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Raupe im Neonlicht

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16.11.2017 17:59
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Workaholic

Prolog

Künstliches Licht erhellte dunkle Straßen, Autos dröhnten über Asphalt. Es war spät geworden.

„Das war das letzte Teil.“ Erschöpft sank Jonas gegen die Wand, wischte eine Strähne aus seiner verschwitzten Stirn. Aus der Wohnung gegenüber drang laute Musik, ließ den Umzugskarton neben seinen Füßen vibrieren.

„Hoffentlich kannst du bei diesem Krach schlafen.“ Das besorgte Gesicht seiner Mutter erschien in seinem Sichtfeld. Holzspäne zierten ihre schwarze Hose, Schweißränder verfärbten den Kragen ihrer Bluse. Sie deutete hinter sich, in das winzige Ein-Zimmer-Apartment. „Papa und ich haben den Schrank fertig aufgebaut und der Schreibtisch wackelt nicht mehr. Du musst nur noch das Bett beziehen und die restlichen Kartons auspacken. Dabei können wir dir leider nicht mehr helfen, wenn wir heute noch nach Hause fahren wollen.“

„Kein Ding“, versicherte Jonas. „Schaut lieber zu, dass ihr sicher ankommt. Ruft kurz durch, wenn ihr da seid.“

Seine Mutter lächelte, eine Spur Betrübtheit in den dunklen Augen, die seinen so ähnlich waren. „Schon seltsam, diesen Satz zur Abwechslung aus deinem Mund zu hören. Kaum verlassen sie das Nest, werden sie gleich ganz erwachsen.“ Ihre Finger strichen über die Wange ihres Sohns, zupften an dessen Haaren. „Ich wünschte nur, du hättest dir das mit der Frisur noch einmal überlegt. Schlimm, die Seiten so kurzrasiert und dann bloß ein bisschen was Langes in der Mitte. Wie ein Rattennest.“

Mürrisch schob Jonas ihre Hand weg. „Lass den Scheiß, Mama. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Und du wirst trotzdem darauf achten, wie du mit uns sprichst.“ Jonas‘ Vater lehnte am Türrahmen, klopfte Staub von seinen Händen. Weder seine kräftige Statur, noch die rotblonden Haare hatten sich bei seinen drei Kindern durchgesetzt und Jonas hoffte inständig, dass das auch für die Neigung zur Glatzenbildung galt, die im vergangenen Jahr sehr deutlich geworden war.

„Sorry, Papa“, murmelte er zerknirscht, rief sich in Erinnerung, dass er nur noch wenige Minuten durchhalten musste. Bald wären die beiden auf dem Weg in ihr winziges, bayerisches Dorf und er befreit von jeder elterlichen Zurechtweisung. „Also … dann macht’s mal gut.“

Unschlüssig standen seine Eltern im Hausgang, schienen ihr ältestes Kind nicht sich selbst überlassen zu wollen. Jonas keuchte auf, als er sich unerwartet in einer zweifachen Umarmung wiederfand, der Kopf seiner Mutter an seine Brust, der seines Vaters an seine Schulter gelehnt. Wann war er über sie hinausgewachsen?

Zu seiner eigenen Überraschung, drückte Jonas seine Eltern fest an sich, wurde, nun, da der definitive Abschied nahte, doch noch von seinen Gefühlen übermannt. „Kommt gut heim, ja?“

„Aber ja“, versicherte sein Vater. „Und du passt auch gut auf dich auf. Berlin ist ein ganz anderes Pflaster als unser Dörfchen.“

„Ich verstehe immer noch nicht, weshalb du gleich ans andere Ende Deutschlands ziehen musst.“ Die Stimme seiner Mutter war tränenschwanger.

„Ich hab nun mal bloß in Berlin ‘nen Studienplatz bekommen“, erwiderte Jonas und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie froh er darüber war.

„Und dann noch diese voreilige Trennung von Maria. Das arme Mädchen ist sicher am Boden zerstört“, redete seine Mutter weiter, vielleicht, um sich nicht anmerken zu lassen, dass erste Tränen über ihre Wangen rollten. „Als wolltest du alle Brücken hinter dir abbrechen.“

„Das will ich ganz sicher nich‘!“, beteuerte Jonas. Er hörte Schritte im Gang, schaffte es aber nicht, sich aus der Umarmung zu lösen, bevor bereits ein böswilliges Kichern erklang, gefolgt von einem undeutlichen Murmeln, das sich verdächtig nach ‚Muttersöhnchen‘ anhörte. Ein Schlüssel klickte, die Musik aus der Nachbarwohnung wurde lauter, dann schloss sich die Tür mit einem Knall und dämpfte den Lärm wieder.

Resolut schob Jonas seine Eltern von sich. „Ihr geht jetzt lieber. Den Rest schaff ich schon ohne euch.“

„Komm noch mit zum Auto“, bat sein Vater. „Wir haben da eine kleine Überraschung für dich.“

Die silbrige Oberfläche glänzte matt im künstlichen Licht, Jonas‘ Finger fuhren über das wohlbekannte Firmenlogo. „Danke.“ Das Wort klang lahm in seinen Ohren, aber mehr brachte er nicht heraus.

„Dein jetziger Laptop war doch schon alt als du ihn von Maria bekommen hast und wir dachten, fürs Studium könntest du etwas Neues brauchen.“ Sein Vater schlug die Kofferraumtür zu.

„Danke“, wiederholte Jonas.

„Gern geschehen, Spatz“, sagte seine Mutter. „Wir sind sehr stolz auf dich.“

Weitere Umarmungen, mahnende Worte und Abschiedstränen folgten, bevor Jonas endlich allein in seinem frisch eingerichteten Reich war. Sein Blick huschte über das schmale Bett, die winzige Küchenzeile, den alten Holztisch seiner Eltern. Vor dem Fenster stand sein neuer Schreibtisch, an der Wand daneben ein zweitüriger Schrank. So wenig und dennoch war damit sämtlicher Platz aufgebraucht. Der Boden war mit Kartons vollgestellt, in denen sich Bücher, Comics, Fotografien, Kleidung und anderer Kram stapelten. Jonas hatte vieles mitgenommen und noch mehr zurückgelassen.

Sanft legte er sein neues Notebook auf dem Bett ab, direkt neben seine geliebte Lederjacke und die günstige, aber treue Digitalkamera, die er vor Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Nach kurzem Abwägen, machte er sich ans Auspacken. Vermutlich war es sinnvoll, wenigstens dafür zu sorgen, dass er sich am nächsten Morgen nicht im Halbschlaf durch bergeweise Kartons wühlen musste, um überhaupt das Haus verlassen zu können.

Schwarze Kapuzenpullis wanderten in Jonas‘ Kleiderschrank, dicht gefolgt von Shirts mit bekannten und unbekannten Kunstaufdrucken, Röhrenjeans und Boxershorts. Die Hemden, auf die seine Mutter bestanden hatte, verschwanden in einem der obersten Fächer, der von seiner Oma gestrickte Wollpulli erhielt einen Ehrenplatz am Kleiderbügel, auch, wenn Jonas ihn vermutlich nie tragen würde. Zehn Minuten und zwei leere Kartons später, entschied er, für heute genug getan zu haben.

Jonas schnappte sich seine Kamera und kletterte auf den unter seinem Gewicht ächzenden Schreibtisch. Zwei Tage vor seiner Abreise hatte er in mühevoller Handarbeit Fotos ausgeschnitten, sie in kleine Plexiglasanhänger gestopft und diese an den weißen Vorhängen befestigt, die nun das Fenster einrahmten. Jonas‘ Eltern, seine Großmutter, seine beiden Schwestern Christine und Vroni; Maria, die lieber alleine in München studierte als mit ihm in Berlin und Clemens, sein Kindheitsfreund, dem er seit Jahren aus dem Weg ging, ohne sich ganz von ihm lösen zu können – sie alle lächelten Jonas entgegen und brachten ein kleines Stück Heimat in die Fremde.

Nach langen Sekunden wandte Jonas‘ seinen Blick von der Vergangenheit ab und der Zukunft zu. Grelle Reklametafeln bewarben die an der Straße aufgereihten Lokale, ein Plattenbau, der sich in nichts von dem Haus unterschied, in dem Jonas die nächsten vier Jahre leben sollte, versperrte die Aussicht.

War Jonas‘ Geburtsort von zartem Grün überzogen, pulsierte in Berlin Neonlicht durch tristes Grau. Schwungvoll stieß er das Fenster auf, atmete abgasgeschwängerte Luft und brüllte seine Ekstase nach draußen. „HALLO BERLIN!“

„HALT DIE SCHNAUZE!“ Offensichtlich teilte einer seiner Nachbarn Jonas‘ Enthusiasmus nicht.

Der ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, hüpfte zurück auf den Teppich und startete sein Notebook. Das Alte, das bereits mit dem WLAN verbunden und startklar war.

Endlich war er allein, konnte tun und lassen was er wollte, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen.

Endlich konnte er sich entfalten, befreit von den konservativen Ketten seines Dorfs.

Endlich konnte er in Ruhe wichsen, ohne Gefahr zu laufen, dass jemand in sein Zimmer platzte.

Bald dröhnte kehliges Stöhnen durch Jonas‘ Kopfhörer, auf dem im Dunkeln glimmenden Bildschirm gab sich ein Mann einem anderen bedingungslos hin.

Endlich brauchte Jonas nicht mehr zu fürchten, dass seine Familie von seiner Homosexualität erfuhr.

Was letzte Mal geschah

Jonas hat seinem Geburtsort den Rücken gekehrt und ist fürs Studium nach Berlin gezogen. Dort hat er einen ersten Eindruck bei den Nachbarn hinterlassen, seine Eltern zum vorläufig letzten Mal umarmt und sich mithilfe schneller Internetverbindung und exhibitionistisch veranlagter Kerle kräftig einen von der Palme gewedelt.

