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Split - Entzweit

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07.07.20 08:24
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Fertiggestellt

 

 

 

 

Es ist nicht immer eine Illusion,

 

 

 

                              was wir nicht verstehen ... 

 

 

 

                  ...es könnte etwas Größeres sein ... 

 

 

 

                                         ...etwas Wichtiges!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

Vor 3 Jahren irgendwo in Los Angeles

 

Die helle Sonne über Los Angeles schien auf die Erde hinab. Wärmte sie. Überzog die Stadt mit einem goldenen Schimmer.

Wie jeden Tag herrschte auf den Straßen reger Verkehr. Es war früher Mittag und die Leute mussten ihre alltäglichen Besorgungen erledigen. Einkaufen, die Kinder zur Schule bringen, sich mit der besten Freundin zum Kaffee trinken treffen und den neuesten Klatsch und Tratsch austauschen.

Bewegung. Überall herrschte Bewegung.

Außerhalb des Mittelpunktes dieser enormen Bewegung aus Stress, Hektik und Abgasen, schienen die Straßen jedoch wie ausgestorben. Ein einsamer schwarzer Chevrolet fuhr gemächlich seinen Weg entlang. Leise Musik drang aus den Lautsprechern, mischte sich mit der stehenden Hitze. Die Frau lachte auf und tätschelte ihrem Mann die Hand. Ihr Blick schweifte aus dem offenen Fenster, erblickte das weite Meer. Leichte Wellen krochen am Strand entlang. Versiegten im hellen Sand und färbten ihn dunkel. Heute würde wieder ein wundervoller Tag werden. Sie zog die salzige Luft in ihre Lunge und seufzte. Vielleicht könnten sie ja alle zusammen ein Eis essen gehen. Sie dachte an ihren Sohn, der heute seinen ersten Tag in der neuen Schule hatte. Und daran, wie er sich wohl schlug?

„Glaubst du, Ares wird sich gut einfinden in der neuen Schule?“ Der Strand verschwand aus ihrem Blickfeld, als ihr Mann in eine andere Straße einbog.

Seufzend drehte er ihr den Kopf zu. Sah sie aus braunen Augen an. „Mach dir keine Sorgen um ihn. Er ist kein kleines Kind mehr.“

„Es ist aber das Abschlussjahr. Ich weiß nicht...“ Abrupt endete ihr Satz. Panisch riss sie die Augen auf. Ihre manikürten Fingernägel krallte sich ins schwarze Polster des alten Chevy Impala. „Michael, pass auf!“, krächzte sie.

Michael riss den Blick von seiner Frau los. „Das kann unmöglich sein“, flüsterte er und blieb mit quietschenden Reifen stehen.

„Sie ist tot!“, stotterte die Frau und stierte weiter auf die Person, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. „Wie kann sie am Leben sein?“

Mit zitternden Fingern öffnete sie die Beifahrertür. „Aria? Bist du das wirklich?“ Ihre Stimme, kaum ein Flüstern, rannte ihr schwer über die Lippen.

„Helen, Liebling, bleib im Auto! Sie ist es nicht!“ Der Mann packte seine Frau am Handgelenk. Versuchte sie davon abzuhalten, die Karosserie zu verlassen, doch sie hörte nicht auf ihn. Entzog sich dem Griff und schritt auf die Person zu, die vor dem Auto stand. Starr und steif.

Grüne Augen blickten die blonde Frau kalt an, ohne jegliche Mimik. Wie eine Maske lag das feine Gesicht im Schatten. Verdeckt hinter langen Haaren.

Eine schnelle Bewegung, schwarzes Haar wirbelte herum. Der Mantel, den sie anhatte, wurde zur Seite geworfen. Entblößte eine schlanke Gestalt. Das Metall an ihrer Hüfte blitzte im Licht der Mittagssonne.

„Ihr habt mich vergessen!“, schrie sie. Ihre Stimme klang verzerrt. Ihr Körper flackerte leicht. Anstrengung lag deutlich in ihrem Gesicht. Als müsste sie darum kämpfen hier zu sein. Hier zu existieren. „Ihr habt mich sterben lassen und nun will ich mein Recht. Gebt mir den Splitter.“ Ihre Stimme wurde ruhiger, beinahe einem Flüstern gleich. „Oder sterbt.“

Tränen rannten Helens blasse Wangen entlang, versiegten in ihrem hellen Kleid. Das sonst so gepflegte, blonde Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Verdeckte zum Teil die großen, grünen Augen. Sie trat einen Schritt auf die mysteriöse Frau zu. „Ich kann nicht“, erwiderte sie mit gebrochener Stimme. Sie warf einen letzten Blick nach hinten, begegnete denn sanften, braunen Augen ihres Mannes. Er wusste, was kommen würde. Er wusste, was getan werden musste! Helen faltete die Hände zusammen, einem Gebet gleich.

Eine Explosion erschütterte die Straße.   

Ein Schrei durchdrang den Lärm.

Ein fallender Körper. Das helle Kleid rot durchtränkt.

Letzte Worte, die die blassen Lippen verließen, bevor sie sich für immer schlossen. „Ares, es tut mir leid.“

Ein Beben erfasste die Erde, dann war alles still. Die Straße verlassen. Alle verschwunden.             

Kapitel 1

 

Gegenwart, Las Vegas

 

 

Scheinwerferlicht tanzte durch die Reihen des voll ausgebuchten, alten Theaters. Dicker, roter Samt hängt in prachtvoll geschwungenen Bahnen von der hohen Decke und verziert die große Bühne auf der das Spotlight einen kleinen, dicklichen Mann einfing. Er hielt sein Mikro fest in der Hand und fuhr es an die Lippen. Wild gestikulierten die Arme, versuchten Spannung aufzubauen. Sein Anzug spannte gefährlich am Bauch, drohte jeden Moment zu reisen. Das akkurat gelegte, schwarze Haar glänzte im Licht. Gel hielt es an Ort und Stelle und verhinderte, dass die Frisur durch Hitze und Schweiß zerstört wurde.   

„Meine Damen und Herren. Hier ist er! Der einzige und wahre Meister der Magie ... Chapeau! Applaus! Applaus, meine Damen und Herren! Lassen Sie sich in die Welt des Erstaunens und der Unwirklichkeit entführen“, schrie der Ansager der Show durch die Lautsprecher des prall gefüllten Saals, im Herzen Las Vegas.

Die Vorstellung, auf die das ganze Publikum sehnlichst wartete, würde gleich eröffnet werden.

 

Chapeau stand hinter der Bühne und bangte seinem Einsatz entgegen. Und wurde nach wie vor genauso nervös wie zu Beginn seiner Karriere.

„Es wird nie anders sein“, grinste er. Schnell wischte er sich über die feuchte Stirn. Blödes Lampenfieber!

Trotz der langen Erfahrung kehrte die Nervosität immer wieder zurück. Er war bereits seit zwei Jahren in diesem Business. Fast täglich eine Show am Laufen und mit seinen zarten 20 Lebensjahren einer der jüngsten Profimagier in diesem Geschäft. Und das gleich mit einer eigenen Show in Las Vegas. Das konnte nicht jeder von sich behaupten. Da sollte man meinen, man sei auf so etwas vorbereitet.

Doch dem war nicht so. Ganz und gar nicht!

Lauter Applaus mischte sich mit der Eröffnungsmusik – „We Will Rock You“ von Queen - ein Klassiker, der nie alt wurde.

„Let the show begin!“, sprach er sich Mut zu.

Kurz straffte der Magier die Schultern, richtete nochmal die Kleidung zurecht, strich die imaginären Falten aus seinem schwarzen Frack und zupfte an der Fliege, die um den Kragen des weißen Hemdes geschlungen war.

Nachdem der Moderator die Bühne verlassen hatte, wurde es Zeit die Show einzuläuten. Chapeau betrat grinsend und winkend die Bühne und nahm seinen Platz in der Mitte ein.

Das Scheinwerferlicht blendete ihn im ersten Moment und kleine, weiße Punkte tanzten vor seinen Augen. Schnell blinzelte er sie weg. Von so etwas ließ er sich nicht aus der Fassung bringen! So etwas gehörte zum Business!

Der Lautstärkepegel stieg an, kaum, dass der Spot seine Silhouette einfing.

Chapeau lachte auf und entblößte eine Reihe weißer Zähne. Er lauschte diesem Klang. Diese Begeisterung war rein und ehrlich und erfüllte den Magier mit Selbstsicherheit und Zuversicht.

Chapeau warf eine Kusshand ins Publikum. Sofort wurde es eine Nuance lauter. Vor allem hörte er deutlich die weiblichen Rufe, die aufreizend zu ihm herüber hallten.

 

„Sieht er nicht wieder umwerfend aus?“, seufzte ein junges Mädchen in der zweiten Reihe.

„Und so mysteriös“, fügte ihre Freundin schmachtend hinzu. Beide fingen an zu kichern.

„Habt ihr gewusst, dass er der jüngste Magier in diesem Geschäft ist?“, lehnte sich ein junger, dunkelhäutiger Mann zu den beiden Mädchen rüber und mischte sich ihn ihr Gespräch ein.

„Er soll ja ein richtiger Casanova sein“, fächelte sich das erste Mädchen Luft zu. Leichter Rotschimmer schlich sich auf ihre Wangen.

„Alles Gerüchte, wenn ihr mich fragt“, brummte der junge Mann und sah nach vorne auf die Bühne. Fasziniert richteten sich seine blauen Augen auf den Magier. „Angeblich hat noch nie jemand sein Gesicht gesehen.“

„Vielleicht trägt er die Maske auch im Bett“, lachten beide Mädchen auf, wurden aber durch ein ruppiges „SCHT!“ aus der ersten Reihe prompt zum Schweigen verdonnert.

    

„Danke“, rief Chapeau gegen den Lärm an, nachdem der Applaus langsam nachgelassen hatte. „Danke und herzlich Willkommen im La Chapellerie.“

Chapeaus grüne Augen blitzten auf, nachdem er das Objekt seiner Begierde entdeckt hatte.

„Das La Chapellerie ist nicht nur ein Ort, an dem ich ein Kaninchen aus dem Zylinder ziehe.“ Er setzte besagten Zylinder ab und auf seinem Kopf saß tatsächlich ein kleines, weißes Kaninchen. Sofort fing das Publikum an zu lachen. Chapeau hob es herunter und streichelte das weiche Fell. Galant schritt er die Treppen herab und blieb vor einer schmuckbehangenen Dame stehen. Ein prunkvoller Collier glänzte und schimmerte im Schein der Lichter in voller Pracht.

„Es ist auch ein Ort voller Magie und Mysterien.“ Kurz schnippte er mit dem Finger und aus dem weißen Kaninchen wurde eine rote Rose. Zart hielt er sie sich an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. Dann verbeugte er sich vor der Dame und überreichte ihr die rote Blume. Verzückt nahm sie sie entgegen und strahlte über das ganze, viel zu viel geschminkte Gesicht.

Chapeau war im wahren Leben kein Weiberheld, aber hier in diesen Räumen, in denen er sich wohlfühlte und die seine eigene kleine Fantasiewelt widerspiegelten, hier war er ein Künstler und konnte sich der erfundenen Rolle völlig hingeben.

 

„Kommen wir zu meinem ersten Trick“, verkündete der Magier und holte einen Stapel Spielkarten hervor.

Kaum, dass er das Päckchen zu Tage brachte, erhob sich ein aufgeregtes Raunen im halben Saal.

„Ah, ich sehe, einige kennen den Trick bereits“, grinste er das Publikum keck an und erntete dafür laute Pfiffe.

Lachend warf er den Stapel ins Publikum. Die erste Reihe zuckte kurz zusammen, eher sie fasziniert nach oben sah.

Über ihren Köpfen blieben die Plastikplättchen in der Luft hängen. Wie auf dünnen Fäden schwebten sie hoch oben. Keinen Millimeter bewegten sie sich. Weder vor noch zurück, nicht einmal durch einen Windhauch ließen sich die Karten aus ihrer Starre reißen. Bis Chapeau schnippte.

Es war ein leises, beinahe unhörbares Pressen zweier Finger aufeinander, doch die Lautsprecher ließen das Geräusch im ganzen Saal widerschallen. Ließen es in den Ohren vibrieren.

Es herrschte eine unheimliche Stille. Keiner wagte es zu atmen. Alle warteten nur auf den einen Moment.

Und dann geschah es…

Die Spielkarten wurden immer heller und heller. Glühten förmlich im zarten Licht. Mit einem Mal verwandelten sie sich in eine Vielzahl kleiner gelb-leuchtender Schmetterlinge.

Aus allen Ecken hörte man ein „Ohhh“ und ein „Ahhh“, doch der eigentliche Trick sollte anschließend folgen.

Mit einer weit ausholenden Handbewegung brachte der Magier die Lichter in Schwung. Die kleinen Schmetterlinge fingen an, aufgeregt mit den Flügeln zu schlagen. Es erwachte ein Tanz aus bunten Lichtern. Wie ein Schwarm fegten die entstandenen Wesen über die Köpfe der Zuschauer hinweg und explodierten in einem Feuerwerk aus Licht und Farben hinter ihrem Dirigenten.

Kurz herrschte die Ruhe an, bis plötzlich tosender Beifall hereinbrach.

 

So ging der ganze Abend weiter. Hier und da ein klassischer Trick, eine zersägte Jungfrau oder das plötzliche Verschwinden eines Objektes. Nichts Besonderes für einen Mann seiner Zaubererklasse. Es war eben sein täglicher Brotverdienst.

 

Zum Abschluss der Show hatte sich Chapeau etwas Außergewöhnliches überlegt. Etwas, das seine Kollegen zwar oft versucht hatten, aber mit ihren Spezialeffekten stets nur eine Illusion vorgaukeln konnten. Und am Ende trotz allem kläglich daran scheiterten.

„So, jetzt kommt der Höhepunkt“, verkündete der schwarzhaarige Magier. Leichte Musik begleitete die Einführung.

„Ich werde heute die Grenzen der Physik brechen und beweisen, dass die Schwerkraft manipulierbar ist.“

Wieder jagte ein Raunen durch die Reihen. Ungläubig und skeptisch.

„Ich werde heute versuchen zu fliegen!“

Es war nicht die Tatsache, dass er diesen Trick aufführte, welche die Leute in Erstaunen versetze, sondern das Extreme.

Die Vorstellungen Chapeaus bestanden in erster Linie aus Standardtricks. Doch anders als seine Kollegen, baute er diese so weit aus, dass absolut kein Zweifel an ihrer Echtheit bestand. Die Leute glaubten nicht an echte Magie. Wollten nichts davon wissen. Konnten sich aus ihrer Sturheit nicht reißen und das Schubladendenken nicht abstellen. Wollten nich mpüt wahrhaben, dass es da Draußen womöglich etwas Höheres gab. Etwas nicht Greifbares. Etwas, dass sogar die Wissenschaft nicht erklären konnte.

Dieses Unwissen nutzte er zu seinem Vorteil aus. Er vermochte ihnen alles als einen Trick vorzuführen und keiner würde merken, dass es echte Magie war. Direkt vor ihren Nasen! Das war sein Geheimnis! Das war der Schlüssel seines Erfolges!

Seine Manipulation war und würde spezieller bleiben, als die der erfahrenen Kollegen.

Chapeaus Tricks waren einzigartig, genauso außergewöhnlich wie die Quelle der Magie, die in ihm wohnte, denn dabei handelte es sich um echte und reine Zauberei! Kein Hokuspokus und kein Fake.

Diese Kräfte kamen vor drei Jahren, urplötzlich und ohne Vorwarnung und seitdem waren sie ein Teil seiner selbst. Woher diese Fähigkeit kam oder was sie zu bedeuten hatte, darüber zerbrach sich Chapeau nach wie vor den Kopf, doch ändern konnte er an seiner Situation nichts mehr und so hatte der junge Mann beschlossen, das Beste daraus zu machen und Geld damit zu verdienen.

 

Das Gleiche geschah heute ebenfalls.

Chapeau bat seine Assistentin, dem Publikum zu zeigen, dass er weder an Seilen noch an sonstigen Hilfsmitteln hing. Sie umrundete den Magier einmal, hielt dabei ein Stück Stoff in der Hand und zeigte jedem somit, dass es an nichts hängenblieb. Chapeau sprang einmal in die Höhe, dann von der Bühne.

„Mein Herr, würden Sie mir einen Gefallen tun und schauen, ob ich an irgendwelchen Drähten hänge?“, forderte er einen Zuschauer in der ersten Reihe auf. Der Mann mittleren Alters sah den Zauberer mit großen Augen an.

„Nur nicht schüchtern sein“, ermutigte ihn Chapeau und grinste ihn von oben herab an.

Sofort sprang der Mann auf die Füße und betastete den Magier gründlich. Er war klein, reichte seinem Gegenüber bis zur Brust. Auf dem Kopf spross kein einziges Haar. Beinahe hätte Chapeau wetten können, dass er sich in der Glatze spiegeln konnte.

Schnell verwarf er den Gedanken, räusperte sich und der Mann schreckte auf. Augenblicklich setzte er sich hin. Ein kräftiges Rot zierte seine Wangen.

„Danke. Das war äußerst akribisch“, lachte der schwarzhaarige Zauberer auf. „Haben Sie irgendwelche Halterungen bemerkt?“

Der Mann schüttelte den Kopf. Chapeau dankte ihm nochmals.

„Möchten Sie auch mal prüfen?“, rief er einer Frau drei Reihen weiter, mit einem verschmitzten Lächeln zu.

So machte er das mit einigen weiteren Zuschauern, bis selbst der letzte Skeptiker sicher war, keine Drähte, Seile oder andere Hilfsmittel an dem Mann zu finden.

Chapeau begab sich wieder auf die Bühne und schnaufte durch. Das einzig Schwierige an diesem Trick war nur ... er hatte ihn bis jetzt noch nie versucht.

Seit er das erste Mal seine Magie entdeckt hatte, wünschte er sich, das Fliegen vor Publikum vorzuführen, doch Angst und Unsicherheit hatten ihn stets gelähmt und so hatte er es nie ernsthaft probiert.

Es war heute Premiere und Chapeau hatte keinen blassen Schimmer, ob es funktionieren oder ob er sich nur bis auf die Knochen blamieren würde. Denn das Dumme an seiner Magie war ... sie hatte, wie alles Schöne im Leben, ihre Grenzen. Doch Fliegen? Das hatte er bislang noch nie gewagt!

 

Chapeau schlug in die Hände und stellte sich in Position.

„Keine Tricks mehr“, flüsterte er sich selbst Mut zu.

Als er die Augen schloss, zuckten wie immer, wenn er von der inneren Kraft gebrauchte, kleine Stromfunken durch seine Adern. Sie waren minimal und kaum spürbar, doch ihm machte es deutlich klar, wie andersartig er war.

Die feinen Härchen in seinem Nacken stellten sich auf und ein leichtes Kribbeln rann durch seinen Körper.

 

Er hatte oft in „Selbstfindungsbüchern“ gelesen, man solle sich konzentrieren und auf seine innere Mitte hören. Das helfe einem, den Stress zu reduzieren und die Balance zu finden. Das hatte ihm schon oft geholfen, doch diesmal war es komplizierter.

Es war, als würde ihn irgendetwas davon abhalten, seine Kraft bis zur Grenze auszuschöpfen. Wie eine Blockade stand dieses Etwas zwischen ihm und dem, was er nicht zu greifen vermochte.

Kurz erlaubte sich Chapeau einen kleinen Blick ins Publikum. Sollten ihm jetzt so viele Menschen dabei zusehen, wie er versagte?! All die Gesichter, mit Erstaunen, Skepsis und Hoffnung gefüllt. Dann fixierte sich sein Augenmerk auf eine spezielle Person.

Pax!

Die besagte Person sah mit großen Augen auf die Bühne. Verfolgte jede seiner Bewegungen. Chapeau wusste genau, wer er war. Kannte ihn sogar mehr als gut. Sie waren Freunde. Beste Freunde, doch Pax hatte davon keine Ahnung.

Die grünen Augen des Magiers lagen Wimpernschläge lang auf dem anderen jungen Mann.

Er gab ihm Mut. Hatte es schon immer, seit sie sich kannten.

Mit einem Mal war die Unsicherheit wie weggeblasen. Er schloss die Augen und lächelte. Fühlte deutlich die Leichtigkeit, die seinen gesamten Körper durchströmte. Spürte, wie die Füße den Boden nicht mehr berührten und er immer weiter nach oben stieg.

Als der Magier die Lider hob, schwebte er circa einen Meter über dem Boden.

Selbstsicherheit durchfuhr seinen Körper und Adrenalin pumpte durch all die vielen Venen. Das Gefühl war phänomenal. Jeder Millimeter, jede Faser seines Körpers war angespannt, doch es nahm Chapeau nicht die Leichtigkeit und das Hochgefühl seines Stolzes.

Alle Zuschauer hielten den Atem an. Konnten nicht glauben, was sie sahen. Zu kurios war die Situation. Ein Mann, der schwebte? Und doch würden sie keinen Zweifel daran hegen.

Getuschel, aufgeregt und argwöhnisch, erhob sich über die Reihen. Sein Blick lag immer noch auf Pax. Als würde er ihn stützen. Plötzlich sah Pax weg. Trennte den Augenkontakt. Ehe Chapeau etwas Weiteres unternehmen konnte, brach die Kraft in sich zusammen und der Magier landete unsanft auf dem harten Boden der Bühne. Lautes Klatschen begleitete seinen uneleganten Absturz. Doch er nahm es mit Würde hin.

„Das nächste Mal sollte ich eine Matte hinlegen“, scherzte er und rieb sich übertrieben den Hintern.

Die Menge lachte und johlte vor Begeisterung.

So sollte ein Abschluss sein.

Grinsend sah er ins Publikum und winkte allen zu.

Perfekt!

„Bevor ich den Abend hier beende...“, der Magier ließ seinen Blick schweifen und blieb wieder bei Pax hängen. Unglauben lag in den großen Augen, die Ares an klares ruhiges Meer erinnerten. Der Schwarzhaarige lächelte leicht. Pax war immer für ihn da, selbst jetzt und davon ahnte der Blauäugige nicht einmal etwas.

Eine vornehme Dame forderte seine Aufmerksamkeit und Chapeau riss sich von seinem Freund los.

„Sie, Madame...“ Die füllige Lady mittleren Alters mit deutlich zu viel falschem Holz vor der Hütte, sah verblüfft auf, als er auf sie zeigte.

„Sie sind aus gutem Hause, das sehen meine Augen deutlich“, zwinkerte er ihr keck zu. Es war die gleiche Dame, der er zu Beginn der Show die Blume geschenkt hatte. Sie kicherte mit ihrer hohen fiepsigen Stimme. Dabei wippten ihre Brüste in ihrem recht offenen Dekolleté auf und ab. Für einen kurzen Moment hatte Chapeau Angst, sie würden herausfallen.

„Hatten Sie nicht eine recht glänzende und große Kette bei sich? Sie sah überaus teuer aus, das habe ich gleich bemerkt“, deutete der Magier grinsend auf ihren Hals.

Flink griff sie sich an die Stelle. Versuchte zu überprüfen, was der Magier ihr anzudeuten versuchte und als ihre Finger nur Haut, jedoch nicht das teure Schmuckstück ertasteten, erfasste Panik von ihr Besitz. Schrecken stieg in den wässrigen, blauen Augen auf. Ihr Gatte hielt sie aufrecht und sprach beruhigend auf seine Frau ein. Sätze wie:

„Wir werden dir eine Neue kaufen“ und „So teuer war sie nicht“ drangen dem Schwarzhaarigen ans Ohr.

Ablehnung stieg in Chapeau auf. Für einen kurzen Moment bemühte er sich um Beherrschung, um den Trick nicht sofort hier und jetzt abzubrechen. Doch er rief sich zur Ordnung, war er ja ein Profi. Außerdem hatte er eh ein Ass im Ärmel.

„Keine Panik, Madame, sehen Sie nur da“, er deutete auf eine Frau, vier Reihen hinter ihr. „Ist das da nicht Ihre Kette?“

Alle Blicke huschten zu dem jungen Mädchen. Erstaunt sah dieses an sich herab. Ihre Augen wurden groß. Schnappend öffnete und schloss sich ihr Mund. An ihrem Hals prangte die verschwundene Kette.

Alle lachten und klatschten vor Begeisterung, und die dralle Dame bedankte sich bei dem Mädchen, als sie ihr die Kette überreichte. Damit war ebenfalls der letzte „Trick“ vollbracht.

