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Severus Snapes schlimmstes Jahr

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15.3.2018 19:20
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Charaktere

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

„Severus …“*

Verdammt, nein. Bitte nicht. Es ist falsch, es darf nicht sein. Dieser dumme Bengel, warum nur? Grob schubste ich ihn aus dem Weg. Auch wenn Draco mein Patenkind war. Oder gerade deswegen. Vielleicht konnte ich ihn damit noch ein wenig länger schützen. Als ob es etwas brachte, aber ich musste es einfach versuchen. Die Todesser, sogar Greyback wichen zurück. Meine Miene schien die Entschlossenheit auszustrahlen, die ich innerlich vermisste. Ich konnte das hier nicht einfach tun. Seit Monaten wusste ich, dass genau das hier auf mich zukam, und doch – ich kann das nicht. Nur mit Mühe unterdrückte ich einen gequälten Aufschrei.

„Severus … bitte …“*

Seine Augen bohrten sich in meine. Ich öffnete meine Barrieren, weder die Carrows noch Greyback oder der Kerl, den sie mitgebracht hatten, beherrschten Okklumentik, somit auch keine Legilimentik. Draco stand zu sehr unter Schock, er würde nichts mitbekommen. Mein Mentor, mein Vaterersatz – ja, das war Albus für mich – er wollte mir noch etwas mitteilen. Wie ein Wasserfall fluteten Bilder, Gefühle und Fragmente von Erinnerungen auf mich ein. So schnell, ich konnte es gar nicht erfassen. Wir hatten keine Zeit und Albus machte es so schnell wie irgend möglich. Mein Kopf drohte zu platzen, aber ich musste ruhig bleiben, keiner durfte etwas merken. Ich biss die Zähne zusammen und ließ zu, dass Albus weitermachte.

Meine Gefühle, die durften nicht sein. Aber ich konnte doch nicht einfach meine Gefühle ausschalten. Ich sollte meinen Mentor töten, den Menschen, der mir, von Lily abgesehen, am meisten bedeutete. Während ich langsam, widerstrebend, den Zauberstab hob, gingen meine Gedanken zurück. Letztes Jahr im Sommer hatte er mir einen Patronus mit einem Hilferuf geschickt. Ich fand Albus in seinem Büro, er sah nicht besonders gut aus. Zitternd, leichenblass, schmerzverzerrtes Gesicht. Dabei strahlte er eine unwahrscheinliche Schwäche aus. Sofort wusste ich, dass er einen dunklen Fluch abbekommen haben musste. Welchen konnte ich nicht gleich sagen, aber man konnte sehen, wie schwer er getroffen war. Warum hatte er den Ring aufgesteckt? Der alte Narr. Ich war so unendlich wütend, warum musste er sich selbst so zurichten? Er war sonst so schlau, warum konnte er nicht nachdenken? Nun sollte ich es richten, aber ich konnte es nur verlangsamen. Das ganze Jahr musste ich ihm beim Sterben zusehen. Wie oft hatte ich ihm in den letzten Monaten angeboten, ihm einen Trank zu brauen, dass er sich am Ende selbst töten kann? Aber nein, er musste noch so viel erledigen, Potter noch so viel beibringen. Deshalb bat er mich nun darum, es zu tun, ihn zu töten. Irgendetwas war da noch, aber ich konnte es nie richtig fassen. Nur spüren, dass er noch einen Plan hatte, den er nicht mit mir teilen wollte.

In mir schrie alles danach, den Zauberstab gegen die Todesser zu richten, um Albus zu retten. Nur ich selbst sah das Zittern. Nein, nicht nur ich.

»Severus, es ist gut. Ich weiß, ich verlange viel von dir, aber du bist der Einzige, den die Kinder bald noch haben. Schütze sie. Wenn du dir das Vertrauen Voldemorts nicht erwirbst, kannst du nichts tun. Er wird dir mehr als allen anderen, viel mehr als bisher vertrauen, wenn du mich jetzt erlöst. Bitte, mein Junge, tu mir diesen Gefallen: Erlöse mich. Von meinen Schmerzen und der Schwäche. Ich spüre den Tod lauern, er quält mich. Töte mich, rette die Kinder, schütze Harry, wie du es einst Lily versprochen hast.«

Lily. Er hatte mich. Einen Moment schloss ich die Augen, dann riss ich sie wieder auf. Niemand durfte mir etwas anmerken. »Verzeih mir. Vater.« schickte ich ihm meine Gedanken. Ein letztes Mal blickte ich geradewegs in die hellen, blauen Augen. Nur ich sah das überraschte und irgendwie amüsierte Funkeln in seinen Augen und die Andeutung eines erleichterten Lächelns.

„Avada Kedavra!“*

Der grüne Lichtblitz, er traf ihn mitten auf der Brust. Ich wollte schreien, doch ich war gezwungen, still zuzusehen, wie Albus stürzte. Ich habe ihn erlöst, ich habe ihm Schlimmeres erspart! Das versuchte ich mir einzureden. Ich habe ihn getötet. Das sprach die lautere Stimme in mir. Etwas in mir zerbrach in tausende Stücke, doch ich presste die Lippen zusammen. Ich verschloss meine Gefühle tief in mir, das hier war noch lange nicht zu Ende. Draco schien tatsächlich unter Schock zu stehen, ich musste ihn mit mir ziehen, als ich den Anderen nach unten folgte. Dieser Kerl, dessen Name ich nicht einmal kannte, war zu langsam, wir waren vor ihm unten. Entweder, es war noch jemand auf dem Turm gewesen oder er war nicht in der Lage, Treppen zu steigen, denn er fiel nach unten. Hatte Albus etwa …? Er hatte mit Potter das ganze Jahr über zu tun gehabt, auch wenn er mir nicht mehr darüber gesagt hatte, als dass es Potter helfen würde, gegen den Lord anzukommen. Als ob ein nicht einmal volljähriger Junge mit sechs Jahren Zaubererfahrung gegen den dunklen Lord ankommen könnte, wenn nicht einmal Albus es schaffte, der einer der stärksten Magier dieser Zeit war. Verdammt, wenn der Bengel dort oben war, hatte er alles gesehen. Mir wurde schlecht, so etwas sollten Kinder nicht sehen!

Ich rief die Todesser zurück, sie sollten nicht in der Schule bleiben. Die Kinder schützen, das hatte ich Albus versprochen und das wollte ich auch tun. Ich war gerade deren einzige Hoffnung, auch wenn es keiner wusste, keiner wissen durfte. Und jetzt musste ich auch noch Draco hier weg bringen, der Junge brauchte Betreuung. Er war sicher, dass sein Versagen das Todesurteil für seine Eltern sein würde. Das hatte der Lord ihm immer wieder klargemacht. Und Bellatrix hatte in die gleiche Kerbe geschlagen. Ich war nicht so sicher, glaubte aber, dass der Lord ihn zwar bestrafen, aber letztlich verschonen würde. Die Malfoys waren lebend viel mehr für ihn wert, immerhin finanzierten sie ihn zu weiten Teilen. Doch Draco schien das nicht zu erkennen. Mit vor Angst und Panik geweiteten Augen starrte er mich an, während ich ihn mit mir zerrte. Warum nur hatte er kein Vertrauen mehr zu mir? Hatte ich meine Rolle zu gut gespielt? Er nahm mir offenbar den treuen Todesser genauso ab wie jeder andere.

Ich riss meine Gedanken von Draco los und kam zurück zu dem Goldjungen. War Potter wirklich auf dem Turm gewesen? Wie viel wusste er? Würde er so dumm sein, uns zu verfolgen? Natürlich, das würde er. Ich schnaubte, der Bengel war absolut berechenbar. Er würde Rache wollen für den Tod Dumbledores. Narr. Als würde Dumbledore so einen Plan nicht bereits von Anfang an für seine Zwecke umformen. Natürlich wusste er schnell, was Draco tun sollte. Hatte es von mir erfahren, wie so viele Dinge zuvor. Nur war es diesmal auch mein Verderben. Ich wusste, dass Potter schon am Anfang des Schuljahres Verdacht geschöpft hatte, Dumbledore – Albus – hatte es mir gesagt. Ich sollte Draco im Auge behalten. Als ob mein Patensohn das zulassen würde. Niemals. Das war mir von Anfang an klar gewesen, aber Albus hatte immer weiter gehofft. Umsonst. Beinahe hätte es diese beiden Gryffindors erwischt. Unschuldige Schüler. Auch wenn ich Gryffindors nicht mochte, sie runtermachte, wann immer ich eine Gelegenheit hatte, aber das wünschte nicht einmal ich ihnen. Ich durfte mir keine Gefühle erlauben, schon gar nicht Gryffindors gegenüber. Meine Stellung als Spion war immer in Gefahr, ich musste überzeugen beim Lord. Dummerweise glaubte mir dafür im Orden kaum jemand. Nur Albus stand vollkommen hinter mir. Moody wusste die Informationen zu schätzen, gab aber sonst nicht viel auf mich. Lupin vertraute Albus und damit auch mir. Jetzt wahrscheinlich nicht mehr. Alle Anderen wirkten immer skeptisch, wagten es aber nie, gegen mich zu sprechen, wenn Albus dabei war.

„Schneller, Draco!“, drängte ich meinen Patensohn, als wir das Portal hinter uns brachten. Irgendeiner der Todesser griff Hagrids Hütte an, doch wie es aussah, schaffte der Wildhüter es alleine. Ich durfte mich nicht verraten, auch wenn ich Hagrid sehr schätzte. Persönliche Gefühle mussten warten. Ich hatte eine Mission, die ich erfüllen musste, wie seit über fünfzehn Jahren. Niemand durfte hinter meine Maske sehen, kein Zweifel durfte aufkommen. Niemals, das wäre mein Todesurteil. Schon lange spielte ich dieses Spiel, aber bisher hatte ich immer eine Person gehabt, bei der ich mich nicht verstellen musste, ich selbst sein durfte. Albus fehlte mir bereits jetzt, aber ich musste gerade an Draco denken und die vielen Leben, die von meinen Entscheidungen abhingen. Daher zwang ich mich, ruhig zu bleiben und meine Gefühle vergrub ich tief in mir.

Plötzlich zischte ein roter Lichtstrahl an mir vorbei. Ich schob Draco vorwärts. Den Jungen wollte ich um alles in der Welt beschützen. Niemand, nicht einmal er selbst, wusste, wie viel er mir wirklich bedeutete. Nach Lily war er der wichtigste Mensch in meinem Leben.

„Lauf, Draco!“**

Potter stand nicht weit entfernt, versuchte, mich zu verfluchen. Ich konnte sein „Cruc …“** leicht abwehren, brauchte nicht einmal einen Zauber dafür aussprechen. Er versuchte es ein zweites Mal. Ich verstand ihn ja, würde selbst wohl nicht anders reagieren in seiner Lage, aber er durfte nichts wissen. Nicht von meiner Liebe zu seiner Mutter, nichts davon, dass ich ihn schützte, wann immer ich konnte. Er hatte es mir nie leicht gemacht und es würde nur noch schwerer. Und doch würde ich alles tun, damit er sicher war. Für Lily, aber auch für alle Menschen auf der Insel. Der Junge hatte wahrscheinlich die gleichen Lasten auf seiner Schulter wie ich, aber er hatte Freunde, die ihm beistanden. Um meine Sorgen zu überdecken verzerrte ich meine Züge zu einem Grinsen.

„Keine unverzeihlichen Flüche von dir, Potter! Du hast weder den Mut noch die Fähigkeit …“**

Er unterbrach mich, versuchte mich zu fesseln. Erbärmlich und erschütternd. Wie sollte dieser Junge gegen den Lord ankommen? Und doch musste ich meine Hoffnung in ihn setzen. Warum, Albus? Was wusstest du, was ich nicht weiß? Welche Pläne hast du noch immer mit uns? Wie kann ich das unterstützen? Was soll ich tun?

„Wehr dich!“, schrie er mich an. „Wehr dich, du feiger …“**

Wütend schrie ich zurück, diese Emotion konnte ich gerade nicht unterdrücken. Zu viel wühlte es in mir auf. Dieser Teil meiner Vergangenheit, den ich am liebsten aus meinem Kopf löschen würde.

„Feigling hast du mich genannt, Potter? Dein Vater hat mich nur angegriffen, wenn sie vier gegen einen waren, wie würdest du ihn wohl nennen?“**

Dieses dumme Kind. Und ich sollte, wollte, ihn dennoch beschützen. Der Idiot hatte einfach immer noch nicht kapiert, dass er seine Flüche und Zauber nicht aussprechen durfte. Ich verhöhnte ihn, vielleicht verstand er es sogar, wenn ich ihm auf die Art einen Tipp gab. Ich durfte mich nicht verraten. Erneut verschloss ich die Gefühle tief in mir, befahl den Todessern, endlich zu verschwinden. Wir mussten hier weg, sonst würden noch mehr Kinder zu Schaden kommen. Ich hatte Albus versprochen, die Kinder zu beschützen. Und dabei gleichzeitig meine Rolle zu behalten. Albus, was verlangst du von mir? Es war so schwer, und doch würde ich all das auf mich nehmen, um meine Schuld tilgen zu können. Nie wird es zu Ende sein. Ich werde mich immer schuldig fühlen.

Plötzlich schrie Potter auf. Was …? Welcher Idiot stellte ihn unter den Cruciatus? Entsetzt und schockiert huschte mein Blick herum. Amycus. Verdammt nochmal, das musste aufhören!

„Nein!“, brüllte ich. „Hast du unseren Befehl vergessen? Potter gehört dem Dunklen Lord – wir sollen ihn am Leben lassen! Geh! Geh!“**

Merlin sei Dank hatten wir diese Befehle vom Lord bekommen. Er wollte Potter lebendig … und unversehrt. Ich musste ihn beschützen, durfte mich aber nicht verraten. Nur die Befehle des Lords konnte ich an die Anhänger weitergeben, sie an den Zorn des Dunklen erinnern, wenn sie etwas taten, das gegen seine Anweisungen war. Mehr konnte ich gerade nicht tun, ich konnte nur hoffen, dass Potter es endlich kapierte und verschwand. Doch das war wohl zu viel erwartet. Der Bengel kämpfte sich erneut auf die Beine.

„Sectum …“**

Automatisch blockte ich den nicht vollständig ausgesprochenen Zauber, bevor er ihn zu Ende brachte. Das konnte ja wohl … Ich wusste schon, dass er mein Tränkebuch irgendwie in die Hand bekommen hatte, aber hatte er nichts gelernt? Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen. Den Jungen ließ ich dabei nicht aus den Augen. Der konzentrierte sich gerade, also beeilte ich mich, in seine Gedanken zu sehen. Noch immer ließ er es zu, merkte es nicht einmal. Aber ich sah genau, was er plante.

„Nein, Potter!“, schrie ich. „Du wagst es, meine eigenen Zauber gegen mich einzusetzen, Potter? Ich war es, der sie erfunden hat – ich, der Halbblutprinz! Und du willst meine Erfindungen gegen mich richten, genau wie dein dreckiger Vater, ja? Das will ich aber nicht meinen … nein!“**

Ich schleuderte einen Zauber auf seinen Stab, den er aufheben wollte. Wut toste in mir, in meinen Ohren rauschte es. Ich vergaß, dass ich ruhig bleiben sollte, keine Gefühle zeigen wollte. Wieder einmal schaffte es der Bengel spielend, mich in den Wahnsinn zu treiben. Er erinnerte gerade so sehr an seinen verdammten Vater. Genauso hatte er ausgesehen, wann immer er mich gedemütigt hatte. Ich sah rot.

„Dann töte mich doch. Töte mich, wie du ihn getötet hast, du Feigling …“**

Diese Worte ließen alle Sicherungen in mir durchbrennen. Wut mischte sich mit Abscheu, mit Selbsthass und Verachtung. Ich hatte getötet. Mein eigener Mentor, der wie ein Vater für mich war, starb durch meine Hand! All die Jahre hatte ich es vermeiden können, unschuldige Leben zu nehmen, aber dieser Tod hatte etwas in mir entfesselt. Ich konnte nicht mehr, wollte es endlich beenden, aber das durfte noch nicht sein. Erst, wenn der Lord vernichtet war. Und dann kam Potter …

„… NENN MICH NICHT FEIGLING!“**

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten und jagte ihm einen Fluch auf den Hals, meine Wut brach sich Bahn und vernebelte die Sicht vor meinen Augen. Plötzlich wurde ich umgerissen und scharfer Schmerz durchfuhr mich. Der Hippogreif von Hagrid griff mich an, beschützte Potter offensichtlich. Diesen arroganten, kleinen Widerling! Ich musste hier weg, der Lord hatte keine Geduld, er wollte einen Bericht. Ich musste Draco wegbringen und dafür sorgen, dass er am Leben blieb. Der Junge bedeutete mir viel, er war mir wie ein Sohn in all den Jahren geworden. Ich wollte ihn schützen. Dafür hatte ich sogar auf mich genommen, Albus zu töten. Bevor der Hippogreif noch einmal angreifen konnte, eilte ich durch das Tor und disapparierte mit Draco. Mein letzter Blick zeigte mir, dass Potter wieder auf die Füße kam. Er lebte. Erleichterung spülte einen Teil der Wut weg. Wenn er wirklich auf dem Turm gewesen war – ich erinnerte mich, dass ich zwei Besen gesehen hatte – dann war seine Wut verständlich, er wusste es nicht, konnte es nicht verstehen. Potter hatte keine Ahnung. Seine Vorwürfe trafen mich nicht so sehr wie meine eigenen. Es war meine Schuld, alles war meine Schuld. Ich hatte die Prophezeiung weitergegeben. Deswegen war Lily gestorben, deswegen musste Potter nun gegen den Lord kämpfen.

 

* Harry Potter Band 6, Seite 600

** Harry Potter Band 6, Seiten 607-609

 

 

Ich schob die Gedanken beiseite und packte Draco, der am Tor stehengeblieben war, disapparierte mit ihm. Der Junge stand noch immer vollkommen neben sich. Kein Vergleich zu Potter. Auch wenn dieser Bengel völlig emotional handelte und einfach nur irgendwie durchkam – und das schon immer – zumindest reagierte er deutlich schneller und war in der Lage, die Emotionen auszublenden, die ihn lähmten. Verdammt, er musste noch so viel lernen, bevor er auch nur die geringste Chance gegen den Lord hatte. Und in ihn setzten wir alle unser Vertrauen. Unsere Hoffnung. Wenn ich ehrlich war, tat ich dies irgendwie auch, und doch würde ich mich nie alleine darauf verlassen, wie es die meisten Hexen und Zauberer offenbar taten. Sie forderten von einem knapp Siebzehnjährigen, dass er gegen einen Zauberer in den Krieg zog, der nicht nur Jahrzehnte älter sondern vor allem viel erfahrener und skrupelloser war. Wie heldenhaft. Ich schnaubte. Das schien Draco aus seiner Starre zu reißen.

„Onkel Sev?“, wisperte er zitternd. Ein Glück, dass ich zuerst zu mir apparierte. Mit einem nonverbalen Zauber rief ich einen Beruhigungstrank für ihn auf und hielt ihn meinem Patensohn hin. „Trink.“, befahl ich und er gehorchte einfach. Provisorisch stoppte ich die Blutung meiner eigenen Verletzung durch diesen dummen Hippogreif. „Und jetzt verschließe dich, wir müssen zum Lord!“

Mehr Warnung gab es nicht, wir durften nicht noch länger warten, wenn wir weiterleben wollten. Sicherlich wusste er schon vom Ende unserer Mission und das hätte er eigentlich besser von uns erfahren. Wir mussten uns beeilen. Also griff ich erneut nach dem Blonden und schob ihn zum Kamin. Salazar sei Dank hatte ich bereits mit dem Lord besprochen, dass ich nicht direkt zum Manor apparierte, falls jemand folgen sollte. Hier in Spinners End war es sicher genug, um eventuelle Verfolger abzuschütteln. Draco zitterte noch immer, daher stieg ich mit ihm zusammen in die Flammen. Das Kommende würde sicher nicht angenehm, aber wir sollten es überleben.

Als wir im Malfoy-Manor ankamen, stolperte Draco und ich schaffte es nur mit Mühe, seinen Fall abzufangen. Rasch schob ich ihn weiter in den Versammlungssaal. Natürlich waren die Meisten schon da. Schreie hallten durch die Flure. Greyback. Der Lord war offenbar nicht begeistert von seinen Handlungen. Na toll, er hatte schlechte Laune. Und wir kamen zu spät, Draco hatte seine Mission nicht vollständig erfüllt. Wie hatten sie überhaupt so schnell reagieren können? Vom Orden waren nur sehr wenige dagewesen. Und was hatten die ganzen Schüler dort gemacht? So war das nicht gedacht gewesen. Verdammt, was war schief gelaufen? Ich musste mich verschließen, der Lord war fertig mit Greyback und wandte sich uns zu. Seine Augen leuchteten brennend rot, er war richtig zornig. Ich kniete mich, zog Draco mit mir, verneigte mich und küsste den Saum. Normalerweise würde ich mich nie so erniedrigen, aber es könnte Dracos und mein Leben retten. Ich spürte sein Zittern. Es gab kein Zurück, schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich hatte Draco nie eine andere Wahl gehabt. Es tat mir leid um ihn, aber ich konnte ihm gerade nicht helfen.

„Severus, Draco.“, zischte er uns zu. Definitiv mehr als wütend.

„Herr.“, antwortete ich demütig. Ich hasste dieses Kriechen, hoffentlich musste ich das nicht mehr so lange machen. Die Gedanken an Potter, die sich gerade aufdrängten, schob ich beiseite, ich musste konzentriert bleiben.

„Dein Bericht, Draco!“, verlangte er.

Zitternd sank Draco in sich zusammen, sein Gesicht war weißer als die Wand. Aber er begann zu sprechen. „Ich … ich habe das Verschwindekabinett geöffnet und eure Anhänger sind gekommen. Mit Hilfe meiner Hand des Ruhmes und dem Finsternispulver habe ich sie zum Turm geführt. Wir mussten mit erheblicher Gegenwehr klarkommen, einige Freunde Potters stellten sich uns in den Weg. Aber ich habe es auf den Turm geschafft und konnte Dumbledore entwaffnen. Dann hat er angefangen, auf mich einzureden. Und plötzlich waren die Anderen da. Und On… Professor Snape hat mich zur Seite gedrängt und den Todesfluch ausgesprochen.“

„Also hast du deine Aufgabe nicht erfüllt!“ Zornig sah der Lord den Jungen an und richtete sehr langsam den Zauberstab auf ihn. „Crucio.“, wisperte er beinahe zärtlich. Draco schrie. Er krümmte sich auf dem Boden und schrie sich die Seele aus dem Leib. Es tat weh, ich wollte etwas tun. Nur mühsam konnte ich verhindern, eine Reaktion zu zeigen. Das durfte ich nicht, sonst würde es für Draco nur noch schlimmer. Meine Fingernägel gruben sich tief in die Handballen, der Schmerz half mir, ruhig zu bleiben. Ich konnte Zissa hinter mir leise schluchzen hören. Auch wenn sie es normalerweise nicht zeigte, sie liebte ihren Sohn. Endlich, nach unendlich langer Zeit wie es schien, ließ er von Draco ab. Der Junge blieb zitternd und mit geschlossenen Augen liegen. Er war am Ende. Nun wandte der Lord seine Aufmerksamkeit zu mir.

„Wie ich hörte, hast du die Aufgabe des jungen Malfoy vollendet und Dumbledore getötet?“

Meine Gedanken rasten. Was wollte er hören? Es gab wohl keine richtige Antwort. „Ja, Herr.“

„Es war nicht deine Aufgabe!“, zischte er. „Crucio!“

Ich brannte. Es war, als würden alle meine Nerven plötzlich in Flammen stehen. Mein Denken erlosch, ich konnte meine Schreie nicht lange unterdrücken. Doch sobald ich schrie, entließ er mich aus dem Fluch. Ich richtete mich mühsam auf.

„Severus, deine Handlung war offenbar notwendig.“, revidierte er seine vorherige Aussage. „Du bleibst in Spinners End, ich muss wissen, was der Orden vorhat. Ich will Potter, noch immer. Er ist mein! Du hast bewiesen, dass du auf meiner Seite stehst. Nimm Wurmschwanz erneut zu dir, er kann die Aufgaben in deinem Haus erledigen, die du ihm gibst. Er wird dein Diener sein. Halte dich im Hintergrund. Wenn alles so geht, wie es soll, dann ist das Ministerium innerhalb der nächsten Wochen in meiner Hand und dann haben wir Potter und Hogwarts. Du wirst eine wichtige Aufgabe haben in Hogwarts, du wirst Schulleiter. Die Carrows haben schon zugesagt, als Lehrer tätig zu werden. Unter meiner Hand wird die Schule in unserem Sinne neu aufgebaut.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“, senkte ich den Kopf. Nur nicht nach oben sehen, sonst könnte ich meine Gefühle nicht kontrollieren. Ich wünschte, alles wäre vorbei. Dieses dämliche Versprechen, das ich Albus gegeben hatte. Ich würde alles tun, um die Schüler zu schützen. Hatte Albus das bereits so geplant? Kannte er den Lord so gut? Verdammt, was kam da auf mich zu? Warum immer ich? Und Potter musste ebenfalls beschützt werden. Der Grat, auf dem ich wandelte, wurde immer schmaler. Niemand vertraute mir. Niemand durfte mir vertrauen, wenn ich meine Rolle weiterspielen wollte. Flog meine Tarnung auf, war ich tot. Langsam und qualvoll. Nein, danke.

„Du kannst gehen, Severus.“, winkte der Lord nachlässig. „Aber halte dich zu meiner Verfügung.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“, verneigte ich mich erneut und verließ den Saal. Mit einem raschen Blick überzeugte ich mich davon, dass es Draco verhältnismäßig gut ging. Narzissa kümmerte sich um ihn und selbst Lucius stand beinahe schützend vor ihm, schirmte ihn vor den Blicken des Lords ab. Morgen konnte ich mich um ihn kümmern, aber heute nicht mehr. Ich durfte nicht auffallen, egal wie schwer es mir fiel. Also stieg ich in den Kamin und warf das Pulver ins Feuer. „Spinners End.“

Doch auch zuhause kam ich nicht zur Ruhe. War ich zunächst noch abgelenkt, so lange ich meine Verletzungen richtig versorgte, so wurde es schon bald ruhig genug, dass mein Geist anfing, alles zu verarbeiten. In Gedanken hörte ich immer wieder meine eigene Stimme, wie sie den Todesfluch sprach. Wütend warf ich das Buch, das ich zur Hand genommen hatte, zur Seite und rannte nach draußen. Körperliches Training half meistens, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Ich lief auf den nahen Wald zu und rannte los, als ich unter den Bäumen war. Hier war so gut wie nie jemand und es gab noch ein kleines Geheimnis tief im Inneren des Waldes. In einer Höhle hatte ich mich eingerichtet. Schon als Kind hatte ich angefangen, meine Emotionen in einem Boxstudio loszuwerden. In der Höhle hatte ich mehrere Boxsäcke in verschiedenen Größen und Härtegraden. Erst, als ich vollkommen außer Atem vom Rennen war, schlüpfte ich in meine Höhle.

„Warum … nur … hast … du … das … getan?“, schimpfte ich. Bei jedem Wort traf ein harter Schlag den großen Sack, der oben und unten befestigt war und nur wenig schwingen konnte. „Wieso … ich? Du … warst … mir … wie … ein … Vater! Ich … musste … meinen … Vater … töten!“ Ein ersticktes Schluchzen löste sich aus meiner Kehle, doch ich presste die Lippen zusammen. Ich durfte meine Gefühle nicht nach draußen lassen. Niemand durfte etwas merken, vor allem nicht der Lord. Ich schlug weiter auf das Leder ein, bis ich erschöpft zu Boden sank. Eine Weile blieb ich einfach liegen und stellte mir vor, alles hinter mir lassen zu können. Ein Wunschtraum, aber es half mir, ein wenig zur Ruhe zu kommen und mich unter Kontrolle zu bringen, sodass ich zurück nach Hause gehen konnte. Pettigrew sah mich ziemlich überrascht an, verzog sich aber nach einem Knurren und dem kältesten aller Todesblicke. Er war meine Belohnung, weil ich den derzeit härtesten Gegner des Lords ausgeschaltet hatte. Ich ging in mein Schlafzimmer und legte mich eine Weile hin, auch wenn mir klar war, dass ich nicht schlafen konnte.

Ein Klopfen weckte mich nicht viel später aus meinem unruhigen Schlummer. „Severus? Eine Posteule.“, quiekte Pettigrews unangenehme Stimme vor meinem Schlafzimmer.

Ich quälte mich aus dem Bett und ging zur Tür, riss sie wütend auf. „Wer hat dir erlaubt, mich zu duzen, Ratte?“, wollte ich in meiner kältesten Stimme wissen und rauschte an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er zusammenzuckte und sich klein machte. Gut so.

Im Wohnzimmer sah ich die Eule auf dem Kaminsims sitzen. Sie trug ein offiziell aussehendes Schreiben. Vorsichtig nahm ich es von dem Eulenbein und brach das Siegel, während die Eule majestätisch durch das Fenster schwebte.

Sehr geehrter Professor Snape,

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass dem Antrag, Sie als neuen Direktor von Hogwarts zu ernennen, stattgegeben wurde. Der Minister und der Schulrat sind übereingekommen, dass dieses Amt in vertrauensvolle Hände gehört und Ihr Name wurde einstimmig angenommen. Der Direktoren-Turm wird gerade für Sie hergerichtet; sollten Sie Wünsche haben, zögern Sie nicht, diese zu äußern. Weitere Hinweise und Informationen werden Ihnen in den nächsten Tagen per Eule direkt nach Hogwarts geschickt.

Mit freundlichen Grüßen,

Büro Rufus Scrimgeour, Minister für Zauberei

Wie hatte der Lord den Minister dazu bekommen, meiner Ernennung zuzustimmen? Scrimgeour war als hart und unnachgiebig bekannt, so leicht war er sicher nicht zu beeinflussen. Möglicherweise hatte Lucius etwas gegen ihn in der Hand. Das war die Spezialität des Blonden, er nutzte sein Wissen über andere Menschen, um seinen Willen – oder in diesem Fall wohl eher den Willen des Lords – durchzusetzen. Das ging schnell. Jetzt war es also offiziell, ich war der neue Schulleiter von Hogwarts. Nachdem ich den ehemaligen Schulleiter ermordet hatte. Ich würgte, die Schuld erdrückte mich beinahe. Doch ich musste mich zusammenreißen, denn Pettigrew war noch im Haus, er durfte nicht erfahren, was mich bewegte. Niemals durfte jemand eine Schwachstelle bei mir finden, damit machte ich mich angreifbar. Und ich hatte Albus versprochen, die Kinder so gut wie möglich zu schützen. Dazu hatte er offenbar den Plan gefasst, mich zum Schulleiter zu machen. Ich könnte ihn fragen, zumindest sein Portrait, aber wahrscheinlich würde ich keine vernünftige Antwort bekommen. Albus war eigen.

Mit einem Blick auf die Uhr entschied ich, in mein Labor zu gehen und noch ein wenig Vorrat für den Anti-Cruciatus-Trank zu brauen, wahrscheinlich brauchte ich ihn bald erneut. Draco würde in drei Stunden kommen, hatte er zumindest angekündigt. Bis dahin war ich sicher fertig.

„Onkel Sev?“ Dracos Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Vorgestern wurden wir bestraft, heute traf ich ihn zum ersten Mal wieder. Wie lange hatten wir noch Ruhe? Sicher viel zu wenig, der Lord würde nun zuschlagen. Ich blickte auf und sah in seine grauen Augen. Verzweiflung stand klar und deutlich in ihnen.

„Draco, du musst dich zusammenreißen.“, warnte ich ihn schneidend. „Das hier ist keins deiner verdammten Spiele. Wenn du deine Aufgaben nicht erledigst, leidest nicht nur du darunter!“ Ich war immer noch wütend, auch wenn ich ihn dennoch verstehen konnte. Ich hatte meinen Mentor, meinen Vaterersatz – und das war Albus für mich – töten müssen. Es war nicht Dracos Schuld, und doch erleichterte es mich ein wenig, ihn dafür büßen zu lassen. Natürlich war es nicht fair, aber das Leben war so. Unfair. Grausam. Brutal. Es gab keine zweite Chance.

Mit einem Mal brach der Junge in Tränen aus. Offenbar hatte er inzwischen realisiert, was passiert war. Ich verfluchte Lucius innerlich, er hatte Draco viel zu sehr behütet, der Junge hatte keine Ahnung, was um ihn herum vor sich ging. Er hatte keine Chance gehabt, diesem Irrsinn zu entkommen. Er war hineingeboren worden in diesen Wahnsinn. Wie viel konnte ich nun sagen? Er durfte nichts wissen, nicht einmal etwas ahnen. Der Lord kam sicher durch seine geistigen Schilde, und wenn der Verdacht schöpfte, war ich tot und all die Anstrengungen umsonst. Albus hatte immer wieder darauf bestanden, dass er einen Plan hatte und alles genau nach diesem Plan verlief. Dieser Narr, warum hatte er mir nie davon erzählt? Dann wüsste ich jetzt vielleicht, wie es weitergehen sollte. Wie konnte ich die Schule leiten? Ich hatte absolut keine Ahnung davon. Seit gestern Morgen zerbrach ich mir den Kopf, wie ich nun weitermachen sollte. Hatte Albus das vorhergesehen? Und wenn ja, was erwartete er nun von mir? Doch ich fand – genau wie gestern – keine Lösung aus meinem Dilemma.

Draco schluchzte noch immer. Unsicher strich ich über seinen Arm. Zu viel Körperkontakt wollte er sicher nicht, und auch ich war nicht der Typ dafür. Das hatte ich aufgegeben, seit ich Lily damals durch meine eigene Schuld verloren hatte. Schuld. Ich sühnte dafür seit Jahren, aber es würde nie genug sein. Die kleine Berührung schien zu genügen, Dracos Weinen wurde weniger.

„Entschuldige, Onkel Sev.“, schniefte er irgendwann leise. „Was soll ich jetzt tun?“

„Halt den Kopf unten.“, schnarrte ich. Was sonst? „Du wirst das nächste Schuljahr in Hogwarts sein, danach studieren.“ Mehr konnte ich nicht sagen, das war schon gefährlich genug. Natürlich würde ich alles tun, damit es dazu kam, aber ich durfte meine Position nicht zu offensichtlich riskieren. Inzwischen war ich mir ziemlich sicher, warum Albus wollte, dass ich Schulleiter werde. Um die Schüler zu schützen. Noch hatte ich mich nicht an die Informationen gewagt, die er mir vorgestern gegeben hatte. Aufgedrängt wohl eher. Zu aufgewühlt war ich selbst im Moment. Erst musste ich zur Ruhe kommen, dann konnte ich mich damit beschäftigen. Außerdem konnte der Lord jederzeit nach mir rufen. Sicher erwartete er von mir, zurück zum Orden zu gehen. Als ob Moody oder Kingsley oder gar Minerva mir noch etwas anvertrauen würden. So ein Irrsinn!

„Wie wird das in der Schule ab September?“, wisperte Draco.

Verdammt, erneut war ich in Gedanken gewesen und hatte Dracos Anwesenheit vollkommen verdrängt. Das durfte nicht passieren, es war viel zu gefährlich! Der Junge war noch mein Tod, wenn ich so weiter machte. Ich musste sehen, dass ich mich von ihm distanzierte, zu seinem eigenen und meinen Schutz.

„Das werden wir sicher noch rechtzeitig erfahren.“, knurrte ich nur. „Geh nach Hause, Draco. Deine Mutter macht sich sicherlich Sorgen.“ Er sollte Zeit mit seinen Eltern haben, wie viel hatten wir alle noch? Und wenn Potter wider Erwarten am Ende doch erfolgreich war, dann wartete Askaban auf uns. Auch auf mich, es gab keinen Albus Dumbledore mehr, der für mich eintrat. Ich war auf mich alleine gestellt. Tolle Aussicht. Und auch Draco konnte ich nicht helfen, er hatte das Mal und wahrscheinlich blieb ihm auch nicht erspart, mit auf Missionen zu gehen. Das wäre sein Todesurteil, bisher war ihm nicht viel nachzuweisen, außer dass er die Todesser in die Schule gebracht hatte. Siedend heiß schoss es durch meinen Kopf, dass ich nicht einmal wusste, ob es Tote gegeben hatte! Ich musste das dringend herausfinden! Wer würde mir das sagen? Der Orden hielt mich für einen Mörder. Merlin, ich selbst wusste, dass ich ein Mörder war. Mir wurde schlecht.

Glücklicherweise hörte Draco auf meinen Rat und verschwand durch den Kamin ins Manor. Pettigrew war nicht hier, und darüber war ich wirklich nicht böse. Ich hastete ins Bad und die Hitze in meinem Bauch umfasste mit einem Mal meinen ganzen Körper. Mir schwindelte und ich würgte. Da war nichts in meinem Magen, ich hatte gestern und heute einfach nichts essen können, nur Kaffee getrunken. Der Schweiß floss in Strömen, ich konnte den Würgreiz nicht stoppen. Wieder und wieder sah ich Albus‘ Augen vor mir, wie sie erloschen. Ich hatte das Leben aus ihnen verbannt, nie wieder würden sie mich amüsiert anfunkeln. Es hatte mich immer in den Wahnsinn getrieben und doch vermisste ich dieses Funkeln nun. Ich hatte es zum Erlöschen gebracht. Ich hatte den Menschen ermordet, der mir wie ein Vater war! Der Würgreiz zwang mich dazu, mich erneut über die Schüssel zu beugen, auch wenn ich wusste, da war nichts mehr in mir, was heraus kommen könnte. Ich musste mich beruhigen, um wieder klar denken zu können.

Mit geschlossenen Augen lehnte ich meine Stirn an die kalten Fliesen an der Wand. Ich zwang mich, tief zu atmen, dehnte jeden Atemzug künstlich in die Länge, bis das Würgen nachließ und mein Magen sich langsam entkrampfte. Zitternd kämpfte ich mich Stunden später hoch und in mein Labor, um mir einen Trank gegen Übelkeit zu holen. Vielleicht auch einen zur Beruhigung, damit ich endlich schlafen konnte? Es war dringend nötig, damit ich konzentriert war, wenn ER mich rief. Wie lange hatte ich noch? Nicht lange genug auf jeden Fall. Der Lord wollte Potter und selbst ihm dürfte klar sein, dass er ihn erwischen musste, bevor der Orden ihn in Sicherheit brachte. Ich musste mir dringend etwas einfallen lassen, aber dafür brauchte ich einen klaren Kopf. Schlafen war gerade das absolut Wichtigste, wie es schien. Also keinen Beruhigungs- sondern einen Traumlos-Trank. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich wohl sechs bis acht Stunden Zeit hatte, bevor die Gefahr bestand, dass der Lord nach mir rief. Wobei, sicher konnte man nie sein. Also griff ich nach einem Gegenmittel, falls er mich eher rufen sollte, und stellte es auf meinen Nachttisch. Ich entschied, kurz unter die Dusche zu gehen, dann erst legte ich mich ins Bett. Mit Hilfe des Trankes schlief ich innerhalb weniger Minuten tief und fest.

Erst gegen Mittag am nächsten Tag wurde ich wach, weil ich Geräusche in meinem Haus hörte. Augenblicklich war ich hellwach. Wer wagte es, einfach so in mein Haus …? Pettigrew fiel mir ein. Ich musste mir etwas überlegen, dass der Lord ihn zurückpfiff, wollte ihn hier nicht haben. Diese elende Ratte, der Verräter, den wollte ich hier ganz sicher nicht beherbergen. Das wäre auch nicht besonders vertrauenserweckend, sollte jemand vom Orden vorbeikommen. Der Lord brauchte die Informationen, die ich ihm liefern konnte. Nun, er hatte nie alles bekommen, aber ich war nicht davor zurückgeschreckt, Informationen weiterzugeben. Musste ich, um meine Stellung zu wahren. Bisher immer mit Albus abgesprochen, jetzt musste ich es wohl alleine schaffen. Falls ich noch Informationen bekam, was ich bezweifelte. Potter hatte sicherlich allen erzählt, dass ich den Schulleiter umgebracht hatte. Ich zog mich an und ging nach unten in meine Küche, holte mir erstmal einen Kaffee.

„Was denkst du, was du hier tust?“, zischte ich Pettigrew eisig an, der es gewagt hatte, sich in MEINEN Sessel am Kamin zu setzen. „Verschwinde aus meinen Augen!“

„Aber …“, protestierte er keuchend, offenbar hatte er mich nicht gehört. Gut so.

„Was an ‚verschwinde aus meinen Augen‘ hast du nicht verstanden, Pettigrew?“, fragte ich kalt und eisig.

Er hastete aus dem Wohnzimmer. Zufrieden griff ich nach dem Propheten. Albus und ich hatten gestern Schlagzeilen gemacht. Albus hatte es bereits vorgestern, aber scheinbar hatte der Lord durchklingen lassen, dass ich der neue Schulleiter war, jedenfalls stand gestern ein boshafter Artikel über mich im Propheten. Kimmkorn, wer sonst, hatte ihn geschrieben. Es war irgendwie amüsanter gewesen, als sie über Potter hergezogen hatte. Aber es war egal, musste egal sein. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen und ich hatte versprochen, alles zu tun, um die Schüler zu schützen.

Meine Kaffeetasse war noch nicht einmal leer, da brannte mein Mal. Hastig rief ich meine Roben auf, fluchte innerlich, während ich ins Manor flohte. Dort angekommen, atmete ich tief durch, ich musste mich von allen Emotionen frei machen. Wie oft hatte ich Potter vorgeworfen, es nicht richtig zu versuchen? Nun fiel es mir selbst schwer, aber wenn ich überleben wollte, dann musste es klappen. Und ich wollte nicht sterben, nicht so. Es gab noch so viel zu tun, so viel Unerledigtes. Der Lord winkte mich an seine rechte Seite, als ich den Salon betrat, Lucius saß links von ihm. Draco war heute nicht zu sehen. Insgesamt waren nur wenige Todesser aus dem inneren Kreis anwesend, dazu noch die Carrows. Sie trugen die typischen Roben für Lehrer in Hogwarts. Ich musste ein Schnauben unterdrücken, die beiden Geschwister waren strohdumm, wie konnten sie nur einen auf Professoren machen? Es ging eindeutig bergab mit der englischen Zauberwelt. Aber leider glichen sie ihre Dummheit mit Brutalität aus. Wie konnte ich sie von den Schülern fernhalten?

