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Wie Kim auszog die Liebe zu suchen und nur Probleme fand

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22.12.2019 14:13
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit
Als Kim an diesem ganz gewöhnlichen Montagmorgen ins Büro kam und sah, dass sämtliche Schreibtische unbesetzt waren und das, wo er sowieso schon fünf Minuten zu spät war, bekam er kurz einen Schreck, weil er dachte, er hätte irgendeine wichtige Besprechung verpasst.

Aber dann hörte er Stimmen und stellte erleichtert fest, dass sich die Büroaktivität geschlossen von den Schreibtischen zur Kaffeemaschine verlagert hatte wo seine drei Kolleginnen eifrig ins Gespräch vertieft waren.

Kim stellte seine Tasche auf seinen Schreibtisch direkt neben der Tür und gesellte sich dann dazu. "Was ist denn hier los?" erkundigte sich, während er nach einem Becher griff, um als Einziger der gänzlich unbeachteten Kaffeemaschine ihrer Bestimmung zuzuführen.

"Du wirst es nicht glauben!" erwiderte Melanie und grinste ihn an. "Kathrin hat durch Zufall in der Kantine gehört, dass wir jetzt doch endlich mal einen neuen Mitarbeiter bekommen."

Kathrin nickte bestätigend. "Unglaublich, aber wahr wurde dann doch endlich mal erkannt, dass wir hier ziemlich überlastet sind. Und natürlich erfahren wir nicht per Rundschreiben davon, sondern in der Kantine. Wie üblich ist die Kommunikation in diesem Saftladen eine Katastrophe!"

"Uuuuund.." mischte sich Louisa als Dritte im Bunde ein. "Es ist ein Mann. Anfang dreißig und vielleicht ja noch Single." Sie klatschte einmal in die Hände. "Das ist meine Chance."

"Moment mal," protestierte Kathrin und legte Kim die Hand auf den Arm. "Du hattest doch erst letztens was mit diesem Typ aus der Poststelle, du bist erst mal raus. Kim ist jetzt endlich mal an der Reihe sein Liebesleben ein bisschen aufzupeppen."

"Vielen Dank für deine Hilfe," erwiderte Kim sarkastisch. Er freute sich zwar auch sehr über die Aussicht, bald vielleicht nicht mehr in Papierkram zu ertrinken aber über die Richtung, die dieses Gespräch grade nahm, freut er sich nicht. Sein Kaffee war inzwischen durchgelaufen und er nahm seine Tasse und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Schreibtisch, während er Louisa hinter sich "Wie hoch ist bitte die Wahrscheinlichkeit, dass er auch schwul ist? Eher gering, nicht?!" sagen hörte. Und dann seufzte er einmal tief, weil sie damit natürlich absolut Recht hatte.

Aber selbst wenn die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen wäre, hätte sich Kim keine Hoffung gemacht, denn etwas mit jemandem von der Arbeit anzufangen, vorallem, wenn er dann auch noch im selben Büro saß, stand für ihn völlig außer Frage.

Und jetzt war auch keine Zeit, sich weiter mit solchen Gedanken zu beschäftigen, denn der Stapel Papier der sich auf seinem Schreibtisch auftürmte hätte eigentlich schon vorgestern erledigt sein müssen und musste jetzt dringend abgearbeitet werden. Aber obwohl Kim versuchte, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken hin und wieder doch zu dem neuen Kollegen wanderten.

Um kurz nach neun war es dann soweit: Die Tür öffnete sich und herein kam Herr Schubert, ihr Chef, gefolgt von einem blonden Mann, bei dessen Anblick Kim sofort das Wort ,hetero' ansprang. Aber damit hatte er ja sowieso gerechnet. Was ihn aber nicht davon abhielt den kleinen Wackelkopf-Batman, den Melanie ihn zum letzten Geburstag geschenkt hatte und der seitdem gut sichtbar auf seinem Schreibtisch stand, schnell in der Schublade verschwinden zu lassen.

Der Neue sah wirklich nicht schlecht aus, er zwar nicht sehr groß, aber dafür ziemlich blond mit einem gewinnenden Lächeln und als Kim Louisa einen kurzen Blick zuwarf, sah sie absolut nicht abgeneigt aus.

"Das ist Herr Mark Neumann, der Sie ab heute unterstützen wird," sagte der Chef und wandte sich an Melanie. "Frau Lange, Sie als Dienstälteste werden ihn einarbeiten."

Melanie nickte, während Louisa ziemlich enttäuscht aussah, dass die Aufgabe nicht ihr übertragen worden war. Während der Neue und der Chef mit Melanie ein paar Einzelheiten besprachen, kam sie zu Kim und stellte sich dicht neben ihn. "Und?" flüsterte sie und zupfte an seinem Ärmel. "Was sagt dein Radar?"

"Du kannst dich freuen, denn es sagt ,eindeutigt hetero' erwiderte Kim ebenso leise und Louisa strahlte. "Und er trägt keinen Ring. Wunderbar."

Sie verlor dann auch keine Zeit, sich mit dem Neuen bekannt zu machen, denn als Melanie grade durch ein Telefonat abgelenkt war, bot sie ihm an, ihm das Büro zu zeigen, in dem es außer den Schreibtischen, einem Schrank, dem Wasserspender und der Kaffemaschine sowie diversen Pflanzen nichts zu sehen gab. Aber der Neue war sofort Feuer und Flamme und anhand des Gesichtsausdruck, mit dem er Louisa ansah, schienen sich da zwei gefunden zu haben.

Kim beobachtete sie aus den Augenwinkeln, während er so tat, als wäre er eifrig am Computer beschäftigt und der Drang zu seufzen stieg wieder in ihm auf. Er wünschte, ihm würde es auch so einfach fallen, mit jemandem anzubandeln. Aber im Gegensatz zu Louisa, die auch gegen ein kurzes Abenteuer nichts einzuwenden hatte, hatte Kim die Vorstellung von der großen romantischen, erwigwährenden Liebe. Und manchmal  hasste er sich selbst dafür, weil sie sein Leben nur unnötig verkomplizierte, kam aber auch nicht davon weg.

"Warum probierst du nicht einfach doch mal Online-Dating?" fragte Niklas und aufgrund der Tatsache, dass das nicht das erste Mal war, dass er Kim diese Frage stellte hätte der am liebsten genervt mit den Augen gerollt. Aber er konnte das Bedürfnis erfolgreich unterdrücken, vorallem, weil das eine entsprechende Reaktion von Niklas herausbeschworen hätte. Auf die Kim keine Lust hatte.

Genau, wie er eigentlich keine Lust auf Niklas' Gesellschaft hatte. Er wollte einfach nur in der Kneipe, über der seine Wohnung lag und in der er häufiger mal vorbeisah, ein Feierabendbierchen trinken und sich dabei etwas selbst bemitleiden. Aber Niklas, den er hier kennengelernt hatte als sie zufällig bemerkt hatten, dass sie dem gleichen Kerl hinterher gesehen hatten, war leider auch oft hier und immer gerne dazu bereit, Kim gute Ratschläge zu erteilen, die der gar nicht hören wollte. Genau, wie er es grade getan hatte.

"Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich darauf keine Lust hab, weil da doch eh alle nur vögeln wollen," erwiderte Kim und Niklas zog die Augenbrauen hoch. "Nicht nur," widersprach er. "Mit dem einen Typen, mit dem ich mich damals getroffen hab, war ich danach immerhin über einen Monat zusammen."

"Ja, nachdem ihr beim ersten Treffen erst mal sofort ins Bett gegangen seid," erwiderte Kim und Niklas schüttelte den Kopf. "Was bist du eigentlich? Ein Asket? Ab und zu mal einfach nur rumzuvögeln ist doch ne feine Sache. Und ich denke mal, dir würde das auch mal wieder guttun. Dein letztes Mal war doch mit diesem schmierigen Autoverkäufer und ist schon ewig her!"

Wieder einmal bereute Kim es, dass er Niklas damals davon erzählt hatte. Aber zu der Zeit hatte er auch noch nicht gewusst, wie der so drauf war. "Dann bin ich halt ein Asket," erwiderte er, um diese Unterhaltung zu beenden, was Niklas dazu veranlasste, die Hand auf seinen Arm zu legen und ihn mitleidig anzusehen.

Kim reagierte darauf, indem er den Rest Bier in seinem Glas in einem Zug austrank und sich dann vom Barhocker schwang. "Ich geh dann jetzt. Schönen Abend noch!" Und ehe Niklas noch was sagen konnte, hatte Kim die Kneipe auch schon verlassen.

Wenn es nach Kim gegangen wäre, dann hätte es wegen des Neuen ruhig noch ein paar Tage trubelig bleiben können, einfach wegen der Abwechslung.Aber leider war Mark nicht auf den Kopf gefallen und nachdem Melanie ihm einen Tag alles intensiv erklärt hatte, kam er dann auch sehr schnell mit allem klar. Sogar mit dem PC-Programm, das, wie Kim aus eigener Erfahrung wusste, nicht grade unkompliziert war.Natürlich hatte Mark trotzdem noch die ein oder andere Frage, aber im Großen und Ganzen war er schon sehr bald eine große Hilfe.

Dazu kam, dass er einfach ein netter unkomplizierter Mensch war, der sich sofort in ihre kleine Gemeinschaft hineingefunden hatte und schon am Donnerstag nahm es ihm niemand übel, dass er in die liebevollen Frotzeleien bezüglich Kims nicht vorhandenem Liebesleben und Melanies Toneulensammlung mit einstieg.

Und so fühlte es sich bald an, als wäre er schon immer da gewesen und der graue Alltag kehrte wieder ein. Auf den Kim noch ein bisschen hätte verzichten können. Und da er erst mal keine Lust mehr hatte, Niklas zu begegnen, hieß das, dass er zwischen der Arbeit und seiner Wohnung hin und her pendelte und die Abende vor dem Fernseher verbrachte. Was ihm natürlich absolut nicht gefiel. Natürlich hätte er ein wenig im Freundeskreis herumtelefonieren und dann sicher auch jemanden gefunden, mit dem er den Abend hätte verbringen können, aber da alle anderen in der Stadt wohnten und er kein Auto besaß, hätte er da erst mit dem Bus hinfahren und am Ende auch irgendwie wieder zurückkommen müssen. Das Problem dabei war, dass ab einer gewissen Uhrzeit überhaupt kein Bus mehr fuhren und Kim war zu geizig, um Geld für ein Taxi auszugeben. Natürlich hätte er auch bei Bastian, seinem besten Freund seit Kindertagen, vorbeischauen können, der eine halbe Stunde Fußweg von ihm entfernt wohnte, aber er hatte das Gefühl, dass er sowieso viel zu oft bei ihm herumhing und deswegen auch gelegentlich ein schlechtes Gewissen. Weswegen Bastian hier jetzt nicht in Frage kam.

Am einfachsten wäre es gewesen, wenn schon schon jemand da gewesen wäre, mit dem er zusammen hätte fernsehen können. Aber dann stand Kim wieder vor dem gleichen Dilemma wie sonst, weil er einfach nicht wusste, wie er so jemanden kennenlernen sollte. Er hatte kein Interesse daran, in irgendwelche Schwulenbars oder -clubs zu gehen, weil er sich da vorgekommen wäre, wie auf dem Präsentierteller. Und da würde er dann vermutlich auch nur so oberflächliche Bekanntschaften machen, wie bei Niklas' Online-Dating.

Allerdings könnte ihm soetwas auch passieren, wenn er jemand beim Sport, den er nur gelegentlich machte, oder vielleicht beim Einkaufen kennenlernte. Und war nicht sogar seine letzte Beziehung vor drei Jahren nicht mehr als eine oberflächliche Bekannschaft gewesen, weil sie es nicht länger als ein Jahr miteinander ausgehalten hatten? Und das, wo eine gemeinsame Freundin sie doch damals miteinander verkuppelt hatte, weil sie angeblich ,so gut zusammenpassten'.

Am besten wäre es gewesen, sich komplett von seinem romantischen Ideal zu verabschieden, vorallem, weil das sowieso nicht mehr zeitgemäß war, sich, wie alle anderen auch, auf oberflächliche Bekannschaften einzulassen und dann zu gucken, was daraus wurde. Und vielleicht würde er dann ja sogar Glück haben. Die Wahrscheinlichkeit war jedenfalls um Einiges höher als wenn er hier alleine auf dem Sofa saß und auf den Fernseher starrte.

Er nahm sein Handy in die Hand und hatte schon die ersten Buchstaben der Adresse der Seite eingetippt, die Niklas ihm vor einiger Zeit empfohlen hatte – aber dann legte er das Gerät wieder zurück auf den Tisch. Denn ein sehr dominanter Teil in ihm weigerte sich, trotz aller guten Argumente, einfach, aufzugeben. Schließlich er hatte ja praktisch ständig vor Augen, dass es auch genau so funktionieren konnte, wie er es wollte. Und zwar in Form von Bastian.

Sie hatten fast alles zusammen durchgemacht: Kindergarten, Grundschule, Gymnasium. Erst danach hatten sich ihre Wege getrennt. Kim hatte die Ausbildung zum Bürokauffmann gemacht und Bastian war zum Studieren weggegangen. Und da hatte er dann Greta kennengelernt. Sie hatten beide an der Bushaltestelle gestanden, als es anfing zu regnen und natürlich gab es kein Wartehäuschen, um sich unterzustellen. Bastian hatte vorsorglich seinen Schirm mitgenommen aber Greta hatte keinen gehabt und da sie Bastian vorher schon aufgefallen war, war er natürlich zu ihr hingeeilt und hatte den Schirm über sie gehalten. Sie waren ins Gespräch gekommen, sofort auf einer Wellenlänge gewesen und als der Bus schließlich kam, waren sie nicht eingestiegen, weil sie da bereits in dem Café auf der anderen Straßenseite gesessen und sich angeregt unterhalten hatten.

Als Bastian ihm davon erzählt hatte, fand Kim das auf der einen Seite absolut wunderbar, aber auf der anderen Seite konnte er nicht verhindern, doch ein kleines bisschen neidisch zu sein. Wovon er Bastian natürlich nie erzählt hatte. Genau so wenig wie, dass er danach auch anfing, an Regentagen nach Kerlen ohne Regenschirm Ausschau zu halten. Bis ihm dann bewusst wurde, dass er, im Gegensatz Bastian, das Problem hatte, dass er nicht wissen konnte, ob er bei einem Annäherungsversuch nicht vielleicht eine Prügelei riskieren würde. Also hatte er sein Vorhaben nie in die Tat umgesetzt, aber häufiger davon geträumt, wie es wäre, wenn es doch geklappt hätte.

Bastian und Greta waren nach acht Jahren immer noch unzertrennlich und wohnten inzwischen in der umgebauten Scheune auf dem Hof von Bastians Eltern, den der irgendwann übernehmen würde.

Und nach acht Jahren ohne größere Streitereien, zumindest hatte Kim nie mitbekommen, dass es bei ihnen mal groß gekracht hatte und Bastian erzählte ihm eigentlich immer alles, war der nächste Schritt dann auch ziemlich klar.

Kim, der am Wochenende eigentlich so gut immer bei den beiden zu Besuch war, war deswegen auch wenig überrascht, als Bastian sich, nachdem Greta im Bad verschwunden war, zu ihm umdrehte und mit glänzenden Augen sagte: "Ich werde sie nächste Woche fragen, ob sie mich heiraten will."

"Wie schön", erwiderte Kim und meinte es auch genau so, obwohl er nicht verhindern konnte, einen leichten neidischen Stich zu spüren.

"Den Ring hab ich schon gekauft und natürlich gut versteckt", sagte Bastian grinsend. "Am Dienstag hat sie frei, ich werd mit ihr einen langen Spaziergang im Wald machen und sie dann fragen. Mit Kniefall und allem."

"Da wird sie dann definitiv nicht nein sagen können!", war Kim überzeugt. Er selbst hätte so einen Antrag jedenfalls nicht ablehnen können.

"Ja, da geh ich von aus!" Bastian lehnte sich im Sessel zurück und lächelte sein selbstzufriedenes Lächeln, das Kim schon seit dem Kindergarten kannte. "Und dann, wenn alles in trockenen Tüchern ist, dann hätte ich dich gerne als Trauzeugen."

"Klar, gerne!", sagte Kim wie aus der Pistole geschossen. Beinahe hätte er auch noch ,Es wäre mir eine Ehre'hinzugefügt, aber das empfand er dann doch als ein bisschen zu dick aufgetragen. Also sagte er nichts weiter, obwohl er das Gefühl hatte, noch irgendetwas hinzufügen zu müssen. Aber selbst, wenn ihm noch was eingefallen wäre, kam Greta in diesem Moment zurück ins Wohnzimmer und sie wechselten schnell das Thema.

