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Raupe im Neonlicht

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15.12.2017 14:15
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Workaholic

Prolog

Künstliches Licht erhellte dunkle Straßen, Autos dröhnten über Asphalt. Es war spät geworden.

„Das war das letzte Teil.“ Erschöpft sank Jonas gegen die Wand, wischte eine Strähne aus seiner verschwitzten Stirn. Aus der Wohnung gegenüber drang laute Musik, ließ den Umzugskarton neben seinen Füßen vibrieren.

„Hoffentlich kannst du bei diesem Krach schlafen.“ Das besorgte Gesicht seiner Mutter erschien in seinem Sichtfeld. Holzspäne zierten ihre schwarze Hose, Schweißränder verfärbten den Kragen ihrer Bluse. Sie deutete hinter sich, in das winzige Ein-Zimmer-Apartment. „Papa und ich haben den Schrank fertig aufgebaut und der Schreibtisch wackelt nicht mehr. Du musst nur noch das Bett beziehen und die restlichen Kartons auspacken. Dabei können wir dir leider nicht mehr helfen, wenn wir heute noch nach Hause fahren wollen.“

„Kein Ding“, versicherte Jonas. „Schaut lieber zu, dass ihr sicher ankommt. Ruft kurz durch, wenn ihr da seid.“

Seine Mutter lächelte, eine Spur Betrübtheit in den dunklen Augen, die seinen so ähnlich waren. „Schon seltsam, diesen Satz zur Abwechslung aus deinem Mund zu hören. Kaum verlassen sie das Nest, werden sie gleich ganz erwachsen.“ Ihre Finger strichen über die Wange ihres Sohns, zupften an dessen Haaren. „Ich wünschte nur, du hättest dir das mit der Frisur noch einmal überlegt. Schlimm, die Seiten so kurzrasiert und dann bloß ein bisschen was Langes in der Mitte. Wie ein Rattennest.“

Mürrisch schob Jonas ihre Hand weg. „Lass den Scheiß, Mama. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Und du wirst trotzdem darauf achten, wie du mit uns sprichst.“ Jonas‘ Vater lehnte am Türrahmen, klopfte Staub von seinen Händen. Weder seine kräftige Statur, noch die rotblonden Haare hatten sich bei seinen drei Kindern durchgesetzt und Jonas hoffte inständig, dass das auch für die Neigung zur Glatzenbildung galt, die im vergangenen Jahr sehr deutlich geworden war.

„Sorry, Papa“, murmelte er zerknirscht, rief sich in Erinnerung, dass er nur noch wenige Minuten durchhalten musste. Bald wären die beiden auf dem Weg in ihr winziges, bayerisches Dorf und er befreit von jeder elterlichen Zurechtweisung. „Also … dann macht’s mal gut.“

Unschlüssig standen seine Eltern im Hausgang, schienen ihr ältestes Kind nicht sich selbst überlassen zu wollen. Jonas keuchte auf, als er sich unerwartet in einer zweifachen Umarmung wiederfand, der Kopf seiner Mutter an seine Brust, der seines Vaters an seine Schulter gelehnt. Wann war er über sie hinausgewachsen?

Zu seiner eigenen Überraschung, drückte Jonas seine Eltern fest an sich, wurde, nun, da der definitive Abschied nahte, doch noch von seinen Gefühlen übermannt. „Kommt gut heim, ja?“

„Aber ja“, versicherte sein Vater. „Und du passt auch gut auf dich auf. Berlin ist ein ganz anderes Pflaster als unser Dörfchen.“

„Ich verstehe immer noch nicht, weshalb du gleich ans andere Ende Deutschlands ziehen musst.“ Die Stimme seiner Mutter war tränenschwanger.

„Ich hab nun mal bloß in Berlin ‘nen Studienplatz bekommen“, erwiderte Jonas und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie froh er darüber war.

„Und dann noch diese voreilige Trennung von Maria. Das arme Mädchen ist sicher am Boden zerstört“, redete seine Mutter weiter, vielleicht, um sich nicht anmerken zu lassen, dass erste Tränen über ihre Wangen rollten. „Als wolltest du alle Brücken hinter dir abbrechen.“

„Das will ich ganz sicher nich‘!“, beteuerte Jonas. Er hörte Schritte im Gang, schaffte es aber nicht, sich aus der Umarmung zu lösen, bevor bereits ein böswilliges Kichern erklang, gefolgt von einem undeutlichen Murmeln, das sich verdächtig nach ‚Muttersöhnchen‘ anhörte. Ein Schlüssel klickte, die Musik aus der Nachbarwohnung wurde lauter, dann schloss sich die Tür mit einem Knall und dämpfte den Lärm wieder.

Resolut schob Jonas seine Eltern von sich. „Ihr geht jetzt lieber. Den Rest schaff ich schon ohne euch.“

„Komm noch mit zum Auto“, bat sein Vater. „Wir haben da eine kleine Überraschung für dich.“

Die silbrige Oberfläche glänzte matt im künstlichen Licht, Jonas‘ Finger fuhren über das wohlbekannte Firmenlogo. „Danke.“ Das Wort klang lahm in seinen Ohren, aber mehr brachte er nicht heraus.

„Dein jetziger Laptop war doch schon alt als du ihn von Maria bekommen hast und wir dachten, fürs Studium könntest du etwas Neues brauchen.“ Sein Vater schlug die Kofferraumtür zu.

„Danke“, wiederholte Jonas.

„Gern geschehen, Spatz“, sagte seine Mutter. „Wir sind sehr stolz auf dich.“

Weitere Umarmungen, mahnende Worte und Abschiedstränen folgten, bevor Jonas endlich allein in seinem frisch eingerichteten Reich war. Sein Blick huschte über das schmale Bett, die winzige Küchenzeile, den alten Holztisch seiner Eltern. Vor dem Fenster stand sein neuer Schreibtisch, an der Wand daneben ein zweitüriger Schrank. So wenig und dennoch war damit sämtlicher Platz aufgebraucht. Der Boden war mit Kartons vollgestellt, in denen sich Bücher, Comics, Fotografien, Kleidung und anderer Kram stapelten. Jonas hatte vieles mitgenommen und noch mehr zurückgelassen.

Sanft legte er sein neues Notebook auf dem Bett ab, direkt neben seine geliebte Lederjacke und die günstige, aber treue Digitalkamera, die er vor Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Nach kurzem Abwägen, machte er sich ans Auspacken. Vermutlich war es sinnvoll, wenigstens dafür zu sorgen, dass er sich am nächsten Morgen nicht im Halbschlaf durch bergeweise Kartons wühlen musste, um überhaupt das Haus verlassen zu können.

Schwarze Kapuzenpullis wanderten in Jonas‘ Kleiderschrank, dicht gefolgt von Shirts mit bekannten und unbekannten Kunstaufdrucken, Röhrenjeans und Boxershorts. Die Hemden, auf die seine Mutter bestanden hatte, verschwanden in einem der obersten Fächer, der von seiner Oma gestrickte Wollpulli erhielt einen Ehrenplatz am Kleiderbügel, auch, wenn Jonas ihn vermutlich nie tragen würde. Zehn Minuten und zwei leere Kartons später, entschied er, für heute genug getan zu haben.

Jonas schnappte sich seine Kamera und kletterte auf den unter seinem Gewicht ächzenden Schreibtisch. Zwei Tage vor seiner Abreise hatte er in mühevoller Handarbeit Fotos ausgeschnitten, sie in kleine Plexiglasanhänger gestopft und diese an den weißen Vorhängen befestigt, die nun das Fenster einrahmten. Jonas‘ Eltern, seine Großmutter, seine beiden Schwestern Christine und Vroni; Maria, die lieber alleine in München studierte als mit ihm in Berlin und Clemens, sein Kindheitsfreund, dem er seit Jahren aus dem Weg ging, ohne sich ganz von ihm lösen zu können – sie alle lächelten Jonas entgegen und brachten ein kleines Stück Heimat in die Fremde.

Nach langen Sekunden wandte Jonas‘ seinen Blick von der Vergangenheit ab und der Zukunft zu. Grelle Reklametafeln bewarben die an der Straße aufgereihten Lokale, ein Plattenbau, der sich in nichts von dem Haus unterschied, in dem Jonas die nächsten vier Jahre leben sollte, versperrte die Aussicht.

War Jonas‘ Geburtsort von zartem Grün überzogen, pulsierte in Berlin Neonlicht durch tristes Grau. Schwungvoll stieß er das Fenster auf, atmete abgasgeschwängerte Luft und brüllte seine Ekstase nach draußen. „HALLO BERLIN!“

„HALT DIE SCHNAUZE!“ Offensichtlich teilte einer seiner Nachbarn Jonas‘ Enthusiasmus nicht.

Der ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, hüpfte zurück auf den Teppich und startete sein Notebook. Das Alte, das bereits mit dem WLAN verbunden und startklar war.

Endlich war er allein, konnte tun und lassen was er wollte, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen.

Endlich konnte er sich entfalten, befreit von den konservativen Ketten seines Dorfs.

Endlich konnte er in Ruhe wichsen, ohne Gefahr zu laufen, dass jemand in sein Zimmer platzte.

Bald dröhnte kehliges Stöhnen durch Jonas‘ Kopfhörer, auf dem im Dunkeln glimmenden Bildschirm gab sich ein Mann einem anderen bedingungslos hin.

Endlich brauchte Jonas nicht mehr zu fürchten, dass seine Familie von seiner Homosexualität erfuhr.

Was letzte Mal geschah

Jonas hat seinem Geburtsort den Rücken gekehrt und ist fürs Studium nach Berlin gezogen. Dort hat er einen ersten Eindruck bei den Nachbarn hinterlassen, seine Eltern zum vorläufig letzten Mal umarmt und sich mithilfe schneller Internetverbindung und exhibitionistisch veranlagter Kerle kräftig einen von der Palme gewedelt.

 

Kapitel 1

Der Duft nach frisch aufgebrühtem schwarzem Tee umwehte Jonas‘ Nase. „Hier, Frau Kleiber. Assam, kein Zucker, etwas frische Milch.“ Er stellte die Tasse auf dem Tisch ab, an dem soeben ein älteres Ehepaar platzgenommen hatte. „Ihr Kaffee kommt gleich, Herr Kleiber. Wir haben heut übrigens ‘nen wunderbaren Himbeerkuchen. Ich durfte schon ‘n Stück, ähm, nennen wir es ‚vorkosten‘.“ Von Jonas‘ erstem Arbeitstag an, kam das Ehepaar Kleiber jeden Nachmittag in das kleine Café, bestellte Tee und Kaffee und fragte nach dem Kuchenangebot des Tages.

„Ach, Jonas, Sie sind wirklich eine echte Perle“, lobte Frau Kleiber, nachdem sie vorsichtig an ihrem Tee genippt hatte. „Willie und Helga haben so ein Glück, Sie gefunden zu haben.“

Verlegen winkte Jonas ab. „Ich mach doch bloß meinen Job.“ Mal ganz davon abgesehen, dass Frau Kleiber ihn an seinem ersten Tag dreimal zurück in die Küche geschickt hatte, weil der Tee nicht perfekt zubereitet gewesen war. Das Wasser war zu heiß, das Wasser war zu kühl, der Tee zulange gezogen, nein, selbst aufgießen würde sie ganz sicher nicht. Eine ‚echte Perle‘ war man bei ihr vermutlich schon dann, wenn man in den vierten Versuch nicht hineinspuckte und anschließend kündigte. „Soll ich Ihnen zwei Stück vom Himbeerkuchen bringen?“, fragte Jonas mit seinem geduldigsten Lächeln.

„Bitte, tun Sie das.“

Jonas eilte zur Theke, machte sich daran, zwei großzügige Kuchenstücke abzuschneiden und nickte einem anderen Gast zu, der ihm signalisierte, zahlen zu wollen.

„Jonas, du bist ja noch da.“

Die brummige Stimme seines Chefs ließ ihn zusammenzucken. „Wo sollt ich denn sonst sein?“

„Musst du nicht zur Uni? Deine Schicht ist seit einer halben Stunde vorbei.“

„Was?“ Panisch holte Jonas sein Handy aus der Tasche, warf einen Blick auf die Uhrzeit. „Fuck, das hab ich völlig übersehen. Ich, ähm, ich kassier noch schn–“

„Jetzt geh schon“, wies sein Chef ihn an.

„Wir haben meine Schichten für nächste Woche noch nich‘ geklärt!“

„Ruf nach der Uni einfach kurz durch. Oder morgen, das reicht auch noch. Jetzt geh, du willst dein Studium doch nicht schon im ersten Semester vergeigen.“

Dankbar schlüpfte Jonas nach hinten, entledigte sich seiner Schürze und tauschte das dunkle Hemd gegen Kapuzenpulli und Lederjacke. Hastig eilte er zum Ausgang, drehte sich an der Tür jedoch noch einmal um und winkte. „Bis nächste Woche!“

Jonas stürzte durch den kühlen Herbstregen, trampelte blind durch Pfützen, trat in der eindeutig zu langsamen Bahn ungeduldig auf der Stelle, hetzte die letzten Meter zur Uni und die viel zu vielen Stufen nach oben, bis er abrupt vor dem Vorlesungssaal stoppte. Dort holte er einmal tief Luft, bevor er möglichst leise durch die Tür schlich. Glücklicherweise ließ sich der Dozent durch die Störung nicht aus der Ruhe bringen und fuhr mit seinem Vortrag fort, als hätte er Jonas‘ Existenz gar nicht registriert. Nach kurzer Suche strebte Jonas zielgerichtet auf die hintere Reihe zu, in der er gewellten Himmel, goldene Locken und schwarze Seide entdeckt hatte.

„Hey! Hab ich was verpasst?“, fragte er flüsternd die drei Kommilitonen, die er nach den ersten Wochen am ehesten als seine Freunde bezeichnen konnte.

Esther, gepierct, tätowiert, mit prächtig blau gefärbten Haaren, schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

„Ist bis jetzt stinklangweilig“, fügte Larissa hinzu. Ein wenig zu laut. Ausgehend von dem Zucken ihres Dozenten, war ihr Kommentar problemlos bis in die vordersten Reihen zu hören gewesen.

Kemal hüllte sich wie immer in Schweigen und Jonas entschied, es ihm für den Rest der Vorlesung gleichzutun.

„Maaan!“ Larissa streckte sich genüsslich. „Man sollte meinen, nach zwölf Jahren Schule wäre ich an die lange Sitzerei gewöhnt, aber hier ist das irgendwie noch schlimmer. Zum Glück haben wir sonst hauptsächlich Seminare, sonst würde ich echt eingehen. Keine Ahnung, wie meine Mitbewohnerin ihr Studium packt. Wer studiert denn bitte freiwillig Maschinenbau?“

Das kleine Grüppchen stand im Gang vor dem Vorlesungssaal, versperrte den Weg für genervt vorbeieilende Studenten.

„Hatte ich eigentlich schon erzählt, dass es ein paar meiner Graffitis in die Zeitung geschafft haben?“, fuhr Larissa fort, als sich niemand besonders für das Studium ihrer Mitbewohnerin zu interessieren schien.

„Echt?“ Neugierig neigte Esther den Kopf, um einen Blick auf das Foto des Zeitungsartikels erhaschen zu können, das Larissa auf ihrem Handy herumzeigte. „Das ist ja toll.“

„Ach, naja, ich hatte sie halt taktisch gut platziert und in meinem Heimatort ist Streetart noch eher unbekannt“, antwortete Larissa bescheiden. „Hier in Berlin würde kein Hahn danach krähen.“

„Trotzdem klasse! Ich war schon stolz, als eines meiner Bilder einen regionalen Oberstufenwettbewerb gewonnen hat. ‚Bestes Acrylgemälde Nordrhein-Westfalens‘. Klingt schon irgendwie bescheuert.“

„Immer noch besser als ‚bestes Webdesign des Wettbewerbs für Schüler der neunten bis zwölften Klassenstufe des Saarlands‘“, warf Kemal ein. „Wir hatten wahrscheinlich so drei Leute, die überhaupt daran teilgenommen haben.“

Die anderen lachten.

„Ich geh mal kurz pissen. Bin gleich zurück.“ Jonas verschwand hinter der Tür der Herrentoilette und atmete einmal tief durch. War er wirklich der einzige in diesem verfluchten Studiengang, der noch keine Preise eingeheimst hatte, bevor er überhaupt Laufen konnte? Frustriert stellte er sich an eines der Pissoirs, weit entfernt von dem einzigen anderen Studenten im Raum. ‚Charly‘ war ebenfalls in ihrem Studiengang, aber abgesehen von einem kurzen ‚Hallo‘ an ihrem ersten Tag, hatten sie zu Jonas‘ Bedauern noch kein Wort miteinander gewechselt. Im Gegensatz zu Jonas, der stets bemüht war, seine sexuelle Orientierung so gut wie möglich zu verbergen, schien Charly mit sämtlichen Klischees zu kokettieren. Seine Stimme war unnatürlich hoch, er lispelte ein wenig und das Innere seines Schranks musste nach Narnia führen, nur, dass die Weiße Hexe jetzt die Pinke Queen war, die überall Glitzerstaub statt Schnee verteilte. Zu gerne hätte Jonas Charly näher kennengelernt, doch er traute sich nicht, den ersten Schritt zu machen.

„Wenn du noch länger starrst, verlange ich Geld dafür.“

„Was?“ In Gedanken versunken hatte Jonas überhaupt nicht bemerkt, dass sein Blick fest auf Charlys Gesicht geheftet gewesen war. Rasch wandte er sich ab. „Sorry.“

„Hast du Angst, dass ich dir was weggucke?“

„Was? Nee, ich …“ Jonas verstummte. Was sollte er schon sagen?

„Keine Sorge, ich bin wirklich nicht verzweifelt genug, um mich im Klo auf wildfremde Minipimmel zu stürzen.“

„Ich wollte nich‘ …“

„Erspar uns beiden deine Ausflüchte“, würgte Charly ihn ab, ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Bevor die Tür hinter ihm zufiel, konnte Jonas ihn noch ‚Scheiß homophobe Arschlöcher‘ murmeln hören. Frustriert von sich selbst und seiner Feigheit, beendete Jonas, was er angefangen hatte, wusch sich die Hände besonders gründlich, um sicher zu gehen, dass Charly weg war und schlüpfte nach draußen.

„Und?“ Larissa war die Einzige, die auf ihn gewartet hatte. „Welche Laus ist dir so über die Leber gelaufen?“

„Keine“, murrte Jonas unwillig. „Bin bloß müde. Stand seit sieben im Café.“

„Bah, eklig. Das ist doch kein Studentenleben.“ Sie neigte den Kopf, schien nachzudenken. „Eine Freundin von mir hat in einem Club gearbeitet. War wohl ganz zufrieden, hat jetzt aber einen Job in irgendeiner Zeitungsredaktion ergattern können und die suchen aktuell einen Nachfolger für sie. Soll ich mal fragen, ob sie dich weitervermittelt?“

Jonas überlegte. Er mochte das Café und seine Besitzer, aber sie bezahlten gerade so den Mindestlohn und abgesehen von den Kleibers, knauserten die Gäste gerne mit dem Trinkgeld. „Weißt du was? Tu das mal, wenn’s keine Umstände macht.“

 

Die Neonlichter, die in großen, geschwungen Lettern TIX buchstabierten waren ausgeschaltet und die schlichte Stahltür passte sich nahezu perfekt an das mausgraue Gebäude an. Beinahe wäre Jonas an seinem Ziel vorbeigelaufen.

Auch im Club selbst war die Beleuchtung gedämpft, die Tische im hinteren Bereich versanken im Schatten. Jonas‘ nasse Stiefelsohlen quietschten unangenehm laut auf dem frisch gewischten PVC-Boden. Es war ungewohnt, einen beliebten Szene-Club so menschenleer zu sehen und es dauerte einen Moment, bis Jonas die dunkel gekleidete Gestalt entdeckte, die auf einem der Barhocker an der Theke platzgenommen hatte. Sie war so auf das Tablet in ihrer Hand konzentriert, dass sie sein Eintreten noch nicht bemerkt hatte.

„Ähm, hi.“ Jonas hatte nicht wirklich laut gesprochen, aber der leere Raum warf seine Stimme von den Wänden zurück.

Der Mann an der Bar blickte nicht auf, schien ihn jedoch gehört zu haben. „Jonas Staginsky, nehme ich an?“

„Japp.“

„Setzen Sie sich.“ Er deutete auf den Hocker neben ihm.

Als Jonas näherkam, konnte er das Gesicht des Mannes besser erkennen. Er war überraschend jung; vielleicht Anfang dreißig. Seine blonden Haare waren zu einem nachlässigen Knoten gebunden, mit seinen Wangenknochen hätte man Glas schneiden können und über seiner geraden Nase funkelten Augen, deren Farbe Jonas im schummrigen Licht nicht ausmachen konnte. Seine Schultern waren breit, die Hände, mit denen er noch immer das Tablet hielt gepflegt, die Finger lang und feingliedrig. Der Typ sah gut aus und alles an seinem Verhalten sprach dafür, dass er das wusste.

„Sie sind zu spät.“ Eine Stimme wie samtenes Tuch über rauem Fels.

„Sorry, hab meinen Bus verpasst.“ Das war eine dreiste Lüge, aber Jonas‘ Gegenüber schien sich ohnehin nicht besonders für ihn zu interessieren.

„Schon gut. Sie sind sowieso der letzte Kandidat für heute.“ Noch immer hatte der Mann keinen Blick für ihn übrig.

Jonas zog den Hocker, den man ihm angeboten hatte ein Stück weg und setzte sich. Er fühlte eine altbekannte Hitze auf seinen Wangen und hoffte, dass die Röte, die sie überzog in diesem Licht nicht zu erkennen war.

„Mein Name ist Erik Kolb“, stellte sich der Mann endlich vor. „Ich bin der kaufmännische Leiter dieses Clubs.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Okay, das hatte genauso auswendig gelernt geklungen, wie es war.

Zum ersten Mal blickte Kolb auf und musterte Jonas eingehend. Nichts ließ erkennen, was er über seinen Bewerber dachte. „Sie wollen also hier an der Bar arbeiten?“

„An der Bar, an der Garderobe, als Reinigungskraft. Was auch immer mir hilft, die Miete zu zahlen.“

Zum ersten Mal zeigte sich ein schmales Lächeln auf Kolbs Gesicht. „Ah, das überzeugt mich natürlich von Ihrer Motivation für den Job.“

„Ich kann Ihnen auch vorschwärmen, wie erfüllend ich es finde, jeden Abend Betrunkene noch betrunkener zu machen, bis sie auf die Tanzfläche kotzen. Is‘ dann Ihre Sache, ob Sie mir das abkaufen.“ Jonas biss sich auf die Lippe. Sehr gut, so bekam man Jobs. Immer schön den Boss anmaulen.

„Haben Sie Erfahrung im Gastgewerbe?“ Kolb hatte offensichtlich beschlossen, Jonas‘ patzige Antwort zu übergehen.

„Meine Eltern haben ‘ne Wirtschaft. Ich kellnere, seit ich ‘ne Halbe tragen kann.“

„Hier in Berlin?“

„Nee, bin erst vor ein paar Wochen fürs Studium hergezogen.“

„Verstehe. Sie studieren …“, Kolb warf einen flüchtigen Blick auf das bläulich leuchtende Display des Tablets, das wohl Jonas‘ ursprüngliche E-Mail an ihn zeigte, „… an der Universität der Künste?“

„Japp.“

„Hm. Standen Sie auch schon mal hinter einer Bar?“

„Nee, jedenfalls nix, was mit dem Club hier vergleichbar wäre. Wir haben natürlich auch Alk ausgeschenkt, aber halt mehr für gutbürgerliche Stammtische und so.“

„Wie sind Sie auf die Stelle hier gekommen? Wir haben sie nicht öffentlich ausgeschrieben.“

„Über die Freundin einer Freundin“, antwortete Jonas ehrlich. „Im Moment jobbe ich in ‘nem Café, aber ich würd lieber nachts arbeiten.“

„Hm …“ Kolb zog das Tablet, das er eben erst zur Seite gelegt hatte wieder zu sich, wischte darauf herum. „Ich setze Sie mal auf die Liste für die engere Auswahl. Wenn alle Gespräche durch sind, melden wir uns noch mal bei Ihnen.“

„Das war’s schon?“, fragte Jonas verstimmt. „Sagen Sie doch gleich, dass Sie mich nich‘ nehmen.“

Kolb hatte nur ein müdes Lächeln für ihn übrig. „Wir haben hier eine hohe Fluktuation. Die meisten Mitarbeiter sind Studenten, die einen Job brauchen, der sich mit den Vorlesungszeiten vereinbaren lässt und aufhören, sobald sie etwas Besseres gefunden haben. Kaum einer macht den Job länger als ein paar Monate. Wir sind deshalb immer froh, für diesen Fall schon ein paar geeignete Kandidaten in der Hinterhand zu haben. Gut möglich, dass wir uns bei Ihnen melden, selbst wenn es dieses Mal nicht gleich mit der Stelle klappt.“ Er stand auf. Das graue Hemd und die dunkle Weste, die er darüber trug, betonten seinen schlanken Oberkörper, der in schmale Hüften überging. „Wir können uns noch den hinteren Bereich ansehen und ich erzähle Ihnen ein bisschen was über die Stelle. Dann wissen Sie schon mal, was auf Sie zukommt, falls wir Sie nehmen.“

Wortlos folgte Jonas Kolb durch eine unscheinbare Tür in einen Gang, der zur Abwechslung hell erleuchtet war. Das kalte Licht stach in Jonas‘ Augen und er blinzelte.

Kolb deutete zum anderen Ende des Gangs. „Dort hinten ist das Büro der Clubbesitzerin, die Tür rechts davon ist meines. Das hier links ist der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter.“ Der Raum war klein, aber gemütlich. Wild zusammengenwürfelte Hocker und Stühle, eine Garderobe mit Schließfächern, ein Kühlschrank und eine Kaffeemaschine hatten irgendwie ihren Platz darin gefunden.

„Gleich hier“, Kolb öffnete die Tür neben einem Lastenaufzug, hinter der sich eine breite Steintreppe verbarg, „ist der Lagerraum.“ Er ließ Jonas den Vortritt. Vorsichtig stieg dieser die ungewohnten Stufen hinab; mit jedem Schritt wurde es kühler, bis er sich selbst dafür verfluchte, seine Jacke zuhause gelassen zu haben.

Das flackernde Licht beleuchtete mit diversen Spirituosen gefüllte Regale. Im hinteren Bereich stapelten sich Getränkekisten und einige Kartons mit Orangen, Zitronen und Limetten. Jonas wusste nicht, was er erwartet hatte, im Großen und Ganzen unterschied sich der Lagerraum kaum von dem seiner Eltern. Er drehte sich um.

Kolbs Körper blockierte die Tür, sein Gesicht lag im Halbschatten, sodass Jonas nur die vornehm geschwungenen Lippen erkennen konnte, auf denen ein feines Lächeln lag. Es war schwierig, nicht darauf zu starren wie ein Reh aufs Scheinwerferlicht.

„Wie stehen meine Chancen, die Stelle zu bekommen?“, wollte er wissen, hauptsächlich, um sich abzulenken. „Also keine Warteliste und so ‘n Schei–“, Jonas räusperte sich, „Schrott, bei dem ihr euch dann irgendwann meldet, wenn ich längst mitm Studium fertig bin.“

„Ganz ehrlich?“ Kolb musterte ihn, wägte seine Worte ab. „Ihre Referenzen sind nicht schlecht, aber wir suchen im Moment nur eine Kraft und es gibt zwei oder drei Bewerber, die deutlich mehr Erfahrung speziell in diesem Bereich mitbringen. Allzu große Hoffnungen sollten Sie sich nicht machen.“

Jonas unterdrückte einen obszönen Fluch. Die Stelle wäre der Jackpot gewesen. Der Club war keine zehn Minuten von seiner Wohnung entfernt und der Stundenlohn deutlich besser als alles, was man ihm bisher angeboten hatte. Andererseits: Wollte Jonas wirklich mit Kolb zusammenarbeiten? Er war nicht unfreundlich, aber zumindest distanziert und eher kühl; wirkte wie ein Mann, der stets die Kontrolle behielt. Eine Wesensart, die Jonas leider recht anziehend fand und für seinen Chef zu schwärmen, war eine Peinlichkeit, auf die er gut verzichten konnte.

Kolbs Stimme riss ihn alsbald aus seinen nicht mehr gänzlich jugendfreien Gedanken. „Die endgültige Entscheidung liegt allerdings nicht bei mir, sondern bei der Besitzerin.“

„Scheiße, da hätte ich mir meinen ganzen Charme ja sparen können“, erwiderte Jonas frech. Jetzt war es ja auch schon egal.

„Mein Glück, dass Sie es nicht getan haben.“

Dieser nonchalant vorgetragene Satz brachte Jonas für einen Augenblick aus der Fassung. Kolbs süffisantes Lächeln ebenfalls.

Sie nutzten mir aber nix!“ Jonas hoffte inständig, dass Kolb das kurze Zögern vor seiner Erwiderung nicht bemerkt hatte.

„Ah, ein Opportunist. Schade für mich.“ Kolb trat einen Schritt zur Seite und gab die Treppe frei. „Ich lege dennoch ein gutes Wort für Sie ein.“

Bevor sich Jonas darüber klarwerden konnte, ob das eben ein kleiner Flirt gewesen war, oder sein hormonverseuchtes Hirn ihm einen Streich gespielt hatte, stand er bereits im Regen, die Tür des Clubs fest verschlossen.

Was zuletzt geschah:

Jonas hat die ersten Wochen in Berlin genutzt, um sich in der fremden Stadt einzuleben und neue Kontakte zu knüpfen. Neben dem Besuch seiner Vorlesungen und Seminare, bewirtet er in einem kleinen Café anspruchsvolle Gäste für den Mindestlohn und verprellt Kommilitonen, weil er ihnen auf der Toilette zu lange ins Gesicht starrt. Larissas Angebot, ihm ein Vorstellungsgespräch in einem Club zu vermitteln, ist eine willkommene Abwechslung aus dem jetzt schon eingetretenen Alltagstrott, allerdings verläuft das Gespräch nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte.

 

Kapitel 2

Winzige Regentropfen leuchteten im Licht der Neonröhren auf, bevor sie die Erde benetzten.

„Och komm schon, Jonas!“ Larissa zerrte an dessen Arm. „Warum denn nicht ins Tix? Da ist’s echt geil!“

„Ich mag halt nicht“, murrte Jonas ausweichend. Er hatte sich so auf den Abend gefreut. Tanzen, feiern und saufen. Kurzum, das Studentenleben genießen, aber natürlich wollten seine Freunde ausgerechnet ins Tix. Als ob Berlin keine anderen Clubs zu bieten hatte.

„Hattest du dich da nicht beworben?“ Mist. Warum musste sich Kemal alles merken? Nicht einmal Larissa schien sich daran zu erinnern, dabei hatte sie ihm das Gespräch überhaupt erst vermittelt.

„Jaah, schon irgendwie.“

„Dann haben sie dich nicht genommen?“

„Nee. Haben mir angeboten, mich auf die Warteliste zu setzen, aber das wollt ich dann echt nicht.“

„Pah!“ Larissa schnaubte. „Die haben doch keine Ahnung, wer ihnen da entgeht! Komm, wir gehen da jetzt hin, machen richtig fett Party und du freust dich darüber, nicht auf der anderen Seite der Bar stehen zu müssen!“

„Hab ich überhaupt ‘ne Wahl?“ Kraftlos ließ sich Jonas schrittweise von Larissa zur hell erleuchteten Tür ziehen.

„Absolut keine!“, bestätigte diese seine Vorahnung.

„Jedenfalls nicht, wenn du weiter Teil unserer supercoolen Clique sein willst“, bekräftigte Esther grinsend.

Jonas rollte mit den Augen. „Allein, dass du das Wort ‚supercool‘ verwendest, macht dich zu so einem unglaublichen Nerd.“

„Weniger meckern, mehr saufen!“ Esther legte einen Arm um seine Schultern und half Larissa, ihn über den Gehweg bis vor den imposanten Türsteher zu schleifen.

Leise seufzend zahlte Jonas den Eintritt, schielte auf die verbleibenden Euroscheine in seinem Geldbeutel und überschlug rasch, wie sehr er sich betrinken konnte, ohne den Rest des Monats von Nudeln mit Ketchup leben zu müssen.

Gut gefüllt und passend ausgeleuchtet, machte das Tix deutlich mehr Eindruck als an dem Nachmittag seines Vorstellungsgesprächs. Kein House, sondern rockige Indie-Mukke dröhnte über die Tanzfläche, auf der Jonas spontan gleich zwei Kerle entdeckte, die seinem Beuteschema entsprachen.

„Na, haste dir schon Eine ausgeguckt?“ Larissa steuerte einen kleinen Bartisch an, der wie ein Wunder noch frei war.

„Nee, so schnell geht das bei mir nicht“, flunkerte Jonas. Ihre Annahme, er würde hier nach Frauen suchen, korrigierte er nicht. „Ich hol uns mal was zu trinken.“ Halb tanzend, halb drängelnd, arbeitete er sich zur Bar vor und beobachtete die ausgelassen Feiernden, bis ihm der Barmann seine Aufmerksamkeit schenkte.

„Was darf es denn sein?“

Jonas drehte den Kopf, um ihn zu antworten und stockte. Fuck!

Auch Kolb schien überrascht, Jonas wiederzusehen, aber nach der ersten Schrecksekunde verzog sich sein Mund zu einem süffisanten Lächeln.

Aller Bemühungen zum Trotz, konnte Jonas die Bilder, die sofort vor seinem inneren Auge aufstiegen nicht vertreiben. Sie hatten keine Viertelstunde miteinander verbracht, und doch hatte sich Kolb erfolgreich in Jonas‘ Fantasie geschlichen, ihn sogar bis in seine Träume verfolgt.

Kolb, der mit undurchschaubarer Miene vor ihm stand und mit seiner samtenen Stimme verkündete, was er von ihm erwartete. Kolb, dessen athletischer Körper seinen Worten Nachdruck verlieh. Kolb, der Jonas an seine Grenzen und darüber hinausbrachte. Ihn mit dem Hauch eines Lächelns für seine Hingabe belohnte.

Der echte Kolb zog fragend eine Braue nach oben. „Also?“

„Vier … Vier Wodka-Bull“, stammelte Jonas.

„Hm?“ Kolb tippte gegen sein linkes Ohr, um zu signalisieren, dass er ihn über den Krach nicht verstehen konnte und Jonas bemerkte um ersten Mal die beiden winzigen, silbernen Stecker darin. Einen Augenblick lang starrte er wie hypnotisiert darauf, bevor er sich erinnerte, weshalb er überhaupt mit Kolb sprach. „Wodka-Bull!“, brüllte er, dieses Mal viel zu laut. „Vier!“ Zur Verdeutlichung hielt er vier Finger in die Höhe.

Kolb nickte. „Tut mir leid, dass es mit der Stelle nicht geklappt hat!“, rief er, während er die Gläser mit Eis füllte.

„Passt schon.“ Wieder zu leise, aber Kolb schien zumindest die Essenz seines Satzes begriffen zu haben. Lauter fragte Jonas: „Warum stehen Sie an der Bar? Das ist doch sicher nicht Ihr Job!“

„Krankheitsausfall!“

„Kein Ersatz?“

Kolb schüttelte den Kopf, kippte Wodka in die Gläser. Eine gute Mischung. „Zu kurzfristig.“

„Ich hätte Zeit gehabt!“

Das entlockte Jonas‘ Gegenüber ein Lächeln, jedoch keinen Kommentar. „Hier.“ Kolb stellte die vier Gläser und Dosen auf den Tresen. „Macht zwanzig Euro.“

Das war günstig und dennoch war damit die Hälfte von Jonas‘ Budget verbraucht, selbst, wenn er auf Trinkgeld verzichtete. Was er nicht tat, denn er wusste sehr genau, wie hart dieser Job sein konnte.

Jonas überreichte Kolb das Geld und schnappte sich die insgesamt acht Getränke. Wenn er es schaffte, sie heil an ihren Platz zu balancieren, gab er Kolb vielleicht einen weiteren Grund zu bedauern, ihn nicht eingestellt zu haben. Falls er es schaffte. Bei seinem Glück würde er sich gleich mächtig auf die Fresse legen.

Bevor ihn das Getümmel auf der Tanzfläche vollends verschlingen konnte, warf Jonas einen Blick zurück. Mehrere Gäste an der Bar versuchten verzweifelt, Kolbs Aufmerksamkeit zu erregen, aber der hatte nur Augen für Jonas. Er lächelte.

 

„Fuck, ich muss pissen!“ Jonas gestikulierte grob in Richtung der Toiletten, war sich aber nicht sicher, ob Kemal und Esther ihn überhaupt bemerkt hatten. Sie waren völlig in die Musik versunken, lachten, hüpften, ließen ihre Hüften gegeneinanderprallen und schienen den Spaß ihres Lebens zu haben. Larissa war schon vor einiger Zeit mit einem Typen abgezogen, den sie an der Bar aufgerissen hatte.

Ein wenig schwerfällig tapste Jonas zu der Treppe, die zu den ein Stockwerk tiefer gelegenen Toiletten führte. Kolbs großzügige Mischung hatte ganze Arbeit geleistet und die drei Bier, die ihm seine Freunde im Anschluss ausgegeben hatten, waren auch nicht hilfreich gewesen. Desorientiert starrte er auf die drei Türen vor ihm, brauchte einen Augenblick, bis er ihre Beschriftung dechiffriert hatte. Kreis mit Kreuz nach unten: Frauen. Privat: Nun ja, privat eben. Kreis mit Pfeil nach oben: Da wollte er hin.

Die Toiletten waren verhältnismäßig sauber. Dem Geruch nach zu urteilen, war dem einen oder anderem Gast im Laufe des Abends der Alkohol nicht ganz bekommen, aber immerhin holte sich Jonas keine nassen Füße oder musste sich demnächst auf diverse Krankheiten testen lassen.

Nachdem er seine Blase entleert hatte, ließ Jonas kaltes Wasser über Hände und Handgelenke laufen und verrieb einige Tropfen auf seinen Schläfen. Mit etwas weniger Nebel im Kopf, starrte er auf sein Spiegelbild. Seine Augen waren gerötet, seine Haare zerzaust und seine Klamotten saßen nicht ganz so, wie sie sollten. Alles in allem sah man ihm an, dass er einen guten Abend hatte.

Zufrieden verließ er die Toiletten und rempelte beinahe einen anderen Kerl um. „Ups, sorry!“

„Schon gut.“

Zum zweiten Mal an diesem Abend, blickten sich Jonas und Kolb überrascht an. Kolb musste gerade aus der Privat-Tür, hinter der sich vermutlich die Toilette für Angestellte verbarg gekommen sein.

