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Oliver Broquardt und der alte Magistrux

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1.4.2020 21:41
6 Ab 6 Jahren
In Arbeit

Charaktere

Oliver Broquardt

12 jähriger Junge, aus Dolkwalley (Englisches Dorf), kommt aus einer Physiker Familie, Mutter ist seit einigen Jahren spurlos verschwunden.

Zu einer Zeit in der in Dolkwalley noch alle Wetterfahnen ihre kupfernen Hexen und goldenen Drachen als wichtiges Fundament auf den Dächern trugen, ahnte noch kein Mensch welch drohende Unwetter sich über den Köpfen der Anwohner zusammenbrauten; wohl auch nicht Familie Broquardt, die seit vielen Jahren glücklich und unauffällig mit vielen wunderbaren Geheimnissen in der Falkenstrasse 10B lebte. Geheimnisse, die Mister und Misses Broquardt wie große Heiligtümer in ihren Köpfen hüteten und alles dafür taten, um in der Nachbarschaft wie eine gewöhnliche englische Familie zu erscheinen. Man nehme zum Beispiel die nette alte Miss Bokcake von nebenan, die seit dem Ableben ihres treuen Ehemannes mit einer regenbogenfarbenen Königsamazone namens Muffin zusammenlebte, ein kleiner, zierlicher Wirbelwind. Oder wie wäre es mit dem hundsgemeinen Noods Greenwets aus dem Winchcombe-Weg II, der sich zweifelsohne glücklich schätzen konnte mit seinem Vater Scott Greenvets im Ostflügel von Dolkwalley, und nicht bei seiner alten Tante Olivia am schaurigen Friedhof Greyfriars Kirkyard von Edinburgh zu leben; dort, wo gekreuzte Knochen, vermummte Skelette und verbeulte Totenschädel seit Jahrhunderten immer noch die ältesten Grabsteine Schottlands schmückten. Kein Wunder vielleicht, dass seit Jahren ein übles Gerücht das nächste jagte. Doch das bekannteste war das Gerücht um Poltergeist Sir George MacKenzie, der angeblich seit etlichen Jahren an besagtem Friedhof umher geisterte. Sir George MacKenzie war in Anwalt, der zu Lebzeiten oft skrupellos gehandelt und sogar über Leichen gegangen sein soll, wenn es darum ging, dunkle Geschäfte mit ahnungsloser Kundschaft abzuwickeln. Fand seine Seele vielleicht deshalb keine Ruhe? In vielen Städten  und Dörfern Englands – wo natürlich auch Dolkwalley dazugehörte, wussten die Bewohner deshalb bereits das große Vorsicht geboten war, wenn der Wind mal wieder nicht zu bändigen war und die Edinburgh Gazette in der Zeitung und im Radio blitzartig zitierte : Aufgepasst liebe Dolkwalley Bewohner! Es ist wieder soweit : die verzweigten blaugrauen Nimbus Regenwolken zischen wieder schnell wie Kometen vom kalten Norden zu uns rüber. Seid also gewarnt und nehmt euch in Acht, wenn es mal wieder heißt : der alte Fatzke MacKenzie hat noch keiner guten Seele Glück gebracht!
Das stimmte, und die fliegenden Vogelspinnen Angriffe vor Edinburghs aber auch anderen Friedhofs Eingängen während dem astronomische Winteranfang waren deshalb wohl immer das Tüpfelchen auf dem I, wenn die ersten Schneeflocken englischen Boden berührten.
Ungeheuerliche Geschehnisse, an die James Broquardt an diesem Frühlingsmorgen in Dolkwalley wohl kaum gedacht haben muss, als er seine Goldmonddecke wie jeden Morgen aufschlug und sich kein einziger Vogel über den Dächern der Falkenstraße blicken ließ. Das Erstaunen war sofort groß, weshalb James sofort klar war, dass etwas Unheimliches in der Luft gelegen haben. Er stieg gerade die Treppen hinunter zur Küche, als das auf – und zuklappen des antiquierten Briefkastens mit den 2 goldenen Sätzen - Willkommen bei den Broquardts - eine der bekanntesten Wissenschaftlerfamilien Englands - vorm Haus, ihn im Nu aufschrecken ließ und er seine Schritte hastig beschleunigte.
