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Von König zu König

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22.10.2018 19:24
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

3 Charaktere

Thorin Eichenschild

Thorin Eichenschild, Thrains Sohn, ist der Erbe des Königreichs unter dem Berge, doch er wurde schon in jungen Jahren vom Drachen Smaug vertrieben. Auf Anraten des Zauberers Gandalf sucht er sich eine Reisegemeinschaft zusammen, zu der auch der Hobbit Bilbo Beutlin gehört, um Erebor zurückzuerobern. Thorin stirbt in der Schlacht der Fünf Heere.

Bilbo Beutlin

Der Hobbit Bilbo Beutlin hat sich in seinem Leben nie etwas zu Schulden kommen lassen. Bis eines Tages der Zauberer Gandalf vor seiner Tür steht und ihn mitten in ein Abenteuer mit den 13 Zwergen rund um Thorin Eichenschild schubst. Es gilt, dem Drachen Smaug den Erebor und seinen Schatz abzureißen und dafür braucht es einen Dieb: niemand geringeres als Bilbo.

Thranduil

Thranduil ist der König der Waldelben des Düsterwaldes. Er erbte die Krone von seinem Vater Oropher nach dessen Tod im ersten Ansturm auf Mordor im Krieg des Letzten Bündnisses am Ende des Zweiten Zeitalters. Er ist Legolas' Vater.

Anything you say can and

will be held against you
So only say my name
It will be held against you



„Thorin …“, fing die Stimme schräg hinter ihm leise an, sich durch die Stille zu drängen.
Um ein Haar wäre er zusammengezuckt. Doch er verhielt sich still und wagte nicht einmal zu blinzeln. Er wusste nicht mehr, wie viele Stunden er hier unten verbracht hatte.
Es fühlte sich an, als seien es hunderte gewesen.

Alles, was ab und an die Stille durchbrach, war das lauter werdende Knurren seines Magens und das leise Atmen einer weiteren Person im Raum.
Er hörte, wie die Person näher kam, auf leisen, bloßen Sohlen, so sehr ihr Besitzer sich auch Mühe gab, kein Geräusch zu machen. Die Totenruhe nicht zu stören.

Ein hartes Schlucken hinter ihm.
„Thorin …“ Der Hobbit räusperte sich und seine Stimme klang heiser.
„Die … die anderen warten. Auf … auf dich, weißt du, sie wollen …“
Bilbo sprach nicht weiter. Er stand nun unmittelbar neben ihm, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Thorin musterte ihn aus dem Augenwinkel.
Nicht einmal die Wut, die er auf den Hobbit empfinden sollte, schaffte es, durch die Betäubung zu dringen, die sich in seinem Kopf ausgebreitet hatte.
„Dann sollen sie warten. Soll Dáin …“

Dáin sollte all die Dinge tun, die die Zwerge, Menschen und Elben dort oben von ihm erwarteten. Er würde nicht zu ihnen gehen. Er würde diese Aufgabe nicht übernehmen. Sie stand ihm nicht zu. Er musste hierbleiben. Er konnte nicht gehen.
Sein Blick wanderte zurück zu den beiden schweren Steinsärgen, die hier im Halbdunkel standen. Sie waren aus hellerem Granit als die übrigen zwei Dutzend, die schon hier standen. Die Oberfläche des Sargdeckels war glatt und unbehandelt. Sie hatten keine Zeit gehabt, das Antlitz derer, die darin lagen, in den Stein zu meißeln, auf das man sie niemals vergaß.

Er musste bei ihnen bleiben. Und er konnte nicht nach dort oben gehen und so tun, als wären die Ereignisse vor ein paar Stunden niemals geschehen.

Thorin drehte den Kopf. Bilbo stand noch immer reglos neben ihm, als wolle er ihm Gesellschaft leisten. Um ein Haar hätte der Zwerg gelacht. Hatten sie ihn erneut zu ihm geschickt. Hatten die anderen Bilbo erneut ausgewählt, eine Aufgabe zu erfüllen, die auf den ersten Blick zu groß und gefährlich für den kleinen Kerl wirkte. Und die er doch meistern würde, wenn er sich selbst erst einmal überwunden hatte. Doch das würde nicht geschehen.