„Severus, wir müssen über das kommende Schuljahr sprechen.“, informierte der Lord mich.

„Natürlich, Herr.“, nickte ich äußerlich unbewegt. „Was erwartet ihr genau von mir?“

„Die Schüler sollen lernen. Natürlich auch und vor allem schwarze Magie.“, erklärte er. „Du bist dafür verantwortlich, dass sie sich an die Regeln halten, die ich noch aufstellen und bekanntgeben werde. Nichtbeachtung wird bestraft. Der Schulbesuch ist für alle magischen Kinder verpflichtend, ich will, dass du passende Anwärter für das dunkle Mal findest. Wir brauchen intelligente und treue Anhänger. Fähige Kämpfer. Du kannst sie darauf vorbereiten.“

„Ja, Herr.“, neigte ich erneut den Kopf und musste einen neuen Würgreiz unterdrücken. Das wurde ja immer schlimmer.

„Aber vorher will ich Potter haben.“, lachte der Lord kalt auf. „Ich erwarte von dir Informationen, Severus. Ich habe bereits einige andere Todesser darauf angesetzt, aber ich glaube nicht, dass sie das Ministerium mit Potter beschäftigen, sie wissen genauso gut wie wir, dass das Ministerium nicht mehr in ihrer Hand ist. Nein, ich bin sicher, der Orden wird sich selbst um Potter kümmern. Der Blutschutz endet, wenn er volljährig wird, also am 31. Juli. Du, Severus, wirst herausfinden, was genau sie planen und wir werden Potter erwischen. Dann erlischt der Widerstand und wir sind endgültig an der Macht!“

Die Carrows und Bellatrix fielen in das kalte und triumphierende Lachen des Lords ein. Mich schauderte innerlich, auch wenn ich mir nichts anmerken ließ.

„Ich bezweifle, dass der Orden mir noch Informationen geben wird.“, wagte ich einzuwenden.

„Nun, du wirst ihnen einige vermeintlich wertvolle Informationen liefern, um sie auf deine Nützlichkeit hinzuweisen.“, wischte der Lord meinen Einwand beiseite. „Ich erwarte deine Informationen in genau zehn Tagen.“

„Natürlich, Herr.“, stimmte ich zu. Innerlich fluchte ich. „Welche Informationen soll ich an den Orden weitergeben?“

Jetzt war ich neugierig. Natürlich würde ich alles weitergeben, was ich irgendwie erlauschen konnte, aber was wollte er weitergegeben haben? Und wer würde mir noch glauben? Ich musste mir wirklich etwas einfallen lassen, wie ich diese verzwickte Situation lösen konnte. Egal was ich brachte, wenn es nicht der Kopf des Lords war, würden Moody, Kingsley oder Minerva mir nicht ein Wort glauben.

„Du wirst dem Orden von meinen Plänen, Potter am 31. Juli zu überfallen, berichten.“, entschied der Lord. „Du wirst ihnen verraten, dass ich plane, an Potters Geburtstag in das Haus seiner Verwandten einzudringen und sie alle zu töten, nur Potter gefangen zu nehmen. Mithilfe von den ministerialen Mitarbeitern, die ich unter Imperius habe, den Zuständigen für Portschlüssel und das Flohnetzwerk. Natürlich habe ich auch meine Hand an der zuständigen Stelle für das Apparieren, somit kann Potter nicht weggebracht werden und niemand ihm zu Hilfe eilen. Sie werden daraufhin einen Weg suchen, um Potter ohne das Ministerium in Sicherheit zu bringen, den wirst du mir berichten. Du kannst gehen!“

„Jawohl, Herr.“ Ich stand auf und verließ das Manor auf schnellstem Weg. In wie vielen Varianten hatte ich mich heute selbst gedemütigt? Ich ekelte mich vor mir selbst, aber um zu überleben, würde ich diese Scharade so lange weiterspielen müssen, bis entweder ER vernichtet oder ich tot war. Wie auch immer es ausging, ich war der Verlierer, denn ich könnte wohl nie beweisen, dass ich tatsächlich auf Dumbledores Seite war. Außer ich verriet alles, aber das konnte ich einfach nicht.

 

Außerhalb des Manors disapparierte ich und tauchte Sekundenbruchteile später in der Nähe von Minervas kleinem Haus in Schottland wieder auf. Die resolute Schottin hatte offenbar mitbekommen, dass ich kam und trat vor die Tür.

„Was willst du hier?“, fragte sie schneidend.

„Ich habe Informationen für den Orden.“, erwiderte ich ruhig und zeigte ihr instinktiv meine offenen Hände. Ich wollte ihr nichts tun. Wie gut kannte sie mich? Offenbar nicht gut genug, oder aber ich hatte meine Rolle immer mehr als überzeugend gespielt. Misstrauisch beäugte sie mich. Abwartend, stellte aber keine Frage. Ich beschloss, einfach weiter zu reden. „Der Lord will Potter erwischen, wenn ihr ihn aus dem Haus seiner Verwandten holt. Er geht davon aus, dass das Ministerium keine Rolle dabei spielen wird. Minerva, er hat Thicknesse unter Imperius! Seid vorsichtig und gebt auf Potter Acht! Ich soll euch sagen, dass er an Potters Geburtstag plant, ihn und seine Verwandten zu überfallen. Ihr sollt außerdem wissen, dass er das ganze magische Transportwesen unter Kontrolle hat. Damit ihr genau wisst, dass er nicht auf offiziellem Weg von dort weg kann, der Lord überwacht alles. Er will euch zwingen, ihn vorher wegzubringen und erhofft sich, dass ich erfahre, was ihr plant. Ich werde ihm falsche Informationen bringen, soweit es möglich ist.“

„Du? Du willst uns helfen? Nach allem, was du vor einigen Tagen gebracht hast? Du hast Albus ermordet und dich damit offiziell auf die Seite von Du-weißt-schon-wem gestellt. Jetzt kommst du zu mir, weil du denkst, ich glaube dir? Welche Begründung wirst du mir geben, warum du Albus ermordet hast?“, forderte die Schottin.

„Ich darf nicht darüber reden, aber Minerva, glaube mir, ich will euch, und auch Potter, helfen.“, beschwor ich sie. Ich musste es wenigstens versuchen.

„Und wie willst du uns beweisen, dass es keine Falle ist?“, zischte sie.

„Das kann ich nicht.“, musste ich zugeben. „Ich kann nur schwören, dass ich euch helfe, so gut es geht.“

Sie wirkte so wütend, wie ich sie selten gesehen hatte. Albus hatte auch ihr viel bedeutet, offenbar sogar mehr als mir bewusst war. Minerva hatte Tränen in den Augen. „Verschwinde!“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, disapparierte zum Grimmauldplatz in London. Natürlich war der Fidelius nun geschwächt, da Albus tot war, aber ein gewisser Schutz war noch immer vorhanden. Vielleicht hatte ich hier mehr Glück. Mir war klar, dass ich nicht einfach so zum Orden gehen konnte nach Minervas Abfuhr, doch es musste einen Weg geben, alles so zu schaffen, wie Albus es erwartete. Einfach würde es nicht, da mir niemand mehr glaubte, aber es gab mindestens ein Ordensmitglied, das ich geistig entsprechend beeinflussen konnte, ohne aufzufallen. Und wenn ich ihn richtig einschätzte, dann kam er früher oder später hierher. Einmal Gauner, immer Gauner.

Die Abwehrzauber wiesen auf Moody hin, doch ich kannte ihn gut genug, um vorbeizukommen. Obwohl ich selbst zweifelte, nüchtern betrachtet hatte ich Dumbledore nicht umgebracht. Tötung auf Verlangen war zwar sicher nicht gerade eine gute Tat, aber weitaus weniger schlimm als Mord. Zumindest nüchtern betrachtet. Auch wenn ich es selbst nicht nüchtern betrachten konnte. Nie würde ich diese Momente vergessen. Hier in der Stille und Einsamkeit war es das Einzige, woran ich denken konnte, egal was ich unternahm, um die Gedanken zu stoppen. Unruhig lief ich im Haus herum,  musste mich bewegen, um nicht vollkommen in meinen Gedanken zu verschwinden. Die Wartezeit verkürzte ich mit Treppensteigen – vom Erdgeschoss in den vierten Stock und zurück. Immer wieder, so schnell wie möglich, sodass ich gerade noch gleichmäßig atmen konnte. So lange, bis die Beinmuskeln brannten und der Kopf langsam ruhiger wurde. Die Zeit erschien mir unendlich lang, aber das war nur mein Eindruck.

Tatsächlich musste ich nur wenige Stunden warten, bis Mundungus Fletcher auftauchte. Ich hatte ihn richtig eingeschätzt, er wollte Profit schlagen und räumte das Haus leer. Oder wollte es zumindest, bis ich ihn stellte. Schnell sprach ich einige Zauber, die mir Zugriff auf seinen Geist gewährten, fütterte ihn quasi mit den Informationen, bevor ich ihn vergessen ließ, dass er mich getroffen hatte. Er könnte es aus irgendeiner Spelunke haben, wo er Todesser belauschte, das machte er schließlich regelmäßig. Außerdem sorgte ich dafür, dass er in ein paar Tagen erneut herkommen würde, denn ich musste natürlich auch wissen, was der Orden plante, sollten sie mich nicht beim Treffen akzeptieren. Nun, sie würden mir auch dann nicht alles verraten, aber ich musste es wissen, um meine Aufgabe zu vollenden. Alles konnte ich nicht weitergeben, aber wenn ich ohne Informationen zurückkam … Nun, darüber wollte ich nicht nachdenken.

Eilig verließ ich das Haus, als Fletcher weg war. Es gab keinen Grund, mich jetzt noch von Moody erwischen zu lassen. Ich war nicht sicher, ob er mich leben lassen würde. Doch momentan brauchte Potter seinen Schutz. Moody war gut, sogar mehr als gut, in dem was er tat und er konnte den Bengel tatsächlich schützen. Wenn der Junge das zuließ. Ich traute Potter zu, irgendeine Dummheit anzustellen, sodass er am Ende erneut schutzlos war, und das trotz all der Mühen, die der Orden seinetwegen auf sich nahm. Trotz der unendlichen Mühen, die er mich bisher schon gekostet hatte.

Was würde Potter tun, wenn die Ferien zu Ende waren? Gesetzt den Fall, ich schaffte es tatsächlich, ihn am Leben zu halten, wenn der Lord hinter ihm her war. Daran arbeitete ich mit Hochdruck. Ich hoffte nur, Albus hatte dem Jungen irgendwas beigebracht, was wirklich nützte gegen den Lord. Wobei, diese Hoffnung war eindeutig nur ein sehr kleiner Teil in mir. Im Endeffekt konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein siebzehnjähriger Zauberer gegen den stärksten Schwarzmagier ankommen sollte, den diese Zeit kannte. Der dunkle Lord hatte keinerlei Skrupel, den Todesfluch zu sprechen, und das konnte ich mir, trotz all unserer Differenzen, bei Potter absolut nicht vorstellen. Und doch war der Bengel alles an Hoffnung, was mir noch blieb. Wofür kämpfte ich eigentlich? War es nicht humaner, den Jungen einfach zu töten? Ein simpler Avada genügte. Ich hatte es einmal geschafft, jemandem ein langsames, qualvolles Sterben zu ersparen. Das konnte ich sicher noch einmal. Wahrscheinlich täte ich ihm auf Dauer gesehen sogar einen Gefallen damit. Nun gut, ich müsste anschließend dafür sorgen, dass auch von mir nichts übrig blieb, was der Lord in die Finger bekommen könnte, und damit würde ich gegen eines meiner ehernen Grundprinzipien verstoßen: ich hatte mir geschworen, niemals mein eigenes Leben zu beenden. Das war feige, und ich war Vieles, aber nicht feige. Außerdem hatte ich versprochen, alles zu tun, um Potter zu schützen. Naja, war es nicht auch ein gewisser Schutz gegen einen langsamen, qualvollen Tod, wenn ich ihn sanft auf die andere Seite brachte?

Ich schüttelte den Kopf. Diese Gedanken waren absolut lächerlich. Es war nicht mehr als ein Greifen nach Strohhalmen, wie die Muggel sagten. Ich durfte mir nicht erlauben, in Tagträume abzuschweifen, meine Rolle in diesem Krieg konnte – nein, sie würde – alles, aber auch alles entscheiden. Ich musste immer aufmerksam und konzentriert bleiben. Schon seit Jahren war mir das klar, ich durfte mir keinerlei Ablenkung leisten. Ich trank keinen Alkohol mehr, hatte keine Beziehung – nicht dass ich darauf Wert legte, die einzige Frau, die mir jemals genug dafür bedeutet hatte, war Lily. Noch immer liebte ich sie, und doch verdrängte ich jeden Gedanken an ihre leuchtenden, grünen Augen. Es schmerzte zu sehr. Zu wissen, dass ich es vermasselt hatte. Ich selbst war Schuld daran, dass sie sich von mir entfernt hatte.

Um mich abzulenken, ging ich in mein privates Labor. Der Traumlos-Trank ging zur Neige, ich musste dringend neue Vorräte für mich brauen. Außerdem kannte ich die übliche Bestellung der Krankenschwester in Hogwarts, auch wenn sie mir diesmal keine Liste zukommen ließ. Auch sie durfte nicht wissen, auf welcher Seite ich stand. Es war besser so. Für sie, und für mich. Auch wenn Poppy mir viel bedeutete, genau wie Hagrid. Ich durfte sie diesem Risiko nicht aussetzen. Auch mich selbst nicht. Ich machte mich erpressbar, wenn ich Menschen an mich heranließ. Gedankenverloren rührte ich in den Kesseln, schnitt, zermahlte, pulverisierte meine Zutaten und ließ sie in exakter Menge zum richtigen Zeitpunkt in die Kessel gleiten. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab, kamen heute nicht einmal hierbei zur Ruhe. Obwohl es mir sonst die Ruhe schenkte, die ich im Alltag oft vermisste, heute halfen nicht einmal meine Zaubertränke. Im Gegenteil, sobald ich zur Ruhe kam, sah ich Albus erneut vor mir. Sein flehender Blick, seine zitternde Stimme, die zusammengesunkene Haltung, die von absoluter, körperlicher Schwäche zeugte … Was hatte er getan, bevor er oben auf dem Turm angekommen war? Nur wenige Stunden zuvor hatte ich mit ihm gesprochen, da ging es ihm gut. Hatte er wieder eine dieser Stunden mit Potter gehabt? Der Bengel sollte ihn nicht so anstrengen! Albus hatte alles getan, was er konnte, nun war es an Potter.

Verdammt, konnte dieser Gryffindor mich nicht einmal in meinen Ferien, in meinem Labor in Ruhe lassen? Jetzt schlich er sich schon in meine Gedanken! Es war nicht auszuhalten! Unwirsch warf ich den Bronzelöffel, den ich nicht mehr brauchte, gegen die Wand. Es brachte nichts, hatte es noch nie, doch es war ein Ventil. Oben wartete sicher schon diese Ratte, wer wusste schon, wo der Kerl gerade herumschnüffelte. Vielleicht sogar im Auftrag des Lords, denn der vertraute niemandem. Es wäre nicht überraschend, wenn er Pettigrew schickte, um mich zu überprüfen. Er würde nichts finden, dafür hatte ich bereits vor Jahren gesorgt. Niemand würde etwas finden, wenn er mein Haus durchsuchte. Es gab nichts zu finden, außer Büchern und Zaubertränken. Keine Fotos, keine Briefe, nichts. Ich konnte mir eine derartige Schwachstelle nicht leisten.

Erst weit nach Mitternacht legte ich mich schlafen, in der Hoffnung, auch wirklich schlafen zu können. Es war utopisch, sobald ich meine Augen schloss, war ich erneut auf dem Turm. Keuchend fuhr ich aus dem Schlaf. Ich hatte getötet. Einen Menschen ermordet, der mir viel bedeutete. Die Schuld fraß mich auf, und doch musste ich es vergessen. Verdrängen. Traumlos-Trank half nur kurzfristig, es musste doch etwas Besseres geben? Konnte ich meine Erinnerungen einfach in eine Phiole geben und ins Direktorenbüro in Hogwarts stellen? Albus hatte dort so viele gesammelte Erinnerungen, eine mehr fiel sicher nicht auf. Oder? Und wenn doch? Niemand durfte es wissen. Ich war gezwungen, mit dieser Erinnerung zu leben. Und Albus‘ Erinnerungen waren sicher schon verschwunden, wenn das Ministerium seine Sachen aus dem Büro entfernte. Doch der Gedanke daran brachte mich zu dem zurück, was in meinem Kopf auf mich wartete.

Was war es, das Albus mir gegeben hatte? Welche Erinnerungen hatte er mir überlassen und warum? Ich entschied, sie nicht sofort anzusehen, es war gerade zu viel. Ich schob sie weit in mein Unterbewusstsein, würde mich später damit befassen. Jetzt musste ich schlafen. Irgendwie. In den nächsten Tagen musste ich es schaffen, Fletcher den Plan in den Kopf zu setzen, damit alles klappte. Potter musste sicher aus dem Haus seiner Verwandten gebracht werden. Dann lag es bei ihm. Der Lord erwartete, ihn zu fassen, das musste ich unter allen Umständen verhindern. Danach konnte ich mir wahrscheinlich schon wieder neue Vorräte für den Anti-Cruciatus-Trank brauen. Wobei, ich musste mir einen besseren Namen einfallen lassen. ‚Anti-Cruciatus‘ induzierte, dass er gegen den Fluch half, doch er linderte nur die Nachwirkungen. Die Schmerzen, während man dem Fluch ausgesetzt war, änderte man damit nicht.

Vier Stunden unruhiges Hin- und Herwerfen später quälte ich mich aus dem Bett, ich würde nun nicht mehr schlafen können. Nach drei Tassen Kaffee fühlte ich mich wach genug, um in den Grimmauldplatz zu apparieren. Fletcher war nicht da, aber damit hatte ich gerechnet. Er würde kommen. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.

 

Tatsächlich traf ich Fletcher am nächsten Tag im Grimmauldplatz.

„Snape, was willst’n eigentlich von mir?“, maulte der Gauner.

„Wann und wo trifft sich der Orden?“, fragte ich ihn laut, während mein Geist seinen Gedanken lauschte. Ich brauchte nicht einmal meinen Zauberstab dazu.

„Morg’n früh, um 11, im Fuchsbau.“, nuschelte Fletcher. „Die ha’m ihre Kinners zu die Zwillinge geschickt, glaub ich. Aber dich wer’n se wohl nich‘ seh’n woll’n.“

Da hatte er wohl sogar Recht, aber ich musste es versuchen, das war ich Albus schuldig. Und Lily. Für sie tat ich das hier alles, ließ mich beschimpfen und verfluchen, wenn auch Letzteres wohl nur hinter meinem Rücken passierte. Aus Fletchers Gedanken erfuhr ich, dass der Orden inzwischen wohl komplett gegen mich war. Keiner vertraute mir mehr, aber sie wussten, dass sie auf meine Informationen nicht verzichten konnten, wenn sie effektiv arbeiten wollten. Und etwas Anderes kam nicht in Frage, wie es schien. Sie wollten alles tun, um Potter zu schützen und den Lord am Ende zu vernichten. Auch wenn keiner von ihnen wusste, wie das gehen sollte. Moody und Minerva schienen zu ahnen oder gar zu wissen, dass Albus Informationen an Potter gegeben hatte. Allerdings ging mir dabei noch nicht ganz ein, warum es ausgerechnet Potter sein musste, der den Lord tötete. Was hatte der Bengel, was keiner von uns hatte? Er war gerade mal knapp siebzehn, verdammt. Ich sollte wohl bald darüber gehen, die Erinnerungen oder Informationen oder was auch immer Albus mir gegeben hatte, anzusehen. Nur wann? Wie lange würde es dauern? Ich konnte nie sagen, wann der Lord mich rufen würde. Und dann musste ich sehen, dass alles sicher versteckt war und keiner etwas mitbekommen konnte. Konnte ich dann dieses Risiko eingehen? Nein, es musste noch eine Weile warten.

„Ich werde morgen da sein.“, verkündete ich Fletcher ruhig. Dann legte ich einen Zauber über ihn, der ihn nach dem Treffen wieder hierher bringen sollte. Immerhin musste ich erfahren, was sie ohne mich besprachen. Und sie würden eine Menge besprechen, was ich nicht hören sollte. Das war absolut sicher.

Ohne Abschiedsgruß verschwand ich und tauchte Sekundenbruchteile später in meinem Haus wieder auf, was zu einem Aufschrei bei Pettigrew führte. Nur ich selbst konnte hierher apparieren – oder auch von hier weg. Niemand sonst bekam von mir die Erlaubnis, denn ich vertraute niemandem. Es war zu gefährlich und ich gebe zu, in den Jahren als Spion hatte ich eine gewisse Paranoia entwickelt. Das half mir, zu überleben, meine Instinkte waren geschult und warnten mich meist frühzeitig. Jeder Gefahr konnte ich dennoch nicht aus dem Weg gehen, insbesondere, wenn sie vom Lord ausging. Wie auch, damit würde ich die Gefahr nur vergrößern. Und darauf stand ich definitiv nicht. Egal, wer mir so etwas nachsagte, ich hasste es, Schmerzen zu haben.

Am anderen Morgen war ich unausgeschlafen, da ich im Schlaf erneut Albus sterben sah. Wieder und wieder musste ich miterleben, wie er nach meinem Todesfluch über die Brüstung stürzte. Zusätzlich hatte sich auch die tote Lily in meinen Traum geschlichen und ich war mehrmals schreiend hochgefahren. Gegen drei Uhr morgens hatte ich aufgegeben und war in den Wald gegangen. Um neun Uhr war ich zurück im Haus, komplett nassgeschwitzt und mit brennenden Muskeln, aber nach einer langen Dusche schaffte ich es, meine kalte, unnahbare Maske aufzusetzen und mir nichts anmerken zu lassen. Ich warnte die Ratte, nicht zu spionieren (als ob er sich daran halten würde, aber meine Schutzzauber auf dem Schlafzimmer und dem Labor schaffte er ohnehin nicht zu umgehen) und disapparierte. Zehn Minuten vor Beginn des Ordenstreffens stand ich am Gartentor des Fuchsbaus und sah mich einer Molly Weasley mit zusammengezogenen Augenbrauen und einer extrem ablehnenden Haltung gegenüber.

„Keine Sorge, ich will auch nicht hier sein!“, schnarrte ich. „Aber ich habe Albus versprochen, euch weiterhin Informationen zu liefern, und ich gedenke, mein Versprechen einzuhalten.“

„Als ob das Versprechen jetzt noch Geltung hat.“, ätzte Moody. „Du hast Albus getötet, ihn einfach ermordet! Damit hast du doch eindeutig gezeigt, dass du auf der Seite deines Herrn stehst! Verschwinde, Snape!“

„Ich bringe euch Informationen.“, gab ich ruhiger zurück, als ich mich fühlte. Mir war klar gewesen, dass der Empfang so oder so ähnlich sein würde, aber dennoch fühlte es sich an wie ein Messer in der Brust. Es tat weh, obwohl ich versuchte, es zu ignorieren. Sie durften nichts wissen, das wäre tödlich.

„Lasst ihn rein, hören wir ihn an.“, entschied Kingsley mit seiner ruhigen Art. „Es schadet nichts, ihn anzuhören. Vielleicht bringt er uns wirklich nützliche Informationen.“

„So nützlich wie Albus‘ Ermordung?“, schrie Molly entrüstet. „Und wenn er alles falsch erzählt, sodass wir genau in die Falle rennen, die Du-weißt-schon-wer mit seiner Hilfe für uns baut? Oder er bringt uns alle um? Erst ermordet er Albus und jetzt zerstört er den Orden, damit er in der Hierarchie bei Du-weißt-schon-wem aufsteigt!“

„Ich bin auch der Meinung, es schadet nicht, ihn anzuhören.“, versuchte Bill, Vernunft walten zu lassen.

„Ich stimme meinem Sohn und Kingsley im Großen und Ganzen zu.“, nickte Arthur ruhig und blickte entschuldigend zu Molly. „Allerdings schlage ich vor, er gibt seinen Zauberstab in Verwahrung, dann können wir soweit sicher sein. Wenn wir ihn angehört haben, können wir immer noch entscheiden, ob wir glauben, was er sagt und wie wir darauf reagieren.“

Er wollte meinen Zauberstab wegnehmen? Niemals gab ich meinen Stab aus der Hand! Nein! Irgendwo tief in mir konnte ich Albus hören, wie er versuchte, mich dazu zu bringen, zuzustimmen. Blieb mir eine Wahl? Nicht wirklich, wie es schien. Verdammt. Ich blickte mich um. Die feindseligen Blicke überwogen bei Weitem. Nur wenige schienen geneigt, mich überhaupt anzuhören, aber es sah nicht so aus, als würde mir jemand glauben, was ich sagte. Wozu nochmal tat ich das hier? Albus schuldete mir definitiv etwas. Eine Menge, um genau zu sein. Die Diskussion im Garten dauerte an.

„Lasst ihn sprechen.“, hörte ich gerade Lupin plädieren. Natürlich, der Werwolf glaubte immer an das Gute im Menschen. Wie er das bei mir noch immer schaffte, war mir ein Rätsel, aber ich könnte schwören, dass er mir ein knappes Lächeln geschenkt hatte. Nun, es war nicht mehr lange bis Vollmond, wahrscheinlich konnte er riechen, ob ich die Wahrheit sprach. Vielleicht sollte ich ihn weiterhin mit Banntrank versorgen, wenn er schon für mich sprach. Aber nur vielleicht.

„Also gut, Snape, dann komm rein, ich nehme deinen Stab in Verwahrung.“, knurrte Moody und trat beiseite, wenn auch mit deutlichem Widerwillen. „Aber wehe, du lügst mich an!“

Was? Ich log nicht. Nie. Nun gut, manchmal musste ich die Wahrheit ziemlich verbiegen, um mein – oder auch ihr – Leben zu retten, und so dankten sie es mir? Warum nochmal tat ich das hier? Wann war die Schuld für Albus‘ Tod gesühnt? Wobei diese Frage ganz klar rhetorisch war. Ich würde mir selbst nicht vergeben. Niemals. Im Gegenteil, ich tat alles, was notwendig war, aber die Schuld würde nie vergehen. Ich hatte getötet und mir wurde jedes Mal schlecht, wenn ich daran dachte. Nur sehr widerstrebend zog ich meinen Stab langsam aus meiner Robe. Moody nahm ihn knurrend und ging ins Haus. Bei ihm war ich nicht sicher, ob er ihn mir wiedergeben würde, aber ich hatte bereits festgestellt, dass mir keine Wahl blieb.

In der Küche der Weasleys blieb ich stehen. Niemand bot mir einen Platz an, im Gegenteil, plötzlich rutschten sie so, dass ich nirgendwo Platz hatte. Sogar Minerva, die sonst immer auf Albus‘ Urteil vertraut hatte und mir glaubte. Es versetzte mir einen Stich, doch ich war geübt genug, um mir nichts anmerken zu lassen. Nie wieder sollte jemand sehen, wie es mir ging, das hatte ich mir bereits in der Schulzeit geschworen, als sie alle über mich gelacht hatten. Als hätte ich etwas dagegen tun können, dass ich mir nur gebrauchte Kleidung leisten konnte.

Mit Gewalt konzentrierte ich mich erneut auf die Gegenwart. „Der Lord will, dass ich euch von seinem Plan erzähle, Potter am 31. Juli in seinem Zuhause zu überfallen.“

„Also der Lord will das? Was soll das denn werden?“, unterbrach mich Molly und sah ihre Mitstreiter an. „Und für diese Lächerlichkeit haben wir ihn reingelassen?“

„Lass ihn ausreden.“, bat Kingsley und wandte sich an mich. „Was plant er wirklich?“

„Er erhofft sich, dass ich euch diese Nachricht bringe und ihr ihn dann überstürzt aus dem Haus holt.“, machte ich äußerlich gelassen weiter, während es in mir brodelte. Sie hatten es nicht verdient, dass ich tagtäglich mein Leben für sie riskierte. „Dazu sollt ihr wissen, dass er sämtliche Transportmöglichkeiten überwachen kann. Apparieren, Portschlüssel oder Flohnetzwerk sind nicht mehr sicher, wenn ihr Potter mitnehmt. Er hat die Spur noch auf sich, damit würdet ihr ihn ausliefern. Ihr müsst ihn vorher wegbringen. Und schützt seine Verwandten, der Lord will sie töten. Die Pläne des Lords kenne ich noch nicht, er will zunächst herausfinden, was der Orden plant und dann darauf reagieren.“

„Was hast du noch, Snape?“ Moody war noch immer feindselig, obwohl ich gesehen hatte, dass Lupin ihm vermeintlich heimlich zugenickt hatte und somit bestätigte, dass ich die Wahrheit sprach.

„Nicht viel, ich habe euch eine Liste gemacht, wer unter Imperius steht oder ein Ziel davon ist.“ Ich reichte Moody ein Pergament.

„Gut.“ Mehr kam nicht von dem alten Auror. Abwartend sah er mich an, als wollte er, dass ich verschwinde. Kein Wort wurde gesprochen, sie würden es offensichtlich ohne mich machen. Damit hatte ich gerechnet und verließ mit wehendem Umhang den Fuchsbau, nachdem ich meinen Stab zurück hatte. Moody hatte mich nur warnend angeblickt und mir dann das Holz in die Hand gedrückt. Ich spürte, wie mir die Blicke folgten, bis ich disapparierte. Im Grimmauldplatz wartete ich erneut auf Fletcher. Er würde mir – wohl eher unfreiwillig – später von den Ergebnissen berichten, damit ich etwas hatte, was ich dem Lord liefern konnte. Nie die ganze Wahrheit, aber genug, um zu überleben. Ein schmaler Grat, der jederzeit tödlich enden konnte. Doch bisher beherrschte ich dieses Spiel meisterlich. Wie lange noch? Ich konnte es nicht sagen. Irgendwann würde ich auffliegen, das schien klar, aber bis dahin musste ich es schaffen, Potter die Möglichkeit zu geben, den Lord zu bekämpfen. Die Bedrohung durch den Lord war einfach zu gefährlich, er musste aufgehalten werden. Und dazu brauchte Potter meine Hilfe, wie es schien. Auch wenn ich ihn absolut nicht ausstehen konnte, in diesem Fall war ich bereit, alles zu tun, was notwendig war.

Endlich, mehr als dreieinhalb Stunden später, tauchte Fletcher auf. Bisher schien er unauffällig, jedenfalls war ihm niemand gefolgt und er hatte auch keinen Verfolgungszauber auf sich, wie ich mit einem kurzen Check feststellen konnte.

„Was planen sie?“, fragte ich knapp.

„Noch is‘ nix entschied’n, die sammeln bloß Ideen.“, antwortete Fletcher. Er wirkte abwesend, was an meinem Zauber lag. Ich musste darauf achten, dass niemand es bemerkte, Moody war ziemlich misstrauisch und sah überall Spione. „Wie se Harry von seine Verwandten weghol’n könn‘. Aber’s soll scho’n paar Tage vor sei’m Geburtstag sein. Un‘ sie woll’n seine Verwandt’n gleichzeitich wegbring’n.“

„Triff mich nach den nächsten Ordenstreffen wieder hier.“, befahl ich über den Zauber. „Warte auf mich, wenn ich nicht hier bin und berichte nur mir davon.“

„Und was krieg‘ ich dafür?“

„Eine warme Mahlzeit.“, schlug ich vor und reichte ihm ein paar Galleonen, genug, um im Tropfenden Kessel ein Tagesgericht und ein Bier dazu bezahlen zu können. Ein wenig freundlicher als vorher nickte er mir zu und verschwand anschließend. Dank meines Zaubers konnte er nicht über die Informationen sprechen. Ich war froh, dass Moody nicht auf die gleiche Idee kam, sonst würde es schwer für mich. Auch ich verließ den Grimmauldplatz und machte mich auf, ‚meinem‘ Lord zu berichten. Anschließend könnte ich nach Draco sehen, wenn der Lord mich nicht wieder bestrafte. Aber da ich zumindest ein wenig Information hatte, würde es wohl nicht so schlimm werden.

„Herr, ich konnte dem Orden die Informationen übermitteln.“, berichtete ich. Er nickte nur abwartend, so sprach ich einfach weiter. „Sie haben nichts besprochen, so lange ich anwesend war, allerdings hatte ich damit gerechnet und Mundungus Fletcher, einen kleinen Ganoven, der ebenfalls im Orden ist, unter einen Zauber gesetzt. Er hat mich nach dem Treffen darüber informiert, dass Moody und die Anderen planen, den Potter-Jungen vor seinem Geburtstag zu holen. Genauere Pläne haben sie nicht gemacht, sie sind noch dabei, Ideen zu sammeln. Fletcher wird mich informieren, wenn es etwas Neues gibt.“

„Und der Zauber? Kann er entdeckt werden?“, wollte der Lord wissen.

„Nur, wenn man genau weiß, wonach man suchen  muss.“, gab ich zurück.

„Sehr gut. Du wirst weiter berichten.“, befahl der Lord, dann wurde ich entlassen.

Lautlos atmete ich aus. Erleichterung durchflutete mich für einen Moment. Auch wenn es noch lange nicht zu Ende war, ich konnte kurz durchatmen. Etwas leichter und entspannter ging ich nach oben und klopfte an Dracos Zimmer. Wobei Zimmer wohl der falsche Ausdruck war, seine eigenen Räume waren so weitläufig wie ein Apartment für eine normale dreiköpfige Familie in London.

„Onkel Sev!“, begrüßte mich Draco freudig, als er die Tür öffnete. „Komm rein.“

Ich folgte ihm in sein Wohnzimmer. Er hatte alles, was man sich materiell wünschen konnte, aber ihm fehlte definitiv menschliche Nähe von seinen Eltern. Überall konnte man sehen, wie teuer die Einrichtung war, und doch nahm Draco das alles als selbstverständlich hin.

„Kann ich dir etwas anbieten? Tee, Kaffee, Wasser, Saft? Ein frühes Abendessen?“, wollte der Blonde wissen.

„Nein, danke, Draco. Ich kann nicht lange bleiben.“, lehnte ich ab. „Wie du sicher gelesen hast, bin ich im neuen Schuljahr Direktor von Hogwarts. Eine Menge Arbeit wartet auf mich. Aber ich wollte hören, wie es dir geht.“

„Geht schon.“, murmelte er unsicher und sah zu Boden. „Mir bleibt keine Wahl, oder?“

„Nein, Draco.“, schüttelte ich bedauernd den Kopf. „Konzentriere dich auf die Schule, damit du die besten Voraussetzungen für dein späteres Studium hast. Was hast du nach der Schule vor?“

„Ich will Tränkemeister werden, wie du.“, gestand er leise. „Aber Vater erwartet, dass ich Wirtschaft und magisches Recht studiere, um die Familiengeschäfte zu übernehmen. Als Tränkemeister hätte ich keine Zeit dazu. Und ich werde das wohl auch tun, denn ansonsten müsste ich jemanden anstellen, der die Geschäfte übernimmt, und so viel Vertrauen habe ich zu niemandem. Höchstens zu dir.“

Gegen meinen Willen musste ich kurz auflachen. „Das ehrt mich, aber nein danke!“, lehnte ich ab.

Draco lachte ebenfalls leise und wirkte endlich wie ein Siebzehnjähriger. „Das würde ich auch nicht von dir verlangen!“

„Gut.“, nickte ich, wieder ernst. „Aber ich verlange Top-Leistungen von dir im nächsten Schuljahr.“

„Natürlich.“ Auch Draco war nun ernst. „Ich werde mein Bestes geben.“

Wir sprachen noch eine Weile über Nichtigkeiten. Man merkte, dass wir einander nicht mehr vollständig vertrauten. Es tat weh, aber es ging nicht anders. Ich wollte Draco schützen, aber ich konnte es nicht. Die einzige Möglichkeit dazu hatte ich, wenn ich Potter half, den Lord zu vernichten. Bis dahin musste ich meinen Patensohn auf Distanz halten.

Mit einem erstickten Schrei fuhr ich aus dem Schlaf. Nicht schon wieder! Heute war es beschlossen worden, wir würden den Orden überfallen, wenn sie Potter aus der sicheren Deckung brachten. Mein Plan schien zu funktionieren, aber sicher konnte ich nicht sein, erst wenn es soweit war. Die Versammlung war schlimm gewesen. Ich kannte Charity als Kollegin, nicht näher, aber ihr Flehen und der panische, angsterfüllte Blick hatten mir zugesetzt. Immer wieder sah ich ihre Augen in meinen Träumen, entweder sie oder Albus. Beide hatten sie mich angefleht, und es gab nichts, was ich tun konnte. Ich drängte die aufsteigenden Gefühle zurück. Auch wenn ich alleine hier war – Pettigrew musste sich nun um die Gefangenen im Manor kümmern – durfte ich mir keine Schwäche leisten. Die Gefahr war einfach zu groß. Ich erwischte mich bei dem Gedanken daran, dass dies alles irgendwann vorbei war und ich flehte, dass es nicht mehr so lange dauerte. Selbst wenn ich dann in Askaban landete, doch alles war besser als der Lord.

Mühsam stand ich auf, konnte nicht mehr schlafen. Eine kalte Dusche belebte mich einigermaßen. Ich musste nach Hogwarts, mich um einige Dinge kümmern. Außerdem nach Fletcher sehen, ob alles nach Plan lief. Nur noch drei Tage, dann musste Potter aus seiner Deckung kommen. Drei Tage, dann entschied sich, ob es noch eine Chance gab. Wenn der Lord Potter erwischte, war es vorbei. Nur der Bengel wusste genau, was das Geheimnis des Lords war, das Albus herausgefunden hatte. Mir war klar, dass es mit diesem verdammten Ring zu tun hatte. Damit begann mein Alptraum. Der Ring, den sich Albus idiotischer Weise anstecken musste. Hätte er das nicht getan, hätte ich ihn nicht töten müssen. Hätte … Es half nichts, sich in diesen Gedanken zu verlieren, dazu war es zu spät.

Durch den Kamin reiste ich gegen sechs Uhr morgens nach Hogwarts, in Albus‘ Büro. Mein Büro. Ich schüttelte den Kopf, das hatte ich nie gewollt. Nicht einmal unterrichten wollte ich eigentlich, aber ich musste. Der Lord brauchte einen Spion nahe an Dumbledore und Albus wollte mich in Sicherheit wissen. Anfangs war es wohl auch zur Überwachung, er hatte mir nicht gleich vollständig getraut, aber das war nur am Anfang. Das Vertrauen war gewachsen, aber nicht weit genug, um mir all das anzuvertrauen, was Potter erfuhr. Und nun hing alles an einem Siebzehnjährigen. Toll. Das waren fantastische Aussichten. Mein Schreibtisch – ich zwang mich dazu, ihn als meinen zu bezeichnen, wenn auch nur in Gedanken – war voller Pergamente. Unordentlich verstreut. Ich hasste diese Unordnung, also machte ich mich daran, es zu sortieren. Einige Dinge mussten sofort abgearbeitet werden, die legte ich auf einen Stapel, andere Dinge konnten warten, die kamen auf einen zweiten Stapel. Konzentriert machte ich mich nun über den ersten Stapel her. Am frühen Nachmittag waren die Bücherlisten fertig, die Finanzen erledigt (das war so ziemlich das geringste Problem, da der Lord nun über das Ministerium und dessen Goldvorräte mehr oder weniger verfügte, wenn er den Minister auch noch nicht unter Kontrolle hatte, aber das war nur eine Frage der Zeit), die Lehrerquartiere zugeordnet, die Hauselfen neu eingeschworen und die Schutzzauber überprüft. Am liebsten hätte ich einige neue Zauber hinzugefügt, um die Kinder zu schützen, aber das war zu auffällig, ich musste mir etwas Anderes dafür einfallen lassen.

Vom Schreibtisch aufstehend streckte ich mich kurz, dass die Knochen knackten, dann ging ich in die Privaträume, die dem Direktor zustanden. Offenbar akzeptierte mich das Schloss als neuen Direktor, denn es gab keine Schwierigkeiten. Albus‘ Besitztümer waren nicht hier, wahrscheinlich hatte Minerva sie in Sicherheit gebracht. Umso besser, dann musste ich mich darum wenigstens nicht kümmern. Wobei, laut dem Brief aus dem Ministerium hätte ich das sowieso nicht machen müssen. Vielleicht hatte auch jemand aus dem Ministerium die Sachen geholt. Aber meine Dinge waren noch nicht hier. Ich beauftragte daher einige Hauselfen, meine Bücher und meine Kleidung aus den Kerkern hierher zu bringen.

„Severus, mein Junge.“, sprach mich Albus‘ Portrait an, als ich wieder ins Büro trat. Mit Absicht hatte ich am Morgen keinen Blick darauf geworfen. Er hatte erstaunlich lange ausgehalten, bevor er mich ansprach. „Du hast es geschafft, Direktor zu werden.“

„War das einer deiner Pläne?“, blaffte ich ihn an. Ich konnte seine Geheimniskrämerei nicht ausstehen, und Albus wusste das.

„Ja, und wie ich sehe, ist er aufgegangen.“, gluckste er erheitert. Meine Miene verfinsterte sich. „Severus, du bist derjenige, der die Kinder schützen kann. Wem hätte ich sie sonst anvertrauen können?“

„Und dafür musste ich dich ermorden?“, fauchte ich wütend.