James Broquardt war Familienvater; ein stolzer groß gebauter Mann mit dünnem Oberlippenbart und dunklen Melonen Hüten auf dem Haupt (weil er unregelmäßigem Haarwuchs hatte). Doch das war ihm nichtig, denn es gab es schließlich wichtigere Dinge im Leben – so James immer. Seine Frau hieß Katherine und sie lernten sich bereits während der gemeinsamen Schulzeit in Dolkwalley kennen; eine elegante junge Frau mit lockigem, blondem Haar - das an heißen Sommertagen zusammen mit ihren Audrey-Hepburn-Outfits wie Goldregen mit der Sonne um die Wette strahlte.
Vor nunmehr vierzehn Jahren zog das junge Paar zurück zu James Elternhaus in Dolkwalley, als Katherine dann ein knappes Jahr später mit ihrem einzigen Kind schwanger wurde, dass sie unter dem stolzen Namen Oliver tauften - wie schon James Ururgroßvater seinerzeit ende des neunzehnten Jahrhunderts.
Und da James Broquardt schon sehr früh wusste, dass er eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters Ferdinandt treten würde, studierte er nach dem Abitur vorbildlich an der renommierten Universität von Bolton; einer Universität, an der er bis zum heutigen Tage als bekannter Physiker forschte und sein talentiertes Wissen Jahr für Jahr an hochbegabte Studenten weitergab, denen nun die dieselbe Ehre zuteilwürde; nämlich dort studieren zu können, wo einst ein sehr talentierter, junger Engländer namens Harry Bolton den Grundstein ihres heutigen Weges ebnete und die Universität gründete.
James konnte also stolzer nicht sein. Und so zogen die Jahre ins Land und aus dem kleinen Bündel Mensch - das Katherine einst geboren hatte - wuchs allmählich ein junger, aufgeweckter Mann heran, der bald zusammen mit Edward Wood seinen 13 Geburtstag feiern sollte.
Edward Wood war Olivers bester Freund seit Kindergartentagen und wohnte nur knapp 100 Meter entfernt in der langen Bogenerstrasse; die Straße, die auf direktem Wege ins Dorfzentrum von Dolkwalley führte, wo auch die Lane Bäckerei mit den bekannten Dösköpfen ihren Hauptsitz hatte - die mochte Oliver nämlich am liebsten: Kleine Butterschnecken mit dicken Schoko(n)opfaugen im Gesicht – die er morgens immer kaufen ging, bevor der Unterricht an der Dolkwalley High begann. Edward und er besuchten dort seit geraumer Zeit die achte Klasse des Gymnasiums und doch war Oliver seit geraumer Zeit nicht entgangen, wie Edward plötzlich immer mehr an Gewicht zunahm.
Wenn du weiterhin dieses fettige Zeugs in dich reinstopfst - meinte Oliver eines Morgens kauzig, sie erreichten gerade die Schulbushaltestelle - wirst du noch als breiter Baumschubser (oder dicke Knoblauchkröte?) vor Hockstons Gefängnistoren enden. Womit er vermutlich recht behielt und dieses Problem wohl auf Edwards Mutter Mary zurückzuführen war, die ihm seit Anfang des Schuljahres jeden Morgen seit dem heimlichen Nacht und Nebel Auszugs ihres untreuen Ehegatten Berthold vor über zwei Monaten ständig schwerfälliges Essen in Form von Speck und Wurst in den Ranzen steckte, bis die komplette Schieflage einsetzte. Armer Edward.
