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Raupe im Neonlicht

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25.5.2018 23:00
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Workaholic

Prolog

Künstliches Licht erhellte dunkle Straßen, Autos dröhnten über Asphalt. Es war spät geworden.

„Das war das letzte Teil.“ Erschöpft sank Jonas gegen die Wand, wischte eine Strähne aus seiner verschwitzten Stirn. Aus der Wohnung gegenüber drang laute Musik, ließ den Umzugskarton neben seinen Füßen vibrieren.

„Hoffentlich kannst du bei diesem Krach schlafen.“ Das besorgte Gesicht seiner Mutter erschien in seinem Sichtfeld. Holzspäne zierten ihre schwarze Hose, Schweißränder verfärbten den Kragen ihrer Bluse. Sie deutete hinter sich, in das winzige Ein-Zimmer-Apartment. „Papa und ich haben den Schrank fertig aufgebaut und der Schreibtisch wackelt nicht mehr. Du musst nur noch das Bett beziehen und die restlichen Kartons auspacken. Dabei können wir dir leider nicht mehr helfen, wenn wir heute noch nach Hause fahren wollen.“

„Kein Ding“, versicherte Jonas. „Schaut lieber zu, dass ihr sicher ankommt. Ruft kurz durch, wenn ihr da seid.“

Seine Mutter lächelte, eine Spur Betrübtheit in den dunklen Augen, die seinen so ähnlich waren. „Schon seltsam, diesen Satz zur Abwechslung aus deinem Mund zu hören. Kaum verlassen sie das Nest, werden sie gleich ganz erwachsen.“ Ihre Finger strichen über die Wange ihres Sohns, zupften an dessen Haaren. „Ich wünschte nur, du hättest dir das mit der Frisur noch einmal überlegt. Schlimm, die Seiten so kurzrasiert und dann bloß ein bisschen was Langes in der Mitte. Wie ein Rattennest.“

Mürrisch schob Jonas ihre Hand weg. „Lass den Scheiß, Mama. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Und du wirst trotzdem darauf achten, wie du mit uns sprichst.“ Jonas‘ Vater lehnte am Türrahmen, klopfte Staub von seinen Händen. Weder seine kräftige Statur, noch die rotblonden Haare hatten sich bei seinen drei Kindern durchgesetzt und Jonas hoffte inständig, dass das auch für die Neigung zur Glatzenbildung galt, die im vergangenen Jahr sehr deutlich geworden war.

„Sorry, Papa“, murmelte er zerknirscht, rief sich in Erinnerung, dass er nur noch wenige Minuten durchhalten musste. Bald wären die beiden auf dem Weg in ihr winziges, bayerisches Dorf und er befreit von jeder elterlichen Zurechtweisung. „Also … dann macht’s mal gut.“

Unschlüssig standen seine Eltern im Hausgang, schienen ihr ältestes Kind nicht sich selbst überlassen zu wollen. Jonas keuchte auf, als er sich unerwartet in einer zweifachen Umarmung wiederfand, der Kopf seiner Mutter an seine Brust, der seines Vaters an seine Schulter gelehnt. Wann war er über sie hinausgewachsen?

Zu seiner eigenen Überraschung, drückte Jonas seine Eltern fest an sich, wurde, nun, da der definitive Abschied nahte, doch noch von seinen Gefühlen übermannt. „Kommt gut heim, ja?“

„Aber ja“, versicherte sein Vater. „Und du passt auch gut auf dich auf. Berlin ist ein ganz anderes Pflaster als unser Dörfchen.“

„Ich verstehe immer noch nicht, weshalb du gleich ans andere Ende Deutschlands ziehen musst.“ Die Stimme seiner Mutter war tränenschwanger.

„Ich hab nun mal bloß in Berlin ‘nen Studienplatz bekommen“, erwiderte Jonas und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie froh er darüber war.

„Und dann noch diese voreilige Trennung von Maria. Das arme Mädchen ist sicher am Boden zerstört“, redete seine Mutter weiter, vielleicht, um sich nicht anmerken zu lassen, dass erste Tränen über ihre Wangen rollten. „Als wolltest du alle Brücken hinter dir abbrechen.“

„Das will ich ganz sicher nich‘!“, beteuerte Jonas. Er hörte Schritte im Gang, schaffte es aber nicht, sich aus der Umarmung zu lösen, bevor bereits ein böswilliges Kichern erklang, gefolgt von einem undeutlichen Murmeln, das sich verdächtig nach ‚Muttersöhnchen‘ anhörte. Ein Schlüssel klickte, die Musik aus der Nachbarwohnung wurde lauter, dann schloss sich die Tür mit einem Knall und dämpfte den Lärm wieder.

Resolut schob Jonas seine Eltern von sich. „Ihr geht jetzt lieber. Den Rest schaff ich schon ohne euch.“

„Komm noch mit zum Auto“, bat sein Vater. „Wir haben da eine kleine Überraschung für dich.“

Die silbrige Oberfläche glänzte matt im künstlichen Licht, Jonas‘ Finger fuhren über das wohlbekannte Firmenlogo. „Danke.“ Das Wort klang lahm in seinen Ohren, aber mehr brachte er nicht heraus.

„Dein jetziger Laptop war doch schon alt als du ihn von Maria bekommen hast und wir dachten, fürs Studium könntest du etwas Neues brauchen.“ Sein Vater schlug die Kofferraumtür zu.

„Danke“, wiederholte Jonas.

„Gern geschehen, Spatz“, sagte seine Mutter. „Wir sind sehr stolz auf dich.“

Weitere Umarmungen, mahnende Worte und Abschiedstränen folgten, bevor Jonas endlich allein in seinem frisch eingerichteten Reich war. Sein Blick huschte über das schmale Bett, die winzige Küchenzeile, den alten Holztisch seiner Eltern. Vor dem Fenster stand sein neuer Schreibtisch, an der Wand daneben ein zweitüriger Schrank. So wenig und dennoch war damit sämtlicher Platz aufgebraucht. Der Boden war mit Kartons vollgestellt, in denen sich Bücher, Comics, Fotografien, Kleidung und anderer Kram stapelten. Jonas hatte vieles mitgenommen und noch mehr zurückgelassen.

Sanft legte er sein neues Notebook auf dem Bett ab, direkt neben seine geliebte Lederjacke und die günstige, aber treue Digitalkamera, die er vor Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Nach kurzem Abwägen, machte er sich ans Auspacken. Vermutlich war es sinnvoll, wenigstens dafür zu sorgen, dass er sich am nächsten Morgen nicht im Halbschlaf durch bergeweise Kartons wühlen musste, um überhaupt das Haus verlassen zu können.

Schwarze Kapuzenpullis wanderten in Jonas‘ Kleiderschrank, dicht gefolgt von Shirts mit bekannten und unbekannten Kunstaufdrucken, Röhrenjeans und Boxershorts. Die Hemden, auf die seine Mutter bestanden hatte, verschwanden in einem der obersten Fächer, der von seiner Oma gestrickte Wollpulli erhielt einen Ehrenplatz am Kleiderbügel, auch, wenn Jonas ihn vermutlich nie tragen würde. Zehn Minuten und zwei leere Kartons später, entschied er, für heute genug getan zu haben.

Jonas schnappte sich seine Kamera und kletterte auf den unter seinem Gewicht ächzenden Schreibtisch. Zwei Tage vor seiner Abreise hatte er in mühevoller Handarbeit Fotos ausgeschnitten, sie in kleine Plexiglasanhänger gestopft und diese an den weißen Vorhängen befestigt, die nun das Fenster einrahmten. Jonas‘ Eltern, seine Großmutter, seine beiden Schwestern Christine und Vroni; Maria, die lieber alleine in München studierte als mit ihm in Berlin und Clemens, sein Kindheitsfreund, dem er seit Jahren aus dem Weg ging, ohne sich ganz von ihm lösen zu können – sie alle lächelten Jonas entgegen und brachten ein kleines Stück Heimat in die Fremde.

Nach langen Sekunden wandte Jonas‘ seinen Blick von der Vergangenheit ab und der Zukunft zu. Grelle Reklametafeln bewarben die an der Straße aufgereihten Lokale, ein Plattenbau, der sich in nichts von dem Haus unterschied, in dem Jonas die nächsten vier Jahre leben sollte, versperrte die Aussicht.

War Jonas‘ Geburtsort von zartem Grün überzogen, pulsierte in Berlin Neonlicht durch tristes Grau. Schwungvoll stieß er das Fenster auf, atmete abgasgeschwängerte Luft und brüllte seine Ekstase nach draußen. „HALLO BERLIN!“

„HALT DIE SCHNAUZE!“ Offensichtlich teilte einer seiner Nachbarn Jonas‘ Enthusiasmus nicht.

Der ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, hüpfte zurück auf den Teppich und startete sein Notebook. Das Alte, das bereits mit dem WLAN verbunden und startklar war.

Endlich war er allein, konnte tun und lassen was er wollte, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen.

Endlich konnte er sich entfalten, befreit von den konservativen Ketten seines Dorfs.

Endlich konnte er in Ruhe wichsen, ohne Gefahr zu laufen, dass jemand in sein Zimmer platzte.

Bald dröhnte kehliges Stöhnen durch Jonas‘ Kopfhörer, auf dem im Dunkeln glimmenden Bildschirm gab sich ein Mann einem anderen bedingungslos hin.

Endlich brauchte Jonas nicht mehr zu fürchten, dass seine Familie von seiner Homosexualität erfuhr.

Was letzte Mal geschah

Jonas hat seinem Geburtsort den Rücken gekehrt und ist fürs Studium nach Berlin gezogen. Dort hat er einen ersten Eindruck bei den Nachbarn hinterlassen, seine Eltern zum vorläufig letzten Mal umarmt und sich mithilfe schneller Internetverbindung und exhibitionistisch veranlagter Kerle kräftig einen von der Palme gewedelt.

 

Kapitel 1

Der Duft nach frisch aufgebrühtem schwarzem Tee umwehte Jonas‘ Nase. „Hier, Frau Kleiber. Assam, kein Zucker, etwas frische Milch.“ Er stellte die Tasse auf dem Tisch ab, an dem soeben ein älteres Ehepaar platzgenommen hatte. „Ihr Kaffee kommt gleich, Herr Kleiber. Wir haben heut übrigens ‘nen wunderbaren Himbeerkuchen. Ich durfte schon ‘n Stück, ähm, nennen wir es ‚vorkosten‘.“ Von Jonas‘ erstem Arbeitstag an, kam das Ehepaar Kleiber jeden Nachmittag in das kleine Café, bestellte Tee und Kaffee und fragte nach dem Kuchenangebot des Tages.

„Ach, Jonas, Sie sind wirklich eine echte Perle“, lobte Frau Kleiber, nachdem sie vorsichtig an ihrem Tee genippt hatte. „Willie und Helga haben so ein Glück, Sie gefunden zu haben.“

Verlegen winkte Jonas ab. „Ich mach doch bloß meinen Job.“ Mal ganz davon abgesehen, dass Frau Kleiber ihn an seinem ersten Tag dreimal zurück in die Küche geschickt hatte, weil der Tee nicht perfekt zubereitet gewesen war. Das Wasser war zu heiß, das Wasser war zu kühl, der Tee zulange gezogen, nein, selbst aufgießen würde sie ganz sicher nicht. Eine ‚echte Perle‘ war man bei ihr vermutlich schon dann, wenn man in den vierten Versuch nicht hineinspuckte und anschließend kündigte. „Soll ich Ihnen zwei Stück vom Himbeerkuchen bringen?“, fragte Jonas mit seinem geduldigsten Lächeln.

„Bitte, tun Sie das.“

Jonas eilte zur Theke, machte sich daran, zwei großzügige Kuchenstücke abzuschneiden und nickte einem anderen Gast zu, der ihm signalisierte, zahlen zu wollen.

„Jonas, du bist ja noch da.“

Die brummige Stimme seines Chefs ließ ihn zusammenzucken. „Wo sollt ich denn sonst sein?“

„Musst du nicht zur Uni? Deine Schicht ist seit einer halben Stunde vorbei.“

„Was?“ Panisch holte Jonas sein Handy aus der Tasche, warf einen Blick auf die Uhrzeit. „Fuck, das hab ich völlig übersehen. Ich, ähm, ich kassier noch schn–“

„Jetzt geh schon“, wies sein Chef ihn an.

„Wir haben meine Schichten für nächste Woche noch nich‘ geklärt!“

„Ruf nach der Uni einfach kurz durch. Oder morgen, das reicht auch noch. Jetzt geh, du willst dein Studium doch nicht schon im ersten Semester vergeigen.“

Dankbar schlüpfte Jonas nach hinten, entledigte sich seiner Schürze und tauschte das dunkle Hemd gegen Kapuzenpulli und Lederjacke. Hastig eilte er zum Ausgang, drehte sich an der Tür jedoch noch einmal um und winkte. „Bis nächste Woche!“

Jonas stürzte durch den kühlen Herbstregen, trampelte blind durch Pfützen, trat in der eindeutig zu langsamen Bahn ungeduldig auf der Stelle, hetzte die letzten Meter zur Uni und die viel zu vielen Stufen nach oben, bis er abrupt vor dem Vorlesungssaal stoppte. Dort holte er einmal tief Luft, bevor er möglichst leise durch die Tür schlich. Glücklicherweise ließ sich der Dozent durch die Störung nicht aus der Ruhe bringen und fuhr mit seinem Vortrag fort, als hätte er Jonas‘ Existenz gar nicht registriert. Nach kurzer Suche strebte Jonas zielgerichtet auf die hintere Reihe zu, in der er gewellten Himmel, goldene Locken und schwarze Seide entdeckt hatte.

„Hey! Hab ich was verpasst?“, fragte er flüsternd die drei Kommilitonen, die er nach den ersten Wochen am ehesten als seine Freunde bezeichnen konnte.

Esther, gepierct, tätowiert, mit prächtig blau gefärbten Haaren, schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

„Ist bis jetzt stinklangweilig“, fügte Larissa hinzu. Ein wenig zu laut. Ausgehend von dem Zucken ihres Dozenten, war ihr Kommentar problemlos bis in die vordersten Reihen zu hören gewesen.

Kemal hüllte sich wie immer in Schweigen und Jonas entschied, es ihm für den Rest der Vorlesung gleichzutun.

„Maaan!“ Larissa streckte sich genüsslich. „Man sollte meinen, nach zwölf Jahren Schule wäre ich an die lange Sitzerei gewöhnt, aber hier ist das irgendwie noch schlimmer. Zum Glück haben wir sonst hauptsächlich Seminare, sonst würde ich echt eingehen. Keine Ahnung, wie meine Mitbewohnerin ihr Studium packt. Wer studiert denn bitte freiwillig Maschinenbau?“

Das kleine Grüppchen stand im Gang vor dem Vorlesungssaal, versperrte den Weg für genervt vorbeieilende Studenten.

„Hatte ich eigentlich schon erzählt, dass es ein paar meiner Graffitis in die Zeitung geschafft haben?“, fuhr Larissa fort, als sich niemand besonders für das Studium ihrer Mitbewohnerin zu interessieren schien.

„Echt?“ Neugierig neigte Esther den Kopf, um einen Blick auf das Foto des Zeitungsartikels erhaschen zu können, das Larissa auf ihrem Handy herumzeigte. „Das ist ja toll.“

„Ach, naja, ich hatte sie halt taktisch gut platziert und in meinem Heimatort ist Streetart noch eher unbekannt“, antwortete Larissa bescheiden. „Hier in Berlin würde kein Hahn danach krähen.“

„Trotzdem klasse! Ich war schon stolz, als eines meiner Bilder einen regionalen Oberstufenwettbewerb gewonnen hat. ‚Bestes Acrylgemälde Nordrhein-Westfalens‘. Klingt schon irgendwie bescheuert.“

„Immer noch besser als ‚bestes Webdesign des Wettbewerbs für Schüler der neunten bis zwölften Klassenstufe des Saarlands‘“, warf Kemal ein. „Wir hatten wahrscheinlich so drei Leute, die überhaupt daran teilgenommen haben.“

Die anderen lachten.

„Ich geh mal kurz pissen. Bin gleich zurück.“ Jonas verschwand hinter der Tür der Herrentoilette und atmete einmal tief durch. War er wirklich der einzige in diesem verfluchten Studiengang, der noch keine Preise eingeheimst hatte, bevor er überhaupt Laufen konnte? Frustriert stellte er sich an eines der Pissoirs, weit entfernt von dem einzigen anderen Studenten im Raum. ‚Charly‘ war ebenfalls in ihrem Studiengang, aber abgesehen von einem kurzen ‚Hallo‘ an ihrem ersten Tag, hatten sie zu Jonas‘ Bedauern noch kein Wort miteinander gewechselt. Im Gegensatz zu Jonas, der stets bemüht war, seine sexuelle Orientierung so gut wie möglich zu verbergen, schien Charly mit sämtlichen Klischees zu kokettieren. Seine Stimme war unnatürlich hoch, er lispelte ein wenig und das Innere seines Schranks musste nach Narnia führen, nur, dass die Weiße Hexe jetzt die Pinke Queen war, die überall Glitzerstaub statt Schnee verteilte. Zu gerne hätte Jonas Charly näher kennengelernt, doch er traute sich nicht, den ersten Schritt zu machen.

„Wenn du noch länger starrst, verlange ich Geld dafür.“

„Was?“ In Gedanken versunken hatte Jonas überhaupt nicht bemerkt, dass sein Blick fest auf Charlys Gesicht geheftet gewesen war. Rasch wandte er sich ab. „Sorry.“

„Hast du Angst, dass ich dir was weggucke?“

„Was? Nee, ich …“ Jonas verstummte. Was sollte er schon sagen?

„Keine Sorge, ich bin wirklich nicht verzweifelt genug, um mich im Klo auf wildfremde Minipimmel zu stürzen.“

„Ich wollte nich‘ …“

„Erspar uns beiden deine Ausflüchte“, würgte Charly ihn ab, ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Bevor die Tür hinter ihm zufiel, konnte Jonas ihn noch ‚Scheiß homophobe Arschlöcher‘ murmeln hören. Frustriert von sich selbst und seiner Feigheit, beendete Jonas, was er angefangen hatte, wusch sich die Hände besonders gründlich, um sicher zu gehen, dass Charly weg war und schlüpfte nach draußen.

„Und?“ Larissa war die Einzige, die auf ihn gewartet hatte. „Welche Laus ist dir so über die Leber gelaufen?“

„Keine“, murrte Jonas unwillig. „Bin bloß müde. Stand seit sieben im Café.“

„Bah, eklig. Das ist doch kein Studentenleben.“ Sie neigte den Kopf, schien nachzudenken. „Eine Freundin von mir hat in einem Club gearbeitet. War wohl ganz zufrieden, hat jetzt aber einen Job in irgendeiner Zeitungsredaktion ergattern können und die suchen aktuell einen Nachfolger für sie. Soll ich mal fragen, ob sie dich weitervermittelt?“

Jonas überlegte. Er mochte das Café und seine Besitzer, aber sie bezahlten gerade so den Mindestlohn und abgesehen von den Kleibers, knauserten die Gäste gerne mit dem Trinkgeld. „Weißt du was? Tu das mal, wenn’s keine Umstände macht.“

 

Die Neonlichter, die in großen, geschwungen Lettern TIX buchstabierten waren ausgeschaltet und die schlichte Stahltür passte sich nahezu perfekt an das mausgraue Gebäude an. Beinahe wäre Jonas an seinem Ziel vorbeigelaufen.

Auch im Club selbst war die Beleuchtung gedämpft, die Tische im hinteren Bereich versanken im Schatten. Jonas‘ nasse Stiefelsohlen quietschten unangenehm laut auf dem frisch gewischten PVC-Boden. Es war ungewohnt, einen beliebten Szene-Club so menschenleer zu sehen und es dauerte einen Moment, bis Jonas die dunkel gekleidete Gestalt entdeckte, die auf einem der Barhocker an der Theke platzgenommen hatte. Sie war so auf das Tablet in ihrer Hand konzentriert, dass sie sein Eintreten noch nicht bemerkt hatte.

„Ähm, hi.“ Jonas hatte nicht wirklich laut gesprochen, aber der leere Raum warf seine Stimme von den Wänden zurück.

Der Mann an der Bar blickte nicht auf, schien ihn jedoch gehört zu haben. „Jonas Staginsky, nehme ich an?“

„Japp.“

„Setzen Sie sich.“ Er deutete auf den Hocker neben ihm.

Als Jonas näherkam, konnte er das Gesicht des Mannes besser erkennen. Er war überraschend jung; vielleicht Anfang dreißig. Seine blonden Haare waren zu einem nachlässigen Knoten gebunden, mit seinen Wangenknochen hätte man Glas schneiden können und über seiner geraden Nase funkelten Augen, deren Farbe Jonas im schummrigen Licht nicht ausmachen konnte. Seine Schultern waren breit, die Hände, mit denen er noch immer das Tablet hielt gepflegt, die Finger lang und feingliedrig. Der Typ sah gut aus und alles an seinem Verhalten sprach dafür, dass er das wusste.

„Sie sind zu spät.“ Eine Stimme wie samtenes Tuch über rauem Fels.

„Sorry, hab meinen Bus verpasst.“ Das war eine dreiste Lüge, aber Jonas‘ Gegenüber schien sich ohnehin nicht besonders für ihn zu interessieren.

„Schon gut. Sie sind sowieso der letzte Kandidat für heute.“ Noch immer hatte der Mann keinen Blick für ihn übrig.

Jonas zog den Hocker, den man ihm angeboten hatte ein Stück weg und setzte sich. Er fühlte eine altbekannte Hitze auf seinen Wangen und hoffte, dass die Röte, die sie überzog in diesem Licht nicht zu erkennen war.

„Mein Name ist Erik Kolb“, stellte sich der Mann endlich vor. „Ich bin der kaufmännische Leiter dieses Clubs.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Okay, das hatte genauso auswendig gelernt geklungen, wie es war.

Zum ersten Mal blickte Kolb auf und musterte Jonas eingehend. Nichts ließ erkennen, was er über seinen Bewerber dachte. „Sie wollen also hier an der Bar arbeiten?“

„An der Bar, an der Garderobe, als Reinigungskraft. Was auch immer mir hilft, die Miete zu zahlen.“

Zum ersten Mal zeigte sich ein schmales Lächeln auf Kolbs Gesicht. „Ah, das überzeugt mich natürlich von Ihrer Motivation für den Job.“

„Ich kann Ihnen auch vorschwärmen, wie erfüllend ich es finde, jeden Abend Betrunkene noch betrunkener zu machen, bis sie auf die Tanzfläche kotzen. Is‘ dann Ihre Sache, ob Sie mir das abkaufen.“ Jonas biss sich auf die Lippe. Sehr gut, so bekam man Jobs. Immer schön den Boss anmaulen.

„Haben Sie Erfahrung im Gastgewerbe?“ Kolb hatte offensichtlich beschlossen, Jonas‘ patzige Antwort zu übergehen.

„Meine Eltern haben ‘ne Wirtschaft. Ich kellnere, seit ich ‘ne Halbe tragen kann.“

„Hier in Berlin?“

„Nee, bin erst vor ein paar Wochen fürs Studium hergezogen.“

„Verstehe. Sie studieren …“, Kolb warf einen flüchtigen Blick auf das bläulich leuchtende Display des Tablets, das wohl Jonas‘ ursprüngliche E-Mail an ihn zeigte, „… an der Universität der Künste?“

„Japp.“

„Hm. Standen Sie auch schon mal hinter einer Bar?“

„Nee, jedenfalls nix, was mit dem Club hier vergleichbar wäre. Wir haben natürlich auch Alk ausgeschenkt, aber halt mehr für gutbürgerliche Stammtische und so.“

„Wie sind Sie auf die Stelle hier gekommen? Wir haben sie nicht öffentlich ausgeschrieben.“

„Über die Freundin einer Freundin“, antwortete Jonas ehrlich. „Im Moment jobbe ich in ‘nem Café, aber ich würd lieber nachts arbeiten.“

„Hm …“ Kolb zog das Tablet, das er eben erst zur Seite gelegt hatte wieder zu sich, wischte darauf herum. „Ich setze Sie mal auf die Liste für die engere Auswahl. Wenn alle Gespräche durch sind, melden wir uns noch mal bei Ihnen.“

„Das war’s schon?“, fragte Jonas verstimmt. „Sagen Sie doch gleich, dass Sie mich nich‘ nehmen.“

Kolb hatte nur ein müdes Lächeln für ihn übrig. „Wir haben hier eine hohe Fluktuation. Die meisten Mitarbeiter sind Studenten, die einen Job brauchen, der sich mit den Vorlesungszeiten vereinbaren lässt und aufhören, sobald sie etwas Besseres gefunden haben. Kaum einer macht den Job länger als ein paar Monate. Wir sind deshalb immer froh, für diesen Fall schon ein paar geeignete Kandidaten in der Hinterhand zu haben. Gut möglich, dass wir uns bei Ihnen melden, selbst wenn es dieses Mal nicht gleich mit der Stelle klappt.“ Er stand auf. Das graue Hemd und die dunkle Weste, die er darüber trug, betonten seinen schlanken Oberkörper, der in schmale Hüften überging. „Wir können uns noch den hinteren Bereich ansehen und ich erzähle Ihnen ein bisschen was über die Stelle. Dann wissen Sie schon mal, was auf Sie zukommt, falls wir Sie nehmen.“

Wortlos folgte Jonas Kolb durch eine unscheinbare Tür in einen Gang, der zur Abwechslung hell erleuchtet war. Das kalte Licht stach in Jonas‘ Augen und er blinzelte.

Kolb deutete zum anderen Ende des Gangs. „Dort hinten ist das Büro der Clubbesitzerin, die Tür rechts davon ist meines. Das hier links ist der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter.“ Der Raum war klein, aber gemütlich. Wild zusammengenwürfelte Hocker und Stühle, eine Garderobe mit Schließfächern, ein Kühlschrank und eine Kaffeemaschine hatten irgendwie ihren Platz darin gefunden.

„Gleich hier“, Kolb öffnete die Tür neben einem Lastenaufzug, hinter der sich eine breite Steintreppe verbarg, „ist der Lagerraum.“ Er ließ Jonas den Vortritt. Vorsichtig stieg dieser die ungewohnten Stufen hinab; mit jedem Schritt wurde es kühler, bis er sich selbst dafür verfluchte, seine Jacke zuhause gelassen zu haben.

Das flackernde Licht beleuchtete mit diversen Spirituosen gefüllte Regale. Im hinteren Bereich stapelten sich Getränkekisten und einige Kartons mit Orangen, Zitronen und Limetten. Jonas wusste nicht, was er erwartet hatte, im Großen und Ganzen unterschied sich der Lagerraum kaum von dem seiner Eltern. Er drehte sich um.

Kolbs Körper blockierte die Tür, sein Gesicht lag im Halbschatten, sodass Jonas nur die vornehm geschwungenen Lippen erkennen konnte, auf denen ein feines Lächeln lag. Es war schwierig, nicht darauf zu starren wie ein Reh aufs Scheinwerferlicht.

„Wie stehen meine Chancen, die Stelle zu bekommen?“, wollte er wissen, hauptsächlich, um sich abzulenken. „Also keine Warteliste und so ‘n Schei–“, Jonas räusperte sich, „Schrott, bei dem ihr euch dann irgendwann meldet, wenn ich längst mitm Studium fertig bin.“

„Ganz ehrlich?“ Kolb musterte ihn, wägte seine Worte ab. „Ihre Referenzen sind nicht schlecht, aber wir suchen im Moment nur eine Kraft und es gibt zwei oder drei Bewerber, die deutlich mehr Erfahrung speziell in diesem Bereich mitbringen. Allzu große Hoffnungen sollten Sie sich nicht machen.“

Jonas unterdrückte einen obszönen Fluch. Die Stelle wäre der Jackpot gewesen. Der Club war keine zehn Minuten von seiner Wohnung entfernt und der Stundenlohn deutlich besser als alles, was man ihm bisher angeboten hatte. Andererseits: Wollte Jonas wirklich mit Kolb zusammenarbeiten? Er war nicht unfreundlich, aber zumindest distanziert und eher kühl; wirkte wie ein Mann, der stets die Kontrolle behielt. Eine Wesensart, die Jonas leider recht anziehend fand und für seinen Chef zu schwärmen, war eine Peinlichkeit, auf die er gut verzichten konnte.

Kolbs Stimme riss ihn alsbald aus seinen nicht mehr gänzlich jugendfreien Gedanken. „Die endgültige Entscheidung liegt allerdings nicht bei mir, sondern bei der Besitzerin.“

„Scheiße, da hätte ich mir meinen ganzen Charme ja sparen können“, erwiderte Jonas frech. Jetzt war es ja auch schon egal.

„Mein Glück, dass Sie es nicht getan haben.“

Dieser nonchalant vorgetragene Satz brachte Jonas für einen Augenblick aus der Fassung. Kolbs süffisantes Lächeln ebenfalls.

Sie nutzten mir aber nix!“ Jonas hoffte inständig, dass Kolb das kurze Zögern vor seiner Erwiderung nicht bemerkt hatte.

„Ah, ein Opportunist. Schade für mich.“ Kolb trat einen Schritt zur Seite und gab die Treppe frei. „Ich lege dennoch ein gutes Wort für Sie ein.“

Bevor sich Jonas darüber klarwerden konnte, ob das eben ein kleiner Flirt gewesen war, oder sein hormonverseuchtes Hirn ihm einen Streich gespielt hatte, stand er bereits im Regen, die Tür des Clubs fest verschlossen.

Was zuletzt geschah:

Jonas hat die ersten Wochen in Berlin genutzt, um sich in der fremden Stadt einzuleben und neue Kontakte zu knüpfen. Neben dem Besuch seiner Vorlesungen und Seminare, bewirtet er in einem kleinen Café anspruchsvolle Gäste für den Mindestlohn und verprellt Kommilitonen, weil er ihnen auf der Toilette zu lange ins Gesicht starrt. Larissas Angebot, ihm ein Vorstellungsgespräch in einem Club zu vermitteln, ist eine willkommene Abwechslung aus dem jetzt schon eingetretenen Alltagstrott, allerdings verläuft das Gespräch nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte.

 

Kapitel 2

Winzige Regentropfen leuchteten im Licht der Neonröhren auf, bevor sie die Erde benetzten.

„Och komm schon, Jonas!“ Larissa zerrte an dessen Arm. „Warum denn nicht ins Tix? Da ist’s echt geil!“

„Ich mag halt nicht“, murrte Jonas ausweichend. Er hatte sich so auf den Abend gefreut. Tanzen, feiern und saufen. Kurzum, das Studentenleben genießen, aber natürlich wollten seine Freunde ausgerechnet ins Tix. Als ob Berlin keine anderen Clubs zu bieten hatte.

„Hattest du dich da nicht beworben?“ Mist. Warum musste sich Kemal alles merken? Nicht einmal Larissa schien sich daran zu erinnern, dabei hatte sie ihm das Gespräch überhaupt erst vermittelt.

„Jaah, schon irgendwie.“

„Dann haben sie dich nicht genommen?“

„Nee. Haben mir angeboten, mich auf die Warteliste zu setzen, aber das wollt ich dann echt nicht.“

„Pah!“ Larissa schnaubte. „Die haben doch keine Ahnung, wer ihnen da entgeht! Komm, wir gehen da jetzt hin, machen richtig fett Party und du freust dich darüber, nicht auf der anderen Seite der Bar stehen zu müssen!“

„Hab ich überhaupt ‘ne Wahl?“ Kraftlos ließ sich Jonas schrittweise von Larissa zur hell erleuchteten Tür ziehen.

„Absolut keine!“, bestätigte diese seine Vorahnung.

„Jedenfalls nicht, wenn du weiter Teil unserer supercoolen Clique sein willst“, bekräftigte Esther grinsend.

Jonas rollte mit den Augen. „Allein, dass du das Wort ‚supercool‘ verwendest, macht dich zu so einem unglaublichen Nerd.“

„Weniger meckern, mehr saufen!“ Esther legte einen Arm um seine Schultern und half Larissa, ihn über den Gehweg bis vor den imposanten Türsteher zu schleifen.

Leise seufzend zahlte Jonas den Eintritt, schielte auf die verbleibenden Euroscheine in seinem Geldbeutel und überschlug rasch, wie sehr er sich betrinken konnte, ohne den Rest des Monats von Nudeln mit Ketchup leben zu müssen.

Gut gefüllt und passend ausgeleuchtet, machte das Tix deutlich mehr Eindruck als an dem Nachmittag seines Vorstellungsgesprächs. Kein House, sondern rockige Indie-Mukke dröhnte über die Tanzfläche, auf der Jonas spontan gleich zwei Kerle entdeckte, die seinem Beuteschema entsprachen.

„Na, haste dir schon Eine ausgeguckt?“ Larissa steuerte einen kleinen Bartisch an, der wie ein Wunder noch frei war.

„Nee, so schnell geht das bei mir nicht“, flunkerte Jonas. Ihre Annahme, er würde hier nach Frauen suchen, korrigierte er nicht. „Ich hol uns mal was zu trinken.“ Halb tanzend, halb drängelnd, arbeitete er sich zur Bar vor und beobachtete die ausgelassen Feiernden, bis ihm der Barmann seine Aufmerksamkeit schenkte.

„Was darf es denn sein?“

Jonas drehte den Kopf, um ihn zu antworten und stockte. Fuck!

Auch Kolb schien überrascht, Jonas wiederzusehen, aber nach der ersten Schrecksekunde verzog sich sein Mund zu einem süffisanten Lächeln.

Aller Bemühungen zum Trotz, konnte Jonas die Bilder, die sofort vor seinem inneren Auge aufstiegen nicht vertreiben. Sie hatten keine Viertelstunde miteinander verbracht, und doch hatte sich Kolb erfolgreich in Jonas‘ Fantasie geschlichen, ihn sogar bis in seine Träume verfolgt.

Kolb, der mit undurchschaubarer Miene vor ihm stand und mit seiner samtenen Stimme verkündete, was er von ihm erwartete. Kolb, dessen athletischer Körper seinen Worten Nachdruck verlieh. Kolb, der Jonas an seine Grenzen und darüber hinausbrachte. Ihn mit dem Hauch eines Lächelns für seine Hingabe belohnte.

Der echte Kolb zog fragend eine Braue nach oben. „Also?“

„Vier … Vier Wodka-Bull“, stammelte Jonas.

„Hm?“ Kolb tippte gegen sein linkes Ohr, um zu signalisieren, dass er ihn über den Krach nicht verstehen konnte und Jonas bemerkte um ersten Mal die beiden winzigen, silbernen Stecker darin. Einen Augenblick lang starrte er wie hypnotisiert darauf, bevor er sich erinnerte, weshalb er überhaupt mit Kolb sprach. „Wodka-Bull!“, brüllte er, dieses Mal viel zu laut. „Vier!“ Zur Verdeutlichung hielt er vier Finger in die Höhe.

Kolb nickte. „Tut mir leid, dass es mit der Stelle nicht geklappt hat!“, rief er, während er die Gläser mit Eis füllte.

„Passt schon.“ Wieder zu leise, aber Kolb schien zumindest die Essenz seines Satzes begriffen zu haben. Lauter fragte Jonas: „Warum stehen Sie an der Bar? Das ist doch sicher nicht Ihr Job!“

„Krankheitsausfall!“

„Kein Ersatz?“

Kolb schüttelte den Kopf, kippte Wodka in die Gläser. Eine gute Mischung. „Zu kurzfristig.“

„Ich hätte Zeit gehabt!“

Das entlockte Jonas‘ Gegenüber ein Lächeln, jedoch keinen Kommentar. „Hier.“ Kolb stellte die vier Gläser und Dosen auf den Tresen. „Macht zwanzig Euro.“

Das war günstig und dennoch war damit die Hälfte von Jonas‘ Budget verbraucht, selbst, wenn er auf Trinkgeld verzichtete. Was er nicht tat, denn er wusste sehr genau, wie hart dieser Job sein konnte.

Jonas überreichte Kolb das Geld und schnappte sich die insgesamt acht Getränke. Wenn er es schaffte, sie heil an ihren Platz zu balancieren, gab er Kolb vielleicht einen weiteren Grund zu bedauern, ihn nicht eingestellt zu haben. Falls er es schaffte. Bei seinem Glück würde er sich gleich mächtig auf die Fresse legen.

Bevor ihn das Getümmel auf der Tanzfläche vollends verschlingen konnte, warf Jonas einen Blick zurück. Mehrere Gäste an der Bar versuchten verzweifelt, Kolbs Aufmerksamkeit zu erregen, aber der hatte nur Augen für Jonas. Er lächelte.

 

„Fuck, ich muss pissen!“ Jonas gestikulierte grob in Richtung der Toiletten, war sich aber nicht sicher, ob Kemal und Esther ihn überhaupt bemerkt hatten. Sie waren völlig in die Musik versunken, lachten, hüpften, ließen ihre Hüften gegeneinanderprallen und schienen den Spaß ihres Lebens zu haben. Larissa war schon vor einiger Zeit mit einem Typen abgezogen, den sie an der Bar aufgerissen hatte.

Ein wenig schwerfällig tapste Jonas zu der Treppe, die zu den ein Stockwerk tiefer gelegenen Toiletten führte. Kolbs großzügige Mischung hatte ganze Arbeit geleistet und die drei Bier, die ihm seine Freunde im Anschluss ausgegeben hatten, waren auch nicht hilfreich gewesen. Desorientiert starrte er auf die drei Türen vor ihm, brauchte einen Augenblick, bis er ihre Beschriftung dechiffriert hatte. Kreis mit Kreuz nach unten: Frauen. Privat: Nun ja, privat eben. Kreis mit Pfeil nach oben: Da wollte er hin.

Die Toiletten waren verhältnismäßig sauber. Dem Geruch nach zu urteilen, war dem einen oder anderem Gast im Laufe des Abends der Alkohol nicht ganz bekommen, aber immerhin holte sich Jonas keine nassen Füße oder musste sich demnächst auf diverse Krankheiten testen lassen.

Nachdem er seine Blase entleert hatte, ließ Jonas kaltes Wasser über Hände und Handgelenke laufen und verrieb einige Tropfen auf seinen Schläfen. Mit etwas weniger Nebel im Kopf, starrte er auf sein Spiegelbild. Seine Augen waren gerötet, seine Haare zerzaust und seine Klamotten saßen nicht ganz so, wie sie sollten. Alles in allem sah man ihm an, dass er einen guten Abend hatte.

Zufrieden verließ er die Toiletten und rempelte beinahe einen anderen Kerl um. „Ups, sorry!“

„Schon gut.“

Zum zweiten Mal an diesem Abend, blickten sich Jonas und Kolb überrascht an. Kolb musste gerade aus der Privat-Tür, hinter der sich vermutlich die Toilette für Angestellte verbarg gekommen sein.

„Sorry“, wiederholte Jonas verlegen.

Kolb verschränkte die Arme, zeigte aber ein amüsiertes Lächeln. „Wenn wir uns weiterhin so oft über den Weg laufen, sollte ich vielleicht meine Meinung zum Schicksal überdenken. Oder mich über Stalking informieren.“

Alkohol, Euphorie und Hormone taten Jonas keinen Gefallen. Ohne darüber nachzudenken, schnellte er nach vorne und küsste Kolb. Seine Lippen streiften lediglich dessen Mundwinkel und bevor er die Chance hatte, seinen Fehler zu korrigieren, schob Kolb ihn sanft von sich. „Nicht während ich arbeite. Nicht, wenn du betrunken bist.“ Er gab Jonas nicht die Zeit für eine Erwiderung, drückte sich an ihm vorbei und eilte die Treppen nach oben.

Jonas ließ sich gegen die kühle, geflieste Wand hinter ihm sinken, versteckte sein Gesicht in den Händen. Verfickte Scheiße! Was zur scheißbeschissenen Hölle hatte er sich dabei gedacht? Einen fremden Typen zu küssen? Einfach so? In der Öffentlichkeit? Jetzt konnte er sich hier endgültig nicht mehr blicken lassen. Vermutlich musste er froh sein, keine Faust in die Fresse bekommen zu haben. Fuck, fuck, fuck! Wenn er jetzt sofort verschwand, war die Gefahr, Kolb in die Arme zu laufen gering, oder? Und falls doch, konnte er sich vielleicht einfach entschuldigen und alles auf den Alkohol schieben?

Wenigstens hatte Kolb keinen Aufstand veranstaltet, sein ‚Nein‘ war sogar verhältnismäßig nett ausgefallen. Jonas schnappte nach Luft.

Kolb hatte überhaupt nicht ‚Nein‘ gesagt. Nur: ‚Nicht so.‘ ‚Nicht jetzt.‘

Mit pochendem Herzen kehrte Jonas auf die Tanzfläche zurück.

Was zuletzt geschah:

Nach einem erfolglosen Vorstellungsgespräch, versucht Jonas das Tix und insbesondere dessen kaufmännischen Leiter aus seinen Gedanken zu verbannen. Dummerweise entscheiden seine Freunde, ein erkrankter Barmann und vielleicht auch das Schicksal, dass es wesentlich lustiger ist, ihn viel zu bald wieder in die Augen seiner nächtlichen Fantasie blicken zu lassen. Und warum klang deren ‚Nein‘ so verflucht nach einem ‚Ja‘?

 

Kapitel 3

Bässe hämmerten, Gesang dröhnte, Menschen schoben sich über die Tanzfläche. Mit jeder Minute, die Jonas‘ Körper Zeit hatte, den Alkohol in seinem Blut abzubauen, wurde ihm die Unwirtlichkeit seiner Umgebung bewusster.

Esther stupste gegen seinen Arm, wollte seine Aufmerksamkeit erregen. „Wir ziehen weiter!“ Ihre Stimme klang heiser, seine vermutlich nicht besser. „Die schließen um drei.“

„Wie spät isses jetzt?“

„Kurz nach zwei“, antwortete Kemal nach einem Blick auf sein Handy.

„Ich bleib noch.“

„Bist du sicher? Ist doch fast nichts mehr los hier.“

„Aber ich steh auf die Musik!“

„Die ist doch woanders auch gut. Komm schon!“ Erneut zog Esther an Jonas‘ Arm, dieses Mal, um ihn aus dem Laden rauszubekommen, in den sie ihn erst hatte reinschleppen müssen.

„Nun lass ihn doch mal“, rief Kemal sie sanft zur Räson. „Er kann ja nachkommen, sobald es ihm hier zu blöd wird.“

Jonas nickte bekräftigend. „Sonst sehen wir uns eben am Montag in der Uni.“

„Na schön, na schön!“ Augenrollend gab Esther sich geschlagen, grinste dann aber von einem Ohr zum anderen. „Ich wette, du willst nur eine aufreißen und hast Angst, dass wir sehen wie sie dich abblitzen lässt.“

„Quatsch“, wehrte Jonas ab. „Ihr sollt bloß nich‘ merken, was für einen beschissenen Frauengeschmack ich hab.“

Esther lachte und winkte zum Abschied, während sie Kemal zum Ausgang schleifte. Jonas steuerte die Bar an, seinen letzten Fünfer in der Hand. „‘Ne Cola, bitte.“

Die junge Frau, die den Laden inzwischen alleine schmiss nickte und reichte ihm eine Flasche samt Strohhalm. Kolb hatte sich offenbar in den Angestelltenbereich des Clubs zurückgezogen.

Erschöpft ließ sich Jonas auf eine durchgewetzte Ledercouch fallen, die einen ausgezeichneten Überblick über den gesamten Club gewährte. Seine Füße schmerzten, er war völlig durchgeschwitzt und sehnte sich nach seinem Bett, aber er war fest entschlossen bis zum Ende durchzuhalten. Das war vermutlich seine einzige Chance, noch einmal mit Kolb zu sprechen. Vorausgesetzt, er schaffte es, dessen Aufmerksamkeit zu erregen, bevor er nach Ladenschluss vom Sicherheitsdienst hinaus eskortiert wurde.

Als hätte er ihn heraufbeschworen, tauchte Kolb keine zehn Minuten später hinter der Bar auf und wechselte ein paar Worte mit der Thekenkraft. Jonas verstand natürlich kein Wort, glaubte aber, anhand der Gesten zu erahnen, was vor sich ging. Zunächst schüttelte Kolbs Mitarbeiterin den Kopf, nach ein paar weiteren Sätzen lächelte sie jedoch und begann, die Bar aufzuräumen, während Kolb die verbliebenen Gäste betreute. Jonas vermutete, dass er seiner Mitarbeiterin angeboten hatte, etwas früher Schluss zu machen und tatsächlich verschwand sie bald in den hinteren Bereich, um kurz darauf mit Jacke und Tasche bewaffnet zurückzukehren. Sie schenkte Kolb ein letztes Lächeln, bevor sie von der Nacht verschluckt wurde.

Das war Jonas‘ Gelegenheit. Zielstrebig lief er zur Bar, stellte seine leere Flasche auf die Theke und kämpfte darum, nicht wegzulaufen, als Kolb ihn bemerkte sich dieses süffisante Lächeln auf seine Lippen stahl. „Was darf ich dir noch bringen?

„Nix. Bin pleite.“ Zu seinem Leidwesen, denn sein Mund war staubtrocken.

Nach einem abwägenden Blick öffnete Kolb eine frische Flasche Cola und stellte sie vor Jonas‘ Nase. „Geht auf mich.“

„Danke!“ Jonas war sich nicht sicher, ob Kolb ihn überhaupt gehört hatte, denn der widmete sich bereits einem anderen Kunden.

Die letzten Minuten zogen sich. Mit klopfendem Herzen saß Jonas auf seinem Barhocker und wartete. Kolb hatte ihm seit seiner Bestellung keinerlei Beachtung mehr geschenkt, nicht einmal flüchtige Blicke in seine Richtung geworfen.

Punkt drei ging das Licht an, die Musik aus und Kolb schickte jeden Gast, der noch etwas wollte, mit leeren Händen fort. Die letzten versprengten Grüppchen suchten rasch das Weite und bald hatten Jonas und Kolb den Club ein weiteres Mal für sich. Jedenfalls beinahe.

„Hier alles okay?“

Jonas drehte sich um. Vor ihm stand ein Typ, der ihn vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken hochheben und auf die Straße befördern konnte. Seine Glatze glänzte im künstlichen Licht, seine Arme waren dicker als Jonas‘ Oberschenkel und drohten das Shirt zu sprengen, dessen Aufschrift ihn als ‚Security‘ auswies. In der rechten Hand hielt er die Abendkasse.

„Alles bestens, Tom“, erwiderte Kolb gelassen. Er nickte zu Jonas. „Der gehört zu mir.“

Feine Lachfältchen erschienen auf dem Gesicht des Türstehers, aber er ersparte sich jeden Kommentar. „Gibt es noch etwas zu tun?“

„Schaut bitte nur mal in die Toiletten, ob da noch jemand hängen geblieben ist. Das Abschließen übernehme dann ich.“

„Wird gemacht.“ Der Türsteher übergab die Kasse an Kolb, warf Jonas einen letzten Blick zu und verschwand Richtung Toiletten.

„Erik?“ Dieses Mal war es ein schmächtiger Junge. Zugegeben, auch nicht schmächtiger oder jünger als Jonas, aber definitiv kein Türsteher. Er hielt zwei Jacken in die Höhe. „Ist noch jemand da? Die hier wurden nicht abgeholt.“

„Das da ist meine.“ Jonas deutete auf die schwarze Lederjacke und kramte in seiner Hosentasche nach dem Garderobenzettel.

„Lass die andere bei mir“, wies Kolb an. „Wir kontrollieren gerade noch die Toiletten, vielleicht ist da jemand. Andernfalls lege ich sie zu den Fundsachen. Du kannst ruhig gehen.“

„Alles klar! Ciao!“

„Die Toiletten sind sauber!“, rief der Türsteher, Tom hatte Erik ihn genannt, von der Treppe aus. „Wenn nichts mehr ist, würde ich’s für heute packen!“

„Ist okay. Gute Nacht.“

„Nacht!“

Kolb wartete, bis die Tür hinter Toms breitem Rücken zugefallen war, dann lehnte er sich über die Theke zu Jonas. „So. Wir sind allein.“

Jonas‘ Mund war ausgetrocknet, sein Kopf leer. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Was hatte er sich dabei gedacht? Welches Ergebnis erwartet? Betreten starrte er auf seine Cola.

Kolbs schlanke Finger strichen über Jonas‘ Handrücken, zart, beinahe tastend. Ein feines Prickeln breitete sich auf seiner Haut aus, zog sich über seinen Arm, die Schultern, bis zu seinem Magen und noch ein Stück tiefer. Jonas wollte mehr davon, wollte berührt und geküsst werden, aber er hatte Angst. Angst, zu seinen Bedürfnissen zu stehen. Angst, nicht gut genug zu sein.

„Ich muss hier alles dichtmachen“, sagte Kolb, ohne preiszugeben, ob er Jonas‘ Zweifel wahrgenommen hatte. „Wartest du solange draußen? Dauert nicht lange.“

Ein weiteres Mal fand sich Jonas allein vor den verschlossenen Clubtüren wider, versuchte verzweifelt, sein Herz davon abzuhalten, seine Brust in ein Jackson Pollock Gemälde aus Blut und Knochen zu hämmern. Die leuchtende Neonreklame des Tix‘ war erloschen.

Jonas überlegte, einfach nach Hause zu gehen. Machte ein paar Schritte in Richtung seiner Wohnung. Stoppte. Zögerte. Lief zurück. Zweifelte. Ging weg. Kehrte um. Wiederholte das Spiel. Entfernte sich nie weiter als fünf Meter.

„Ich gebe zu, du machst mich neugierig.“

In Gedanken versunken hatte Jonas nicht bemerkt, dass Kolb aus dem Club gekommen war und nun gelassen an der geschlossenen Stahltür lehnte. Wie lange hatte er ihn schon beobachtet? Jonas öffnete seinen Mund für eine Erwiderung, wusste keine und schloss ihn wieder.

Kolb stieß sich von der Tür ab, schritt gemächlich auf Jonas zu und musterte ihn eindringlich, stets dieses kleine Lächeln auf seinen Lippen. „Also? Was erwartest du vom Rest dieser Nacht?“

Jonas fühlte sich wie Mogli, eingehüllt von Kaas betörendem Gesang. ‚Jetzt reiß dich mal zusammen!‘, schalt er sich selbst. Er holte tief Luft und sagte das erste, das ihm in den Sinn kam: „Ich will, dass du mich willst.“

Kolbs Finger umfassten Jonas‘ Kinn, seine Lippen kitzelten sein Ohr. „Und was, wenn das der Fall ist?“

Jonas dachte, seine Brust müsste jeden Augenblick bersten. Kolbs heißer Atem, der über seine Haut strich fühlte sich gut an, die Hand, die an seine Hüfte gewandert war noch besser. Und der Typ roch gut. Warm. Beruhigend. Nach Sonne und trockenem Holz. Jonas schluckte. „Dann tu ich, was du willst.“

Kolbs Lächeln veränderte sich, wurde lauernd. „Klingt verlockend.“

Unvermittelt berührten sich ihre Lippen. Sanft, flüchtig. Fast schon zurückhaltend. Ganz anders als Jonas erwartet hatte. Konnte man das wirklich als seinen ersten Kuss bezeichnen?

Noch bevor er zu einer Antwort gekommen war, küsste ihn Kolb erneut. Immer noch sanft, immer noch zurückhaltend, aber dieses Mal blieben seine Lippen lange genug, um ein wenig Wärme und eine Ahnung ihres Geschmacks an Jonas weiterzugeben. Jonas wollte mehr von beidem. Kurzentschlossen schlang er seine Arme um Kolbs Taille, zog ihn näher an sich.

Das schien das Zeichen zu sein, auf das Kolb gewartet hatte. Fordernd presste er sich gegen Jonas, drängte ein Knie zwischen dessen Beine. Wieder fanden ihre Lippen zueinander, spielerisch knabberte Kolb daran, sandte mit seiner Zungenspitze Schauer von Jonas‘ Nacken bis hinunter zum Steißbein.

Hinter ihnen lachte jemand. Jonas erstarrte, drehte den Kopf weit genug, um über seine Schulter ein Grüppchen auf der anderen Straßenseite ausmachen zu können. Scham stieg in ihm auf, zeigte sich in der Hitze, die sein Gesicht zu verbrennen drohte, dem Kloß in seinem Hals, der ihm den Atem nahm.

„Wollen wir das an einem ein wenig wärmeren Ort fortsetzen?“, schlug Kolb denkbar unbeeindruckt vor.

Jonas antwortete nicht.

„Bei mir?“

Still nickte Jonas, traute seiner Stimme nicht.

„Na komm.“ Kolb reichte ihm die Hand, wartete geduldig, bis Jonas sie ergriff, sich regelrecht daran festklammerte und führte ihn zu einer nahegelegenen Tiefgarage.

Jonas bewegte sich wie auf Schienen, war in Gedanken bei ihrem Kuss, dem Gelächter, seiner Lust, der warnenden Stimme seiner Mutter, keinen Unsinn zu machen, doch als Kolb seinen Wagen per Knopfdruck entriegelte und die aufleuchtenden Scheinwerfer dessen Standort preisgaben, verschwand all das aus seinem Kopf und er lachte schallend. „Fuck! Echt jetzt? Ein fliederfarbener Ford?“

„Ich hätte ihn jetzt einfach nur ‚lila‘ genannt.“

„Ich bin Künstler, ich achte auf Details.“

„Ah, natürlich.“ Kolb nickte verständnisvoll. „Was hattest du denn erwartet? Einen schwarzen SUV mit getönten Scheiben?“

„Weiß nich‘“, gab Jonas zu. „Aber ja, sowas in der Art.“

„In Großstädten eher unpraktisch. Und die Farbe …“ Kolb zuckte mit den Schultern. „Ich mag meine Welt bunt.“

Neugierig musterte Jonas Kolb. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine neue Seite an ihm kennenzulernen, doch die Hand, die seine drückte, ihn zielstrebig zum Auto führte, fegte diese Erkenntnis rasch fort, legte den Fokus wieder auf den Mann, der wusste, was er wollte und im Begriff war, sich genau das zu holen.

Kolb war Gentleman genug, Jonas die Wagentür aufzuhalten, bevor er selbst einstieg und den Motor startete.

„Dann wohnst du wohl ‘n Stück vom Club entfernt?“, fragte Jonas, um die Stille zwischen ihnen gar nicht erst unangenehm werden zu lassen.

„Mhm. Tatsächlich wohne ich in der Nähe deiner Uni.“

„Echt? Shit, wir sollten Wohnungen tauschen! Ich brauch ewig dahin, dafür is‘ das Tix direkt ums Eck!“

„Danke, aber ich habe lange genug in einer winzigen Studentenbude gelebt.“

„Sooo winzig is‘ die nicht. Na gut, doch. Sie is‘ winzig. Dafür hat sie scheißdünne Wände. Is‘, als würd ich in einer riesigen WG mit ‘nem Haufen fremder Typen, mit miesem Musikgeschmack leben. Die ständig streiten. Oder Nägel in die Wand schlagen. Oder ficken.“

Kolb schmunzelte. „Klingt in der Tat nach der klassischen Studentenbude.“

Die Lichter der Straßenlaternen zogen an ihnen vorbei, während sich das Auto einen Weg durch die Stadt bahnte, die um diese Zeit fast ausschließlich von Taxis und deren Kundschaft bevölkert war.

„Scheiße, ich hab nich‘ die geringste Ahnung, wo wir sind.“

„Du wohnst wirklich noch nicht lange in Berlin, hm?“

„Nee, erst seit ein paar Wochen. War schon ‘ne Umstellung. Ganz anders als zuhause.“

„Ah, ich denke, dir wird es hier gefallen.“ Sie hielten an einer roten Ampel, Kolbs Blick richtete sich auf Jonas. Eine Hand noch immer am Lenkrad, zog er ihn mit der anderen näher zu sich, küsste seine Lippen, seinen Hals, die kleine Kuhle in der Mitte seines Schlüsselbeins, die gerade so von Jonas‘ Shirt freigegeben wurde.

Fahrig löste Jonas seinen Gurt, kroch näher zu Kolb, wollte mehr. Wollte die Zunge, die ihn neckte, die Hände, die seinen Körper erkundeten, den Duft nach Sonne und Holz. Wütendes Hupen unterbrach den Moment viel zu früh. Die Ampel war schon lange auf Grün gesprungen, hinter ihnen wartete ein ungeduldiger Taxifahrer.

„In ein paar Minuten sind wir da“, versprach Kolb.

Vermutlich waren es wirklich nur wenige Minuten, doch für Jonas zogen sie sich in die Länge, gaben ihm zu viel Zeit zum Nachdenken. Immer wieder streifte Kolbs Hand seinen Oberschenkel, jagte Schauer durch seinen Körper, schaffte es jedoch nicht, die nagenden Zweifel zu vertreiben. Wie weit würden sie gehen? Was erwartete Kolb von ihm?

Dieser seufzte. „Natürlich ist kein Parkplatz frei.“

Jonas blickte aus dem Fenster. „Hier wohnst du?“ Die Häuser sahen nett aus, kein Vergleich zu dem billigen Bau, in dem er selbst lebte, aber alles in allem unterschied sich die Straße für ihn kaum von den unzähligen anderen in Berlin.

„Mhm. Hoffentlich ist ums Eck etwas frei. Entschuldige, wir müssen wohl ein kleines Stück laufen.“

Als sie kurz darauf eine Parklücke entdeckten, atmete Jonas innerlich auf. Kolbs Hand, die auf seinem Rücken lag, ihn bestimmt in die richtige Richtung schob, die Schulter, die immer wieder seine eigene berührte, die gelegentlichen Seitenblicke, die der ihm zuwarf – Jonas war froh, die Augen der Öffentlichkeit bald ausschließen zu können.

Sie schafften es gerade so durch die Eingangstür, bevor sie einander in den Armen lagen und es grenzte an ein Wunder, dass sie von dort unbeschadet bis in den dritten Stock kamen, denn keiner von ihnen achtete auf die Stufen. Jonas ächzte, als er sich plötzlich zwischen Kolb und dessen Wohnungstür wiederfand, stützte sich mit den Händen an dem lasierten Holz ab, verrenkte seinen Hals für ein paar Küsse. Kolbs Hüften drängten sich gegen seinen Hintern, Stoff rieb über Stoff. Als die Hand, die nicht versuchte, den Wohnungsschlüssel ins Schloss zu bekommen nach unten rutschte, Jonas‘ Hosenbund überwand und über seine Erektion strich, stöhnte er geräuschvoll auf. Sofort verschwand sie, presste sich stattdessen auf seinen Mund.

„Shh, die Nachbarn“, tadelte Kolb, klang allerdings eher amüsiert als verärgert.

„Sorry“, nuschelte Jonas. Kühles Metall drückte gegen seine Handfläche.

„Sperr du auf.“

Mit zitternden Fingern versuchte Jonas aufzuschließen, doch die Hand, die zurück in seine Hose gefunden hatte, sein Glied durch den dünnen Stoff seiner Boxershorts massierte, raubte ihm jede Konzentration. Er hatte keine Ahnung, wie lange er im Schloss herumgestochert hatte, bevor das erlösende Klicken erklang, die Tür vor ihm aufschwang. Eilig drängte Kolb Jonas ins Innere, stieß ihn gegen die nächstbeste Wand.

„Aua!“ Keine Wand, eine weitere Tür, deren Klinke sich soeben in seinen Rücken gebohrt hatte.

„Entschuldige!“ Kolb ließ von ihm ab und trat einen Schritt zurück. Sanft strichen die Hände, die bis eben verlangend Jonas‘ Hüften gepackt hatten über die schmerzende Stelle. „Schlimm?“

„Nee, passt schon.“ Der Schmerz und die kurze Unterbrechung waren jedoch ausreichend gewesen, um den Nebel in Jonas‘ Kopf zu lichten. Plötzlich wurde ihm sehr bewusst, dass er sich mit einem fremden Mann in einer fremden Wohnung in einer fast fremden Stadt befand. „Ähm … Wo is‘n dein Bad?“

Kolb knipste das Licht an. „Am Ende des Gangs. Ich warte solange in der Küche.“ Er deutete auf die Tür, deren Klinke Jonas vermutlich einen blauen Fleck beschert hatte.

Das kalte Wasser, das sich Jonas ins Gesicht spritzte, klärte seine Gedanken endgültig, nur die hartnäckige Erektion erinnerte ihn daran, dass wenige Meter entfernt ein Mann auf ihn wartete, dessen Hände er auf seinem Körper fühlen wollte. Ein Mann mit Erfahrung, der wusste, was er wollte. Wusste, was er von Jonas wollte. Aber konnte er ihm das geben, unerfahren wie er war? War ein One-Night-Stand wirklich der Rahmen, in dem er seine ersten Erfahrungen machen wollte?

Jonas tänzelte auf der Stelle, wollte und wollte nicht. Sollte er sich waschen? Er hatte den ganzen Abend getanzt, war völlig durchgeschwitzt. Aber womit? War Duschen eine Option? Was musste Kolb denken, wenn er jetzt noch länger in diesem verfluchten Bad rumhing?

Ein wenig betreten öffnete Jonas die Tür und schlich in die Küche, in der Kolb schon auf ihn wartete. Mit einem breiten Lächeln streifte er Jonas‘ Jacke von dessen Schultern und warf sie über die nächstbeste Stuhllehne. Gleich darauf runzelte er jedoch die Stirn. „Alles okay?“

„Jaah … Mir ist nur ‘n bisschen heiß geworden.“

„Willst du etwas trinken?“

Jonas wollte, aber er wusste, er würde kneifen, wenn er jetzt noch länger wartete. Mit einem tiefen Atemzug nahm er all seinen Mut zusammen und stürzte sich auf Kolb, der offensichtlich nicht damit gerechnet hatte, so offensiv angegangen zu werden. Sie kamen ins Straucheln, konnten sich gerade noch abfangen, stießen dabei jedoch gegen den Stuhl, der polternd umkippte.

„Ah, das war wohl der endgültige Weckruf für die Nachbarn.“

„‘Tschuldige“, murmelte Jonas verlegen.

„Ich bin sicher, du kannst das wieder gut machen.“ Neckisch biss Kolb in Jonas‘ Ohrläppchen. „Bei mir. Nicht bei den Nachbarn.“

Jonas ächzte leise, als Kolbs Finger die nackte Haut unter seinem Shirt erkundeten. Das fühlte sich viel zu gut an. „Wie?“

„Ich erinnere mich da an etwas, das du noch vorm Club zu mir gesagt hast.“

Jonas‘ Wangen wurden heiß. Er wusste genau, auf welchen Satz Kolb damit anspielte, was er ihm versprochen hatte.

„Falls ich dich will“, machte Kolb den Anfang, „und ich denke, ich habe ausreichend bewiesen, dass das der Fall ist, dann …“

„… dann tue ich, was du willst.“

„Mhm, klingt richtig.“

Jonas zwang sich, Kolb in die Augen zu sehen. Nervosität und Erregung kämpften in seinem Inneren um den ersten Platz. „Was soll ich tun?“

„Naja, zunächst könntest du die hier“, Kolbs Daumen strich über Jonas‘ Lippen, „sinnvoller einsetzen. Reden können wir später noch.“

Ohne nachzudenken, aus Angst, erneut ins Zweifeln zu kommen, sank Jonas auf die Knie. Der Fliesenboden war hart und kalt, seine Finger zitterten, als er Kolbs Hose öffnete und dessen halb erigiertes Glied hervorholte, das in seiner Hand rasch wuchs.

Noch nie hatte Jonas den Penis eines anderen Mannes gehalten, nicht einmal angesehen. In den Umkleideräumen der Schule und den Gemeinschaftsduschen nach dem Fußballtraining hatte er sorgfältig vermieden, auch nur in die grobe Richtung zu blicken, weil er fürchtete, die anderen könnten ahnen, was dabei in ihm vorging. Seinen geheimen Sehnsüchten jetzt so nah zu sein, mit den Fingerspitzen darüber zu streichen, die samtige Textur zu erfahren, das Pulsieren, das seine Berührung auslöste zu spüren, war mehr als er sich von diesem Abend erträumt hatte. Hoffentlich war diese Begegnung für Kolb wenigstens annähernd so erregend an wie für ihn.

Lustvoll öffnete Jonas den Mund, wollte schmecken, was er sah. Die letzten Bedenken, die bis hierhin überlebt hatten, schob er in eine dunkle Ecke seines Hirns. Was konnte er schon falsch machen?

„Warte.“ Kolbs Finger gruben sich in Jonas‘ Haar und hielten ihn zurück. Mit der freien Hand fischte er Kondome aus einer der Küchenschubladen. „Erdbeere, Banane oder neutral? Ich nehme gleich vorweg, dass keine Sorte einen Michelin-Stern erhalten wird, aber ohne mache ich es nicht.“

„Oh, ähm …“ Jonas hatte keine Ahnung, wie so ein Kondom schmeckte und eigentlich hätte er blanke Haut bei weitem bevorzugt, aber wenn das Kolbs Bedingung war, würde er sich beugen. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Neutral is‘ okay, denk ich.“

Kolb hatte offensichtlich Übung, selbst einhändig brauchte das Auspacken und Aufziehen keine dreißig Sekunden. „Mach weiter.“

Die Dominanz in diesen Worten jagte einen Schauer über Jonas‘ Rücken; war besser als er sich erhofft hatte. Seine erste Begegnung mit Kolb, dessen kühle, kontrollierte Art, hatte sofort sein Kopfkino gestartet, seine wildesten Fantasien in greifbare Nähe rücken lassen und es schien, als würde er seine Erwartungen erfüllen.

Jonas leckte über den Latexüberzug und versuchte, den typischen Gummigeschmack zu ignorieren. Er saugte, küsste, tat alles, von dem er glaubte, dass es sich gut für Kolb anfühlen musste, aber der ließ nicht das leiseste Stöhnen hören, lediglich seine Finger zogen kleine Kreise über Jonas‘ rasierten Nacken, strichen gelegentlich spielerisch durch sein Haar.

Verunsichert blickte Jonas auf und direkt in Kolbs Augen, der ihn offenbar beobachtet hatte. „I-Ich … Ähm … Ich hab nich‘ so viel Erfahrung darin.“ Die Worte schwebten im Raum, legten sich in der Stille schwer auf Jonas‘ Schultern.

Kolb lächelte. „Das ist nicht schlimm. Ich zeige dir schon, was mir gefällt.“

Jonas nickte, schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. „Bitte.“

Die Hand in seinem Haar griff fester zu. „Nimm ihn tiefer in den Mund.“

Mit neuem Enthusiasmus, öffnete Jonas die Lippen, ließ Kolbs Erektion in seinen Mund gleiten, bis ihre Spitze seinen Rachen kitzelte.

„Gut.“ Die Hand, die Kolb in Jonas‘ Haar vergraben hatte, rutschte in seinen Nacken; gab eine Bewegung vor, ohne Zwang auszuüben. Endlich ließ er ein leises Stöhnen hören. „Benutz deine Zunge.“ Ein Keuchen. „Ah, genau so!“

Jonas wollte mehr davon hören, wollte Kolb glücklich machen. Er bewegte seinen Kopf noch ein Stück weiter nach vorne, versuchte den Druck in seinem Rachen zu ignorieren. Er scheiterte, würgte, drehte sich hustend zur Seite. Mit dem Handrücken wischte er Speichel von Lippen und Kinn. „Sorry.“

„Schon gut. Lass dir Zeit.“

Aber auch der nächste Versuch ließ Jonas würgen. Tränen schossen in seine Augen.

„Langsam“, wies Kolb ihn an. „Zwing dich zu nichts.“

Jonas bemühte sich, sich zu entspannen, aber die Realität war so viel schwieriger, als Pornos glauben machten. Dennoch war er entschlossen, Kolb für seine Geduld zu belohnen und sei es nur, um ihm nicht als völliger Stümper im Gedächtnis zu bleiben.

Kolbs Anleitung folgend, dämpfte Jonas seinen Eifer ein wenig, gewöhnte seinen Hals in kleinen Schritten an dieses ungewohnte Gefühl. Mit jedem Versuch bekam er seinen Würgreflex besser unter Kontrolle, lauschte dem unkontrollierter werdendem Stöhnen hoch über seinem Kopf. Stolz durchflutete ihn, gleichzeitig hatte er keine Ahnung, was an seinem Körper gerade schlimmer schmerzte. Sein verspannter Kiefer, sein überdehnter Rachen, die wundgeriebenen Knie oder seine eigene, schändlich ignorierte Erektion. Egal, nur noch einen oder zwei Zentimeter und …

„Au! Zähne!“ Unvermittelt zog sich Kolb zurück. Nur ein Stück, aber das genügte, um Jonas aus dem hart erarbeiteten Takt zu bringen. Instinktiv wollte er Atem holen, aber seine Luftröhre war blockiert und die Welt um ihn herum verschwamm. Panik machte sich in ihm breit.

Im nächsten Moment saß er japsend und würgend auf dem Boden. „Fu ...“ Er hustete. „I …“ Erneut wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt.

„Ganz ruhig.“ Kolb ging neben ihm in die Hocke, wartete, bis Jonas‘ Atem ebenmäßiger geworden war. „Geht’s wieder?“

„Fuck …“ Jonas starrte zu Kolb, sog keuchend frische Luft ein. Sein Hals brannte. „Hab ich … hab ich dich gebissen?“

„Alles gut“, beruhigte ihn Kolb.

„Sorry, ich … ich …“ Die Tränen in Jonas‘ Augen hatten einen anderen Grund als zuvor. Eilig versuchte er, sie wegzublinzeln.

„Alles ist gut“, wiederholte Kolb, aber seine Beteuerungen machten es nur schlimmer. So hatte sich Jonas das nicht vorgestellt.

Er unterdrückte einen letzten Hustenanfall und kämpfte sich zurück auf seine Knie, Augen gesenkt, Hände hinter dem Rücken, den Mund geöffnet. Die Grundhaltung, die er schon in unzähligen seiner Fantasien eingenommen hatte.

Kolbs leises Lachen war Jonas‘ einzige Warnung, bevor kräftige Hände gegen seine Brust stießen und ihn unsanft zurück auf seinen Hintern beförderten. „Ich denke, zunächst sollte ich dich für deine Mühen belohnen.“ Kolbs Finger strichen über Jonas‘ Innenschenkel, weiter nach oben, bis sie lässig den Reißverschluss seiner Jeans streiften. „Sieh es als kleine Entschädigung für eben an.“

Kolbs Hand verschwand in Jonas‘ Hose, umfasste sein wieder zum Leben erwachendes Glied. Jonas unternahm nichts, um ihn davon abzuhalten, auch, wenn die Nacht damit noch weiter von seiner ursprünglichen Fantasie abwich. Ein Arm legte sich um seine Schulter, gab ihm Halt.

„Gefällt dir das?“

Jonas biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut zu stöhnen. Das Gefühl einer fremden Hand, die sich intensiv dieser intimen Stelle widmete, war beinahe mehr als er ertragen konnte. Er schloss die Augen, drückte sein Gesicht gegen Kolbs Schulter, kühlte seine erhitzten Wangen an dem glatten Stoff, der sie bedeckte. Kolbs Geruch umhüllte ihn, füllte seine Nase, seinen Kopf.

Es dauerte nicht lange, bis sich Jonas‘ Atem merklich beschleunigt hatte, sich seine Finger in Kolbs Hemd krallten, aber wann immer sein Höhepunkt zum Greifen nah war, verkrampfte sich etwas in ihm. Es fühlte sich an, als hätte er versagt. Mehr Lust genommen als gegeben. Jonas konnte nicht aufhören sich zu fragen, was Kolb über ihn dachte, wie enttäuscht er vom Verlauf des Abends sein musste.

Bald darauf betrog ihn sogar sein eigener Körper. Seine Erektion begann zu schwächeln, verwelkte unter Kolbs geschickten Händen, bis Jonas ihn entnervt von sich schob. So durfte die Nacht einfach nicht enden. Nicht so früh, nicht so unspektakulär. Das schuldete er Kolb und sich selbst.

Nach einem kurzen Moment, in dem keiner von ihnen etwas sagte, rappelte sich Jonas auf, schluckte hart. Jetzt oder nie.

Wie in Zeitlupe beugte er sich über den Küchentisch, spürte das unnachgiebige Holz unter sich, fühlte die kalte Luft, als er seine ohnehin bereits offene Hose von den Beinen strampelte. Schamesröte stieg ihm in die Wangen. So hatte ihn noch niemand gesehen, erst recht kein Mann, mit dem er gerademal ein paar Worte gewechselt hatte.

„Ah, ich ahne, worauf du hinauswillst.“ Aus dem Augenwinkel nahm Jonas wahr, dass Kolb etwas aus einer der Küchenschubladen holte. Ein frisches Kondom und eine kleine Flasche Gleitmittel.

„Warte!“, protestierte Jonas, ohne darüber nachzudenken.

„Doch nicht?“

„Doch, klar! Ich hab nur noch nie …“ Fuck! Das hatte er eigentlich nicht verraten wollen.

Kolb zögerte. „Du warst noch nie passiv?“

Jonas brummte eine unverständliche Antwort. Was, wenn Kolb jetzt abbrach? Dann würden sie sich mit Sicherheit nie wiedersehen. Aber wenn er das jetzt durchzog, dann gab es vielleicht eine zweite Chance, dann konnten sie es noch einmal versuchen, wenn Jonas seine Nervosität besser im Griff hatte. Bis dahin würde er einfach die Zähne zusammenbeißen. War Ausgeliefertsein nicht ohnehin eine seiner drängendsten Fantasien? Nicht unbedingt eine, die er mit einem völlig Fremden hatte ausleben wollen, aber seine Optionen waren begrenzt und irgendwo musste er ja anfangen. „Du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen!“, beeilte er sich zu sagen und klopfte sich selbst dafür auf die Schulter, das Zittern in seiner Stimme unter Kontrolle gebracht zu haben. „Nimm dir einfach, was du willst!“

„Hm … Keine Rücksicht? Bei deinem ersten Mal?“

„Das war’s, was ich grad gesagt hab, oder?“, zischte Jonas, verzweifelt bemüht, sich nicht zu einem Rückzieher bewegen zu lassen. Fünf Jahre und über sechshundert Kilometer hatte es gebraucht, um den Mut zu finden, einen anderen Mann so nahe an sich heranzulassen. Das wollte er sich nicht im letzten Augenblick versauen.

Kolb tätschelte Jonas‘ nackten Hintern. „Das ist mal ein Angebot.“ Sein Gewicht drückte auf Jonas‘ Rücken, eine Hand presste seinen Oberkörper flach auf den Tisch. „Allerdings fürchte ich, dass das ein wenig unangenehm für dich werden könnte. Schmerzhaft sogar.“ Er machte eine kurze Pause. „Ziemlich schmerzhaft, wenn wir ehrlich sind.“

„Weiß ich. Is‘ okay. Kümmer dich nich‘ drum, wenn ich ein bisschen jammere.“

„Wenn das so ist …“

Jonas‘ Herz raste. Er war nervös. Zitterte. Die Realität fühlte sich nicht so an, wie er sich ausgemalt hatte. Sie war drückend. Einengend. Das war keine Nervosität. Jonas hatte Angst. Er kannte den Typen doch überhaupt nicht. Was, wenn es ihm zu viel wurde und Kolb nicht reagierte? Ihn vielleicht sogar verletzte? Das hier war völlig verrückt! Jonas war klar, dass er sofort abbrechen sollte, aber er war wie versteinert.

„Du zitterst wie Espenlaub“, stellte Kolb trocken fest. „Bist du sicher, dass du das hier willst?“

Jonas biss sich auf die Lippe, wusste nicht, was er tun sollte. Er fürchtete sich vor dem was kam, doch er fürchtete sich fast noch mehr davor, wie sein Leben sich entwickeln würde, wenn er es jetzt nicht schaffte, über seinen Schatten zu springen und endlich erste Erfahrungen zu sammeln. „Mach weiter“, forderte er schließlich mit einer Stimme, dünn wie Pergament.

„Wie du meinst.“

Ein leises Wimmern entkam Jonas‘ Lippen, als sich Kolb auf ihn stützte, gleich darauf durchfuhr scharfer Schmerz seinen Körper. Allerdings nicht an der Stelle, die er erwartet hatte. Kolb hatte ihm einen kräftigen Klaps auf den Hintern verpasst. Jonas‘ Rücken wurde kalt, das Gewicht, das ihn bis eben auf dem Tisch gehalten hatte verschwand. Verwirrt hob Jonas den Kopf, brachte es aber nicht über sich, Kolb direkt anzusehen und richtete den Blick auf dessen Beine. „Was …?“

„Sorry, ich konnte nicht widerstehen. Aber ehrlich … Niemand sollte das erste Mal zitternd und als reine Gefälligkeit einem völlig Fremden gegenüber erleben.“ Fassungslos starrte Jonas Kolb an, während dieser beiläufig seine schwindende Erektion in seiner Hose verstaute. „Das funktioniert vielleicht in deinem Ko…“

„Wichser!“, unterbrach ihn Jonas mit einem wütenden Aufschrei, blind für Kolbs bestürztes Gesicht. „Fick dich!“ Er wollte ihm etwas von der Demütigung zu spüren geben, die er selbst fühlte, aber das war unmöglich. Alles was er tun konnte, war Kolb zur Seite zu stoßen und aus der Küche zu stolpern, während er hektisch seine Hose nach oben zog.

