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Severus Snapes schlimmstes Jahr

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17.1.2018 16:49
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Charaktere

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

„Severus …“*

Verdammt, nein. Bitte nicht. Es ist falsch, es darf nicht sein. Dieser dumme Bengel, warum nur? Grob schubste ich ihn aus dem Weg. Auch wenn Draco mein Patenkind war. Oder gerade deswegen. Vielleicht konnte ich ihn damit noch ein wenig länger schützen. Als ob es etwas brachte, aber ich musste es einfach versuchen. Die Todesser, sogar Greyback wichen zurück. Meine Miene schien die Entschlossenheit auszustrahlen, die ich innerlich vermisste. Ich konnte das hier nicht einfach tun. Seit Monaten wusste ich, dass genau das hier auf mich zukam, und doch – ich kann das nicht. Nur mit Mühe unterdrückte ich einen gequälten Aufschrei.

„Severus … bitte …“*

Seine Augen bohrten sich in meine. Ich öffnete meine Barrieren, weder die Carrows noch Greyback oder der Kerl, den sie mitgebracht hatten, beherrschten Okklumentik, somit auch keine Legilimentik. Draco stand zu sehr unter Schock, er würde nichts mitbekommen. Mein Mentor, mein Vaterersatz – ja, das war Albus für mich – er wollte mir noch etwas mitteilen. Wie ein Wasserfall fluteten Bilder, Gefühle und Fragmente von Erinnerungen auf mich ein. So schnell, ich konnte es gar nicht erfassen. Wir hatten keine Zeit und Albus machte es so schnell wie irgend möglich. Mein Kopf drohte zu platzen, aber ich musste ruhig bleiben, keiner durfte etwas merken. Ich biss die Zähne zusammen und ließ zu, dass Albus weitermachte.

Meine Gefühle, die durften nicht sein. Aber ich konnte doch nicht einfach meine Gefühle ausschalten. Ich sollte meinen Mentor töten, den Menschen, der mir, von Lily abgesehen, am meisten bedeutete. Während ich langsam, widerstrebend, den Zauberstab hob, gingen meine Gedanken zurück. Letztes Jahr im Sommer hatte er mir einen Patronus mit einem Hilferuf geschickt. Ich fand Albus in seinem Büro, er sah nicht besonders gut aus. Zitternd, leichenblass, schmerzverzerrtes Gesicht. Dabei strahlte er eine unwahrscheinliche Schwäche aus. Sofort wusste ich, dass er einen dunklen Fluch abbekommen haben musste. Welchen konnte ich nicht gleich sagen, aber man konnte sehen, wie schwer er getroffen war. Warum hatte er den Ring aufgesteckt? Der alte Narr. Ich war so unendlich wütend, warum musste er sich selbst so zurichten? Er war sonst so schlau, warum konnte er nicht nachdenken? Nun sollte ich es richten, aber ich konnte es nur verlangsamen. Das ganze Jahr musste ich ihm beim Sterben zusehen. Wie oft hatte ich ihm in den letzten Monaten angeboten, ihm einen Trank zu brauen, dass er sich am Ende selbst töten kann? Aber nein, er musste noch so viel erledigen, Potter noch so viel beibringen. Deshalb bat er mich nun darum, es zu tun, ihn zu töten. Irgendetwas war da noch, aber ich konnte es nie richtig fassen. Nur spüren, dass er noch einen Plan hatte, den er nicht mit mir teilen wollte.

In mir schrie alles danach, den Zauberstab gegen die Todesser zu richten, um Albus zu retten. Nur ich selbst sah das Zittern. Nein, nicht nur ich.

»Severus, es ist gut. Ich weiß, ich verlange viel von dir, aber du bist der Einzige, den die Kinder bald noch haben. Schütze sie. Wenn du dir das Vertrauen Voldemorts nicht erwirbst, kannst du nichts tun. Er wird dir mehr als allen anderen, viel mehr als bisher vertrauen, wenn du mich jetzt erlöst. Bitte, mein Junge, tu mir diesen Gefallen: Erlöse mich. Von meinen Schmerzen und der Schwäche. Ich spüre den Tod lauern, er quält mich. Töte mich, rette die Kinder, schütze Harry, wie du es einst Lily versprochen hast.«

Lily. Er hatte mich. Einen Moment schloss ich die Augen, dann riss ich sie wieder auf. Niemand durfte mir etwas anmerken. »Verzeih mir. Vater.« schickte ich ihm meine Gedanken. Ein letztes Mal blickte ich geradewegs in die hellen, blauen Augen. Nur ich sah das überraschte und irgendwie amüsierte Funkeln in seinen Augen und die Andeutung eines erleichterten Lächelns.

„Avada Kedavra!“*

Der grüne Lichtblitz, er traf ihn mitten auf der Brust. Ich wollte schreien, doch ich war gezwungen, still zuzusehen, wie Albus stürzte. Ich habe ihn erlöst, ich habe ihm Schlimmeres erspart! Das versuchte ich mir einzureden. Ich habe ihn getötet. Das sprach die lautere Stimme in mir. Etwas in mir zerbrach in tausende Stücke, doch ich presste die Lippen zusammen. Ich verschloss meine Gefühle tief in mir, das hier war noch lange nicht zu Ende. Draco schien tatsächlich unter Schock zu stehen, ich musste ihn mit mir ziehen, als ich den Anderen nach unten folgte. Dieser Kerl, dessen Name ich nicht einmal kannte, war zu langsam, wir waren vor ihm unten. Entweder, es war noch jemand auf dem Turm gewesen oder er war nicht in der Lage, Treppen zu steigen, denn er fiel nach unten. Hatte Albus etwa …? Er hatte mit Potter das ganze Jahr über zu tun gehabt, auch wenn er mir nicht mehr darüber gesagt hatte, als dass es Potter helfen würde, gegen den Lord anzukommen. Als ob ein nicht einmal volljähriger Junge mit sechs Jahren Zaubererfahrung gegen den dunklen Lord ankommen könnte, wenn nicht einmal Albus es schaffte, der einer der stärksten Magier dieser Zeit war. Verdammt, wenn der Bengel dort oben war, hatte er alles gesehen. Mir wurde schlecht, so etwas sollten Kinder nicht sehen!

Ich rief die Todesser zurück, sie sollten nicht in der Schule bleiben. Die Kinder schützen, das hatte ich Albus versprochen und das wollte ich auch tun. Ich war gerade deren einzige Hoffnung, auch wenn es keiner wusste, keiner wissen durfte. Und jetzt musste ich auch noch Draco hier weg bringen, der Junge brauchte Betreuung. Er war sicher, dass sein Versagen das Todesurteil für seine Eltern sein würde. Das hatte der Lord ihm immer wieder klargemacht. Und Bellatrix hatte in die gleiche Kerbe geschlagen. Ich war nicht so sicher, glaubte aber, dass der Lord ihn zwar bestrafen, aber letztlich verschonen würde. Die Malfoys waren lebend viel mehr für ihn wert, immerhin finanzierten sie ihn zu weiten Teilen. Doch Draco schien das nicht zu erkennen. Mit vor Angst und Panik geweiteten Augen starrte er mich an, während ich ihn mit mir zerrte. Warum nur hatte er kein Vertrauen mehr zu mir? Hatte ich meine Rolle zu gut gespielt? Er nahm mir offenbar den treuen Todesser genauso ab wie jeder andere.

Ich riss meine Gedanken von Draco los und kam zurück zu dem Goldjungen. War Potter wirklich auf dem Turm gewesen? Wie viel wusste er? Würde er so dumm sein, uns zu verfolgen? Natürlich, das würde er. Ich schnaubte, der Bengel war absolut berechenbar. Er würde Rache wollen für den Tod Dumbledores. Narr. Als würde Dumbledore so einen Plan nicht bereits von Anfang an für seine Zwecke umformen. Natürlich wusste er schnell, was Draco tun sollte. Hatte es von mir erfahren, wie so viele Dinge zuvor. Nur war es diesmal auch mein Verderben. Ich wusste, dass Potter schon am Anfang des Schuljahres Verdacht geschöpft hatte, Dumbledore – Albus – hatte es mir gesagt. Ich sollte Draco im Auge behalten. Als ob mein Patensohn das zulassen würde. Niemals. Das war mir von Anfang an klar gewesen, aber Albus hatte immer weiter gehofft. Umsonst. Beinahe hätte es diese beiden Gryffindors erwischt. Unschuldige Schüler. Auch wenn ich Gryffindors nicht mochte, sie runtermachte, wann immer ich eine Gelegenheit hatte, aber das wünschte nicht einmal ich ihnen. Ich durfte mir keine Gefühle erlauben, schon gar nicht Gryffindors gegenüber. Meine Stellung als Spion war immer in Gefahr, ich musste überzeugen beim Lord. Dummerweise glaubte mir dafür im Orden kaum jemand. Nur Albus stand vollkommen hinter mir. Moody wusste die Informationen zu schätzen, gab aber sonst nicht viel auf mich. Lupin vertraute Albus und damit auch mir. Jetzt wahrscheinlich nicht mehr. Alle Anderen wirkten immer skeptisch, wagten es aber nie, gegen mich zu sprechen, wenn Albus dabei war.

„Schneller, Draco!“, drängte ich meinen Patensohn, als wir das Portal hinter uns brachten. Irgendeiner der Todesser griff Hagrids Hütte an, doch wie es aussah, schaffte der Wildhüter es alleine. Ich durfte mich nicht verraten, auch wenn ich Hagrid sehr schätzte. Persönliche Gefühle mussten warten. Ich hatte eine Mission, die ich erfüllen musste, wie seit über fünfzehn Jahren. Niemand durfte hinter meine Maske sehen, kein Zweifel durfte aufkommen. Niemals, das wäre mein Todesurteil. Schon lange spielte ich dieses Spiel, aber bisher hatte ich immer eine Person gehabt, bei der ich mich nicht verstellen musste, ich selbst sein durfte. Albus fehlte mir bereits jetzt, aber ich musste gerade an Draco denken und die vielen Leben, die von meinen Entscheidungen abhingen. Daher zwang ich mich, ruhig zu bleiben und meine Gefühle vergrub ich tief in mir.

Plötzlich zischte ein roter Lichtstrahl an mir vorbei. Ich schob Draco vorwärts. Den Jungen wollte ich um alles in der Welt beschützen. Niemand, nicht einmal er selbst, wusste, wie viel er mir wirklich bedeutete. Nach Lily war er der wichtigste Mensch in meinem Leben.

„Lauf, Draco!“**

Potter stand nicht weit entfernt, versuchte, mich zu verfluchen. Ich konnte sein „Cruc …“** leicht abwehren, brauchte nicht einmal einen Zauber dafür aussprechen. Er versuchte es ein zweites Mal. Ich verstand ihn ja, würde selbst wohl nicht anders reagieren in seiner Lage, aber er durfte nichts wissen. Nicht von meiner Liebe zu seiner Mutter, nichts davon, dass ich ihn schützte, wann immer ich konnte. Er hatte es mir nie leicht gemacht und es würde nur noch schwerer. Und doch würde ich alles tun, damit er sicher war. Für Lily, aber auch für alle Menschen auf der Insel. Der Junge hatte wahrscheinlich die gleichen Lasten auf seiner Schulter wie ich, aber er hatte Freunde, die ihm beistanden. Um meine Sorgen zu überdecken verzerrte ich meine Züge zu einem Grinsen.

„Keine unverzeihlichen Flüche von dir, Potter! Du hast weder den Mut noch die Fähigkeit …“**

Er unterbrach mich, versuchte mich zu fesseln. Erbärmlich und erschütternd. Wie sollte dieser Junge gegen den Lord ankommen? Und doch musste ich meine Hoffnung in ihn setzen. Warum, Albus? Was wusstest du, was ich nicht weiß? Welche Pläne hast du noch immer mit uns? Wie kann ich das unterstützen? Was soll ich tun?

„Wehr dich!“, schrie er mich an. „Wehr dich, du feiger …“**

Wütend schrie ich zurück, diese Emotion konnte ich gerade nicht unterdrücken. Zu viel wühlte es in mir auf. Dieser Teil meiner Vergangenheit, den ich am liebsten aus meinem Kopf löschen würde.

„Feigling hast du mich genannt, Potter? Dein Vater hat mich nur angegriffen, wenn sie vier gegen einen waren, wie würdest du ihn wohl nennen?“**

Dieses dumme Kind. Und ich sollte, wollte, ihn dennoch beschützen. Der Idiot hatte einfach immer noch nicht kapiert, dass er seine Flüche und Zauber nicht aussprechen durfte. Ich verhöhnte ihn, vielleicht verstand er es sogar, wenn ich ihm auf die Art einen Tipp gab. Ich durfte mich nicht verraten. Erneut verschloss ich die Gefühle tief in mir, befahl den Todessern, endlich zu verschwinden. Wir mussten hier weg, sonst würden noch mehr Kinder zu Schaden kommen. Ich hatte Albus versprochen, die Kinder zu beschützen. Und dabei gleichzeitig meine Rolle zu behalten. Albus, was verlangst du von mir? Es war so schwer, und doch würde ich all das auf mich nehmen, um meine Schuld tilgen zu können. Nie wird es zu Ende sein. Ich werde mich immer schuldig fühlen.