Doch noch gewaltiger als Edwards Schulranzen war das Broquardt Anwesen, das kaum einer in der Falkenstraße überfliegen konnte, dieses war nämlich ohne Übertreibung das gewaltigste Haus von ganz Dolkwalley, welches sich weitschweifig mit Bäumen ausstreckte, die einem auf den ersten Blick höher und gewaltiger als alle Dächer Englands erschienen. Ob dies wohl der Grund war weshalb es Oliver manchmal wie ein - mit einem Zauber - belegten Ort vorkam? Einen einschneidenden Grund für diese sonderbare Überlegung hatte er jedenfalls nicht. Doch manchmal – ja an manchen Tagen schwebten über den Kronen der breit gewachsenen Bäume mysteriöse Greifvögel und Tintencorvuse aus einer längst vergangenen Zeit; einer sogenannten magischen Zeit, die sein Vater James schon viele Jahre aus seinem Leben verbannen musste, ohne es wirklich zu wollen. Ja so ist das manchmal mit großen Geheimnissen und ihren schwerwiegenden Konsequenzen, von denen viele Kauze (Menschen) in der normalen Welt nicht mal im Traum ahnen konnten, dass es sie überhaupt geben konnte ... oder wie sagt man so schön: Jede große Zauberer Ära geht irgendwann zu Ende, ob im Guten oder im Bösen. Was in James Fall leider bedeutete, dass sich letzteres bewahrheiten sollte.
Mich schuldig zu fühlen wäre untertrieben, Professor ... - lautete einst nur ein Bruchteil von James letzten Worte an einen gehobenen Professor namens Filbert Scherling – gesendet per Telegramm - mir ist bewusst, dass alles meine Schuld ist, aber hätte ich gewusst, dass dieser verdammte Zauber und all seine damit verbundenen Geheimnisse meiner Familie und mir nur Unglück bringen würde ... hätte ich damals wohl nie und nimmer die Mantiker Nachfolge meines Vaters angetreten.
Harte Worte über einen wichtigen Teil von James früherem Leben, von denen Oliver bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnte. Zu klein war er damals schließlich gewesen, um dies alles verstehen zu können. Doch James entschied sich damals, niemals mehr auch nur eine Silbe über seine magische Vergangenheit zu verlieren. Was aber nicht weiter schlimm war denn langweilig wurde Oliver trotzdem nie. Sein Freund Edward verfügte nämlich über eine derart ausgeprägte Fantasie, dass er letztes Jahr kurz nach Weihnachten (Oliver machte gerade Ferien bei seinem Großvater in Frockletown) schwor : von schattenhaften Geistern, schleimig grünen Kobolden (mit Backen so dick wie Onkel Eds rosa Schweine – so zitierte er jedenfalls nach den Winterferien eifrig) & Vampiren mit gruseligen Schlangenköpfen in Olivers Garten verfolgt worden zu sein, während er auf der Suche nach seinem sündhaft teurem Scrubs Baseball war, den seine Schwester ihm letztes Jahr aus Cooperstown mitgebracht hatte.
Am schlimmsten aber soll die Geschichte aus der vierten Klasse gewesen sein. Damals beteuerte Edward sogar handfest durch den Hörer aber auch auf den Kopf seines 70 Jährigen Papageis Harvey : Erinnerst du dich noch an Gidsbys letztes Buch, was wir uns vor zwei Wochen heimlich ausgeliehen haben? Jedenfalls ... Gestern bin ich an deiner Tür vorbeigelaufen um frische Eier bei Miss Bobcake abzuholen, als plötzlich ... wie soll ich sagen, da war plötzlich dieses Ungeheuer vor meiner Nase ... Mein Gott Oliver, es war dasselbe hässliche Teufelsvieh wie aus Gidsbys verflixten Dämonenbuch!
Gemeint war der Baykok oder besser gesagt das fliegende Skelett der Chippewa-Indianer. Auszug aus Gidsbys Buch:
Sofern nicht von einem mächtigen Zauberer zum richtigen Zeitpunkt eingefangen, bringt das fliegende Skelett fiesen Feiglingen sowie schwachen Kriegern den unerfreulichen Tod. Der Baykok gehört zur Familie der Ghule, Vampire und Zombies. Sein Fressverhalten richtete sich bis ins späte 18te Jahrhundert bevorzugt an die jungen Krieger der Chippewa Indianer. Ein Verhalten, das sich später jedoch massiv änderte, seit er sein Jagdgebiet nach dem 19ten Jahrhundert in Industrieländer wie England und Frankreich ausdehnte.