Eine Hand um seinen Oberarm hielt ihn zurück. „Jonas.“

„Nimm deine Finger von mir!“

Zu Jonas‘ Überraschung, ließ Kolb sofort von ihm ab und trat einen Schritt zurück, die Hände vor die Brust gehoben, als wollte er sich ergeben. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber so weit ließ Jonas es nicht kommen.

„Fick dich!“, rief er als er zur Wohnungstür stürzte. „Fick dich!“ Die Stufen hinunter. „Fick dich, fick dich, fick dich.“ In die Nacht. „FICK DICH!“ Scham und Zorn und Enttäuschung hinterließen feuchte Spuren auf seinen Wangen.

 

Was zuletzt geschah:

Nach einem gewaltigen Sprung über seinen Schatten, folgt Jonas Kolb in dessen Wohnung, um dort die Nacht mit ihm zu verbringen, muss aber bald einsehen, dass er mit dieser Aktion mehr abgebissen hat als er kauen kann. Kurz bevor er erstickt, bricht Kolb ab. Enttäuscht und gedemütigt flüchtet Jonas in die Nacht.

 

Kapitel 4

Die Mittagssonne stand hoch am Himmel, aber ein kalter Novemberwind fegte durch die Straßen und riss die letzten bunten Blätter von den Ästen.

Ungeduldig zog Jonas den Reißverschluss seines Anoraks höher, die Finger der Hand mit der er sein Handy hielt waren inzwischen steif und gerötet. „Und jetzt hat der Arsch auch noch meine Lederjacke!“

„Ich weiß, Jonas“, entgegnete die geduldige Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. „Das hast du mir jetzt schon dreimal erzählt. Mindestens. Genaugenommen jedes Mal, wenn wir miteinander telefoniert haben und das haben wir ziemlich oft getan.“

Jonas öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn aber rasch wieder. Wenn er es geschafft hatte, selbst Maria mit seiner Litanei über den schiefgelaufenen One-Night-Stand mit Kolb zu nerven, musste er das Thema tatsächlich arg breitgetreten haben. Während er an einer roten Ampel wartete, schielte er auf das Display seines Handys, um zu sehen, wie lange sie schon miteinander telefonierten. Die Antwort lautete: Lange. „Sorry. Ich hör jetzt damit auf.“ Die Ampel sprang auf Grün und er überquerte die Straße. „Wie läuft’s denn bei dir?“

„Abgesehen davon, dass ich mich wie der dümmste Mensch der Welt fühle, die Leute im Wohnheim Dauerpartys schmeißen und meine Eltern keine Stunde brauchen, um hierher zu fahren und mich zu kontrollieren? Alles super!“

„Ich versteh‘ echt nich‘, warum du nich‘ mit mir nach Berlin gekommen bist. Mathe kannst du doch auch hier studieren.“

„Jo“, bestätigte Maria. „In der Zeit, die ich nicht damit beschäftigt bin, mich mit meinen Eltern um den Unterhalt zu streiten.“

„Aber den müssten sie dir doch so oder so zahlen“, widersprach Jonas, als hätten sie dieses Thema nicht schon hunderte Male durchgekaut. „Völlig egal, ob du jetzt in Berlin oder in München wohnst.“

„Müssten sie. Aber davor würden sie mir so viele Steine wie nur möglich in den Weg legen. Sorry Jonas, ich vermiss dich auch total, aber das ist Stress, den ich mir nicht noch zusätzlich antun will. Außerdem …“ Maria seufzte. „Sie sind immer noch meine Eltern.“

„Das weiß ich“, gab Jonas leise nach. „Du fehlst mir einfach.“

„Du mir auch. Sorry, dass ich nicht bei dir sein kann.“

„Schon gut. Ist ja nicht deine Schuld.“

Maria schnaubte. „Na schön. Du hast dir offiziell die Erlaubnis erarbeitet, mich weiter mit diesem Typen zu nerven, über den du offensichtlich immer noch nicht hinweg bist.“

„Bitte? Scheiße, ich bin sowas von über den Typen weg! Ich muss noch nich‘ mal über ihn wegkommen, weil ich gar nich‘ erst an ihm interessiert war!“

„Klar.“ Jonas konnte Marias Augenrollen hören.

„Fuck. Okay, ich war an ihm interessiert. Er sieht geil aus. Aber das is‘ vorbei, weil der Kerl ‘n übles Arschloch is‘, das ich im ganzen Leben nich‘ mehr wiedersehen will.“

„Hält dich nicht davon ab, über ihn zu reden.“

„Das is‘ ja das Problem!“, rief Jonas aufgebracht. „Ich kann mich nich‘ von ihm ablenken! Es reicht ja nich‘, dass er grad mal zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt arbeitet und das ausgerechnet im verfickten Lieblingsclub der anderen, sondern der wohnt auch noch scheißnah an der Uni. Ständig denk ich, ich steh in seiner Straße! Jetzt schon wieder! Hier sieht alles gleich aus, ich find das verfickte Restaurant nich‘, in das die anderen gehen wollten und ich könnt schwören, ich steh direkt vor seiner Tür.“ Jonas stoppte und sah sich um. „Fuck! Fuck, fuck, fuck!“

„Okay …“, sagte Maria vorsichtig. „Dieser Ausbruch war selbst für deine Verhältnisse heftig. Alles okay?“

„Nein! Nichts is‘ okay!“, schimpfte Jonas. „Ich steh‘ wirklich vor seiner verfickten Tür! Ich seh‘ sein verficktes Auto!“

„Tief Luft holen und einfach weitergehen“, empfahl Maria.

„Jaa …“ Aber etwas hielt Jonas‘ Füße am Boden und seinen Blick auf die Eingangstür gerichtet. „Nee, weißt du was, scheiß drauf! Ich klingle da jetzt und hol mir meine Jacke zurück!“

„Tu, was du tun musst, wenn das bedeutet, dass wir demnächst mal wieder über was anderes reden können als dein verkorkstes Liebesleben.“

„Danke für dein Mitgefühl.“

„Jederzeit. Viel Glück.“

Maria legte auf und zusammen mit ihrer Stimme, schwand auch Jonas‘ Selbstbewusstsein. Er hatte Kolbs Namen auf dem Klingelschild entdeckt, stand also definitiv am richtigen Ort, brachte es jedoch nicht über sich, den Knopf zu drücken.

Wütend tigerte er auf und ab. Immer wieder zog die stahlgraue Eingangstür an ihm vorbei. Dieser Arsch! Ohne es zu wollen, sah Jonas Kolbs Gesicht vor sich. Die blitzenden Augen, deren Farbe er noch immer nicht kannte, seine breiten Schultern und die kräftigen Hände, die so genau gewusst hatten, wie sie ihn berühren mussten.

„Fuck!“ Jonas trat eine leere Dose quer über den Gehweg. Er hatte sich geschworen, den Typen nie wieder zu sehen. Und jetzt stand er hier. Vor seiner Haustür.

Nicht, dass er davor von Kolbs Einfluss befreit gewesen wäre. Seit beinahe zwei Wochen waren die Erinnerungen an diese Nacht zu den unmöglichsten Zeiten wieder hochgekommen. Jonas konnte sich nicht auf die Uni konzentrieren, nicht auf seinen Kellnerjob, hatte wiederholt seinen Freunden abgesagt, aus Furcht, sie könnten wieder ins Tix wollen. Nicht einmal in Ruhe wichsen konnte er, ohne Kolbs verfluchte Stimme im Ohr und seinen Geruch in der Nase zu haben. „Fuck!“ Es ging um mehr als seine Lederjacke. Er musste das irgendwie zu Ende bringen.

Einen zögerlichen Augenblick schwebte Jonas‘ Finger über der Klingel, bevor er sie energisch drückte. Wahrscheinlich war Kolb gar nicht da. Es war früher Nachmittag, vielleicht war er einkaufen, oder trieb Sport, oder… Der Summer ertönte.

Jonas stieß die Tür auf und stürmte die Treppen nach oben. Den ersten Stock hatte er schnell erreicht, im Zweiten wurde er langsamer, bis er stehenblieb und sich erst ein Herz fassen musste um die letzten Stufen zu überwinden. Die Tür zu seiner linken Seite war einen Spalt geöffnet, gerade ausreichend, um Kolbs verdutztes Gesicht zu offenbaren.

Beide waren sichtlich überrascht über den Anblick des anderen. Kolb hatte augenscheinlich nicht mit Jonas‘ Auftauchen gerechnet und Jonas hatte nicht damit gerechnet, dass Kolb so völlig anders aussah, als er ihn in Erinnerung hatte. Eher sorgloser Philosophiestudent als knallharter Geschäftsmann. Hemd und Weste hatte er gegen Wollpulli und ausgewaschene Jeans getauscht, sein langes, blondes Haar war offen und zerzaust und er trug eine Brille. Dazu war er vermutlich eine ganze Ecke jünger, als Jonas ursprünglich angenommen hatte.

Kolb war der Erste, der seine Stimme wiederfand. Er strich sich eine Strähne hinters Ohr. „Möchtest du … reinkommen?“

Nach einer kurzen innerlichen Debatte, drückte sich Jonas an ihm vorbei. Fordernd streckte er die Hand aus. „Du hast meine Jacke!“

„Ah, perfektes Timing. Sie lag bis gestern im Tix, weil ich dachte, dass du vielleicht vorbeikommst. Nachdem du nicht aufgetaucht bist, habe ich sie wieder mitgenommen und wollte sie heute ins Fundbüro bringen.“

„Dann kannst du sie mir ja jetzt geben.“

„Hinter dir, an der Garderobe.“

Jonas drehte sich um und lächelte erleichtert, als er seine geliebte Lederjacke entdeckte, die ordentlich und völlig unbeschädigt an einem Kleiderbügel hing. Er konnte es gar nicht erwarten, den langweiligen Anorak, den er übergangsweise getragen hatte dagegen auszutauschen.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, unterbrach Kolb Jonas‘ Gedanken unvermittelt.

„Was?“

„Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass du noch einmal vorbeikommst, damit ich dir das sagen kann. Ich bin neulich zu weit gegangen und das tut mir sehr leid. Was auch immer meine Entschuldigung wert sein mag.“

Argwöhnisch musterte Jonas Kolb, fand aber keinen Hinweis darauf, dass dessen Worte nicht ehrlich gemeint waren, oder er sich gar über ihn lustig machte. Im Gegenteil, mit den zerzausten Haaren und der Art wie er nervös über seine Unterarme rieb, wirkte er ein wenig wie ein Welpe, der zum ersten Mal von seinem neuen Herrchen geschimpft worden war.

„Jedenfalls“, setzte Kolb an, nachdem Jonas nach einer Weile noch immer nicht geantwortet hatte, „bin ich froh, dass du hier bist. Ich hatte mir Sorgen gemacht.“

„Du hättest mir ja auch einfach mal nachlaufen können“, brummte Jonas. Kolbs Entschuldigung mochte noch so ehrlich gemeint sein, er war nicht gewillt, ihm so einfach zu vergeben.

„Bin ich“, versuchte Kolb sich zu verteidigen. „Ich dachte, du würdest vielleicht die Nachtlinie nehmen und bin zur Haltestelle, aber du warst nicht da und ich konnte dich auch sonst nirgends finden.“

„Oh.“ Bis zu diesem Zeitpunkt war Jonas nicht bewusst gewesen, dass es in dieser Gegend überhaupt eine Nachtlinie gab. Das hätte ihm einige Zeit des Herumirrens und eine teure, ausgesprochen peinliche Taxifahrt erspart, die damit geendet hatte, dass der Fahrer ungeduldig vor einer Bankfiliale hatte warten müssen, während Jonas Gebete zum Himmel schickte, mit der Abbuchung seinen Dispo nicht zu überziehen. „Fuck.“

„Ich kann nur noch mal sagen, dass es mir sehr leid tut wie der Abend gelaufen ist.“

„Schon gut“, murmelte Jonas plötzlich verlegen. Seine Finger fuhren über das glatte Leder seiner Jacke und er wollte seine Füße zwingen, einen Schritt auf die Tür zuzumachen, aber sie verharrten an Ort und Stelle.

Wieder entstand eine unangenehme Stille und wieder war es Kolb, der sie brach. „Willst du vielleicht etwas trinken?“

„Ähm …“ Nach einer kurzen Bedenkzeit, zuckte Jonas mit den Schultern. Das Mittagessen mit seinen Freunden konnte er sowieso abschreiben und was auch immer ihn erneut zu Kolb getrieben hatte, es fühlte sich nicht an, als hätte er es bereits erreicht. „Von mir aus.“

Als Kolb ihn in seine Küche führte, stoppte Jonas schlagartig. Das war dieselbe Küche, in der er keine zwei Wochen zuvor seinen ersten Schwanz im Mund gehabt hatte; derselbe Küchentisch, über den er sich gebeugt hatte, die Hose bis zu den Knöcheln herunterzogen. Hitze legte sich auf Jonas‘ Wangen. Rasch blickte er sich um, in dem verzweifelten Versuch, sich abzulenken. Die Küche war nett eingerichtet, hell mit farbenfrohen Details. Kolb hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, er würde seine Welt bunt mögen. Zitronenfarbene Vorhänge schirmten den Raum vor allzu neugierigen Augen ab, die dahinterliegende Tür führte auf einen weitläufigen Balkon.

„Ist Cola okay?“, erinnerte ihn Kolbs Stimme wieder an dessen Anwesenheit.

Jonas lehnte sich gegen den kleinen Küchentisch. „Ich nehm, was auch immer du da hast.“

Kolb reichte ihm eine Dose, sich selbst schenkte er eine Tasse würzig riechenden Tee aus einer Thermoskanne ein. „Du hast einen guten Orientierungssinn, wenn du noch so genau wusstest, wo ich wohne.“

Ohne es zu wollen, lachte Jonas. „Nee, wirklich nich‘. Wollt mich eigentlich mit ‘n paar Freunden beim Italiener treffen. Hab mich verlaufen und bin dann irgendwie hier gelandet.“

Kolb musterte Jonas über den Rand seiner Tasse hinweg. „Dann hatte ich wohl Glück.“

„Japp.“ Jonas neigte den Kopf, begegnete Kolbs Blick zum ersten Mal ohne Scheu oder Trotz. „Eigentlich hast du’s nicht verdient, dass ich noch mal auch nur ein Wort mit dir wechsle. Du warst echt ein Arsch.“

Kolb seufzte, offensichtlich verstimmt. „Du warst nicht ganz unschuldig daran.“

„Einen Scheiß war ich!“, rief Jonas und schon war der eben erst abgeflaute Zorn zurück. „Häng das jetzt nicht mir an!“ Er wusste nicht, was ihn mehr ärgerte: Kolbs Vorwurf oder das Wissen, dass er recht hatte.

Kolb trank scheinbar völlig ungerührt einen Schluck Tee, doch als er die Tasse absetzte, hatte sich seine Miene verändert. Plötzlich war da ein harter Zug um seinen Mund, den Jonas bisher noch nicht an ihm gesehen hatte. „Ist dir eigentlich klar, was für ein Risiko du in dieser Nacht eingegangen bist?“

„Oh, bitte!“, höhnte Jonas, aber seine Stimme klang dünn. „Ich war für dich doch genauso fremd, wie du für mich. Du bist also dasselbe Risiko eingegangen.“

„Ich habe keinen völlig Fremden aufgefordert, mich zu vögeln, völlig egal, wie sehr ich jammere.“

Kolbs nüchterne Feststellung nahm Jonas den Wind aus den Segeln und er brachte nicht mehr als ein gemurmeltes Arschloch hervor.

„So weit waren wir schon.“

„Du hättest ja auch einfach ‚Nein‘ sagen können“, presste Jonas schließlich hervor. „Anstatt mitzuspielen und mich noch weiter zu demütigen.“

„Hätte ich und das wäre auch der deutlich bessere Weg gewesen“, räumte Kolb zu Jonas‘ Überraschung ein.

„Wäre es“, erwiderte er bitter.

„Trotzdem …“ Kolb schüttelte den Kopf. „Wenn du an den Falschen geraten wärst … Du hättest ernsthaft verletzt werden können.“

Das war der letzte Tropfen. Jonas sprang auf; hatte genug von Kolbs Belehrungen. „Du hast mich verletzt! Vielleicht nich‘ körperlich, aber …“

„Das weiß ich!“ Frustriert fuhr sich Kolb durchs Haar. „Hör zu, ich … Ich weiß, dass ich dich mit meinem Verhalten verletzt habe. Und es tut mir leid. Wirklich. Mehr als ich in Worte fassen kann. Ich habe überreagiert und es hätte unendlich viele Möglichkeiten gegeben, die Situation besser zu lösen. Du …“, er zögerte, wich Jonas‘ Blick aus. „Du hast mich da an jemanden erinnert. Ich habe wohl versucht, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen.“

Jonas kaute auf seiner Unterlippe herum. Wieder wirkte Kolbs Entschuldigung aufrichtig und es war schwierig, auf seinen Zorn zu bestehen. Zudem war ihm, ungeachtet dessen wie sehr er sich in den vergangenen Tagen über Kolbs Verhalten aufgeregt hatte, durchaus bewusst, dass es letztlich er gewesen war, der Mist gebaut hatte. Kolb hatte recht. Er war gefährlich leichtsinnig gewesen und vermutlich wäre er um eine ziemlich unangenehme Erfahrung reicher, wenn Kolb nicht besser auf seine Grenzen geachtet hätte als er selbst. Schließlich seufzte er. „Schon gut. Ich weiß, dass eigentlich ich mich entschuldigen sollte.“

Dieses Mal war es Kolb, der überrascht wirkte. Er zog eine Braue hoch. „Ach ja?“

Jonas trat von einem Fuß auf den anderen, zwang sich, seinen Blick nicht zu senken. „Ich bin erwachsen genug, um zuzugeben, dass ich dich in eine beschissene Situation gebracht und dann auch noch völlig überreagiert hab, als du versucht hast, da irgendwie wieder rauszukommen. Hast ‘n bissl ‘nen wunden Punkt getroffen.“

„Das tut mir leid“, sagte Kolb leise. „Und es tut mir leid, wenn ich dir das Gefühl gegeben habe, nicht ‚Nein‘ sagen zu können.“

„Nee, das … Ach fuck!“ Jonas vergrub das Gesicht in den Händen. „Wie gesagt, war ’n wunder Punkt. Trotzdem hab ich die Scheiße gebaut und nich‘ du. Ich war nur so … so froh, endlich mal … und dann hatte ich Angst, nicht gut genug zu sein und nie wieder …“ Er stöhnte. „Vergiss mein Gelaber einfach. Sorry, dass ich das so verbockt hab und sorry, dass ich dich dafür auch noch angeschnauzt habe.“ Eine Hand auf seiner Schulter ließ ihn endgültig verstummen.

„Ist in Ordnung“, versicherte Kolb. „Einigen wir uns einfach darauf, dass das für uns beide keine Glanzstunde war. Inzwischen habe ich übrigens eine ganze Sammlung solcher Geschichten und in den meisten davon war ich der Depp.“

Jonas war sich nicht sicher, was er von diesem Geständnis halten sollte, honorierte Kolbs Versuch ihn aufzumuntern aber mit einem schmalen Lächeln. Erstaunlich, wie schnell seine sorgsam gepflegte Wut verpufft war.

„Und nur um das klarzustellen“, fuhr Kolb fort, „mal abgesehen vom Ende, hatte ich in der Nacht mit dir eigentlich ziemlichen Spaß.“

„Wirklich?“ Jonas ärgerte sich über die Verblüffung in seiner Stimme.

„Mhm. Nur so als Hinweis, bevor du die nächste Dummheit planst.“

Schnaubend schubste Jonas Kolb zur Seite, konnte aber nichts gegen das Lächeln tun, das sich auf seine Lippen stahl. Mit Jeans und zerzausten Haaren wirkte Kolb plötzlich viel nahbarer als in ihrer gemeinsamen Nacht.

Schweigend standen die beiden in der Küche und nippten an ihren jeweiligen Getränken. Immer wieder huschten Jonas‘ Augen zu Kolb. Nachdem er den ersten Schreck über dessen verändertes Auftreten verdaut hatte, hatte sein Gehirn wieder genug Kapazitäten, darüber zu sinnieren, dass er noch immer verflucht scharf aussah. Ein Gedanke formte sich in Jonas‘ Kopf, aber war sich nicht sicher, ob er den Mut hatte, ihn laut auszusprechen. Die Dose knackte leise, als seine Finger sich zu fest darum schlossen. „Ähm … Hör mal, ich … Ich weiß nich‘ so genau, wie ich das jetzt sagen soll, aber … Könntest du dir vorstellen, das mit uns noch mal zu versuchen?“

Kolb hob die Brauen, aber bevor er die Chance hatte, etwas zu erwidern, winkte Jonas ab. „Ja, ja, ich weiß. Das Ende war ‘ne Katastrophe und … und ich bin nich‘ grad der Erfahrenste, also in Bezug auf One-Night-Stands mit Männern!“, fügte er rasch an, „aber … wenn wir es nur ein klein wenig, ähm, gelassener angehen, dann … dann könnte das doch durchaus Potenzial haben, oder?“

Kolb nahm sich einige Sekunden für seine Antwort und am Ende war sie reichlich unbefriedigend. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

„Ich auch nich‘“, gab Jonas zu. „Aber ich würd’s ganz gern rausfinden.“

„Ich bin nicht an irgendetwas Ernsthaftem interessiert, falls das deine Absicht ist.“

„Nee, so war das nich‘ gemeint.“ Tatsächlich war Jonas diese Möglichkeit bis eben nicht einmal in den Sinn gekommen. Wie sollte er eine ernsthafte Beziehung vor seiner Familie und seinen Freunden geheim halten? Im gleichen Augenblick fragte er sich, was Kolbs Beweggründe waren, ihm so deutlich klarzumachen, dass das zwischen ihnen, wenn überhaupt, etwas rein Sexuelles werden würde. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie groß die Wohnung für eine Einzelperson war. „Ähm, du bist aber nich‘ vergeben oder so? Mit so ‘nem Scheiß will ich nämlich echt nix zu tun haben.“

„Ich bin Single“, antwortete Kolb mit einem schmalen Lächeln. „Und ich habe nicht vor, das in nächster Zeit zu ändern. Deshalb will ich dir keine falschen Hoffnungen machen.“

Jonas schüttelte den Kopf. „Nee, von meiner Seite aus gibt’s da keine Hoffnungen. Außer auf guten Sex und neue Erfahrungen.“ Einem spontanen Impuls folgend, trat er näher an Kolb heran, stützte die Hände an beiden Seiten dessen Körpers auf der Küchenzeile ab. Als keine Gegenwehr kam, brachte er seine Lippen ganz nah an Kolbs Ohr und flüsterte: „Ich find das nämlich grad ganz nett so.“ Sein Herz raste, aber er zwang sich, scheinbar gelassen eine Antwort abzuwarten.

Kolbs Stimme war eine Erlösung. „Ich auch.“ Seine Worte waren jedoch nichts im Vergleich zu den Händen, die Jonas‘ Hüfte umfassten.

Jonas schaffte es, Kolbs Blick standzuhalten und hoffte, dabei nicht zu grinsen wie der letzte Idiot. Gleichzeitig sehnte er sich nach einer Möglichkeit, unauffällig seine Wangen zu kühlen; sie mussten inzwischen tomatenrot sein. „Und … Ähm … Ich steh drauf, wenn du mir sagst, was ich tun soll und … ich hatte das Gefühl, dass du das auch gar nich‘ so übel fandst. Also … könnten wir das vielleicht ein bisschen ausbauen?“

„Mhm. Vielleicht könnten wir das.“ Kolb seufzte. „Aber nicht jetzt. Ich habe noch einiges zu tun, bevor ich in die Arbeit fahre und sollte mir die Sache ohnehin noch mal durch den Kopf gehen lassen, wenn sich mein Blut nicht gerade zwei Etagen zu tief sammelt.“

Trotz seiner Nervosität lachte Jonas. „Scheiße, du machst die Sache wirklich spannend.“

„Damit wirst du leben müssen.“ Sanft schob Kolb Jonas zur Seite. „Gib mir deine Nummer, dann melde ich mich bei dir.“

„Pff, gib du mir doch deine Nummer und ich meld mich dann bei dir.“ Als hätte er es heraufbeschworen, vibrierte das Handy in seiner Tasche und kündigte eine Nachricht an. Jonas warf einen verstohlenen Blick darauf. Sie war von Maria.

 

Maria, 12:43 Uhr

Alles okay bei dir? Es dauert doch keine halbe Stunde, so eine Jacke zu holen …

 

Rasch tippte er eine Antwort.

 

Du, 12:44 Uhr

alles gut. bin noch da. meld mich später.

 

„Sorry, besorgte Ex-Freundin“, erklärte er Kolb und genoss die Überraschung, die in dessen Zügen aufflackerte zu sehr, um weitere Erklärungen zu liefern. „Also, jetzt wo ich das Ding schon in der Hand hab, kannst du ja mal deine Nummer rausrücken.“

Ohne weitere Proteste, diktierte Kolb seine Telefonnummer, aber als Jonas seinen Namen einspeichern wollte, stockte er. In Gedanken hatte er ihn seit dem Vorstellungsgespräch immer mit Nachnamen angesprochen, aber angesichts der jüngsten Ereignisse erschien ihm das nun doch ein wenig formell. Nur wie zum Teufel …

„Erik“, half Kolb, dem Jonas‘ Ratlosigkeit offenbar nicht entgangen war, belustigt aus.

„Das wusste ich!“

Kolb, nein Erik, ließ ein raues Lachen hören, das ein Prickeln über Jonas‘ Haut sandte.

„Ich klingle dich an, dann hast du meine auch“, versuchte er das Thema zu wechseln.

„Ausgezeichneter Plan, Jonas Staginsky.“

„Angeber.“ Nachdem er sicher war, dass Erik seine Nummer eingespeichert hatte, steckte er sein Handy weg und tauschte den langweiligen Anorak gegen seine Lederjacke aus. „Ich pack’s dann mal. Meld dich nicht zu spät, sonst hab ich’s mir am Ende doch noch anders überlegt.“

„Warte.“ Erik hatte nicht laut gesprochen, aber etwas in seinem Ton ließ Jonas in der Bewegung erstarren. „Schließ die Augen.“

Nach minimalem Zögern befolgte Jonas die Anweisung. Nun blind, hörte er zunächst nur das Klopfen seines eigenen Herzens, bevor er die Schritte wahrnahm, die sich ihm näherten, direkt vor ihm stehenblieben. Jonas zuckte zusammen, als er warmen Atem an seiner Haut fühlte, Haare seine Wange kitzelten.

„Bis bald.“ Eriks tiefe Stimme an seinem Ohr und dann, so flüchtig, dass sie ebenso gut Einbildung hätten sein können, seine Lippen auf seinem Mund.

„W-Wehe du meldest dich nicht!“, war alles, das Jonas hervor pressen konnte.

Was zuletzt geschah:

Jonas‘ verbesserungswürdiger Orientierungssinn führt ihn nicht wie geplant zum Italiener, sondern vor Kolbs Haustür. Irgendwie schaffen die beiden es, so etwas ähnliches wie ein Gespräch miteinander zu führen und schon diese kleine Annäherung reicht, um in Jonas den Wunsch nach einer Vertiefung ihrer Bekanntschaft aufkommen zu lassen.

Kolbs Gehirn ist von diesem Vorschlag weniger angetan als sein Penis und er bittet um ein wenig Bedenkzeit.

 

Kapitel 5

Die Sonne war zu grell, die Luft zu frisch und die Vögel zu laut. Alles in allem war es für Jonas‘ Geschmack deutlich zu früh und seine Nervosität trug nicht zur Verbesserung seiner Laune bei. Zum dritten Mal an diesem noch jungen Tag überflog er Eriks knappe Nachricht. Richtiges Datum, richtige Uhrzeit. Über das Warum dieses Besuchs schwieg sie sich jedoch aus und Jonas hatte sich nicht die Blöße geben wollen, nachzufragen. Der Lohn seines falschen Stolzes waren etwa hundert verschiedene Szenarien, die sich gleichzeitig vor seinem inneren Auge abspielten. Er atmete einmal tief durch. Herumstehen und auf der Stelle treten würde ihm keine Antworten liefern.

Mit gesenktem Kopf, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, steuerte Jonas Eriks Tür an und klingelte. Obwohl sie dieses Mal verabredet waren, dauerte es merklich länger, bis ihm geöffnet wurde.

„Guten Morgen“, begrüßte Erik Jonas. Er wirkte erschöpft, aber weder das zerzauste, von der Dusche noch feuchte Haar, noch die ein wenig schief auf seiner Nase sitzende Brille taten seiner Attraktivität Abbruch. „Müde?“

„Solange ich nicht so fertig wie du aussehe …“

„Ah, ein paar freundliche Worte am Morgen, da geht mir richtig das Herz auf.“

„Jaja, ich sag bloß die Wahrheit.“ Jonas drängelte in die warme Wohnung und ärgerte sich gleich darauf über seine überzogen unhöfliche Reaktion, geboren aus dem Versuch, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. In der Hoffnung, die vermasselte Begrüßung halbwegs ausbügeln zu können, fragte er: „Hast du die ganze Nacht im Tix gearbeitet?“

„Mhm.“

„Wir hätten uns auch später treffen können.“

„Ich bin heute den ganzen Tag unterwegs.“

„Oh. Ach so.“ Innerlich seufzend aber davon abgesehen protestlos, ließ sich Jonas ein weiteres Mal in die Küche dirigieren. Auf dem Tisch standen ein mit duftenden Brötchen gefülltes Weidenkörbchen, zwei Teller und allerlei Auswahlmöglichkeiten an Belägen.

„Setz dich“, wies Erik ihn an. „Kaffee?“

„Mit Milch und Zucker geht’s“, antwortete Jonas wenig begeistert. „Du hast nicht zufällig Red Bull da?“

„Es ist noch nicht mal neun.“

„Deshalb das Bull. Abends bin ich wach genug.“

Jonas glaubte, Erik seufzen zu hören, als sich dieser abwandte und den in die Wand eingelassenen Vorratsschrank durchsuchte. „Ah.“ Offenbar war er fündig geworden, denn er drückte Jonas eine blau-silberne Dose in die Hand. „Ungekühlt und vermutlich seit Jahren abgelaufen.“

„So mag ich‘s am liebsten.“ Jonas prostete Erik zu. „Brauchst du die Semmeln alle für dich, oder gibst du mir eine ab?“

„Bedien dich.“

„Danke.“ Jonas griff sich das oberste Brötchen, dessen resche Kruste seine kalten Hände wärmte und ihnen etwas anderes zu tun gab als nervös an seinem Pulli zu zupfen. Genussvoll spachtelte er eine dicke Schicht Nutella auf das weiche Innere und biss ein größeres Stück ab, als er würdevoll kauen konnte.

„Du kommst aus Bayern, richtig?“

„Waff?“, nuschelte Jonas mit vollem Mund.

Erik deutete auf die Brötchen. „‚Semmeln‘ ist bayerisch, oder täusche ich mich?“

Rasch würgte Jonas den Bissen in seinem Mund herunter. „Hör mir bloß mit diesem ganzen Dialektscheiß auf! Mein erster Besuch beim Bäcker hier in Berlin war traumatisch für alle Beteiligten.“ Er lächelte verlegen als Erik lachte. „Aber du hast recht, ursprünglich komm ich aus Oberbayern, Nähe Schliersee. Winziges Dorf am Arsch der Welt. Ein Wunder, dass ich halbwegs Hochdeutsch sprechen kann. Und jetzt setz dich endlich, macht mich ganz zapplig, wenn du da so rumstehst.“

Zu Jonas‘ Überraschung, sank Erik widerspruchlos auf den Stuhl ihm gegenüber.

„Ich hatte ja viel erwartet, aber sicher nich‘, hier ein Frühstück serviert zu bekommen.“

Erik zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, das bricht vielleicht das Eis.“

„Also erst essen, dann ficken?“

„Erst essen, dann reden.“

„Reden? Wozu denn das?“

Ohne den Blick von Jonas zu lassen, schenkte sich Erik eine Tasse Tee ein. „Weil ich dich ein bisschen kennenlernen will.“

„Wozu?“ Scheiße, was sollte das nun wieder? Nach ihrer Verabschiedung und spätestens nachdem sich Erik bei Jonas gemeldet hatte, war er fest davon ausgegangen, schon bald nackt in dessen Bett zu liegen und jetzt sollte er schon wieder mit Engelszungen auf ihn einreden, nur, damit sie endlich vögeln konnten? Jonas wollte es doch einfach nur hinter sich bringen und die schlechte Erfahrung mit etwas Glück mit einer guten überschreiben.

Blind für Jonas‘ inneren Tumult, drehte Erik die Teetasse in seinen Händen. „Ich versuche mal, dir meine Bedenken darzulegen und hoffe einfach, dass du sie mir nicht übel nimmst. Als du neulich Nacht mit zu mir mitgekommen bist, warst du offensichtlich bereit, Dinge zu tun, die du noch nie getan hast. Was an sich natürlich kein Problem darstellt, aber der Punkt ist, dass du dich dabei nicht wohlgefühlt hast. Trotzdem hast du mich weitermachen lassen, anstatt die Reißleine zu ziehen. Verstehst du, worauf ich hinauswill?“

„Darauf, dass du kneifst?“

Erik schüttelte den Kopf. Allmählich wirkte er frustriert. „Vielleicht habe ich deine Worte neulich auch einfach falsch gedeutet.“

„Welche Worte?“, fragte Jonas misstrauisch.

„Dass es dir gefällt, wenn ich dir sage, was du tun sollst und du das gerne vertiefen würdest. Ich bin davon ausgegangen, dass es kein 08/15-Kuschelsex ist, um den es dir hier mit mir geht.“

„Das … Jaah, schon“, gab Jonas zu, eifrig bemüht, gelassen zu wirken.

„Wir reden hier also von einer Form von BDSM, wie auch immer wir das dann genau definieren wollen, richtig?“

Jonas nickte stumm, peinlich berührt, dass Erik eine Fantasie, die er lange Zeit nicht einmal vor sich selbst hatte eingestehen können, so einfach aussprach.

„Gut, dann ist das soweit ja schon mal geklärt.“ Erik seufzte. „Weißt du, ich hätte nichts dagegen, ein wenig in diese Richtung zu experimentieren und ich übernehme dabei auch gerne den dominanten Part, aber ich muss sicher sein, dass mein Gegenüber weiß, worauf es sich einlässt. Seine Grenzen kennt und achtet. Da bin ich mir bei dir einfach nicht sicher.“

„Woher soll ich meine verfickten Grenzen denn kennen?“, rief Jonas aufgebracht. Nach einem tiefen Atemzug fügte er leiser hinzu: „Ich hab ja noch nie … Ich hab ja noch nix in die Richtung gemacht.“

„Akzeptiert.“ Erik hob beschwichtigend die Hände. „An Grenzen kann man sich herantasten.“

„Wo ist dann das Scheißproblem?“

„Hast du dich neulich wohlgefühlt?“

„Ich war nervös, aber grundsätzlich war‘s schon ziemlich geil.“

„Die ganze Zeit?“

„Naja …“

„Als du über den Tisch gebeugt warst? Ich dich runter gedrückt habe?“

„Nich‘ wirklich“, räumte Jonas ein und meinte damit eigentlich ‚Überhaupt nicht‘.

„Warum hast du es dann nicht beendet?“

Jonas senkte den Blick. „Keine Ahnung.“ Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er eine Ahnung. Ein Gedanke, der in seinem Hinterkopf spukte, nicht greifbar genug, um ihn zu formulieren und viel zu unangenehm, um es zu versuchen.

„Hattest du Angst?“, fragte Erik unbeirrt weiter.

„Ein bisschen.“ Ziemlich.

„Und trotzdem hast du mich weitermachen lassen, sogar dann noch, als ich dir explizit angeboten hatte, abzubrechen.“

Jonas starrte schweigend auf das Brötchen vor ihm. Ihm war der Appetit vergangen.

„Ich will dich nicht angreifen“, stellte Erik mit sanfter Stimme klar. „Diese Fantasien zu haben ist völlig okay und ich weiß selbst, wie schwer es sein kann, seinem Gegenüber zu sagen, dass man etwas gerade doch lieber nicht möchte. Ich will nur nicht, dass du etwas tust, das du später bereust. Und ganz sicher will ich nicht daran beteiligt sein.“

„Du hast aufgehört“, flüsterte Jonas.

„Hm?“

„Als … Als ich mich verschluckt und ‘nen Moment lang keine Luft bekommen hab, da hast du aufgehört und dich um mich gekümmert. Ich mein … Es war mir scheißpeinlich, aber … In dem Moment hab ich mich in guten Händen gefühlt. Und dann … später als … Ich hatte echt A–“ Jonas räusperte sich. „Ich war nervös, aber der Gedanke abzubrechen und wieder nicht … Jedenfalls … Du hast getan, was ich nicht konnte. Du hast abgebrochen. In dem Augenblick hast du besser auf meine Grenzen geachtet als ich selbst.“ Er lächelte schwach. „Und eigentlich tust du das jetzt schon wieder.“

Erik antwortete nicht sofort, wirkte nachdenklich.

„Jedenfalls“, fuhr Jonas fort, „klar, das neulich is‘ scheiße gelaufen … Ich war total nervös und hatte einfach so viele Erwartungen … An dich … Und an mich … Und daran, was du von mir erwarten könntest. Als dann nix so gelaufen is‘, wie ich’s mir vorgestellt hatte, bin ich noch nervöser geworden und hab noch mehr Druck aufgebaut und … Naja, wir wissen beide, wie das ausging. Aber ich kann einfach nich‘ aufhören daran zu denken, wie scheißgut es hätte werden können, wenn ich’s nich‘ so versaut hätte. Und … Und, ich mein … Du würdest dir doch nich‘ so viel Zeit für das hier nehmen, wenn du nich‘ auch wenigstens ein bisschen Potenzial sehen würdest, oder?“

„Hast du keine Angst, dass ich dein Vertrauen ausnutzen könnte?“, fragte Erik nach einer längeren Pause.

„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber das könnte mir bei jedem anderen Typen auch passieren, oder nicht? Selbst dann, wenn ich nur Kuschelsex suchen würde.“

„Möglich“, räumte Erik ein.

„Außerdem hast du das ja letztes Mal auch nicht gemacht. Obwohl ich nix gesagt hab. Genaugenommen hab ich praktisch drum gebettelt. Und jetzt bestellst du mich sogar extra hierher, nur um zu labern. Du hättest mich schon dreimal ficken können und tust es einfach nicht!“ Frustriert riss Jonas ein Stück von seinem Brötchen ab, stopfte es sich in den Mund und würgte den viel zu großen Brocken herunter. „Naja, jetzt haben wir‘s eh kaputtgelabert.“

„Reden gehört dazu. Zugegeben, auf solche Krisengespräche könnte ich in Zukunft verzichten, aber davon abgesehen ist das einfach noch immer die beste Möglichkeit, den anderen kennenzulernen.“

„Und was heißt das jetzt?“

„Das weiß ich noch nicht.“

Jonas rollte mit den Augen. „Ganz toll.“

Erik schien sich von Jonas‘ genervter Reaktion nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Du sagst, du hast unter anderem deshalb Interesse, diese Dinge mit mir auszuprobieren, weil ich neulich aufgehört habe. Es freut mich natürlich, dass du mir da so vertraust, aber … Das ist eine Verantwortung, die ich nicht übernehmen will. Ich kann auf dich achten und natürlich respektiere ich deine Grenzen, aber ich kann keine Gedanken lesen und ich will es auch nicht müssen.“

„Verstehe“, erwiderte Jonas geknickt. Obwohl er es versuchte, schaffte er es nicht, wütend auf Erik zu sein, dafür verstand er dessen Begründung zu gut. „Ich hab’s echt versaut, was?“

„Sagen wir, es macht alles ein wenig komplizierter. Um ehrlich zu sein“, Eriks Finger spielten mit dem Rand seiner Tasse. „war ich kurz davor dir in meiner Nachricht abzusagen.“

„Was hat dich abgehalten?“ Jonas schaffte es nicht, den anklagenden Ton aus seiner Stimme herauszuhalten.

„Dass ich dich wahnsinnig gerne in meinem Bett hätte.“

„O-oh, das is‘ … cool.“ Jonas war beeindruckt von seiner Eloquenz. „Ich meine … cool … Fuck! Jetzt hast du mich nervös gemacht!“

Erik war sichtlich darum bemüht, nicht zu lachen. Erfolglos. „Das nehme ich mal als Kompliment.“

Jonas zwang sich, von seinem Brötchen abzubeißen, in der Hoffnung, entspannter zu wirken als er sich fühlte. „Also … willst du dich noch mal mit mir treffen, oder nich‘?“

Vermutlich vergingen nur wenige Sekunden, bevor Erik zu einer Antwort ansetzte, aber sie fühlten sich wie eine verfluchte Ewigkeit an. „Ich bin versucht, es noch einmal darauf ankommen zu lassen. Sofern du das auch willst.“

„Will ich!“ Jonas war so mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, dass er die Anspannung, die aus Eriks Zügen wich nicht bemerkte.

„Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob das zwischen uns in die Richtung gehen soll, die du dir erhoffst.“

„Sondern?“, fragte Jonas misstrauisch.

Erik zuckte mit den Schultern. „Wir machen langsam, tasten uns aneinander heran und sehen mal, ob unsere Wünsche und Fantasien zusammenpassen. Dann hast du die Gelegenheit, deine Grenzen kennenzulernen und sie mir zu kommunizieren. Aber ich behalte mir vor, abzubrechen, wenn ich das Gefühl habe, dass du das nicht tust.“

„Mit andren Worten: Wenn ich noch mal sowas wie neulich bring, isses vorbei.“

„Ja.“ Eriks Stimme ließ keinen Zweifel, dass er das ernst meinte.

„Is‘ vermutlich fair.“ Jonas trank den letzten Schluck seines schalen Red Bulls. Langsam drehte er die Dose in seinen Händen, beobachtete die Lichtreflexe auf der glatten Oberfläche. Nachdem Eriks Entscheidung positiv ausgefallen war, kehrte allmählich zusammen mit seinem Appetit auch seine Neugierde zurück. „Wie oft machst du sowas wie neulich eigentlich?“ Das war eine Frage, die Jonas seit ihrem missglückten One-Night-Stand durch den Kopf spukte. Erik hatte an diesem Abend so unglaublich selbstsicher gewirkt, dass es beinahe schon wie Routine erschienen war.

Dieser hob eine Braue. „Vögeln?“

„Nee. Doch. Also … halt so wie das, was du da mit mir gemacht hast.“ Normalerweise war Jonas stolz darauf, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, aber bei diesem Thema redete er wie ein Grundschüler, dem man sein erstes Aufklärungsbuch vor die Nase gelegt hatte. Im Stillen sandte er einen grimmigen Dank an sein konservatives Elternhaus.

„Normalerweise lasse ich die Finger von Gästen. Das gibt nur unnötigen Ärger.“

„Nee, das meinte ich gar nicht.“ Jonas hielt inne. „Wobei … Warum bei mir die Ausnahme?“

Erik zuckte mit den Schultern. „Du warst echt hartnäckig. Und hast mir gefallen. Gefällst mir immer noch. Dass das keine besonders gute Idee war, war mir natürlich schon bewusst, aber es war ein langer Abend und ich habe mich hinreißen lassen.“

Jonas versuchte, sein selbstzufriedenes Grinsen zu verstecken, indem er sich den letzten Rest seines Brötchens in den Mund stopfte.

„Was war deine eigentliche Frage?“, wollte Erik wissen.

„Ach so, ja.“ Einen Augenblick überlegte Jonas, wie er seine Gedanken formulieren sollte. „Also … Wir kannten uns ja kaum, aber irgendwie schienst du zu wissen, dass ich darauf stehe, wenn du, ähm … wenn du etwas dominanter bist. Machst du das einfach generell, oder … oder lag das an mir?“

„Ah, jetzt verstehe ich deine Frage.“ Erik musterte ihn aufmerksam. „Würde es dich stören, wenn ich sage, dass es an dir lag?“

„Scheiße. Ja, irgendwie nervt das schon.“ Jonas war selbst erstaunt, wie stark seine Ablehnung ausfiel. „Ich will nich‘ der Typ sein, dem man ansieht, dass er darauf steht, sich rumkommandieren zu lassen.“

„Hältst du das für etwas Schlechtes?“, hakte Erik neugierig nach.

„Ich glaub … Ich glaub, andere könnten das für was Schlechtes halten.“

„Du wirkst eigentlich nicht wie jemand, der sich darum kümmert, was andere von ihm denken.“

Jonas suchte nach Anzeichen, dass Erik ihn lediglich aufzog, entdeckte aber nur ehrliches Interesse und entschied, ebenso ehrlich zu antworten. „Ich versuch’s. Is‘ aber nich‘ so einfach, wenn man in ‘nem winzigen Dorf aufwächst, in dem jeder Schritt von den Nachbarn beobachtet und schön an die Eltern weitergetratscht wird. Und wer will schon gerne als schwach gelten?“ Oder als Homo, fügte er in seinem Kopf hinzu.

„Ich denke nicht, dass so eine Vorliebe irgendetwas mit Stärke oder Schwäche zu tun hat“, erwiderte Erik gelassen. „Nein, lass mich das anders formulieren. Tatsächlich denke ich, dass es eine Menge innerer Stärke braucht, um sich bewusst für einen bestimmten Zeitraum in eine devote Rolle zu begeben. Aber falls es dich beruhigt, kann ich dir verraten, dass ich dir nicht auf irgendeine magische Weise angesehen habe, dass du darauf stehst.“

„Ach nein?“

„Jonas, du hast mir wortwörtlich gesagt, du würdest alles tun, was ich will. Es ist schwierig, da etwas anderes hineinzuinterpretieren.“

„Oh.“

„Was mich zu der viel interessanteren Frage bringt, was dich dazu gebracht hat, zu denken, dass ich auf sowas stehe.“

„Oh … ähm …“ Jonas schnaubte, verärgert über seine eigene Unsicherheit. „Das Vorstellungsgespräch im Club … Du hattest sowas, ähm, dominant-unnahbares an dir, das, äh … Aber ehrlich gesagt … Ich glaub, ich hätte dieses Angebot jedem gemacht, der mir gefällt. Ich wollt’s einfach mal ausprobieren.“

„Hm. Verstehe. Kann ich dir noch eine etwas persönliche Frage stellen?“

„Wie viel persönlicher kann es denn jetzt noch werden?“

„Bin ich der erste Mann, dem du körperlich nähergekommen bist?“

Oh, fuck. „Das ist persönlich!“

„Ich weiß, tut mir leid.“ Erik zögerte. „Du hast neulich deine Ex-Freundin erwähnt, deshalb habe ich geschlussfolgert, dass Männer eine neue Erfahrung für dich sein könnten.“

„Wäre das ein Problem?“

Erik schüttelte den Kopf. „Nein. Ich will nur sichergehen, dass ich nichts als selbstverständlich ansehe, das für dich nicht selbstverständlich ist.“

Jonas nahm einen Schluck aus seiner bereits geleerten Dose, in der Hoffnung, seinen inneren Disput vor Erik verbergen zu können. Das Vernünftigste wäre, einfach ehrlich zu sein und einzugestehen, dass auch seine angebliche Beziehung mit Maria nichts als Tarnung gewesen und er praktisch erfahrungslos war, aber diese Blöße konnte und wollte er sich nicht geben. „Jaah, es gab bisher tatsächlich nur meine Ex-Freundin.“ Technisch gesehen war das keine Lüge.

Erik seufzte und rieb mit der Hand über seine Unterarme.

„Hast du doch ein Problem damit?“ Jonas‘ Augen blitzten herausfordernd.

„Nein, das ist es nicht“, versicherte Erik rasch. „Nur … Es ist schlimm genug, was passiert ist. Wenn das dann auch noch deine erste Erfahrung mit einem anderen Mann war …“ Er seufzte erneut. „Ah, verflucht, das hätte wirklich nicht so laufen sollen.“

Offensichtlich hatte sich Erik wirklich den Kopf über diese Nacht zerbrochen. Instinktiv legte Jonas eine Hand auf seinen Unterarm, fühlte die weichen Wollfasern unter seinen Fingerspitzen, das reflexhafte Anspannen der Muskulatur, als könnte sich Erik gerade noch davon abhalten, den Arm zurückzuziehen. „Vermutlich hätt’s wirklich besser laufen können“, gab Jonas zu, „aber daran trage ich weit mehr Schuld als du und außerdem bezweifle ich ernsthaft, dass ich ‘nen bleibenden Schaden davongetragen hab. Ich mein, fuck, ich will sowas von mit dir ficken.“

Erik lachte. Warm. Herzlich. Erleichtert. „Du bist schon ein bisschen schräg.“

„Nee, ich bin jung und geil. Und Student. Also darf ich Fehler machen und mich auf seltsame Typen einlassen.“

„Akzeptiert.“

„Alsooo … Und jetzt?“ Jonas warf Erik einen, wie er hoffte, verführerischen Blick zu.

„Jetzt …“ Erik erhob sich und legte seine Hände auf Jonas‘ Schultern. „Will ich dich immer noch kennenlernen.“ Seine Lippen strichen über Jonas‘ Nacken. „Allerdings nicht mehr unbedingt nur durch Gespräche.“

„K-klingt ziemlich gut.“

„Steh auf.“

Mit wackeligen Beinen folgte Jonas Eriks Aufforderung, aber nüchtern und bei Tageslicht war das etwas völlig anderes als in der Nacht nach seinem Clubbesuch. Er musste Erik ansehen, wie ein Lamm den Metzger. Ein feines Lächeln zeigte sich auf dessen Gesicht und er reichte Jonas die Hand. Der brauchte allerdings einen Augenblick, um zu verstehen, dass er sie ergreifen sollte.

Mit einem Ruck zog Erik Jonas an sich. Der Stoff seines Oberteils war kuschelweich und da war wieder dieser Duft, der ihn umhüllte. Sonne und Holz, Wärme und Geborgenheit. Beinahe hätte Jonas protestiert, als Erik einen Finger unter sein Kinn legte und seinen Kopf anhob, weg von seinem Geruch, aber dafür hin zu seinen Lippen. Süßes Red Bull mischte sich mit bitterem Tee.

„Ich steh auf dieses ‚Kennenlernen‘“, nuschelte Jonas, die Wangen erhitzt und tomatenrot.

„Ah, das trifft sich gut.“ Eriks kühle Finger rutschten unter Jonas‘ Kapuzenpullover, legten sich auf seine Taille. „Wir haben nämlich gerade erst angefangen.“

Widerstandslos ließ sich Jonas von ihm gegen die Küchenzeile drängen und nur mit Mühe konnte er ein wohliges Seufzen unterdrücken, als Erik einen Oberschenkel gegen seinen Schritt presste, während seine Zunge Jonas‘ sensiblen Hals kitzelte.

Trotz des frostigen Wetters, wurde Jonas beinahe unerträglich heiß und er wünschte sich, Erik würde ihn endlich von seinem Pullover befreien, selbst wenn das bedeutete, dass er für wenige Sekunden auf das Gefühl der Hände auf seinem Körper verzichten musste. Verlangen verdrängte jede Verlegenheit.

Haltsuchend klammerte sich Jonas an die Kante der Küchenzeile, rutschte zurück, bis er halb auf der Arbeitsfläche saß, doch bevor sich Erik über diesen Rückzug beschweren konnte, hatte er bereits seine Beine um dessen Hüfte geschlungen.

Jonas fühlte Eriks Griff um seine Taille fester werden, hörte sein leises Stöhnen. Er wusste nicht, worauf er zuerst achten sollte. Eriks Zunge, die mit seiner spielte, Eriks Hände, die ihn fest umklammerten, Eriks Erektion, die gegen seine rieb. Unfähig, noch einen klaren Gedanken zu fassen, schloss er die Augen, drückte sich fest gegen den fremden Körper, folgte dem hypnotischen Rhythmus seines Beckens.

„Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck …“ Jonas war sich nicht bewusst gewesen, laut gesprochen zu haben, bis Eriks unterdrücktes Lachen den Dunst in seinem Kopf durchbrach. „Hey! Auslachen ist beschissen!“

„Entschuldige.“ Erik klang nicht geringsten, als täte es ihm leid. „Lass mich diesen Fauxpas wieder gut machen.“ Mit geübten Fingern öffnete Erik Jonas‘ Jeans und strich liebevoll über die darunter verborgene Erektion. „Ich glaube, ich bin dir ohnehin noch etwas schuldig.“ Er griff an Jonas vorbei, und holte ein Kondom aus einer der Küchenschubladen.

„Hast du die Teile eigentlich überall im Haus verteilt?“

„Mhm. Ist praktischer als jedes Mal ins Schlafzimmer rennen zu müssen.“

„Scheiße, an was für ‘nen Typen bin ich da nur geraten?“

„Du darfst jederzeit gehen“, schlug Erik vor, aber sein Lächeln machte deutlich, dass er bezweifelte, Jonas könnte diese Option tatsächlich in Erwägung ziehen.

„Nee, ich … ich glaub, ich bleib hi-Oh, Fuck!“ Jonas legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Erik hatte ihm das Kondom übergerollt und kniete vor ihm. Sein Mund war heiß, seine Lippen fest, seine Zunge erschreckend geschickt. Binnen Sekunden war Jonas‘ Verstand vernebelt, aber er zwang sich, doch noch einmal einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Finger krallten sich in Eriks dichtes Haar. „Tiefer“, neckte er. „Mach langsam und entspann di– Au!“ Jonas zuckte zurück. „Fuck! Keine Zähne!“

Erik hob den Kopf. Auf seinen Lippen lag ein amüsiertes Lächeln, aber sein Blick war streng. „Nur um das klarzustellen: Ich gebe hier die Anweisungen. Du freust dich über die Aufmerksamkeit, die ich dir zuteilwerden lasse. Wie auch immer die aussehen mag.“

Jonas öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Erik erstickte jede weitere Diskussion, indem er sich wieder seiner Erektion zuwandte und bewies, dass er absolut zu dem fähig war, was Jonas so ungeschickt bei ihm versucht hatte.

Kaum hatte Jonas begonnen, Eriks Berührungen wirklich zu genießen, war es auch schon um ihn geschehen. „Fuck, Erik ich …“ Er konnte nicht einmal den Satz beenden, bevor ihn sein Höhepunkt überrollte. Haltsuchend klammerte er sich mit einer Hand an die Anrichte und grub die andere noch tiefer in Eriks Haare. Dieser wartete geduldig, bis die letzte Woge verebbt war, bevor er sanft Jonas‘ Finger löste und aufstand, um ihm ein Stück Küchenrolle zu reichen. „Was für eine schmeichelhafte Reaktion. Man könnte meinen, das war dein erster Blowjob.“

„Fick dich!“, keuchte Jonas nach Atem ringend.

„Wenn das nicht auch der Letzte gewesen sein soll – jedenfalls von mir – solltest du dein Mundwerk ein bisschen im Zaum halten.“ Eriks süffisantes Grinsen nahm die Schärfe aus seinen Worten.

Jonas entsorgte das Kondom mitsamt Küchenpapier in dem Mülleimer, den Erik ihm zeigte. „Gib’s zu, du stehst drauf.“

„Schon.“ Erik packte Jonas‘ Hüfte und zog ihn an sich. „Aber hauptsächlich, weil ich dann darüber nachdenke, wie ich es dir stopfen könnte.“

„Schon irgendwelche Ideen?“

„Hunderte.“ Er trat einen Schritt zurück, brach die wunderbare Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. „Aber die hebe ich mir für ein andermal auf.“

Jonas musterte ihn misstrauisch. „Ich hab noch gar nicht … Bei dir …“

„Hmm, du führst mich in Versuchung, aber ich glaube, auch das würde ich mir lieber für ein andermal aufheben.“

„Echt jetzt? Warum das denn?“

Erik zuckte mit den Schultern. „Vielleicht genieße ich die Vorfreude.“

„Das klingt … bescheuert.“

„Mag sein.“

Jonas wartete einen Augenblick, ob Erik noch eine weitere Erklärung folgen ließ, aber dieser blieb stumm. „Dann … sollt ich wohl so langsam von hier verschwinden.“

„Ah, fühl dich bitte nicht rausgeschmissen! So war das nämlich nicht gemeint. Du kannst gerne noch bleiben.“

„Nee, passt schon.“ Etwas Abstand und die Möglichkeit, wieder einen klaren Kopf zu bekommen, war genau das, was Jonas jetzt brauchte. An der Eingangstür drehte er sich doch noch einmal um. „Schon ‘ne Idee, wann wir uns das nächste Mal sehen?“

„Das ist tatsächlich eine ziemlich gute Frage.“ Erik neigte den Kopf. „Der Club hat Sonntag und Montag geschlossen, da habe ich also frei. Naja, zumindest bin ich nicht im Club. Hast du da Zeit?“

„Montags hab ich zwei Seminare. Die kann ich notfalls schon schwänzen, aber das wär ein eher beschissener Einstand ins Studium. Dann also Sonntag?“

„Dann also Sonntag“, bestätigte Erik.

„Okay. Dann, äh, mach’s gut und so …“

„Jonas?“

„Ja ...?“

Erik zog ihn an sich und streichelte ungewohnt zärtlich über seinen Rücken. Jonas lehnte den Kopf gegen seine Schulter und schloss die Augen. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihm die Nähe zu anderen Menschen in den vergangenen Wochen abgegangen war. Er hatte seine Liebsten in Bayern zurückgelassen und auch, wenn er in Berlin rasch neue Kontakte geknüpft hatte, konnten diese seine Freunde und Familie natürlich nicht ersetzen. Die beiläufigen Berührungen, Umarmungen zur Begrüßung, zum Abschied, oder auch einfach so, weil der andere die Zuwendung gerade zu brauchen schien fehlten ihm. Jonas genoss jede Sekunde, die Erik ihm schenkte.

„Wenn du irgendwelche Fragen hast, melde dich“, flüsterte dieser. „Wenn du Zweifel bekommst, melde dich. Wenn du dich nicht wohl fühlst …“

„Meld ich mich“, versprach Jonas. Er lauschte den zwei Herzschlägen in seinem Ohr. Seinem eigenen und Eriks.

„Ach ja, noch etwas ...“ Plötzlich war da wieder dieser raue Unterton in Eriks Stimme. „Ich habe drei Aufgaben für dich.“

„Aufgaben?“, wiederholte Jonas perplex. Was sollte das werden?

„Mhm.“ Erik löste sich aus der Umarmung und hob einen Finger. „Erstens: Du überlegst dir bis Sonntag zwei Fantasien, die du mir dann erzählen wirst. Eine, die dich richtig anheizt, völlig egal, wie unrealistisch sie ist. Und eine zweite, von der du dir vorstellen könntest, sie in naher Zukunft mit mir in die Tat umzusetzen.“

Jonas schluckte. Bei der Aussicht, seine Fantasien mit jemandem zu teilen, zog sich sein Magen zusammen. Von weit her hörte er sich sagen: „Mach ich.“

„Brav.“ Eriks Lippen strichen über Jonas‘ Stirn, seine Wange, seinen Mund.

„Was noch?“ Beim Klang seiner Stimme verzog Jonas das Gesicht. Wie ein kleiner Junge, der den Zahnarzt fragte, ob gebohrt werden musste.

Erik hielt einen weiteren Finger nach oben. „Zweitens, du wählst ein Safeword. Irgendetwas, das du dir gut merken und im Notfall verwenden kannst. Und drittens, schreibst du mir eine Liste mit Dingen, die du derzeit auf gar keinen Fall ausprobieren möchtest.“

„Oh … Klar, das sollte ich wohl.“ Jonas grinste verlegen. „Wird wohl echt ernst, was?“

„So ernst, wie wir beide es wollen.“ Ein letztes Mal beugte sich Erik vor und presste seine Lippen gegen Jonas‘, bevor dieser mit klopfendem Herzen durch die Wohnungstür nach draußen schlüpfte.

Zurück an der frischen Luft, verkrümelte er sich in eine abgeschiedene Ecke, schloss einen Moment lang die Augen und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Jetzt, da seine körperliche Erregung abgeflaut und Eriks Berührungen nur noch Erinnerungen auf seiner Haut waren, kehrte die Vernunft zurück. Die Erkenntnis, was gerade passiert war. Er hatte sich mit einem fast Fremden zum Sex verabredet und dazu den ersten Orgasmus erlebt, für den er nicht selbst verantwortlich gewesen war. Strenggenommen hatte Jonas Sex mit einem Mann gehabt.

Ein bitteres Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Was würden wohl seine Eltern sagen, wenn sie davon wüssten?

 

 

 

Autorenkommi:

Was denn, was denn, was denn? Die beiden kommunizieren miteinander? Wie zwei reife Erwachsene, die mehr beherrschen als das Ausstoßen gutturaler Grunzer und unterschwelliger Pheromone? Mal sehen, wie lange das so bleibt.

 

Ich weiß, aktuell fokussiert sich die Geschichte ziemlich auf die sexuelle Beziehung zwischen Erik und Jonas, aber auch, wenn das noch ein paar Kapitel so weitergeht, verspreche ich, dass Raupe im Neonlicht mehr Themen behandelt als nur das kreative Zusammenschachteln diverser Körperteile. Genießt den Sex, solange ihr ihn habt ;)

 

Zu guter Letzt will ich mich noch für alle Klicks, Favs, Empfehlungen und Reviews bedanken! Derzeit ist der Blick in meine Stats mein Zuckerl zum Wochenende. Dafür vielen Dank!

Schwarzleser sind herzlich willkommen, aber natürlich freue ich mich auch über Rückmeldungen zu den einzelnen Kapiteln, auch und gerade, wenn diese mal negativ ausfallen sollten. Keine Angst, ich mag euch trotzdem :P

 

Noch mal vielen Dank an jeden, der sich die Zeit nimmt Raupe im Neonlicht zu lesen!

Was zuletzt geschah:

Im Tausch gegen ein reichhaltiges Frühstück, führt Jonas ein klärendes Gespräch mit Erik, bis dieser beschließt, seinen Mund lieber anderweitig zu nutzen. Kurz darauf verlässt Jonas Eriks Wohnung, das Datum für sein erstes echtes Sexdate und eine Menge Zweifel im Kopf.

 

Kapitel 6

Dichte Wolken, hereinbrechende Nacht und flackernde Straßenlaternen wuschen jede Farbe aus den Straßen, ließen die eigentlich vertraute Gegend fremd erscheinen.

Jonas warf einen Blick auf sein Handy. Er war gute zwanzig Minuten zu früh und hatte keine einzige Nachricht, die ihm einen Vorwand zum Trödeln gab. Maria schwieg seit einem kurzen Telefonat am Anfang der Woche und Jonas fürchtete, sie mit seinem aktuellen Dauerthema ‚Scheiße, ich werde wirklich und wahrhaftig mit nem Kerl ficken‘ endgültig verschreckt zu haben. Um Wiedergutmachung bemüht, schrieb er:

 

Du, 17:38 Uhr

alles okay bei dir?

 

Du, 17:38 Uhr

hab ganz schön viel über mich gequatscht in letzter zeit

 

Du, 17:38 Uhr

sorry dafür

 

Du, 17:39 Uhr

ich weiß, du hast eh schon stress genug

 

Du, 17:39 Uhr

dafür weißt du hoffentlich, dass du mich immer anrufen kannst

 

Du, 17:39 Uhr

wollt ich bloß noch mal klarstellen

 

Nachdem Jonas fünf Minuten am Straßenrand gelungert und vergebens auf eine Antwort gewartet hatte, steckte er sein Handy weg, versuchte, das flaue Gefühl in seinem Magen zu ignorieren und klingelte. Der Türöffner summte innerhalb weniger Sekunden.

„Du bist früh dran.“ Erik ließ Jonas in seine Wohnung. „Daraus kann ich wohl schließen, dass du mehr Interesse an mir hast als damals an dem Job im Tix.“

Eine altbekannte Röte stieg in Jonas‘ Gesicht. „Bild dir mal nicht zu viel darauf ein!“

„Ah, da musst du dir bei mir keine Sorgen machen.“ Heute war Erik kein sorgloser Philosophiestudent. Seine Brille war verschwunden, das dunkelgraue Hemd saß perfekt und die zurückgebundenen Haare gaben seinen Zügen eine einschüchternde Strenge. Von der kumpelhaften Vertrautheit, die er bei ihrer letzten Begegnung ausgestrahlt hatte war nichts übriggeblieben.

In der Hoffnung, seine Nervosität zu verbergen, wandte Jonas ihm den Rücken zu und hängte seine Jacke an die Garderobe gegenüber der Küche, wurde jedoch zurückgehalten, als er diese betreten wollte.

„Heute nicht.“ Eriks Hand legte sich auf Jonas‘ Rücken und drängte ihn mit sanfter Bestimmtheit den Gang entlang.

Auf der linken Seite erspähte Jonas ein geräumiges Wohnzimmer, vollgestellt mit Bücherregalen und einer beeindruckenden DVD-Sammlung, dazu eine gemütlich aussehende Couch und einen Fernseher, über dessen Größe sein Vater Freudentränen vergießen würde. Offensichtlich war aber auch das nicht Eriks Ziel, denn er führte Jonas zu der Tür gegenüber, hinter der sich ein Schlafzimmer verbarg.

Wie der Rest der Wohnung, war es schlicht und freundlich gehalten; ordentlich, ohne pedantisch zu wirken. Anders als die Küche, hatte es jedoch etwas eigentümlich Unpersönliches an sich, war eher Hotelzimmer als privater Rückzugsort. Jonas‘ Blick blieb an Eriks Bett hängen. Kein Doppelbett, aber groß genug, um zwei Erwachsenen Platz zu bieten und mit den schwarzen Satinlaken der einzige dunkle Fleck in der sonst hellen Einrichtung. Seine Finger strichen über den glatten Stoff. Plötzlich war sein Mund wie ausgetrocknet. Die ganze Woche hatte eine Fantasie die andere abgelöst, aber jetzt hier zu stehen, in der Realität, war etwas völlig anderes.

„Nervös?“ Vermutlich war Erik von einem radioaktiv verseuchten Psychiater gebissen worden und konnte seither Gedanken lesen.

„Ein bisschen“, gab Jonas zu.

Erik nahm Jonas‘ Hände in seine, hauchte zarte Küsse auf die Fingerspitzen. „Wir tun nichts, was du nicht willst. Und wenn du lieber nur reden möchtest, ist das auch in Ordnung. Oder falls die lieber wieder gehen willst …“

„‘Nen Scheiß will ich!“ Vehement schüttelte Jonas den Kopf. „Aber was zu trinken wär ganz nett.“

„Cola? Oder lieber Red Bull?“

„Warm und abgelaufen?“

„Frisch gekauft und kaltgestellt. Allerdings küsse ich niemanden, der nach diesem Zeug stinkt.“

„Lügner“, neckte Jonas. „Du konntest letztes Mal gar nich‘ genug von mir bekommen.“

„Welpenschutz“, erwiderte Erik ungerührt. „Den wirst du heute nicht mehr genießen.“

„Dann lieber Cola.“

Erik verschwand ums Eck, um die Getränke zu holen und Jonas nutzte die Gelegenheit, sich auf das Bett zu kuscheln. Es war weich und kühl, aber Erik musste es frisch bezogen haben, denn es roch lediglich dezent nach Weichspüler, anstatt den Duft nach Sonne und Holz zu verströmen, den Jonas inzwischen fest mit ihm verband. Er schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als er eine Bewegung neben sich wahrnahm.

Erik hatte sich zu ihm gelegt, studierte sein Gesicht und lächelte, als hätte er gefunden wonach er gesucht hatte. Sanft zog er Jonas zu sich, seine Lippen strichen so zärtlich über dessen Haut, dass er die Berührung mehr ahnte als spürte. „Fühlst du dich wohl?“

„Schon. Bin aber immer noch scheißnervös.“

Eriks legte eine Hand auf Jonas‘ Brust. „Mhm. Merke ich.“

„Ja, ja. Verarsch mich n-Ah!“ Jonas quietschte auf und versuchte kichernd, Eriks Fingern zu entgehen, die sich in seine empfindlichen Seiten gruben.

„Kitzlig?“

„N-ah …“ Jonas strampelte verzweifelt, doch rasch wurde ihm klar, dass er keine Chance hatte, dem eisernen Griff um seine Taille zu entkommen. Also ging er zum Gegenangriff über.

„Hey!“, protestierte Erik lachend.

Mit einem gut getimten Schubs gelang es Jonas, Erik auf den Rücken zu rollen und sich auf ihn zu setzen. „Ha!“

„Gnade!“, flehte Erik und unternahm einen halbherzigen Befreiungsversuch.

„Sorry, falsches Safeword.“

„Ah, verflucht.“ Eriks Lachen war ansteckend. So ansteckend, dass Jonas für einen Augenblick unachtsam wurde. Prompt landete er unsanft neben Erik, das Gesicht in das weiche Kopfkissen gedrückt, seine Hände hinter seinem Rücken fixiert. „Fuck!“

„Sorry, falsches Safeword.“

„Du mich auch“, nuschelte Jonas ins Kissen.

„Da wir gerade beim Thema sind …“ Erik gab Jonas‘ Handgelenke frei, aber Jonas machte keine Anstalten, sich aufzusetzen. Das Gewicht auf seinem Körper fühlte sich ziemlich gut an. „Hast du dir überlegt, welches du verwenden willst?“

Jonas drehte den Kopf ein Stück, um Erik ansehen zu können. „Dachte an Ampelcode“, schlug er schüchtern vor. „Du weißt schon, grün für ‚gut so, mach weiter‘, gelb heißt ‚nich‘ so wild‘ und rot ‚jetz‘ is‘ aber wirklich mal gut hier‘.“

„Ah. Das wäre tatsächlich auch mein Favorit.“

„Warum hast du’s dann nich‘ gleich vorgeschlagen?“

„Du bist derjenige, der sich im Notfall daran erinnern muss.“

„Oh.“ Eriks Hände, die Jonas bis eben noch streng an seinem Platz gehalten hatten, waren dazu übergegangen, seine angespannten Muskeln in Nacken und Schultern zu lockern. „Dann is‘ mein Vorschlag, das Ganze in ‚Dunkeloliv‘, ‚Straßenköterblond‘ und ‚Dahlienpurpur‘ umzubenennen vermutlich keine gute Idee.“

„So charmant ich das fände, lange Wörter versteht man durch einen Knebel immer ganz schlecht.“

„Knebel, hm? Is‘ das der Plan für heut?“

Erik lachte. „Ich will ja nicht die Spannung aus dem Treffen nehmen, aber sofern du nicht darauf bestehst, würde ich mit sowas ganz gerne warten, bis wir uns ein bisschen besser kennengelernt haben.“

Jonas war sich nicht sicher, ob es Enttäuschung oder Erleichterung war, die er spürte. Vielleicht war es auch einfach nur das angenehme Prickeln, das Eriks Hände durch seinen Körper sandten. Solange er so weitermachte, konnten sie auch einfach den ganzen Abend mit Quatschen verbringen.

„Und gerade, weil wir uns fast nicht kennen – und unser erstes Treffen doch arg verbesserungswürdig war“, fuhr Erik fort, „würde ich gerne zusätzlich noch mit nonverbaler Bestätigung arbeiten. Einfach, um uns beide so gut wie möglich abzusichern.“

„Ich hab keine Ahnung wovon du sprichst, aber ich bin ganz Ohr.“

„Das ist eine Möglichkeit für mich, gelegentlich zu prüfen, ob bei dir alles in Ordnung ist, ohne aus dem Spiel auszusteigen.“ Erik legte eine Hand an Jonas‘ Wange und strich mit dem Daumen über dessen Lippen. Instinktiv hauchte Jonas einen Kuss darauf. Für diese Reaktion erntete er ein Schmunzeln. „Das ist eine nonverbale Bestätigung. Wenn du meine Finger küsst, weiß ich, dass alles in Ordnung ist. Reagierst du nicht oder drehst den Kopf weg, werde ich abbrechen.“

„Und wenn ich reinbeiße?“, fragte Jonas schelmisch.

„Ah, solange kein Blut fließt, werte ich das als gutes Zeichen.“ Erik rutschte von Jonas‘ Rücken und zog ihn in seine Arme. Seine Lippen waren weich und zärtlich, aber Jonas konnte das Verlangen dahinter fühlen. „Immer noch nervös?“

„Ein bisschen. Aber auf ‘ne gute Art. Also eher, ähm … vorfreudig?“

„Sehr schön. Dann steh auf.“

Gänsehaut kroch über Jonas‘ Arme, Eriks Tonlage hatte sich verändert. Tief, rau, keinen Widerspruch duldend. Mit zittrigen Knien glitt Jonas vom Bett. Erik setzte sich an das Fußende, deutete vor sich. „Hierher.“

Langsam begab sich Jonas an die Position, die ihm gezeigt wurde, starrte auf seine eigenen Füße und widerstand der Versuchung, einen rückversichernden Blick auf Erik zu werfen. Bisher war nichts passiert und dennoch pochte sein Herz wie verrückt.

„Sehr gut“, lobte Erik und Jonas konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Jetzt zieh dich aus.“

Lediglich Jonas‘ Blutgefäße reagierten sofort, erweiterten sich und ließen seine Wangen glühen. Er realisierte, dass Erik ihn noch nie völlig nackt gesehen hatte. Mit einem Mal hatte er all die kleinen Unzulänglichkeiten vor Augen, die ihn mal mehr, mal weniger störten. Wie durch einen Spiegel sah er seinen Körper, der es bis zu diesem Tag nicht geschafft hatte, nach dem letzten heftigen Wachstumsschub sein Gewicht an seine Größe anzupassen. Seine Arme und Beine waren zu dürr, Rippen, Schlüsselbein und Hüftknochen stachen deutlich hervor. Dazu der große Leberfleck knapp oberhalb seines Bauchnabels und seine Knie, die irgendwie knubbelig und alles andere als erotisch waren. Selbst die Tätowierung auf seiner Brust, die er bisher nie bereut hatte war ihm plötzlich unangenehm.

‚Jetzt reiß dich mal zusammen!‘, schalt Jonas sich selbst. Erik hatte seinen Schwanz im Mund gehabt und ihn mit heruntergelassener Hose über einen Tisch gebeugt gesehen. Dagegen war so ein kleiner Striptease am Sonntagabend doch harmlos. Scheiße, immerhin hatte Erik diesem Treffen zugestimmt. Das wäre kaum der Fall gewesen, wenn er Jonas abstoßend fände. Der leise Zweifel blieb, aber Jonas konnte ihn weit genug abdrängen, um seinen Körper in Bewegung zu versetzen.

Fahrig tasteten seine Finger nach dem Saum seines Oberteils. Sie waren eiskalt und fühlten sich fremd auf seiner Haut an, der dicke Stoff betäubte für wenige Augenblicke Jonas‘ Sinne, als er ihn über seinen Kopf zog. Der oberste Knopf seiner Hose klemmte, wollte sich nicht öffnen lassen, bis er wütend daran zerrte und ihn beinahe abriss. Mit derselben Bewegung, mit der er seine Hose auszog, streifte er seine Socken von den Füßen. Nun waren nur noch seine Boxershorts übrig. „Alles?“

„Alles.“

Bevor er zu viel darüber nachdenken konnte, entledigte sich Jonas auch diesem Stück Stoff, dieser letzten Barriere zwischen seinem nackten Körper und der Außenwelt. Entschlossen kickte er sie in eine Ecke.

Das Zimmer war kühl. Nicht unangenehm, aber es reichte als beständige Erinnerung daran, dass seine Kleidung auf dem Boden verstreut lag. Jonas glaubte, Eriks prüfenden Blick auf seinem Körper zu spüren. Die Sekunden zogen sich.

„Dreh dich um.“

Mit vor Anspannung steifen Muskeln, folgte Jonas Eriks Anweisung. Er zitterte, sein Atem ging flach. Das Bett knarzte. Jonas fuhr zusammen, als sich Eriks Hände unvermittelt auf seine Schultern legten. Sie waren sanft, aber kalt.

„Das machst du sehr gut.“ Eriks Hand wanderte von Jonas Schulter nach oben, strich zärtlich über seinen Hals, seine Wange, seine Lippen. Jonas küsste Eriks Fingerspitzen. Er fühlte Eriks Nähe, seine Wärme und es kostete all seine Willenskraft, sich nicht einfach in dessen Arme zu werfen und fest an sich zu pressen.