Plötzlich schrie Potter auf. Was …? Welcher Idiot stellte ihn unter den Cruciatus? Entsetzt und schockiert huschte mein Blick herum. Amycus. Verdammt nochmal, das musste aufhören!

„Nein!“, brüllte ich. „Hast du unseren Befehl vergessen? Potter gehört dem Dunklen Lord – wir sollen ihn am Leben lassen! Geh! Geh!“**

Merlin sei Dank hatten wir diese Befehle vom Lord bekommen. Er wollte Potter lebendig … und unversehrt. Ich musste ihn beschützen, durfte mich aber nicht verraten. Nur die Befehle des Lords konnte ich an die Anhänger weitergeben, sie an den Zorn des Dunklen erinnern, wenn sie etwas taten, das gegen seine Anweisungen war. Mehr konnte ich gerade nicht tun, ich konnte nur hoffen, dass Potter es endlich kapierte und verschwand. Doch das war wohl zu viel erwartet. Der Bengel kämpfte sich erneut auf die Beine.

„Sectum …“**

Automatisch blockte ich den nicht vollständig ausgesprochenen Zauber, bevor er ihn zu Ende brachte. Das konnte ja wohl … Ich wusste schon, dass er mein Tränkebuch irgendwie in die Hand bekommen hatte, aber hatte er nichts gelernt? Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen. Den Jungen ließ ich dabei nicht aus den Augen. Der konzentrierte sich gerade, also beeilte ich mich, in seine Gedanken zu sehen. Noch immer ließ er es zu, merkte es nicht einmal. Aber ich sah genau, was er plante.

„Nein, Potter!“, schrie ich. „Du wagst es, meine eigenen Zauber gegen mich einzusetzen, Potter? Ich war es, der sie erfunden hat – ich, der Halbblutprinz! Und du willst meine Erfindungen gegen mich richten, genau wie dein dreckiger Vater, ja? Das will ich aber nicht meinen … nein!“**

Ich schleuderte einen Zauber auf seinen Stab, den er aufheben wollte. Wut toste in mir, in meinen Ohren rauschte es. Ich vergaß, dass ich ruhig bleiben sollte, keine Gefühle zeigen wollte. Wieder einmal schaffte es der Bengel spielend, mich in den Wahnsinn zu treiben. Er erinnerte gerade so sehr an seinen verdammten Vater. Genauso hatte er ausgesehen, wann immer er mich gedemütigt hatte. Ich sah rot.

„Dann töte mich doch. Töte mich, wie du ihn getötet hast, du Feigling …“**

Diese Worte ließen alle Sicherungen in mir durchbrennen. Wut mischte sich mit Abscheu, mit Selbsthass und Verachtung. Ich hatte getötet. Mein eigener Mentor, der wie ein Vater für mich war, starb durch meine Hand! All die Jahre hatte ich es vermeiden können, unschuldige Leben zu nehmen, aber dieser Tod hatte etwas in mir entfesselt. Ich konnte nicht mehr, wollte es endlich beenden, aber das durfte noch nicht sein. Erst, wenn der Lord vernichtet war. Und dann kam Potter …

„… NENN MICH NICHT FEIGLING!“**

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten und jagte ihm einen Fluch auf den Hals, meine Wut brach sich Bahn und vernebelte die Sicht vor meinen Augen. Plötzlich wurde ich umgerissen und scharfer Schmerz durchfuhr mich. Der Hippogreif von Hagrid griff mich an, beschützte Potter offensichtlich. Diesen arroganten, kleinen Widerling! Ich musste hier weg, der Lord hatte keine Geduld, er wollte einen Bericht. Ich musste Draco wegbringen und dafür sorgen, dass er am Leben blieb. Der Junge bedeutete mir viel, er war mir wie ein Sohn in all den Jahren geworden. Ich wollte ihn schützen. Dafür hatte ich sogar auf mich genommen, Albus zu töten. Bevor der Hippogreif noch einmal angreifen konnte, eilte ich durch das Tor und disapparierte mit Draco. Mein letzter Blick zeigte mir, dass Potter wieder auf die Füße kam. Er lebte. Erleichterung spülte einen Teil der Wut weg. Wenn er wirklich auf dem Turm gewesen war – ich erinnerte mich, dass ich zwei Besen gesehen hatte – dann war seine Wut verständlich, er wusste es nicht, konnte es nicht verstehen. Potter hatte keine Ahnung. Seine Vorwürfe trafen mich nicht so sehr wie meine eigenen. Es war meine Schuld, alles war meine Schuld. Ich hatte die Prophezeiung weitergegeben. Deswegen war Lily gestorben, deswegen musste Potter nun gegen den Lord kämpfen.

 

* Harry Potter Band 6, Seite 600

** Harry Potter Band 6, Seiten 607-609

 

 

Ich schob die Gedanken beiseite und packte Draco, der am Tor stehengeblieben war, disapparierte mit ihm. Der Junge stand noch immer vollkommen neben sich. Kein Vergleich zu Potter. Auch wenn dieser Bengel völlig emotional handelte und einfach nur irgendwie durchkam – und das schon immer – zumindest reagierte er deutlich schneller und war in der Lage, die Emotionen auszublenden, die ihn lähmten. Verdammt, er musste noch so viel lernen, bevor er auch nur die geringste Chance gegen den Lord hatte. Und in ihn setzten wir alle unser Vertrauen. Unsere Hoffnung. Wenn ich ehrlich war, tat ich dies irgendwie auch, und doch würde ich mich nie alleine darauf verlassen, wie es die meisten Hexen und Zauberer offenbar taten. Sie forderten von einem knapp Siebzehnjährigen, dass er gegen einen Zauberer in den Krieg zog, der nicht nur Jahrzehnte älter sondern vor allem viel erfahrener und skrupelloser war. Wie heldenhaft. Ich schnaubte. Das schien Draco aus seiner Starre zu reißen.

„Onkel Sev?“, wisperte er zitternd. Ein Glück, dass ich zuerst zu mir apparierte. Mit einem nonverbalen Zauber rief ich einen Beruhigungstrank für ihn auf und hielt ihn meinem Patensohn hin. „Trink.“, befahl ich und er gehorchte einfach. Provisorisch stoppte ich die Blutung meiner eigenen Verletzung durch diesen dummen Hippogreif. „Und jetzt verschließe dich, wir müssen zum Lord!“

Mehr Warnung gab es nicht, wir durften nicht noch länger warten, wenn wir weiterleben wollten. Sicherlich wusste er schon vom Ende unserer Mission und das hätte er eigentlich besser von uns erfahren. Wir mussten uns beeilen. Also griff ich erneut nach dem Blonden und schob ihn zum Kamin. Salazar sei Dank hatte ich bereits mit dem Lord besprochen, dass ich nicht direkt zum Manor apparierte, falls jemand folgen sollte. Hier in Spinners End war es sicher genug, um eventuelle Verfolger abzuschütteln. Draco zitterte noch immer, daher stieg ich mit ihm zusammen in die Flammen. Das Kommende würde sicher nicht angenehm, aber wir sollten es überleben.

Als wir im Malfoy-Manor ankamen, stolperte Draco und ich schaffte es nur mit Mühe, seinen Fall abzufangen. Rasch schob ich ihn weiter in den Versammlungssaal. Natürlich waren die Meisten schon da. Schreie hallten durch die Flure. Greyback. Der Lord war offenbar nicht begeistert von seinen Handlungen. Na toll, er hatte schlechte Laune. Und wir kamen zu spät, Draco hatte seine Mission nicht vollständig erfüllt. Wie hatten sie überhaupt so schnell reagieren können? Vom Orden waren nur sehr wenige dagewesen. Und was hatten die ganzen Schüler dort gemacht? So war das nicht gedacht gewesen. Verdammt, was war schief gelaufen? Ich musste mich verschließen, der Lord war fertig mit Greyback und wandte sich uns zu. Seine Augen leuchteten brennend rot, er war richtig zornig. Ich kniete mich, zog Draco mit mir, verneigte mich und küsste den Saum. Normalerweise würde ich mich nie so erniedrigen, aber es könnte Dracos und mein Leben retten. Ich spürte sein Zittern. Es gab kein Zurück, schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich hatte Draco nie eine andere Wahl gehabt. Es tat mir leid um ihn, aber ich konnte ihm gerade nicht helfen.

„Severus, Draco.“, zischte er uns zu. Definitiv mehr als wütend.

„Herr.“, antwortete ich demütig. Ich hasste dieses Kriechen, hoffentlich musste ich das nicht mehr so lange machen. Die Gedanken an Potter, die sich gerade aufdrängten, schob ich beiseite, ich musste konzentriert bleiben.

„Dein Bericht, Draco!“, verlangte er.

Zitternd sank Draco in sich zusammen, sein Gesicht war weißer als die Wand. Aber er begann zu sprechen. „Ich … ich habe das Verschwindekabinett geöffnet und eure Anhänger sind gekommen. Mit Hilfe meiner Hand des Ruhmes und dem Finsternispulver habe ich sie zum Turm geführt. Wir mussten mit erheblicher Gegenwehr klarkommen, einige Freunde Potters stellten sich uns in den Weg. Aber ich habe es auf den Turm geschafft und konnte Dumbledore entwaffnen. Dann hat er angefangen, auf mich einzureden. Und plötzlich waren die Anderen da. Und On… Professor Snape hat mich zur Seite gedrängt und den Todesfluch ausgesprochen.“

„Also hast du deine Aufgabe nicht erfüllt!“ Zornig sah der Lord den Jungen an und richtete sehr langsam den Zauberstab auf ihn. „Crucio.“, wisperte er beinahe zärtlich. Draco schrie. Er krümmte sich auf dem Boden und schrie sich die Seele aus dem Leib. Es tat weh, ich wollte etwas tun. Nur mühsam konnte ich verhindern, eine Reaktion zu zeigen. Das durfte ich nicht, sonst würde es für Draco nur noch schlimmer. Meine Fingernägel gruben sich tief in die Handballen, der Schmerz half mir, ruhig zu bleiben. Ich konnte Zissa hinter mir leise schluchzen hören. Auch wenn sie es normalerweise nicht zeigte, sie liebte ihren Sohn. Endlich, nach unendlich langer Zeit wie es schien, ließ er von Draco ab. Der Junge blieb zitternd und mit geschlossenen Augen liegen. Er war am Ende. Nun wandte der Lord seine Aufmerksamkeit zu mir.

„Wie ich hörte, hast du die Aufgabe des jungen Malfoy vollendet und Dumbledore getötet?“

Meine Gedanken rasten. Was wollte er hören? Es gab wohl keine richtige Antwort. „Ja, Herr.“

„Es war nicht deine Aufgabe!“, zischte er. „Crucio!“

Ich brannte. Es war, als würden alle meine Nerven plötzlich in Flammen stehen. Mein Denken erlosch, ich konnte meine Schreie nicht lange unterdrücken. Doch sobald ich schrie, entließ er mich aus dem Fluch. Ich richtete mich mühsam auf.

„Severus, deine Handlung war offenbar notwendig.“, revidierte er seine vorherige Aussage. „Du bleibst in Spinners End, ich muss wissen, was der Orden vorhat. Ich will Potter, noch immer. Er ist mein! Du hast bewiesen, dass du auf meiner Seite stehst. Nimm Wurmschwanz erneut zu dir, er kann die Aufgaben in deinem Haus erledigen, die du ihm gibst. Er wird dein Diener sein. Halte dich im Hintergrund. Wenn alles so geht, wie es soll, dann ist das Ministerium innerhalb der nächsten Wochen in meiner Hand und dann haben wir Potter und Hogwarts. Du wirst eine wichtige Aufgabe haben in Hogwarts, du wirst Schulleiter. Die Carrows haben schon zugesagt, als Lehrer tätig zu werden. Unter meiner Hand wird die Schule in unserem Sinne neu aufgebaut.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“, senkte ich den Kopf. Nur nicht nach oben sehen, sonst könnte ich meine Gefühle nicht kontrollieren. Ich wünschte, alles wäre vorbei. Dieses dämliche Versprechen, das ich Albus gegeben hatte. Ich würde alles tun, um die Schüler zu schützen. Hatte Albus das bereits so geplant? Kannte er den Lord so gut? Verdammt, was kam da auf mich zu? Warum immer ich? Und Potter musste ebenfalls beschützt werden. Der Grat, auf dem ich wandelte, wurde immer schmaler. Niemand vertraute mir. Niemand durfte mir vertrauen, wenn ich meine Rolle weiterspielen wollte. Flog meine Tarnung auf, war ich tot. Langsam und qualvoll. Nein, danke.