„Weißt du schon, was du mit deinem Anteil machst?“, wollte er schließlich leise wissen. Seine Stimme klang, als käme sie unmittelbar aus einer der Grabkammern vor ihm.
Bilbo zuckte zusammen und der Zwergenkönig sah, wie er bis zu den Haarspitzen errötete.
„Ich … ich denke nicht, dass mir noch etwas zusteht, nach allem, was ich …“ Bilbo senkte den Kopf.
„Es … es tut mir leid, Thorin! Ich weiß, ich hätte nicht …“

Thorin hob eine Hand. Jede Bewegung kostete unglaublich viel Kraft, und doch verstummte sein Meisterdieb auf der Stelle. Die Wut, die eben noch versucht hatte, sich ihren Weg durch die Betäubung zu bahnen, verrauchte.
„Lass es gut sein. Dir steht dein Vierzehntel genauso zu wie allen anderen.“
Mit einem plötzlichen Aufflammen von Schuld blickte Thorin dem Hobbit in die Augen.

„Ich sage das nicht zu jedem und bei Mahal auch nicht oft, aber … Mir muss es leid tun. Dass ich dich von der Mauer werfen wollte und all das. Ich wusste nicht, was ich tat.“ Er rieb sich über die Stirn, als würde es dadurch besser – das wurde es nicht – und schaute dann wieder zu den Gräbern.
Bilbo schwieg einen Moment.
„Ich weiß, dass es nichts mehr hilft, aber … ich würde jede Münze meines Anteils und selbst das Mithrilhemd zurückgeben, wenn ich dafür noch einmal die Zeit zurückdrehen könnte. Wenn doch nur wieder gestern wäre, oder noch lieber dieser Tag im April, an dem Gandalf vor mir stand.“
 

I want to teach you a lesson in the worst kind of way
Still I'd trade all my tomorrows for just one yesterday



„Ich würde ihn stehen lassen und die Tür fest zumachen. Und wenn ihr alle dann vor meiner Tür stündet, dann würde ich euch ausreden, was ihr vorhabt!“
Thorin schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. Wie oft hatte er sich in den vergangenen Stunden gewünscht, all das wäre nie passiert? Er sollte hier unten liegen, regungslos und schweigend in einem steinernen Sarg, nicht seine Neffen.
War es nicht einer Rüstung ähnlich der, die Bilbo eben noch verflucht hatte, zu verdanken, dass Azog ihn nicht hatte töten können. Stattdessen steckte der Kopf dieses Scheusals nun auf einem Pfahl vor den Toren des Erebor, und Thorin erfüllte es mit grimmiger Befriedigung.

„Ich bin froh, dass du es nicht getan hast“, erwiderte Thorin leise und wandte sich wieder von Bilbo ab. Er spürte, dass der Hobbit noch etwas sagen wollte, doch stattdessen schwieg er. So lange, dass es Thorin vorkam, als wolle er nie wieder gehen.
„Sag den anderen, ich komme nicht wieder nach oben.“
Er hörte, wie Bilbo einen Schritt von ihm wegmachte.
„Aber Thorin …“
Der Zwerg schloss die Augen und sperrte den Hobbit aus seinem Bewusstsein aus.
„Geh, Bilbo. Geh einfach.“

Zwei Herzschläge vergingen, dann entfernten sich Schritte die Treppe zum Thronraum nach oben.
 

*


 

Anything you say can
And will be held against you



Die steinerne Tür schwang mit einem dumpfen Donnern hinter ihm ins Schloss und als Bilbo aufschaute, blickte er in ein Dutzend erwartungsvoller Gesichter.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Laut kam hervor. Er hasste es so sehr. Warum machte man ihn immer zum Hiobsbotschafter? Die freudig-erwartungsvollen Blicke der übrigen Gefährten der Gemeinschaft taten körperlich weh. Gandalf blickte ihn unter zusammengezogenen Augenbrauen an, die Miene des Elbenkönigs ließ keine Regung erkennen. Er war der Einzige, der saß. Auf einem niedrigen Schemel, was ihn sehr wenig königlich aussehen ließ und vermutlich zu seiner Verärgerung beitrug.

„Und? Was hat er denn gesagt?“, wollte Dwalin wissen. Bilbo seufzte. Immerhin fragte niemand, wie es Thorin ging, ob seelisch oder körperlich, aber das musste auch niemand. Es war offensichtlich.

„Er sagt …“ Bilbo holte tief Luft und fühlte sich plötzlich wie damals kurz vor Betreten des Düsterwaldes.

„Gandalf, ich habe in dem Orkstollen etwas gefunden.“
„Was hast du gefunden?“
„Meinen … Mut.“


Der Blick, den der Zauberer ihm unter seinen buschigen Augenbrauen zuwarf, war genau der gleiche wie damals. Bilbo fühlte sich schlecht.
„Er sagt, er kommt nicht wieder nach oben.“
Der Hobbit sprach nicht aus, dass es sich für ihn so angehört hatte, als habe Thorin vor, dort unten zu bleiben, bis er selbst zu Stein geworden war. Es gefiel Bilbo ganz und gar nicht, aber bei sich dachte er, dass irgendjemand vielleicht besser einen dritten Steinsarg vorbereitete, denn den würden sie benötigen, wenn nicht schnell jemand handelte.

