeshWas mit Filshig-Nanar-Mak?fallay nyot fit. Brauchen Andere?"
Die Stimme des Klingenmonsters klang drohend und war ein merkwürdiges Gemisch aus unserer und Aliensprache, aber immer noch blieb das Mädchen ruhig.
Ich spürte wie sie mich ansah, mich musterte, auch wenn ich kaum die Kraft hatte meinen Kopf zu heben, oder auch nur klar zu denken.
" Wahrscheinlich ist es nur eine Panikattacke"
"Ne?!"
"Angst. Ich denke, sie hat Angst, Aniss."
"Nein, das hat sie nicht ! Nein, nein, nein, nein! Das darf nicht passieren, nicht heute, nicht m i r ! Elish wird... Er wird-!"
Der Junge endete mitten im Satz.
Seine kieksende Stimme brach und er klang eindeutig panisch.
"Shhh, alles okay, Ben. Wäre nicht die erste mit der das passiert, sie wissen das, also wird dein Yirk absolut gar nichts. War wahrscheinlich einfach nur ein bisschen viel für sie und...-"
"Da, Mak-muragg. Gullhadrash´ nehmen. Weg, nicht reden mit Elish-Mak!."
"Ja,genau das. Bitte, gib sie mir, Aniss. Ben, du gehst auf die andere Seite, los, mach schon!"
Vorsichtig und langsam kam das Mädchen zu mir herüber und ließ sich meinen rechten Arm von dem Alien über die Schulter legen.
Mit meinem zweiten Arm machte das Monster bei dem schmächtigen Jungen den sie gerade Ben genannt hatte, das Gleiche und dann trugen sie mich mehr vom Pier weg, als sie mich führten, obwohl Bens schmale Schultern unter meinem Gewicht vor Anstrengung bebten.
Mein Körper war nämlich immer noch vollkommen verkrampft und bewegungsunfähig.
Meine Knie zitterten und die Muskeln in den Beinen fühlten sich an wie Pudding.
Deutlich,viel zu deutlich hörte ich wieder die naeselnde Stimme.
Allerdings war die jetzt alles andere als arrogant.
"Nein! Nein bitte nicht! Ich...ich ertrage das nicht mehr ....NEIN!NEEEIN! Nicht in den Käfig nein!Tötet mich doch einfach, bitte TÖTET MICH!"
Der Mann strauchelte.
Er wehte sich, weinte.
Schlug nach den Poolwachen, versuchte sich loszureißen und schrie, aber vergeblich.
Trotzdem hallte seine verzweifelte Stimme in meinem Kopf lange nach.
Erst als wir weit genug weg waren vom Pool, von den Käfigen und den Schreien, als mir klar war dass wir in Sicherheit waren, zumindest vorerst, entspannte ich mich einbisschen und schaffte es die letzten hundert Meter bis zum Freiwilligen-Bereich zu gehen, ohne mich zuviel auf die Beiden zu stützen.
Ben war eindeutig erleichtert darüber, aber warf mir trotzdem immer wieder nicht gerade freundliche Blicke zu.
Ich kümmerte mich nicht darum.
Viel zu sehr hatte ich meine eigenen Gedanken die momentan viel Raum in meinem Kopf einnahmen. Unter anderem weil jetzt wo in mir ein bisschen Ruhe eingekehrt war und ich aallmählichllmählich wieder klar denken konnte, langsam aber sicher auch die Neugier über die Angst siegte, denn den Freiwilligen-Bereich selbst hatte ich natürlich bisher noch nie betreten und immer nur aus der Ferne gesehen, von aussen.
Keiner von den Wirten im Käfig wusste, was sich hinter dem aus schwarzen Furnierholz bestehenden Sichtschutz verbrarg.
Das hielt uns allerdings nicht davon ab, Vermutungen anzustellen.
Wenige Schritte noch, dann würde ich mit eigenen Augen sehen, was davon wahr war und was nicht.
"Achtung, gleich kommt das Gleet-Feld"
Die Stimme des Mädchens riss mich aus meinen Gedanken.
Sie klang locker, aber redete dieses Mal auch eindeutig mit mir.
Ich war , auch wenn ich mich langsam erholte, leider immer noch viel zu perplex um zu reagieren und selbst wenn ich das nicht gewesen wäre, hätte ich nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen.
Wir Unfreiwilligen wussten ja logiescherweise auch nichts von yirkanischer Technologie, bis auf das was wir selbst sahen wenn unsere Yrks es benutzten.
Deswegen war das seltsame Kribbeln das ich plötzlich wie aus dem nichts am ganzen Körper spürte trotz der "Vorwarnung" ein Schock.
Es hielt zwar nicht lang an, genauso wie das kurze violette Aufblitzen, als wir durch Irgendetwas hindurch gingen und endete nach einem kurzen Moment auch schon mit einem leisen Sssst.
Aber trotzdem blieb ich wie vom Donner gerührt stehen.
"Hey, keine Angst, das ist nur ein modifiziertes Gleet-Kraftfeld. Es hält die Geräusche und die Taxxons fern, was gut ist falls sie mal wieder durchdrehen. Wir können also froh sein dass wir eins haben"
Jetzt lachte das Mädchen wirklich und auch wenn ich nicht wusste was oder wer Taxxons waren, geschweige denn ein Gleet-Kraftfeld, war ich auf jeden Fall verblüfft über ihr Lachen.
Nicht jetzt wegen dem Lachen selbst, sondern weil ich es ich es vorallem problemlos hören konnte.
Der Lärm, die Hintergrundgeräusche, alles war plötzlich weg, verschwunden zusammen mit mit dem Ssst-Geräusch.
Sicher , Ich hörte auch noch andere Dinge: Ruhige Stimmen die miteinander sprachen, Musik, die klang wie der Abspann eines Films, noch mehr Gelächter,aber mehr auch schon nicht.
Kein Weinen, kein Flehen.