 

Kapitel 1

Der Duft nach frisch aufgebrühtem schwarzem Tee umwehte Jonas‘ Nase. „Hier, Frau Kleiber. Assam, kein Zucker, etwas frische Milch.“ Er stellte die Tasse auf dem Tisch ab, an dem soeben ein älteres Ehepaar platzgenommen hatte. „Ihr Kaffee kommt gleich, Herr Kleiber. Wir haben heut übrigens ‘nen wunderbaren Himbeerkuchen. Ich durfte schon ‘n Stück, ähm, nennen wir es ‚vorkosten‘.“ Von Jonas‘ erstem Arbeitstag an, kam das Ehepaar Kleiber jeden Nachmittag in das kleine Café, bestellte Tee und Kaffee und fragte nach dem Kuchenangebot des Tages.

„Ach, Jonas, Sie sind wirklich eine echte Perle“, lobte Frau Kleiber, nachdem sie vorsichtig an ihrem Tee genippt hatte. „Willie und Helga haben so ein Glück, Sie gefunden zu haben.“

Verlegen winkte Jonas ab. „Ich mach doch bloß meinen Job.“ Mal ganz davon abgesehen, dass Frau Kleiber ihn an seinem ersten Tag dreimal zurück in die Küche geschickt hatte, weil der Tee nicht perfekt zubereitet gewesen war. Das Wasser war zu heiß, das Wasser war zu kühl, der Tee zulange gezogen, nein, selbst aufgießen würde sie ganz sicher nicht. Eine ‚echte Perle‘ war man bei ihr vermutlich schon dann, wenn man in den vierten Versuch nicht hineinspuckte und anschließend kündigte. „Soll ich Ihnen zwei Stück vom Himbeerkuchen bringen?“, fragte Jonas mit seinem geduldigsten Lächeln.

„Bitte, tun Sie das.“

Jonas eilte zur Theke, machte sich daran, zwei großzügige Kuchenstücke abzuschneiden und nickte einem anderen Gast zu, der ihm signalisierte, zahlen zu wollen.

„Jonas, du bist ja noch da.“

Die brummige Stimme seines Chefs ließ ihn zusammenzucken. „Wo sollt ich denn sonst sein?“

„Musst du nicht zur Uni? Deine Schicht ist seit einer halben Stunde vorbei.“

„Was?“ Panisch holte Jonas sein Handy aus der Tasche, warf einen Blick auf die Uhrzeit. „Fuck, das hab ich völlig übersehen. Ich, ähm, ich kassier noch schn–“

„Jetzt geh schon“, wies sein Chef ihn an.

„Wir haben meine Schichten für nächste Woche noch nich‘ geklärt!“

„Ruf nach der Uni einfach kurz durch. Oder morgen, das reicht auch noch. Jetzt geh, du willst dein Studium doch nicht schon im ersten Semester vergeigen.“

Dankbar schlüpfte Jonas nach hinten, entledigte sich seiner Schürze und tauschte das dunkle Hemd gegen Kapuzenpulli und Lederjacke. Hastig eilte er zum Ausgang, drehte sich an der Tür jedoch noch einmal um und winkte. „Bis nächste Woche!“

Jonas stürzte durch den kühlen Herbstregen, trampelte blind durch Pfützen, trat in der eindeutig zu langsamen Bahn ungeduldig auf der Stelle, hetzte die letzten Meter zur Uni und die viel zu vielen Stufen nach oben, bis er abrupt vor dem Vorlesungssaal stoppte. Dort holte er einmal tief Luft, bevor er möglichst leise durch die Tür schlich. Glücklicherweise ließ sich der Dozent durch die Störung nicht aus der Ruhe bringen und fuhr mit seinem Vortrag fort, als hätte er Jonas‘ Existenz gar nicht registriert. Nach kurzer Suche strebte Jonas zielgerichtet auf die hintere Reihe zu, in der er gewellten Himmel, goldene Locken und schwarze Seide entdeckt hatte.

„Hey! Hab ich was verpasst?“, fragte er flüsternd die drei Kommilitonen, die er nach den ersten Wochen am ehesten als seine Freunde bezeichnen konnte.

Esther, gepierct, tätowiert, mit prächtig blau gefärbten Haaren, schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

„Ist bis jetzt stinklangweilig“, fügte Larissa hinzu. Ein wenig zu laut. Ausgehend von dem Zucken ihres Dozenten, war ihr Kommentar problemlos bis in die vordersten Reihen zu hören gewesen.

Kemal hüllte sich wie immer in Schweigen und Jonas entschied, es ihm für den Rest der Vorlesung gleichzutun.

„Maaan!“ Larissa streckte sich genüsslich. „Man sollte meinen, nach zwölf Jahren Schule wäre ich an die lange Sitzerei gewöhnt, aber hier ist das irgendwie noch schlimmer. Zum Glück haben wir sonst hauptsächlich Seminare, sonst würde ich echt eingehen. Keine Ahnung, wie meine Mitbewohnerin ihr Studium packt. Wer studiert denn bitte freiwillig Maschinenbau?“

Das kleine Grüppchen stand im Gang vor dem Vorlesungssaal, versperrte den Weg für genervt vorbeieilende Studenten.

„Hatte ich eigentlich schon erzählt, dass es ein paar meiner Graffitis in die Zeitung geschafft haben?“, fuhr Larissa fort, als sich niemand besonders für das Studium ihrer Mitbewohnerin zu interessieren schien.

„Echt?“ Neugierig neigte Esther den Kopf, um einen Blick auf das Foto des Zeitungsartikels erhaschen zu können, das Larissa auf ihrem Handy herumzeigte. „Das ist ja toll.“

„Ach, naja, ich hatte sie halt taktisch gut platziert und in meinem Heimatort ist Streetart noch eher unbekannt“, antwortete Larissa bescheiden. „Hier in Berlin würde kein Hahn danach krähen.“

„Trotzdem klasse! Ich war schon stolz, als eines meiner Bilder einen regionalen Oberstufenwettbewerb gewonnen hat. ‚Bestes Acrylgemälde Nordrhein-Westfalens‘. Klingt schon irgendwie bescheuert.“

„Immer noch besser als ‚bestes Webdesign des Wettbewerbs für Schüler der neunten bis zwölften Klassenstufe des Saarlands‘“, warf Kemal ein. „Wir hatten wahrscheinlich so drei Leute, die überhaupt daran teilgenommen haben.“

Die anderen lachten.

„Ich geh mal kurz pissen. Bin gleich zurück.“ Jonas verschwand hinter der Tür der Herrentoilette und atmete einmal tief durch. War er wirklich der einzige in diesem verfluchten Studiengang, der noch keine Preise eingeheimst hatte, bevor er überhaupt Laufen konnte? Frustriert stellte er sich an eines der Pissoirs, weit entfernt von dem einzigen anderen Studenten im Raum. ‚Charly‘ war ebenfalls in ihrem Studiengang, aber abgesehen von einem kurzen ‚Hallo‘ an ihrem ersten Tag, hatten sie zu Jonas‘ Bedauern noch kein Wort miteinander gewechselt. Im Gegensatz zu Jonas, der stets bemüht war, seine sexuelle Orientierung so gut wie möglich zu verbergen, schien Charly mit sämtlichen Klischees zu kokettieren. Seine Stimme war unnatürlich hoch, er lispelte ein wenig und das Innere seines Schranks musste nach Narnia führen, nur, dass die Weiße Hexe jetzt die Pinke Queen war, die überall Glitzerstaub statt Schnee verteilte. Zu gerne hätte Jonas Charly näher kennengelernt, doch er traute sich nicht, den ersten Schritt zu machen.

„Wenn du noch länger starrst, verlange ich Geld dafür.“

„Was?“ In Gedanken versunken hatte Jonas überhaupt nicht bemerkt, dass sein Blick fest auf Charlys Gesicht geheftet gewesen war. Rasch wandte er sich ab. „Sorry.“

„Hast du Angst, dass ich dir was weggucke?“

„Was? Nee, ich …“ Jonas verstummte. Was sollte er schon sagen?

„Keine Sorge, ich bin wirklich nicht verzweifelt genug, um mich im Klo auf wildfremde Minipimmel zu stürzen.“

„Ich wollte nich‘ …“

„Erspar uns beiden deine Ausflüchte“, würgte Charly ihn ab, ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Bevor die Tür hinter ihm zufiel, konnte Jonas ihn noch ‚Scheiß homophobe Arschlöcher‘ murmeln hören. Frustriert von sich selbst und seiner Feigheit, beendete Jonas, was er angefangen hatte, wusch sich die Hände besonders gründlich, um sicher zu gehen, dass Charly weg war und schlüpfte nach draußen.

„Und?“ Larissa war die Einzige, die auf ihn gewartet hatte. „Welche Laus ist dir so über die Leber gelaufen?“

„Keine“, murrte Jonas unwillig. „Bin bloß müde. Stand seit sieben im Café.“

„Bah, eklig. Das ist doch kein Studentenleben.“ Sie neigte den Kopf, schien nachzudenken. „Eine Freundin von mir hat in einem Club gearbeitet. War wohl ganz zufrieden, hat jetzt aber einen Job in irgendeiner Zeitungsredaktion ergattern können und die suchen aktuell einen Nachfolger für sie. Soll ich mal fragen, ob sie dich weitervermittelt?“

Jonas überlegte. Er mochte das Café und seine Besitzer, aber sie bezahlten gerade so den Mindestlohn und abgesehen von den Kleibers, knauserten die Gäste gerne mit dem Trinkgeld. „Weißt du was? Tu das mal, wenn’s keine Umstände macht.“

 

Die Neonlichter, die in großen, geschwungen Lettern TIX buchstabierten waren ausgeschaltet und die schlichte Stahltür passte sich nahezu perfekt an das mausgraue Gebäude an. Beinahe wäre Jonas an seinem Ziel vorbeigelaufen.

Auch im Club selbst war die Beleuchtung gedämpft, die Tische im hinteren Bereich versanken im Schatten. Jonas‘ nasse Stiefelsohlen quietschten unangenehm laut auf dem frisch gewischten PVC-Boden. Es war ungewohnt, einen beliebten Szene-Club so menschenleer zu sehen und es dauerte einen Moment, bis Jonas die dunkel gekleidete Gestalt entdeckte, die auf einem der Barhocker an der Theke platzgenommen hatte. Sie war so auf das Tablet in ihrer Hand konzentriert, dass sie sein Eintreten noch nicht bemerkt hatte.

