Fanfictions > Bücher > Harry Potter > Ein gefährliches Geheimnis

Ein gefährliches Geheimnis

19
18.2.2020 20:29
12 Ab 12 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

Lucius irrte durch das Dunkel. Er wusste, er musste ihn finden. Warum, das wollte ihm gerade nicht einfallen, aber es war wichtig. Wo hatte er noch nicht gesucht? Seit zwei Tagen und ebenso vielen Nächten suchte er schon nach seinem Gefährten. Am Nachmittag nach dem Vollmond war er nach Hause gekommen und hatte Remus und Vianna im Keller gefunden. Ihre Tochter hatte gebrüllt wie am Spieß, und auch Remus war ziemlich verzweifelt gewesen, da er sie beide nicht befreien konnte. Die Hauselfen hatten zumindest mitgedacht, und ihnen etwas zu Essen geschickt, aber sie hatten den ausdrücklichen Befehl, niemals in diesen Keller zu gehen und jemanden rauszulassen. Niemals. Und seine Hauselfen hielten sich an ihre Befehle. Vianna hatte ihren Daddy vermisst, und er selber, ihr Papa, hatte lange gebraucht, sie wieder einigermaßen zu beruhigen. Ihr Daddy war immer da, wenn sie sich zurückverwandelte, versorgte ihre Verletzungen und brachte sie erst in eine heiße Badewanne und dann ins Bett. Die Zweijährige verstand nicht, warum ihr Daddy nicht da war an diesem Tag.

Remus hatte ihm gesagt, was vorgefallen war, und er verstand einigermaßen, warum sein Partner nun weg war. Aber er musste ihn finden, sonst starb er, wenn er keine Hilfe bekam. Jetzt war er hier, im verbotenen Wald bei Hogwarts. Es war die letzte, und eigentlich auch die einzige Möglichkeit, die ihm noch eingefallen war, wo Severus stecken könnte. Hogwarts war lange sein Zuhause gewesen, sein eigenes Haus war zerstört, und er lebte nun eigentlich schon seit Jahren im Manor. Sicherlich wollte er Leon, seinem Sohn, nahe sein. Und doch musste er sich fernhalten. Verzweifelt warf Lucius Blicke um sich, er würde nicht mehr lange hier suchen können, in der Nacht war der Wald einfach zu gefährlich. Selbst Voldemort und seine Todesser hatten es nachts nie gewagt, hier hereinzukommen. Lautlos flehte er zu Salazar Slytherin und sogar zu Merlin und Gryffindor, konnten sie ihm bei seiner Suche helfen? Er musste ihn einfach finden!

Da, was war das? Woher kam das leise Wimmern? Erstarrt lauschte Lucius in die Dämmerung. Da war es wieder. Eindeutig ein Wimmern, als würde sich jemand mit aller Macht vom Schreien abhalten. Es kam von vorne links. Als er sicher war, welche Richtung, rannte der Blonde los, nicht auf seine Umgebung achtend. Er wollte nur so schnell wie möglich dorthin, wo das Wimmern herkam. War er zu spät? Nein, das durfte er nicht glauben. Auch wenn es unmöglich schien, dass Severus noch am Leben sein konnte. Er brauchte dringend einen Heiler, aber was wäre dann? Nein, darüber konnte er jetzt nicht nachdenken. Severus musste erst einmal geholfen werden, die Konsequenzen konnten sie später auch noch bedenken. Devon war verschwiegen. Ihn könnte er hinzuziehen. Aber dafür müsste er Severus erst einmal finden. Das Dickicht war hier fast undurchdringlich, und Lucius fluchte immer lauter vor sich hin, wenn er eine Buschreihe  durchdrungen hatte, und wieder eine Wand aus Ästen und Zweigen vor ihm auftauchte. Aber er konnte keinen anderen Weg sehen.

Und doch musste er da hinein, er konnte deutlich hören, dass er demjenigen, der darin lag, immer näher kam. Er spürte den Schmerz, den diese Person ausstrahlte. Trotzdem hörte er nie mehr als dieses leise Wimmern. Seine Angst schlug in Wut um. Wut auf die Äste und Zweige, die ihm den Weg versperrten. Wut auf Menschen, die in ihrer Angst magische Wesen erniedrigten und einengten. Wut auf sich selber, dass er die Vollmondnacht nicht zuhause gewesen war. Wut auf Severus, der nicht um Hilfe bitten konnte. Er hatte gewusst, dass sein Partner panische Angst vor den Wölfen hatte, und dennoch war er jeden Vollmond im Keller geblieben, seit Vianna bei ihnen war. Jeden einzelnen der vierzehn Vollmonde hatte er Vianna beigestanden, hatte er seine Angst versteckt. Und doch war sie noch immer da, das wusste Lucius nur zu gut. Er kannte Severus nun schon so lange. Was würde er dafür geben, wenn er es ungeschehen machen könnte.

Eine Notfallsitzung des Zaubergamot war in dieser Nacht einberufen worden. Warum nur hatte er sich von Severus dazu überreden lassen, zu gehen und ihn alleine im Keller mit zwei Werwölfen zu lassen? Egal wie sehr Severus ihn dazu gedrängt hatte, er hätte nie gehen dürfen. Nicht, wenn Severus alleine im Keller war. Draco und Leon waren in der Schule, aber Sirius oder Regulus wären sicher gekommen. Oder auch Bill, Kingsley oder sogar Arthur. Ihnen allen vertraute er, und doch hatte er Severus alleine dort gelassen. Aber es war unwichtig, ermahnte er sich selber, es gab nur Eines, das jetzt wichtig war: Severus zu finden und nach Hause zu holen. Sein Geliebter war verletzt, körperlich und vor allem seelisch. Wie würde er das verkraften?

Mit einem Aufschrei schnitt Lucius mit einem Zauber durch die dichten Äste und das Blattwerk der Büsche, die seinen Weg versperrten. Es schien, als würde sich der Wald ihm entgegen stellen. Aber er würde nicht aufgeben, er musste einfach da hinein und helfen. Severus hatte schon so viel mitgemacht, er durfte ihn jetzt nicht alleine lassen. Fauchend und knurrend schlug er alles aus dem Weg, ignorierte die Ranken, die sich in seinen Umhang bohrten und Löcher hinein rissen. Er musste jetzt da rein, durfte nicht länger zögern.

Plötzlich hatte er es geschafft, vor ihm war eine kleine Lichtung, umgeben von dichtem Gestrüpp. In der Mitte lag Severus. Er war schweißgebadet, zitterte heftig, und krümmte sich vor Schmerzen. Seine Unterlippe war völlig zerbissen, weil er sie ständig malträtierte, um sich selber vom Schreien abzuhalten. Lucius eilte an seine Seite. Er wusste nicht, wo er ihn am besten anfassen sollte, wollte ihm nicht noch mehr Schmerzen verursachen. Überall am Körper waren blutende Wunden, vor allem Kratzer, aber auch einige kleine Bisswunden. Alles wirkte entzündet, der Körper strahlte Hitze ab, er musste hohes Fieber haben. Die Atmung war hektisch und oberflächlich, viel zu schnell. Der Blick ging ins Leere, wirkte völlig vernebelt.

„Sev! Liebster! Halte durch, ich bin hier, ich bring' dich nach Hause!“, versprach der Blonde, nachdem er neben dem Schwarzhaarigen in die Knie gegangen war.

„Nein!“, widersetzte sich der Tränkemeister. Es war nur ein Hauch, aber er schien zu registrieren, was um ihn herum passierte. „Zu gefährlich. Vianna … so klein. Kann nichts dafür!“

„Sev, du wirst jetzt nicht aufgeben, unsere Tochter braucht dich!“, knurrte Lucius.

„Halt mich!“, wisperte Severus.

Lucius nahm ihn in den Arm, ignorierte das schmerzerfüllte Keuchen seines Gefährten und bettete dessen Kopf in seinen Schoß, wissend, dass es zu spät war. Sanft strich er Severus über die feuchten Haare, die von Schweiß und Blut durchtränkt waren. Der Tränkemeister öffnete die schwarzen Augen und richtete seinen Blick auf die hellen Augen von Lucius. „Luc. Bist da!“, hauchte Severus. „Liebe dich!“

Dann schloss er seine Augen und erschlaffte in Lucius' Armen. Die Brust hob und senkte sich ein letztes Mal, dann lag er still.

„Nein!“, schrie Lucius und Tränen strömten über seine hohen Wangenknochen. „Nein, Sev! Lass mich nicht alleine! Sev!“

„Ruhig, Luc.“, weckte ihn nun eine sanfte Stimme. „Wach auf, ich bin hier.“

Lucius öffnete seine Augen und bemerkte erleichtert, dass er in einem Bett lag, in seinem Bett, und in die Arme von Severus geschmiegt war. Ein Traum, es war nur ein Traum gewesen.

„Ein Alptraum?“, fragte Severus ruhig und wischte sachte die Tränenspuren aus dem Gesicht seines Partners. Lucius nickte. „DER Alptraum.“, bestätigte er.

„Ich bin hier.“, beruhigte Severus und schloss ihn in die Arme. „Ich bin und bleibe bei dir. Es ist vorbei. Alles ist in Ordnung.“

Lucius ließ sich beruhigen, und schmiegte sich noch eine Weile an seinen Partner, genoss die Nähe und Wärme des Mannes, den er schon so viele Jahre liebte und den er nie verlieren wollte. Doch es dauerte nicht lange, da ergriff der Schwarzhaarige erneut das Wort. „Ich weiß, es ist gemütlich und du genießt es, hier zu liegen. Aber wir sollten langsam aufstehen und uns fertigmachen. Immerhin bringen wir unsere Kleine heute zum Zug.“

„Unsere Kleine ist groß geworden!“, seufzte Lucius. „Es erscheint mir, als wäre es gestern gewesen, dass ich sie mit heimgebracht habe und wir sie in die Familie aufnehmen durften. Und jetzt geht sie auch schon nach Hogwarts.“

„Stimmt, sie ist nicht mehr klein.“, schmunzelte Severus. „Sie hat sich gut gemacht, und ich denke, wir werden stolz auf sie sein können. Und sie wird nicht alleine sein in Hogwarts. Remus ist da, Hermine und Minerva ebenso.“

„Und doch mache ich mir Sorgen. Es wird nicht leicht für sie. Jeder weiß, dass sie ein Werwolf ist, es ging damals vor etwa elf Jahren durch die Presse, ihre Geschichte dürfte vor allem den Eltern bekannt sein.“, überlegte Lucius.

„Sie schafft das. Vianna ist stark, genau wie ihre Brüder.“, lächelte Severus.

„Und ihr Daddy!“, ergänzte Lucius und erstickte jegliche Antwort von Severus, indem er ihn an sich zog und küsste.

Zwei Stunden später griff Lucius nach dem Koffer und dem Vogelkäfig ihrer Tochter, während Severus nach selbiger Ausschau hielt. Als Vianna kam, die sich noch von den Pferden verabschieden musste, zog er sie in seine Arme, und die beiden Erwachsenen apparierten sie nach London, direkt auf Gleis 9 ¾. Das übliche Gekreische von Eulen, Quaken von Kröten, Schreien von Kindern, Miauen von Katzen mischte sich mit den Geräuschen der Dampflok, die sich bereit machte, den Hogwartsexpress in Richtung Hogsmeade zu ziehen. Vianna hüpfte aufgeregt an Severus' Hand auf und ab. Sie wollte nun endlich los, ihr erstes Jahr in Hogwarts beginnen. Lange hatte sie sich darauf gefreut. Es war Werwölfen nicht grundsätzlich verboten, in die Schule zu gehen, aber seit Remus war Vianna erst das zweite Kind, das die Schule besuchte. Seit sie damals Voldemort besiegt hatten und die Gesetze Werwölfe betreffend geändert worden waren, gab es zum Glück nur noch wenige Menschen, die neu infiziert wurden. Und die Werwölfe waren zumeist älter und nicht mehr im Schulalter.

Sie mussten nun alle beim Ministerium registriert sein und nachweisen, dass sie den Wolfsbanntrank nahmen. Severus hatte diesen verbessert, er schmeckte nun deutlich angenehmer und musste nur noch einmal vor jedem Vollmond getrunken werden. Das Ministerium bezahlte sogar dafür, damit wollten sie sicherstellen, dass auch jeder Werwolf ihn nahm. Daher gab es keine Neuinfektionen mehr. Sollte ein Werwolf einen Menschen beißen und infizieren, landete er lebenslang in Askaban, egal wie es zu dem Biss kam. Da kannte das Ministerium keine Gnade. Deshalb hatten sie Vianna und Remus die ersten Jahre immer in den Keller gesperrt, und erst seit einem Jahr durfte Vianna mit ihrem Paten nach draußen in Vollmondnächten. Remus achtete sorgsam darauf, dass sie im Park von Malfoy-Manor blieben. In der Schulzeit würden sie wohl in den verbotenen Wald gehen, Remus kannte sich von früher dort aus und es war für beide angenehmer, wenn sie laufen konnten.

„Wiedersehen, Papa, bis bald, Daddy!“, verabschiedete Vianna sich nun von ihren Vätern.

„Mach's gut, meine Kleine!“, flüsterte Severus und umarmte sie kurz.

„Melde dich, egal wann oder warum. Wir sind da!“, fügte Lucius hinzu und drückte sie ebenfalls kurz an sich.

„Ich weiß, Papa, dafür habt ihr mir diesen Buntfalken geschenkt! Ich werde Rainbow spätestens morgen mit einem Brief zu euch schicken!“, versprach Vianna augenrollend.