 

Als sich Chapeau verabschiedete, wurden die Stimmen lauter. Brüllend und grölend. Die Masse tobte vor Begeisterung. Winkend grinste er nochmals in die Menge, warf der erfreuten, reichen Schrulle aus Reihe Eins einen Handkuss zu, ehe sich seine Gestalt in einer weißen Rauchwolke auflöste.

Was diese nette Dame nicht wusste, war, dass ihre Kette den Platz mit einer Fälschung getauscht hatte.

Lachend griff Chapeau in die Innentasche seines Jacketts und holte das edle Schmuckstück hervor. Illusionen waren doch etwas Feines, auch wenn sie nicht lange anhielten. Spätestens heute Abend würde sie sich auflösen, für einen längeren Zeitraum reichte seine Magie leider nicht aus. 

Lange besah er das schöne Teil im Licht. Es glitzerte und funkelte atemberaubend. Chapeau war sichtlich zufrieden mit seiner Beute. Denn von den Zaubertricks allein konnte man kein vernünftiges Leben führen, deswegen hatte er diese Nebenbeschäftigung.

Chapeau war nicht nur ein Zauberer, sondern auch ein Dieb. Es waren nur kleine Bagatellen und nur ab und zu. Man darf ja nicht auffallen....

Kette hier, Ring da. Solange es sich mit seiner Magie vereinbaren ließ, wieso nicht? Schadete ja niemandem. Die Leute, die er beklaute, waren allesamt reiche Schnösel, die zu viel Schotter hatten und es verkraften würden.

„So kann jeder Abend werden!“, feixte er und schloss die Tür seiner Garderobe hinter sich.

Sein Blick schweifte zu der Uhr an der Wand. 3:17 zeigten die roten Ziffern an. Zeit, um sich auf den Weg nach Hause zu begeben.

 

Kapitel 2

 

 

Ares! Hast du die letzte Milch aus dem Kühlschrank genommen und nicht wieder aufgefüllt?!“, brüllte eine hohe, weibliche Stimme aus der Küche. Die darauffolgende, zuknallende Tür, verriet Ares, wie aufgebracht das Mädchen war, weil sie keine Milch abbekam.

„Nein, ich war es nicht“, brummte Ares zurück und löffelte weiter seine Frühstücksflocken. Die leere Schachtel, mit der letzten Milch, versteckte er unauffällig unter dem Tisch.

Ares war müde. Er würde sich jetzt gewiss nicht mit seiner keifenden Freundin auseinandersetzen. Die Nacht war verdammt noch mal zu kurz gewesen!

Gähnend schielte der junge Mann auf sein Handy. 8:42. Müde!

Zukünftig sollte er seine Show vielleicht etwas kürzen, sonst würde er weiterhin wie eine Leiche durch die Gegend laufen. Hier und da einige Tricks entfernen, dann wäre er früher im Bett. Eine Überlegung wäre es allemal wert.

Wieder schlich sich ein Gähnen seine Kehle entlang. Erschöpft streckte er seine müden Glieder von sich. Ließ den Nacken leicht knacken. Am liebsten würde er hier und jetzt wieder einschlafen.

Seufzend schob er sich einen weiteren Löffel seines Frühstücks in den Mund. Außerdem musste er heute dem Pfandleiher einen Besuch abstatten, fiel ihm ein. Die Kette, die er gestern in seinen Besitz genommen hatte, musste umgetauscht werden, bevor die Alte bemerkte, dass die Illusion verschwunden war. Wenn sie es schon nicht längst hatte!

Ares kicherte in seinen Löffel. Ihr Gesicht würde er gerne mal sehen. Wenn im Safe plötzlich nichts mehr liegen würde.

„Was ist so lustig?“ Plötzlich baute sich ein Schatten vor ihm auf und holte den Magier aus seiner Tagträumerei.

Johanna „Jo“ Monrow ragte vor ihm auf, wie eine Mauer, die er unmöglich zu umgehen vermochte.

Jo und er waren beste Freunde. Ares und das keifende, blonde Ding wohnten zusammen in einer WG im Herzen von Vegas. Der dritte im Bunde war Pax. Seit dem letzten Jahr an der High School und dem damit verbunden Umzug nach LA waren sie unzertrennlich. Zusammen waren sie nach Vegas gezogen und jeder verfolgte mehr oder weniger seine Träume. Naja, zumindest versuchten sie das. Pax war der Junge aus seiner Show und sein bester Freund.

Jo war ein halbes Jahr jünger als er und Pax. Mit ihren 19 Jahren war sie das Nesthäkchen in ihrer Männerbude, wohingegen Ares und Pax 2 Jahrzehnte aufweisen konnten.

 

Ares zuckte nur mit den Schultern und ignorierte die Frage gekonnt.

„Ich weiß, dass du es warst!“, knurrte sie ihren Mitbewohner an und ihre blauen Augen sprühten mörderische Funken auf die Schüssel voller Milch.

„Könnte es vielleicht Pax gewesen sein?“, versuchte Ares abzulenken. Genüsslich kaute er weiter sein knuspriges Müsli.

Hmmm Schoko ... Ich mag Schokolade.

„Der pennt!“

„Nicht mehr lange, wenn du so weiter brüllst“, entgegnete Ares gelassen und erhob sich von seinem Stuhl. „Schon mal im Schrank geschaut?“

„Hältst du mich für so blöd?“

Nach dieser Frage stieg Jos Wut eine Spur weiter an und Ares beschloss, darauf nicht zu antworten.

Gemächlichen Schrittes begab sich der Schwarzhaarige in die Küche. Der Vorratsschrank stand etwas abseits der kleinen Einbauküche. Kurz schweifte sein Blick an den Möbeln entlang. Ein trauriger Ausdruck schlich sich für Sekunden in seine grünen Augen. Seine Mutter hatte die gleiche Küche gehabt. Viele angenehme Stunden hatten sie damals darin verbracht und einige negative. Als sein Vater ... Ares vertrieb die düsteren Gedanken der Vergangenheit schnell.

Federleicht strich er am hellen Holz der Fronten entlang und stand vor dem Schrank, in dem sie ihre Vorräte aufbewahrten.

Kurz musste er tief durchatmen. Kreiste seine verspannten Schultern und knackste mit den Fingern.

Los geht´s.

Wie schon gesagt: Die Magie hatte Grenzen und diese inneren Schranken zeigten sich deutlich in der Energie. Sein Körper war von gestern Abend nach wie vor ausgelaugt. So hilfreich diese Kräfte waren, sie verbrauchten doch eine Menge seiner Reserven. Wie das zu Stande kam, hatte Ares bis jetzt nicht herausgefunden.

Zu dem Zeitpunkt, als sich seine Magie entwickelt hatte, starben Ares´ Eltern bei einem Autounfall. Nach dem Warum fragen konnte er sie daher nicht mehr. Dieser Abschnitt seines Lebens war für ihn besonders schwer gewesen. In einer neuen Stadt und dann ohne Eltern auskommen...   

Doch das war jetzt Vergangenheit. Ares sah nach vorne. Verdiente sein eigenes Geld und lebte sein Leben. Allein!

Ok, fast allein ... rief er sich die Nervensäge im Wohnzimmer wieder in den Sinn.

 

„Also, los geht´s“, murmelte er und rieb sich die Hände.

Solche Sachen bereiteten ihm üblicherweise keine Schwierigkeiten. Es war nur ein lächerlicher „Beschwörungszauber“, aber Ares spürte deutlich, wie sich sein ganzer Körper dagegen sträubte. Die Muskeln schrien förmlich vor Erschöpfung.

Mit dröhnendem Kopf legte Ares die Hand an die Tür des Vorratsschrankes. Sofort jagte der Energieimpuls durch jede einzelne Sehne in seinem Handgelenk bis hin zur Handfläche. Traf jede Bahn, jede Vene.

Vor seinem inneren Auge stellte er sich die blöde Milchpackung vor, wie sie im Schrank stand, voll. Neu. Das Holz der Oberfläche fing mit einem Mal an zu wackeln. Knarzend und vibrierend versetzte er das Äußere des Küchenschrankes in Bewegung, bis es zu Glühen anfing.

Im Bruchteil einer Sekunde hörte alles auf. Der Schrank stand wieder stocksteif da, ohne jegliche Aktivität.

Ares Knie knickten ein, so ausgelaugt war er. Sein Atem beschleunigte sich, entwich ihm unregelmäßig aus der Lunge. An seiner Jogginghose wischte er sich die schweißnassen Hände ab. Stützte sich an den Knien ab, keuchte.

Sein Gesicht verzog sich vor Anstrengung. Ares presste die Zähne zusammen. Sein Körper krampfte. Er fühlte, wie kleine, unangenehme Impulse durch seinen Körper schossen.

Schweißtropfen rannen seine Schläfen hinab, sammelten sich im Nacken und saugten sich in seinem weißen T-Shirt fest.

„Ich sollte mich wieder ins Bett legen!“, stöhnte er, als er die Packung ergriff. Schwankte kurz.

Als er sich sicher fühlte, verließ er die Küche und stellte die Milch wortlos vor Jo ab.

Ihre blauen Augen weiteten sich ungläubig. Kurz erinnerte das blonde Mädchen Ares an einen aufgescheuchten Hasen. Doch im nächsten Moment wandelte sich der Ausdruck unverzüglich.

„Wie, woher ... WO zum Geier hast du die Milch her?!“, blaffte sie ihren Freund an. Von der Überraschung war weit und breit keine Spur mehr.

„Ich habe doch die Schränke durchsucht“, brabbelte sie vor sich hin, als sie die Packung skeptisch beäugte.

„Scheinbar warst du nicht gründlich“, neckte er Jo und goss sich einen Kaffee ein.

„Ist übrigens die Letzte und da du sie aufmachst, musst du auch neue besorgen“, grinste Ares sie an. „Außerdem …“

„LEUTE, ihr werdet nicht glauben, was gestern passiert ist!“, ertönte plötzlich eine aufgeregte Stimme. Keine Sekunde später tauchte die Person auf, zu der die Stimme gehörte.

Ein dunkelhäutiger Junge, im gleichen Alter wie Ares, schlitterte mit freiem Oberkörper in die Küche. Hustend wand sich der Schwarzhaarige von dem Anblick ab. Das bittere Getränk floss im heißen Strang die falsche Röhre entlang und schnürte Ares die Luft ab.

Pax Jackson, in Ares´ Augen der unglaublichste Kerl, den er je gesehen hatte, schritt halb nackt und fröhlich grinsend in die Küche. Schnappte Ares den Kaffeebecher aus der Hand und zwinkerte dem baffen Mann keck zu.

Ares´ Kehle war so sehr zuschnürt, dass er nicht einmal einen Protest über die halb geöffneten Lippen brachte. Nur ein minimales Röcheln entkam ihm.

Neidlos musste Ares gestehen: Pax Körper wies keinen Makel auf. Mit athletischen Muskeln und straffer, schokoladenfarbener Haut, raubte der Kerl einem so ziemlich das Selbstbewusstsein.

Ares seufzte schwer. Der Typ sah selbst, wenn er eben erst aus dem Bett gefallen war, perfekt aus.

Pax´ Haare waren üblicherweise akkurat gestylt. Mit den kurzen Dreadlocks, die entweder leicht in die Stirn hingen oder nach hinten gelegt waren, wenn er eines seiner Meetings hatte, stach er immer heraus. Doch im Moment waren sie nur zerzaust und standen wild vom Kopf ab. Und selbst das sah er sehr gut aus. Verlieh dem Mann einen verruchten und verwegenen Touch.

Ares schluckte den Speichel, der sich in seinem Mund gesammelt hatte, hinunter und verschluckte sich prompt wieder.

Dieser Undonelook gefiel ihm verdammt erstklassig! An jedem Ohrläppchen trug er einen silbernen Stecker, ebenso wie im linken Nasenflügel. Um seine Handgelenke schlangen sich einzelne Bänder. Ob von Festivals oder nur einfache aus Leder, war egal. Pax nahm sie niemals ab und Ares fragte sich insgeheim, ob sie demnächst seine Ellbogen erreichen würden, wenn es so weiter ginge. Alles in allem war Pax eine coole Socke und so brachte er es nach außen.

„Verdammt Pax, zieh dir was an!“, fauchte Ares, immer noch hustend und vergebens nach Luft ringend, nachdem er wieder die Sprache erlangt hatte.

Hitze stauchte sich in seinem Kopf. Mit Mühe drängte er die Röte zurück. Den Diebstahl des Kaffees hatte er nicht einmal registriert.

„Was los, Westwood!? Neidisch?“, grinste Pax den Anderen jedoch nur an.

Zog dann aber trotzdem sein Shirt über, welches ihm eindeutig zu kurz war und dank der tiefsitzenden Jogginghose nicht hilfreich war. Deutlich konnte Ares die Hüftknochen sehen und wandt den Blick schnell ab. Der tiefe Bariton in Pax´ Stimme drang Ares unter die Haut. Vor allem, wenn er so verschlafen klang. Leichte Gänsehaut überzog mit einem Mal seine Arme.   

„Träum weiter, Jackson“, konterte Ares, nachdem er sein Husten wieder im Griff hatte und zog seinerseits sein Shirt ein Stück weit nach oben.

Ares konnte zwar nicht mit Pax mithalten, der scheinbar mehr Zeit im Fitnessstudio verbrachte als zu Hause, doch auch er hatte keinen sooo unansehnlichen Body, gestand sich Ares ein. Für´s Gym hatte der Schwarzhaarige einfach keine Zeit. Trotz allem konnte er gleichfalls einen kleinen Six-, oder zumindest Fourpack aufweisen.

„Schluss damit, ihr testosterongesteuerten Affen! Setzt euch hin und esst!“, schnaubte Jo.

„Pax, du wolltest uns was erzählen?“ Das Mädchen war wieder lockerer geworden, nachdem sie ihre Milch bekommen hatte und endlich mit ihrem Frühstück anfangen konnte. Auffordernd sah sie ihren Freund an.

Ja, Freund! Pax und Jo waren ein Paar, trotz des Versuches, es geheim zu halten, hat es Ares schon lange bemerkt. Zwar hängten sie es nicht an die Glocke, doch Ares wusste Bescheid. Er war aber froh, wenn die Beiden nicht vor ihm turtelten, was sie komischerweise nicht taten. Sie waren seit dem Kindergarten befreundet, da konnte sich ja schlecht nichts entwickeln. Oder sah Ares das falsch?

Doch nicht nur seine Freunde hatten ein Geheimnis ... Er hatte sogar mehrere ... Und es versetzte ihm immer wieder einen leichten Stich, es ihnen nicht erzählt zu haben. Jetzt war es leider zu spät. Nach zwei Jahren Geheimniskrämerei gab es kein Zurück mehr.

„Gestern ist er geflogen. So richtig und ohne Drähte, das hätte man bemerkt. Da war nichts! Keine Ahnung, wie er das gemacht hat, aber es war unglaublich. ER war unglaublich“, sprudelte es aus Pax´ Mund heraus.

Ares grinste vor sich hin. Würde Pax anfangen zu sagen, würde es aussehen wie ein Wasserfall.

Die blauen Augen fixierten seine Freunde aufmerksam. Aufgeregt wartete der junge Mann auf ihre Reaktion.

Jo sah Ares ahnungslos an. Ihre Stirn krauste sich leicht.

„Wovon sprichst du?“, fragte die Blonde, nachdem Pax nichts mehr sagte und seine Freunde nur abwartend ansah.

Ares hielt sich bedeckt. Wusste er ja wovon, beziehungsweise von wem Pax hier so begeistert sprach.

Eine kleine, warme Welle von Stolz durchflutete Ares. Er ließ es sich nicht anmerken, doch Ares freute sich immer über Pax´ Bewunderung. Es war sein kleiner Moment des Triumphes.

„Na, Chapeau!“ Pax warf die Hände in die Luft, als würde er einfach nicht verstehen, wie seine Freunde so begriffsstutzig sein konnten.

„Ich war doch gestern in seiner Show“, antwortete er kopfschüttelnd.

...Und da war es! Sein Geheimnis! Jo und Pax wussten nicht, wer Chapeau in Wirklichkeit war. Sie hatten keinen blassen Schimmer, dass Ares der mysteriöse Magier war und wussten auch nicht, wie er sein Geld verdiente.

„Was soll an dem Hochstapler so besonders sein?!“

Autsch.

Jo mochte den Magier nicht und das verheimlichte sie nicht mal. Sie sagte es jedes Mal, wenn Pax von seinem Vorbild schwärmte, klar und deutlich.

Ares seufzte verhalten und kratzte sich am Kopf. Er wusste exakt, wohin das Ganze jetzt führen würde!

„Mach ihn nicht schlecht, Jo“, verteidigte Pax seinen Helden.

Da war es wieder. Dieser kleine, schneidende Schmerz in Ares Brust, der ihm verriet, dass er einmal mehr seine Freunde belog. Er hatte nur eine Sache im Sinn. Sie zu beschützen. Wollte sie nicht dieser unbekannten Welt aussetzen, von der er selbst absolut keine Ahnung hatte. Doch eines wusste Ares - sie war düster und gefährlich.      

„Komm, Ares, sag doch was dazu. Dir gefällt Chapeau doch auch, oder?“ Bittend sahen die blauen Augen ihn an.

Jetzt saß er zwischen den Stühlen!

Ares fuhr sich seufzend durchs schwarze Haar.

„Na ja, ich weiß nicht. Ich habe ihn noch nie live gesehen, daher ...“, zuckte er mit den Schultern, „außerdem muss ich los.“

Schnell schnappte er seinen leeren Becher und erhob sich vom Stuhl.

Einen tadelnden Blick Pax zuwerfend, wusch er die Tasse und räumte sie weg. Jetzt blieb er ohne seinen Kaffee! „Danke Pax“, grummelte er vor sich hin.   

„Du kannst mich doch nicht in so einer wichtigen Situation allein lassen!“, protestierte Pax.

Ares drehte sich um. Wie sollte er ihm in dieser Situation beistehen?

„Hey Jo, ich bin Chapeau, also sei nett zu ihm.“ Oder „Sorry, dass ich euch die letzten Jahre belogen habe, aber ich habe Zauberkräfte und bin nicht wie ihr. Ach übrigens, ich bin der maskierte Magier, den Pax so gerne hat!“

Keiner dieser Sätze verließ seine Lippen. Starr stand er nur da und fixierte seine Freunde. Verwirrung spiegelte sich in ihren Gesichtern. Hatte er das doch laut ausgesprochen? Nein! Unmöglich.

„Ares?“, Pax trat einen Schritt auf seinen Freund zu und berührte ihn am Arm. Holte ihn aus der Bewegungslosigkeit.

Ares entriss sich dem Griff. Kopfschüttelnd verließ er den Raum. Er hörte Jos sanfte Stimme, die deutlich sagte: „Siehst du! Keiner interessiert sich für deinen blöden Magier.“

Sein Herz schmerzte bei diesen Worten.

Den Kiefer fest zusammengepresst, preschte er Richtung Zimmer.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er sein Geheimnis noch vor den beiden verbergen konnte ... oder wollte. Von Mal zu Mal, fiel es ihm immer schwerer.

Kapitel 3

 

 

Leise schloss sich seine Zimmertür. Hier konnte er er selbst sein. In seinem kleinen, gemütlichen Zimmer.

Die Sonne strahlte durch die leichten, weißen Vorhänge und überflutete den Raum mit ihrer Wärme. Beleuchtete die hellen Möbel, bestehend aus seinem Schreibtisch, einem Schrank und einer Kommode, die direkt am Bettende stand.

Das Laken war immer noch von der zu kurzen Nacht zerwühlt und am liebsten würde sich Ares wieder in jene verkriechen, hätte er nicht eine dringende Angelegenheit zu erledigen.

Ein Blick auf seinen Rucksack ließ den jungen Mann seufzen. Unwillig schlenderte er zum Schrank. Dort kramte er eine Jeans heraus und schlüpfte aus der bequemen Jogginghose hinein in den rauen Stoff der Denim. Als Ares an seinem Shirt roch und kurz die Augen verdrehte, entschied er sich dafür, ein Neues anzuziehen und sobald er wieder da wäre, der Dusche einen Besuch abzustatten.

Auf dem Weg nach draußen schnappte er sich den Rucksack mit dem Grund für seinen frühen Ausflug und die rote Zippjacke. Wieder glitt sein Blick zum Bett. Mist! Er hatte absolut keine Zeit sich darum zu kümmern! Knurrend bewegte sich seine Hand Richtung Bettzeug. Ein sanfter, roter Strahl schlich sich aus den Fingerspitzen, drang in die Bettwäsche und erweckte sie zum Leben. Das Kissen bauschte sich auf. Die Decke faltete sich ordentlich am Bettende.

Schweiß rann Ares die Stirn hinab, plötzlich fiel das Kissen auf halbem Weg nach unten. „Batterie leer!“, seufzte Ares und stampfte auf das blöde Ding zu, schnappte es sich und pfefferte das weiche Federteil zurück auf das Bett. Als er sich aus dem Zimmer schlich, war er wieder Schweiß gebadet.

„Verdammt!“, brummte er und wischte sich mit dem Saum seines Shirts über die Stirn.

Vorsichtshalber verschloss er seine Zimmertür, war die Verkleidung ja darin. Nicht, dass Pax oder Jo in dem Zimmer herumwühlten, aber sicher war sicher.

Der Schlüssel drehte sich, das Schloss rastete zu und um die Ecke kam ein grummelnder Pax. Scheinbar hatte er den Streit mit Jo verloren. Ruckartig blieb er stehen. Seine Stirn legte sich in Falten, als sein Blick zu dem Schlüssel huschte.

„Hast du was zu verbergen?“ Die ausgelassene Stimmung von vorhin war spurlos verschwunden. Pax krauste die Stirn.

Sein Zimmer lag genau neben Ares. Sie wohnten schon seit zwei Jahren Tür an Tür und doch war Ares nie in dem benachbarten Raum gewesen. Genauso wie anders herum. Sie hatten das Wohnzimmer zum Zocken, oder das Esszimmer, um sich zu unterhalten, während sie gemeinsam aßen. Doch in den Schlafzimmern waren sie noch nie gewesen. Ares fragte sich, ob das für Jos Zimmer ebenfalls galt. Ob Pax schon einmal in ihrem war?

„So ein Blödsinn! Natürlich war er das, schließlich sind die beiden ein Paar!“, schimpfte sich Ares einen Idioten. Wollte die Gedanken nicht zulassen, die sich ihren Weg in seinen Verstand bahnten. Eifersucht war etwas Schlimmes und das Letzte, was er empfinden wollte.

„Alles gut“, entgegnete Ares weniger freundlich. Schüttelte daraufhin den Kopf.

Woher die plötzliche Wut her kam, war ihm unbegreiflich, doch sie war da. Mit einem Schlag und ohne jegliche Vorwarnung war sie da. Fing erst nur ganz leicht an. In seinem Bauch weit hinten. Das Grummeln. Dann breitete es sich stückchenweise immer weiter nach oben aus. Ließ kleine Blitze in seinen Venen explodieren. Ares spürte die Magie deutlich. Sie versetzte ihm einen Schub, Adrenalin pumpte durch ihn durch. Wie war das möglich? Er war doch so gut wie leer gewesen!

Mit einem Satz war er vor Pax. Griff dessen T-Shirt und knallte ihn unsanft gegen die Wand. Sie waren gleich groß, dass bemerkte Ares zum ersten Mal deutlich. Womöglich nur ein paar Millimeter, die die Beiden unterschieden. Doch das war jetzt nebensächlich! Nie waren sich die beiden jungen Männer so nahegekommen. Oder hatte es Ares nicht bemerkt?

Pax öffnete den Mund. Wollte etwas sagen. Er wehrte sich nicht gegen den harten Griff.

Pax war nie einer gewesen, der handgreiflich wurde. Daher mochten ihn die Leute auch so sehr. Er war einer der guten Jungs. Immer nur am Helfen und die Probleme mit Worten lösen, anstatt mit Fäusten.

Ares war da das Gegenteil. Er war beim besten Willen kein Rowdy, doch jetzt im Moment, war da diese Wut, die nicht kontrollierbar war. Im Gegensatz zu Pax war Ares hin und wieder in einer Schlägerei verwickelt gewesen. Und jedes Mal hatte er es genossen. War er dadurch ein schlechter Mensch? Er hatte zumindest nie selbst Streit gesucht. Nur sich verteidigt!

Pax´ Hand hob sich, Ares kam es vor, wie in Zeitlupe, als sie sich sanft auf seine Schulter legte. Ares zuckte zusammen. Diese leichte Berührung war schlimmer als ein Schlag und doch kam es dem Schwarzhaarigen vor, als hätte ihm Pax eine Ohrfeige verpasst. Sein Verstand dröhnte!