„Ähm, hi.“ Jonas hatte nicht wirklich laut gesprochen, aber der leere Raum warf seine Stimme von den Wänden zurück.

Der Mann an der Bar blickte nicht auf, schien ihn jedoch gehört zu haben. „Jonas Staginsky, nehme ich an?“

„Japp.“

„Setzen Sie sich.“ Er deutete auf den Hocker neben ihm.

Als Jonas näherkam, konnte er das Gesicht des Mannes besser erkennen. Er war überraschend jung; vielleicht Anfang dreißig. Seine blonden Haare waren zu einem nachlässigen Knoten gebunden, mit seinen Wangenknochen hätte man Glas schneiden können und über seiner geraden Nase funkelten Augen, deren Farbe Jonas im schummrigen Licht nicht ausmachen konnte. Seine Schultern waren breit, die Hände, mit denen er noch immer das Tablet hielt gepflegt, die Finger lang und feingliedrig. Der Typ sah gut aus und alles an seinem Verhalten sprach dafür, dass er das wusste.

„Sie sind zu spät.“ Eine Stimme wie samtenes Tuch über rauem Fels.

„Sorry, hab meinen Bus verpasst.“ Das war eine dreiste Lüge, aber Jonas‘ Gegenüber schien sich ohnehin nicht besonders für ihn zu interessieren.

„Schon gut. Sie sind sowieso der letzte Kandidat für heute.“ Noch immer hatte der Mann keinen Blick für ihn übrig.

Jonas zog den Hocker, den man ihm angeboten hatte ein Stück weg und setzte sich. Er fühlte eine altbekannte Hitze auf seinen Wangen und hoffte, dass die Röte, die sie überzog in diesem Licht nicht zu erkennen war.

„Mein Name ist Erik Kolb“, stellte sich der Mann endlich vor. „Ich bin der kaufmännische Leiter dieses Clubs.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Okay, das hatte genauso auswendig gelernt geklungen, wie es war.

Zum ersten Mal blickte Kolb auf und musterte Jonas eingehend. Nichts ließ erkennen, was er über seinen Bewerber dachte. „Sie wollen also hier an der Bar arbeiten?“

„An der Bar, an der Garderobe, als Reinigungskraft. Was auch immer mir hilft, die Miete zu zahlen.“

Zum ersten Mal zeigte sich ein schmales Lächeln auf Kolbs Gesicht. „Ah, das überzeugt mich natürlich von Ihrer Motivation für den Job.“

„Ich kann Ihnen auch vorschwärmen, wie erfüllend ich es finde, jeden Abend Betrunkene noch betrunkener zu machen, bis sie auf die Tanzfläche kotzen. Is‘ dann Ihre Sache, ob Sie mir das abkaufen.“ Jonas biss sich auf die Lippe. Sehr gut, so bekam man Jobs. Immer schön den Boss anmaulen.

„Haben Sie Erfahrung im Gastgewerbe?“ Kolb hatte offensichtlich beschlossen, Jonas‘ patzige Antwort zu übergehen.

„Meine Eltern haben ‘ne Wirtschaft. Ich kellnere, seit ich ‘ne Halbe tragen kann.“

„Hier in Berlin?“

„Nee, bin erst vor ein paar Wochen fürs Studium hergezogen.“

„Verstehe. Sie studieren …“, Kolb warf einen flüchtigen Blick auf das bläulich leuchtende Display des Tablets, das wohl Jonas‘ ursprüngliche E-Mail an ihn zeigte, „… an der Universität der Künste?“

„Japp.“

„Hm. Standen Sie auch schon mal hinter einer Bar?“

„Nee, jedenfalls nix, was mit dem Club hier vergleichbar wäre. Wir haben natürlich auch Alk ausgeschenkt, aber halt mehr für gutbürgerliche Stammtische und so.“

„Wie sind Sie auf die Stelle hier gekommen? Wir haben sie nicht öffentlich ausgeschrieben.“

„Über die Freundin einer Freundin“, antwortete Jonas ehrlich. „Im Moment jobbe ich in ‘nem Café, aber ich würd lieber nachts arbeiten.“

„Hm …“ Kolb zog das Tablet, das er eben erst zur Seite gelegt hatte wieder zu sich, wischte darauf herum. „Ich setze Sie mal auf die Liste für die engere Auswahl. Wenn alle Gespräche durch sind, melden wir uns noch mal bei Ihnen.“

„Das war’s schon?“, fragte Jonas verstimmt. „Sagen Sie doch gleich, dass Sie mich nich‘ nehmen.“

Kolb hatte nur ein müdes Lächeln für ihn übrig. „Wir haben hier eine hohe Fluktuation. Die meisten Mitarbeiter sind Studenten, die einen Job brauchen, der sich mit den Vorlesungszeiten vereinbaren lässt und aufhören, sobald sie etwas Besseres gefunden haben. Kaum einer macht den Job länger als ein paar Monate. Wir sind deshalb immer froh, für diesen Fall schon ein paar geeignete Kandidaten in der Hinterhand zu haben. Gut möglich, dass wir uns bei Ihnen melden, selbst wenn es dieses Mal nicht gleich mit der Stelle klappt.“ Er stand auf. Das graue Hemd und die dunkle Weste, die er darüber trug, betonten seinen schlanken Oberkörper, der in schmale Hüften überging. „Wir können uns noch den hinteren Bereich ansehen und ich erzähle Ihnen ein bisschen was über die Stelle. Dann wissen Sie schon mal, was auf Sie zukommt, falls wir Sie nehmen.“

Wortlos folgte Jonas Kolb durch eine unscheinbare Tür in einen Gang, der zur Abwechslung hell erleuchtet war. Das kalte Licht stach in Jonas‘ Augen und er blinzelte.

Kolb deutete zum anderen Ende des Gangs. „Dort hinten ist das Büro der Clubbesitzerin, die Tür rechts davon ist meines. Das hier links ist der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter.“ Der Raum war klein, aber gemütlich. Wild zusammengenwürfelte Hocker und Stühle, eine Garderobe mit Schließfächern, ein Kühlschrank und eine Kaffeemaschine hatten irgendwie ihren Platz darin gefunden.

„Gleich hier“, Kolb öffnete die Tür neben einem Lastenaufzug, hinter der sich eine breite Steintreppe verbarg, „ist der Lagerraum.“ Er ließ Jonas den Vortritt. Vorsichtig stieg dieser die ungewohnten Stufen hinab; mit jedem Schritt wurde es kühler, bis er sich selbst dafür verfluchte, seine Jacke zuhause gelassen zu haben.

Das flackernde Licht beleuchtete mit diversen Spirituosen gefüllte Regale. Im hinteren Bereich stapelten sich Getränkekisten und einige Kartons mit Orangen, Zitronen und Limetten. Jonas wusste nicht, was er erwartet hatte, im Großen und Ganzen unterschied sich der Lagerraum kaum von dem seiner Eltern. Er drehte sich um.

Kolbs Körper blockierte die Tür, sein Gesicht lag im Halbschatten, sodass Jonas nur die vornehm geschwungenen Lippen erkennen konnte, auf denen ein feines Lächeln lag. Es war schwierig, nicht darauf zu starren wie ein Reh aufs Scheinwerferlicht.

„Wie stehen meine Chancen, die Stelle zu bekommen?“, wollte er wissen, hauptsächlich, um sich abzulenken. „Also keine Warteliste und so ‘n Schei–“, Jonas räusperte sich, „Schrott, bei dem ihr euch dann irgendwann meldet, wenn ich längst mitm Studium fertig bin.“

„Ganz ehrlich?“ Kolb musterte ihn, wägte seine Worte ab. „Ihre Referenzen sind nicht schlecht, aber wir suchen im Moment nur eine Kraft und es gibt zwei oder drei Bewerber, die deutlich mehr Erfahrung speziell in diesem Bereich mitbringen. Allzu große Hoffnungen sollten Sie sich nicht machen.“

Jonas unterdrückte einen obszönen Fluch. Die Stelle wäre der Jackpot gewesen. Der Club war keine zehn Minuten von seiner Wohnung entfernt und der Stundenlohn deutlich besser als alles, was man ihm bisher angeboten hatte. Andererseits: Wollte Jonas wirklich mit Kolb zusammenarbeiten? Er war nicht unfreundlich, aber zumindest distanziert und eher kühl; wirkte wie ein Mann, der stets die Kontrolle behielt. Eine Wesensart, die Jonas leider recht anziehend fand und für seinen Chef zu schwärmen, war eine Peinlichkeit, auf die er gut verzichten konnte.

Kolbs Stimme riss ihn alsbald aus seinen nicht mehr gänzlich jugendfreien Gedanken. „Die endgültige Entscheidung liegt allerdings nicht bei mir, sondern bei der Besitzerin.“

„Scheiße, da hätte ich mir meinen ganzen Charme ja sparen können“, erwiderte Jonas frech. Jetzt war es ja auch schon egal.

„Mein Glück, dass Sie es nicht getan haben.“

Dieser nonchalant vorgetragene Satz brachte Jonas für einen Augenblick aus der Fassung. Kolbs süffisantes Lächeln ebenfalls.

Sie nutzten mir aber nix!“ Jonas hoffte inständig, dass Kolb das kurze Zögern vor seiner Erwiderung nicht bemerkt hatte.

„Ah, ein Opportunist. Schade für mich.“ Kolb trat einen Schritt zur Seite und gab die Treppe frei. „Ich lege dennoch ein gutes Wort für Sie ein.“

Bevor sich Jonas darüber klarwerden konnte, ob das eben ein kleiner Flirt gewesen war, oder sein hormonverseuchtes Hirn ihm einen Streich gespielt hatte, stand er bereits im Regen, die Tür des Clubs fest verschlossen.

Was zuletzt geschah:

Jonas hat die ersten Wochen in Berlin genutzt, um sich in der fremden Stadt einzuleben und neue Kontakte zu knüpfen. Neben dem Besuch seiner Vorlesungen und Seminare, bewirtet er in einem kleinen Café anspruchsvolle Gäste für den Mindestlohn und verprellt Kommilitonen, weil er ihnen auf der Toilette zu lange ins Gesicht starrt. Larissas Angebot, ihm ein Vorstellungsgespräch in einem Club zu vermitteln, ist eine willkommene Abwechslung aus dem jetzt schon eingetretenen Alltagstrott, allerdings verläuft das Gespräch nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte.