Keine Schreie von in Käfigen gesperrten Leuten oder Alien-Monstern.
Viel mehr herrschte eine ruhige neutrale Stimmung.
Fast schon wie in einem Cafe oder wahlweise auch wie in einem Wartezimmer und fast genauso sah es auch aus: Direkt vor mir standen nämlich cirka dreißig kleine ebenfalls schwarze Tischchen in fünf ordentlichen Dreierreihen links und rechts hintereinander, sodass dazwischen ein breiter Gang entstand. Bestückt waren sie mit jeweils vier bequem aussehenden roten Sesseln.
Bereitliegende Zeitungen auf den Tischen selbst oder in Regalen an den Funier -Wänden und daneben drei silberne Servierwagen beladen mit Schüsselchen voller Knabbereien, Snacks und Getränkekannen samt Plastikbechern zu meiner Linken rundeten das Ganze noch ab und wirkten mehr als bizarr an diesem Ort.
Aber trotzdem auch noch lange nicht so absurd wie der leicht abgetrennte Bereich zu meiner Rechten , denn dort, immer noch gut einsehbar trotz dem billig wirkenden Perlenvorhang, gab es zwei rote Couchen und ein paar Beistelltischchen, die wiederrum angefüllt waren mit benutzen Bechern und halbleeren Snackschüsselchen.
An der massiven Säule gegenüber den Couchen thronte ein Fernseher er war in der Tiefe extrem schmal.
"Flachbildschirme."
Sagte das Mädchen plötzlich, wahrscheinlich weil ihr mein Starren aufgefallen war.
"Noch kosten die Dinger Unsummen und sind purer Luxus, aber für uns Brave Freiwillige gibt's natürlich nur das Beste. Tja, leider läuft zur Zeit aber meistens entweder Stargate oder irgendein anderer Science-Fiction-Kram.
Die Leute die hier während meiner Turnusse meistens den Fernseher pachten finden das nämlich irgendwo komisch, auch wenn ich absolut nicht kapiere warum. Meiner Meinung nach haben wir wirklich schon genug zu tun mit Aliens."
"Ach, das verstehst du nur deshalb nicht, weil du nämlich absolut gar keinen Sinn für Humor hast, Zeze. Der fällt jedesmal zusammen mit Ekktar in den Pool. Hm, wie ich sehe gibst du heute mal wieder Tweety ne Sightseeing Tour, also begutachten wir doch gleich mal das Frischfleisch das unsere Profi-Einweiserin vom Dienst da an der Angel hat, bevor jemand anders das Vergnügen hat."
Eine männliche Stimme hinter mir sorgte dafür, dass ich erschrocken zusammenfuhr und mich ruckartig umdrehte.
Zu meiner Erleichterung stand hinter mir aber tatsächlich nichts weiter als ein gewöhnlicher junger Mann um die Zwanzig.
Er war ziemlich groß, schlank und muskulös.
Bekleidet hellblauen Jeans und einem Bubblegum-rosanen T-Shirt und er grinste mich perfekt dazu passend, auch fast schon obszön kaugummikauend an.
Eisblaue Augen musterten mich neugierig während er mir seinen Erdbeeratem ins Gesicht bließ
Ich aber sagte gar nichts .
Stattdessen blieb mein Blck irgendwo über seinen mit Gel aufgestellten weißblonden Haaren hängen und wanderte langsam hinunter bis zu den strahlendweißen Nike-Turnschuhen, ohne bei seinem Gesicht länger als nötig stehen zu bleiben .
Ich wagte es einfach nicht ihn anzusehen.
Irgendwas hier zusehr anzusehen.
Immerhin würde Issrin wissen,wie ich meine Zeit verbracht hatte, sowie sie wieder in meinem Kopf war und konnte alles gegen mich und andere verwenden .
Absolut alles!
Glücklicherweise rechnete der Typ aber anscheinend auch nicht mit einer Antwort oder Höflichkeiten von mir und sagte stattdessen wieder zu dem Mädchen, das immer noch meinen Arm um seine Schulter gelegt hatte:
"Mann, nicht gerade redselig die Kleine , aber, na ja, es ist ihr erstes Mal heute und sie wird schon noch fliegen und singen lernen. Irgendwann gewöhnen sich alle dran"
Er sagte es in einem aufmunternden Tonfall und zwinkerte mir sogar zu, was eindeutig dafür sprach, dass er eigentlich mehr mit mir redete, als mit meiner Begleiterin, aber sie schien sich darüber gar nicht zu freuen.
"Ach halt die Klappe Sven!, hier siehst du das hier? Schleife. Rot. Erste Reihe, alle Tische frei. Hallo-ho?! Eigentlich dürftest du mich gar nicht ansprechen und "Tweety" erst recht nicht. Wenn einer von deinen Leuten eine Menge Ärger kriegt, weil du dich grade mit voller Absicht in eine Einweisung einmischt, lache ich ."
"Möglich, dass ich Ärger kriege meine Liebe. M ö g l i c h , aber unwahrscheinlich. Korak und Ekktar sind nämlich wie du sicher weißt, nahe Geschwister."
"Ja, mit Ekktar ist er das so, schon klar. Aber mit Elish Acht-Sieben-Sieben vom Noor-Esol--Pool nicht. Es ist nämlich eigentlich Bens Einweisung heute und ich assestiere ihm nur. Da wirds dir auch nicht helfen, das Korak den Sub-Nessirk-Bonus hat, oder dass Ekka sein ʏelkil'ara war, talso verschwinde !"
"Waas, echt jetzt, du meinst d e n Ben hier? Den kleinen Benny, unser Nesthäkchen? "
Gespielt erstaunt und nicht im Geringsten daran interessiert, zu verschwinden, ging Sven vor dem Jungen der immer noch vollkommen regungslos neben mir stand und inzwischen die Hände in die Hosentasche gestemmt hatte, in die Hocke.