„Du kannst gehen, Severus.“, winkte der Lord nachlässig. „Aber halte dich zu meiner Verfügung.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“, verneigte ich mich erneut und verließ den Saal. Mit einem raschen Blick überzeugte ich mich davon, dass es Draco verhältnismäßig gut ging. Narzissa kümmerte sich um ihn und selbst Lucius stand beinahe schützend vor ihm, schirmte ihn vor den Blicken des Lords ab. Morgen konnte ich mich um ihn kümmern, aber heute nicht mehr. Ich durfte nicht auffallen, egal wie schwer es mir fiel. Also stieg ich in den Kamin und warf das Pulver ins Feuer. „Spinners End.“

Doch auch zuhause kam ich nicht zur Ruhe. War ich zunächst noch abgelenkt, so lange ich meine Verletzungen richtig versorgte, so wurde es schon bald ruhig genug, dass mein Geist anfing, alles zu verarbeiten. In Gedanken hörte ich immer wieder meine eigene Stimme, wie sie den Todesfluch sprach. Wütend warf ich das Buch, das ich zur Hand genommen hatte, zur Seite und rannte nach draußen. Körperliches Training half meistens, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Ich lief auf den nahen Wald zu und rannte los, als ich unter den Bäumen war. Hier war so gut wie nie jemand und es gab noch ein kleines Geheimnis tief im Inneren des Waldes. In einer Höhle hatte ich mich eingerichtet. Schon als Kind hatte ich angefangen, meine Emotionen in einem Boxstudio loszuwerden. In der Höhle hatte ich mehrere Boxsäcke in verschiedenen Größen und Härtegraden. Erst, als ich vollkommen außer Atem vom Rennen war, schlüpfte ich in meine Höhle.

„Warum … nur … hast … du … das … getan?“, schimpfte ich. Bei jedem Wort traf ein harter Schlag den großen Sack, der oben und unten befestigt war und nur wenig schwingen konnte. „Wieso … ich? Du … warst … mir … wie … ein … Vater! Ich … musste … meinen … Vater … töten!“ Ein ersticktes Schluchzen löste sich aus meiner Kehle, doch ich presste die Lippen zusammen. Ich durfte meine Gefühle nicht nach draußen lassen. Niemand durfte etwas merken, vor allem nicht der Lord. Ich schlug weiter auf das Leder ein, bis ich erschöpft zu Boden sank. Eine Weile blieb ich einfach liegen und stellte mir vor, alles hinter mir lassen zu können. Ein Wunschtraum, aber es half mir, ein wenig zur Ruhe zu kommen und mich unter Kontrolle zu bringen, sodass ich zurück nach Hause gehen konnte. Pettigrew sah mich ziemlich überrascht an, verzog sich aber nach einem Knurren und dem kältesten aller Todesblicke. Er war meine Belohnung, weil ich den derzeit härtesten Gegner des Lords ausgeschaltet hatte. Ich ging in mein Schlafzimmer und legte mich eine Weile hin, auch wenn mir klar war, dass ich nicht schlafen konnte.

Ein Klopfen weckte mich nicht viel später aus meinem unruhigen Schlummer. „Severus? Eine Posteule.“, quiekte Pettigrews unangenehme Stimme vor meinem Schlafzimmer.

Ich quälte mich aus dem Bett und ging zur Tür, riss sie wütend auf. „Wer hat dir erlaubt, mich zu duzen, Ratte?“, wollte ich in meiner kältesten Stimme wissen und rauschte an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er zusammenzuckte und sich klein machte. Gut so.

Im Wohnzimmer sah ich die Eule auf dem Kaminsims sitzen. Sie trug ein offiziell aussehendes Schreiben. Vorsichtig nahm ich es von dem Eulenbein und brach das Siegel, während die Eule majestätisch durch das Fenster schwebte.

Sehr geehrter Professor Snape,

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass dem Antrag, Sie als neuen Direktor von Hogwarts zu ernennen, stattgegeben wurde. Der Minister und der Schulrat sind übereingekommen, dass dieses Amt in vertrauensvolle Hände gehört und Ihr Name wurde einstimmig angenommen. Der Direktoren-Turm wird gerade für Sie hergerichtet; sollten Sie Wünsche haben, zögern Sie nicht, diese zu äußern. Weitere Hinweise und Informationen werden Ihnen in den nächsten Tagen per Eule direkt nach Hogwarts geschickt.

Mit freundlichen Grüßen,

Büro Rufus Scrimgeour, Minister für Zauberei

Wie hatte der Lord den Minister dazu bekommen, meiner Ernennung zuzustimmen? Scrimgeour war als hart und unnachgiebig bekannt, so leicht war er sicher nicht zu beeinflussen. Möglicherweise hatte Lucius etwas gegen ihn in der Hand. Das war die Spezialität des Blonden, er nutzte sein Wissen über andere Menschen, um seinen Willen – oder in diesem Fall wohl eher den Willen des Lords – durchzusetzen. Das ging schnell. Jetzt war es also offiziell, ich war der neue Schulleiter von Hogwarts. Nachdem ich den ehemaligen Schulleiter ermordet hatte. Ich würgte, die Schuld erdrückte mich beinahe. Doch ich musste mich zusammenreißen, denn Pettigrew war noch im Haus, er durfte nicht erfahren, was mich bewegte. Niemals durfte jemand eine Schwachstelle bei mir finden, damit machte ich mich angreifbar. Und ich hatte Albus versprochen, die Kinder so gut wie möglich zu schützen. Dazu hatte er offenbar den Plan gefasst, mich zum Schulleiter zu machen. Ich könnte ihn fragen, zumindest sein Portrait, aber wahrscheinlich würde ich keine vernünftige Antwort bekommen. Albus war eigen.

Mit einem Blick auf die Uhr entschied ich, in mein Labor zu gehen und noch ein wenig Vorrat für den Anti-Cruciatus-Trank zu brauen, wahrscheinlich brauchte ich ihn bald erneut. Draco würde in drei Stunden kommen, hatte er zumindest angekündigt. Bis dahin war ich sicher fertig.

„Onkel Sev?“ Dracos Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Vorgestern wurden wir bestraft, heute traf ich ihn zum ersten Mal wieder. Wie lange hatten wir noch Ruhe? Sicher viel zu wenig, der Lord würde nun zuschlagen. Ich blickte auf und sah in seine grauen Augen. Verzweiflung stand klar und deutlich in ihnen.

„Draco, du musst dich zusammenreißen.“, warnte ich ihn schneidend. „Das hier ist keins deiner verdammten Spiele. Wenn du deine Aufgaben nicht erledigst, leidest nicht nur du darunter!“ Ich war immer noch wütend, auch wenn ich ihn dennoch verstehen konnte. Ich hatte meinen Mentor, meinen Vaterersatz – und das war Albus für mich – töten müssen. Es war nicht Dracos Schuld, und doch erleichterte es mich ein wenig, ihn dafür büßen zu lassen. Natürlich war es nicht fair, aber das Leben war so. Unfair. Grausam. Brutal. Es gab keine zweite Chance.

Mit einem Mal brach der Junge in Tränen aus. Offenbar hatte er inzwischen realisiert, was passiert war. Ich verfluchte Lucius innerlich, er hatte Draco viel zu sehr behütet, der Junge hatte keine Ahnung, was um ihn herum vor sich ging. Er hatte keine Chance gehabt, diesem Irrsinn zu entkommen. Er war hineingeboren worden in diesen Wahnsinn. Wie viel konnte ich nun sagen? Er durfte nichts wissen, nicht einmal etwas ahnen. Der Lord kam sicher durch seine geistigen Schilde, und wenn der Verdacht schöpfte, war ich tot und all die Anstrengungen umsonst. Albus hatte immer wieder darauf bestanden, dass er einen Plan hatte und alles genau nach diesem Plan verlief. Dieser Narr, warum hatte er mir nie davon erzählt? Dann wüsste ich jetzt vielleicht, wie es weitergehen sollte. Wie konnte ich die Schule leiten? Ich hatte absolut keine Ahnung davon. Seit gestern Morgen zerbrach ich mir den Kopf, wie ich nun weitermachen sollte. Hatte Albus das vorhergesehen? Und wenn ja, was erwartete er nun von mir? Doch ich fand – genau wie gestern – keine Lösung aus meinem Dilemma.

Draco schluchzte noch immer. Unsicher strich ich über seinen Arm. Zu viel Körperkontakt wollte er sicher nicht, und auch ich war nicht der Typ dafür. Das hatte ich aufgegeben, seit ich Lily damals durch meine eigene Schuld verloren hatte. Schuld. Ich sühnte dafür seit Jahren, aber es würde nie genug sein. Die kleine Berührung schien zu genügen, Dracos Weinen wurde weniger.

„Entschuldige, Onkel Sev.“, schniefte er irgendwann leise. „Was soll ich jetzt tun?“

„Halt den Kopf unten.“, schnarrte ich. Was sonst? „Du wirst das nächste Schuljahr in Hogwarts sein, danach studieren.“ Mehr konnte ich nicht sagen, das war schon gefährlich genug. Natürlich würde ich alles tun, damit es dazu kam, aber ich durfte meine Position nicht zu offensichtlich riskieren. Inzwischen war ich mir ziemlich sicher, warum Albus wollte, dass ich Schulleiter werde. Um die Schüler zu schützen. Noch hatte ich mich nicht an die Informationen gewagt, die er mir vorgestern gegeben hatte. Aufgedrängt wohl eher. Zu aufgewühlt war ich selbst im Moment. Erst musste ich zur Ruhe kommen, dann konnte ich mich damit beschäftigen. Außerdem konnte der Lord jederzeit nach mir rufen. Sicher erwartete er von mir, zurück zum Orden zu gehen. Als ob Moody oder Kingsley oder gar Minerva mir noch etwas anvertrauen würden. So ein Irrsinn!

„Wie wird das in der Schule ab September?“, wisperte Draco.

Verdammt, erneut war ich in Gedanken gewesen und hatte Dracos Anwesenheit vollkommen verdrängt. Das durfte nicht passieren, es war viel zu gefährlich! Der Junge war noch mein Tod, wenn ich so weiter machte. Ich musste sehen, dass ich mich von ihm distanzierte, zu seinem eigenen und meinen Schutz.

„Das werden wir sicher noch rechtzeitig erfahren.“, knurrte ich nur. „Geh nach Hause, Draco. Deine Mutter macht sich sicherlich Sorgen.“ Er sollte Zeit mit seinen Eltern haben, wie viel hatten wir alle noch? Und wenn Potter wider Erwarten am Ende doch erfolgreich war, dann wartete Askaban auf uns. Auch auf mich, es gab keinen Albus Dumbledore mehr, der für mich eintrat. Ich war auf mich alleine gestellt. Tolle Aussicht. Und auch Draco konnte ich nicht helfen, er hatte das Mal und wahrscheinlich blieb ihm auch nicht erspart, mit auf Missionen zu gehen. Das wäre sein Todesurteil, bisher war ihm nicht viel nachzuweisen, außer dass er die Todesser in die Schule gebracht hatte. Siedend heiß schoss es durch meinen Kopf, dass ich nicht einmal wusste, ob es Tote gegeben hatte! Ich musste das dringend herausfinden! Wer würde mir das sagen? Der Orden hielt mich für einen Mörder. Merlin, ich selbst wusste, dass ich ein Mörder war. Mir wurde schlecht.

Glücklicherweise hörte Draco auf meinen Rat und verschwand durch den Kamin ins Manor. Pettigrew war nicht hier, und darüber war ich wirklich nicht böse. Ich hastete ins Bad und die Hitze in meinem Bauch umfasste mit einem Mal meinen ganzen Körper. Mir schwindelte und ich würgte. Da war nichts in meinem Magen, ich hatte gestern und heute einfach nichts essen können, nur Kaffee getrunken. Der Schweiß floss in Strömen, ich konnte den Würgreiz nicht stoppen. Wieder und wieder sah ich Albus‘ Augen vor mir, wie sie erloschen. Ich hatte das Leben aus ihnen verbannt, nie wieder würden sie mich amüsiert anfunkeln. Es hatte mich immer in den Wahnsinn getrieben und doch vermisste ich dieses Funkeln nun. Ich hatte es zum Erlöschen gebracht. Ich hatte den Menschen ermordet, der mir wie ein Vater war! Der Würgreiz zwang mich dazu, mich erneut über die Schüssel zu beugen, auch wenn ich wusste, da war nichts mehr in mir, was heraus kommen könnte. Ich musste mich beruhigen, um wieder klar denken zu können.