Die freudige Erwartung um ihn herum erstarb schlagartig.
Keiner der Anwesenden wusste oder wagte etwas dazu zu sagen.

„Nun“, erhob sich schließlich Thranduil von seinem Sitz und warf selbigem einen missbilligenden Blick zu, ehe er sich wieder zu den anwesenden Zwergen, dem Zauberer und dem Hobbit wandte.
„Wenn sich von euch keiner traut, ihn heraufzuholen, werde ich das erledigen.“ Seine Gewänder raschelten, als er zwei Schritt auf die Tür zumachte, durch die Bilbo soeben gekommen war. Der Elbenkönig trug noch immer seine Rüstung, die vom Blut seiner Feinde gesprenkelt war, und das verlieh ihm ein noch ehrfurchtgebietenderes Aussehen, fand zumindest Bilbo.

Doch der Elbenherrscher hatte die Tür noch nicht ganz erreicht, da stellten sich ihm schon Dwalin und Glóin in den Weg, die Äxte gezückt. Sie mussten wissen, dass es ihnen nichts nützen würde. Doch Bilbo hoffte, dass Thranduil davon absah, heute weiteres Zwergenblut zu vergießen.

„Ihr werdet ganz sicher nicht durch diese Tür gehen!“, knurrte Dwalin, doch sein Bruder hielt ihn am Ärmel zurück, ehe er noch einen Versuch unternehmen konnte, mit der Axt nach dem Elbenkönig zu schlagen.

Thranduil lächelte kalt.
„Ich kann mir denken, dass es für Euch nicht einfach sein muss, Meister Dwalin, aber ich habe nicht ewig Zeit. Eure Heimat ist gerettet, also gehe ich davon aus, dass ich nun bekomme, was mir zusteht. Sofern König Thorin will“, er sprach das Wort ‚König‘ so höhnisch aus, wie er konnte, „kann er die restlichen Jahrhunderte seines Daseins damit verbringen, dort unten zu sitzen und zu trauern.“
Er schob Dwalin einfach beiseite und ließ sich auch von dem wütenden Knurren des Zwerges nicht abschrecken.

„So wie Ihr, vermute ich.“
Beim Klang von Balins Stimme wandte der Elbenkönig sich herum. Feuer loderte für einen Moment in seinen Augen, dann verlosch es wieder.
„Ja, Meister Zwerg. So wie ich. Ihr anderen mögt hier bleiben, bis die Welt sich gewandelt hat, aber ich habe lange genug gewartet.“
Mit diesen Worten zog er die Tür auf und ließ sie hinter sich wieder ins Schloss fallen.
 

*


 

I want to teach you a lesson in the worst kind of way
Still I'd trade all my tomorrows
For just one yesterday



Erneut ging die Tür über ihm auf und wieder zu. Das dicke Gestein hatte zuverlässig alle Geräusch von draußen ausgesperrt, und so hatte Thorin nicht hören können, was draußen vor sich ging. Kam Bilbo etwa noch einmal zurück, um ihn zu zwingen, nach oben zu kommen?

„Wisst Ihr, ich habe nicht ewig Zeit.“
Um ein Haar hätte er den Hobbit verflucht. Von allen Personen, die er ihm hier hinunter hätte schicken können, hatte er sich ausgerechnet denjenigen ausgesucht, den er auf gar keinen Fall hier sehen wollte.

„Ich dachte, Ihr wäret unsterblich“, erlaubte Thorin sich ein schmerzhaftes Grinsen.

Er hörte Thranduil seufzen, bevor der Elbenherrscher sich neben ihm auf dem Felsblock niederließ, so nah, dass ihre Gewänder sich berührten. Thorin musterte den blonden Elben für einen Moment von der Seite, dann wandte er den Blick wieder ab. Er kannte bereits jede eingeritzte Rune, jeden Riss im Gestein, jedes Staubkörnchen. Und doch konnte er nicht woanders hinschauen, als könne er Fíli und Kíli mit Blicken dazu bringen, zum Leben zu erwachen.