"Elish Acht-Sieben-Sieben, hm? Na ja, klingt doch gut. Endlich mal eine Nummer wo es sich lohnt sie sich zu merken und du kommst mal weg von den Initianten. Ich freu mich wirklich für dich , auch wenn ich nicht verstehe, warum du dir ausgerechnet unser Schlitzohr Zeze als Wingman ausgesucht hast. Sie ist, ich weiß nicht... Immer so kratzbürstig, aber na ja, rot steht ihr zumindest irgendwie."
"JETZT HAU ENDLICH AB SVEN, ODER ICH LASSE MIR WAS EINFALLEN! VERDAMMT NOCHMAL, BEN MACHT DAS HEUTE DAS ERSTE MAL UND WIR WERDEN KEINEN ÄRGER KRIEGEN WEGEN EINEM SCHWACHMATEN WIE D I R !"
"Ja, ja bin ja schon weg, siehst du, jetzt geh ich und gleich...s c h w u p p s , bin ich schon gar nicht mehr da."
Mit einem kurzen Schulterklopfen verabschiedete Sven sich von Ben und verschwand im Fernsehbereich um sich zwischen zwei anderen lauthals lachenden Typen im ungefähr selben Alter auf das Sofa zu quetschen.
"In Ordnung , das wäre geschafft, so."
Sichtbar erleichtert atmete das Mädchen tief durch.
"Okay und was jetzt Ben? Sollen wir der neuen Zwei-Dreiundfünfzigerin gleich alles zeigen, oder willst du erst mal nur reden und ein bisschen verschnaufen?"
"Keine Ahnung... "
Bens heisere Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Er wirkte immer noch ziemlich überfordert und sah abwechselnd zwischen den freien Tischen und mir hin und her.
"Vielleicht erst mal nur hinsetzen, damit sie ein bisschen runter kommt und dann... Dann führen wir sie rum?"
"Ja, das ist eine gute Idee!"
Mit einem unübersehbaren Lächeln auf den Lippen, zog das Mädchen einen der Sessel am vordersten, rechts äussersten Tisch gegenüber der Couchecke, der ihr momentan am nächsten war ein Stückchen zu sich und bugsierte mich darauf um sich anschließend auf den mir direkt Gegenüber hinzusetzen.
Gleichzeitig streckte sie mir überschwänglich die Hand hin und ich nahm sie.
Nicht jetzt weil ich wirklich wollte, sondern eher weil ich darauf absolut nicht gefasst gewesen war.
Sie und Ben, ja sogar Sven...
Keiner von ihnen war auch nur ansatzweise so, wie ich mir die Freiwilligen immer vorgestellt hatte, deswegen war ich überrumpelt, und erwiederte den Gruß mehr automatisch als willlentlich.
Aber das Mädchen schien es nicht zu stören, denn das Lächeln in ihrem Gesicht wurde sogar noch breiter während sie den Druck ihrer Hand lleicht verstärkte und mit der anderen Freien auf den Jungen der seitlich neben mir Platz genommen hatte deutete.
"Darf ich vorstellen? Ben, dein Einweiser für heute und seine Assistentin die liebe Zeze, das bin natürlich ich."
"Ze-ze?"
Echote ich tonlos.
Meine Zunge klebte mir am Gaumen.
Sie fühlte sich dick und schwer an.
Trocken und mindestens so ausgedörrt wie meine Kehle.
Daher wunderte es mich, dass ich überhaupt ein Wort herausbrachte.
Zeze ignorierte aber mein Gestammel und verstand mich irgendwie trotzdem.
"Na ja, okay, wenn mans genau nimmt heiße ich eigentlich Sara."
"Sara?..."
"Jep, aber so hat mich seit meinem zwölften Geburtstag keiner mehr genannt, deshalb würde ich an deiner Stelle erst gar nicht erst damit anfangen, ähm... Wie heißt du noch gleich?"
"Lou"
"Okay,Hallo Lou.Cooler Name. Eindeutig hübscher als Zwei-Dreiundfünfzig. Hast du vielleicht Durst?"
Diesmal sagte ich nichts, aber ich nickte.
Nicken war soviel einfacher als reden.
Sofort stand Ben auf und verschwand Richtung Serviertische um kurz darauf mit drei bis zum Rand gefüllten Plastikbechern wieder zurückzukommen.
Dreimal stark verdünnter Himbeersirup mit Zitrone für uns .
Sofort schnappte ich mir den erstbesten davon und trank ihn in einem Zug leer.
Immerhin steckte der Schreck mir nach wie vor in den Knochen und mein Hals war so schrecklich trocken, dass ich mich erst Sekunden nach dem ich ausgetrunken hatte, für mein schlechtes Benehmen schämte.
Aber keinen von den Zweien schienen meine Manieren in dem Moment etwas auszumachen denn inzwischen lächelten sie beide.
Auch aus dem Gesicht des Jungen war jegliche Angst verschwunden und sie stießen spaßhalber sogar mit ihren eigenen Getränken an, bevor Zeze mit gespielt feierlicher und lächerlich verstellter Stimme zu mir sagte :
"Na ja dann, erstmal herzlich willkommen hier in unserer kleinen Yirk-Pool- Luxus- Lounge, Lou. Willkommen bei den Teilzeit-Kollaborateuren und V.I.P- Sklaven"
commit (verb engl. ) verpflichten, begehen, verüben, übergeben, anvertrauen, einweisen
***
"Schon okay."
Wieder lachte Zeze, klang diesesmal aber ernster als vorhin.
Vermutlich guckte ich auch grade auch ziemlich schockiert drein.
"Wir wissen hier ganz genau wie ihr uns nennt. Wie sie dich bald nennen werden, also gewöhn´ dich besser schon mal dran."
Bei ihren letzten Worten verkrampften sich meine Finger unwillkürlich.
Sie klammerten sich etwas zu fest an das dünne, geriffelte Plastik in meiner Hand.