Von diesem Moment an war die bevorstehende Hochzeit das Einzige, an das Kim grade denken konnte. Nicht nur, weil er sich unglaublich für diese beiden wunderbaren Menschen freute, sondern weil es ihm deutlich vor Augen führte, wie weit er selbst davon noch entfernt war. Aber bevor er deswegen noch deprimiert wurde, konzentrierte er sich lieber darauf, die ersten Ideen für seine Rede als Trauzeuge, die ihm spontan eingefallen waren, aufzuschreiben.

Das Thema ließ ihn allerdings nicht in Ruhe. Als er am Sonntag zum einmal im Monat stattfindenden Familienessen kam und seine Mutter ihm die Haustür öffnet, sagte sie erst "Hallo, mein geliebter Sohn!", dann umarmte sie ihn einmal fest und noch während dieser Umarmung fragte sie betont dramatisch: "Wo ist denn mein zukünftiger Schwiegersohn? Ich hatte so gehofft, du würdest ihn endlich mal mitbringen."

Kim verdrehte die Augen, was sie aber glücklicherweise nicht sehen konnte, da sie ihn immer noch umarmte. Auf diesen Spruch hätte er eigentlich vorbereitet sein müssen, schließlich brachte sie ihn gefühlt bei jedem zweiten Treffen, aber während er Kim ansonsten nur auf die Nerven ging, hatte er jetzt, angesichts Bastians bevorstehender Hochzeit, einen ziemlich faden Beigeschmack. "Du wirst es als Erste erfahren, wenn ich ihn kennengelernt habe", antwortete er trotzdem das Gleiche wie sonst auch immer und nahm sich vor, Bastians Hochzeit auf keinen Fall anzusprechen. Seine Mutter war immer noch eng mit Bastians Mutter befreundet und würde es früher oder später sowieso von ihr erfahren.

Der Rest der Familie war schon da und saß am Tisch, auf dem auch bereits das Essen stand und Kim beeilte sich seine Jacke auszuziehen und sich dazu zu setzen.

Aber auch, wenn er weder Bastians Hochzeit noch sonst irgendwelche Beziehungs-Themen ansprach, genügte allein seine bloße Anwesenheit, dass die Sprache dann doch irgendwann darauf kam.

Den Anfang machte seine Schwester Vivienne, als sie sich mitten in der gefräßigen Stille, in der alle mit ihrem Essen beschäftigt waren, plötzlich an Kim wandte, der neben ihr saß und mit einem breiten Lächeln sagte: "Ach, das hätt ich beinahe vergessen, wir haben da einen Neuen im Yoga-Kurs, der würde dir sicher gefallen. Er ist lieb, groß und total beweglich." Sie gestattete sich ein kurzes anzügliches Grinsen und die Tatsache, dass ihre Mutter genau so saß, dass sie es sehen konnte, ließ Kim rot werden.

"Soll ich da vielleicht mal was arrangieren?" fragte Vivienne, der sein Rotwerden nicht entgangen war, unschuldig.

"Nein, danke!" erwiderte Kim würdevoll. So verzweifelt, sich von seiner Schwester verkuppeln zu lassen, war er definitiv nicht.

"Ach komm schon, nimm das Angebot doch an", mischte sich da sein Bruder Michael ein. "Dann bringst du auch endich mal jemanden bei der nächsten Familienfeier mit und stehst nicht da, wie das fünfte Rad am Wagen." Das meinte er natürlich scherzhaft, aber es machte Kim trotzdem wütend. Er schnitt ihm eine Grimasse und widmete sich dann aufmerksam seinen Kartoffeln, wobei er hoffte, dass sich das Thema damit erledigt hatte.

Es war natürlich niemandem entgangen, wie unangenehm das Gespräch für ihn war und schließlich hatte sein Vater Erbarmen und fing an, eine lustige Geschichte zu erzählen, die ihm auf der Arbeit passiert war. Sehr zu Kims Erleichterung, der schon kurz davor gewesen war, aufzustehen und zu gehen.

Am Dienstagnachmittag fing Kim dann plötzlich an, ein wenig nervös zu werden. Bastian hatte ihm zwar keine Uhrzeit gesagt, wann er Greta den Antrag machen wollte, aber Kim vermutete, dass es irgendwann nachmittags passieren würde. Und bis jetzt hatte er auch noch keine Nachricht von ihm diesbezüglich erhalten, also war sicher noch nichts passiert. Und jetzt war er wahrscheinlich stellvertretend für Bastian nervös, der bestimmt die Ruhe selbst sein würde. Das letzte Mal, dass Kim ihn nervös gesehen hatte, war kurz vor seiner Abiprüfung in Deutsch gewesen, einem Fach, das ihm nie wirklich gelegen hatte.

Aber auch als der Nachmittag schießlich in den Abend überging und Kim seinen üblichen Platz auf seiner Couch vor dem Fernseher eingenommen hatte, hatte Bastian sich noch nicht bei ihm gemeldet. Kims Nervosität war aber inzwischen verschwunden. Bastian meldete sich vermutlich nicht, weil sie grade zusammen mit seinen und vielleicht auch Gretas Eltern die Verlobung feierten. Und er würde sicher morgen oder auf jeden Fall in den nächsten Tagen einen ausführlichen Bericht erhalten.

Dass er kurz eingenickt war, merkte Kim erst, als ihn die Türklingel aus dem Schlaf riss. Er brauchte einen Moment, um sich zurecht zu finden und nachdem er einen kurzen Blick auf die Uhr an der Wand geworfen hatte, stand er auf und ging zur Tür. Es war neun Uhr abends und natürlich erwartete er um diese Zeit niemanden mehr, also vermutete er, dass auf der anderen Seite der Tür keine guten Nachrichten auf ihn warteten.Er öffnete sie mit einem unguten Gefühl und es dauerte einen Moment bis er die Gestalt, die da im dunklen Treppenhaus stand, als Bastian identifizieren konnte.

Kim war so überrascht, ihn da stehen zu sehen, dass er für einen Moment unfähig war, zu reagieren. Dann ging das Licht im Hausflur plötzlich an und er konnte Einzelheiten erkennen. Wie Bastians rote verschwollene Augen, als hätte er ziemlich heftig geweint und die halbleere Flasche in seiner Hand, deren Etikett sie eindeutig als eine Wodkaflasche auswies. Erst jetzt gelang es ihm, sich aus seiner kurzzeitigen Erstarrung zu reißen. "Du liebe Güte, was ist passiert?" rief er dann erschrocken, obwohl er es sich schon sehr gut vorstellen konnte.

Bastians "Greta hat mit mir Schluss gemacht!" erschütterte Kim dann trotzdem bis ins Mark, sodass er zu mehr als einem "Was?!" nicht fähig war.

 

Nach einer halben Flasche Wodka war Bastian natürlich nicht mehr der Sicherste auf den Beinen. Kim half ihm dabei, seine Jacke auszuziehen und stütze ihn dann ein wenig, während sie durch den Flur in Richtung Wohnzimmer gingen. Er hatte sich immer noch nicht richtig von dem Schock erholt, wobei er sich fragte, worüber er mehr schockiert war: Darüber, dass Greta wirklich mit Bastian Schluss gemacht hatte, an dem Tag, an dem er um ihre Hand anhalten wollte, oder, dass es das Erste war, an das Kim grade gedacht hatte. Wo er sich doch immer sicher gewesen war, dass Greta und Bastian unzertrennlich waren. Andererseits, was hätte er sonst denken sollen, als der verheulte Bastian vor seiner Tür stand?

 

Der ließ sich jetzt mit einem lauten Seufzer auf Kims Couch fallen, stellte die Wodkaflasche auf den Tisch und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Am Zucken seiner Schultern erkannte Kim, dass er wieder zu weinen angefangen hatte und er hatte keine Ahnung, wie er sich jetzt verhalten sollte. Das letzte Mal, an das er sich erinnern konnte, dass er Bastian hatte weinen sehen, war im Kindergarten gewesen. Danach hatte er immer den Eindruck gemacht, in sich zu ruhen und sich auch von dem schwersten Schicksalsschlag nicht unterkriegen zu lassen. Wobei das mit Greta wohl der erste schwere Schlag war, mit dem er bis jetzt konfrontiert worden war, denn Kim hatte ihn noch nie voher so fertig gesehen.

 

Kim setzte sich ihm gegenüber in den Sessel und legte die Hände in den Schoß. Er war mit der Situation grade ziemlich überfordert, weil er keine Ahnung hatte, was er machen sollte. Sollte er Bastian trösten? Oder ihn in Ruhe lassen? Und während er darüber nachdachte und sich nicht entscheiden konnte, wurde ihm bewusst, dass der laufende Fernseher grade wirklich störte und wenigstens die Entscheidung, ihn auszuschalten, konnte er ohne Probleme treffen.

 

Als er sich über den Tisch beugte, um nach der Fernbedienung zu greifen, rief Bastian plötzlich laut "Scheiße!", lehnte sich mit einem Ruck auf der Couch zurück und schniefte einmal.

 

Kim griff sich die Fernbedienung und ließ sich zurück in den Sessel fallen, aber da Bastian jetzt auf den Fernseher starrte, schaltete er ihn lieber nicht ab. Und er konnte nicht verhindern, dass er jetzt doch ein wenig neugierig auf das wurde, was da genau zwischen Bastian und Greta passiert war und sie nach acht Jahren glücklicher Beziehung so plötzlich auseinandergebracht hatte. Aber nachzufragen kam ihm grad nicht wie eine gute Idee vor, weswegen er dann auch auf den Fernseher starrte.

 

Sie schwiegen eine ganze Weile, bis Kim Bastian schließlich einmal laut seufzen hörte und als er sich zu ihm umdrehte, hatte er die Flasche angesetzt und trank einen Schluck. Dann stellte er sie mit einem lauten Klirren auf den Tisch, sah Kim wütend an und sagte mit wodkaschwerer Stimme: "Ich kann immer noch nicht glauben, wie heftig Greta mich verarscht hat!"

"Was ist denn genau passiert?", erlaubte Kim sich jetzt die Frage und hoffte, dass Bastian sie ihm nicht übel nahm, aber der hatte offensichtlich nur darauf gewartet, denn sofort schoss es aus ihm heraus: "Sie hat mich betrogen! Und das schon über ein Jahr!" Er fuhr sich einmal mit der Hand durchs Gesicht. "Ich... ich hab sie abgeholt und bin mit ihr im Wald herumspaziert, wie ichs geplant hatte. Und dann kamen wir auf die Lichtung mit dem Baumhaus und ich fand, dass das der perfekte Platz ist um sie zu fragen. Und... und ich hatte schon in die Tasche gegriffen und wollte den Ring rausholen, da sagt sie plötzlich, dass sie unbedingt mit mir reden muss. Und dann erzählt sie mir einfach so, dass sie mich betrügt!" Er schniefte erneut und umklammerte die Wodkaflasche mit beiden Händen. "Mit einem Kerl von der Arbeit. Der zehn Jahre älter ist als sie, vier Sprachen spricht und ständig durch die Welt reist. Und dass sie das auch viel lieber will als...als..." Er brach ab und verzog das Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse, während er mit sich selbst kämpfte, ob er jetzt weiterreden sollte.

 

Kim war grade nicht in der Lage, in der jetzt entstehenden Pause etwas zu sagen, weil er erst einmal die Tatsache verdauen musste, dass Greta Bastian betrogen hatte. Etwas, an das er noch nicht einmal im Traum gedacht hatte. Und als er sich schließlich wieder gefangen hatte und den Mund öffnete, um etwas zu sagen, von dem er noch nicht wusste, was es werden würde, hatte Bastian seinen inneren Kampf entschieden und redete weiter. "Sie... sie hat gesagt, ich wäre nur ein einfacher Bauer und, dass sie nicht so lange studiert hat und um auch einer zu werden. Und dann... dann hat sie eine Tasche gepackt und ist abgehauen. Zu dem alten Sack natürlich!" Er fing wieder an zu weinen und diesmal wusste Kim instinkiv, was er machen musste, stand auf, setzte sich neben Bastian und nahm ihn in die Arme. Und während der an seiner Schulter heulte, musste Kim die ganze Zeit über das nachdenken, was er grade erzählt hatte. Das klang alles so gar nicht nach der Greta, die er kannte, und wenn Bastian grade nicht so völlig fertig deswegen gewesen wäre, dann hätte Kim das Ganze für einen Scherz gehalten. Aber so musste er auch erst einmal mit der Situation klarkommen, während er Bastian festhielt und beruhigend über den Rücken strich.

 

Er wusste nicht, wie lange er das tat, aber irgendwann wurde Bastian ruhiger und gähnte schließlich an seiner Schulter. "Ich muss pennen," murmelte er und ließ sich da dann einfach nach hinten auf die Couch fallen. Kim zog ihm die Schuhe aus und stand auf um die Wolldecke zu holen. Als er sie über Bastian ausbreitete, war der schon tief und fest eingeschlafen. Kim schaltete noch schnell den Fernseher aus, bevor er ins Schlafzimmer ging.

 

Er selber konnte aber leider überhaupt nicht schlafen. Nicht nur, weil er Bastian aus dem Wohnzimmer hörte, der, wie immer wenn er Alkohol getrunken hatte, ziemlich laut schnarchte, sondern auch, weil sein Luftschloß, dass er sich jetzt über Jahre hinweg aufgebaut hatte, grade zusammengekracht war und auch vermutlich nie wieder aufgebaut werden konnte. Schließlich hatte er sich jahrelang an der Idee von Bastian und Greta festgeklammert und dass er so eine Liebe auch irgendwann einmal finden würde. Denn auch, wenn alle anderen immer behaupteten, er würde sich nur etwas vormachen, hatte er immer die beiden gehabt um zu sehen, dass sie falsch gelegen hatten. Aber auf einmal gab es Bastian und Greta nicht mehr. Es gab nur noch Bastian, der deswegen völlig fertig war. Vermutlich, weil er genau der gleichen Illusion wie Kim erlegen war, schließlich hatte er Greta ja auch heiraten wollen, um dann schmerzlich feststellen zu können, dass sie das Spiel der großen Liebe schon ein Jahr nicht mehr mitgespielt hatte. Und dabei hatte sie die ganze Zeit genau so glücklich gewirkt wie voher und sich anscheinend nie etwas anmerken lassen. Oder Bastian hatte die Signale einfach nicht richtig deuten können. Oder wollen. Egal was es war, Kim fand beides schrecklich und er wusste, würde ihm so etwas passieren, dann würde genau so verzweifelt sein, wie Bastian es jetzt war.

 

Kim wälzte sich unruhig auf den Rücken und starrte an die Decke, als ihm klar wurde, dass wirklich nichts an oberflächlichen Beziehungen vorbeiführen würde, jetzt, wo sein Luftschloß kaputt war. Denn die Alternative, einfach gar keine Beziehung zu führen, kam für ihn absolut nicht in Frage. Er wollte sein Leben mit jemandem teilen. Er wollte jemanden, dem er von seinen Alltagsgeschichten erzählen konnte und der sich auch für sie interessierte, egal, wie banal sie waren. Er wollte jemanden, mit dem er Dinge unternehmen konnte, auch, wenn es nur das gemeinsame Gucken irgendeiner Fernsehserie war. Und er wollte jemanden, neben dem er am Morgen aufwachte, ihn anlächelte und mit dem er dann stundenlang im Bett kuscheln konnte. Und als Bastian und Greta noch zusammen waren, erschien ihm das alles gar nicht mal so unrealistisch. Während es ihm jetzt beinah unerreichbar erschien.

 

Er verbrachte die nächsten schlaflosen Stunden damit, sich mit dem Gedanken anzufreuden, ein Profil auf einer Dating-Seite zu erstellen und während er noch darüber nachdachte, welches Bild er dafür von sich nehmen würde und welche Angaben er über sich selbst machen wollte, schlief er schließlich doch ein.

 

Um nach gefühlten fünf Minuten brutal von seinem Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden. Er stolperte in die Küche um die Kaffeemaschine anzumachen, während er versuchte, die Augen aufzubekommen. Und als er sich, wie jeden Morgen, auf den Stuhl am Küchentisch setzte, um zu warten, bis der Kaffee durchgelaufen war, weil er wusste, dass er vorher sowieso nichts zustande bringen würde, fiel ihm Bastian wieder ein. In der Wohnung war es still, also vermutete Kim, dass er sich irgendwann in der Nacht auf den Weg nach Hause gemacht hatte und der Gedanken, dass Bastian, traurig und betrunken, den Weg an den Feldern vorbei zurück nach Hause gegangen war, gefiel ihm gar nicht.

 

Aber bevor er anfing, sich Sorgen zu machen ertönte dann doch ein Schnarcher aus dem Wohnzimmer und als er zur Couch ging, lag Bastian immer noch da, hatte sich in die Decke eingerollt und schlief tief und fest.

 

Kim seufzte einmal erleichtert auf, dann nahm er die Wodkaflasche vom Tisch und stellte sie in den Kühlschrank. Und dann konnte er endlich die erste Tasse Kaffee des Tages trinken. Danach fühlte er sich einigermaßen fit, sodass er sich fertig machen, seine Tasche nehmen und zur Arbeit gehen konnte.