 

Kapitel 2

Winzige Regentropfen leuchteten im Licht der Neonröhren auf, bevor sie die Erde benetzten.

„Och komm schon, Jonas!“ Larissa zerrte an dessen Arm. „Warum denn nicht ins Tix? Da ist’s echt geil!“

„Ich mag halt nicht“, murrte Jonas ausweichend. Er hatte sich so auf den Abend gefreut. Tanzen, feiern und saufen. Kurzum, das Studentenleben genießen, aber natürlich wollten seine Freunde ausgerechnet ins Tix. Als ob Berlin keine anderen Clubs zu bieten hatte.

„Hattest du dich da nicht beworben?“ Mist. Warum musste sich Kemal alles merken? Nicht einmal Larissa schien sich daran zu erinnern, dabei hatte sie ihm das Gespräch überhaupt erst vermittelt.

„Jaah, schon irgendwie.“

„Dann haben sie dich nicht genommen?“

„Nee. Haben mir angeboten, mich auf die Warteliste zu setzen, aber das wollt ich dann echt nicht.“

„Pah!“ Larissa schnaubte. „Die haben doch keine Ahnung, wer ihnen da entgeht! Komm, wir gehen da jetzt hin, machen richtig fett Party und du freust dich darüber, nicht auf der anderen Seite der Bar stehen zu müssen!“

„Hab ich überhaupt ‘ne Wahl?“ Kraftlos ließ sich Jonas schrittweise von Larissa zur hell erleuchteten Tür ziehen.

„Absolut keine!“, bestätigte diese seine Vorahnung.

„Jedenfalls nicht, wenn du weiter Teil unserer supercoolen Clique sein willst“, bekräftigte Esther grinsend.

Jonas rollte mit den Augen. „Allein, dass du das Wort ‚supercool‘ verwendest, macht dich zu so einem unglaublichen Nerd.“

„Weniger meckern, mehr saufen!“ Esther legte einen Arm um seine Schultern und half Larissa, ihn über den Gehweg bis vor den imposanten Türsteher zu schleifen.

Leise seufzend zahlte Jonas den Eintritt, schielte auf die verbleibenden Euroscheine in seinem Geldbeutel und überschlug rasch, wie sehr er sich betrinken konnte, ohne den Rest des Monats von Nudeln mit Ketchup leben zu müssen.

Gut gefüllt und passend ausgeleuchtet, machte das Tix deutlich mehr Eindruck als an dem Nachmittag seines Vorstellungsgesprächs. Kein House, sondern rockige Indie-Mukke dröhnte über die Tanzfläche, auf der Jonas spontan gleich zwei Kerle entdeckte, die seinem Beuteschema entsprachen.

„Na, haste dir schon Eine ausgeguckt?“ Larissa steuerte einen kleinen Bartisch an, der wie ein Wunder noch frei war.

„Nee, so schnell geht das bei mir nicht“, flunkerte Jonas. Ihre Annahme, er würde hier nach Frauen suchen, korrigierte er nicht. „Ich hol uns mal was zu trinken.“ Halb tanzend, halb drängelnd, arbeitete er sich zur Bar vor und beobachtete die ausgelassen Feiernden, bis ihm der Barmann seine Aufmerksamkeit schenkte.

„Was darf es denn sein?“

Jonas drehte den Kopf, um ihn zu antworten und stockte. Fuck!

Auch Kolb schien überrascht, Jonas wiederzusehen, aber nach der ersten Schrecksekunde verzog sich sein Mund zu einem süffisanten Lächeln.

Aller Bemühungen zum Trotz, konnte Jonas die Bilder, die sofort vor seinem inneren Auge aufstiegen nicht vertreiben. Sie hatten keine Viertelstunde miteinander verbracht, und doch hatte sich Kolb erfolgreich in Jonas‘ Fantasie geschlichen, ihn sogar bis in seine Träume verfolgt.

Kolb, der mit undurchschaubarer Miene vor ihm stand und mit seiner samtenen Stimme verkündete, was er von ihm erwartete. Kolb, dessen athletischer Körper seinen Worten Nachdruck verlieh. Kolb, der Jonas an seine Grenzen und darüber hinausbrachte. Ihn mit dem Hauch eines Lächelns für seine Hingabe belohnte.

Der echte Kolb zog fragend eine Braue nach oben. „Also?“

„Vier … Vier Wodka-Bull“, stammelte Jonas.

„Hm?“ Kolb tippte gegen sein linkes Ohr, um zu signalisieren, dass er ihn über den Krach nicht verstehen konnte und Jonas bemerkte um ersten Mal die beiden winzigen, silbernen Stecker darin. Einen Augenblick lang starrte er wie hypnotisiert darauf, bevor er sich erinnerte, weshalb er überhaupt mit Kolb sprach. „Wodka-Bull!“, brüllte er, dieses Mal viel zu laut. „Vier!“ Zur Verdeutlichung hielt er vier Finger in die Höhe.

Kolb nickte. „Tut mir leid, dass es mit der Stelle nicht geklappt hat!“, rief er, während er die Gläser mit Eis füllte.

„Passt schon.“ Wieder zu leise, aber Kolb schien zumindest die Essenz seines Satzes begriffen zu haben. Lauter fragte Jonas: „Warum stehen Sie an der Bar? Das ist doch sicher nicht Ihr Job!“

„Krankheitsausfall!“

„Kein Ersatz?“

Kolb schüttelte den Kopf, kippte Wodka in die Gläser. Eine gute Mischung. „Zu kurzfristig.“

„Ich hätte Zeit gehabt!“

Das entlockte Jonas‘ Gegenüber ein Lächeln, jedoch keinen Kommentar. „Hier.“ Kolb stellte die vier Gläser und Dosen auf den Tresen. „Macht zwanzig Euro.“

Das war günstig und dennoch war damit die Hälfte von Jonas‘ Budget verbraucht, selbst, wenn er auf Trinkgeld verzichtete. Was er nicht tat, denn er wusste sehr genau, wie hart dieser Job sein konnte.

Jonas überreichte Kolb das Geld und schnappte sich die insgesamt acht Getränke. Wenn er es schaffte, sie heil an ihren Platz zu balancieren, gab er Kolb vielleicht einen weiteren Grund zu bedauern, ihn nicht eingestellt zu haben. Falls er es schaffte. Bei seinem Glück würde er sich gleich mächtig auf die Fresse legen.

Bevor ihn das Getümmel auf der Tanzfläche vollends verschlingen konnte, warf Jonas einen Blick zurück. Mehrere Gäste an der Bar versuchten verzweifelt, Kolbs Aufmerksamkeit zu erregen, aber der hatte nur Augen für Jonas. Er lächelte.

 

„Fuck, ich muss pissen!“ Jonas gestikulierte grob in Richtung der Toiletten, war sich aber nicht sicher, ob Kemal und Esther ihn überhaupt bemerkt hatten. Sie waren völlig in die Musik versunken, lachten, hüpften, ließen ihre Hüften gegeneinanderprallen und schienen den Spaß ihres Lebens zu haben. Larissa war schon vor einiger Zeit mit einem Typen abgezogen, den sie an der Bar aufgerissen hatte.

Ein wenig schwerfällig tapste Jonas zu der Treppe, die zu den ein Stockwerk tiefer gelegenen Toiletten führte. Kolbs großzügige Mischung hatte ganze Arbeit geleistet und die drei Bier, die ihm seine Freunde im Anschluss ausgegeben hatten, waren auch nicht hilfreich gewesen. Desorientiert starrte er auf die drei Türen vor ihm, brauchte einen Augenblick, bis er ihre Beschriftung dechiffriert hatte. Kreis mit Kreuz nach unten: Frauen. Privat: Nun ja, privat eben. Kreis mit Pfeil nach oben: Da wollte er hin.

Die Toiletten waren verhältnismäßig sauber. Dem Geruch nach zu urteilen, war dem einen oder anderem Gast im Laufe des Abends der Alkohol nicht ganz bekommen, aber immerhin holte sich Jonas keine nassen Füße oder musste sich demnächst auf diverse Krankheiten testen lassen.

Nachdem er seine Blase entleert hatte, ließ Jonas kaltes Wasser über Hände und Handgelenke laufen und verrieb einige Tropfen auf seinen Schläfen. Mit etwas weniger Nebel im Kopf, starrte er auf sein Spiegelbild. Seine Augen waren gerötet, seine Haare zerzaust und seine Klamotten saßen nicht ganz so, wie sie sollten. Alles in allem sah man ihm an, dass er einen guten Abend hatte.

Zufrieden verließ er die Toiletten und rempelte beinahe einen anderen Kerl um. „Ups, sorry!“

„Schon gut.“

Zum zweiten Mal an diesem Abend, blickten sich Jonas und Kolb überrascht an. Kolb musste gerade aus der Privat-Tür, hinter der sich vermutlich die Toilette für Angestellte verbarg gekommen sein.

„Sorry“, wiederholte Jonas verlegen.

Kolb verschränkte die Arme, zeigte aber ein amüsiertes Lächeln. „Wenn wir uns weiterhin so oft über den Weg laufen, sollte ich vielleicht meine Meinung zum Schicksal überdenken. Oder mich über Stalking informieren.“

Alkohol, Euphorie und Hormone taten Jonas keinen Gefallen. Ohne darüber nachzudenken, schnellte er nach vorne und küsste Kolb. Seine Lippen streiften lediglich dessen Mundwinkel und bevor er die Chance hatte, seinen Fehler zu korrigieren, schob Kolb ihn sanft von sich. „Nicht während ich arbeite. Nicht, wenn du betrunken bist.“ Er gab Jonas nicht die Zeit für eine Erwiderung, drückte sich an ihm vorbei und eilte die Treppen nach oben.