„Sorry“, wiederholte Jonas verlegen.

Kolb verschränkte die Arme, zeigte aber ein amüsiertes Lächeln. „Wenn wir uns weiterhin so oft über den Weg laufen, sollte ich vielleicht meine Meinung zum Schicksal überdenken. Oder mich über Stalking informieren.“

Alkohol, Euphorie und Hormone taten Jonas keinen Gefallen. Ohne darüber nachzudenken, schnellte er nach vorne und küsste Kolb. Seine Lippen streiften lediglich dessen Mundwinkel und bevor er die Chance hatte, seinen Fehler zu korrigieren, schob Kolb ihn sanft von sich. „Nicht während ich arbeite. Nicht, wenn du betrunken bist.“ Er gab Jonas nicht die Zeit für eine Erwiderung, drückte sich an ihm vorbei und eilte die Treppen nach oben.

Jonas ließ sich gegen die kühle, geflieste Wand hinter ihm sinken, versteckte sein Gesicht in den Händen. Verfickte Scheiße! Was zur scheißbeschissenen Hölle hatte er sich dabei gedacht? Einen fremden Typen zu küssen? Einfach so? In der Öffentlichkeit? Jetzt konnte er sich hier endgültig nicht mehr blicken lassen. Vermutlich musste er froh sein, keine Faust in die Fresse bekommen zu haben. Fuck, fuck, fuck! Wenn er jetzt sofort verschwand, war die Gefahr, Kolb in die Arme zu laufen gering, oder? Und falls doch, konnte er sich vielleicht einfach entschuldigen und alles auf den Alkohol schieben?

Wenigstens hatte Kolb keinen Aufstand veranstaltet, sein ‚Nein‘ war sogar verhältnismäßig nett ausgefallen. Jonas schnappte nach Luft.

Kolb hatte überhaupt nicht ‚Nein‘ gesagt. Nur: ‚Nicht so.‘ ‚Nicht jetzt.‘

Mit pochendem Herzen kehrte Jonas auf die Tanzfläche zurück.

Was zuletzt geschah:

Nach einem erfolglosen Vorstellungsgespräch, versucht Jonas das Tix und insbesondere dessen kaufmännischen Leiter aus seinen Gedanken zu verbannen. Dummerweise entscheiden seine Freunde, ein erkrankter Barmann und vielleicht auch das Schicksal, dass es wesentlich lustiger ist, ihn viel zu bald wieder in die Augen seiner nächtlichen Fantasie blicken zu lassen. Und warum klang deren ‚Nein‘ so verflucht nach einem ‚Ja‘?

 

Kapitel 3

Bässe hämmerten, Gesang dröhnte, Menschen schoben sich über die Tanzfläche. Mit jeder Minute, die Jonas‘ Körper Zeit hatte, den Alkohol in seinem Blut abzubauen, wurde ihm die Unwirtlichkeit seiner Umgebung bewusster.

Esther stupste gegen seinen Arm, wollte seine Aufmerksamkeit erregen. „Wir ziehen weiter!“ Ihre Stimme klang heiser, seine vermutlich nicht besser. „Die schließen um drei.“

„Wie spät isses jetzt?“

„Kurz nach zwei“, antwortete Kemal nach einem Blick auf sein Handy.

„Ich bleib noch.“

„Bist du sicher? Ist doch fast nichts mehr los hier.“

„Aber ich steh auf die Musik!“

„Die ist doch woanders auch gut. Komm schon!“ Erneut zog Esther an Jonas‘ Arm, dieses Mal, um ihn aus dem Laden rauszubekommen, in den sie ihn erst hatte reinschleppen müssen.

„Nun lass ihn doch mal“, rief Kemal sie sanft zur Räson. „Er kann ja nachkommen, sobald es ihm hier zu blöd wird.“

Jonas nickte bekräftigend. „Sonst sehen wir uns eben am Montag in der Uni.“

„Na schön, na schön!“ Augenrollend gab Esther sich geschlagen, grinste dann aber von einem Ohr zum anderen. „Ich wette, du willst nur eine aufreißen und hast Angst, dass wir sehen wie sie dich abblitzen lässt.“

„Quatsch“, wehrte Jonas ab. „Ihr sollt bloß nich‘ merken, was für einen beschissenen Frauengeschmack ich hab.“

Esther lachte und winkte zum Abschied, während sie Kemal zum Ausgang schleifte. Jonas steuerte die Bar an, seinen letzten Fünfer in der Hand. „‘Ne Cola, bitte.“

Die junge Frau, die den Laden inzwischen alleine schmiss nickte und reichte ihm eine Flasche samt Strohhalm. Kolb hatte sich offenbar in den Angestelltenbereich des Clubs zurückgezogen.

Erschöpft ließ sich Jonas auf eine durchgewetzte Ledercouch fallen, die einen ausgezeichneten Überblick über den gesamten Club gewährte. Seine Füße schmerzten, er war völlig durchgeschwitzt und sehnte sich nach seinem Bett, aber er war fest entschlossen bis zum Ende durchzuhalten. Das war vermutlich seine einzige Chance, noch einmal mit Kolb zu sprechen. Vorausgesetzt, er schaffte es, dessen Aufmerksamkeit zu erregen, bevor er nach Ladenschluss vom Sicherheitsdienst hinaus eskortiert wurde.

Als hätte er ihn heraufbeschworen, tauchte Kolb keine zehn Minuten später hinter der Bar auf und wechselte ein paar Worte mit der Thekenkraft. Jonas verstand natürlich kein Wort, glaubte aber, anhand der Gesten zu erahnen, was vor sich ging. Zunächst schüttelte Kolbs Mitarbeiterin den Kopf, nach ein paar weiteren Sätzen lächelte sie jedoch und begann, die Bar aufzuräumen, während Kolb die verbliebenen Gäste betreute. Jonas vermutete, dass er seiner Mitarbeiterin angeboten hatte, etwas früher Schluss zu machen und tatsächlich verschwand sie bald in den hinteren Bereich, um kurz darauf mit Jacke und Tasche bewaffnet zurückzukehren. Sie schenkte Kolb ein letztes Lächeln, bevor sie von der Nacht verschluckt wurde.

Das war Jonas‘ Gelegenheit. Zielstrebig lief er zur Bar, stellte seine leere Flasche auf die Theke und kämpfte darum, nicht wegzulaufen, als Kolb ihn bemerkte sich dieses süffisante Lächeln auf seine Lippen stahl. „Was darf ich dir noch bringen?

„Nix. Bin pleite.“ Zu seinem Leidwesen, denn sein Mund war staubtrocken.

Nach einem abwägenden Blick öffnete Kolb eine frische Flasche Cola und stellte sie vor Jonas‘ Nase. „Geht auf mich.“

„Danke!“ Jonas war sich nicht sicher, ob Kolb ihn überhaupt gehört hatte, denn der widmete sich bereits einem anderen Kunden.

Die letzten Minuten zogen sich. Mit klopfendem Herzen saß Jonas auf seinem Barhocker und wartete. Kolb hatte ihm seit seiner Bestellung keinerlei Beachtung mehr geschenkt, nicht einmal flüchtige Blicke in seine Richtung geworfen.

Punkt drei ging das Licht an, die Musik aus und Kolb schickte jeden Gast, der noch etwas wollte, mit leeren Händen fort. Die letzten versprengten Grüppchen suchten rasch das Weite und bald hatten Jonas und Kolb den Club ein weiteres Mal für sich. Jedenfalls beinahe.

„Hier alles okay?“

Jonas drehte sich um. Vor ihm stand ein Typ, der ihn vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken hochheben und auf die Straße befördern konnte. Seine Glatze glänzte im künstlichen Licht, seine Arme waren dicker als Jonas‘ Oberschenkel und drohten das Shirt zu sprengen, dessen Aufschrift ihn als ‚Security‘ auswies. In der rechten Hand hielt er die Abendkasse.

„Alles bestens, Tom“, erwiderte Kolb gelassen. Er nickte zu Jonas. „Der gehört zu mir.“

Feine Lachfältchen erschienen auf dem Gesicht des Türstehers, aber er ersparte sich jeden Kommentar. „Gibt es noch etwas zu tun?“

„Schaut bitte nur mal in die Toiletten, ob da noch jemand hängen geblieben ist. Das Abschließen übernehme dann ich.“

„Wird gemacht.“ Der Türsteher übergab die Kasse an Kolb, warf Jonas einen letzten Blick zu und verschwand Richtung Toiletten.

„Erik?“ Dieses Mal war es ein schmächtiger Junge. Zugegeben, auch nicht schmächtiger oder jünger als Jonas, aber definitiv kein Türsteher. Er hielt zwei Jacken in die Höhe. „Ist noch jemand da? Die hier wurden nicht abgeholt.“

„Das da ist meine.“ Jonas deutete auf die schwarze Lederjacke und kramte in seiner Hosentasche nach dem Garderobenzettel.

„Lass die andere bei mir“, wies Kolb an. „Wir kontrollieren gerade noch die Toiletten, vielleicht ist da jemand. Andernfalls lege ich sie zu den Fundsachen. Du kannst ruhig gehen.“

„Alles klar! Ciao!“

„Die Toiletten sind sauber!“, rief der Türsteher, Tom hatte Erik ihn genannt, von der Treppe aus. „Wenn nichts mehr ist, würde ich’s für heute packen!“

„Ist okay. Gute Nacht.“

„Nacht!“

Kolb wartete, bis die Tür hinter Toms breitem Rücken zugefallen war, dann lehnte er sich über die Theke zu Jonas. „So. Wir sind allein.“

Jonas‘ Mund war ausgetrocknet, sein Kopf leer. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Was hatte er sich dabei gedacht? Welches Ergebnis erwartet? Betreten starrte er auf seine Cola.

Kolbs schlanke Finger strichen über Jonas‘ Handrücken, zart, beinahe tastend. Ein feines Prickeln breitete sich auf seiner Haut aus, zog sich über seinen Arm, die Schultern, bis zu seinem Magen und noch ein Stück tiefer. Jonas wollte mehr davon, wollte berührt und geküsst werden, aber er hatte Angst. Angst, zu seinen Bedürfnissen zu stehen. Angst, nicht gut genug zu sein.

„Ich muss hier alles dichtmachen“, sagte Kolb, ohne preiszugeben, ob er Jonas‘ Zweifel wahrgenommen hatte. „Wartest du solange draußen? Dauert nicht lange.“

Ein weiteres Mal fand sich Jonas allein vor den verschlossenen Clubtüren wider, versuchte verzweifelt, sein Herz davon abzuhalten, seine Brust in ein Jackson Pollock Gemälde aus Blut und Knochen zu hämmern. Die leuchtende Neonreklame des Tix‘ war erloschen.

Jonas überlegte, einfach nach Hause zu gehen. Machte ein paar Schritte in Richtung seiner Wohnung. Stoppte. Zögerte. Lief zurück. Zweifelte. Ging weg. Kehrte um. Wiederholte das Spiel. Entfernte sich nie weiter als fünf Meter.

„Ich gebe zu, du machst mich neugierig.“

In Gedanken versunken hatte Jonas nicht bemerkt, dass Kolb aus dem Club gekommen war und nun gelassen an der geschlossenen Stahltür lehnte. Wie lange hatte er ihn schon beobachtet? Jonas öffnete seinen Mund für eine Erwiderung, wusste keine und schloss ihn wieder.

Kolb stieß sich von der Tür ab, schritt gemächlich auf Jonas zu und musterte ihn eindringlich, stets dieses kleine Lächeln auf seinen Lippen. „Also? Was erwartest du vom Rest dieser Nacht?“

Jonas fühlte sich wie Mogli, eingehüllt von Kaas betörendem Gesang. ‚Jetzt reiß dich mal zusammen!‘, schalt er sich selbst. Er holte tief Luft und sagte das erste, das ihm in den Sinn kam: „Ich will, dass du mich willst.“

Kolbs Finger umfassten Jonas‘ Kinn, seine Lippen kitzelten sein Ohr. „Und was, wenn das der Fall ist?“

Jonas dachte, seine Brust müsste jeden Augenblick bersten. Kolbs heißer Atem, der über seine Haut strich fühlte sich gut an, die Hand, die an seine Hüfte gewandert war noch besser. Und der Typ roch gut. Warm. Beruhigend. Nach Sonne und trockenem Holz. Jonas schluckte. „Dann tu ich, was du willst.“

Kolbs Lächeln veränderte sich, wurde lauernd. „Klingt verlockend.“

Unvermittelt berührten sich ihre Lippen. Sanft, flüchtig. Fast schon zurückhaltend. Ganz anders als Jonas erwartet hatte. Konnte man das wirklich als seinen ersten Kuss bezeichnen?

Noch bevor er zu einer Antwort gekommen war, küsste ihn Kolb erneut. Immer noch sanft, immer noch zurückhaltend, aber dieses Mal blieben seine Lippen lange genug, um ein wenig Wärme und eine Ahnung ihres Geschmacks an Jonas weiterzugeben. Jonas wollte mehr von beidem. Kurzentschlossen schlang er seine Arme um Kolbs Taille, zog ihn näher an sich.

Das schien das Zeichen zu sein, auf das Kolb gewartet hatte. Fordernd presste er sich gegen Jonas, drängte ein Knie zwischen dessen Beine. Wieder fanden ihre Lippen zueinander, spielerisch knabberte Kolb daran, sandte mit seiner Zungenspitze Schauer von Jonas‘ Nacken bis hinunter zum Steißbein.

Hinter ihnen lachte jemand. Jonas erstarrte, drehte den Kopf weit genug, um über seine Schulter ein Grüppchen auf der anderen Straßenseite ausmachen zu können. Scham stieg in ihm auf, zeigte sich in der Hitze, die sein Gesicht zu verbrennen drohte, dem Kloß in seinem Hals, der ihm den Atem nahm.

„Wollen wir das an einem ein wenig wärmeren Ort fortsetzen?“, schlug Kolb denkbar unbeeindruckt vor.

Jonas antwortete nicht.

„Bei mir?“

Still nickte Jonas, traute seiner Stimme nicht.

„Na komm.“ Kolb reichte ihm die Hand, wartete geduldig, bis Jonas sie ergriff, sich regelrecht daran festklammerte und führte ihn zu einer nahegelegenen Tiefgarage.

Jonas bewegte sich wie auf Schienen, war in Gedanken bei ihrem Kuss, dem Gelächter, seiner Lust, der warnenden Stimme seiner Mutter, keinen Unsinn zu machen, doch als Kolb seinen Wagen per Knopfdruck entriegelte und die aufleuchtenden Scheinwerfer dessen Standort preisgaben, verschwand all das aus seinem Kopf und er lachte schallend. „Fuck! Echt jetzt? Ein fliederfarbener Ford?“

„Ich hätte ihn jetzt einfach nur ‚lila‘ genannt.“

„Ich bin Künstler, ich achte auf Details.“

„Ah, natürlich.“ Kolb nickte verständnisvoll. „Was hattest du denn erwartet? Einen schwarzen SUV mit getönten Scheiben?“

„Weiß nich‘“, gab Jonas zu. „Aber ja, sowas in der Art.“

„In Großstädten eher unpraktisch. Und die Farbe …“ Kolb zuckte mit den Schultern. „Ich mag meine Welt bunt.“

Neugierig musterte Jonas Kolb. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine neue Seite an ihm kennenzulernen, doch die Hand, die seine drückte, ihn zielstrebig zum Auto führte, fegte diese Erkenntnis rasch fort, legte den Fokus wieder auf den Mann, der wusste, was er wollte und im Begriff war, sich genau das zu holen.

Kolb war Gentleman genug, Jonas die Wagentür aufzuhalten, bevor er selbst einstieg und den Motor startete.

„Dann wohnst du wohl ‘n Stück vom Club entfernt?“, fragte Jonas, um die Stille zwischen ihnen gar nicht erst unangenehm werden zu lassen.

„Mhm. Tatsächlich wohne ich in der Nähe deiner Uni.“

„Echt? Shit, wir sollten Wohnungen tauschen! Ich brauch ewig dahin, dafür is‘ das Tix direkt ums Eck!“

„Danke, aber ich habe lange genug in einer winzigen Studentenbude gelebt.“

„Sooo winzig is‘ die nicht. Na gut, doch. Sie is‘ winzig. Dafür hat sie scheißdünne Wände. Is‘, als würd ich in einer riesigen WG mit ‘nem Haufen fremder Typen, mit miesem Musikgeschmack leben. Die ständig streiten. Oder Nägel in die Wand schlagen. Oder ficken.“

Kolb schmunzelte. „Klingt in der Tat nach der klassischen Studentenbude.“

Die Lichter der Straßenlaternen zogen an ihnen vorbei, während sich das Auto einen Weg durch die Stadt bahnte, die um diese Zeit fast ausschließlich von Taxis und deren Kundschaft bevölkert war.

„Scheiße, ich hab nich‘ die geringste Ahnung, wo wir sind.“

„Du wohnst wirklich noch nicht lange in Berlin, hm?“

„Nee, erst seit ein paar Wochen. War schon ‘ne Umstellung. Ganz anders als zuhause.“

„Ah, ich denke, dir wird es hier gefallen.“ Sie hielten an einer roten Ampel, Kolbs Blick richtete sich auf Jonas. Eine Hand noch immer am Lenkrad, zog er ihn mit der anderen näher zu sich, küsste seine Lippen, seinen Hals, die kleine Kuhle in der Mitte seines Schlüsselbeins, die gerade so von Jonas‘ Shirt freigegeben wurde.

Fahrig löste Jonas seinen Gurt, kroch näher zu Kolb, wollte mehr. Wollte die Zunge, die ihn neckte, die Hände, die seinen Körper erkundeten, den Duft nach Sonne und Holz. Wütendes Hupen unterbrach den Moment viel zu früh. Die Ampel war schon lange auf Grün gesprungen, hinter ihnen wartete ein ungeduldiger Taxifahrer.

„In ein paar Minuten sind wir da“, versprach Kolb.

Vermutlich waren es wirklich nur wenige Minuten, doch für Jonas zogen sie sich in die Länge, gaben ihm zu viel Zeit zum Nachdenken. Immer wieder streifte Kolbs Hand seinen Oberschenkel, jagte Schauer durch seinen Körper, schaffte es jedoch nicht, die nagenden Zweifel zu vertreiben. Wie weit würden sie gehen? Was erwartete Kolb von ihm?

Dieser seufzte. „Natürlich ist kein Parkplatz frei.“

Jonas blickte aus dem Fenster. „Hier wohnst du?“ Die Häuser sahen nett aus, kein Vergleich zu dem billigen Bau, in dem er selbst lebte, aber alles in allem unterschied sich die Straße für ihn kaum von den unzähligen anderen in Berlin.

„Mhm. Hoffentlich ist ums Eck etwas frei. Entschuldige, wir müssen wohl ein kleines Stück laufen.“

Als sie kurz darauf eine Parklücke entdeckten, atmete Jonas innerlich auf. Kolbs Hand, die auf seinem Rücken lag, ihn bestimmt in die richtige Richtung schob, die Schulter, die immer wieder seine eigene berührte, die gelegentlichen Seitenblicke, die der ihm zuwarf – Jonas war froh, die Augen der Öffentlichkeit bald ausschließen zu können.

Sie schafften es gerade so durch die Eingangstür, bevor sie einander in den Armen lagen und es grenzte an ein Wunder, dass sie von dort unbeschadet bis in den dritten Stock kamen, denn keiner von ihnen achtete auf die Stufen. Jonas ächzte, als er sich plötzlich zwischen Kolb und dessen Wohnungstür wiederfand, stützte sich mit den Händen an dem lasierten Holz ab, verrenkte seinen Hals für ein paar Küsse. Kolbs Hüften drängten sich gegen seinen Hintern, Stoff rieb über Stoff. Als die Hand, die nicht versuchte, den Wohnungsschlüssel ins Schloss zu bekommen nach unten rutschte, Jonas‘ Hosenbund überwand und über seine Erektion strich, stöhnte er geräuschvoll auf. Sofort verschwand sie, presste sich stattdessen auf seinen Mund.

„Shh, die Nachbarn“, tadelte Kolb, klang allerdings eher amüsiert als verärgert.

„Sorry“, nuschelte Jonas. Kühles Metall drückte gegen seine Handfläche.

„Sperr du auf.“

Mit zitternden Fingern versuchte Jonas aufzuschließen, doch die Hand, die zurück in seine Hose gefunden hatte, sein Glied durch den dünnen Stoff seiner Boxershorts massierte, raubte ihm jede Konzentration. Er hatte keine Ahnung, wie lange er im Schloss herumgestochert hatte, bevor das erlösende Klicken erklang, die Tür vor ihm aufschwang. Eilig drängte Kolb Jonas ins Innere, stieß ihn gegen die nächstbeste Wand.

„Aua!“ Keine Wand, eine weitere Tür, deren Klinke sich soeben in seinen Rücken gebohrt hatte.

„Entschuldige!“ Kolb ließ von ihm ab und trat einen Schritt zurück. Sanft strichen die Hände, die bis eben verlangend Jonas‘ Hüften gepackt hatten über die schmerzende Stelle. „Schlimm?“

„Nee, passt schon.“ Der Schmerz und die kurze Unterbrechung waren jedoch ausreichend gewesen, um den Nebel in Jonas‘ Kopf zu lichten. Plötzlich wurde ihm sehr bewusst, dass er sich mit einem fremden Mann in einer fremden Wohnung in einer fast fremden Stadt befand. „Ähm … Wo is‘n dein Bad?“

Kolb knipste das Licht an. „Am Ende des Gangs. Ich warte solange in der Küche.“ Er deutete auf die Tür, deren Klinke Jonas vermutlich einen blauen Fleck beschert hatte.

Das kalte Wasser, das sich Jonas ins Gesicht spritzte, klärte seine Gedanken endgültig, nur die hartnäckige Erektion erinnerte ihn daran, dass wenige Meter entfernt ein Mann auf ihn wartete, dessen Hände er auf seinem Körper fühlen wollte. Ein Mann mit Erfahrung, der wusste, was er wollte. Wusste, was er von Jonas wollte. Aber konnte er ihm das geben, unerfahren wie er war? War ein One-Night-Stand wirklich der Rahmen, in dem er seine ersten Erfahrungen machen wollte?

Jonas tänzelte auf der Stelle, wollte und wollte nicht. Sollte er sich waschen? Er hatte den ganzen Abend getanzt, war völlig durchgeschwitzt. Aber womit? War Duschen eine Option? Was musste Kolb denken, wenn er jetzt noch länger in diesem verfluchten Bad rumhing?

Ein wenig betreten öffnete Jonas die Tür und schlich in die Küche, in der Kolb schon auf ihn wartete. Mit einem breiten Lächeln streifte er Jonas‘ Jacke von dessen Schultern und warf sie über die nächstbeste Stuhllehne. Gleich darauf runzelte er jedoch die Stirn. „Alles okay?“

„Jaah … Mir ist nur ‘n bisschen heiß geworden.“

„Willst du etwas trinken?“

Jonas wollte, aber er wusste, er würde kneifen, wenn er jetzt noch länger wartete. Mit einem tiefen Atemzug nahm er all seinen Mut zusammen und stürzte sich auf Kolb, der offensichtlich nicht damit gerechnet hatte, so offensiv angegangen zu werden. Sie kamen ins Straucheln, konnten sich gerade noch abfangen, stießen dabei jedoch gegen den Stuhl, der polternd umkippte.

„Ah, das war wohl der endgültige Weckruf für die Nachbarn.“

„‘Tschuldige“, murmelte Jonas verlegen.

„Ich bin sicher, du kannst das wieder gut machen.“ Neckisch biss Kolb in Jonas‘ Ohrläppchen. „Bei mir. Nicht bei den Nachbarn.“

Jonas ächzte leise, als Kolbs Finger die nackte Haut unter seinem Shirt erkundeten. Das fühlte sich viel zu gut an. „Wie?“

„Ich erinnere mich da an etwas, das du noch vorm Club zu mir gesagt hast.“

Jonas‘ Wangen wurden heiß. Er wusste genau, auf welchen Satz Kolb damit anspielte, was er ihm versprochen hatte.

„Falls ich dich will“, machte Kolb den Anfang, „und ich denke, ich habe ausreichend bewiesen, dass das der Fall ist, dann …“

„… dann tue ich, was du willst.“

„Mhm, klingt richtig.“

Jonas zwang sich, Kolb in die Augen zu sehen. Nervosität und Erregung kämpften in seinem Inneren um den ersten Platz. „Was soll ich tun?“

„Naja, zunächst könntest du die hier“, Kolbs Daumen strich über Jonas‘ Lippen, „sinnvoller einsetzen. Reden können wir später noch.“

Ohne nachzudenken, aus Angst, erneut ins Zweifeln zu kommen, sank Jonas auf die Knie. Der Fliesenboden war hart und kalt, seine Finger zitterten, als er Kolbs Hose öffnete und dessen halb erigiertes Glied hervorholte, das in seiner Hand rasch wuchs.

Noch nie hatte Jonas den Penis eines anderen Mannes gehalten, nicht einmal angesehen. In den Umkleideräumen der Schule und den Gemeinschaftsduschen nach dem Fußballtraining hatte er sorgfältig vermieden, auch nur in die grobe Richtung zu blicken, weil er fürchtete, die anderen könnten ahnen, was dabei in ihm vorging. Seinen geheimen Sehnsüchten jetzt so nah zu sein, mit den Fingerspitzen darüber zu streichen, die samtige Textur zu erfahren, das Pulsieren, das seine Berührung auslöste zu spüren, war mehr als er sich von diesem Abend erträumt hatte. Hoffentlich war diese Begegnung für Kolb wenigstens annähernd so erregend an wie für ihn.

Lustvoll öffnete Jonas den Mund, wollte schmecken, was er sah. Die letzten Bedenken, die bis hierhin überlebt hatten, schob er in eine dunkle Ecke seines Hirns. Was konnte er schon falsch machen?

„Warte.“ Kolbs Finger gruben sich in Jonas‘ Haar und hielten ihn zurück. Mit der freien Hand fischte er Kondome aus einer der Küchenschubladen. „Erdbeere, Banane oder neutral? Ich nehme gleich vorweg, dass keine Sorte einen Michelin-Stern erhalten wird, aber ohne mache ich es nicht.“

„Oh, ähm …“ Jonas hatte keine Ahnung, wie so ein Kondom schmeckte und eigentlich hätte er blanke Haut bei weitem bevorzugt, aber wenn das Kolbs Bedingung war, würde er sich beugen. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Neutral is‘ okay, denk ich.“

Kolb hatte offensichtlich Übung, selbst einhändig brauchte das Auspacken und Aufziehen keine dreißig Sekunden. „Mach weiter.“

Die Dominanz in diesen Worten jagte einen Schauer über Jonas‘ Rücken; war besser als er sich erhofft hatte. Seine erste Begegnung mit Kolb, dessen kühle, kontrollierte Art, hatte sofort sein Kopfkino gestartet, seine wildesten Fantasien in greifbare Nähe rücken lassen und es schien, als würde er seine Erwartungen erfüllen.

Jonas leckte über den Latexüberzug und versuchte, den typischen Gummigeschmack zu ignorieren. Er saugte, küsste, tat alles, von dem er glaubte, dass es sich gut für Kolb anfühlen musste, aber der ließ nicht das leiseste Stöhnen hören, lediglich seine Finger zogen kleine Kreise über Jonas‘ rasierten Nacken, strichen gelegentlich spielerisch durch sein Haar.

Verunsichert blickte Jonas auf und direkt in Kolbs Augen, der ihn offenbar beobachtet hatte. „I-Ich … Ähm … Ich hab nich‘ so viel Erfahrung darin.“ Die Worte schwebten im Raum, legten sich in der Stille schwer auf Jonas‘ Schultern.

Kolb lächelte. „Das ist nicht schlimm. Ich zeige dir schon, was mir gefällt.“

Jonas nickte, schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. „Bitte.“

Die Hand in seinem Haar griff fester zu. „Nimm ihn tiefer in den Mund.“

Mit neuem Enthusiasmus, öffnete Jonas die Lippen, ließ Kolbs Erektion in seinen Mund gleiten, bis ihre Spitze seinen Rachen kitzelte.

„Gut.“ Die Hand, die Kolb in Jonas‘ Haar vergraben hatte, rutschte in seinen Nacken; gab eine Bewegung vor, ohne Zwang auszuüben. Endlich ließ er ein leises Stöhnen hören. „Benutz deine Zunge.“ Ein Keuchen. „Ah, genau so!“

Jonas wollte mehr davon hören, wollte Kolb glücklich machen. Er bewegte seinen Kopf noch ein Stück weiter nach vorne, versuchte den Druck in seinem Rachen zu ignorieren. Er scheiterte, würgte, drehte sich hustend zur Seite. Mit dem Handrücken wischte er Speichel von Lippen und Kinn. „Sorry.“

„Schon gut. Lass dir Zeit.“

Aber auch der nächste Versuch ließ Jonas würgen. Tränen schossen in seine Augen.

„Langsam“, wies Kolb ihn an. „Zwing dich zu nichts.“

Jonas bemühte sich, sich zu entspannen, aber die Realität war so viel schwieriger, als Pornos glauben machten. Dennoch war er entschlossen, Kolb für seine Geduld zu belohnen und sei es nur, um ihm nicht als völliger Stümper im Gedächtnis zu bleiben.

Kolbs Anleitung folgend, dämpfte Jonas seinen Eifer ein wenig, gewöhnte seinen Hals in kleinen Schritten an dieses ungewohnte Gefühl. Mit jedem Versuch bekam er seinen Würgreflex besser unter Kontrolle, lauschte dem unkontrollierter werdendem Stöhnen hoch über seinem Kopf. Stolz durchflutete ihn, gleichzeitig hatte er keine Ahnung, was an seinem Körper gerade schlimmer schmerzte. Sein verspannter Kiefer, sein überdehnter Rachen, die wundgeriebenen Knie oder seine eigene, schändlich ignorierte Erektion. Egal, nur noch einen oder zwei Zentimeter und …

„Au! Zähne!“ Unvermittelt zog sich Kolb zurück. Nur ein Stück, aber das genügte, um Jonas aus dem hart erarbeiteten Takt zu bringen. Instinktiv wollte er Atem holen, aber seine Luftröhre war blockiert und die Welt um ihn herum verschwamm. Panik machte sich in ihm breit.

Im nächsten Moment saß er japsend und würgend auf dem Boden. „Fu ...“ Er hustete. „I …“ Erneut wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt.

„Ganz ruhig.“ Kolb ging neben ihm in die Hocke, wartete, bis Jonas‘ Atem ebenmäßiger geworden war. „Geht’s wieder?“

„Fuck …“ Jonas starrte zu Kolb, sog keuchend frische Luft ein. Sein Hals brannte. „Hab ich … hab ich dich gebissen?“

„Alles gut“, beruhigte ihn Kolb.

„Sorry, ich … ich …“ Die Tränen in Jonas‘ Augen hatten einen anderen Grund als zuvor. Eilig versuchte er, sie wegzublinzeln.

„Alles ist gut“, wiederholte Kolb, aber seine Beteuerungen machten es nur schlimmer. So hatte sich Jonas das nicht vorgestellt.

Er unterdrückte einen letzten Hustenanfall und kämpfte sich zurück auf seine Knie, Augen gesenkt, Hände hinter dem Rücken, den Mund geöffnet. Die Grundhaltung, die er schon in unzähligen seiner Fantasien eingenommen hatte.

Kolbs leises Lachen war Jonas‘ einzige Warnung, bevor kräftige Hände gegen seine Brust stießen und ihn unsanft zurück auf seinen Hintern beförderten. „Ich denke, zunächst sollte ich dich für deine Mühen belohnen.“ Kolbs Finger strichen über Jonas‘ Innenschenkel, weiter nach oben, bis sie lässig den Reißverschluss seiner Jeans streiften. „Sieh es als kleine Entschädigung für eben an.“

Kolbs Hand verschwand in Jonas‘ Hose, umfasste sein wieder zum Leben erwachendes Glied. Jonas unternahm nichts, um ihn davon abzuhalten, auch, wenn die Nacht damit noch weiter von seiner ursprünglichen Fantasie abwich. Ein Arm legte sich um seine Schulter, gab ihm Halt.

„Gefällt dir das?“

Jonas biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut zu stöhnen. Das Gefühl einer fremden Hand, die sich intensiv dieser intimen Stelle widmete, war beinahe mehr als er ertragen konnte. Er schloss die Augen, drückte sein Gesicht gegen Kolbs Schulter, kühlte seine erhitzten Wangen an dem glatten Stoff, der sie bedeckte. Kolbs Geruch umhüllte ihn, füllte seine Nase, seinen Kopf.

Es dauerte nicht lange, bis sich Jonas‘ Atem merklich beschleunigt hatte, sich seine Finger in Kolbs Hemd krallten, aber wann immer sein Höhepunkt zum Greifen nah war, verkrampfte sich etwas in ihm. Es fühlte sich an, als hätte er versagt. Mehr Lust genommen als gegeben. Jonas konnte nicht aufhören sich zu fragen, was Kolb über ihn dachte, wie enttäuscht er vom Verlauf des Abends sein musste.

Bald darauf betrog ihn sogar sein eigener Körper. Seine Erektion begann zu schwächeln, verwelkte unter Kolbs geschickten Händen, bis Jonas ihn entnervt von sich schob. So durfte die Nacht einfach nicht enden. Nicht so früh, nicht so unspektakulär. Das schuldete er Kolb und sich selbst.

Nach einem kurzen Moment, in dem keiner von ihnen etwas sagte, rappelte sich Jonas auf, schluckte hart. Jetzt oder nie.

Wie in Zeitlupe beugte er sich über den Küchentisch, spürte das unnachgiebige Holz unter sich, fühlte die kalte Luft, als er seine ohnehin bereits offene Hose von den Beinen strampelte. Schamesröte stieg ihm in die Wangen. So hatte ihn noch niemand gesehen, erst recht kein Mann, mit dem er gerademal ein paar Worte gewechselt hatte.

„Ah, ich ahne, worauf du hinauswillst.“ Aus dem Augenwinkel nahm Jonas wahr, dass Kolb etwas aus einer der Küchenschubladen holte. Ein frisches Kondom und eine kleine Flasche Gleitmittel.

„Warte!“, protestierte Jonas, ohne darüber nachzudenken.

„Doch nicht?“

„Doch, klar! Ich hab nur noch nie …“ Fuck! Das hatte er eigentlich nicht verraten wollen.

Kolb zögerte. „Du warst noch nie passiv?“

Jonas brummte eine unverständliche Antwort. Was, wenn Kolb jetzt abbrach? Dann würden sie sich mit Sicherheit nie wiedersehen. Aber wenn er das jetzt durchzog, dann gab es vielleicht eine zweite Chance, dann konnten sie es noch einmal versuchen, wenn Jonas seine Nervosität besser im Griff hatte. Bis dahin würde er einfach die Zähne zusammenbeißen. War Ausgeliefertsein nicht ohnehin eine seiner drängendsten Fantasien? Nicht unbedingt eine, die er mit einem völlig Fremden hatte ausleben wollen, aber seine Optionen waren begrenzt und irgendwo musste er ja anfangen. „Du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen!“, beeilte er sich zu sagen und klopfte sich selbst dafür auf die Schulter, das Zittern in seiner Stimme unter Kontrolle gebracht zu haben. „Nimm dir einfach, was du willst!“

„Hm … Keine Rücksicht? Bei deinem ersten Mal?“

„Das war’s, was ich grad gesagt hab, oder?“, zischte Jonas, verzweifelt bemüht, sich nicht zu einem Rückzieher bewegen zu lassen. Fünf Jahre und über sechshundert Kilometer hatte es gebraucht, um den Mut zu finden, einen anderen Mann so nahe an sich heranzulassen. Das wollte er sich nicht im letzten Augenblick versauen.

Kolb tätschelte Jonas‘ nackten Hintern. „Das ist mal ein Angebot.“ Sein Gewicht drückte auf Jonas‘ Rücken, eine Hand presste seinen Oberkörper flach auf den Tisch. „Allerdings fürchte ich, dass das ein wenig unangenehm für dich werden könnte. Schmerzhaft sogar.“ Er machte eine kurze Pause. „Ziemlich schmerzhaft, wenn wir ehrlich sind.“

„Weiß ich. Is‘ okay. Kümmer dich nich‘ drum, wenn ich ein bisschen jammere.“

„Wenn das so ist …“

Jonas‘ Herz raste. Er war nervös. Zitterte. Die Realität fühlte sich nicht so an, wie er sich ausgemalt hatte. Sie war drückend. Einengend. Das war keine Nervosität. Jonas hatte Angst. Er kannte den Typen doch überhaupt nicht. Was, wenn es ihm zu viel wurde und Kolb nicht reagierte? Ihn vielleicht sogar verletzte? Das hier war völlig verrückt! Jonas war klar, dass er sofort abbrechen sollte, aber er war wie versteinert.

„Du zitterst wie Espenlaub“, stellte Kolb trocken fest. „Bist du sicher, dass du das hier willst?“

Jonas biss sich auf die Lippe, wusste nicht, was er tun sollte. Er fürchtete sich vor dem was kam, doch er fürchtete sich fast noch mehr davor, wie sein Leben sich entwickeln würde, wenn er es jetzt nicht schaffte, über seinen Schatten zu springen und endlich erste Erfahrungen zu sammeln. „Mach weiter“, forderte er schließlich mit einer Stimme, dünn wie Pergament.

„Wie du meinst.“

Ein leises Wimmern entkam Jonas‘ Lippen, als sich Kolb auf ihn stützte, gleich darauf durchfuhr scharfer Schmerz seinen Körper. Allerdings nicht an der Stelle, die er erwartet hatte. Kolb hatte ihm einen kräftigen Klaps auf den Hintern verpasst. Jonas‘ Rücken wurde kalt, das Gewicht, das ihn bis eben auf dem Tisch gehalten hatte verschwand. Verwirrt hob Jonas den Kopf, brachte es aber nicht über sich, Kolb direkt anzusehen und richtete den Blick auf dessen Beine. „Was …?“

„Sorry, ich konnte nicht widerstehen. Aber ehrlich … Niemand sollte das erste Mal zitternd und als reine Gefälligkeit einem völlig Fremden gegenüber erleben.“ Fassungslos starrte Jonas Kolb an, während dieser beiläufig seine schwindende Erektion in seiner Hose verstaute. „Das funktioniert vielleicht in deinem Ko…“

„Wichser!“, unterbrach ihn Jonas mit einem wütenden Aufschrei, blind für Kolbs bestürztes Gesicht. „Fick dich!“ Er wollte ihm etwas von der Demütigung zu spüren geben, die er selbst fühlte, aber das war unmöglich. Alles was er tun konnte, war Kolb zur Seite zu stoßen und aus der Küche zu stolpern, während er hektisch seine Hose nach oben zog.

