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| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 366 | |
| Wörter: | 4.251 | |
| Zeichen: | 24.639 |
Ein Junge. Dunkelblonde Haare, bebrillt, mit blau-grünen Augen. Er ist 16 Jahre alt, schlank und sein Name lautet Rogue. In seinem Körper herrscht ein rätselhaftes Knistern. Ein ständiges Geräusch welches ihn plagt, mal laut, mal leise. Ein Gefühl der Leere.
Dieses Gefühl, dessen Geheimnis trägt er in sich, sein Leben lang. Ohne je voller Furcht oder Sorge vor diesem Gefühl zu sein. Je älter er wurde, desto alltäglicher wurde dieses Gefühl. Und damit lebend, zeigt Er sich normal.
Bis zu diesem Tag.
Es Knistert.
Der Himmel ergießt sich in einem zarten Azurblau. Weich liegen Schleierwolken im morgendlichen Dunst und werden von dem melodischen Gesang einiger Vögel allmählich vertrieben.
Der Schulgong ertönt und die Klasse wartet auf den Lehrer.
In Gedanken versunken starre ich aus dem Fenster. Die Ferne zieht mich hinaus. Wie so oft an einem warmen Sommertag. Die Zeit verlangsamt sich und ich schließe meine Augen. Quietschende Stühle, lautes Gelächter und wummernde Stimmen erklingen in meinen Ohren, wie eine chaotische Melodie der Klasse. Ein Duft abgenutzter Bücher schwebt durch die Luft. Vermischt mit dem Geruch eines alten Mobiliars.
Ein Kontrast meines Selbst.
Leise vernehme ich Tritte, welche auf mich zukommen. Neugierig und mit halbem Auge offen, erblicke ich einen Jungen namens Magnas. Beinahe stolpernd torkelt er in meine Richtung. Schlaksig winkt er mir von weitem zu.
Lautstark schallert seine Stimme quer durch das Klassenzimmer “Hey Rogue! Hast du Hunger? Ich habe etwas zu essen dabei.”
Er ist ein dicklicher, netter, verpeilter Junge. Mit kurzen braunen Haaren, verträumten Augen und runden Wangen kleidet er sich schlicht. Eine blaue Jeans wirft, ein rotes Shirt und zweckmäßige, braune Schuhen.
Oft setzt Er sich zu mir. Mein einziger Freund.
Mit den Schultern zucke ich trocken „Klar.“
Wortlos sitzen wir nebeneinander. Zum Glück ist Magnas einfach gestrickt, obwohl er aus gutem Hause stammt. Er versteht mein Wunsch nach Stille und füllt meine Anwesenheit mit seinem Wunsch nach Freundschaft. Etwas, wovon wir beide profitieren.
Nach einer Weile betritt der Lehrer die Klasse.
Wortlos zieht der Schultag an uns vorüber und die Klasse wandert zum Bus
Magnas strahlt entlang des Weges und unterhält sich mit anderen Kindern – Voller Vorfreude auf die bevorstehende Zeit.
Es ist ein warmer Sommertag.
Der Weg zum Bus führt an einem Fluss voll dicht bewachsener Sträucher entlang. Das Glitzern des Wassers spiegelt jedes Grün wider.
Magnas ruft, es platzt förmlich aus ihm heraus „Was machen wir an diesen schönen Tagen? Wir haben endlich wieder Ruhetage!“ Er strahlt.
Keiner reagiert. Die meisten der anderen Kinder ignorieren ihn.
Er tut mir leid... „Wir können etwas unternehmen, Magnas.“ rufe ich ihm von hinten zu.
Magnas dreht sich zu mir um und lächelt.
An der Bushaltestelle angekommen, stelle ich mich wie gewohnt alleine an eine Mauer und senke den Kopf. Die Haltestelle ist umringt von Bäumen, gelegen an einer kleinen, holprigen Straße.
Bedächtig zieht mein Knistern mich in seinen Bann. Die Geräusche, die Menschen um mich herum verstummen. Nichts zu hören, außer meinem Knistern.