Ares war wieder klar im Kopf. Sah panisch in die blauen Augen. War sich der Präsenz des dunkelhäutigen Jungen bewusst. Sofort zog er die Hände zurück, nuschelte ein „Sorry“ und verschwand, so schnell seine Beine ihm tragen konnten, aus der Wohnung.

 

Als Ares den Wohnkomplex, im Herzen Las Vegas hinter sich ließ, war es um die Mittagszeit. Die Sonne knallte ohne erbarmen auf die Erdbewohner nieder und verschonte keinen einzigen arbeitenden Menschen.

Sein Kopf schwirrte und pochte schmerzhaft, als er die überfüllten Straßen von Vegas entlanglief. Er wäre mit dem Bus gefahren oder mit dem alten, klapprigen Fahrrad, welches im Keller stand, doch Ares entschied sich bewusst dagegen. Spazieren zu gehen, um den Kopf frei zu bekommen, war im Moment wohl die beste Lösung. Er musste analysieren, was vorgefallen war und wie es zu so einem Aussetzer kommen konnte.

 

Nach zwanzig Minuten Fußmarsch kam er endlich an seinem Zielort an. Eine kleine, schäbige Bude mit einer Leuchtreklame über der Tür und der Aufschrift „OPEN“. Das Schild hatte schon weitaus bessere Tage erlebt, nur noch vereinzelt blinkten die kleinen Lichter.

Die Tür war aus Glas und dahinter vergittert. Schmutzig und marode. Neben dem Eingang stand eine Bank aus Holz, doch Ares würde sich nie im Leben darauf setzen, komme, was wolle. Die Fassade, an der die Bank anlehnte, gewiss um nicht umzufallen, verlor die Farbe und bröckelte in großen Mengen ab. Die dunklen Stellen hätte man ja übermalen können, dachte sich Ares, als er an dem Gebäude nach oben schaute. Doch scheinbar hatte es der Besitzer nicht nötig.   

 

Ein leises „Bling“ ertönte, nachdem Ares die Tür aufschwang. Im Inneren des Geschäfts war es dreckig und staubig. Nicht anders, als das äußere Aussehen vermuten ließ.

Vieles gab es hier nicht. Vereinzelte Regale standen an den Wänden, in denen sich aller möglicher Krimskrams verteilte. Einen Putzlappen hatten die auch schon lange nicht mehr gesehen. Dachte sich Ares und fuhr mit einem Finger über die Fläche. Skeptisch betrachtete er seinen schwarzen Finger. Unauffällig wischte er den Dreck an einem äußerst grässlichen Lampenschirm ab.

Bei jedem Schritt wirbelte der Staub auf dem Fußboden auf. Ein Niesen schlich sich aus Ares Nase. „Hier sollte mal dringend aufgeräumt werden“, murmelte er vor sich hin, als er den Staub weg wedelte.

Einige Schritte weiter saß ein Mann hinter der Theke und las in seiner Zeitung.

„Pavel?“, rief Ares fragend zu dem Blonden hinüber, doch der schien ihn nicht zu hören.

Seine Haare schauten wirr aus dem schwarzen Beanie heraus. Sie reichten ihm bis zum Kinn. Ares kannte den Mann schon einige Zeit. Normalerweise trug Pavel immer einen Dutt, wenn die Zotteln länger waren. Schien es jetzt aber, als wäre der Blonde beim Frisör gewesen.

Ares trat dichter an den Tresen heran. Räusperte sich kurz, erhielt aber nach wie vor keine Reaktion.

Pavel strich sich abwesend die Haare auf der linken Seite hinters Ohr und entblößte den schwarzen Ohrring, denn Ares einmal eingetauscht hatte. Leicht musste er grinsen. Eigentlich hätte er das Schmuckstück verkaufen sollen, aber ok ... Dann fiel sein Blick auf die Stöpsel, die im Ohr steckten. Grummelnd fuhr er sich übers Gesicht, ergriff eines der Kabel und zog es kurzer Hand heraus. Sofort sprang der Blonde fluchend auf. Ares verstand kein Wort, da Pavel halb Tscheche, halb Russe und zu einem Teil Japaner war, zumindest verkündet er es so. Wer weiß, welche Gene sich bei ihm sonst so verbargen. Das mit Japaner könnte man sogar glauben, denn seine Gesichtszüge waren fein und auch an den schwarzen Augen erahnte man es.

„Verdammt, Ares! Erschreck mich doch nicht so, Alter“, schimpfte Pavel und verstaute das Musikgerät in einer Schublade.

Kurz wischte er sich die Hände an dem beigen Hoodie ab und reichte sie seinem Gegenüber. Mit erhobener Augenbraue ergriff der Schwarzhaarige die dargebotene Hand und schlug ein. Danach versuchte er sie so unauffällig wie möglich an der Jeans abzuwischen. Wer weiß, wo Pavel seine Hände heute überall gehabt hatte?

Ein Blick auf den Tresen, ließ ihn tief seufzen. Nicht nur ein halb gegessenes Sandwich lag da, sondern auch allerlei merkwürdige Zeitschriften. Näher würde Ares nicht darauf eingehen. Er sollte sich die Hand komplett abhacken um keine Infektion zu bekommen!

„Was kann ich für dich tun, mein Freund?“ Pavel lehnte sich weiter über die Theke und ein gewisses, erwartungsvolles Strahlen trat in die tiefen, schwarzen Augen.

„Ich habe da etwas, bei dem ich deine Hilfe brauche“, erklärte Ares und holte das Schmuckstück aus der Tasche.

Augenblicklich zuckten Pavels Augenbrauen ungläubig nach oben. „Ohhhh wow! Wo hast du dich mein Leben lang versteckt, du Schönste aller Schönen“, hauchte er ehrfürchtig und drehte die Kette in alle Richtungen.

„Auf dem Hals einer reichen, alten Schabracke“, feixte der Schwarzhaarige. „Wieviel kannst du mir dafür geben?“

„Hmm, schwer zu sagen. Es ist nicht gerade eine wertlose Brosche oder sonst irgendein Firlefanz, was du hier anschleppst. Das, mein Guter, könnte problematisch werden.“ Pavel kramte sein Refraktometer hervor und schon war er in seinem Element.

„Also kriegst du sie nicht weg?“, überlegte Ares und schmiedete bereits einen Plan. Wollte nach der Kette greifen, doch Pavel zog sie aus seiner Reichweite.

„Das habe ich nicht gesagt“, sagte der Blonde und hielt das Schmuckstück ins Licht.

„Die Klunker sind wirklich echt“, hauchte er ehrfürchtig. „Wie zum Geier hast du die in die Finger bekommen?“

Ares öffnete den Mund und war im Begriff zu antworten, doch Pavel schnitt ihm das Wort ab.

„Ich will es gar nicht wissen!“, hob er die Hand. „Ich werde etwas Zeit brauchen um einen vernünftigen Käufer zu finden. Du weißt, wie die Sache abläuft.“ Pavels Blick huschte immer wieder vom Collier zu Ares und zurück.

„Ja, ich weiß. Melde dich dann“, verabschiedete sich Ares. Kopfschüttelnd warf er Pavel, welcher ihn nicht mehr beachtete, einen letzten Blick zu, dann verließ er die Pfandleihe endgültig.

Genau das war es hier… eine Pfandleihe, für all die netten Bürger in Las Vegas, doch was sich hinter dem Tresen abspielte, war eine völlig andere Welt. Hehlerware, Drogen und sogar Waffen konntest du über den blonden Mann beschaffen.

Pavel war ein netter Mann, drei oder vier Jahre, Ares vermochte es nicht zu sagen, älter als er selbst.

Immer wieder unterhielten sie sich, nicht nur über die Ware. Ab und zu auch über private Sachen, wie Frauen und Familie, tauschten sie sich aus. Pavel hatte nichts von beidem mehr. Die Eltern waren, genauso wie die von Ares auch, vor langer Zeit gestorben.

Und seine Frau? Die hatte ihn verlassen… nur wenige Monate nach der Ehe. Seit der Zeit baute sich Pavel die Zukunft in diesem Geschäft auf.    

 

Weitere endlose Minuten vergingen, in denen Ares die Straßen entlanglief. Einfach nur gerade aus, ohne festes Ziel. Er wollte nicht wieder in seine Wohnung. Wollte nicht riskieren auf Pax zu treffen. Ihm war immer noch der Ausraster von heute Morgen peinlich. Was war nur in ihn gefahren?!

Seufzend blieb er stehen. Was sagt die Uhrzeit? Ares kramte sein Handy aus der Hosentasche und entsperrte es. Verblüfft blickte er auf das Display. 1 Anruf in Abwesenheit Pax hatte versucht ihn anzurufen? Wieso hatte er es nicht bemerkt? Dann sah Ares das Blinken einer Nachricht:

Alter, was war denn los? Hab ich etwas falsches gemacht?

Meld dich bei mir.

Ob er ihn anrufen sollte? Dann fiel sein Blick auf die Uhrzeit und Ares entschied sich, das auf später zu verschieben. So langsam sollte er die Show für heute Abend vorbereiten.

Es wäre wieder der gleiche Ablauf. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Ares kam mittags hierher, bereitete alles vor. Keiner hatte das Recht, das kleine Theater während dieser Zeit zu betreten. Und sobald es Abend wurde, zog er seine Maske über und wurde zu Chapeau. Er trat auf, beendete die Show und machte sich auf den Weg nach Hause, schlief, und am nächsten Tag fing das gleiche Spiel wieder von vorne an.

 

Knarzend öffnete sich die schwere Eingangstür des alten, in den späten 40er Jahren erbauten, Gebäudes.

Über der Tür hing ein großes Schild. Darauf stand in verschnörkelten Lettern: Chapeau, la Chapellerie und ein überdimensionales Bild, welches den Künstler höchstpersönlich zeigte, prangte ebenfalls darauf.   

 

Ebenso wie gestern schaltete Ares das große Deckenlicht an. Die Scheinwerfer erhellten sofort den ganzen Raum in strahlendem Licht.

Als Ares nach oben auf die Bühne schlenderte und die Augen für einen kurzen Moment schloss, hörte er das Publikum, wie es applaudierte und nach einer Zugabe schrie. Es war ein unglaubliches Feeling. Ein Gefühl von Akzeptanz und des Daheimseins. Ein Empfinden, das der Magier nicht missen wollte. Und deswegen beschäftigte er sich jeden Tag damit.

Dafür arbeitete er so hart! Dafür wahrte er sein Geheimnis!

 

Die Sonne über der Stadt der Träume und des Glückspiels versank in rasender Geschwindigkeit. Die Stunden bis zum Abend rannen dahin wie kleine Sandkörner in einem endlosen Stundenglas.

Ehe sich Ares versah, war es schon Zeit für einen weiteren Abend voller Magie und Mysterien.

 

Ares erlaubte sich einen kleinen Blick zwischen die Vorhänge zu erhaschen. Heute waren die Plätze ein weiteres Mal reichlich gefüllt und die Stimmung, wie jeden Abend, fulminant.

Immer wieder huschten seine Augen über die Menge, auf der Suche nach Beute, auf der Suche nach einer nächsten Gelegenheit, auf der Suche nach blauen Augen. Doch er fand nur ersteres.

 

Ein Trick war besser als der andere und Chapeau war im Rausch seiner Magie gefangen.

Alles lief wie am Schnürchen. Die Leute staunten, applaudierten und lachten. Ares fühlte sich, als würde ihn nichts und niemand stoppen können.

 

Gerade war er dabei seine Spielkarten in die Luft zu werfen, als plötzlich die Situation mit einem Mal kippte und Ares´ Welt in sich zusammenbrach. Wie ein Kartenhaus in einer herbstlichen Brise.

Lautes Getrampel dröhnte von draußen in das voll besuchte Theater. Stimmen erhoben sich und kamen immer näher, bis der Grund dafür durch die Saaltür stürmte.

Das Publikum bekam Panik. Manche sprangen auf, waren im Begriff aus dem Gebäude zu fliehen. Vermummte Männer standen an den Ausgängen und blockierten diese.

SIE stoben die Treppen hinab, wie eine Horde wild gewordener Pferde.

In ihren beigen Uniformen. Bewaffnet mit Schlagstöcken und Pistolen.

Cops!

Augenblicklich kam einer der Polizisten auf Chapeau zugerannt.

Mit erhobener Waffe schrie er ihm etwas entgegen, doch Ares verstand kein einziges Wort. Wie durch Watte, drangen die Geräusche zu ihm durch. War das eine Razzia? Ein Überfall? Oder bloß ein miserabler Scherz?

Ares wusste nicht, wo ihm der Kopf stand, bis der Cop ihn erreicht hatte, jetzt konnte er ihn deutlich klarer hören. Doch Ares wünschte sich, er hätte es nicht gehört. „Mr. Chapeau, Sie sind verhaftet, in Hinsicht auf den Einbruch beim Juwelier High. Sie haben das Recht zu schweigen ...“

Mehr drang nicht in sein Gehirn durch. Einbruch? Welcher Einbruch?

Das Klicken der Handschellen hallte unnatürlich laut in seinem Gehör wider. Die Schwere des Metalls, das fest und schuldig um die Handgelenke lag, machten seine Situation überaus deutlich. Er war verhaftet!

Die Polizisten drängten ihn in einen Streifenwagen. Blitzlicht der Kameras blendete ihn. Er konnte kaum hinsehen. Musste nicht, um zu wissen, dass sein Gesicht die morgige Schlagzeile schmücken würde.

Im schrillen Ton der Sirenen rauschte der Polizeiwagen davon.

 

Der Raum, in den sie Ares brachten, war alt und abgenutzt. Graue Wände, graue Decke und selbst der Boden war grau. Nichts weiter, außer einem Tisch und zweier Stühle, von denen er nun auf einem saß, war hier zu finden. Keine Fenster, keine Blumen, die die triste Umgebung etwas freundlicher hätten gestalten könnten. Nichts! Außer der Kälte und des Hier und Jetzt.

Es war einer dieser typischen Verhörräume, wie Ares sie aus dem Fernsehen kannte. In einer der Ecken bemerkte er die obligatorische Kamera. Immer hatte er gedacht, es sei ein Klischee und jetzt wohl der gute und der böse Cop hereinstürmen und würden ihn in die Mangel nehmen.

Wunderbar, das hätte ihm auch noch gefehlt! Seufzte er und knallte mit dem Kopf auf die metallene, wie sollte es anders sein, graue Platte. Sofort bereute er es.

Die Tür öffnete sich, ein Mann trat ein. Seine Marke wies ihn als Hauptkommissar aus. Ein so hohes Tier zur Befragung? Was hatte er verbrochen!?

„So, Mr. …,“ Er sah in seine Unterlagen „Chapeau?“, und runzelte die Stirn. „Warum ist kein richtiger Name angegeben?“, fluchte er dem Kollegen entgegen, der keine fünf Sekunden nach ihm eingetreten war.

Er war dünn und schmächtig. Mit einer großen Hornbrille und einem Ordner unter dem Arm, war er entweder der Praktikant, Lehrling oder irgendein Büroheini.

„Es muss da drinstehen, Chef“, brabbelte er schnell und linste in die Unterlagen, dabei immer seine Brille hinaufschiebend. „Eigenartig ...“

Seufzend massierte sich der Chef das Nasenbein. „Wie dem auch sei. Ihnen wird schwerer Diebstahl in mehreren Fällen vorgeworfen. Wir haben Sie auf Video.“

„Bitte was?!“ Verblüfft sah Chapeau sein Gegenüber an. In seinem Theater waren keine Kameras!

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt.“ Diesen Satz hatte er in so manch einer Krimiserie gesehen und hätte nie gedacht, dass er jemals in so eine Situation geraten würde, in der er ihn bräuchte.

Ob eines seiner Opfer doch etwas bemerkt hatte? Nein, unvorstellbar, und doch saß er jetzt hier.

In diesem stickigen Gebäude, mit diesem Polizisten gegenüber.

Scheinbar hatte der Kommissar mit so einer schnellen Antwort nicht gerechnet, denn eine Vene auf seiner glänzenden Stirn fing gefährlich an zu pochen. Leichte, rote Flecken bedeckten das blasse, vom Falten zersetzte Gesicht. Das dünne, braune Haar war mit vielen grauen Strähnen durchzogen. Attraktivität sah anders aus, grinste Ares in sich hinein.

„Verdammt! Nehmt ihm diese Maske ab! Wir sind doch nicht beim Kinderfasching!“, brüllte der Kommissar, als er Ares´ Grinsen bemerkte.

Kleine Spucktropfen flogen aus dem Mund und landeten vor dem Schwarzhaarigen auf dem Tisch.

Angewidert verzog Ares das Gesicht. Diese Geste schien dem Kommissar das letzte bisschen Geduld zu rauben.

Augenblicklich sprang er auf. Umrundete den Tisch und ergriff Chapeaus Maske.

Panik durchfuhr Ares´ Glieder. Seine Hände waren gefesselt! Er konnte sich nicht wehren. Konnte nicht verhindern, dass die jahrelang aufgebaute Tarnung aufflog. Jetzt! Hier! In diesem Moment!

Die grünen Augen fixierten das Helferlein. Ein leichter Impuls zuckte durch Ares´ Körper, ohne es kontrollieren zu können.

Plötzlich schrie der dürre Mann auf. Erschrocken sprang er auf.

Der Ordner in seinen Händen wackelte. Erst leicht, dann immer schneller. Blätter flogen heraus und fingen an zu qualmen.

Prompt lies der Kommissar von ihm ab und rannte seinem Kollegen zu Hilfe.

Ein kleines Feuer entzündete sich. Die Beamten huschten wie aufgeschreckte Hühner im Raum umher und Ares war nur nach Lachen zumute.

Das kleine „Zing“ der Sprinkleranlage in der Decke versetzte Ares´ Giggeln schnell ins Gegenteil. Augenblicklich kam das kalte Nass auf sie herab und verwandelte den Boden in eine riesige Pfütze. Nichts blieb mehr trocken, auch Ares nicht. Seufzend schüttelte er den Kopf. Sein Zylinder schirmte ihn zum Teil ab, sodass das Gesicht wenigstens davon verschont blieb. Der Rest aber war plitschnass.

„So arbeitet also die Polizei von Las Vegas? Vernichten Unterlagen und setzen das Gebäude in Brand?“, erklang eine spöttische Stimme aus Richtung Tür.

Ares hob den Kopf und wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Könnte es noch schlimmer kommen?!

In der Tür stand ein Mann, den Ares nur zu gut kannte.

Sein grauer Anzug spannte sich um breite Schultern. Die langen Beine steckten in ebenfalls grauen Hosen. Das schwarze Hemd bildete einen einfachen, aber gekonnten Kontrast. Die ersten Knöpfe waren offen, wegen der Hitze in Las Vegas, kein Wunder. Blaue, strenge Augen schauten die Anwesenden kalt an und das, wie immer akkurat getrimmte, blonde Haare, welches an den Seiten leicht ergraut war, rundete das Bild ab.

Ares kannte ihn. Nicht so erstklassig, doch die vielen Fotos in ihrem Wohnzimmer taten ihr Übriges.

„Wer sind Sie!?“, fluchte der Kommissar und starrte den Neuankömmling wutentbrannt an. Das Wasser immer wieder aus dem Gesicht wischend.

„FBI. Ab hier übernehme ich“, war die knappe Antwort und als der FBI-Agent dem Kommissar seine Marke vor die Nase hielt, runzelte dieser die Stirn.

„Sind sie nicht im falschen Zuständigkeitsgebiet? LA ist doch weiter unten“, grunzte der Kommissar mit einem Grinsen in seinem faltigen Gesicht.

Hielt er sich für witzig? Fragte sich Ares im Stillen und verfolgte die kleine Auseinandersetzung.

„Ich glaube nicht, dass es sie etwas angeht“, entgegnete der FBI Agent und drehte sich wieder Ares zu. Der Schwarzhaarige sah die Vene auf der zu hohen Stirn, des Kommissars pulsieren. Wurde sie größer? Doch er hatte keine Zeit mehr, um zu grübeln. Eine kräftige Hand schob sich unter seinen Oberarm und hievte ihn mit Leichtigkeit nach oben.

„Wir nehmen Raum 2“, verkündete der FBI-Typ und blickte die Polizisten mit erhobener Augenbraue an. Diese nickten nur missmutig.

 

„Mr. Westwood...“, fing er an.

Ares japste auf. Woher wusste er es!

„Schauen Sie nicht so schockiert drein. Wir sind das FBI. Glauben Sie, wir würden jemanden wie Sie nicht im Auge behalten?“, rollte der FBI-Typ mit den Augen.

„Agent Monrow, was machen Sie in Vegas? Und was wichtiger ist: Bitte verraten Sie Jo nicht, wer ich wirklich bin. Das weiß niemand und ich möchte, dass es auch so bleibt“, bettelte Ares, die Ketten an seinen Handgelenken klirrten auf dem metallenen Tisch.

Sie saßen in Raum Nummer 2, hier sah es identisch aus wie im Raum vorher. Mit dem kleinen Unterschied, dass es hier keine Kameras gab.

Jack Monrow war Jos Vater. Ares kannte ihn nur von gelegentlichen Besuchen und von den zahlreichen Fotos. Er und seine Tochter hatten sich auseinandergelebt. Was der Grund dafür war, wusste Ares nicht. Jo sprach nur ungern von ihrer Familie.

„Keine Sorge, Mr. Westwood. Es geht hier nicht um ihr kleines Geheimnis. Und ich bin wegen Ihnen hier“, Monrow setzte sich ihm gegenüber und ließ die Akte vor seine Nase fallen.

Das Foto eines maskierten Mannes sprang Ares sofort ins Auge. Mit der Maske und dem Zylinder auf dem Kopf sah der Typ fast genauso aus wie Chapeau. Wäre da nicht seine dunkle Haut gewesen. Wie konnte ihn die Polizei bei so einem deutlichen Unterschied nur verdächtigen?!

Das war unmöglich!

„Das bin ich nicht!“, protestierte Ares sofort. Wollten die ihm etwas anhängen!? Ihn unschuldig - na ja, fast unschuldig - ins Gefängnis stecken?!

Ares spürte Wut in seinem Körper aufsteigen. Fühlte die Energie, wie sie auszubrechen drohte. Das durfte er jetzt nicht zulassen. Nicht noch einmal. Ein Brand pro Tag reichte aus! Er hatte nicht das Recht, hier Magie anwenden.

Mit Mühe unterdrückte er das Zittern seiner Handflächen und die Kraft, die sich vibrierend in seinem Inneren sammelte.

„Ganz ruhig, Kleiner. Wir wollen dir nichts anhängen“, sprach Monrow besänftigend auf Ares ein.

Kann er meine Gedanken lesen?! Lauernd sah Ares sein Gegenüber an.

Es fiel ihm deutlich schwer, bedacht zu bleiben, deswegen bohrte er seine Fingernägel in die Handflächen. Versuchte konstant, ein und aus zu atmen.

„Wir wissen, dass du das nicht bist“, er deutete auf das Foto. „Aber wir haben gehofft, du könntest uns helfen herauszufinden, wer es ist.“

Agent Monrow lehnte sich zurück und verschränkte abwartend die Arme vor der breiten Brust.

„Wie kommen Sie darauf, ich könnte Ihnen helfen?“

„Schau mal weiter in die Akte. Darin steht alles, was du wissen musst“, antwortete der Agent.

Skeptisch blätterte Ares durch die Seiten.

„Das kann doch nicht wahr sein“, murmelte er, je mehr Informationen er las.

„Dieser Kerl ... er ist wie ich!“, keuchte Ares ungläubig.

„Woher haben Sie diese ... Woher wissen Sie von ...?“, stotterte der Teenager. Panik erfasste ihn, machte sich in ihm breit. Er war aufgeflogen! Aber sowas von!

„Weißt du, Ares ... ich darf dich doch Ares nennen?“, erkundigte sich Monrow freundlich. Ares nickte nur stumm.

„Wir haben dich schon lange auf dem Schirm. Und deinen Hokuspokus ...na ja, sagen wir mal so. Solange es niemanden verletzt hat, haben wir es toleriert. Es gibt eine bestimmte Abteilung beim FBI, die sich um Menschen mit speziellen Fähigkeiten kümmert und sie beobachtet. Wenn keiner sich auffällig verhält, lassen wir diese Personen in Ruhe. Wenn aber einer aus der Reihe tanzt“, damit meinte er den Typen auf dem Foto, „dann sind wir gezwungen einzugreifen.“

Ungläubig hörte Ares Jack zu. Er hatte nicht gewusst, dass es andere Menschen wie ihn gab. Seit drei Jahren hat er sich wie ein Außerirdischer gefühlt und mit dem Wissen gelebt, er wäre der Einzige mit solchen Fähigkeiten. Sollte es sich jetzt ändern? Konnte er glauben, dass es mehr seiner Art gab?