Eine Hand um seinen Oberarm hielt ihn zurück. „Jonas.“

„Nimm deine Finger von mir!“

Zu Jonas‘ Überraschung, ließ Kolb sofort von ihm ab und trat einen Schritt zurück, die Hände vor die Brust gehoben, als wollte er sich ergeben. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber so weit ließ Jonas es nicht kommen.

„Fick dich!“, rief er als er zur Wohnungstür stürzte. „Fick dich!“ Die Stufen hinunter. „Fick dich, fick dich, fick dich.“ In die Nacht. „FICK DICH!“ Scham und Zorn und Enttäuschung hinterließen feuchte Spuren auf seinen Wangen.

 

Was zuletzt geschah:

Nach einem gewaltigen Sprung über seinen Schatten, folgt Jonas Kolb in dessen Wohnung, um dort die Nacht mit ihm zu verbringen, muss aber bald einsehen, dass er mit dieser Aktion mehr abgebissen hat als er kauen kann. Kurz bevor er erstickt, bricht Kolb ab. Enttäuscht und gedemütigt flüchtet Jonas in die Nacht.

 

Kapitel 4

Die Mittagssonne stand hoch am Himmel, aber ein kalter Novemberwind fegte durch die Straßen und riss die letzten bunten Blätter von den Ästen.

Ungeduldig zog Jonas den Reißverschluss seines Anoraks höher, die Finger der Hand mit der er sein Handy hielt waren inzwischen steif und gerötet. „Und jetzt hat der Arsch auch noch meine Lederjacke!“

„Ich weiß, Jonas“, entgegnete die geduldige Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. „Das hast du mir jetzt schon dreimal erzählt. Mindestens. Genaugenommen jedes Mal, wenn wir miteinander telefoniert haben und das haben wir ziemlich oft getan.“

Jonas öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn aber rasch wieder. Wenn er es geschafft hatte, selbst Maria mit seiner Litanei über den schiefgelaufenen One-Night-Stand mit Kolb zu nerven, musste er das Thema tatsächlich arg breitgetreten haben. Während er an einer roten Ampel wartete, schielte er auf das Display seines Handys, um zu sehen, wie lange sie schon miteinander telefonierten. Die Antwort lautete: Lange. „Sorry. Ich hör jetzt damit auf.“ Die Ampel sprang auf Grün und er überquerte die Straße. „Wie läuft’s denn bei dir?“

„Abgesehen davon, dass ich mich wie der dümmste Mensch der Welt fühle, die Leute im Wohnheim Dauerpartys schmeißen und meine Eltern keine Stunde brauchen, um hierher zu fahren und mich zu kontrollieren? Alles super!“

„Ich versteh‘ echt nich‘, warum du nich‘ mit mir nach Berlin gekommen bist. Mathe kannst du doch auch hier studieren.“

„Jo“, bestätigte Maria. „In der Zeit, die ich nicht damit beschäftigt bin, mich mit meinen Eltern um den Unterhalt zu streiten.“

„Aber den müssten sie dir doch so oder so zahlen“, widersprach Jonas, als hätten sie dieses Thema nicht schon hunderte Male durchgekaut. „Völlig egal, ob du jetzt in Berlin oder in München wohnst.“

„Müssten sie. Aber davor würden sie mir so viele Steine wie nur möglich in den Weg legen. Sorry Jonas, ich vermiss dich auch total, aber das ist Stress, den ich mir nicht noch zusätzlich antun will. Außerdem …“ Maria seufzte. „Sie sind immer noch meine Eltern.“

„Das weiß ich“, gab Jonas leise nach. „Du fehlst mir einfach.“

„Du mir auch. Sorry, dass ich nicht bei dir sein kann.“

„Schon gut. Ist ja nicht deine Schuld.“

Maria schnaubte. „Na schön. Du hast dir offiziell die Erlaubnis erarbeitet, mich weiter mit diesem Typen zu nerven, über den du offensichtlich immer noch nicht hinweg bist.“

„Bitte? Scheiße, ich bin sowas von über den Typen weg! Ich muss noch nich‘ mal über ihn wegkommen, weil ich gar nich‘ erst an ihm interessiert war!“

„Klar.“ Jonas konnte Marias Augenrollen hören.

„Fuck. Okay, ich war an ihm interessiert. Er sieht geil aus. Aber das is‘ vorbei, weil der Kerl ‘n übles Arschloch is‘, das ich im ganzen Leben nich‘ mehr wiedersehen will.“

„Hält dich nicht davon ab, über ihn zu reden.“

„Das is‘ ja das Problem!“, rief Jonas aufgebracht. „Ich kann mich nich‘ von ihm ablenken! Es reicht ja nich‘, dass er grad mal zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt arbeitet und das ausgerechnet im verfickten Lieblingsclub der anderen, sondern der wohnt auch noch scheißnah an der Uni. Ständig denk ich, ich steh in seiner Straße! Jetzt schon wieder! Hier sieht alles gleich aus, ich find das verfickte Restaurant nich‘, in das die anderen gehen wollten und ich könnt schwören, ich steh direkt vor seiner Tür.“ Jonas stoppte und sah sich um. „Fuck! Fuck, fuck, fuck!“

„Okay …“, sagte Maria vorsichtig. „Dieser Ausbruch war selbst für deine Verhältnisse heftig. Alles okay?“

„Nein! Nichts is‘ okay!“, schimpfte Jonas. „Ich steh‘ wirklich vor seiner verfickten Tür! Ich seh‘ sein verficktes Auto!“

„Tief Luft holen und einfach weitergehen“, empfahl Maria.

„Jaa …“ Aber etwas hielt Jonas‘ Füße am Boden und seinen Blick auf die Eingangstür gerichtet. „Nee, weißt du was, scheiß drauf! Ich klingle da jetzt und hol mir meine Jacke zurück!“

„Tu, was du tun musst, wenn das bedeutet, dass wir demnächst mal wieder über was anderes reden können als dein verkorkstes Liebesleben.“

„Danke für dein Mitgefühl.“

„Jederzeit. Viel Glück.“

Maria legte auf und zusammen mit ihrer Stimme, schwand auch Jonas‘ Selbstbewusstsein. Er hatte Kolbs Namen auf dem Klingelschild entdeckt, stand also definitiv am richtigen Ort, brachte es jedoch nicht über sich, den Knopf zu drücken.

Wütend tigerte er auf und ab. Immer wieder zog die stahlgraue Eingangstür an ihm vorbei. Dieser Arsch! Ohne es zu wollen, sah Jonas Kolbs Gesicht vor sich. Die blitzenden Augen, deren Farbe er noch immer nicht kannte, seine breiten Schultern und die kräftigen Hände, die so genau gewusst hatten, wie sie ihn berühren mussten.

„Fuck!“ Jonas trat eine leere Dose quer über den Gehweg. Er hatte sich geschworen, den Typen nie wieder zu sehen. Und jetzt stand er hier. Vor seiner Haustür.

Nicht, dass er davor von Kolbs Einfluss befreit gewesen wäre. Seit beinahe zwei Wochen waren die Erinnerungen an diese Nacht zu den unmöglichsten Zeiten wieder hochgekommen. Jonas konnte sich nicht auf die Uni konzentrieren, nicht auf seinen Kellnerjob, hatte wiederholt seinen Freunden abgesagt, aus Furcht, sie könnten wieder ins Tix wollen. Nicht einmal in Ruhe wichsen konnte er, ohne Kolbs verfluchte Stimme im Ohr und seinen Geruch in der Nase zu haben. „Fuck!“ Es ging um mehr als seine Lederjacke. Er musste das irgendwie zu Ende bringen.

Einen zögerlichen Augenblick schwebte Jonas‘ Finger über der Klingel, bevor er sie energisch drückte. Wahrscheinlich war Kolb gar nicht da. Es war früher Nachmittag, vielleicht war er einkaufen, oder trieb Sport, oder… Der Summer ertönte.

Jonas stieß die Tür auf und stürmte die Treppen nach oben. Den ersten Stock hatte er schnell erreicht, im Zweiten wurde er langsamer, bis er stehenblieb und sich erst ein Herz fassen musste um die letzten Stufen zu überwinden. Die Tür zu seiner linken Seite war einen Spalt geöffnet, gerade ausreichend, um Kolbs verdutztes Gesicht zu offenbaren.

Beide waren sichtlich überrascht über den Anblick des anderen. Kolb hatte augenscheinlich nicht mit Jonas‘ Auftauchen gerechnet und Jonas hatte nicht damit gerechnet, dass Kolb so völlig anders aussah, als er ihn in Erinnerung hatte. Eher sorgloser Philosophiestudent als knallharter Geschäftsmann. Hemd und Weste hatte er gegen Wollpulli und ausgewaschene Jeans getauscht, sein langes, blondes Haar war offen und zerzaust und er trug eine Brille. Dazu war er vermutlich eine ganze Ecke jünger, als Jonas ursprünglich angenommen hatte.

Kolb war der Erste, der seine Stimme wiederfand. Er strich sich eine Strähne hinters Ohr. „Möchtest du … reinkommen?“

Nach einer kurzen innerlichen Debatte, drückte sich Jonas an ihm vorbei. Fordernd streckte er die Hand aus. „Du hast meine Jacke!“

„Ah, perfektes Timing. Sie lag bis gestern im Tix, weil ich dachte, dass du vielleicht vorbeikommst. Nachdem du nicht aufgetaucht bist, habe ich sie wieder mitgenommen und wollte sie heute ins Fundbüro bringen.“

„Dann kannst du sie mir ja jetzt geben.“

„Hinter dir, an der Garderobe.“

Jonas drehte sich um und lächelte erleichtert, als er seine geliebte Lederjacke entdeckte, die ordentlich und völlig unbeschädigt an einem Kleiderbügel hing. Er konnte es gar nicht erwarten, den langweiligen Anorak, den er übergangsweise getragen hatte dagegen auszutauschen.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, unterbrach Kolb Jonas‘ Gedanken unvermittelt.

„Was?“

„Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass du noch einmal vorbeikommst, damit ich dir das sagen kann. Ich bin neulich zu weit gegangen und das tut mir sehr leid. Was auch immer meine Entschuldigung wert sein mag.“

Argwöhnisch musterte Jonas Kolb, fand aber keinen Hinweis darauf, dass dessen Worte nicht ehrlich gemeint waren, oder er sich gar über ihn lustig machte. Im Gegenteil, mit den zerzausten Haaren und der Art wie er nervös über seine Unterarme rieb, wirkte er ein wenig wie ein Welpe, der zum ersten Mal von seinem neuen Herrchen geschimpft worden war.

„Jedenfalls“, setzte Kolb an, nachdem Jonas nach einer Weile noch immer nicht geantwortet hatte, „bin ich froh, dass du hier bist. Ich hatte mir Sorgen gemacht.“

„Du hättest mir ja auch einfach mal nachlaufen können“, brummte Jonas. Kolbs Entschuldigung mochte noch so ehrlich gemeint sein, er war nicht gewillt, ihm so einfach zu vergeben.

„Bin ich“, versuchte Kolb sich zu verteidigen. „Ich dachte, du würdest vielleicht die Nachtlinie nehmen und bin zur Haltestelle, aber du warst nicht da und ich konnte dich auch sonst nirgends finden.“

„Oh.“ Bis zu diesem Zeitpunkt war Jonas nicht bewusst gewesen, dass es in dieser Gegend überhaupt eine Nachtlinie gab. Das hätte ihm einige Zeit des Herumirrens und eine teure, ausgesprochen peinliche Taxifahrt erspart, die damit geendet hatte, dass der Fahrer ungeduldig vor einer Bankfiliale hatte warten müssen, während Jonas Gebete zum Himmel schickte, mit der Abbuchung seinen Dispo nicht zu überziehen. „Fuck.“

„Ich kann nur noch mal sagen, dass es mir sehr leid tut wie der Abend gelaufen ist.“

„Schon gut“, murmelte Jonas plötzlich verlegen. Seine Finger fuhren über das glatte Leder seiner Jacke und er wollte seine Füße zwingen, einen Schritt auf die Tür zuzumachen, aber sie verharrten an Ort und Stelle.

Wieder entstand eine unangenehme Stille und wieder war es Kolb, der sie brach. „Willst du vielleicht etwas trinken?“

„Ähm …“ Nach einer kurzen Bedenkzeit, zuckte Jonas mit den Schultern. Das Mittagessen mit seinen Freunden konnte er sowieso abschreiben und was auch immer ihn erneut zu Kolb getrieben hatte, es fühlte sich nicht an, als hätte er es bereits erreicht. „Von mir aus.“

Als Kolb ihn in seine Küche führte, stoppte Jonas schlagartig. Das war dieselbe Küche, in der er keine zwei Wochen zuvor seinen ersten Schwanz im Mund gehabt hatte; derselbe Küchentisch, über den er sich gebeugt hatte, die Hose bis zu den Knöcheln herunterzogen. Hitze legte sich auf Jonas‘ Wangen. Rasch blickte er sich um, in dem verzweifelten Versuch, sich abzulenken. Die Küche war nett eingerichtet, hell mit farbenfrohen Details. Kolb hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, er würde seine Welt bunt mögen. Zitronenfarbene Vorhänge schirmten den Raum vor allzu neugierigen Augen ab, die dahinterliegende Tür führte auf einen weitläufigen Balkon.

„Ist Cola okay?“, erinnerte ihn Kolbs Stimme wieder an dessen Anwesenheit.

Jonas lehnte sich gegen den kleinen Küchentisch. „Ich nehm, was auch immer du da hast.“

Kolb reichte ihm eine Dose, sich selbst schenkte er eine Tasse würzig riechenden Tee aus einer Thermoskanne ein. „Du hast einen guten Orientierungssinn, wenn du noch so genau wusstest, wo ich wohne.“

Ohne es zu wollen, lachte Jonas. „Nee, wirklich nich‘. Wollt mich eigentlich mit ‘n paar Freunden beim Italiener treffen. Hab mich verlaufen und bin dann irgendwie hier gelandet.“

Kolb musterte Jonas über den Rand seiner Tasse hinweg. „Dann hatte ich wohl Glück.“

„Japp.“ Jonas neigte den Kopf, begegnete Kolbs Blick zum ersten Mal ohne Scheu oder Trotz. „Eigentlich hast du’s nicht verdient, dass ich noch mal auch nur ein Wort mit dir wechsle. Du warst echt ein Arsch.“

Kolb seufzte, offensichtlich verstimmt. „Du warst nicht ganz unschuldig daran.“

„Einen Scheiß war ich!“, rief Jonas und schon war der eben erst abgeflaute Zorn zurück. „Häng das jetzt nicht mir an!“ Er wusste nicht, was ihn mehr ärgerte: Kolbs Vorwurf oder das Wissen, dass er recht hatte.

Kolb trank scheinbar völlig ungerührt einen Schluck Tee, doch als er die Tasse absetzte, hatte sich seine Miene verändert. Plötzlich war da ein harter Zug um seinen Mund, den Jonas bisher noch nicht an ihm gesehen hatte. „Ist dir eigentlich klar, was für ein Risiko du in dieser Nacht eingegangen bist?“

„Oh, bitte!“, höhnte Jonas, aber seine Stimme klang dünn. „Ich war für dich doch genauso fremd, wie du für mich. Du bist also dasselbe Risiko eingegangen.“

„Ich habe keinen völlig Fremden aufgefordert, mich zu vögeln, völlig egal, wie sehr ich jammere.“

Kolbs nüchterne Feststellung nahm Jonas den Wind aus den Segeln und er brachte nicht mehr als ein gemurmeltes Arschloch hervor.

„So weit waren wir schon.“

„Du hättest ja auch einfach ‚Nein‘ sagen können“, presste Jonas schließlich hervor. „Anstatt mitzuspielen und mich noch weiter zu demütigen.“

„Hätte ich und das wäre auch der deutlich bessere Weg gewesen“, räumte Kolb zu Jonas‘ Überraschung ein.

„Wäre es“, erwiderte er bitter.

„Trotzdem …“ Kolb schüttelte den Kopf. „Wenn du an den Falschen geraten wärst … Du hättest ernsthaft verletzt werden können.“

Das war der letzte Tropfen. Jonas sprang auf; hatte genug von Kolbs Belehrungen. „Du hast mich verletzt! Vielleicht nich‘ körperlich, aber …“

„Das weiß ich!“ Frustriert fuhr sich Kolb durchs Haar. „Hör zu, ich … Ich weiß, dass ich dich mit meinem Verhalten verletzt habe. Und es tut mir leid. Wirklich. Mehr als ich in Worte fassen kann. Ich habe überreagiert und es hätte unendlich viele Möglichkeiten gegeben, die Situation besser zu lösen. Du …“, er zögerte, wich Jonas‘ Blick aus. „Du hast mich da an jemanden erinnert. Ich habe wohl versucht, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen.“

Jonas kaute auf seiner Unterlippe herum. Wieder wirkte Kolbs Entschuldigung aufrichtig und es war schwierig, auf seinen Zorn zu bestehen. Zudem war ihm, ungeachtet dessen wie sehr er sich in den vergangenen Tagen über Kolbs Verhalten aufgeregt hatte, durchaus bewusst, dass es letztlich er gewesen war, der Mist gebaut hatte. Kolb hatte recht. Er war gefährlich leichtsinnig gewesen und vermutlich wäre er um eine ziemlich unangenehme Erfahrung reicher, wenn Kolb nicht besser auf seine Grenzen geachtet hätte als er selbst. Schließlich seufzte er. „Schon gut. Ich weiß, dass eigentlich ich mich entschuldigen sollte.“

Dieses Mal war es Kolb, der überrascht wirkte. Er zog eine Braue hoch. „Ach ja?“

Jonas trat von einem Fuß auf den anderen, zwang sich, seinen Blick nicht zu senken. „Ich bin erwachsen genug, um zuzugeben, dass ich dich in eine beschissene Situation gebracht und dann auch noch völlig überreagiert hab, als du versucht hast, da irgendwie wieder rauszukommen. Hast ‘n bissl ‘nen wunden Punkt getroffen.“

„Das tut mir leid“, sagte Kolb leise. „Und es tut mir leid, wenn ich dir das Gefühl gegeben habe, nicht ‚Nein‘ sagen zu können.“

„Nee, das … Ach fuck!“ Jonas vergrub das Gesicht in den Händen. „Wie gesagt, war ’n wunder Punkt. Trotzdem hab ich die Scheiße gebaut und nich‘ du. Ich war nur so … so froh, endlich mal … und dann hatte ich Angst, nicht gut genug zu sein und nie wieder …“ Er stöhnte. „Vergiss mein Gelaber einfach. Sorry, dass ich das so verbockt hab und sorry, dass ich dich dafür auch noch angeschnauzt habe.“ Eine Hand auf seiner Schulter ließ ihn endgültig verstummen.

„Ist in Ordnung“, versicherte Kolb. „Einigen wir uns einfach darauf, dass das für uns beide keine Glanzstunde war. Inzwischen habe ich übrigens eine ganze Sammlung solcher Geschichten und in den meisten davon war ich der Depp.“

Jonas war sich nicht sicher, was er von diesem Geständnis halten sollte, honorierte Kolbs Versuch ihn aufzumuntern aber mit einem schmalen Lächeln. Erstaunlich, wie schnell seine sorgsam gepflegte Wut verpufft war.

„Und nur um das klarzustellen“, fuhr Kolb fort, „mal abgesehen vom Ende, hatte ich in der Nacht mit dir eigentlich ziemlichen Spaß.“

„Wirklich?“ Jonas ärgerte sich über die Verblüffung in seiner Stimme.

„Mhm. Nur so als Hinweis, bevor du die nächste Dummheit planst.“

Schnaubend schubste Jonas Kolb zur Seite, konnte aber nichts gegen das Lächeln tun, das sich auf seine Lippen stahl. Mit Jeans und zerzausten Haaren wirkte Kolb plötzlich viel nahbarer als in ihrer gemeinsamen Nacht.

Schweigend standen die beiden in der Küche und nippten an ihren jeweiligen Getränken. Immer wieder huschten Jonas‘ Augen zu Kolb. Nachdem er den ersten Schreck über dessen verändertes Auftreten verdaut hatte, hatte sein Gehirn wieder genug Kapazitäten, darüber zu sinnieren, dass er noch immer verflucht scharf aussah. Ein Gedanke formte sich in Jonas‘ Kopf, aber war sich nicht sicher, ob er den Mut hatte, ihn laut auszusprechen. Die Dose knackte leise, als seine Finger sich zu fest darum schlossen. „Ähm … Hör mal, ich … Ich weiß nich‘ so genau, wie ich das jetzt sagen soll, aber … Könntest du dir vorstellen, das mit uns noch mal zu versuchen?“

Kolb hob die Brauen, aber bevor er die Chance hatte, etwas zu erwidern, winkte Jonas ab. „Ja, ja, ich weiß. Das Ende war ‘ne Katastrophe und … und ich bin nich‘ grad der Erfahrenste, also in Bezug auf One-Night-Stands mit Männern!“, fügte er rasch an, „aber … wenn wir es nur ein klein wenig, ähm, gelassener angehen, dann … dann könnte das doch durchaus Potenzial haben, oder?“

Kolb nahm sich einige Sekunden für seine Antwort und am Ende war sie reichlich unbefriedigend. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

„Ich auch nich‘“, gab Jonas zu. „Aber ich würd’s ganz gern rausfinden.“

„Ich bin nicht an irgendetwas Ernsthaftem interessiert, falls das deine Absicht ist.“

„Nee, so war das nich‘ gemeint.“ Tatsächlich war Jonas diese Möglichkeit bis eben nicht einmal in den Sinn gekommen. Wie sollte er eine ernsthafte Beziehung vor seiner Familie und seinen Freunden geheim halten? Im gleichen Augenblick fragte er sich, was Kolbs Beweggründe waren, ihm so deutlich klarzumachen, dass das zwischen ihnen, wenn überhaupt, etwas rein Sexuelles werden würde. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie groß die Wohnung für eine Einzelperson war. „Ähm, du bist aber nich‘ vergeben oder so? Mit so ‘nem Scheiß will ich nämlich echt nix zu tun haben.“

„Ich bin Single“, antwortete Kolb mit einem schmalen Lächeln. „Und ich habe nicht vor, das in nächster Zeit zu ändern. Deshalb will ich dir keine falschen Hoffnungen machen.“

Jonas schüttelte den Kopf. „Nee, von meiner Seite aus gibt’s da keine Hoffnungen. Außer auf guten Sex und neue Erfahrungen.“ Einem spontanen Impuls folgend, trat er näher an Kolb heran, stützte die Hände an beiden Seiten dessen Körpers auf der Küchenzeile ab. Als keine Gegenwehr kam, brachte er seine Lippen ganz nah an Kolbs Ohr und flüsterte: „Ich find das nämlich grad ganz nett so.“ Sein Herz raste, aber er zwang sich, scheinbar gelassen eine Antwort abzuwarten.

Kolbs Stimme war eine Erlösung. „Ich auch.“ Seine Worte waren jedoch nichts im Vergleich zu den Händen, die Jonas‘ Hüfte umfassten.

Jonas schaffte es, Kolbs Blick standzuhalten und hoffte, dabei nicht zu grinsen wie der letzte Idiot. Gleichzeitig sehnte er sich nach einer Möglichkeit, unauffällig seine Wangen zu kühlen; sie mussten inzwischen tomatenrot sein. „Und … Ähm … Ich steh drauf, wenn du mir sagst, was ich tun soll und … ich hatte das Gefühl, dass du das auch gar nich‘ so übel fandst. Also … könnten wir das vielleicht ein bisschen ausbauen?“

„Mhm. Vielleicht könnten wir das.“ Kolb seufzte. „Aber nicht jetzt. Ich habe noch einiges zu tun, bevor ich in die Arbeit fahre und sollte mir die Sache ohnehin noch mal durch den Kopf gehen lassen, wenn sich mein Blut nicht gerade zwei Etagen zu tief sammelt.“

Trotz seiner Nervosität lachte Jonas. „Scheiße, du machst die Sache wirklich spannend.“

„Damit wirst du leben müssen.“ Sanft schob Kolb Jonas zur Seite. „Gib mir deine Nummer, dann melde ich mich bei dir.“

„Pff, gib du mir doch deine Nummer und ich meld mich dann bei dir.“ Als hätte er es heraufbeschworen, vibrierte das Handy in seiner Tasche und kündigte eine Nachricht an. Jonas warf einen verstohlenen Blick darauf. Sie war von Maria.

 

Maria, 12:43 Uhr

Alles okay bei dir? Es dauert doch keine halbe Stunde, so eine Jacke zu holen …

 

Rasch tippte er eine Antwort.

 

Du, 12:44 Uhr

alles gut. bin noch da. meld mich später.

 

„Sorry, besorgte Ex-Freundin“, erklärte er Kolb und genoss die Überraschung, die in dessen Zügen aufflackerte zu sehr, um weitere Erklärungen zu liefern. „Also, jetzt wo ich das Ding schon in der Hand hab, kannst du ja mal deine Nummer rausrücken.“

Ohne weitere Proteste, diktierte Kolb seine Telefonnummer, aber als Jonas seinen Namen einspeichern wollte, stockte er. In Gedanken hatte er ihn seit dem Vorstellungsgespräch immer mit Nachnamen angesprochen, aber angesichts der jüngsten Ereignisse erschien ihm das nun doch ein wenig formell. Nur wie zum Teufel …

„Erik“, half Kolb, dem Jonas‘ Ratlosigkeit offenbar nicht entgangen war, belustigt aus.

„Das wusste ich!“

Kolb, nein Erik, ließ ein raues Lachen hören, das ein Prickeln über Jonas‘ Haut sandte.

„Ich klingle dich an, dann hast du meine auch“, versuchte er das Thema zu wechseln.

„Ausgezeichneter Plan, Jonas Staginsky.“

„Angeber.“ Nachdem er sicher war, dass Erik seine Nummer eingespeichert hatte, steckte er sein Handy weg und tauschte den langweiligen Anorak gegen seine Lederjacke aus. „Ich pack’s dann mal. Meld dich nicht zu spät, sonst hab ich’s mir am Ende doch noch anders überlegt.“

„Warte.“ Erik hatte nicht laut gesprochen, aber etwas in seinem Ton ließ Jonas in der Bewegung erstarren. „Schließ die Augen.“

Nach minimalem Zögern befolgte Jonas die Anweisung. Nun blind, hörte er zunächst nur das Klopfen seines eigenen Herzens, bevor er die Schritte wahrnahm, die sich ihm näherten, direkt vor ihm stehenblieben. Jonas zuckte zusammen, als er warmen Atem an seiner Haut fühlte, Haare seine Wange kitzelten.

„Bis bald.“ Eriks tiefe Stimme an seinem Ohr und dann, so flüchtig, dass sie ebenso gut Einbildung hätten sein können, seine Lippen auf seinem Mund.

„W-Wehe du meldest dich nicht!“, war alles, das Jonas hervor pressen konnte.

Was zuletzt geschah:

Jonas‘ verbesserungswürdiger Orientierungssinn führt ihn nicht wie geplant zum Italiener, sondern vor Kolbs Haustür. Irgendwie schaffen die beiden es, so etwas ähnliches wie ein Gespräch miteinander zu führen und schon diese kleine Annäherung reicht, um in Jonas den Wunsch nach einer Vertiefung ihrer Bekanntschaft aufkommen zu lassen.

Kolbs Gehirn ist von diesem Vorschlag weniger angetan als sein Penis und er bittet um ein wenig Bedenkzeit.

 

Kapitel 5

Die Sonne war zu grell, die Luft zu frisch und die Vögel zu laut. Alles in allem war es für Jonas‘ Geschmack deutlich zu früh und seine Nervosität trug nicht zur Verbesserung seiner Laune bei. Zum dritten Mal an diesem noch jungen Tag überflog er Eriks knappe Nachricht. Richtiges Datum, richtige Uhrzeit. Über das Warum dieses Besuchs schwieg sie sich jedoch aus und Jonas hatte sich nicht die Blöße geben wollen, nachzufragen. Der Lohn seines falschen Stolzes waren etwa hundert verschiedene Szenarien, die sich gleichzeitig vor seinem inneren Auge abspielten. Er atmete einmal tief durch. Herumstehen und auf der Stelle treten würde ihm keine Antworten liefern.

Mit gesenktem Kopf, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, steuerte Jonas Eriks Tür an und klingelte. Obwohl sie dieses Mal verabredet waren, dauerte es merklich länger, bis ihm geöffnet wurde.

„Guten Morgen“, begrüßte Erik Jonas. Er wirkte erschöpft, aber weder das zerzauste, von der Dusche noch feuchte Haar, noch die ein wenig schief auf seiner Nase sitzende Brille taten seiner Attraktivität Abbruch. „Müde?“

„Solange ich nicht so fertig wie du aussehe …“

„Ah, ein paar freundliche Worte am Morgen, da geht mir richtig das Herz auf.“

„Jaja, ich sag bloß die Wahrheit.“ Jonas drängelte in die warme Wohnung und ärgerte sich gleich darauf über seine überzogen unhöfliche Reaktion, geboren aus dem Versuch, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. In der Hoffnung, die vermasselte Begrüßung halbwegs ausbügeln zu können, fragte er: „Hast du die ganze Nacht im Tix gearbeitet?“

„Mhm.“

„Wir hätten uns auch später treffen können.“

„Ich bin heute den ganzen Tag unterwegs.“

„Oh. Ach so.“ Innerlich seufzend aber davon abgesehen protestlos, ließ sich Jonas ein weiteres Mal in die Küche dirigieren. Auf dem Tisch standen ein mit duftenden Brötchen gefülltes Weidenkörbchen, zwei Teller und allerlei Auswahlmöglichkeiten an Belägen.

„Setz dich“, wies Erik ihn an. „Kaffee?“

„Mit Milch und Zucker geht’s“, antwortete Jonas wenig begeistert. „Du hast nicht zufällig Red Bull da?“

„Es ist noch nicht mal neun.“

„Deshalb das Bull. Abends bin ich wach genug.“

Jonas glaubte, Erik seufzen zu hören, als sich dieser abwandte und den in die Wand eingelassenen Vorratsschrank durchsuchte. „Ah.“ Offenbar war er fündig geworden, denn er drückte Jonas eine blau-silberne Dose in die Hand. „Ungekühlt und vermutlich seit Jahren abgelaufen.“

„So mag ich‘s am liebsten.“ Jonas prostete Erik zu. „Brauchst du die Semmeln alle für dich, oder gibst du mir eine ab?“

„Bedien dich.“

„Danke.“ Jonas griff sich das oberste Brötchen, dessen resche Kruste seine kalten Hände wärmte und ihnen etwas anderes zu tun gab als nervös an seinem Pulli zu zupfen. Genussvoll spachtelte er eine dicke Schicht Nutella auf das weiche Innere und biss ein größeres Stück ab, als er würdevoll kauen konnte.

„Du kommst aus Bayern, richtig?“

„Waff?“, nuschelte Jonas mit vollem Mund.

Erik deutete auf die Brötchen. „‚Semmeln‘ ist bayerisch, oder täusche ich mich?“

Rasch würgte Jonas den Bissen in seinem Mund herunter. „Hör mir bloß mit diesem ganzen Dialektscheiß auf! Mein erster Besuch beim Bäcker hier in Berlin war traumatisch für alle Beteiligten.“ Er lächelte verlegen als Erik lachte. „Aber du hast recht, ursprünglich komm ich aus Oberbayern, Nähe Schliersee. Winziges Dorf am Arsch der Welt. Ein Wunder, dass ich halbwegs Hochdeutsch sprechen kann. Und jetzt setz dich endlich, macht mich ganz zapplig, wenn du da so rumstehst.“

Zu Jonas‘ Überraschung, sank Erik widerspruchlos auf den Stuhl ihm gegenüber.

„Ich hatte ja viel erwartet, aber sicher nich‘, hier ein Frühstück serviert zu bekommen.“

Erik zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, das bricht vielleicht das Eis.“

„Also erst essen, dann ficken?“

„Erst essen, dann reden.“

„Reden? Wozu denn das?“

Ohne den Blick von Jonas zu lassen, schenkte sich Erik eine Tasse Tee ein. „Weil ich dich ein bisschen kennenlernen will.“

„Wozu?“ Scheiße, was sollte das nun wieder? Nach ihrer Verabschiedung und spätestens nachdem sich Erik bei Jonas gemeldet hatte, war er fest davon ausgegangen, schon bald nackt in dessen Bett zu liegen und jetzt sollte er schon wieder mit Engelszungen auf ihn einreden, nur, damit sie endlich vögeln konnten? Jonas wollte es doch einfach nur hinter sich bringen und die schlechte Erfahrung mit etwas Glück mit einer guten überschreiben.

Blind für Jonas‘ inneren Tumult, drehte Erik die Teetasse in seinen Händen. „Ich versuche mal, dir meine Bedenken darzulegen und hoffe einfach, dass du sie mir nicht übel nimmst. Als du neulich Nacht mit zu mir mitgekommen bist, warst du offensichtlich bereit, Dinge zu tun, die du noch nie getan hast. Was an sich natürlich kein Problem darstellt, aber der Punkt ist, dass du dich dabei nicht wohlgefühlt hast. Trotzdem hast du mich weitermachen lassen, anstatt die Reißleine zu ziehen. Verstehst du, worauf ich hinauswill?“

„Darauf, dass du kneifst?“

Erik schüttelte den Kopf. Allmählich wirkte er frustriert. „Vielleicht habe ich deine Worte neulich auch einfach falsch gedeutet.“

„Welche Worte?“, fragte Jonas misstrauisch.

„Dass es dir gefällt, wenn ich dir sage, was du tun sollst und du das gerne vertiefen würdest. Ich bin davon ausgegangen, dass es kein 08/15-Kuschelsex ist, um den es dir hier mit mir geht.“

„Das … Jaah, schon“, gab Jonas zu, eifrig bemüht, gelassen zu wirken.

„Wir reden hier also von einer Form von BDSM, wie auch immer wir das dann genau definieren wollen, richtig?“

Jonas nickte stumm, peinlich berührt, dass Erik eine Fantasie, die er lange Zeit nicht einmal vor sich selbst hatte eingestehen können, so einfach aussprach.

„Gut, dann ist das soweit ja schon mal geklärt.“ Erik seufzte. „Weißt du, ich hätte nichts dagegen, ein wenig in diese Richtung zu experimentieren und ich übernehme dabei auch gerne den dominanten Part, aber ich muss sicher sein, dass mein Gegenüber weiß, worauf es sich einlässt. Seine Grenzen kennt und achtet. Da bin ich mir bei dir einfach nicht sicher.“

„Woher soll ich meine verfickten Grenzen denn kennen?“, rief Jonas aufgebracht. Nach einem tiefen Atemzug fügte er leiser hinzu: „Ich hab ja noch nie … Ich hab ja noch nix in die Richtung gemacht.“

„Akzeptiert.“ Erik hob beschwichtigend die Hände. „An Grenzen kann man sich herantasten.“

„Wo ist dann das Scheißproblem?“

„Hast du dich neulich wohlgefühlt?“

„Ich war nervös, aber grundsätzlich war‘s schon ziemlich geil.“

„Die ganze Zeit?“

„Naja …“

„Als du über den Tisch gebeugt warst? Ich dich runter gedrückt habe?“

„Nich‘ wirklich“, räumte Jonas ein und meinte damit eigentlich ‚Überhaupt nicht‘.

„Warum hast du es dann nicht beendet?“

Jonas senkte den Blick. „Keine Ahnung.“ Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er eine Ahnung. Ein Gedanke, der in seinem Hinterkopf spukte, nicht greifbar genug, um ihn zu formulieren und viel zu unangenehm, um es zu versuchen.

„Hattest du Angst?“, fragte Erik unbeirrt weiter.

„Ein bisschen.“ Ziemlich.

„Und trotzdem hast du mich weitermachen lassen, sogar dann noch, als ich dir explizit angeboten hatte, abzubrechen.“

Jonas starrte schweigend auf das Brötchen vor ihm. Ihm war der Appetit vergangen.

„Ich will dich nicht angreifen“, stellte Erik mit sanfter Stimme klar. „Diese Fantasien zu haben ist völlig okay und ich weiß selbst, wie schwer es sein kann, seinem Gegenüber zu sagen, dass man etwas gerade doch lieber nicht möchte. Ich will nur nicht, dass du etwas tust, das du später bereust. Und ganz sicher will ich nicht daran beteiligt sein.“

„Du hast aufgehört“, flüsterte Jonas.

„Hm?“

„Als … Als ich mich verschluckt und ‘nen Moment lang keine Luft bekommen hab, da hast du aufgehört und dich um mich gekümmert. Ich mein … Es war mir scheißpeinlich, aber … In dem Moment hab ich mich in guten Händen gefühlt. Und dann … später als … Ich hatte echt A–“ Jonas räusperte sich. „Ich war nervös, aber der Gedanke abzubrechen und wieder nicht … Jedenfalls … Du hast getan, was ich nicht konnte. Du hast abgebrochen. In dem Augenblick hast du besser auf meine Grenzen geachtet als ich selbst.“ Er lächelte schwach. „Und eigentlich tust du das jetzt schon wieder.“

Erik antwortete nicht sofort, wirkte nachdenklich.

„Jedenfalls“, fuhr Jonas fort, „klar, das neulich is‘ scheiße gelaufen … Ich war total nervös und hatte einfach so viele Erwartungen … An dich … Und an mich … Und daran, was du von mir erwarten könntest. Als dann nix so gelaufen is‘, wie ich’s mir vorgestellt hatte, bin ich noch nervöser geworden und hab noch mehr Druck aufgebaut und … Naja, wir wissen beide, wie das ausging. Aber ich kann einfach nich‘ aufhören daran zu denken, wie scheißgut es hätte werden können, wenn ich’s nich‘ so versaut hätte. Und … Und, ich mein … Du würdest dir doch nich‘ so viel Zeit für das hier nehmen, wenn du nich‘ auch wenigstens ein bisschen Potenzial sehen würdest, oder?“

„Hast du keine Angst, dass ich dein Vertrauen ausnutzen könnte?“, fragte Erik nach einer längeren Pause.

„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber das könnte mir bei jedem anderen Typen auch passieren, oder nicht? Selbst dann, wenn ich nur Kuschelsex suchen würde.“

„Möglich“, räumte Erik ein.