Aus dem Nichts, schießt mir ein ungewöhnliches Gefühl durch den Kopf. Überrascht öffne ich meine Augen und sehe im Augenwinkel ein Mädchen. Etwas umgibt sie.
„Was ist das!?“ Kann ich meinen Blick fragend nicht abwenden.
Sie schaut in meine Richtung. Ihr flüchtiger Blick trifft mich wie ein Stein.
Ertappt schnellen meine Augen zu.
Plötzlich ertönt ein Hupen. Ein ferner, stechender Geruch von Abgasen kündigt sich an. Die Straße wummert und mit quietschenden Reifen öffnet der Bus seine Türen.
Magnas ruft „Rogue! Der Bus ist da.“
Wissend stoße ich mich leicht von der Wand ab und werfe einen letzten verstohlenen Blick zu dem Mädchen. Sie steigt in den Bus ein.
Trottend, suche ich mir einen abgelegenen Sitzplatz am Fenster. Abwesend schweift mein Blick erneut in die Ferne. Der monotone Motor brummt tief in unseren Mägen.
In Gedanken versunken, bemerke ich nicht, wie sich das Mädchen von der Bushaltestelle Geräuschlos neben mich gesetzt hat. Einige Haltestellen lang sitzt sie stumm neben mir.
Doch auf einmal gleitet ihr Blick in meine Richtung. Mit ihren ungewöhnlich klaren, blauen Augen blickt sie mich an und beobachtet mich, wie ich in die Ferne starre.
Es kratzt in meinem Hinterkopf.
Dem Versuch trotzend ihren Blick zu erwidern, frage ich genervt „Kann ich etwas für dich tun?“ Ein süßlicher Duft nach Lilien umgibt uns.
Erschrocken zuckt sie zusammen „Oh, Entschuldigung. Ich war in Gedanken versunken und fragte mich nur, was es dort draußen doch zu sehen gibt?“
„Eine Stille, die der Bus nicht bieten kann“ erwidere ich unberührt, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen.
Eine kurze Zeit lang verweilt ihr auf mir. Legt dann ihre Füße auf den Sitz vor uns, lehnt sich zurück und lächelt „Was nützt einem stille, wenn es doch nie still ist?“
Überrascht von der mir vertrauten Antwort, murmele ich „Es hilft…“.
Sich wohlfühlend schließt sie Ihre Augen, steckt sich Kopfhörer in die Ohren und reagiert gelassen „Deine Stille gefällt mir...“.
Ein ungewöhnlich wohles Gefühl legt sich über meinen Körper.
Der Bus rumpelt weiter über die Straße. Während draußen die Dörfer an uns vorbeiziehen, verliere ich mich wieder in Gedanken, die immer dann aufkommen, wenn ich zu lange in die Ferne starre.
Die Häuser draußen fallen aus einer anderen Zeit. Holzgerüste, bunte Fassaden, geschnitzte Türen. Diese Ansammlung an Dörfern und Kulturen worin wir leben nennt man die „Antike.“ Ein Fleckchen Erde voller Traditionen und Handwerk, eingeklemmt zwischen Mächten, die größer sind als wir.
Während der Bus an einem alten Brunnen vorbeifährt, denke ich an die Geschichten, die man uns über die übrigen Reiche erzählt.
Im Westen liegt Aydrah, wo die Felder endlos sind und die Schmiedekunst wichtiger ist als alles andere. Dort sagt man, hört man das Schlagen der Hämmer schon, bevor man die Städte sieht.
Im Süden, hinter den nebeligen Küsten, liegt Sol. ein Reich aus Inseln und Wasserwegen. Seefahrer, die das Meer verstehen, wie sonst keiner in allen Reichen.
Im Osten brennt Gadras, versteckt im Inneren eines Vulkans. Ein Reich, das nicht nach außen wächst, sondern nach innen, tief in die Erde, wo Hitze und Magma ihre Werkzeuge sind.