Mit geschlossenen Augen lehnte ich meine Stirn an die kalten Fliesen an der Wand. Ich zwang mich, tief zu atmen, dehnte jeden Atemzug künstlich in die Länge, bis das Würgen nachließ und mein Magen sich langsam entkrampfte. Zitternd kämpfte ich mich Stunden später hoch und in mein Labor, um mir einen Trank gegen Übelkeit zu holen. Vielleicht auch einen zur Beruhigung, damit ich endlich schlafen konnte? Es war dringend nötig, damit ich konzentriert war, wenn ER mich rief. Wie lange hatte ich noch? Nicht lange genug auf jeden Fall. Der Lord wollte Potter und selbst ihm dürfte klar sein, dass er ihn erwischen musste, bevor der Orden ihn in Sicherheit brachte. Ich musste mir dringend etwas einfallen lassen, aber dafür brauchte ich einen klaren Kopf. Schlafen war gerade das absolut Wichtigste, wie es schien. Also keinen Beruhigungs- sondern einen Traumlos-Trank. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich wohl sechs bis acht Stunden Zeit hatte, bevor die Gefahr bestand, dass der Lord nach mir rief. Wobei, sicher konnte man nie sein. Also griff ich nach einem Gegenmittel, falls er mich eher rufen sollte, und stellte es auf meinen Nachttisch. Ich entschied, kurz unter die Dusche zu gehen, dann erst legte ich mich ins Bett. Mit Hilfe des Trankes schlief ich innerhalb weniger Minuten tief und fest.

Erst gegen Mittag am nächsten Tag wurde ich wach, weil ich Geräusche in meinem Haus hörte. Augenblicklich war ich hellwach. Wer wagte es, einfach so in mein Haus …? Pettigrew fiel mir ein. Ich musste mir etwas überlegen, dass der Lord ihn zurückpfiff, wollte ihn hier nicht haben. Diese elende Ratte, der Verräter, den wollte ich hier ganz sicher nicht beherbergen. Das wäre auch nicht besonders vertrauenserweckend, sollte jemand vom Orden vorbeikommen. Der Lord brauchte die Informationen, die ich ihm liefern konnte. Nun, er hatte nie alles bekommen, aber ich war nicht davor zurückgeschreckt, Informationen weiterzugeben. Musste ich, um meine Stellung zu wahren. Bisher immer mit Albus abgesprochen, jetzt musste ich es wohl alleine schaffen. Falls ich noch Informationen bekam, was ich bezweifelte. Potter hatte sicherlich allen erzählt, dass ich den Schulleiter umgebracht hatte. Ich zog mich an und ging nach unten in meine Küche, holte mir erstmal einen Kaffee.

„Was denkst du, was du hier tust?“, zischte ich Pettigrew eisig an, der es gewagt hatte, sich in MEINEN Sessel am Kamin zu setzen. „Verschwinde aus meinen Augen!“

„Aber …“, protestierte er keuchend, offenbar hatte er mich nicht gehört. Gut so.

„Was an ‚verschwinde aus meinen Augen‘ hast du nicht verstanden, Pettigrew?“, fragte ich kalt und eisig.

Er hastete aus dem Wohnzimmer. Zufrieden griff ich nach dem Propheten. Albus und ich hatten gestern Schlagzeilen gemacht. Albus hatte es bereits vorgestern, aber scheinbar hatte der Lord durchklingen lassen, dass ich der neue Schulleiter war, jedenfalls stand gestern ein boshafter Artikel über mich im Propheten. Kimmkorn, wer sonst, hatte ihn geschrieben. Es war irgendwie amüsanter gewesen, als sie über Potter hergezogen hatte. Aber es war egal, musste egal sein. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen und ich hatte versprochen, alles zu tun, um die Schüler zu schützen.

Meine Kaffeetasse war noch nicht einmal leer, da brannte mein Mal. Hastig rief ich meine Roben auf, fluchte innerlich, während ich ins Manor flohte. Dort angekommen, atmete ich tief durch, ich musste mich von allen Emotionen frei machen. Wie oft hatte ich Potter vorgeworfen, es nicht richtig zu versuchen? Nun fiel es mir selbst schwer, aber wenn ich überleben wollte, dann musste es klappen. Und ich wollte nicht sterben, nicht so. Es gab noch so viel zu tun, so viel Unerledigtes. Der Lord winkte mich an seine rechte Seite, als ich den Salon betrat, Lucius saß links von ihm. Draco war heute nicht zu sehen. Insgesamt waren nur wenige Todesser aus dem inneren Kreis anwesend, dazu noch die Carrows. Sie trugen die typischen Roben für Lehrer in Hogwarts. Ich musste ein Schnauben unterdrücken, die beiden Geschwister waren strohdumm, wie konnten sie nur einen auf Professoren machen? Es ging eindeutig bergab mit der englischen Zauberwelt. Aber leider glichen sie ihre Dummheit mit Brutalität aus. Wie konnte ich sie von den Schülern fernhalten?

„Severus, wir müssen über das kommende Schuljahr sprechen.“, informierte der Lord mich.

„Natürlich, Herr.“, nickte ich äußerlich unbewegt. „Was erwartet ihr genau von mir?“

„Die Schüler sollen lernen. Natürlich auch und vor allem schwarze Magie.“, erklärte er. „Du bist dafür verantwortlich, dass sie sich an die Regeln halten, die ich noch aufstellen und bekanntgeben werde. Nichtbeachtung wird bestraft. Der Schulbesuch ist für alle magischen Kinder verpflichtend, ich will, dass du passende Anwärter für das dunkle Mal findest. Wir brauchen intelligente und treue Anhänger. Fähige Kämpfer. Du kannst sie darauf vorbereiten.“

„Ja, Herr.“, neigte ich erneut den Kopf und musste einen neuen Würgreiz unterdrücken. Das wurde ja immer schlimmer.

„Aber vorher will ich Potter haben.“, lachte der Lord kalt auf. „Ich erwarte von dir Informationen, Severus. Ich habe bereits einige andere Todesser darauf angesetzt, aber ich glaube nicht, dass sie das Ministerium mit Potter beschäftigen, sie wissen genauso gut wie wir, dass das Ministerium nicht mehr in ihrer Hand ist. Nein, ich bin sicher, der Orden wird sich selbst um Potter kümmern. Der Blutschutz endet, wenn er volljährig wird, also am 31. Juli. Du, Severus, wirst herausfinden, was genau sie planen und wir werden Potter erwischen. Dann erlischt der Widerstand und wir sind endgültig an der Macht!“

Die Carrows und Bellatrix fielen in das kalte und triumphierende Lachen des Lords ein. Mich schauderte innerlich, auch wenn ich mir nichts anmerken ließ.

„Ich bezweifle, dass der Orden mir noch Informationen geben wird.“, wagte ich einzuwenden.

„Nun, du wirst ihnen einige vermeintlich wertvolle Informationen liefern, um sie auf deine Nützlichkeit hinzuweisen.“, wischte der Lord meinen Einwand beiseite. „Ich erwarte deine Informationen in genau zehn Tagen.“

„Natürlich, Herr.“, stimmte ich zu. Innerlich fluchte ich. „Welche Informationen soll ich an den Orden weitergeben?“

Jetzt war ich neugierig. Natürlich würde ich alles weitergeben, was ich irgendwie erlauschen konnte, aber was wollte er weitergegeben haben? Und wer würde mir noch glauben? Ich musste mir wirklich etwas einfallen lassen, wie ich diese verzwickte Situation lösen konnte. Egal was ich brachte, wenn es nicht der Kopf des Lords war, würden Moody, Kingsley oder Minerva mir nicht ein Wort glauben.

„Du wirst dem Orden von meinen Plänen, Potter am 31. Juli zu überfallen, berichten.“, entschied der Lord. „Du wirst ihnen verraten, dass ich plane, an Potters Geburtstag in das Haus seiner Verwandten einzudringen und sie alle zu töten, nur Potter gefangen zu nehmen. Mithilfe von den ministerialen Mitarbeitern, die ich unter Imperius habe, den Zuständigen für Portschlüssel und das Flohnetzwerk. Natürlich habe ich auch meine Hand an der zuständigen Stelle für das Apparieren, somit kann Potter nicht weggebracht werden und niemand ihm zu Hilfe eilen. Sie werden daraufhin einen Weg suchen, um Potter ohne das Ministerium in Sicherheit zu bringen, den wirst du mir berichten. Du kannst gehen!“

„Jawohl, Herr.“ Ich stand auf und verließ das Manor auf schnellstem Weg. In wie vielen Varianten hatte ich mich heute selbst gedemütigt? Ich ekelte mich vor mir selbst, aber um zu überleben, würde ich diese Scharade so lange weiterspielen müssen, bis entweder ER vernichtet oder ich tot war. Wie auch immer es ausging, ich war der Verlierer, denn ich könnte wohl nie beweisen, dass ich tatsächlich auf Dumbledores Seite war. Außer ich verriet alles, aber das konnte ich einfach nicht.

 

Außerhalb des Manors disapparierte ich und tauchte Sekundenbruchteile später in der Nähe von Minervas kleinem Haus in Schottland wieder auf. Die resolute Schottin hatte offenbar mitbekommen, dass ich kam und trat vor die Tür.

„Was willst du hier?“, fragte sie schneidend.

„Ich habe Informationen für den Orden.“, erwiderte ich ruhig und zeigte ihr instinktiv meine offenen Hände. Ich wollte ihr nichts tun. Wie gut kannte sie mich? Offenbar nicht gut genug, oder aber ich hatte meine Rolle immer mehr als überzeugend gespielt. Misstrauisch beäugte sie mich. Abwartend, stellte aber keine Frage. Ich beschloss, einfach weiter zu reden. „Der Lord will Potter erwischen, wenn ihr ihn aus dem Haus seiner Verwandten holt. Er geht davon aus, dass das Ministerium keine Rolle dabei spielen wird. Minerva, er hat Thicknesse unter Imperius! Seid vorsichtig und gebt auf Potter Acht! Ich soll euch sagen, dass er an Potters Geburtstag plant, ihn und seine Verwandten zu überfallen. Ihr sollt außerdem wissen, dass er das ganze magische Transportwesen unter Kontrolle hat. Damit ihr genau wisst, dass er nicht auf offiziellem Weg von dort weg kann, der Lord überwacht alles. Er will euch zwingen, ihn vorher wegzubringen und erhofft sich, dass ich erfahre, was ihr plant. Ich werde ihm falsche Informationen bringen, soweit es möglich ist.“

„Du? Du willst uns helfen? Nach allem, was du vor einigen Tagen gebracht hast? Du hast Albus ermordet und dich damit offiziell auf die Seite von Du-weißt-schon-wem gestellt. Jetzt kommst du zu mir, weil du denkst, ich glaube dir? Welche Begründung wirst du mir geben, warum du Albus ermordet hast?“, forderte die Schottin.

„Ich darf nicht darüber reden, aber Minerva, glaube mir, ich will euch, und auch Potter, helfen.“, beschwor ich sie. Ich musste es wenigstens versuchen.

„Und wie willst du uns beweisen, dass es keine Falle ist?“, zischte sie.

„Das kann ich nicht.“, musste ich zugeben. „Ich kann nur schwören, dass ich euch helfe, so gut es geht.“

Sie wirkte so wütend, wie ich sie selten gesehen hatte. Albus hatte auch ihr viel bedeutet, offenbar sogar mehr als mir bewusst war. Minerva hatte Tränen in den Augen. „Verschwinde!“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, disapparierte zum Grimmauldplatz in London. Natürlich war der Fidelius nun geschwächt, da Albus tot war, aber ein gewisser Schutz war noch immer vorhanden. Vielleicht hatte ich hier mehr Glück. Mir war klar, dass ich nicht einfach so zum Orden gehen konnte nach Minervas Abfuhr, doch es musste einen Weg geben, alles so zu schaffen, wie Albus es erwartete. Einfach würde es nicht, da mir niemand mehr glaubte, aber es gab mindestens ein Ordensmitglied, das ich geistig entsprechend beeinflussen konnte, ohne aufzufallen. Und wenn ich ihn richtig einschätzte, dann kam er früher oder später hierher. Einmal Gauner, immer Gauner.

Die Abwehrzauber wiesen auf Moody hin, doch ich kannte ihn gut genug, um vorbeizukommen. Obwohl ich selbst zweifelte, nüchtern betrachtet hatte ich Dumbledore nicht umgebracht. Tötung auf Verlangen war zwar sicher nicht gerade eine gute Tat, aber weitaus weniger schlimm als Mord. Zumindest nüchtern betrachtet. Auch wenn ich es selbst nicht nüchtern betrachten konnte. Nie würde ich diese Momente vergessen. Hier in der Stille und Einsamkeit war es das Einzige, woran ich denken konnte, egal was ich unternahm, um die Gedanken zu stoppen. Unruhig lief ich im Haus herum,  musste mich bewegen, um nicht vollkommen in meinen Gedanken zu verschwinden. Die Wartezeit verkürzte ich mit Treppensteigen – vom Erdgeschoss in den vierten Stock und zurück. Immer wieder, so schnell wie möglich, sodass ich gerade noch gleichmäßig atmen konnte. So lange, bis die Beinmuskeln brannten und der Kopf langsam ruhiger wurde. Die Zeit erschien mir unendlich lang, aber das war nur mein Eindruck.