„Außerdem hast du das ja letztes Mal auch nicht gemacht. Obwohl ich nix gesagt hab. Genaugenommen hab ich praktisch drum gebettelt. Und jetzt bestellst du mich sogar extra hierher, nur um zu labern. Du hättest mich schon dreimal ficken können und tust es einfach nicht!“ Frustriert riss Jonas ein Stück von seinem Brötchen ab, stopfte es sich in den Mund und würgte den viel zu großen Brocken herunter. „Naja, jetzt haben wir‘s eh kaputtgelabert.“

„Reden gehört dazu. Zugegeben, auf solche Krisengespräche könnte ich in Zukunft verzichten, aber davon abgesehen ist das einfach noch immer die beste Möglichkeit, den anderen kennenzulernen.“

„Und was heißt das jetzt?“

„Das weiß ich noch nicht.“

Jonas rollte mit den Augen. „Ganz toll.“

Erik schien sich von Jonas‘ genervter Reaktion nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Du sagst, du hast unter anderem deshalb Interesse, diese Dinge mit mir auszuprobieren, weil ich neulich aufgehört habe. Es freut mich natürlich, dass du mir da so vertraust, aber … Das ist eine Verantwortung, die ich nicht übernehmen will. Ich kann auf dich achten und natürlich respektiere ich deine Grenzen, aber ich kann keine Gedanken lesen und ich will es auch nicht müssen.“

„Verstehe“, erwiderte Jonas geknickt. Obwohl er es versuchte, schaffte er es nicht, wütend auf Erik zu sein, dafür verstand er dessen Begründung zu gut. „Ich hab’s echt versaut, was?“

„Sagen wir, es macht alles ein wenig komplizierter. Um ehrlich zu sein“, Eriks Finger spielten mit dem Rand seiner Tasse. „war ich kurz davor dir in meiner Nachricht abzusagen.“

„Was hat dich abgehalten?“ Jonas schaffte es nicht, den anklagenden Ton aus seiner Stimme herauszuhalten.

„Dass ich dich wahnsinnig gerne in meinem Bett hätte.“

„O-oh, das is‘ … cool.“ Jonas war beeindruckt von seiner Eloquenz. „Ich meine … cool … Fuck! Jetzt hast du mich nervös gemacht!“

Erik war sichtlich darum bemüht, nicht zu lachen. Erfolglos. „Das nehme ich mal als Kompliment.“

Jonas zwang sich, von seinem Brötchen abzubeißen, in der Hoffnung, entspannter zu wirken als er sich fühlte. „Also … willst du dich noch mal mit mir treffen, oder nich‘?“

Vermutlich vergingen nur wenige Sekunden, bevor Erik zu einer Antwort ansetzte, aber sie fühlten sich wie eine verfluchte Ewigkeit an. „Ich bin versucht, es noch einmal darauf ankommen zu lassen. Sofern du das auch willst.“

„Will ich!“ Jonas war so mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, dass er die Anspannung, die aus Eriks Zügen wich nicht bemerkte.

„Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob das zwischen uns in die Richtung gehen soll, die du dir erhoffst.“

„Sondern?“, fragte Jonas misstrauisch.

Erik zuckte mit den Schultern. „Wir machen langsam, tasten uns aneinander heran und sehen mal, ob unsere Wünsche und Fantasien zusammenpassen. Dann hast du die Gelegenheit, deine Grenzen kennenzulernen und sie mir zu kommunizieren. Aber ich behalte mir vor, abzubrechen, wenn ich das Gefühl habe, dass du das nicht tust.“

„Mit andren Worten: Wenn ich noch mal sowas wie neulich bring, isses vorbei.“

„Ja.“ Eriks Stimme ließ keinen Zweifel, dass er das ernst meinte.

„Is‘ vermutlich fair.“ Jonas trank den letzten Schluck seines schalen Red Bulls. Langsam drehte er die Dose in seinen Händen, beobachtete die Lichtreflexe auf der glatten Oberfläche. Nachdem Eriks Entscheidung positiv ausgefallen war, kehrte allmählich zusammen mit seinem Appetit auch seine Neugierde zurück. „Wie oft machst du sowas wie neulich eigentlich?“ Das war eine Frage, die Jonas seit ihrem missglückten One-Night-Stand durch den Kopf spukte. Erik hatte an diesem Abend so unglaublich selbstsicher gewirkt, dass es beinahe schon wie Routine erschienen war.

Dieser hob eine Braue. „Vögeln?“

„Nee. Doch. Also … halt so wie das, was du da mit mir gemacht hast.“ Normalerweise war Jonas stolz darauf, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, aber bei diesem Thema redete er wie ein Grundschüler, dem man sein erstes Aufklärungsbuch vor die Nase gelegt hatte. Im Stillen sandte er einen grimmigen Dank an sein konservatives Elternhaus.

„Normalerweise lasse ich die Finger von Gästen. Das gibt nur unnötigen Ärger.“

„Nee, das meinte ich gar nicht.“ Jonas hielt inne. „Wobei … Warum bei mir die Ausnahme?“

Erik zuckte mit den Schultern. „Du warst echt hartnäckig. Und hast mir gefallen. Gefällst mir immer noch. Dass das keine besonders gute Idee war, war mir natürlich schon bewusst, aber es war ein langer Abend und ich habe mich hinreißen lassen.“

Jonas versuchte, sein selbstzufriedenes Grinsen zu verstecken, indem er sich den letzten Rest seines Brötchens in den Mund stopfte.

„Was war deine eigentliche Frage?“, wollte Erik wissen.

„Ach so, ja.“ Einen Augenblick überlegte Jonas, wie er seine Gedanken formulieren sollte. „Also … Wir kannten uns ja kaum, aber irgendwie schienst du zu wissen, dass ich darauf stehe, wenn du, ähm … wenn du etwas dominanter bist. Machst du das einfach generell, oder … oder lag das an mir?“

„Ah, jetzt verstehe ich deine Frage.“ Erik musterte ihn aufmerksam. „Würde es dich stören, wenn ich sage, dass es an dir lag?“

„Scheiße. Ja, irgendwie nervt das schon.“ Jonas war selbst erstaunt, wie stark seine Ablehnung ausfiel. „Ich will nich‘ der Typ sein, dem man ansieht, dass er darauf steht, sich rumkommandieren zu lassen.“

„Hältst du das für etwas Schlechtes?“, hakte Erik neugierig nach.

„Ich glaub … Ich glaub, andere könnten das für was Schlechtes halten.“

„Du wirkst eigentlich nicht wie jemand, der sich darum kümmert, was andere von ihm denken.“

Jonas suchte nach Anzeichen, dass Erik ihn lediglich aufzog, entdeckte aber nur ehrliches Interesse und entschied, ebenso ehrlich zu antworten. „Ich versuch’s. Is‘ aber nich‘ so einfach, wenn man in ‘nem winzigen Dorf aufwächst, in dem jeder Schritt von den Nachbarn beobachtet und schön an die Eltern weitergetratscht wird. Und wer will schon gerne als schwach gelten?“ Oder als Homo, fügte er in seinem Kopf hinzu.

„Ich denke nicht, dass so eine Vorliebe irgendetwas mit Stärke oder Schwäche zu tun hat“, erwiderte Erik gelassen. „Nein, lass mich das anders formulieren. Tatsächlich denke ich, dass es eine Menge innerer Stärke braucht, um sich bewusst für einen bestimmten Zeitraum in eine devote Rolle zu begeben. Aber falls es dich beruhigt, kann ich dir verraten, dass ich dir nicht auf irgendeine magische Weise angesehen habe, dass du darauf stehst.“

„Ach nein?“

„Jonas, du hast mir wortwörtlich gesagt, du würdest alles tun, was ich will. Es ist schwierig, da etwas anderes hineinzuinterpretieren.“

„Oh.“

„Was mich zu der viel interessanteren Frage bringt, was dich dazu gebracht hat, zu denken, dass ich auf sowas stehe.“

„Oh … ähm …“ Jonas schnaubte, verärgert über seine eigene Unsicherheit. „Das Vorstellungsgespräch im Club … Du hattest sowas, ähm, dominant-unnahbares an dir, das, äh … Aber ehrlich gesagt … Ich glaub, ich hätte dieses Angebot jedem gemacht, der mir gefällt. Ich wollt’s einfach mal ausprobieren.“

„Hm. Verstehe. Kann ich dir noch eine etwas persönliche Frage stellen?“

„Wie viel persönlicher kann es denn jetzt noch werden?“

„Bin ich der erste Mann, dem du körperlich nähergekommen bist?“

Oh, fuck. „Das ist persönlich!“

„Ich weiß, tut mir leid.“ Erik zögerte. „Du hast neulich deine Ex-Freundin erwähnt, deshalb habe ich geschlussfolgert, dass Männer eine neue Erfahrung für dich sein könnten.“

„Wäre das ein Problem?“

Erik schüttelte den Kopf. „Nein. Ich will nur sichergehen, dass ich nichts als selbstverständlich ansehe, das für dich nicht selbstverständlich ist.“

Jonas nahm einen Schluck aus seiner bereits geleerten Dose, in der Hoffnung, seinen inneren Disput vor Erik verbergen zu können. Das Vernünftigste wäre, einfach ehrlich zu sein und einzugestehen, dass auch seine angebliche Beziehung mit Maria nichts als Tarnung gewesen und er praktisch erfahrungslos war, aber diese Blöße konnte und wollte er sich nicht geben. „Jaah, es gab bisher tatsächlich nur meine Ex-Freundin.“ Technisch gesehen war das keine Lüge.

Erik seufzte und rieb mit der Hand über seine Unterarme.

„Hast du doch ein Problem damit?“ Jonas‘ Augen blitzten herausfordernd.

„Nein, das ist es nicht“, versicherte Erik rasch. „Nur … Es ist schlimm genug, was passiert ist. Wenn das dann auch noch deine erste Erfahrung mit einem anderen Mann war …“ Er seufzte erneut. „Ah, verflucht, das hätte wirklich nicht so laufen sollen.“

Offensichtlich hatte sich Erik wirklich den Kopf über diese Nacht zerbrochen. Instinktiv legte Jonas eine Hand auf seinen Unterarm, fühlte die weichen Wollfasern unter seinen Fingerspitzen, das reflexhafte Anspannen der Muskulatur, als könnte sich Erik gerade noch davon abhalten, den Arm zurückzuziehen. „Vermutlich hätt’s wirklich besser laufen können“, gab Jonas zu, „aber daran trage ich weit mehr Schuld als du und außerdem bezweifle ich ernsthaft, dass ich ‘nen bleibenden Schaden davongetragen hab. Ich mein, fuck, ich will sowas von mit dir ficken.“

Erik lachte. Warm. Herzlich. Erleichtert. „Du bist schon ein bisschen schräg.“

„Nee, ich bin jung und geil. Und Student. Also darf ich Fehler machen und mich auf seltsame Typen einlassen.“

„Akzeptiert.“

„Alsooo … Und jetzt?“ Jonas warf Erik einen, wie er hoffte, verführerischen Blick zu.

„Jetzt …“ Erik erhob sich und legte seine Hände auf Jonas‘ Schultern. „Will ich dich immer noch kennenlernen.“ Seine Lippen strichen über Jonas‘ Nacken. „Allerdings nicht mehr unbedingt nur durch Gespräche.“

„K-klingt ziemlich gut.“

„Steh auf.“

Mit wackeligen Beinen folgte Jonas Eriks Aufforderung, aber nüchtern und bei Tageslicht war das etwas völlig anderes als in der Nacht nach seinem Clubbesuch. Er musste Erik ansehen, wie ein Lamm den Metzger. Ein feines Lächeln zeigte sich auf dessen Gesicht und er reichte Jonas die Hand. Der brauchte allerdings einen Augenblick, um zu verstehen, dass er sie ergreifen sollte.

Mit einem Ruck zog Erik Jonas an sich. Der Stoff seines Oberteils war kuschelweich und da war wieder dieser Duft, der ihn umhüllte. Sonne und Holz, Wärme und Geborgenheit. Beinahe hätte Jonas protestiert, als Erik einen Finger unter sein Kinn legte und seinen Kopf anhob, weg von seinem Geruch, aber dafür hin zu seinen Lippen. Süßes Red Bull mischte sich mit bitterem Tee.

„Ich steh auf dieses ‚Kennenlernen‘“, nuschelte Jonas, die Wangen erhitzt und tomatenrot.

„Ah, das trifft sich gut.“ Eriks kühle Finger rutschten unter Jonas‘ Kapuzenpullover, legten sich auf seine Taille. „Wir haben nämlich gerade erst angefangen.“

Widerstandslos ließ sich Jonas von ihm gegen die Küchenzeile drängen und nur mit Mühe konnte er ein wohliges Seufzen unterdrücken, als Erik einen Oberschenkel gegen seinen Schritt presste, während seine Zunge Jonas‘ sensiblen Hals kitzelte.

Trotz des frostigen Wetters, wurde Jonas beinahe unerträglich heiß und er wünschte sich, Erik würde ihn endlich von seinem Pullover befreien, selbst wenn das bedeutete, dass er für wenige Sekunden auf das Gefühl der Hände auf seinem Körper verzichten musste. Verlangen verdrängte jede Verlegenheit.

Haltsuchend klammerte sich Jonas an die Kante der Küchenzeile, rutschte zurück, bis er halb auf der Arbeitsfläche saß, doch bevor sich Erik über diesen Rückzug beschweren konnte, hatte er bereits seine Beine um dessen Hüfte geschlungen.

Jonas fühlte Eriks Griff um seine Taille fester werden, hörte sein leises Stöhnen. Er wusste nicht, worauf er zuerst achten sollte. Eriks Zunge, die mit seiner spielte, Eriks Hände, die ihn fest umklammerten, Eriks Erektion, die gegen seine rieb. Unfähig, noch einen klaren Gedanken zu fassen, schloss er die Augen, drückte sich fest gegen den fremden Körper, folgte dem hypnotischen Rhythmus seines Beckens.

„Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck …“ Jonas war sich nicht bewusst gewesen, laut gesprochen zu haben, bis Eriks unterdrücktes Lachen den Dunst in seinem Kopf durchbrach. „Hey! Auslachen ist beschissen!“

„Entschuldige.“ Erik klang nicht geringsten, als täte es ihm leid. „Lass mich diesen Fauxpas wieder gut machen.“ Mit geübten Fingern öffnete Erik Jonas‘ Jeans und strich liebevoll über die darunter verborgene Erektion. „Ich glaube, ich bin dir ohnehin noch etwas schuldig.“ Er griff an Jonas vorbei, und holte ein Kondom aus einer der Küchenschubladen.

„Hast du die Teile eigentlich überall im Haus verteilt?“

„Mhm. Ist praktischer als jedes Mal ins Schlafzimmer rennen zu müssen.“

„Scheiße, an was für ‘nen Typen bin ich da nur geraten?“

„Du darfst jederzeit gehen“, schlug Erik vor, aber sein Lächeln machte deutlich, dass er bezweifelte, Jonas könnte diese Option tatsächlich in Erwägung ziehen.

„Nee, ich … ich glaub, ich bleib hi-Oh, Fuck!“ Jonas legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Erik hatte ihm das Kondom übergerollt und kniete vor ihm. Sein Mund war heiß, seine Lippen fest, seine Zunge erschreckend geschickt. Binnen Sekunden war Jonas‘ Verstand vernebelt, aber er zwang sich, doch noch einmal einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Finger krallten sich in Eriks dichtes Haar. „Tiefer“, neckte er. „Mach langsam und entspann di– Au!“ Jonas zuckte zurück. „Fuck! Keine Zähne!“

Erik hob den Kopf. Auf seinen Lippen lag ein amüsiertes Lächeln, aber sein Blick war streng. „Nur um das klarzustellen: Ich gebe hier die Anweisungen. Du freust dich über die Aufmerksamkeit, die ich dir zuteilwerden lasse. Wie auch immer die aussehen mag.“

Jonas öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Erik erstickte jede weitere Diskussion, indem er sich wieder seiner Erektion zuwandte und bewies, dass er absolut zu dem fähig war, was Jonas so ungeschickt bei ihm versucht hatte.

Kaum hatte Jonas begonnen, Eriks Berührungen wirklich zu genießen, war es auch schon um ihn geschehen. „Fuck, Erik ich …“ Er konnte nicht einmal den Satz beenden, bevor ihn sein Höhepunkt überrollte. Haltsuchend klammerte er sich mit einer Hand an die Anrichte und grub die andere noch tiefer in Eriks Haare. Dieser wartete geduldig, bis die letzte Woge verebbt war, bevor er sanft Jonas‘ Finger löste und aufstand, um ihm ein Stück Küchenrolle zu reichen. „Was für eine schmeichelhafte Reaktion. Man könnte meinen, das war dein erster Blowjob.“

„Fick dich!“, keuchte Jonas nach Atem ringend.

„Wenn das nicht auch der Letzte gewesen sein soll – jedenfalls von mir – solltest du dein Mundwerk ein bisschen im Zaum halten.“ Eriks süffisantes Grinsen nahm die Schärfe aus seinen Worten.

Jonas entsorgte das Kondom mitsamt Küchenpapier in dem Mülleimer, den Erik ihm zeigte. „Gib’s zu, du stehst drauf.“

„Schon.“ Erik packte Jonas‘ Hüfte und zog ihn an sich. „Aber hauptsächlich, weil ich dann darüber nachdenke, wie ich es dir stopfen könnte.“

„Schon irgendwelche Ideen?“

„Hunderte.“ Er trat einen Schritt zurück, brach die wunderbare Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. „Aber die hebe ich mir für ein andermal auf.“

Jonas musterte ihn misstrauisch. „Ich hab noch gar nicht … Bei dir …“

„Hmm, du führst mich in Versuchung, aber ich glaube, auch das würde ich mir lieber für ein andermal aufheben.“

„Echt jetzt? Warum das denn?“

Erik zuckte mit den Schultern. „Vielleicht genieße ich die Vorfreude.“

„Das klingt … bescheuert.“

„Mag sein.“

Jonas wartete einen Augenblick, ob Erik noch eine weitere Erklärung folgen ließ, aber dieser blieb stumm. „Dann … sollt ich wohl so langsam von hier verschwinden.“

„Ah, fühl dich bitte nicht rausgeschmissen! So war das nämlich nicht gemeint. Du kannst gerne noch bleiben.“

„Nee, passt schon.“ Etwas Abstand und die Möglichkeit, wieder einen klaren Kopf zu bekommen, war genau das, was Jonas jetzt brauchte. An der Eingangstür drehte er sich doch noch einmal um. „Schon ‘ne Idee, wann wir uns das nächste Mal sehen?“

„Das ist tatsächlich eine ziemlich gute Frage.“ Erik neigte den Kopf. „Der Club hat Sonntag und Montag geschlossen, da habe ich also frei. Naja, zumindest bin ich nicht im Club. Hast du da Zeit?“

„Montags hab ich zwei Seminare. Die kann ich notfalls schon schwänzen, aber das wär ein eher beschissener Einstand ins Studium. Dann also Sonntag?“

„Dann also Sonntag“, bestätigte Erik.

„Okay. Dann, äh, mach’s gut und so …“

„Jonas?“

„Ja ...?“

Erik zog ihn an sich und streichelte ungewohnt zärtlich über seinen Rücken. Jonas lehnte den Kopf gegen seine Schulter und schloss die Augen. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihm die Nähe zu anderen Menschen in den vergangenen Wochen abgegangen war. Er hatte seine Liebsten in Bayern zurückgelassen und auch, wenn er in Berlin rasch neue Kontakte geknüpft hatte, konnten diese seine Freunde und Familie natürlich nicht ersetzen. Die beiläufigen Berührungen, Umarmungen zur Begrüßung, zum Abschied, oder auch einfach so, weil der andere die Zuwendung gerade zu brauchen schien fehlten ihm. Jonas genoss jede Sekunde, die Erik ihm schenkte.

„Wenn du irgendwelche Fragen hast, melde dich“, flüsterte dieser. „Wenn du Zweifel bekommst, melde dich. Wenn du dich nicht wohl fühlst …“

„Meld ich mich“, versprach Jonas. Er lauschte den zwei Herzschlägen in seinem Ohr. Seinem eigenen und Eriks.

„Ach ja, noch etwas ...“ Plötzlich war da wieder dieser raue Unterton in Eriks Stimme. „Ich habe drei Aufgaben für dich.“

„Aufgaben?“, wiederholte Jonas perplex. Was sollte das werden?

„Mhm.“ Erik löste sich aus der Umarmung und hob einen Finger. „Erstens: Du überlegst dir bis Sonntag zwei Fantasien, die du mir dann erzählen wirst. Eine, die dich richtig anheizt, völlig egal, wie unrealistisch sie ist. Und eine zweite, von der du dir vorstellen könntest, sie in naher Zukunft mit mir in die Tat umzusetzen.“

Jonas schluckte. Bei der Aussicht, seine Fantasien mit jemandem zu teilen, zog sich sein Magen zusammen. Von weit her hörte er sich sagen: „Mach ich.“

„Brav.“ Eriks Lippen strichen über Jonas‘ Stirn, seine Wange, seinen Mund.

„Was noch?“ Beim Klang seiner Stimme verzog Jonas das Gesicht. Wie ein kleiner Junge, der den Zahnarzt fragte, ob gebohrt werden musste.

Erik hielt einen weiteren Finger nach oben. „Zweitens, du wählst ein Safeword. Irgendetwas, das du dir gut merken und im Notfall verwenden kannst. Und drittens, schreibst du mir eine Liste mit Dingen, die du derzeit auf gar keinen Fall ausprobieren möchtest.“

„Oh … Klar, das sollte ich wohl.“ Jonas grinste verlegen. „Wird wohl echt ernst, was?“

„So ernst, wie wir beide es wollen.“ Ein letztes Mal beugte sich Erik vor und presste seine Lippen gegen Jonas‘, bevor dieser mit klopfendem Herzen durch die Wohnungstür nach draußen schlüpfte.

Zurück an der frischen Luft, verkrümelte er sich in eine abgeschiedene Ecke, schloss einen Moment lang die Augen und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Jetzt, da seine körperliche Erregung abgeflaut und Eriks Berührungen nur noch Erinnerungen auf seiner Haut waren, kehrte die Vernunft zurück. Die Erkenntnis, was gerade passiert war. Er hatte sich mit einem fast Fremden zum Sex verabredet und dazu den ersten Orgasmus erlebt, für den er nicht selbst verantwortlich gewesen war. Strenggenommen hatte Jonas Sex mit einem Mann gehabt.

Ein bitteres Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Was würden wohl seine Eltern sagen, wenn sie davon wüssten?

 

 

 

Autorenkommi:

Was denn, was denn, was denn? Die beiden kommunizieren miteinander? Wie zwei reife Erwachsene, die mehr beherrschen als das Ausstoßen gutturaler Grunzer und unterschwelliger Pheromone? Mal sehen, wie lange das so bleibt.

 

Ich weiß, aktuell fokussiert sich die Geschichte ziemlich auf die sexuelle Beziehung zwischen Erik und Jonas, aber auch, wenn das noch ein paar Kapitel so weitergeht, verspreche ich, dass Raupe im Neonlicht mehr Themen behandelt als nur das kreative Zusammenschachteln diverser Körperteile. Genießt den Sex, solange ihr ihn habt ;)

 

Zu guter Letzt will ich mich noch für alle Klicks, Favs, Empfehlungen und Reviews bedanken! Derzeit ist der Blick in meine Stats mein Zuckerl zum Wochenende. Dafür vielen Dank!

Schwarzleser sind herzlich willkommen, aber natürlich freue ich mich auch über Rückmeldungen zu den einzelnen Kapiteln, auch und gerade, wenn diese mal negativ ausfallen sollten. Keine Angst, ich mag euch trotzdem :P

 

Noch mal vielen Dank an jeden, der sich die Zeit nimmt Raupe im Neonlicht zu lesen!

Was zuletzt geschah:

Im Tausch gegen ein reichhaltiges Frühstück, führt Jonas ein klärendes Gespräch mit Erik, bis dieser beschließt, seinen Mund lieber anderweitig zu nutzen. Kurz darauf verlässt Jonas Eriks Wohnung, das Datum für sein erstes echtes Sexdate und eine Menge Zweifel im Kopf.

 

Kapitel 6

Dichte Wolken, hereinbrechende Nacht und flackernde Straßenlaternen wuschen jede Farbe aus den Straßen, ließen die eigentlich vertraute Gegend fremd erscheinen.

Jonas warf einen Blick auf sein Handy. Er war gute zwanzig Minuten zu früh und hatte keine einzige Nachricht, die ihm einen Vorwand zum Trödeln gab. Maria schwieg seit einem kurzen Telefonat am Anfang der Woche und Jonas fürchtete, sie mit seinem aktuellen Dauerthema ‚Scheiße, ich werde wirklich und wahrhaftig mit nem Kerl ficken‘ endgültig verschreckt zu haben. Um Wiedergutmachung bemüht, schrieb er:

 

Du, 17:38 Uhr

alles okay bei dir?

 

Du, 17:38 Uhr

hab ganz schön viel über mich gequatscht in letzter zeit

 

Du, 17:38 Uhr

sorry dafür

 

Du, 17:39 Uhr

ich weiß, du hast eh schon stress genug

 

Du, 17:39 Uhr

dafür weißt du hoffentlich, dass du mich immer anrufen kannst

 

Du, 17:39 Uhr

wollt ich bloß noch mal klarstellen

 

Nachdem Jonas fünf Minuten am Straßenrand gelungert und vergebens auf eine Antwort gewartet hatte, steckte er sein Handy weg, versuchte, das flaue Gefühl in seinem Magen zu ignorieren und klingelte. Der Türöffner summte innerhalb weniger Sekunden.

„Du bist früh dran.“ Erik ließ Jonas in seine Wohnung. „Daraus kann ich wohl schließen, dass du mehr Interesse an mir hast als damals an dem Job im Tix.“

Eine altbekannte Röte stieg in Jonas‘ Gesicht. „Bild dir mal nicht zu viel darauf ein!“

„Ah, da musst du dir bei mir keine Sorgen machen.“ Heute war Erik kein sorgloser Philosophiestudent. Seine Brille war verschwunden, das dunkelgraue Hemd saß perfekt und die zurückgebundenen Haare gaben seinen Zügen eine einschüchternde Strenge. Von der kumpelhaften Vertrautheit, die er bei ihrer letzten Begegnung ausgestrahlt hatte war nichts übriggeblieben.

In der Hoffnung, seine Nervosität zu verbergen, wandte Jonas ihm den Rücken zu und hängte seine Jacke an die Garderobe gegenüber der Küche, wurde jedoch zurückgehalten, als er diese betreten wollte.

„Heute nicht.“ Eriks Hand legte sich auf Jonas‘ Rücken und drängte ihn mit sanfter Bestimmtheit den Gang entlang.

Auf der linken Seite erspähte Jonas ein geräumiges Wohnzimmer, vollgestellt mit Bücherregalen und einer beeindruckenden DVD-Sammlung, dazu eine gemütlich aussehende Couch und einen Fernseher, über dessen Größe sein Vater Freudentränen vergießen würde. Offensichtlich war aber auch das nicht Eriks Ziel, denn er führte Jonas zu der Tür gegenüber, hinter der sich ein Schlafzimmer verbarg.

Wie der Rest der Wohnung, war es schlicht und freundlich gehalten; ordentlich, ohne pedantisch zu wirken. Anders als die Küche, hatte es jedoch etwas eigentümlich Unpersönliches an sich, war eher Hotelzimmer als privater Rückzugsort. Jonas‘ Blick blieb an Eriks Bett hängen. Kein Doppelbett, aber groß genug, um zwei Erwachsenen Platz zu bieten und mit den schwarzen Satinlaken der einzige dunkle Fleck in der sonst hellen Einrichtung. Seine Finger strichen über den glatten Stoff. Plötzlich war sein Mund wie ausgetrocknet. Die ganze Woche hatte eine Fantasie die andere abgelöst, aber jetzt hier zu stehen, in der Realität, war etwas völlig anderes.

„Nervös?“ Vermutlich war Erik von einem radioaktiv verseuchten Psychiater gebissen worden und konnte seither Gedanken lesen.

„Ein bisschen“, gab Jonas zu.

Erik nahm Jonas‘ Hände in seine, hauchte zarte Küsse auf die Fingerspitzen. „Wir tun nichts, was du nicht willst. Und wenn du lieber nur reden möchtest, ist das auch in Ordnung. Oder falls die lieber wieder gehen willst …“

„‘Nen Scheiß will ich!“ Vehement schüttelte Jonas den Kopf. „Aber was zu trinken wär ganz nett.“

„Cola? Oder lieber Red Bull?“

„Warm und abgelaufen?“

„Frisch gekauft und kaltgestellt. Allerdings küsse ich niemanden, der nach diesem Zeug stinkt.“

„Lügner“, neckte Jonas. „Du konntest letztes Mal gar nich‘ genug von mir bekommen.“

„Welpenschutz“, erwiderte Erik ungerührt. „Den wirst du heute nicht mehr genießen.“

„Dann lieber Cola.“

Erik verschwand ums Eck, um die Getränke zu holen und Jonas nutzte die Gelegenheit, sich auf das Bett zu kuscheln. Es war weich und kühl, aber Erik musste es frisch bezogen haben, denn es roch lediglich dezent nach Weichspüler, anstatt den Duft nach Sonne und Holz zu verströmen, den Jonas inzwischen fest mit ihm verband. Er schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als er eine Bewegung neben sich wahrnahm.

Erik hatte sich zu ihm gelegt, studierte sein Gesicht und lächelte, als hätte er gefunden wonach er gesucht hatte. Sanft zog er Jonas zu sich, seine Lippen strichen so zärtlich über dessen Haut, dass er die Berührung mehr ahnte als spürte. „Fühlst du dich wohl?“

„Schon. Bin aber immer noch scheißnervös.“

Eriks legte eine Hand auf Jonas‘ Brust. „Mhm. Merke ich.“

„Ja, ja. Verarsch mich n-Ah!“ Jonas quietschte auf und versuchte kichernd, Eriks Fingern zu entgehen, die sich in seine empfindlichen Seiten gruben.

„Kitzlig?“

„N-ah …“ Jonas strampelte verzweifelt, doch rasch wurde ihm klar, dass er keine Chance hatte, dem eisernen Griff um seine Taille zu entkommen. Also ging er zum Gegenangriff über.

„Hey!“, protestierte Erik lachend.

Mit einem gut getimten Schubs gelang es Jonas, Erik auf den Rücken zu rollen und sich auf ihn zu setzen. „Ha!“

„Gnade!“, flehte Erik und unternahm einen halbherzigen Befreiungsversuch.

„Sorry, falsches Safeword.“

„Ah, verflucht.“ Eriks Lachen war ansteckend. So ansteckend, dass Jonas für einen Augenblick unachtsam wurde. Prompt landete er unsanft neben Erik, das Gesicht in das weiche Kopfkissen gedrückt, seine Hände hinter seinem Rücken fixiert. „Fuck!“

„Sorry, falsches Safeword.“

„Du mich auch“, nuschelte Jonas ins Kissen.

„Da wir gerade beim Thema sind …“ Erik gab Jonas‘ Handgelenke frei, aber Jonas machte keine Anstalten, sich aufzusetzen. Das Gewicht auf seinem Körper fühlte sich ziemlich gut an. „Hast du dir überlegt, welches du verwenden willst?“

Jonas drehte den Kopf ein Stück, um Erik ansehen zu können. „Dachte an Ampelcode“, schlug er schüchtern vor. „Du weißt schon, grün für ‚gut so, mach weiter‘, gelb heißt ‚nich‘ so wild‘ und rot ‚jetz‘ is‘ aber wirklich mal gut hier‘.“

„Ah. Das wäre tatsächlich auch mein Favorit.“

„Warum hast du’s dann nich‘ gleich vorgeschlagen?“

„Du bist derjenige, der sich im Notfall daran erinnern muss.“

„Oh.“ Eriks Hände, die Jonas bis eben noch streng an seinem Platz gehalten hatten, waren dazu übergegangen, seine angespannten Muskeln in Nacken und Schultern zu lockern. „Dann is‘ mein Vorschlag, das Ganze in ‚Dunkeloliv‘, ‚Straßenköterblond‘ und ‚Dahlienpurpur‘ umzubenennen vermutlich keine gute Idee.“

„So charmant ich das fände, lange Wörter versteht man durch einen Knebel immer ganz schlecht.“

„Knebel, hm? Is‘ das der Plan für heut?“

Erik lachte. „Ich will ja nicht die Spannung aus dem Treffen nehmen, aber sofern du nicht darauf bestehst, würde ich mit sowas ganz gerne warten, bis wir uns ein bisschen besser kennengelernt haben.“

Jonas war sich nicht sicher, ob es Enttäuschung oder Erleichterung war, die er spürte. Vielleicht war es auch einfach nur das angenehme Prickeln, das Eriks Hände durch seinen Körper sandten. Solange er so weitermachte, konnten sie auch einfach den ganzen Abend mit Quatschen verbringen.

„Und gerade, weil wir uns fast nicht kennen – und unser erstes Treffen doch arg verbesserungswürdig war“, fuhr Erik fort, „würde ich gerne zusätzlich noch mit nonverbaler Bestätigung arbeiten. Einfach, um uns beide so gut wie möglich abzusichern.“

„Ich hab keine Ahnung wovon du sprichst, aber ich bin ganz Ohr.“

„Das ist eine Möglichkeit für mich, gelegentlich zu prüfen, ob bei dir alles in Ordnung ist, ohne aus dem Spiel auszusteigen.“ Erik legte eine Hand an Jonas‘ Wange und strich mit dem Daumen über dessen Lippen. Instinktiv hauchte Jonas einen Kuss darauf. Für diese Reaktion erntete er ein Schmunzeln. „Das ist eine nonverbale Bestätigung. Wenn du meine Finger küsst, weiß ich, dass alles in Ordnung ist. Reagierst du nicht oder drehst den Kopf weg, werde ich abbrechen.“

„Und wenn ich reinbeiße?“, fragte Jonas schelmisch.

„Ah, solange kein Blut fließt, werte ich das als gutes Zeichen.“ Erik rutschte von Jonas‘ Rücken und zog ihn in seine Arme. Seine Lippen waren weich und zärtlich, aber Jonas konnte das Verlangen dahinter fühlen. „Immer noch nervös?“

„Ein bisschen. Aber auf ‘ne gute Art. Also eher, ähm … vorfreudig?“

„Sehr schön. Dann steh auf.“

Gänsehaut kroch über Jonas‘ Arme, Eriks Tonlage hatte sich verändert. Tief, rau, keinen Widerspruch duldend. Mit zittrigen Knien glitt Jonas vom Bett. Erik setzte sich an das Fußende, deutete vor sich. „Hierher.“

Langsam begab sich Jonas an die Position, die ihm gezeigt wurde, starrte auf seine eigenen Füße und widerstand der Versuchung, einen rückversichernden Blick auf Erik zu werfen. Bisher war nichts passiert und dennoch pochte sein Herz wie verrückt.

„Sehr gut“, lobte Erik und Jonas konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Jetzt zieh dich aus.“

Lediglich Jonas‘ Blutgefäße reagierten sofort, erweiterten sich und ließen seine Wangen glühen. Er realisierte, dass Erik ihn noch nie völlig nackt gesehen hatte. Mit einem Mal hatte er all die kleinen Unzulänglichkeiten vor Augen, die ihn mal mehr, mal weniger störten. Wie durch einen Spiegel sah er seinen Körper, der es bis zu diesem Tag nicht geschafft hatte, nach dem letzten heftigen Wachstumsschub sein Gewicht an seine Größe anzupassen. Seine Arme und Beine waren zu dürr, Rippen, Schlüsselbein und Hüftknochen stachen deutlich hervor. Dazu der große Leberfleck knapp oberhalb seines Bauchnabels und seine Knie, die irgendwie knubbelig und alles andere als erotisch waren. Selbst die Tätowierung auf seiner Brust, die er bisher nie bereut hatte war ihm plötzlich unangenehm.

‚Jetzt reiß dich mal zusammen!‘, schalt Jonas sich selbst. Erik hatte seinen Schwanz im Mund gehabt und ihn mit heruntergelassener Hose über einen Tisch gebeugt gesehen. Dagegen war so ein kleiner Striptease am Sonntagabend doch harmlos. Scheiße, immerhin hatte Erik diesem Treffen zugestimmt. Das wäre kaum der Fall gewesen, wenn er Jonas abstoßend fände. Der leise Zweifel blieb, aber Jonas konnte ihn weit genug abdrängen, um seinen Körper in Bewegung zu versetzen.

Fahrig tasteten seine Finger nach dem Saum seines Oberteils. Sie waren eiskalt und fühlten sich fremd auf seiner Haut an, der dicke Stoff betäubte für wenige Augenblicke Jonas‘ Sinne, als er ihn über seinen Kopf zog. Der oberste Knopf seiner Hose klemmte, wollte sich nicht öffnen lassen, bis er wütend daran zerrte und ihn beinahe abriss. Mit derselben Bewegung, mit der er seine Hose auszog, streifte er seine Socken von den Füßen. Nun waren nur noch seine Boxershorts übrig. „Alles?“

„Alles.“

Bevor er zu viel darüber nachdenken konnte, entledigte sich Jonas auch diesem Stück Stoff, dieser letzten Barriere zwischen seinem nackten Körper und der Außenwelt. Entschlossen kickte er sie in eine Ecke.

Das Zimmer war kühl. Nicht unangenehm, aber es reichte als beständige Erinnerung daran, dass seine Kleidung auf dem Boden verstreut lag. Jonas glaubte, Eriks prüfenden Blick auf seinem Körper zu spüren. Die Sekunden zogen sich.

„Dreh dich um.“

Mit vor Anspannung steifen Muskeln, folgte Jonas Eriks Anweisung. Er zitterte, sein Atem ging flach. Das Bett knarzte. Jonas fuhr zusammen, als sich Eriks Hände unvermittelt auf seine Schultern legten. Sie waren sanft, aber kalt.

„Das machst du sehr gut.“ Eriks Hand wanderte von Jonas Schulter nach oben, strich zärtlich über seinen Hals, seine Wange, seine Lippen. Jonas küsste Eriks Fingerspitzen. Er fühlte Eriks Nähe, seine Wärme und es kostete all seine Willenskraft, sich nicht einfach in dessen Arme zu werfen und fest an sich zu pressen.