Sein Kopf schwirrte. Es waren deutlich zu viele Informationen.

Es musste hier raus!

Funken fingen an, um seine Handflächen zu sprühen. Rot, Violett. In den verschiedensten Tönen. Ares´ Kopf war dem Explodieren nahe. Wieso hat die Agency ihn nicht früher kontaktiert!? Warum das Ganze?!

„Dieser Maskierte hat einige wertvolle Sachen entwendet, von denen wir wissen, wenn sie in die falschen Hände geraten, wäre das verheerend. Es sind eine Art Splitter. Wie die eines Kristalls“, redete Jack Monrow weiter. „Verstehst du? Ares?“

Schweiß rann Ares die Stirn hinab, ließ ihn blinzeln. Er konnte dem Agenten nicht mehr zuhören. Wie durch Watte drang die tiefe Stimme zu ihm durch.

Etwas Feuchtes lief seine Wange hinab. Es war nicht nur der Schweiß. Tränen mischten sich mit der anderen Flüssigkeit, bildeten eine salzige Spur aus Verzweiflung und Trauer, bis sie letztendlich auf den Tisch tropften und sich dort zu einer kleinen Lache formten.

 

„Wie kann ich Ihnen da behilflich sein? Wenn es andere wie mich gibt, kann da keiner von denen helfen?!“, krächzte Ares verzweifelt.

Seine Stimme drohte ihm zu versagen. Soweit war er schon! Heulte hier vor einem Erwachsenen wie ein kleines Kind!

„Das Problem ist, Ares, es gibt keinen, der die gleichen Fähigkeiten hat wie du. Verstehst du?“, antwortet Monrow bedacht, kam dabei ein Stück weit nach vorne.

„Deine „Magie“ ist etwas Besonderes. Die anderen haben nur eine Fähigkeit, wie zum Beispiel Telekinese. Du aber, kannst das Alles in Einem, das gab´s zu meiner Zeit noch nicht Ares, und dieser Typ...“ Monrow deutete mit dem Finger auf das Foto, „kann das auch. Deswegen sind die Restlichen machtlos.“

Der Agent blickte den Mann vor sich an. Das verzweifelte und nasse Gesicht des Jungen weckten Monrows Vatergefühle.

Kurz tätschelte er die Hand des Gefangenen. Wollte ihm Trost spenden und zeigen, dass alles in Ordnung war, hatte er zumal ja eine Tochter in dem gleichen Alter. Jo mochte zwar nicht dasselbe durchmachen wie Ares, doch auf Grund seiner Arbeit war Monrow selten zu Hause. Er wusste um die Trauer und Einsamkeit eines geliebten Menschen und Ares hatte sie beide verloren, Vater und Mutter.

 

Etwas Besonderes? Diese Worte kreisten in Ares´ Kopf herum, wie ein Hubschrauber über Las Vegas. So hatte ihn bis dato nie jemand genannt.

Kurz nahm er das Foto in die Hand und sah es sich genauer an. Ewas an seinem Doppelgänger kam ihm bekannt vor, doch er konnte beim besten Willen nicht herausfinden, was es war. Sein Inneres schrie es ihm entgegen, doch Ares verstand die Worte nicht.

Der Schwarzhaarige wischte sich energisch über das Gesicht. Entfernte die Spuren seiner Schwäche.

„Kein Wort! Zu niemandem! Keiner darf erfahren, wer ich wirklich bin, dann helfe ich Ihnen auch.“ Ares hatte einen Entschluss gefasst.

Wenn dieser Typ genauso war wie er, dann wäre es Ares vielleicht möglich, mehr über sich selbst zu erfahren. Woher er seine Kräfte hatte oder weshalb er sich so von den anderen unterschied.

Ares willigte ein.

Die Handschellen schlugen klirrend aneinander, als er Monrows Hand ergriff und sie schüttelte. Es war ein Abkommen. Ein Abkommen der gegenseitigen Hilfe. Hoffentlich war es die richtige Entscheidung.

„Warum wurde ich eigentlich verhaftet?!“, fielen dem Gefangenen die Handschellen wieder ein, die jetzt doch recht unangenehm wurden.

„Reine Vorsichtsmaßnahme“, versicherte Monrow und schloss diese verfluchten Dinger wieder auf. „Das ist eine Spezialanfertigung für Leute wie dich“, Monrow sah auf die Handschellen. „Eigentlich solltest du nicht einmal das kleinste Fünkchen Magie benutzen können, doch du hast es geschafft den Raum in Brand zu stecken .... Verblüffend.“ Monrows Blick glitt an den Handschellen vorbei auf Ares´ Hände. Seine Stirn kräuselte sich in grüblerischer Mine.

Ares rieb sich die Handgelenke. Erstaunt folgte der dem Blick.

Die Magie beruhigte sich zwar wieder und normalisierte sich mehr oder weniger, doch etwas stimmte nicht. Sie lief nicht in ihrer gewohnten Bahn.

Plötzlich zuckte eine Schmerzwelle durch den Körper des jungen Mannes. Zischend krümmte er sich.

Diese unkontrollierbaren Anfälle hatte er immer wieder mal. Doch diesmal war es schlimmer. Lag es an der gestauten Magie, die jetzt wieder frei lag?

„Was zum...!“, entfuhr es Ares durch zusammengebissene Zähne.

Sein Körper spannte sich an und kleine Spannungsladungen drangen nach außen.      

„Ares. Ich möchte, dass du mich begleitest.“ Monrow, der die Situation nachdenklich beobachtet hatte, griff den Jungen am Unterarm und zog den Teenager, wie das Mal zuvor, auf die Beine.

Kurz schnaufte Ares und atmete tief durch. Die Schmerzen ebbten leicht ab und er folgte dem größeren Mann widerwillig. Sein Körper fühlte sich steif und starr an.

 

Stumm gingen sie den Gang entlang. Aus dem kleinen Raum, die Treppe hinab in die untersten Stockwerke. Sie kamen im Keller an. Ares wusste bei bestem Willen nicht, wo er hier war, bis sein Vordermann plötzlich das Schweigen brach.

„Wie geht es Jo?“, wollte er wissen, als wären sie bei einem Kaffeekränzchen.

Etwas aus dem Konzept gebracht überlegte Ares kurz. „Ihr geht´s ganz gut soweit. Sie arbeitet und hat einen Freund“, antwortete Ares und dachte an die Beiden.

„Ein netter junger Mann“, nickte Jack.

„Sie kennen ihn?“, fragte Ares verblüfft.

Was sie wohl gerade taten? Sorgten sie sich um ihn? Hatten sie überhaupt bemerkt, dass er weg war?

„Durch meine spezielle Aufgabe bin ich ihm das eine oder andere Mal begegnet. Ziemlich schweigsam der Gute, aber wenn er Jo gut behandelt hat er meinen Segen“, plauderte der Ältere munter vor sich hin.

„Schweigsam? Aber…“ Seit wann war Pax ein ruhiger Typ? Ares runzelte die Stirn und sah zu dem Größeren auf. Sprachen sie vom selben? Ares machte den Mund auf, wollte etwas erwidern.

„Das ist unser Forschungslabor“, verkündete Monrow und brachte Ares zum Schweigen.

Ohne Mühe schob sich die schwere Eisentür auf und legte einen hellen Raum frei. Staunend folgte der Jüngere dem größeren Mann hinein.

Es war wie in einem Science Fiction Film. So, als würde man in einem Raumschiff stehen oder eine Zeitreise in die Zukunft machen.

Überall standen Tische mit verschiedenen Reagenzgläsern und Computern herum. Allerlei Hightech-Zeugs lag hier und da herum.

Ares fühlte sich wie James Bond, der gleich seine Gadgets bekam.

Doch Monrow blieb nicht stehen. Er schlenderte weiter gemächlich durch den Raum. Die Leute begrüßten ihn freundlich, doch Ares gegenüber herrschte Misstrauen. Skeptisch wurde er von allen Seiten beäugt. Getuschel wurde wieder lauter.

Der junge Mann versuchte, cool und gelassen zu bleiben, auch wenn er sich am liebsten hinter dem breiten Rücken des Agenten versteckt hätte.

„Hi“, „Hallo“ und „Wie geht´s?“, waren so seine coolen Gesprächsfloskeln. Mehr brachte er nicht heraus. Was sollte er sonst noch sagen? Hatte er, nach wie vor, sein Kostüm an und fühlte sich wie auf dem Präsentierteller.

„Chapeau, beweg dich!“, erklang eine laute Stimme und erst jetzt merkte Ares, dass er stehen geblieben war.

Die Wissenschaftler um ihm herum sahen ihn an. Stumm, akribisch und missbilligend. Es war ihm unangenehm, so zog Ares seinen Zylinder tiefer ins Gesicht und beeilte sich, zu dem wartenden Agenten zu kommen. Ares wollte Jacks Wut nicht auf sich ziehen.

„Hier drinnen gibt es etwas, dass dir helfen sollte, deine Kraft besser zu kontrollieren“, setzte Monrow, ihn in Kenntnis.

Ares verstand nur Bahnhof. Was sollte ihm helfen?

„Ich habe dir vorhin von den Schmuckstücken erzählt ...“ Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete der blonde Mann sein Gegenüber, eher er seufzte und einen Knopf drückte. Die Türen schoben sich mit einem leisen Zischen auseinander und entblößten reine Dunkelheit.

Ares sah nichts außer Finsternis, aber es war, als würde etwas nach ihm rufen. Wie ein leiser Hauch streichelte dieses Unbekannte sein Gesicht, berührte sein Inneres und trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn.

„Deine Mutter gab es uns nach deiner Geburt. Ich denke, es ist an der Zeit.“

Bitte was?! Was ging hier vor? Ares wirbelte herum. Was hatte Monrow gesagt?!

„Meine ...?“, mehr brachte Ares nicht raus.

Er spürte eine große Hand auf seiner Schulter, eine kleine Bewegung und plötzlich verlor Ares das Gleichgewicht und stürzte in die unbekannte Dunkelheit.

 

Kapitel 4

 

 

Nichts als Schwärze empfing Ares in diesem endlos wirkenden Raum. Nicht einmal die Hand vor seinen Augen konnte er sehen.

„Hey!“, schrie er gegen die Dunkelheit an. „Ist hier jemand?! Was soll der Mist!“

Doch nichts und niemand antwortete ihm.

 

Orientierungslos bewegte sich der Teenager in das Unbekannte.

Der Boden fühlte sich flach und eben, unter seinen schwarzen Schnürschuhen, an. Als würde er auf einem Spiegel laufen. Nur das leise Klacken der Sohlen begleitete ihn in der Stille.

Weshalb schaffte er es nicht, seine Magie zu benutzen?

Ares spannte den Körper an. Versuchte, sich zu konzentrieren. Nicht einmal einen kleinen Hauch brachte er hervor.

„Verdammt!“, fluchte er.

Kein Glimmen oder Funken, um der Dunkelheit zu entkommen. Nichts geschah. Etwas in seinem Inneren war wie blockiert.

Kurz hob er die Hand vor sein Gesicht, nicht einmal die sah er. Die Dunkelheit drückte schwer auf seinen Kopf. Gaukelte ihm alles Mögliche vor. Schatten, die nicht hier sein sollten. Geräusche, die es nicht gab.

„Ares“

„Hallo?“, flüsterte er. Hatte jemand nach ihm gerufen?

Schatten huschten an ihm vorbei. Kreuzten seinen Weg oder liefen direkt in ihn hinein. Durch ihn durch.

Er spürte sie nicht. Fühlte keine Berührung und doch war es so real. Es wurden immer mehr und mehr. Tauchten aus dem Nichts auf.

Sie kämpften miteinander, schlachteten sich ab. Ares konnte ihre Bewegungen nur wage sehen, konnte sie nicht verfolgen.

Plötzlich stürmte eine Horde von Wesen auf ihn zu. Er konnte sie nicht zuordnen. Erhoben waren ihre Gliedmaßen, bereit zuzuschlagen, zu morden. Klauen blitzten. Rasten auf ihn zu.

Ares duckte sich blitzschnell. Kauerte sich zu einem Klumpen auf dem kalten Boden zusammen.

Angst kroch ihm in die Glieder.

„Ares“            

Auf einmal drang ein leichtes Surren an sein Ohr. War das wieder nur Einbildung?

Ares hob den Kopf. Eine Gestalt stand vor ihm. Schimmernd. Durchsichtig und nicht wie die anderen, schwarzen Klumpen aus Nichts.

Die Hände hielt sie ausgebreitet, schützend. Wie eine unüberwindbare Wand.

Ihr Gesicht sah er nicht, nur die blonden, langen Haare, wie sie in zarten Wellen ihren Rücken hinabflossen. Dann löste sie sich, in unzählige Partikel aus Licht, auf.

Die Schatten verschwanden mit ihr zusammen, nur das stetige Surren drang durch die Schwärze zu ihm durch.

Es knallte. Eine Explosion?!

Es zwang den am Boden kauernden auf die Beine zu springen. Flink wirbelte der Schwarzhaarige herum, konnte nicht ausmachen, woher es zu kommen schien.

Wie ein Irrer drehte er sich um seine eigene Achse. Im Kreis, bis ihm schwindelig wurde. Wollte etwas sehen! Finden, woher die Geräusche kamen! Aber es blieb weiterhin dunkel.

Zu dem Surren gesellte sich eine leise Stimme. Es war nur ein Hauch, doch sie kam ihm bekannt vor.

Ares konnte nicht verstehen, worüber sie sprach. Sie war zu leise und undeutlich.

„Ares“ Ein Wispern, dem eines Windes gleich.

Plötzlich flackerte ein Licht auf. Nicht weit von ihm. Es war nicht hell, doch es war etwas, was Ares half, nicht mehr in vollkommener Dunkelheit herum zu stolpern.

Achtsam bewegte sich er sich darauf zu. Es war nicht die Neugier, die ihn dahinzog. Es war etwas Anderes. Etwas Tieferes. Er konnte es nicht genau erklären. Es war ein inneres Empfinden, welches ihn leitete.

Seine Schritte hallten in der Halle wider. Laut und monoton. Dann rannte er los. Überwand die Distanz. Jetzt stand er davor und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Es berühren? Würde es ihn verbrennen? Oder weggehen? Doch dieses seltsame Licht, schien ihn nicht gehen lassen zu wollen.

Unschlüssig sah Ares dem hellen Ding dabei zu, wie es sich, in einer nicht wahrnehmbaren Brise, zu wiegen schien. Die Stimme wisperte unaufhaltsam weiter.

Ares erkannte sie langsam, je länger er hier stand. Eine kleine Träne rann ihm die Wange herab. Wie war das möglich? Es war seine eigene! Und doch klang sie so befremdlich.

Auf einmal flackerte das Licht mehr auf und verformte sich, bewegte sich schneller. Verließ seinen Platz.

Es fing an zu tanzen, formte seine Kreise um Ares herum. Wiegte sich von einer Seite zur anderen.

Fasziniert folge Ares dem Schauspiel. Inmitten des Lichtes konnte Ares etwas ausmachen, es sah aus wie ein kleiner, zerbrochener Stein. Ein winziges, funkelndes Fragment eines Kristals.  

Plötzlich verschwand das Licht vor seinen Augen und ein stechender Schmerz durchzog den Schwarzhaarigen schlagartig.

Diese kleine, zarte Flamme hatte sich brutal in seine Brust gerammt. Wie ein Schwert, durchspießte sie ihn. Fraß sich in seine Innereien.

Eine Schmerzwelle nach der anderen jagte durch seinen Körper, begleitet vom Singsang der Stimme.

Ares schrie auf, verzweifelt und voller Schmerz. Der Schrei vermischte sich mit der Stille. Dumpf und träge. Sein Kopf sandte einen Impuls nach dem andern. Glaubte gleich verbrennen zu müssen.

Schmerzhaft bäumte sich sein Körper auf.

Wie Flammen pulsierte das Licht in Ares´ Venen. In der Dunkelheit strahlte der Schimmer unter seiner Haut. Jagte durch alle Bahnen. Er glühte förmlich von innen heraus.

„Oh Gott, wann hört es auf!?“, flehte Ares verzweifelt, doch kein Laut verließ die zusammengepressten Lippen.

Keuchend brach er zusammen. Schlang die Arme verzweifelt um seine bebenden Schultern.

Das Licht sammelte sich an seinem Unterarm, glühte und zeichnete verschnörkelte Muster nach. Brannte sich in das Fleisch, bis es abklang und ein Symbol hinterließ.

Heiß und pulsierend.

Doch Ares war schon längst in seiner Ohnmacht gefangen.

Sah es nicht.

Das Zeichen, das in markierte, als das, was er war.

Kapitel 5

 

 

Vor 3 Jahren in Los Angeles

 

Ares? Schläfst du noch?“, rief eine helle, weibliche Stimme die Treppe hirauf zum ersten Stock des Einfamilienhauses im Herzen LAs.

Eine reizvolle, konforme Gegend, in welcher man sich gerne zur Ruhe setzte und einen Schwall Kinder zeugte.

So dachten es Mr. und Mrs. Westwood ebenfalls, die erst vor Kurzem hergezogen waren. Eine kleine Familie, bestehend aus drei Mitgliedern. Vater, Mutter und Sohn. Ein Sohn, der heute seinen ersten Tag in der neuen Schule hatte.

„Nein, Mom!“, schrie Ares zurück und riss panisch die Augen auf.

Fluchend sprang er aus den weichen Laken des mittelgroßen Bettes. Ein wilder Traum hatte den jungen Mann in seinen Armen festgehalten und wollte den Teenager nicht mehr loslassen. Immernoch konnte Ares die wirren Bilder in seinem Kopf sehen. Von abgetrennten Gliedmaßen bis hin zu Rauch und Feuer.

Nach wie vor konnte er die Hitze deutlich auf seiner schweißnassen Haut spüren. Fühlte den Rauch in der Lunge kratzen. Es war verrückt, so, als hätte er denn Traum live miterlebt.

Schnell vertrieb er die Bilder. Es war nur ein Alptraum!

Als sein Blick auf den Wecker fiel, erschrak er.

„Verdammt!“, fluchte Ares und hätte sich um Haaresbreite in der Decke verheddert. Wie eine Anakonda umschlang das weiche Stück Stoff seine Beine und hinderte ihn daran, sich zu bewegen.

Mit Mühe und Not kämpfte sich der einstige Teenager aus dem Gewirr aus Gliedmaßen und Stoff und blieb letztendlich der Sieger.

Schnell hastete er in das kleine Badezimmer, was er sein Eigen nennen konnte, da es niemanden gab, der es sich mit ihm teilen musste, vorbei an dem ganzen Chaos, welches in seinem Zimmer herrschte. Ares war froh, nicht über die Vielzahl an Kartons zu stolpern, die hier zurzeit herumstanden.

Ares war ein Einzelkind. Was seine Vorteile hatte, wie zum Beispiel das eben erwähnte eigene Badezimmer.

Während er im Bad stand und versuchte mit einer Hand die Zähne zu schrubben und mit der anderen das schwarze Vogelnest, welches sich Haare schimpfte, in Ordnung zu bringen, dachte er über heute nach. Wie müsste er sich benehmen? Wie würden seine neuen Mitschüler in ausnehmen?

Frustriert spuckte er die Zahnpaste ins Waschbecken und wusch sein Gesicht. Tropfnass starrte ihn der junge Mann aus dem Glasgefängnis an. Kleine Tropfen perlten von seinen Haarspitzen, die ihm in die Stirn hingen. Mit einer fließenden Bewegung wischte er sie sich nach hinten und seufzte. Es war nicht nur das neue Jahr an einer neuen Schule, sondern sein letztes an der Highschool. Nächstes Jahr würde sich für ihn alles ändern, dann war er endlich erwachsen und konnte sein Leben leben, wie er es für richtig hielt.

Zur Uni gehen, das wäre womöglich eine Option, doch Ares war nie der Lerneifrige gewesen. Unter Umständen hätte er ja eine eigene Show irgendwo, in einem kleinen Theater. Das war sein Traum.

Ares liebte die Zauberei, seit er ein kleines Kind war und wünschte sich, einmal in einem feinen Anzug auf einer Bühne zu stehen und die Zuschauer in Erstaunen versetzen. Aber seine Eltern hatten eine andere Zukunft für ihn geplant. Eine in der er studierte und etwas aus sich machte.

Ares betrachtete sich wieder im Spiegel. Alles was er in seinem Kopf hatte, war Leere… gähnende Leere.

Doch! Ein einziger, winzigkleiner Gedanke krallte sich fest und ließ ihn nicht mehr richtig atmen. Es war die Erinnerung an seinen Vater und das „Gespräch“, welches sie neulich geführt hatten. Von diesem Augenblick an, hatte sein Vater ein anderes Bild von seinem Sohn, dass konnte Ares in seinen Augen sehen. Mit einem Mal war der Funke, der früher die Liebe zu seinem Sohn war, erloschen. Der Gedanke schnürte Ares die Kehle zu. Hatte er mit seiner Beichte die Verbindung zu seinem Vater verloren? Ares schüttelte den Kopf. Er sollte sich jetzt nicht darum Sorgen.  

Seufzend riss Ares den Blick von seinem Spiegelbild, da war eh nichts mehr zu retten. Er hätte ja duschen gehen können, überlegte er kurz. Womöglich stünde sein Haar dann nicht so schrecklich ab. Rasieren sollte er sich auch mal wieder ... er fuhr sich über die Stoppeln.

Sein Handy summte leise. Eine Erinnerung an die Uhrzeit.

„Fu...!“, reichte ihm, um keine Sekunde später schon die Treppe runter zu sausen. Dann eben ohne duschen und rasieren heute. Perfekt!

„Hattest du das nicht schon gestern ant?“, empfing ihn Helen Westwood mit tadelnde Blick, als er unten ankam.

Dieser gewisse Ausdruck in ihren klaren, allwissenden Augen lag auf der Jeans und dem schwarzen Hemd, das ihr Sohn trug.

Wenn sie mit Ares´ Kleidungsstil nicht einverstanden war, sah sie ihn immer genau SO an.

„Ich habe ein frisches T-Shirt angezogen“, verteidigte sich Ares und zupfte an dem grauen Shirt herum, um es zu verdeutlichen. Es war ein grauenvolles Stück Kleidung. Alt und verzogen, doch er hatte in der Eile kein besseres gefunden. Sein gesamter Kleiderschrank steckte halbwegs in einem der Kartons, die in seinem Zimmer verteilt standen.

Man sollte meinen, nach zwei Wochen, in denen die Familie Westwood schon in diesem Haus wohnte, wäre es machbar gewesen sein Hab und Gut auszupacken! Ares war sich da nicht so sicher. Seiner Meinung nach hatte er nochgenügend Zeit dafür. Dass er die Anziehsachen nun immer suchen musste, war ihm dabei nicht in den Sinn gekommen.   

Kopfschüttelnd strich sich Ares´ Mutter die blonden Locken aus der Stirn. „Du solltest wirklich mehr auf dein Äußeres achten.“

Ares lachte auf und zog aus dem Ärmel eine kleine, rote Blume. „Das werde ich!“ Mit einem Kuss auf die Wange überreichte er sie seiner Mutter. „Versprochen“, sagte Ares.

Helen lächelte leicht und schüttelte den Kopf. Unverbesserlich das Kind. Liebevoll sah sie ihren Sohn an.

Wenn Ares diese Frau so ansah, konnte er nicht glauben, dass sie seine Mutter war. Sie war so bildschön und perfekt. Mit ihrer zierlichen Figur, den blonden Haaren und den grünen Augen, glich diese Frau einer Göttin.

Sein Dad hatte ihm als Kind oft die Geschichte ihrer ersten Begegnung erzählt. Er hatte scherzhaft gemeint, sie sei vom Himmel herabgestiegen und habe ihn als Ehemann auserkoren, weil sie seine schwarzen Haare so liebte. Doch Ares wusste, es waren nur Gute-Nacht-Geschichten. Geschichten, die nicht wahr waren, die er aber trotzdem gerne wieder hören würde.    

Zart strichen schmale Finger durch seine Haare, die gleichen Schwarzen wie die seines Vaters und holten Ares aus den Träumereien.

„Was ist los, Liebling? Du bist so still heute?“, frage sie. „Du hast doch keine Angst vor der neuen Schule? Soll ich mitkommen?“, giggelte sie und die grünen Augen strahlten wie ein Smaragd.

Vielleicht war sie wirklich eine Göttin?

Wieder zupfte sie an den Haaren ihres Sohnes.

„So ist es besser. Nicht zu bändigen. Wie bei deinem Vater,“ murmelte sie und versuchte das Chaos in Ordnung zu bringen.