Tatsächlich musste ich nur wenige Stunden warten, bis Mundungus Fletcher auftauchte. Ich hatte ihn richtig eingeschätzt, er wollte Profit schlagen und räumte das Haus leer. Oder wollte es zumindest, bis ich ihn stellte. Schnell sprach ich einige Zauber, die mir Zugriff auf seinen Geist gewährten, fütterte ihn quasi mit den Informationen, bevor ich ihn vergessen ließ, dass er mich getroffen hatte. Er könnte es aus irgendeiner Spelunke haben, wo er Todesser belauschte, das machte er schließlich regelmäßig. Außerdem sorgte ich dafür, dass er in ein paar Tagen erneut herkommen würde, denn ich musste natürlich auch wissen, was der Orden plante, sollten sie mich nicht beim Treffen akzeptieren. Nun, sie würden mir auch dann nicht alles verraten, aber ich musste es wissen, um meine Aufgabe zu vollenden. Alles konnte ich nicht weitergeben, aber wenn ich ohne Informationen zurückkam … Nun, darüber wollte ich nicht nachdenken.

Eilig verließ ich das Haus, als Fletcher weg war. Es gab keinen Grund, mich jetzt noch von Moody erwischen zu lassen. Ich war nicht sicher, ob er mich leben lassen würde. Doch momentan brauchte Potter seinen Schutz. Moody war gut, sogar mehr als gut, in dem was er tat und er konnte den Bengel tatsächlich schützen. Wenn der Junge das zuließ. Ich traute Potter zu, irgendeine Dummheit anzustellen, sodass er am Ende erneut schutzlos war, und das trotz all der Mühen, die der Orden seinetwegen auf sich nahm. Trotz der unendlichen Mühen, die er mich bisher schon gekostet hatte.

Was würde Potter tun, wenn die Ferien zu Ende waren? Gesetzt den Fall, ich schaffte es tatsächlich, ihn am Leben zu halten, wenn der Lord hinter ihm her war. Daran arbeitete ich mit Hochdruck. Ich hoffte nur, Albus hatte dem Jungen irgendwas beigebracht, was wirklich nützte gegen den Lord. Wobei, diese Hoffnung war eindeutig nur ein sehr kleiner Teil in mir. Im Endeffekt konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein siebzehnjähriger Zauberer gegen den stärksten Schwarzmagier ankommen sollte, den diese Zeit kannte. Der dunkle Lord hatte keinerlei Skrupel, den Todesfluch zu sprechen, und das konnte ich mir, trotz all unserer Differenzen, bei Potter absolut nicht vorstellen. Und doch war der Bengel alles an Hoffnung, was mir noch blieb. Wofür kämpfte ich eigentlich? War es nicht humaner, den Jungen einfach zu töten? Ein simpler Avada genügte. Ich hatte es einmal geschafft, jemandem ein langsames, qualvolles Sterben zu ersparen. Das konnte ich sicher noch einmal. Wahrscheinlich täte ich ihm auf Dauer gesehen sogar einen Gefallen damit. Nun gut, ich müsste anschließend dafür sorgen, dass auch von mir nichts übrig blieb, was der Lord in die Finger bekommen könnte, und damit würde ich gegen eines meiner ehernen Grundprinzipien verstoßen: ich hatte mir geschworen, niemals mein eigenes Leben zu beenden. Das war feige, und ich war Vieles, aber nicht feige. Außerdem hatte ich versprochen, alles zu tun, um Potter zu schützen. Naja, war es nicht auch ein gewisser Schutz gegen einen langsamen, qualvollen Tod, wenn ich ihn sanft auf die andere Seite brachte?

Ich schüttelte den Kopf. Diese Gedanken waren absolut lächerlich. Es war nicht mehr als ein Greifen nach Strohhalmen, wie die Muggel sagten. Ich durfte mir nicht erlauben, in Tagträume abzuschweifen, meine Rolle in diesem Krieg konnte – nein, sie würde – alles, aber auch alles entscheiden. Ich musste immer aufmerksam und konzentriert bleiben. Schon seit Jahren war mir das klar, ich durfte mir keinerlei Ablenkung leisten. Ich trank keinen Alkohol mehr, hatte keine Beziehung – nicht dass ich darauf Wert legte, die einzige Frau, die mir jemals genug dafür bedeutet hatte, war Lily. Noch immer liebte ich sie, und doch verdrängte ich jeden Gedanken an ihre leuchtenden, grünen Augen. Es schmerzte zu sehr. Zu wissen, dass ich es vermasselt hatte. Ich selbst war Schuld daran, dass sie sich von mir entfernt hatte.

Um mich abzulenken, ging ich in mein privates Labor. Der Traumlos-Trank ging zur Neige, ich musste dringend neue Vorräte für mich brauen. Außerdem kannte ich die übliche Bestellung der Krankenschwester in Hogwarts, auch wenn sie mir diesmal keine Liste zukommen ließ. Auch sie durfte nicht wissen, auf welcher Seite ich stand. Es war besser so. Für sie, und für mich. Auch wenn Poppy mir viel bedeutete, genau wie Hagrid. Ich durfte sie diesem Risiko nicht aussetzen. Auch mich selbst nicht. Ich machte mich erpressbar, wenn ich Menschen an mich heranließ. Gedankenverloren rührte ich in den Kesseln, schnitt, zermahlte, pulverisierte meine Zutaten und ließ sie in exakter Menge zum richtigen Zeitpunkt in die Kessel gleiten. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab, kamen heute nicht einmal hierbei zur Ruhe. Obwohl es mir sonst die Ruhe schenkte, die ich im Alltag oft vermisste, heute halfen nicht einmal meine Zaubertränke. Im Gegenteil, sobald ich zur Ruhe kam, sah ich Albus erneut vor mir. Sein flehender Blick, seine zitternde Stimme, die zusammengesunkene Haltung, die von absoluter, körperlicher Schwäche zeugte … Was hatte er getan, bevor er oben auf dem Turm angekommen war? Nur wenige Stunden zuvor hatte ich mit ihm gesprochen, da ging es ihm gut. Hatte er wieder eine dieser Stunden mit Potter gehabt? Der Bengel sollte ihn nicht so anstrengen! Albus hatte alles getan, was er konnte, nun war es an Potter.

Verdammt, konnte dieser Gryffindor mich nicht einmal in meinen Ferien, in meinem Labor in Ruhe lassen? Jetzt schlich er sich schon in meine Gedanken! Es war nicht auszuhalten! Unwirsch warf ich den Bronzelöffel, den ich nicht mehr brauchte, gegen die Wand. Es brachte nichts, hatte es noch nie, doch es war ein Ventil. Oben wartete sicher schon diese Ratte, wer wusste schon, wo der Kerl gerade herumschnüffelte. Vielleicht sogar im Auftrag des Lords, denn der vertraute niemandem. Es wäre nicht überraschend, wenn er Pettigrew schickte, um mich zu überprüfen. Er würde nichts finden, dafür hatte ich bereits vor Jahren gesorgt. Niemand würde etwas finden, wenn er mein Haus durchsuchte. Es gab nichts zu finden, außer Büchern und Zaubertränken. Keine Fotos, keine Briefe, nichts. Ich konnte mir eine derartige Schwachstelle nicht leisten.

Erst weit nach Mitternacht legte ich mich schlafen, in der Hoffnung, auch wirklich schlafen zu können. Es war utopisch, sobald ich meine Augen schloss, war ich erneut auf dem Turm. Keuchend fuhr ich aus dem Schlaf. Ich hatte getötet. Einen Menschen ermordet, der mir viel bedeutete. Die Schuld fraß mich auf, und doch musste ich es vergessen. Verdrängen. Traumlos-Trank half nur kurzfristig, es musste doch etwas Besseres geben? Konnte ich meine Erinnerungen einfach in eine Phiole geben und ins Direktorenbüro in Hogwarts stellen? Albus hatte dort so viele gesammelte Erinnerungen, eine mehr fiel sicher nicht auf. Oder? Und wenn doch? Niemand durfte es wissen. Ich war gezwungen, mit dieser Erinnerung zu leben. Und Albus‘ Erinnerungen waren sicher schon verschwunden, wenn das Ministerium seine Sachen aus dem Büro entfernte. Doch der Gedanke daran brachte mich zu dem zurück, was in meinem Kopf auf mich wartete.

Was war es, das Albus mir gegeben hatte? Welche Erinnerungen hatte er mir überlassen und warum? Ich entschied, sie nicht sofort anzusehen, es war gerade zu viel. Ich schob sie weit in mein Unterbewusstsein, würde mich später damit befassen. Jetzt musste ich schlafen. Irgendwie. In den nächsten Tagen musste ich es schaffen, Fletcher den Plan in den Kopf zu setzen, damit alles klappte. Potter musste sicher aus dem Haus seiner Verwandten gebracht werden. Dann lag es bei ihm. Der Lord erwartete, ihn zu fassen, das musste ich unter allen Umständen verhindern. Danach konnte ich mir wahrscheinlich schon wieder neue Vorräte für den Anti-Cruciatus-Trank brauen. Wobei, ich musste mir einen besseren Namen einfallen lassen. ‚Anti-Cruciatus‘ induzierte, dass er gegen den Fluch half, doch er linderte nur die Nachwirkungen. Die Schmerzen, während man dem Fluch ausgesetzt war, änderte man damit nicht.

Vier Stunden unruhiges Hin- und Herwerfen später quälte ich mich aus dem Bett, ich würde nun nicht mehr schlafen können. Nach drei Tassen Kaffee fühlte ich mich wach genug, um in den Grimmauldplatz zu apparieren. Fletcher war nicht da, aber damit hatte ich gerechnet. Er würde kommen. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.

 

Tatsächlich traf ich Fletcher am nächsten Tag im Grimmauldplatz.

„Snape, was willst’n eigentlich von mir?“, maulte der Gauner.

„Wann und wo trifft sich der Orden?“, fragte ich ihn laut, während mein Geist seinen Gedanken lauschte. Ich brauchte nicht einmal meinen Zauberstab dazu.

„Morg’n früh, um 11, im Fuchsbau.“, nuschelte Fletcher. „Die ha’m ihre Kinners zu die Zwillinge geschickt, glaub ich. Aber dich wer’n se wohl nich‘ seh’n woll’n.“

Da hatte er wohl sogar Recht, aber ich musste es versuchen, das war ich Albus schuldig. Und Lily. Für sie tat ich das hier alles, ließ mich beschimpfen und verfluchen, wenn auch Letzteres wohl nur hinter meinem Rücken passierte. Aus Fletchers Gedanken erfuhr ich, dass der Orden inzwischen wohl komplett gegen mich war. Keiner vertraute mir mehr, aber sie wussten, dass sie auf meine Informationen nicht verzichten konnten, wenn sie effektiv arbeiten wollten. Und etwas Anderes kam nicht in Frage, wie es schien. Sie wollten alles tun, um Potter zu schützen und den Lord am Ende zu vernichten. Auch wenn keiner von ihnen wusste, wie das gehen sollte. Moody und Minerva schienen zu ahnen oder gar zu wissen, dass Albus Informationen an Potter gegeben hatte. Allerdings ging mir dabei noch nicht ganz ein, warum es ausgerechnet Potter sein musste, der den Lord tötete. Was hatte der Bengel, was keiner von uns hatte? Er war gerade mal knapp siebzehn, verdammt. Ich sollte wohl bald darüber gehen, die Erinnerungen oder Informationen oder was auch immer Albus mir gegeben hatte, anzusehen. Nur wann? Wie lange würde es dauern? Ich konnte nie sagen, wann der Lord mich rufen würde. Und dann musste ich sehen, dass alles sicher versteckt war und keiner etwas mitbekommen konnte. Konnte ich dann dieses Risiko eingehen? Nein, es musste noch eine Weile warten.

„Ich werde morgen da sein.“, verkündete ich Fletcher ruhig. Dann legte ich einen Zauber über ihn, der ihn nach dem Treffen wieder hierher bringen sollte. Immerhin musste ich erfahren, was sie ohne mich besprachen. Und sie würden eine Menge besprechen, was ich nicht hören sollte. Das war absolut sicher.

Ohne Abschiedsgruß verschwand ich und tauchte Sekundenbruchteile später in meinem Haus wieder auf, was zu einem Aufschrei bei Pettigrew führte. Nur ich selbst konnte hierher apparieren – oder auch von hier weg. Niemand sonst bekam von mir die Erlaubnis, denn ich vertraute niemandem. Es war zu gefährlich und ich gebe zu, in den Jahren als Spion hatte ich eine gewisse Paranoia entwickelt. Das half mir, zu überleben, meine Instinkte waren geschult und warnten mich meist frühzeitig. Jeder Gefahr konnte ich dennoch nicht aus dem Weg gehen, insbesondere, wenn sie vom Lord ausging. Wie auch, damit würde ich die Gefahr nur vergrößern. Und darauf stand ich definitiv nicht. Egal, wer mir so etwas nachsagte, ich hasste es, Schmerzen zu haben.