Damit sprang sie in den Zug und winkte ihnen vom Fenster aus noch zu. Severus und Lucius winkten, bis der Zug aus ihren Augen verschwunden war. Dann griffen sie sich an der Hand und disapparierten, ignorierten die Versuche einiger Menschen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Lucius war immer noch erschüttert von seinem Alptraum, und sie waren beide emotionaler als sonst in der Öffentlichkeit, da sie ihre Tochter nun das erste Mal wirklich gehen lassen mussten. Sie würden sie erst Weihnachten wiedersehen. So wollten sie sich nicht zeigen, daher verbrachten sie den restlichen Tag in ihrem Zuhause. Gemeinsam und ohne Arbeit.

Vianna hatte ihr Versprechen gehalten. Lucius saß gerade in seinem Büro, und die Posteulen kamen nacheinander herein geflogen. Darunter auch Rainbow, der Buntfalke seiner, ihrer, Tochter. Ihm widmete sich der Blonde zuerst. Seine Geschäftspost konnte warten. Seine Familie ging schon immer vor, auch wenn er das erst seit einigen Jahren nach außen hin zeigte. Darum ignorierte er die Geschäftspost erst einmal geflissentlich. Obwohl, da war offenbar auch ein Brief von Draco und Leon dabei. Wuschel war nicht mehr der Jüngste, aber er war immer noch ein treuer und zuverlässiger Postvogel. Das Käuzchen, das er Leon zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte. Wie sehr hatte sich der Grünäugige verändert seitdem. Er war selbstbewusst, fröhlich und offen geworden. Und sein Kindergarten lief großartig, er hatte nun schon zum zweiten Mal vergrößert. Leon war glücklich. Er und Draco hatten vor einem halben Jahr einen kleinen Jungen adoptiert, gerade mal knapp über ein Jahr alt, aber seine Eltern hatten ihn nicht behalten können. Mehr hatten sie nicht herausgefunden, aber er war ihr ein und alles. So ähnlich war es ihm und Severus damals mit Vianna gegangen.

Er entfaltete den Brief ihrer Tochter. Dass sie nicht von seinem oder Severus' Blut war, störte keinen von ihnen. Sie war ihre Tochter, mit allem Drum und Dran. Es hatte viele entsetzte Gesichter gegeben, als es kurz nach der Adoption bekannt wurde, und jede Menge böser Kommentare und Briefe. Er hatte sie damals vor Severus verborgen und verbrannt. Niemand durfte ihnen ihr Glück nehmen. Er war extrem beschützend gewesen, bis es irgendwann weniger wurde und schließlich aufhörte. Wahrscheinlich hatten die Menschen schließlich doch geglaubt, dass es eben kein Prestige-Gehabe gewesen war. Das hatte man ihm damals vorgeworfen, er hätte Vianna nur adoptiert, um gute Presse zu bekommen und Stimmen zu fangen. Dabei hatte er nicht einmal für ein politisches Amt kandidiert, aber manche Menschen waren einfach ignorant.

Liebster Daddy, geliebter Papa!

Ich bin gut in Hogwarts angekommen, habe auch schon ein paar nette Hexen und Zauberer getroffen. Onkel Remus ist mein Hauslehrer geworden, der Hut hat mich nach Gryffindor geschickt. Ich weiß, das wird euch nicht besonders gefallen, aber ich fühle mich wohl hier. Ihr hattet sicher gehofft, dass ich nach Slytherin komme, auch wenn ihr immer gesagt habt, dass es letztendlich egal ist, wo ich hinkomme. Aber wahrscheinlich habt ihr beide gehofft, dass ich eben nicht nach Gryffindor komme.

Das Essen war wirklich lecker, und meine Hauskameraden sind richtig nett. Sie haben mich angesprochen, wie das bei Vollmond sein wird, und mir Unterstützung angeboten. Aber ich will niemanden gefährden, das habe ich deutlich gemacht. Auch wenn Du mir den Trank braust, Daddy, ich will doch lieber mit Onkel Remus in den Wald gehen, obwohl der ziemlich gruselig wirkt. Aber wenn ich nicht alleine bin, und Onkel Remus den Wald kennt, dann macht es mir nichts aus.

Bitte streichelt mein Fohlen von mir, und ich will ihn Sinan nennen, nach meinem Bruder. Auch wenn ich ihn nicht gekannt habe, er hat versucht, mich zu beschützen und hat sein Leben für mich gegeben. Da soll er in meinem Pferd weiterleben. Klingt jetzt irgendwie seltsam, aber ich glaube, ihr werdet mich verstehen.

Ich hab euch lieb!

Eure Vianna

Lächelnd legte Lucius den Brief auf die Seite, er würde ihn Severus beim Mittagessen zeigen. Gerade war er im Labor, und da wurde er ziemlich ungnädig, wenn man ihn störte, und der Brief war nicht dringend. Lieber regte er sich später darüber auf, dass ausgerechnet ihrer beider Tochter in Gryffindor gelandet war. Da sein Herz inzwischen geheilt war, wäre es auch nicht ganz so schlimm, wenn er sich darüber aufregte. Lucius verbannte das Schmunzeln von seinem Gesicht, und widmete sich der restlichen Post. Wuschel hüpfte auf ihn zu, damit er ihm als Nächsten den Brief abnahm. Er legte ihn zur Seite, damit er gewohnheitsmäßig alle Eulen schnell von ihrer Last befreien konnte. Mit Viannas Brief hatte er das vergessen. Jeder Vogel bekam noch eine Kleinigkeit und etwas Wasser, dann flogen sie wieder davon. Nur Wuschel und Rainbow waren noch da, sie warteten wohl auf Antwort.

Er schickte Rainbow in ihr Eulenhaus, damit er sich ein wenig erholen konnte, den Brief würde er mit Severus gemeinsam schreiben und so abschicken, dass Vianna ihn mit der Morgenpost bekam. Der nächste Brief, den er in die Hand nahm, war ein Geschäftsbericht von Draco. Wie es schien, liefen die Malfoy-Geschäfte in Asien und Australien/Ozeanien sehr gut. Draco hatte eine gute Hand, er wickelte seine Geschäfte anders ab als er selbst, aber dennoch mindestens genauso erfolgreich. Leon hatte einen Bericht über den Kindergarten beigelegt, auch dort lief es gut. Das war nicht allein Leons Verdienst, seine Stärke waren Geschäftsdinge sicher nicht, aber dafür konnte er es richtig gut mit den Kindern und auch deren Eltern. So ergänzten sich die beiden jungen Männer gegenseitig, das machte sie so erfolgreich.

Eine Bestätigung zu einem Geschäftsessen in einigen Tagen, mehrere Einladungen seiner Geschäftsfreunde zu verschiedenen Veranstaltungen, mehrere Berichte über abgeschlossene oder gerade laufende Geschäfte waren die nächsten Briefe, das Übliche eben. Und doch wurde Lucius unruhig, als er den Stapel Post ansah, der vor ihm lag. Dieses eine Pergament, das da zwischen den anderen Briefen lag, war anders. Billiger, Massenware. So etwas benutzten seine Geschäftspartner nicht. Es gab nur einen, der solches Pergament nutzte. Und von dem wusste er nichts, und doch bekam er seit einiger Zeit regelmäßig Post. Die Briefe waren inhaltlich harmlos, aber sie machten ihm Angst. Es wirkte wie eine seiner unterschwelligen Drohungen, wenn er jemanden an eine alte Schuld erinnerte. Immer nur ein Spruch, mehr nicht. An sich harmlos, aber Lucius wusste nicht, was der Schreiber dieser Briefe wollte. Er sprach keine Drohung aus, und doch empfand Lucius es als solche. Auch heute wieder.

Deines leisen Fußes Lauf
weckt aus tagverschloss'nen Höhlen
traurig abgeschied'ne Seelen,
mich und nächt'ge Vögel auf.
[Johann Wolfgang von Goethe]

Es war ein Zitat, wie die anderen auch. Alle hatten den Mond dabei. Und doch war er aus irgendeinem Grund sicher, dass es nichts mit Vianna zu tun hatte. Warum sollte man ihn deswegen so geheimnisvoll anschreiben? Es war in der ganzen englischen Zauberwelt bekannt, dass Vianna ein Werwolf war, das jüngste gebissene Kind, das die Umwandlung überlebt hatte. Es war über elf Jahre her, dass sie als drei Monate altes Baby von Greyback gebissen worden war. Ihr Bruder hatte einen letzten, tödlichen Fluch auf den Werwolf abgeschossen, um seine Schwester zu retten, aber es war nutzlos gewesen, sie war doch verwandelt worden. Ihr Bruder war – genau wie ihre Eltern – dabei ums Leben gekommen. Nachbarn hatten das kleine, schwer-verletzte Mädchen vor das St. Mungo gelegt. Eine Woche später hatte er selber den Zaubergamot davon überzeugt, dass sie der Adoption zustimmten. Seither war Vianna seine und Severus' Tochter.

Die ersten Verwandlungen waren für alle die Hölle gewesen. Es war eine Qual für Severus gewesen, Vianna den Wolfsbann einzuflößen. Sie hatte den Geschmack gehasst. Und doch hatte er es tun müssen, von keinem Anderen hatte sie ihn angenommen. Der Trank war ihre einzige Chance gewesen, die Verwandlung zu überleben. Ohne Banntrank hätten die Schmerzen sie wahrscheinlich umgebracht. Lucius schauderte noch immer, wenn er daran zurückdachte. Severus war in der ersten Zeit fast nur im Labor gewesen, hatte nicht nur einen Kessel wütend an die Wand geworfen, bis er nach knapp einem Jahr eine Geschmacksverbesserung hinbekommen hatte, damit sie ihn leichter annahm. Schließlich hatte er es sogar geschafft, die Wirkung zu verbessern, sodass er nur noch einmal genommen werden musste.

Jede einzelne Verwandlung hatten sie mit ihr im Keller zugebracht, wenn auch auf verschiedenen Seiten des Gitters. Remus hatte ihr immer zur Seite gestanden, hatte sich riesig gefreut, als sie ihn gebeten hatten, ihr Pate zu sein. Severus hatte wieder und wieder seine Angst überwunden, aber er war ihre Hauptbezugsperson, sie war deutlich ruhiger, wenn er anwesend war. Erst als Vianna wirklich alt genug war, dass sie sicher sein konnten, sie würde niemanden beißen, hatten sie sie mit Remus nach draußen in den Park gelassen. Seit etwa einem Jahr. Der Honigblonde hatte sie im Griff. So lange sie noch zu klein war, hätte sie spielerisch nach ihnen beißen und sie dadurch infizieren können, das hatten sie immer vermeiden wollen. Sie hatten alle nur erdenklichen Maßnahmen getroffen.

Und doch wollte Lucius nun sichergehen, dass ihr auch nichts passierte. Er erhob sich von seinem Schreibtischstuhl und ging zum Kamin. Eine Handvoll Flohpulver in den Kamin werfend verband er sich mit dem Büro von Remus Lupin, hoffend, dass dieser nicht gerade Unterricht hielt. Aber er wollte es gleich erledigt haben. „Remus?“, fragte er in den Raum.

Eine Tür öffnete sich und der Honigblonde warf einen fragenden Blick auf ihn. Eine Augenbraue hob sich. „Moment noch, meine Stunde ist gerade zu Ende.“, bat er ihn zu warten. Er war sich der Schüler hinter ihm im Klassenzimmer mehr als bewusst, die sicherlich neugierig waren, was da besprochen wurde.

Nicht einmal eine Minute später war Remus an seinem Kamin und wollte wissen, ob etwas passiert war.

„Ja. Nein. Ach, ich weiß nicht genau.“, antwortete Lucius fahrig. Er machte sich mehr und mehr Sorgen, einfach weil er nicht wusste, was derjenige von ihm wollte.

„Alles in Ordnung, Lucius?“, fragte der Hauslehrer von Gryffindor alarmiert. Er kannte Lucius nur als äußerst beherrschten Mann, der immer und unter allen Umständen seine Maske aufbehielt. Etwas musste ihn gerade sehr aufwühlen.