„Wenigstes habe ich deine Augen. Sonst würde ich glauben, ich sei adoptiert,“ seufzte Ares theatralisch und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Schläfe.

Wenn er noch länger trödelte, würde er garantiert zu spät kommen!

Schnell schlang er sein Frühstück mit großen Bissen herunter.

„Ares, dein Vater wartet im Auto. Er wollte dich zur Schule fahren“, hielt Helen ihn auf.

Kurz schlich sich ein trauriger Blick in die klaren Augen, doch war er schnell verschwunden, als sie wieder aus dem Fenster, in den Vorgarten schaute. Dort parkte bereits ein Auto mit laufendem Motor. Wartend, ungeduldig.

 

Ares´ Hand lag auf dem Türgriff, als er innehielt. Etwas stoppte ihn einen Augenblick. Es war eines dieser nagenden Gefühle, die man nicht einzuordnen vermochte.

Ares drehte sich noch einmal um, aber seine Mutter stand bereits mit dem Rücken zu ihm und werkelte wieder am Herd herum. Der Geruch von gebratenen Eiern und Speck drang ihm in die Nase.

Kurz beschlich ihn wieder dieses nagende Gefühl. So, als hätte man jemanden sein Wort gegeben und es dann vergessen einzuhalten.

Ares schüttelte den Kopf. Was sollte er seiner Mutter schon versprochen haben?

Die Tür fiel ins Schloss, sperrte sie und das quälende Unbehagen aus.     

 

Schnell beeilte sich Ares, die Einfahrt hinunter zu sprinten. Seinen Vater warten zu lassen war eine Todsünde.

„Endlich wach?“, brummte die Stimme von Michael Westwood, kaum, dass sein Sohn die Tür öffnete.

„Tut mir leid, Sir“, entschuldigte sich Ares wie ein braver Sohn und setze sich auf den Beifahrersitz.

Als junger Bursche war sein Vater in Europa stationiert gewesen. In Griechenland, um genau zu sein, da hatte er Helen kennen- und liebengelernt. Somit war Ares halb Amerikaner und halb Grieche. Wobei er bis jetzt noch nie das Heimatland seiner Mutter besucht hatte, nicht ein einziges Mal in den 17 Jahren, die er auf dem Buckel hatte.

 

Die müden, braunen Augen seines Vaters sahen stur geradeaus, während er das Auto flink durch den Verkehr der Großstadt manövrierte.

Keiner der beiden Männer sprach ein Wort. Beide hingen ihren Gedanken nach. Es herrschte eine Stille im Auto. Nicht die angenehme und gelassene, sondern die angespannte und bedrückende.

Es gab einen Grund, warum Ares´ Dad wütend auf ihn war. Sie hatten einen furchtbaren Streit gehabt und daran war allein Ares Schuld. Wenn er seinem Vater nicht sein größtes Geheimnis anvertraut hätte, wäre es nie dazu gekommen. Seitdem herrschte Eiseskälte zwischen Vater und Sohn.

Michael sprach mit ihm nur das Wichtigste, blickte ihm nicht in die Augen und wenn es doch passierte, so sah Ares jedes Mal nur Enttäuschung in ihnen.

„Lass ihm Zeit. Er wird es verstehen“, hörte er die Stimme seiner Mutter im Kopf. Wieder und wieder, wie sie versuchte, ihn zu trösten. Versuchte, ihm beizustehen. So tolerant und liebreizend wie sie nun mal war.

Damals hatte sie sich zu ihm gesetzt. Ihm übers Haar gestrichen und sanft angelächelt. Das hatte Ares Kraft gegeben und bis jetzt schöpfte er daraus. Nur darauf wartend, dass sein Dad ihn akzeptierte. So wie er war.

 

Ruckartig blieb das Fahrzeug stehen. Holte den Grübelnden aus den Gedanken.

Ares sah aus dem Fenster.

Sie waren da. Die neue Schule.

Wie ein Statement ragte das weiße Gebäude empor. Eine Verkündung. Zum Neuanfang oder Niedergang?

Ares seufzte. Das sollte sich erst zeigen! Der Schwarzhaarige war froh, dass er nicht mitten im Schuljahr wechseln musste. Sein Vater hatte die Beförderung, die ihm angeboten worden war, soweit nach hinten geschoben, dass sein Sohn die alte Schule bis zu den Sommerferien besuchen konnte. Doch nun war es soweit. Eine Woche Schonfrist hatte er gehabt, diese war nun aber endgültig vorbei.      

 

Quietschend öffnete sich die Beifahrertür des alten, einst blauen Chevys. Das Geräusch erinnerte Ares an einen Seufzer. Unentschlossen verharrte der Schwarzhaarige und sah zu dem Gebäude. Fasste Mut.

Bevor er ausstieg, sagte er zu seinem Vater: „Ich bin immer noch dein Sohn!“ Und ohne einen Blick auf den älteren Mann zu werfen, stieg er aus.

Ares wollte nicht wieder die Enttäuschung sehen, nicht jetzt, wenn er einen neuen Abschnitt begann.

Michael erwiderte nichts, und als die Autotür hinter ihm ins Schloss gefallen war, fuhr sein Dad davon.

Ares sah ihm nicht nach. Zuhause würde er sich damit wieder beschäftigen, doch jetzt hatte nur eine Sache Vorrang!

 

Die Schultern straffend, marschierte er die Stufen hinauf in die neue Schule.

Teens in verschiedenen Altersstufen, liefen auf den Gängen auf und ab. Versanken in ihrem alltäglichen Trott. Tauschten den neuesten Klatsch aus oder sahen starr auf ihr Smartphone. Der Geräuschpegel war enorm erhöht und doch schienen sich alle zu verstehen.

Als Ares durch den doppeltürigen Eingang trat, warfen ihm nur vereinzelte Kids einen Blick zu. Das ein oder andere Mädchen fing sofort an, mit ihrer Freundin zu kichern und warf dem Neuankömmling verstohlene Blicke zu. Doch im Großen und Ganzen wurde er ignoriert.

Er war nur ein Schüler. Ein Neuer. Nichts Besonderes.    

 

Sein erstes Ziel war das Sekretariat. Was Ares zum Glück schnell fand, doch dann kam das Problem mit den Klassen.

Ein Blick auf den Plan, den die nette Dame ihm liebenswürdigerweise ausgehändigt hatte, brachte Ares nicht weiter. Alles sah gleich aus und verwirrte ihn umso mehr.

„Entschuldigung?“, versuchte Ares eines der Mädchen zu fragen, das an ihm vorbeihastete.

Erschrocken sah sie den Jungen an und beschleunigte ihre Schritte eine Spur. Mit roten Wangen marschierte sie weiter.

Ares sah ihr verwirrt hinterher. Hatte er etwas im Gesicht? Womöglich das Frühstück?! Schnell wischte er sich darüber.

Auch der nächste Schüler, den er fragte, reagierte nicht anders. Mit zusammen gekniffenen Brauen sah er auch ihm hinterher.

Unfreundliche Mitschüler. Das konnte ja heiter werden!

Knurrend knüllte Ares den nutzlosen Plan der Schule zusammen und warf ihn im hohen Bogen in den Mülleimer. Ohne Mühe landete der Abfall genau da, wo er sollte.

„Nicht schlecht.“

Erschrocken wirbelte Ares zu der Stimme herum. Ein Junge im selben Alter wie er stand vor ihm und klatschte in die Hände.

Seine Augen strahlten in einem klaren, unnatürlichen Blau. Ares bemerkte sie sofort. Sie waren seltsam und mysteriös. Bei einem Afroamerikaner war das schon etwas ungewöhnlich, den seine Haut erinnerte Ares stark an helle Vollmilchschokolade. Die Haare waren genauso schwarz wie seine selbst, doch sie standen nicht wie nach einem Stromschlag ab, sondern waren zu kleinen Zöpfen an die Kopfhaut geflochten. Ein Ohrring prangte am rechten Ohr, ebenso ein Piercing in der Nase.

Sein weißes Hemd war bis zu den Ellbogen hochgekrempelt und entblößte ein Tattoo um seinen linken Arm. Es war nichts Besonderes, nur ein einfacher, schwarzer, dicker Strich, der sich um den Unterarm schlang. Wie ein Armreif. Nur mit dem winzigen Unterschied, dass es für immer war.

Verwirrt sah Ares den anderen Teenager an.

„Der Wurf“, kommentierte er seine Aussage und schien die Verwirrung in Ares´ Gesicht bemerkt zu haben.

Oh.

„Ja, danke“, grinste Ares debil und wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Hatte er geglaubt, der Typ meinte ihn?!

Ich Depp!

„Ich bin Pax. Pax Jackson.“ Hielt der Teenie, Ares die Hand hin.

„Ares Westwood.“

„Ares?“, Pax´ Augen weiteten sich und Schalk tanzte in ihnen.

„Meine Mutter ist Griechin. Frag nicht ... Pax“, verdrehte Ares nun die seine und musste in das Lachen mit einstimmen.

„Stimmt. Mit meinem Namen haben ich es auch nicht grad gut erwischt. Meine Eltern sind schon lange nicht mehr da, daher kann ich niemandem die Schuld geben. Wobei ...“ Pax strich sich nachdenklich am Kinn. „Ares ist ja der griechische Gott des Krieges und Pax soll ja der des Friedens sein. Also, Ares ... ab jetzt pass ich auf, dass du keinen Mist baust“, lachte Pax und boxte Ares an die Schulter. „Jetzt, wo das geklärt ist,... wo musst du hin?“

Etwas verwirrt von der ganzen Euphorie, hielt Ares seinem neuen Freund seine Klassenaufteilung hin, den er zuvor von der Sekretärin erhalten hatte.

„Was für ein Zufall. Ich muss in die gleiche Klasse“, grinste der andere und deutete Ares einem Kopfnicken, ihm zu folge.

Ares wunderte sich über Pax. All die Freude konnte doch nicht in einem normalen Menschen stecken?! Kopfschüttelnd folgte er seinem Klassenkameraden und scheinbar neuem, besten Freund.

 

Als Beide die Klasse erreichten, waren die Gänge bereits leergefegt. Der Unterricht hatte vor einigen Minuten begonnen und sie kamen zu spät.

Vor dem Klassenzimmer blieben sie stehen und Pax klopfte an die Tür. Eine weibliche Stimme bat ihn, hereinzukommen.

Ares war unsicher. Auch wenn er musste, so wollte er das Klassenzimmer nicht betreten. Unsicher stand er da und kaute auf seiner Unterlippe. Pax hielt ihn am Arm fest. Zwinkerte ihm aufmunternd zu und öffnete die Tür.

Ares nickte zuversichtlich und wischte sich die schweißnassen Hände an der Jeans ab.

„Tut mir leid, Mrs Fieldson, fürs Zuspät kommen, aber ich habe da jemanden aufgabeln müssen“, erklärte er seiner Lehrerin, zog den neuen Schüler am Ärmel in die Klasse und ließ ihn vorne alleine stehen.

Pax schlängelte sich durch die Reihe, klatschte hier und da einen Mitschüler ab und setzte sich anschließend an einen Tisch in der hinteren Reihe. Pax war ein sehr beliebter Schüler, das konnte Ares auf Anhieb erkennen und wünschte sich, auch so freundlich aufgenommen zu werden.

 Neben Pax saß ein blondes Mädchen. Dieses grinste ihn an, kaum, dass er Platz genommen hatte, und fing sofort an, mit ihm zu tuscheln.

Höchstwahrscheinlich seine Freundin.

Seufzend reichte Ares der wartenden Lehrerin den Zettel mit seinen Daten.

Die neuen Mitschüler starrten ihn erwartungsvoll an. Auch hier kicherte das ein oder andere Mädchen. Einige steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Manch eine sah den Neuen mit schmachtenden Blicken an. Gewisse Mädchen waren weniger subtil und schmachteten ihn offen an oder warfen Handküsschen zu ihm herüber.

Die Jungs dagegen sahen das nicht gerne. Das machten ihre bösen Augenpaare deutlich.

Wird ja ein tolles Jahr! Ares seufzte.

Auf einmal fühlte er sich noch unsicherer. Ares kam sich vor wie ein Anschauungsobjekt!

Kurz schluckte er den Kloß hinunter und fing an, sich vorzustellen, wobei alle bei seinem Namen zu lachen anfingen, nur nicht Pax und das blonde Mädchen. Womöglich war sie ihm doch sympathischer als angenommen.

Nachdem Ares fertig war, winkte die Blondine ihm zu. Neben ihr war ein Platz frei.

 Als Ares Anstalten machte, sich zu ihr zu setzen, rutschte sie weiter und zwischen ihr und Pax blieb es leer. Machte ihm Platz.

Kurz zögerte Ares. Doch was sollte er machen? Hier herumstehen wie ein Vollidiot und auf den leeren Stuhl starren oder sich neben den anderen Jungen setzen?

Seine Entscheidung wurde ihm abgenommen, denn Pax zog ihn kurzerhand nach unten und Ares nahm brav Platz. Rechtzeitig, denn Mrs Fieldson warf ihm einen strengen Blick zu. Passend zu den nach hinten gebundenen, blonden Haaren. Ihr Gesicht war schmal und spitz. Genau wie ihre Statur. So wie ihr Nachname klang, vermutete Ares, dass sie Schwedin sei. Sie war ansehnlich, ohne Frage, doch die Frisur, der harte Blick und die schmale, schwarze Brille waren nicht gerade vorteilhaft.

Ares räusperte sich und packte seine Tasche aus, während Pax ihn angrinste und ihn an die Schulter boxte. Wenn Pax das öfters anstellte, würde er bald blaue Flecken bekommen. Lachend wuschelte er ihm durchs schwarze Haar. Sofort ergriff Ares eine innere Wärme. Es war so leicht, mit Pax umzugehen. Es war, als würden sie sich schon seit Jahren kennen.

Ares lächelte und boxte zurück.

Vielleicht würde das letzte Schuljahr doch nicht so schlecht werden wie angenommen?

„Willkommen im Irrenhaus. Das ist Jo“, deutete Pax auf das blonde Mädchen, doch sie kamen nicht mehr dazu, sich näher kennen zu lernen, denn Fieldson hatte mit dem Unterricht angefangen und duldete keine Unterbrechungen.

 

Es verging kein halber Schultag. Die Pause war gerade zu Ende, da öffnete sich plötzlich die Tür des Klassenzimmers und ein Mann mit kahlem Kopf und karierter Alter-Mann-Jacke sauste in das Zimmer.

„Das ist der stellvertretende Direktor“, flüsterte Jo Ares zu.

Während der Pause, die die drei in der Mensa verbracht hatten, konnte Ares die Blonde besser kennen lernen. Da erfuhr er von ihrem schwierigen Familienleben, dass ihr Vater beim FBI war und kaum daheim. Ihre Mutter litt furchtbar darunter und griff immer wieder zur Flasche.

Jo träumte davon, einmal als Schauspielerin oder Musicaldarstellerin auf der großen Bühne zu Stehen. Sie hatte sich fest vorgenommen, nach der Highschool in die Schauspielschule zu gehen und dort zu studieren.

Hollywood. Das war ihr Ziel. Beim Erzählen hatte die blauen Augen gestrahlt wie kleine Sterne am Firmament. Sofort hatte sie Pax aufgezogen und beide verfielen in eine Rangelei. Ares hatte das Schauspiel mit Freuden beobachtet und immer wieder seinen Senf dazugegeben. Er hatte sich glücklich gefühlt. Wer hätte geahnt, dass es nur wenige Augenblicke später, zerstört werden würde.

 

Zielstrebig steuerte der kahle Mann die Lehrerin an, reichte ihr einen Zettel und verschwand so schnell, wie er gekommen war, wieder aus der Tür.

Kurz flogen ihre hellen Augen über das Stück Papier, ehe sie ihren Blick hob. Kurz suchte sie Blickkontakt und blieb letztendlich an Ares hängen.

Als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen, war ihm mit einem Mal speiübel.

Alles fing an, nach hinten zu rutschen. Angst kroch Ares in die Glieder und ließ sie taub werden.

Mrs Fieldson rief seinen Namen, er hörte ihre Stimme, spürte Pax´ Hand um seinen Arm, der ihn stützend hielt, doch alles war wie in Watte getaucht.

Eine Panikattacke!

 Ares hatte nie eine gehabt, doch so stellte er es sich vor. Luft wurde ihm knapp. Wie ein Fisch schnappte er nach Sauerstoff, doch nichts wollte in seine Lunge gelangen.

Er schmeckte den Rauch. Es war ein Traum! Spürte die Hitze der Flammen, die das blaue Blech zerfraßen. Hörte die Schreie schmerzhaft in seinen Ohren widerhallen.

Vor seinen Augen blitzte es auf. Wie ein Sonnenstrahl, der sich in einer glatten Fläche spiegelte. Es blendete ihn! Ares kniff sie zusammen.

Pax zog ihn aus dem Klassenzimmer. Ares stolperte und landete auf allen Vieren. Er spürte den Schwindel. Alles drehte sich.

Die Erde bebte plötzlich unter seinen Händen. Oder war es nur das Zittern der Glieder? Ares wusste es nicht. Er war gelähmt. Konnte nichts hören und nichts fühlen, bis auf diesen Schmerz, tief in seinem Inneren. Er erinnerte sich an das Gefühl, welches er heute Morgen in der Küche gehabt hatte. Es war das Gleiche, nur intensiver. Sein Traum kam ihm wieder in den Sinn. So real wie jetzt!

Wie eine weit entfernte Gewitterfront hörte er das Stimmengewirr. Es wurde immer lauter, bis es plötzlich über ihm hereinbrach. Klar und deutlich.

Ares hob den Blick, sah die panisch schreienden Mitschüler durcheinander rennen. Sie quetschten oder drängelten sich an ihm vorbei, nur, um als erstes aus dem Gebäude zu kommen.

Ares bewegte sich keinen Millimeter. Er hatte es gespürt, bevor es seine Lehrerin aussprach. „Ares, kommst du bitte zu mir?“

Er hatte es heute Morgen in der Küche gespürt.

Diese Angst. Er hatte es in seinem Traum gefühlt. Diesen Schmerz. Den ganzen Tag über wusste es sein Inneres…

 Seine Eltern ... Sie waren tot!

 

Kapitel 6

 

 

Gegenwart

 

Es ließ nach. Die Vibrationen ließen nach, klangen ab und verschwanden endgültig.

Zitternd lag Ares auf dem kalten Steinboden dieser dunklen Halle.

Fühlte nichts. Sah nichts. Nur die Hitze an seinem Unterarm. Eine unerklärliche Kraft wuchs in ihm heran.

Es kam Ares vor, als wäre ein Stück von ihm wieder da. Als wäre das verlorene Puzzelstück an seinen rechtmäßigen Platz gelegt worden. Er fühlte sich wieder vollständig.

Tränen kullerten seine Wange herab. Er hatte schon lange nicht mehr an die Zeit gedacht. An die Zeit, als seine Eltern starben und sein ganzes Leben sich mit einem Schlag änderte.

Damals stand ihm Pax zur Seite und hatte auf ihn aufgepasst, so wie er es versprochen hatte. Von da an waren die beiden unzertrennlich. Ares und Pax. Krieg und Frieden.

 

Das zischende Geräusch der Schiebetür hörte er nicht, nicht die Schritte, die sich ihm näherten. Erst als sich eine Hand auf seine Schulter legte, bewegte sich Ares.

„Komm, mein Junge, steh auf.“ Jack Monrows Stimme klang wie ein Flüstern in seinen Ohren.

Weg war der strenge FBI-Ton. Jack klang mehr nach einem besorgten Vater als nach einem Agenten einer Bundesbehörde.

Schwerfällig erhob sich Ares und stand auf wackeligen Beinen. Ein starker Arm ergriff ihn stützend und führte Ares in das helle Licht der offenen Tür.

 

„Möchtest du ein Glas Wasser?“, fragte der großgewachsene Mann und sah abwartend auf den schwarzhaarigen Jungen herab.

Ares schüttelte nur mit dem Kopf, er wollte nichts. Nur verstehen, was hier vor sich ging und was das vorhin war. Warum fühlte er sich mit einem Mal so anders? Stärker? Fremder?

Ares schaute sich in dem Raum um. Hier sah es aus wie in einem normalen Büro. Sah man von den ganzen Fotos an den Wänden ab, die verschiedene Personen zeigten, die ihre Kräfte vorführten.

Ein großer, unordentlicher Schreibtisch stand am Ende des Raumes, dahinter ein Schrank. Ares saß auf einem schwarzen Sofa am Fenster. Es war offen und ein leichter Windhauch spielte mit den Vorhängen. Draußen ging langsam die Sonne auf.

 Wie lange war er schon hier? Es müsste bereits der nächste Morgen sein!

Sein Blick schweifte weiter und blieb an dem einzigen anderen Menschen in diesem Raum hängen.

Agent Monrow nahm ihm gegenüber auf dem Sessel Platz. Zwischen ihnen war ein kleiner runder Tisch.

Kurz musste Ares an das Bild eines Seelenklemptners denken. Fehlte nur, dass Monrow einen Notizblock rausholte und ihm Fragen stellte wie:

„Wie fühlen Sie sich?“

Das sollte der lieber den Älteren fragen, denn sein Gesicht wirkte leicht fall mit blutunterlaufenen Schatten um die stahlblauen Augen.

Ares legte seine Maske und den Hut ab und fuhr sich durchs verschwitzte Gesicht. Die schwarzen Strähnen klebten unangenehm in Nacken und Stirn. Ein Frisörbesuch demnächst würde nicht schaden. Dachte Ares und kratzte sich am Kopf.

„Was war das in dem Raum?“, stellte er die Frage, die ihm ohne Pause im Kopf herumspukte.        

„Was es war, kann ich dir im Moment nicht sagen, nur dass deine Mutter es hier verwahrt hat, bis du soweit warst. Leider konnte sie es dir nicht selbst geben“, kurz machte Monrow eine Pause.

„Ob es jetzt der richtige Moment ist oder nicht, kann ich nicht sagen, aber wir brauchen deine Hilfe bei der Ergreifung des Maskendiebes.“ Ares hob eine Augenbraue. „Ich weiß, der Name ist nicht sehr einfallsreich. Du solltest jetzt dazu in der Lage sein und brauchst keine billigen Tricks mehr zu verwenden.“

Während er überlegte, sah Ares auf seine Hände. Konnte er ernsthaft mehr? Wenn es so funktioniert wie die Male davor, dann ...

Ares brauchte sich nicht mal anzustrengen. Ohne Mühe glomm eine kleine Flamme in seiner Handfläche auf. Rot und strahlend. Warm und vertraut.

Wahnsinn!   

„Der Maskendieb ist mächtig. Ich hoffe, du bist es ebenfalls.“

Das hoffe ich auch!

„Geh jetzt nach Hause und ruhe dich aus. Wir melden uns, wenn es etwas Neues gibt“, verabschiedete sich Monrow an der Tür und schob Ares aus dem Büro.

Bevor der Teenager etwas erwidern konnte, wurde diese direkt vor seiner Nase zugeschlagen. Wie kam er vom Sofa runter?! Stand er so sehr neben der Spur?

Was zum...!?

Wollte der Agent ihm nicht seine Fragen beantworten?

 

 

„Agent Monrow“, die zarte Stimme Helens drang an sein Ohr und ließ den größeren Mann Herumfahren.

Er war gerade dabei, in sein Auto zu steigen und zu seiner Familie zu fahren.

Fragend richteten sich die blauen Augen auf die zarte Gestalt, die unsicher vor ihm stand.

„Sie müssen mir einen Gefallen tun“, ängstlich blickte die Frau um sich.

 

 

Genau erinnerte sich John an den Moment, an dem Helen Westwood ihn um Hilfe bat. Seufzend ging er zum Fenster und sah nach draußen. Ares war noch zu sehen. Verwirrt stand der junge Mann da und sah die Straße entlang.

Monrow seufzte.

 

„Wie kann ich behilflich sein, Madam?“, John zog an seiner Zigarette und blies abwarten den Rauch aus.

„Ich möchte Ihnen das geben“, sie hielt ihm eine Schachtel entgegen.

Sie war überwältigend. Aus Holz und mit filigranen Schnitzereien verziert. Am Deckel prangte ein Symbol, doch Monrow konnte nicht sagen, was es zu bedeuteten hatte.

„Geben Sie es Ares, wenn er soweit ist.“ Ihre Stimme zitterte. „Bitte.“

Monrow griff nach dem Kästchen. Drehte es in alle Richtungen. „Und wie weiß ich, wann es soweit ist?“

Helen schüttelte den Kopf. „Das werden Sie merken.“

Ihre Gestalt begann sich aufzulösen. Ein letztes Lächeln warf sie dem FBI Agenten zu, ehe sie mit einem gehauchtem „Danke“ in kleine, funkelnde Partikel verschwand.