Jonas ließ sich gegen die kühle, geflieste Wand hinter ihm sinken, versteckte sein Gesicht in den Händen. Verfickte Scheiße! Was zur scheißbeschissenen Hölle hatte er sich dabei gedacht? Einen fremden Typen zu küssen? Einfach so? In der Öffentlichkeit? Jetzt konnte er sich hier endgültig nicht mehr blicken lassen. Vermutlich musste er froh sein, keine Faust in die Fresse bekommen zu haben. Fuck, fuck, fuck! Wenn er jetzt sofort verschwand, war die Gefahr, Kolb in die Arme zu laufen gering, oder? Und falls doch, konnte er sich vielleicht einfach entschuldigen und alles auf den Alkohol schieben?

Wenigstens hatte Kolb keinen Aufstand veranstaltet, sein ‚Nein‘ war sogar verhältnismäßig nett ausgefallen. Jonas schnappte nach Luft.

Kolb hatte überhaupt nicht ‚Nein‘ gesagt. Nur: ‚Nicht so.‘ ‚Nicht jetzt.‘

Mit pochendem Herzen kehrte Jonas auf die Tanzfläche zurück.

Was zuletzt geschah:

Nach einem erfolglosen Vorstellungsgespräch, versucht Jonas das Tix und insbesondere dessen kaufmännischen Leiter aus seinen Gedanken zu verbannen. Dummerweise entscheiden seine Freunde, ein erkrankter Barmann und vielleicht auch das Schicksal, dass es wesentlich lustiger ist, ihn viel zu bald wieder in die Augen seiner nächtlichen Fantasie blicken zu lassen. Und warum klang deren ‚Nein‘ so verflucht nach einem ‚Ja‘?

 

Kapitel 3

Bässe hämmerten, Gesang dröhnte, Menschen schoben sich über die Tanzfläche. Mit jeder Minute, die Jonas‘ Körper Zeit hatte, den Alkohol in seinem Blut abzubauen, wurde ihm die Unwirtlichkeit seiner Umgebung bewusster.

Esther stupste gegen seinen Arm, wollte seine Aufmerksamkeit erregen. „Wir ziehen weiter!“ Ihre Stimme klang heiser, seine vermutlich nicht besser. „Die schließen um drei.“

„Wie spät isses jetzt?“

„Kurz nach zwei“, antwortete Kemal nach einem Blick auf sein Handy.

„Ich bleib noch.“

„Bist du sicher? Ist doch fast nichts mehr los hier.“

„Aber ich steh auf die Musik!“

„Die ist doch woanders auch gut. Komm schon!“ Erneut zog Esther an Jonas‘ Arm, dieses Mal, um ihn aus dem Laden rauszubekommen, in den sie ihn erst hatte reinschleppen müssen.

„Nun lass ihn doch mal“, rief Kemal sie sanft zur Räson. „Er kann ja nachkommen, sobald es ihm hier zu blöd wird.“

Jonas nickte bekräftigend. „Sonst sehen wir uns eben am Montag in der Uni.“

„Na schön, na schön!“ Augenrollend gab Esther sich geschlagen, grinste dann aber von einem Ohr zum anderen. „Ich wette, du willst nur eine aufreißen und hast Angst, dass wir sehen wie sie dich abblitzen lässt.“

„Quatsch“, wehrte Jonas ab. „Ihr sollt bloß nich‘ merken, was für einen beschissenen Frauengeschmack ich hab.“

Esther lachte und winkte zum Abschied, während sie Kemal zum Ausgang schleifte. Jonas steuerte die Bar an, seinen letzten Fünfer in der Hand. „‘Ne Cola, bitte.“

Die junge Frau, die den Laden inzwischen alleine schmiss nickte und reichte ihm eine Flasche samt Strohhalm. Kolb hatte sich offenbar in den Angestelltenbereich des Clubs zurückgezogen.

Erschöpft ließ sich Jonas auf eine durchgewetzte Ledercouch fallen, die einen ausgezeichneten Überblick über den gesamten Club gewährte. Seine Füße schmerzten, er war völlig durchgeschwitzt und sehnte sich nach seinem Bett, aber er war fest entschlossen bis zum Ende durchzuhalten. Das war vermutlich seine einzige Chance, noch einmal mit Kolb zu sprechen. Vorausgesetzt, er schaffte es, dessen Aufmerksamkeit zu erregen, bevor er nach Ladenschluss vom Sicherheitsdienst hinaus eskortiert wurde.

Als hätte er ihn heraufbeschworen, tauchte Kolb keine zehn Minuten später hinter der Bar auf und wechselte ein paar Worte mit der Thekenkraft. Jonas verstand natürlich kein Wort, glaubte aber, anhand der Gesten zu erahnen, was vor sich ging. Zunächst schüttelte Kolbs Mitarbeiterin den Kopf, nach ein paar weiteren Sätzen lächelte sie jedoch und begann, die Bar aufzuräumen, während Kolb die verbliebenen Gäste betreute. Jonas vermutete, dass er seiner Mitarbeiterin angeboten hatte, etwas früher Schluss zu machen und tatsächlich verschwand sie bald in den hinteren Bereich, um kurz darauf mit Jacke und Tasche bewaffnet zurückzukehren. Sie schenkte Kolb ein letztes Lächeln, bevor sie von der Nacht verschluckt wurde.

Das war Jonas‘ Gelegenheit. Zielstrebig lief er zur Bar, stellte seine leere Flasche auf die Theke und kämpfte darum, nicht wegzulaufen, als Kolb ihn bemerkte sich dieses süffisante Lächeln auf seine Lippen stahl. „Was darf ich dir noch bringen?

„Nix. Bin pleite.“ Zu seinem Leidwesen, denn sein Mund war staubtrocken.

Nach einem abwägenden Blick öffnete Kolb eine frische Flasche Cola und stellte sie vor Jonas‘ Nase. „Geht auf mich.“

„Danke!“ Jonas war sich nicht sicher, ob Kolb ihn überhaupt gehört hatte, denn der widmete sich bereits einem anderen Kunden.

Die letzten Minuten zogen sich. Mit klopfendem Herzen saß Jonas auf seinem Barhocker und wartete. Kolb hatte ihm seit seiner Bestellung keinerlei Beachtung mehr geschenkt, nicht einmal flüchtige Blicke in seine Richtung geworfen.

Punkt drei ging das Licht an, die Musik aus und Kolb schickte jeden Gast, der noch etwas wollte, mit leeren Händen fort. Die letzten versprengten Grüppchen suchten rasch das Weite und bald hatten Jonas und Kolb den Club ein weiteres Mal für sich. Jedenfalls beinahe.

„Hier alles okay?“

Jonas drehte sich um. Vor ihm stand ein Typ, der ihn vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken hochheben und auf die Straße befördern konnte. Seine Glatze glänzte im künstlichen Licht, seine Arme waren dicker als Jonas‘ Oberschenkel und drohten das Shirt zu sprengen, dessen Aufschrift ihn als ‚Security‘ auswies. In der rechten Hand hielt er die Abendkasse.

„Alles bestens, Tom“, erwiderte Kolb gelassen. Er nickte zu Jonas. „Der gehört zu mir.“

Feine Lachfältchen erschienen auf dem Gesicht des Türstehers, aber er ersparte sich jeden Kommentar. „Gibt es noch etwas zu tun?“

„Schaut bitte nur mal in die Toiletten, ob da noch jemand hängen geblieben ist. Das Abschließen übernehme dann ich.“

„Wird gemacht.“ Der Türsteher übergab die Kasse an Kolb, warf Jonas einen letzten Blick zu und verschwand Richtung Toiletten.

„Erik?“ Dieses Mal war es ein schmächtiger Junge. Zugegeben, auch nicht schmächtiger oder jünger als Jonas, aber definitiv kein Türsteher. Er hielt zwei Jacken in die Höhe. „Ist noch jemand da? Die hier wurden nicht abgeholt.“

„Das da ist meine.“ Jonas deutete auf die schwarze Lederjacke und kramte in seiner Hosentasche nach dem Garderobenzettel.

„Lass die andere bei mir“, wies Kolb an. „Wir kontrollieren gerade noch die Toiletten, vielleicht ist da jemand. Andernfalls lege ich sie zu den Fundsachen. Du kannst ruhig gehen.“

„Alles klar! Ciao!“

„Die Toiletten sind sauber!“, rief der Türsteher, Tom hatte Erik ihn genannt, von der Treppe aus. „Wenn nichts mehr ist, würde ich’s für heute packen!“

„Ist okay. Gute Nacht.“

„Nacht!“

Kolb wartete, bis die Tür hinter Toms breitem Rücken zugefallen war, dann lehnte er sich über die Theke zu Jonas. „So. Wir sind allein.“

Jonas‘ Mund war ausgetrocknet, sein Kopf leer. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Was hatte er sich dabei gedacht? Welches Ergebnis erwartet? Betreten starrte er auf seine Cola.

Kolbs schlanke Finger strichen über Jonas‘ Handrücken, zart, beinahe tastend. Ein feines Prickeln breitete sich auf seiner Haut aus, zog sich über seinen Arm, die Schultern, bis zu seinem Magen und noch ein Stück tiefer. Jonas wollte mehr davon, wollte berührt und geküsst werden, aber er hatte Angst. Angst, zu seinen Bedürfnissen zu stehen. Angst, nicht gut genug zu sein.

„Ich muss hier alles dichtmachen“, sagte Kolb, ohne preiszugeben, ob er Jonas‘ Zweifel wahrgenommen hatte. „Wartest du solange draußen? Dauert nicht lange.“

Ein weiteres Mal fand sich Jonas allein vor den verschlossenen Clubtüren wider, versuchte verzweifelt, sein Herz davon abzuhalten, seine Brust in ein Jackson Pollock Gemälde aus Blut und Knochen zu hämmern. Die leuchtende Neonreklame des Tix‘ war erloschen.

Jonas überlegte, einfach nach Hause zu gehen. Machte ein paar Schritte in Richtung seiner Wohnung. Stoppte. Zögerte. Lief zurück. Zweifelte. Ging weg. Kehrte um. Wiederholte das Spiel. Entfernte sich nie weiter als fünf Meter.