Und im Norden, thront Valeris. Die Hauptstadt der Welt. Türme aus Metall und Licht, soweit das Auge reicht. Technik, die aussieht, als käme sie aus der Zukunft. Von wo aus sie über alle anderen Reiche herrschen.
Ich blicke zurück aus dem Fenster, während der Bus weiter über die Hügel rollt. Die Welt draußen wirkt für einen kurzen Moment ruhiger, als könnte man nach ihr greifen. Doch dann knistert es wieder in meinem Kopf. Und die Gedanken zerfallen erneut zu Staub.
„Nächster Halt – Lohram“
Das Mädchen öffnet die Augen. Fast verzweifelt stößt sie einen Seufzer aus.
„Lohram? Sie steigt in Lohram aus?“ Blicke ich verwundert. „Mein Heimatdorf. Valeris hat es zerstört und unbewohnbar werden lassen. Was will sie dort!?“
Verschlafen dreht sie sich zu mir um „Danke für die Stille“ Stottert und lächelt sie.
Von Neugierde gepackt, drehe ich zaghaft meinen Kopf.
Ein älter aussehendes, Mädchen sitzt neben mir. Ihre Haare sitz straff, zusammengebunden wie Zuckerwatte. Eine kleine Nase thront auf ihrem Gesicht, umringt von Sommersprossen. Weiche Wangen runden ihr zierliches Gesicht ab.
Ihre Kleidung liegt sportlich. Eine schwarze Jacke wirft sich locker über ihren Körper. Darunter blitzt, fast heimlich, ein rosa Shirt mit einem Affen darauf heraus. Knitternd legt sich eine enge, schwarze Jeans über ihre schmalen Beine. Umfasst von Knöchel höhen weißen Strümpfen. Die Schuhe sportlich, weiß.
Überrascht von ihrem außergewöhnlichen Aussehen, nicke ich ihr zu.
Als sie aufstehen möchte, berühren sich unerwartet unsere Finger.
Schlagartig, schießt ein Impuls durch meine Muskeln.
Meine Umgebung verschwimmt.
Mein Körper vibriert…
Plötzlich krampfen alle meine Gliedmaßen und mein Knistern wird unerträglich laut…
Es brüllt!
Verschwommen erkenne ich im Augenwinkel das Mädchen draußen in einen Wald hineingehen, Richtung Lohram. Leicht dreht sie ihren Kopf in Richtung Bus, als wolle sie sich vergewissern. Mir etwas sagen wollen.
Mein Magen verknotet sich… “Was passiert hier!?” Schweißgebadet falle ich auf den Sitz neben mir… Er duftet nach Lilien... Nach ihr.
Mit letzter Kraft flüstere ich „Mag…nas…“
Alles ist taub. Außer einem furchteinflößenden, bohrendem Gefühl der Leere.
Mein Bewusstsein schwindet.
Es KNISTERT.
Der Tag vergeht.
Ich schrecke in einem Bett hoch.
„Was!?“
Eine Silhouette mit einer Rosa-Blauen Aura verblasst vor meinen Augen auf.
„Ich liege in einem Bett?“ Konfus explodiert mein Kopf.
Verschwommen drehen sich meine Augen. Mein Duft liegt in der Luft. Alles wirkt chaotisch. Die Vorhänge sind geschlossen und eine kleine Lampe neben dem Bett erleuchtet das Dunkel des Zimmers schleierhaft.
"Wo bin ich..." Frage ich mich entsetzt.
Urplötzlich knistert es wieder. Es reißt mich in die Realität.
Mein Bett. Mein Zimmer. Meine Welt.
Die Wände sind aus Holz. An einer Seite steht ein Kleiderschrank, auf der anderen ein Schreibtisch mit Schulsachen darauf.
„Wie bin ich…“ zögere ich, völlig ohne Erinnerung.
Angst überwältigt meinen Körper.
Meine Glieder krampfen und auf meiner Zunge liegt ein metallischer Geschmack. Mit Übelkeit im Magen versuche ich mich daran zu erinnern, was geschehen ist.