 

 

Das war das letzte Mal gewesen, dass John die Frau lebend gesehen hatte. Ein paar Tage später hatte man ihren Leichnam und den ihres Mannes gefunden. Laut Akte sollte es sich um einen Autounfall gehandelt haben, doch der Agent glaubte das nicht. Dahinter steckte weitaus mehr. Das sagte sein Bauchgefühl.

Monrow fuhr sich fahrig übers Gesicht, blickte weiter auf die Straße. Ares war bereits verschwunden.

 

Etwas verdattert begab sich Ares auf den Weg Richtung Wohnung. Er wollte nur ins Bett! Seine Glieder fühlten sich an wie Wackelpudding. Es war ein komischer Tag heute und sein Verstand hattte die letzten Ereignisse noch nicht verarbeitet.

Viele Fragen schwirrten ihm im Kopf herum, doch die sollte er kurz beiseite schieben. Diese neue, unbekannte Kraft forderte ihren Tribut und Ares´ Körper fühlte sich nicht wie sein eigener an. Er musste sich eine Mütze Schlaf gönnen und sich morgen mit dem Thema auseinandersetzen!

 

Die Sonne war am Untergehen, als er die Straßen dahinschritt.

Den Zylinder tief ins Gesicht gezogen, stampfte er den Weg entlang. Grummelnd rammte er die Hände in seine Taschen.

Hätte mich nicht einer der FBI-Typen nach Hause fahren können?! Schließlich habe ich es ihnen zu verdanken, dass ich am anderen Ende der Stadt gestrandet bin. Fluchte Ares und kickte wütend einen Kieselstein davon.

Ares war so in seinenGedanken versunken, dass er die Person erst nicht sah. Als die beiden zusammenprallten, war es bereits zu spät. Sein Geist reagierte automatisch. Er griff nach dem fremden Körper, wollte ihn vom Fallen abhalten, doch plötzlich ließ er zischend wieder los.

Ein kleiner, aber schmerzhafter Stromschlag ging von ihm aus und jagte durch seine Glieder. Die fremde Person schrie kurz auf und machte einen Satz nach hinten.

Ares´ ganzer Körper verkrampfte sich augenblicklich. Es war eine Stimme, die dem Schwarzhaarigen ziemlich vertraut vorkam. ZU vertraut, kannte er Sie schon seit drei Jahren.

Sofort riss er seinen Blick nach vorne.

Verdammt! Pax! Panik durchströmte ihn. Kann er mich erkennen?

Blitzschnell griff Ares in sein Gesicht. Die Maske war an ihrem Platz.

Zum Glück! Seufzte er erleichtert auf.

„Oh man, Chapeau!“, flüsterte Pax heiser.

Die blauen Augen strahlten in an, wie die bunten Reklametafeln um sie herum.

Autos fuhren hupend vorbei. Menschen blieben stehen und beäugten die beiden jungen Männer, die sich erschrocken gegenüberstanden.

Lange sah ihn Pax fasziniert an, doch dann schlich sich ein anderer Ausdruck in die Augen, ein skeptischer. Sein Kopf neigte sich nachdenklich zur Seite.

„Warte mal, du kommst mir bekannt vor,“, flüsterte er.

Das war der Moment, in dem die Panik in Ares´ Körper überschwappte. Ein Krächzen entfloh seiner Kehle, gepaart mit einem „Iks“.

Die nächsten Geschehnisse überschlugen sich rasend schnell. Pax´ Augen weiteten sich. Er hob die Hand. Ares floh.

Mit einem lauten Knall verschwand sein Körper von der Straße und hinterließ nichts außer einer Staubwolke und einem schockierten Fan.

Als Ares die Augen wieder öffnete, - er hatte nicht mal bemerkt, dass er sie geschlossen hatte- , sah er sein Zimmer vor sich.

Ich bin tatsächlich in meiner Wohnung aufgetaucht!

So eine weite Strecke zurückzulegen, war – zumindest bis jetzt – für ihn unmöglich gewesen!

Erleichtert seufzte er auf. Das hätte verdammt schief gehen können! Entledigte sich seines Fracks und hängte ihn vorsichtig in den Schrank. Kurz strich er die Staubkörner vom schwarzen Stoff. Seine Finger fuhren sanft die Konturen nach. Würde er noch als Chapeau eine Zukunft haben, jetzt, wo die Polizei ihn in so eine Situation gedrängt hatte?

Überrascht sah Ares auf seine Hand. Ein helles, einzelnes Haar hatte sich im Stoff verfangen. Ares pickte es auf und hielt es sich vor die Augen. Seine Kehle schnürte sich zu. Konnte das sein? Schlagartig löste es sich auf und war mit einem Mal verschwunden.

Ares atmete tief durch. Sah er schon Gespenster!?

Grummelnd zog er sich weiter aus. Als er die Knöpfe am Hemdsärmel öffnete, zuckte er schmerzhaft zusammen.

Der weiße Stoff streifte unangenehm über seinen Unterarm. Schnell zog er den Ärmel nach oben und entblößte ein Tattoo. Ein dicker, schwarzer, in sich nicht geschlossener, Kreis umrandete ein spitzzulaufendes A. Die Ränder waren leicht gerötet, als wäre es erst frisch gestochen worden.

„Was zum...“, flüsterte Ares überrascht.

Ares wollte mit dem Finger darüberfahren, es spüren. Die leichte Unebenheit der Tinte. Die Empfindlichkeit der Haut.

Lange starrte er auf die Markierung, versunken in seine Gedanken.

Plötzlich klopfte es laut an der Tür und als hätte er sich gestochen, zuckte der junge Mann zusammen.

„Ares? Bist du das?“, rief Jo fragend.

Klopfend stand seine blonde Mitbewohnerin vor dem Zimmer und wartete.

„Seit wann bist du wieder da?“ Kaum hatte sie die Frage gestellt, drehte sich der Türknauf und Jo quetschte sich, ohne auf eine Antwort zu warten, durch die Tür.

Panisch riss Ares die Hände hoch. Er hatte nach wie vor seine Verkleidung an! Sein Zylinder lag auf dem Bett, ebenso wie die Maske.

Vergessen war das Tattoo und was passiert war. Sie durfte ihn so nicht sehen!

Wieder entfloh ihm ein kleiner Impuls aus der Hand, ohne, dass er es kontrollierte.

Wie eine unsichtbare Welle löste er sich aus seinen Händen und umfing das Mädchen. Jo wurde mit einem Mal langsamer, bewegte sich in Zeitlupe und blieb erstarrt.

Oh Gott, was habe ich jetzt angestellt?! Panisch sah der Teenager auf seine Freundin.

Was sollte er jetzt tun?! Wie konnte er das rückgängig machen?!

Ares raufte sich die Haare. Ging zu Jo, wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht, doch sie verzog keine Miene.

Als Ares in Panik auszubrechen drohte, bemerkte er die minimale Bewegung ihrer Haare.

Scheinbar hielt es nicht für lange.

Ares sah, wie Jos Körper langsam aus der Starre erwachte, ihre Bewegungen tauten auf.

Erleichtert seufzte der Teenager, doch angesichts der Tatsache, dass Jo bald wieder zu sich kommen würde und ihn so sehen konnte, blieb ihm nicht viel Zeit um sich darüber zu freuen. Er hatte immer noch seine Verkleidung an.

Schnell riss er sich die Sachen vom Leib und stopfte sie in den Schrank. Just in dem Moment, in dem Jo ihre normale Geschwindigkeit erlangte, zog Ares sich die Jogginghose über den Hintern.

„Wieso stehst du hier nur in Hosen rum?“ Die Blondine sah ihn skeptisch an, wand den Blick aber nicht von ihm ab.

Ares´ Atmung ging schnell und unkontrolliert. Er fühlte sich, als wäre er einen Marathon gelaufen. Das Adrenalin in seinen Venen wollte nicht aufhören zu rasen.

Kurz räusperte sich der Schwarzhaarige. Jos Musterung war ihm unangenehm.

Flink schnappte er sich sein Oberteil, streifte es über und versuchte, die Blondine dabei nicht anzusehen. Zu peinlich war ihm die momentane Situation.

„Das ist mein Zimmer!“, blaffte Ares seine Gesellschaft an. „Ich kann hier rumlaufen, wie ich will!“

Der Schwarzhaarige spürte, wie Hitze seine Wangen hochkroch. Ist das unangenehm!

Jos Blick verfinsterte sich augenblicklich und im nächsten Moment bereute es Ares, sie so angefahren zu haben. Das Donnerwetter, welches kommen sollte, würde er sich am liebsten ersparen.

Jo öffnete den Mund, bereit Ares zu zerquetschen, wie eine niedere Kreatur. Plötzliches Gepolter lenkte die Beiden von der Situation glücklicherweise ab. Ein Schlüssel wurde hektisch im Schloss gedreht, bis die Tür krachend aufflog und einen Abdruck im weißen Putz hinterließ.

„Leute, ihr werdet nicht glauben, wen ich gerade getroffen habe!“ Pax sauste in die Wohnung und blieb, hektisch atmend, stehen. „Wo seid ihr?“, fragte er in die Leere hinein.

„Are´ Zimmer“, brüllte Jo und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick sagte deutlich: „Ich bin noch nicht fertig mit dir!“

Ares schluckte schwer.

Pax´ Stirn glänzte vor Schweiß, ebenso sein durchnässtes T-Shirt, als er der Stimme seiner Freundin folgte. Abwartend sah er von Jo zu Ares und zog das nasse Stück Stoff über den Kopf. Entblößte die sich schnell bewegende Brust.

„Wir sollen wohl raten“, flüsterte Ares dem Mädchen zu und versuchte Pax nicht anzustarren.

„Den Heiligen Geist?“, seufzte sie theatralisch zurück und ging auf das Spiel ein.

„In Vegas wäre das sogar möglich“, lachte Ares auf und boxte Pax in die Schulter, wie es der Dunkelhäutige immer bei ihm tat. Doch das bereute er augenblicklich, denn wieder ging ein Stromschlag von seinem Körper aus.

Die Hand schütteln, fluchte Ares. Sein wann war er so geladen? Sie hatten doch keine Teppiche in der Wohnung!

Pax´ Gesicht verzog sich zu einer sauren Mine. Scheinbar war ihm nicht nach Scherzen zumute.

„Hört auf mit dem Quatsch!“

Kurz warf er Ares einen tadelnden Blick zu und rieb sich über die Stelle, die Ares zuvor berührt hatte.

Ares wusste, von wem Pax sprach. War der Magier ja dabei. Live und in Persona.

Auf einmal bemerkte Ares eine kleine Ungereimtheit: Wie kam Pax so schnell hier her? Sie waren am anderen Ende der Stadt gewesen! Vergessen war die elektrische Ladung seines Körpers.

Fragen konnte ihn Ares ja schlecht ... oder ...

„Erzähl. Wen hast du getroffen und wo?“ Mit verschränkten Armen wartete Ares auf die Antwort.

Auf seinen Unterarmen bildete sich eine leichte Gänsehaut, als er an ihren Zusammenprall denken musste. Dieser Blitz ... es war nicht normal. Jedenfalls stärker, als der von eben.

Pax´ Gesicht hellte sich wieder auf und das Strahlen kehrte in die blauen Augen zurück.

„Es war Chapeau!“, verkündete er, als hätte er soeben im Lotto gewonnen.

„Wir sind uns eben am Polizeirevier über den Weg gelaufen. Das war sooo ...“

„Polizeirevier? Das ist aber ein ziemliches Stückchen bis hierher“, bemerkte Ares stirnrunzelnd.

Wie hatte es Pax so schnell hierhergeschafft?

„Ja, naja ... ... da war ein Taxi ... Es. Es spielt doch jetzt keine Rolle, wie ich herkam!“, brauste der blauäugige Mann auf. „Habt ihr nicht verstanden, was ich euch versuche zu erklären?!“

„Ja, doch, haben wir“, Jo verdrehte die Augen. „Du hast diesen Scharlatan getroffen. Ja und? Ist doch nur ein Mensch.“

Scharlatan? Aua!

„Ist ja nicht so, als würde er Babys aus brennenden Häusern retten oder so!“, schimpfte Jo.

Heute war Jo aber wirklich in Kampflaune. Bemerkte Ares, sich am Kopf kratzend.

Ob es zu spät ist, um die Kurve zu kratzen?! Dachte er sich. Blöderweise war es sein Zimmer, in dem sie standen und diskutierten. Mit den zwei Streitenden wollte er jetzt lieber nicht in einem Raum sein!

Kurzentschlossen schob er die beiden über die Schwelle, schließlich standen alle in seinem Zimmer, und knallte ihnen die Tür vor der Nase zu.

Er brauchte dringend Schlaf. Sein Körper war ausgezehrt und matt. Ares wollte sich nicht vorstellen, wie weit nach unten seine Augenringe mittlerweile hingen.

Außerdem musste er sich dringend überlegen, wie es ab jetzt weiter ging.

„Chapeau“ wurde von der Polizei verhaftet. Da durfte er nicht morgen einfach auftauchen und „Überraschung, Fehlalarm“ rufen. Oder konnte er das irgendwie in seine Show einarbeiten?

Ares zermarterte sich sein Gehirn. Selbst, als er frischgeduscht aus dem Bad trat, fand er einfach keine Lösung.

Als sein Kopf endlich auf dem weichen Kissen lag, brauchte es maximal fünf Minuten, ehe sich die grünen Augen schlossen und Ares in einen tiefen Schlaf fiel.

 

Schatten rannten an ihm vorbei. Schreiend, Hilfe suchend, verzweifelt. Alles war in Düsternis getaucht, in schwarz und blau. Hin und wieder sah er Rot. Doch woher die Farben kamen, konnte er nicht einordnen. Sein Kopf schwirrte, drehte sich, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.

Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Körper. Ließ ihn auf die Knie fallen. Da war es wieder!

Rot.

Es breitete sich aus. Unter ihm, vor ihm, über ihm. Überall!

Ares wollte schreien. Wollte um sich schlagen und von hier verschwinden.

Er blickte nach unten. Sah den Grund seines Schmerzes, fühlte die Klinge, die herausragte, ihn aufspießte.

Etwas Nasses ran ihm den Mundwinkel hinunter. Sofort wischte Ares es weg. Rot.

Wieder diese Farbe!

Ein Schatten rannte auf ihn zu. Die glänzende Waffe erhoben. Ares hörte das Surren, das zerschneidende Geräusch.

Kapitel 7

 

 

Schweißgebadet wachte er auf. Es war ein Traum!

Träge wischte sich Ares übers Gesicht, vertrieb die Schrecken der Nacht aus seinem Verstand.

Ares erhob sich. Das Laken triefte vor Nässe. So konnte er nicht wieder einschlafen. Er brauchte dringend ein Neues und dazu noch einen erneuten Gang in die Dusche. Ares fühlte sich schmutzig und klebrig. Der ganze Schweiß bildete einen leichten Film auf seiner Haut. Ließ ihn frösteln. Das neue Tattoo ziepte minimal durch die Bewegung der Haut. Er blickte wieder hinab. Konnte die Konturen nur wage in der Dunkelheit erkennen. Seufzend schob er die klamme Decke von seinem Körper und erhob sich.

Als das Wasser über seine Haut hinunter rann und die verkrampften Muskeln löste, war er mit einem Mal wach. Ares spürte diese neue, fremde Kraft, die ihn vollkommen umgab und unentwegt pulsierte. Von den Haarspitzen bis in die kleinste Zelle seiner Füße pochte das Unbekannte.

War es gut? Oder hatte Ares einen großen Fehler gemacht, diese Macht in sich aufzunehmen?

Abwesend strichen seine Finger über den Unterarm. Fuhren über das Zeichen. Spürten die Unebenheiten der Tinte. Es war real. Kein Traum. Was hatte es zu bedeuten?

Ares´ Kopf fiel gegen die Fliesen der Dusche. Die Kühle des klaren Wassers linderte zumindest etwas die Krämpfe in seinen brennenden Muskeln.

Doch wie sollte es weiter gehen? Was hatte es für Auswirkungen auf Chapeaus Karriere? Ares wusste es nicht und ehrlich, er wollte es im Moment auch nicht wissen.

 

Nachdem Ares sich abgetrocknet und das Bett neu bezogen hatte, legte er sich wieder hin, schlafen konnte er aber nicht, denn ein nerviges Summen hielt ihn davon da.

Bzzzz...

Das penetrante Klingeln dröhnte unangenehm in seinen Ohren.

Gekonnt versuchte der junge Mann, sein Handy zu ignorieren. Er drehte sich auf die andere Seite und zog das Kissen über den Kopf. Probierte wieder einzuschlafen.

Es soll einfach leise sein, so schwer ist das doch gar nicht! Knurrte er frustriert und hätte das Teufelsding am liebsten gegen die nächste Wand gepfeffert. Doch nach geschlagenen zehn Minuten hielt er es nicht mehr aus, da das Ding immer wieder von Neuem anfing.

„JA!“, keifte er in den Hörer und wünschte seinen Gesprächspartner sofort die Pest an den Hals, denn der Wecker auf dem Nachttisch zeigte ihm 2 Uhr morgens an.

„Mr. Chapeau? Hier ist Agent Monrow. Könnten Sie heute vorbeikommen. Es ist dringend. Wir haben neue Informationen bezüglich des Maskierten.“, erklang die ruhige Stimme des FBI Agenten am anderen Ende der Leitung.

Wieso klang der Agent auf einmal so förmlich? Saß sein Chef bei ihm? Doch bei der unmenschlichen Zeit glaubte Ares das weniger. Viel mehr würde er darauf wetten, dass er zuhause bei seiner Frau war, während er mit ihm gerade telefonierte. Doch von LA bis hierher war es knapp an die 300 Meilen. Ares glaubte nicht, dass der FBI-Agent jeden Tag soweit fuhr.

Unbändige Wut stieg in Ares auf. Allein der Wirrwarr an Gedanken und sie Sinnlosigkeit dahinter, machten Ares wild! Kurz sammelte sich Ares und schluckte seinen Ärmer hinunter. Monrow hatte es ja auch nicht einfach in seinem Job und er machte ja nur seine Arbeit. Schließlich hatte Ares ja um Endeffekt freiwillig eingewilligt! Aber hätte er nicht bis zum nächsten Morgen warten können!?

„Ok, ich komme vorbei“, brummte Ares monoton.

Ares war zum Schreien zumute, doch seiner Mitbewohner zuliebe verzichtete er darauf.

Kurz hörte er noch Monrows „Danke“, dann ertönte das monotone Tuten.

Kaum, dass Ares sich wieder hingelegt hatte, schreckte er wieder auf. Sein Kopf ruckte Richtung Tür. Schritte!

Jemand schlich leise vor seiner Tür rum. Ob es Pax oder Jo waren?

Ares stand auf, um nachzusehen. Die Hand lag bereits auf dem Türgriff, da vernahm er wieder die Geräusche einer sich bewegenden Person, doch diesmal entfernten sie sich. Zu seiner Verwunderung hörte er aber keine Tür, die auf und zu ging.

Komisch. Ares schob seinen Kopf durch den schmalen Spalt und spähte hinaus.

„Hallo?“, flüsterte er um seine Mitbewohner nicht aufzuwecken. Doch nur die Dunkelheit antwortete ihm, mit ihrer lautlosen Stimme. Niemand war da! Hatte er sich die Geräusche eingebildet? Still erstreckte sich der Flur vor ihm. Stirnrunzeln machte er einen Schritt nach vorne, zog sein Bein aber wieder zurück. Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Sein Blick huschte zur Tür zu seiner linken. Ein schwacher Lichtstrahl, zwängte sich unter der Tür hervor und ließ Ares aufatmen. War es doch Pax gewesen, der sich mitten in der Nacht auf den Fluren rumtreibt.?!

Kopfschüttelnd schloss Ares wieder die Tür und schmiss sich auf sein Bett. Mit starrem Blick auf die Decke gerichtet lag er da. Seine Gehirnzellen arbeiteten auf Hochtouren, bis ihn die Müdigkeit doch einholte und er letzten Endes einschlief.

 

 

Es war die Sonne, die ihn am nächsten Morgen aus dem Schlaf holte. Auch nach der ihm gegönnten Ruhe war sein Körper nach wie vor angespannt und doch kraftlos.

Dank Monrows Anruf hatte er nicht wirklich mehr schlafen können. Ares fühlte sich genauso mies wie am Tag zuvor.     

Seufzend kämpfte sich der verschlafene junge Mann aus der Decke und ins Badezimmer. Nach der nächtlichen Dusche hatte er diese zwar nicht mehr nötig, doch seine Haare, die heute noch mehr zu Berge standen als üblich, würden es ihm danken.

Das Waschen ging schnell und genauso flott war er angezogen. Er warf seinem Spiegelbild einen kurzen Blick zu, zupfte an den feuchten Strähnen und gab es letztendlich doch auf. Fuhr sich übers Kinn. Wieder hatte er es nicht geschafft sich zu rasieren. Doch das störte ihn nicht sonderlich. Er mochte diesen Dreitagebart irgendwie. Er ließ ihn älter wirken.

 

Gähnend saß er mit seinem Frühstück am Tisch. Der Kaffee dampfte in schwachen Rauchschwaden leicht vor sich hin. Es war mittlerweile der Dritte, den Ares hatte.

Das Koffein in seinen Venen rauschte, doch brachte es nicht wirklich etwas. Selbst, wenn er ihn schwarz trank. Obwohl er das bittere Getränk lieber mit Milch und Zucker zu sich nahm, brauchte er heute jedoch die starke Dosis Koffein.

Das getoastete Brot lag mit Marmelade beschmiert, auf seinem Teller, ohne, dass Ares es eines Blickes würdigte.

Wieder entfloh dem Müden ein tiefer Seufzer. Sein Blick schweifte am Tisch vorbei. Er war allein hier. Ob die anderen Beiden noch schliefen?

Selbst nach einer Viertelstunde Toast anstarren, blieben die Plätze leer. Weder Jo noch Pax waren zu sehen und Ares fühlte sich mit einem Mal einsam. Sie hatten sich gegenseitig und wen hatte er?

Ares wünschte sich jemanden an seiner Seite. Einen Menschen, bei dem er sich einfach fallen lassen konnte.

Einen Partner der nicht verurteilte, was und wie er war, sondern immer zu ihm stand. Eine Person, die ihn so akzeptierte, wie er eben war!

Fast wären Ares Tränen in die Augen geschossen. Schnell rieb er darüber.

Auf einmal hörte er, wie sich eine Tür öffnete. Schlurfen Schritte bewegten sich in seine Richtung. Müde kam Pax um die Ecke und blieb abrupt stehen. Seine blauen Augen lagen auf dem am Tisch sitzenden jungen Mann. Misstrauisch und doch neugierig.

Dieser Blick war tief und intensiv und Ares musste feststellen, dass es ihm weitaus mehr gefiel, als es sollte.

Schnell stand er auf und eilte an Pax vorbei. Kurz grüßte er den etwas Größeren, doch vermied er den Blickkontakt.

Schließlich hatte er es eilig! Zumindest redete er sich das ein, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Er musste ja einen Dieb dingfest machen! Da konnte er sich jetzt nicht Pax und dessen Fan-Fantasien bezüglich Chapeau beschäftigen.

Auch, wenn es ihm gefallen würde!

 

„Also, was gibt es Mr. FBI Agent?“, fragte Ares den älteren Mann, als er die Zentrale betreten hatte und schnurstracks in dessen Büro geeilt war. Heute war er in Zivil unterwegs und das brachte ihm den einen oder anderen komischen Blick im Revier ein.

Sein Weg war schnell und kurz gewesen. Er hatte sich einfach hierher teleportiert. Hat ja gestern so souverän geklappt!

Monrow sah ihn finster an. Scheinbar hatte der Gute ebenfalls eine kurze Nacht gehabt. Ob es zuhause noch Trara gegeben hatte, weil er um diese Zeit noch im Dienst gewesen war? Oder war er die ganze Nacht wach und hatte über seinem Fall gesessen?

Der erstere Gedanke gefiel ihm viel besser! Etwas schadenfroh grinste Ares ihn an. Geschieht ihm recht!

„Die Maske hat heute Nacht wieder zugeschlagen“, verkündete er grummelnd und goss sich eine große Tasse Kaffee ein. Schwarz und bitter.

„Wie sein Gesichtsausdruck!“, dachte sich Ares und musterte den Mann genauer. Sein Gesicht war um eine Nuance blasser und die Augen quollen beinahe hervor.