Keuchend und wie vom Teufel verfolgt soll Edward damals nach Hause gerannt sein. Und jedes Mal, wenn er sich nach der furchterregenden, skelettösen Bestie umdrehte - wurde sie dicker und dicker - größer und größer - bis sie dermaßen fett und gewaltig war, dass sie zu Edwards großem Glück Gott sei Dank nicht mehr durch die letzte Straßenkurve passte, die in die Bogenerstrasse führte.
Und dann, als der Tag der Dunkelheit der Nacht wisch, hagelte es quasi die ganze Nacht tote Vogelaugen gegen Edwards Schlafzimmerfenster, bevor der Nachtdämon im Morgengrauen abdampfte und einen erschöpften Edward Wood hinterließ, der Miss Mockelters Unterricht an diesem Tag wegen angeblichen Bauchschmerzen fernblieb.
«PAAH!», wiegelte Oliver damals rasch ab und kam um eine dumme Bemerkung mal wieder nicht umher, was Edward aber nur noch mehr um den Verstand brachte. «Fabeltiere in der Falkenstrasse? Hast mal wieder zu viele Speckdatteln mit Himbeer-Lakritzstangen beim Fernseher gemampft oder wie?»
«Sieh mich an! Sieht etwa so jemand aus, dem zu scherzen zumute ist?», antwortete Edward daraufhin mit entgleisten Gesichtszügen/entgeistert und mit Brauen, die sich nun im Nu zu einem verkehrten V geformt hatten. «Ich schwöre dir Oliver, es stimmt! Bei Harveys Federkleid und allen Mathe Formeln dieser Welt, ich meine es ernst, ehrlich jetzt! Kann mich nicht erinnern jemals so schnell nach Hause gerannt zu sein und die Haustür hinter mir zuzuschlagen, um in die Küche zu rennen, wo Mutter gerade riesige Lyoner Würstchen mit Schmelzkäse und Schweinekopfsülz am füllen war, für Onkel Eds Besuch am kommenden Sonntag. »
Doch abgesehen von diesem Firlefanz (wie James Edwards «angeblichen» Zauberunsinn immer zu betiteln vermochte), waren die Broquardts doch immer recht glücklich; und wäre da nicht dieser eine Tage vor 5 Jahren gewesen, dann wären sie es vermutlich sogar heute noch. Wir schreiben das Jahr 1981, als der kühle Frühling längst dem warmen Sommer in Dolkwalley gewichen war, als die Geierkralle am zweiten Juli um Punkt 23 Uhr auf den Kalender knallte und die Zeiger urplötzlich zu Stein erstarrten, als hätte man ihnen alle Zeit für immer entrissen. Und doch legte sich genau in dieser Sekunde ein scheinbar unumkehrbarer Schatten über das Glück der Familie, der aber diesem Tag alles Lächeln aus James Gesicht im Dunkeln seiner vielen schlaflosen Nächte ertrinken ließ.
In jener Nacht, als das Schicksal zuschlug, war die Familie gerade unterwegs auf einer von James vielen sogenannten Forschungsreisen in Hockridge : einer Stadt, die in Wahrheit eine Zaubererstadt war. Doch manche Geheimnisse sollten wohl selbst Katherine Broquardt verborgen bleiben - jene geheimnisvolle Reisen, die in Wahrheit nichts, rein gar nichts mit den Naturwissenschaftsprojekten ihres Mannes am Hut hatten.
Weißt du, ich würde dich dieses Mal gerne begleiten, schlug sie James eines Tages am Frühstückstisch vor – Oliver war bereits unterwegs zur Schule, du bist so oft in anderen Städten unterwegs, also dachte ich, dass Oliver und ich dich vielleicht dieses eine Mal begleiten könnten. Sofern du natürlich nichts dagegen hast ... Wir würden dir auch nicht zur Last fallen, oh nein, du würdest unsere Anwesenheit nicht einmal bemerken.
Vielleicht hatte sie recht – dachte James, dem in diesem Moment nichts anderes übrig als seiner Frau diesen einen Wunsch zu erfüllen und einzuwilligen. Und schliesslich ... wie hätte er auch ahnen können, dass sich diese Entscheidung Wochen später als der ‹Fehler› seines Lebens entpuppen würde. Der Fehler, der das Leben seiner Familie auf einen Schlag für immer verändern würde. Doch tatsächlich kamen ihm zu diesem Zeit keinerlei solch düsteren Gedanken in den Sinn. Nichtsdestotrotz war er sich im Nachhinein mehr als hundertproze sicher, dass es Katherines großes Unwissen vermischt mit seinen vielen Geheimnissen waren, die dieses schlimme Schicksal heraufbeschwört hatten. Ja, James war zweifelsohne felsenfest davon überzeugt, dass es sein Fehler war: Der Fehler, der in einer warmen Sommernacht in einer der geheimsten Zaubererstädte Englands dazu führte, dass seine Frau Katherine geradewegs/ohne Umschweife in die kralligen Fänge eines maskierten, dunklen Magiers lief - der sie wenig später bewaffnet mit gefährlichen Zauberdokumenten (die er kurz zuvor der Stadtbibliothek entwendet hatte) zum antiken Hookwick Portal verschleppte und die Stadt durch dieses für immer verließ - ohne auch nur den Hauch einer Spur zu hinterlassen.