Am anderen Morgen war ich unausgeschlafen, da ich im Schlaf erneut Albus sterben sah. Wieder und wieder musste ich miterleben, wie er nach meinem Todesfluch über die Brüstung stürzte. Zusätzlich hatte sich auch die tote Lily in meinen Traum geschlichen und ich war mehrmals schreiend hochgefahren. Gegen drei Uhr morgens hatte ich aufgegeben und war in den Wald gegangen. Um neun Uhr war ich zurück im Haus, komplett nassgeschwitzt und mit brennenden Muskeln, aber nach einer langen Dusche schaffte ich es, meine kalte, unnahbare Maske aufzusetzen und mir nichts anmerken zu lassen. Ich warnte die Ratte, nicht zu spionieren (als ob er sich daran halten würde, aber meine Schutzzauber auf dem Schlafzimmer und dem Labor schaffte er ohnehin nicht zu umgehen) und disapparierte. Zehn Minuten vor Beginn des Ordenstreffens stand ich am Gartentor des Fuchsbaus und sah mich einer Molly Weasley mit zusammengezogenen Augenbrauen und einer extrem ablehnenden Haltung gegenüber.

„Keine Sorge, ich will auch nicht hier sein!“, schnarrte ich. „Aber ich habe Albus versprochen, euch weiterhin Informationen zu liefern, und ich gedenke, mein Versprechen einzuhalten.“

„Als ob das Versprechen jetzt noch Geltung hat.“, ätzte Moody. „Du hast Albus getötet, ihn einfach ermordet! Damit hast du doch eindeutig gezeigt, dass du auf der Seite deines Herrn stehst! Verschwinde, Snape!“

„Ich bringe euch Informationen.“, gab ich ruhiger zurück, als ich mich fühlte. Mir war klar gewesen, dass der Empfang so oder so ähnlich sein würde, aber dennoch fühlte es sich an wie ein Messer in der Brust. Es tat weh, obwohl ich versuchte, es zu ignorieren. Sie durften nichts wissen, das wäre tödlich.

„Lasst ihn rein, hören wir ihn an.“, entschied Kingsley mit seiner ruhigen Art. „Es schadet nichts, ihn anzuhören. Vielleicht bringt er uns wirklich nützliche Informationen.“

„So nützlich wie Albus‘ Ermordung?“, schrie Molly entrüstet. „Und wenn er alles falsch erzählt, sodass wir genau in die Falle rennen, die Du-weißt-schon-wer mit seiner Hilfe für uns baut? Oder er bringt uns alle um? Erst ermordet er Albus und jetzt zerstört er den Orden, damit er in der Hierarchie bei Du-weißt-schon-wem aufsteigt!“

„Ich bin auch der Meinung, es schadet nicht, ihn anzuhören.“, versuchte Bill, Vernunft walten zu lassen.

„Ich stimme meinem Sohn und Kingsley im Großen und Ganzen zu.“, nickte Arthur ruhig und blickte entschuldigend zu Molly. „Allerdings schlage ich vor, er gibt seinen Zauberstab in Verwahrung, dann können wir soweit sicher sein. Wenn wir ihn angehört haben, können wir immer noch entscheiden, ob wir glauben, was er sagt und wie wir darauf reagieren.“

Er wollte meinen Zauberstab wegnehmen? Niemals gab ich meinen Stab aus der Hand! Nein! Irgendwo tief in mir konnte ich Albus hören, wie er versuchte, mich dazu zu bringen, zuzustimmen. Blieb mir eine Wahl? Nicht wirklich, wie es schien. Verdammt. Ich blickte mich um. Die feindseligen Blicke überwogen bei Weitem. Nur wenige schienen geneigt, mich überhaupt anzuhören, aber es sah nicht so aus, als würde mir jemand glauben, was ich sagte. Wozu nochmal tat ich das hier? Albus schuldete mir definitiv etwas. Eine Menge, um genau zu sein. Die Diskussion im Garten dauerte an.

„Lasst ihn sprechen.“, hörte ich gerade Lupin plädieren. Natürlich, der Werwolf glaubte immer an das Gute im Menschen. Wie er das bei mir noch immer schaffte, war mir ein Rätsel, aber ich könnte schwören, dass er mir ein knappes Lächeln geschenkt hatte. Nun, es war nicht mehr lange bis Vollmond, wahrscheinlich konnte er riechen, ob ich die Wahrheit sprach. Vielleicht sollte ich ihn weiterhin mit Banntrank versorgen, wenn er schon für mich sprach. Aber nur vielleicht.

„Also gut, Snape, dann komm rein, ich nehme deinen Stab in Verwahrung.“, knurrte Moody und trat beiseite, wenn auch mit deutlichem Widerwillen. „Aber wehe, du lügst mich an!“

Was? Ich log nicht. Nie. Nun gut, manchmal musste ich die Wahrheit ziemlich verbiegen, um mein – oder auch ihr – Leben zu retten, und so dankten sie es mir? Warum nochmal tat ich das hier? Wann war die Schuld für Albus‘ Tod gesühnt? Wobei diese Frage ganz klar rhetorisch war. Ich würde mir selbst nicht vergeben. Niemals. Im Gegenteil, ich tat alles, was notwendig war, aber die Schuld würde nie vergehen. Ich hatte getötet und mir wurde jedes Mal schlecht, wenn ich daran dachte. Nur sehr widerstrebend zog ich meinen Stab langsam aus meiner Robe. Moody nahm ihn knurrend und ging ins Haus. Bei ihm war ich nicht sicher, ob er ihn mir wiedergeben würde, aber ich hatte bereits festgestellt, dass mir keine Wahl blieb.

In der Küche der Weasleys blieb ich stehen. Niemand bot mir einen Platz an, im Gegenteil, plötzlich rutschten sie so, dass ich nirgendwo Platz hatte. Sogar Minerva, die sonst immer auf Albus‘ Urteil vertraut hatte und mir glaubte. Es versetzte mir einen Stich, doch ich war geübt genug, um mir nichts anmerken zu lassen. Nie wieder sollte jemand sehen, wie es mir ging, das hatte ich mir bereits in der Schulzeit geschworen, als sie alle über mich gelacht hatten. Als hätte ich etwas dagegen tun können, dass ich mir nur gebrauchte Kleidung leisten konnte.

Mit Gewalt konzentrierte ich mich erneut auf die Gegenwart. „Der Lord will, dass ich euch von seinem Plan erzähle, Potter am 31. Juli in seinem Zuhause zu überfallen.“

„Also der Lord will das? Was soll das denn werden?“, unterbrach mich Molly und sah ihre Mitstreiter an. „Und für diese Lächerlichkeit haben wir ihn reingelassen?“

„Lass ihn ausreden.“, bat Kingsley und wandte sich an mich. „Was plant er wirklich?“

„Er erhofft sich, dass ich euch diese Nachricht bringe und ihr ihn dann überstürzt aus dem Haus holt.“, machte ich äußerlich gelassen weiter, während es in mir brodelte. Sie hatten es nicht verdient, dass ich tagtäglich mein Leben für sie riskierte. „Dazu sollt ihr wissen, dass er sämtliche Transportmöglichkeiten überwachen kann. Apparieren, Portschlüssel oder Flohnetzwerk sind nicht mehr sicher, wenn ihr Potter mitnehmt. Er hat die Spur noch auf sich, damit würdet ihr ihn ausliefern. Ihr müsst ihn vorher wegbringen. Und schützt seine Verwandten, der Lord will sie töten. Die Pläne des Lords kenne ich noch nicht, er will zunächst herausfinden, was der Orden plant und dann darauf reagieren.“

„Was hast du noch, Snape?“ Moody war noch immer feindselig, obwohl ich gesehen hatte, dass Lupin ihm vermeintlich heimlich zugenickt hatte und somit bestätigte, dass ich die Wahrheit sprach.

„Nicht viel, ich habe euch eine Liste gemacht, wer unter Imperius steht oder ein Ziel davon ist.“ Ich reichte Moody ein Pergament.

„Gut.“ Mehr kam nicht von dem alten Auror. Abwartend sah er mich an, als wollte er, dass ich verschwinde. Kein Wort wurde gesprochen, sie würden es offensichtlich ohne mich machen. Damit hatte ich gerechnet und verließ mit wehendem Umhang den Fuchsbau, nachdem ich meinen Stab zurück hatte. Moody hatte mich nur warnend angeblickt und mir dann das Holz in die Hand gedrückt. Ich spürte, wie mir die Blicke folgten, bis ich disapparierte. Im Grimmauldplatz wartete ich erneut auf Fletcher. Er würde mir – wohl eher unfreiwillig – später von den Ergebnissen berichten, damit ich etwas hatte, was ich dem Lord liefern konnte. Nie die ganze Wahrheit, aber genug, um zu überleben. Ein schmaler Grat, der jederzeit tödlich enden konnte. Doch bisher beherrschte ich dieses Spiel meisterlich. Wie lange noch? Ich konnte es nicht sagen. Irgendwann würde ich auffliegen, das schien klar, aber bis dahin musste ich es schaffen, Potter die Möglichkeit zu geben, den Lord zu bekämpfen. Die Bedrohung durch den Lord war einfach zu gefährlich, er musste aufgehalten werden. Und dazu brauchte Potter meine Hilfe, wie es schien. Auch wenn ich ihn absolut nicht ausstehen konnte, in diesem Fall war ich bereit, alles zu tun, was notwendig war.

Endlich, mehr als dreieinhalb Stunden später, tauchte Fletcher auf. Bisher schien er unauffällig, jedenfalls war ihm niemand gefolgt und er hatte auch keinen Verfolgungszauber auf sich, wie ich mit einem kurzen Check feststellen konnte.

„Was planen sie?“, fragte ich knapp.

„Noch is‘ nix entschied’n, die sammeln bloß Ideen.“, antwortete Fletcher. Er wirkte abwesend, was an meinem Zauber lag. Ich musste darauf achten, dass niemand es bemerkte, Moody war ziemlich misstrauisch und sah überall Spione. „Wie se Harry von seine Verwandten weghol’n könn‘. Aber’s soll scho’n paar Tage vor sei’m Geburtstag sein. Un‘ sie woll’n seine Verwandt’n gleichzeitich wegbring’n.“

„Triff mich nach den nächsten Ordenstreffen wieder hier.“, befahl ich über den Zauber. „Warte auf mich, wenn ich nicht hier bin und berichte nur mir davon.“

„Und was krieg‘ ich dafür?“

„Eine warme Mahlzeit.“, schlug ich vor und reichte ihm ein paar Galleonen, genug, um im Tropfenden Kessel ein Tagesgericht und ein Bier dazu bezahlen zu können. Ein wenig freundlicher als vorher nickte er mir zu und verschwand anschließend. Dank meines Zaubers konnte er nicht über die Informationen sprechen. Ich war froh, dass Moody nicht auf die gleiche Idee kam, sonst würde es schwer für mich. Auch ich verließ den Grimmauldplatz und machte mich auf, ‚meinem‘ Lord zu berichten. Anschließend könnte ich nach Draco sehen, wenn der Lord mich nicht wieder bestrafte. Aber da ich zumindest ein wenig Information hatte, würde es wohl nicht so schlimm werden.

„Herr, ich konnte dem Orden die Informationen übermitteln.“, berichtete ich. Er nickte nur abwartend, so sprach ich einfach weiter. „Sie haben nichts besprochen, so lange ich anwesend war, allerdings hatte ich damit gerechnet und Mundungus Fletcher, einen kleinen Ganoven, der ebenfalls im Orden ist, unter einen Zauber gesetzt. Er hat mich nach dem Treffen darüber informiert, dass Moody und die Anderen planen, den Potter-Jungen vor seinem Geburtstag zu holen. Genauere Pläne haben sie nicht gemacht, sie sind noch dabei, Ideen zu sammeln. Fletcher wird mich informieren, wenn es etwas Neues gibt.“

„Und der Zauber? Kann er entdeckt werden?“, wollte der Lord wissen.

„Nur, wenn man genau weiß, wonach man suchen  muss.“, gab ich zurück.

„Sehr gut. Du wirst weiter berichten.“, befahl der Lord, dann wurde ich entlassen.

Lautlos atmete ich aus. Erleichterung durchflutete mich für einen Moment. Auch wenn es noch lange nicht zu Ende war, ich konnte kurz durchatmen. Etwas leichter und entspannter ging ich nach oben und klopfte an Dracos Zimmer. Wobei Zimmer wohl der falsche Ausdruck war, seine eigenen Räume waren so weitläufig wie ein Apartment für eine normale dreiköpfige Familie in London.

„Onkel Sev!“, begrüßte mich Draco freudig, als er die Tür öffnete. „Komm rein.“

Ich folgte ihm in sein Wohnzimmer. Er hatte alles, was man sich materiell wünschen konnte, aber ihm fehlte definitiv menschliche Nähe von seinen Eltern. Überall konnte man sehen, wie teuer die Einrichtung war, und doch nahm Draco das alles als selbstverständlich hin.

„Kann ich dir etwas anbieten? Tee, Kaffee, Wasser, Saft? Ein frühes Abendessen?“, wollte der Blonde wissen.