„Ich bekomme so seltsame Briefe, schon seit einiger Zeit.“, gestand der Blonde leise. „Keine Drohbriefe in dem Sinn, es sind eigentlich immer Zitate, die rund um den Mond gehen. Ich will einfach nur sicher sein, dass Vianna nichts passiert.“

„Ich werfe beide Augen auf sie und Hermine sicher auch.“, versicherte Remus. „Ich rede mit Minerva. Wir werden auf sie aufpassen.“

„Danke.“, seufzte Lucius. „Das hatte ich gehofft. Ich glaube nicht, dass es gegen Vianna geht, aber ich will sicher sein.“

„Natürlich.“, besänftigte der Werwolf. Er wusste, wie Lucius sich fühlte, auch er war Vater. Und inzwischen kannte er auch die Geschichte des Blonden, seine ersten beiden Kinder waren kein Jahr alt geworden. Draco hatte er lange nicht aus den Augen gelassen, ebenso Vianna. „Weiß Sev davon?“

„Bisher weiß Sev es nicht.“, gestand Lucius. „Aber ich schätze, ich werde ihn informieren müssen.“

„Mach das mal besser. Du weißt, wie er ausrastet, wenn er Informationen nicht bekommt.“, schmunzelte Remus kurz, bevor er wieder ernst wurde. „Vianna ist in meinem Haus.“

„Ich weiß, sie hat geschrieben. Aber Sev erfährt es erst nachher, er ist im Labor.“, grinste Lucius. „Sie passt perfekt in dein Haus, das hätte mich nicht überraschen dürfen.“

„Sie erinnert mich an Harry, zumindest ein bisschen.“, überlegte Remus. „Kümmert sich um Andere, vergisst dabei schnell ihre eigenen Sorgen. Sie hat gestern eines der anderen Mädchen versorgt, die starkes Heimweh hatte. Hat es geschafft, dass die Kleine heute am Tisch schon wieder lachen konnte.“

„Sie ist treu, selbstlos und stark.“, bestätigte Lucius. „Wie gesagt, eine typische Gryffindor. Pass auf sie auf.“

„Mach ich.“, nickte Remus. „Tut mir leid, ich muss wieder, die nächsten Schüler stehen sicher schon vor dem Klassenzimmer, und ich muss ein paar frisch geleerte Köpfe wieder füllen! Wir sehen uns in zwei Wochen zu Vollmond.“

„Danke. Bis dann!“, verabschiedete sich Lucius und zog sich aus dem Kamin zurück. Ächzend stand er auf, das Knien vor dem Kamin war nicht gerade angenehm. Vielleicht sollte er es wie Leon machen, der hatte sich ein Telefon, nein ein Handy, zugelegt. Das war deutlich bequemer. Seit der Kleine – naja, so klein war er nicht mehr, er war deutlich gewachsen und inzwischen fast so groß wie Draco – zu seiner Familie gehörte, hatte er sich mehr und mehr auf Muggeldinge eingelassen. Ein Briefkasten war das Erste gewesen, der hing noch immer an seinem Tor. Ein Kühlschrank war gefolgt, ein Fernseher (der kaum genutzt wurde), Spielesammlungen, und seit Kurzem zierte ein moderner Laptop seinen Schreibtisch. Manche Arbeiten waren dadurch deutlich leichter geworden und er war froh, über seinen Schatten gesprungen zu sein.

Er blickte auf seinen Schreibtisch, und das Bild von Leon, Draco, Vianna, Severus und ihm selbst blickte ihm entgegen. Sein Hintergrundbild auf dem PC. Er hatte lange geflucht, bis er es endlich geschafft hatte, das Ding zum Laufen zu bringen, aber er hatte seinen Stolz gehabt und keine Hilfe angenommen.

„Was erfahre ich nachher?“, kam es nun von der Tür, und Lucius zuckte zurück. Severus lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen und sah ihn mit erhobener Augenbraue an.

Lucius hatte ihm alles erzählt, die Briefe lesen lassen. Severus war sicher, dass es eine Bedrohung war, aber wie auch sein Partner hatte er das Gefühl, dass nicht Vianna bedroht wurde. Das hier war etwas Anderes, auch, wenn er den Finger nicht darauf legen konnte. Viannas Zustand war kein Geheimnis, war nie eines gewesen. Anders als... „Was, wenn jemand herausgefunden hat …?“, wisperte der Tränkemeister nach einem langen Schweigen.

Lucius wurde blasser und sah aus, als würde er gleich umkippen. „Bei Salazar!“, hauchte er entsetzt. Obwohl er selbst auch schon darüber nachgedacht hatte, realisierte er erst jetzt die Gefahr, in der sie waren. Er spürte richtiggehend, dass das Blut aus seinem Kopf verschwand und war dankbar, als er die Arme seines Partners spürte.

Er ließ sich von Severus halten, und sie setzten sich gemeinsam auf das kleine Sofa, das im Büro stand. Plötzlich streckte Lucius den Rücken durch. „Das werde ich nicht zulassen. Niemand legt sich mit mir und meiner Familie an!“, schwor der Blonde.

„Was hast du vor?“, wollte Severus vorsichtig wissen. Er spürte die Veränderung in Lucius. Der Blonde hatte in seinen offensiven Kampfmodus geschaltet. Allerdings hatte Severus keine Ahnung, worauf Lucius nun hinaus wollte.

„Meine Erfahrung nutzen.“, grollte Lucius. „Ich werde herausfinden, wer dahinter steckt, und was damit geplant ist.“

„Aber wie?“ Nun kam Severus überhaupt nicht mehr mit. Obwohl er seinen Partner nun schon jahrelang sehr gut kannte und ihn meistens auch ohne Worte verstand.

„Locare primam.“, war Lucius' Antwort.

„Du willst einen verbotenen, schwarz-magischen Ortungszauber nutzen?“, schnappte Severus. „Wenn das Ministerium auch nur den Hauch einer Ahnung bekommt, dann stehen sie hier auf der Matte. Arthur war ein guter Minister, aber sein Nachfolger ist eine Katastrophe! Er wird dahinter kommen …!“

„Nein, wird er nicht. Du vergisst, dass das Manor deutlich besser geschützt ist als die meisten Häuser, und der Schutz ist Jahrhunderte alt, da kann auch das Ministerium nicht einfach überwachen. Das würden wir wissen.“, versicherte der Blonde. „Und selbst wenn, ich wäre bereit, dieses Risiko einzugehen. Ich werde nicht zulassen, dass er Vianna schadet, oder dass dir oder unseren Jungs etwas passiert.“

Grimmig entschlossen stand Lucius auf und ging zu seinem Schreibtisch, auf dem noch immer die Drohbriefe lagen. Da er sie Severus gegeben hatte, lagen sie nun offen auf dem Tisch, vorher hatte er sie in einer Schublade eingeschlossen gehabt. Er hob sie auf und brachte sie auf den Konferenztisch im Nachbarraum. Dort legte er eine Karte von Großbritannien hin und daneben die Briefe. Severus beobachtete ihn skeptisch.

„Ach, übrigens, Vianna hat geschrieben!“, informierte ihn Lucius und reichte den Brief an den Tränkemeister weiter. Er wollte ihn ablenken, das war Severus klar, aber mit einem Brief ihrer Tochter ließ er sich gerne ablenken.

Er überflog ihn kurz. „Gryffindor!“, stöhnte er auf. „Irgendjemand in dieser Schule hat etwas gegen mich!“

Ein belustigtes Schnauben entkam Lucius. „Sicher nicht, sonst wäre Leon genau wie Harry in Gryffindor gelandet.“

„Harry kam nur nach Gryffindor, weil er wegen Draco nicht nach Slytherin wollte.“, konterte Severus. „Er hat es mir gestanden. Damals im Kerker, als wir uns näher kamen.“ Ein Schaudern ließ seinen Körper erzittern.

Lucius wusste nichts zu erwidern. Er sah, wie sehr Severus die Erinnerung schmerzte und ging zu ihm. „Es ist vorbei, Sev.“, murmelte er. Würde das jemals wirklich aufhören? Solche Reaktionen waren glücklicherweise selten geworden in den letzten Jahren, aber es gab sie leider immer noch.

„Ich weiß.“, flüsterte Severus. „Aber …“

„Sch. Kein Aber. Du hast keine Angst mehr deswegen, das weiß ich. Und wegen dieser Briefe brauchst du auch keine Angst haben, ich werde herausfinden, wer sie geschrieben hat, und mir dann denjenigen vorknöpfen.“, versprach Lucius. Nein, er würde nicht zulassen, dass jemand seiner Familie schadete. Ein Leben ohne Severus, Vianna, Draco oder Leon konnte er sich nicht mehr vorstellen. Auch, wenn Draco und Leon nun ihr eigenes Leben in Neuseeland führten, so waren sie doch nur eine Kaminreise entfernt.

„Bitte sei sehr vorsichtig. Ich habe ein mieses Gefühl dabei.“, warnte Severus. Noch immer war er nicht sicher, ob die Schutzzauber wirklich dafür sorgen konnten, dass niemand den schwarz-magischen Zauber mitbekam.

„Ich bin vorsichtig. Ich will keinen von euch verlieren.“, versicherte Lucius. Er überprüfte noch einmal die Schutzzauber auf seinem Manor, bis Severus ebenfalls zufrieden war. Dann wandte er sich den Briefen zu und sprach den Zauber.

Ein Licht erschien und konzentrierte sich immer weiter auf einen bestimmten Bereich der Karte, die sich nach und nach vergrößerte, und schließlich einzelne Häuser eines kleinen Ortes an der Südostküste Englands zeigte. Das Licht wurde heller und heller und erleuchtete schließlich ein bestimmtes Haus in diesem Ort. Da unterbrach Lucius die Magie und besah sich die Karte näher. „Broadstairs. Nie gehört.“, murmelte er. „In der Gegend sind meines Wissens nach keine Zauberer gemeldet. Dort leben zu viele Muggel auf einem Haufen.“

Severus beugte sich nun ebenfalls über die Karte. Auch ihm sagte diese Ecke Englands nichts. Es war nahe am Strand, aber doch kein Boot. Eindeutig ein Haus. Und so, wie es auf der Karte wirkte, ein Muggelhaus. Aber das könnte Täuschung sein. Für einen Zauberer war es leicht, in ein Muggelhaus einzudringen, dort die Briefe zu schreiben und abzuschicken. Er hatte das in seiner Zeit als Spion selber mehrmals gemacht. Der Zauber zeigte nur an, wo die Briefe geschrieben wurden, aber nicht von wem. Und dank Apparation kam wohl so gut wie jeder Zauberer und jede Hexe in ganz England in Frage, zumindest alle, die apparieren konnten. Das half ihnen so nicht weiter.

Severus wusste, was Lucius' nächster Schritt sein würde. „Du gehst dorthin.“, stellte er fest.

„Darauf kannst du dich verlassen.“, knurrte Lucius. „Derjenige wird nicht aufhören, und da er bisher alle Briefe von dort geschrieben hat, finde ich vielleicht eine Spur.“

„Ich komme mit.“

„Nein, Sev, das ist zu gefährlich, jemand könnte …“, widersprach der Blonde.

„Lucius, versuch es erst gar nicht, ich werde nicht hierbleiben. Ich war fast genauso lang Spion wie du, ich weiß, was ich tue.“, entgegnete Severus, ohne seinen Partner ausreden zu lassen. In seinem Kopf hatte er bereits einen Plan fertig. „Wir werden gemeinsam gehen. Vorher siehst du in deinen Computer, ob es dort in der Nähe Häuser zu kaufen gibt, dann werden wir eine Tarnung haben, wenn wir Hausbesichtigungen machen. Dabei können wir Erkundungen einziehen, und wenn wir dann in der Gegend herumlaufen und uns umsehen, dann erregen wir nicht so viel Aufsehen. Außerdem werden wir Vielsafttrank nehmen, du weißt, ich habe noch welchen vorrätig. Auch wenn er nun schon lange unter einem Stasis-Zauber steht, er wird funktionieren. Ich habe noch verschiedene Haare aus meiner Zeit vorrätig, wir werden ein Ehepaar mimen.“

Lucius dachte eine Weile darüber nach. „In Ordnung.“, stimmte er schließlich schweren Herzens zu. Er wusste, Severus würde nicht nachgeben, nicht zulassen, dass er alleine ging. Außerdem war der Plan ziemlich gut, so fielen sie zwar auf, aber nur, weil sie fremd waren. Niemand würde Verdacht schöpfen. Die Idee war brillant, Lucius war sich bewusst, dass er wohl tatsächlich einfach losgegangen wäre. Im Moment konnte er nicht vollkommen klar denken. Sie ergänzten sich wirklich perfekt. Ein Lächeln umspielte Lucius' Lippen, als er Severus' zufriedenen Blick erkannte.

Nun wandten sie sich dem Computer zu. Sie suchten sich durch die Hausangebote und fanden tatsächlich zwei Häuser in der Gegend. Da sie kein Telefon hatten, musste Lucius einen Termin per Email ausmachen, das ging nicht ganz so schnell, aber gegen Abend war die Antwort da. Sie konnten in zwei Tagen hingehen, die Termine waren nicht sehr nahe beieinander, aber das war ihnen sogar Recht, da sie dann einen Grund hatten, in der Gegend herum zu laufen. Severus stellte sicher, dass die Menge des Vielsafttrankes ausreichend für einen ganzen Tag war. Er würde ihn in dunkle Wasserflaschen umfüllen, sodass sie unauffällig trinken konnten. Die passenden Haare hatte er ebenfalls gefunden, ein Mann und eine Frau. Als schwules Paar waren sie in der Gegend wohl eher zu auffällig. Sie zogen das Los, wer die Frau nehmen musste.

 

So lange mussten sie allerdings nicht warten, am nächsten Vormittag war wieder ein Brief in der Post. Inzwischen zitterten Lucius' Finger, als er ihn von dem Eulenfuß nahm. Jedes Mal ein anderes Tier, vermutlich aus verschiedenen Eulenpostämtern. Die Eule nach zu verfolgen brachte wahrscheinlich nichts, das hatte Lucius in seiner Zeit als Todesser mehrmals machen müssen, aber es war sinnlos. Die Angestellten konnten sich nie an ihre Kunden erinnern, die nur kurz einen Brief brachten und nach einer Minute wieder verschwunden waren. Er war froh, als Severus an seine Seite trat, während er den Brief entrollte.

Jeder Mensch ist wie ein Mond. Er hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt.

[Mark Twain]

Doch diesmal hatte der Schreiber noch etwas hinzugefügt:

Bist Du sicher, dass Du in Deinem eigenen Zuhause sitzt?

„Was soll das bedeuten?“, rätselte Lucius.

„Es klingt, als würde dich jemand verunsichern wollen. Gab es in letzter Zeit jemanden, der dir dein Erbe streitig machen wollte?“, überlegte Severus.