„Das war leider notwendig.“, gab er – wenig reumütig – zu. „Severus, mein Junge, du hast mich nicht ermordet, sondern mir ein langsames und qualvolles Sterben erspart. Mach dir keine Vorwürfe.“

„Denkst du jemals an die Menschen, die du für deine verdammten Pläne nutzt, oder geht es dir nur ums sogenannte größere Wohl? Ist es dir egal, wie es den Menschen ergeht, die du für deine Pläne benutzt? Hast du jemals darüber nachgedacht, dass ich dich nicht töten wollte?“ Wütend schleuderte ich die Worte dem Portrait meines Vorgängers, meines Mentors entgegen. Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich muss los, Fletchers Gehirn ein wenig weiter bearbeiten, um Potter ein weiteres Mal zu retten.“ Die Tür knallte laut hinter mir ins Schloss, für einmal war ich zu wütend, um meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, und rannte regelrecht die Treppen zum Portal hinunter. Nur gut, dass niemand außer mir im Schloss war. Nun, Hagrid war auf dem Gelände, aber er kam so gut wie nie ins Schloss, außer zum Essen. Und da er im Moment wohl alleine hier war, nicht einmal dazu. Seine Hütte war auch dazu geeignet und er fühlte sich durchaus wohl dort. Jedenfalls bisher. Aus dem Fenster hatte ich gesehen, dass sein Haus stand, man sah nichts mehr vom Feuer in jener verdammten Nacht.

Ohne mich umzusehen hastete ich aus dem Tor und disapparierte direkt dahinter. Fletcher wartete bereits im alten Hauptquartier auf mich. Wenige Minuten später war ich sicher, dass alles so weit bereit war, wie es jemals sein konnte. Nun konnte ich nur noch hoffen, dass Potter keine Dummheiten machte. Ich schnaubte. Als ob das realistisch wäre. Hoffentlich hatte das Granger-Mädchen ihn wenigstens dieses Mal im Griff. Sie hatte in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass sie ein wenig Hirn hatte. Eigentlich wäre sie eine typische Ravenclaw, aber nein, sie war in Gryffindor. Wo Mut und Tapferkeit herrschten. Sehr witzig. Sturheit und Dummheit wohl eher.

Zwei Tage später warteten wir maskiert und in Umhängen in der Luft über Little Whinging. Unter uns einige Todesser, die eigentlich nicht hier sein sollten, da sie in Askaban saßen. Der Lord hatte sie in einer Nacht- und Nebelaktion befreit. Selbst Draco und Lucius waren hier, obwohl er die Malfoys bislang herausgehalten hatte, um nicht von seiner ergiebigsten Goldquelle abgeschnitten zu werden. Ich konnte nur noch hoffen und beten. Ja, ich betete. Auch wenn ich nie etwas davon gezeigt hatte, die Menschen, die wir gleich überfielen, waren mir nicht egal. Und doch musste es nun so aussehen. Ein Dröhnen ließ alle Todesser um mich herum aufmerksam in die Dunkelheit starren. Es ging offensichtlich los. Da – Besen, Thestrale und ein Motorrad. Wenigstens dieser Teil schien zu klappen, ich konnte eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Potters zählen. Die Todesser in meiner Nähe stutzten einen Moment, dann flogen sie drauflos. Es war ihnen egal, sie würden einfach alle töten, die nicht wie Potter aussahen. Ich hatte den Vielsafttrank im Grimmauldplatz hinterlassen, offenbar hatte Moody wenigstens noch Vertrauen in meine Tränkemeister-Qualitäten. Hochkonzentriert versuchte ich, die Todesser von mitten unter ihnen aufzumischen, ohne aufzufallen. Chaos herrschte, das half mir, aber ich musste vorsichtig sein. Meine Spezialität, der Sectumsempra, verletzte so einige von den Todessern, wenn sie zu genau für meinen Geschmack zielten. Ich konnte nur hoffen, dass niemand von ihnen Verdacht schöpfte. Vielleicht sollte ich einen anderen Zauber nutzen, das hier war genau das, was ich Potter immer vorwarf, er war zu durchschaubar. Aber für den Moment kümmerte ich mich nicht darum, ich war vollauf damit beschäftigt, den Überblick zu behalten und meinen Besen in der Luft zu halten. Verdammt, ich hasste fliegen!

Mein Blick irrte umher, ich wollte wissen, was um mich passierte. Irgendwo hinter dem Motorrad bildete sich plötzlich eine massive Wand. Einer der Todesser krachte frontal hinein und sank wie ein Stein zu Boden. Er tat mir nicht leid. Yaxley zischte auf einmal an mir vorbei, er flog neben einem anderen Zauberer, den er dirigierte. Die Augen zeigten, dass er unter Imperius stand. Er trug keine Maske, es war Stan Shunpike, der Schaffner vom Fahrenden Ritter. Einen Moment bekam ich keine Luft, es war eine Falle für Potter, da war ich sicher. Der Lord kannte den Bengel zu verflucht gut. Der Junge würde niemanden verletzen, der unschuldig war. Verflucht! Doch ich konnte mich damit nicht aufhalten, da ich sah, wie einer der Lestrange-Brüder auf einen der Potters zielte. Dieser Todesfluch würde treffen. Ohne zu wissen, ob es der Echte war – ich glaubte nicht, denn Remus Lupin als Begleiter wäre zu auffällig – versuchte ich, den Todesser mit dem Sectumsempra zu treffen, ich musste den Stabarm erwischen. Gerade, als ich den Fluch sprach, flog Yaxley mich regelrecht über den Haufen. Entsetzt musste ich zusehen, wie der Zauber daneben ging und den Potter bei Lupin traf. Überall war Blut, das war das Letzte, was ich sehen konnte, da Lupin beschleunigte und den Besen Potters ebenfalls steuerte. Grauen überfiel mich, doch ich musste konzentriert bleiben, um nicht aufzufliegen.

„Der echte Potter ist auf dem Motorrad!“, schrie Yaxley dem Lord zu.

 

Sofort flog der Lord in Richtung des Motorrades. Ich konnte nicht weiter darauf achten, da eben Moodys Potter verschwand, während der tote Moody in Richtung Erde fiel. Im Vorbeifliegen hatte der Lord ihn getötet. Ohne Regung, einfach so. Verdammt, der Mann war mir zwar unsympathisch, aber er hätte Dumbledores Rolle im Kampf gegen die Todesser einnehmen können. Ich versuchte, einen Blick auf den Lord zu erhaschen, wollte wissen, was mit dem echten Potter war. Egal wie wenig ich ihn leiden konnte, er war offenbar wirklich die Rettung für die Zauberwelt Englands. Toll, dann musste ich ihm am Ende wohl auch noch dankbar sein, sollte er es wirklich schaffen. Plötzlich sah ich den Lord in der Ferne, er verfolgte Hagrid mit dem Motorrad von Black. War er der Beschützer von Potter? Es wäre logisch, weil unvorhersehbar. Den schwächsten Magier als Begleitung für denjenigen, der den meisten Schutz brauchte. Auf den ersten Blick würde niemand annehmen, dass der echte Potter von einem Halbriesen mir nur wenig magischer Ausbildung beschützt wurde. Eindeutig eine Planänderung, die Moody zuzuschreiben war. Der alte Auror war ein genialer Taktiker. Gewesen. Doch ich durfte mich nicht in diesen Gedanken verlieren, um mich herum herrschte eine wilde Schlacht am Himmel. Ich verteidigte mich und gab mir Mühe, die Ordensmitglieder zu verfehlen und ‚versehentlich‘ Todesser zu treffen.

Bellatrix hingegen arbeitete mit Hochdruck daran, Tonks zu erwischen. Die junge Aurorin hatte damit zu tun, auf ihrem Besen zu bleiben, flog waghalsige Manöver, schaffte es aber, ihren Potter zu schützen. Ich konnte nicht eingreifen, einerseits weil Bella zu aufmerksam war, andererseits weil sie zu wild herumwirbelte. Noch einmal wollte ich niemanden verletzen. Das eine verletzte Ordensmitglied, das ich zu verantworten hatte, reichte mir schon. Also wandte ich mich Bill zu und schaffte es, einen Brandzauber auf den Besen von Crabbe zu sprechen, der gerade auf ihn eindrang. Glücklicherweise sah er mich nicht, sondern verdächtigte Dolohow, der gerade in der Nähe war und nicht wusste, wie ihm geschah, als Crabbe ihn anbrüllte. Sie vergaßen, dass sie Zauberer waren und gingen mit den Fäusten aufeinander los, was dazu führte, dass nun auch Dolohows Besen brannte und beide landen mussten.

Mit einem Mal brannte das Mal an meinem Arm. Der Lord rief? Aber war er denn nicht hinter Potter her? Mir wurde schwindlig, was, wenn er es doch geschafft hatte? Was, wenn Potter …? Ich schüttelte den Kopf, durfte jetzt nicht darüber nachdenken. Hastig landete ich und disapparierte im gleichen Moment. Gleich würde ich wissen, was passiert war.

Ich war noch nicht vollständig im Salon des Manors, als mich der Cruciatus traf. Ich brannte, das hier war die volle Stärke. Schreiend krümmte ich mich auf dem Boden, meine Wahrnehmung war auf Schmerzen reduziert. Es schien kein Ende zu nehmen, ich wollte einfach nur noch sterben. Je länger es andauerte, umso größer wurde meine Verzweiflung. Es war, als stünden alle meine Nerven gleichzeitig in Flammen, als badete ich in heißem Magma, ohne dabei zu verbrennen. Warum wurde ich nicht bewusstlos?

Endlich endete der Fluch, doch die Schmerzen blieben, wellenförmig rasten sie durch meinen Körper, der willenlos auf dem Boden liegen blieb. Meine Ohren schienen noch zu funktionieren, denn ich hörte den Lord toben. Potter war ihm entwischt. Außerdem schob er es einigen niedrigeren Todessern in die Schuhe, dass mehrere seiner Anhänger verletzt waren und nun einige Tage ausfallen würden. Ich atmete unhörbar auf und rappelte mich hoch. Die Nacht würde lang werden, aber zumindest schien er mich nicht zu verdächtigen. Noch nicht, es war sicher eine Frage der Zeit, wenn ich zu solchen Aktionen gezwungen wurde.

Nicht nur ich wurde bestraft. Zitternd saß ich auf dem mir zugewiesenen Platz und hoffte, dass es endlich zu Ende wäre, aber diese Hoffnung war ebenso utopisch wie die Hoffnung, dass Potter den Kampf am Ende gewinnen konnte. Allerdings musste ich nicht noch einmal unter den Strafen leiden, gegen Morgen hatte sich der Lord ausgetobt. Kurz nach mir hatte er sich Ollivander vorgenommen, den die Todesser offenbar aus der Winkelgasse entführt hatten. Jetzt wusste ich auch, wer einer der Gefangenen im Keller war.

„Du hast mir gesagt, dass das Problem gelöst wäre, wenn ich den Zauberstab von jemand anderem nehme!“, schrie Voldemort.

„Nein! Nein! Ich bitte euch, ich bitte euch…“

„Du hast  Lord Voldemort belogen, Ollivander!“

„Das habe ich nicht … ich schwöre, das habe ich nicht …“

„Du hast versucht, Potter zu helfen, damit er mir entkommt!“

„Ich schwöre, das habe ich nicht … ich glaubte, ein anderer Zauberstab würde funktionieren …“

„Dann erkläre, was passiert ist. Lucius‘ Zauberstab ist zerstört!“

„Ich kann es nicht begreifen … die Verbindung … besteht nur … zwischen euren beiden Zauberstäben …“

„Lügen!“

„Bitte … ich bitte euch …“*

Eigentlich konnte der Zauberstabmacher einem leidtun. Auch wenn ich mich gerade ziemlich beschissen fühlte, ihm ging es noch schlechter. Ich war mir sicher, dass er die Wahrheit gesprochen hatte. Er hatte keine Ahnung, was da passiert war. Doch das interessierte den Lord gerade nicht. „Crucio!“, zischte er wütend, nachdem er ihn mehrere Minuten mit anderen Flüchen gefoltert hatte. Langsam wurde mir so Einiges klar. Deshalb hatte der Lord den Stab von Lucius genommen. Es war verwirrend gewesen, als der Lord plötzlich bei der großen Versammlung den Stab des Blonden forderte. Dabei war er mit seinem eigenen Stab immer zufrieden gewesen. Aber wenn die Informationen, die ich gerade bekam, stimmten, dann mussten Potters Zauberstab und der des Lords eine Verbindung haben. Bruderstäbe? Es gab Gerüchte darüber, dass Bruderstäbe nicht gegeneinander kämpfen konnten. Dazu dann die Beschreibung des Kampfes auf dem Friedhof, die ich von Lucius bekommen hatte … Das wäre eine Erklärung für diese seltsame magische Kuppel, die keiner hatte durchdringen können. Offenbar hatte Potter mehr mit dem Lord gemeinsam, als bisher bekannt wurde. Ich riss mich aus meinen Gedanken, da der Lord nun von Ollivander abließ. Er ließ ihn von Pettigrew zurück in den Kerker bringen. Wir saßen am Tisch, während er erregt auf und ab lief.

„Severus!“, fauchte er schließlich. „Wie kann es sein, dass du nichts von dieser Planänderung wusstest? Ich dachte, deine Quelle ist zuverlässig?“

„Herr, Moody hat den Plan in den letzten Tagen immer wieder geändert.“, krächzte ich mit vom Schreien heiserer Stimme. „Es ist möglich, dass meine Quelle nicht darüber unterrichtet war, weil er ihn im letzten Moment noch einmal änderte.“

„Meister, wieso vertraut ihr Snape noch? Er hat erneut bewiesen, dass ihm nicht zu trauen ist!“, kreischte Bellatrix.

„Still!“, herrschte der Lord sie an. „Du hast es nicht einmal geschafft, dieses Krebsgeschwür zu entfernen, diese Schande für deine Familie auszumerzen. Ich kenne Moody und weiß, dass es schwer ist, gegen ihn zu arbeiten. Severus“, er betonte meinen Namen bedeutsam, sodass es mir eiskalt den Rücken hinunterlief, „hat wirklich gute Arbeit geleistet, wir wussten immerhin, wann und wo wir zuschlagen konnten. Außerdem haben wir es geschafft, Moody auszuschalten. Aber ihr habt zu sehr gegeneinander gearbeitet, habt euch verletzt anstatt die Ordensmitglieder zu treffen, wart euch im Weg, sodass Potter entkommen konnte. Also werdet ihr dafür sorgen, dass das Ministerium fällt, damit wir die Schutzzauber ausschalten können, die der Orden über die Häuser gelegt hat, in denen Potter möglicherweise lebt. Severus ist sicher, dass der Junge im September nicht nach Hogwarts gehen wird.“

Er sah mich fragend an. „So dumm ist nicht einmal Potter.“, bestätigte ich rau. „Dumbledore hatte im letzten Jahr viele geheime Treffen mit ihm, ich denke, sie haben etwas geplant, aber ich bekam es aus Dumbledore nicht heraus.“

„Der alte Narr und seine Geheimnisse.“, lachte der Lord gehässig. „Sie sind ihm zum Verhängnis geworden. Aber das ist jetzt egal, wir haben den Orden geschwächt, sie werden nicht mehr lange Widerstand leisten können. Severus, was weißt du noch?“

„Ich WEISS nichts.“, betonte ich. „Aber ich vermute, dass Potter wohl auf der Hochzeit von dem ältesten Weasley sein wird, immerhin sehen die ihn als Familienmitglied. Sie wollen im Familiensitz heiraten. Ich kann den Namen nicht aussprechen, die Schutzzauber verhindern es. Die Hochzeit ist, laut meinen Informationen, am ersten August, also in fünf Tagen.“

„Dann müssen wir das Ministerium bis dahin in unserer Hand haben.“, bestimmte der Lord hart. „Lucius, du bist dafür verantwortlich, Bellatrix kümmert sich um die Gefangenen. Ich will sie weiterhin lebend haben, also pass darauf auf. Ich muss zusehen, dass ich Informationen erlange, die ich von Ollivander nicht bekommen kann, weil er keine Ahnung zu haben scheint. Wenn ich zurück bin, erwarte ich Erfolgsmeldungen.“

Damit waren wir entlassen und ich schleppte mich nach draußen, ignorierte Lucius, der mich unbedingt sprechen wollte. Er sah nicht besonders gut aus, wie ich fand. Ich wollte nur noch nach Hause, eine Phiole meines Trankes zu mir nehmen und dann ins Bett, bis das Zittern und die Übelkeit endlich nachließen. Heute wohl mit einer Portion Traumlos-Trank, sonst könnte ich nicht schlafen. Und das musste ich, unbedingt. Zu lange hatte ich nicht mehr geschlafen. Mit Tränken und Kaffee hatte ich mich wach gehalten, aber irgendwann ging auch das nicht mehr. Ich war an einem Punkt, an dem ich merkte, ich brauchte eine Pause, wenigstens ein paar Stunden. Die nächsten vier oder fünf Tage würden sicher kein Zuckerschlecken. Immerhin ging es dem Lord darum, das Ministerium zu übernehmen, und da waren wir noch nicht weit genug. Nun, zum Teil auch dank mir, das wusste der Lord aber zum Glück nicht. Wie weit würde Kingsley mir noch trauen? Ich musste es versuchen, aber erst, nachdem ich geschlafen hatte.

* Harry Potter Band 7, S. 90

Gut sechzehn Stunden später schleppte ich mich unter die Dusche. Die Tränke und die Folgen des Cruciatus hatten mich ziemlich geschlaucht. Ich spürte, dass diesmal einige Muskeln gerissen waren und mindestens eine Rippe schien angeknackst. Im Bad musterte ich mich selbst im Spiegel. Die Rippen stachen heraus und ich konnte sehen, dass auf der rechten Seite, auf Höhe der Brustbeinspitze, tatsächlich eine angebrochen war. Mühsam heilte ich sie und atmete erleichtert auf, als der Schmerz endlich nachließ. Für die Muskeln brauchte ich einen Trank, den ich aber in meinen Vorräten hatte. Eine halbe Stunde später war ich geduscht und angezogen, zwang mich, etwas zu essen. Zu viele Mahlzeiten hatte ich in den letzten Wochen ausgelassen, auch wenn man es mir nicht ansah, sobald ich Roben trug. Wo würde ich nun Kingsley finden? Ich musste ihn finden, um ihn zu warnen, egal was er von mir hielt.

Zunächst flohte ich nach Hogwarts, in der Hoffnung, dort einen Hinweis zu finden, wie ich Kingsley erreichen konnte. Oder wo. Albus war nicht in seinem Bilderrahmen, ich hatte keine Ahnung, wo er sich herumtrieb, wenn er nicht da war. Wo hingen weitere Bilder von ihm, zwischen denen er hin und her reisen konnte? Wenn er ein Mitspracherecht gehabt hätte, dann wahrscheinlich überall in England verteilt, damit er überall mitreden konnte. Er konnte mir also nicht helfen. Wo dann suchen? Ich versuchte es in den verschiedenen Ordnern, wirkte einige Zauber, die mir anzeigten, was sich in jedem befand. Nichts, was auch nur im Entferntesten daran erinnerte. Die Unterlagen über den Orden hatte Albus sicher bereits vor längerer Zeit in Sicherheit gebracht. Also versuchte ich es mit Zaubern, die mögliche Geheimfächer anzeigen sollten, doch obwohl nicht nur eines aufgedeckt wurde, fand ich auch darin keine Hinweise. Da ich eine Stunde später immer noch nicht wusste, wohin ich gehen sollte, reiste ich über den Kamin in das frühere Hauptquartier und schickte Kingsley einen Patronus. Dann konnte ich nur noch warten.

„Was willst du?“, schreckte mich seine Stimme nur ein paar Minuten später aus meinen Grübeleien. Er musterte mich vorsichtig und prüfend, abwartend. Man sah ihm an, dass er angespannt war, aber er würde mich reden lassen. Seine dunklen Augen ruhten auf mir und er strahlte eine gewisse Ruhe aus, die er sich in vielen Jahren als Auror sicher hart antrainiert hatte. Sein goldener Ohrring bewegte sich leicht, als er mich anblickte, fing das Licht der Sonne ein, die von draußen hereinschien.

„Dich warnen.“, antwortete ich kühl. „Der Lord will das Ministerium übernehmen. Er will Scrimgeour ausschalten. Und das vor Samstag. Er will Potter. Schütze ihn.“ Ohne ein weiteres Wort disapparierte ich. Mehr konnte ich nicht tun. Der Rest war an ihm. Ich tauchte in der Nähe von Hogsmeade erneut auf. Es gab Arbeit in Hogwarts zu tun. Die bisherigen Lehrer waren gegen mich, arbeiteten gemeinsam, um gegen die Todesser Front zu bilden. Prinzipiell war ich ihrer Meinung, die Schüler mussten geschützt werden, aber nicht auf ihre Weise. Das half den Kindern nicht, denn wenn sie gegen den Lord agierten, würden sie schneller ersetzt werden, als sie ‚Quidditch‘ sagen konnten. Und dann waren noch mehr Todesser in der Schule. Ich würde die Kinder schützen, das hatte ich Albus versprochen. Nur wie genau ich das tun sollte, dazu hatte er mir keinen Rat gegeben.

„Severus, mein Junge!“, begrüßte mich eben dessen Portrait. Offenbar beehrte er mich nun wieder mit seiner Anwesenheit. Ich konnte ihm die Neugierde ansehen, er wollte wissen, was gestern passiert war. Sicher hatte er es in seinen anderen Bildern versucht, aber nichts herausgefunden.

„Albus.“, erwiderte ich.

„Was gibt es Neues?“ Er bestätigte gerade meine Vermutungen. Mein Mundwinkel zuckte amüsiert.

„Potter ist entkommen, aber der Lord gibt natürlich nicht auf. Moody ist tot.“, berichtete ich.

„Was ist schiefgegangen?“

„Wieso sollte etwas schiefgegangen sein?“, knurrte ich, doch Albus ließ sich nicht ablenken. Seine Augen blickten mich durchdringend an. Schließlich gab ich nach. „Ich musste ihm einen Teil des Planes offenbaren, um meine Position zu erhalten. Wir lauerten ihnen auf. Mit Hilfe von Fletcher konnte ich Moody dazu bringen, dass sie Vielsafttrank nutzten, und so wurden sieben Potters weggebracht.“ Mein persönlicher Alptraum, noch mehr von der Sorte. „Wir mussten angreifen und sie haben Shunpike mitgenommen, um den echten Potter zu identifizieren. Er hat den Expelliarmus genutzt, dieser Idiot! Wie durchschaubar kann er denn noch sein? Allerdings ging etwas schief. Genau weiß ich es nicht, aber der Lord hat sich Lucius‘ Zauberstab geliehen, da sein eigener nicht gegen Potter funktioniert, wie er herausbekommen hat, da sie offenbar Zwillingskerne besitzen. Er hat Ollivander in seiner Hand, ich kann nichts tun. Doch auch Lucius‘ Zauberstab ist zerbrochen. Potter hat es geschafft, aber der Lord tobte, weil er ihn nicht besiegen konnte. Er war so nahe dran. Er war wirklich wütend.“

„Wurde jemand von uns verletzt? Was ist mit Alastor?“

„Der Lord hat Moody umgebracht, der Avada. Er war der gefährlichste Gegner, außer Potter. Und jemand, einer der falschen Potters, wurde von einem Sectumsempra verletzt, ich weiß aber nicht, wer.“, gestand ich leise. Etwas rumorte in meinem Magen. Schuld. Schnell sprach ich weiter. „Ich habe Kingsley gewarnt, dass der Lord das Ministerium einnehmen und Scrimgeour töten will. Ich bin nicht sicher, ob er mir glaubt. Der Orden misstraut mir, sie geben mir keine Informationen mehr.“

„Sie werden lernen, dir wieder zu vertrauen.“, war sich Albus sicher. Ich schnaubte nur, das verdiente keine Antwort. Was hatte ich eigentlich von ihm erwartet? Er wusste, dass ich auf seiner Seite war. Doch selbst er hatte mir lange misstraut. Moody hatte mir nie geglaubt, es war nur Albus zu verdanken, dass er meine Informationen genutzt hatte.

Mit dem Rücken zum Portrait setzte ich mich an den Schreibtisch, auch wenn ich mich nicht konzentrieren konnte. Ich wollte Albus‘ gütiges Lächeln nicht mehr sehen, es widerte mich im Moment einfach nur an. Egal was er sagte, ich konnte mir selbst nicht einfach so vergeben. Nach wenigen Minuten stand ich erneut auf und flüchtete regelrecht aus dem Schloss. Nie hatte ich es gespürt, aber ich war einsam. Der Tod von Albus hatte mehr in mir zerbrochen, als ich glaubte. Er war mein Mentor gewesen, hatte mir Halt gegeben. Als ich aus meinem Kamin stolperte, ließ ich mich fallen.

„Verzeih mir, Lily!“, wisperte ich verzweifelt. In dieser Nacht war ich erneut ruhelos.

 

Am ersten August rief mich das Mal bereits am frühen Morgen zum Lord. Er wies mich an seine rechte Seite und ich setzte mich. Lange blieben wir alleine und irgendwann begann ich, mich zu sorgen. Hatte er es geschafft, war Scrimgeour tot? Oder hatte Kingsley meine Warnung ernst genug genommen und das Unmögliche wahrgemacht? Nur äußerlich ruhig harrte ich auf das Kommende. Ich wusste, dass spätestens heute die Übernahme des Ministeriums stattfinden sollte. Warum hatte er mich nicht mitgeschickt? Weil er mich als Spion noch brauchte? Oder weil er die Bevölkerung im Unklaren lassen wollte, dass ich auf seiner Seite war? Vermeintlich auf seiner Seite, aber das würde der Lord nie erfahren, wenn es nach mir ging. Immer wieder kam Lucius herein und berichtete von den Fortschritten, die sie machten. Er nutzte offenbar sein eigenes Büro, um per Flohnetzwerk hin und her zu reisen.

„Herr, wir haben die Magische Strafverfolgung in der Hand.“, war eine Erfolgsmeldung.

„Sehr gut, wir werden Yaxley als Leiter einsetzen.“, entschied der Lord.

„Die Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe ist ebenfalls in unserer Hand.“, meldete der Blonde nur wenig später.

„Gut, dann können wir MacNair befördern, aber er wird nicht die Leitung bekommen, das übernimmt Nott für den Anfang.“, bestimmte der Dunkle. Er schien all das bereits geplant zu haben, überlegte nicht weiter.

„Herr, sie warten nur auf euren Befehl. Es ist alles so, wie ihr es gewünscht habt.“, berichtete Lucius nach einer Weile, als er den Salon zum sechsten oder siebten Mal betrat. Er wirkte blass und übernächtigt, gab sich aber aristokratisch wie immer.

„Dann los.“, zischte der Lord. Er nickte mir auffordernd zu und ich folgte ihm. Wir apparierten in die Eingangshalle im Ministerium. Keine Auroren waren zu sehen, das war kein gutes Zeichen. Lucius eilte uns voran bis in das Büro des Ministers, wo Scrimgeour tot auf dem Boden lag.

„Herr, er wollte kämpfen.“, berichtete Dolohow. „Wir mussten ihn töten. Leider hat er selbst unter Folter nicht gesagt, wo Potter steckt.“

„Schafft ihn weg. Thicknesse wird zum Minister, er ist unter meinem Einfluss, aber nicht als Todesser bekannt. Und dann seht zu, dass die Schutzzauber fallen, damit wir Potter finden! Nur die Abteilungsleiter dürfen in Zukunft apparieren oder per Flohnetzwerk anreisen, der neue Eingang für normale Angestellte wird die Toilette draußen sein. Wir müssen Potter und den Rest dieses lächerlichen Ordens endlich erwischen, und das schnell. Erschafft ein Tabu, wenn einer meinen Namen ausspricht, fallen die Schutzzauber um ihn, damit finden wir Potter! Dieser Narr ist so naiv und leichtgläubig, er nutzt ständig meinen Namen! Ihr kümmert euch darum, ich muss etwas erledigen. Ruft mich nur, wenn es dringend ist!“

Verdammt, Kingsley, ich hoffe, du hast Potter gewarnt! Mehr konnte ich nicht mehr denken. Potter war die einzige Hoffnung, so sehr mir das auch widerstrebte. Wenn er Granger und Weasley eingeweiht hatte, dann waren nun drei Jugendliche alles, was uns blieb. Hatte er diesmal alles für sich behalten, dann war es wohl bald aus. Er brauchte Grangers Intelligenz, um da irgendwie wieder rauszukommen.

 

„Wir haben sie!“, meldete Lucius nur wenig später und wir mussten los. Lucius teilte uns, und auch viele Ministeriumsleute, auf, einige zum Fuchsbau, andere zu all den Häusern, die irgendwie mit dem Orden in Beziehung gebracht werden konnten und unter Schutz gestanden hatten. Das Haus der Tante von den Weasleys, soweit ich wusste, das Haus von Bill und Fleur, das Haus der Tonks waren Ziele, die von den anderen Gruppen angesteuert wurden. Draco ging mit Lucius an die Küste. Ich sollte zum Fuchsbau, war sicher, dass Lucius das mit Absicht machte. Er wollte mich zu einer Reaktion verlocken, doch da hatte er sich geschnitten. Diesen Triumph würde ich weder ihm nich Bellatrix gönnen, die gerade von einem zum anderen Ohr grinste. Ihr Schwager hatte sie als Anführerin der Gruppe bestimmt, die sich das Haus der Tonks vornehmen sollten. Jetzt mahnte Lucius zum Aufbruch. Schnell rückte ich meine Maske zurecht und zog die Kapuze über den Kopf. Die Hochzeitsgesellschaft rannte in Panik durcheinander. Sie machten es mir nicht leicht, die Zauber daneben gehen zu lassen, da sie so unkontrolliert umhersprangen. Dennoch schaffte ich es, keinen Verdacht zu erregen und dabei niemanden zu treffen mit meinen Zaubern. Viele bekannte Gesichter huschten an mir vorbei, doch ich sah weder Potter noch seine beiden Freunde. Ich konnte nur hoffen, dass er erneut entkommen war. Unwillkürlich kreuzten sich meine Finger. Plötzlich spürte ich jemanden in meinem Rücken und duckte mich instinktiv. Ein Zauber wusch über mich hinweg.

Im Aufstehen wirbelte ich herum und sah mich Lupin gegenüber, hinter sich hatte er seine Frau. Tonks wirkte vorsichtig, aber hochkonzentriert, von ihrer üblichen Tollpatschigkeit merkte man hier im Kampf nichts. Hier zeigte sich, dass sie eine hervorragende Aurorin war, auf die man achten musste. Ich hoffte nur, sie müsste nach diesem Angriff nicht ihre Eltern beerdigen. Bellatrix würde sicher nicht besonders gnädig mit ihnen umspringen, sollten sie zuhause sein. Doch darüber konnte ich nicht lange nachdenken, ich musste mich gegen die Zauber wehren, die von Tonks und Lupin kamen, ohne sie ernsthaft zu verletzen. Der Dunkelblonde sah mich überlegend an.

„Severus?“, fragte Lupin leise. Unsicher.

Idiot! Wollte er mich gerade ausliefern? Die Todesser durften nicht den kleinsten Zweifel an mir haben, ansonsten wäre ich tot. Mehr dachte ich nicht, sondern feuerte einen Schockzauber auf ihn ab. Mit Leichtigkeit blockierte er den Zauber, ließ ihn verpuffen. So schnell wie kaum ein anderer Zauberer es schaffte, konterte er mit einem Lähm- und anschließend einem Fesselzauber. Tonks gab ihm Deckung und blickte um sich, ob noch jemand in der Nähe war. Bill, gerade frisch verheiratet, wie es schien, denn er trug einen Ring am Finger, eilte dem Werwolf zu Hilfe. Die Hochzeitsgesellschaft war uns zahlenmäßig weit überlegen, doch der Befehl des Lords war eindeutig, wir sollten Potter bringen. Ich hatte keine Zeit mehr, über den Bengel nachzudenken, denn inzwischen standen mir vier gute Kämpfer gegenüber, Arthur war noch zu den Anderen gestoßen. Nun musste ich all mein Können aufwenden, um nicht verletzt zu werden. Sie nutzten Schock- und Lähmzauber, was für mich nicht weiter gefährlich wäre, doch ich musste meine Stellung unter allen Umständen behalten, um Potter helfen zu können. Niemand durfte ahnen, dass ich nicht auf der Seite des Lords war. Sie machten es mir nicht leicht, denn ich durfte nicht zu vorsichtig mit ihnen umgehen, wollte aber auch nicht wieder jemanden verletzen. Wie ich mit einem schnellen Blick sehen konnte, hatte einer der Zwillinge eine frische Wunde am Kopf, sein Ohr war abgetrennt. Hastig konzentrierte ich mich wieder auf meinen Kampf, als der Knoten in meinem Magen größer wurde. Ich durfte mich nicht von Schuldgefühlen ablenken lassen, er hatte überlebt, das musste für den Moment reichen.

„Confringo!“, richtete ich meinen Stab auf einen kleinen Erdhügel und er explodierte regelrecht. Einige Gnome quietschten entsetzt und rannten, so schnell ihre Beine sie trugen, davon. Meine Gegner wurden komplett mit Erde besprüht und mussten in Deckung gehen, doch Lupin erholte sich schnell.

„Expelliarmus!“, versuchte er, mich zu entwaffnen, aber ich konnte den Zauber blockieren. Scheinbar war Potter nicht der Einzige, der diesen Zauber liebte. Gryffindors. So durchschaubar.

„Impedimenta!“, schickte ich Arthur entgegen und tatsächlich lähmte es die Bewegungen des Weasley-Oberhauptes. Sofort reagierte Tonks und erweiterte ihren Schild, um den Rothaarigen zu schützen. Meine Salve endete nicht, auch wenn das bedeutete, ich musste den gegnerischen Zaubern ausweichen, da ich kaum Zeit hatte, einen Schild zu wirken. Aber durch mein Dauerfeuer waren sie nicht unbedingt in der Lage, besonders gut zu zielen.

In dem Moment traf mich ein „Offendio!“ aus Lupins Stab und ließ mich stolpern. Gerade noch so konnte ich einen Sturz verhindern, aber mein Schutz war einen Moment nicht vorhanden. Bill schickte einen anderen Zauber auf mich los und ich rollte zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Plötzlich gingen meine Gegner in Deckung und ich sah mich einen Sekundenbruchteil um. Yaxley, registrierte ich und hoffte, dass sie schnell verschwinden würden. Ich wollte nicht, dass eines der Ordensmitglieder getötet wurde, aber wenn sie nicht verschwanden, würde das nicht lange dauern, bis einer der Todesser mit dem Avada begann. Der Lord wollte den Orden vernichten, sodass Potter am Ende aufgeben musste. Auch wenn der ursprüngliche Befehl Gefangennahme war und nicht Töten – immerhin wollte der Lord sie nicht so leicht davonkommen lassen – lange hielt sich sicherlich keiner der Todesser mehr zurück. Zusätzlich wollte ich auch nicht, dass einer dieser Menschen gefangengenommen wurde. Auch wenn ich sie nicht besonders gut leiden konnte, aber sie kämpften auf der gleichen Seite wie ich. Selbst wenn sie dies nicht wussten. Nicht wissen durften, jedenfalls noch nicht. Wie bekam ich sie nur dazu, hier zu verschwinden, ohne selbst aufzufallen?

Merlin sei Dank schien Lupin doch ein wenig Verstand zu besitzen. „Apparieren, jetzt!“, ordnete er an, bevor Yaxley bei uns war. Bill nickte ihm zu und griff nach seinem Vater. Ein letzter Blick zueinander und sie verschwanden. Aufatmend sah ich mich um. Der Garten des Fuchsbaus war leer, nur die Überreste der Feier waren noch da. Grinsend machte sich Yaxley über das Buffet her, die anderen lachten und folgten seinem Beispiel. Eine Weile ließ ich sie gewähren und atmete durch, stellte sicher, dass niemand mehr im Haus war.

„Die Vögel sind alle ausgeflogen. Verschwinden wir!“, schnarrte ich. Die Todesser folgten mir ins Manor.

Dort angekommen sahen wir, dass wir die Letzten waren, alle anderen Gruppen waren bereits da. Der Lord war nicht begeistert, dass wir alleine kamen. Seine Augen leuchteten rot.

„Wo ist Potter?“, zischte er.

„Herr, er war nicht dort.“, berichtete ich. Immerhin hatte Lucius mich als Anführer dorthin geschickt. Das bedeutete, ich war verantwortlich. Außerdem würde ich dann auch bestraft werden. „Wir haben die Hochzeitsgesellschaft offenbar überrascht, aber es scheint, als wären sie Momente vorher gewarnt worden. Jedenfalls verschwand ein Teil der Menschen bereits, als wir kamen. Die Zurückgebliebenen, alles Ordensmitglieder oder gute Kämpfer, haben sich uns entgegengestellt. Sie waren uns zahlenmäßig überlegen, verschwanden aber nach einem kurzen Kampf. Potter war nicht zu sehen und es gab auch keine Hinweise auf seine Freunde. Ich habe das Haus durchsucht, es war niemand da und es gab keine Spuren. Wir hatten keine Möglichkeit, Gefangene zu machen, sie waren zu schnell und hatten Verschleierungszauber auf ihre Apparationen gelegt, sodass niemand folgen konnte.“

„Crucio!“

Ich brannte erneut und schrie nach nur wenigen Momenten. Es dauerte nicht besonders lange, aber das Zittern in meinem Körper machte deutlich, wie stark der Zauber gewesen war. Wie lange schaffte ich das hier noch? Zumindest erfuhr ich, dass bei den anderen Überfällen auch kein Ergebnis herausgekommen war, scheinbar war nirgends jemand zuhause gewesen. Sicherlich hatte Moody sie alle darauf trainiert, rechtzeitig und unerkannt zu verschwinden. Mit absoluter Sicherheit nahm ich an, dass er außerdem einen sicheren Ort für sie geschaffen hatte, an den sie in einem derartigen Moment fliehen konnten. Abrupt hörte die Befragung auf. Der Lord verschwand kommentarlos. Was trieb er die ganze Zeit? Sonst war er bei derartigen Angriffen immer wenigstens im Hintergrund dabei gewesen. Es machte ihm immer Spaß, zuzusehen, wenn wir Andere quälten. Ich hoffte nur, dass es bei den Überfällen keine Toten gegeben hatte. Das half mir nicht wirklich, aber ich wollte nicht noch mehr Schuld auf mich laden. Wenigstens war Potter entkommen und das alles hier ergab einen gewissen Sinn. Ich litt nicht umsonst. Mein Ziel verlor ich nie aus den Augen. Ansonsten würde ich vollkommen verzweifeln und könnte nicht weitermachen.

Aber ich freute mich zu früh, es dauerte nicht lange, da schickte Lucius Dolohow und Rowle los nach Muggellondon, das Tabu hatte bereits angeschlagen. ‚Potter, um Merlins Willen, verschwinde!‘, flehte ich in Gedanken. Wobei mir mit einem Mal siedend heiß bewusst wurde, dass Potter einer den wenigen Menschen war, die ständig den Namen des Lords nutzten, ohne Angst zu zeigen. Konnte ich es riskieren, ihm eine Warnung zu schicken? Zumindest sollte ich wohl Kingsley informieren, dass der Orden Bescheid wusste.

Die folgende Stunde erschien mir wie Tage, doch als die beiden Todesser ergebnislos zurückkamen, den Lord riefen und dann doch melden mussten, dass sie nichts gefunden hatten, taten sie mir nicht leid. Der Lord ließ seine Wut an ihnen aus, so schnell kamen sie sicher nicht wieder auf die Beine. Ich erwischte mich dabei, Potter und seinen Freunden die Daumen zu drücken.

„Noch mehr, Rowle, oder sollen wir dich Nagini zum Fraß vorwerfen? Lord Voldemort ist nicht sicher, ob er dieses Mal verzeiht … Dafür hast du mich zurückgerufen, um mir zu sagen, dass Harry Potter wieder entkommen ist? Draco, lass Rowle noch einmal von unserem Missvergnügen kosten … tu es, oder du spürst selbst meinen Zorn!“*

Draco war aschfahl geworden bei diesen Worten. Allerdings schien er sich nun deutlich besser im Griff zu haben, denn er zog wortlos seinen Stab, richtete ihn auf Rowle und ließ ihn schreien. Im Gesicht meines Patenkindes konnte ich nichts mehr lesen, er hatte seine Lektion offensichtlich gelernt. Es gab keine Chance für ihn, er konnte nicht mehr entkommen. Draco tat mir leid, aber ich konnte nichts tun, musste hilflos zusehen, wie er zugrunde ging. Wie hätte ich ihn davor bewahren können? All die Jahre hatte ich darüber nachgedacht, aber es gab keine Lösung. Egal wie sehr ich fluchte, er hatte nie eine Chance gehabt. Keines der Kinder aus den alten Familien hatte eine Wahl. Entweder machten sie mit, oder sie verschwanden ins Ausland, bevor der Lord ein Auge auf sie warf. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Und doch waren es Kinder, die sich nicht mit solchen Dingen beschäftigen sollten. Ich konnte nur hoffen, dass der Lord lange genug im Ausland war, um sich nicht zu sehr mit Draco und seinen Freunden zu befassen, ab September hatte ich sie in meiner Obhut und konnte etwas mehr tun, wenn auch nicht viel, damit es nicht zu offensichtlich wurde. Und wenn Potter dann noch … Nein, zu viel durfte ich mir nicht erhoffen, dann war die Enttäuschung am Ende nur zu groß. Vielleicht sollte ich mich endlich mit den Dingen befassen, die Albus mir in meinem Geist hinterlassen hatte.

 

* Harry Potter Band 7, S. 181

 

In den folgenden Tagen und Wochen änderte sich alles. Die Muggelstämmigen wurden registriert und den Meisten wurde einfach der Zauberstab abgenommen. Einige waren schlau genug und verschwanden, doch die Meisten wurden inhaftiert, weil sie angeblich einem Zauberer oder einer Hexe die Magie gestohlen hätten. Ihre Erklärung für Squibs. Der Schulbesuch wurde obligatorisch. Ich war gespannt, wie sich das in ein paar Wochen auswirken würde. Kimmkorn interviewte mich schließlich doch noch, weil ich neuer Schulleiter war. Die neuen Lehrer mussten begrüßt und in den Schulalltag eingewiesen werden, die Gemeinschaftsräume und Schlafsäle vergrößert, da es deutlich mehr Schüler geben könnte (wenn die Eltern schlau waren, wanderten sie mit ihren Familien aus, doch so schlau – oder aber reich genug – waren nicht alle, wie es schien). Außerdem richtete ich weitere Klassenzimmer ein – dunkle Magie wurde ein neues Unterrichtsfach – und schützte sie auch bis zu einem gewissen Grad. Amycus und Alecto Carrow waren leicht einzuschätzen, ich war mir sicher, sie würden die Schüler bei jeder sich bietenden Gelegenheit quälen. Die Schutzzauber waren darauf ausgelegt, die Flüche abzuschwächen. Wenn sie gar nicht funktionierten, wäre es zu gefährlich, niemand durfte etwas ahnen. Doch ich war gewillt, mein Versprechen – die Schüler zu schützen – so gut wie möglich zu erfüllen.