In jener schicksalhaften Nacht klapperte James unermüdlich jeden noch so kleinen Winkel von Hockridge auf der Suche nach seiner Frau Katherine ab. Doch es sollte eine Suche werden, die sich zu seinem Missfallen leider viel schwieriger erwies als gedacht, war doch das einzige Faktum, dass er bei sich trug: ein Foto seiner Frau vom letzten Sommer, als die ganze Familie zusammen mit Olivers Großvater Ferdinandt - am Stonedoller See Campingurlaub machte.
Ein Blitz und die Wolken über (über dem Firmament?) der Stadt wurden immer dichter und finsterer. James zuckte zusammen, als sein Blick gen Himmel schweifte. Wehmütig musste er nun auch noch feststellen, dass sich ein heftiger Sturm über der Stadt zusammenbraute. Nur Sekunden später regnete es bereits in Strömen und die Blitze vermehrten sich und folgten in derartigem Tempo aufeinander, dass das Strahlen der Sonne gegen die dichte Finsternis am Firmament kämpfen musste. Dann senkte sich sein Blick wieder, während sein Gesicht sich immer tiefer in die Jacke vergrub. Denn nein! Er würde nicht kampflos aufgeben ... auch dieses Mal nicht! Und so irrte er weiter durch die Sturm überfluteten Straßen mit einem aussichtslosen Wunder vor Augen, das leider niemals eintreffen sollte.
«Entschuldigen Sie Sir!», rief er einem älteren Zauberer in schwarzen Elefantenpantoffeln und kurzer Armeehose zu, den er nach genauerem Hinschauen aber erkannte. Es war der alte Zauberer Bilius Mountborough, der auf der anderen Straßenseite sichtlich schlaftrunken einen Zauberspruch durch seinen gezwirbelten roten Schnauzer säuselte. Was zur folge hatte, dass sich binnen Sekunden sämtliche seiner Gartenstühle anhand seines in Cobalt getränkten Zauberstabes vor der Haustür in zwergenhafte Hobbitsteine mit gazellenhaften Streichholzbeinchen verwandelte, welche sich auf der stelle in Bewegung setzten und wie kleine Soldaten ins Haus spurten.