Es wäre nicht das erste Mal, da musste Lucius seinem Partner Recht geben. Im Laufe seines Lebens hatte er sich mit manchen Zauberern vor Gericht getroffen, weil sie behaupteten, einen Anspruch auf das Vermögen der Malfoys zu haben. Bisher hatte er alles abschmettern können, keiner von denen war wirklich mit den Malfoys verwandt gewesen. Aber Severus könnte Recht haben. Dieser Jemand hatte dann aber einen sehr ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, mit ihm in Kontakt zu treten. Nun, wenn er Aufmerksamkeit haben wollte, die hatte er.

Inzwischen war Lucius unsicher geworden. Da steckte sicher noch mehr dahinter, diese ganzen Anspielungen auf den Mond deuteten auf mehr als eine Erbschaftsgeschichte hin. Aber warum? Was war der Sinn?

„Meinst du, jemand weiß etwas?“, wisperte Severus mit zitternder Stimme.

„Woher? Das kann ich mir nicht vorstellen.“, beruhigte Lucius den Tränkemeister. Und doch war er selber überhaupt nicht beruhigt. Was, wenn wirklich jemand hinter sein Geheimnis gekommen war? Wenn jemand ihn mit diesem Geheimnis erpressen wollte? Was sollte er dann tun? Es wirkte so, als wäre das der Hintergrund. Aber wie …? Wer konnte dahinter gekommen sein? Geredet hatte sicher keiner, der davon wusste. Also konnte keiner etwas wissen. Oder doch? Die Gedanken verunsicherten Lucius, doch er bemühte sich, das nicht nach außen zu zeigen. Die Arme, die sich um ihn schlangen und festhielten zeigten, dass Severus es sehr wohl bemerkt hatte. Dennoch sagte der Schwarzhaarige erst einmal nichts, es gab nichts, was er sagen konnte. Ihn quälten die gleichen Fragen.

„Ich muss wieder ins Labor. Ruf mich, wenn was ist.“, verabschiedete sich Severus schließlich, wenn auch widerwillig.

Obwohl er spürte, dass Lucius beunruhigt war, wusste er doch, dass der Blonde ihn gerade nicht weiter an sich heranlassen würde. Die Anspannung in Lucius' Körper hatte nicht nachgelassen während der Umarmung. Also löste er seine Arme und ließ zu, dass Lucius es erst einmal mit sich selbst ausmachte. Außerdem musste er sich jetzt wieder seinem Trank widmen, der auf dem Feuer stand. Die Kochzeit war fast vorüber. In einer Stunde konnte er wieder hier sein, dann war der Trank fertig. Er musste ihn heute noch verschicken, es war eine dringende Bestellung aus dem St. Mungos. Er braute eine Menge Tränke für das Krankenhaus, es war ein stabiler Verdienst.

Lucius versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, aber es klappte nicht. Seine Gedanken wollten einfach nicht bei den Zahlen bleiben, drifteten immer wieder in die Vergangenheit ab. Ständig grübelte er, ob nicht doch jemand hinter ihr Geheimnis gekommen sein könnte. Aber außer Devon und Remus wusste niemand außerhalb der Familie Bescheid, und er würde die Hand für jeden Einzelnen ins Feuer legen. Devon, Remus, Leon, Draco, Vianna, Severus und er selbst. Sonst wusste niemand davon. Aber wenn doch jemand dahinter gekommen sein sollte, dann wurde es gefährlich. Also indirekt doch eine Bedrohung von Vianna? Aber auch von ihnen allen. Sie alle könnten dafür lebenslang nach Askaban gehen. Das würden sie nicht lange überleben. Keiner von ihnen. Lucius knurrte wütend. Niemand bedrohte seine Familie. Das bedeutete Krieg. Und davon hatte er eine Menge Ahnung. Nicht umsonst war er jahrelang die rechte Hand des dunklen Lords gewesen, wenn auch immer als Spion für die weiße Seite.

Plötzlich flatterte eine weitere Eule herein und brachte noch einen solchen Brief. Lucius erkannte ihn auf den ersten Blick. Er nahm ihn dem Vogel ab und las ihn.

Strahlt der Mond ganz voll und hell,
wächst dem Knecht ein Werwolffell.

[Kalenderspruch]

Lucius Malfoy, Du bist nicht der rechtmäßige Erbe des Malfoy-Vermögens. Mein Vater war der ältere, wenn auch uneheliche Bruder Deines Vaters. Inzwischen dürfte Dir klar sein, dass ich um Euer kleines Geheimnis weiß. Also entweder, Du tust, was ich will, oder ich werde das Ministerium darauf hinweisen, dass sie doch einmal bei Euch nach dem Rechten sehen sollten. Du wirst keine Auroren informieren und auch sonst niemanden, ansonsten ist Euer Geheimnis aufgeflogen.

Wir werden uns sicher einig werden. Mach Dich schon einmal bereit, Dein Vermögen auf mich zu überschreiben. Ich werde Dir einen unbrechbaren Schwur leisten, dass ich nicht darüber rede, sobald ich das Vermögen und den restlichen Besitz in meiner Hand habe. Du kannst das kleine Stadthaus in Bristol behalten, ich will Dich ja nicht auf die Straße setzen. Aber alle Deine Geschäfte werden auch auf meinen Namen überschrieben werden. Es ist nicht Dein, sondern mein Erbe.

Ich melde mich wieder, sei bereit. Und solltest Du zufällig versuchen, mich mit verbotenen schwarzen Flüchen zu finden, spare es Dir. Du wirst mich nicht mehr an der Südostküste finden. Die Muggel, denen das Haus gehört, sind aus dem Urlaub zurück und ich habe mir etwas Neues gesucht.

Herzliche Grüße

Dein bisher unbekannter Cousin

Geschockt starrte Lucius auf die Zeilen. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Was sollte er nun tun?

Lucius Malfoy war wütend. Sehr wütend. Und doch war er so ruhig wie zu Zeiten, in denen er dem Lord gegenüber gestanden hatte. Damals wäre der kleinste Fehler tödlich gewesen. Heute wäre es ähnlich. Er wusste, es kam jetzt darauf an, berechnend und eiskalt zu sein, überlegt vorzugehen. Seine Angst, die noch Minuten vorher seinen Körper beherrscht hatte, war verbannt in den hintersten Winkel seines Kopfes. Angst war ein schlechter Berater, das hatte er von klein auf gelernt. Er war in einer schrecklichen Zeit aufgewachsen, wenn er es jetzt so betrachtete, aber sein Vater hatte ihm beigebracht, wie er sich am besten verhielt. Sein Körper war angespannt, das Zittern war vergessen. Er atmete tief und gleichmäßig, nutzte eine Meditationstechnik, die ihm Severus vor Jahren beigebracht hatte. Jetzt kam es darauf an, ruhig zu bleiben.

Es ging also um einen unehelichen Bruder seines Vaters. Sein erster Weg führte Lucius in die hauseigene Bibliothek. Er würde das alles hier sofort aufgeben, wenn er damit seine Familie beschützen konnte, brauchte das alles nicht, so lange seine Familie bei ihm war. Kurz musste er auflachen. So war er erst, seit Severus und Leon in sein Leben getreten waren. Sie hatten ihm gezeigt, dass Reichtum nicht in Galleonen zu messen war. Seither war er nicht mehr so sehr auf Gewinn aus, wichtiger war ihm, dass gerade Kinder glücklich waren. Nicht wenige Waisenhäuser und andere Einrichtungen für Kinder hatten in den letzten Jahren anonyme Spenden von ihm bekommen. Er wollte die Presse nicht darauf aufmerksam machen, darum ging es ihm nicht. Nicht mehr. Mit Narzissa hatte ihn eine innige Liebe verbunden, aber auch sie war so aufgewachsen wie er: im Glauben daran, dass Geld und Macht das Wichtigste waren. Nie hatte er darüber nachgedacht, dass es auch eine andere Wahrheit geben könnte. Nun lebte er sie.

In der Bibliothek arbeitete er sich durch die Bücher seiner Familie. Die Familienchronik. Sie wurde durch einen Zauber geführt, darin sollten auch uneheliche Kinder auftauchen. Zumindest theoretisch, es war durchaus möglich, Einträge mit einem Zauber zu entfernen. Aber das hinterließ Spuren, und danach suchte Lucius nun. Konzentriert arbeitete er sich durch die Seiten, die seine Vorfahren anzeigten. Er wollte es nicht auf seinen Großvater beschränken, denn das konnte eine Finte sein.

So merkte er nicht, dass er nach einigen Stunden nicht mehr alleine in dem Raum war. Severus kam leise zu ihm. Er bemühte sich nicht besonders, sich zu verbergen, aber das geräuschlose Gehen hatte er sich über so viele Jahre hinweg angeeignet, es ging automatisch. Daher schrie Lucius einen kurzen Moment erschrocken auf, als er plötzlich Arme um sich spürte, doch nach nur einem Wimpernschlag stoppte er seinen eigenen Schrei. „Verdammt, Severus!“, fluchte er.

„Nein, Lucius. Was treibst du hier, das ist wohl eher die Frage. Was weißt du, was ich nicht weiß?“, fauchte Severus zurück. Er würde sich nicht abspeisen lassen von einer billigen Erklärung. Wenn Lucius stundenlang in der Bibliothek arbeitete, und dabei seine Geschäfte einfach stehen und liegen ließ, dann war etwas absolut nicht in Ordnung. Und er kannte seinen Partner lange genug, um zu ahnen, was ihm so nahe ging. „Er hat noch einen Brief geschickt und ist deutlicher geworden?“, hakte er nach.

Lucius stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte sein Gesicht in seine Hände. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Er hatte Severus nicht beunruhigen wollen, doch der kannte ihn zu gut. Was sollte er nun tun?

Severus griff nach seinen Handgelenken und zog die Hände zurück, hielt sie fest in seinen eigenen. „Was stand darin? Was will er?“

„Sev, er weiß es! Er weiß was passiert ist. Er behauptet, der Sohn eines älteren Bruders meines Vaters zu sein und will alles haben, Gold, Häuser, Geschäfte. Alles. Dann erst will er einen unbrechbaren Schwur leisten, uns nicht zu verraten.“, hauchte Lucius. „Ich würde alles aufgeben für euch, aber ich glaube nicht, dass die Gefahr damit gebannt wäre. Hier habe ich versucht, herauszufinden, wer dieser angebliche Bruder sein könnte. Die Chronik wurde zwar manipuliert, aber nicht in der Generation, die meinen Vater betrifft, die letzte Manipulation, die bisher Einzige, die ich gefunden habe, liegt etwa einhundert Jahre zurück und betrifft ein unehelich geborenes Mädchen, die damit die jüngere Schwester meines Urgroßvaters gewesen wäre. Deutlich jünger, damals war mein Ur-Urgroßvater bereits über hundert Jahre alt und verwitwet. Aus dieser Linie kommend, hätte er keinen Anspruch.“

„Ruhig, Luc.“, zog Severus ihn in seine Arme. „Wir werden ihn finden und sehen, was er wirklich weiß. Ich kann ihn vergessen lassen. Du weißt, dass ich deutlich mehr von Gedächtniszaubern verstehe als du.“

Ein kurzes Schmunzeln erhellte Lucius' Züge, bevor es wieder verschwand und die Verzweiflung zurückkam. „Wie?“

„Ich habe eine Idee. Komm.“, lächelte Severus. „Nicht nur du kennst schwarz-magische Zauber.“

Neugierig folgte Lucius seinem Partner zurück ins Büro. Dieser nahm die Briefe und legte sie sorgfältig nebeneinander, ein leeres Pergament dazu. Den Zauberstab erhoben konzentrierte er sich kurz. „Principium fontis.“, murmelte Severus und richtete seinen Stab auf den ersten Brief. Nach und nach wiederholte er den Zauber mit jedem Brief. Am Ende richtete er seinen Stab dann auf das leere Pergament und dort bildeten sich Schriftzeichen. „Es ist eine Art Handschriften-Analyse, aber genauer als die der Muggel. Obwohl die auch ohne Zauberei überraschend genau ist. Aber hier bekommen wir eine Menge Informationen über den Schreiber dieser Briefe, wenn auch nicht den Namen.“, erklärte Severus.

Sie beugten sich über das Pergament und beobachteten, welche Informationen sie bekamen. Das waren eine Menge. Der Briefeschreiber war männlich, 58 Jahre alt, gebildet – ein Studium in Harvard – und Familienvater. Er arbeitete, trotz Uni-Abschluss, als Reporter bei einer Zeitung, dabei kam er wohl viel herum und konnte die Briefe unauffällig aus dem ganzen Land verschicken. Er lebte in Plymouth oder in der Nähe davon. Er war unter Muggeln aufgewachsen und hatte lange nicht gewusst, dass er ein Zauberer war.

Am Ende war es jedoch nicht genug, um ihn zu identifizieren, doch dann hatte Lucius noch eine Idee und prüfte das Pergament, verglich es mit den verschiedenen Zeitungen, die er täglich bekam. Und tatsächlich machte er dabei eine Entdeckung. „Die Hexenwoche!“, staunte er.

„Sicher?“, fragte Severus.

„Das gleiche Pergament.“, argumentierte Lucius. „Es ist ein Hinweis, kein Beweis, das ist mir klar, aber das können wir als Anhaltspunkt nutzen. Wir gehen dorthin, statt nach Broadstairs. Vielleicht finden wir etwas.“

„Gemeinsam.“, betonte Severus.