Kingsley erhielt eine Nachricht von mir, die ihn auf das Tabu hinwies. Ich bekam keine Antwort, wobei ich das auch nicht erwartet hätte. Zumindest hatte ich getan, was ich konnte. Jetzt war es an Kingsley, den Rest des Ordens und Potter irgendwie zu informieren. Immer wieder dachte ich an den Bengel mit der Hoffnung, dass ich all das nicht umsonst auf mich nahm. Es wurde immer gefährlicher, dem Orden Nachrichten zukommen zu lassen, aber ich wollte sie dennoch schützen. So lange hatten wir Seite an Seite gekämpft. Die einzigen Menschen, denen ich in dieser Zeit begegnete, waren Lehrer, die mich soweit möglich ignorierten. Minerva oder Filius, Pomona und Aurora sparten nicht an Blicken, die mich töten würden, wenn das mit Blicken möglich wäre. Sie sprachen kein einziges Wort mit mir. Hinter meinem Rücken jedoch konnte ich sie tuscheln hören, und es klang ziemlich feindselig. Jedoch verstummten sie, sobald ich in ihre Nähe kam. Minerva kam sogar eines Abends in mein Büro, jedoch war Albus nicht in seinem Rahmen.

„Hast du nun endlich, was du immer wolltest, Severus?“, fauchte sie mich an. „Du hast Albus getötet!“ Sie wischte sich mit einer wütenden Geste eine Träne aus dem Augenwinkel. „Er war auch dein Mentor, dachte ich jedenfalls. Ich dachte, er bedeutet dir etwas, aber du hast ihn kaltblütig umgebracht. Ich hoffe, du leidest wenigstens darunter!“

Sie wirbelte herum und verließ mit wehendem Umhang mein Büro. Ich zog eine Augenbraue in die Höhe, hatte sie sich den Auftritt bei mir abgeschaut? Offenbar war da doch mehr als gedacht zwischen ihr und Albus gewesen. Ganz sicher konnte ich mir nicht sein, aber es wirkte so.

Zwei Wochen verbrachte ich fast komplett in meinem Labor, stockte die Tränkevorräte auf, damit Poppy genug hatte. Sie sprach ebenfalls kein Wort mit mir, als ich sie ihr brachte. Hasserfüllt starrte sie mich an, doch ich wich ihrem Blick nicht aus, bohrte meine Augen in ihre, bis sie ihren Blick senkte. Es tat mir leid, aber sie durfte auch nichts ahnen. Niemand durfte das, damit ich meine Rolle bis zum Ende spielen konnte. Niemand durfte mir nahe kommen, jeder persönliche Kontakt war eine stete Gefahr. Und doch versuchte ich instinktiv, Kontakt zu halten. Es war wie ein Zwang, ich fühlte mich so einsam. Früher hatte ich wenigstens Albus gehabt, bei ihm musste ich mich nicht verstellen. So sehr mich seine Art immer genervt hatte, aber nun erkannte ich, wie notwendig diese kurzen Zeiten waren. Wenn ich loslassen konnte. Nun konnte ich das nicht mehr, meine Anspannung stieg immer weiter.

So stand ich am ersten September in der Großen Halle, als die Schüler ankamen, und noch immer hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich mit Dumbledores Informationen zu beschäftigen. Neben mir standen die Carrows, die beinahe auf und ab hüpften, so aufgeregt waren sie. Auf der anderen Seite saßen Flitwick und Sprout, die mir kühle Blicke zuwarfen, wenn ich sie nicht direkt ansah. Minerva war nach draußen gegangen, um die Erstklässler zu empfangen, die offenbar bereits im Schloss waren, da Hagrid eben die Halle durch den Seiteneingang betrat. Für mich hatte er nur ein Grummeln übrig. Er nahm mir die Ermordung von Albus sehr übel, genau wie meinen Verrat. Mir wurde klar, wie eng auch Hagrid mit Albus verbunden gewesen war. Ich hörte bereits das Raunen, das von den Schülern kam, die nach und nach aus den Kutschen stiegen. Seit drei Wochen hatte ich das Schloss nicht mehr verlassen und würde wohl auch bis Weihnachten hier nicht mehr rauskommen. Zwar konnte ich dann meine Aufgabe als Spion nicht durchführen, aber da es niemanden mehr gab, der mir glaubte, war das wohl hinfällig. Minerva hatte mich die letzten Tage nur abfällig oder gar hasserfüllt angesehen. Ich versuchte, es nicht an mich herankommen zu lassen, doch es war schwer. Die Ablehnung tat mir weh, auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ. Wie gerne hätte ich wenigstens einen Vertrauten, mit dem ich reden konnte. Vor dem ich keine Rolle spielen musste. Albus‘ Portrait war alles, was ich in der Beziehung vorweisen konnte, und das war nicht viel. Vor allem, da auch das Bild gerne in Rätseln sprach und gluckste, wenn ich verwirrt war. Nicht besonders hilfreich, um ehrlich zu sein.

Die Schüler strömten herein und setzten sich. Automatisch nahm ich wahr, wer kam, kannte die meisten Gesichter. Einige neue Schüler waren dabei, die deutlich älter waren, die nahm ich besonders unter die Lupe. Sie stellten sich, wie es in ihrer Einladung geheißen hatte, seitlich am Lehrertisch auf. Es erschien mir sinnvoll, sie nicht mit den Erstklässlern zusammen einteilen zu lassen, sondern gleich, bevor es richtig losging. Der Stuhl und der Hut waren bereits hier, also griff ich nach der Liste und rief die einzelnen Schüler auf. Bis alle anderen Jugendlichen auf ihren Plätzen saßen, war die erste Einteilung vorbei und die Neuen setzten sich zu ihren Häusern. Ich blickte zum Tisch meiner Schlangen – als Direktor war ich zwar nicht mehr Hauslehrer, das übernahm Amycus Carrow, aber es waren immer noch die Schüler, die ich in den letzten Jahren begleitet hatte – und sah, wie Draco mich anstarrte. Er wirkte blass und übernächtigt, als hätte er Tage oder gar Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Ich erwiderte seinen Blick eine Weile ruhig, dann wandte ich mich ab. Er war schon viel zu nahe an mir, es wurde immer gefährlicher. Niemand sollte wissen, wie viel mir der Junge bedeutete, niemand sollte mich mit ihm erpressen können. Mein Blick wanderte weiter. Am Gryffindortisch fehlte nicht nur das goldene Trio. Nun, mit Potter war nicht zu rechnen gewesen, und dass Granger sich hier nicht blicken ließ, sprach für ihre Intelligenz. Hoffentlich war sie ausgewandert – am besten ans Ende der Welt. Weasley Nummer sechs war nicht da, aber Nummer sieben schon. Sie saß neben Longbottom, Finnegan, Brown und Patil, und sie wirkte unsicher. Thomas fehlte ebenso wie Potter und seine Freunde. Auch er war muggelstämmig. In den anderen Häusern sah es ähnlich aus, viele muggelgeborene Schüler fehlten.

„Ronald Weasley ist krank. Griselkrätze.“, informierte mich Filius Flitwick, der anscheinend meinem Blick gefolgt war. Stimmt, das hatten die Carrows bereits berichtet, sie waren vor Ort gewesen, gemeinsam mit zwei Ministeriumsbeauftragten, und hatten das überprüft. Fragte sich nur, ob er bei der Hochzeit auch schon krank gewesen war? Wo war er dann gewesen, immerhin hatte ich das Haus überprüft? Oder spielte er nur krank und war mit Potter unterwegs? Aber wie hatte er es dann geschafft, die Carrows hereinzulegen? Wusste seine Familie davon? Hatte ihm Arthur geholfen, alle hereinzulegen? Hatten sie ihm erlaubt, mit Potter zu gehen? Wo auch immer sich der Bengel herumtrieb. Ich hoffte, er machte Fortschritte. Um der Schüler willen, um seiner Selbst willen und auch ein wenig um meinetwillen.

Ich konnte mir meinen Kommentar sparen, da nun die neuen Erstklässler kamen. Die Einteilung dauerte ihre Zeit, brachte aber kaum Überraschungen mit sich. Das Lied des Hutes machte die Schüler nachdenklich, wie es schien, er hatte von Einheit und Zusammenhalt, außerdem von Vertrauen gesungen. Schwer zu interpretieren für jemand, der nichts von mir wusste, für mich aber war eindeutig, dass er wusste, auf welcher Seite ich stand. Wenigstens einer, der an mich glaubte. Ein leises Schnauben löste sich ungefragt aus meinem Mund und ließ die Carrows neugierig zu mir sehen. Sie wurden ignoriert. Ich aß, ohne zu merken, was ich zu mir nahm und stand anschließend auf, um eine Rede zu halten, in der ich die Neuerungen kurz ansprach und alle dazu anhielt, sich an die Regeln zu halten. Auch wenn ich nicht erwartete, dass sie es tun würden. Allerdings hoffte ich es sehr. Die Reaktionen meiner Kollegen allerdings waren nicht unerwartet. Die Carrows strahlten über ihre Gesichter, während Minervas Brauen sich so eng zusammenzogen, dass es aussah, als hätte sie nur eine einzige Braue quer über den Augen. Sie tauschte Blicke mit den anderen ‚alten‘ Kollegen, die mir klar machten, dass ich nicht nur gegen die Schüler gewappnet sein musste.

„Und sollte jemand von ihnen auch nur die geringste Idee haben, wo Potter zu finden ist, dann rate ich ihnen, mit der Sprache rauszurücken.“, knurrte ich abschließend. Mir war klar, dass diejenigen, die vielleicht eine Ahnung hatten, kein Wort davon sagen würden, aber ich musste es wenigstens versuchen. So tun als ob. Natürlich verstand es jeder so, wie er oder sie glaubte, dass ich es meinte. „Und jetzt gute Nacht, gehen sie in ihre Gemeinschaftsräume, in einer halben Stunde ist Ausgangssperre. Wer sich nicht daran hält, wird mit den Konsequenzen leben müssen.“

Das Raunen stieg an und selbst jemand mit schlechtem Gehör bekam mit, wie wenig die Schüler mochten, dass ich ihr neuer Direktor war. Sie konnten eigentlich froh sein, dass es nicht Bellatrix war. Sie hatte lange genug mit dem Lord darüber verhandelt, doch er hatte sie im Manor behalten. Viel davon hatte ich nicht mitbekommen, aber das, was ich gehört hatte, reichte, um Übelkeit aufsteigen zu lassen. Sie hatte bereits Pläne gehabt, sämtliche alten Lehrer auszusortieren und durch Todesser zu ersetzen. Doch der Lord hatte abgelehnt, Pettigrew alleine war ihm zu unsicher, wenn er über die Gefangenen wachte. Darüber war ich mehr als froh, denn oft genug bekam sie, was sie wollte. Sie hatte ihre eigenen Methoden, den Lord dazu zu bringen. Ich schüttelte mich unmerklich.

Der Schulalltag begann am nächsten Morgen wie immer. Nach dem Frühstück wandte ich mich in mein Büro, doch mir war keine Ruhe vergönnt, es klopfte, kurz nachdem ich eingetreten war. „Herein.“, schnarrte ich, auch wenn ich denjenigen lieber zurück zum Ausgang geflucht hätte, als er hereinkam.

„Snape, ich brauche die Anwesenheitslisten.“, befahl Yaxley, als er hereinkam. Seinen Todesserumhang hatte er an, versteckte sich nicht mehr.

„Es heißt Direktor und bitte.“, lächelte ich eisig. Er wollte etwas von mir, also sollte er auch entsprechend ankommen. Seine Art war mir schon immer zuwider, so herrisch den meisten Menschen gegenüber, während er beim Lord schleimte bis zum bitteren Ende.

„Gib mir die verdammten Listen, wir müssen sehen, welche Schüler sich dem Zwang entziehen wollen und sie herbringen!“, fauchte er wütend.

„Nichtsdestotrotz bin ich hier der Direktor und erwarte eine angemessene Sprache.“, schnurrte ich. „Wenn du also deinen Auftrag erfüllen willst, Yaxley, dann befiehl mir nicht, sondern bitte, wie es sich gehört. Der Lord hat mich hier zum Direktor gemacht, ich erwarte eine gewisse Höflichkeit.“

„Du bist der Einzige, der uns einen Überblick geben kann so auf die Schnelle!“, jammerte Yaxley. „Umbridge will endlich die ganze Registrierung abschließen und dazu braucht sie die Schülerlisten, damit sie abgleichen kann, wen sie noch registrieren muss. Und ich bin dafür verantwortlich, diejenigen unter Verfolgung zu stellen, die sich nicht melden und die unentschuldigt hier in der Schule fehlen.“

„Nun, dann bitte mich höflich darum.“

„Du willst das ernsthaft durchziehen? Der Lord …“

„… ist nicht hier.“, unterbrach ich ihn. „Und er hat mich zum Direktor gemacht, was bedeutet, er vertraut mir. Willst du das wirklich riskieren?“

Er verzog das Gesicht, aber ich konnte sehen, wie er einknickte. Sein Gesicht wurde mürrisch. „Direktor Snape, würden sie mir bitte die Schülerlisten geben?“

Ich griff auf meinen Schreibtisch und händigte ihm eine Kopie aus. „Hier sind alle verzeichnet. Diejenigen, die hier sind, haben einen Haken hinter dem Namen, krank gemeldete Schüler ein ‚k‘ hinter ihrem Namen, Muggelgeborene ein ‚m‘. Diejenigen, die unentschuldigt fehlen und nicht registriert sind, habe ich bereits markiert. Genügt das für die Ansprüche der Untersekretärin?“, lästerte ich.

Ohne ein Wort verschwand Yaxley aus meinem Büro. Müde ließ ich mich hinter den Schreibtisch sinken. Wie viele Konfrontationen dieser Art würde es noch geben? Wer würde sich mir noch alles in den Weg stellen? Wie lange konnte ich dieses Spiel noch spielen, bevor es mich selbst umbrachte? Minerva, Filius, Pomona, Poppy und die anderen Lehrer aus Albus‘ Zeiten ließen mich ihren Hass deutlich spüren, wenn auch hoffentlich nur, so lange keine Schüler in der Nähe waren. Sie legten mir Steine in den Weg, so oft es ging. Ich konnte sie verstehen, würde an ihrer Stelle nicht anders handeln, aber es machte meine Aufgabe nicht leichter.

„Severus?“, riss mich Albus‘ Stimme aus meinen Gedanken. „Was ist mit Harry? Gibt es etwas Neues?“

Ich schüttelte nur den Kopf.

„Er ist im Haus der Blacks.“, verriet das Portrait von Phineas Nigellus Black. Sofort hatte er unser aller Aufmerksamkeit. Selbst die anderen Portraits wandten sich ihm zu und versuchten, ihn anzusehen, gerade für seine Nachbarn nicht machbar. Der ehemalige Slytherin schien die Aufmerksamkeit zu genießen und rückte umständlich seine absolut korrekt sitzende Krawatte zurecht.

„Aber … dort ist er in Gefahr!“, sprach Dippet, Albus‘ Vorgänger entsetzt das aus, was die Anderen zu denken schienen.

„Nein, ist er nicht. Außer dem Orden kann niemand hinein. Natürlich ist es nicht besonders schlau von ihm, da ICH hinein kann und er mich immerhin für einen Todesser hält.“, schnarrte ich.

„Das soll er auch. Noch.“, betonte Albus. „Severus, du musst ihn beobachten und im rechten Moment helfen.“

„Und wie stellst du dir das vor, Albus?“, seufze ich resigniert. Er würde ja doch so lange mit mir diskutieren, bis ich zustimmte.

„Phineas wird ihn beobachten. Er kann dir sicher immer wieder berichten, wie weit Harry mit seiner Aufgabe ist.“, beschloss Albus mit seinem üblichen Funkeln in den Augen, das nichts Gutes verhieß.

„Was in aller Welt ist seine Aufgabe?“, bellte ich, wütend, dass ich es noch immer nicht erfahren hatte.

„Severus, mein Junge, du wirst es rechtzeitig wissen.“, lächelte Albus selbstgefällig. „Aber er wird deine Hilfe brauchen, um die Aufgabe zu vollenden. Du wirst ihm das Schwert von Gryffindor zukommen lassen müssen, wenn es soweit ist.“

„Das …“ Ich starrte den ehemaligen Direktor fassungslos an. Was meinte er damit? Und wie sollte ich das Schwert einfach mal so an einen Jugendlichen geben, von dem ich nicht einmal wusste, was er machte? Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht einfach zu ihm gehen konnte, am Grimmauldplatz klingeln und ihm das Ding in die Hand drücken. Bei unserer letzten Begegnung hatte er deutlich gemacht, was er von mir hielt, und anders durfte es nicht sein.

„Er braucht es, mein Junge.“, riss mich Albus‘ Stimme erneut aus den Gedanken. Er spielte gedankenverloren mit seinem Bart. „Ohne das Schwert kann er seine Aufgabe nicht vollenden.“

„SEINE Aufgabe? Wie konntest du nur drei Jugendlichen diese Aufgabe zumuten, ohne ihnen nicht wenigstens einen erwachsenen Zauberer an die Seite zu geben?“, klagte ich an.

„Nun, es ist Harrys Aufgabe, er ist der Einzige, der es tun kann. Seine Freunde würden ohnehin mit ihm gehen, also wollte ich, dass er sie einweiht.“, tat Albus es einfach ab.

„Seine Aufgabe?“, zischte ich mit unterdrückter Wut noch einmal. „Warum? Wegen dieser dämlichen Prophezeiung, die von einer betrunkenen Möchtegern-Wahrsagerin gemacht wurde? Das ist doch Schwachsinn! Er ist ein Jugendlicher, gerade mal siebzehn, hat sechs Jahre Erfahrung mit Magie! Er ist ein Kind, verdammt nochmal!“

„Er ist der einzige Zauberer, der Riddle besiegen kann.“, hielt Albus stur an seiner Meinung fest.

„Aber warum?“, wollte ich mit einem drängenden Unterton wissen.

„Weil er es kann.“ Mein Vorgänger war unglaublich dickköpfig, aber er schien einfach nicht zu wissen, wann es Zeit war, den Mund aufzumachen und Klartext zu reden.

„Das glaube ich einfach nicht.“, murmelte ich beinahe lautlos. Ungläubig schüttelte ich den Kopf und beugte mich über die Stundenpläne. In ein paar Minuten musste ich los, da ich den UTZ-Kurs in Zaubertränke weiterhin unterrichtete. Albus ignorierte ich einfach, bis ich das Büro verließ und in die Kerker ging, misstrauisch von den Portraits auf den Fluren beobachtet. Seit ich im Schloss wohnte, verfolgten mich ihre Augen. Draco arbeitete wie immer ruhig und konzentriert vor sich hin, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die anderen Schüler im Kurs bemühten sich, mich nicht anzusehen, sie alle wirkten wütend, aber dennoch verängstigt. Nun, sie gingen davon aus, dass ein Mörder sie unterrichtete. Waren sie deshalb noch aufmerksamer als sonst? Konzentriert arbeiteten sie an ihren Tränken. Bisher konnte ich vermeiden, dass sie Foltertränke lernen mussten, aber es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis der Lord mir den Lehrplan diktierte. Ich schauderte unwillkürlich.

Direkt beim Mittagessen erfuhr ich dann von Alecto Carrow, dass sie Longbottom dabei erwischt hatte, wie er davon sprach, dass Harry Potter den Lord sicher bald besiegen würde. „Er muss bestraft werden!“, verlangten die beiden Carrows sehr leise, aber voller Vorfreude.

Leider hatten sie Recht. Die Regeln des Ministeriums, also des Lords, besagten klar, dass Potter der ‚Unerwünschte Nummer 1‘ war und geächtet wurde. „Bringt ihn beim Abendessen in die Halle vor den Lehrertisch. Dort werde ich ihn bestrafen.“, entschied ich. „Vielleicht merken die Schüler dann, dass es durchaus Konsequenzen hat, wenn sie so unüberlegt handeln.“ Strahlend verließen die Geschwister den Lehrertisch. Nun musste ich mir nur noch überlegen, wie ich die Konsequenzen aussehen ließ. Er sollte es merken, aber keinen Schaden davontragen.

Ungewohnt mutig stand Longbottom am Abend vor mir. Es schien, als ließe er sich nicht mehr von mir einschüchtern. Dummkopf! Ich war nicht sein Feind, aber das durfte er nicht wissen.

„Mister Longbottom.“, begann ich leise, aber deutlich. Alle Schüler hielten inne und lauschten. So war es auch gedacht. „Ist ihnen bewusst, dass Potter offenbar nicht den Mumm hat, sich seiner Aufgabe“, ich spuckte das Wort förmlich aus, „zu stellen? Offenbar ist er längst über alle Berge, versteckt sich im Ausland, wie es scheint. Sie brauchen nicht auf den angeblichen Helden zu hoffen. Das Ministerium hat deutlich gemacht, dass er geächtet ist und sollte jemand sich dem Ministerium entgegen stellen, ist eine Bestrafung notwendig. Sie werden die nächsten zwei Wochen jeden Abend die Toiletten im Schloss putzen, natürlich ohne Magie, danach weitere zwei Wochen jeden Abend Nachsitzen und dabei die neuen Regeln abschreiben, damit sie ihnen geläufig sind. Sollten sie daraus nicht lernen, wird die kommende Strafe deutlich härter ausfallen, ist das klar?“

Ein Zischen hinter mir zeigte deutlich, was Minerva davon hielt. Als ich mich kurz umblickte, sah ich sie stehen, wie ein Racheengel. Ihre Fäuste waren geballt, sodass die Fingerknöchel weiß hervorstachen. Ihre ganze Haltung war purer Widerstand, doch sie beherrschte sich, denn sie wusste, wenn sie protestierte, war sie schnell ersetzt, da konnte ich dann auch nichts dagegen unternehmen. Longbottom starrte mich wütend an, machte aber keine Anstalten, eine Antwort zu geben. Waren Gryffindors alle so dumm? Oder einfach nur stur bis zum Geht-nicht-mehr? „Ja, Sir.“, spuckte er mir schließlich ins Gesicht.

Ich atmete innerlich auf, wo hatte der Bengel diesen Mut her? Oder besser, diese Dummheit? Wie Potter, der wusste auch nie, wann es gesund für ihn war, einfach mal nachzugeben. Allerdings hatte Longbottom in den letzten Jahren nicht erkennen lassen, dass er auch nur ein klein wenig Mut hatte. Ich wünschte, er würde zurück zu dem zitternden Bengel schrumpfen, dann müsste ich mir keine Sorgen um ihn machen. Verdammt, ich machte mir Sorgen um Gryffindors! Schade eigentlich, dass niemand das mitbekommen durfte, das gäbe sicher einige lustige Reaktionen am Lehrertisch. Am Abend in meinem Büro malte ich es mir in Gedanken aus, wie ich beim Frühstück nebenbei verkündete, mir Sorgen um Potter und Longbottom zu machen. Minerva würde wahrscheinlich ihren Tee vor Überraschung quer über den Tisch spucken, Filius würde quiekend vom Stuhl fallen und Hagrid, der würde wahrscheinlich irgendwas zerbrechen in seinen riesigen Händen. Die Schüler würden alle mit offenen Mündern vor mir sitzen und starren, zum ersten Mal in meinem Leben wäre es so still in der Halle, dass man eine Feder fallen hören könnte. Ja, die Vorstellung war wirklich toll, sie ließ mich einen Moment schmunzeln, auch wenn die böse Stimme in meinem Hinterkopf klar und deutlich rief, dass es wohl nie dazu kommen würde. Ich ignorierte sie zumindest eine Weile und genoss das Schmunzeln noch etwas länger. Der Alltag mit seinen ganzen Strapazen kam früh genug zurück zu mir. Wenigstens für den Moment gönnte ich mir diese kurze, mentale Auszeit.

Sie endete viel zu früh, als Minerva an meine Bürotür klopfte. „Was hast du dir dabei gedacht? Er ist ein Freund von Harry Potter, warum musstest du ihn dafür bestrafen?“, fauchte sie.

„Er hat gegen die Regeln verstoßen und muss nun mit den Konsequenzen leben.“, gab ich ruhig zurück und öffnete die Tür, die sie verärgert hinter sich zugeschlagen hatte. „Ich habe die Regeln nicht gemacht, aber ich werde sie durchsetzen.“ In der Hoffnung, dass es half, dass die Schüler sich daran hielten und nicht schlimmer bestraft wurden, aber das sagte ich nicht laut. Mit einer Handbewegung wies ich sie nach draußen. Wutentbrannt rauschte sie davon, eine gewisse Aura der Hilflosigkeit hinterlassend.

 

Doch auch in den nächsten Wochen erwischten die Carrows Longbottom immer wieder. Meistens alleine, manchmal aber auch mit Lovegood oder der Weasley-Tochter. Es schien, als würde sich die ehemalige DA zumindest zum Teil nun um Longbottom scharen. Seit wann war der Junge so ein Anführer? Er ließ sich durch Strafen nicht beirren, machte einfach immer weiter. Schließlich bekam ich das Gefühl, dass er einen Plan hatte, diese ganzen Dinge schienen Ablenkung zu sein. Ich wurde immer misstrauischer und erhöhte die Zauber auf meinem Büro, weil meine Instinkte mir genau das rieten.

Tatsächlich dauerte es nicht allzu lange, bis der Alarm auf meinem Büro losging, während ich meinen UTZ-Kurs unterrichtete. „Mr. Malfoy, sie haben die Aufsicht!“, befahl ich. „Sie brauen zu Ende, füllen das Ergebnis wie immer in eine beschriftete Phiole und stellen sie auf meinen Schreibtisch. Als Hausaufgabe einen Aufsatz über die Wechselwirkung dieses Trankes mit anderen Tränken. Zwei Rollen Pergament genügen.“ Damit rauschte ich davon. Ich wusste, Draco würde Acht geben und die Siebtklässler waren schlau genug, um den Rest der Stunde alleine klar zu kommen. So schnell wie möglich eilte ich in Richtung meines Büros. Auf der Treppe erwischte ich sie. Longbottom, Weasley und Lovegood. Sie trugen etwas mit sich, versuchten allerdings, es vor mir zu verbergen. Das Schwert von Gryffindor. Ich scheuchte sie vor mir her ins Büro. Dummerweise kam gerade auch noch Amycus Carrow von hinten an und schrie irgendwas von Schülern, die in seinem Unterricht fehlten. Resigniert schloss ich die Augen, nun konnte ich es nicht mehr verhindern, sie würden leiden müssen. Was hatten sie sich nur dabei gedacht? Was wollten sie damit erreichen? Wobei, es gab Gerüchte, dass Albus das Schwert an Harry Potter vermacht hatte, auch wenn Albus nichts dazu sagte. Es wäre den Kindern zuzutrauen, dass sie es ihm irgendwie zukommen lassen wollten. Verdammt, und jetzt? Ich musste sie bestrafen. Ich schluckte hart, um den Druck auf meinen Brustkorb zu mindern.

„Was ist hier los?“, wollte Amycus mit einem lauernden Unterton wissen. „Hast du sie erwischt, Severus?“

„Allerdings. Sie wollten etwas stehlen.“, schnarrte ich eisig. Ich nahm das Schwert an mich, sah darauf, während meine Gedanken wirbelten. Was machte ich nun damit? Es musste in Sicherheit gebracht werden, damit ich es Potter zukommen lassen konnte, aber niemand durfte auch nur ahnen, dass ich weiterhin Zugriff darauf hatte. Ich musste mir schnell etwas einfallen lassen und dann Kontakt mit dem Lord aufnehmen. Diese Entscheidung musste ich mit ihm absprechen, ansonsten wäre es wohl mein Todesurteil. Außerdem musste ich nun die Schüler hart bestrafen. Sie hatten es zu weit getrieben. Mir wurde schlecht, und doch hob ich meinen Blick und ließ ihn emotionslos über die Jugendlichen gleiten.

„Was wollten sie damit? Dachten sie, dass sie damit den dunklen Lord töten können?“, wollte ich ruhig wissen. Unbemerkt drang ich in ihre Gedanken ein, ich wollte wissen, was sie vorhatten und mir war klar, dass sie es nicht verraten würden. Tatsächlich hatte ich Recht gehabt, sie wussten, dass Dumbledore Potter das Schwert vererbt hatte und wollten es für ihn stehlen. Mutig, aber dumm. Und jetzt mussten sie die Konsequenzen tragen. Leider. Sie gaben keine Antwort, schwiegen hartnäckig. „Nun, dann werden sie heute Abend in der großen Halle bestraft werden.“, entschied ich und nickte Amycus zu. Bis dahin würde er sie in Gewahrsam nehmen.

Beim Abendessen wurden mir die Schüler erneut vorgeführt. Eine Weile ging ich auf und ab, dann hielt ich eine Rede, die dazu dienen sollte, die Schüler einzuschüchtern. Ich sprach gedankenlos, dachte nicht weiter darüber nach, die Worte verließen meinen Mund und sofort vergaß ich sie wieder. Es war unnatürlich still in der Halle, während ich sprach. Mir war klar, dass es weniger Respekt sondern vielmehr Angst war. Und doch hoffte ich, dass sie sich meine Worte zu Herzen nahmen.

„Sie werden mit Hagrid die nächsten Abende im verbotenen Wald verbringen und ihm bei seiner Arbeit helfen.“, bestimmte ich die Strafe. Lange kam ich mit solchen Lappalien nicht mehr durch, doch ich weigerte mich bislang, dunkle Flüche an den Kindern anzuwenden. Für die Meisten wäre es schlimm, in den Wald zu gehen, aber gemeinsam mit Hagrid hoffte ich, dass es diese Schüler nicht zu sehr mitnehmen würde. Es musste nach außen hin gefährlich wirken. „Und jetzt ab in ihre Betten.“ Das galt allen Schülern und schnell war es still in der Halle. Minerva und Filius versuchten, mit mir zu diskutieren, doch ich wimmelte sie ab. Es gab nichts, was ich tun konnte. Mit unterdrückter Wut verließen sie die Halle. Ich selbst war froh, als ich endlich im Bett war. Erneut träumte ich von dem Abend auf dem Astronomieturm und fuhr keuchend aus dem Schlaf. Nach einem Blick auf die Uhr stand ich auf, es war kurz nach fünf Uhr morgens.

Nach einer Dusche war ich wieder klar im Kopf und grübelte darüber nach, was ich mit dem Schwert machen sollte. Noch immer hatte ich mich nicht mit dem fremden Wissen in meinem Kopf befasst, doch mir war klar, dass Potter im Moment noch nichts mit dem Schwert anfangen konnte. Meine Überlegung war, dass es wohl noch mehr Objekte wie diesen verdammten Ring geben musste. Albus hatte ihn mit dem Schwert zerstört. Welcher Zauber lag darauf? Das wusste ich bis heute nicht, würde ich es erfahren, wenn ich Albus‘ Erinnerungen in meinem Kopf ansah? Aber, wenn das Schwert derartige Objekte zerstören konnte und es noch mehr davon gab, musste Potter sie erst einmal finden, und dann, aber erst dann brauchte er das Schwert. Bis dahin sollte es wohl eher bei mir bleiben, denn wenn Potter es mitnehmen musste auf der Flucht, dann war die Gefahr groß, dass es irgendwann schief ging. Wenn er plötzlich fliehen musste, konnte er es dann mitnehmen? Ich glaubte eher nicht daran, die Gefahr war zu groß. Und man konnte nicht einfach mit einem Schwert am Gürtel herumlaufen, diese Zeiten waren lang vorbei. Doch wo sollte ich es bis dahin verstecken, und wie sollte ich das dem Lord verkaufen? Grübelnd ging ich in mein Büro, wo Albus mich mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Severus, mein Junge!“ begrüßte. Ich knurrte nur.

„Wie kann ich dir helfen?“, fragte er, plötzlich ernst geworden. Ich hielt inne. Vielleicht konnte er das tatsächlich.

„Albus, du hast mitbekommen, dass Potters Freunde das Schwert mitnehmen wollten. Ich muss es dem Lord melden und es irgendwie aus dem Weg schaffen.“, erklärte ich ein wenig heiser. Dabei hatte ich gestern gar nicht geschrien.

„Geht es dir gut?“, wollte Albus besorgt wissen.

„Fantastisch.“, schnappte ich sarkastisch. „Was ist mit dem Schwert? Ich würde eine Kopie anfertigen, diese dann in ein Bankverlies bringen, aber wo verstecke ich das Original in der Zeit?“

„Nimm es mit in dein Schlafzimmer, dort ist im begehbaren Kleiderschrank ein Geheimfach. Hinter dem Schuhregal, wenn du den Kleiderhaken aus Messing ein Stück nach unten ziehst, dann kannst du es öffnen. Das findet so schnell niemand.“, erklärte mein Mentor.

Ich nickte dankbar und hob das Schwert aus der Vitrine. Die Kinder hatten sie zerschlagen, aber mit einem Zauber war sie wieder in Ordnung. Die Kopie war mit einem „Geminio“ schnell erstellt und in der Vitrine verstaut, ebenso schnell war das Original in meinem Schlafzimmer. Das Fach war wirklich gut getarnt, selbst mit Magie fand ich es nicht. Hätte Albus mir nichts davon gesagt, würde ich es wohl nicht entdecken. Danach fühlte ich mich ein wenig erleichtert und schickte Lucius eine Nachricht, dass ich den Lord dringend sprechen musste. Er musste von dem Schwert erfahren, am besten von mir und nicht von den Carrows, und sollte auch mit meinen Plänen einverstanden sein. Anschließend wartete ich einfach nur, ließ mir nur einen starken Kaffee von einem Hauselfen bringen, ignorierte das Frühstück. Gegen elf Uhr kam eine Eule zu mir, die ich als eine von Lucius‘ Postvögeln identifizierte. Rasch griff ich nach dem Pergament an ihrem Fuß.

Komm zum Mittagessen zu mir. Lucius

Durch den Kamin reiste ich ins Manor, wo Lucius mich bereits erwartete. Er sah blass aus, seine Miene war steinern. Nicht so blasiert wie sonst, sondern eher, als würde er Sorgen verbergen. „Komm, der Lord ist im Salon.“, forderte er mich auf, ihm zu folgen. Natürlich. Was sonst? Kein persönliches Wort mehr, er hatte offenbar zu viel Angst. In letzter Zeit hatte der Lord immer wieder Unzufriedenheit mit ihm gezeigt. Viel mehr durfte er sich nicht mehr erlauben, ohne grausam gefoltert zu werden. Genausowenig Draco, aber in der Schule war der Junge wenigstens so sicher, wie es derzeit möglich war. Daher folgte ich ihm wortlos. Wenige Momente später kniete ich vor meinem Meister. Meinem angeblichen Meister, der allerdings nichts davon wissen durfte. Lucius verließ den Raum sofort wieder.

„Herr.“

„Steh auf, Severus, und berichte.“, forderte er mich auf. Er wirkte unruhig, aber auch sehr aufmerksam. Angespannt. Wenn man das von Lord Voldemort sagen konnte. Noch immer trug er seinen Reiseumhang, war offenbar noch nicht lange hier und schien nicht bleiben zu wollen. Was trieb er die ganze Zeit?

„Es gab einen Zwischenfall in Hogwarts, einige Schüler versuchten, das Schwert von Gryffindor aus meinem Büro zu entwenden. Natürlich haben mich meine Schutzzauber verständigt, ich habe die Kinder erwischt und bestraft.“ Ich wartete einen Moment ab.

„Das ist gut. Lass es mich sehen.“

Ich blickte dem Lord in die Augen, während ich mir die entsprechenden Szenen genau ins Gedächtnis rief. Die Anwesenheit des Lords war heute für einmal verhältnismäßig sanft, und doch blieb ich hochkonzentriert, er durfte nicht alles sehen. Befriedigt zog er sich bereits nach wenigen Momenten zurück.

„Du hast deine Sache zu meiner Zufriedenheit erledigt. Sie werden sicher eine Menge Angst im Wald ausstehen, aber mit diesem Trottel Hagrid zusammen wird ihnen nichts passieren, das bedeutet, sie könnten unseren Zielen noch dienlich sein. Ja, die Strafe ist angemessen. Für dieses Mal. Sollten sie allerdings nicht daraus lernen, wird die Strafe beim nächsten Mal schwerer sein.“, bestimmte der Lord. „Aber das war sicher nicht alles, warum du mich sprechen wolltest. Das Schwert ist sicherlich noch bei dir.“

„Nein, Herr, das ist nicht alles und ja, das Schwert ist bei mir.“, bestätigte ich seine Annahme. „Ich möchte eure Erlaubnis, das Schwert in Sicherheit zu bringen. In ein Bankverlies in Gringotts, damit es nicht mehr in Gefahr ist. Am besten eines der alten Verliese, diese sind am besten geschützt.“

Mit angehaltenem Atem wartete ich ab, während der Lord scheinbar abwägte. Gedankenverloren schritt er vor mir auf und ab. Doch letztlich stimmte er mir zu und ich ließ erleichtert die Luft aus meinen Lungen. Wenn auch so, dass es niemand bemerkte.

„Mach das gleich heute.“, befahl der Lord. „Wir müssen sichergehen, dass der Orden nicht an das Schwert kommt.“ Er schien davon zu wissen, dass es eine Waffe gegen ihn sein könnte.

„In welches Verlies?“, erkundigte ich mich.

„Nimm das von Bellatrix Lestrange.“, entschied der Lord. „Ich werde sie in die Winkelgasse schicken, sodass du mit ihr gemeinsam nach Gringotts gehen kannst. Sie wird dich in einer Stunde vor der Bank treffen.“

„Natürlich, Herr.“ Ich atmete kurz tief durch und wagte es dann, die Frage zu stellen, die mich interessierte: „Herr, darf ich fragen, ob eure Mission zufriedenstellend verläuft?“

Der Lord fuhr herum und musterte mich aus zusammengezogenen Augen. Seine Haut spannte sich über die Wangenknochen, sodass ich das Gefühl bekam, sie würde gleich zerreißen. „Du wagst es…?“, zischte er.

„Verzeiht, Herr, meine Neugier. Ich wollte nur wissen, ob ich euch helfen kann.“, verneigte ich mich tief, obwohl ich es verabscheute.

„Du kannst mir nicht helfen. Das ist meine Mission. Ich muss Informationen gewinnen, die Geheimnisse aufdecken.“ Der Lord sprach wie im Wahn, mehr zu sich selbst.

Plötzlich zuckte er zusammen und realisierte, dass ich noch mit ihm im Raum war. „Du kannst gehen, Severus.“, wurde ich entlassen.

Beinahe erleichtert, dass ich nicht doch noch bestraft wurde, verließ ich das Manor schnell. Jetzt konnte ich nur noch hoffen, dass die Kobolde nichts sagten. Sie wussten mit Sicherheit, dass das Schwert, welches ich ihnen bringen würde, nicht echt war. Plötzlich zitterte ich. In einer Stunde hing mein Leben von ein paar Kobolden ab, und die machten nur das, was für sie einen Vorteil bot. Bellatrix war sicher die bessere Kundin, sie entstammte einer alten, reichen Familie, und hatte in eine ebenso alte und reiche Familie geheiratet. Auch wenn sie und Rodolphus wohl nicht aus Liebe zusammen waren, immerhin verehrte Bella den Lord. Irre. Aber gefährlich, wahnsinnig gefährlich. Doch egal wie sehr ich darüber nachdachte, ich hatte keine Möglichkeit, etwas zu tun. Ich musste es abwarten und bei Bedarf darauf vertrauen, dass ich schneller mit dem Zauberstab war als Bellatrix. Nun, immerhin war ich vorgewarnt, das musste doch für etwas gut sein.

Mein Glück riss nicht ab. Als ich die Bank betrat und mit Bella zu ihrem Verlies gebracht wurde, hatte ich das Schwert dabei. Die Kobolde blickten zwar ein wenig skeptisch, aber sie verrieten nichts. Im Gegenteil, nach einer kurzen Überprüfung reichte einer der Kobolde es mir zurück und winkte uns zu den Karren. Wir fuhren tief hinunter, bis zu den untersten Verliesen. Der Kobold verzog keine Miene, während ich die Lippen fest zusammenpresste, damit die Übelkeit, die mich in den Wagen immer überfiel, nicht gewann. Bellatrix hingegen schien die Fahrt zu genießen. Schneller als gedacht waren wir in Bellas Verlies angekommen und sie ließ den Kobold die Türe öffnen, nachdem er mit seltsamen klappernden Dingen einen Drachen in einen Flur zurückgedrängt hatte. Staunend und ein wenig ehrfürchtig sah ich mich um. Ich wusste, dass sie der Black-Familie entstammte und auch, dass die Lestranges eine alte Reinblutfamilie waren, aber dass sie so reich war, hätte ich nicht vermutet.

„Da staunst du, Snape, nicht wahr?“, grinste sie mich selbstgefällig an. „So viel Gold hast du wahrscheinlich in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Vermutlich hast du gar keine Vorstellung davon, was diese Menge bedeutet!“

Ich ließ sie reden und legte das falsche Schwert auf einen kleinen Sims. Meine Augen konnten nicht aufnehmen, was sich alles in diesem Verlies befand. Gold, Schmuck, Bücher, Artefakte, alles wild durcheinander. Bellatrix schien die Gelegenheit zu nutzen, sie griff nach einigen Galleonen und steckte sie in ihre Tasche.

„Fertig mit dem Starren?“, schnappte sie anschließend gereizt und ich nickte.

Wir fuhren wieder zurück nach oben und sie verschwand, sobald wir die Bank verlassen hatten. Ich selbst nutzte die Gelegenheit und besorgte in der Apotheke noch einige Zutaten, die mir ausgegangen waren. Zurück in der Schule hörte ich, dass die drei Bestraften heute mit Hagrid gehen würden. Sie wirkten unsicher, aber nicht vollkommen verängstigt. Gut. Wenn sie zu fröhlich aussehen würden, wäre es unglaubwürdig, aber so klappte es. Bis auf einige Proteste – vor allem von Minerva, Filius und Poppy – wegen der Bestrafung verliefen die nächsten Tage ruhig.