Erik fuhr damit fort, Jonas‘ Körper zu erkunden, doch seine Berührungen hatten ihre ursprüngliche Zärtlichkeit verloren, waren zielstrebig und distanziert – beinahe medizinisch. Kein Zentimeter Haut wurde ignoriert. Erik ließ Jonas die Füße anheben, um seine Sohlen zu begutachten, kniff in seine Brustwarzen, wog Hoden und Penis in den Händen und zog, zu Jonas‘ beschämtem Entsetzen, sogar seine Pobacken auseinander, um einen Blick dazwischen zu werfen. Bald fühlte sich Jonas wie Vieh, das zum Verkauf ausgeschrieben worden war und gerade, als er glaubte, diese Erniedrigung keinen Moment länger ertragen zu können und sich der Kloß in seinem Hals nicht mehr schlucken lassen wollte, hauchte Erik einen zarten Kuss auf seinen Nacken. „Du hast einen umwerfenden Körper. Wir beide werden viel Spaß miteinander haben.“

Die Hände, die sich erneut auf Jonas legten, untersuchten ihn nicht länger, sondern verwöhnten ihn. Ein warmer Mund kam hinzu, liebkoste Jonas‘ Nacken knapp unterhalb des Haaransatzes und bald betete Jonas, Erik möge sich schneller zu den verfänglicheren Körperpartien vorarbeiten. Doch der ließ sich durch Jonas‘ zunehmende Rastlosigkeit nicht aus der Ruhe bringen, hielt sich extralange an dessen Hals auf, nachdem seine Zunge Jonas ein leises Stöhnen entlockt hatte, bevor er sich anderen Körperpartien zuwandte. Jonas‘ Brustwarzen entpuppten sich als überraschend unsensibel und als Erik nicht die erwünschte Reaktion erntete, wanderte er rasch weiter. Dafür entdeckte er Stellen, deren Empfindsamkeit Jonas bis dahin überhaupt nicht bewusst gewesen war. Ein sanftes Streicheln der Innenseite seiner Ellenbogen sandte Gänsehaut über beide Arme, die Nerven knapp unterhalb seiner Ohren schienen direkt mit denen seiner Lenden verbunden zu sein. Und dann war das noch die kleine Erhöhung seines Steißbeins. Ein vorfreudiges Prickeln breitete sich in Jonas‘ Magen aus, als Eriks Finger darüberstrichen, verwandelte sich in enttäuschte Leere, als sie sich wieder zurückzogen.

„Erinnerst du dich an die Aufgabe, die ich dir gestellt hatte?“

„Japp.“

„Antworte in ganzen Sätzen.“ Binnen Sekunden, war Eriks Ton von warm und verständnisvoll zu kühl und tadelnd umgeschlagen.

„Ich erinnere mich an die Aufgabe, die du mir gestellt hast“, flüsterte Jonas heiser.

„Wie lautete sie?“

„Ich … Ich soll dir zwei Fantasien von mir nennen. Eine, die ich vielleicht irgendwann mal erleben will und die andere …“ Jonas schluckte. „Die andere sollte eine sein, die ich in naher Zukunft ausleben möchte.“

„Erzähl mir die zuerst.“

Jonas öffnete seinen Mund, um endlich all die Bilder aus seinem Kopf herauszulassen, aber kein Wort kam über seine Lippen. Er konnte es nicht, konnte Erik nicht erzählen, was er so viele Jahre vor anderen verheimlicht hatte. Zitternd stand er da, starrte auf die hölzerne Schrankwand vor ihm, auf den daran aufgehängten Bademantel und hasste sich selbst für seine Feigheit.

„Wir sind zusammen in diesem Zimmer.“ Eriks Stimme, direkt neben Jonas‘ Ohr, seine Hände auf seinen Hüften. „Du kniest vor mir. Nackt. Siehst mich mit deinen unschuldigen Bambi-Augen an. Deine Hände sind hinter deinem Rücken verschränkt. Nicht, weil ich sie dort fixiert habe, sondern weil du weißt, dass ich sie mir dort am besten gefallen.“

Jonas schloss die Augen, sah sich selbst vor Erik knien, so wie er es ihm eben beschrieben hatte. Eriks Hand rutschte tiefer und Jonas keuchte auf. Sie lag auf seinem Steißbein, schob sich allmählich weiter nach unten. „Du erwartest meinen Befehl, aber ich schweige.“ Jonas wusste nicht, wie lange er sich noch auf den Beinen würde halten können. „Ich sehe deine Erregung, sehe die Hoffnung in deinen Augen, dass ich dir heute Befriedigung verschaffe.“

Stille umhüllte Jonas. Alles was er hörte, war sein flacher Atem und das Blutrauschen in seinen Ohren. Alles was er fühlte, waren Eriks neugierige Finger. Seine Zunge bewegte sich, bevor er sie bändigen konnte. „Wie geht’s weiter?“

Eriks Hände verschwanden von seinem Körper, aber bevor sich Jonas entschuldigen, ihn anflehen konnte, nicht abzubrechen, hatte Erik ihn zu sich herumgedreht und in eine feste Umarmung geschlossen. Er flüsterte: „Das finden wir ein anderes Mal heraus.“

Jonas sank in Eriks Arme. In seinem Kopf tobte Chaos. Erregung, Anspannung, Scham und Zuneigung. Einzeln oft schon kaum zu ertragen, wogten sie über Jonas hinweg und er konnte nichts anderes tun als sich an Erik zu klammern und zu warten, bis der Sturm abflaute.

„Bist du in Ordnung?“, erkundigte sich Erik nach einer Weile leise.

„Denk schon.“ Jonas murrte enttäuscht, als Erik sich ihm entzog, doch gleich darauf wurde er in den flauschigen Frotteestoff des Bademantels gehüllt, den er zuvor angestarrt hatte. Allmählich klärte sich sein Kopf; er nahm seine kalten Zehen und Fingerspitzen wahr, Eriks Hände auf seinem Rücken, die die Wärme des Bademantels verstärkten und schließlich das unangenehme Kratzen in seinem Hals. „Fuck, hab ich ‘nen Brand!“

Erik ließ sein herzliches Lachen hören. „Deine Cola steht auf dem Nachttisch. Vielleicht nicht mehr ganz so gut gekühlt, aber ich vermute, das ist jetzt eher zweitrangig.“

Jonas hörte ihm nur mit einem halben Ohr zu, sobald er die Dose erspäht hatte, stürzte er sich darauf und leerte sie mit zwei großen Zügen nahezu vollständig. Sein Durst war gestillt, dafür brannte die Kohlensäure in seiner Speiseröhre. Er hustete. „Shit.“ Unfreiwillig an ihre erste Nacht und den missratenen Blowjob erinnert, stellte er die Dose rasch ab und räusperte sich, in der Hoffnung einen weiteren Hustenanfall unterdrücken zu können.

Erik hatte es sich auf dem Bett bequem gemacht, lehnte mit dem Rücken an einem der großen Kissen. „Komm, setz dich zu mir.“

Nach kurzem Zögern folgte Jonas Eriks Aufforderung, hielt aber Abstand und blieb still.

Erik beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. „Willst du gerade keine Nähe, oder traust du dich nicht?“

„Ich … keine Ahnung“, murmelte Jonas. „Vielleicht ein bisschen was von beidem.“ Er verstand gerade sehr wenig von dem, was in ihm vorging.

„Wenn du nicht willst, ist das natürlich völlig in Ordnung, aber mach bitte nicht den Fehler, die Rollen, die wir im Spiel einnehmen, darüber hinauszutragen.“ Ein fast schon zurückhaltendes Lächeln erschien auf Eriks Gesicht. „Ich persönlich kuschle hinterher ziemlich gern.“

Eriks Lächeln war ansteckend und Jonas fühlte, wie sich seine Schultern entspannten und der Stein in seinem Magen etwas leichter wurde. „Wenn du das so sagst, muss ich diese Einladung ja annehmen.“ Mit Schwung rollte sich Jonas zur Seite und halb auf Erik, der überrascht auflachte und ihn an sich drückte.

Schweigend lagen sie sich in den Armen, Eriks Fingerspitzen kreisten über Jonas‘ Rücken, Jonas lauschte Eriks gleichmäßigen Herzschlägen.

„Das war echt krass“, nuschelte Jonas, als er genug von der Stille hatte.

„War es denn ungefähr das, was du erwartet hattest?“

„Nee!“ Eilig ergänzte Jonas: „Das mein ich aber positiv! Also … Ich mein … es war viel intensiver als ich erwartet hatte … Scheiße, es ist ja eigentlich nix passiert und trotzdem bin ich total fertig … aber es war echt krass geil.“ Jonas fühlte Eriks Körper unter sich beben und wusste, dass er verzweifelt versuchte, nicht laut zu lachen. „Hey! Ich öffne mich dir hier grad! Würdige das gefälligst!“

„Entschuldige“, schnaufte Erik. „Ist nicht böse gemeint. Ich mag deinen Enthusiasmus.“ Er küsste Jonas. Lang. Gefühlvoll. „Du warst fantastisch.“

„Ich hab doch nix gemacht, außer rumzustehen“, wehrte Jonas ab, auch, wenn er sich insgeheim über Eriks Worte freute.

„Du hast dich auf mich eingelassen. Da gehört eine Menge dazu. Außerdem“, Erik knabberte sanft an Jonas‘ Ohr, der kichernd versuchte, dem unangenehmen Kitzeln zu entkommen, „bist du unglaublich heiß.“

Bei seinem Fluchtversuch hatte sich Jonas halb auf den Bauch gerollt. Jetzt spürte er Eriks Gewicht auf sich. Und noch mehr. „Du bist hart.“

„Was erwartest du?“, fragte Erik amüsiert. „Habe ich dir nicht eben gesagt, wie heiß ich dich finde? Und jetzt liegst du unter mir, nur in einen Bademantel gehüllt. Natürlich werde ich da hart.“

Jonas drehte den Kopf, um Erik anzusehen. „Und was machen wir da jetzt?“ Er saugte die Luft ein. Da war wieder dieser Blick, dieses Lächeln. Unwissentlich hatte er Runde Zwei eingeläutet.

„Erinnerst du dich noch an die Haltung, die ich dir vorhin beschrieben habe?“

„Japp.“ Rasch räusperte sich Jonas. „Ich erinnere mich daran.“

„Zieh den Bademantel aus und nimm sie ein.“

Jonas legte den Bademantel ordentlich gefaltet über das Fußende des Betts und kniete sich auf den Boden. Der kleine, vor dem Bett ausgelegte Teppich war dick und weich, sehr zur Freude von Jonas‘ Knien. Er nahm die Arme hinter den Rücken und schlug den Blick nieder, bis ihm einfiel, dass er Erik in dessen Beschreibung angesehen hatte. Schüchtern sah er auf.

„Sehr schön.“ Erik ließ sich Zeit, betrachtete Jonas’ nackten Körper mit unverhohlener Erregung. Unvermittelt erhob er sich, umrundete Jonas gemächlich, schlich um ihn herum, wie ein Jäger um die Beute. „Du bist hier, um mich zu befriedigen und ich werde dir jetzt beibringen, wie.“ Er beugte sich hinunter, seine Finger strichen über Jonas‘ Lippen, der ohne darüber nachzudenken einen Kuss darauf hauchte. „Heute wirst du lernen, wie du mir mit deinem Mund zu Diensten sein kannst.“ Er zog eine Braue hoch. „Verstanden?“

„Verstanden“, murmelte Jonas nervös. Sein Hirn raste um die Frage, was Erik von ihm verlangen würde. Das letzte Mal hatte sich dieser deutlich zurückgehalten und dennoch hätte Jonas dank seines eigenen Übereifers beinahe ein Wiedersehen mit seinem Abendessen gefeiert, an die darauffolgende Panik wollte er gar nicht erst denken. Er erinnerte sich an all die Pornos, die er in den letzten Jahren konsumiert hatte, die Härte, die Brutalität. Es war aufregend dabei zuzusehen, aber er war sich nicht sicher, ob er bereit war, das im realen Leben und an seinem eigenen Körper zu erfahren.

Erik hatte von irgendwoher – und Jonas hatte nicht die geringste Ahnung, woher – ein Kondom gezaubert und hielt es ihm vor die Nase. „Streif es mir über. Das ist ab jetzt immer deine Aufgabe.“

„Verstanden.“ Nicht weniger zittrig als bei ihrer ersten Begegnung, öffnete Jonas Eriks Hose, riss die Kondomverpackung auf, ließ dabei beinahe deren Inhalt fallen, schaffte es irgendwie, das Kondom richtigrum aufzusetzen und rollte es ab. Er fühlte sich schrecklich ungeschickt und fragte sich permanent, wie Erik bei diesem Unvermögen seine Erektion aufrechterhalten konnte. Zaghaft blickte er auf.

Erik erwiderte seinen Blick, den Hauch eines Lächelns auf den Lippen. „Weiter.“

Jonas öffnete seinen Mund so weit er konnte, versuchte Eriks Glied möglichst tief in sich aufzunehmen.

„Warte.“ Erik packte Jonas‘ Nacken, nicht schmerzhaft, aber bestimmt. „Geh nicht gleich in die Vollen. Benutz erst nur deine Zunge. Fang langsam an, arbeite dich vor.“

„Verstanden.“ Jonas bemühte sich, Eriks Erklärung umzusetzen, küsste zunächst den eher unempfindlichen Schaft und arbeitete sich gemächlich zu der sensiblen Spitze vor.

„Das machst du sehr gut.“ Eriks Stimme hatte sich verändert, war weicher, genussvoll. Noch immer lag seine Hand an Jonas‘ Nacken, aber er machte keine Anstalten, dessen Bewegungen in irgendeiner Form zu steuern. „Ich wusste, dass du Talent hast“, gurrte er. „Deine Lektion für heute ist nicht, eine perfekte Leistung abzuliefern, sondern zu lernen, auf meine Reaktionen zu achten und herauszufinden, was mir gefällt.“

Jonas gab sein Bestes, probierte alle Varianten, die ihm in den Sinn kamen und von denen er glaubte, dass sie sich gut anfühlen mussten. Er achtete auf jedes Geräusch, das Erik von sich gab und sein Magen kribbelte selbst beim leisesten Stöhnen. Seine Hand wanderte zu seiner eigenen Erektion. Eine Bewegung, die Erik nicht entging.

„Habe ich dir erlaubt, dich anzufassen?“

Rasch verschränkte Jonas seine Arme wieder hinter seinem Rücken. „‘Tschuldigung.“

„Ausnahmsweise sehe ich darüber hinweg, aber so nachsichtig bin ich heute zum letzten Mal. Nimm ihn jetzt tiefer in den Mund.“

„Verstanden“, nuschelte Jonas.

„Und sieh mich dabei an.“

Jonas zwang sich, auch dieser Aufforderung zu folgen und hob scheu den Blick. Die Lust in Eriks Augen belohnte seinen Gehorsam.

Es entpuppte sich als verflucht schwierig, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen den Kopf vor und zurück zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Das Kitzeln in Jonas‘ Rachen war unangenehm und er schämte sich für die obszönen Schmatzgeräusche und den Speichel, der ihm über Lippen und Kinn lief. Immer wieder musste er innehalten, um nicht zu würgen.

„Stopp“, wies Erik ihn unvermittelt an. „Geh erst einmal nur so weit, wie du kannst. Wenn du würgen musst, ist es zu viel.“

„Verstanden.“ Jonas kämpfte gegen Tränen der Enttäuschung. Er schaffte es einfach nicht, Erik so zu befriedigen, wie er es wollte – so, wie Erik es verdient hatte. Eine Hand legte sich an seine Wange, strich gleich darauf zärtlich ein paar Haarsträhnen aus seiner verschwitzten Stirn.

„Du machst das sehr gut.“

Auch wenn Jonas Erik kein Wort glaubte, war es schön zu wissen, dass er ihn noch nicht aufgegeben zu haben schien. Eifrig setzte er seine Arbeit fort. Binnen kürzester Zeit verkrampfte sein Kiefer, aber er war fest entschlossen, zu beenden, was er das letzte Mal begonnen hatte.

Jonas wusste nicht, wie lange er versuchte, Erik Befriedigung zu schaffen, aber irgendwann schmerzte sein gesamter Körper. Seine Knie, sein Rücken, sein Rachen, jede Faser schrie ihn an, diese Tortur endlich zu beenden. Es war Eriks Reaktion, die ihn dazu animierte, weiterzumachen. Dessen anfänglich verhaltenes Stöhnen war zunehmend unregelmäßiger geworden und schon vor einer Weile in ein heiseres Keuchen übergegangen. Plötzlich hatte Erik sichtlich Mühe, stillzuhalten, seine Finger gruben sich beinahe schmerzhaft in Jonas‘ Nacken, sein Glied zuckte, schien noch größer und härter zu werden und Jonas bemühte sich verzweifelt, bis zum Ende durchzuhalten, während seine eigene Erektion nach Aufmerksamkeit schrie.

Schließlich war es vorbei, Erik zog sich aus seinem Mund zurück und warf das Kondom mit einer nachlässigen Handbewegung in den kleinen Mülleimer neben dem Nachttisch. Ein scheußlich belangloses Ende für so viel Mühe und Herzblut.

Physisch und psychisch entkräftet, sackte Jonas an Ort und Stelle in sich zusammen, lag still da und versuchte durch wiederholtes Schlucken den Kondomgeschmack von seiner Zunge zu bekommen. Er fühlte den dicken Stoff des Bademantels, der über ihn gebreitet wurde, schmiegte sich bereitwillig in die Arme, die ihn zu sich zogen, inhalierte Eriks Duft und Nähe.

„Wie fühlst du dich?“

„Gut.“ Sprechen schmerzte.

„War es zu viel für dich?“

Jonas schüttelte den Kopf. „Hätte abgebrochen.“

„Kann ich irgendwas für dich tun?“

„Hier liegen. Genießen.“

Der Anflug eines Lächelns. „Einverstanden.“

Jonas schloss die Augen, fühlte, wie sein verspannter Körper allmählich zur Ruhe kam, spielte das eben Geschehene wieder und wieder in seinem Kopf ab.

„Erik?“

„Hm?“

„Ich bin geil.“

Wieder dieses Beben, das Eriks Lachen begleitete. „Ist mir aufgefallen.“

„Und was tun wir jetzt dagegen?“

Erik beugte sich über Jonas, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Wir? Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, weshalb du heute hier bist?“

„Komm schon! Irgendwie muss ich doch auch auf meine Kosten kommen!“

Zärtlich strich Erik mit dem Daumen über Jonas‘ Lippen, doch sein Blick war streng. „Du ziehst deine Befriedigung aus meiner Befriedigung. Alles andere ist ein Bonus, für den du dankbar sein solltest.“

Jonas wollte protestieren, biss sich jedoch auf die Zunge. Keinesfalls würde er betteln!

Eriks Hände strichen über Jonas‘ Körper, seine Brust, seinen Bauch. Bei Letzterem zuckte Jonas zusammen.

„Ah, stimmt. Du bist kitzlig.“

„Nee, geil. Immer noch.“

„Nun ja“, Eriks Hände rutschten tiefer, „mal abgesehen von deinem kleinen Ausrutscher, warst du heute wirklich ausgesprochen brav. Ich denke, dafür kann ich dir eine kleine Belohnung zugestehen. Sofern du mich lieb darum bittest.“

„Bitte.“ So viel zu nicht Betteln.

„Ah, das geht enthusiastischer.“

„Bitte!“

Ein Lächeln wie das eines weißen Hais auf der Jagd. „Da kann ich ja wirklich kaum widerstehen.“ Erik zog Jonas den Bademantel von den Schultern, setzte sich auf seine Oberschenkel und drückte ihn mit seinem Gewicht tiefer in den weichen Teppich. „Sag es noch mal.“

Bitte!

Zärtlich streichelten Eriks Fingerspitzen über Jonas’ Erektion, brachten keine Erleichterung, sondern größere Qual. „Noch mal.“

„Bitte, Erik, bitte.“ Jonas‘ Körper brannte vor Verlangen, seine Lippen bewegten sich, obwohl sein Hirn längst jede Arbeit eingestellt hatte. „Oh, bitte, bitte, bitte!“

Eriks Hände, Eriks Berührungen, Eriks Lachen. Jonas‘ Finger krallten sich in den Teppich, zerrten an den Fasern. Sein Körper zuckte, bäumte sich auf, sein Atem stockte und für einen Augenblick wurde alles schwarz.

Nur langsam nahm die Welt wieder Konturen an und Blut erreichte Stellen, die lange unterversorgt gewesen waren. „Verfickte Scheiße war das geil.“ Jonas war sich nicht sicher, ob er laut gesprochen hatte, dass sein Hals kratzte, als hätte er eine Handvoll Nägel verputzt deutete allerdings darauf hin. Noch immer nicht völlig Herr seiner Sinne, blinzelte Jonas gegen das gedämpfte Licht, das ihm im Moment viel zu hell erschien und blickte an seinem Körper hinunter. „Shit, ich fürchte, dein Bademantel hat was abgekriegt.“

„Dafür habe ich eine Waschmaschine.“ Erik stand auf, holte ein kleines Handtuch aus einer der Nachttischschubladen und wischte damit vorsichtig über Jonas‘ verschwitzten Körper, ehe er sich wieder zu ihm auf den Boden legte. Jetzt, da seine Erregung fürs Erste abgeflaut war, konnte Jonas die Geborgenheit richtig genießen.

„Ich mag dein Tattoo. Interessanter Stil.“ Spielerisch fuhr Erik über das tiefrote Herz auf Jonas‘ Brust, das von wirren Linien und Tintenkleksen umgeben war. Wie die Skizze eines Comics, der sich nicht zwischen Expressionismus und Minimalismus entscheiden konnte.

„Meine Mutter is‘ ausgeflippt als sie’s gesehen hat.“

„Wirklich?“

„Klar. Wundert dich das?“

„Ehrlich gesagt, schon ein bisschen. Ich dachte, Tattoos wären inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vielleicht mal abgesehen von Arschgeweihen.“ Erik neigte den Kopf. „Welches ich, trotz ausführlicher Begutachtung, bei dir nicht entdecken konnte. Warum also die Aufregung?“

„Bayerisches Dorf und so. Da ticken die Uhren anders als hier in Berlin. Ich mein, wenn meine Eltern wüssten, was ich … Dass ich …“ Jonas brach ab, wollte nicht über dieses Thema sprechen. Stattdessen drehte er sich zu Erik. „Was ist mit dir? Hast du Tattoos?“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Erik kein einziges Kleidungsstück abgelegt hatte. Vermutlich gehörte das zum Spiel, aber Jonas musste zugeben, dass er zu gerne einen näheren Blick auf Eriks Körper geworfen hätte.

„Keine Tattoos. Ich mag sie an anderen, aber ich hätte keine Ahnung, was ich mir stechen lassen sollte. Außerdem …“ Zum ersten Mal an diesem Abend, klang Verlegenheit durch Eriks sonst so ruhige Stimme. „Ich habe es nicht so mit Nadeln.“

Überrascht von diesem Geständnis, stützte sich Jonas auf seinen Ellenbogen auf. „Mindestens zweimal hast du‘s aber überstanden.“ Neckisch knabberte er an dem Ohrläppchen mit den zwei kleinen Silbersteckern.

„Schon“, räumte Erik ein, „aber du hättest mich mal sehen sollen, als die Piercerin die Nadeln ausgepackt hat. Da wäre ich ihr beinahe zusammengeklappt.“ Anstatt Jonas von sich zu schieben als dieser hämisch kicherte, zog Erik ihn noch näher an sich.

Entspannt lagen sie halb auf, halb nebeneinander, im stillen Einverständnis, diesen Augenblick nicht länger durch unnötige Worte zu zerstören. Unglücklicherweise hatte Jonas‘ Magen andere Pläne. Ein in der Ruhe grauenhaft lautes Knurren tönte durch den Raum. Peinlich berührt drückte Jonas sein Gesicht mit einem leisen Stöhnen gegen Eriks Brust.

Erik reagierte gelassen wie immer. „Irgendetwas sagt mir, dass ich nicht der Einzige bin, der allmählich Lust aufs Abendessen bekommt.“

„Hätte nix dagegen“, gab Jonas zu.

„In Ordnung, ein Vorschlag: Ein Stück die Straße runter ist ein recht guter Italiener, der seine Pizzen auch zum Mitnehmen anbietet. Wir bestellen, drehen eine kleine Runde an der frischen Luft, nehmen auf dem Rückweg die Pizza mit und lassen den Abend hier ausklingen.“

„Klingt ziemlich gut.“ Widerwillig löste sich Jonas von Erik und setzte sich auf. An seiner von Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten überzogenen Haut klebten Teppichflusen, die er notdürftig mit den Fingern abzupfte.

„Du kannst davor übrigens gerne duschen“, bot Erik an. „Wo das Bad ist, weißt du ja.“

„Ich glaub, das mach ich.“ Jonas streckte die Hand nach Erik aus. „Kommst du mit?“

„Ich bin notorischer Kaltduscher“, antwortete dieser ohne Anstalten zu machen, ebenfalls aufzustehen. „Ohne mich hast du vermutlich mehr Spaß. Handtücher sind in dem kleinen Schränkchen unter der Spüle. Nimm dir einfach, was du brauchst.“

Ein wenig enttäuscht betrat Jonas das Bad, das so viel geräumiger als sein eigenes war. Neben einer Badewanne fand sich eine eigene Duschkabine darin, dazu zwei Schränkchen, sowie Waschmaschine und Trockner. Kein Vergleich zu der Abstellkammer, die er sein Eigen nennen durfte und nach deren Besuch er sich meist dreckiger fühlte als zuvor. Dennoch hätte er den Platz gerne mit Erik geteilt.

Das warme Wasser, das Jonas begrüßte, beendete jedoch rasch jede Grübelei. Nicht alle dreißig Sekunden von einem kalten Schwall getroffen zu werden, war ein Luxus, an den er sich schon beinahe nicht mehr erinnern konnte.

 

„Scheiße, die frische Luft tut echt gut!“ Jonas hielt seine Nase in den kühlen Herbstwind und sog den Duft der Großstadt tief in seine Lungen.

Die Pizza, die sie eben bestellt hatten, wurde vermutlich gerade frisch belegt und wartete darauf, in den heißen Steinofen geschoben zu werden. Bis dahin spazierten sie durch einen kleinen, nahegelegenen Park.

„Wohnst du eigentlich schon lange hier?“

„Hier in der Gegend oder allgemein in Berlin?“, hakte Erik nach.

„Du stammst gar nich‘ von hier?“

„Hört man das nicht?“

Jonas war gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass Erik nicht in Berlin geboren sein könnte, aber jetzt, da er darüber nachdachte, klang der schwache Dialekt, der sich manchmal in seine Sprache mischte sehr wenig nach Berliner Schnauze. „Dann beides. Seit wann bist du in Berlin und seit wann hier in der Gegend?“

„Ah, mal sehen. Hier in der Straße wohne ich erst seit ein paar Monaten, in Berlin schon etwas länger. Ich bin damals für mein Studium herzogen. Das dürften jetzt“, Eriks Finger zuckten, als er nachrechnete, „gute sieben Jahre sein.“

„Oh, wow.“ Der Gedanke, so lange in dieser fremden Stadt zu leben, überstieg Jonas‘ Vorstellungskraft.

„Du bist noch ganz frisch hier, richtig?“, lenkte Erik das Thema auf ihn.

Jonas nickte. „Seit Ende September. Für die Wohnung müssen wir aber schon seit August Miete bezahlen. War immer noch die beste Alternative, weil sie für die Gegend und Größe echt scheißbillig is‘. Wenn ich bloß mal gewusst hätte, wie die Nachbarn drauf sin‘. Und, was die Vermieterin für ‘ne blöde Schnepfe is‘. Stand zwei Tage nach meinem Einzug schon vor der Tür und ‚wollt mal nach dem Rechten sehen‘. Hat das seitdem jede Woche wiederholt. Hab ihr dann neulich angeboten, dass sie ja einfach gleich ‘ne Überwachungskamera installieren könnte, falls ich mal in der Uni sein sollte, wenn sie vorbeikommt. Jetzt herrscht erst mal Ruhe.“

Erik lachte. An einer kleinen Abzweigung bedeutete er Jonas, nach rechts zu gehen. „Ich habe dich nie gefragt, was du studierst.“

„Hatten ja bisher eher andere Themen, ne?“ Jonas grinste verlegen. „Visuelle Kommunikation. Und ja, ich hab ‘nen Führerschein, damit ich dann Taxifahren kann.“

Aber Erik machte keine Witze über Jonas‘ Jobaussichten nach dem Abschluss, was ihn zu einer seltenen Spezies machte. Stattdessen fragte er: „Gefällt es dir bis jetzt?“

„Voll! Das sagt aber wahrscheinlich jeder Student im ersten Semester.“

„Mir war immer klar, dass BWL nicht mein Traumstudium ist.“

Bildete sich Jonas das ein, oder hörte er eine gewisse Bitterkeit in Eriks Stimme? „Warum hast du’s dann studiert?“

„Weil mir nichts Besseres eingefallen ist.“ Erik zuckte mit den Schultern. „Im Grunde kann ich mich auch nicht beschweren. Andernfalls hätte ich meinen heutigen Job nicht. Ursprünglich habe ich tatsächlich ganz schlicht hinter der Bar angefangen, aber weil ich gut mit der Besitzerin ausgekommen bin und einer der wenigen war, die längerfristig dort gearbeitet haben, habe ich mit der Zeit zusätzliche Aufgaben übernommen. Die Stelle, die ich jetzt habe, war mehr oder weniger ein Geschenk der Besitzerin zu meinem Abschluss.“

„Wann hast du den eigentlich gemacht?“ Jonas wollte die Gelegenheit, Erik einmal so auskunftsfreudig zu erleben nicht verstreichen lassen.

„Den Bachelor vor einem halben Jahr, so ungefähr. Im Moment mache ich nebenbei meinen Master, allerdings in Teilzeit.“

„Echt jetzt? Trotz Job und obwohl du BWL scheiße findest?“, fragte Jonas verständnislos.

„Es ist nicht mein Traumstudium“, gab Erik zu. „Aber die Arbeit im Tix ist auch nicht mein Traumjob und mit einer guten Masterspezialisierung sucht es sich leichter nach etwas Neuem. Ich meine, die Bezahlung ist wirklich fair und die Leute sind supernett, aber die Arbeitszeiten sind … sagen wir mal ‚verbesserungswürdig‘.“

„Man arbeitet, wenn andere frei haben.“

„Stimmt, du hattest ja erzählt, dass deinen Eltern eine Gaststätte gehört. Dann kennst du das sicher selbst.“

„Nur den Teil mit der fairen Bezahlung haben meine Eltern übersprungen“, murrte Jonas, dem inzwischen eine ganz andere Frage im Kopf rumspukte. „Erik …“

„Hm?“

„Wie alt bist du eigentlich?“

„Im Januar werde ich siebenundzwanzig.“

„Oh.“ Damit war Erik gute sechseinhalb Jahre älter als Jonas. Er musste ihn für ein halbes Kind halten.

„Stört dich der Altersunterschied?“

Rasch schüttelte Jonas den Kopf und überlegte fieberhaft, wie er das Thema wechseln konnte. Ihr Weg führte sie an einem kleinen, verlassenen Spielplatz vorbei. Jonas deutete darauf. „Bock auf Schaukeln?“

„Bist du wirklich volljährig, oder habe ich mich vorhin strafbar gemacht?“, fragte Erik schmunzelnd.

Bevor sich Jonas darüber ärgern konnte, dass er seinen Plan, den Altersunterschied nicht weiter zu thematisieren erfolgreich vergeigt hatte, steuerte Erik die vier großen Reifenschaukeln an. „Soll ich dich anschubsen?“

„Kann ich selbst!“ Jonas streckte ihm die Zunge raus und kletterte auf einen der Reifen. „Uff, das war als Kind irgendwie einfacher.“ Er warf einen Blick auf Erik und brach in einen Lachanfall aus, der ihn beinahe rückwärts von der Schaukel befördert hätte.

Erik hatte es zwar geschafft, sich irgendwie auf den gegenüberliegenden Reifen zu zwängen, aber in Wollmantel, Anzughose und mit der Größe einer kleinen Giraffe, war es praktisch unmöglich für ihn, nicht deplatziert zu wirken. „Ich fühle mich gerade nicht ganz ernstgenommen“, tadelte er amüsiert.

„Liegt daran, dass ich dich grad nich‘ ernst nehme!“

„Dann muss ich wohl dafür sorgen, dass du das in Zukunft tust.“

Jonas‘ Herzschlag beschleunigte, als Erik ihm bei diesen Worten verschmitzt zuzwinkerte.

Erschreckend ungelenk, aber mit der Freude kleiner Kinder, stießen sie ihre Schaukeln an und schwangen sich hoch in die Lüfte. Der kalte Wind biss in Jonas‘ Ohren und Finger, Sauerstoff füllte seine Lungen. Für einen herrlichen Moment ließ er all seine Zweifel und Ängste auf dem Boden zurück.

„Drehen wir um?“, schlug Erik nach ein paar Minuten vor. „Die Pizza sollte fertig sein und ich fürchte, mit jeder Sekunde, die ich auf diesem Ding sitzen bleibe, steigt das Risiko mir alle Knochen zu brechen signifikant.“

Jonas pustete warme Luft auf seine steifen Finger. „Okay.“

Einen Großteil des Rückwegs bewältigten Erik und Jonas schweigend, nicht, weil sie sich nichts zu sagen gehabt hätten, sondern weil sich die Stille gut anfühlte, nachdem in den vergangenen Stunden ein Sturm an Eindrücken über sie hinweggetost war.

Die Pizzeria war wunderbar warm und der Duft nach geschmolzenem Käse und Tomatensoße umwirbelte Jonas‘ vom Hunger geschärfte Nase.

„Zweimal Pizza Medium, macht genau zwölf Euro.“ Die Bedienung reichte ihnen die beiden Kartons und bevor Jonas eine Chance hatte, seinen Geldbeutel hervorzukramen, hatte Erik ihr bereits zwei Scheine zugesteckt.

„Ich geb dir das Geld dann oben“, bot Jonas an, aber Erik winkte ab.

„Quatsch, die Pizza geht auf mich. Du bist immerhin durch die halbe Stadt gefahren, um hierher zu kommen, da kann ich das Abendessen übernehmen.“

Ein wenig verlegen, nickte Jonas. „Danke. Is‘ echt nett von dir.“ Noch bevor er sich entschieden hatte, ob es sich bei diesem Italiener um jenen handelte, den er so verzweifelt gesucht hatte, bevor er vor Eriks Haustür gelandet war, waren sie bereits zurück.

„Endlich wieder im Warmen“, seufzte Erik, nachdem er seine Wohnungstür aufgeschlossen hatte.

Das war doch noch keine Kälte“, stichelte Jonas. „Schon mal beim Snowboarden in ‘ne Schneewehe gekracht? Das verfluchte Zeug kommt echt in jede beschissene Ritze!“

„Deshalb halte ich mich von Bergen fern. Jedenfalls, solange dort Schnee liegt.“

„Laaangweilig!“ Jonas ließ sich auf den Küchenstuhl fallen, auf dem er auch beim letzten Mal gesessen hatte und klappte seinen Pizzakarton auf. Allmählich fühlte er sich fast heimisch. „Bist du eigentlich Vegetarier?“

„Wie kommst du darauf?“ Erik stellte zwei Dosen Cola auf den Tisch und setzte sich auf den Platz gegenüber Jonas.

Der zuckte mit den Schultern. „Du hast ‘ne Margherita bestellt und beim Frühstück neulich stand hier alles Mögliche rum, aber jetzt, wo ich drüber nachdenk, war nix in Richtung Fleisch dabei.“ Jonas biss ein Stück seiner Pizza ab, der Käse zog lange Fäden. „Fuck, die is‘ echt gut.“

„Habe ich doch gesagt.“

„Also bist du’s?“

„Vegetarier? Ja.“

„Aber es stört dich nich‘, wenn ich Fleisch esse?“, fragte Jonas nach einem Blick auf die über seine Pizza verteilten Salamischeiben.

„Nein.“

„Und wenn ich dich danach küsse?“

„Sofern du dabei nicht versuchst, mir vorgekaute Fleischmasse in den Hals zu stopfen, habe ich damit kein Problem.“

Jonas grinste. „Dich nich‘ wie ‘ne Vogelmutti füttern. Is‘ abgespeichert.“

Erik antwortete nicht, sondern starrte gedankenverloren auf das Pizzastück in seiner Hand.

„Was is‘?“, fragte Jonas misstrauisch.

„Ah, nichts, nichts.“

„Schon klar. Und jetzt noch mal die Wahrheit.“

Erik lächelte verlegen. „Ich habe mich nur gerade gefragt, wie lange zwischen dir und deiner Ex-Freundin schon Schluss ist. Und ob es eine dezente oder wenigstens charmante Möglichkeit gibt, danach zu fragen.“

„Und?“

„War das dezent oder charmant?“

„Nee, kann man so jetzt nich‘ grad behaupten.“

„Dann wohl nicht.“

Jetzt war es an Jonas, verlegen zu lächeln. „Ein paar Monate sin‘ wir jetzt auseinander.“ Je länger er diese Lüge aufrechterhielt, umso leichter ging sie ihm über die Lippen. „Sie is‘ fürs Studium nach München gezogen, ich hierher und auf ‘ne Fernbeziehung hatten wir beide keinen Bock.“ Tatsächlich waren Maria und er einfach froh gewesen, endlich einen Ausweg aus dieser Farce gefunden zu haben.

„Mhm, Fernbeziehungen können schwierig sein.“ Einen Augenblick lang wirkte es, als wollte Erik noch mehr sagen, aber schließlich biss er lediglich von seiner Pizza ab.

„Jaah … Jedenfalls sind wir noch Freunde. Ziemlich gute sogar.“ Wenigstens das entsprach der Wahrheit.

„Gut, dass ihr euch das erhalten konntet.“

„Niemand kennt mich besser als Maria“, gab Jonas zu. Instinktiv warf er einen Blick auf sein Handy. Noch immer keine Nachricht von ihr. „Aber ihr Studium is‘ echt anspruchsvoll und sie hat kaum Freizeit.“

„Wie lange wart ihr zusammen? Ah, entschuldige, wenn ich zu persönlich werde. Du musst natürlich nicht antworten.“

„Nee, schon gut.“ Jonas neigte den Kopf. Überlegte, wann all das angefangen hatte. „Vier Jahre.“

„Ah, ziemlich lang.“

„Jaah …“

Erik zeigte ein schmales Lächeln. „In Ordnung, ich glaube, ich habe dich genug ausgehorcht. Entschuldige, falls ich dir zur nahe getreten bin … oder erfolgreich Salz in die Wunde gerieben habe.“

„Nee, is‘ schon okay“, versicherte Jonas und fluchte innerlich darüber, Erik mit seiner Lügengeschichte ein schlechtes Gewissen eingeredet zu haben. „Es is‘ … kompliziert.“

„Mhm.“ Erik schien dennoch entschieden zu haben, das Thema fallenzulassen und ein weiteres Mal breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus.

Jonas brauchte für das letzte Viertel Pizza länger als für die drei davor. Nicht nur, weil er allmählich satt war, sondern weil er wusste, dass jeder Bissen das Ende des Abends näherbrachte. Leise seufzend stopfte er sich den knusprigen Rand in den Mund. Er konnte es ja doch nicht ewig heraus zögern. „Ich sollte dann wohl langsam gehen.“

„Ist es doch schon so spät?“ Erik warf einen Blick auf die Küchenuhr über der Tür. „Ah, tatsächlich. Ich vergesse immer, dass mein Tagesrhythmus nicht dem der meisten Leute entspricht.“

„Meiner eigentlich auch nich‘“, gab Jonas zu. „Aber mein erstes Seminar geht schon um acht los. Also sollte ich wohl …“

„Schon klar.“ Erik stand auf und begleitete ihn zur Tür.