Es knisterte leise.
Gewöhn´ dich besser schon mal dran...
Ich meine natürlich, in den Käfigen gab es nichts, was wir sosehr hassten wie die Freiwilligen außer den Yirks selbst.
Wir saßen im selben Boot.
Aber alle drei Tage für cirka zwei Stunden auf engstem Raum mit anderen zu Tode verängstigten Menschen zusammengepfercht zu werden, war nicht unbedingt die beste Basis für Freundschaften oder Verbrüderung, auch wenn manche von uns hie und da ein paar Worte wechselten oder sich um Neuzugänge kümmerten, soweit es uns möglich war.
Trotzdem gab es eine gewisse Art von Zusammenhalt zwischen uns und durch die "Pool-Termine" unserer Yirks kamen unweigerlich immer wieder dieselben Leute zusammen.
Ella war mir soweit man das sagen konnte, noch am nächsten gestanden.
Es war auch ihr Yirk gewesen, dem ich das alles hier zu verdanken hatte: Kerir Acht-Acht-Neun hatte mich vor fast genau zwei Monaten im Park das erste Mal zu einem Treffen des Freundschaftsklubs eingeladen und mir einen Flyer in die Hand gedrückt.
Er hatte mich auch dazu überredet, Vollmitglied zu werden.
Hatte einen auf gut Freund gemacht, um mich zu ködern und auch dafür gesorgt, dass Michael, Lukas und Raphael mich zum Pool schafften, als ich mich wehrte.
Die Namen ihrer Yirks waren Fellim, Olik und Lissis.
Aber das erfuhr ich erst drei Tage nach meiner ersten Infestation.
Ella war im Käfig nebenan gesessen und hatte sich immer wieder bei mir entschuldigt.
Durch die Stäbe hatte sie nach meinen Händen gegriffen und mich weinend angebettelt ihr zu verzeihen. Hatte mich angefleht, obwohl ich inzwischen ja nur zu gut gewusst hatte, dass es absolut nichts gegeben hatte, was sie hätte tun können, um es zu verhindern.
Sie hatte nämlich versucht, mich zu warnen.
Wirklich versucht, aber nur mit geringem Erfolg.
Das bisschen Widerstand, dass wir leisten konnten, wurde von den meisten normalen Leuten nicht mal registriert.
Auch ich hatte es nicht bemerkt, leider.
Trotzdem versuchte Elena es immer wieder, bei jedem Neuen den ihr Yirk reinbrachte, obwohl Kerir sie dafür durch die Hölle schickte und schon ihre gesamte Familie versklavt hatte.
Alle, sogar ihren fünfjährigen Bruder.
Elena war hart im Nehmen und mutig.
Mindestens tausendmal mutiger als die meisten Leute die ich sonst noch so kannte.
Mutiger als ich und ich mochte sie wirklich, deshalb drehte sich mir allein schon bei der Vorstellung, dass sie mich demnächst vielleicht sogar als Verräter beschimpfen und anspucken könnte, sobald ich an den Käfigreihen vorbeiging, der Magen um.
Das war nichts, woran ich mich gewöhnen konnte.
Nicht freiwillig .
Nie im Leben.
Aber andererseits hatte ich dasselbe nicht auch noch vor ungefähr einer Stunde zu Issrin gesagt als sie mir eröffnet hatte, wo sie mich in Zukunft sehen wollte und jetzt?
Jetzt saß ich hier.
Verdammt, ich hätte niemals nachgeben sollen!
Ich hätte einfach nein sagen und mich wehren können, ganz egal womit sie mir droht!
Zum Teufel mit allem! Zum Teufel mit mir!
Ich bin wirklich einfach nur ein verfluchter Feigling!
Abschaum, der nach der Pfeife der Yirks tanzt und das absolut Letzte ...
"Hey Lou...a-alles in Ordnung?"
Die verunsicherte Stimme des Jungen riss mich aus meinen Gedanken.
Nein, nicht der Junge, sondern Ben, mein "Einweiser".
Noch jemand, dessen Leben von meinem Verhalten abhing.
Verbesserte ich mich in Gedanken und wischte mir mit dem Handrücken schnell über die Augen.
Atmete ein paar mal tief durch, um die Tränen zu vertreiben , glücklicherweise mit Erfolg.
"Nein...nein alles okay, ich hab nur grad ein bisschen nachgedacht, das ist alles."
"Okay..gut wir...Wir haben nicht wirklich viel Zeit, also... Willst du, dass wir dir jetzt alles zeigen oder?...-"
"Ja!"
Hastig stand ich auf und rang mir ein Lachen ab.
"Sicher. Ich schätze nächstes Mal muß ich allein klarkommen und hab niemanden der mich herträgt, oder?"
Es war als Scherz gemeint gewesen.
Besonders der letzte Satz, aber außer mir lachte niemand.
Zeze sah plötzlich auch ziemlich ernst aus, als sie sich ebenfalls aufrichtete und unsere Stühle so leise wie möglich an ihre Plätze zurückschob.
"Nein, hast du nicht und sie werden bald auch noch viel mehr von dir erwarten, als einfach nur klarzukommen. Ich meine sicher, ein bisschen Ahnung haben sie inzwischen von uns Menschen. Deswegen haben sie Ben ja auch ganze sechs Monate in Ruhe gelassen. Das ist eine Ewigkeit hier unten. Aber dir gebe ich grad mal zwei Wochen. Allerhöchstens drei."
Der Tonfall des Mädchens allein reichte, dass ich eine Gänsehaut bekam, aber ich fragte trotzdem.
Musste einfach.
"Drei Wochen wofür? Ben, was meint sie?"
"Na ja, drei Wochen bevor... Bevor du selber das erste Mal jemanden vom Pier holen musst.... Reklassifizierungen, das heißt, sie werden deine Nummer aufrufen, lang bevor du wieder zum Pool musst. Ich habe mir Zeze ausgesucht, dass sie mir hilft. Du wirst dir auch jemanden dafür aussuchen dürfen, aber das ist alles. Jeder von uns muss das machen und auch noch andere Sachen... Irgendwann."