Es wurde gemunkelt, dass Potter und seine Freunde tatsächlich ins Ministerium eingedrungen waren, aber Lucius wollte es nicht bestätigen. Natürlich nicht, er war zu dieser Zeit wohl selbst dort gewesen, hatte ihn aber nicht gesehen. Jedenfalls erzählten die Carrows – ziemlich gehässig, wie ich fand – dass Umbridge sich bei Lucius beschwert hatte, weil man ihr die Muggelstämmigen aus dem Gerichtsraum gestohlen hatte. Klang irgendwie nach dem Bengel. Außerdem war jemand in ihrem Büro gewesen, das magische Auge Moodys fehlte. Nun, das wiederum klang definitiv nach Potter, er würde es mitnehmen und in Verwahrung nehmen, damit sie es nicht beschmutzte. Das war ziemlich dumm von ihm gewesen, aber ich verstand ihn komischerweise sogar. Ich hätte es auch nicht zugelassen, dass diese Vettel es nutzte. Mehr hörte ich nicht von dem Bengel. Bis ich eines Abends ins Büro kam.

„Direktor Snape!“, begrüßte mich das Portrait von Phineas Nigellus Black. Ich sah zu ihm. Er wirkte konsterniert, um nicht zu sagen, beleidigt. Mein Blick wurde starrer, je länger er schwieg. Die Aufforderung schien irgendwann sogar er zu verstehen. „Potters Freundin hat mein Portrait aus dem Grimmauldplatz mitgenommen. Sie campieren irgendwo, aber ich konnte nicht herausfinden, wo sie sind. Miss Granger hat mir eine Augenbinde verpasst, das ist ungeheuerlich!“

„Was konnten sie sonst hören?“ Innerlich gratulierte ich Granger, sie schien ihre Intelligenz wenigstens sinnvoll zu nutzen. Wenn es auch nicht in meinem Sinne war, aber sie wussten nicht, dass ich dazu verdonnert war, ihnen zu helfen. Sie mussten davon ausgehen, dass ich der Gegenseite half. Was meine Aufgabe nicht gerade leichter machte.

„Sie haben nach den Kindern und dem Schwert gefragt.“

Sollte Potter wirklich schon erkannt haben, dass das Schwert eine Rolle spielte? Wusste er, welche Rolle das war? Verdammt, und ich hatte noch immer nur Ahnungen, wusste aber nichts weiter. Ich musste mich endlich mit den Erinnerungen von Albus befassen. Nur wann? Es brauchte Zeit und Ruhe, ich konnte das nicht mal eben nebenbei erledigen. Wenn jederzeit einer von den Carrows hier reinplatzen könnte. Und woher wusste Potter von der Bestrafung seiner Freunde? Hatte er Informationen hier aus der Schule? Wer schickte sie ihm? Und wie? Las er möglicherweise den Klitterer? Oder traf er sich heimlich mit den Weasleys? Der Junge musste aufpassen, dass die Todesser ihn nicht erwischten, da durfte er sich keine derartigen Fehler leisten.

„Woher weiß Potter davon?“, wollte ich daher von Black wissen.

„Das kann ich nicht sagen, ich habe nichts gesehen und er hat mir auch keine Informationen gegeben.“, schmollte der ehemalige Direktor. „Aber sie fragten direkt nach dem Schwert, wo es ist, und ob es vielleicht zum Reinigen herausgenommen wurde oder so. Dummes Mädchen, sie wollte das wissen. Dabei weiß doch jeder, dass koboldgeschmiedete Waffen nicht gereinigt werden müssen!“

„Haben sie ihm gesagt, dass ich das Schwert ausgetauscht habe?“ Ich hielt den Atem an.

„Natürlich nicht, Direktor Snape!“ Er war konsterniert.

„Nun gut. Versuchen sie weiterhin, herauszufinden, wo Potter und seine Freunde stecken.“, beauftragte ich ihn. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie ich ihm das Schwert zukommen lassen sollte. Wenn ich erst einmal wusste, wo er sich aufhielt, konnte ich vielleicht einen Plan fassen. Es durfte nicht zu früh sein – sollte er erwischt werden, was ich nicht hoffte – aber auch nicht zu spät. In Gedanken flehte ich zu Merlin und Lily, ihn zu beschützen. Würden die Todesser ihn erwischen, müsste ich ihn irgendwie befreien, um noch Hoffnung zu haben, und das würde ich selbst wohl nicht überleben. Der Gedanke an das, was dann auf mich wartete, ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Schnell verdrängte ich die Bilder, hatte zu oft gesehen, wie Verräter bestraft wurden. Ich nahm mir vor, für alle Fälle einen passenden Trank zu brauen und immer bei mir zu tragen. Ganz sicher wollte ich dem Lord diesen Triumph, mich langsam und qualvoll zu töten, nicht gönnen. Auch wenn ich mir seit Jahren schwor, nie mein eigenes Leben zu beenden, aber wenn es aussichtslos war, würde ich den Weg ein wenig … abkürzen. Ich sehnte mich nicht nach dem Tod, aber ich war realistisch. Würde ich enttarnt, dann warteten Qualen auf mich, die ich nicht erleiden wollte. Und verraten konnte ich dann auch nichts mehr.

Die Zeit zog sich zäh dahin, die einzige Unterbrechung meiner inzwischen täglichen Routine waren die Beschwerden der Carrows über Weasley, Longbottom und Lovegood und die der anderen Lehrer über die Bestrafungen. Nun, einige andere Schüler auch, aber die drei Namen fielen regelmäßig. Die Abende mit Hagrid im Wald hatten sie offenbar nicht weiter berührt, obwohl der Wald naturgemäß bei allen Schülern große Angst hervorrief. Verdammt nochmal, was sollte ich mit ihnen machen? Sie provozierten mich ständig und ich konnte nicht immer darüber hinwegsehen. Ich musste sie bestrafen, aber wie, ohne sie zu verletzen und ohne Verdacht zu erregen? Mitte Oktober bekamen sie Hogsmeade-Verbot von mir. Regelmäßig mussten sie mit Filch putzen, aber sie gaben nie auf. Innerlich bewunderte ich sie, aber das durfte ich mir unter keinen Umständen anmerken lassen. Das wäre für mich schmerzhaft, aber für die Schüler könnte es tödlich enden. Und ich hatte immerhin geschworen, alles zu tun, um die Kinder zu schützen. Meine Versprechen hielt ich. Immer. Es half nicht nur mir, redete ich mir immer wieder ein, ich half der gesamten, englischen Zauberwelt. Nur, wenn Potter den Lord vernichtete, dann konnten wir frei sein. Wobei, würde ich frei sein? So lange war ich schon unfrei, dass es mir beinahe ein wenig Angst machte. Was bedeutete Freiheit für mich?

Ich zwang mich, nicht weiter darüber nachzudenken. Es war gefährlich, wenn ich meine Gedanken schweifen ließ, denn das machte mich unaufmerksam. Ich musste aber immer und überall aufmerksam bleiben. Als mich der Lord rief, um mir neue Anweisungen zu geben, erfuhr ich, dass er Potter eine Falle stellen wollte. Eigentlich hatte er es mir nicht sagen wollen, aber er schien euphorisch, weil er davon ausging, dass der Bengel ihm in die Falle gehen würde.

„Herr, was genau plant ihr? Vielleicht kann ich euch helfen?“, bot ich mit dem Mut der Verzweiflung an.

„Niemand wird wissen, was genau die Falle für Potter ist!“ schrie er und deutete mit seinem Zauberstab auf mich. „Crucio!“

Das Brennen war höllisch, ich krampfte mich auf dem Boden zusammen. Lange dauerte es nicht an.

„Nur eine Warnung.“, zischte er sanfter als zuvor. „Ich werde den Bengel ohne Hilfe zu mir locken, ich weiß, was er versuchen wird und wie ich ihn erwische.“ Damit war ich entlassen.

„Direktor!“, rief mich Alecto Carrow nur wenige Tage später.

Genervt ging ich zu ihr. Sie deutete auf eine Wand, die noch immer mit dem Spruch beschrieben war, den Miss Weasley unwissend in ihrem ersten Jahr dorthin geschrieben hatte. Niemand hatte es je entfernen können, nicht einmal Albus. Darunter waren weitere Worte:

Feinde des Erben, tut euch zusammen, dann ist der Lord schon bald vergangen!

Eindeutig Lovegoods Schrift, erkannte ich automatisch. Allerdings sagte ich nichts dazu, von mir erfuhren die Carrows nichts. Sie sollten keine Schüler bestrafen, nicht wenn ich es verhindern konnte. Doch Lovegood, Longbottom und die kleine Weasley waren übermütig, wie mir schien. Wie sollte ich sie bestrafen, sodass sie nicht weitermachten, aber dabei nicht verletzt wurden? Hagrid und der verbotene Wald erschienen mir anfangs als gute Lösung, aber sie hatten sich öffentlich darüber lustig gemacht, somit war es mir unmöglich, es weiterhin zu nutzen. Die Carrows hätten sonst nicht gewusst, dass es für die Schüler keine Strafe war.

 „Das hat Lovegood geschrieben!“, war sich leider auch Alecto sicher. „Ihre Handschrift ist unverkennbar.“

Verdammt! Aber ich hatte keine Wahl. „Bring sie zu mir, wenn du sie gefunden hast.“, ordnete ich an.

„Nein, Severus!“, flehte Minerva, die hinzukam und offenbar genug gehört hatte. „Du kannst sie doch nicht einfach bestrafen, wenn du nicht einmal sicher weißt, ob sie es war!“

„Ich bin der Schulleiter, ich bin dafür zuständig, die Disziplin aufrecht zu erhalten.“, schnarrte ich. Immer wieder erinnerte ich mich daran, dass es notwendig war, Minerva im Dunklen zu lassen. In solchen Momenten merkte ich, wie einsam ich war. Wie gerne würde ich ihr die Sorgen erleichtern, egal wie sie mich behandelte. Ich konnte es ihr kaum verdenken. Sie war mir noch immer wichtig.

Zwei Stunden später brachte Amycus Carrow die blonde Ravenclaw in mein Büro. „Lass uns alleine!“, befahl ich dem Todesser. Widerwillig ging er hinaus.

„Miss Lovegood, sie sind eine Ravenclaw. Ich dachte immer, diese sind intelligent.“, begann ich leise. „Leider scheint es auf sie nicht zuzutreffen. Selbst Professor Carrow hat ihre Schrift erkannt. Sie kämpfen gegen etwas, das sie nicht beherrschen können. Sie werden verlieren. Und das wird mit der Zeit immer unangenehmer. Nun, das werden sie nun zu spüren bekommen. Scheinbar haben sie aus den vorherigen Strafen nichts gelernt. Also werden sie zunächst drei Tage Arrest bekommen und in den nächsten zwei Wochen jeden Abend nach dem Essen bei Mister Filch erscheinen und ihm beim Putzen helfen. Ich bin sicher, sie werden ihm eine große Hilfe sein.“

Damit schickte ich sie nach draußen. Hoffentlich war sie klug genug, ihre Mitstreiter zu warnen. Longbottom und Weasley waren fähig, aber sie sollten nicht unter den Carrows leiden müssen. Black erwähnte immer wieder, dass Potter gerade nach diesen Schülern fragte und ich bat ihn, dem Bengel die gewünschten Informationen zu geben, in der Hoffnung, dass er in seiner Vorsicht nachlassen würde und Black irgendwann den Aufenthaltsort herausbekam. Doch das Einzige, was ich kurz vor Weihnachten erfuhr, war, dass Potter und Granger wohl nur noch zu zweit unterwegs waren. Allerdings fand Black nie heraus, was genau da passiert war. Weasley Nummer sechs kam auch nicht zurück in die Schule – nicht dass ich es erwartet hätte. Auch wenn der Junge wirklich naiv war, so war zumindest der Rest der Familie einigermaßen intelligent, sie würden ihn nicht hierher schicken, wo er als Geisel genutzt werden könnte. Mit ihm würde der Lord freudig Potter erpressen. Erstaunlich genug, dass sie ihre Jüngste nicht aus der Schule genommen hatten, aber wahrscheinlich konnten sie es sich nicht leisten, und so gut war der Schutz um den Fuchsbau nicht, wie man bei der Hochzeit schmerzlich sehen konnte.

„Direktor, es ist unglaublich, was wir eben mitbekamen!“, schnaufte Amycus Carrow eines Abends in mein Büro. „Der Koboldstein-Club und die verschiedenen Quidditch-Teams scheinen sich alle zu verschwören. Sie wollen Wege finden, Potter zu helfen. In ihren Versammlungen lassen sie Potter hochleben und feiern ihn. Natürlich nicht die Slytherins, verzeiht, das hätte ich vielleicht zuerst sagen sollen.“

„Ich kümmere mich darum.“, versprach ich. Innerlich stöhnte ich auf. Um Merlins Willen, wie dumm konnten diese Kinder sein? Ich musste etwas dagegen unternehmen, das mussten sie doch verstehen? Aber nein, sie riskierten einfach weiterhin Kopf und Kragen mit solchen dummen, unnützen Aktionen. Zumindest hatte der Lord befohlen, kein unnötiges Blutvergießen unter den magischen Menschen zu veranstalten, da konnte ich die Bestrafungen einigermaßen mild halten. Nur, wie lange ging das noch gut, bevor der Lord der Meinung war, es müssten härtere Strafen sein? Bislang hatte er erstaunlich viel Geduld bewiesen, wobei er davon ausging, dass die Schüler den Wald fürchteten, und auf Muggelart zu putzen war in seinen Augen ebenfalls eine starke Demütigung, daher als Strafe gern gesehen.

Beim Abendessen, das verpflichtend für alle war, stand ich auf. Sofort herrschte Ruhe in der großen Halle. Wenigstens etwas, auch wenn es auf Angst basierte. „Mit sofortiger Wirkung sind alle Vereinigungen aus drei oder mehr Schülern verboten.“, ordnete ich eisig an. „Sie haben offenbar noch immer nicht verstanden, dass Potter nicht kommen wird zu ihrer Rettung. Nein, Potter wird gesucht und er wird sicherlich nicht einfach so hier nach Hogwarts kommen. Außerdem wissen sie alle, dass diejenigen, die Informationen über Potters Aufenthaltsort oder seine Pläne haben und sich nicht melden, bestraft werden.“

Ich setzte mich wieder und lauschte einem Teil des Gemurmels, das einsetzte. Die Meisten beschwerten sich darüber, dass sie nun nicht mehr Quidditch spielen durften oder ähnliches. Draco musterte mich fragend, doch ich beschloss, ihn zu ignorieren, genau wie die letzten Wochen. Ich konnte dem Jungen nicht helfen, im Moment musste er alleine da durch. Um ihn zu schützen, hielt ich mich gerade von ihm fern, so gut es ging. Ich konnte nur hoffen, dass er keine Dummheiten machte. Bald waren Weihnachtsferien, würde er hier im Schloss bleiben? Ich konnte mich dann endlich ein paar Tage wenigstens zurückziehen, wollte nach Spinners End und endlich das ansehen, was Albus in meinen Kopf gepackt hatte. So lange warteten die Erinnerungen und das Wissen bereits in mir, ich musste sie endlich ansehen. Und so lange Black nicht wusste, wo Potter war, konnte ich auch nichts weiter tun. 

Minerva und Filius gaben nicht auf. Am Abend nach der Sperrstunde tauchten sie bei mir auf.

„Severus, so kann es nicht weitergehen!“, knurrte die Schottin. Innerlich stimmte ich ihr zu.

„Dann sieh endlich zu, dass deine Gryffindors sich an die Regeln halten und akzeptiere, dass Potter nicht kommt!“, gab ich betont ruhig zurück.

„Severus.“, mischte sich nun Flitwick ein. „Es kann doch nicht dein Ernst sein, dass du willst, dass Du-weißt-schon-wer über die englische Zauberwelt herrscht. Er unterdrückt alle und von Frieden sind wir weit entfernt.“

„Was ich will, ist unerheblich.“, antwortete ich, mühsam beherrscht. „Ich bin Direktor und muss dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Wenn die Hauslehrer nicht dazu in der Lage sind, dann muss ich es tun.“

„Aber das sind doch nur Kinder!“, fuhr Minerva auf.

„Kinder, die in der Lage sind, mit ihrer Magie großen Schaden anzurichten. Kinder, die in einem bis sieben Jahren auf die Welt losgelassen werden. Kinder, die darum betteln, wie Erwachsene behandelt zu werden. Kinder, die mit ihrer Intelligenz und ihrem Wissen prahlen.“, schnaubte ich. „Und nun lassen sie mich bitte alleine, ich muss noch einige Arbeiten meiner Siebtklässler korrigieren.“ Ich sah zu, wie sie einen Blick wechselten und resigniert das Büro verließen. Sicher waren sie nicht zum letzten Mal hier. Ich seufzte leise auf, als ich alleine war.

Am Tag vor Heiligabend fuhren die meisten Schüler nach Hause, das Schloss würde bis Neujahr beinahe leer sein. Auch ich reiste am Abend ab, als alles zu meiner Zufriedenheit erledigt war. Wenigstens ein paar Tage Ruhe erhoffte ich mir. Vielleicht konnte ich auch endlich wieder einmal eine Nacht ruhig schlafen. Die Alpträume waren vielfältig, sie suchten mich Nacht für Nacht heim und sorgten dafür, dass ich selten mehr als drei Stunden schlief. Nur, wenn ich mir ab und zu eine Portion Traumlos-Trank genehmigte, konnte ich mich wirklich ausruhen. Allmählich merkte man es mir auch äußerlich an, Minerva und Poppy sahen es. Sie sagten nichts, aber ihre Blicke sprachen Bände. Hass paarte sich mit Mitleid und sie schienen sich zu fragen, was die Wahrheit war.

Zuhause angekommen gönnte ich mir einen langen Spaziergang im nahen Wald, bevor ich mich in die heiße Badewanne legte, ein Tränkemagazin zum Lesen und eine Kanne schwarzen Tee nahm ich mit. Angenehm erschöpft legte ich mich schließlich in mein Bett und schlief tatsächlich bis zum späten Vormittag durch. Danach stattete ich dem Supermarkt in der Nähe einen Besuch ab und stockte meine Vorräte auf, damit ich wenigstens etwas zu Essen hatte und nicht auf die Elfen von Hogwarts angewiesen war. In einem Muggel-Supermarkt würde mir wenigstens kein Todesser über den Weg laufen, ich hatte meine Ruhe. Mehr wollte ich gerade nicht. Da es gestern so wunderbar funktioniert hatte, unternahm ich gegen Abend einen weiteren Spaziergang, duschte danach heiß und legte mich schlafen. Bis das Brennen des Mals mich gegen drei Uhr nachts aus dem Schlaf riss.

Irritiert fuhr ich hoch. Was war passiert? Der Lord war eigentlich gar nicht in England, dieser Ruf bedeutete, etwas Großes war passiert. Hatte er Potter erwischt? Entsetzt brauchte ich einen Moment, um meine Panik zurück zu drängen. Hektisch atmete ich ein und aus, während ich mir meinen Todesser-Umhang aufrief und anzog, die Maske in die Hand nahm. Meine Gedanken rasten, ich war hellwach. Was konnte ich tun, sollte er Potter tatsächlich haben? Was sonst könnte passiert sein? Welche Dinge würde er nun fordern? Rief er nur nach mir oder war es ein allgemeiner Ruf? Hatte jemand mich enttarnt? Dazu würde es passen, dass der Ruf mitten in der Nacht erfolgte. Mir wurde eiskalt und automatisch fühlte ich nach der kleinen Phiole, die seit einer Woche mein ständiger Begleiter war. Sie war da. Ein wenig beruhigt apparierte ich in den Salon des Manors. Viele waren da, also ein allgemeiner Ruf. War das wirklich besser? Ich befürchtete nun tatsächlich, dass er Potter in seine Hand bekommen hatte. Eine Falle wollte er ihm stellen, ich wusste aber nicht mehr, hatte nie etwas herausbekommen. Im Gegenteil, er hatte mich bestraft, weil ich so neugierig war.

Ich stellte mich zu Lucius und blickte ihn an. Seine Augen wirkten gehetzt und irgendwie verzweifelt. Langsam schien er zu realisieren, dass er aus dieser Nummer wohl nicht mehr rauskam. Nicht einmal sein Gold konnte ihm noch helfen, wenn Potter es nun zu Ende bringen sollte. Falls der Bengel das schaffte. Mein Blick ging weiter, glitt über die mir bekannten Gestalten. Crabbe, Goyle, Avery, MacNair, Dolohow, die Lestranges. Sie alle waren maskiert, aber ich kannte sie inzwischen gut genug, brauchte nicht mehr als die Gestalt und die Haltung. Die Meisten waren euphorisch, hofften ganz offensichtlich, dass Potter endlich geschnappt wurde. Es dauerte nicht besonders lange, bis der Lord plötzlich erschien. Seine Augen glühten, er war offenbar sehr zornig. Ohne Vorwarnung warf er mit dem Cruciatus um sich, nahm keinerlei Rücksicht, zielte nicht einmal. Kreuz und quer, jeder wurde getroffen. Erst gegen Mittag wurde es langsam besser, offenbar hatte er sich ausgetobt. Meine Knie zitterten, mein Magen protestierte schmerzhaft. Vorsichtig fixierte ich mit meinem linken Arm die möglicherweise gebrochenen Rippen, als ich aufstand. Eine heftige Übelkeitswelle erfasste mich und mir wurde einen Moment schwarz vor Augen. Die Stimme des Lords dröhnte in meinen Ohren, ergab aber keinerlei Sinn.

„… Potter ist entkommen! Nagini hat ihn erwischt, aber er ist entkommen!“, war das Erste, was ich wieder mitbekam. Der Name hatte mich wachgerüttelt. „Ich wusste, er würde irgendwann nach Godric’s Hollow gehen und habe Nagini dort hingeschickt. Severus, wer ist an Potters Seite? Eine Frau, sie scheint mit ihm unterwegs zu sein.“

„Ich nehme an, dass es sich dabei um seine beste Freundin Hermine Granger handelt.“, krächzte ich heiser. Die letzten Stunden hatte ich zum Teil mit Schreien verbracht, meine Stimmbänder fühlten sich wie Sandpapier an.

„Das Schlammblut?“, wollte jemand wissen. „Sie hat sich nicht registrieren lassen und ist verschwunden.“

„Findet sie! Findet Potter und das Schlammblut!“, tobte der Lord, dann entließ er uns.

Diesmal nahm ich den Kamin, nicht sicher, ob ich das Apparieren noch in einem Stück schaffte. In meinem Haus stolperte ich heraus und schlug unsanft auf dem Boden auf, schrie vor Schmerz, als meine Rippen nachgaben. Jetzt waren sie auf jeden Fall gebrochen, zuvor war ich mir nicht ganz sicher. Der Schmerz ließ die Übelkeit erneut aufwallen und mein Magen entleerte sich. Offenbar war außer Galle nichts vorhanden, der bittere Geschmack ließ mich weiter würgen, bis ich vollkommen erschöpft in der Schwärze versank.

Als ich erwachte, war es dunkel. Ich hatte keine Ahnung, welcher Tag oder welche Zeit um mich herum war, rappelte mich mühsam auf und schleppte mich ins Bad, wo ich die Notfalltränke hatte. Die Übelkeit und die Schmerzen waren bald weg, da konnte ich mich daran machen, die Prellungen und Knochenbrüche zu behandeln. Anschließend legte ich mich ins Bett, um noch einmal zu schlafen, alles schafften auch Zauber und Tränke nicht. Das nächste Mal erwachte ich im Dämmerlicht, und endlich schaffte ich es, wirklich aufzustehen. Ein leises Zittern meiner Muskeln zeigte mir, dass die Wirkung des Cruciatus trotz Trank nicht vollständig weg war. Nun gut, damit musste ich wohl noch ein paar Stunden leben, dann sollte es nachlassen. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass ich beinahe zwei Tage geschlafen hatte. Was in aller Welt machten Potter und Granger in Godric’s Hollow? Suchte er dort nach was auch immer? Oder versuchte er noch immer, mehr über den Lord herauszufinden? Es war Zeit, meine Grübeleien zu beenden und etwas Sinnvolles zu tun, also ging ich nach unten und stellte das Denkarium auf den Labortisch. Hier drin würde mich so schnell niemand stören, denn ich hatte genug Schutzzauber um diesen Raum gelegt, dass ich wirklich sicher sein konnte, alleine zu bleiben.

Plötzlich stand mir etwas vor Augen, von dem ich glaubte, es erfolgreich verdrängt zu haben. Potter, wie er in meine Erinnerungen eindrang. Fest presste ich die Hände an meine Schläfen, um die Bilder zu verdrängen, die Gefühle tief in mir zu vergraben. Es war so demütigend gewesen, und gleichzeitig war ich von Wut und Zorn erfüllt. Wie sein Vater, der Bengel war arrogant und über jede Regel erhaben. Erneut spürte ich die Hitze der Wut in meinem Bauch, es loderte in mir. Hatte er es seinen Freunden erzählt? Saßen sie nun irgendwo und lachten über mich? So wie Potter senior es mit seinen Freunden getan hatte? Die Erinnerungen, die ich immer loswerden wollte, die nie jemand sehen sollte. Meine Kindheit war nicht schön gewesen, aber zumindest wusste ich da immer, was mich erwartete. In der Schule nicht, Potter und Black hatten mich immer wieder überrascht. Im negativen Sinne. Ich drängte die Erinnerungen zurück, sie durften mich nun nicht lähmen. Es würde mir nicht helfen, meine Aufgabe zu vollenden, und das musste ich einfach irgendwie schaffen. Wie auch immer, es war mir ein Rätsel. Hoffentlich konnte Albus‘ Wissen mir dabei helfen. Das hier war etwas, das er mir nicht einfach aus seinem Bilderrahmen sagen konnte, vielleicht war dieses Wissen auch nicht in dem Portrait. Zumindest war ich mir dessen ziemlich sicher. Tief atmete ich mehrere Male durch und beruhigte mich. Nun konnte ich mich damit auseinandersetzen, war ich sicher. Die Augen öffnend legte ich die mir fremden Erinnerungen im Denkarium ab und tauchte ein.

Ich sah Albus und Potter, wie sie gemeinsam das Rätsel um die Horkruxe lüfteten. Das war es also. Wie erstarrt sah ich zu, als sie herausfanden, wie viele Riddle geschaffen hatte. Deshalb konnte ich den Fluch auf Albus‘ Hand nicht beheben. Kein Wunder, dass die Hand danach tot und abgestorben war. Er hatte Glück gehabt, dass er nicht sofort gestorben war. Wobei, Glück? Ich lachte einmal zynisch auf. Wäre er daran gestorben, hätte ich ihn nicht töten müssen und nun nicht diese Alpträume. Das Schwert konnte sie deshalb zerstören, weil Potter damit einen Basilisken getötet hatte und es mit dessen Gift getränkt war. Die Informationen danach drangen nicht einmal mehr richtig in mein Gehirn ein, ich war wie betäubt und flüchtete aus den Erinnerungen. Kein Wunder, dass der Lord nicht tot war. Er war nicht zu töten. So lange es auch nur einen Horkrux gab, der nicht zerstört war, würde er weiterleben. Man konnte den Körper zerstören, aber er würde zurückkommen. Die Erkenntnis war so schlimm, dass ich in die Knie sank und mein Gesicht in den Händen verbarg. Stumme Schluchzer schüttelten mich, die Hoffnung schien verloren.

„Lily, wie soll ich mein Versprechen halten? Ich kann deinen Sohn kaum beschützen, wenn er gegen solch schwarze Magie kämpfen muss! Verzeih mir, Lily, ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll.“, wisperte ich verzweifelt.

Mit einem Mal fühlte ich eine verloren geglaubte Präsenz. Ich wusste, es war nicht echt, ließ deshalb die Augen geschlossen. Es fühlte sich verdammt echt an. Mir wurde warm, so warm, dass ich das Gefühl hatte, im heißen Sand zu sitzen. Als wäre um mich herum nur Sonnenlicht, das mich umflutete und wärmte. Selbst mein Innerstes wurde warm, so wie es damals immer war, wenn Lily mich in den Arm genommen hatte. Lang verloren geglaubte Erinnerungen kamen zurück. Lily hatte mich getröstet, wenn mein Vater im Rausch mal wieder ausgerastet war. Genauso hatte es sich damals angefühlt. Sie war hier, meine beste Freundin. Mit der Wärme kam auch die Hoffnung zurück. Nein, ich würde nicht aufgeben, egal wie schwer es war, ich würde kämpfen, sonst hätte der Lord bereits gewonnen.

„Danke, Lily!“, hauchte ich, als die Wärme langsam nachließ, fast so, als würde die Sonne untergehen. Nur blieb sie nie lange weg, sie kam am nächsten Morgen immer wieder. Und es würde immer einen neuen Morgen geben, davon war ich jetzt überzeugt. Lily hatte mir ein großes Geschenk gemacht: Sie hatte mir die Hoffnung zurückgegeben, die ich verloren glaubte.

Ich stand auf und holte die Erinnerungen aus dem Denkarium. Niemand sollte sie zu sehen bekommen, sie waren gefährlich. In meinem Kopf verbarg ich sie hinter einer dicken, undurchdringlichen Mauer. Ich würde herausfinden, wo Potter steckte und ihm das Schwert zukommen lassen. Egal wie lange es dauerte, der Junge bekam von mir alle Unterstützung, die ich ihm geben konnte, damit er den Lord besiegte. Etwas in mir hatte sich geändert: Ich glaubte daran, dass Potter es schaffen würde. Es war nicht mehr die Frage, ob er es schaffte, sondern nur noch wann.

Zurück in Hogwarts fauchte mich Black an: „Endlich! Ich warte schon lange auf sie, ich weiß, wo Potter steckt!“ Er hielt inne und sah mich an.

„Worauf warten sie dann noch?“, knurrte ich unwillig. „Wo ist der Bengel?“

„Im Forest of Dean, ich konnte es hören, als dieses Mädchen es sagte!“

„Severus, denk daran, es muss eine mutige Tat sein, das Schwert zu nehmen. Derjenige, der es braucht, muss zeigen, dass er würdig ist!“, fügte Albus hastig hinzu.

Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, war ich in meinem Schlafzimmer, öffnete das Geheimfach und nahm das versteckte Schwert heraus. Mit einem Zauber sorgte ich dafür, dass keiner etwas sehen würde. Hastig lief ich damit durch die stockdunklen Flure, immerhin war es mitten in der Nacht, und war schneller als jemals zuvor durch das Portal und am Tor, wo ich endlich apparieren konnte. Der Wald war ruhig und verschneit, er schien völlig still zu sein. Ich tarnte mich und wirkte einen Zauber, der meine Schritte unhörbar machte, dann begann ich mit Ortungszaubern. Ich hatte sie ein wenig verändert, um damit nicht nur Personen sondern auch Magie aufzuspüren, und das machte sich nach kurzer Zeit bezahlt. Offenbar hatten Potter und Granger ihren Aufenthaltsort magisch getarnt. Ich konnte nichts sehen oder hören, und doch spürte ich, dass jemand in der Nähe war. Und nun? Eine Tat, die zeigte, dass er würdig war? Hatte Potter das Schwert nicht schon einmal aus dem sprechenden Hut gezogen? Konnte er es nicht einfach nehmen? Es wäre so viel leichter, aber ich ahnte, dass es so nicht funktionieren würde.

Unwillig schüttelte ich den Kopf und ging ein Stück weiter. Wie konnte man hier in diesem einfachen Wald seinen Mut beweisen? Es gab keine Raubtiere, niemanden, den Potter beschützen könnte, und selbst wenn, wäre die Gefahr zu groß, dass dabei etwas schief ging und am Schluss das Schwert verloren war. Nein, das konnte ich nicht riskieren. Aber was dann? Während ich noch grübelte und nach einer passenden Stelle suchte, rutschten meine Füße plötzlich unter mir weg und nur mit Mühe konnte ich einen Sturz vermeiden. Ohne es zu merken, war ich auf einer Eisfläche gelandet, die so von Blättern bedeckt war, dass ich sie zunächst mit dem Waldboden verwechselt hatte. Ein kleiner See, mitten im Wald. Naja, kein wirklicher See, eher ein Teich. Mit einem Zauber entfernte ich die Blätter und sah ihn mir genauer an. Das könnte klappen! Das Wasser war tief, also nicht komplett gefroren. Wenn Potter darin tauchen ging, zeugte das von Mut? Ich hoffte es, einen anderen Plan hatte ich nicht. Ich würde das weder Mut noch Tapferkeit, sondern Dummheit nennen, aber darum ging es hoffentlich nicht. Es war jedenfalls Gryffindor. Absolut. Und es passte zu Potter. Ich warf noch einen Blick um mich, dann war ich sicher. Mit einem Zauber versenkte ich das Schwert in der Tiefe, sorgte gleichzeitig dafür, dass es nicht einfach mit einem Zauber aufgerufen werden konnte. Das Wissen, meine Zauber zu umgehen, hatten weder Potter noch Granger, war ich sicher. Also versteckte ich mich hinter einem Baum. Nun musste ich Potter nur noch darauf aufmerksam machen, dass er hier etwas finden konnte.

„Expecto Patronum!“, wisperte ich in die Dunkelheit. Sofort erschien meine silberne Hirschkuh. Sie stakste einige Male um mich herum, als würde sie mich begrüßen. Mehrere lange Momente genoss ich die Wärme, die von ihr ausging, und hatte Lily vor meinem inneren Auge, dann seufzte ich. „Tu mir einen Gefallen.“, bat ich die Hirschkuh. „Suche den Zauberer, der hier in der Nähe ist, und bring ihn zu dem kleinen Teich dort drüben. Zeig ihm, dass er hier etwas Wichtiges findet.“

Gehorsam ging sie langsam davon, ich folgte ihr mit den Augen. Erst, wenn Potter das Schwert in seiner Hand hatte, würde ich verschwinden. Ich sah zu, wie das Licht meines Patronus sich langsam entfernte, eine Weile an einer Stelle stehen blieb und dann zurück in meine Richtung kam. Potter folgte ihr mit erhobenem Zauberstab. Ich war froh, dass er ihr folgte, konnte aber dennoch nicht verhindern, dass ich den Kopf schüttelte. Der Bengel war so naiv, er war eine Gefahr für sich selbst. Das hätte eine Falle sein können, auch wenn es nur wenige Todesser gab, die einen Patronus erschaffen konnten. Aber auch Pettigrew konnte es. Keine Hirschkuh, natürlich nicht, aber das wusste Potter nicht. Zumindest ging ich davon aus. Es könnte natürlich sein, dass Lupin mit ihm darüber gesprochen hatte, aber das erschien mir unwahrscheinlich. Als sie ihn zu dem See geführt hatte, verschwand die Hirschkuh. Ich musste ein Seufzen unterdrücken, sie hatte mir neue Hoffnung gegeben, genau wie das Gefühl von Lilys Gegenwart. Potter ließ seinen Zauberstab leuchten und ich konnte auf seinem Gesicht sehen, wie ihm die Erkenntnis kam, dass es eine Falle sein könnte. Aufmerksam sah er sich um und ich hielt die Luft an. Er sollte mich nicht sehen können, dafür hatte ich mit einem Zauber gesorgt, aber gerade bei Potter konnte man nie wissen. Letztlich entdeckte er dann doch, wofür ich ihn hergelockt hatte.

Zuerst probierte er den Aufrufezauber. Natürlich, das hätte jeder gemacht. Danach runzelte er die Stirn, schien zu grübeln. Irgendetwas murmelte er, aber es war zu leise für mich. Dennoch blieb ich genau, wo ich war, ich wollte, durfte nicht eingreifen. Eine Weile stand Potter unschlüssig am Ufer und starrte in die Luft, seufzte schließlich und sah sich erneut um. Unwillkürlich duckte ich mich tiefer in die Schatten, auch wenn er mich nicht sehen konnte. Endlich schien er es kapiert zu haben, er zog sich aus. Nun, das musste ich nicht so genau sehen, doch ich wandte meinen Blick nicht ab, wollte sichergehen, dass er es schaffte.

Das Zersprengen der Eisoberfläche dröhnte in meinen Ohren, als es die Stille plötzlich durchbrach. Zügig ging Potter ins Wasser und trat bis zur Mitte, wo er noch einen Moment zögerte, und dann untertauchte. Ich wartete, doch er kam nicht wieder hoch. So tief war es doch auch nicht?! Was jetzt? Sollte ich hingehen, oder doch noch einen Moment warten? Verdammt! Potter, was soll das? Ich machte eine unwillkürliche Bewegung auf den Teich zu, blieb an einem Zweig hängen und hielt die Luft an, dann stoppte ich. Was sollte ich tun? Den Bengel rausholen? Mit einem Zauber oder hinterherspringen? Hoffen, dass er selbst zurück an die Oberfläche kam und mich damit nicht verraten? Doch noch bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, sah ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Weasley. Noch nie war ich so erleichtert, diesen Rothaarigen zu sehen. Er hatte seinen Freund offenbar ebenfalls beobachtet und sprang nun hinterher, zog Sekunden später den Bengel aus dem Wasser.

„Bist – du – verrückt?“*

Potter starrte seinen Retter an. Ich konnte sehen, dass er zitterte wie verrückt, aber er hatte auch Striemen am Hals, als hätte seine Kette versucht, ihn zu erwürgen. Zumindest hatten sie das Schwert. Der Weasley-Junge griff nun nach der Kette und herrschte seinen angeblich besten Freund an, warum er das Ding trug, doch Potter reagierte einfach nicht. War er unterkühlt? Oder war es nur der Schock, dass Weasley so plötzlich aufgetaucht war? Warum wirkte keiner der beiden einen Wärmezauber, oder trockneten sich wenigstens? Nein, Potter zog sich einfach nur an, anstatt seinen Zauberstab zu benutzen. Ich schüttelte missbilligend den Kopf. Ihre Unterhaltung zeugte nicht gerade davon, dass sie ihre Gehirne nutzten. Weasley wusste nicht einmal den Unterschied zwischen einem Hirsch und einer Hirschkuh. Es war peinlich, dem zuzuhören. Doch mit einem Mal schreckte ich zurück, als Weasley auf die Baumgruppe deutete, hinter der ich mich versteckte, und sagte:

„- ich dachte zwar, dort drüben hätte sich was bewegt, aber da lief ich gerade zum Weiher, weil du dadrin warst und nicht mehr aufgetaucht bist, deshalb wollte ich keinen Umweg machen – hey!“**

Ich zuckte zurück und verstärkte meine Zauber, als Potter auf mich zu lief. Jedoch umkreiste er eine Gruppe, die von meiner etwa zehn Fuß entfernt war. Dort fand er natürlich nichts. Sie diskutierten noch ein wenig weiter, dann legten sie den Anhänger, den Potter zuvor um den Hals gehabt hatte, auf einen flachen Stein. Erst jetzt realisierte ich, wie dumm Potter gehandelt hatte. Mit einem Horkrux um den Hals in einen Teich einzutauchen, in dem die Waffe versteckt war, die den Horkrux vernichten konnte. Merlin, und ich dachte, ich könnte hoffen. Die beiden jungen Männer diskutierten inzwischen darüber, wer von ihnen den Horkrux vernichten sollte. Diesmal schien Potter zu wissen, wie es weiterging, denn er öffnete das Medaillon mit Parsel. Sein Parsel klang anders, als das, was der Lord nutzte, um mit Nagini zu sprechen, oder besser, ihr Befehle zu erteilen. Es war ruhiger, weicher. Tatsächlich öffnete sich das Medaillon, aber daraus kamen schattenhafte, nebulöse Figuren. Potter und Granger, die Weasley verachtend anstarrten und verhöhnten. In diesem Moment tat der Rothaarige mir sogar leid, es war schwer, so etwas zu sehen, ohne darüber zu verzweifeln. Ich wusste, wie er sich fühlte, ging es mir doch damals ähnlich, als ich zusehen musste, wie Potter Lily eroberte. Die Erinnerung schnürte mir die Luft ab und ich umfasste meinen Oberkörper, um die Schmerzen zu reduzieren. Ich nahm nichts um mich herum mehr wahr, nur noch die Verzweiflung, die ich fühlte, wenn ich an Lily in Potters Armen dachte. Potter hatte mir alles genommen, meine beste Freundin und einzige Liebe, meine Hoffnung.

Potters Schrei holte mich zurück in die Realität und endlich schien es Weasley zu schaffen, sich dem Einfluss des Horkrux zu entziehen und er stach zu. Mehrmals. Es schien, als hätte er gewaltig mit seinen Emotionen zu kämpfen. Aber ich spürte, dass der Horkrux tatsächlich vernichtet war, sein Einfluss war vollkommen verschwunden. Als die beiden Jugendlichen in die Richtung verschwanden, aus der Potter zuvor gekommen war, disapparierte ich. In Spinners End stellte ich mich unter die heiße Dusche, ich war vollkommen unterkühlt, doch selbst das heiße Wasser bekam mich nicht richtig warm, es war eine innere Kälte. Sie konnte ich nicht einfach abschütteln.

 

* Harry Potter Band 7, S. 379

** Harry Potter Band 7, S. 381

Es dauerte nicht lange, nur wenige Tage, bis ich erneut gerufen wurde. Im Salon wartete der Lord ungeduldig, er war beinahe alleine, nur einige Todesser aus dem äußeren Kreis standen im Hintergrund. Sie wirkten verwirrt und unsicher, wollten es sich aber offensichtlich nicht anmerken lassen. Ich kniete mich hin und küsste den Saum seines Umhangs. Auch wenn ich zumeist nicht so demütig sein musste, aber er war zornig, das konnte man sehen. Also tat ich gut daran, ihn nicht zu provozieren.