Nichts. Ein Blackout.
„Was ist passiert? Was ist bloß im Bus passiert, nachdem mich das Mädchen berührte!? Hilflos umklammere ich meine Beine. "Wie kam ich in mein Bett?".
Der Duft meines Bettzeugs verteilt sich in meiner Nase. Behutsam gleite ich mit einer Hand über mein Bett. Es ist weich. Es beruhigt.
Im nächsten Moment höre ich die Treppe vor meiner Tür knarzen. Die Holzbalken unseres Hauses flüstern.
Oben angekommen, klopft es. Meine Mutter.
„Rogue? Bist du wach?“ fragt sie leise und schaltet ein leichtes Licht an.
Eine schlanke, adrette Frau betritt den Raum. Aranye. Aber jeder nennt sie Ara.
Rotes Haar schlängelt sich wie Feuer über ihre Schultern, verziert von einer leichten schwarzen Feder. Ihre leuchtend, grünen Augen erhellen jeden Raum.
Eine weiße Bluse, liegt eng an ihrer Taille. Bedeckt von einem dunklen Gürtel mit selbst eingravierten Zeichen darauf. Ein schwarzer Rock wirft sich elegant über ihr Beine, getragen von weißen Sandalen.
Besorgt setzt sie sich auf mein Bett.
„Rogue, geht es dir gut? Du zitterst ja.“ Fragt Sie besorgt.
„Wie soll ich darauf antworten?“ Zucke ich zögernd. „Ich weiß ja selbst nicht, was passiert ist…“
„Ja, Mutter.“ meine Gefühle vermischen sich „Mir ist nur kalt.“
Hastig werfe ich hinterher „Wie bin ich denn nach Hause gekommen?“
Wunderlich blickt sie mich an „Wie meinst du das? Du bist nach der Schule Heim gekommen und hast dich ohne ein Wort ins Bett gelegt. Du warst wie in Trance.“
Ein Schauer gleitet mir über den Rücken.
Liebevoll legt meine Mutter ihre Hand auf mein Bein „Ich wollte dich zum Abendessen wecken. Du hast allerdings so fest geschlafen, dass ich dich nicht wach bekommen habe. Also ließ ich dich.“
„Wie kann das sein!?“ Mein Knistern flackert.
„Weißt du wo Magnas ist? War er bei mir?“ Frage ich hektisch.
„Nein, du warst alleine…“ Sagt sie unruhig.
Ein Moment der Stille weht durch den Raum.
„Ist alles in Ordnung, Rogue? Du machst mir ein wenig Sorgen.“ Hackt sie nach.
Tief einatmend nehme ich mir kurz Zeit. Mit Bedacht wähle ich meine Worte.
„Ich weiß es nicht genau, Mutter… Ich bin und war immer ehrlich zu dir. Wir haben stets über alles gesprochen.“ Mein Atem stockt. Aus Furcht spüre ich meine Hände nicht „Es ist etwas Seltsames passiert…“
Meine Mutter wartet ab.
„Heute im Bus traf ich ein Mädchen.“ Bei dem Wort Mädchen spitzen sich Mutters Ohren „sie saß neben mir und sprach mich aus heiterem Himmel an. Irgendwie, so schien es, verstand sie meinen Wunsch nach Stille und ein selten entspanntes Gefühl durchzog meinen Körper.“
Meine Stimme gleitet ins zittrige „Als sie schließlich aussteigen wollte... Berührten sich kurzzeitig unsere Finger.“ Bei dem Gedanken kribbelt mein Kopf „Und als nächstes… Fiel ich in Ohnmacht.“
„In Ohnmacht?“ bricht die Miene meiner Mutter „Da hat die Kleine aber Eindruck hinterlassen.“ Ein leichtes Lachen kann sie sich nicht verkneifen.
Etwas zerrt an mir. Als würde die Erinnerung sich blockieren wollen.