"Was für Sachen?"
Ich war schockiert, trotzdem gab ich mir Mühe leise zu sprechen.
Ruhig.
Ben schluckte.
Er hatte mich auch gar nicht richtig angesehen während seiner Erklärung und auch jetzt starrte er einfach auf die Spitzen seiner Turnschuhe, aber er antwortete zumindest.
"Du wirst dabei sein, wenn sie neue Vollmitglieder runter bringen."
"Ja, Ben, ich weiß, dass Issrin neue Wirte bringen wird. Sie ...-"
"Nein Lou, nicht Issrin, du!"
Schaltete Zeze sich plötzlich wieder ein.
"Du wirst dabei sein mit deinem Yirk aber auch ohne. Du wirst versuchen müssen, die Leute davon zu überzeugen freiwillig zu kommen und wirst nichts dagegen tun können, wenn sie sich trotz allem wehren, außer zusehen wie sie sie wegschaffen. "
"WAS?!"
Im ersten Moment war ich so entsetzt, dass ich fast schrie, aber Zeze fuhr schnell herum und presste mir ihre kühle Hand auf den Mund.
"Psst! Hör sofort auf, hier so rum zuschreien. Das ändert auch nichts an dem Ganzen und ist eine von den drei wichtigsten Regeln hier unten: kein Lärm, nicht Rennen und vor allem keine bescheuerten Aktionen. Indem sie uns einbinden, testen sie unsere Freiwilligkeit und du musst dich ab jetzt wirklich zusammenreißen. Tust du das nicht hilfst du keinem. Nicht dir oder uns und schon gar nicht diesen Leuten. Wenn du Scheiße baust, müssen wir brennen und du landest ganz schnell wieder in den Käfigen, ist das klar?"
Ich nickte nur.
"Super."
Langsam nahm Zeze ihre Finger weg, nach dem ich dreimal tief durch die Nase ein- und ausgeatmet hatte und hakte sich stattdessen bei mir unter um mich hinter Ben herzuführen, der inzwischen fast schon aus dem Wartebereich raus war.
ganz hinten, genau gegenüber gab es nämlich auch einen Zugang und knapp davor entdeckte ich zwei quadratische Öffnungen im Boden. Eine rechts vom Mittelgang, eine links. Vermutlich mit Stufen, die nach unten führten, ganz genauso wie drüben beim Unfreiwilligen-Areal, wenige Meter neben dem Infesationspier befand sich nämlich auch so ein Eingang und dort führten schiefe Treppen noch riefer runter in die Erde zu den Duschen und Toiletten. Wahrscheinlich war es hier jetzt genauso, aber warum gab es hier gleich zwei Zugänge, wo doch ganz offensichtlich die Unfreiwilligen in der Überzahl waren?
"Duschen , WCs und noch ein paar andere Sachen mehr, de du gleich siehst. Männer und Jungs gehen rechts runter, Frauen und Mädchen Links. Merk dir das, okay, sonst wird´s peinlich."
Sagte Zeze plötzlich und nickte Ben kurz zu während sie mich Richtung linke Stufe bugsierte.
Anscheinend nahmen die Yirks also doch Rücksicht auf unsere unbedeutenden Gefühle, zumindest wenn man freiwillig war. Vielleicht gab es sogar Toilettenkabinen, Türen zum Absperren und Sichtschutz bei den Duschen....
Was für ein Luxus!
***
Die Treppen endeten in einem kurzem schmalen Gang und der wiederrum führte zu einer Art Rundweg, der die Form eines Achtecks hatte und sich laut Zeze sozusagen direkt unter dem Yirk-Pool befand.
Es gab dort eine Garderobe mit vielen spinatgrünen Spinds und glänzend lackierten Holzbänken, die mich absurderweise an einen Sportumkleideraum denken ließen.
Von dort aus kam man dann auch entweder zu den spartanisch eingerichteten, aber dafür sehr sauberen WCs und Frauen-Duschen am hinteren Ende der Garderobe, oder durch eine parallel zum Eingang liegende Tür zu einer Art Erholungsbereich, der sich wiederum in einzelne Räume aufteilte:
Helle, ungewöhnlich freundlich eingerichtete Ruheareale, wo zwar nicht geschlafen, aber dafür auf bequemen Sesseln oder Sitz-Polstern gerastet und gelesen werden durfte.
Weiters Zwei kleine Küchen, Waschräume, ja sogar so etwas wie ein Fitnesscenter befand sich hier.
Also so richtig mit Geräten, Sauna und einem kleinen, ebenfalls achteckigen Swimming-Pool im Zentrum des Ganzen, der allerdings nicht für die Yirks, sondern ihre menschlichen Wirte gedacht und deshalb auch mit sauberen, leicht chlorhaltigem Wasser gefüllt war.
Handtücher gab es ebenfalls.
Genau dieselben weißen Frotteetücher wie im Unfreiwilligen-Duschraum.
Allerdings waren diese hier noch kaum benutzt, weich, flauschig und lagen fein säuberlich zusammengelegt in den dafür vorgesehenen Regalen, wo man auch Badesandalen und Mäntel finden konnte, während beigefarbene Badeliegen den Pool säumten.
Die Beleuchtung die wie auch im oberen Yirkpool-Bereich von überall und nirgendwo zu kommen schien, tauchte alles in ein angenehm schummriges Licht.
Es spiegelte sich im Wasser und warf flackernde Muster an die rohen unbehauenen Steinwände, die zur Decke hin zu einer Kuppel zusammenliefen.
Ohne es zu wollen, fühlte ich mich, wenn auch nicht wirklich wohl, zumindest das erste Mal zumindest etwas sicherer an diesem Tag.