„Steh auf, Severus, und setz dich.“, zischte er, doch er schien besänftigt. Ich gehorchte. „Lucius hat einige meiner Anhänger in den Zug geschickt, als die Schüler nach Hause fuhren. Sie haben die Tochter von Lovegood mitgenommen, da er ständig Unterstützung für Potter gesucht hat in seiner Zeitung. Inzwischen ist er schlauer. Möglicherweise, so glaubte Lucius, könnte er Potter damit anlocken, denn die Freundschaft der beiden ist ihm bekannt. Wie es scheint, hatte er Recht damit, denn Lovegood hat eine Nachricht geschickt, dass Potter und seine beiden Freunde bei ihm sind. Er wollte sie aufhalten, bis meine Männer bei ihm sind und sie gefangen nehmen.“

„Das ist …“, ich schluckte, „fantastisch.“ Glücklicherweise schien der Lord mein Zögern als freudige Überraschung aufzufassen, denn er ging nicht weiter darauf ein. Schweigend warteten wir auf die Rückkehr der Todesser. In Gedanken ging ein Schreckensszenario in ein weiteres über. Potter, der gefesselt und zauberstablos vor den Lord gebracht wird. Potter, gefoltert und am Ende tot auf dem Boden, zu Füßen des Lords. Schreiend und mit gebrochenen Gliedmaßen. Mit leerem Blick, ausgestellt wie eine Statue, um damit die Hoffnung der Bevölkerung zu brechen. Wenn er Potter in die Hände bekam, hatte der Lord gewonnen. Ich wusste, ich musste alles tun, um Potter zu befreien, wenn er gebracht wurde. Nur, wie? Meine Tarnung, meine Spionage, wäre dahin, ich musste also schnell sein. Wohin? Ich musste mit ihm aus dem Manor, um apparieren zu können, das bedeutete, ich durfte nicht allzu lange warten, sonst konnte der Bengel nicht mehr laufen. Würde er mir überhaupt folgen? Oder musste ich auch noch mit seiner Widerspenstigkeit rechnen? Er würde doch wenigstens verstehen, dass ich ihm helfen wollte, oder? Und dann? Wohin apparieren? Nach Spinners End konnte ich nicht, dort würden sie mich als erstes suchen. Der Grimmauldplatz fiel ebenfalls aus, zu viele Menschen hatten dort Zutritt, ich konnte nicht mehr sicher sein, dass Potter dort nicht genauso schnell wieder geschnappt würde. Hogwarts war auch zu unsicher, die Carrows waren bereits dort und schneller informiert, als ich vom Portal ins Schloss laufen konnte. Vor allem, wenn Potter sich wehrte, was zu erwarten war. Der Bengel wusste schließlich nie, was gut für ihn war.

Das bedeutete aber auch, dass ich seine Freunde ebenfalls befreien musste, ansonsten würde er nur versuchen, es selbst zu tun. Der Lord würde ihn mit deren Hilfe zwingen, zu tun, was er wollte. Also musste ich spätestens in wenigen Stunden drei Jugendliche aus der Hand des Lords befreien, und das vor den Augen aller Todesser, denn den Triumph über Potter würde er sicher auskosten wollen. Womöglich wäre es besser, die Jugendlichen schnell und schmerzlos zu töten. Und doch konnte ich das nicht einfach so tun. Ich musste vorher alles versuchen, um sie rauszuholen. Nur wie? Konnte ich es wagen, den Salon zu verlassen, um einen Portschlüssel zu schaffen? Ich wusste, wie ich die Sperren des Lords umgehen konnte und könnte es in wenigen Minuten schaffen. Allerdings fiel es zu sehr auf, wenn ich nun verschwand. Noch nie war ich auch nur zur Toilette gegangen während einer Versammlung. Ein Portschlüssel wäre auch auf einer Flucht zu Fuß schnell geschaffen, doch wohin sollte er führen? Spinners End und Hogwarts hatte ich bereits ausgeschlossen, im Grimmauldplatz konnten wir uns auch nicht verstecken. Seit wann gab es ein wir? Es irritierte mich, aber ich durfte mich davon nicht ablenken lassen. Also wohin konnte ich sie bringen? Der Fuchsbau? Molly war sicher zuhause, und der Orden könnte die Jugendlichen schützen. Aber wie lange? Das Ministerium war in der Hand des Lords und sie würden schnell dort suchen. Also keine gute Idee. Wer blieb noch? Würde Minerva mir helfen? Mir vielleicht nicht, aber Potter und seinen Freunden mir Sicherheit. Also konnte ich sie in ihr Haus in Schottland bringen? Aber Minerva war bereits wieder in der Schule, das würde bedeuten, die Gryffindors waren dort vollkommen auf sich gestellt. Keine gute Idee, sie hatten eine seltsame Art, den Lord zu bekämpfen. Was machten sie überhaupt bei Lovegood? Wussten sie nicht, dass er eine Kehrtwende hingelegt hatte? Immerhin schrieb er bereits seit knapp einer Woche das, was das Ministerium von ihm forderte.

Ich konnte es ihm nicht einmal verdenken. Lovegood liebte seine Tochter über alles und würde nichts tun, was sie gefährdete. Das Mädchen war ruhig und überlegt, wenn auch manchmal etwas seltsam in ihrer Art. Wo war sie gefangen? Hier im Manor? Für sie konnte ich nichts tun. Leider. Es tat mir weh, wenn ich daran dachte, dass Todesser wie die Lestranges sich nun um sie kümmerten. Ich sollte diese Kinder doch beschützen, wollte sie inzwischen sogar beschützen, konnte es aber einfach nicht. Und dabei wurden mir stets noch Vorwürfe gemacht, wenn ich die ‚Wünsche‘ des Lords durchsetzte. Ich musste es tun, versuchte aber immer, so gut wie möglich auf die Kinder einzugehen und sie zu schützen, wo immer ich konnte, ohne dabei auf mich aufmerksam zu machen. Und das führte mich erneut zu Potter und seinen Freunden. Wie bekam ich sie frei? Die Appariersperre auf dem Manor war zu gut, ich konnte mich nicht einfach auf sie werfen und mit ihnen disapparieren. Während meine Gedanken rasten, beobachtete ich die anderen Anwesenden. Offensichtlich waren sie neue Anhänger des Lords, sie trugen kein Schwarz und keine Masken, hatten sich noch nicht bewiesen. Das bedeutete, sie warteten hier, bis die Gefangenen kamen und sollten dann die Folter übernehmen.

Als die ausgesandten Todesser zurückkamen, hatte ich noch immer keine Idee, wie ich Potter und seine Freunde da rausholen sollte. Die Anspannung in mir stieg immer weiter, doch mit einem Mal realisierte ich, dass die Todesser nicht besonders fröhlich aussahen. Im Gegenteil, es wirkte, als würden sie zu ihrer Hinrichtung gehen. Konnte ich anfangen zu hoffen?

„Wo ist Potter?“, zischte der Lord, als Lucius hinter den Männern zur Tür hereinkam.

„Er war da, Herr.“, begann Lucius. Ich konnte das leise Zittern in seiner Stimme hören, auch wenn es sicher sonst niemand bemerkte. Draco war nicht hier, war er bereits zurück im Schloss? Länger konnte ich nicht darüber nachdenken, denn Lucius sprach bereits weiter. „Wir konnten ihn sehen, doch eine Explosion verhinderte, dass wir gleich zugreifen konnten, und als sich das Geröll verzogen hatte, sind sie disappariert. Potter und dieses Schlammblut, Granger. Sonst war niemand bei ihnen. Wir haben Lovegood mitgebracht, er ist im Kerker, wir werden ihn morgen nach Askaban bringen.“

Er hatte nicht einmal sein letztes Wort komplett ausgesprochen, da krümmte er sich bereits schreiend auf dem Boden. Selwyn und Travers folgten ihm, genau wie alle anderen, die dabei gewesen waren. Diese Schreie lösten nichts in mir aus, sie folgten dem Lord aus Überzeugung, sie wussten, worauf sie sich eingelassen hatten. Sie alle entstammten Familien, die dem Lord folgten. Anders als bei Gefangenen, deren Schreie verfolgten mich regelmäßig in meinen Träumen. Die Erleichterung, dass Potter es erneut geschafft hatte, ließ mich beinahe schweben, und doch zwang ich mich, konzentriert zu bleiben. Ich konnte mir keine Fehler leisten, nicht in meiner Position.

Erst im Morgengrauen wurden wir entlassen und ich machte mich auf, zurück nach Hogwarts zu kommen. Noch immer fragte ich mich, was Potter damit bezweckt hatte, Lovegood zu besuchen. Was wollte er da? Wusste dieser verrückte Herausgeber des Klitterer etwas über die Horkruxe oder jagte Potter mal wieder Hirngespinsten nach? Der Bengel sollte sich darauf konzentrieren, seine Aufgabe zu vollenden, die gesamte magische Welt auf der Insel hing von ihm ab. Obwohl ich früher immer dagegen protestiert hatte, diese Aufgabe einem Kind zu überlassen, war mir inzwischen klar, dass es wohl tatsächlich Potters Aufgabe war. Er würde sich das nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Irgendetwas war damals in Godric’s Hollow passiert, damals in dieser Halloweennacht, als der Lord den Jungen nicht töten konnte. Mehr als offensichtlich war. Wahrscheinlich hatte Albus mir das ebenfalls in den Erinnerungen mitgeteilt, aber ich hatte es nicht geschafft, alles konzentriert anzusehen und seither war schon wieder so viel passiert. Wenigstens hatten wir einen kleinen Fortschritt zu verbuchen, Potter und seine Freunde hatten einen Horkrux zerstört. Und sie waren den Todessern erneut entkommen. Ich war ehrlich froh darüber.

„Black?“, wandte ich mich an das Portrait des ehemaligen Schulleiters. „Warum war Potter bei Lovegood?“

„Ich weiß es nicht.“, antwortete das Gemälde. „Sie haben nichts erwähnt, während ich zuhören konnte. Dieses Mädchen achtet so gut wie immer darauf, ihre Tasche geschlossen zu halten, und dann kann ich nichts hören. Tut mir leid.“

„Schon gut.“ Ich musste langsam verrückt werden. Jetzt tröstete ich schon ein Portrait! „Tun sie, was sie können.“

Einige Tage war es tatsächlich ruhig, wenn auch einige Schüler nicht zurückkamen aus den Ferien. Ich hatte nichts anderes erwartet. Longbottom erwies sich immer mehr als Rebell, er übernahm mehr und mehr die Führung in dem Widerstand innerhalb des Schlosses. Weasley sieben und Finnegan waren auf seiner Seite, ebenso die Creevey-Brüder und einige andere, die vor zwei Jahren in der sogenannten DA gewesen waren. Sie machten es mir verdammt schwer, harmlose Strafen zu verteilen. Es wurde nicht leichter, als wir die Anweisung bekamen, die Schüler auch die verbotenen Flüche testen zu lassen, jedenfalls zwei davon. Einige meiner Schlangen waren mehr als erfolgreich, wenn es um den Cruciatus ging. Mir wurde jedes Mal schlecht, wenn ich sah, wie sich die Schüler gegenseitig quälten. Nur noch selten aß ich genug in der großen Halle, da ich kaum einen Bissen hinunter brachte. Die Übelkeit war mein ständiger Begleiter. Auch die Nächte wurden stetig unruhiger, immer wieder schreckte ich hoch.

Der Moment, als der Lord mich anwies, die Schüler, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten, mit dem Cruciatus zu bestrafen, zerbrach etwas in mir. Was sollte ich nun tun? Vor allem, weil die Carrows das mitbekommen und nur eine halbe Stunde später Longbottom, Weasley und die Creeveys erwischt hatten. Am frühen Nachmittag brachten sie sie zu mir und ich konnte nicht anders, als anzuweisen, sie am Abend beim Essen vorzuführen.

Nur drei Stunden später stand ich vor den Schülern, während die Vier vor mich gebracht wurden. Alecto und Amycus war anzusehen, dass sie sich freuten auf das, was kam. Die meisten der Lehrer hingegen wirkten entsetzt, als ob sie ahnten, dass das, was nun kam, nicht gut sein konnte. Es gab nur noch Eines, was ich tun konnte. Hochkonzentriert ließ ich meinen Stab in meine Hand gleiten, aber so, dass es unter der Robe und dem Umhang nicht zu sehen war. Mein Blick glitt über die Schüler. „Ich hatte sie alle gewarnt. Diese Vier“, ich deutete auf die Gryffindors, „wurden dabei erwischt, wie sie gegen die Regeln verstießen und noch immer Potter unterstützen. Sie glauben offenbar noch immer, dass Potter eines Tages auftauchen und alles beenden wird. Nun, wir werden sehen, ob er auftaucht, wenn seine Freunde die Konsequenzen für ihre Handlungen tragen müssen.“

Ich schluckte noch einmal hart und bereitete mich vor, dann nickte ich den Geschwistern zu. Sie wussten, was nun kam, ich hatte bereits alles an Strafen ausgeteilt, was ich konnte, ohne aufzufallen. Nun musste ich so hart vorgehen, wie der Lord es verlangte, auch wenn mir selbst mehr als schlecht dabei war. Longbottom war der Erste. Alecto richtete den Zauberstab auf ihn und murmelte beinahe zärtlich: „Crucio!“

Ein Aufschrei ging durch die Halle, doch darauf konnte ich gerade nicht achten. Mit einem Zauber zog ich einen Großteil des Fluches auf mich. Ganz übernehmen konnte ich ihn nicht, das war unmöglich. Erstens, weil ich mich nicht verraten durfte, zweitens, weil Longbottom wirklich die Folgen zeigen musste, um nicht aufzufallen, und drittens, weil ich noch drei weitere Strafen vor mir hatte. Die Schmerzen nahmen mir einen Moment den Atem, ließen es schwarz vor meinen Augen werden. Das Feuer in mir schien mich zu verbrennen, doch ich biss die Zähne zusammen und hielt es aus. Longbottom krümmte sich schreiend auf dem Boden, soweit verlief also alles nach Plan. Meine Gedanken rasten, lenkten mich von den Schmerzen in meinem Körper ab. Ich bekam kaum mit, wie sie sich Creevey, Creevey und Weasley zuwandten. Meine Beine zitterten so sehr, dass ich langsam Angst bekam, jemandem könnte es auffallen. Nach dem Ende der Bestrafung schickte ich die Schüler daher in ihre Betten, ohne weiter auf irgendwas einzugehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Poppy die Vier mit sich winkte. Gut so, mit einem passenden Trank waren sie morgen wieder auf den Beinen. Mit Sicherheit hatten sie keine Schäden davongetragen. Wenigstens keine körperlichen, wie es um ihre Psyche stand, konnte ich nicht sagen. Ich selbst schwankte so schnell wie möglich in meinen Turm, durch das Büro hindurch direkt in mein Schlafzimmer. Inzwischen schaukelte das Schloss vor mir und um mich herum. Die Übelkeit hatte mich im Griff und ich würgte immer heftiger. Mit Mühe schaffte ich es, mich noch einmal aufzuraffen und ins Bad zu wanken, wo ich mich über die Schüssel beugte. Irgendwann gab mein Magen einfach nichts mehr her und ich schmeckte nur noch Galle. An diesem Punkt war ich in letzter Zeit eindeutig zu oft. Ich wusste, ich konnte nicht mehr lange durchhalten, aber irgendwie musste ich es.

Mein Körper protestierte schmerzhaft, als ich mich endlich aufraffte und nach einem Trank griff, um die Nachwirkungen in den Griff zu bekommen. Zu erschöpft und zittrig, um noch etwas erreichen zu können, schleppte ich mich in mein Bett. In Roben ließ ich mich darauf fallen und schloss die Augen, nur um sie sofort wieder aufzureißen. Diese Schreie ließen mich nicht los. Es war bisher schon nicht wirklich leicht gewesen, das auszublenden, aber inzwischen ging es um Kinder, die ich von klein auf kannte. Auch wenn ich sie nicht wirklich mochte, aber das hier ging einfach zu weit. Nur gut, dass der Lord bestimmt hatte, nicht zu viel magisches Blut zu verschwenden, ansonsten hätte ich hier bald mehr tote als lebendige Schüler, war ich sicher. Selbst die Slytherins waren ziemlich ruhig dieses Jahr. Draco schien es nicht besonders gut zu gehen, er wirkte unausgeschlafen, blass und fahrig.

Mir fielen irgendwann doch die Augen zu und ich driftete in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder schreckte ich hoch, wenn mir die letzten Monate erneut vor Augen standen. „Albus!“ Schreiend fuhr ich gegen Morgen aus dem Schlaf. Ich spürte Tränen auf meinen Wangen und wischte sie unwirsch weg. Das konnte ich mir nicht leisten, Gefühle machten mich schwach und unkonzentriert. Ein neuer, langer Tag lag vor mir. Und es war nicht der letzte in einer sehr langen Reihe von Tagen.

Nur eine Woche später musste ich eine Schulstunde in dunkler Magie in der Siebten miterleben. Amycus stellte die Schüler in Zweier-Teams zusammen, jeweils ein Slytherin und ein Gryffindor.

„Sie werden nun die praktische Anwendung der dunklen Magie beginnen.“, dozierte er. „Abwechselnd üben sie miteinander. Einer spricht einen Zauber auf den Partner, dann tauschen sie. Alle Zauber, die sie in den letzten Wochen theoretisch durchgenommen oder an Tieren getestet haben, werden nun geübt. An der Tafel sehen sie die richtige Reihenfolge. Der Direktor ist hier und wird sie, gemeinsam mit mir, benoten. Sie haben die gesamte Stunde Zeit. Beginnen sie.“

In meinen Ärmeln ballte ich die Hände zu Fäusten. Ich konnte nichts tun. Hilflos musste ich mit ansehen, wie Draco, mein Patenkind, Longbottom höhnisch angrinste und den ersten Fluch aussprach. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, der Blonde war ein starker Schwarzmagier. Longbottom zuckte zusammen, biss sich auf die Lippen. Der Zauber, den sie zuerst wirken sollten, war unangenehm, aber nicht gefährlich. Bei den Todessern nur als Aufwärmübung genutzt. Doch bereits an zweiter Stelle stand der verbotene Cruciatus.

Draco beendete seinen Zauber nach wenigen Momenten, als Amycus ihm andeutete, dass er es gesehen hatte. Jetzt war Longbottom an der Reihe, ebenso wie die anderen Gryffindors, die noch übrig waren. Ich konnte beobachten, wie Seamus Finnegan nur zögernd den Stab auf seinen Gegenüber richtete. Vincent Crabbe grinste nur selbstgefällig, er schien sicher zu sein, dass Finnegan nicht besonders erfolgreich sein würde. Man musste es wollen. Dunkle Zauber waren nur dann effektiv, wenn der Wille dahinter intensiv genug war.

„Nein!“, protestierte Longbottom mit einem Mal. Carrow stand wütend neben ihm.

„Mister Longbottom, sie werden, genau wie alle anderen Schüler, die Anweisungen befolgen!“, zischte der Professor.

„Das werde ich nicht!“, straffte der sonst so unsichere Gryffindor den Rücken. Ich konnte kaum glauben, was ich hier sah. „Diese Zauber sind böse und nicht umsonst gelten sie als verboten. Ich werde das nicht tun!“

„Dann werden sie die Strafe spüren.“, beschloss Amycus, schneller als ich reagieren konnte. „Alle Schüler zu mir!“ Sie folgten, wenn auch manche nur zögerlich. Im Kreis standen sie nach nur einer halben Minute um Longbottom herum. Amycus sah seine Schüler an, während er weitersprach. „Mister Longbottom hat sich soeben als Freiwilliger gemeldet. Sie alle dürfen nun den Cruciatus an ihm üben. Einer nach dem Anderen. Mister Finnegan, beginnen sie. Auf mein Zeichen hin macht Miss Brown weiter und dann immer weiter, bis zu Mister Malfoy am Ende. Wer es nicht macht, leistet Mister Longbottom Gesellschaft! Und los!“

Man konnte sehen, wie es in Finnegan arbeitete. Er wollte ganz offensichtlich nicht, hatte aber Angst, sich zu weigern. Letztlich sprach er den Fluch aus, aber der Wille fehlte und Longbottom schlug sich gut. Auch Miss Browns Fluch war ähnlich. Doch gerade die Slytherins waren mehr als willens und damit brachten sie Longbottom dazu, wie am Spieß zu schreien und sich zu winden. Meine Nägel gruben sich in die Handballen, um zu verhindern, dass ich mich verriet. Ich konnte nichts tun, um Longbottom zu helfen, fühlte mich absolut hilflos und verzweifelt. Egal wie sehr ich ihn verabscheute, das hatte niemand verdient. Ich war froh, als es endlich vorbei war.

„Bringt ihn in sein Bett.“, befahl Carrow und deutete verächtlich auf den Jungen.

Finnegan, Patil und Brown kümmerten sich um ihren Hauskameraden, ließen ihn auf eine heraufbeschworene Trage schweben und brachten ihn hinaus. Auch ich verließ das Klassenzimmer und eilte in mein Büro, von dort aus weiter in meine Privaträume.

„Dobby!“, rief ich den einzigen Hauselfen, bei dem ich mir sicher war, dass er nicht auf die Seite der Todesser gehen würde. Immerhin kannte ich die Geschichte, wie Potter ihn von Lucius gestohlen hatte und wusste auch, wie treu er nun dem Jungen beistand. Sofort erschien er. Ich reichte ihm eine Phiole. „Bring das zu Mister Longbottom in den Gryffindor-Turm. Er muss es trinken, darf aber auf keinen Fall wissen, wer es ihm zukommen ließ. Auf gar keinen Fall darf er erfahren, dass ich damit zu tun habe, das ist lebenswichtig!“

„Dobby wird alles richten, Direktor Snape Sir.“, nickte der Elf eifrig und verschwand mit der Phiole. Ich erlaubte mir, erleichtert aufzuatmen. Eine einzelne Träne löste sich aus meinem Augenwinkel und ich wischte sie unwirsch beiseite, wollte nicht weinen. Mir war klar, dass ich nicht mehr aufhören könnte, sollte ich nun damit anfangen. Aber auch ich war nur ein Mensch, der nicht unbegrenzt leistungsfähig war. Wie gerne hätte ich jetzt Lily bei mir, die mich in den Arm nahm. Ihre Wärme vermisste ich gerade so sehr wie noch nie.

Es war März, und es gab nichts über Potter, was in meinen Augen ein gutes Zeichen war. Das einzig Positive in den letzten Monaten. Longbottom schien nichts dazu zu lernen, er wurde immer wieder erwischt, gab aber nicht auf. Unweigerlich musste ich ihm Anerkennung zollen. Der Junge hatte eine enorme Entwicklung hingelegt. Zwar auf der einen Seite bewundernswert, aber für mich die reinste Hölle. Der Bengel wurde immer wieder erwischt und bestraft, auch wenn er häufiger davonkam. Geschickt stellte er sich immer wieder den Carrows in den Weg, aber er wurde oft erwischt, wenn er jüngeren Schülern helfen wollte. Die Befehle des Lords waren eindeutig, und die Carrows freuten sich: Die Schüler wurden eingesperrt, an die Wand gekettet, für zwei Tage hungern gelassen. Ich versuchte alles, um die Kinder zu schützen, schickte Dobby heimlich mit Essen und vor allem Wasser zu den Gefangenen. Befreien konnte ich sie nicht, das wäre zu auffällig geworden. Unter keinen Umständen durfte ich mich auch nur verdächtig machen, ansonsten fiele alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das war häufiger meine einzige Beschäftigung als Kind gewesen: Kartenhäuser bauen. Doch die Erinnerung vergrub ich tief in mir. Wo ich scheiterte, fing Longbottom oft an. Er riskierte oft alles, um die Kinder aus der Isolation zu holen, befreite nicht nur einmal gefangene Schüler, egal aus welchem Haus. Seine Großmutter war inzwischen auf der Flucht, aber er ließ sich nicht unterkriegen. War es der gleiche Longbottom, der jeden Trank verhauen hatte und nur stammelte, wenn ich ihn ansprach oder nur ansah? Wie oft ich den Cruciatus hatte zulassen müssen, konnte ich inzwischen nicht mehr zählen, aber auch das schüchterte Longbottom nicht ein. Er musste nie die volle Stärke aushalten, aber für mich wurde es immer schwerer.

Mein Körper hatte kaum noch Zeit, sich zu erholen, da es immer mehr Schüler traf. Sie ließen sich nicht einschüchtern, folgten Longbottom aus Überzeugung. Immer mehr schlugen sich auf seine Seite. Die ehemalige DA stand komplett hinter Longbottom, der sich zum neuen Anführer erkoren hatte. Und er hatte eindeutig Potential. Er wurde häufig nicht erwischt, allerdings wenn er doch erwischt wurde, dann konnte ich nicht immer verhindern, dass er bestraft wurde. Dennoch gaben sie nicht auf. Keiner von ihnen. Sie wurden immer mehr und machten den Lehrern das Leben immer schwerer. Potter war ihr Held und das ließen sie sich nicht nehmen. Mir wurde klar, dass dieser Widerstand, wenn er um sich griff, in der Lage sein könnte, das Schreckensregime zu beenden, wenn auch nicht endgültig, das konnte nur Potter. Keiner der Schüler ließ sich einschüchtern durch Strafen, selbst der Cruciatus schaffte es nicht, sie zu bändigen. Ich konnte Minerva, Poppy, Filius und den Anderen die Sorgen um die Kinder ansehen. Wie oft sie in mein Büro kamen und sich für die Schüler einsetzten, konnte ich nicht mehr zählen. Allerdings durfte ich zumindest offiziell nichts unternehmen, musste dem Lord gehorchen.

„Severus, Albus hätte das nie gewollt! Er war dein Mentor, dein Freund, warum tust du ihm das an?“, wetterte Minerva eines Abends, nachdem Longbottom erneut bestraft worden war.

„Ich setze die Anweisungen des Ministeriums um.“, antwortete ich heiser.

Sie blickte mich misstrauisch an. Dann fiel ihr Blick auf Albus‘ Portrait. „Und du? Warum sagst du nichts dazu, Albus?“, fauchte sie.

„Oh, Minerva, nicht immer ist alles, wie es scheint.“, gluckste der Weißhaarige nur munter vor sich hin. Ich hasste diese Antworten. „Es folgt alles einem großen Plan, du musst nur Vertrauen haben!“ Mehr bekam sie nicht aus meinem Vorgänger heraus, egal wie sehr sie ihn anging. Albus zog es vor, sein Bild zu verlassen. Wahrscheinlich hatte er ein weiteres Bild irgendwo, wo er auf dem Laufenden blieb. Er wollte schließlich immer wissen, was um ihn herum passierte. Auch wenn gerade nicht viel zu passieren schien, jedenfalls nichts Bedeutendes.

Der Lord war immer wieder unterwegs, auch wenn er niemandem sagte, was er trieb. Ich war ziemlich sicher, dass er im Ausland war. Offensichtlich suchte er etwas. In manchen Nächten war er im Manor, so erfuhr ich von Lucius. Dann befragte er die Gefangenen; er suchte nach Informationen, um das zu finden, was er wollte. Nebenbei sorgte er mit den Todessern für Angst und Schrecken in der Bevölkerung, doch das eher selten. Zu sehr war er mit was auch immer beschäftigt. Von Potter hörte man nichts, und doch schien der Lord langsam Angst zu bekommen, dass der Junge hinter sein Geheimnis kommen würde. Zumindest nahm ich an, dass sein Auftrag, den er mir gab, damit zu tun hatte.

„Severus, es könnte sein, dass Potter versucht, in das Schloss zu kommen. Du musst auf jeden Fall verhindern, dass er hineinkommt und ihn dann gefangen nehmen.“, befahl er mir. „Sei jederzeit bereit, ihn zu schnappen. Ich erwarte, dass du ihn mir bringst, wenn er kommt. Gib mir durch das Mal Bescheid, sobald er hier ist.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“, verneigte ich mich.

„Ich warne dich, Severus, ich erwarte einen Erfolg! Potter ist nur ein Jugendlicher, mehr ein Kind als ein Erwachsener, du solltest ihn längst gefunden haben. Oder willst du behaupten, der Bengel ist dir überlegen? Ich werde dich lehren, mit vollem Einsatz zu kämpfen!“, zischte der Lord und schickte einen schmerzhaften Fluch hinterher.

Er traf mich voll im Bauch und ich schrie unmittelbar auf. Den kannte ich noch nicht, aber mein Unterleib brannte und schien sich umzustülpen. Ich krümmte mich und versuchte instinktiv, den Bauchbereich zu schützen, doch bis der Fluch von mir genommen wurde, gab es keine Erlösung. Endlich endete es, ich sank auf den Boden und keuchte atemlos. Egal wie schnell ich atmete, ich schien nicht genug Luft zu bekommen. Meine Brust wurde immer enger und Panik brach in mir aus. Der Lord verschwand einfach und ließ mich zurück. Die Panik wuchs und mir brach der Schweiß aus. Zitternd lag ich auf dem Boden und spürte, wie sich ein Schluchzen in mir aufbauen wollte. Ich biss auf meine Unterlippe, um die Tränen zu verdrängen. Nicht hier und nicht jetzt. Erst musste ich hier weg, immerhin war ich im Manor von Lucius. Jederzeit konnte ein Todesser kommen.

Mit Hilfe eines Stuhles zog ich mich hoch, schwankte zum Kamin. In meinem Büro ankommend, brach ich zusammen, meine Beine trugen mich nicht mehr. Auf allen Vieren kroch ich ins Schlafzimmer und sank einfach zusammen. Ich hatte das Gefühl, mein Magen war vollkommen verschlossen und dennoch rumorte es darin. Heiß und kalt wechselten sich ab und ich spürte, wie feucht meine Kleidung war. Ich fror, und doch schaffte ich es nicht mehr, ins Bett zu kriechen. Der Boden war unbequem, aber irgendwann dämmerte ich weg.

In den nächsten Tagen spürte ich die Folgen des Fluches noch immer, doch ich ließ mir nichts anmerken. Der Lord war erneut im Ausland, hatte uns verboten, ihn zu rufen. Außer, wir erwischten Potter. Ich hoffte nur, dass er weiterhin entkam. Wobei der Bengel mehr Glück als Verstand hatte, aber im Moment war ich eher erleichtert deswegen. Ich WOLLTE, dass er den Lord besiegte. Noch immer konnte ich ihn nicht ausstehen, aber zum ersten Mal wünschte ich ihm Erfolg. Ich würde alles tun, um ihm den Sieg zu ermöglichen. Dafür überstand ich sogar die Bestrafungen des Lords und half einem Potter. Wie lange ich das noch schaffte, wusste ich nicht, aber ich nahm mir vor, durchzuhalten und Potter den Sieg zu ermöglichen. Er konnte die Freiheit für die englische Zauberwelt erreichen. Nicht für mich, davon ging ich aus. Albus war der Einzige gewesen, der wusste, weshalb ich auf seiner Seite war, und dass ich tatsächlich voll und ganz auf seiner Seite war. Und da ich ihn getötet hatte – niemand wusste, warum – war ich nun wirklich alleine. Es gab für mich keine Hoffnung mehr, wie sollte ich beweisen, dass ich tatsächlich in Albus‘ Sinne handelte? Askaban wartete auf mich, sollte Potter gewinnen. Würde er verlieren, wer wusste, was dann auf uns alle wartete. Da zog ich sogar Askaban vor. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Und ein anstrengender.

Kurz vor den Frühjahrsferien versuchte ich, ein Gespräch mit Draco zu führen, doch es war schwer, da ich ihm nicht vertrauen konnte. Die Gefahr, dass er mich – absichtlich oder nicht – verraten könnte, war einfach zu groß. Dieses Risiko durfte ich nicht eingehen. Dennoch wollte ich versuchen, meinem Patensohn zu helfen. Egal wie utopisch es war. Der Junge war erstaunlich ruhig in diesem Jahr. Lag es daran, dass er Potter nicht als Gegenspieler hatte? Die beiden Jugendlichen hatten sich in den letzten Jahren immer wieder hochgeschaukelt. Seine Freunde, Crabbe und Goyle, auch Nott und sogar Parkinson, waren mehr als erfolgreich mit dem Cruciatus, wie ich wusste. Draco schien sich inzwischen zurückzuhalten, denn ich wusste, er konnte den Fluch. Egal wie wenig mir das gefiel. Gerade wenn es gegen Gryffindors ging, waren meine Schlangen ziemlich brutal. Es missfiel mir, und doch konnte ich nichts tun. Die Schuld, die ich dafür empfand, kam zum Rest dazu und es schnürte mir die Luft ab.

„Draco, was erzählt man sich unter euch Schülern?“, wollte ich wissen.

„Keine Ahnung, was in den anderen Häusern vorgeht.“, zuckte der Blonde die Schultern. „Sobald einer von uns in Hörweite ist, verstummen sie. Ich bin sicher, es geht immer wieder um Potter, aber wir erfahren nichts. Wir alle haben Anweisung, unseren Eltern zu melden, was wir erfahren, damit der Lord ihn endlich erwischen kann, aber wir haben keine Chance. Auch die Lehrer, ich meine McGonagall, Flitwick und so, hören auf zu reden, sobald sie uns sehen. Sie arbeiten gegen dich, oder?“

„Das war zu erwarten.“, gab ich mich gleichgültig.

Wir plauderten noch eine Weile über Nichtigkeiten, seine Noten, seine Pläne für die Zukunft. Er wollte nach Salem gehen und dort studieren. Offensichtlich lag ihm viel daran, aus der unmittelbaren Umgebung des Lords zu gelangen. Aber wie weit stand er hinter dem Ganzen? Folgte er aus Überzeugung oder nur, weil ihm nichts Anderes übrig blieb? Und selbst wenn er nicht auf der Seite des Lords stand, er konnte sich nicht gut genug verschließen, um mich ihm zu offenbaren. Mal ganz davon abgesehen würde er vermutlich denken, ich lockte ihn in die Falle und alles abstreiten. Also musste ich ihn unwissend halten. Bald verabschiedete ich ihn, wollte ihn nicht zu nah an mich heran lassen. Es war einfach zu gefährlich. Am Abend stand ich schreiend unter der Dusche, ich konnte einfach nicht mehr. Ich brauchte dieses Ventil. Die Tränen waren nicht sichtbar, da die Dusche lief, aber ich wusste, sie waren da.

„Lily!“, flehte ich. „Hilf mir, bitte!“

Ich sank zusammen, umfasste meine angezogenen Beine mit den Armen, legte die Stirn auf die Knie, und schluchzte hemmungslos. Erst, als das warme Wasser ausging und es kalt wurde, raffte ich mich auf. Ich griff nach einem Handtuch, trocknete mich ab. Den Blick in den Spiegel mied ich, schon seit langem, er würde mir nur zeigen, wie verzweifelt ich war. Ich hatte abgenommen, das war mir klar, auch wenn es unter den Roben nicht zu sehen war. Aber hier im Bad zeigte es sehr deutlich meine momentane Verfassung. Morgen fuhren die meisten Schüler nach Hause und ich hatte vielleicht ein wenig Ruhe. Lucius hatte mich eingeladen, aber ich hatte abgelehnt. Ich brauchte Ruhe und hatte mir vorgenommen, einige Zeit im Freien zu verbringen. Spaziergänge oder wenigstens das Sammeln von Zutaten im Wald taten mir sicher gut und ließen mich vielleicht ein wenig ruhiger werden.

Der Morgen kam allzu schnell und müde ging ich zum Frühstück. Meine Laune sank in den Keller, als Alecto Carrow mich ansprach, weil Longbottom und seine Freunde ein Potter-Poster an die Tür der großen Halle aufgehängt hatten. Innerlich gratulierte ich ihnen, vor allem für ihre künstlerischen Fähigkeiten, denn der Bengel war gut getroffen, doch nach außen hin musste ich sie bestrafen. Hoffentlich hatten sie sich gut versteckt. Ich wünschte, ich könnte an Longbottoms Seite kämpfen. Ich mochte ihn noch immer nicht, aber ich respektierte ihn. Seinen Mut und seine Unerschrockenheit, seine Treue, seine neue Führungspersönlichkeit und seine rebellische Ader. Nur anmerken durfte ich mir das nicht lassen.

„Habt ihr sie erwischt?“, knurrte ich daher.

„Nein, leider noch nicht.“, gestand Alecto. „Sie haben sich versteckt.“

„Dann sucht weiter, ich werde jetzt frühstücken.“, entschied ich. Auch wenn ich am Ende erneut nichts aß, ich bekam einfach nichts runter. Nur Kaffee. In den letzten Wochen musste ich mehrere hundert Liter Kaffee getrunken haben. So fühlte es sich wenigstens an. Es gab Tage, an denen ich nichts Anderes zu mir nahm. Kaffee und Tränke. Ich wusste, wie ungesund das war, aber ich konnte nicht anders. Mein Magen war zugeschnürt, es ging einfach nichts hinein.

Mit einem langen Blick verabschiedete sich Draco nach dem Frühstück von mir. Wie sollte ich das deuten? Hatte er Angst? Ganz sicher war ich nicht, aber ich befürchtete es. Lieber wäre es mir, wenn er hiergeblieben wäre, doch Lucius und Narzissa wünschten, dass er die Ferien zuhause verbrachte. Der Lord war nicht hier, daher war Draco einigermaßen sicher. Hätte der Lord nicht auch noch Bellatrix mitnehmen können? Sie war eine Wahnsinnige, die dem Lord nacheiferte und auch Draco mit sich ziehen würde, wenn sie eine Gelegenheit dazu bekam. Die Ferien waren nur eine Woche, aber ich wusste, in diesen wenigen Tagen konnte eine Menge passieren. Doch egal wie viel ich darüber grübelte, es änderte nichts, außer dass ich erneut Magenschmerzen bekam. Als die Schüler weg waren, ging ich in den Wald. Ich kannte ihn gut genug, um nicht in einen Hinterhalt zu geraten, da ich wusste, wo die verschiedenen Reviere waren. Dennoch überraschte es mich, als mir plötzlich ein Zentaur mit dem Bogen im Anschlag entgegen trat.

„Ronan.“, grüßte ich ihn, als ich erkannte, wer es war.

„Was willst du hier?“, herrschte er mich an.

„Verzeiht, sollte ich unbemerkt in euer Revier eingedrungen sein.“, entschuldigte ich mich. „Ich wollte nur ein wenig Ruhe genießen und später noch einige Zutaten für meine Tränke sammeln.“

Er senkte seinen Bogen. „Du bist nicht in unser Revier eingedrungen. Noch nicht.“, schüttelte Ronan den Kopf. „Doch es geht Seltsames vor in der Welt der Menschen. Du steckst mitten drin, Severus Snape, allerdings anders, als alle denken. Wir Zentauren wissen, dass du eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Dunkelheit spielen wirst. Harry Potter, der von den Sternen erwählte Krieger, wird bald wieder erscheinen und dann wird es von dir abhängen, ob er siegt oder unterliegt.“

„Was muss ich tun, damit er siegt?“, wollte ich wissen.

„Du musst tun, was du tun musst.“, erklärte er mir geheimnisvoll, dann drehte er sich um und galoppierte davon.

„Ronan!“, versuchte ich ihn zurück zu holen, doch das war nutzlos. Er wollte mir nicht mehr sagen, ansonsten hätte er es getan. Aber was er gesagt hatte, half mir nicht wirklich, im Gegenteil, es verwirrte mich nur noch mehr. Rastlos verfolgte ich den Weg, den Ronan eingeschlagen hatte, denn in der Richtung hatte ich die Hoffnung, ein paar Einhornhaare und vielleicht einige Hornschuppen, die sie abgerieben hatten, zu finden. Ein wenig vielleicht auch die Hoffnung auf eine Begegnung mit einem Zentaur, der nicht ganz so geheimnisvoll war wie Ronan. Doch leider fand ich weder das Eine noch das Andere. Dennoch lief ich immer weiter, wollte der Realität wenigstens noch einige Stunden entfliehen.

Erst am Abend, als es bereits dunkel war, kehrte ich ins Schloss zurück. Ungesehen kam ich in meine Räume und erlaubte mir eine Portion Traumlos-Trank. Gerade war ich vollkommen aufgewühlt und meine Gedanken nach dem Gespräch mit Ronan kamen nicht zur Ruhe. Doch ich musste schlafen, um meine Aufgabe weiter zu verfolgen. Ich konnte es mir nicht leisten, unkonzentriert zu sein. Nicht einmal einen kurzen Moment. Das wäre möglicherweise tödlich. Für mich, für Potter, für Draco, für die magische Welt Englands. Nein, das konnte ich nicht. Egal wie sehr ich einen Teil davon verabscheute, ich konnte die Menschen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Es wurde immer schwerer, nie hätte ich geahnt, dass es so lange dauern und so unmöglich werden würde, dieses Ziel zu erreichen. Hätte ich dem Lord sonst den Rücken gekehrt? Wäre ich zu Dumbledore gegangen? Hätte ich als Spion gearbeitet? Wahrscheinlich ja, auch wenn ich es gewusst hätte. Weil diese Entscheidung einfach richtig war. Damals genauso wie heute. Doch gerade die letzten etwa eineinhalb Jahre waren nichts, was ich noch einmal erleben wollte. Im Gegenteil, mir graute davor, wenn es noch länger so weiterging. Warum auch immer Potter derjenige sein musste, der den Lord tötete – ich hoffte, er schaffte es bald. Was war dann? Ich würde wohl nach Askaban kommen, wenn ich es überlebte. Wollte ich es überhaupt überleben? Ganz sicher war ich mir nicht darüber. Eigentlich wäre ich froh, wenn es endlich vorbei war. Nach Askaban wollte ich nicht, davor hatte ich panische Angst.

Wenn ich geahnt hätte, dass Potter und seine Freunde in eben diesem Moment von Greyback und einigen Greifern erwischt wurden, wäre ich sicher nicht so ruhig geblieben. Doch ich hatte keine Ahnung, und so kümmerte ich mich um einige Aufsätze, die darauf warteten, korrigiert zu werden. Anschließend legte ich mich ins Bett und versuchte, zu schlafen. Wie beinahe jede Nacht weckten mich Alpträume relativ bald wieder, und ich versuchte es damit, meinen Geist zu verschließen. Oftmals gab mir das ein wenig Ruhe und ich konnte wenigstens einige Stunden schlafen. Der Morgen brachte Unruhe, fast als würde ich ahnen, dass gerade etwas Entscheidendes passierte. Das Schloss war ruhig, da viele Schüler nach Hause gefahren waren. Beim Frühstück saßen nur wenige Kinder in der Halle, die Älteren, die hier geblieben waren, verbrachten die Zeit mit Lernen, während die Jüngeren bereits versuchten, ob das Wasser warm genug war, und wenigstens die Füße in den See steckten. Aus meinem Büro konnte ich ihre fröhlichen Stimmen durch das offene Fenster hören, während ich mich um meine Arbeit kümmerte. Es wirkte so unnatürlich und irgendwie falsch, wenn man bedachte, was derzeit los war. Und dennoch erleichterte es mich ein wenig, dass die Kinder das Lachen noch nicht verlernt hatten. Sie sollten das alles nicht erleben, aber wir konnten es nicht verhindern.