Erik fuhr damit fort, Jonas‘ Körper zu erkunden, doch seine Berührungen hatten ihre ursprüngliche Zärtlichkeit verloren, waren zielstrebig und distanziert – beinahe medizinisch. Kein Zentimeter Haut wurde ignoriert. Erik ließ Jonas die Füße anheben, um seine Sohlen zu begutachten, kniff in seine Brustwarzen, wog Hoden und Penis in den Händen und zog, zu Jonas‘ beschämtem Entsetzen, sogar seine Pobacken auseinander, um einen Blick dazwischen zu werfen. Bald fühlte sich Jonas wie Vieh, das zum Verkauf ausgeschrieben worden war und gerade, als er glaubte, diese Erniedrigung keinen Moment länger ertragen zu können und sich der Kloß in seinem Hals nicht mehr schlucken lassen wollte, hauchte Erik einen zarten Kuss auf seinen Nacken. „Du hast einen umwerfenden Körper. Wir beide werden viel Spaß miteinander haben.“

Die Hände, die sich erneut auf Jonas legten, untersuchten ihn nicht länger, sondern verwöhnten ihn. Ein warmer Mund kam hinzu, liebkoste Jonas‘ Nacken knapp unterhalb des Haaransatzes und bald betete Jonas, Erik möge sich schneller zu den verfänglicheren Körperpartien vorarbeiten. Doch der ließ sich durch Jonas‘ zunehmende Rastlosigkeit nicht aus der Ruhe bringen, hielt sich extralange an dessen Hals auf, nachdem seine Zunge Jonas ein leises Stöhnen entlockt hatte, bevor er sich anderen Körperpartien zuwandte. Jonas‘ Brustwarzen entpuppten sich als überraschend unsensibel und als Erik nicht die erwünschte Reaktion erntete, wanderte er rasch weiter. Dafür entdeckte er Stellen, deren Empfindsamkeit Jonas bis dahin überhaupt nicht bewusst gewesen war. Ein sanftes Streicheln der Innenseite seiner Ellenbogen sandte Gänsehaut über beide Arme, die Nerven knapp unterhalb seiner Ohren schienen direkt mit denen seiner Lenden verbunden zu sein. Und dann war das noch die kleine Erhöhung seines Steißbeins. Ein vorfreudiges Prickeln breitete sich in Jonas‘ Magen aus, als Eriks Finger darüberstrichen, verwandelte sich in enttäuschte Leere, als sie sich wieder zurückzogen.

„Erinnerst du dich an die Aufgabe, die ich dir gestellt hatte?“

„Japp.“

„Antworte in ganzen Sätzen.“ Binnen Sekunden, war Eriks Ton von warm und verständnisvoll zu kühl und tadelnd umgeschlagen.

„Ich erinnere mich an die Aufgabe, die du mir gestellt hast“, flüsterte Jonas heiser.

„Wie lautete sie?“

„Ich … Ich soll dir zwei Fantasien von mir nennen. Eine, die ich vielleicht irgendwann mal erleben will und die andere …“ Jonas schluckte. „Die andere sollte eine sein, die ich in naher Zukunft ausleben möchte.“

„Erzähl mir die zuerst.“

Jonas öffnete seinen Mund, um endlich all die Bilder aus seinem Kopf herauszulassen, aber kein Wort kam über seine Lippen. Er konnte es nicht, konnte Erik nicht erzählen, was er so viele Jahre vor anderen verheimlicht hatte. Zitternd stand er da, starrte auf die hölzerne Schrankwand vor ihm, auf den daran aufgehängten Bademantel und hasste sich selbst für seine Feigheit.

„Wir sind zusammen in diesem Zimmer.“ Eriks Stimme, direkt neben Jonas‘ Ohr, seine Hände auf seinen Hüften. „Du kniest vor mir. Nackt. Siehst mich mit deinen unschuldigen Bambi-Augen an. Deine Hände sind hinter deinem Rücken verschränkt. Nicht, weil ich sie dort fixiert habe, sondern weil du weißt, dass ich sie mir dort am besten gefallen.“

Jonas schloss die Augen, sah sich selbst vor Erik knien, so wie er es ihm eben beschrieben hatte. Eriks Hand rutschte tiefer und Jonas keuchte auf. Sie lag auf seinem Steißbein, schob sich allmählich weiter nach unten. „Du erwartest meinen Befehl, aber ich schweige.“ Jonas wusste nicht, wie lange er sich noch auf den Beinen würde halten können. „Ich sehe deine Erregung, sehe die Hoffnung in deinen Augen, dass ich dir heute Befriedigung verschaffe.“

Stille umhüllte Jonas. Alles was er hörte, war sein flacher Atem und das Blutrauschen in seinen Ohren. Alles was er fühlte, waren Eriks neugierige Finger. Seine Zunge bewegte sich, bevor er sie bändigen konnte. „Wie geht’s weiter?“

Eriks Hände verschwanden von seinem Körper, aber bevor sich Jonas entschuldigen, ihn anflehen konnte, nicht abzubrechen, hatte Erik ihn zu sich herumgedreht und in eine feste Umarmung geschlossen. Er flüsterte: „Das finden wir ein anderes Mal heraus.“

Jonas sank in Eriks Arme. In seinem Kopf tobte Chaos. Erregung, Anspannung, Scham und Zuneigung. Einzeln oft schon kaum zu ertragen, wogten sie über Jonas hinweg und er konnte nichts anderes tun als sich an Erik zu klammern und zu warten, bis der Sturm abflaute.

„Bist du in Ordnung?“, erkundigte sich Erik nach einer Weile leise.

„Denk schon.“ Jonas murrte enttäuscht, als Erik sich ihm entzog, doch gleich darauf wurde er in den flauschigen Frotteestoff des Bademantels gehüllt, den er zuvor angestarrt hatte. Allmählich klärte sich sein Kopf; er nahm seine kalten Zehen und Fingerspitzen wahr, Eriks Hände auf seinem Rücken, die die Wärme des Bademantels verstärkten und schließlich das unangenehme Kratzen in seinem Hals. „Fuck, hab ich ‘nen Brand!“

Erik ließ sein herzliches Lachen hören. „Deine Cola steht auf dem Nachttisch. Vielleicht nicht mehr ganz so gut gekühlt, aber ich vermute, das ist jetzt eher zweitrangig.“

Jonas hörte ihm nur mit einem halben Ohr zu, sobald er die Dose erspäht hatte, stürzte er sich darauf und leerte sie mit zwei großen Zügen nahezu vollständig. Sein Durst war gestillt, dafür brannte die Kohlensäure in seiner Speiseröhre. Er hustete. „Shit.“ Unfreiwillig an ihre erste Nacht und den missratenen Blowjob erinnert, stellte er die Dose rasch ab und räusperte sich, in der Hoffnung einen weiteren Hustenanfall unterdrücken zu können.

Erik hatte es sich auf dem Bett bequem gemacht, lehnte mit dem Rücken an einem der großen Kissen. „Komm, setz dich zu mir.“

Nach kurzem Zögern folgte Jonas Eriks Aufforderung, hielt aber Abstand und blieb still.

Erik beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. „Willst du gerade keine Nähe, oder traust du dich nicht?“

„Ich … keine Ahnung“, murmelte Jonas. „Vielleicht ein bisschen was von beidem.“ Er verstand gerade sehr wenig von dem, was in ihm vorging.

„Wenn du nicht willst, ist das natürlich völlig in Ordnung, aber mach bitte nicht den Fehler, die Rollen, die wir im Spiel einnehmen, darüber hinauszutragen.“ Ein fast schon zurückhaltendes Lächeln erschien auf Eriks Gesicht. „Ich persönlich kuschle hinterher ziemlich gern.“

Eriks Lächeln war ansteckend und Jonas fühlte, wie sich seine Schultern entspannten und der Stein in seinem Magen etwas leichter wurde. „Wenn du das so sagst, muss ich diese Einladung ja annehmen.“ Mit Schwung rollte sich Jonas zur Seite und halb auf Erik, der überrascht auflachte und ihn an sich drückte.

Schweigend lagen sie sich in den Armen, Eriks Fingerspitzen kreisten über Jonas‘ Rücken, Jonas lauschte Eriks gleichmäßigen Herzschlägen.

„Das war echt krass“, nuschelte Jonas, als er genug von der Stille hatte.

„War es denn ungefähr das, was du erwartet hattest?“

„Nee!“ Eilig ergänzte Jonas: „Das mein ich aber positiv! Also … Ich mein … es war viel intensiver als ich erwartet hatte … Scheiße, es ist ja eigentlich nix passiert und trotzdem bin ich total fertig … aber es war echt krass geil.“ Jonas fühlte Eriks Körper unter sich beben und wusste, dass er verzweifelt versuchte, nicht laut zu lachen. „Hey! Ich öffne mich dir hier grad! Würdige das gefälligst!“

„Entschuldige“, schnaufte Erik. „Ist nicht böse gemeint. Ich mag deinen Enthusiasmus.“ Er küsste Jonas. Lang. Gefühlvoll. „Du warst fantastisch.“

„Ich hab doch nix gemacht, außer rumzustehen“, wehrte Jonas ab, auch, wenn er sich insgeheim über Eriks Worte freute.

„Du hast dich auf mich eingelassen. Da gehört eine Menge dazu. Außerdem“, Erik knabberte sanft an Jonas‘ Ohr, der kichernd versuchte, dem unangenehmen Kitzeln zu entkommen, „bist du unglaublich heiß.“

Bei seinem Fluchtversuch hatte sich Jonas halb auf den Bauch gerollt. Jetzt spürte er Eriks Gewicht auf sich. Und noch mehr. „Du bist hart.“

„Was erwartest du?“, fragte Erik amüsiert. „Habe ich dir nicht eben gesagt, wie heiß ich dich finde? Und jetzt liegst du unter mir, nur in einen Bademantel gehüllt. Natürlich werde ich da hart.“

Jonas drehte den Kopf, um Erik anzusehen. „Und was machen wir da jetzt?“ Er saugte die Luft ein. Da war wieder dieser Blick, dieses Lächeln. Unwissentlich hatte er Runde Zwei eingeläutet.

„Erinnerst du dich noch an die Haltung, die ich dir vorhin beschrieben habe?“

„Japp.“ Rasch räusperte sich Jonas. „Ich erinnere mich daran.“

„Zieh den Bademantel aus und nimm sie ein.“

Jonas legte den Bademantel ordentlich gefaltet über das Fußende des Betts und kniete sich auf den Boden. Der kleine, vor dem Bett ausgelegte Teppich war dick und weich, sehr zur Freude von Jonas‘ Knien. Er nahm die Arme hinter den Rücken und schlug den Blick nieder, bis ihm einfiel, dass er Erik in dessen Beschreibung angesehen hatte. Schüchtern sah er auf.

„Sehr schön.“ Erik ließ sich Zeit, betrachtete Jonas’ nackten Körper mit unverhohlener Erregung. Unvermittelt erhob er sich, umrundete Jonas gemächlich, schlich um ihn herum, wie ein Jäger um die Beute. „Du bist hier, um mich zu befriedigen und ich werde dir jetzt beibringen, wie.“ Er beugte sich hinunter, seine Finger strichen über Jonas‘ Lippen, der ohne darüber nachzudenken einen Kuss darauf hauchte. „Heute wirst du lernen, wie du mir mit deinem Mund zu Diensten sein kannst.“ Er zog eine Braue hoch. „Verstanden?“

„Verstanden“, murmelte Jonas nervös. Sein Hirn raste um die Frage, was Erik von ihm verlangen würde. Das letzte Mal hatte sich dieser deutlich zurückgehalten und dennoch hätte Jonas dank seines eigenen Übereifers beinahe ein Wiedersehen mit seinem Abendessen gefeiert, an die darauffolgende Panik wollte er gar nicht erst denken. Er erinnerte sich an all die Pornos, die er in den letzten Jahren konsumiert hatte, die Härte, die Brutalität. Es war aufregend dabei zuzusehen, aber er war sich nicht sicher, ob er bereit war, das im realen Leben und an seinem eigenen Körper zu erfahren.

Erik hatte von irgendwoher – und Jonas hatte nicht die geringste Ahnung, woher – ein Kondom gezaubert und hielt es ihm vor die Nase. „Streif es mir über. Das ist ab jetzt immer deine Aufgabe.“

„Verstanden.“ Nicht weniger zittrig als bei ihrer ersten Begegnung, öffnete Jonas Eriks Hose, riss die Kondomverpackung auf, ließ dabei beinahe deren Inhalt fallen, schaffte es irgendwie, das Kondom richtigrum aufzusetzen und rollte es ab. Er fühlte sich schrecklich ungeschickt und fragte sich permanent, wie Erik bei diesem Unvermögen seine Erektion aufrechterhalten konnte. Zaghaft blickte er auf.

Erik erwiderte seinen Blick, den Hauch eines Lächelns auf den Lippen. „Weiter.“

Jonas öffnete seinen Mund so weit er konnte, versuchte Eriks Glied möglichst tief in sich aufzunehmen.

„Warte.“ Erik packte Jonas‘ Nacken, nicht schmerzhaft, aber bestimmt. „Geh nicht gleich in die Vollen. Benutz erst nur deine Zunge. Fang langsam an, arbeite dich vor.“

„Verstanden.“ Jonas bemühte sich, Eriks Erklärung umzusetzen, küsste zunächst den eher unempfindlichen Schaft und arbeitete sich gemächlich zu der sensiblen Spitze vor.

„Das machst du sehr gut.“ Eriks Stimme hatte sich verändert, war weicher, genussvoll. Noch immer lag seine Hand an Jonas‘ Nacken, aber er machte keine Anstalten, dessen Bewegungen in irgendeiner Form zu steuern. „Ich wusste, dass du Talent hast“, gurrte er. „Deine Lektion für heute ist nicht, eine perfekte Leistung abzuliefern, sondern zu lernen, auf meine Reaktionen zu achten und herauszufinden, was mir gefällt.“

Jonas gab sein Bestes, probierte alle Varianten, die ihm in den Sinn kamen und von denen er glaubte, dass sie sich gut anfühlen mussten. Er achtete auf jedes Geräusch, das Erik von sich gab und sein Magen kribbelte selbst beim leisesten Stöhnen. Seine Hand wanderte zu seiner eigenen Erektion. Eine Bewegung, die Erik nicht entging.

„Habe ich dir erlaubt, dich anzufassen?“

Rasch verschränkte Jonas seine Arme wieder hinter seinem Rücken. „‘Tschuldigung.“

„Ausnahmsweise sehe ich darüber hinweg, aber so nachsichtig bin ich heute zum letzten Mal. Nimm ihn jetzt tiefer in den Mund.“

„Verstanden“, nuschelte Jonas.

„Und sieh mich dabei an.“

Jonas zwang sich, auch dieser Aufforderung zu folgen und hob scheu den Blick. Die Lust in Eriks Augen belohnte seinen Gehorsam.

Es entpuppte sich als verflucht schwierig, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen den Kopf vor und zurück zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Das Kitzeln in Jonas‘ Rachen war unangenehm und er schämte sich für die obszönen Schmatzgeräusche und den Speichel, der ihm über Lippen und Kinn lief. Immer wieder musste er innehalten, um nicht zu würgen.

„Stopp“, wies Erik ihn unvermittelt an. „Geh erst einmal nur so weit, wie du kannst. Wenn du würgen musst, ist es zu viel.“

„Verstanden.“ Jonas kämpfte gegen Tränen der Enttäuschung. Er schaffte es einfach nicht, Erik so zu befriedigen, wie er es wollte – so, wie Erik es verdient hatte. Eine Hand legte sich an seine Wange, strich gleich darauf zärtlich ein paar Haarsträhnen aus seiner verschwitzten Stirn.

„Du machst das sehr gut.“

Auch wenn Jonas Erik kein Wort glaubte, war es schön zu wissen, dass er ihn noch nicht aufgegeben zu haben schien. Eifrig setzte er seine Arbeit fort. Binnen kürzester Zeit verkrampfte sein Kiefer, aber er war fest entschlossen, zu beenden, was er das letzte Mal begonnen hatte.

Jonas wusste nicht, wie lange er versuchte, Erik Befriedigung zu schaffen, aber irgendwann schmerzte sein gesamter Körper. Seine Knie, sein Rücken, sein Rachen, jede Faser schrie ihn an, diese Tortur endlich zu beenden. Es war Eriks Reaktion, die ihn dazu animierte, weiterzumachen. Dessen anfänglich verhaltenes Stöhnen war zunehmend unregelmäßiger geworden und schon vor einer Weile in ein heiseres Keuchen übergegangen. Plötzlich hatte Erik sichtlich Mühe, stillzuhalten, seine Finger gruben sich beinahe schmerzhaft in Jonas‘ Nacken, sein Glied zuckte, schien noch größer und härter zu werden und Jonas bemühte sich verzweifelt, bis zum Ende durchzuhalten, während seine eigene Erektion nach Aufmerksamkeit schrie.

Schließlich war es vorbei, Erik zog sich aus seinem Mund zurück und warf das Kondom mit einer nachlässigen Handbewegung in den kleinen Mülleimer neben dem Nachttisch. Ein scheußlich belangloses Ende für so viel Mühe und Herzblut.

Physisch und psychisch entkräftet, sackte Jonas an Ort und Stelle in sich zusammen, lag still da und versuchte durch wiederholtes Schlucken den Kondomgeschmack von seiner Zunge zu bekommen. Er fühlte den dicken Stoff des Bademantels, der über ihn gebreitet wurde, schmiegte sich bereitwillig in die Arme, die ihn zu sich zogen, inhalierte Eriks Duft und Nähe.

„Wie fühlst du dich?“

„Gut.“ Sprechen schmerzte.

„War es zu viel für dich?“

Jonas schüttelte den Kopf. „Hätte abgebrochen.“

„Kann ich irgendwas für dich tun?“

„Hier liegen. Genießen.“

Der Anflug eines Lächelns. „Einverstanden.“

Jonas schloss die Augen, fühlte, wie sein verspannter Körper allmählich zur Ruhe kam, spielte das eben Geschehene wieder und wieder in seinem Kopf ab.

„Erik?“

„Hm?“

„Ich bin geil.“

Wieder dieses Beben, das Eriks Lachen begleitete. „Ist mir aufgefallen.“

„Und was tun wir jetzt dagegen?“

Erik beugte sich über Jonas, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Wir? Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, weshalb du heute hier bist?“

„Komm schon! Irgendwie muss ich doch auch auf meine Kosten kommen!“

Zärtlich strich Erik mit dem Daumen über Jonas‘ Lippen, doch sein Blick war streng. „Du ziehst deine Befriedigung aus meiner Befriedigung. Alles andere ist ein Bonus, für den du dankbar sein solltest.“

Jonas wollte protestieren, biss sich jedoch auf die Zunge. Keinesfalls würde er betteln!

Eriks Hände strichen über Jonas‘ Körper, seine Brust, seinen Bauch. Bei Letzterem zuckte Jonas zusammen.

„Ah, stimmt. Du bist kitzlig.“

„Nee, geil. Immer noch.“

„Nun ja“, Eriks Hände rutschten tiefer, „mal abgesehen von deinem kleinen Ausrutscher, warst du heute wirklich ausgesprochen brav. Ich denke, dafür kann ich dir eine kleine Belohnung zugestehen. Sofern du mich lieb darum bittest.“

„Bitte.“ So viel zu nicht Betteln.

„Ah, das geht enthusiastischer.“

„Bitte!“

Ein Lächeln wie das eines weißen Hais auf der Jagd. „Da kann ich ja wirklich kaum widerstehen.“ Erik zog Jonas den Bademantel von den Schultern, setzte sich auf seine Oberschenkel und drückte ihn mit seinem Gewicht tiefer in den weichen Teppich. „Sag es noch mal.“

Bitte!

Zärtlich streichelten Eriks Fingerspitzen über Jonas’ Erektion, brachten keine Erleichterung, sondern größere Qual. „Noch mal.“

„Bitte, Erik, bitte.“ Jonas‘ Körper brannte vor Verlangen, seine Lippen bewegten sich, obwohl sein Hirn längst jede Arbeit eingestellt hatte. „Oh, bitte, bitte, bitte!“

Eriks Hände, Eriks Berührungen, Eriks Lachen. Jonas‘ Finger krallten sich in den Teppich, zerrten an den Fasern. Sein Körper zuckte, bäumte sich auf, sein Atem stockte und für einen Augenblick wurde alles schwarz.

Nur langsam nahm die Welt wieder Konturen an und Blut erreichte Stellen, die lange unterversorgt gewesen waren. „Verfickte Scheiße war das geil.“ Jonas war sich nicht sicher, ob er laut gesprochen hatte, dass sein Hals kratzte, als hätte er eine Handvoll Nägel verputzt deutete allerdings darauf hin. Noch immer nicht völlig Herr seiner Sinne, blinzelte Jonas gegen das gedämpfte Licht, das ihm im Moment viel zu hell erschien und blickte an seinem Körper hinunter. „Shit, ich fürchte, dein Bademantel hat was abgekriegt.“

„Dafür habe ich eine Waschmaschine.“ Erik stand auf, holte ein kleines Handtuch aus einer der Nachttischschubladen und wischte damit vorsichtig über Jonas‘ verschwitzten Körper, ehe er sich wieder zu ihm auf den Boden legte. Jetzt, da seine Erregung fürs Erste abgeflaut war, konnte Jonas die Geborgenheit richtig genießen.

„Ich mag dein Tattoo. Interessanter Stil.“ Spielerisch fuhr Erik über das tiefrote Herz auf Jonas‘ Brust, das von wirren Linien und Tintenkleksen umgeben war. Wie die Skizze eines Comics, der sich nicht zwischen Expressionismus und Minimalismus entscheiden konnte.

„Meine Mutter is‘ ausgeflippt als sie’s gesehen hat.“

„Wirklich?“

„Klar. Wundert dich das?“

„Ehrlich gesagt, schon ein bisschen. Ich dachte, Tattoos wären inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vielleicht mal abgesehen von Arschgeweihen.“ Erik neigte den Kopf. „Welches ich, trotz ausführlicher Begutachtung, bei dir nicht entdecken konnte. Warum also die Aufregung?“

„Bayerisches Dorf und so. Da ticken die Uhren anders als hier in Berlin. Ich mein, wenn meine Eltern wüssten, was ich … Dass ich …“ Jonas brach ab, wollte nicht über dieses Thema sprechen. Stattdessen drehte er sich zu Erik. „Was ist mit dir? Hast du Tattoos?“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Erik kein einziges Kleidungsstück abgelegt hatte. Vermutlich gehörte das zum Spiel, aber Jonas musste zugeben, dass er zu gerne einen näheren Blick auf Eriks Körper geworfen hätte.

„Keine Tattoos. Ich mag sie an anderen, aber ich hätte keine Ahnung, was ich mir stechen lassen sollte. Außerdem …“ Zum ersten Mal an diesem Abend, klang Verlegenheit durch Eriks sonst so ruhige Stimme. „Ich habe es nicht so mit Nadeln.“

Überrascht von diesem Geständnis, stützte sich Jonas auf seinen Ellenbogen auf. „Mindestens zweimal hast du‘s aber überstanden.“ Neckisch knabberte er an dem Ohrläppchen mit den zwei kleinen Silbersteckern.

„Schon“, räumte Erik ein, „aber du hättest mich mal sehen sollen, als die Piercerin die Nadeln ausgepackt hat. Da wäre ich ihr beinahe zusammengeklappt.“ Anstatt Jonas von sich zu schieben als dieser hämisch kicherte, zog Erik ihn noch näher an sich.

Entspannt lagen sie halb auf, halb nebeneinander, im stillen Einverständnis, diesen Augenblick nicht länger durch unnötige Worte zu zerstören. Unglücklicherweise hatte Jonas‘ Magen andere Pläne. Ein in der Ruhe grauenhaft lautes Knurren tönte durch den Raum. Peinlich berührt drückte Jonas sein Gesicht mit einem leisen Stöhnen gegen Eriks Brust.

Erik reagierte gelassen wie immer. „Irgendetwas sagt mir, dass ich nicht der Einzige bin, der allmählich Lust aufs Abendessen bekommt.“

„Hätte nix dagegen“, gab Jonas zu.

„In Ordnung, ein Vorschlag: Ein Stück die Straße runter ist ein recht guter Italiener, der seine Pizzen auch zum Mitnehmen anbietet. Wir bestellen, drehen eine kleine Runde an der frischen Luft, nehmen auf dem Rückweg die Pizza mit und lassen den Abend hier ausklingen.“

„Klingt ziemlich gut.“ Widerwillig löste sich Jonas von Erik und setzte sich auf. An seiner von Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten überzogenen Haut klebten Teppichflusen, die er notdürftig mit den Fingern abzupfte.

„Du kannst davor übrigens gerne duschen“, bot Erik an. „Wo das Bad ist, weißt du ja.“

„Ich glaub, das mach ich.“ Jonas streckte die Hand nach Erik aus. „Kommst du mit?“

„Ich bin notorischer Kaltduscher“, antwortete dieser ohne Anstalten zu machen, ebenfalls aufzustehen. „Ohne mich hast du vermutlich mehr Spaß. Handtücher sind in dem kleinen Schränkchen unter der Spüle. Nimm dir einfach, was du brauchst.“

Ein wenig enttäuscht betrat Jonas das Bad, das so viel geräumiger als sein eigenes war. Neben einer Badewanne fand sich eine eigene Duschkabine darin, dazu zwei Schränkchen, sowie Waschmaschine und Trockner. Kein Vergleich zu der Abstellkammer, die er sein Eigen nennen durfte und nach deren Besuch er sich meist dreckiger fühlte als zuvor. Dennoch hätte er den Platz gerne mit Erik geteilt.

Das warme Wasser, das Jonas begrüßte, beendete jedoch rasch jede Grübelei. Nicht alle dreißig Sekunden von einem kalten Schwall getroffen zu werden, war ein Luxus, an den er sich schon beinahe nicht mehr erinnern konnte.

 

„Scheiße, die frische Luft tut echt gut!“ Jonas hielt seine Nase in den kühlen Herbstwind und sog den Duft der Großstadt tief in seine Lungen.

Die Pizza, die sie eben bestellt hatten, wurde vermutlich gerade frisch belegt und wartete darauf, in den heißen Steinofen geschoben zu werden. Bis dahin spazierten sie durch einen kleinen, nahegelegenen Park.

„Wohnst du eigentlich schon lange hier?“

„Hier in der Gegend oder allgemein in Berlin?“, hakte Erik nach.

„Du stammst gar nich‘ von hier?“

„Hört man das nicht?“

Jonas war gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass Erik nicht in Berlin geboren sein könnte, aber jetzt, da er darüber nachdachte, klang der schwache Dialekt, der sich manchmal in seine Sprache mischte sehr wenig nach Berliner Schnauze. „Dann beides. Seit wann bist du in Berlin und seit wann hier in der Gegend?“

„Ah, mal sehen. Hier in der Straße wohne ich erst seit ein paar Monaten, in Berlin schon etwas länger. Ich bin damals für mein Studium herzogen. Das dürften jetzt“, Eriks Finger zuckten, als er nachrechnete, „gute sieben Jahre sein.“

„Oh, wow.“ Der Gedanke, so lange in dieser fremden Stadt zu leben, überstieg Jonas‘ Vorstellungskraft.

„Du bist noch ganz frisch hier, richtig?“, lenkte Erik das Thema auf ihn.

Jonas nickte. „Seit Ende September. Für die Wohnung müssen wir aber schon seit August Miete bezahlen. War immer noch die beste Alternative, weil sie für die Gegend und Größe echt scheißbillig is‘. Wenn ich bloß mal gewusst hätte, wie die Nachbarn drauf sin‘. Und, was die Vermieterin für ‘ne blöde Schnepfe is‘. Stand zwei Tage nach meinem Einzug schon vor der Tür und ‚wollt mal nach dem Rechten sehen‘. Hat das seitdem jede Woche wiederholt. Hab ihr dann neulich angeboten, dass sie ja einfach gleich ‘ne Überwachungskamera installieren könnte, falls ich mal in der Uni sein sollte, wenn sie vorbeikommt. Jetzt herrscht erst mal Ruhe.“

Erik lachte. An einer kleinen Abzweigung bedeutete er Jonas, nach rechts zu gehen. „Ich habe dich nie gefragt, was du studierst.“

„Hatten ja bisher eher andere Themen, ne?“ Jonas grinste verlegen. „Visuelle Kommunikation. Und ja, ich hab ‘nen Führerschein, damit ich dann Taxifahren kann.“

Aber Erik machte keine Witze über Jonas‘ Jobaussichten nach dem Abschluss, was ihn zu einer seltenen Spezies machte. Stattdessen fragte er: „Gefällt es dir bis jetzt?“

„Voll! Das sagt aber wahrscheinlich jeder Student im ersten Semester.“

„Mir war immer klar, dass BWL nicht mein Traumstudium ist.“

Bildete sich Jonas das ein, oder hörte er eine gewisse Bitterkeit in Eriks Stimme? „Warum hast du’s dann studiert?“

„Weil mir nichts Besseres eingefallen ist.“ Erik zuckte mit den Schultern. „Im Grunde kann ich mich auch nicht beschweren. Andernfalls hätte ich meinen heutigen Job nicht. Ursprünglich habe ich tatsächlich ganz schlicht hinter der Bar angefangen, aber weil ich gut mit der Besitzerin ausgekommen bin und einer der wenigen war, die längerfristig dort gearbeitet haben, habe ich mit der Zeit zusätzliche Aufgaben übernommen. Die Stelle, die ich jetzt habe, war mehr oder weniger ein Geschenk der Besitzerin zu meinem Abschluss.“

„Wann hast du den eigentlich gemacht?“ Jonas wollte die Gelegenheit, Erik einmal so auskunftsfreudig zu erleben nicht verstreichen lassen.

„Den Bachelor vor einem halben Jahr, so ungefähr. Im Moment mache ich nebenbei meinen Master, allerdings in Teilzeit.“

„Echt jetzt? Trotz Job und obwohl du BWL scheiße findest?“, fragte Jonas verständnislos.

„Es ist nicht mein Traumstudium“, gab Erik zu. „Aber die Arbeit im Tix ist auch nicht mein Traumjob und mit einer guten Masterspezialisierung sucht es sich leichter nach etwas Neuem. Ich meine, die Bezahlung ist wirklich fair und die Leute sind supernett, aber die Arbeitszeiten sind … sagen wir mal ‚verbesserungswürdig‘.“

„Man arbeitet, wenn andere frei haben.“

„Stimmt, du hattest ja erzählt, dass deinen Eltern eine Gaststätte gehört. Dann kennst du das sicher selbst.“

„Nur den Teil mit der fairen Bezahlung haben meine Eltern übersprungen“, murrte Jonas, dem inzwischen eine ganz andere Frage im Kopf rumspukte. „Erik …“

„Hm?“

„Wie alt bist du eigentlich?“

„Im Januar werde ich siebenundzwanzig.“

„Oh.“ Damit war Erik gute sechseinhalb Jahre älter als Jonas. Er musste ihn für ein halbes Kind halten.

„Stört dich der Altersunterschied?“

Rasch schüttelte Jonas den Kopf und überlegte fieberhaft, wie er das Thema wechseln konnte. Ihr Weg führte sie an einem kleinen, verlassenen Spielplatz vorbei. Jonas deutete darauf. „Bock auf Schaukeln?“

„Bist du wirklich volljährig, oder habe ich mich vorhin strafbar gemacht?“, fragte Erik schmunzelnd.

Bevor sich Jonas darüber ärgern konnte, dass er seinen Plan, den Altersunterschied nicht weiter zu thematisieren erfolgreich vergeigt hatte, steuerte Erik die vier großen Reifenschaukeln an. „Soll ich dich anschubsen?“

„Kann ich selbst!“ Jonas streckte ihm die Zunge raus und kletterte auf einen der Reifen. „Uff, das war als Kind irgendwie einfacher.“ Er warf einen Blick auf Erik und brach in einen Lachanfall aus, der ihn beinahe rückwärts von der Schaukel befördert hätte.

Erik hatte es zwar geschafft, sich irgendwie auf den gegenüberliegenden Reifen zu zwängen, aber in Wollmantel, Anzughose und mit der Größe einer kleinen Giraffe, war es praktisch unmöglich für ihn, nicht deplatziert zu wirken. „Ich fühle mich gerade nicht ganz ernstgenommen“, tadelte er amüsiert.

„Liegt daran, dass ich dich grad nich‘ ernst nehme!“

„Dann muss ich wohl dafür sorgen, dass du das in Zukunft tust.“

Jonas‘ Herzschlag beschleunigte, als Erik ihm bei diesen Worten verschmitzt zuzwinkerte.

Erschreckend ungelenk, aber mit der Freude kleiner Kinder, stießen sie ihre Schaukeln an und schwangen sich hoch in die Lüfte. Der kalte Wind biss in Jonas‘ Ohren und Finger, Sauerstoff füllte seine Lungen. Für einen herrlichen Moment ließ er all seine Zweifel und Ängste auf dem Boden zurück.

„Drehen wir um?“, schlug Erik nach ein paar Minuten vor. „Die Pizza sollte fertig sein und ich fürchte, mit jeder Sekunde, die ich auf diesem Ding sitzen bleibe, steigt das Risiko mir alle Knochen zu brechen signifikant.“

Jonas pustete warme Luft auf seine steifen Finger. „Okay.“

Einen Großteil des Rückwegs bewältigten Erik und Jonas schweigend, nicht, weil sie sich nichts zu sagen gehabt hätten, sondern weil sich die Stille gut anfühlte, nachdem in den vergangenen Stunden ein Sturm an Eindrücken über sie hinweggetost war.

Die Pizzeria war wunderbar warm und der Duft nach geschmolzenem Käse und Tomatensoße umwirbelte Jonas‘ vom Hunger geschärfte Nase.

„Zweimal Pizza Medium, macht genau zwölf Euro.“ Die Bedienung reichte ihnen die beiden Kartons und bevor Jonas eine Chance hatte, seinen Geldbeutel hervorzukramen, hatte Erik ihr bereits zwei Scheine zugesteckt.

„Ich geb dir das Geld dann oben“, bot Jonas an, aber Erik winkte ab.

„Quatsch, die Pizza geht auf mich. Du bist immerhin durch die halbe Stadt gefahren, um hierher zu kommen, da kann ich das Abendessen übernehmen.“

Ein wenig verlegen, nickte Jonas. „Danke. Is‘ echt nett von dir.“ Noch bevor er sich entschieden hatte, ob es sich bei diesem Italiener um jenen handelte, den er so verzweifelt gesucht hatte, bevor er vor Eriks Haustür gelandet war, waren sie bereits zurück.

„Endlich wieder im Warmen“, seufzte Erik, nachdem er seine Wohnungstür aufgeschlossen hatte.

Das war doch noch keine Kälte“, stichelte Jonas. „Schon mal beim Snowboarden in ‘ne Schneewehe gekracht? Das verfluchte Zeug kommt echt in jede beschissene Ritze!“

„Deshalb halte ich mich von Bergen fern. Jedenfalls, solange dort Schnee liegt.“

„Laaangweilig!“ Jonas ließ sich auf den Küchenstuhl fallen, auf dem er auch beim letzten Mal gesessen hatte und klappte seinen Pizzakarton auf. Allmählich fühlte er sich fast heimisch. „Bist du eigentlich Vegetarier?“

„Wie kommst du darauf?“ Erik stellte zwei Dosen Cola auf den Tisch und setzte sich auf den Platz gegenüber Jonas.

Der zuckte mit den Schultern. „Du hast ‘ne Margherita bestellt und beim Frühstück neulich stand hier alles Mögliche rum, aber jetzt, wo ich drüber nachdenk, war nix in Richtung Fleisch dabei.“ Jonas biss ein Stück seiner Pizza ab, der Käse zog lange Fäden. „Fuck, die is‘ echt gut.“

„Habe ich doch gesagt.“

„Also bist du’s?“

„Vegetarier? Ja.“

„Aber es stört dich nich‘, wenn ich Fleisch esse?“, fragte Jonas nach einem Blick auf die über seine Pizza verteilten Salamischeiben.

„Nein.“

„Und wenn ich dich danach küsse?“

„Sofern du dabei nicht versuchst, mir vorgekaute Fleischmasse in den Hals zu stopfen, habe ich damit kein Problem.“

Jonas grinste. „Dich nich‘ wie ‘ne Vogelmutti füttern. Is‘ abgespeichert.“

Erik antwortete nicht, sondern starrte gedankenverloren auf das Pizzastück in seiner Hand.

„Was is‘?“, fragte Jonas misstrauisch.

„Ah, nichts, nichts.“

„Schon klar. Und jetzt noch mal die Wahrheit.“

Erik lächelte verlegen. „Ich habe mich nur gerade gefragt, wie lange zwischen dir und deiner Ex-Freundin schon Schluss ist. Und ob es eine dezente oder wenigstens charmante Möglichkeit gibt, danach zu fragen.“

„Und?“

„War das dezent oder charmant?“

„Nee, kann man so jetzt nich‘ grad behaupten.“

„Dann wohl nicht.“

Jetzt war es an Jonas, verlegen zu lächeln. „Ein paar Monate sin‘ wir jetzt auseinander.“ Je länger er diese Lüge aufrechterhielt, umso leichter ging sie ihm über die Lippen. „Sie is‘ fürs Studium nach München gezogen, ich hierher und auf ‘ne Fernbeziehung hatten wir beide keinen Bock.“ Tatsächlich waren Maria und er einfach froh gewesen, endlich einen Ausweg aus dieser Farce gefunden zu haben.

„Mhm, Fernbeziehungen können schwierig sein.“ Einen Augenblick lang wirkte es, als wollte Erik noch mehr sagen, aber schließlich biss er lediglich von seiner Pizza ab.

„Jaah … Jedenfalls sind wir noch Freunde. Ziemlich gute sogar.“ Wenigstens das entsprach der Wahrheit.

„Gut, dass ihr euch das erhalten konntet.“

„Niemand kennt mich besser als Maria“, gab Jonas zu. Instinktiv warf er einen Blick auf sein Handy. Noch immer keine Nachricht von ihr. „Aber ihr Studium is‘ echt anspruchsvoll und sie hat kaum Freizeit.“

„Wie lange wart ihr zusammen? Ah, entschuldige, wenn ich zu persönlich werde. Du musst natürlich nicht antworten.“

„Nee, schon gut.“ Jonas neigte den Kopf. Überlegte, wann all das angefangen hatte. „Vier Jahre.“

„Ah, ziemlich lang.“

„Jaah …“

Erik zeigte ein schmales Lächeln. „In Ordnung, ich glaube, ich habe dich genug ausgehorcht. Entschuldige, falls ich dir zur nahe getreten bin … oder erfolgreich Salz in die Wunde gerieben habe.“

„Nee, is‘ schon okay“, versicherte Jonas und fluchte innerlich darüber, Erik mit seiner Lügengeschichte ein schlechtes Gewissen eingeredet zu haben. „Es is‘ … kompliziert.“

„Mhm.“ Erik schien dennoch entschieden zu haben, das Thema fallenzulassen und ein weiteres Mal breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus.

Jonas brauchte für das letzte Viertel Pizza länger als für die drei davor. Nicht nur, weil er allmählich satt war, sondern weil er wusste, dass jeder Bissen das Ende des Abends näherbrachte. Leise seufzend stopfte er sich den knusprigen Rand in den Mund. Er konnte es ja doch nicht ewig heraus zögern. „Ich sollte dann wohl langsam gehen.“

„Ist es doch schon so spät?“ Erik warf einen Blick auf die Küchenuhr über der Tür. „Ah, tatsächlich. Ich vergesse immer, dass mein Tagesrhythmus nicht dem der meisten Leute entspricht.“

„Meiner eigentlich auch nich‘“, gab Jonas zu. „Aber mein erstes Seminar geht schon um acht los. Also sollte ich wohl …“

„Schon klar.“ Erik stand auf und begleitete ihn zur Tür.

„Also dann …“, murmelte Jonas verlegen, die Klinke in der Hand.

„Komm gut nach Hause.“

„Ja, du au– äh, ich mein … Bye.“

„Jonas?“

„Ja?“

„Ich würde das sehr gerne nächste Woche wiederholen. Hast du Lust?“

„Ja!“

Plötzlich stand Erik ganz nah vor ihm, drängte Jonas mit dem Rücken gegen die Tür, die Hände an seinen Hüften, den Mund an seinem Ohr. „Dann habe ich eine weitere Aufgabe für dich.“

„W-Was für eine?“

„Ich habe heute sehr viel Rücksicht genommen.“ Eriks Daumen legte sich auf Jonas‘ Lippen, zwang sie auseinander. „Nächste Woche werde ich mehr fordern. Du solltest also ein wenig üben.“

Jonas nuschelte zustimmend, hob dann jedoch den Kopf und sah Erik direkt in die Augen. „Und wenn ich jemand anderen zum ‚Üben‘ benutze?“

Eriks Mine blieb unverändert, sein Lächeln undurchdringlich. „Deshalb verwenden wir Kondome, nicht wahr?“ Er löste sich von Jonas, öffnete die Tür und schob ihn nach draußen. „Wir sehen uns nächste Woche.“ Mit diesen Worten schlug er die Tür zu.

 

Und wenn ich jemand anderen zum Üben benutze? Jonas stöhnte in sein Kissen. Wieso hatte er das gesagt? Das hatte nicht im Geringsten geholfen, sich Erik gegenüber weniger unterlegen zu fühlen, stattdessen fürchtete er nun, es sich endgültig mit ihm verscherzt zu haben.

Jonas‘ Selbstmitleid wurde vom Piepen seines Handys unterbrochen. Eine Nachricht von Erik. Er musste sich zwingen, sie zu lesen.

 

Erik, 22:01 Uhr

Hey ;)

Bist du gut nach Hause gekommen?

 

Du, 22:02 Uhr

japp

 

Du, 22:02 Uhr

hab meinen bus genau erwischt

 

Erik, 22:03 Uhr

Schön zu lesen :)

Ich wollte dir noch eine gute Nacht wünschen und noch mal sagen, dass ich den Abend mit dir wirklich sehr genossen habe.

 

Jonas lächelte. Das klang nicht kühl oder verärgert. Vielleicht hatte er es, entgegen seiner Befürchtungen, doch nicht verbockt.

 

Du, 22:03 Uhr

ich fand den abend auch klasse!

 

Du, 22:04 Uhr

und freu mich auf ne wiederholung!

 

Du, 22:04 Uhr

träum von mir ;)

 

Jonas legte das Handy weg und kuschelte sich in sein schmales, leeres Bett.

 

Was zuletzt geschah:

Nach einem verpatzten One-Night-Stand, einem mehr oder minder versehentlichen Spontanbesuch und zwei klärenden Gesprächen, können Jonas und Erik endlich einen Abend miteinander verbringen, der beiden in positiver Erinnerung bleiben wird. Obwohl die gemeinsamen Stunden viele aufregende Erfahrungen bereithalten, kratzen diese gerade mal an der Oberfläche Jonas‘ über lange Jahre verborgener Bedürfnisse. Eine Wiederholung ist erwünscht und geplant.

 

Kapitel 7

Du, gestern 17:38 Uhr

alles okay bei dir? meld dich mal, ich mach mir langsam sorgen

 

Maria, 12:21 Uhr

Mir geht’s blendend. Nur gerade stressig. Ich rufe dich heute Abend an.

 

Unzufrieden starrte Jonas auf sein Handy. Der ‚Abend‘, von dem Maria in ihrer Nachricht gesprochen hatte zog mit schnellen Schritten vorüber und bisher hatte er keinen Pieps von ihr gehört. Er seufzte und wählte stattdessen die Nummer seiner Eltern.

„Bei Staginsky.“

Es tat gut, eine vertraute Stimme zu hören. „Hi, Mama, ich bin’s.“

„Jonas, Spatz! Das ist ja schön, dass du anrufst. Wir hatten uns schon gefragt, was los ist, weil wir gestern gar nichts von dir gehört haben.“

„Sorry, ich wollt nich‘, dass ihr euch Sorgen macht. War nur beschäftigt.“ Mit Eriks Schwanz in meinem Mund, ergänzte er stillschweigend und mit schlechtem Gewissen.

„Ist ja auch kein Problem“, versicherte seine Mutter. „Wir wissen ja, dass du viel zu tun hast und Berlin ist sicher aufregender als unser Dörfchen. Hauptsache, du vergisst uns nicht völlig.“

„Werd ich nich‘. Versprochen.“

„Das weiß ich doch, Spatz.“ Klang ihr Lachen unnatürlich? „Was hast du denn am Wochenende getrieben, wenn du sogar zu beschäftigt warst, hier anzurufen?“

„Oh, ähm … Ich hab nur …“ Ich hab nur mit ‘nem Kerl rumgemacht, von dem ich nich‘ viel mehr als seinen Namen weiß und mich hinterher zu sehr dafür geschämt, um mit euch zu sprechen. „Ich hab mich nur mit ein paar Leuten getroffen. Nix Aufregendes.“ Das war sicher nicht die erste Lüge, die Jonas seiner Mutter auftischte, aber selten hatte er sich dabei so schuldig gefühlt.

„Hast du denn schnell neue Freunde gefunden?“

„Jaah, naja, schon. Is‘ halt alles noch recht neu und nich‘ so eng wie zwischen mir und–“

„–Clemens“, ergänzte seine Mutter. Maria hatte Jonas eigentlich sagen wollen. „Wie geht’s dem denn?“, fragte sie. „Ihr habt doch noch Kontakt, oder?“

„Ähm, nee. Nich‘ wirklich“, antwortete Jonas ausweichend. „Haben uns die letzten Jahre ja eigentlich nur noch beim Fußball und in der Schule gesehen.“ Und nicht einmal dann, wenn es nach Jonas gegangen wäre.

„Seine Eltern haben erzählt, dass er jetzt in München studiert“, fuhr seine Mutter ungerührt fort, anscheinend taub für den Widerwillen in der Stimme ihres Sohnes.

„Jaah, das weiß ich dann doch.“ Jonas hoffte, das Thema schnell zum Abschluss bringen zu können. „Aber keine Ahnung, was genau.“

„Sie hatten ja auch bis zum Schluss gehofft, dass er es sich noch einmal anders überlegt und den Hof übernimmt, aber das wird wohl nicht passieren. Ist schon tragisch, wenn die eigenen Kinder das Familienunternehmen nicht weiterführen wollen. Alles, was man sich über Jahrzehnte, im Fall der Grubers ja sogar Jahrhunderte aufgebaut hat …“

„Mama …“, murmelte Jonas, der genau wusste, wohin die Reise ging.

„Papa und ich können ja zumindest noch auf Christine oder Vroni hoffen. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn wir das Apfelbäumchen …“

„Mama!“, unterbrach Jonas dieses Mal bestimmter. „Ihr werdet das Apfelbäumchen schon nich‘ aufgeben müssen. Wir … Wir finden dann schon eine Lösung.“

„Ach, der Optimismus der Jugend.“

„Können wir diese Diskussion verschieben, bis ich wenigstens mein erstes Studienjahr hinter mir hab?“ Jonas wusste, dass ihm dieser Wunsch nicht erfüllt werden würde, aber er wollte es zumindest versucht haben.

„Aber ja, Spatz. Du hast ja recht. Lass dir von unseren Ängsten mal nicht die eigene Zukunft versauen.“

Jonas rollte mit den Augen. „Ich muss langsam schlussmachen und mich noch für den Kurs morgen vorbereiten. Meld mich dann nächsten Montag, am Sonntag schaff ich’s wahrscheinlich wieder nich‘. Mach’s gut und grüß den Rest von mir.“

„Bis nächste Woche, Spatz.“ Seine Mutter ließ sich nicht anmerken, ob ihr bewusst war, dass er sie eben ziemlich abgewürgt hatte.

Stöhnend lehnte sich Jonas in seinem Stuhl zurück und starrte aus dem Fenster. Eigentlich hatte er gehofft, dass ihn das Telefonat mit seinen Eltern aufbauen würde, aber jetzt fühlte er sich nicht nur allein, sondern auch noch schuldig. Er tippte eine Nachricht in den Gruppenchat, den er mit Larissa, Esther und Kemal gegründet hatte.

 

Du, 19:57 Uhr

hey! bock, die woche mal zu mir zu kommen? netflix, pizza und bier oder so?

 

Wenigstens antworteten die drei schnell, allerdings nicht unbedingt zu Jonas‘ Zufriedenheit. Esther und Kemal entschuldigten sich beide dafür, diese Woche zu viel zu tun zu haben und vertrösteten ihn auf ein andermal, Larissa kam gerne vorbei, aber nur, wenn sie stattdessen durch die Clubs ziehen würden. So gerne Jonas auch ausging, viel lieber hätte er eine gemütliche Zeit mit den dreien verbracht und sie ein wenig besser kennengelernt.

Resigniert nahm Jonas sein Notebook vom Schreibtisch und machte es sich auf seinem Bett bequem. Er öffnete einige der Websites, die hauptverantwortlich dafür waren, dass er einen guten Virenschutz benötigte, schloss sie jedoch rasch wieder. Die kleine Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm einzureden versuchte, dass seine Vorliebe für Männer falsch und widernatürlich – eine Sünde! – sei, hatte ihre Arbeit wiederaufgenommen. Mit Marias Hilfe hatte er sie in den vergangenen vier Jahren erbittert bekämpft, bis er geglaubt hatte, sie sei endlich verstummt, doch seine Begegnung mit Erik und das brennende Verlangen, das dieser in ihm weckte, schien sie erneut aufgerüttelt zu haben.

Am Ende verbrachte Jonas diesen und die folgenden Abende damit, sich mit Katzenvideos abzulenken. So viele Katzenvideos.

 

Energisch schüttelte Jonas den Kopf, als könnte er dadurch seine Zweifel loswerden. Höchste Zeit, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Es war Sonntagabend, die Vöglein … okay, das sangen keine Vöglein, aber immerhin war das Wetter für Anfang November noch recht mild, was gut war, da er seit fünf Minuten vor Eriks Haustür stand, ohne es über sich zu bringen, die Klingel zu drücken. Jonas sehnte sich danach, von ihm berührt und geküsst zu werden, so sehr, dass er fürchtete, andere könnten ihm dieses Verlangen ansehen. Vielleicht sollte er die ganze Sache einfach beenden.

Allerdings war das Bild, was aus ihm werden würde, wenn er nicht lernte, zu dieser Seite seiner selbst zu stehen erschreckend klar und nicht besonders hübsch anzusehen. Er würde seine Homosexualität verleugnen, allein bleiben oder sich eine Frau suchen, der es nichts ausmachte, niemals mit echter Leidenschaft von ihm berührt zu werden. Möglicherweise würden sie sogar heiraten und – wenn Jonas nur fest genug die Augen schloss und an jemand anderen dachte – Kinder zeugen. Vielleicht würde er bei dieser Gelegenheit auch noch seine anderen Träume aufgeben, zurück in sein Dorf ziehen und die Gaststätte seiner Eltern übernehmen. War es das, was er wollte?

Jäh wurde seine Grübelei von der Haustür beendet, vor der er herumgelungert war, als sich diese schwungvoll öffnete. Eine alte Frau mit Stock und krummem Rücken blickte Jonas, der gerade noch einen Schritt zur Seite hatte gehen können um nicht getroffen zu werden, sichtlich erschrocken an. „Willste hier rin?“

Jonas nickte und griff rasch nach der Tür, die die alte Dame für ihn aufhielt. „Danke.“

Mit hochrotem Kopf eilte er die Stufen nach oben und fragte sich, welchen Eindruck er gerade hinterlassen haben musste. Gleich darauf schalt er sich selbst für seine Paranoia. Woher sollte diese Frau denn wissen, dass es Erik war, den er besuchte? Und selbst wenn sie es wüsste, konnten sie ja auch einfach nur Freunde sein. Ein Mann, der sich mit einem anderen Mann traf, um rein freundschaftliche Dinge zu tun, die nichts damit zu tun hatten, nackte Körperteile aneinander zu reiben. Es gab nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass sie ihm an der Nase angesehen hatte, was sein eigentliches Ziel war.

Bis Jonas den dritten Stock erreicht hatte, waren seine Finger so schweißnass, dass sie beinahe von der Klingel abgerutscht wären. Die Sekunden, die Erik brauchte, um die Tür zu öffnen, schienen endlos.

„Ah, du bist ja schon oben.“ Eriks überraschtes Lächeln verlangsamte Jonas‘ Herzschlag und wischte jeden Gedanken an die Nachbarin nachhaltig fort. „Schön, dich wiederzusehen. Komm rein.“

Jonas schaffte es gerade so über die Schwelle, bevor er den ersten Hauch dieses warmen, erdigen Dufts einatmete, sein Hirn aussetzte und er sich in Eriks Arme warf. Gemeinsam stolperten sie durch den Gang, die Körper aneinandergepresst, die Lippen untrennbar verbunden. Erik stieß gegen die Kante seiner Kommode, ächzte leise, aber Jonas ließ ihm keine Gelegenheit, sich zu beschweren. An Hemd und Gürtel zerrend, bugsierte er ihn ins Schlafzimmer.

Dort übernahm Erik die Führung. Mit einem kräftigen Schubs beförderte er Jonas aufs Bett, packte seine Handgelenke und drückte sie in die weiche Matratze. „Nette Begrüßung.“

Jonas grinste. „Dachte ich mir auch.“ Er rieb sein Becken gegen Erik, fühlte, wie dieser darauf reagierte.

„Du bist immer so ungeduldig.“

„Gib schon zu, dass dir das gef–!“

Erik erstickte Jonas‘ Erwiderung mit einem Kuss, zog sich dann jedoch zurück, stand auf und richtete seine Kleidung. Jonas‘ enttäuschtes Murren quittierte er mit einem amüsierten Lächeln. „Nur nichts überstürzen, wir haben heute noch viel vor.“

„Und was?“

„Zieh dich erst mal aus.“

Dieses Mal zögerte Jonas nicht. Rasch zog er seinen Kapuzenpulli über den Kopf, schlüpfte aus Schuhen, Jeans und Unterwäsche. Ohne auf Eriks Aufforderung zu warten, sank er auf die Knie und verschränkte seine Hände hinter dem Rücken.

Erik schmunzelte. „Das machst du sehr brav, aber auch das sparen wir uns für später. Komm wieder aufs Bett.“ Er wartete, bis sich Jonas gesetzt hatte. „Leg dich auf den Bauch und mach es dir bequem.“

„Warum hab ich das Gefühl, dass das ‘ne Falle ist?“

„Ah, du redest nur, wenn ich dich ausdrücklich dazu auffordere. Dieses Mal lasse ich dir das noch durchgehen, weil ich es zuvor nicht klargestellt hatte, aber ab jetzt bist du vorgewarnt.“

Jonas nickte nur, streckte sich nach einer weiteren auffordernden Handbewegung von Erik auf dem Bett aus und stützte den Kopf auf den Armen ab. Das Satinlaken unter seinem Bauch war glatt und kühl, auf dem kleinen Nachttisch neben ihm flackerte eine Kerze, deren fruchtiger Duft sich mit Eriks erdigem Aftershave vermischte.

Fingerspitzen strichen über Jonas‘ Rücken, erkundeten die weiche Haut, die angespannte Muskulatur, die kleinen Erhebungen der Wirbelsäule. „Entspann dich.“

Doch Jonas reckte lieber argwöhnisch den Hals und beobachtete Erik, der sich neben ihn auf die Bettkante gesetzt hatte. Als er eine Kerze vom Tisch nahm und Jonas begriff, was er damit plante, rückte er automatisch ein Stück ab.

Dominanz war die eine Sache – Jonas hatte manchmal Schwierigkeiten, sein Verlangen danach zu akzeptieren, war sich jedoch bewusst, dass sie einen entscheidenden Teil seiner sexuellen Fantasien ausmachte – Schmerzen dagegen waren in der Tabuliste, die er Erik geschickt hatte unter ‚vielleicht‘ gelandet. Aufregend war die Vorstellung von heißem Wachs, das auf seinen schutzlosen Körper herabregnete ja schon, aber …

Unruhig drückte sich Jonas tiefer in die Kissen. Sollte er abbrechen? Er hätte es nicht für möglich gehalten, aber sein Herz raste noch heftiger als das letzte Mal. Das Wachs würde ihn kaum ernsthaft verletzen; dieses Risiko würde Erik niemals eingehen. Schlimmstenfalls war es also zu schmerzhaft und dann konnten sie immer noch aufhören. Jonas entschied, Erik zu vertrauen und schloss die Augen.

Als hätte Erik auf dieses stumme Signal gewartet, wurde die Haut zwischen Jonas‘ Schulterblättern nur Sekundenbruchteile später von den ersten Tropfen überzogen.

„Fuck!“ Das Wachs war heiß, verflucht heiß, aber kaum hatte sein Körper den Schmerz registriert, flaute er bereits ab. Erik gewährte Jonas einen tiefen Atemzug, dann kippte er die Kerze erneut, dieses Mal ein Stück tiefer und wieder fühlte Jonas die Hitze, die sich in seine Haut brannte, die Erleichterung, als der Schmerz nachließ.

Die Kerze kippte, das Wachs tropfte. Schmerz. Entspannung. Schmerz. Entspannung. Beide Empfindungen umhüllten Jonas, fluteten sein Blut mit Endorphinen. Bald war sein Kopf leer, er war nur noch Körper, nur noch Gefühl.

Plötzlich war da Stille. Keine heiße Flüssigkeit, die seine Haut benetzte, kein leises Knarren des Bettgestells, wenn sich Erik neu positionierte. Nur das sanfte Nachglühen überreizter Nerven. „Ich denke, das reicht erst mal.“

Jonas blinzelte, drehte den Kopf ein wenig, um Erik anzusehen und wartete auf die Umarmung, die sicher kommen würde. Aber Erik hatte andere Pläne. Sein Gewicht drückte auf Jonas‘ Oberschenkel, seine Hände glitten über dessen Rücken. Wann hatte er Öl darauf geträufelt? Egal, es fühlte sich gut an. Jonas‘ Haut war an den Stellen, die vom heißen Wachs getroffen worden waren außergewöhnlich empfindlich und die sanften Berührungen prickelten wie Kohlensäure auf ausgetrockneten Lippen.

Geduldig lockerte Erik all die Verspannungen, die sich Jonas in den vergangenen Monaten erarbeitet hatte. Zunächst an Schulter und Rücken, mal sanft, mal so kraftvoll, dass es beinahe schmerzte. Dann waren seine Oberschenkel an der Reihe. Lange gleichmäßige Streichbewegungen, die etwas Hypnotisches an sich hatten. Gemächlich arbeitete sich Erik von dort zurück nach oben und instinktiv drängte sich Jonas gegen die Hände, die seinen Hintern massierten, forderte sie auf, weiterzugehen. Entspannung verwandelte sich in Erregung.

Erik lachte leise. „So ungeduldig.“ Wie zur Strafe, widmete er sich der sensiblen Haut über Jonas‘ Steißbein, den beiden Grübchen zu dessen Seiten, streichelte und massierte, bis Schweiß auf Jonas‘ Stirn stand und seine Erektion von der Matratze gegen seinen Bauch gepresst wurde.

Jonas öffnete den Mund, hauchte atemlos: „Bitte.“

Einige quälende Sekunden passierte gar nichts, dann rutschten Eriks Finger zwischen Jonas‘ Pobacken, strichen wie zufällig über seinen Anus, zogen sich zurück, kehrten wieder, blieben dort. Im ersten Moment verkrampfte Jonas, aber als Erik keine Anstalten machte, in ihn einzudringen, begann er, sich auf die ungewohnte Berührung einzulassen. Ein verhaltenes Stöhnen entkam seinen Lippen. Das war gar nicht so übel. Eigentlich sogar ziemlich gut.

Eriks Berührungen blieben zart und oberflächlich, bis sich Jonas‘ Atem beschleunigt hatte und er sein kehliges Stöhnen nicht mehr unterdrücken konnte. Erst dann übte Erik sanften Druck aus, spielerisch, ohne die Intention, weiter zu gehen als Jonas‘ Körper zuließ. Jonas keuchte in das Kissen, das er fest umklammert hielt und schob eine Hand unter sich, um seine Erektion in eine ein wenig angenehmere Position zu rücken.

Sofort zog Erik seine Hände zurück. „Habe ich dir erlaubt, dich anzufassen?“

„Nein“, wimmerte Jonas kläglich, reckte verlangend sein Becken in die Luft.

„Willst du lieber allein weitermachen?“

„Nein! Bitte nich‘! B–“

„Genug“, unterbrach Erik Jonas‘ Flehen kühl. „Du kannst mir später zeigen, wie leid es dir tut.“

Ergeben fügte sich Jonas diesem Urteil, hätte beinahe freudig gejauchzt, als Eriks Fingerspitzen endlich wieder über seine Haut streiften. „Mal sehen, ob du so viel Nachsicht verdient hast.“

Quälend langsam brachten Eriks Berührungen Jonas in diesen Zustand der absoluten Erregung zurück. Spielten mit ihm, reizten ihn, tasteten sich vor. Jonas fühlte Eriks öligen Finger an seinem Anus, fühlte, wie der zurückhaltende Druck bestimmter wurde, fühlte, wie er sich ihm öffnete. „Fuck …“

Da war kein Schmerz, nur eine völlig neue Empfindung, die Jonas nicht zuordnen konnte. Aufregend, zu viel und zu wenig auf einmal, etwas, das er wollte und zeitgleich fürchtete. Dann setzte die Scham ein. Was tat er hier? Wie musste er gerade für Erik aussehen? Verschwitzt, gerötet, hilflos wimmernd, weil ein Finger in einer Körperöffnung steckte, in der eigentlich nichts stecken sollte. Und was, wenn er nicht völlig sauber war?

Sanfte Küsse auf seinem Rücken durchbrachen die Gedankenspirale. „Du machst das sehr gut“, raunte Erik, strich mit seiner freien Hand über Jonas‘ zitternden Körper, schenkte ihm Halt und Sicherheit. Mit einem wohligen Seufzer gab Jonas die Verantwortung ab. Das hier und alles, was an diesem Abend noch passieren würde, war nicht seine Entscheidung, sondern Eriks.

„Streck deinen Hintern hoch“, forderte dieser.

Jonas hörte ihm kaum zu und reagierte erst, als der Griff um seine Hüfte fester wurde, sie nach oben zog. Wacklig setzte Jonas seine Knie auf und stützte sich mit den Ellenbogen ab. Eriks Hand löste sich von seiner Hüfte, wanderte höher, bis sie zwischen Jonas‘ Schulterblättern stoppte und seinen Oberkörper zurück auf die Matratze presste. „Nur die Hüfte. So ist’s gut.“ Die Hand verschwand von Jonas‘ Rücken, nur, um sich wenige Augenblicke später um seine Erektion zu legen. Der Finger in ihm krümmte sich ein wenig und es war, als würde ein Blitz durch Jonas‘ Körper schießen. „Oh, fuck!“

„Ah, da habe ich wohl die richtige Stelle gefunden.“

War das Gefühl des Fingers in ihm zuvor schon schwer zu beschreiben gewesen, wurde es jetzt unmöglich. Da war Druck auf seiner Blase, dazu ein eigentümliches Kitzeln, fremdartig und prickelnd, das seine gesamte Lendenregion umzog.

„Atmen, Kleiner, atmen“, wies Erik gewohnt ruhig an. „Weißt du, wogegen ich da gerade drücke?“

Verlegen biss sich Jonas auf die Unterlippe. „P-Prostata“, nuschelte er in sein Kissen.

„Mhm, sehr gut. Schon mal an dir selbst ausprobiert?“

Jonas schüttelte den Kopf, bevor er ein klägliches ‚Nein‘ herausbrachte.

„Am Anfang ist das Gefühl eher ungewohnt“, fuhr Erik fort. „Die meisten müssen erst lernen, loszulassen, bevor sie es richtig genießen können. Manche finden nie wirklich Gefallen daran.“ Er zog seinen Finger ein Stück zurück, bevor er wieder tiefer eindrang, rieb mit der Bewegung zielsicher über die richtige Stelle. Jonas wimmerte lusterfüllt. „Ah, ich glaube, darüber müssen wir uns bei dir keine Sorgen machen. Also atme tief durch, entspann dich und genieß es einfach.“ Zeitgleich mit seinen Worten, setzte Eriks Hand die Massage an Jonas‘ Erektion fort.

Bald erfüllte Jonas‘ Keuchen den Raum, krallten sich seine Finger in das schwarze Laken. Wieder und wieder stieß er sein Becken Eriks Hand entgegen, wollte ihn tief in sich spüren. Was auch immer er da gerade mit ihm anstellte, es war unglaublich. Da war kein Schmerz, keine Scham, nur Lust. Er fühlte seinen Höhepunkt unaufhaltsam nahen.

„Oh, fuck. Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck. Fuck!”

Atemlos kippte Jonas zur Seite. Mit der Luft, die seine Lungen füllte, kehrte auch sein Verstand zurück und damit zwangsweise die kleine Stimme, die er einfach nicht zum Schweigen bringen konnte. Beschämt schielte Jonas auf das weiß besprenkelte Bettlaken. „Sorry.“

„Meine Waschmaschine ist noch immer voll funktionstüchtig.“

Wieder waren da zärtliche Hände, die Jonas‘ erschöpften Körper streichelten, ihm Nähe und Wärme spendeten. Ganz langsam löste sich der Knoten in seinem Magen, verwandelte sich in ein schwaches Pochen, an dessen Anwesenheit er sich schon lange gewöhnt hatte. Ein Flattern, das Vorfreude, Nervosität oder eine sich ankündigende Magen-Darm-Erkrankung bedeuten konnte. Jonas hoffte auf die ersten beiden Optionen.

Erik reichte ihm ein kleines Handtuch. „Ich wasche mir mal eben die Hände. Bin gleich wieder da.“

Jonas hörte Wasser gluckern und versuchte solange halbherzig, sich selbst und das Bettlaken zu säubern, entschied aber bald, dass zumindest im Fall des Lakens nicht mehr viel zu retten war. Die Nachwehen seines Höhepunkts waren noch immer zu spüren – im gelegentlichen Zucken seiner Finger und Zehen, oder der spontan auftretenden Gänsehaut. Mit geschlossenen Augen streckte sich Jonas auf der unbefleckten Seite des Betts aus, darum bemüht, seinen Kopf auszuschalten und einfach nur zu genießen. Er brummte wohlig, als er Eriks vom Wasser erwärmte Hände auf sich fühlte. „Mein Rücken ist noch ganz ölig.“

„Ja? Dann war ich wohl auch zu ungeduldig.“ Erneut kniete sich Erik aufs Bett und rieb gründlich über Jonas‘ Haut, stoppte erst, als der letzte Tropfen Öl einmassiert war. „Besser?“

„Japp.“ Neugierig sah sich Jonas um. „Woher hattest du das Zeug überhaupt plötzlich? Sollt da nich‘ eigentlich überall Wachs auf meinem Rücken sein?“

Erik pustete die Kerze auf dem Nachttisch aus und reichte sie an Jonas weiter. „Das ist keine normale Kerze.“

Vorsichtig tunkte Jonas eine Fingerkuppe in das flüssige Wachs, fühlte dessen ölige Konsistenz. „Oh. Praktisch.“

„Wird in erster Linie nicht so warm wie normales Wachs.“

„‚Nich‘ so warm?‘ Das soll ‚nich‘ so warm‘ gewesen sein? Scheiße, hat sich verflucht nochmal warum genug für mich angefühlt!“

Erik schmunzelte zunächst, aber bald erschien eine kleine Falte zwischen seinen Brauen. „Es war aber auszuhalten, oder? Nicht zu schlimm?“

„Nee, hat schon gepasst. Is‘ nur … Is‘ irgendwie ‘n komisches Gefühl, wenn man rausfindet, dass man auf was abfährt, was andere vermeiden wollen. Ich mein, eigentlich sin‘ Schmerzen doch scheiße und nix, was man geil findet.“

„Zunächst sind Schmerzen ja einfach ein Reiz“, erwiderte Erik. „Wie das Gehirn diesen dann interpretiert, kann durchaus unterschiedlich sein.“ Er rollte Jonas auf den Rücken und küsste das Tattoo auf seiner Brust. „Das war doch sicher auch schmerzhaft. Trotzdem bist du nicht nach dem ersten Stich aus dem Studio geflüchtet.“

„Aber ich wär gern! Fuck, das tat sowas von scheißweh!“ Jonas fühlte Eriks Lachen auf seiner Haut. „Bis eben hätte ich nie gedacht, dass mir sowas Spaß machen könnte.“

Erik blickte auf. Aus dieser Perspektive wirkte er beinahe schüchtern. „Dann hat es dir gefallen?“

„Japp.“

„Ein Glück. Ich dachte zwar, dass Wachs relativ harmlos ist und du hast leichten Schmerz nicht völlig ausgeschlossen, aber wirklich darüber gesprochen haben wir nie.“

„Hätten wir’s, hätte ich vermutlich gesagt, dass ich nich‘ drauf steh.“

„Ah, tut mir leid.“ Erik klang bedrückt. „Ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen.“

„Nee, so war das nich‘ gemeint!“, erwiderte Jonas rasch. Niemals hätte er gedacht, hinter Eriks selbstsicherer Fassade Zweifel zu entdecken. „Ich hätte ‚Nein‘ gesagt und dann nie rausgefunden, dass es eigentlich ziemlich geil is‘. War also schon gut so. Gemeinsames Grenzen austesten, hast du doch selbst gesagt, oder?“

Ein feines Lächeln zeichnete sich auf Eriks Gesicht ab. „Das habe ich wohl.“

„Aber warum ausgerechnet Wachs?“

„Warum nicht?“

„Naja, ähm … Das is‘ ja doch ‘n bissl umständlich, oder? Warum nich‘ … ähm … ein … Klaps?“

„Ein Klaps?“, wiederholte Erik und verbiss sich sichtlich das Lachen.

„Hey!“ Jonas schnippte gegen seine Schulter. „Auslachen is‘ kacke!“

„Entschuldige“, presste Erik mühevoll hervor.

„Also?“

Noch immer leise kichernd rollte sich Erik neben Jonas auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Hauptsächlich, weil ich den Gedanken ziemlich heiß fand. Dein nackter Körper auf meinem Bett, von Wachsspuren überzogen. Ein Zucken, wann immer dich der nächste Tropfen trifft …“ Unbewusst leckte sich Erik über die Lippen. „Außerdem …“ Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Ich finde, Schläge haben immer auch etwas mit Machtdemonstration zu tun. Egal wie sanft der eigentliche Schlag ist, er ist eine Form von Demütigung. Das kann in der richtigen Situation und mit dem richtigen Partner natürlich sehr erregend sein, aber Wachs fand ich für den Anfang unverfänglicher.“

Jonas ließ sich Eriks Begründung durch den Kopf gehen und versuchte, sich vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, von ihm geschlagen zu werden. Erst dann erinnerte er sich daran, dass er sich an ihrem allerersten Abend ja bereits einen Klaps auf den Hintern eingehandelt hatte und wie erniedrigend das gewesen war. Auch wenn sich die damalige Situation von ihrer jetzigen deutlich unterschied, war er sich nicht sicher, ob er scharf auf eine Wiederholung war. „Okay, ich versteh‘ was du meinst.“

„Wir können das aber gerne mal ausprobieren“, bot Erik an.

„Hm, nee. Also doch, schon, aber im Moment …“ Jonas grinste. „Im Moment gibt‘s so vieles, das ich ausprobieren will, da hat das keine große Priorität.“

Erik stützte sich auf einem Ellenbogen ab und beugte sich über Jonas. „So? Was möchtest du denn in nächster Zeit ausprobieren? Du bist mir da immer noch zwei Fantasien schuldig.“

„Oh, naja … ähm“, stammelte Jonas überrumpelt. „Also … Das eben war schon ziemlich … und … äh …“ Frustriert stöhnend versteckte er sein Gesicht hinter den Händen. „Sorry, ich bin einfach zu feig, ums laut auszusprechen. Fuck! Ich bild mir immer ein, drauf zu scheißen, was andre von mir denken, aber eigentlich … is‘ das wohl nich‘ so.“

„Ist in Ordnung“, versicherte Erik. „Natürlich will ich, dass du offen mit mir redest, aber mir ist schon klar, dass das eine Menge Vertrauen und damit auch Zeit erfordert.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr „Ist es nicht paradox, dass es für uns leichter ist, einfach Sex zu haben als darüber zu sprechen?“

Jonas schielte durch seine Finger hindurch. „Schätze, da is‘ was dran.“

„Ich habe mal gehört, dass Paartherapeuten empfehlen, andere, also unverfängliche Begriffe für das Thema zu etablieren. Zum Beispiel …“ Erik dachte nach. „‚Waschen‘ für Oralverkehr und ‚Trocknen‘ für Anal.“

Unwillkürlich musste Jonas lachen. „Das is‘ so scheißdämlich, dass es schon wieder logisch klingt. Warte!“ Er setzte sich auf. „Dann gilt das doch bestimmt auch für gewisse Körperteile? Fuck, ich würd zu gern mal Mäuschen spielen, was es da so für Bezeichnungen gibt.“

„Ausgehend von der miesen Erotikliteratur, die mir“, Erik hüstelte, „rein zufällig untergekommen ist, gibt es da eine ganze Menge.“

„Okay, jetzt will ich Beispiele hören. Und zwar irgendwas kreativeres als ‚Fleischpeitsche‘. Das is‘ so ausgelutscht, dass sogar ich’s kenn.“ Das unterdrückte Kichern neben ihm, ließ Jonas theatralisch seufzen. „Du lachst jetzt nich‘ wirklich, weil ich ‚ausgelutscht‘ gesagt hab, oder?“

„Nein“, log Erik bemüht ernst. „Ah, in Ordnung, lass mich nachdenken … Irgendetwas kreatives, aber unverfängliches … Hm … Ah, Stift?“

„Wirklich?“, fragte Jonas skeptisch. „Das erscheint mir ‘n bissl“, sein Blick wanderte zu Eriks Schritt, „tiefgestapelt.“

Erik schnaubte. „Dann schlag du was vor.“

„Oh, ähm … ähm … Banane?“ Jonas verdrehte die Augen über seinen eigenen Vorschlag. ‚Banane‘ war vieles, aber sicher nicht kreativ. Was für ein toller Künstler er doch war.

„Hmm, lass mich das auf Praxistauglichkeit prüfen.“ Erik räusperte sich. „Oh, Jonas! Lass mich meine Banane in deinen, ah … Schokoladenbrunnen? … stecken.“

Oh Gott!“ Jonas presste die Hände auf seine Ohren. „Das hab ich jetzt nich‘ gehört! Ich … Ich kann nie wieder Schokolade essen!“

Eriks verlegenes Schmunzeln verwandelte sich in schallendes Gelächter.

„Schluss mit den unverfänglichen Begriffen!“, forderte Jonas nachdrücklich. „Schwanz und Arsch sind völlig okay und weit weniger peinlich!“ Ein wenig leiser fügte er hinzu: „Aber, wenn wir … Wenn wir eh grad bei dem Thema sin‘ …“ Er brach ab. Wie zum Teufel sollte er darüber sprechen, ohne Erik auf ewig abzutörnen? Verlegen drehte Jonas den Kopf zur Seite, nuschelte: „Ich … Ich hatte vorhin ‘n bissl Angst, dass … ähm … Ich mein, ich dusch vorher natürlich gründlich und so, aber was, wenn da … also … ähm …“

„Tatsächlich Schokolade im Brunnen ist?“, fragte Erik amüsiert.“

Knallrot und so verschämt wie nie, schlug Jonas erneut die Hände vors Gesicht und drehte Erik den Rücken zu. „Das muss das beschissenste Gespräch sein, das ich je geführt hab.“

„Wortwörtlich.“

„Erik!“

„Entschuldige.“ Sanfte Hände legten sich auf Jonas‘ Schultern, drehten ihn herum. „Ich bin erwachsen, Jonas. Das heißt, ich weiß sehr gut, wofür diese Körperöffnung eigentlich gedacht ist und auch, dass Unfälle passieren. Kein Grund, vor Scham im Boden zu versinken.“

„Okay …“

„Das meine ich Ernst. Lass dir von solchen Sorgen nicht den Spaß verderben. Das ist völlig unnötig.“

Jonas nickte, bedeckte aber weiterhin Augen und Wangen mit seinen Händen. „Du scheinst jedenfalls kein Problem damit zu haben, offen über Sex und so zu quatschen.“

Ich“, sagte Erik und nahm Jonas‘ Hände in seine, „hatte auch ein paar Jahre, um das zu üben. Meine Offenheit ist hart erarbeitet.“

„Willst du mir grad erzählen, dass du mal ‘n verschüchterter Bub warst? Das glaub ich dir nämlich nich‘.“

„Nein?“ Erik lachte. „Kannst du dann glauben, dass ich anfänglich ausschließlich passiv war? Und die ersten Erfahrungen im SM-Bereich als devoter Part gesammelt habe?“

„Du verarschst mich!“

„Wieso sollte ich?“

„Weil … also … Weil ich mir das kein bisschen vorstellen kann! Wie lief das ab? Du hast dir dann einfach irgendwann überlegt, dass du jetzt doch lieber auf der anderen Seite mitmischen willst?“

„Nah, ganz so war es dann doch nicht“, erwiderte Erik schmunzelnd. „Ich denke, ich habe einfach für beides eine gewisse Veranlagung. So wie es Menschen gibt, die nicht nur auf ein Geschlecht stehen“, er warf Jonas einen vielsagenden Blick zu, den dieser nicht sofort verstand, „kann ich sowohl aktiv als auch passiv, sowohl dominant als auch devot sein. Es hat einfach nur ein paar Jahre und eine gute Portion Selbstbewusstsein gebraucht, diese andere Seite an mir zu entdecken.“

Jonas musterte Erik forschend. „Dann bist du nur bei mir dominant und aktiv? Bei anderen nicht?“

„Naja, nein. Ganz so ist es nicht“, räumte Erik ein. „Ich bevorzuge schon den aktiven Part. Passiv bin ich …“ Er blickte zur Decke, wirkte gedankenverloren. „Das ist gar nicht so einfach zu erklären.“

Jonas glaubte, Widerwillen aus Eriks Stimme herauszuhören. Das war neu, bisher hatte er jede Frage ehrlich und ohne langes Zögern beantwortet. Offenbar hatte Jonas ein Thema angekratzt, das Erik lieber ruhen lassen wollte.