Angsterfüllt führe ich meinen letzten Gedanken aus „Das ist das letzte woran ich mich erinnere… Als nächstes wache ich in meinem Bett auf.“ Meine Mutter spürt mein Zittern. Das ganze Bett vibriert.
Die Augen meiner Mutter füllen sich mit Sorge „Aber, Rogue… Du warst wach! Wie kann da sein?“
„Ich weiß es nicht…“ stottern meine Lippen.
Nie habe ich meiner Mutter von meinem Knistern erzählt. Oder meiner Leere. Nie wollte ich sie bedrücken über etwas, was ich selbst nicht verstehe.
Beruhigend versuche ich mir etwas Zeit zu verschaffen „Tust du mir bitte einen Gefallen? Und vertraust mir? Wie du es schon sooft getan hast?“
Verwirrt trifft mich ihr Blick.
„Vielleicht war es nur Zufall.“ Erzähle ich hoffnungsvoll „Wenn es noch einmal passiert, werde ich dir sofort davon erzählen und wir kümmern uns darum. Nur dieses eine Mal… Belassen wir es dabei, Okay?“
Meine Mutter nimmt sich einen kurzen Moment Zeit. Schon immer konnte sie sich auf mich verlassen. Selbst als Kind schien es so. Unser Vertrauen zueinander war stets ein Anker. Für uns Beide.
„Okay mein Sohn, ich vertraue dir... Es gefällt mir nicht, aber ich tue es.“ Mit einem Lächeln streichelt sie über mein Bein „Du bist so erwachsen für dein Alter... Da werde ich mich wohl nie dran gewöhnen.“
Doch im nächsten Moment beugt sie sich zu mir vor und schaut mir mit ernstem Ausdruck ins Gesicht „Aber beim nächsten Mal prügele ich dich zum Arzt. Ist das klar!?“
Von Ihrer Ernsthaftigkeit amüsiert entlockt sie mir ein lächeln „In Ordnung, Mama.“
Ihre Hand gleitet sanft über mein Haar „Okay. Schlaf noch ein wenig. Morgen ist auch noch ein Tag“.
Benommen vom Blackout falle ich nickend zurück auf mein weiches Bett.
Meine Mutter verlässt leise das Zimmer, macht das Licht aus und zieht die Türe bei.
Meine Gedanken kreisen „Was zum Teufel ist im Bus bloß passiert? Mein Knistern war noch nie so laut… So lebendig. Und warum bekomme ich diese ungewöhnliche Rosa-Blaue Aura nicht mehr aus meinem Kopf?“
„Was nützt einem stille, wenn es doch nie still ist?“
Beim Gedanken daran verspüre ich einen unerträglichen Druck auf meiner Seele.
Es ist ein Satz, der in meinem Kopf widerhallt, bevor ich einschlafe.
Am nächsten Morgen.
Schweiß gebadet wache ich auf.
Ein Duft nach Lilien kitzelt in meiner Nase.
Die Sonne liegt schwer und ein Duft nach Regen strömt durch ein offenes Fenster. Beinahe in Zeitlupe versuche ich aufzustehen. Bei jeder Bewegung knacken meine Knochen dumpf.
Meine Augen kriseln.
Benommen torkele ich zu meinem Kleiderschrank. Greife mir ein weißes Shirt, eine schwarze Hose und weiße Schuhe. Meine schwarze Lederjacke springt mir in das Auge. Die Zeichen meiner Mutter befinden sich darauf. Sie glühen beinahe. Unterbewusst greife ich sie mir.
Zerknirscht begebe ich mich in das Badezimmer.
Nach einer belebenden Frische, stapfe ich mit unregelmäßigen Tritten die Treppe hinunter. Unser Haus im Erdgeschoss ist offen geschnitten – Wohnzimmer, Küche und ein Esstisch Grenzen dicht beieinander. Große Steinfliesen, ein lodernder Kamin und Holzwände erwärmen den gesamten Raum.
Ein warmes lächeln empfängt mich aus der Ferne. „Morgen, Rogue! Frühstück ist fertig.“ ruft meine Mutter aus der Küche heraus. Wie jeden Morgen.