„Nein, danke, Draco. Ich kann nicht lange bleiben.“, lehnte ich ab. „Wie du sicher gelesen hast, bin ich im neuen Schuljahr Direktor von Hogwarts. Eine Menge Arbeit wartet auf mich. Aber ich wollte hören, wie es dir geht.“

„Geht schon.“, murmelte er unsicher und sah zu Boden. „Mir bleibt keine Wahl, oder?“

„Nein, Draco.“, schüttelte ich bedauernd den Kopf. „Konzentriere dich auf die Schule, damit du die besten Voraussetzungen für dein späteres Studium hast. Was hast du nach der Schule vor?“

„Ich will Tränkemeister werden, wie du.“, gestand er leise. „Aber Vater erwartet, dass ich Wirtschaft und magisches Recht studiere, um die Familiengeschäfte zu übernehmen. Als Tränkemeister hätte ich keine Zeit dazu. Und ich werde das wohl auch tun, denn ansonsten müsste ich jemanden anstellen, der die Geschäfte übernimmt, und so viel Vertrauen habe ich zu niemandem. Höchstens zu dir.“

Gegen meinen Willen musste ich kurz auflachen. „Das ehrt mich, aber nein danke!“, lehnte ich ab.

Draco lachte ebenfalls leise und wirkte endlich wie ein Siebzehnjähriger. „Das würde ich auch nicht von dir verlangen!“

„Gut.“, nickte ich, wieder ernst. „Aber ich verlange Top-Leistungen von dir im nächsten Schuljahr.“

„Natürlich.“ Auch Draco war nun ernst. „Ich werde mein Bestes geben.“

Wir sprachen noch eine Weile über Nichtigkeiten. Man merkte, dass wir einander nicht mehr vollständig vertrauten. Es tat weh, aber es ging nicht anders. Ich wollte Draco schützen, aber ich konnte es nicht. Die einzige Möglichkeit dazu hatte ich, wenn ich Potter half, den Lord zu vernichten. Bis dahin musste ich meinen Patensohn auf Distanz halten.

Mit einem erstickten Schrei fuhr ich aus dem Schlaf. Nicht schon wieder! Heute war es beschlossen worden, wir würden den Orden überfallen, wenn sie Potter aus der sicheren Deckung brachten. Mein Plan schien zu funktionieren, aber sicher konnte ich nicht sein, erst wenn es soweit war. Die Versammlung war schlimm gewesen. Ich kannte Charity als Kollegin, nicht näher, aber ihr Flehen und der panische, angsterfüllte Blick hatten mir zugesetzt. Immer wieder sah ich ihre Augen in meinen Träumen, entweder sie oder Albus. Beide hatten sie mich angefleht, und es gab nichts, was ich tun konnte. Ich drängte die aufsteigenden Gefühle zurück. Auch wenn ich alleine hier war – Pettigrew musste sich nun um die Gefangenen im Manor kümmern – durfte ich mir keine Schwäche leisten. Die Gefahr war einfach zu groß. Ich erwischte mich bei dem Gedanken daran, dass dies alles irgendwann vorbei war und ich flehte, dass es nicht mehr so lange dauerte. Selbst wenn ich dann in Askaban landete, doch alles war besser als der Lord.

Mühsam stand ich auf, konnte nicht mehr schlafen. Eine kalte Dusche belebte mich einigermaßen. Ich musste nach Hogwarts, mich um einige Dinge kümmern. Außerdem nach Fletcher sehen, ob alles nach Plan lief. Nur noch drei Tage, dann musste Potter aus seiner Deckung kommen. Drei Tage, dann entschied sich, ob es noch eine Chance gab. Wenn der Lord Potter erwischte, war es vorbei. Nur der Bengel wusste genau, was das Geheimnis des Lords war, das Albus herausgefunden hatte. Mir war klar, dass es mit diesem verdammten Ring zu tun hatte. Damit begann mein Alptraum. Der Ring, den sich Albus idiotischer Weise anstecken musste. Hätte er das nicht getan, hätte ich ihn nicht töten müssen. Hätte … Es half nichts, sich in diesen Gedanken zu verlieren, dazu war es zu spät.

Durch den Kamin reiste ich gegen sechs Uhr morgens nach Hogwarts, in Albus‘ Büro. Mein Büro. Ich schüttelte den Kopf, das hatte ich nie gewollt. Nicht einmal unterrichten wollte ich eigentlich, aber ich musste. Der Lord brauchte einen Spion nahe an Dumbledore und Albus wollte mich in Sicherheit wissen. Anfangs war es wohl auch zur Überwachung, er hatte mir nicht gleich vollständig getraut, aber das war nur am Anfang. Das Vertrauen war gewachsen, aber nicht weit genug, um mir all das anzuvertrauen, was Potter erfuhr. Und nun hing alles an einem Siebzehnjährigen. Toll. Das waren fantastische Aussichten. Mein Schreibtisch – ich zwang mich dazu, ihn als meinen zu bezeichnen, wenn auch nur in Gedanken – war voller Pergamente. Unordentlich verstreut. Ich hasste diese Unordnung, also machte ich mich daran, es zu sortieren. Einige Dinge mussten sofort abgearbeitet werden, die legte ich auf einen Stapel, andere Dinge konnten warten, die kamen auf einen zweiten Stapel. Konzentriert machte ich mich nun über den ersten Stapel her. Am frühen Nachmittag waren die Bücherlisten fertig, die Finanzen erledigt (das war so ziemlich das geringste Problem, da der Lord nun über das Ministerium und dessen Goldvorräte mehr oder weniger verfügte, wenn er den Minister auch noch nicht unter Kontrolle hatte, aber das war nur eine Frage der Zeit), die Lehrerquartiere zugeordnet, die Hauselfen neu eingeschworen und die Schutzzauber überprüft. Am liebsten hätte ich einige neue Zauber hinzugefügt, um die Kinder zu schützen, aber das war zu auffällig, ich musste mir etwas Anderes dafür einfallen lassen.

Vom Schreibtisch aufstehend streckte ich mich kurz, dass die Knochen knackten, dann ging ich in die Privaträume, die dem Direktor zustanden. Offenbar akzeptierte mich das Schloss als neuen Direktor, denn es gab keine Schwierigkeiten. Albus‘ Besitztümer waren nicht hier, wahrscheinlich hatte Minerva sie in Sicherheit gebracht. Umso besser, dann musste ich mich darum wenigstens nicht kümmern. Wobei, laut dem Brief aus dem Ministerium hätte ich das sowieso nicht machen müssen. Vielleicht hatte auch jemand aus dem Ministerium die Sachen geholt. Aber meine Dinge waren noch nicht hier. Ich beauftragte daher einige Hauselfen, meine Bücher und meine Kleidung aus den Kerkern hierher zu bringen.

„Severus, mein Junge.“, sprach mich Albus‘ Portrait an, als ich wieder ins Büro trat. Mit Absicht hatte ich am Morgen keinen Blick darauf geworfen. Er hatte erstaunlich lange ausgehalten, bevor er mich ansprach. „Du hast es geschafft, Direktor zu werden.“

„War das einer deiner Pläne?“, blaffte ich ihn an. Ich konnte seine Geheimniskrämerei nicht ausstehen, und Albus wusste das.

„Ja, und wie ich sehe, ist er aufgegangen.“, gluckste er erheitert. Meine Miene verfinsterte sich. „Severus, du bist derjenige, der die Kinder schützen kann. Wem hätte ich sie sonst anvertrauen können?“

„Und dafür musste ich dich ermorden?“, fauchte ich wütend.

„Das war leider notwendig.“, gab er – wenig reumütig – zu. „Severus, mein Junge, du hast mich nicht ermordet, sondern mir ein langsames und qualvolles Sterben erspart. Mach dir keine Vorwürfe.“

„Denkst du jemals an die Menschen, die du für deine verdammten Pläne nutzt, oder geht es dir nur ums sogenannte größere Wohl? Ist es dir egal, wie es den Menschen ergeht, die du für deine Pläne benutzt? Hast du jemals darüber nachgedacht, dass ich dich nicht töten wollte?“ Wütend schleuderte ich die Worte dem Portrait meines Vorgängers, meines Mentors entgegen. Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich muss los, Fletchers Gehirn ein wenig weiter bearbeiten, um Potter ein weiteres Mal zu retten.“ Die Tür knallte laut hinter mir ins Schloss, für einmal war ich zu wütend, um meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, und rannte regelrecht die Treppen zum Portal hinunter. Nur gut, dass niemand außer mir im Schloss war. Nun, Hagrid war auf dem Gelände, aber er kam so gut wie nie ins Schloss, außer zum Essen. Und da er im Moment wohl alleine hier war, nicht einmal dazu. Seine Hütte war auch dazu geeignet und er fühlte sich durchaus wohl dort. Jedenfalls bisher. Aus dem Fenster hatte ich gesehen, dass sein Haus stand, man sah nichts mehr vom Feuer in jener verdammten Nacht.

Ohne mich umzusehen hastete ich aus dem Tor und disapparierte direkt dahinter. Fletcher wartete bereits im alten Hauptquartier auf mich. Wenige Minuten später war ich sicher, dass alles so weit bereit war, wie es jemals sein konnte. Nun konnte ich nur noch hoffen, dass Potter keine Dummheiten machte. Ich schnaubte. Als ob das realistisch wäre. Hoffentlich hatte das Granger-Mädchen ihn wenigstens dieses Mal im Griff. Sie hatte in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass sie ein wenig Hirn hatte. Eigentlich wäre sie eine typische Ravenclaw, aber nein, sie war in Gryffindor. Wo Mut und Tapferkeit herrschten. Sehr witzig. Sturheit und Dummheit wohl eher.

Zwei Tage später warteten wir maskiert und in Umhängen in der Luft über Little Whinging. Unter uns einige Todesser, die eigentlich nicht hier sein sollten, da sie in Askaban saßen. Der Lord hatte sie in einer Nacht- und Nebelaktion befreit. Selbst Draco und Lucius waren hier, obwohl er die Malfoys bislang herausgehalten hatte, um nicht von seiner ergiebigsten Goldquelle abgeschnitten zu werden. Ich konnte nur noch hoffen und beten. Ja, ich betete. Auch wenn ich nie etwas davon gezeigt hatte, die Menschen, die wir gleich überfielen, waren mir nicht egal. Und doch musste es nun so aussehen. Ein Dröhnen ließ alle Todesser um mich herum aufmerksam in die Dunkelheit starren. Es ging offensichtlich los. Da – Besen, Thestrale und ein Motorrad. Wenigstens dieser Teil schien zu klappen, ich konnte eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Potters zählen. Die Todesser in meiner Nähe stutzten einen Moment, dann flogen sie drauflos. Es war ihnen egal, sie würden einfach alle töten, die nicht wie Potter aussahen. Ich hatte den Vielsafttrank im Grimmauldplatz hinterlassen, offenbar hatte Moody wenigstens noch Vertrauen in meine Tränkemeister-Qualitäten. Hochkonzentriert versuchte ich, die Todesser von mitten unter ihnen aufzumischen, ohne aufzufallen. Chaos herrschte, das half mir, aber ich musste vorsichtig sein. Meine Spezialität, der Sectumsempra, verletzte so einige von den Todessern, wenn sie zu genau für meinen Geschmack zielten. Ich konnte nur hoffen, dass niemand von ihnen Verdacht schöpfte. Vielleicht sollte ich einen anderen Zauber nutzen, das hier war genau das, was ich Potter immer vorwarf, er war zu durchschaubar. Aber für den Moment kümmerte ich mich nicht darum, ich war vollauf damit beschäftigt, den Überblick zu behalten und meinen Besen in der Luft zu halten. Verdammt, ich hasste fliegen!

Mein Blick irrte umher, ich wollte wissen, was um mich passierte. Irgendwo hinter dem Motorrad bildete sich plötzlich eine massive Wand. Einer der Todesser krachte frontal hinein und sank wie ein Stein zu Boden. Er tat mir nicht leid. Yaxley zischte auf einmal an mir vorbei, er flog neben einem anderen Zauberer, den er dirigierte. Die Augen zeigten, dass er unter Imperius stand. Er trug keine Maske, es war Stan Shunpike, der Schaffner vom Fahrenden Ritter. Einen Moment bekam ich keine Luft, es war eine Falle für Potter, da war ich sicher. Der Lord kannte den Bengel zu verflucht gut. Der Junge würde niemanden verletzen, der unschuldig war. Verflucht! Doch ich konnte mich damit nicht aufhalten, da ich sah, wie einer der Lestrange-Brüder auf einen der Potters zielte. Dieser Todesfluch würde treffen. Ohne zu wissen, ob es der Echte war – ich glaubte nicht, denn Remus Lupin als Begleiter wäre zu auffällig – versuchte ich, den Todesser mit dem Sectumsempra zu treffen, ich musste den Stabarm erwischen. Gerade, als ich den Fluch sprach, flog Yaxley mich regelrecht über den Haufen. Entsetzt musste ich zusehen, wie der Zauber daneben ging und den Potter bei Lupin traf. Überall war Blut, das war das Letzte, was ich sehen konnte, da Lupin beschleunigte und den Besen Potters ebenfalls steuerte. Grauen überfiel mich, doch ich musste konzentriert bleiben, um nicht aufzufliegen.