„Gut, gemeinsam.“, stimmte Lucius schließlich zu. „Aber gleich morgen, heute ist es zu spät. Ich will das so schnell wie möglich in Erfahrung bringen.“

„Komm, lass uns endlich eine Antwort an Vianna schreiben, sie wird sonst noch unruhig.“, entschied der Tränkemeister.

„Du hast Recht. Schreiben wir gemeinsam.“, stimmte der Blonde zu.

Schnell hatten sie einen langen Brief an ihre Tochter verfasst und versuchten, so positiv und fröhlich wie möglich zu klingen. Es war nicht leicht. Ihre eigene Angst hinderte sie ein wenig, doch sie waren erfahren genug, um das nicht durchklingen zu lassen. Draco hätten sie nicht täuschen können, Leon wahrscheinlich auch nicht mehr, die beiden kannten sie zu gut. Die Nacht verbrachten sie – wie schon so häufig – eng aneinandergeschmiegt. Sie brauchten einander, das hatten sie vor Jahren gemerkt.

Lucius' Gedanken drifteten wieder einmal in die Vergangenheit. Er war entsetzt gewesen, als er Severus und Harry im Keller der Notts gefunden hatte. Seine Befreiung war unbedacht und unüberlegt gewesen, aber er hatte schnell handeln müssen. Bei nächster Gelegenheit war er dahin gereist, wo der Portschlüssel hingehen hatte sollen, musste aber feststellen, dass er nicht dort angekommen war. Da hatte der Blonde angefangen, sich Sorgen zu machen, vor allem um seinen langjährigen guten Freund, aber ein wenig auch um Harry Potter. Er hatte fast zwei Jahre gebraucht, um sie zu finden. Severus hatte im Sterben gelegen, und es hatte Lucius beinahe das Herz herausgerissen. Er hatte Narzissa geliebt, aber so wie damals, als er Severus abgemagert und schwer krank im Bett hatte liegen sehen, da hatte er körperliche Schmerzen empfunden, er hatte einfach helfen müssen.

Jeder Zusammenbruch in der folgenden Zeit hatte ihm eine Menge Kraft gekostet; Ruhe auszustrahlen war beinahe unmöglich gewesen. Und dann hatte Severus seine Peiniger angezeigt, und er hatte im Zaubergamot gesessen und zusehen müssen, wie Severus beinahe zusammenbrach. In dieser Nacht hatte er ihn nicht alleine gelassen. Zu viel Angst hatte er gehabt, dass Severus es einfach beenden könnte. Der Tränkemeister war immer wieder wimmernd und zitternd aufgewacht, und hatte schließlich angefangen, über sein Martyrium zu sprechen. Er hatte nicht gewusst, wie er dem Schwarzhaarigen helfen könnte, hatte ihm einfach nur die Tränen abgewischt, die unaufhörlich aus den schwarzen Augen geströmt waren. Severus hatte sich in dieser Nacht vollkommen fallen lassen.

Der Tränkemeister hatte sich an Lucius festgehalten und sich von ihm trösten lassen, aus ihm Kraft geschöpft. Lucius hatte ihn immer wieder über den Rücken gestreichelt, während Severus seinen Kopf an den Hals des Blonden geschmiegt hatte. Schließlich hatte er dem etwas Jüngeren einen sanften Kuss auf die Stirn gehaucht, ihm die Tränen von den Wangen geküsst. Severus hatte sich ihm zugewandt und seine Lippen auf Lucius' Mund gelegt. Da hatte Lucius gewusst, dass er dem Tränkemeister verfallen war. Er liebte ihn. Schon immer hatte er auf Frauen und Männer gestanden, aber so lange er mit Narzissa verheiratet war, gab es nur sie. Er hatte sie geliebt, aber seit dieser Nacht liebte er auch Severus mit allem, was dazu gehörte. Und dieser erwiderte die Liebe.

Er hatte eine Weile gebraucht, bis sie einen Schritt weitergehen konnten, zunächst hatte er die Erlebnisse im Kerker verarbeiten müssen. Aber seither führten sie eine zumeist harmonische Beziehung, die sie beide sehr genossen. Gut, sie waren beide stur, aber hatten gelernt, gewisse Kompromisse einzugehen. Und Vianna hatte ihr Glück vervollständigt.

Nein, das würden sie sich jetzt nicht kaputt machen lassen. Niemals, er würde das verhindern. Lucius kam zurück in die Gegenwart, wo er neben Severus im Bett lag. Dessen Atem verriet ihm, dass auch der Tränkemeister nicht schlafen konnte. Lucius knabberte sanft an Severus' Nacken. „Wir werden es schaffen.“, versprach er leise.

„Halt mich, Luc!“, flehte Severus.

Lucius schlang seine Arme um den immer noch recht schmalen Oberkörper von Severus. Er zog ihn an sich und vergrub seine Nase in den dunklen Haaren. Tief atmete er den Duft des Tränkemeisters ein. Sandelholz, Kräuter, eine gewisse Herbe, der Duft, der so typisch für Severus war. Lucius wollte ohne diesen nicht mehr einschlafen.

 

Am nächsten Morgen – beide hatten kaum geschlafen – legten sie passende Kleidung heraus und nahmen dann jeder einen Schluck von ihrem Vielsafttrank. Lucius hatte verloren beim Losen und musste nun die Frau mimen. Er nahm es kommentarlos hin und verwandelte sich in eine etwa vierzig Jahre alte, vielleicht 1,65m große Brünette mit kleinem Bauchansatz. Severus hingegen wurde zu einem knapp fünfzigjährigen, blonden Mann mit starkem Bauch und Vollbart. Er war nicht viel größer als die Frau. Schnell zogen sie die Kleidung an, die sie sich passend zauberten, und apparierten dann nach London, wo die Redaktion der ‚Hexenwoche‘ war. Sie hatten sich abgesprochen, waren nun Grant und Anna Bale. Natürlich mussten sie Zauberer und Hexe sein, ansonsten kämen sie nicht in die Winkelgasse.

Praktischer Weise war ein Café direkt gegenüber dem Eingang der Redaktion, so konnten sie gut beobachten. Und da Leon gut mit den Weasley-Zwillingen befreundet war, hatten sie einen Joker in ihrer Tasche, unauffällige Abhörgeräte, die sie nutzen konnten, um zu belauschen, was in der Redaktion gesprochen wurde. Noch mehr Glück hatten sie, als eine Konferenz begann, bei der wohl fast alle Mitarbeiter teilnahmen. Sie verließen das Café, nachdem sie bezahlt hatten, und gingen einmal um das Zeitungsgebäude herum. Durch eines der Fenster konnten sie einen Blick riskieren. Sie setzten sich auf eine Parkbank, die in Sichtweite war und fingen an, sich zu küssen. Es war die schnellste Lösung, die ihnen einfiel, um unauffällig hier sitzen zu können. Immer wieder lösten sie ihre Lippen voneinander, um sich etwas zuzuraunen.

„Der dritte von links, der mit den roten Haaren.“, murmelte Severus alias Grant. „Und der ganz hinten am unteren Tischende, der diesen auffälligen Gehrock trägt.“

„Ja, die beiden passen auf die Beschreibung.“, stimmte Lucius, jetzt Anna, zu. „Wie sicher ist der Zauber?“

„Habe noch nie erlebt, dass er falsch lag.“, kam die Antwort, bevor sich ihre Lippen wieder trafen.

Sie entschieden, dass jeder einem folgen würde, sie wollten wissen, wo sie wohnten. Es war nicht leicht, jemandem zu folgen, der apparierte, aber es war möglich. Nur wenn sie den Kamin nutzten, wurde es eigentlich unmöglich, außer ihre Abhörgeräte lieferten ihnen einen Hinweis.

Glücklicherweise war die Besprechung nicht sonderlich lange und die beiden Verdächtigen redeten noch eine Weile miteinander, aber da es dienstlich war, konnten sie daraus nichts entnehmen. Dann verschwand der Eine durch eine Tür und tauchte nicht wieder auf, war wahrscheinlich durch einen Kamin gereist oder drinnen disappariert. Jetzt konzentrierten sie sich auf den zweiten Verdächtigen. Der ging einen Raum weiter, den sie auch noch beobachten konnten. Da setzte er sich an einen Schreibtisch und begann, etwas auf ein Pergament zu kritzeln. Anschließend ging er nach unten, kam durch die Tür, und wandte sich in die Eulenpost. Es schien, als hätten sie Glück, der Rothaarige gab einen Brief auf. Jedoch konnten sie nicht erkennen, an wen der ging.

Doch sie folgten ihm, wollten wissen, wohin er ging. Beide hatten einen genauen Blick auf die Eule geworfen, die den Brief bekommen hatte, das würde ihnen helfen, wenn morgen die Post kam. Plötzlich disapparierte der Mann, und Severus reagierte sofort, wirkte einen Zauber und hängte sich an die Apparation. Das war nicht leicht und vor allem nicht ungefährlich, aber er beherrschte es gut. Am Zielort angekommen, sprach er sofort einen Illusionszauber über den Körper des Mannes, den er gerade verkörperte. Das wäre zu auffällig, wenn er erst in der Winkelgasse und jetzt hier auftauchte. Erst, als er sicher war, zu wissen, wo der Rothaarige wohnte, verschwand er und tauchte im Manor wieder auf, gerade als der Vielsafttrank langsam seine Wirkung verlor. Die Übelkeit bei der Rückverwandlung war nicht ganz so schlimm wie am Anfang, aber es war kein Spaziergang. Sie entschieden, zunächst auf ein Abendessen zu verzichten.

„Ich weiß, wo er wohnt und sogar wie er heißt.“, verriet Severus, als die Verwandlung zu Ende war. „Sein Name ist Simon Baker. Er lebt in einem Vorort von Plymouth, und in seinem Garten sind ein Sandkasten und eine Schaukel.“

Sie hatten die halbe Nacht damit zugebracht, den folgenden Tag zu planen, am Ende aber entschieden, dass sie zunächst absolut sicher sein mussten, dass der Beobachtete auch der Erpresser war. Also würden sie zuerst die Eulenpost abwarten und dann zuschlagen. Lucius und Severus waren grimmig entschlossen, nichts würde sie aufhalten können, sobald sie losgingen. Ihre Familie beschützten sie mit aller Macht. Niemand legte sich mit ihnen an. Nicht, wenn es ihre Kinder betraf. Nicht umsonst waren sie in den Reihen der Todesser gewesen, dort hatten sie Vieles gelernt, was ihr Gegner nun zu spüren bekommen sollte. In dieser Nacht schliefen sie nicht, aber sie waren sich sehr nahe.

An diesem Morgen warteten sie gemeinsam auf die Morgenpost. Severus war gar nicht erst im Labor gewesen, seine Aufträge lagen gerade still. Er hatte einfach nicht die Ruhe dafür, und dabei würden die Tränke ohnehin nicht gelingen. Auch wenn das Ministerium eine dringende Bestellung hatte, aber alle mussten warten. Wenn das hier nicht gelang, war alles vorbei.

Als die ersten Eulen auftauchten, wurden sie von zwei angespannten Männern empfangen. Die Bestätigung erhielten sie mit der dritten Eule, die hereinschwebte. Es war eindeutig die, die von dem Rothaarigen gestern losgeschickt worden war. Sie hatte ein verkümmertes linkes Ohr, das war ein klares Kennzeichen. Außerdem hatte sie ebenfalls einen blauen Ring, der sie als Eule von der Eulenpost in der Winkelgasse auszeichnete. Sie brachte einen weiteren Brief auf dem billigen Pergament.

Ach! Könnten wir doch auf einen Stuhl steigen und unser Ohr fest an den Mond pressen!
Was er uns nicht alles sagen würde!
[Jules Renard]

Schaut der Vollmond auf die Erde,
sieht er Vieles, was hinter ihm liegt.
[Raymond Walden]

Ich hoffe, Du bist zu einer klugen Entscheidung gelangt, Lucius Malfoy. Ich werde Dir einen Vertrag bei Gringotts hinterlegen, den Du besser unterschreibst, wenn Du nicht willst, dass Dein kleines Geheimnis auffliegt! Du hast drei Tage Zeit.

Dein Cousin


Severus sah Lucius über die Schulter, als er den Brief las. „Er wird ungeduldig.“, stellte er fest.

„Das macht ihn zwar gefährlicher, aber auch unvorsichtiger. Wir werden ihn heute oder spätestens morgen erwischen. Ich befürchte, heute ist er bereits in der Redaktion.“, entgegnete Lucius gefährlich ruhig.

„Wir müssen wissen, ob er der Einzige ist, der unser Geheimnis kennt. Und wie er es erfahren hat.“, wisperte Severus mit leise zitternder Stimme.

„Das werden wir. Du bist ihm in Sachen Geistmagie sicherlich meilenweit überlegen. Immerhin bist du der beste Geistmagier Englands, soweit ich weiß. Es gab nur zwei Männer, die besser waren, aber beide sind tot. Du wirst alle Antworten herausfinden, die für uns wichtig sind, bevor du sein Wissen löschst.“, beruhigte Lucius und schlang seine Arme um den zitternden Severus. „Komm. Ich bin da. Ich bleibe bei dir.“

Er zog seinen Partner auf das Sofa und hielt ihn fest. Diese Angst war lange nicht mehr deutlich gewesen. Dafür hasste der Blonde den Erpresser umso mehr. Es gab nicht viel, das den Tränkemeister so sehr erschüttern konnte, aber das hier war sicher der schlimmst-mögliche Fall. Severus biss sich auf die Lippen, um das aufkommende Schluchzen zu unterdrücken, aber Lucius kannte ihn zu gut. „Lass es raus, Liebster. Wir sind nur zu zweit, es ist niemand da.“, sprach er beruhigend auf ihn ein.