„Ich bin die ganze Nacht über alte Fälle durchgegangen und ich denke ich weiß wo er als Nächstes zuschlagen wird,“ brummete Monrow und kam mit zwei Kaffee auf Ares zu.

Ares nickte verstehend, lehnte jedoch den dargebotenen Becher ab. Noch mehr Koffein und er würde im Dreieck springen.

„Wir sollten dringend über einen neuen Namen nachdenken“, warf Ares scherzhaft ein und erntete dafür einen knappen Blick.

„Warum die miese Laune?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf.

Eigentlich war es ihm recht egal. Ares wollte das nur hinter sich bringen und schnell wieder im Theater sein.

Da er den gestrigen Tag verplempert hatte, musste er nun einiges auf holen.

Das Geld kommt schließlich nicht von alleine! Und sein Image musste er ja auch noch glätten! Ob überhaupt jemand zu seiner Show kommen würde oder nicht?

Na toll! Jetzt habe ich auch schlechte Laune! Ares verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und sah zu dem Älteren. Eine tiefe Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen.

Monrows Ausdruck steigerte sich immens von einem ich-lass-dich-auffliegen-und-pfeife-auf-deine-Zukunft- zu einem noch-ein-Wort-und-ich-buchte-dich-ein-Blick.

Ares hielt lieber die Klappe.

„Dieser Hund hat eine sehr teure Kette aus einem wohlhabenden Haushalt gestohlen“, grübelnd sah Monrow aus dem Fenster.

„Es muss sich um einen der Splitter handeln. Wir kennen sein nächstes Ziel und da kommst du ins Spiel. Ich möchte dich heute Nacht am Lake Las Vegas haben.“

 

Die Splitter!

Immer wieder war die Rede von ihnen, aber Ares wusste beim besten Willen nicht, was es genau war, das diese Dinger so wertvoll machte.

„Sagen sie mal“, fing Ares an und schaute sich um. „Warum haben sie eigentlich ein Büro im Polizeirevier? Ich dachte, das FBI hat ihre eigenen Gebäude?“

Monrows Blick wurde um eine Nuance mieser. Während er seinen Kaffee schlürfte, murmelte er etwas von „Budgetkürzungen“ und „Sauhaufen“. Ares lachte auf. Etwas Mitleid hatte er jetzt doch mit dem armen Mann.   

Kapitel 8

 

 

Der Wind peitschte die aufkommende Gischt nach oben in die Dunkelheit der Nacht. Der Lake Las Vegas war unruhig und stürmisch. Benetzte den Anlegeplatz der High Society.

Eine formelle Gegend, die sich der Dieb ausgesucht hatte. Staunte Ares, als er sich vor wenigen Minuten an den verabredeten Ort teleportiert hatte. Sein Frack flatterte im, für diese Jahreszeit erstaunlich starken, Wind und Chapeau hatte Mühe seinen Zylinder auf dem Kopf zu behalten.

Nun war die Sonne bereits seit Stunden verschwunden. Hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Ares wusste nicht, woran es lag, doch er hatte ein mulmiges Gefühl, was den heutigen Abend anging.

Kalt und düster.

Nur der Mond ragte am schwarzen Himmel empor. Spendete das wenige Licht. Alle Laternen waren ausgeschaltet.

Komisch. Dachte sich Ares. Denn normalerweise war hier alles erleuchtet.

Vereinzelte Wolken zogen, angetrieben von der steigenden Luftbewegung vorbei. Verdeckten die silberne Kugel. Tauchten die Gegend in völlige Finsternis.

 

Ares und ein Grüppchen aus Agenten befanden sich bereits vor Ort. Abwartend. Versteckt hinter einem der kleinen Gerätehäuschen, die an jedem der vielen Stege standen. Vereinzelte Boote leisteten ihnen Gesellschaft. Ob Segler oder mit Motor. Es war vom allem etwas da und eines war teurer als das andere.

Seit geschlagenen 36 Minuten, Ares warf einen Blick auf die Uhr, 37 Minuten, warteten sie schon hier und so langsam wurde es ihm kalt. Seine Mitstreiter fingen an, mit den Zähnen zu klappern, oder dezent von einem Fuß auf den anderen zu wippen. Eigentlich war es ja nicht kalt an sich. Es war die Nässe, die unangenehm und klamm an ihrer Kleidung hing und sich durch sie hindurch fraß.

Ares lachte bitter auf, er war wohl nicht der Einzige, der hier fror!

Kurz überlegte der Magier. Ob er es wagen konnte? Was sollte schon schief gehen? Er brauchte eh Übung, was die neue Kraft betraf.

Ares zögerte etwas. Was wenn es schief ginge und er alle in Brand setzte?!

Das Zittern seiner Glieder nahm zu und auch das Niesen, was hin und wieder von einem der anderen kam, veranlasste ihn dazu, die Bedenken über Bord zu werfen und die Magie doch einzusetzen.

Ein befreiendes Gefühl durchströmte seinen Körper. Er ließ endlich los. Ließ die Magie die Führung übernehmen. Vertraute ihr. Akzeptierte sie. Mit den Händen formte Ares verschnörkelte Linien, ein roter Faden löste sich aus ihnen, folgte den Bewegungen, dann mischte sich ein gelber dazu. Kopierte die Bewegung.

Fasziniert beobachteten ihn die Anwesenden.

Es war ein wunderschönes Farbenspiel. Das rote Licht warf vereinzelte Schatten auf die Gesichter der Beobachter, wie ein offenes Feuer. Und mit einem Mal wurde es immer wärmer. Die kalte Gischt rückte in den Hintergrund. Ungläubig sahen ihn seine „Kollegen“ an. Hin und wieder hörte er ein „Wow!“ oder „Ist das echt?“, doch niemand hatte Angst oder Abscheu. Ares nahm die Begeisterung mit Stolz auf. Die Agenten atmeten endlich wieder etwas auf und konzentrierten sich auf das Eigentliche. Darauf diesen Maskentypen, dingfest zu machen.

 

Wie aufs Stichwort huschte eine dunkle Gestalt von Steg zu Steg. Lautlos und geschmeidig wie eine Katze.

Ares sah genauer hin. Der Mond erschien hinter einer dunklen Wolke, spendete etwas Licht. Beschien den Dieb. Der schwarze Frack flatterte im Wind. Ares sah an sich hinab. Seiner war nach wie vor auf seinem Körper, denn er könnte schwören, sie waren identisch.

 

Das Funkgerät sprang an und Monrows Stimme flimmerte durch:

„Zugriff! Zugriff!“

Wie aus der Pistole geschossen, sprangen die Agenten auf und stürzten sich auf ihren Gegner. Erschrocken blieb der Maskierte stehen. Schnell umkreisten sie den Dieb mit erhobenen Waffen. Schrien Befehle durch die Nacht, doch die prallten an dem Gesuchten ab, ohne jegliches Interesse.

Ares blieb erstmal im Hintergrund. Wollte sehen, was sein Gegenspieler macht. Wie er reagierte. Ob er seine Kräfte einsetzte?

Was Ares sah, ließ ihn schwer schlucken.

Die Bewegungen des Diebes waren flüssig und grazil. Als würde er mit seinen Gegnern spielen, wich er ihnen aus. Setzte einen nach dem anderen K.O., ohne jemanden ernsthaft zu verletzen.

Dann blieb nur noch Monrow übrig. Wie ein Felsen stand er seinem Gegner gegenüber. Schweiß trat aus jeder Pore des stämmigen Körpers, Furcht lag in der Luft.

„CHAPEAU!“, schrie er um Hilfe, wusste er genau, dass er alleine keine Chance hatte.

Beim Klang des Namens zuckte der Dieb leicht zusammen. Ares bemerkte es nicht, zu sehr war er auf die Show fixiert, die er bieten wollte.

Jetzt war sein Auftritt gekommen!

Galant sprang er von seiner Position in die Luft, machte eine kleine Rolle und landete weniger elegant neben Monrow. Er war ein Performer und das musste er eben zeigen, auch wenn er sich am Ende blamierte.

Der Körper seines Gegners spannte sich leicht an. Ares runzelte die Stirn.

Hat er Angst vor mir? Fragte sich Ares im Stillen. Verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder.

Was sollte er jetzt machen? Angreifen oder Reden?

„Ergib dich“, Ares entschied sich erst fürs Reden.

Kaum, dass die Worte seinen Mund verlassen hatten, hätte er sich am liebsten dafür geohrfeigt. Wie dämlich klang das denn bitte!

Ein Seitenblick zu seinem Nebenmann bestätigte die Vermutung ebenfalls. Er hätte lieber den Mund halten sollen!

Monrow schüttelte den Kopf und auch der Mundwinkel seines Gegners, hob sich leicht belustigt nach oben.

Da die obere Hälfte des Gesichts unter dem schwarzen Leder verborgen lag, konnte Ares nur die Nase und die vollen Lippen erkennen. Seine Haut war dunkel. Oder bildete sich Ares das nur ein? Doch auf dem Foto konnte man es deutlich sehen. Es war keine Einbildung!

Das Grinsen war leicht und ehrlich und auf eine seltsame Art mochte Ares dieses Lächeln. Eventuell konnten sie ja sogar Freunde werden? Oder zumindest Verbündete?

Ein Hieb in Ares´ Seite machte ihn auf Monrow aufmerksam. Der ältere Mann sah den Kleineren abwartend an. Eine tiefe Furche bildete sich zwischen den Augen, dann nickte er in Richtung des Diebes.

„Ja, ja schon gut“, seufzte Chapeau und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Gegner.

 

Kurz ließ er kleine Stromstöße seinen Arm hoch wandern. Sein Gegenüber sah minder beeindruckt drein und kopierte die Geste.

Wut ergriff Ares´ Körper. Machte er sich über ihn lustig?

Die Blitze in seinen Händen wurden größer, ließen die schwarzen Haare zu Berge stehen und pulsierten wild in seinen Venen.

Ares fühlte sich unbesiegbar mit der ganzen Power. Sollte der Typ doch überheblich wirken, Ares würde ihm in den Arsch treten, das schwor sich der Schwarzhaarige!

 

Ares´ Hände bewegten sich automatisch, materialisierten eine Stromkugel. Er würde sie auf seinen Gegner schleudern! Ihn zerschmettern und dann als großer Held dem FBI das Ganze unter die Nase reiben!

Der Versuch misslang bitterlich. Es wurde keine Kugel, eher etwas, das so aussah wie ein wabbelndes Ding, bis es in einer blauen Rauchwolke verpuffte.

Röte durchzog Ares´ Wange. Ist das peinlich! Doch zum Glück konnte es niemand durch die Maske sehen.

Knurrend schüttelte Ares seine Hände aus. Dann eben noch ein Versuch!

Auf einmal erfasste ihn eine Druckwelle und riss den jungen Magier von den Beinen.

Etwas benommen lag Ares auf dem Rücken.

Was war das denn?!

Er hatte diese Kraft überhaupt nicht kommen sehen! Auch Monrow wurde davon erfasst und lag einige Meter entfernt hinter ihm. Aber im Gegensatz zu Ares rührte er sich nicht.

Mist! Fluchte er und sprang schnell auf, schwankte kurz und rannte auf den Älteren zu.

Schlitternd blieb er bei ihm stehen.

Monrows Atem war zwar flach, doch gleichmäßig. Außer einer Schürfwunde an der Stirn schien der Agent sonst keine Verletzungen aufzuweisen. Jo würde Ares umbringen, wenn ihrem Dad etwas zustieß! Vorausgesetzt sie erfährt je, wer er war ...

Ares legte eine Hand auf Monrows Brust und der Mann verschwand. In einigen Metern Entfernung tauchte er wieder auf.

Ares warf einen Blick über die Schulter. Der maskierte Dieb stand nach wie vor an Ort und Stelle, als würde er auf einen Gegenangriff warten. Er hätte fliehen können, doch nein, er war da. Wartete auf ihn. Seine Hand war erhoben. Zuckte weiterhin minimal. Grüne Blitze flimmerten um sie herum.

Ares spürte Hitze in seinem Körper aufsteigen. Er konnte sie nicht kontrollieren. Diese Kraft war so intensiv, dass es ihn beinahe verrückt werden ließ.

Seine Handflächen pulsierten.

Ares blickte auf sie hinab, sah das Feuer durch die Haut, wie es in den Venen pumpte und brannte.

In der nächsten Sekunde geschah es. Ein Feuerball, in der Größe eines Baseballs, raste auf seinen Gegner zu. Ares sah nur hilflos zu. Konnte es nicht aufhalten! Oder wollte es nicht verhindern?

Ob es die Überraschung war oder ob er nicht gedacht hätte, dass Ares soetwas zu Stande brachte, ließ den Maskierten fast zu spät ausweichen.

Die Feuerkugel streifte seinen Oberarm und hinterließ einen schwarzen, rauchenden Fleck. Der Frack war eindeutig hinüber!

Zischend zog der Verletzte die Luft ein, es roch nach verbrannter Haut und Stoff.

 

Erschrocken sah Ares sein Gegenüber an. Er war selbst zu überrascht, um zu agieren.

Verdammt. Staunte Ares perplex.

Es zischte. Ares Hand hob sich von selbst. Ließ ein weiteres Geschoss aus Feuer abprallen. Wabbelnd löste sich die Barriere auf. Er hatte sie beschworen ohne es zu ahnen. Sie hielt einem Angriff stand, bis sie im Nichts verpuffte.

 

Ares bleib keine Zeit zum Staunen, denn plötzlich tauchte sein Gegner direkt vor ihm auf.

Seine Reflexe reagierten zu spät und eine Schmerzenswelle jagte durch sein Gesicht. Fegte ihn wieder im hohen Bogen von den Füßen.

Funken flogen an seinen Augen vorbei, zogen sich schmerzhaft durch die Haut, die getroffen wurde. Ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus und ließ ihn Blut spucken. Der Kiefer dröhnte. Er hatte ihn direkt dahin getroffen.

„Verdammter Mist!“, knurrte Ares und rappelte sich wieder auf die Beine.

Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund, hinterließ eine rote Spur auf der Wange.

 

Kaum, dass Ares auf den Beinen stand, war der Maskierte wieder vor ihm. Mit vollem Gewicht landete er auf ihm und beide krachten auf den harten Beton des Piers. Nässe kroch Ares in die Kleidung und paarte sich mit dem dröhnenden Pochen im Hinterkopf.

Ares´ Gegner war über ihm. Seine Hand lag auf der Brust des Untenliegenden und hielt ihn so an Ort und Stelle, während die andere zum Schlag ausholte.

Wut lag in seinen blauen Augen.

„Du hast absolut keine Ahnung!“, schrie der maskierte Ares an. „Warum mischst du dich ein?!“

„Was-“, ein weiterer Schlag ließ Ares verstummen.

Wieder traf er die gleiche Stelle. Wieder zuckten Blitze durch seinen Körper.

Blut rann ihm in kleinem Rinnsal am Mundwinkel entlang nach unten und tropfte auf den schmutzigen Boden, vermischte sich mit der Nässe zu einem abstrakten Klecks.

Die Gischt, die unaufhaltsam gegen die Mauer des Piers knallte, dröhnte in seinen Ohren. Die Boote schaukelten hin und her wie aufgeregte Zuschauer.       

Mit voller Kraft stemmte sich Ares gegen seinen Angreifer. Versuchte, ihn von sich zu stoßen, doch er war zu schwer und Ares musste einsehen, dass er haushoch unterlegen war.

Unter dem schwarzen Frack zeichneten sich deutlich Muskeln ab, die Ares nicht hatte. Der Typ war nicht nur körperlich überlegen, sondern auch, was seine Fähigkeiten betraf. Denn dieser schien zu wissen, was er machte. Im Gegensatz zu Ares, der absolut keinen Schimmer hatte, wie er seine neue Kraft sinnvoll einsetzen sollte.

Wieder traf ihn ein Schlag und langsam wurde ihm schwarz vor Augen. Die Blitze, die bei jeder weiteren Berührung durch seine Haut stoben, bemerkte er nicht mehr.

Warum hatte er sich bloß auf diese ganze Sache eingelassen?! Hätte er nicht einfach im Theater bleiben können und weiter die kleinen Tricks vorführen?! Er war doch damit glücklich gewesen!

Wieder traf ihn die Faust. Diesmal auf seine Nase. Das Splittern der Knochen kam Ares unnatürlich laut vor. Er hörte das Brechen mehr, als dass er es spürte. Es war laut und unangenehm. Luft wurde Mangelware. Das Atmen fiel im schwer.

Ares öffnete den Mund. Zog den Sauerstoff in die Lunge.

Warum vermochte er es nicht, sich zu wehren? Sein Körper reagierte nicht auf seine Befehle und woran das lag, wusste er nicht.

Er hätte ihn von sich stoßen können, die Knie in den Rücken rammen oder auch nur die Hände vors Gesicht halten. Alles wäre besser, als hier zu liegen. Er hatte sich doch früher schon öfters geprügelt! Warum fühlte er sich so schwach?!

Es kam Ares vor, als wäre es selbstverständlich, dass der andere ihn verprügelte. Wie die Revanche einer alten, offenen Rechnung.

Er spürte seine Maske leicht verrutschen, doch nicht einmal dafür hatte er genug Kraft. Sollte der andere doch sehen, wer er war. Ihm war jetzt alles egal!

Ares hob die Hand. Wollte das Stück Stoff des Gegners ebenfalls entfernen. Doch der packte Ares´ Hand, die in der Luft schwebte und pinnte ihn wieder auf den Boden. Die Stromstöße rasten in seinen Venen, jedes Mal, wenn er von dem anderen berührt wurde. Ares sah, wie der Maskierte die Augen zusammenkniff und die Zähne aufeinanderpresste. Auch er schien Schmerzen zu haben, aber er ließ Ares nicht los. Griff, im Gegenteil, fester zu.

Ares wollte schreien.

Fluchen.

Kämpfen.

Kein Wort verließ die aufgesprungenen Lippen.

Verschwommen sah Ares in die tiefen, klaren blauen Augen über ihm.

 

Bevor alles schwarz wurde, hörte er Sirenen. Fühlte, wie der schwere Körper sich von ihm erhob. Dann war er allein. Gefangen in der Dunkelheit.

 

Kapitel 9

 

 

Vogelgezwitscher drang in den hell erleuchteten Raum. Die Person auf dem Bett bewegte sich murrend auf die andere Seite, um dem Licht zu entkommen.

 

Lautes Gepolter lies Ares stöhnend den Kopf heben.

Ufff! Keuchte er müde.

Sein ganzer Körper protestierte gegen das Aufwachen.

Er wollte weiter schlafen. Sich für immer in seinem Zimmer verkriechen und nie wieder rauskommen!

Seufzend griff er sich ins Gesicht und zuckte zusammen.

Seine Lippe war aufgesprungen. Der linke Wangenknochen geschwollen und sein Kopf dröhnte, als wären Presslufthammer am Werk.

Mit anderen Worten: Ares fühlte sich miserabel und so sah er höchstwahrscheinlich auch aus.

 

Verschwommen erinnerte er sich an das gestrige Geschehen.

Als die Verstärkung ankam, war der Dieb bereits verschwunden gewesen und Ares war auf dem nassen Boden gelegen. Besiegt und erniedrigt.

An den Weg nach Hause erinnerte er sich kaum.

Ein Streifenwagen hatte ihn vor seiner Wohnung rausgelassen, dann wurde mit einem Mal alles schwarz. Hatte sich sein Körper verselbstständigt und ihn in das Bett gebracht? Ares konnte es sich zusammenreimen. Wahrscheinlich hatte er sich hierher teleportiert, ohne es zu merken.

 

Ares fuhr sich durchs Haar und vergrub sich unter die Decke.

Wut und Enttäuschung sammelten sich in seinem Bauch. Frustriert stöhnte er auf. Daran ändern konnte er jetzt auch nichts mehr! Nächstes Mal, wenn er dem anderen gegenüberstand, würde er nicht den Kürzeren ziehen!

 

Nachdem Ares sich selbst eine Weile bemitleidet hatte, war es höchste Zeit aufzustehen. Wie auf Kommando knurrte sein Magen und Ares stemmte seinen geschundenen Körper in die Höhe.

Murrend streifte er sich die Hose über. Jeder einzelne Muskel schrie um Hilfe. Als er den schwarzen Hoodie überstreifte, zuckte er zusammen. Fluchend fühlte er die linke Seite. Sie tat weh, als wäre jede Rippe mehrfach gebrochen.

Am Spiegel glitt sien Blick seinen Körper entlang. Ares´ stille Hoffnung, dass Jo und Pax nichts merken würden, verpuffte im selben Augenblick, in dem er sein Gesicht sah. Die Lippen waren aufgesprungen und ein großer violett-blauer Fleck prangte unter seinem linken Auge. Ares tastete die Nase ab. Nichts! Kein Schmerz und auch keine Anzeichen, dass sie gebrochen war. Nach dem Knacken der Knochen, als sein Gegner ihn geschlagen hatte, war Ares sich sicher gewesen, sie sei dahin. Doch äußerlich bemerkte man zum Glück nichts. Kurz zog er den Pullover hoch. Die schmerzende Seite war auch nicht sonderlich unauffällig. Grüne und blau Abdrücke, durchzog seinen Rippenbogen.

Hoffentlich stellen Pax und Jo keine blöden Fragen! Murrte er, nachdem er sein Oberteil tiefer nach unten gezogen hatte.

 

Leise Stimmen drangen aus der Küche zu ihm herüber, nachdem er sein Zimmer verlassen hatte. Das hatte ihn also geweckt, und egal, wie leise die beiden flüsterten, Ares verstand so gut wie jedes Wort.

Mit gerunzelter Stirn bog er um die Ecke und verharrte kurz. Jo schien permanent auf ihren Freund einzureden, doch dieser blieb stumm. Gelegentlich entwich ihm eine knappe Antwort oder ein Brummen.

Dann war eine Zeitlang alles still.

Ares betrat leise die Küche.

Die Beiden saßen am Küchentisch und unterhielten sich miteinander. Doch als sie ihren Mitbewohner hörten, hoben sich ihre Köpfe synchron in seine Richtung. Hatten die Beiden etwas zu verheimlichen?

Misstrauisch schaute Ares von Jo zu Pax.

Noch ehe Ares etwas sagen oder fragen konnte, sprang Jo sofort auf.

„Oh, mein Gott, Ares?! Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, entsetzt eilte sie auf ihn zu.

Sorge und viele Fragen schwammen in den blauen Augen des Mädchens. Er konnte sie ihr nicht beantworten! Er verheimlichte seinen besten Freunden so vieles!

„Keine Sorge. Bin gestern in eine kleine Schlägerei geraten. Alles halb so schlimm“, log der Schwarzhaarige und ging auf den Tisch zu. „Du solltest mal die anderen sehen“, scherzte er, doch es erreichte nicht seine Augen. Schmerzhaft fuhr er sich über die Wange. Das Sprechen bereitet ihm Schwierigkeiten. Das schien Jo zu bemerken, doch sie hielt sich zurück, wollte ihren Freund nicht weiter bedrängen.

 

Ares´ Magen knurrte leicht und verdächtig und machte ihn darauf aufmerksam, dass er seit gestern Morgen nichts mehr gegessen hatte.

Seine Mahlzeiten bestanden in letzter Zeit eh fast nur aus Frühstück. Er seufzte in sich hinein und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Leckereien seines Mitbewohners.

Ohne zu fragen, stibitzte er sich einen Baconstreifen und ging schnell in Deckung. Für Pax war sein Essen heilig und der Schwarzhaarige benahm sich äußerst egoistisch diesbezüglich. Doch diesmal blieb der zu erwartende Protest aus. Für seine Verhältnisse, ungewöhnlich still, saß er nur am Tisch und starrte auf den Teller. Sonst war Ares bester Freund eine echte Quasselstrippe, doch heute saß er nur schweigsam vor dem Teller und starrte ihn zu Tode.

„Was los, Alter?“, fragte Ares ihn skeptisch, aber Pax antwortete nicht.

Schien ihn nicht zu hören. Beachtete seinen Kumpel nicht mal.

„Was los mit ihm?“, sah er Jo an. Sie zuckte nur mit den Schultern und trank ihren Tee weiter.

Nun wurde Ares aber misstrauisch.

„Hey ...“ Er legte dem Stillen leicht die Hand an die Schulter. Im selben Moment zuckten sie beide zischend zusammen.

Schnell zog Ares sie wieder weg und starte erst seine Hand an, dann den Schwarzhaarigen. Es war ein Gefühl, als hätte er sich verbrannt. Hitze jagte seinen Arm hoch, bis in die Schulter. Die gleiche Stelle, die er bei Pax berührt hatte!