„Ich gebe zu, du machst mich neugierig.“

In Gedanken versunken hatte Jonas nicht bemerkt, dass Kolb aus dem Club gekommen war und nun gelassen an der geschlossenen Stahltür lehnte. Wie lange hatte er ihn schon beobachtet? Jonas öffnete seinen Mund für eine Erwiderung, wusste keine und schloss ihn wieder.

Kolb stieß sich von der Tür ab, schritt gemächlich auf Jonas zu und musterte ihn eindringlich, stets dieses kleine Lächeln auf seinen Lippen. „Also? Was erwartest du vom Rest dieser Nacht?“

Jonas fühlte sich wie Mogli, eingehüllt von Kaas betörendem Gesang. ‚Jetzt reiß dich mal zusammen!‘, schalt er sich selbst. Er holte tief Luft und sagte das erste, das ihm in den Sinn kam: „Ich will, dass du mich willst.“

Kolbs Finger umfassten Jonas‘ Kinn, seine Lippen kitzelten sein Ohr. „Und was, wenn das der Fall ist?“

Jonas dachte, seine Brust müsste jeden Augenblick bersten. Kolbs heißer Atem, der über seine Haut strich fühlte sich gut an, die Hand, die an seine Hüfte gewandert war noch besser. Und der Typ roch gut. Warm. Beruhigend. Nach Sonne und trockenem Holz. Jonas schluckte. „Dann tu ich, was du willst.“

Kolbs Lächeln veränderte sich, wurde lauernd. „Klingt verlockend.“

Unvermittelt berührten sich ihre Lippen. Sanft, flüchtig. Fast schon zurückhaltend. Ganz anders als Jonas erwartet hatte. Konnte man das wirklich als seinen ersten Kuss bezeichnen?

Noch bevor er zu einer Antwort gekommen war, küsste ihn Kolb erneut. Immer noch sanft, immer noch zurückhaltend, aber dieses Mal blieben seine Lippen lange genug, um ein wenig Wärme und eine Ahnung ihres Geschmacks an Jonas weiterzugeben. Jonas wollte mehr von beidem. Kurzentschlossen schlang er seine Arme um Kolbs Taille, zog ihn näher an sich.

Das schien das Zeichen zu sein, auf das Kolb gewartet hatte. Fordernd presste er sich gegen Jonas, drängte ein Knie zwischen dessen Beine. Wieder fanden ihre Lippen zueinander, spielerisch knabberte Kolb daran, sandte mit seiner Zungenspitze Schauer von Jonas‘ Nacken bis hinunter zum Steißbein.

Hinter ihnen lachte jemand. Jonas erstarrte, drehte den Kopf weit genug, um über seine Schulter ein Grüppchen auf der anderen Straßenseite ausmachen zu können. Scham stieg in ihm auf, zeigte sich in der Hitze, die sein Gesicht zu verbrennen drohte, dem Kloß in seinem Hals, der ihm den Atem nahm.

„Wollen wir das an einem ein wenig wärmeren Ort fortsetzen?“, schlug Kolb denkbar unbeeindruckt vor.

Jonas antwortete nicht.

„Bei mir?“

Still nickte Jonas, traute seiner Stimme nicht.

„Na komm.“ Kolb reichte ihm die Hand, wartete geduldig, bis Jonas sie ergriff, sich regelrecht daran festklammerte und führte ihn zu einer nahegelegenen Tiefgarage.

Jonas bewegte sich wie auf Schienen, war in Gedanken bei ihrem Kuss, dem Gelächter, seiner Lust, der warnenden Stimme seiner Mutter, keinen Unsinn zu machen, doch als Kolb seinen Wagen per Knopfdruck entriegelte und die aufleuchtenden Scheinwerfer dessen Standort preisgaben, verschwand all das aus seinem Kopf und er lachte schallend. „Fuck! Echt jetzt? Ein fliederfarbener Ford?“

„Ich hätte ihn jetzt einfach nur ‚lila‘ genannt.“

„Ich bin Künstler, ich achte auf Details.“

„Ah, natürlich.“ Kolb nickte verständnisvoll. „Was hattest du denn erwartet? Einen schwarzen SUV mit getönten Scheiben?“

„Weiß nich‘“, gab Jonas zu. „Aber ja, sowas in der Art.“

„In Großstädten eher unpraktisch. Und die Farbe …“ Kolb zuckte mit den Schultern. „Ich mag meine Welt bunt.“

Neugierig musterte Jonas Kolb. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine neue Seite an ihm kennenzulernen, doch die Hand, die seine drückte, ihn zielstrebig zum Auto führte, fegte diese Erkenntnis rasch fort, legte den Fokus wieder auf den Mann, der wusste, was er wollte und im Begriff war, sich genau das zu holen.

Kolb war Gentleman genug, Jonas die Wagentür aufzuhalten, bevor er selbst einstieg und den Motor startete.

„Dann wohnst du wohl ‘n Stück vom Club entfernt?“, fragte Jonas, um die Stille zwischen ihnen gar nicht erst unangenehm werden zu lassen.

„Mhm. Tatsächlich wohne ich in der Nähe deiner Uni.“

„Echt? Shit, wir sollten Wohnungen tauschen! Ich brauch ewig dahin, dafür is‘ das Tix direkt ums Eck!“

„Danke, aber ich habe lange genug in einer winzigen Studentenbude gelebt.“

„Sooo winzig is‘ die nicht. Na gut, doch. Sie is‘ winzig. Dafür hat sie scheißdünne Wände. Is‘, als würd ich in einer riesigen WG mit ‘nem Haufen fremder Typen, mit miesem Musikgeschmack leben. Die ständig streiten. Oder Nägel in die Wand schlagen. Oder ficken.“

Kolb schmunzelte. „Klingt in der Tat nach der klassischen Studentenbude.“

Die Lichter der Straßenlaternen zogen an ihnen vorbei, während sich das Auto einen Weg durch die Stadt bahnte, die um diese Zeit fast ausschließlich von Taxis und deren Kundschaft bevölkert war.

„Scheiße, ich hab nich‘ die geringste Ahnung, wo wir sind.“

„Du wohnst wirklich noch nicht lange in Berlin, hm?“

„Nee, erst seit ein paar Wochen. War schon ‘ne Umstellung. Ganz anders als zuhause.“

„Ah, ich denke, dir wird es hier gefallen.“ Sie hielten an einer roten Ampel, Kolbs Blick richtete sich auf Jonas. Eine Hand noch immer am Lenkrad, zog er ihn mit der anderen näher zu sich, küsste seine Lippen, seinen Hals, die kleine Kuhle in der Mitte seines Schlüsselbeins, die gerade so von Jonas‘ Shirt freigegeben wurde.

Fahrig löste Jonas seinen Gurt, kroch näher zu Kolb, wollte mehr. Wollte die Zunge, die ihn neckte, die Hände, die seinen Körper erkundeten, den Duft nach Sonne und Holz. Wütendes Hupen unterbrach den Moment viel zu früh. Die Ampel war schon lange auf Grün gesprungen, hinter ihnen wartete ein ungeduldiger Taxifahrer.

„In ein paar Minuten sind wir da“, versprach Kolb.

Vermutlich waren es wirklich nur wenige Minuten, doch für Jonas zogen sie sich in die Länge, gaben ihm zu viel Zeit zum Nachdenken. Immer wieder streifte Kolbs Hand seinen Oberschenkel, jagte Schauer durch seinen Körper, schaffte es jedoch nicht, die nagenden Zweifel zu vertreiben. Wie weit würden sie gehen? Was erwartete Kolb von ihm?

Dieser seufzte. „Natürlich ist kein Parkplatz frei.“

Jonas blickte aus dem Fenster. „Hier wohnst du?“ Die Häuser sahen nett aus, kein Vergleich zu dem billigen Bau, in dem er selbst lebte, aber alles in allem unterschied sich die Straße für ihn kaum von den unzähligen anderen in Berlin.

„Mhm. Hoffentlich ist ums Eck etwas frei. Entschuldige, wir müssen wohl ein kleines Stück laufen.“

Als sie kurz darauf eine Parklücke entdeckten, atmete Jonas innerlich auf. Kolbs Hand, die auf seinem Rücken lag, ihn bestimmt in die richtige Richtung schob, die Schulter, die immer wieder seine eigene berührte, die gelegentlichen Seitenblicke, die der ihm zuwarf – Jonas war froh, die Augen der Öffentlichkeit bald ausschließen zu können.

Sie schafften es gerade so durch die Eingangstür, bevor sie einander in den Armen lagen und es grenzte an ein Wunder, dass sie von dort unbeschadet bis in den dritten Stock kamen, denn keiner von ihnen achtete auf die Stufen. Jonas ächzte, als er sich plötzlich zwischen Kolb und dessen Wohnungstür wiederfand, stützte sich mit den Händen an dem lasierten Holz ab, verrenkte seinen Hals für ein paar Küsse. Kolbs Hüften drängten sich gegen seinen Hintern, Stoff rieb über Stoff. Als die Hand, die nicht versuchte, den Wohnungsschlüssel ins Schloss zu bekommen nach unten rutschte, Jonas‘ Hosenbund überwand und über seine Erektion strich, stöhnte er geräuschvoll auf. Sofort verschwand sie, presste sich stattdessen auf seinen Mund.

„Shh, die Nachbarn“, tadelte Kolb, klang allerdings eher amüsiert als verärgert.

„Sorry“, nuschelte Jonas. Kühles Metall drückte gegen seine Handfläche.

„Sperr du auf.“

Mit zitternden Fingern versuchte Jonas aufzuschließen, doch die Hand, die zurück in seine Hose gefunden hatte, sein Glied durch den dünnen Stoff seiner Boxershorts massierte, raubte ihm jede Konzentration. Er hatte keine Ahnung, wie lange er im Schloss herumgestochert hatte, bevor das erlösende Klicken erklang, die Tür vor ihm aufschwang. Eilig drängte Kolb Jonas ins Innere, stieß ihn gegen die nächstbeste Wand.

„Aua!“ Keine Wand, eine weitere Tür, deren Klinke sich soeben in seinen Rücken gebohrt hatte.