Der Tränkemeister vergrub sein Gesicht an Lucius' Schulter und bebte leise. Er gab keinen Ton von sich, aber seine ganze Haltung und die Feuchtigkeit an Lucius' Hemd zeugten von seiner immensen Verzweiflung. Nur wenige Dinge konnten Severus so sehr aus der Fassung bringen. Das hier konnte so schlimm werden, darüber wollte er gar nicht nachdenken. Wenn er diese Gedanken zuließ, dann wäre er nicht mehr in der Lage, weiter zu machen. Deshalb klammerte er sich an seinen Partner und versuchte, Kraft zu schöpfen.

Auch Lucius war mehr als beunruhigt, das hier war nicht gut. Überhaupt nicht gut. Wie kamen sie aus der Nummer wieder raus? Er wollte niemanden töten, aber gerade war er in der Stimmung dafür. Dieser Kerl wagte es, seine Familie zu bedrohen. Er würde mit allen Mitteln verhindern, dass es bekannt wurde. Er würde niemanden nach Askaban gehen sehen. Lieber tötete er und ließ denjenigen verschwinden. Wenn er keine Magie einsetzte, dann konnte das Ministerium es nicht zurück verfolgen. Ohne Leiche kein Verbrechen. Das würde keiner von ihnen überleben. Jedenfalls nicht länger als einige Tage.

Er hatte Severus schon mehrmals beinahe verloren. Am schlimmsten war die Zeit kurz nach diesem elenden Vorfall. Der Tränkemeister war abweisend geworden, keiner kam mehr an ihn heran, er hatte seine Mauern wieder aufgebaut gehabt. Als er Severus in Neuseeland gefunden hatte, zusammen mit seinem Sohn, war er ein anderer Mensch gewesen. Immer noch verschlossen anderen gegenüber, aber bei ihm hatte er die Masken abgenommen, und die Mauern waren nicht existent gewesen. Sie hatten eine Familie gegründet. Dann war – etwas über ein Jahr später – dieser Vorfall passiert, und er war kälter geworden als je zuvor. Severus hatte eine starke Depression erlebt und war am Boden gelegen, hatte sich aber lange nicht helfen lassen. Er selber hatte mehr als acht Monate gebraucht, um ihn aus diesem Loch zu holen. Lange hatte Severus nicht wahrhaben wollen, dass er immer noch geliebt wurde, dass seine Familie ihn nicht im Stich ließ. Dass er es wert war, leben zu dürfen. Es war einige Male knapp gewesen, er hatte ihn mehrmals gefunden, als er sich selbst … Nein, nicht darüber nachdenken, es war vorbei, ermahnte sich Lucius selbst. Severus war hier bei ihm und er brauchte ihn jetzt, da konnte er nicht in seine Erinnerungen abtauchen.

Aber ihm war klar, warum er gerade daran denken musste. Sollte das Ministerium davon erfahren, würde Severus nicht zögern und sich töten. Aber so, dass keiner eine Spur von ihm fand, damit die Auroren keine Handhabe hatten. Und das würden Leon und Vianna nicht verkraften. Und daran würden dann auch Draco und er selber zugrunde gehen. Nein, er konnte nicht zulassen, dass seine Familie so zerstört wurde. „Gehen wir.“, entschied er daher, als er merkte, dass Severus sich wieder ein wenig gefangen hatte. „Wir warten desillusioniert in der Nähe seines Hauses, bis er heute zurückkommt, und dann holen wir ihn uns. Wir apparieren mit ihm auf diesen Felsen, wie wir es besprochen haben und du kümmerst dich um sein Gedächtnis.“

Severus hob seinen Kopf, und seine schwarzen Augen starrten in die blauen seines Partners. Nach einem Moment nickte er entschlossen. Sie mussten es tun, es war ihre einzige Möglichkeit. Nur eine kleine Planänderung hatte Severus. „Ich nehme Leons Umhang, er hat ihn hier gelassen. Ich brauche meine Magie für die Veränderung der Erinnerung, damit sie jeder Überprüfung standhält, kann mich nicht mit einem stundenlangen Illusionszauber schwächen.“

Lucius nickte, sein Partner hatte Recht. Nur wenige Minuten später waren sie in dem kleinen Vorort von Plymouth, den Severus ausgekundschaftet hatte, und setzten sich in die Nähe des Hauses, um zu beobachten. Sie hielten Körperkontakt aufrecht, damit sie wussten, wo der jeweils Andere war, außerdem wollte Lucius sicherstellen, dass Severus nicht wieder verzweifelte. Doch der Schwarzhaarige war ruhig, konzentriert, nichts erinnerte mehr an seine Verzweiflung nur eine halbe Stunde zuvor.

Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, es war schon fast dunkel, als er endlich auftauchte. Sofort waren beide auf den Beinen und schlichen sich an den Rothaarigen heran. Lucius ergriff ihn von hinten, als Severus ihn schockte. Sekundenbruchteile später waren sie verschwunden und tauchten gleich danach auf einer Felsenklippe im Meer wieder auf. Lucius fesselte den Rothaarigen magisch, und weckte ihn dann auf. Verwirrt sah der sich um, bevor er einen Blick auf den Blonden erhaschte und seine Augen weit vor Furcht wurden. Diesen Moment nutzte Severus, der immer noch unter dem Tarnumhang war. Er drang in die Gedanken von dem Mann ein, der Simon Baker hieß.

Nach einer halben Stunde zog er sich wieder zurück und aktivierte den Portschlüssel, den Lucius dem Rothaarigen in die Hand gedrückt hatte. Erst, als der Mann verschwunden war, entspannten sie sich etwas und Lucius apparierte sie zurück ins Manor. „Was hast du erfahren?“, wollte Lucius dort wissen, als sie im kleinen Speisezimmer waren. Dort konnten sie nicht belauscht werden.

„Er ist nicht mit dir verwandt.“, bestätigte Severus die Vermutung des Blonden. Er räusperte sich und trank ein Glas Wasser, bevor er weiter sprechen konnte. „Er hat durch einen Zufall herausbekommen, was passiert ist. Er ist ein Animagus, nicht registriert übrigens. Ein kleiner Spatz. Das zeichnet ihn als Reporter aus. Er kam immer wieder hierher, nachdem wir Vianna zu uns genommen hatten, er wollte beweisen, dass sie nur aus Prestige-Gründen von uns adoptiert wurde. Meine Furcht vor Werwölfen ist im ganzen Land bekannt, auch wenn keiner wohl genau weiß, warum. Jedenfalls hat er wohl kurz nach dem Vorfall ein Gespräch von uns belauscht, als wir auf dem Balkon waren. Als du mich aus der Depression holen wolltest. Dabei hat er genug Informationen bekommen und wohl eine ganze Weile überlegt, wie er sich das Wissen zunutze machen konnte. Jetzt steckt er in der Klemme, er braucht dringend Geld, weil sein Haus hat er bereits verloren, er wohnt zwar mit seiner Familie noch darin, aber er kann seine Schulden nicht mehr bezahlen. Da kam ihm das Wissen über dich, über uns, gerade Recht. Deshalb ging es nun auch nicht mehr so versteckt, sondern er musste schnell an Gold kommen.“

„Und jetzt erinnert er sich nicht mehr daran?“, versicherte sich Lucius.

„Nein. Ich habe sämtliche Informationen aus seinem Kopf gelöscht, die uns gefährlich werden könnten. Er wird sich nun auch als Animagus registrieren, das habe ich veranlasst. Heute musste er – laut seiner Erinnerung – einen Bericht noch einmal überarbeiten, bevor er nach Hause konnte. Außer ihm weiß keiner etwas.“, beruhigte Severus.

Lucius schlang seine Arme wieder einmal eng um seinen Geliebten, bis dessen Zittern nachließ. Er entschied, dass ihnen beiden ein heißes Bad sicher gut tun würde. Vorher änderte er seinen Schutz um das Haus, sodass keine Animagi mehr in der Lage waren, unerkannt auf das Anwesen zu kommen. Es dauerte lange, bis die Anspannung bei ihnen ein wenig nachließ. Der Blonde entschied, dass sie beide über das nächste Wochenende einen Ortswechsel brauchten. Vielleicht ein paar Tage nach Neuseeland, zu ihren Söhnen? Oder das kleine Ferienhaus an der spanischen Küste? Schließlich war in Neuseeland gerade Winter. Jedenfalls brauchten sie beide eine Pause. Die letzten Tage hatten sie sehr mitgenommen.

Plötzlich ploppte es und Tippsy tauchte auf, ihre treue Hauselfe. „Meister Malfoy, Auror Shacklebolt wünscht, sie Beide zu sprechen. Tippsy hat ihn in den kleinen Salon gebracht, er wird warten.“, meldete die Elfe.

„In Ordnung. Biete ihm Tee oder Kaffee an und sag ihm, wir kommen in zehn Minuten.“, entschied Lucius.

Tippsy verschwand. Severus hatte wieder zu zittern begonnen. Lucius zog ihn in die Arme. „Ruhig. Wir wissen nicht, was er will. Du musst dich beruhigen, sonst schöpft er Verdacht. King kennt uns gut. Zu gut, in diesem Fall. Soll ich erstmal alleine mit ihm reden?“, überlegte Lucius.

Severus schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn du ihm eine Geschichte auftischen musst, dann muss ich es mitbekommen, sonst widersprechen wir uns.“

„Du hast Recht. Machen wir uns fertig.“, seufzte Lucius. Zu gerne würde er seinem Partner das ersparen, aber das konnte er einfach nicht.

Sie stiegen aus der Wanne und trockneten sich ab. Beide trockneten ihre Haare mit einem Zauber und banden sie im Nacken zusammen. Sie atmeten noch einige Male tief durch, dann gingen sie durch ihr gemeinsames Schlafzimmer und nach unten in den kleinen Salon.

„Hallo King!“, begrüßte ihn Lucius mit einem freundlichen Lächeln. „Wie geht es dir? Was verschafft uns die Ehre deines Besuches?“

„Danke, gut. Und selber? Ist wahrscheinlich nicht einfach, die kleine Prinzessin nach Hogwarts gehen zu lassen. Ging mir auch nicht anders, als meine Tochter dahin ging. Naja, inzwischen bin ich Großvater, sie hat selber zwei Kinder!“, lächelte der dunkelhäutige Auror.

„Ja, es war nicht leicht. War es noch nie. Aber sie ist zufrieden dort. Sie ist eine Gryffindor geworden.“, erwiderte Lucius im Plauderton.

„Oje, ausgerechnet!“, gluckste Kingsley.

„So etwa haben wir auch reagiert!“, schmunzelte Lucius. „Setz dich doch. Können wir dir was anbieten? Wenn du so spät noch auftauchst, dann ist es sicher wichtig.“

„Nein, danke. Der Tee reicht mir.“, antwortete Kingsley ernst. „Ich werde auch nicht lange stören, wollte nur wissen, wie Severus den Wolfsbann nach Hogwarts bringt. Oder sollen wir den Tränkelehrer der Schule damit beauftragen? Das Ministerium ist dafür zuständig, dass jeder Werwolf zuverlässig damit versorgt wird, und Minerva konnte mir da nicht weiterhelfen. Also habe ich entschieden, heute noch bei euch vorbei zu kommen, um zu vermeiden, dass ein übermotivierter Auror das macht.“

„Ich bringe ihnen den Wolfsbann immer zwei Tage vor Vollmond.“, mischte sich Severus ein. „Ich werde nicht riskieren, dass meine Tochter den Trank von jemand Anderem bekommt. Sollte ich aus irgendeinem Grund einmal nicht in der Lage dazu sein, wird entweder Draco brauen, oder aber der Tränkelehrer der Schule.“ Er war ein wenig erleichtert, dass es keinen anderen Grund für den Besuch des Chefaurors gab.

„Dann ist das in Ordnung! Ist nur eine Vorschrift, weswegen ich euch deshalb sprechen musste.“, erwiderte Kingsley freundlich. „Gehe ich Recht in der Annahme, dass Remus ihn auch von dir bekommt?“

„Natürlich, so wie schon seit Jahren!“, bestätigte Severus.

„Gut. Dann wünsche ich euch noch eine ruhige Nacht! Wir sollten uns mal wieder zum Essen treffen, das letzte Mal ist schon viel zu lange her. Gute Nacht!“, verabschiedete sich Kingsley.

„Gute Nacht!“, wünschten auch Severus und Lucius, als Kingsley durch den Kamin verschwand.

Sie zogen sich in ihr Bett zurück, um endlich ein wenig zur Ruhe zu kommen. Lucius entschied sich, seinen Partner mal wieder zu massieren, denn das hatte ihn immer sehr entspannt. Schon lange hatte er das nicht mehr gemacht, es war an der Zeit, das zu ändern. Und so eine Massage war meist auch ein wunderbar anregendes Vorspiel gewesen. Diese Nacht war für sie beide. Die Gefahr war gebannt und sie hatten ihre Familie in Sicherheit gebracht.

Zwei Stunden später lag er neben seinem Partner, der tief und gleichmäßig atmete und glitt langsam in den Schlaf. Nach den Ereignissen der letzten Tage gingen seine Gedanken zurück zu der Zeit, als Vianna etwa eineinhalb Jahre gewesen war.