James nutzte den Moment und rannte ohne Verzug auf ihn zu - obwohl er wusste, dass Katherine den meisten Hockridge Bewohnern bis dato noch unbekannt war.
«Hey Bilius!», rief er dem Zauberer heiser zu. «Ich wollte dir nur sagen ...  meine Frau ist vor einigen Stunden verschwunden und ist seidem unauffindbar.» Zitternd und durchnässt trat er schliesslich vor ihn und hielt Katherines Foto hoch, bevor er verzweifelt erklärte: «Ich weiss, du kennst sie zwar nicht, aber das hier ist sie … das ist meine Frau Katherine! Sag, hast du sie vielleicht irgendwo in Hockridge gesichtet?»
Doch der alte Zauberer verneinte nur schweigend und marschierte einfach weiter zu seinem Löwenbriefkasten, den er flugs verschloss und wieder zum Haus zurückstiefelte. Was war nur los, ja was zum Teufel war nur passiert, dass James in den letzten Stunden nur noch auf verschlossene Bücher/taube Ohren stieß? Verständnislos ließ er Katherines Foto anschließend wieder in seiner Hosentasche verschwinden.

«Bilius – Bilius Mountborough!», rief James ihm noch einmal verzweifelt hinterher. Der alte Zauberer jedoch reagierte aber nicht mehr auf sein Rufen, trabte stattdessen zügigen Schrittes zu seinen vier Wänden zurück als BUMS KRAVUM! Ein dumpfer Schlag und die schwarzen Elefantenpantoffeln verschwanden vollends hinter verschlossenen Türen. Schwer atmend rang James nach Fassung, als Bilius Mountboroughs Tür sich im Anschluss daran in Luft auflöste, als wäre sie nie in den Angeln seiner Mauern gewesen. Sprachlosigkeit überkam ihn, schließlich wusste er, dass normale Zauberer seit über zwei Jahrhunderten kein magisches Portal mehr ohne die strikte Erlaubnis des Zauberamtes (wie z.b. während Zaubermissionen) mehr benutzen durften.
Der Stoff von James dünnem Hemd war völlig durchnässt. Er umschlang sich selbst mit den Armen und brach dann unter dem dickem Hagel - der wie mit Eimern an seinem Körper runter prasselte zusammen. Ein Zustand, der sogar noch mehrere Minuten anhielt, bevor er vor Schmerz den Blick auf seine Oberbekleidung richtete und entflammend versuchte sein Blut durchtränktes Hemd über der bebenden Brust zurück in die Hose zu schieben. Keine Gefühlsregung war mehr in seinem Gesicht zu erkennen - ganz im Gegensatz zu seinem äußerlichen Zustand, der geradezu grauenvoll erschien. Dicke Blutstropfen flossen aus seiner Nase und unter seinem rechten Knie klaffte eine tiefe Wunde, aus der dunkelrotes Blut sickerte. Mit letzter Kraft schleppte er sich wieder zurück auf die andere Straßenseite und wühlte die Hosentasche auf der Suche nach einem Stofftuch (Schnupftuch?) ab, dass er sich hernach ums offene Knie band, um nicht noch mehr Blut zu verlieren.
Anschließend ging er weiter, als ihm plötzlich ein unvermittelter Gedankenblitz durch den Kopf schoss. Was, wenn die handfeste Ursache für die unheimliche Grabesstille in Hockridge schwarz magischer Zauber - wie zum Beispiel der unwiderrufliche Fluch eines verdammten Schlapphutes - war?