 

Auf der zwanzigminütigen Busfahrt zum Büro verlor sich der Koffeinrausch aber leider wieder, sodass er, nachdem er seine Tasche auf seinen Schreibtisch gestellt hatte, gleich zur Kaffeemaschine ging, um sich einen zweiten zu machen. Aber auch der schaffte es nicht, dass er sich danach auf seine Arbeit konzentrieren konnte und das, wie üblich, muntere Treiben seiner Kollegen ging ihm heute nur auf die Nerven. Vorallem das Geturtel zwischen Louisa und Mark. Aber er wusste, wenn er etwas sagen würde, dann würde er sich nur zum Buhmann machen und darauf hatte er absolut keine Lust. Also biß er die Zähne zusammen und als Kathrin ihn fragte, wieso er heute so still war, erwiderte er freundlich, dass er einfach nur schlecht geschlafen hatte. Und wurde dann glücklicherweise für den Rest des Arbeitstages die meiste Zeit in Ruhe gelassen.

Als Kim nach diesem ziemlich anstrengenden Arbeitstag und dem anschließenden nervigen Einkaufen nach Hause kam, hörte er den Fernseher schon, als er die Wohnungstür aufschloß. Bastian war also noch da. Oder er hatte vergessen, den Fernseher auszumachen. Kim vermutete aber eher Ersteres und war deswegen nicht überrascht, als er mit einem ,Hallo' begrüßt wurde, als er in den Wohnungsflur trat und die Tür hinter sich in Schloß zog.

 

Nachdem er seine Jacke ausgezogen und aufgehängt hatte, ging er ins Wohnzimmer und da saß Bastian immer noch auf der Couch in die Decke gewickelt und sah genau so fertig aus, wie gestern. Nur der Wodka fehlte. Er lächelte Kim ein wenig schuldbewußt an. "Ist doch okay, dass ich hiergeblieben bin?"

 

"Na klar," antwortete Kim, ohne nachzudenken. Wäre er in der gleichen Situation gewesen wie Bastian, dann wäre er auch geblieben.

 

"Ich konnt einfach nicht nach Hause gehen", redete Bastian leise weiter. "Ich muss auch so schon die ganze Zeit drüber nachdenken und zuhause wäre es auf jeden Fall doppelt so schlimm."

Kim lächelte ihn an. "Bleib, so lange zu willst", sagte er und ging dann in die Küche, um die Einkäufe einzuräumen. Und darauf zu verzichten, die eine Tiefkühlpizza, die er sich gekauft hatte, in den Ofen zu schieben, sondern ein richtiges Abendessen für ihn und Bastian zu kochen.

 

Sie hatten sich beide nie ganz aus den Augen verloren, aber die Zeit, die sie zusammen verbrachten, hatte sich deutlich reduziert. Sie sahen sich zwar fast jedes Wochenende, aber früher, als sie noch zusammen zur Schule gegangen waren, hatten sie jeden Tag zusammen rumgehangen. Was sich dann natürlich geändert hatte, als Bastian fürs Studium weggezogen war. Als er nach vier Jahren wiedergekommen war, hatte Kim seine Ausbildung beendet und war von seinen Eltern, die immer noch im zweiten Haus nach Bastians Hof wohnten, ins Dorf gezogen und da sie jetzt beide ihre Arbeit hatten, hatte sich das mit dem täglichen Sehen endgültig erledigt.

 

Bis jetzt. Denn da die Trennung Bastian so mitgenommen hatte und er an nichts anderes denken konnte, wollte er damit absolut nicht alleine sein. Und Kim dem er unglaublich Leid tat, konnte das natürlich mehr als gut verstehen. Schließlich haderte er ja auch oft genug mit seinen Gedanken. Weswegen er auch kein Problem hatte, nach der Arbeit zwei Haltestellen weiter mit dem Bus zu fahren, mit Bastian vor dem Fernseher zu sitzen und am nächsten Morgen zwei Haltestellen mehr zur Arbeit zu fahren.

 

Oder Bastian blieb die Nacht über bei ihm und Kim bemühte seine mickrigen Kochkünste und seine wenigen Zutaten, um für sie beide ein halbwegs schmackhaftes Abendessen zu kochen.

Aber es blieb nicht nur dabei, dass der eine bei dem anderen auf dem Sofa schlief. Um sich abzulenken, entwickelte Bastian einige neue Interessen. Wie zum Beispiel Joggen. Kim war zwar nicht begeistert, nach der Arbeit noch Sportklamotten anzuziehen und für eine Stunde durch den Wald zu keuchen, aber wieder tat er es Bastian zuliebe. Und das Ganze hatte auch Vorteile für ihn, denn nach zwei Wochen merkte er, dass er, nachdem er die Treppen zum Büro im dritten Stock hochgestiegen war, nicht mehr ganz so außer Atem war, wie vorher.

 

Und Kim hatte auch niemals erwartet, mit Anfang dreißig nochmal das Innere einer Disco zu sehen, aber auch das gehörte zu Bastians neuen oder in diesem Fall wiedergefundenen Interessen. Die winzige Disco ein Dorf weiter, in die sie früher schon immer gegangen waren, existierte sogar noch und genau wie früher war es nach zwölf eine Katastrophe, dort wieder wegzukommen, wenn man kein Geld für ein Taxi hatte oder selbst mit dem Auto gekommen war. Bastian hatte jetzt zwar das Auto, aber da sie beide etwas trinken wollten, ließen sie es stehen und nutzten lieber etwas von dem Geld, das sie jetzt verdienten, um das Taxi zu bezahlen.

 

Vorallem Bastian, der jetzt acht Jahre vergeben gewesen war, brauchte mindestens ein Bier, um wieder etwas lockerer zu werden, um dann Frauen anzusprechen, die ihm gefielen. Was genau der Grund war, wieso sie überhaupt herkamen und Kim vermutete, dass Bastian so sein angeschlagenes Ego wieder aufbauen wollte.

 

Er selbst hielt sich, was das anging, natürlich zurück, denn er hatte schon genug Zusammenstöße mit dem konservativen Dorfleben gehabt. Außer, er wurde mal angesprochen, von Frauen natürlich, was sogar häufiger vorkam. Dann sagte er gleich, dass er schwul war, aber so, dass es außer der Adressatin sonst keiner hören konnte und meistens wurde er dann trotzdem auf die Tanzfläche gezogen. Denn weil er schwul war musste er gleichzeitig auch ein großartiger Tänzer sein – da waren die meisten sich ganz sicher. Kim musste dann jedes Mal in sich hineinlachen, aber weil sie darauf bestanden, dass er mitkam, führte er ihnen dann ohne Hemmungen seine unbeholfenen und absolut unkoordinierten Tanzverrenkungen vor.

 

Kim war auch anwesend, als Greta nach zwei Wochen mit einem gemieteten Transporter auf den Hof gefahren kam, um ihre Sachen zu holen. Sie sah aus wie immer, sogar den Pullover hatte sie in Kims Anwesenheit schon mal getragen, aber trotzdem war sie ab jetzt für ihn ein völlig anderer Mensch. Er reagierte auf ihren Gruß auch nur mit einem kühlen Kopfnicken und verzichtete darauf, ihr beim Tragen zu helfen.

 

Bastian tat es, in erster Linie, um aufzupassen, dass sie auch wirklich nur ihre Sachen mitnahm. Sie stritten sich fast bei jedem Gegenstand, den Greta für sich beanspruchte und das zu beobachten fühlte sich für Kim einfach nur grausam an. Anscheinend hatte er, genau wie Bastian, es bis jetzt noch nicht wirklich geschafft, von ihm und Greta als perfektes Paar abzulassen und da er sie schon länger nicht mehr zusammen gesehen hatte, war es ihm irgendwie einfacher gefallen daran festzuhalten. Aber jetzt zuzusehen, wie sie sich gegenseitig mit wutverzerrten Gesichtern anschrien, als hätten sie niemals diese wundervolle achtjährige Beziehung gehabt und mit dem Wissen, dass es Bastian dabei gar nicht unbedingt um die ganzen Gegenstände ging, sondern hauptsächlich darum, ihr zu zeigen, wie sehr ihn ihr Verhalten verletzt hatte, zerriss Kims inneres Bild mit einem Ruck.

Als Greta nach zweieinhalb Stunden endlich weg war, war Bastian so wütend, dass sie danach erst einmal joggen gingen, damit er sich wieder abregen konnte. Und auch Kim konnte Bewegung und frische Luft sehr gut gebrauchen.

 

Ausnahmsweise mal wütend anstatt traurig zu sein schien Bastian gutgetan zu haben, denn danach fand er langsam zu seinem lässigen, meist über den Dingen stehenden Selbst zurück, sodass auch Kims ständige Anwesenheit und seine mentale Unterstützung bald nicht mehr ganz so nötig waren. Worüber der dann doch etwas erleichtert war. Einmal natürlich weil es ihm zeigte, dass es Bastian wirklich besser ging und dann, weil er doch auch mal ganz gerne alleine war und seine Ruhe hatte. Und dass, wenn er abgekämpft von der Arbeit nach Hause kam, niemand da war, den er trösten musste, oder zu dem er deswegen hinfahren musste und er sich einfach nur auf die Couch setzen konnte.

 

Allerdings hieß Zeit für sich haben auch automatisch Zeit für die eigenen Gedanken zu haben.

Und nun, wo er sich nicht mehr um Bastian kümmern musste, sah sich Kim sehr schnell wieder mit der Frage konfrontiert, was er jetzt mit seinem Liebesleben anfangen sollte. Das Häufchen Elend, das Bastian noch vor Kurzem gewesen war und seine heftigen Streitereien mit Greta hatten ihn eigentlich nur noch mehr desillusioniert als er überhaupt schon war

Warum sollte er sich überhaupt die Mühe machen, nach jemandem zu suchen, wenn auch nach acht Jahren nicht sicher war, dass es für immer war? Und was brachte es dann schon, sich vielleicht mit dem Gedanken zu trösten, dass es immerhin acht schöne Jahre gewesen waren, wenn man sich eigentlich am liebsten gegenseitig umbringen wollte?

 

Wenn man es überhaupt auf acht Jahre brachte. Außer Bastian kannte Kim da niemanden. Sogar das einzige verheiratete Pärchen in seinem Freundeskreis waren bei ihrer Hochzeit, gemessen an Bastians und Gretas Beziehung, erst drei Jahre zusammen gewesen.

 

Und vorher musste man sich dann ja auch erst mal mit einigen Leuten treffen, um jemanden zu finden, mit des es klappen könnte und vielleicht versuchte man es dann ein paar Wochen oder Monate um anschließend festzustellen, dass es doch nicht passte. Und dann begann der ganze Krampf wieder von vorne.

 

Schon alleine bei dem Gedanken daran hatte Kim keine Lust mehr. Was im krassen Widerspruch zu seinem Bedürfnis stand, endlich eine funktionierende Beziehung zu führen.

 

Nach einigen Tagen merkte er, wie er es wieder mal geschafft hatte, sich in einer Abwärtspirale der negativen Gedanken zu verheddern, anstatt einfach den Kampf aufzunehmen und zu akzeptieren, dass es Rückschläge geben würde, sein großes Ziel aber nie aus den Augen zu verlieren. Aber dabei immer realitisch im Hinterkopf zu behalten, dass er es vielleicht nie erreichen würde. Aber von Realismus war Kim im Moment sowieso meilenweit entfernt.

 

Da kam Bastian mit der Frage, ob er ihn zu einer Hochzeit begleiten wollte, grade recht.

"Ich kenn sie vom Studium und hab sie schon ewig nicht mehr gesehen und deswegen will ich da unbedingt hin!", sagte Bastian bittend. "Die Einladung kam vor einem Jahr; anderes Bundesland, drei Stunden mit dem Auto und das Hotelzimmer ist auch schon gebucht und ich will da definitiv nicht alleine aufkreuzen!"

 

Man sah ihm deutlich an, dass er noch viel mehr dazu hätte sagen können, aber Kim war ja bereits überzeugt. "Ich komme sehr gerne mit!", sagte er lächelnd.

 

Bastian seufzte einmal erleichtert. "Danke Mann! Dafür hast du echt was gut bei mir!"

 

Natürlich hätte Kim es jetzt zynisch finden können, sich ausgerechnet auf einer Hochzeit von seinen düsteren Gedanken abzulenken. Aber ganz tot war der Romantiker in ihm, der Hochzeiten einfach toll fand, dann doch noch nicht. Und wer weiß, ganz vielleicht würde er ja dort auch dem Einen für sich selbst begegnen.

5.



Kurz, nachdem er zugesagt hatte, mit Bastian auf diese Hochzeit zu gehen, kamen Kim Zweifel, ob das eine gute Idee war – für Bastian. Der dann sicher die ganze Zeit nur daran denken konnte, das es sich mit seiner eigenen Heirat erledigt hatte.

Allerdings machte Bastian den Eindruck, als wäre er inzwischen komplett über die Sache mit Greta hinweg. Vorher hatte er noch sehr viel über sie gesprochen und war dann dabei entweder wütend oder melancholisch geworden, aber jetzt erwähnte er sie mit keinem Wort mehr. Und er verließ sein Schneckenhaus, in dem er den letzten Monat verbracht und zu dem immer nur Kim Zutritt gehabt hatte und sie trafen sich auch wieder mit ihrem gemeinsamen Freundeskreis. Natürlich hatten ihre Freunde schon mitbekommen, dass Bastian und Greta sich getrennt hatte, aber den Grund kannten sie nicht. Und als Bastian darauf angesprochen wurde, brach er nicht, wie Kim zuerst befürchtete hatte, heulend zusammen, sondern er erzählte, ruhig und ohne näher ins Detail zu gehen, dass Greta ihn betrogen hatte. Womit sich natürlich alle taktvoll zufrieden gaben und nicht weiter nachfragten, sondern einfach mit dem Kartenspiel anfingen, für das man sich entschieden hatte.

Obwohl Bastian sich weiterhin völlig normal benahm und auch seinen üblichen Ehrgeiz bei jedem Spiel zeigte, konnte Kim trotzdem nicht umhin, ihn nach diesem Gespräch noch eine Weile zu beobachten, ob bei ihm wirklich alles in Ordnung war. Als Bastian auch zwei Stunden später nicht das kleinste Anzeichen von Wut oder Trauer zeigte, da wurde Kim langsam klar, dass er nicht weiter die beschützende Glucke spielen musste. Denn nur, weil er sich sicher war, dass er definitiv länger brauchen würde, um über eine achtjährige Beziehung hinweg zu kommen, musste das ja nicht auch für Bastian gelten. Bei ihm schien es eben nur anderthalb Monate zu dauern.

Also schob Kim sämtliche Sorgen und Befürchtungen zur Seite und kehrte auch zum Alltag zurück. Er fing an, sich auf die Hochzeit zu freuen, er hatte vorher noch nie jemanden von Bastians ehemaligen Kommilitonen getroffen. Und da er außerdem selten aus seiner kleinen Welt rauskam, war eine zweistündige Autofahrt und ein anderes Bundesland für ihn schon so etwas wie eine Auslandsreise. Mit ziemlicher Vorfreude packte er deswegen Donnerstagabend seine Tasche und holte seinen einzigen Anzug aus dem Schrank. Das letzte Mal hatte er ihn vor zwei Jahren auf der furchtbar langweiligen Gala zum fünfzigjährigen Jubiläum der Firma getragen, weswegen er ihn vorsichtshalber noch einmal anprobierte, bevor er ihn in den dazugehörigen Kleidersack packte.

Passen tat er noch einwandfrei, aber er warf lieber noch einmal einen kritischen Blick in den Spiegel, ob er ihm auch noch stand. Und während er grade seine etwas nachlässig gebundene Krawatte zurecht rückte, spürte er plötzlich einen Stich, als er daran dachte, dass er diesen Anzug vermutlich auch auf Bastians und Gretas Hochzeit getragen hätte. Und dann dämmerte es ihm, dass er derjenige war, der einfach nicht über ihre Trennung hinwegkam. Er starrte sich selbst im Spiegel an, als ihm klar wurde, dass vermutlich genau das der Grund war, wieso er Bastian einfach nicht zugestehen konnte, dass er zum Alltag zurückgekehrt war. Weil er es eben selbst auch nicht schaffte. Aber damit musste jetzt endgültig Schluß sein! Schließlich gab es das Paar Greta und Bastian nicht mehr, also war nichts mehr da, das Kim idealisieren konnte. Zeit also, nach vorne zu sehen und nicht zurück und sich jetzt einfach auf die Hochzeit und Bastians Kommilitonen und die ganzen anderen Menschen zu freuen, auf die er da treffen würde. Anstatt die ganze Zeit nur auf Bastian zu achten, ob es ihm auch gut ging.