„Der echte Potter ist auf dem Motorrad!“, schrie Yaxley dem Lord zu.

 

Sofort flog der Lord in Richtung des Motorrades. Ich konnte nicht weiter darauf achten, da eben Moodys Potter verschwand, während der tote Moody in Richtung Erde fiel. Im Vorbeifliegen hatte der Lord ihn getötet. Ohne Regung, einfach so. Verdammt, der Mann war mir zwar unsympathisch, aber er hätte Dumbledores Rolle im Kampf gegen die Todesser einnehmen können. Ich versuchte, einen Blick auf den Lord zu erhaschen, wollte wissen, was mit dem echten Potter war. Egal wie wenig ich ihn leiden konnte, er war offenbar wirklich die Rettung für die Zauberwelt Englands. Toll, dann musste ich ihm am Ende wohl auch noch dankbar sein, sollte er es wirklich schaffen. Plötzlich sah ich den Lord in der Ferne, er verfolgte Hagrid mit dem Motorrad von Black. War er der Beschützer von Potter? Es wäre logisch, weil unvorhersehbar. Den schwächsten Magier als Begleitung für denjenigen, der den meisten Schutz brauchte. Auf den ersten Blick würde niemand annehmen, dass der echte Potter von einem Halbriesen mir nur wenig magischer Ausbildung beschützt wurde. Eindeutig eine Planänderung, die Moody zuzuschreiben war. Der alte Auror war ein genialer Taktiker. Gewesen. Doch ich durfte mich nicht in diesen Gedanken verlieren, um mich herum herrschte eine wilde Schlacht am Himmel. Ich verteidigte mich und gab mir Mühe, die Ordensmitglieder zu verfehlen und ‚versehentlich‘ Todesser zu treffen.

Bellatrix hingegen arbeitete mit Hochdruck daran, Tonks zu erwischen. Die junge Aurorin hatte damit zu tun, auf ihrem Besen zu bleiben, flog waghalsige Manöver, schaffte es aber, ihren Potter zu schützen. Ich konnte nicht eingreifen, einerseits weil Bella zu aufmerksam war, andererseits weil sie zu wild herumwirbelte. Noch einmal wollte ich niemanden verletzen. Das eine verletzte Ordensmitglied, das ich zu verantworten hatte, reichte mir schon. Also wandte ich mich Bill zu und schaffte es, einen Brandzauber auf den Besen von Crabbe zu sprechen, der gerade auf ihn eindrang. Glücklicherweise sah er mich nicht, sondern verdächtigte Dolohow, der gerade in der Nähe war und nicht wusste, wie ihm geschah, als Crabbe ihn anbrüllte. Sie vergaßen, dass sie Zauberer waren und gingen mit den Fäusten aufeinander los, was dazu führte, dass nun auch Dolohows Besen brannte und beide landen mussten.

Mit einem Mal brannte das Mal an meinem Arm. Der Lord rief? Aber war er denn nicht hinter Potter her? Mir wurde schwindlig, was, wenn er es doch geschafft hatte? Was, wenn Potter …? Ich schüttelte den Kopf, durfte jetzt nicht darüber nachdenken. Hastig landete ich und disapparierte im gleichen Moment. Gleich würde ich wissen, was passiert war.

Ich war noch nicht vollständig im Salon des Manors, als mich der Cruciatus traf. Ich brannte, das hier war die volle Stärke. Schreiend krümmte ich mich auf dem Boden, meine Wahrnehmung war auf Schmerzen reduziert. Es schien kein Ende zu nehmen, ich wollte einfach nur noch sterben. Je länger es andauerte, umso größer wurde meine Verzweiflung. Es war, als stünden alle meine Nerven gleichzeitig in Flammen, als badete ich in heißem Magma, ohne dabei zu verbrennen. Warum wurde ich nicht bewusstlos?

Endlich endete der Fluch, doch die Schmerzen blieben, wellenförmig rasten sie durch meinen Körper, der willenlos auf dem Boden liegen blieb. Meine Ohren schienen noch zu funktionieren, denn ich hörte den Lord toben. Potter war ihm entwischt. Außerdem schob er es einigen niedrigeren Todessern in die Schuhe, dass mehrere seiner Anhänger verletzt waren und nun einige Tage ausfallen würden. Ich atmete unhörbar auf und rappelte mich hoch. Die Nacht würde lang werden, aber zumindest schien er mich nicht zu verdächtigen. Noch nicht, es war sicher eine Frage der Zeit, wenn ich zu solchen Aktionen gezwungen wurde.

Nicht nur ich wurde bestraft. Zitternd saß ich auf dem mir zugewiesenen Platz und hoffte, dass es endlich zu Ende wäre, aber diese Hoffnung war ebenso utopisch wie die Hoffnung, dass Potter den Kampf am Ende gewinnen konnte. Allerdings musste ich nicht noch einmal unter den Strafen leiden, gegen Morgen hatte sich der Lord ausgetobt. Kurz nach mir hatte er sich Ollivander vorgenommen, den die Todesser offenbar aus der Winkelgasse entführt hatten. Jetzt wusste ich auch, wer einer der Gefangenen im Keller war.

„Du hast mir gesagt, dass das Problem gelöst wäre, wenn ich den Zauberstab von jemand anderem nehme!“, schrie Voldemort.

„Nein! Nein! Ich bitte euch, ich bitte euch…“

„Du hast  Lord Voldemort belogen, Ollivander!“

„Das habe ich nicht … ich schwöre, das habe ich nicht …“

„Du hast versucht, Potter zu helfen, damit er mir entkommt!“

„Ich schwöre, das habe ich nicht … ich glaubte, ein anderer Zauberstab würde funktionieren …“

„Dann erkläre, was passiert ist. Lucius‘ Zauberstab ist zerstört!“

„Ich kann es nicht begreifen … die Verbindung … besteht nur … zwischen euren beiden Zauberstäben …“

„Lügen!“

„Bitte … ich bitte euch …“*

Eigentlich konnte der Zauberstabmacher einem leidtun. Auch wenn ich mich gerade ziemlich beschissen fühlte, ihm ging es noch schlechter. Ich war mir sicher, dass er die Wahrheit gesprochen hatte. Er hatte keine Ahnung, was da passiert war. Doch das interessierte den Lord gerade nicht. „Crucio!“, zischte er wütend, nachdem er ihn mehrere Minuten mit anderen Flüchen gefoltert hatte. Langsam wurde mir so Einiges klar. Deshalb hatte der Lord den Stab von Lucius genommen. Es war verwirrend gewesen, als der Lord plötzlich bei der großen Versammlung den Stab des Blonden forderte. Dabei war er mit seinem eigenen Stab immer zufrieden gewesen. Aber wenn die Informationen, die ich gerade bekam, stimmten, dann mussten Potters Zauberstab und der des Lords eine Verbindung haben. Bruderstäbe? Es gab Gerüchte darüber, dass Bruderstäbe nicht gegeneinander kämpfen konnten. Dazu dann die Beschreibung des Kampfes auf dem Friedhof, die ich von Lucius bekommen hatte … Das wäre eine Erklärung für diese seltsame magische Kuppel, die keiner hatte durchdringen können. Offenbar hatte Potter mehr mit dem Lord gemeinsam, als bisher bekannt wurde. Ich riss mich aus meinen Gedanken, da der Lord nun von Ollivander abließ. Er ließ ihn von Pettigrew zurück in den Kerker bringen. Wir saßen am Tisch, während er erregt auf und ab lief.

„Severus!“, fauchte er schließlich. „Wie kann es sein, dass du nichts von dieser Planänderung wusstest? Ich dachte, deine Quelle ist zuverlässig?“

„Herr, Moody hat den Plan in den letzten Tagen immer wieder geändert.“, krächzte ich mit vom Schreien heiserer Stimme. „Es ist möglich, dass meine Quelle nicht darüber unterrichtet war, weil er ihn im letzten Moment noch einmal änderte.“

„Meister, wieso vertraut ihr Snape noch? Er hat erneut bewiesen, dass ihm nicht zu trauen ist!“, kreischte Bellatrix.

„Still!“, herrschte der Lord sie an. „Du hast es nicht einmal geschafft, dieses Krebsgeschwür zu entfernen, diese Schande für deine Familie auszumerzen. Ich kenne Moody und weiß, dass es schwer ist, gegen ihn zu arbeiten. Severus“, er betonte meinen Namen bedeutsam, sodass es mir eiskalt den Rücken hinunterlief, „hat wirklich gute Arbeit geleistet, wir wussten immerhin, wann und wo wir zuschlagen konnten. Außerdem haben wir es geschafft, Moody auszuschalten. Aber ihr habt zu sehr gegeneinander gearbeitet, habt euch verletzt anstatt die Ordensmitglieder zu treffen, wart euch im Weg, sodass Potter entkommen konnte. Also werdet ihr dafür sorgen, dass das Ministerium fällt, damit wir die Schutzzauber ausschalten können, die der Orden über die Häuser gelegt hat, in denen Potter möglicherweise lebt. Severus ist sicher, dass der Junge im September nicht nach Hogwarts gehen wird.“

Er sah mich fragend an. „So dumm ist nicht einmal Potter.“, bestätigte ich rau. „Dumbledore hatte im letzten Jahr viele geheime Treffen mit ihm, ich denke, sie haben etwas geplant, aber ich bekam es aus Dumbledore nicht heraus.“

„Der alte Narr und seine Geheimnisse.“, lachte der Lord gehässig. „Sie sind ihm zum Verhängnis geworden. Aber das ist jetzt egal, wir haben den Orden geschwächt, sie werden nicht mehr lange Widerstand leisten können. Severus, was weißt du noch?“

„Ich WEISS nichts.“, betonte ich. „Aber ich vermute, dass Potter wohl auf der Hochzeit von dem ältesten Weasley sein wird, immerhin sehen die ihn als Familienmitglied. Sie wollen im Familiensitz heiraten. Ich kann den Namen nicht aussprechen, die Schutzzauber verhindern es. Die Hochzeit ist, laut meinen Informationen, am ersten August, also in fünf Tagen.“

„Dann müssen wir das Ministerium bis dahin in unserer Hand haben.“, bestimmte der Lord hart. „Lucius, du bist dafür verantwortlich, Bellatrix kümmert sich um die Gefangenen. Ich will sie weiterhin lebend haben, also pass darauf auf. Ich muss zusehen, dass ich Informationen erlange, die ich von Ollivander nicht bekommen kann, weil er keine Ahnung zu haben scheint. Wenn ich zurück bin, erwarte ich Erfolgsmeldungen.“

Damit waren wir entlassen und ich schleppte mich nach draußen, ignorierte Lucius, der mich unbedingt sprechen wollte. Er sah nicht besonders gut aus, wie ich fand. Ich wollte nur noch nach Hause, eine Phiole meines Trankes zu mir nehmen und dann ins Bett, bis das Zittern und die Übelkeit endlich nachließen. Heute wohl mit einer Portion Traumlos-Trank, sonst könnte ich nicht schlafen. Und das musste ich, unbedingt. Zu lange hatte ich nicht mehr geschlafen. Mit Tränken und Kaffee hatte ich mich wach gehalten, aber irgendwann ging auch das nicht mehr. Ich war an einem Punkt, an dem ich merkte, ich brauchte eine Pause, wenigstens ein paar Stunden. Die nächsten vier oder fünf Tage würden sicher kein Zuckerschlecken. Immerhin ging es dem Lord darum, das Ministerium zu übernehmen, und da waren wir noch nicht weit genug. Nun, zum Teil auch dank mir, das wusste der Lord aber zum Glück nicht. Wie weit würde Kingsley mir noch trauen? Ich musste es versuchen, aber erst, nachdem ich geschlafen hatte.

* Harry Potter Band 7, S. 90

Autorennotiz

Das hier war nicht leicht zu schreiben, aber es ist mir sehr wichtig... Ich war immer der Meinung, dass JKR ihrem eigentlichen Held viel zu wenig Aufmerksamkeit widmete und will das nun hier nachholen! Ich halte mich eng an die Buch-Vorlage, daher kommen auch immer wieder Zitate vor, aber ich schreibe aus der Sicht von Severus. Viel Spaß dabei! --- Die Figuren und Handlungsorte sind von JKR ausgeliehen und ich verdiene kein Geld hiermit!

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Kapitel:7
Sätze:1.304
Wörter:14.867
Zeichen:87.601

Kurzbeschreibung

Beginnend in Band 6 mit der Szene auf dem Astronomieturm... Aus der Sicht von Severus Snape. Sein letztes - und wahrscheinlich auch schrecklichstes - Jahr. Ich finde, JKR hat ihm viel zu wenige Worte gewidmet, dabei ist er eigentlich der Held der Geschichte, der am Ende den Sieg ermöglichte...

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