„Entschuldige!“ Kolb ließ von ihm ab und trat einen Schritt zurück. Sanft strichen die Hände, die bis eben verlangend Jonas‘ Hüften gepackt hatten über die schmerzende Stelle. „Schlimm?“

„Nee, passt schon.“ Der Schmerz und die kurze Unterbrechung waren jedoch ausreichend gewesen, um den Nebel in Jonas‘ Kopf zu lichten. Plötzlich wurde ihm sehr bewusst, dass er sich mit einem fremden Mann in einer fremden Wohnung in einer fast fremden Stadt befand. „Ähm … Wo is‘n dein Bad?“

Kolb knipste das Licht an. „Am Ende des Gangs. Ich warte solange in der Küche.“ Er deutete auf die Tür, deren Klinke Jonas vermutlich einen blauen Fleck beschert hatte.

Das kalte Wasser, das sich Jonas ins Gesicht spritzte, klärte seine Gedanken endgültig, nur die hartnäckige Erektion erinnerte ihn daran, dass wenige Meter entfernt ein Mann auf ihn wartete, dessen Hände er auf seinem Körper fühlen wollte. Ein Mann mit Erfahrung, der wusste, was er wollte. Wusste, was er von Jonas wollte. Aber konnte er ihm das geben, unerfahren wie er war? War ein One-Night-Stand wirklich der Rahmen, in dem er seine ersten Erfahrungen machen wollte?

Jonas tänzelte auf der Stelle, wollte und wollte nicht. Sollte er sich waschen? Er hatte den ganzen Abend getanzt, war völlig durchgeschwitzt. Aber womit? War Duschen eine Option? Was musste Kolb denken, wenn er jetzt noch länger in diesem verfluchten Bad rumhing?

Ein wenig betreten öffnete Jonas die Tür und schlich in die Küche, in der Kolb schon auf ihn wartete. Mit einem breiten Lächeln streifte er Jonas‘ Jacke von dessen Schultern und warf sie über die nächstbeste Stuhllehne. Gleich darauf runzelte er jedoch die Stirn. „Alles okay?“

„Jaah … Mir ist nur ‘n bisschen heiß geworden.“

„Willst du etwas trinken?“

Jonas wollte, aber er wusste, er würde kneifen, wenn er jetzt noch länger wartete. Mit einem tiefen Atemzug nahm er all seinen Mut zusammen und stürzte sich auf Kolb, der offensichtlich nicht damit gerechnet hatte, so offensiv angegangen zu werden. Sie kamen ins Straucheln, konnten sich gerade noch abfangen, stießen dabei jedoch gegen den Stuhl, der polternd umkippte.

„Ah, das war wohl der endgültige Weckruf für die Nachbarn.“

„‘Tschuldige“, murmelte Jonas verlegen.

„Ich bin sicher, du kannst das wieder gut machen.“ Neckisch biss Kolb in Jonas‘ Ohrläppchen. „Bei mir. Nicht bei den Nachbarn.“

Jonas ächzte leise, als Kolbs Finger die nackte Haut unter seinem Shirt erkundeten. Das fühlte sich viel zu gut an. „Wie?“

„Ich erinnere mich da an etwas, das du noch vorm Club zu mir gesagt hast.“

Jonas‘ Wangen wurden heiß. Er wusste genau, auf welchen Satz Kolb damit anspielte, was er ihm versprochen hatte.

„Falls ich dich will“, machte Kolb den Anfang, „und ich denke, ich habe ausreichend bewiesen, dass das der Fall ist, dann …“

„… dann tue ich, was du willst.“

„Mhm, klingt richtig.“

Jonas zwang sich, Kolb in die Augen zu sehen. Nervosität und Erregung kämpften in seinem Inneren um den ersten Platz. „Was soll ich tun?“

„Naja, zunächst könntest du die hier“, Kolbs Daumen strich über Jonas‘ Lippen, „sinnvoller einsetzen. Reden können wir später noch.“

Ohne nachzudenken, aus Angst, erneut ins Zweifeln zu kommen, sank Jonas auf die Knie. Der Fliesenboden war hart und kalt, seine Finger zitterten, als er Kolbs Hose öffnete und dessen halb erigiertes Glied hervorholte, das in seiner Hand rasch wuchs.

Noch nie hatte Jonas den Penis eines anderen Mannes gehalten, nicht einmal angesehen. In den Umkleideräumen der Schule und den Gemeinschaftsduschen nach dem Fußballtraining hatte er sorgfältig vermieden, auch nur in die grobe Richtung zu blicken, weil er fürchtete, die anderen könnten ahnen, was dabei in ihm vorging. Seinen geheimen Sehnsüchten jetzt so nah zu sein, mit den Fingerspitzen darüber zu streichen, die samtige Textur zu erfahren, das Pulsieren, das seine Berührung auslöste zu spüren, war mehr als er sich von diesem Abend erträumt hatte. Hoffentlich war diese Begegnung für Kolb wenigstens annähernd so erregend an wie für ihn.

Lustvoll öffnete Jonas den Mund, wollte schmecken, was er sah. Die letzten Bedenken, die bis hierhin überlebt hatten, schob er in eine dunkle Ecke seines Hirns. Was konnte er schon falsch machen?

„Warte.“ Kolbs Finger gruben sich in Jonas‘ Haar und hielten ihn zurück. Mit der freien Hand fischte er Kondome aus einer der Küchenschubladen. „Erdbeere, Banane oder neutral? Ich nehme gleich vorweg, dass keine Sorte einen Michelin-Stern erhalten wird, aber ohne mache ich es nicht.“

„Oh, ähm …“ Jonas hatte keine Ahnung, wie so ein Kondom schmeckte und eigentlich hätte er blanke Haut bei weitem bevorzugt, aber wenn das Kolbs Bedingung war, würde er sich beugen. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Neutral is‘ okay, denk ich.“

Kolb hatte offensichtlich Übung, selbst einhändig brauchte das Auspacken und Aufziehen keine dreißig Sekunden. „Mach weiter.“

Die Dominanz in diesen Worten jagte einen Schauer über Jonas‘ Rücken; war besser als er sich erhofft hatte. Seine erste Begegnung mit Kolb, dessen kühle, kontrollierte Art, hatte sofort sein Kopfkino gestartet, seine wildesten Fantasien in greifbare Nähe rücken lassen und es schien, als würde er seine Erwartungen erfüllen.

Jonas leckte über den Latexüberzug und versuchte, den typischen Gummigeschmack zu ignorieren. Er saugte, küsste, tat alles, von dem er glaubte, dass es sich gut für Kolb anfühlen musste, aber der ließ nicht das leiseste Stöhnen hören, lediglich seine Finger zogen kleine Kreise über Jonas‘ rasierten Nacken, strichen gelegentlich spielerisch durch sein Haar.

Verunsichert blickte Jonas auf und direkt in Kolbs Augen, der ihn offenbar beobachtet hatte. „I-Ich … Ähm … Ich hab nich‘ so viel Erfahrung darin.“ Die Worte schwebten im Raum, legten sich in der Stille schwer auf Jonas‘ Schultern.

Kolb lächelte. „Das ist nicht schlimm. Ich zeige dir schon, was mir gefällt.“

Jonas nickte, schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. „Bitte.“

Die Hand in seinem Haar griff fester zu. „Nimm ihn tiefer in den Mund.“

Mit neuem Enthusiasmus, öffnete Jonas die Lippen, ließ Kolbs Erektion in seinen Mund gleiten, bis ihre Spitze seinen Rachen kitzelte.

„Gut.“ Die Hand, die Kolb in Jonas‘ Haar vergraben hatte, rutschte in seinen Nacken; gab eine Bewegung vor, ohne Zwang auszuüben. Endlich ließ er ein leises Stöhnen hören. „Benutz deine Zunge.“ Ein Keuchen. „Ah, genau so!“

Jonas wollte mehr davon hören, wollte Kolb glücklich machen. Er bewegte seinen Kopf noch ein Stück weiter nach vorne, versuchte den Druck in seinem Rachen zu ignorieren. Er scheiterte, würgte, drehte sich hustend zur Seite. Mit dem Handrücken wischte er Speichel von Lippen und Kinn. „Sorry.“

„Schon gut. Lass dir Zeit.“

Aber auch der nächste Versuch ließ Jonas würgen. Tränen schossen in seine Augen.

„Langsam“, wies Kolb ihn an. „Zwing dich zu nichts.“

Jonas bemühte sich, sich zu entspannen, aber die Realität war so viel schwieriger, als Pornos glauben machten. Dennoch war er entschlossen, Kolb für seine Geduld zu belohnen und sei es nur, um ihm nicht als völliger Stümper im Gedächtnis zu bleiben.

Kolbs Anleitung folgend, dämpfte Jonas seinen Eifer ein wenig, gewöhnte seinen Hals in kleinen Schritten an dieses ungewohnte Gefühl. Mit jedem Versuch bekam er seinen Würgreflex besser unter Kontrolle, lauschte dem unkontrollierter werdendem Stöhnen hoch über seinem Kopf. Stolz durchflutete ihn, gleichzeitig hatte er keine Ahnung, was an seinem Körper gerade schlimmer schmerzte. Sein verspannter Kiefer, sein überdehnter Rachen, die wundgeriebenen Knie oder seine eigene, schändlich ignorierte Erektion. Egal, nur noch einen oder zwei Zentimeter und …

„Au! Zähne!“ Unvermittelt zog sich Kolb zurück. Nur ein Stück, aber das genügte, um Jonas aus dem hart erarbeiteten Takt zu bringen. Instinktiv wollte er Atem holen, aber seine Luftröhre war blockiert und die Welt um ihn herum verschwamm. Panik machte sich in ihm breit.

Im nächsten Moment saß er japsend und würgend auf dem Boden. „Fu ...“ Er hustete. „I …“ Erneut wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt.

„Ganz ruhig.“ Kolb ging neben ihm in die Hocke, wartete, bis Jonas‘ Atem ebenmäßiger geworden war. „Geht’s wieder?“

„Fuck …“ Jonas starrte zu Kolb, sog keuchend frische Luft ein. Sein Hals brannte. „Hab ich … hab ich dich gebissen?“

„Alles gut“, beruhigte ihn Kolb.

„Sorry, ich … ich …“ Die Tränen in Jonas‘ Augen hatten einen anderen Grund als zuvor. Eilig versuchte er, sie wegzublinzeln.