Bastian, der am Freitag früher Feierabend hatte als Kim, holte ihn von der Arbeit ab. Kim verstaute die mitgebrachte Tasche und den Anzug sorgfältig zwischen Bastians Sachen im Kofferraum und als er sich auf den Beifahrersitz setzte, grinste Bastian ihn breit an. "So, los geht's. Und ich hab den besten Musik-Mix zusammengestellt, den du dir vorstellen kannst!"

"Na dann lass mal hören," erwiderte Kim und stellte fest, dass sein Zwiegespräch im Spiegel gestern wirklich etwas gebracht hatte. Denn Bastians unverhohlen gezeigte Vorfreude deutete Kim jetzt nicht als den verzweifelten Versuch, sich von Greta abzulenken, sondern einfach als das, was sie war: Vorfreude.

Die auch die ganze zweistündige Autofahrt blieb und schließlich auch Kim ansteckte. Sie sangen beide lauthals und schief zu Bastians super Musik-Mix mit, scherzte miteinander und ließen sich auch von dem eine halbe Stunde dauernden Stau nicht aus der Ruhe bringen. Und auch nicht, als sie, nachdem sie von der Autobahn abgefahren waren, noch eine weitere halbe Stunde, trotz Handynavigation, durch die Pampa fuhren, bis sie endlich die Straße fanden, die sie ins richtige Dorf brachte. Und nach einigen engen verwinkelten Gässchen und verwackelten Handyfotos aus dem fahrenden Auto heraus von Fachwerkhäusern, die Kim ganz besonders gut gefallen hatten, erreichten sie schließlich den kleinen Gasthof, in dem sie übernachten sollten. Und so, wie sie schon fast den ganzen Tag herumgeirrt waren, um ihr Ziel zu finden, so mussten sie auch jetzt eine Weile suchen, bis sie den Hoteleingang auf der Rückseite des Gebäudes fanden.

Das Zimmer war klein und geblümt: Blümchentapete, Blümchenvorhänge, ein Blümchenüberwurf auf dem riesigen Doppelbett aus Holz und natürlich Blumen in einer Vase auf dem kleinen Tisch. Das war es, was Kim ins Auge fiel, als sie schnell ihr Gepäck abluden und sich danach sofort auf den Weg zur Wohnung des zukünftigen Brautpaars machten, wo eine kleine Party stattfand, für die sie schon etwas zu spät dran waren.

Es war nur das Brautpaar, die Trauzeugen und die Schwester der Braut anwesend und vermutlich diente dieses Zusammentreffen in erster Linie dazu, die letzten Einzelheiten vor dem morgigen großen Tag zu besprechen. Aber da man Bastian jetzt schon über ein Jahr nicht gesehen hatte, war er auch eingeladen worden und wurde mit strahlendem Lächeln und zwei festen Umarmungen begrüßt. Und auch die Begrüßung für Kim fiel nicht weniger herzlich aus, was es ihm sehr einfach machte, sich sofort auf die fremden Leute einzulassen. Und der Dialekt, der hier gesprochen wurde, gefiel ihm verdammt gut.

Um halb elf und nach ein paar Gläsern Wein war dann allerdings schon Schluß, schließlich würde der morgige Tag ziemlich anstrengend werden. In diesem Zusammenhang erfuhr Kim dann auch, dass nicht nur die standesamtliche sondern auch die kirchliche Hochzeit am gleichen Tag geplant waren und wenn er an die Gespräche und Diskussionen dachte, die er so nebenbei aufgeschnappt hatte, war er froh, dass er mit der Planung des Ganzen nichts zu tun hatte.

Jetzt, wo sie keinen Zeitdruck mehr hatten, gönnten sich Kim und Bastian einen kleinen Nachtspaziergang durch das Dorf, in dem außer ihnen natürlich keiner mehr auf der Straße war.

Kim erfreute sich nicht nur an den kleinen Häuschen mit den gepflegten Vorgärten , die er leider nur teilweise im Licht der Straßenlaternen ausmachen konnte, sondern auch daran, dass Bastian ein kleines Liedchen vor sich hinsummte. Denn schließlich dachte Kim nicht mehr, dass er das nur tat, um sich irgendwie von seinem Kummer über Greta abzulenken, sondern, dass er sich einfach gut fühlte.

Kim schlief zwar sofort ein, nachdem er sich ins Bett gelegt hatte, aber trotzdem war es keine erholsame Nacht, denn er wurde häufig davon wach, dass das Bett knarrte, weil sich einer von ihnen bewegte. Und er hatte ganz vergessen, dass Bastian sich immer gerne sehr breit machte und er deswegen häufiger mal von ihm getreten oder geboxt wurde, was ihn dann natürlich auch sofort wieder wach machte.

Als um acht Uhr dann der Wecker von Bastians Handy klingelte, quälte Kim sich mühsam hoch und fühlte sich wie gerädert. Er hätte jetzt noch drei Stunden schlafen können, aber das war natürlich nicht möglich. Schließlich mussten sie sich fertig machen und dann auch noch eine halbe Stunde in die nächste Stadt fahren, weil es in diesem Dorf kein Standesamt gab.

Während Bastian oben im Badezimmer noch damit beschäftigt war, sein Haar in eine für ihn akzeptable Form zu kriegen, gönnte Kim sich unten in der Gaststätte erst mal einen extra starken Kaffee und als Bastian dann schließlich auch mit allem fertig war und kam, um ihn abzuholen, da fühlte er sich immerhin nicht mehr wie ein lebender Toter.

Die Fahrt über löchrige Straßen führte sie durch einen Wald, einen Berg hoch und wieder runter und an einem See vorbei und wieder war Kim so verzaubert von der Landschaft, dass er seine Müdigkeit komplett vergaß.

An dem See lag auch die kleinen Stadt, in der geheiratet wurde und als sie ankamen, war der Großteil der anderen Gäste schon eingetroffen.

Nachdem sie ausgestiegen und über den Kopfsteinpflasterplatz auf die Menschenansammlung zugegangen waren, machten sie schnell bekannte Gesichter aus und gesellten sich dazu. Sie redete ein wenig und machten noch ein paar weitere Bekannschaften, bis die Mutter des Bräutigams schließlich darauf bestand, dass alle schon einmal im Trauzimmer Platz nahmen, da das Brautpaar auch gleich da sei.

Der Raum war, genau wie das Standesamt, nicht besonders groß, aber die Hochzeitsgesellschaft war es auch nicht, sodass alle zwanzig Leute bequem Platz fanden.

Als das Brautpaar dann schließlich eintrat, sah die Braut in ihrem rosa Kleid und den hochgesteckten Haaren natürlich umwerfend aus – aber der Bräutigam in seinem grauen Anzug fiel Kim selbstverständlich viel mehr auf. Gestern, in Tshirt und Jeans war ihm gar nicht aufgefallen, was für ein hübscher Kerl er war, aber heute in seinem grauen Anzug kam das richtig zur Geltung und Kim konnte nicht verhindern, für einen Bruchteil neidisch auf die Braut zu sein. Glücklicherweise verschwand dieses absolut unnötige Gefühl gleich wieder, aber es hatte Kim an seine Mission erinnert. Nicht, dass er ernsthaft glaubte, auf dieser Hochzeit den Mann seines Lebens zu treffen und das hätte dann auch einige Nachteile, wie zum Beispiel die nicht grade geringe Entfernung zwischen ihren Wohnorten, aber romantisch wäre es ohne Zweifel.

Kim hatte allerdings schon mit einem kurzen Blick in die Runde vor dem Standesamt feststellen können, dass die meisten Anwesenden Pärchen waren und der einzige Mann, bei dem es den Anschein hatte, als wäre er Single, machte den Eindruck, absolut hetero zu sein. Kims Mission war also beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und da er letztendlich damit gerechnet hatte, war er auch nicht wirklich traurig.

Nach dem Standesamt wurde das Brautpaar eine ganze Weile an malerischen Plätzen am See fotografiert, während es für die Hochzeitsgesellschaft Sekt und weitere Gespräche gab, sodass Kim schließlich alle zwanzig Gäste kannte und jetzt auch mit absoluter Sicherheit sagen konnte, dass der Hetero-Kerl definitiv hetero war und offensichtlich ein Auge auf die Trauzeugin der Braut geworfen hatte.

Nachdem Braut und Bräutigam genug vor dem See fotografiert worden waren, fuhren alle zurück ins Dorf zur Kirche, wo es gleich weiterging. Kim, der nie irgendetwas mit Religion am Hut hatte, langweilte sich während der zweistündigen Predigt zu Tode und machte sich eine mentale Notiz, dass er, sollte er jemals heiraten, die Kirche dabei definitiv weglassen würde.
Nach der Kirche wurde das Brautpaar natürlich wieder fotografiert – schließlich trug die Braut ja jetzt auch ein anderes Kleid - während es für die anderen zwar keinen Sekt aber wieder Gespräche gab

Nachdem das Brautpaar dann endlich zu seiner Zufriedenheit abgelichtet worden war, ging es zu Fuß zu der kleinen Gaststätte, wo es endlich etwas zu Essen gab. Für  Kim, der bis jetzt nur den Kaffee und ein paar Häppchen, die zusammen mit dem Sekt vorm Standesamt angeboten worden waren, zu sich genommen hatte und dem jetzt der Magen gefühlt in den Kniekehlen hing, war es auch höchste Zeit.

Es gab ein Buffet mit lauter Sachen, die er wahnsinnig gerne aß und so packte er sich hemmungslos den Teller voll und ging auch mehr als einmal.

Nach dem Essen gab es Reden und ein paar teilweise richtig lustige Hochzeitsspielchen und danach baute der gebuchte DJ sein Equipment auf und es wurde getanzt. Die Musik war gut und Kim hatte eine Menge Spaß. Der Alkohol, der in Strömen floß, tat auch noch sein Übriges dazu, sodass alle bald ausgelassen und lustig waren.

Allerdings verschwand Kims Ausgelassenheit kurz, als er zufällig sah, wie Bastian sich in einer Ecke mit der Braut unterhielt. Beide machten sehr ernste Gesichter und Kim brauchte nicht wirklich viel Vorstellungsvermögen um zu wissen, dass es dabei um Greta ging.

Danach behielt er Bastian noch eine ganze Weile im Auge, bis ihn sein Gehirn darauf hinwies, dass es keinen Grund mehr zur Sorge gab und er es sein ließ.

Um halb vier war Kim so betrunken und müde, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und glücklicherweise war das geblümte Bett ja nur ein paar Stufen entfernt. Den Schlüssel hatte Bastian ihm auch schon in weiser Voraussicht gegeben. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass Kim eine Party vor ihm verließ.

Kim verabschiedete sich von Braut und Bräutigam und von denen, die er auf seinem Weg zum Ausgang traf.
Eine Hürde stellte dann noch das Zimmerschloß dar. Da Kim den Schalter für das Flurlicht nicht gefunden hatte, versuchte er jetzt im Dunkeln das Schloß zu treffen, was ihm erst nach dem elften Versuch gelang.

Im Zimmer wäre er auf dem Weg zum Bad fast über Bastians Tasche gestolpert und konnte sich grade noch an der Wand abfangen. Das brachte seinen Magen zum Rotieren, der von einer Sekunde auf die andere dagegen protestierte, dass Kim heute viel zu viel Zeug durcheinander getrunken hatte.

Er schaffte es grade noch rechtzeitig zur Toilette und nachdem er gekotzt hatte, ging es ihm erst richtig schlecht. Vorallem sein Kopf schien in Flammen zu stehen.

Nach Hose und Sakko hatte er keine Lust mehr, sich noch weiter auszuziehen, sondern fiel nur noch ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf.

Das Knarren des Bettes riss ihn unsanft aus dem Schlaf und für einen Moment war er komplett desorientiert und während sein immer noch alkoholisiertes Gehirn damit beschäftigt war, die Teile zusammenzusetzen, hörte er Bastians seltsam dumpf klingende Stimme neben sich: "Bist du noch wach?" sagen und da fiel ihm alles wieder ein.

Er drehte sich, vorsichtig, da es sich immer noch so anfühlte, als würde sein Kopf jeden Momet explodieren, zu Bastian um und öffnete den Mund, um zu antworten.

"Ich vermiss Greta so wahnsinnig," stieß Bastian da hervor und brach im gleichen Moment in Tränen aus.

Natürlich hätte Kim jetzt daran denken können, dass er seinem Gefühl von Anfang an hätte vertrauen können und Bastian wirklich noch nicht über Greta hinweg war. Aber er war grade nicht in der Lage zu denken. Deswegen umarmte er den heftig weinenden Bastian einfach nur wortlos und zog ihn an sich.

In Bastian schien sich Einiges aufgestaut zu haben, denn er weinte eine ganze Weile, in der Kim, der ihn weiter stumm festhielt, langsam wegdriftete. Schließlich war er kurz davor, wieder einzuschlafen, aber Bastians Hand auf seiner Hüfte holte ihn zurück. Und mit einem Schlag wurde er dann richtig wach, als Bastian ihn herumdrehte, sodass Kim auf dem Rücken lag, und sich dann über ihn schob.

"Ich sag dir jetzt was," murmelte er mit immer noch ziemlich schwankender Stimme. "Ich sitz ganz schön auf dem Trockenen. Und das jetzt seit fast drei Monaten und ich hab echt keinen Bock mehr drauf." Er legte seine Hand wieder auf Kims Hüfte und fing an, ihn durch sein dünnes Hemd zu streicheln. "Und bei dir ist es ja sogar noch länger her. Das war doch mit diesem schmierigen Typen und gefallen hat's dir doch gar nicht." Er beugte sich zu Kim herunter, sodass sein warmer Atem sein Gesicht streifte, als er weiterredete: "Also komm, lass uns mal wieder ein bißchen Spaß haben! Ich hab auch n Kondom mit!"

Eigentlich hätte Kim diese Situation grade absolut surreal vorkommen müssen. Schließlich hatte es zwischen ihm und Bastian niemals irgendwelche Annäherung gegeben und auch geredet hatten sie über so etwas nie, noch nicht einmal scherzhaft. Und nackt gesehen hatten sie sich auch nur, wenn sie sich nebeneinander zum Schwimmen umgezogen hatten und auch da hatte sich keiner von ihnen auch nur ansatzweise für den anderen interessiert.

Kim war auch immer sehr froh darüber gewesen, dass es ihm nicht, wie einige andere von denen er gehört oder gelesen hatte, passiert war, dass er sich in seinen besten Freund verknallt hatte. Bastian war für ihn immer so etwas wie ein Bruder gewesen, schließlich waren sie ja auch zusammen aufgewachsen.

Sein in Alkohol getränktes Gehirn hatte allerdings in diesem Moment keinerlei Probleme über diese Dinge hinwegzusehen. Denn alles, was es grade interessierte war die Tatsache, wie gut es sich anfühlte, von Bastian gestreichelt zu werden, wie angenehm das Kribbeln war, dass dadurch in seinem ganzen Körper ausgelöst wurde und wie sehr er es vermisst hatte, genau diese Dinge zu fühlen. Und, dass Sex grade eine richtig gute Idee war.

"Okay," erwiderte Kim deswegen. "Aber ohne Küssen!" Denn das fand er dann sogar unter Alkohol zu abwegig.
Der Sex wurde verdammt gut, etwas, mit dem Kim selbst betrunken nicht gerechnet hatte. Aber vermutlich, weil es ihm jetzt grade ganz einfach gelang, über die Dinge, die ihn sonst gestört hätten, hinwegzusehen. Wie zum Beispiel, dass das hier über ihm Bastian war. Oder, dass das Bett immer lauter knarrte, je schneller der sich bewegte und dass vielleicht die Gäste in den anderen Zimmern, sofern es welche gab, mitbekamen, was sie hier taten. Oder, dass es am Anfang ein bißchen weh tat, weil sie nur Spucke da hatten und etwas ungeduldig waren.

Kim hatte die Finger ins Laken gekrallt, denn Bastian anfassen ging ebensowenig wie küssen, und genoß es. Jedenfalls so lange, bis Bastian gekommen war. Denn anstatt zu gucken, ob auch Kim auf seine Kosten gekommen war  rollte er sich beinah sofort von ihm runter und lag eine ganze Weile schweratmend neben ihm. "Man!" rief er dann beinahe schon enthusiastisch. "Das war echt besser, als ich gedacht hab!" Er stand auf, ohne Kim noch einen Blick zuzuwerfen und ging zum Mülleimer neben der Tür, um das Kondom hineinzuwerfen.