Entschlossen, gar nicht erste miese Stimmung aufkommen zu lassen, rollte sich Jonas mit Schwung über ihn. „Und? Was steht als nächstes an?“

Zur Antwort packte Erik Jonas‘ Handgelenke, warf ihn von sich und presste ihn mit seinem Gewicht auf die Matratze. „Das werde ich dir verraten, wenn es soweit ist.“

„Komm schon …“ Spielerisch wand sich Jonas in Eriks Griff. „Ich hab extra geübt!“

Erik zog eine Braue hoch. „Geübt?“

„Du weißt schon … deine Aufgabe letzte Woche.“

„Ich erinnere mich daran, welche Aufgabe ich dir gestellt habe. Ich frage mich nur, wie dieses ‚Üben‘ ausgesehen hat.“

„Zwing mich nich‘, es auszusprechen!“

„Ich würde dich nie zu etwas zwingen“, erwiderte Erik mit samtweicher Stimme. Sein Griff um Jonas‘ Handgelenke wurde fester. „Ich überzeuge dich lieber.“

„Mit so öligen Pfoten wie deinen funktioniert das aber nur ganz schlecht.“ Ohne große Mühe, befreite sich Jonas aus Eriks Umklammerung und flüchtete aus dem Bett. Am Fußende sank er auf die Knie. „Soll ich dir nich‘ lieber einfach zeigen, was ich gelernt habe?“

„Sollst du.“ Erik nutzte den freigewordenen Platz und streckte sich genüsslich. „Aber nicht jetzt.“

„… Okay …“ Ein wenig enttäuscht richtete sich Jonas wieder auf.

„Was tust du da?“

„Mich wieder aufs Bett setzen?“

„Habe ich dir das erlaubt?“

„Ähm … nich‘ direkt.“

„Dann bleib auf dem Boden. Das gefällt mir gerade ganz gut so.“

Grummelnd sank Jonas zurück auf seine Knie. „Und wie lange soll ich …“

„Ah, nicht reden“, unterbrach Erik ihn. „Es sei denn, du willst mir von deinen ‚Übungen‘ diese Woche erzählen.“

Also blieb Jonas an Ort und Stelle, verfluchte sich und Erik für sie Lage, in der er steckte. Der einzige Teppich im Raum lag am Bettende und damit weit von seinen allmählich schmerzenden Knien entfernt. Außerdem war ihm kalt und er wollte zurück in Eriks Arme. „Es war ‘ne verfickte Gurke!“, platzte es schließlich aus ihm heraus. „Ich hab mir ‘ne verfickte Gurke in den Hals geschoben!“

Jonas musste Erik zugutehalten, dass dieser zumindest versuchte, nicht zu lachen. Er scheiterte kläglich, aber er versuchte es.

„Fick dich“, grollte Jonas, rot vor Scham, stimmte aber kurz darauf in das Lachen ein. „Und? Hab ich mir dafür ‘nen Platz auf dem Bett verdient?“

„Na schön“, schnaufte Erik. „Das hast du wohl.“ Noch immer lachend zog er Jonas zu sich. „Ah, all die schönen Bilder in meinem Kopf.“

„Fick dich.“

„Vielleicht später.“

„Dann fick mich!“

„Vielleicht später.“

„Später? Platzt du nich‘ langsam?“

„Nein“, erwiderte Erik schlicht.

„Aber …“ Jonas schloss den Mund, als Erik mit einer Hand sein Kinn umfasste. Noch immer lag ein feiner Ölfilm auf seiner Haut.

„Du redest mir entschieden zu viel.“ Er musterte Jonas eindringlich. „Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, deinen Mund anderweitig zu beschäftigen. Knie dich hin.“

 

Jonas rang nach Atem, unsicher, ob er seinen Mund jemals wieder würde schließen können.

„Das war sehr, sehr gut“, lobte Erik und strich ihm zärtlich eine Strähne aus der verschwitzten Stirn.

„Dafür hast du verflucht lang durchgehalten“, keuchte Jonas heiser.

„Das liegt am Kondom, nicht an dir. Nimmt eben doch etwas Gefühl raus.“

„Wir könnten …“

„Nein.“

Die Vehemenz in Eriks Stimme ließ Jonas aufblicken und die Härte in dessen Zügen verunsicherte ihn. „Sorry, ich wollt nich‘ … War nur ‘n Vorschlag …“

Erik seufzte. „Entschuldige. Ich habe diese Diskussion wohl einfach schon zu oft geführt.“

„Keine Diskussion, versprochen.“

„Ich weiß schon, dass viele beim Blasen auf Kondome verzichten, aber ich fühle mich mit einfach wohler.“

„Is‘ okay für mich“, versicherte Jonas erneut. „Du bist aber nicht … ähm …“

„Ich bin gesund“, beantwortete Erik die unausgesprochene Frage. „Und das würde ich gerne bleiben. Nicht, dass ich dir etwas unterstelle, aber wer einmal Ausnahmen macht, macht sie immer wieder.“

„Kein Thema. Dann muss ich eben damit leben, dass mir irgendwann der Kiefer abfällt.“ Verschmitzt funkelte Jonas Erik von unten an. „Und jetzt … Pizza?“

Erik grinste breit. „Pizza.“

 

Die Luft duftete nach Laub, aber ihr eisiger Unterton kündigte den nahenden Winter an. Jonas war froh um den Pizzakarton, dessen heißer, mit Käse überbackener Inhalt seine Finger wärmte. Erik gegenüber hatte er behauptet, die Pizza wenigstens tragen zu wollen, wenn er schon nicht dafür zahlen musste, aber eigentlich freute er sich einfach nur über die improvisierte Wärmflasche. Ein wenig tat ihm die Lüge leid, denn Erik fror offenbar deutlich mehr als er selbst und hatte die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben.

„Kann ich nachher mal ‘nen Blick auf deine Filmsammlung werfen?“, fragte Jonas ihn.

„Sicher.“ Erik neigte den Kopf. „Gehst du gern ins Kino? Oder hast du sogar Interesse daran, selbst Filme zu drehen? Ist sowas Teil deines Studiums? Ich habe gar keine Vorstellung davon, was man bei ‚Visueller Kommunikation‘ überhaupt macht.“

„Oh, ähm …“ Jonas war etwas überrumpelt von den vielen Fragen, freute sich aber über das Interesse, das Erik ihm entgegenbrachte. „Das Studium is‘ recht vielseitig, aber viel kann ich ehrlich gesagt selbst noch nich‘ dazu sagen. Is‘ irgendwie alles noch so neu und ich hab echt keine Ahnung, was ich in Zukunft alles belegen kann. Eigentlich wollt ich ja Fotografie studieren, aber die Privatschulen kann ich mir nich‘ leisten und die staatlichen wollten mich nich‘. Hatte wohl Glück, überhaupt ‘ne Zusage bekommen zu haben, auch, wenn’s nich‘ grad meine erste Wahl war. Dafür isses in Berlin, was ja auch irgendwie ‘n fetter Pluspunkt is‘.“ Er schielte zu Erik. „Vielleicht war’s ‘ne glückliche Fügung.“

Von ihrem Gespräch abgelenkt, übersah er Eriks Eingangstür, bis dieser einen Arm um seine Taille legte und ihn in die richtige Richtung schob. Instinktiv entzog sich Jonas der Berührung. Als er sich zu Erik drehte, entdeckte er gerade noch die kleine Falte zwischen dessen Brauen, bevor sie hinter einem neutralen Ausdruck verschwand.

Schweigend folgte Jonas Erik die Treppen nach oben und wartete, bis dieser aufgesperrt und sie in die Wohnung gelassen hatte. Sobald die Tür hinter ihnen zugefallen war, stolperte er über die Worte, die er sich in den vorangegangenen Sekunden zurechtgelegt hatte. „Sorry, ich … Das eben hatte nix mit dir zu tun, oder so. Es is‘ nur …Ich, ähm …“ Jonas starrte auf seine Schuhe, die mal wieder einen Lappen und etwas Schuhcreme gebrauchen konnten. „Ich hab scheißlang gebraucht, zu akzeptieren, dass ich …“, er musste sich zwingen, die Worte auszusprechen, „dass ich auf Typen steh … Auch auf Typen steh“, fügte er rasch hinzu, als ihm seine Lüge mit Maria wieder einfiel. „Und ich hatte panische Angst davor, dass es jemand rausfinden könnt. Kleines Dorf, konservative Eltern, du weißt schon. Deshalb hab ich alles vermieden, was irgendwie ‘nen Hinweis liefern könnt. Keine verräterischen Blicke, so wenig Körperkontakt wie möglich … Berlin sollte da irgendwie ‘n Neustart sein, aber … es is‘ echt scheißschwer, aus so eingeschliffenen Verhaltensmustern auszubrechen. Ich hab mich die letzten … fuck, keine Ahnung, wie viele Jahre … ‘ne verfickte Ewigkeit lang, hab ich mich verzweifelt drum bemüht, nich‘ aufzufallen und … und ehrlich gesagt … bin ich mir auch grad noch gar nich‘ sicher, ob ich das wirklich ändern will. Ich mein, es wär toll, einfach offen dazu stehen zu können, aber … Noch kann ich’s wohl nich‘.“

„Das verstehe ich.“ In Eriks Stimme lagen weder Vorwurf noch Erwartungen, nur eine ruhige Gelassenheit, die Jonas gerade dringend benötigte.

„Jedenfalls … sorry, dass ich dich grad weggeschoben hab. Und sorry für mein unzusammenhängendes Gequassel.“ Jonas streifte seine Jacke von den Schultern und hing sie zusammen mit seinem Schal – selbstgestrickt von Oma – an die Garderobe. Als er sich umdrehte, zwang er sich ein Lächeln aufs Gesicht. „Ich hab sonst nich‘ wirklich jemanden, mit dem ich drüber quatschen könnt. Maria is‘ die einzige die weiß, dass ich … wie ich mich fühl … und die is‘ so im Stress mit ihrem Studium, dass ich sie nich‘ auch noch damit nerven will.“

„Ich höre dir gerne zu.“ Erik stoppte Jonas, als dieser in die Küche abbiegen wollte. Die Hand, die er auf Jonas‘ Schulter legte war kalt, aber die Berührung willkommen. „Wolltest du nicht die Filmsammlung sehen?“

„Schon, aber … Pizza?“

„Die können wir auch im Wohnzimmer essen.“

„Wenn du meinst.“ Tapfer lächelte Jonas gegen seine Verlegenheit an. „Is‘ dein Teppich.“ Wahrscheinlich war es sogar gut, beim Essen über etwas Unverfängliches wie Filme reden zu können, Jonas musste dringend ein wenig Abstand zwischen sich und seine Fickbeziehung bringen. Mehr war Erik nämlich nicht. Nur ein Kerl, mit dem er für einen begrenzten Zeitraum das Bett teilte. Das durfte er niemals vergessen.

Das Wohnzimmer war der mit Abstand größte Raum in Eriks Wohnung. Die bodentiefen Fenster und die Schiebetür, die zu einem weiteren Balkon führte hätten es zudem zum Hellsten gemacht, sofern es nicht bereits Nacht und die Jalousien geschlossen gewesen wären. Eine Wand verschwand hinter gut gefüllten Bücherregalen, eine andere hinter Eriks beeindruckender Filmsammlung. Neugierig lief Jonas die Reihen ab. „Ich glaub, ich kenn nich‘ mal ‘n Drittel davon.“

„Dann hast du Nachholbedarf.“

„Is‘ das ‘n Angebot zum Filmgucken?“ Und freute sich Jonas gerade etwas zu sehr darüber?

Erik zuckte mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Ich habe einen Bildungsauftrag.“

„Is‘ irgendwie paradox, weißt du?“, murmelte Jonas nach einigen stillen Atemzügen.

„Was?“

„Dass ich so Probleme damit hab, zuzugeben, dass ich auf Männer steh‘.“

„Warum?“

Jonas lachte bitter. „Der Witz is‘, dass ich immer versucht hab anzuecken. Aufzufallen. Zu provozieren.“ Allerdings hatte ihm Berlin recht schnell gezeigt, wie wenig es sich für seine billige Rebellion interessierte. Hier fiel er nicht auf, wenn er fluchte, oder sich weigerte, zur Kirche zu gehen. Hier war er einfach nur absolutes Mittelmaß. „Naja, jedenfalls … Grad in diesem einen Punkt, bei dem ich ja eigentlich auch bloß ich selbst sein müsst, kneif ich.“

„Ich denke, es ist sehr schwierig, für etwas abgelehnt oder sogar verurteilt zu werden, das man nicht ändern kann“, antwortete Erik nach ein paar Sekunden. „Du kannst deine Kleidung anpassen, deine Art zu sprechen, dein Auftreten. Aber deine Sexualität? Die kannst du höchstens verleugnen.“

„Vielleicht is‘ da was dran …“ Jonas‘ Fingerspitzen strichen über Lars von Triers ‚Nymphomaniac‘. „Dabei is‘ das sogar eine meiner Fantasien.“

„Deine Sexualität zu verleugnen?“

„Was? Nee! Sie zu zeigen. Öffentlich. Also … Nicht so wirklich öffentlich, aber …“ Mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen, drehte er sich zu Erik, fühlte die gewohnte Hitze auf seinen Wangen. „Willst du immer noch eine meiner Fantasien hören?“

„Natürlich.“

„Ähm, okay …“ Nervös fuhr sich Jonas durchs Haar, bevor er sich wieder den Filmen zuwandte. Nicht, dass er sich auf deren Titel hätte konzentrieren können, aber es war einfacher als Erik anzusehen. „Ich sitz‘ in einem Auto, meine Augen sind verbunden. Offensichtlich fahr‘ nich‘ ich selbst, sondern mein Partner. Wir halten an, aber ich hab keine Ahnung wo. Mein Partner steigt zuerst aus, anschließend zieht er mich aus dem Wagen. Wir laufen ein ganzes Stück, ich bin völlig orientierungslos. Der Weg unter meinen Füßen is‘ uneben und ich muss aufpassen, dass ich nich‘ stolpere, aber mein Partner umfasst meinen Arm, stützt mich. Irgendwann halten wir, ich werde ausgezogen, spüre die kalte Luft auf meiner nackten Haut. Mein Partner fesselt meine Hände, fixiert sie über meinem Kopf. Endlich nimmt er mir die Augenbinde ab. Wir sin‘ irgendwo im Wald. Grade mal ‘n paar Bäume zwischen uns und einem Wanderweg. Aufmerksame Beobachter könnten uns jederzeit erwischen.“ Jetzt drehte sich Jonas doch zu Erik, hatte aber Mühe, ihm in die Augen zu sehen. „Tja, das war’s so ziemlich. Danach … Ähm … Sagen wir, es kann auf diverse Arten enden, aber der Anfang is‘ immer derselbe.“

„Ah, das klingt schon sehr verlockend.“

„Ich hab keine Ahnung, ob ich das jemals ausleben will!“, sagte Jonas rasch. „Aber du hattest ja auch nach einer, ähm, eher hypothetischen Fantasie gefragt …“

„Keine Sorge“, erwiderte Erik schmunzelnd. „Ich hatte nicht vor, dich in mein Auto zu zerren und in den nächstbesten Wald zu entführen. Verlockend klingt es trotzdem. Erzählst du mir auch noch die andere? Die, die“, er machte eine kurze Pause, „in nicht so ferner Zukunft liegen könnte?“

„Oh, ähm, also …“ Dieses Mal brauchte Jonas etwas länger, um sich zum Weitersprechen zu überwinden. „Das … Das is‘ jetzt weniger ‘ne konkrete Fantasie als … Ich weiß nich‘ … Ein Extra?“

„Jetzt machst du mich wirklich neugierig.“

„Also … Ich mein … Ich glaub, ich fänd so ’n, ähm … Mir gefällt die Idee, ein Halsband zu tragen!“, ratterte Jonas so schnell herunter, dass er sich nicht sicher war, ob Erik ihn überhaupt verstanden hatte.

„Ein Halsband, hm?“ Offensichtlich hatte er ihn verstanden.

„Jaah …“ Bevor Erik auf dumme Ideen kommen konnte, setzte Jonas die Inspektion seines Wohnzimmers fort. Er war bei den Büchern angelangt.

Erik schien eine Schwäche für klassische Liebesromane und Sciene-Fiction zu haben, daneben fanden sich jedoch auch einige Sachbücher. „Anatomie, noch mehr Anatomie, Histologie …“ Jonas versuchte, einen ängstlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. „Bin ich am Ende etwa in die Fänge eines gefährlichen Serienkillers geraten?“

„Schlimmer“, antwortete Erik ohne eine Miene zu verziehen. „In die eines gescheiterten Medizinstudenten.“

„Du hast Medizin studiert?“

„Angefangen.“ Erik nahm sich ein weiteres Stück Pizza. Anders als Jonas, der noch keinen Bissen gegessen hatte, war er bereits halb fertig. „Die Famulatur hat mir das Genick gebrochen.“

„Die was?“

„Die Famulatur“, wiederholte Erik. „Das ist eine Art Praktikum nach dem ersten Staatsexamen. Die Studenten sollen den Alltag in Klinik, Ambulanz und Hausarztpraxis kennenlernen.“

„Und das hast du nicht geschafft?“

„Vermutlich hätte ich, aber die Zeit in der Klinik hat mir sehr eindrücklich klargemacht, dass ich für diesen Beruf nicht geschaffen bin. Ich habe es dann noch beim Hausarzt versucht, aber …“ Erik lächelte freudlos. „Da war dieses alte Ehepaar. Ich durfte dem Mann Blut abnehmen, habe mich ein wenig mit ihnen unterhalten … Eine Woche später rief seine Frau an, um uns zu informieren, dass ihr Mann über Nacht verstorben war. Spätestens da ist mir klargeworden, dass es für mich als Arzt nur zwei Möglichkeiten gibt. So weiterzumachen wie bis dahin und noch vor meinem dreißigsten Geburtstag völlig ausgebrannt zusammenzuklappen, oder mich von meinen eigenen Emotionen abzukapseln und zu einem dieser kalten, unpersönlich wirkenden Ärzte zu werden, die ich selbst so ätzend finde. Nach langem Zweifeln habe ich mich letztlich für die dritte Option entschieden und abgebrochen.“

„Und wie kommt man dann von Medizin zu BWL?“

„BWL war im Grunde ein reines Verlegenheitsstudium“, gab Erik zu. „Mir war klar, dass mich jeder andere soziale Beruf genauso mitnehmen würde. Kurzfristig hatte ich an Grundschullehramt gedacht, aber …“ Er zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls war es die Chefin vom Tix, die mich schließlich auf BWL gebracht hat. Einen Tag bevor ich ihr von meinem Entschluss, das Medizinstudium abzubrechen erzählt habe, hatte die damalige Verwaltungsleiterin sie über ihre Schwangerschaft informiert. Also bot sie mir an, meinen Job hinter der Bar gegen einen im Büro zu tauschen, wenn ich dafür ein wirtschaftswissenschaftliches Studium wähle. Besser bezahlt und körperlich weniger anstrengend, im Gegenzug konnte ich meine Vorgängerin während der Schwangerschaft entlasten und später, als sie in Elternzeit war, einen Teil der anfallenden Arbeit abfangen, damit nicht alles an meiner Chefin hängen blieb. Als sich meine Vorgängerin dann gegen Ende meines Studiums und zur Geburt ihres zweiten Kinds dazu entschieden hat, ganz auszuscheiden, habe ich die Stelle übernommen.“

„Glückliche Fügung, was?“

„Wenn man davon absieht, dass ich immer noch täglich fürchte, alles in den Sand zu setzen: Ja.“

„Find ich aber krass, dass du das so durchgezogen h… Bist das du?“ Jonas hatte ein Foto aus dem Bücherregal gezogen, das einen deutlich jüngeren Erik zusammen mit einem älteren Pärchen auf einer Parkbank zeigte. Das Haar der Frau hatte denselben honigblonden Ton wie Eriks, war jedoch raspelkurz gehalten. Das des Mannes war ebenfalls hell, ging allerdings in einen Rotton über, ähnlich dem seines eigenen Vaters. Dafür hatte er Eriks Wangenknochen und das warme Lächeln. Aber es war Erik selbst, der Jonas‘ Blick auf sich zog. „Deine Haare waren pink!“

„Zuckerwatterosa, Herr Künstler“, korrigierte Erik. „Und das auch nur für diesen einen Monat. Danach waren sie … Hm, lila, glaube ich. Oder blau. Oder türkis. Ich erinnere mich nicht mehr an die genaue Reihenfolge.“

„Das ist sowas von scheißeniedlich!“ Jonas studierte das Bild genauer. In einer der Ecken zog sich ein feiner Sprung durchs Glas und auch der Rahmen wirkte, als hätte er schon einige Umzüge mitgemacht. „Sind das deine Eltern?“

„Ja.“

„Leben sie auch hier in Berlin?“

„Nein.“

„Sind sie noch in … Ich glaub, ich hab dich gar nich‘ gefragt, woher du eigentlich kommst.“

„Stuttgart.“

„Also leben sie noch in Stuttgart?“ Noch während Jonas redete, realisierte er, dass Erik ungewohnt kurz angebunden war. Vorsichtig drehte er sich um und tatsächlich war das Lächeln aus Eriks Gesicht verschwunden.

„Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, als ich fünfzehn war.“

„Fuck. Ich … Sorry.“

„Ist in Ordnung. Konntest du ja nicht wissen. Ich gebe zu, dass es nicht gerade mein Lieblingsthema ist, aber ich kann durchaus darüber sprechen.“

Jonas nickte nur. Er hatte keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte. Seine verdammte Neugierde hatte die Stimmung zwischen ihnen ordentlich versaut.

„Deine Pizza wird kalt“, merkte Erik an. „Setz dich doch zu mir.“

Dankbar nahm Jonas Eriks Angebot an, aber jeder Versuch, ihr Gespräch neu aufleben zu lassen, verlief rasch im Nichts. Irgendwann war das letzte Stück Pizza gegessen und Jonas machte sich auf den Heimweg. Sein Schal hing vergessen an Eriks Garderobe.

 

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Autorenkommi:

In der heutigen Folge: Jonas gewährt Erik einen kleinen Einblick in sein Inneres und erfährt dafür, dass auch in dessen Leben nicht alles so gelaufen ist wie erhofft.

Coming soon: Weniger Sex, mehr Plot!

Fun Fact: Erik lernt, dass Massageöl auch mit funktionierender Waschmaschine ganz schlecht aus Bettlaken und Kleidung zu entfernen ist.

 

Was zuletzt geschah:

Ein weiteres Treffen zwischen Erik und Jonas enthüllt viel Neues. Dinge, von denen Jonas nie dachte, sie mögen zu können, Beichten, mit denen er nicht gerechnet hatte und Gefühle, auf die er lieber verzichten würde. Der Abschied verläuft allerdings weniger leidenschaftlich als die Begrüßung und ein Schal ist nicht dort wo er sein sollte.

 

Kapitel 8

Die Sonne war schon lange hinter den Dächern der Hochhäuser verschwunden und ein eisiger Wind fegte Regentropfen wie Geschosse durch die Straßen. Jonas schlug den Kragen seiner Jacke nach oben, fluchte über seinen nutzlos an Eriks Garderobe hängenden Schal und schleppte seinen müden Körper die letzten Meter zu seiner Wohnung. Den Vormittag in der Uni zu verbringen, um anschließend bis Ladenschluss im Café zu arbeiten, war eine dämliche Idee gewesen. Er war jung, aber selbst ihn schlauchte so ein Zwölfstundentag. Nicht einmal zum Einkaufen war er gekommen, dabei hing ihm sein Magen bereits in den Kniekehlen. Hoffentlich konnte er die Schicht in der kommenden Woche tauschen.

Jonas‘ Briefkasten war leer, doch an der Außenseite war ein Zettel befestigt, der ihn darüber informierte, dass ein Paket für ihn bei den Nachbarn abgegeben worden war. Er überprüfte den Namen und ja, natürlich waren es die reizenden Leute gegenüber, die ihn zu den unmöglichsten Zeiten an ihrem grässlichen Musikgeschmack teilhaben lassen mussten. Lustlos klopfte er, sah ein, dass er damit nicht gegen den dröhnenden Bass ankam und benutzte die Klingel. Oft.

Als sich die Tür endlich öffnete, blickte Jonas in das Gesicht eines schlechtgelaunten Glatzkopfs, dessen muskelbepackte Arme durch das schlichte weiße Shirt unnötig betont wurden.

„Ähm, hi …“

„Was willst du?“

„Ihr, ähm, ihr habt ‘n Paket für mich.“

„Ach ja?“

„Ja, ähm, hier …“ Jonas hielt den Zettel hoch. „Muss irgendwann heute abgeben worden sein.“

„Davon weiß ich nichts.“

Der Typ streckte die Hand nach dem Zettel aus, doch Jonas zog ihn instinktiv weg und trat einen Schritt zurück. „Hör zu, ich weiß bloß, dass ich mein Päckchen haben möchte und auf dem Zettel hier dein Name steht. Wenn du jetzt also einfach–“ Die zuschlagende Tür schnitt Jonas das Wort ab. Fluchend stand er im Gang und überlegte fieberhaft, wie er die Situation auflösen konnte, ohne einen riesigen Aufriss deshalb veranstalten zu müssen. Schließlich setzte er sich – nach einem sehnsüchtigen Blick zu seiner eigenen Wohnungstür – noch einmal in Bewegung und suchte die nächstbeste Tankstelle.

Wieder dauerte es einige Zeit, bis Jonas‘ Nachbar dem penetranten Klingeln seiner Türglocke nachgab und öffnete. Bevor er ein Wort sagen konnte, hielt Jonas ihm seinen Einkauf vor die Nase. „Bier gegen Paket.“

Der Nachbarn schüttelte nur den Kopf und seine Lippen zogen sich über seine Zähne zurück als versuchte er zu knurren. „Denkst du echt, ich mach mir was aus dieser Plörre? Hau endlich ab!“ Er war bereits im Begriff, die Tür zu schließen, als eine zierliche, junge Frau hinter ihm auftauchte und sich an seinen Rücken schmiegte.

„Na komm, sei nicht so fies zu dem Kleinen.“ Sie lächelte Jonas an. „Ich tausch mit dir. Warte kurz.“ So schnell wie sie gekommen war, verschwand sie wieder, nur, um gleich darauf mit Jonas‘ Paket zurückzukehren.

Jonas kontrollierte, ob es ungeöffnet und intakt war, bevor er ihr im Austausch das eben erstandene Sixpack überreichte. „Danke.“

„Jederzeit“, flötete sie und knallte die Tür zu.

Endlich konnte sich Jonas in die relative Ruhe seiner Wohnung zurückziehen und der Frage nachgehen, was zur Hölle ihm da überhaupt geschickt worden war. Bestellt hatte er jedenfalls nichts.

Ein kurzer Blick auf den Absender klärte dieses Mysterium. Eilig schnappte sich Jonas das Teppichmesser in seiner Schreibtischschublade, schnitt durch mehrere Lagen Klebeband und einen Teil seiner linken Zeigefingerkuppe, die er schimpfend und mehr als notdürftig mit einem sauberen Küchentuch umwickelte. „Wehe, das hat sich nicht gelohnt!“

Im Inneren des Päckchens lag eine Karte mit verschnörkelten Blumenmuster. Etwas zu kitschig für Jonas‘ Geschmack, aber immerhin brachte sie ein wenig Farbe in den tristen Tag. Auf der Rückseite entdeckte er die geschwungene Schrift seiner Mutter.

 

Lieber Jonas,

 

bei unserem letzten Telefonat hatte ich das Gefühl, dass du dich etwas allein in der großen Stadt fühlst. Egal, ob das so ist oder nicht, hier hast du ein paar Kleinigkeiten aus der Heimat.

 

Alles Liebe

Mama, Papa, Christine, Oma und Vroni

 

Jonas lächelte über die Unterschriften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Schlicht und sauber, kunstvoll verschnörkelt oder an der Grenze zur Unleserlichkeit. Jeder hatte seinen Beitrag geleistet.

Jonas‘ Eltern hatten ihm etwas von dem herzhaften Mürbeteiggebäck geschickt, das solange er denken konnte die kleine Schale in der Küche füllte und auf magische Weise nie auszugehen schien. Er hatte den buttrigen Geschmack schon auf der Zunge, noch bevor er sich den ersten Keks in den Mund geschoben hatte.

Seine Oma hatte zwei paar Stricksocken, eines schwarz, das andere bunt geringelt beigelegt und Vronis selbstgemaltes Bild – Jonas war sich nicht völlig sicher, was es darstellen sollte, glaubte aber, eine Katzen-Waschbär-Giraffe zu erkennen – erhielt einen Ehrenplatz an der Pinnwand neben seinem Schreibtisch.

Nur Christines Geschenk gab ihm zunächst Rätsel auf. Ein alter Gedichtband. Mal abgesehen davon, dass Jonas trotz guter Deutschnoten nie wirklich Zugang zur Lyrik gefunden hatte, war etwas so Romantisches eigentlich nicht Christines Art. Er war beinahe erleichtert, als er die Kondome entdeckte, die sie zwischen die Seiten geschmuggelt hatte. Das entsprach schon eher ihrem Humor. Im Einband hatte sie ihm eine kurze Nachricht hinterlassen. Vögel dir ruhig Maria aus dem Kopf, aber mach mich nicht zu früh zur Tante.

Kraftlos sank Jonas auf sein Bett, Christines Buch noch in der Hand, eines der Kondome zwischen den Fingern. Er hatte einen tollen Studienplatz ergattert, lebte in der aufregendsten Stadt Deutschlands, hatte schnell neue Freunde gefunden und eine Affäre mit einem verflucht heißen Typen angefangen. Dazu eine liebevolle Familie, die ihm den Rücken stärkte. Er sollte glücklich sein. Warum nur wollte sich der Knoten in seinem Magen nicht lösen?

Nach langen Stunden, in denen Jonas zunächst versucht hatte, sich zu versichern, dass es in Ordnung war, seiner Familie nicht alles zu erzählen, was er in Berlin trieb und anschließend dazu übergegangen war, sich mithilfe des Internets von seinen Schuldgefühlen abzulenken, zwang er sich, ins Bett zu gehen. Der kommende Tag würde kaum weniger anstrengend werden.

 

„Was ist mit der da?“

Jonas warf einen abwesenden Blick auf das Mädchen, auf das Larissa zeigte. Es balancierte ein überladenes Essenstablett auf seinen Armen und suchte verzweifelt nach einem freien Sitzplatz in der bereits überfüllten Mensa.

„Nee, nich‘ wirklich mein Typ.“

„Auch nicht?“ Larissa schnaubte. „Du bist ganz schön wählerisch. Mal sehen, was ist mit …“

„Wo stecken eigentlich Esther und Kemal?“, versuchte Jonas das Thema zu wechseln. Er war sich nicht sicher, wann dieses Spiel begonnen hatte, aber Larissa war nun schon eine ganze Weile darum bemüht, ihre Kommilitoninnen für ihn auf Traumfrauen-Material zu prüfen.

„Ich glaube, die haben Besseres zu tun, als mit uns beiden Mittag zu essen.“

„Ach ja? Was denn?“

„Vögeln“, antwortete Larissa trocken und lachte über Jonas‘ verdutzten Gesichtsausdruck. „Ist dir echt noch nicht aufgefallen, dass zwischen den beiden was läuft? Hey, die da ist süß!“ Larissa deutete über Jonas‘ Schulter. „Was ist mit der?“

„Nicht mein Typ.“

„Woher willst du das wissen, wenn du noch nicht mal hingesehen hast?“

Jonas schluckte. Bevor er kneifen konnte, antwortete er: „Zu viel Titten, zu wenig Schwanz.“

„Hä? So groß sind ihre Dinger jetzt auch n… oh. Ach sooo! Sag das doch gleich!“ Larissas Blick schweifte durch die Mensa. „Was ist dem Blonden nahe der Tür?“

Jonas zögerte einen Moment. „Der … trifft schon eher meinen Geschmack.“

„Ha! Wusste ich doch, dass ich noch jemanden finde! Und was ist mit …“

„Larissa?“

„Hm?“

„Könnte das … Könnte das erst mal unter uns bleiben?“

„Was? Dass du schwul bist?“

Jonas nickte und hoffte, dass Larissa sein Zusammenzucken beim Wort ‚schwul‘ nicht bemerkt hatte.

„Warum? Ist doch nichts dabei.“

„Trotzdem …“

Larissa verdrehte die Augen. „Wie du meinst.“

„Danke.“ Allmählich beruhigte sich Jonas‘ Herzschlag wieder. Am Ende war es so einfach gewesen. Wovor hatte er sich eigentlich gefürchtet?

Das Handy, das Larissa vor sich auf den Tisch gelegt hatte leuchtete auf. „Sieht aus, als würden Esther und Kemal uns nicht nur beim Essen versetzen. Sie haben gerade geschrieben, dass sie es leider nicht zum Schwimmbad schaffen. Zeitgleich.“

„Ausgesprochen unauffällig.“

„Hey, wenn ich dir nicht gesteckt hätte, dass die beiden es miteinander treiben, würdest du immer noch im Dunkeln tappen.“

Jonas wollte protestieren, war sich aber selbst nicht ganz sicher, wie lange er ohne Larissas Hilfe gebraucht hätte, um zwei und zwei zusammenzuzählen. „Dann sind’s wohl nur wir beide."

„Sieht so aus. Wenigstens muss ich jetzt keine Angst mehr haben, dass du dich sofort in mich verknallst, sobald du all das hier“, ihre Hände zeichneten ihre Rubensfigur nach, „im Badeanzug siehst.“

„Larissa …“ Bedauernd schüttelte Jonas den Kopf. „Ich weiß, dass unerwiderte Liebe hart is‘, aber sei stark. Du wirst einen, na, vielleicht nich‘ besseren, aber wenigstens annähernd gleichwertigen Mann finden.“

„Pah! Iss mal lieber auf, du Spargel, damit wir loskönnen. Um diese Zeit ist im Schwimmbad noch nicht viel los und das würde ich gern nutzen.“

 

Larissa hatte eine gute Wahl getroffen. Das Schwimmbad war nicht weit von der Uni entfernt und ausgehend davon, dass abgesehen von Jonas nur ein anderer Mann in der Umkleide stand, vermutlich tatsächlich ziemlich leer.

Jonas musterte den Fremden so unauffällig wie möglich. Dieser hatte ihm den Rücken zugewandt und war bereits in seine Jeans geschlüpft, doch sein Oberkörper war nur mit einem Handtuch bedeckt, das er sich locker über die Schultern geworfen hatte. Und das war ein verflucht gutaussehender Oberkörper. Schlank, mit dezenten Muskeln, die sich bei jeder Bewegung unter seiner Haut abzeichneten und bezaubernden Grübchen oberhalb des Pos. Die Statur des Fremden erinnerte ihn beinahe an …

„Erik?“ Der Fremde hatte den Kopf gedreht und auch, wenn Jonas so schnell wie möglich zur Seite gesehen hatte, hatte er aus dem Augenwinkel sein Gesicht erkannt.

Eriks erschrockenen Ausdruck nach zu urteilen, war das eine Begegnung, mit der er nicht gerechnet hatte. Auch das dünne Lächeln, das er gleich darauf zeigte, konnte die Falte zwischen seinen Brauen nicht vertreiben. „Ah. Hallo.“ Er zog das Handtuch von seinen Schultern. „Dich hätte ich hier nicht erwartet.“

„‘Ne Freundin hat mich überredet.“ Jonas ließ seinen Blick über Eriks Körper wandern. Seine Schultern waren mit winzigen Sommersprossen gesprenkelt, die das Bedürfnis weckten, sie mithilfe eines Stifts zu einem Gemälde zu verbinden, sein Bauch war flach, die unter der Haut liegenden Muskeln erkennbar. Eine Reihe verblasster Narben zog sich zickzackförmig über seine Unterarme, verschwand aber rasch aus Jonas‘ Sicht, als Erik sein Handtuch darum wickelte. Verlegen über sein offensichtliches Starren, räusperte sich Jonas. „Bist du öfter hier?“

„Mhm.“

„Vielleicht sehen wir uns dann ja häufiger“, sagte Jonas hoffnungsvoll. Sollte sein Herz so pochen?

„Vielleicht.“

„Ich mein, ich sollt echt mal wieder ‘n bissl Sport treiben. Bevor ich umgezogen bin, hab ich Fußball gespielt, aber im Moment fehlt mir die Zeit für regelmäßige Trainingstermine, von den Spielen selbst mal ganz abgesehen. Aber irgendwas muss ich machen, ich fühl mich schon ganz hibbelig.“

„Mhm.“

„Aber ohne Larissa, also die Freundin, von der ich grad erzählt hab, wär ich wohl nich‘ hergekommen. Ganz allein ist’s irgendwie langweilig.“

„Kann sein.“

Die Unterhaltung verlief etwas anders, als sich Jonas erhofft hatte. Mit jedem zusätzlichen Satz, den er vor sich hinplapperte, schien er Erik weiter abzustoßen. „Außer man mag sowas, natürlich. Also, alleine Sport treiben. Vielleicht gewöhn ich mich auch noch dran. Mal sehen.“

„Mhm.“

„Also … ähm, ich geh dann mal. Larissa wartet bestimmt schon.“ Eilig sperrte Jonas seine Wertsachen ein und winkte zum Abschied, doch Erik hatte ihm bereits erneut den Rücken zugewandt.

 

„Boah, das hat wirklich gutgetan.“ Larissa streckte sich ausgiebig. Wasser tropfte von ihrem Badeanzug und platschte lautlos auf den gefliesten Boden. „Nur schade, dass die hier keine Sauna haben.“

„Jaah. Schade.“

„Verrätst du mir, was mit dir los ist?“

„Was soll sein?“

„Och, ich weiß auch nicht.“ Sie rollte mit den Augen. „Seit wir hier sind, bist du völlig abwesend. Ein Wunder, dass du mir nicht abgesoffen bist.“

„Ich … ach, is‘ nich‘ wichtig.“ Jonas dachte an seine letzten Begegnungen mit Erik. Zuerst sein dämlicher Sprung mitten ins Tote-Eltern-Fettnäpfchen und jetzt Eriks wortkarge Art in der Umkleidekabine. Das Wochenende nahte und er hatte kein Wort darüber verloren, ob sie sich am Sonntag wiedersehen würden. Hatte er die Nase voll von Jonas? Fürchtete er am Ende sogar, Jonas wäre gar nicht zufällig zum selben Zeitpunkt im Schwimmbad gewesen? Und falls ja, wie konnte Jonas dieses Missverständnis aufklären, ohne dabei noch mehr wie ein verrückter Stalker zu wirken?

„Jonas!“ Larissas Stimme wurde von den Fliesen zurückgeworfen.

„Was?“

„Meine Güte, du bist ja echt komplett weggetreten.“

„Sorry.“

Mitleidig schüttelte Larissa den Kopf. „Ich hätte da einen Vorschlag, um dich auf andere Gedanken zu bringen. Was auch immer du gerade denken magst.“

„Wird schwierig“, gab Jonas zu. „Aber versuch’s trotzdem mal.“

„Wir geben heute Abend eine kleine WG-Party. Nix großes und ich hätte dich eh noch dazu eingeladen, aber jetzt kannst du mir auch gleich helfen, ein paar Sachen einzukaufen.“

„Geht leider nich‘, ich hab noch ‘ne Schicht im Café.“ Und wirklich Lust auf Party hatte er auch nicht unbedingt.

„Wann hast du aus?“

„Halb neun sowas. Je nachdem, wann der letzte Gast geht und wie lange ich zum Absperren brauch.“

„Dann komm einfach danach zu uns, ja?“

„Ich weiß nich‘ … Irgendwie is‘ mir heut nich‘ nach Party. Vielleicht lieber ein andermal.“

Drohend hob Larissa den Finger, pikste damit gegen Jonas‘ nackte Brust. „Ich werde dich ab acht mit so vielen Sprachnachrichten zubomben, bis zu aufgibst und deinen Arsch zu uns bewegst!“

 

Jonas konnte die Musik bereits auf der Straße hören, was bedeutete, dass er nach nur zwei mittelgroßen Umwegen zur richtigen Adresse gefunden hatte.

„Da bist du ja!“ Larissa zog ihn in die Wohnung, die sie sich mit ihren zwei Mitbewohnerinnen teilte. „Ich muss dir jemanden vorstellen!“

Bevor Jonas auch nur den Mund öffnen konnte, drückte sie ihm eine Flasche lauwarmes Bier in die Hand und schob ihn in die Küche.

„Das ist Dominik.“ Sie deutete auf einen Typen, der gerade vergebens eine Kiste Bier nach noch ungeöffneten Flaschen durchsuchte. Bei der Erwähnung seines Namens drehte er sich um.

„Dominik, das ist Jonas. Ein Kommilitone von mir.“

„Hi“, sagte Dominik.

„Hi“, sagte Jonas. Unsicher blickte er zu Larissa. Die ganze Wohnung war voll mit Menschen, die er nicht kannte, aber sie hatte ihm gezielt diesen einen vorgestellt. Der nicht ganz unauffällige Rippenstoß, den sie ihm verpasste, als er keine Anstalten machte, die Konversation fortzusetzen, bestätigte seine Befürchtung. „Ähm, Larissa ...“

„Später, Jonas. Ich muss mich um die anderen Gäste kümmern.“ Und schon war sie verschwunden.

Die beiden Männer beäugten sich unschlüssig. Dominik war süß, so viel musste Jonas zugeben. Ein Stück kleiner als er selbst, mit kastanienbraunen Locken, die ihm in die Stirn fielen und tiefen Grübchen, die sein Lächeln betonten.

„Und, wie freiwillig bist du hier?“, fragte er Jonas.

„Völlig“, antwortete dieser und grinste verlegen. „Es hat nur“, er holte sein Handy aus seiner Hosentasche, „acht Sprachnachrichten gebraucht, bis ich aufgegeben habe.“

„Wow, ich respektiere deinen Widerstand. Bei mir waren es nur vier. Dann hasst du solche Partys wohl noch mehr als ich.“

„Eigentlich mag ich sowas“, gestand Jonas. „Nur heute war mir irgendwie nich‘ danach.“

„Mir ist irgendwie nie danach. Aber hey, Bier hilft.“ Dominik prostete Jonas mit seiner leeren Flasche zu.

„Das auf jeden Fall.“ Da Dominik nichts erwiderte, fragte Jonas: „Woher kennst du Larissa?“

„Über Ling, ihre Mitbewohnerin. Wir studieren beide Maschinenbau. Also Ling und ich, nicht Larissa und ich. Offensichtlich. Sie studiert ja Visuelle Kommunikation. Was du weißt, weil du dasselbe studierst.“ Dominik rieb über seine geröteten Wangen als wollte er sie verbergen. „Naja, ich glaube, ich werde dann mal gehen.“

„Schon?“

„Mein Tag war lang und ich habe gleich morgen früh eine Übung.“

„Schade. War aber nett, mit dir zu quatschen.“

Dominik lächelte. Auf dem Weg zum Wohnzimmer stoppte er noch mal. „Hey, würdest du mir vielleicht deine Nummer geben? Dann könnten wir uns mal sehen, wenn ich nicht kurz vorm Einschlafen bin.“

Jonas zögerte. Er hatte nicht erwartet, so schnell zu einer quasi-Verabredung zu kommen. Unbewusst scannte er den Raum nach Mithörern. Erst als er sich sicher war, dass sich niemand für ihr Gespräch interessierte, nickte er. „Jaah … Klar. Würd mich freuen.“

„Cool.“

Bevor Dominik die Haustür hinter sich zugezogen hatte, stand Larissa bereits an Jonas‘ Seite. „Uuuund?“

Erneut sah sich Jonas nach möglichen Mithörern um. „Er is‘ ganz süß.“

„Ha! Ich wusste, dass er dir gefallen würde.“

„Du hättest es ‘n bisschen dezenter machen können“, brummte Jonas. „Hatte ich nich‘ gesagt, du sollst es für dich behalten?“

„Habe ich doch!“, protestierte Larissa. „Ich habe kein Wort gesagt, sondern euch nur vorgestellt. Wenn ihr dann gleich solche Schlüsse zieht … Nicht meine Schuld!“

„Ach fuck, ich kann nich‘ sauer auf dich sein, wenn ich grad die Nummer von ‘nem süßen Typen abgestaubt hab.“

„Ha!“ Larissa legte einen Arm um Jonas‘ Schultern. „Und jetzt lass uns das gebührend feiern!“

 

Jonas lag auf seinem Bett und starrte auf sein Handy. Die frisch aufgezogenen Laken unter ihm fühlten sich unangenehm kalt an.

Dominik hatte noch am selben Abend geschrieben und gefragt, wann er Zeit für ein Treffen hätte. Unschlüssig schwebten Jonas‘ Finger über dem Display. Er mochte Dominik, zumindest das, was er bisher von ihm gesehen hatte und wollte ihn besser kennenlernen, aber wann immer er zu einer Antwort ansetzte, war es, als flüsterte Erik Jonas‘ Namen, als fühlte er Eriks Hände auf seinem Körper und er wünschte sich, jetzt neben ihm zu liegen. Verzweifelt versuchte er, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass das zwischen ihnen nicht mehr als eine lockere Affäre war, aber es half nicht.

„Fuck!“

Eine neue Nachricht ließ sein Handy aufleuchten.

 

Erik, 00:25 Uhr

Ich kann diesen Sonntag nicht. Zu viel zu tun. Wird vor Weihnachten wohl auch nicht besser. Tut mir leid.

 

Jonas las die Nachricht noch dreimal. Das war es dann also. Erik hatte sich seiner elegant erledigt; Jonas rechnete nicht damit, nochmal von ihm zu hören. Schwungvoll sprang er vom Bett, konnte unmöglich länger stillliegen und tigerte auf den wenigen Metern, die ihm seine winzige Wohnung bot hin und her. Im Grunde sollte er erleichtert sein, dass ihm diese Entscheidung abgenommen worden war, konnte er sich jetzt doch auf neue, fruchtbarere Beziehungen einlassen, aber die Art der Absage schmerzte ihn mehr als er zugeben wollte.

Erik war ihm gegenüber immer offen und ehrlich gewesen, da hätte er auch jetzt den Arsch in der Hose haben können, ihm die Wahrheit zu sagen. Aber vielleicht hatte Jonas ihn in diesem Punkt auch nur falsch eingeschätzt. Vielleicht hatte er generell viel zu viel in Eriks Verhalten hineininterpretiert – in sein Lachen, in seine Zärtlichkeit – und erhielt jetzt die Quittung dafür.

Jonas war wütend. Wütend auf sich selbst und wütend auf Erik. So würde das zwischen ihnen nicht enden. Wenn Erik schon keinen deutlichen Schlussstrich ziehen wollte, würde er es eben selbst machen. Direkt, von Angesicht zu Angesicht.

 

Du, 00:32 Uhr

mein schal is noch bei dir

 

Du, 00:32 Uhr

würd ihn nächste woche gern holen, bevor ich über weihnachten nach Hause fahr

 

Die beiden Häkchen hinter seiner Nachricht färbten sich sofort blau, doch Erik ließ sich nicht zu einer Antwort herab.

„Arschloch“, murmelte Jonas. Er rief den noch sehr kurzen Chat mit Dominik auf und tippte:

 

Du, 00:43 Uhr

wie klingt sonntag für dich? muss vormittags arbeiten, aber ab zwei hät ich zeit.

 

Dominik, 00:44 Uhr

kk

 

Wenigstens einer, der schnell antwortete, wenn auch der Inhalt nicht besonders viel für weitere Gespräche hergab. Jonas wusste, dass er sich eigentlich auf sein Date freuen sollte, aber es dauerte lange, bis er aufhörte, auf die zwei blauen Häkchen hinter seiner Nachricht an Erik zu starren.

 

Was zuletzt geschah:

Jonas springt über seinen Schatten und erzählt seiner Kommilitonin Larissa, weshalb deren Verkupplungsversuche mit jungen Damen immer ins Leere laufen. Später springt er ins kalte Wasser, allerdings nicht, ohne zuvor Erik zu treffen, der sich von ihrer spontanen Begegnung wenig begeistert zeigt. Am Ende des Tages hat Jonas zwar ein Date, nur lautet der Name in seinem Terminkalender plötzlich ‚Dominik‘ und nicht ‚Erik‘.

 

Kapitel 9

Es war nur ein Treffen. Nur ein Treffen. Zwei Leute, die Zeit miteinander verbrachten. Die lachten, wenn es gut lief und sich anschwiegen, wenn nicht. Nichts Besonderes. Er hatte das schon tausendmal gemacht.

Nur, dass das nicht stimmte. Jonas‘ inneres Mantra wurde von der Erkenntnis durchbrochen, dass er sich auf dem Weg zu seinem allerersten Date befand. Ein Date. Ein Treffen, mit der Absicht, sich besser kennenzulernen und bei Gefallen eine romantische Beziehung einzugehen. Mit einem Mann. Jonas war auf dem Weg zu einem Date mit einem Mann.

Unbewusst verlangsamte er seine Schritte, bis der Bus, der seiner Rechnung nach erst in drei Minuten hätte ankommen sollen, an ihm vorbeiraste, ein paar Passagiere auf die Straße schmiss, ein paar andere einsteigen ließ und abbrauste, bevor Jonas auch nur in die Nähe seiner Türen gekommen war. Fuck. Zu spät zum ersten Date. Er hätte kaum einen besseren ersten Eindruck hinterlassen können.

Die Pizzeria war gut besucht und Jonas froh, doch noch reserviert zu haben. Bevor er an den Tisch trat, an dem er Dominiks lockigen Kopf erspäht hatte, wischte er seine feuchten Hände an seiner Jeans ab, schluckte mehrmals, um den Geschmack nach trockener Pappe von seiner Zunge zu streifen und setzte ein hoffentlich überzeugendes Lächeln auf. „Hey. Sorry, dass ich zu spät bin.“

„Kein Problem.“ Auch Dominik lächelte, aber Jonas hatte den Eindruck, dass es ein wenig bemüht wirkte. Die Grübchen, die ihm seit ihrem ersten Treffen im Kopf herumspukten, wollten nicht so recht hervortreten. „War ja nur eine Viertelstunde …“

„Jaah, nochmal sorry deswegen.“ Verlegen rutschte Jonas auf den freien Sitz gegenüber Dominik. „Mir ist der Bus vor der Nase weggefahren und dann bin ich irgendwie eine Seitenstraße zu früh abgebogen und …“ Hilflos zuckte er mit den Schultern. „Berlin ist einfach zu groß für mich.“

„Ich finde, man gewöhnt sich recht schnell daran. Und notfalls gibt es ja auch noch Google Maps.“

Jonas nickte schuldbewusst. Offenbar hatte er Dominik mit seiner Verspätung gehörig auf dem falschen Fuß erwischt. „Dann, ähm … Dann bist du auch noch recht frisch in Berlin?“

„Nein. Schon ein paar Jahre.“

Jonas wartete darauf, dass Dominik von alleine fortfuhr und hakte er nach, als das nicht der Fall war. „Du bist also nich‘ erst fürs Studium hergekommen?“

„Nein.“

Nervös glättete Jonas die Tischdecke vor ihm. „Sorry, is‘ das … Trampel ich da grad auf ‘nem blöden Thema rum?“

„Nein, wieso?“

„Oh, du warst nur … Ich dacht‘ …“ Jonas schüttelte den Kopf und rief sich ins Gedächtnis, dass Dominik nicht Erik war. Wortkarg zu reagieren bedeutete nicht zwangsweise, nicht über etwas sprechen zu wollen. Vielleicht war das auch einfach Dominiks Art. „Schon gut, vergiss es. Kennst du Larissa schon länger?“

„Nicht wirklich.“

„Aber ausreichend, damit sie dich mit nervigen Sprachnachrichten bombardiert.“

Dieses Mal war Dominiks Lächeln echt. „Ehrlich, ich glaube, dafür muss man sie nicht besonders gut kennen.“

Jonas schnaubte. „Stimmt auch wieder. Ich hab am ersten Studientag bloß versehentlich in ihre Richtung geguckt und zwei Minuten später wusste ich praktisch alles über ihr Leben, inklusive der Farbe ihrer Lieblingsunterwäsche.“

„Lila?“

„Mit gelben Blümchen.“

Ihr allmählich warmlaufendes Gespräch wurde kurzfristig von einem gestressten Kellner unterbrochen, der eilig ihre Bestellungen aufnahm. Zweimal Cola und zweimal Salamipizza.

Erleichtert atmete Dominik aus. „Hättest du jetzt Pizza Hawaii bestellt, hätte ich dieses Date für beendet erklären müssen.“

„Nee du, keine Sorge“, erwiderte Jonas und hoffte, dass Dominik ihm nicht anmerkte, wie nervös ihn der Begriff ‚Date‘ machte. „Nix gegen Ananas, aber den Scheiß auf meine Pizza packen will ich dann doch lieber nich‘.“

„Gut.“

Anstatt mit der Tischdenke, spielte Jonas nun mit einer Ecke seiner Serviette, während er überlegte, welche Fragen er Dominik noch stellen konnte. „Was machst du denn, wenn du dich nich‘ unfreiwillig auf WG-Partys rumtreibst?“

„Studieren.“

„Maschinenbau, richtig?“

„Ja.“

„Und, ähm … Wie is‘ das so?“

„Anspruchsvoll. Die Karriereaussichten sind ganz gut, deshalb wollen das viele machen, ganz egal, ob sie dafür geeignet sind oder nicht. Da wird im ersten Jahr ordentlich aussortiert und man muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.“

„Aber es macht dir Spaß?“

Dominik zuckte mit den Schultern. „Ist okay. Wie gesagt, die Jobaussichten nach dem Abschluss sind ziemlich gut.“

„Bei mir jetzt nich‘ so.“

„Ich verstehe sowieso nicht, warum man etwas in Richtung Kunst studiert“, sagte Dominik und nahm die Cola entgegen, die ihm der Kellner brachte. „Kann man das nicht einfach hobbymäßig machen und etwas Ordentliches studieren?“

„Ähm, naja, ich würd jetzt nich‘ sagen … Ich mein, was empfindest du denn als was ‚Ordentliches‘?“

„Keine Ahnung. Irgendetwas, mit dem man dann eben auch einen Job findet. Etwas, das wirklich gebraucht wird.“

„Ich find schon, dass unsre Gesellschaft Kunst braucht“, gab Jonas ein wenig verstimmt zurück.

„Du hast recht.“ Dominik rieb sich übers Gesicht und als er die Hände senkte, waren da nicht nur diese bezaubernden Grübchen, die sein Lächeln einrahmten, sondern seine Wangen hatten zusätzlich eine charmante Röte angenommen. „Entschuldige, ich klinge schon wie einer dieser arroganten MINTler, die denken, ihr Studium sei das einzig Wahre, oder?“

„Vielleicht ein bisschen“, entgegnete Jonas, doch sein kurzfristig aufgeflammter Zorn war bereits verraucht. „Aber das treib ich dir schon noch aus.“

„Hoffentlich. Ich will echt nicht so wie mein Vater werden. Du kennst diese Witze über Asiaten, deren Kind erst wieder mit ihnen sprechen darf, nachdem es ein erfolgreicher Arzt geworden ist? Abgesehen davon, dass ich mir ziemlich sicher bin, keinerlei asiatische Verwandtschaft zu haben trifft es das bei uns ziemlich genau.“

Jonas verzog das Gesicht. „Klingt ätzend.“

„Manchmal ist es das.“ Dominik verstummte und trank einen Schluck Cola. Vielleicht wollte er nicht weiter über seine Familie sprechen, aber vielleicht interpretierte Jonas auch schon wieder zu viel in sein Verhalten hinein.

Ein anderer Kellner, Jonas vermutete, dass der vorhergehende entweder Pause hatte oder weinend auf der Personaltoilette hockte, brachte ihnen zwei imposante Pizzen, deren Duft nach krosser Salami und geschmolzenem Käse seinen Magen zu einem ausgehungerten Knurren animierte.

Weitestgehend schweigend verspeisten Dominik und Jonas die beiden runden Monster vor ihnen. Gelegentlich streifte Dominiks Fuß Jonas‘ Unterschenkel, aber dieser war sich nicht sicher, ob die Berührung zufällig oder gewollt war und fand sich außerstande, sie zu erwidern.

„Schade, dass wir morgen beide so scheißfrüh aufstehen müssen“, sagte er, nachdem jeder seine Rechnung beglichen hatte und sie in Richtung ihrer jeweiligen Haltestellen schlenderten. „Sonst könnten wir jetzt noch ‘n bissl um die Häuser ziehen.“

„Vielleicht machen wir das einfach, wenn wir uns das nächste Mal treffen“, schlug Dominik vor.

Jonas sah ihn mit großen Augen an, kam allerdings nicht umhin, einen raschen Blick auf ihre Umgebung zu werfen. Niemand achtete auf sie oder ihr Gespräch. „Hättest du denn Lust dazu?“

„Von mir aus gerne.“

Ein warmes Gefühl breitete sich in Jonas‘ Brust aus. „Dann schreib ich dir, sobald ich weiß, wie meine Schichten im Café aussehen, okay?“

„Gut.“ Dominik nickte zur Straße. „Da kommt mein Bus. Bis dann.“

Lange blickte Jonas den roten Rücklichtern nach und versuchte, aus seinen Gefühlen schlau zu werden.

 

Eine halbe Woche nach seinem Date mit Dominik, fand sich Jonas erneut vor Eriks Tür wieder und war kurz davor, die Klingel ein zweites Mal zu drücken, als dieser endlich den Summer betätigte. Mit jeder Stufe, die Jonas überwand, beschleunigte sein Herz einige Schläge und er hatte Mühe, sich seine zurechtgelegten Sätze in Erinnerung zu rufen. Hi. Danke für den Schal. Übrigens, ich habe jemanden kennengelernt. Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Mach’s gut.

Wie gewohnt wartete Erik an seiner geöffneten Haustür, doch anders als sonst, schaffte es Jonas dieses Mal nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Sorry für die Verspätung, der Prof hat überzogen.“

„Schon gut.“ Erik klang nicht, als ob alles gut wäre. „Ich wollte ohnehin mal Pause machen.“ Er trat zur Seite, um Jonas in seine Wohnung zu lassen.

„Bin auch sofort wieder weg, sobald ich meinen Schal hab.“

„Hängt an der Garderobe.“

Jonas nickte. Erst, nachdem er Erik den Rücken zugewandt hatte, traute er sich, den Blick zu heben. Sein blauer Wollschal hing unschuldig an dem Haken, über den er ihn bei seinem letzten Besuch so nachlässig geworfen hatte. Er nahm ihn an sich und holte tief Luft. Ich habe jemanden kennengelernt. Wir sollten uns nicht mehr sehen. Aber als er sich umdrehte, wollten die Worte nicht über seine Lippen kommen.

Eriks war blass, die kleinen Fältchen um seine Mundwinkel traten deutlich hervor und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Immer wieder strich er fahrig über seine Unterarme, als versuchte er, den Stoff seines Pullovers zu glätten.

Besorgt runzelte Jonas die Stirn. „Bist du krank?“

„Hm? Nein, nein.“ Erik rang sich ein schmales Lächeln ab. „Nur etwas müde.“

Jonas begriff, dass er möglicherweise zu viel in Eriks Nachricht interpretiert hatte. Man sah ihm die Erschöpfung deutlich an. „Du hast grad echt den Arsch voll Arbeit, was?“

„So könnte man es vielleicht ausdrücken.“ Einen Augenblick lang wurde Eriks Lächeln breiter, bevor es flackerte und erstarb.

„Und wie lange soll das so weitergehen? Nix für ungut, aber du siehst aus, als könntest du mindestens zwanzig Stunden Schlaf brauchen.“

„So schlimm ist es dann doch nicht“, sagte Erik abwehrend. „Nur gerade viel auf einmal. Kurz vor Weihnachten habe ich ein Referat und wenn das erledigt ist, muss ich dringend mit meiner Hausarbeit anfangen. Danach wird es, was die Uni betrifft etwas ruhiger. In der Arbeit …“ Erik zuckte mit den Schultern. „Es ist eben Jahresabschluss und ich bin zum ersten Mal alleine dafür verantwortlich.“

Ich habe jemanden kennengelernt. Wir sollten uns nicht mehr sehen. War es nicht schrecklich unfair von Jonas, Erik zu allem anderen auch noch diese Worte aufzubürden? Anscheinend würden sie sich in nächster Zeit ohnehin nicht treffen, also konnte er damit doch auch noch warten, bis er nicht mehr befürchten musste, Erik könnte jeden Moment im Stehen einschlafen. Allerdings fand Jonas noch immer keine Erklärung für dessen seltsames Gebaren im Schwimmbad. Stress allein schien ihm ein ziemlich unzureichender Grund dafür zu sein und er wollte sich nicht länger in Rätselraten ergehen. „Ach so, ähm, wegen neulich. Als wir uns in der Umkleidekabine getroffen haben …“

„Ah. Ja.“ Jetzt war es Erik, der den Blick senkte.

„Ähm, es is‘ nich‘ so, dass ich dir irgendwie … keine Ahnung, nachgelaufen wär oder so. Das war echt Zufall.“

Verwirrung machte sich auf Eriks Gesicht breit. „Ich weiß nicht, was du–“

„Ich stalke dich nich‘!“, fiel ihm Jonas ins Wort. „Nur, falls du das dachtest …“

Erik zog die Brauen zusammen, bis sich die kleine Falte dazwischen zeigte. „Jonas, ich hatte keine Sekunde lang angenommen, dass du mich stalken würdest. Mir ist schon klar, dass unsere Begegnung neulich Zufall war. Sie hat mich nur …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dich dort zu sehen.“

„Oh. Okay. Du warst nur so … abweisend.“

„Ich weiß. Tut mir leid.“

Skeptisch musterte Jonas Erik, der erneut begonnen hatte, den Saum seiner Ärmel nach unten zu ziehen. Als er Jonas‘ Blick bemerkte, verschränkte er die Arme hinter seinem Rücken. Diese Beklommenheit war so untypisch, dass Jonas ihre Begegnung im Schwimmbad noch einmal Revue passieren ließ. Er hatte Erik angesprochen. Sie hatten sich kurz unterhalten. Eventuell hatte Jonas die Gelegenheit genutzt, mal einen etwas genaueren Blick auf Eriks nackten Oberkörper zu werfen. Die Sommersprossen auf seinen Schultern, der goldene Pfad zwischen Bauchnabel und Schambereich, die kräftigen Arme. Die … Jonas seufzte. „Isses dir unangenehm, dass ich die Narben an deinen Unterarmen gesehen hab?“

Ironischerweise hatte Jonas ihnen bis zu diesem Moment keinerlei Bedeutung beigemessen. Im Schwimmbad hatte er sie einfach für das Souvenir einer recht kratzbürstigen Katze gehalten. Erst jetzt, nachdem er noch einmal darüber nachgedacht hatte, war ihm eingefallen, dass sie denen einer ehemaligen Mitschülerin ähnelten, über deren psychische Probleme mehr als genug Gerüchte im Umlauf gewesen waren. Sollte das wirklich die Erklärung sein? „Keine Ahnung, was du glaubst, was ich d–“ Jonas verstummte.

Erik war sichtlich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemüht, aber seine Lippen waren zu einem schmalen Strich gepresst und das letzte bisschen Farbe aus seinen Wangen gewichen. Instinktiv zog Jonas ihn in eine feste Umarmung und flüsterte: „Du glaubst doch nich‘ etwa, ich würd dich deswegen plötzlich für ‘nen völlig anderen Menschen halten, oder?“

Erik tat nichts, um die Umarmung zu erwidern, entzog sich ihr jedoch auch nicht, also entschied Jonas, dass er ihn noch nicht daraus entlassen würde. „Ich mein, echt jetzt, eigentlich sollt ich dir das richtig übelnehmen, dass du mich für so oberflächlich hältst!“

„Ich halte dich nicht für oberflächlich“, murmelte Erik. Seine Hände legten sich auf Jonas‘ Rücken, aber die Berührung war so zart, dass dieser sie kaum wahrnahm.

„Oh gut, dann muss ich dir ja nich‘ klarmachen, dass ich es scheißeblöd finde, andere nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Und dann noch für was, was offensichtlich ‘ne Weile her is‘.“

„Würdest du dasselbe sagen, wenn ich ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert hätte?“

Jonas schnaubte. „Okay, das wär ‘n Sonderfall.“ Spielerisch zupfte er an Eriks Pullover. „Scheiße, das heißt, du musst mal für mich strippen, damit ich sowas ausschließen kann.“ Zu Jonas‘ Erleichterung lachte Erik leise.

„Entschuldige. Es war dumm von mir, so ein Geheimnis darum zu machen.“

„Jaah, irgendwie schon. Ich mein, is‘ nich‘ so, als würd ich’s nich‘ auch verstehen. Menschen sin‘ Idioten. Ich wette, du hast schon mal beschissenere Reaktionen geerntet hast als ‘ne Umarmung.“

Wieder lachte Erik. „Gelegentlich. Trotzdem hatte ich eigentlich nicht geplant, sie zu verstecken. Es ist nur …“ Sanft löste er sich aus der Umarmung. Er wirkte ruhiger, aber seine linke Hand spielte noch immer mit dem Saum seines rechten Ärmels „Wir hatten so einen komischen Start und ich wollte … Ah, ich wollte wohl einfach einen möglichst guten Eindruck auf dich machen. Damit du dich sicher bei mir fühlen kannst.“

„Versteh ich“, sagte Jonas mehr zu sich selbst als zu Erik. Auch er war nicht immer ehrlich gewesen, entschied jedoch, dass das der völlig falsche Zeitpunkt war, um die Geschichte mit Maria aufzuklären. „Aber ich muss dich jetzt trotzdem an das erinnern, was du mir ganz am Anfang gesagt hast. Von wegen unsere Rollen, die wir im Spiel annehmen nich‘ ins reale Leben mitzunehmen und so.“

„Den Fehler habe ich wohl wirklich gemacht“, gab Erik zu. „Aber es war auch einfach eine gute Gelegenheit für mich, dem ganzen Thema aus dem Weg zu gehen. Ehrlich gesagt spreche ich nicht besonders gerne darüber, wollte dich aber auch nicht belügen, oder eventuelle Fragen abwimmeln. Letztlich habe ich wohl beides getan.“ Er schwieg einen Augenblick und Jonas hatte den Eindruck, dass er mit sich selbst rang, ob er fortfahren oder es dabei belassen sollte. „Reicht es dir, wenn ich sage, dass ich nach dem Tod meiner Eltern eine …“ Wieder stockte er. „Die Zeit danach war ziemlich hart. Aber das ist lange her und zum Glück sind nur ein paar Narben geblieben.“

„Erik, du musst mir gar nix erzählen“, beteuerte Jonas und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln. „Ich hör zu, wenn du willst, aber davon abgesehen beurteile ich bloß, was ich direkt sehe und erlebe. Dahingehend ist mir deine Vergangenheit echt scheißegal.“

„Danke.“ Unerwartet drückte Erik Jonas an sich. Seine Stirn sank auf Jonas‘ Schulter, seine Finger gruben sich in dessen Jacke. „Und danke, dass du es so offen angesprochen hast. Das hat … geholfen.“

„Kein Ding. Wenn ich eins gut kann, dann die Klappe aufzureißen.“ Entgegen seiner großspurigen Worte, war Jonas‘ Mund völlig ausgetrocknet. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Ihre bisherige Beziehung war nahezu ausschließlich sexueller Natur gewesen; körperliche Nähe, die nicht erregen, sondern Trost und Wärme spenden sollte absolutes Neuland. Aber dieses Neuland fühlte sich erschreckend richtig an.

Zärtlich fuhr Jonas durch Eriks Haar, ließ seine Fingerspitzen von dem feinen Flaum an dessen Nacken kitzeln. Eriks Atem strich über seine Halsbeuge und die fest um seinen Körper geschlossenen Arme erinnerten ihn an seine eigene Sehnsucht. Der Duft nach Sonne und Holz stieg ihm in die Nase.

Mit jeder ihrer Begegnungen war ein Stück der perfekten Schale, mit der Erik sich umgeben hatte weggebrochen und Jonas merkte, wie sehr er den Menschen, der sich dahinter verborgen hielt mochte. Still lauschte dem Klopfen seines Herzens und wusste, dass er im Begriff war, sich zu verlieben.

Erik war der Erste, die sich aus der Umarmung löste. Sanft nahm er Jonas den Schal aus den Händen und legte ihn stattdessen um dessen Schultern. „Gut, dass du ihn wiederhast. Ich mag die Farbe an dir.“

Ohne darüber nachzudenken, beugte sich Jonas vor und küsste Erik.

Dessen Lippen vibrierten gegen Jonas‘, als er fragte: „Sehen wir uns nach Weihnachten?“

Ich habe jemanden kennengelernt. Wir sollten uns nicht mehr treffen. Wie konnte Jonas das sagen, nachdem er eben erst großspurige Reden darüber gehalten hatte, dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte? Natürlich würde Erik Jonas‘ Zurückweisung auf seine Narben beziehen. Natürlich würde er denken, Jonas war lediglich auf der Suche nach einer Ausrede. Und natürlich wollte Jonas ihn wiedersehen. „An mir soll’s nich‘ scheitern.“

War es Wunschdenken, oder war Eriks Lächeln zum ersten Mal an diesem Tag weniger melancholisch als vielmehr glücklich? „Das fände ich sehr schön.“

Selbst die kühle Luft, die Jonas vor der Haustür empfing, konnte die Röte nicht von seinen Wangen vertreiben.

Fuck! Fuck! Fuck!

 

Auf dem Weg in das kleine Café, machte sich Jonas eine mentale Notiz: Es war eine dämliche Idee, drei Stunden vor einem Date mit einem süßen Typen einen vergessenen Schal aus der Wohnung seiner aktuellen Affäre zu holen. Völlig in Gedanken versunken, wäre er um ein Haar an dem Tisch vorbeigelaufen, an dem Dominik bereits auf ihn wartete.

„Hey, hier bin ich.“

„Ups, sorry.“ Jonas ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen.

Mit einem zweifelnden Blick hob Dominik sein mit einer zartrosa Flüssigkeit gefülltes Glas, schwenkte es ein wenig und trank schließlich tapfer daraus, bevor er fragte: „Wie war dein Tag?“

„Ganz okay.“ Jonas versuchte, die Aufmerksamkeit der Kellnerin auf sich zu lenken und an etwas zu denken, das nichts mit seiner Begegnung mit Erik zu tun hatte. Das Wetter! Nein, das erinnerte ihn nur an den Schal, der sich weich und warm um seinen Hals schmiegte. Die Arbeit! Das Vorstellungsgespräch, bei dem er Erik kennengelernt hatte. Partys! Seine erste Nacht mit Erik. Die Uni! Ja, die Uni! „Ich hab bloß noch immer keinen Plan, was das Thema für mein Projekt zum Semesterende sein soll. Was trinkst du da?“

„Rosen-Eistee. Ist mir aber viel zu süß.“ Dominik reichte sein Glas an Jonas weiter, damit dieser probieren konnte. „Ist es so schwer, ein Projektthema zu finden?“

„Is‘ halt relativ offen, was die Vorgaben angeht. Ich würd‘ ganz gern was mit Fotografie machen, aber irgendwie glaub ich, dass das allein nich‘ genug ist und selbst wenn, dann fällt mir kein gutes Grundthema ein und–“

„Ja, klingt wirklich schwierig.“

„Ähm … Ja.“ War das Einbildung, oder hatte Dominik ihn gerade eiskalt abgewürgt?

„Was darf ich dir denn bringen?“, löste die Kellnerin das kurze Schweigen zwischen ihnen auf.

„Rosen-Eistee, bitte.“ Jonas fand ihn kein bisschen zu süß, sondern gerade richtig.

„Aber ich weiß, wie es dir geht“, nahm Dominik das Gespräch wieder auf. „Wir haben so viele Klausuren am Ende der Vorlesungszeit. Ich habe echt keine Ahnung, wie ich die alle schaffen soll.“

„Ach, Augen zu und durch. Ich bin sicher, dass du das kannst.“

„Das sagt sich so leicht, wenn man selbst den Stress nicht hat.“

Jonas bemühte sich zu lächeln, aber es wurde eher ein Zähnefletschen. „Stimmt, ich hab natürlich keine Ahnung, wie sich Stress so anfühlt.“

Dominik sah ihn erschrocken an und verzog das Gesicht. „So war das nicht gemeint. Ich bin nur … naja, gestresst eben.“ Er drehte seinen Strohhalm zwischen den Fingern. „Hast du dir überlegt, welchen Film wir heute sehen wollen?“

„‚Paterson‘, dieser neue Film von Jim Jarmusch würd‘ mich interessieren.“

„So ein Kunstding? Naja, wenn du unbedingt willst. Ich dachte eher an den neuen Jack Reacher oder so. Irgendwas zum Abschalten.“

„Oh. Ähm … Ich hab den ersten Teil nich‘ gesehen.“

„Hm … Dann ‚Arrival‘? Soll ein recht guter SciFi-Streifen sein.“

Sofort dachte Jonas an Eriks Vorliebe für Science-Fiction Bücher und fragte sich, ob dieser den Film bereits gesehen hatte und falls ja, mit wem. „Jaa … Ja, warum eigentlich nich‘.“

Dominik lächelte, seine Grübchen so bezaubernd wie immer. „Super, dann sind wir uns da ja schon mal einig.“ Seine Fingerspitzen streiften Jonas‘ Hand, der sie mit einem Seitenblick auf die anderen Gäste wegzog.

„Ähm … Ich guck mal fix, wann und wo der Film läuft.“ Rasch holte er sein Handy hervor und suchte nach den Laufzeiten in den nahegelegenen Kinos, in der Hoffnung, Dominik hätte seine Zurückweisung nicht als solche erkannt. „Wir sollten uns beeilen.“

Der Kinosaal war groß, voll und ihre Plätze nicht besonders gut, aber es war das schnatternde Pärchen neben ihnen, das Jonas den letzten Nerv raubte. Er atmete innerlich auf, als der Film begann und die beiden verstummten. Mit jeder Sekunde ihrer angeregten Unterhaltung, war ihm das Schweigen, das zwischen ihm und Dominik herrschte bewusster geworden.

Seine Erleichterung hielt jedoch nur wenige Szenen an. Es war dunkel, die Sitze so bequem wie Kinositze nun einmal sein konnten und die schmalen Armlehnen boten die perfekte Gelegenheit, unauffälligen Körperkontakt herzustellen. Unsicher schielte Jonas zu Dominik, der gebannt das Geschehen auf der Leinwand verfolgte. Sollte er seine Abweisung im Café wiedergutmachen? Wollte er sie wiedergutmachen?

Warme Finger streiften seinen Handrücken und wieder zog er sich zurück.

 

Autorenkommi:

Fun Fact: Wenn man Fun Fact googelt, spuckt es einen Fun Fact aus.

Von dieser kleinen Erkenntnis abgesehen, musste ich beim erneuten Korrekturlesen des Kapitels feststellen, dass ich es aus irgendeinem Grund nie für nötig erachtet hatte, Jonas‘ und Dominiks erstes Date auszuformulieren. Ich weiß selbst nicht so genau, was ich mir dabei gedacht habe. Jedenfalls ist dieser Teil des Kapitels entsprechend neu und seltener korrekturgelesen als der Rest. Sollten euch also Fehler oder Unstimmigkeiten auffallen: Bitte Bescheid geben. (Das gilt natürlich auch für Fehler in allen anderen Kapiteln, aber bei diesem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass etwas durchgerutscht ist.)

Generell war dieses Kapitel ziemlich schwierig zu schreiben. So viele Emotionen, die irgendwie und möglichst subtil an den Leser gebracht werden wollten Öö

Ich hoffe mal, es hat halbwegs geklappt!

Oh, und guckt euch ‚Arrival‘ an, falls ihr ihn noch nicht gesehen habt. ‚Paterson‘ kenne ich bisher leider selbst noch nicht, aber ‚Only Lovers Left Alive‘ vom selben Regisseur ist einer der ganz wenigen Vampirfilme, die ich richtig gut finde.

So, jetzt höre ich aber auf, bevor der Kommentar hier noch länger wird als das eigentliche Kapitel.

Schönes Wochenende!

Was zuletzt geschah:

Jonas‘ erstes Date mit Dominik läuft gut, aber mehr auch nicht. Ähnliches gilt für das zweite. Liegt es an ihm? Liegt es an Dominik? Oder liegt es an Erik, der sich immer wieder in Jonas‘ Gedanken stiehlt?

 

Kapitel 10

Hand in Hand mit Larissa, bahnte sich Jonas seinen Weg durch die Innenstadt. Nur so schafften sie es, im vorweihnachtlichen Gedränge nicht ständig durch vorbeieilende Passanten getrennt zu werden.

„Willst du noch wohin, oder hast du alles?“, fragte sie.

Jonas warf einen zweifelnden Blick auf den Inhalt seiner Taschen. „Ich glaub, ich sollt alles haben. So eine Scheiße echt. Jedes Jahr nehm ich mir wieder vor, nich‘ alles auf den letzten Drücker zu kaufen und dann fang ich doch wieder ‘ne Woche vor Heiligabend damit an.“

„Ach, es war ja ohnehin mehr als netter Stadtbummel gedacht. Wenn man es so sieht, ist es doch gar nicht übel. Also mal abgesehen davon, dass man sich fast prügeln muss, um durch die Menschenmassen zu kommen.“

Jonas bemühte sich, Larissas Optimismus zu teilen, aber er war angespannt und hatte das Gefühl, dass auch ihre Stimme ein wenig schriller als gewöhnlich war. Immer wieder ertappte er sich dabei, seine Mitmenschen kritisch zu beäugen. Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt saß ihm im Nacken und die besorgten Anrufe und Nachrichten seiner Freunde und Verwandten hatten nicht zu seiner Beruhigung beigetragen. Seine Mutter hatte ihn sogar gebeten, sofort zu ihnen zu fahren und nicht erst, wie ursprünglich geplant, an Heiligabend, aber er hatte abgelehnt. So wie alle anderen, mit denen er darüber gesprochen hatte, bemühte er sich, diesem Ereignis so wenig Raum wie möglich zu geben und ohne Angst seinem Alltag nachzugehen.