Leider waren die Carrows da. Sie machten viel hinter meinem Rücken, das ich nicht einmal mitbekam. Vor einigen Tagen, kurz vor Ferienbeginn, hatten sie einen Erstklässler angekettet und Michael Corner, der ihn befreite, war vor aller Augen gefoltert worden. Ich war nicht dabei, es war einer der Tage, an denen ich nicht zum Essen kam, weil mich die Arbeit nicht losließ.

Gegen Abend erstarrte ich, als ich spürte, wie jemand nach dem Lord rief. Ich konnte fühlen, wie das Blut mein Gesicht verließ. „Nein!“, hauchte ich.

„Was? Was ist los?“, wollte Albus wissen. Ich konnte nicht antworten, mein Mund war staubtrocken, die Zunge wie gelähmt. „Severus, mein Junge? Was ist passiert?“

„Sie haben Potter.“, erklärte ich tonlos, während ich meinen linken Arm umklammerte.

„Bist du sicher?“

„Verdammt, ja!“, schrie ich. „Der Lord ist im Ausland, er hat uns verboten, ihn zu rufen, außer, wenn wir Potter haben. Jemand hat ihn gerufen! Albus, sie haben Potter! Der Lord hat ihn!“

„Beruhige dich, Severus!“, kam es befehlend von Albus. Mir war selbst klar, dass ich gerade hysterisch war und kurz vor einer Panikattacke stand. „Atmen, Severus. Langsam. Tief. Ganz ruhig. Der Junge braucht dich jetzt.“ Mit geschlossenen Augen atmete ich mehrmals tief durch. Als ich die Augen wieder öffnete, war ich äußerlich ruhig.

„Albus, was soll ich nun machen?“, wollte ich wissen.

„Im Moment kannst du nichts tun, Severus. Du musst abwarten. Mein Bruder, Aberforth, hat vielleicht eine Möglichkeit, Harry zu helfen. Ansonsten wartest du bitte ab, was du erfährst, dann kannst du sehen, wie du weitermachst.“, beruhigte Albus mich weiter. „Kümmere dich um Tränke, die möglicherweise notwendig sind. Schaffe Portschlüssel, damit du die Jugendlichen notfalls in Sicherheit bringen kannst.“

„Wohin, Albus?“ Noch immer hatte ich keine Ahnung, wo ich Potter und seine Freunde hinbringen sollte. Seit dem Moment, als sie bei Lovegood waren, grübelte ich darüber nach, aber mir fiel nichts ein.

„Schick sie zu den Weasleys.“, entschied Albus‘ Portrait nach einigen Minuten.

„Aber …“, protestierte ich. „Ist das nicht zu offensichtlich?“

„Molly und Arthur werden sie sicher nicht dortbehalten.“, schüttelte Albus seinen Kopf. „Aber für dich ist es besser, wenn du es nicht genau weißt.“

Besser? Für mich? Wenn ich die drei Jugendlichen in Sicherheit brachte, war ich tot. Wenn ich Glück hatte. Meinen Trank hatte ich noch immer in meiner Tasche, wie ich mit einem Griff sicher ging. Aber mein Vorgänger hatte in Einem Recht, daher ging ich in mein kleines Privatlabor und überprüfte die Vorräte. Um mich zu beschäftigen, setzte ich einen größeren Kessel auf ein Feuer, um einen starken Heiltrank zu brauen. Davon konnte man nie genug haben. Ansonsten hatte ich alle möglichen Tränke auf Vorrat – Knochenstärker, Skele-Wachs, Tränke gegen verschiedene Fluchschäden, gegen Verbrennungen und sogar etwas, um abgetrennte Gliedmaßen wieder nachwachsen zu lassen. Wirklich ruhig wurde ich nicht, aber zumindest agierte ich wieder gelassen. Während der Trank abkühlte, erschuf ich mehrere Portschlüssel in den Fuchsbau. Dafür nutzte ich einige Pergamentstücke, die ich unauffällig in meine Taschen stecken konnte. Bis das Mal mich zum Lord rief, hatte ich meine Maske zurück. Sofort reiste ich durch den Kamin ins Manor.

Lucius lag schwerverletzt auf dem Boden, Narzissa zitterte haltlos und versuchte, sich um ihren Mann zu kümmern. Die Schreie aus dem Salon kannte ich. Draco. Mehrmals schluckte ich, dann erst konnte ich eintreten. So, wie die Malfoys aussahen, war es nicht besonders gut für den Lord gelaufen, da konnte ich ein wenig aufatmen. Allerdings nur so lange, bis ich meinen Patensohn sah. Was hatte er getan? Blutüberströmt und von mehreren Cruciati gezeichnet lag er dem Lord zu Füßen. Ich musste den Lord von Draco ablenken, ansonsten brachte er ihn gleich um. Mühsam beherrscht kniete ich mich hin.

„Herr.“, neigte ich zusätzlich meinen Kopf. „Was ist passiert?“

Die leuchtend roten Augen wandten sich mir zu. Er war mehr als zornig. Ich bekam es körperlich zu spüren, als er mir einen weiteren Cruciatus in den Bauch jagte. Dann erst antwortete er. „Sie hatten Potter hier, aber ihn entkommen lassen.“, zischte er wütend. „Greyback hat ihn und seine Freunde geschnappt, aber die Malfoys und Bellatrix ließen sich überrumpeln und den Jungen entkommen. Die haben es sogar geschafft, Wurmschwanz zu töten!“

Ich ballte die Fäuste unter dem Umhang, bis sich die Fingernägel schmerzhaft in den Handballen bohrten. Der Schmerz sorgte dafür, dass meine Erleichterung nicht deutlich wurde. Dieser Bengel hatte wirklich mehr Glück als Verstand und ich hoffte, dass er endlich aufhören würde, sich in derartige Situationen zu bringen.

„Nimm Draco mit in die Schule, er soll in Zukunft besser auf seine Umgebung achten.“, befahl der Lord. „Sollte Potter in Hogwarts auftauchen, kannst du sicher Unterstützung von Draco und seinen Freunden brauchen. Wenn jemand Potter erwischen und festhalten kann, dann du, Severus.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“, erwiderte ich. Hinter mir hörte ich, wie er den restlichen Bewohnern des Manors Hausarrest erteilte. Ich ignorierte es und griff nach Draco, um mit ihm gemeinsam durch den Kamin direkt zu Poppy zu flohen. Der Junge stöhnte auf, als ich ihn aufhob, und wimmerte leise. Doch ich musste ihn bewegen, um ihm helfen zu können. Potter konnte ich im Moment nicht helfen, wobei es schien, als bräuchte er gerade keine Hilfe. Die Medihexe sah mich missbilligend an, als ich durch den Kamin in den Krankenflügel kam, erkannte dann aber, dass ich ihr einen Patienten brachte und schien den persönlichen Groll für den Moment zu vergessen. Wenn es um Verletzte ging, war sie neutral, egal was sie sonst über denjenigen dachte. Ich schickte einen Elfen in mein Labor, um mehr Tränke zu holen, denn nicht alles, was ich dort hatte, gab es auch hier im Krankenflügel. Ein wenig misstrauisch nahm Poppy sie, nutzte sie aber dann doch. Scheinbar war sie sicher, dass ich meinem Patensohn nichts antun würde. Endlich entspannte sie sich ein wenig und Draco atmete deutlich ruhiger, die Augen geschlossen.

„Er schläft.“, wisperte Poppy und rieb sich über die Augen. „Ein paar Tage bleibt er hier, aber er wird durchkommen. Wenn die anderen Schüler zurückkommen, kann er wohl wieder aufstehen.“ Noch immer sah sie mich seltsam an. „Severus, was ist hier los?“

„Besser, sie wissen es nicht.“, antwortete ich kühl. Besser, sie hatte nicht einmal eine Ahnung. Auch wenn ich gerne jemanden gehabt hätte, der mehr wusste, mit dem ich reden konnte. Doch die Gefahr war einfach zu groß, das wollte ich niemandem zumuten. Ich ballte die Fäuste in meinen Robenärmeln, um mich davon abzuhalten, ihr alles zu erzählen.

„Und der Junge?“ Ihre Stimme war etwas sanfter.

„Hat keine Wahl. Der Lord verzeiht keine Fehler.“ Ich wandte mich ab und verließ den Krankenflügel. Sicher wartete Albus auf eine Information über seinen Goldjungen. Und ich musste hier weg, bevor meine Beherrschung verloren war. Ich konnte nicht mehr, brauchte dringend Halt, den mir aber niemand geben konnte. Niemand geben durfte, damit ich nicht auffiel.

Gegen Abend erhielt ich eine Eilnachricht. Der Lord erwartete mich am Tor von Hogwarts, wollte auf das Gelände, doch das musste ich ihm ermöglichen. Es war in seinem Sinne, dass kein Schulfremder auf das Gelände kam, daher erhoffte ich auch keine Probleme in der Hinsicht. In letzter Zeit war ich viel zu oft für Dinge bestraft worden, für die ich nichts konnte. Ich wollte nichts riskieren. Also griff ich nach einer Laterne und ging eilig hinunter zum Tor. Die Sonne war eben dabei unterzugehen, die Schüler in der großen Halle beim Essen. Danach würden sie in ihre Gemeinschaftsräume verschwinden, dank meiner inzwischen deutlich verschärften Strafen hielten sie sich im Allgemeinen daran. Ich konnte nur hoffen, dass es heute keine sinnlosen Aktionen von Longbottom und seinen Anhängern geben würde. Ja, verdammt, ich sorgte mich um diesen Schüler, genau wie um jeden anderen. Und wenn Potter nun auch noch auf die bescheuerte Idee käme, hier aufzutauchen? Seit Monaten deutete der Lord an, dass Potter nach Hogwarts kommen wollte. Oder überprüfte er heute, ob es Spuren von Potters Auftauchen in der Schule gab? Mir wurde flau. Natürlich war er nicht hier gewesen, das hätten die Bilder mir verraten, dafür hatte Dumbledore gesorgt. Ohne Albus‘ Fürsprache hätte ich wahrscheinlich nichts erfahren, aber so hörte ich deutlich mehr, als gut war. Meist erfuhr ich bereits vor dem Verlassen meines Büros, ob Longbottom in der Nacht etwas getan hatte. Von den Bildern hatte ich auch erfahren, dass Longbottom den Raum der Wünsche als Versteck nutzte und ihn gut im Griff hatte. Ich fragte mich allerdings, wie er das Problem mit den Nahrungsmitteln löste, denn diese konnte der Raum nicht bereitstellen und die Elfen brachten ihm nichts, soweit ich wusste. Unwirsch schüttelte ich den Kopf, ich durfte nicht darüber nachdenken, wenn ich in weniger als einer Minute auf den Lord traf. Mein Kopf musste leer und konzentriert sein, ich durfte mir keine Fehler, keinen Moment der Schwäche erlauben. Zu viel hing davon ab.

„Herr.“, neigte ich den Kopf, als ich ihn auf das Gelände ließ.

„Du hast dir Zeit gelassen!“, zischte er, doch es wirkte nicht richtig zornig. Ungeduldig vielleicht.

„Ich musste sichergehen, dass die Schüler nichts mitbekommen.“, gab ich zu bedenken. Wir gingen am See entlang, während die Sonne verschwand. Ich wurde unsicher, als er so still neben mir, oder besser einen halben Schritt vor mir herging.

„Ich werde in Kürze im Schloss zu dir stoßen.“, sagte er mit seiner hohen, kalten Stimme. „Lass mich jetzt allein.“*

Nach einer Verbeugung ging ich zurück in die Schule, darüber grübelnd, was der Lord dort draußen wollte. In der Eingangshalle blieb ich unschlüssig stehen. Sollte ich hier auf ihn warten oder wollte er ins Direktorenbüro? Jeder Fehler würde eine Strafe nach sich ziehen und darauf wollte ich gerne verzichten. Was also tun? Es war still, die Schüler schienen tatsächlich auf die Regeln zu achten. Hoffentlich auch Longbottom. Wobei, für seine Aktionen war es die falsche Zeit. Entweder trieb er sich tagsüber in der Schule herum, wenn die Schüler alle in den Gängen waren, oder aber nachts, wenn alle schliefen. Wie oft hatten mich die Carrows in den letzten Wochen und Monaten morgens vor dem Frühstück aufgesucht, weil wieder jemand etwas Aufmunterndes für Potter an die Wände geschrieben hatte? Auf diese Art hatte Longbottom eine eigene kleine Armee aufgebaut. Immer mehr Schüler schlossen sich ihm an und verschwanden aus den Gemeinschaftsräumen und den Klassenzimmern. Und die Aktionen, um Potter zu unterstützen, nahmen immer weiter zu. Wie lange würde der Lord das noch dulden, bevor er Longbottom den Todesstoß verpasste? Unter anderem deswegen wurde die kleine Lovegood vor Weihnachten aus dem Zug geholt, nicht nur, weil sie eine Freundin Potters war und weil sie ihren Vater erpressen wollten, Potter nicht mehr zu unterstützen. Und doch gab es immer wieder Menschen, die sich über die Verbote hinwegsetzte und Potter unterstützten. Selbst ich lauschte, so oft ich konnte, dem verbotenen Radiosender ‚Potter Watch‘. Heimlich in meinem Schlafzimmer, wo niemand je hinkam.

Es dauerte nicht besonders lange, wenn ich die Uhr fragte, bis der Lord zu mir stieß. Er schien zufrieden mit etwas zu sein, mehr als zufrieden. Euphorisch, wie es schien. Sein schwarzer, edler Umhang bauschte sich um seine Beine, da man seinen Gang beinahe als beschwingt beschreiben konnte. Die Kapuze hatte er über den Kopf und tief in sein Gesicht gezogen, doch die roten Augen leuchteten hell darunter hervor, funkelten richtiggehend. Irgendetwas musste bei ihm nach Plan gelaufen sein. Mich schauderte unwillkürlich, etwas, das dem Lord gefiel, konnte nichts Gutes sein. Ich trat zu ihm, als er durch das Portal trat.

„Herr?“ Meine Stimme klang indifferent, man hörte ihr meine Unsicherheit nicht an.

„Severus.“, nickte er mir zu. „Ich habe gefunden, wonach ich suchte.“ Dieser Hinweis machte mich neugierig, doch ich wusste es besser, als nachzufragen. Dennoch konnte er mir ansehen, dass ich etwas wissen wollte. Es war still um uns, ich hatte ihn vorsichtshalber in ein leeres Klassenzimmer gebracht. Da er nichts dazu sagte, schien es ihm zu passen. In meinem Büro wollte ich ihn nicht haben, aber er wollte wohl auch nicht hin, immerhin war dort Albus‘ Portrait. Jetzt blickte er mich an und wirkte sogar ein wenig amüsiert. „Du wirst es zu gegebener Zeit erfahren, Severus. Bis dahin bewache die Schule, damit der Aufruhr hier endlich ein Ende hat. Setze deine Slytherins mit ein, sie bekommen eine Belohnung, wenn sie einen der Aufrührer erwischen und unversehrt zu mir bringen.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“ Ich hasste diese Demut, dieses ‚in den Hintern kriechen‘, aber dennoch musste ich es tun. Zumindest, wenn ich überleben wollte. Und das wollte ich auf jeden Fall. Auch wenn ich nicht genau wusste, was nach Potters Sieg mit mir passieren würde. Nach Askaban ginge ich auf keinen Fall, das hatte ich mir geschworen. Die kurze Zeit, die ich dort verbracht hatte, bis Albus mich vor Jahren befreite, hatte mir gereicht.

„Was ist mit den aufsässigen Schülern? Den Freunden Potters?“, erkundigte er sich. „Habt ihr sie bereits erwischt?“

Sofort spannte ich mich an. „Immer wieder werden sie bestraft, aber sie schaffen es leider häufiger, unerkannt zu entkommen.“, gestand ich. Niemals würde ich verraten, dass ich wusste, wo sie sich versteckten. Das würde mir wahrscheinlich auch nicht helfen, wollte ich ihnen wirklich etwas tun. Der Raum war unter der Kontrolle von Longbottom und wohl nur für diejenigen zugänglich, die er selbst in den Schutz einband. Wie auch immer er das machte.

„Und ich dachte, du kennst die Schule? Wie können sie sich vor dir verstecken?“, zischte der Lord, dessen Laune unvermittelt umschlug. Er deutete mit seinem Zauberstab auf mich. Irgendetwas daran kam mir seltsam vor, doch da er mich mit einem Cruciatus belegte, hatte ich keine Gelegenheit mehr, darüber nachzudenken. Ich schrie, doch offenbar hatte er mir auch noch einen Stillezauber auferlegt, denn es war absolut leise. Die Stille dröhnte in den Ohren, zusätzlich zu den Schmerzen, die mich wellenartig überfielen. Irgendwann war es vorbei, der Fluch endete, der Lord verschwand und ließ mich zitternd und lautlos stöhnend zurück. Um mich herum drehte sich alles und ich spürte, dass ich mich übergeben hatte. Die Kraft, mich aufzuraffen, hatte ich nicht mehr, also blieb ich einfach liegen. In einem Dämmerzustand, der kein Schlaf und auch kein Wachen war, verbrachte ich einen Großteil der Nacht, bis die Kälte langsam meinen Körper betäubte. Als die Schmerzen weit genug nachließen, um mich nicht mehr zu lähmen, kämpfte ich mich hoch. Noch immer schien der Stillezauber auf mir zu liegen, denn mein Keuchen und Stöhnen blieb ohne Geräusch. Es war kurz vor fünf Uhr morgens und ich beeilte mich, in mein Büro zu kommen. Dort konnte ich mir mit Tränken helfen. Die besorgten Fragen der Portraits ignorierte ich.

 

* Harry Potter Band 7, S. 509

Nur wenig später musste ich erneut nach unten, da Alecto Carrow Hagrid dabei erwischt hatte, wie er Longbottom half. Der Jugendliche war entkommen, aber Hagrid nicht. Mit einem Zauber hielten die Carrows ihn fest. Sie hatten bereits die Todesser alarmiert. Unauffällig zog ich meinen Zauberstab unter dem Umhang. Damit versuchte ich, den Zauber wenigstens zu schwächen, ich wollte nicht, dass Hagrid in die Hände des Lords geriet. Der würde Potter damit erpressen. Der Halbriese realisierte erstaunlich schnell, dass er freikommen konnte, riss sich mit einem Mal los und rannte in den verbotenen Wald. Erleichtert atmete ich auf, ließ es mir aber nicht anmerken. Es war schnell genug gegangen, dass die Geschwister nicht ahnten, wie viel ich damit zu tun hatte. Sie wurden bestraft, als die Todesser unter Führung von Yaxley ankamen. Aber Hagrid blieb in Freiheit, was ich durchaus begrüßte. Ich mochte und respektierte diesen sanften Halbriesen. Er sollte nicht leiden müssen.

Die nächsten Tage verliefen ruhig. Der Unterricht ging in die entscheidende Phase, da die Schüler langsam auf die Prüfungen vorbereitet wurden. Eigentlich ein Witz, denn alle, die sich anschließend dem Lord verpflichteten, hatten ohnehin einen perfekten Abschluss in der Tasche. Nicht das, was Draco sich wünschte. Inzwischen kam er wieder häufiger zu mir.

„Onkel Sev?“, fragte er mich eines Abends, als er in meinem Wohnzimmer saß. „Denkst du, ich kann im Ausland studieren?“

Meine Aufmerksamkeit schnellte in die Höhe. Warum fragte er mich gerade das? Was wollte er eigentlich wissen? War es eine Falle? Nein, das konnte ich mir bei Draco eigentlich nicht vorstellen, aber er konnte mich immer noch versehentlich verraten, wenn ich ihm Hinweise gab. Also musste ich vorsichtig sein.

„Draco, was willst du studieren?“, fragte ich daher.

„Ich weiß nicht genau.“, zuckte der Jugendliche die Schultern. „Vater erwartet, dass ich in die Geschäfte der Familie einsteige, aber …“ Hilflos sah er mich an. Plötzlich sah ich, dass er Tränen in den Augen hatte. „Was soll ich tun?“

Er wagte es offenbar nicht, deutlicher zu werden, aber ich spürte, dass er Angst hatte, dem Lord weiterhin zu folgen. Er sprach nicht vom Studium, wenn er wissen wollte, was er tun konnte, sondern von dem Mal auf seinem Arm. Doch was sollte ich ihm raten? Natürlich wollte ich ihm helfen, das alles hinter sich zu lassen, aber was konnte ich tun? Ich durfte mich selbst nicht verraten, und es würde auch nichts ändern, denn er hatte dieses unselige Mal auf seinem Arm, was unweigerlich dazu führen würde, dass er nach Askaban kam. Wie sollte ich das von ihm abwenden? Darüber grübelte ich immer noch, als Draco schon lange gegangen und ich im Bett war.

Noch immer träumte ich regelmäßig von der Nacht auf dem Astrononieturm und fuhr dann schreiend hoch, doch immer häufiger wurden diese Träume nun von den Schülern abgelöst, die gefoltert und gequält wurden. Was sollte ich noch tun? Albus hatte mich auf diesen Platz intrigiert – etwas anderes war es nicht – damit ich die Schüler schützte, aber was sollte ich noch tun? Ich hatte kaum noch eine Möglichkeit, wenn ich meinen Posten behalten wollte. Nur hier konnte ich noch ein wenig eingreifen. Wenn auch nicht wirklich etwas ändern. Ein Schluchzen der Hilflosigkeit baute sich in mir auf, doch ich schluckte es hinunter. Was sollte ich tun? Ich konnte nur auf Potter hoffen, mehr gab es nicht. Und sehen, wie ich ihm helfen konnte, wenn er tatsächlich hier auftauchte. Dann musste ich zusehen, dass ICH derjenige war, der den Jungen fand, vielleicht ließ er sich dann tatsächlich helfen.

Verzweifelt schloss ich die Augen erneut, es war eine Utopie, darauf zu hoffen, dass Potter mir vertraute. Wie auch? „Lily!“, flehte ich. Erneut schien sie zu reagieren, mir wurde warm und ein wenig leichter, das Atmen fiel mir weniger schwer. „Danke, Lily!“ Diese Wärme, die sie mir schenkte, half mir ein wenig, mit der Anspannung umzugehen. Das brauchte ich, wenn ich ehrlich war, um nicht aufzugeben. Mehrmals war ich an diesem Punkt, und jedes Mal hatte diese Wärme, die ich mit Lily verband. Sie war da, davon war ich überzeugt. Und diese Überzeugung ließ meine Ruhe zurückkommen.

Diese Ruhe brauchte ich auch, denn an diesem Vormittag wurde ich von Alecto Carrow dazu geholt. Einige Slytherins und Gryffindors waren – mal wieder – aneinander geraten. Auch wenn sich derzeit alles veränderte, daran hatte sich nichts geändert. Diese beiden Häuser gerieten regelmäßig aneinander. Seit dem neuen Jahr gab es die Regelung, dass die Carrows alle Bestrafungen übernehmen mussten. Das bedeutete, die alten Lehrer mussten die Schüler, die sich nicht an die Regeln hielten, zu den Geschwistern bringen, die es genossen, Kinder zu quälen. Ich wusste, dass sie es vermieden, wo es nur ging, aber alles konnten sie leider nicht geheim halten.

„Miss Vane, Mister Coote, sie wurden erwischt, wie sie hinterrücks mit Zaubern auf die Herren Crabbe und Goyle losgingen. Duelle in den Gängen sind verboten und zusätzlich ist es feige, jemanden von hinten anzugreifen.“, dozierte Amycus Carrow. „Zur Strafe werden sie nun als Übungsobjekte für ihre Opfer dienen. Mister Crabbe und Mister Goyle müssen ihre Hausaufgaben in dunkler Magie noch erledigen, und dazu haben sie nun praktisch die Gelegenheit.“

Mir wurde schlecht, als ich gezwungen war, zuzusehen, wie Crabbe und Goyle gleichzeitig den Zauberstab erhoben und einen Cruciatus auf die beiden Gryffindors losließen. Ich versuchte, einen Teil der Zauber auf mich zu nehmen, aber viel konnte ich nicht tun. Die Gryffindors schrien wie am Spieß, Dracos Freunde waren ziemlich gut mit dem dunklen Zauber. Meine Zähne knirschten leise in dem Versuch, keine Regung zu zeigen. Endlich endete es, als Minerva hereinplatzte und protestierte. Sie nahm ihre Löwen so gut es ging in Schutz, doch ihr blieb nur Protest in den meisten Fällen. Innerlich bewunderte ich ihren Mut, sich gegen das Regime zu stellen und dabei an die Grenzen zu gehen, ohne dabei zu weit zu gehen. Sie wusste um das Risiko, dass mehr Todesser an die Schule kamen, wenn sie oder andere Kollegen gekündigt wurden. Daher hielt sie sich im entscheidenden Moment zurück, auch wenn man ihr ansehen konnte, dass es ihr schwerfiel.

„Bringt sie weg.“, schnarrte ich und verschwand, ohne mich umzusehen. Ich brauchte nun einen passenden Trank.

Von Potter hörte man nichts in den folgenden Wochen. Das entspannte mich allerdings überhaupt nicht, der Bengel plante offensichtlich etwas, und ich ahnte, dass es bald eng werden würde. Wie lange hielt Potters Glück noch an? Das meinige schien abzunehmen, immer seltener war ich in der Lage, den Schülern tatsächlich zu helfen. Mehr und mehr wurden mit dem Cruciatus bestraft, zumeist ließen die Carrows irgendwelche Schüler den Fluch auf andere Schüler sprechen. Ich war nicht sicher, was besser war. Wenn die Schüler ihn sprachen, war er meistens weniger intensiv, doch ihren Seelen tat es nicht gut. Sprachen die Carrows den Fluch aus, war er für die Kinder beinahe unerträglich. Egal wie, es war fürchterlich. Immer häufiger saß ich auf dem Boden meiner privaten Räume und flehte zu Lily, dass sie mir die Stärke gab, die ich brauchte. Ohne ihre Hilfe hätte ich es nicht bis hierher geschafft.

Der Lord wurde immer gereizter und unvorhersehbarer. Scheinbar hatte Potter es irgendwie geschafft, ihm einen Schrecken einzujagen. Die Malfoys, Bellatrix und die Lestrange-Brüder standen weiterhin unter Hausarrest, doch er hatte uns alle gewarnt, dass es sein könnte, dass Bellatrix möglicherweise auftauchen und in ihr Verlies gehen könnte. Wie sollte Potter das schaffen? Aber ich stellte es nicht in Frage, der Bengel war ein Magnet für solche Dinge. Hogsmeade wurde abgeriegelt, eine Ausgangssperre eingerichtet. Sogar einen Katzenjammer-Zauber errichteten sie, um sicherzugehen, dass keiner die Ausgangssperre missachtete. Dementoren patrouillierten, kamen bis an die Grenzen des Schlosses. Alle bekannten Geheimgänge wurden bewacht, in der Schule waren die Eingänge versiegelt. Ich erfuhr auch, dass der Lord einige seiner Leute zu Longbottoms Großmutter geschickt hatte. Sie hatte sich offenbar gut geschlagen, die Todesser waren nicht erfolgreich, Dawlish hatte einen längeren Aufenthalt im St. Mungos vor sich. Jetzt wusste ich, woher der Gryffindor seinen Mut hatte. Und ganz dumm schien er nicht zu sein, er war seither untergetaucht. Würde er auftauchen, käme er nach Askaban. Obwohl ich ihn nicht leiden konnte, weil er alle Tränke verhunzte, musste ich doch gestehen, dass er Mut hatte. Daher blieb es ruhig, bis Ende April.

Als ich zum Mittagessen ging spürte ich, dass etwas anders als sonst war. Fragend sah ich meine Kollegen am Lehrertisch an, doch die Meisten wirkten abweisend. Allerdings hörte ich danach einen Bericht auf ‚Potter-Watch‘. Versteckt in meinem Schlafzimmer suchte ich den geheimen Sender. Diesmal war das Passwort „Goldjunge“. Einer der Zwillinge berichtete von Ereignissen, die verschwiegen wurden: „Heute im Laufe des Vormittages wurde in ein Hochsicherheitsverlies in Gringotts eingebrochen, wie zuverlässige Quellen übereinstimmend berichten. Wie bekannt wurde, brachen drei Jugendliche in einer Verkleidung in eines der alten Verliese in den Tiefen von Gringotts ein. Was genau sie entwendeten oder ob sie es nicht schafften, überhaupt etwas zu entwenden, ist bislang noch unbekannt. Allerdings flohen sie mit Hilfe eines Drachen. Viele Muggel, die diesen Drachen gesehen haben, mussten mit einem ‚Obliviate‘ versorgt werden. Wie es aussieht, flog der Drache, wohl mit den Jugendlichen, in Richtung Norden, aber der genaue Weg war nicht nachvollziehbar, da der Drache schnell an Höhe gewann. Leute, das klingt nach Harry Potter, wir wollen hoffen, dass er erreicht hat, was auch immer er vorhatte. Romulus, kannst du etwas mehr dazu sagen? Was hat unser Freund vor?“

„Nein, das kann ich leider nicht.“, hörte ich Lupins Stimme. „Auch wenn ich Harry meine Hilfe angeboten habe, er hat es vorgezogen, ohne mich loszuziehen. Allerdings möchte ich ihm auf diesem Weg sagen, dass ich verstehe, wie er handelte und ihm alles Glück dieser Welt wünsche.“ So, wie er es eigentlich immer tat, in der einen oder anderen Weise. Was hatten Lupin und Potter getrieben, dass der Werwolf sich ständig entschuldigte? Ich musste zugeben, ich war neugierig, würde es aber wohl nicht herausfinden.

„Nun, dann hoffen wir, dass Harry in Gringotts etwas gefunden hat, das ihm beim Kampf gegen Du-weißt-schon-wen hilft.“, schloss der andere der Zwillinge. Nahm ich jedenfalls an, ich konnte sie nicht unterscheiden. „Das Passwort für die nächste Sendung lautet Gryffindor-Mut. Wir hören uns!“

Verdammt, was hatte der Bengel sich dabei gedacht? Mir war klar, dass es Potter und seine Freunde gewesen sein mussten, davon gingen ja auch die Weasley-Zwillinge aus. Was war in diesem Verlies? Warum ging er dieses Risiko ein? Es musste entscheidend sein, ich ging davon aus, dass er wohl dort einen Horkrux finden wollte. Seit ich in den Weihnachtsferien die Erinnerungen meines Mentors angesehen hatte, hatte ich nicht wieder darüber nachgedacht. Es war einfach zu gefährlich gewesen. Und doch musste ich mich damit befassen, denn Potter brauchte meine Hilfe. Ich spürte das Mal, wenn auch nicht ein Ruf, aber der Zorn des Lords machte sich darüber bemerkbar. Ich ahnte, dass kaum jemand mit dem Leben davonkam, der gerade dort war. Kurz danach wurde ich gerufen, es war kurz vor der Sperrstunde. Als ich sah, dass er alleine war, schnürte sich mir der Hals zu und ich musste trocken schlucken. Doch er wollte diesmal offenbar nur weitere Anweisungen geben, denn er deutete mir an, mich zu ihm zu setzen.

„Severus, es ist entscheidend, dass du die Augen offenhältst.“, zischte er mich an, sobald ich saß. „Potter wird bald nach Hogwarts kommen, du wirst ihn festhalten und zu mir bringen!“

„Natürlich, Herr.“, versprach ich. „Wo soll ich genau mit ihm rechnen?“ Ich erhoffte mir einen Hinweis.

„Er wird etwas suchen, aber er hat keine Ahnung, wo es ist.“, wimmelte mich der Lord ab. Er schien unruhig, wollte offenbar weg. Daher wurde ich sofort wieder entlassen und kehrte nach Hogwarts zurück. Pflichtgemäß versammelte ich die Slytherins am nächsten Morgen in ihrem Gemeinschaftsraum vor dem Frühstück. Schnell waren alle anwesend und sahen mich neugierig an.

„Hören sie kurz zu!“, brachte ich sie zur Ruhe. „Der Lord erwartet, dass Potter hierher kommt. Er will ihn lebend und unversehrt, also erwarte ich von ihnen allen, dass sie ihre Augen offenhalten. Und jetzt gehen sie zum Frühstück und dann in ihren Unterricht.“ Ich verschwand in mein Büro, um Einiges an Tränken einzustecken und Albus über die Ereignisse zu informieren, anschließend ging ich durch das Schloss. Ich hoffte, dass ich derjenige war, der Potter fand. Egal wie unwahrscheinlich das war.

Beim Mittagessen gab es einen neuen Zwischenfall. Terry Boot, einer der Schüler, die an Longbottom hingen, brüllte herum und erzählte mit freudigem Unterton, was genau passiert war. Amycus rastete aus und schlug ihn zusammen. Ich musste ihn einen Moment toben lassen, aber dann bremste ich ihn. „Amycus!“, zischte ich. „Der Lord will nicht, dass reines Blut vergossen wird!“ Er hörte tatsächlich auf, was mich erleichterte.

Nach dem Abendessen erfuhr ich, dass der Zauber in Hogsmeade losgegangen war. Gefunden hatte man niemanden, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Potter handelte, war offenbar hoch. Aber es blieb ruhig, die Carrows gingen auf Patrouille. Genau wie ich, denn ich war sicher, dass Potter tatsächlich versuchte, nach Hogwarts zu kommen. Meine Vermutung ging dahin, dass hier wohl ein Horkrux war. In der Schule versteckt. Wie ich den Erinnerungen entnehmen konnte, bedeutete dem Lord die Schule sehr viel. Nur wo genau, das konnte Albus nie herausfinden. Und auch ich wusste nicht mehr. Dabei wollte ich dem Jungen helfen, sein Ziel zu erreichen. Die Frage war nur: wie weit war er schon? Konnte er es schaffen? Ich wagte es nicht, wirklich zu hoffen, dass es bald vorbei war. Mit ein bisschen schlechtem Gewissen dachte ich daran, dass dem Jungen ein schwerer Kampf bevorstand, und ich ihm dabei vermutlich nicht helfen konnte.

Mit einem Mal zuckte ich zusammen, als mein Arm wie Feuer brannte. Verdammt, die Carrows hatten Potter offenbar entdeckt, denn der Ruf kam von ihnen. Wo waren sie? Was wussten sie, was ich nicht wusste? Oder war es Zufall, dass sie ihn gestellt hatten? Wie war er ins Schloss gekommen? Ich rannte los, wollte sehen, was da los war. Nach wenigen Minuten sah ich Minerva, die es eilig hatte. Ich folgte ihr, denn sie schien ein Ziel zu haben und ich musste wissen, was genau los war. Plötzlich wirbelte sie mit gezogenem Zauberstab herum.

„Wer ist da?“

„Ich bin es.“*

Ruhig trat ich hinter einer Rüstung hervor, hinter der ich in Deckung gegangen war, als sie ihren Stab in der Hand hob. Meinen eigenen Stab hielt ich bereit. Sie wusste nicht, dass ich auf ihrer Seite war. Durfte es noch immer nicht wissen.

„Wo sind die Carrows?“

„Vermutlich dort, wo immer sie die beiden auch hinbefohlen haben, Severus.“*

Minervas Stimme troff vor Sarkasmus. Ich ahnte, dass Potter in der Nähe sein musste und blickte um mich. Meine Gedanken rasten, der Bengel brauchte Informationen von mir, ich konnte ihm helfen, seine Aufgabe zu erfüllen. Währenddessen sprach ich mit Minerva, ohne es richtig wahrzunehmen. Was machte sie überhaupt hier in den Fluren, sie hatte doch gar keinen Nachtdienst? Als ich sie schließlich auf Potter ansprach, sandte sie mir blitzschnell einen Zauber entgegen. Mühelos konterte ich, damit hatte ich gerechnet, ich kannte sie schließlich schon eine ganze Weile. Ich wollte sie nicht verletzen, aber die Zauber, die sie mir entgegen schleuderte, verlangten mir viel ab. Sie war fähig, mehr als gut in den Duellen. Ein würdiger Gegner, nur sollte sie nicht mein Gegner sein. Hinter einer Rüstung ging ich in Deckung, doch Filius, der hinzukam, ließ sie auf mich losgehen. Zielsicher packte die Rüstung mich am Hals. Mit Mühe konnte ich mich befreien und schleuderte die Rüstung in Richtung von Filius und Minerva. Ich wollte sie nicht verletzen, aber durfte auch nicht zulassen, dass sie über mich siegten.

Eilig hastete ich davon, als das Mal auf meinem Arm brannte und mich rief. In einem Klassenzimmer sprang ich durch das Fenster und nutzte einen Zauber, den der Lord mir beigebracht hatte, um zu fliegen. Noch war der Lord unterwegs, doch er rief, das bedeutete, er würde bald vor den Toren auftauchen. Ich rief im Flug meinen Patronus auf und schickte ihn zu Kingsley mit der Nachricht, dass der Lord Hogwarts angriff. Der Orden und das Ministerium sollten Bescheid wissen. Nun konnte ich nur hoffen, dass Minerva und Filius sich um die Schüler kümmerten. Sicherlich hatten sie etwas getan, um die Carrows festzuhalten. Würden sie es überstehen? Potter war hier und der Lord wusste davon, das bedeutete, es würde unweigerlich zum Kampf kommen. Und Potter hatte nicht alle Informationen! Ich musste es irgendwie schaffen, ihm etwas zu sagen. Albus hatte mir all diese Informationen nicht umsonst gegeben, es gab einen Grund. Er hatte es nicht geschafft – oder er hatte es nicht schaffen wollen, so sicher war ich mir dabei nicht – dem Jungen zu sagen, dass er der letzte Horkrux war. Gerade als mir klar wurde, dass es zum Kampf kam, tauchte dieses Wissen in meinem Kopf auf.

„Alter Narr, wieso hast du das in meinem Kopf verborgen? Wie soll der Bengel das nun erfahren?“, knurrte ich unhörbar. Was, wenn genau das die entscheidenden Informationen für Potter waren? Wie sollte er sie nun bekommen?

Ich hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, denn um mich herum ploppte es überall. Die Todesser kamen. Auch der Lord war da und wir beeilten uns, Aufstellung um ihn zu nehmen.

 

* Harry Potter Band 7, S. 604, 605

„Der Triumph ist nahe!“, zischte der Lord. „Potter ist in Hogwarts, und noch bevor die Nacht zu Ende ist, wird er tot sein! Er wird nicht mehr fliehen, sondern sich zum Kampf stellen, wenn er sieht, was es kostet, sollte er fliehen. Wir werden das magische Blut schonen, immerhin wollen wir weiterhin eine Bevölkerung haben, über die wir herrschen können, also vermeidet es, Leben zu nehmen.“

Ich atmete unhörbar auf. Dieser Kampf würde blutig genug, auch ohne den Todesfluch.

„Lucius, wie sieht es aus? Wo ist Draco? Er ist dem Ruf nicht gefolgt! Was macht dein Sohn?“, wollte der Lord leise wissen, was im allgemeinen Jubel unterging.

„Herr, er und seine Freunde sind in der Schule, sie werden sehen, ob sie uns von dort aus helfen können.“, berichtete der Blonde leise. Beinahe wie eine Entschuldigung, denn er wusste, der Lord war zornig, dass nicht alle gekommen waren. Lucius hatte Glück, dass er nur kurz bestraft wurde, da der Lord scheinbar gerade andere Pläne hatte. Mein früherer Freund sah ziemlich erschöpft aus. Nichts von seinem einstigen Glanz war mehr übrig, keine Arroganz oder Überheblichkeit. Fast wirkte es, als hätte er Angst um seinen Sohn. Was erwartete Draco nun? Der Junge hatte keine Wahl, aber ich wusste, es würde ihn zerstören, wenn Potter es heute nicht schaffte. Vielleicht auch dann, immerhin hatte Draco das Mal auf seinem Arm. Dennoch war es besser, wenn Potter gewann. Und noch immer wusste ich nicht, wie ich dem Bengel die Informationen zukommen lassen konnte. Ich musste es schaffen, in die Schule geschickt zu werden. Irgendwie. Egal wie schwer die Strafe ausfiel, das war wichtiger als alles.

Während die meisten Anhänger noch mit Jubeln beschäftigt waren, wirkte der Lord einen Zauber und sprach weiter, so laut, dass es in Hogwarts und sicher auch in Hogsmeade gehört wurde.

„Ich weiß, dass ihr euch bereitmacht zum Kampf. Eure Bemühungen sind zwecklos. Ihr könnt mich nicht besiegen. Ich will euch nicht töten. Ich habe Hochachtung vor den Lehrern von Hogwarts. Ich will kein magisches Blut vergießen.“*

Er wartete eine Weile und ließ die Stille wirken. Ich ahnte, dass nun Panik um sich griff im Schloss.

„Gebt mir Harry Potter und keinem soll ein Leid geschehen. Gebt mir Harry Potter und ich werde die Schule unversehrt lassen. Gebt mir Harry Potter und ihr sollt belohnt werden. – Ihr habt Zeit bis Mitternacht.“*

Das war nicht viel, im Gegenteil, es war zu wenig Zeit, um die Schüler mit Portschlüsseln in Sicherheit zu bringen. Würde Minerva es schaffen, wenigstens die Kinder in Sicherheit zu bringen? Mein Magen war ein Eisklumpen, ich ahnte, dass es Angst war. Nicht so sehr um mich selbst, aber um die Zukunft dieser Kinder und der magischen Welt. Um mich herum herrschte Vorfreude, Leute wie Bellatrix, Avery oder MacNair liebten es, andere Menschen zu quälen und genau das erwartete sie nun.