Kim lag da und starrte an die Decke. Eigentlich hätte er jetzt enttäuscht sein müssen, dass es Bastian so offensichtlich egal war, was jetzt aus ihm wurde. Allerdings hätte er ihm auch niemals sagen können, was grade ihm vorging, genauso wenig, wie er ihn vorhin hätte küssen oder anfassen können. Und natürlich hätte er es jetzt auch einfach selbst zuende bringen können, allerdings hatte er grade ein anderes Problem: er war wieder ziemlich nüchtern geworden und ihm wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass er bis vor wenigen Minuten Sex mit Bastian gehabt hatte, was mit einem Schlag sämtliche Erregung in ihm abtötete Stattdessen stieg eine Mischung aus Panik und Entsetzen in ihm hoch und er hatte in diesem Moment das Gefühl, dass er keine Luft mehr bekommen würde. Er hörte das Bett knarren, als Bastian sich wieder hinlegte, aber Kim konnte seine Gegenwart in diesem Moment absolut nicht ertragen. Er musste dringend hier weg und da er nach wie vor nur halb angezogen war, konnte er schlecht aus dem Zimmer rennen. Blieb als einziger Zufluchtsort also nur das kleine Badezimmer. Kim sprang auf und stellte fest, dass er ziemlich wackelig auf den Beinen war und auf dem Weg musste er aufpassen, nicht über irgendwelche Sachen zu stolpern, die er in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

Auf dem Badezimmer angekommen schloß er nicht nur die Tür hinter sich, sondern verriegelte sie noch zusätzlich. Dann riß er das kleine Fenster auf, steckte seinen Kopf hinaus und atmete paar Mal tief die kühle Nachtluft ein.
Danach fühlte er sich nicht mehr ganz so panisch und war wieder in der Lage, einigermaßen klar zu denken. Er war immer noch ziemlich fassungslos über das, was da grade passierte. Niemals hätte er mit so etwas gerechnet und schon gar nicht, dass es dann auch noch Bastian sein würde, der die Initiative ergriff.

Andererseits wäre diese Sache sicherlich auch niemals passiert, wäre er nicht in dieser Situation, in der er sich grade befand. Dass er wegen Greta noch so heftig geweint hatte, hatte deutlich gezeigt, in was für einer extremen Situation er sich grade befand und extreme Situationen erforderte dann wohl extreme Maßnahmen. Sex mit Kim war wohl einfach eine davon gewesen und Bastian war vermutlich grade auch zu betrunken, um über irgendwelche Konsequenzen nachzudenken.

Im Gegensatz zu Kim natürlich. Der genug Geschichten kannte, in denen Sex eine Freundschaft ruiniert hatte und das war wirklich das Letzte, was er wollte. Vor seinem geistigen Auge sah er jetzt schon eine Abfolge von peinlichen Situationen zwischen ihm und Bastian, weil sie einfach nicht mehr in der Lage waren, normal miteinander umzugehen.

Er wies sich selber zurecht, nicht gleich den Teufel an die Wand zu malen. Bei dem Pegel, den  Bastian hatte würde sich morgen bestimmt an überhaupt nichts mehr erinnern können.

Und wenn Bastian sich nicht daran erinnerte und  Kim es niemals erwähnte, wäre es praktisch so, als wäre es niemals passiert.
Mit diesem Gedanken versuchte Kim sich zu beruhigen, aber er musste noch eine ganze Weile am Fenster stehen, und in den dunklen sternenübersäten Nachthimmel hinausschauen, bevor er sich in der Lage fühlte, nicht nur zurück zu Bastian ins Bett zu gehen sondern dann auch einzuschlafen.

Bastian, der sich natürlich über nichts Gedanken gemacht hatte, schlief bereits und empfing Kim mit einem lauten Schnarcher.
Vorsichtig, um ihn nicht durch das Knarren des Betts aufzuwecken, kroch Kim auf die Matratze, wickelte sich eng in seine Decke und rückte dann so weit wie möglich von Bastian weg . Er schloß die Augen, aber erwartete keine Sekunde, in dieser Nacht noch zu schlafen. Doch das frühe Aufstehen, die doch ziemlich anstrengende Hochzeit und die körperliche Betätigung danach sorgten dann doch dafür, dass er irgendwann einschlief.

Er wurde davon wach, dass ihn jemand an der Schulter gepackt hatte und sanft schüttelte. Dazu sagte eine Stimme seinen Namen und als die Augen öffnete, sah er direkt in Bastians Gesicht. Es dauerte nur eine Sekunde, dann fiel Kim die letzte Nacht wieder ein. Sofort war das ungute Gefühl wieder da, denn er hatte in diesem Moment keine Ahnung, wie er sich jetzt Bastian gegenüber verhalten sollte. Oder wie er reagieren sollte, wenn Bastian darüber reden wollte. Denn dazu fühlte Kim sich grade absolut nicht in der Lage.
Aber Bastian hatte ganz andere Sachen im Sinn, als die letzte Nacht. "Hab gestern ganz vergessen, dass wir ja heute noch bei Manu und André zum Frühstück eingeladen sind," sagte er und ihm war deutlich anzuhören, dass er grade etwas gestresst war. "Und ich hab vergessen, den Wecker zu stellen und jetzt sind wir natürlich schon viel zu spät dran." Er tätschelte Kim einmal in gänzlich asexueller Art die Schulter. "Also los, aufstehen! Ich hab Manu schon geschrieben, dass es leider später wird." Er bückte sich, um irgendetwas aufzuheben, das neben dem Bett lag und als er wieder hochkam, stieß er einen schmerzerfüllten Laut aus und presste sich die Hand gegen die Stirn. "Man, ich weiß echt nicht, was sich grad mehr rumzickt: mein Kopf oder mein Magen."

Es fühlte sich wie eine völlig normale Situation zwischen ihnen an, aber Kim traute dem Ganzen nicht. Doch natürlich ließ er sich nichts anmerken. Er stand langsam auf, in der Hoffnung, dass ihn dann der Kater nicht ganz so hart ansprang, aber natürlich brachte es nichts. Es reichte schon allein aus, die Decke zurückzuschlagen, um von heftigen Kopfschmerzen heimgesucht zu werden.
Mühsam quälte Kim sich hoch, wobei er auch noch feststellen durfte, dass ihm gefühlt jeder Knochen im Leib wehtat und als er neben dem Bett stand, zwang er sich dazu, Bastian in die Augen zu sehen, als er zu ihm sagte: "Also bei mir ist es eindeutig der Kopf."

Wenn es nach Kim gegangen wäre, dann wären sie definitiv nicht zu diesem Frühstück gegangen, sondern hätten sich gleich ins Auto gesetzt und wären nach Hause gefahren. Er hatte plötzlich Sehnsucht nach seiner Wohnung, seinem Bett, der Couch und der Möglichkeit, Bastian erst mal nicht mehr sehen zu müssen, um Abstand von ihm und letzter Nacht zu bekommen.
Aber natürlich sagte er das nicht, sondern machte gute Miene zum bösen Spiel.

Glücklicherweise waren bei diesem Frühstück auch nur das Brautpaar und Bastian und er anwesend, denn für mehr Menschen hätte Kim keine Kraft gehabt. Und da es bei diesem Treffen in erster Linie darum ging, dass die beiden noch etwas Zeit mit Bastian verbringen konnten, den sie danach vermutlich wieder eine Weile nicht mehr sehen würden, konnte Kim sich gut hinter seinem Glas mit Orangensaft verstecken, etwas anderes bekam er grade nicht runter, und das Gespräch einfach an sich vorbeirauschen lassen.
Auf der einen Seite war er heilfroh, als sie endlich aufbrachen, aber auf der anderen Seite graute es ihm auch davor, jetzt drei Stunden mit Bastian alleine im Auto zu sitzen. Er hatte zwar bis jetzt den Eindruck gehabt, als hätte der wirklich keine Ahnung mehr, was gestern zwischen ihnen gewesen war, aber er konnte sich auch, genau wie Kim, einfach dazu entschlossen haben, jetzt noch nicht darüber zu reden.

Und, die Idee kam Kim, als er die Autotür hinter sich zuschlug und nach dem Gurt griff, vielleicht erinnert Bastian sich zwar doch, aber dachte wiederum, dass Kim gestern zu betrunken war, um noch irgendetwas davon zu wissen. Und wenn das jeder von dem anderen dachte, dann hieß das, dass sie niemals darüber reden würden und das wäre wohl auch das Allerbeste.

Auf der Rückfahrt gab es diesmal nicht Bastians Mix, sondern leise Musik und Nachrichten aus dem Radio. Und sie alberten auch nicht miteinander herum, das ließen schon allein ihre Kopfschmerzen nicht zu. Kim schaffte es nach einer Stunde Fahrt endlich, nicht mehr die ganze Zeit darauf zu warten, dass Bastian das Thema doch noch ansprechen würde, sondern sich zu entspannen und immer mal wieder ein kurzes Nickerchen zu machen.

Bastian hatte sich zu Beginn der Fahrt seine Sonnenbrille aufgesetzt und behielt sie auch die ganze Zeit auf. Auch, als er Kim vor seiner Haustür absetzte.

Sie sahen sich an, Kim hatte schon die Hand am Türgriff, um auszusteigen und erwartete jetzt die unangenehme Situation, mit der er schon den ganzen Tag immer wieder gerechnet hatte, aber Bastian sagte in absolut normalen Tonfall: "Danke nochmal, dass du mitgekommen bist und ich hoff, es hat dir wenigstens etwas Spaß gemacht."

Kim brauchte einen Moment, um zu antworten, weil er den letzten Satzteil erst einmal nach einer eventuellen Zweideutigkeit scannen musste. Schließlich kam er zu der Erkennis, dass dort keine versteckt war und gleichzeitig fiel ihm auf, wie lange er jetzt schon schwieg und dass er grade dafür sorgte, dass die Situation sich unangenehm anfühlte. "Ja, ja, ich hatte Spaß!" beeilte er sich deswegen zu sagen, was die Lage in seinen Augen nur noch verschlimmerte.

Aber wenn Bastian das aufgefallen war, dann zeigte er es nicht. "Dann bis zum nächsten Mal," sagte er einfach, als Kim schon halb aus dem Auto heraus war. Kim konnte den Impuls nicht unterdrücken, noch einmal den Kopf zu drehen und Bastian anzusehen. Er schenkte ihm ein kleines Lächeln und auch, wenn Kim seine Augen hinter der Sonnenbrille nicht sehen konnte, stieg plötzlich die absolute Gewissheit in ihm hoch, dass Bastian noch ganz genau wusste, was zwischen ihnen gewesen war. Und dass er wusste, dass auch Kim sich erinnerte.

Kim konnte nicht sagen, woher er auf einmal diese absolute Gewissheit hatte, aber jetzt, wo sie da war, wurde er sie natürlich auch nicht mehr los. Und weil er nicht wollte, dass Bastian etwas von seiner plötzlichen Offenbarung mitbekam, wandte er schnell den Blick ab, als er: "Ja, bis bald," erwiderte und dann ausstieg.

Das Bedürfnis, jetzt gleich hoch in seine Wohnung zu rennen und die Tür hinter sich zuzuknallen war übermächtig und Kim musste alle seine Willenskraft aufbringen, um ihm nicht nachzugeben. Betont lässig holte er seine Sachen aus dem Kofferraum und nickte Bastian noch einmal zu, bevor er zur Haustür ging, während er in der Tasche nach dem Schlüssel kramte. Als er ihn nicht sofort fand, bekam er Panik, dass er ihn verloren hatte und anstatt gleich in seine Wohnung zu können noch einen sauteuren Schlüsseldienst anrufen musste, aber dann stießen seine Finger in seiner Seitentasche auf kantiges Metall und er seufzte einmal erleichtert auf.
Bei den Stufen zu seiner Wohnung konnte er sich jetzt aber nicht mehr zurückhalten. Er hastete sie hoch, den Wohnungsschlüssel schon griffbereit.

Endlich in der Wohnung angekommen, knallte er die Tür hinter sich zu, ließ, alles was er in den Händen hielt, achtlos fallen, ging ins Schlafzimmer, warf sich aufs Bett und zog sich das Kissen über den Kopf.


Als Kim wieder aufwachte, lag er immer noch quer auf dem Bett und hatte das Kissen über dem Kopf.
Er zog es weg und warf einen Blick auf den Wecker auf seinem Nachttisch. Es war halb sechs, was bedeutete, dass er fast vier Stunden geschlafen hatte. Es war allerdings kein erholsamer Schlaf gewesen, Kim fühlte sich, als wäre sein Kopf voller Watte. Er seufzte einmal, drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Die Gedanken an letzte Nacht waren natürlich mit einem Schlag wieder da und hatten keinerlei Mühe, die Watte an die Seite zu schieben und sich ungehindert auszubreiten. Das Rad aus Warums, Wiesos und Wie konntes setzte sich wieder in Bewegung und Kim war sich sicher, dass er verrückt werden würde, wenn er jetzt einfach hier liegenblieb und es sich ohne Widerstand  drehen konnte.

Also stand er auf, merkte dann, dass er unglaublichen Durst hatte und ging in die Küche, wo er ein Glas mit Leitungswasser füllte und es in einem Zug austrank. Der Stuhl, auf dem er morgens immer saß und seinen Kaffee trank, bot sich an, sich hinzusetzen und dort am Küchentisch die letzte Nacht wieder und wieder durchzugehen, ohne, dass das zu irgendetwas führen würde.
Deswegen wandte Kim den Kopf entschieden ab, ging in den Flur, zog seine Schuhe an und nahm den Schlüssel vom Brett. Dann zog er die Tür hinter sich zu und stieg die Treppe runter um durch die Hintertür in die Kneipe zu gehen. Die wie immer sehr gut besucht war und vielleicht saß Niklas ja auch irgendwo da, aber das war Kim grade egal. Er war in diesem Moment einfach dankbar für das Stimmengewirr und die ganzen Menschen von denen er die meisten zwar oberflächlich kannte, aber genau wusste, dass sie ihn nie in ein Gespräch verwickeln würden.

Er setzte sich auf einen freien Hocker am Tresen und sofort war Mark, einer der Besitzer der Kneipe, bei ihm. "Das Übliche?" fragte er und Kim fühlte sich grade zu nichts anderem in der Lage, als einfach nur zu nicken. Und als das Bier dann vor ihm stand, nahm er erst einmal einen großen Schluck davon. Was natürlich an seiner Situation nichts änderte und so gut es sich vielleicht auch anfühlte, grade nicht alleine in seiner Bude zu hocken, blieben Kims Gedanken doch die gleichen. Und als er zum gefühlt hundersten Mal bei der Frage angekommen war, wieso die Initiative Sex zu haben von Bastian ausgegangen war, da wurde ihm klar, dass er mit jemandem darüber reden musste.

Aber er hatte keine Ahnung mit wem. Bastian, mit dem er ja sonst immer alles besprach, schied logischerweise aus. Genau wie Kims ganzer Freundeskreis, der ja auch gleichzeitig Bastians war. Und seine Arbeitskollegen waren definitiv die Letzten, mit denen er über ein solches Thema sprechen würde. Bis auf eine. Als Kim vor etwas mehr als drei Jahren in der Firma angefangen hatte, hatte Carina am Schreibtisch ihm gegenüber gesessen und sie hatten sich sofort am ersten Tag angefreundet. Über zwei Jahre hatten sie dann nicht nur zusammen gearbeitet, sondern sich auch hin und wieder privat getroffen. Dann wurde Carina schwanger und verabschiedete sich in die Elternzeit. Am Anfang hatte ihre Freundschaft auch weiter Bestand gehabt und sie sich auch weiter getroffen – bis sie dann ihren Sohn bekommen hatte. Und von da an hatte sich ihr Leben nur noch um ihr Kind gedreht.

Was Kim auf der einen Seite verstehen konnte, aber auf der anderen Seite fand er es einfach nur anstrengend, dass die alte Carina verschwunden war und der Mama Platz gemacht hatte, die nur noch über das Kind reden konnte und selbst auf die Frage, wie es denn ihr ginge, damit antworterte, wie sich das Kind fühlte und was es wieder alles gemacht hatte. Was dann meistens so uninteressante Kleinigkeiten wie Lachen, Brabbeln oder Pupsen gewesen waren und dazu geführt hatten, dass Kim den Kontakt irgendwann auf ein Minimum begrenzt hatte. Und Carina hatte auch keinerlei Anstrengungen unternommen, dass sich das wieder änderte. Also fragte Kim jetzt einmal im Monat per Textnachricht nach, wie es ihr ging, bekam das Neuste vom Kind zu hören, schrieb darauf irgendetwas Höfliches zurück und dann war wieder vier Wochen Sendepause.

Während er den letzten Schluck aus seinem Glas nahm und Mark mit einem Kopfnicken darauf hinwies, dass er gerne ein neues hätte, rechnete er im Kopf aus, wie lange das jetzt schon so ging. Er kam auf ein halbes Jahr und vielleicht hatte Carina sich inzwischen ja jetzt schon soweit ans Mutter-Dasein gewöhnt, dass man mit ihr auch über andere Dinge reden konnte. Und wenn nicht war Kim inzwischen schon so verzweifelt, dass ihm der Gedanken, dass er ihr sein Herz ausschüttete und sie ihm dann von den neuesten Entwicklungen auf dem Windelmarkt erzählte, gar nichts mehr ausmachte. Sein Handy hatte er oben in der Wohnung liegen lassen und er würde ihr sofort schreiben und sie nach einem Treffen fragen, wenn er sein zweites Bier ausgetrunken hatte. Und schon der Entschluss, mit jemanden darüber zu reden sorgte dafür, dass Kim sich ein wenig besser fühlte.