„Alles ist gut“, wiederholte Kolb, aber seine Beteuerungen machten es nur schlimmer. So hatte sich Jonas das nicht vorgestellt.

Er unterdrückte einen letzten Hustenanfall und kämpfte sich zurück auf seine Knie, Augen gesenkt, Hände hinter dem Rücken, den Mund geöffnet. Die Grundhaltung, die er schon in unzähligen seiner Fantasien eingenommen hatte.

Kolbs leises Lachen war Jonas‘ einzige Warnung, bevor kräftige Hände gegen seine Brust stießen und ihn unsanft zurück auf seinen Hintern beförderten. „Ich denke, zunächst sollte ich dich für deine Mühen belohnen.“ Kolbs Finger strichen über Jonas‘ Innenschenkel, weiter nach oben, bis sie lässig den Reißverschluss seiner Jeans streiften. „Sieh es als kleine Entschädigung für eben an.“

Kolbs Hand verschwand in Jonas‘ Hose, umfasste sein wieder zum Leben erwachendes Glied. Jonas unternahm nichts, um ihn davon abzuhalten, auch, wenn die Nacht damit noch weiter von seiner ursprünglichen Fantasie abwich. Ein Arm legte sich um seine Schulter, gab ihm Halt.

„Gefällt dir das?“

Jonas biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut zu stöhnen. Das Gefühl einer fremden Hand, die sich intensiv dieser intimen Stelle widmete, war beinahe mehr als er ertragen konnte. Er schloss die Augen, drückte sein Gesicht gegen Kolbs Schulter, kühlte seine erhitzten Wangen an dem glatten Stoff, der sie bedeckte. Kolbs Geruch umhüllte ihn, füllte seine Nase, seinen Kopf.

Es dauerte nicht lange, bis sich Jonas‘ Atem merklich beschleunigt hatte, sich seine Finger in Kolbs Hemd krallten, aber wann immer sein Höhepunkt zum Greifen nah war, verkrampfte sich etwas in ihm. Es fühlte sich an, als hätte er versagt. Mehr Lust genommen als gegeben. Jonas konnte nicht aufhören sich zu fragen, was Kolb über ihn dachte, wie enttäuscht er vom Verlauf des Abends sein musste.

Bald darauf betrog ihn sogar sein eigener Körper. Seine Erektion begann zu schwächeln, verwelkte unter Kolbs geschickten Händen, bis Jonas ihn entnervt von sich schob. So durfte die Nacht einfach nicht enden. Nicht so früh, nicht so unspektakulär. Das schuldete er Kolb und sich selbst.

Nach einem kurzen Moment, in dem keiner von ihnen etwas sagte, rappelte sich Jonas auf, schluckte hart. Jetzt oder nie.

Wie in Zeitlupe beugte er sich über den Küchentisch, spürte das unnachgiebige Holz unter sich, fühlte die kalte Luft, als er seine ohnehin bereits offene Hose von den Beinen strampelte. Schamesröte stieg ihm in die Wangen. So hatte ihn noch niemand gesehen, erst recht kein Mann, mit dem er gerademal ein paar Worte gewechselt hatte.

„Ah, ich ahne, worauf du hinauswillst.“ Aus dem Augenwinkel nahm Jonas wahr, dass Kolb etwas aus einer der Küchenschubladen holte. Ein frisches Kondom und eine kleine Flasche Gleitmittel.

„Warte!“, protestierte Jonas, ohne darüber nachzudenken.

„Doch nicht?“

„Doch, klar! Ich hab nur noch nie …“ Fuck! Das hatte er eigentlich nicht verraten wollen.

Kolb zögerte. „Du warst noch nie passiv?“

Jonas brummte eine unverständliche Antwort. Was, wenn Kolb jetzt abbrach? Dann würden sie sich mit Sicherheit nie wiedersehen. Aber wenn er das jetzt durchzog, dann gab es vielleicht eine zweite Chance, dann konnten sie es noch einmal versuchen, wenn Jonas seine Nervosität besser im Griff hatte. Bis dahin würde er einfach die Zähne zusammenbeißen. War Ausgeliefertsein nicht ohnehin eine seiner drängendsten Fantasien? Nicht unbedingt eine, die er mit einem völlig Fremden hatte ausleben wollen, aber seine Optionen waren begrenzt und irgendwo musste er ja anfangen. „Du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen!“, beeilte er sich zu sagen und klopfte sich selbst dafür auf die Schulter, das Zittern in seiner Stimme unter Kontrolle gebracht zu haben. „Nimm dir einfach, was du willst!“

„Hm … Keine Rücksicht? Bei deinem ersten Mal?“

„Das war’s, was ich grad gesagt hab, oder?“, zischte Jonas, verzweifelt bemüht, sich nicht zu einem Rückzieher bewegen zu lassen. Fünf Jahre und über sechshundert Kilometer hatte es gebraucht, um den Mut zu finden, einen anderen Mann so nahe an sich heranzulassen. Das wollte er sich nicht im letzten Augenblick versauen.

Kolb tätschelte Jonas‘ nackten Hintern. „Das ist mal ein Angebot.“ Sein Gewicht drückte auf Jonas‘ Rücken, eine Hand presste seinen Oberkörper flach auf den Tisch. „Allerdings fürchte ich, dass das ein wenig unangenehm für dich werden könnte. Schmerzhaft sogar.“ Er machte eine kurze Pause. „Ziemlich schmerzhaft, wenn wir ehrlich sind.“

„Weiß ich. Is‘ okay. Kümmer dich nich‘ drum, wenn ich ein bisschen jammere.“

„Wenn das so ist …“

Jonas‘ Herz raste. Er war nervös. Zitterte. Die Realität fühlte sich nicht so an, wie er sich ausgemalt hatte. Sie war drückend. Einengend. Das war keine Nervosität. Jonas hatte Angst. Er kannte den Typen doch überhaupt nicht. Was, wenn es ihm zu viel wurde und Kolb nicht reagierte? Ihn vielleicht sogar verletzte? Das hier war völlig verrückt! Jonas war klar, dass er sofort abbrechen sollte, aber er war wie versteinert.

„Du zitterst wie Espenlaub“, stellte Kolb trocken fest. „Bist du sicher, dass du das hier willst?“

Jonas biss sich auf die Lippe, wusste nicht, was er tun sollte. Er fürchtete sich vor dem was kam, doch er fürchtete sich fast noch mehr davor, wie sein Leben sich entwickeln würde, wenn er es jetzt nicht schaffte, über seinen Schatten zu springen und endlich erste Erfahrungen zu sammeln. „Mach weiter“, forderte er schließlich mit einer Stimme, dünn wie Pergament.

„Wie du meinst.“

Ein leises Wimmern entkam Jonas‘ Lippen, als sich Kolb auf ihn stützte, gleich darauf durchfuhr scharfer Schmerz seinen Körper. Allerdings nicht an der Stelle, die er erwartet hatte. Kolb hatte ihm einen kräftigen Klaps auf den Hintern verpasst. Jonas‘ Rücken wurde kalt, das Gewicht, das ihn bis eben auf dem Tisch gehalten hatte verschwand. Verwirrt hob Jonas den Kopf, brachte es aber nicht über sich, Kolb direkt anzusehen und richtete den Blick auf dessen Beine. „Was …?“

„Sorry, ich konnte nicht widerstehen. Aber ehrlich … Niemand sollte das erste Mal zitternd und als reine Gefälligkeit einem völlig Fremden gegenüber erleben.“ Fassungslos starrte Jonas Kolb an, während dieser beiläufig seine schwindende Erektion in seiner Hose verstaute. „Das funktioniert vielleicht in deinem Ko…“

„Wichser!“, unterbrach ihn Jonas mit einem wütenden Aufschrei, blind für Kolbs bestürztes Gesicht. „Fick dich!“ Er wollte ihm etwas von der Demütigung zu spüren geben, die er selbst fühlte, aber das war unmöglich. Alles was er tun konnte, war Kolb zur Seite zu stoßen und aus der Küche zu stolpern, während er hektisch seine Hose nach oben zog.

Eine Hand um seinen Oberarm hielt ihn zurück. „Jonas.“

„Nimm deine Finger von mir!“

Zu Jonas‘ Überraschung, ließ Kolb sofort von ihm ab und trat einen Schritt zurück, die Hände vor die Brust gehoben, als wollte er sich ergeben. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber so weit ließ Jonas es nicht kommen.

„Fick dich!“, rief er als er zur Wohnungstür stürzte. „Fick dich!“ Die Stufen hinunter. „Fick dich, fick dich, fick dich.“ In die Nacht. „FICK DICH!“ Scham und Zorn und Enttäuschung hinterließen feuchte Spuren auf seinen Wangen.

 

Autorennotiz

Herzlich Willkommen zu Raupe im Neonlicht!
Die Geschichte ist abgeschlossen und bereits teilweise auf anderen Plattformen veröffentlicht. Daher werde ich hier täglich ein Kapitel hochladen, bis ich überall auf demselben Stand bin. Danach geht es im wöchentlichen Rhythmus weiter.
Danke fürs Lesen und weiterhin viel Spaß!

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Autor

Noxxys Profilbild Noxxy

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Statistik

Kapitel:4
Sätze:854
Wörter:10.847
Zeichen:64.448

Kurzbeschreibung

Das Abitur frisch in der Tasche, entschließt sich Jonas, das beschauliche Dorfleben gegen die flitternden Lichter der Großstadt zu tauschen. In Zukunft soll Berlins Luft seine Lungen mit Feinstaub und Freiheit füllen. Zum ersten Mal auf sich selbst gestellt, navigiert er durch die unruhigen Gewässer neuer Erfahrungen und alter Probleme und findet in einer unerwarteten Begegnung die Chance, eine Seite an sich zu erforschen, die er bisher sorgfältig verborgen hatte. Doch schnell muss Jonas einsehen, dass es eine Menge Mut erfordert, zu sich selbst zu stehen. [Coming-of-Age/Romantik/Erotik, FSK 18, Slash. Updates: Jeden Freitag.]

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Entwicklung und Erotik gelistet.

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