„Wisst Ihr noch, was ich einst zu Eurem Großvater sagte, über den Schmuck?“
Und wie Thorin das noch wusste. Aber warum war das jetzt wichtig?
„Wenn Ihr das Kistchen immer noch wollt, müsst Ihr in die Schatzkammer gehen. Aber da wünsche ich fröhliches suchen.“
Thranduil schnaubte.
„Keinen Fuß setze ich auf das verfluchte Gold und keine Münze wird ihren Weg in meine Taschen finden, Zwerg. Ich möchte mein Volk nicht genauso zugrunde richten wie Ihr.“

Wutschnaubend flog Thorins Blick zu ihm herum.
„Zugrunde richten?“, knurrte er. „Ihr habt kein Recht …“
Thranduil zeigte sich unbeeindruckt ob des kommenden Wutausbruches.
„Nun, vielleicht mag ich kein Recht haben, Euch zu belehren. Aber war es nicht das Gold, das den Drachen anlockte?“
Thorin biss die Zähne zusammen.
„War es nicht das Gold, das Euch herführte, auf diese aberwitzige Fahrt, die mit dem Tod so vieler Eurer Freunde endete?“

„Sagt mir, wie viele Leben habt Ihr verloren, die Euch lieb und teuer waren, seit der Drache kam?“
Thorin schloss die Lider und biss die Zähne so fest zusammen, dass es knirschte.
„Meine Finger und Zehen reichen nicht aus, sie alle zu zählen.“

Erneut fiel Schweigen zwischen ihnen. Draußen musste es längst dunkel sein, und eigentlich wäre es Zeit, ihren Sieg mit einem Fest zu feiern. Doch nun konnte niemandem nach Feiern zumute sein.

„Das ist es doch, was Ihr wolltet, oder nicht? Habt Ihr nicht gesagt, wir sollten es erst wieder wagen, an Eure Tür zu klopfen, wenn ein jeder von uns gelernt hat, was Schmerzen sind?*
Thranduil schwieg einen Moment.
„Das habe ich gesagt. Weil ich wollte, dass Ihr ein kleines Bisschen nachfühlen könnt, was ich fühle. Die Wahrheit ist nämlich – und ich hätte nie gedacht, dass ich das ausgerechnet Euch gegenüber zugebe – dass ich besser als jeder andere nachvollziehen kann, wie Ihr Euch nun fühlen müsst.“

Thorin erwiderte nichts und wünschte sich bloß, der Elb möge verschwinden. Dass er gar nicht da sei, nur eine Ausgeburt seiner Phantasie, eine Nachwirkung der Drachenkrankheit.
„Als ich Euch damit beauftragte, die Schmuckstücke für meine Gemahlin zu fertigen, dachte ich, ich könnte sie ihr vor der Schlacht überreichen.“
Aus dem Augenwinkel sah der Zwerg, wie der Elb die Fäuste ballte.
„Aber dann haben Eure Schmiede und Handwerker sich Zeit gelassen. Zu viel Zeit. Als ich zu Euch kam, um die Steine einzufordern, war meine Gemahlin schon von mir gegangen.“

Thorin spürte, wie in seinem Gesicht ein Muskel zuckte.
„Als ich zu Euch kam, an dem Tag, an dem unsere Freundschaft endete, wollte ich die Steine als Erinnerung erhalten. Ihr habt sie mir nicht geben. Euer Großvater hat mir das letzte Stück Erinnerung an meine Gemahlin verwehrt.“
Thorin hob den Kopf.
„Ihr habt einen Sohn, oder nicht? Er sollte Euch Erinnerung genug sein.“

Thranduil neben ihm bewegte sich, sodass sein Gewand raschelte.
„Und das ausgerechnet von Euch“, murmelte er, ehe er den Blick wieder abwandte.
„Falls Ihr nur hier seid, um mir Vorwürfe zu machen, könnt Ihr wieder gehen.“
Der Elbenkönig schaute ihn an und stand auf.
„Eigentlich bin ich aus einem anderen Grund hier. Ihr hattet nicht ganz Unrecht, als Ihr die Steine erwähntet: ich bin tatsächlich wegen der Bezahlung hier.“
Thorin schnaubte.

„Wie ich schon sagte, geht nach oben und nehmt Euch …“
Thranduil schnitt ihm mit einer raschen Handbewegung das Wort ab.
„Ich komme nicht ganz aus eigenem Antrieb. Ich bin auf Bitte der Menschen von Esgaroth hier. Mit Bard redet Ihr ja nicht.“
Thorin schnaubte wütend.