„Die Zeit ist um.“, bestimmte der Lord viel früher, als es mir lieb war. „Die Frauen gehen in den Wald, seid bereit, jeden, der da hinein fliehen will, gefangen zu nehmen. Alle Anderen bleiben hier. Greift die Schule an. Sie sollen sehen, dass es uns ernst ist. Versucht zu vermeiden, dass sinnlos magisches Blut vergossen wird, aber seid nicht weich. Severus, Lucius, ihr bleibt hier, ich brauche euch möglicherweise später noch.“

Die Todesser stürmten los und schnell ließen die Schutzzauber um das Schloss nach. Ich wandte mich an den Lord. „Herr, lasst mich gehen, um Potter zu finden, ich kann ihn sicherlich zu euch bringen.“, flehte ich.

„Severus, dein Eifer in allen Ehren, aber ich bin sicher, Potter kommt, noch bevor die Nacht zu Ende ist.“, lehnte er ab. „Ich brauche dich später vielleicht noch. Du wartest hier und achtest darauf, dass alles in meinem Sinne geschieht. Lucius, folge mir!“

Meine Verzweiflung nahm zu und ich musste mich konzentrieren, um meine Maske aufrecht zu halten. Ich MUSSTE Potter einfach sprechen, bevor er dem Lord gegenüber stand. Es war entscheidend für den Ausgang dieses Kampfes und des ganzen Krieges. Wenn Potter das nicht wusste, was in meinem Kopf aufgetaucht war, könnte alles verloren sein. Nicht auszudenken! Nicht einmal der Gedanke an Lily half mir heute. Die Kälte kroch durch mich hindurch, als würde mir nie wieder warm werden. Eine Vorahnung beschlich mich. Etwas Entscheidendes passierte heute noch. Und ich war sicher, dass es nichts Gutes für mich war. Ich konnte nur hoffen, dass Potter es schaffte, ansonsten wäre alles vorbei und umsonst gewesen. Nur, würde ich es schaffen, dass Potter mir glaubte? Wie sollte ich das erreichen, gesetzt den Fall, ich schaffte es überhaupt, Potter in die Finger zu kriegen, bevor er den Helden spielte. Und das würde er, mit Sicherheit. So weit konnte ich den Bengel durchaus einschätzen.

Während ich darüber nachdachte, beteiligte ich mich an der Schlacht. Es war schwer, niemanden außer Todessern zu verletzen. Alle wirbelten wild durcheinander, ich musste mich konzentrieren. Wieso waren die Kinder hier? Sie sollten nicht auf dem Schlachtfeld sein, warum hatte Minerva sie nicht in ihre Gemeinschaftsräume gesperrt? Wo war Potter, was tat er, warum nahm er nicht an der Schlacht teil? Ich sah, wie Dolohow auf Longbottom zielte und schickte ihm einen Silencio auf den Hals. Das würde ihn sicher hindern, kleine Kinder zu bekämpfen, denn Dolohow hatte es noch nie geschafft, wortlose Magie zu nutzen. Bellatrix nutzte die Chance und wollte sich an den Gryffindor wenden, aber sie stolperte über eine von mir beschworene Bodenunebenheit.

Die Spinnen aus dem verbotenen Wald tauchten auf und einige Riesen. Einen Moment schloss ich meine Augen, das würde ein Blutbad. Doch schnell hatte ich sie erneut offen, versuchte, die Riesen zu Fall zu bringen und die Acromantulas verloren zumindest teilweise ihre Beine, wenn sie in meine Zauber gerieten. Hagrid und ein anderer, etwas kleinerer Riese kämpften auf Seiten der Schüler und Ordensmitglieder, wirkten aber, als würden sie gleich überrannt.

Plötzlich schoss Lucius auf mich zu. Er war alleine, und er schien außer sich. „Severus!“, keuchte er. „Was ist mit Draco?“

„Ich weiß es nicht, Lucius.“, seufzte ich leise. Mein Patenkind hatte ich nicht gesehen in diesem Chaos und ich hoffte, er wäre in Sicherheit.

„Der Lord, er will, dass du zu ihm kommst.“, erklärte Lucius nun sein etwas überraschendes Erscheinen. „In die heulende Hütte. Du sollst ihm einen Dienst erweisen, meinte er. Beeil dich, er ist nicht gerade geduldig.“ Das war offensichtlich, Lucius zeigte deutlich Nachwirkungen eines Cruciatus. „Ich muss Draco finden.“, murmelte er leise vor sich hin, sich dessen nicht bewusst, dass ich ihn hören konnte.

Angst schnürte mir den Hals zu. Etwas war geschehen, etwas Entscheidendes. Mein Instinkt sagte mir, ich solle rennen, soweit weg wie irgend möglich. Aber dann könnte ich Potter nicht mehr helfen, also musste ich in diese Hütte und sehen, was der Lord wollte. Egal wie schlimm es wurde, ich musste einfach nur überleben. Doch allein schon der Ort, an dem der Lord nun war, machte mir panische Angst. Damals, in meiner eigenen Schulzeit … Nein, nicht darüber nachdenken, schalt ich mich selbst. Ich zwang meine Gedanken in die Gegenwart. Und doch war ein Teil von mir in der Vergangenheit, während ich hastig durch den Tunnel eilte. Hier war ich meinem schlimmsten Alptraum begegnet. Lupin in Wolfsform. Es war so knapp gewesen damals. Noch heute hatte ich ab und zu Alpträume davon, wenn sie auch zumeist von anderen schlimmen Erinnerungen abgelöst wurden. Dennoch hatte ich es nie vergessen. Genauso wenig wie die zweite Begegnung mit dem Werwolf vor drei Jahren. Ich schauderte unwillkürlich, das war sogar noch knapper gewesen als etwa zwanzig Jahre vorher. Mit zitternden Fingern hob ich die Falltür und trat zum Lord, der am Tisch saß, einem König gleich. Sein Stab, den er in der Hand hielt, irritierte mich, genau wie an dem Tag, als er in der Schule gewesen war. Irgendwoher kannte ich ihn, doch gerade wollte es mir nicht einfallen. Angst verhinderte, dass ich klar denken konnte. Ich schluckte.

 

* Harry Potter Band 7, S. 617

„Herr, ihr wolltet mich sprechen?“, fragte ich. Meine Stimme klang ruhig, unbeteiligt, wie immer. Nagini, die in einem schimmernden, magischen Käfig war, schwebte in der Nähe seiner Schulter.

„Ja, das wollte ich. Wie verläuft die Schlacht?“

„… Herr, ihr Widerstand bröckelt.“

„- und das ohne deine Hilfe.“, sagte der Lord mit seiner hohen, klaren Stimme. „Du bist zwar ein fähiger Zauberer, Severus, aber ich denke nicht, dass du jetzt noch von großer Bedeutung sein wirst. Wir sind fast am Ziel … fast.“*

Meine Ahnungen schienen sich gerade zu bestätigen. Das hier war nicht gut, absolut nicht gut. Ich war nicht mehr von Bedeutung für den Lord, auch wenn er scheinbar nicht ahnte, dass ich ihm untreu war! Aber ich hatte Potter noch nicht gefunden! Potter, der mein Wissen brauchte, um es beenden zu können! Ich begann zu zittern, musste alles versuchen, was irgendwie möglich war, doch ich konnte nicht mehr klar denken. Alles schien so weit weg, so vernebelt zu sein. Ich spürte, wie mein Herz immer schneller schlug, als müsste es die Schläge, die es in meinem Leben schlagen sollte, jetzt noch schnell abarbeiten.

„Lasst mich den Jungen finden. Lasst mich Potter zu euch bringen. Ich weiß, dass ich ihn finden kann, Herr. Bitte.“*

Ich flehte. Nicht um mein Leben, nicht direkt jedenfalls. Um etwas mehr Zeit vielleicht. Aber um Potters Leben. Erregt begann ich, auf und ab zu laufen, musste mich einfach bewegen, um nicht zu schreien. In aller Ruhe stand der Lord von seinem Platz auf und trat auf mich zu.

„Ich habe ein Problem, Severus.“, sagte er leise.

„Herr?“*

Meine Angst vermehrte sich, ich spürte kalten Schweiß aus mir ausbrechen. Und als der Lord seinen Stab hob, wusste ich, woher er war. Und ich wusste auch, weshalb er hier auf den Schlossgründen gewesen war. Er hatte Albus‘ Grab geöffnet und dessen Stab entwendet! Mit einem bezeichnenden Blick darauf wandte sich der Lord erneut mir zu.

„Warum arbeitet er nicht für mich, Severus?“*

Was meinte er damit? Ich verstand es nicht, doch mein Gehirn begann langsam wieder mit der Arbeit und ich versuchte, die Informationen von Albus hervorzuholen. Etwas war damit, ich hoffte, dass es auch dafür eine Antwort in den Erinnerungen gab.

„H-Herr?“, sagte ich verdutzt. „Ich verstehe nicht. Ihr – ihr habt außergewöhnliche Zauber mit diesem Stab vollbracht.“

„Nein.“, entgegnete Voldemort. „Ich habe meine üblichen Zauber vollbracht. Ich bin außergewöhnlich, aber dieser Zauberstab … nein. Er hat die Wunder nicht offenbart, die er verheißen hat. Ich spüre keinen Unterschied zwischen diesem Zauberstab und dem, den ich vor all den Jahren bei Ollivanders erworben habe.“*

Obwohl sein Ton äußerst ruhig war, konnte ich den Zorn spüren, der in ihm pulsierte. Meine Gedanken machten sich selbständig, versuchten, einen Ausweg zu finden.

„Keinen Unterschied.“, sagte er erneut.*

Meine Gedanken rasten, so schnell, dass ich sie kaum noch fassen konnte. Nach und nach wurde mir klar, worauf es hinauslief. Mein Leben war nichts wert, nur tot konnte ich meinem Herrn dienen. Das hier musste der legendäre Elderstab sein und der Lord ging davon aus, dass er mir folgte, weil ich Albus, also den vorherigen Besitzer getötet hatte. Aber … Albus hatte ihn von Grindelwald, das wusste ich, weil er es einmal erwähnt hatte. Diesen hatte er nicht getötet und doch gehorchte ihm der Stab. Also war es nicht der Tod, um die Gefolgschaft des Stabes zu erhalten, der Sieg über den vorherigen Besitzer war entscheidend. Dann gehörte der Stab Draco, fiel es mir wie Schuppen von den Augen und mir wurde eiskalt. Hatte Albus das hier alles bereits geplant oder wenigstens vorausgesehen? Draco hatte Albus entwaffnet, bevor ich überhaupt am Ort des Geschehens war! Merlin, das durfte der Lord niemals erfahren! Ich musste Draco schützen, mit meinem Leben. Ich konnte nur hoffen, dass Potter schlau genug war, um den Rest zu erkennen und diesen Krieg zu beenden. Ich konnte ihm nicht mehr helfen, es gab keine Möglichkeit mehr. Ich sah auf und erkannte, dass der Lord eine Wanderschaft durch den Raum aufgenommen hatte. Konnte ich noch etwas tun?

„Ich habe lange und scharf nachgedacht, Severus … Weißt du, weshalb ich dich aus der Schlacht zurückgerufen habe?“*

Ich wusste es, aber er durfte es nicht ahnen. Mein Geist war verschlossen und ich verstärkte die Mauern noch weiter, während mein Blick versucht war, umher zu huschen. Die Schlange schien mich im Visier zu haben, ließ mich nicht aus den Augen. Ich musste einfach noch einen Versuch unternehmen, konnte nicht anders. Auch wenn ich wusste, dass es nichts brachte. Aber ich hatte es Lily versprochen. Würde ich sie bald wiedersehen?

„Nein, Herr, aber ich bitte euch, lasst mich zurückkehren. Lasst mich Potter finden.“

„Du klingst wie Lucius. Keiner von euch versteht Potter, wie ich es tue. Es ist nicht nötig, ihn zu finden. Potter wird zu mir kommen. Ich kenne seine Schwäche, musst du wissen, seinen einzigen großen Fehler. Er wird es verabscheuen, zusehen zu müssen, wie die anderen um ihn herum niedergestreckt werden, wohl wissend, dass es seinetwegen geschieht. Er wird dem um jeden Preis Einhalt gebieten wollen. Er wird kommen.“*

Oh ja, Potter würde kommen. Der Lord kannte ihn wirklich gut. Zu gut. Ich wusste, er hatte Recht, aber ich war nicht bereit, aufzugeben. So viel hatte ich bereits riskiert und auf mich genommen, ich WOLLTE das hier beenden, und zwar endgültig. Oder besser, von Potter beenden lassen. Er war wohl wirklich der Einzige, der dazu in der Lage war.

„Aber, Herr, er könnte versehentlich von einem anderen statt von euch getötet werden.“

„Meine Anweisungen an meine Todesser waren vollkommen klar. Nehmt Potter gefangen. Tötet seine Freunde – je mehr, desto besser -, aber ihn tötet nicht. Doch ich wollte über dich sprechen, Severus, nicht über Harry Potter. Du warst sehr nützlich für mich. Sehr nützlich.“*

Das Zittern verstärkte sich. Es war vorbei. Er hatte mich nicht enttarnt, vielleicht konnte ich einen schnellen Tod sterben. Und doch weigerte sich etwas in mir, einfach aufzugeben und versuchte weiterhin alles, um Potter zu helfen. Wenn der Bengel das nur wüsste, vielleicht würde er sogar ein wenig dankbar sein? Wahrscheinlich nicht, aber ich hatte nicht mehr viel, woran ich mich klammern konnte. Panik breitete sich in mir aus, begann im Magen zu rumoren und wanderte langsam aber sicher immer weiter, hinterließ überall in meinem Körper eisige Kälte.

„Mein Herr weiß, dass ich nur danach strebe, ihm zu dienen. Aber – lasst mich gehen und den Jungen finden, Herr. Ich will ihn zu euch bringen. Ich weiß, ich kann es.“

„Ich habe es bereits gesagt, nein!“, entgegnete er.*

Ich hatte seinen Zorn erregt und vielleicht, vielleicht half es mir, wenn ich schon Potter nicht mehr helfen konnte. Würde ich schnell und schmerzlos sterben? Der Lord schien ungeduldig, aber noch sehr beherrscht. Er ging weiterhin vor mir auf und ab, während ich es nicht schaffte, auch nur noch einen Schritt zu gehen, zu sehr zitterten meine Beine. Die Kälte hatte sich bereits bis in die Zehen ausgebreitet, sie waren taub.

„Meine Sorge im Augenblick ist, was geschehen wird, Severus, wenn ich endlich auf den Jungen treffe!“*

Nun, das wüsste er wohl gerne, aber ich hoffte immer noch, dass es anders kam, als er glaubte. Würde Potter es ohne meine Informationen schaffen?

„Herr, es ist doch gewiss keine Frage -?“

„- aber es gibt eine Frage, Severus. Es gibt eine.“*

Ich wusste nicht ganz, worauf er jetzt hinauswollte, aber ich ahnte es. Es ging ihm um die Gefolgschaft dieses Stabes. Und ich kannte die Antwort, würde sie ihm aber unter gar keinen Umständen geben. So lange er glaubte, dass der Stab mir gehörte, war Draco so sicher, wie er nur sein konnte.

„Warum haben beide Zauberstäbe, die ich benutzte, versagt, als ich sie gegen Harry Potter richtete?“

„Ich – ich kann das nicht beantworten, Herr.“*

Nein, das konnte ich nicht, denn das würde Dracos Leben beenden. Draco war mein Patensohn und ich liebte diesen Jungen, auch wenn ich es vielleicht nie gezeigt hatte. Mein Opfer war für ihn.

„Du kannst es nicht?“*

Zorn war offensichtlich, die Augen des Lords glühten förmlich und sein Blick spießte mich auf. Meine Barrieren hielten, allerdings war ich nicht sicher, ob ich diesen Zustand beibehalten konnte, wenn er wirklich in meinen Kopf eindrang und seinen Zorn nutzte. Ich konnte nur hoffen. Hastig durchsuchte ich meinen Geist nach Lücken und besserte die Barrieren aus. Die Gefahr für Dracos Leben ließ mich zu neuen Höchstleistungen auflaufen. Doch im Moment war der Lord nicht daran interessiert, meinen Geist zu durchsuchen. Er sprach weiter, beinahe wie zu sich selbst.

„Mein Zauberstab aus Eibenholz tat alles, was ich von ihm verlangte, Severus, außer Harry Potter zu töten. Zwei Mal versagte er. Ollivander erzählte mir unter Folter von den Zwillingskernen, er riet mir, den Zauberstab eines anderen zu nehmen. Das tat ich, aber Lucius‘ Zauberstab zerbrach, als er auf den von Potter traf.“

„Ich – ich kann es nicht erklären, Herr.“*

Und das konnte ich diesmal wirklich nicht. Es wäre in einer anderen Situation sicher interessant gewesen, darüber nachzudenken, aber hier konnte ich es nicht, auch wenn meine Gedanken rasten. Vorsichtshalber ließ ich meinen Blick auf der Schlange ruhen, zu viel könnte er gerade aus meinem Kopf holen, wenn er hineingelangte. Meine Angst konnte ich nicht mehr besiegen, und mich von ihr freimachen. Meine Barrieren waren lückenhaft. Ich schaffte es nicht, sie sicher zu halten.

„Ich suchte einen dritten Zauberstab, Severus. Den Elderstab, den Zauberstab, des Schicksals, den Todesstab. Ich nahm ihn seinem vorigen Herrn ab. Ich holte ihn aus dem Grab von Albus Dumbledore.“*

Obwohl ich es bereits wusste, trafen mich diese Worte wie ein Hammerschlag. Ich spürte, wie alles Blut aus meinem Gesicht wich, konnte mich nicht mehr bewegen. Jetzt war es endgültig, mit diesem Wissen ließ mich der Lord nicht weiterleben. Wenn ich doch nur eine Chance bekam, vorher noch mit Potter zu sprechen! Es machte mich wahnsinnig, dieses Wissen in mir nicht weitergeben zu können und möglicherweise umsonst zu sterben. Verurteilte ich damit die magische Welt dazu, unterzugehen? Unter Lord Voldemort leben zu müssen? Ich musste noch einen Versuch wagen, egal wie riskant das nun war.

„Herr – lasst mich zu dem Jungen gehen.“

„Diese ganze lange Nacht, in der ich meinem Sieg so nahe bin, sitze ich schon hier“, sagte er, seine Stimme kaum mehr ein Flüstern, „und ich frage mich, warum der Elderstab sich weigert, das zu sein, was er sein sollte, sich weigert, das zu leisten, was er der Legende nach für seinen rechtmäßigen Besitzer leisten muss … und ich glaube, ich habe die Antwort.“*

Die hatte ich auch. Leider. Schon die ganze Zeit wusste ich, dass es darauf hinauslief. Ich schwieg einfach nur, hatte keine Worte mehr. Nur noch Angst, nackte Panik.

„Vielleicht kennst du sie bereits? Du bist schließlich ein kluger Mann, Severus. Du warst mir ein guter und treuer Diener, und ich bedaure, was geschehen muss.“*

Nein, bitte nicht!

„Herr …“

„Der Elderstab kann mir nicht richtig dienen, Severus, weil ich nicht sein wahrer Meister bin. Der Elderstab gehört dem Zauberer, der seinen letzten Besitzer getötet hat. Du hast Albus Dumbledore getötet. Solange du lebst, Severus, kann der Elderstab nicht wahrhaft mir gehören.“

„Herr!“*

Ich konnte nicht anders, hob meinen Zauberstab. Obwohl ich froh war, dass er nicht auf die richtige Lösung kam, denn das würde meinen Patensohn mit in diese Sache hineinziehen und ihn umbringen. So konnte ich wenigstens Draco noch helfen, wenn es schon zu spät war, um Potter zu helfen. Ich betete darum, dass es schnell gehen würde. Das war die letzte Hoffnung, an die ich mich klammerte. Ein schneller Avada und alles war vorbei. Ich betete darum.

„Es gibt keinen anderen Weg. Ich muss den Zauberstab bezwingen, Severus. Den Zauberstab bezwingen, und dann werde ich endlich Potter bezwingen.“*

Als er seinen Stab schwang, war ich einen Moment überrascht, weil ich noch am Leben und frei von Schmerzen war, doch dann regte sich das Grauen in mir. Nagini war von ihrem Käfig frei und raste auf mich zu. Ich schrie panisch auf, Todesangst ergriff mich und ließ alles Blut aus meinem Kopf verschwinden. Und dann gab es nur noch wahnsinnige Schmerzen und Hitze, wo sich die Zähne in meinen Hals gruben. Immer tiefer hinein. Ich schlug mit den Händen nach ihr, egal wie sinnlos es erschien, mein Körper wollte das hier überleben, auch wenn mein Geist wusste, dass es zu spät war.

In meinen Ohren rauschte es, während ich auf den Boden stürzte, weil meine Beine mein Gewicht nicht mehr trugen. Der Schmerz übertraf alles, was ich bisher erlebt hatte, nicht einmal ein Cruciatus war so schlimm. Ich merkte, dass der Lord noch etwas sagte, aber ich hörte es nicht mehr, sah aus dem Nebel, wie er verschwand. Instinktiv versuchte ich, die Wunde abzudrücken, doch ich zitterte derart, dass es keinen Effekt hatte. Das warme Blut lief in Strömen über meine Hand und den Hals, mein Hemd war bereits nass. Langsam wurde mir immer wärmer und ich wusste, es war vorbei. Mit einem Mal hatte ich erneut panische Angst, nicht vor dem Tod, aber vor dem einsamen Sterben. Plötzlich sah ich eine Bewegung, die durch den Nebel auf mich zukam.

Ich versuchte, zu fokussieren, auch wenn es schwer war. Potter? War das wirklich …? Ich wollte etwas sagen, er musste es wissen, musste wissen, wie er den Lord töten konnte! Aber egal, wie ich es probierte, ich röchelte nur. Meine Hand klammerte sich wie von selbst in den Umhang des Jungen, der mir nahe war. So nahe, dass es tröstend wirkte. Ich war nicht alleine. Davor hatte ich immer Angst gehabt, alleine zu sterben, ohne dass jemand da war. Die Angst verschwand. Potter war hier, er ließ mich nicht alleine und … er musste es wissen. Mit letzter Kraft konzentrierte ich mich auf das, was er wissen musste.

„Nimm … es … Nimm … es …“*

Er hielt plötzlich eine Phiole in der Hand und nahm die Erinnerungen. Es müsste mir peinlich sein, denn ich hatte ihm alles gegeben, mein größtes Geheimnis. Doch ich würde tot sein, wenn er es ansah. Ich hatte keine Kraft mehr, wollte einfach nur noch, dass es endlich zu Ende war. Und doch …

„Sieh … mich … an …“*

Lilys Augen. Gütig, liebevoll, aber auch voller Schmerz und Trauer. Erst jetzt realisierte ich wirklich, wie ähnlich der Junge seiner Mutter war. Er sah mich an und ich war einfach nur noch erleichtert. Es war vorbei. Die Schmerzen wichen einem dumpfen Gefühl, Taubheit machte sich in mir breit und mir wurde ganz warm. Erleichterung durchflutete mich. Ich hatte es geschafft, Potter die Information zu geben! Er hatte das Wissen, das er brauchte, um den Lord zu vernichten! Jetzt lag es an ihm und auch, wenn ich ihm das nie auferlegen wollte, ich erkannte, dass er es schaffen konnte. Entschlossenheit spiegelte sich in diesen wunderschönen grünen Augen, die wohl das Letzte waren, was ich sehen würde. Ich verlor mich ihn ihnen. Und dann wurde es dunkel um mich und ich fühlte mich leicht. Die Augen gaben mir Hoffnung, Lily war da, schenkte mir Wärme und Geborgenheit. Es war vorbei, ich war frei.

 

ENDE

 

* Harry Potter Band 7, S. 660 – 666

Die Wärme um mich herum wurde intensiver, deutlicher. Noch immer war es schwarz vor meinen Augen, aber ich hörte auf zu zittern, die Schmerzen verschwanden, bis sie nur noch eine ferne Erinnerung waren. Die meisten Erinnerungen begannen zu verblassen, verschwanden allerdings nicht. Es war, als würde ich sie nun als Unbeteiligter in einem Denkarium vor mir sehen. Sie waren ein Teil von mir, aber nicht mehr an mich gebunden. Dadurch konnten sie mich nicht mehr belasten, mich nicht mehr schrecken. Eine alles umfassende Ruhe ergriff mich und ich ließ mich fallen. Mir war bewusst, dass nun alles vorbei war. Zumindest für mich. Der Krieg, die Spionage, das Doppelleben, die Foltern und die Qualen – vorbei. Ich wollte gar nicht, dass sich etwas an dem momentanen Zustand änderte. Einfach nur – Nichts. Süßes, seliges Nichtstun. Mich fallen lassen und die Wärme genießen. Diese herrliche Wärme nach all der Kälte im letzten Jahr. Die Schmerzfreiheit. Die Ruhe. Selbst die Dunkelheit, die nun nicht mehr bedrängend oder beängstigend, sondern absolut beschützend wirkte.

Doch scheinbar war mir selbst das nicht vergönnt, denn nach und nach wurde es heller um mich herum. Die absolute, nichtssagende und wirklich beruhigende Schwärze wich nach und nach einem seltsamen Dämmergrau, nur um immer noch heller zu werden, bis es letztlich strahlend weiß um mich war. Blendend. Und doch machte es meinen Augen nichts aus. Es war so langsam gegangen, dass es nie störte. Zeit war bedeutungslos. Dennoch wurde mir bewusst, dass ich es als lebender Mensch nie ausgehalten hätte, meine Augen in dieser strahlenden Umgebung offen zu lassen. Aber ich war tot. An Naginis Gift und dem Blutverlust gestorben.

Nein, nicht mehr daran denken, es war vorbei. Erleichterung durchströmte mich ein weiteres Mal und ich spürte, dass sich etwas in meinem Gesicht veränderte. Die Anspannung fiel von mir und meine Mimik veränderte sich. Es fühlte sich seltsam an, falsch und richtig gleichzeitig, doch ich wusste nicht einmal, wie ich gerade aussah. Es gab nichts in meiner Umgebung, alles war einfach nur weiß. Eine unendliche, strahlend-weiße Weite. Kein Boden, keine Wand, keine Decke. Nichts, nur weiß. Wie Nebel, der um einen herum war, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Ich konnte alles klar und deutlich sehen, obwohl es nichts zu sehen gab. Nur Unendlichkeit. Staunend sah ich umher, versuchte alle Details zu erkennen, die es eigentlich gar nicht gab. Mein Verstand war nicht in der Lage, dieses Nichts zu erfassen und wollte etwas sehen.

Noch immer fühlte sich mein Gesicht so anders an, daher tastete ich vorsichtig mit meinen Fingern. Die Berührung tat so unendlich gut. Meine Finger fühlten sich angenehm warm an. Schon seit Jahren hatte ich immer kalte Hände. Eine Nebenwirkung, wenn man in den Kerkern lebte. Und auch wenn ich das letzte Jahr meines Lebens im Direktorenturm verbracht hatte, so wusste ich doch, dass ich viel zu wenig gegessen hatte, sodass mein Körper nicht die Energie gehabt hatte, mich zu wärmen. All das verschwand langsam aus meiner Erinnerung, nur die Berührung meiner Fingerspitzen im Gesicht zählte nun. Ich ertastete das Kinn, das sich weich und glatt anfühlte. Mit beiden Händen fuhr ich den Unterkiefer nach, die Jochbeine, die glatten Wangen, über die Nase. Der Höcker, den ich hatte, seit meine Nase einmal gebrochen und nicht richtig zusammengewachsen war, schien nicht mehr da zu sein, ich konnte ihn nicht erfühlen. Vorsichtig tasteten die Fingerspitzen über die Lippen. Die Mundwinkel waren beiderseits nach oben gezogen und nun wurde mir klar, dass ich lächelte. Wie lange hatte ich nicht mehr gelächelt? Ich konnte es nicht sagen, offenbar war es schon viel zu lange her. Es fühlte sich fremdartig an, aber dennoch gut. Ein Kribbeln stieg in mir auf, es perlte durch meinen ganzen Körper und ich fühlte mich so leicht. Es stieg immer weiter auf, und als es in meinem Hals angekommen war, lachte ich. Einfach so. Ich war frei! So frei wie noch nie in meinem gesamten Leben! Nicht einmal in meiner frühesten Kindheit hatte ich das gefühlt. Mein Lachen verebbte leise. Das Kribbeln blieb mir und mit einem Mal realisierte ich, dass es wohl ein Glücksgefühl war.

„Es tut wirklich gut, dich endlich glücklich zu sehen.“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Ich fuhr herum, diese Stimme kannte ich.

„Albus?“, fragte ich verblüfft.

Es war Albus, und gleichzeitig auch wieder nicht. Seine Falten waren verschwunden, die Hand war rein und hell, als wäre nie etwas gewesen. Mit einem Funkeln in den Augen trat er auf mich zu, die Arme wie in einem Willkommensgruß erhoben. Sein Lächeln wurde breiter, als er mich ansah. Er wirkte jung, genauso gelöst, wie ich mich fühlte. Seine Robe war genauso strahlend weiß wie meine Umgebung, ebenso sein Haar und Bart, er fiel nur auf, wenn er sich bewegte, ansonsten sah man nur einen Teil seines Gesichtes und die Hände. Das Blau seiner Augen schien intensiver als früher. Ich blickte von ihm zu mir selbst und erkannte, dass ich wohl immer noch ich selbst war. Meine Robe war schwarz, tiefschwarz, aber sie sah absolut neu und perfekt aus. Das Blut war verschwunden, keine Flecken oder Löcher. Nichts. Eine Ahnung durchfuhr mich und ich krempelte den linken Ärmel nach oben. Nichts. Mein Arm zeigte nicht die geringste Spur.

„Das Mal?“, wisperte ich staunend.

Albus hob seine Hand, die nicht mehr tot aussah. „Hier ist alles vorbei!“, erklärte er geheimnisvoll.

„Wo bin ich hier?“ Ich musste es einfach wissen.

„Severus, mein Junge, du bist an dem Punkt, von wo aus du weitergehen kannst.“, erklärte Albus. „Du hast mehr geleistet, als ich dir jemals antun wollte. Es tut mir leid, dass ich dir das zugemutet habe. Mir war nie klar, wie schwer es für dich werden würde. Ich bin stolz auf dich, wie du all das gemeistert hast.“

„Es ist vorbei?“, hauchte ich. „Wirklich und endgültig vorbei?“ Die Erinnerungen waren noch da, auch wenn sie bereits begannen, zu verblassen.

Albus zog mich in die Arme. „Vorbei!“, versprach er leise und drückte mich an sich. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich, wie man sich als Sohn in den Armen seines Vaters fühlen sollte. Geborgen und geliebt. Albus hatte viele Fehler gemacht, und doch liebte er mich. Ich konnte ihm diese Fehler verzeihen, weil er mich jetzt so in seine Arme schloss, als wäre ich sein Sohn. Mit geschlossenen Augen lehnte ich mich in diese Umarmung, die mir so lange verwehrt gewesen war.

„Und Potter?“ Ich musste es einfach wissen.

Albus‘ Schmunzeln war an der Bewegung seines Bartes und an der Klangfarbe seiner Stimme zu erkennen. „Er hat es geschafft. Auch er war hier in der Zwischenwelt, aber er konnte zurückgehen. Voldemort hat geglaubt, dass er ihn getötet hat, aber er hat nur den Horkrux in Harry zerstört und der Junge hat es anschließend geschafft, dass Riddle seinem eigenen Todesfluch zum Opfer fiel. Er hat deine Informationen mit seinem Wissen kombiniert und war gleichzeitig im Besitz der Heiligtümer des Todes, was es ihm ermöglichte, über Riddle zu triumphieren. Inzwischen hat er auch erkannt, was deine Rolle war. Er trauert um dich. Auch Minerva und viele andere wissen nun, was du geleistet hast. Auch sie trauern um dich.“

Das ging mir gerade alles ein wenig zu schnell, war zu viel auf einmal. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Wie lange war ich in der Schwärze? Und wo war ich hier? War ich doch nicht frei? Ich spürte, dass ich erneut zu zittern begann.

„Komm.“, nahm Albus meinen Arm. „Du kannst entscheiden, ob du weitergehen willst, oder als Geist zurückkehren. Ich kann dir alles nochmal in Ruhe erklären, wenn du magst. Ich weiß, es ist viel.“

„Weitergehen? Wohin?“ Als Geist zurück und für immer auf der Erde gefangen? Niemals!

„Dann komm einfach, du wirst es sehen!“ Das Glucksen war zurück. Albus drehte sich mit mir im Arm und ich sah, dass das Weiß sich verändert hatte. Es war nicht mehr unendlich. Weit voraus sah ich Farbe, grün, gelb, blau, ein bisschen rot. Viele Abstufungen dazwischen. Etwas bewegte sich, und genau in diese Richtung führte mich Albus. Während wir gingen – es fühlte sich nicht wie Gehen an, da wir keinen richtigen Boden unter den Füßen hatten, aber ich dachte noch immer in menschlichen Bahnen, wie es schien – begann Albus erneut zu reden.

„Hier in der Zwischenwelt verläuft die Zeit anders als auf der Erde.“, erzählte er im Plauderton. „Alles geht gleichzeitig viel schneller und viel langsamer. Während du dich hier langsam orientiert hast, kam Harry ebenfalls hier an. Seine Vorstellung der Zwischenwelt war übrigens deutlich fantasievoller als deine, er hat sie in den Bahnhof Kings Cross verwandelt!“ Jetzt lachte Albus fröhlich auf. „Nun, er ging und stellte sich Voldemort im Wald, nachdem er deine Erinnerungen angesehen hat.“

„Was war das mit den Heiligtümern des Todes? Ich dachte, das ist nur eine Legende?“, unterbrach ich ihn.

„Nun, eine Legende mit einem wahren Kern. Harry hat sie gesucht und gefunden. Eines davon hatte er bereits.“

„Der Tarnumhang.“, war mir klar.

„Allerdings!“, gluckste Albus. „Den Stab hat Riddle an sich gebracht, als er mein Grab plünderte.“

„Das war also wirklich der Elderstab? Aber …“

„Ja, das ist er. Lass mich erzählen.“, bat Albus und ich nickte mit zusammengepressten Lippen. „Ich wusste, der Stab gehorchte dem jungen Mister Malfoy. Somit konnte Riddle ihn nicht beherrschen, denn es geht nicht darum, wer den vorherigen Besitzer tötet, sondern wer ihn besiegt. Und da war Riddles Denkfehler. Er glaubte, du seist der Besitzer des Stabes, und wenn er dich tötet, wird er ihm Folge leisten. Allerdings konnte das nie funktionieren, denn …“

„Draco hat dich entwaffnet, damals auf dem Turm.“, nickte ich. „Das war mir klar, dass dein Stab dem Jungen gehorchte. Nur, dass es sich dabei um den Elderstab handelte …“

„Richtig. Der nächste Teil jedoch war ungeplant.“, fuhr Albus fort. „Harry hat Mister Malfoy in Malfoy-Manor entwaffnet und sich so die Gefolgschaft des Elderstabes gesichert. Den Stein der Auferstehung habe ich in dem Ring gefunden, den ich damals dummerweise auf meinen Finger steckte.“ Ich erinnerte mich schaudernd. „Schon gut, mein Junge, das war nicht dein Fehler, du hast großartige Arbeit geleistet und mir dummen alten Mann das Leben zumindest in dem Moment gerettet! Nun gut, also Harry hatte alle drei Heiligtümer. Er ging damit in den Wald und stellte sich Riddle. Der hat den Todesfluch auf ihn gesprochen und damit den Horkrux in Harry getötet. Harry wachte wieder auf und konnte sich ihm erneut entgegenstellen, dabei versuchte Riddle, einen Todesfluch mit dem Elderstab auf ihn zu sprechen, doch Harry sprach einen Entwaffnungszauber, wodurch der Fluch abgelenkt wurde, da der Stab nicht von seinem Besitzer genutzt wurde. So hat Harry Voldemort endgültig vernichtet und dabei überlebt. Er hat den Elderstab vernichtet und den Stein der Auferstehung fallen gelassen, etwas, wozu ich wohl nie im Stande gewesen wäre.“

Der Junge hatte tatsächlich alle Heiligtümer des Todes gehabt und sie aufgegeben? Er war Lily noch viel ähnlicher, als ich in der Hütte geglaubt hatte, zu erkennen. Immer hatte ich mich in ihm getäuscht und mir wurde ganz seltsam zumute. Mein Bauch zog sich zusammen und ich konnte kaum atmen. Schuld. Und Scham. Ich schämte mich, den Jungen immer so behandelt zu haben. Ich hatte ihn dafür gehasst, seinem Vater ähnlich zu sehen, und dabei ignoriert, dass er doch eigentlich ein Abbild von Lilys Seele war. Ohne dass ich es verhindern konnte, bahnte sich eine Träne den Weg aus meinem Auge. Ich spürte, wie sie sanft weggewischt wurde.

„Nicht, Severus, es ist vorbei. Er versteht es nun.“, beruhigte mich Albus. Und seltsamerweise beruhigten mich die Worte tatsächlich, da ich spürte, wie wahr sie waren. „Er hat die Erinnerungen gesehen und sich geschämt, dass er dich so abfällig behandelt hat. Er weiß nun, dass du nicht anders konntest, als seinen Vater in ihm zu sehen, weil er genauso gehandelt hat, wie du es von James erwartetest. Vergib dir selbst, Harry hat dir bereits vergeben!“

Harry. Er war nicht mehr Potter, sondern Harry. Lilys Sohn. Seine Augen waren das Letzte, was ich in meinem Leben gesehen hatte. Er war bei mir geblieben, hatte mich in meiner Angst nicht alleine gelassen. Er hatte mein Sterben erleichtert, obwohl es für ihn sicher nicht leicht gewesen war. Der Junge war gerade mal siebzehn Jahre, da sollte man nicht Menschen beim Sterben begleiten, die von einem Irren mit Hilfe einer Schlange grausam getötet wurden. Die Erinnerung ließ mich zittern und meine Finger erspürten die Stelle an meinem Nacken, wo Nagini mich gebissen hatte. Ich glaubte fast, das Blut zu fühlen, die tiefen Wunden, die die gifttropfenden Fänge hinterlassen hatten. Doch da war nichts. Meine Haut war glatt, unverwundet. Da war kein Blut. Kein Schweiß, nichts.

„Ich bin tot, oder?“ Ich musste es einfach hören.

„Natürlich!“, bestätigte Albus mit einem Lächeln. „Aber der Tod ist nicht das Ende.“

„Doch, es ist ein Ende.“, widersprach ich. „Das Ende dieses Lebens, in dem ich nie glücklich war, außer mit Lily zusammen.“

„Ich bin hier!“

Ruckartig fuhr mein Kopf herum und ich starrte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Da war sie. Die roten Haare leuchteten in der Sonne wie flackerndes, warmes Feuer. Die grünen Augen strahlten Wärme aus und hießen mich willkommen. Kein Makel verunzierte ihr lächelndes Gesicht, sie war einfach perfekt.

„Lily?“ Ich konnte es kaum glauben.

Sie lachte und fiel mir um den Hals. „Sev!“, murmelte sie. „Ich bin froh, dass es dir gut geht! Du hast Harry beschützt, auch wenn es dir wirklich schwer gemacht wurde und ich bin traurig, dass du dabei sterben musstest.“

„Ich nicht.“, unterbrach ich sie und sie blickte mich erschrocken an. „Lily, ich bin froh, dass es vorbei ist. Das Leben hat nichts mehr geboten für mich. Ich war alleine, und ich glaube nicht, dass ich je hätte vergessen können.“ Ich schluckte mehrmals, um das Schluchzen, das in meiner Kehle aufstieg, zu stoppen. Alle Erinnerungen drangen auf einmal auf mich ein und überrannten mich geradezu.

Lilys Arme hielten mich, gaben mir Sicherheit. Schluchzer schüttelten mich, doch diesmal schämte ich mich nicht. Lily murmelte besänftigend in mein Ohr. „Das ist vorbei, Sev. Du wirst es nie vergessen, aber hier können dich die Erinnerungen nicht mehr quälen. Du bist in einem neuen Leben und kannst neu anfangen. Quäl dich nicht selbst, du hast genug gelitten. Du hast den Krieg beendet, ohne dich hätte mein Sohn es nie geschafft. Sei stolz auf dich, ich jedenfalls bin es.“

Ich lehnte mich an sie, spürte die Wärme, die sie an mich abgab, die die Kälte aus mir vertrieb. Sie heilte meine Seele und mit einem Mal wusste ich, es stimmte. Jedes Wort, das sie gesagt hatte, würde wahr sein, wenn ich es zuließ. Es hing von mir ab. Meine Wange lag an ihrer Schulter, ich konnte ihren Herzschlag spüren. Auch wenn mein Verstand mir sagte, dass es unlogisch war, denn wir waren tot und unsere Herzen schlugen nicht mehr. Aber dieses Geräusch gab mir den inneren Frieden, den ich brauchte, um meine Vergangenheit zurückzulassen. Ich konnte neu anfangen, und diesmal würde alles gut werden. Hier hatte ich eine Familie, die mich liebte und ich fühlte mich geborgen. Albus stand noch immer neben mir und hatte eine Hand auf meine Schulter gelegt, strich liebevoll über meinen Rücken. Vor etwa einem Jahr hatte ich ihn zum ersten Mal als meinen Vater gesehen und ich wusste, nun war er es wirklich.

Für immer.

Autorennotiz

Das hier war nicht leicht zu schreiben, aber es ist mir sehr wichtig... Ich war immer der Meinung, dass JKR ihrem eigentlichen Held viel zu wenig Aufmerksamkeit widmete und will das nun hier nachholen! Ich halte mich eng an die Buch-Vorlage, daher kommen auch immer wieder Zitate vor, aber ich schreibe aus der Sicht von Severus. Viel Spaß dabei! --- Die Figuren und Handlungsorte sind von JKR ausgeliehen und ich verdiene kein Geld hiermit!

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Autor

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Kapitel:25
Sätze:4.221
Wörter:49.677
Zeichen:291.939

Kurzbeschreibung

Beginnend in Band 6 mit der Szene auf dem Astronomieturm... Aus der Sicht von Severus Snape. Sein letztes - und wahrscheinlich auch schrecklichstes - Jahr. Ich finde, JKR hat ihm viel zu wenige Worte gewidmet, dabei ist er eigentlich der Held der Geschichte, der am Ende den Sieg ermöglichte...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre) und Charaktertod getaggt.

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