„Wie läuft es eigentlich mit Dominik?“, riss Larissa ihn aus seinen Gedanken.

„Oh, ähm … Ganz okay.“

„Nur ganz okay?“

Jonas biss sich auf die Lippe. „Ich weiß auch nich‘ … Wir haben uns jetzt zweimal getroffen und er is‘ echt nett, aber irgendwie … Ihm geht Kunst am Arsch vorbei, ich bin ‘ne Niete in Naturwissenschaften. Is‘ irgendwie schwierig ‘n Gesprächsthema zu finden.“

„Na komm, es gibt doch so viel anderes, worüber man reden könnte.“

„Is‘ mir schon klar, aber irgendwie finden wir nix. Wenn wir erst irgendwo essen und danach ins Kino gehen, haben wir uns schon im Saal nix mehr zu sagen.“

„Dann macht doch was anderes, Herrgott nochmal!“, schimpfte Larissa.

„Jaah … Ich sag ja auch nich‘, dass ich schon aufgebe.“ Dass Jonas bisher konsequent jeden Annäherungsversuch von Dominik abgeblockt hatte, verschwieg er ebenfalls lieber. „Vielleicht brauchen wir einfach mal was Privateres als so’n Treffen in ‘nem Café.“ Vielleicht musste er sich auch einfach endlich Erik aus dem Kopf schlagen.

„Netflix and chill?“

„Sowas in der Art”, wich er aus, unsicher, was die Vorstellung, Dominik körperlich näherzukommen in ihm auslöste. „Wollen wir noch was essen?“

„Wollen wir!“, stimmte Larissa freudig zu. „Meine Füße bringen mich allmählich um.“ Sie deutete auf eine Seitengasse. „Ein paar Straßen weiter ist ein ganz guter und recht günstiger Chinese. Könnte aber schwierig werden, noch einen Platz zu bekommen.“

„Sehen wir ja gleich.“ Jonas stoppte Larissa, bevor sie abbiegen konnte „Warte, ich würd noch gern da drüben reinschauen.“

Ihr Blick folgte der Richtung, in die sein ausgestreckter Arm deutete.

„Gute Idee, ich brauch eh auch einen neuen Zeichenblock. Vielleicht haben die auch Sprühdosen da.“

Während Larissa zielgerichtet auf die Abteilung für Künstlerbedarf zusteuerte, wanderte Jonas mit offenen Augen durch den Laden. Abgesehen von neuem Klebstoff, den er in jedem Kaufhaus bekommen konnte, war er gut ausgestattet und hatte lediglich seiner Neugierde nachgegeben, als er Larissa in das Geschäft gezogen hatte. Wie so oft, endete er in der Fotoabteilung.

Nach langer innerer Debatte, griff er nach einem schlichten, dunklen Bilderrahmen und machte sich nach einem kurzen Preischeck auf den Weg zur Kasse.

Die beiden ergatterten tatsächlich noch einen Tisch im Restaurant und Jonas war froh, einfach essen und Larissa zuhören zu können, anstatt selbst reden zu müssen. Immer wieder drückte seine Hand gegen die Tasche, in der sich der Bilderrahmen abzeichnete.

 

Ich empfinde mehr für dich als ich sollte und deshalb muss ich das zwischen uns beenden.

Jonas starrte auf den Zettel. Seine Handschrift wirkte unsauber, die Formulierung holprig – gehörte da ein Komma vor das ‚als‘? – und er war sich nicht sicher, ob es überhaupt das war, was er sagen wollte. Frustriert knüllte er das Stück Papier zusammen und warf es neben den Papierkorb. Nein, das war definitiv nicht das, was er sagen wollte. Was er sagen wollte war: Hey, ich glaube, ich bin dabei mich in dich zu verknallen und es wäre echt super, wenn wir dem Ganzen eine Chance geben könnten.

Aber das war unmöglich. Erik hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass das nicht die Richtung war, die er sich vorstellte und wenn es jemals einen falschen Zeitpunkt gegeben hatte, ihn unter emotionalen Druck zu setzen, dann diesen. Selbst ohne Stress mit Arbeit und Uni, würde seine Antwort vermutlich nicht positiv ausfallen, mal ganz davon abgesehen, dass es auch nicht wirklich fair war, ihm ausgerechnet jetzt eine weitere Baustelle aufzuhalsen.

Mit einem tiefen Seufzen lehnte sich Jonas in seinem Stuhl zurück. Dasselbe galt doch aber für das Beenden ihrer Affäre, oder? Und dann noch auf so eine feige Art. Ein Zettel, angeheftet an ein Weihnachtsgeschenk. Lächerlich.

Kurzentschlossen griff er sich das rubinfarbene Geschenkpapier und wickelte den Rahmen darin ein. Am Ende versah er das Päckchen mit einer kunstvollen Schleife. Ein Blick auf sein Handy zeigte ihm, dass er gerade noch rechtzeitig fertig geworden war, wenn er das Geschenk in Eriks Briefkasten werfen wollte, bevor er den Bus nach München nahm.

 

Stöhnend stolperte Jonas aus dem Wagen. Er fühlte seine Beine nicht mehr, von seinem Arsch wollte er gar nicht erst anfangen. Weshalb hatte er sich noch einmal dazu entschieden, lieber acht Stunden mit dem Bus zu fahren, anstatt die Bahn zu nehmen? Ach ja, weil er so ein paar Euro sparte. Er war sich nicht sicher, ob das eine seiner besseren Ideen gewesen war.

Die Luft war bitterkalt, aber zu Jonas‘ Enttäuschung, hatte auch hier keine einzige Schneeflocke den Boden berührt. Er wuchtete seine Reisetasche über die Schulter und suchte nach dem Aufgang zu den Regionalzügen, inständig darauf hoffend, dass er seinen Anschluss nach Rosenheim erwischte. Bei der Aussicht, diesen zu verpassen und über eine Stunde am Bahnhof totschlagen zu müssen, schrie sein übermüdeter Körper erbost auf.

Während er die Treppe hochstieg, kramte er sein Handy aus seiner Hosentasche, um seinen Eltern Bescheid zu geben, dass er gut in München angekommen war. So weit kam er allerdings nicht.

„Jonas!“

Verblüfft blieb er stehen und hob den Blick. Am oberen Ende der Treppe standen seine Eltern, beide mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, seine Mutter die Arme bereits für eine Umarmung ausgestreckt. Jonas überwand die letzten Stufen schneller, als seine verkrampften Beine für möglich gehalten hätten.

„Was macht ihr denn hier?“

„Wir dachten uns, wir holen dich gleich hier ab. Du hast eh so einen langen Weg hinter dir, da ist das letzte Stück im Auto doch besser als mit dem Zug.“

„Aber sowas von.“ Erschöpft und gerührt, schmiegte sich Jonas in die kräftigen Arme seiner Mutter. „Scheiße, hab ich euch vermisst!“

„Hörst du auf zu fluchen!“

„Sorry, Mama.“

„Und ganz dünn bist du geworden!“

„Das bildest du dir nur ein.“

„Komm, gib mir mal deine Tasche.“

„Danke, Papa.“

„Zuhause mache ich dir gleich eine Kleinigkeit zu essen.“

„Mama, ich werd‘ nich‘ verhungern, wenn ich bis zum Abendessen warte.“ Jonas rieb sich über seine juckenden Augen. „Eigentlich will ich bloß noch schlafen.“

„Das ist auch gut“, erwiderte seine Mutter. „Solange du zuhause bist, schläft du in deinem alten Zimmer. Vroni zieht derweil wieder zu Christine in den Speicher.“

„Scheiße, da mach‘ ich mich ja gleich beliebt bei den beiden.“

„Die freuen sich zu sehr auf dich, um groß zu meckern“, sagte sein Vater.

„Ich freu mich auch auf sie.“ Lächelnd schüttelte Jonas den Kopf. „Hätte nie gedacht, dass ich das mal sag. Das dürfen die beiden nie erfahren.“

„Wir müssen ein Stück laufen“, erklärte seine Mutter. „Dein Vater weigert sich, ein paar Euro für den Parkplatz hier am Bahnhof auszugeben. Also stehen wir jetzt in irgendeiner Nebenstraße.“

„Die Preise sind völliger Wucher!“, schimpfte Jonas‘ Vater. „Früher hätte es das nicht gegeben!“

„Jetzt reg dich nicht wieder so auf! Und natürlich gab es das früher schon!“

Jonas grinste. Seine Schwestern und die kleinen Streitereien seiner Eltern. Zwei Dinge, die er erst zu schätzen gelernt hatte, nachdem er nicht mehr täglich von ihnen umgeben war.

Gemeinsam überquerten sie den Parkplatz und Jonas‘ Blick wanderte zu zwei Männern, die sich offenbar gerade voneinander verabschiedeten. Als sie sich zärtlich küssten, fühlte er einen Stich in seiner Brust. Er wollte das auch. Wollte einen Partner, den er liebte. Der ihn liebte. Und den Mut, das aller Welt zu zeigen.

„Schwuchteln.“

„Papa!“ Jonas biss sich auf die Zunge und atmete einmal tief durch, bevor er etwas sagen konnte, das garantiert zur Eskalation führte. „Die küssen sich doch bloß.“

Sein Vater schnaubte. „Die können’s treiben mit wem sie wollen, aber doch bitte in ihren eigenen vier Wänden, nicht hier. Ich will das nicht sehen.“

„Würdest du so’n Scheiß auch sagen, wenn’s ‘n Kerl und seine Ische wären?“

„Die müssten sich auch nicht gerade abschlecken, aber zwischen Mann und Frau ist das eben normal.“

„Homosexualität ist auch normal!“

„Früher hat es das nicht gegeben“, widersprach sein Vater.

„Ja, weil man früher Angst haben musste, dafür in den Knast gesteckt zu werden! Oder halb totgeprügelt! Oder ganz totgeprügelt!“

„Ist ja gut jetzt!“, ging Jonas‘ Mutter dazwischen. „Du musst einfach verstehen, dass dein Vater und ich in anderen Zeiten aufgewachsen sind. Ich finde zwei sich küssende Männer auch seltsam. Bei uns gab’s sowas nicht, zumindest nicht offen. Da können unsere ach so modernen Parteien noch so oft runterbeten, dass das jetzt zu Deutschland gehört – für uns fühlt sich das einfach irgendwie falsch an.“

„Is‘ noch lang kein Grund–“

„Schluss jetzt!“, unterbrach seine Mutter erneut. „Ich will nichts mehr zu dem Thema hören. Ich bin sicher, ihr findet über die Feiertage noch genug andere Gelegenheiten, euch zu streiten.“

Jonas verbrachte die Fahrt nach Hause schweigend auf dem Rücksitz. ‚Irgendwie falsch‘, hatte seine Mutter gesagt. Wie würde sie reagieren, wenn sie erfuhr, dass ihr eigener Sohn ‚irgendwie falsch‘ war?

 

Die Begrüßung zuhause vertrieb Jonas‘ düstere Gedanken. Sein Vater hatte noch nicht einmal den Motor abgestellt, als seine Schwestern die Garage stürmten und ihn aus dem Auto zerrten.

„Endlich bist du da“, nuschelte Vroni in seine Jacke. „Ich hab dich sooooo vermisst.“

Jonas wuschelte ihr durch das dunkle Haar. „Ich dich auch.“ Er konnte sich nicht verkneifen, ein ‚du kleine Kröte‘ hinterherzusetzen und erntete prompt einen erbosten Aufschrei.

„Mama! Jonas ärgert mich schon wieder!“

„Petze!“, neckte Christine und schob ihre kleine Schwester zur Seite, um ihren großen Bruder ebenfalls in die Arme schließen zu können. „Na, wie fühlt es sich an, endlich wieder gute Landluft zu atmen?“

„Gar nich‘ so beschissen“, gestand Jonas. „Dafür kann ich sogar euch ‘n paar Tage ertragen.“

„Na komm“, sagte Christine grinsend, „wir wissen alle, dass du nachts heimlich in dein Kissen weinst, weil du uns so vermisst.“

„Scheiße, du hast mich durchschaut!“ Jonas wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Auge. „Ich bin ‘n Häufchen Elend.“

Christine klopfte ihm auf die Schulter. „Das weiß ich doch.“

„Jetzt steht doch nicht hier in der kalten Garage rum!“, rief ihre Mutter. „Jonas, Abendessen gibt’s um–“

„Sechs“, unterbrach er. „Das weiß ich, Mama. Bloß, weil ich ‘n Vierteljahr woanders gewohnt hab, hab ich nich‘ vergessen, wie’s hier so läuft.“

„Umso besser. Dann nutz die Zeit bis dahin, bring deine Sachen auf dein Zimmer, geh duschen und zieh dir was Ordentliches an. Und begrüß Oma!“

Jonas wollte etwas einwenden, entschied sich aber spontan dagegen und stieß lediglich ein gequältes Seufzen aus. „Ja, Mama.“ Er versuchte, das Kichern seiner Schwestern, die ihn bis in sein Zimmer verfolgten zu ignorieren.

Aber sein Zimmer war nicht länger sein Zimmer. Die alte Diele im Türrahmen knarzte, wie sie es immer getan hatte, doch seine Collagen waren durch Poster von Pferden und Popstars ersetzt worden, der schlichte Holzschreibtisch war nun weiß lackiert und auf dem Boden lag ein dünner, grüner Teppich, der nicht ansatzweise so flauschig war wie der, der ihm gehört hatte.

„Gefällt es dir?“, fragte Vroni, ungeduldig von einem Bein auf das andere hüpfend.

„Es is‘ … echt schön geworden.“ Jonas zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht.

„Guck, guck, die hat Mama mir geschenkt!“ Sie deutete auf drei besonders ausladende Poster mit Pferden, die für Jonas‘ ungeschulte Augen alle ziemlich gleich aussahen. „Und ich darf eine halbe Stunde am Tag mit deinem Nintendo spielen!“ Nun zeigte Vroni auf den kleinen Schrank gegenüber des Betts, dessen Türen allerdings abgeschlossen waren. Das war wohl der Kompromiss, den Jonas‘ Eltern gefunden hatten, nachdem er seiner kleinen Schwester ohne vorher zu fragen seine alte Konsole überlassen und damit beinahe ein ernsthaftes Familiendrama verursacht hatte. „Und die Vorhänge habe ich selbst aufgehängt!“

„Das ist ja der Wahnsinn!“, rief Jonas und hoffte, Vroni würde die Übertreibung nicht bemerken. „Ich war schon zwanzig, als ich zum ersten Mal Vorhänge aufgehängt habe.“

Vronis Brust schwoll an vor Stolz. „Ich bin eben erwachsener als du!“

„Das bist du“, bestätigte Jonas mit dem ernsthaftesten Gesichtsausdruck, den er zustande brachte. „Tust du mir den Gefallen und guckst mal, wo Oma is‘? Die hab ich noch gar nich‘ gesehen.“

Einen Augenblick lang huschte Misstrauen über Vronis Gesicht, aber dann hüpfte –ja, hüpfte – sie aus dem Raum.

Kopfschüttelnd sah Christine ihr nach. „Was bin ich froh, dass wir bloß drei Jahre auseinander sind, sonst hättest du mich wahrscheinlich auch zu deinem kleinen Lakaien erzogen.“

„Was bin ich froh, dass du dich nich‘ an die ersten paar Jahre deines Lebens erinnern kannst.“ Verschlagen zwinkerte Jonas seiner verdutzten Schwester zu. „Du hast jetzt also den ganzen Speicher für dich allein?“, wechselte er das Thema, während er seine Reisetasche auf das ungewohnt schmale Bett beförderte.

„Jawohl!“ Die Freude darüber war Christine deutlich anzusehen. „Dafür hat es sich fast gelohnt, ihn sieben Jahre mit Vroni teilen zu müssen. Jetzt bin ich beinahe traurig, dass ich nächstes Jahr fürs Studium wohl umziehen muss.“

„Schon ‘ne Ahnung, was du machen willst?“

„Nicht wirklich. Lehramt, vielleicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich den Rest meines Lebens um die Schratzen anderer Leute kümmern will.“ Christine zuckte mit den Schultern. „Außerdem muss ich meinen Abschluss erst mal schaffen. Glaub bloß nicht, Mama und Papa hätten eine Aushilfe eingestellt, nur, weil du nicht mehr da bist. Ich komme vor lauter Kellnern schon gar nicht mehr zum Lernen.“

„Ach komm, als ob du jemals viel für die Schule getan hättest“, widersprach Jonas, auch, um sein schlechtes Gewissen zu mildern. „Du schaffst so oder so ‘nen Bombenabschluss.“

„Jaaa, da hast du wohl recht“, antwortete Christine grinsend. „Ich bin immer noch eine der Jahrgangsbesten.“

„Streber und Angeber zugleich. Bist sicher beliebt.“ Jonas schüttelte den Kopf. „Und mir Schulgefühle einreden, is‘ auch nich‘ grad die feine Art.“

„Dann erklärst du dich vielleicht eher bereit, mich über Silvester mit nach München zu nehmen.“

„Mama und Papa haben aber schon ‚Nein‘ gesagt!“, petzte Vroni, die sich unbemerkt zurück ins Zimmer geschlichen hatte.

„Was ist mit Oma?“, erkundigte sich Jonas.

„Die sitzt in der Küche. Und Christine darf nicht nach München, weil sie noch nicht alt genug ist!“

„Was echt unfair ist“, murrte diese. „Jonas durfte schon mit sechzehn in München Party machen.“

„Jonas ist ja auch ein Junge!“, erklärte Vroni, als wäre damit alles gesagt.

„Das ist genau diese sexistische Kackscheiße, die heutzutage einfach nicht mehr existieren sollte!“

So wie Jonas seine Schwester kannte, regte sie sich mehr über die Begründung ihrer Eltern auf, als darüber, Silvester nicht in München feiern zu können. Beschwichtigend hob er die Hände, um den beginnenden Streit zu beenden. „Is‘ ja gut. Ich versuch mal, sie zu überreden, wenn, und nur wenn du versprichst, mir keinen Ärger zu machen.“

„Ach Bruderherz, wann habe ich jemals Ärger gemacht?“

„Das war jetzt hoffentlich ‘ne rhetorische Frage? Und jetzt raus hier, ich bin’s nich‘ mehr gewohnt, euch nervige Pestbeulen so lang um mich zu haben!“ Jonas wedelte mit den Händen, als wollte er ein lästiges Insekt verscheuchen und seine Schwestern traten kichernd den Rückzug an.

Nach einer kurzen Dusche, zwängte er sich in das Hemd, von dem er wusste, dass es seiner Mutter gefallen würde, musterte sich kurz im Spiegel und tauschte es wieder gegen einen seiner bequemen Kapuzenpullover. Auf Socken schlich er durch das Haus und wurde schnell fündig.

Jonas‘ Oma hatte es sich auf dem alten Schaukelstuhl bequem gemacht, der aus irgendeinem Grund immer in der Küche, anstelle des Wohnzimmers stehen musste. Hinter ihr dudelte das Radio so leise, dass er sich nicht sicher war, ob sie es überhaupt hörte.

Der vertraute Anblick, eine Erinnerung an seine Kindheit, wärmte sein Herz. „Hallo, Oma“, begrüßte er sie.

„Bua!“, rief sie freudig und kämpfte sich aus dem Stuhl hoch, um ihn in die Arme zu schließen. „I hob di gor ned g‘heard.“

„Bin auch erst vor ein ‘ner halben Stunde oder so angekommen.“ Eng kuschelte er sich an die Frau, die er für den Rest seines Lebens mit Wolle und Butterplätzchen verbinden würde.

„Bleibst a weng bei mia hockn? Erzeast vo da großn Stod?“

„Solange du willst.“ Und es wurde lange. Anstatt die Zeit bis zum Abendessen zu verschlafen, saß Jonas bei seiner Oma am Küchentisch und erzählte ihr, was er in den vergangenen Monaten so erlebt hatte. Jedenfalls das meiste. Seine Abenteuer mit Erik und Dominik sparte er geflissentlich aus.

Je näher der Abend rückte, umso mehr Familienmitglieder gesellten sich zu ihnen, bis irgendwann die ganze Familie am Tisch versammelt war. Der Heiligabend war offiziell eingeläutet.

 

Jonas lag auf seinem Bett, das Leuchten seines Handys die einzige Lichtquelle im Raum. Der Großteil seiner Freunde hatte seine Frohe-Weihnachten-Nachricht beantwortet, nur Maria, Erik und Dominik fehlten noch. Er rief seinen Chat mit Maria auf und las noch einmal seine letzten Nachrichten an sie.

 

Du, 22:34 Uhr

schade, dass wir uns heute nich mehr gesehen haben.

 

Du, 22:34 Uhr

hätte nich gedacht, dass der erste tag zuhause so anstrengend wird

 

Du, 22:34 Uhr

warst du in der kirche? hätte beinahe drama bei uns geben

 

Du, 22:35 Uhr

dabei war ich schon die letzten jahre nich mehr da

 

Du, 23:01 Uhr

ist es bei dir auch so … komisch?

 

Du, 23:05 Uhr

ich mein, es is echt super, meine fam wiederzusehen, aber irgendwie fühl ich mich wie der totale außenseiter.

 

Jonas sah, dass Maria jede einzelne seiner Nachrichten gelesen hatte, aber sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Er war kurz davor, einfach anzurufen, als sie zu tippen begann.

 

Maria, 23:13 Uhr

Bin ziemlich geschafft, daher die Kurzfassung: Ich bin wieder im Wohnheim in München. Riesenstreit. Details gibt es ein andermal.

 

Das klang gar nicht gut. Allmählich begann Jonas, sich Sorgen um Maria zu machen. Sie hatte sich in den vergangenen Monaten zunehmend von ihm abgekapselt, die meisten Telefonate wegen Zeitmangel abgesagt und es bei oberflächlichem Geplänkel belassen, wenn sie doch einmal miteinander gesprochen hatten. Rasch antwortete er:

 

Du, 23:13 Uhr

fuck! tut mir echt leid. kann ich irgendwas tun?

 

Maria, 23:16 Uhr

Sorry, ich will grad nur allein sein. Aber du könntest an Silvester zu mir kommen, dann haben wir Zeit zum Reden. Gute Nacht.

 

Du, 23:16 Uhr

machen wir so. schlaf gut!

 

Jonas tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Ihr kurzer Austausch hatte nicht dazu beigetragen, ihn zu beruhigen, aber er kannte Maria gut genug, um zu wissen, dass alles Bohren nichts nutzte, wenn sie nicht darüber sprechen wollte. Schlafen konnte er dennoch nicht mehr.

Zum gefühlt tausendstem Mal an diesem Abend, bewunderte er die Spiegelreflexkamera, die seine Eltern ihm geschenkt hatten. Sie war wundervoll, genau das Modell, das er schon so oft sehnsüchtig im Laden beäugt hatte, weshalb auch ihr unverschämt hoher Preis kein Geheimnis für ihn war. Seine Eltern mochten nicht glücklich über seine Studienwahl sein, aber sie taten ihr Bestes, um ihn zu unterstützen. Zärtlich strich er über das pechschwarze Gehäuse und entfernte eine winzige Staubfluse vom Objektiv. Wenn er sich doch nur sicher sein könnte, dass seine Eltern auch andere Teile seines Lebens so leicht akzeptieren würden.

Jonas‘ Handy kündete von einer weiteren Nachricht, aber zu seiner Enttäuschung, hatte sich Maria nicht spontan dazu entschieden, ihm doch noch ihr Herz auszuschütten. Stattdessen hatte Dominik geantwortet.

 

Dominik, 23:22 Uhr

Dir auch frohe Weinachten.

 

Du, 23:22 Uhr

danke. hattest du einen schönen abend?

 

Dominik, 23:23 Uhr

Ja.

 

Genervt rollte Jonas mit den Augen. Sie konnten sich schon nicht richtig unterhalten, wenn sie sich direkt gegenübersaßen, schriftlich war es nahezu unmöglich. Eine weitere Nachricht von Dominik schien dieser These jedoch zu widersprechen, denn sie war ungewohnt lang.

 

Dominik, 23:29 Uhr

Ich habe nachgedacht und ich glaube nicht, dass das zwischen uns funktioniert. Du bist wirklich nett, aber wohl einfach nicht mein Typ. Tut mir leid, ich hoffe du verstehst das. Viel Glück bei deinem Projekt!

 

Jonas las den Text wieder und wieder, doch auch nach dem dritten Mal, konnte er nicht sagen, was er in ihm auslöste. Er hatte schon lange geahnt, dass er und Dominik nicht wirklich zusammenpassten und wenn er ehrlich zu sich selbst war, schlug sein Herz ohnehin für Erik. Letztlich war es unfair von ihm gewesen, Dominik als Lückenbüßer zu missbrauchen und es war gut, dass dieser ihm die Entscheidung abgenommen hatte, das zwischen ihnen nicht weiterzuführen.

Die Ablehnung schmerzte aus einem ganz anderem Grund. Jonas war einsam. Seine Familie, seine Freunde, sogar Maria; niemandem schien er sich wirklich öffnen zu können. Entweder, sie waren zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, um ihm zuzuhören, oder sie brachten einfach kein Verständnis für ihn auf. Jetzt hatte sich die Zahl der Personen, mit denen er sich über etwas anderes als das Wetter und die letzte Party unterhalten konnte noch weiter reduziert.

 

Du, 23:36 Uhr

is okay. dir auch viel erfolg für deine klausuren!

 

In Jonas‘ Kopf klangen diese Worte so verlogen wie sie waren, aber mit etwas Glück bemerkte Dominik das nicht. Und selbst wenn, brauchte es Jonas im Grunde nicht zu interessieren. Die Sache mit ihnen war gelaufen.

Er löschte das Licht, drückte sein Gesicht tief in das viel zu weiche Kissen und inhalierte den vertrauten Duft nach seiner Kindheit, der nicht mehr wirklich zu ihm passen wollte.

 

Autorenkommi:

Heute viele kurze Szenen, aber ich hoffe mal, der zeitliche Ablauf ist trotzdem einigermaßen klar.

Jonas lässt Berlin ein paar Tage hinter sich und wir erfahren etwas mehr über ihn und seine Familie. Gutes und Schlechtes. Alles in allem ist das Kapitel eher ein Übergang, dafür gehört das Kommende zu meinen bisherigen Favoriten.

Wie immer Danke fürs Lesen und hoffentlich bis nächste Woche!

Was zuletzt geschah:
Jonas verbringt die Weihnachtsferien in Bayern, ein Besuch, der von guten und weniger guten Erlebnissen durchzogen ist. Ein Zusammenstoß auf dem Parkplatz des Busbahnhofs erinnert ihn unsanft daran, weshalb er zögert, sich vor seinen Eltern zu outen. Dominik nimmt ihm derweil die Entscheidung ab, ob sie sich wiedersehen sollen oder nicht und Erik hat noch kein Wort über das Weihnachtsgeschenk verloren, das Jonas ihm – ohne erklärenden Zettel – in den Briefkasten geworfen hatte.

 

Kapitel 11

Jonas schreckte hoch. Hatte er schlecht geträumt? Orientierungslos blickte er sich in der Dunkelheit um und entdeckte, dass das Display seines Handys leuchtete. Er musste vergessen haben es auf ‚stumm‘ zu schalten und prompt hatte ihn das Piepsen einer eingegangenen Nachricht aus dem Schlaf gerissen. Sein Herz machte einen Hüpfer, als er sah, von wem diese stammte.

 

Erik, 04:47 Uhr

Dir auch frohe Weihnachten :)

Bist du über die Feiertage bei deinen Eltern?

 

Spontan und noch zu verschlafen, um darüber nachzudenken, ob das eine gute Idee war, wählte Jonas‘ Eriks Nummer. Schon nach dem zweiten Klingeln hob dieser ab.

„Mit einem Anruf hatte ich gar nicht gerechnet. Ich habe dich jetzt aber nicht geweckt, oder?“

„Nee, passt schon.“

„Sicher? Du klingst nämlich, als wärst du eben erst aus dem Bett gefallen.“

„Jaa, okay. Vielleicht hast du mich geweckt. Ich bin aber nich‘ der einzige hier, der müde klingt.“

„Ich bin gerade erst von der Arbeit nach Hause gekommen.“

Jonas warf einen Blick auf den mit fluoreszierenden Pferdestickern beklebten Wecker, den seine Schwester neben dem Bett platziert hatte. Es war fast fünf Uhr morgens. „Scheiße, dann willst du sicher gleich pennen gehen. Ich wollt dich nich‘ stören.“

„Tust du nicht“, versicherte Erik. Da war eine kleine Pause, ein oder zwei gleichmäßige Atemzüge, bevor er hinzufügte: „Ehrlich gesagt ist es schön, deine Stimme zu hören.“

Jonas öffnete und schloss seinen Mund, unsicher, was er erwidern sollte. Unsicher, ob ein Herz so klopfen konnte, ohne Schaden zu nehmen.

Glücklicherweise schien Erik keine Antwort zu erwarten. „Im Club war heute der Teufel los.“

Das war besser. Das war bekanntes Terrain. Darauf konnte Jonas angemessen reagieren. „So schlimm?“, fragte er mitfühlend. „Ich dacht, an Weihnachten wär’s eher leer. Meine Eltern schließen die Wirtschaft über die Feiertage immer komplett.“

„Wirklich gut besucht war es bei uns auch nicht. Das kommt dann an Silvester. Aber manchmal fühlt es sich an, als würden die paar, die an Weihnachten da sind, sich extra Mühe geben, Mist zu bauen. Wir hatten heute dreimal den Krankenwagen hier. Einmal mitsamt Polizei, weil zwei Idioten meinten, sich prügeln zu müssen.“

„So ‘ne Scheiße. Gibt das Ärger für den Club?“

„Das wohl nicht. Nur Papierkram. Und noch mehr Stress.“

„Nimm’s mir nich‘ übel, aber du klingst echt fertig“, sagte Jonas. „Kannst du nich‘ mal ‘n paar Tage Urlaub nehmen oder so?“

„Ich habe ein paar anstrengende Wochen hinter mir“, räumte Erik ein. „Aber ich denke, es wird besser.“ Er gähnte herzhaft. „Lass uns über etwas Angenehmeres reden, ja?“

Offensichtlich war Erik bemüht, die Frage nach Urlaub zu umschiffen und Jonas entschied, ihn nicht weiter zu drängen. „Hast du mein Geschenk gekriegt?“, erkundigte er sich stattdessen nervös.

„Geschenk? Welches … Ah! Das im Briefkasten? Das ist von dir?“

Jonas lachte über seine eigene Dummheit. „Ich hab vergessen, ‘ne beschissene Karte reinzulegen.“ ‚Vergessen‘, war zugegebenermaßen ein Euphemismus für ‚gekniffen‘. „Eigentlich wollt ich’s dir persönlich geben, aber ich musste in aller Herrgottsfrüh meinen Bus erwischen und dachte, dass du um die Zeit sicher noch schläfst.“

„Und ich bedanke mich für deine Umsicht, indem ich dich mitten in der Nacht wecke.“ Erik seufzte. „Jetzt habe ich gleich ein doppelt schlechtes Gewissen. Ich habe gar nichts für dich.“

„Brauchst du nich‘!“, beteuerte Jonas. „Is‘ ja nur ‘ne Kleinigkeit und war auch eher ‘ne spontane Idee.“

„Trotzdem … Ich revanchiere mich, wenn du wieder in Berlin bist.“

„Wenn du drauf bestehst, sag‘ ich nich‘ ‚Nein‘.“ Ruhelos zwirbelte Jonas das Bettlaken zwischen den Fingern. Erik hatte noch kein Wort darüber verloren, ob ihm der Bilderrahmen gefiel. „Ähm, also, was das Geschenk betrifft …“

„Ah, warte, ehrlich gesagt, bin ich noch gar nicht zum Auspacken gekommen.“

„Oh. Ach so.“

„Moment, das ändern wir gleich. Ich stell dich mal eben auf laut.“

Jonas hörte Schritte und schließlich ein Rascheln im Hintergrund. Es schien ewig zu dauern. „Du bist jetzt aber nich‘ einer von diesen Spießern, die ihre Geschenke feinsäuberlich auspacken und das Papier glattbügeln, damit sie es wiederverwenden können, obwohl sie genau wissen, dass sie das nie tun werden?“

Erik lachte. „Das nicht, aber ich lasse mir beim Auspacken tatsächlich gerne Zeit. Schließlich hat sich der Schenkende doch auch Mühe beim Einpacken gegeben. Es fühlt sich irgendwie falsch an, das überhaupt nicht zu würdigen und das Papier einfach aufzureißen.“ Das Rascheln wurde lauter, bevor es verstummte. „Ah, ein Bilderrahmen. Der ist hübsch. Danke.“

Hübsch. Das war maximal eine Nuance besser als ‚nett‘. Es dauerte einen Moment, bis Jonas klar wurde, dass Erik die Idee dahinter nicht kannte.

„Weißt du, ähm … Als ich das letzte Mal bei dir war, da hatte ich doch das Foto mit deinen Eltern in der Hand und … da war so ein kleiner Sprung im Glas. Nich‘ tragisch, aber ich dacht, vielleicht willst du zumindest das Glas austauschen. Der Rahmen sollte die passende Größe haben.“

„Ah, das …“ Erik schwieg einen Augenblick und als er weitersprach, klang seine Stimme belegt. „Das ist wirklich sehr aufmerksam von dir. Danke. Nochmal.“

„Nicht dafür“, flüsterte Jonas.

Erneut herrschte Schweigen, bis sich Erik hörbar räusperte. „Wann bist du denn wieder in Berlin?“

Die Ecke des Bettlakens, die zwischen Jonas‘ unruhige Finger geraten war, musste inzwischen beinahe durchgewetzt sein. Er bemühte sich, die fröhliche Neutralität zu kopieren, mit der Erik gesprochen hatte. „Die Uni geht am zweiten Januar weiter, also muss ich schon Neujahr zurück. Wird super. Wer will nich‘ nach ‘ner durchgefeierten Nacht acht Stunden im ruckelnden Bus hocken?“

„Ich würde ja vorschlagen, dass du es an Silvester einfach ruhig angehen lassen solltest, aber irgendwie halte ich das für unrealistisch.“

„Japp. Völlig.“

„Hmm, dann kann ich dir wohl nur eine gute Kondition und einen starken Magen wünschen.“

„Den wünsch‘ ich mir auch. Eigentlich wollt‘ ich ja bloß über die Weihnachtsfeiertage bleiben und hab mich eher von meinen Eltern breitschlagen lassen, Silvester noch dranzuhängen, aber …“

„Aber?“

„Ich hab völlig unterschätzt, wie sehr mir meine Familie fehlt“, gab Jonas zu. „Ich will so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen.“

„Das kann ich sehr gut verstehen.“

Der Schwermut in Eriks Stimme versetzte Jonas einen Stich. „Fuck. Das war grad echt richtig unsensibel von mir, oder?“

„Warum?“

„Naja, weil ich … Ich mein, ich jammere hier, wie sehr ich meine Familie vermiss, während du …“

„Jonas“, schalt Erik sanft. „Nur, weil ich meine Familie verloren habe, musst du deine doch nicht totschweigen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“

Jonas war sich nicht sicher, ob es Eriks Müdigkeit geschuldet war, aber da schwang etwas in seinen Worten mit, eine Art resignierte Erschöpfung, die ihm Sorgen bereitete. „… Erik?“

„Hm?“

„Wenn … Wenn du mit mir über etwas quatschen willst, keine Ahnung, zum Beispiel, warum die Arbeit grad so scheiße ist oder was grad Ätzendes in der Uni passiert oder auch irgendwas ganz anderes, dann … dann hör ich dir zu. Also, natürlich bloß, wenn du Bock hast, aber … Ich bin da.“

„Ah, das ist ein liebes Angebot, aber mein Leben ist bei weitem nicht so aufregend, wie du vielleicht denkst.“

„So war das nich‘ gemeint!“ Innerlich fluchte Jonas ein weiteres Mal über seine Gedankenlosigkeit. Er hatte nicht den Eindruck erwecken wollen, sensationsgierig zu sein. „Ich dachte nur … Keine Ahnung. Jeder braucht doch mal jemanden, bei dem er sich ausjammern kann.“ Toll, jetzt klang es, als nähme er an, Erik hätte keine Freunde. „Ich mein, ähm, ich–“ Ein durch den Hörer dringendes Gähnen unterbrach ihn.

„Entschuldige“, murmelte Erik. „Ich fürchte, ich gehöre ins Bett.“

„Merkt man gar nich‘“, neckte Jonas in einem Versuch, wieder einen etwas lockereren Ton in ihre Unterhaltung zu bringen.

„Meldest du dich, wenn du wieder in Berlin bist?“

„Klar!“

„Dann hab noch schöne Feiertage und wir hören voneinander. Schlaf gut.“

„Du auch.“ Nachdem Jonas aufgelegt hatte, schwang er die Beine über die Bettkante. Was er jetzt brauchte, war kein Schlaf, sondern etwas zu trinken. Vorzugsweise Alkohol.

Seine nackten Füße platschten leise auf den kühlen Küchenfliesen und die Gestalt, die im Schein der Kühlschranklampe gerade dessen Inhalt plünderte, zuckte zusammen. „Du hast mich vielleicht erschreckt!“

„Geschieht dir recht, du Diebin.“ Anklagend deutete Jonas auf Christine. „Aber ich bewahre Stillschweigen, wenn du mir was abgibst.“

„Was willst du elendiger Erpresser denn haben?“

„Irgendwas mit Promille.“

„Harte Nacht?“ Grinsend reichte Christine ihm ein kühles Bier und öffnete sich selbst ebenfalls eines. „Hast du deshalb schon so selig geschlafen, als wir von der Christmette zurückgekommen sind?“

„Ich hab gepennt, weil ich den halben Tag in ‘nem verfickt unbequemen Bus verbracht hab“, maulte Jonas.

„Oooh, armer großer Bruder.“ Christine lehnte sich gegen den Tresen. „Wenn du bei Mama und Papa auch so gejammert hast, verstehe ich sogar, warum sie dich mit nur minimalem Theater hiergelassen haben. Aber wehe, ich sage ihnen, dass ich keinen Bock auf diese archaische, frauenverachtende Institution hab. Gott bewahre, das ist ein halber Weltuntergang.“

Jonas setzte sich auf einen der Barhocker neben ihr. „Vielleicht probierst du’s mal mit anderen Worten?“

„Du meinst, ich soll so diplomatisch vorgehen wie du? Hab schon gehört, dass du gestern ungefähr fünf Minuten gebraucht hast, um mit Papa aneinanderzugeraten.“

„Oh. Die Sache.“

„Was war denn los mit dir? Du reagierst doch sonst nicht so angefressen, wenn er mal einen blöden Spruch bringt. Und wir wissen beide, dass er echt oft blöde Sprüche bringt.“

„Muss ich mir das jetzt echt auch von dir anhören? ‘Reg dich nicht so auf‘, ‘Sind doch nur Worte‘, ‘Ignorier es doch einfach‘. Diese ganze Scheiße?“

„So habe ich das nicht gemeint“, widersprach Christine sichtlich verblüfft über Jonas‘ heftige Reaktion. „Aber bisher hast du’s eher mit Humor genommen, anstatt voll auf Konfrontation zu gehen.“

„Vielleicht hab ich’s einfach satt, sowas einfach nur zu schlucken und zu tun, als würd’s mich gar nich‘ wirklich stören.“ Jonas warf einen Seitenblick auf seine Schwester, deren Aufmerksamkeit allerdings eher auf ihrem Bier zu liegen schien als auf ihm. Sein Herz pochte und sein Hals war so eng, dass er nicht glaubte, noch einen einzigen Schluck trinken zu können. „Haben … Haben sie dir auch erzählt, was Papa überhaupt gesagt hat?“

„Sie haben mir gar nichts erzählt“, erwiderte Christine achselzuckend. „Ich hab‘s nur am Rande mitbekommen, als sie sich auf dem Weg zur Kirche unterhalten haben.“

„Und?“

„Was ‚und‘? Der Schwuchtel-Spruch? Ja, ist dämlich, aber political correctness hat Mama und Papa doch noch nie interessiert und wenn ich das richtig verstanden habe, haben die beiden Typen, die sich da geküsst haben, das sowieso nicht gehört. Warum also die Aufregung?“

„Weil ich es gehört habe!“ Jonas flehte, dass der Groschen bei Christine fallen würde, bevor er expliziter werden musste. Gleichzeitig flehte er, dass genau das nicht passieren würde.

„Ja, Jonas, so langsam habe ich verstanden, dass du dich an dem Wort störst. Tu ich ja auch, aber ich kapier einfach nicht, warum du dir die Mühe machst, dich deshalb mit Mama und Papa anzulegen. Die beiden ändern sich nicht mehr.“

„Also schlägst ausgerechnet du, die idealistische Feministin, die einen Sitzstreik in der Schule organisiert hat, weil ein Informatikkurs, der sie überhaupt nicht interessiert hat explizit für Jungs ausgeschrieben war mir vor, sowas einfach stillschweigend hinzunehmen?“

Christine rollte mit den Augen. „Da war ich zwölf! Heute ist mir klar, dass man sich seine Kämpfe aussuchen sollte.“

„Vielleicht hab ich genau das getan.“ Jonas starrte auf seine Finger, die den Hals seiner Bierflasche umklammerten. „Ich mein …Was, wenn Papa mich damit quasi auch ansprechen würde?“

„Womit? Mit ‚Schwuchtel‘?“

Jonas zuckte mit den Schultern und wagte es nicht, Christine anzusehen. Spätestens jetzt genoss er ihre volle Aufmerksamkeit.

Sie zögerte. „Jonas … Versuchst du gerade, mir zu sagen, dass du schwul bist?“

Wieder zuckte er mit den Schultern und brachte erst nach einigen Sekunden ein nahezu unmerkliches Nicken zustande. Plötzlich brannten Tränen in seinen Augen, die er wütend wegblinzelte. Eine sanfte Berührung an seiner Schulter ließ ihn aufblicken.

„Hey, du weißt, dass ich …“ Christine stockte und musterte ihn eindringlich. „Himmel, Jonas! Hast du wirklich geglaubt, das würde irgendwas zwischen uns ändern?“

„Ich … Keine Ahnung.“ Beinahe hätte Jonas sein Bier fallen lassen, als seine Schwester ihn in eine überraschend feste Umarmung zog.

„Natürlich ändert sich nichts!“

Ein Schluchzen kämpfte sich aus Jonas‘ zugeschnürter Kehle, die Finger seiner freien Hand krallten sich in Christines Shirt. Er hörte auf, gegen seine Tränen zu kämpfen und mit ihnen schien auch eine Last aus seinem Körper zu fließen, der er sich bis zu diesem Moment nicht einmal wirklich bewusst gewesen war.

„Ist ja gut, ist ja gut.“ Liebevolle Worte flüsternd, hielt Christine ihn in ihren Armen.

Mit verquollenen Augen und feuchten Wangen, löste sich Jonas schließlich von ihr und wischte verschämt eine weitere Träne aus seinem Augenwinkel. „Sorry.“

„Wofür?“, fragte Christine belustigt, wurde gleich darauf jedoch wieder ernst. „Da hat sich ganz schön was aufgestaut, was?“

„Kann schon sein.“

Sie nahm einen tiefen Schluck von ihrem mittlerweile vermutlich warmen Bier. „Ich nehme mal an, Mama und Papa wissen es nicht?“

„Bezweifle ich. Von mir jedenfalls ganz sicher nich‘.“

„Dann bin ich die Erste, der du es erzählt hast?“

Jonas schüttelte den Kopf. „Maria weiß es schon lang. Eine Kommilitonin in Berlin seit ein paar Wochen und … noch ein anderer Freund.“

„Clemens?“

„Was? Nein!“ Dieser Gedanke kam Jonas so absurd vor, dass er beinahe gelacht hätte. „Jemand in Berlin.“

„Ach so.“ Neugierig musterte Christine ihren Bruder. „Wirst du es Mama und Papa erzählen?“

„Keine Ahnung.“

„Hast du Angst, dass sie es nicht akzeptieren?“

„Kannst du mir garantieren, dass sie‘s tun?“

„Ich …“ Christine seufzte. „Ich wünschte, ich könnte. Ich meine, ich glaube, dass sie es tun. Sie lieben dich, völlig egal, ob du jetzt Männer oder Frauen oder beides vögelst. Aber … Vielleicht dauert es eine Weile, bis ihnen das bewusst wird.“

„Genau davor hab ich Angst.“

„Das verstehe ich.“ Christine wuschelte durch Jonas‘ Haare und grinste, als er ihre Hand ungeduldig beiseite schlug. „Egal, ob du es ihnen sagst oder nicht und wie sie reagieren, ich stehe immer hinter dir.“

„Danke“, murmelte Jonas. „Ganz ehrlich, es tut verflucht gut, das zu hören.“

„Dann waren Maria und du …“

„Nur Freunde. Ihr habt einfach bloß angenommen, dass da mehr wäre, also haben wir euch irgendwann in dem Glauben gelassen. Waren scheißfroh, dass damit endlich die nervige Fragerei und die beschissenen Anspielungen aufgehört haben.“

„Dafür bekomme ich das jetzt voll ab.“ Genervt verdrehte Christine die Augen. „‚Oh, Schätzchen, guck mal. Der ist doch niedlich‘“, äffte sie die Stimme ihrer Mutter nach. „‚Hast du denn noch keinen Jungen gefunden, der dir gefällt? Du bist doch mitten im besten Alter für die erste Liebe!‘ Bla, bla, bla. Aber wehe, ich würde einen nach Hause bringen, was denkst du, wie sie da reagieren würden?“

„Du meinst abgesehen davon, dass sie dir ‘nen Keuschheitsgürtel verpassen?“ Dieses Mal lachte Jonas wirklich. „Sagen wir mal, ich bin gleichermaßen froh wie enttäuscht, dass ich vermutlich nicht daheim sein werde, um Zeuge dieses Gesprächs zu werden.“

„Dein Mitgefühl ist beeindruckend“, erwiderte Christine trocken. „Was ist mit Maria? Ist sie … Steht sie auf Frauen?“

„Nee, sie hat‘s einfach generell nich‘ so mit dem ganzen Getue um Liebe, Sex und Partnerschaft.“ Er stöhnte auf. „Und eigentlich sollt‘ ich dir das gar nich‘ erzählen. Geht dich nix an.“

Christine lachte. „Zu spät, du Labertasche.“ Sie nippte an ihrem Bier. „Ich steh‘ dafür umso mehr drauf.“

„Wäh!“ Empört hielt sich Jonas die Ohren zu. „So’n Scheiß will ich von meiner kleinen Schwester echt nich‘ wissen!“

„Spießer.“

Jonas wollte protestieren, hielt dann aber inne. So wie er versucht hatte, seiner Schwester durch die Blume von seiner Homosexualität zu erzählen, schien sie jetzt ihm etwas anvertrauen zu wollen. „Verstehe ich das richtig, dass du jemanden kennengelernt hast?“

„Vielleicht.“

Er schnaubte. „Na los, erzähl schon.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, sagte Christine achselzuckend. „Wir haben uns ursprünglich über ein Forum kennengelernt, rausgefunden, dass wir gar nicht so weit voneinander entfernt wohnen und das war’s. Aber bisher hatten wir kaum Gelegenheiten, uns zu treffen.“

„Und ihr plant, dafür wenigstens Silvester miteinander zu verbringen“, schlussfolgerte Jonas. „Von wegen, du willst nach München. Du willst einfach bloß Zeit mit deinem Typen verbringen.“

„Du bist ja doch nicht so blöd, wie ich immer dachte.“

„Vorsicht“, warnte er. „Wenn ich den Scheiß decken soll, bist du besser lieb zu mir.“

„Also machst du’s?“

Jonas musterte seine Schwester. „Nur, wenn du mir versprichst, keinen Scheiß zu bauen. Schwanger werden oder so.“

„Jawohl, Mama.“

„Muss ich dir zeigen, wie man Gummis benutzt?“

„Bitte nicht. Ich bin bestens informiert. Genaugenommen wette ich, dass ich dir noch den einen oder anderen Trick beibringen könnte.“

„Okay.“ Jonas stellte seine leere Flasche ab und stand auf. „Alles Bier der Welt wird mich nich‘ dazu bringen, jemals wieder so’n Gespräch mit meiner kleinen Schwester zu führen. Ich geh ins Bett.“

„Hey, Jonas!“

Er drehte sich noch mal um. „Was?“

„Ich hab dich lieb.“

Ein warmes Lächeln breitete sich auf Jonas‘ Gesicht aus und spiegelte das seiner Schwester. „Ich dich auch.“

Wieder wandte er sich zum Gehen und wieder hielt sie ihn zurück. „Hey!“

„Ja?“

„Was ist mit dir? Gibt es da jemanden, von dem ich wissen sollte?“

Jonas zuckte lediglich mit den Schultern und war froh, dass sich Christine mit dieser Antwort zufriedengab.

Vielleicht lag es am Bier, aber sobald er den Kopf auf sein Kissen gelegt hatte, schlief Jonas wie ein Welpe nach einem anstrengenden Tag im Park.

 

Autorenkommi:
Ich würde mal sagen, da hat sich Christine ein fettes Plus auf dem Gute-Schwestern-Konto erarbeitet.

Was zuletzt geschah:

Wichtige Gespräche finden immer in der Küche statt. Dieser Regel folgend, nutzt Jonas eine nächtliche Begegnung mit seiner Schwester für sein Comingout und erntet entgegen seiner Befürchtung keine Ablehnung, sondern eine rippenbrechende Umarmung.
Damit hat er eine Sorge weniger, doch ein paar andere bleiben. Ist seine Beziehung zu Erik wirklich rein sexuell? Und was zur Hölle ist eigentlich mit Maria los?

 

Kapitel 12

„Und du trinkst keinen Schluck Alkohol!“

„Natürlich nicht, Mama“, versprach Jonas etwa zum fünfzigsten Mal.

„Und du hast deine Schwester im Blick!“

„Ja, Papa.“ Das hatte er sicher schon sechzig Mal versprochen.

„Und du rufst an, wenn etwas sein sollte.“

„Aber ja.“

„Denk daran, dass Christine minderjährig ist.“

„Christine steht übrigens neben euch und hört jedes Wort“, maulte diese ihre Eltern an. „Ich werde mich nicht abfüllen, schwängern oder entführen lassen. Jonas wird in der Rolle des verantwortungsvollen Fahrers und großen Bruders völlig aufgehen. Können wir jetzt, da sich alle über die Bedingungen im Klaren sind, endlich los?“

„Fahrt vorsichtig.“ Jonas‘ Mutter zog ihre beiden Kinder in eine rippenzermalmende Umarmung.

„Aber ja“, versicherte Jonas. „Is‘ doch bloß München. Die Fahrt dauert nich‘ mal ‘ne Stunde.“

„Denk immer daran, dass alle anderen Volltrottel sind und fahr entsprechend“, mahnte sein Vater.

„Daran musst du mich wirklich nich‘ erinnern.“

„Okay, ich erkläre das hier jetzt offiziell für beendet!“ Christine ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und schloss die Tür mit einem lauten Knall.

„Wir sehen uns morgen.“ Jonas beeilte sich, seiner Schwester zu folgen, bevor seine Eltern ihre Belehrungen fortsetzen konnten. Es war wundervoll, wieder hinter dem Steuer seines geliebten, kleinen Autos zu sitzen, das er bei seinem Umzug nach Berlin schweren Herzens Christine vermacht hatte.

„Schade, dass du zu jung bist, um meinen Begleiter zu spielen“, sagte diese. „Sonst könnte ich jetzt fahren.“

„Und mir den ganzen Spaß verderben?“ Jonas tippte gegen seine Schläfe. „Vergiss es!“

„Dann hoffe ich mal, dass du das Fahren mit der alten Rostlaube noch nicht verlernt hast. Ist ja doch schon eine Weile her, seit du das letzte Mal damit unterwegs warst.“

„Jetzt fang du nich‘ auch noch an!“ Auch diesen Vortrag hatte Jonas bereits von seinen Eltern zu hören bekommen. Zu seiner Erleichterung, erinnerte sich sein Körper genau an die kleinen Macken und Bedürfnisse des Wagens und bald brausten sie entspannt über die Landstraße.

„Was treiben du und Maria heute?“, fragte Christine, nachdem eine ganze Weile nur das Radio zu hören gewesen war.

„Keine Ahnung. Ich treff‘ mich erst mal mit ihr im Wohnheim und dann sehen wir mal weiter.“

„Langweilig!“

„Will ich fragen, was du und dein … ähm … Freund? … so plant?“

„Mein Freund. Sprich es ruhig aus.“ Glücklicherweise schien Christine über Jonas‘ Zögern eher amüsiert als verstimmt. „Und ich bezweifle, dass du die Antwort darauf hören willst.“

„Ich wollt‘ noch nich‘ mal das hören …“ Jonas warf seiner Schwester einen raschen Seitenblick zu. „Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?“

„Was?“

„Allein bei diesem Typen zu bleiben? Ich fühl‘ mich nich‘ besonders wohl dabei, dich einfach bei dem abzusetzen. Sollt‘ was sein, brauch‘ ich sicher ‘ne halbe Stunde, bis ich bei dir bin.“

„Würdest du das auch sagen, wenn ich ein Kerl wäre?“

„Japp“, erwiderte Jonas schlicht. „Dann wär‘ der Typ nämlich trotzdem irgendwer, den du im Internet aufgegabelt hast.“

„Och Jonas, ich bin doch nicht blöd.“ Christine schüttelte den Kopf. „Natürlich treffen wir uns heute nicht zum ersten Mal. Das hast du falsch verstanden. Wir hatten schon einige Dates, aber nie die Gelegenheit, mal allein miteinander zu sein.“

„Oh.“ Jonas diskutierte mit sich selbst und traf eine Entscheidung. „Ich würd‘ ihn trotzdem gern kennenlernen. Sonst mach ich mir den ganzen Abend Sorgen.“

„Aber ja, großer Bruder. Du darfst ihn mal kurz beschnuppern, wenn du dich dann besser fühlst.“

„Glaub mir, wir profitieren beide davon, wenn ich dich nich‘ alle fünf Minuten anrufe, um zu checken, ob du noch lebst oder schon in irgendnem Folterkeller hängst.“

„Wenn du es jetzt noch schaffst, nicht an seinem Haus vorbeizufahren, haben wir einen Deal.“

„Oh, ups.“ Jonas hatte die resignierte Stimme seines Navis, das ihn darauf hinwies, dass er sein Ziel schon vor hundertfünfzig Metern erreicht hatte, gekonnt ignoriert.

Belustigt stellte er fest, wie nervös ihn die Aussicht Christines Freund zu treffen machte und er nahm sich fest vor, seinen überbordenden Beschützerinstinkt im Zaum zu halten. Das Letzte, das er sein wollte, war der übermotivierte Bruder, der glaubte, die ‚Ehre‘ seiner Schwester verteidigen zu müssen.

Die Türglocke des kleinen Reihenhauses spielte eine nette Melodie, durchbrochen von dem quäkenden Bellen eines Hundes.

„Ist ja gut, Stella, ist ja gut. Bleib in deinem Körbchen.“ Der Junge, der die Tür öffnete, war Jonas auf Anhieb sympathisch. Seine warmen Augen spiegelten das Lächeln auf seinen Lippen wider und dass es ihm peinlich zu sein schien, von Christine vor den Augen ihres Bruders geküsst zu werden, bescherte ihm einen weiteren Pluspunkt. Zu guter Letzt war da noch der altersschwache Malteser-Mix, der die Neuankömmlinge argwöhnisch beäugte, ohne seinem Herrchen von der Seite zu weichen.

Mit einem Strahlen, das in den vergangenen Jahren selten geworden zu sein schien, deutete Christine zwischen den beiden Männern hin und her.

„Jonas, das hier ist Nick. Nick, das ist mein Bruder Jonas.“

Ganz ohne gespielte Höflichkeit, sondern mit einem ehrlichen Lächeln, streckte Jonas die Hand aus. „Hi, schön, dich kennenzulernen.“

„Freut mich auch.“ Nick war schmal gebaut und reichte Jonas gerade bis zur Brust – selbst Christine musste ihn um ein paar Zentimeter überragen – aber sein Händedruck war trocken und fest. Er deutete auf seinen Hund. „Das da ist übrigens Stella. Keine Angst, die mault zwar, beißt aber nicht. Dafür fehlen ihr inzwischen die Zähne. Sie kann sich höchstens an euren Knöcheln festsaugen und eure Haut wundlutschen.“

Abwehrend hob Jonas die Hände. „Das will ich nich‘ riskieren. Ich lass‘ euch mal lieber allein.“

„Ähm, ehrlich gesagt …“ Nick wandte sich an Christine. „Ein Kumpel von mir gibt eine kleine Party bei sich und ich dachte, wir könnten da vorbeischauen.“

„Echt jetzt?“ Christine schaffte es, beinahe so missmutig auszusehen wie Stella. „Da haben wir endlich mal die Gelegenheit, die Nacht zusammen zu verbringen und du willst lieber mit irgendwelchen besoffenen Deppen feiern?“

„Diese ‚besoffenen Deppen‘ sind meine Freunde.“ Nick hatte versucht, die Rüge durch ein Lächeln abzumildern, aber sein Ärger klang hörbar durch.

„Tut mir ja leid, aber ich bin einfach enttäuscht. Willst du n–“

„Wo wohnt dein Freund denn?“, unterbrach Jonas, in der Hoffnung, den aufflammenden Streit im Keim zu ersticken. Christine warf ihm einen grimmigen Blick zu, schwieg jedoch.

„Am anderen Ende der Ortschaft. Wir würden schon irgendwie hinkommen, aber ich dachte …“

„Is‘ kein Problem für mich. Wenn ihr hinwollt, fahr ich euch gern.“

Mit einer stummen Bitte in den Augen, drehte sich Nick zu Christine, die sich bei diesem Anblick geschlagen gab. „Ist ja gut. Wird wohl eh mal Zeit, dass ich deine Freunde kennenlerne.“

„Du wirst sie mögen, versprochen!“

Wieder versöhnt, kuschelten sich die beiden auf die schmale Rückbank und sahen dabei so glücklich aus, dass Jonas einen spontanen Anfall von Eifersucht niederkämpfen musste. Nachdem er sich von Nick die Adresse hatte diktieren lassen, fuhren sie los, waren aber noch keine zwei Minuten unterwegs, als sein Handy, das er auf den nun freien Beifahrersitz gelegt hatte, piepste.

„Das sind bestimmt Mama und Papa.“ Bevor Jonas protestieren konnte, hatte sich Christine sein Handy gekrallt und las die Nachricht. „Doch nicht.“

Jonas wurde heiß und kalt zugleich. War die Nachricht am Ende von Erik? Stand etwas darin, das Fragen aufwarf?

Christine beendete seine Spekulationen. „Maria hat dir geschrieben.“

„Was will sie denn?“ Jonas bemühte sich, nicht erleichtert zu klingen.

„Sie sagt dir für heute ab. Schreibt, sie sei zu müde.“

„Was?“

„Das ist ja schräg. Ist doch sonst nicht ihre Art, Verabredungen so kurzfristig platzen zu lassen.“

Christine hatte recht, das war tatsächlich nicht Marias Art. Jonas entdeckte eine Parklücke und stellte den Wagen ab. „Sorry, ich muss das kurz klären.“

Seine Schwester reichte ihm sein Handy. „Tu das.“

Um ein wenig Privatsphäre zu haben, stieg Jonas aus und schloss die Tür hinter sich, aber ausgehend davon, dass Christine und Nick bereits damit beschäftigt waren, das Gesicht des jeweils anderen zu essen, hätten sie vermutlich ohnehin nicht viel mitbekommen. Er wählte Marias Nummer und wartete. Und wartete. Und wartete. Irgendwann erbarmte sich die Mailbox.

„Maria, was ist los mit dir? Du kannst mir doch nich‘ einfach so absagen! Ich mach mir Sorgen um dich!“ Jonas atmete einmal tief durch. Vorwürfe halfen niemandem. „Ich setz‘ jetzt Christine und ihren Freund ab und dann fahr‘ ich zu dir. Wenn du müde bist, machen wir uns einfach ‘nen ruhigen Abend. Von mir aus verpiss ich mich auch, sobald ich weiß, dass es dir gut geht. Aber ich komm‘ vorbei, also bist du besser zuhause!“

Frustriert warf er sein Handy zurück auf den Beifahrersitz.

„Und?“, fragte Christine. „Was hat sie gesagt?“

„Sie is‘ gar nich‘ erst rangegangen.“

„Hm. Komisch.“

„Ja.“

Zum Glück war die verbleibende Fahrt kurz, denn die Stimmung im Auto war mehr als seltsam. Jonas hatte Mühe, sich auf die Straße zu konzentrieren, Christine schien ebenfalls in Gedanken versunken und Nick fühlte sich vermutlich ziemlich ausgeschlossen und sichtlich unwohl.

„Wir sind da.“ Das Haus, vor dem sie hielten, lag etwas weiter außerhalb als Nicks, war dafür aber auch deutlich größer. „Sagt mir Bescheid, wenn ich euch wieder aufsammeln soll. Aber denkt dran, dass ich mindestens dreißig Minuten her brauch.“

„Machen wir, Bruderherz“, versprach Christine. „Oh, und sag Maria bitte schöne Grüße. Seit sie nach München gezogen ist, sehen wir uns kaum noch. Höchstens mal zufällig, wenn sie bei ihren Eltern zu Besuch ist und dann ist sie nicht besonders gesprächig.“

„Schweigsamkeit scheint sowieso ihr neues Ding zu sein“, murmelte Jonas zu sich selbst. Laut sagte er: „Richt‘ ich ihr aus.“

„Die Grüße, nicht das mit dem gesprächig sein!“, mahnte Christine.

„Jetzt haut endlich ab.“ Als die beiden bereits zur Tür raus waren, kurbelte Jonas das Fenster herunter und rief hinterher: „Und betrinkt euch nich‘ zu sehr! Wer in mein Auto kotzt, zahlt die Reinigung!“

Vor dem Gartentor drehte sich Christine noch einmal um und winkte Jonas zum Abschied. „Fordere mich nicht heraus!“

 

Jonas hatte beinahe länger dafür gebraucht, Marias Wohnheimzimmer zu finden, als von Nicks Haus nach München zu kommen. Nun beantwortete Stille sein Klopfen. Bereits zum fünften Mal hob er die Hand und ließ seine Knöchel wiederholt hart gegen das billige Holz schlagen. „Komm schon, Maria. Mach auf!“

Eine Gruppe lachender Studenten zog an Jonas vorbei und einer von ihnen drückte ihm ein warmes, aber noch verschlossenes Bier in die Hand. „Zum Trost.“

„Danke …“

Jonas klopfte erneut. „Maria! Lass mich hier nich‘ rumstehen wie ein beschissener Bittsteller! Ich glaub‘, da laufen schon Wetten, ob du mich heut‘ noch reinlässt!“

Ranlässt“, verbesserte ein breit grinsendes Mädel aus dem Nachbarzimmer. Die meisten Türen waren weit geöffnet, anscheinend hatte das Stockwerk entschieden, sich zu einer einzigen großen Party zusammenzuschließen. „Ich habe fünf Euro auf ‚Ja, und wir alle werden es hören können‘ gesetzt.“

„Herzlichen Dank für diese Zuversicht, aber den Fünfer bist du los.“

„Damit die Welt an dich glauben kann, musst du zunächst an dich selbst glauben.“

„Hey, Konfuzius“, maulte Jonas, „würd’s dir viel ausmachen, dich um deinen eigenen Scheiß zu kümmern?“

„Jetzt werd doch nicht gleich so pissig.“ Das Mädchen rollte mit den Augen. „Kein Wunder, dass deine Perle nicht aufmacht. Vielleicht sollte ich ja lieber die Polizei rufen, damit du sie nicht weiter belästigen kannst?“

Belästigen? Ich werd ja wohl noch meine beste Freundin besuchen dürfen!“

„Sie will aber offensichtlich nicht von dir besucht werden!“

Jonas entschied, dass es klüger war, vorerst den Rückzug anzutreten, bevor er noch mehr Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Während er die Treppen zum nächsten Stockwerk nahm, kramte er sein Handy hervor und wählte erneut Marias Nummer, erreichte aber wieder nur die Mailbox. Was sollte er jetzt tun?

„Jonas?“

Das Handy noch in der Hand, drehte sich Jonas zu dem Mann, der ihn angesprochen hatte. „Clemens …“

Das halbe Jahr, in dem sie sich nicht gesehen hatten, hatte keine tiefschürfenden Veränderungen mit sich gebracht. Clemens‘ haselnussfarbenes Haar fiel ihm noch immer in wilden Strähnen ins Gesicht, seine tiefblauen Augen funkelten verschmitzt und die Lippen, von denen sich Jonas unzählige Male gefragt hatte, wie sie sich auf seiner Haut anfühlen würden, verzogen sich zu jenem unbedarften Sunny-Boy-Grinsen, das Jonas‘ Knie in Wackelpudding verwandelte. „H-Hi“, murmelte er verlegen und hoffte inständig, nicht zu auffällig zu starren. Plötzlich schlossen sich zwei starke Hände um seine Schultern und zogen ihn näher an diese betörende Mischung aus frischem Schweiß und dem Deo eines bekannten Herstellers.

„Mensch, das ist ja Monate her, dass wir uns gesehen haben! Wie geht’s dir denn? Meine Eltern haben erzählt, du studierst jetzt Kunst in Berlin?“

„Jaah, sowas Ähnliches.“

„Und? Wie gefällt es dir da? Ist bestimmt aufregend!“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Is‘ ganz okay.“ Konnte Clemens ihn nicht einfach in Ruhe lassen? All die unerwiderten Gefühle, die er über Jahre hinweg heruntergeschluckt hatte, drohten, sich wieder einen Weg nach oben zu bahnen.

Clemens schien blind für den Tumult zu sein, den er in Jonas auslöste. „Was treibt dich denn hierher?“

„Wollt mit Maria feiern gehen.“

„Ach, stimmt, die wohnt ja auch hier. Wir sind uns ein paar Mal über den Weg gelaufen."

„Hm.“

„Ich wollte gerade zu einem Freund, ein bisschen vorglühen. Bin für die Snacks zuständig.“ Clemens hielt eine Einkaufstüte hoch. „Später ziehen wir dann weiter. Wollt ihr euch uns anschließen?“

„Vielleicht ‘n andermal.“

Allmählich flackerte Clemens‘ beständiges Lächeln. „Okay, schade. Naja, dann werde ich mal zu den anderen gehen. Ruf mich einfach an, wenn ihr es euch doch noch anders überlegt, ja?“

„Okay.“

Clemens versuchte sich an einem letzten, aufmunternden Lächeln. „Also dann. Melde dich mal wieder, ja? Wäre doch schade, wenn wir ganz den Kontakt verlieren.“

Jonas nickte nur und wünschte sich, Clemens möge endlich verschwinden. Zum Glück tat er ihm diesen Gefallen nach einer weiteren, viel zu langen Sekunde und joggte leichtfüßig die Stufen zu einem der unteren Stockwerke hinab.

Einfach, um etwas zu tun zu haben, wählte Jonas erneut Marias Nummer. Zu seiner Überraschung, wurde das quälende Freizeichen bald durch ihre Stimme ersetzt.

„Hallo?“ Maria klang, als hätte sie ihren Mund mit Watte ausgestopft.

„Wo zum Fick steckst du?“

„Ich habe geschlafen“, nuschelte sie. „Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“

„Doch, hab ich. Und dir gleich drauf auf die Mailbox gequatscht, dass du das voll vergessen kannst.“ Als Maria nichts erwiderte, fuhr Jonas fort: „Ich bin im Wohnheim. Hab ich Chancen, dass du mir diesmal aufmachst, bevor deine Nachbarn die Bullen rufen und mich rausschmeißen lassen?“

Maria zögerte.

„Bitte?“, schob Jonas hinterher. „Ich geh‘ auch gleich wieder, wenn’s dir nich‘ gut geht und du mich loshaben willst. Ich … Ich will dich nur kurz sehen. Einfach mal ‚Hallo‘ sagen.“

„Na gut.“ Maria hatte sich große Mühe gegeben, ihren gesamten Unwillen mit diesen zwei Silben auszudrücken. „Komm vorbei.“

„Danke. Bis gleich.“

Jonas sprintete die Treppen hoch und über den Gang, wobei er sein Möglichstes tat, das Grölen und Pfeifen, das ihn dabei begleitete zu ignorieren. Zu seiner Erleichterung öffnete Maria ihre Tür, kurz nachdem er zum ersten Mal geklopft hatte und zog ihn in ihr überraschend geräumiges Zimmer.

„Oh, wow. Wenn ich gewusst hätte, dass so ’n Wohnheim ‘ne scheiß Luxusbude is‘, wär‘ ich auch in eins gezogen.“ Jonas runzelte die Stirn. Eine Jeans hing lieblos über dem Schreibtischstuhl, einige Arbeitsblätter lagen auf dem Boden verstreut und neben dem Bett stand benutztes Geschirr. Das Zimmer war weit davon entfernt chaotisch zu sein, aber für die sonst so pedantische Maria war es dennoch ungewöhnlich unordentlich.

Nachdem er den Zustand ihres Zimmers ausreichend begutachtet hatte, nahm Jonas Maria selbst unter die Lupe und erschrak über die Zerbrechlichkeit, die sich ihm dabei offenbarte. Marias rote Locken wirkten stumpf, ihre Haut blass und die eigentlich charmanten Sommersprossen stachen hervor wie Dreckspritzer auf weißer Leinwand. Das Besorgniserregendste war aber die weniger offensichtliche Veränderung. Der sonst so störrische Blick – das Symbol der Kraft, mit der Maria Jonas über seine schlimmsten Phasen von Selbsthass und Verleugnung hinweggeholfen hatte – glich nun eher dem eines geprügelten Hundes. Jonas überlegte, wie er seiner Sorge Ausdruck verleihen konnte, ohne zu aufdringlich zu werden und entschied sich für die offensichtliche Frage. „Alles okay bei dir?“

Maria sank auf ihr Bett. „Ich weiß nicht.“ Bereitwillig rutschte sie zur Seite, als sich Jonas zu ihr gesellte, starrte dabei aber weiterhin auf ihre Hände. „Entschuldige für vorhin. Und dafür, dass ich mich so selten melde. Ich habe im Moment einfach keine Energie dafür.“

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Keine Ahnung, ich glaube nicht. Oder sagen wir, ich wüsste nicht wie.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es fühlt sich an, als würde die komplette Welt über mir zusammenbrechen und gleichzeitig finde ich es lächerlich, wie sehr ich mich durch solche Luxusprobleme aus dem Konzept bringen lasse.“

„Deine Eltern?“ Marias Eltern, die mit strenger Hand über ihr einziges Kind regierten, lieferten regelmäßig Material für Konflikte. Jonas hatte noch nie verstanden, wie sie solange in ihrem goldenen Käfig hatte leben können, ohne völlig verrückt zu werden.

„Auch“, gab Maria zu. „Und das Studium. Und dieses Wohnheim. Und dass du sechshundert Kilometer entfernt sitzt. Irgendwie alles.“

„Jetzt bin ich ja erst mal hier.“ Jonas‘ Worte klangen stumpf in seinen Ohren, in Anbetracht der Tatsache, dass er in ein paar Stunden seine Schwester abholen und kurz darauf zurück nach Berlin fahren würde, aber Maria lehnte sich an seine Schulter und murmelte: „Zum Glück bist du so hartnäckig.“

„Japp, damit kann ich dienen.“ Er legte einen Arm um sie. „Erzählst du mir, was Weihnachten bei euch los war?“

Maria nahm Jonas‘ Hand. „Das Übliche.“ Sanft verflochten sich ihre Finger mit seinen. „Ich bin zehn Minuten zu spät, weil ich im Stau stehe und schon ist das ein Zeichen für meine Unzuverlässigkeit. Meine Kleidung ist nicht festlich genug, also respektiere ich meine Familie nicht. Ich wage es anzudeuten, auf eine Promotion zu verzichten, falls ich schon vorher einen passenden Job finde, oder auch einfach nicht gut genug sein sollte und meine Eltern interpretieren das als mangelnden Leistungswillen. Gleichzeitig soll ich aber bitte so schnell wie möglich heiraten und Kinder bekommen. Das war dann der Punkt, an dem mir der Kragen geplatzt ist. Ich … Ich liebe meine Eltern. Wirklich. Und ich weiß, dass sie auf ihre Weise auch mich lieben. Wenn sie dabei nur weniger … restriktiv sein könnten.“ Maria sackte nach hinten und rollte sich auf dem Bett zusammen. „Es ist so anstrengend. Ich habe das Gefühl, ständig zu scheitern und nie gut genug zu sein, völlig egal, was ich mache. Manchmal … Manchmal frage ich mich, warum ich morgens überhaupt die Energie aufbringe aufzustehen. Ich könnte genauso gut einfach liegen bleiben.“

„Sag das nicht.“ Jonas fühlte sich hilflos. Mit jedem Wort war Maria leiser geworden, sprach mehr mit der Wand als mit ihm. Zärtlich legte er die Arme um sie, in der Hoffnung, ihr wenigstens etwas Trost spenden zu können.

„Tut mir leid, dass ich dir Silvester versaue.“

„Und so ‘ne Scheiße sagst du auch nich‘! Ich bin einfach froh, dich wiederzusehen. Is‘ mir scheißegal, was das für’n Tag ist.“

Zur Antwort kuschelte sich Maria näher an ihn heran. Jonas schloss die Augen und hielt sie fest.

 

„Jonas?“

„Mhm?“

„Dein Handy klingelt.“

„Oh, fuck!“ Adrenalin jagte durch Jonas‘ Körper und vertrieb die letzten Fetzen Müdigkeit. Eilig fummelte er sein Handy aus seiner Hosentasche. „Shit!“ Es war kurz nach zwei Uhr morgens und er hatte schon drei Anrufe seiner Schwester verpasst. Rasch drückte er auf ‚Rückruf‘.

„Na, feierst du schön?“

Erleichtert stelle Jonas fest, dass Christine eher amüsiert als verärgert klang. „Sorry, ich hab’s nich‘ gehört. Wartest du schon lang?“

„Nee, alles gut. Ich wollte dir bloß sagen, dass Nick und ich gern so gegen drei aufbrechen würden. Hier sind schon einige weg und wir wollen niemanden nerven. Schaffst du das?“

„Japp, drei sollte klappen. Die Adresse hab ich auch. Ich klingle dich an, sobald ich da bin, okay?“

„Gut, bis dann!“

Maria ließ sich zu einem herzhaften Gähnen hinreißen. „War das Christine?“

„War sie. Ich soll dir übrigens Grüße ausrichten. Und sagen, dass du gefälligst mehr mit ihr quatschen sollst, wenn ihr euch trefft.“

„Ihr beiden seid euch viel zu ähnlich …“

„Ich tu‘ mal so, als hätte ich das nich‘ gehört.“ Jonas stand auf und streckte sich. „Ich sollt‘ los, wenn ich halbwegs pünktlich da sein will. Kommst du mit?“

„Wozu? In die Pampa fahren, deine Schwester kurz begrüßen und dann irgendwie wieder hierherkommen? Das ist doch Unsinn.“

„Eigentlich dacht‘ ich, dass du bei uns pennen könntest und wir morgen gemeinsam nach München fahren, wenn ich meinen Bus kriegen muss.“

„Du weißt, was meine Eltern davon halten, wenn ich bei dir übernachte.“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Sie müssen’s ja nich‘ erfahren. Und selbst wenn, werden sie‘s überleben. Wir sin‘ beide erwachsen. Ich mein, fuck, wenn uns nach Ficken gewesen wär, hätten wir in den letzten Jahren unzählige Gelegenheiten gehabt, auch ohne beieinander übernachten zu müssen. Scheiße, wir hätten’s hier treiben können!“

„Kann schon sein“, räumte Maria ein. „Trotzdem ist das zusätzlicher Stress, den ich gut verzichten kann. Und … Ich denke, ich brauche einfach Zeit für mich allein.“

„Sicher?“ Jonas hatte da so seine Zweifel. Seiner Meinung nach hatte Maria mehr als genug Zeit allein verbracht, aber er wusste auch, dass sie in dieser Hinsicht schon immer völlig anders als er getickt hatte.

„Sicher. Aber es war schön, dass du hier warst. Hat meinen Akku wieder ein bisschen aufgeladen.“

„Wenigstens etwas“. Jonas zwang sich zu lächeln und zog Maria in seine Arme. „Pass auf dich auf. Übernimm dich nicht. Hör nicht zu sehr auf deine Eltern. Und ruf mich an, wenn irgendwas sein sollte, hörst du? Völlig egal was, völlig egal wann. Versprochen?“

„Versprochen.“

Mit einem dumpfen Stechen im Magen, verabschiedete er sich von seiner besten Freundin.

 

Es war kalt und Jonas fühlte den vorangegangenen Schlafmangel bitterlich. Nur das aufdrehte Gequassel seiner Familie hielt ihn wach.