„Also dann …“, murmelte Jonas verlegen, die Klinke in der Hand.

„Komm gut nach Hause.“

„Ja, du au– äh, ich mein … Bye.“

„Jonas?“

„Ja?“

„Ich würde das sehr gerne nächste Woche wiederholen. Hast du Lust?“

„Ja!“

Plötzlich stand Erik ganz nah vor ihm, drängte Jonas mit dem Rücken gegen die Tür, die Hände an seinen Hüften, den Mund an seinem Ohr. „Dann habe ich eine weitere Aufgabe für dich.“

„W-Was für eine?“

„Ich habe heute sehr viel Rücksicht genommen.“ Eriks Daumen legte sich auf Jonas‘ Lippen, zwang sie auseinander. „Nächste Woche werde ich mehr fordern. Du solltest also ein wenig üben.“

Jonas nuschelte zustimmend, hob dann jedoch den Kopf und sah Erik direkt in die Augen. „Und wenn ich jemand anderen zum ‚Üben‘ benutze?“

Eriks Mine blieb unverändert, sein Lächeln undurchdringlich. „Deshalb verwenden wir Kondome, nicht wahr?“ Er löste sich von Jonas, öffnete die Tür und schob ihn nach draußen. „Wir sehen uns nächste Woche.“ Mit diesen Worten schlug er die Tür zu.

 

Und wenn ich jemand anderen zum Üben benutze? Jonas stöhnte in sein Kissen. Wieso hatte er das gesagt? Das hatte nicht im Geringsten geholfen, sich Erik gegenüber weniger unterlegen zu fühlen, stattdessen fürchtete er nun, es sich endgültig mit ihm verscherzt zu haben.

Jonas‘ Selbstmitleid wurde vom Piepen seines Handys unterbrochen. Eine Nachricht von Erik. Er musste sich zwingen, sie zu lesen.

 

Erik, 22:01 Uhr

Hey ;)

Bist du gut nach Hause gekommen?

 

Du, 22:02 Uhr

japp

 

Du, 22:02 Uhr

hab meinen bus genau erwischt

 

Erik, 22:03 Uhr

Schön zu lesen :)

Ich wollte dir noch eine gute Nacht wünschen und noch mal sagen, dass ich den Abend mit dir wirklich sehr genossen habe.

 

Jonas lächelte. Das klang nicht kühl oder verärgert. Vielleicht hatte er es, entgegen seiner Befürchtungen, doch nicht verbockt.

 

Du, 22:03 Uhr

ich fand den abend auch klasse!

 

Du, 22:04 Uhr

und freu mich auf ne wiederholung!

 

Du, 22:04 Uhr

träum von mir ;)

 

Jonas legte das Handy weg und kuschelte sich in sein schmales, leeres Bett.

 

Was zuletzt geschah:

Nach einem verpatzten One-Night-Stand, einem mehr oder minder versehentlichen Spontanbesuch und zwei klärenden Gesprächen, können Jonas und Erik endlich einen Abend miteinander verbringen, der beiden in positiver Erinnerung bleiben wird. Obwohl die gemeinsamen Stunden viele aufregende Erfahrungen bereithalten, kratzen diese gerade mal an der Oberfläche Jonas‘ über lange Jahre verborgener Bedürfnisse. Eine Wiederholung ist erwünscht und geplant.

 

Kapitel 7

Du, gestern 17:38 Uhr

alles okay bei dir? meld dich mal, ich mach mir langsam sorgen

 

Maria, 12:21 Uhr

Mir geht’s blendend. Nur gerade stressig. Ich rufe dich heute Abend an.

 

Unzufrieden starrte Jonas auf sein Handy. Der ‚Abend‘, von dem Maria in ihrer Nachricht gesprochen hatte zog mit schnellen Schritten vorüber und bisher hatte er keinen Pieps von ihr gehört. Er seufzte und wählte stattdessen die Nummer seiner Eltern.

„Bei Staginsky.“

Es tat gut, eine vertraute Stimme zu hören. „Hi, Mama, ich bin’s.“

„Jonas, Spatz! Das ist ja schön, dass du anrufst. Wir hatten uns schon gefragt, was los ist, weil wir gestern gar nichts von dir gehört haben.“

„Sorry, ich wollt nich‘, dass ihr euch Sorgen macht. War nur beschäftigt.“ Mit Eriks Schwanz in meinem Mund, ergänzte er stillschweigend und mit schlechtem Gewissen.

„Ist ja auch kein Problem“, versicherte seine Mutter. „Wir wissen ja, dass du viel zu tun hast und Berlin ist sicher aufregender als unser Dörfchen. Hauptsache, du vergisst uns nicht völlig.“

„Werd ich nich‘. Versprochen.“

„Das weiß ich doch, Spatz.“ Klang ihr Lachen unnatürlich? „Was hast du denn am Wochenende getrieben, wenn du sogar zu beschäftigt warst, hier anzurufen?“

„Oh, ähm … Ich hab nur …“ Ich hab nur mit ‘nem Kerl rumgemacht, von dem ich nich‘ viel mehr als seinen Namen weiß und mich hinterher zu sehr dafür geschämt, um mit euch zu sprechen. „Ich hab mich nur mit ein paar Leuten getroffen. Nix Aufregendes.“ Das war sicher nicht die erste Lüge, die Jonas seiner Mutter auftischte, aber selten hatte er sich dabei so schuldig gefühlt.

„Hast du denn schnell neue Freunde gefunden?“

„Jaah, naja, schon. Is‘ halt alles noch recht neu und nich‘ so eng wie zwischen mir und–“

„–Clemens“, ergänzte seine Mutter. Maria hatte Jonas eigentlich sagen wollen. „Wie geht’s dem denn?“, fragte sie. „Ihr habt doch noch Kontakt, oder?“

„Ähm, nee. Nich‘ wirklich“, antwortete Jonas ausweichend. „Haben uns die letzten Jahre ja eigentlich nur noch beim Fußball und in der Schule gesehen.“ Und nicht einmal dann, wenn es nach Jonas gegangen wäre.

„Seine Eltern haben erzählt, dass er jetzt in München studiert“, fuhr seine Mutter ungerührt fort, anscheinend taub für den Widerwillen in der Stimme ihres Sohnes.

„Jaah, das weiß ich dann doch.“ Jonas hoffte, das Thema schnell zum Abschluss bringen zu können. „Aber keine Ahnung, was genau.“

„Sie hatten ja auch bis zum Schluss gehofft, dass er es sich noch einmal anders überlegt und den Hof übernimmt, aber das wird wohl nicht passieren. Ist schon tragisch, wenn die eigenen Kinder das Familienunternehmen nicht weiterführen wollen. Alles, was man sich über Jahrzehnte, im Fall der Grubers ja sogar Jahrhunderte aufgebaut hat …“

„Mama …“, murmelte Jonas, der genau wusste, wohin die Reise ging.

„Papa und ich können ja zumindest noch auf Christine oder Vroni hoffen. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn wir das Apfelbäumchen …“

„Mama!“, unterbrach Jonas dieses Mal bestimmter. „Ihr werdet das Apfelbäumchen schon nich‘ aufgeben müssen. Wir … Wir finden dann schon eine Lösung.“

„Ach, der Optimismus der Jugend.“

„Können wir diese Diskussion verschieben, bis ich wenigstens mein erstes Studienjahr hinter mir hab?“ Jonas wusste, dass ihm dieser Wunsch nicht erfüllt werden würde, aber er wollte es zumindest versucht haben.

„Aber ja, Spatz. Du hast ja recht. Lass dir von unseren Ängsten mal nicht die eigene Zukunft versauen.“

Jonas rollte mit den Augen. „Ich muss langsam schlussmachen und mich noch für den Kurs morgen vorbereiten. Meld mich dann nächsten Montag, am Sonntag schaff ich’s wahrscheinlich wieder nich‘. Mach’s gut und grüß den Rest von mir.“

„Bis nächste Woche, Spatz.“ Seine Mutter ließ sich nicht anmerken, ob ihr bewusst war, dass er sie eben ziemlich abgewürgt hatte.

Stöhnend lehnte sich Jonas in seinem Stuhl zurück und starrte aus dem Fenster. Eigentlich hatte er gehofft, dass ihn das Telefonat mit seinen Eltern aufbauen würde, aber jetzt fühlte er sich nicht nur allein, sondern auch noch schuldig. Er tippte eine Nachricht in den Gruppenchat, den er mit Larissa, Esther und Kemal gegründet hatte.

 

Du, 19:57 Uhr

hey! bock, die woche mal zu mir zu kommen? netflix, pizza und bier oder so?

 

Wenigstens antworteten die drei schnell, allerdings nicht unbedingt zu Jonas‘ Zufriedenheit. Esther und Kemal entschuldigten sich beide dafür, diese Woche zu viel zu tun zu haben und vertrösteten ihn auf ein andermal, Larissa kam gerne vorbei, aber nur, wenn sie stattdessen durch die Clubs ziehen würden. So gerne Jonas auch ausging, viel lieber hätte er eine gemütliche Zeit mit den dreien verbracht und sie ein wenig besser kennengelernt.

Resigniert nahm Jonas sein Notebook vom Schreibtisch und machte es sich auf seinem Bett bequem. Er öffnete einige der Websites, die hauptverantwortlich dafür waren, dass er einen guten Virenschutz benötigte, schloss sie jedoch rasch wieder. Die kleine Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm einzureden versuchte, dass seine Vorliebe für Männer falsch und widernatürlich – eine Sünde! – sei, hatte ihre Arbeit wiederaufgenommen. Mit Marias Hilfe hatte er sie in den vergangenen vier Jahren erbittert bekämpft, bis er geglaubt hatte, sie sei endlich verstummt, doch seine Begegnung mit Erik und das brennende Verlangen, das dieser in ihm weckte, schien sie erneut aufgerüttelt zu haben.

Am Ende verbrachte Jonas diesen und die folgenden Abende damit, sich mit Katzenvideos abzulenken. So viele Katzenvideos.

 

Energisch schüttelte Jonas den Kopf, als könnte er dadurch seine Zweifel loswerden. Höchste Zeit, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Es war Sonntagabend, die Vöglein … okay, das sangen keine Vöglein, aber immerhin war das Wetter für Anfang November noch recht mild, was gut war, da er seit fünf Minuten vor Eriks Haustür stand, ohne es über sich zu bringen, die Klingel zu drücken. Jonas sehnte sich danach, von ihm berührt und geküsst zu werden, so sehr, dass er fürchtete, andere könnten ihm dieses Verlangen ansehen. Vielleicht sollte er die ganze Sache einfach beenden.

Allerdings war das Bild, was aus ihm werden würde, wenn er nicht lernte, zu dieser Seite seiner selbst zu stehen erschreckend klar und nicht besonders hübsch anzusehen. Er würde seine Homosexualität verleugnen, allein bleiben oder sich eine Frau suchen, der es nichts ausmachte, niemals mit echter Leidenschaft von ihm berührt zu werden. Möglicherweise würden sie sogar heiraten und – wenn Jonas nur fest genug die Augen schloss und an jemand anderen dachte – Kinder zeugen. Vielleicht würde er bei dieser Gelegenheit auch noch seine anderen Träume aufgeben, zurück in sein Dorf ziehen und die Gaststätte seiner Eltern übernehmen. War es das, was er wollte?

Jäh wurde seine Grübelei von der Haustür beendet, vor der er herumgelungert war, als sich diese schwungvoll öffnete. Eine alte Frau mit Stock und krummem Rücken blickte Jonas, der gerade noch einen Schritt zur Seite hatte gehen können um nicht getroffen zu werden, sichtlich erschrocken an. „Willste hier rin?“

Jonas nickte und griff rasch nach der Tür, die die alte Dame für ihn aufhielt. „Danke.“

Mit hochrotem Kopf eilte er die Stufen nach oben und fragte sich, welchen Eindruck er gerade hinterlassen haben musste. Gleich darauf schalt er sich selbst für seine Paranoia. Woher sollte diese Frau denn wissen, dass es Erik war, den er besuchte? Und selbst wenn sie es wüsste, konnten sie ja auch einfach nur Freunde sein. Ein Mann, der sich mit einem anderen Mann traf, um rein freundschaftliche Dinge zu tun, die nichts damit zu tun hatten, nackte Körperteile aneinander zu reiben. Es gab nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass sie ihm an der Nase angesehen hatte, was sein eigentliches Ziel war.

Bis Jonas den dritten Stock erreicht hatte, waren seine Finger so schweißnass, dass sie beinahe von der Klingel abgerutscht wären. Die Sekunden, die Erik brauchte, um die Tür zu öffnen, schienen endlos.

„Ah, du bist ja schon oben.“ Eriks überraschtes Lächeln verlangsamte Jonas‘ Herzschlag und wischte jeden Gedanken an die Nachbarin nachhaltig fort. „Schön, dich wiederzusehen. Komm rein.“

Jonas schaffte es gerade so über die Schwelle, bevor er den ersten Hauch dieses warmen, erdigen Dufts einatmete, sein Hirn aussetzte und er sich in Eriks Arme warf. Gemeinsam stolperten sie durch den Gang, die Körper aneinandergepresst, die Lippen untrennbar verbunden. Erik stieß gegen die Kante seiner Kommode, ächzte leise, aber Jonas ließ ihm keine Gelegenheit, sich zu beschweren. An Hemd und Gürtel zerrend, bugsierte er ihn ins Schlafzimmer.

Dort übernahm Erik die Führung. Mit einem kräftigen Schubs beförderte er Jonas aufs Bett, packte seine Handgelenke und drückte sie in die weiche Matratze. „Nette Begrüßung.“

Jonas grinste. „Dachte ich mir auch.“ Er rieb sein Becken gegen Erik, fühlte, wie dieser darauf reagierte.

„Du bist immer so ungeduldig.“

„Gib schon zu, dass dir das gef–!“

Erik erstickte Jonas‘ Erwiderung mit einem Kuss, zog sich dann jedoch zurück, stand auf und richtete seine Kleidung. Jonas‘ enttäuschtes Murren quittierte er mit einem amüsierten Lächeln. „Nur nichts überstürzen, wir haben heute noch viel vor.“

„Und was?“

„Zieh dich erst mal aus.“

Dieses Mal zögerte Jonas nicht. Rasch zog er seinen Kapuzenpulli über den Kopf, schlüpfte aus Schuhen, Jeans und Unterwäsche. Ohne auf Eriks Aufforderung zu warten, sank er auf die Knie und verschränkte seine Hände hinter dem Rücken.

Erik schmunzelte. „Das machst du sehr brav, aber auch das sparen wir uns für später. Komm wieder aufs Bett.“ Er wartete, bis sich Jonas gesetzt hatte. „Leg dich auf den Bauch und mach es dir bequem.“

„Warum hab ich das Gefühl, dass das ‘ne Falle ist?“

„Ah, du redest nur, wenn ich dich ausdrücklich dazu auffordere. Dieses Mal lasse ich dir das noch durchgehen, weil ich es zuvor nicht klargestellt hatte, aber ab jetzt bist du vorgewarnt.“

Jonas nickte nur, streckte sich nach einer weiteren auffordernden Handbewegung von Erik auf dem Bett aus und stützte den Kopf auf den Armen ab. Das Satinlaken unter seinem Bauch war glatt und kühl, auf dem kleinen Nachttisch neben ihm flackerte eine Kerze, deren fruchtiger Duft sich mit Eriks erdigem Aftershave vermischte.

Fingerspitzen strichen über Jonas‘ Rücken, erkundeten die weiche Haut, die angespannte Muskulatur, die kleinen Erhebungen der Wirbelsäule. „Entspann dich.“

Doch Jonas reckte lieber argwöhnisch den Hals und beobachtete Erik, der sich neben ihn auf die Bettkante gesetzt hatte. Als er eine Kerze vom Tisch nahm und Jonas begriff, was er damit plante, rückte er automatisch ein Stück ab.

Dominanz war die eine Sache – Jonas hatte manchmal Schwierigkeiten, sein Verlangen danach zu akzeptieren, war sich jedoch bewusst, dass sie einen entscheidenden Teil seiner sexuellen Fantasien ausmachte – Schmerzen dagegen waren in der Tabuliste, die er Erik geschickt hatte unter ‚vielleicht‘ gelandet. Aufregend war die Vorstellung von heißem Wachs, das auf seinen schutzlosen Körper herabregnete ja schon, aber …

Unruhig drückte sich Jonas tiefer in die Kissen. Sollte er abbrechen? Er hätte es nicht für möglich gehalten, aber sein Herz raste noch heftiger als das letzte Mal. Das Wachs würde ihn kaum ernsthaft verletzen; dieses Risiko würde Erik niemals eingehen. Schlimmstenfalls war es also zu schmerzhaft und dann konnten sie immer noch aufhören. Jonas entschied, Erik zu vertrauen und schloss die Augen.

Als hätte Erik auf dieses stumme Signal gewartet, wurde die Haut zwischen Jonas‘ Schulterblättern nur Sekundenbruchteile später von den ersten Tropfen überzogen.

„Fuck!“ Das Wachs war heiß, verflucht heiß, aber kaum hatte sein Körper den Schmerz registriert, flaute er bereits ab. Erik gewährte Jonas einen tiefen Atemzug, dann kippte er die Kerze erneut, dieses Mal ein Stück tiefer und wieder fühlte Jonas die Hitze, die sich in seine Haut brannte, die Erleichterung, als der Schmerz nachließ.

Die Kerze kippte, das Wachs tropfte. Schmerz. Entspannung. Schmerz. Entspannung. Beide Empfindungen umhüllten Jonas, fluteten sein Blut mit Endorphinen. Bald war sein Kopf leer, er war nur noch Körper, nur noch Gefühl.

Plötzlich war da Stille. Keine heiße Flüssigkeit, die seine Haut benetzte, kein leises Knarren des Bettgestells, wenn sich Erik neu positionierte. Nur das sanfte Nachglühen überreizter Nerven. „Ich denke, das reicht erst mal.“

Jonas blinzelte, drehte den Kopf ein wenig, um Erik anzusehen und wartete auf die Umarmung, die sicher kommen würde. Aber Erik hatte andere Pläne. Sein Gewicht drückte auf Jonas‘ Oberschenkel, seine Hände glitten über dessen Rücken. Wann hatte er Öl darauf geträufelt? Egal, es fühlte sich gut an. Jonas‘ Haut war an den Stellen, die vom heißen Wachs getroffen worden waren außergewöhnlich empfindlich und die sanften Berührungen prickelten wie Kohlensäure auf ausgetrockneten Lippen.

Geduldig lockerte Erik all die Verspannungen, die sich Jonas in den vergangenen Monaten erarbeitet hatte. Zunächst an Schulter und Rücken, mal sanft, mal so kraftvoll, dass es beinahe schmerzte. Dann waren seine Oberschenkel an der Reihe. Lange gleichmäßige Streichbewegungen, die etwas Hypnotisches an sich hatten. Gemächlich arbeitete sich Erik von dort zurück nach oben und instinktiv drängte sich Jonas gegen die Hände, die seinen Hintern massierten, forderte sie auf, weiterzugehen. Entspannung verwandelte sich in Erregung.

Erik lachte leise. „So ungeduldig.“ Wie zur Strafe, widmete er sich der sensiblen Haut über Jonas‘ Steißbein, den beiden Grübchen zu dessen Seiten, streichelte und massierte, bis Schweiß auf Jonas‘ Stirn stand und seine Erektion von der Matratze gegen seinen Bauch gepresst wurde.

Jonas öffnete den Mund, hauchte atemlos: „Bitte.“

Einige quälende Sekunden passierte gar nichts, dann rutschten Eriks Finger zwischen Jonas‘ Pobacken, strichen wie zufällig über seinen Anus, zogen sich zurück, kehrten wieder, blieben dort. Im ersten Moment verkrampfte Jonas, aber als Erik keine Anstalten machte, in ihn einzudringen, begann er, sich auf die ungewohnte Berührung einzulassen. Ein verhaltenes Stöhnen entkam seinen Lippen. Das war gar nicht so übel. Eigentlich sogar ziemlich gut.

Eriks Berührungen blieben zart und oberflächlich, bis sich Jonas‘ Atem beschleunigt hatte und er sein kehliges Stöhnen nicht mehr unterdrücken konnte. Erst dann übte Erik sanften Druck aus, spielerisch, ohne die Intention, weiter zu gehen als Jonas‘ Körper zuließ. Jonas keuchte in das Kissen, das er fest umklammert hielt und schob eine Hand unter sich, um seine Erektion in eine ein wenig angenehmere Position zu rücken.

Sofort zog Erik seine Hände zurück. „Habe ich dir erlaubt, dich anzufassen?“

„Nein“, wimmerte Jonas kläglich, reckte verlangend sein Becken in die Luft.

„Willst du lieber allein weitermachen?“

„Nein! Bitte nich‘! B–“

„Genug“, unterbrach Erik Jonas‘ Flehen kühl. „Du kannst mir später zeigen, wie leid es dir tut.“

Ergeben fügte sich Jonas diesem Urteil, hätte beinahe freudig gejauchzt, als Eriks Fingerspitzen endlich wieder über seine Haut streiften. „Mal sehen, ob du so viel Nachsicht verdient hast.“

Quälend langsam brachten Eriks Berührungen Jonas in diesen Zustand der absoluten Erregung zurück. Spielten mit ihm, reizten ihn, tasteten sich vor. Jonas fühlte Eriks öligen Finger an seinem Anus, fühlte, wie der zurückhaltende Druck bestimmter wurde, fühlte, wie er sich ihm öffnete. „Fuck …“

Da war kein Schmerz, nur eine völlig neue Empfindung, die Jonas nicht zuordnen konnte. Aufregend, zu viel und zu wenig auf einmal, etwas, das er wollte und zeitgleich fürchtete. Dann setzte die Scham ein. Was tat er hier? Wie musste er gerade für Erik aussehen? Verschwitzt, gerötet, hilflos wimmernd, weil ein Finger in einer Körperöffnung steckte, in der eigentlich nichts stecken sollte. Und was, wenn er nicht völlig sauber war?

Sanfte Küsse auf seinem Rücken durchbrachen die Gedankenspirale. „Du machst das sehr gut“, raunte Erik, strich mit seiner freien Hand über Jonas‘ zitternden Körper, schenkte ihm Halt und Sicherheit. Mit einem wohligen Seufzer gab Jonas die Verantwortung ab. Das hier und alles, was an diesem Abend noch passieren würde, war nicht seine Entscheidung, sondern Eriks.

„Streck deinen Hintern hoch“, forderte dieser.

Jonas hörte ihm kaum zu und reagierte erst, als der Griff um seine Hüfte fester wurde, sie nach oben zog. Wacklig setzte Jonas seine Knie auf und stützte sich mit den Ellenbogen ab. Eriks Hand löste sich von seiner Hüfte, wanderte höher, bis sie zwischen Jonas‘ Schulterblättern stoppte und seinen Oberkörper zurück auf die Matratze presste. „Nur die Hüfte. So ist’s gut.“ Die Hand verschwand von Jonas‘ Rücken, nur, um sich wenige Augenblicke später um seine Erektion zu legen. Der Finger in ihm krümmte sich ein wenig und es war, als würde ein Blitz durch Jonas‘ Körper schießen. „Oh, fuck!“

„Ah, da habe ich wohl die richtige Stelle gefunden.“

War das Gefühl des Fingers in ihm zuvor schon schwer zu beschreiben gewesen, wurde es jetzt unmöglich. Da war Druck auf seiner Blase, dazu ein eigentümliches Kitzeln, fremdartig und prickelnd, das seine gesamte Lendenregion umzog.

„Atmen, Kleiner, atmen“, wies Erik gewohnt ruhig an. „Weißt du, wogegen ich da gerade drücke?“

Verlegen biss sich Jonas auf die Unterlippe. „P-Prostata“, nuschelte er in sein Kissen.

„Mhm, sehr gut. Schon mal an dir selbst ausprobiert?“

Jonas schüttelte den Kopf, bevor er ein klägliches ‚Nein‘ herausbrachte.

„Am Anfang ist das Gefühl eher ungewohnt“, fuhr Erik fort. „Die meisten müssen erst lernen, loszulassen, bevor sie es richtig genießen können. Manche finden nie wirklich Gefallen daran.“ Er zog seinen Finger ein Stück zurück, bevor er wieder tiefer eindrang, rieb mit der Bewegung zielsicher über die richtige Stelle. Jonas wimmerte lusterfüllt. „Ah, ich glaube, darüber müssen wir uns bei dir keine Sorgen machen. Also atme tief durch, entspann dich und genieß es einfach.“ Zeitgleich mit seinen Worten, setzte Eriks Hand die Massage an Jonas‘ Erektion fort.

Bald erfüllte Jonas‘ Keuchen den Raum, krallten sich seine Finger in das schwarze Laken. Wieder und wieder stieß er sein Becken Eriks Hand entgegen, wollte ihn tief in sich spüren. Was auch immer er da gerade mit ihm anstellte, es war unglaublich. Da war kein Schmerz, keine Scham, nur Lust. Er fühlte seinen Höhepunkt unaufhaltsam nahen.

„Oh, fuck. Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck. Fuck!”

Atemlos kippte Jonas zur Seite. Mit der Luft, die seine Lungen füllte, kehrte auch sein Verstand zurück und damit zwangsweise die kleine Stimme, die er einfach nicht zum Schweigen bringen konnte. Beschämt schielte Jonas auf das weiß besprenkelte Bettlaken. „Sorry.“

„Meine Waschmaschine ist noch immer voll funktionstüchtig.“

Wieder waren da zärtliche Hände, die Jonas‘ erschöpften Körper streichelten, ihm Nähe und Wärme spendeten. Ganz langsam löste sich der Knoten in seinem Magen, verwandelte sich in ein schwaches Pochen, an dessen Anwesenheit er sich schon lange gewöhnt hatte. Ein Flattern, das Vorfreude, Nervosität oder eine sich ankündigende Magen-Darm-Erkrankung bedeuten konnte. Jonas hoffte auf die ersten beiden Optionen.

Erik reichte ihm ein kleines Handtuch. „Ich wasche mir mal eben die Hände. Bin gleich wieder da.“

Jonas hörte Wasser gluckern und versuchte solange halbherzig, sich selbst und das Bettlaken zu säubern, entschied aber bald, dass zumindest im Fall des Lakens nicht mehr viel zu retten war. Die Nachwehen seines Höhepunkts waren noch immer zu spüren – im gelegentlichen Zucken seiner Finger und Zehen, oder der spontan auftretenden Gänsehaut. Mit geschlossenen Augen streckte sich Jonas auf der unbefleckten Seite des Betts aus, darum bemüht, seinen Kopf auszuschalten und einfach nur zu genießen. Er brummte wohlig, als er Eriks vom Wasser erwärmte Hände auf sich fühlte. „Mein Rücken ist noch ganz ölig.“

„Ja? Dann war ich wohl auch zu ungeduldig.“ Erneut kniete sich Erik aufs Bett und rieb gründlich über Jonas‘ Haut, stoppte erst, als der letzte Tropfen Öl einmassiert war. „Besser?“

„Japp.“ Neugierig sah sich Jonas um. „Woher hattest du das Zeug überhaupt plötzlich? Sollt da nich‘ eigentlich überall Wachs auf meinem Rücken sein?“

Erik pustete die Kerze auf dem Nachttisch aus und reichte sie an Jonas weiter. „Das ist keine normale Kerze.“

Vorsichtig tunkte Jonas eine Fingerkuppe in das flüssige Wachs, fühlte dessen ölige Konsistenz. „Oh. Praktisch.“

„Wird in erster Linie nicht so warm wie normales Wachs.“

„‚Nich‘ so warm?‘ Das soll ‚nich‘ so warm‘ gewesen sein? Scheiße, hat sich verflucht nochmal warum genug für mich angefühlt!“

Erik schmunzelte zunächst, aber bald erschien eine kleine Falte zwischen seinen Brauen. „Es war aber auszuhalten, oder? Nicht zu schlimm?“

„Nee, hat schon gepasst. Is‘ nur … Is‘ irgendwie ‘n komisches Gefühl, wenn man rausfindet, dass man auf was abfährt, was andere vermeiden wollen. Ich mein, eigentlich sin‘ Schmerzen doch scheiße und nix, was man geil findet.“

„Zunächst sind Schmerzen ja einfach ein Reiz“, erwiderte Erik. „Wie das Gehirn diesen dann interpretiert, kann durchaus unterschiedlich sein.“ Er rollte Jonas auf den Rücken und küsste das Tattoo auf seiner Brust. „Das war doch sicher auch schmerzhaft. Trotzdem bist du nicht nach dem ersten Stich aus dem Studio geflüchtet.“

„Aber ich wär gern! Fuck, das tat sowas von scheißweh!“ Jonas fühlte Eriks Lachen auf seiner Haut. „Bis eben hätte ich nie gedacht, dass mir sowas Spaß machen könnte.“

Erik blickte auf. Aus dieser Perspektive wirkte er beinahe schüchtern. „Dann hat es dir gefallen?“

„Japp.“

„Ein Glück. Ich dachte zwar, dass Wachs relativ harmlos ist und du hast leichten Schmerz nicht völlig ausgeschlossen, aber wirklich darüber gesprochen haben wir nie.“

„Hätten wir’s, hätte ich vermutlich gesagt, dass ich nich‘ drauf steh.“

„Ah, tut mir leid.“ Erik klang bedrückt. „Ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen.“

„Nee, so war das nich‘ gemeint!“, erwiderte Jonas rasch. Niemals hätte er gedacht, hinter Eriks selbstsicherer Fassade Zweifel zu entdecken. „Ich hätte ‚Nein‘ gesagt und dann nie rausgefunden, dass es eigentlich ziemlich geil is‘. War also schon gut so. Gemeinsames Grenzen austesten, hast du doch selbst gesagt, oder?“

Ein feines Lächeln zeichnete sich auf Eriks Gesicht ab. „Das habe ich wohl.“

„Aber warum ausgerechnet Wachs?“

„Warum nicht?“

„Naja, ähm … Das is‘ ja doch ‘n bissl umständlich, oder? Warum nich‘ … ähm … ein … Klaps?“

„Ein Klaps?“, wiederholte Erik und verbiss sich sichtlich das Lachen.

„Hey!“ Jonas schnippte gegen seine Schulter. „Auslachen is‘ kacke!“

„Entschuldige“, presste Erik mühevoll hervor.

„Also?“

Noch immer leise kichernd rollte sich Erik neben Jonas auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Hauptsächlich, weil ich den Gedanken ziemlich heiß fand. Dein nackter Körper auf meinem Bett, von Wachsspuren überzogen. Ein Zucken, wann immer dich der nächste Tropfen trifft …“ Unbewusst leckte sich Erik über die Lippen. „Außerdem …“ Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Ich finde, Schläge haben immer auch etwas mit Machtdemonstration zu tun. Egal wie sanft der eigentliche Schlag ist, er ist eine Form von Demütigung. Das kann in der richtigen Situation und mit dem richtigen Partner natürlich sehr erregend sein, aber Wachs fand ich für den Anfang unverfänglicher.“

Jonas ließ sich Eriks Begründung durch den Kopf gehen und versuchte, sich vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, von ihm geschlagen zu werden. Erst dann erinnerte er sich daran, dass er sich an ihrem allerersten Abend ja bereits einen Klaps auf den Hintern eingehandelt hatte und wie erniedrigend das gewesen war. Auch wenn sich die damalige Situation von ihrer jetzigen deutlich unterschied, war er sich nicht sicher, ob er scharf auf eine Wiederholung war. „Okay, ich versteh‘ was du meinst.“

„Wir können das aber gerne mal ausprobieren“, bot Erik an.

„Hm, nee. Also doch, schon, aber im Moment …“ Jonas grinste. „Im Moment gibt‘s so vieles, das ich ausprobieren will, da hat das keine große Priorität.“

Erik stützte sich auf einem Ellenbogen ab und beugte sich über Jonas. „So? Was möchtest du denn in nächster Zeit ausprobieren? Du bist mir da immer noch zwei Fantasien schuldig.“

„Oh, naja … ähm“, stammelte Jonas überrumpelt. „Also … Das eben war schon ziemlich … und … äh …“ Frustriert stöhnend versteckte er sein Gesicht hinter den Händen. „Sorry, ich bin einfach zu feig, ums laut auszusprechen. Fuck! Ich bild mir immer ein, drauf zu scheißen, was andre von mir denken, aber eigentlich … is‘ das wohl nich‘ so.“

„Ist in Ordnung“, versicherte Erik. „Natürlich will ich, dass du offen mit mir redest, aber mir ist schon klar, dass das eine Menge Vertrauen und damit auch Zeit erfordert.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr „Ist es nicht paradox, dass es für uns leichter ist, einfach Sex zu haben als darüber zu sprechen?“

Jonas schielte durch seine Finger hindurch. „Schätze, da is‘ was dran.“

„Ich habe mal gehört, dass Paartherapeuten empfehlen, andere, also unverfängliche Begriffe für das Thema zu etablieren. Zum Beispiel …“ Erik dachte nach. „‚Waschen‘ für Oralverkehr und ‚Trocknen‘ für Anal.“

Unwillkürlich musste Jonas lachen. „Das is‘ so scheißdämlich, dass es schon wieder logisch klingt. Warte!“ Er setzte sich auf. „Dann gilt das doch bestimmt auch für gewisse Körperteile? Fuck, ich würd zu gern mal Mäuschen spielen, was es da so für Bezeichnungen gibt.“

„Ausgehend von der miesen Erotikliteratur, die mir“, Erik hüstelte, „rein zufällig untergekommen ist, gibt es da eine ganze Menge.“

„Okay, jetzt will ich Beispiele hören. Und zwar irgendwas kreativeres als ‚Fleischpeitsche‘. Das is‘ so ausgelutscht, dass sogar ich’s kenn.“ Das unterdrückte Kichern neben ihm, ließ Jonas theatralisch seufzen. „Du lachst jetzt nich‘ wirklich, weil ich ‚ausgelutscht‘ gesagt hab, oder?“

„Nein“, log Erik bemüht ernst. „Ah, in Ordnung, lass mich nachdenken … Irgendetwas kreatives, aber unverfängliches … Hm … Ah, Stift?“

„Wirklich?“, fragte Jonas skeptisch. „Das erscheint mir ‘n bissl“, sein Blick wanderte zu Eriks Schritt, „tiefgestapelt.“

Erik schnaubte. „Dann schlag du was vor.“

„Oh, ähm … ähm … Banane?“ Jonas verdrehte die Augen über seinen eigenen Vorschlag. ‚Banane‘ war vieles, aber sicher nicht kreativ. Was für ein toller Künstler er doch war.

„Hmm, lass mich das auf Praxistauglichkeit prüfen.“ Erik räusperte sich. „Oh, Jonas! Lass mich meine Banane in deinen, ah … Schokoladenbrunnen? … stecken.“

Oh Gott!“ Jonas presste die Hände auf seine Ohren. „Das hab ich jetzt nich‘ gehört! Ich … Ich kann nie wieder Schokolade essen!“

Eriks verlegenes Schmunzeln verwandelte sich in schallendes Gelächter.

„Schluss mit den unverfänglichen Begriffen!“, forderte Jonas nachdrücklich. „Schwanz und Arsch sind völlig okay und weit weniger peinlich!“ Ein wenig leiser fügte er hinzu: „Aber, wenn wir … Wenn wir eh grad bei dem Thema sin‘ …“ Er brach ab. Wie zum Teufel sollte er darüber sprechen, ohne Erik auf ewig abzutörnen? Verlegen drehte Jonas den Kopf zur Seite, nuschelte: „Ich … Ich hatte vorhin ‘n bissl Angst, dass … ähm … Ich mein, ich dusch vorher natürlich gründlich und so, aber was, wenn da … also … ähm …“

„Tatsächlich Schokolade im Brunnen ist?“, fragte Erik amüsiert.“

Knallrot und so verschämt wie nie, schlug Jonas erneut die Hände vors Gesicht und drehte Erik den Rücken zu. „Das muss das beschissenste Gespräch sein, das ich je geführt hab.“

„Wortwörtlich.“

„Erik!“

„Entschuldige.“ Sanfte Hände legten sich auf Jonas‘ Schultern, drehten ihn herum. „Ich bin erwachsen, Jonas. Das heißt, ich weiß sehr gut, wofür diese Körperöffnung eigentlich gedacht ist und auch, dass Unfälle passieren. Kein Grund, vor Scham im Boden zu versinken.“

„Okay …“

„Das meine ich Ernst. Lass dir von solchen Sorgen nicht den Spaß verderben. Das ist völlig unnötig.“

Jonas nickte, bedeckte aber weiterhin Augen und Wangen mit seinen Händen. „Du scheinst jedenfalls kein Problem damit zu haben, offen über Sex und so zu quatschen.“

Ich“, sagte Erik und nahm Jonas‘ Hände in seine, „hatte auch ein paar Jahre, um das zu üben. Meine Offenheit ist hart erarbeitet.“

„Willst du mir grad erzählen, dass du mal ‘n verschüchterter Bub warst? Das glaub ich dir nämlich nich‘.“

„Nein?“ Erik lachte. „Kannst du dann glauben, dass ich anfänglich ausschließlich passiv war? Und die ersten Erfahrungen im SM-Bereich als devoter Part gesammelt habe?“

„Du verarschst mich!“

„Wieso sollte ich?“

„Weil … also … Weil ich mir das kein bisschen vorstellen kann! Wie lief das ab? Du hast dir dann einfach irgendwann überlegt, dass du jetzt doch lieber auf der anderen Seite mitmischen willst?“

„Nah, ganz so war es dann doch nicht“, erwiderte Erik schmunzelnd. „Ich denke, ich habe einfach für beides eine gewisse Veranlagung. So wie es Menschen gibt, die nicht nur auf ein Geschlecht stehen“, er warf Jonas einen vielsagenden Blick zu, den dieser nicht sofort verstand, „kann ich sowohl aktiv als auch passiv, sowohl dominant als auch devot sein. Es hat einfach nur ein paar Jahre und eine gute Portion Selbstbewusstsein gebraucht, diese andere Seite an mir zu entdecken.“

Jonas musterte Erik forschend. „Dann bist du nur bei mir dominant und aktiv? Bei anderen nicht?“

„Naja, nein. Ganz so ist es nicht“, räumte Erik ein. „Ich bevorzuge schon den aktiven Part. Passiv bin ich …“ Er blickte zur Decke, wirkte gedankenverloren. „Das ist gar nicht so einfach zu erklären.“

Jonas glaubte, Widerwillen aus Eriks Stimme herauszuhören. Das war neu, bisher hatte er jede Frage ehrlich und ohne langes Zögern beantwortet. Offenbar hatte Jonas ein Thema angekratzt, das Erik lieber ruhen lassen wollte.