„In der Tat. Ich sagte es Bard bereits: Mit Leuten, die um etwas feilschen wollen, das rechtmäßig mir gehört, rede und verhandele ich nicht. Richtet ihm das aus.“
Der Elbenkönig erhob sich und blieb vor ihm stehen. Er überragte Thorin um mehrere Haupteslängen und beugte sich nun drohend über ihn.
„Ich bin nicht der Bote des Königs, Nauco!“

Der Zwergenkönig verstand immerhin genug der elbischen Sprache, um bei dieser Beleidigung wütend zu knurren.
„Wir wollen auch nicht vergessen, wessen dummer, unüberlegter Äußerung wir all das hier verdanken, nicht wahr?“, machte der Elbenherrscher unbarmherzig weiter, und die Miene des Zwergenkönigs verdüsterte sich nur noch mehr.
Der Elb neigte den Oberkörper wieder zurück, um Thorin nicht ganz so drohend auf den Leib zu rücken.

„Es ist also meine Schuld, ja? Sagt es doch frei heraus!“
Thorin wurde mit jedem Wort, das er sprach, lauter, bis seine Stimme von den Steinwänden widerhallte. Selbst die Zwerge, die oben in der Halle standen, mussten ihn nun hören.
„Wisst Ihr, was ich tun würde, wenn ich könnte? Ich würde diesen verfluchten Goldschatz Stück für Stück hergeben! Alles, bis zur letzten Münze würde ich herschenken, an jeden, der kommt und seinen Teil fordert, wenn ich dafür nur …“
Der Rest des Satzes erstarb in seiner Kehle, als er zurück zu den Gräbern schaute. Seine Kehle schnürte sich zu und er musste das Brennen hinter seinen Lidern hektisch wegblinzeln.

„Nun, dann sind wir schon einmal einen Schritt weiter.“
Thranduil hielt ihm eine Hand hin.
„Ihr geht jetzt mit mir nach oben. Ihr werdet Bard seinen Teil geben, wie Ihr es versprochen habt. Ihr werdet Eure Gefährten und ganz besonders Herrn Beutlin auszahlen. Und Ihr werdet Männer zusammentrommeln, die beim Wiederaufbau von Esgaroth helfen.“
Sein Blick bohrte sich unnachgiebig in Thorins, bis der Zwerg schließlich wegschaute.

„Sobald Ihr die entsprechenden Befehle gegeben habt, lasse ich Euch in Frieden und Ihr könnt herkommen und zehn, zwanzig oder einhundert Jahre trauern, wenn Ihr dies wünscht. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass Ihr Euch für Euer Volk zumindest für eine Weile am Riemen reißt.“
Thorin musterte die ihm dargebotene Hand für einen Moment mit tränenverschleiertem Blick, ehe er schwer schluckte und sie ergriff.

Thranduil zog ihn von dem Felsblock hoch und ergriff Thorins Schwert, das die ganze Zeit über neben dem König gelegen hatte, mit der anderen Hand.
„Das hier nehme ich an mich, wenn Ihr erlaubt“, sagte er zu dem protestierend dreinblickenden Zwergenkönig.
„Ehe Ihr Dummheiten damit macht.“

Das Schwert in der einen Hand, wandte Thranduil sich ab und lief die Treppe wieder nach oben. Thorin blieb noch einen Augenblick stehen und warf einen letzten Blick zu den schweren Steinsärgen.
„Kommt Ihr jetzt? Sie werden schon nicht weglaufen. Sie sind immer noch hier, wenn Ihr wiederkommt, wisst Ihr?“

Thorin schluckte und ertappte sich dabei, wie er nickte.

Dann wandte er sich herum und folgte dem Elbenkönig die Stufen nach oben.


 

ENDE

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Eremon Vor 6 Tagen, 4 Stunden und einer Minute
Huhu,

ich finde es toll, dass mal nur einer überlebt - ist auch für mich was ganz neues, weil ich bin jetzt noch nie eine solche Fanfiction gefunden habe - und Thranduil mal eine tragende Rolle in der Trauerbewältigung übernimmt und nicht Bilbo oder andere Mitglieder der Company. Das gibt auch ne ganz andere Dynamik, die fast nie dargestellt wird, nämlich dass es einen Grund für ihre Feindschaft gibt und nicht nur dieser uralte Hass.

LG Eremon

Autor

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Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Sätze:198
Wörter:2.896
Zeichen:16.358

Kurzbeschreibung

Die Schlacht der fünf Heere ist anders ausgegangen als erwartet. Niemand vermag es, zu Thorin durchzudringen, der allein in den Grabkammern des Erebor sitzt. Doch wenn es seine Freunde nicht schaffen, gelingt es vielleicht seinem Feind?

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre), Schmerz und Trost und Alternativuniversum getaggt.