„Ruf uns an, wenn du angekommen bist.“

„Ja, Mama.“ Jonas versuchte, sich aus ihrer Umklammerung zu winden. Wie konnte jemand, der ihm gefühlt bis knapp über den Bauchnabel reichte so viel Kraft in den Armen haben?

„Nächstes Mal fährst du mit der Bahn“, sagte sein Vater entschieden. „Das ist ja kein Zustand, so.“

„Das geht schon“, wehrte Jonas ab. „Der Bus is‘ billiger. Und die Bahn is‘ ja auch nich‘ wirklich schneller, bloß etwas bequemer.“

„Papperlapapp! Bequemer ist besser als gar nichts. Mach dir um das Geld mal keine Gedanken, das kriegen wir schon hin.“

„Jetzt lasst mich doch auch mal zu ihm!“ Christine drückte ihre Mutter zur Seite, um sich nun ihrerseits in Jonas‘ Arme zu werfen. „Komm gut nach Berlin, Bruderherz.“ Die Lippen Millimeter von seinem Ohr entfernt, flüsterte sie. „Wenn du irgendwas auf dem Herzen hast … Ich hör dir immer zu.“ Dann wuschelte sie durch sein Haar und brach den Bann der Geschwisterliebe.

„Lass den Scheiß!“

„Jonas! Sprache!“

Kichernd beobachtete Christine ihren Bruder, während dieser versuchte, seine Frisur wieder halbwegs in ihren Ausgangszustand zu bringen. „Ich hab dich lieb, du eitler Sack“

Zur Antwort streckte Jonas ihr die Zunge raus. „Verschwinde endlich, du Ekel.“ Seiner Worte zum Trotz, schloss er Christine ein weiteres Mal in die Arme, bevor er sich seiner jüngsten und herzerweichend schniefenden Schwester zuwandte. „Ach, Vroni …“

„Ich will nicht, dass du gehst!“

„Ich bin ja bald wieder da.“ Er nahm sich fest vor, dieses Versprechen zu halten. „Ende Februar sind meine Vorlesungen erstmal vorbei und dann komme ich gaaanz lange zu euch.“

„Versprochen?“

„Versprochen!“ In alter Familientradition knuddelte Jonas seine jüngste Schwester, bis sich ihr Schluchzen in Lachen verwandelt hatte.

Der Moment wurde viel zu früh von seiner Mutter beendet. „Es wird Zeit.“

Jonas warf einen Blick auf die große Uhr am Busbahnhof. In fünf Minuten würde er wieder auf dem Weg nach Berlin sein. Erleichterung und Trübsinn stritten um die Vorherrschaft in seinem Innersten.

„Jonas!“

Die ganze Familie Staginsky drehte sich zu dem Neuankömmling. Blass und atemlos, aber mit einem Lächeln im Gesicht, stand Maria vor ihnen. „Ich hatte wirklich Angst, ich hätte dich verpasst. Entschuldige, dass ich so spä–Hey! Lass mich sofort runter!“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Jonas dieser Aufforderung Folge leistete und Maria aus seinen Armen und zurück auf den Boden entließ. „Mit dir hätte ich echt nich‘ mehr gerechnet.“

„Ich wollte dir nicht versprechen zu kommen, falls ich es nicht halten kann.“

„Bin froh, dass du‘s geschafft hast!“

„Knapp“, stellte Maria nüchtern fest. „Aber noch so eine Umarmung sollte wohl drin sein.“

Dieses Mal musste sie nicht lange auf Jonas‘ Reaktion warten.

 

Was zuletzt geschah:

Eine Begegnung mit Jonas‘ altem Freund und unerwiderter Liebe, Clemens, bietet nur eine kurze Ablenkung von seinen Sorgen um Maria, die den Wechsel vom Schulleben zum Studium nicht gut zu verkraften scheint. Sein Besuch endet mit überhörten Silvesterknallern.
Das Herz halb in der alten Heimat und halb bei jemand anderem, kehrt Jonas nach Berlin zurück.

 

Kapitel 13

Kaum war Jonas durch die Haustür und hatte seine Einkäufe vor der winzigen Küchenzeile abgestellt, holte er sein Handy hervor. Es war, als hätte Silvester einen Neustart in seinem sozialen Umfeld durchgeführt. Maria rang sich täglich wenigstens eine kurze, oft aber auch längere Nachrichten ab, Larissa war so redselig wie immer und sogar Esther und Kemal machten Anstalten, ihre heilige Zweisamkeit ein wenig für weitere Personen zu öffnen. Und dann war da noch Erik …

Pünktlich um Mitternacht hatte dieser Jonas ein Foto des vor dem Tix abgefeuerten Silvesterfeuerwerks geschickt und auch wenn Jonas‘ Reaktion darauf deutlich verspätet ausgefallen war, war ihr Kontakt seither nicht mehr abgerissen. Täglich gingen Nachrichten zwischen ihnen hin und her – Jonas versorgte Erik mit Bildern des mal mehr mal weniger genießbaren Mensaessens, Erik informierte ihn, wie viele Worte noch zum Abschluss seiner Hausarbeit fehlten. Sie wünschten sich eine gute Nacht, oder bemitleideten sich gegenseitig dafür, viel zu früh aufstehen zu müssen. Es mochte oberflächlich und albern sein, aber es reichte, um Jonas‘ Herz beim Klang einer eingehenden Nachricht flattern zu lassen.

Präzise stapelte er seine Einkäufe in einem ansprechenden Arrangement, bevor er ein Foto davon knipste und an Erik sandte:

 

Du, 18:07 Uhr

genug kantinenfraß. heute wird gekocht!

 

Zur Antwort klingelte sein Handy.

„Hey.“

„Hi!“ Jonas versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Seit Weihnachten hatte er Eriks Stimme nicht mehr gehört. „Bist du noch gar nich‘ im Club?“

„Wir öffnen erst in drei Stunden. Nicht, dass es nicht genug zu tun gäbe, aber im Augenblick habe ich wenig Lust, allein im Büro zu sitzen und Papierkram zu erledigen.“

„Ist vielleicht auch besser so. Das klingt nämlich nach ‘nem verfickt guten Anfang für ‘nen beschissenen Horrorfilm. Tix – Blutbad in Berlin, oder so.“

„Danke, das … hilft nicht wirklich dabei, mich für die Arbeit zu motivieren.“

Ein Zombie auf dem Dancefloor, vielleicht?“, fuhr Jonas ungerührt fort. „Oder Possessed Paperwork? Ich weiß! The Bills Have Eyes!“

„Genug!“, schnaufte Erik nach einem ausführlichen Lachanfall. „Sonst traue ich mich gar nicht mehr hin.“

Jonas grinste zufrieden. „Wie läuft die Hausarbeit?“

„Ganz gut. Bis zum Wochenende sollte ich sie fertig haben, dann noch ein paar Korrekturen, Literaturverzeichnis überarbeiten und so weiter. Das Übliche eben.“

„Klingt doch gut.“

„Ich bin im Zeitrahmen.“ Dafür klang Erik allerdings recht unzufrieden. „Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, schon früher fertig zu werden und das Wochenende über frei zu haben, aber da war ich wohl zu optimistisch.“

Jonas bemühte sich, seine Enttäuschung zu überspielen. „Immerhin is‘ so langsam ‘n Ende in Sicht. Bald haste den Scheiß hinter dir.“

„Mhm.“ Erik räusperte sich. „Einen ganzen Tag habe ich keine Zeit, aber … Hättest du Lust, dich unter der Woche mal auf einen Kaffee oder so zu treffen?“

„Klar!“ Betont gelassen fügte Jonas hinzu: „Morgen müsste ich eh Zeit zwischen zwei Vorlesungen totschlagen. Wie schaut’s da bei dir aus?“

„Wann?“

„Zwischen zwölf und zwei.“

„Passt perfekt.“ Eine kurze Pause entstand. Jonas öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Erik war schneller. „Was hast du heute noch vor?“

„Nix bestimmtes. Kochen, rumhängen, an meinem Projekt verzweifeln. Sowas halt.“

„Hm …“ Wieder eine Pause, aber dieses Mal trug sie eine unausgesprochene Spannung in sich, die Jonas davon abhielt, sie zu beenden. Als Erik erneut das Wort ergriff, hatte sich sein Tonfall verändert. Er war rau. Und lauernd. „Weißt du, was mir schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht?“

Die Reaktion, die Eriks Stimme in Jonas‘ Körper auslöste, war gleichermaßen beeindruckend wie unheimlich. Gänsehaut, die sich über Nacken und Arme zog, ein Herzschlag, schneller als Kolibriflügel und Blut, das sich in eine ganz bestimmte Region verzog. Argwöhnisch fragte Jonas. „Was geht dir denn nicht mehr aus dem Kopf?“

„Diese kleine Stelle knapp unterhalb deines Ohrläppchens.“

Instinktiv strich Jonas darüber.

„Es ist schon viel zu lange her, aber ich erinnere mich immer noch an den Schauer, der jedes Mal durch deinen Körper geht, wenn ich dich dort küsse. Ich kann ihn fast auf meinen Lippen fühlen.“

Schwerfällig sank Jonas gegen die Küchenzeile. Die Sehnsucht nach Eriks Berührungen war kaum zu ertragen.

Das Schweigen auf seiner Seite schien Erik zu verunsichern. „Soll ich aufhören?“

Jonas schluckte. „Nein.“

„Dann stell dein Handy auf laut und zieh deinen Pulli aus.“

„Okay.“ Unter dem gequälten Stöhnen der Nähte, zerrte Jonas an seinem Oberteil. Hastig, ungeduldig, um keinen von Eriks Atemzügen zu verpassen.

„Stopp!“

Kopf und Arme im schweren Stoff verknotet, hielt Jonas inne.

„Mach langsam und stell dir vor, ich bin derjenige, der dich auszieht.“

„Oh. Okay. Ähm …“ Mit geschlossenen Augen versuchte Jonas, Eriks Anweisung zu befolgen, war sich aber viel zu bewusst, dass er allein in seiner winzigen Wohnung stand, während der Bass der Nachbarn offensichtlich bemüht war, ein Loch in die Wand zu hämmern.

„Meine Finger haken sich in den weichen Stoff und schieben Stück für Stück deinen Pullover nach oben. Du fühlst meine Hände langsam von deinem Bauch zu deiner Brust gleiten.“ Eriks Stimme klang durch den Lautsprecher ein wenig blechern, aber die Lust darin war deutlich wahrnehmbar. „Willst du, dass ich dich küsse?“

„Ja!“

„Dann sag mir, wie.“

Jonas brauchte ein paar Sekunden, um seine Verlegenheit abzuschütteln. „Ähm … zart? Am Anfang. Und dann … mit, äh, Zunge?“ Frustriert stöhnend rieb er über seine Stirn. „Fuck, wenn ich sowas sag, klingt das echt scheißdämlich.“

„Du machst das sehr gut.“

„Klar doch …“

„Willst du das lieber verschieben, bis wir uns, ah, in die Augen sehen können?“

Zögernd kaute Jonas auf seiner Unterlippe herum. „Mein Verstand sagt, dass ich das besser tun sollt, bevor ich das letzte bisschen Würde verliere.“ Er blickte an sich runter. „Ein anderer Teil von mir is‘ da allerdings ganz anderer Meinung.“

„Und auf welchen hörst du?“

Jonas seufzte. „Auf den, der grad mit mehr Blut versorgt wird.“

Ein raues Lachen erklang vom anderen Ende der Leitung. „Na schön, wir schließen einen Kompromiss. Wir machen weiter, aber du musst nichts sagen. Zuhören reicht völlig. Deal?“

„Deal.“

„Gut.“

Ein paar Sekunden Ruhe, die beiden die Gelegenheit gaben, in die richtige Stimmung zurückzufinden. Gedankenverloren strich Jonas mit der Kuppe seines Zeigefingers über die sensible Stelle unter seinem Ohr.

„Leg dich auf dein Bett.“ Da war nichts Hartes in Eriks Stimme und dennoch machte sein Ton deutlich, dass er keinen Widerspruch duldete.

Die Matratze knarzte leise als Jonas sich darauf ausstreckte.

„Liegst du bequem?“

„Ja … Ähm … Meine Laken fühlen sich kühl auf meinem erhitzten Körper an.“ Jonas verzog das Gesicht. Konnte er noch schmalziger klingen? Er hätte es bei dem Deal belassen und einfach schweigen sollen.

„Kühle Laken, hm? Sind sie das einzige, das du auf deiner Haut spürst?“

„Ähm …“

„Oder fühlst du nicht auch die Berührung meiner warmen Hände, die über dein Schlüsselbein streichen und die kleine Kuhle in der Mitte erkunden?“

Mit nur wenigen Worten hatte Erik Jonas in seine Fantasie gezogen. Er seufzte wohlig, als seine Finger das Bild in seinem Kopf imitierten. „Weiter.“

„Ich beuge mich über dich, setze mich auf deine Oberschenkel und küsse die Stellen, an denen bis eben meine Hände waren.“

„Hmm.“ Mehr brachte Jonas nicht über die Lippen.

„Mein Gewicht drückt dich tiefer in die Matratze.“

„Ich steh‘ drauf, deinen Körper auf meinem zu spüren.“ Jonas glaubte beinahe, Eriks Atem wahrzunehmen, der zart über sein Ohr wehte. „Und, ähm … ich öffne die Knöpfe deines Hemds. Langsam, einen nach dem anderen.“ Instinktiv streckte er die Arme aus und für einen Sekundenbruchteil machte sich Enttäuschung in ihm breit, als er ins Leere griff.

„Meine Hände erkunden deinen Körper“, raunte Erik durch den Hörer. „Der weiche Flaum, der von deinem Bauchnabel bis zum Bund deiner Jeans führt kitzelt meine Fingerspitzen. Ich öffne den obersten Knopf deiner Hose und streiche über die Beule darunter. Ich will dich schmecken.“

Jonas‘ Versuch, ‚Ja, bitte‘ zu sagen, endete in einem unartikulierten Grunzen, als er eilig Jeans und Unterwäsche von seinen Beinen strampelte.

„Aber davor“, sagte Erik, „genieße ich den Anblick.“ Seine Stimme war inzwischen kaum mehr als ein heiseres Flüstern. „Deine geröteten Wangen, deinen schmalen Körper, der auf jede meiner Berührungen so unendlich sensibel reagiert. Deinen wundervollen, harten Schwanz. Ich strecke die Zunge aus und lecke sanft über die Spitze.“

„Oh, fuck, fuck, fuck.“ Jonas umfasste seine Erektion.

„Ich packe deine Hüfte, halte dich fest, genieße deinen salzigen Geschmack.“

„Fick mich, Erik“, ächzte Jonas. „Bitte fick mich einfach.“

„Zu fühlen, wie du dich windest … Du hast keine Ahnung, wie scharf mich das macht.“

„Erik, bitte. Ich will dich!“

„Ich setze mich auf. Sehe dich an, sehe das Flehen in deinen Augen. Meine Hände an deinen Hüften greifen noch fester zu, beinahe schmerzhaft und mit einer schwungvollen Bewegung rolle ich dich auf den Bauch.“

„Ich knie mich hin und drücke den Rücken durch. So, wie du es das letzte Mal wolltest.“ Atemlos nahm Jonas die von ihm beschriebene Position ein und verschwendete nur einen kurzen Gedanken daran, wie lächerlich er für einen außenstehenden Betrachter gerade aussehen musste. Glücklicherweise waren seine Vorhänge zugezogen.

„Meine Lippen sind wieder auf deinem Körper“, sagte Erik. „Liebkosen die Stellen, die mir bisher verborgen waren. Ich fühle dein Verlangen, höre dein Stöhnen.“

„Bitte, bitte, fick mich endlich.“

„Mein Finger streicht über deine empfindsame Öffnung. So heiß, so unglaublich eng.“

„Nimm sie dir“, hauchte Jonas.

„Das nächste, was du spürst, ist mein harter Schwanz, der Einlass begehrt. Ich presse mich gegen dich, halte dich fest.“

Jonas brachte kein zusammenhängendes Wort mehr heraus, konnte nur hilflos keuchen, Eriks Fantasie und seiner eigenen Hand ausgeliefert.

„Bald kannst du dem Druck nichts mehr entgegensetzen, öffnest dich mir, umfängst mich. Jeder meiner Stöße lässt mich tiefer in dich vordringen, bis du ganz mir gehörst.“

Eriks Worte, die immer wieder von seinem Stöhnen unterbrochen wurden, waren mehr als Jonas ertragen konnte. Sein Orgasmus ließ ihn zitternd auf seinem Bett zurück. Plötzlich war er schrecklich allein, die Luft um ihn herum kalt und die Bilder, die ihn gerade noch so erregt hatten grauenhaft peinlich.

„Wie gerne ich jetzt wirklich bei dir wäre“, murmelte Erik, noch immer schwer atmend.

„Wär‘ gut“, erwiderte Jonas leise. In der Hoffnung, diesen kurzen Moment der Nähe wiederherstellen zu können, presste er sein Handy gegen seine nackte Brust. „Wär‘ verfickt gut.“

„Mhm.“ Erik seufzte. „Jetzt habe ich noch weniger Lust auf die Arbeit als ohnehin schon. Viel lieber würde ich dich im Arm halten.“

Sein Bedauern klang so ehrlich, dass Jonas erleichtert aber freudlos auflachte. Vielleicht war er nicht der einzige, der sich, jetzt, da die Erregung verflogen war, einsam und leer fühlte. „Lass uns das bald nachholen.“

 

Der Tag hatte grau begonnen und schien sich so fortzusetzen. Kalter Wind pfiff durch die Straßen und Jonas schlug den Kragen seiner Lederjacke nach oben, während er sich suchend umblickte. Er war in der richtigen Straße, sogar auf der richtigen Seite. Irgendwo hier musste … Aha!

Wie beschrieben, prangte ein großes, weißes Schild mit cartoonartig gezeichneten Kuchenstücken über dem Eingang des Cafés. Keine zwei Meter daneben, lässig gegen die Wand gelehnt, wartete Erik. Den Blick auf sein Handy gerichtet und mit Kopfhörern im Ohr, bemerkte er Jonas nicht, bis dieser knapp vor ihm stand.

„Ah, da bist du ja.“ Erik lächelte und Jonas wollte ihm um den Hals fallen, mit Küssen überhäufen und nie wieder loslassen. Im letzten Augenblick zügelte er sich. Sie waren in der Öffentlichkeit, gut möglich, dass einige seiner Kommilitonen in Sichtweite waren, vielleicht sogar im Café saßen. Das war das Eine. Das Andere … Jonas hatte keine Ahnung, wie Erik die Beziehung zwischen ihnen sah. Vielleicht nutzte er ihn nur als kleine Ablenkung, vielleicht war seine Zuwendung in den letzten Tagen einfach einer Mischung aus naiver Gutmütigkeit und einer stressigen Phase geschuldet. Jonas wollte nicht Gefahr laufen, Gefühle zu zeigen, die Erik nicht teilte. Also streckte er zur Begrüßung die Hand aus. „Sorry, wartest du schon lang?“

„Nein, ich bin auch gerade erst angekommen.“

Eriks schlanke Finger, die sich um Jonas‘ legten, jagten kleine Blitze über dessen Haut und wärmten einen Teil von ihm, der tief in seiner Brust vergraben zu sein schien. Nur widerstrebend ließ er los.

„Gehen wir rein?“

Das Café war gut beheizt und die freundliche Einrichtung hob Jonas‘ Stimmung sofort. Tische und Stühle wirkten, als hätte man sie einzeln auf dem Flohmarkt zusammengekauft und nachträglich weiß lackiert. Kein Teil passte zum anderen. Hübsche Blumenbouquets sorgten für die notwendige Farbe, hinter einer Glaswand präsentierten sich verführerisch aussehende Kuchen und Torten.

„Kommst du öfter her?“, fragte Jonas.

„Hin und wieder nehme ich mir ein Stück Kuchen mit. Zum Beispiel, um mich von einer Hausarbeit abzulenken.“

Sie stellten sich an der kleinen Schlange vor der Theke an und Jonas nutzte die Gelegenheit, um sich umzusehen. „Ganz schön voll hier.“ Sämtliche Tische waren besetzt, lediglich ein paar Stehplätze waren noch frei.

„Eigentlich dachte ich, wir könnten etwas zum Mitnehmen bestellen und dann ein wenig spazieren gehen“, schlug Erik vor. „Ich weiß, das Wetter ist nicht ideal, aber ich könnte ein bisschen Bewegung brauchen.“

„Is‘ okay für mich.“

Der große, mit etwas namens Hot White Chocolate gefüllte Pappbecher, wärmte Jonas‘ Hände, während er neben Erik eine kleine Seitenstraße entlangschlenderte. Gelegentlich berührten sich ihre Schultern und Jonas musste den Drang niederkämpfen, sich enger an Erik zu kuscheln.

„Ich habe dich noch gar nicht wirklich gefragt, wie deine Weihnachtsferien waren.“

Instinktiv wollte Jonas ‚gut‘ antworten, hielt dann jedoch inne und überlegte einige Sekunden. „Irgendwie schräg“, gab er schließlich zu.

„Inwiefern?“

„Keine Ahnung … Es is‘ ‘ne Menge Scheiß passiert. Guter und nich‘ so guter.“

Gedankenverloren trank Erik einen Schluck von dem Tee, den er bestellt hatte und zuckte zusammen.

„Heiß?“, fragte Jonas grinsend.

„Mhm.“

„Wie läuft die Hausarbeit? Passt der Zeitplan noch?“ Sollte Erik früher fertig werden, konnten sie vielleicht doch noch den Sonntag miteinander verbringen.

„Überraschenderweise immer noch ganz gut. Dafür muss ich mir langsam Gedanken um meine Klausuren machen.

„Jetzt schon? Oder schreibt ihr die früher als wir?“

„Vermutlich nicht.“ Erik lächelte schief. „Ich fürchte, ich neige ein wenig zu übermäßigem Ehrgeiz.“

„Alles unter 1,0 gilt als verkackt?“

„Sozusagen. Ich versuche seit Jahren, dieses Denken abzulegen, aber …“ Er zuckte mit den Schultern. „So ganz will mir das nicht gelingen.“

„Wär‘ klasse, wenn du mir einfach die Hälfte davon abgeben könntest“, erwiderte Jonas. „Dann noch die Hälfte von Maria und ich würd‘ vom faulsten zum ehrgeizigsten Menschen dieser Erde aufsteigen.“ Er runzelte die Stirn. „Ich mach‘ mir ‘n bisschen Sorgen um sie. Ich glaub, sie is‘ ziemlich überlastet.“ Jonas war sich nicht sicher, ob Maria es gutheißen würde, dass er mit Erik über sie sprach, aber er schaffte es nicht, seine Ängste um sie noch länger in sich reinzufressen und Erik war der einzige, der ein offenes Ohr für diese Dinge zu haben schien, ohne Maria persönlich zu kennen.

„Sie hat auch eben erst mit dem Studium angefangen, oder?“, hakte dieser nach.

Ein Funken Hoffnung flackerte in Jonas auf. „Denkst du, das pendelt sich mit der Zeit von allein ein?“

„Möglich“, erwiderte Erik diplomatisch. „Die Umstellung ist für Viele schwierig, gerade, wenn sich durch einen Umzug auch noch das vertraute Umfeld ändert.“

„Manchmal denk ich, es wär‘ besser gewesen, wenn sich für sie noch mehr geändert hätte.“ Als Jonas Eriks fragend hochgezogene Brauen bemerkte, setzte er zu einer Erklärung an: „Sie is‘ so dran gewöhnt, für ihre Eltern das brave Mädchen zu mimen, dass sie … Ich weiß auch ich … Einfach akzeptiert, keine Fehler haben zu dürfen. ‘N bisschen mehr Abstand zu ihnen tät ihr wahrscheinlich ganz gut.“ Er seufzte. „Ich hab einfach Angst, dass sie immer unglücklicher wird und ich ihr nich‘ helfen kann, weil ich am anderen Ende des Landes hock. Vor allem ärger ich mich so über mich selbst, dass mir nich‘ aufgefallen is‘, dass es ihr nich‘ gut geht! Im Gegenteil, ich war sogar noch sauer auf sie, weil sie sich so rar gemacht hat!“

„Steht ihr denn derzeit in Kontakt?“

„Jaah, im Moment schon. Sie schreibt mir jeden Tag wenigstens ‘ne kurze Nachricht und wenn’s nur darüber is‘, dass sie grad die Bahn zur Uni verpasst hat.“

„Das ist doch erst mal ganz gut. Und ich bin sicher, dass sie weiß, dass sie sich jederzeit bei dir melden kann, wenn sie Hilfe braucht.“

Jonas war nicht wirklich überzeugt. „Und wenn sie das nicht tut? Maria hat jetzt Monate gebraucht, um überhaupt zuzugeben, dass etwas nicht stimmt und das auch nur, weil ich ihr praktisch die Tür eingetreten habe … Was, wenn sie sich einfach nich‘ meldet? Das … Fuck!“ Mit seiner freien Hand rieb sich Jonas über die Augen. „Das is‘ so eine beschissene Situation! Ich hab echt Angst um sie.“

„Das verstehe ich. Das Problem ist, dass du damit Gefahr läufst, Verantwortung für Dinge zu übernehmen, für die du nicht verantwortlich bist.“

„Aber sie is‘ meine Freundin!“, protestierte Jonas. „Ich muss doch für sie da sein!“

„Für sie da zu sein, ist aber etwas Anderes als sich permanent Sorgen zu machen.“ Erik nippte erneut an seinem Tee, dieses Mal, ohne sich zu Zunge zu verbrennen. Dennoch verzog er ein paar Sekunden später das Gesicht. „Entschuldige, das … war zu einfach dahergesagt. Sie ist deine Freundin, du kennst sie und es ist sicher sinnvoll, auf deinen Instinkt zu hören, wenn er dir sagt, dass etwas nicht stimmt.“ Er seufzte. „Ich habe nur schon miterlebt, dass andere an dem Versuch, Freunden zu helfen, beinahe selbst zerbrochen wären. Pass also bitte auch ein wenig auf dich auf. Du kannst letztlich nur für andere da sein, wenn es dir gut geht.“

Nachdenklich starrte Jonas auf seine eigenen Füße. Er verstand, worauf Erik hinauswollte, glaubte aber nicht, diesen Rat umsetzen zu können.

„Ansonsten würde mir nur einfallen, dass sie mal über einen Termin bei ihrem Hausarzt nachdenken sollte.“

„Kann der denn bei sowas helfen?“, fragte Jonas zweifelnd. „Is‘ ja jetzt keine Grippe oder so.“

„Ein guter Hausarzt wird ihr zuhören und sagen, an welchen Facharzt sie sich wenden kann, wenn sie zu dem Schluss kommt, dass das nötig ist. Das kann leider ein ziemlich langer und zermürbender Prozess sein, weil die Wartelisten oft voll sind. Deshalb sollte man nicht zu lange zögern, diesen Schritt zu gehen.“

„Hm. Werd ich mal ansprechen.“ Jonas hob den Kopf. „Du scheinst dich ziemlich gut mit sowas auszukennen. Hast du das im Medizinstudium gelernt?“

„Nein. Das waren eher … persönliche Erfahrungen.“

Fragend sah Jonas zu Erik, aber der Groschen fiel erst, als dieser abwesend über seine Unterarme strich. „Oh. Sorry. Ich …“

„Schon gut.“ Das Lächeln, das Erik zeigte, erreichte seine Augen nicht. „Ich hätte gut darauf verzichten können, aber wer weiß, ob ich dann heute hier stehen würde.“ Nun erschienen doch schmale Lachfältchen neben seinen Augenwinkeln. „Und ich bin gerade sehr gerne hier.“

Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

„Es is‘ noch was passiert.“ Als Erik nicht reagierte, dachte Jonas zunächst, er hätte sein verlegenes Gemurmel gar nicht gehört, aber als er den Kopf drehte, sah er, dass Erik ihn aufmerksam beobachtete. „Willst du … Willst du’s hören?“

„Sofern du es mir erzählen willst.“

Jonas holte tief Luft und rasselte den Satz in seinem Kopf so schnell herunter, dass er beinahe über die einzelnen Buchstaben gestolpert wäre. „Ich hab‘ meiner Schwester gesagt, dass ich auf Kerle steh‘.“ Er war sich selbst nicht sicher, weshalb ihn der Gedanke, mit Erik darüber zu sprechen, so nervös machte.

„Wie hat sie reagiert?“ Eriks Ton gab keinen Aufschluss über seine Gedanken.

„Gut. Ziemlich gut sogar.“ Jonas lächelte bei der Erinnerung. „Perfekt, eigentlich.“

Jetzt lächelte auch Erik. „Das freut mich für dich. Wirklich. Ist sie die Erste, der du es erzählst hast? Nein, warte, Maria weiß es auch, oder?“

„Maria weiß es, aber es ihr zu sagen war irgendwie … ‘ne ganz andere Geschichte. Einer Kommilitonin hab ich‘s kurz vor Weihnachten erzählt. Oh, und dir natürlich, aber das zählt wohl irgendwie nich‘ so ganz. Aber Christine … Christine is‘ die Erste aus der Familie.“ Nervös spielte Jonas mit dem Plastikdeckel seines Kakaos. „Is‘ schon komisch. Bis jetzt hat jeder richtig gut reagiert und trotzdem hab‘ ich ‘ne Scheißangst davor, darüber zu sprechen. Dabei würd‘ ich mir wünschen, es endlich nich‘ mehr geheim halten zu müssen. Das nervt einfach nur.“ Seine Finger knickten den Pappbecher nach innen. „Als ich bei meinen Eltern war, da gab es diesen Moment … Es war spät, alle anderen schon im Bett, nur wir drei haben noch eine letzte Runde Uno gespielt. Wir hatten richtig Spaß miteinander. Und ich dachte mir … Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Genau jetzt. Aber ich konnt’s einfach nich‘ sagen. Als hätte mir jemand den Mund zugenäht.“ Nach einer kleinen Pause murmelte er: „Wenn ich mir nur sicher sein könnt‘, dass sie‘s akzeptieren.“

„Hast du denn einen Grund, zu vermuten, dass sie das nicht tun?“

„Ganz ehrlich? Ich weiß es einfach nich‘. Wir haben ein gutes Verhältnis, ich weiß, dass sie mich lieben und ich mich auf sie verlassen kann, aber … Sexualität war immer ein Tabuthema in unserer Familie. Wurde einfach totgeschwiegen.“ Jonas lachte verlegen. „Ohne den Aufklärungsunterricht in der Schule, würd‘ ich wahrscheinlich heut‘ noch denken, man könnt‘ vom Knutschen schwanger werden. Okay, nee, dafür hab‘ ich zu viel Zeit im Internet verbracht, aber du weißt, worauf ich hinaus will … Und meine Eltern sin‘ beide gläubig, gehen regelmäßig in die Kirche … das volle Programm halt. Dazu ihre ganzen Vorurteile … Ich weiß einfach nich‘, wie sie reagieren. Außerdem … Selbst wenn sie es schnell akzeptieren, ich glaub‘ … Sogar wenn da nur ein kleiner Moment Zweifel oder Ablehnung in ihnen ist … Das könnt‘ ich nich‘ ertragen.“ Er warf einen schüchternen Blick auf Erik, der seinem Gestammel geduldig zugehört hatte.

„Ich nehme an, sie unterstützen dich finanziell bei deinem Studium?“

„Japp, das … Fuck, denkst du, sie könnten mir die Finanzierung streichen, wenn sie’s rausfinden? Scheiße, an sowas hatte ich noch gar nich‘ gedacht!“

„Ah, ich wollte dir wirklich keine weiteren Sorgen einreden“, beteuerte Erik. „Ich kenne deine Eltern nicht und wenn du bisher nicht auf die Idee gekommen bist, dass sie so extrem reagieren könnten, würden sie es bestimmt auch nicht. Ich habe über die Jahre einfach nur sehr viele Geschichten mitbekommen. Die meisten davon positiv, aber ein paar … eben nicht.“ Eine kleine Falte erschien zwischen seinen Brauen. „Ich fühle mich nicht wirklich in der Position, dir einen Rat zu geben …“

„Bitte tu’s trotzdem. Im Moment bin ich echt für alles dankbar.“

„Na schön.“ Erik strich über seinen Nacken und dachte einen Augenblick nach. „Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, dass du dich zuerst selbst akzeptierst. Das klingt oft leichter als es ist, aber solange du noch an dir selbst zweifelst und dich nicht wirklich annehmen kannst, läufst du Gefahr, dein Selbstbewusstsein auf der Zuneigung anderer aufzubauen, was dazu führt, dass dich die kleinste Ablehnung ziemlich runterziehen kann. Aber ich weiß auch, dass das etwas sehr Individuelles ist und jeder seinen eigenen Weg gehen muss. Deshalb will ich dir da eigentlich nicht reinreden. Sieh es nur als eine Beobachtung von mir, aus der du eigene Schlüsse ziehen kannst.“

„Wussten deine Eltern …?“, fragte Jonas. „Ich mein, du warst ziemlich jung als sie … Shit, du weißt, was ich meine.“

„Meine Eltern wussten, dass ich schwul bin“, antwortete Erik gelassen.

„Wie hast du’s ihnen gesagt?“

Erik neigte den Kopf. „Eigentlich gar nicht. Nicht direkt, zumindest.“ Jonas‘ verdutztem Blick begegnete er mit einem Schmunzeln. „Wir hatten ein ziemlich offenes Verhältnis. Gerade als ich jünger war, habe ich ihnen eigentlich alles erzählt, ohne groß darüber nachzudenken. Unter anderem, welchen Star ich toll finde und für welchen Mitschüler ich gerade schwärme, solche Sachen eben. Alles noch lange bevor da eine explizit sexuelle Komponente mitspielte. Irgendwann, als ich so dreizehn war, nahm mein Vater mich mal zur Seite und fragte, ob ich mich eher in Jungs als in Mädchen vergucken würde. Ich habe kurz darüber nachgedacht und genickt. Danach folgte die obligatorische Ansprache, dass ich mir niemals erzählen lassen darf, dass irgendetwas falsch daran wäre und ich immer Kondome verwenden solle, weil die nicht nur vor Schwangerschaft schützen. Damit war das Thema zwischen uns eigentlich erledigt.“

„Klingt, als wären deine Eltern tolle Menschen gewesen.“

„Ich hatte großes Glück mit ihnen.“ Die Zärtlichkeit in Eriks Stimme zeugte davon, dass das keine hohle Phrase für ihn war, aber die mitschwingende Melancholie brach Jonas fast das Herz.

„Wie … Wie hat der Rest deiner Familie darauf reagiert?“

„Im Grunde gar nicht. Mein Vater war Einzelkind, meine Großeltern sind früh gestorben. Die Einzige, die zu dem Zeitpunkt noch gelebt hat, war meine Großmutter mütterlicherseits und die war geistig schon nicht mehr wirklich klar. Sie ist dann auch kurz nach dem Unfall meiner Eltern ebenfalls verstorben. Ansonsten gab es nur noch die jüngere Schwester meiner Mutter, bei der ich dann auch eine Weile gelebt habe, aber bis auf eine oder zwei Ausnahmen, war meine Sexualität nie ein Thema zwischen uns. Ich vermute, meine Eltern hätten ohnehin nicht zugelassen, dass jemand aus der Familie ein kritisches Wort darüber verliert und irgendwann war es dann auch einfach, ah, eine Selbstverständlichkeit.“

„Oh. Ach so. Und … Dein sonstiges Umfeld? Ich mein, hattest du wirklich nie so einen ‚Ich-bin-übrigens-schwul-Moment‘?“

Erik lachte. „Ah, lass mich nachdenken … Nein. Jedenfalls nicht im Sinne einer Beichte. Es war jetzt nicht unbedingt so, dass ich es rumerzählt hätte, aber ich habe es auch nie verborgen und ehrlich geantwortet, wenn mich jemand gefragt hat. Falls das Gespräch mal auf potenzielle Freundinnen gelenkt wurde, habe ich eben gesagt, dass es in meinem Fall ein Freund wäre.“

„Und du hattest nie Probleme?“

„Naja, das kommt darauf an, was du als ‚Probleme‘ bezeichnen würdest.“ Erik verschränkte die Arme vor der Brust. „Wirklich offene Anfeindungen habe ich eigentlich nie erlebt. Das heißt, doch, einmal vor einem Club, aber das blieb zum Glück bei leeren Worten. Und einmal von jemandem, der mir näher stand. Das tat weh, aber … Das war wohl genau der Punkt. Wenn es nicht meine Homosexualität gewesen wäre, dann hätte er eben etwas anderes gefunden, mit dem er mich hätte verletzen können. Ansonsten …“ Er zuckte mit den Schultern. „Es kam schon mal vor, dass der Kontakt zu eher oberflächlichen Bekanntschaften danach kühler war oder irgendwie künstlich wirkte und über kurz oder lang ganz abbrach. Darüber hinaus, kann ich mich aber nicht an blöde Situationen erinnern.“ Gedankenverloren zupfte er an seinem Ärmel. „Das heißt nicht, dass alles eitel Sonnenschein war, aber die wenigsten Konflikte kamen von außen. Es gab einfach ein paar Dinge, die ich mit mir selbst ausmachen musste.“

Jonas hätte ihn gerne gefragt, was das für Dinge waren, aber etwas sagte ihm, dass Erik nicht darüber sprechen wollte. „Vielleicht sollte ich einfach aufhören, mir so scheißviele Gedanken zu machen.“

„Vielleicht. Oder du nimmst dir einfach die Zeit, die du brauchst. Daran ist nichts falsch.“

„Hm.“ Zum ersten Mal seit einer Weile sah sich Jonas um. Er war so in sein Gespräch mit Erik vertieft gewesen, dass er überhaupt nicht darauf geachtet hatte, welche Wege sie genommen hatten, doch die Straße, in der sie jetzt standen, kam ihm bekannt vor. „Sind wir bei dir?“

„Mhm. Wir waren jetzt fast eine Stunde unterwegs.“

„Was?“ Entsetzt starrte Jonas auf sein Handy. Erik hatte recht, es war kurz vor zwei. „Shit! Ich hab völlig die Zeit aus den Augen verloren!“

„Entschuldige, ich hätte schon vorher etwas sagen sollen. Schaffst du es noch rechtzeitig zur Uni?“

„Ähm, ja, ich glaub schon. Is‘ ja quasi ums Eck.“ Jonas‘ schlechtes Gewissen nagte an ihm. „Scheiße, da wolltest du eigentlich eine kleine Pause und mal den Kopf freibekommen und dann labere ich dich mit meinem Scheiß zu.“

Ungeduldig winkte Erik ab. „Blödsinn. Das war kein Scheiß und du hast mich nicht zugelabert. Es war schön, mich mal mit etwas anderem zu beschäftigen als den Handelsstrukturen im mittleren Westen.“ Er legte eine Hand auf Jonas‘ Schulter, nahm sie aber gleich wieder weg, als Jonas‘ instinktiv die Umgebung nach Zuschauern absuchte. „Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn du jemanden zum Reden brauchst. So viel Zeit habe ich gerade noch.“

„Danke, wirklich. Aber ich glaub‘, ich hab erst mal genug, worüber ich nachdenken muss.“

„Auch gut. Das Angebot gilt trotzdem.“

Der Wind Trieb einen Hauch von Sonne und Holz in Jonas‘ Nase und plötzlich stand ihm ihr letztes Telefonat vor Augen. Sein hemmungsloses Stöhnen, sein Flehen, Erik möge ihn endlich ficken. Seine Schulter pulsierte an der Stelle, die Erik berührt hatte. „Also dann, ähm …“ Mit glühenden Wangen wandte er sich zum Gehen. „Bis bald! Und noch mal Danke.“

Als er schon halb die Straße runter war, hörte er seinen Namen. „Jonas!“ Er stoppte und drehte sich um. Verlegen lächelnd rannte Erik zu ihm. „Entschuldige, ich hatte völlig vergessen, dass ich dich noch etwas fragen wollte.“

„Was denn?“

„Nächstes Wochenende sind zwei Freunde von mir in der Stadt und wir wollten am Sonntag ins Theater.“

„Oh.“ Jonas schaffte es nicht, seine Enttäuschung zu verbergen. „Dann hast du da wohl keine Zeit für mich.“

„Nicht für eines unserer üblichen Treffen“, gab Erik zu. „Aber eigentlich wollte ich dich fragen, ob du vielleicht mitkommen möchtest.“

„Ins Theater?“

„Mhm. Wahrscheinlich gehen wir danach noch irgendwo was Trinken, aber das kannst du ja spontan entscheiden. Nur wegen der Karten müsste ich es so langsam wissen.“

Jonas biss sich auf die Unterlippe. Der Gedanke, dass Erik ihm seine Freunde vorstellen wollte, ließ sein Herz schneller schlagen. Das war sicher nicht sein übliches Vorgehen bei einfachen Affären. Aber was war Jonas dann für ihn? Ein Freund? Vielleicht. Würden Eriks Bekannte ahnen, dass das gewisse Extras beinhaltete? Vermutlich. Wollte Jonas das? Er wusste es nicht. Und dann war da auch noch ein ganz weltliches Problem. „Wie viel kosten die Karten denn?“, fragte er vorsichtig. Weihnachten hatte seine Ersparnisse erheblich schrumpfen lassen.

„Nicht viel. Ist nur ein kleines Theater. Und für dich kosten sie gar nichts, weil ich dich gerne einladen würde.“

„Oh, das … Echt?“

„Sieh es als verspätetes Weihnachtsgeschenk.“ Erik lächelte. „Wobei ich mich da eigentlich eher selbst beschenke, weil ich dich wirklich gerne dabei hätte.“

„Bist du sicher?“

„Willst du denn mit?

„Schon“, gab Jonas zu.

„Dann nimm es einfach an, ja? Du würdest mir eine Freude machen.“

Damit war Jonas‘ Entscheidung gefallen. „Wenn das so ist, kann ich ja gar nich‘ ablehnen!“

 

Autorenkommi:

Was ist schwieriger als Sexszenen zu schreiben? Telefonsexszenen. Gott, hoffentlich gerate ich nie in eine Fernbeziehung >.<
Dafür gab es heute eine Extraportion Erik, nachdem wir in den letzten Kapiteln eher wenig von ihm hatten.

Was zuletzt geschah:

Zurück in Berlin, kehrt Jonas nahezu nahtlos in den Großstadtalltag zurück. Er studiert, zieht mit seinen Freunden um die Häuser und genießt heißen Telefonsex mit Erik. Zugegeben, Letzteres ist eine eher neue Erfahrung und dazu eine, die abgesehen von einem Höhepunkt, in eine Verabredung zum Kaffeetrinken gipfelt. Aus dem Kaffee werden Kakao und Tee und die sonntägliche Verabredung zum Vögeln verwandelt sich in eine Einladung ins Theater, der Jonas nur zu gerne folgt, auch, wenn ihn der Gedanke, Eriks Freunde kennenzulernen, schon jetzt in Schweiß ausbrechen lässt.

 

Kapitel 14

„Fuck, fuck, fuck!“

Atemlos und wild um sich blickend, hetzte Jonas die Straße entlang, in der Hoffnung, endlich das erlösende Schild zu entdecken. Er war schon zehn Minuten zu spät und hatte noch immer keine Ahnung, ob er sich auch nur ansatzweise am richtigen Ort befand. Sein GPS blinkte nutzlos und versetzte den kleinen Punkt, der seinen Körper markieren sollte, ruckartig in einen Tümpel, der vermutlich nicht einmal in Berlin lag. Das wäre der passende Zeitpunkt gewesen, seine Niederlage einzugestehen und Erik anzurufen, um ihn um Hilfe zu bitten, aber noch brachte Jonas das nicht über sich.

Die Erleichterung, die seinen Körper durchflutete, als er das niedrige Gebäude vor der nächsten Kreuzung als Theater erkannte, wurde rasch durch Unbehagen ersetzt. Sie hatten verabredet, sich vor dem Haupteingang zu treffen, aber keine Menschenseele war in Sichtweite. Wahrscheinlich hatte Erik die Warterei sattgehabt und sich ins Innere verzogen. Falls das so war, konnte Jonas ihm daraus kaum einen Vorwurf machen.

Mit jedem Schritt, den er sich der Eingangstür näherte, wurde Jonas langsamer. Eigentlich hatte er geplant, einen guten ersten Eindruck auf Eriks Freunde zu machen. Sich zu verspäten und sie in der Kälte stehen zu lassen, konnte man nur bedingt als solchen bezeichnen. Vielleicht sollte er einfach wieder umkehren und Erik schreiben, dass er sich nicht gut fühlte.

‚Mach keinen Scheiß!‘, schalt er sich selbst. Erik hatte seine Karte bezahlt. Gar nicht erst aufzutauchen, war weitaus dreister als sich zu verspäten. Jonas atmete einmal tief durch und ging auf die Tür zu. Erst kurz davor bemerkte er das pfeilförmige Schild mit dem Vermerk ‚Haupteingang ums Eck‘.

Schüchtern lugte Jonas um das Gebäude herum und entdeckte Erik in dem Moment, in dem dieser ihn entdeckte und mit einem breiten Lächeln zu sich und den beiden Männern neben ihm winkte.

„Sorry“, krächzte Jonas verlegen, als er die kleine Gruppe erreicht hatte. „Irgendwie hab ich wohl den falschen Bahnaufgang erwischt, jedenfalls sah alles ganz anders aus als auf dem Plan, den ich mir davor angesehen hab und …“

„Alles gut“, beruhigte Erik ihn. „Wir haben mehr als genug Zeit.“

„Du musst dann wohl Jonas sein.“

Jonas richtete seinen Blick auf den Mann neben Erik, der ihn angesprochen hatte. „Ähm, ja. Hi.“

„Ich bin Marco!“ Grinsend reichte er Jonas die Hand. Obwohl Marco fast einen Kopf kleiner als Jonas war, trug er gefühlt dessen doppeltes Gewicht an Muskelmasse mit sich herum und hätte durchaus einschüchternd gewirkt, wären da nicht sein offenherziges Lachen und die dunklen, freundlichen Augen gewesen, die Jonas neugierig musterten. „Kommt nicht oft vor, dass Erik uns jemanden vorstellt.“

„Und jetzt frag dich mal, warum das so ist“, erwiderte dieser mit einem schmalen Lächeln.

„Och, ich denke, das wissen wir beide.“

„Marco“, raunte dessen Nebenmann kaum hörbar, bevor er sich an Jonas wandte. „Mein Name ist Drago.“ In seinen Worten schwang ein für Jonas‘ Ohren ungewohnter Akzent mit. Weich und melodisch, mit einer ganz eigenen Art das ‚R‘ zu rollen. Im Gegensatz zu Marco, war Drago groß und drahtig, mit aschblondem Haar, hohen Wangenknochen und harten Gesichtszügen. Im ersten Augenblick fürchtete Jonas, er hätte sich mit seiner Verspätung doch bei wenigstens einer Person unbeliebt gemacht, aber als er Drago die Hand reichte, schenkte dieser ihm ein warmes Lächeln. „Schön, dich kennenzulernen.“

„Freut mich auch sehr.“

„Dann ist die offizielle Vorstellungsrunde wohl beendet, was?“, fragte Marco sichtbar gut gelaunt und legte einen Arm um Drago, der die Geste mit einem strengen Blick quittierte, aber nichts dagegen unternahm.

„Lasst uns reingehen“, schlug Erik vor. „Es ist doch relativ viel los und hier herrscht freie Platzwahl. Wenn wir zu spät dran sind, könnte es schwierig werden, zusammenhängende Sitze zu ergattern.“ Einen Moment lang hoffte Jonas, er würde Marcos Geste kopieren, doch Erik hielt Abstand als er sie ins Innere des Theaters führte.

Die Vorhallte war schlicht und gemütlich eingerichtet, aber so winzig, dass kaum alle Besucher hineinpassten und der eigentliche Saal bot nach Jonas‘ Schätzung nicht mehr als sechzig Plätze. Selbstverständlich waren die besten davon bereits besetzt.

„Hoffentlich wird es halbwegs lustig“, brummte Marco als er sich auf einen der knarzenden Holzstühle fallen ließ. „Mir würden spontan tausend bessere Ideen für ‘nen Sonntagabend einfallen.“

„Jetzt hör auf zu nölen“, tadelte Erik sanft. Er ließ Jonas den Vortritt und setzte sich selbst auf den äußersten Platz. „Du hast dem Theaterabend schließlich zugestimmt.“

„Weil ihr mir als einzige Alternative ein Musical gelassen habt. Ein Musical! Als würdet ihr euch extra Mühe geben, sämtliche Klischees zu erfüllen!“

„Was ist mit dir, Jonas?“ Drago hatte offenbar entschieden, das Quengeln seines – wie Jonas annahm – Partners zu ignorieren. „Gehst du häufiger ins Theater?“

„Ähm … gelegentlich. In der Schule hatten wir so ‘n Theaterabo …“

„In der Schule?“, wiederholte Marco und lachte. „Das ist eine sehr nette Art, unseren beiden Kulturfanatikern hier klarzumachen, dass dir Theater am Arsch vorbeigeht und du heute nur aus Mitleid oder Mangel an Alternativen mitkommst. Ich meine, wie lange ist die Schule bei dir her? Bestimmt fünf Jahre, oder?“

„Eigentlich hab ich grade erst mein Abi gemacht“, erwiderte Jonas peinlich berührt.

Marcos verblüffter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein joviales Grinsen. „Awww! Ein Küken!“

Marco!“ Dieses Mal kam der Rüffel zweistimmig. Einmal von Drago, einmal von Erik.

„Ignorier ihn einfach“, wies Drago Jonas an. „Er ist offensichtlich in einer Höhle groß geworden und weiß es nicht b–“ Das letzte Wort wurde von Marcos Lippen erstickt und Jonas sah, wie Dragos anfänglicher Protest erstarb, seine kühlen Züge weich wurden und sich sein Körper an den seines Freundes schmiegte.

Verlegen über diese öffentliche Zuneigungsbekundung, richtete Jonas den Blick auf seine verschränkten Hände und entschied, das Thema zu wechseln, nachdem die beiden wieder voneinander abgelassen hatten. „Erik hat erzählt, ihr wärt nur zu Besuch hier. Wie lange bleibt ihr denn?“

„Nur noch morgen“, antwortete Drago.

„Kaum zu glauben, dass das jetzt schon das sechste Mal ist, dass wir das machen. Ist inzwischen ‘ne richtige Tradition geworden“, fügte Marco hinzu.

„Also kommt ihr jedes Jahr hierher?“

„Wir können Erik seinen Geburtstag ja schlecht alleine feiern lassen! Auch, wenn wir dieses Jahr etwas spät dran waren.“

„Du hattest Geburtstag?“ Überrascht drehte sich Jonas zu Erik, dem das Thema unangenehm zu sein schien.

„Am neunzehnten“, antwortete er knapp.

„Warum hast du nix gesagt?“

Erik zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht, dass du dich zu irgendwas verpflichtet fühlst.“

Der Saal verdunkelte sich und das Scheinwerferlicht, das auf die kleine Bühne vor ihnen gerichtet wurde, beendete ihr Gespräch frühzeitig.

 

Jonas stimmte in den stürmischen Beifall des Publikums ein. Das Stück war überraschend witzig gewesen, die Schauspieler hervorragend und die Stimmung ausgelassen. Der Abend wäre perfekt, hätte Erik nur irgendwann Jonas‘ Hand, die dieser demonstrativ auf der schmalen Lehne platziert hatte ergriffen.

„Und?“ Erik wandte sich an Marco. „War das jetzt so schlimm?“

„Nö, war eigentlich ganz nett.“ Erwartungsvoll grinste Marco in die Runde. „Wie geht’s jetzt weiter? Gibt’s das Duo noch?“

„Sofern es in den letzten sechs Monaten nicht dichtgemacht hat.“ Eriks Antwort klang in Jonas‘ Ohren ein wenig unwillig, aber Marco reagierte mit dem Enthusiasmus eines Kinds im Süßwarenladen.

„Dann mal los!“

„Du könntest auch erst fragen, ob wir überhaupt Lust darauf haben“, merkte Drago an.

„Nö, Ausreden sind nicht erlaubt. Ich bin mit ins Theater, dafür kommt ihr jetzt mit ins Duo! Müssen wir doch ausnutzen, wenn wir schon in Berlin sind.“

Kopfschüttelnd folgte Drago seinem Freund, der sich ungeduldig durch die schmale Sitzreihe drängte. Jonas und Erik schlossen sich ihnen an, doch auf der Treppe angekommen, stoppte Erik Jonas, indem er ihn sanft am Oberarm berührte, die Hand allerdings gleich darauf wieder wegzog. Ihre beiden Begleiter, die davon nichts bemerkt hatten, steuerten weiter den Ausgang an.

Fragend drehte sich Jonas zu Erik.

„Kennst du das Duo?“, erkundigte sich dieser.

„Nee.“

„Grundsätzlich ist dort natürlich jeder willkommen, aber es richtet sich vornehmlich an ein schwules Publikum. Falls du dort also lieber nicht gesehen werden willst, können wir gerne woanders hingehen.“

Im ersten Moment war Jonas so überrascht und gerührt von Eriks Umsicht, dass die Zweifel erst im zweiten kamen. „Irgendwie hab ich nich‘ das Gefühl, dass Marco davon begeistert sein wird.“

Erik winkte ab. „Der wird es überleben, wenn er einmal im Leben seinen Dickschädel nicht durchsetzen kann. Berlin hat wirklich genug Alternativen zu bieten.“

„Aber es is‘ doch scheiße, wenn ihr nur wegen mir eure Pläne umschmeißt.“

„Ich würde Marcos Ideen nicht als ‚Pläne‘ bezeichnen“, entgegnete Erik gelassen. „Ehrlich gesagt, bin ich auch nicht übermäßig scharf aufs Duo.“

Jonas zupfte am Reißverschluss seiner Lederjacke. Er dachte an Marco und Drago, die den gesamten Abend über offen gezeigt hatten, dass sie zueinander gehörten. Ihre Finger, die sich ineinander verschlungen hatten, die flüchtigen, aber liebevollen Küsse, die vielen beiläufigen Berührungen, die zeigten, wie selbstverständlich die Nähe des anderen für sie war. Wenn er auch nur hoffen wollte, jemals etwas Ähnliches zu haben, musste er anfangen, seine Hemmungen abzubauen. „Eigentlich wär‘ ich schon ‘n bissl neugierig auf den Laden.“

Erik wirkte überrascht, lächelte aber. „Dann sollten wir sehen, dass wir die anderen einholen, bevor sie ohne uns hingehen.“

Als sie auf die Straße traten, wurden sie Zeuge eben jener Zuneigung, die Jonas zu seiner Entscheidung bewogen hatte. Obwohl sich ihre Lippen nur sanft berührten, strahlten Marco und Drago eine solche Intimität aus, dass er sich erneut betreten abwandte.

Erik zog hingegen eine Braue hoch. „Wollt ihr doch lieber gleich ins Hotel?“

Ohne hinzusehen, scheuchte Marco ihn mit einer Handbewegung fort, aber Drago schob seinen Freund resolut von sich und ignorierte das darauffolgende enttäuschte Jammern. „Du wolltest ins Duo“, erinnerte er Marco. „Jetzt halte dich auch daran.“

 

Zaghaft blickte sich Jonas nach bekannten Gesichtern um und atmete erleichtert auf, als er feststellte, dass er das Duo wohl ungesehen betreten konnte. Sein ursprünglicher Mut hatte ihn überraschend schnell verlassen.

So unauffällig wie möglich, zog er seinen Geldbeutel aus der Tasche. Der Türsteher kontrollierte streng und Jonas plante, seinen Ausweis vorzuzeigen, bevor er lautstark dazu aufgefordert wurde. Irgendetwas sagte ihm, das Marco das nicht unkommentiert lassen würde.

Wie erwartet, musterte der Türsteher ihn kritisch, ließ ihn jedoch nach einem kurzen Nicken zu Erik passieren.

„Das is‘ mir auch noch nich‘ passiert“, sagte Jonas verblüfft und biss sich gleich darauf auf die Zunge. Er hätte die Sache auch einfach hinnehmen können als wäre es das Normalste der Welt für ihn, ohne Ausweiskontrolle in Clubs gelassen zu werden, aber nein, er hatte mal wieder die Klappe aufreißen müssen.

„Pascal hat eine Weile fürs Tix gearbeitet“, erklärte Erik, laut genug, damit Jonas ihn über die Musik hören konnte. „Er weiß, dass ich ihnen keine Minderjährigen anschleppen würde.“

„Oh. Ach so.“ Um seine Enttäuschung darüber zu verbergen, dass er offenbar doch nicht so erwachsen aussah wie er einen Moment lang gehofft hatte, ließ Jonas den Blick durch den Raum schweifen. Abgesehen von einer erhöhten Männerquote, wirkte der Laden völlig normal. Dämmrige Beleuchtung, eine große Theke, hinter der diverse Spirituosen ausgestellt waren sowie einige Tische und Hocker, die man an den Wänden postiert hatte, um noch genug Platz für eine kleine Tanzfläche zu bieten. „Ganz schön voll.“

„Du solltest mal an einem Samstag herkommen.“ Mit Jonas im Schlepptau, kämpfte sich Erik zur Bar durch. „Was willst du trinken?“

Jonas‘ spontaner Entschluss, Erik und die anderen zu begleiten, hatte unglücklicherweise nicht seinen ohnehin schon schmalen Geldbeutel bedacht, aber er weigerte sich, sich davon den Abend verderben zu lassen. „Nix da, das übernehme ich!“ Als Erik protestieren wollte, hob er abwehrend die Hand. „Keine Widerrede. Was willst du?“

„Eine Cola.“

Abschätzend musterte Jonas ihn. „Du brauchst echt nich‘ was möglichst Billiges nehmen.“

Erik lachte. „Tue ich nicht. Ich trinke nur sehr selten Alkohol.“

„Oh. Okay. Cola also.“

Mit ihren Getränken in der Hand – Cola für Erik, Bier für Jonas – sahen sie sich um. „Marco und Drago haben sich wohl in den hinteren Bereich verzogen.“

Tatsächlich war Dragos heller Schopf in der Menge gut auszumachen, aber er und Marco waren zu sehr miteinander beschäftigt, um den beiden Neuankömmlingen große Aufmerksamkeit zu schenken.

Amüsiert schüttelte Erik den Kopf. „Immer noch wie ein frisch verliebtes Pärchen.“

„Wär‘ ziemlich gut, das auch zu haben …“ Sorgsam beobachtete Jonas Eriks Reaktion auf seine Worte.

Dieser lächelte, gab darüber hinaus aber herzlich wenig preis.

Nach einigen Sekunden, in denen Enttäuschung ein schmerzhaftes Loch in Jonas‘ Brust grub, wechselte er das Thema. „Bist du eigentlich öfter hier?“

„Früher häufiger“, antwortete Erik. „In letzter Zeit nicht mehr wirklich.“

„Wieso nicht?“

Erik zuckte mit den Schultern. „Kaum Zeit und ehrlich gesagt auch keine Lust.“ „Darfst du das überhaupt schon trinken?“, mischte sich plötzlich Marco in ihr Gespräch ein und tippte gegen Jonas‘ Bier.

„Würdest du bitte endlich damit aufhören?“ Erik klang alles andere als amüsiert.

„Ach komm“, wehrte Marco lachend ab. „Ich zieh das Küken doch nur ein bisschen auf! So, wer macht jetzt mit mir die Tanzfläche unsicher?“

Jonas hob die Hand. „Das Küken!“ Zur Hölle mit dämlichen Spitznamen, damit konnte er gerade noch umgehen.

Zwei Sekunden verstrichen, dann brach Marco in schallendes Gelächter aus und klopfte Jonas kräftig auf den Rücken. „Siehst du, Erik? Er versteht meinen Humor!“

Ebenfalls lachend, packte Jonas Eriks Handgelenk und zog ihn – ein paar halbherzig vorgebrachten Protesten zum Trotz – mit auf die Tanzfläche.

Anfangs hielt er sich eng an Marco und Erik; verunsichert von den vielen knapp bekleideten männlichen Körpern und der eindeutig sexuell aufgeladenen Stimmung um ihn herum, aber jeder Song, der über ihn hinwegspülte, nahm ein paar Hemmungen mit sich. Allerdings nicht schnell genug. Kurz bevor sich Jonas überwinden konnte, nicht mehr nur sehnsüchtig auf Eriks Schultern, Hüften und Hände zu starren, sondern sie zu berühren, verabschiedete sich dieser von der Tanzfläche und gesellte sich zu Drago an einen der Stehtisch. Jonas war versucht, ihm zu folgen, aber er mochte den Song, der in diesem Moment begann. Und den nächsten. Und den übernächsten.

Verschwitzt und atemlos, traf Jonas das restliche Grüppchen an der Bar wieder.

„Ist hier noch jemand kurz vorm Verhungern?“, fragte Marco und stellte sein leeres Glas auf den Tresen.

Erik und Drago schüttelten die Köpfe, aber Jonas‘ Magen hatte sich schon im Theater bemerkbar gemacht und sein zweites Bier war ausreichend gewesen, um seinen Blick zu verschleiern. „Ich hätte nichts dagegen“, gab er zu.

„Sonst keiner?“ Als sich niemand meldete, hakte sich Marco bei Jonas unter. „Dann läuft’s wohl auf uns zwei Hübsche hinaus. Kennst du was in der Gegend?“

„Ähm, nee …“

„Gut, ich auch nicht.“

„Ein Stück die Straße runter sind ein paar Fast-Food-Läden, die noch offen haben sollten.“ Vage deutete Erik zum Ausgang und nach rechts.

„Dann mal los!“

Dankbarerweise entließ Marco Jonas wieder aus seinem Griff, bevor sie die Straße betraten. Schweigend liefen sie nebeneinander her, feiner Nieselregen trieb die Leute in eine der zahlreichen Bars, die sie passierten. Ein Pärchen, das sich unter einem viel zu kleinen Regenschirm zusammengekuschelte hatte, rannte kichernd an ihnen vorbei.

„Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Drago und du, mein ich …“ Obwohl er den ganzen Abend über sehr herzlich mit ihm umgegangen war, schüchterte Marco Jonas noch immer ein wenig ein.

„Ganz unspektakulär über einen gemeinsamen Freund. Wir waren auf seiner Einweihungsparty und sind eher zufällig ins Gespräch gekommen.“ Marco grinste breit. „Tja, und ein paar Jahre später sind wir dabei, ein gemeinsames Haus zu bauen.“

„Ehrlich?“ Der Gedanke, ein Haus zu bauen, um dort zusammen mit seinem Partner zu leben, lag für Jonas noch so weit in der Zukunft, dass es ihm beinahe unwirklich erschien.

„Naja, Drago ist Architekt und ich Tischlermeister, wir haben gute Kontakte in so ziemlich jeden Bereich der Bauchbranche. Da wäre es irgendwie paradox, ewig in einer Mietwohnung zu leben.“ Marco verschränke die Arme vor der breiten Brust. „Wir machen das meiste in Eigenregie oder mit Hilfe von Freunden, aber dafür braucht alles auch entsprechend lange. Dauert sicher noch ein halbes Jahr, bis das Haus halbwegs bewohnbar ist.“

„Ähm, ich hab noch gar nich‘ gefragt, wo ihr überhaupt wohnt. Nich‘ in Berlin, so viel weiß ich.“

„In Stuttgart. Geboren und aufgewachsen. Naja, ich. Drago lebt erst seit ein paar Jahren dort.“

„Dann kennst du Erik wohl schon eine ganze Weile?“

„Zehn Jahre, ungefähr.“

„Und wie habt ihr euch kennengelernt?“, fragte Jonas weiter.

Plötzlich war da etwas Wachsames in Marcos Zügen. „Hat er dir das nicht erzählt?“

„Ähm, nee. Er hat eigentlich gar nich‘ viel gesagt. Bloß, dass er heute mit zwei Freunden ins Theater geht.“

Seufzend kratzte Marco seinen Nacken. „Also, ursprünglich kennengelernt haben wir uns übers Boxen.“

„Erik boxt?“, rief Jonas entsetzt und einmal mehr brach Marco in schallendes Gelächter aus.

„Nicht wirklich. Er war grauenhaft und hat es gehasst.“ Marco schüttelte den Kopf, lächelte dabei aber. „Ich habe nie rausgefunden, wie sehr das eine das andere bedingt hat. Jedenfalls war ich schon seit Jahren in diesem Studio und hatte es mir zur Aufgabe gemacht, den Anfängern ein bisschen unter die Arme zu greifen.“

„Hat in Eriks Fall wohl nich‘ so ganz klappt.

„Ha! Nein, hat es wohl nicht. Aber wir haben uns kennengelernt und das war das wirklich Wichtige.“ Er tippte gegen Jonas‘ Schulter. „So, du bist dran. Erzähl mir ein bisschen was von dir.“

„Oh, ähm … Guck mal, der Dönerstand da drüben. Holen wir uns was von da?“

„Machen wir. Und glaub bloß nicht, dein Ablenkungsversuch würde funktionieren.“

Jonas tat, als hätte er Marcos Bemerkung überhört. Sie bezahlten ihr Essen und verschlangen es noch an Ort und Stelle.

„Also?“, fragte Marco, nachdem er den letzten Bissen heruntergeschluckt und das Papier im Müll entsorgt hatte. „Schieß los.“

„Da gibt es nich‘ so viel zu erzählen …“

„Bisher kenne ich genau deinen Namen. Ein bisschen mehr darf es schon sein.“

„Naja, ähm …“ Verlegen strich sich Jonas durchs Haar. Warum nur hatte er das Gefühl, genauestens durchleuchtet zu werden?

„Du hast gerade Abi gemacht, richtig?“, half Marco nach. „Also bist du – was? – achtzehn? Neunzehn?“

„Zwanzig, eigentlich“, murmelte Jonas, grub die Hände tiefer in die Taschen und starrte auf den Gehweg vor ihm. Sein Alter und sein Schulabschluss waren beides keine Themen, mit denen er sich besonders wohlfühlte. „Ich, ähm … Ich bin ‘n Jahr später in die Schule gekommen und … musste dann die achte Klasse wiederholen. Ich … war nich‘ grad ‘n Musterschüler.“

„Und trotzdem hast du es bis zum Abi durchgezogen?“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Ich wusst‘ nich‘, was ich sonst machen soll. Wollte immer in Richtung Kunst gehen, aber wenn ich mir einfach bloß ‘ne Ausbildung gesucht hätte, hätten meine Eltern bestimmt drauf bestanden, dass ich ‘ne Kochlehre oder so mach‘, damit ich ihre Gaststätte übernehmen kann. Nach dem Abi war ich wenigstens volljährig und konnt‘ selbst entscheiden, was ich werden will.“

„Habt ihr ein gutes Verhältnis, du und deine Eltern?“

„Jaah, im Großen und Ganzen schon.“ Jonas stockte. „Nee, ich bin unfair. Eigentlich haben wir ‘n echt gutes Verhältnis.“

„Und uneigentlich?“

Kein Wunder, dass Marco und Erik befreundet waren. Sie waren beide absolute Genies darin, Jonas Dinge zu entlocken, die er normalerweise für sich behalten hätte. „Keine Ahnung … Wahrscheinlich hab ich manchmal Angst, sie zu enttäuschen. Das … kann ganz schön belastend sein.“

Marco brummte zustimmend. „Da bin ich fast froh, dass ich das schon hinter mir habe.“ Die unbekümmerte Aura, die ihn bisher umgeben hatte, flackerte und Jonas schluckte seine Frage herunter. Allerdings schien seine Neugierde Marco nicht entgangen zu sein. „Meine Eltern zu enttäuschen, meine ich.“

„Was ist passiert?“

„Sie haben nicht besonders gut auf mein Comingout reagiert.“

„Oh.“

„Was mir eigentlich immer klar war.“ Marco stieß ein leises Seufzen aus. „Dass sie mich direkt vor die Tür setzen, hatte ich allerdings nicht erwartet.“

„Das … Das is‘ heftig.“ Steif setzte Jonas einen Fuß vor den anderen, während er versuchte, die Vorstellung von sich zu schieben, seine eigenen Eltern könnten ihn ebenso verbannen, sollten sie jemals von seiner Homosexualität erfahren.

„Ach, scheiße“, murmelte Marco. „Du hast es deinen noch gar nicht gesagt, oder?“

Jonas schüttelte den Kopf.

„Und bist dir nicht sicher, ob du es tun sollst.“

Jonas nickte.

„Tja, da habe ich ja mal voll in die Scheiße gegriffen. Sorry. Lass mich dir sagen, dass ich über die Jahre sehr, sehr viele Comingouts mitbekommen habe und die Reaktion meiner Eltern definitiv die extremste war.“

„Darf ich fragen, wie’s danach zwischen euch weiterging? Ich mein, ähm, ich kann voll verstehen, wenn du nich‘ drüber quatschen willst, aber ...“

„Ach was, das ist schon okay“, versicherte Marco. „Ich fürchte nur, es gibt nicht viel Positives zu berichten. Mein Vater hat mich, im wahrsten Sinne des Wortes, aus der Wohnung geschmissen und sehr deutlich gemacht, dass ich ihm nicht mehr unter die Augen treten soll. Ich bin dann erst mal bei Freunden untergekommen, bis ich mit der Lehre fertig war und mir was eigenes leisten konnte. Von meinen Eltern habe ich seitdem nichts mehr gehört.“

„Gar nix?“, fragte Jonas entsetzt.

„Nein.“ Marco war offensichtlich um einen unbekümmerten Tonfall bemüht, doch seine Hände waren fest zu Fäusten geballt. „Am Anfang habe ich versucht, anzurufen, aber sie haben aufgelegt, wann immer sie meine Stimme erkannt haben. Danach bin ich dazu übergegangen, ihnen Briefe zu schreiben. Jedes Jahr einen. Ich erzähle ihnen, wie es mir so geht und was ich gemacht habe.“ Er seufzte. „Drago sagt immer, dass ich das lassen soll, weil ich mir nur unnötig Hoffnung mache, dass sie irgendwann doch darauf antworten könnten, aber … Ich sehe das anders. Die beiden sollen schlicht nicht vergessen, dass sie einen Sohn haben.“

Jonas wusste nicht, was er darauf erwidern sollte und es war Marco, der das Schweigen brach, kurz, bevor sie das Duo erreicht hatten.

„Guck nicht so traurig!“, forderte er ihn auf. „Ich hatte über zehn Jahre Zeit, um mich mit der Geschichte zu arrangieren und nur, weil es mir passiert ist, muss es bei dir noch lange nicht genauso laufen. Wie gesagt, ausgehend von dem, was ich in den letzten Jahren so mitbekommen habe, bin ich definitiv einer der extremsten Fälle.“

Stumm nickte Jonas und zuckte zusammen, als sich ein schwerer Arm um seine Schultern legte.

„Komm, ich gebe dir jetzt erstmal ein Bier aus und dann machen wir die Tanzfläche unsicher!“

Jetzt schaffte es wenigstens ein schmales Lächeln auf Jonas‘ Gesicht.

 

Verschwitzt und durstig bahnte sich Jonas seinen Weg zur Bar. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren, wusste nur, dass er dringend etwas zu trinken brauchte. Idealerweise ohne Alkohol, wenn er an diesem Abend auch nur ansatzweise einen klaren Kopf behalten wollte. Während er darauf wartete, dass der Barkeeper ihn bemerkte, warf er einen Blick auf die kleine, inzwischen beinahe überfüllte Tanzfläche.

Erik war bereits vor einer Weile irgendwo in der Menge verschwunden, doch Jonas fühlte noch immer ein Kribbeln an den Stellen, die seine Hände zuvor beim Tanzen berührt hatten. Sicher, sie waren dabei nicht so eng umschlungen gewesen wie einige der anderen Gäste, oder auch nur halb so vertraut wie Marco und Drago, aber es war dennoch schön gewesen, mal nicht jeden Blick und jede Geste auf Öffentlichkeitstauglichkeit überprüfen zu müssen.

„Welch Glück, da bekomme ich ja doch noch die Gelegenheit, mit dem Neuen zu quatschen.“

Instinktiv trat Jonas einen Schritt zurück, um der unangenehm lauten Stimme an seinem Ohr zu entkommen. Direkt neben ihm stand ein Mann in seinem Alter, mit einem Lächeln auf den Lippen, das seine Augen nicht erreichte.

„Was?“

„Du bist doch Eriks neuester Fang, nicht wahr?“, fragte der Fremde vergnügt.

„Keine Ahnung, wovon du redest.“ Jonas versuchte weiterhin Abstand zu gewinnen, aber es war voll und seine Nachbarn machten keine Anstalten, ihm mehr Platz zu gönnen.

„Wirklich nicht?“ Das falsche Lächeln des Fremden wurde breiter. „Dann habe ich mir sicher nur eingebildet, euch den ganzen Abend zusammen gesehen zu haben. Und du hast nicht noch immer diesen erdigen Duft in der Nase, weißt nicht, wie es sich anfühlt, von ihm berührt zu werden. Oder geküsst … Sanft und zurückhaltend, beinahe schüchtern, bis du vor Sehnsucht nach ihm zerfließt. Dich zu ihm lehnst und ihm zeigst, wie sehr du ihn willst.“ Der Fremde machte eine kunstvolle Pause „Erst dann lässt er dich sein Verlangen spüren.“

Unwillkürlich wanderten Jonas‘ Finger zu seinen Lippen, strichen darüber, weckten die Erinnerung an ihren ersten Kuss. Diese Reaktion blieb seinem Gegenüber nicht verborgen.

„Na, siehst du? Das hättest du doch gleich zugeben können, wir sind hier doch alle Freunde.“ Der Fremde verzog das Gesicht zu einer Trauermiene. „Leider, leider hat man so einen Typen wie Erik nie für sich allein.“ Vertrauensvoll legte er einen Arm um Jonas und deutete mit der anderen Hand in den hinteren Bereich, der von der Bar aus gerade noch zu sehen war. „Guck!“

Er hatte Jonas den Rücken zugewandt, aber es war eindeutig Erik, der sich gerade angeregt mit einem ziemlich attraktiven Mann unterhielt, dessen Piercings im gedämpften Licht funkelten. Noch während Jonas ihn beobachtete, legte Erik zärtlich eine Hand an die Wange des Manns, strich eine Haarsträhne hinter dessen Ohr und beugte sich vor, als hauchte er ihm Küsse auf den bloßgelegten Hals.

„Tut mir ja echt leid für dich“, flötete der Fremde. „Sowas ist hart. Das weiß ich.“

„Einen Scheiß weißt du!“, knurrte Jonas und schlug die Hand von seiner Schulter. „Und nimm endlich deine Bratzn weg!“

„Ist hier alles in Ordnung?“

Bei Dragos Anblick, verzog sich der Fremde in die andere Richtung, allerdings nicht, ohne Jonas noch einmal verschwörerisch zuzuzwinkern.

„Jonas?“

„Jaah … Ja, alles okay“, murmelte Jonas abgelenkt. Dann zwang er sich zu einem Lächeln. „Bin wohl die viele Aufmerksamkeit nich‘ gewohnt.“ Das war noch nicht einmal gelogen, er war noch nie so oft angesprochen worden, wie an diesem Abend. Die anderen Begegnungen waren jedoch wesentlich angenehmer gewesen.

„Hm.“ Drago wirkte nicht überzeugt, ließ das Thema jedoch fallen. „Marco und ich würden langsam ins Hotel aufbrechen. Bleibt ihr noch?“

„Ich denk‘, ich hau auch ab.“ Jonas hatte eindeutig die Schnauze voll. „Ich wart‘ schon mal draußen.“

Die Nachtluft kühlte seine heißen Wangen und vertrieb ein paar Nebelfetzen aus seinem Kopf. Mit geschlossenen Augen reckte er die Nase in den Wind.

„Sieht aus, als müssten wir alle in verschiedene Richtungen. “ Marcos Stimme schien weit entfernt. Die Hand, die sich auf seine Schulter legte, holte Jonas jedoch zurück in die Realität.

Erik lächelte sanft. Unschuldig. Als hätte er sich nicht bis eben an einen anderen Typen rangemacht. „Müde?“

„‘N bisschen“, antwortete Jonas ausweichend.

„Wir haben gerade festgestellt, dass es sich nicht wirklich lohnt, uns ein Taxi zu teilen“, erklärte Erik. „Aber wenn du willst, kannst du heute gern bei mir übernachten.“

„Nee, lass mal“, wehrte Jonas ab. Rasch fügte er hinzu: „Ich hab morgen doch scheißfrüh ‘n Seminar.“ Daran hätte er mal lieber gleich denken sollen, bevor er sich auf den Abend eingelassen hatte.

„Ah, das verstehe ich natürlich.“ Erik trat von einem Fuß auf den anderen. „Vielleicht könnten wir uns trotzdem ein Taxi teilen. Dann setze ich dich zuerst bei dir ab und–“

„Wir müssen doch in entgegengesetzte Richtungen“, unterbrach Jonas ihn. Eigentlich hatte er keine Ahnung, wo sie überhaupt waren, aber er verspürte nicht die geringste Lust, sich zusammen mit Erik auf die Rückbank eines Taxis zu pferchen.

„Mir macht ein Umweg wirklich nichts aus.“

„Nee, das passt schon.“ Jonas wollte einfach nur weg, wollte Abstand zwischen sich und Erik bringen, damit er verarbeiten konnte, was er gerade gesehen hatte. „Da fährt bestimmt irgendwo eine Nachtlinie, die ich nehmen kann.“

„Sicher?“, fragte Erik zweifelnd.