Es duftet nach ihrem Essen.
„Ich habe keinen Hunger, Mutter.“ Beklagend setze ich mich an unseren Esstisch. Massiv gearbeitet und mit Holzsplittern übersät. Jede einzelne Kerbe steht für eine Erinnerung aus vergangenen Tagen.
Aus der Küche dringt ein lautes klirren.
„Ach komm! Lass mich nicht hängen, kleiner!“ Mit einem Pfannenwender in der Hand poltert sie über das Geschirr „Ich habe extra versucht dein Lieblingsessen zu kochen.“
Mit schmalen Augen trifft mich ihr Blick „Du weißt ich kann nicht kochen und selbst ein Omelett bringt mich zur Schwelle der Höllenglut. Also, wenn du es nicht essen willst, OKAY! Aber kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren?“
Ihre Mundwinkel zucken angestrengt, vor einem verkneifendem lachen.
Es duftet nach angebratenen Spiegeleiern auf Brot. Dazu verkohltem Aufschnitt, Salat und einer Prise Pfeffer. Es soll mich aufmuntern.
Nichtssagend gebe ich einen bejahenden Seufzer von mir.
„Na, geht doch.“ Ihr Lachen schallt durch das ganze Haus „Das wird dir gut tun… Oder dich vergiftet… Na ja… Du weißt schon… 50:50.“ Mit Liebe stellt sie mir den Teller hin.
Mein Magen hat dank ihrer Kochkünste eine natürlich Resistenz gegen aller Art Verstimmungen aufgebaut. Um sie nicht zu enttäuschen, esse ich alles auf.
Platzend murmle ich „Es war sehr lecker. Vielen Dank, Mutter.“
Abwaschend lächelt sie herzlich.
„Kann ich dich etwas fragen?“ rufe ich ihr mit ernster Stimme zu.
„Selbstverständlich.“ nickt sie.
Bedacht schicke ich vorab „Es geht um Vater und Lohram…“
Plötzlich lässt sie das restliche Geschirr liegen, trocknet ihre Hände ab und setzt sich wortlos zu mir „Rogue… Dieses Thema…“
Ihre Stimme ist ruhig, aber angespannt. Als hätte jemand eine Saite zu fest gezogen.
„Ja, Mutter“ Meine Hände gleiten über die Kerben des Tisches „Das Mädchen von gestern… Sie stieg in Lohram aus und ging in Richtung Dorf…“
Bei dem Wort Lohram geht ein kaum merkliches Zucken durch Mutters Gesicht.
„Die Haltestelle von Lohram, die als Mahnmal dienen soll, hinterlässt neuerdings bei mir eine Schwere. Ein Druck.“
Stille breitet sich zwischen uns aus. Keine angenehme, während mein knistern sich regt. Ganz leicht. Wie ein fernes Gewitter.
Meine Mutter schließt kurz die Augen. Als müsse sie sich sammeln. „Ich hatte gehofft, dass wir dieses Gespräch noch ein paar Jahre hinauszögern können…“
In einem Hauch flüstere ich ihr zu „Ich weiß… Ich sehe stets den Schmerz in deinen Augen... Aber, ich muss es wissen.“
Die Luft ist greifbar und die Gerüche unseres Hauses umgeben uns. Verkohlte Holzscheiden versprühen eine metallische Note aus dem Kamin, vermischt mit dem lieblichen Duft meiner Mutter.
„Wie ist Vater gestorben? Und wieso wurde Lohram ausgelöscht? Kannst du mir es bitte erzählen?“ Angespannt wie ein Brett, rücke ich meinen Stuhl näher zum Tisch.
Nervös zerpflückt meine Mutter ihre schwarzen Feder im Haar, während ihre Stimme immer leiser wird „Rogue… Ich wollte warten bis du alt genug bist.“ Ihre Hand streift durch ihr Haar „Aber, es ist wohl soweit…“
Ihre Stimme bebt. Alles ist still.