Zu Kims Überraschung sagte Carina sofort und mit Begeisterung zu. Sie konnte allerdings erst am Dienstag, weswegen Kim mit seinem Gedankenrad noch einen ganzen weiteren Tag verbringen musste. Und dabei feststellen durfte, dass für Bastian das Leben, einfach weiterging. Denn während Kim seinen Zeit weiterhin damit verbrachte, sich mit den immer gleichen Fragen ohne Antworten   herumzuschlagen, kämpfte Bastian mit einem kaputten Traktor, der eigentlich schon repariert sein sollte, allerdings hatte die Werkstatt geschlampt. Bastian hielt Kim bei seinem Kampf nicht nur mit der Werkstatt sondern auch mit seinem Vater, der das Fahrzeug erneut dort reparieren lassen wollte, um den Leuten noch eine zweite Chance zu geben, auf dem Laufenden. Etwas, das typisch für ihn war, wenn es etwas gab, das ihn ärgerte und an jedem anderen Tag hätte Kim die Nachrichten zur Kenntnis genommen, sicher eine anteilnehmende zurückgeschickt und ansonsten gar nicht weiter darüber nachgedacht. Aber an diesem Montag ärgerte er sich ein wenig darüber, dass Bastian einfach weitermachte als wäre nichts passiert, während Kim sich fühlte wie ein Ertrinkender ohne Aussicht auf Rettung.

Aber dann schrieb Carina ihm, wie sehr sie sich darauf freute, dass sie sich morgen trafen und wie froh sie darüber war, endlich mal wieder rauszukommen und was anderes zu sehen und Kim stellte fest, dass die Rettung vielleicht doch näher war, als er dachte.
Halb hoffte er auch, dass sie das Kind vielleicht sogar nicht mitbringen würde, aber als er, dank des Busses, ein paar Minuten zu spät, ins Café trat, traf er dort nicht nur Carina, sondern auch das Kind an, das auf ihrem Schoß saß. Und als Carina aufstand, ihn anstrahlte und ihn mit einem "Endlich sehen wir uns mal wieder!" entgegeneilte, da umarmte Kim nicht nur sie, sondern auch das Baby. "Ist Elias nicht groß geworden?" fragte sie dann und hielt ihm das Kind hin. "Willst du ihn nicht mal nehmen?"

Kim, der mit so etwas ja schon gerechnet hatte und der bereit war, über jede Kinder-Hürde zu springen, solange ihm Carina dann wenigstens halbwegs zuhörte, nahm den Kleinen bereitwillig auf den Arm und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von Carina.
"Also los, erzähl mal. Wie geht es dir? Was gibt es Neues bei dir? Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen! Wie lange ist das her? Ich glaube ein halbes Jahr. Was gibt es Neues in der Firma?" prasselten die Fragen auf Kim ein und ihm wurde bewusst, dass er hier nicht der Einzige mit Redebedarf war.

Jetzt sofort von Bastian anzufangen wäre absolut unhöflich gewesen, also verbrachten sie die erste Stunde damit, sich gegenseitig das Neuste aus ihrem Leben zu erzählen, wobei Kim, bei dem es ja, außer der einen Sache, absolut nichts Neues gab, zurückhielt und die meiste Zeit Carina reden ließ. Die ihm nicht nur die neuesten Neuigkeiten von Elias erzählte, sondern auch darüber, wie anstrengend es sein konnte, den ganzen Tag mit dem Kind allein zu sein, wie schwer die Suche nach einem guten Kindergartenplatz war und wie furchtbar ätzend andere Mütter sein konnten. Elias saß dabei die ganze Zeit ruhig auf Kims Schoß und war zufrieden damit, an einem Stück Brötchen zu kauen.

Als Carinas Redefluß schließlich weniger wurde und sie anfing, einige ihrer Aussagen, die meisten über die ätzenden Mütter, zu wiederholen, da sah Kim seinen Moment gekommen. Er räusperte sich. "Ich hoffe, du bist jetzt nicht sauer, aber ein Grund, wieso ich dich unbedingt treffen wollte ist, dass ich mit dir über etwas reden muss, über das ich mit keinem anderen erzählen kann."
Sie lächelte ihn an und legte die Hand auf seine Schulter. "Nein, ich bin da absolut nicht sauer. Im Gegenteil, ich bin froh, dass es diese Sache gibt, die einen von uns dazu gebracht hat, endlich den Kreis der monatlichen Textnachrichten zu durchbrechen. Ich wollte mich eigentlich auch schon die ganze Zeit mal wieder mit dir treffen, aber ich hatte ein bisschen Angst, dass ich dich langweilen werde, weil ich ja die meiste Zeit nur über Elias rede."

"Ach was," stritt Kim sofort ab, während er erstaunt darüber war, dass Carina die Situation absolut richtig eingeschätzt hatte, denn wenn er ehrlich war, dann hätte er ihr soviel Selbstkritik gar nicht zugetraut. "Ich hab nur gedacht, dass du vielleicht keine Lust hast, dich zu treffen, weil du ja das Kind hast."

"Ok, also einigen wir uns darauf, dass wir beide uns geirrt haben. Und jetzt erzähl mal!", forderte Carina ihn gespannt auf, was Kim für einen Moment unangenehm war. Vermutlich weil es ihm, jetzt, wo es endlich soweit war, insgesamt unangenehm war, über die Nacht mit Bastian zu sprechen, aber er würde jetzt keinen Rückzieher machen. Er räusperte sich einmal. "Du kennst doch noch Bastian, oder?"

"Ich habe ihn zwar nie getroffen, aber ich weiß noch wer er ist und ich glaube ich kann mich auch noch an das Foto erinnern, dass du mir mal von ihm gezeigt hast," antwortete Carina.

Kim holte tief Luft und zählte innerlich bis drei. Dann fing er an zu erzählen und er ließ nichts aus. Beginnend mit Bastians Beziehung zu Greta, über ihre Trennung und wie sehr die nicht nur Bastian mitgenommen hatte. Er merkte selber, dass er sich danach ein bißchen zu lange dabei aufhielt, was Bastian alles gemacht hatte, um über die Trennung hinwegzukommen, aber irgendwann hatte er aus dieser Episode alles herausgeholt was da war und steuerte unaufhaltsam auf die Hochzeit zu.

Er geriet ins Stocken, aber Carina sah ihn gespannt an was ihm dabei half, sich zusammenzureißen und weiter zu erzählen. Auch bei der Hochzeit hielt er sich an ein paar Kleinigkeiten auf, aber dann war es endgültig soweit. Und diesmal war kein Platz für Einzelheiten. Im Gegenteil. Hastig ratterte Kim herunter was passiert war bis zu dem Moment, als er vor seinem Haus aus dem Wagen stieg.

Carinas Augen wurden immer größer und als Kim zuende geredet hatte, schwieg sie erst einmal ein paar Sekunden. "Du liebe Zeit..." fing sie dann an, aber in diesem Moment entschied Elias, dass er jetzt lange genug ruhig geblieben war. Er warf das Brötchen auf den Boden und fing dann ohne Vorwarnung an, loszubrüllen. Carina sprang auf. "Tut mir Leid," sagte sie und hob das Kind von Kims Schoß und griff gleichzeitig nach der Wickeltasche, die an der Lehne ihres Stuhls hing. "Ich werd ihn eben schnell wickeln gehen!" Sie verschwand auf der Toilette und Kim war gar nicht böse darum, dass er kurz für sich allein war. Über die ganze Sache zu reden hatte ihn innerlich ziemlich aufgewühlt und so hatte er jetzt die Möglichkeit, wieder herunterzukommen.

Als Carina nach ungefähr zehn Minuten wiederkam, hatte er sich wieder gefasst und war bereit dazu, weiter über das Thema zu reden.
"Entschuldige," sagte Carina, als sie sich mit Elias wieder auf den Stuhl gegenüber gesetzt hatte. "Aber ich muss ihn jetzt erst einmal füttern. Doch vielleicht hält er danach ja ein Schläfchen, das ist sowieso überfällig." Sie holte ein Gläschen und einen Plastiklöffel aus ihrer Handtasche. Elias wurde ganz aufgeregt als er das Gläschen sah und fing an, danach zu greifen und stieß einen wütenden Laut aus, als Carina es außerhalb seiner Reichweite aufdrehte und den Löffel hineintunkte. Er zerrte ungeduldig an ihrem Ärmel und riß den Mund auf und Kim konnte sich, angesichts seiner Ungeduld, ein Lächeln nicht verkneifen.

"Also," fing Carina an, während sie eine Ladung Babybrei nach der anderen in Elias' Mund schob. "Du hattest also Sex mit deinem besten Freund. Der vorher acht Jahre mit einer Frau zusammen gewesen ist."

"Und der nie auch nur irgendwie Interesse an mir gezeigt hat," ergänzte Kim. "Und ich hab ihn auch schon vorher im Arm gehalten während er geheult hat und da ist nie irgendetwas passiert."

"War er da auch betrunken?" fragte Carina und Kim zuckte mit den Schultern. "Bis auf das eine Mal weiß ich das gar nicht mehr genau."

"Ich hab nämlich mal gelesen, dass Männer, wenn sie betrunken sind, auch schon mal ganz gerne Interesse an anderen Männern haben, auch wenn sie vorher nie irgendwelche Andeutungen gemacht haben," sagte Carina. "Und Bastian war nicht nur betrunken, sondern auch in einer emotionalen Ausnahmesituation. Und dann hast du ihn in den Arm genommen, ihr lagt zusammen im Bett und er hat dann gar nicht mehr nachgedacht, sondern einfach gemacht. Denn das ist ja auch der Effekt von Alkohol: Du denkst nicht mehr nach, du tust einfach, wozu du grad Lust hast."

"Aber trotzdem fühlt es sich für mich einfach nur verrückt an," erwiderte Kim. "Es waren nie irgendwelche Zeichen da oder Andeutungen, er hat noch nicht einmal irgendwelche Witzchen gemacht. Und es ist ja auch nicht das erste Mal gewesen, dass er so betrunken gewesen ist, aber auch dann hat er nie Interesse gehabt. Und vielleicht war er emotional an diesem Abend echt angeschlagen, aber wegen einer Frau. Und zuerst ist er wegen ihr noch völlig fertig und dann... dann passiert sowas." Er fuhr sich einmal mit der Hand durchs Gesicht. "Ich komm damit einfach nicht klar."

Carina hatte Elias inzwischen fertig gefüttert und fing an, ihn auf ihrem Schoß leicht hin und her zu wiegen. "Ich kann verstehen, dass dich das fertig gemacht," erwiderte sie. "Und ich weiß, es ist leichter gesagt, als getan, aber vielleicht solltest du dich einfach damit anfreunden, dass es nun mal passiert ist, als irgendeine Erklärung dafür zu finden, die eine andere ist als, dass Bastian betrunken war und sich schlecht gefühlt hat und du grade da warst. Und er ja auch wusste, dass die Möglichkeit bestand, dass du mitmachen würdest."

Kim seufzte einmal tief. "Wenn ich nicht völlig durchdrehen will, dann muss ich mich mit dieser Erklärung wohl einfach abfinden. Was Bastian wohl schon gemacht hat, denn während ich mich immer noch mies fühle, macht er einfach weiter als wäre nie irgendwas passiert." Er verzog das Gesicht. "Was mich echt ein bißchen wütend macht und am liebsten würde ich ihm das sagen, aber das kann ich nicht. Ich will mit ihm niemals über die ganze Sache reden. Und eigentlich müsste ich ja froh sein, dass er so reagiert weil ich echt befürchtet hab, dass die ganze Sache jetzt zwischen uns stehen wird."

Carina bugsierte den inzwischen schlafenden Elias vorsichtig in den Kinderwagen, der neben ihr stand, dann rückte sie mit ihrem Stuhl ganz nah zu Kim hin und streichelte ihm liebevoll über den Arm. "Bastian hat die Sache ganz offensichtlich abgehakt und du solltest das auch tun. Es ist nun mal passiert, du kannst es nicht ändern und deswegen bringt es auch nichts, sich jetzt deswegen die ganze Zeit Gedanken zu machen. Also halte dich einfach an das, was Bastian macht und kehr zurück zu eurer absolut sexlosen Freundschaft. Ich weiß, dass das nicht einfach ist und wenn du drüber reden willst, dann bin ich immer da für dich."
Kim lächelte sie an. "Danke," sagte er und sie umarmten sich kurz.  

Nachdem sie sich wieder losgelassen hatten, sah sie ihn einen Moment mit einem Blick an, von dem er keine Ahnung hatte, wie er ihn interpretieren sollte. "Was ist los?" erkundigte er sich deswegen und sie wich seinem Blick aus, während sie mit ihrer Kaffeetasse spielte. "Ich würd dich gern etwas fragen, aber ich weiß nicht, ob ichs wirklich machen soll."

"Ich hab grad alle meine Karten auf den Tisch gelegt, also mach du es jetzt auch!" forderte Kim sie auf. "Ich werde es schon überleben."

"Okay," erwiderte Carina wenig überzeugt. "Ich geh einfach davon aus, dass du mich nicht umbringen wirst, wenn ich dich das jetzt frage, also tu ich es einfach!" Sie holte tief Luft. "War... war der Sex eigentlich gut?"

Kim, der mit dieser Frage absolut nicht gerechnet hatte, sah sie für einen Moment an, ohne in der Lage zu sein, zu reagieren. Was aber auch daran lag, dass er sich vorher nie darüber nachgedacht hatte, ob er es gut gefunden hatte. Obwohl er es jetzt, wo er darüber nachdachte, eine eindeutige Antwort hatte.

Carina zog aufgrund seines Schweigens unbehaglich die Schultern zusammen. "Es tut mir Leid," murmelte sie. "Ich hätte nicht fragen sollen. Vergiß es einfach!"

"Nein, nein!" beeilte Kim sich zu sagen. "Wenn ich das alles jetzt als Teil meines Lebens betrachten soll, dann sollte ich auch in der Lage sein, das zu beantworten." Er sah vor sich auf den Tisch. "Es war... gut," sagte er dann. "Sogar ziemlich gut. Jedenfalls bis zum Ende. Bastians Ende. Wenn du verstehst, was ich meine."

"Natürlich," erwiderte Carina und jetzt schafft es Kim, sie wieder anzusehen. "Vielleicht ist das auch der Grund, wieso mich die ganze Sache nicht loslässt: Weil es gut gewesen ist und es das eigentlich nicht hätte sein sollen. Finde ich zumindest." Er hatte bis jetzt gar nicht gewusst, dass er diese Gedanken gehabt hatte und sie jetzt auszusprechen fühlte sich ziemlich gut an. Genau wie das ganze restliche Gespräch. Ihm war jetzt viel leichter zumute und er war sich sicher, dass er sein Gedankenrad jetzt losgeworden war und, genau wie Bastian, einfach zum Alltag zurückkehren konnte. Und irgendwann hatte er dann einfach vergessen, dass es passiert war,

Das Gespräch mit Carina hatte wirklich dafür gesorgt, dass Kim danach den Kopf wieder frei hatte. Bis auf die Tatsache, dass er in diesem Gespräch nicht nur gegenüber Carina sondern auch gegenüber sich selbst zugegeben hatte, dass ihm der Sex mit Bastian gefallen hatte. Etwas, mit dem sich sein Gehirn unbedingt beschäftigen musste, als er Mittwochmorgen gegen zwei Uhr aus irgendeinem merkwürdigen Traum hochgeschreckt war. Danach konnte er dann natürlich nicht mehr einschlafen, sondern lag im Dunkeln da und starrte an die Decke. Zu diesem Thema gab es nämlich einige Zusatzfragen, die er sich stellen und über deren hypothetischen Antworten er dann stundenlang grübeln konnte.

Schon allein die Tatsache, dass der Sex gut gewesen war, beinhaltete eine Frage. Kim hatte zwar noch nie vorher Sex mit Heteros gehabt aber er hatte Berichte von welchen darüber gehört, die alle darin übereingestimmt hatten, dass der Sex nicht wirklich gut gewesen war, weil der Typ sich ziemlich tollpatschig angestellt hatte. Was bei Bastian absolut nicht der Fall gewesen war. Lediglich am Ende hatte er sich genau so verhalten, wie all die anderen Heteros.