Das leise Geräusch, wenn das Wasser gegen den Rand des Beckens schwappte, hatte etwas Beruhigendes und bis auf drei Schwimmer, die gerade ihre Bahnen zogen und vier vor sich hin dösende Gestalten auf der anderen Seite uns gegenüber, war ich mit Zeze vollkommen allein in dieser Halle.
Gleichzeitig fragte ich mich auch, wer das hier alles am Laufen hielt.
Immerhin musste dieser ganze Bereich ja auch instand gehalten und gepflegt werden und ich wusste zwar, dass das bei den Unfreiwilligen dieselben Klingen-Monster machten, die uns auch zum Pool oder den Käfigen schleppten.
Oft genug hatte ich schon gesehen, wie sie die Duschräume aufräumten, mit einem Schlauch Schaumreste und Haare, manchmal sogar Blut oder Erbrochenes von den gefliesten Wänden wuschen, oder frische Handtücher achtlos auf einen Haufen zu den anderen Unbenutzten inden dafür vorgesehenen Wäschewagen warfen.
Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine dieser Kreaturen einen Bademantel faltete oder Küchenböden wischte.
Genau das fragte ich Zeze dann auch.
Die lag inzwischen mit halb geschlossenen Augen auf einer der Liegen und es war so ziemlich die erste Frage, seit Beginn meiner "Führung", die ich ihr stellte.
Doch anstatt einer Antwort lachte sie nur und meinte schließlich:
"Nein. Die wirst du hier unten auch nicht zu Gesicht kriegen. Das ist nämlich alles unser Bereich und deswegen gibt es hier auch nur Menschen die sich um solche Sachen kümmern."
"Menschen? Du… Du meinst andere Wirte? Also solche wie wir?"
"Freiwillige, aber zweite Klasse, also nicht ganz so wie wir."
"Zweite Klasse?"
"Ja. Mann Mädel, wie oft willst du eigentlich heute noch wiederholen, was ich sage?"
Zeze streckte sich, öffnete ein Auge und musterte mich prüfend.
Während sie ihren Blick über mein Gesicht wandern ließ, glätteten sich allerdings die Falten auf ihrer Stirn.
"Lass mich raten: Dein Issrin redet nicht viel mit dir oder?"
" Nein."
"Hm, typisch Yel´ar. Also gut."
Jetzt öffnete das Mädchen mit den violetten Haaren beide Augen und setzte sich auf.
Zu mindestens ein bisschen.
"Dann... Keine Ahnung wie lang du beim Freundschaftsklub dabei warst, bevor sie dich für "reif" befunden haben, aber weißt du, wir haben nicht nur junge, fitte Leute, sondern auch Alte und Kranke. Manche davon kommen sogar direkt von der Straße und haben ein tausendmal beschisseneres Leben gehabt, vor dieser ganzen Nummer hier."
Alte und Kranke?...
Kurz dachte ich darüber nach und war verwirrt.
Aber dann fiel mir auch wieder ein, dass ich bei den Klub-Treffen wirklich des Öfteren eine ältere ziemlich füllige Frau mit einem milchig weißen Auge gesehen hatte, was vermuten ließ, dass sie zumindest auf einer Seite kaum noch etwas sah.
Genauso wie ein ziemlich abgemagerter Mann, dem an der rechten Hand mehrere Finger fehlten, hatte sie sich um das Buffet gekümmert und da gab es sicher auch noch mehrere andere, die mir damals nicht aufgefallen waren.
Später dann, nach dem Issrin bereits in meinem Kopf gewesen war, hatte ich mich zwar ein oder zwei Mal daran erinnert und mich gleichzeitig gefragt, was die Yirks überhaupt von solchen Leuten wollten, wenn sie doch Wert auf gesunde junge Wirtskörper legten, aber jetzt ging mir dank Zeze ein Licht auf.
"Du...du meinst, diese Menschen kümmern sich um das Ganze hier?!"
"Klar. Nur weil sich die Yirks in ihrem Fall nicht unbedingt darum reißen, sie als Wirte zu haben, heißt das ja noch lange nicht, dass diese Leute nutzlos sind. Trotzdem sind sie vor allem freiwillig und damit wertvoll. Deshalb suchen die Yirks meistens eine andere Aufgabe für sie. Arbeit gibt's ja genug"
Aufgabe…
Schlagartig und wie auf ein Stichwort fiel mir Ben wieder ein.
Dieser stille Junge mit den weit aufgerissenen Augen.
Eigentlich war es ja seine Aufgabe gewesen, mir alles zu zeigen, aber er war gar nicht mehr da.
Schon eine ganze Weile nicht...
"Zeze, Wo ist eigentlich Ben?"
"Ben ist eine Dreiviertelstunde früher hergekommen als ich und wird jemand Neuem zugeteilt, deswegen haben sie ihn vorhin schon ausgerufen. Elish Acht-Sieben-Sieben, Noor-Esol-Pool. Nicht gehört?"
Nein.
Schweigend schüttelte ich den Kopf.
Abgelenkt von der momentanen Situation und nervös wie ich war, hatte ich es vermutlich wirklich überhört.
Wahrscheinlich war schon längst ein fremder Yirk in seinem Kopf. Ein Yirk,der zumindest, wenn man Issrins Worten, vor allem aber ihrer Laune glauben konnte, wahrscheinlich nicht gerade glücklich darüber sein würde, dass Ben den Großteil seiner Arbeit einfach Zeze überlassen hatte.
Dabei war er doch noch so jung gewesen, ein richtiges Kind! [...
Von einem Moment zum anderen überrollten mich die Schuldgefühle und ein dicker Kloß schnürte mir die Kehle zu.
"Glaubst...glaubst du er wird..-"
"Bestraft? Glaub ich nicht, nein."
Zeze schüttelte den Kopf.