Entschlossen, gar nicht erste miese Stimmung aufkommen zu lassen, rollte sich Jonas mit Schwung über ihn. „Und? Was steht als nächstes an?“

Zur Antwort packte Erik Jonas‘ Handgelenke, warf ihn von sich und presste ihn mit seinem Gewicht auf die Matratze. „Das werde ich dir verraten, wenn es soweit ist.“

„Komm schon …“ Spielerisch wand sich Jonas in Eriks Griff. „Ich hab extra geübt!“

Erik zog eine Braue hoch. „Geübt?“

„Du weißt schon … deine Aufgabe letzte Woche.“

„Ich erinnere mich daran, welche Aufgabe ich dir gestellt habe. Ich frage mich nur, wie dieses ‚Üben‘ ausgesehen hat.“

„Zwing mich nich‘, es auszusprechen!“

„Ich würde dich nie zu etwas zwingen“, erwiderte Erik mit samtweicher Stimme. Sein Griff um Jonas‘ Handgelenke wurde fester. „Ich überzeuge dich lieber.“

„Mit so öligen Pfoten wie deinen funktioniert das aber nur ganz schlecht.“ Ohne große Mühe, befreite sich Jonas aus Eriks Umklammerung und flüchtete aus dem Bett. Am Fußende sank er auf die Knie. „Soll ich dir nich‘ lieber einfach zeigen, was ich gelernt habe?“

„Sollst du.“ Erik nutzte den freigewordenen Platz und streckte sich genüsslich. „Aber nicht jetzt.“

„… Okay …“ Ein wenig enttäuscht richtete sich Jonas wieder auf.

„Was tust du da?“

„Mich wieder aufs Bett setzen?“

„Habe ich dir das erlaubt?“

„Ähm … nich‘ direkt.“

„Dann bleib auf dem Boden. Das gefällt mir gerade ganz gut so.“

Grummelnd sank Jonas zurück auf seine Knie. „Und wie lange soll ich …“

„Ah, nicht reden“, unterbrach Erik ihn. „Es sei denn, du willst mir von deinen ‚Übungen‘ diese Woche erzählen.“

Also blieb Jonas an Ort und Stelle, verfluchte sich und Erik für sie Lage, in der er steckte. Der einzige Teppich im Raum lag am Bettende und damit weit von seinen allmählich schmerzenden Knien entfernt. Außerdem war ihm kalt und er wollte zurück in Eriks Arme. „Es war ‘ne verfickte Gurke!“, platzte es schließlich aus ihm heraus. „Ich hab mir ‘ne verfickte Gurke in den Hals geschoben!“

Jonas musste Erik zugutehalten, dass dieser zumindest versuchte, nicht zu lachen. Er scheiterte kläglich, aber er versuchte es.

„Fick dich“, grollte Jonas, rot vor Scham, stimmte aber kurz darauf in das Lachen ein. „Und? Hab ich mir dafür ‘nen Platz auf dem Bett verdient?“

„Na schön“, schnaufte Erik. „Das hast du wohl.“ Noch immer lachend zog er Jonas zu sich. „Ah, all die schönen Bilder in meinem Kopf.“

„Fick dich.“

„Vielleicht später.“

„Dann fick mich!“

„Vielleicht später.“

„Später? Platzt du nich‘ langsam?“

„Nein“, erwiderte Erik schlicht.

„Aber …“ Jonas schloss den Mund, als Erik mit einer Hand sein Kinn umfasste. Noch immer lag ein feiner Ölfilm auf seiner Haut.

„Du redest mir entschieden zu viel.“ Er musterte Jonas eindringlich. „Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, deinen Mund anderweitig zu beschäftigen. Knie dich hin.“

 

Jonas rang nach Atem, unsicher, ob er seinen Mund jemals wieder würde schließen können.

„Das war sehr, sehr gut“, lobte Erik und strich ihm zärtlich eine Strähne aus der verschwitzten Stirn.

„Dafür hast du verflucht lang durchgehalten“, keuchte Jonas heiser.

„Das liegt am Kondom, nicht an dir. Nimmt eben doch etwas Gefühl raus.“

„Wir könnten …“

„Nein.“

Die Vehemenz in Eriks Stimme ließ Jonas aufblicken und die Härte in dessen Zügen verunsicherte ihn. „Sorry, ich wollt nich‘ … War nur ‘n Vorschlag …“

Erik seufzte. „Entschuldige. Ich habe diese Diskussion wohl einfach schon zu oft geführt.“

„Keine Diskussion, versprochen.“

„Ich weiß schon, dass viele beim Blasen auf Kondome verzichten, aber ich fühle mich mit einfach wohler.“

„Is‘ okay für mich“, versicherte Jonas erneut. „Du bist aber nicht … ähm …“

„Ich bin gesund“, beantwortete Erik die unausgesprochene Frage. „Und das würde ich gerne bleiben. Nicht, dass ich dir etwas unterstelle, aber wer einmal Ausnahmen macht, macht sie immer wieder.“

„Kein Thema. Dann muss ich eben damit leben, dass mir irgendwann der Kiefer abfällt.“ Verschmitzt funkelte Jonas Erik von unten an. „Und jetzt … Pizza?“

Erik grinste breit. „Pizza.“

 

Die Luft duftete nach Laub, aber ihr eisiger Unterton kündigte den nahenden Winter an. Jonas war froh um den Pizzakarton, dessen heißer, mit Käse überbackener Inhalt seine Finger wärmte. Erik gegenüber hatte er behauptet, die Pizza wenigstens tragen zu wollen, wenn er schon nicht dafür zahlen musste, aber eigentlich freute er sich einfach nur über die improvisierte Wärmflasche. Ein wenig tat ihm die Lüge leid, denn Erik fror offenbar deutlich mehr als er selbst und hatte die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben.

„Kann ich nachher mal ‘nen Blick auf deine Filmsammlung werfen?“, fragte Jonas ihn.

„Sicher.“ Erik neigte den Kopf. „Gehst du gern ins Kino? Oder hast du sogar Interesse daran, selbst Filme zu drehen? Ist sowas Teil deines Studiums? Ich habe gar keine Vorstellung davon, was man bei ‚Visueller Kommunikation‘ überhaupt macht.“

„Oh, ähm …“ Jonas war etwas überrumpelt von den vielen Fragen, freute sich aber über das Interesse, das Erik ihm entgegenbrachte. „Das Studium is‘ recht vielseitig, aber viel kann ich ehrlich gesagt selbst noch nich‘ dazu sagen. Is‘ irgendwie alles noch so neu und ich hab echt keine Ahnung, was ich in Zukunft alles belegen kann. Eigentlich wollt ich ja Fotografie studieren, aber die Privatschulen kann ich mir nich‘ leisten und die staatlichen wollten mich nich‘. Hatte wohl Glück, überhaupt ‘ne Zusage bekommen zu haben, auch, wenn’s nich‘ grad meine erste Wahl war. Dafür isses in Berlin, was ja auch irgendwie ‘n fetter Pluspunkt is‘.“ Er schielte zu Erik. „Vielleicht war’s ‘ne glückliche Fügung.“

Von ihrem Gespräch abgelenkt, übersah er Eriks Eingangstür, bis dieser einen Arm um seine Taille legte und ihn in die richtige Richtung schob. Instinktiv entzog sich Jonas der Berührung. Als er sich zu Erik drehte, entdeckte er gerade noch die kleine Falte zwischen dessen Brauen, bevor sie hinter einem neutralen Ausdruck verschwand.

Schweigend folgte Jonas Erik die Treppen nach oben und wartete, bis dieser aufgesperrt und sie in die Wohnung gelassen hatte. Sobald die Tür hinter ihnen zugefallen war, stolperte er über die Worte, die er sich in den vorangegangenen Sekunden zurechtgelegt hatte. „Sorry, ich … Das eben hatte nix mit dir zu tun, oder so. Es is‘ nur …Ich, ähm …“ Jonas starrte auf seine Schuhe, die mal wieder einen Lappen und etwas Schuhcreme gebrauchen konnten. „Ich hab scheißlang gebraucht, zu akzeptieren, dass ich …“, er musste sich zwingen, die Worte auszusprechen, „dass ich auf Typen steh … Auch auf Typen steh“, fügte er rasch hinzu, als ihm seine Lüge mit Maria wieder einfiel. „Und ich hatte panische Angst davor, dass es jemand rausfinden könnt. Kleines Dorf, konservative Eltern, du weißt schon. Deshalb hab ich alles vermieden, was irgendwie ‘nen Hinweis liefern könnt. Keine verräterischen Blicke, so wenig Körperkontakt wie möglich … Berlin sollte da irgendwie ‘n Neustart sein, aber … es is‘ echt scheißschwer, aus so eingeschliffenen Verhaltensmustern auszubrechen. Ich hab mich die letzten … fuck, keine Ahnung, wie viele Jahre … ‘ne verfickte Ewigkeit lang, hab ich mich verzweifelt drum bemüht, nich‘ aufzufallen und … und ehrlich gesagt … bin ich mir auch grad noch gar nich‘ sicher, ob ich das wirklich ändern will. Ich mein, es wär toll, einfach offen dazu stehen zu können, aber … Noch kann ich’s wohl nich‘.“

„Das verstehe ich.“ In Eriks Stimme lagen weder Vorwurf noch Erwartungen, nur eine ruhige Gelassenheit, die Jonas gerade dringend benötigte.

„Jedenfalls … sorry, dass ich dich grad weggeschoben hab. Und sorry für mein unzusammenhängendes Gequassel.“ Jonas streifte seine Jacke von den Schultern und hing sie zusammen mit seinem Schal – selbstgestrickt von Oma – an die Garderobe. Als er sich umdrehte, zwang er sich ein Lächeln aufs Gesicht. „Ich hab sonst nich‘ wirklich jemanden, mit dem ich drüber quatschen könnt. Maria is‘ die einzige die weiß, dass ich … wie ich mich fühl … und die is‘ so im Stress mit ihrem Studium, dass ich sie nich‘ auch noch damit nerven will.“

„Ich höre dir gerne zu.“ Erik stoppte Jonas, als dieser in die Küche abbiegen wollte. Die Hand, die er auf Jonas‘ Schulter legte war kalt, aber die Berührung willkommen. „Wolltest du nicht die Filmsammlung sehen?“

„Schon, aber … Pizza?“

„Die können wir auch im Wohnzimmer essen.“

„Wenn du meinst.“ Tapfer lächelte Jonas gegen seine Verlegenheit an. „Is‘ dein Teppich.“ Wahrscheinlich war es sogar gut, beim Essen über etwas Unverfängliches wie Filme reden zu können, Jonas musste dringend ein wenig Abstand zwischen sich und seine Fickbeziehung bringen. Mehr war Erik nämlich nicht. Nur ein Kerl, mit dem er für einen begrenzten Zeitraum das Bett teilte. Das durfte er niemals vergessen.

Das Wohnzimmer war der mit Abstand größte Raum in Eriks Wohnung. Die bodentiefen Fenster und die Schiebetür, die zu einem weiteren Balkon führte hätten es zudem zum Hellsten gemacht, sofern es nicht bereits Nacht und die Jalousien geschlossen gewesen wären. Eine Wand verschwand hinter gut gefüllten Bücherregalen, eine andere hinter Eriks beeindruckender Filmsammlung. Neugierig lief Jonas die Reihen ab. „Ich glaub, ich kenn nich‘ mal ‘n Drittel davon.“

„Dann hast du Nachholbedarf.“

„Is‘ das ‘n Angebot zum Filmgucken?“ Und freute sich Jonas gerade etwas zu sehr darüber?

Erik zuckte mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Ich habe einen Bildungsauftrag.“

„Is‘ irgendwie paradox, weißt du?“, murmelte Jonas nach einigen stillen Atemzügen.

„Was?“

„Dass ich so Probleme damit hab, zuzugeben, dass ich auf Männer steh‘.“

„Warum?“

Jonas lachte bitter. „Der Witz is‘, dass ich immer versucht hab anzuecken. Aufzufallen. Zu provozieren.“ Allerdings hatte ihm Berlin recht schnell gezeigt, wie wenig es sich für seine billige Rebellion interessierte. Hier fiel er nicht auf, wenn er fluchte, oder sich weigerte, zur Kirche zu gehen. Hier war er einfach nur absolutes Mittelmaß. „Naja, jedenfalls … Grad in diesem einen Punkt, bei dem ich ja eigentlich auch bloß ich selbst sein müsst, kneif ich.“

„Ich denke, es ist sehr schwierig, für etwas abgelehnt oder sogar verurteilt zu werden, das man nicht ändern kann“, antwortete Erik nach ein paar Sekunden. „Du kannst deine Kleidung anpassen, deine Art zu sprechen, dein Auftreten. Aber deine Sexualität? Die kannst du höchstens verleugnen.“

„Vielleicht is‘ da was dran …“ Jonas‘ Fingerspitzen strichen über Lars von Triers ‚Nymphomaniac‘. „Dabei is‘ das sogar eine meiner Fantasien.“

„Deine Sexualität zu verleugnen?“

„Was? Nee! Sie zu zeigen. Öffentlich. Also … Nicht so wirklich öffentlich, aber …“ Mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen, drehte er sich zu Erik, fühlte die gewohnte Hitze auf seinen Wangen. „Willst du immer noch eine meiner Fantasien hören?“

„Natürlich.“

„Ähm, okay …“ Nervös fuhr sich Jonas durchs Haar, bevor er sich wieder den Filmen zuwandte. Nicht, dass er sich auf deren Titel hätte konzentrieren können, aber es war einfacher als Erik anzusehen. „Ich sitz‘ in einem Auto, meine Augen sind verbunden. Offensichtlich fahr‘ nich‘ ich selbst, sondern mein Partner. Wir halten an, aber ich hab keine Ahnung wo. Mein Partner steigt zuerst aus, anschließend zieht er mich aus dem Wagen. Wir laufen ein ganzes Stück, ich bin völlig orientierungslos. Der Weg unter meinen Füßen is‘ uneben und ich muss aufpassen, dass ich nich‘ stolpere, aber mein Partner umfasst meinen Arm, stützt mich. Irgendwann halten wir, ich werde ausgezogen, spüre die kalte Luft auf meiner nackten Haut. Mein Partner fesselt meine Hände, fixiert sie über meinem Kopf. Endlich nimmt er mir die Augenbinde ab. Wir sin‘ irgendwo im Wald. Grade mal ‘n paar Bäume zwischen uns und einem Wanderweg. Aufmerksame Beobachter könnten uns jederzeit erwischen.“ Jetzt drehte sich Jonas doch zu Erik, hatte aber Mühe, ihm in die Augen zu sehen. „Tja, das war’s so ziemlich. Danach … Ähm … Sagen wir, es kann auf diverse Arten enden, aber der Anfang is‘ immer derselbe.“

„Ah, das klingt schon sehr verlockend.“

„Ich hab keine Ahnung, ob ich das jemals ausleben will!“, sagte Jonas rasch. „Aber du hattest ja auch nach einer, ähm, eher hypothetischen Fantasie gefragt …“

„Keine Sorge“, erwiderte Erik schmunzelnd. „Ich hatte nicht vor, dich in mein Auto zu zerren und in den nächstbesten Wald zu entführen. Verlockend klingt es trotzdem. Erzählst du mir auch noch die andere? Die, die“, er machte eine kurze Pause, „in nicht so ferner Zukunft liegen könnte?“

„Oh, ähm, also …“ Dieses Mal brauchte Jonas etwas länger, um sich zum Weitersprechen zu überwinden. „Das … Das is‘ jetzt weniger ‘ne konkrete Fantasie als … Ich weiß nich‘ … Ein Extra?“

„Jetzt machst du mich wirklich neugierig.“

„Also … Ich mein … Ich glaub, ich fänd so ’n, ähm … Mir gefällt die Idee, ein Halsband zu tragen!“, ratterte Jonas so schnell herunter, dass er sich nicht sicher war, ob Erik ihn überhaupt verstanden hatte.

„Ein Halsband, hm?“ Offensichtlich hatte er ihn verstanden.

„Jaah …“ Bevor Erik auf dumme Ideen kommen konnte, setzte Jonas die Inspektion seines Wohnzimmers fort. Er war bei den Büchern angelangt.

Erik schien eine Schwäche für klassische Liebesromane und Sciene-Fiction zu haben, daneben fanden sich jedoch auch einige Sachbücher. „Anatomie, noch mehr Anatomie, Histologie …“ Jonas versuchte, einen ängstlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. „Bin ich am Ende etwa in die Fänge eines gefährlichen Serienkillers geraten?“

„Schlimmer“, antwortete Erik ohne eine Miene zu verziehen. „In die eines gescheiterten Medizinstudenten.“

„Du hast Medizin studiert?“

„Angefangen.“ Erik nahm sich ein weiteres Stück Pizza. Anders als Jonas, der noch keinen Bissen gegessen hatte, war er bereits halb fertig. „Die Famulatur hat mir das Genick gebrochen.“

„Die was?“

„Die Famulatur“, wiederholte Erik. „Das ist eine Art Praktikum nach dem ersten Staatsexamen. Die Studenten sollen den Alltag in Klinik, Ambulanz und Hausarztpraxis kennenlernen.“

„Und das hast du nicht geschafft?“

„Vermutlich hätte ich, aber die Zeit in der Klinik hat mir sehr eindrücklich klargemacht, dass ich für diesen Beruf nicht geschaffen bin. Ich habe es dann noch beim Hausarzt versucht, aber …“ Erik lächelte freudlos. „Da war dieses alte Ehepaar. Ich durfte dem Mann Blut abnehmen, habe mich ein wenig mit ihnen unterhalten … Eine Woche später rief seine Frau an, um uns zu informieren, dass ihr Mann über Nacht verstorben war. Spätestens da ist mir klargeworden, dass es für mich als Arzt nur zwei Möglichkeiten gibt. So weiterzumachen wie bis dahin und noch vor meinem dreißigsten Geburtstag völlig ausgebrannt zusammenzuklappen, oder mich von meinen eigenen Emotionen abzukapseln und zu einem dieser kalten, unpersönlich wirkenden Ärzte zu werden, die ich selbst so ätzend finde. Nach langem Zweifeln habe ich mich letztlich für die dritte Option entschieden und abgebrochen.“

„Und wie kommt man dann von Medizin zu BWL?“

„BWL war im Grunde ein reines Verlegenheitsstudium“, gab Erik zu. „Mir war klar, dass mich jeder andere soziale Beruf genauso mitnehmen würde. Kurzfristig hatte ich an Grundschullehramt gedacht, aber …“ Er zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls war es die Chefin vom Tix, die mich schließlich auf BWL gebracht hat. Einen Tag bevor ich ihr von meinem Entschluss, das Medizinstudium abzubrechen erzählt habe, hatte die damalige Verwaltungsleiterin sie über ihre Schwangerschaft informiert. Also bot sie mir an, meinen Job hinter der Bar gegen einen im Büro zu tauschen, wenn ich dafür ein wirtschaftswissenschaftliches Studium wähle. Besser bezahlt und körperlich weniger anstrengend, im Gegenzug konnte ich meine Vorgängerin während der Schwangerschaft entlasten und später, als sie in Elternzeit war, einen Teil der anfallenden Arbeit abfangen, damit nicht alles an meiner Chefin hängen blieb. Als sich meine Vorgängerin dann gegen Ende meines Studiums und zur Geburt ihres zweiten Kinds dazu entschieden hat, ganz auszuscheiden, habe ich die Stelle übernommen.“

„Glückliche Fügung, was?“

„Wenn man davon absieht, dass ich immer noch täglich fürchte, alles in den Sand zu setzen: Ja.“

„Find ich aber krass, dass du das so durchgezogen h… Bist das du?“ Jonas hatte ein Foto aus dem Bücherregal gezogen, das einen deutlich jüngeren Erik zusammen mit einem älteren Pärchen auf einer Parkbank zeigte. Das Haar der Frau hatte denselben honigblonden Ton wie Eriks, war jedoch raspelkurz gehalten. Das des Mannes war ebenfalls hell, ging allerdings in einen Rotton über, ähnlich dem seines eigenen Vaters. Dafür hatte er Eriks Wangenknochen und das warme Lächeln. Aber es war Erik selbst, der Jonas‘ Blick auf sich zog. „Deine Haare waren pink!“

„Zuckerwatterosa, Herr Künstler“, korrigierte Erik. „Und das auch nur für diesen einen Monat. Danach waren sie … Hm, lila, glaube ich. Oder blau. Oder türkis. Ich erinnere mich nicht mehr an die genaue Reihenfolge.“

„Das ist sowas von scheißeniedlich!“ Jonas studierte das Bild genauer. In einer der Ecken zog sich ein feiner Sprung durchs Glas und auch der Rahmen wirkte, als hätte er schon einige Umzüge mitgemacht. „Sind das deine Eltern?“

„Ja.“

„Leben sie auch hier in Berlin?“

„Nein.“

„Sind sie noch in … Ich glaub, ich hab dich gar nich‘ gefragt, woher du eigentlich kommst.“

„Stuttgart.“

„Also leben sie noch in Stuttgart?“ Noch während Jonas redete, realisierte er, dass Erik ungewohnt kurz angebunden war. Vorsichtig drehte er sich um und tatsächlich war das Lächeln aus Eriks Gesicht verschwunden.

„Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, als ich fünfzehn war.“

„Fuck. Ich … Sorry.“

„Ist in Ordnung. Konntest du ja nicht wissen. Ich gebe zu, dass es nicht gerade mein Lieblingsthema ist, aber ich kann durchaus darüber sprechen.“

Jonas nickte nur. Er hatte keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte. Seine verdammte Neugierde hatte die Stimmung zwischen ihnen ordentlich versaut.

„Deine Pizza wird kalt“, merkte Erik an. „Setz dich doch zu mir.“

Dankbar nahm Jonas Eriks Angebot an, aber jeder Versuch, ihr Gespräch neu aufleben zu lassen, verlief rasch im Nichts. Irgendwann war das letzte Stück Pizza gegessen und Jonas machte sich auf den Heimweg. Sein Schal hing vergessen an Eriks Garderobe.

 

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Autorenkommi:

In der heutigen Folge: Jonas gewährt Erik einen kleinen Einblick in sein Inneres und erfährt dafür, dass auch in dessen Leben nicht alles so gelaufen ist wie erhofft.

Coming soon: Weniger Sex, mehr Plot!

Fun Fact: Erik lernt, dass Massageöl auch mit funktionierender Waschmaschine ganz schlecht aus Bettlaken und Kleidung zu entfernen ist.

 

Was zuletzt geschah:

Ein weiteres Treffen zwischen Erik und Jonas enthüllt viel Neues. Dinge, von denen Jonas nie dachte, sie mögen zu können, Beichten, mit denen er nicht gerechnet hatte und Gefühle, auf die er lieber verzichten würde. Der Abschied verläuft allerdings weniger leidenschaftlich als die Begrüßung und ein Schal ist nicht dort wo er sein sollte.

 

Kapitel 8

Die Sonne war schon lange hinter den Dächern der Hochhäuser verschwunden und ein eisiger Wind fegte Regentropfen wie Geschosse durch die Straßen. Jonas schlug den Kragen seiner Jacke nach oben, fluchte über seinen nutzlos an Eriks Garderobe hängenden Schal und schleppte seinen müden Körper die letzten Meter zu seiner Wohnung. Den Vormittag in der Uni zu verbringen, um anschließend bis Ladenschluss im Café zu arbeiten, war eine dämliche Idee gewesen. Er war jung, aber selbst ihn schlauchte so ein Zwölfstundentag. Nicht einmal zum Einkaufen war er gekommen, dabei hing ihm sein Magen bereits in den Kniekehlen. Hoffentlich konnte er die Schicht in der kommenden Woche tauschen.

Jonas‘ Briefkasten war leer, doch an der Außenseite war ein Zettel befestigt, der ihn darüber informierte, dass ein Paket für ihn bei den Nachbarn abgegeben worden war. Er überprüfte den Namen und ja, natürlich waren es die reizenden Leute gegenüber, die ihn zu den unmöglichsten Zeiten an ihrem grässlichen Musikgeschmack teilhaben lassen mussten. Lustlos klopfte er, sah ein, dass er damit nicht gegen den dröhnenden Bass ankam und benutzte die Klingel. Oft.

Als sich die Tür endlich öffnete, blickte Jonas in das Gesicht eines schlechtgelaunten Glatzkopfs, dessen muskelbepackte Arme durch das schlichte weiße Shirt unnötig betont wurden.

„Ähm, hi …“

„Was willst du?“

„Ihr, ähm, ihr habt ‘n Paket für mich.“

„Ach ja?“

„Ja, ähm, hier …“ Jonas hielt den Zettel hoch. „Muss irgendwann heute abgeben worden sein.“

„Davon weiß ich nichts.“

Der Typ streckte die Hand nach dem Zettel aus, doch Jonas zog ihn instinktiv weg und trat einen Schritt zurück. „Hör zu, ich weiß bloß, dass ich mein Päckchen haben möchte und auf dem Zettel hier dein Name steht. Wenn du jetzt also einfach–“ Die zuschlagende Tür schnitt Jonas das Wort ab. Fluchend stand er im Gang und überlegte fieberhaft, wie er die Situation auflösen konnte, ohne einen riesigen Aufriss deshalb veranstalten zu müssen. Schließlich setzte er sich – nach einem sehnsüchtigen Blick zu seiner eigenen Wohnungstür – noch einmal in Bewegung und suchte die nächstbeste Tankstelle.

Wieder dauerte es einige Zeit, bis Jonas‘ Nachbar dem penetranten Klingeln seiner Türglocke nachgab und öffnete. Bevor er ein Wort sagen konnte, hielt Jonas ihm seinen Einkauf vor die Nase. „Bier gegen Paket.“

Der Nachbarn schüttelte nur den Kopf und seine Lippen zogen sich über seine Zähne zurück als versuchte er zu knurren. „Denkst du echt, ich mach mir was aus dieser Plörre? Hau endlich ab!“ Er war bereits im Begriff, die Tür zu schließen, als eine zierliche, junge Frau hinter ihm auftauchte und sich an seinen Rücken schmiegte.

„Na komm, sei nicht so fies zu dem Kleinen.“ Sie lächelte Jonas an. „Ich tausch mit dir. Warte kurz.“ So schnell wie sie gekommen war, verschwand sie wieder, nur, um gleich darauf mit Jonas‘ Paket zurückzukehren.

Jonas kontrollierte, ob es ungeöffnet und intakt war, bevor er ihr im Austausch das eben erstandene Sixpack überreichte. „Danke.“

„Jederzeit“, flötete sie und knallte die Tür zu.

Endlich konnte sich Jonas in die relative Ruhe seiner Wohnung zurückziehen und der Frage nachgehen, was zur Hölle ihm da überhaupt geschickt worden war. Bestellt hatte er jedenfalls nichts.

Ein kurzer Blick auf den Absender klärte dieses Mysterium. Eilig schnappte sich Jonas das Teppichmesser in seiner Schreibtischschublade, schnitt durch mehrere Lagen Klebeband und einen Teil seiner linken Zeigefingerkuppe, die er schimpfend und mehr als notdürftig mit einem sauberen Küchentuch umwickelte. „Wehe, das hat sich nicht gelohnt!“

Im Inneren des Päckchens lag eine Karte mit verschnörkelten Blumenmuster. Etwas zu kitschig für Jonas‘ Geschmack, aber immerhin brachte sie ein wenig Farbe in den tristen Tag. Auf der Rückseite entdeckte er die geschwungene Schrift seiner Mutter.

 

Lieber Jonas,

 

bei unserem letzten Telefonat hatte ich das Gefühl, dass du dich etwas allein in der großen Stadt fühlst. Egal, ob das so ist oder nicht, hier hast du ein paar Kleinigkeiten aus der Heimat.

 

Alles Liebe

Mama, Papa, Christine, Oma und Vroni

 

Jonas lächelte über die Unterschriften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Schlicht und sauber, kunstvoll verschnörkelt oder an der Grenze zur Unleserlichkeit. Jeder hatte seinen Beitrag geleistet.

Jonas‘ Eltern hatten ihm etwas von dem herzhaften Mürbeteiggebäck geschickt, das solange er denken konnte die kleine Schale in der Küche füllte und auf magische Weise nie auszugehen schien. Er hatte den buttrigen Geschmack schon auf der Zunge, noch bevor er sich den ersten Keks in den Mund geschoben hatte.

Seine Oma hatte zwei paar Stricksocken, eines schwarz, das andere bunt geringelt beigelegt und Vronis selbstgemaltes Bild – Jonas war sich nicht völlig sicher, was es darstellen sollte, glaubte aber, eine Katzen-Waschbär-Giraffe zu erkennen – erhielt einen Ehrenplatz an der Pinnwand neben seinem Schreibtisch.

Nur Christines Geschenk gab ihm zunächst Rätsel auf. Ein alter Gedichtband. Mal abgesehen davon, dass Jonas trotz guter Deutschnoten nie wirklich Zugang zur Lyrik gefunden hatte, war etwas so Romantisches eigentlich nicht Christines Art. Er war beinahe erleichtert, als er die Kondome entdeckte, die sie zwischen die Seiten geschmuggelt hatte. Das entsprach schon eher ihrem Humor. Im Einband hatte sie ihm eine kurze Nachricht hinterlassen. Vögel dir ruhig Maria aus dem Kopf, aber mach mich nicht zu früh zur Tante.

Kraftlos sank Jonas auf sein Bett, Christines Buch noch in der Hand, eines der Kondome zwischen den Fingern. Er hatte einen tollen Studienplatz ergattert, lebte in der aufregendsten Stadt Deutschlands, hatte schnell neue Freunde gefunden und eine Affäre mit einem verflucht heißen Typen angefangen. Dazu eine liebevolle Familie, die ihm den Rücken stärkte. Er sollte glücklich sein. Warum nur wollte sich der Knoten in seinem Magen nicht lösen?

Nach langen Stunden, in denen Jonas zunächst versucht hatte, sich zu versichern, dass es in Ordnung war, seiner Familie nicht alles zu erzählen, was er in Berlin trieb und anschließend dazu übergegangen war, sich mithilfe des Internets von seinen Schuldgefühlen abzulenken, zwang er sich, ins Bett zu gehen. Der kommende Tag würde kaum weniger anstrengend werden.

 

„Was ist mit der da?“

Jonas warf einen abwesenden Blick auf das Mädchen, auf das Larissa zeigte. Es balancierte ein überladenes Essenstablett auf seinen Armen und suchte verzweifelt nach einem freien Sitzplatz in der bereits überfüllten Mensa.

„Nee, nich‘ wirklich mein Typ.“

„Auch nicht?“ Larissa schnaubte. „Du bist ganz schön wählerisch. Mal sehen, was ist mit …“

„Wo stecken eigentlich Esther und Kemal?“, versuchte Jonas das Thema zu wechseln. Er war sich nicht sicher, wann dieses Spiel begonnen hatte, aber Larissa war nun schon eine ganze Weile darum bemüht, ihre Kommilitoninnen für ihn auf Traumfrauen-Material zu prüfen.

„Ich glaube, die haben Besseres zu tun, als mit uns beiden Mittag zu essen.“

„Ach ja? Was denn?“

„Vögeln“, antwortete Larissa trocken und lachte über Jonas‘ verdutzten Gesichtsausdruck. „Ist dir echt noch nicht aufgefallen, dass zwischen den beiden was läuft? Hey, die da ist süß!“ Larissa deutete über Jonas‘ Schulter. „Was ist mit der?“

„Nicht mein Typ.“

„Woher willst du das wissen, wenn du noch nicht mal hingesehen hast?“

Jonas schluckte. Bevor er kneifen konnte, antwortete er: „Zu viel Titten, zu wenig Schwanz.“

„Hä? So groß sind ihre Dinger jetzt auch n… oh. Ach sooo! Sag das doch gleich!“ Larissas Blick schweifte durch die Mensa. „Was ist dem Blonden nahe der Tür?“

Jonas zögerte einen Moment. „Der … trifft schon eher meinen Geschmack.“

„Ha! Wusste ich doch, dass ich noch jemanden finde! Und was ist mit …“

„Larissa?“

„Hm?“

„Könnte das … Könnte das erst mal unter uns bleiben?“

„Was? Dass du schwul bist?“

Jonas nickte und hoffte, dass Larissa sein Zusammenzucken beim Wort ‚schwul‘ nicht bemerkt hatte.

„Warum? Ist doch nichts dabei.“

„Trotzdem …“

Larissa verdrehte die Augen. „Wie du meinst.“

„Danke.“ Allmählich beruhigte sich Jonas‘ Herzschlag wieder. Am Ende war es so einfach gewesen. Wovor hatte er sich eigentlich gefürchtet?

Das Handy, das Larissa vor sich auf den Tisch gelegt hatte leuchtete auf. „Sieht aus, als würden Esther und Kemal uns nicht nur beim Essen versetzen. Sie haben gerade geschrieben, dass sie es leider nicht zum Schwimmbad schaffen. Zeitgleich.“

„Ausgesprochen unauffällig.“

„Hey, wenn ich dir nicht gesteckt hätte, dass die beiden es miteinander treiben, würdest du immer noch im Dunkeln tappen.“

Jonas wollte protestieren, war sich aber selbst nicht ganz sicher, wie lange er ohne Larissas Hilfe gebraucht hätte, um zwei und zwei zusammenzuzählen. „Dann sind’s wohl nur wir beide."

„Sieht so aus. Wenigstens muss ich jetzt keine Angst mehr haben, dass du dich sofort in mich verknallst, sobald du all das hier“, ihre Hände zeichneten ihre Rubensfigur nach, „im Badeanzug siehst.“

„Larissa …“ Bedauernd schüttelte Jonas den Kopf. „Ich weiß, dass unerwiderte Liebe hart is‘, aber sei stark. Du wirst einen, na, vielleicht nich‘ besseren, aber wenigstens annähernd gleichwertigen Mann finden.“

„Pah! Iss mal lieber auf, du Spargel, damit wir loskönnen. Um diese Zeit ist im Schwimmbad noch nicht viel los und das würde ich gern nutzen.“

 

Larissa hatte eine gute Wahl getroffen. Das Schwimmbad war nicht weit von der Uni entfernt und ausgehend davon, dass abgesehen von Jonas nur ein anderer Mann in der Umkleide stand, vermutlich tatsächlich ziemlich leer.

Jonas musterte den Fremden so unauffällig wie möglich. Dieser hatte ihm den Rücken zugewandt und war bereits in seine Jeans geschlüpft, doch sein Oberkörper war nur mit einem Handtuch bedeckt, das er sich locker über die Schultern geworfen hatte. Und das war ein verflucht gutaussehender Oberkörper. Schlank, mit dezenten Muskeln, die sich bei jeder Bewegung unter seiner Haut abzeichneten und bezaubernden Grübchen oberhalb des Pos. Die Statur des Fremden erinnerte ihn beinahe an …

„Erik?“ Der Fremde hatte den Kopf gedreht und auch, wenn Jonas so schnell wie möglich zur Seite gesehen hatte, hatte er aus dem Augenwinkel sein Gesicht erkannt.

Eriks erschrockenen Ausdruck nach zu urteilen, war das eine Begegnung, mit der er nicht gerechnet hatte. Auch das dünne Lächeln, das er gleich darauf zeigte, konnte die Falte zwischen seinen Brauen nicht vertreiben. „Ah. Hallo.“ Er zog das Handtuch von seinen Schultern. „Dich hätte ich hier nicht erwartet.“

„‘Ne Freundin hat mich überredet.“ Jonas ließ seinen Blick über Eriks Körper wandern. Seine Schultern waren mit winzigen Sommersprossen gesprenkelt, die das Bedürfnis weckten, sie mithilfe eines Stifts zu einem Gemälde zu verbinden, sein Bauch war flach, die unter der Haut liegenden Muskeln erkennbar. Eine Reihe verblasster Narben zog sich zickzackförmig über seine Unterarme, verschwand aber rasch aus Jonas‘ Sicht, als Erik sein Handtuch darum wickelte. Verlegen über sein offensichtliches Starren, räusperte sich Jonas. „Bist du öfter hier?“

„Mhm.“

„Vielleicht sehen wir uns dann ja häufiger“, sagte Jonas hoffnungsvoll. Sollte sein Herz so pochen?

„Vielleicht.“

„Ich mein, ich sollt echt mal wieder ‘n bissl Sport treiben. Bevor ich umgezogen bin, hab ich Fußball gespielt, aber im Moment fehlt mir die Zeit für regelmäßige Trainingstermine, von den Spielen selbst mal ganz abgesehen. Aber irgendwas muss ich machen, ich fühl mich schon ganz hibbelig.“

„Mhm.“

„Aber ohne Larissa, also die Freundin, von der ich grad erzählt hab, wär ich wohl nich‘ hergekommen. Ganz allein ist’s irgendwie langweilig.“

„Kann sein.“

Die Unterhaltung verlief etwas anders, als sich Jonas erhofft hatte. Mit jedem zusätzlichen Satz, den er vor sich hinplapperte, schien er Erik weiter abzustoßen. „Außer man mag sowas, natürlich. Also, alleine Sport treiben. Vielleicht gewöhn ich mich auch noch dran. Mal sehen.“

„Mhm.“

„Also … ähm, ich geh dann mal. Larissa wartet bestimmt schon.“ Eilig sperrte Jonas seine Wertsachen ein und winkte zum Abschied, doch Erik hatte ihm bereits erneut den Rücken zugewandt.

 

„Boah, das hat wirklich gutgetan.“ Larissa streckte sich ausgiebig. Wasser tropfte von ihrem Badeanzug und platschte lautlos auf den gefliesten Boden. „Nur schade, dass die hier keine Sauna haben.“

„Jaah. Schade.“

„Verrätst du mir, was mit dir los ist?“

„Was soll sein?“

„Och, ich weiß auch nicht.“ Sie rollte mit den Augen. „Seit wir hier sind, bist du völlig abwesend. Ein Wunder, dass du mir nicht abgesoffen bist.“

„Ich … ach, is‘ nich‘ wichtig.“ Jonas dachte an seine letzten Begegnungen mit Erik. Zuerst sein dämlicher Sprung mitten ins Tote-Eltern-Fettnäpfchen und jetzt Eriks wortkarge Art in der Umkleidekabine. Das Wochenende nahte und er hatte kein Wort darüber verloren, ob sie sich am Sonntag wiedersehen würden. Hatte er die Nase voll von Jonas? Fürchtete er am Ende sogar, Jonas wäre gar nicht zufällig zum selben Zeitpunkt im Schwimmbad gewesen? Und falls ja, wie konnte Jonas dieses Missverständnis aufklären, ohne dabei noch mehr wie ein verrückter Stalker zu wirken?