Die blauen Augen sahen panisch nach oben. Pax´ Hand zuckte. Wollte die schmerzende Schulter berühren. Wie ein Ertrinkender krallte er sich in seinen eigenen Ärmel. Sein Atem beschleunigte sich, wurde rasender.

Das kann unmöglich sein!

Furcht mischte sich mit Wut in Ares´ Innerem.

Mit einem Mal war ihm speiübel.

Als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen, krampfte sich sein Körper zusammen. Fing an zittern.

Seine linke Hand vergrub sich im Stoff des Hoodies, genau an der Stelle, an der das Symbol zu pulsieren schien. Wie gestern, als er mit Pax zusammengeknallt war! Doch da hatte er das komische Gefühl nicht einordnen können.

Jetzt schon!

Beide wussten es in dem Augenblick, in dem Ares den roten Ärmel seines besten Freundes hochriss und einen Verband entblößte. Der weiße, an manchen Stellen jedoch leicht rötliche Stoff, war um seine Schulter und Oberarm gebunden. Verdeckte das was sich darunter verbarg.

Eine Wunde.

Eine Brandwunde!

Blitzschnell sprangen beide auf. Stühle fielen klappernd zu Boden, und um ein Haar auch der Tisch, hätte sich Pax nicht daran geklammert, wie ein Ertrinkender.

Ungläubig starrten sie sich an. Blau traf auf Grün und umgekehrt. Verfingen sich im Blick des jeweils anderen.

Ares schimpfte sich einen Narren!

Die Augen! Wie hatte er sie nicht wiedererkennen! Wie hatte er all die Jahre nicht merken, dass Pax so war wie er? Hatte er sich nur zu gut getarnt oder war Ares ein mieser Freund und hatte die Anzeichen nicht erkannt?

Gedanken rasten in Ares´ Kopf wie auf einer Achterbahn. Binnen Sekunden hatte sich alles verändert!

Alles!

„Jungs, was soll das?!“, keifte Jo los und stellte sich zwischen die Beiden.

Sowohl Pax als auch Ares waren nicht scharf auf einen Kampf. Und erst recht nicht Ares, da er die Intensitäten ihrer letzten Auseinandersetzung nach wie vor deutlich spürte.

Augenblicke vergingen, in denen sie sich nur anstarrten. Nicht fähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Wütend.

Verzweifelt.

Enttäuscht.

Erleichtert.

So viele Gefühlte schwammen in Pax blauen Seelenspiegeln und Ares war schlichtweg überfordert mit allem. Seinen Gefühlen! Der Wahrheit! Der Zukunft?!

„Raus mit der Sprache! Was ist zwischen euch los?!“

„...“

„Ares?“

Schweigen.

„....“

„Pax?“

 „...“

Jo knallte mit der Hand auf den Tisch und riss die beiden jungen Männer aus ihrer Starre.

„Nichts“, knurrte der Grünäugige zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Verzweiflung mischte sich mit Wut, die brodelnd in ihm hochstieg.

Ringsum fühlte man deutlich die kleinen elektrischen Impulse. Ares spürte das verräterische Kribbeln in seinen Fingerspitzen. Es jagte durch alle Nervenbahnen, wie ein rauschender Fluss. Die Luft um sie herum fing an zu knistern, stellte Jos Haare leicht auf.

Das war der Moment für Ares, um von hier zu verschwinden!

Ohne auf Pax oder Jo zu achten, stürmte er in sein Zimmer und kaum, dass die Tür hinter ihm zufiel, verschwand er mit einem leisen Knall.

 

 

Wie lange geht das schon? Wie lange weiß Pax von seinen Fähigkeiten und warum habe ich nichts davon bemerkt? War ich so auf mich und meine Probleme fixiert, dass ich nichts um mich herum wahrnahm? Pax schien weniger überrascht gewesen zu sein als ich. Ob er etwas gemerkt hatte? Hätte er dann nicht früher etwas gesagt?

Das Grübeln brachte Ares nur Kopfschmerzen ein. Mit den Fingern massierte er sich die Schläfen.

Fragen um Fragen, die doch nur eine Sackgasse ergaben!

 

Er saß auf dem Dach der Theaterhalle und beobachtete die Menschen unter sich auf der Straße.

Trotz der recht frühen Stunden herrschte dort das reinste Chaos.

Wie Ameisen wuselten die Gestalten aufgeregt durch die Gegend.

Termine und Verpflichtungen. Das war das Einzige, was für jeden Einzelnen zählte. Unfähig, die Mitmenschen um sich herum wahrzunehmen, lebten sie aneinander vorbei. Trag für Tag.

Ares stellte sich die Frage: War er auch so blind?

Seufzend fiel er nach hinten. Die kleinen Steinchen, die das flache Dach des Gebäudes bedeckten, stachen ihm in den Rücken, doch es kümmerte ihn nicht sonderlich. Seine Sorgen waren wesentlich größer als irgendwelche Unebenheiten im Rücken.

Das FBI saß ihm im Nacken. Und nach der Pleite vergangene Nacht konnte er sich auf ein ordentliches Donnerwetter einstellen.

Er war umzingelt von Verpflichtungen!

Was sollte er jetzt machen? Wenn er Monrow und dem FBI half, müsste Ares seinen besten Freund verraten und wenn er der Behörde nicht half, würde er eine lange Zeit hinter Gittern verbringen?

Es war zum Haare raufen!

Ob Pax mit ihm reden würde? Er könnte ihn vielleicht davon überzeugen, seine Raubzüge aufzugeben. So würde er notfalls beide Probleme lösen. Oder ihn zumindest dazu bringen das, was er gestohlen hatte, zurück zu geben.

Einen Versuch ist es wert. Dachte sich Ares.

 

Als sich der Schwarzhaarige erhob, war die Sonne längst am Untergehen. Ihre rot-orangene Strahlen erleuchteten die bebaute Stadt in einem sanften Ton und luden zum Träumen ein. Doch Ares hatte für heute genug geträumt. Den ganzen Tag hatte er hier verbracht und war doch nicht schlauer als vorher.

Seufzend klopfte er sich den Schmutz von der Hose. Er hatte er so eilig gehabt, zu verschwinden, dass er sich nicht einmal umgezogen hatte. Zum Glück sah ihn hier niemand in den Schlabbersachen.

Jo ist mittlerweile bestimmt auf der Arbeit. Dachte sich Ares, als er beschloss, zu Fuß nach Hause zu gehen. Sicher war sicher. So erwischte er Pax allein.

Für Teleport hatte er nun wirklich keine Power mehr. Ein Wunder, dass er es bis zum Dach geschafft hatte. Bei seinem momentanen Pech, hätte er auch Mitten auf der Straße landen können oder sonst wo ... Im Colorado River zum Beispiel ...

 

Am Abend war Las Vegas laut, bunt und schrill. Die Stadt der Sünden und der Glücksspiele und doch war sie wunderschön, auf ihre eigene verkorkste Art und Weise.

Ares lief gemächlich die Straße entlang.

Ohne seine Verkleidung war er nur ein einfacher Bürger. Keiner beachtete ihn, niemand fragte nach einem Autogramm. Auch, wenn er es liebte, Chapeau zu sein, so war er auch um die ruhigen Momente froh.

Wie sollte es in Zukunft werden?! Wie lange würde er seinem Job noch nachgehen können?

Pax wusste über ihn Bescheid. Monrow ebenfalls. Und wer weiß wie viele sonst noch.

Würden sie ihm Steine in den Weg legen? Ihn daran hindern, seine Magie weiter vorzuführen? Als Chapeau? Als Ares?

 

Müde bog der geschlauchte Magier in seine Straße ein. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihm, dass es weit nach 23 Uhr war. Kein Wunder also, dass sich ein Gähner, nach dem anderen aus seinem Mund schlich.

Ob Jo bereits auf der Arbeit war? Die Blondine kellnerte in einer kleinen Bar im Herzen von Vegas. Ein Laden, den Ares von außen gesehen eigentlich niemals betreten würde, doch erst im Inneren zeigte sich der Charme eines französischen Lokals aus den 20er Jahren. Pax und er waren dort oft, um ihre Freundin bei der Arbeit zu besuchen und immer wieder sprang für die beiden Jungs ein Drink aufs Haus dabei heraus. Ihren Traum von der großen Karriere als Schauspielerin hatte sie schnell an den Nagel gehängt, nachdem Ares beschlossen hatte, nach Vegas zu gehen.

Damals, nachdem seine Eltern gestorben waren, hatte er die Schule mit Mühe bestanden. Nach dem Abschluss war er abgehauen. Pax und Jo hatten sich ihm angeschlossen und jetzt waren sie hier. Und nach zwei Jahren hatte sich weder Pax noch Jo jemals beschwert, ihm gefolgt zu sein. Dafür liebte er die Beiden über alles. Sie waren zu seiner Familie geworden.

 

Leise schloss Ares die Wohnung auf und schlüpfte durch die Tür. Die Räume lagen in stockfinsterer Dunkelheit.

Scheinbar sind beide nicht daheim.

Oder Pax schläft schon ...

Nach dem Lichtschalter tastend, tapste der Schwarzhaarige in den unbeleuchteten Flur. Seine Finger strichen über die glatte Wand.

Irgendwo musste er doch sein ...

Als er den kleinen, unebenen Knopf endlich fand, sprangen die Lichter an. Flackerten einige Sekunden, doch schon im nächsten Augenblick erloschen sie wieder. Als wären sie durchgebrannt!

„Komisch“, brummte er und sah skeptisch nach oben.

Ein weiteres Mal knipste er den Lichtschalter um. Wieder sprang das Licht für Sekunden an und, wie das Mal davor, ging es wieder aus.

Langsam wurde es Ares zu bunt! Ein drittes Mal knallte er die Hand auf den Schalter. Die Lampen sprangen an, doch schlagartig explodierten die Glühbirnen und kleine Funken rieselten auf Ares hinab, brannten sich in seine Kleidung.

„Was zum...!“, entsetzt sprang er zur Seite und fegte sie von sich herunter um größeren Schaden zu mindern.

Ein Kurzschluss? Ares konnte nichts sehen. Es war zu dunkel!

Was, wenn Jo oder Pax kommen? Die Scherben muss ich schnellstens beseitigen!

Zum Glück war ihre Wohnung nicht sonderlich groß und so hatte Ares wenig Mühe, in die Küche zu kommen.

„Verflucht!“, hüpfend hielt sich Ares den großen Zeh. „Das kann doch nicht sein!“, brummte er und hätte am liebsten die Scherben Scherben sein lassen und sich ins Bett verkrochen. Es war wirklich nicht sein Tag heute!

Doch das tat Ares nicht. Er lief weiter durch die Dunkelheit des Flures und ertastete eine Tür. Die Küche! Dort in der integrierten Speisekammer lagen die gesuchten Gegenstände.

Als Ares das letzte Glasstückchen beseitigt hatte, wollte er nun wirklich nur noch in sein Zimmer. Vergessen war Pax und der Wunsch nach einer Aussprache. Dafür hätten sie auch morgen noch Zeit. Er war mehr als müde und das schlug auf sein Gemüt.

Doch als er am Wohnzimmer vorbeiging, blieb er skeptisch stehen. Durch den Mondschein, welcher durch das bodentiefe Fenster fiel und wenigstens etwas Licht spendete, sah Ares eine Person am Schrank stehen. Ihre Umrisse deuteten deutlich auf eine Frau hin.

Sie wühlte hektisch in den Schränken herum, als wäre er auf der Suche nach etwas!

„Jo?“, fragte er zögerlich. Wieder tastete seine Hand nach dem Lichtschalter.

„Warum steht sie im Dunkeln?“, überlegte er sich.

Ares wusste, dass es nicht seine beste Freundin war. Diese Frau hier war deutlich größer als die Blondine. Ihre ganze Gestalt wirkte athletisch und so ... wie sollte Ares es sagen ... Anders eben.

Nicht anders als im Flur, sprangen die Lampen für den Bruchteil einer Sekunde an. Bevor sie zerbarsten, erleuchteten sie die Person.

Sofort wirbelte diese herum. Ihre Bewegung war schnell und grazil und erinnerte ihn an Pax, als er gegen ihn gekämpft hatte. Doch das hier war anders! Es war düster und unheimlich! 

Jetzt konnte Ares sie deutlicher sehen. Ihr Körper war umhüllt von einer Art Anzug, er spannte sich über ihre Figur wie eine zweite Haut und wechselte im Licht leicht seine Farbe von Schwarz zu Violett und wieder zurück. Es sah sehr schön aus, stellte Ares fest, denn es erinnerte ihn ein wenig an das Polarlicht.

Abrupt erlosch das Licht. Die Frau raste auf Ares zu und ehe er es sich versah, kassierte er einen Tritt in den Magen, gefolgt von einer Faust direkt in sein Gesicht. Sofort zog sich alles in seinem Inneren zusammen.

Keuchend sackte er auf den Teppich. Blut tropfte aus dem Mundwinkel. Ein Mal mehr schmeckte er den metallischen Geschmack.

Ares wischte sich über den Mund. Wollte sich erheben, da erwischte ihn ein weiterer Tritt und er flog einige Meter weit und landete krachend an der nächsten Wand. Der Schrank daneben wackelte gefährlich, blieb aber stehen.

Diese Schläge waren härter als die von Pax oder irgendeinem anderen, mit dem sich Ares früher einmal angelegt hatte! Sowas hatte er vorher noch nicht erlebt! Was war das für ein Mensch!? Oder war sie gar kein Mensch?!

„Wer bist du!?“ Seine Stimme war nur ein heißeres Keuchen, welches er mit Mühe herausbrachte.

Ares spuckte das Blut aus. Es sammelte sich in seinem Mund. Kroch die Luftröhre hinab und erschwerte ihm das Atmen.

Langsam richtete er sich auf. Sein ganzer Körper krampfte sich schmerzhaft zusammen. Ares hielt sich den Bauch. Sein Kopf drehte sich, gaukelte ihm allerlei komisches Zeug vor.

Sah er richtig? Oder trogen ihn seine Augen? Kam da Rauch aus ihren Händen?

Ares schüttelte den Kopf, versuchte wieder, einen klaren Gedanken zu fassen. Als er sich jedoch abstützte, schrie er auf. Sein linker Arm! Er konnte ihn nicht bewegen!

Entsetzt starrte Ares in das Gesicht der Frau. Die weißen Haare reflektierten den Schein des Mondes. Zwar war es ab der Nase verhüllt, doch er konnte ihre Augen sehen. Sie leuchteten in einem hellen Grau. Kalt und unmenschlich! Schlagartig wurde die Luft kalt um sie herum genauso kalt.

Ares spürte etwas Nasse, seine Schläfe hinab rinnen.

Blut!

Es lief ihm in die Augen und ließ den jungen Mann mehrmals blinzeln. Sie brannten und tränten.

„Törichter Mensch“, hörte er ihre Stimme. Sie klang wie ein kaputtes Funkgerät. Abgebrochen und mechanisch.

Ares sah kaum etwas. Hörte nur ihre Schritte, die knirschend über das Gla, auf ihn zukamen. Ares´ einziger Gedanke war, die Augen zu schließen und es über sich ergehen zu lassen. Ihm war speiübel und die Dunkelheit kroch immer mehr auf ihn zu. Er wollte, dass es aufhörte! Und wenn er dann aufwachen würde, war vielleicht alles nur ein böser Traum gewesen. Er würde wieder in der Küche sitzen und mit seinen Freunden Quatsch machen ... 

Plötzlich erhellte ein helles Blitz das ganze Wohnzimmer, zischte an ihm vorbei und direkt auf die Frau zu. Der Strahl fegte sie von den Füßen und krachend flog ihr Körper durch das Fenster der Balkontür. Die Glassplitter glänzten, in dem abklingenden Licht wie kleine Kristalle.

Ares sah eine weitere Person an ihm vorbeirennen. Diese stürzte durch das gebrochene Glas und blieb an der Reling stehen.

„Verdammt!“, fluchte die aufgetauchte Gestalt. Knirschend Kamm sie wieder herein in die Wohnung. Ares seufzte auf. Er war da ...    

Mit wackeligen Beinen stand Ares da und wartete, bis die mysteriöse Frau wieder auftauchen würde, doch von ihr fehlte jede Spur. Scheinbar war sie über die Brüstung geflogen! Erleichtert atmete er aus. Sofort schoss der Schmerz wieder durch seinen Körper und zwang den jungen Mann keuchend zurück in die Knie.

Behutsam legte sich eine Hand um seinen Arm und zog den geschwächten Körper wieder auf die Beine.

Pax´ Gesicht lag zum Teil im Schatten, doch Ares würde es unter Millionen wiedererkennen. Sorge spiegelte sich in den nun dunklen Augen. Er stützte Ares und gemeinsam trotteten die beiden zum Badezimmer.

 

Stille lag in der Luft.

Der Mut, den Ares vorher gehabt hatte, war mit einem Mal verschwunden. Unsicher sah er Pax´ Profil aus den Augenwinkeln.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du es bist“, durchbrach Pax vorsichtig die Stille und nahm es Ares ab, den ersten Schritt zu machen.

„Ich wusste nicht mal, dass es jemanden wie ...“, setzte Ares an, doch wie sollte er es beschreiben?!

„Mich gibt?“, unterbrach ihn Pax und Ares nickte nur stumm.

Pax wandte sich ab und ging zum Medizinschrank. Und solange er darin herumkramte, überlegte sich Ares, was er sagen sollte.

So viele Fragen schwirrten ihm im Kopf umher. Wer oder Was sind wir? Wer war die Frau? Warum klaute Pax diese ganzen Sachen? Das und weitaus mehr!

Zischend zog Ares abrupt die Luft ein.

„Spinnst du?“, fauchte er seine Krankenschwester an.

Pax stand mit einem Tupfer, der jetzt rosa vom ganzen Blut war, vor ihm und sah den Verletzten erschrocken an.

„Sorry“, murmelte Ares.

Stell dich nicht so an! Schimpfte er mit sich im Stillen.

Pax´ Augenbraue schoss in die Höhe. Kritisch sah er auf den Verletzten hinab.

„Sei keine Memme, man“, brummte er und tupfte weiter in Ares´ Gesicht herum.

Wieder kehrte Ruhe zwischen ihnen ein, während Pax Ares verarztete.

„Die Wunde am Kopf ist halb so schlimm.“ Pax fuhr vorsichtig mit den Fingern durch Ares´ Haare, begutachtete die lädierte Haut darunter. „Das heilt schnell, glaub mir.“ Leicht hob er Ares´ Shirt an und sofort runzelte sich seine Stirn. „Ziemlich viele blaue Flecken, aber gebrochen scheint nichts zu sein“, murmelte Pax und tastete Ares´ Rippen ab.

Leichte Gänsehaut breitete sich auf Ares Haut aus. Getrieben von den minimalen Impulsen, die von den sanften Fingerkuppen ausgingen. Es war nicht schmerzhaft wie das letzte Mal, als ihre Haut aufeinandertraf. Damals im Kampf.

Ob es an der Art lag, wie sie sich gegenüberstanden? Wenn sie sich stritten, tat es weh und wenn sie ... Ares schluckte, Pax war zu nah dran. Er konnte den Atem des anderen auf seinem Gesicht fühlen.

„Das habe ich dir zu verdanken“, flüsterte Ares heißer. Wieso war sein Mund plötzlich so trocken?!

„Du meinst...?“, erschrocken sah Pax auf die Prellungen. „Tut mir leid ... Ich hatte keine Ahnung ...“

„Vergiss es“, winkte Ares ab. Immerhin war der andere Arm noch ganz, auch wenn er den Schmerz kaum noch wahrnahm.

 

„Du hast bestimmt viele Fragen?“ Die blauen Augen sahen Ares traurig an, als er vorsichtig eine Schlinge um den linken Arm legte.

Doch Pax´ trübe Stimmung hielt nicht lange an, denn im nächsten Moment strahlte er sein Gegenüber an.

„Ich hätte nie gedacht, dass Chapeau einer von uns ist“, grinste er Ares an und wuschelte durch die schwarzen Haare. Ares zuckte kurz zusammen.

„Naja, ich habe mir schon so etwas gedacht ... Doch dass ausgerechnet DU es bist ... ist WOW ...“, plapperte Pax los und gestikulierte wild fuchtelnd mit den Armen.

„Warum bist du so glücklich darüber, dass ich es bin? Wir sind doch gleich“, fragte Ares überrascht.

Pax legte den Kopf leicht schief.

„Das ist so nicht ganz richtig“, erklärte er und verschränkte die Arme nachdenklich.

„Du kannst fliegen, das ist etwas, was ich nicht kann, und im Allgemeinen spürte ich immer ein eigenartige Verbindung zu Chapeau... Ich meine... zu dir. Es ist schwer in Worte zu fassen“, seufzte Pax, sich am Kopf kratzend.

„Gibt es viele wie uns?“

Sofort wurde Pax still. „Vielleicht eine Hand voll“, flüsterte Pax und ein leichter, trauriger Schatten legte sich wieder in seine blauen Augen.

Immernoch lag Ares´ Hand um sein Handgelenk, sanft, fordernd.       

„Was sind wir, Pax?“, stellte Ares die Frage aller Fragen und augenblicklich hatte er Angst vor der Antwort. Wollte er es wirklich wissen? Konnte Pax sie ihm beantworten, da Monrow dazu nicht im Stande gewesen war?

Lange sahen ihn die großen blauen Augen an.

Pax schien mit sich zu kämpfen und als sein Mund sich öffnete und Ares die Worte vernahm, wünschte er sich, er hätte die Frage nie gestellt.

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.

 

Leider wird es hier einen Cut geben, denn Split wird im August (wenn die Götter mir wohlgesonnen sind) veröffentlicht. :)

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Augurey Am 20.06.2019 um 11:33 Uhr Mit 1. Kapitel verknüpft
Hallo CasBacker!
Willkommen auf Storyhub erstmal. Hab gerade in deine Geschichte reingelesen (nur den Prolog bisher) und muss sagen, die Hintergrundidee find ich sehr spannend und interessant. Ich liebe Zeitgenössische Fantasy und Magie und Zirkusluft klingt genau nach meinem Beuteschema (und passt auch gut zusammen). Leider gibt es an der Umsetzung soweit ich sie bisher gelesen habe, noch einiges an Verbesserungsbedarf. Ich fang mal mit dem Formalen an: Du solltest die Geschichte dringend nochmal auf Zeitformen überarbeiten, denn du wechselst ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit, was nicht nur falsch ist, sondern auch den Lesefluss sehr hemmt. Die Einschübe, in denen du den Leser direkt ansprichst, waren ebenfalls eher ein Hemmnis und verwirrend, vorallem der zweite als du in die Ich-Perspektive gewechselt bist. Und auch sonst sind so einige Fehler und Stilblüten drin. Zu Chapeu (der mir herzlich unsympathisch ist) könnte ich viel sagen, aber da ich nicht weiß, ob das Absicht ist, schweige ich erstmal. Mein Tipp: Wenn du wirklich in ein paar Passagen den Leser direkt ansprechen willst, dann mach es mit einer völlig neutralen, außenstehenden Stimme und lasse Sachen wie "So, jetzt ist der Hase aus dem Hut - kleiner Scherz unter Zaubern." weg. Denn die sind es, die verwirren. Ich hoffe, du konntest was mit meinem Feedback anfangen. Denn wie gesagt, die Hintergrundidee gefällt mir sehr gut und ich würde mich freuen, wenn daraus was Gutes werden würde. Den Kartentrick fand ich übrigens sehr interessant! Grüße, Augurey
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CasBackers Profilbild
CasBacker (Autor)Am 20.06.2019 um 13:21 Uhr
Hallo Augurey,
danke für deine Kritik und Lob. Ich bin gerade dabei alles noch mal durchzulesen und die beschriebenen Passagen zu ändern. :)
Schade das Chapeau auf dich unsympathisch wirkt. Ich hoffe, das ändert sich im Laufe der Geschichte. ^^

Gruß
Cas

Autor

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Statistik

Kapitel:10
Sätze:2.230
Wörter:27.958
Zeichen:162.276

Kurzbeschreibung

Der 19-jährige Ares ist Zauberkünstler aus Leidenschaft. Mit seiner eigenen Show in Vegas, verdient er so sein Geld. Doch Ares hat ein Geheimnis... seine Magie ist echt! Woher er die kam und was es damit auf sich hat, weiß er nicht. Bis plötzlich ein Dieb auftaucht und sich als Doppelgänger ausgibt. Vielleicht kann der mysteriöse Maskierte im verraten, woher diese Kräfte kamen, denn der Andere hat auch welche... genau wie Ares! Ein Abenteuer beginnt und offenbart Ares nicht nur seine Gefühle, sondern auch sein Schicksal.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy, Liebe und Freundschaft gelistet.