Oder Kim konnte sich einfach nicht mehr richtig erinnern. Schließlich war er in dieser Nacht ganz schön betrunken gewesen. Und da er sich bis jetzt selbst nicht erlaubt hatte, näher darüber nachzudenken, hatte er inwischen das Meiste vergessen. Aber er war sich sicher, dass es nur deswegen ein bißchen weh getan hatte, weil sie es einfach eilig gehabt hatten. Nicht, weil Bastian irgendwie tollpatschig gewesen war. Bis auf die eine Kleinigkeit hatte er genau gewusst, was er machen musste, damit es sich gut angefühlt hatte. Also war er entweder ein Naturtalent oder er hatte sich mit dem Thema schon mal beschäftigt. Und wenn er das getan hatte, war die Frage, warum.

Kim seufzte einmal. Anscheinend gab es eine Seite an Bastian, die er noch nicht kannte. Und dabei war er sich sicher gewesen, dass sie sich immer alles erzählten. Aber das war dann ja anscheinend nur bei Kim so. Er konnte sich aber keinen Grund vorstellen, wieso Bastian ihm nichts davon gesagt hatte. Er wusste doch, dass Kim der Letzte sein würde, der ihm deswegen irgendwelche Vorwürfe machen würde. Oder sich über ihn lustig machen würde.

Aber so gerne Kim auch die Antwort auf diese und alle anderen Fragen bekommen hätte, galt nach wie vor, dass er Bastian niemals darauf ansprechen würde und hoffte, dass der das auch niemals tun würde.

Als er soweit in seinem Denkprozess gekommen war, schaffte er es, noch ein wenig zu dösen. Was natürlich nichts daran änderte, dass er sich wie gerädert fühlte, als der Wecker sich schließlich mit seinem furchtbaren Gepiepse meldete, bei dem Kim jedes Mal das Gefühl hatte, es würde sich direkt in sein Hirn bohren.

Anstatt der üblichen einen trank er gleich zwei Tassen Kaffee, weswegen er etwas später als sonst losging und rennen musste, um den Bus noch zu kriegen.

Den Arbeitsvormittag überstand er auch nur mit weiteren Tassen Kaffee und natürlich konnte er sich kaum auf die Arbeit konzentrieren, weil sein Gehirn die nächtlichen Grübeleien nur zu gern wieder aufnahm. Nur, dass das Thema diesmal ein anderes war. Denn jetzt, wo Kim es sich zum ersten Mal gestattet hatte, über den Sex mit Bastian nachzudenken, wurde ihm bewusst, wie sehr er den Sex allgemein vermisste. Als Niklas ihn als Eunuch bezeichnet hatte, hatte er gar nicht mal so Unrecht gehabt. Den letzten Sex vor Bastian hatte Kim vor sechs Monaten gehabt und weil Greta und Bastian damals noch ein glückliches Paar gewesen waren, hatte auch Kim noch auf den einen Richtigen gehofft. Deswegen hatte er sich mit dem Typen danach auch noch ein paar Mal getroffen, obwohl er schon am Anfang gemerkt hatte, dass sie nicht wirklich auf einer Wellenlänge waren. Und auch beim ersten Treffen hatte sich der Typ dann als vorhersehbarer Unsympath entpuppt. Total gefangen in seinem romantischen Ideal weigerte Kim sich aber, diese Nacht als das zu sehen, was sie war, nämlich einfach nur oberflächlicher Sex. Es hatte noch drei weitere Treffen mit dem Kerl, der jedes Mal ätzender war, gebraucht, bis Kim endlich vor sich selbst zugeben konnte, dass er auf keinen Fall der eine Richtige war. Und ihm oberflächlicher Sex einfach nicht zusagte. Also hatte er, seinem romantischen Ideal zuliebe, danach auf Handbetrieb umgestellt und sämtliche Gelegenheiten, die sich ihm geboten hatte, ausgeschlagen.

Aber dann hatten sich Greta und Bastian getrennt und Kim einsehen müssen, dass es Unsinn war, auf den einen Richtigen zu warten, weil es den ja gar nicht gab. Und inzwischen hatte er sich ja, wenn auch widerwillig, damit abgefunden dass er nur darauf hoffen konnte, dass irgendeine oberflächliche Bekannschaft irgendwann in eine solide Beziehung übergehen würde. Also sollte er dann doch auch anfangen, oberflächlichen Sex nicht mehr auszuschließen. Deswegen würde er die nächste Gelegenheit dafür einfach mal nutzen und sehen, was passierte.

Anstatt wie sonst mit seinen Arbeitskollegen während der Mittagspause Essen zu gehen, kaufte Kim sich ein abgepacktes Sandwich aus dem Automaten und machte einen kleinen Spaziergang, während er aß. Er hatte grade keine Kraft für lautes Stimmengewirr und Unterhaltungen und hoffte, mit ein bißchen Sauerstoff auch neue Energie tanken zu können.

Nachdem er die leereVerpackung des Sandwichs in den Mülleimer geworfen hatte, brummte das Handy in seiner Tasche. Bastian hatte ihm geschrieben und ihn gefragt, ob er nicht heute vorbeikommen wollte. Erst einmal hatten sie sich ja schon länger nicht mehr gesehen und dann hatte Bastian von einem Arbeiter auf dem Hof einen Film empfohlen bekommen, den er sich heute angucken wollte und der Kim auf jeden Fall auch gefallen würde.

Kim sagte sofort zu, ohne länger darüber nachzudenken. Nach dem Gespräch mit Carina und dem Grübelmarathon fühlte er sich mit allem wieder ziemlich im Reinen. Was natürlich auch daran liegen konnte, dass er grade einfach zu fertig war, um sich noch über irgendetwas Gedanken zu machen.

Natürlich wurde es im Laufe des Tages trotz mehr Tassen Kaffee als üblich nicht besser und Kim spielte mit den Gedanken, Bastian abzusagen und zuhause direkt ins Bett zu gehen. Andererseits war er aber schon neugierig, was Bastian da für einen Film aufgetrieben hatte und so ging er nach Feierabend in den Supermarkt, kaufte einen Sechserpack ihres Lieblingsbiers und stieg dann erst zwei Haltestellen später aus dem Bus aus.

"Du siehst ja ganz schön fertig aus," begrüßte Bastian ihn, nachdem er ihm die Tür aufgemacht hatte, und nahm ihm das Bier ab.
Kim grinste einmal schief. "Deswegen hoff ich mal, dass der Film wenigstens richtig actionreich ist um mich wachzuhalten."
"Jonas meinte, er ist es," erwiderte Bastian über die Schulter während er ins Wohnzimmer ging und das Bier auf den Tisch stellte.
"Ich bin gespannt," sagte Kim und setzte sich auf die Couch. Wobei er eigentlich grade nur erleichtert war, dass es sich zwischen ihm und Bastian anfühlte wie immer.

Bastian hatte Recht gehabt, der Film gefiel Kim verdammt gut. Aber alle Bombenexplosionen, Autoverfolgungen und Schießereien konnten trotzdem nicht verhindern, dass ihm immer wieder die Augen zufielen. Zuerst schaffte er es noch, sich immer wieder zuückzureißen aber irgendwann hatte er keine Kraft mehr dazu und schlief ein, ohne es mitzubekommen.

Als er wieder aufwachte lag er mit angezogenen Beinen auf der Seite und Bastian hatte ihn mit einer Wolldecke zugedeckt. Auf dem Fernseher lief nicht mehr der Film sondern irgendein Autorennspiel und er hörte Bastian leise ein paar Flüche murmeln.
Kim hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte, aber es hatte absolut nicht zu seiner Erholung beigetragen. Im Gegenteil, denn als er sich aufrichtete, sprangen ihn heftige Kopfschmerzen an.

"Willkommen zurück," sagte Bastian fröhlich und wandte Kim ein grinsendes Gesicht zu. "Ich hab mir schon fast gedacht, dass du einpennen wirst."

"Wie spät ist es?" wollte Kim wissen während er nach seiner halb ausgetrunkenen Bierflasche griff, die auf dem Tisch stand, und einen kräftigen Schluck davon nahm.

"Halb zwölf," antwortete Bastian. "War also ein ganz schön langes Schläfchen. Und das auf dieser unbequemen Couch."
"Hat sich auch nicht wirklich gut angefühlt," erwiderte Kim, schlug die Decke zurück und stand auf. "Ich werd dann besser mal zusehen, dass ich nach Hause komme."

Bastian runzelte die Stirn. "Ich dachte, so fertig wie du bist, pennst du heute hier."

Ihre Blicke trafen sich und auf einmal fühlte Kim sich absolut unwohl. Wenn er hier übernachtete, dann würde das heißen, dass er mit Bastian in einem Bett schlafen würde. Etwas, was vor der Hochzeit nie ein Problem gewesen war, was er jetzt aber auf keinen Fall mehr wollte. Er schluckte einmal. "Nein, ich... es ist besser, wenn ich nach Hause gehe."

"Okay," sagte Bastian und etwas blitzte in seinen Augen auf, das Kim zeigte, dass er grade seine Gedanken erraten hatte. Jetzt war definitiv etwas zwischen sie getreten und Kim verfluchte sich für seine Reaktion. Aber jetzt konnte er sie auch nicht mehr zurücknehmen.

Bastian stand auf. "Gut, dann werd ich dich mal nach Hause bringen."

"Danke," murmelte Kim und sah dann stumm zu, wie Bastian die Konsole und den Fernseher ausschaltete und den Autoschlüssel vom Brett nahm. Er fühlte sich inzwischen richtig elend. Schließlich war er es gewesen, der die ganze Zeit befürchtet hatte, dass Bastian über alles reden wollte und damit dafür sorgen würde, dass zwischen ihnen eine unschöne Anspannung herrschen würde und stattdessen hatte er jetzt selbst dafür gesorgt. In dem er darüber geredet hatte, ohne zu reden.

Im Auto herrschte dann auch ein unangenehmes Schweigen und Kim war froh, dass die Fahrt nicht sehr weit war.
Vor seinem Haus tauschten sie noch ein angespanntes ,Gute Nacht' aus und mit einer Mischung aus Erleichterung und Wehmut sah Kim Bastians Auto hinterher, bis er es nicht mehr sehen konnte. Er hoffte inständig, dass er durch seine Aktion jetzt ihre Freundschaft nicht kaputt gemacht hatte und schwor sich, dass, wenn das der Fall war, er zu Bastian hingehen und darüber reden würde. Er hatte sich zwar mehrfach geschworen, das niemals zu tun, aber wenn er es so schaffte, ihre Freundschaft zu retten, dann würde er es machen.

Allerdings durfte Kim am nächsten Tag feststellen, dass er Bastian wieder falsch eingeschätzt hatte. Was immer er sich auch gestern gedacht hatte, als Kim es abgelehnt hatte, bei ihm zu übernachten, jetzt benahm er sich wie immer. Sehr zu Kims Erleichterung. Wahrscheinlich hatte er sich die Angespanntheit zwischen ihnen gestern auch einfach bloß eingebildet, weil er selbst angespannt gewesen war. Und so konnte Kim ohne Probleme zustimmen, als Kathi vorschlug, dass sie alle am Wochenende in der Stadt irgendein Volksfest besuchen sollten. Natürlich lief es bei diesen Volksfesten meistens darauf hinaus, dass sie an irgendeinem Bierstand versackten, sich unterhielten und dabei Musik lief, die nicht unbedingt Kims Geschmack entsprach, was bis jetzt aber trotzdem immer ganz spaßig gewesen war.

An dem Samstag war das Wetter auch richtig schön und alle hatten gute Laune, sogar Stefan, der wegen irgendwelcher Probleme auf seiner Arbeit, über die er nicht reden wollte, bei ihren letzten Treffen nicht wirklich gut drauf gewesen war.

Auch Kim fühlte sich bestens. Seine Grübelattacken waren endlich vorbei, er hatte die letzten Nächte hervorragend geschlafen und jetzt freute er sich auf einen lustigen Tag mit seinen Freunden. Und vielleicht sollte er jetzt mal anfangen, die Augen offen zu halten, denn vielleicht würde er heute ja jemanden finden, mit dem er was Oberflächliches anfangen konnte.

Aber stattdessen fand er etwas, dass er gar nicht haben wollte. Denn als Bastian, der, aufgrund des kleinen Stehtisches an dem Bierwagen, an dem sie hängen geblieben waren, sehr dicht neben Kim stand, die Hand hob, um nach seinem Becher zu greifen, streifte er unabsichtlich Kims Hüfte. Der dabei heftig zusammenzuckte weil in dieser Sekundeein unglaubliches Kribbeln durch seinen ganzen Körper schoss. Mit einem Schlag war er zurück in dem Hotelbett, in dem Bastian ihm damals in ähnlicher Weise über die Hüfte gestrichen hatte. Nur, dass es in diesem Moment beabsichtigt gewesen war weil er auf etwas anderes hinausgewollt hatte, als einen Schluck Bier zu trinken.

Kim atmete einmal tief ein und fühlte sich in diesem Moment von sich selbst betrogen. Die ganze Zeit hatte er darüber nachgedacht, wie schlecht es für Bastians und seine Freundschaft war, dass sie Sex gehabt hatten und wie sehr er hoffte, dass dieses eine Mal sich nicht negativ auf ihre Beziehung auswirkte. Und jetzt in dieser Sekunde hätte er trotz allem kein Problem gehabt, wenn es wieder passiert wäre. Als wäre da noch eine andere Persönlichkeit in ihm, die weder Schuldgefühle noch schlechtes Gewissen kannte und die einfach bloß vögeln wollte. Und dass sie sich grade so stark durchsetzen konnte, lag wahrscheinlich daran, dass Kim schon einige Bier getrunken hatte.

Er ballte die Hand in der Hosentasche zur Faust und bemühte sich, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen, damit niemandem auffiel, dass er grade einen inneren Kampf ausfocht. Vorallem Lara, die ihre Umgebung immer genau im Auge behielt und für Klatsch und Drama jederzeit zu haben war, sollte nichts merken.

Zuerst sah auch alles danach aus, als hätte Kim sich wieder unter Kontrolle. Er trank weiter Bier, beteiligte sich an den Unterhaltungen und es gelang ihm mit viel Selbstdisziplin, seine Gedanken auf andere Dinge zu lenken. Bis er sich selbst dabei erwischte, wie er Bastian kurz von der Seite ansah. Was danach noch einige Male innerhalb von ein paar Minuten passierte bis Kim schließlich entschied, dass es besser war, wenn er sich eine kleine Auszeit nahm. Also sagte er, dass er eben kurz verschwand und machte sich auf den Weg zum Toilettenwagen. Aber als er sich sicher war, außer Sichtweite zu sein, bog er nach rechts ab, wo ein weiterer Bierwagen stand. Hier war es nicht so voll und innerhalb von einer Minute hatte er nicht nur einen Plastikbecher Wasser gekauft, sondern auch einen freien Tisch gefunden. Dort stand er dann, starrte vor sich hin und konnte es immer noch nicht fassen, was grade passiert war. Andererseits, wenn er jetzt in Ruhe darüber nachdachte, dann war seine Reaktion gar nicht mehr so überraschend. Das, was er grade als andere Persönlichkeit bezeichnet hatte, war bestimmt keine, sondern einfach eine Seite von ihm, die er die ganze Zeit unterdrückt hatte zugunsten seines romantischen Ideals. Und Bastian war dann der Erste, der dieses Ideal in gewisser Weise gleich doppelt zerstört hatte und vermutlich war es kein Wunder, dass Kim deswegen so heftig darauf reagierte. So lange er diesem unerwünschten Verlangen nicht nachgab, war ja alles in Ordnung.

"Ach hier bist du!" sprach ihn da jemand so unvermittelt an, dass er erschrocken zusammenfuhr. Er drehte sich um und hinter ihm stand Kathi, die erst ihn und dann sein erst zur Hälfte geleerten Becher Wasser verwirrt ansah. "Ist alles okay bei dir?" fragte sie dann und Kim nickte, vielleicht ein wenig zu eifrig. "Ja, ja, alles bestens," sagte er schnell. "Ich brauchte nur mal ein paar Minuten für mich alleine, Arbeit ist gestern verdammt stressig gewesen." Er hatte sich anscheinend wieder vollkommen unter Kontrolle, denn Kathi sah nicht weiter verwirrt aus, sondern nickte nur und hakte sich bei ihm ein. "Gut, dann nimm dein Wasser und komm. Wir wollen weiter zur Bühne. Vielleicht spielen die da ja irgendetwas Tanzbares."

Leider war aber gar nichts in Ordnung. Das merkte Kim ziemlich schnell, als sie zurück bei den anderen waren und er weiterhin nicht aufhören konnte, Bastian hin und wieder anzusehen. Bis der schließlich anfing, die Blicke zu erwidern. Am Anfang war Kim noch rot geworden und hatte schnell wieder weggesehen. Aber je später es wurde und je mehr Bier sie tranken, desto länger erwiderte er Bastians Blicke, aus denen er herauslesen konnte, dass sie beide das Gleiche dachten. Deswegen war Kim auch nicht überrascht, als Bastian mit ihm zusammen an seiner Haltestelle ausstieg. Den kurzen Weg zu Kims Haus legten sie schweigend zurück und diesmal war die Anspannung zwischen ihnen nichts, was Kim sich nur einbildete. Und diese Anspanung entlud sich schon im Flur, kurz, nachdem Kim die Wohnungstür hinter ihnen in Schloß geworfen hatte.