„Die Wahrheit ist… Lohram wurde wegen uns ausgelöscht.“ Schmerzerfüllt beißt sie sich auf die untere Lippe. Sie beginnt leicht zu bluten.
Die sonst so leuchtenden Augen meiner Mutter färben sich trüb.
„Rogue…“ Ein Kloß im Hals erschwert meiner Mutter das Reden „Die Gedanken an diese Zeit sind verwoben mit Trauer und Freude… Und doch… Ist mein Leben seit dieser Zeit verflucht…“
Ihr Atem stockt. Ihre Gesten wirken ungewohnt leblos. Kein verlegenes streichen durch ihr Haar. Kein nervöses spielen mehr an ihrer Feder.
Ihre Worte fallen schwer. Wie ein Amboss in meinem Herzen.
Innerlich zerreißt das Thema meine Mutter. Doch nach einer kurzen lähmenden Stille, nimmt sie alle ihre Kraft zusammen.
Von ihrer Trauer überwältigt, schwärmt sie beinahe nostalgisch von der damaligen Zeit „Lohram war so ein schöner Ort. Es war ein Ort für jedermann.“ Ihre leblosen Lippen formen sich leicht zu einem schmerzvollen lächeln… „Kaum vorstellbar in der heutigen Zeit.“
„Der Handel florierte, und Lohram wurde zum Mittelpunkt aller Reiche. Aydrah, Gadras, Sol und selbst Kaufmänner und Frauen aus Valeris trafen sich zu jeder Zeit, um zu handeln und Geschichten zu teilen.“ Ihre Augen glitzern aus der Vorstellung der Vergangenheit.
Bei ihren Worten durchströmt mich ein warmes Gefühl. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie schön das Leben damals gewesen sein muss.
Dennoch kratzt meine Mutter an den Kerben unseres Tisches herum. Als wolle sie die Erinnerungen aus jeder einzelnen Narbe unter ihren Nägeln hervorholen.
Behutsam erzählt sie weiter „Abseits dieser Fassade… Dieser brüchigen, hauchdünnen Fassade… Verliefen Risse. Regelrechte Furchen, gezogen durch unser Land. Geschlagen durch Valeris.“
Zitternd packt sie sich ihren Gürteln, als würde sie verzweifelt nach ihren Zeichen greifen wollen.
„Eines musst du verstehen, Rogue.“ Sagt sie leise. „Wissen, ist eine Gefahr in der „Antike“.
„Wissen, über das was war und hätte sein können.“ Ihr Ausdruck und Stimme kippen ins zornige „Um überhaupt jeden Gedanken von uns zügeln zu können… Folterten sie uns… Diskriminierten und zerschlugen jegliche Art von Hoffnung in unseren Köpfen. Sogar noch schlimmer als heute…“
Ihre Hand auf dem Tisch ballt sich plötzlich zu einer Faust.
„Dieses skrupellose Reich! Nie konnten wir auf ein besseres Leben hoffen. Familien wurden auseinandergerissen. Frauen und Männer getötet. Kinder verschleppt…“ Ihre Augen brennen vor Wut „Nur weil unser Wissen Valeris einmal gefährlich wurde...“
Meine Mutter bebt.
„Das ist furchtbar…“ flüstere ich ihr zu. „Ihr musstet so viel Leid ertragen… Habt ihr euch denn nicht gewehrt?“
Entrüstet und mit einer stetigen Trauer in ihrer Stimme „Doch… Zum Unglück vieler…“
Für einen Moment schweigt sie. Ihre Gedanken rasen. Jeder Muskel in ihr scheint sich gegen die Gedanken der vergangenen Tage zu erwehren. Alle ihre Haare ihres Körpers stellen sich pfeilgerade auf.
„Wir waren so Leichtsinnig… So jung… So voller Zorn…“
„Und Vater?“ Frage ich vorsichtig, während ich mit schlechtem Gewissen ihrer Worte weiterhin lausche.