„Ganz sicher. Du hast dich heut‘ echt schon genug um mich gekümmert.“ Er winkte Marco und Drago zu. „War nett, euch kennengelernt zu haben!“

Nach diesem kurzen Abschied flüchtete Jonas in eine Seitenstraße und hoffte, irgendwie nach Hause zu finden.

 

Autorenkommi:

Endlich lernt ihr Drago und Marco kennen! Darauf freue ich mich schon die ganze Zeit. Ich verspreche auch, dass damit (fast) alle wichtigen Nebenfiguren wenigstens einmal aufgetaucht sind. (Sollte ich mal ein Personenregister hinzufügen? Für einen schnellen Überblick?)
Davon abgesehen: Böser Erik! Böser unbekannter Typ! Versaut dem armen Jonas doch nicht so den Abend! òó

Was zuletzt geschah:

Zwei Schritte vor, einer zurück? Jonas‘ Beziehung zu Erik wächst und gedeiht. Wenn sie nicht reden, schreiben sie miteinander und wenn sie nicht schreiben, kreisen Jonas‘ Gedanken um den Mann, an den er sein Herz verschenkt hat. Eine Verabredung zum Theaterbesuch, zusammen mit Eriks Freunden, scheint nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Bis der freundliche Hinweis eines Fremden Jonas darauf aufmerksam macht, dass er sich möglicherweise auf dem völlig falschen Pfad befindet.

 

Kapitel 15

Klapperndes Geschirr und fröhliches Geplauder. Laut. Ohrenbetäubend.

„Und?“ Larissa stellte ihr Essenstablett neben Jonas. „Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?“

„Mir is‘ ‘n Scheiß irgendwo rüber gelaufen.“

Schnaubend rollte Larissa mit den Augen. „Am Montag dachte ich, du wärst bloß verkatert. Am Dienstag, dass dein Start in die Woche besonders hart war. Jetzt haben wir Donnerstag und du ziehst immer noch eine Fresse, als hätten wir Trump zum Kanzler gewählt. Also? Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen und wie kann ich sie erschlagen?“

„Trump als Kanzler würd‘ mich zumindest auf andere Gedanken bringen.“ Jonas schob sich einen weiteren Bissen fad schmeckenden Auflauf in den Mund. Immer wieder wälzte er die Ereignisse im Duo, sah Erik vor sich, der zärtlich eine Haarsträhne hinter das Ohr eines gutaussehenden Typen strich, ihn sogar zu küssen schien; hörte die hämische Stimme des anderen, der all seine Ängste laut aussprach. Vielleicht hatte Jonas seine Beziehung zu Erik falsch eingeschätzt. Vielleicht war er nichts als eine unterhaltsame Zwischenstation für ihn, bevor er sich einem interessanteren Spielzeug zuwandte. Was hatte es schon zu bedeuten, dass sie sich mindestens einmal täglich schrieben? Sie stundenlang reden und lachen konnten? Erik ihm seine Freunde vorgestellt hatte? Wahrscheinlich hatte sich sein hormonumnebeltes Hirn einfach völlig falschen Hoffnungen hingegeben.

„Da sind Esther und Kemal.“ Larissas frenetisches Winken, das die Ankunft des jungen Pärchens begleitete, riss Jonas aus seiner Grübelei. Allerdings nur kurz.

„Mahlzeit“, grüßte Kemal als er sich auf den Platz neben Jonas fallen ließ.

„Jonas, geht’s dir gut?“, fragte Esther. „Du siehst irgendwie traurig aus.“

„Das habe ich ihm auch gerade gesagt“, bestätigte Larissa.

„Es ist alles okay mit mir!“, versicherte Jonas etwas lauter als nötig und warf seine Gabel auf sein Tablett. Ihm war der Appetit vergangen. „Mir fällt einfach bloß die Decke auf den Kopf. Nix, was ein paar dutzend Bier nich‘ richten könnten.“

„Bin dabei!“ Auffordernd sah Larissa in die Runde. „Was ist mit euch?“

Kemal und Esther wechselten einen Blick, führten eine stumme Debatte.

„Samstag würde gehen“, gab Kemal schließlich nach.

 

Die Schreibtischlampe beleuchtete die viel zu klein gedruckten Buchstaben des Fachwerks über historische Fotografie, das sich Jonas in der Hoffnung auf Inspiration aus der Bibliothek geholt hatte. Dummerweise zog sein regelmäßig aufblinkendes Handydisplay weit mehr Aufmerksamkeit auf sich.

 

Larissa, 18:03 Uhr

Wo wollen wir denn heute hin?

 

Esther, 18:05 Uhr

Schlag was vor

 

Larissa, 18:05 Uhr

Warum immer ich?

 

Esther, 18:05 Uhr

Dann halt nicht du. Kemal? Was ist mit dir? Wohin willst du heute?

 

Kemal, 18:11 Uhr

Ist mir völlig egal.

 

Larissa, 18:12 Uhr

Ihr seid keine Hilfe!

 

Esther, 18:12 Uhr

Von dir kam bisher auch nichts.

 

Kopfschüttelnd verfolgte Jonas seinen WhatsApp-Verlauf. Wenn die drei so weitermachten, würde der Abend mit Streit statt Saufen enden. Er beschloss, einzugreifen.

 

Du, 18:22 Uhr

wie wärs mitm tix? da is auch schon vor zwölf was los und es is nich sooo teuer.

 

Larissa, 18:25 Uhr

Echt jetzt? Ausgerechnet du schlägst das Tix vor?

 

Du, 18:25 Uhr

was dagegen?

 

Jonas verstand selbst nicht, was ihn geritten hatte, ausgerechnet den Club vorzuschlagen, in dem Erik arbeitete. Eigentlich sollte er Abstand halten, seine Gefühle unter Kontrolle bringen und sich auf die Enttäuschung vorbereiten, die unweigerlich kommen würde. Aber noch konnte er das nicht. Er musste Erik sehen, musste noch ein wenig hoffen können, dass da mehr zwischen ihnen war als Sex.

 

Larissa, 18:26 Uhr

Nö. Fand es nur witzig.

 

Esther, 18:32 Uhr

Dann steht das Tix?

 

Larissa, 18:33 Uhr

Von mir aus immer.

 

Kemal, 18:45 Uhr

Passt für mich auch.

 

Du, 18:55 Uhr

ihr könnt davor zu mir kommen. ich wohn ja gleich ums eck.

 

Larissa, 18:56 Uhr

Yeah! Vorglühen!

 

Esther, 19:06 Uhr

Wir kommen dann lieber direkt hin. Gegen zehn?

 

Larissa, 19:07 Uhr

Alles klar! Bis dann!

 

In Jonas‘ privatem Chat mit Larissa, erschien eine neue Nachricht.

 

Larissa, 19:09 Uhr

Diese Langweiler! Kann ich gleich vorbeikommen? In der WG sind alle ausgeflogen und ich langweile mich zu Tode!

 

Du, 19:09 Uhr

klar, komm rüber.

 

Bevor Jonas unter die Dusche sprang, um sich auf den Abend vorzubereiten, ließ er auch Erik eine kurze Nachricht über seine heutigen Pläne zukommen.

 

„Himmel, ist das kalt!“ Motzend hüpfte Larissa auf der Stelle auf und ab, um sich ein wenig zu wärmen. „Zehn Minuten haben sie gesagt. Die sind schon zweimal rum!“

„Die kommen schon noch“, erwiderte Jonas, um Gelassenheit bemüht. Die Stimmung zwischen Larissa, Kemal und Esther war in den letzten Wochen zunehmend gekippt und er hatte kein Interesse, jetzt auch noch Öl ins Feuer zu gießen. Erleichtert stellte er fest, dass die beiden es ihm dieses Mal leicht machten. „Guck, da sind sie schon!“

„Endlich!“

Während Larissa ein falsches Lächeln aufsetzte, um Esther und Kemal zu begrüßen, warf Jonas einen Blick auf sein Handy und las zum wiederholten Mal Eriks Antwort.

 

Erik, 20:28 Uhr

Viel Spaß heute Abend :)

Bin ziemlich beschäftigt, aber schreib mir noch mal, wenn ihr drin seid!

 

Du, 21:48 Uhr

stehen vor der tür!

 

„Mit wem schreibst du?“, erkundigte sich Esther neugierig.

„Bloß ‘n Bekannter“, antwortete Jonas ausweichend und verachtete sich selbst dafür. Rasch kramte er einen zerknüllten Schein hervor, erhielt im Austausch den hässlichen Einlassstempel und flüchtete in den Club. Larissa folgte ihm. „Holen wir dir erst mal dein Bier.“

Bereitwillig ließ sich Jonas von ihr über die noch fast leere Tanzfläche zur Bar schleifen, seine Aufmerksamkeit galt allerdings mehr der dahinterliegenden Tür zum Personalbereich. Er bestellte und erhielt sein Bier, ohne, dass sie sich auch nur einen Spalt weit geöffnet hätte und verbarg seine Enttäuschung hinter einem breiten Lächeln als er Esther und Kemal zu ihnen winkte. Alkohol, dröhnende Bässe und die gute Laune seiner Freunde halfen, seine Gedanken an Erik zu verdrängen.

Das zweite Bier hatte noch besser als das erste geschmeckt und ungeduldig mit dem Fuß tippend, wartete Jonas darauf, sein drittes bestellen zu können, aber die Thekenkraft gab einem anderen den Vorzug.

„Hey, is‘ der Kerl bei uns an der Uni?“

Larissa zog die Stirn kraus. „Der Große da?“

Jonas nickte. Der Typ, dem gerade das Bier gereicht wurde, nach dem sich Jonas sehnte, war durchaus ein Blickfang. Dunkle Haare, dunkle Augen, markante Gesichtszüge. Ein farbenprächtiges Tattoo schlängelte sich unter dem Rand seines Shirts hervor und wanderte über Schulter und Nacken, ehe es unter seinem Haaransatz verschwand.

„Glaub nicht. Warum fragst du?“

„Dacht‘, ich hätte ihn schon mal gesehen.“ Achselzuckend nahm Jonas das Bier entgegen, das ihm endlich von dem zweiten Barmann gebracht wurde – Thekenkraft Nummer eins flirtete noch immer mit dem Objekt ihrer Diskussion – und gab den Cuba Libre an Larissa weiter. „Hab mich wohl getäuscht.“

„Irgendwie schade. Der ist echt heiß!“

„Kann sein“, brummte Jonas vage und wandte sich zur Tanzfläche, allerdings nicht, ohne einen letzten Blick auf den Fremden zu werfen. Sein Dreitagebart und die scheinbar wahllos zusammengewürfelte Kleidung gaben ihm eine Aura achtsamer Achtlosigkeit, die irgendwo zwischen Gemütlichkeit und Arroganz oszillierte. Das selbstgefällige Grinsen, mit dem er Jonas‘ Starren beantwortete, verstärkte diesen Eindruck. Eilig folgte Jonas Larissa.

Musik betäubte die Sinne. Wodka und Bier schmeckten besser als Wasser und Cola. Die Nacht nahm ihren Lauf.

Mit vorrückender Stunde hatte die kleine Gruppe um Jonas begonnen, sich aufzulösen, bis er sich irgendwann allein auf der Tanzfläche wiederfand, halbherzig darum bemüht, zum Takt eines ihm unbekannten Lieds zu hüpften. Plötzlich legten sich zwei Hände auf seine Schultern. Erschrocken wirbelte er herum.

„Du bist mir schon letzte Woche aufgefallen!“ Der Fremde musste rufen, um die laute Musik zu übertönen.

„Hier?“, fragte Jonas verwirrt. „Ich war nich‘ …“

„Nicht hier! im Duo!“

„Oh.“ Jonas fühlte seine Wangen heiß werden. „Ach so.“

Der Fremde ließ ihm keine Zeit für Verlegenheit. „Noch ein Bier?“

Jonas musterte die noch halbvolle Flasche in seiner Hand, setzte an und leerte sie in einem Zug. „Klar!“ Gemeinsam steuerten sie zur Bar.

„Ich wollt‘ dich neulich schon ansprechen.“ Der Fremde winkte den Barkeeper zu sich. „Zwei Bier und zwei Tequila!“ Er drehte sich wieder zu Jonas. „Aber du warst ständig von irgendwelchen Kerlen umgeben. Also, noch mehr als im Duo üblich. Wie heißt du überhaupt?“

„Jonas.“

„Ich bin Rico!“ Grinsend nahm er einen Tequila und reichte den zweiten an Jonas weiter.

Obwohl das Klirren ihrer Gläser vom Lärm verschluckt wurde als sie anstießen, hatte die Geste etwas Befriedigendes. Wie der Beginn eines neuen Abschnitts, das Versprechen, einen eher durchschnittlichen Abend in einen wirklich erzählenswerten zu verwandeln. Salz, Zitrone und Alkohol brannten in Jonas‘ Hals, als er beschloss, dass nun er an der Reihe war, eine Runde springen zu lassen. Den Rest des Monats würde er sich von Nudeln mit Ketchup ernähren.

„Gleich noch eine?“, fragte Rico, nachdem er sein Glas geleert hatte.

„Lass mich erstmal mein Bier trinken, bevor’s lack wird!“ Allmählich zeigte der Alkohol Wirkung. Jonas‘ Blick war unstet, seine Zunge stolperte über vereinzelte Silben. Die stickige Hitze des Clubs und Ricos Nähe taten ihr Übriges. Er musste sich ablenken, etwas Abstand gewinnen. „Bist du allein hier?“

„Bis jetzt schon. Später kommen vielleicht ein paar Freunde vorbei.“

Jonas wollte vorschlagen, Larissa und die anderen zu suchen, verstummte aber, als Rico eine Hand auf seine Schulter legte und sanft mit dem Daumen über sein Schlüsselbein strich. „Was ist mit dir? Single oder vergeben?“

Instinktiv schob Jonas Ricos Hand zur Seite, zögerte jedoch mit einer Antwort. Erik hatte sich den ganzen Abend nicht blicken lassen, obwohl die beiden blauen Häkchen hinter Jonas‘ Nachricht zeigten, dass er sie gelesen hatte. „Single“, antwortete er schließlich bestimmt. Er war Erik nichts schuldig. „Und bereit für noch’n Stamperl!“

„Stamperl?“

„Schnaps! Tequila. Wodka. Korn. Scheißegal was!“

Rico grinste breit. „Kommt sofort!“

Jonas hatte eben in die Zitrone gebissen, als die ersten Töne von Linkin Parks In the End an sein Ohr drangen. Er packte Ricos Arm. „Tanzen!“

Die Musik dröhnte in Jonas‘ Kopf, der Bass massierte seinen Magen, Schweiß rann seinen Rücken hinab und bald waren Ricos Hände an seinen Hüften nicht mehr lästig, sondern angenehm. Die Welt um ihn herum verschwamm. Da waren nur noch Rhythmus und Tanz und Ricos Körper, der sich gegen seinen presste. Ein Song endete, ein neuer begann, es war egal, solange nur dieses Gefühl blieb.

Ricos Lippen, die sich auf seine legten, brachten einen kurzen Augenblick der Klarheit, aber die Sehnsucht, von jemandem, irgendjemandem, begehrt zu werden, erstickten jede Reue. „Geh’n wir zu mir“, nuschelte Jonas in Ricos Ohr, zog ihn mit sich.

Der Weg zu seiner Wohnung war eine Aneinanderreihung verworrener Szenen, lose verbunden durch Zungen und Hände und Verlangen. Plötzlich fand sich Jonas auf seinem Bett wieder, sein Oberkörper nackt, das Gewicht eines anderen Mannes auf seinem Körper, eine fremde Hand in seiner Hose. Sein Magen rebellierte. „Warte …“

„Musst du kotzen?“, fragte Rico wenig begeistert.

„Geht gleich wieder“, versprach Jonas. Mühevoll setzte er sich auf. „Muss nur kurz …“ Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich auf seinen Atem, zwang sich, tief und gleichmäßig Luft zu holen, doch mit dem Abebben der Übelkeit, kam die Schuld. Was zur Hölle tat er hier? Wie konnte er Erik dafür verurteilen, mit einem anderen zu flirten, wenn er selbst mit dem nächstbesten ins Bett stieg? Lechzte er wirklich so sehr nach Aufmerksamkeit? Scheiße, dieses Mal hatte er es wirklich verbockt! Oder hatte er? Erik und er hatten nie über Exklusivität gesprochen. Eigentlich hatten sie überhaupt nie über ihre Beziehung gesprochen. Nach allem, was Jonas wusste, war das zwischen ihnen lediglich eine lockere Sache. Friends with benefits, bestenfalls. Die Idee, dass das zwischen ihnen mehr sein könnte, existierte bisher nur in seinem eigenen Kopf.

„Wird das heut noch was?“, unterbrach Rico Jonas‘ kreisende Gedanken. „Schlafen kann ich nämlich auch zuhause.“

„Dann verpiss dich doch!“, fauchte Jonas, ohne sich umzudrehen.

„Meine Fresse …“ Rico zog seine Hose hoch, schloss mit unbeholfenen Fingern den Knopf und kletterte vom Bett. „Warum erwische ich immer die Dramaqueens?“

Jonas atmete auf, als er kurz darauf das Öffnen und Schließen seiner Tür hörte, aber die Erleichterung hielt nur kurze Zeit an. Sein Magen hatte die kurze Pause genutzt, um sich in sich selbst zu verknoten; Bier, Wodka und Tequila traten verzweifelt die Flucht nach vorne an. Er schaffte es gerade noch zur Toilette, bevor er die beißende Flüssigkeit hervorwürgte.

Wann immer Jonas glaubte, unmöglich noch mehr erbrechen zu können, belehrte ihn sein Körper eines Besseren, hielt ihn gnadenlos auf dem kalten Fliesenboden. Der Himmel hatte bereits begonnen, von tiefem Schwarz in fades Grau überzublenden, als er endlich erschöpft in einen ruhelosen Schlaf fiel.

 

Was zuletzt geschah:

Ein eigentlich netter Abend mit Erik und zwei Freunden lässt Jonas verunsichert darüber zurück, wo er und Erik nun eigentlich stehen. Zweifel, Alkohol und der Wunsch nach Ablenkung ergeben eine gefährliche Mischung und plötzlich findet sich Jonas im Bett mit einem Fremden wieder. Sein rebellierender Magen beendet die Sache vorzeitig, aber noch schafft es Jonas nicht, ihm dafür wirklich dankbar zu sein.

 

Kapitel 16

Beißende Kälte war das Erste, das Jonas nach dem Aufwachen wahrnahm. Das Zweite war sein flauer Magen. Nicht schlimm genug, um sich noch einmal zu übergeben, aber definitiv ausreichend, um ihm jeden Appetit zu verderben. Kein großer Verlust. Jonas war sich ohnehin nicht sicher, ob ihn seine steifen Gliedmaßen sicher bis zur Küche tragen würden. Er hoffte nur, wenigstens seinen Badschrank erreichen zu können. Eine Kopfschmerztablette war jetzt lebensnotwendig.

Erst, nachdem Jonas die Tablette geschluckt und die Bestandsaufnahme seines physischen Zustands beendet hatte, holten ihn die Erinnerungen der vergangenen Nacht ein. Stöhnend sank er zurück auf den Boden. Das war wahrlich nicht sein erster Kater und mehr als einmal hatte er im Suff etwas angestellt, worauf er nüchtern gut hätte verzichten können, aber das war ein neuer Tiefpunkt.

Die Füße an die Brust gezogen, den schmerzenden Kopf in den Händen, suhlte er sich in Selbstmitleid, bis er entschied, diese Tätigkeit seiner Gesundheit zuliebe in seinem warmen Bett fortzusetzen. Auf dem Weg dorthin hob er sein Handy auf, das im Laufe der Nacht aus seiner Hosentasche gerutscht sein musste. Er war beinahe überrascht, das Display heil vorzufinden. Angesichts seines bisherigen Tagesverlaufs hatte er etwas Anderes erwartet.

Abgesehen von Larissa, die sich erkundigte, ob er noch eine gute Nacht gehabt hatte – der Zwinkersmiley dahinter sprach dafür, dass seine nächtliche Eskapade nicht völlig unbemerkt geblieben war – warteten keine Nachrichten auf ihn. Erik hatte sich schlicht nicht mehr gemeldet.

Jonas biss sich auf die Lippe. Er schämte sich, wollte seine Sorgen mit jemandem teilen, sich Rat und Beistand holen oder einfach ordentlich ausheulen, bis er bereit war, den Dreck von seinen Klamotten zu klopfen und erhobenen Hauptes weiterzumachen. Aber an wen konnte er sich schon wenden?

Larissa? Sie kamen gut miteinander aus, aber Jonas hatte nicht das Gefühl, sich ihr schon weit genug öffnen zu können, um ihr von Erik zu erzählen. Davon abgesehen, war sie mit Dominik befreundet. Es war schlimm genug gewesen, die Enttäuschung in ihrem Gesicht zu sehen, als er ihr erzählt hatte, dass das zwischen ihnen nichts werden würde. Jetzt noch zu gestehen, die ganze Zeit mehr oder minder zweigleisig gefahren zu sein, schien ihm mehr als unklug.

Maria wollte er nicht mit seinen Problemen belasten, sie hatte genug mit ihren eigenen zu tun. Bei jedem ihrer Telefonate, hörte er die erzwungene Heiterkeit in ihrer Stimme, fühlte er ihren ständigen Kampf, sich nicht aufzugeben. Sie brauchte wirklich niemanden, der über sein verkorkstes Liebesleben jammerte.

Und seine Schwester Christine? War es nicht schlimm genug, täglich mit ihren Eltern konfrontiert zu sein, ohne ein Wort über Jonas‘ Comingout verlieren zu dürfen? Musste er ihr wirklich ein weiteres Geheimnis aufbürden?

Einen Augenblick lang dachte Jonas an Clemens. Wie einfach es doch wäre, ihn anzurufen und sein Leid zu klagen, wenn … tja, wenn Erik ein Mädchen wäre.

Wütend auf sich und die ganze Welt, warf sich Jonas Kopf voraus in seine Kissen. Ein vager Geruch nach Alkohol und fremdem Deo stieg in seine Nase, doch bevor er auch nur darüber nachdenken konnte, das Bett neu zu beziehen, war er bereits eingeschlafen.

Als Jonas die Augen das nächste Mal aufschlug, beherrschten lange Schatten sein Zimmer; Kopfschmerz und Übelkeit waren zu einem Gefühl diffusen Unwohlseins zusammengeschmolzen. Stöhnend tastete er nach seinem Handy. Ein Blick auf die Uhrzeit ließ ihn hochfahren. „Fuck!“

Wenn er auch nur ansatzweise pünktlich bei Erik auftauchen wollte, hatte er noch ungefähr fünf Minuten, um das Haus zu verlassen. Und diese fünf Minuten mussten eine Dusche beinhalten, er konnte unmöglich in seinem jetzigen Zustand in die Öffentlichkeit.

Das Handtuch schon im Arm, hielt Jonas inne. Wollte er überhaupt pünktlich bei Erik sein? Verkatert und mit schlechtem Gewissen? Nach allem, was passiert war? Vielleicht sollte er lieber absagen, durchatmen und dann zu einem besseren Zeitpunkt in Ruhe mit ihm sprechen. Oder sich zuhause vergraben und so tun, als hätten sie sich nie kennengelernt.

Energisch wischte Jonas diese Gedanken beiseite. Es war Zeit, sich wie ein Erwachsener zu benehmen, Erik seine Gefühle zu gestehen und mit den Konsequenzen zu leben. Mit neuer Energie drehte Jonas das Wasser auf und versuchte, Ricos Geruch und das Gefühl seiner Finger von seiner Haut zu waschen.

 

Jonas hatte noch nicht einmal Eriks Stockwerk erreicht, als ihn der Mut verließ. Die gesamte Fahrt hatte er damit verbracht nach passenden Worten zu suchen, aber jetzt da es Ernst wurde, war sein Kopf wie leergefegt.

Vor dem letzten Treppenabsatz holte Jonas tief Luft. Er konnte das. Das war keine mündliche Prüfung bei seinem Hasslehrer, sondern ein Gespräch mit Erik, einem der empathischsten Menschen, denen er je begegnet war. Sicher spürte er schon, dass etwas nicht stimmte, bevor Jonas überhaupt den Mund geöffnet hatte. Er würde nachfragen und dann einfach zuhören. Geduldig und verständnisvoll.

Die Wohnungstür war einen Spalt geöffnet, dahinter der Mann, der Jonas‘ Herz rasen ließ.

„H–“ Jonas schaffte es nicht, sein Hallo zu beenden. Erik zog ihn in seine Wohnung, erstickte die Begrüßung mit einem Kuss. Hart, fordernd und ausgehungert.

Unter anderen Umständen wäre Jonas in seine Arme geschmolzen und hätte sich Verlangen und Sehnsucht freudig hingegeben. Aber dieses Mal konnte er das nicht. Alles was er fühlte, waren grobe Hände und übereifrige Lippen, die ihn an Rico erinnerten. Still wartete er ab, bis Erik ihm eine kurze Pause gewährte, einen Augenblick, seine Gedanken zu sammeln.

Stattdessen wurde Erik immer zudringlicher. Seine Finger fanden Jonas‘ Jeansknopf, nestelten ungeduldig daran, während seine Zunge nass und schleimig über Jonas‘ Hals leckte. Merkte er nicht, dass seine Berührungen unerwidert blieben?

„Erik“, flüsterte Jonas hilflos, aber falls dieser ihn gehört hatte, ließ er sich nicht stören. Resigniert schloss Jonas die Augen. Erst Rico, jetzt Erik. War er für sie nicht mehr als ein Stück Fleisch, das ihrer Befriedigung diente? Ja, er hatte Scheiße gebaut, aber durfte man deshalb einfach auf seinen Gefühlen rumtrampeln, seine Wünsche und Bedürfnisse ignorieren? Zorn wallte in ihm auf. „Erik, HÖR AUF!“ Die Hände verschwanden, aber Jonas‘ Wut blieb. „Denkst du eigentlich nur ans Ficken?“

Nach einem tiefen Atemzug schlug er die Augen auf.

Erik stand einen guten Meter von ihm entfernt, mit einem Ausdruck im Gesicht, der nahe an Entsetzen reichte und Jonas fürchten ließ, ihn nicht nur mit Worten von sich gestoßen zu haben. Das hätte allerdings vorausgesetzt, dass er sich überhaupt bewegen konnte. Mühsam lockerte er seine schmerzhaft zu Fäusten verkrampften Finger.

Eine lange Sekunde sagte keiner von ihnen ein Wort. Jonas tastete nach der Türklinke.

„Tut mir leid.“ Erik rieb sich über die Augen, versteckte das Gesicht hinter seinen Händen. „Tut mir leid.“

Das Letzte, das Jonas hören wollte, war eine Entschuldigung. Wenigstens einmal wollte er der moralisch Überlegene sein. Nicht der, der Gefühle entwickelte, aus Angst, enttäuscht zu werden beinahe fremdvögelte und dann in die Hand Biss, nach deren Berührung er sich eigentlich so sehnte. Jonas war wütend. Wütend auf Erik und dessen gepiercten Typen. Wütend auf Rico. Aber vor allem war Jonas wütend auf sich selbst. Also versuchte er, die Verantwortung für sein Handeln auf jemand anderen abzuwälzen. Was jedoch schwierig war, wenn derjenige ihn ansah wie ein geprügelter Welpe.

„Könntest du endlich mal damit aufhören, immer so scheißverständnisvoll zu sein?“, fauchte Jonas. „Das is‘ einfach nur zum kotzen!“

„Du hast recht“, erwiderte Erik. Innerhalb von Sekundenbruchteilen war sein Ton merklich abgekühlt „Ich muss kein Verständnis für deine Launen aufbringen. Oder dafür, dass du mich offensichtlich zu ihrem Blitzableiter auserkoren hast. So viel Respekt sollte ich vor mir selbst haben.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst.“

Verletzt und noch immer zornig wandte sich Jonas mit einem knappen Nicken zur Tür.

„Ach so, da wir ohnehin gerade beim Thema Respekt sind …“

Jonas hielt in seiner Bewegung inne, unschlüssig, ob er zuhören oder einfach gehen sollte.

Erik nahm ihm die Entscheidung ab, indem er fortfuhr. „Du bist mir natürlich zu nichts verpflichtet und darfst vögeln wen auch immer du willst. Aber ist es wirklich zu viel verlangt, das nicht direkt vor meiner Nase zu tun?“

Die Türklinge und Jonas‘ darauf liegende Hand verschwammen vor seinen Augen. „Du hast uns gesehen?“

„Ich wollte dich in meiner Pause fragen, ob du Lust auf einen Mitternachtssnack hättest. Du warst allerdings schon anderweitig beschäftigt.“

Eilig verrieb Jonas die Tränen, die unvermittelt über seine Wangen rannen. „Du hast echt das beschissenste Timing der Welt.“

„Tatsächlich denke ich, dass mein Timing in diesem Fall ausgesprochen günstig war.“

„Fuck. Fuck, fuck, fuck. Fuck!“

„Kein Grund, dich so fertig zu machen.“ Eriks Stimme schnitt durch die Luft. „Wir waren uns einig, dass das zwischen uns nur eine lockere Sache ist. Es wäre mir zwar lieber, wenn du dir nicht das Tix als Jagdgrund suchen würdest, aber wenn du das unbedingt nötig hast, dann bitte. Ich halte dich nicht auf.“

„Erik …“ Endlich konnte sich Jonas von der Tür lösen. In einem kläglichen Versuch die Spuren seiner Tränen zu verbergen, wischte er mit dem Jackenärmel über Augen und Wangen, bevor er sich umdrehte. „Es tut mir leid.“ Erik setzte zu einer Erwiderung an, aber Jonas unterbrach ihn. „Warte! Lass … Lass mich kurz …“ Er holte Luft und hoffte, so wieder Kontrolle über seine Stimme zu erlangen. Alles in ihm sträubte sich, zu sagen, was er zu sagen hatte, aber wenn die Alternative lautete, weiter Eriks kaltem Blick ausgesetzt zu sein, diesem harten Zug um seinen Mund, der keinen Hauch eines Lächelns zuzulassen schien, dann blieb ihm nichts übrig als reinen Tisch zu machen. Seine Finger verkrampften sich zu einer Faust, fest genug, damit seine Nägel tiefe Halbmonde in seiner Haut hinterließen. „Seit … Ich weiß nich‘ wie lang … Wochen, Monate … Seit ner scheißlangen Zeit jedenfalls, analysiere ich jetzt schon jedes Wort und jede Geste von dir, in der Hoffnung, etwas darin zu entdecken. Und inzwischen hab ich keine Ahnung mehr, woran ich bin. Mal bist du superlieb und aufmerksam und mal … seh‘ ich dich mit irgendwelchen Typen und … Ich war unsicher und hatte Angst vor Ablehnung und dann hast du dich gestern nicht blicken lassen, dafür war aber Rico da, der mir … Keine Ahnung, der einfach klargemacht hat, dass er mich will und …“ Jonas zwang sich, sein Gestammel an diesem Punkt zu beenden. „Ich hab mich in dich verliebt. So richtig heftig. Und hab die beschissenste Art gewählt, um damit umzugehen." Hoffnungsvoll blickte Jonas von seinen Füßen zu Erik, suchte in dessen Gesicht nach Hinweisen, aber da war nur diese neutrale Maske.

„Ich weiß nicht, was ich dir dazu sagen soll.“

Jonas hatte damit gerechnet, abgewiesen zu werden, aber es war Eriks Emotionslosigkeit, die es besonders schmerzhaft machte. „Dann is‘ das wohl meine Antwort.“

Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und flüchtete aus Eriks Wohnung. Mit jedem Schritt wurde er schneller, übersprang halbe Treppen, bis er endlich aus dem Haus und in der Kälte war. Er rannte weiter, stürzte die Straße hinunter und erreichte gerade noch rechtzeitig den an der Haltestelle wartenden Bus, bevor die Türen sich hinter ihm schlossen. Normalerweise genoss er es, das Stück bis zur Bahn zu Fuß zu laufen, aber heute wollte er einfach nur nach Hause, das Gesicht in seine Kissen drücken und hemmungslos heulen.

 

Was zuletzt geschah:

Die Katze ist aus dem Sack. Nach langem Hin und Her, einer unrühmlichen Begegnung mit einem anderen Mann und der Erkenntnis, dass diese nicht ganz unbemerkt geblieben ist, entschließt sich Jonas, Erik endlich reinen Wein einzuschenken und ihm seine Gefühle zu gestehen.
Unglücklicherweise reagiert Erik nicht wie erhofft und Jonas tritt geknickt den Rückzug an.

 

Kapitel 17

Die Sitzbank war hart und kalt und Jonas froh, die Lichter der einfahrenden Bahn zu entdecken. In einem Versuch, die Welt aus seinem Kopf zu verbannen, suchte er sich einen Platz am Ende des Abteils, stopfte die Stöpsel seiner Kopfhörer in seine Ohren und durchwühlte sein Handy nach einem adäquat aggressiven Song.

Die ihm nächste Zugtür quietschte erbost, als sich im letzten Augenblick noch jemand in den Waggon quetschte und beinahe hätte Jonas es ihr gleichgetan, denn dieser jemand ließ sich ausgerechnet auf den Platz ihm gegenüber fallen. Er bemühte sich, den Neuankömmling zu ignorieren, kam jedoch nicht umhin, einen flüchtigen Blick auf die verschwommene Reflektion im Fenster zu werfen. Perplex zog er sich die Kopfhörerstöpsel aus den Ohren. „Erik?“

Verschwitzt und keuchend saß Erik vornübergebeugt auf seinem Platz. „Ich … musste …“ Nach jedem Wort sog er pfeifend Luft ein.

„Scheiße, komm erst mal wieder zu Atem!“ Das würde hoffentlich auch ihm selbst Zeit geben, seine Gedanken zu sortieren. „Bist du den ganzen Weg hierher gerannt?“

Stumm nickte Erik.

„Du spinnst ja!“

Die Strecke war nicht besonders weit, aber um dieselbe Bahn wie Jonas zu erwischen, musste Erik sie in Rekordzeit zurückgelegt haben. Abgehackt und viel zu leise nuschelte dieser eine Antwort.

„Was?“

„Sagte … sollte … wieder … öfter Joggen … gehen.“

„Oder einfach keinem Typen nachrennen, den du fünf Minuten vorher aus der Wohnung geschmissen hast.“ Jonas‘ Kommentar hatte wesentlich weniger humorvoll geklungen als geplant, aber er war das Beste, wozu er im Moment fähig war. Zweifelnd musterte er Erik. „Wieso bist du mir nachgerannt?“

Obwohl sich Eriks Atmung allmählich beruhigte, blieb er still; öffnete lediglich ein paar Mal den Mund, nur um ihn gleich darauf wieder zu schließen. Dafür hallte plötzlich seine Antwort auf Jonas‘ Liebesgeständnis in dessen Kopf. ‚Ich weiß nicht, was ich dir dazu sagen soll.‘ Bisher war Jonas nicht auf die Idee gekommen, den Satz einfach wörtlich zu nehmen und vielleicht war das ein Fehler gewesen.

War es möglich, dass Erik mit der ganzen Situation einfach ebenso überfordert war wie er selbst? Und versuchte er gerade, eine Tür, die Jonas für endgültig geschlossen gehalten hatte, wieder einen Spalt weit zu öffnen?

An der nächsten Haltestelle sprang Jonas auf. Das war kein Gespräch, das er in einer Bahn führen wollte, in der links und rechts neugierige Ohren auf ein wenig Drama warteten. „Lass uns ‘n Stück zu Fuß gehen.“ Er griff nach Eriks Mantelärmel und zog ihn mit sich auf den Bahnsteig.

Feiner Nieselregen verwandelte Straßenlaternen in flitternde Lichter und Pflastersteine in gefrorene Seen. „So ‘ne Scheiße …“ Fröstelnd zog Jonas seine Lederjacke enger um den Körper. Im Grunde war sie ungeeignet für diese Temperaturen, aber er konnte sich nicht überwinden, eine andere anzuziehen. Ziellos lief er die nächstbeste Straße entlang.

Eriks Schritte neben ihm verlangsamten sich, bis er ganz stehen blieb. „Ich mache es jetzt einfach kurz, dann können wir beide wieder nach Hause.“ Er seufzte. „Ich bin dir nach, weil es mir unfair erschien, dich in dem Glauben zu lassen, du seist der einzige von uns beiden, der Gefühle entwickelt hat.“

„Oh.“ Jonas brauchte einen Augenblick, um Eriks Worte sacken zu lassen. „Das … Das is‘ doch was Gutes, oder nich‘?“

„Ist es?“, fragte Erik. „Im Moment fühlt es sich nämlich nicht gut an.“ Er zögerte, rang nach Worten. „Ich denke, es ist besser, wenn wir die Sache zwischen uns an dieser Stelle beenden.“

Jonas‘ kurzfristig aufgeflammter Enthusiasmus verpuffte. „Sorry … Schon klar, dass du nach gestern keinen Bock mehr auf mich hast.“

„Es geht nicht um gestern!“ Erik grub seine Hände tiefer in die Taschen seines Wollmantels. Jonas konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so gereizt erlebt zu haben.

„Worum geht‘s dann?“

„Es geht darum, dass wir nicht zusammenpassen. Das sollten wir einsehen, bevor es noch …“, wieder ein kurzes Zögern, „… schmerzhafter wird."

Um die Kälte ein wenig in Schach zu halten und weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, trat Jonas von einem Fuß auf den anderen. „Wie soll ich das verstehen? Was passt denn nich‘?“

„Wir stehen einfach an sehr unterschiedlichen Punkten in unserem Leben …“

„Oh, komm schon!“ Jonas hätte schreien können vor Frustration. „Sagst du mir als nächstes vielleicht, ich sei nich‘ dein Typ? Dass es wirklich gar kein bisschen an mir, sondern nur an dir liegt? Du dich grad echt auf deinen Job konzentrieren musst? Vielleicht noch ‘n paar Floskeln mehr? Scheiße, du könntest wenigstens mit der Wahrheit rausrücken!“ Erschrocken über den schrillen Ton in seiner Stimme und die Tränen in seinen Augenwinkeln verstummte Jonas. Rasch wandte er sich ab, lief ein paar Meter die Straße hinunter. Er war sich nicht sicher, ob er die Schritte, die ihm nach wenigen Sekunden folgten, tröstlich oder lästig fand. „Sorry“, presste er hervor. „Ich bin wohl echt ‘ne Dramaqueen. Aber … können wir bitte endlich über diese ganze Scheiße quatschen? In Ruhe und ohne, dass einer von uns voreilig abdampft?“ Jonas wagte es nicht, Erik anzusehen und jede verstreichende Sekunde nahm ihm ein Stück seiner Hoffnung, bis er zusammenzuckte, als er endlich eine Antwort erhielt.

„Das Café da vorne scheint noch geöffnet zu haben. Wärmen wir uns doch ein paar Minuten auf.“

Die Sanftmut in Eriks Stimme nahm einen Stein von Jonas‘ Herzen und fügte einen anderen hinzu. Ergeben schlich er in Richtung des kleinen Ladens.

Dunkle Möbel und spärliche Beleuchtung verbreiteten eine heimelige Atmosphäre, die ausgezeichnet zu der heißen Schokolade in Jonas‘ Händen passte. Sein Blick schweifte über die leeren Tische und blieb kurz an der Barista hängen, die aussah als dürfte sie ihrem Job in frühestens drei Jahren nachgehen. Sie wirkte ausgesprochen bemüht, den beiden einzigen Gästen keine Beachtung zu schenken. Als Jonas nichts mehr fand, mit dem er sich ablenken konnte, wandte er seine Aufmerksamkeit Erik zu.

„Fangen wir noch mal von vorne an?“, bot dieser an.

„Das is‘ wahrscheinlich nich‘ schlechteste Idee.“ Jonas rang sich ein Lächeln ab. „Wie ist dein Tee?“

„Grün.“

„Witzig.“ Konzentriert musterte Jonas die Maserung des Holztisches. „Ich sollte mich wohl bei dir entschuldigen. Für eben. Für gestern. Für alles.“

„Lass uns den Teil mit den Entschuldigungen für später aufheben. Als ich vorgeschlagen habe, noch mal von vorne anzufangen, meinte ich das auch so. Vergessen wir mal kurz, was passiert ist, seit ich dir die Tür aufgemacht habe, ja?“

„Okay.“ Jonas lächelte schief. „Hi, Erik. Ganz ungewohnt, mal wieder einen Sonntag mit dir allein zu verbringen. Hatte fast vergessen, wie deine Wohnung aussieht.“

Immerhin entlockte er Erik damit ein Lächeln. „Schön dich zu sehen. Wie war deine Woche?“

„Beschissen.“ Jonas entschied, ihr Spiel noch ein wenig weiterzutreiben. „Dachte, der Typ auf den ich steh könnt vielleicht ähnlich fühlen, aber seit letztem Samstag bin ich mir nich‘ mehr sicher. Und hab dann selbst richtig Mist gebaut.“

„Warum bist du dir nicht mehr sicher?“, hakte Erik nach.

Jonas trank einen Schluck Kakao, unschlüssig, wie er diese Frage beantworten sollte. „Wir waren weg und … Ach, scheiß drauf! Ich hab mich sowas von gefreut, als du mich ins Theater eingeladen und Marco und Drago vorgestellt hast, weil ich dachte … Ich dachte, das heißt, ich bin ‘n bissl mehr als ‘ne einfache Fickbekanntschaft. Aber dann warst du so … kühl.“

„Ich war kühl?“ Erik war sichtlich darum bemüht, den Vorwurf aus seiner Stimme herauszuhalten. Es wollte ihm nicht ganz gelingen.

„Du … du hast mich einfach nur behandelt wie einen x-beliebigen Freund“, versuchte Jonas zu erklären. „Keine Umarmung zu Begrüßung oder zum Abschied. Und im Theater … Ich hatte extra meine Hand auf die Lehne gelegt. Ganz nah an deiner. Aber du hast sie komplett ignoriert. Das … hat mich ganz schön verunsichert.“

Verdutzt blinzelte Erik. „Ich habe nichts davon getan, weil du mir gesagt hast, dass du so etwas in der Öffentlichkeit nicht willst.“

„Oh.“ Jonas erinnerte sich an ihr Gespräch. „Das … ach, fuck!“ Er barg das Gesicht in den Händen. „Du hast recht, das hatte ich wirklich gesagt.“

„Also hättest du dir gewünscht, dass ich deine Hand halte?“

„Vielleicht hätte ich mich unwohl gefühlt, wenn’s soweit gewesen wäre, aber … Ja, darauf gehofft hatte ich schon irgendwie“, gab Jonas zu. „Ich meine, ich hatte letzte Woche trotzdem echt Spaß mit euch … mit dir. Aber als wir dann im Duo waren und da dieser Typ kam und ich dich mit dem anderen gesehen habe …“

„Stopp, stopp, stopp“, unterbrach Erik ihn. „Welcher Typ? Welcher andere?“

„Naja … Da war so ein Kerl, der mich beim Tanzen darauf aufmerksam gemacht hast, dass … Ähm, dass du dich grad mit ‘nem andren unterhältst und meinte …“ Diese ganze Sache mit der Ehrlichkeit war noch viel schwieriger als Jonas erwartet hatte. Er wollte reinen Tisch machen, aber es wäre ihm lieber gewesen, sich dabei nicht so dumm vorzukommen. „Der Typ meinte, ich solle mich besser dran gewöhnen, dich nich‘ lang für mich zu haben.“

„Aha. Und das hat gereicht, dich zu überzeugen? Wir kennen uns seit Monaten und ein einziger Satz eines Typen, den du davor noch nie gesehen hast, stellt deine Meinung über mich völlig auf den Kopf?“

„Nein! Nein, das war … Das … Du …“ Unter dem Tisch ballte Jonas die Hände zu Fäusten. Warum war immer er an allem schuld? „Du hast dich nun mal mit ‘nem anderen unterhalten! Und wer weiß, was noch alles!“

„Ich habe nichts getan, das–“

„Der blonde Typ?“, unterbrach Jonas ihn. „Mit dem du dich in den hinteren Teil vom Duo verzogen hast, nachdem ich es gewagt hatte, mal fünf Minuten ohne dich auf die Tanzfläche zu verschwinden?“

„Ich habe ehrlich nicht die geringste Ahnung, wovon du–ah! Ah.“ Erik legte den Kopf in den Nacken und strich eine lose Strähne hinter sein Ohr. „Jetzt kommt allmählich Licht ins Dunkel. Du hast vermutlich mich und Tyler gesehen.“

„Kann schon sein.“ Woher sollte Jonas das wissen?

„Ein Stück kleiner als ich, blond und ungefähr zwanzig Piercings allein oberhalb des Schlüsselbeins?“

Jonas nickte. Das war eine ziemlich treffende Beschreibung, auch, wenn sie andeutete, dass Erik wusste, wie viele Piercings sich unterhalb des Schlüsselbeins befanden.

„Tyler ist ein … Freund.“ Jonas war das kurze Zögern nicht entgangen, aber er hatte nicht die Kraft, nachzuhaken. Auch Erik schien nicht in der Stimmung zu sein, weitere Erklärungen zu liefern. „Und der, der dich angesprochen hat, war eher schmal gebaut, mit braunen Haaren, Bart und einer kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen?“

„Kommt hin.“

„Dann hast du den Grund kennengelernt, warum ich das Duo in den letzten Monaten gemieden habe. Er ist ein wenig anhänglich geworden, nachdem wir …“ Erik ließ den Satz unvollendet. „Eigentlich war klar, dass das eine einmalige Sache sein sollte. Jedenfalls dachte ich, es wäre klar gewesen.“ Beinahe schwappte sein Tee über den gläsernen Rand der Tasse, als er sie gereizt schwenkte. „Tut mir leid, dass du da mit reingezogen wurdest.“

„Schon gut“, murmelte Jonas, ohne recht zu wissen, was er von der Sache halten sollte. „Ich war nur eh schon so verunsichert, ob da mehr zwischen uns is‘, oder ich mir das alles einbilde und dich dann mit dem anderen zu sehen … So … so verflucht zärtlich … Keine Ahnung, ich hatte wohl einfach gehofft, dass du nur mit mir so umgehst.“

„Zärtlich?“, wiederholte Erik. „Was war an unserem Gespräch denn bitte ‚zärtlich‘?“

Hilflos drehte Jonas die Handflächen nach oben und suchte nach passenden Worten. „Irgendwie alles. Zum Beispiel die Art, wie du mit seinen Haaren gespielt hast. Und dann hast du dich vorgebeugt und ich dachte … Es sah aus als ob du ihn … Ihr saht einfach scheißvertraut aus.“

Erik wirkte ehrlich verwirrt. „Ich kann mich nicht erinnern …“ Er schloss die Augen. „Ah, doch. Ich glaube, jetzt weiß ich, was du meinst. Ich habe mir Tylers neues Piercing angesehen. Ein, ah, Snug oder so? Irgendwas im Ohr. Jedenfalls waren seine Haare im Weg, also habe ich sie zur Seite geschoben. Was … möglicherweise aus der Ferne einen falschen Eindruck gemacht haben könnte.“ Seufzend lehnte er sich nach vorne. „Und weil ich weiß, dass du dir diese Frage stellst, selbst wenn du sie jetzt nicht laut aussprichst … Ja, wir hatten gelegentlich Sex. Allerdings bestimmt nicht an diesem Abend – oder überhaupt in den letzten Wochen.“

„Oh. Okay.“ Jonas hatte keine Ahnung, was er mit dieser Antwort anfangen sollte. Da war nur dieses diffuse Gefühl, dass sie nicht ausreichte. „Habt ihr jemals … Ich meine … Wart ihr mal zusammen?“

„Nein.“ Kein Zögern, kein Hinweis auf eine Lüge. „Es gab eine Zeit, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, in der wir wohl beide ausgelotet haben, ob es mehr werden könnte. Es wurde nie mehr und ich kann dir versichern, dass von meiner Seite aus keinerlei romantische Gefühle involviert sind oder waren.“ Eriks Züge wurden weicher. „Aber ich kann verstehen, wenn das falsch rüberkam.“

„Nee, das …“ Jonas versuchte sich an einem Lächeln, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. „Ich hätte ja auch einfach mal nachfragen können.“

„Wäre eine Option gewesen.“

Das erzwungene Lächeln verwandelte sich in ein bitteres Lachen. „Das hätte den ganzen Scheiß hier vermutlich wesentlich einfacher gemacht. Wahrscheinlich würden wir’s grad selig miteinander treiben, wenn ich einfach gleich den Mund aufgemacht hätte.“

Erik erwiderte sein Lächeln nicht. „So gut ich es finde, dass wir dieses Missverständnis aus dem Weg räumen konnten, es ändert nichts an der Tatsache, dass ich keine Zukunft für uns sehe.“

Jonas biss die Zähne zusammen, eisern entschlossen, seine Enttäuschung durch Worte statt Lautstärke zu artikulieren. „Verrätst du mir wenigstens, warum? Du sagst, du hast Gefühle für mich, aber du findest es nich‘ gut, danach zu handeln. Laut dir hat das aber nix mit gestern zu tun. Trotzdem hast du bis dahin fröhlich jeden Tag mit mir geschrieben. Ich mein … Wär‘ es nich‘ sinnvoller gewesen, auf Abstand zu gehen, wenn du merkst, dass sich was zwischen uns entwickelt und du das eigentlich nich‘ willst? Statt mir Hoffnungen zu machen? Mir auch noch nachzulaufen, wenn ich gerade versuche zu akzeptieren, dass es vorbei ist? Und was sollte das in deiner Wohnung? Keinen Bock auf ‘ne Beziehung mit mir, aber zum Ficken bin ich dann doch grad noch gut genug?“

„Was? Nein! Jonas, ich …“ Schuldbewusst zerrupfte Erik das Papierschildchen an seinem Teebeutel, trank einen Schluck, drehte die Tasse zwischen den Händen, trank erneut, spielte mit den Überresten des Beutels. „Dich mit einem anderen Mann zu sehen, tat ganz schön weh.“

„Ja, ich weiß, dass ich das versaut hab!“, rief Jonas ungeduldig. „Aber das gibt dir nicht das Recht …“ Erik hob die Hand und er verstummte.

„Das war keine Kritik an dir. Wir haben nie über Exklusivität gesprochen. Noch nicht einmal über die Möglichkeit. Es ist nur …“ Er seufzte. „Du bist nicht der Einzige, der sich Hoffnungen gemacht hat, dass das zwischen uns mehr werden könnte. Im Nachhinein verstehe ich jetzt, wie es zu der Situation gestern gekommen ist, aber bis vorhin musste ich davon ausgehen, dass du unser Verhältnis anders siehst als ich. Das wäre der Moment gewesen, in dem ich einen klaren Schnitt hätte machen sollen, stattdessen habe ich mit Trotz reagiert und mir eingeredet, dass ich das zwischen uns genauso emotionslos betrachten kann wie du.“

„Deshalb der Überfall an der Tür …“

„Es tut mir wahnsinnig leid“, sagte Erik geknickt. „Ich habe meine schlechte Laune und meine Unsicherheit an dir ausgelassen und das auf eine Art, die … mehr als ekelhaft ist.“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Das macht dann zwei aus uns. Aber das heißt doch, dass es sehr wohl mit gestern zusammenhängt! Wenn R–“, er stoppte, wollte diesen Namen nicht laut aussprechen, „der andere nich‘ gewesen wäre …“

„Vielleicht hast du recht“, räumte Erik ein. „Es hat mit gestern zu tun. Aber nur indirekt. Wie gesagt, dich mit einem anderen zu sehen war schmerzhaft, aber dann zu hören, dass meine Gefühle nicht einseitig sind …“ Er zeigte den Hauch eines Lächelns. „Ich hätte mir etwas weniger Drama gewünscht, aber einen Moment lang war ich wirklich glücklich. Bis mir bewusst geworden ist, dass, wenn es mich jetzt schon so mitnimmt, obwohl wir eigentlich kaum Zeit miteinander verbracht haben, ich nicht wissen will, wie es sein wird, wenn wir das hier weiterlaufen lassen und es aus irgendeinem Grund nicht funktioniert. Und, dass es eine Menge Gründe gibt, weshalb es nicht funktionieren wird.“

„Weil ich offensichtlich dazu neige, mit anderen zu vögeln, wenn’s zwischen uns grad nich‘ so läuft wie ich mir das vorstelle.“

„Da gibt es noch ganz andere Punkte.“

„Du scheinst dir echt schon ‘ne Menge Gedanken gemacht zu haben, was mit mir so alles schiefläuft“, stellte Jonas bitter fest. „Verrätst du mir wenigstens, wo meine Fehler sind?“

Deine Fehler?“, wiederholte Erik perplex. „Jonas! Es geht hier nicht um deine Fehler! Wenn ich dich nicht so verflucht mögen würde, würden wir dieses Gespräch doch gar nicht führen! Es geht um …“ Frustriert schüttelte er den Kopf und zog den rechten Ärmel seines Oberteils ein Stück nach oben, gerade weit genug, um die Ansätze seiner Narben zu enthüllen. „Früher habe ich versucht, die hier zu verstecken, aber inzwischen gehe ich recht offen damit um. Die Arbeit war eigentlich die einzige Ausnahme und selbst meine Chefin weiß davon. Bis ich dann entschieden habe, dir jemanden vorzuspielen, der besser ist als die Realität. Du hast keine Ahnung, wer ich bin. Wie … kompliziert ich sein kann.“

„Scheiße, erzählst du mir gleich noch, dass du zu gefährlich für mich bist? Und ich ohne dich viel glücklicher sein werde?“

„Zugegeben, das war jetzt ein wenig melodramatisch“, räumte Erik ein. Seine Mundwinkel zuckten. „Ich fürchte einfach, dass du nur eine idealisierte Form von mir kennst. Die Realität ist …“

„Genau das, was ich kennenlernen will“, entgegnete Jonas. „Klar hab ich dich am Anfang idealisiert. Weiß ich. War ja irgendwie auch ganz geil, solang wir uns nur zum Vögeln getroffen haben. Aber angefangen, dich wirklich zu mögen, hab ich erst, als diese Fassade Risse bekommen hat.“ Er schnaubte. „Außerdem hätte ich echt überhaupt keinen Bock drauf, mich ständig unterlegen zu fühlen. Schlimm genug, dass du älter, reifer, erfahrener und den ganzen Scheiß bist. Da musst du nich‘ auch noch Superman sein.“

Endlich zeigte Erik den Hauch eines Lächelns.

„Und was deine Schwächen angeht, musst du mich schon selbst entscheiden lassen, ob ich damit umgehen kann. Ich mein, guck mal, ich bitte dich ja nich‘, mich vom Fleck weg zu heiraten, oder auch nur gleich auf glückliche Beziehung zu machen. Alles was ich will, is‘ ‘ne Chance. Treffen wir uns weiter. Lernen wir uns richtig kennen. Wenn’s klappt, isses super und wenn nich‘ … Dann tut das vielleicht weh, aber wir wissen wenigstens, woran wir sin‘.“ Jonas streckte seine Hand nach Eriks aus, allerdings nicht, ohne zuvor einen verstohlenen Blick durch den Raum zu werfen, um sicher zu gehen, dass sie nicht beobachtet wurden. Als er sich wieder umdrehte, hatte Erik seine Hand zurückgezogen und starrte in seine Teetasse.

 

Frustriert und erschöpft kam Jonas nach Hause, pfefferte Jacke und Schuhe in ein Eck und warf sich mitsamt seinen übrigen Klamotten aufs Bett. Hätte das Wochenende noch ein klein wenig beschissener laufen können? Anstatt ihn mit einem klaren ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ nach Hause zu schicken, hing nun Eriks ‚Vielleicht‘ im Raum. Vielleicht würden sie sich noch einmal wiedersehen. Vielleicht war es das jetzt aber auch einfach. Vielleicht waren sie beide absolute Idioten. Nein, letzteres war definitiv der Fall.

Gedanken rotierten in Jonas‘ Kopf. Ständig tauchte die Frage auf, ob er es hätte besser machen können. Ob es seine eigene Feigheit gewesen war, die zu diesem Desaster geführt hatte. Irgendwann war er es leid, darüber nachzudenken. Er wollte einfach nur schlafen. Zum Glück schien der Tag sämtliche Kraftreserven seines Körpers aufgebraucht zu haben und Jonas sank rasch in eine Bewusstseinsebene, die ihn von seinen Zweifeln befreite.

Bässe hämmerten in Jonas‘ Magen, schrille Töne stachen in seine Trommelfelle. Gute dreißig Minuten wälzte er sich im Bett, aber der Versuch, den Lärm aus der Nachbarwohnung zu ignorieren und wieder einzuschlafen scheiterte kläglich. Müde und noch schlechter gelaunt als zuvor, stand er auf und schlurfte zur gegenüberliegenden Wohnungstür. Den Finger auf der Klingel, wartete er, bis jemand dem konstanten Schrillen nachgab.

Jonas war beinahe erleichtert, als die junge Frau, die dafür gesorgt hatte, dass er doch noch an sein Päckchen gekommen war öffnete. Ihre Augen waren glasig und die Luft um sie herum alkoholgeschwängert. „Was willst du?“

„Ähm, hi.“ Jonas kopierte ihr halbseitiges Lächeln. „Ich will ja echt kein Spielverderber sein, aber ich hab ‘nen beschissenen Tag hinter und ‘nen echt langen vor mir. Könntet ihr also die Musik ‘n bissl leiser drehen?“

Das Lächeln der Frau blieb unverändert. „Klar, Kleiner. Was immer du willst.“

Bumm. Da war die Tür auch schon wieder zu.

Einen wundervollen Augenblick lang glaubte Jonas, seine Bitte hätte geholfen. Bis er erneut im Bett lag und die Musik noch ätzender und noch dröhnender wurde. Damit war sein letztes Bisschen Geduld aufgebraucht und er tat etwas, das er nie von sich selbst erwartet hätte. „Hallo, Polizei? Ich möchte eine Ruhestörung melden.“

Es dauerte eine Weile, doch irgendwann hörte er Schritte, Stimmen und danach kehrte endlich Ruhe ein.

 

Autorenkommi:

Sie reden miteinander! Also … so irgendwie. Yay?

An dieser Stelle nochmal einen ganz herzlichen Dank für alle Reviews, Favs, Empfehlungen und Klicks! Ich würde ja sagen, dass ihr mich dazu motiviert, weiterzuschreiben, aber die Geschichte ist ja schon abgeschlossen ^^;
(Ganz, ganz vielleicht habe ich allerdings begonnen, an einem Prequel zu schreiben …)

 

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

Was zuletzt geschah:

Jonas muss sich damit abzufinden, dass das Leben selten in geraden Bahnen verläuft. Da hat er es nach langen Wochen und viel zu viel Drama endlich geschafft, Erik seine Gefühle zu gestehen, nur, um aus der Wohnung zu fliegen. Keine halbe Stunde später erfährt er, dass diese Gefühle nicht unerwidert geblieben sind, doch Erik keine Zukunft für sie sieht. Tee und Kakao können die Situation ein wenig entspannen, führen aber auch nicht zu der Antwort, die sich Jonas gewünscht hätte. Seither wartet er auf eine Entscheidung.

 

Kapitel 18

Verzweifelt kippte Jonas Wasser auf die ausgetrocknete Erde. „Komm schon, Daisy! Du kannst mich hier doch nich‘ allein lassen!“ Zur Antwort ließ das Gänseblümchen ein weiteres Blättchen zu Boden gleiten. „Ach fuck! Kyle! Sag doch auch mal was zu ihr!“

Der Kaktus blieb stumm.

„Du bist keine Hilfe!“

Frustriert warf Jonas zunächst die Gießkanne in die Spüle und anschließend sich selbst auf sein Bett. Mit einer Hand tastete er nach seinem Handy und tippte eine Nachricht an Larissa.

 

Du, 14:42 Uhr

bitte sag mir, dass du zeit hast für … wasauchimmer.

 

Du, 14:42 Uhr

daisy und kyle sind langweilig.

 

Larissa, 14:45 Uhr

Wer sind Daisy und Kyle? Haben unsere Turteltauben neue Spitznamen, von denen ich nichts weiß?

 

Du, 14:45 Uhr

zimmerpflanzen. ja, ich hab mir zimmerpflanzen gekauft.

 

Du, 14:45 Uhr

und führe gespräche mit ihnen

 

Du, 14:45 Uhr

so verzweifelt bin ich

 

Larissa, 14:47 Uhr

Haha, scheiße, um dich muss es ja echt schlimm stehen! Aber dieses Wochenende kann ich dir da nicht helfen. Ich bin bei meiner Family und komme erst morgen Abend zurück.

 

Du, 14:48 Uhr

fuck, dein ernst? was soll ich denn dann machen?

 

Larissa, 14:53 Uhr

Dir mehr Freunde suchen?

 

Du, 14:53 Uhr

ich hab freunde!

 

Nur nicht in Berlin. Abgesehen von Larissa, waren Jonas‘ Kontakte oberflächlich geblieben, beinahe als wäre da eine dünne Membran zwischen ihm und den anderen, die dumme Witze und seichte Gespräche passieren ließ, aber alles Tiefergehende zurückhielt.

Nach einer sehr unproduktiven halben Stunde, die Jonas hauptsächlich damit verbrachte, in sein Kissen zu atmen und ich selbst zu bemitleiden, rappelte er sich auf, schlüpfte in seine Jacke und griff nach seiner Kamera. Bewegungslos rumzuliegen brachte ihn auch nicht weiter. Vielleicht würde ihm ein Spaziergang guttun und wenn er dabei ein paar brauchbare Motive aufspürte, war das umso besser.

Jonas‘ erstes Foto zeigte seine eigene Namensplakette, über die irgendjemand – und er ahnte, um wen es sich da handeln könnte – einen zuckerwattefarbenen Kaugummi geklebt hatte.

Die verbesserungswürdige Temperatur und der beißende Wind, der ihm um die Ohren pfiff, sobald er die Haustür geöffnet hatte, reduzierte seinen Plan, den Nachmittag mit der Erkundung Berlins zu verbringen recht schnell darauf, lediglich die nächste Stunde auf diese Art totzuschlagen. Neugierig nahm er seine Umgebung in Augenschein.

Es waren dieselben Straßen, die er seit einem halben Jahr regelmäßig auf und ab lief. Grau, verdreckt, mit weniger Grün als in einer mittelmäßigen Dystopie. Doch heute konzentrierte er sich auf die Details. Risse zogen sich wie Spinnennetze über den Asphalt, lieblos fortgeworfene Flyer bewarben lange vergangene Events, von denen er noch nie gehört hatte.

An eine der Hauswände war ein kleiner Schriftzug geschmiert worden. Jonas hatte keine Ahnung, um welche Sprache es sich handelte und was die Botschaft sein sollte, aber der sorgfältige Schwung der Buchstaben und die filigrane Ausarbeitung ihrer Ausläufer faszinierten ihn. Diese Stadt atmete Geschichten und seine Kamera half ihm, ihre flüchtigen Fragmente festzuhalten.

Durchgefroren und nur wenige Schritte von seiner Wohnung entfernt, beobachtete Jonas eine Gruppe Krähen, die sich um die Überreste eines Döners fetzten, den sie kurz zuvor aus einem Mülleimer gezogen hatten. Die sanfte Vibration seines Handys kündigte einen Anruf an.

„Maria! Es is‘ doch noch gar nich‘ der zweite Mittwoch des Monats.“

„Ja, ja, du mich auch“, murrte sie, offensichtlich wenig belustigt von der sanften Kritik an ihrem ein wenig festgefahrenen Kommunikationsverhalten. „Ich komme gerade von meiner Lerngruppe …“ Das Geräusch, das sie von sich gab, schwankte irgendwo zwischen Stöhnen und Knurren. „Eigentlich will ich gar nicht darüber reden, sondern einfach nur ein bisschen Ablenkung vom Alltag.“

„Wir teilen uns echt ein Hirn. Ich hab mir heut genau dasselbe gedacht.“

„Blöder Tag?“, fragte Maria.

„Blöde Woche“, antwortete Jonas.

„Bei mir auch. Die Klausuren stehen praktisch unmittelbar vor der Tür und ich kann an nichts Anderes denken. Weißt du, wann ich das letzte Mal mehr als vier Stunden geschlafen habe? Ich nämlich nicht.“

Jonas biss sich auf die Unterlippe, unschlüssig, ob er die Frage, die unweigerlich in seinem Kopf auftauchte laut stellen sollte.

„Jonas? Noch da?“

„Jaah, ja. Bin noch dran. Maria … Bist du sicher, dass das Studium das Richtige für dich is‘?“

Dieses Mal war es Maria, die sich Zeit für ihre Antwort ließ. „Ganz ehrlich?“, fragte sie schließlich. „Nein, ich bin mir kein bisschen sicher. Aber welche Alternativen habe ich denn? Für meine Eltern zählt nur Jura, was mich wiederum nicht mal ansatzweise interessiert. Der Deal war, dass sie mich mit meinem Wunschfach unterstützen, solange ich in München studiere und Bestnoten schreibe. Wenn ich versage, liefere ich ihnen letztlich nur noch mehr Argumente, mir ihren Willen aufzuzwingen.“

„Versteh ich schon, aber dich so fertig zu machen, kann doch auch nicht die Lösung sein …“

„Und trotzdem ist es im Moment die einzige Möglichkeit“, würgte Maria ihn ab. „Ich wiederholte: Ich rufe nicht an, um über mein Studium zu jammern, sondern weil ich gehofft hatte, dass du mich auf andere Gedanken bringst. Erzähl mir was!“

Jonas überlegte einen Augenblick. „Jemand hat meine Klingel mit Kaugummi verklebt.“

Mission erfolgreich, Maria lachte. „Was hast du angestellt?“

„Ich?“, fragte Jonas entsetzt. „Nix!“

„Sicher? Dann ist Klingeln verkleben einfach so ein Berliner Ding?“

„Jaah, keine Ahnung. Wahrscheinlich waren’s meine reizenden Nachbarn. Ich mein, das is‘ jetzt nich‘ das erste Mal, dass wir aneinandergeraten …“

„Was ist noch passiert?“

Jonas verzog das Gesicht. Eigentlich hatte er Maria aufmuntern wollen, doch jetzt klang sie alarmiert. „Nich‘ viel. Die sin‘ halt laut und … Arschlöcher. Wär eigentlich alles nich‘ so schlimm, wenn mir nich‘ so viel anderer Scheiß durch den Kopf ginge.“

„Was denn noch? Bei dir ist doch alles in Ordnung, oder?“

„Klar.“

„Jonas Straginsky!“ Die Ähnlichkeit mit der Stimme seiner Mutter war unheimlich. „Hör sofort auf, mich aus deinem Leben auszuschließen!“

„Tu ich d–“

„Hältst du mich wirklich für so blöd?“, unterbrach Maria ihn unwirsch. „Du lebst in der verdammten Hauptstadt und ich soll dir glauben, dass in den letzten Monaten nicht mehr in deinem Leben passiert ist als ein paar Uniprojekte und irgendwelche Nachbarn, die dein Klingelschild mit Kaugummi verkleben? Kurz nach deinem Umzug hast mir nach einem einzigen Tag abgefahrenere Storys erzählt als in den letzten Wochen zusammen!“

„Okay! Okay.“ Jonas gab sich geschlagen. „Es sin’n paar andre Sachen passiert.“

„Ha!“, rief Maria triumphierend. „Und nein, ich erwarte nicht, dass du mir davon erzählst, wenn du nicht magst. Du sollst bloß aufhören, falsche Rücksicht auf mich zu nehmen. Wenn dir etwas auf dem Herzen liegt und du jemanden zum Reden brauchst, bin ich für dich da. Immer.“

„Is‘ angekommen“, beteuerte Jonas. Ohne wirklich hinzusehen, blätterte er durch seine frisch geschossenen Fotos. Trist. Farblos. Geisterhaft. „Eigentlich könnt‘ ich wirklich jemanden zum Reden brauchen, aber …“ Er blickte auf. Der Döner war verschwunden, die Krähen hüpften zwischen den Passanten umher, die sich trotz des miesen Wetters aus dem Haus getraut hatten. „Vielleicht nich‘ in aller Öffentlichkeit. Ich mach mich mal auf den Rückweg. Lass uns derweil über was Andres quatschen.“

„Kein Problem. Du kommst in den Semesterferien nach Hause, oder?“

„Japp. Aber ich hab noch keine Ahnung, wann genau und wie lang. Obwohl ich mir das so langsam mal überlegen sollte, bevor die Preise für die Zugtickets durch die Decke gehen. Wie sieht’s denn bei dir aus?“

„Wir schreiben unsere Klausuren übernächste Woche und danach hätte ich frei, sofern ich alles bestehe.“

„Klar bestehst du“, versicherte Jonas. „Du bist schließlich ‘n Genie!“

„Das baut zum Glück gar keinen Druck auf …“

„Sorry, so war das jetzt echt nich‘ gemeint.“

„Schon gut, weiß ich ja. Ich bin gerade einfach etwas dünnhäutig.“

„Versteh ich. Ähm, ich pack dich mal kurz in die Hosentasche, die Haustür klemmt ein bisschen und ich brauch beide Hände. Wart, bin gleich wieder da.“ Jonas drehte seinen Schlüssel, ruckelte ein wenig daran, zog die Tür näher zu sich, ruckelte noch mehr und hörte schließlich das erlösende Klicken. Rasch drückte er sich ins Innere und holte Maria wieder an sein Ohr. „So, jetzt.“

„Ist das jetzt privat genug, um mir pikante Details aus deinem Leben zu erzählen?“

„Zwei Stockwerke wirst du dich noch gedulden müssen. Ich schätz übrigens, dass ich Anfang März mal für eine oder zwei Wochen zu meinen Eltern fahr.“

„Nur so kurz?“ Maria klang enttäuscht.

„Verlängern kann ich immer noch, aber ich will‘s ja nich‘ übertreiben. Schon allein, weil die arme Vroni solang wieder zu Christine in den Speicher muss.“ In Wahrheit war das etwa die Zeitspanne, von der Jonas annahm, die heimelige Dorfatmosphäre genießen zu können, ohne Gefahr zu laufen, sich zu Tode zu langweilen. Er sperrte die Wohnung auf, kickte seine Schuhe von den Füßen, verstaute die Kamera und ließ sich aufs Bett fallen. „Also … willst du’s noch immer wissen? Den Scheiß, der grad so bei mir los ist?“

„Hmm.“

„Ich weiß aber nich‘ so recht, wo ich anfangen soll.“

„Mit dem Grundthema. Danach die Hauptfiguren. Der Rest entwickelt sich dann schon.“

„Hey, ich war hier der Liebling im Deutschunterricht!“, meckerte Jonas. „Lass mir das eine Fach, in dem ich glänzen konnte.“

„Fokus, Jonas, Fokus“, zitierte Maria ihre ehemalige Deutschlehrerin erneut. „Außerdem warst du auch unser kleiner Künstler. Also zwei Fächer. So. Grundthema?“

„Liebesscheiß.“

„Hauptfiguren?“

„So‘n Kerl und ich.“

„Vielleicht ein klein wenig genauer.“

„Erinnerst du dich noch an Erik?“, fragte Jonas vorsichtig. „Der Typ aus dem Club, in dem ich mich mal beworben hatte?“

„Der, bei dem du deine Jacke vergessen hattest? Jaah …“ Das Misstrauen in Marias Stimme war zurück.

„Wir haben uns noch ‘n paar Mal getroffen. Zuerst nur so zum, naja, ‚Ficken‘ darf man das eigentlich nich‘ nennen. Wir haben halt ‘n bisschen rumgemacht.“ Ein bisschen sehr.

„Okay. Und hat es einen speziellen Grund, dass du mir das bisher verheimlicht hast?“

„Du warst so gestresst und … Ich war mir auch nich‘ sicher, was du davon hältst und wollt keine Diskussionen.“

„Du kannst schnackseln wen du willst, solange du dabei auf deine Sicherheit achtest“, stellte Maria klar. „Ich hätte nur nicht gedacht … Ich meine, so wie du das erzählt hast, klang der Kerl echt nach ‘nem Arsch.“

„Hab mich geirrt“, gab Jonas zu. „Eigentlich is‘ er echt lieb und verständnisvoll. Klug und witzig und–“

„–du hast dich in ihn verliebt.“

„Hab ich wohl.“ Wozu leugnen?

„Tja, shit. Hast du es ihm gesagt?“

„Etwas hysterischer als geplant und mit ‘ner Menge Scheiß davor, den ich dir lieber mal erzähl, wenn wir im selben Raum hocken, aber ja, ich hab’s ihm letzten Sonntag gesteckt.“

„Ich nehme mal an, es ist nicht so ausgegangen wie erhofft.“

„Nein.“ Jonas spürte, wie der Panzer, den er in den vergangenen Tagen aufgebaut hatte, unter Marias Mitgefühl Risse erlitt „Er hat gesagt, er braucht Zeit. Muss darüber nachdenken.“ Jonas‘ Worte klangen verzerrt, seine Stimme zu hoch. „Das is‘ jetzt fast ‘ne Woche her und ich hab keinen Pieps von ihm gehört.“ Wütend blinzelte er die Tränen in seinen Augen weg. Es war, als wollten alle Gefühle, die er in den letzten Monaten verdrängt hatte endlich Beachtung finden.

„Hast du dich mal bei ihm gemeldet?“

„Hab vorgestern seine Nummer gelöscht.“ Mit einem tiefen Atemzug versuchte Jonas, die Kontrolle über seine Stimme wiederzuerlangen. „Wollte nich‘ so erbärmlich sein und ihm auch noch nachrennen.“

„Ach, Jonas“, flüsterte Maria. „Du behauptest zwar, dass er klug ist, aber wenn er nicht erkennt, was er an dir hat, dann ist er ein Vollidiot. Und sich dann einfach nicht mehr melden … Dem musst du wirklich nicht hinterhertrauern.“

„Ich tu’s aber trotzdem“, presste Jonas hervor. „Es hätte so anders laufen können, wenn …“ Er schluckte. „Wenn ich nur …“ Mehr brachte er nicht heraus, als lange zurückgehaltene Tränen über seine Wangen rannen.

Minutenlang lauschte Maria seinem Schluchzen, murmelte gelegentlich tröstende Worte, spendete die Nähe, die er in den letzten Monaten so kläglich vermisst hatte.

Nach einer ganzen Weile – in seinem Zimmer war es merklich dunkler geworden – rappelte sich Jonas auf und atmete tief durch. „Danke“, krächzte er. „Das hab ich echt gebraucht.“

„Nicht dafür. Du weißt, dass du dich immer bei mir melden kannst. Fühlst du dich denn wenigstens ein bisschen besser?“

„Ein bisschen.“ Jonas brachte sogar ein klägliches Lächeln zustande. „War gut, den ganzen Scheiß mal rauslassen zu können. Traurig bin ich natürlich trotzdem, aber scheiße, ich leb in Berlin, ich kann nirgendwo hinspucken ohne dabei ‘nen süßen Kerl zu treffen.“

„Nicht unbedingt die Methode, die ich dir empfehlen würde, aber ich verstehe, worauf du hinauswillst.“

„Reden wir nächste Woche noch mal, wenn ich mich wieder ‘n bissl besser im Griff hab? Ich glaub, für heut hab ich dich lang genug aufgehalten.“

„Du hast es zumindest geschafft, mich von der Uni abzulenken.“

Jonas lachte. Heiser und rau, aber es fühlte sich gut an. „Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch. Wir hören voneinander.“

Das Freizeichen seines Handys schien in Jonas‘ leerer Wohnung widerzuhallen.

 

Jonas drehte das heiße Wasser auf und warf sein benutztes Geschirr in die Küchenspüle. Während sich das Becken langsam füllte, bemühte er sich, das Chaos in seiner Wohnung auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Aus dem Augenwinkel nahm er das Blinken seines Handys wahr; eine nicht eingespeicherte Handynummer versuchte ihn zu erreichen. Jonas‘ vom reichhaltigen Essen gefüllter Magen drückte plötzlich gegen sein Herz. War das …?

Eilig nahm er das Gespräch an. „Hallo?“

„Ah, hi. Erik hier.“

Jonas sank auf sein Bett. „Scheiße.“ Er schüttelte den Kopf. „Du hast dir echt verfickt lang Zeit gelassen.“

„Ich weiß.“ Ein tiefer Seufzer drang durch die Leitung. „Ich weiß. Es gab da ein paar Dinge, über die ich mir klarwerden musste.“

„Naja, ich sollt wohl froh sein, dass du dich überhaupt meldest. Is‘ ja auch nich‘ selbstverständlich.“ Nervös zwirbelte Jonas eine Ecke seines Bettlakens zwischen den Fingern. Das war also der Moment, in dem Erik ihm sagte, dass das mit ihnen nichts werden würde. Immerhin konnte er dieses Kapitel damit endgültig abschließen. „Also?“

„Ah, ich weiß, dass das etwas kurzfristig ist, aber hast du am Sonntag schon etwas vor?“

„Sonntag? Also … morgen?“, hakte Jonas verwirrt nach. „Ich muss vormittags arbeiten, aber sonst …“

„Treffen wir uns?“

„Du meinst abends bei dir?“ Jonas konnte sich gerade noch ein ‚Ist das dein verfickter Ernst?‘ verkneifen. Völlig unabhängig davon, wie sehr er sich nach Eriks Stimme gesehnt hatte; sollte dieser die Dreistigkeit besitzen, auf seinen Gefühlen rumzutrampeln und versuchen, ihn weiter unverbindlich ins Bett zu bekommen, würde Jonas durchs Telefon greifen und ihm die Stimmbänder aus dem Hals rupfen.