Er kam am frühen Nachmittag von der Notfallsitzung des Zaubergamot nach Hause. Es war ein Witz gewesen, diese Abstimmung hätte ruhig auch noch einen Tag verschoben werden können. Der Vorsitzende wollte die Bevölkerung auf seine Seite ziehen, um politisch voran zu kommen; er hatte vor, bei der Wahl gegen Arthur anzutreten. Natürlich hatte er kaum Chancen, daher hatte er so vehement darauf bestanden, die Sitzung dringlich zu machen. Und er, Lucius, hatte dafür Severus mit seiner größten Angst alleine lassen müssen. Die ganze Nacht hatte ihn das Gesicht seines Geliebten begleitet. Ruhig und beherrscht, und doch zeigte es eine unterschwellige Angst, als er gegangen war. Severus hatte ihm beruhigend zugesprochen und ihn zur Sitzung geschickt. Hätte er sich mal krank gemeldet, aber das ließ sein Gewissen nicht zu. Auch wenn es kaum jemand glauben würde, aber Lucius Malfoy war grundehrlich. Jedenfalls so gut wie immer.

Als er die Türe zum kleinen Speisezimmer öffnete, empfing ihn eine unheimliche Stille. Er war in den Garten appariert, da es so schön war, und langsam nach drinnen gelaufen. Normalerweise war Vianna um diese Zeit schon wieder wach und hatte Hunger, auch Remus aß um diese Zeit wieder. Aber hier war niemand. Waren sie im Salon oder der Bibliothek? Oder im Labor, weil sie Heiltränke brauchten? Er dachte nicht einmal daran, die Elfen zu fragen, suchte selber nach seiner Familie. Die Schlafzimmer, der große Salon, das Labor, die Bibliothek. Nichts. Einer bösen Ahnung folgend ging er in den Keller. Als er die Tür öffnete, hörte er sofort das Gebrüll seiner Tochter. Schnell rannte er nach hinten, wo der Keller für die Verwandlung war. Remus und Vianna waren noch immer eingesperrt, obwohl die Verwandlung schon seit Stunden vorbei war!

„Remus? Was ist passiert? Wo ist Severus?“, fragte Lucius alarmiert.

Der Honigblonde hob den Kopf und sah ihn verzweifelt an. „Ich weiß es nicht.“, wisperte er. „Du musst dich um deine Tochter kümmern, ich kann sie nicht beruhigen.“

Lucius nickte und entriegelte die Tür. Er trat auf Remus zu und nahm ihm seine völlig aufgelöste Kleine aus dem Arm. Weinend klammerte sich Vianna an ihn. „Daddy weg!“, schniefte sie.

„Sch, meine Kleine. Ich bin jetzt da, und wenn es dir ein bisschen besser geht, dann suche ich Daddy. Komm, gehen wir erstmal nach oben, du musst ein bisschen schlafen.“, beruhigte der Blonde seine Tochter. „Ich gebe dir einen Trank von Daddy, damit du schlafen kannst, in Ordnung?“

„Daddy! Will Daddy!“, schrie Vianna nun.

Es gelang Lucius nur mit viel Mühe, die Rotblonde zu beruhigen. Severus war ihre Hauptbezugsperson, schon immer gewesen. Im Normalfall hatte sie auch uneingeschränktes Vertrauen zu ihm, ihrem Papa, aber wenn sie verletzt war oder große Angst hatte, dann war immer ihr Daddy wichtig. Sie nahm den Traumlos-Trank, den er ihr gab, nur widerwillig, und schlief auf der Stelle ein. Remus hatte das Ganze traurig beobachtet.

Erst als Lucius seine Tochter ins Bett gelegt und einer Elfe befohlen hatte, auf sie aufzupassen, wandte er sich zu Remus um. Er nahm ihn mit in den kleinen Speisesaal und sah ihn an. „Was ist passiert?“

„Es war erst alles wie immer. Wir haben uns verwandelt und Sunny ist herum gesprungen.“, berichtete Remus mit einem leisen Zittern in seiner Stimme. Sunny war der Name, den sie dem kleinen Wolf von Vianna gegeben hatten, so wie Remus' Wolf Moony hieß. „Sie war fröhlich und ausgelassen, bis das Gewitter kam. Da hat sie sich an der Wand versteckt und gewinselt. Das alleine wäre nicht schlimm gewesen, aber dann hat der Blitz genau in das Fenster eingeschlagen, und das Glas ist gesplittert. Ein großer Splitter hat ihr den Hinterlauf aufgeschlitzt, die Oberschenkelarterie war getroffen. Severus hat geschockt ausgesehen und panisch gewirkt. Er hat kaum noch auf mich reagiert, er hat die Tür aufgemacht und ist auf sie zugegangen. Ich habe mich in seinen Weg gestellt, sie kann es nicht kontrollieren, und in ihrer Angst und Panik würde sie ihn beißen, das war mir sofort klar. Aber Severus hat mich geschockt und auch einen Erstarrungszauber auf Sunny gewirkt. Der war aber wohl zu schwach, er hatte gerade die Blutung gestoppt und wollte Salbe auftragen, da hat Sunny zugeschnappt. Sie hat Severus gebissen!“

Lucius war während der Erzählung blasser geworden und fing nun haltlos an zu zittern. Remus drückte ihn auf das kleine Sofa. Dann erzählte er weiter. „Severus war völlig weggetreten. Er ist raus gegangen und hat die Tür mit den Zaubern wieder verschlossen. Dann erst hat er die Zauber auf uns aufgehoben und saß die nächsten vielleicht zwei Stunden starr da. Seine Augen waren weit, er hat kaum geblinzelt, sich überhaupt nicht bewegt. Dann, kurz vor der Rückverwandlung, ist er aufgestanden und disappariert. Es schien, als würde er uns überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Vianna hat seitdem die absolute Panik. Sie weiß nicht, dass sie ihn gebissen hat, und ich denke, das sollte sie auch nicht erfahren.“

„Ich muss Sev finden!“, hauchte Lucius.

„Wir werden ihn finden.“, stand Remus auf und half auch dem Blonden auf die Füße. „Denk nach, Lucius, wo könnte er sein?“

Lucius zwang sich zur Konzentration. Er musste ruhig nachdenken, leicht würde Severus es ihnen sicher nicht machen. Wo fühlte er sich wohl genug, um in diesem Moment daran zu denken? Inwieweit war es ihm noch möglich gewesen, rational zu denken? Aber dass er nicht sofort verschwunden war, sprach dafür, dass er alle Aspekte genau beleuchtet hatte. Prince Manor war nie ein Zuhause gewesen, die Todesser hatten es zerstört auf der Suche nach ihm. Das Anwesen war inzwischen verkauft, darauf stand ein Waisenhaus. Das Ministerium hatte sich gefreut, als Severus ihnen damals das Angebot gemacht hatte. Der Preis war viel zu niedrig gewesen für den Wert, den dieses riesige Anwesen an der Küste hatte, aber Severus war einfach nur froh, es los zu sein. Dahin würde er sicher nicht gehen. Spinners End war zwar eine Art Zuhause geworden, als Leon mit einzog, aber es war nie der Ort gewesen, an dem Severus gerne war, nicht wenn Leon nicht dort war. Auch das Haus war zerstört worden, als er und Severus sich endgültig von Voldemort abgewandt hatten. Die Todesser waren nicht gerade zimperlich vorgegangen. Kein Stein war auf dem Anderen geblieben. Jetzt war das kleine Grundstück ebenfalls verkauft – an Muggel. Dorthin würde er auch nicht gehen. Vielleicht in den Wald dahinter, der war ruhig und meistens leer.

Also waren Remus und Lucius dorthin appariert und hatten bis zum Beginn der Dunkelheit gesucht. Der Wald war nicht besonders groß, aber Severus war nicht dort. Sie mussten die Suche unterbrechen. In der Nacht grübelte Lucius weiter, wo Severus sein könnte. Es war Winter, und es begann zu schneien. Wenn Sev draußen war, dann hatte er keine Chance, lange zu überleben. Remus ging nach Hogwarts, er musste wieder unterrichten. Dort sprach er mit Minerva und einigen anderen Lehrern, ob sie den Tränkemeister gesehen hatten. Leon suchte ebenfalls. Nichts. Zwar hatten sie das erwartet, aber dennoch war es ein herber Schlag für Lucius und auch Leon. Am Morgen brachte der Blonde Vianna nach Hogwarts, Remus, Leon und Minerva würden auf sie aufpassen. Draco war schon nicht mehr an der Schule. Minerva erfuhr nur, dass Severus vermisst wurde, aber nichts über die genaueren Umstände. Sie glaubte, ein Streit zwischen Lucius und dem Tränkemeister sei Schuld.

Jetzt suchte er schon den zweiten Tag im verbotenen Wald. Als er in Hogwarts angekommen war, hatte ihn die Erkenntnis getroffen. Der verbotene Wald. Severus kannte ihn gut und dort war er sicher vor Muggeln und nahe seiner langjährigen Heimat. Hogwarts. Das war seit der ersten Klasse mehr ein Zuhause für den Schwarzhaarigen gewesen als Spinners End oder gar Prince Manor. Warum nur war er nicht gleich darauf gekommen? Doch der Wald war riesig, man konnte Tage dort verbringen und doch nichts finden. Hier drin war es nicht ganz so kalt und es lag kaum Schnee, aber es waren keine guten Bedingungen zum Überleben. Vor allem, wenn man verletzt war und ein schwaches Herz hatte. Lange war es nicht mehr hell, er musste ihn dringend finden, sonst war wieder ein Tag vorbei.

Da, ein leises Geräusch. Konnte es sein? Lucius lauschte. Ja, definitiv ein Wimmern. Severus würde nicht schreien, nicht, wenn er es verhindern konnte. Er kämpfte sich mühsam durch das Gestrüpp und ignorierte, dass seine Kleidung dabei zerfetzt wurde. Nur noch Severus zählte. Er spürte, dass es knapp wurde. Endlich hatte er es geschafft und das Gebüsch durchdrungen. Severus lag vor ihm, krampfte und wand sich. Er hatte sich die gesamte Unterlippe zerbissen, weil er sich vom Schreien abhalten wollte. Sein Gesicht war leicht grau, schweißgebadet und verzerrt.

Lucius sprang die drei Schritte zu ihm und kniete sich neben den Schwarzhaarigen. „Sev, Liebster! Halt durch, ich bin da.“, sprach er ihn an.

„Nein! Nicht! Muss gehen!“, keuchte Severus.

„Nein, Vianna braucht dich, ich brauche dich. Bleib bei uns, Liebster!“, flehte Lucius. „Remus hat mir erzählt, was passiert ist, es ist egal. Ich liebe dich und will dich bei mir haben! Du bist nicht anders als zuvor!“

„Sie werden sie wegsperren, wenn es herauskommt.“, schluchzte Severus auf. „Das darf ich nicht zulassen! Sie kann doch nichts dafür. Ich bin Schuld!“

Lucius ignorierte die Verletzungen des Tränkemeisters und zog ihn an seine Brust. Der Jüngere glühte vor Fieber und man konnte sehen, dass die Bisswunden stark entzündet waren.

„Du bist nicht Schuld. Du hast ihr geholfen, damit sie leben kann. Es war ein Unfall. Komm, du brauchst einen Heiler!“, redete Lucius ruhig auf ihn ein.

„Kein Heiler! Wird … verraten. Kann … nicht!“, kam es mit letzter Kraft von Severus, bevor er zusammensackte.

„Nein, Sev!“, schrie Lucius auf und apparierte nach Hause, die Arme fest um den Tränkemeister gelegt.

„Tippsy!“, rief er laut. „Hol Devon, schnell! Und nur ihn, keiner darf ihn begleiten.“

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis der Heiler endlich kam, auch wenn es sicher nur wenige Minuten waren. Sofort kniete er neben dem Verletzten und begann mit der Untersuchung und den ersten Heilzaubern. Während er ihm Tränke einflößte, wandte er sich an den Blonden. „Was ist passiert?“, fragte er in einem Ton, der keine Ausflüchte zuließ. Er wusste genau, was für Verletzungen er behandelte.

„Vianna. Sie war verletzt, an der Oberschenkelarterie. Er hat sie versorgt und den Erstarrungszauber nicht stark genug gemacht. Sie hat nach ihm geschnappt.“, hauchte Lucius. „Du darfst es nicht melden, Vianna darf nicht nach Askaban! Sie ist doch erst zwei Jahre alt. Bitte, Devon.“

Der Heiler sah ihn lange an. „Ich will auch nicht, dass sie oder ihr ins Gefängnis kommt, aber es darf nicht noch einmal vorkommen.“, meinte er dann bedächtig. „Ich weiß, dass Severus normalerweise sehr gut aufpasst, und so eine Extremsituation kommt zum Glück nicht so häufig vor, aber keiner darf jemals alleine zu ihr gehen. Ich werde die Vollmondnächte hier bleiben. Keine Widerrede, Lucius. Wenn ich für euch schweigen soll, dann geht das nur zu meinen Bedingungen.“

„In Ordnung!“, stimmte Lucius leise zu. Er zitterte am ganzen Körper vor Erschöpfung und Anspannung.