Zwar zogen sie sich nicht gegenseitig aus, aber Bastian dabei zuzusehen genügte schon, um Kim noch heißer zu machen, als er überhaupt schon war. Küssen kam diesmal für ihn auch wieder nicht in Frage, womit Bastian dann auch kein Problem zu haben schien.

Der Sex war dem in dem Hotelbett auch ziemlich ähnlich: hart, schnell und gut, nur diesmal eben in Kims Bett. In dem er am Ende auch lag und an die Decke starrte, als die Erkenntnis unschön in ihm hochstieg, dass er grade wieder Sex mit Bastian gehabt hatte, wo eine Wiederholung für ihn gestern noch völlig ausgeschlossen gewesen war. Mit einem Schlag war auch sämtliche Erregung aus Kim verschwunden, sodass es auch gar nicht schlimm war, dass Bastian sich am Ende wieder nur um sich selbst gekümmert hatte. So im Nachhinein hätte Kim sich vermutlich nur noch mieser gefühlt, wenn Bastian ihn auf diese Art und Weise angefasst hätte.

Nachdem Bastian aufgestanden und wortlos aufs Badezimmer gegangen war, beeilte Kim sich, seine Schlafsachen anzuziehen unter die Decke zu kriechen und die kleine Nachttischlampe, die sie als einzige angemacht hatte, auszuschalten.

Als Bastian dann zurückkam, hatte Kim sich auf die Seite gerollt und tat so, als würde er schon schlafen. Aber eigentlich wartete er nur darauf, dass Bastian sich hinlegte, einmal tief seufzte und dann schnell einschlief, wie Kim an seinen tiefen gleichmäßigen Atemzügen erkannte. Dann stand er leise auf, nahm seine Decke und ging ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch, die um einiges bequemer war, als die von Bastian. Wo er aber trotzdem noch stundenlang wachlag und auf die schwarze Mattscheibe des ausgeschalteten Fernsehers starrte bis auch er schließlich einschlief.

 

Noch bevor Kim überhaupt die Augen aufgemacht hatte, erinnerte ihn sein Gehirn bereits mit bunten Bildern daran, was gestern passiert war und dass es Zeit war, dass er anfing, sich darüber wieder den Kopf zu zerbrechen. Etwas, woran Kim natürlich überhaupt keine Lust hatte, denn schließlich würden es sowieso die gleichen Gedanken wie immer sein – mit dem kleinen Unterschied, dass er es diesmal gewesen war, der den ersten Schritt gemacht hatte. Etwas, das sich jetzt absolut surreal anfühlte. Aber dank Alkohol schien das Surreale bei ihm ja anscheinend Methode zu haben.

Um sich von seinen Gedanken abzulenken lauschte er auf die Geräusche in der Wohnung und stellte fest, dass es keine gab. Entweder schlief Bastian noch oder er war schon nach Hause gegangen, um dann ab morgen wieder so zu tun, als wäre zwischen ihnen alles wie immer. Auf der einen Seite hatte Kim keine Lust, ihn zu sehen aber auf der anderen Seite würde er sich irgendwie verarscht fühlen, wenn er wirklich einfach gegangen war.

Kim schlug die Decke zurück, stand auf, ging leise zur Schlafzimmertür und warf einen vorsichtigen Blick hinein: das Bett war leer und ordentlich gemacht. Anscheinend war Bastian wirklich schon abgehauen.

Kim spürte, wie er wütend wurde. Er drehte sich um, unschlüssig, was er jetzt machen sollte und da fiel sein Blick auf Bastians Jacke, die noch an der Gaderobe hing. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass er sie vergessen hatte aber irgendwie hatte Kim es im Gefühl, dass er nur kurz irgendwohin gegangen war. Und wenn er zurückkam, dann wollte er ihm auf keinen Fall in seinen alten Pyjamahosen, seinem ausgeleierten T-Shirt und barfuß gegenüber treten.

Also beeilte Kim sich mit dem Waschen und dem Anziehen und das keine Sekunde zu spät. Denn als er grade aus dem Schlafzimmer kam, während er sich den Pullover über den Kopf zog, hörte er den Schlüssel im Schloß und dann stand Bastian da, mit einer weißen Tüte im Arm. Sie sahen sich für einen kurzen Augenblick schweigend an und dann lächelte Bastian. "Guten Morgen. Ich dachte, wenn ich schon mal so früh wach bin, dann kann ich auch Brötchen holen gehen. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich hab wahnsinnigen Hunger."

Er wollte in die Küche gehen, aber Kim hatte jetzt genug davon, Sex mit seinem besten Freund zu haben und dann einfach wieder in den Alltag überzugehen. Er war immer noch wütend und die Wut machte es ihm leicht, seine Prinzipien über Bord zu werfen. "Stopp!" sagte er und war über den herrischen Ton in seiner Stimme überrascht. Und Bastian, der sich, immer noch mit der Tüte im Arm, zu ihm umdrehte und ihn mit großen Augen und hochgezogenen Brauen ansah, auch. Unter seinem Blick verlor Kim dann aber auch leider mit einem Schlag jegliche Courage, weil die Vorstellung, gleich mit ihm über alles zu reden, nicht sehr angenehm war. Aber andererseits hatte er auch keine Lust, dass alles wieder von vorne anfing. Also war es besser, jetzt einfach weiterzumachen, egal, wie unschön es am Ende werden würde. Er schluckte einmal. "F...findest du nicht, dass wir mal darüber reden sollten?" Natürlich war jetzt alles Herrische aus seiner Stimme verschwunden.

Selbstverständlich wusste Bastian sofort, was er meinte. "Ja, das sollten wir," erwiderte mit sanfter Stimme und etwas an ihm machte den Eindruck, dass er auf dieses Gespräch schon länger gewartet hatte. "Aber vielleicht sollten wir uns dafür lieber hinsetzen." Er ging ins Wohnzimmer und Kim folgte ihm.

Sie setzten sich auf die Couch, Bastian legte die Tüte auf den Tisch und dann sagte für einen Moment keiner von ihnen etwas. Aber Kim war jetzt so begierig darauf, dieses Gespräch zu führen, dass er als Erster das Wort ergriff. "Warum reden wir erst jetzt darüber?" fragte er und konnte nicht verhindern, dabei vorwurfsvoll zu klingen.

Bastian lächelte wieder. "Ich glaube, wenn ich es damals ansgesprochen hätte, wärst du nicht wirklich bereit dafür gewesen. Also habe ich eben gewartet, bis du davon anfängst. Und selbst jetzt fällt es dir noch schwer."

"J...ja", war das Einzige was Kim darauf erwidern konnte, weil er grade unwillkürlich daran denken musste, wie lange und gut sie sich kannten. "Ich... ich kann mir eben einfach nicht erklären, wieso das passieren konnte."

"Also beim ersten Mal hatte ich ganz schon viel getrunken und dann hat Manu irgendwann angefangen, mich wegen Greta auszuquetschen. Und als sie es dann geschafft hat, dass ich ihr wirklich alles erzählt habe, fing sie an darüber zu jammern, wie schade es doch ist, dass das mit uns nicht geklappt hat, weil wir eigentlich wie füreinander gemacht sind, dass die schon die ganze Zeit drauf gewartet hat, von uns eine Einladung zur Hochzeit zu bekommen und noch all so ein Zeug. Danach gings mir so dreckig wie noch nie nach der Trennung und ich wollte etwas machen um mich wieder besser zu fühlen. Und so kam dann eben eins zum anderen," sagte Bastian. "Das war es bei mir. Und jetzt du."

Aber Kim war viel zu sehr mit der Verarbeitung der ersten Hälfte seiner Erzählung beschäftigt, sodass er die Fragen komplett überhörte. "Aber warum dann ausgerechnet ich? Du hast doch eine ganze Weile mit dieser Sandra getanzt. Warum ist es denn nicht sie geworden?" In dieser Sekunde fiel Kim wieder ein, was Bastian damals zu ihm gesagt hatte. "Und warum hast damals seit Monaten auf dem Trockenen gesessen? Du kannst mir jetzt nicht erzählen, dass du nie Gelegenheit gehabt hattest, eine abzuschleppen!"

Bastian sah auf einmal ziemlich niedergeschlagen aus und seufzte tief. "Na ja, Gelegenheiten gab es natürlich schon, aber irgendwie gibt mir das nichts mehr. In den fünf Jahren, in denen ich mit Greta zusammengewohnt hab, ist sie irgendwann wie ein Teil von mir gewesen, ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Wir kannten uns einfach in- und auswendig, ich wusste sogar ganz genau, wie sie roch und was für Wörter sie ständig benutzte und noch andere Kleinigkeiten. Und als mich dann in der Disco Eine mit eindeutigen Absichten angesprochen hat, da musste ich dann dran denken, dass sie nicht Greta ist, ich gar nichts von ihr weiß und alles einfach nur total oberflächlich sein wird. Und wahrscheinlich nach einer Nacht auch schon vorbei. Und da ist mir aufgefallen, dass ich sowas einfach nicht mehr will. Deswegen hab ich gar nicht darüber nachgedacht, ob es mit Sandra was hätte werden können. Und als ich mich dann im Bett bei dir ausgeheult hab, da ist mir noch mal klar geworden, dass du, sogar noch vor Greta, der Mensch bist, den ich am besten kenne, dann war ich dazu noch total betrunken und mir gings richtig dreckig – und so kam dann eben eins zum anderen."

Kim, den Bastians Worte ziemlich berührt hatten, schwieg einen Moment. Das, was er über seine Beziehung mit Greta gesagt hatte, war ziemlich romantisch gewesen, etwas, das Kim von ihm irgendwie nicht erwartet hätte. Sofort danach fiel ihm dann aber auf, dass Bastian seine Frage nicht beantwortet hatte und grade diese Antwort war es, die Kim brennend interessierte. "Warum ich," fragte er deswegen ein zweites Mal. "Ich meine, alle deine Beziehungen vorher sind doch nur mit Frauen gewesen."

"Ich bitte dich," sagte Bastian und grinste einmal breit. "Grade du solltest doch wissen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie auf den ersten Blick aussehen." Dann runzelte er die Stirn. "Ganz ehrlich, hast du nie wenigstens mal darüber nachgedacht? Niemals?"
"Nein!" erwiderte Kim sofort. "Und ich hätte auch nie erwartet, dass du es getan hast."

Bastian zuckte einmal fast schuldbewusst mit den Schultern. "Hab ich aber. Und das sogar schon seitdem du dich damals bei mir geoutet hast. Ich hab gelesen, dass sich die meisten erst mal in ihren besten Freund vergucken und die ganze Zeit n bisschen drauf geachtet, ob das bei dir auch passiert. Aber ist es ja nie. Also hab ich meine Erfahrungen dann eben woanders gemacht."
"Ach ja?" erwiderte Kim und ihm wurde klar, dass seine Gedanken damals richtig gewesen waren: Bastian hatte wirklich noch eine Seite, die er nicht kannte und von der er sich grade ein bißchen überrollt fühlte.

"Der Typ damals, von diesem Beratungszentrum in der Stadt. Erinnerst du dich?" wollte Bastian wissen und Kim nickte. Natürlich konnte er sich erinnern. Er hatte sich damals ziemlich schlecht gefühlt als er hatte einsehen müssen, dass er wirklich schwul und es nicht nur eine Phase war. Und das Gefühl zu haben, wenn er sich so in seiner Klasse und den restlichen Leuten in seinem Alter im Dorf umgesehen hatte, der Einzige auf der Welt zu sein, dem es so ging, war vermutlich noch niederschmetternder gewesen. Deswegen war er damals zu diesem Beratungszentrum gefahren, weil eine Anzeige ihm versprochen hatte, dass er dort Gleichgesinnte treffen würde. Bastian, der der erste war, bei dem Kim sich geoutet und der von Anfang an vollstes Verständnis für seine Probleme gehabt hatte, war damals ungefragt mitgekommen.

Wieder grinste Bastian. "Na ja, dir hat er bei deinen Problemen geholfen und mir dabei herauszufinden wie es ist, mit einem Typen ins Bett zu gehen. Es hat Spaß gemacht, aber mir auch gezeigt, dass Frauen eher mein Ding sind. Allerdings gab es dann doch noch den ein oder anderen während des Studiums und bevor ich Greta kennengelernt habe."

Jetzt wusste Kim, wieso Bastian sich nicht wie ein tollpatschiger Hetero angestellt hatte. Was aber natürlich nicht dazu beitrug, dass er sich weniger vor den Kopf gestoßen fühlte. Er hatte gedacht, Bastian und er würden sich immer alles erzählen und jetzt gab es da sogar ein ganzes Kapitel in Bastians Leben, von dem Kim bis grade keine Ahnung gehabt hatte. "Warum hast du mir das nie erzählt?" wollte er wissen und konnte dabei nicht verhindern, so gekränkt zu klingen, wie er sich fühlte.

Bastian seufzte einmal. "Ich hab gedacht, dass das dann irgendwie zwischen uns stehen würde und das wollte ich nicht."
Angesichts der Fragen ohne Antworten und den immer gleichen Gedanken, mit denen Kim sich in den letzten Wochen herumgeschlagen hatte und die gar nicht nötig gewesen wären, wenn Bastian ihm von Anfang an alles erzählt hätte, hätte er grade am liebsten einmal laut aufgelacht. Aber dann hätte Bastian ihn gefragt, wieso er gelacht hatte und er hatte grade absolut keine Lust, darüber zu sprechen. Und da Bastian auch erst einmal nichts sagte, schwiegen sie für einen Moment.

Schließlich räusperte Bastian sich. "Hör mal," fing er an und jetzt klang seine Stimme sehr ernst. "Es tut mir Leid, dass ich dir davon nicht schon früher erzählt hab. Das war echt keine gute Idee von mir. Und es tut mir auch Leid, dass ich dich in dem Hotelzimmer dann einfach so damit überfallen hab. Auch wenn ich total besoffen gewesen bin und mich richtig scheiße gefühlt hab, hätte ich's trotzdem nicht machen sollen!"

Kim erwiderte seinen Blick und nickte nur. Zu sagen, dass er die Entschuldigung annahm, hätte er angesichts dem, was gestern passiert war, als ziemlich heuchlerisch empfunden. Und er hatte auch kein Recht, beleidigt zu sein, dass Bastian ihm nicht jede Kleinigkeit aus seinem Leben erzählte, weil ihm grade bewusst wurde, dass er das ja auch nicht tat. Er musste sich definitiv auch entschuldigen, konnte sich aber grade nicht dazu überwinden, damit anzufangen.

Bastian half ihm, als er sich zurücklehnte und ihn erwartungsvoll ansah: "Und jetzt möchte ich unbedingt wissen, wieso das gestern passiert ist."

Das war der kleine Schubs, den Kim noch gebraucht hatte. Er holte einmal tief Luft. "Vorher muss ich dir erst noch was anderes sagen." Und dann erzählte er Bastian zum ersten Mal, wie sehr er ihn und Greta immer um ihre Beziehung beneidet hatte, wie er unbedingt das Gleiche haben wollte und er alles diesem Ideal untergeordnet hatte. Das dann schließlich zusammengekracht war und ihn desillusioniert zurückgelassen hatte. "Ich denke, meine Gründe, wieso das gestern passiert ist, waren die Gleichen, wie bei dir und dafür möchte ich mich auch entschuldigen," schloß er und jetzt war es an Bastian, zu nicken. "Danke, dass du es mir gesagt hast.".In diesem Moment knurrte sein Magen so laut, dass auch Kim es hören konnte, was die ernste Atmosphäre, die grade zwischen ihnen herrschte, sofort wieder auflockerte. Sie lachten beide und Bastian klopfte sich einmal auf den Bauch. "Du hast es gehört. Ich finde, wir sollten jetzt definitiv welche von den Brötchen essen."

"Auf jeden Fall!" erwiderte Kim und sie lächelten sich einmal an, bevor sie gleichzeitig aufstanden, Bastian griff sich die Tüte und dann gingen sie zusammen in die Küche.

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Autor

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Kapitel:9
Sätze:875
Wörter:20.421
Zeichen:117.539

Kurzbeschreibung

Wegen seines besten Freundes Bastians und seiner achtjährigen Beziehung war Kim sich immer sicher, dass er auch irgendwann den Richtigen finden würde. Obwohl es nicht einfach ist, ordnet er alles in seinem Leben diesem romantischen Ideal unter. Aber als es dann anfängt, zwischen Bastian und seiner Freundin zu kriseln, muss Kim sich die Frage stellen, ob er nicht die ganze Zeit nur einer Illusion hinterher gejagt ist.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch im Genre Freundschaft gelistet.