„Eigentlich dachte ich eher, dass ich dich nachmittags abholen könnte.“

„Ähm … wozu?“

„Um Zeit miteinander zu verbringen.“

Allmählich dämmerte Jonas, dass dieses Gespräch eine andere Richtung nahm, als er angenommen hatte. „Erik … Fragst du mich grad nach ‘nem Date?“

„Ja. Ich …“ Einige Sekunden hörte Jonas lediglich regelmäßige Atemzüge. „Entschuldige, mir wird gerade klar, dass ich bin das Ganze wohl falsch angegangen bin. Ich kann natürlich verstehen, wenn du keine Lust mehr h–“

„Nee!“, fiel Jonas ihm ins Wort. „Also ja! Also … Ich meine … Morgen is‘ gut. Morgen is‘ sehr gut! Ich muss bis eins im Café arbeiten, dann bin ich so gegen zwei daheim. Passt dir halb drei?“

„Halb drei passt gut.“ Erik klang erleichtert. „Hast du auf etwas Bestimmtes Lust?“

„Nee, so spontan fällt mir da nix ein.“

„Gut, dann sehen wir uns morgen.“

„Bis morgen.“

Es brauchte zwei Nachrichten an Maria und einen kleinen Freudentanz, bis Jonas bemerkte, dass er das Wasser für die Küchenspüle nicht abgedreht hatte.

 

Was zuletzt geschah:

Jonas‘ lange überfälliges Gespräch mit Erik verläuft weitestgehend ergebnislos. Um für ein wenig Ablenkung zu sorgen, ziehen zwei neue Mitbewohner in seine Wohnung, die sich allerdings als recht schweigsam (und in Daisys Fall auch kränklich) entpuppen. Just, als Jonas endlich Maria sein Herz ausschüttet, meldet sich Erik und bittet um ein Date.

 

Kapitel 19

„Nee, das geht echt gar nich‘!“ Ungeduldig riss sich Jonas das Karohemd vom Körper.

„Ich fand’s eigentlich recht niedlich“, kommentierte Maria vom ihrem Platz auf dem Schreibtisch aus. Die Lautsprecher des Notebooks verwandelten ihre ohnehin schon hohe Stimme in blechernes Piepsen.

„‚Niedlich‘ is‘ nich‘ grad der Eindruck, den ich vermitteln will.“

„Sondern?“

„Keine Ahnung. Heiß? Geil? Unwiderstehlich?“

„Da bin ich die falsche Ansprechpartnerin“, erinnerte ihn Maria. „Aber was auch immer dein Look aussagen soll, sofern dein Date pünktlich ist, hast du noch etwa zehn Minuten, um ihn zu erreichen.“

„Was? Fuck!“ Verzweifelt musterte Jonas die Klamottenberge, die er neben, auf und stellenweise unter seinem Bett verteilt hatte. Wahllos griff er nach dem ersten schwarzen Hoodie, den er zwischen die Finger bekam und schlüpfte hinein. „Dann eben so …“ Wenigstens war das Oberteil schön warm und erfüllte damit die Anforderung, die Erik gestellt hatte.

„Ich will ja nicht meckern“, mischte sich Maria ein, „aber unter ‚heiß‘ verstehe ich dann doch etwas Anderes.“

„Ja, ja“, nuschelte Jonas. „Deshalb zieh ich dazu ja auch die hier an.“ Er befreite eine graue Jeans von mehreren Lagen Stoff und präsentierte sie seiner Webcam.

Maria schnaubte. „Wie lange hast du das Teil jetzt schon? Seit der achten Klasse?“

„Zehnte“, presste Jonas zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und versuchte, sich unter beständigem Fluchen in das widerspenstige Kleidungsstück zu quetschen. Am Ende drehte er Maria triumphierend den Rücken zu. „Na, was sagst du?“

„Ich bin bekehrt. Urplötzlich fühle mich zu Männerhintern hingezogen“, erwiderte sie trocken. „Nein, im Ernst. Du siehst gut aus.“

„Jetzt noch ‘nen passenden Gürtel und dann …“

„Hast du noch etwa fünf Minuten, um dieses Chaos zu beseitigen.“

„Fuck!“

Jonas‘ Klingel ertönte, während er damit beschäftigt war, sich gegen die Türen seines Kleiderschranks zu werfen, in der Hoffnung, sie endlich schließen zu können.

„Oh, er ist pünktlich“, stellte Maria fest. „Das gibt Pluspunkte.“

„Nich‘ bei mir!“ Eilig betätigte Jonas den Summer, sprintete zurück zu seinem Schrank und stopfte einen überstehenden Ärmel ins Innere.

„Ich lasse euch mal ein bisschen Privatsphäre“, sagte Maria. „Aber ich will Fotos sehen!“

„Vielleicht noch Lebenslauf und Führungszeugnis?“

„Warum eigentlich nicht?“

„Maria!“

„Ja, ja, ist ja gut. Viel Spaß!“ Maria unterbrach die Verbindung und das keine Sekunde zu früh. Ein sanftes Klopfen wies Jonas darauf hin, dass sein Besucher die Wohnungstür erreicht hatte und geduldig wartete, bis ihm geöffnet wurde.

Erik sah aus wie immer. Groß und athletisch, mit goldenem Haar, das an seinem Hinterkopf zu einem strengen Knoten gebunden war und die klaren Linien seiner attraktiven Züge betonte. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen, deutete einen Hauch Unsicherheit an und imitierte damit Jonas‘ eigene Mimik.

„Hi!“ Fahrig strich sich Jonas eine Strähne aus seiner von einem dünnen Schweißfilm überzogenen Stirn. „Hast du gut hergefunden?“

„Mhm. Ich arbeite ja quasi ums Eck.“

„Oh. Stimmt ja.“ Jonas‘ Wangen wurden heiß. Er hatte keine Ahnung, wie er Erik gegenübertreten sollte. War eine Umarmung angemessen? Verflucht, er wollte ihn umarmen, aber seine Hand schien an der Klinke festgeklebt. „Ähm, komm doch kurz rein. Ich muss bloß noch schnell meine Jacke anziehen.“

Falls sich Erik ebenfalls nach einer Umarmung sehnte, machte er keine Anstalten, diesen Wunsch umzusetzen. Seine Hände waren fest in seinen Manteltaschen vergraben.

Jonas ließ ihn in die Wohnung und begann, nach seiner Jacke Ausschau zu halten, die während seines Bekleidungsmarathons in irgendein Eck gerutscht sein musste. Zum Glück war seine Wohnung winzig, allzu viele Verstecke gab es dort nicht.

„Ist das von dir?“, fragte Erik, ohne seinen Blick von der weitläufigen Collage zwischen Küchenzeile und Badtür abzuwenden.

Waren Jonas‘ Wangen zuvor gerötet, begannen sie nun, mit sonnengereiften Tomaten zu konkurrieren. „Ähm, jaah. Ich wollt nur … Eigentlich stellt das so‘n bisschen meine Reise von Bayern nach Berlin dar. Also, jedenfalls soll es das.“ Er deutete zum linken Rand der Collage, der mit einer Sammlung alter Kinderfotos, Zeitungsartikel und Magazinausschnitte geziert war. „Hier ging es sozusagen los und dann irgendwann … kommt Berlin.“ Die Personen auf den Fotos wurden älter, Urkunden und Zeugnisse mischten sich unter fröhliche Gesichter, die Farben wechselten von sanften Erdtönen zu fahlem Grau und schrillem Neon.

„Beeindruckend.“ Erschreckenderweise schien Erik das ernst zu meinen.

„Nee, so besonders isses wirklich nich‘“, wehrte Jonas rasch ab. „Ähm, es is‘ auch nich‘ fertig. Eher so ‘ne Art Dauerprojekt. Guck, das hier …“ Er deutete auf ein Foto. Glückliche Menschen vor einem opulent geschmückten Christbaum. „Das war dieses Weihnachten. Ich war mir erst nich‘ sicher, wohin ich’s packen soll, aber dann dacht ich mir, dass die Mitte wohl ganz gut wär. So als, ähm, Schnittstelle zwischen meinem alten und meinem jetzigen Leben und ...“ Jonas stoppte. „Sorry, das interessiert dich wahrscheinlich kein bisschen.“

„Doch, tut es“, widersprach Erik schlicht. „Fühlt sich an, als hätte ich in den letzten fünf Minuten mehr über dich erfahren als in den Monaten davor.“ Er beugte sich nach vorne und studierte das Weihnachtsfoto. „Deine Familie, nehme ich an?“

„Japp. Meine Mum, mein Dad. Das ganz vorne is‘ Christine, eine meiner Schwestern. Wir sind ziemlich genau drei Jahre auseinander, aber Vroni – das Mädchen in dem blauen Kleid da – is‘ dafür ‘n echtes Nesthäkchen. Das dahinter is‘ meine Oma, sie wohnt seit Opas Tod bei uns, also seit, ähm, etwa fünfzehn Jahren.“ Jonas‘ Blick schweifte über die Collage. „Oh, und das is‘ Maria! Von der hab ich dir ja schon öfter erzählt.“ Er deutete auf ein Foto, das am Tag ihrer Abifeier geschossen worden war. Maria in Anzug und Krawatte, Jonas in zerrissenen Jeans und Bandshirt. Seine Mutter hätte ihn beinahe nicht aus dem Haus gelassen.

Ein schwer zu deutender Ausdruck huschte über Eriks Gesicht. „Man sieht, wie nahe ihr euch steht.“

„Ach ja?“ Jonas konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Mir war nich‘ klar, dass das so offensichtlich is‘. Aber es stimmt wohl. Ich mein, ich hab keine Ahnung, wo ich heute ohne Maria wäre. Jedenfalls nich‘ hier. Ohne sie–“ Er stockte und strich sich verlegen durchs Haar. Zu spät war ihm eingefallen, dass er Erik in dem Glauben gelassen hatte, zwischen ihm und Maria hätte eine Weile mehr als Freundschaft existiert. Irgendwann würde er ihm die Wahrheit sagen müssen, besser heute als morgen. Aber jetzt gerade brachte er es nicht über sich. „Wegen mir können wir dann übrigens los.“ Er hatte seine Jacke über jener Stuhllehne entdeckt, über die er sie beim Heimkommen geworfen hatte.

„Mhm. Dann lass uns das tun.“

Das Auto war kuschelig warm, Erik musste es auf der Hinfahrt ordentlich geheizt haben. Jonas lehnte sich in seinem Sitz zurück und genoss das Gefühl, nur wenige Zentimeter von Erik getrennt zu sein. „Wohin geht’s eigentlich?“, fragte er neugierig.

„Das siehst du noch früh genug.“

„Echt jetzt? Du verrätst es mir nich‘?“

„Nö.“

Theatralisch seufzend und künstlich beleidigt, starrte Jonas aus dem Fenster. Bald wurde klar, dass sie die Stadt verließen. Die Häuser wurden kleiner und die Lücken zwischen ihnen größer, bis sie vollends hinter dichten Wäldern verschwanden. Nachdem ungefähr eine halbe Stunde verstrichen war, bog Erik in einen von Bäumen umgrenzten Parkplatz ein und stellte den Wagen ab.

Jonas sah sich um. „Verrätst du mir jetzt, wo wir sind?“

„Ein Stück außerhalb Berlins.“

„Echt jetzt?“, fragte Jonas gespielt schockiert. „Scheiße, und ich hatte gehofft, du zeigst mir Las Vegas.“

„Vielleicht nächstes Mal.“ Erik führte ihn über den fast leeren Parkplatz auf einen schmalen Wanderweg. Zu Jonas‘ Bedauern nicht schmal genug, um einen Vorwand zu liefern, ihre Schultern und Oberarme aneinanderzupressen.

„Ich dachte mir, ich zeige dir mal den See, in dem ich im Sommer ganz gerne schwimme“, erklärte Erik. „Er ist nicht besonders groß, wir könnten ihn also einmal umrunden und danach eine Kleinigkeit in dem Restaurant auf der anderen Seite des Parkplatzes essen.“ Er zupfte an seinem Ärmelsaum. „Ah, so laut ausgesprochen klingt das allerdings ziemlich lahm. Und das Wetter scheint auch nicht wirklich mitzuspielen. Ich hatte auf ein wenig Sonne gehofft.“

Eriks Stimme, im Grunde seine ganze Körpersprache, sendete deutliche Signale. Jonas grinste. „Nervös?“

Überrascht sah Erik ihn an. „Natürlich. Ich wollte einen schönen Tag mit dir verbringen, aber mein letztes erstes Date ist über neun Jahre her. Da fühle ich mich ein wenig eingerostet.“

„Falls dich das tröstet: Mein allererstes erstes Date ist keine drei Monate her und trotzdem bin ich scheißnervös.“ ‚Keine drei Monate‘ bedeutet, dass du Erik zu diesem Zeitpunkt schon gekannt hast, erinnerte der rationalere Teil seines Gehirns Jonas. Zu spät.

Er und Erik musterten sich aus den Augenwinkeln, unsicher was sie von dem Geständnis des anderen halten sollten.

„Du fängst an“, entschied Jonas schließlich.

Erik zuckte mit den Schultern. „Da gibt es eigentlich nicht besonders viel zu erzählen. Ich war zwei Jahre mit meinem Ex zusammen und danach sieben Jahre Single. Also hatte ich mein letztes erstes Date vor etwas mehr als neun Jahren.“

„Sieben Jahre Single?“, wiederholte Jonas ungläubig. „Scheiße, das is‘ ‘ne verflucht lange Zeit. Gab … gab es echt niemanden, mit dem du wenigstens mal ein erstes Date wolltest?“

„Nein.“

„Das … Wirklich?“ Jonas konnte sich mit Eriks Antwort nicht zufriedengeben. „Oder hast du es einfach nie weit genug kommen lassen?“ Als Erik nichts erwiderte, wurde ihm bewusst, wie vorwurfsvoll er geklungen hatte. „Scheiße, tut mir leid. Das war nich‘ als Angriff gemeint.“

„Ich habe es auch nicht als solchen aufgefasst“, stellte Erik klar, „sondern darüber nachgedacht, ob du recht haben könntest. Ah, da vorne ist übrigens der See.“ Er deutete auf eine graue, von sich kräuselnden Wellen aufgeraute Fläche, die zwischen kugeligen Büschen und kahlen Bäumen schimmerte. Der Wanderweg machte eine Biegung, die den Ausläufern des Wassers folgte. „Wir kommen gleich zu den Liegewiesen, dann sieht man ihn besser.“ Noch während Erik redete, brach der Wildwuchs am Wegrand auf und machte Platz für eine schlammige Wiese.

Jonas beobachtete den sanften Wellengang des Sees, lauschte dem Knistern der Äste, atmete den Duft nach klarem Wasser und zertrampeltem Laub. „Fuck, jetzt wo ich hier bin, merk ich erst, wie sehr mich die Stadt in letzter Zeit angekotzt hat. Ich mein, is‘ natürlich alles aufregend und lebendig und so und ich wollt wohl auch nich‘ mehr zurück aufs Land ziehen, aber Scheiße, es is‘ auch so verfickt anstrengend.“

Gemeinsam liefen sie über die Wiese bis zum Ufer. Dort angekommen, klaubte Jonas ein flaches Steinchen vom Boden auf und ließ es schwungvoll übers Wasser hüpfen. „Ha! Viermal!“

„Nicht schlecht.“ Erik suchte einen passenden Stein und tat es ihm nach. Der Stein titschte über das Wasser und versank. „Hm.“

„Einmal“, kommentierte Jonas. „Mit viel gutem Willen.“

„Nur, weil ich abgelenkt war“, behauptete Erik. „Ich verlange eine Revanche!“

„Die Ehre gebietet, dir diese Bitte zu gewähren“, erklärte Jonas grinsend. „Auch, wenn wir beide wissen, dass es nix ändern wird.“ Aufmerksam suchte er das Ufer nach einem Stein ab, der seinen Ansprüchen genügte. „Sieh zu und lerne!“ Er hob den Arm, hielt sein Handgelenk stabil aber locker und holte Schwung. Ein schmerzhafter Stich fuhr durch seine rechte Seite, gerade, als er das Steinchen fliegen lassen wollte. Es rutschte aus seiner Hand und landete mit einem traurigen Platsch! im Matsch.

Vorwurfsvoll wirbelte Jonas herum, die nun freie Hand auf die schmerzende Stelle gepresst. „Betrug! Verrat!“

Erik hob abwehrend die Hände, ganz so, als hätte er Jonas nicht im passenden Moment gekniffen, um seinen Sieg zu vereiteln. „Ich bin unschuldig.“

Beinahe hätte Jonas ihm dieses Schauspiel abgekauft, doch das süffisante Schmunzeln, das sich auf Eriks Gesicht stahl, strafte seine Worte Lügen.

„Wenn es nich‘ so arschkalt wäre, würd ich dich dafür in den See schubsen“, drohte Jonas. „Ach, weißt du was? Ich mach’s einfach!“ Mit einem Kampfschrei stürzte er sich auf den Betrüger, umklammerte dessen Taille und schob mit aller Kraft, die er aufbringen konnte. Doch Erik stemmte die Beine in den Boden und bewegte sich keinen Millimeter. Stattdessen packte er Jonas‘ Schultern, drehte ihn und sich selbst um die eigene Achse und ehe Jonas sich versah, stand er selbst mit dem Rücken zum Wasser.

„Fuck!“ Jetzt war es an Jonas, einen Abstecher ins kalte Nass zu verhindern. „Das is‘ noch nich‘ entschieden!“

Lachend und gelegentlich fluchend, kämpften die beiden um die Oberhand, immer darauf bedacht, weder selbst im See zu landen, noch ihren Kontrahenten versehentlich tatsächlich im eisigen Wasser zu versenken.

„ARFF, ARFF, WUFF!“ Das Kläffen des kleinen Köters unterbrach Jonas‘ und Eriks Rangelei, „Kiry!“, die Stimme seines Frauchens ließ sie schneller auseinanderfahren als gleichpolige Magnete.

Verlegen blickte Jonas zum Wanderweg, aber von der Frau, die ihren Hund gerufen hatte war bisher nichts in Sicht. Lediglich das Tier selbst stand an der Einbiegung und bellte sich die Seele aus dem Leib.

Jonas ging in die Knie. „Musst du dich so aufregen?“ Seine ruhige Stimme und die friedfertige Geste wirkten, der Hund verstummte beinahe augenblicklich und neigte misstrauisch den Kopf. Anscheinend zufrieden mit dem Ergebnis seiner Inspektion, näherte er sich schwanzwedelnd und schnüffelte an Jonas‘ ausgestreckter Hand.

„Na, das is‘ doch schon viel besser.“

Das Fell des Hundes hatte eine unspektakuläre mausgraue Farbe, war jedoch dicht, warm und unglaublich weich. Glücklich tänzelte das Tier auf seinen Pfötchen, während Jonas seine steifen Finger in der flauschigen Unterwolle wärmte.

„Hier bist du!“ Eine junge Frau hetzte um die Ecke, in ihrer linken Hand baumelte eine Leine. „Tut mir wirklich leid!“, rief sie Erik und Jonas zu. „Ich würde ja sagen ‚eigentlich tut sie sowas nicht‘, aber seien wir ehrlich, sie tut es sehr wohl.“

„Kein Problem“, versicherte Jonas. „Sie kann ja auch ganz lieb sein.“ Er kraulte die Hündin abschließend noch einmal hinter den Ohren, bevor ihre Besitzerin sie anleinte und mit einer letzten Entschuldigung in die entgegengesetzte Richtung verschwand.

„Du hast ein Händchen für Tiere“, stellte Erik fest.

„Um‘s mit Marias Worten zu sagen: Ich hab ‘n Händchen für alles, dessen IQ erfolgreich an Limbo-Wettbewerben teilnehmen könnte.“

„Ich bin mir nicht sicher, was das jetzt über mich aussagt.“ Erik hob den Blick zum Himmel. „Gehen wir weiter? Mir gefällt das Wetter nicht. Da hinten wird es ganz schön düster.“

Jonas nickte und trottete voran, wünschte sich jedoch stumm, den Abstand zwischen ihnen wieder verringern, Eriks Hände erneut auf seinem Körper fühlen zu können. Immer wieder huschten seine Blicke zu Eriks Gesicht, in der Hoffnung zu erahnen, was er dachte.

„Ah, ich habe dir deine Frage von vorhin noch gar nicht beantwortet“, sagte Erik unvermittelt, als sie auf dem schmalen Pfad zurückgekehrt waren.

Verwirrt runzelte Jonas die Stirn. „Welche Frage?“

„Ob ich Beziehungen in den letzten Jahren bewusst aus dem Weg gegangen bin.“

„Oh. Stimmt.“ Jonas war sich nicht sicher, ob er die Antwort noch hören wollte.

„Du hast tatsächlich nicht ganz unrecht“, räumte Erik ein. „Die Vorstellung, nochmal eine feste Beziehung einzugehen macht mich nervös. Aber … Ah, wie sage ich das jetzt, ohne unnötigen Druck aufzubauen? Ich mag dich. Als Freund und in meinem Bett. Ich will mehr Zeit mit dir verbringen, viel mehr. Und das ist nichts, das ich in den vergangenen Jahren für jemand anderen empfunden habe.“

Es war unmöglich, das Lächeln, das sich auf Jonas‘ Gesicht ausbreitete aufzuhalten, genauso wenig, wie den Zweifel, der sich leise in seine Gedanken stahl. „Kann ich dich trotzdem noch fragen, warum dich Beziehungen nervös machen?“

Wieder antwortete Erik nicht sofort. Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Vermutlich, weil … Nein, das muss ich anders formulieren …“ Hilflos öffnete und schloss er die Hände. „Meine erste Beziehung war … nicht wirklich gut und sie hat eine Menge Trümmer hinterlassen, die ich mit in die zweite geschleppt habe. Die hätte zwar so oder so nicht funktioniert – heute ist mir das klar, damals war es das nicht – aber es hätte meinem Ex und mir einige schmerzhafte Momente erspart, wenn ich mit meinen Altlasten besser hätte umgehen können. Und ich kann nicht versprechen, dass ich jetzt dazu in der Lage bin.“ Erik zögerte, setzte mehrmals zum Sprechen an und schloss den Mund wieder, bis er hinzufügte: „Das war einer der Gründe, warum ich mich so spät gemeldet habe.“

Jonas wollte mehr wissen. Mehr über Erik und mehr über dessen Beziehungen, die offenbar ein so unglückliches Ende genommen hatten, aber er fürchtete, damit die bisher so gute Stimmung zu kippen. Erik schien sich entschieden zu haben, ihnen eine Chance zu geben und Jonas hatte keinerlei Interesse, seine Zweifel erneut aufflammen zu lassen, indem er zu lange auf ihnen zündelte.

„Du bist dran“, sagte Erik nach einer Weile.

„Womit?“

„Ich habe dir erzählt, warum mein letztes erstes Date ewig her ist. Jetzt will ich wissen, was es mit deinem allerersten Date vor drei Monaten auf sich hatte.“

Nervös starrte Jonas auf seine Schuhe, während er mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte. „Da war dieser Typ, den ich auf ‘ner WG-Party kennengelernt habe. Und … ähm … also …“ Zwischen ihm und Dominik war nie mehr passiert, als ein paar Versuche Händchen zu halten, die er auch noch abgeblockt hatte und trotzdem fühlte sich Jonas als müsse er beichten. „Er hat mich gefragt, ob ich wir, äh …“

„Eigentlich hat mich interessiert, warum du trotz Beziehung nie ein Date hattest“, unterbrach Erik Jonas‘ Stammeln.

„Bez–Oh. Du sprichst von Maria.“

„Mhm.“

Vermutlich hatte Erik bemerkt, dass Jonas die Geschichte mit Dominik unangenehm war und entschieden, das Thema zu wechseln. Dummerweise läutete er damit gleich die nächste Beichte ein. „Vom Regen in die Traufe“, murmelte Jonas zu sich selbst.

Fragend hob Erik eine Braue. „Ach ja?“

Zeit für die Wahrheit. „Maria und ich sin‘ bloß Freunde“, stieß Jonas hervor. Deutlich leiser fügte er hinzu: „War mir peinlich, vor dir zuzugeben, dass ich völlig unerfahren bin.“ Noch leiser schloss er seine Beichte ab: „Du warst mein erster richtiger Kuss.“

„Verstehe.“ Die kleine Falte zwischen Eriks Augenbrauen erschien und seine Lippen wurden schmal.

Unsicher schielte Jonas zu ihm, brauchte ein paar Sekunden, um genug Mut für seine Frage aufzubringen. „Bist … bist du sauer?“

„Was? Nein!“ Erik schüttelte den Kopf. Die kleine Falte blieb. „Ich kann mir nur bessere erste Küsse vorstellen. Vom restlichen Verlauf dieser Nacht mal abgesehen.“

Jonas verkniff sich ein Lachen. Erik, der ewige Perfektionist. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Jonas‘ erster Kuss wohl vor einem prasselnden Kaminfeuer und auf Rosen gebettet stattgefunden. Selbstverständlich, nachdem er zuvor monatelang umgarnt worden war. „Ich fand’s eigentlich ziemlich gut“, stellte er klar. „Zugegeben, das Ende hätte ‘n bissl anders laufen können, aber alles in allem kann ich mich kaum beschweren. Da hätte ich echt an beschissenere Typen geraten können.“

„Ah, danke?“

Jetzt lachte Jonas doch. „Gern geschehen. Obwohl ich es schon vorgezogen hätte, nich‘ erst zwanzig werden zu müssen, bevor mir jemand die Zunge in den Hals steckt.“

Eine Weile schlenderten sie schweigend nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und Jonas wurde das Gefühl nicht los, dass sich Erik eine Menge Fragen verkniff.

„Maria und ich waren unser gegenseitiges Alibi, damit der Rest der Welt aufhört uns zu nerven“, erklärte er. „Ihre Eltern sin‘ bei dem Gedanken, dass sie Sex haben könnt‘ zwar völlig ausgeflippt, aber als sie sich mit fünfzehn immer noch so gar nich‘ für Jungs interessiert hat, war’s auch nich‘ recht. Meine Eltern waren nich‘ ganz so prüde, aber genauso penetrant. Und weil sowieso jeder dachte, dass wir ‘n Pärchen wären, weil, wo kämen wir denn hin, wenn sich ‘n Junge und ‘n Mädchen einfach so gut verstehen, haben wir sie einfach in dem Glauben gelassen.“ Jonas kaute auf seiner Unterlippe. „Als ich mir zum ersten Mal eingestanden habe, dass ich Jungs viel spannender als Mädchen finde, war Maria für mich da. Sie hat mir durch ‘ne Menge Scham und Angst und Wut geholfen. Ich weiß nich‘, wie ich diese Zeit ohne sie überstanden hätte.“

„Ich glaube, langsam verstehe ich, wie wichtig sie für dich ist.“

Jonas lächelte breit. „Das is‘ sie definitiv.“

„Dann bin ich jetzt wohl an der Reihe, ein Geständnis zu machen.“ Plötzlich wirkte Erik ernst und Jonas‘ Lächeln erlosch.

„Was denn?“, fragte er misstrauisch.

„Ich dachte, nachdem du auch mit deiner Ex befreundet bist, wäre das keine große Sache, aber jetzt sieht das vielleicht etwas anders aus.“

Es war unmöglich, das ‚auch‘ in Eriks Satz zu überhören. „Du machst es ganz schön spannend …“

„Entschuldige, das war nicht mein Ziel. Du, ah, erinnerst dich sicher noch an Marco?“, fragte Erik.

„Klar.“ Jonas begriff, worauf er hinauswollte. „Ihr wart …?“

„Ja.“

Das erklärte Marcos zögerliche Reaktion, als Jonas ihn gefragt hatte, woher er und Erik sich kannten. „Der zweite Freund, nehme ich an?“ Das wenige, das Erik über seine erste Beziehung erzählt hatte, sprach nicht unbedingt für freundschaftliche Gefühle.

„Der zweite“, bestätigte Erik. „Ich hätte dir das wohl früher erzählen sollen, aber …“ Er seufzte. „Marco und ich sind schon so lange einfach nur Freunde, dass ich ehrlich gesagt gar nicht auf die Idee gekommen bin, darin ein Problem zu sehen. Bis er mir eine Standpauke gehalten hat, weil ich es dir verschwiegen habe.“ Erik blieb stehen und drehte sich zu Jonas. „Marcos Freundschaft ist mir wichtig, aber ich will auch nicht, dass du dich deswegen unwohl fühlst. Falls das so ist … Lass uns darüber sprechen, ja?“

Das war wohl Eriks Art, Jonas zu sagen, dass er die Freundschaft mit Marco im Zweifel über eine Beziehung mit ihm stellen würde und auch, wenn diese Erkenntnis schmerzte, gestand sich Jonas ein, dasselbe in Marias Fall zu tun. In seinem Kopf schwirrten viel zu viele Fragen, um auch nur eine davon herausgreifen zu können. Marco. Selbstbewusst, erfolgreich und lebenserfahren. Keine Scheu, der Öffentlichkeit zu zeigen, wem sein Herz gehörte. Wie konnte Erik von jemandem wie ihm, zu jemandem wie Jonas springen?

„Ah, siehst du die Büsche da drüben?“, fragte Erik. Er deutete auf eine dichtbewachsene Stelle neben dem Wanderweg, die die Sicht auf den See verdeckte.

Jonas brauchte einen Moment, um sich auf den unerwarteten Themenwechsel einzustellen, nahm die Ablenkung aber dankbar an. „Japp.“

„Man kann es von außen nicht erkennen, aber wenn man sich durch dieses Gestrüpp quetscht, kommt man zu einer kleinen Liegewiese direkt am See. Gerade genug Platz für eine Handvoll Leute und zum Glück ziemlich unbekannt.“

„Dein Stammplatz?“, fragte Jonas.

„Mhm. Habe ich vor ein paar Jahren mal zufällig beim Schwimmen entdeckt. Du bist der Erste, dem ich in dieses Geheimnis anvertraue.“

So trivial sich das für einen Außenstehenden anhören mochte, Jonas‘ Herz machte bei diesen Worten einen Hüpfer. Der Himmel über ihnen verdunkelte sich zunehmend, aber seine Aufmerksamkeit galt Eriks rechter Hand, die wenige Zentimeter neben seiner eigenen baumelte. Sollte er?

Behutsam streifte Jonas‘ Handrücken über Eriks. Ein Schauder breitete sich auf seiner Haut aus, zog bis tief in seinen Magen. Wachsam verfolgte er Eriks Reaktion, als er die Geste wiederholte. Erik musste die Berührung spüren, ließ sich jedoch nichts anmerken.

Jonas schluckte und hakte seinen kleinen Finger bei Erik ein. Endlich drehte dieser den Kopf, Überraschung in den Augen und ein Lächeln auf den Lippen. Jonas‘ ganzer Körper kribbelte. Wie konnte eine so unschuldige Berührung eine solche Wirkung entfalten?

Sie waren nicht die Einzigen, die dem schlechten Wetter trotzten. Hinter einer der zahlreichen Biegungen kam ihnen ein älteres Pärchen entgegen, dick eingehüllt in Gummistiefel, Regenjacke und Mützen über den grauen Locken. Instinktiv wollte Jonas seine Hand wegziehen, seine Verbindung mit Erik leugnen. Stattdessen verschränkte er nun auch ihre übrigen Finger miteinander.

Scheu nickte er dem Pärchen zu, murmelte ‚Grüß Gott‘, ganz so, wie es ihm von seinen Eltern beigebracht worden war. Das Paar erwiderte sein Nicken und stiefelte an ihnen vorbei. Damit war die kurze Interaktion beendet, doch als Jonas sich nach ihnen umdrehte, sah er, wie die Frau nach der Hand ihres Manns griff und die vertraute Geste imitierte.

„Ah!“

„Was?“ Die Frage hatte aggressiver geklungen als geplant, aber es war schwierig für Jonas, adäquat zu reagieren, während eine Wagenladung Adrenalin durch seine Adern jagte.

„Es fängt an zu regnen. Ich habe gerade einen Tropfen abbekommen.“

„Wirklich? Ich … Scheiße, doch. Wie weit isses noch zur Wirtschaft?“

„Nicht weit“, versicherte Erik. „Noch einmal ums Eck.“

Donner rollte über ihre Köpfe hinweg. Glücklicherweise stimmte Eriks Angabe und sie erreichten das Restaurant, kurz bevor sich die vereinzelten Wassertröpfchen zu rauschenden Fäden entwickelten, die die Erde benetzten und den Wanderweg in Schlamm verwandelten. Der weißgetünchte Putz, die warmen Holzrahmen der Fenster und die von Bäumen umrahmte Terrasse verliehen dem kleinen Lokal die Aura eines Hexenhäuschens in einem verzauberten Wald. Ein perfekter Unterschlupf bei schlechtem Wetter und gleichzeitig bestens geeignet, die Sommersonne zu genießen.

„Ah, Shit.“

Wenn Erik fluchte, konnte das nichts Gutes bedeuten. Jonas‘ Blick huschte zu den dunklen Fensterscheiben. „Lass mich raten … Ruhetag?“

„Betriebsurlaub.“ Stöhnend barg Erik das Gesicht in den Händen. „Tut mir leid. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Wenigstens können wir uns hier unterstellen, bis das Wetter ein wenig aufklart.“

„Nee, da weiß ich was Besseres.“ Lachend zog Jonas Erik zum Rand der Überdachung. "Wettlauf zum Auto! Der Gewinner … ähm … wird weniger nass?“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, sprintete er los. Schlamm spritzte auf und ruinierte seine Lieblingshose, die für sportliche Ertüchtigungen denkbar ungeeignet war.

„Unfair!“, rief Erik ihm hinterher und startete mit einigen Sekunden Verzögerung. Dafür, dass er behauptet hatte, zu selten Joggen zu gehen, holte er erschreckend schnell auf, aber auch, wenn Jonas seit einigen Monaten nicht mehr spielte, hatte er seine Fußballerbeine noch nicht völlig verloren. Sie lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Erik übernahm kurzfristig die Führung, als Jonas am Rand des Parkplatzes im Matsch ausrutschte und verzweifelt versuchte, sich nicht aufs Maul zu legen, doch mit dem Ziel in Sichtweite, aktivierte er seine letzten Kraftreserven und zog an seinem Kontrahenten vorbei.

„Ha!“ Atemlos lehnte sich Jonas gegen die Beifahrertür. „Gewonnen!“

„Nur … dumm für dich … dass ich … den Schlüssel … habe“, schnaufte Erik. Mit einem Knopfdruck entriegelte er die Tür, aber als er das Auto umrunden wollte, hielt Jonas ihn fest. Der Parkplatz war leer, er und Erik allein.

„Zeit für meinen Preis.“ Auffordernd tippte sich Jonas gegen die Lippen. Wenn er nervös gewesen war, als er Eriks Hand ergriffen hatte, stand er jetzt kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Er schloss die Augen.

Zärtliche Finger strichen nasse Strähnen aus Jonas‘ Stirn, erkundeten seine Wangen, streiften über seine erwartungsvoll geöffneten Lippen. Zunächst schmeckte Jonas nur Wasser. Dann schmeckte er Erik. Sanft, kaum wahrnehmbar und viel zu kurz.

„Mehr“, flüsterte Jonas in die Leere. Erik erfüllte seinen Wunsch.

Arm in Arm, versunken in ihrer eigenen Welt, lehnten die beiden an dem fliederfarbenen Ford. Ihre Hände suchten Halt am Körper des anderen; sie küssten, streichelten, erkundeten sich, schienen jede Berührung nachholen zu wollen, die ihnen in den letzten Wochen entgangen war.

Eisige Tropfen rannen von Jonas‘ Haaren über seinen Nacken und Rücken, bis sie seine Kleidung völlig durchweicht hatten.

„Du zitterst“, stellte Erik fest.

„Du doch auch.“

„Wollen wir …“ Erik zögerte.

„Zu dir?“, vervollständigte Jonas seinen Satz. „Japp, wollen wir definitiv.“

 

Autorenkommi:

Und es ist … ein Date! Oder wenigstens die erste Hälfte davon. In der Erik erstmal die Katze aus dem Sack lässt, dass seine Beziehung mit Marco nicht immer rein platonischer Natur war. Wer hätte es gedacht?

Was zuletzt geschah:

Endlich! Ein Date!
Jonas trifft letzte Vorbereitungen, quetscht sich in enge Hosen, die ihn hoffentlich von seiner besten Seite zeigen und durchschreitet die wilde Natur an Eriks Seite. Steine werden geworfen, fremde Hunde geknuddelt, zarte Annäherungsversuche gestartet. Viele ehrliche Worte und einen Regenschauer später, befinden sich die beiden auf dem Rückweg zu Eriks Wohnung.

 

Kapitel 20

Der fliederfarbene Ford kämpfte sich durch die Straßen Berlins.

„Warum vorhin so schüchtern?“, fragte Jonas. Seine Hand lag auf Eriks Oberschenkel.

„Schüchtern?“

„Du wolltest doch auch vorschlagen, dass wir zu dir fahren, oder? Warum hast du’s nich‘ einfach getan?“

„Ich …“ Erik setzte den Blinker und lenkte den Wagen in eine recht knapp bemessene Parklücke. „Ich wollte dir nicht das Gefühl geben, der Tag heute hätte nur zum Ziel, dich ins Bett zu bekommen.“

Jonas lachte. „Nich‘ mal, wenn ich will? Mal ganz davon abgesehen, dass wir dort schon längst gewesen sin‘.“

Erik schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. „Wir haben bei dieser ganzen Geschichte wohl ein paar Schritte durcheinandergewürfelt.“

„Solange jetzt nur noch die richtig guten Sachen kommen, werd ich mich nich‘ beschweren.“

Der Wagen schmiegte sich perfekt in die Lücke und Erik stellte den Motor ab. „So. Endspurt zu meiner Wohnung.“

Letztlich zogen die beiden es vor, gemächlich bis zur Eingangstür zu schlendern. Nach ihrem kleinen Abenteuer im Regen, konnten sie ohnehin unmöglich noch nasser werden und die irritierten Blicke der vorbeieilenden Passanten gaben ihnen das Gefühl, über einen Witz zu lachen, den nur sie verstanden.

Kaum war die Wohnungstür hinter ihnen zugefallen, lagen sie sich wieder in den Armen. Eriks Lippen waren kalt und Jonas stellte fest, dass es ausgesprochen schwierig war, mit klappernden Zähnen angemessen zu küssen.

„Wie klingt eine heiße Dusche und trockene Klamotten?“, fragte Erik, nachdem er offenbar zu demselben Schluss gekommen war.

„Verfickt verlockend.“ Jonas streifte seine Lederjacke von den Schultern und hängte sie an einen Kleiderbügel. Sein Kapuzenpullover schien ein Fass Wasser aufgesaugt zu haben und um seine Füße bildeten sich kleine Pfützen.

Erik sah nicht besser aus. Nun, genaugenommen sah das dunkelblaue Hemd, das wie eine zweite Haut an ihm klebte ziemlich gut aus, konnte aber auch nichts an der allgemeinen Begossener-Pudel-Aura ändern, die ihn umgab. „Dann ab mit dir ins Bad, ich suche derweil ein paar Klamotten raus, die ich dir leihen kann.“ Er deutete auf Jonas‘ Oberteil und Jeans. „Irgendwas, das nicht in den Trockner darf?“

„Nee, is‘ alles recht pflegeleicht.“ Auf dem Weg ins Badezimmer blieb Jonas im Türrahmen stehen. „Planst du, mich alleine duschen zu lassen?“

„Nur, wenn du mich explizit darum bittest“, rief Erik aus seinem Schlafzimmer. Er verließ es mit einem Packen Klamotten auf dem Arm. „Ich dreh nur schon mal die Heizung im Wohnzimmer auf.“

„Ich mach mich derweil nackig“, informierte Jonas ihn und öffnete den obersten Knopf seiner Jeans. Diese Hose im trockenen Zustand auszuziehen war bereits ein mittlerer Kraftakt, nass nahm das Problem noch einmal völlig andere Dimensionen an.

„Brauchst du Hilfe?“ Belustigt lehnte Erik an der Tür, die nassen Haare offen, den Haargummi ums Handgelenk gewickelt.

„Nee.“ Auf einem Bein hüpfend, zerrte Jonas am anderen Ende seiner Jeans. „Aber vielleicht will ich sie.“

„Halt still.“ Eriks Hände schoben sich unter Jonas‘ Oberteil, das kurz darauf mit einem feuchten Platschen auf den Fliesen landete. „Jetzt zum schwierigeren Teil.“ Er ging auf die Knie, strich über Jonas‘ Hüften, zeichnete die feinen roten Linien nach, die der Hosenbund auf seiner Haut hinterlassen hatte und begann, Jonas geduldig Stück für Stück aus der Jeans zu schälen, bis dieser frierend und nur noch mit engen Shorts bekleidet vor ihm stand. Erik zupfte an dem dunklen Stoff. „Soll ich dir damit auch noch helfen?“

Stumm nickte Jonas und fühlte, wie sein Körper auf die Berührung reagierte. Nackt, zitternd und ein wenig verlegen, rieb er über seine Oberarme. „Jetzt lass uns endlich duschen!“

„Geh schon mal vor, ich schmeiß noch kurz die Waschmaschine an.“

„Beeil dich!“

Das heiße Wasser war herrlich. Dampf erfüllte die Kabine und waberte in sanften Wellen davon, als Erik die Schiebetür öffnete, um Jonas Gesellschaft zu leisten. „Vielleicht noch einen Tick wärmer?“, schlug er vor.

„Kaltduscher, hä?“, spottete Jonas, der sich gut daran erinnerte, dass er die ersten Duschen bei Erik allein hatte nehmen müssen. Dennoch drehte er gehorsam den Griff des Hahns ein Stück nach links. Als er sich wieder umwandte und Eriks Gesichtsausdruck bemerkte, verfluchte er seine große Klappe. Da hatte er offensichtlich mal wieder Salz in eine noch sehr schmerzhafte Wunde gestreut. Entschuldigend strich er ein paar Haarsträhnen hinter Eriks Ohr. „Sorry. Ich versteh, warum du gelogen hast.“

„Es war trotzdem dumm von mir.“ Erik schmiegte seine Wange gegen Jonas‘ Hand. „Tut gut, mich nicht mehr verstecken zu müssen.“

Ein warmes Gefühl, das nichts mit den heißen Tropfen, die auf sie niederprasselten zu tun hatte, breitete sich in Jonas aus. In Augenblicken wie diesem, war Erik nicht länger der strahlende Held, der alles im Griff hatte, sondern ein junger Mann, der genauso verloren durch sein Leben stolperte wie Jonas selbst. „Scheiße, mir wird grad was klar!“

Misstrauisch hob Erik eine Braue. „Und das wäre?“

„Das is‘ echt das erste Mal, dass ich dich nackt seh!“ Jonas trat so weit zurück, wie die kleine Duschkabine zuließ und musterte Erik. Breite Schultern und Muskeln, die von vielen Stunden im Schwimmbad erzählten. Helle Haut, nur an Armen und Beinen von ein paar Haaren bedeckt. Dazu die Narben. Rot und blass, fein und wulstig. Alt, aber nicht vergessen. Jonas wandte den Blick ab. Nicht, weil er ihren Anblick nicht ertrug, sondern weil es so viel mehr an Erik zu sehen gab. „Fuck! Da is‘ mir bisher echt was entgangen.“

Lachend zog Erik Jonas wieder zu sich. Nur wenige Millimeter trennten ihre Körper voneinander und die Wirkung dieser Nähe war beiden deutlich anzumerken. Erik griff nach dem Duschgel, Seife schäumte unter seinen Fingern auf. Finger, die über Jonas‘ Brust kreisten, über seinen Bauch und tiefer, bis sie gestoppt wurden.

„Gib mir mal das Duschgel, solang ich noch klar denken kann“, nuschelte Jonas.

„Ah, und ich dachte, ich hätte dich schon so weit.“

„Bild dir bloß nich‘ zu viel ein. So!“ Kichernd spritzte Jonas eine ansehnliche Menge Duschgel auf Eriks Brust und nahm sich Zeit, jeden Zentimeter Haut zu erkunden. Warm dank der Dusche, schlüpfrig durch das Gel. Die Schultern von winzigen Sommersprossen übersät, der Bauch flach und definiert, mit einem Pfad goldener Härchen unterhalb des Nabels. Erik drehte den Spieß um und stoppte Jonas, bevor er eine Chance hatte, sich zu seiner so verlockend aussehenden Erektion vorzuarbeiten.

„Ich glaube, dein Rücken ist noch nicht ganz sauber“, raunte er. „Dreh dich um.“

Jonas stützte sich an der Wand ab, bemüht, seine empfindliche Brust vor den kühlen Fliesen zu schützen. Das Gefühl des Wassers, das über ihn perlte, wurde bald von Eriks Fingern überlagert. Sanft massierte er Jonas‘ unterkühlte Muskeln, hauchte Küsse auf seinen Nacken, drängte sich näher heran. Etwas Hartes rutschte zwischen Jonas‘ Pobacken. Halb belustigt, halb schockiert quiekte er: „Was tust du da?“

„Dich waschen“, erwiderte Erik gelassen.

„Mit deinem Schwanz?“

„Mhm. Der ist sehr gründlich.“ Erik knabberte an Jonas‘ Ohrläppchen, doch als er das nächste Mal sprach, war sein Ton ernst. „Ist dir das unangenehm? Soll ich lieber aufhören?“

Jonas bewegte seine Hüften, fühlte Eriks Penis über seine seifige Haut gleiten, fühlte die sanfte Reibung an dieser so intimen Stelle. Gänsehaut überzog seinen Körper. „N-nein“, wisperte er. „Nur … Isses okay, wenn wir‘s heut‘ dabei belassen und nich‘ gleich … ähm … in unbekannte Gebiete vorstoßen?“

„Natürlich. Ich hatte sowieso nicht geplant, hier und jetzt …“

„Oh. Okay, dann …“ Jonas lachte beschämt. „Shit, tut mir leid. Ich bin so scheißnervös.“ Er zuckte zusammen, als Eriks Hand kitzelnd über seine Hüftknochen strich, nur, um gleich darauf verhalten aufzustöhnen. Dieselbe Hand hatte sich seinem halb erigierten Glied angenommen.

„Fühlt sich das gut an?“, fragte Erik.

Jonas konnte nur nicken und vage murmelnd Zustimmung ausdrücken. Seine körperliche Reaktion sprach für sich selbst.

Mit der anderen Hand packte Erik Jonas‘ Hüfte, presste sich gegen ihn, seine Erregung deutlich spürbar. „Und das?“

„Auch“, hauchte Jonas.

„Soll ich weitermachen?“

Anstelle einer Antwort drängte sich Jonas enger an Erik, folgte seinen Bewegungen, passte sich dem schneller werdenden Rhythmus an. Eriks Hand schloss sich fest um Jonas‘ Erektion, seine Lippen fanden erneut dessen Ohrläppchen. Küssten und knabberten. Zähne hinterließen rote Spuren.

Wochen waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal so nahe gekommen waren und es dauerte nicht lange, bis das Stöhnen der beiden Männer von den Wänden hallte. Jonas‘ laut und sich überschlagend, Eriks rau und abgehackt.

Jonas warf den Kopf in den Nacken. „Erik, ich …“ Das verlangende Knurren, das Erik bei diesen Worten ausstieß, fegte seine letzte Selbstbeherrschung fort. Hitze erfüllte seinen Körper, seinen Verstand, nahm ihm die Sinne, die Kontrolle. Es grenzte an ein Wunder, dass er aufrecht stehenblieb, anstatt einfach auf den Kabinenboden zu sinken.

Erschöpft und noch nicht wirklich zu einem klaren Gedanken fähig, lehnte sich Jonas mit dem Rücken gegen Eriks Brust. „Fuck, das war …“ Er drehte den Kopf. „Ähm … Soll ich noch bei dir …?“

„Ah, das wird nicht nötig sein.“

Erst jetzt fühlte Jonas, dass Eriks Erektion nicht länger hart und verlangend zwischen seinen Pobacken rieb. Instinktiv wischte er über sein Steißbein, aber natürlich hatte das Wasser alle Spuren eines Höhepunkts längst fortgespült. Geistesabwesend starrte Jonas auf seine leere Hand. Allmählich flaute die Erregung ab und machte Platz für Scham.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Erik vorsichtig und riss Jonas damit aus seiner Starre.

„Jaah. Ja, klar. Alles okay.“ Er ließ sich gegen Eriks Brust sinken und genoss die Finger, die seinen Nacken kraulten. „Soll ich dir die Haare waschen?“

„Mhm, wenn du magst.“

Erik brummte wohlig, als Jonas das Shampoo in seine Kopfhaut massierte. „Du kannst das echt gut.“

„Ich war fast zwei Jahre lang der einzige, der meiner kleinen Schwester Vroni die Haare machen durfte. Also das Komplettpaket. Waschen, Föhnen, Kämmen. Es gab jedes Mal ein riesen Gezeter, wenn jemand anderes das übernehmen wollte.“ Darauf bedacht, keinen brennenden Schaum in Eriks Augen kommen zu lassen, spülte Jonas das Shampoo aus. Er lächelte, als er die Auswahl an Pflegespülungen bemerkte und ergänzte die Liste der Eigenschaften, die Erik bisher vor ihm verborgen hatte um ‚Eitelkeit‘. „Welche soll’s denn sein?“

„Egal, such dir eine aus.“

Jonas griff sich die erste Flasche, schnupperte daran und rieb nach Gefallen die Spülung in Eriks Haar. Dieser bedankte sich, indem er ihm dieselbe Behandlung zukommen ließ.

Hände wanderten und zärtliche Küsse wurden ausgetauscht, bis Jonas fürchtete, alle Luft in seinen Lungen durch Dampf ersetzt zu haben und keine Sekunde länger aufrecht stehen zu können. Resolut schnippte er gegen Eriks Ohr.

„Au!“

„Wenn mir in den nächsten dreißig Sekunden keine Kiemen wachsen, muss ich langsam raus dem Wasser.“

Nach einem zweifelnden Blick auf Jonas‘ Hals, drehte Erik das Wasser ab und schob die Tür auf.

„Scheiße, wir waren echt lange hier drin“, stellte Jonas fest. Seine Fingerspitzen waren aufgequollen und runzlig, der Spiegel dicht beschlagen. „Hey!“ Kurzfristig blind durch das Handtuch, das ihm Erik über den Kopf geworfen hatte, torkelte er durchs Bad.

Lachend, küssend und nur halbwegs trocken, schoben und zogen sich die beiden ins Wohnzimmer, in dem eine bequeme Couch und ein Stapel flauschiger Klamotten auf sie warteten.

„Du hast sie sogar über die Heizung gelegt.“ Glücklich kuschelte sich Jonas in die von Erik bereitgestellte Jogginghose und den Pullover, der eine gute Nummer zu weit für ihn war. „Und jetzt?“

„Tja.“ Erik rieb sich über den Nacken. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Tag so ins Wasser fällt. Eigentlich wollte ich mit dir essen gehen, aber so … Filme und Pizza? Oder etwas Anderes, das man liefern lassen kann?“

Jonas grinste. „Pizza is‘ perfekt!“

„Ich sehe mal nach, wer hier so liefert. Brauch nur schnell mein Handy. Ah, ach so“, Erik drückte Jonas einen Controller in die Hand, „such solange doch etwas raus, das wir gucken können. Meine Filmsammlung kennst du ja, ansonsten habe ich Netflix und Amazon Prime, gebe mich aber auch mit dämlichen YouTube-Videos zufrieden.“

Jonas starrte auf den Controller in seiner Hand. „Du hast ‘ne Playstation?“

„Mhm. Zurzeit komme ich aber kaum zum Spielen.“

„Dir is‘ schon klar, dass du mich jetzt nie wieder loswirst?“

Ein Lächeln huschte über Eriks Gesicht. „Ich denke, damit kann ich leben.“

Während Erik sein Handy holte und einen Lieferservice auswählte, klickte sich Jonas durch das Angebot der Streamingdienste. Es dauerte nicht lange, bis das Couchpolster neben ihm nachgab. Ein Arm legte sich um seine Schulter und Jonas schmiegte sich bereitwillig an Eriks warmen Körper.

„Wegen vorhin im Bad …“, begann Erik vorsichtig. „Tut mir leid, falls du dich unwohl gefühlt hast. Wenn du die Dinge langsamer angehen willst, ist das wirklich kein Problem.“

Im ersten Augenblick war sich Jonas nicht sicher, wovon Erik sprach, im zweiten wollte er leugnen und ihm dritten sah er ein, dass in diesem Fall Ehrlichkeit angesagt war. So schwer sie ihm auch fallen mochte. „Ich …“ Verdammt, er brachte es nicht über sich, Erik in die Augen zu sehen. Stattdessen zog er die Beine an die Brust und versteckte sein Gesicht halb hinter seinen Knien. „Ich hab mich nich‘ unwohl gefühlt. Wirklich nich‘. Ich war mir nur nich‘ sicher, worauf du hinaus willst und … Irgendwie war ich noch nich‘ bereit dafür, weiterzugehen. Was du ja auch gar nich‘ wolltest, also hab ich völlig umsonst so ‘nen Aufstand gemacht. Aber es war schön. Wirklich.“

„Wenn du das sagst …“ Erik klang nicht überzeugt. „Ich frage nur, weil du für einen Moment ausgesehen hast, als ob du am liebsten ganz woanders wärst. Und auch das letzte Mal, als wir, ah, als ich dich gefingert habe–“

Jonas wurde rot. Musste Erik das so offen aussprechen?

„–warst du am Anfang ziemlich angespannt. Damals habe ich es einfach auf Nervosität geschoben, aber wenn es etwas anderes ist, kannst du mir das ruhig sagen.“

Jonas rang sich ein schwaches Lächeln ab. „Das weiß ich, Erik. Ich weiß, dass ich dir sowas sagen kann, es is‘ nur schwer in Worte zu fassen. Ich glaub, ich denk in solchen Momenten einfach zu viel nach. Das is‘ aber nich‘ deine Schuld! Ich bin nur … Scheiße, das klingt jetzt bestimmt total bescheuert, aber …“ Und dann sprach er aus, was er eigentlich nicht einmal vor sich selbst hatte eigenstehen wollen. „Irgendwo tief in mir, fühlt sich das, was wir hier machen, immer noch falsch an.“

Jonas hatte mit Widerspruch gerechnet, aber Erik fragte lediglich: „Inwiefern?“

„Oh, ähm … Nich‘ körperlich falsch, oder so. Es is‘ nich‘ so, als würd ich’s nich‘ genießen. Ich meine eher … moralisch falsch. Einfach nich‘ …“, Jonas suchte nach einem passenden Wort und nahm letztlich das, das in der Stimme seiner Mutter durch seinen Kopf hallte, „gottgewollt.“

„Ah.“ Schwer zu sagen, was Erik darüber dachte.

„Ich weiß eigentlich, dass das Quatsch is‘!“, erklärte Jonas eilig. „Aber … ich kann nix gegen das schlechte Gewissen tun. Wenn ich geil bin, kann ich es irgendwo tief in eine Ecke meines Hirns verbannen, aber sobald die Erregung weg is‘, kommt es mit doppelter Wucht zurück.“ Er schüttelte den Kopf, lachte bitter. „Da bin ich wohl echt verkorkst. Sorry, dass du das abbekommst.“

Erik lachte nicht. Er wirkte ernst, nachdenklich, aber zu Jonas‘ Erleichterung nicht so, als wollte er die Beine in die Hand nehmen und ihn durch jemand unkomplizierteren ersetzen. „Kann ich etwas tun, um dir zu helfen, damit umzugehen?“

„Keine Ahnung.“ Hilflos starrte Jonas auf seine fest verschränkten Finger, bog sie, bis die Knöchel knackten. „Mir sagen, dass es in Ordnung is‘? Mir zeigen, dass es in Ordnung is‘? Dass dieses Verlangen was ganz Natürliches is‘ und kein Grund, sich zu schämen?“

„Es ist in Ordnung.“ Erik legte einen Finger unter Jonas‘ Kinn, überzeugte ihn wortlos, ihn anzusehen. „Völlig in Ordnung. Du tust, was dir guttut, ohne dabei anderen zu schaden. Wie könnte das schlecht sein?“

„Keine Ahnung“, nuschelte Jonas. „Warum denken immer noch so viele, es sei schlecht?“

„Weil sie Arschlöcher sind“, erwiderte Erik trocken.

Dieses Mal stahl sich ein echtes Lächeln auf Jonas‘ Gesicht, seine gute Laune erlosch jedoch ebenso schnell, wie sie aufgeflammt war. „Meine Eltern sin‘ keine Arschlöcher, aber sie scheinen trotzdem der Meinung zu sein, dass Homosexualität was Abartiges is‘.“

„Vielleicht mussten sie ihre Meinung einfach noch nie hinterfragen.“

„Vielleicht.“ Jonas grub sich tiefer in die Couch. „Sorry, ich weiß, dass du auch nich‘ auf alles eine Antwort haben kannst. Das is‘ wohl Etwas, das ich mit mir selbst ausmachen muss.“ Wieder sank sein Blick zu seinen Händen und er bemerkte das Zittern seiner Finger. Zorn wallte in ihm auf. Zorn, weil er diesen wunderbaren Moment nicht vollends genießen konnte. Zorn, weil er zuließ, dass die Meinung anderer schwerer wog als seine eigene. Zorn, weil er so beeinflussbar war. Aber diesem Zorn stand etwas entgegen. Trotz. Entschlossen hakte er seine Finger ins Eriks Kragen und zog ihn zu sich. „Vielleicht muss ich einfach üben.“

Jonas und Erik hatten keine Augen für die YouTube-Videos, die sich in einer beständigen Abwärtsspirale der dunklen Seite des Internets näherten. An diesem Abend schafften es nur zwei Dinge, ihre Aufmerksamkeit kurzfristig auf Anderes als ihr Gegenüber zu lenken. Der Pizzaservice und das Piepen des Trockners, das für Jonas‘ Geschmack viel zu früh erklang.

„Du kannst gerne noch bleiben“, bot Erik an, während Jonas wieder in seine eigenen Klamotten schlüpfte, die sich plötzlich schrecklich eng und kratzig anfühlten.

„Würd ich schon gern, aber ich muss morgen ja früh raus und wenn ich mich nich‘ langsam beeile, hab ich auch noch ‘n Problem mit dem Anschlussbus.“

„Ah, zumindest das kann ich dir abnehmen“, sagte Erik. „Ich fahre dich natürlich nach Hause.“

Verblüfft blickte Jonas von seinen Schnürsenkeln auf. „Das musst du wirklich nich‘. Noch bin ich ja rechtzeitig dran. Glaub ich. Außerdem hast du schon die Pizza übernommen. Und die Wasserrechnung.“

„Natürlich habe ich das alles übernommen“, erwiderte Erik. „War ja auch mein Datevorschlag. Wenn du das nächste planst, kannst du ja …“ Er stoppte. „Also nur, falls du …“

Jonas schlang seine Arme um Erik und drückte ihn fest an sich. „Klar will ich dich wiedersehen!“

 

Erik parkte in zweiter Reihe, direkt vor Jonas‘ Eingangstür. „Da wären wir.“

„Danke fürs fahren.“ Jonas lehnte sich zu ihm und hauchte einen Kuss auf seine Wange, bevor er auch nur in Versuchung geraten konnte, einen Kontrollblick aus dem Fenster zu werfen, um sicher zu stellen, dass sie nicht beobachtet wurden. „Und danke für den tollen Tag.“ Bisher hatte er es für ein dämliches Klischee aus Liebesromanen gehalten, doch seine Lippen waren tatsächlich wundgeküsst und die Stellen, gegen die Eriks Bartstoppeln gerieben hatten gerötet. Gedankenverloren strich Jonas darüber, sein Mund zu einem dümmlichen Grinsen verzogen.

„Es war schön, mal so viel Zeit mit dir verbringen zu können“, sagte Erik. „Wollen wir das bald wiederholen?“

„Klar!“ Jonas nickte eifrig, der nächste Sonntag schien ihm jedoch viel zu weit entfernt. „Ähm, du arbeitest ja hier in der Gegend. Magst du vielleicht, also wenn das bei uns beiden zeitlich aufgeht, mal zu mir kommen, bevor du in den Club gehst? Ich könnt was kochen oder so.“

Erik lächelte wie ein Junge, der ein heißersehntes Weihnachtsgeschenk unter dem Tannenbaum erspäht hatte. „Sehr gerne.“

„Irgendwas, das du nich‘ isst?“

„Du meinst, abgesehen von Fleisch?“

„Oh. Gut, dass du mich dran erinnerst.“

„Ich bin unkompliziert, versprochen.“

„Dann sehen wir uns in ein paar Tagen?“, fragte Jonas hoffnungsvoll.

Falls das überhaupt möglich war, wurde Eriks Lächeln noch ein wenig freudiger. „Unbedingt.“

Jonas verabschiedete sich mit einem letzten Kuss und stieg aus. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen und er schaffte es, die wenigen Meter zur schützenden Tür zurückzulegen, ohne seine frisch getrockneten Klamotten erneut zu durchweichen. Sobald Jonas seine Wohnung betreten hatte, zog er sein Handy aus der Jackentasche, um Maria von seinem Date zu erzählen. Stattdessen sah er zwei verpasste Anrufe seiner Mutter.

Stirnrunzelnd drückte er die Rückruftaste und wartete ungeduldig, bis sich am anderen Ende eine vertraute Stimme meldete.

„Hallo Spatz, schön, dass du anrufst.“

„Is‘ bei euch alles okay?“

„Aber ja. Warum fragst du?“

„Mama!“, rief Jonas. „Es is‘ nach zehn und du hast zweimal versucht mich zu erreichen! Ich hab mir Sorgen gemacht, dass was passiert is‘!“

„Das brauchst du doch nicht“, entgegnete seine Mutter gelassen. „Es ist nur ein ruhiger Abend und ich dachte, ich könnte mich mal bei dir melden. Wir haben uns die ganze Woche nicht gesprochen.“

Jonas setzte sich auf sein Bett und atmete tief durch. „Diese Woche war viel los. Sorry, ich sollte wohl versuchen, mich öfter mal zu melden.“

„Ist schon okay, Spatz. Jetzt haben wir uns ja erreicht. Hattest du ein schönes Wochenende?“

„Hatte ich.“ Da war wieder dieses Lächeln, das er nicht mehr loszuwerden schien. „Ich komme gerade v–“ Er verstummte. Das Lächeln verschwand.

„Woher kommst du gerade?“, hakte seine Mutter freundlich nach. „Ich bekomme ja gar nichts mehr von dir mit. Dabei dachte ich schon, du hättest viele Geheimnisse vor mir, als du noch bei uns gewohnt hast.“

„Ach Mama, ich hab doch keine …“ Jonas konnte den Satz nicht guten Gewissens vervollständigen. Unruhig tippte er mit dem Zeigefinger gegen sein Handy. Natürlich hatte er Geheimnisse vor seinen Eltern. Jeder hatte Geheimnisse vor seinen Eltern, aber ihnen nicht einmal von einem wundervollen Date erzählen zu können, war unendlich schwer. Er fühlte sich schuldig, weil er ihnen diese Dinge vorenthielt und er war wütend auf sie, weil er glaubte, sie ihnen vorenthalten zu müssen. „Ich war mit einem Freund unterwegs“, würgte er schließlich hervor.

„Wie schön! Jemand von der Uni?“

„Nee, wir … Er arbeitet bei mir in der Nähe.“

„Ich bin froh, dass du neue Kontakte knüpfst“, sagte seine Mutter. „In den letzten Jahren warst du ja fast nur noch von Frauen umgeben. Deine Schwestern, Maria … Ich fand es immer schade, dass deine Freundschaft mit Clemens wegen ihr auseinandergegangen ist.“

„Ach Mama, wie oft denn noch?“, fragte Jonas augenrollend. „Dass Clemens und ich uns nich‘ mehr so oft gesehen haben, hatte überhaupt nix mit Maria zu tun.“

„Dir ist das vielleicht gar nicht so aufgefallen“, widersprach seine Mutter, „aber du hast damals plötzlich schrecklich viel Zeit mit ihr und gar keine mehr mit ihm verbracht.“

„Wir haben uns doch mehrmals die Woche beim Fußball gesehen!“

„Und vor Maria hat er praktisch bei uns gewohnt. Ich verstehe ja, dass eine Freundin viel Zeit in Beschlag nimmt, aber …“ Sie seufzte. „Ich will mich nicht mit dir streiten. Du kennst meine Meinung dazu. Jedenfalls bin ich froh, dass du neue Freunde in Berlin gefunden hast.“

Neue männliche Freunde, ergänzte Jonas innerlich. Laut sagte er: „Bin ich auch. Wie läuft’s im Apfelbäumchen?“

„Im Moment ist es noch relativ ruhig“, antwortete seine Mutter. „Ein paar Skifahrer, die ihr Glück in den Bergen versuchen und auf der Durchfahrt bei uns halten, ansonsten eben die üblichen Stammgäste. Ich soll dich übrigens von Heinz und Moni grüßen.“

„Danke, grüß sie auch von mir.“

„Zur Wandersaison wird es dann sicher wieder mehr. Aber wir merken schon, dass deine Hilfe fehlt. Wenn Christine ihr Abi hat und vielleicht auch wegzieht, müssen wir uns etwas überlegen. Oma kann nicht mehr so wie früher, Vroni ist noch zu jung um wirklich helfen zu können und nur Papa und ich schaffen das nicht.“

Jonas schloss die Augen. Natürlich musste seine Mutter ein weiteres Thema finden, mit dem sie ihm ein schlechtes Gewissen einreden konnte. Eine Sekunde später schimpfte er sich für seine eigene Verständnislosigkeit. Seine Mutter kam so oft auf das Apfelbäumchen zu sprechen, weil es hier verfickt nochmal um ihre Zukunft ging. Es war völlig normal, dass sie sich Gedanken darum machte.

Die Bleikugel, die seit Beginn des Gesprächs in seinem Magen lagerte legte noch ein paar Kilo zu.

„Oh, da fällt mir ein“, fuhr seine Mutter fort, nachdem Jonas die angemessene Zeit für eine Erwiderung hatte verstreichen lassen, „weißt du schon, wann du zu uns kommst? Du kommst doch zu uns, wenn die Uni vorbei ist, oder?“

Vorbei is‘ die Uni in vier Jahren“, neckte Jonas, froh um den Themenwechsel. „Aber ja, ich hatte schon vor, in den Semesterferien zu euch zu kommen. Wenigstens eine oder zwei Wochen.“ Erschrocken riss er das Handy vom Ohr. „Mama! Hast du gerade wirklich gequietscht?“

„Entschuldige, Spatz.“ Sie klang nicht, als täte es ihr leid. „Wir vermissen dich bloß so sehr.“

„Ich vermisse euch auch.“ Wenigstens hier konnte er absolut ehrlich sein. „Ich glaub, so Anfang März wär ganz gut, was meinst du? Dann sin‘ die Schulferien vorbei und die Tickets nich‘ so teuer. Außerdem is‘ dann im Apfelbäumchen vielleicht ‘n bissl weniger los.“

„Das ist eine gute Idee, das halten wir erst mal so fest, ja? Ich muss langsam Schluss machen, Papa schreit nach Unterstützung.“

„Wir können ja bald wieder telefonieren“, schlug Jonas vor. „Muss ja nich‘ immer ‘ne Woche vergehen.“

„Das machen wir.“ Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. „Ist da noch etwas, das du mir erzählen willst?“

„Was soll ich denn noch erzählen wollen?“, fragte Jonas.

„Ich weiß nicht“, antwortete seine Mutter. „Du hast vorhin bloß ein wenig bedrückt gewirkt.“

Jonas schluckte und hoffte, dass er weniger ertappt klang, als er sich fühlte. „Es geht mir gut. War nur … War nur einfach eine anstrengende Woche, das is‘ alles.“

„Dann ruh‘ dich mal gut aus. Gute Nacht, Spatz.“

„Euch auch ‘ne gute Nacht. Grüß Papa!“

Nachdem Jonas aufgelegt hatte, wählte er kurzentschlossen Marias Nummer.

„Hi, Jonas.“ Sie gähnte herzhaft.

„Sorry, hab ich dich geweckt?“

„Nö“, beruhigte Maria ihn. „Ich dachte mir schon, dass du anrufst.“

„Oh, okay. Dann is‘ ja gut.“

„Wie war dein Date? Ich weiß, dass du nur darauf wartest, davon zu erzählen.“

„Es war scheißgenial!“, rief Jonas und ignorierte Marias amüsiertes Lachen. „Wir waren Spazieren, aber das Restaurant hatte zu und dann sin‘ wir in ‘nen verfickt fiesen Regenschauer geraten und waren patschnass und mussten unsere Klamotten trocknen und …“

„Luftholen, Jonas! Luftholen!“, unterbrach Maria ihn.

Jonas lachte verlegen. „Sorry.“

„Fangen wir mal ganz ruhig von vorne an. Wo wart ihr spazieren?“

Knapp und mit einigen gut hörbaren Atemzügen dazwischen, fasste Jonas sein Date mit Erik zusammen, ersparte ihnen beiden allerdings die Peinlichkeit, auf die Details der gemeinsamen Dusche einzugehen. Seine Erzählung endete mit: „Und dann hat er mich sogar nach Hause gefahren.“

„Hm.“ Marias Fähigkeit, ihrem Missfallen mit einer einzigen Silbe Ausdruck zu verleihen war beeindruckend.

„Was?“

„Es ist nur … Er klingt ganz schön dominant.“

„Dominant?“ Jonas dachte an ihre ersten Treffen, an die Dinge, die Erik mit ihm angestellt, an die raue Stimme, die Befehle in sein Ohr geflüstert hatte, aber gleich darauf erinnerte er sich an die Momente, in denen Erik Schwäche gezeigt und Trost in Jonas‘ Armen gesucht hatte. „Oberflächlich betrachtet vielleicht. Aber eigentlich isser echt lieb.“

„Was ich meine ist …“ Maria seufzte. „Es war seine Entscheidung, dass ihr euch überhaupt noch mal seht. Er hat entschieden, wann, wo und was ihr macht. Er scheint den kompletten Ablauf zu bestimmen und du ziehst einfach mit.“

„Maria, das is‘ völliger Unsinn“, widersprach Jonas. „Er wollte mir einfach ‘ne Freude machen, deshalb hat er die Planung übernommen. Aber ich hätte doch jederzeit sagen können, dass ich was nich‘ mag. Scheiße, er hat gefragt, was ich machen will. Mir is‘ bloß nix eingefallen, also hab ich’s ihm überlassen.“

„Hm.“

„Was?“

„Tut mir ja leid!“, zischte Maria genervt. „Es ist nur … Ich bin mir nicht sicher, was ich von dem Kerl halten soll.“

„Du kennst ihn ja noch nich‘ mal!“

„Vielleicht ist das genau das Problem“, sagte sie. „Ich weiß nur das über ihn, was du mir bisher erzählt hast und ehrlich, das klingt nicht besonders gut. Erst gestern warst du ein heulendes Häuflein Elend, weil er dich ewig zappeln lässt mit seiner Entscheidung, ob du jetzt gut genug für ihn bist oder nicht und nicht mal vierundzwanzig Stunden später schwärmst du mir die Ohren voll. Wie ein treudoofes Hündchen, das bedingungslos seinem Herrchen folgt, obwohl er es gerade getreten hat. Hauptsache, er schmeißt regelmäßig ein paar Leckerchen hin oder krault es hinter den Ohren.“

„Is‘ das … dein Ernst?“ Maria hatte Jonas gegenüber schon ein paar Mal sehr deutliche Worte gefunden, aber das hier war eine völlig neue Ebene.

„Sorry, Jonas. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich habe nur Angst, dass er es könnte. Es klingt einfach ein wenig, als würde er deine Bewunderung genießen und dich fallenlassen, sobald er genug davon hat, sich darin zu suhlen.“

„So ist das nich‘!“, protestierte Jonas.

„Wenn du das sagst … Pass nur einfach auf, dass du dich nicht zu sehr verbiegst, nur um irgendeinem Kerl zu gefallen, der nicht weiß, was er an dir hat.“

„Ja, okay. Mach ich. Ähm … Ich muss langsam Schluss machen. Bin müde.“

„Och, Jonas“, seufzte Maria. „Sei mir doch nicht gleich böse, nur weil ich mir Sorgen um dich mache.“

„Ich bin dir nich‘ böse“, log er. „Nur … erschöpft.“

„Na schön“, gab sie nach. „Wir sprechen uns aber bald wieder, ja?“

„Klar. Meld dich einfach. Und mach dir nich‘ so ‘nen Kopf wegen der Prüfungen.“

„Danke. Bis eben hatte ich nicht mehr daran gedacht.“

„Gern geschehen. Gute Nacht.“

Jonas warf sein Handy neben sich und drückte das Gesicht in die weichen Kissen. Maria lag falsch. Sie kannte Erik nicht, hatte keine Ahnung, wie ihre Beziehung aussah.

Zugegeben, Erik hatte eine dominante Ader, nur hatte ja gerade diese Jonas anfangs so angezogen und tat es bis heute. Ihm daraus jetzt einen Strick zu drehen, war völliger Unsinn. Außerdem hatte Erik inzwischen oft genug bewiesen, dass ihm Jonas‘ Wohlergehen am Herzen lag.

Trotzdem hat er dich ganz schön zappeln lassen, flüsterte eine Stimme in ihm, die verdächtig nach Maria klang. Vielleicht bist du ihm einfach nicht so wichtig wie er dir.

Jonas presste die Hände auf die Ohren, als könnte er damit seine eigenen Gedanken aussperren. Er hatte einen wundervollen Tag verbracht, mit einem Mann, der ihn liebevoll und umsichtig behandelte. Es gab absolut keinen Grund, Eriks Motive anzuzweifeln.

Aber wenn das stimmte, wieso taten Marias Worte dann so weh?

 

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EmmyUrlaubs Profilbild
EmmyUrlaub Am 25.03.2018 um 22:32 Uhr
Huhu Noxxy,

ich bin noch nicht ganz durch... deswegen kein konkreter Kapitelkommentar, sondern ein allgemeines DANKESCHÖN für diese zauberhafte Story. (Bis jetzt ;)) bin ich ja ein bisschen verliebt in Erik, und mag die Impulsivität und authentische Sprache von Jonas. - Und auch den Berlin Eindruck.

Du hast großartiges Talent und ich hab' beim Lesen öfters mal mich selbst vergessen und fühlte mich zurückversetzt in meine ehemalige Wahlheimat. Zumindest in meinen Kopf malst du tolle Bilder, nicht nur in den Sexszenen. ;) Von denen bin ich aber besonders fasziniert... weil sie so intensiv und leidenschaftlich sind, und trotzdem total glaubwürdig, ohne was von Schmuddellyrik zu haben. GROSS-ARTIG!

Einfach Liebe!
xx E
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Noxxy (Autor)Am 26.03.2018 um 15:31 Uhr
Hey :)

Aww, vielen Dank für die lieben Worte!

Es freut mich sehr, dass dir die Geschichte bisher gefällt. Ich muss ja zugeben, dass ich bisher noch nie in Berlin war - umso erleichterter bin ich, dass ich die Stadt offenbar dennoch halbwegs einfangen konnte. Das ist sehr schön zu lesen :)

Weiterhin viel Spaß mit der Geschichte und nochmal vielen Dank!

LG
Noxxy
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Tonmond Am 08.03.2018 um 8:42 Uhr
Hallo Noxxy, ich finde Raupe im Neonlicht richtig fesselnd! Du beschreibst den schwierigen und langatmigen Weg von Jonas hin zu einem befriedigenden Sexualleben einfach klasse und lässt auch die kleinen Pannen und Unannehmlichkeiten nicht weg, wenn man, wie Jonas, erst wenig Erfahrung hat. Dadurch ist die Geschichte echt lustig und unterhaltsam zu lesen. Ich finde es super, dass Du kein Blatt vor den Mund nimmst und die Dinge direkt beim Namen nennst. Ich bin gespannt, wie es mit dem armen Kerl weitergeht! Lieber Gruß, Tonmond Mehr anzeigen
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Noxxy (Autor)Am 09.03.2018 um 19:12 Uhr
Hey :)

Vielen Dank für dein liebes Review. Es freut mich sehr, dass dir die Geschichte bisher gefällt!

LG
Noxxy

Autor

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Statistik

Kapitel: 21
Sätze: 5.193
Wörter: 59.907
Zeichen: 354.177

Kurzbeschreibung

Das Abitur frisch in der Tasche, entschließt sich Jonas, das beschauliche Dorfleben gegen die flitternden Lichter der Großstadt zu tauschen. In Zukunft soll Berlins Luft seine Lungen mit Feinstaub und Freiheit füllen. Zum ersten Mal auf sich selbst gestellt, navigiert er durch die unruhigen Gewässer neuer Erfahrungen und alter Probleme und findet in einer unerwarteten Begegnung die Chance, eine Seite an sich zu erforschen, die er bisher sorgfältig verborgen hatte. Doch schnell muss Jonas einsehen, dass es eine Menge Mut erfordert, zu sich selbst zu stehen. [Coming-of-Age/Romantik/Erotik, FSK 18, Slash. Updates: Jeden Freitag.]

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Entwicklung und Erotik gelistet.