„Jetzt bringe ich Severus ins Bett, du trinkst den Beruhigungstrank hier“, er reichte ihm eine Phiole, „und dann sehe ich nach Vianna. Das wird im Übrigen auch meine offizielle Begründung, warum ich den Vollmond in Zukunft hier verbringe: Ich werde die Verwandlung im Verlauf der Wachstumsphase der Kleinen beobachten und dokumentieren, vielleicht hilft es uns dabei, eine Lösung zu finden.“

„Sie ist bei Remus in Hogwarts.“, gab der Blonde Auskunft. „Sie war völlig von der Rolle, weil ihr Daddy nicht da war, als sie sich zurückverwandelt hat. Sie erinnert sich nicht daran, ihn gebissen zu haben.“

„Hol sie her, und dann geh schlafen. Am besten nehmt ihr sie mit zu euch. Sie braucht euch jetzt. Aber vorher will ich sie kurz ansehen.“, bestimmte Devon Zabini, Heiler und Freund der Familie.

Lucius nickte und gehorchte. Wenige Minuten später war er mit Vianna auf dem Arm zurück im Manor. Er hatte Remus Bescheid gegeben, dass er Severus gefunden hatte und Devon sich um ihn kümmerte. In der Zwischenzeit hatte Devon den Tränkemeister bereits ins Bett gebracht. Schnell besah er sich die Verletzung der Zweijährigen, die er für gut versorgt befand.

„Geht schlafen, ich komme morgen Vormittag vorbei und sehe nach euch. Lucius, sei gewarnt: Wahrscheinlich wird Severus nun eine Menge durchmachen müssen, psychisch meine ich. Es kann zu einer Depression kommen und auch Suizid-Versuche kann ich nicht ausschließen. Pass gut auf ihn auf.“, warnte der Heiler.

Er verschwand ohne einen weiteren Gruß in den Flammen, und Lucius brachte ihre Tochter nur kurz ins Bad zum Umziehen und Zähneputzen, dann legten sie sich zu Severus. Vianna schmiegte sich an ihren Daddy und Lucius schlang einen Arm um beide.

Devon weckte sie am nächsten Morgen, als er Severus untersuchen wollte. „Soweit geht es ihm gut, es wird noch einige Tage dauern, bis die körperlichen Verletzungen ausgeheilt sind, und er hat eine beginnende Lungenentzündung, aber das dürfte bald verschwinden, wenn er seine Tränke nimmt. Auch die Bisswunden heilen bereits.“, stellte er zufrieden fest. „Sogar sein Herz ist wieder in Ordnung, es sind keine Folgen seiner früheren Herzschwäche mehr da. Seine Nieren arbeiten so gut wie seit Jahren nicht mehr. Aber seine Psyche, nun das wird sich zeigen. Ich kenne ihn, es wird eine schwere Zeit, bis er sein Schicksal annimmt.“

Und das wurde es. Die ersten Wochen sprach Severus überhaupt nicht. Seine Augen waren stumpf und leer, nicht einmal Vianna konnte ihn aus seiner Lethargie reißen. Der erste Vollmond war die Hölle, apathisch lag Severus vor und nach der Verwandlung in dem Keller. Sunny sprang um ihn herum und versuchte, ihn dazu zu bringen, aufzustehen und mit ihr herumzutoben, so wie es Moony immer machte, aber der tiefschwarze Wolf reagierte nicht. Mit trüben Augen starrte er ins Leere. Am folgenden Tag fand Leon, der dazu gekommen war, um seinen Dad zu unterstützen, ihn mit aufgeschnittenen Pulsadern. Gerade noch rechtzeitig. Devon konnte ihm helfen, und Leon rastete aus. Er legte einen Stillezauber auf den Raum, damit keiner mitbekam, was er seinem Vater an den Kopf warf, aber es schien zu helfen. Severus reagierte wenigstens wieder ein wenig. Er war immer noch depressiv, aber nicht mehr völlig apathisch. Er aß wieder ein bisschen mehr und begann nach der zweiten Vollmondnacht, darüber zu reden. Erst ein halbes Jahr später war er wieder einigermaßen gefasst und begann, sein Schicksal zu akzeptieren. Seither arbeitete er noch intensiver an einem Heilmittel.

Severus regte sich neben ihm, dadurch wurde Lucius wach, kam zurück in die Gegenwart. Er schüttelte die Erinnerungen ab, es war geschehen und Severus ging es wieder gut. Nur konnten sie niemanden einweihen, es war zu gefährlich. Die Gesetze besagten noch immer ausdrücklich, dass jeder Werwolf, egal wie alt, eingesperrt wurde, wenn er einen Menschen biss. Und das hatte Vianna getan. Sie wusste bis heute nicht, dass sie es war, die ihren Daddy verwandelt hatte, konnte sich an nichts Anderes erinnern, als dass ihr Daddy und Onkel Remus immer bei ihr waren, wenn sie sich verwandelte. Aber sie konnte nicht darüber reden, dafür hatte Severus gesorgt. Dieses Geheimnis musste unter allen Umständen geheim bleiben. Sie alle würden nach Askaban gehen, wenn es herauskam. Severus hatte jahrelang nicht gemeldet, dass er ein Werwolf war, Vianna hatte ihn gebissen, und Remus, Lucius, Draco, Leon und Devon hatten es verschwiegen. Sie wären verpflichtet, es dem Ministerium zu melden.

Lucius kämpfte seit Jahren dafür, die Werwolfgesetze zu ändern, hatte sogar eine entsprechende Gesetzesvorlage ausgearbeitet, aber er war bisher gescheitert, zuerst am Zaubergamot, später am Minister. Es hatte lange gedauert, den Text auch wasserdicht zu formulieren, und als er ihn dann vor einigen Monaten so weit hatte, dass der Zaubergamot der Vorlage zustimmte, war Arthur schon nicht mehr Minister gewesen. Und sein Nachfolger hatte etwas gegen Werwölfe. Am liebsten hätte er sogar noch schärfere Gesetze geschaffen. Was die Zauberwelt dazu bewogen hatte, diesen Mann zu wählen, fragte er sich ernsthaft. Bei den nächsten Wahlen in drei Jahren würde er selber kandidieren, dann könnte er etwas bewegen. Der Name Malfoy war inzwischen hoch angesehen in der Zauberwelt, nicht nur in England. Er hatte sicher gute Chancen, und jetzt, wo Vianna in der Schule war, hatte er auch ein wenig Zeit dafür. Gut, Draco müsste dann einen Teil der Geschäfte in Europa übernehmen, aber dazu war sein Sohn durchaus in der Lage.

„Luc, worüber grübelst du?“, murmelte Severus in sein Ohr und unterbrach damit Lucius' Gedanken.

„Ich hatte gerade überlegt, bei der nächsten Wahl als Minister zu kandidieren.“, antwortete Lucius ernst.

„Du wärst eine ausgezeichnete Wahl, aber bis dahin bist du meine erste Wahl!“, raunte Severus verführerisch, und unterband jeden Einwand, indem er Lucius in einen fordernden Kuss verwickelte.

Strahlend kam Lucius nach Hause. „Kommt, wir gehen essen!“, strahlte er. Er wirkte so offen wie selten, selbst, wenn sie unter sich waren.

Es waren Sommerferien, und Vianna würde bald ihr sechstes Jahr in Hogwarts starten. Sie war inzwischen Vertrauensschülerin, und ihre Verwandlungen genoss sie richtiggehend, da sie im Wald laufen konnte, zusammen mit ihrem Onkel Remus. Dass ihr Daddy daheim im Keller bleiben musste, war der einzige Wermutstropfen. Dafür hatte Lucius nun schon viele Jahre gekämpft, aber bisher keinen Erfolg verbuchen können. Vor einem Jahr hatte er sich erneut zur Wahl gestellt, und war mit überwältigender Mehrheit zum Minister gewählt worden. Die erste Wahl, zu der er sich gestellt hatte, war von Arthurs Nachfolger gewonnen worden, der damit zwei Amtszeiten hintereinander regiert hatte. Obwohl kaum jemand das verstand, denn wirklich begeistert schien niemand von ihm gewesen zu sein. Severus hatte ihn offen als 'Idioten' tituliert, der keine Ahnung von seinem Amt hatte. Oft genug hatte er sich und die englische Zauberwelt auch im Ausland blamiert, und doch war er zweimal gewählt worden. Die einzige Erklärung dafür war wohl, dass sich zunächst Arthur nicht mehr zur Verfügung gestellt hatte, weil er mehr Zeit für seine Familie wollte, und später gab es negative Stimmen gegen Lucius, der als Schwarz-Magier noch immer einen schlechten Ruf hatte. Jedenfalls in einem Teil der Bevölkerung, die noch immer gegen schwarze Magie hatten. Oder eher Angst davor, weil sie es nicht nutzen konnten und daher nicht verstanden. Inzwischen wurde schwarze Magie zwar unterrichtet, aber die älteren Zauberer hatten es nie gelernt, daher gab es Viele, die skeptisch waren. Das hatte sie damals wohl davon abgehalten, Lucius zu wählen, denn sein Gegner war ein reiner Weiß-Magier. Diesmal aber hatte sich Lucius durchgesetzt, und nun war er seit einem Jahr Minister.

Draco und Leon waren auch da, verbrachten immer noch viele Wochenenden im Manor. Sie waren heute mit ihren beiden Adoptivkindern gekommen, dem sechsjährigen Ethan und der knapp einjährigen Ellen. Die begrüßten ihren Opa erstmal stürmisch, bevor die Anderen eine Chance hatten, zu fragen. „Gibt es was zu Feiern?“, kam es von Severus und Draco gleichzeitig.

„Das kann man sagen!“, schmunzelte Lucius. Normalerweise würde er nun erst einmal um den heißen Brei herumreden, um die Spannung zu erhöhen, doch heute konnte er das auch nicht, er musste seine guten Nachrichten einfach loswerden, viel zu lange hatten sie darauf gewartet. „Das Gesetz ist durch! Die Gefahr ist gebannt!“

Severus sank auf das Sofa und bettete sein Gesicht in die Hände. Auf diesen Satz hatte er so viele Jahre gewartet, aber nicht mehr geglaubt, ihn noch zu hören. All die Jahre hatte er immer unterschwellig in der Angst gelebt, entdeckt zu werden. Seine langen, schwarzen, mit einzelnen grauen Strähnen durchzogenen Haare fielen wie ein Vorhang um sein Gesicht.

Jahrelang hatte er nach einem Heilmittel gesucht, aber erfolglos. Es würde wohl auch keines geben, denn war der Virus einmal im System, konnte er nicht mehr entfernt werden. Er war im Blut, in den Körperzellen, einfach überall. Nur, wenn man direkt nach dem ersten Biss behandelt wurde, war Heilung möglich. Zumindest das hatte Severus geschafft, und es hatte ihm einen Merlinorden erster Klasse eingebracht, dazu Anerkennung der Tränkemeister weltweit.

Aber sich selbst und seiner Tochter hatte er nie helfen können, nein, er hatte sich sogar verstecken müssen. Seit dreizehn Jahren versteckte er sein Wesen, hatte keinen Vollmond mehr gesehen außer durch das kleine, unzerbrechlich gehexte Kellerfenster. Er war nie nach draußen gegangen, aus Angst, gesehen zu werden. Seine Schultern bebten, als die Anspannung mit einem Mal in sich zusammen brach.

Leon reagierte als Erster und zog ihn in seine Arme. „Es ist vorbei, Dad, ihr seid sicher!“, versprach er. Immer wieder murmelte er beruhigend auf ihn ein, strich ihm über den Rücken.

„Sicher?“, fragte Severus schließlich ungläubig und blickte aus feuchten Augen auf.

„Sicher.“, bestätigten Lucius und Leon gleichzeitig.

Severus klammerte sich an Leon fest und schluchzte auf. Die Anspannung der letzten dreizehn Jahre fiel mit einem Schlag von ihm ab. Leon hielt ihn fest, setzte sich auf das Sofa, und zog seinen Vater noch fester in die Arme. Lucius und Draco legten ihre Hände auf den Rücken des Tränkemeisters, während Vianna sich die beiden Kleinen schnappte und in den Garten ging. Ihr Daddy brauchte nun ein wenig Ruhe.

„Ich schätze, wir verschieben das Essen!“, lächelte Leon sanft, als sein Vater erschöpft eingeschlafen war.

„Ja, das wird sicher eine gute Idee sein.“, erwiderte Lucius ebenfalls lächelnd. „Wir haben jetzt alle Zeit der Welt.“

ENDE

Autorennotiz

Das Übliche vorweg: Die Charaktere (bis auf Vianna und den später auftauchenden Simon Baker) habe ich mir ausgeliehen von der lieben und guten JKR, werde sie am Ende mehr oder weniger unbeschadet wieder zurückgeben. Ich verdiene kein Geld mit dieser Kurzgeschichte.

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

Phoenixs Profilbild Phoenix

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:7
Sätze:1.271
Wörter:15.251
Zeichen:90.688

Kurzbeschreibung

Ein kleines SpinOff von „Der Weg aus der Dunkelheit“. Wieder ein Geistesblitz, der auf einer Idee meiner Kinder basiert. Man sollte die Originalgeschichte kennen, ansonsten ist es möglicherweise recht verwirrend. Lucius erhält Briefe. Anonym und zunächst eigentlich harmlos erscheinend. Doch was dahinter steckt, ist weit weniger harmlos, denn er hütet ein gefährliches Geheimnis, das seine ganze Familie zerstören könnte, wenn es öffentlich wird. Welches Geheimnis er hütet und welche Folgen es haben könnte, zeigt diese kurze Geschichte. Viel Spaß! Pairing: LM/SS, nebenbei auch Leon Snape/Draco Malfoy (und wer jetzt nicht weiß, wer Leon Snape ist, der sollte Der Weg aus der Dunkelheit zuerst lesen!)