„Jonas!“ Larissas Stimme wurde von den Fliesen zurückgeworfen.

„Was?“

„Meine Güte, du bist ja echt komplett weggetreten.“

„Sorry.“

Mitleidig schüttelte Larissa den Kopf. „Ich hätte da einen Vorschlag, um dich auf andere Gedanken zu bringen. Was auch immer du gerade denken magst.“

„Wird schwierig“, gab Jonas zu. „Aber versuch’s trotzdem mal.“

„Wir geben heute Abend eine kleine WG-Party. Nix großes und ich hätte dich eh noch dazu eingeladen, aber jetzt kannst du mir auch gleich helfen, ein paar Sachen einzukaufen.“

„Geht leider nich‘, ich hab noch ‘ne Schicht im Café.“ Und wirklich Lust auf Party hatte er auch nicht unbedingt.

„Wann hast du aus?“

„Halb neun sowas. Je nachdem, wann der letzte Gast geht und wie lange ich zum Absperren brauch.“

„Dann komm einfach danach zu uns, ja?“

„Ich weiß nich‘ … Irgendwie is‘ mir heut nich‘ nach Party. Vielleicht lieber ein andermal.“

Drohend hob Larissa den Finger, pikste damit gegen Jonas‘ nackte Brust. „Ich werde dich ab acht mit so vielen Sprachnachrichten zubomben, bis zu aufgibst und deinen Arsch zu uns bewegst!“

 

Jonas konnte die Musik bereits auf der Straße hören, was bedeutete, dass er nach nur zwei mittelgroßen Umwegen zur richtigen Adresse gefunden hatte.

„Da bist du ja!“ Larissa zog ihn in die Wohnung, die sie sich mit ihren zwei Mitbewohnerinnen teilte. „Ich muss dir jemanden vorstellen!“

Bevor Jonas auch nur den Mund öffnen konnte, drückte sie ihm eine Flasche lauwarmes Bier in die Hand und schob ihn in die Küche.

„Das ist Dominik.“ Sie deutete auf einen Typen, der gerade vergebens eine Kiste Bier nach noch ungeöffneten Flaschen durchsuchte. Bei der Erwähnung seines Namens drehte er sich um.

„Dominik, das ist Jonas. Ein Kommilitone von mir.“

„Hi“, sagte Dominik.

„Hi“, sagte Jonas. Unsicher blickte er zu Larissa. Die ganze Wohnung war voll mit Menschen, die er nicht kannte, aber sie hatte ihm gezielt diesen einen vorgestellt. Der nicht ganz unauffällige Rippenstoß, den sie ihm verpasste, als er keine Anstalten machte, die Konversation fortzusetzen, bestätigte seine Befürchtung. „Ähm, Larissa ...“

„Später, Jonas. Ich muss mich um die anderen Gäste kümmern.“ Und schon war sie verschwunden.

Die beiden Männer beäugten sich unschlüssig. Dominik war süß, so viel musste Jonas zugeben. Ein Stück kleiner als er selbst, mit kastanienbraunen Locken, die ihm in die Stirn fielen und tiefen Grübchen, die sein Lächeln betonten.

„Und, wie freiwillig bist du hier?“, fragte er Jonas.

„Völlig“, antwortete dieser und grinste verlegen. „Es hat nur“, er holte sein Handy aus seiner Hosentasche, „acht Sprachnachrichten gebraucht, bis ich aufgegeben habe.“

„Wow, ich respektiere deinen Widerstand. Bei mir waren es nur vier. Dann hasst du solche Partys wohl noch mehr als ich.“

„Eigentlich mag ich sowas“, gestand Jonas. „Nur heute war mir irgendwie nich‘ danach.“

„Mir ist irgendwie nie danach. Aber hey, Bier hilft.“ Dominik prostete Jonas mit seiner leeren Flasche zu.

„Das auf jeden Fall.“ Da Dominik nichts erwiderte, fragte Jonas: „Woher kennst du Larissa?“

„Über Ling, ihre Mitbewohnerin. Wir studieren beide Maschinenbau. Also Ling und ich, nicht Larissa und ich. Offensichtlich. Sie studiert ja Visuelle Kommunikation. Was du weißt, weil du dasselbe studierst.“ Dominik rieb über seine geröteten Wangen als wollte er sie verbergen. „Naja, ich glaube, ich werde dann mal gehen.“

„Schon?“

„Mein Tag war lang und ich habe gleich morgen früh eine Übung.“

„Schade. War aber nett, mit dir zu quatschen.“

Dominik lächelte. Auf dem Weg zum Wohnzimmer stoppte er noch mal. „Hey, würdest du mir vielleicht deine Nummer geben? Dann könnten wir uns mal sehen, wenn ich nicht kurz vorm Einschlafen bin.“

Jonas zögerte. Er hatte nicht erwartet, so schnell zu einer quasi-Verabredung zu kommen. Unbewusst scannte er den Raum nach Mithörern. Erst als er sich sicher war, dass sich niemand für ihr Gespräch interessierte, nickte er. „Jaah … Klar. Würd mich freuen.“

„Cool.“

Bevor Dominik die Haustür hinter sich zugezogen hatte, stand Larissa bereits an Jonas‘ Seite. „Uuuund?“

Erneut sah sich Jonas nach möglichen Mithörern um. „Er is‘ ganz süß.“

„Ha! Ich wusste, dass er dir gefallen würde.“

„Du hättest es ‘n bisschen dezenter machen können“, brummte Jonas. „Hatte ich nich‘ gesagt, du sollst es für dich behalten?“

„Habe ich doch!“, protestierte Larissa. „Ich habe kein Wort gesagt, sondern euch nur vorgestellt. Wenn ihr dann gleich solche Schlüsse zieht … Nicht meine Schuld!“

„Ach fuck, ich kann nich‘ sauer auf dich sein, wenn ich grad die Nummer von ‘nem süßen Typen abgestaubt hab.“

„Ha!“ Larissa legte einen Arm um Jonas‘ Schultern. „Und jetzt lass uns das gebührend feiern!“

 

Jonas lag auf seinem Bett und starrte auf sein Handy. Die frisch aufgezogenen Laken unter ihm fühlten sich unangenehm kalt an.

Dominik hatte noch am selben Abend geschrieben und gefragt, wann er Zeit für ein Treffen hätte. Unschlüssig schwebten Jonas‘ Finger über dem Display. Er mochte Dominik, zumindest das, was er bisher von ihm gesehen hatte und wollte ihn besser kennenlernen, aber wann immer er zu einer Antwort ansetzte, war es, als flüsterte Erik Jonas‘ Namen, als fühlte er Eriks Hände auf seinem Körper und er wünschte sich, jetzt neben ihm zu liegen. Verzweifelt versuchte er, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass das zwischen ihnen nicht mehr als eine lockere Affäre war, aber es half nicht.

„Fuck!“

Eine neue Nachricht ließ sein Handy aufleuchten.

 

Erik, 00:25 Uhr

Ich kann diesen Sonntag nicht. Zu viel zu tun. Wird vor Weihnachten wohl auch nicht besser. Tut mir leid.

 

Jonas las die Nachricht noch dreimal. Das war es dann also. Erik hatte sich seiner elegant erledigt; Jonas rechnete nicht damit, nochmal von ihm zu hören. Schwungvoll sprang er vom Bett, konnte unmöglich länger stillliegen und tigerte auf den wenigen Metern, die ihm seine winzige Wohnung bot hin und her. Im Grunde sollte er erleichtert sein, dass ihm diese Entscheidung abgenommen worden war, konnte er sich jetzt doch auf neue, fruchtbarere Beziehungen einlassen, aber die Art der Absage schmerzte ihn mehr als er zugeben wollte.

Erik war ihm gegenüber immer offen und ehrlich gewesen, da hätte er auch jetzt den Arsch in der Hose haben können, ihm die Wahrheit zu sagen. Aber vielleicht hatte Jonas ihn in diesem Punkt auch nur falsch eingeschätzt. Vielleicht hatte er generell viel zu viel in Eriks Verhalten hineininterpretiert – in sein Lachen, in seine Zärtlichkeit – und erhielt jetzt die Quittung dafür.

Jonas war wütend. Wütend auf sich selbst und wütend auf Erik. So würde das zwischen ihnen nicht enden. Wenn Erik schon keinen deutlichen Schlussstrich ziehen wollte, würde er es eben selbst machen. Direkt, von Angesicht zu Angesicht.

 

Du, 00:32 Uhr

mein schal is noch bei dir

 

Du, 00:32 Uhr

würd ihn nächste woche gern holen, bevor ich über weihnachten nach Hause fahr

 

Die beiden Häkchen hinter seiner Nachricht färbten sich sofort blau, doch Erik ließ sich nicht zu einer Antwort herab.

„Arschloch“, murmelte Jonas. Er rief den noch sehr kurzen Chat mit Dominik auf und tippte:

 

Du, 00:43 Uhr

wie klingt sonntag für dich? muss vormittags arbeiten, aber ab zwei hät ich zeit.

 

Dominik, 00:44 Uhr

kk

 

Wenigstens einer, der schnell antwortete, wenn auch der Inhalt nicht besonders viel für weitere Gespräche hergab. Jonas wusste, dass er sich eigentlich auf sein Date freuen sollte, aber es dauerte lange, bis er aufhörte, auf die zwei blauen Häkchen hinter seiner Nachricht an Erik zu starren.

 

Was zuletzt geschah:

Jonas springt über seinen Schatten und erzählt seiner Kommilitonin Larissa, weshalb deren Verkupplungsversuche mit jungen Damen immer ins Leere laufen. Später springt er ins kalte Wasser, allerdings nicht, ohne zuvor Erik zu treffen, der sich von ihrer spontanen Begegnung wenig begeistert zeigt. Am Ende des Tages hat Jonas zwar ein Date, nur lautet der Name in seinem Terminkalender plötzlich ‚Dominik‘ und nicht ‚Erik‘.

 

Kapitel 9

Es war nur ein Treffen. Nur ein Treffen. Zwei Leute, die Zeit miteinander verbrachten. Die lachten, wenn es gut lief und sich anschwiegen, wenn nicht. Nichts Besonderes. Er hatte das schon tausendmal gemacht.

Nur, dass das nicht stimmte. Jonas‘ inneres Mantra wurde von der Erkenntnis durchbrochen, dass er sich auf dem Weg zu seinem allerersten Date befand. Ein Date. Ein Treffen, mit der Absicht, sich besser kennenzulernen und bei Gefallen eine romantische Beziehung einzugehen. Mit einem Mann. Jonas war auf dem Weg zu einem Date mit einem Mann.

Unbewusst verlangsamte er seine Schritte, bis der Bus, der seiner Rechnung nach erst in drei Minuten hätte ankommen sollen, an ihm vorbeiraste, ein paar Passagiere auf die Straße schmiss, ein paar andere einsteigen ließ und abbrauste, bevor Jonas auch nur in die Nähe seiner Türen gekommen war. Fuck. Zu spät zum ersten Date. Er hätte kaum einen besseren ersten Eindruck hinterlassen können.

Die Pizzeria war gut besucht und Jonas froh, doch noch reserviert zu haben. Bevor er an den Tisch trat, an dem er Dominiks lockigen Kopf erspäht hatte, wischte er seine feuchten Hände an seiner Jeans ab, schluckte mehrmals, um den Geschmack nach trockener Pappe von seiner Zunge zu streifen und setzte ein hoffentlich überzeugendes Lächeln auf. „Hey. Sorry, dass ich zu spät bin.“

„Kein Problem.“ Auch Dominik lächelte, aber Jonas hatte den Eindruck, dass es ein wenig bemüht wirkte. Die Grübchen, die ihm seit ihrem ersten Treffen im Kopf herumspukten, wollten nicht so recht hervortreten. „War ja nur eine Viertelstunde …“

„Jaah, nochmal sorry deswegen.“ Verlegen rutschte Jonas auf den freien Sitz gegenüber Dominik. „Mir ist der Bus vor der Nase weggefahren und dann bin ich irgendwie eine Seitenstraße zu früh abgebogen und …“ Hilflos zuckte er mit den Schultern. „Berlin ist einfach zu groß für mich.“

„Ich finde, man gewöhnt sich recht schnell daran. Und notfalls gibt es ja auch noch Google Maps.“

Jonas nickte schuldbewusst. Offenbar hatte er Dominik mit seiner Verspätung gehörig auf dem falschen Fuß erwischt. „Dann, ähm … Dann bist du auch noch recht frisch in Berlin?“

„Nein. Schon ein paar Jahre.“

Jonas wartete darauf, dass Dominik von alleine fortfuhr und hakte er nach, als das nicht der Fall war. „Du bist also nich‘ erst fürs Studium hergekommen?“

„Nein.“

Nervös glättete Jonas die Tischdecke vor ihm. „Sorry, is‘ das … Trampel ich da grad auf ‘nem blöden Thema rum?“

„Nein, wieso?“

„Oh, du warst nur … Ich dacht‘ …“ Jonas schüttelte den Kopf und rief sich ins Gedächtnis, dass Dominik nicht Erik war. Wortkarg zu reagieren bedeutete nicht zwangsweise, nicht über etwas sprechen zu wollen. Vielleicht war das auch einfach Dominiks Art. „Schon gut, vergiss es. Kennst du Larissa schon länger?“

„Nicht wirklich.“

„Aber ausreichend, damit sie dich mit nervigen Sprachnachrichten bombardiert.“

Dieses Mal war Dominiks Lächeln echt. „Ehrlich, ich glaube, dafür muss man sie nicht besonders gut kennen.“

Jonas schnaubte. „Stimmt auch wieder. Ich hab am ersten Studientag bloß versehentlich in ihre Richtung geguckt und zwei Minuten später wusste ich praktisch alles über ihr Leben, inklusive der Farbe ihrer Lieblingsunterwäsche.“

„Lila?“

„Mit gelben Blümchen.“

Ihr allmählich warmlaufendes Gespräch wurde kurzfristig von einem gestressten Kellner unterbrochen, der eilig ihre Bestellungen aufnahm. Zweimal Cola und zweimal Salamipizza.

Erleichtert atmete Dominik aus. „Hättest du jetzt Pizza Hawaii bestellt, hätte ich dieses Date für beendet erklären müssen.“

„Nee du, keine Sorge“, erwiderte Jonas und hoffte, dass Dominik ihm nicht anmerkte, wie nervös ihn der Begriff ‚Date‘ machte. „Nix gegen Ananas, aber den Scheiß auf meine Pizza packen will ich dann doch lieber nich‘.“

„Gut.“

Anstatt mit der Tischdenke, spielte Jonas nun mit einer Ecke seiner Serviette, während er überlegte, welche Fragen er Dominik noch stellen konnte. „Was machst du denn, wenn du dich nich‘ unfreiwillig auf WG-Partys rumtreibst?“

„Studieren.“

„Maschinenbau, richtig?“

„Ja.“

„Und, ähm … Wie is‘ das so?“

„Anspruchsvoll. Die Karriereaussichten sind ganz gut, deshalb wollen das viele machen, ganz egal, ob sie dafür geeignet sind oder nicht. Da wird im ersten Jahr ordentlich aussortiert und man muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.“

„Aber es macht dir Spaß?“

Dominik zuckte mit den Schultern. „Ist okay. Wie gesagt, die Jobaussichten nach dem Abschluss sind ziemlich gut.“

„Bei mir jetzt nich‘ so.“

„Ich verstehe sowieso nicht, warum man etwas in Richtung Kunst studiert“, sagte Dominik und nahm die Cola entgegen, die ihm der Kellner brachte. „Kann man das nicht einfach hobbymäßig machen und etwas Ordentliches studieren?“

„Ähm, naja, ich würd jetzt nich‘ sagen … Ich mein, was empfindest du denn als was ‚Ordentliches‘?“

„Keine Ahnung. Irgendetwas, mit dem man dann eben auch einen Job findet. Etwas, das wirklich gebraucht wird.“

„Ich find schon, dass unsre Gesellschaft Kunst braucht“, gab Jonas ein wenig verstimmt zurück.

„Du hast recht.“ Dominik rieb sich übers Gesicht und als er die Hände senkte, waren da nicht nur diese bezaubernden Grübchen, die sein Lächeln einrahmten, sondern seine Wangen hatten zusätzlich eine charmante Röte angenommen. „Entschuldige, ich klinge schon wie einer dieser arroganten MINTler, die denken, ihr Studium sei das einzig Wahre, oder?“

„Vielleicht ein bisschen“, entgegnete Jonas, doch sein kurzfristig aufgeflammter Zorn war bereits verraucht. „Aber das treib ich dir schon noch aus.“

„Hoffentlich. Ich will echt nicht so wie mein Vater werden. Du kennst diese Witze über Asiaten, deren Kind erst wieder mit ihnen sprechen darf, nachdem es ein erfolgreicher Arzt geworden ist? Abgesehen davon, dass ich mir ziemlich sicher bin, keinerlei asiatische Verwandtschaft zu haben trifft es das bei uns ziemlich genau.“

Jonas verzog das Gesicht. „Klingt ätzend.“

„Manchmal ist es das.“ Dominik verstummte und trank einen Schluck Cola. Vielleicht wollte er nicht weiter über seine Familie sprechen, aber vielleicht interpretierte Jonas auch schon wieder zu viel in sein Verhalten hinein.

Ein anderer Kellner, Jonas vermutete, dass der vorhergehende entweder Pause hatte oder weinend auf der Personaltoilette hockte, brachte ihnen zwei imposante Pizzen, deren Duft nach krosser Salami und geschmolzenem Käse seinen Magen zu einem ausgehungerten Knurren animierte.

Weitestgehend schweigend verspeisten Dominik und Jonas die beiden runden Monster vor ihnen. Gelegentlich streifte Dominiks Fuß Jonas‘ Unterschenkel, aber dieser war sich nicht sicher, ob die Berührung zufällig oder gewollt war und fand sich außerstande, sie zu erwidern.

„Schade, dass wir morgen beide so scheißfrüh aufstehen müssen“, sagte er, nachdem jeder seine Rechnung beglichen hatte und sie in Richtung ihrer jeweiligen Haltestellen schlenderten. „Sonst könnten wir jetzt noch ‘n bissl um die Häuser ziehen.“

„Vielleicht machen wir das einfach, wenn wir uns das nächste Mal treffen“, schlug Dominik vor.

Jonas sah ihn mit großen Augen an, kam allerdings nicht umhin, einen raschen Blick auf ihre Umgebung zu werfen. Niemand achtete auf sie oder ihr Gespräch. „Hättest du denn Lust dazu?“

„Von mir aus gerne.“

Ein warmes Gefühl breitete sich in Jonas‘ Brust aus. „Dann schreib ich dir, sobald ich weiß, wie meine Schichten im Café aussehen, okay?“

„Gut.“ Dominik nickte zur Straße. „Da kommt mein Bus. Bis dann.“

Lange blickte Jonas den roten Rücklichtern nach und versuchte, aus seinen Gefühlen schlau zu werden.

 

Eine halbe Woche nach seinem Date mit Dominik, fand sich Jonas erneut vor Eriks Tür wieder und war kurz davor, die Klingel ein zweites Mal zu drücken, als dieser endlich den Summer betätigte. Mit jeder Stufe, die Jonas überwand, beschleunigte sein Herz einige Schläge und er hatte Mühe, sich seine zurechtgelegten Sätze in Erinnerung zu rufen. Hi. Danke für den Schal. Übrigens, ich habe jemanden kennengelernt. Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Mach’s gut.

Wie gewohnt wartete Erik an seiner geöffneten Haustür, doch anders als sonst, schaffte es Jonas dieses Mal nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Sorry für die Verspätung, der Prof hat überzogen.“

„Schon gut.“ Erik klang nicht, als ob alles gut wäre. „Ich wollte ohnehin mal Pause machen.“ Er trat zur Seite, um Jonas in seine Wohnung zu lassen.

„Bin auch sofort wieder weg, sobald ich meinen Schal hab.“

„Hängt an der Garderobe.“

Jonas nickte. Erst, nachdem er Erik den Rücken zugewandt hatte, traute er sich, den Blick zu heben. Sein blauer Wollschal hing unschuldig an dem Haken, über den er ihn bei seinem letzten Besuch so nachlässig geworfen hatte. Er nahm ihn an sich und holte tief Luft. Ich habe jemanden kennengelernt. Wir sollten uns nicht mehr sehen. Aber als er sich umdrehte, wollten die Worte nicht über seine Lippen kommen.

Eriks war blass, die kleinen Fältchen um seine Mundwinkel traten deutlich hervor und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Immer wieder strich er fahrig über seine Unterarme, als versuchte er, den Stoff seines Pullovers zu glätten.

Besorgt runzelte Jonas die Stirn. „Bist du krank?“

„Hm? Nein, nein.“ Erik rang sich ein schmales Lächeln ab. „Nur etwas müde.“

Jonas begriff, dass er möglicherweise zu viel in Eriks Nachricht interpretiert hatte. Man sah ihm die Erschöpfung deutlich an. „Du hast grad echt den Arsch voll Arbeit, was?“

„So könnte man es vielleicht ausdrücken.“ Einen Augenblick lang wurde Eriks Lächeln breiter, bevor es flackerte und erstarb.

„Und wie lange soll das so weitergehen? Nix für ungut, aber du siehst aus, als könntest du mindestens zwanzig Stunden Schlaf brauchen.“

„So schlimm ist es dann doch nicht“, sagte Erik abwehrend. „Nur gerade viel auf einmal. Kurz vor Weihnachten habe ich ein Referat und wenn das erledigt ist, muss ich dringend mit meiner Hausarbeit anfangen. Danach wird es, was die Uni betrifft etwas ruhiger. In der Arbeit …“ Erik zuckte mit den Schultern. „Es ist eben Jahresabschluss und ich bin zum ersten Mal alleine dafür verantwortlich.“

Ich habe jemanden kennengelernt. Wir sollten uns nicht mehr sehen. War es nicht schrecklich unfair von Jonas, Erik zu allem anderen auch noch diese Worte aufzubürden? Anscheinend würden sie sich in nächster Zeit ohnehin nicht treffen, also konnte er damit doch auch noch warten, bis er nicht mehr befürchten musste, Erik könnte jeden Moment im Stehen einschlafen. Allerdings fand Jonas noch immer keine Erklärung für dessen seltsames Gebaren im Schwimmbad. Stress allein schien ihm ein ziemlich unzureichender Grund dafür zu sein und er wollte sich nicht länger in Rätselraten ergehen. „Ach so, ähm, wegen neulich. Als wir uns in der Umkleidekabine getroffen haben …“

„Ah. Ja.“ Jetzt war es Erik, der den Blick senkte.

„Ähm, es is‘ nich‘ so, dass ich dir irgendwie … keine Ahnung, nachgelaufen wär oder so. Das war echt Zufall.“

Verwirrung machte sich auf Eriks Gesicht breit. „Ich weiß nicht, was du–“

„Ich stalke dich nich‘!“, fiel ihm Jonas ins Wort. „Nur, falls du das dachtest …“

Erik zog die Brauen zusammen, bis sich die kleine Falte dazwischen zeigte. „Jonas, ich hatte keine Sekunde lang angenommen, dass du mich stalken würdest. Mir ist schon klar, dass unsere Begegnung neulich Zufall war. Sie hat mich nur …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dich dort zu sehen.“

„Oh. Okay. Du warst nur so … abweisend.“

„Ich weiß. Tut mir leid.“

Skeptisch musterte Jonas Erik, der erneut begonnen hatte, den Saum seiner Ärmel nach unten zu ziehen. Als er Jonas‘ Blick bemerkte, verschränkte er die Arme hinter seinem Rücken. Diese Beklommenheit war so untypisch, dass Jonas ihre Begegnung im Schwimmbad noch einmal Revue passieren ließ. Er hatte Erik angesprochen. Sie hatten sich kurz unterhalten. Eventuell hatte Jonas die Gelegenheit genutzt, mal einen etwas genaueren Blick auf Eriks nackten Oberkörper zu werfen. Die Sommersprossen auf seinen Schultern, der goldene Pfad zwischen Bauchnabel und Schambereich, die kräftigen Arme. Die … Jonas seufzte. „Isses dir unangenehm, dass ich die Narben an deinen Unterarmen gesehen hab?“

Ironischerweise hatte Jonas ihnen bis zu diesem Moment keinerlei Bedeutung beigemessen. Im Schwimmbad hatte er sie einfach für das Souvenir einer recht kratzbürstigen Katze gehalten. Erst jetzt, nachdem er noch einmal darüber nachgedacht hatte, war ihm eingefallen, dass sie denen einer ehemaligen Mitschülerin ähnelten, über deren psychische Probleme mehr als genug Gerüchte im Umlauf gewesen waren. Sollte das wirklich die Erklärung sein? „Keine Ahnung, was du glaubst, was ich d–“ Jonas verstummte.

Erik war sichtlich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemüht, aber seine Lippen waren zu einem schmalen Strich gepresst und das letzte bisschen Farbe aus seinen Wangen gewichen. Instinktiv zog Jonas ihn in eine feste Umarmung und flüsterte: „Du glaubst doch nich‘ etwa, ich würd dich deswegen plötzlich für ‘nen völlig anderen Menschen halten, oder?“

Erik tat nichts, um die Umarmung zu erwidern, entzog sich ihr jedoch auch nicht, also entschied Jonas, dass er ihn noch nicht daraus entlassen würde. „Ich mein, echt jetzt, eigentlich sollt ich dir das richtig übelnehmen, dass du mich für so oberflächlich hältst!“

„Ich halte dich nicht für oberflächlich“, murmelte Erik. Seine Hände legten sich auf Jonas‘ Rücken, aber die Berührung war so zart, dass dieser sie kaum wahrnahm.

„Oh gut, dann muss ich dir ja nich‘ klarmachen, dass ich es scheißeblöd finde, andere nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Und dann noch für was, was offensichtlich ‘ne Weile her is‘.“

„Würdest du dasselbe sagen, wenn ich ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert hätte?“

Jonas schnaubte. „Okay, das wär ‘n Sonderfall.“ Spielerisch zupfte er an Eriks Pullover. „Scheiße, das heißt, du musst mal für mich strippen, damit ich sowas ausschließen kann.“ Zu Jonas‘ Erleichterung lachte Erik leise.

„Entschuldige. Es war dumm von mir, so ein Geheimnis darum zu machen.“

„Jaah, irgendwie schon. Ich mein, is‘ nich‘ so, als würd ich’s nich‘ auch verstehen. Menschen sin‘ Idioten. Ich wette, du hast schon mal beschissenere Reaktionen geerntet hast als ‘ne Umarmung.“

Wieder lachte Erik. „Gelegentlich. Trotzdem hatte ich eigentlich nicht geplant, sie zu verstecken. Es ist nur …“ Sanft löste er sich aus der Umarmung. Er wirkte ruhiger, aber seine linke Hand spielte noch immer mit dem Saum seines rechten Ärmels „Wir hatten so einen komischen Start und ich wollte … Ah, ich wollte wohl einfach einen möglichst guten Eindruck auf dich machen. Damit du dich sicher bei mir fühlen kannst.“

„Versteh ich“, sagte Jonas mehr zu sich selbst als zu Erik. Auch er war nicht immer ehrlich gewesen, entschied jedoch, dass das der völlig falsche Zeitpunkt war, um die Geschichte mit Maria aufzuklären. „Aber ich muss dich jetzt trotzdem an das erinnern, was du mir ganz am Anfang gesagt hast. Von wegen unsere Rollen, die wir im Spiel annehmen nich‘ ins reale Leben mitzunehmen und so.“

„Den Fehler habe ich wohl wirklich gemacht“, gab Erik zu. „Aber es war auch einfach eine gute Gelegenheit für mich, dem ganzen Thema aus dem Weg zu gehen. Ehrlich gesagt spreche ich nicht besonders gerne darüber, wollte dich aber auch nicht belügen, oder eventuelle Fragen abwimmeln. Letztlich habe ich wohl beides getan.“ Er schwieg einen Augenblick und Jonas hatte den Eindruck, dass er mit sich selbst rang, ob er fortfahren oder es dabei belassen sollte. „Reicht es dir, wenn ich sage, dass ich nach dem Tod meiner Eltern eine …“ Wieder stockte er. „Die Zeit danach war ziemlich hart. Aber das ist lange her und zum Glück sind nur ein paar Narben geblieben.“

„Erik, du musst mir gar nix erzählen“, beteuerte Jonas und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln. „Ich hör zu, wenn du willst, aber davon abgesehen beurteile ich bloß, was ich direkt sehe und erlebe. Dahingehend ist mir deine Vergangenheit echt scheißegal.“

„Danke.“ Unerwartet drückte Erik Jonas an sich. Seine Stirn sank auf Jonas‘ Schulter, seine Finger gruben sich in dessen Jacke. „Und danke, dass du es so offen angesprochen hast. Das hat … geholfen.“

„Kein Ding. Wenn ich eins gut kann, dann die Klappe aufzureißen.“ Entgegen seiner großspurigen Worte, war Jonas‘ Mund völlig ausgetrocknet. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Ihre bisherige Beziehung war nahezu ausschließlich sexueller Natur gewesen; körperliche Nähe, die nicht erregen, sondern Trost und Wärme spenden sollte absolutes Neuland. Aber dieses Neuland fühlte sich erschreckend richtig an.

Zärtlich fuhr Jonas durch Eriks Haar, ließ seine Fingerspitzen von dem feinen Flaum an dessen Nacken kitzeln. Eriks Atem strich über seine Halsbeuge und die fest um seinen Körper geschlossenen Arme erinnerten ihn an seine eigene Sehnsucht. Der Duft nach Sonne und Holz stieg ihm in die Nase.

Mit jeder ihrer Begegnungen war ein Stück der perfekten Schale, mit der Erik sich umgeben hatte weggebrochen und Jonas merkte, wie sehr er den Menschen, der sich dahinter verborgen hielt mochte. Still lauschte dem Klopfen seines Herzens und wusste, dass er im Begriff war, sich zu verlieben.

Erik war der Erste, die sich aus der Umarmung löste. Sanft nahm er Jonas den Schal aus den Händen und legte ihn stattdessen um dessen Schultern. „Gut, dass du ihn wiederhast. Ich mag die Farbe an dir.“

Ohne darüber nachzudenken, beugte sich Jonas vor und küsste Erik.

Dessen Lippen vibrierten gegen Jonas‘, als er fragte: „Sehen wir uns nach Weihnachten?“

Ich habe jemanden kennengelernt. Wir sollten uns nicht mehr treffen. Wie konnte Jonas das sagen, nachdem er eben erst großspurige Reden darüber gehalten hatte, dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte? Natürlich würde Erik Jonas‘ Zurückweisung auf seine Narben beziehen. Natürlich würde er denken, Jonas war lediglich auf der Suche nach einer Ausrede. Und natürlich wollte Jonas ihn wiedersehen. „An mir soll’s nich‘ scheitern.“

War es Wunschdenken, oder war Eriks Lächeln zum ersten Mal an diesem Tag weniger melancholisch als vielmehr glücklich? „Das fände ich sehr schön.“

Selbst die kühle Luft, die Jonas vor der Haustür empfing, konnte die Röte nicht von seinen Wangen vertreiben.

Fuck! Fuck! Fuck!

 

Auf dem Weg in das kleine Café, machte sich Jonas eine mentale Notiz: Es war eine dämliche Idee, drei Stunden vor einem Date mit einem süßen Typen einen vergessenen Schal aus der Wohnung seiner aktuellen Affäre zu holen. Völlig in Gedanken versunken, wäre er um ein Haar an dem Tisch vorbeigelaufen, an dem Dominik bereits auf ihn wartete.

„Hey, hier bin ich.“

„Ups, sorry.“ Jonas ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen.

Mit einem zweifelnden Blick hob Dominik sein mit einer zartrosa Flüssigkeit gefülltes Glas, schwenkte es ein wenig und trank schließlich tapfer daraus, bevor er fragte: „Wie war dein Tag?“

„Ganz okay.“ Jonas versuchte, die Aufmerksamkeit der Kellnerin auf sich zu lenken und an etwas zu denken, das nichts mit seiner Begegnung mit Erik zu tun hatte. Das Wetter! Nein, das erinnerte ihn nur an den Schal, der sich weich und warm um seinen Hals schmiegte. Die Arbeit! Das Vorstellungsgespräch, bei dem er Erik kennengelernt hatte. Partys! Seine erste Nacht mit Erik. Die Uni! Ja, die Uni! „Ich hab bloß noch immer keinen Plan, was das Thema für mein Projekt zum Semesterende sein soll. Was trinkst du da?“

„Rosen-Eistee. Ist mir aber viel zu süß.“ Dominik reichte sein Glas an Jonas weiter, damit dieser probieren konnte. „Ist es so schwer, ein Projektthema zu finden?“

„Is‘ halt relativ offen, was die Vorgaben angeht. Ich würd‘ ganz gern was mit Fotografie machen, aber irgendwie glaub ich, dass das allein nich‘ genug ist und selbst wenn, dann fällt mir kein gutes Grundthema ein und–“

„Ja, klingt wirklich schwierig.“

„Ähm … Ja.“ War das Einbildung, oder hatte Dominik ihn gerade eiskalt abgewürgt?

„Was darf ich dir denn bringen?“, löste die Kellnerin das kurze Schweigen zwischen ihnen auf.

„Rosen-Eistee, bitte.“ Jonas fand ihn kein bisschen zu süß, sondern gerade richtig.

„Aber ich weiß, wie es dir geht“, nahm Dominik das Gespräch wieder auf. „Wir haben so viele Klausuren am Ende der Vorlesungszeit. Ich habe echt keine Ahnung, wie ich die alle schaffen soll.“

„Ach, Augen zu und durch. Ich bin sicher, dass du das kannst.“

„Das sagt sich so leicht, wenn man selbst den Stress nicht hat.“

Jonas bemühte sich zu lächeln, aber es wurde eher ein Zähnefletschen. „Stimmt, ich hab natürlich keine Ahnung, wie sich Stress so anfühlt.“

Dominik sah ihn erschrocken an und verzog das Gesicht. „So war das nicht gemeint. Ich bin nur … naja, gestresst eben.“ Er drehte seinen Strohhalm zwischen den Fingern. „Hast du dir überlegt, welchen Film wir heute sehen wollen?“

„‚Paterson‘, dieser neue Film von Jim Jarmusch würd‘ mich interessieren.“

„So ein Kunstding? Naja, wenn du unbedingt willst. Ich dachte eher an den neuen Jack Reacher oder so. Irgendwas zum Abschalten.“

„Oh. Ähm … Ich hab den ersten Teil nich‘ gesehen.“

„Hm … Dann ‚Arrival‘? Soll ein recht guter SciFi-Streifen sein.“

Sofort dachte Jonas an Eriks Vorliebe für Science-Fiction Bücher und fragte sich, ob dieser den Film bereits gesehen hatte und falls ja, mit wem. „Jaa … Ja, warum eigentlich nich‘.“

Dominik lächelte, seine Grübchen so bezaubernd wie immer. „Super, dann sind wir uns da ja schon mal einig.“ Seine Fingerspitzen streiften Jonas‘ Hand, der sie mit einem Seitenblick auf die anderen Gäste wegzog.

„Ähm … Ich guck mal fix, wann und wo der Film läuft.“ Rasch holte er sein Handy hervor und suchte nach den Laufzeiten in den nahegelegenen Kinos, in der Hoffnung, Dominik hätte seine Zurückweisung nicht als solche erkannt. „Wir sollten uns beeilen.“

Der Kinosaal war groß, voll und ihre Plätze nicht besonders gut, aber es war das schnatternde Pärchen neben ihnen, das Jonas den letzten Nerv raubte. Er atmete innerlich auf, als der Film begann und die beiden verstummten. Mit jeder Sekunde ihrer angeregten Unterhaltung, war ihm das Schweigen, das zwischen ihm und Dominik herrschte bewusster geworden.

Seine Erleichterung hielt jedoch nur wenige Szenen an. Es war dunkel, die Sitze so bequem wie Kinositze nun einmal sein konnten und die schmalen Armlehnen boten die perfekte Gelegenheit, unauffälligen Körperkontakt herzustellen. Unsicher schielte Jonas zu Dominik, der gebannt das Geschehen auf der Leinwand verfolgte. Sollte er seine Abweisung im Café wiedergutmachen? Wollte er sie wiedergutmachen?

Warme Finger streiften seinen Handrücken und wieder zog er sich zurück.

 

Autorenkommi:

Fun Fact: Wenn man Fun Fact googelt, spuckt es einen Fun Fact aus.

Von dieser kleinen Erkenntnis abgesehen, musste ich beim erneuten Korrekturlesen des Kapitels feststellen, dass ich es aus irgendeinem Grund nie für nötig erachtet hatte, Jonas‘ und Dominiks erstes Date auszuformulieren. Ich weiß selbst nicht so genau, was ich mir dabei gedacht habe. Jedenfalls ist dieser Teil des Kapitels entsprechend neu und seltener korrekturgelesen als der Rest. Sollten euch also Fehler oder Unstimmigkeiten auffallen: Bitte Bescheid geben. (Das gilt natürlich auch für Fehler in allen anderen Kapiteln, aber bei diesem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass etwas durchgerutscht ist.)

Generell war dieses Kapitel ziemlich schwierig zu schreiben. So viele Emotionen, die irgendwie und möglichst subtil an den Leser gebracht werden wollten Öö

Ich hoffe mal, es hat halbwegs geklappt!

Oh, und guckt euch ‚Arrival‘ an, falls ihr ihn noch nicht gesehen habt. ‚Paterson‘ kenne ich bisher leider selbst noch nicht, aber ‚Only Lovers Left Alive‘ vom selben Regisseur ist einer der ganz wenigen Vampirfilme, die ich richtig gut finde.

So, jetzt höre ich aber auf, bevor der Kommentar hier noch länger wird als das eigentliche Kapitel.

Schönes Wochenende!

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Autor

Noxxys Profilbild Noxxy

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Statistik

Kapitel:10
Sätze:3.606
Wörter:43.012
Zeichen:254.880

Kurzbeschreibung

Das Abitur frisch in der Tasche, entschließt sich Jonas, das beschauliche Dorfleben gegen die flitternden Lichter der Großstadt zu tauschen. In Zukunft soll Berlins Luft seine Lungen mit Feinstaub und Freiheit füllen. Zum ersten Mal auf sich selbst gestellt, navigiert er durch die unruhigen Gewässer neuer Erfahrungen und alter Probleme und findet in einer unerwarteten Begegnung die Chance, eine Seite an sich zu erforschen, die er bisher sorgfältig verborgen hatte. Doch schnell muss Jonas einsehen, dass es eine Menge Mut erfordert, zu sich selbst zu stehen. [Coming-of-Age/Romantik/Erotik, FSK 18, Slash. Updates: Jeden Freitag.]

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Entwicklung und Erotik gelistet.

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