"Wenn ein Yirk einen von uns anfordert, ist das fast immer Zufallsprinzip, aber sie bevorzugen auf jedem Fall die neuesten Freiwilligen und Elish weiß sicher, dass Ben schon elf Yirks plus eineinhalb Jahre Käfig durch hat. Außerdem ist er jung"
"Elf?! Oh mein Gott.. Wie alt ist Ben?"
Ich fragte, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte.
Wahrscheinlich wäre es besser gewesen den Mund zu halten. Immerhin kannte ich Zeze kaum, genausowenig wie Ben.
Aber ich einfach viel zu schockiert, über die Skrupellosigkeit dieser Aliens um den Mund zu halten.
Zeze antwortete auch nicht.
Zumindest nicht gleich.
Stattdessen sah sie mich durchdringend an, aber meine Wut schien sie zumindest ein bisschen zu beschwichtigen.
Schließlich seufzte sie und hörte auf mich anzustarren, stattdessen wandte sie ihrem Blick dem Swimmingpool vor ihr zu und er schien ins Leere zu schweifen.
"Zwölf. Vor zwei Jahren haben sie den Kleinen erwischt, wie er ein Treffen von den Vollmitgliedern belauscht hat und eineinhalb davon hat er gekämpft wie ein Verrückter. Die Zeit in den Käfigen hat ihn fast wahnsinnig gemacht. Dann hat er endlich eingesehen, dass es sinnlos ist. Genauso wie du schätze ich mal."
"Nein."
Ich schüttelte den Kopf. Gleichzeitig war meine Stimme nicht mehr als ein Flüstern.
"Nicht eingesehen. Aufgegeben.Ich...ich meine, irgendwann... Irgendwann hat es einfach keinen Sinn mehr zu kämpfen.Mittlerweile, nach allem was ich heute gesehen ihr gehört hab... Na ja, ich kann mir sogar vorstellen, dass...Das die meisten von euch... ähm, ich meine, dass die ,meisten Freiwiligen hier nicht wirklch freiwillig sind."
"Also erstens heißt es nicht die Meisten von "euch" sondern die Meisten von "uns",Süße. Du gehörst jetzt schließlich auch dazu . Zweitens, was die Freiwilligen angeht, weiß ich es von den "Meisten"nicht. Aber ich bin´s auf jeden Fall. Schuldig im Sinne der Anklage"
Zeze zuckte die Schultern, als wäre das was sie gerade gesagt hatte, nur eine Nebensächlichkeit und im Grunde nicht wichtig .
"Ich meine, ich hab nie gekämpft so wie du oder Ben. Hab mir von Anfang an den ganzen Ärger gespart. Sie...
Okay, sagen wir mal besser E i n e von ihnen hat mich zu einer Zeit gefunden und aufgepäppelt, wo es mir wirklich scheiße gegangen ist.
Ich war vierzehn und mein Körper war schon total vollgepumpt mit allen möglichen Drogen.
Jetzt nicht fixen und so ein Scheiß, wenn du das denkst, so doof war nicht mal ich.
Aber auf jeden Fall waren jede Menge bunte Pillen und Pülverchen dabei, die lustig machen. Unmengen von Alkohol, Klebstoff schnüffeln und lauter so dämliches Zeug.
Tja und wie mir dann, sobald ich wieder halbwegs auf den Beinen war, nix besseres eingefallen ist, als sie auszuspionieren, war ich leider blöd genug mich erwischen zu lassen.
Weil ich aber eindeutig zuviel gehört und gesehen hatte, konnte sie sich wenigstens das Lügen und Versteckspielen sparen. Sie hat mir einfach klipp und klar gesagt, was wirklich abgeht und dass ich auf Kurz oder lang sowieso nur bei ihr bleiben kann, wenn ich auch mitmache. Erst hab ich einfach nur geglaubt, die verarscht mich.
Glauben ja normalerweise auch nur Schwachköpfe und Freaks an Aliens, Ufos und so Kram oder? Na ja und dann... Nach dem Lachflash, woe sie mich zum Pool gebracht und es mir gezeigt hat und das alles, war es mir ehrlich gesagt irgendwo einfach nur mehr egal.
Ich meine, das Resultat wäre doch sowieso immer das Gleiche gewesen, ob jetzt mit Theater oder ohne: Alienschnecke im Ohr, Ende Gelände.
Ausserdem wäre ich vor ein paar Wochen fast abgenippelt und hatte keinen Platz wo ich hätte hin gehen können können.
Deswegen hab ich einfach mitgespielt und es in den letzten zweieinhalb Jahren auch nie bereut. Hier drückt wenigstens keine besoffene Irre ihre Zigaretten an mir aus nur, weil ich sie nerve, oder schmeißt mich mitten im Winter aus der Wohnung, weil ihr ekliger Kerl mir an die Wäsche will.
Außerdem habe ich immer genug zu essen, saubere Klamotten und sowas wie ein richtiges Zuhause. Alles ist besser als Home sweet Home Patricia . Wenn du willst, kannst du mich jetzt also anschreien, beschimpfen, anspucken, what ever. Tu dir keinen Zwang an"
" Patricia.. So heißt deine Mutter, oder?"
Keine Ahnung warum ich fragte, oder überhaupt irgendwas sagte.
Der Gedanke war einfach plötzlich in meinem Kopf und mein Mund machte sich selbstständig.
"Ja,. Sie lebt in einer anderen Stadt und hat mich mitten im Winter rausgeschmissen, weil ihr Freund was von mir wollte, was ein dreißigjähriger Typ von einem Kind einfach nicht wollen sollte. Hat ihn mit offener Hose erwischt, wie sie von der Arbeit nachhause gekommen ist und er hat sich damit raus geredet, dass ich ihn irgendwie blöd angemacht und verführt hätte oder sowas. Natürlich alles Quatsch. Dämliche Scheiße, ich war grade mal elf. Aber sie hat ihm sofort geglaubt.
Hat immer allen anderen geglaubt und nicht mir. Nicht dem verheulten Gör, dass ihr die besten Jahre ihres Lebens gestohlen und ihre perfekte Wampe ruiniert hat."