„Dein Vater, Rogue… Er war ein loyaler Mann… Bis zum Ende.“ Erzählt sie voller Stolz. „Er war das Herz für viele Menschen in Lohram. Besonders, als wir von Valeris angegriffen wurden.“
Ihre Worte schneiden wie Messer. Im Augenwinkel bemerke ich eine herunterfallende Träne. Schwer und beinahe in Zeitlupe bewegt sie sich Richtung Tisch.
„Eine Gruppe aus verschiedenen Leuten, darunter dein Vater und Ich, hatten es sich zum Ziel gemacht gegen Valeris vorzugehen. Zu forschen und die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen… So dumm von uns…“
Ein neugieriger Impuls schießt durch meinen Körper „An was habt ihr geforscht?“
Sie blickt mit tränenden Augen in mein Gesicht, während sie mit sanfter Hand über meine Wange gleitet „Das, mein Sohn… Nehme ich mit in mein Grab.“
„Mutter…“ murmele ich.
Ihr Blick senkt sich „Eines Tages… Am Tag deiner Geburt, um genau zu sein… Durchströmte ganz Lohram ein Impuls. Eine Art Schockwelle, die über alle Grenzen hinausging... Es war unser Todesurteil…“
„Eine Schockwelle!?“ Frage ich mich elektrisiert. Es erinnert mich an das Mädchen im Bus… An ihre Berührung. Mein Knistern bewegt sich. pulsierend…
Die Augen meiner Mutter glitzern. Tränen rinnen.
„Bevor wir überhaupt begreifen konnten, was geschehen war, verdunkelte sich der Himmel über Lohram. Valeris war bereits über uns... Ein Atemzug, ein Wimpernschlag später. Wie ein Sturm im Wind. Es war ein Massaker… Alleine dein Vater kannte die Berge Lohrams so gut, wie kein anderer. Und so schaffte er es uns beide außer Reichweite zu bringen.“
Unverständnis breitet sich in mir aus „Und wieso kam er nicht mit uns!?“
Der Gedanke an ihren verstorbenen Mann trübt erneut ihre Sinne „Obwohl jede Faser seines Körpers danach schrie, trieb seine Loyalität ihn zurück in das Dorf. Um andere zu retten, so wie uns. So aussichtslos es auch schien...“
Mit einem Anflug von Wut und Trauer sage ich zu mir selber „Vater…“
„Als letztes nahm ich deinem Vater ein Versprechen ab.“ Stottert meine Mutter.
Die Zeit steht still.
„Er bat mich dich zu lieben, zu hüten und zu beschützen. Er glaubte, selbst in meinen rebellischen Jahren, stets an mich… An uns.“
Sie zittert. Der Tisch vibriert…
„Dein Vater… Er war so voller Freude dich endlich kennenlernen zu dürfen, Rogue… Er liebte dich… So sehr!“
Meine Mutter bricht. Ihre Tränen prasselnd wie Regen auf den Tisch.
Unaufhaltsam bricht das vergangene aus ihr heraus.
„Wir sind für alles verantwortlich… Was geschah. Was mit Lohram geschah!“
Mit verzweifeltem Blick gibt sie sich die Schuld.
„Ich verdiene es nicht zu leben.“
„Ich verdiene es nicht glücklich zu sein!“
Sie spricht nicht mehr...
Als sie abbricht, sage ich nichts mehr. Nicht aus Einsicht. Sondern weil ich spüre, dass jedes weitere Wort etwas in ihr zerbrechen würde.
Tröstend beuge mich zu Ihr herüber „Danke, Mutter… Für alles. Für all die schöne Zeit.“
Sie packt sich mir fest, weint in meinen Armen „Ich wollte nie, dass du uns verurteilst. Das du mich verurteilst… Deswegen… Habe ich es so lange für mich behalten.“
Während ich sie festhalte, spüre ich das vertraute Knistern in meiner Brust. Schwach.
Aber lebendig.
Für einen kurzen Moment flackert der Kamin.
„Danke, dass du mir es erzählt hast.“ Flüstere ich.
Eine Zeit lang halte ich sie fest.
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