Stillschweigend versuchte er nachzudenken, was ihm sehr schwerfiel; währenddessen trugen ihn seine müden Beine an Kirschbaum Harrys seit Jahren geschlossener Goldkelchkneipe vorbei. Verdammt, dachte er, während er gedankenverloren einen Fuß vor den anderen setzte, es kann doch kaum an einem bloßen Unwetter wie diesem liegen, dass es den sonst so taffen Zauberer Familien Hockridges dermaßen an Mond - und Feenstaub mangelte, dass kein einziger Zauberer oder Zauberin ihm helfen konnte oder eher wollte. Ja wirklich, so schlimm es klang: Sogar schon vor ihm fliehen/flüchten mussten.
Als er kurze Zeit später dachte alle Winkel der Stadt bereits abgeklappert zu haben, lehnte er sich erschöpft und mit allerletzter Kraft gegen einen zopfigen Witterungslaternenpfahl, der von Ästen eines uralten Baumes umwickelt war und man nur noch Halbsterne am Himmel funkeln sah.
Doch dann – als er gerade die Augen für einen kurzen Moment schließen wollte, um die Bilder der letzten Stunden in seinem Kopf zu analysieren – wurde er plötzlich abrupt von zwei kräftigen Händen am Rücken gepackt, dessen rabenschwarzes Gewand schwingend im Tanz des Sturmwindes ringsumher flog. James versuchte zwar noch sich mit letzter Kraft zu wehren, doch die Hände des vermummten Angreifers waren stärker, umschlossen sein Gesicht binnen Sekundenbruchteilen wie ein dicker Schraubstock und raubten ihm schließlich die letzten Geistesblitze und Lichtschimmer, ehe er gleichlaufend das komplette Bewusstsein verlor und in einen dunklen Hof geschleift wurde.
Als er Stunden später wieder erwachte und sich in den tiefsten und staubigsten Kellerräumen des wuchtigen Zauberamtsgebäudes von Hockridge befand, wusste er beim besten Willen nicht mehr, wie er dorthin gelangt war. Doch eins beruhigte ihn trotzdem, als er wieder zu sich kam. Und zwar die Tatsache, dass er nicht alleine war. Ja, bei ihm war einer der beiden Scherling Brüder namens Geldom. Zwei brillante Zauberer, die trotz ihrer äußeren Ähnlichkeitsmerkmale von unterschiedlicher Natur nicht hätten sein können. Geldom Bruder Filbert Scherling war nämlich, was seine magischen Kräfte anbelangte, derart gewaltig machtvoll, dass er es problemlos mit jedem Zauberer der Welt hätte aufnehmen können. Sein Name lautete Filbert Scherling oder besser gesagt Professor Filbert Scherling. Doch man konnte wohl zurecht behaupten, dass die meisten Zauberer und Zauberschüler, die meist in enger zusammenarbeitet mit ihm standen - ihn ausnahmslos mit Professor Scherling ansprechen mussten.
Hastig schoss der Professor durch die unendlichen Kellerflure des Zauberamtes - mit in seiner Hand - einer kleinen Öllampe und mit Füssen an den schweren Beinen, die gefühlt mehr als die dicken Nobbin Felsbrocken von Talbot Castle wiegten; der Ort, an dem vor über fünfziger Jahren ein Großsteingrab aus weit entfernten Magier Zeiten mit toten Troll-Schädeln, schäbigen alten Drachenurnen und merkwürdig geformten schwarzen Einhornfedern geborgen wurde. «Es darf nicht so enden!», rief er schallend und zeitgleich wutschnaubend, als er mit seinen enorm langen Quadratlatschen durch die Spinnennetz verwebten alten Kellerflure huschte. «Kein dunkler Magier wird Hockridges Chroniken jemals auf den Kopf stellen bevor ich – Filbert Scherling – den letzten Zauberspruch in dieser verfluchten Zauberstadt ausgesprochen habe!»

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DeanRamseys Profilbild DeanRamsey

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Kapitel:2
Sätze:114
Wörter:3.637
Zeichen:22.764

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Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Komödie, Vermischtes, Freundschaft und Humor gelistet.