Zeze lachte, aber es war ein raues, verächtliches Lachen.
Trotzig starrte einfach weiter ins Leere, so als würde sie über etwas nachdenken, oder sich an längst vergangene Zeiten mit ihrer Mutter erinnern, während sie fortfuhr:
"Danach habe ich dann drei Jahre auf der Straße gelebt und dazwischen, wenn sie es geschafft haben, mich einzufangen, immer wieder in verschiedenen Erziehungsanstalten, wo ich aber irgendwie nie lang bleiben wollte. Freiheit war zu der Zeit irgendwo einfach zu wichtig für mich.
Eigentlich ist es das immer noch. Ich bin nämlich kein Verräter, falls du das denkst, aber ich glaube, dass ich so wie es jetzt für mich läuft, trotzdem immer noch mehr erreichen kann als hinter Gittern.
Die meisten von ihnen sehen so wenigstens ein, dass wir Menschen halbwegs zivilisierte Wesen sind, die ihre Hirnmasse nicht zum Spaß spazieren tragen. Ein paar tun es nicht und sind trotzdem Arschlöcher.
Aber weil ich nicht rebellisch bin , werde ich dann wenigstens trotzdem nicht gefoltert und kann es denen die als Nächste an der Reihe sind zumindest leichter machen...
Ausserdem stirbt die Hoffnung dass unsere tolle Regierung irgendwann mal dahintersteigt, bevor Aliens unseren Planeten vollständig übernehmen, natürlich auch zuletzt. Ergibt das irgendeinen Sinn für dich?"
"Ja... Ja ich glaube schon."
Langsam nickte ich, denn auch wenn ich zugegebener Maßen ziemlich geschockt war und nie solche Erfahrungen gemacht hatte, wie Zeze sie gerade beschrieb , einfach weil ich im Gegensatz zu ihr von klein auf ein eher behütetes Leben geführt hatte, konnte ich ihre Beweggründe zumindest teilweise verstehen.
"Sicher fragst du dich grade auch, warum ich dir das alles überhaupt erzähle, aber das tue ich bei fast allen Neuen, die ich einweise. Wir werden uns hier nämlich einfach viel zu oft über den Weg laufen und ich will nicht, dass du mich für ein Arschloch hältst.
Na ja und auch wenn du mich trotzdem für eins halten willst, weißt du jetzt wenigstens, dass ich wegen den Menschen eins geworden bin, nicht wegen den Yirks und ich schäme mich auch nicht mehr dfür das was mir passiert ist, weil ich inzwischen auch ganz genau weiß, dass es Patricias Schuld war und nicht meine...
Außerdem ist Privatsphäre, wenn schon mal soviele verschiedene Leute in deinem Kopf waren, die jetzt absolut alles über dein Leben wissen,wie bei mir, reine Nebensache. Nach vierzehn Yirks interessiert dich einfach absolut nicht mehr, was irgendwer über dich weiß...
Issrin ist dein Erster, oder? "
"Ja."
"Hm. Eins-Acht-Drei und Neun-Acht-Fünf... Ein Soldaten-ʏel´ar und noch dazu aus einem so kleinen Wurf. Sicher ist sein Ego ziemlich aufgeblasen. Hatte mal etwas Ähnliches, ganz am Anfang und erinnere mich noch ziemlich gut dran. Nee, danke. "
"Üjel-Ar... ?"
Irgendwie hatte ich das Wort von Zeze vorhin schon gehört, allerdings, ohne dass sie es genauer erklärt hätte.
"Was ist das?"
"Erstgeborene, die sich meistens ziemlich was darauf einbilden, dass sie Erstgeborene sind. Nicht alle, natürlich, aber in der Regel kann man schon sagen, dass es stimmt. Die Geburtsreihenfolge ist ziemlich wichtig für sie und bestimmt auch meistens was später aus ihnen wird. Na ja, hoffentlich behandelt dein Yirk dich jetzt wenigstens ein bisschen besser, wo du freiwillig bist. Ich...-"
Zeze wollte noch etwas hinzufügen, als eine Durchsage unser Gespräch unterbrach:
Issrin Neun-Acht-Fünf Ya-Terash-Pool: Volontär- Code Drei-Zweihundertvierzig -Vierhunderteinundfünfzig-Dreizehntausend-vierhunderteinundzwanzig -Punkt-Zwei Dreiundfünfzig zum Reinfestations-Pier ...
"Tja, wenn man vom Teufel spricht."
Lässig schwang Zeze die Beine von der Liege und lächelte mich an.
"Sieht so aus, als müsste ich dich zurückbringen, schade irgendwo. Du bist irgendwie niedlich und hast mich nicht angespuckt, wie ich gesagt hab, dass ich voll und ganz freiwillig bin, also gleich zwei Pluspunkte an nur einem Tag. Das schaffen nicht Viele ."
Zurückbringen...
Schlagartig begann mein Herz zu rasen, als mir klar wurde, was das bedeutete.
Es hörte auch nicht auf, schlug mir bis zum Hals, als mir klar wurde, dass es tatsächlich passiert war...
Passieren würde...
Ich würde zurückgehen müssen, ohne Handschellen, ohne Zwang.
Für alle gut sichtbar, würde ich meinen Kopf in die Brühe tauchen müssen, freiwillig, weil ich mich zu etwas verpflichtet hatte, dass ich eigentlich gar nicht wollte und genauso geschah es auch:
An diesem Tag habe ich zum ersten Mal Verrat an meiner eigenen Spezies begangen.
Aber ich hatte keine Wahl.
Mich selbst von nun an aus tiefster Seele zu hassen, war der Preis, den ich zahlen musste, wenn ich die, die ich von ganzem Herzen liebte, weiterhin schützen wollte...
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| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 484 | |
| Wörter: | 11.904 | |
| Zeichen: | 70.032 |
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